Brei Jahre von Breissigen. Zweiter Band. Zweite Abtheilung. Ein Roman von Tudwig Rellſtab. Zweiter Band. Zweite Abtheilung. Leipzig: F. A. Brockhaus. 1858. Der Verfaſſer behält ſich das Recht der Ueberſetzung ins Engliſche, Franzöſiſche und in andere Sprachen vor. Vierzehntes Buch. Rellſtab, Drei Jahre. II. 2. 1 1—— Achtzehntes Capitel. Die Straßen Wiens lagen noch in nächtlich tiefer Dämme⸗ rung und Stille; es war zwei Uhr Morgens; der Himmel mit dunklem Gewölk bedeckt. Zwei Männer, dicht in ihre Mäntel gehüllt, ſchritten über den einſamen Stephansplatz. Ihre Schritte hallten weit durch die lautloſe Morgenſtille. „Hier rechts hinüber, Herr von Tharradel“, ſagte der Eine und deutete mit der Hand nach der Richtung, die er meinte;„da drüben in dem ſchmalen grauen Hauſe wohnt mein Herr Gevatter.— Es iſt recht finſter für eine Junius⸗ nacht und zumal da der Mond am Himmel ſteht“, ſetzte er hinzu. „Er iſt nahe am Untergehen, Reubner“, erwiderte der Angeredete. „Man nimmt aber den bleichen Schimmer doch noch wahr an dem goldenen Knopf und Kreuz auf der Thurm⸗ ſpitze. Ich muß Euch ſagen, Herr von Tharradel, daß ich mich, ſo alt und grau ich ſelbſt bin, doch mein Lebtag nicht ſatt geſehen habe an dem alten grauen Spitzthurme! Seht nur“, er deutete dabei mit der Hand nach oben,„wie mächtig er aufragt; man ſollte glauben, er müßte mit der Spitze in die Wolken bohren!“ 1* 4 „Seine Höhe ſoll uns heut willkommen ſein, Reubner“, antwortete Tharradel.„Doch ich zweifle immer noch, daß der Pförtner uns hinaufläßt.“ „Seid unbeſorgt, ich kenne meinen Gevatter, er ſchlägt mir's nicht ab“, antwortete Reubner;„das heißt um dieſe Stunde. Aber mit dem erſten Sonnenſtrahl müſſen wir hinunter, denn es iſt ihm zu ſtreng verboten, Leute hinauf zu laſſen!“ „Ja, ja! Sie möchten womöglich es würde gar nicht bekannt in der Stadt, daß Thurn draußen lagert“, ant⸗ wortete Tharradel.„Allein es hilft Alles nichts. Sie müſſen in den herben Apfel beißen. Und ich denke, Graf Thurn wird nicht lange lagern.“ Während dieſer Unterredung waren Beide bis an ein altes graues, ſechs Stockwerke hohes— die Fenſter im Giebel gar nicht gerechnet— ſchmales Haus gelangt, an deſſen Pforte Reubner leiſe mit der Hand anpochte.„Ich will nicht den Klopfer nehmen“, ſagte er dabei zu Thar⸗ radel;„denn ich weiß Hubert erwartet uns und iſt ſchon auf. Es wird ihm lieb ſein, wenn Alles ſo leiſe abgeht als möglich;— mir däucht es regt ſich ſchon Jemand drinnen!“ Leiſe Schritte näherten ſich von innen der Hausthür. Bald darauf drehte ſich der Schlüſſel in der Pforte und ſie öffnete ſich. „Seid Ihr's, Reubner“, fragte ein Kopf, der ſich durch die Spalte der nur halb geöffneten Thür ſteckte. „Ja, und ich bringe den Herrn auch mit“, erwiderte dieſer.„Können wir hinauf?“ „Es iſt bei der heiligen Jungfrau eine gar zu gefähr⸗ liche Sache“, murmelte der Pförtner.„Noch geſtern Abend kam der Bote von der Kriegskanzelei und brachte mir den geſchärften Befehl, Niemand mehr hinauf zu laſſen. Es ſei eitel Neugier der wiener Bürger und führe nur zu Un⸗ heil. Sie ſchwatzten von Hunderttauſenden, die draußen la⸗ gerten, und es ſei doch nur eine Handvoll Leute, die bis längſtens übermorgen mit blutigen Köpfen davongeſchickt ſein würden, wenn ſie nicht baldigſt von ſelbſt abzögen.“ „Meint man das?“ fragte Tharradel gedehnt. „Ich ſage was der Bote ſagte“, antwortete der Pfört⸗ ner, öffnete aber immer die Thür noch nicht weiter. „Nun, Gevatter Hubert, mit kurzem Wort ſollen wir hinauf?“ fragte Reubner etwas ungeduldig. „Ich weiß beim heiligen Stephan nicht, ob“,.... mur⸗ melte der Pförtner im unſchlüſſigen Ton. Reubner ſtieß ſeinen Begleiter an und ſagte leiſe:„Ich kenne ihn; er will ſich die Hand zuvor drücken laſſen. Seht es auf einen Gulden nicht an, Herr von Tharradel. Euer Schlüſſel hier“(er ſchlug dabei auf ſeine eigene Taſche) „wird die Thürpforte ſchon öffnen.“ Tharradel zog den Beutel aus dem Gürtel, nahm ei⸗ nige ſchwere Silberſtücke heraus und drückte ſie dem Pfört⸗ ner, der dazu die Thür ganz bereitwillig ziemlich weit öff⸗ nete, in die Hand.„Ihr werdet große Mühe haben, die hohen Stiegen hinaufzuklettern, Alter; es iſt billig, daß ich Euch dafür entſchädige. Und können wir ein halbes Stünd⸗ chen oben bleiben, bis es ſo weit dämmert, daß wir die Umgegend unterſcheiden, ſo ſollt Ihr zufrieden ſein.“ „Im Namen der heiligen Jungfrau denn“, verſetzte der Alte;„ich will nur meine Laterne holen, denn im Thurm iſt es noch pechfinſter.“ Er ſchloß die Thür wiederum hinter ſich, trat aber nach kurzer Friſt heraus, in einen Mantel gehüllt, eine —— kleine Laterne in der Hand.„Wir müſſen dort hinein, der Eingang iſt auf der Kirchſeite.“ Indem ſie ſo über den Platz gingen nach der Kirche zu, ſagte der Pförtner zu Reubner:„Ihr habt gut gethan, Gevatter, Mäntel umzunehmen, obgleich die Nacht lau iſt; denn droben pfeift der Wind, das kann ich Euch ſagen. Ihr nehmt mir's doch nicht übel, werther Herr“, fuhr er zu Tharradel gewendet fort,„wenn ich mich dicht einknöpfe und das Tuch vor den Mund binde? Denn im Steigen muß man ſchweigen, ſagt das Sprichwort, und meine zweiundſechzigjährige Lunge verlangt Schonung.“ „Schont ſie nur, ſchont ſie nur, Alter“, antwortete Tharradel;„ich bin zufrieden, wenn Ihr mir droben Ant⸗ wort auf meine Fragen gebt.“ „Ja, droben und abwärts! da geht's anders“, entgeg⸗ nete der Pförtner und kündigte hiermit gewiſſermaßen an, daß er den Aufenthalt auf dem Thurm und den Rückweg durch eine lebhafte Unterhaltung zu verkürzen gedenke. Reubner, der, ohne auf ſeines Gevatters Geſchwätz zu achten, einige Schritte entfernt auf der Seite ging, konnte ſein Auge von dem ehrwürdigen Münſter nicht abwenden. Er ließ den Blick vom Fuß bis an die Spitze des Thurms langſam aufwärtsgleiten. Ein ehrfurchtvolles Staunen erfüllte ſeine Bruſt über den kühnen wunderbaren Bau. Wie ein Felsgebirge mit ſchroffen Zacken ſtand die ſchwere dunklere Maſſe des Kirchengebäudes da, und über ihre mäch⸗ tige Höhe hinaus ſtieg der Spitzpfeiler des Thurms ſchwin⸗ delnd empor. Das Gewölk zog, vom Morgenwinde raſch bewegt, über die Spitze dahin, daß es ſchien, als ſchwanke ſie ſelbſt und drohe den Umſturz.„Stürzen wirſt auch du einmal“, murmelte Reubner vor ſich hin,„aber heut und ein paar Jahrhunderte darüber wirſt du wol noch halten.“ Sie ſtanden an der Kirche. Hubert ſchloß eine kleine Pforte auf. Sie traten ein. Der mächtige Raum des Schiffs, ſchon bei hellem Tage von einem ehrwürdigen Halbdunkel erfüllt, machte jetzt bei kaum grauendem Morgen einen großartig ſchauerlichen Ein⸗ druck. Nur in den Hauptlinien ließen ſich die Umriſſe er⸗ kennen. Von den rieſenhaften Pfeilern waren nur die näch⸗ ſten deutlich ſichtbar; die entfernten verloren ſich im tiefen Dunkel. Durch die hohen Bogenfeſter blickte ein dämmern⸗ der Schimmer; bei denen, welche völlig durch Glasmalerei bedeckt waren, von einem matten Farbenſpiel überhaucht, das wie von dunklem Flor überhüllt war. Bei den an⸗ dern Fenſtern war es nur ein fahlgrauer, dem Wolken⸗ himmel draußen gleichender, bleicher Schein, der in das tiefe Dunkel der Kirche fiel. Seltſam ſtach dagegen die grelle, flackernde Beleuchtung der nächſten Gegenſtände durch die Laterne ab. „Hier zur Linken“, wies Hubert zurecht;„wir müſſen dort nach dem Thurm hinüber.“ Die Schritte der leiſe Wandelnden hallten ſchauerlich in dem weiten Raum wider, der von Grabesdunkel erfüllt ſchien. Sie gingen durch das hohe Mittelſchiff hin, deſſen Wöl⸗ bung nach oben nicht abzuſehen war bei dem ſchwachen Schimmer der Laterne. Nur der Fuß der einzelnen Pfeiler wurde ſchärfer ſichtbar; der in Finſterniß und Schlagſchatten gehüllte obere Theil ſchnitt ſie gewiſſermaßen ab, daß ſie wie gewaltige Trümmer erſchienen. An der Stelle, wo die beiden Schiffe ſich kreuzen, ſtand Reubner ſtill. Die dü⸗ ſtern Gemälde daſelbſt hatten ſtets einen mächtigen Eindruck auf ihn gemacht. Er verſuchte ihn zu erneuern, doch das Licht der Laterne war zu ſchwach, um irgend etwas auf den 8 Bildern erkennen zu laſſen, nur die Flamme blinkte auf dem Firniß und warf einen ſpiegelnden Schein von der Lein⸗ wand zurück.—— „Hier iſt die Thurmtreppe“, ſagte Hubert, indem er ſtilltand und eine enge Thür öffnete, der ſich ſofort eine ſteinerne, eng gewundene Treppe anſchloß.„Ich werde mit der Laterne voranſteigen.“ Er that es. Langſam und gewiſſermaßen im Takt ſtie⸗ gen die Männer die Treppe hinauf; ihre Schritte und das eintretende ſchwere Athmen tönten bei der tiefen Stille in der Wölbung wider. Im einförmigen Ring wand ſich die Treppe um den Pfeiler, anfangs ohne irgend ein anderes Licht als das, was die Laterne gewährte. Nach einigen Minuten fiel der erſte bleichgraue Schimmer in eine offene Seitenluke. Man hatte die Höhe über den Dächern der um den Platz liegenden Häuſer erreicht und ſah jetzt den grauenden Morgenhimmel. „Hui! Wie der Wind hier ſchon pfeift“, murmelte der Pförtner in ſein Tuch und deckte den Mantel über die La⸗ terne, welche ihm der plötzliche durch die Luke eindringende Windſtoß faſt verlöſcht hätte. Die beiden Nachſteigenden wickelten ſich, ſchon von dem Gange erhitzt, tiefer in die Mäntel bei dem kalten Luftzuge. „Das iſt kein Mittel gegen den Zahnſchmerz“, ſcherzte Reubner.„Und wie das pfeift und heult hier in der Trep⸗ penwölbung! Das Ding iſt ſo hohl und gewunden wie eine Seemuſchel!“ „Es iſt ſchon längſt im Werke, die Treppe zu verlegen“, ſagte Hubert;„allein es hat noch am Beſten gefehlt.“ Tharradel ſtieg ſchweigend weiter. Die ſcharfe Zugluft und das hohle Sauſen des Windes 9 nahmen zu, da mit jeden dreißig oder vierzig Stufen eine neue Luft⸗ oder Lichtluke ſich öffnete. „Wie wir die Schwalben und Sperlinge aus dem Mor⸗ genſchlaf jagen“, hub der redeluſtige Reubner abermals an, als das Gevögel, welches in den Thurmluken oder unter den Geſimſen geniſtet hatte, von den unvermutheten Früh⸗ gäſten geſcheucht, aufflatterte und in ſchwirrenden Kreiſen die Neſter und den Thurm umſchwärmte.„Die Raben ſind auch ſchon früh auf“, ſetzte er hinzu, als ſpäter einige hei⸗ ſere Stimmen dieſer ſchwarzen unglückweiſſagenden Luftbe⸗ wohner ſich vernehmen ließen. „Nun haben wir die Hälfte“, bemerkte der Pförtner. als ſie einen Abſchnitt der Treppe erreicht hatten. „Wie viel Stufen noch?“ fragte Reubner. „Noch über dreihundert.“ Durch einige noch ganz finſtere Quergänge zwiſchen dem Gebälk des Kirchdachs gelangten die Steigenden jetzt in die obere Thurmhälfte. Nach kurzer Zeit waren ſie am Ziel, der höchſten um die Spitze laufenden Steingalerie, die den Blick ins Freie gewährte. Scharfer Wind umſauſte die Höhe faſt fünfhundert Fuß über der Stadt. Nacht und Morgenhelle waren im Kampf; das graue Zwielicht ließ indeſſen ſchon ringsum die Grenze des Horizonts erkennen. Unten lag das verworrene Ge⸗ winde der Straßen Wiens, und das verſteinerte Meer der Dächer und Giebel in ſteilen Spitzwellen emporragend. Darüber hinaus ließen ſich die dunklen Umriſſe der Wälle verfolgen, nur hier und da von hervorragenden Thürmen oder Gebäuden unterbrochen. Der Donauſtrom blinkte matt durch die Dämmerung. Zwiſchen ſeinen mehrfachen Armen glimmten im Halbkreis um die Stadt zahlloſe Feuer aus dem Lager Thurn's. 1** 10 Gen Oſten zu dämmerte hinter den bläulichen Vorbergen der Karpaten das Morgenroth empor, während gegenüber ſoeben der Mond hinter den Berghöhen ſüdlich der Donau, die ſich vom Kahlenberge nach Steiermark ziehen, verſank. Schauerliche Stille lagerte ſich über den weiten, dämmernden Raum der Landſchaft; nur auf dem Thurm ſelbſt wurde ſie einförmig unterbrochen durch das hohle Geräuſch des Windes, der um die Spitze ſauſte, und durch das Schwirren und Krächzen der aufgeregten, ſcheu ihre Neſter umflattern⸗ den Raben. „Nicht mit verächtlicher Macht iſt Thurn gegen Wien herangezogen“, ſprach Tharradel,„was meinſt du, Reub⸗ ner! Das Gerücht ſpricht von ſechzehntauſend Mann!“ „Wer ſollte das zählen von hier aus!“ antwortete der Kriegsmann.„Aber nach dem Raum, den die Zelte be⸗ decken von der Landſtraß⸗Vorſtadt an bis zum Schotten⸗Burg⸗ und Kärntnerthor glaube ich reichen zwanzigtauſend und mehr nicht aus!“ „Selbſt damit wird er Wien ſchwerlich nehmen können“, ſagte Tharradel.. „Wenn er in der Stadt nicht faſt mehr Freunde als Feinde zählte“, warf Reubner hin.„Sonſt müßten ſie freilich feige Schufte ſein, die Kriegsmannſchaft und die Bürger!— Hat doch vor hundert Jahren der Türke mit zweimalhunderttauſend Mann abziehen müſſen!“ „Ei, ei, Gevatter, Gevatter“, fiel Hubert ihm ins Wort, der jetzt ſein Mundtuch gelüftet hatte und Anſtalt machte, das für das Steigen dienliche Gebot zu ſchwei⸗ gen nicht ferner ſonderlich zu achten.„Das wißt Ihr nicht richtig. Vor neunzig Jahren, oder vielmehr im Sep⸗ tember werden es einundneunzig, da ſtand der Türke vor Wien. Anno domini Eintauſend fünfhundert und achtundzwanzig. 11 Das iſt hier oben in Inſchriften aufbewahrt und in unſern Kirchenbüchern verzeichnet. Auch waren der Türken viel mehr. An die dreimalhunderttauſend, mindeſtens zweihun⸗ dert und funfzigtauſend. Und ſie konnten der Stadt dennoch nichts anhaben!— Damals wurde der Thurm hier auch nicht leer, nicht Tag und Nacht, aber es ſtanden andere Leute hier oben als wir und Ihr!“ „Freilich, daß wir und Ihr nicht hier oben geſtanden haben, läßt ſich allenfalls begreifen, Gevatter“, unterbrach ihn Reubner ſpöttiſch, da der herabſetzende Vergleich ihn verdroß.„Im Uebrigen denke ich, wir ſind ſo gut Männer wie die damals.“ „Ueber Euer Gerede, Gevatter“, antwortete Hubert, „ich habe nichts gegen uns! Zu damaliger Zeit aber, ich habe es noch aus meines ſeligen Großvaters eigenem Munde gehört, als Knabe, denn er war was ich bin und was mein Vater geweſen, Thurmpförtner von Sanct⸗Stephan,— ja, was ich ſagen wollte,— in damaliger Zeit ſtiegen die Für⸗ ſten und Feldherren hier herauf und Grafen und Herren und Ritter; und Alle beobachteten den Feind und ſeine Kriegsanſtalten! Mein Großvater, Anton Joſeph Hubert, hat manchen Namen aufgezeichnet in ſeinem Kirchenbuch! Ja, ſperrt nur die Augen auf, daß er das konnte! Wir haben Alle ſchreiben gelernt von den geiſtlichen Herren, wir, unſere Aeltern und Großältern und wir Geſchwiſter.“ „Ihr ſeid wol ein großer Gelehrter, Gevatter“, ſpottete Reubner. „Nun, wir ſind nicht Alle wie Ihr vom Kriegsvolk, das blos dreinſchlagen kann mit der Fauſt, mit Kolben und Schwertern. Wir wiſſen die Hände auch anders zu gebrauchen. „Und Euer Großvater hat ſie zum Namenſchreiben ge⸗ braucht?“ 12 „Ja, das hat er! Und zu beſſern Namen als unſere und Eurer, Gevatter“, antwortete der Pförtner eifrig.„Da iſt ein Pfalzgraf Philipp vom Rhein, der den Oberbefehl führte in der Stadt, und Niklas Graf zu Salm, die ſind oft hier oben geweſen und haben den Feind in ſeinen Lagern obſer⸗ virt. Die dehnten ſich aber aus, anders als das der Böh⸗ men! Von Wagram und Gänſerndorf bis Gumpoldtskirchen war Alles mit Türken beſäet!“ „Daß dich!“ brummte Reubner halb, halb lachte er. „Ja, ſo war's“, fuhr Hubert fort.„In des Groß⸗ vaters Buch ſteht aber noch ſo mancher Name, der Euch noch heut Reſpect einflößen wird. Als da ſind: der Feld⸗ marſchall von Roggendorf, die Feldoberſten Schwar⸗ zenberg, Starhemberg, Auersperg!“ „Holla, was für Berge!“ rief Reubner. „Und Liechtenſtein, Herberſtein, Wolkenſtein!“— „Ein ganzer Steinhaufen“, neckte ihn Reubner. „Ihr werdet doch Euer Lebtag weder ein ſolcher Berg noch ein ſolcher Stein werden“, brummte Hubert. „Das gewiß nicht“, lachte Reubner.„Aber nichts für ungut, Gevatter, ich habe nichts gegen Eure Steine und Berge und mancher iſt darunter, mit dem ich ſelbſt im Feld gelegen. Aber ſtatt von der Türkenbelagerung erzählt uns lieber von der jetzigen, was Ihr davon wißt. Denn dazu ſind wir heraufgeſtiegen.“ Tharradel hatte ſich unterdeſſen aufmerkſam umgeſchaut und ſich manches in ſeine Schreibtafel notirt.„Seit wann iſt die Schiffbrücke über die Donau geſchlagen, wißt Ihr das, Freund?“ fragte er den Pförtner. „Seit geſtern früh“, erwiderte, dieſer.„Gleich ſo wie ſie anrückten machten ſie ſich daran. Es hat ſie ja Nie— mand gehindert!“ — 13 „Wißt Ihr nicht, ob Kloſter Neuburg und der Kahlen⸗ berg von den Truppen Thurn's beſetzt ſind?“ fragte Thar⸗ radel weiter. „Ich denke wol nicht, werther Herr! Allein Gewiß⸗ heit habe ich nicht! Aber ſie haben ſich im Ganzen zu weit öſtlich der Stadt gezogen, um auch nordweſtlich noch die Punkte beſetzt zu halten. Bei Fiſchament, fünf Stunden von hier ſtromab, iſt das Böhmenheer über die Donau ge⸗ gangen und hat das Gepäck auf der dortigen Inſel gelaſſen, hörte ich die Herren Offiziere hier oben erzählen. Von da iſt Graf Thurn weiter ſtromaufwärts auf dem rechten Ufer vorgerückt, bis Ebersdorf, er hat dort ſein Hauptquartier im landesherrlichen Schloß genommen. Aber auch auf dem linken Ufer, drei Stunden ſtromauf, in Groß⸗Enzersdorf ſollen Mannſchaften ſtehen.“ „Stammen alle dieſe Nachrichten von den Offizieren her, die hier oben waren?“ fragte Tharradel. „Gewiß“, antwortete Hubert mit wichtiger Miene. „Habt Ihr auch vielleicht gehört, oder ſelbſt bemerkt, ob die Böhmen Verſtärkung erhalten haben im Lauf des geſtrigen Tages?“ fragte Tharradel weiter. „Nein, das weiß ich nicht. Das kann auch Niemand wiſſen, denn es war den Tag über ein Marſchiren und Defiliren ſo weit man nur ſehen konnte. Sie beſetzten die Dörfer und rückten wieder aus; ſie drangen in die Vorſtädte ein und zogen ſich wieder zurück. Das ganze Feld diesſeit und jenſeit der Donau war in Bewegung. Ich bin faſt den ganzen Tag hier oben geweſen mit verſchiedentlichen Of⸗ fizieren und vornehmen Herren, die Alles genau beobach⸗ teten. Da war der Herr Graf Trauttmansdorff, der Herr Fürſt Eggenberg, der Obriſt von der Artillerie, wie 14 heißt er doch.... Reubner, helft mir doch darauf, der alte reſpectirliche Herr—“ „Ihr meint den alten Hans Pfefferkorn?“ „Richtig, Hans Pfefferkorn.... der war's... Er hat ſich angemerkt, wo die Böhmen die Stücke aufſtellen und die Schanzen anlegen!“ 3 „Davon iſt nichts in dieſer Dämmerung zu unter⸗ ſcheiden“, ſagte Reubner und blickte ſcharf in das Feld hinaus. „Im Süden der Stadt ſcheinen die Böhmen außer in der Vorſtadt keine Truppen zu haben“, meinte Tharradel. „Doch, ſie haben Mannſchaften hinübergeſchickt“, ent⸗ gegnete der Pförtner.„Es ſind welche über die Schiff⸗ brücke gegangen und haben ſich nach Hietzingen und Möd⸗ lingen und weiter hinauf gezogen. Wie ich aus den Reden der Herren Offiziere merkte, ſo ſollten dieſe Mannſchaften die ſteiriſche Straße abſchneiden. Denn der eine Herr— ich kannte ihn nicht— äußerte:„Wir wollten Sr. Maj. dem Kaiſer wol anrathen nach Gratz zu entfliehen. Allein es iſt zu beſorgen, daß die Straße auf Neuſtadt und Schott⸗ wien ſchon beſetzt iſt!““—— Inzwiſchen wurde es heller und heller. Es ließen ſich jetzt ſchon auf weiter Ferne Einzelheiten unterſcheiden. Zwiſchen den Lagerfeuern, die allmälig blaſſer flammten, wurde es lebendig. Man ſah jetzt auch die weißen Zelte ſchimmern. Truppen traten zuſammen. Neiter ſaßen auf. Kleine Abtheilungen ritten aus; man konnte die Ronden ihre Wege machen, die verſchiedenen Poſten ablöſen ſehen. „Werther Herr“, erwiderte Hubert jetzt, indem er Thar⸗ radel am Wams zupfte,„es iſt nunmehr Zeit hinabzu⸗ ſteigen. Der Tag bricht an. Man könnte uns jetzt ſchon von unten her wahrnehmen; wir müſſen zurück.“ 15 „Gut, gut, Alter, ich will dir keine Verdrießlichkeiten zuziehen. Was ich ſehen wollte, habe ich geſehen.“ Mit dieſen Worten trat Tharradel in die Pforte zurück, welche von der Galerie zu der Treppe führte; Reubner folgte, Hubert ſchloß hinter ihm ab, dann trat er Reubner voran und ſagte:„Ich bitte, werthe Herren, laßt mich in der Mitte gehen, das Licht der Laterne kommt uns Allen beſſer zu Gute; ginge ich voran, ſo würde der Letzte bei den engen Windungen ganz im Dunkeln bleiben!“ „Allein der Herr wird nicht ſehen, wo er in der Fin⸗ ſterniß den Fuß hinſetzt, wenn Ihr mit der Laterne nicht voraus geht, Gevatter“, wandte Hubert ein. „Wie Ihr das wieder verſteht, Gevatter! Ich als drei⸗ unddreißigjähriger Thurmbeſteiger werde doch wiſſen wie ich zu leuchten habe? Seht nur, welch ein ſchöner Schlag⸗ ſchatten auf die Stufen fällt, wenn ich dicht von hinten her leuchte, man kann ſie am hellen Tage nicht deutlicher ſehen. Wer hinter mir geht, den blendet der Laternenſchein. Ihr habt es nicht ſo gut!“ „Meinethalben denn vorwärts“, antwortete Reubner. „Ich ſehe ganz gut“, erwiderte gleichzeitig Tharradel, und das Abwärtsſteigen begann. „ Heut wollen ſie uns zu beſchießen anfangen“, hub der jetzt ſehr redeluſtige Pförtner im Gehen zu Reubner an und wandte den Kopf halb zu ihm zurück.„Mögen ſie! Was wollen ſie machen? Unſere Mauern ſind feſt, und haben die Türken nicht nach Wien hineingekonnt, werden die Böhmen auch draußen bleiben müſſen.“ „Das fragt ſich doch“, entgegnete Reubner kurz. „Ah, bah! Es iſt zwar eine hübſche Macht, allein was will das ſagen gegen die Türken! Sie waren zehn mal ſo ſtark. In ſechzehn Lagern, mein Großvater und mein Vater haben es mir unzählige mal erzählt, ſtanden ſie rings um die Stadt. Dreihundert ſchwere Stücke hatten ſie bei ſich und warfen glühende Brandkugeln nach Wien hinein. Minen hatten ſie gegraben bis unter die Wälle, und wenn ſie eine aufſprengten, fiel ein Stück Futtermauer in den Graben, ſo breit, daß funfzig Mann in einer Linie durch⸗ marſchiren konnten!“ 8 „Warum nicht fünfhundert?“ warf Reubner ſpöt⸗ tiſch hin. „Ihr ſpöttelt, Gevatter, weil Ihr's nicht beſſer wißt!“ antwortete Hubert empfindlich.„Ich ſage Euch, ſo war es; mein Großvater hat manchen Ausfall und Sturm ſelbſt von hier oben mit angeſehen. Am 26. September 1528, aufs Haar in demſelben Augenblick, wo mein Herr Vater ſeliger geboren wurde, war der Sultan Soliman vor Wien ge⸗ rückt. Am andern Tage ſchon gab es eine Waſſerſchlacht*) auf der Donau, denn die Türken hatten eine Menge Schiffe mit von Ofen herübergebracht; ſie griffen damit die Donau⸗ brücke und die kaiſerlichen Schiffe an und Alles ging in Flammen auf. Das hat mein Großvater mit angeſehen!“ „Mag er doch ins Teufels Namen“, fuhr Reubner, dem die Geduld ausging, heraus.„Ich wollte das Feuer leuchtete uns hier auf der finſtern Treppe, denn über Eurem Geſchwätz, Gevatter, haltet Ihr die Laterne ganz ſchief. Ich wundere mich nur, daß ſie noch nicht ausgegangen iſt! Wir können ja keinen Schritt vor uns ſehen auf dieſen ver⸗ maledeiten, ausgetretenen Treppen. Jeden Augenblick muß man fürchten, den Hals oder doch ein Bein zu brechen!“ „Ich werde ſchon auf die Laterne achten, Gevatter, Ihr braucht um Euer Bein nicht bang zu ſein“, antwor⸗ *) Hiſtoriſch. 17 tete Hubert gereizt;„ich gehe ſchon über die dreißig Jahre hier hinauf und hinunter und noch habe ich kein Bein und auch den Hals nicht gebrochen.“ „Aber Die, denen Ihr leuchten ſolltet, Gevatter! He?“ „An manchem Hals wäre ſo viel nicht verloren“, brummte der Pförtner,„doch hat dieſe Treppe ihn noch Niemandem gekoſtet. Und ich habe ſo Manchem im Herab⸗ ſteigen von der Türkenbelagerung erzählt. Aufwärts geht's freilich nicht, da koſtet es zu viel Lunge!“ „So erzählt nur meinethalben auch noch weiter“, ſprach Reubner lachend;„wollt Ihr Eure Lunge daran ſetzen, Gevatter, ſo iſt's billig, daß ich den Hals oder wenigſtens ein Bein daran wage!“ „Ihr braucht nichts zu wagen“, antwortete Hubert, „beſonders hier, wo es eben fortgeht. Allein, mein wer⸗ ther Herr“, ſprach er zu Tharradel,„ich muß hier wieder etwas vorangehen, ſonſt findet Ihr den Weg nicht.“ Er nahm den Vortritt, fing aber wie ein aufgezogenes Uhrwerk wieder zu ſchwatzen an.„Von dem Ausfall mit achttau⸗ ſend Lanzenknechten, der am 7. Octobris ſtattfand*) und den mein Großvater ſelbſt vom Thurm mit angeſehen....“ „Mit angeſehen“, murmelte Reubner für ſich.„Weiß der Teufel was die Kerle Alles tapfer von Weitem mit an⸗ geſehen haben“, brummte er in den Bart, während Hu⸗ bert, deſſen Redſeligkeit, ſobald er einmal auf das Thema der Belagerung durch die Türken gekommen war, ſich nicht ſo leicht dämpfen ließ, fortfuhr:„Er nahm ein ſchmähliches Ende, der Ausfall; durch Verrätherei, und bei einem Haar wären die Muſelmänner mitſammt unſern Fliehenden zugleich durchs Thor in Wien hineingeſtürzt. Am Kärntnerthor *) Hiſtoriſch. ——— 18 ſollen die Türken etliche Tage danach eine Mine geſprengt haben, wovon die Mauer einſtürzte, ſo breit, daß einund⸗ zwanzig Rotten nebeneinander durchmarſchiren konnten.