——. 3 — 9—. ——— — A Deih- und Teſebedingungen. „ 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lhr offen.* . 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 8 3 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ Eduard Oftmanu in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 2 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— buener auf 1 Monat: 1 Wf.— Pf. 1 Mr. 50 pPpf. 2 Mt.— Pf. 5. Auswärtige Aponnenten haben für Hin⸗ 3 und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 1 6. Schadenersatz. Fur beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, per⸗ *lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt * der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. „—„7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 Jr e Pere aeee eeeee e Jeee hee. ⁴ „ · —— — Brei Jahre von Breiszigen. Dritter Band. Erſte Abtheilung. 4„ 4 4 PNrei Jahre von Breissigen. 1 3 Ein Roman 14 Tudwig Rellſtab. — 4 Dritter Band. 1 Erſte Abtheilung. 5 Leipzig: F. A. Brockhaus. 1858. Der Verfaſſer behält ſich das Recht der Ueberſetzung ins Engliſche, Franzöſiſche und in andere Sprachen vor. — G ’ V 3 Siebzehntes Buch. Drei Jahre. III. 1. Rellſtab, —— — Erſtes Capitel. Der Kurfürſt Friedrich von der Pfalz ging mit ſeiner Gemahlin auf der Terraſſe des heidelberger Schloſſes in eifrigem Geſpräch auf und nieder. „Ew. Liebden ſind wirklich zu unſchlüſſig“, ſagte die Kurfürſtin franzöſiſch, und etwas förmlich, wie ſie immer pflegte, wenn ſie eifrig wurde,„hier wo des Himmels Winke ſo klar ſind! Wie auch in ſeiner letzten Rede der würdige Doctor Scultetus ſo einleuchtend dargelegt hat!“ „Er hat kein Wort von dieſer Sache geſagt, meine Liebe“, antwortete der Kurfürſt. „Mit Namen hat er ſie allerdings nicht bezeichnet, aber doch ſo ſcharf darauf hingedeutet“, erwiderte die Kurfürſtin, „daß Niemand ihn misverſtehen konnte!— Sagte er nicht zum Beiſpiel:«So der allmächtige Herrgott uns einen Schatz auf unſerm Wege finden ließe, ſollten wir ihn nicht aufheben? Sollten wir es nicht als einen Wink betrachten, daß er unſerer Hand vertraut, wir werden ihn gut ver⸗ walten, mit dem Pfunde reichlich wuchern?»“ „Ei, ſieh doch, meine Liebe“, erwiderte der Kurfürſt lächelnd,„wie geläufig du bereits das Deutſche ſprichſt!“ 1* ———— — „Ich ſpreche nur nach, was ich gehört!“ „Allein ſo genau und hurtig“, ſcherzte der Kurfürſt, „daß ich eine echte Heidelbergerin zu hören glaube!“ „Ach, Ew. Liebden, mir iſt gar nicht ſcherzhaft zu Sin.... „Ei, meine Liebe“, unterbrach ſie der Kurfürſt;„wer ſagt dir, daß ich ſcherze! Allein ich meinte, du wolleſt ſcherzen mit dieſem feierlichen Ew. Liebden» wie vor un⸗ ſerm Hochzeittage!“ „Ew. Liebden weiß“, entgegnete die Kurfürſtin etwas emnpfindlich,„daß ich, wenn ich ernſt und von Geſchäften rede, die häusliche Vertraulichkeit nicht recht an ihrer Stelle finde. Zumal wenn ich franzöſiſch ſpreche. Ich kann in dieſer Sprache nicht Du ſagen!“ „Ich weiß, meine Liebe, daß du etwas förmlich zu mir wirſt, wenn du empfindlich biſt“, erwiderte der Kurfürſt freundlich,„ſonſt gelingt dir das Du im Franzöſiſchen auch zuweilen! Nicht wahr!“ Und er legte vertraulich den Arm um ihren Leib. „Ich leugne es nicht, ich empfinde es ſchmerzlich“, ant⸗ wortete Eliſabeth mit kaum unterdrücktem Weinen,„daß dir der Muth fehlt, die Hand nach einer Königskrone aus⸗ zuſtrecken, da du ihn doch hatteſt, um nach einer Königs⸗ tochter zu greifen!“*) „Eliſabeth! Der Muth fehlte mir?“ rief Friedrich ver⸗ letzt,„ſoll ich nicht reiflich erwägen, was ſo gefahrvoll iſt?“ „Und iſt es denn noch nicht reiflich genug erwogen? Seit dem Mai, wo der Kanzler hier war— und jetzt haben wir Auguſt!“ „Liebe Eliſabeth, iſt es zu viel, drei Monate zu prüfen, *) Hiſtoriſch. was unſer ganzes Leben entſcheiden ſoll?“ fragte Friedrich und ſah ſie liebevoll an, da er fühlte, daß er ihrem Zür⸗ nen wie ihren Thränen nicht zu widerſtehen vermöchte. „Wenn es ein Uebel, ein Kampf, eine ſchwierige Unter⸗ nehmung wäre!“ ſagte die Kurfürſtin lebhaft.„Allein du beſinnſt dich, ein Glück ſondergleichen, Macht und Ehre als Geſchenk anzunehmen! Nur weil es vielleicht auch einen Kampf geben könnte!— Und wenn auch! Willſt du we⸗ niger muthig ſein als ich? Ich bleibe bei Dem, was ich dir von Amberg geſchrieben, als ich zuerſt die Kunde von den geheimen Unterhandlungen erhielt. Es war nicht un⸗ bedacht, keine bloße Aufwallung; es war mein feſter Ent⸗ ſchluß, denn ich fühle königliches Blut in meinen Adern und deshalb will ich königlich handeln!— Ich habe Gottes Wink erkannt, der Alles auf Erden leitet.——“ „Ja, ſo ſchriebſt du, liebe, feurige, muthige Eliſabeth“, unterbrach ſie der Kurfürſt. „Und ich würde nie anders denken, noch ſprechen, noch ſchreiben“, antwortete ſie.„Was ich dir damals ſchrieb, rufe ich dir auch jetzt zu:«Nimm die Krone an! Ich folge mit dir dem göttlichen Geheiß und leide und trage, was der Himmel ſendet! Alles, was ich vermag und habe, will ich für die Erfüllung des hohen Berufs einſetzen!““ „Eliſabeth!“ rief Friedrich feurig und umſchlang die junge, reizende Gemahlin mit der Wärme des Danks und der Liebe. „O glaube mir, Friedrich“, ſagte ſie innig und vergaß jetzt das froſtige„Ew. Liebden“,„glaube mir, es iſt ein hohes Glück, was dir die Gnade Gottes zuwendet. Du wirſt eine der ſchönſten Kronen tragen, die Deutſchland dar⸗ zubieten vermag; das edelſte, tapferſte Volk beherrſchen! Dir wird der hohe Beruf eines Schutzherrn des echten ge⸗ reinigten Glaubens! Gottes Segen wird über dir und mit dir ſein! Die Freiheit des Gewiſſens, die Reinheit der Andacht beſchirmſt du vielen Hunderttauſenden, die ſeit zwei⸗ hundert Jahren dafür gekämpft und vergeblich danach ge⸗ 4 rungen haben, ſich die ungeſtörte Uebung dieſer heiligen Rechte zu gewinnen. Immer neu ſiegend, aber immer neu wieder unterdrückt durch Argliſt, Misbrauch des Vertrauens und der Gewalt, werden ſie endlich frei athmen und glück⸗ lich ſein durch dich! Du wirſt der Hort der Kirche ſein, die du bekennſt, und es wird erfüllt werden, was Scul⸗ 3 tetus ſagte mit Bezug auf dich:«Heil Denen, die die ewige Krone erwerben können durch eine glanzvolle irdiſche! Sie hat Gottes Gnade auserwählt und reichen Segen über ſie geſchüttet!5“ Der Kurfürſt ſtaunte über den Strom ihrer Rede. Nie hatte er ſeine junge Gemahlin, die ſich ſtets mit heitern Lebensangelegenheiten beſchäftigte und die ernſten gern ver⸗ mied, in einem ſolchen Feuer geſehen. Im erſten Augen⸗ blick hinderte ihn die Ueberraſchung, zu erkennen, daß dieſer Aufſchwung kein ſo ganz unvorbereiteter war, ſondern daß Scultetus ſeinen geiſtlichen Einfluß ſehr ſtark ausgeübt hatte, um der Kurfürſtin dieſe Gedanken, die freilich ihrem Sinn und Worten ganz entſprachen, in ſo geläufige Form zu bringen. * Da trat die verwitwete Kurfürſtin Luiſe Juliane, Friedrich's Mutter, aus der Schloßkirche, wo ſie eben ihr Gebet verrichtet hatte, auf den Altan. „Laß es gut ſein, Eliſabeth“, ſagte daher der Kurfürſt raſch und etwas betreten;„dort kommt meine Mutter; du 1 weißt, ſie iſt anderer Anſicht und voller Sorge über dieſe Sache.“ „O ich weiß, ich weiß“, antwortete Eliſabeth, und ihre Züge drückten eine Miſchung von Bitterkeit und Spott aus. —— — — — 5) — Sie zog ihren Arm aus dem des Kurfürſten zurück, ging, getäuſcht über die Wirkung ihrer begeiſterten Rede, un⸗ muthig an den Rand des Altans und blickte auf die Ge⸗ büſche unter ihr hinab. Unwillkürlich drängte ſich ihr die Erinnerung an den Vorfall vor drei Monaten auf, als ſie. ihren Handſchuh verlor und der wilde Herzog Chriſtian von Braunſchweig ihn ſo keck heraufholte.„Wenn Fried⸗ rich ſo entſchloſſen wäre!“ dachte ſie und die Thränen traten ihr ins Auge,„ſo würde ihm die Königskrone nicht entgehen! Seinetwegen habe ich Anſprüchen, wie meine Ge⸗ burt ſie mir gibt, entſagt, und jetzt, wo ich ſie wieder er⸗ werben kann— wo das Glück vor ſeinen Füßen niederfällt, hat er nicht den Muth es aufzuheben, weil er fürchtet, ſein Geſchenk gegen den Neid Anderer vertheidigen zu müſſen.“ Während ſie in dieſe und ähnliche Gedanken verſenkt, achtlos in die Landſchaft hinausblickte, war der junge Kur⸗ fürſt ſeiner würdigen Mutter entgegen gegangen und hatte ihr ehrfurchtsvoll die Hand geküßt. „Haſt du einen Zwiſt mit ihr gehabt?“ fragte die Kurfürſtin leiſe und ließ einen Blick auf ihre Schwieger⸗ tochter hinübergleiten. „Ich denke nicht, theure Mutter. Allein du weißt, wie lebhaft ſie iſt, wenn ſie für etwas ſpricht, das ihr am Her⸗ zen liegt!“ „Hm!“ ſummte die Kurfürſtin und wiegte das Haupt, als wolle ſie ſagen:„O ich verſtehe!“ Doch ſie ſprach dieſe Worte nicht aus, ſondern ſagte nur nach einiger Zeit: „Haſt du Nachrichten von Wichtigkeit erhalten, Friedrich?“ „Es hat ſich noch nichts Weiteres entſchieden“, erwi⸗ derte er. „Entſchieden? Was denn?“ „Ich meine in der böhmiſchen Sache“, erwiderte der 8 Kurfürſt etwas verlegen.„Auch nicht in Frankfurt“, ſetzte er raſch hinzu, um nicht allein an jene Angelegenheit ge⸗ dacht zu haben. Und doch ſtanden beide in dem innigſten Zuſammenhange, denn in Böhmen handelte es ſich um die Wahl eines neuen Königs, in Frankfurt um die eines neuen Kaiſers. Dort hatte Ferdinand bereits eine Königs krone verloren, hier hegte er die Hoffnung, eine Kaiſerkrone dafür zu gewinnen. „Du haſt mit mir noch nicht über die Nachrichten aus Prag geſprochen, die dich geſtern ſo beſchäftigten, lieber Sohn“, nahm die Kurfürſtin in einem Tone ſanften Vor⸗ wurfs wieder das Wort.„Allein ich bekenne dir, ich war ſoeben in der Kirche, um mein Gebet zum Himmel zu ſenden, daß er dir in dieſer wichtigen Angelegenheit die höchſte Gnade verleihen möge, die man von ſeiner Huld empfangen kann. Die Gabe, um die König Salomo flehte: «Ein weiſes Herz!»“ 1 Der Kurfürſt fand ſich etwas empfindlich berührt durch die Worte ſeiner Mutter. Ein ſchwankender Charakter wie er war, ohne Sicherheit eigenen Entſchluſſes, hielt er der Mutter gegenüber gerade die Anſicht feſt, die er ſeiner Gat⸗ tin gegenüber angriff. „Um ein weiſes Herz“, ſprach er nach einer Pauſe, „bitte ich den gnädigen Gott alle Tage, Frau Mutter; aber ich glaube, ein weiſes Herz muß auch ein muthiges ſein! Ihr verlangt, ich ſolle zaghaft zurücktreten, wo ſich mir der Weg zu Ruhm und Macht öffnet und wo ich be⸗ rufen werde, der Streiter für unſern gereinigten Glauben zu ſein.“ „Nein, Friedrich“, ſprach die Kurfürſtin mit Würde, „das verlange ich nicht, daß du ein muthloſes Herz habeſt.. Es würde einer Tochter Wilhelm's von Oranien 9 ſchlecht anſtehen, ihrem Sohne Zaghaftigkeit zu predigen. Allein dein Großvater prüfte mit Vorſicht, bevor er mit unerſchütterlicher Entſchloſſenheit handelte. Prüfe ſo ſorg⸗ ſam wie Wilhelm von Oranien, und dann handle ſo kühn wie er. Der Graf Egmont war ihm an Muth gleich, aber nicht an Vorſicht! Das entſchied ſein Schickſal!“ Es trat eine große Pauſe ein. Friedrich, der ſeine Mutter verehrte und ſeine Gattin liebte, hatte eine harte innere Prüfung zu beſtehen. Seine ehrgeizigen Wünſche griffen nach der Krone Böhmens, ſein Rechtsgefühl, das er vergeblich durch Vorwände zu täuſchen ſuchte, widerſtrebte der Lockung. Gegen das Drängen ſeiner Gattin erwachte dieſes in ihm, bei den Abmahnungen ſeiner Mutter ver⸗ ſtärkte ſich jene. Doch war, im Ganzen gewogen, der Reiz bei ihm größer als das Bedenken, und die Frage um den Ausſchlag legte noch immer ein ſtarkes Gewicht in die Wag⸗ ſchale der letztern. „Was haſt du eigentlich aus Prag erfahren, lieber Friedrich“, nahm die Mutter wiederum das Wort;„ich weiß, du warſt mit Rippell lange in Berathung.“ „Es iſt noch nichts entſchieden, liebe Mutter“, antwor⸗ tete der Kurfürſt, in welchem bei ihrem wieder milder ge⸗ wordenen Tone auch ſogleich wieder die kindliche Liebe die allein herrſchende Empfindung wurde.„Der Landtag iſt nur darüber einig geworden, daß er den König Ferdinand der Krone für verluſtig erklärt hat.“ „Alſo offener Aufruhr! Entſetzung des Königs! Der äußerſte Act der Empörung gegen ihren angeſtammten und zugleich erwählten Herrſcher!“ rief die Kurfürſtin in from⸗ mer Entrüſtung. 8 „Eins von beiden, theure Frau Mutter“, entgegnete der Kurfürſt,„iſt doch nur möglich; angeſtammt oder er⸗ 1**⅔ 10 wählt. Iſt er das erſte, ſo bedurfte er des letztern nicht, und iſt er erwählt, ſo gibt es keinen angeſtammten Kö⸗ nig für Böhmen.“ „O, mein Sohn, ſage das nicht“, antwortete die Kur⸗ fürſtin,„ſeit vielen Geſchlechtern hat das Haus Habsburg die böhmiſche Krone getragen!“ „Und ebenſo viele Könige haben aus andern Geſchlech⸗ tern in Böhmen regiert. Das Haus Habsburg hat ver⸗ geſſen und will vergeſſen, daß Böhmen ein Wahlreich iſt. Und das eben iſt die Frage, über welche jetzt entſchieden iſt. Die böhmiſchen Stände, zu denen ſie diesmal, weil es einem ſo wichtigen Gegenſtande galt, auch die ſchleſiſchen und mähriſchen gezogen, haben das Wahlrecht Böhmens neu feſtgeſtellt. Und ſie erheben gerechten Proteſt gegen die Gültigkeit der Wahl des Königs Ferdinand. Aus doppel⸗ tem Grunde: weil nicht geſetzmäßig dabei verfahren wurde, und weil der König die Bedingungen, an die ſeine Wahl geknüpft war, gebrochen hat!“ „Friedrich! Wenn Ferdinand dir thäte, wie du ihm, dir deine Krone raubte!“ 3 „Ich raube ſie ihm nicht! Er beſitzt ſie nicht mehr! Darüber hat der böhmiſche Landtag entſchieden! Das war die Nachricht, die ich empfangen. Der Thron iſt erledigt; es handelt ſich nur darum, wer ihn beſteigen ſoll. Und ſoll ich dabei nicht in die Schranken treten?“ „O, mein Sohn! Belade dein Haupt nicht mit un⸗ gerechtem Gut, taſte fremdes Eigenthum nicht an!“ ſagte die Kurfürſtin in bittendem und warnendem Tone. „Nehme ich es denn gewaltſam? Dränge ich nur da⸗ nach?“ fragte Friedrich.„Es wird mir dargeboten!“ „Darfſt du fremdes Gut als Geſchenk annehmen? Hat Jemand ein Recht, es zu verſchenken?“ — 11 „Böhmen verfügt, als ſein eigener Herr, frei über ſich ſelbſt.— Es ſchwankt nur noch zwiſchen verſchiedenen Fürſten⸗ häuſern. Und iſt das unſere nicht alt, edel, fürſtlich ge⸗ nug, um nach ſolchem Ziele zu ſtreben? Der Ahnherr der Habsburger war ein einfacher Graf der Schweiz und ſtreckte die Hand nach der Kaiſerkrone aus, und ſeine Enkel tragen ſie noch!“ „Und wenn derjenige ſeiner Enkel, deſſen Königskrone du zu tragen denkſt, nun bald ebenfalls die Kaiſerkrone trüge? Würde er nicht als Kaiſer, als Oberhaupt des Reichs, alle Reichsfürſten auffordern, die an Einem von ihnen verübte Unbill zu ſtrafen? Der deutſche Kaiſer wird den entthronten König von Böhmen in Schutz nehmen; darauf verlaſſe dich, Friedrich. Und wenn nicht alle, ſo wird doch die Mehrzahl der deutſchen Reichsfürſten ihm zur Seite ſtehen. Denn was ſie Einem unter ihnen ungeſtraft geſchehen laſſen, das kann auch die Andern treffen!“ Friedrich fühlte die Wahrheit dieſer Einwürfe und ſah ein, wie nahe und wahrſcheinlich ihre Erfüllung ſei. Den⸗ noch entgegnete er:„Es werden ſo viele Reichsfürſten auf meiner Seite ſein wie auf Ferdinand's, falls es ihm wirklich gelingt, die Kaiſerkrone zu erwerben. Allein ich zweifle noch!“ „Und wenn dem ſo wäre, mein Sohn, denke an den furchtbaren Kampf, der ſich daraus entzünden würde, an das Blutvergießen, deſſen Ende kein Auge abzuſehen vermöchte!“ „O, Mutter! Ihr wollt finſter in die Zukunft ſehen! 4 Ihr wollt nicht ſehen, was ſie Großes und Glänzendes bringt!— Hätte Euer Vater ſo gedacht, wie Ihr von V Eurem Sohne fordert, wären dann die Niederlande des ſpaniſchen Druckes ledig geworden?“ „Mein Sohn!“ rief die Kurfürſtin und richtete ſch edel 12 empor,„verwechſele deine Sache nicht mit dieſer großen eines ganzen Volks! Da galt es Aller Leben und zeitliche Güter einzuſetzen für die höchſten geiſtigen, für Freiheit und Glauben! Da hatten die Edlen und Fürſten nur die Wahl, unter eines Alba Henkerbeil zu fallen oder ruhmvoll mit dem Schwerte in der Hand! Jeder Tropfen Blutes, der in dieſem Kampfe gefloſſen iſt, hat eine Martyrkrone er⸗ worben. Das war Opferblut auf dem Altar des Herrn! Es befleckt keine Stirn, laſtet auf keiner Seele! Meines Vaters Lorber grünte friſcher, genetzt von dieſem Blut, und der Denkſtein ſeines Ruhms erhebt ſich reiner aus die⸗ ſer blutgedüngten Erde!— Wähnſt du, das von dem Kampfe hoffen zu können, den du zu entzünden im Be⸗ griff biſt?“ „Iſt Böhmen nicht ein Land, das ſchweren Druck er⸗ duldet hat?“ antwortete Friedrich aufwallend.„Iſt es nicht aufgeſtanden für ſeinen Glauben, für ſeine Rechte! Hat es die eiſerne Hand der Unterdrücker, die finſtre Herr⸗ ſchaft der Mönche, die argliſtige der Jeſuiten nicht tragen müſſen gleichwie die Niederlande? Für was hat denn der Böhme das Schwert gezogen als für die Vertheidigung verbriefter Rechte und des von den Vätern überkommenen Glaubens? Der Kampf dort iſt ein ſo heiliger wie der der Niederländer! Ich entzünde ihn nicht, ſchon ſeit Jahr und Tag lodern die Flammen wieder hell gen Himmel auf aus der Glut, die ſeit Jahrhunderten unter der Aſche glimmt, weil mönchiſche Tücke ſie unabläſſig nährte und anfachte! Das Blut, das jetzt in Böhmen fließt, wird nicht auf mein Haupt kommen, ſondern auf das Haupt Derer, die durch übermüthigen Druck die Nothwehr der Verzweiflung aufgerufen haben.“ „Mein lieber Sohn!“ begann die Kurfürſtin wieder, — —— — 13 nachdem ſie einen tiefen, innern Kampf gekämpft.„Du glaubſt dir ſelbſt nicht! Es iſt wahr, den Böhmen iſt viel Unbill geſchehen und ich verurtheile ſie nicht, daß ſie offene Gewalt gebraucht haben, um ihre Rechte zu bewahren. Doch es iſt ihnen auch die Hand der Verſöhnung geboten worden. So weit iſt es in Böhmen nie gegangen wie in meinem Vaterlande! Einzelnes Unrecht, ja, ich will es ſogar Verbrechen nennen, iſt, wie es überall geſchieht wo Leidenſchaften gegeneinander kämpfen, in Böhmen geübt, ſogar oft wiederholt worden. Iſt aber das ausreichend, um im ganzen Lande die blutige Fahne der Empörung zu ſchwingen? Jede Ehrfurcht, jeden Gehorſam aufzukündigen gegen die Majeſtät des Königs und des Kaiſers? Alle Vorſchläge der Begütigung zurückzuweiſen, den Funken der Zwietracht immer neu anzufachen, ſtatt ihn zu löſchen? O, mein Sohn, glaube mir, der älteren Frau, die viel ſchwere und wildbewegte Zeiten geſehen hat, an ſolchen Tha⸗ ten haben Ehrgeiz, Herrſchbegier und Habſucht Einzelner ebenſo großen und größern Antheil als die gerechte Noth⸗ wehr des Volkes! So rein iſt der Böhmen Sache nicht, daß du dein Leben und deine Krone dafür einſetzen ſollteſt!“ Friedrich wollte antworten; doch ein Diener trat auf den Altan und meldete den Rath Camerarius. „Schon aus Frankfurt zurück?“ rief der Kurfürſt freudig überraſcht;„ich erwarte ihn; ſogleich, hier.“ „Ich will in den Geſchäften nicht ſtören“, ſprach die Kurfürſtin;„nur die Mutter darf zu ihrem Sohne ſpre⸗ chen; die Witwe des dahingeſchiedenen Beherrſchers hat nicht einzureden in die Thaten und Beſchlüſſe des gegenwärtigen. Lebe wohl, mein Sohn!“ Friedrich küßte ihr ehrerbietig die Hand;— ſie ging. 14 Zweites Capitel. Der Rath Camerarius erſchien mit einer Mappe voller Papiere unter dem Arme. Die Kurfürſtin Eliſabeth, welche ſich bis dahin ganz auf dem entfernteſten Theile des Altans aufgehalten hatte, um mit ihrer Schwiegermutter, deren Anſicht ihren Wün⸗ ſchen ſo entgegen war, nicht zuſammenzutreffen, näherte ſich jetzt gleichfalls. Denn ſie hatte es allmälig ſchon dahin zu bringen gewußt, daß ſie faſt an allen Geſchäftsverhand⸗ lungen theilnahm und ihren Einfluß geltend machte. „Nun, lieber Rath“, redete Friedrich den ſich ehr⸗ furchtsvoll Verbeugenden an,„Ihr ſeid zurück? Was bringt Ihr uns aus Frankfurt?“ „Darf ich zuhören, lieber Friedrich“, fragte Eliſabeth mit dem einnehmendſten Ton und Weſen,„oder ſind es Geheimniſſe für mich?“ „Gewiß nicht! Nicht wahr, Camerarius? Die Kur⸗ fürſtin darf unſere Unterredung hören!“ Der Rath verbeugte ſich ſtumm. „Aber laßt uns Platz nehmen“, ſprach der Kurfürſt. In der einen Ecke des Altans ſtanden mehrere Seſſel um einen großen ſchweren Tiſch aus Eichenholz mit vielem künſtlichen Schnitzwerk. Dort ſetzte ſich der Kurfürſt; ſeine Gemahlin ihm zur Seite, und der Rath nahm dem fürſt⸗ lichen Paar gegenüber Platz. „Ihr habt zwar, wie ich ſehe, gleich die Mappe, ver⸗ muthlich mit den laufenden Geſchäftsſachen, mitgebracht, doch — 15 das laſſen wir bis nachher; jetzt erzählt mir von Frankfurt. Wie iſt dort die Stimmung über die Wahl.“ „Gnädigſter Herr“, erwiderte Camerarius,„entſchieden iſt die Wahl noch nicht. Allein ich verharre bei meiner Meinung, ſie wird auf den König von Ungarn fallen!“ „Sollte das doch der Ausgang ſein?“ fragte Friedrich nachdenklich. „Ich kann's nicht denken“, rief Eliſabeth lebhaft aus. „Ich habe mich mit vielen einſichtsvollen Herren, un⸗ ſern wirklichen Freunden beſprochen. Sowol in Frankfurt als in Mainz und auch in Darmſtadt“, erwiderte Came⸗ rarius.„Sie alle theilen meine Meinung und glauben mit mir, dies ſei das Vortheilhafteſte.“ „Wenn aber Herzog Maximilian ſich dennoch bereit finden ließe, die Krone anzunehmen?“ fragte der Kurfürſt. „Möchte mein gnädigſter Herr ſich nur recht lebendig Deſſen erinnern, was wir von München ſelbſt darüber er⸗ fahren. Es iſt nicht glaublich, daß der Herzog von Baiern ſeine Geſinnung ändert. Und in dieſem Falle hat kein an⸗ derer Fürſt als König Ferdinand Ausſicht, die Stimme zu erhalten. Wir waren vorgeſtern Abend noch unſerer Meh⸗ rere in Frankfurt beiſammen, um uns nach Ew. kurfürſt⸗ lichen Gnaden Wunſch über die Angelegenheit zu beſprechen und die Meinung und Stimmung ſo vieler Länder des Reichs zu erfahren als möglich. Doch die allgemeine Mei⸗ nung war die, welche ich Euch berichtet.“ „Wen habt Ihr geſprochen, Herr Rath?“ fragte die Kurfürſtin. „In der letzten Verſammlung waren aus unſerer Gegend der Graf Erbach, der Herr von Berlichingen der Ael⸗ tere, der Kammerrath von Gemmingen; dann aus Mainz der Prälat von Dürkheim. Ferner aus Baiern der Graf —— 16 Rothkirch und der Freiherr Hans von Thüngen, ein ſehr unterrichteter Mann in Staatsſachen. Aus Köln der Domherr Graf Weſterhold, aus Brandenburg der Herr von Quitzow. Auch noch etliche Andere, als der Schöff von Frankfurt, Herr Effinger, der Rath von Hanau, Niklas Blum, der Graf Rothenburg von Kaſſel. Gegen Zwanzig, die wir uns hier und dort einzeln geſprochen und berathen hatten.“ „Es waren alſo Männer aus allen Gegenden Deutſch⸗ lands“, ſprach der Kurfürſt beifällig. „War aus Böhmen Niemand zugegen?“ fragte Eliſabeth. „Niemand, gnädigſte Frau Kurfürſtin“, erwiderte der Rath;„allein ich höre, daß die Böhmen eine Geſandtſchaft ſchicken wollen, um die Kurſtimme durch die dreißig Di⸗ rectoren ausüben zu laſſen, dieweil ſie behaupten, daß der König Ferdinand, den ſie des Thrones für verluſtig erklärt haben, ſeine Stimme als Wahlfürſt nicht geltend machen dürfe!“ „Und mit vollem Recht, wie ich denke“, ſagte Eliſabeth; „ſo weit ich wenigſtens jetzt Deutſchlands Reichsgeſetze kenne, wäre es doch nicht möglich, daß ein Fürſt eine Wahlſtimme für ein Land abgeben könne, wo er nicht mehr regiert.“ „Laſſen wir das jetzt auf ſich beruhen, Liebe“, bat der Kurfürſt.„Was habt ihr in eurer Verſammlung ver⸗ handelt?“ „Wir haben die Lage des geſammten Vaterlandes, Böh⸗ mens insbeſondere, viel und gründlich beſprochen. Und das Ergebniß war, daß, Alles in Allem erwogen, König Fer⸗ dinand die meiſte Bürgſchaft für die Ruhe, Sicherheit und Feſtigkeit des Reiches geben würde!“ „Unglaublich!“ rief die Kurfürſtin lebhaft aus. „Geſtattet, daß ich Ew. kurfürſtlichen Gnaden berichte, 17 was die Meinung der Herren war.— Es war die erſte Frage, ob es rathſam ſei, einen proteſtantiſchen Kaiſer zu erwählen. Anfangs waren wir aus proteſtantiſchen Lan⸗ den dafür, doch die Einwendungen dagegen waren zu er⸗ heblich.“ „Zum Beiſpiel?“ fragte Friedrich. „Das Reich, meinten faſt Alle, werde dann ganz in Zwietracht zerfallen. Die katholiſchen Länder, doch an Größe und Volkszahl noch überwiegend, würden ſo von Mistrauen erfüllt werden, daß ſelbſt, wenn die Fürſten Ruhe und Frie⸗ den wollten, es die Bewohner nicht dazu kommen laſſen würden. Gegen einen proteſtantiſchen Kaiſer würden der Papſt, Italien, Spanien ihre Feindſchaſt richten, und ſelbſt auf Frankreich möchte wenig zu zählen ſein!“ „Aber auf England“, ſagte Eliſabeth ſtolz. „Wenn dann das Reich in ſich in Zwietracht läge, dann würden die fremden Hände ſich überall ausſtrecken und zu⸗ greifen.“ „Das freilich wäre zu fürchten“, ſprach Friedrich, wir haben zu viel der Art ſchon erfahren!“ „Auch fragte ſich's, wen man wählen ſolle von den evangeliſchen Fürſten. Ein kleiner Regent würde kein An⸗ ſehen haben. Der Kurfürſt von Sachſen würde die Krone nicht annehmen.“ „Er iſt auch zu erzlutheriſch und immer den Habs⸗ burgern geneigt geweſen“, meinte Friedrich. „Der Kurfürſt von Brandenburg“, fuhr Camerarius fort,„ſei überhaupt nicht der Mann zu ſolchem ſchwieri⸗ gen Amt.“ „Und ich“, fiel Friedrich ſchnell ein,„bin dem auch nicht gewachſen. Ihr kennt darüber ſchon längſt meine An⸗ ſicht, Camerarius!“ 18 „Wenn ich in deiner Stelle wäre, Friedrich, ich ſchlüge die Kaiſerkrone wahrlich nicht aus“, erwiderte ebenſo ſchnell Eliſabeth, und ihr ſchönes Auge funkelte mit erhöhtem Glanz. „Demnächſt war die Rede von dem Herzog von Sa⸗ voyen!“ „Er iſt zu abenteuerlich, ehrgeizig und ränkeſüchtig, der würde das Reich in tauſend Verwickelungen bringen“, ſagte der Kurfürſt entſchieden. „Dieſelbe Anſicht ſprach ſich auch in der Verſammlung aus. Graf Rothenburg nannte den König von Däne⸗ mark; allein Alle meinten, der würde gar wenig Anhang und Vertrauen gewinnen. Die Dänen hätten es von jeher nicht wohl mit den Deutſchen gemeint. Das Land liege zu fern.— Genug, das Ende der Berathung war, es ſei doch das Beſte, die Kaiſerkrone beim Hauſe Habs⸗ burg zu belaſſen und den König Ferdinand zu wäh⸗ len. In dieſem Sinne wollte jeder der Herren ſeinem Landesherrn berichten. Ob nun die Herren Kurfürſten die Anſicht theilen werden, iſt freilich eine andere Frage!“ „Friedrich“, ſagte die Kurfürſtin ſehr erregt;„du biſt in einer Lage, wo du unmöglich dem Könige von Ungarn deine Stimme geben kannſt.“ „Vergebt mir, gnädigſte Frau“, wandte Camerarius ein,„ich bin anderer Anſicht, und die Freunde, mit denen ich mich berathen habe, desgleichen. Da es nach der gan⸗ zen Lage der Dinge, die ich erkundet, nicht wohl zu be⸗ zweifeln iſt, daß der König von Ungarn gewählt werde, ſo dünkt es mich auch am angemeſſenſten, daß unſer gnädig⸗ ſter Herr Kurfürſt ihm ſeine Stimme nicht verſage.“ „Ich glaube, Ihr habt Recht, Camerarius“, ſprach Friedrich.„Läßt ſich der Widerſpruch nicht durchſetzen, ſo iſt es beſſer, man erhebt ihn gar nicht.“ — — 19 Die Kurfürſtin ſchien anderer Meinung. Sie ſah ver⸗ ſtimmt aus, ſchwieg aber. „Ich glaube, meine Liebe“, wandte ſich Friedrich zu ihr,„der Rath hat uns durch dieſe Erkundigung einen großen Dienſt geleiſtet.“ Die Kurfürſtin ſah zur Erde und ſpielte mit den Gold⸗ franzen an ihrem Oberkleide. „Sie ſchienen mir wenigſtens ſo wichtig“, bemerkte Ca⸗ merarius,„daß ich alle Mühe und Sorgfalt darauf ver⸗ wandt habe, Ew. kurfürſtlichen Gnaden ſo genaue Auskunft als möglich zu verſchaffen, wie die Meinung in dieſer wich⸗ tigen Sache ſteht. Denn da die Herren Fürſten ſelbſt, oder durch ihre Stellvertreter, hier zu Heidelberg noch ſich be⸗ rathen werden, ſo iſt es gewiß gut, gleich von Anfang an diejenige Meinung feſtzuhalten, die ſich durchführen läßt. Niemand zwar kann wiſſen, was geſchieht, die Umſtände können ſich ändern, und die Geſinnung der Menſchen iſt veränderlich. Allein was hier berathen wird, kann doch erſt in Frankfurt zu feſtem Beſchluß gedeihen!“ „Ich kann mir nicht denken“, ſagte die Kurfürſtin auf⸗ ſtehend,„daß es wohlgethan iſt, Demjenigen zur größten Macht zu verhelfen, der unſer Feind ſein wird und muß. Wir müßten denn Alles aufgeben, was uns Gottes große Gnade faſt von ſelbſt in den Schoos wirft.“ Und mit die⸗ ſen Worten, in denen ſie ihren Unmuth kaum ſo zu be⸗ herrſchen wußte, daß ſie die Thränen zurückhielt, ging ſie ſchnellen Schrittes über den Altan und verſchwand im Schloß. „Sie iſt zu ehrbegierig“, ſeufzte Friedrich vor ſich hin. Camerarius ſchwieg ehrerbietig und blätterte in den Papieren, welche er in der Mappe mitgebracht hatte, als achte er nicht auf den Vorfall, ſondern ſei nur mit ſeinen Acten beſchäftigt. 20 „Darf ich Ew. kurfürſtlichen Gnaden noch Vortrag hal⸗ ten über mehrere laufende Geſchäfte?“ fragte er. „Berſteht ſich; können wir hier bleiben oder müſſen wir in das Arbeitszimmer gehen?“ fragte der Kurfürſt. „Es wird ſich Alles ohne weitere Acten hier abthun laſſen, nur der Unterſchriften bedarf es. Es kann aber Ew. kurfürſtlichen Gnaden Alles nachher zur gnädigen Zeichnung vorgelegt werden.“ „Oder ich laſſe Schreibzeug hier herausbringen“, ant⸗ wortete der Kurfürſt und ergriff eine Handglocke, die auf dem Tiſche ſtand. Auf ſein Schellen erſchien ein Lakai.— „Feder und Tinte!“— In wenigen Augenblicken war das Verlangte gebracht, und der Rath hielt ſeinen Vortrag. „Die Stadt Ladenburg iſt eingekommen um Hülfs⸗ gelder bei dem neuen Kirchbau. Er iſt auf dreißigtauſend Gulden veranſchlagt. Wollen Ew. Gnaden etwas dazu genehmigen?“ „Es iſt eine gut calviniſche Einwohnerſchaft“, antwor⸗ tete Friedrich;„ich will ſie mit fünftauſend Gulden unter⸗ ſtützen.“ „Der Pfarrer zu Weinheim hat das Unglück gehabt, bei dem Beſuch, den er einem Kranken tief in den Bergen gemacht, um ihm das Abendmahl zu reichen, Nachts auf dem Rückwege zu fallen und ein Bein zu brechen. Er iſt in bedrängter Lage und bittet Ew. Gnaden um eine barm⸗ herzige Beiſteuer zur Tilgung der Curkoſten.“ „Es ſollen ihm funfzig Gulden gezahlt werden. Er iſt ein gottesfürchtiger Mann, der allem katholiſchen und luthe⸗ riſchen Götzendienſt abgeſagt hat. Er reicht das Mahl des Herrn an einem einfachen Tiſche, wie unſer Herr ſelbſt an ſolchem geſeſſen, nicht an einem mit Prunk heidniſch 21 aufgeſchmückten Altar. Ein ſolcher ſchlichter, glaubensrechter Mann hat ſtets einen Freund an mir.“ „Der Gaſtwirth Walter zum Goldnen Hirſch...“ „Das iſt Der, welcher den Handel mit dem Herzog Chriſtian von Braunſchweig gehabt hat“, fiel der Kurfürſt ein,„das iſt ein ungläubiger, gottloſer Menſch!“ „Nicht mehr! Ihro kurfürſtlichen Gnaden“, bemerkte Ca⸗ merarius ernſt. „Hat er ſich bekehrt?“ „Das weiß der gnädige Herrgott allein, denn er iſt allbereits vor deſſen Antlitz getreten. Vor acht Tagen iſt er verſtorben.“ „In ſeiner ſündigen Verſtocktheit?“ fragte der Kurfürſt mit dem Tone des Eiferers.. „Iſt mir nicht bekannt“, entgegnete der Rath.„Allein ſeine Witwe und Tochter flehen Ew. kurfürſtlichen Gnaden um Hülfe an in großer Noth.“ „Soll man die Frauen und Kinder der Gottloſen unter⸗ ſtützen, wie ſoll man Mittel behalten für die Witwen und Waiſen der Gottesfürchtigen?“ fragte der Kurfürſt auf⸗ wallend.„Und wie kommt es, daß Rippell dieſe Sache mir nicht vorträgt, da er mir doch über den Fall mit dem Herzog von Braunſchweig berichtet hat?— Ich weiß ja auch, daß er das Mädchen, die Tochter des verſtorbenen Gottloſen zu ſich genommen hat....“ „Ew. kurfürſtlichen Gnaden erlauben mir zu berichten, daß dieſelbe ſchon ſeit ſechs Wochen nicht mehr im Hauſe meines Collegen ſich befindet.“ „Und wo denn?“ „In ihres Vaters Hauſe, um dieſen zu pflegen. Der⸗ ſelbe erkrankte ſchon gleich nach dem Vorfall, da das heftige Unwetter im Mai, deſſen Ew. kurfürſtlichen Gnaden ſich 22 erinnern werden, ihn überfallen und dergeſtalt durchnäßt hatte, daß er ſchwer erkältet war. Er achtete des Uebels anfangs nicht....“ „Er achtete überhaupt nichts!“ warf der Kurfürſt un⸗ willig dazwiſchen. „Und ſo wurde aus dem Fieber und Huſten, den er davongetragen, endlich ein unheilbares Bruſtleiden. Die Sorge um die Tochter und um große Einbuße, da das nämliche Ungewitter ihm ſeinen Weinberg, Garten und Fel⸗ der ganz verwüſtet hatte, drückte ihn ſchwer danieder.“ „Er hat ſich verſündigt an dem Herrn, der Herr hat ihn geſtraft! Er war ein Götzendiener und meinte, es ſei einerlei, ob er den Tempel Gottes eitel aufputze und Bilder⸗ dienſt darin treibe oder ob man im reinen Glauben ver⸗ weile. Nun hat er Gottes Hand erfahren!“ „Ja, ſie hat ihn ſchwer getroffen“, ſprach der Rath, „darum wendet ſich die Witwe an Ew. kurfürſtlichen Gnaden....“ „Sie ſoll ſich an Gottes Gnade wenden, an des Got⸗ tes Gnade, dem ſie und ihr Mann gedient. Ich unter⸗ ſtütze keine Frevler am Glauben!“ „Die Witwe, geruhen Ew. Gnaden zu erwägen, war eine fromme Frau. Auch ſie iſt an Sorgen und Kümmer⸗ niß ſchwer krank. Haus und Hof werden ihr über dem Kopfe verkauft, weil Alles zu Grunde gerichtet iſt und der Mann den Grundzins nicht zahlen konnte....“ „Ihr geſchieht recht! Wer das Haus des Herrn nicht ehrt und es zum Götzentempel machen will, dem muß ſein eigenes Haus zerſtört werden durch Gottes Gericht. Ich werde nicht fürwitzig die ſtrafende Hand des Herrn hemmen!“ „Die Witwe...... 41 23 „Sie hätte dem gottloſen Manne nicht blind anhängen ſollen!“ „Die Tochter, die Tag und Nacht am Sterbebette ge⸗ wacht hat..... 4 „Sie hätte wohlgethan, den Vater zu bekehren, es wäre beſſer und mehr werth, ſeine kranke Seele zu heilen als ſeinen kranken Leib!“ „Nur eine kleine Unterſtützung...“ „Nichts, nichts, lieber Rath“, ſprach der Kurfürſt auf⸗ ſtehend. Camerarius ſchwieg und ſah nur den Kurfürſten bit⸗ tend an. „Ich muß erſt mit Scultetus darüber ſprechen, ob ich mein Gewiſſen nicht verletze. Durch ihn weiß ich von der Gottloſigkeit der Familie. Er wird wiſſen, ob Frau und Tochter ſich reuig bekehrt haben.“ Camerarius blieb traurig ſtehen. „War das Euer Letztes, lieber Rath!“ „Für jetzt habe ich nichts mehr!“ „Guten Morgen denn.“— Er ging, um Eliſabeth aufzuſuchen.— Camerarius verließ langſam die Terraſſe. 24 Drittes Capitel. Pater Lamormain trat aus dem Cabinet König Ferdi⸗ nand's mit einem ſo heitern Antlitz, als er nur in den ſeltenſten Fällen zeigte. „Ich fange an frei aufzuathmen“, dachte er bei ſich ſelbſt,„der Schein der unbedingten Zuverſicht, mit dem ich bis jetzt meine ſchweren Sorgen bedecken mußte, kann nun endlich eine Wahrheit werden. Wir haben Berge abge⸗ wälzt in dieſen letzten Monden! Jetzt, da es geſchehen, erſtaune ich erſt über das Gigantiſche der Arbeit.“— An dieſe Gedanken knüpfte er unmittelbar die Worte zu einem der Lakaien im Vorgemach:„Laßt meinen Wagen vor⸗ fahren, guter Antonio, doch ſo dicht an die Treppe als möglich. Trotz der Sommerzeit ſpüre ich mein Podagra und muß jede Zugluft ſcheuen!“ Der Lakai verbeugte ſich ehrerbietig und eilte dann dem Pater voran die Treppe hinab.— Bald rollte der Wagen mit ihm durch das Burgthor. In ſeiner Wohnung warteten bereits zwei Perſonen auf ihn; Benedetto Maschino und Pater Thyßka. Auf ihre ehrfurchtsvolle Begrüßung nickte Lamormain mehr wohl⸗ wollend als herablaſſend.„Vergebt, lieber Bruder in Jeſu“, wandte er ſich zu Thyßka,„wenn ich die Geſchäfte mit die⸗ ſem jungen Manne zuerſt abthue. Ich beſorge aber, der Graf Khevenhüller erwartet ihn ſchon lange.— Wir haben dann deſto gemüthlichere Zeit für uns.— Folgt mir, lieber Benedetto.“ Er trat voran in ſein Gemach; Benedetto folgte ihm. Sie waren allein. Der Pater nahm eine ernſte Miene an, als der junge Menſch, der nicht viel über zwanzig Jahre zählen mochte, vor ihm ſtand. „Du biſt nicht wahrhaft gegen mich, Benedetto“, redete er ihn an.„Du haſt mir in deinem Berichte nichts von deiner Zuſammenkunft mit der Gräfin Alphonſine geſagt!“ „Ehrwürdigſter Vater!“ rief der Jüngling hocherröthend und beſtürzt.„Ich glaubte— ich...“ er ſtockte. „Du ſiehſt, Benedetto, ich kenne deine geheimſten Schritte“, fuhr Lamormain mit derſelben Strenge des Blickes fort,„mein Auge iſt unabläſſig wachſam! Dein Verſchweigen zeigt einen Mangel an Vertrauen und eine Verletzung des Gehorſams. Du haſt als Beichtkind gefehlt und zugleich dich gegen die Geſetze des Ordens vergangen!“ „Vergebt mir, ehrwürdigſter Vater“, begann Benedetto; nich glaubte nicht ein Vergehen begangen zu haben!“ „Dein Erröthen ſchuldet dich der Unwahrheit an, Be⸗ nedetto. Biſt du gleich weder Mitglied des Ordens, noch in den geiſtlichen Stand getreten, ſo bereiteſt du dich doch dazu vor, und haſt als Zögling die Geſetze um ſo ſtren⸗ ger zu beachten! Berichte mir jetzt genau, was zwiſchen dir und der Gräfin geſchehen iſt.“ Der Jüngling kämpfte einen ſchweren Kampf. Die Gräfin Alphonſine war die Tochter ſeines Herrn und Beſchützers, des Grafen Khev enhüller. Da das Jtalie⸗ niſche ſeine Mutterſprache war, hatte der Graf ihm den Unterricht dieſer ſiebzehnjährigen Tochter in dieſer Sprache wie in der ſpaniſchen anvertraut, indem ſie ihn nach Ma⸗ drid begleiten ſollte. In beiden jugendlichen Herzen hatte Rellſtab, Drei Jahre. III. I. 2 26 ſich die Knospe einer Neigung gebildet, ihnen ſelbſt noch unbewußt. Benedetto hatte kleine unſchuldige Zeichen ihrer Gunſt empfangen; ein Taſchenbuch, auf das die Gräfin Alphonſine den Anfangsbuchſtaben ſeines Namens mit Gold geſtickt, eine feine venetianiſche Kette mit einem Medaillon, die er einmal wegen ihrer Arbeit bewundert hatte. Er hatte ihr dafür die ſchönſten Sonette Petrarca's, einige Stellen aus Taſſo und Dante mit kunſtreicher Hand, da er ein Meiſter in der Schönſchreibekunſt war, abgeſchrieben und ſie mit ſauber gemalten Initialen und Nandbildchen ver⸗ ſehen. Nichts Sträfliches hatte ſich in dieſe gegenſeitigen Zeichen der Neigung gemiſcht, allein nach der Weiſe jugend⸗ licher Herzen hatten Beide die Weihe der Verſchwiegenheit darüber gebreitet. Jetzt ſollte Benedetto, im unbedingten Gehorſam gegen Lamormain's Beſtimmungen aufgewachſeun, durch die Ordenslehren daran gewöhnt, dieſes zarte Heilig⸗ thum enthüllen! Er bebte davor zurück; auf der andern Seite hielt ihn ſcheue Ehrfurcht in dunklen Banden, und er zitterte, ein Geſetz der Religion oder Deſſen, was man ihn als ſolche gelehrt hatte, zu verletzen. Sein Erröthen und Erblaſſen ließ Lamormain ver⸗ muthen, daß viel mehr und Bedenklicheres geſchehen ſei. Er vermochte nicht mit ſo reinem Auge ein Verhältniß auf⸗ zufaſſen wie der unſchuldige, in religiöſer Schwärmerei er⸗ zogene Jüngling. „Ich erwarte deine Antwort, Benedetto“, begann der Pater wiederum, da der junge Mann ſein Schweigen noch nicht zu brechen vermochte. Er ſagte die Worte aber mit we⸗ niger ſtrengem Tone, um ihn nicht einzuſchüchtern.„Sage mir aufrichtig und ganz, denn es iſt deine Pflicht, was iſt zwiſchen dir und der Gräfin vorgegangen?“ Zum erſten male trat ein innerſtes, heiliges Gefühl in Widerſpruch mit den Grundſätzen, welche Benedetto bisher als die ſtrengſten Pflichten eingeflößt waren. Er empfand, daß er ein Vertrauen verletze, welches um ſo heiliger war, je zarter und leiſer es ſich angedeutet hatte. Doch die Gewohnheit des Unterwerfens, der Einfluß Lamormain's waren zu mächtig; mit zitternder Stimme bezeichnete er daher die Geſchenke, die er gegeben und empfangen. Es koſtete Lamormain Mühe das Lächeln zurückzuhal⸗ ten, welches ſich auf ſeine Lippen drängte, da er dieſe un⸗ ſchuldigen Geſtändniſſe vernahm. Er hatte andere erwar⸗ tet, wenn auch nicht eben ſträfliche, doch ſolche, die ein tieferes Erröthen erzeugen durften. Um ſo nothwendiger ſchien es ihm jedoch, ſeinen ganzen Ernſt zu behaupten, damit Benedetto nicht von ſeiner Seite leicht über das Ver⸗ hältniß des Gehorſams zu ihm denken lerne. „Du haſt ſchwer gefehlt, Benedetto“, ſprach er ernſt, „nicht nur durch deinen Wandel auf gefahrvollem Wege der Verſuchung und Sünde, ſondern auch noch mehr durch dein Geheimhalten Deſſen, was du, wie Alles was dich treibt und bewegt, zu bekennen mir ſchuldig warſt. Ich muß dir eine Buße auflegen. Du wirſt drei Wochen ſtrenge Faſten üben! Ueberdies erwarte ich von dir, daß du durch doppelt ſtrenge Pflichtübung in Treue und Ge⸗ horſam dein Unrecht wieder gut machſt.“— Benedetto bückte ſich demüthig über die zum Kuß dar⸗ gereichte Hand Lamormain's. „Eben jetzt“, nahm dieſer das Wort wieder,„bietet ſich dir die Gelegenheit dazu dar, durch pünktliche Ausfüh⸗ rung meiner Aufträge und Aufmerkſamkeit in deinen Pflich⸗ ten. Du wirſt in dieſen Tagen die Reiſe nach Spanien mit dem Grafen antreten. Das Vertrauen des Ordens und der Wille des Kaiſers ehren dich dabei mit einem be⸗ 2* —— 28 ſondern Auftrage. Du haſt mir feierlich hier vor dem Crucifix zu geloben, daß du ihn genau vollziehen werdeſt, ohne irgend Jemandem auf der Welt, als mir ganz allein, hörſt du, einzig mir, Mittheilungen zu machen. Du weißt, unbedingter Gehorſam iſt die Prüfung, welche allen übrigen voranſteht; haſt du den Muth ſie zu beſtehen?“ „O gewiß, gewiß, theuerſter Vater; vergebt mir nur meinen Irrthum!“ „Nimm die Buße auf dich, gehe den Weg der Beſſerung, ſo weißt du, daß die Vergebung dir gewiß iſt. Jetzt voll⸗ führe das Gelübde für dieſen beſondern Fall. Lege die Linke auf das Crucifix und erhebe deine Rechte zum Schwur.“ Benedetto gehorchte. „Du gelobſt bei dem einigen Gott“, ſprach Lamormain feierlich,„der da iſt der Vater, der Sohn und der Heilige Geiſt, daß du während deines Aufenthalts zu Madrid alle Befehle, welche ich dir hier mündlich ertheile oder ſchrift⸗ lich ſende, oder durch beglaubigte Perſonen dir zukommen laſſe, auf das pünktlichſte treu, gewiſſenhaft, ohne Zau⸗ dern und eitle Selbſtprüfung erfüllen wirſt!“ „Ich gelobe es!“ antwortete Benedetto; doch ein leiſer Schauer durchzitterte ihn. „Den Eidbruch trifft die Ausſtoßung aus der Gemein⸗ ſchaft der heiligen Kirche, Gefängniß, Marter, Tod ohne Sündenvergebung“, ſagte Lamormain und ſein Auge haftete finſter, bohrend auf des Jünglings Antlitz. Dieſer er⸗ bleichte, ſeine Knie bebten. „Jetzt höre!“— Lamormain ging an ſeinen Schreib⸗ tiſch und nahm aus einem der Fächer einige Briefe hervor. „Dieſes erſte Schreiben übergibſt du, ſobald ihr in Madrid angelangt ſeid, ohne daß irgend wer es erfährt, dem 29 Herzog von Uzeda. Du wirſt leicht Gelegenheit haben zu ihm zu gelangen, da du in Aufträgen des Grafen Khevenhüller gewiß viel in ſeinem Palaſt oder doch in der Kanzlei zu thun haben wirſt.