“ „Alſo doch nicht funfzig“, merkte Reubner boshaft an. „Das war ein Sturmlaufen! Grauſenvoll! Mein Groß⸗ vater hat mir's oft beſchrieben. Die Türken rannten ein in die Befeſtigungen mit krummen Spießen und zehnfüßigen Säbeln,— mit krummen Säbeln und langen, zehnfüßigen Spießen wollte ich ſagen. Aber die Lanzenknechte ſtanden wie die Mauern.— Halt, gebt Acht, hier fängt die Treppe wieder an“, er leuchtete mit der Laterne auf den Boden, blieb aber voran.„So, nur immer Stufe für Stufe! Drei mal rannten die Türken an und drei mal wurden ſie, .... Jeſus Maria!“.... der redſelige Hubert trat, in⸗ dem er ſich umſchaute, fehl und ſtolperte die Treppe hin⸗ unter. Hätten ihn die engen Wände und die Krümmung derſelben nicht aufgehalten, er wäre vielleicht bis auf den Stephansplatz getaumelt. So zerſchlug er nur die Laterne und ſcalpirte ſich, da ihm die Pelzmütze im Fall gegen die Mauer abgeſtreift wurde, einigermaßen Kopf, Schultern und Hände! „Da habt Ihr's mit Eurem vertracten Plaudern“, rief Reubner dem Stolpernden noch nach, bevor er das Ende ſeines Falles vernahm,„nun ſtecken wir hier im Finſtern.— He! Steht Ihr ſchon wieder feſt, Hubert?“ „Heiliger Stephan! Daß dich die Peſt und die Türken“, tönte ſein halb kläglicher, halb erzürnter Ruf aus der dunklen Tiefe herauf,„ich habe mir alle Gliedmaßen zerſchun⸗ den! Ich glaube, ich bin den halben Thurm hinunterge⸗ ſtürzt! Heda, Reubner!“ „Vergebt nur, Herr von Tharradel“, wandte ſich Reubner zu dieſem, ohne auf Hubert zu achten,„aber mein 19 Gevatter iſt eine Plaudertaſche ohne Gleichen. Nun hat er ſeinen Lohn! Nur ſacht, Stufe für Stufe, Herr von Tharradel, es iſt keine Gefahr und die Luken geben ſchon genug Licht, um heiler Haut herunterzukommen. He, Hubert, habt Ihr Ankergrund gefunden?“ rief er zu dieſem hinunter.„So liegt ſtill, bis wir kommen, denn hinaus⸗ ſchaffen müßt Ihr uns doch!“ Man hörte Hubert noch ächzen und murren durchein⸗ ander; dann blinkte ein heller Schimmer auf. Er ſchlug Feuer an, um das Licht in der Laterne wieder anzuzünden. Die Nachkommenden hatten ihn jetzt erreicht. „Ein verfluchter Fall das!“ ſtöhnte er.„Eine halbe Elle meiner Haut muß an der Mauer kleben. Ich habe mich an dreißig Ecken geſchunden! Ein Glück iſt, daß ich Stahl und Schwamm nie vergeſſe, denn ſonſt iſt's um dieſe Stunde doch verteufelt ſchlimm hinunterzuklettern!“ Er zündete während dieſer Worte das Unſchlittſtümpfchen in der Laterne, die er zum Glück nicht verloren, ſondern nur eine Scheibe darin zerbrochen hatte, wieder an.„Bei Sanct⸗ Stephan ein verteufelter Fall!“ wiederholte er. „Es iſt wol faſt ſo blutig dabei hergegangen wie beim Türkenſturm?“ fragte Reubner. „Spottet nur! Aber wir werden vielleicht in dieſen Tagen Aehnliches erleben! Bei dem Sturm acht Tage darauf waren vierundvierzig Klafter Wall eingeſtürzt....“ „Zum Henker! Ich wollte Ihr ſtürztet ſelbſt vierund⸗ vierzig Klafter tief hier hinunter zur Strafe für Euer Ge⸗ ſchwätz! Wollt Ihr nochmals ägyptiſche Finſterniß um uns verbreiten, Hubert? Laßt endlich das Schwatzen und geht vorwärts!“ Reubner's energiſche Ermahnung wirkte jetzt. Sie ka⸗ men ohne weitere Gefährdung durch den Türkenſturm alle 20 Drei glücklich wieder auf dem Stephansplatz an. Hubert empfing noch einen ſilbernen Händedruck von Tharradel und ſie trennten ſich.— „Aber, reinen Mund, Gevatter!“ flüſterte er Reubner noch beim Abſchied zu.„Ich könnte um meine Stelle kom⸗ men! Wenn Ihr noch etwas von der Türkenbelagerung hören wollt, ſo beſucht mich doch.... 44 Aber Reubner und Tharradel waren ſchon um die Ecke gebogen und Hubert konnte für diesmal nichts weiter von ſeiner Türkenhiſtorie los werden. Ueunzehntes Capitel. Am Abende des Tages, wo Tharradel und Stephan Reubner den Thurm beſtiegen hatten, um ſich durch eigenen Augenſchein einen Ueberblick von der Bedeutung der Heer⸗ maſſen zu verſchaffen, womit Graf Thurn vor Wien ge⸗ rückt war, hatten ſich in dem Weingewölbe am Stephans⸗ platz, das auch Tharradel zuweilen zu beſuchen pflegte, eine Menge Bürger Wiens verſammelt, um über die großen Ereigniſſe des Tages ihre Gedanken auszutauſchen. Schmerl, der Schneidermeiſter, Haidvogl und Andere ſaßen bei⸗ ſammen und der Wein hatte die ſchon erhitzten Köpfe noch mehr zu erhitzen begonnen.„Es ſind Zeiten“, rief Schmerl aus und ſchnitt ein klägliches Geſicht,„man weiß nicht mehr worüber man zuerſt und worüber zuletzt ſeufzen ſoll!“ — 21 „Noch worüber am meiſten!“ ſeufzte Haidvogl ebenſo kläglich. „Aber wißt Ihr“, erwiderte Schmerl, als wir im ver⸗ wichenen September einmal den alten Graubart, den Ste⸗ phan Reubner, antrafen mit dem Herrn von Ebergaſſing, Tharradel, wie ſie ihn gewöhnlich heißen, es war gerade die Nachricht angekommen von der Schlacht, wo Thurn den Boucquoi aufs Haupt geſchlagen hatte— wißt Ihr Euch zu erinnern? Damals ſchon hatte der Reubner ein gott⸗ loſes Maul und meinte, Thurn werde Wien belagern! Und nun muß er Recht haben!“ „Der Reubner und der Tharradel ſtecken jetzt auch wie⸗ der beiſammen“, bemerkte Haidvogl mit wichtiger Miene. „Ich bin ihnen noch heut auf dem Kohlmarkt begegnet. Sie gingen Arm in Arm im eifrigſten Geſpräch. Das hat etwas zu bedeuten! So ein vornehmer Herr, wie der Herr von Ebergaſſing, und der alte lahme Krüppel! Wie ſich das nur zuſammen ſchickt!“ „Wie ſich das ſchickt? Das ſchickt ſich ganz leicht“, nahm einer der Gäſte das Wort.„Ich kenne ſie Beide auch!“ „Du kennſt ſie auch, Muntſch?“ fragte Schmerl neu⸗ gierig unterbrechend. „Der Eine“, fuhr der Angeredete fort,„iſt ein Pro⸗ teſtant und glaubt an keinen Heiligen, und der Andere, Gott ſteh mir bei, glaubt, glaube ich, an gar nichts, der Reubner!“ „So, da ſchickten ſie ſich freilich gut zuſammen!“ rief Schmerl. „Nun, nun“, ließ ſich eine tiefe Stimme unwillig hö⸗ ren,„es gibt doch ſo Manche, die der neuen Lehre an⸗ hangen hier in Wien, und man kann nicht ſagen, daß ſie nichts glauben; es ſind gute Leute darunter!“ 22 „Aber jetzt thun ſie das Maul auf ſeit der Thurn vor die Stadt gerückt iſt“.... rief Muntſch, ein Fleiſcher⸗ meiſter ſeines Gewerbes.„Jetzt haben ſie das große Wort!“ „Ja und wir halten däs Maul!“ meinte Haidvogl achſelzuckend. „Könnt ihr euch wundern, daß ſie ſich laut machen?“ fragte ein älterer Mann;„wißt ihr nicht, was Alles im Werke iſt?“ „Im Werke, Meiſter Spingler? Und was denn?“ fragten Mehre zugleich. Meiſter Spingler, ein geſchickter Brunnenmacher, ein beſonnener Mann, ſchon in Jahren, der ſich für einen großen Politikus hielt, wiegte bedeutſam das Haupt.„Hätte ich doch nicht geglaubt, daß ihr ſo wenig wüßtet, was vor⸗ geht! Die evangeliſchen Stände haben ſich ja zuſammen⸗ gethan und berathen. Sie wollten dem König etwas vor⸗ legen, eine Urkunde oder Dergleichen. Dann wollen ſie gleichfalls eine Deputation zu Thurn ſchicken.“ „Weil die Katholiſchen das heut gethan haben?“ fiel Schmerl ein, ſich durch die Frage ein Anſehen gebend, als wiſſe er ſehr wohl was vorgehe. „Haben ſie das gethan?“ riefen Viele. „Und das wißt ihr nicht?— Freilich! Dieſen Vor⸗ mittag ſchon!“ belehrte ſie Schmerl mit Wichtigkeit.„Se. Gnaden der Graf Puchheim war ihr Führer!“*) „Was haben denn aber“, fragte Haidvogl erſtaunt, „die katholiſchen Stände mit dem Thurn zu ſchaffen?“ „Ihr verſteht Euch auf wichtige Sachen! Das muß man ſagen“, antwortete Meiſter Spingler.„Die Katholiſchen haben doch wol mehr Urſach mit dem Grafen Thurn zu *) Hiſtoriſch. 23 verhandeln als die Evangeliſchen? Sie wollen ſich allerlei ausbedingen, es wird ihnen bang wie uns Allen!“ „Wahrhaftig mir iſt ſchon längſt bang geworden!“ rief Schmerl mit betrübter Stimme aus. „Haben denn die Katholiſchen etwas erlangt? Haben ſie etwas ausgerichtet? Wißt Ihr nicht, Meiſter Spingler?“ Während dieſer Worte ging die Thür auf und ein großer ſtarker Mann trat ein; ſein Geſicht verrieth den Soldaten; ſeine Tracht war bürgerlich. Doch zeigten ſeine hohen Reiterſtiefeln, die Sporen daran und die ſtraffen le⸗ dernen Beinkleider, daß er viel mit Reiten zu thun habe. „Der kann's Euch ſagen“, wandte ſich Spingler zu Schmerl und zeigte mit dem Finger auf den Eintretenden. „Es iſt der Stallmeiſter des Grafen Thun. Sein Herr iſt mit draußen geweſen und er hat ihn begleitet. Ich ſah ſie heut Morgen Beide über den Graben reiten.“ „Kennt Ihr ihn, Meiſter, ſo fragt ihn doch ein wenig, thut mir den Gefallen“, flüſterte Schmerl. Der Eintretende hatte Platz genommen und forderte ſei⸗ nen Becher Gumpoldtskirchner. Spingler rückte ihm etwas näher und fragte ihn vertraulich, ob er nichts über den Ausgang der Sache wiſſe. „Wohl weiß ich“, antwortete der Stallmeiſter,„und mehr als mir lieb iſt und als euch Allen lieb ſein kann. Es wird uns nicht zum beſten ergehen. Der Thurn hat eine ſcharfe Antwort gegeben.“ „O erzählt doch! Wie ging's? Was iſt eigentlich ge⸗ ſchehen?“ tönten die Stimmen durcheinander. „Es war kein freudiges und kein leichtes Geſchäft mit ihm zu unterhandeln!“ begann der Stallmeiſter.„Doch die Herren hatten es einmal übernommen und es war ein noth⸗ wendiges. Wir ritten zum Burgthor hinaus..... 46 24 „Vergebt, daß ich Euch unterbreche“, ſiel ihm Meiſter Spingler ins Wort,„allein ich glaube, daß es hier noch ſo Manche unter uns gibt, die gar nicht von dem eigent⸗ lichen Vorgang unterrichtet ſind. Klärt ſie alſo doch dar⸗ über auf, Herr Stallmeiſter! Es ſind Leute, die wenig Politik verſtehen!“ „So, ſo! Gern, ihr Herren“, erwiderte der Stall⸗ meiſter.„In der Verſammlung der geſammten Stände, katholiſche und evangeliſche, vorgeſtern, hatten die katholi⸗ ſchen Herren beſchloſſen, eine Botſchaft zum Grafen Thurn hinauszuſchicken, um ſich in Güte mit ihm zu ſtellen, da ſie nichts wider ihn unternommen hätten. Sie hatten ſich bereits mit den evangeliſchen Herren verſtändigt, um eine Conföderation mit dem Königreich Böhmen zu Stande zu bringen.“ „Eine Conföderation mit Böhmen!“ rief Schmerl, „was ſoll das bedeuten?“ „Nun, daß man gemeinſame Sache machen wolle und ſich vertragen und gleiche Rechte der Confeſſionen feſt⸗ ſtellen—“ „Ja, ja! Sich vertragen und gleiche Rechte, dafür bin ich auch“, rief Schmerl,„Ihr nicht auch, Haidvogl? Und ihr, Freunde?“ Ein aus verworrenen Stimmen gemiſchtes „Ja“ war das Ergebniß dieſer Anfrage. Der Redner fuhr fort:„Das wollten ſie nun dem Thurn vorſtellen, damit er davon ablaſſe, die Stadt zu bedrängen und in Brand zu ſchießen, wie man fürchtet....“ „Bei Leibe! Das wäre ja entſetzenvoll“, unterbrach Schmerl. „Unterbrecht doch nicht fortwährend mit Eurem Ge⸗ ſchwätz, Gevatter“, ſchalt ihn Haidvogl.„Laßt uns doch endlich hören, wie es abgelaufen iſt.“ 25 „Genug, eine Botſchaft von zwölf Herren, auch mein Herr Graf war dabei, und an der Spitze der Graf Puch⸗ heim, iſt heut hinaus geweſen. Es war Alles zu Pferd, die zwölf Herren voran, dann etliche ſtattliche Begleitung, wozu auch ich gehörte, und ein Dutzend Diener, um die Pferde zu halten. Bis an die Vorpoſten des Lagers blie⸗ ben wir zu Roß. Dort aber ließen ſie uns zu Pferd nicht weiter; die Herren ſaßen ab, gaben die Pferde an die Diener und gingen zu Fuß weiter. Wir, aus der Begleitung, ſchloſſen uns an.“ „Wie ſah es im Lager aus? Erzählt uns das, Herr Stallmeiſter, ich bitte gar ſchön“, bat Schmerl mit haſtiger Neugier. „Ernſthaft genug! Es iſt eine Menge Volks! Zu Roß und zu Fuß; bärtige, ſonnenverbrannte, wilde Kerle, dieſe Böhmen!“ „Es ſollen auch Mongolen und Tataren dabei ſein!“ bemerkte Schmerl. 3 Das Staunen der Zuhörer über dieſe ſchauerlichen Völ⸗ kerſchaften machte ſich in einem halb verhaltenen Ah! und Oh! Luft. „Wir fanden den Grafen Thurn ſchon vor ſeinem Zelt. Ein ſtattlicher Herr, hochgewachſen, etwa ein ſtarker Vier⸗ ziger oder funfzig ſogar. Ein halbes Dutzend Offtziere ſtand hinter ihm. Alle im ſchönſten Schmuck, blanken Hel⸗ men und Harniſchen, koſtbaren Waffen. Unſere Herren ſtellten ſich in zwei Reihen auf, Graf Puchheim vor ihnen; wir unſererſeits ein zwölf bis funfzehn Schritt zurück. Graf Thurn lüftete den Hut; er ſah vornehm, aber nicht un⸗ freundlich. Der Herr Graf Puchheim verbeugte ſich tief und hielt ihm dann die Anrede. Während deſſen wurde es kriegeriſch laut im Lager. Es ſchmetterten Trompeten, Rellſtab, Drei Jahre. II. 2. 2 26 Trommeln wurden gerührt, und plötzlich donnerten etliche Schüſſe!“ „Das waren die von heut Vormittag“, rief Schmerl. „Wir dachten es werde nun mit dem Bombardement an⸗ gehen, allein es folgte nichts weiter nach.“ „Ich meine auch, es ſei nur ein angeſtellter Lärmen geweſen, um den Deputirten zu imponiren“, ſprach der Er⸗ zähler.„Das gelang denn auch bei dem Sprecher, ſo wie es ſchien!“ „So?“ Hm!“ murmelte es in den Hörern. „Er kam ganz aus dem Context und das Blatt, aus dem er ſeine Rede ablas, zitterte ihm in den Händen. Vielleicht mag der Wind Schuld geweſen ſein! Aber der verwehte ihm auch die Worte vom Munde. Wir wenig⸗ ſtens verſtanden nicht viel von Dem, was er ſagte. Es lief ungefähr auf Das hinaus, was ich ſchon erzählt habe. Die Stände hätten niemals eine feindliche Abſicht gegen Böhmen, noch wider die Evangeliſchen gehabt. Sie wüßten alſo nicht, weshalb der Graf Oeſterreich mit Kriegsvolk ſo furchtbar überziehe, und bäten ihn, es hinwegzuführen, der Stadt zu ſchonen, mit einem Wort, Frieden zu machen. Doch, wie geſagt, ihr Herren, das Alles kam nur in Brocken heraus. Thurn mußte es aber doch begriffen ha⸗ ben; er war dem Redner freilich näher. Er antwortete, und das muß man ihm laſſen, ſeine Antwort war ver⸗ ſtändlich; wir hörten jedes Wort!“ „O erzählt,— fahrt fort,— erzählt uns Alles“, riefen Schmerl, Haidvogl, Muntſch, Spingler und alle An⸗ dern durcheinander, da der Redner, der ſich ſeiner Wichtig⸗ keit immer bewußter wurde, abſichtlich innehielt, um die Spannung zu erhöhen. 27 „Der Graf Thurn“, fuhr er endlich fort,„lüftete den Hut erſt ein wenig, dann ſprach er:„Ich danke den Herren, weil ſie mir das Vertrauen ſchenken, daß ich nur in red⸗ licher Abſicht handle. Was meinerſeits geſchehen kann, will ich thun, um Unglück zu verhüten!“ Hierauf hielt er inne; mir ſchien es, er wartete, daß der Kriegslärmen aufhöre. Das geſchah auch alsbald. Darauf ſprach er mit lauter Stimme weiter, wörtlich kann ich's euch nicht wiederholen, ihr Herren, indeſſen es lautete ungefähr ſo: Er ſei nicht gekommen, um ohne Urſach wider Jemand Krieg zu führen und Unheil zu ſtiften. Nur zur Erhaltung des Friedens und zur Hülfe der Bedrängten habe er die Waffen er⸗ griffen. Böhmen ſei es ſeiner Sicherheit und ſeiner Ehre ſchuldig, dafür zu kämpfen. Man habe fremdes, gewor⸗ benes Volk dort ins Land geführt, Ungarn und Spanier und Italiener, die da hauſten ärger, als der Türke es nur könne!“ „Das iſt wahr“, gab Spingler ſeine Meinung ab, während der Stallmeiſter eine Pauſe machte;—„die Wel⸗ ſchen und Ungarn haben grauſam gehauſt in Böhmen!“ „Berichtet weiter, Herr Stallmeiſter“, baten Mehrere. Dieſer begann von neuem:„Gegen ſolch geworbenes Volk“, ſagte der Graf,„wolle er kämpfen und wenn er nach Jeruſalem ziehen müſſe!*) Er habe einen Eid ge⸗ ſchworen, es müßten Allen gleiche Rechte werden, den Ka⸗ tholiſchen und Evangeliſchen! Und ehe er das nicht erlange, wolle er nicht abziehen von Wien und lieber mit ſeinen Leuten vor den Mauern verderben... oder die Stadt mit Feuer und Schwert dem Erdboden gleich machen!“ Abſichtlich hatte der Erzähler mit der letzten Phraſe zu⸗ *) Hiſtoriſch. 2* —— 28 rückgehalten und gab ſie nun mit ganzem Nachdruck der Stimme. Was er gewollt, gelang ihm; er brachte einen gewaltigen Eindruck hervor. Ein Ruf des Schreckens er⸗ tönte von allen Seiten. Schmerl ſchnellte von ſeinem Sitz empor und ſchlug die Hände über dem Kopf zuſammen, Haidvogl ſprang gleichfalls auf. Alle Geſichter waren ſo ſchreckenbleich, als ob ſchon die Dächer der ganzen Stadt in Flammen ſtünden. „Was iſt nun zu thun!“ rief Schmerl kläglich aus. „Wir ſind verlorene Leute, wenn er Wort hält!“ „Geduld! Ruhe!“ gebot der Stallmeiſter mit ſtarker Stimme.„Laßt mich doch zu Ende reden!“ Die Ruhe wurde hergeſtellt; in ängſtlicher Stille lauſchten die Verſammelten dem weitern Verlauf des Berichts. „So ermahnte denn der Graf die Herren, baldigſt ſich zu guten Friedensbedingungen zu fügen. Mit Worten werde aber nichts gethan. Worte hätte man ſeit hundert Jahren genug gehabt in Böhmen. Es müßte Bürgſchaft gegeben werden, daß ein Theil habe, was der andere auch habe!“ „Freilich, freilich, nichts iſt billiger“, rief Schmerl mit wahrhaftem Zorn, daß die Sache noch nicht ausge— führt ſei. „Der Landesfürſt“, fuhr der Stallmeiſter fort,„müſſe künftig mit beſſerer Vertretung regieren. Kein Cleſel oder Jeſuit dürfe wiederkommen und Verwirrung anrichten!“ „Nein, bei Leibe kein Cleſel“, lärmte Schmerl. „Und kein Jeſuit!“ bekräftigte Haidvogl. „Das geht auf den Pater Lamormain“, flüſterte Spingler ſeinem Nachbar ins Ohr. „St!“ erwiderte dieſer, ein ältlicher Mann.„Die Wände haben Ohren! Und wer weiß mit wem wir hier zuſammenſitzen!“ —— — 29 „Was wird aber nun werden?“ fragte Schmerl. „Wurde denn gleich etwas beſchloſſen?“ „Mit nichten“, erwiderte der Stallmeiſter bedenklich. „Die Herren hatten keine Macht zum Beſchließen; ſie waren nur gekommen, um Vorſtellungen zu machen und zu bitten. Graf Thurn ſprach noch mit mannhaftem Muth*):«Und wenn euch Hülfe aus Ungarn, ja aus Oſtindien kommt, ich frage nichts danach. Ich habe mich Gott ergeben und ihn gebeten mich in meinem chriſtlichen Vorhaben zu ſtärken und mir Beiſtand zu leiſten. Wo ich kein Kriegsvolk und keine Beſatzung finde, da wird Niemandem ein Haar ge⸗ krümmt werden. Seht nun zu, ihr Herren, was ihr zu thun habt. Dies iſt mein letztes Wort, und damit Gott befohlen!»“ So ſchloß er, lüftete abermals den Hut, grüßte ritter⸗ lich und wandte ſich zu ſeinen Offizieren, mit denen er ins Zelt zurücktrat. „Und? Nun?“ fragten Einige, und auf den Geſichtern Aller ſchwebten dieſelben Fragen. „Die Deputation ſah ein, daß ihr Geſchäft zu Ende ſei; Graf Puchheim wandte ſich um, die andern Herren folgten und wir gingen des Weges zurück, den wir gekommen waren.“ „So?“ fragten die Zuhörer theils laut, theils innerlich und ſaßen mit langen Geſichtern da. „Unterweges wurde dann viel geſprochen“, ſetzte der Stallmeiſter noch hinzu,„und da zeigte ſich's, daß unſere Lage doch ſehr bedenklich iſt, denn die Bedingungen, die Thurn geſtellt, wollte ſich Keiner beim Könige Ferdinand auszuwirken getrauen.“ *) Hiſtoriſch. 30 „Und was geſchieht alsdann?“ fragte Schmerl beſorg⸗ lich. Die Antwort wurde dem Stallmeiſter geſpart. Denn ein dumpf donnernder Knall machte plötzlich die Fenſter⸗ ſcheiben klirren. Alle fuhren zuſammen. Aber noch bevor ſie ſich von ihrem Schrecken erholt hatten, traf ſie ein neuer. Denn ein heller, flackernder Flammenſchein fiel ins Gemach, und faſt gleichzeitig krachte und praſſelte es, daß den Ver⸗ ſammelten Hören und Sehen verging. Ein halb Dutzend zerſplitterter Fenſterſcheiben ſtürzte klirrend in das Gemach. „Das war eine Granate“, ſagte der Stallmeiſter auf⸗ ſtehend, trocken. Er war der Einzige, der ganz ruhig ge⸗ blieben war.„Sie muß hier gerad auf dem Stephansplatz niedergefallen und crepirt ſein.“ Noch bevor er das Wort geredet hatte, donnerte es abermals und zum dritten und vierten male. „Heiliger Stephan, nimm uns in deine Obhut!“ rief Schmerl.„Der Untergang der Stadt iſt da!“ Er ſtürzte hinaus; die Andern folgten ihm voller Angſt und Beſtürzung. Der Stallmeiſter allein blieb ruhig ſitzen und trank ſeinen Wein aus.„Das Geſindel läuft erſt recht in die Gefahr hinein“, murmelte er vor ſich hin; „ich denke hier das Gewölbe wird mir doch noch etlichen Schutz gewähren. Und ſchlägt eine Bombe durch, hab ich's doch immer noch beſſer hier beim Glaſe als auf dem Straßen⸗ pflaſter!“ Draußen lief das Volk erſchreckt zuſammen. Bisher hatten die Belagerer ſich darauf beſchränkt, die Stadt zu umſchließen, und bis auf die wenigen einzelnen Schüſſe am heutigen Vormittag nichts dagegen unternommen. Sie ſchienen abgewartet zu haben, ob bei der großen Zahl von Evangeliſchen in der Stadt ihnen nicht die Thore von ſelbſt geöffnet oder wenigſtens vortheilhafte Bedingungen ange⸗ 31 tragen würden. In Beidem hatten ſie ſich getäuſcht. Nun⸗ mehr machten ſie allem Anſchein nach Ernſt; wenigſtens wollten ſie zeigen, was ihre Artillerie vermöchte und wel⸗ ches Schickſal ſie der Stadt Wien bereiten könnten! Die Granaten zogen ihre feurigen Bogen durch die Lüfte und fielen krachend auf die Dächer und auf das Straßenpflaſter nieder, wo ſie zwiſchen den hohen Häuſern, in den engen krummen Straßen, mit fürchterlichem Getöſe und zerſtörender Wirkung zerplatzten. Das Volk lief be⸗ ſtürzt und rathlos, wie immer die Maſſen, gerade dahin, wo es am meiſten zu fürchten hatte. Statt ſich ruhig in den Häuſern zu halten, waren die Leute hinausgeſtürzt und eilten den Orten zu, wo die Brandgeſchoſſe niederge⸗ ſchlagen und crepirt waren. Allerdings war die Neugier, die ſich ſelbſt durch die Gefahr nicht abhalten läßt, ihr ſtärkſter Grund dazu. Das Feuern wurde lebhaft fortgeſetzt. Einige Dächer geriethen in Brand; was Hände zu regen hatte, half beim Löſchen, ſodaß die Flamme nicht weit um ſich griff. Doch war die ganze nächtliche Scene in der Stadt von ſchauer⸗ licher Wirkung. Sie bildete den Anfang des kriegeriſchen Zuſtandes, und da noch Niemand wiſſen konnte, wie weit ſich die Zerſtörung erſtrecken werde, vergrößerte die Furcht vor Dem, was noch kommen ſollte, Das, was im Augen⸗ blick geſchah. Eine Menge von Menſchen war in Bewe⸗ gung. Einige, deren Häuſer beſchädigt waren, ſtürzten in blinder Flucht mit ihren Familien hinaus, ohne zu wiſſen oder zu überlegen, wo ſie größere Sicherheit gegen die Ge⸗ fahr finden könnten. Frauen und Kinder jammerten; die Männer ſchleppten ihre Habſeligkeiten auf dem Rücken und eilten in blinder Haſt vorwärts. Schrecken und Verwir⸗ rung herrſchte überall. * 32 Das größte Getümmel fand auf dem Stephansplatze ſtatt, theils weil dort die erſten Granaten gefallen waren, theils weil er überhaupt als der natürlichſte Sammelplatz der von allen Richtungen herbeiſtrömenden Bedrängten er⸗ ſchien. Zwar hatten die erſten vier, fünf Granaten dieſen Theil der Stadt getroffen, doch es ſchien zufällig geweſen zu ſein, da im Verfolg keine Geſchoſſe mehr dahin fielen. Eine große Menge ſuchte auch in der Kirche Schutz, theils weil man dem mächtigen Gewölbe vertraute, theils weil, wie immer der Menſch in der Noth ſich der göttlichen Gnade lebendiger erinnert, ein religiöſes Gefühl die Er⸗ ſchreckten dahin trieb. Reubner und Tharradel, die eben aus einer Ver⸗ ſammlung ihrer vertrauteſten Freunde kamen, ſchritten ge⸗ rade auf den Platz zu, als die erſten Granaten fielen. Es war erſtaunlich wie ſchnell eine Volksmenge, die in Angſt und Haſt durcheinander wirbelte, faſt aus der Erde wuchs. „Seht doch, Herr von Ebergaſſing“, rief Reubner luſtig,„wie der brummende Kater die Mäuſe aus den Lö⸗ chern jagt! Nur drei Granaten ſind hier heruntergeſchla⸗ gen und das Geſindel iſt ſchon zu Hunderten lebendig, als hätten ſie alle hier auf dem Pflaſter gelagert und wären nur vom Schlaf aufgeſprungen!“ „Der Schreck hat ſie allerdings ſchnell munter gemacht“, ſtimmte Tharradel bei. „Es iſt doch eine Schande“, zürnte Reubner,„obgleich es in unſern Zweck paßt! Wenn Thurn dieſe Haſenhetze ſehen könnte, ich glaube er ginge im dreiſten Ueberfall der Stadt gerade auf den Leib und käme auch hinein!“ „Ich zweifle doch“, antwortete Tharradel.„An den Wällen findet er andere Leute und dieſe hier werden ſich auch beſinnen. Es iſt nur die erſte Aufregung und gerade —. die Furchtſamſten ſind es, die ſich uns zeigen. Sonſt iſt der wiener Bürger wol Mannes genug, um ſich zu wehren, wenn er ein Herz für die Sache hat. Unſer Vortheil iſt hauptſächlich der, daß im Innern Viele auf unſerer Seite ſind! Wenn wir nur erſt einen feſten Stamm haben, die Un⸗ ſchlüſſigen ſich einer aufgepflanzten Fahne anſchließen können! Du wirſt ſehen, ſie ſtrömen uns ſo eilig und zahlreich zu, wie ſie ſich hier überſtürzen!