— Das zweite Schreiben hier iſt für den Großinquiſitor Ludovico Alliaga beſtimmt. Du darfſt dich ihm nicht in auffallender Weiſe nähern. Es iſt beſſer, daß du einige Zeit mit Abgabe des Schreibens zögerſt. Gewiß aber ergibt ſich bald ein An⸗ laß, der dich äußerlich in die Nähe Sr. Eminenz führt. Dann flüſtre ihm nur verſtohlen zu, du habeſt einen ge⸗ heimen Auftrag von mir an ihn. Der Großinquiſitor wird dir alsdann ſelbſt den Weg angeben, wie du, ohne unſere Zwecke zu gefährden, zu ihm gelangen kannſt.— Endlich iſt hier ein dritter Brief; er iſt an den Grafen Balthaſar de Zuniga gerichtet; dieſen bewahrſt du auf, bis ich dir von hier aus nähere Weiſung ſende, oder bis der bairiſche Geſchäftsträger, der Rath Leuker in Madrid, eintrifft. Ihn magſt du alsdann befragen: ob du den Brief abgeben ſollſt oder nicht; aber keinen Andern.“— Benedetto Maschino hörte in unterwürfiger Ergeben⸗ heit zu. „Und nun das Hauptſächlichſte. Ueber Alles, was ſich in Madrid zuträgt, über alle Schritte des Grafen Khevenhüller, über die Perſonen die er ſieht und ſpricht, über Das, was er über den Erfolg ſeiner Sendung äußert, gegen dich oder Andere, führſt du ein genaues Tagebuch in lateiniſcher Sprache. Ich werde dir die ſichern Per⸗ ſonen und Gelegenheiten bezeichnen laſſen, durch welche ich es erhalten kann. Niemals aber beförderſt du es mit den Depeſchen, die der Graf an Se. Majeſtät den König Fer⸗ dinand abſendet. Niemals! Hörſt du!“ Benedetto verbeugte ſich. „Jetzt kennſt du deine Aufträge, mein Sohn. Reiſe unter dem Schutze Gottes und der heiligen Jungfrau. Biſt du treu und gehorſam, ſo ſteht dir der höchſte Lohn bevor. Den Ungehorſamen, den freilich tüffft die unentrinn⸗ bare Strafe!“— Der Ton dieſer letzten Worte und der Blick, mit dem Lamormain ſie begleitete, ließen Benedetto erblaſſen. De⸗ muthvoll beugte er ſich abermals zum Kuß auf die dar⸗ gereichte Hand des furchtbaren Mannes und ging. „Noch Eins!“ winkte Lamormain, als er ſchon die Thür berührte.„Ich habe nichts dawider, daß du den Unterricht der Gräfin Alphonſine fortſetzeſt; doch— hüte dich!“—— Viertes Capitel. Thyßka trat ein, ſobald Benedetto die Thür hinter ſich geſchloſſen hatte.— „Setzen wir uns, lieber Bruder in Jeſu“, redete ihn Lamormain herablaſſend, freundlich an.„Ich habe lange, verdrießliche Geſchäfte mit Sr. Majeſtät verhandelt und hier mit dieſem jungen Menſchen auch keine ſehr erfreuliche Unterredung gehabt. Wahrlich, ich bin müde! Laßt uns denn recht behaglich von unſern Angelegenheiten ſchwatzen!“ Thyßka, der da wußte, wie hoch Lamormain ſeine äußere Stellung anſchlug, war um ſo ehrfurchtsvoller und vor⸗ ſichtiger, je zwangloſer jener ſich zeigte. Der vertrauliche Ton konnte daher ſeinen tief ehrfurchtsvollen nicht ändern. —,— — ,.,— 31 „Es iſt mir in der That unbegreiflich, hochwürdigſter Herr, wie Ihr dieſer unermeßlichen Arbeit und Thätigkeit nicht unterliegt“, ſagte er mit dem Ton der Bewunderung, indem er beſcheiden auf einem Seſſel Platz nahm. „An ſich wäre die Arbeit wol nicht ſo groß“, erwiderte Lamormain,„wenn ſie nur nicht ſo unabläſſig die innerſten Kräfte in Anſpruch nähme!— Auch das Podagra erſchwert ſie mir etwas!“ Er ſtreifte dabei mit der linken Hand den linken Fuß hinab und ſeine Miene verzog ſich ſchmerzlich. „Doch, Dank ſei es dem allmächtigen Gott, wir gewinnen ja Früchte von unſerer harten Arbeit, und das im Schweiß des Angeſichts beſtellte Feld reift zur Ernte heran. Erin⸗ nert Ihr Euch, theurer Bruder, wie Ihr vor Jahr und Tag kleinmüthig waret? Wie Ihr meintet, nie werde ſich die heilige Kirche, werde ſich unſer heiliger Orden von dem ſchweren Schlage erheben? Und nunmehr? Was ſagt Ihr nun?“ „Gottes Gnade hat Wunder an uns gethan; Euer unerſchütterlicher Glaube, hochwürdigſter Vater, hat die Krone errungen!“ „Freilich verzagte ich nie an dem Schutz des Allmäch⸗ tigen für ſeine heilige Kirche, guter Thyßka; allein auch nur weltlich betrachtet, erſchien mir die Gefahr niemals ſo groß als Andern. Schon im verwichenen Jahre ſagte ich Euch: Ihr werdet einen Sommer wo anders wohnen, allein wir werden nach Böhmen zurückkehren. Wo iſt der Glaubensfeind Thurn mit ſeiner Macht? Er muß fechten für den Schutz des eigenen Herdes und Hauptes; aber ich denke, ebenſo vergeblich, als er ſich zu unſerm Verderben gewaffnet hat!“ „Das Blatt wandte ſich allerdings urplötzlich im äußer⸗ ſten Augenblicke der Gefahr“, bemerkte Thyßka, der im 32 Stillen die Rettung auf das Glück des außerordentlichſten Zufalls ſetzte. „Es waren nicht St.⸗Hilaire's Küraſſiere, lieber Bruder in Jeſu“, ſprach Lamormain ernſt,„es war die Fügung aller Geſchicke, die hier nur ihren Wendepunkt nahmen; es war der feſtgehaltene Wille Derer, die auf die Gnade Gottes vertrauten, es war vor allem der unerſchütterliche Muth des Königs!“ „Den Ew. Hochwürden mit dem Feuer der Beredt⸗ ſamkeit und der Macht des Beiſpiels immer wieder neu belebten!“ „Laſſen wir das, lieber Thyßka! Unſer Heil darf uns kein Capua werden. Jetzt erſt recht iſt die unabläſſigſte Anſtrengung nöthig, um das feſtzuhalten und dauernd zu begründen, was uns der Augenblick wieder in die Hand gegeben hat. Ich darf es ſagen, Se. Majeſtät geht uns mit dem würdigſten Beiſpiele voran. Vor zwei Monaten war der Boden unter unſern Füßen, wohin wir treten mochten, unterhöhlt. Jetzt öffnen ſich durch des Königs weiſe Maßregeln und beharrliche Thatkraft Auswege nach allen Seiten. Ich will nicht ſagen, ſichere, aber doch ſolche, die Hoffnung und Vertrauen einflößen, wenn wir unſere eigenen Kräfte und Thätigkeiten nicht einſchlum⸗ mern laſſen!“ „Da ſei Gott vor!“ „Ich habe auch einen beſondern Auftrag für Euch“, lieber Bruder Thyßka, ſprang Lamormain jetzt von den allgemeinen Betrachtungen auf das Beſondere über. „Se. Majeſtät der König hat mit einer Ausdauer und Kraft, welche die ſpäteſten Jahrhunderte anſtaunen werden, alle die ſchwierigen und ſchwankenden Verhältniſſe ſeiner Erblande jetzt geordnet, ſoweit dies außerhalb der offenen —— — 4 ,— 33 aufſtändiſchen Provinzen möglich iſt. Auf des allmächtigen Gottes Schutz vertrauend, geht der König getroſt ſeinem noch größern Beruf entgegen; er erhebt die Hand zu der Kaiſerkrone, die in ſeinem Hauſe das rühmliche Erbtheil geworden. Es iſt kein geringes Wagſtück, aber der König will es unternehmen, jetzt ſeine Hauptſtadt und Oeſterreich zu verlaſſen, um ſich nach Frankfurt zur Kaiſerwahl zu begeben. Zunächſt indeſſen geht Se. Majeſtät nach München, zum Herzog Maximilian von Baiern. Dorthin will ich auch Euch ſenden, Pater Thyßka!“ „Ich bekenne“, erwiderte Thyßka,„daß ich mir ſchon einige Hoffnung dazu gemacht, als ich im Frühjahr in Ingolſtadt war.“ „Und nicht mit Unrecht“, antwortete Lamormain;„das Gebiet Eurer Thätigkeit dort wird ein ſehr wichtiges ſein. Euer öffentlicher Auftrag wird Angelegenheiten des Or⸗ dens betreffen, die Ihr zu München und auch wieder zu Ingolſtadt betreiben ſollt. Ich werde Euch darüber das Einzelne ſpäter mittheilen. Der geheime iſt der, für die Wahl Sr. Majeſtät des Königs Ferdinand zum deutſchen Kaiſer thätig zu ſein. Ihr wißt, daß der Herzog Maxi⸗ milian von Baiern ſelbſt keine geringe Wahrſcheinlichkeit für ſich hat, erwählt zu werden!“ „Ich weiß davon, doch ich halte es für unmöglich, daß dieſer innigſte Freund und Jugendgenoſſe unſers Königs....“ „Still, ſtill“, unterbrach ihn Lamormain mit ſeinem eigenthümlichen ſcharfen Lächeln,„eine Kaiſerkrone iſt eine ſo ſchwere Prüfung der Freundſchaftsbande, daß die ſtärk⸗ ſten unter dieſem Gewicht reißen könnten! Wir müſſen vorſichtig ſein, Thyßka. Es wird ein gefährlicher Minen⸗ krieg gegen uns ausgeführt. Ihr wißt, daß ſchon im Frühjahr der Kurfürſt von der Pfalz in München ſeinen 2**¾ Vetter Maximilian bereden wollte, ſich um die Kaiſerkrone zu bewerben. Es gelang uns damals die Sache zu hin⸗ tertreiben. Der Herzog ſelbſt lehnte ab. Doch jetzt iſt der Plan wieder aufgenommen! Friedrich, dem bei gewiſſen andern Planen, die er jetzt hegt, kein deutſcher Kaiſer ge⸗ fährlicher wäre als der König von Böhmen, trachtet natürlich aus allen Kräften, die Wahl unſeres Herrn zu unterhöhlen, und ſucht von neuem den Herzog Maximilian zur Annahme der Krone zu verlocken.“ „Was Ihr ſagt, ehrwürdigſter Herr“, rief Thyßka aus, der ſtets ſo klug war, ſich durch Lamormain's Mit⸗ theilungen möglichſt überraſcht zu ſtellen, ſelbſt wenn ſie ihm nicht eben unerwartet kamen, wie zum Beiſpiel jetzt; „es iſt doch unbegreiflich, daß der calviniſtifche Fürſt für einen katholiſchen Kaiſer arbeitet!“ „Viel lieber als er es für einen lutheriſchen thun würde“, antwortete Lamormain.„Glaubt mir“, fuhr er fort, indem er Thyßka auf die Schulter klopfte und wahr⸗ haft dämoniſch lächelte:„Er gäbe ſeine Stimme lieber dem Sultan als dem Kurfürſten von Sachſen! Ja, es iſt ſo, der Calviniſt ſetzt die deutſche Kaiſerkrone lieber auf die Hörner des Erbfeindes als auf die Stirn eines lutheriſchen Fürſten!“ „Ihren Haß gegeneinander kenne ich, allein bis zu ſolchem Grade....“ „Und es iſt nicht das allein“, unterbrach ihn Lamor⸗ main.„Die Herren von der Union wiſſen, das Reich ſiele auseinander, wenn ein proteſtantiſcher Fürſt die Stim⸗ menmehrheit erhielte! Man könnte wieder wie vor Zeiten einen Gegenkaiſer erleben! Das ſchreckt ſie denn doch etwas! Darum haben die proteſtantiſchen Candidaten ſo gut als gar keine Wahrſcheinlichkeit. Der Ehre halber — — 35 wird man ſie nennen, den König von Dänemark und den Kurfürſten Georg. Doch Ernſt wird es mit Keinem, ſo wenig wie mit dem Erzherzog Albrecht in den Nieder⸗ landen, noch mit dem Herzog von Savoyen.“ Thyßka wollte etwas erwidern; doch Lamormain, der ſich ungern unterbrochen ſah und es liebte ſich in flüſſiger Darlegung der Verhältniſſe ein gewiſſes Uebergewicht zu geben, hielt ihn durch einen Wink zurück und fuhr fort:„Zwiſchen Sr. Majeſtät dem König Ferdinand und dem Herzog Maximilian allein ſchwankt das Zünglein der Wage. Jetzt noch ſehr zu Gunſten unſeres Herrn, allein ein leich⸗ ter Anſtoß kann den Stand ändern. Darum, träte Herzog Maximilian eifrig werbend auf, ſo wäre er äußerſt gefährlich! Drei Stimmen hätte er entſchieden für ſich; erſtlich natürlich die der Pfalz, dann die ſeines eigenen Bruders des Kurfürſten von Köln und die der Kur Bran⸗ denburg. Und ob dann nicht Sachſen mit dieſen pro⸗ teſtantiſchen Kurfürſten ſein würde,— das iſt die große Frage! Geſchähe es, ſo trüge Baierns Herzog die Kaiſerkrone!— Ihr geſteht, Thyßka, bei ſo großer Wahrſcheinlichkeit iſt die Lockung groß; und wenn Ihr ein Kenner des menſch lichen Herzens ſeid, was Ihr als Geiſt⸗ licher und Bruder unſeres Ordens doch ſein ſollt, ſo werdet Ihr auch Schwächen der Herzen genugſam kennen, um zu ſehen, wie leicht ſelbſt Herzog Maximilian ihnen nachgeben könnte, und daß bei ſolcher Entſcheidung die Erinnerungen an die gemeinſame Jugendzeit des Herzogs mit unſerem Könige, als unſere Zöglinge in Ingolſtadt, nicht ſehr ſchwer wiegen dürfte!“— Thyßka machte wiederum einen ver⸗ geblichen Verſuch zur Gegenrede; Lamormain fuhr fort: „Ließ ſie ſich doch ſchon leicht genug erfinden, zwiſchen beiden Fürſtenhäuſern, Kaiſer Mathias gegenüber, in den 36 Verhältniſſen der Liga!— Indeſſen, das führt uns auf Abwege! Herzog Maximilian muß alſo auf alle Weiſe dahin geſtimmt werden, daß er ſeiner jetzigen günſtigen Geſinnung nicht untreu wird. Von Seiten des geiſtlichen Einfluſſes müſſen die gemeinſame Erziehung beider Fürſten, ihre Freundſchaft und die Pflichten gegen die heilige Kirche beſtändig als ſchwere Gewichte in ſein Herz geſenkt werden. Das iſt bereits geſchehen, muß aber noch fer⸗ ner geſchehen. Ihr, Pater Thyßka, ſollt gleichfalls darauf hinwirken. Ihr müßt Euren Beſuch in Ingolſtadt bei dem Pater Dominicus erneuern; Ihr werdet ihn zwar noch ſo geſinnt finden wie vor drei Monaten; allein der gemeinſame, verehrte Lehrer beider Fürſten kann jetzt einen ſo entſcheidenden Einfluß üben, daß man ſich ſeiner nicht genug vergewiſſern kann. Von dort erſt ſollt Ihr nach München, woſelbſt ich Euch durch Briefe an den Beichtvater des Herzogs, Pater Euſebius, und an den Hofkaplan, den Doctor Johann Klesheim, Kanäle ver⸗ ſchaffen werde, wirkſam zu ſein. Das iſt indeſſen nur das Nebenſächliche. Ihr ſollt vorzüglich, was Eurer Sinnes⸗ art und Eurem Geſchick angemeſſener ſein wird, auf dem weltlichen Gebiet, geradehin auf dem politiſchen thä⸗ tig ſein.“ „Ich ſchätze es mir zur höchſten Ehre, daß Ew. Hoch⸗ würden mich für ein taugliches Werkzeug erachtet“, ent⸗ gegnete Thyßka endlich, anſcheinend demüthig, innerlich voll Selbſtgefühl. Denn er hatte ſich auf dieſem Felde mehr⸗ fach bewährt. „Ich wollte, ich bekenne es Euch offen, den Geheim⸗ ſchreiber Fabricius von Hohenfall näher in mein Vertrauen ziehen“, fuhr Lamormain fort.„Allein, reiflicher erwogen, halte ich es für angemeſſen, ihn auf dem untern Stand⸗ —— ——= ⅓³⅓ — 37 punkte, wo er ſich befindet, zu erhalten; auch iſt er mir zu vertraut mit Slawata, um nicht mit großer Vorſicht bei ihm aufzutreten.“ „Sollte Slawata's Geſinnung noch jetzt Beſorgniſſe erregen müſſen?“ warf Thyßka fragend ein. „Er gehört uns an, es iſt wahr“, fuhr Lamormain fort,„aber er wird zu mächtig. Seit er das Glück gehabt hat, durch dieſen hündiſch ſchmiegſamen, aber gewandten Zaloska, bevor wir Alle irgend etwas davon ahnten, dem Könige die erſte Nachricht von Mansfeld's Niederlage, die Wien gerettet hat, zu bringen, iſt er mir dem Könige zu nahe gekommen.— Doch, auf Eure Miſſion zurück⸗ zugehen. Ihr ſollt Euch denn, Pater Thyßka, in München zunächſt an den Grafen Martiniz wenden. Er iſt Euch unſtreitig perſönlich bekannt?“ „Ich habe ihn zu Prag öfters geſehen und geſprochen“, erwiderte Thyßka. „Ihr wißt, daß er in Folge der erſten Zuflucht, die er nach ſeinem Unglück in Prag zu München gefunden, dauernd mit dem dortigen Hofe in Verbindung geblieben iſt, und mittels wiederholten und dauernden Aufenthalts unſere Angelegenheiten daſelbſt als Hauptagent betrieben hat. Gegenwärtig tritt nun für ſeine Thätigkeit der wichtigſte Augenblick ein. Wenn Se. Majeſtät der König auf dem Wege nach Frankfurt einige Zeit in München verweilt, ſo muß ſich dort entſcheiden, ob Herzog Maximilian wirklich die Kaiſerwürde mit aller Beſtimmtheit ablehnt oder ob er nur dieſen Schein annimmt, bei günſtigem Ausfall der Wahl aber dennoch die Krone nicht zurückweiſen würde. Ich hoffe nicht nur ſein Herz und Gewiſſen, ſondern auch eine richtige Politik, die Erkenntniß ſeiner wahren Vortheile ſollen ihn zur Ablehnung beſtimmen. Ueber dieſe letz⸗ 6uhꝑ—— 38 tern ſollt Ihr dem Grafen Martiniz einige Mittheilungen machen.“ Thyßka horchte auf. „Der Kurfürſt von der Pfalz iſt es, wie geſagt, der hauptſächlich Herzog Maximilian's Wahl betreibt. Kennt Ihr aber den wahren Grund, weshalb gerade dieſer cal⸗ viniſtiſche Kurfürſt ſo eifrig für einen katholiſchen Fürſten thätig iſt und für einen, der bis jetzt von dem höchſten Eifer für die heilige Kirche beſeelt geweſen iſt?“ „Ich vermuthe, daß er für den Dienſt, dem Herzog Maximilian zur Kaiſerwürde verholfen zu haben, Vortheile für die proteſtantiſche Union oder auch wol für ſein eignes fürſtliches Haus als Gegengabe hofft.“ „Ihr vermuthet wie ein Mann, der Welt und Men⸗ ſchen kennt, lieber Thyßka“, ſagte Lamormain freundlich. „Es ſind beſonders die letztern Vortheile, die für ſein kur⸗ fürſtliches Haus, ja ſogar für ſeine kurfürſtliche Perſon, die er im Sinn hat. Er möchte gern,— hm, eine Klei⸗ nigkeit,— König von Böhmen dafür werden!“ „Wie?“ rief Thyßka und rückte verwundert auf ſeinem Seſſel. „So iſt es. Ich weiß zuverläſſig, daß der Kanzler Wenzel von Budowa im Monat Mai ſchon den Kurfürſten unter der Hand ausgeforſcht hat, ob er einen derartigen Antrag der böhmiſchen Stände annehmen würde. Er hat anfangs gezaudert; er hatte ein Auge oder eine Ahnung für die Gefahren dabei; ſpäter iſt man von vielen Seiten in ihn gedrungen. Auch der wilde, übereifrige Rath Pro⸗ copius Dworſchetzki von Olbramowitz iſt zu Heidelberg ge⸗ weſen und die Frau Kurfürſtin ſowie der Herr Doctor Abraham Scultetus haben den jungen leichtſinnigen Herrn — 39 unabläſſig bearbeitet. Jetzt iſt er mit dem Gedanken ſchon ganz vertraut.“ „Er ſollte es wagen, wider Recht und Ehre einen fürſt⸗ lichen Bruder vom Thron zu drängen?“ „Die fürſtliche Brüderſchaft hat zuweilen eine ſehr ſtiefbrüderliche Farbe“, bemerkte Lamormain achſelzuckend. „Genug, die Sache iſt ſo. Daß der böhmiſche Landtag jetzt in Prag den letzten äußerſten Act der offenen Rebellion begehen wird, Se. Majeſtät den König Ferdinand des Throns verluſtig und dieſen für erledigt zu erklären, iſt wie Ihr wißt, außer Zweifel und wir erwarten mit jeder Stunde die Nachricht davon. Die böhmiſchen Herren war⸗ ten nur noch auf die ſichere, wenn auch vorläufig geheime Zuſage des Kurfürſten Friedrich, damit ſie nach Sr. Ma⸗ jeſtät Entſetzung nicht herrenlos ſind, ſondern ſogleich auf den Beiſtand eines mächtigen Fürſten zählen können. Die Sachlage iſt nun einfach die: Se. Majeſtät der König wird entſetzt, dem Kurfürſten der erledigte Thron Böhmens angetragen; dieſer nimmt ihn nach einigen ſcheinbaren Zö⸗ gerungen an. Wird König Ferdinand Kaiſer, ſo muß ſich der Kurfürſt darauf gefaßt machen, daß derſelbe zu ſeiner Erbmacht auch nach Kräſten die ganze Macht des Reiches fügen wird, um ſich in ſeinem Recht zu behaupten. Wird dagegen Herzog Maximilian Kaiſer, und verdankt er es dem Kurfürſten Friedrich, ſo hofft dieſer, daß der Kaiſer ihm hinwiederum ebenſo förderlich ſein werde, ſeinen neuen Königsthron zu beſteigen, wenigſtens ihn nicht von Reichs wegen daran hindere!“ „Verzeihen mir Ew. Hochwürden“, wandte Thyßka ein, „indeſſen es ſcheint mir doch ganz unmöglich, daß des Reiches Oberhaupt eine Gewaltthat gegen einen Reichsfürſten jemals gutheißen könne!“ —=—— ——— 40 „Seht Ihr, Thyßka“, rief Lamormain aus und ſeine Adleraugen funkelten,„da ſteckt es eben! Das iſt der Punkt, wo man dem Herzog Maximilian zeigen muß, daß es ſein wahrer Vortheil erfordert, die Kaiſerkrone nicht anzunehmen. Wird ſie ihm aufgeſetzt durch Friedrich von der Pfalz, ſo kommt er in die ſchwierigſte Lage. Entweder er muß undankbar gegen dieſen ſein oder er muß feind⸗ ſelig, treulos, verrätheriſch wider ſeinen älteſten Freund und wider alle geſunden Geſetze der Reichsverwaltung han⸗ deln. In beiden Fällen hat er Unruhe, Zwietracht und Haß ohne Maß zu erwarten. Denn Friedrich würde dann mit aller Kraft die proteſtantiſchen Fürſten zum Wider⸗ ſtande gegen ſeine Reichsverwaltung auffordern. Dagegen, wird Se. Majeſtät der König Ferdinand Kaiſer.... ſo erwachſen dem Hauſe Wittelsbach die größten Vortheile daraus. Nicht zu gedenken, daß der Herzog ſein Ge⸗ wiſſen rein behält und der heiligen Kirche als guter Sohn hochwichtige Dienſte leiſtet, ſo wird die Gunſt der kaiſerlichen Macht ihm überall nütz⸗ lich ſein können. Jau, hier ergriff Lamormain mit einer gewiſſen Feierlichkeit Thyßka's Hand und ſprach mit leiſerer Stimme, wie wenn er ſich hüten wollte, ein wichtiges Geheimniß zu verrathen,„ja, ich ſehe einen noch ganz andern ſichern Lohn in der Ferne für den Herzog, und der muß ihm gezeigt werden. Die Böh⸗ men ſtürzen jetzt in ihrer tollen Raſerei blind vor⸗ wärts, ſie werden die Abſetzung ausſprechen, und wir müſſen Alles thun, was in unſern Kräften ſteht, um Friedrich von der Pfalz zu bewegen, daß er die angetra⸗ gene Krone annimmt. „Annimmt?“ rief Thyßka mit dem äußerſten, diesmal wahrhaften Erſtaunen. 41 „Annimmt“, wiederholte Lamormain mit nachdrücklichem Ton und ſeinem unbeſchreiblichen Lächeln. „Das verſtehe ich nicht“, bekannte Thyßka und ſah Lamormain fragend an. „Ei, ei, ei! Lieber Pater, vergeßt Ihr denn, daß man ein thöricht heftiges Kind gar nicht ſchwerer ſtrafen kann, als wenn man ſeinen unverſtändigen Willen erfüllt, ihm das Meſſer gibt, wonach es greift?“ „Freilich wol, allein....“ „Betrachtet die Dinge nur ruhig, wie ſie kommen wer⸗ den“, ſprach Lamormain mit kalter Sicherheit.„Friedrich nimmt die Krone an. Er iſt König, gut. Aber es iſt ein übler Poſten! Er hat zu kämpfen mit dem rechtmäßigen Könige von Böhmen, mit dem Könige von Ungarn, den Erzherzögen und Herzögen von Steiermark, Oeſterreich, Mähren, Schleſien,— und mit dem deutſchen Kaiſer! Der deutſche Kaiſer hat bei einer Gewaltthat wider einen Reichsfürſten die Reichs⸗ fürſten ſämmtlich zu Bundesgenoſſen, wenigſtens nicht zu Gegnern. Halb Böhmen iſt auch Friedrich's Gegner und, ſowie ihm das Glück umſchlägt, liegen drei Viertheile des Landes in der Wagſchale wider ihn! Mich dünkt, der gute Kurfürſt ſetzt ſich eine Dornenkrone auf das Haupt und wird ſie nicht lange tragen!“ „Glaubt mir, Pater Thyßka“, wies Lamormain aber⸗ mals deſſen Verſuch zu ſprechen mit der Hand winkend zurück,„Kurfürſt Friedrich kommt in ſchwere Bedräng⸗ niß, wenn wir nur keinen Tag, keine Stunde, keine Se⸗ cunde verſäumen, Himmel und Erde wider ihn und für die heilige Kirche in Bewegung zu ſetzen! Dann muß er klein beigeben, dann ſchreiben wir Bedingungen vor, und dann wird Herzog Maximilian eine Entſchädigung für ſeine aufgegebene Kaiſerkrone erhalten, die ihrer werth iſt!“ 4 — 4 42 „Er wird darin, fürchte ich, nur einen Vogel auf dem Dache ſehen!“ „Pah“, lachte Lamormain.„Die Kaiſerkrone iſt auch nichts Anderes für ihn! Und ſie iſt nur einer mit gold⸗ glänzenden Federn, den Andern aber einer mit nahr⸗ haftem Fleiſch! Seht, ich denke ſo. Die Oberpfalz liegt ſo bequem für Baiern. Amberg gäbe ein hübſches zweites Hauptſtädtchen. Der Kurfürſt denkt Böhmen mit der Pfalz zu verbinden; ſollten wir nicht denken dürfen, ein Stücklein der Pfalz mit Baiern zu vereinigen? Viel⸗ leicht ließe ſich auch ein Wort von den Kurhüten reden, nach welchen die bairiſchen Herzöge ſchon länger ausſchauen als nach der Kaiſerkrone.“ „Ein Kurhut gegen eine Kaiſerkrone!“ „Der Kurhut bleibt dem Hauſe, die Kaiſerkrone entſchlüpft wieder!“ „Wird aber der Herzog nicht fragen:«Wenn ihr die Kaiſerkrone geringer achtet, weshalb würdet ihr mir nicht lieber dieſe gönnen?“ „O Pater Thyßka“, ſprach Lamormain mit erhobener Rede.„Eins iſt nicht daſſelbe für Alle. Das Oberhaupt des Habsburgiſchen Hauſes hat einen andern Maßſtab an ſeine Rechte und an ſeinen Beruf zu legen als ein Herzog von Baiern! Es darf die Kaiſerkrone als ſein Erbtheil betrachten, das nur noch in einzelnen unglücklichen Fällen angefochten wird. Für das Haus Habsburg iſt die Kaiſerwahl nur noch eine Form der Reichsver⸗ faſſung, damit die Wahlcapitulation vorgelegt werden kann. Wenn irgend ein neues Fürſtenhaus in Deutſchland das Gewicht in die Wagſchale der Weltgeſchicke legen könnte, welches das Haus Habsburg einlegt, dann erſt könnte es ſein Nebenbuhler ſein. Es iſt jetzt nicht mehr möglich, wie vor Jahrhunderten, daß ein Graf und kleiner Fürſt durch den bloßen Wahlact Ehrfurcht und Gehorſam bei den ge⸗ ſammten Uebrigen gewinne. Was glaubt Ihr, daß das Geſchick des Reiches wäre, wenn man jetzt einen Grafen Solms oder Hohenlohe, oder ſonſt einen der bis dahin auf ſeinem Stammſchloß geſeſſen, auf den Kaiſerthron ſetzen wollte, daß er Anſehen und Recht haben ſolle über die ſeit Jahrhunderten hundertfach Reicheren und Mächtigeren? Bei dieſem Religionszwiſt zumal!— Alles fiele ausein⸗ ander, verflöge wie Spreu, und wir würden dem Türken, dem Ungarn, dem Schweden, dem Franzoſen zum Raub! Herzog Maximilian wird das bei ruhigem Urtheil Alles ſelbſt ſehen, doch um die Wirkung ſeiner Betheiligung auf⸗ zuheben, muß man es ihm klar, warm, überzeugend dar⸗ legen. Und er wird ſich überzeugen, daß ein vergrößertes Beſitzthum, der Kurhut auf ſein Haus übertragen, ein beſſerer Gewinn für ihn iſt, als ein paar Jahre hindurch der Glanz einer Kaiſerkrone, der lange nicht reich genug iſt, um alle die Schatten der Sorgen, Unruhen und Gefahren, die ſie für ihn mitbrächte, zu überſtrahlen. Vollends aber für ſeine Kinder und Enkel, denen ein größeres Erblehn und eine höhere Erbwürde doch wol lieber ſein muß als etliche vermoderte Pergamente im Archiv, worauf einer ihrer Ahnen den Kaiſertitel trug.“— Der Gewandtheit ſeiner Rede und des Eindrucks ſeiner Perſönlichkeit bewußt, wo er ihn ausüben wollte, ſprach Lamormain immer raſcher und eindringlicher; denn es war ihm darum zu thun, daß Thyßka ihm nicht nur gehorchen möge, das verſtand ſich von ſelbſt, ſondern daß er von der Wahrheit ſeiner Anſicht durchdrungen werde, weil dann die Ausführung um ſo glücklicher geräth. Er faßte daher deſſen beide Hände mit der ſeinigen und ſprach feurig: 44 „Von dieſer Seite muß die Lage der Dinge dem Herzog Maximilian gezeigt werden! So müßt Ihr ſie mit Graf Martiniz beſprechen! Das habt Ihr dem Pater Euſebius und dem Hofkaplan klar zu machen! Auf einer Seite ein Bruch heiliger Pflichten gegen die Kirche, ein Verrath an der Freundſchaft, eine von Ehren und Erfolg zweifelhafte Bewerbung um die Kaiſerkrone, die, wenn ſie gewonnen wird, ein noch zweifelhafteres Glück für den Herzog iſt. Auf der andern Seite die ehrenvollſte Pflichterfüllung, kein Wagniß noch Gefahr und die höchſte Wahrſchein⸗ lichkeit großen Gewinns an dauernder Macht und dauerndem Glanz für den Herzog ſelbſt wie für ſein Haus! Kann der Herzog ſchwanken? Thyßka, kann er, wenn Ihr redlich das Eure thut? Eure Hand darauf!“ Thyßka, ſelbſt ergriffen von Lamormain's umſpinnender, fortreißender Gewalt, beugte ſich ehrfurchtsvoll auf die dar⸗ gebotene Hand nieder, drückte einen frommen Kuß darauf und gelobte feierlich:„Was ich an Geiſteskraft und Thä⸗ tigkeit aufzubringen vermag, will ich an die Erfüllung Eures Auftrags ſetzen, hochwürdigſter Herr, und meine Pflicht als getreueſter Diener der Kirche üben!“ „So iſt“, entgegnete Lamormain mit einem frommen Blick aufwärts,„Euch der Lohn jenſeits gewiß; und“, fügte er, das Haupt bedeutſam und mit ſchlauem Ausdruck wie⸗ gend, hinzu,„die Kirche vergißt auch nicht, daß ihre be⸗ fähigten, gehorſamen, pflichteifrigen Söhne auch dies⸗ ſeits Anſprüche auf ihre Dankbarkeit haben.“ Sie ſchieden. Achtzehntes Buch. Fünftes Capitel. In der Kauffinger Straße zu München ſtanden vor dem Thore eines ſtattlichen, alterthümlichen Hauſes drei Diener und unterhielten ſich eifrig miteinander, indem ſie auf einen kleinen, reich aufgezäumten und ritterlich geſat⸗ telten Grauſchimmel blickten und zeigten, den ein Reiters⸗ mann, welcher ſeinerſeits auf einem großen, ſchwerfälligen Rappen vor dem Hauſe hielt, am Zügel hatte. Das kleine Thier machte dem Reitknecht viel zu ſchaffen; bald ſtieg es bäumend auf, bald ſuchte es den Kopf zwiſchen die Vorder⸗ füße zu klemmen, oder that Sprünge ſeitwärts und ſchlug wild aus. Genug, es blieb keinen Augenblick ruhig und entwickelte, wie unſcheinbar es war, eine Kraft und eine eigenſinnige Ausdauer, deren Bändigung nur durch einen ſo kraftvollen, ſachkundigen Reiter möglich war, als der Mann auf dem ſchweren brabanter Pferde zu ſein ſchien. Denn bei allen wilden Sprüngen und ſcheuen Bewegungen des Schimmels ſaß der Reiter des Rappen in ſeinem leder⸗ nen Koller mit dem gewichtigen Harniſch darüber, wie an⸗ geſchmiedet im Sattel und ließ die Zügel nur ſo viel nach, oder zog ſie ſo weit an, als es gerade nothwendig war. 1 —f„ 48 „Eine Teufelskrabbe, der kleine Schimmel“, rief der eine der drei Diener im Thor,„ich möchte ihn nicht reiten.“ „Es würde dir auch ſchlecht dabei ergehen, du Haar⸗ kräusler“, ſpottete der Zweite, deſſen Tracht den Reitknecht kundgab.„Aber wenn der Oberſt daraufſitzt, geht der Schimmel ſo ruhig wie ein Lamm!“ „Sacht, Johann! Das muß ich erſt ſehen, ehe ich's glaube“, bemerkte der Dritte;„ich denke, ich verſtehe auch etwas von Pferden! Das iſt ein deſperates Thier!“ „Es iſt aber doch, wie ich ſage, Niklas“, antwortete Johann eifrig.„Ich habe ihn erſt vorgeſtern reiten ſehen, als der Herzog das neue Küraſſierregiment beſichtigte. Das Thier ging ordentlich furchtſam unterm Zügel!“ „Der Kerl iſt freilich ein Eiſenfreſſer und ſieht aus, als ob er den Gottſeibeiuns ſelbſt im Leibe habe“, er⸗ widerte Johann,„aber ein Pferd iſt doch nur ein Pferd und....“ „Still, Niklas, er kommt!“ rief der Reitknecht und deutete in das offene Thor des Hauſes, wohin alle Drei jetzt die Blicke wandten. „Er iſt noch im Geſpräch mit dem Herrn, auf der Treppe“, flüſterte der Haarkräusler, wie die Andern ſpot⸗ tend ihren Gefährten, den Kammerdiener, nannten.— Sie ſtellten ſich ehrfurchtsvorll auf die Seite und ſchielten nur verſtohlen ſeitwärts nach den die Treppe Herab⸗ kommenden. In dieſem Augenblick trat von der Gaſſe her ein Mann, der das ſchwarze lange Kleid eines Geiſtlichen trug, auf die Diener zu und redete ſie an.„Guten Morgen, meine lieben Freunde! Iſt dies das Haus, in welchem der Herr Oberſtburggraf von Martiniz aus Prag wohnt?“ „Ja, ehrwürdiger Herr“, antwortete der Kammerdiener, „der Herr Obriſtburggraf wohnt hier!“ „Iſt er zu Haus“, fragte der Geiſtliche und war im Begriff einzutreten. „Ich bitte, ehrwürdiger Herr, verzeiht einen Augen⸗ blick. Der gnädigſte Herr hat ſoeben einen Beſuch gehabt, dem er das Geleite bis auf die Treppe gibt. Jetzt eben kann ich Euch nicht eintreten laſſen. Allein, wen hätte ich nachher die Ehre anzumelden?“ „Ich bin der Pater Thyßka aus Prag und komme aus Wien mit Aufträgen an den Herrn Obriſtburg⸗ grafen.“ Die drei Diener verbeugten ſich ehrfurchtsvoll und der Haarkräusler ergriff des Paters Hand mit den Worten: „Ehrwürdiger Herr, laßt mich Eure Hand küſſen und gebt mir Euren Segen! Ich heiße Stephan Harneck und bin ſelbſt aus Prag, von der Kleinſeite. Ich erinnere mich jetzt ſehr wohl, Ew. Ehrwürden oft geſehen zu haben.“ „Es freut mich, daß Ihr mich erkennt, mein Sohn“, entgegnete Thyßka.„Die Gnade des Herrn ſei mit Euch“, ſprach er feierlich und legte die Hände ſegnend zuerſt auf das Haupt Stephan's, dann auf das der andern Diener, die in Ehrfurcht die Knie vor ihm beugten. Als ſie ſich wieder erhoben, hörte man ganz nahe klirrenden Sporenklang, doch von langſamen ruhigen Schrit⸗ ten. Raſch traten die Diener auf die Seite; Thyßka blieb ihnen gegenüber, gleichfalls etwas zur Seite zurückgezogen. Ein kleiner Mann in vornehmer Kriegstracht, doch von ganz eigenthümlichem Schnitt, ſchritt auf das Thor zu; im Gehen drückte er ſich den hohen, ſpitzigen Hut auf die Stirn und rückte ihn zurecht. Dieſe Bewegung zog die Blicke unwillkürlich zunächſt auf ſein Angeſicht. Ein paar Rellſtab, Drei Jahre. III. 1. 3 50 finſtre Augen rollten unruhig unter einer breiten, tief gerunzelten Stirn. Ein langer verwilderter Zwickelbart verdeckte die Oberlippe faſt ganz; kurzes graues Barthaar ums Kinn und ſpärliches, nachläſſiges Haupthaar von glei⸗ cher Farbe gaben dem Geſicht einen wilden Ausdruck, der ſich durch eine große gebogene Naſe, ſtarke Backenknochen, hohle Wangen und ein ſcharfgeſpitztes Kinn noch verſtärkte. Die geſammten Züge hatten, mit Ausnahme der unſtet rollenden Augen, eine ſteinerne Unbeweglichkeit. Die kleine, hagere Geſtalt erſchien noch kleiner unter dem hohen Spitz⸗ hut, von dem eine rothe Straußenfeder bis auf den Rücken herabwallte. Ein ſpaniſches Wams von hellgrünem Atlas, geſchlitzte Beinkleider von demſelben Stoff und ein kurzer ſchwarzer Mantel bildeten die Tracht des Kriegsmannes. An einer faſt handbreiten Binde, die er über dem Wams trug, hing ſein Degen, auf den er die linke Hand nachläſſig gelegt hatte, damit ihm die Spitze nicht zwiſchen die breit⸗ ſtulpigen Reiterſtiefeln ſchlage. Er ging langſam, faſt ſchleichenden Schrittes, wie Einer, dem jede Eile überflüſſig iſt; aber trotz des leiſen Auftretens ſo feſt, als ob ihn Nie⸗ mand aufhalten könne. Die ſcheu auf die Seite getretenen, ſich tief verbeugenden Diener ſah er mit keinem Blick an, doch als ſein Auge zufällig auf Thyßka traf, deſſen Klei⸗ dung durch Farbe und Schnitt den Geiſtlichen, und zwar den Zünger der Geſellſchaft Jeſu zweifellos bezeichnete, nahm er den Hut ab und grüßte, ſich tief verbeugend, mit einer Ehrerbietung, die an Demuth ſtreifte. Doch ſprach er kein Wort, ſondern ging ſchweigend auf den Grau⸗ ſchimmel zu, der von dem Augenblick an, wo er ſeinen Herrn und Reiter kommen ſah, die muthigen, wilden Augen feſt auf dieſen heftete, ihm den Kopf zuwandte und durch regungsloſes Stillſtehen ihn gleichſam zum Aufſitzen einzu⸗ 51 laden ſchien. Der Reitersmann des Rappen hatte ſich ab⸗ geſchwungen und hielt dem Aufſteigenden Zügel und Bügel. Mit derſelben langſamen Sicherheit, wie er ging, ſaß der Oberſt auf, und ritt, ohne ſich umzuſehen, im ruhigen Schritt davon. Wirklich ging der Grauſchimmel unter ihm wie ein Lamm; es ſchien, als wage er nicht mehr, nur das Haupt zu ſchütteln. „Siehſt du, Niklas“, rief der Reitknecht Johann,„es iſt wie ich ſage. Unter ihm rührt ſich der Schimmel nicht mehr!“ „Hm!“ murmelte dieſer,„es iſt wahr, aber ich glaube nicht, daß das Teufelsthier einen Andern auf ſeinem Rück⸗ grat duldete!“ Thyßka hatte trotz des demüthigen Grrfes⸗ den er von dem Krieger empfing, doch ein unheimliches Gefühl mäch⸗ tiger Ueberlegenheit deſſelben empfunden und ſich ſelbſt noch viel demüthiger verneigt. Er blickte dem Hinweg⸗ reitenden lange nach, und erſt als er um die nächſte Ecke bog, fragte er mit dem Tone des Staunens und der Ehr⸗ furcht:„Sagt mir, meine Freunde, wer war der Offi⸗ zier?“ „Oberſt Tſcherklas, Graf von Tilly, des Herrn Her⸗ zogs Maximilian erſter Feldhauptmann“, antwortete der Kammerdiener.„Jetzt kann ich Euch melden, ehrwürdiger Herr“, ſetzte er ſogleich hinzu.„Befehlt Ihr?“ Thyßka bejahte. Wenig Augenblicke darauf ſtand er im Gemach vor Martiniz. Es war jetzt über anderthalb Jahre her, daß Thyßka denſelben nicht mehr geſehen hatte. Einige Monate vor der Gewaltthat, die ihm zu Prag geſchehen, war er ihm in der prager Schloßkirche bei einem feierlichen Hochamt 3 52 begegnet. Schon damals flößte die lange, hagere Geſtalt deſſelben, ſein ſchwarzes Haar, die ſtarren Züge und das finſtre Auge eine eigene Scheu ein. Jetzt hatten ſich dieſe ſchroff hervortretenden Eigenthümlichkeiten noch weit erhöht. Es war als habe ſich ein Geiſt der Erbitterung in den ſchon ſo herben Zügen feſtgeſetzt, der jedem Muskel noch eine ſchärfere Zeichnung gab. Nimmermehr hätte man in dem verſteinerten Haupte die geſchickte Beweglichkeit des Geiſtes vermuthet, die doch ihren Wohnſitz darin aufge⸗ ſchlagen hatte, ſich aber durch kein einziges äußeres Zeichen verrieth. Nur der Stempel der zähen Beharrlichkeit prägte ſich in dieſen ſcharfumgrenzten, feſtgeſchloſſenen Lippen aus, drückte ſich auf die felſige Stirn und ſchimmerte aus dem tiefbohrenden Blicke. Man würde einen Eid geſchworen haben, daß niemals ein Lächeln über dieſes Angeſicht hin⸗ geſchwebt ſei. Selbſt der Anblick eines Mannes, der ſo entſchieden ſeiner Partei zugehörte, völlig die gleichen Be⸗„ ſtrebungen mit ihm verfolgte, und der da kam, um ſein eigenes eifriges Thun zu unterſtützen, entlockte ihm auch nicht die leiſeſte Andeutung des Wohlwollens bei der Begrüßung. Er winkte dem Pater nur Platz zu nehmen, ſetzte ſich ihm gegenüber, nahm den Brief, den ihm Thyßka überreichte, ſtumm entgegen, murmelte, indem er ihn er⸗ brach, nur die Worte:„Von Lamormain!“ und las ſtarr, unbeweglich. Nur einmal wurde das bleiche Geſicht noch 6 bleicher, als ob ein fahler Blitz ſeinen Schein darauf ge⸗ worfen hätte; doch es war wie ein einziges Zucken, und dann lagerte ſich wieder die alte Todtenbläſſe auf Wangen* und Stirn. „Ich freue mich, Euch hier zu ſehen, Pater Thyßka“, ſagte er tonlos, nachdem er den Brief mit ſchärfſter Auf⸗ merkſamkeit bis zu Ende geleſen;„wir werden alſo gemein⸗ 53 ſchaftlich arbeiten. Ihr kennt die hieſigen Verhältniſſe bereits?“ Thyßka erwiderte, indem er die Mittheilungen, welche ihm Lamormain mündlich gemacht hatte, in der Kürze wie⸗ derholte. „Pater Euſebius, ein gewichtiger Mann, ein ſehr ge⸗ wichtiger Mann“, nahm Martiniz nach einigem Schweigen das Wort;„nicht minder der Hofkaplan, Doctor Klesheim. Se. Hochwürden haben Euch an die rechte Stelle verwie⸗ ſen, Pater Thyßka.“. „Ich möchte Euch wol fragen, Herr Obriſtburggraf“, begann Thyßka, da Martiniz nach dieſen wenigen Worten wiederum ſchwieg,„ob Ihr glaubt, daß dieſe beiden wür⸗ digen Herren unſere Meinung theilen werden.“ Martiniz wiegte den Kopf mit einem lang gezogenen „Hm!— Wenn ſie unſere Anſicht ſo ohne weiteres theil⸗ ten, wäre es nicht nöthig, Pater Thyßka, ſich beſonders mit ihnen zu verſtändigen. Es kommt nur darauf an, 96.... Er machte eine Pauſe. Thyßka ſah ihn fragend an. Abzuleſen war aber dieſem finſtren verknöcherten Angeſichte nichts. „Ihr habt ein Bedenken, gnädigſter Herr?“ fragte der Pater nach einigen Augenblicken. „Ich glaube, Pater Thyßka, daß die Herren, wenn ſie auch Eines und Daſſelbe mit uns wollen, es doch gern ſehen würden, wenn wir uns einige Mühe um ſie gäben!“ „Gewiß, gewiß!“ antwortete Thyßka.„Man wird ihnen zeigen müſſen, daß man das größte Gewicht auf ihre Mei⸗ nung legt.“ 4 „Wie weit habt Ihr Vollmacht zu gehen?“ fragte Mar⸗ tiniz trocken. 54 Thyßka ſah ihn zweifelhaft an. „Mit Einem Wort, wie hoch habt Ihr das Gewicht ihrer Stimmung abzuſchätzen?“ „In Wahrheit, ich habe keine Inſtructionen der Art erhalten“, antwortete Thyßka gemeſſen. „So hätte ſich der ehrwürdige Pater Lamormain dieſe Wege ſelbſt vorbehalten? Denn ich kenne ſein Geſchick im Unterhandeln zu lange, um anzunehmen, daß er die Pfade, die zuletzt doch allein mit Sicherheit zum Ziele führen, nicht einſc=hlagen werde. Ich rathe Euch denn, Pater Thyßka, daß Ihr Euch darüber Gewißheit verſchafft.“ „Sollte die Klarheit der Vortheile, welche in der Aus⸗ führung unſerer Abſichten liegt, nicht hinreichend ſein, dieſe Herren zu beſtimmen?“ fragte Thyßka. Martiniz wiegte wiederum den Kopf und ließ jenen ſummenden Ton hören, durch den er ſeine Zweifel auszu⸗ drücken pflegte.„Klarheit der Vortheile?“ hub er endlich an. „Wenn ſie ſo klar ſind, weshalb ſich ſoviel Mühe geben, die Herren davon zu überzeugen? Würde ſie dann der Herzog Maximilian nicht auch ſehen? Für unſere Zwecke iſt die Wahl unſeres gnädigſten Herrn zum deutſchen Kaiſer unbedingt die vortheilhafteſte. Könnten aber nicht dem Herzog Maximilian andre Ziele vorſchweben? Oder könnte es nicht in den Vortheilen ſeiner Rathgeber liegen, ihm andre als vortheilhafter zu ſchildern? Ich rathe Euch, das wohl zu überlegen, Pater Thyßka. Wer am höchſten bietet, kauft am ſicherſten. Das iſt ein unumſtöß⸗ licher Satz; Ihr ſolltet ihn auch kennen, meine ich!“ „Kennen, aber nicht Jeglichem bekennen“, dachte Thyßka und ſchwieg. Da aber auch Martiniz ihn nur forſchend anſah, ohne weiter zu ſprechen, nahm er das 55 Wort wieder auf:„Ich denke, Herr Obriſtburggraf, in gewiſſer Beziehung muß dieſer Satz auch überall gelten. Es kommt nur darauf an, was Jedem als das höchſte Ge⸗ bot erſcheint! Freilich, den Einen lockt Ehre, den Andern Gold, den Dritten irdiſche Macht.... Viele aber erwär⸗ men ſich auch für eine große, heilige Sache, und Dieſe, denke ich, werden durch die richtigſte Förderung derſelben gewonnen!“ Martiniz warf nur ſein„Hm!“ dazwiſchen. „Was den Herrn Pater Enſebius und den Herrn Hof⸗ kaplan angeht....“, hub Thyßka wieder an. „So werdet Ihr, würdiger Vater“, unterbrach ihn Martiniz raſch,„ohne Zweifel ſehr ſchnell den Grund und Boden zu erkennen wiſſen, auf dem ſie ſtehen.— Dieſe werden aber nicht die Einzigen ſein, die wichtig für unſere Zwecke ſind und auf die Ihr Einfluß zu gewinnen ſuchen müßtet.“ „Auf dem weltlichen Gebiet“, antwortete Thyßka,„kann unſere Sache in keiner beſſern Hand ruhen als in der Euri⸗ gen, gnädigſter Herr.“ „Ihr irrt. Es gibt hier ſo Manchen, der nicht dem geiſtlichen Stande angehört, auf den Ihr jedoch vielleicht mehr einwirken könnt als ich. Jedenfalls verrichten zwei Hände mehr Arbeit als eine. Soeben verließ mich ein Mann....“ „Der Graf von Tilly?“ fragte Thyßka etwas eilfertig dazwiſchen. „Ihr kennt ihn?“ „Er wurde mir von Euren Leuten genannt, da ich ihm an der Hausthür begegnete“, antwortete Thyßka. „Er iſt ein Mann, von dem Vieles abhängt, aber auf den Ihr viel mehr Einfluß haben werdet als ich. In Allem 56 was er als Soldat zu thun hat, ſieht und handelt er ſelbſt, fragt Niemand. Allein wer und was in Glaubensſachen am förderlichſten ſein möchte, darüber nimmt er Rath an, und mehr von Euch als von mir. Mit Einem Wort: hat er einmal den Degen gezogen, ſo weiß er, wie er ihn brauchen ſoll; aber es iſt mit ihm darüber zu reden, für wen und für was er ihn ziehen muß.“ „Ich habe, ihn mit ehrfurchtsvollem Staunen betrachtet; ein Mann, der ein Fels der Kirche zu ſein verheißt!“ „Ein Schwert derſelben genügt.— Ich will Euch näher mit ihm bekannt machen, Pnter Thyßka.“ Thyßka verbeugte ſich dankend. „Es wird gerade heut glückliche Gelegenheit dazu ſein, und zu mancher andern Bekanntſchaft. Für dieſen Abend iſt ganz plötzlich, mir ſelbſt höchſt überraſchend, großer Em⸗ pfang bei Sr. Hoheit dem Herzog Maximilian angeſagt. Ich werde mich ſogleich zum Obermarſchall begeben und es einleiten, daß Ihr noch heut nach der Vorſchrift des Cere⸗ moniells eingeführt werdet und für den Abend die Ein⸗ ladung erhaltet. Dort werdet Ihr faſt alle Männer bei⸗ ſammen treffen, die von Einfluß in unſerer Sache ſind. Ich will ſtets an Eurer Seite ſein und Euch die Pforten öffnen; wie Ihr Euch dann in den Irrgängen, zu denen ſie führen, zurecht findet, das ſei Eure Sache, Pater Thyßka!“ „O“ erwiderte dieſer ſich verneigend,„durch Eure gräf⸗ lichen Gnaden eingeführt und berathen, hoffe ich die rechten Wege zu finden.“ „Ich will es wünſchen.— Wo ſeid Ihr abgeſtiegen, Pater Thyßka?“ „Im Sanct⸗Aegidiuskloſter.“ „Dort hole ich Euch um Mittag ab, zum Obermarſchall. 57 Allein vergeßt nicht die goldene Regel mitzuführen, die ich Euch vorhin gab!“ Thyßka lächelte.„Gewiß nicht!