“ Während ſie ſo ſprachen, hatten ſie ſich dem Platz und dem Getümmel der Erſchreckten genähert. „Ob wol das Weingewölbe von Chriſtoph Trattner hier bombenfeſt genug iſt, um uns noch einen Becher in Ruhe trinken zu laſſen?“ fragte Tharradel ſcherzend.„Was meinſt du, Alter?“ 9 „Ich bin dafür“, erwiderte dieſer munter,„daß wir uns in die Kaſematte einlogiren!“ Sie wandten ſich gerade in dem Augenblick der Haus⸗ thür zu, als Schmerl, Haidvogl, Muntſch, Spingler und die ganze Schaar herausſtürzte. Schmerl war der Vorderſte. Er rannte in blinder Haſt gerad in der Hausthür an Reubner an und rief:„Platz, Platz, um Sanct⸗Stephan’'s Willen, Platz!“ „Platz zum Teufel, Platz will ich machen“, rief der Angerannte, faßte mit ſeinen ſteifen, aber kräftigen Armen den leichten Schneidermeiſter am Kragen und ſchleuderte ihn auf die Seite.„Was iſt denn das für ein Verrückter!“ rief er dem der Gaſſe Zutaumelnden nach. Doch ehe er das Wort heraus hatte, drangen ſchon die Uebrigen nach und dieſe Flut riß ihn und Tharradel wieder aus dem Hafen der Hausthür heraus. Jetzt, beim flackernden Feuer⸗ ſchein einer neuen Granate, erkannte Reubner ſeinen Mann. „Ha ha, ha ha!“ lachte er laut auf.„Seid Ihr's, Ge⸗ 2** 34 vatter Ellenreiter! Nun, das kann ich mir denken, daß Euch Euer knappes Unterfutter von Courage jetzt ausplatzt! Packt Euch und flickt es wieder aus. Aber rennt die Leute nicht ſchlimmer an als eine Brandbombe! Ich glaube meine Paliſſaden ſind geknickt“(er hielt ſich die Rippen der beiden Seiten)„von dem Ricochettſchuß dagegen!“ Als Schmerl ſich wieder auf ſeinen Füßen zurecht ſtellte, erkannte er auch ſeinerſeits Reubner und Tharradel, um die ſich ſeine Gefährten drängten.„Seid Ihr's ſelbſt! Bei Sanct⸗Stephan! Alter wackerer Kriegsheld!“ rief er aus und faßte Reubner's Hand wie einen Rettungsanker. „Sprecht, was fangen wir jetzt an in dieſer Gefahr!“ „Legt Euch aufs Ohr und zieht Euch die Decke über den Kopf, daß Ihr nichts hört und ſeht“, antwortete Reubner. Tharradel hatte ſich indeſſen durch die Andern gedrängt und war ins Haus getreten. Reubner folgte ihm. Im Gewölbe fanden ſie nur noch den Stallmeiſter. Ei, ſeid Ihr's, Althans“, begrüßte ihn Tharradel; „Euch wollte ich gerade aufſuchen!“ Ich weiß Ihr ſeid mit hinaus geweſen. Nun, was meint Ihr? Ihr braucht Euch vor dem Alten da“, er zeigte auf den hinter ihm eintretenden Reubner,„nicht zu fürchten. Es iſt unſer treuer Geſell!“ Tharradel kannte in dem Stallmeiſter einen Mann von ruhiger Geſinnung, der, obgleich Katholik, doch kein Eiferer war, ſondern wie Viele die Meinung theilte, daß es zum allgemeinen Beſten dienen müſſe, wenn den beiden großen Glaubensparteien gleiche Rechte zuſtänden, weil damit endlich dem Hader und Zwieſpalt, der die Welt verheerte, ein Ziel geſetzt würde. Daher konnte er ihn offen über das Ergebniß der Sendung der katholiſchen Stände an 35 Thurn befragen. Der Stallmeiſter theilte ihm ebenſo offen mit, was er wußte und dachte. „Ich ſehe wohl“, ſagte Tharradel am Schluß,„wie es ſteht! Thurn möͤchte am liebſten, daß man einen friedlichen Vertrag ſchlöſſe. Er geht auch nicht gern zum Aeußerſten. Aber er hat das Heft in der Hand und droht den Geg⸗ nern. Nun, wir wollen redlich helfen!— Es iſt jetzt be⸗ ſchloſſen, morgen ſenden wir eine Deputation hinaus. Und wenn wir Thurn's Erklärungen haben, gehen wir an den König Ferdinand ſelbſt. Er muß neue Zugeſtändniſſe machen.“. Während des Geſprächs hatte das Schießen wieder auf⸗ gehört. „Es nimmt mich Wunder“, ſagte Reubner,„daß ſie nicht fortfahren. Ihre Kugeln waren nicht verſchoſſen. Sie müſſen ordentliche Stücke draußen haben, daß ſie bis hierher mitten in die Stadt langen konnten! Und nun ſchon wieder Alles ſtill?“ „Ich glaube nicht, daß Thurn die Stadt ſchwer be⸗ drängen will“, meinte Tharradel.„Er hat den Gegnern nur einen Schreck machen wollen und zeigen, was er ver⸗ mag. Das wird gut auf die Unterhandlungen wirken, denke ich!“ „So glaub' ich und hoff' ich auch“, ſagte der Stall⸗ meiſter. „Nun, darauf wollen wir unſere Becher leeren und dann an die Geſchäfte gehen, es iſt für morgen noch Man⸗ ches zu thun.— Alſo, Freunde: daß wir bald mit einem friedlichen Vertrag enden, wo Allen gleiche Rechte werden und dadurch Allen Ruhe und Friede und Glück!“ „Geb's Gott!“ ſtimmte der Stallmeiſter ein.— Sie tranken ihre Becher aus und gingen. 36 Ihre Hoffnung war die Hoffnung Vieler, die Hoffnung aller Redlichen in jenen Tagen. Sie ſollte ſich nicht er⸗ füllen! Schwere Verblendung, düſterer Eifer und arger Sinn warfen die zerſtörende Fackel der Zwietracht in die Saaten des Friedens. Und wie faſt immer in den ſchweren Geſchicken des Menſchen, war er es ſelbſt, der ſie herauf⸗ beſchwor in unſeliger Verwirrung, zu unſeligem Verderben! Zwanzigſtes Capitel. Am 11. Juni des Jahres 1619 verſammelten ſich ſchon am frühen Morgen im Vorzimmer des Königs Ferdinand in der Burg zu Wien mehrere ſeiner vertrauteſten Räthe und Freunde, welche zur Beſprechung der bedrängten Lage, in der ſich Stadt und Reich befanden, geladen waren. Der Pater Lamormain war ſchon im Gemach Sr. Majeſtät ſelbſt; jedoch mehr als Beichtvater und geiſtlicher Beiſtand, denn als Rathgeber, in weltlichen Angelegenheiten. Dieſe letztern ſollten in gemeinſamer Beſprechung berathen- werden. Von den dazu Beſchiedenen waren Einige bereits eingetroffen. Fürſt Eggenberg, der vertrauteſte aller Räthe des Kaiſers, der Graf Khevenhüller aus Kärn⸗ ten, der ſchon den Auftrag hatte, nach Madrid abzu⸗ gehen, um Spaniens Hülfsthätigkeit für Ferdinand anzu⸗ ſpornen; der Graf Trauttmansdorff, ein noch junger Mann, erſt nach Kaiſer Mathias' Tode in den Geheimen Rath berufen.— Ferner Slawata, in deſſen Begleitung ſich — 37 Fabricius befand. Die drei erſt Genannten ſtanden mit Slawata in der Niſche eines Fenſters, welches nach dem Walle hinausging. Fabricius, der eine Mappe mit Schriftſtücken aus Sla⸗ wata's Geſchäftskreiſe bei ſich trug, war auf der entgegen⸗ geſetzten Seite des Zimmers am Kamin im leiſen Geſpräch mit Thyßka begriffen, der, in Lamormain's Begleitung ge⸗ kommen, ſeiner im Vorgemach harrte. „Ich fürchte, werther Freund“, flüſterte Fabricius,„die Dinge gehen äußerſt ſchlimm! Die Stimmung der Bürger i*ſt feindſeliger, als ich jemals gedacht hätte!“ Thyßka machte eine bedenkliche Miene und erwiderte ebenſo leiſe:„Ich ſage ja Daſſelbe, doch der Pater will es mir nicht glauben. Seine ſtete Rede iſt: Unſere Anhänger in der Maſſe ſind jetzt furchtſam und verſtecken ſich; ſobald ſie wieder einen Stützpunkt haben, werden ſie hervortreten, und man wird ſehen, daß ſie zahlreich genug ſind, um den Evangeliſchen die Spitze zu bieten. Und von dieſen ſelbſt wird die Hälfte zu uns übergehen.“ „Darin mag der ehrwürdigſte Herr wol Recht haben“, erwiderte Fabricius;„das haben wir in Böhmen auch ge⸗ ſehen. Aber das Schlimme iſt, daß unſere Gegner allzu ſehr im Vortheil ſind. Daher die Frechheit des Pöbels. Geſtern ſchrien ſie ganz laut“(hier flüſterte er noch mit viel leiſerer Stimme als bisher und gegen das Ohr Thyßka's geneigt):«Man muß ihn wegjagen!»“*) „Ich glaube das hat der König ſelbſt hören müſſen“, entgegnete Thyßka ebenſo leiſe.„Sie haben unter den Fenſtern gerufen:«Fort mit Ferdinand! Fort mit den Jeſuiten!““ 3n) *) Hiſtoriſch. **) Hiſtoriſch. * 38 „Unſere Lage iſt verzweifelt! Auch die Truppen wanken!”“ „Weil ſie zu ſchwach ſind, natürlich“, ſtimmte Thyßka bei. „Herr Geheimſchreiber“, rief Slawata vom Fenſter her zu Fabricius hinüber,„gebt doch einmal das Portefeuille hierher. Der Bericht über Nikolaus Diewiß iſt doch darin?“ „Ew. Gnaden zu Befehl“, antwortete Fabricius ge⸗ ſchmeidig und ſprang eilig mit der Mappe herbei.„Ich werde ihn ſogleich herausſuchen, er liegt bei den andern ge⸗ heimen Berichten.“ Fabricius öffnete die Mappe, blätterte darin, nahm ein Actenſtück von mehrern Bogen heraus und reichte es Sla⸗ wata hin. Dieſer winkte ihm und der Geheimſchreiber trat in den Hintergrund zurück. „Hier werden die Herren ſich des Genauern über dieſe Sache belehren können“, wandte ſich Slawata zu den an⸗ dern Dreien.„Bereits im September des vorigen Jahres habe ich meine Aufmerkſamkeit dieſer Angelegenheit zuge⸗ wendet. Dieſer Nikolaus Diewiß, dem man eine große Geſchicklichkeit in Geſchäften nicht abſprechen kann, iſt be⸗ reits damals verkappt hier in Wien geweſen und hat mit dem Herrn von Ebergaſſing Zuſammenkünfte gehabt! Einer meiner fähigſten und eifrigſten Leute, Zaloska mit Namen, hatte ihn trotz ſeiner tiefen Verkappung auf der Gaſſe er⸗ kannt und war ihm ſogleich auf der Spur gefolgt. Es thut mir nur leid, daß dieſer Mann jetzt nicht in Wien iſt. Ich habe ihn in Geſchäften zum Grafen Boucquoi ge⸗ ſandt. Er würde noch manches Genauere berichten können.“ Während deſſen hatte Eggenberg das Acctenſtück durch⸗ geſehen. „Es muß Alles ſo ſein, wie wir vermuthen“, bemerkte der Graf Khevenhüller, der das Document mit durchlaufen hatte,„denn dieſes Actenſtück, deſſen Datum entſcheidend iſt, ſpricht zu beſtimmt darüber!“ „Und warum ſollte Thurn“, nahm Slawata das Wort wieder,„die Vereinigung mit den öſterreichiſchen Ständen nicht ſchon damals betrieben haben? Die Böhmen waren in Maſſe aufgeboten, der Kaiſer Mathias überraſcht worden, die böhmiſchen Waffen mehrmals glücklich geweſen. Thurn iſt der verwegenſte Schwindelkopf, den es gibt, warum ſollte er nicht einen Gedanken gefaßt haben, der bei der Lage der Umſtände nichts weniger als unausführbar war?— Die böhmiſchen Utraquiſten wußten ſehr gut, wie ſtark die evangeliſche Partei in den öſterreichiſchen Ständen vertreten iſt! Was wir jetzt erleben, war damals ſchon ihr Plan, ihre Hoffnung. Jener Zeit wurde geſäet, jetzt iſt die Ernte reif!“ „Ich glaube auch, es iſt ſo“, ſtimmte Graf Trautt⸗ mansdorff bei.„Allein, Slawata, weshalb ſchritt man nicht ſchon damals ein? Dieſer böhmiſche Unterhändler .... wie heißt er doch?“ „Diewiß.“ „Richtig! Nun dieſes Mannes hätten wir uns bemäch⸗ tigen ſollen, ſo würden wir mindeſtens das ganze Geſpinnſt der geheimen Fäden in ſeinem Zuſammenhange kennen ge⸗ lernt haben!“ „Das war auch in Abſicht. Allein Diewiß entkam in unbegreiflicher Weiſe und verſchwand ſpurlos aus der Stadt, wie er ungeahnt gekommen war. Und um gegen einen ein⸗ heimiſchen Edelmann, ein Mitglied der Stände, wie Thar⸗ radel, einſchreiten zu können, lag nichts Hinlängliches vor. Auch waren die Umſtände damals...“ 40 „Freilich, freilich“, fiel Trauttmansdorff ein,„der ſelige Kaiſer Mathias behandelte die ganze Sache anders!“ „Da iſt der Cardinal“, unterbrach Graf Eggenberg das Geſpräch.— Es war der Cardinal Graf Dietrich⸗ ſtein aus Mähren, der eben eintrat; ihm folgte der Graf Fugger, ein Abkömmling der berühmten augsburger Familie. Man begrüßte ſich mit den Eintretenden. Der Car⸗ dinal Dietrichſtein empfing die Glückwünſche und theilneh⸗ menden Aeußerungen der Verſammelten. Er war aus Mähren geflüchtet, woſelbſt er, nachdem Thurn es beſetzt hatte, gleich dem Fürſten Liechtenſtein und dem Freiherrn von Zierotin in ſeinem Hauſe durch die Aufſtändiſchen be⸗ wacht worden war. Allein es war ihm geglückt zu ent⸗ kommen, und ſeit einigen Tagen befand er ſich in Wien. „Wir ſind jetzt vollzählig“, bemerkte Eggenberg;„ich glaube es wird gut ſein, Se. Majeſtät davon zu benach⸗ richtigen, denn die Zeit drängt. Die Deputation der evan⸗ geliſchen Stände wird ſchon in den Frühſtunden eintreffen!— Da iſt Se. Hochehrwürden!“ Der Beichtvater des Königs, Pater Lamormain, trat aus dem Cabinet; ſein ſcharfes, ſchlaues Auge überflog mit raſchem Blick die Verſammelten. Als er des Cardinals anſichtig wurde, ſchritt er gegen dieſen vor, verbeugte ſich ehrfurchtsvoll und küßte deſſen Hand.„Ew. Eminenz mei⸗ nen ehrfurchtsvollſten Morgengruß; möge des Himmels Auge über Ew. Eminenz Tage wachen!“ „Ich danke Euch, ehrwürdiger Vater“, erwiderte der Cardinal,„und wünſche Euch desgleichen!“ „Se. Majeſtät ſind bereit, die Herren zu empfangen“, wandte ſich Lamormain zu den Uebrigen. Eggenberg nahm den Vortritt; Alle gingen zum Könige —— 41 Ferdinand hinein. Nur Thyßka und Fabricius blieben im Vorzimmer. Lamormain folgte den Räthen noch nicht ſo⸗ gleich, ſondern winkte erſt Thyßka zu ſich, mit dem er ei⸗ nige Augenblicke leiſe ſprach. Dann ging er zurück ins Cabinet des Königs, während Thyßka eilig das Vorgemach verließ. Fabricius blieb allein zurück und trat ans Fen⸗ ſter, von wo aus er die Mauern und Wälle am Burgthor und einen Theil des feindlichen Lagers überſehen konnte. Das Sitzungszimmer, in welchem König Ferdinand die Räthe empfing, war ein größeres Gemach; an daſſelbe ſtieß ſein Arbeitszimmer; die Fenſter beider gingen nach dem Wall hinaus. Der König hatte das Lager der Feinde vor Au⸗ gen. Ein Theil der Batterien, welche dieſelben aufgeworfen, aber noch nicht hatten ſpielen laſſen, war ſo gelegen, daß ſie ihr Feuer auf die königliche Burg ſelbſt richten konnten. Dennoch hatte Ferdinand trotz des Drängens ſeiner Um⸗ gebungen durchaus verweigert, ſeine Wohnung auf dieſer Seite der Burg zu verlaſſen. Das Gemach war zu den vorzunehmenden Geſchäften hergerichtet. Ein erhöhter Seſſel für den König ſtand im Hintergrunde an der Wand; vor demſelben war ein freier Raum gelaſſen. Diesſeit deſſelben ſtand ein Tiſch und an dieſem auf beiden langen Seiten die Stühle für die Räthe, ſodaß der Seſſel des Königs ſich in der Verlängerung der Tafel, nur etwas entfernt von derſelben, befand. Ferdinand hatte noch nicht Platz genommen, als die Herren eintraten. Er begrüßte jeden Einzelnen freundlich und ſprach dann zu Allen gewandt:„Meine theuren Herren! Die Zeiten ſind ernſt; doch ich denke wir Alle haben feſtes Vertrauen zu Gott, der die heilige Kirche ſchützen wird, und Kraft der Seele genug, um den Prüfungen Stand zu hal⸗ ten, welche der Wille des Herrn uns ſendet.“ 42 Auf einen Wink des Königs traten die Räthe an ihre Plätze. „Ew. Liebden“, wandte er ſich zum Fürſten Eggenberg, der ſich durch dieſen Titel, welcher aus des Kaiſers Munde eigentlich nur den Reichsfürſten zukam, ſtets ſehr geſchmei⸗ chelt fühlte.„Berichten Sie mir zuerſt!“ Mit dieſen Worten ſetzte er ſich, ohne weiteres Ceremoniell, denn es war auch nicht ein einziger Diener oder unterer Beamte zugegen, auf den Seſſel, zu dem zwei Stufen hinaufführten. Die Räthe nahmen unmittelbar danach Platz. Fürſt Eggenberg nahm einige Papiere aus ſeinem Portefeuille und begann den Vortrag: „Wir dürfen es Ew. Majeſtät nicht verhehlen, daß die Stimmung eines großen Theils der Einwohner der Stadt immer bedrohlicher wird und immer verwegener zu Tage tritt.“ „Ich weiß, ich weiß“, bemerkte der König,„ich habe ſelbſt gehört!“ „Auf Plätzen und an den Straßenecken finden Zuſam⸗ menrottungen ſtatt, in denen die frevelhafteſten Reden ge⸗ führt werden. Die Kriegsknechte können dem nicht ſteuern, da ſie auf den Wällen gegen den Feind nothwendig ſind, und von den Bürgern, die aufgefordert wurden, hat ſich nur eine ſo geringe Zahl zum bewaffneten Dienſt geſtellt, daß dieſelbe nicht nur nichts gegen ſolche Auftritte vermöchte, ſondern noch dazu dienen würde, größeres Unheil herbeizu⸗ führen. Es ſind der Evangeliſchen ſo Viele in der Stadt, daß ſie die Mehrzahl zu bilden ſcheinen, und die evangeli⸗ ſchen Mitglieder der Stände ſind auf alle Weiſe thätig den böſen Geiſt des Aufruhrs zu pflegen. Wenn ſie noch nicht öffentlich gegen Ew. Majeſtät aufgetreten ſind, ſo iſt dies nur einem ſchwachen Ueberreſt von Ehrfurcht zuzuſchreiben, der ſie noch nicht gänzlich pflichtvergeſſen werden läßt.“ 43³ „Es wird nicht lange dauern“, bemerkte der König. „Das iſt auch die Befürchtung der Räthe Ew. Maje⸗ ſtät“, fuhr Eggenberg fort.„Seit die evangeliſchen Stände Deputationen in das Lager des Aufrührers Thurn geſchickt haben, wozu Ew. Majeſtät in unerſchöpflicher Gnade aller⸗ dings die Einwilligung ertheilt, iſt durch die dort empfan⸗ genen, öffentlich verlautbarten Beſcheide und vielleicht noch— mehr durch die geheim gepflogenen Unterhandlungen ihre Kühnheit mehr und mehr gewachſen. Der Plan einer heim⸗ lichen und feſten Verbindung zwiſchen ihnen und den Auf⸗ ſtändiſchen in Böhmen, Mähren und Schleſien tritt offen⸗ kundig hervor. Es iſt dies, wie ſich durch die Documente nachweiſen läßt, eine ſchon längſt gehegte Abſicht, behufs welcher bereits vor länger als acht Monaten hierſelbſt ver⸗ rätheriſche Unterhandlungen angeknüpft worden ſind.“ „Ganz richtig, man hat mir ſchon damals davon be⸗ richtet“, bemerkte der König. „Es läßt ſich vermuthen, daß nur aus dieſem Einver⸗ ſtändniß Thurn die Kühnheit geſchöpft hat, bis vor dieſe Hauptſtadt zu rücken. Denn nimmermehr hätte er ſich ſonſt einbilden können, daß dieſe Stadt, welche vor noch nicht hundert Jahren dem mächtigen Erbfeind des Reichs, den wilden Horden der Türken unter dem Sultan Soliman, die in zwanzigfach ſtärkerer Zahl herangerückt waren, mann⸗ haften, unüberwindlichen Widerſtand geleiſtet hat, von ihm könne bezwungen werden. Daher ſehen Ew. Majeſtät ge⸗ treue Räthe in dieſem Geiſt des Aufruhrs, in dieſem Ab⸗ falle von der heiligen Kirche die größte und eine viel größere Gefahr als die, welche uns von dem feindlichen Heere droht!“ „Die Gefahr, von der Ew. Liebden ſprechen“, unter⸗ brach der König den Redner,„iſt allerdings groß. Es be⸗ 4 darf nicht ihrer Schilderung. Allein welche Mittel können wir dagegen anwenden? Euch iſt bekannt, daß in kurzer Friſt, in den nächſten Stunden ſchon, eine neue Botſchaft der evangeliſchen Stände hier erſcheinen wird. Sie wollen ihr letztes Wort bringen. Ich kann mir denken worin es beſtehen wird. Sie werden verlangen, daß ich ihre Con⸗ föderation mit den aufrühreriſchen Ständen Böhmens, Mäh⸗ rens und Schleſiens genehmige!“ „Es iſt eine unſelige Lage der Dinge“, nahm der Car⸗ dinal Graf Dietrichſtein das Wort.„Allein ich ſehe nicht, wie Ew. Majeſtät ſich deſſen weigern wollen!“ Ferdinand ſchwieg und blickte düſter vor ſich hin. La⸗ mormain richtete bohrende Blicke auf ihn. „Thurn hat“, nahm Eggenberg wiederum das Wort, „die Stände ſcheinbar heftig angelaſſen und auf den ſchleu⸗ nigen Abſchluß der Conföderation gedrungen. Sie ſtützen ſich jetzt darauf und dringen ebenſo in uns!“ „Sie ſind heuchleriſch und ſchlau!“ ſprach Slawata. „Auf die von Ew. Majeſtät ihnen geſtellte Forderung, ein Gutachten abzugeben, was unter den jetzigen Landesum⸗ ſtänden zu thun ſei, ſchwiegen ſie. Dagegen hört man Aeußerungen übler Art:«Sie hätten den Krieg nicht an⸗ gefangen, könnten alſo auch nicht angeben, wie er zu been⸗ den ſei, noch weniger aber Geld bewilligen zu einem Kampf, um den man ſie nicht gefragt habe.»*) Sie beſchweren ſich, daß ungariſches Kriegsvolk nach Böhmen geſendet ſei, und thun, als wüßten ſie nicht, daß die Böhmen durch ihren Aufruhr und die öſterreichiſchen Stände durch ihre wider⸗ ſpenſtige Geſinnung uns gezwungen haben, fremde Hülfe zu ſuchen.“ *) Hiſtoriſch. 1 „Das iſt ihnen in der letzten Antwort Sr. Majeſtät aufs beſtimmteſte mündlich und ſchriftlich geſagt“, entgeg⸗ nete Eggenberg,„und ſie ſind nun aufgefordert worden, ſich genau über die Art dieſer Conföderation zu erklären. Es iſt ihnen gezeigt worden, daß zu ihrer eigenen Sicher⸗ heit gar keine Defenſion, wie ſie es benennen, kein Bündniß mit Böhmen nöthig ſei; daher müßten ſie ſich be⸗ ſtimmt ausſprechen, ob dieſe ſogenannte Defenſiond mit Sr. Majeſtät Vorwiſſen oder von den Ständen allein, ob ſie von den geſammten Ständen, oder nur von einem Theile beſchloſſen werden ſolle. Sie werden nunmehr hier erſchei⸗ nen. Außer allem Zweifel werden ſie, wie ſchon Ihro Majeſtät bemerkt haben, fordern, daß man ſie frei gewähren laſſe und Alles genehmige, was ſie zu ihrer Sicherung und zu der ihrer angeblichen Rechte für gut finden. Es iſt da⸗ her nothwendig einen Beſchluß zu faſſen, was ihrer drän⸗ genden Forderung gegenüber erwidert werden ſoll.“ „Ich ſehe nicht, wie Se. Majeſtät Nein ſagen kann“, ſagte Graf Dietrichſtein bekümmert. „Mein Ja hieße meine Abdankung ausſprechen!“ ent⸗ gegnete Ferdinand mit dem Tone des Unwillens. Es entſtand ein Augenblick tief beſorgter Stille. „So wäre es“, begann Eggenberg nach einigem Zö⸗ gern;„denn die Vermeſſenheit der empörten Rotten geht ſchon ſo weit, ſolche frevelhafte Forderungen öffentlich laut werden zu laſſen.“ „Allein“, fragte der Cardinal,„haben wir die Macht ſolche Frevler zu zügeln und zu beſtrafen? Ew. Liebden ſelbſt haben uns im Beginn Ihres Vortrags geſagt nein. Und auch ich habe mich in der kurzen Zeit, die ich hier bin, überzeugt, daß die geringe Beſatzung die aufrühreri⸗ ſchen Maſſen nicht im Zaum halten kann!“ 46 „Leider iſt das wahr!“ beſtätigte Graf Fugger.„Ich war ſoeben Zeuge eines Auftritts, der mich empört hat.... „Und was iſt geſchehen?“ fragte Ferdinand, den Grafen geſpannt anblickend. „Ew. Majeſtät“, erwiderte dieſer mit ehrfurchtsvoller Verbeugung,„es ſcheint mir beſſer Dergleichen in tiefes Schweigen zu begraben, bis man es hindern oder ſtrafen kann!“ „Nein, GrafV; es iſt beſſer, daß ich Alles weiß, damit ich erwäge, wie ich handeln muß!“ antwortete Ferdinand feſt.„Redet! Ich bitte Euch, ich befehle es Euch!“ Alle ſchwiegen erwartungsvoll. „Ich kam zu Fuß von dem Graben her; an der Ecke des Kohlmarkts ſah ich einen finſtern Knäul von Volk ver⸗ ſammelt, inmitten deſſelben ſtand ein Menſch von unheim⸗ lichem Anſehen. Er redete zu der Menge, die aus dem widerwärtigſten Geſindel beſtand.“ „Solche Redner ſind leider ſeit zwei Tagen an allen Ecken und Plätzen anzutreffen“, bemerkte Slawata da⸗ zwiſchen. „Schon von weitem, bevor ich Worte verſtand, er⸗ füllte mich das halbe Gebrüll, von widerlichen Geberden begleitet, mit Abſcheu. Plötzlich ſchrie der ganze Haufe .. Einundzwanzigſtes Capitel. In dieſem Augenblick flog die Thür des Gemachs vom Vorzimmer her mit Geräuſch auf und Fabricius ſtürzte halb, halb taumelte er herein. Aller Augen richteten ſich erſtaunt auf ihn, Graf Fugger brach mitten im Worte ab. Schon der Anblick des Geheimſchreibers weiſſagte Uebles, denn er ſah ſchrecklich aus und ſein hohles Auge rollte unſtet umher. Ohne ſich wegen ſeines Eindringens zu entſchuldigen, rief er mit fliegendem Athem: „Es droht Gefahr,— es iſt kein Kämmerer im Vor⸗ zimmer— es iſt....“ die Verwirrung raubte ihm die Sprache. „Was gibt es, redet“, fragte König Ferdinand mit Anſehen und erhob ſich von ſeinem Seſſel. „Die Volksmaſſen,— ſie wälzen ſich heran,— ſie dringen....“ Mehr brachte er unter krampfhaftem Zittern ſeines ganzen Körpers nicht heraus. „Man muß ſehen was es gibt“, gebot der Kaiſer, und zog eine Schelle. Fugger und Trauttmansdorff eilten nach der Thür, um ſelbſt zu ſehen was vorgehe. Slawata ſuchte Fabricius zu Faſſung und Beſinnung zu bringen. Der Unglückliche ſtand mit ſchlotternden Gliedern. Seit dem für ihn ſo ſchreckenvollen Vorgange auf der Burg zu Prag waren ſeine Nerven ſo zerrüttet, daß er bei jeder nur einigermaßen lebendigen Erinnerung an jenen Tag in ähnliche Zuſtände gerieth wie die gegenwärtigen. Diesmal 48 war ſeine große Angſt begreiflich. Er hatte allein im Vor⸗ zimmer gewartet; da hörte er plötzlich Geräuſch und ver⸗ worrene Stimmen im Lakaienzimmer, deſſen Fenſter nach dem Burghof hinauslagen. Er öffnete die Thür, das Gemach war leer, er ſah die Diener durch die anſtoßenden Zimmer nach dem Treppenaufgang eilen. Alle Thüren ſtanden offen. Er folgte. In einem Corridor fand er ein weites Fenſter, durch welches er einen Blick über den Burg⸗ hof hinweg nach der Stadt hatte. Da ſah er die Gaſſen von ſchwarzem Gewimmel erfüllt und hörte jenen dumpf⸗ ſchauerlichen Lärmen, der alle Volkszuſammenrottungen be⸗ gleitet. Die Maſſen wälzten ſich gegen die Burg heran. Die Schreckensbilder des vergangenen Jahres aus Prag traten ihm plötzlich dergeſtalt lebendig vor die Seele, daß er von der Phantaſie ſo mächtig überwältigt wurde, wie damals von der Wirklichkeit. So ſtürzte er zurück nach dem Sitzungsſaal, mehr in dem unbewußten Trieb dort ſelbſt Rettung zu ſuchen als ſie den Verſammelten zu bringen. Während Slawata ſich um ihn beſchäftigte und halb durch Fragen, halb durch ſeine Berichte dieſe Umſtände erfuhr, hatten Fugger und Trauttmansdorff genauere Er⸗ kundigungen eingezogen. Sie kehrten in großer Aufregung zurück. Wirklich hatten ſich große Volksmaſſen zuſammen⸗ gerottet, und die beleidigendſten Drohungen über den König Ferdinand wurden gehört. Sie drangen auf die Burg an, um ihn zu beſtürmen, daß er das Begehr der evan⸗ geliſchen Stände, von dem ſich Gerüchte in der Stadt verbreitet hatten, erfülle. Die Hartſchiere, welche die Wache im Burghof hielten, waren unters Gewehr ge⸗ treten; dieſer Anblick hatte die Maſſen für den Augenblick ſtutzen gemacht. 49 „Es ſind“, berichtete Graf Fugger,„augenſcheinlich großentheils dieſelben Leute, von denen ich Ew. Majeſtät eben zuvor ſprach.“ „Ihr hattet Euren Bericht darüber noch nicht vollendet“, antwortete der König. „Der Graf Trauttmansdorff iſt jetzt ſelbſt Zeuge deſſen geworden, was ich ſchon zuvor vernommen“, antwortete Fugger,„ich möchte Ew. Majeſtät um die Gnade bitten, ſich von ihm Bericht erſtatten zu laſſen!“ Der König nickte beiſtimmend und ſah den Grafen Trauttmansdorff auffordernd an. Dieſer zögerte. „Nun?“ fragte Ferdinand etwas aufgeregt.„Haltet Ihr mich für ſo furchtſam, daß ich nicht hören könnte, was Ihr doch gehört habt, ohne das Leben davon verloren zu haben? Was es auch ſei! Heraus damit!—— Kann ich mir etwa nicht ſelbſt das Schlimmſte denken? Sie fordern meine Abdankung, vielleicht meinen Kopf!“ „Nein, beim Himmel, das nicht“, riefen Fugger und Trautmansdorf gleichzeitig beſtürzt; und Beſtürzung malte ſich in den Zügen aller Anweſenden. Nur Lamormain ſtand in ſo unbeweglicher Ruhe wie die ganze Zeit über, und hielt ſein dunkelbrennendes Augen⸗ paar ebenſo bohrend auf dem Antlitz des Königs feſt, wie er die ganze Sitzung über gethan hatte. „Nun“, hub der König mit einer Faſſung, die in Allen das höchſte Erſtaunen erweckte, wieder an,„ſo iſt es ja noch nicht einmal das Schlimmſte!“ Ein leichtes aber bitteres Lächeln überflog dabei ſeine ernſte Lippe. „Daß ſie mich auf andere Art los ſein möchten, kann ich mir ohne große Mühe denken!— Fugger, berichtet jetzt wörtlich, was Ihr gehört.“ Rellſtab, Drei Jahre. II. 2. 3 „Wenn Ew. Majeſtät es durchaus befehlen“, antwor⸗ tete der Graf mit dem Ernſt der Selbſtüberwindung,„nun denn“, dieſe frevelnden Rottenführer riefen:„Fort mit dem König Ferdinand! Fort mit den Jeſuiten! Er kann in ein Kloſter gehen,....*) „Wenn er nur an ſich dächte, nur ſeinen eigenen, tief⸗ ſten Regungen folgte“, ſagte der König mit hehrem Ernſte, „ſo befolgte er dieſen guten Rath.— Aber Ihr ſeid noch nicht am Ende, Graf Fugger! Vollendet Euren Bericht! Alſo— ich ſoll ins Kloſter gehen.... wirklich, weiter nichts?“ „Man rief auch“, fuhr der Graf mit ſichtlicher Be⸗ wegung fort:«Seine Kinder müſſen in der pro⸗ teſtantiſchen Religion erzogen werden!»“**u) Der König verhüllte ſich. In ſeinem bis dahin ſo männlich feſten Antlitz zuckte ein Schauer. Ueber Lamor⸗ main's Lippen ſchwebte ein unbeſchreibbares Lächeln, welches die äußerſte, denkbare Schärfe ironiſcher Bitterkeit trug. Es herrſchte eine lautloſe Stille im Gemach. „Meine Kinder!“.... wiederholte Ferdinand endlich, und das Wort erſtarb auf ſeiner Lippe. Die Grabesſtille dauerte fort. Da ließ ſich der dumpfe Lärmen der draußen zuſam⸗ mengerotteten Volksmaſſen vernehmen. Er ſchwoll brauſend an wie die Brandung des Meeres. Der erſte Kämmerer öffnete die Thür und rief hinein: „Ein Offizier der Hartſchiere, der eine dringende Mel⸗ dung hat!“ Ferdinand winkte ſtumm, daß er eintrete.— Ein Of⸗ *) Hiſtoriſch. **) Hiſtoriſch. 51 fizier ſchritt in dienſtlicher Haltung bis nahe vor den König und meldete:„Der Hauptmann Rößlin von der Burg⸗ wache befiehlt mir Ew. Majeſtät zu melden, daß er nicht vermögen wird, die andringenden Volksmaſſen ohne ernſten Kampf zurückzuhalten. Er fragt um Ordres, ob er feuern laſſen ſoll?“ „Feuer geben, auf die Bürger Wiens, auf meine eigenen Unterthanen!“ rief Ferdinand ſchmerzvoll aus! „Auch läßt der Hauptmann anfragen, ob er unter dieſen ſo ganz unvorhergeſehenen Umſtänden die Deputation der evangeliſchen Stände einlaſſen ſoll; ſie iſt ſoeben vor dem Burghof erſchienen. Die Volksmenge umgibt ſie mit Jubel und Jauchzen!“ „Das Alles iſt angeſtiftetes Werk“, rief Eggenberg aus.„Ich verwette meinen Kopf, daß die Botſchaft dieſer widerſetzlichen Stände und der Volkstumult im Ein⸗ verſtändniß ſind! Sie will die Annahme ihrer Be⸗ dingungen von Ew. Majeſtät erzwingen. Ich würde unter dieſen Umſtänden nicht anrathen, die Deputation zu empfangen!“ 1 Ferdinand ſagte nach kurzem Bedenken feſt:„Ich werde ſie annehmen!— Der Hauptmann ſoll ſie einlaſſen!“ wandte er ſich zu dem Offizier. Dieſer blieb unſchlüſſig ſtehen. „Worauf wartet Ihr?“ fragte der König. „Auf Ew. Majeſtät Befehl wegen der Zurücktreibung der Volksmaſſen. Wenn die Deputation zugelaſſen wird, wird es unmöglich ſein, das Eindringen des Volks zurück⸗ zuhalten, ohne Gewalt anzuwenden.“ „Glaubt Ihr der Maſſen Herr zu ſein?“ fragte Eg⸗ genberg. Der Offizier ſchwieg einen Moment, dann antwortete 3* 52 er entſchloſſen:„Wir werden bis auf den letzten Bluts⸗ tropfen Stand halten!“ Aus dieſer Antwort ging das Geſtändniß der Unzu⸗ länglichkeit der Truppen hervor. „Ich glaube aber nicht“, fuhr der Offizier fort, da er den Eindruck ſeiner Worte wahrnahm,„daß das Volk einen Kampf unternehmen wird. Solange es keine Gefahr hat, läßt ſich der Unfug freien Lauf; eine Musketenſalve bringt aber gewiß einen ſolchen Schreck unter die Leute, daß ſie von allem Weitern abſtehen werden.“ „Wir können es nicht darauf wagen!“ unterbrach Eg⸗ genberg.„Die Burg iſt zu ausgedehnt, die Wachen zu wenig zahlreich, um ſie überall mit hinlänglicher Stärke zu beſetzen, wenn das Volk gewaltſam eindringen will.— Und was ſoll geſchehen, wenn der Aufruhr ſich durch die ganze Stadt verbreitet? Wir haben nicht Leute genug die Wälle zu decken! Die Evangeliſchen würden dem Feinde die Thore öffnen!— Vor allem muß jetzt das Leben Sr. Majeſtät außer Gefahr gebracht werden.“ Allein wie ſoll das geſchehen?“ fragte Fugger halb⸗ laut.— König Ferdinand ſtand in ernſtes Nachſinnen verloren. „Ich bin der Anſicht, daß Se. Majeſtät ſich, bis wir Boucquoi herangezogen haben, aus der Hauptſtadt zu⸗ rückzieht“, ſprach Eggenberg mit Entſchiedenheit.„Noch ſind wir der Straße nach Steiermark Herr. Wenn Ew. Majeſtät nach Gratz gingen....“ „Dann wäre die Stadt, wäre das Reich ver⸗ loren! Der Münſter von Sanct⸗Stephan würde durch den Dienſt der Ketzer entweiht!“ Mit dieſem in ruhiger Gemeſſenheit, aber ebenſo ſcharfer Entſchiedenheit geſprochenen Worte öffnete Lamormain zum erſten mal 53 die Lippen. Sie machten einen erſtarrenden Eindruck auf die Verſammelten. In Ferdinand's Zügen drückte ſich tiefe Erſchütterung aus. Man ſah ihm an, daß er ſich jetzt an einem Abgrunde erblicke, der nicht ſein zeitliches Heil allein bedrohe. Die ganze Gewalt ſeiner religiöſen, durch Lamormain ſtets in der heißeſten Glut erhaltenen Geſinnung flammte auf. „Und wenn Thurn die Thore Wiens ſprengt, wenn er die Stadt erſtürmt?“ fragte Eggenberg mit Lebhaftigkeit. „Steht es dann anders?“ Als ob dieſe Worte ein Signal geweſen wären, erſcholl im nämlichen Augenblick der dumpfe Hall eines Kanonen⸗ ſchuſſes im feindlichen Lager. Aller Blicke flogen den Fenſtern zu. Der Offizier bemerkte mit der ernſten Ruhe des Dien⸗ ſtes:„Wir haben ſchon den ganzen Morgen beobachtet, daß der Feind ſeine Batterien armirt, insbeſondere die auf die⸗ ſen Theil der Wälle gerichteten.“ Ein zweiter, dritter, vierter Schuß folgten, in Pauſen von kaum einer Seeunde, nach. „Beim Himmel“, rief der Graf Trauttmansdorff, der an ein Fenſter geeilt war, wohin die Andern alsbald folg⸗ ten,„ſie ſcheinen das Feuer auf der ganzen Linie eröffnen zu wollen, vom Schottenthor an bis hierher!“ Die erſten vier Schüſſe waren in einiger Entfernung geſchehen. Jetzt feuerte eine zweite Batterie, die ohne Zwei⸗ fel näher lag, denn der Knall war viel ſtärker. Gleich darauf begann eine dritte zu ſpielen, die den Wällen am Burgthor als Demontirbatterie gerade gegenüber lag. Die Wirkung wurde ſogleich ſichtbar, denn eine Stückkugel ſchlug in die Schießſcharte gerade vor den Burgfenſtern, daß die Erde in einer hohen Garbe aufſpritzte und der Stanb als dichte Wolke darüber ſtehen blieb. Der Offizier, der dieſe Entwickelung des Kampfes ruhig beobachtete, ſprach mit dem Ausdruck der Pflichterfüllung: „Ew. Majeſtät ſind in dieſen Zimmern nicht mehr ſicher. Die Burg iſt in der Schußweite der Batterie und ſie ſchei⸗ nen ein anhaltendes Feuer eröffnen zu wollen!“ Es war auffallend, daß Lamormain in dieſer ganzen Zeit, während Alle, auch der König, an die Fenſter ge⸗ treten waren und nach dem Lager hinausblickten, ſeine Augen immer auf die Thür wandte. Sie öffnete ſich und der Kämmerer meldete:„Der Pater Thyßka fragt in höchſt dringender Sache nach Sr. Hochwürden dem Herrn Pater Lamormain.“ Sofort eilte er hinaus. Alle dieſe dicht aufeinander folgenden Vorgänge hatten eine ſolche Beſtürzung verbreitet, daß der Offizier bis jetzt ohne Beſcheid auf ſeine Anfrage war. Er wandte ſich daher leiſe erinnernd an den Fürſten Eggenberg als den Vorſitzenden des Raths und bat dringend ihn abzufertigen. Der König nahm dies, obwol er am Fenſter ſtand, wahr. Er befahl mit klarer Beſtimmtheit:„Meldet dem Hauptmann, daß er die Deputation einlaſſen, ihren Füh⸗ rern aber bedeuten ſolle, ich würde ſie nicht ſprechen, wenn die Volksmaſſen ſich inzwiſchen nicht völlig ruhig verhielten. Dringen dieſe mit Gewalt an, ſo ſollen die Lanzenknechte ſie mit den Spießen abwehren, aber nicht angreifen. Nur im äußerſten Fall ſoll der Hauptmann die Muske⸗ tiere zu Hülfe nehmen und feuern laſſen.— Verthei⸗ digen wollen wir uns!“ Der Offizier verließ den Saal. Das Schießen vom Lager her dauerte fort. „Wollen Ew. Majeſtät ſich nicht in ein anderes Gemach begeben“, fragte Eggenberg. 5⁵ „Nein! Und ich denke die Herren werden bei mir aus⸗ halten“, antwortete der König.„Gerade hier will ich die Deputation empfangen. Sie ſoll ſehen, daß ich keine Art von Furcht hege.— Iſt es nicht Chriſtoph von Har⸗ rant, der die Artillerie in Thurn's Lager befehligt?“ fragte der König den Grafen Trauttmansdorff. „So iſt es!“ entgegnete dieſer.„Er treibt es weit! Die Geſchütze auf die Gemächer ſeines eigenen Königs rich⸗ ten zu laſſen!“ Lamormain trat wieder ein. Er ging raſchen Schrittes auf den König zu und ſagte ihm, doch ſo, daß die übrigen Räthe es hörten:„Der Pater Thyßka hat mir ſoeben die Meldung gebracht, daß die Straße nach Steier⸗ mark von den Feinden beſetzt iſt!“ „Euch, Lamormain? Der Pater Thyßka?“ fragte der König verwundert. „Ich hatte dieſen Morgen einen Ordensbruder mit einer Miſſion nach Gratz abgeſandt; dieſer iſt im Augen⸗ blick zurückgekehrt. Er hat nicht bis auf die Höhe von Baden gelangen können. Ein Streifcorps böhmiſcher Reiter ſperrt die Straße und hält Reiſende nach und von Steier⸗ mark feſt, hat auch einige beladene Frachtwagen wegge⸗ nommen! Auch Neuſtadt und Schottwien ſollen von böh⸗ miſchen Truppen beſetzt ſein!“ „So könnte ich nicht mehr nach Gratz! So wäre mein Erbland Steiermark mir verſchloſſen? murmelte Fer⸗ dinand finſter.„O, ſie haben längſt getrachtet die Fackel des Aufruhrs auch dort zu entflammen“, antwortete La⸗ mormain,„um das durch Ew. Majeſtät ſo herrlich voll⸗ brachte Werk des hergeſtellten reinen Glaubens, der wieder aufgerichteten heiligen römiſchen Kirche auch dort zu ver⸗ nichten. Sie hoffen auf die Funken böſer Geſinnung, die 56 daſelbſt auch unter der Aſche glimmen, und denken ſie zu verheerenden Flammen anzufachen!“ „Gott im Himmel, du prüfeſt mich hart!“ rief der König aus. Ein ſchmetterndes Krachen betäubte plötzlich Aller Ohr und entriß ihnen einen unwillkürlichen Ausruf des Schreckens. Die Thür zu Ferdinand's anſtoßendem Cabinet ſprang auf, mehrere Fenſterſcheiben im Sitzungsgemach zerſplitter⸗ ten klirrend. Gleich darauf quoll eine Dampfwolke aus der offenen Cabinetsthür. 1 „Es iſt eine Kugel hineingeſchlagen!“ rief Trauttmans⸗ dorff beſtürzt.„Es brennt!“ gleichzeitig Fugger. Alle eilten auf das Cabinet zu. König Ferdinand ſelbſt war der Erſte an der Thür. „Es iſt nicht Rauch; es iſt Kalkſtaub“, ſagte er zu den Uebrigen gewendet und wollte hinein. Eggenberg hielt ihn zurück. „Um des Himmels Willen, Ew. Majeſtät“, rief er, „laſſen Sie uns unterſuchen!“ 3 „Es brennt nichts; es hat keine Gefahr“, antwortete Ferdinand.„Die Kugel muß nur die Mauer ſo zerſchmet⸗ tert haben, daher die Staubwolke.“ „Wenn es aber eine Granate wäre!“ warnte Eggen⸗ berg und hielt den König, der wiederum vorwärts ſchritt, nochmals zurück. „Wir würden ſie hören; doch es iſt Alles ſtill“, ent⸗ gegnete Ferdinand, öffnete die Thür vollends und trat feſten Schrittes ein. Der dadurch und durch die im Sitzungs⸗ zimmer geſprengten Fenſterſcheiben entſtehende ſtarke Luftzug wehte die Staubwolke auseinander. Da fiel der erſte Blick des Königs auf das Crucifix über ſeinem Betpult, das ihm durch den freien, kleinen Raum, der in der getheilten 57 Wolke entſtand, wie frei in der Luft ſchwebend und von der hellen Juniſonne draußen golden angeſtrahlt, entgegen⸗ leuchtete. Wie gefeſſelt von dem Anblick blieb Ferdinand ſtehen; der glühend entzündete Glaube in ſeiner Bruſt erblickte hier eine überirdiſche Erſcheinung, einen unmittelbaren Wink der Gottheit. Von heiliger Ehrfurcht ergriffen, faltete er die Hände über der Bruſt und rief:„Ja, du mein himm⸗ liſcher Erlöſer, du ſollſt allein mein Rathgeber ſein!“ Und zurückgewandt zu den Räthen, rief er dieſen zu: „Folge mir Niemand!“ So trat er ein, ſchloß die Thür hinter ſich und ſank im brünſtigen Gebet vor dem Cru⸗ cifix nieder. Zweiundzwanzigſtes Capitel. Im Vorſaal ließen ſich einige Minuten ſpäter ver⸗ worrene Stimmen und Schritte hören, welche das An⸗ nähern der Deputation der evangeliſchen Stände andeuteten. Die Räthe geriethen in Verlegenheit, was zu thun ſei. Da Ferdinand in dem Tone des beſtimmteſten Willens aus⸗ geſprochen hatte, daß ihm Niemand folgen ſolle, wagte auch ſelbſt Eggenberg nicht, ihm nachzugehen. Bei der Auflöſung der Ordnung, die überhaupt herrſchte, hatte die Deputation ſich auch über jede ſonſt übliche Form hinweg⸗ geſetzt; die Thür öffnete ſich und die Abgeordneten traten oder drangen vielmehr ohne weiteres in den Saal ein. Auch waren ſie nicht allein, ſondern ein großer Anhang 58 von Leuten aus dem Volke drängte ſich mit in den Saal. Unter den Vorderſten der Abgeordneten war Tharradel; ihm folgte Stephan Reubner.„Siehſt du“, ſagte er leiſe zu dieſem, indem er auf die zerſplitterten Fenſter deutete, „Thurn hat Wort gehalten!“ „Ja“, nickte der Alte.„Er hat ſeine Schreckſchüſſe gut gezielt. Aber nun muß er uns in Ruhe laſſen, ſonſt müſſen wir miteſſen, wo wir keinen Appetit haben!“ „Sei unbeſorgt“, entgegnete Tharradel,„das Zeichen iſt ſchon gegeben! Gegen die andern Fronten fahren ſie fort mit Feuern.“ „Mit dem Reſervecorps werdet Ihr die Schlacht ſchon gewinnen!“ erwiderte Reubner. „Ich denke es auch!“ war Tharradel's Antwort. Während dieſes Geſprächs hatte ſich das Sitzungszim⸗ mer faſt gefüllt. Die Abgeordneten der evangeliſchen Stände, ſechzehn an der Zahl, bildeten einen Halbkreis. Ganz auf der rechten Seite deſſelben nach dem Fenſter zu ſtand Tharradel und neben, halb hinter ihm Reubner. Die kai⸗ ſerlichen Räthe hatten ihre Sitze verlaſſen und ſich zur Seite des Sitzungstiſches, den einige Diener etwas bei Seite nach der Fenſterwand rückten, dieſer letzteren gegenüber auf⸗ geſtellt, ſodaß König Ferdinand, wenn er aus ſeinem Ge⸗ mach trat, ſie zu ſeiner Rechten haben mußte. Dadurch war der freie Raum vor dem Seſſel des Königs breiter geworden. Die eingedrungenen Leute aus dem Volke ſtan⸗ den hinter dem Halbkreis der Abgeordneten, dicht gedrängt bis zur Eingangsthür. Der Sprecher der Stände, der ein zuſammengerolltes Blatt in der linken Hand trug, war den Uebrigen etwas vorgetreten, und hielt ſich ungefähr in der Mitte des Halbkreiſes, dem Sitz des Königs ge⸗ genüber. 59 Mit wie trotzigen Geſinnungen auch die Meiſten der Anweſenden hierher gekommen waren, ein unwillkürliches Gefühl der Ehrfurcht hielt ſie doch, der Majeſtät des Throns ſo nahe gegenüber, in Schranken. Der vermeſſenſte Auf⸗ rührer vermag es nicht, ſich dem dunklen, aber heiligen Recht übererbter Sitte und Gewohnheit ſo völlig zu ent⸗ ziehen, daß er nicht einen Ueberreſt des Einfluſſes deſſelben empfinden und ihm gehorchen ſollte, wenn er unmittelbar vor das geweihte Haupt hintritt, dem die unſichtbare aber unabweisbare Gewalt eines Volkes ihre Rechte durch ehr⸗ furchtsvolle Hingebung übertragen hat. Dieſes unwillkür⸗ liche Gefühl machte ſich denn auch in der Verſammlung geltend, wie feindſelig ſonſt ihre Geſinnung, wie eigen⸗ mächtig ihre That und Abſicht ſein mochte. Es herrſchte eine gedämpfte Stille im Saal, ein ehrerbietiges Har⸗ ren auf Das, was da kommen ſollte. Nur ein leiſes Mur⸗ meln durchlief die letzten Reihen der miteingedrungenen Menge. Doch in höchſter Verlegenheit befanden ſich die Räthe des Königs, ebenſo unberechtigt in dieſem Augenblick ſelbſt⸗ handelnd, als fremdes Handeln geſtattend, aufzutreten. Mit äußerſter Spannung hielten daher Eggenberg, Kheven⸗ hüller, Fugger und Trauttmansdorff ihre Blicke auf die Thür des Cabinets gerichtet. In Slawata machte ſich die Gewalt der erſt vor Jahresfriſt in Prag erlebten Eindrücke in dieſer ganz ähnlichen Lage geltend; er war todesbleich, ſeine Knie zitterten. Faſt glich ſein Zuſtand dem, in wel— chem ſein Geheimſchreiber Fabricius ſich noch vor wenigen Minuten befunden hatte. Lamormain, der, äußerer Ge⸗ fahren ungewohnt, zuvor bei dem Kanonenſchuß gebebt hatte, fand jetzt ſeine ganze geiſtige Energie wieder. Er ſtand in gemeſſener Haltung; ſein Auge heftete ſich beobach⸗ tend auf Alles, auf jede Perſönlichkeit. In ſeinen Zügen lag etwas, was da ſagte:„Ich werde genau Acht haben, wie ein Jeglicher von euch ſich in dieſem Augenblick der Prüfung halten wird; denn der Tag wird kommen, wo ich Jeden dafür zur Rechenſchaft ziehe, und Die, welche es am wenigſten ahnen, am ſchärfſten.“ Das leiſe Murmeln im Hintergrunde des Saales wuchs zu einem lauteren Geräuſch; die Woge der Ungeduld ſchwoll höher. Schon nahmen die Züge der Menge und ſelbſt der Abgeordneten, die anfangs nur geſpannte Erwartung, ja mit etwas Scheu gemiſcht zeigten, jenen trotzigen Aus⸗ druck an, der da ſagte:„Werden wir nun bald erfahren weshalb wir hier ſind?“ Eggenberg fühlte, die andrängende Flut ſei nicht länger zu halten; er beſchloß in das Cabinet zu gehen. Seine raſche Bewegung gegen die Thür verwandelte ſich jedoch plötzlich in ein ehrfurchtvolles Zurückziehen und Verbeugen; denn ſie öffnete ſich; der König trat heraus. Ein ge⸗ dämpfter Laut der Ueberraſchung ertönte im Saale, dann folgte plötzlich die tiefſfte Stille. Man konnte jeden Athem⸗ zug vernehmen. Ferdinand's Haltung war voll Hoheit und gemeſſener Würde. In ſeinen Zügen herrſchte die vollſte Ruhe; männliche, fürſtliche Faſſung; doch ſein Auge glänzte von einem erhöhten Feuer. Er hatte ſeine Tracht, ein einfaches, ſchwarzes Sammetkleid, an den Säumen ſchmal mit Gold geſtickt und einen gleichen ſpaniſchen Mantel darüber, nicht gewechſelt; doch trug er den Degen an der Seite und den Hut, den er zuvor in der Hand gehabt, auf dem Haupt. Seine ganze Erſcheinung umſchwebte ein geheimnißvolles, höheres Etwas; der Geiſt der Majeſtät, vor dem ſich die Völker in Ehrfurcht beugen. 61 Mit ruhigem Schritt trat er vor, grüßte mit leicht gelüftetem Hut und einer Bewegung des Hauptes und nahm dann ſeinen Platz auf dem Seſſel ein. Ohne Geheiß, doch unwillkürlich hatten Alle, die zuvor meiſt mit bedecktem Haupte im Saale geſtanden, die Hüte, Helme oder Baretts abgenommen und verbeugten ſich tief. „Die evangeliſchen Stände des Erzherzogthums Oeſter⸗ reich“, begann Ferdinand mit feſter Stimme, ſodaß keine Silbe ſeiner Worte verloren ging,„haben bei mir ange⸗ ſucht, daß ſie in einer außerordentlichen Angelegenheit vor mir erſcheinen dürften. Ich bin bereit das Anliegen meiner Stände zu vernehmen. Was iſt euer Begehr!“ Durch die feſte Anrede des Königs in der trotzigen Stimmung, mit der die Deputation eingetreten war, einiger⸗ maßen erſchüttert, vermochte der Sprecher derſelben nicht ſofort eine andere, angemeſſene Haltung zu finden. Er zögerte daher mit der Erwiderung. Tharradel von Ebergaſſing, welcher der Hauptanreger des ganzen, drängenden Schrittes war, befürchtete durch dieſe Unſchlüſſigkeit eine nachtheilige Wendung der Sache; er faßte daher den raſchen Entſchluß, die Führung ſelbſt in die Hand zu nehmen. Mit entſchloſſener Haltung trat er vor und ſagte:„Ew. Majeſtät haben von Ihren evan- geliſchen Ständen eine Erklärung über das Werk der De⸗ fenſion, welches dieſelben zu errichten trachten, erfordert. Wir ſind vor Ew. Majeſtät Thron erſchienen, um dieſelbe zu geben, und haben ſie auch in ſchriftlicher Ausfertigung bereits mitgebracht, ſodaß es nur noch der Unterzeichnung durch Ew. Majeſtät Hand bedarf, um Alles in die richtige Bahn einzuleiten. In dieſem Document“, dabei nahm er dem verwirrt daſtehenden Sprecher die Rolle aus der Hand und entfaltete ſie vor dem Könige,„iſt Alles, was wir von 62 1 Ew. Majeſtät genehmigt und beſtätigt zu ſehen erwarten, enthalten.— Es bedarf nur der Unterzeichnung.“ Mit dieſen kühnen, ja vermeſſenen Worten, die eine augenblickliche Erklärung des Königs herausforderten, trat Tharradel an den Tiſch, breitete das Blatt aus und ergriff zugleich eine Feder, augenſcheinlich um den König auf der Stelle zur Unterſchrift zu drängen. Dieſes verwegene Betragen forderte Ferdinand's ganzen Stolz, ſein ganzes Selbſtbewußtſein heraus. Das Gefühl ſeines königlichen Rechts, das durch dieſes Verfahren ſo gröblich verletzt, gewiſſermaßen erſtürmt werden ſollte, durch⸗ drang ihn mit voller Gewalt. Er erhob ſich mit Anſehen von ſeinem Seſſel und trat einen Schritt vor. „Wie ich meinen Ständen ſchon ſchriftlich erklärt habe“, ſprach er mit ſtarkem Ton der Stimme,„kann ich nicht finden, daß ſie nöthig haben, zu ihrer eigenen Rettung oder Sicherheit irgend eine Defenſion, wie ſie es nennen, aus eigenen Kräften zu errichten. Meines Amtes iſt es, das Ganze, das Reich zu ſchützen, und ich werde meines Amtes wahren. Wer die Waffen einzeln für ſich ergreift, ergreift ſie wider mich!“ Mit ſtummer Verwunderung wurden dieſe entſchloſſenen Worte von der Verſammlung gehört. Lamormain richtete glühende Blicke auf den König. Die Räthe ſtaunten. Slawata, dem ſtets die Ereigniſſe zu Prag vor Augen ſtan⸗ den, zitterte. Tharradel fühlte, daß ein einziger Moment des Zurück⸗ weichens, der Unentſchloſſenheit, jetzt die ganze Angelegen⸗ heit verloren gebe. Mit zu tiefer Glut hing er an dem Kern des Unternehmens, die Freiheit der Glaubensübung neu zu ſichern, als daß er nicht den Muth gefunden haben ſollte, jetzt mit jeglicher Kraft dafür einzutreten, wo man 63 nur einen einzigen Schritt vom Ziele ſtand und es erreicht werden mußte, wenn man dieſen mit Feſtigkeit that. Noch mit Ehrerbietung im Ton, aber doch mit der entſchiedenſten Haltung, nahm er daher abermals das Wort und ſprach:„In unſerer Erklärung“, er deutete auf das Document,„iſt nichts Feindſeliges wider Ew. Majeſtät ent⸗ halten. Wenn wir uns ſelbſt zum Schutz unſerer eigenen Sache rüſten, ſo geſchieht es, weil Niemand Anderes für uns eingetreten iſt und weil wir heilige Rechte zu ſchirmen haben. Nicht wider Ew. Majeſtät erheben wir die Waffen, nicht wider die katholiſche Religion oder die katholiſchen Mitbrüder in den Ständen, nur gegen die Gewalt, die unſerem Glauben geſchieht. Deshalb wollen wir mit unſeren Glaubensbrüdern in Böhmen, Mähren, Schleſien zu unſerem Schutz und unſerer Rettung ein Bündniß ſchließen; ein Recht, das uns ſchon durch des höchſtſeligen Kaiſers Mathias Majeſtät zuerkannt iſt. Die Beſtätigung dieſes Rechts ent⸗ hält dieſe Urkunde, um deren Vollziehung wir Ew. Ma⸗ jeſtät auf das dringendſte anflehen müſſen!