“ Martiniz hatte die ganze Unterredung mit unbeweg⸗ lich ſtarren Zügen geführt, bis auf jenes eine, blitz⸗ ähnliche Zucken, das ſie beim Leſen des Briefes überflog. Sonſt bewahrten der ernſte Widerſpruch, die vorſichtige Zurückhaltung, die freiere Eröffnung, ſelbſt die halb ſcher⸗ zende Hindeutung dieſelben ſtarren Linien; nur daß das eintönige Schattendunkel ſich zuweilen noch tiefer darauf lagerte. Er ſchien, da er ſich auf ſeinem Seſſel nicht be⸗ wegte, noch nicht abbrechen, ſondern auf einen andern Ge⸗ genſtand übergehen zu wollen. So entſtand eine längere Pauſe. Wie zufällig bewegte er die Hand über die Bruſt in das halb aufgeknöpfte Kleid, wohin er den Brief geſteckt hatte. Er ſchien ihn unwillkürlich berührt zu haben und dadurch an etwas darin Enthaltenes erinnert zu werden; denn derſelbe unheimliche Anflug von ſtärkerem Erblaſſen ſeines bleichen Geſichts wiederholte ſich. „Ihr ſeid lange nicht in Böhmen geweſen?“ fragte er, und in ſeinen zuſammengezogenen Lippen drückte ſich eine gewaltſam verhaltene Leidenſchaft aus. Thyßka erwähnte kurz ſeiner letzten Anweſenheit dort. „Thurn hat Euch ſeitdem vor Wien beſucht“, warf Martiniz mit regungsloſer Stirn hin. „Allein nicht in Wien!“ war Thyßka's Antwort. „Ich denke ihm in Prag den Gegenbeſuch zu machen!“ klang es mit dumpfer Schwere von des Grafen Lippe, wie Erzſtufen, die mit ſchwerem gedämpften Fall in die Tiefe ſchollern. „Der Weg nach Prag führt über Frankfurt, denke ich“, entgegnete Thyßka gewandt. 3** 58 „So iſt's!“ antwortete der Graf und ſtand auf. Thyßka empfand, daß er jetzt abbrechen müſſe. Er ver⸗ beugte ſich und ging. In dem Augenblicke, wo ſich die Thür hinter ihm ſchloß, war es, als ob Martiniz durch eine elektriſche Gewalt aus ſeiner eiſigen Erſtarrung emporgeriſſen werde. Aus einem Erzbild wurde er zu einem blutloſen Dämon, dem jeder bleiche Muskel, jeder Nerv von krampfhafter Lebenskraft zuckte. Er riß den Brief aus dem Buſen, that, darauf hin⸗ ſtarrend, einige heftige unwillkürliche Schritte, und blieb dann plötzlich wieder, wie mit zum Schwur gehobener Hand ſtehen. „Und wenn ich das Tauſendjährige Reich überlebe“, mur⸗ melte er dumpf,„meine Rache ſoll nicht erkalten! Ich will dir meine Schuld zurückzahlen, Thurn, und wäre der Wechſel auf den Jüngſten Tag geſtellt! Du haſt mich geſtürzt und biſt auf ſtolzen Gipfel geſtiegen; doch ſei auf deiner Hut! Bis vor die Mauern Wiens geleitete dich das tückiſche Glück, nicht hinein! Es hat ſich von dir gewandt. Jetzt naht der Tag der Vergeltung! Wehe dir! Wehe euch Allen, wenn wir vor Prag ſtehen, wie ihr vor Wien ſtandet. Dreimal Wehe, wenn mein Fuß wieder in die fluchbeladene Stadt dringt!“—— Seine Lippe bebte; ſein Auge rollte unter dem Marmorfels ſeiner Stirn. Immer haſtiger ging er auf und nieder.„Ihr habt mich häuptlings aus dem Fen⸗ ſter geſtürzt, wie den verächtlichſten Miſſethäter! Aber der Engel des Herrn überwachte mein Haupt! Borzita von Martiniz hat als Kärrner auf der Landſtraße die Peitſche geführt,— mit dem niedrigſten„Geſindel auf ekler Streu gelegen, im Kehricht und Ungeziefer!— Gibt euch der Herr in meine Hand, ſo ſoll.... Nur Geduld!“ ſagte er leiſe aufathmend,„am Ziel eurer Tage ſteht der Rabenſtein!— Der Henker zerbreche mein Ritterſchwert, — —— 59 wenn ſein Henkerſchwert nicht euer Haupt trifft! Und deines vor allem, der du die Saat der Frevel geſtreut!“ Es pochte leiſe. Mit der gewaltigen Willenskraft, die er beſaß, war ſeine düſtre Glut im nämlichen Augenblicke wieder in Eis verwandelt. „Herein“, rief er im Ton der völligſten Ruhe und wandte der Thür ein Angeſicht zu, in welchem dem ſchärf⸗ ſten Beobachter auch nicht eine leiſe Linie die innere furcht⸗ bare Wallung ſeiner Seele verrathen hätte. Es war der Kammerdiener, welcher eintrat. „Was gibt's, Harneck?“ fragte ihn Martiniz im gleich⸗ gültigſten Tone. „Der Hofſchneider mit dem neuen geſtickten Kleide für Ew. Gnaden iſt da.“ „Endlich! Es war die höchſte Zeit!“ „Befehlen Ew. Gnaden, daß er eintrete?“ „Folge mir mit ihm in mein Ankleidezimmer. Wir wol⸗ len das Kleid ſogleich verſuchen. Es könnte ſein, daß noch etwas abzuändern wäre für heut Abend.“ Mit dieſen Worten verließ er das Gemach, und Harneck ging, um ihm den Meiſter mit dem neuen gold⸗ geſtickten Hofkleide nachzuführen. Sechstes Capitel. Zum Abend um acht Uhr war der große Empfang bei Hofe im Schloſſe zu München angeſagt. Es war dies ein ganz außergewöhnliches Ereigniß und erregte allgemeines Staunen. Denn einmal fanden um dieſe Jahreszeit, im Auguſt, niemals Hoffeſte in der Reſidenz ſtatt, weil der Herzog Maximilian den Sommer ſtets auf einem ſeiner Schlöſſer außerhalb der Stadt zubrachte, und bis vor zwei Tagen ſogar noch in Oberbaiern gewohnt und der Gebirgs⸗ jagd eifrig obgelegen hatte. Zweitens ſiel die Stunde auf, da ſonſt ſechs Uhr die gewöhnliche für Abendfeſte bei Hofe war. Endlich erregten auch die ſonſtigen Voranſtalten Verwunderung, denn es waren nicht nur die gebräuchlichen Feſträume, ſondern das ganze Schloß dazu in Anſpruch ge⸗ nommen und ſo feſtlich hergerichtet als möglich; auch hatte der Obermarſchall Graf Rechberg, weit über die eigent⸗ liche Hofgeſellſchaft hinaus, Einladungen ergehen laſſen an die Mitglieder der ſtädtiſchen Verwaltung und die Ange⸗ ſehenſten der Kaufleute und ſonſtigen Bürgerſchaft. Alles ſollte, ſo hatte der Herzog befohlen, mit der höchſten Pracht eingerichtet werden, ſodaß man mit Recht ein Feſt erwar⸗ tete, wie es München ſeit Jahren nicht geſehen. Doch Nie⸗ mand kannte die Urſache dieſer außerordentlichen Veranſtal⸗ tung, und deshalb waren Spannung und Staunen um ſo größer und die vielfachſten Vermuthungen wechſelten. Um zwölf Uhr fuhr Martiniz mit Thyßka bei dem Ober⸗ marſchall vor. Dieſer empfing den Gaſt mit einer Aus⸗ zeichnung, wie ſie nur ein Geiſtlicher erſten Ranges hätte 4 1 erwarten dürfen. Er bedaure nur, äußerte der Graf Rech⸗ berg, daß die augenblicklichen dringenden Geſchäfte ihn jetzt eben hinderten, dem hochwürdigen Herrn, der mit Aufträgen eines ſo berühmten und verehrten Mitgliedes der Kirche, wie der Beichtvater Sr. Majeſtät des Königs von Ungarn und Böhmen, in München erſcheine, ſelbſt ſeine Zeit und Dienſte zu widmen. Thyßka hatte indeſſen von dieſen Auf⸗ trägen nur diejenigen berührt, die er bereits in Ingolſtadt auszuführen begonnen hatte. Sein Geſchick für weltliche Händel kam ihm dabei vorzüglich zu Statten, denn er wußte ſich ſo geläufig und mit ſo klarer Sachkenntniß darüber aus⸗ zulaſſen, daß der Obermarſchall ihm die Artigkeit ſagte: er würde ihn für einen berühmten Rechtsgelehrten gehalten haben, wenn die geiſtliche Tracht ihn nicht eines Andern belehrt hätte.— Der Beſuch währte übrigens nur ganz kurze Zeit, da der Graf zu bedrängt mit Geſchäften war. Martiniz war durch den Empfang, den der Pater er⸗ fahren, und durch die Geſchicklichkeit, womit er demſelben entſprochen, gewiſſermaßen ſtolz auf ihn geworden. Er fühlte ſich dadurch verpflichtet, ſich ſeiner eifriger anzunehmen, als er es dieſen Morgen im Sinne hatte, und erbot ſich ſogleich ihn auch ſelbſt beim Pater Euſebius und Doctor Klesheim einzuführen. Zugleich knüpfte er daran eine Einladung zu dem heutigen Mittag. Das erſte nahm Thyßka mit Dank an; in Betreff der Einladung aber entſchuldigte er ſich. Er ſei durch die lange Reiſe ſchon allzu häufig in ſeinen geiſt⸗ lichen Pflichten und Obſervanzen unterbrochen worden, und fühle ſich daher gedrungen, ſowol den Andachtsübungen in dem Kloſter, wo er Gaſtfreundſchaft empfangen, beizuwohnen, als auch das brüderliche Mahl der Kloſterbewohner zu theilen. Neben dieſen geiſtlichen Pflichten, welche Thyßka anführte, waltete aber noch ein anderer Grund ob, weshalb er des — 62 Grafen Einladung ablehnte. Er fühlte ſich durch deſſen Nähe wie gelähmt, das Eis ſeines Weſens ließ auch ihn innerlich gefrieren. Anfangs war er ſich deſſen nicht ſogleich bewußt geworden; wie aber eine erkältende Temperatur all⸗ mälig ihre Herrſchaft übt, ſo hatte jetzt das längere Bei⸗ ſammenſein mit Martiniz dieſe Folge für Thyßka gehabt. Er war beharrlich, zäh, arbeitete unabläſſig ſeinem Ziele entgegen, aber er that es mit einer innern Regſamkeit; es war ihm Bedürfniß, vielſeitige Thätigkeiten dabei in raſchen Gang zu ſetzen. Daher ſchmiegte er ſich leicht der uner⸗ ſchöpflichen Gewandtheit Lamormain's an, und folgte den tauſend Krümmungen ſeiner labyrinthiſchen Wege, wenn er auch, gleichfalls mit einem hohen Grade liſtiger Gewandt⸗ heit begabt, auf der äußerſten Hut dabei war. Allein mit Martiniz konnte er wol das nämliche Ziel, aber nicht den gleichen Weg haben. Thyßka hatte die Weiſe, ſich wie ein umſpinnendes, leicht biegſames Schlingkraut dem Gipfel zu nähern, jeden Augenblick mit neuen Ranken aufzuklimmen, jede Schärfe wie jede Glätte geſchickt zu umgehen, immer aber mit neuer lebendiger Kraft aufzuſtreben. Martiniz da⸗ gegen drang ſeinem Zwecke zu wie ein nagendes Gift, das ſich in die feinſten Faſern des Stoffs einſaugt, und ſtill ſchleichend, ſchauerlich, in unaufhaltſamer Zerſtörung weiter frißt, bis es das innerſte Herz des Lebens erreicht hat. Er glich einem kalten Schwammgewächs, das, eine träge, todte Maſſe, täglich unverrückbar Daſſelbe zu ſein ſcheint, und doch in jeder Secunde weiter und weiter greift, bis es den mäch⸗ tigen Stamm in ſeiner beklemmenden Umarmung erſtickt hat. Wer ihn als Gegner erkannte, mußte die Wirkung ſeiner verſteinernden Natur mit verdoppeltem Grauen empfinden; unberührt davon blieb aber Niemand, ſelbſt nicht ſeine Freunde. So Thyßka; deshalb ſuchte er aus Martiniz' 63 Sphäre zu kommen, und er hätte auch ſeiner Begleitung zu Euſebius und Klesheim lieber entſagt, doch war ſie nicht abzulehnen. Sie fuhren zunächſt bei dem Pater Euſebius, des Herzogs Beichtvater, vor, der ganz in der Nähe in dem zur Theatinerkirche gehörigen geiſtlichen Gebäude wohnte. Er war nicht zu Haus. Thyßka war nicht unzufrieden damit. Der Hofkaplan Doctor Klesheim hatte eigentlich ſeine Wohnung im Schloſſe ſelbſt. Doch in der Sommerzeit bewohnte er ein kleines Landhaus, das an dem Saum des zum Schloſſe gehörigen, damals weit ausgedehnten Parks, von welchem ſpäter ein Theil zum Hofgarten umgeſtaltet wurde, lag. Die Entfernung betrug eine kleine halbe Stunde von der Stadt. „Ihr werdet in dem Hofkaplan einen freundlichen, aber ſehr ſchlauen Mann finden, würdiger Pater Thyßka“, be⸗ gann Martiniz während der Fahrt durch den Park;„er wird Euch zu jedem Wort Ja ſagen, in jeder Anſicht bei⸗ ſtimmen. Doch hütet Euch, die Worte ſchon für Thaten zu nehmen.“ „Ich danke Euch, gnädigſter Herr, für dieſe Warnung“, erwiderte Thyßka;„ich werde des Wahlſpruchs meines alten Lehrers wohleingedenk ſein: Verbum ventus, factum rupes— Wort iſt Wind, That iſt Fels!“ „Der Kaplan hat Liebhabereien“, fuhr Martiniz aus einer ganz andern Richtung fort, als habe er Pater Thyß⸗ ka's Entgegnung, der nicht ganz unzufrieden mit ſeiner Ant⸗ wort war, ſondern ſich auf die treffende Nutzanwendung des lateiniſchen Wortes etwas zu Gute that, gar nicht gehört. „Er iſt ein Bücherſammler.“ „Das gibt vielleicht einen glücklichen Anknüpfungspunkt, — 64 um ſeine Gunſt zu gewinnen“, antwortete Thyßka ver⸗ ſtehend. „Gewiß“, erwiderte der Graf.„Laßt ihn nicht un⸗ benutzt.“ „Ich bin nicht ganz ohne Kenntniß in dieſem Fach“, bemerkte Thyßka,„das wird mir zu Statten kommen.“ „In andern Dingen iſt der Kaplan ſehr einfach. Ich glaube nicht, daß ihn irgend etwas ſo leicht locken würde“, fuhr Martiniz belehrend fort, wiederum ohne auf des Pa⸗ ters Antwort einzugehen.„Es thut auch nichts; es reicht hin, wenn Jemand an einem Seile zu führen iſt.“ „Zumal wenn man ihn dahin führen möchte, wohin er ſelbſt gern geht oder gehen ſollte“, war die Antwort Thyßka's. Martiniz machte eine geringſchätzige Bewegung des Mundes, als wolle er ſagen:„Darauf kommt nichts an“, erwiderte aber nichts. Der Pater ſah ſich durch dieſes Schweigen veranlaßt zu ſagen:„Meint Ihr nicht auch, gnädigſter Herr, daß der Herr Hofkaplan mit uns das gleiche Ziel haben muß?“ 3 „Wer da merkt, daß Ihr ihn einen Weg ſchicken wollt, bringt ihn Euch in Rechnung, wenn er ihn auch von freien Stücken gegangen wäre!“ erwiderte der Graf. „So ſeid Ihr der Anſicht, gnädigſter Herr, daß ich unſere Wünſche nicht zu klar andeuten e?“ fragte Thyßka mit beſcheidenem Ton. Martiniz ſchüttelte das Haupt.„Sie wiſſen hier Alle, was wir wollen müſſen!“ „Allerdings“, pflichtete Thyßka bei,„wir können ja gar nicht anders wollen; ſie aber, dächte ich, auch nicht!“ „Ihr irrt! Es iſt gar nicht ſo ſicher, daß ſie den Vor⸗ — 65 theil erkennen ſollten, der für den Herzog darin liegt, ſich mit der zweiten Stellung zu genügen und die erſte unſerm Herrn einzuräumen. Es iſt alſo nothwendig, daß Jeder, der uns hülfreich ſein ſoll, eigenen Vortheil finde bei Dem, was wir wollen.“ „Gewiß, gewiß“, beſtätigte Thyßka.„Ich werde Beides im Auge halten, das Heil des Ganzen darthun, und zeigen, wie Jedem, der uns zum Ziele hilft, ein eigenes erwünſch⸗ tes Ziel gewiß iſt!“ „Wofür Ihr Bürgſchaften geben müßt, denn Worte... wie war Euer Spruch?“ „Worte Wind, Thaten Fels“, wiederholte Thyßka lächelnd. „So iſt's!“ bekräftigte Martiniz und nickte mit regungs⸗ loſem Antlitz. Sie hielten an der Wohnung des Hofkaplans. Es war in der Mittagsſtunde. Die Sonne ſchien hell auf die Vor⸗ derſeite des kleinen Hauſes, deſſen Fenſter ſämmtlich durch gegitterte Sommerladen geſchloſſen waren. Es war Alles ſo ſtill umher, als ſei das Haus ganz unbewohnt. Die Angekommenen ſtiegen aus dem Wagen und gingen durch den kleinen Vorgarten bis zur Hausthür, ohne daß ihnen Jemand entgegengetreten wäre. So mußten ſie ſich durch den Hausklopfer, den Martiniz faßte, anmel⸗ den. Der K Klang t 45 nte ſchallend durchs Haus, ſchien aber doch nicht bemerkt zu werden. „Iſt das Haus ausgeſtorben?“ fragte Martiniz. „Unſicher muß ſich der Herr Kaplan in dieſer Wohnung nicht fühlen“, bemerkte Thyßka lächelnd,„denn er überläßt das Haus ziemlich ſich ſelbſt.— Doch da höre ich ein Geräuſch!“ Er lauſchte. 66 Es näherten ſich bequeme Schritte auf weichen Sohlen von innen der Hausthür. Sie öffnete ſich und der Kaplan ſelbſt ſtand, im weiten braunen Hausgewande, mit ſchwar⸗ zem Käppchen bedeckt, in der Pforte. Eine Feder ſteckte hinter ſeinem Ohr. Er ſah den Beſuch verwundert, aber nicht unfreundlich an; den Grafen ſchien er nicht zu kennen oder zu erkennen; doch da er an Thyßka die geiſtliche Tracht, alſo einen Amtsbruder in ihm ſah, ging er dieſem ent⸗ gegen und redete ihn mit den Worten an:„Seid willkom⸗ men, mein Bruder in Chriſto; was führt Euch in meine ländliche Einſamkeit?— Und wen begrüße ich in Euch?“ wandte er ſich zu Martiniz. „Ew. Hochwürden erkennt mich nicht, wie es ſcheint“, nahm dieſer das Wort:„Obriſtburggraf von Martiniz.“ „Ei, Herr Obriſtburggraf!““rief der Kaplan überraſcht aus und bot ihm die Hand,„Euer Beſuch iſt mir ſo unver⸗ muthet, daß ich Euch in der That nicht erkannte. Meine Kurzſichtigkeit i*ſt ſchuld. Ich habe Euch nur am Hofe bei Kerzenſchein geſehen, und da haften mir die Eindrücke zu unbeſtimmt. Ich bitte, tretet näher.— Entſchuldigt nur, ich bin ganz allein im Hauſe und mußte daher mein eigener Pförtner ſein!“ Martiniz ſtellte nach einigen höflichen Gegenworten den Pater Thyßka vor, und bezeichnete ihn als einen von La⸗ mormain Beauftragten. Bei dieſem Namen ging in den Zügen des Kaplans eine unverkennbare Veränderung vor; ſie drückte Erſtaunen und Ehrfurcht aus.„Doppelt willkommen denn, theurer Bruder, wenn Ihr von dem hochwürdigen Pater Lamor⸗ main, von dieſem gelehrten, geiſtvollen Haupt in unſerer Kirche, geſandt ſeid? Wie iſt ſein Befinden? Bietet ſein unermüdeter und unerſchöpfliche r Geiſt, die nie erlahmende —-1— 67 Kraft ſeines Willens noch immer dem kränklichen Körper ſiegreich Trotz?— O ich bitte, erzählt mir von ihm! Wir müſſen uns recht aus der Seele über ihn beſprechen!“ Martiniz war nicht geſtimmt, auf eine, wie er jetzt ver⸗ muthete, ausgedehnte und wenigſtens wortreiche, müßig ge⸗ ſellige Unterhaltung einzugehen. Alle Reize eines harmloſen Verkehrs glitten an dem Stahlpanzer ſeiner Geſinnung ab. Sehr zu Thyßka's Zufriedenheit ſagte er daher:„Mich bitte ich zu entſchuldigen, Herr Kaplan. Meine Pflicht, den Herrn Pater bei Ew. Hochwürden einzuführen, habe ich erfüllt. Jetzt nöthigen mich andere wichtige Obliegenheiten zur Stadt zurückzukehren. Mein Wagen ſoll aber ſogleich wieder zu Euren Dienſten ſtehen, Pater Thyßka, um Euch zurückzuführen!“ Trotz der höflich bedauernden Worte des Kaplans blieb Martiniz bei ſeinem Entſchluſſe, nahm Abſchied und fuhr zurück. Der Hofkaplan führte Thyßka in ſein Arbeitszimmer. „Ihr habt hier“, begann dieſer mit einem Blick auf das Geſtell mit Büchern, welches rings um die Wände lief, „eine ſchöne Bibliothek, verehrter Bruder in Chriſto. Auch ich bin ein großer Bücherfreund und beſitze manchen ſelte⸗ nen Schatz. Oder vielmehr, ich beſaß ihn!“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu. „Wie das, werther Bruder?“ „Ich war unſerer Brüderſchaft in Prag angeſchloſſen, als dort der unglückſelige Aufſtand ausbrach. Außer der Bibliothek des Collegiums, die mir zu Gebote ſtand und die ich lange Zeit verwaltet habe, beſaß ich dort auch vieles Eigene an Büchern und ſeltenen Manuſcripten. Das iſt nun in die Hand der Aufrührer gefallen!“ Der Kaplan drückte ſein Bedauern aus.„Und ſind Euch dieſe Gegenſtände „Sind ſie vernichtet?“ „Das will ich nicht hoffen, nicht fürchten vielmehr“, verſetzte Thyßka.—„Es mag Euch befremden“, fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort,„daß ich von meinem eigenen Beſitz ſpreche, da wir Mitglieder der Geſellſchaft Jeſu kei⸗ nen Privatbeſitz haben, allein....“ „O ich verſtehe“, fiel der Kaplan ihm ins Wort.„Geld und Gut freilich beſitzt der Einzelne nicht. Aber Jeder hat irgend etwas und darf es haben, was ihm perſönlich ange⸗ hört; ſonſt wäre ja auch ein Andenken von einem Freunde etwas Verbotenes! Bücher, Schriften ſind ein Eigen⸗ thum... ⸗ „Das ich nur für mich ſammelte, und das dennoch immer dereinſt dem Orden zugefallen wäre“, fiel Thyßka ein,„ſo wie es ſchon jetzt als Beſitzthum deſſelben von un— ſern Feinden betrachtet worden und mir ſo verloren gegan⸗ gen iſt!—— Wer aber wollte nicht ſein einzelnes Unglück leicht verſchmerzen, wenn nur das Heil des Ganzen nicht ſo erſchüttert würde! Gewiß, theurer Bruder. in Chriſto, nagen dieſe Zuſtände unſerer heiligen Kirche auch Euch am Herzen!“ für immer verloren?“ fragte er. „Wie könnte es anders ſein!“ antwortete der Kaplan. „Gott beſſre es!“ „Ich denke“, hub Thyßka vertraulich an,„Gott wird uns ſeinen Beiſtand nicht verſagen, wenn wir Menſchen nur ſelbſt mit unſerer ſchwachen Kraft beginnen und auf ſeine Hülfe vertrauen!“ „Wohl, wohl, beſter Bruder!“ „Nun ſeht, mein theurer Bruder, zu dieſem Zweck hauptſächlich bin ich hierher gekommen. Ich bin freilich nur ein geringes Werkzeug, ein ſchwacher Arm; allein die — 69 Weisheit des Herrn bedient ſich ja oft der unſcheinbaren Hand, um Großes zu vollführen. Vollführen zu helfen, will ich ſagen“, ſetzte er raſch hinzu.„In Euch aber, wür⸗ digſter Bruder, hätte die Kirche einen mächtigen Helfer, wenn Ihr derſelben Eure Kräfte leihen wolltet!“ „Ihr ſcherzt, theurer Bruder; mein Arm iſt wol ſchwä⸗ cher als der Eure!“ „O mit nichten!“ ſagte Thyßka. Er begann jetzt mit Geſchick und ſteigendem Eifer dem Kaplan die Lage der Wahlverhältniſſe nach der Anſicht Lamormain's darzu⸗ ſtellen. Klesheim hörte, je länger und feuriger der Pater ſprach, um ſo aufmerkſamer zu. Sein heiter gemüthliches Geſicht wurde immer ernſter. Thyßka hielt es jedoch nicht für gut, ſchon jetzt mit perſönlichen Vortheilen und Verſprechungen dem Kaplan die Sache hervorzuheben, ſondern wollte erſt abwarten, wie ſie durch ſich ſelbſt auf ihn wirken würde. Nachdem er Alles, was dafür ſprach, vollſtändig entwickelt zu haben glaubte und der Kaplan ihn mit keiner Sylbe unterbrochen hatte, aber immer ernſter und beſtimmter geworden zu ſein ſchien, ſagte er zu demſelben: „Nun, theurer Bruder, ich habe Euch offen mein gan⸗ zes Herz ausgeſchüttet. Eröffnet mir nun, ich bitte Euch, ebenſo ohne Rückhalt Eure Meinung.“ „Das will ich“, antwortete der Kaplan mit einer Ent⸗ ſchiedenheit, die ein ganz anderes Weſen in ihm erſcheinen ließ als das der geſelligen Freundlichkeit, welches er bis dahin gehabt.„In jedem wichtigen Geſchäft, und es ſcheint wir haben hier eines zuſammen, muß Alles klar hingeſtellt ſein. Denn es handelt ſich dabei nicht um Worte, ſondern um Thaten und Dinge.“ — 70 Thyßka mußte innerlich lächeln bei dieſem Eingange, und ſeines lateiniſchen Sprichworts gedenken. „Jeder“, fuhr der Kaplan fort,„muß beſtimmt wiſſen, was er dabei gibt und empfängt. Alſo mit klarem Wort: Was wollt Ihr von mir, und was habe ich von Euch zu erwarten?—— Der König Ferdinand wirbt um die Kaiſerkrone; er hat nur einen gefährlichen Nebenbuhler, das iſt unſer Herzog. Er wünſcht, daß dieſer nicht mit ihm in die Schranken trete. Ihr habt mir entwickelt, daß darin große Vortheile für meinen Fürſten liegen ſollen.“ „Die Kaiſerkrone i*ſt eine ſchwere, ſorgenvolle Laſt!“ „Unbedenklich. Aber iſt ſie das für den König Ferdi⸗ nand etwa nicht?“ „Nicht in dem Grade; denn....“ „Verzeiht“, unterbrach Klesheim,„in dem nämlichen, wenn mein Herzog ſo der Gegner des Königs ſein will, wie dieſer der Gegner meines Herzogs zu ſein droht, falls dem die Kaiſerkrone zufiele.“ „Nein, beim Himmel, er droht nicht; nur...... „Daß es vortheilhafter für König Ferdinand iſt, wenn man ihm das Feld allein läßt“, antwortete Klesheim ſcharf lächelnd. Thyßka ſchwieg etwas empfindlich. „Ich habe Euch ausſprechen laſſen, theurer Bruder“, nahm Klesheim das Wort wieder auf,„geſtattet mir das nun auch.— Wenn ich als Diener der Kirche rede, ſo wir meinen V glaube ich, daß mein Herzog ebenſo eifrig das Heil der⸗ ſelben fördern würde als König Ferdinand. ſagen ſollte, wer von Beiden in Reich nützlicher ſein würde, ſcheiden, glaube aber doch, Wenn ich ſonſtigen Dingen dem ſo möchte ich das nicht ent⸗ daß an Einſicht und Thatkraft 4. 71 unſer Herzog Keinem nachſteht. Fiele alſo die Wahl der Fürſten auf ihn, ſo würde das Reich wohl berathen ſein, falls König Ferdinand ſich ihm ſo fügſam unterordnete, als dieſer es von unſerm Herzog hofft, wenn ihm ſelbſt, Eurem Herrn, die Kaiſerkrone zu Theil wird. Aber— verzeiht wenn ich ganz aufrichtig bin— ich zweifle, daß der König Ferdinand geneigt iſt, dem Herzog Maximilian von Baiern ſo zu gehorſamen, wie er es von ihm verlangen würde. Das würde dann freilich große Spaltungen, Kämpfe, Sor⸗ gen geben!“ „Das Haus Habsburg....“, unterbrach Thyßka. „Laßt mich ausreden, theurer Bruder, wie ich Euch zu Ende reden ließ“, fuhr Klesheim lebhaft fort.„ Ich weiß was Ihr ſagen wollt. Das Haus Habsburg iſt von alters her gewohnt, die Kaiſerkrone zu tragen; und weil es ſo oft dieſen Vorzug genoſſen hat, möchte es ihn für immer be⸗ halten und in ein unangreifbares Recht verwandeln.“ Thyßka biß ſich auf die Lippe. „Ihr ſeht, theurer Bruder, wir ſind nicht blind über die Lage der Dinge. Wenn wir euch alſo entgegen⸗ kommen, geſchieht es nicht, weil wir nicht wüßten, was euch treibt und drängt, ſondern weil wir zu Nutz und Frommen des ganzen Reichs handeln wollen, falls man unſere Opfer auch als ſolche anerkennt.— Ihr habt Vortheile, die dem herzoglichen Hauſe erwachſen könnten, angedeutet. Gebt Gewähr dafür, und ich will, was mir an Einfluß auf meinen Herrn zu Gebote ſteht, in dem Sinne verwenden, wie es Eures Herrn Wunſch iſt. Ich fordere nichts; bietet Ihr, und— gebt Bürgſchaft!“ Der Kaplan machte dabei eine ſchlau lächelnde Miene. „So weit geht meine Vollmacht nicht“, antwortete Thyßka halb verlegen. 72 „Das weiß ich, theurer Bruder; Eure Vollmacht reicht nicht ſo weit als des hochwürdigen Paters Lamormain Macht. Berichtet ihm alſo in dieſem Sinne.“— Klesheim behielt ſein Lächeln bei. Thyßka ſchwieg und überlegte. Der Kaplan ſchien ſich an ſeiner Unſicherheit zu weiden, und fuhr, ſeiner Sache völlig gewiß, faſt ſatiriſch fort: „Ich rathe Euch, theurer Bruder, verzögert die Sache nicht durch unnöthige Bedenklichkeiten und irrige Hoff⸗ nungen. Wir wiſſen lange ſchon durch des Grafen Mar⸗ tiniz' Thätigkeit, wohin ihr aus Wien wollt. Wir haben alſo unſern feſten Entſchluß gefaßt. Die Bemühungen des Kurfürſten von der Pfalz, unſern Herrn für ſeinen Plan zu gewinnen und dafür ſeine Stimme zur Kaiſerwahl zu erhalten, ſind freilich abgelehnt; allein da ſie immer erneuert werden, bleibt uns noch vollſtändig freie Hand. Dagegen, im Herzen, ich bekenne es Euch, iſt mein gnädigſter Herr immer auf Seiten des Eurigen. Nur muß er, wo es ſei⸗ nes Hauſes und Landes Zukunft gilt, nicht blos Hoffnun⸗ gen, ſondern Sicherheiten haben. Iſt's euch Ernſt, ſo könnt ihr dieſe unbedenklich geben. Daß es unſerm Fürſten völlig Ernſt iſt mit ſeiner brüderlichen Geſinnung für den König Ferdinand, davon werdet Ihr noch heut..... wenigſtens ſehr bald“, lenkte er ein,„Beweiſe ſehen.“ „Ihr zweifelt doch nicht, theurer Bruder, daß unſer Herr und König aufrichtig gegen den Herzog geſinnt iſt? daß er ihn mit gleicher brüderlicher Liebe umfaßt wie Her⸗ zog Max ihn?“ fragte Thyßka. „Gewiß nicht. Und ſo zweifle ich auch nicht, daß Euer König thun wird, was ich Euch als unerläßliche Bedingung genannt habe. Erwartet aber nichts Anderes. Wollt Ihr noch zum Pater Euſebius.... gut, doch könnt Ihr die 73 Unterredung ſparen. Wir Beide, Pater Euſebius und ich, ſind völlig einverſtanden.“ Das Lächeln verſchwand nicht von Klesheim's Lippen. „Nun, würdiger Bruder, ſo ſprecht doch Eure Bedin⸗ gungen aus“, bat Thyßka, der unruhig zu werden begann. „Nein; bietet Ihr nur, was Ihr geben könnt! Ver⸗ ſchenkt aber nicht, was Ihr nicht habt!“ antwortete Kles⸗ heim, ſcheinbar gutmüthig ſcherzend. Thyßka entgegnete:„Was dem Herzog Maximilian für Glanz und Vortheile zuwachſen können, habe ich Euch angedeutet.“ „Mit manchem Wenn und Aber, das ſich an Ereigniſſe knüpft, die vielleicht eintreten, aber noch nicht eingetreten ſind. Was aber, wenn das Letztere nicht geſchieht? Was, wenn Kurfürſt Friedrich ſich nicht auf die Plane der Böh⸗ men einläßt?“ Thyßka's Verlegenheit ſtieg. Klesheim weidete ſich offenbar daran. „Nun gut!“ begann dieſer nach einiger Zeit wieder und plötzlich ſehr ernſt:„Ich will Euch ſagen, was ich für mein Theil denke, obgleich ich gar keine Macht habe zu verfügen oder zu verſprechen. Böhmen iſt im Aufſtande; eure öſterreichiſchen Erbländer zur Hälfte auch. Ungarn bearbeitet Jeſſenius von Jeſſen, und Bethlen Gabor iſt ſein Bundesgenoſſe.— Ihr ſeht, ich bin unterrichtet. König Ferdinand iſt in großer Bedrängniß, und unſere Hülfe kann ihn retten.“ „Spanien....“, wollte Thyßka einwerfen. „Spanien iſt weit, unzuverläſſig und hat die Nieder⸗ länder auf dem Halſe.“ „Sie werden ihren Wafeenſtillſtand halten.“ „Möglich, doch ungewiß! Spanien muß ſeine Heere Rellſtab, Drei Jahre. III. 1. 4 —— 74 immer Front gegen ſie machen laſſen, und kann Eurem König nicht wirkſam helfen, ſelbſt wenn es den guten Wil⸗ len hätte. Genug, ihr bedürft unſerer Hülfe und der aller Fürſten der katholiſchen Liga, deren Oberhaupt mein Herr iſt. Wenn König Ferdinand einen Vertrag unterzeichnet, daß für die Vortheile, denen unſer Herr entſagt, und für die Laſten der Kriegsrüſtung, Böhmen und diejenigen der öſterreichiſchen Erbländer, die wir in euren Gehorſam zurückbringen und beſetzen, verpfändet bleiben, ſo kann ich meinem Herrn mit gutem Gewiſſen anrathen, das, was Ihr wünſcht, zu erfüllen.“ „Wie kann ich mich dafür verpflichten....“ „Ihr freilich nicht, ſo wenig wie ich; aber Ihr ſollt dazu rathen, und zunächſt dem Grafen Martiniz. Denn er dürfte vielleicht bald in den Fall kommen“— und hier begann die liſtige Miene des Kaplans wieder—„einen ſolchen Vertrag ganz ausgefertigt vor ſich zu ſehen!“ „Und die anderweitige Entſchädigung, theurer Bruder, von der Ihr ſpracht?“ „Das ſollte die ſein, die Ihr ſelbſt angedeutet habt. Da die Vacanz eines Kurhutes ſehr ungewiß iſt, ſo wird uns der böhmiſche verpfändet für den pfälzi⸗ ſchen!“ 4 „Der böhmiſche Kurhut!“ rief Thyßka erſchreckt. „Nun, wenn das Land verpfändet iſt, dann ſind doch auch ſeine Gerechtſame verpfändet!— Behielte denn etwa der König Ferdinand die böhmiſche Kur, wenn ihm das Königreich verloren bliebe? Oder wäre die Vereinigung der beiden Kurſtimmen auf Pfalz und Böhmen vielleicht vortheilhafter?— Nein, Pater Thyßka, die Sache liegt ſo und nicht anders. Wer die Kaiſerkrone aufgibt, muß doch einen Kurhut ſicher dafür haben. Wendet Euren 75 ganzen Einfluß auf den Grafen Martiniz an und Ihr werdet vielleicht noch heut Abend.... Ihr werdet mit nächſtem, wollte ich ſagen, ein Schauſpiel erleben, das Euch in freu⸗ diges Staunen ſetzen wird. Dies iſt mein letztes Wort. Wir ſehen uns dieſen Abend doch bei Hofe?“ Thyßka verneigte ſich. „So erlaubt mir, daß ich jetzt von Euch Abſchied nehme, denn ich habe bis dahin noch wichtige Geſchäfte bei meinem Herrn ſelbſt!“ Eben rollte auch Martiniz' Wagen wieder vor das Haus. Thyßka wagte nicht, nach dieſem entſchiedenen Tone des Kaplans, der da ſprach, als ob er ſelbſt ſchon alle Ver⸗ träge abgeſchloſſen habe, ihm irgend ein Wort über die für ihn perſönlich in Ausſicht zu ſtellenden Vortheile zu äußern. Er fühlte, daß er dies der Zukunft vorbehalten müſſe. Er reichte ihm daher nur zum Abſchied die Hand dar, und die beiden geiſtlichen Herren umarmten ſich als Brüder in Chriſto. Thyßka fuhr tief nachdenkend zurück.—„Er hatte doch Recht dieſer Lamormain!“ dachte er bei ſich.„Die Kaiſer⸗ krone wiegt ſchwerer als die Jugenderinnerungen und die Freundſchaft! Bei alledem, was der Hofkaplan ſagt, iſt nicht ohne Wahrheit. Er ſpricht auch ſo ſicher, ſo, wie ſoll ich ſagen, ſpöttiſch, als habe er ſich nur zum Scherz über eine ganz abgethane Sache mit mir unterhalten. König Ferdinand an der Stelle des Herzogs— er würde, glaube ich, ebenſo handeln.— Thun kann ich freilich nichts in der Sache, anrathen aber will ich dem Grafen, daß er auf dieſe Bedingungen eingeht. Die andern ſind doch nur Sper⸗ linge auf dem Dache!“ Unter dieſen Betrachtungen war Thyßka vor ſeinem Klo⸗ ſter angelangt. Da die frommen Brüder ſchon in der Kirche waren, begab er ſich ebenfalls dahin. Es wollte ihm aber nicht ganz gelingen, in den Andachtsübungen der weltlichen Sorgen los zu werden. Mit Ungeduld erwartete er die Stunde, wo Martiniz ihn abholen ſollte. Schon um ſieben Uhr war er völlig bereit in ſeiner Zelle. Und er hatte Urſache ſich darüber zu freuen. Denn gleich darauf fuhr Martiniz vor, da er plötzlich eine dringende Aufforderung von dem Obermarſchall erhalten hatte, ſich eine halbe Stunde früher im Schloß einzufinden. Die Urſache war ihm nicht angegeben. Siebentes Capitel. Als der Graf und Thyßka im Schloßportal vor der großen Treppe vorfuhren, trat ihnen ein Kammerjunker ent⸗ gegen, der Martiniz aufforderte, ſich ſogleich unter ſeiner Führung in die Wohngemächer des Herzogs zu begeben, weil dieſer den Grafen noch in Geſchäftsangelegenheiten zu ſprechen habe. Martiniz folgte. Ein anderer Kammerjunker hatte den Auftrag, den Pater Thyßka in den Galaſaal zu führen und dort bei ihm zu verweilen, bis der Graf wieder von der Unterredung mit dem Herzoge zurückkomme. Wäh⸗ rend Martiniz ſeinen Weg ſogleich durch einen Seiten⸗ corridor genommen hatte, wurde Thyßka von ſeinem ihm zugegebenen Begleiter die Haupttreppe zum Eingang der Feſtgemächer hinaufgeführt. Mit Staunen ſtieg der Pater, der bis dahin in einer ſo zurückgezogenen Stellung geweſen war, daß er niemals einem Hoffeſt beigewohnt, die breiten 77 Marmorſtufen durch die gewölbten mit ſchönen Malereien und Bildſäulen geſchmückten Corridors hinan. Mit noch größerm trat er in die Reihe der Gemächer, die ſich von Hunderten von Kerzen blendend erleuchtet bis zu dem größ⸗ ten Saale ausdehnten. Da Martiniz ſo lange vor der Zeit des Empfanges zu Hofe gefahren war, fanden die Ein⸗ tretenden erſt eine geringe Zahl von Eingeladenen ver⸗ ſammelt. Doch nur kurze Zeit verging, ſo begann mit der eintretenden Dunkelheit das Zuſtrömen derſelben, und durch einen Blick aus dem Fenſter konnte Thyßka, von dem Kammer⸗ junker aufmerkſam gemacht, überſehen, wie ſie in ſchwer⸗ fälligen Carroſſen, von Dienern begleitet, welche Fackeln voran⸗ trugen, oder in Sänften, denen gleichfalls Fackelträger vor⸗ gingen oder die mit Laternen verſehen waren, ſich durch die Straße, die zum Schloß führte, annäherten und den Vor⸗ platz erfüllten, welcher jetzt gleichfalls mit großen, im Halb⸗ rund aufgeſtellten Feuerbecken beleuchtet war. „Laßt uns, ehrwürdiger Herr Pater“, wandte ſich der Kammerjunker zu ihm,„in den großen Saal treten. Es iſt Befehl vom Obermarſchall gegeben, Euch dort, wo ſich die Vornehmſten verſammeln, Euren Platz zu bewahren. Ihr könnt dort auch zugleich das erſte Er⸗ ſcheinen unſeres allergnädigſten Herzogs wahrnehmen. Wenn die Geiſtlichkeit und die hohen Grafen und Barone ver⸗ ſammelt ſind, tritt Hochderſelbe von der andern Seite in den Saal.“ Thyßka ſolgte der Weiſung ſeines Führers, und dieſer geleitete ihn durch manche prachtvolle Gemächer, wo ſchon auf beiden Seiten Gäſte je nach ihrem Rang und den ihnen ertheilten Anweiſungen verſammelt waren, nach dem letzten Saale. Hier ſtanden zwölf Trabanten in den bairiſchen Farben, Blau und Silber, prächtig gekleidet mit hohen 78 Hellebarden am Eingang. Sie ließen nur Diejenigen in den großen Saal, welchen das durch ihren Rang und ihre Stellung zukam. Sie waren entweder perſönlich von ihnen gekannt oder durch ihre Kleidung, Uniformen, goldene Ehren⸗ ketten und andere Zeichen als Berechtigte erkennbar. Auch die vornehmſten Frauen hatten ihre Plätze in dieſem Saale und ſaßen auf Bänken mit rothem Sammet gepolſtert, welche die den Fenſtern gegenüberliegende Wand des Saales in amphitheatraliſcher Aufſteigung einnahmen. Thyßka wurde auf ein Wort ſeines Begleiters ſogleich mit dieſem einge⸗ laſſen und erhielt ſeinen Platz— doch alle Mäuner ſtanden — in der Nähe eines Fenſters, ſodaß er die glänzenden Reihen der Damen ſich gerade gegenüber hatte. Es war die Abtheilung der Geiſtlichen, der er ſich zunächſt anſchloß. Nach einigen Minuten erſchien auch der Hofkaplan, Doctor Klesheim, im Saale, der ihm, als er ihn erblickte, freundlich zunickte. Der Kaplan erhob den Finger bedeutſam und winkte mit den Augen nach der großen Eingangsthür der andern Seite hin, aus der der Herzog in den Saal treten ſollte; demnächſt wandte er ſich den Fenſtern zu und machte eine Bewegung des gehobenen Fingers dahin, als wolle er Thyßka andeuten, er möge ſeine Blicke auch dahin richten. Dieſer folgte dem Wink und nahm zu ſeinem Erſtaunen wahr, daß eben mehrere Geſchütze auffuhren und ſich dort aufſtellten.„Was bedeutet das, Herr Kammerjunker?“ fragte er ſeinen Begleiter. Dieſer ſah hinaus und war ſelbſt höchſt erſtaunt.„So pflegen die Geſchütze bei feierlichen Gelegenheiten aufgeſtellt zu werden, um eine Ehrenſalve zu geben.— Aber ich be⸗ greife gar nicht, wem das Alles heute gilt; es iſt auch eine von den plötzlichen, ganz außerordentlichen Veranſtaltungen, die überhaupt zu dem heutigen Feſte getroffen ſind und über ——— —— 79 deren Urſache ein Geheimniß ſchwebt, das nur der Ober⸗ marſchall zu kennen ſcheint.“ Thyßka mußte ſich damit begnügen, aber ſeine Er⸗ wartung wurde immer höher und höher aufgeregt. Der Saal war jetzt bald gefüllt. Manche der eintretenden Geſtalten fielen ihm beſonders auf, zumal die Feldoberſten. Er fragte ſeinen Begleiter nach ihnen, der ihm über Alle die vollſte Auskunft geben konnte und ſie oft noch vervoll⸗ ſtändigte über viele Perſonen, nach denen Thyßka nicht ge⸗ fragt hatte. Jetzt war der Saal ganz gefüllt. Die achte Stunde war vorüber. Da öffneten ſich beide Flügel der Thür, auf welche Aller Blicke gerichtet waren. Der Obermarſchall trat in höchſter Staatskleidung, den Degen an der Seite, den Hut in der Hand, ein. Hinter ihm folgten zwölf Pagen, gleichfalls unbedeckten Hauptes, indem ſie die kleinen Ba⸗ retts mit weißen Federn in der Hand trugen. Sie waren in ſpaniſcher Tracht; hellblaue Seidenmäntel mit Silber geſtickt wallten ihnen von der rechten Schulter; das Wams und die Beinkleider waren gleichfalls von blauem Atlas, an den Oberärmeln und Schenkeln geſchlitzt und mit weißer Seide bauſchig gefüllt. Hinter den Pagen folgten ſechs Kammerjunker. Der Zug beider, der Pagen und Kammer⸗ junker, theilte ſich, als er in den Saal trat, zur Rechten und Linken; ſie ſtellten ſich im Halbkreiſe auf. Ein Augen⸗ blick der tiefſten Stille trat ein; man erwartete jetzt den Herzog. Der Obermarſchall ſtand mit dem Geſicht gegen die offene Thür gewendet mitten im Saal. Plötzlich gab er ein Zeichen durch die Schwenkung ſeines Hutes, und im näm⸗ lichen Augenblick erſcholl von einer Galerie, die am obern Geſims des Saales hinlief, eine Fanfare von Hörnern und Trompeten. Thyßka, der dieſe Aufſtellung der Kunſttrompeter 80 in ihren ganz mit Gold geſtickten Prachtröcken über dem Ein⸗ gang, durch den er ſelbſt eingetreten war, bis dahin nicht bemerkt hatte, ſah erſtaunt hinauf, ja er erſchreckte faſt bei dem unvermutheten, ihm ſo nahe ans Ohr ſchmetternden Klang. Allein noch höher ſtieg ſein Staunen, ſodaß er wie erſtarrt, den Blick unverwandt auf die Thür geheftet ſtand, als er durch dieſe an der Seite des Herzogs Maximilian ſeinen eignen Herrn, den König Ferdinand eintreten ſah. Jedermann im ganzen Saale war ebenſo überraſcht von dem hohen Beſuch, den die Meiſten gar nicht kannten, als Thyßka. Das Staunen ſchlug aber in einen Ausbruch der höchſten Begeiſterung um, als der Herzog Maximilian, nachdem auf einen neuen Wink des Obermarſchalls die Trom⸗ petenklänge plötzlich verſtummt waren, gegen den Kreis der Verſammelten gewendet, das Wort nahm:„Ich bin heut auf das Höchſte geehrt und erfreut worden durch den über⸗ raſchenden Beſuch meines Jugendgenoſſen und innigſten Freundes, Sr. Majeſtät des Königs von Ungarn und Böhmen. Ihm, dem eifrigſten Beſchirmer unſerer heiligen Kirche zur Begrüßung ein Lebehoch! Vivat Ferdinandus!“ Einem Vulkanausbruch gleich erſcholl aus der tiefſten Stille, die im Saale geherrſcht hatte, mit mächtigem Klang dieſes Hoch; die Kanonen auf dem Vorplatz des Schloſſes wurden dazu gelöſt. Thyßka wußte nicht, ob er träume oder wache! Das Hoch entfloh ihm unwillkürlich, faſt bewußtlos. Da traf ſein ſtreifender Blick auf den des Hofkaplans, der ſich nach ihm umſah und ihm mit triumphirendem Lächeln zunickte. „Er hat darum gewußt, das iſt kein Zweifel“, dachte Thyßka; die Hindeutungen Klesheim's über den heutigen Abend, die er dieſen Morgen wenig beachtet hatte, fielen ihm wieder ein. Jetzt verſtand er ſie! Dennoch blieb ihm 81 Alles ein Geheimniß! Seine Sendung kam ihm in dieſem Augenblicke lächerlich, wie eine Verſpottung vor. Von die⸗ ſen Gedanken bewegt, ſtarrte er immer wieder auf die bei⸗ den Fürſten hin. Da gewahrte er auch Martiniz hinter denſelben im Saale; er mußte nach ihnen eingetreten ſein. Wie ein finſterer Schatten ſtand er im Hintergrunde an die Wand gelehnt. Seine Züge waren auch jetzt die unver⸗ änderten, in Erz gegoſſenen.„Hat er davon gewußt?“ fragte ſich Thyßka. Er konnte ſich weder Ja noch Nein dar⸗ auf antworten. Bis zu dem Augenblick, wo er mit ihm das Schloß betrat, ſchien der Obriſtburggraf nicht die mindeſte Kunde von der Ankunft ſeines Monarchen gehabt zu haben, allein ſeine Berufung zum Herzoge bewies, daß er von da ab ins Geheimniß gezogen war. Ob aber ſein Betragen zuvor Verſtellung geweſen? Thyßka war durch die Vermuthungen darüber, wie ſich der Vorgang geſtaltet hatte, ſo in Un⸗ ruhe geſetzt, daß das Ereigniß ſelbſt ihn kaum bewegte. Da klopfte von hinten her eine Hand auf ſeine Schulter. Er wandte ſich um und ſtand wie verſteinert. Es war Lamormain. „Wir haben Euch etwas überholt, lieber Pater Thyßka“ ſprach dieſer leiſe mit ſeinem in allen Farben der Ironie wechſelnden Lächeln,„in der Reiſe wie in den Geſchäften; es iſt Alles abgethan! Ja, wir ſind raſch geweſen! Ihr habt Euch etliche Tage zu lange in Ingolſtadt verweilt!“ Lamormain bewegte wohlgefällig nickend den Kopf, als zolle er ſich ſelbſt Beifall. Thyßka fand keine Worte; La⸗ mormain verſtand auch ohne dieſe und fuhr leiſe fort: „Beunruhigt Euch nicht deshalb. Die Ereigniſſe kamen anders, es mußte anders gehandelt werden. So waren wir am Ziel, ehe wir es ſelbſt dachten. Unſer Vortheil ſoll Euch keinen Nachtheil bringen. Auch der Wille bleibt des 4*** ——— Lohnes werth, und wir werden noch Vieles zu thun haben. Wir ſprechen uns morgen.“ Er nickte nochmals, drehte ſich raſch um und drängte ſich durch die Umſtehenden nach der Seite hin, wo der König ſtand. Thyßka blieb wie im Traume ſtehen. Achtes Capitel. In einem Gemach der Burggrafenwohnung auf der alten hochberühmten Veſte Karlsſtein ſaßen an einem alterthüm⸗ lichen Tiſche Thurn und Mansfeld einander gegenüber. Wer ſie noch vor wenigen Monden geſehen, hätte ſie kaum wiedererkannt. Sonnengebräunt, tiefe Narben auf den Wan⸗ gen, noch tiefere Furchen in der finſter gerunzelten Stirn. So hatten die ungeheuren Anſtrengungen des Geiſtes und des Körpers, die furchtbaren Stürme im Gemüth, die beiden Hel⸗ den in kurzem gealtert. Sorgenvoll ſah Thurn ſeinen Waffen⸗ gefährten an; unwillig heftete dieſer die Blicke zur Erde, indem er mit der eiſernen Degenſcheide müßige Figuren auf dem Eſtrich zeichnete. Die vor Beiden ſtehenden gefüllten Becher waren unberührt. „Beſinnt Euch eines Beſſern, Mansfeld“, ſprach Thurn endlich bittend.„Denkt nicht an Euch, nur an die Sache! Denkt an unſere Freundſchaft, und thut mir etwas zu Liebe.“ Mansfeld ſtieß den Degen ſammt der Scheide finſter auf den Boden und ſchüttelte den Kopf. „Denkt doch“, hub Thurn wieder an,„daß es mir ebenſo ergangen iſt, wie Euch, daß...“ — — „Halt Thurn!“ fiel ihm Mansfeld ins Wort.„Das dürft Ihr nicht ſagen! Ihr habt Eure Hoffnungen auf⸗ geben müſſen, nicht die Ehre in die Schanze geſchlagen wie ich! Ihr ſeid in freier Willkür von Wien abgezogen, da die Macht noch in Euren Händen war. Ich bin mit Schimpf und Schande aus dem Felde geſchlagen!“ „Mansfeld! Mit Schimpf und Schande? Mit Ruhm und Ehre!“ rief Thurn aus.„Tretet dort vor den Spiegel und ſeht Euer Antlitz! Seit wann bringen ſolche Narben auf offner Stirn Schande!“ „Ja ſo!“ lachte Graf Mansfeld bitter,„ich könnte Euch auch meinen Nacken und Rücken zeigen! Sie ſehen auch aus wie Sturzäcker!— Ich mußte ja Feld geben! Zum Teufel!