“ Indem noch jedes Ohr im Saal auf dieſe Rede lauſchte, erſcholl draußen der erneute Donner der Geſchütze Thurn's und mit ſolcher Gewalt, daß die Fenſter klirrten. Die mächtige Gewalt des dumpfen Kriegsgetöſes durch⸗ ſchauerte jede Bruſt. Reubner's Auge funkelte in ſoldatiſcher Freude. In des Königs Haltung riefen Tharradel's Worte und die donnernden Geſchütze nicht den Anſchein irgendeiner zu⸗ rückweichenden Beſorgniß, ſondern nur eine edle Entrüſtung hervor. „Wie?“ rief er,„will man mir Gewalt anthun?“ Tharradel, der, in dem Bewußtſein, daß die Kanonen der Böhmen mit ſeinem Thun im innerſten Zuſammenhang 64 ſtanden, den Sinn dieſer Worte misdeutete, indem er ſie nicht auf ſeine alles Maß und Geſetz der Ehrfurcht ver⸗ letzende Anrede, ſondern auf die Schüſſe bezog, erwiderte, vom Eifer noch weiter fortgeriſſen: „Es kann zuweilen eintreten, Ew. Majeſtät, daß die Ultima ratio regum auch die Ultima ratio populorum wird!“ Dieſe unbeſonnenen Worte durchblitzten Ferdinand mit einer innern Mahnung. „Wie? Das alſo iſt Eure Meinung? Ihr ſeid ſchon im Bündniß mit den Aufrührern meines Reichs und for⸗ dert noch, daß ich es hier unterzeichnen und ſanctioniren ſoll? Wider die heilige Kirche, der ich angehöre und der ich bis zum letzten Athemzuge jeden Blutstropfen meines Lebens widmen werde, führt ihr eure Waffen, und ich ſollte den Segen darüber ſprechen? Nein! Nimmermehr! Ich werde im Dienſte der wahren Kirche bleiben und ihr mein Daſein widmen wie bisher, ohne von ihr zu wanken und zu weichen. Ihr himmliſches Reich will ich erwerben, ſollte ich auch mein irdiſches dafür opfern!“ Der König ſprach dieſe Worte mit der Glut unmittel⸗ barer, höherer Eingebung; ſein Auge leuchtete, ſeinen Zügen entſtrahlte eine ſchwärmeriſche Begeiſterung. Mit gleicher Heftigkeit aber ſtieg auch die Glut einer tiefen, innerſten Berechtigung, von der ſich Ebergaſſing durchdrungen fühlte. „Ew. Majeſtät“, rief er mit flammendem Auge aus, „wollen der katholiſchen Kirche Ihre Dienſte weihen wie bisher? Das heißt ſie ſoll die einzig berechtigte und be⸗ günſtigte ſein, während unſere Glaubensbrüder in Druck und Verfolgung ſchmachten? Nimmermehr werden wir das noch länger dulden! Das ganze Volk erhebt ſich dagegen! Wir ſind ſeine Vertreter und Rechtsführer! In dieſer 2 65 Schrift“(er erhob das Document)„ſind unſere Rechte niedergelegt. Ew. Majeſtät müſſen ſie anerkennen und beſiegeln!“ In äußerſter Aufwallung ſchritt er vorwärts, bis dicht an die Erhöhung, auf welcher der König ſtand, hielt ihm mit der Linken das Document entgegen und erhob die Rechte, gleichſam um zu betheuern, daß er nicht von ſeinem Vor⸗ haben ablaſſen werde!— Ferdinand trat im Unwillen ſtolzer Empörung ſelbſt dem Verwegenen einen Schritt entgegen und machte eine Bewegung der Abwehr mit der Hand. Alle im Saal folgten dieſen Vorgängen wie gebannt. Slawata ſah das Aeußerſte kommen und bebte wie im Fieber; Eggenberg verfärbte ſich, die entſchloſſenen Männer Khevenhüller, Fugger, Trauttmansdorff machten eine Be⸗ wegung vorwärts, wie um den König zu ſchützen.— La⸗ mormain's Züge ſtrahlten Triumph. Tharradel, der im nächſten Augenblick Alles verloren ſah, wenn er wich, und Alles gewonnen, wenn er beharrte, faßte, jede Grenze der Ehrerbietung durchbrechend, den König heftig an einen Knopf ſeines Kleides und rief, wie vom wahnſinnigen Schwindel ergriffen:„Gib dich, Fer⸗ dinand! Unterzeichne!“*) „Nimmermehr!“ ſtieß ihn der König zurück und richtete ſich ſtolz auf. „Seid ihr auf meiner Seite?“ rief Tharradel zugleich und wandte ſich gegen die Volksmaſſe um, die ſich näher und näher gedrängt hatte. Auf dieſen Ruf zerriſſen plötz⸗ lich die Bande ſtaunenden Schweigens und ein wild ſtür⸗ *) Hiſtoriſch. 66 mendes„Ja! Ja!“ erſcholl, daß die Fenſter des Saales erbebten! Jetzt erblaßte ſelbſt der König, auch Lamormain's Züge deckten ſich mit fahlem Grau. Es ſchien Alles verloren. Ferdinand war in der Gewalt ſeiner Gegner. Im erſchüt⸗ terndſten Gegenſatz folgte dem einen wilden Ruf ſogleich wieder die tiefſte Todesſtille; mit angehaltenem Athem harrte Alles ob der König die Feder ergreifen werde. Da ſchmetterte eine Trompetenfanfare mit lautem, kriegeriſch freudigem Schall vom Burghof herauf.*) Es war als ob der Blitz in den Saal ſchlüge; Alle waren wie elektriſch durchzuckt. Der König richtete ſich empor. Sein Auge fragte von einem ahnenden Gefühle des Muths und der Rettung auf⸗ blitzend, was dieſer Schall bedeute. Flammend heftete er es auf die Thür. Da trat der junge Offizier von zuvor, die Menge haſtig durchbrechend, ein und rief mit kraft⸗ voll männlicher Stimme in den Saal:„Das Regiment St.⸗Hilaire reitet in den Burgplatz und ſtellt ſich Ew. Ma⸗ jeſtät zur Verfügung!“ Die abermals ſchmetternden Trompeten gaben dieſen Worten das Geleite. „Allmächtiger Gott, deine Gnade verläßt mich nicht! Du erfüllſt deine Verheißung!“ rief Ferdinand und erhob Blick und Arme gen Himmel. Die Menge, nur wild und roh im Gefühl ſicherer Uebermacht, feig ſobald ſich Gefahr mit dem Kampf ver⸗ bindet, folgte ſogleich ihrer Natur. Als ob die ſchweren, ehernen Reiter ſchon raſſelnd unter ſie ſprengten, ſtob ſie *) Hiſtoriſch. 67 in verworrenem Tumult aus dem Saal und ſtürzte, ſich ein⸗ ander faſt erdrückend, gegen die Thür. Das Gewicht dieſer Maſſe riß die Andern nach. Die Abgeordneten der Stände wurden mit fortgerafft von dieſem urplötzlichen Wirbelwind der Beſtürzung. Tharradel, im Augenblick noch auf der ſtolzen Höhe des Sieges, glich einem Menſchen, dem ein erklommener Gipfel unter den Füßen zuſammenſtürzt. Er, der ein Heer zur Vollſtreckung ſeines Willens hinter ſich glaubte, ſah ſich plötzlich ver⸗ laſſen. Reubner, den nicht der Schwindel der Furcht, aber das klare Urtheil über die Lage der Sache beſtimmte, ſah, daß hier ferner Stand halten ein Werk der Unmöglichkeit ſei. Während daher Tharradel von dem Taumel der vermeſſenen Selbſtverblendung noch nicht wieder zur Beſonnenheit gekom⸗ men, unſchlüſſig ſtand und zweifelhaft ſchien, ob er nicht noch jetzt den König gewaltſam zur Vollziehung des Do⸗ cuments drängen ſollte, faßte Reubner ihn ſelbſt kräftig beim Arm und raunte ihm zu:„Herr, macht fort! Hier iſt nicht Stand zu halten!— Ich decke Euch den Rücken!“ Wagte ſich jetzt die wahre Geſinnung ans Licht oder wollte ſich Furcht der Schuldbewußten durch Heuchelei ſchützen, doch ein noch ſtärkerer Umſchlag brach aus der Menge hervor:„Haltet die Verräther feſt!“ riefen meh⸗ rere Stimmen.„Ergreift ſie!“ „Lebendig ſollt ihr mich nicht haben“, rief Reubner grimmig, als Einige aus der Maſſe auf ihn eindrangen, und faßte mit der Rechten den Griff eines alten Dolches, den er unterm Wams trug. Er ſchwang ihn drohend gegen die Anſtürmenden; dieſe wichen erſchreckt zurück. Jetzt ergriff er Tharradel mit dem linken Arm und riß den faſt Betäubten gewaltſam mit ſich fort. 68 Schwerlich hätten ſie ſich gerettet; doch über das Ge⸗ tümmel hinweg ertönte die gebietende Stimme König Fer⸗ dinand's:„Niemand ſoll verhaftet werden! Die mit freiem Geleit gekommen ſind, ſollen gehen mit freiem Geleit. Sie ſollen die Burg, ſie ſollen die Stadt frei verlaſſen*), wenn ſie mögen!— Wir aber“, rief er begeiſtert zu den Seinigen gewandt,„wollen uns vertheidigen, ſolange ein Athemzug in uns lebt. Unſere Feinde ſollen zu Schan⸗ den werden an den Mauern Wiens, oder wir begraben uns unter ihren Trümmern!“ Die Schuldbewußten ſtoben fort, auseinander, auf allen Wegen, die ſie offen fanden. In wenigen Minuten war der Saal geleert. Die Räthe umdrängten den König mit ſtaunender, liebender, begeiſter⸗ ter Ehrfurcht. Sie faßten ſeine Hände, den Saum ſeines Kleides, um ſie zu küſſen. Er aber ſank auf die Knie, erhob dankbar betend die gefaltenen Hände und rief in tiefſter Inbrunſt: „Mein Gott! Du haſt deine Verheißung erfüllt!“ Wien nicht allein, das Reich, der Ruhm und Glanz des Hauſes Habsburg waren gerettet in die⸗ ſer Minute, für Jahrhunderte! *) Hiſtoriſch. — . ‿ —— — AN — — — ¼ —— 8. Dreiundzwanzigſtes Capitel. Der Köhler Boleslav, ſeine Frau Wlaſta und ihr Bube, Valentin, hatten nach vollendeter Arbeit des Tages ihre feſtlichen Kleider angethan und ſchickten ſich eben an, die Hütte zu verlaſſen. Die Sonne ſtand ſchon tief im Weſten; ſie goß den milden Strom eines goldig röthlichen Abend⸗ lichtes durch den Wald. Tiefe Ruhe herrſchte in ſeinen Wölbungen; nur die Vögel ließen ihre kleinen lieblichen Stimmen in einzelnen hellen Lauten hören, und das flü⸗ ſternde Rauſchen des Waldbachs, der unfern der Hütte munter vorüberfloß, klang durch die Stille. Die Familie wollte zur Verrichtung ihrer Abendandacht nach einem Crucifix wandern, das eine halbe Stunde von ihrer Hütte im Walde ſtand. Denn die Kirche in Groß⸗ Lasken war niedergebrannt. Dort konnten ſie kein Gebet verrichten; die nächſten Dörfer oder einzelnen Kapellen lagen zu weit entfernt. Und auch, wenn ſie dorthin gegangen wären, würden ſie, da ſie ſich zur utraquiſtiſchen Lehre hielten, keine freie Stätte zu ihrer Glaubensübung angetroffen haben. Allein das Bild des Herrn, des Gekreuzigten, der für Alle ge⸗ 72 ſtorben, konnte auch Allen die reine Stätte der Andacht darbieten. Zu einer recht brünſtigen aber fühlten ſich die redlichen Leute gedrungen. Denn in den letzten Tagen waren ſie durch die Gnade des Himmels vielen Gefahren und düſtren Geſchicken entgangen. Nicht nur, daß der Sohn ihnen aus der Schlacht gerettet heimgekehrt war, ſo hatte auch der Aufenthalt Xaver's ihnen oft Sorgen und Ge⸗ fahren gebracht, die nunmehr glücklich beſeitigt waren. Denn nachdem ſie ihn fünf Tage getreulich gepflegt, war er ſo weit geneſen, daß er am Morgen dieſes Tages in der Kleidung eines böhmiſchen Landmanns die Hütte verlaſſen hatte, um ſeine fernere Rettung zu ſuchen. Xaver hatte den Weg nach Linz eingeſchlagen, weil er von dort auf einem der Donau⸗ ſchiffe leicht und ſchnell bis in die Nähe Wiens gelangen konnte, wo er zu Thurn's Heer, von deſſen Vordringen bis dahin ſelbſt in ſein Verſteck die Kunde gedrungen war, zu ſtoßen dachte. Dort hinaus war der Weg freier und ſicherer als nach Böhmen hinein, wo ringsher die kaiſerlichen Truppen ſchwärmten und jeglicher Einwohner ihrer Mishandlung ausgeſetzt war, die kräftigen Männer aber Zwangskriegs⸗ dienſte nehmen mußten. Auch wußte Xaver gar nicht, wo er Mansfeld oder Theile ſeines verſprengten Corps auffinden ſollte. Auch für ſeine fernere Rettung wollte die redliche Köhler⸗ familie, die ihn innig lieb gewonnen hatte, beten. Deshalb alſo ſchritt ſie in feſttäglicher Kleidung wie zum Beſuch der Kirche durch den Wald dahin, dem Crucifix zu, welches an einer Stelle ſtand, wo ſich mehrere Wege kreuzten. Der Sage nach war es von dem frommen und ritterlichen Könige Georg Podiebrad aufgerichtet, zum Andenken an ein glückliches Jagdereigniß. Einer ſeiner liebſten Edelknaben, 73 der ihn auf einer großen, in dieſen Wäldern veranſtalteten Jagd begleitete, wurde dort von einem Eber, den er ab⸗ fangen wollte, niedergeworfen, und war, ſo ſchien es, ret⸗ tungslos verloren. Da ſchoſſen im Augenblick der äußerſten Gefahr zwei prächtige Doggen des Königs aus dem Dickicht, packten das Thier, und der Edelknabe, obwol hart ver⸗ wundet, wurde gerettet. In der Aufrichtung des Cruecifixes, welches die Jahres⸗ zahl 1460 trug, ſprach ſich der fromme Dank des Kö⸗ nigs aus. Eine kleine Waldlichtung am Wege, deren Boden mit dem weichſten Mooſe bedeckt war, bezeichnete die Stelle, wo das Kreuz ſtand, und ließ ſie ſchon von fern durch die helle Beleuchtung wahrnehmen. Daneben erhob ſich eine alte breitäſtige Eiche, die ihre Zweige noch über das Kreuz hinausſtreckte. Die Sonne, im Rücken der Wandernden, warf ihre vergoldenden Strahlen darauf, die mit doppeltem Glanz leuchteten, gegen das tiefe Schattendunkel der alten Fichten, zwiſchen welchen die Köhlerfamilie hinſchritt. „Mutter! Dort kniet Jemand!“ ſagte Valentin, wel⸗ cher einige Schritte voranging, und deutete mit dem Finger gegen das Kreuz. Sie gingen leiſe näher. In der That kniete, mit dem Rücken zu ihnen gewendet, dort, wie es ſchien, ein Knabe in ländlicher Tracht etwa von Valentin's Alter. Das ſchwarze Haar floß ihm, unten leicht gelockt, bis über den Nacken herab; eine Wandertaſche hing ihm an der Seite nieder, ein Stab lag neben ihm im Graſe. Er war ſo tief in ſeine Andacht verſenkt, daß er die Kommenden nicht wahrnahm. Die Köhlersleute gingen, um den Betenden nicht durch ihr Geräuſch zu ſtören, leiſe näher. Das weiche ſchwellende Moos unter ihren Füßen machte ihre Tritte unhörbar. So Rellſtab, Drei Jahre. II. 2. 4 74 waren ſie dem Andächtigen ganz nahe gekommen. Wie gefeſſelt blieben alle Drei ſtehen bei dem Anblick der Schön⸗ heit des Knaben, deſſen Angeſicht ihnen jetzt halb zuge⸗ wendet und von dem Schimmer des Abends röthlich ange⸗ ſtrahlt war. Bedeutſam legte Wlaſta die Finger auf ihre Lippen und blickte Valentin und Boleslav mit bittenden Augen an, den Betenden nicht zu ſtören.„Wer weiß“, dachte ihr frommes, weiches Gemüth, ob er nicht ebenſo unglücklich und verlaſſen iſt, als vor wenigen Tagen mein Valentin ſich auf dem Schlachtfelde fühlte! Sie richtete die Blicke unverwandt auf ihn. Seine weichen, dunkelrothen Lippen bewegten ſich leiſe im Flüſtern des Gebets; er er⸗ hob die gefalteten Hände von Zeit zu Zeit etwas höher und drückte ſie gegen die Bruſt; ein goldener Blitz der ſin⸗ kenden Sonnenſtrahlen verrieth eine Thräne, die ihm die Wange netzte. Durch eine zufällige Bewegung, welche der betende Knabe machte, ſtreifte ſein Blick halb an den Herbeigekom⸗ menen hin; er ſchreckte zuſammen, ſah ſich ſcheu um und ſprang furchtſam auf. Haſtig fuhr er ſich mit der Hand über die Augen, verwiſchte die Thräne und ſagte ein leiſes, be⸗ troffenes„Guten Abend!“ „Laßt Euch in Eurem Gebet nicht ſtören“, erwiderte Wlaſta, zu der der Blick des etwa ſechzehn⸗ oder ſiebzehn⸗ jährigen Halbjünglings ſich mit bittendem Vertrauen wen⸗ dete;„wir ſelbſt ſind gekommen, um unſere Andacht hier zu verrichten, da der Krieg die Kirchen zerſtört und nieder⸗ brennt!“ „Ja wol, der Krieg zerſtört“, ſagte der Knabe mit ſehr weichem Laut der Stimme, und ſein feuchtes Auge hob ſich aufwärts gegen den blauen, reinen Himmel.„Der Krieg hat auch mich hierher geführt!“ 75 „Du biſt fremd hier?“ fragte der Köhler mit dem rau⸗ hen Tone, welchen er trotz der Gutmüthigkeit ſeines Herzens doch nicht zu mildern verſtand. „Ganz fremd!“ „Woher kommſt du?“ „Von Tabor“, antwortete der Befragte nach einigem Zögern erröthend und leiſe. „Und wohin willſt du? Was willſt du hier?“ fragte der Köhler weiter. Es ſchien, daß die Antwort dem Knaben ſehr ſchwer wurde, denn er athmete tief auf und ſeine Züge verriethen einen innern Kampf.„Ich habe einen Bruder, der in der Schlacht mitgefochten hat,— wir haben keine Nachricht, ob er lebt,— ich wollte ihn aufſuchen!“ „Stand er bei den Kaiſerlichen?“ fragte der Köhler mit einem forſchenden Blick. Die Antwort blieb aus. Wlaſta errieth den Grund. In dieſen düſtren Zeiten war Niemand in Böhmen ſicher, ob er ſich durch eine Antwort auf dieſe Frage einem Feinde bloßſtellte oder einen Freund machte. Wlaſta ſagte daher: „Scheue dich nicht, uns die Wahrheit zu ſagen; mag dein Bruder gefochten haben wo es ſei, von uns haſt du des⸗ halb nichts zu fürchten. Können wir dir behülflich ſein, ihn aufzufinden, ſo ſoll es gern geſchehen.“ „O dank Euch, dank Euch, liebe gute Frau“, antwor⸗ tete der Knabe und blickte Wlaſta an wie man eine Mutter anſchaut.„Ihr werdet mir nicht helfen können, ihn auf⸗ zufinden, denn ich muß nach Allem, was ich erfahren habe, glauben, daß er unter den Todten weilt.“ „O, es iſt Mancher gerettet worden“, rief Valentin lebhaft aus. 4* „Ja, es iſt Mancher gerettet worden“, fiel Wlaſta ein; „auch dieſer, mein Sohn, war in Gefahr. Wir ſind hier⸗ her gekommen, um unſer Dankgebet zu halten für alle Gnade des Himmels in dieſen Tagen der Noth und Drangſal! Und die Sonne ſoll nicht untergehen, ehe wir dieſe Pflicht erfüllen.“ Mit dieſen Worten kniete ſie nieder; Boleslav zu ihrer Rechten, Valentin zu ihrer Linken.— Etwas abſeit von ihnen kniete auch der Fremde zum zweiten male nieder und betete andächtig. Das tiefſte Schweigen herrſchte im Walde. Die Sonne röthete nur noch die äußerſten Wipfel, in denen kein Blätt⸗ chen ſich regte, mit mattem Purpurduft. Roſiges Gewölk webte leichte flockige Schleier über das Himmelsblau. Der Abend hauchte ſeine heilige Stille über die Erde; nur die unwillkürlichen Laute der Betenden unterbrachen ſie mit lei⸗ ſem Murmeln. Tiefſter Friede war in der Natur— blutiger Krieg in der Welt! In der ewigen Kirche, die Gottes Hand ſelbſt erbaut, Eintracht, Ruhe, Segen; in der Bruſt des Men⸗ ſchen, die die reinſte Kirche ſein ſollte, Zwietracht, Schrecken, Haß! O daß der Segen der Natur den Fluch der Welt endlich und auf ewig heilen möchte! „Amen!“ ſagte Wlaſta, die ihr Gebet geendet hatte, erhob das Haupt und ſtreifte mit der Hand das Haar zu⸗ rück, welches über ihre gebeugte Stirn ein wenig vorge⸗ wallt war. „Heiliger Gott!“ rief der fremde Knabe neben ihr und faßte mit einem Ungeſtüm ihre Hand, daß die noch in das Gefühl der tiefen Andacht verſenkte Frau ſcheu zurückſchreckte. „Von wem habt Ihr dieſen Ring? Iſt er von einem Le⸗ benden oder habt Ihr ihn einem Todten abgezogen?“ 77 Ein fliegendes Roth wechſelte mit Todtenbläſſe auf ſei⸗ nem Angeſicht, indem er dieſe Worte faſt gewaltſam heraus⸗ warf. 1 „Mein Gott! Was iſt Euch“, fragte Wlaſta ſtaunend, „der Ring gehört, ſo hoffe ich, einem Lebenden, der ihn mir heut Morgen zum Andenken geſchenkt!“ „So iſt er's! Wo iſt er? Ich beſchwöre Euch“, rief der Knabe und faßte die Hand Wlaſta's flehend mit ſeinen beiden Händen. „Wäre es Euer Bruder?“ fragte dieſe, von ahnungs⸗ vollem Staunen ergriffen; doch unmittelbar darauf rief ſie, da ſie ihre Augen ſchärfer auf den Knaben gerichtet:„Ihr ſeid ein Mädchen!“ Thereſe war es, die zu den Füßen Wlaſta's lag, ihre Knie bebend umfaßte und ſchluchzend rief:„Ich bin die Gattin Deſſen, deſſen Ring Ihr tragt, ich flehe Euch an bei dem Heiland, zu dem wir eben gebetet, ſagt mir, wo er iſt, führt mich zu ihm!“ „Allmächtiger Himmel, iſt das möglich— Ihr ſeine Frau, Ihr ſucht ihn auf,— und Gott hat Euch ſo wunder⸗ bar auf ſeine Spur geführt!“ rief Wlaſta, indem ſie Thereſen zu ſich emporzog.„O er, der Eunch hierher geleitet, wird Euch auch weiter zu Eurem Manne führen! Welche wunderbare Ereigniſſe erlebt man in dieſen ſchweren Zeiten!“ „Sagt mir nur, Ihr liebe, theure Frau, wo iſt er, wo find' ich ihn?“ bat Thereſe, welche den Halbrauſch der Ueberraſchung ſchon mit ihrer gewohnten klaren Feſtigkeit überwunden hatte. „O, wäret Ihr einen Tag früher, wäret Ihr dieſen Morgen gekommen!“ entgegnete ſie,„Ihr hättet ihn noch bei uns getroffen in unſerer Hütte, wo er Zuflucht ge⸗ * 78 funden. Doch heut mit der Frühe iſt er aufgebrochen, um ſich auf Umwegen zu den Seinigen zu retten!“ „Heut!— Heut iſt er fort— und wohin?“ fragte Thereſe, deren glückſeliger Traum ſo ſchnell vorüberflog, und der ſchwermüthige Ernſt lagerte ſich wieder bleich und lähmend auf ihren eben noch ſo bewegten und von dem fliegenden Schimmer der Freude roſig angehauchten Zügen. Die Köhlerfamilie erzählte ihr jetzt, Einer den Andern leicht ergänzend, was mit Xaver geſchehen war, wohin er ſich gewendet. „So iſt mein Entſchluß feſt“, ſprach Thereſe.„Ich will ihm nach! Noch in dieſer Stunde!“ „Ihr ſeid zu erſchöpft, edle Frau“, wandte ihr Wlaſta ein,„Ihr ſeid den ganzen Tag gewandert, wollt Ihr nicht das Obdach in unſerer Hütte wenigſtens für dieſe Nacht annehmen?“ Es hatte einen eigenen, ſchmerzlich ſüßen Reiz für The⸗ reſe, die Nacht in dem Raume zuzubringen, wo Xaver in dieſen Tagen der Bedrängniß Schutz, Erquickung und Pflege gefunden. Sie war überdies bis zum Hinſinken entkräftet, denn ſeit der plötzlichen, ihr von den Ahnungen und drän⸗ genden Gefühlen ihrer Bruſt unabweisbar gebotenen Flucht aus Karlsſtein war ſie unter mühſeligſten Beſchwerden, und ſtets bedroht von den Gefahren, die die Entdeckung ihres Geſchlechts mit ſich gebracht hätten, Tag um Tag, ſelbſt auch mehrmals die Nächte gewandert; heut, ſeit dem dämmern⸗ den Morgen. Sie hatte es nicht geſcheut, unter tödtlichen Schauern das Schlachtfeld ſelbſt zu durchſuchen, wo noch Hunderte von Leichen unbeerdigt oder kaum mit leichtem Staub bedeckt lagen, und die heißen Junitage die gift⸗ erfüllten Dünſte der Verweſung ausbrüteten. Erſt mit der Abendſtunde war ſie in das Dunkel und 79 die Kühlung des Waldes geflüchtet, um hier eine verbor⸗ gene Lagerſtätte zu ſuchen, faſt hoffnungslos, das Ziel, wel⸗ ches die unbeſiegbare Macht ihrer liebenden Seele aufſuchte, zu erreichen. Da hatte der Zufall, wenn wir die wunder⸗ baren Ueberraſchungen, auf welche die Vorſehung unſere Pfade hinlenkt, ſo frevelhaft benennen dürfen, ſie zu dem Crucifix geführt. Mit gläubiger Kraft begrüßte ſie dieſes Zeichen und ſank in brünſtigem Gebet vor dem Heilande nieder. Schon ſtand in dem Bilde der frommen Familie, welche die Retterin Xaver's geweſen, die Erfüllung ihres Flehens hinter ihr, als es noch auf den Flügeln heißer Andacht zum Himmel emporſchwebte. Die tief erregende Gewalt dieſer Begegnung hatte für den Augenblick auch ihrer Kraft neue Schwingen geliehen; doch um ſo fühlbarer kehrte die Erſchöpfung zurück. Wlaſta erſah aus den bleichen Zügen, aus der bebenden Haltung The⸗ reſens, daß ſie an der äußerſten Grenze der Anſtrengungen ſtand. Sie wiederholte daher ihr Anerbieten, daß Thereſe gleichfalls ihre Hütte zum Obdach nehmen möge mit lieb⸗ reichem Inſiedringen, das dieſe zitternd, mit bleich er⸗ ügen nur durch die Bewegung des Kopfes ver⸗ neinte.. „Ihr könnt nicht weiter, edle Frau“, ſagte Wlaſta; „Ihr würdet der Anſtrengung erliegen.“ „Nein, nein“, rief Thereſe, und das heldenmüthige Wollen flammte aus ihren Augen;„ich muß weiter. Gott wird mir Kräfte leihen. Wenn ich noch dieſe eine Nacht be⸗ harre, kann ich ihn mit der Morgenſonne erreichen. Säume ich jetzt, ſo iſt vielleicht Alles verloren! Nein, nie würde mich dieſer Vorwurf verlaſſen! Ich müßte ihm erliegen!“ Die Erhebung der Seele, mit welcher Thereſe dieſe Worte ſprach, übte ihre Gewalt ſelbſt auf die rauhe Natur 80 des Köhlers; und Valentin blickte ſie ganz hingeriſſen, mit ehrfurchtsvollem Staunen an, als ob eine Heilige vor ihm ſtehe. „Frau“, fiel der Köhler ein,„du haſt Recht, aber die edle Dame auch. Ich denke aber, ich finde ein Mittel. Ich habe ja im Winter unſerm Nachbar Chladeck in ſeiner ſchwe⸗ ren Krankheit manchen Dienſt geleiſtet. Er wird mir ein Geſpann Stiere leihen! Ich gehe gleich von hier aus hin⸗ über zu ihm. Du führſt die edle Frau in unſer Haus, erquickſt ſie mit dem Beſten, was wir haben, ſie raſtet eine Stunde, und wenn es völlig dunkel iſt, ſind wir mit dem beſpannten Wagen da und fahren ſie die Straße ſüdlich ſoweit als möglich.“ „Wie ſoll ich Euch danken“, ſagte Thereſe gerührt, und reichte dem Köhler die Hand.„Nur Gott, der in meine Seele ſieht, vermag es!“ „Was iſt da viel zu danken!“ antwortete Boleslav derb, aber treuherzig.„Komm mit mir, Valentin, du ſollſt mir helfen.“ „Sie gingen den einen der ſich am Crucifix kreuzenden Wege hinab, während Wlaſta und Thereſe den entgegen⸗ geſetzten einſchlugen, ihn aber bald verließen n betretenen Waldpfaden die Wohnung des Köhlers erreichten. Mit heiliger Rührung betrachtete Thereſe hier jede kleine Spur, die Xaver von ſeinem Aufenthalt zurückgelaſſen hatte. Hier hatte er geweilt, ihrer in Sehnſucht gedacht. Dieſe Lagerſtätte war die ſeinige geweſen! Es war als ob ſein Geiſt ſie liebevoll umſchwebe. Sie ſetzte ſich, während Wlaſta ihr mit häuslicher eifriger Sorgſamkeit ein Nacht⸗ mahl bereitete, auf die Ruheſtätte nieder, wo Xaver's Wun⸗ den geheilt waren. Sie legte das ermattete Haupt auf daſſelbe Mooskiſſen, das die Freundlichkeit der Bewohner dieſer Schwelle ihm untergebreitet hatte. Die Ermattung überwältigte ſie; bald umfing ſie ſüßer, tiefer Schlaf, doch von holden Traumbildern durchwebt. Es war nur eine Stunde der Ruhe; aber eine der vollſten Erquickung!— Der Köhler war mit dem Fuhr⸗ werk gekommen, zwei kräftige Stiere bildeten die Beſpan⸗ nung. Mit freundlicher Sorge hatten er und Valentin ein weiches, hochſchwellendes Mooslager auf dem Wagen be— reitet. Gelabt von der milden Hausfrau, verließ Thereſe dieſe gaſtliche Stätte, wo unter ärmlichem Dach ſo reiche Herzenstreue wohnte! Innig, wie eine Tochter, hing ſie in Wlaſta's Umarmung!„Gott wird es dir vergelten, du Redliche! Er wird!“ ſprach ſie aus tiefſtem Vertrauen der Seele. Sie beſtieg den Wagen. Mit einem ſelig wehmuth⸗ vollen Gefühl drückte ſie ihr müdes Haupt in das weiche Moos; ſie empfand die ganze Wohlthat ſüßer Ruhe nach überſchwerer Anſtrengung. Es war Erquickung des Körpers und der Seele.— Vater und Sohn leiteten das Fuhrwerk; in den ſteilen Bergwegen war doppelte männliche Hülfe räthlich; und Beide fühlten den innern Drang, Thereſen Geleit und Schutz zu gewähren. Die Stiere zogen an. Die Nacht war mild. Die Sterne ſtanden klar am Himmel. Thereſe blickte hoffend zu ihnen auf.„Leuchtet meinen dunklen Wegen, ſchwebt ſchützend über mir!“ So betete ihre Seele. Bald verſchwanden die Reiſenden im Dunkel des Waldes. Vierundzwanzigſtes Capitel. „Ja, wenn wir Linz erreichen könnten, noch heut“, ſagte mürriſch ein gegen den leis vom dunklen Abendhimmel ſtäu⸗ benden Regen dicht in den Mantel gewickelter Reiter zu ſeinem vor ihm reitenden Gefährten, deſſen Pferd ebenſo mühſam wie das ſeinige den ſteilen abſchüſſigen Pfad hinab⸗ kletterte. „Es iſt nicht daran zu denken“, erwiderte der Andere rauh.„Wir haben noch über fünf Stunden dahin. Und bei ſolchen Wegen! Der Teufel hat, glaube ich, den Wald hier wachſen laſſen! Eine Wurzel über der andern, Dorn⸗ ſträucher, die einem Hoſen und Wams zerreißen. Schling⸗ pflanzen, daß es Noth thäte, ſich den Weg mit dem Flam⸗ berg zu ſäubern, Farrnkraut bis an die Bruſt, Moos, daß die Pferde bis über die Köthe eintreten, und doch darunter ewig dieſe ſcharfen, ſpitzen Steine! Wenn unſere Gäule nicht alle vier Beine brechen und wir unſere beiden Hälſe, ſo iſt es Gottes und der heiligen Jungfrau Wille!“ „Der Weg wird doch nicht überall ſo ſchlecht ſein“, antwortete der Erſte;„wir ſind gewiß irre geritten! Nach Linz muß doch eine beſſere Straße führen!“ „Was, Straße! Wenn wir von Budweis hierher auf dem großen Wege geblieben wären! Allein wir ſind ſeit⸗ wärts gerathen. Das ſind Nebenthäler und Nebenrücken des Gebirges, über die wir klettern!“ „Daß der Burſch von geſtern Abend heut ſo früh vor Tage aufbrach!“ fing der Erſte nach einiger Zeit wieder an. „Er ſchien den Weg zu wiſſen!“ „Er wollte aber nichts mit uns zu thun haben!“ „Ich glaube, du haſt Recht, Kaspar Schwarz“, ent⸗ gegnete der Andere. „Nichts du!“ fuhr ihm der Reiſegefährte ins Wort. „Mit wem ich mich duzen ſoll, der muß einen Scheffel Salz mit mir gegeſſen oder eine Campagne mit mir ge⸗ macht haben; das habt Ihr Beides nicht, Pan Zaloska!“ betonte er ſpöttiſch.„Ihr habt, glaube ich, noch kein Körn⸗ chen Pulver gerochen!“ „O doch, vielleicht mehr als Ihr denkt, Pan Reiters⸗ mann Kaspar Schwarz“, antwortete Zaloska verdrießlich, aber ſcheinbar ſcherzend. „Gratulire!“ ſagte der Reitersmann trocken.„Das iſt abgemacht. Was wolltet Ihr aber noch von dem jungen Gelbſchnabel, dem Milchbart ſagen?“ „Muß ihn irgendwo ſonſt ſchon getroffen haben. Er ſah mir bekannt aus.“ „Habt Ihr ihn denn geſehen?“ fragte Kaspar.„Ich weiß nicht wie er ausſieht. Als wir ihn trafen, war es ja ſchon halb finſter, und das Tuch, womit er ſich das Kinn eingebunden hatte, bedeckte ihm das halbe Geſicht.“ „Ich habe ihn einen Augenblick in dem flackernden Feuer⸗ ſchein am Herde geſehen, als er ſich in der Küche gerade Hände und Geſicht wuſch. Da mußte ich gleich dentn den kennſt du ja!“ „Man ſieht viel Leute in der Welt!“ warf Kaspar hin. „Holla! Willſt du auch noch ſtolpern!“ unterbrach er ſich ſelbſt, als ſein Pferd einen Fehltritt that und faſt in die Knie geſtürzt wäre. Er riß den Zügel roh an und gab dem Gaul ein paar Sporen.„Ungeſtraft ſollſt du nicht bleiben!“. „Ihr thut nicht Recht daran“, ſagte Zaloska.„Ein alter Reitersmann hat mich gelehrt, man muß ſein Pferd niemals ſtrafen wegen des Stolperns. Sonſt erſchrickt es beim nächſten Fehltritt und ſtürzt oder geht davon!“ „Davongehen?“ fragte Kaspar mit ſpöttiſchem, lachen⸗ dem Tone.„Man ſieht, daß Ihr Euch noch nicht lange mit dem Reiten abgebt. Mein Gaul wird nicht mit mir davongehen!— Wovon ſprachen wir doch? Ja ſo! Von dem jungen Fant. Ein Milchbart iſt er, das hatte ich doch gleich weg, obwol ich nicht viel mehr als ſeine Naſenſpitze geſehen habe. Ein weichliches Mutterſöhnchen! Würde ſich ſonſt um ein bischen Zahnſchmerz nicht bis über die Ohren in Tücher einwickeln. Auch in der Herberge ſchlich er ſich abſeit, als ob's ihm zu gefährlich wäre, mit uns zuſammen auf der Streu bei den Pferden zu liegen. Ich glaube, er iſt irgendwo in ein Federbett gekrochen!“ „Aber doch früher aufgeſtanden als wir!“ „Pah! Hatte er ein Pferd abzufüttern und zu putzen? Hat er aufzäumen und ſatteln müſſen wie wir?“ „Er muß einen guten Vorſprung gehabt haben, daß wir ihn nicht einholen!“ „Einholen! Als ob es mir darum zu thun geweſen wäre! Auf ſolchen Wegen, wie hier, reitet man überall lang⸗ ſamer als man zu Fuß geht!“ „Das Ungewitter hat uns freilich auch aufgehalten.“ „Nun, was das anlangt, ſo wird es ihn auch getroffen haben, und er iſt zuverläſſig irgendwo untergeduckt. Solche Regengüſſe läßt ſich Niemand gern über den Pelz kommen, vollends ſo ein Flaumbart!— Ich ſelbſt war ganz zu⸗ frieden, daß wir in der Mühle blieben, und weiß doch, daß man vom Regen nicht ſchmilzt.“ „Der Nachregen hat uns doch durchgeweicht.“ „Den Mantel! Viel weiter iſt's nicht gegangen!“ Hier brach das Geſpräch ab. Beide ritten eine Zeit lang ſchweigend, bald neben, bald hintereinander hin, wie der Pfad es erlaubte. Es wurde immer dunkler. Bei dem wolkenbedeckten Himmel und leiſen Regen, der dem ſchwe⸗ ren Gewitter gefolgt war, trat die Nacht eine Stunde frü⸗ her ein, und drohte, obwol es in der Mitte des Juni war, ſo finſter zu werden wie im Herbſt. „Holla! Wohin nun? Hier ſpaltet ſich der Weg!“ fragte Zaloska, der zufällig eben voranritt,„rechts oder links?“ „Man ſieht, daß Ihr Euer Lebtag ein Bauer und kein Reiter geweſen ſeid, Pan Zaloska“, antwortete Kaspar ſpöttiſch. Ihr habt ſo viel Geſchick, einen Weg zu finden, wie der Rabe zum Singen. Wenn wir links ritten, müß⸗ ten wir ja immer tiefer ins Gebirge und von der großen Straße nach Linz abkommen; rechts von uns muß ſie lie⸗ gen, folglich müſſen wir überall rechts halten! Laßt mich nur vorreiten.“ Er drängte ſeinen Rappen an Zaloska vorbei und bog in den Pfad rechts ein, obgleich dieſer beinahe noch unweg⸗ ſamer war als der links. „Verflucht ſteil“, murmelte er;„und glatt wie auf dem Eiſe. Das kurze Gras iſt ſo ſchlüpfrig geworden vom Regen.— Horch?“ ſagte er und hielt an.„Rauſcht es nicht unter uns?“ „Ja, ja! Ein Waldwaſſer“, ſtimmte Zaloska bei. „So ſind wir richtig! Der Bach muß uns den Weg zeigen. Wir reiten wohin er fließt. Hat der alte Schuft von Müller nicht gelogen, ſo müſſen wir nun bald von dem verteufelten Waldrücken hinunter ſein und im Thal gebahnten Weg treffen!“ „Die Herberge, von der er ſprach, muß noch weit ſein!“ entgegnete Zaloska im fragenden Tone. 86 * „Reiten wir nicht um, ſo müſſen wir in einer Stunde dort ſein!“ „Ich muß ſagen, es wäre mir lieb. Ich habe Hunger und bin müde! Möchte mich gern ausſtrecken auf einem Bett oder friſchem Stroh.“ „Ich muß ſagen“, ahmte ihm Kaspar Schwarz nach, „faul iſt und bleibt der Bauer! Mir iſt's eins, ob auf dem Sattel oder im Bett“, ſetzte er mürriſch hinzu. Der Weg wurde zu ſteil und finſter, um ein zuſammen⸗ hängendes Geſpräch zu führen. Jeder hatte genug zu thun, ſein Pferd vor dem Sturz zu bewahren. Die Reiter glaub⸗ ten das Brauſen des Waldbachs immer dicht zu ihren Füßen zu hören, allein die Stille der Nacht täuſchte über die Ent⸗ fernung. Erſt nach einer halben Stunde mühſeligen Klet⸗ terns, wobei ſie zuletzt abſitzen und die Pferde am Zügel führen mußten, erreichten ſie das Ufer des wilden Gebirgs⸗ waſſers und damit zugleich eine etwas gebahntere Straße. Denn ſie ſahen hier einen fahrbaren Holzweg, wo ſtark be⸗ ſpannte Wagen fortkommen konnten, wenn auch mühſam, abwechſelnd in tief ausgefahrenen, ſumpfigen Gleiſen, und über Felsſtücke und kieſiges Gerüll. „Nun, hier, wo der Bauer ſein Holz und ſeine Kohlen aus dem Walde fährt, denke ich, werden wir auch vor⸗ wärts kommen, ohne das Genick zu brechen. Nun können wir wieder aufſitzen“, ſprach Kaspar und ſchwang ſich in den Sattel.„Ein Glück, daß es gerade noch ſo weit dämmert, um die Gleiſe zu erkennen. Jetzt werden die Gaule den Weg ſchon ſelbſt finden.“ Mit dieſen Worten ritt er voran, ohne auf Zaloska zu warten, der etwas ſchwer mit dem Geſchäft des Auf⸗ ſitzens zu Stande kam. Im Thale wurde es bald völlig Nacht, und da der Himmel ganz von Regenwolken bedeckt war, konnte ihnen auch kein einzelnes Sternblinken zur Lei⸗ tung auf dem vielfach gekrümmten Wege dienen. Indeß zur Rechten der Bach, zur Linken die anſteigende Höhe, war es unmöglich, die Straße zu verfehlen. Zeit und Weile wurde den Reitern lang im Dunkel und fortdauernden, fein ſtäubenden Regen. „Ich glaube, wir reiten ſchon drei Stunden“, fing end⸗ lich Zaloska wieder an,„ſollten aber doch in einer Stunde in der Herberge ſein!“ „Eure müden Gliedmaßen, die das Reiten nicht er⸗ tragen können, machen Euch die Zeit länger“, antwortete Kaspar.„Es iſt noch keine Stunde vergangen!“ Sie ritten wieder einige Minuten ſchweigend. „Horch, was iſt das?“ fragte auflauſchend Kaspar, der ſtets mit ſcharfem Ohr und Auge, wie er es als Kriegs mann gewohnt war, umherſpähte.„Hört Ihr wol?“ Zaloska horchte auf. Es raſſelte und kniſterte im Walde, in einer ziemlich ſteil anſteigenden Schlucht, welche ſich von der linken Seite her gegen den Bach hinunterſenkte. Das ſeltſame Geräuſch kam von der Höhe herab und näherte ſich. Die Pferde ſchnaubten und ſchüttelten ſich, Scheu ver⸗ rathend.. „Ich glaube, es bricht ein Bär durch den Forſt“, meinte Zaloska, der von ſeinem Wohnſitz im Erzgebirge her Er⸗ innerungen an dergleichen unheimliche Erſcheinungen des Waldes hatte. „Der Bär geht allein; aber das iſt nicht einer; es muß ein Rudel wilder Schweine ſein“, erwiderte Kaspar. „Hm! Wenn ſie gerade auf uns ſtoßen, ſind es ſchlechte Gäſte!“. „Wollen wir nicht zurückreiten?“ fragte Zaloska, der in ſolchen Fällen nicht der Beherzteſte war. „Ich weiß nicht, ob die Gefahr mehr hinter oder mehr vor uns ſteckt; wir ſind hier gerade auf der Mitte der Schlucht!— Holla! Die Geſellſchaft kommt näher.“ Das Laub rauſchte und die Zweige kniſterten in einer Entfernung, die kaum hundert Schritte betragen konnte. Die Pferde wollten nicht vorwärts und fingen an ſcheu zu bäu⸗ men. Zaloska faßte die Mähne; ein ſchlechter Reiter, fürch⸗ tete er vom Sattel zu gleiten. Kaspar ſah ſich ſcharf um, ob er nicht einen ſichern Platz entdecke. Er gewahrte einige Schritte aufwärts ein paar ſtarke Bäume. Entſchloſſen ſpornte er ſeinen Rappen und zwang das Thier den ſteilen Berghang hinan. Hier neſtelte er es zwiſchen einen ver⸗ witterten Eichenſtamm und einer mächtigen Fichte gewiſſer⸗ maßen ein.„Dieſe Paliſſade wird wol kein Keiler durch⸗ brechen“, ſagte er. Aber kaum hatte er die etwas deckende Stelle erreicht, als auch ſchon die wilde Schaar dicht an ihnen war.— Zaloska, der Kaspar's Seitenbewegung fol⸗ gen wollte, hatte nicht die Gewalt über ſeinen Gaul. Und da in dieſem Augenblick das bedrohliche Geräuſch ſich ver⸗ ſtärkte und das tiefe Schnaufen der Thiere ſich mit dem Gekniſter der brechenden Zweige miſchte, wuchs die inſtinct⸗ artige Scheu des Pferdes ſo, daß es ſteil aufbäumte, ſei⸗ nen Reiter abwarf und dann mit kurzer Wendung zurück⸗ ſprang. Zaloska ſtieß einen Schrei aus. Kaspar wandte den Kopf nach ihm um, aber jetzt war nicht Zeit, ihm zu helfen. Denn eben brach das erſte der borſtigen Thiere dicht vor ihm durch das Geſtrüpp und ſchnaubte hart an feinem Gaul vorbei. Kaspar bedurfte aller Reiterkunſt und Kraft, um ſein Thier feſtzuhalten; es klemmte ſich aber auch ſo feſt mit ihm an den Eichenſtamm, daß er ſich faſt die linke Hülfte zerquetſchte. Ein Glück, daß das Grauen des Thieres ſelbſt es jetzt regungslos bannte. Es zog nur ſcheu 89 den Kopf zurück und flog zitternd an allen Gliedern; die Mähne ſträubte ſich und es warf die Nüſtern weit auf. Die borſtige Heerde raſſelte und ſchnaubte vorbei; den Rüſſel tief gegen den Boden gewendet, ſchnupperte ſie durch das Unterholz und hohe Farrnkraut hin. Die glühenden Augen blitzten wie Funken zwiſchen dem Laub hindurch. Hätte der vorantrabende Keiler ſich ſeitwärts auf Kaspar zugewandt, die ganze Heerde würde ihm gefolgt ſein; da er aber in ge⸗ rader Linie blieb und vorwärts drang, folgte ihm die Schaar genau ebenſo. Einige kamen Kaspar ſo nahe, daß ſie mit der beharzten Seitenfläche des Leibes den Fichten⸗ ſtamm ſcheuerten, hinter dem er hielt, und auch ſogar den ſcharfen Zahn wetzend daran rieben; doch keins brach ſeit⸗ wärts aus. Etwa fünf Minuten dauerte dieſe unheimliche Lage; dann war auch der letzte, vereinzelte Nachzügler vor⸗ über, und man hörte das Schnauben und dumpfe Grunzen nur noch in der Ferne. Die ganze Heerde ſetzte durch den Bach und wechſelte den Wald nach jenſeitigem Thalrande hinüber. „He, Zaloska!“ rief Kaspar jetzt nach ſeinem Gefähr⸗ ten.„Wo ſteckt Ihr?“ Er arbeitete ſich aus dem Geſtrüpp hervor.—„Iſt die Gefahr vorüber?“ „Wenn nicht noch ein Rudel kommt!“ antwortete Kas⸗ par.„Aber nun ſuche der Teufel Euren Gaul in der Pech⸗ finſterniß! Kerl, warum bliebt Ihr nicht zu Pferde? Ihr wart doch noch ſicherer und beſſer daran als in dem naſſen Kraut und Moos!“ ſetzte er nicht ohne einige Schadenfreude über das Ungeſchick des von ihm verächtlich behandelten Bauern, der ſo wenig Reiterfeſtigkeit zeigte, hinzu. „Das verfluchte Thier bäumte ſich ja! Es hätte ſich überſchlagen mit mir, wenn ich nicht abgeſprungen wäre!“ ſagte Zaloska kleinlaut. 90 „Ueberſchlagen! Ihm über den Kopf hättet Ihr ſchla⸗ gen ſollen, dann würde der Gaul ſich ſchon wieder auf die Vorderbeine geſtellt haben!“ ſchalt Kaspar unwillig.„Ein ſo müdes Vieh tanzt nicht lange auf den Hinterbeinen. Aber Ihr taugt aufs Pferd wie ein Stachelſchwein zum Bett⸗ pfühl!— Nun ſeht zu, wie Ihr zum Gaul kommt, oder hinkt mir zu Fuß nach!“ „Möchte das Vieh zu allen Teufeln laufen, wenn ich nur den Mantelſack hätte! Darin ſtecken ja die Depeſchen vom Grafen an meinen Herrn und alle die andern Brief⸗ ſchaften!“ „Hört, wie Euer Herr iſt, weiß ich nicht! Wenn Ihr aber dem General die Depeſchen verloren hättet, er würde ſie Euch auf dem Rücken abſchreiben laſſen, daß Ihr Euer braunes und blaues Wunder erlebtet, falls er Euch nicht gar eine Halskrauſe dafür zum Geſchenk machte, die Euch etwas eng ſitzen möchte! Ich rathe Euch, fangt Eure Mähre wieder ein, denn in ſolchen Dingen verſtehen die vornehmen Herren keinen Spaß!“ Während Kaspar redete, hatte Zaloska geſpäht und ge⸗ lauſcht, ob er nicht den Hufſchlag des Pferdes hörte.„Ver⸗ fluchtes Regenwetter!“ rief er ärgerlich,„es rauſcht im Walde, daß man einen Pferdetritt nicht auf drei Schritte weit hören könnte!“ „Das Waldwaſſer muſicirt auch mit!“ ſagte Kaspar ſpöttiſch, der ſich wenig um Zaloska's Geſchick kümmerte und ſich eher darüber freute, als ihn bedauerte. „Aber ich will verſuchen, Euch zu Hülfe zu kommen!“ Er ſteckte zwei Finger in den Mund und that einen gellen⸗ den Pfiff.„Mein Gaul hört darauf, Eurer vielleicht auch!“ Es blieb ſtill. Kaspar pfiff zum zweiten und zum. drit⸗ ten male. Nichts ließ ſich hören. 91 „Das Thier iſt gewiß zurückgelaufen den Weg, den wir gekommen ſind. Thut mir den Gefallen, Kaspar“, bat Zaloska,„und reitet ein Stück thalaufwärts. Ich warte hier.“ „Das iſt eine bequeme Art, ſein Pferd einzufangen“, erwiderte Kaspar mürriſch.„Sucht Ihr nur ſelbſt die Mähre. Ich habe auch Luſt nach der Herberge.“ „O Zeſus Maria, Kaspar Schwarz, laßt mich nicht im Stich“, bat Zaloska dringend.„Es kann Euch ja nicht ſchwer werden, Pferd läuft ja zu Pferd!“ „Ein Pferd läuft zum andern, das iſt richtig! Nun, ein Stück will ich Euch zu Gefallen wieder hinaufreiten. Kommt aber das Thier nicht bald, ſo mögt Ihr's allein einfangen!“ Er wandte ſeinen Rappen und ritt das Thal aufwärts; langſam, damit Zaloska's Pferd nicht ſcheu werde, hin und wider pfeifend. Zaloska ging ihm nach, hielt ſich aber ſtill. Doch vergeblich! Wol zehn Minuten war Kaspar geritten, hatte öfters gehalten, alle Künſte der Lockungen verſucht, ſogar das Wiehern nachgeahmt. Das Pferd fand ſich nicht! Zaloska war in Verzweiflung. Er ſtampfte mit dem Fuße und ſtieß Fluch auf Fluch heraus. Kaspar hatte im Stillen einige Schadenfreude darüber; denn er hegte einen Widerwillen gegen Zaloska, weil er ihn trotz ſeiner verwegenen Schlauheit und Hinterliſt für einen feigen Lump hielt, der in ſtumpfer Unterwürfigkeit als Bauer keine Spur von echtem Kriegsmuth beſaß. So ſagte er end⸗ lich:„Ich reite weiter; die Herberge kann nicht mehr weit ſein. Soll ich Euch rathen, ſo kommt mit und ſucht das Thier morgen früh. Hier iſt weit und breit kein Gehöft in den Bergen, und morgen werdet Ihr Eure 92 Mähre gewiß finden, ohne daß ihr Jemand den Mantel⸗ ſack abgeſchnallt hat.“ Doch es lag Zaloska zu viel daran, ſein Pferd wieder⸗ zuerhalten. Er wußte, daß die Depeſchen, welche Bouc⸗ quoi ihm für Slawata mitgegeben, von äußerſter Wichtig⸗ keit ſeien. Darum beſchloß er, ſeine Verſuche auch allein noch fortzuſetzen, und ließ ſeinen Gefährten reiten. „Ich werde Euch alſo Quartier und die Nachtkoſt be⸗ ſtellen“, ſagte Kaspar, da er ihn unſchlüſſig ſah, wandte ſein Pferd und ritt davon.—„Es kann dem breitmäuligen Burſchen nicht ſchaden“, dachte er bei ſich,„wenn er noch ein Weilchen im Walde umherſpaziert und verſucht, ob ſein Eifer in dem kühlen Regen warm bleibt! Er iſt nicht auf den Kopf gefallen,— aber er iſt mir zuwider!— Die grauen Glotzaugen ſtarren ihm ſo unverſchämt aus der Stirn, und durch die ſchwarzen Haarborſten möchte ich ihm immer mit der Striegel fahren. Solch ein Schuft macht nun ſein Glück! Ich traue ihm nicht zu, daß er einen einzigen dreiſten Hieb führt mit ſeinem krummen polniſchen Böhmenſäbel, wenn's Mann gegen Mann geht. Aber Einen von hinten her niederzuſtechen, und wenn's der Papſt ſelbſt wäre, dazu hat er heimtückiſche Frechheit im Ueber⸗ maß. Und den plumpen Bauer wird er nicht los, der iſt ihm zu feſt in die Knochen gewachſen. Trotzdem hält der General große Stücke auf ihn. Wer weiß auch, zu wel⸗ chen Aufträgen er ſich brauchen läßt! Bezahlt werden ſie ihm! Die Silbergulden klimpern ihm immerfort in der Taſche!— Gut, ſo kann er auch für das ſchwere Geld einmal etwas auf den Pelz nehmen. Ich habe, Gott ſei Dank, keine Verantwortung dabei! Ich wollte nur, er hätte dem General die Depeſchen zu bringen; der würde ihn empfangen, wenn er darohne käme! Ich glaube, er ließe 93 ihm Riemen aus ſeinem eigenen Rückenfell ſchneiden und gerbte ihn dann damit, wie es die Kroaten mit den böh⸗ miſchen Bauern machen, wenn ſie nicht geſtehen wollen, wo ſie die blanken Gulden vergraben haben. Diesmal wird er mit der Angſt davonkommen, denn die ſteife Mähre läuft meinem Gaul doch gewiß bald nach. Aber wenn ſie ihren vom Sattel gefallenen Reiter die Nacht auf den Beinen erhielte, das ſollte mein Gaudium ſein.“ Fünfundzwanzigſtes Capitel. Unter dieſen und ähnlichen liebreichen Betrachtungen über ſeinen Reiſegefährten war Kaspar Schwarz wol eine gute Viertelſtunde geritten; das Thal fing an ſich etwas zu erweitern und der Weg wurde lichter. Nach wenigen Hundert Schritten ſah er ein Licht ſchim⸗ mern. Er ritt darauf zu und erreichte bald ein Haus, welches die bezeichnete Herberge ſein mußte. Das Licht ſchimmerte aus einer Eckſtube im untern Geſchoß, deren eines Fenſter nach der Giebelwand hinausging, das andere nach der Vorderſeite. Es war Alles dunkel im übrigen Hauſe. Es hatte von der einen Seite weder Zaun noch Hofmauer; der Giebel ging ins freie Feld. Unmittelbar daran, aber nach der Hinterſeite, ſchloß ſich eine Hofmauer, und auf der andern Seite des Gebäudes war das Gehöft gleichfalls mit einem ſtarken Pfahlzaun eingefriedigt. Eine Treppe, aus rohen 94 Feldſteinen zuſammengebaut, führte auf plumpen Stufen zu der Hausthür hinan. Das Fenſtergeſchoß lag über Man⸗-⸗ neshöhe vom Erdboden. Kaspar ritt unter das erhellte Fenſter; zufällig hob ſich dicht unter demſelben der Boden ſo, daß er vom Sat⸗ tel oben hineinſchauen konnte. Es war zwar unterhalb mit einem breiten dunklen Tuch verhangen, allein von der Seite blieb eine Spalte offen, durch die man hineinblicken konnte. Höchſt überraſcht ſah er in dem kleinen Gemach den jungen Menſchen, der ihm und Zaloska dieſen Morgen ſo früh vorausgewandert war. Er ſchien eben im Begriff ſich zu entkleiden, indem er ſchon einen Aermel ſeines Wamſes ausgezogen hatte.„He! Ihr da! Holla! Junger Burſch!“ rief Kaspar Schwarz und pochte ans Fenſter. Der junge Menſch ſchreckte zuſammen und ſah ſich be⸗ ſtürzt um, indem er aufs eiligſte wieder in ſein Wams fuhr. „Der Haſenfuß!“ brummte Kaspar draußen,„er er⸗ ſchrickt, als ob ein Bär durchs Fenſter wollte! Heda! Junger Milchbart! Erkennt Ihr mich nicht? Wir haben ja in der Nacht in derſelben Herberge gelegen und ich ſuche jetzt für mich ein Unterkommen!“ Der Burſch trat nach einigem Zögern ans Fenſter und fragte mit furchtſamer Stimme:„Was iſt Euer Begehr?“ „Ich hab's Euch ja ſchon geſagt“, antwortete Kaspar unmuthig;„ins Haus will ich, eſſen und ſchlafen! Ich und mein Pferd. Macht mir die Thür auf, oder weckt den verſchlafenen Faulpelz von Wirth, daß er mir auf⸗ riegelt. Sonſt ſchieß ich ihm hol mich der Teufel mit der Piſtole ins Strohdach, daß ihn der rothe Hahn mun⸗ ter kräht!“ „Ich werde ſogleich den Wirth wecken“, antwortete der —,— o, 95 junge Menſch, nahm die Lampe in die Hand und verließ * die Stube. Nach einiger Zeit klirrten die Riegel an der Hausthür und eine rauhe Stimme rief durch die ein wenig geöffnete Spalte:„Reitet ans Hofthor im Zaun, dort wird man Euch aufthun!“ Kaspar ritt den Pfahlzaun entlang, der ſich dicht an das Gebäude ſchloß; er fand die Hofpforte bald, ſie wurde ihm geöffnet und er ritt ein. „Wer Ihr auch ſeid, Herr oder Knecht“, redete er die in einen weiten Kittel gehüllte Geſtalt an, deren Kopf in einer hohen Mütze faſt verſchwand.„Ihr habt für Zwei zu ſorgen, für mein Pferd und mich! Wo iſt der Stall? Das Abzäumen, Futtervorlegen und Tränken beſorge ich ſelbſt; ſchafft Hafer und Heu heran und einen Imbiß für mich. Ich hungre wie ein Wolf! Rührt Euch, Her⸗ bergsvater!“ Mit dieſen Worten, die ziemlich klar kund gaben, daß der Gaſt kein Freund allzu großer Beſcheidenheit und Höf⸗ lichkeit ſei, brachte Kaspar die dunkle Geſtalt, die ihn em⸗ pfing, in einige Thätigkeit. Bald war ſein Gaul leidlich untergebracht, hatte Heu in der Raufe und Hafer in der Krippe und ließ ſich auch einen Eimer friſchen Waſſers, den Kaspar ſelbſt aus dem Trog vor dem laufenden Brun⸗ nen im Hofe ſchöpfte, wohl behagen. Nachdem er ſo für das Thier geſorgt hatte, ging er ins Haus, um auch für ſich ſelbſt Sorge zu tragen.—— Während er bei einer großen zinnernen Kanne voll leid⸗ lichen Oeſterreichers und einigen kernhaften Schnitten rohen Schinkens mit friſch gebackenem Brot die Strapazen der Reiſe vergaß, hatte es Zaloska ſchlimmer. Er war in der dunklen regnigten Nacht wol eine Stunde im Walde hin 96 und her geirrt, hatte unzählige male gerufen:„Hans, Hans! Wo biſt du?