“ „Mansfeld“, ſprach Thurn mit Wärme, indem er auf⸗ ſtand und dem Erbitterten die Hand auf die Schulter legte, „wenn einer von Euren Leuten ſo zu Euch käme aus der Schlacht, was würdet Ihr thun? Ihn mit Schimpf davon⸗ jagen oder ihm Eure goldne Kette hier umhängen?“ „Ein Anderes iſt's mit einem Reiter, ein Anderes mit einem Feldherrn! Als Reitersmann hätte ich die Kette ver⸗ dient, als Feldherr bin ich beſchimpft!“ „Die Directoren haben Euch ja die höchſte, ehrende An⸗ erkennung zukommen laſſen!“ „Hol ſie der Teufel! Sie ſind nicht die Welt und nicht die Kriegsgeſchichte! In der wird's heißen:„Bei Groß⸗ Lasken wurde der hochnaſige Mansfeld von dem groß⸗ mäuligen Boucquoi nach allen vier Winden in die Flucht geſchlagen und gab Ferſengeld ſo weit ihn ſeine Füße tragen wollten!“ Anerkennung! Warum haben ſie den Hohenlohe nicht vor ein Kriegsgericht geſtellt? Warum haben ſie ihn nicht zu allen Teufeln gejagt? Das hätte meinen Schand⸗ — 84 fleck wenigſtens halb abgewaſchen? Ganz— das bleibt unmöglich! Denn wer den Schaden hat, darf für den Spott nicht ſorgen! Jeder Scribent kann's verdrehen, und in heutigen ſchreibſüchtigen Zeiten, wo ſie jeden Wiſch drucken laſſen und Schandſchrift über Schandſchrift in die Welt ſchicken, kann ich es erleben, daß mein Name und meine Ehre von Lumpen auf Lumpen zerdroſchen werden, bis kein guter Fetzen mehr daran iſt. Gift und Hölle! Wenn ich ihn nur vor die Klinge haben könnte.“ Er faßte ingrimmig ſei⸗ nen Degen und ballte die Hand am Griffe feſt. „Mansfeld“, ſprach Thurn mit ernſt eindringlichem Tone, nein Feldherr wie Ihr wollte öffentliche Angelegenheiten auf ſolche Art ausgleichen? Nimmermehr!“ „Es iſt freilich ein ſchlechter Ruhm, zum Raufbold und Klopffechter zu werden“, antwortete Mansfeld und rollte die Augen wild,„wer mich aber dahin gedrängt hat, daß ich mich wie ein verſprengter Reitknecht vom Schlachtfelde habe durchhauen und wie ein verlaufener Troßbube durch Nacht und Nebel ſchleichen müſſen, um nicht etwa am nächſten Baume aufgeknüpft zu werden, der kann mich auch ſo weit bringen, daß ich....“ „Nimmermehr!“ fiel ihm Thurn ins Wort;„Ihr ſeid ſo toller Streiche nicht fähig, nur die Zunge geht mit Euch durch. Ihr wißt zu gut, daß alle Ordnung und Zucht, aller Reſpect vorbei wäre, und daß ſelbſt die Directoren Euch nicht im Commando halten könnten, wenn Ihr mit ſolchem Beiſpiel voranginget, daß ein Obercommandeur das Schwert gegen den andern zöge— Ihr habt ja Eure Genugthuung....“ „Den Teufel habe ich!“ rief Mansfeld und ſprang auf, „den Wiſch der Directoren werfe ich ihnen vor die Füße! Thurn, ich begreife Euch nicht! Den ganzen Krieg haben ——————— 85 ſie verhunzt— wir wären heut Meiſter und Sieger überall, gäben in Wien und Prag Geſetze, wenn der nichtswürdige Streich nicht paſſirt wäre! Und Ihr wollt das Commando beibehalten? Wollt unter den dreißig Perücken ſtehen und Euch um Ruhm und Ehre von ihnen bringen laſſen? Es darauf ankommen laſſen, daß Ihr nochmals angeſichts des Sieges umkehren und dem Feind den Rücken weiſen müßt?“ „Glaubt Ihr denn nicht, Mansfeld, daß mir's nicht bis ins innerſte Mark gegangen iſt, vor den Thoren Wiens, das ſchon halb in meiner Hand war, umkehren zu müſſen? Ich hätte vor Ingrimm und Schmerz Blut weinen mögen! Aber ich gehorchte, denn es mußte ſein. Nicht die Männer ſind ſchlecht, die Verhältniſſe ſind unglücklich!“ „Hol's der Teufel! Der Mann macht ſich die Verhält⸗ niſſe!“ fuhr Mansfeld auf.„Federfuchſer ſind ſie, Schul⸗ meiſter, Zungendreſcher! Die paar ordentlichen Leute unter ihnen haben ſich in den Sattel geſetzt und daher regieren Die, die auf den Großvaterſtühlen ſitzen, allein! Warum habt Ihr umkehren müſſen? Weil ſie die Hoſen voll hatten! Ich hätte ihnen Prag gedeckt und den Magen warm ge⸗ halten! Den......!“ Er ſpuckte aus.„Aber ich verlangte, ſie ſollten die Bauern bewaffnen, die Edelleute ſollten ſelbſt vom Leder ziehen, jeder dreißig Reiſige ſtellen— damit hätte ich Boucquoi drei Monate die Hölle heiß gemacht, ihn vielleicht wieder über Budweis hinausgeworfen, ſo gut wie er jetzt Kehrt macht. Aber da ſteckte es! Die Einen waren zu feig, ihre Eſelshaut zu Markte zu tragen, und die An⸗ dern wollten den Säckel nicht aufmachen! Kann der Soldat Erde freſſen? Wächſt ihm wie dem Bären ein Pelz über's Fell? Kann er ſich Helm und Harniſch aus ſeinem Schleim machen wie die Auſter? Regnet es Pulver und Blei? Muß nicht jeder Quark gekauft werden?— Und wenn ich brandſchatze, weil meine Leute hungern und frieren und nicht mehr drei Patronen haben, ſo ſchreien ſie Feuer und Mord und wollen mich als Marodeur aufhängen! Das ſind Eure Directoren, Eure Stände, Eure böhmiſchen Herren und Edelleute! Krieg wollen ſie führen! Dem Kaiſer über die Naſe fahren, als wäre er ihr Stallknecht! König und Herrn zum Land hinauswerfen— aber Geld ſoll' nicht koſten, und wenn man ihnen zehn Batzen abfordert, ſo ſchreien ſie als würde ihnen das Fell vom Leibe gezogen!— Nein, Thurn! Ich kann unter ſolchem Regiment nicht mit Ehren dienen! Ich wollte nur Euch nicht im Stiche laſſen, ſonſt hätte ich ihnen ſchon vor zwei Monaten den Stuhl vor die Thür geſetzt!— Nun aber wird mir's zu arg! Dem Hohen⸗ lohe, der aus Tücke gegen mich, oder weil er ſich nicht aus dem warmen Neſte rühren wollte, die ganze Suppe einge⸗ brockt hat, dem geben ſie ſchöne Worte und gehen ihm um den Bart— und uns machen ſie das Leben ſauer, um jeden böhmiſchen Groſchen, den wir brauchen?— Nichts da!— Jetzt ſeid Ihr da, die Leute ſind beiſammen— Boucquoi zieht die Pfote ſacht vom Feuer— Prag iſt vor⸗ läufig ſicher.... nun marſchire ich ab. Ich wollte nicht als Hundsfott gehen, da ihnen das Meſſer an der Kehle ſaß, ich mag aber auch nicht als Hundsfott bleiben!— Gebt mir Eure Hand und— lebt wohl!“ Thurn nahm die Hand nicht, ſondern legte ſeine beiden auf des wilden Kriegsgefährten Schultern und ſprach, in⸗ dem er ihm unverwandt in die trotzigen Augen ſah, mit innigſtem Tone: „Mansfeld! Geht nicht! Nur noch acht Tage!— Die vielköpfige Herrſchaft der Dreißig iſt ein Uebelſtand— aber ſie ließ ſich nicht vermeiden! Nur noch etliche Wochen, und ſie hat ein Ende! Binnen heut und drei Wochen iſt die * Wahl getroffen— und Böhmen hat einen König, ein Haupt und ein Herz, dem es vertrauen kann, und das Haupt der Hydra ſtirbt hin!“ „Ihr redet ſchön, Thurn— aber ich glaub's noch nicht! Sie werden auch über die Wahl nicht einig werden! Der Pfuhl iſt auch voll fauler Fiſche! Ich weiß Manchen, der noch immer hofft, ſelbſt den ſchönen Brocken wegzuſchnappen. Darum machen ſie die Andern verwirrt. Leiten ſie auf Fürſten hin, mit denen es nimmermehr Ernſt werden kann. Auf den Söffel, den ſächſiſchen Jörgen, der halb unter einer Decke mit Oeſterreich ſteckt, und aus lutheriſchem Haß gegen Calviniſten und Utraquiſten Euch alleſammt lieber dem Papſt oder meinethalben dem Antichriſten ſelbſt überlieferte, ehe er Euch glauben ließe, was Ihr glaubt, und betete, was Ihr betet!“ „Es iſt kein Gedanke an den Kurfürſten von Sachſen“, antwortete Thurn ernſt,„das betheure ich Euch, Mansfeld.“ „Das weiß ich! Und ebendeswegen iſt es eine faule Finte, daß ſie immer noch auf ihn zurückkommen! Ebenſo auf den König von Dänemark. Als ob er von der Oſt⸗ und Nordſee her eine Brücke nach Böhmen bauen könnte.“ „Ihr ſelbſt habt doch, verzeiht mir, daß ich Euch das einwerfe“, entgegnete Thurn,„den Herzog von Savoyen in Vorſchlag gebracht und warm empfohlen, und Sa⸗ voyen iſt noch weiter als Dänemark..... 9 „Schon recht! Aber ich weiß, daß der Herzog ange⸗ nommen hätte, weil ihm Böhmen wichtiger war; nicht ſo der König Friedrich, dem Dänemark mehr gelten muß. Ich habe Euch den Herzog angerathen, weil ich ihn kenne, weil er ein Mann iſt, auf den man bauen kann!“ „Er iſt ein Katholik!“ „Aber er läßt Jedem ſeinen Glauben und hätte ſich zu 88 Allem verpflichtet und ſeine Verpflichtung treu gehalten. Das weiß ich, darum habe ich ihn empfohlen, und würde ihn noch empfehlen— wenn's mich noch weiter kümmerte!“ „Mansfeld! Ergebt Euch! Es ſoll Euch noch weiter kümmern, wer Böhmens Krone trägt. Es wird bald ent⸗ ſchieden ſein! Kurfürſt Friedrich....“ „Und weiß ich“, fiel Mansfeld heftig ein,„was ich von dem denken ſoll? Wird es Ernſt mit ihm werden? Drei Monate ſchleichen die Unterhandlungen hin und Keiner weiß, ob er Ja oder Nein ſagt! Wird er am Narrenſeil geführt oder führt er Euch? Will er oder will er nicht, wollt Ihr ihn oder wollt Ihr ihn nicht! Der Satan mag daraus klug werden!“ „Wir wollen ihn und er will! Mein Wort darauf!“ rief Thurn zuverſichtlich.„Zwiſchen hier und drei Wochen iſt er gewählt! Dann ſchimmert Böhmens Glück und Friedensſtern aufs neue!“ „Von ſeiner Krone? Hm! Meint Ihr— möglich! Will's wünſchen! Ich kenne ihn nicht ſelbſt. Aber der Bart ſoll ihm noch wachſen, und nach Allem, was man ſo hört, iſt er kein Eiſenfreſſer!“ „Das braucht er auch nicht zu ſein, Mansfeld“, er⸗ widerte Thurn ruhig auf den geringſchätzigen Ton des letz⸗ tern, der mürriſch mit verſchränkten Armen daſtand, aber doch wie Jemand, der überlegt. Thurn ſchöpfte Hoffnung. Er wollte ihn eben wieder herzlich anreden, als Mansfeld, der noch mit den Gedanken bei ſeinen letzten Worten verweilte, herausfuhr: „Ja, das müßte er ſein! Ein Mann, der Eiſen bricht. Der Euren Waſchlappen und Windfahnen den Garaus macht und die Widerhaarigen zu Paaren treibt! Ein Eiſen⸗ freſſer beſſer doch als ein Milchbart! Ein Weiberſcherwenzel!“ 89 „Mansfeld, Ihr verſpottet ihn und kennt ihn nicht“, ſagte Thurn mit mildem Vorwurf.„Wenn er ſanft und wohlwollend iſt, ſo wird er Böhmens Wohlthäter ſein! Wo es gilt Eiſen zu brechen, da haben wir andere Männer! Ihr bleibt, Mansfeld!“ Dieſer ließ Thurn jetzt die Hand, welche derſelbe bei dieſen Worten jetzt herzlich ergriffen hatte, doch fuhr er, obwol Thurn's Rede ihm ſchmeichelte, mürriſch fort. „Ja, er wird Euch die Kroaten aus dem Lande lächeln, und die Spanier und Italiener und Ungarn, und was Euch Euer liebreicher König Ferdinand....“ „Er iſt's nicht mehr“, warf Thurn aufgeregt dazwiſchen; doch Mansfeld fuhr fort: „Und was Euch Euer liebreicher König Ferdinand ſonſt für liebe Leute ins Land führt! Er klopft ſie mit dem Fächer ſeiner Frau auf die Finger und— weg ſind ſie! Und wenn ſich die Parteien im Lande mit den Zähnen anflet⸗ ſchen und einander zerreißen wollen, wird er mit dem Fin⸗ ger drohen und rufen:«Still, Kinderchen!“ Und dann iſt Alles gut! Sie vertragen ſich wie die Lämmer unter dem neuen Hirten!“ „Und wir fallen wie die Wölfe in den Feind ein, der unſern Frieden ſtört!“ rief Thurn.„Dafür gerade ſeid Ihr nothwendig, Mansfeld, dafür ſind wir da! Ihr bleibt, Alter! Ich ſeh's Euch an! Erſt jetzt gibt's Arbeit für uns, Arbeit mit Lohn, bis jetzt ohne Lohn!“ „Das weiß der Teufel!“ rief Mansfeld aus und ſtampfte. mit dem Fuße. „Nun, Ihr bleibt! Bleibt mit mir!“ Mansfeld ſtand unſchlüſſig. Es hatte ſchon zwei mal an die Thür gepocht. Thurn drang immer noch in ihn.„Man ſtört uns! Aber ich 90 rufe nicht Herein, bis Ihr mir noch drei Wochen verſprochen habt; Euren Handſchlag darauf!“ „Meinethalben denn! Drei Wochen will ich noch zum Fenſter hinauswerfen Euch zu Liebe, Thurn. Wenn Ihr aber dann nicht einig ſeid, ſo hält mich der Teufel nicht eine Stunde hier. Und ſeid Ihr's— ſo will ich abwarten wie der neue Beſen kehrt!— Nun ruft ins Teufels Namen Herein!»“ „Er ſprach das Wort aber ſelbſt ſo laut, daß die Thür ſich öffnete; doch Thurn hatte ihn in ſeiner Freude ſo feſt umarmt und drückte ihn ans Herz, daß Keiner von Beiden ſah wer eintrat. „Nun, laß mich am Leben, wenn ich bleiben ſoll, und erwürge mich nicht, alter Kerl, es iſt ja nun abgemacht“, ſagte Mansfeld mit rauher Stimme, in der er ſeine Be⸗ wegung verbergen wollte, und wand ſich aus ſeinem Arme. Als er ſich abwandte, ſtand Xaver im Zimmer! „Junge!“ rief er,„bei allen Heiligen! Du biſt's! Komm her! Dabei faßte er ihn mit beiden Händen an den Schultern, ſchüttelte und rüttelte ihn, zog ihn an ſich und küßte ihn kräftig. „Grüß dich Gott! Da biſt du ja! Ganz und lebendig! Leider zuſammengeflickt wie ich ſelber! Der Wind wehte ſcharf, als wir Abſchied voneinander nahmen oder vielmehr nicht nahmen, denn der Sturm jagte uns auseinander!“ „Mein General!“ brachte Xaver endlich, ganz überwäl⸗ tigt von erhebender Freude und Ehrfurcht, über die Lippen. „Da, trink einmal mit mir!“ rief Mansfeld.„Unſer Willkommen!“ Er ergriff ſeinen eigenen Becher, reichte ihn kaver und faßte den Thurn's. „Verzeiht, Thurn“, wandte er ſich zu dieſem, indem er mit Taver anſtieß.„Aber der Junge hat ſich brav an mich 91 gehalten, und wir ſehen uns zum erſten male ſeit dem ver⸗ fluchten Tage von Groß⸗Lasken!“ „Ich konnte ihn Euch noch nicht ſchicken, Mansfeld“, antwortete Thurn,„ich brauchte ihn zu nöthig, und wir ſtanden bisher auch noch zu weit auseinander, um ſichere Verbindung zu haben.“ „Glaub's ſchon! Man kann ihn brauchen! Das Herz lacht mir alle mal im Leibe“, fuhr er fort, nachdem er noch⸗ mals Xaver von Kopf bis zu Fuß angeſehen und mit ſpä⸗ henden Blicken beſonders auf ſeinen Narben verweilt hatte, „wenn ich einen braven Kerl, von dem ich dachte, der Teufel hätte ihn geholt im Pulverdampf, geſund und friſch wiederſehe! Ihr ſeid's doch, Nechodom?“ „Dank ſei es dem Schutz des Himmels, ich bin wohl⸗ auf und bei Kräften, mein General“, antwortete Xaver mit leuchtenden Augen. „Du mußt mir erzählen, wie dir's gegangen iſt, ſeit uns Boucquoi's Dragoner ſo teufelmäßig in die Flanke fuhren!— Du haſt dich wol hart durchſchlagen müſſen wie ich auch? Ich weiß von Thurn nur ſo im Ganzen von deinen Abenteuern! Aber ich muß Alles genau er⸗ fahren!“ „Wir wollen nachher wie gute Zeltkameraden beim Be⸗ cher miteinander plaudern“, ſagte Thurn.„Zetzt berichte, was du Neues bringſt aus Prag!“ „Die Herren laſſen Euch Alle beſtens grüßen—“ Mansfeld warf den Kopf empor und machte eine ge⸗ ringſchätzige Miene. „Es ſteht gut! Längſtens übermorgen müſſe die Wahl entſchieden ſein!“ „Warſt du beim alten Caplicz?“ fragte Thurn. 92 „Gewiß! Der ehrwürdige Herr iſt rüſtig für ſeine Jahre und unabläſſig thätig.“— „Das iſt ein braves altes Haus!“ ſprach Mansfeld herzlich,„wenn ſie Alle wären wie der, der hat's Sprich⸗ wort nicht verlernt:«Ehrlich währt am längſten!“— Aber die Andern!“ „Dieſen Brief bringe ich Euch von Olbramowitz!“ kaver überreichte Thurn ein Schreiben, das viele Papiere in ſich zu ſchließen ſchien. Während der Graf las, zog Mansfeld Xaver auf den Seſſel am Tiſch nieder und ließ ſich ſeine Begegniſſe genau erzählen, von denen er nur all⸗ gemeine Kenntniß hatte. Thurn las indeſſen aufmerkſam, was ihm Olbramowitz geſendet hatte. Es waren außer den wichtigſten Nachrichten über die letzten Vorgänge auch mehrere Actenſtücke. „Nun, Mansfeld“, begann er, nachdem er geleſen,„die Berichte lauten ja gut und ich hoffe, Ihr werdet zufrieden ſein.“ „Wenn's nur mehr als Worte wären! Sie mögen ſchön klingen, aber Thaten wären mir lieber. Indeß laßt hören!“ Thurn las aus Olbramowitz⸗ Brief: „Gott ſei Dank, wir rücken vorwärts!“ „Es iſt auch hohe Zeit“, ſagte Mansfeld vor ſich hin. „Endlich haben wir ſie dahin, daß am Donnerstag den 27. Auguſt die Schlußwahl vorgenommen wird. Gebe Gott, daß ſie mit großer M P „Habt Ihr gehört, Mansfeld?“ 93 „Ja, ja, ich habe“, antwortete dieſer und ein ſpötti⸗ ſches Lächeln zog ſich um ſeinen Mund;„ich habe daraus gehört, daß die Sache noch einen Haken hat! Nur weiter!“ „Bearbeitet ſind ſie genug, und ich denke, wir werden mit Glanz durchdringen. So weit haben Harrant, Bu⸗ dowecz, Schlick und unſere andern Freunde es nun auch gebracht, daß unſer Manifeſt gegen Ferdinand in alle Welt geſandt wird. Eben hat der Druck begonnen, und ich ſchicke Euch das Probeblatt, das mir der Stadtſchreiber Diewiß mitgetheilt hat!“ „Liegt es dabei? Zeigt doch“, unterbrach Mansfeld. „Sogleich! Hört erſt den Brief zu Ende, es iſt noch viel Wichtiges darin“, antwortete Thurn und las weiter: „König Ferdinand iſt von Wien abgereiſt. Er geht nach München. Der Entſchluß iſt ganz plötzlich gefaßt worden. Er will ſich dort der Stimme des Herzogs Ma⸗ rimilian zur Kaiſerwahl ganz feſt verſichern, und dann nach Frankfurt ſelbſt abgehen. Nach den Berichten, die ich von dem Haushofmeiſter......“ hier ſtockte Thurn einen Augenblick und las dann weiter,„.... habe, muß man in München ſelbſt noch nichts Feſtes wiſſen. Es geht dort das Gerücht..... 4 „Erlaubt, Thurn“, unterbrach ihn Mansfeld aber⸗ mals.„Von wem iſt das aus München berichtet? Von weſſen Haushofmeiſter?“ „Ich hätte es eigentlich verſchweigen ſollen“, antwor⸗ tete Thurn,„aber ich habe es in der Uebereilung ſo heraus⸗ geleſen. Olbramowitz, der überall Ohren und Augen hat, die für ihn lauſchen und ſpähen, hat auch in München ſeine Verbindungen. Ihr wißt, daß Martiniz dort, ſeit er nach dem Fenſterſprung dahin flüchtete, der Hauptbetreiber aller Angelegenheiten des Königs Ferdinand iſt. Er iſt auch jetzt 94 wieder ſeit mehrern Monaten dort, und ſein Haushofmeiſter, ein alter Piccarde, iſt Olbramowitz' guter Freund, und hat ihm ſchon manche wichtige Nachricht mitgetheilt.“ „Ich verſtünde ſolche Waffen nicht zu führen. Das iſt die Jeſuitenkriegskunſt!“ ſagte Mansfeld und ſchüttelte den Kopf.„Aber freilich man muß wol! Treibt der Feind Minen, ſo muß man Contreminen haben— ich meines⸗ theils verſtehe mich nicht allzu gut auf ſolchen Maulwurfs⸗ krieg. Ueber der Erde und unterm Himmel, da ſtehe ich meinen Mann. Aber leſ't weiter Thurn, was gibt's noch mehr?“. „Es geht alſo dort in München“, knüpfte Thurn wieder an,„das Gerücht, es ſei zwiſchen dem Herzog von Baiern und dem König von Ungarn ein Tractat heimlich abge⸗ ſchloſſen. Weß Inhalts weiß noch Niemand. Aber muth⸗ maßlich zur Durchſetzung der Wahl König Ferdinand's zum Kaiſer!“ „Ich kann mir denken“, rief Mansfeld lachend aus, „daß Herzog Maximilian ſich keinen ſchlechten Kuppelpelz ausbedungen hat für dieſe neue Habsburgiſche Heirath mit dem Heiligen Römiſchen Reiche! Auch aus weſſen Fell er gegerbt werden und wer die Haare dafür laſſen ſoll, kann ich ſo ungefähr vermuthen!— Wir wollen's aber abwarten!“ Er ſchlug bei den letzten Worten mit der linken Hand auf ſeinen Degen, daß es klirrte. „Unſere drei Abgeſandte nach Frankfurt“, lautete Ol⸗ bramowitz' Brief weiter,„haben von Marburg aus an den Kurfürſten von Mainz geſchrieben und Einlaß in die Wahlſtadt Frankfurt begehrt. Er hat ſie an das geſammte Kurfürſtencollegium gewieſen, weil ihre In⸗ ſtruction an dieſes lautet, doch das hat nicht geant⸗ wortet.... 95 „Hübſch, hübſch!“ murmelte Mansfeld. „Vielmehr durch die That geantwortet, da es den Kö⸗ nig von Ungarn zur Wahlausübung zuzulaſſen beſchloſſen hat, für Böhmen, das ihm nicht mehr gehört! Wäre unſer Manifeſt, das aus ſo unwiderlegbaren Gründen Ferdinand des Throns verluſtig erklärt, vier Wochen früher erlaſſen worden, es ſtünde wol anders! Doch das ſind Ge⸗ ſpenſter; wenn wir nur ſonſt die Augen offen halten. In Folge der Zurückweiſung haben unſere Legaten zu Hanau durch einen Advocaten einen Proteſt gegen die Gültigkeit der Theilnahme Ferdinand's an der Kaiſerwahl aufnehmen laſſen!“ „Proteſt eines Federfuchſers“, warf Mansfeld verächt⸗ lich hin,„das wird etwas helfen! Mit der eiſernen Feder proteſtiren wirkt beſſer!“ „Das iſt darum nicht ausgeſchloſſen“, ſagte Thurn und las weiter: „Aus Siebenbürgen lauten die Nachrichten beſſer. Jeſſenius ſchreibt uns, daß Bethlen Gabor ſich endlich entſchloſſen hat, es ganz mit uns zu halten. Er will mit 60000 Mann in Ungarn einrücken, Presburg nehmen, und dann nach Wien ſelbſt vorgehen. Allein er verlangt, daß auch aus Böhmen ein Herr dahin rücke!“ „Nun Thurn!“ rief Mansfeld laut und ſprang mit leuchtenden Augen auf.„Jetzt laßt Euch die Kirſchen nicht zum zweiten male vorm Maule wegſchießen. Wenn nur da drinnen— er deutete nach der Gegend von Prag— erſt Ordnung und Einheit iſt!— Wir halten zuſammen, ſchmeißen Boucquoi aus Budweis hinaus, daß ihm Hören und Sehen vergeht! Ich rücke auf Linz und Ihr auf Wien! Vor Sommers Ende müſſen wir da ſein! Wenn Ihr mit Bethlen Gabor zuſammentrefft und nicht eine Breſche in 96 die Wälle legt, daß der Stephansthurm durchmarſchiren kann, ſo müßte es mit dem Teufel zugehen.— Es geht eine neue Sonne auf!— Topp! Nochmals! Ich bleibe! Aber laßt uns bald an die Arbeit!—— Was ſchreibt Olbramowitz ſonſt noch?“ „Nichts Erhebliches. Nur daß er uns dringend auf⸗ fordert, am ſechsundzwanzigſten und ſiebenundzwanzigſten ſpä⸗ teſtens ſelbſt nach Prag zu kommen, und Freunde für die Wahl zu werben, ſo viel wir vermögen!“ „Ich komme!“ „Ich gewiß“, Renderte hnrn„Im Lager iſt vor⸗ läufig nichts zu beſorgen. Boucquoi hat genug mit ſich ſelbſt zu thun, und auf meine Oberſten kann ich mich verlaſſen!“ „Ich auch, das will ich meinen!“ antwortete Mans⸗ feld.„Wir gehen alſo zuſammen nach Prag. Den ſechs⸗ undzwanzigſten? Das wäre heut über acht Tage!“ „Ja. Aber beſſer wäre es, wir gingen ſchon mor⸗ gen!“— „Ich bin dabei. Ich bin kein Freund vom Zaudern! Wer nicht will, wenn er kann, kann nicht, wenn er will, iſt mein alter Satz, und ich habe oft genug die Wahrheit davon zu meinem und Anderer Schaden er⸗ fahren.— Hier, meine Hand darauf!“ „So habe ich Euch denn wieder!“ rief Thurn mit Wärme und ſchüttelte ihm die Hand herzlich.„Mansfeld! bleibt unſerer Sache getreu! Wenn auch finſtre Wolken darüber hinziehen!— Alſo wir reiten morgen! Nun aber laßt uns auch heut leben!— Ihr bleibt über Nacht hier!— Kommt herüber zu den Frauen. Sie werden Alle froh ſein, nach dieſen langen Zeiten voll Getümmel, Angſt und Sorge einmal einen glücklichen Abend mit uns zuzu⸗ bringen.“ 97 „Gut! So ſoll uns denn auch einmal ein froher Tag erquicken!“ rief Mansfeld freudig aus. „Kommt, Geſell!“ wandte er ſich zu kaver, der bis dahin beſcheiden bei Seite geſtanden hatte, und zog ihn am Arme fort;„ich kann mir denken, daß Eure brave Frau Liebſte auch hier iſt!— Ich habe keine— dafür habe ich ſie alle!“ ſetzte er lachend hinzu, und alle Drei gingen mit neu erfriſchten hoffenden Herzen hinüber zu den Frauen.— Ueuntes Capitel. Dieſe hatten jetzt ihr)e Wohnung in einem der Haupt⸗ gebäude der Veſte, im Kaiſerthum, in den hohen Gemächern ſelbſt, welche einſt der Erbauer der Burg, Kaiſer Karl bewohnt hatte. Sie würden dieſe mit Ehrfurcht betrach⸗ teten, ja gewiſſermaßen heilig gehaltenen Räume nicht zu ihrem Aufenthalte gewählt haben, wenn die Burg andere dargeboten hätte. Allein da wegen der kriegsunruhigen Zeiten die Beſatzung der Veſte hatte verſtärkt werden müſſen, da Otto von Loß, der Unterburggraf, jetzt ſelbſt dauernd dort wohnte, waren die inneren Räume ſehr be⸗ ſchränkt, und Thurn hatte es bei den Statthaltern leicht erwirkt, daß man ihm, welcher eigentlich mit vollem Recht Obriſtburggraf der Veſte war, für die Seinigen jene kaiſerlichen Gemächer eingeräumt hatte, die ohnehin ſeit langer, langer Zeit nicht mehr bewohnt wurden. Der Sturm der Zeiten hatte auch dieſen mächtigen Bau, und Rellſtab, Drei Jahre. III. 1. 5 ſeine tiefgewurzelten Einrichtungen ſchon gelockert, ſodaß die alte Strenge in der Heilighaltung der Gebräuche, die von dem Erbauer eingeführt war, ſchon ſeit undenklicher Zeit nicht mehr geübt wurde.— Heil Dem, welchem in ſo ſturmvollen Zeiten bei ſo wetterſchwerem Himmel auch einmal ein lichter Tag ſich über dem Haupt wölbt, wo ein reines Friedensblau auf die Erde niederſchaut und das Bewußtſein neu erweckt, das jenſeit der ſchwarzen Sturmgewölke, hoch über ihnen, der ewig reine Aether lächelt! Und doppelt Heil Dem, der noch die friſche Kraft der Seele beſitzt, an ſolchen Gnadentagen frei aufzuathmen, und das ſorgenvolle Geſtern wie das drohende Morgen zu vergeſſen! Nicht Alle, die jetzt in dem kleinen Burgbezirk der Veſte Karlsſtein ſich des beſeligenden Friedenstages erfreuten, be⸗ ſaßen dieſe Kraft. Nur der ſturmgehärtete Mansfeld, kaver's Fülle der Kraft und Jugend, und Thekla's ahnungs⸗ loſe Knospe, die ſich bis jetzt nur in dem milden Strahl friedlichen Glaubens und Vertrauens geöffnet hatte. Der Sturm rauſchte machtlos an ihr vorüber, wie er mit dem zarten Blatt nur ſpielt, ſeine Gewalt nur aus der Macht des Widerſtandes gewinnt, das Rohr wiegt, die Eiche bricht. In Eliſabeth von Thurn's ſorgenſchweres Herz war ſeit jenen erſten Tagen offenen Kampfes der reine Licht⸗ ſtrahl des Friedens und der Hoffnung nie wiedergekehrt; ſelbſt auf den Gipfeln des Glückes und Erfolges ſah ſie ſtets die ſchreckende Tiefe des möglichen jähen Wechſels vor ſich. Durch Thereſens ahnungsvolle Bruſt zogen fort⸗ dauernd Gewölke. Sie ſah ſonnenhelle Lebensſtreifen und finſtre Wolkenſchatten auf dem Pfade der Zukunft wechſeln; doch am äußerſten Horizont lagerte es ſich ihrem Blick 99 nächtlich und blutig geſtreift. Dennoch nahm ſie in ihrem feſten Sinne jede Wohlthat des Augenblicks dankbar hin, und ihre Hoffnungen richteten ſich über das Irdiſche hinaus. Sah ſie am Rande der Erde Dunkel und blutiges Grauen, ſo wußte ſie das unvergängliche Jenſeit vom ewig klaren Sternenhimmel überwölbt, und dorthin legte ſie das letzte muthaufrichtende Ziel ihres Hoffens und Glaubens. Die Kraft, welche ihr von dort her in die Bruſt ſtrömte, gab ihr die des Genuſſes heiterer, wenn auch flüchtiger Gegen⸗ wart, und die ruhige Feſtigkeit in den wildeſten Er⸗ ſchütterungen. Thurn endlich, der Letzte in dem trauten Kreiſe, welcher ſich hier verſammelt fand, zeigte eine helle, muthig aufge⸗ richtete Stirn; allein in der Tiefe der Bruſt war ihm die Sorge ſchwerer erwacht, als er wahrnehmen ließ. Das dunkle Bewußtſein der Reue über den leichten Sinn, mit dem er, ſich über Vieles ſelbſt täuſchend, das wagnißvolle Spiel begonnen, war es hauptſächlich, das ſeine felſige Kraft untergrub. Hätte er ſich mit vollem Vertrauen ſagen können, du mußteſt handeln wie du gehandelt haſt, ſo würde er auch mit vollem Vertrauen dem Ausgang ſeines Thuns entgegengeblickt haben. Er hätte das Schwerſte als eine Schickung hingenommen, deren verworrenes Räthſel er vielleicht nicht zu löſen vermocht hätte, wobei aber ſeine Bruſt völlig frei von dem Fels der Verantwortung ge⸗ blieben wäre, der auf ihr laſtete. So aber empfand er es täglich ſchwerer, wie ſehr er ſich auch darüber zu täuſchen ſuchte, daß Ruhe und Maß von ſeiner Seite ſeiner Sache die größere Würde unantaſtbarer Gerechtigkeit gegeben hätten, während ſein Vorwärtsdrängen dieſen ſicherſten Grundpfeiler durch die Wogen ſelbſtſüchtiger Leidenſchaft, die ſich mit in die Bahnen der Berechtigung drängten, tief 5 * unterhöhlt hatte. Er mußte ſich, wenn er ſich ernſt prüfte — und in drohender Stunde, wo die Geſchicke ſchwankten, entging er dieſer unbeſtechlichen Prüfung nicht— er mußte ſich ſagen: Du haſt dich des Unrechts deiner Gegner er⸗ freut, um das deinige, dein ehrgeiziges Wollen, dadurch zu rechtfertigen. Du haſt nicht die letzten Mittel erſchöpft, um auf ruhig geſetzlichen Wegen das Recht zu gewinnen, ſondern du haſt dem Gegner ſelbſt die Brücke der Erkenntniß und Verſöhnung abbrechen helfen, um die Bahn der Ge⸗ walt zur unvermeidlichen zu machen. Du würdeſt, als die Dinge auf der Spitze ſtanden, die Schlichtung auf den Wegen des Friedens ungern geſehen haben, weil ſie dein eigenes ehrgeiziges Vordringen gehemmt hätte! Du haſt die Zwietracht gewählt, wie ſehr du auch den Schein herbeizuführen bemüht warſt, daß du gewaltſam hineinge⸗ drängt werdeſt!— Dieſe Klarheit über ſich ſelbſt, die Thurn gewonnen, oder die ſich ihm unerbittlich aufgedrängt hatte, ließ ihn auch die Lage der Dinge klarer überblicken, als er es Anderen zugeben wollte. Er hatte Hoffnungen, ja, daß Alles ſich zum glücklichen Ausgang geſtalten werde, wenn diejenigen, denen die Thaten dafür oblagen, ihren Pflichten entſprachen. Allein er hatte wenig Hoffnung, daß dies geſchehen werde. Er ſah vielleicht noch ſchärfer als Mansfeld das Unheil der Verworrenheit in der Führung der Angelegenheiten des Landes. Den lockeren, äußeren, ſcheinbaren Zuſammenhang innerlich wahrhaft zerſpaltener Parteien, die gegenſeitige Misgunſt, die eigenſüchtigen Triebfedern, wodurch Vieles gelähmt wurde. Er hatte ge⸗ heime Scheu, noch mehr als Mansfeld, vor der Unſchlüſſig⸗ keit und dem leichten Sinn des Fürſten, dem Böhmen ſein Geſchick anvertrauen ſollte. Er erkannte ſogar das ſchwere und gefahrvolle Unrecht, das derſelbe auf ſich nahm, wenn 101 er als Fürſt des Reichs den Thron eines anderen Fürſten als willkommenes Erbe der Verhältniſſe in Anſpruch nähme! Er fühlte wie die Schwere und Gefahr dieſes Unrechts ſich verdopple, wenn Ferdinand das Ziel, wonach er mit unab⸗ leugbar kühner Beharrlichkeit mitten in den Verwirrungen und Erſchütterungen ſeiner eigenen Lande ſtrebte, die deutſche Kaiſerkrone, wirklich erreiche. Er erkannte aber auch zugleich, daß der ganze Kampf Böhmens ein vergeblicher, verlorner ſei, daß die furchtbarſte Nemeſis die Entzünder deſſelben heimſuchen werde, wenn dem großen, kühnen, politiſchen Schritte Ferdinand's nicht ein verwegener entgegengeſetzt werde. Darum drängte er mit allen ſeinen Kräften dahin, daß es endlich dazu komme, Einem die Gewalt der Herr⸗ ſchaft zuzuwenden, wenn auch dieſer Eine nicht in dem Maße das Vertrauen in Anſpruch nehmen konnte, wie es die Lage Böhmens forderte. Die zuſammendrängende Kraft eines Willens, dem ſich Alle beugten, war jedenfalls beſſer als die zerſplitternde des vielköpfigen Willens. Aus dieſer gerettet zu werden, aus dem Verderben zerſpaltender Rich⸗ tungen, aufreibender Zwiſte, auseinander fallender Kräfte ver⸗ worrener Anordnungen, war jetzt das Nothwendigſte für Böhmen. Ob es gelingen werde, durch die Wahl Fried⸗ rich's von der Pfalz und ſeine Annahme der Krone, darüber hegte freilich auch Thurn noch ſeine Zweifel, allein er ver⸗ barg ſie Anderen, und ſuchte ſie ſich ſelbſt zu verbergen, ſie zu vergeſſen, ſoviel als möglich, um nur vorerſt den tiefen Unterhöhlungen und Gefahren der gegenwärtigen Zuſtände zu entgehen. Deshalb war er auch ſo eifrig in Mansfeld gedrungen, die Sache Böhmens nicht zu verlaſſen, obwol er die Urſachen ſeines Zornes nur allzu gegründet fand; denn mit dieſer mächtigen Kriegesſtütze brach ein neuer Pfeiler des ſchwanken Baues zuſammen und der neue König Böhmens 102 fand den Boden, auf dem er ſeinen Thron errichten ſollte, noch unterhöhlter, als er ſchon jetzt war. Ob ſpäter die gute Zeit eintreten werde, die er Mansfeld weiſſagte und die dieſer mit freudiger Hoffnung im Bewußtſein ſeiner eignen Rüſtigkeit ergriff, darüber ſtieg freilich manches be⸗ unruhigende Gewölk in Thurn's Bruſt auf. Indeß auch er ermannte ſich, es heut zu verſcheuchen, und den einen Tag des Glücks und der Freude, der ihm in dem Beiſammenſein ſo vieler einander und ihm ſelbſt innig Angehörenden zu Theil wurde, als ein Gnadengeſchenk des Himmels dankbar zu empfangen, und es ſo warm und innig zu umfaſſen, als es ihm irgend möglich ſei. Er ging daher auf Mansfeld's Scherz über die Frauen, daß er keine, und dafür alle habe, munter ein, und ſagte im Hinübergehen zu den Wohngemächern der Frauen: „Die unſrigen wollen wir aber doch ausnehmen und für uns behalten Mansfeld, ſonſt möchte es zu den leidigen Welthändeln noch andere unter uns hier ſetzen; denn, was den Punkt der Eiferſucht anlangt, ſo glaube ich, daß unſer Hauptmann hier ſo empfindlich iſt wie irgend Einer!“ „Da wäre er ein großer Narr“, erwiderte Mansfeld lachend,„denn ich bin gewiß, er hat in dieſem Punkt weniger zu beſorgen als Einer auf der Welt. Schon im vorigen Jahr,— ja es wird ziemlich jährig ſein, als ich ſeine Ehehälfte bei Euch kennen lernte und neben ihr ſaß, da Eure Frau, Thurn, nichts für ungut, mir nicht ſo viel Vertrauen ſchenkte, um mich neben Eure Tochter zu ſetzen, ſchon damals mußte ich mir ſagen: Das iſt eine Feſtung, die ſich ſelbſt vertheidigt. Die kann man in die Luft ſprengen, aber nicht erobern.“) „Und er hat ſie doch erobert“ antwortete Thurn lachend, und ſchlug Xaver leicht auf die Achſel.—— 103 —— Die drei Frauen, Eliſabeth und Thekla, nebſt Thereſe, ſaßen in dem hohen geräumigen Gemach, wel⸗ ches der Vorſaal Kaiſer Karbs geweſen, mit weiblichen Handarbeiten beſchäftigt, einer Thür mit Glasſcheiben ge⸗ genüber, die nach einem Balcon hinausging, von welchem man den reizenden Ueberblick des Waldthals genoß, in deſſen Mitte die Burg auf einem kegelförmigen Berge lag, rings von ſtolzen, grünbewaldeten Höhen umgeben, deren Gipfel ſie ſelbſt meiſt überragten, die indeſſen doch durch die Einſenkungen und Thalſpaltungen auch manche maleriſche Fernſicht geſtatteten. Eliſabeth empfing Mansfeld mit der ihre igenen feinen, freundlichen Sitte, welche ſelbſt dieſem wilden Zögling des Kriegslagers einen unwillkürlichen Zügel anlegte, ſodaß er die rauhe Außenſeite nach Mög⸗ lichkeit glättete. „Wir haben unſere Friedenstractate abgeſchloſſen und alle Geſchäfte für heut abgethan“, redete er die Gräfin mit herzlicher Freundlichkeit an, indem er ihr die Hand küßte; „nun möchten wir gern der Muße froh werden. Werdet Ihr uns wilde Geſellen aber in Euren Gemächern dulden, Frau Gräfin?“ „Graf Mansfeld weiß die Wildheit abzulegen wie die Waffen“, antwortete ſie lächelnd und fügte die Bitte hinzu, daß er Degen und Hut weglege.— Er that beides.— Xaver und Thereſe, die einander ſchon begrüßt hatten, bevor er zu Thurn hinüberging, reichten ſich nur mit freundlichem Blick die Hände. 1 „Ja, wir haben die Arbeit hinter uns, auf einen Tag wenigſtens“, begann Thurn.„Morgen wird ſie uns ſchon wieder zu finden wiſſen. Aber in ſo arbeitvollen Zeiten wie die unſrigen muß man den Augenblick der Muße feſt⸗ halten und ihn ſoviel als möglich genießen. Der Soldat 104 auf dem Marſch hat auch nur kurze Ruheſtätten, aber er weiß ſie zu ſchätzen.“ Mansfeld hatte den Degen in die Ecke geſtellt und ſeinen Generalshut darüber aufgehängt. Er kehrte zu den Frauen zurück und ſah ſowol Thereſen als Thekla mit aufmerkſamen Blicken an:„Ein ganzes Jahr und dar⸗ über iſt es her, daß ich die jungen Frauen nicht geſehen habe; dennoch iſt mir's wie geſtern, ſo gut habe ich ſie im Gedächtniß behalten“, ſagte er in heiterem Ton.„Ich hätte ſie mitten im Walde erkannt. Und doch, Gräfin Thekla“, wandte er ſich zu dieſer,„Ihr ſeid Euch zum Erſtaunen gleichgeblieben, und habt Euch zum Erſtaunen verändert!— Ihr müßt Eure Freude haben, Thurn, an einer ſolchen Tochter!“ Thekla erröthete bei dem unverhohlenen, faſt derb heraus⸗ geſagten Lobſpruch des Kriegsmannes. Ihre Mutter nahm das Wort für ſie:„Unſere Freude iſt, daß ſie fromm und gut iſt, wie wir uns nur eine Tochter wünſchen können.“ „Wenn ſie ſo fromm iſt wie ſchön“, fuhr Mansfeld, der ſeine Eigenthümlichkeit nicht verleugnen konnte, heraus, „iſo muß ſie frömmer ſein als die Mutter Gottes. Und will mich die junge Gräfin von meinen Sünden abſolviren, ſo brauche ich keinen andern Beichtvater mehr.“ Mit dieſen Worten ergriff er ohne Umſtände mit ſeiner linken Hand ihre rechte, drückte ſie ihr kräftig und ſtreichelte ſie zugleich mit der rechten freundlich unters Kinn. Thekla ließ es lächelnd geſchehen und ſagte anmuthig:„Dieſe Sünde ſollte ich ſchon nicht vergeben, Herr Graf; Ihr maßt Euch Vaterrechte über mich an!“. „Wahrhaftig, die möchte ich beſitzen, und würde ſtolz darauf ſein“, rief er aus.„Der Wunſch iſt doch keine Sünde?“ 105 „Laßt die Sünde aus dem Spiele“, ſagte Thurn lächelnd dazwiſchen:„es trägt ein Jeder genug daran! Im Uebrigen glaube ich nicht, Mansféld, daß Ihr in Eurem Leben die Beichtväter allzu oft behelligt habt, und ſo wird's Euch auch wol jetzt nicht Noth darum thun!“ „Wer weiß, Thurn“, antwortete Mansfeld heiter, „wer ſchwerer in die Wagſchale zu legen hat, Ihr oder ich! Doch gebe ich Euch Recht, wir wollen das Sünden⸗ capitel mit Ja und Amen abſchließen. Trage Jeder was er kann! Meine Laſt mag nicht zu leicht ſein, aber ich habe auch ein paar kräftige Schultern!“— Indeſſen hatte er ſich Thereſen genähert und gab auch ihr herzlich die Hand.„Meines Hauptmanns Frau iſt mir auch etwas Subordination ſchuldig, und ich will Euch gleich einen Dienſt auflegen! Ihr ſollt mir mit Nechodom gemeinſchaft⸗ lich Alles ganz erzählen, was ich erſt halb weiß. Aber ich weiß genug um Euch zu ſagen, daß Ihr eine Frau ſeid, wie ich nicht eine zweite für einen meiner Hauptleute finden könnte! Mein Wort zum Pfande! Ich rede wie ich denke!“ Nach dieſen Worten nahm er ſie ohne Umſtände herzlich in den Arm und küßte ſie auf die Stirn und auf den Mund; Thereſe erwiderte den Kuß von Herzen. Ja, es durchglühte ſie ein Gefühl des Stolzes, von einem ſo berühmten Krieger ſo herzlich begrüßt zu werden. „Mir ſcheint, Ihr wollt Vaterſtelle am ganzen weib⸗ lichen Geſchlecht vertreten, Mansfeld“, ſagte Thurn lachend, „aber da muß ich doch für mein Haus einigen Einſpruch thun!— Doch bei Vater und Vaterſtelle! Wo iſt denn Wolodna? Er darf uns heut nicht fehlen, und unſer Hausherr und Hauswirth“— er meinte den Unterburg⸗ grafen Otto von Loß—„muß ebenfalls heut mitten unter uns ſein.“ 5** 106 „Der Vater iſt hinabgegangen, um für die Unterkunft der Leute und Pferde des Herrn Generals zu ſorgen“, ſagte Thereſe mit einem Blick auf Mansfeld.„Der Herr Burggraf“, ſetzte ſie hinzu,„iſt im Brunnenthurm, um das neu hergeſtellte Schöpfwerk zu prüfen.“ „Xaver geht wol hinunter ſie zu benachrichtigen!“ „Die Abendtafel iſt im Audienzſaal gedeckt“, rief die Gräfin dem ſchon Gehenden nach;„dort werden die Herren uns finden.“ „So laßt uns gleich hinübergehen“, antwortete Thurn. „Gern“, ſagte Eliſabeth und wandte ſich zu Mansfeld, um ſeinen Arm zu nehmen. Die zarte Geſtalt der feinen hohen Frau ging an der Seite des berühmten Kriegsmannes leicht dahin. Die Anderen folgten. Der alterthümliche Saal, ehemals der Empfangſaal Kaiſer Karl's, hatte hohe, helle Fenſter und gleichfalls eine bunte Flügelthür von Glasſcheiben, die auf einen Balcon hinausging, mit denen die alte Kaiſerwohnung ſo reich verſehen war, weil ihr Be⸗ wohner ein warmer Freund ſtiller Größe, Schönheit und Einſamkeit der Natur war. Gern weidete er ſein Auge an den grünen, hochbewaldeten Höhen, welche die Veſte rings wie eine zweite Veſte umſchloſſen, und an den tiefen reiz⸗ vollen Thälern, die den Ring dicht um das Schloß zogen. Einen ſolchen Blick bot auch dieſer Saal durch ſeine Fen⸗ ſter und vom Balcon herab dar. Die Sonne ſtand ſchon tief und gab dem Kranz der Gebirge rings umher die warme duftige Beleuchtung des Abends; die Waldabhänge, welche ihr Strahl traf, ſchim⸗ merten im goldigen Glanz. Wildes Weinlaub ſchlang ſich in vollen dichten Ranken um das nächſte Gemäuer; die Abendlüfte ſpielten leicht mit den Blättern. Die geſenkte 107 Sonne blitzte funkelnd zwiſchen den Thalöffnungen hin⸗ durch. „Ein herrlicher Lagerplatz“, ſprach Mansfeld zu Eliſa⸗ beth,„ich wünſchte, Gräfin, ich könnte Euch zu meinem Quartiermeiſter machen!“ „In der That ein ſchöner Abendſitz“, erwiderte ſie lächelnd und doch mit bewegtem Ton der Stimme, denn der Reiz der Landſchaft, verſchmolzen mit der Wehmuth des abendlichen Duftes, der ſich in der milderen Beleuchtung darüber hinhauchte, übte auf ihr jeder Gabe der Natur empfängliches Herz eine Gewalt, die ſich durch die weiche Stimmung, in welcher ſie ſich ſchon befand, noch verdoppelte. Die Plätze an der Tafel waren ſo geordnet, daß Alle des Blicks auf die Landſchaft genoſſen. Otto von Loß und Wolodna traten jetzt auch mit Xaver ein.. Nach wenigen Minuten ſaß der kleine Kreis der eng Verbundenen und Hoffenden, wenn auch nicht Glück⸗ lichen— denn wer war glücklich in dieſen ſchweren Tagen?— in behaglicher Weiſe beiſammen. Mansfeld war der Geſprächigſte, weil er der Sorgloſeſte war. Kämpfen und Wagen, den Anderen nur das mit Wider⸗ ſtreben erwählte Mittel, um zu ihren Lebenszielen zu ge⸗ langen, war ihm der Lebenszweck ſelbſt. Daher hatte er es am leichteſten in dieſen ſturmbewegten Zeiten! Nur unter ehrenhaften Verhältniſſen, das war die Bedingung ſeines Glücks, wollte er dieſen ſeinen Lebenszweck erfüllen. Dafür hatte Thurn ihm neue Hoffnungen angefacht, und ſo verſchmerzte er die vergangene Unbill, die er erlitten, warf ſie zu den vernarbten Wunden, die er auch längſt nicht mehr fühlte.— Seine zuverſichtliche Heiterkeit machte auch die Thurm's, welche dieſer ſich mehr erzwungen hatte, als daß ſie freiwillig bei ihm eingekehrt wäre, zu einer natür⸗ licheren, ſodaß er bald wirklich für den Augenblick die Sorge vergaß, die in ſeinem Innern wach blieb. Denn das eine Glück iſt des Menſchen allgemeines Erbtheil, daß er auf kurze Friſten ſelbſt das Unvergeßliche vergeſſen kann. Keine Kraft, keine Empfindung in ihm iſt ganz vertilgbar, keine ganz unvertilgbar; jede kann lange ſchlummern, und dann auf Augenblicke allein herrſchend erſcheinen. Heut er⸗ wachte die der Freude; Gram und Sorgen entſchlummerten, und ein Schleier legte ſich über ihr düſtres Reich. Selbſt Eliſabeth, deren Seele ſich am tiefſten in jenes nächtliche Dunkel verſenkte, und ſelten den Lichtblick der Hoffnung empfand, wurde von dem milden Flügel dieſer beglückenden Stunde emporgetragen. Nur eine Sehnſucht erwachte mit tiefer Innigkeit in ihrer Bruſt; es war das Mutterherz, das ſie empfand. „O wenn doch Heinrich heut unter uns wäre“, ſagte ſie mit einem ſanft leuchtenden Blick, der nur das Glück, welches die Erfüllung dieſes Wunſches ihr dargeboten haben würde, ausdrückte, nicht den Schmerz, daß er uner⸗ füllt blieb, und wandte das Auge erſt zu Thurn, dann zu Thekla. „Ihr habt einen braven Jungen“, nahm Mansfeld das Wort auf, und erhob ſeinen Becher gegen Thurn;„ich habe davon gehört, wie er ſich ſchon bei Czaslau geſchlagen hat.“ „Er hat auch den ſchönſten Lohn dafür erhalten“, ſagte Thekla mit glänzenden Augen. „Und welchen?“ fragte Mansfeld und ſah Thurn dabei erwartungsvoll an. „Eine Narbe gerad auf der Stirn. Sie ſteht ihm prächtig unter den blonden Locken und über dem blauen Auge“, antwortete Thella in ihrer Lebhaftigkeit. Mansfeld ſah ſie mit einem freudigen Blick an.„Alſo eine Narbe iſt ein ſo ſchöner Lohn? Nun, da habe ich auch manchen ſchönen Lohn empfangen, doch ich hätte mir zu⸗ weilen einen beſſeren gewünſcht!