“ hatte verſucht auf Daumen und Zeigefinger zu pfeifen wie Kaspar Schwarz, hatte ſogar deſſen Wie⸗ hern nachgeahmt, ſo gut es gehen wollte, allein der tückiſche Gaul ließ ſich nicht blicken. Endlich gab er die Hoffnung auf; er fing an einzuſehen, daß Kaspar's Rath, den Tag abzuwarten und dann den Verſuch zu erneuern, der beſte ſei, der ſich unter dieſen Umſtänden geben ließ. Durch⸗ näßt, hungrig, fröſtelnd, bei fortdauerndem Regen und eiſigem Gebirgswinde, meinte er zugleich, daß die Herberge doch der beſte Platz ſei, den Anbruch des Morgens abzu⸗ warten. Genug, er gab das Suchen nach dem Pferde auf und ſuchte den Weg nach der Herberge. Dieſen fand er richtig. Allein es war Mitternacht vorüber, bevor er dort eintraf. Wie Kaspar ſah er die beiden Eckfenſter von weitem matt leuchtend durch die Nacht ſchimmern. Das war ihm ein willkommener Leitſtern. Durch eine Art In⸗ ſtinct der Vorſicht und Schlauheit, vielleicht auch der Furcht, dachte er indeß darauf, erſt in das Fenſter hineinzuſchauen, bevor er anpochte. Der Boden erhob ſich gerade unter demſelben, wie Kaspar ſchon erfahren hatte; es war eine alte Kiesaufſchüttung von einem Bau her. Die Brüſtung war doch noch zu hoch. Zaloska ſah ſich nach einem Mittel hinaufzuklimmen um. Ein alter Baumſtumpf fiel ihm ins Auge; er trug ihn leiſe bis an die Mauer, ſtellte ihn feſt und ſtieg hinauf. Es war ein kleines Kämmerchen, in das er, neben dem Vorhang, der das Fenſter ſchlecht verdeckte, blickte. Doch konnte er es ganz überſehen. Anfangs ſchien es ihm, als ſei Niemand darinnen; nur eine Nachtlampe brannte auf dem Tiſch. Doch nach einigen Augenblicken entdeckte er, daß Jemand auf einer Streu, die in der Ecke auf dem Boden bereitet war, liege. Der Schatten, der 97 darauf fiel, hinderte ihn den Schlafenden deutlich zu er⸗ kennen. Ueber einem Schemel lagen Kleider; obenauf ein Frauenzimmertuch.„Alſo ein Mädchen ſchläft hier“, dachte Zaloska.„Ganz allein in dem Kämmerchen! Der Teufel! Da lohnte ſich wol das Einſteigen! Aber wie? Die Fen⸗ ſter ſind von innen verriegelt; eine der kleinen Scheiben wäre leicht eingedrückt, aber es könnte Lärmen geben!“ Die thieriſche Lüſternheit des widrigen Menſchen kämpfte mit ſeiner Beſorgniß vor den möglichen Folgen. Er dachte zwar: Eine Nacht, wo man ein altes Pferd verlöre und ein junges Mädchen fände, wäre doch keine ſo ganz un⸗ glückliche; allein er bedachte auch ferner, daß er ſich leicht in einen böſen Handel verwickeln könne, und wenn nicht den Kopf einbüßen, mindeſtens ſolche Schläge erwiſchen könne bei dem Abenteuer, daß er ſo leicht kein zweites der Art unternehmen dürfe. Zudem war es doch nur noch eine Vermuthung, daß hier ein Mädchen einſam ſchlafe, und unſicher, ob jung und hübſch oder eine alte runzliche Hexe. Allein gerade der Spielraum, den ſeine Phantaſie behielt, erhitzte dieſelbe. Sehen möchte ich ſie wenigſtens, dachte er, und je⸗ denfalls thue ich am beſten, hier zu pochen, um Einlaß ins Haus zu finden. Er pochte daher an die Scheibe, anfangs leiſe; es wurde nicht gehört. Dann etwas ſtärker; ebenſo vergeblich. Endlich ſchlug er ſtark mit der Fauſt an das Fenſterholz, daß die Scheiben klirrten. Jetzt fuhr die Geſtalt vom Lager auf. Schlaftrunken und halb verſtört ſprang ſie raſch em⸗ por und ſah ſich ſcheu um. Hinter den kleinen trüben Fen⸗ ſterſcheiben bei dem matten Lampenſchimmer war Zaloskas' Geſtalt nicht ſogleich zu entdecken. Doch deſto klarer ſah Rellſtab, Drei Jahre. II. 2. 5 98 dieſer, was in dem Gemach vorging. Er hatte ſich nicht getäuſcht, es war ein Mädchen, das vom Lager aufſprang. Er wiederholte daher ſein Pochen nicht, ſondern betrachtete ſie mit lüſternen Blicken, ſich an ihrem Schreck und an ihrer Unſchlüſſigkeit weidend. Sie ſchien unſicher, woher das Ge⸗ räuſch gekommen ſei, das ſie aus dem Schlaf geweckt hatte, ob von der Thür oder vom Fenſter. Denn ſie blickte be⸗ bend bald hier, bald dorthin. Endlich ergriff ſie die Lampe, ging nach der Thür und fragte lauſchend hinaus:„Iſt Je⸗ mand da?“ Zaloska horchte auf. Die helle Stimme kam ihm be⸗ kannt vor; der klare jungfräuliche Laut derſelben ſteigerte ſeine Luſt an dem Abenteuer dieſes nächtlichen Ueberraſchens. Wohlüberlegt ſchwieg er daher und hielt ſich ſtill auf ſeinem Späherpoſten, wo ihm jetzt das Mädchen den Rücken zu⸗ wandte. Er harrte auf den Augenblick, wo ſie ſich um⸗ wenden werde. Da ſie keine Antwort auf ihre wiederholte Frage erhielt, that ſie es alsbald und ging auf das Fen⸗ ſter zu. Jetzt beleuchtete die Lampe ihr das Angeſicht ganz hell. Zaloska wäre vor Staunen faſt von ſeinem Baum⸗ ſtumpf herabgeſtürzt, oder hätte ſich durch einen lauten Schrei verrathen, als er in gleichem Augenblick in der Um⸗ gewendeten den jungen Burſchen vom geſtrigen Abend und Thereſe Wolodna erkannte. Das jetzt weiblich geordnete Haar und die weibliche Kleidung um Nacken und Schultern bewirkte, daß er hier Diejenige auf der Stelle erkannte, die ihm am Abende zuvor in der vollſtändigen Männerkleidung nur eine dunkle Erinnerung erweckt hatte. Wie in des ſchlauen, hinterliſtigen Menſchen Seele alle Kräfte und Fähigkeiten nach dieſer Richtung zu einer ſeltenen Höhe ausgebildet waren, ſo ſtanden ſie ihm auch jetzt auf der Stelle zu Gebot. Er überſah mit einem Blick, welchen Glücksſchlag er hier für ſeine nichtswürdigen Zwecke machen könne, wie aber Alles verloren gehen würde, wenn er ſich zu früh verrathe, oder ſonſt unvorſichtig verfahre. Behend ſprang er daher von dem Baumſtumpf hinab, leiſe, auf den Zehen, und duckte ſich dicht an der Mauer ins Dunkel nieder. Thereſe, die mit der Lampe an das Fenſter ge⸗ treten war, leuchtete gegen daſſelbe. Als ſie Niemand be⸗ merkte, dachte ſie ein ſtarker Windſtoß habe ſie geweckt, ordnete die Tücher, mit denen ſie ſelbſt die Scheiben ver⸗ hangen hatte, ſetzte die Lampe wieder ſo auf den Tiſch wie zuvor, daß ihr Lager im tiefen Schatten blieb, und legte ſich wieder nieder. Doch ihre aufgeregte Phantaſie ließ ſie nicht Ruhe gewinnen. Seit zwei Tagen war ſie auf der beſchwerlichen und öfters gefährlichen Wanderung geweſen, ohne ihre Hoffnung, Xaver aufzufinden, erfüllt zu ſehen. Boleslav und Valentin hatten ſie die ganze Nacht hindurch auf der Straße gefahren, welche ſie als den Weg, den Xaver nehmen wollte, kannten. Mit dem anbrechenden Tage hatte Thereſe, durch die Nachtruhe auf dem Wagen völlig geſtärkt, nach herzlichem Abſchiede von ihren be⸗ ſchützenden Freunden, ihre Wanderung allein fortgeſetzt. Ueberall, in den Dörfern und einzelnen Gehöften, an denen der Weg ſie vorüberführte, forſchte ſie nach Xaver. Und nicht immer vergeblich! Zuweilen fand ſie andeutende, zwei⸗ felhafte, zuweilen jedoch auch faſt untrügliche Spuren. So war ihre Hoffnung immer lebendig. geblieben, bis zum ſpäten Abend ihres erſten Wandertages. Da holten die zwei Reiter, Kaspar Schwarz und Zaloska, ſie ein und er⸗ kundigten ſich bei ihr des Weges. Im Dunkel erkannte ſie ihren gefährlichen Feind nicht, da nur Kaspar ſie an⸗ geredet hatte, dem ſie die verlangte Auskunft über den Weg gab, die ſie ſelbſt ſich durch ſorgfältiges Fragen gewonnen. 5* 100 Daher entſtand dieſen die Vermuthung, ſie wiſſe genau in der Gegend Beſcheid. In der Nachtherberge, die ihre Mü⸗ digkeit ſie gleichfalls zu benutzen zwang, hielt ſie ſich, in der Furcht ihr Geſchlecht zu verrathen, gleich ſo zurück, daß ſie auch hier mit den beiden Männern gar nicht weiter zu⸗ ſammentraf. Ohne daß ſie es ahnte, hatte Zaloska ſie im Vorübergehen an der Küche bemerkt, wo ſie ſich von der Magd ein Waſſergefäß hatte geben laſſen, um ſich vom Staub der Wanderung zu reinigen. In einer ſeitab vom Wohnhauſe ſtehenden Scheune hatte ſie glücklich einen Raum zum Nachtlager für ſich aufgefunden, wo ſie ſich, ganz ent⸗ fernt von den übrigen Hausbewohnern, in der Stille zur Ruhe legte und andern Morgens mit dem Früheſten, wäh⸗ rend die Reiter noch auf der Streu bei den Pferden lagen, aufbrach. Es hatte ſie alſo nur die allgemeine Beſorgniß, in ihrem Geſchlecht von den Männern erkannt zu werden, von dieſen entfernt gehalten. Was ihr jetzt für eine be⸗ ſondere Gefahr von ihnen drohte, wußte ſie nicht. Doch Kaspar's ſpätes Erſcheinen und die zweite unerklärte Auf⸗ ſtörung, die ſie jetzt eben erfahren, hatten ſie, im Zuſam⸗ menhange mit ihrer ganzen Lage, in ſolche Unruhe ver⸗ ſetzt, daß der Schlaf ſie fliehen mußte. Sie überlegte, ob ſie bei nächtlicher Weile das Haus zu verlaſſen ſuchen ſolle. Daß dies nicht ſchwer ſei, davon hatte ſie ſchon am Abend, bevor ſie ſich niederlegte, die Ueberzeugung gewonnen, da ſie die Fenſterhöhe unterſuchte. Allein Flucht konnte be⸗ merkt und gehindert werden; dann war bei dem gegen ſie entſtandenen Verdacht die Entdeckung ihres Geſchlechts un⸗ vermeidlich. Selbſt wenn ihr Flüchten ſpäter entdeckt würde, drohte ihr die Gefahr der Verfolgung. In dieſen Betrachtungen, die ſie mit prüfender Klarheit anſtellte und ſorgfältig gegeneinander abwog, floh ſie na⸗ 101 türlich der Schlaf und ſie lag wachend und lauſchend auf ihrer Ruheſtätte, unſchlüſſig, ob ſie bleiben oder flüchten ſolle. Sechsundzwanzigſtes Capitel. Zaloska hatte einige Minuten in ſich gekauert unter dem Fenſter gelegen, ohne ſich zu regen. Als er ſich überzeugte, daß er unentdeckt geblieben war, erhob er ſich leiſe und er⸗ wog, was nun zu thun ſei. Er war ſeiner Sache gewiß, daß Thereſe Wolodna(denn davon, daß ſie jetzt die Gattin Nechodom's war, wußte er nichts) wenige Schritte von ihm weile. Bekam er ſie in ſeine Gewalt, ſo konnte er viel⸗ leicht ſeinem wilden fanatiſchen Eifer und ſeinen noch wil⸗ dern Gelüſten zugleich genügen. Auch durfte er ſicher ſein, daß Slawata ihm nicht nur den Verluſt der Briefe ver⸗ geben, ſondern ihn reich belohnen werde. Doch er war vorſichtig genug, um auch die Schwierigkeiten zu erwägen. Allein konnte er die That nicht ausführen; Kaspar's Hülfe war ſehr zweifelhaft. Wenigſtens hätte dieſer den beſten Lohn für ſich ſelbſt in Anſpruch genommen. Zuvör⸗ derſt mußte er ſich Gewißheit darüber verſchaffen, ob Kas⸗ par überhaupt im Hauſe ſei. Um keine Spur ſeines be⸗ gonnenen Unternehmens blicken zu laſſen, trug er den Baumſtumpf wieder an ſeine Stelle; dann ging er die plumpe Steintreppe hinauf, um an die Hausthür zu pochen. Sowie die erſten Schläge ſeiner Fauſt ertönten, wurden zwar nicht die Menſchen, aber doch die Hunde in dem Ge⸗ 102 höft wach. Durch dieſe jedoch auch jene, zumal da Zaloska nach einigem Hämmern auch den Griff ſeines Säbels nahm und lärmend damit gegen die Thür ſchlug. Endlich ließen ſich Schritte vernehmen und er wurde eingelaſſen. Durch einige Fragen war er ſogleich darüber belehrt, daß ſein Reiſegefährte bereits ſeit länger als zwei Stunden hier ſei und in der Gaſtſtube, wo er die Abendkoſt verzehrt hatte, auf der Streu liege. Dorthin wurde auch Zaloska geführt; der Wirth ſtellte die Lampe auf den Tiſch und brachte mürriſch, weil er ſo oft aus der Ruhe geſtört war, Wein und Brot herbei, welches der ſpäte Gaſt, der einen gewaltigen Hunger verſpürte, durchaus noch verlangte. Kaspar Schwarz lag auf der Streu und ſchnarchte tief. Wie bei allen derben Naturen, war ſein Schlaf ſo geſund und feſt, daß ihn ſo leicht kein Geräuſch daraus weckte. Dies war jedoch nur der Fall, wenn er ſich auf nichts ge⸗ faßt zu halten brauchte. Sobald er als Soldat und Kriegs⸗ mann irgendwo lagerte, wo es in der Nacht etwas zu thun geben konnte, ſchlief er ſo leiſe wie ein Reh. Er hörte dann das leiſeſte Geräuſch und war durch ſeine Willenskraft auf der Stelle munter. Jetzt aber nahm er auch eine derbe Ruheſtörung nicht wahr, weil er nicht darauf achtete; er hörte, daß etwas vorging, allein in dem Gefühl, daß es ihn nichts angehe, unterbrach er ſeinen Schlaf nicht, ſon⸗ dern ſchnarchte weiter. Als ſich der Wirth entfernt und Zaloska ſich erquickt hatte und Alles ſtill im Hauſe war, weckte er den Schläfer auf dem Stroh. Als dieſer ſeinen Namen leiſe rufen hörte, war er auf der Stelle wach und munter, ſprang auf, wie von Springfedern emporgeſchnellt, und fragte mit entſchloſ⸗ ſenem Tone:„Holla, was gibt's!“ Zugleich riß er die Augen weit auf und erkannte ſeinen Reiſecumpan.„Ihr 103 ſeid's, Zaloska?“ rief er,„habt Ihr Euren Gaul einge⸗ fangen?“ Er war ſogleich im völligen Zuſammenhange aller Er⸗ eigniſſe; ſeine vielgeübte Soldatenpflicht machte, daß er die bewußtloſe Schlaftrunkenheit auf der Stelle verſcheuchte und mit aller Beſonnenheit beherrſchte. Zaloska erzählte ihm jetzt mit ſchlauer, geheimniß⸗ voller Miene, was er entdeckt habe und was ſich daran knüpfe. „Alſo der hübſche Burſch ein Frauenzimmer?“ ſagte er mit einem Lächeln, deſſen Natur leicht zu erkennen war. „Nun der Spaß iſt nicht übel! Das iſt das einzige Ver⸗ nünftige, was ich auf dieſer Reiſe von Euch geſehen habe, Zaloska. Ja, gegen ſolche Gegner ſeid Ihr zu brauchen, da glaube ich iſt Verlaß auf Eure Tapferkeit!“ „Ich denke, ich bin der Mann auszuführen, was ich ausſinne“, antwortete Zaloska mit einiger Empfindlichkeit und einigem Trotz zugleich.„Aber wir müſſen die Sache fein anfaſſen. In unſerer Gewalt muß das Mädchen von hier fortgeſchafft werden; doch hier darf nichts weiter ge⸗ ſchehen, als daß wir ſie gefangen nehmen!“ „Und morgen, wenn wir nach Linz kämen, zöget Ihr allein mit ihr davon! Ha, ha, ha!“ lachte Kaspar. „Schön ausgedacht, Bauer! Hätte ich's doch nicht für möglich gehalten, daß Einer, der drei Tage mit Kaspar Schwarz auf derſelben Landſtraße geritten iſt, ſo dumm ſein könnte, ihn für ſo dumm zu halten!— Nichts da, Böh⸗ mak! So läßt ſich ein alter Soldat nicht überrumpeln! Mit ſolcher Kriegsliſt kommt Ihr nicht in meine Flanke! Ich will Euch die Sache anders vorſchlagen. Hier haben wir das Wildpret! Dreißig Schritt von hier! Hier werfen wir ihm das Netz über den Kopf und hier ſpeiſen wir da⸗ von, was uns zuſteht. Sonſt laſſe ich mich auf nichts ein! Verſteht Ihr, Pan Zaloska, auf nichts!“ Zolaska biß ſich mit den fletſchenden Zähnen auf die Lippen.„Hier im Hauſe“, begann er nach eini⸗ 3 gen Augenblicken,„das iſt unmöglich. Es gäbe einen Lärmen..... 4 „Glaubt Ihr, daß es keinen geben wird, wenn wir ſie etwa binden und fortſchleppen? Den Lärmen im Hauſe nehme ich auf mich! Der Wirth ſoll froh ſein, in jetzigen Zeiten, wenn ihm ein Reitersmann, der ſeine Piſtolen und ſein Schwert hat, die Zeche und Herberge zahlt. Um An⸗ deres braucht er ſich nicht zu bekämmern. Nimmt er ver⸗ I kappte Dirnen auf, ſo..... 44 „Horch!“ unterbrach ihn Zaloska und lauſchte ſcharf auf,„war nicht Geräuſch auf dem Gange?“ „Ich habe nichts gehört und es iſt mir auch einerlei“, ſagte Kaspar, welcher glaubte, Zaloska wolle nur von dem Geſpräch, das ihm unbequem geworden war, abſpringen. „Ich will Euch einen Vorſchlag machen“, fuhr er fort, „woran Ihr ſehen ſollt, daß Ihr es mit einem ehrlichen Kerl zu thun habt. Wir wollen verfahren, wie es Kriegs⸗ recht und Kriegsſitte iſt in ſolchen Fällen. Ich will nichts voraus haben; wir wollen loſen. Da! Hier iſt ein böh⸗ miſcher Groſchen vom Kaiſer Rudolf. Ich werfe ihn in die Höhe! Wollt Ihr Kaiſers Bild oder Kaiſers Schrift? Wer räth gewinnt. Weil Ihr die Beute aufgeſpürt habt, ſollt Ihr das Vorrecht der Wahl haben. Nun? Was wollt Ihr? Während das Geldſtück fliegt, müßt Ihr's ausſpre⸗ chen! Sonſt gilt es nicht.“ Er warf die Münze über dem Tiſch in die Höhe. „Kaiſers Bild!“ entſchied ſich Zaloska raſch, voll in⸗ nern Ingrimms, da er einſah, daß er ſich mit Kaspar — 105 verrechnet hatte und nichts Anderes anzufangen war, als ihm nachzugeben. „Schrift!“ lachte dieſer hell auf, als die Münze ge⸗ fallen war und mit der Schrift oben auf dem Tiſch lag. „Ich habe gewonnen; ein Reitersmann muß auch Glück haben gegen einen Bauersmann!“ Er gab ihm den Bauer ſo oft zu hören, als irgend möglich; Zaloska's Erbitterung ſtieg dadurch, allein er be⸗ kämpfte ſie, um wenigſtens in der Hauptſache ſeinen Plan zu erreichen und Thereſen in ſeine Gewalt zu bekommen. „Jetzt laßt uns aber keine Zeit verlieren“, drängte Kaspar Schwarz,„denn der Morgen iſt bald heran. Und damit Ihr ſeht, daß ich ein ehrlicher Kerl bin, ſo will ich Euch auch für den andern Lohn Credit geben, wenn Ihr ein Draufgeld zahlt. Ich weiß, Ihr habt den Säckel voller Silbergulden und ſeid ſo klug geweſen, ſie nicht in den Mantelſack zu verpacken. Zwanzig Gulden zahlt Ihr mir als Angeld.“ Zalosla bebte vor Ingrimm.„Nun, ſchnallt nur ab Eure Geldkatze unterm Wams und rückt heraus mit den heiligen Apoſteln! Ich weiß wo ſie vergraben liegen! Sie müſſen doch einmal auslaufen in die Welt!“ Zaloska zögerte. Kaspar ſah ihn, den Mund zum bos⸗ haften Lachen verzogen, ſcharf an. „Und was thut Ihr mir nun für alle den Lohn?“ fragte der Ueberliſtete, der doch nicht alle Waffen ſeiner Schlauheit ſtrecken wollte.„Soll ich den Lohn voraus zahlen, ſo muß ich doch wenigſtens wiſſen, was Ihr da⸗ gegen gebt!“ „Das iſt billig!“ antwortete Kaspar, indem er das Kinn leichthin zuſtimmend hinwarf;„ein Reitersmann er⸗ ſieht ſeinen Vortheil, aber er prellt nicht wie....“ er 5**X wollte ſagen„Bauern und anderes Lumpenvolk“, doch er dachte es nur. „Nun! Ich helfe Euch das Mädchen nach Linz ſchaffen, ganz in Eure Gewalt, und ſollte es auf meinem Sattel⸗ knopf ſein. Darauf mein Reiterwort und Handſchlag!“ Er reichte ihm die Hand hin; Zaloska ſchlug ein, da er keinen beſſern Ausweg ſah, um doch zu etwas zu kom⸗ men.„Es wäre nicht die Erſte“, fügte Kaspar lachend hinzu,„die ich ſo fortgeſchafft hätte. Aber nun ans Werk.“ „Zu der Eckſtube wollen wir den Weg ſchon finden. Habe mich zuvor danach umgeſehen, als mich der alte Bär von Herbergsvater hier hineinführte. Hier hinaus auf die Hausflur und dann jenſeits, den Gang hinunter, die letzte Thür. Wir pochen leiſe an, als ob wir etwas zu fragen hätten. Oeffnet ſie, ſo ſind wir mit einem Satz hinein; ſchreit ſie, ſo macht der Dolch“— er ſchlug an den ſeinigen—„ſie ſtumm vor Schreck. Ich kenne das! Und, ſie halten auch recht gern den Mund!“ „Wenn ſie aber nicht öffnet?“ „Ha, ha, ha! Um das Thor zu ſprengen, werden wir keine Petarde brauchen! Mein Fuß iſt Sturmbalken genug!“ „Sie wird ſich aber zur Wehr ſetzen!“ „Was! Ihr fürchtet Euch, wo wir Zwei ſind gegen ein Weibsbild?“ Bei dieſer Frage hatte Kaspar einen Aus⸗ druck verächtlichen Spottes in den Zügen, der ſelbſt Za⸗ loska's geſchmeidige Geduld faſt erſchöpfte.. „So tapfer“, antwortete er ergrimmt,„bin ich auch, um zu wiſſen, daß zwei Männer ein Mädchen bezwingen können! Aber das ganze Haus wird wach werden, Wirth und Geſinde!“ „Und wenn wir ſie nur binden und nach Linz ſchaffen ſollen“, ſagte Kaspar,„wird das ſo ſtill abgehen, wie Ihr einen Roſenkranz betet? Aber ſeid nicht bang! So über⸗ mäßig wehren ſich die Frauenzimmer bei ſolcher Gelegenheit nicht. Merkt ſie erſt, daß wir ſie nach Linz fortführen, wird ſie ſich anders ſträuben!“ „Und wenn der Wirth ihr zu Hülfe kommt?“ „Wenn der ſich rühren will, drohen wir ihm das Haus über dem Kopf anzuzünden! Er iſt übrigens allein mit ſei⸗ nem Knecht. Da ſoll er vor uns Zweien ſchon Reſpect haben. Und was iſt's am Ende? Er iſt ein guter Ka⸗ tholik und wird uns helfen eine Ketzerin, die zu den Re⸗ bellen gehört, dahin abzuliefern, wo ſie ihren Lohn ſin⸗ den ſoll!“ Zaloska ſah, daß mit Kaspar nicht viel Bedenklichkeiten aufzuſtellen waren. Er fügte ſich, nahm die Lampe und ſie ſchlichen hinaus, der Thür ihres unglücklichen Opfers zu. 4„Ich gebe mich für den Wirth aus“, murmelte im Gehen Kaspar leiſe zu Zaloska;„ich werde ſie auffordern 1 zu öffnen, weil noch Reiſende in der Nacht angekommen ſeien, die ich unterbringen müßte. Als einzelner Burſch, wie ſie eingekehrt iſt, kann ſie's nicht weigern die Thür zu öffnen. Sie wird ſich in die Kleider werfen und es thun; dann ſind wir unvermuthet drinnen und hier meine Dolch⸗ ſpitze näht ihr ſogleich den Mund zu.“ Sie ſtanden vor der Thür. Thereſe, welche kein Auge mehr geſchloſſen hatte, hörte ſchon von weitem das leiſe Heranſchleichen und Murmeln Beider. Die Vermuthung, daß ſie hier durch irgend etwas bedroht werde, machte ſich mit lebendiger Kraft bei ihr gel⸗ tend. Halb gekleidet, wie ſie war, ſprang ſie leiſe auf, griff beim Schimmer der Nachtlampe ſchnell nach ihrem Oberkleide und legte es behutſam an, während ſie fort⸗ 108 dauernd auf das unheimliche Geräuſch lauſchte. Sie hörte, daß die leiſen aber ſchweren Tritte an ihrer Thür anhiel⸗ ten; ihr aufmerkſames Ohr hatte mit Sicherheit unterſchie⸗ den, daß mehr als Einer ſich nähere. Sie ſtand athemlos, das Ohr gegen die Thür geneigt. Einige Augenblicke blieb Alles todesſtill; die Frevler lauſchten offenbar draußen auch ihrerſeits. Es pochte. Thereſe ſchwieg, als ob ſie ſchlafe. Ihr umherſpähendes Auge fiel auf einen Dolch, ein Erbſtück ihrer Familie, den ſie bei ſich trug und der neben ihrem Lager auf dem Schemel lag. Behutſam, daß er ja nicht klirren möge, langte ſie danach, gürtete ihn um und hielt die Hand am Griff. Es pochte ſtärker. Sie ſchwieg. Jetzt ließ ſich ein leiſer, murmelnder Ton draußen ver⸗ nehmen, dem ein ebenſo leiſes„St!“ folgte. Gleich darauf erſcholl ein ſo ſtarker Schlag an die Thür, daß der Schläfer hätte aufwachen müſſen, und zugleich der Ruf:„Holla! Holla! Junger Burſch! Macht auf!“ Sie durfte nicht mehr ſchweigen, ohne dem Verdacht Raum zu geben, daß ſie nicht antworten wolle. Wie aus dem Schlaf auffahrend rief ſie daher:„Wer iſt da?“ und machte einiges Geräuſch als ob ſie aufſtehe. „Ich bin's, der Wirth“, antwortete Kaspar's tiefe Stimme.„Macht auf! Es ſind eben noch Reiſende an⸗ gekommen. Ich weiß ſie nicht anders unterzubringen, als daß Ihr noch Jemand in die Kammer aufnehmt!“ Jetzt durchſchaute Thereſe, daß es auf ein Verbrechen gegen ſie abgeſehen ſei. Es war nicht des Wirths Stimme, und die Lüge, daß Reiſende angekommen ſeien, war ihr klar, da ſie ſeit einer Stunde wach gelegen und Alles, was vorging, vernommen hatte. Dieſes Lügengewebe war ihr der Beweis verbrecheriſcher ———— 109 Abſichten; welcher Art, konnte ſie freilich nicht errathen. Sie konnte aber noch überlegen, wie ſie ſich dagegen ver⸗ theidigen könne. Ihr erſter Gedanke war Flucht; ſie warf einen haſti⸗ 1 gen Blick auf das Fenſter. Doch ſie war nur halb be⸗ kleidet, hatte ihre Wanderſchuhe, weil die Füße ſie ſchmerz⸗ ten, abgelegt; bevor ſie, die Bedenklichkeit des hohen Sprunges abgerechnet, hinauskommen konnte, würden die nächtlichen Beſucher ihre Abſicht bemerkt haben, eingedrun⸗ gen ſein oder ſie von der Hausthür aus verfolgt haben. Sie wollte daher zuerſt verſuchen, Zeit zu gewinnen. Mit Blitzesſchnelle jagten ſich dieſe überlegenden Gedanken in dem Zeitraum weniger Secunden durch ihre Seele. „Nun, hört Ihr nicht? Oeffnet geſchwind! Die Leute ſind müde!“ ſprach Kaspar ungeduldig; zugleich drückte er die Klinke der Thür nieder mit dem Verſuch, ſie zu öffnen. „Wartet nur einen Augenblick, bis ich mich angekleidet habe“, entgegnete Thereſe in Angſt. „Was, ankleiden!“ rief Kaspar zurück.„Wozu braucht Ihr Euch anzukleiden, wenn ich Euch noch ein paar Schlaf⸗ kameraden zuführe! Ihr könnt ruhig weiter ſchlafen. Oeffnet b nur, aber macht mich nicht ungeduldig!“ Er rüttelte heftig an der Thür. Thereſe ſah ein, daß ſie einigen ſtarken Stößen nachgeben würde. Schnelle Flucht 8 ſchien ihr daher die einzige Rettung. „Einen einzigen Augenblick wartet nur“, antwortete ſie, t und griff nach ihren Schuhen, die ſie ſo ſchnell als mög⸗ lich anzuziehen verſuchte,„ich werde den Schlüſſel ſuchen.“ „Was, Schlüſſel, es iſt ja nur ein Riegel vorgeſchoben“, 5 rief Kaspar, der durch das Schlüſſelloch ſpähte und ihre 4 Bewegungen wahrnahm.„Sie merkt Unrath“, raunte er Zaloska ins Ohr,„ich glaube, ſie will zum Fenſter hinaus. So haben wir keine Zeit zu verlieren.“— Er ſetzte die Lampe auf den Boden, winkte Zaloska zu, nahm die Hal⸗ tung Eines, der gewaltſam gegen die Thür rennen will, an, und flüſterte:„Mit mir zugleich!“ Der gewaltſame Stoß Beider donnerte gleichzeitig gegen die Thür und krachend ſprang ſie auf; der Bügel, in den der Riegel eingriff, war ſofort aus dem morſchen Holzwerk gebrochen. Thereſe ſprang entſetzt einige Schritte zuxüd. Faſt un⸗ willkürlich riß ſie den Dolch heraus, und indem beide Män⸗ ner, Kaspar voran, eindrangen, rief ſie ihnen mit erho⸗ bener Hand und entſchloſſener Stimme entgegen:„Zurück! Des Todes iſt, wer mir naht!“ Zaloska ſtutzte und wich, da Thereſe eine drohende Be⸗ wegung gegen ihn machte, zurück. Kaspar aber rief hohn⸗ lachend:„Solche Stecknadeln führſt du bei dir, Dirne? Davor erſchrecken wir nicht!“ und ſchritt auf ſie zu. The⸗ reſe ſah, daß ihr Geſchlecht erkannt ſei. Jetzt ſchauerte ſie entſetzt zuſammen. In dieſem Augenblick wurde ſie der Züge Zaloska's anſichtig, der ſeitwärts geſprungen war und dabei in den hellen Schein der Lampe kam. Wie ein tief gähnender Abgrund that ſich plötzlich ihr entſetzenvolles Geſchick vor ihr auf; ſie ſtieß einen Schrei aus und wankte. Kaspar, der keinen Kriegsvortheil unbenutzt ließ, nahm dieſen gün⸗ ſtigen Augenblick wahr, ſprang hinzu, umſchlang ſie mit dem rechten Arme und faßte zugleich mit einem raſchen kraftvollen Griff ſeiner Linken ihr rechtes Handgelenk, um ihre Waffe unſchädlich zu machen.