“ „Eine ſolche Narbe, eine erſte, iſt gewiß ein ſchöner Lohn, ein theures Andenken!“ beharrte Thekla mit gleicher Lebhaftigkeit. Thereſe, die wenig ſprach, aber Allem mit ihrer ver⸗ ſtändigen Aufmerkſamkeit folgte, ſah bei dieſen Worten Theklas dieſelbe mit dankbaren Augen an und wandte dann den Blick zu Xaver, der auch etwas von ſolchem Lohn auf⸗ zuweiſen hatte. Mansfeld ſagte ſehr heiter:„Ich hätte nicht gedacht, daß ſchöne Mädchen eine ſolche Leidenſchaft für Narben haben könnten! Bei allen Heiligen, das verheißt mir auch noch Glück in der Liebe trotz der grauen Haare, die ſich ſchon bei mir einſchmuggeln! Denn von dergleichen ver⸗ teufelt theuren Andenken habe ich wahrhaft eine kleine Sammlung. Leider denken nur nicht alle ſchöne Jungfrauen ſo wie Ihr, kleine Heldin! Ihr ſcheint wahrlich eine zweite Jungfrau von Orleans, Gräfin Thekla! Helm und Panzer und Schwert würden Euch nicht übel ſtehen! Ja, ich muß es rühmen, Böhmen hat Frauen, die es ſeinen Männern beinah zuvorthun!“ Er heftete ſein Auge auf Thereſen; ein leich⸗ tes Lächeln und Erröthen überflog ihre ſchönen Züge. „Es hat Männer, auf die ſeine Frauen ſtolz ſein dür⸗ fen“, ſagte ſie mit edler Erhebung, ohne jedoch einen der Anweſenden dabei anzuſehen. „Und Frauen, auf die ſeine Männer ſtolz ſein müſſen, ſonſt wollte ich ſie nicht des Teufels werth achten“, fiel Mansfeld ſogleich ein.„Sie ſollen leben!“ Er erhob ſeinen Becher und hielt ihn Thurn und der Reihe nach den —— 110 Anderen hin; die Frauen grüßten lächelnd.„Ihr habt da drei Edelſteine in Eurer Grafenkrone, die ich mir in mein Wappen wünſchte“, fuhr er wieder zu Thurn gewendet fort und ließ ſeine blau blitzenden Augen über die drei Frauen hinſtreifen. „Ihr vergeßt, Mansfeld“ antwortete Thurn,„daß ich nur zwei davon in meinem Wappen führe.“ „Pah! Der dritte gehört Euch ebenſo an! Hier iſt Alles, und das freut mich, ein Fleiſch und Blut, ein Herz und eine Seele! Möge es ſo bleiben!— Aber be⸗ neiden kann ich Euch! Ihr ſeid ein reicher Kerl, Thurn! Ich bin ein Habenichts!“ Er ſtieß den Becher wie unwillig auf den Tiſch. „Nun, nun!“ antwortete Thurn lächelnd und deutete auf Mansfeld's Degengehenk,„wer ein ſolches«Omnia mea mecum porlo» ſagen kann wie Ihr, der iſt reich genug!“ „Habe den Teufel davon!“ rief Mansfeld wie zuvor. „Laßt nur die Sonne nicht über Eurem Zorn unter⸗ gehen“, fuhr Thurn heiter fort und deutete mit dem Finger hinaus, denn eben funkelte ſie glühend dicht am Rande des Thalhorizonts.„Nehmt den Becher, ſtoßt an! Beeilt Euch, ſonſt kommen wir zu ſpät!“ Mansfeld blickte hinüber. Die Feuerkugel ſchwebte im klarſten Aether, kein Wölkchen umzog weithin den Himmels⸗ rand. Ein plützlicher Ernſt, eine kühne Erhebung überflog die Züge des Kriegshelden. Er nahm den Becher und hob ihn empor. Es trat eine feierliche Stille ein. Der Saal war mit glühendem Goldduft erfüllt. Die drei Frauenge⸗ ſtalten ſaßen in verklärendem Schimmer, denn gerade ſie wurden von den Strahlen des funkelnden Geſtirns getroffen, 111 während die Schatten der Pfeiler auf die Männer fielen. Nur Mansfeld's Haupt war gleichfalls hell umleuchtet. Aller Blicke hingen an ſeinem Antlitz, und er ſagte tief bewegt: „Möge von nun an die Sonne über Böhmen ſtets ſo heiter aufgehen, wie ſie heut untergeht!“ Auf das letzte ſeiner Worte fiel der erſte Ton der Burgglocke, die den Abend einläutete. Eine unverkennbare Wehmuth und feierliche Erhebung ergriff alle Anweſenden, ſelbſt den felſigen Krieger. Er ſetzte ſtill den Becher an die Lippen, ohne ihn zum Anklingen zurückzunehmen. So thaten Alle. Indem Mansfeld ihn leerte runzelte ſich ſeine Stirn, und er zog die Brauen zuſammen. Man ſah, daß ſein Glaube nicht im Einklang mit ſeinem Wunſch war. Mit dem letzten Zug, den er that, verſchwand die Sonne, und plötzlich umhüllte tiefer Schatten den Saal. Ebenſo plötzlich war der ſchwere dunkle Flügel des Ernſtes dem leichten Flügelſchlag des Scherzes gefolgt. ½ = 7 ☛ ₰ — ‚— — ₰ — — ‿ — Zehntes Capitel. Die alte mächtige Reichsſtadt Frankfurt war in den letz⸗ ten Tagen des Auguſt des Jahres 1619 von dem reichen Leben und der Pracht des Verkehrs erfüllt, welche jedesmal die Wahl und Krönung eines deutſchen Königs und römi⸗ ſchen Kaiſers begleiteten. War die Kaiſerwahl ſtets ein Gegenſtand von höchſter Wichtigkeit, der alle Gemüther beſchäftigte, und auch das Volk ſelbſt im tiefſten bewegte, ſo war dies jetzt noch in viel erhöhtem Maße der Fall. Denn obgleich die in Böhmen ausgebrochenen Kriegsſtürme noch nicht, wie leider nur zu bald, verheerend durch das ganze Vaterland brauſten, ſo hatten die Erſchütterungen des gewaltſamen Bruches zwiſchen Volk und König ſich doch ſchon nach vielen Rich⸗ tungen fortgepflanzt und wurden, wenn auch gemildert, weit⸗ hin empfunden. Es war ja nur ein neuer Kampf aus alter Zwietracht, der ſich an den Ufern der Moldau ent⸗ zündet hatte! Der Religionszwieſpalt, welcher ſeit länger als einem Jahrhundert die edelſten Kräfte Deutſchlands „gegeneinander aufrieb und ſoviel Blut und Thränen fließen ließ, trieb auch hier wiederum die friedlichen Strö⸗ 116 mungen gegeneinander. So fühlte jeder Deutſche, er mochte dem alten päpſtlichen Glauben oder irgend einer der neuen Lehren anhängen, in dem böhmiſchen Streit mehr oder weniger ſein eigenes Innerſte betheiligt, und empfand es klar, wie entſcheidend die jetzige Kaiſerwahl für ganz Deutſch⸗ land ſei. In Frankfurt, dem Schauplatz derſelben, ſteigerte ſich natürlich der Eifer der Theilnahme auf den höchſten Punkt. Alles was in der Stadt geſchah, worauf nur das Auge fiel, regte dieſelbe an. Der bloße Anblick der Stadt gab dieſe Stimmungen kund. Auf der Sachſenhauſener Brücke, auf der Zeile, in allen Hauptſtraßen, auf den Plätzen, ſah man die Menge hin⸗ und herfluten. Sie ſtaunte, bald in Gruppen zu⸗ ſammengedrängt, bald ein freiwilliges Spalier bildend, die ſchwerfälligen aber prächtigen Carroſſen an, in denen die anweſenden Fürſten mit ihrem hohen Gefolge oder ihren ſie vertretenden Abgeſandten zu gegenſeitigem Beſuch oder nach den gemeinſchaftlichen Verſammlungsorten fuhren. Reiter in allerlei prächtigen Ausſtaffirungen und goldblitzen⸗ den Staatscolletten gaben den Kutſchen das Geleit. Von Gold und Silber ſtrotzende Diener ſtanden hinten auf den⸗ ſelben; Kutſcher mit langgelockten Perücken, wie ſie jüngſt in Frankreich aufgekommen waren und von einigen vor⸗ nehmen Fürſten ſogleich nachahmend für ihre Dienerſchaft eingeführt wurden, ſaßen auf den mit Sammet überhange⸗ nen, durch prächtige Franſen geſchmückten Kutſchböcken. Die Pferde, vor den fürſtlichen Wagen zu ſechs lang geſpannt, waren mit ſchweren Geſchirren bedeckt, von Gold⸗ und Silberblechen ſtrotzend, und mit bunten Bändern, Schnüren und Franſen überreich verziert. Es waren meiſt Roſſe von edler brabanter oder ſpaniſcher Zucht, groß, ſtark, aber ſchwerfällig. Auf den Köpfen prangten hohe Büſche von — 117 gefärbten Straußenfedern, welche den ſtolzen Gang der Thiere noch ſtolzer erſcheinen ließen. Schaaren von Dienern, zu Fuß oder beritten, folgten bei feierlichen Beſuchen dem Wagen ihres Gebieters, oder bewegten ſich ſonſt in den Straßen auf und nieder in müßiger Geſchäftigkeit. Be⸗ ſonders ſah man ſie vor den großen Bürgerhäuſern, in welchen die vornehmen Gäſte ihre Wohnungen hatten, wo ſie die Thüren umſtanden, oder auf den Steinbänken und Treppen vor den Häuſern ſaßen. Wohin maan blickte trug die Stadt dieſe äußeren Zeichen der wichtigen und ent⸗ ſcheidenden Vorgänge, deren Schauplatz ſie gegenwärtig war. Die Volksmaſſen, welche nur dem Augenblick ihre Aufmerk⸗ ſamkeit ſchenkten, und nicht weiter über Das, was ſich für die kommende Zeit an alle dieſe bunten Bilder und Er⸗ ſcheinungen knüpfen müſſe, nachdachten, ſtaunten dieſelben müßig gaffend an und gaben einander, ſoweit ſie ver⸗ mochten, Auskunft, wer die Fürſten und Herren in den Carroſſen oder zu Pferd ſeien, zu weſſen Gefolge dieſe und jene köſtlich herausgeputzten Diener oder Reiter gehörten, weſſen Wappen auf den Röcken oder Kutſchenſchlägen zu ſchauen war und Aehnliches. In allem Dieſem ſpiegelte ſich der bunt geſtaltete, lebhaft bewegte Augenblick ab. Doch wenn man die älteren, vornehmeren, beſſer unterrichteten Bürger im ernſten Geſpräch miteinander wandeln ſah und die bedenklichen Züge ihres Angeſichts betrachtete, wenn man wahrnahm, wie Freunde, die einander begegneten, ſich herz⸗ lich begrüßten, oft warm umarmten, wie es nur in bewegten Zeiten geſchieht, wo jeder dem Andern ſeinen tiefen Antheil an den gemeinſamen Zuſtänden und Erlebniſſen kund geben möchte; wenn man gar Aeußerungen und Geſprächen näher zuhörte, oder in den verſchwiegenen Raum der Häuſer trat, wo die Alten und Ehrſamen ſich vertraulich beſprachen über — 118 den möglichen Ausfall der Wahl und Alles, was im Ge⸗ folge der Entſcheidung lag: dann wurde man inne, daß die Stadt auch jene ſchwer ernſte Stimmung ausdrückte, die im ganzen deutſchen Lande Aller Herzen erfüllte und jedes Auge mit beſorgter Theilnahme ſich auf die Ereigniſſe in der Wahlſtadt richten ließ.— Der Wahltag ſelbſt— der 28. Auguſt*), ein ewig denkwürdiger Tag für Frankfurt, jetzt und in Zu⸗ kunft— war eingetreten. Die Bewegung auf Gaſſen und Plätzen, welche ſchon ſeit der ganzen Woche geherrſcht hatte, ſteigerte ſich jetzt noch zu größerer Lebendigkeit. Das Volksgedränge wogte hin und her; die Maſſen ſtrömten dem Dom und dem Römer zu, in deſſen alterthümlichen Räumen die Wahlfürſten oder ihre Abgeſandten ſich ver⸗ ſammeln mußten, um ſich von da im feierlichen Zuge zu Pferd nach der Domkirche zur Wahl ſelbſt zu begeben. Die erfahreneren, kundigeren Bürger, welche in der gegenwärtigen Wahl nicht der erſten in ihrem Leben beiwohnten, belehrten die minder Unterrichteten über die Art und Anordnung der Feſtlichkeiten, ihren Urſprung und die Vorrechte der Stadt Frankfurt bei dem ganzen Hergang. Ein wohlbeleibter, ſeinem feinen reichgeſtickten und ſauber beſetzten Wams nach auch wohlhabender, aber etwas pedantiſcher Bürger ſetzte einigen jüngeren die Gerechtſame der Stadt Frankfurt in Betreff der Kaiſerwahl auseinander. „Seit Kaiſer Maximilian I.“, erzählte er mit Wichtig⸗ keit,„iſt unſere Stadt Frankfurt der einzige auserwählte Ort, wo die Wahl und Krönung vorgenommen wird. Dieſe beiden wichtigſten Acte, an denen ſich die mächtigſten Fürſten Deutſchlands meiſt perſönlich betheiligen. Kurpfalz *) Hiſtoriſch. 119 hat zwar diesmal aus guten Gründen einen Stellvertreter geſchickt, den Grafen Solms, allein—“ Ein paar laut keifende Weiber, die ſich um einen guten Platz zankten, ſtörten den Vortrag; der Redner warf ihnen einen zornigen Blick zu und ſagte zu ſeinen Zuhörern: „Solch Geſchrei iſt höchſt unziemlich an einem ſo wichtigen Tage; es wurde vormals gar nicht geduldet. Noch bei der Wahl des Kaiſers Mathias, viel mehr noch bei der des Kaiſers Rudolphus wurden ſolche Ruheſtörungen ſtreng be⸗ ſtraft.“— „Erklärt uns weiter“, bat einer der Neugierigen. Der Bürger räusperte ſich.„Aachen, wo ſchon Kaiſer Carolus Magnus gekrönt worden, und Nürnberg hatten den wichtigen Vorzug verloren. Frankfurt hat ihn allein; jeder unſerer Bürger darf ſtolz darauf ſein. Die Reichs⸗ inſignien werden zum Theil noch dort aufbewahrt und zu der Feier nach Frankfurt hergebracht; aber es findet keine Wahl noch Krönung mehr dorten ſtatt.— Ja ſelbſt in der italieniſchen Stadt Pavia, wo vormals, nachdem der deutſche König in Deutſchland gekrönt war, der römiſche Kaiſer aus den Händen des Heiligen Vaters die eiſerne Krone empfing— ein Reifen iſt aus einem der Nägel vom Kreuze unſeres Heilandes des Herrn Jeſu Chriſti ge⸗ ſchmiedet— ſelbſt Pavia hat unſerer Stadt nachſtehen müſſen. Und nur noch in unſerem ehrwürdigen Rathhauſe empfängt der erwählte Herrſcher die römiſche Kaiſerkrone!“ Ein lautes Getümmel und Zuſammendrängen des Volks auf einer Stelle ſtörte den gelehrten, mit ſalbungsvollem Nachdruck gehaltenen Vortrag und verdrängte ſogar Redner und Zuhörer von ihrem Platze. Ein Volksſchwarm wälzte ſich ſpottend und lachend den beiden zänkiſchen Weibern nach, die von der Stadtwachtmannſchaft wegen ihres un⸗ * 120 ſchicklichen Betragens weggeführt wurden, um in die Fidel geſpannt zu werden. Sie ſchrien und heulten jetzt noch lauter, als ſie zuvor gezankt hatten, aber noch lauter ſchrie, höhnte und ziſchte der Pöbel. „Ganz recht ſo!“ rief der wohlbeleibte Wohlhabende, indem er fortgedrängt wurde.„Altes Regiment und Zucht muß gehandhabt werden!“ Das Gedränge wuchs mit jedem Augenblick; kaum konnte man noch die Arme bewegen in der zuſammenge⸗ preßten Maſſe. Doch dem übergroßen Lärmen wurde ein Ende gemacht, als die ſchimpfliche Strafe an den beiden Weibern jetzt wirklich vollzogen wurde. Der Schrecken wirkte. Nur ein dumpfes Murmeln ſchwebte jetzt wie hohles Meeresbrauſen über den Schaaren. Jeder Einzelne hütete ſich ein lautes Wort zu ſprechen. Die ſtädtiſchen Mannſchaften, die das Spalier vom Rathhaus zur Kirche bildeten, ſuchten auch dem Gedränge zu ſteuern. Mancher derbe Stoß mit dem Pikenſchaft mußte dabei helfen, und dem Widerſpenſtigen drohte das Schickſal, gleich den zwei Weibern auf der Stelle weggeführt zu werden, um ſtatt des prächtigen Schauſpiels, welches der Wahlzug und die Ausrufung der Entſcheidung verſprach, in den dunklen, mit eiſenvergitterten Fenſtern verſehenen Haftſtuben der Raths⸗ wache den Anblick der nackten Mauern zu genießen, wenn er nicht gar vierundzwanzig Stunden in den Stock gelegt wurde, ſo gut wie die Weiber in die Fidel. Dieſes Inſtru⸗ ment war den beiden Keiferinnen ohne weiteres auf der offenen Gaſſe angelegt worden. Sie mußten die eigenſin⸗ nigen Köpfe durch den bauchigen Hintertheil deſſelben, der ſie wie ein Halseiſen umſchlang, und die Hände in den vorderen Theil durch die Löcher des Geigenhalſes ſtecken. Nachdem eine jede mit einer ſolchen Geige verſorgt war, die keinen 121 andern Ton hatte als das klägliche Geheul der Eingeſpann⸗ ten, wurden ſie unter dem Gelächter und verhöhnenden Ausziſchen des Volks in das Wachtgebäude abgeführt, um dort mit ihren Geigen einander ſo lange gegenüber zu ſtehen, bis ſich die gegenſeitige Erbitterung in der Schmach der gemeinſchaftlichen Strafe gelegt haben würde.— „Wie gefällt dir der Halsſchmuck“, fragte ein junger Kriegsmann einen neben ihm gehenden älteren, mürriſch ausſehenden, der gleich ihm ſich als Zuſchauer unter der Menge befand. „Ich wollte alle Weiber müßten ihn tragen“, antwor⸗ tete der Gefragte mit barſchem Ton.„Anders ſind ihre ſchwatzhaften Mäuler nicht in Stillſtand zu bringen!“ Die Umſtehenden, unter denen auch einige Frauen und Mädchen, ſahen ſich nach dem Sprechenden um, und man kann denken, daß der weibliche Theil derſelben nicht die freundlichſten Blicke für die beiden Kriegsmänner hatte. „Sieh nur, Kathy“, flüſterte eines der Mädchen ihrer Nachbarin zu,„wie der grobe Menſch ausſieht! Er hat mehr Bart als Geſicht und mehr Narben als Bart.“ „Ja das wäre den alten Brummbären und Eiſen⸗ freſſern gerade recht, wenn ſie uns ſo ganz nach Gefallen mishandeln könnten“, antwortete die Angeredete leiſe.„Der da mag auch Urſach haben, ärgerlich auf uns Frauen zu ſein, denn ihm hat gewiß in ſeinem Leben noch keine ein freundliches Geſicht gemacht und ein gutes Wort geſagt! Er ſieht aus wie der....“ ſie ſchlug ein Kreuz. „Ich habe auch noch keiner eins gemacht, Jungfer Naſeweiß, und werde keiner eins machen, am wenigſten einer ſolchen, wie Sie iſt“, fuhr der Kriegsmann, der ein Ohr zu haben ſchien wie eine Gemſe auf der Vorhut, herum und maß die Mädchen mit einem grimmigen Blick. Rellſtab, Drei Jahre. III. 1. 6 Dieſe fuhren erſchreckt zuſammen.„Und wenn ihr euer loſes Maulwerk nicht beſſer in den Zügel nehmt“, ſetzte er hinzu,„ihr naſewitzigen Unterröcke, ſo ſollt ihr's erleben, daß man euch in eben ſolchen Nothſtall ſpannt wie die beiden Zankteufel da, ſo wahr ich Kaspar Schwarz heiße!“ 3 8 Bei dieſer finſtern Anrede drückten ſich die beiden Mäd⸗ chen in die Menge hinein, um dem Blicke des alten Wer⸗ wolfs zu entſchlüpfen. Sie ſchienen im Geiſte ſchon die abſcheuliche Fidel um ihren hübſchen Nacken zu fühlen, ſo zogen ſie ſcheu die Köpfe einwärts und ſchmiegten ſich zwi⸗ ſchen die Umſtehenden hindurch. „Siehſt du, Michel, wie ſie Ferſengeld geben“, rief Kaspar Schwarz auflachend, ohne deshalb freundlich aus⸗ zuſehen,„aber hätte ich nur Macht über ſie, ſie ſollten mir alle Beide heut in die Fidel kriechen bis ſie....“ „Nicht ſo laut“, unterbrach ihn das ernſte Wort einer der Hauptleute der Stadtmannſchaft,„hier darf kein Lär⸗ men ſtattfinden!“ Kaspar Schwarz ſah trotzig zu dem Manne, der ihm dieſe Ermahnung zukommen ließ, hinauf, rollte ſeine in⸗ grimmigen Augen, bezwang aber ſeinen Verdruß und ſchwieg. „Das hat man davon“, murmelte er halb vor ſich hin, halb zu ſeinem Kameraden,„wenn man an ſolchen Tagen nicht im Dienſt iſt, ſondern nur wie das andere Spieß⸗ bürgervolk Maulaffen feil hat.“ „Seid doch froh, daß Ihr noch nicht im Dienſt zu ſein braucht, Ihr könnt es ja doch noch nicht aushalten“, antwortete der jüngere Reitersmann. „Soll ich etwa froh ſein, weil mir Knochen und Ein⸗ geweide ſo zerſchoſſen ſind, daß ich ein halber Krüppel bin?“ fuhr Kaspar rauh auf.„Wenn's noch in einem 123 ordentlichen Gefecht geweſen wäre, Klinge gegen Klinge! Aber von lottrigen Weibsbildern und Landläufern, in Spitz⸗ bubenherbergen“— „Ich hätte doch gern den Beutel Geld gehabt, den es Ench eingebracht hat!“ „Das glaub ich dir, Vetter Michel, kluger Michel!“ Das Schmerzengeld möchteſt du einſacken, aber....“ „Nun, die Schmerzen werden ſo übermäßig nicht ge⸗ weſen ſein“, unterbrach ihn der junge Mann etwas ſpöttiſch. „Schmerzen! Du Gelbſchnabel! Du Feuchtohr!“ grollte ihn Kaspar ſo rauh an, daß er ſich wieder eines Verweiſes zur Ruhe gewärtig ſein konnte.„Glaubſt du, ich hätte gewinſelt wie ein Großmutterſöhnchen, weil mir eine Kugel zwiſchen Fleiſch und Knochen geſeſſen hat? Du hätteſt wol gegreint wie ein Schulknabe unter der Ruthe! Schmerzensgeld! Das heißt für Aerger, Verdruß, Zorn, Wuth! Daß ich nicht das ganze Vagabunden⸗ und Diebes⸗ höhlenpack über die Klinge ſpringen laſſen konnte und die Spelunke in Aſche legen und Alles darin braten, was auf zwei Beinen in dem Neſt umherging! Dafür waren ſie mir ein Schmerzengeld ſchuldig! Und daß mir mein Gaul geſtohlen war, von dem polniſch⸗böhmiſchen Galgenholz! Der dickbackenknochige Borſtenkopf mit dem breiten Stumpf⸗ riecher ſoll mir aber je wieder über den Weg laufen!“ „Du kannſt dir die alte Geſchichte gar nicht aus den Gliedmaßen bringen, Kaspar“, antwortete Michel,„und ärgerſt dich immer wieder grün und gelb darüber. Du ſollteſt es dem Böhmaken doch Dank wiſſen, daß er deine Depeſchen in Linz abgeliefert und Nachricht von dir gegeben hat. Sonſt wäreſt du am Ende in der Herberge umge⸗ kommen!“ „Ich ſollte ihm wol noch die Füße küſſen, daß er mich 6* ſo ans Meſſer geliefert hatte! Die Depeſchen hat der Hundsſohn nur aus Angſt abgeliefert, daß ſein Spitzbuben⸗ ſtreich doch vielleicht auf irgend eine Art herauskäme, und dann hätte er die Verantwortung für die geſtohlenen Brief⸗ ſchaften gehabt. Meinetwegen hätte er nicht Anzeige ge⸗ macht; ich hätte in dem Loch verrecken können! Und es hing an einem Haar, daß ich dort hülflos crepirte. Eine Hundsgeſchichte!“ „Ei was! Du verdankſt der Hundsgeſchichte ein hüb⸗ ſches Stück Geld und einen hübſchen Dienſt! Hier in Frankfurt, in der Ehrenwache des Königs haben wir es doch beſſer als auf Vorpoſten!“ „Weil du ein Haſenfuß und ein Milchbart biſt! Ich bin auf dem Sattel geboren und gewiegt—“ „Und im Harniſch gewickelt“, lachte Michel! „Wenn ich nur ſchon Dienſt thun könnte, ich wollte lieher.... „Still, paß auf! Sie kommen, glaub ich!“ Es entſtand eine jener Bewegungen in der Menge, wie ſie in von Erwartung geſpannten großen Maſſen bei jedem kleinen Anlaß vorkommen, weil Jedermann darin den Beginn des erwarteten Ereigniſſes vermuthet. Ein ver⸗ ſtärktes murmelndes Geräuſch lief durch die Reihen; Alles drängte etwas vorwärts und Aller Blicke richteten ſich nach dem Rathhauſe, aus deſſen Pforten man die Wahlfürſten hervorkommen zu ſehen hoffte. Doch der Wachthauptmann ließ die Vordrängenden wieder zurückweiſen durch ſeine Mannſchaften und ritt ſelbſt mit dem Pferde dicht an den vorderſten Reihen hinunter, daß ſie aus Furcht getreten zu werden ſcheu zurückwichen.„Platz, Leute, Platz!“ rief er ihnen zu,„es muß Bahn gemacht werden für einige geiſt⸗ liche Herren, die noch in die Kirche müſſen.“ Dieſe Worte, 125 welche die Urſache der Bewegung erklärten, begleitete er mit Winken ſeines gezogenen Degens, die die Richtung an⸗ deuteten, in der das Volk zurückweichen ſollte. So erwei⸗ terte ſich der Raum zwiſchen dem Spalier etwas, und man ſah von der Gegend des Rathhauſes her einige ſchwarz gekleidete Herren herankommen, die jedoch nicht ſämmtlich Geiſtliche zu ſein ſchienen. Ob ſie aus dem Römer ſelbſt kamen, blieb zweifelhaft, da ſie ſich ſchon eine Strecke von dem Eingange mitten im Volke befanden und auch aus deſſen dichtgedrängten Schaaren von den Häuſern her her⸗ vorgegangen ſein konnten. „Die Federfuchſer!“ murrte Kasper wiederum unzu⸗ frieden.„Sie müſſen immer etwas voraus haben! Ihnen müſſen wir Platz machen! Weshalb können ſie nicht ſo gut wie wir auf der Straße bleiben? Sie müſſen in die Kirche!“ „Es ſind ja mehrere Geiſtliche dabei vom Jeſuiten⸗ orden“, bemerkte Michel. „Ja, Schwarzröcke! Der Teufel iſt auch ein Schwarz⸗ rock! Ich kann die Kerle nicht ausſtehen! Federfuch⸗ ſer und Kanzeldruckſer! Alles ein Gelichter!— Bei Sanct⸗Jörgen“, rief er lebhaft, wiewol mit unterdrückter Stimme,„das Gaunergeſicht muß ich kennen! Den da!“ Er ſtieß ſeinen Kameraden an und zeigte auf einen blaſſen, hagern Mann im ſchwarzen Sammetkleide mit ſpaniſchem Mäntelchen, weißem Halskragen und einem kleinen Degen an der Seite.„Jetzt weiß ich's! Ich habe ihn bei dem Slawata in der Kanzlei geſehen, als ich Depeſchen in Wien ablieferte! Das ſchwarze Ungeziefer niſtet ſich überall ein; nun kriechen ſie auch hier in Frankfurt herum.— Da iſt auch Slawata ſelber! Der mit dem langen, blaßbär⸗ tigen Jeſuiten dort geht!“ 126 Michel kannte keinen der bezeichneten Männer,— daher waren ſie ihm auch ziemlich gleichgültig.— Die Augen der Menge hefteten ſich neugierig auf die Kommenden, in denen ſie wegen der Aufmerkſamkeit, die ihnen von den Ordnung haltenden Mannſchaften gewidmet wurde, wichtige Perſonen vermutheten. Dieſe gingen jetzt ſo dicht an der Stelle vorüber, daß man jedes ihrer Worte, auch beim halblauten Geſpräch hören konnte. „Und Ihr ſeid deſſen ſicher“, fragte Slawata und wandte ſich zu dem ihm zunächſt gehenden Mann im ſchwar⸗ zen Sammetkleide, von dem Kaspar geſprochen. „Ganz ſicher!“ antwortete dieſer.„Die Nachricht iſt auf das ſchnellſte hier; es ſind reitende Boten auf der ganzen Straße aufgeſtellt.“ „Und Ihr meint heut oder morgen müßte ſich's ent⸗ ſcheiden?“ fragte der Mann in der Jeſuitenkleidung auf Slawata's linker Seite den Nämlichen. „Ja, würdiger Pater Thyßka! Heut, morgen, ge⸗ ſtern— je nachdem es fällt! Aber an einem dieſer Tage muß es ſich entſcheiden!“ lautete die Antwort. „Mehr hörte man von ihrem Geſpräch nicht, da ſie jetzt ſchon an Kaspar's Platz vorüber waren und der Kirche zugingen. „Jetzt hab' ich's!“ rief dieſer herausplatzend,„der ſchmächtige Krummbuckel mit ſeinen Kratzfüßen iſt der näm⸗ liche, der in Prag mit aus dem Fenſter ſpaziert iſt, der— wie heißt er doch, der Geheimſchreiber— hilf mir doch, Michel!“ Michel wußte nicht zu helfen. „Der Fabricius“, half ſich Schwarz plötzlich ſelbſt. „Der iſt mit aus dem Fenſter geworfen worden?“ fragte Michel und machte große Augen. 127 „Ja und lebt doch noch, und geht auf ſeinen dünnen Beinen umher ſo gut wie ſein Herr und Gönner da vor ihm! Die Federfuchſer haben Alle ein Pactum mit dem Satan! Der Kerl iſt ſo dünn und knickbeinig, daß man glauben ſollte, er müßte ſich die Knochen zerbrechen, wenn er ſich im Bett umdreht. Und den ſchmeißen ſie dreißig Ellen hoch zum Fenſter hinaus und er bleibt ganz! Unſer Einem hätte das paſſiren ſollen! Kein Knochen der nicht in zehntauſend Splitter zerfahren wäre! Aber das Unkraut verdirbt nicht!“ „Was du wieder zuſammenſchimpfſt und fluchſt, Kaspar“, antwortete Michel kopfſchüttelnd,„das ſind doch Herren von unſerer Sache!“ „Die Tintenkleckſer ſind überall gleich! Ich kann das ſchwarze Ungeziefer in der Welt ſo wenig wie im Bettſtroh vertragen!“ rief er lachend.„Mir ſind ſie wie die Galle, aus der ſie ihre Tinte kochen. Was ſie in der Schreib⸗ ſtube einrühren, müſſen wir ausfreſſen im freien Felde, und die Haut für ſie zu Markte tragen! Was ſie nur jetzt wieder ausſpinnen mögen, von geſtern und heut! Was geſtern geſchehen iſt, iſt abgethan, was heut geſchieht haben wir vor der Naſe, und was morgen kommt, weiß Keiner! Aber wenn Pfaffen und Schreiber mit ihren Gänſe⸗ kielen ins Garn ſtochern, ſo verfitzen ſie in einer Stunde mehr Fäden und Knoten, als unſer kaltes Eiſen in Jahr und Tag zerhauen kann. Das ſchieben ſie uns dann zu! Wir ſollen reinen Tiſch machen, wo ſie....“ Mitten in den Strom ſeiner bittergalligen Worte tönte plötzlich das hehre Geläut der Glocken vom Dom herab; und bald darauf von allen Kirchthürmen der alten Reichsſtadt. Es war das Zeichen, daß die Wahlfürſten jetzt aus 128 dem Rathhauſe zur Kirche aufbrechen wollten. Als ver⸗ dopple ſich in einem Augenblick die Menge der Zuſchauer, ſoviel dichter wurde ringsum das Gedränge, ſo wuchs das brauſende Getümmel der Stimmen, welches die Lüfte er⸗ füllte. Der Hauptmann der Stadtmannſchaft ſprengte trotz⸗ dem im Galopp, ſodaß Alles vor ihm angſtvoll ausein⸗ ander ſtob, nach dem Rathhaus, und ließ die Maſſen, die es, um bei der Eröffnung der Pforte ganz nahe zu ſein, anſtürmend umdrängten, von den Mannſchaften gewaltſam zurücktreiben. Es mußten die Spieße vorgehalten werden, um Gehorſam zu erlangen. Auf dem freien Raum vor dem Rathhauſe wurden jetzt von Dienern in den prächtig⸗ ſten Livreen, daß man vor Goldſtickereien und Paſſement⸗ arbeit kaum die Farben der Röcke erkennen konnte, die Roſſe vorgeführt, welche die Wahlfürſten und ihre Abge⸗ ſandten beſteigen ſollten.— Ein prachtvoller ſpaniſcher Schimmelhengſt wurde zuerſt von zwei Stallmeiſtern, die die langen, goldverbrämten Zügel auf beiden Seiten hielten, ans Thor geführt. Ein Mann von hoher Geſtalt, mit einem Hermelinpelz bekleidet, die Biſchofsmütze auf dem Haupt, trat aus der Menge der bunten, reich gewappneten oder koſtbar gekleideten Geſtalten, die man jetzt in der Flur unter der Pforte des Römers erblickte, hervor.„Das iſt der Kurfürſt von Mainz“, hörte man im Volke ſagen. „Gleich hinter ihm ſteht der Kurfürſt von Köln, und der Dritte iſt der Kurfürſt von Trier.“ „Kennt Ihr die Kurfürſten auch, Kaspar?“ fragte Michel. „Die geiſtlichen nicht; die bekommt man heutzutage nicht zu ſehen, wo es nach Pulver riecht. Zu alten Zeiten war's anders“, fuhr er fort.„Da zogen die geiſtlichen Herren noch vom Leder; jetzt führen ſie nichts als die Feder.— Der hat auch öfter auf der Kanzel geſtanden, als im Sattel geſeſſen“, lachte er, indem ſich der Kurfürſt aufs Pferd ſchwang.„Er ſitzt auf wie ein Schneidergeſell, der ſich durchgeritten hat! Das wäre nicht mein Mann!“ „Der Schimmel iſt aber gut!“ „Ja! Das Pferd! Wenn der Satan den Hengſt hätte und ich den Kerl,— ich tauſchte mit dem Satan!“ „Du, verbrenne dir nicht das Maul“, murmelte Michel leiſe, da einer der Wachthabanden ſich nach ihm umzuſehen ſchien.— Inzwiſchen waren auch die beiden andern geiſtlichen Fürſten aufgeſeſſen. Beide auf prächtigen Zeltern. Die Pferde anderer Farbe waren nicht ſo Sitte für die geiſt⸗ lichen Fürſten als die Schimmel. „König Ferdinand!“ rief Kaspar Schwarz mit ganz anderm Ton als bisher; und ſeine knochige breitſchultrige Geſtalt rückte ſich ehrfurchtsvoll zurecht und ſein Auge blitzte ſtolz. „Der wird's! Der wird's!“ ließen ſich mehrere Stim⸗ men unter den Bürgern hören.„Das iſt er! Da ſeht ihn! Er wird gewählt, verlaßt euch drauf!“ „Hm! Man kann immer nicht wiſſen, ob nicht der Baier“, wandte ein Zuſchauer ein. „Was Baier! Das iſt ſchon unter ihnen abgemacht! Der Baier hat ausgeſchlagen!“ „Was Ihr Alles wißt!— Aber die lutheriſchen Fürſten ſind dem Ferdinand nicht grün!“ „Was?“ fuhr hier Kaspar Schwarz den beiden Bür⸗ gern ins Geſpräch.„Grün oder nicht! Gelb mögen ſie werden vor Aerger. Aber unſer Herr wird Kaiſer! Ab⸗ gemacht! Und wer das bezweifelt, den ſoll—“ „St! doch“, zupfte Michel den polternden Kameraden. Dieſer wollte antworten, doch lautſchallender Trom⸗ 6** 130 petenklang erfüllte plötzlich die Luft und ſchnitt die Ge⸗ ſpräche ab. Der Zug ſetzte ſich in Bewegung. „Hüte ab!“ rief eine Stimme. Im Nu flogen alle Hüte herunter und gleichzeitig ertönte lauter Jubelruf! Die Wahlfürſten wurden mit ſchallendem Frohlocken begrüßt. Die drei geiſtlichen Herren ritten voran; dann der König von Ungarn und Böhmen; drauf die Abgeſandten von der Pfalz, Brandenburg und Kurſachſen. Der Graf Solms war der Vertreter Friedrich's von der Pfalz. Zwiſchen den Fürſten Dienerſchaft und Bewaffnete zu Fuß. Sie grüßten freundlich in das Volk hinunter von ihren präch⸗ tigen Roſſen. Mit jedem Gruß neuer Jubelruf. Er über⸗ tönte den mächtigen Glockenklang und den Trompetenſchall. Jede Bruſt fühlte ſich erhoben, denn es war ein großer Augenblick. Deutſchland ſollte einen neuen Kaiſer erhalten, einen neuen Schirmer ſeiner Rechte, ſeines Friedens, ſeines Glücks, und hoch auf ſchwoll das Herz ſo wichtiger Ent⸗ ſcheidung, ſo koſtbarer Hoffnung gegenüber! Elftes Capitel. Dem Prachtzuge der Wahlfürſten nach dem Dom drängte der Strom der Menge nach. Kein Rufen und Schreien der Stadtmannſchaften half. Die Maſſe ließ ſich nicht überwältigen! „Hier bricht ſich Alles die Hälſe und Rippen“, ſagte Kaspar zu Michel, der neugierig mit vorzudringen trach⸗ tete.„Laß uns aus dem Spectakel heaus! Ich ſchere mich den Teufel um die Kirche!“ „Nein, Schwarz“, antwortete Michel, den bei ſeiner Jugend die Pracht der Ceremonie und die Neugier mächtig ſtachelte.„Thu' mir die Freundſchaft. Komn mit! Wir werden uns doch durch die Spießbürger Bahn machen?“ Er ſchob dabei den ehrſamen frankfurter Bürger, der zuvor ſo gelahrt geſprochen hatte, dergeſtalt unſanft auf die Seite, daß ihm das eingequetſchte Wams halb zerriß.„Seid Ihr von Sinnen“, brach der Beleibte erbittert aus.„Was maßt Ihr Euch hier für ein Betragen an?“ Kaspar war, wie geſagt, nicht ſonderlich eifrig, ſich in die Kirche zu preſſen,— Kirchen flößten ihm einen ſo gründlichen Widerwillen ein, daß er ihn ſelbſt bei Feſtlich⸗ keiten nicht ganz überwand,— allein er hielt kamerad⸗ ſchaftlich zu Michel. Schon deshalb wäre er ihm treulich zu Hülfe gekommen. Was er aber gar nicht vertragen konnte, war, daß ein Bürgersmann, ein Kerl von der Elle oder Nadel, oder gar von der noch verhaßteren Feder, ſich's herausnehmen wollte, einen Mann, der das Kriegs⸗ wams trug, zur Rede zu ſtellen. Des ehrſamen Frank⸗ furters gerechte Beſchwerde war daher für ihn der Grund zu dem unwiderruflichen Entſchluß, jetzt in die Kirche zu dringen, und wenn es das Leben gekoſtet hätte. Er ſchnaubte alſo mit den Titeln„Dickwanſt, Schmeerbauch, Käſekrämer!“ den ärgerrothen, entrüſteten Bürgersmann dergeſtalt an, daß dieſer ſofort zu einem Furchtbleichen, Todeserſchreckten wurde.„Ihr unterſteht Euch, einen kaiſerlichen Kriegs⸗ mann“— er legte ſich und Michel dieſen Titel ſchon in der Sicherheit bei, daß ſein König Ferdinand gewählt wer⸗ den müſſe—„ſo ungebührlich und reſpectwidrig zu be⸗ handeln? Soll ich Euch den Degenknauf zwiſchen die — — — ——ÿ — Rippen pflanzen, bis an die Scheide?“ Und dabei drückte er dem wohleh'ſamen Herrn den Knopf ſeines Degen⸗ gefäßes dergeſtolt in die Seite, daß er laut aufächzte und ſich mit einem ſo heftigen Sprung, als das Gedränge nur zuließ, auf ſene Nachbarn warf. Sogleich entſtand allge⸗ meines Geſchrei und Getümmel. Mehrere Stimmen ſchrien durcheinander:„Was gibt's hier? Wer fängt hier Händel an! Ruhe! In den Stock mit den Ruheſtörern!“ „Or'nung“, donnerte das Machtwort eines Wacht⸗ habenden. „Macht vorwärts“, raunte Michel erſchreckt Kaspar zu, „ſonſt faſſen ſie uns am Ende!“ „Was, faſſen?“ knirſchte dieſer.„Da ſollen ſie erſt Haare laſſen“, und er hatte ſchon die Fauſt am Degengriff, um blank zu ziehen. Michel zog ihn aber vorwärts; die Maſſenſtrömung faßte ſie unwillkürlich und trieb ſie der Kirchthür zu, wäh⸗ rend ein anderer hinzudrängender Strom ſich zwiſchen ſie und die Beleidigten einkeilte. Dieſem Zufall verdankten ſie es, daß Kaspar's wilde Unvorſichtigkeit keine Folgen weiter hatte. Denn bevor die Bürger recht wußten, um was es ſich handle, und der Hauptmann der Wache einige Ruhe geſtiftet hatte, waren die Reiter ſo weit fortgeriſſen im Ge⸗ dränge, daß ihnen nicht nachzukommen war. Aber der be⸗ leidigte und mishandelte Bürgersmann brach in heftige Kla⸗ gen und Schmähreden aus, die er dem Kreiſe der ihn theilnehmend umſtehenden Bürger zu hören gab.„Das ſind Fremde!“ rief er.„Sie ſollten eigentlich gar nicht in der Stadt ſein! Aber unter allen Vorwänden ſchleichen ſie ſich ein! Bald ſind ſie von der Dienerſchaft der Für⸗ ſten und Herren, bald von ihren Reitern und Söldnern! Sonſt hätten ſie ausgewieſen werden müſſen ſo gut wie alle andern Fxemden, oder eingeſperrt wie die Juden in ihrer Jüdengaſſe!“ „Freilich!“ bekräftigte ein Anderer.„Nur der frank⸗ furter Bürger hat ein Recht der Kaiſerwahl beizuwohnen! Und wir werden hier verdrängt durch all das ausländiſche Geſindel!“ 6 „Es iſt gottesläſterlich! Ich glaube ein paar Rippen ſind mir gebrochen“, ächzte der Wohlbeleibte.„Auch die Diener ſollte man für den Tag ausweiſen oder einſperren, außer Denen, welche wirklich Dienſt haben. Das ſind ein paar Leute! Aber vollends dieſe unverſchämten Soldaten! Wozu ſind ſie nütz? Haben wir nicht unſere Bürgermann⸗ ſchaften, die allen Dienſt verrichten? Dieſe Kriegsknechte A haben nicht einmal Dienſt heut! Sie haben nichts zu thun, als uns eingeborenen Bürgern die Eingeweide aus dem Leibe zu preſſen im Gedränge! Mir muß etwas zerriſſen 1 ſein im Unterleibe!“ ſtöhnte er und hielt ſich, da er ſich ſchon ganz ſeitwärts aus dem Hauptſtrom des Gedränges zurückgezogen hatte, mit beiden Händen den Leib. Einige Bürger und Gevattern umſtanden ihn mitleidig. „Aber ſo geht's, wenn kein altes Recht und Geſetz und Herkommen mehr geachtet wird? Ausgewieſen alle Fremde am Tage vor der Wahl, ſo lautet das Geſetz! Wozu die Ausnahmen!— Wenn das Unheil ſo weiter frißt, erleben wir's noch, daß die Juden zuſehen dürfen, wenn der heilige römiſche Kaiſer erwählt wird!“ Während dieſer Beſchwerden unter dem Bürgerhaufen waren Michel und Kaspar glücklich in die Kirche einge⸗ drungen. Kaspar hatte ein verwegenes Mittel erdacht, ſich einen guten Platz zu ſchaffen. Er hatte ſein kurzes Seitengewehr gezogen, an Schulter genommen und gebot im Commandoton, als ob er dienſtlich befehligt ſei, hier eine Bahn zu brechen, den vor ihm Stehenden Platz zu machen. Michel folgte ihm nach, als gehöre er zu ſeinem Commando. So wichen ihnen die Zuſammengedrängten mit Ehrfurcht und Schrecken aus, in der Meinung, es 3 rücke ein ganzes Truppencommando nach; erſt wenn ſie Raum gegeben hatten, ſahen ſie, daß es nur zwei Mann waren, die vorwärts drängten, verwunderten ſich höchlichſt, aber.... blieben bei Seite geſchoben! „Siehſt du“, triumphirte Kaspar leiſe gegen Michel, nachdem ſie einen herrlichen Platz nahe am Altar gewon⸗ nen hatten, wo ſie Alles ſehen konnten,„ſo muß man's machen. Nur zugegriffen, nicht erſt gefragt. Dann ſperren ſie hinterher Maul und Naſe auf, aber es iſt zu ſpät! Wer viel fragt, bekommt viel Antwort.“ „Ihr ſeid ein Teufelskerl mit Dreiſtigkeit— ich hatte bange ſie würden uns beim Kragen nehmen!“ antwortete der gutmüthige Michel. „Beim Kragen nehmen? Einen kaiſerlichen Reiters⸗ mann! Lump du! Das kannſt du nur denken? Wie willſt du deinem Stande Reſpect verſchaffen? Mit dem Finger ſollen ſie mich antippen!“ Kaspar war muthig, tolldreiſt, voll trotziger Soldatenanmaßung; aber er nahm doch jetzt den Mund etwas voller, da er ſah, daß Alles glücklich ausgeſchlagen war. Michel ließ ſich, wie oftmals, auch jetzt von ihm im⸗ 1 poniren und faßte den ehrfurchtsvoll ſtaunenden Glauben, ſein Kamerad würde die geſammte Bürgermannſchaft der alten Reichsſtadt zu Paaren getrieben haben, falls ihm irgend wer zu nahe getreten wäre.— Sie ſahen ſich jetzt in der überfüllten Kirche um und ihr Staunen wuchs, je länger ſie die prachtvollen Einrich⸗ tungen und Ausſchmückungen anſchauten. Ueberall Kronen⸗ leuchter mit flimmernden Kerzen, alle Kapellen und Altäre mit koſtbaren golddurchwirkten Teppichen geſchmückt; vor dem Hochaltar ein wahres Feuermeer von Kerzenlicht. Herrliche Gemälde zwiſchen den Pfeilern, Bildſäulen, alte 4 — 8 Prachtdenkmale. Vor allem war es die Maſſe Derer, welche die Kirche erfüllten, die den feierlichſten Eindruck hervor⸗ G brachte; in dem Volke Kopf an Kopf gedrängt, und auf den vorbehaltenen Seſſeln und Plätzen die ganze Pracht der Ritterſchaft, die hohen Würden der Geiſtlichkeit, die ſchwarzgekleideten Rathsherren und Schöffen der Stadt, endlich die im höchſten Putz ſtrahlenden Damen, viele mit goldenen Ketten, Perlen, Edelſteinen blendend geſchmückt. Michel, jung und friſch von Sinnen, wendete ſeine leuchtenden Blicke ſprachlos von einem Gegenſtande auf den andern; er wußte nicht, worüber er am meiſten erſtaunen ſollte. Kaspar ſchaute mehr wild und unmuthig als ver⸗ wundert oder gar freudig darein. Er war überhaupt un⸗ zufriedenen Sinnes; vollends aber nach ſeinem letzten Unfall, der die eiſerne Kraft ſeines Körpers gebrochen hatte und wovon er, wenn er es auch trotzig unterdrückte, doch noch Schwächung und Schmerzen empfand, konnte ihm nichts eine freundliche Miene ablocken. Nur einiger Stolz drückte ſich in ſeinen Geſichtszügen aus, daß es, wie er feſt annahm, 1 der Herr ſein werde, dem er diente, welcher nun bald als Herr und Kaiſer im ganzen Deutſchen Reiche gebie⸗ ten werde.— Michel hätte ſich gern Alles erklären, jeden prächtig gekleideten Ritter, jeden Geiſtlichen im Ornat nennen laſſen. Doch er wußte nicht, wie er zu ſolcher Kenntniß kommen ſollte. Er ſcheute ſich vor Kaspar, irgend einen der Bürger anzureden, denn dieſer verachtete die Gemeinſchaft mit dem Schlafmützenpack, wie er die Nichtſoldaten gern mit ſum⸗ mariſchem Titel belegte. Endlich ſiegte aber doch die Neu⸗ begier über dieſe Scheu vor dem unwirrſchen Kameraden. Er fragte daher einen ältlichen Bürgersmann im ſaubern, pelzverbrämten Kleide, der neben ihm ſtand:„Wer iſt wol der alte geiſtliche Herr dort oben in dem Stuhl, rechts vom Altar?“ „Der alte Herr mit dem langen weißen Bart?“ fragte der Bürger. „Richtig, Herr, den meine ich!“ „Das iſt der Fürſtbiſchof von Bamberg. Ein gottes⸗ fürchtiger Herr, der gewiß einmal heilig geſprochen werden wird“, ſetzte er hinzu. Michel antwortete nur durch eine Verbeugung ſeines langen Geſichts.„Und der Dritte von ihm“, fragte er nach einer kleinen Pauſe,„der dicke Herr?“ „Das iſt Se. Hochwürden der Herr Abt von Fulda; ein hoher Prälat“, war die Antwort. „Wie heißt er denn?“ „Das weiß ich nicht; aber er iſt aus einem gräflichen Geſchlecht und mit hohen Fürſten und Herren verwandt.“ „So ſo!“ ſtaunte Michel in Ehrfurcht. „Mir ſind alle die Glatzköpfe gleichgültig“, brummte Kaspar halb vor ſich hin, halb richtete er die Worte an Michel als einen Tadel über ſein vieles Fragen. „Der vornehme Ritter, der da eben aufſteht, oben auf dem Chor— könnt Ihr mir den nennen?“ fragte Michel. „Das iſt der Graf von Erbach. Der gehört mit zum Hofhalt des Herrn Kurfürſten Friedrich von der Pfalz, für deſſen kurfürſtliche Gnaden Se. Erlaucht der Graf Solms die Wahlſtimme abgibt“, antwortete der Bürger. „Was Ihr nicht Alles kennt und wißt“, erwiderte der 137 vertraulich gewordene Michel,„Ihr nennt ſie ja Alle bei Namen!“ „Alle? O da fehlt noch viel“, antwortete der Bürger. „Aber ſo Manchen kenne ich. Iſt es doch nicht die erſte Kaiſerwahl, der ich beiwohne, und es kommen doch immer viele der nämlichen Herren her, und man lernt ſie allmälig kennen, wie ſie einrücken, ihren Aufzug halten, ihre Beſuche machen!“ „Alſo Ihr habt ſchon eine Wahl erlebt?“ fragte Michel. „Schon zwei“, antwortete der Gefragte und machte durch nachdrückliche Betonung den Stolz des frankfurter Bürgers etwas geltend;„ich war bei der Wahl des Kaiſers Mathias und bei der ſeins Bruders des Kaiſers Rudolf. Das war im Jahre....“ „Das iſt auch der Rede werth“, fuhr ihm Kaspar ins Wort, der ſich längſt über die vertrauliche Unterredung mit dem„Mann von der Schlafmütze“ ärgerte.„Es iſt keine große Kunſt ein Pack Jahre auf dem Rücken zu haben und nur das Maul aufzuſperren, wo es etwas zu ſehen gibt. Das hätte ich auch gekonnt; aber ich habe unter Kaiſer Rudolf und Kaiſer Mathias die Klinge geführt und mir Pulverdampf um die Naſe wehen laſſen. Das riecht anders als das Räucherwerk vom Altar.“ Eben verbreitete ſich der Duft deſſelben. Der Bürger war ganz verdutzt über des groben Kriegsknechtes grobe Rede und ſah ihn ſtarr, mit halb offenem Munde an, weil er ſich gar nicht denken konnte, daß ſie der Lohn ſeiner Ge⸗ fälligkeit ſein ſollte. Kaspar hatte ſich wieder ſo vergeſſen, daß von den Umſtehenden ein unwilliges St! gegen ihn ertönte. Michel, der eben wieder eine neue Frage auf der Zunge hatte, nach der Bedeutung des Denkmals in der rechten Wand des hohen Chors, welches dem Kaiſer 138 . Günther errichtet war, ſchnappte mit ſeiner Rede ab. Es hätte vielleicht noch unangenehme Worte und Streit gege⸗ ben, wobei Kaspar trotz ſeiner überſtolzen Worte den Kür⸗ zern gezogen und ihn als Nuheſtörer an heiliger Stätte vielleicht eine ernſtliche Strafe getroffen haben würde, allein in dem Augenblick gerieth die ganze in der Kirche verſam⸗ melte Menge in unruhige Spannung. Aller Blicke rich⸗ teten ſich nach der Pforte des Conclave, aus dem die Kurfürſten hervortreten ſollten, und ringsher wurden die Worte gemurmelt:„Sie kommen. Es geht an! Jetzt, jetzt!“ Die Orgel ertönte mit mächtigem Klange des vollen Werkes. Die Geiſtlichen am Altar knieten nieder, die Chor⸗ knaben, welche den Dienſt hatten, hinter ihnen gleichfalls. In dieſem Augenblick geſpannter Erwartung fühlte Michel einen Druck der nervigen Fauſt Kaspar's in ſeinen Rippen. „Bei allen Heiligen und Teufeln“, raunte er ihm ins Ohr!„Das iſt der kaſchubiſche Hallunke! Da drüben! Sieh!“ „Was denn! Wer denn!“ fragte Michel vorſichtig leiſe, in der Beſorgniß, daß Kaspar einen neuen Skandal veranlaſſen könne. „Der Hund, der Böhmak, der mein Pferd geſtohlen hat, der Zaloska!“ knirſchte dieſer.„Wenn ich ihm hier zu Leibe könnte!“ Michel hielt ihn unwillkürlich beim Arm zurück, da er fürchtete, daß der wilde Menſch in der Kirche ſelbſt einen Ausbruch ſeines Ingrimms nicht unterdrücken würde. Ver⸗ geblich aber ſuchte er mit den Augen den Gegenſtand, der Kaspar's Zorn ſo erregt hatte. Endlich entdeckte er den Kopf eines durch die dicht gedrängte Menge ſich mühſam vorwärts kämpfenden Mannes. Das Geſicht entſprach der 139 Schilderung Kaspar's; ſtarres, ſchwarzes Haar, breitge⸗ ſchlitzte, glotzende, tiefliegende Augen, eine ſtumpf aufge⸗ worfene Naſe und ein breiter, fletſchender Mund. Er ſchien etwas Wichtiges zu bringen; ein Mann von der Bürgerwache begleitete ihn und half Raum für ihn machen. Indem Michel und Kaspar der Richtung folgten, die er nahm, gewahrten ſie unfern von ihm und von ihnen ſelbſt Slawata, Fabricius und Thyßka, welche in der Gruppe jener geiſtlichen und weltlichen vornehmen Herren, mit denen ſie zur Kirche gegangen, an einem der nächſten Pfeiler die für ſie vorbehaltenen Plätze einnahmen.„ Er bringt eine Depeſche“, murmelte Kaspar,„er iſt der Allerweltsbrief⸗ träger! Slawata's Spür⸗ und Wachtelhund!“ Wirklich drängte ſich Zaloska zu dieſem hin. Er er⸗ reichte zuerſt Fabricius. Sein blaſſes, hohlwangiges Geſicht verrieth durch eine plötzliche Zuckung die lebhafteſte Ueber⸗ raſchung, da er Zaloska vor ſich ſah. Dieſer ſprach einige Worte mit grinſenden Zügen. Fabricius kniff die Lippen zuſammen; er wandte ſich raſch um und Beide drängten zu Slawata hin. Auch ihm flüſterte Fabricius etwas ins Ohr, indem er ihm die Depeſche gab. Die Mittheilung des Ge⸗ heimſchreibers zuckte über ſeine Züge wie ein Krampf. Er riß das Schreiben auf; ſeine Lippen bebten fieberiſch wäh⸗ rend er las. Er wandte ſich zum Pater Thyßka, der mit bohrenden Augen an ihm hing, gab ihm den Brief und nickte nur leiſe winkend mit dem Kopf dabei, als wolle er ſagen:„Es iſt ſo!“ In Thyßka ging dieſelbe Bewegung vor, wie in den Andern. Bald ſah man, daß alle die ſchwarzen Herren in den Gruppen die Köpfe zuſammenſteckten und mit wichtigen Mienen einander zuflüſterten. „Ich will mein Lebtag in keinem Sattel mehr ſitzen“, ſagte Kaspar zu Michel,„wenn das nicht mit dem Geſtern, Heute und Morgen zuſammenhängt, wovon ſie im Gehen ſchwatzten. Es iſt etwas vorgefallen! Sie ſind alarmirt, der Feind muß ihnen in den Vorpoſten ſitzen!“ Dieſes Ereigniß, welches die Aufmerkſamkeit der beiden Reiter ſo beſchäftigte, hatte ſie auf einige Augenblicke von den Vorgängen in der Kirche abgezogen, denen die allge⸗ meine Theilnahme folgte. Sie wurden aber mit einem plötzlichen Schwung wiederum mitten in die Strömung des großen Ereigniſſes hineingeworfen. Denn mit einem Schlage ſchwoll das unruhige Murmeln und Wogen in der Menge zu einem lauten Ausbruch der Freude auf. Das Con⸗ clave hatte ſich geöffnet; die ſieben Wählenden er⸗ ſchienen in der Pforte. Gleichzeitig ſchallte Trompetenklang durch dieſelbe und im nämlichen Augenblick auch der Donner der draußen auf dem Platz aufgeſtellten Kanonen. Der große Act, der Deutſchlands Schickſale für die nächſte Zeit beſtimmte, die Kaiſerwahl, war vollendet! Von den drei geiſtlichen Kurfürſten, Trier, Mainz, Köln, zunächſt begleitet, von den Wahlvertretern gefolgt, trat der König von Ungarn und Böhmen zuerſt aus dem Gemach, um auf den Hochaltar zuzuſchreiten. Sechs He⸗ rolde mit langen Zinken und ſilbernen Trompeten, die ſchon an der Pforte des Conclave harrten, ſchritten voran. Ihre ſchmetternden Inſtrumente konnten dennoch den Jubel nicht durchdringen, der ſich in der Kirche erhob. Keine vor⸗ geſchriebene Ordnung, ſelbſt nicht die Heiligkeit der Stätte vermochte den gewaltigen Strom der Gefühle zu hemmen, der ſich jetzt in jeder Bruſt Luft machte. Die feierlich ab⸗ gemeſſenen Donnerſchläge der Kanonen überhallten allein das Brauſen des Jubels; ſie ſtellten ſich wie Felspfeiler hin in den tobenden Sturz eines mächtigen Stroms. Die 141 Freude entflammt ſich an der Freude, die Begeiſterung an der Begeiſterung; die mächtigen Schwingungen der allver⸗ breiteten Erhebung trugen auch den Einzelnen auf die Gipfel⸗ höhen dieſes Ausbruchs. Mochte zuvor in dieſer Bruſt die Hoffnung, in jener die Furcht und Sorge über die Folgen der Entſcheidung vorgewaltet haben; Beides verſchwand in der Gewichtigkeit des Ereigniſſes, die allein das Herz mit fortreißender, emporſtürmender Macht ergriff. Jeder empfand nur, daß ein großer Schritt der Geſchicke geſchehen ſei. Ob zum Heil oder Unheil, das mochte der Einzelne ſpäter in ſich prüfen; jetzt gehörte er nur dem Schwunge des Ganzen an; der Erhebung, die die Gewalt des Augen⸗ blicks in ſich trug. Ob die Nächſten am Altar den Namensausruf des neuerwählten Kaiſers„Ferdinandus der Zweite“ zu ver⸗ nehmen im Stande waren, ließ ſich in dem Sturmesbrauſen der Jubelſtimmen nicht ermeſſen. Die ungeheure Maſſe des Volks aber konnte den neuen Kaiſer nur ſehen, wie er mit hohem Gang gegen den Altar daher ſchritt, ſich mit mildem Lächeln, nach allen Seiten grüßend neigte und die Hände wie ſchirmend und ſegnend erhob. In dieſem Augenblick, eben als der Kaiſer den Altar erreichte, ereignete ſich ein Vorfall, ein ganz zufälliger, der aber in den Gemüthern der Menge einen, die Stimmung plötzlich und völlig umwandelnden Eindruck hervorbrachte.*) Ein ſchweres Balkenſtück fiel von der Decke herab und ſchlug dicht neben dem Kaiſer nieder. Die ganze Ver⸗ ſammlung in der Kirche war bei dieſem Anblick plötzlich wie durch einen elektriſchen Schlag gelähmt, Jeder *) Hiſtoriſch. 142 zitterte beſtürzt in ſich zuſammen und der Laut erſtarb ihm im Munde. Die tobende Brandung der mit mächtigem Brauſen emporgeſchwollenen Volksmenge erloſch plötzlich zu erſtarrter Meeresſtille.— Der Kaiſer war nur im erſten Augenblick mit einem raſchen Schritt haſtig zur Seite getreten; aber ſchon im nächſten behauptete er ſeine Faſſung und volle Würde wieder. Er blickte mit frommer Feſtigkeit durch die ganze Kirche hin, als wolle er jedem Einzelnen ſagen:„Seid ruhig, ich bin unverletzt!“ dann erhob er Augen und Hände nach oben und ſandte einen Blick heißen Dankes aufwärts. Noch aber laſtete die halbe Betäubung auf Allen; lautloſe Stille herrſchte, man hörte nur beklommene Athem⸗ züge. Es ſchien, als ſolle dieſes Zeichen, als das einer unheilvollen Vorbedeutung, den Eindruck der ganzen Feier⸗ lichkeit tief erſchüttern. Doch Kaspar Schwarz, der über Alles zürnte, ſich aber über nichts erſchreckte, faßte das Ereigniß in ſeiner Weiſe auf. Es erſchien ihm wie das Schwanken einer Kriegerſchaar in dem Augenblick, wo entſchloſſene Entſchei⸗ dung allein rettet. Ein dunkler kriegsmänniſcher Drang, daß er die Schlacht, auf dem Punkt zur Niederlage um⸗ zuſchlagen, wieder zum Siege herſtellen, etwas für ſeinen Kaiſer thun müſſe, trieb ihn an. Halb im Zorn über die feig erſchreckte Maſſe, brach er daher trotzig wilden Muthes das Eis der Erſtarrung, indem er mit ſeiner ge⸗ waltigen Kriegerſtimme mitten in die beklommene Stille hineinrief:„Es lebe Kaiſer Ferdinandus der Zweite!“ Dieſer Ruf brach dem zuſammengepreßten Strome der Empfindungen wieder eine neue Bahn; brauſend, don⸗ nernd, ein Vulkanausbruch, zerſprengten die lähmend laſten⸗ den Bande. Im tauſendſtimmigen Wiederhall erſcholl der gleiche Ruf:„Es lebe der Kaiſer. Es lebe Ferdi⸗ nandus der Zweite!“ gegen die Wölbungen des Doms. Dieſe Flut ſpülte jede Spur des Omens hinweg. Der Sturm der Begeiſterung riß alle äußern Schranken nieder. Der neue Kaiſer ſollte von den Wahlfürſten am Altar dem Volke vorgeſtellt werden, den Segen der Geiſtlichkeit em⸗ pfangen, Ritter und Herren ihm kniend huldigen: doch die wie von göttlichem Funken entzündete Menge durchbrach die Reihen; das Volk umſtürmte den Kaiſer und hob ihn auf ſeinen eigenen Schultern zum Altar empor, daß er hoch über den Köpfen Aller ſichtbar wurde.*) Unermeßlich ſchwoll jetzt die Woge des Jubels. Selbſt der Donner der Ge⸗ ſchütze wurde übertäubt und das Ohr empfand ihn nur als eine dumpfe Erſchütterung, welche die Pfeiler des alten Doms erbeben, die Fenſter klirrend erzittern ließ. Noch erhebender aber als dieſer war ein Augenblick, der jetzt eintret. Dem Gebrauch gemäß wurde dem Kaiſer die Wahleapitulation, dieſe, ihn durch heiligen Eid bindenden Verpflichtungen, unter welchen Fürſten und Völker des Deutſchen Reiches ihm die Wohlfahrt deſſelben anvertrauten, vorgelegt. Er nahm das wichtige Pergament mit fürſt⸗ licher Würde und Ruhe. Und jetzt auf die Stufen des Altars zurückgetreten, wo er immer noch weit erhöht über dem Volke ſtand, ſodaß er Allen ſichtbar blieb, entrollte er die Schrift und durchblickte ſie ſchnell, aber feſt mit klaren Augen. Dann, ohne irgend ein Bedenken oder Zaudern hob er ſeine Rechte zum Schwur und ſchaute freu⸗ dig zum Himmel auf. Jedes Auge hing an dem durch Gottvertrauen verklärten Antlitz. Und als er jetzt die Lippe regte zum erſten Wort, da war es als ob plötzlich alle *) Hiſtoriſch. 144 die Tauſende in der Kirche von der Gegenwart eines un⸗ ſichtbaren Heiligthums berührt würden. Wie auf einen Wink verſtummte der Jubel und es herrſchte das ehrfurchts⸗ vollſte Schweigen. Nur des Kaiſers feſte Stimme ertönte und keine Silbe ging dem lauſchenden Ohr verloren. Freu⸗ diges Vertrauen ſtrahlte aus Ferdinand's Antlitz, denn ſein Glaube war geſtählt durch die wunderbarſte Umwandlung ſeines Geſchicks nach den ſchwerſten Prüfungen. Vom Rande des unvermeidlichen Abgrundes(wie es ſterb⸗ lichen Menſchen erſchien) hatten ihn die Schwingen höherer Macht emporgetragen zu dem höchſten glanzvollen Gipfel des Daſeins. Statt mit dem unterhöhlten Thron ſeiner Erblande zuſammenzuſtürzen, ſaß er jetzt auf dem mäch⸗ tigſten der Chriſtenheit, und die Welt erkannte ihn als Herrſcher an! In ſolcher Führung ſeiner Lebensſterne mußte er das ewige Walten erkennen, und das gab ihm die freudige Zuverſicht, mit der er das Amt antrat, welches die Geſchicke aller deutſchen Völker in ſeine Hand legte. Die Rechte zum Schwur gehoben, die Linke ruhend auf dem entrollten Pergament, das auf dem Altar lag, ſtand er hoch aufgerichtet und ſprach den Eid mit freudiger Stimme. Am Schluſſe erhob er ſie feierlich, und mit zurückgehaltenem Athem lauſchte das Volk den letzten, mit erhöhter Kraft und Begeiſterung geſprochenen Worten:„Getreulich will ich halten, was ich beſchworen! Ich will ſein der Schutz der Schwachen, die Hülfe der Bedürftigen, die Sicherheit der Gerechten! Ein Mehrer des Reichs allzeit, der Schild ſei⸗ ner Rechte, der Hort ſeines Friedens, der Schrecken ſeiner Feinde!— So wahr mir Gott helfe! Amen!“ Indem er die Worte ſprach:„der Schrecken ſeiner Feinde“, vernahm Kaspar ein ſtörendes Geräuſch hinter ſich; er wandte ſich unwillig um und ſah einen ältern Herrn, der Kleidung nach zum Rath der Stadt gehörig, der ſich zu dem Bürger herandrängte, welcher zuvor ſo bereitwillige Auskunft gegeben hatte. Er rief ihm, wiewol mit gedämpfter Stimme, zu: „Der Kurfürſt von der Pfalz iſt zum Könige der Böhmen gewählt; ſoeben iſt die Nachricht ein⸗ getroffen.“ Viele hörten dieſe Worte mit Kaspar zugleich und eine haſtige Beunruhigung gab ſich kund. In dieſem Augen⸗ blick aber ſprach Ferdinand ſein lautes frommes„Amen“, und wie der zündende Funke die ſchlummernde Mine auf⸗ ſprengt, ſo zerriß dieſes Wort die athemlos geſpannte Stille, und ein neuer Jubelausbruch ſchallte gen Himmel. Die Biſchöfe, die Prälaten, umdrängten den Kaiſer, der noch immer am Altar ſtand, die Kurfürſten ſelbſt beugten, wie von höherer Gewalt bezwungen, huldigend ihre Knie, die Grafen, Ritter und Herren müheten ſich, ihm, auf die Knie geworfen, den Saum des Mantels zu küſſen. Allein ſtürmiſcher als Alle und unwiderſtehlich drang die Volks⸗ maſſe ſelbſt ein, jegliche Schranke durchbrechend, um ſich im begeiſterten Taumel dem neuen Herrſcher zu Füßen zu ſtürzen, ihn auf ihren Schultern aus der Kirche zu tragen. Mit äußerſter Mühe ſuchten die Mannſchaften der Stadt⸗ miliz die Ordnung aufrecht zu erhalten, des Kaiſers ge⸗ heiligte Perſon gegen dieſen Ueberdrang begeiſterter Ver⸗ ehrung und Liebe zu ſchützen. Aber dieſe Woge unge⸗ hemmten Ausbruchs der Gefühle durchrauſchte ſchon die ganze Kirche! Die Maſſen ſtrömten gegeneinander; Ord⸗ nung war nicht mehr zu bewahren. Indeſſen war es bald nicht die Wallung der Freude allein, durch welche die Volksmenge bewegt wurde; auch die der Beſtürzung ergriff ſie. Denn Viele hatten die Nach⸗ — Rellſtab, Drei Jahre. III. 1. 7 146 richt von der Wahl Friedrich's von der Pfalz zum Kö⸗ nige Böhmens gehört, und im Lauffeuer durchflog ſie die Menge. Ein ungeahnter Blitz zuckte ſie über dem Haupte der Freudigen, und der aufwärts ſtarrende Blick ſah das ſchwarze Wettergewölk mitten im blauen Aether zuſammen⸗ geballt. Vor dem in voller Jubelwoge dahinbrauſenden Strom riß ſich plötzlich eine tiefe Kluft verſchlingend auf. Der taumelnde Wirbelflug des Glücksrauſches war gebrochen und ſank mit gelähmtem Fittich herab. Jede Bruſt empfand mit ahnungsvollem Grauen dieſes höhnende Wechſelſpiel des Schickſals, welches in dem näm⸗ lichen Augenblick, wo es Ferdinand auf einen neuen Thron erhob, ihn von dem herabſtürzte, der ſein geheiligtes Beſitz⸗ thum war. Und der tiefer Blickende erkannte hier den ſchar⸗ fen, ſchreckenvollen Wendepunkt der Weltgeſchicke. An dem ſchwarz verhüllten Himmel der Zukunft hielt die unſichtbare Hand des ewigen Lenkers die Wage der Entſcheidung. Längſt ſchon hatten die ſchweren Schalen der Eintracht und Zwie⸗ tracht drohend im zitternden Gleichgewicht geſchwebt. Jetzt ſtürmte der Dämon der Zwietracht trotzig auf ſeinen finſtren Schwingen durch das Gewölk und warf verderben⸗ flammenden Auges das eherne Schwert in die Schale des Kampfes. In dieſer Stunde war es, wo Deutſchlands guter Ge⸗ nius ſich verhüllte, um das Menſchenalter des Grauſens nicht zu erblicken, das die ſchwere Hand unabwendbarer Schickung ihm verhängte! Dieſen Strom von Blut und Flammen, der Tauſende von Leichen in ſeinen Wogen wälzte, die Fluren verheerte, die Städte vertilgte, in ſeinem Aſchen⸗ bett allen Segen vergangener Jahrhunderte verſchüttete und den Abgrund aufwühlte, der ein ganzes kommendes ver⸗ ſchlang! Nur eine dunkle Ahnung, ein bleicher Schimmer der Grauengebilde der Zukunft drang in den lichten Glanz der Gegenwart; aber er erblaßte vor dieſem wie ein nächtlicher Stern vor dem Sonnenauge des Tages!— Geſegnet die Blindheit des Sterblichen, dem die Tage der Zukunft überdeckt ſind mit undurchdringlicher Nacht! Hätte er ſie geſehen, wie ſie unabwendbar nahten, ein Schrei des Ent⸗ ſetzens wäre jetzt emporgedrungen in die Wölbungen des alten Doms, und von Schrecken ergriffen wäre das Volk hinweggeſtürzt nach allen Seiten, ſich auf die Knie zu wer⸗ fen, betend, büßend, die Brüſte zerſchlagend unter dem Ant⸗ litz des Himmels, um ſeine Gnade zu erflehen. Doch ver⸗ ſchloſſen mit ehernen Pforten iſt ſeine klare Wölbung dem blöden Auge! Dreifach geſegnet dieſe Blindheit, die die ewige Gnade uns verliehen! Und ſo ſchallten denn in der ſtolzen, freudenbewegten Wahl⸗ ſtadt Frankfurt am 28. Auguſt des Jahres 1619 die Glocken feſtfreudig, mit hehrem Geläut herab von dem Dome und von allen Thürmen. Der eherne Mund der Geſchütze überdonnerte mit feierlichem Gruß das Jauchzen des Volks! Zu den Klängen der Orgel im Chorgeſange ertönte das „Herr Gott dich loben wir“. Die Straßen wimmelten in der Pracht bunter Menſchen⸗ ſtröme; Ehrenpforten ſtiegen auf; Teppiche wallten herab, Blumengewinde und Kränze ſchmückten Säulen und Mauern, Tücher und Hüte grüßten in die Lüfte, aus den Fenſtern, von den Dächern herab, und tauſendſtimmig tönte im freude⸗ taumelnden Volke der Ruf:„Vivat imperator Ferdinandus secundus!“—— Demmn die Pforten der Zukunft waren undurchdringlich verſchloſſen! S = .☛ — — — B43 0 Zwölftes Capitel. Das Ende des September war herangekommen. Wie oft ſcheint die Natur das völlige Widerſpiel der Welt zu bilden! Wenn es in dieſer am rauheſten ſtürmt, iſt ſie ſo mild und lächelnd wie die ewige Gnade ſelbſt! Wenn un⸗ ſere Bruſt von Schmerz zerriſſen, in Qualen der Verzweif⸗ lung ringt, haucht der Lenz ſüße Düfte oder der Friede des Abends überſchimmert purpurn den Frieden der Fluren! So war der Herbſt dieſes Jahres! Die Geſchicke der Welt gährten und brauſten hohl in ſchauerlicher Tiefe; der Boden der Menſchheit bebte von dumpfen unterirdiſchen Donnern erſchüttert. Aber die Erde trug das Antlitz des Friedens, der Himmel ſchaute auf ſie herab mit dem lächeln⸗ den Auge des Glücks. Von ſeinem reinſten Blau über⸗ wölbt, webten Wald, Gärten und Fluren den bunten, weh⸗ müthig reizenden Teppich des Herbſtes. Mit der Fülle jugendlicher Glücksfähigkeit in der Bruſt und von der hellen Nachmittagsſonne und dem blauen Aether umleuchtet, ließen zwei anmuthige ritterliche Jünglinge ihren Pferden frei die Zügel und ſprengten durch die herbſtlich prangenden Fluren raſch dahin von Prag aus, der Veſte 152 Karlsſtein zu, die ſich ihren Blicken noch tief in dem grü⸗ nen Thalſchoos verbarg, in deſſen Mitte ſie aufſteigt. Die beiden Reiter waren der junge Graf Thurn, Heinrich, und der Prinz Chriſtian von Anhalt. Es lag ein eigener Zauber in den beiden jugendlichen Geſtalten, die wie dazu geſchaffen ſchienen, Freunde zu ſein. Beide gleichen Alters, in ritterlicher Sitte erzogen, feurig, von edlem Streben bewegt, hatten ſie ſich im erſten Augen⸗ blick ihrer Begegnung mit dem ſchönen, leicht verbindenden Sinn der Jugend als zueinander gehörend erkannt und ſich auch ebenſo raſch, friſch und herzlich einander ange⸗ ſchloſſen. Die Art, wie ſie ſo ſchnell bekannt und ver⸗ traut geworden, war folgende: Beide machten verſchiedene Beſuche in Geſchäften zu Prag, nach der Sitte jener Zeit zu Pferde, ab. Als der junge Thurn zu dem Kanzler Wenzel von Budowa kam, ſah er an deſſen Hausthür einen reichgekleideten Diener zu Roß, der ein außerordentlich ſchönes Pferd von ſpaniſcher Zucht, einen feurigen Schimmel⸗ hengſt an der Hand hatte. Er betrachtete ihn mit Auf⸗ merkſamkeit und Wohlgefallen, und erfuhr von dem Diener, weſſen er ſei. Er ſelbſt ritt kein ſo ſchönes, aber ein äußerſt kräftiges, ſchnelles und dauerbares Thier von polniſcher Zucht, hellbraun, mit herrlicher, glänzend ſchwarzer Mähne und langem Schweif. Als er abſaß und es ſeinem Diener übergab, um zu dem Kanzler hinaufzugehen, ſtand der Prinz von Anhalt droben am Fenſter und freute ſich ſeinerſeits des muthigen Thieres. Beim Eintreten in das Gemach fand Thurn den jungen Prinzen allein, weil der Kanzler noch durch Ge⸗ ſchäfte behindert war, den Beſuch anzunehmen. Sie be⸗ grüßten einander zwanglos, waren ſchnell im Geſpräch, deſſen Gegenſtand die beiden Roſſe bildeten, und nach jugendlicher Weiſe hatten ſie ebenſo ſchnell den Tauſch be⸗ ſchloſſen. Als ſie ihre Geſchäfte mit dem Kanzler beendet hatten und Beide nun in der Lage waren, einige Tage in Prag auf Entſcheidung warten zu müſſen, ſchlug Thurn dem Prinzen vor, ihn bei dem ſchönen Herbſttage auf einen Ritt nach Karlsſtein zum Beſuch bei der Gräfin Thurn zu begleiten; jeder könne dabei das eingetauſchte Roß prüfen, und wenn Einem der Tauſch nicht behage, ſolle er nach dieſer Prüfung rückgängig werden. Der Prinz ging auf den Vorſchlag ein, und ſo waren Beide nach kurzer Zeit auf dem Wege zur Gräfin Thurn. Der muntere Ritt, das ſchöne Wetter, die Erzählung der gegenſeitigen Erlebniſſe führte die Herzen der Jünglinge jetzt ebenſo innig zu⸗ ſammen, als ſie ſich zuvor einander ſchnell genähert hatten. Sie waren noch keine Stunde geritten und der Freundſchafts⸗ bund war geſchloſſen, das traulich brüderliche„Du“ feſt⸗ geſetzt. „Wie ſollte man ſich anders nennen“, ſagte der Prinz von Anhalt,„wenn man zuſammen im Felde liegt und täglich Gefahren und Beſchwerden theilt? Und Feld⸗ kameraden müſſen wir werden, Thurn!“— „Zeltkameraden, wenn es ſein kann“, rief dieſer fröh⸗ lich und ſchüttelte dem neuen Freunde die Hand. „Ich beneide dich darum, daß du deine Sporen ſo rühmlich in mancher Schlacht verdient haſt!“ war des Prin⸗ zen Antwort.„Ich habe noch nicht gezeigt, daß ich ein Ritter zu ſein verdiene!“ „Du haſt dich anders in der Welt umgethan“, erwiderte Thurn,„darum beneide ich dich. Ich habe hier immer in Böhmen geſeſſen, nur daß ich einmal mit dem Vater in Kärnten und Friaul geweſen bin, wo unſere Familie her⸗ ſtammt; dabei haben wir auch Venedig beſucht. Das iſt 7*⁴ 154 Alles, was ich von der Welt kenne. Du aber biſt in Frankreich, England, in Italien geweſen!“ „Das wol! Aber was iſt auf Spazierreiſen Großes zu erleben? Man ſieht andere Städte, andere Menſchen, lernt ein paar Fürſten und Könige kennen, das iſt Alles! Ich gäbe alle meine Reiſen um eine Schlacht!“ „Die wird dir nicht fehlen, wenn Alles ſich ſo ereignet, wie du hoffſt und weißt! Wenn der Kurfürſt Friedrich end⸗ lich Ernſt macht, die Krone annimmt und nach Prag kommt— dann wird es auch noch für uns Beide ritterliche Arbeit geben!“— „Du haſt ſie ſchon! Dein Vater iſt ſchon wieder im vollen Siege! Ihr werdet uns nichts übrig laſſen!“ „Das wäre mir freilich lieb“, lachte Thurn,„aber es hat gute Wege! Wir wollen froh ſein, wenn wir's mit gemeinſamen Kräften vollbringen!“ „Die wollen wir daranſetzen!“ rief der Prinz. In dieſen und ähnlichen Geſprächen, von ſolchen Träu⸗ men der Zukunft gewiegt, hatten ſie ihren Weg zurückgelegt und waren dem Ziele nahe. 3 Jetzt ſenkte ſich die Straße, die bisher über die freie Hochebene geführt hatte, an deren Grenzen man den blauen Saum entfernterer höherer Bergzüge erblickte, ziemlich ſteil ins Thal zwiſchen dichtbewachſenen Waldhöhen hinab. „Nun werden wir bald dort ſein“, ſagte Thurn freu⸗ dig und ſprengte den ſteilen, ſteinigen Weg ſo raſch ab⸗ wärts, daß ihm der Prinz und der Diener kaum nachſetzen konnten. Eben bog er um den Vorſprung eines ſteilen Wald⸗ berges, als er plötzlich ſein Pferd mit dem lauten, jubelnden Ausruf:„Mutter! Mutter!“ anhielt, ſich leicht vom Sattel ſchwang und auf die Gräfin zueilte, die wenige Schritte * 155 ſeitwärts am Wege, im Gehölz auf einem Felsſtück, mit einem aufgeſchlagenen Buche im Schooſe, ſaß. „Heinrich!“ mit dieſem Worte flog die Ueberraſchte 6 auf und lag in den Armen ihres Sohnes. „Mein Sohn! Mein Heinrich! Dieſe Ueberraſchung!“ rief ſie und ihre mütterlichen Thränen floſſen in freudiger Aufwallung! 8„Mit tauſend, tauſend Grüßen vom Vater“, entgegnete Heinrich.—„Aber du hier, ganz allein im Walde?“ fragte er erſtaunt. „Nicht doch!— Thekla!— Thekla!“ rief ſie mit er⸗ hobener Stimme, und Heinrich ſah, der Richtung ihrer Blicke folgend, die zarte, anmuthige Geſtalt ſeiner Schweſter ſich im entfernteren Gebüſch bewegen. Eben gewahrte auch ſie den Angekommenen und überraſcht, unſicher ſchien es, wen ſie ſah, hemmte ſie ihren Schritt. Doch die Stimme des Bruders, der ſie laut bei dem Namen rief und ihr freudig entgegeneilte, gab ihr ſchnelle Aufklärung, und ſo flog ſie ihm die Anhöhe herab, leicht wie ein Reh, vom lieblichen Roth der Freude überhaucht, entgegen, umſchlang ihn mit Innigkeit und preßte ihm warme ſchweſterliche Küſſe auf den lieben Mund. „Heinrich!“ ſprach ſie, mit einer unbeſchreiblich holden Thräne im Auge,„dieſe Freude! So ungeahnt!“ Im nächſten Augenblick ging ihr kindliches Gefühl ganz in dem der Mutter auf; ihr Glück, ihre Ueberraſchung mußte ſie theilen! Sie ließ den Bruder, um ihr zuzu⸗ eilen— da plötzlich ſtockte ihr Schritt, ein Erröthen färbte ihre Wangen, die ſittige Jungfrau ſtand ſchüchtern und ein fragender Blick gleitete zu dem Bruder hin. Der Prinz war indeſſen gleichfalls abgeſtiegen, hatte ſein Pferd dem Diener übergeben und ſchritt eben auf die Gräfin 156 Eliſabeth zu. Dieſen fremden jungen Mann gewahrte Thekla unvermuthet, und ſein Erſcheinen und Nahetreten war es, welches den freien Ausbruch ihrer überraſchten Em⸗ pfindung plötzlich mit den Schranken weiblicher Schüchtern⸗ heit umgrenzte. „Vergib, meine theure Mutter“, nahm der junge Thurn raſch zu dieſer das Wort und trat an die Seite ſeines Be⸗ gleiters;„in meiner frohen Ueberraſchung verſäumte ich es, dir den Gaſt, den ich uns mitbringe, vorzuſtellen. Der Prinz Chriſtian von Anhalt; wir ſind raſch recht herz⸗ liche Freunde geworden!“ Der Prinz verbeugte ſich und ſprach zur Gräfin Eliſa⸗ beth gewandt:„Verzeihen Sie meine Gegenwart, Frau Gräfin; von meinem Vater mit Aufträgen nach Prag ge⸗ ſandt, erlaubte ich mir dort das Anerbieten meines Freun⸗ des anzunehmen, ihn auf ſeinem Beſuch nach Karlsſtein zu begleiten.“ d „Sein Sie uns beſtens willkommen, Prinz“, entgegnete Eliſabeth;„Sie ſehen, wie überraſcht wir ſind. Ich wußte nichts von meines Sohnes Ankunft.“ „Es war unmöglich, beſte Mutter, ſie dir zu melden. Vom Vater ganz plötzlich aus dem Lager abgeſandt, traf ich geſtern zu Nacht in Prag ein. Heut vom früheſten Morgen an hatte ich ſeine Geſchäfte zu beſorgen, und erſt im Laufe des Vormittags ordnete ſich Alles ſo, daß es mir möglich wurde, dich heut noch zu beſuchen; bis dahin wußte ich ſelbſt nicht, wann und ob ich's überhaupt könnte.“ So war die Ueberraſchung entſtanden, indem Eliſabeth und Thekla, nur des ſchönen Wetters wegen luſtwandelnd, den ſchönen Platz im Walde zum Ausruhen gewählt hatten. Der Prinz Chriſtian war zwar im erſten Augenblick ein wenig verlegen, indeß ſeine Gewohnheit feiner Sitte 6 157 überhaupt und des ſteten Verkehrs mit gebildeten Frauen, da ſeine Mutter und erwachſenen Schweſtern zu wahrhaft Ausgezeichneten ihres Geſchlechts gehörten, ließen ihn auch bei dem ganz unvermutheten Begegnen ſchnell wieder die ſichere Bahn der Lebensſitte treffen. Er hatte ſich bis jetzt mit ſeinen Worten nur zur Gräfin Eliſabeth ge⸗ wendet, und Thekla nur ſo flüchtig, als ſie der Bruder umarmte, wahrgenommen, daß er ſie eigentlich noch gar nicht geſehen hatte. Jetzt, da ſie anmuthvoll ſchüchtern näher trat, fiel ſein aufmerkſamerer Blick auf ſie.—— Wer hat das Räthſel gelöſt, wie ſo oft, nur durch ein einziges Begegnen, einen einzigen Blick, in zwei Weſen der Funke ſich entzündet, der ihr Innerſtes in Berührung bringt, ſie mit dem Strahl einer heiligen Ahnung durchzittert, daß ſie zur unzertrennlichen Gemeinſchaft geweiht ſind? Wo⸗ durch wird das Wunder, das in dunkelſter Tiefe des Her⸗ zens, ihm ſelbſt verborgen lange Jahre ſchlummert, plötz⸗ lich geweckt und durchſtrahlt die Bruſt mit ſeinem göttlichen Lichte und Leben? Welches iſt die geheimnißvolle Saite, unſichtbar von Seele zu Seele geſpannt, die, vom Hauche des Augenblicks berührt, den ſüßeſten Zauber des Zu⸗ ſammenklanges ertönen läßt, der zu innigſter Verſchmelzung drängt? Das tauſendfältig geſchehene, aber dennoch unerklärte Wunder erneuerte ſich auch hier. Als der Prinz die ſchöne Geſtalt aus dem grünen, ſonnendurchſchimmerten Duft der Gebüſche leiſe näher treten ſah, berührte es ihn wie eine himmliſche Erſcheinung. Das fliegende Roth, welches ihre Wangen überhauchte, die Freude und Rührung, die in ihren Augen ſchimmerten, erhöhten den Zauber ihres Reizes. Das leichte unbefangene Wort, wo⸗ mit er die Mutter begrüßt hatte, verſtummte auf ſeiner Lippe, er fühlte ſeine Wangen erglühen, und es überkam ihn eine Verwirrung, wie er ſie noch nie erfahren. Nur die zur Natur gewordene Gewohnheit der Sitte hielt ihn ſo weit in dem richtigen Lebensgleiſe, daß er ſich ſtumm gegen Thekla verbeugte; allein die Rede verſagte ihm. Des Bruders unbefangene Freude und Herzlichkeit ließ Beide ſo über den Augenblick der Verwirrung hinweggleiten, daß ſie ſeine Gewalt nur in ihrem Innerſten empfanden, nach außen nichts von Dem verrathen wurde, was ſie ſo ſüß, ſo heilig und ihnen ſelbſt ſo unerklärt bewegte. „Sieh, Thekla“, ſagte Heinrich heiter zu der Schwe⸗ ſter,„hier habe ich einen Freund und Waffenbruder ge⸗ wonnen; wir werden treu zuſammenhalten.“ „Das glaub' ich feſt“, antwortete Thekla mit leiſem Wohllaut, indem ſie dem Bruder die Hand reichte und ſich gegen den Prinzen neigte. „Gewiß, das wollen wir“, betheuerte dieſer feurig; denn er fühlte beim Anblick einer ſo holden Schweſter das Glück doppelt, ſich dem Bruder in Freundſchaft verbunden zu haben. „Wir haben ſchon unſere Pferde getauſcht“, fuhr der unbefangene Thurn im fröhlichſten Tone fort. „Wir können auch die Waffen tauſchen wie die Helden der alten Griechen“, ſetzte der Prinz in gebildeter Weiſe hinzu und dachte an die Homeriſchen Helden, welche ihm bei der ſorgfältigen Erziehung, die er genoſſen, nicht fremd waren. „War das eine Sitte griechiſcher Helden?“ fragte Thekla, indem ſie den Prinzen offen, freundlich, aber doch mit einer eigenen Wallung, die ſie noch nie empfunden, anblickte. „Der Gebrauch paßt nicht ganz auf uns“, erwiderte dieſer, der, über die erſten Augenblicke der Verwirrung hin⸗ weg, ſich jetzt in einer überaus beglückenden Stimmung fühlte, die alle ſeine ſchön entwickelten Geiſteskräfte noch 159 erhöhte.„Denn, ſoweit ich mich der Beiſpiele erinnere, die ich geleſen, tauſchten nicht die Kampfgenoſſen und Freunde, ſondern die Gegner ihre Waffen als Erinnerungs⸗ zeichen an den ehrenvoll miteinander beſtandenen Kampf!“ „Das iſt faſt noch ſchöner“, war Thekla's Antwort. „Allein ich will doch deshalb nicht wünſchen“, ſetzte ſie an⸗ muthig lächelnd hinzu,„daß es zwiſchen Ew. Durchlaucht 3 und meinem Bruder zum Kampf kommen ſollte!“ Die Gräfin Eliſabeth hatte dem Geſpräch, das eine ſo zufällige Wendung genommen hatte, bis jetzt nur zugehört. Aus ihrem ſanften Auge ſtrahlte das mütterliche Glück, ihren Sohn an der Seite eines ſo edlen, befreundeten Genoſſen zu ſehen. Mit Stolz und Luſt weilten ihre Blicke auf den beiden jugendlichen Geſtalten im Waffenſchmuck, denen der Muth und die Freude des Lebens aus den Augen blitzten. Ein in ſo düſtrer Zeit, wo die Sorge in jede Stirn ihre finſtren Furchen zog, doppelt erquicklicher Anblick.— Die Gräfin faßte Thekla's Wort geſchickt auf und ſagte:„Zum Kampf nicht, aber zum Wettkampf! Mögeſt du den Ehr⸗ geiz haben, mein Sohn, deinen edlen Freund in jeder ritter⸗ lichen Tugend übertreffen zu wollen!“ „Wenn ich ihm nur erſt gleichkäme“, ſagte der Prinz beſcheiden, aber in wahrhafter Geſinnung;„ich hatte noch nicht Gelegenheit, meine Sporen zu verdienen.“ „Wie, Prinz?“ fragte Eliſabeth erſtaunt,„ſollte ich mich denn ganz irren? Oder hätten Sie nicht ſchon unter dem Herzog von Savoyen Kriegsdienſte gethan?“ „Das wol, vor drei Jahren“, erwiderte der Prinz er⸗ röthend;„aber ich kann das nicht Kriegsdienſte nennen. Ich habe dem Kampfe eigentlich nur zugeſehen. Ich ſollte den Krieg nur ſo obenhin kennen lernen unter ſtrenger Vor⸗ mundſchaft. Der Graf Dohna war mein Begleiter.“ 160 Es ſagte Thekla ungemein zu, den jungen Fürſten, ſtatt ruhmredig, ſo beſcheiden von ſeinen Kriegsverhältniſſen ſpre⸗ chen zu hören. Die Gräfin erwiderte ihm, von gleicher Empfindung berührt, leicht ſcherzend:„O, Prinz, Sie werden ſich der Vormundſchaft doch nicht allzu gehorſam unterworfen haben!— Graf Mansfeld hat mir erzählt... „Er war nicht bei dem Heere, wahrlich nicht“, fiel ihr der Prinz mit einem ſchönen Eifer für die Wahrheit ins Wort. „Er muß aber durch Andere, die in Ihrer Nähe ge⸗ weſen, wohl unterrichtet worden ſein, denn ich verſichere Ew. Durchlaucht, er hat mir mit der höchſten Achtung von Ihrem ritterlichen Muth geſprochen. Und der Graf Mans⸗ feld iſt, das werden Sie einräumen, ein Mann, der in ſol⸗ chen Dingen eine Stimme hat.“ „Ich würde ſtolz darauf ſein, mir das Lob eines ſo berühmten Kriegers unter ſeinem Befehle, unter ſeinen Augen zu erwerben“, antwortete der Prinz, und ein edles Feuer flammte in ſeinem Auge.„Aber noch habe ich es wirklich nicht verdient! Dieſen Degen“, er ſah halb unwillig, halb verächtlich auf denſelben herab,„hat noch kein Blut ge⸗ färbt!“ „Drum tauſche ich doch mit dir“, rief Thurn lebhaft und faßte ſeinen eigenen Degen, als ob er ihn darbieten wollte. „Ich darf den Tauſch nicht annehmen!“ entgegnete der Prinz. „Wie? Auch nicht, wenn ich mit dem Gehenk dazu tauſche, von meiner Schweſter Hand geſtickt?“ rief er un⸗ beſonnen. „Heinrich!“ ſagte die Gräfin Eliſabeth mit ſanftem Vorwurf;„Bruder!“ gleichzeitig Thekla. Aber der Prinz rief feurig:„So tauſche ich!“ und —— 161 die Flamme ſeines Blicks ſchien auf Thekla's Wange zu brennen, ſo erglühte ſie.....„Wenn die Gräfin“, fügte er, ſich ehrfurchtsvoll gegen ſie verbeugend, faſt ſchüchtern hinzu,„den Tauſch geſtatten will.“ „O, Durchlaucht“, nahm Eliſ abeth für Thekla das Wort, „meine Tochter hat wol hier nichts zu geſtatten, aber ſie wird auch gewiß nichts verbieten wollen.“ „Gewiß nicht?“ fragte der Prinz mit einem Blitz im Auge. „Gewiß nicht“, verſetzte Eliſabeth lächelnd, die dem kleinen Ereigniß, das ihres Sohnes Unbedachtſamkeit herbei⸗ geführt hatte, ſo wenig Gewicht als möglich geben wollte, um Thekla's Verlegenheit nicht zu erhöhen. Doch der Prinz vermochte nicht, es als ein unbedeu⸗ tendes aufzunehmen. Er ergriff und küßte die Hand der Gräfin mit einem Feuer, das ihm in innerſter Seele glühte und in dem ſeine ganze Jugendlichkeit unbefangen aufflammte. Und als er das Haupt wieder erhob, richtete er einen Blick dankbarer Freude auf Thekla, der einem ſtill glänzenden, innig beglückten ihres ſchönen Auges begegnete. Heinrich hatte ſchon Gehenk und Degen abgenommen, reichte beides dem Prinzen dar und nahm es auch dem Freunde behend ab. Sein Ausführen ohne Zögern machte, daß der Augenblick der Verlegenheit, den er ſeiner Schweſter bereitet hatte, raſch vorüberglitt. Und nach zwei Minuten blieb in Allen nur ein freudiger Eindruck über das kleine Ereigniß zurück. Im Prinzen der freudigſte! 162 Dreizehntes Capitel. Eliſabeth, um die Gedanken auf ganz etwas Anderes zu richten, fragte, gegen den Prinzen Chriſtian gewandt: „Möchten Sie mit meinem Sohne wieder zu Pferd ſteigen, Durchlaucht, und uns im Schloß erwarten? Oder ziehen Sie es vor, mit uns auf dem Fußpfad hier durchs Ge⸗ büſch zurückzukehren?“ „Wir gehen mit dir, Mutter“, nahm der junge Thurn dem Prinzen die Antwort vorweg, der zuverläſſig dieſelbe, nur in anderer Weiſe, gegeben hätte.„Bitte, liebe Mutter“, ſetzte er kindlich hinzu, indem er Eliſabeth's Arm faßte und ihr liebkoſte,„laß uns zuſammengehen, ich habe dir ſo viel zu erzählen! Wie lange habe ich dich nicht geſehen!“ Kein Gedanke der Abſichtlichkeit kam dabei in ſeine Seele; es war ihm aber, ſo ſchien es, heut beſchieden, durch ſein argloſes Auffaſſen und Vorwegnehmen der Dinge Ver⸗ legenheiten zu bereiten. Die Schicklichkeit hätte gefordert, daß die Gräfin den Arm des Prinzen genommen hätte, ſie ver⸗ bot es faſt, daß dieſer Thekla's Begleiter wurde. Allein den Fehler in der Weiſe zu bemerken, daß die Aenderung hätte erfolgen müſſen, würde ihm ein ſo viel größeres Ge⸗ wicht gegeben haben, daß vielleicht ein peinlicherer Eindruck an die Stelle der leichten Verlegenheit getreten wäre, die Heinrich jetzt, wie zuvor der Waffentauſch, bereitete. Eli⸗ ſabeth zog es daher mit feinem Sinn vor, darüber hinweg⸗ zugleiten, wie es am beſten mit jedem geſelligen Verſehen gehalten wird. Sie wandte ſich nur lächelnd mit den Worten zu dem Prinzen:„Ew. Durchlaucht werden früh geübt, 163 meinem Sohne Vergebung für ſeine Unbedachtſamkeiten an⸗ gedeihen zu laſſen. Sie ſehen, er hat die üble Gewohnheit, uns Alles vorweg zu nehmen!“ 8 „Ich freue mich ſeines lebendigen Gefühls“, erwiderte der Prinz,„daß er ein ſo anhänglicher Sohn iſt, bürgt mir ja dafür, daß er auch ein inniger Freund ſein wird!“ „Wahrlich!“ rief der Jüngling aus,„das will ich dir ſein!“ Und da er die Mutter ſchon am rechten Arm führte, reichte er nur die linke Hand halb zurückgewandt dem Freunde zu und faßte damit herzlich drückend ſeine Rechte. Der Prinz bot jetzt Thekla den Arm; ſie ſchwebte leicht an ſeiner Seite auf dem Raſen durch das ſchattige Gebüſch hin. Welch ein anmuthvolles Paar! Thekla war aufge⸗ blüht zur jungfräulichen Roſe, aber noch im zarteſten, erſten Reiz. Ihre Seele, ſo hold entfaltet wie ihr Leib, wohnte rein auf ihrer reinen Stirn, ſtrahlte aus ihrem Auge gleich dem unbewölkten Himmel, und tief und klar wie dieſer. Kein leiſeſter Schatten verhüllte etwas Fremdes in ihr; was ſich dem flüchtigen Blick verbarg, verbarg ſich nur in dem heiligen Dunkel, das einzig die Tiefe webt. Nur die ſeichte Welle läßt Alles durchſchimmern, weil Alles an der Ober⸗ fläche liegt.— Der Prinz trug in ſich den edelſten Stoff von feinſter Hand geformt. Er hatte die ritterlichen Tugen⸗ den ſeiner Ahnen, ſeines Vaters geerbt, der mit dem männ⸗ lichen Schwung des Muthes das ſichere Maß der Beſonnen⸗ heit verband. Die treuſte, mütterliche Sorgfalt hatte alle zarten Keime in ihm ſo gepflanzt und entfaltet, wie der männliche Ernſt des Vaters die ſtarken Wurzeln kräftig genährt. Ernſtes Wiſſen, vielgeſtaltige Lebensſchule geſell⸗ ten ſich einer frühen warmen Pflege des Herzens, durch älterliche Liebe, geſchwiſterlichen Verkehr, ſittige Häuslichkeit. Selten ſchon, daß Jünglinge, entfernt von der Berührung —— — — — 164 des Lebens, ſich ſo rein, ſo einfach bewahren; viel ſeltener noch, daß ſie, wie der Prinz, in deſſen vielfachen Wirbeln ſicheres Geſchick gewinnen, ſich auf ſeinen verworrenen Bah⸗ nen zu bewegen, und ſie dennoch ſo unbefleckt, ſo argloſen Herzens wandeln! Der Fußpfad zog ſich unter dem Laubdach eines Eichen⸗ gebüſches vielfach gewunden, etwas anſteigend an der Lehne des Berges hin; er war zuweilen ſo ſchmal, daß nicht zwei Wandelnde nebeneinander Raum hatten, oder doch Einer am Abhang auf unwegſamerer Bahn gehen mußte. An ſolchen Stellen war es dem Prinzen ein beglückendes Ge⸗ ſchäft, Thekla zu unterſtützen, während er neben ihr im hohen Graſe oder Felsgeröll auf abſchüſſiger Bahn klimmte. Sie hatte ſchon zuvor, ehe der Bruder ſie traf, einen gro⸗ ßen Strauß herbſtlicher Feldblumen gepflückt, welche der Prinz ihr trug, und ſie, ſelbſt pflückend, vermehrte. Ihr harmloſes Geſpräch entſprach dieſer tändelnden Beſchäfti⸗ gung, wie es bei jungen Gemüthern in den erſten beglücken⸗ den Annäherungen zu ſein pflegt, wo Jeder nur gewiſſer⸗ maßen die am Wege liegenden Anregungen und Gedanken auffaßt und ausſpricht, während er mit Dem, was ſeine Bruſt im Innerſten beſchäftigt, ſcheu zurückhält. Ihre Freude eben jetzt beſtand darin, ihre beiderſeitige Luſt an den klei⸗ nen erquickenden Gaben der Natur und dadurch die Gleich⸗ ſtimmung ihrer Seele zu erkennen zu geben. Jede Blume, die Thekla pflückte oder der Prinz ihr reichte— jedes zier⸗ lich gebildete Moos— ein Zweig voll grüner, kräftig aus⸗ gewachſener Eicheln— der helle Laut, den irgend ein herbſt⸗ licher Vogel, der durch die Gebüſche flatterte, hören ließ, dies waren die Anknüpfungspunkte ihrer unbefangenen Aeuße⸗ rungen. Die beglückendſten Augenblicke für den Prinzen traten freilich ein, wo er an jenen ſchwieriger gangbaren 2 — 165 Stellen den Arm ſeiner Begleiterin faßte, ſie ſtützte und ſicher darüber hinwegführte, und ſie ihm mit freundlichem Blick den Dank dafür zulächelte. Sobald er den weichen ſchönen Arm Thekla's berührte, durchzuckte es ihn wie mit elektriſcher Strömung; er wagte einen leiſen, wärmern Druck, und ſie geſtattete ſich— ihn nicht wahrzunehmen! O beglückte Augenblicke des Lebens, die ihr nur unter ſeinem erſten, unſchuldig reinen Frühlingshimmel aufblüht— und von kürzerer Dauer als dieſer! Wie ſchnell ſchwindet das lächelnde Blau und finſtres Sturmgewölk wirft ſeine kalten Schatten herab!— Jugendliche Herzen! Labt euch in eurer Reinheit und Wärme an dieſen Nektartropfen, die aus einem Himmel, der auf Erden keine Dauer hat, auf euch niederſinken und euch erquicken wie der Thau den Blütenkelch!—— Sie hatten eine Stelle faſt erreicht, wo der Pfad ſich ſcharf um den Vorſprung des Berges ſchlang, da das Thal hier eine ganz andere Richtung nahm. Die Gräfin war ihnen ſchon einige Minuten voran und wartete mit Hein⸗ rich ihrer an dem Wendepunkt. Thekla beſchleunigte ihre Schritte, etwas ängſtlich durch die Verſpätung, und ſagte mit dem weiblichen Gefühl ſie entſchuldigen zu müſſen: „Wir haben ſo viele Blumen gepflückt!“ Jetzt trat ſie mit dem Prinzen in eine Lichtung des Ge⸗ büſches, von wo aus ſie die neue Thalwindung überblicken konnten. „Dort ſehen Sie das Ziel unſeres Weges“, wandte ſich die Gräfin Eliſabeth zum Prinzen;„wie gefällt Ihnen Schloß und Landſchaft?“ Prinz Chriſtian, der ſeinen Blick nur auf Thekla ge⸗ richtet hielt, hatte die Ausſicht, die ihm der Punkt gewährte, auf den er eben hinaustrat, noch nicht bemerkt. Er erhob 166 das Auge, der hindeutenden Hand der Gräfin folgend. Mit überraſchtem Staunen ſtand er ſtill, von dem mächtigen Anblick ergriffen. Auf ſteiler, kegelartiger Berghöhe, wo Waldgebüſch und Fels wechſelten, ragte die berühmte Kaiſ erveſte vor ihnen empor. Ihre gewaltigen Thürme ſtiegen mit den breiten Zinnen hoch in das reine Blau des Himmels und zeichne⸗ ten ſich in den ſchärfſten Linien darauf ab. „Ein herrlicher, ein majeſtätiſcher Anblick“, rief der Prinz aus und ſchaute mit feurigen Blicken zu dem ſtolzen Schloß hinauf; dann ließ er das Auge auf die Bergland⸗ ſchaft, die ihn umgab, kreuzen.„Ein wunderſchöner Wohn⸗ platz!“ ſagte er aus innerſter Seele und blickte halb ver⸗ ſtohlen zu Thekla hinüber. Eine mütterliche Ahnung ſchwebte wie ein Hauch über die Züge der Gräfin. Ihr Auge weilte auf Thekla, die ebenfalls mit einem ſchwärmeriſchen Ausdruck, der zwar in ihrem Weſen lag, ſich aber doch noch nie in dem Grade bei ihr gezeigt hatte, ſich rings in die ſo wohl⸗ bekannte Landſchaft verſenkte, als entfalte ſie ihr tauſend neue Reize. Mit ſorglichem innern Auge warf die Mutter einen Blick in das Herz der Tochter. Sie erkannte und täuſchte ſich nicht, welche bis dahin geſchloſſene und verhüllte Knospe eben jetzt in Thekla's Bruſt den duftigen Kelch leiſe, doch unwiderſtehlich zu öffnen begann. Gefühle des Glücks und des Schmerzes, der Freude und der Sorgen über⸗ drängten ſie mit plötzlicher Gewalt. Kann der Traum, deſſen erſtes dämmerndes Roſenlicht jetzt in dieſes kindlich reine Herz ſtrahlt, zu einem hellen Lebenstage werden? Oder wird ihm ein Erwachen in troſtloſeſter Finſterniß folgen? Wohl ſah die mütterliche Fürſorge alle die dunk⸗ len Tiefen, an deren Rand die zarte Blüte ſchwankte! 167 Konnie ſie ſich entfalten unter den ſturmdrohenden Welt⸗ geſchicken? Schied nicht, dieſer nicht zu gedenken, die ſorg⸗ los Glücklichen eine weite Kluft des Lebens, über welche das beflügelte Traumbild ihrer Hoffnungen bedachtlos hin⸗ wegſchwebte? Nicht daß die fürſtliche Krone an ſich die Grafenkrone des alten edlen Hauſes della Torre e Val⸗ ſaſſina, wie ſich das Geſchlecht des Grafen Thurn nannte, bevor es aus Friaul nach Böhmen überſiedelte, ſo weit über⸗ ſtrahlt hätte: aber der Zweig des Fürſtenhauſes konnte leicht zum Stamm deſſelben werden und einen unabhän⸗ gigen Thron überſchatten. Der regierende Fürſt von An⸗ halt durfte, ſollte, ſeine Gemahlin aus den Töchtern re⸗ gierender Häuſer wählen! Die höchſten waren ihm nicht verſchloſſen! Freilich wie eben jetzt die Welle der Lebens⸗ geſchicke ſchwankte und ſtürmte, konnte Der, welcher ſich kühn in die Brandung warf, hoch hinaufgetragen werden von der Woge des Glücks! Eliſabeth wußte ſogar, daß das Stre⸗ ben nach einem Fürſtenhut ihren Gemahl ehrgeizig beſchäf⸗ tigte. Er hatte ſchon gehofft, ihn auf den erſtürmten Mauern Wiens zu erobern; eine Hoffnung, die ihm jetzt vielleicht zum zweiten male leuchtete, da er mit neuer Heeresmacht abermals der kaiſerlichen Hauptſtadt zudrängte!— Alles dies wägte in der flüchtigen Schnelle des Augenblicks das bangende Herz der Mutter! Denn in einer zweifelnden Seele ziehen in wenigen Secunden tauſend Geſtalten des Möglichen ſchnell wechſelnd vorüber! Eine aber haftete und trat immer wieder in unverlöſchbaren Zügen vor Eli⸗ ſabeth's inneres Auge, wenn die andern gleich Schatten und Nebelbildern ſich ſo ſchnell verflüchtigten als ſie auftauchten. Sie ſah ihre einzige, unausſprechlich geliebte Tochter ge⸗ lehnt an die Bruſt des Gewählten, ihm ihr Alles ver⸗ trauend! Rings das verworrene Dunkel des Lebens, das —— — —— 1 168 Labyrinth ſeiner Abgründe und Gefahren! Er ſollte ſie hindurchleiten, hinübertragen! Hatte ſein Arm, mehr noch, hatte ſein Herz dieſe Kraft? Der ſlüchtige Augenblick erſter Begegnung hatte entſchieden. Der Glaube ſchloß das Bünd⸗ niß— wer prüfte es? Wie tief das Mutterauge blickt, vermag es in die dunkelſte aller Tiefen, in die der Bruſt zu dringen?— Wohl ſah, wohl kannte Eliſabeth alle die zarten Fäden, aus denen die Seele der Tochter gewebt war! Und daher wußte ſie, mütterlich unfehlbar, Thekla's Herz wurde durch die Liebe ganz erfüllt, ganz beſeligt, geheiligt, erhielt durch ſie ſeine höchſte Weihe— aber, wenn es ſich getäuſcht ſah, war es vernichtet! Und was wußte Eliſabeth von dem Jüngling? Welche andere Bürg⸗ ſchaft wurde ihr von ihm als der Adel, die Reinheit ſei⸗ ner Erſcheinung, wodurch er, ſie gewahrte es mit jedem Augenblick unzweifelhafter, den vertrauenden reinen Glau⸗ ben der Liebe in der Tochter geweckt hatte? Dieſe unruhvollen Wogen wallten ſo ſchnell und gleich⸗ zeitig im Innern Eliſabeth's, daß Thekla und der Prinz während deſſen kaum einige Blicke über die herbſtlich bunten Thäler und Wälder warfen, die ihnen doppelt reizend er⸗ ſchienen, weil ihr inneres Glück ihnen daraus zurückſtrahlte. Heinrich Thurn ſchaute gleichfalls, doch nur äußerlich be⸗ trachtend umher; er war es daher, welcher zuerſt bemerkte, daß ein Wagen, in jenen Tagen eine ſeltene Erſcheinung, ſich auf der Straße im Thale gegen die Burg zu bewegte. Es war ein ſchwerfälliger, mit vier Pferden beſpannter Reiſewagen. „Wer kann das ſein, Mutter?“ fragte er dieſe.„Er⸗ warteſt du Beſuch auf Karlsſtein?“ „Niemanden in der Welt“, erwiderte ſie, ſich halb er⸗ ſchreckt der Fülle der Betrachtungen entreißend, in die ſie 169 verſunken war.„Wir haben faſt nie Beſuch dort gehabt. Es wird dem Burggrafen gelten!“ „Nie Beſuch?“ fiel der Prinz fragend ein, und fügte mit einem Blick auf Thekla hinzu:„Wie beglückend muß eine ſolche Einſamkeit und Stille ſein!“ „Sie iſt ſehr wohlthuend“, antwortete die Gräfin, „wenn man die Hoffnung haben könnte, daß ſie nicht ge⸗ ſtört würde!“ „Nein“, rief Thurn fröhlich,„ich ließe mir eine Stö⸗ rung von Zeit zu Zeit gefallen. Und ſtören wir ſie dir nicht auch, Mutter?“ „Freilich, freilich!“ antwortete die Mutter, die heitre Wendung gern auffaſſend;„indeß wollen wir dir vergeben, da du bis jetzt unſere Ruhe doch nicht zu häufig unter⸗ brochen haſt.— Möchten wir aber nicht unſere Rückkehr beeilen?“ richtete ſie das Wort an Thekla und den Prinzen, die ſich ſchon wieder zueinander gewendet hatten und leiſe, wiewol abſichtlos, nur von ihrem natürlichen innern Gefühl beſtimmt, zueinander ſprachen. „Gern, liebe Mutter“, war Thekla's Antwort.„Meinſt du doch, daß der Beſuch uns gelte?“ „Es iſt wenigſtens möglich, obwol ich nicht wüßte, wer kommen könnte?“ Während dieſer Antwort hatte die Gräfin ſchon wieder den Arm ihres Sohnes genommen. Auf einem ſchattigen Waldpfade an halber Höhe der Berglehne gelangten ſie allmälig wieder auf die größere Straße, die ſich im Thale aufwärts zog, und ſtiegen von dort den vielgewundenen Weg zur Burg zwiſchen den gezackten Vertheidigungsmauern der Vorwerke hinan. Der Wagen, den ſie noch eine Zeit lang vor ſich ſahen, hatte das Thor erreicht, bevor ſie ſelbſt dort anlangten, und Rellſtab, Drei Jahre. III. 1. 8 wurde nach kurzem Anhalten durch die Thorwache ohne wei⸗ teres eingelaſſen. Als Eliſabeth und ihre Begleiter am Eingange waren, trat ihnen der Anführer der Wachtmannſchaft entgegen und berichtete der Gräfin: „Der Director des Carolinums zu Prag, Herr Jeſ⸗ ſenius von Jeſſen, iſt in der Burg eingetroffen, um bei Ew. Gnaden vorzuſprechen.“ „Jeſſenius!“ rief die Gräfin freudig überraſcht.„Der würdige Jeſſenius!— Er kommt ohne Zweifel von dem Vater!“ wandte ſie ſich zu ihrem Sohne. „Gewiß!“ antwortete dieſer.„Er war in Siebenbürgen und Ungarn und wurde ſchon als ich aus dem Lager ab⸗ ging erwartet; da ich noch in Brünn und Olmütz zu thun hatte, kann er mich in Prag überholt haben.“ Mit dieſen Worten betraten ſie die Burg und gingen durch den Vorhof nach dem Kaiſerthurm, in deſſen unterm Geſchoß ſchon die Pferde und der Wagen des Gaſtes unter⸗ gebracht wurden. Eliſabeth ging, von Thekla begleitet, hinauf, um Jeſ⸗ ſenius zu begrüßen. Heinrich ſagte mit zwangloſer Vertraulichkeit zum Prin⸗ zen:„Während die Mutter für unſere Wohnung ſorgt und den gelehrten Gaſt begrüßt, will ich dir die Merkwürdig⸗ keiten der Burg zeigen,— ſoweit wir ſie ſehen dürfen“, ſetzte er hinzu. „Das iſt mir angenehm“, bemerkte die Gräfin, ſich zurückwendend.„Wir Franen hahen uns ſelbſt auch noch ein wenig einzurichten nach dem langen Spaziergange. Im Saale oben ſehen wir uns denn wieder.“ Unter dieſen Worten ſtieg ſie mit Thekla die Treppe hinauf, die zu den in den obern Geſchoſſen des Thurmes — —— — 171 gelegenen Kaiſergemächern führte, welche ihnen noch immer zur Wohnung dienten. Der Prinz ſah ihnen nach, bis ſie verſchwunden waren. „Ein wunderbarer, mächtiger Bau!“ ſagte er jetzt mit erneutem Staunen, indem er die gewaltigen Gebäude der Veſte betrachtete, in deren Mitte er ſich jetzt befand.„Nie⸗ mals ſah ich einen Burgthurm von ſolcher Höhe und Mauerſtärke!“ „Das glaube ich“, antwortete Heinrich mit einigem Stolz.„Schon hier der Kaiſerthurm iſt ein trotziger Rieſe; vollends der dort, wo die Krone aufbewahrt wird!“ Er deutete mit der Hand nach dem höchſten Thurm hinauf. „Er iſt über ſechzig Ellen hoch und die Mauern ſieben Ellen ſtark. Ueberhaupt hat Kaiſer Karl für ſichre Mauern in ſeiner Burg geſorgt. Auch hier in dieſem Thurme, wo ſeine Wohngemächer waren, ſind Mauern von ſolcher Dicke, daß in der einen eine ganze Kapelle ausgehauen iſt, von fünf Schritt Breite, in welcher der Kaiſer ſtets die Oſter⸗ woche in frommer Einſamkeit und Gebet zubrachte. Ich will ſie dir nachher zeigen, wenn wir hinaufgehen zur Mutter. Jetzt möchte ich dir vorſchlagem, mit mir in den großen Thurm zu gehen.“ „Gern!“ antwortete der Prinz.„Allein was ſagteſt du zuvor von ſehen dürfen? Sind hier Dinge, die wir nicht ſehen dürfen?“ „O freilich! Im großen Thurm iſt die Krone Böh⸗ mens aufbewahrt; auch die Kronſchätze befanden ſich ehe⸗ mals dort, in vierzehn feſten Truhen; doch, im Vertrauen geſagt, jetzt ſind die Truhen leer! Nur die drei größten ſind noch gefüllt; ſie enthalten die wichtigſten Urkunden des Landes über ſeine Rechte und Freiheiten.“ 8* — „Schade nur, daß man ſie euch ſo übel gehalten hat!“ bemerkte der Prinz. „Darum müſſen wir ſie tapfer vertheidigen“, antwortete Heinrich freudigen Muthes.—„In die Kreuzkapelle, wo dies Alles aufbewahrt wird“, fuhr er, indem ſie nach dem Thurm zuſchritten, fort,„dürfen wir nicht. Der Vater könnte es jetzt zwar wol erlangen, allein nicht ohne viele Umſtändlichkeiten, und ſeine Gewalt als Obriſtburggraf, die noch nicht einmal recht in der Form erneuert iſt, möchte er doch nicht willkürlich gebrauchen!“ „Natürlich!“ ſagte der Prinz.„Wäre denn aber ſo große Gefahr für die aufbewahrten Gegenſtände dabei, wenn einzelne Männer von untadelhafter Ehre und ritterlichen Standes die Räume beträten!“ „Das nicht; allein man will die alten heiligen Ge⸗ bräuche ehren, die noch vom Kaiſer Karl herrühren. Vieles iſt zwar längſt in Verfall gekommen, weil die Zeiten ſich ganz geändert haben. So wohnten im Kaiſerthurm droben, in dem Geſchoß, wo des Kaiſers Gemächer liegen, vier Domherren; die ſind jetzt auch nicht mehr dort.“ „Das glaub' ich!“ erwiderte der Prinz lächelnd. „Aber die Heilige Kreuz⸗Kapelle, die Aufbewahrungsſtätte der Kronſchätze und Inſignien, ſteht noch unter dem Schutz ihrer alten Rechte. Sie darf nur durch einen Landtags⸗ beſchluß eröffnet werden; ſelbſt der Erzherzog Ferdinand und ſeine Gemahlin konnten ſie vor etwa ſechzig Jahren nicht auf andere Weiſe betreten!“ „So ſtreng iſt man?“ „Es war nicht anders. Und alsdann darf man doch nur die vordere Hälfte der Kirche betreten; die innere, durch ein Gitter abgeſchieden, wo die Krone hinter dem 173 Altar in einer feſt verwahrten Niſche liegt, öffnete ſich nur den Prieſtern, und Kaiſer Karl ſelbſt zog ſich die Schuhe aus, wenn er dort eintrat.“ „Es iſt ſchön, etwas ſo heilig zu halten!“ bemerkte der Prinz, indem er ſtill ſtand und zu dem hohen Bau auf⸗ blickte.. „Mit neunzehn ſchweren Schlöſſern“, erzählte Heinrich weiter,„war die Kapelle verwahrt. Frauen durften gar nicht hinein; früher nicht einmal in die Burg.“ „Aber die Erzherzogin?“ fragte der Prinz lächelnd. „Nun es gibt Ausnahmen“, antwortete Heinrich ebenſo. „Und es iſt doch gut“, ſetzte er heiter hinzu,„daß das Geſetz jetzt nicht mehr ſo ſtreng gehandhabt wird; ſonſt hätten wir wol keinen Beſuch auf dem Schloſſe gemacht!“ Der Prinz erröthete leicht.„Was dürfen wir denn nun eigentlich in dem Thurme ſehen?“ fragte er ableitend. „Wir können durch alle ſeine fünf Geſchoſſe klettern. Unten die Gefängniſſe, Marterkammern„ Hinrichtungs⸗ ſtätten.... Der Prinz ſchüttelte den Kopf. „Im zweiten Stockwerk die Berathungsſäle, in denen ein hineingeſchleuderter Stein bei der Belagerung von 1422 durch die Prager die Eiſengitter der Fenſter zerſchmettert hat.“ „Zu den Zeiten ſeiner Erbauung muß das Schloß uneinnehmbar geweſen ſein“, bemerkte der Prinz;„doch jetst.... „Es iſt öfters belagert, doch nie genommen worden“, erwiderte Thurn.„Im dritten Stockwerk liegt oben die Heilige Kreuz⸗Kapelle. Etwas von ihrer wunderbaren Pracht können wir durch ein Fenſter über der Thür beſchauen; die Tauſende von Edelſteinen zum Beiſpiel, von denen die Wände 174 flimmern, die mit einem breiten Panneel von Achat, Jaspis, Carniol und Amethyſt, lauter in Böhmen gebrochene Steine, eingefaßt ſind.*)“ „Mich gelüſtet nicht nach dieſer Pracht“, erwiderte der Prinz;„könnten wir aber nicht auf die Zinne ſteigen, daß wir die ganze Veſte zu unſern Füßen erblicken und die Land⸗ ſchaft rings umher? Das wäre mir das Liebſte!“ „Das können wir!“ „So laß uns gleich dort hinauf; wir haben nicht viel Zeit mehr, denn die Sonne iſt dem Sinken nahe.“ „Gut denn!“ 3 Mit dieſen Worten traten die Jünglinge in den Thurm und ſtiegen die ſteinernen Treppen, die von Geſchoß zu Ge⸗ ſchoß führen, hinauf. Heinrich gab im Gehen dem Prinzen noch manche Erklärung, zeigte ihm manches Merkwürdige, erzählte von den Belagerungen des Schloſſes, Heiteres und Ernſtes. Er beſaß einen vaterländiſchen Stolz auf das Wunderwerk alterthümlicher Baukunſt und muthvoll beharr⸗ licher Kraft. Auch das war ihm hoher Ruhm und Freude, daß ſein eigener Vater die Würde der Obriſtburggrafen⸗ ſchaft, die höchſte Ehrenwürde für die böhmiſchen Ritter und Standesherren, inne hatte. Der Kronbeſchützer war dem Kronbeſitzer am nächſten. Und wer weiß, wie nahe die Gedanken eines kühnen Mannes und die Träume eines begeiſterten Jünglings das eine Ziel neben dem andern er⸗ blickten? Jetzt traten die Jünglinge auf die freie Zinne hinaus. „Welch ein großer Anblick und von wie reicher Schönheit!“ rief der Prinz aus. *) Dieſes iſt noch heute ſichtbar. —— —— 4 175 Die Sonne glühte, dem Horizont nahe, die Berge und Thürme mit immer röther ſtrahlendem Flammenauge an. Mit einem Blick umfaßte das Auge hier die ſtille Erhaben⸗ heit der Landſchaft und den ſtolzen Bau der Veſte. „Das Schloß zu Heidelberg“, begann der Prinz, nach⸗ dem er ſich einige Augenblicke ſtumm bewundernd umgeſchaut, „iſt viel größer, reicher, die Landſchaft viel reizender! Doch ſo gewaltige Thürme und Mauern wie dieſe Veſte hat es nicht, und die dunklen Waldberge in ihrer einſamen Größe, die tief eingeſchnittenen, gewundenen Thalgründe ergreifen mich mächtiger als die reiche Pracht des Neckarthals.“ „Wirklich?“ fragte Heinrich und erfreute ſich ſichtlich dieſer Aeußerung.„Ja, die Veſte iſt ein gewaltiges Werk! Sieh' nur, wie die dreifachen Mauern mit ihren Schieß⸗ ſcharten den Berg umkränzen! Der Thurm dort drüben iſt der Waſſerthurm; der Brunnen der Burg liegt darin; ſie ſagen, er ſei über zweihundert Ellen tief.“ „Wie heißt der Fluß am Ende des lieblichen Thales, das ſich aus dem Waldkeſſel hier dort hinunterzieht?“ fragte Prinz Chriſtian. „Das iſt die Beraun. Auch dort iſt Böhmen ſchön! Wir könnten morgen einmal hinüberreiten; vielleicht nach der Stadt Beraun ſelbſt!“ „Recht gern.“ Die Sonne färbte die dunkelgrünen Waldberge, welche die Veſte überragen, röther und röther. Die Thäler lagen im blauen dämmernden Schatten. Die Thürme leuchteten glutſtrahlend; der Abend war mild. Der Prinz hatte den Blick auf den Kaiſerthurm gewandt. Eine Geſtalt im lichten weißen Gewande erſchien auf dem Balcon. Er erkannte Thekla— ſein Herz ſchlug! Sie hatte, von der Sonnen⸗ glut geblendet, die Hand über die Augen gelegt und ſchaute 176 das Thal hinab. Indem ſie ſich ein wenig wandte, traf ihr Blick die Höhe der Thurmzinnen, und ſie erkannte die beiden Geſtalten droben. Ihr Bruder winkte fröhlich mit ſeinem Barett; ſie neigte leiſe wiegend das ſchöne Haupt, trat aber ſogleich in die Thür des Altans zurück. „Wird die Gräfin nicht auf uns warten?“ fragte der Prinz beſorgt. „Wir wollen gleich hinunter. Doch blicke noch einmal dort hinüber! Hinter jenen Bergen liegt Sanct⸗Jwan, die berühmte Kirche und Grabſtätte des heiligen Jwan. Das iſt auch eine Landſchaft! Wie ſich da die Felſen thürmen und die Thäler ſchauerlich klüften! Auch iſt die Höhle ſehr merkwürdig, wo der Sage nach der heilige IZwan als Einſiedler vierzig Jahre gewohnt hat. Das können wir morgen zu Roß ebenfalls beſuchen; vielleicht begleiten uns meine Mutter und die Schweſter.“ Ein freudiger Aufſchwung hob des Prinzen Bruſt. „Das wäre herrlich“, ſtimmte er bei. Der Gedanke an den Spazierritt durch die romantiſchen Thäler an einem ſchönen ſonnenhellen Herbſttage erfüllte ihn mit höchſter Freude. „Nun wollen wir hinunter“, ſagte Heinrich;„die Sonne tritt hinter die Berge. Einen Augenblick laß uns in unſer Wohnzimmer, denn wir müſſen heut das Gemach theilen, da die Burg nicht ſo viel Zimmer hat, und dann wollen wir zur Mutter.“ Sie ſtiegen die Thurmtreppen hinab. — 177 Vierzehntes Capitel. In dem nämlichen Saale der Burg, wo wenige Wochen zuvor Graf Mathias Thurn im Kreiſe der Seinigen die alte Genoſſenſchaft mit Mansfeld herzlich erneuert hatte, ſaß jetzt wiederum eine kleine Zahl eng Verbundener trau⸗ lich beiſammen. Es waren Eliſabeth und Thekla, Heinrich, der Prinz Chriſtian von Anhalt, der Burg— graf Otto von Loß und Jeſſenius. Thereſe befand ſich zu Prag mit ihrem Vater, im Thurn'ſchen Palaſte; der Graf hatte ihm Aufträge dort gegeben, wozu er einer⸗ ſeits eines ruhigen, erfahrenen Mannes bedurfte, dem er volles Vertrauen ſchenken konnte, und die andererſeits die Kräfte des alternden Mannes weniger in Anſpruch nahmen als die Anſtrengungen des Kriegs. Thereſe ſelbſt ſah einem Zeitpunkt entgegen, wo die Stadt ihr einen angemeſſenern Aufenthalt bot als die Einſamkeit auf Karlsſtein. Der herbſtliche Abend wurde im Thale raſch kühl; die Thüren zum Balcon waren daher nicht geöffnet, ſie ließen aber durch die Glasſcheiben den von der Nachglut der unter⸗ gehenden Sonne prächtig gefärbten Abendhimmel voll herein⸗ ſchimmern. Im Kamin, an der Wand gegenüber, loderte die trauliche Flamme, um die der Kreis ſich gereiht hatte. Zur Rechten deſſelben, zunächſt dem Feuer, ſaß die Gräfin Eliſa⸗ beth; neben ihr Jeſſenius, ein Mann in reiferen Jahren, von feſten, Geſundheit des Körpers und der Seele klar ausdrückenden Zügen. Er trug ein einfaches, ſchwarzes, etwas faltiges Kleid, wie es die Sitte der Gelehrten und vorzugsweiſe der Aerzte war. Haupthaar und Bart, ur⸗ 8** 178 ſprünglich ſchwarz, waren ſchon merklich grau gemiſcht; ſein Auge leuchtete mit mildem, aber ſicherm Blick. Neben ihm hatte der gleichfalls bejahrte Otto von Loß ſeinen Platz genommen. Auf der andern Seite des Feuers ſaß, dieſem zunächſt, Thekla; neben ihr der Prinz Chriſtian von Anhalt, dann ihr Bruder. So ſchieden ſich Jugend und reifere Jahre. Jeſſenius, der gelehrte Arzt, der einſichtsvolle Staats⸗ mann, der von Glaubensüberzeugung ernſt und tief durch⸗ drungene Mitſtreiter in dem Kampfe, den Böhmen unter⸗ nommen, feſſelte die Aufmerkſamkeit Aller durch die Mit⸗ theilungen, welche er über ſeine jüngſten, in wichtigen Ge⸗ ſchäften unternommenen Reiſen nach Ungarn und Sieben⸗ bürgen machte. Graf Mathias Thurn, der ihm ein beſon⸗ deres Vertrauen ſchenkte, hatte ihn, da er auf der Rückkehr bei dieſem im Lager einſprach, gebeten, ſich von Prag aus einen oder zwei Tage abzumüßigen, um die Gräfin in Karls⸗ ſtein aufzuſuchen und ihr beſorgliches Gemüth über den Stand der öffentlichen Angelegenheiten zu beruhigen. Jeſ⸗ ſenius ſelbſt blickte in die Zukunft der Dinge mit einem Vertrauen, das ſeine Wurzeln in der feſten Zuverſicht fand, mit der ihn ſein Glaube erfüllte. Denn er war im tief⸗ ſten Innern von den göttlichen Wahrheiten durchdrungen, die er in ſeiner geläuterten Erkenntniß fand. Er verhehlte es ſich nicht, daß der begonnene Kampf um dieſelben ein ſchwerer, alle Kräfte herausfordernder ſein werde, denn die Macht der Gegner war groß, die Kraft ihres Wollens be⸗ harrlich, und Viele wurden von gleicher Gewalt der Ueber⸗ zeugung begeiſtert, weil gerade in höchſten Dingen der Menſch ſich oft für das Entgegengeſetzte in den Kampf wirft, unwiderlegbar durchdrungen davon, daß er das einzig Wahre erfaßt habe.— Auch war Jeſſenins 179 gefaßt auf bedrohliche Schwankungen, wie ſie ſich ſchon durch das Steigen und Fallen der Glückswelle in den jüngſten Ereigniſſen gezeigt hatten. Allein daß bei muth⸗ vollem Beharren endlich das Ziel erreicht werden müſſe, das war ſeine unerſchütterliche Meinung. Wahr⸗ heit und Heiligkeit der Sache, der er ſich hingegeben, er⸗ füllten ihn ſo, daß Zweifel und Verzagen an ihrem Siege ihm als ein frevelnder Mangel an Vertrauen auf den himmliſchen Lenker der Dinge ſelbſt hätten erſcheinen müſſen. Selten vereinte ſich bei einem Manne ſo hohe Kraft der Begeiſterung mit ſo ſichrem Maß, ſo klarer Ruhe, ſo beſonnener Vorſicht im Handeln. Er war der eifrigſte und zugleich geſchickteſte Unterhändler, wo es galt, fremde Hülfe unter Schwierigkeiten und Hinderniſſen jeder Art zu gewin⸗ nen. Dies war ihm eben jetzt gelungen, bei dem kühnen, aber ebenſo ſchlauen und argliſtigen Beherrſcher Siebenbür⸗ gens, Bethlen Gabor. „Nun iſt er feſt der Unſrige, ich darf es mit Sicherheit behaupten“, ſagte er, indem er Eliſabeth die Hand gewiſſer⸗ maßen zum Pfande ſeines Wortes hinreichte. „Ich fürchte immer noch den Wankelmuth ſeiner Geſin⸗ nung“, entgegnete dieſe beſorglich.„Wenn er ſeinem Wort treulos würde, wenn es gar eine argliſtige Täuſchung wäre, die er übte! In welchen Abgrund der Gefahren würde zuerſt Thurn und dann Böhmen ſelbſt ſtürzen!“ „Beſorgt das nicht, edle Frau“, antwortete Jeſſenius. „Ihr könnt wol denken, daß ich, nach dem wie der Fürſt bisher gehandelt, mich nicht einem blinden Vertrauen auf ſeine Verſprechungen überlaſſen habe. Seinen Wankelmuth ſcheue ich nicht, denn er iſt nicht wankelmüthig; er folgt unabläſſig nur ſeinem Vortheile; wechſelt dieſer, nur dann r 5 4 — — 180 wechſelt er die Handlungsweiſe. Ich mußte ihn alſo über⸗ zeugen, daß ſein Vortheil auf unſerer Seite liege; das iſt mir gelungen und darum baue ich auf ſeine Hülfe!— Ich hatte freilich keinen leichten Stand. Von Wien aus wurde Alles in Bewegung geſetzt, um ihn für den König Ferdi⸗ nand zu gewinnen. Pater Lamormain hatte ſein ſcharfes, immer offenes Auge auf Bethlen Gabor gerichtet. Er hatte mir einen Gegner geſandt, den Grafen Piccolomini, mit dem ich ſchwierige Kämpfe beſtehen mußte. Ich ſiegte durch die Wahrheit. Denn das Licht der gereinigten Lehre, edle Frau, hat ſeine Strahlen auch bis in jene fernen Gegenden geworfen. In Ungarn, in Siebenbürgen, bis tief in die unglücklichen Chriſtenländer hinein, wo der Türke noch ſeine unumſchränkte blutige Gewalt übt, hat es gezündet. Ich habe den Funken mit aller meiner Kraft zur lodernden Flamme anzufachen getrachtet. Weithin verbreitet ſind dort die Stämme der Slowaken, das Volk, dem ich, wie Ihr vielleicht wißt, entſproſſen bin. Auch unter ihnen bekennen Viele, ganze Gemeinden, die neue Lehre. Sie haben, wie Ihr denken könnt, oft ſchwere Verfolgungen erlitten. Zu dieſen Wackern, zu ihren Führern und Seelſorgern habe ich geſprochen, in ihrer Zunge. Ich habe ſie entzündet für unſern heiligen Kampf, ihnen gezeigt, wie wir Alle Eine Sache führen. Sie ſehen ein, daß unſer Loos das ihre iſt; ſie wiſſen, was ihnen bevorſteht, wenn das Haus Oeſter⸗ reich gegen uns obſiegt. Ihre wilden, aber redlichen Herzen ſchlagen für uns. Das erkennt jetzt auch Bethlen Gabor. Ich habe ihm dargethan, daß der Strom dieſer Völker ihn trägt, wenn er auf unſerer Seite kämpft, wider ihn an⸗ ſchwillt, wenn er gegen uns das Schwert ergreift. Er ſieht alſo ſeine Herrſchaft in allen den Ländern, wohin er ſie auszubreiten trachtet, durch das Bündniß mit uns befeſtigt. Spitze ſeiner Armada. Doch die Heerlager werden einander 181 Der Fürſt iſt nun völlig überzeugt, daß ſein Vortheil auf unſerer Seite liegt. Was Oeſterreich ihm anbietet, iſt un⸗ gewiß, wenn es obſiegt, und zerfällt in Nichts, wenn wir ſiegen. Ich vertraue alſo nicht auf Bethlen Gabor's Treue, ſondern er liegt uns an einem Anker feſt, der leider faſt überall in der Welt am ſicherſten, bei ihm un⸗ zerreißbar hält, an dem Anker des Eigennutzes. Wir haben jetzt nur zu ſorgen, daß dem biſſigen Zahn deſſelben der rechte Ankergrund nicht fehle!— Uns freilich“, fügte er nach kurzem Anhalten feierlich hinzu,„halten andere Bande, denn wir ſtehen auf andrem Boden.“ Alle waren Jeſſenius' Worten mit unverwandter Auf⸗ merkſamkeit gefolgt. Sein Auge leuchtete, während er ſprach; ſeine hohe klare Stirn war gleich einem Thron hoher klarer Gedanken. Es herrſchte eine tiefe Stille in dem Gemach; die Gräfin Eliſabeth brach das Schweigen zuerſt. „Ihr wißt wol nicht, mein würdiger Freund“, wandte ſie ſich zu Jeſſenius,„wann der Fürſt mit Thurn zuſammen⸗ treffen wird?“ „Der Vater“, fiel Heinrich lebhaft ein, noch bevor Jeſſenius antworten konnte,„hat ſchon in der vorigen Woche jeden Tag Nachrichten darüber von dem Fürſten erwartet.“ „Darüber“, ſagte Jeſſenius,„können nur die Umſtände entſcheiden. Es iſt in Abſicht, daß beide Feldherren per⸗ ſönlich zuſammenkommen, um ſich über die gemeinſamen Unternehmungen zu beſprechen. Allein in dieſem Augen⸗ blicke ſind die Führer mit ihren Truppen noch zu weit von⸗ einander entfernt. Sie müßten des Geſprächs halber ein zu weites, unſicheres Gebiet durchreiſen und würden, auch wenn kein Unfall zu fürchten wäre, doch zu lange da fehlen, wo ihre Gegenwart am nothwendigſten iſt, Jeder an der —— 182 hoffentlich bald näher rücken. Es waren in Prag heut früh ſchon Nachrichten eingetroffen, wonach Bethlen Gabor ſtark in Ungarn vordringt.“. „Dann müſſen wir auch vorwärts, ihnen entgegen!“ rief Heinrich mit jugendlichem Feuer.„Wenn unſere Heere erſt vereinigt ſind, ſo wollen wir wie geſchwollene Stroͤme von den Bergen in das öſterreichiſche Land eindringen!“ „O daß erſt entſchieden wäre, ob wir den Ruhm thei⸗ len werden!“ ſeufzte der Prinz von Anhalt und ſtand un⸗ ruhig von ſeinem Sitze auf.. Thekla's glänzendes Auge folgte ihm. Er trat gegen den Balcon hin und blickte in das flammende Abendroth hinaus. Sein edles Profil zeichnete ſich klar auf dem gol⸗ digen Hintergrunde. Eine Miſchung von Unwillen, Schmerz und ſtolzer Erhebung lag auf ſeinen Zügen. Ein leiſer ſüßer Schauer der Freude durchzitterte Thekla, als ſie ihn ſo erblickte. Der Ausruf des Prinzen, den ihm die überwallende Empfindung entlockt hatte, bewirkte eine erneute, etwas peinliche Stille im Gemach. Der Kurfürſt von der Pfalz hatte ſich noch nicht mit Sicherheit über die Annahme der böhmiſchen Krone erklärt. Seine Unſchlüſſigkeit, ohne Zweifel die Frucht der Unſicherheit ſeiner Berechtigung mit, hatte ihn auch nach der erfolgten Wahl nicht verlaſſen. Dies machte natürlich in Prag einen üblen Eindruck. Man konnte den Prinzen nichts davon empfinden laſſen und ſo⸗ gar ſeinem unwilligen Ausbruche nicht beiſtimmen, weil darin eine Anklage des Fürſten lag, der ſein Gebieter war. Jeſſenius nahm vermittelnd das Wort:„Bei folge⸗ ſchweren Entſcheidungen iſt reifliche Ueberlegung zuvor unſtreitig vom höchſten Vortheil. Nur der wohlbedachte 183 Entſchluß ſichert nachher die Möglichkeit des raſchen und richtigen Handelns.“ „O gewiß“, ſtimmte die Gräfin, von ihrer geheimen Empfindung etwas zu raſch hingeriſſen bei,„übereilter Be⸗ ſchluß iſt oft allzu verderblich in ſeinen Folgen!“ Die Wahrheit dieſes Wortes empfand ſich unter den Verhältniſſen der Zeit nach vielen Richtungen ſo ſchwer, daß ſie Jedem Stoff zur Erwägung für ſich ſelbſt geben mußte. Jeſſenius erwiderte darauf mit ruhiger Betrachtung: „Alle großen Ereigniſſe und Unternehmungen in der Welt treten ſtets unter großen Schwierigkeiten ins Leben. Das Kleinere nur vollbringt ſich glatt und leicht. So muß auch unſere große Sache Hinderniſſe und Hemmungen erdulden, Kämpfe durchfechten; das haben wir ſeit anderthalb Jahren täglich erfahren. Doch ſie drängt vorwärts durch ihr eige⸗ nes Gewicht; wir ſelbſt könnten ſie nicht mehr rückwärts leiten, ſo wenig wie den Strom. Er muß durch die Kraft ſeiner eigenen Wellen ans Ziel, ob er auch Dämme zu überfluten, ja Felsgebirge zu durchbrechen hat.“ Die Gräfin, ihren eigenen Ausbruch bereuend, wobei ſie an Thurn's übereilte und leidenſchaftliche Schritte dachte, welche Böhmen in den Kampf geſtürzt hatten, gab dem Geſpräch eine andere Wendung. Sie kehrte zu den Ver⸗ hältniſſen Bethlen Gabor's zurück und fragte Jeſſenius, ob die Wahl König Ferdinand's zum Kaiſer dem ſieben⸗ bürgiſchen Fürſten nicht ein Anlaß ſein könne, in ſeiner be⸗ freundeten Stellung zu Böhmen wankelmüthig zu werden. „Ich glaube nicht“, antwortete Jeſſenius,„daß der deutſche Kaiſer in der Lage iſt, ihm nähere und wich⸗ tigere Vortheile darzubieten als der König von Ungarn oder der Erzherzog von Oeſterreich. Vielleicht könnte ſogar —y—õ—————:— — 184 der Kaiſer dem Könige oder Herzoge hinderlich ſein in der Erfüllung mancher Verſprechungen, die dieſe geben könnten.“ „Das wäre dann auch für Böhmen kein Nachtheil“, bemerkte Otto von Loß, der bis dahin als ruhiger, aber ſehr aufmerkſamer Zuhörer dem Geſpräche beigewohnt hatte. „Gewiß nicht“, bekräftigte Jeſſenius,„allein von an⸗ dern Seiten muß Böhmen allerdings in dem Kaiſer Fer⸗ dinand einen gefährlicheren und mächtigeren Feind ſehen als in dem Erzherzoge von Oeſterreich. Es hat alſo ſeine Kräfte energiſcher zuſammenzuraffen, um ſeine Rechte zu behaupten, ſein hohes Ziel zu erreichen.“ „Wie danke ich Euch, mein würdiger Freund“, richtete die Gräfin warm das Wort an ihn,„für alle Eure Mit⸗ theilungen und Eure ruhige Betrachtung der Verhältniſſe. Meine Seele ſchöpft daraus neue Hoffnungen, mein Herz neue Friſche! Ach, wenn die Verwirrungen, in denen wir uns befinden, ſich glücklich löſen, welch einem beſeligenden Zuſtande gehen wir entgegen!“ „Das ganze Volk und Land und jeder Einzelne“, be⸗ kräftigte Jeſſenius, indem er von ſeinem Seſſel aufſtand und den Blick würdig erhob.„Jch glaube feſt, daß dem ſo ſein wird! Und wir ſelbſt, hoffe ich, werden dieſe Tage ſchauen“ fuhr er mit bewegter Stimme fort.„Wir, die wir die Arbeit des Kampfes übernommen, werden auch ſchon der Früchte theilhaft werden. Zwar Mancher“, ſprach er ernſt und ſah hinaus in die Abendglut, deren letzte Streifen jetzt am dunklen Nachthimmel verglommen,„ſieht dieſe unfehlbar wiederkehrende Sonne nicht aufgehen! So mag es auch Manchem unter uns beſchieden ſein, den Tag des ſchönen Lichtes nicht zu erleben! Deſſen Troſt — 7 185 muß es ſein, daß es darum doch tauſend und tauſend Glücklichen leuchtet, die darauf gehofft, daß für jedes Auge, welches der Wille des Herrn ſchließt, ſich andere ſeiner ſegnenden Sonne öffnen! Und wem das irdiſche Glück erſtirbt, glänzt dem nicht das ewige, himmliſche?“ Der Blick des edlen Mannes ſtrahlte in frommer Er⸗ hebung und Andacht bei dieſen Worten. Nicht fiel, es war eine ungekannte Wohlthat des Himmels, der düſtre Schat⸗ ten der Ahnung in ſeine Bruſt, welch ein Loos ihm ſelbſt verhängt war, als irdiſcher Ausgang der hohen Hoff⸗ nungen, auf die er ſeine Seele richtete! Doch hätte er es gekannt, er würde ſich mit edler Kraft darüber erhoben haben, wie dieſe ihm nicht verſagte, in der ſchweren, grauen⸗ vollen Stunde der Prüfung. Ein großes Glück war es, zugleich aber auch ein hohes Verdienſt ſeiner vertrauens⸗ vollen Kraft, daß ſeine Zuverſicht auf den Sieg der Sache unerſchüttert blieb. Aber ſelbſt hätte er ſchon jetzt das Ende der Kämpfe gekannt, die Böhmen begonnen, eine ſo hohe Geſinnung wie die ſeinige würde ſie doch nicht aufgegeben haben. Er hätte ſich geſagt: Dies iſt der Ausgang für den irdiſchen Blick; aber das Auge des Lenkers der Dinge ſchaut weiter hinaus! Ihm, vor dem tauſend Jahre ſind wie ein Tag, liegt das Ziel hell vor Augen, weit jenſeit der düſtren Kluft, die für die Grenzen unſeres Blickes die verſchlingende Gruft bildet, in die unſer hohes Streben und Hoffen verſinkt!—— Alle im Saale hatten ſich, als Jeſſenius vom Seſſel aufſtand, faſt unwillkürlich mit ihm erhoben. Die Herzen waren feierlich erſchüttert. Es wehte wie die leiſen Schauer einer Ahnung des Künftigen durch den Kreis dieſer eng⸗ verbündeten Freunde. Denn, obwol jede Bruſt den Troſt der Zuverſicht der innern Heiligung empfand, ſo durch⸗ 186 zitterte doch auch jede das Vorgefühl Opfer fordernder Hin⸗ gebung. Ein großer Sieg wird uns leuchten, doch er wird einen hohen Preis fordern,— wir ſind bereit ihn darzu⸗ bringen! Davon war jedes Herz erfüllt in dieſer geweih⸗ ten Stunde. Die Dämmerung war eingetreten. Die Flamme im Kamin loderte nur noch matt auf. Das Abendroth ver⸗ glomm düſter am Rande des weſtlichen Gebirges. Durch den wolkigen Himmel ſchimmerte nur ein unſicheres Licht. Da plötzlich ergoß es ſich mit ſilbernem Strom in das halbdunkle Gemach. Durch ein leiſe zerfließendes Gewölk brach der Mond, und ſeine Halbſcheibe ſchwebte im reinen Blau. Allen war es wie ein heiliger Friedensgruß von jenſeit, wie eine ſüße Botſchaft des Troſtes: Auch in dem tiefſten Dunkel der Erdennacht verzaget nicht, denn ein Auge wacht über euch, und hier winkt euch eine Stätte des Friedens! Wunderbar getroffen waren die Herzen, ſelbſt die leicht⸗ ſchlagenden der Jugend, von dieſem ſanften Himmelsgruß in ſo hehrer Stunde. Thekla's Haupt umfloß das Licht des Mondes mit hellem Silberduft. Ihre reinen jungfräulichen Züge ſtrahlten verklärt; ein leiſes Strahlennetz wob ſich durch ihre herabwallenden Locken. Eliſabeth richtete den mütterlichen Blick auf ſie und be⸗ gegnete dem ihren; der Mondſtrahl ſchimmerte in dem feuch⸗ ten Thränenſpiegel ihres ſchönen Auges. Durch eine innere Gewalt getrieben, ſanken Mutter und Tochter einander an die Bruſt, und ahnende Liebe hob die Schleier von Beider Herzen. In der Weihe dieſer Minute erhob auch die Liebe des jugendlichen Paares ihre Schwingen mit erhöhter Kraft und zu reinſtem Ziele. Thekla empfand, daß ihr Herz nur ein 187 Streben habe, das: mit allen ſeinen reichſten Gaben, be⸗ glückend, hingebend, opfernd, ganz in einem andern aufzu⸗ gehen.— Dem Prinzen trat die reine Geſtalt der Geliebten als ein leitender Engel auf ſeiner Bahn entgegen, und mit jugendlich begeiſtertem Schwur gelobte er es ſich, ihr jede Kraft ſeines Lebens und freudig das Leben ſelbſt darzu⸗ bringen. Sein feuriges Herz flammte hoch auf in dem glühenden Verlangen, ſich in den Kampf zu werfen für die Sache, die ihm an ſich ſchon eine heilige war und welche ihm jetzt als die der Geliebten zwiefach als ſolche erſchien. Heinrich Thurn war voll kühner Jünglingsentſchlüſſe und Hoffnungen; er wäre gern in dieſer Minute in vollem Roſſeslauf mitten in die Schlacht geſtürmt, um, das Panier des Glaubens vorantragend, den Heldentod zu gewinnen. In Otto von Loß' ernſter und vielleicht vorahnender Seele härtete ſich nur der längſt gefaßte männliche Ent⸗ ſchluß noch feſter, mit jeder Kraft auszuharren in Arbeit, Gefahr und Prüfung, und wenn die Sache, für die er das Leben einſetzte, nicht ſiegte, doch zu zeigen, daß ſie unbe⸗ ſiegbar ſei in der Bruſt Derjenigen, die ſie in frommer Glaubenstreue umfaßt hatten. So erwarteten dieſe innig verbundenen Freunde die Schickungen der Zeit, die verhüllt, aber näher und näher am Horizont heraufſchwebten. — Funßzehntes Capitel. Es war in der Mitte des October. Das ſchöne Hei⸗ delberg prangte in ſeinem ſchönſten Schmuck; denn den Fuß der Berge bedeckte das abwechſelnd dunkelgrüne, funkelnd gelbe und purpurrothe, im Sonnenſtrahl leuchtende Laub der Reben, während dazwiſchen hindurch die goldgrünen oder dunkelblauen Trauben ſchimmerten. Auf den Höhen und an den nördlichen Bergabhängen aber wogte der herbſt⸗ liche Wald in noch bunterem Gemiſch der Farben. Die Sonne war mild, und der blaue Himmel bildete den kla⸗ ren Hintergrund zu den ſanft geſchwungenen Linien der Berge, den ſtolzen Zinnen und Thürmen des Schloſſes. Die Stadt mit ihren weißen Häuſern lag hell im Schoos des fruchtbaren Thales, und der Neckar rauſchte ſchäumend an ihr vorüber. Es war die Feſtzeit der Traubenleſe, wo die ſchwere, ſo manches Jahr vergebliche Mühe und Arbeit des Winzers ihren Lohn empfängt durch die ſchönſte Gabe, mit der die fruchttragende Erde den Menſchen beſchenkt. Wer weiß es nicht, wie zu dieſer Zeit am prächtigen Rhein⸗ ſtrome, ſowie an allen ſeinen ſchönen Nebenflüſſen, deren Ufer ſich mit Rebenhügeln kränzen, alles Leid und alle Sorge vergeſſen iſt in der Aufſammlung des reichen Jahresſegens, der in der goldhellen Traube glänzt, in der purpurnen glüht und im Becher mit ſchäumendem Moſt ſilbern blitzt!— Rings in den Weinbergen erſchallte fröhliches Leben. Friſch⸗ wangige Mädchen mit bebänderten Hüten ſchnitten die Trau⸗ ben; andere ſammelten ſie in Körben oder auf vielfach aus⸗ 189 gebreiteten Tüchern. Die Männer trugen die ſchweren Kübel, mit dem Reichthum beladen, von den Höhen der Berge auf den ſteilen Felspfaden zwiſchen den Mauern herab. Freudiges Staunen, helles Lachen, vielfältiger Jubel erklang aus den belebten Bergen. Die Burſchen und Mädchen trieben Scherz und Neckereien. Manche ſich ſträubende blauäugige Dirne wurde derb auf die Wangen geküßt; da⸗ für mancher muthwillige Backenſtreich vertheilt. Aber weder der Kuß noch die Ohrfeige brachten Harm und Unfrieden. Die Verſöhnung war bald hergeſtellt, der Friede geſchloſſen, Luſt und Freude glänzten und erſchallten überall. Aus den bunten Gruppen der mit Weinlaub bekränzten Mädchen und Jünglinge, die im goldenen Herbſtſonnenſtrahl zwiſchen den Reben leuchteten, ſowie aus den Zügen, die ſich, Männer und Frauen bunt gemiſcht, mit Körben und Kübeln auf den Köpfen, die Berge hinab zur Kelter bewegten, erklangen fröhliche Geſänge; die Tücher wehten, die Hüte wurden ge⸗ ſchwungen und Jauchzen erfüllte die Lüfte. Auch in dem kleinen Weinberge des redlichen Rathes Leander von Rippell herrſchte ein anmuthiges, wenn auch nicht ſo bunt fröhliches Leben. Zwei reizende junge Mäd⸗ chen, denen das hellbraune Haar lockig unter dem breiten, mit grünem Rebenlaub umwundenen Strohhute herabflat⸗ terte und den Nacken umſpielte, hielten die blanken Winzer⸗ meſſer in der Hand und ſchnitten die ſchönſten Trauben ausleſend ab. Jeder hätte ſie nicht nur für Schweſtern gehalten(doch waren ſie es nicht), ſondern ſogar für Zwil⸗ lingsſchweſtern, ſo glichen ſie einander an Geſtalt, Haar und Zügen; auch an Tracht, denn ſie hatten es unſchuldig lieb gewonnen, ihre Aehnlichkeit durch übereinſtimmende Klei⸗ dung faſt zur Gleichheit zu erhöhen. Agathe, des Raths Tochter, und Margarethe, die des Gaſtwirths Walter 190 zu Neckarſteinach, waren jetzt wieder Hausgenoſſinnen.— Margarethe hatte die traurigſten Zeiten durchlebt; ſie war völlig eine Waiſe geworden, auch durch den Tod ihrer Mutter Elsbeth. Ganz allein und hülflos hätte ſie in der Welt dageſtanden, wenn nicht der redliche, wohlwollende Rippell ihr zweiter Vater geworden wäre. Die Schickſale, welche ſeit jener Schreckensnacht über die Familie hereingebrochen waren, hatten ſich ſichtbar voll⸗ endet. Scultetus' fanatiſcher Eifer gegen den unglücklichen Walter, dem er es nicht vergeſſen noch vergeben konnte, daß dieſer ſeiner calviniſtiſchen Bilderſtürmerei mehrmals mit freimüthigem Wort und ſelbſtändiger That entgegen⸗ getreten war, hatte bei dem Kurfürſten obgeſiegt über Ca⸗ merarius' vermittelnde Einmiſchung. Es war dem Hof⸗ prediger gelungen, es dem Kurfürſten als eine Gewiſſens⸗ ſache darzuſtellen, nicht durch Milde gegen die Gottloſen ein übles Beiſpiel ſträflicher Duldung zu geben und die Lockerung des kirchlichen Sinnes zu befördern. So blieb denn die bedrängte Witwe ohne Hülfe, und das von den Regenfluten und dem vernichtenden Hagelſchlag jener Ge⸗ witternacht gänzlich zerſtörte Beſitzthum, die zerknickten Fel⸗ der, die unterwühlten Weinberge und Gärten, die mit Schlamm, Sand und Gerüll überſchwemmten Wieſen fielen den drängenden Gläubigern anheim, und Frau Elsbeth mußte mit ihrer Tochter Haus und Hof verlaſſen!— Angſt, Sorge, Anſtrengung durch die treueſte Pflege am Kranken⸗ bett ihres Mannes hatten auch Elsbeth's Kräfte erſchöpft. Wenige Wochen nach ſeinem Hingange folgte ſie ihm nach. Der redliche Rippell bot der unglücklichen Margarethe ſein Haus als bleibende Zuflucht für alle ihre Lebenstage an. Er that Alles für ſie, was er vermochte; aber er ver⸗ mochte nicht, ſelbſt für ſie bei ſeinem Herrn zu bitten; 191 denn er ſagte:„Ich bäte ja nur für mich, daß der Kur⸗ fürſt die Pflichten gegen Diejenige übernähme, die der Him⸗ mel mir zugewieſen hat.“ Camerarius hatte, von der Lage der Dinge unter⸗ richtet, aus freien Stücken gethan was in ſeinen Kräften ſtand; er hatte die Witwe zu ihrer Bittſchrift bewogen und ſie warm befürwortet; das Gleiche that er für die Tochter, allein ebenſo vergeblich. So hatten die beiden weltlichen Räthe des Kurfürſten ungleich chriſtlicher an dieſen Armen gehandelt als ſein geiſtlicher Rath. Sein Chriſtenthum lehrte ihn nicht lieben und vergeben, ſondern im er⸗ hitzten Eifer nur haſſen und verfolgen! Daher war er, überhaupt nicht Rippell's Freund, ſondern dieſem nur ſchein⸗ bar wegen des hohen Anſehens, in dem er bei dem Kur⸗ fürſten ſtand, wohlwollend, mit unerbittlicher Verfolgungs⸗ ſucht dem wohlthuenden Handeln des redlichen Ehrenmannes zuwider geweſen und hatte keine Gelegenheit verſäumt, den Kurfürſten übel gegen die ſo hart vom Geſchick Betroffenen zu ſtimmen. Ja, er war ſo weit gegangen, die Handlungs⸗ weiſe Rippell's durch Andeutungen zu verdächtigen, denen er das zufällige Spiel der Natur, welches beide Mädchen ſo ähnlich gebildet hatte, zum Grunde legte. Waren dies bewußte Verleumdungen, oder ſchöpfte ſein argwöhniſcher Sinn wirklich ſolchen Verdacht.... darüber blieb er allein der Richter! Die heitre Beſchäftigung, in der die beiden jungen Scheinſchweſtern eben begriffen waren, konnten die Tage des Schreckens und die noch fortdauernden der Sorge und des Kummers, welche Margarethe überdauert hatte, kaum ahnen laſſen. Allein die Jugend überwindet das Schwerſte, und richtet ſich, wie die Halme des jungen zarten Grüns, mit friſcher Lebenskraft wieder auf, wenn ihm nur ein 192 kühler Thautropfen, ein milder Sonnenſtrahl der Erquickung geworden iſt. Das fröhliche Feſt der Weinleſe hatte durch ſeinen Auf⸗ ſchwung auch in das Gemüth der ſo ſchwer Bedrückten einen Schimmer der Freude geworfen. Margarethe und Agathe wetteiferten unter munterm Geſpräch, wer die ſchönſten Trauben ausfände; denn es ſollte jetzt nur die feinſte Ausleſe zur Kelterung des vorzüglichſten Weines ge⸗ ſchnitten werden. „Laß uns recht rührig ſein, Margarethe“, ſagte Agathe „damit wir heut fertig werden, morgen kommt der Vater gewiß zurück, und dann ſoll er Alles gethan finden. Wie wird er ſich der reichen Ernte freuen!“ „Fertig wollen wir ſchon noch werden, wenn auch die Sonne ſchon tief ſteht“, antwortete Margarethe,„dies Ge⸗ ſchäft geht mir flink von der Hand, darin bin ich geübt! Ach! Was würden unſere Berge in dieſem Jahr getragen haben“, ſetzte ſie mit einem Seufzer hinzu. „Du armes liebes Mädchen“, antwortete Agathe freund⸗ lich;„aber du mußt nicht traurig ſein. Das iſt ja nun dein Berg auch!“ „O dein Vater iſt ſo übergütig! Wenn ich ihm doch jemals vergelten könnte!— Ich kann nur für ihn beten, aber ich thue es jeden Morgen!“ „Du gutes Kind“, ſagte Agathe, und dem weichen Mädchen trat eine Thräne in das helle Auge,„das iſt die beſte Vergeltung! Dein Gebet wird der Himmel gewiß er⸗ hören, und dann geht es uns Allen wohl!“ Sie wollte aber ihre Rührung nicht Herr über ſich werden laſſen, weil Margarethe ohnehin ſchon traurig genug war. Mit dem Ton ſcherzender Drohung ſetzte ſie daher lächelnd hinzu: 193 „Denn du beteſt doch auch für mich ein wenig? Oder für mich nicht?“. „Agathe!“ erwiderte Margarethe mit dem Ton bitten⸗ den Vorwurfs. „Ja, ich höre es deinem Ton an, daß du mich nicht ganz vergiſſeſt“, ſagte ſie freundlich.„Sieh, dafür habe ich auch hier die allerſchönſte Traube für dich geſchnitten! Diamant!“ Und ſie hielt ihr eine wunderſchöne Traube anmuthig am Stengel entgegen.„Ei wie herrlich“, rief Margarethe. „So lege ſie in das kleine Körbchen! Es iſt bald Vesper⸗ zeit, da müſſen wir etwas für uns ſammeln!“ Margarethe nahm die ſchöne Frucht und dankte mit freundlichen Blicken.—— „Alſo morgen kommt der Herr Rath ſchon zurück?“ fragte ſie, als ſie ihre Beſchäftigung an Agathens Seite wieder begonnen hatte. „Ja, wie der vorausgeſchickte Leibjäger des Kurfürſten heut beſtellt hat, morgen“, antwortete Agathe, die ſich eben tief in das untere Laub eines Weinſtocks herabbückte, um eine Traube, die ſich dort verſteckt hatte, loszuſchneiden. „Er kommt ſchon heut“, ſagte plötzlich eine ernſt⸗ freundliche Stimme hinter den beiden Mädchen. Agathe flog empor, warf das Winzermeſſer von ſich und hing mit einem lauten Freudenruf am Halſe des Vaters. Marga⸗ rethe ſtand ganz erſchreckt, aber mit freudeleuchtenden Augen. Der Rath war, während die Mädchen miteinander plauderten, hinter ihnen, zwiſchen den Weinſtöcken, unbe⸗ merkt die kleinen Steintreppen im Berge heraufgekommen, hatte ihre letzten Worte gehört und überraſchte ſie durch ſeine plötzliche Erſcheinung. Rellſtab, Drei Jahre. III. 1. 9 194 „Meine liebe Margarethe ſei herzlich begrüßt“, ſagte er, nachdem er ſich Agathens Umarmung und ihren freudigen Küſſen entzogen hatte, und küßte auch ſie auf Mund und Stirn.„Aber es iſt doch zum Erſtaunen, was ihr euch gleicht, Kinder!“ rief er aus;„wenn man euch Beide einige Zeit nicht geſehen hat, fällt es erſt recht auf! Weißt du wol, Margarethe, daß ich ſelbſt im Begriff war dir die Hand auf die Schulter zu legen, weil ich dich für Agathe hielt! So erkennt der Vater ſeine eigene Tochter nicht mehr!“ „O laßt mich nur auch Eure Tochter ſein“, antwortete dieſe mit ſanftem Ton,„wenigſtnes will ich Euch ebenſo lieben und ehren!“ „Gutes Kind!“ ſagte Rippell und ſtreichelte ihr die Wangen. „Aber wie kommt es, daß du ſchon heut zurückgekehrt biſt, beſter Vater“, fragte Agathe.„Der Leibjäger Günther, der heut Mittag von Rothenburg eingetroffen iſt, meldete den Kurfürſten auf morgen an!“ „Der Kurfürſt kommt auch erſt morgen. Ich habe den Auftrag bekommen ihm voranzureiſen“, erwiderte der Rath mit ernſter Miene,„um alles für ſeine Abreiſe von hier ſchnell in Bereitſchaft zu ſetzen, ſoweit es die Kanzlei betrifft!“ „Abreiſe von hier?“ fragte Agathe erſtaunt, und aug Margarethe hing mit fragenden Blicken an ſeinen Zügen. „Ja, mein liebes Kind“, antwortete Rippell und wurde ſeiner inneren Bewegnng ſchwer mächtig,„es iſt nunmehr entſchieden, wir gehen nach Böhmen!“ „Nach Böhmen?“ riefen alle Beide wie aus einem Munde.„Wir?“ 195 „Der Kurfürſt geht dahin ab, und mein Amt legt mir die Pflicht auf, ihn zu begleiten; und ich denke ihr begleitet mich. Oder bleibſt du lieber hier?“ fragte er ſeine Tochter liebreich, mit Sicherheit ihr Nein erwartend. Ihre Antwort war der ſanfte vorwurfsvolle Ruf „Vater!“ und ein Kuß, wobei ſie beide Arme feſt um ſeinen Nacken ſchlang, als wolle ſie ſagen:„Verſuche es nur, mich von dir zu trennen!“ „Nun ja, meine Lieben“, nahm Nippell ſehr weich, doch ſehr freundlich wieder das Wort,„ich thue diesmal meine Pflicht mit ſchwerem Herzen, und glaube, wir werden einer ernſten ſorgenvollen Zeit entgegengehen. Was könnte ich da Beſſeres zu meinem Troſt und zu meiner Stärkung thun, als mich mit Denen umgeben, die ich liebe? Ihr be⸗ gleitet mich Beide.— Allein wir müſſen bald auf⸗ brechen.“ „Mitten in unſerer ſchönen Weinleſe?“ fragte Agathe. „Wir werden wol Anderen die Vollendung der Arbeit überlaſſen müſſen“, entgegnete der Rath und warf einen Blick über ſein freundliches Beſitzthum und über die ganze Landſchaft, die er von dem Punkte, wo er eben ſtand, über⸗ ſehen konnte.„Welch ein Segen, welch eine Freude über— all“, rief er aus.„Es lebt und webt ja in allen Bergen drüben, bis Neuenheim hinunter! Wir ſind ſo glücklich, ſo friedlich hier im Lande! Möge uns dieſer Friede be⸗ wahrt bleiben!“ „O lieber Vater“, bat Agathe, die den wehmüthigen Blick wahrnahm, mit dem er das reizende Neckarthal, das ſich vor ihnen ausbreitete, überſchaute,„ erzähle uns wenn du kannſt, was iſt beſchloſſen, und wie iſt es hergegangen in der Fürſtenverſammlung?“. „Du weißt“, antwortete Rippell,„ich rede nie von . 92 1 196 Amts⸗ und Geſchäftsſachen, auch wenn ſie kein Geheimniß ſind. Das ſind aber freilich keine Amtsſachen mehr, vollends keine Geheimniſſe! Es müſſen nun Herzensſachen für ganz Deutſchland ſein, und binnen wenig Tagen wird es Keinen geben, der nicht davon weiß. In dieſer Stunde ſchon reiten die Boten mit der Kundſchaft durch alle Welt! Ja, davon darf ich euch erzählen! Wir wollen uns dort oben unter den Nußbaum ſetzen, da trifft uns die milde Sonne ſo wohlthuend, und wir überſchauen die ganze Landſchaft. Werde ich ſie doch vielleicht lange, lange nicht mehr ſehen?“ ſprach er halb ſeufzend und betonte das Wort lange mit ganz eigenem Nachdruck. — Er ſah ſie nie wieder!—— Schweigend gingen ſie die wenigen Schritte hinauf, Rippell mit ernſten Ge⸗ danken auf der gefurchten Stirn.— Auf die Raſenbank unter dem Nußbaum ſetzten ſie ſich. „Unſer gnädiger Kurfürſt hatte, wie es in der Ein⸗ ladung hieß, die Fürſten der proteſtantiſchen Union nach Rothenburg ob der Tauber geladen, um mit ihnen u berathen, ob er die böhmiſche Krone annehmen dürfe und ſolle oder nicht. Seit die Wahl in Prag öffentlich und feierlich geſchehen war, hat alle Welt darüber geſprochen, ob es räthlich ſei, daß unſer gnädigſter Herr den Schritt thue, oder laſſe. Seitdem habe ich denn auch meine Meinung nicht mehr zurückgehalten, und wie ich darüber denke weiß Jedermann, und habe ich's ſchon hier offen herausgeſagt.“ „Ja das haſt du redlich gethan“, rief Agathe mit dem Ausdruck des Stolzes auf die unerſchütterliche Rechtlichkeit ihres Vaters;„und haſt wol Manchen damit wider dich erzürnt!“ „Um Zorn und Haß der Leute kann ich mich nicht 197 kümmern; ich muß meine Pflicht thun, und meinen Rath nach wahrhafter Ueberzeugung ausſprechen“, erwiderte Rippell.„Daß ich alſo den Herrn mit ſchweren Sorgen nach Rothenburg begleitete“, fuhr er fort„könnt ihr denken! Allein mir wurde das Herz leichter, als die Be⸗ rathungen und Verhandlungen dort begannen. Denn ich fand viele der fürſtlichen Herren und ihre Räthe oder ſonſtigen Begleiter ganz meiner Anſicht. Da waren der Herzog von Würtemb erg, mit ihm der Graf Eberhard, und der würdige Dietrich von Hohenheim, den er in ſeinem Gefolge hatte; ferner von den verbündeten Fürſten der Herzog von Kulmbach, der Landgraf von Heſſen, der hatte ſeinen gelehrten Rath Chriſtoph Buchner bei ſich,— ſie Alle hoben die großen Bedenken und ſchweren Folgen hervor, die der Schritt haben könne. Oft ſchien der Kurfürſt auch ganz davon überzeugt. Dann aber hörte er auch Andere. Der Herzog von Ansbach, der Mark⸗ graf von Baden riethen zur Annahme; auch Fürſt Chriſtian von Anhalt....“ „Wie“, unterbrach Agathe ihren Vater„der Fürſt hatte ja, als er im vorigen Monat hier war, große Be⸗ denken dagegen?“ „Er hat ſeinen Sinn geändert; hat ihn Camerarius überzeugt, oder hat Scultetus ihm ſo eifrig gepredigt und ins Gewiſſen geredet wie unſerm Herrn Kurfürſten— genug er iſt jetzt ganz für die Sache. Vielleicht auch daß der junge Fürſt ihm die Lage der Dinge in Böhmen anders geſchildert hat; denn auch dieſer iſt voll Eifer für die Böhmen aus Prag zurückgekehrt. Er hat das Feuer der Jugend und einen edlen ritterlichen Sinn; der treibt ihn in den Kampf. Was kann die Jugend ſich Rühmlicheres und Größeres denken, als das Schwert zu ziehen für die 198 Wahrheit! Sie weiß noch nicht, daß das Schwert am wenigſten taugt, ihr Bahn zu brechen!“ „So ſcheint es doch“, ſagte Agathe,„als ob die Mehr⸗ zahl der Fürſten ſich für die Annahme der Krone ent⸗ ſchieden habe?“ „Nein, o nein; nur die, die ich dir genannt. Viele der angeſehenſten und mächtigſten Herren in Deutſchland ſind dagegen. Ich will nicht vom Herzog Maximilian von Baiern reden, deſſen Freundſchaft zum Kaiſer ihn natürlich zum Gegner der Sache macht; ſelbſt nicht vom Kurfürſten von Sachſen, denn er iſt, wiewol luthe⸗ riſch, doch von jeher mehr auf Seiten des Hauſes Oeſterreich geweſen. Allein das ganze kurfürſtliche Collegium hat ein Geſammtſchreiben der Ab⸗ mahnung*), und daß ich's nur gerade heraus ſage, der Warnung an unſern kurfürſtlichen Herrn erlaſſen. Sie werden es zu ihrer Rechtfertigung vor Kaiſer und Reich veröffentlichen laſſen, es iſt alſo auch hierbei nichts Geheimes mehr. Ich war zugegen als Se. Gnaden der Kurfürſt die Zuſchrift empfing; ich ſah, daß er erbleichte, indem er ſie las. Als ich ihn nun ſo in Unruhe und Sorgen erblickte, ging mir's an die Seele, und ich fragte— denn wir waren ganz allein im Arbeitszimmer—: Gewiß haben Ew. kurfürſtlichen Gnaden ſehr traurige Botſchaft empfangen!» «Da leſet ſelbſt, lieber Rippell», ſagte der Herr mit güti⸗ gem Ton und gab mir das Schreiben. Ich las, und im Leſen zitterte ich ſelbſt; das Schreiben war allerdings ge⸗ wichtigen Inhalts. „«Nun?y fragte der Herr,«was ſagt Ihr? Doch ich weiß ja Eure Meinung Rippell“, ſetzte er hinzu,«aber *) Hiſtoriſch. 199 nun iſt doch nichts mehr zu ändern!)— Da faßte ich mir ein Herz und ſprach ſo eindringlich ich nur vermochte: «Möchte mein gnädigſter Herr Kurfürſt doch dieſes Schreiben beherzigen. Es dünkt mich nur allzu wahrhaften In⸗ haltes!)— „Der Kurfürſt ging ſchweigend auf und nieder. Ich konnte nicht ſchweigen.«Erwägen Ew. Gnadens, hub ich nochmals mit bittendem Ton an,«ob die Verantwortung nicht allzugroß iſt, die Sie auf Dero fürſtliches Haupt laden!“ Der Kurfürſt ſah mich lange ſchweigend an und fragte dann, indem er mit dem Finger auf eine Stelle zeigte:«Ihr meint dieſe Worte da, nicht wahr?⸗ „Ich wollte eben Ja ſagen, als der Kammerdiener eintrat und den Rath Camerarius anmeldete. Der Kurfürſt befahl, daß er eintreten ſolle, und hieß den Kammerdiener auch bleiben. Dann ſagte er zu mir:«Nun leſet einmal vor, ich will nichts heimlich dabei wiſſen.“» Ich las die Stelle, ſie lautete“*):«Mögen Ew. Liebden wohl bedenken, welch eine große Unruhe im Reiche, allgemeiner Krieg und Blutvergießen daraus entſtehen würde, von deſſen Urhebern die Hiſtorien ſo lange die Welt ſteht zu reden haben würden!»“ „So haben die Kurfürſten an unſern gnädigſten Herrn geſchrieben“, unterbrach Agathe, und Staunen malte ſich in ihren jugendlichen Zügen und ängſtliche Beſorgniß in denen Margarethens. „So haben ſie Wort für Wort geſchrieben“, antwortete Rippell mit feierlich ſchmerzlichem Ausdruck,„und nie, ſo lange ich lebe, werde ich dieſe ſchwer gewichtigen Worte vergeſſen; nicht um die Schätze der ganzen Welt möchte ich, *) Hiſtoriſch. 200 daß eine ſolche Warnung unbeachtet auf meiner Verant⸗ wortung laſtete!“ „Und was ſagte unſer gnädigſter Herr darauf?“ fragte Agathe. „Wir ſtanden alle tief ſchweigend. Der Herr drückte ſorgenvoll, ich möchte ſagen angſtvoll, beide Hände an die Stirn und rief aus:«O wer gibt mir hier den richtigen Rath! Ich verfehle mich gegen mein Gewiſſen, wenn ich ausſchlage! Und wenn ich annehme, ſoll alle Verantwortung und alles Blut über mich kommen!»“ „Ach daß er doch ausſchlagen möchte.... der gute, gnadenreiche Herr, und ſich nicht ſolche Laſt auf ſein Haupt wälzen“, rief Agathe.. „Er hat angenommen“, war Rippell's Antwort. „Aber wie war es möglich, nach ſolcher Abmahnung, von allen Kurfürſten—“ „Ja, wie war es möglich!“ ſeufzte Rippell.„Frage Camerarius, der da meint, die Ehre des kurfürſtlichen Hauſes fordre es, daß ſolch ein Erbieten zu Macht und Ruhm nicht ausgeſchlagen werde!— Frage den Hofprediger der da ſagt: Wenn Krieg und Blutvergießen entſteht, ſo iſt König Ferdinand der Urheber, der mit Gewalt eine Krone, die er durch Eidbruch verloren hat, und die durch freies Wahlrecht auf ein anderes Haupt übertragen wird, auf ſeinem Haupt feſthalten will! Der da fragt: Wird kein Kampf und Krieg ſtattfinden, wenn unſer Herr die Krone ausſchlägt? Werden etwa die Böhmen nicht für ſich ſelbſt kämpfen, oder unter einem andern Herrn und König? Der da weiter unſerm Herrn ins Gewiſſen redet und ihn fragt: Ob er Gottes ſichtliche Fügung nicht achten wolle, die ihm eine Krone zuwende, gleichſam aufdringe, nach der 201 er nie getrachtet? Gottes Fügung, die ihn berufe, der Schirm und Schutz des reinen Glaubens zu ſein? Ob unſer Herr jemals werde ruhig ſein Haupt aufs Kiſſen legen können, wenn die Papiſten mit Feuer und Schwert in Böhmen vordrängen, die Rechtgläubigen niedermetzelten, ihre Wohnſtätten in Aſche legten— alles Elend über Diejenigen hereinbreche, denen er Schutz und Schirm zu ſein abge⸗ lehnt habe?“ „Ach Vater, Vater haltet ein!“ bat Agathe und brach in Thränen aus; Margarethe weinte mit ihr. Der Rath blickte düſter zur Erde. „Das Alles iſt in jener Stunde, und ſpäter noch viel⸗ fach und laut geſagt und verhandelt worden— ein Jeder hat ſeine Meinung mit Eifer verfochten, es kamen noch Schreiben und Rathſchläge von außen her,— die Kunde davon wird durch die Welt fliegen wie ein Lauffeuer!“ Plötzlich tönte ein Schuß in der Nähe der Sprechenden. Mehrere andere folgten nach. Die Mädchen ſchreckten zuſammen; doch nur einen Augenblick. Denn es waren Freudenſchüſſe der Winzer im Berge nebenan. Ein lautes Jubeln folgte den Schüſſen und man ſah eine prächtige Krone von Weinlaub und Trauben, mit flatternden Bändern geſchmückt, die auf einer Stange hoch emporgetragen wurde. Die Leſe im Nachbar⸗ berg war beendet, und die Winzer begannen den Feſtzug, in⸗ dem ſie nach vollbrachter Arbeit von dem Berge heimziehen wollten. So war die bunte Freude die nächſte Nachbarin der ſchweren Sorge!— Schwermüthig ließ der Rath ſeine Blicke über das Thal hinſchweifen, wo rings dieſelbe Freude herrſchte oder ſich vorbereitete.„Du glückliches Land!“— 9 K 202 „Ihr wißt nun Alles, Kinder“, hub er nach einigen Augenblicken, während denen man nur die Freudenlaute aus der Ferne hörte, mit einem gewonnenen Entſchluſſe an. „Am Geſchehenen iſt nichts zu ändern. Die böhmiſchen Abgeſandten ſind ſchon mit der Botſchaft nach Prag geeilt; der Herr wird ihnen alsbald nachfolgen. Morgen in der Frühe trifft Se. Gnaden hier ein, um die nothwendigſten Regierungsgeſchäfte zu ordnen. Uebermorgen ſchon brechen wir auf, nach Amberg und von dort nach Waldſaſſen an der böhmiſchen Grenze, wo die Edlen des Landes den neuen Herrſcher begrüßen werden. Beten wir, daß die neue Krone ihm und ſeinem neuen Lande Segen bringe! Meine, unſerer aller Pflicht iſt es jetzt, ihm auf der neuen Bahn in alter Treue zu dienen, mit ihm zu wagen und zu tragen was der Herr ſchickt. Morgen mögt ihr dann be⸗ ſchicen, was zur Auswanderung nothwendig iſt. Heut wollen wir uns noch der alten Heimat freuen. Iſt ja doch Freude ringsum, ſo ſei ſie auch in unſerm Hauſe!“ Mit dieſen Worten der Ermuthigung reichte der Red⸗ liche den Seinigen die biedre Hand, und ſie ſtanden auf, um zurückzugehen in das Haus. Eine Abendwolke, die bis jetzt vor der ſchon faſt auf den Horizont hinabgeſunkenen Sonne geſtanden hatte, theilte ſich leiſe zerfließend; das röthliche Licht brach wie ein gol⸗ dener Rauch hindurch. In wenig Aungenblicken war das ganze Thal von der duftigen Glut überhaucht; Rebenhügel und Wald, Häuſer und Thürme ſchimmerten im Purpur⸗ glanz, der durch die Thalöffnung vom Rhein her auf lichten Aetherwellen einſtrömte. Der Fluß ſpiegelte den Abendglanz zurück, ſeine rauſchenden Wellen krönten ſich mit roſigem Schimmer, und wanden ſich dann als blitzendes Goldband weithin durch die Fluren. Der ganze Abendhimmel löſte 203 ſich in reines Blau und Goldduft auf. Das Gewölk ver⸗ flüchtigte ſich in leichte Windſtreifen nach oben. Die dunkle Mauer der Bergzüge jenſeit des Rhein ſchloß mit ihrer langen Kette von Kuppeln und Spitzen den Horizont ab. Bis zu ihren Füßen hin glänzten die Ebenen im Abendſchimmer, aus dem die Thurmſpitzen der Dörfer und Städte, ſchattig, dunkel emporragten. Am fernſten Ende der Landſchaft erhob, weit überhinſchauend, der ehrwürdige Dom zu Speier ſeine Doppelthürme, gleichſam ein Wächter, hingeſtellt, die Erde in ſeine himmliſche Obhut zu nehmen.— Die überdrängende Schönheit, der Frieden in der Land⸗ ſchaft füllten die Bruſt mit Andacht, Da tönten aus dem Thal herauf von den Thürmen der Stadt laut die Abend⸗ glocken. Der Anhauch allgegenwärtiger Gnade Gottes und ſeines waltenden Schutzes ſchwebte in den feierlichen Tönen empor, berührte das Herz und durchdrang es noch tiefer mit frommer Erhebung, mit hingegebenem Vertrauen. Unwillkürlich hemmten die Hinabwandelnden ihren Schritt. Agathe ſank an das Herz des Vaters, Margarethe blickte dahin auf, wo ihre Aeltern weilten. Alle empfanden in dem tiefen Gottesfrieden, der auf der ſchönen Erde ruhte, das Unterpfand: wie auch Verwirrung und Zwieſpalt das irdiſche Daſein zerrütten möge, die himmliſche Verſöhnung iſt jedem fromm vertrauenden Herzen gewiß. Und ſo waren ſie glaubens⸗ und hoffnungsgetroſt! 204 Sechzehntes Capitel. Die ganze Stadt Heidelberg war in feierlicher Be⸗ wegung; die Glocken läuteten von allen Thürmen; die Menge drängte ſich zu der Hauptkirche, wo der Kurfürſt, bevor er Heidelberg verließ, noch einmal ſeine Andacht ver⸗ richten und die göttliche Einſegnung empfangen ſollte für das glanz⸗ und verhängnißvolle Unternehmen, dem er heut von ſeiner getreuen Stadt aus entgegenzog. Alles, was zum kurfürſtlichen Hofſtaate gehörte, hatte ſich auf dem Schloß verſammelt. Von dort herab ſollte der Zug zur Kirche gehen. Der Kurfürſt befand ſich noch in ſeinem Gemach; er war ganz allein und ging mit ſchwer bewegter Seele auf und nieder. Wie er ſich ſelbſt zu überreden trachtete, der Schritt, den er jetzt thue, ſei ein unabänderlich nothwendiger, geboten durch die Ehre ſeines Hauſes, und noch höher durch ſeine kirchlichen Pflichten: eine innere Stimme ſagte ihm dennoch, daß weltliche Verlockungen, daß Trachten nach irdiſcher Größe ihn dazu reizten. Daß er nicht, wovon er ſich ſo gern überreden mochte, eine Pflicht erfülle, ſondern einer Begier folge! Die unerbittliche ſagte ihm, daß der Glanz der Königskrone ihn blende, die Glorie weltlicher Macht ihn ſtärker locke als der Heiligenſchein eines Vorkämpfers der Kirche! Und doch vermochte er nicht den Sieg über ſich ſelbſt zu erringen, und das Banner der Wahrheit in ſeinem eigenen Innern aufzupflanzen. Aber den unentrinnbaren Folgen ſolcher Zuſtände entging auch er nicht. Er war nicht freudig, nicht zuverſichtlich, nicht fromm entſchloſſen, ſondern unruhig, haſtig geſtachelt! Mit Ungeduld erwartete er die Stunde zum Aufbruch nach der Kirche. Es war noch eine kurze Zeit bis dahin, doch die Minuten hatten für ihn einen bleiernen Gang. Endlich war der Augenblick da. Er ging hinüber zur Kurfürſtin, um dieſe zum Kirchgang ab⸗ zuholen. „Guten Morgen, mein theurer Friedrich!“ rief ihm Eli⸗ ſabeth entgegen, als er in die geöffnete Thür des Cabinets trat, wo ſie ſich ganz allein befand. Sie eilte auf ihn zu und reichte ihm die roſigen Lippen mit ſo lächelnder Grazie dar, daß er ganz bezaubert von ihrer Lieblichkeit war. Nie hatte ſie ihn herzlicher geküßt als in dieſem Augenblick. Dem heitern Sonnenlicht ihrer Erſcheinung gegenüber ſchwan⸗ den die finſtren Wolken ſeines innern Unmuths. „Ich komme dir doch nicht zu früh?“ fragte er;„ich war ungeduldig, Liebe, dich zu begrüßen!“ „Das freut mich von ganzem Herzen“, entgegnete ſie mit frohem Ausdruck der Züge.„Allein auch ich ſehnte mich nach deinem Anblick, denn ich ſehe dich ja in einem neuen Glanze.“ „Nicht zu voreilig, Theuerſte“, fiel er ihr ins Wort. „Die Zukunft ſteht in Gottes Hand!“ „O, was der Himmel ſo ſichtbar fügt, wird er auch ganz vollführen, mein theurer Friedrich!“ antwortete ſie lebhaft. „Was ſollte uns nun noch im Wege ſtehen? Wir waren es ja nur ſelbſt, die bisher die Hinderniſſe bereiteten!“ „So wichtiger Schritt durfte nicht übereilt gethan wer⸗ den, meine Theuerſte; gebe nur Gott, daß wir ihn nie bereuen!“ „Was das anlangt, ſo verbürge ich mich für mein Theil dafür“, antwortete die Kurfürſtin mit einigem Stolz. „Ja, Friedrich, ich lege hohen Werth auf dieſe Wendung — 206 unſeres Geſchicks! Sehr hohen! Ich möchte lieber künftig an deiner königlichen Tafel trocknes Brot eſſen, als an deiner kurfürſtlichen ſchwelgen!“*) Ein flammender Blick des Stolzes leuchtete dabei aus ihren ſchönen Augen. Sie erhob das Haupt mit angebor⸗ nem Adel, und richtete ſich würdevoll empor. Nie war ſie ſchöner geweſen!— Der Kurfürſt, der ſeine Gemahlin anbetete, war ganz hingeriſſen von ihrem Anblick, ergriff ihre Hand, bedeckte ſie mit zärtlichen Küſſen und betheuerte:„Ja, Eliſabeth, jetzt fühle ich's, wir gehen einem großen Ziel entgegen; ich erfülle einen hohen Beruf. Oft zweifle ich an mir ſelbſt, allein dein Anblick gibt mir wieder Muth und volle Zu⸗ verſicht!“ Der Kammerjunker, Graf Erbach der Jüngere, trat ein mit der Meldung, daß die geſammten Theilnehmer am feſtlichen Zuge im Ritterſaal verſammelt ſeien. „Iſt die Frau Kurfürſtin Juliane ſchon benach⸗ richtigt?“ fragte der Kurfürſt.. „O, vergib, mein Lieber“, fiel die Kurfürſtin ein,„in der Freude, dich zu begrüßen, vergaß ich dir zu ſagen, daß deine theure Mutter ſich unpäßlich befindet. Sie ſchickte vor einer halben Stunde zu mir herunter und ließ mir anzeigen, daß ſie dem Zuge nicht beiwohnen könne!“ „Und mir hat Niemand eine Meldung von der Unpäß⸗ lichkeit Ihrer Hoheit gemacht?“ fragte der Kurfürſt und ſah den Grafen Erbach mit zürnender Verwunderung an. „Ew. kurfürſtliche Gnaden verzeihen, aber mir wird das betrübende Ereigniß erſt dieſen Augenblick bekannt!“ ſprach der Graf. *) Hiſtoriſch. 207 „Durch wen haſt du die Meldung empfangen, Liebe?“ fragte der Kurfürſt offenbar ſehr beſtürzt über das Ereigniß. „Die Mutter ſandte ihre Ehrendame, das Fräulein... wie iſt doch ihr Name,— o die ſchweren deutſchen Na⸗ men.... „Das Fräulein von Gemmingen?“ fiel der Kurfürſt fragend ein. „Ja ganz recht“, erwiderte die Kurfürſtin;„ich habe auch ſogleich die Gräfin Lady Inglefield zu ihr geſandt, um mich nach ihrem Befinden zu erkundigen.“ „Und was fehlt meiner Mutter?“ „Es iſt nur ihr gewöhnlicher Anfall von Migräne!“ ſagte die Kurfürſtin Eliſabeth leicht. Der Kurfürſt empfand nur zu klar, daß die Krankheit ſeiner Mutter eine vorgegebene ſei. Die Nachricht traf ihn ſo unvermuthet, daß er einen Augenblick nicht wußte, was er thun ſolle. Ob, wie es ihm ſonſt ſeine kindliche Neigung geboten hätte, ſelbſt ihr zu gehen, oder ob hinaufſchicken, oder ob in dieſem Moment nicht lieber überhaupt keine Kenntniß davon nehmen. Die Kurfürſtin ſah ſeine Unentſchloſſenheit, und in der Beſorgniß, es könne ein ſtörender Einfluß auf die feierliche Handlung eintreten, die eben beginnen ſollte, ſprach ſie drängend, aber leiſe zu ihm, indem ſie auf das Vorzimmer deutete, wo bereits die Hoffräulein, die Kammerherren und Pagen, die dem kurfürſtlichen Paar theils vortreten, theils es geleiten ſollten, verſammelt waren. „O Lieber, du ſiehſt Alles wartet ſchon auf uns. Es möchte einen üblen Eindruck hervorbringen, wenn wir eine Stockung in das Feſt brächten; ich gebe dir die Verſicherung, daß das Unwohlſein deiner Mutter nicht die geringſte Be⸗ denklichkeit hat! Gib mir deinen Arm!“ 209 den Häuptern der Wandelnden begann. Eine glänzende Herbſtſonne erhöhte die Pracht und Feſtlichkeit des Schau⸗ ſpiels. Um es ſo reich zu entfalten als möglich, nahm der Zug ſeinen Weg nicht durch die engen Fußwege mit Treppen⸗ ſtufen, welche gerad hinunter durch die ſchmalen Gaſſen zum Markte führen, ſondern er ging über den Schloßhof, die Brücke am ſüdlichen Theil und die breite, für Wagen und Roß geeignete Bergſtraße hinab, um dann über den großen Platz vor der Univerſität durch das Mittelthor in die Hauptſtraße einzubiegen, und ſich ſo der Kirche zuzubewegen. Die Kunſttrompeter und Heerpauker, alle in reichen gold⸗ geſtickten Uniformen, die Pferde mit ſtolzen Federbüſchen geſchmückt, eröffneten den Zug. Dann folgte eine Abtheilung der kurfürſtlichen Leibwache, in blanken Harniſchen, geführt von dem Hauptmann derſelben, Konrad von Wonßheimb. Hinter dieſer mehrere Hofkutſchen, in denen die höheren Hof⸗ cavaliere und Damen ſaßen, und dann in einem mit acht prächtigen Schimmeln beſpannten offenen Wagen, dem zwei Stallmeiſter voranritten und acht Cavaliere zu Pferde auf beiden Seiten das Geleit gaben, der Kurfürſt und ſeine Gemahlin. Sämmtliche andere Hofcavaliere, die Kammer⸗ junker, Edelknaben, die kurfürſtlichen Räthe, folgten zu Fuß. Eine Abtheilung Hartſchiere in rothen mit Gold reich ge⸗ ſtickten Mänteln, ſilbernen Harniſchen, lange Hellebarden tragend, beſchloß den Zug. Eine unabſehbare Volksmenge begleitete ihn jubelnd, auf dem ganzen Wege in die Stadt hinab, bis zur Kirche.— Die Damen des Hofes ſowie die angeſehenſten Frauen der Bürgerſchaft ſaßen ſchon da⸗ ſelbſt auf ihren Plätzen; Alle, die zum Hofſtaat gehörten, der Kanzel gegenüber. Die, welche auf dem Schloß geweſen, waren in Sänften den Fußweg hinab dorthin getragen worden. — 208 Und mit dieſen Worten nahm die reizende, ſchmeichelnde Gattin den Arm ihres Gemahls in einer Weiſe, die ihn faſt zwang, ſie zu geleiten. So traten ſie in das Vorgemach. Der Kurfürſt war ſo verwirrt, daß er kaum wahrnahm was vorging; doch die Kurfürſtin glich Alles durch ihre ge⸗ wandte Leutſeligkeit aus. Sie grüßte ringsher, ſprach bald engliſch, bald franzöſiſch, je nachdem ſie von ihren Um⸗ gebungen in dieſen Sprachen verſtanden wurde, und niſchte auch einige deutſche Worte ein, was immer einen ſehr günſtigen Eindruck hervorbrachte. So wurde die Unſicher⸗ heit und zerſtreute Haltung des Kurfürſten nicht bemerkt, und der Zug ordnete ſich. Graf Erbach eröffnete ihn; ihm folgten ſechs Pagen, dann das kurfürſtliche Paar. Durch eine Reihe von Zimmern, in welchen die Dienerſchaft ſich in den Staatslivreen befand, erreichten ſie den Ritterſaal, wo die geſammten Hofſtaaten verſammelt waren. Indem das hohe Paar eintrat, erſchallte von einem draußen auf dem Schloßhofe zu Pferd aufgeſtellten Chor von Kunſttrompetern und Heerpaukern eine ſchmetternde Fanfare, worin ſich ein„Vivat Fridericus, vivat Elisabetha!“ der ſich im Saale Verſammelten miſchte. Aller Augen glänzten in Freude, Aller Herzen waren gehoben durch ſtolze Hoffnungen; das Ceremoniel war kein feſtes Band mehr die Ordnung zu erhalten, von eifrigem liebenden Gedränge wurde das Herrſcherpaar rings um⸗ geben.— Der Kurfürſt fand ſeine Faſſung und Stimmung wieder, da er ſah, daß das Fehlen ſeiner Mutter in dem allgemeinen Freudenrauſch gar nicht wahrgenommen wurde. Der freudige Muth kehrte in ſeine Seele zurück. In edler ritterlicher Haltung ſchritt er bald in dem Zuge dahin, wel⸗ cher jetzt unter dem feierlichen Geläut aller Glocken in der Stadt drunten, und von den Thürmen des Schloſſes über Scultetus, an der Spitze der Geiſtlichkeit, ſtand am Eingangsthor, begrüßte das kurfürſtliche Paar und ſprach mit feierlichem Wort, die Hände ſegnend erhoben, zum Kur⸗ fürſten:„Erfülle ſich an meinem allergnädigſten Herrn wie es heißt im fünften Buch Moſe, allda im dreißigſten Capitel, im neunten Verſe: „«Der Herr dein Gott wird dir Glück geben in allen Werken deiner Hände!» und ferner im ſechzehnten:«Der Herr dein Gott ſegne dich in dem Lande da du einzieheſt, daſſelbe einzunehmen!»“ 3 Und zur Kurfürſtin gewandt ſprach er:„«Der Herr beſchütze Euch wie einen Augapfel im Auge, und beſchirme Euch unter dem Schatten ſeiner Flügel.“— Alſo beten wir nach dem ſiebzehnten Pſalm, für Euch, gnädigſte Fürſtin des Landes.“— Der Kurfürſt und die Kurfürſtin beugten bei den Worten des Geiſtlichen fromm das Haupt und ſchritten in demüthi⸗ ger Haltung vorwärts in die Kirche. Tauſende hatten ſich zu der kirchlichen Feier verſammelt. Aller Herzen erhoben ſich im brünſtigen Gebet zu Gott; viele ſchlugen in freudiger Hoffnung, viele aber auch waren mit banger Sorge erfüllt. So einfach und ohne allen äußeren Schmuck der Gottesdienſt, dem ſtrengen Geſetz der Calviniſten entſprechend, auch eingerichtet war, ſo waren doch die Klänge der Orgel noch nicht daraus verbannt, wie in dem unter Calvin's nächſtem Einfluß geordneten Gottes⸗ dienſt in den Kirchen der Schweiz. Der Choral:„Eine feſte Burg iſt unſer Gott“, den die Gemeinde ebenfalls, trotz ihres Abweichens von der Lehre Luther's, doch als einen chriſtlichen Hochgeſang voll echteſter Glaubenskraft und Zuverſicht aufgenommen hatte, machte den Beginn der Feier. 211 Dann hielt Scultetus die Predigt, deren Text er aus dem Buche Joſua im erſten Capitel gewählt hatte*): „Mache dich nun auf, und ziehe über dieſen Jordan in das Land, das ich den Kindern Iſrael gegeben habe. Alle Städte, darauf eure Fußſohlen treten, habe ich euch ge⸗ geben!— Es ſoll dir Niemand widerſtehen dein Lebelang. Wie ich mit Moſe geweſen, alſo will ich auch mit dir ſein. Ich will dich nicht verlaſſen, noch von dir weichen!— Sei nur getroſt und ſehr freudig, daß du halteſt und thuſt alle Dinge nach dem Geſetz, das dir Moſes mein Knecht gegeben hat. Weiche nicht davon, weder zur Rechten noch zur Linken, auf daß du weislich handeln mögeſt in Allem was du thun ſollſt.— Und laß das Buch dieſes Geſetzes nicht von deinem Munde kommen; ſondern betrachte es Tag und Nacht, auf daß du halteſt und thuſt allerdinge nach Dem, was darin geſchrieben ſteht. Alsdann wird dir's ge⸗ lingen, in Allem was du thuſt, und wirſt weislich handeln können!“ Nach dieſen bibliſchen Worten, die der Redner mit feier⸗ licher Stimme verlas, begann er ſeine Predigt. Wie er es ſchon von jeher dem Kurfürſten allein gegenüber gethan, ſo ſtellte er auch jetzt vor allem Volk das Unternehmen deſſelben als ein von Gott ſelbſt ſichtbarlich gebotenes dar, das zur Verherrlichung des Höchſten gereichen ſollte, durch die Feſtigung und Verbreitung der gereinigten Lehre, und den Schutz, den er dieſer von nun an gegen alle Bedrängniſſe von außen, die ſie bisher erfahren, darbieten ſolle. Mit jedem Wort entzündete ſich ſein Eifer zu höher ſchlagenden Flammen. „Nicht nur ein erlaubtes, ein gerechtes Unternehmen iſt es, das du beginnſt, geſegneter Fürſt“, rief er aus;„es iſt *) Hiſtoriſch. ——ÿ 212 eine heilige Pflicht, die du erfülleſt, eine Pflicht des Ge⸗ horſams gegen des Herrn ſichtliches Gebot. Der Himmel hat unſeren theuern Kurfürſten in ſeiner reinen frommen Geſinnung zu ſeinem Werkzeuge erwählt, und er darf nicht zaudern ſich dem Willen des Herrn zu unterwerfen. Wie Abraham dem Geheiß Gottes Folge geleiſtet, da er das Schmerzlichſte von ihm gefordert: ſo muß auch der Fürſt, den der Wille Gottes und das Vertrauen der Völker und Fürſten ſchon als den oberſten Schirmherrn der proteſtan⸗ tiſchen Verbindung hingeſtellt hat, auch jetzo ohne Zagen dem Rufe folgen, der an ihn ergangen iſt, durch die leuch⸗ tendſte Fügung des Allmächtigen. Selbſt in Zeichen, die der blöde irdiſche Verſtand zufällige nennt, verkündet ſich der Wille des Herrn, Allen erſichtlich! Der ſechsundzwan⸗ zigſte Tag des Auguſt iſt, wie ihr alle wiſſet, derjenige, der unſerm theuern Kurfürſten das Leben gab.*) Und an dieſem nämlichen Tage gab das böhmiſche Volk, ohne daß Jemand dort deſſen gedacht, vielleicht nicht Einer davon gewußt, unſerm Herrſcher die Krone!**) So iſt er wahr⸗ lich eigen geboren zu dieſem hohen, königlichen Beruf! Kein ſterblicher Menſch hat, als der Fürſt vor dreiund⸗ zwanzig Jahren an dieſem Tage das Licht der Welt er⸗ blickte, vorausgeſchaut, wozu er im Rath der göttlichen Weisheit berufen ſeil Aber das Auge des Herrn hat es geſehen, es hat über ihm gewacht, ihn geleitet, daß er den Tag dieſer fernen Zukunft, den Tag ſeiner Verherrlichung erreiche! Und ob auch ſchwere Opfer gefordert werden, ob dräuende Gefahren die Bahn umſchweben: wandle ſie ge⸗ troſt, denn der Herr hat dich dazu berufen und geweihet!“— *) Hiſtoriſch. **) Hiſtoriſch. 213 „Und“, ſchloß er die eiferglühende Rede, wiederum an die Worte der Schrift anknüpfend,„wie der Herr zu Joſua geſprochen, alſo redet er auch zu dir:«Siehe, ich habe dir geboten, daß du getroſt und freudig ſeieſt! Laß dir nicht grauen und entſetze dich nicht! Denn der Herr, dein Gott, iſt mit dir in Allem, was du thun wirſt!“ Wie Scultetus von jeher ſein prieſterliches Uebergewicht bei dem Kurfürſten geltend zu machen verſtanden hatte, ſo war es auch jetzt geſchehen. Der Strom ſeiner Rede hatte den jugendlichen Fürſten ganz fortgeriſſen; der fanatiſche Schwung verſetzte ihn in eine ſchwindelnde Betäubung. Seine in ruhigeren Augenblicken immer wieder erwachende Bedenken waren in dieſer Aufregung völlig verſchwunden. Ein gleicher Aufſchwung verwirrter Begeiſterung riß auch die Verſammlung hin. Nur daß die Heiligkeit des Ortes den Ausbruch der Gefühle zurückhielt. Als aber das fürſt⸗ liche Paar wieder aus der Kirche trat, brauſte der Jubel— ſturm in vollen Wogen auf. Kaum konnte der Kurfürſt den Wagen wieder beſteigen, kaum den Weg zum Schloß wieder zurücklegen: ſo umdrängte ihn das jauchzende Volk. Wer will ihn verurtheilen, daß er, in ſolchen Strom ge⸗ riſſen, der fortwirbelnden Gewalt deſſelben folgte? Daß er ſich zu den größten Lebenszielen geweiht ſah? Der Ruf: „Siehe, ich habe dir geboten, daß du getroſt und freudig ſeieſt!“ tönte immer neu mit mächtigem Klange in ſeiner Seele wider. So wollte er denn ſein gleich ihm ein würdiger Streiter Gottes, und laut rief es in ihm:„Ich laſſe mich nicht grauen noch entſetzen. Denn der Herr, mein Gott, iſt mit mir und Dem was ich thun werde!“ So erreichte er das Schloß wieder. Um zwölf Uhr Mittags war das Abſchiedsbanket ver⸗ anſtaltet. Der ganze Hof und die höchſten Staatsdiener, ͤͤͤͤſſſſſ 214 die Feldoberſten, die Stadtälteſten von Heidelberg waren dazu geladen. Mancher Trunk wurde dem neuen Glück und Glanz, das dem alten Fürſtenhauſe winkte, darge⸗ bracht! Der junge Fürſt glühte in Freude und Leutſelig⸗ keit; die Kurfürſtin war das Bild des Liebreizes, der an⸗ muthvollſten Huld. Es ſchien, daß mit dem erhöhten Glanze ihrer Krone ihr Sinn um ſo milder, herablaſſender wurde. In dem Rauſche der Freude vergaß es der Kur⸗ fürſt, was ihm anfangs doch wie ein dunkler Schatten in das Licht dieſes Tages gefallen war, daß ein Platz an ſeiner Seite nicht ſo beſetzt war, wie er ſein ſollte. Seine Mutter fehlte bei der Tafel! Und er überſah es, daß ein ernſter Gaſt am Tiſche ſaß, der Rath— Leander Rippell. Der Kurfürſt hatte die Kurfürſtin Luiſe Juliane gleich nach der Kirche beſuchen wollen; doch da er bei ſeiner An⸗ frage den Beſcheid erhielt, die Kranke ſchlummere eben ein wenig, hatte er es unterlaſſen müſſen. Das Banket war zu Ende. Der Aufbruch ſollte noch an dieſem Tage geſchehen. Der helle Mondenſchein mußte benutzt werden, um die Reiſe die Nacht hindurch fortzu⸗ ſetzen bis zum folgenden Abend, wo das erſte Nachtlager in Mergentheim feſtgeſetzt war. Nach zwei Punkten waren Pferde vorausgeſchickt, um bei den ſchweren Wegen und ſchwerfälligen Wagen dieſe Stadt am nächſten Abend er⸗ reichen zu können. Vom Banketſaale begab ſich der Kurfürſt in ſein Ge⸗ mach, um ſich ſofort zur Reiſe umzukleiden. Die Wagen ſtanden ſchon angeſpannt im Schloßhofe. In der nächſten Viertelſtunde ſollte er ſein ſchönes Heidelberg mit dem alter⸗ thümlichen Schloß, von dem jedes Fenſter auf geſegnete Fluren herabſchaute, verlaſſen! Er ſollte dieſen ſtolzen ritter⸗ 215 lichen und doch ſo anmuthigen Wohnſitz ſeiner Väter mit einem noch ſtolzern, mit dem königlichen Prag vertauſchen! Er fragte ſich:„Wann wirſt du es wiederſehen?“ Hätte er ſich ſagen können, wie er es wiederſehen würde! Mit innerer Unruhe und äußerer Haſt wechſelte er die Kleider. Als es geſchehen war und der Kämmerer mit dem über den Arm geſchlagenen Reiſemantel vor ihm ſtand, ver⸗ fiel der Kurfürſt in ein tiefes Nachſinnen.„Laß mich allein“, ſagte er zu dem Diener;„geh' hinüber zur Frau Kurfürſtin und melde ihr, ich würde in wenigen Minuten bei ihr ſein!“ Der Kammerdiener ging. Das Gemach, in dem der Kurfürſt ſich befand, lag in einem der Eckthürme des Schloſſes, in demjenigen zunächſt der Stadt, der faſt unmittelbar auf dieſe niederſchaute. Friedrich trat in das tief in die Mauer einſpringende Fenſter und blickte hinaus. Im milden Nachmittagsſonnenlicht lag das Bild der Landſchaft vor ihm. Er hatte es ſo oft geſehen; nie hatte es ihn ſo warm wieder angeſchaut. Ihm war es, als ſolle er von einem alten Freunde, von einem lieben Jugendgeſpielen Abſchied nehmen. Mit verſchränkten Armen ſtand er am Fenſter. Die Berge waren ſo ſonnig ange⸗ ſtrahlt! Drüben jenſeit des Neckar, am Fuße des Heiligen⸗ berges regte ſich noch das fröhliche Leben der Weinleſe. Der Geisberg zu ſeiner Linken, die Waldhöhen des Jettenbühels, worauf die Trümmer des alten, verlaſſenen Schloſſes zwiſchen düſtren Fichten hervorragten, tauchten ſich in dunkle Schatten; doch ein goldiges Licht ſpielte um die Ränder der Höhen und blitzte durch das gelichtete, bunte Herbſtlaub des Waldes, das die Gipfel krönte. Die Stadt war ſtill geworden; er konnte faſt in jede Gaſſe hinabblicken; das feſtliche Leben des Vormittags war vorüber, die meiſten 216 Bewohner waren hinausgegangen in die Weinberge, dem letzten frohen Geſchäft des Jahres obzuliegen. Doch dieſe Luſt verklang dem Ohre zu fern, um die Stille, die über dem Landſchaftsbilde gelagert war, zu unterbrechen. Das jugendliche, an Liebe und Wohlwollen reiche Herz des Für⸗ ſten war wehmuthsvoll bewegt. Er ſagte innerlich ein tie fes, leiſes Lebewohl Allem, was ſeine Jugend hier erfreut hatte. Eine Thräne ſogar trat in das Auge, das ſonſt ſo friſch, faſt zu leicht in die Welt blickte. Da fühlte er eine Hand auf ſeiner Schulter, betroffen ſah er ſich um. „Friedrich“, ſagte eine ſanfte Stimme. „Mutter!“ rief der Kurfürſt überraſcht.„Du hier! Ich wollte dich beſuchen— und nun Abſchied nehmen“, ſprach er ſchnell hintereinander, ſehr bewegt. „Abſchied nehmen! Ja, dazu bin ich zu dir gekommen, mein lieber Sohn“, antwortete die Kurfürſtin mit weichem Tone. „Du— du biſt von deinem Krankenlager aufgeſtanden— beſte Mutter....“ „O, mein Sohn! Meine Krankheit iſt nicht eine, die durch Arznei geheilt wird, noch findet ſie Linderung auf meinem Lager“, entgegnete die Kurfürſtin.„Mein Herz iſt krank von Sorge und Befürchtung!“ „Meine Mutter!“ unterbrach ſie der Kurfürſt mit bit⸗ tendem Tone. „Sei ruhig“, erwiderte ſie,„ich komme nicht mehr, dich zu warnen, dir abzurathen. Was ich dir ſagen konnte, habe ich dir geſagt; es wäre jetzt doch Alles zu ſpät!— Allein ich konnte nicht an euren Feſtlichkeiten, nicht an euren Freuden theilnehmen! Darum blieb ich in meinem ein⸗ ſamen Gemach— aber mein Sohn, ich habe für dich 217 gebetet, glaube mir, ſo heiß und andächtig, als wäre ich mit in der Kirche geweſen!“ Und überwältigt von ihrem ahnungserfüllten Herzen ſank die hohe Frau an die Bruſt des Sohnes und er an die ihre, und ſie umſchloß ihn mit aller Innigkeit mütter⸗ licher Liebe. „Sohn! Sohn! Du trägſt die Pfalz nach Böh⸗ men!“*) rief ſie weinend. Der Kurfürſt erwiderte nichts, ſchloß aber ſeine Mutter mit noch innigerer Umarmung ans Herz. Dann entwand er ſich ihr; nur ihre Blicke ſagten ſich noch ein ſtummes Lebewohl. Raſchen Schrittes ging Friedrich der Thür zu, nach den Zimmern ſeiner Gemahlin. Wenige Minuten ſpäter wurde Luiſe Juliane wieder durch das Rollen der Wagen im Schloßhofe aus dem tiefen betäubenden Schmerze, in welchem ſie auf einen Seſſel am Fenſter hingeſunken war, geweckt. Bald ſah ſie den Reiſe⸗ zug ſich zur Stadt hinabbewegen; ſie verfolgte ihn unab⸗ läſſig mit den Augen, und als er ihr in den Gaſſen einige Zeit verſchwand, harrte ſie am Fenſter, bis er wieder in der langen Hauptſtraße ſichtbar wurde, ſich dann dem Neckar zuwandte, über die Brücke rollte und ſich jenſeit das Thal hinab gegen Neuenheim bewegte. Ihr Blick haftete an der langen Reihe der Wagen, bis der letzte in der Bie⸗ gung der Landſtraße um den Abhang des Berges ver⸗ ſchwand. Friedrich wußte nicht, daß das Mutterauge ihn ſo treu begleitete. Aber ſeine Seele war ſo bei ihr wie die ihrige bei ihm; ſelbſt das freudebeſeelte, dankbar ſchmeichelnde Lä⸗ *) Hiſtoriſch. „Rellſtab, Drei Jahre. III. 1. 10 218 cheln der holden Gemahlin, die an ſeiner Seite ſaß, glitt ab an dem Herzen Sohnes, das den Schmerz der Mutter theilte. Und längſt ſchon hätte ihr getreues Auge ihn nicht mehr zu erreichen vermocht, als noch der Klang ihrer prophetiſchen Worte ihm folgte und mit dunkler Ahnung in ſeinem Herzen widerhallte: „Du trägſt die Pfalz nach Böhmen!“ Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. 0 3 —y— 5 ———