„Nehmt den Dolch“, rief er Zaloska zu, indem er ſie ſo feſt an ſich preßte, daß ihr faſt der Athem verging. Zaloska ſtand unſchlüſſig . 111 oder hatte nicht rechte Luſt, ſeinem gehaßten Verbündeten ſo raſch zum Triumph zu helfen. „Feiger Hund!“ ſchrie dieſer, während ſich Thereſe ge⸗ waltſam hin⸗ und herwand,„reiß ihr den Dolch aus der Hand oder ich muß ihr das Gelenk verrenken!“ Dabei um⸗ klammerte er ſie mit eiſernem Griff und ſchüttelte ſie am Handgelenk hin und her, in der Hoffnung, daß ſie vor Schmerz die Waffe fallen laſſen ſolle. Thereſe leiſtete dem überlegenen Angreifer Widerſtand mit der Kraft der Verzweiflung. Da er ihre Rechte mit dem Dolch unſchädlich gemacht hatte, faßte ſie mit der Lin⸗ ken ſein ſtruppiges Haar und zerrte ihm den Kopf zurück. Kaspar biß die Zähne zuſammen vor Schmerz; aber er ließ ſeine Beute nicht los; ſeine Wuth auf Zaloska ſtieg aufs höchſte.„Todt oder lebendig!“ ſchrie er Thereſen zu.„Du willſt es nicht anders haben“, und ſuchte ſie zu Boden zu ſchleudern.„Aber dir will ich's gedenken“, drohte er zu Zaloska zurückgewandt. Jetzt wurde dieſem bange vor der Rache, die Kaspar an ihm nehmen könne. Er entſchloß ſich daher endlich, dieſem zu Hülfe zu kommen. Mit einem liſtigen Sprunge, wie eine wilde Katze, war er plötzlich hinter Thereſen, faßte ihre rechte Hand und entriß ihr glücklich den Dolch. Als ſie dies fühlte, that ſie einen Angſtſchrei der Verzweiflung.„Hülfe, Rettung!“ rief ſie mit herzdurchbrechender Stimme. „Sei nicht verrückt, Mädchen“, brüllte Kaspar ſie dumpf an,„ergib dich gutwillig, du ſiehſt, es kann dir Alles nichts helfen!“ Während der letzten Worte, die halb wie eine Ueber⸗ redung klingen ſollten, hatte er die Wuth ſeines mörderi⸗ ſchen Anpackens etwas gemäßigt. Thereſe dagegen, ſowie ſie ſich etwas freier fühlte, verdoppelte ihre Kraftanſtrengung und riß ſich glücklich einen Augenblick von ihm los. Aber nur, um von Zaloska ſogleich von hinten her gepackt zu werden. Dieſer ſuchte ſie zu Boden zu reißen; im Ringen hatte ſich Thereſe jedoch gewendet und war mit dem An⸗ geſicht gegen das Fenſter gekommen. Sie faßte krampfhaft nach dem Riegel deſſelben und hielt ſich an dieſem feſt; allein der Fenſterflügel riß auf und ſie ſtürzte mit Za⸗ loska zugleich auf den Boden nieder. Schon halb bewußt⸗ los, nur wie aus dumpfem Inſtinct, ſchrie ſie gegen das offene Fenſter hin:„Hülfe! Hülfe!“ Und als ob Gott ſelbſt in der höchſten Noth ihr Rettung ſende, fiel plötzlich ein Schuß durchs Fenſter. Kaspar ſtürzte mit dem Schrei: „Hölle und Teufel!“ getroffen zu Boden und riß den Tiſch mit der Lampe nieder. Plötzlich tiefe Finſterniß, Rauch und Qualm im Gemach. Zaloska, von feigem Schrecken er⸗ griffen, raffte ſich auf und ſtürzte hinaus. Thereſe blieb bewußtlos am Boden liegen. Siebenundzwanzigſtes Capitel. Das ganze Haus war erwacht. Der Wirth, ſein Knecht, die Frauen und Kinder, Alles ſtürzte nach dem Schuß aus den Schlafkammern, um irgend wohin zu flüchten, denn Alle vermutheten einen feindlichen Ueberfall durch eine ſtreifende Horde, wie dies in den unruhigen Zeiten bei einem einſam liegenden Hauſe nichts Unwahrſcheinliches war. 113 Zaloska war im heftigen Schrecken, den ſein böſes Be⸗ wußtſein erhöhte, aus der Kammer geſtürzt und hatte die Thür weit offen gelaſſen. Um Kaspar hatte er ſich weiter nicht gekümmert; er lief davon und ſuchte einen Verſteck auf, in der Ueberzeugung, daß es ihm jetzt ans Leben gehen werde. Als der Wirth mit einer Laterne in den dunklen Gang kam, welcher zu der Kammer führte, wo die That geſchehen war, ſah er den Pulverrauch aus der offenen Thür hervorquellen und glaubte in der erſten Beſtürzung, daß dort das Haus ſchon in Brand ſei.„Feuer, Feuer!“ rief er aus allen Kräften, daß es durch das Haus ſchallte und das Entſetzen der Bewohner vermehrte. Barfuß, kaum dürftig bekleidet, ſtürzten Mägde und Kinder in blinder Haſt die Treppe hinab und rannten im Finſtern gegen⸗ einander, da in der Verwirrung Niemand wußte, wohin er ſich retten ſolle. Die Hausthür war verriegelt, doch weil man glaubte, daß draußen Diejenigen ſeien, die das Haus überfielen, wagte ſich Niemand hinaus. So kamen denn die Hausbewohner ohne Ziel und Zweck endlich im Hofe zuſammen. Es verwunderte ſie, hier Alles todtenſtill zu finden. Ein kleiner Schimmer der Dämmerung glimmte durch den wolkenbedeckten, regnigten Himmel. Es war we⸗ nigſtens ſo hell in der Juniusnacht, daß man auf mehrere Schritte um ſich ſehen konnte. Da ſich auch jenſeit des Zaunes nichts mehr regte, kletterte der Knecht zuerſt von innen hinan und guckte hinüber. Alles war ſtill; kein leben⸗ diges Weſen zu ſchauen. Nun faßte der Wirth wieder Muth und ging nach dem Eckzimmerchen zurück, wo er das Feuer angelegt glaubte. Der Rauch hatte ſich faſt verzogen, nur durch den Geruch verſpürte man ihn noch und erkannte, daß es Pulverdampf ſei. Vorſichtig gingen der Wirth und Knecht, dieſer mit einer Holzaxt, jener mit einem alten ver⸗ 114 roſteten Schwert bewaffnet, das er eilig aus einem Winkel der Hausflur geholt hatte, auf das verdächtige Gemach zu. Der Knecht ſollte zuerſt mit der Laterne hineinleuchten. Dieſer hielt ſich vorſichtig einige Schritte vom Eingang und rief mit einer Stimme, die nicht ſo furchtbar war, daß ſie die Feinde durch den Schreck verjagt haben würde:„Steckt Einer in dem Loch?“ Es antwortete Niemand,„Herr“, wandte er ſich nach einigen Augenblicken zu dem Wirth zurück,„mir ſcheint nur, als ſtöhne drinnen etwas!“— Sie rückten Schritt vor Schritt näher. Endlich erleuchtete die Laterne die Kammer hinlänglich, um zu ſehen, daß Nie⸗ mand drin war, außer Einem, der auf dem Boden lag und nicht gefährlich ſchien, weil er nur tief ſeufzte und ſtöhnte. Jetzt traten die Furchtſamen näher und entdeckten, daß es Kaspar Schwarz ſei, der auf den Boden niederge⸗ ſtreckt war. „Der Reitersmann!“ rief der Wirth beſtürzt.„Sieh, Jakob, Alles voller Blut auf dem Boden.“ Mit Grauſen beleuchtete der Knecht Jakob den blutigen Strom, der ſich auf dem Fußboden verbreitet hatte. „Er lebt noch!“ ſagte der Wirth, als er ihn näher betrachtet und angefaßt hatte.„ Rufe die Weibsleute, wir wollen ihn aufs Bett bringen.“ Da Zaloska und der junge Menſch, der hier geſchlafen hatte, verſchwunden waren, kam der Wirth auf die Ver⸗ muthung, dieſe Beiden müßten den kaiſerlichen Reiter er⸗ mordet haben.„Das iſt eine verteufelte Geſchichte!“ dachte er,„das kann mich und mein Haus in ſchöne Ungelegen⸗ heiten bringen! Wer weiß, wer dieſer Reitersmann iſt?“ Er verſuchte ihn ſelbſt emporzuheben, trug ihn auf das Lager, wo Thereſe geruht hatte, und legte ihn, den Kopf etwas gehoben, darauf nieder. 115 „Waſſer“, ſagte der Verwundete matt und öffnete den Mund wie zum Trinken. Der Wirth ſchaute ſich in der Kammer um. Zum Glück ſtand neben einem Schemel mit einer irdenen Waſchſchüſſel ein kleiner Krug gleicher Art. Es war Waſſer darinnen. Der Wirth hielt ihn dem Ver⸗ wundeten an die Lippen, während er ihm mit der rech⸗ ten Hand den Kopf ſtützte. Als Kaspar die Flüſſigkeit am Munde fühlte, trank er einige Schlucke und nach einem kurzen Abſetzen mehr und mehr. Dies ſchien ihm Kräfte und Beſinnung wiederzugeben. Er ſchlug die Au⸗ gen groß auf und blickte ſtarr, verwundert umher. In⸗ deß war auch der Knecht mit der Wirthin und einer Magd zurückgekommen. Kaspar hielt die linke Hand auf die Bruſt und ſagte matt:„Verbindet mich— ſtopft das Blut.“ Die Frauen machten ſich jetzt dabei, ihm, ſo gut ſie konnten, Wundarztdienſte zu leiſten. Sie entkleideten ihn; es ergab ſich, daß er zwiſchen Hüfte und Rippen in die Weichen geſchoſſen war; die Kugel war durchs Fleiſch ge⸗ gangen und am Rückgrat wieder herausgekommen. Er hatte viel Blut verloren, doch gelang es, daſſelbe jetzt zu ſtopfen und einen Verband anzulegen, ſo gut es die Leute verſtanden. Während deſſen kehrte dem Verwundeten die Beſinnung vollends zurück. Der Wirth verſuchte ihn nun auszufragen, was eigentlich vorgegangen ſei, doch Kaspar hatte wieder Beſonnenheit genug, um zu verſchweigen, was er nicht aus⸗ ſagen mochte.„Wo iſt der Schuft, der Zaloska,— der feige böhmiſche Bauer“, ſetzte er, da die erſte Bezeichnung undeutlich war, hinzu. „Ihr meint den Mann, der nach Euch ankam?“ fragte der Wirth.„Ich weiß nicht, wo er geblieben iſt!“ 116 „Der Hundsfott hat mich im Stich gelaſſen!“ ſagte Kaspar empört.„Ihn ſoll die Peſt treffen!“ „Und der junge Burſch, der hier geſchlafen hat— iſt er fort?“ fragte der Wirth. „Zum Fenſter hinaus“, antwortete Kaspar,„das Weibs⸗ bild iſt mit dem Reiter davongejagt—“ „Das Weibsbild?— Mit dem Reiter?“ fragte der Wirth und ſeine Frau, und vor Erſtaunen blieb ihnen der Mund offen.„Was für ein Weibsbild?— Was für ein Reiter?“ wiederholte, da Kaspar nicht gleich antwortete, der Wirth ſeine Fragen. „Nun, zum Teufel, der Halunke, der mich durchs Fen⸗ ſter niedergeſchoſſen hat“, rief der Verwundete ärgerlich. „Aber welches Weibsbild....“ das Wort wurde dem Wirth im Munde abgeſchnitten durch einen ingrimmigen Blick und Fluch Kaspar's.„Hölle und Teufel, fragt mir nicht V die Leber aus dem Leibe!— Laßt mich ruhig crepiren, wenn's einmal ſein ſoll.“ Damit drehte er den Kopf auf V die Seite, murmelte noch einige Worte, wie„Schuft“— „Hundsfott“— ob vor Schmerz durch die Wunde, auf die er mit einer krampfhaften Bewegung die linke Hand drückte, oder aus Aerger, weil er nicht viel zu antworten Luſt hatte, war nicht zu entſcheiden. Jetzt ſteckte ſich, wäh⸗ rend der Wirth und die Seinigen noch um Kaspar's Lager beſchäftigt waren, ein Kopf durch die Thür. Es war Za⸗ loska, auf deſſen widerwärtigen Zügen der Halbſchimmer der Laterne gemiſcht mit dem Halbſchimmer des grauenden Morgens fiel. „Iſt er todt?“ fragte er und wagte ſich halb ins Gemach. „Da iſt der Böhme!— Da iſt der Mörder!“ riefen der Wirth und die Frau gleichzeitig, und der Knecht ſprang 117 auf ihn zu und faßte ihn beim Kragen.„Du haſt den Kriegsmann hier ermordet! Strolch!“ rief er ihn an. Zaloska, der in dem Schreck ſeine ganze ſlawiſche Na⸗ tur geſchmeidiger Unterwürfigkeit und ſchlauer Bosheit wieder⸗ gewann, antwortete:„Ich? Ermordet? Guter, lieber Herr! Bei allen Heiligen! Ich nicht!“ „Du nicht? Du nicht?“ rief der Wirth im Eifer. „Und was hatteſt du hier in dieſer Stube zu thun? Wo iſt dein Spießgeſell, der verlaufene Burſch, und das Weibs⸗ bild, das hier geweſen iſt?“ „Lieber Herr! Ruhig! Ruhig!“ antwortete Zaloska, der ſein ganzes niederträchtiges Spiel nicht verrathen und doch ſeine Unſchuld erklären wollte.„Nur ſtill, Herr! Ich will Euch Alles ſagen!“ Er brachte jetzt mit liſtiger Erfindungskraft eine Lüge vor, um zu rechtfertigen, daß er und Kaspar in das Ge⸗ mach eingedrungen ſeien. Sie hätten den verdächtigen Burſchen, dem ſie ſchon geſtern begegnet ſeien, feſthalten wollen, weil er ſie beſtohlen habe. Da hätten ſie zu ihrem Erſtaunen entdeckt, daß er ein verkleidetes Frauen⸗ zimmer war. „Alſo das war das Weibsbild?“ rief der Wirth und ſtand verwundert da. „Und wie wir ſie faßten und zu Euch ſchleppen wollten, ſeht Ihr, mein lieber Herr, da ſchrie ſie um Hülfe und riß das Fenſter auf. Sie mußte ſchon wiſſen, daß draußen ihre Spießgeſellen waren, denn ſogleich ſchoß Einer durchs Fenſter und traf meinen braven Kameraden. Es war ein ganzer Trupp Räuber draußen. Gewiß wollten ſie das Haus überfallen. Das Frauenzimmer wollte ſie gewiß“, fuhr er mit Gewandtheit des Lügners, dem in der Rede die Erfindung wuchs, fort,„durch das Fenſter einlaſſen. 118 ihr Alle wäret ermordet worden und das Haus geplündert und angezündet, hätten wir euch nicht gerettet!“ „Iſt es möglich! Eine Räuberbande! Eine ganze Bande, ſagt Ihr?“ rief der Wirth voll Entſetzen. „O, wol zwanzig Kerle, zu Fuß und zu Pferd! Ich hörte ſie davongaloppiren“, erwiderte Zaloska. „Wenn ſie nur nicht wiederkommen, da ihrer ſo Viele waren!“ rief der Wirth beſorglich. „Verfluchter, feiger Ausreißer!“ rief jetzt Kaspar Schwarz von ſeinem Lager her, denn ſein Zorn wurde größer als ſein Schmerz und ſeine Ermattung,„ein einziger Mann zu Pferde war's, der durchs Fenſter ſchoß. Und wäreſt, du Hund, nicht davongelaufen“, hier verſagten ihm die Kräfte und er drückte ſeine Wuth nur noch in krampfhaften Geberden aus. Da rief verwundert der Knecht, indem er mit der La⸗ terne gegen den Boden leuchtete:„Da liegt ja noch die Piſtole!“ und raffte ſie auf. „Was Teufel, meine Piſtole!“ rief Zaloska überraſcht und riß ſie dem Hausknecht aus der Hand.„Beim hei⸗ ligen Andreas, meine eigene Piſtole! So muß der Schurke auf meinem Pferde geſeſſen haben!— Kaspar Schwarz!“ wandte er ſich, außer ſich vor Aerger, zu dieſem.„Meine Piſtole— es war mein Pferd, was der Reiter ritt— in meiner Halfter ſteckte das Piſtoll! Der Dieb hat mein Pferd geſtohlen!“ Kein Wundarzt der Welt hätte ein wohlthuenderes Mittel für Kaspar Schwarz erſinnen können als die Freude, welche ihm dieſe Nachricht brachte, daß Zaloska auf ſolche Art noch dazu lächerlich geprellt war. Die Entdeckung erquickte ihn ſo, daß er ordentlich zu neuen Kräften dadurch kam; er hätte laut aufgelacht, wenn die Erſchütterung ihm nur —-—— — 119 nicht zu arge Schmerzen in ſeiner Wunde verurſacht hätte. So verzog ſich ſein Mund nur zu triumphirender Schaden⸗ freude, und er warf, wiewol mühſam, die höhnenden Worte heraus:„So hat er dir auch das Mädchen geſtohlen, denn zu ihm iſt ſie zum Fenſter hinausgeſprungen, und ſie ſind alle Beide auf deinem Pferde zum Teufel geritten! Ich hörte ſie davonjagen!“ In Zaloska's Geſicht zuckte die Wuth. Die Augen roll⸗ ten ihm unter ſeinen dickbuſchigen Augenbrauen wild hin und her, und der breite Mund verzerrte ſich zur grinſenden Erbitterung. „Und meine Depeſchen! Meine Briefe!“ knirſchte er, und fletſchte die Zähne zwiſchen den dicken Lippen.„Aber wenn ich euch faſſe— dahinter ſteckt die ganze Ketzerbrut!“ Kaspar hörte den Ausruf, und ſeine Schadenfreude wuchs. Er vergaß ſein ganzes Leiden wenigſtens für den Augen⸗ blick darüber.„Schön“, höhnte er Zaloska,„wenn die Ketzerbrut ſie hat, kann ſie vielleicht einen guten Gebrauch davon machen, und Euch werden ſie doppelten Botenlohn auszahlen!“ Zaloska bebte vor Wuth. Der Wirth wußte nicht, was er zu allen dieſen Vor⸗ gängen ſagen ſolle, und was für Geſtalten er eigentlich bei ſich beherberge. Er fürchtete ſich bald vor dem Einen, bald vor dem Andern, und mochte es mit Keinem ganz verderben. Endlich fragte er:„Hat der junge Menſch oder das Frauen⸗ zimmer Euch beſtohlen, oder habt Ihr....“ hier ſtockte er, denn er wollte ſagen:„habt Ihr ihn beſtehlen wollen“, allein er verſchluckte das Wort im Munde. Zaloska war in zu heftigem Eifer, um darauf zu achten. „Freilich hat er mich beſtohlen“, rief er, und meinte den Reiter⸗ „Meine Briefe und Depeſchen hat er!“ rief er mehrmals. 8 — Plötzlich, als habe ihn ein Wirbelwind gefaßt, fuhr er auf dem Abſatz herum gegen die Thür und ſchoß hinaus. Es war ihm wie ein Blitz der Gedanke gekommen, den Reiter zu ver⸗ folgen und ſich des ausgeruhten Pferdes von Kaspar zu bedie⸗ nen. Da er vorausſah, daß dieſer widerſprechen würde, unter⸗ drückte er mit ſicherer Geiſtesgegenwart jedes Wort darüber. Denn ſeine hinterliſtige Natur gab ihm für ſolche Fälle immer die rechten Mittel ein und lehrte ihn das Gefühl und die Geſinnung Anderer bei ſeinen Unternehmungen richtig anſchlagen. Er eilte in den Hof, ſuchte und fand den Stall, löſte das Thier von der Halfter, ſattelte und zäumte es in Haſt, öffnete ſich vorſichtig ſelbſt die Riegel des Hofthors und ſprengte hinaus, bevor ein Menſch drinnen im Hauſe ſein Vorhaben ahnte.— Nur der Knecht, der noch in der Kammer umherſtöberte, ob er außer dem Piſtol vielleicht noch andere Gegenſtände finde, die von dem Vorfall Zeugniß gäben oder die er als Eigenthum des Flüchtigen ſich an⸗ eignen könnte, war zufällig, als Zaloska aus dem Hofthor ritt, dem Fenſter nahe. Er hörte ein Pferd galoppiren, ſah hinaus und erkannte, da es nun tageshell geworden war, den Davonſprengenden.„Euer Kamerad reitet auf Eurem Pferde davon“, rief er, halb und halb die Wahr⸗ heit ahnend, zu Kaspar, der ſich eben wieder unter den Händen des Wirths und ſeiner Frau befand, da ſein wildes Gebaren eine Löſung des Verbandes verurſacht hatte, ſodaß die Blutung ſich heftig erneuerte.„Was?“ ſchrie er wüthend auf bei den Worten des Knechtes.„Was? Auf meinem Pferde?“ Und in der Erbitterung ſprang er, mit den Kräf⸗ ten der äußerſten Wuth krampfhaft zuckend, vom Lager auf. „Ihr Schufte habt mein Pferd ausgeliefert“, ſchrie er wie toll und ballte die rechte Fauſt. So will ich euch das Haus über dem Kopf anzünden!“ drohte er in blinder Wuth. 121 „Er hat das Pferd ſelbſt genommen, was wiſſen wir davon!“ rief der Hausknecht zur Antwort. Und gleichzeitig ſchrie der Wirth, der dem einzelnen Verwundeten gegenüber wieder muthig geworden war, auch ſich über den rohen Undank erbitterte:„Ihr wollt mir das Haus anzünden? Ihr? Ihr Raubgeſell? Einen Strick um Euren Hals! Zum Fenſter hinaus mit dem Mordbrenner!“ Kaspar kannte keine Mäßigung weder in ſeinen Be⸗ gierden noch in ſeinem Zorn, aber er kannte auch keine Furcht. Er ſah, daß er ſich in Worten übereilt hatte, und fürchtete ſeine Ohnmacht, denn er konnte ſich nicht aufrecht halten. Doch mit der Geiſtesgegenwart des alten Soldaten, der mitten in der Gefahr klar um ſich blickt, antwortete er feſt:„Ihr droht mir? Ihr? Weil Ihr ſeht, daß ich ver⸗ wundet bin? So ſchwach bin ich noch nicht, daß ich's nicht mit euch Allen aufnehme. Und wenn auch!——“ er fühlte ſich zuſammenbrechen nach dieſer äußerſten Anſtren⸗ gung.—„Vergreift Euch an mir!— Ich reite in Dien⸗ ſten des Generals... Komme ich nicht an, ſo fragt man, wo ich bleibe, und ſucht nach mir!... Dann wehe Euch!...“ Er ſank vor Mattigkeit in die Knie.„Stützt mich! Helft mir!“ befahl er mit trotzigem Muth, da er ſah, daß der Wirth ſtutzig geworden war und wieder etwas klein beigab, und dieſer gehorchte unwillkürlich. „Erfährt man“, fuhr Kaspar matt fort,„daß ich in Eurer Spelunke verunglückt bin— und man erfährt es zuverläſſig... ſo wird ſie der Erde gleich gemacht— und Ihr mit Weib, Kind und Knecht.....“ da brach ihm die Kraft, er ſank bewußtlos zuſammen. Der Wirth, von Natur gutmüthig, zugleich beſorgt über die Verantwortung, die er auf ſich lade, wenn er Rellſtab, Drei Jahre. II. 2. 6 122 einen kaiſerlichen Reiter mit Briefſchaften umkommen laſſe oder gar ſelbſt ums Leben bringe, beſchloß ihn einſtweilen noch zu beherbergen, ihn zu pflegen, aber eiligſt Anzeige beim Kreishauptmann zu machen. So verbanden ſie ihn denn abermals und richte⸗ ten die Lagerſtätte, auf der er ſich befand, ſo gut zu, als das Haus es vermochte und ſein Juſiand es erfor⸗ derte.—— Bald ſank er vor Ermattung in fieberhaften Schlaf—— Während deſſen war es völlig Tag geworden und die erſten Strahlen der Morgenſonne, die in die Kammer leuchteten, fielen auf die Lagerſtätte des Verwundeten.—— Sie ſahen aber an anderer Stelle Anderes, die Seele Erquickenderes, als dieſen Ausgang der wüſten nächtlichen Vorgänge in der Herberge. Tief im Waldgebüſch, an einſamſter Stelle, ſaß ein Mann auf dem Raſen, den Rücken an den Stamm einer Eiche gelehnt; neben ihm ruhte eine jugendliche Geſtalt, deren dunkel lockiges Haupt ſich an ſeine Bruſt ſchmiegte. Seitwärts im Gebüſch ſtand, mit den Zügeln an einen Baumaſt gebunden, ein Pferd, das mit abgeſtreiftem Gebiß graſte. Erfriſchender, blütenduftiger Morgenhauch durchzog die Lüfte; die Stimmen der Vögel erhoben ſich und be⸗ grüßten den Tag, der, nach verſchwundenem Nachtgewitter, den reinſten blauen Himmel mit zartem Purpur erleuch⸗ tete. Mit inniger Zärtlichkeit beugte ſich das männliche Haupt über das jugendliche, deſſen Auge milder Schlum⸗ mer geſchloſſen hielt; heilige Ruhe ſchwebte über den ſchö⸗ nen Zügen. Eben zitterten die Goldſtrahlen der heraufſteigenden Sonne durch das Laub, und ihr Purpur ergoß ſich über das ſchlum⸗ mernde Antlitz. Da öffnete ſich das dunkle Augenpaar, und mit dem Blick holdeſter Seligkeit entfloh den Lippen der Name„Xaver!“ Selig ſchlangen ſich Thereſens Arme um den geliebten Gatten und ſie weinte die ſüßeſten, die dankbarſten Thränen an ſeinem Buſen; tiefe Andacht im Herzen gegen die Vor⸗ ſehung, die ihr ihn, gerade ihn, in der ſchreckenvollen Stunde der Nacht zum Retter geſandt hatte. —— 8 2o . = — 5 G ——— Achtundzwanzigſtes Capitel. In Thurn's Lager vor Wien herrſchte große Bewegung. Alle Truppen waren zu den Fahnen verſammelt. Es hieß, noch heut ſolle ein Sturm gegen die Stadt unternommen werden. Die Trommeln dröhnten von einem Flügel bis zum andern; die Trompeten ſchmetterten. Die Musketiere und Lanzenknechte rückten in langen Reihen vor die Gezelte hinaus, die Reiter wurden hinter denſelben aufgeſtellt. Thurn entfaltete die ganze Maſſe ſeiner Truppen. Offenbar mehr, um den Einwohnern der Stadt dadurch einen imponirenden Eindruck zu machen, als weil dies die zweckmäßigſte Anord⸗ nung geweſen wäre, um einen Hauptſchlag zu unternehmen. Allein er rechnete auf die Stimmung der Bürger Wiens, von der er durch fortgeſetzte heimliche Botſchaften ſeiner Bundesgenoſſen in der Stadt unterrichtet war. Er hoffte, daß, wenn die Anhänger ſeiner Sache die Größe ſeiner Heeresmacht ganz überſchauten, ſie Muth faſſen würden, ſich offen zu Herren der Stadt aufzuwerfen und den Be⸗ lagerern die Thore zu öffnen. Dagegen würden die Katho⸗ liſchen und kaiſerlich Geſinnten in eben dem Maße den Muth und die Zuverſicht verlieren, wenn ſie die Schwäche der Be⸗ 128 ſatzung Wiens mit der Gewalt des böhmiſchen Heeres ver⸗ glichen.— Während dieſes Scheinmanöver der Truppen ausgeführt wurde, fand aber auch ein ernſtliches ſtatt. Die Batterien hatten bisher nur einzeln geſpielt und hauptſäch⸗ lich nur des Erſchreckens und der Einſchüchterung halber ge⸗ feuert, weil Thurn immer noch darauf hoffte, den Kampf durch einen Vertrag günſtiger zu endigen als durch einen Gewaltſtreich. Jetzt ſollte das Geſchütz ein gemeinſames heftiges Feuer eröffnen, um auf dieſe Weiſe die Wirkung zu unterſtützen, die die Entfaltung der Streitkräfte auf die Gemüther üben würde. In Begleitung mehrerer höherer Offiziere und böhmi⸗ ſcher Großen, Berka von der Daub, Oberſt Graf Schaf⸗ gotſch, Kinski, Biela und Anderer, ritt der Graf durch das Lager und vor daſſelbe gegen die Stadt zu hinaus, um mit eigenen Augen zu ſchauen, ob ſeine Befehle pünktlich ausgeführt würden, und welches die Wirkung der getroffe⸗ nen Anordnung ſei. „Wenn uns das Glück nur heut noch ſo günſtig bleibt wie bisher“, wandte er ſich zu ſeinem Nachbar Berka von der Daub,„ſo hoffe ich, daß wir die Nacht in Wien ſchlafen!“ „Ich will es wünſchen“, antwortete dieſer, aber ſein beſorgliches Geſicht ſagte, daß er es nicht glaube. „Zweifelt Ihr?“ fragte Thurn, der im Tone der Antwort das Nein ausgedrückt fand.„Nach Allem, was mir Ebergaſſing geſagt hat, iſt es kein Zweifel, daß unſere Partei heut völlig die Oberhand in der Stadt ge⸗ winnt. Und dann, Ihr werdet es ſehen, öffnet man uns die Thore ohne Widerſtand!“ „Ich will es wünſchen“, wiederholte Berka, und gab ſeinem Rappen die Sporen, um über einen Feldgraben zu 129 ſetzen, der ſich quer über ihre Bahn zog;„möchtet Ihr ſo leicht über die Gräben Wiens kommen als über dieſen“, fuhr er nach dem Sprunge, den Thurn mit ſeinem Pferde gleichfalls gemacht hatte, fort.„Allein ich traue den Ver⸗ ſprechungen der evangeliſchen Herren noch nicht ganz!“ „Redlich ſind ſie wenigſtens, das darf ich verſichern“, bemerkte der Oberſt Graf Schafgotſch, der auf der an⸗ dern Seite Thurn's ritt.„Ich kenne Tharradel von Eber⸗ gaſſing ſeit vielen Jahren; er iſt ein leidenſchaftlicher, aber rechtlicher Mann mit klarem Blick. Ich glaube alſo ebenſo wenig, daß er ſich ſelbſt täuſcht über die Stimmung in der Stadt, als daß er uns zu täuſchen trachten möchte.“ „Ich muß Eurer Meinung ſein“, nahm Thurn wieder das Wort.„Was Ihr ſagt, Oberſt Schafgotſch, ſtimmt mit Dem überein, was mir Martin Frühwein und der Stadt⸗ ſchreiber von Prag, Nikolaus Diewiß berichtet, die ſchon ſeit langer Zeit mit ihm in unſerm Auftrage unterhandelt haben. Und iſt nicht Alles ſo eingetroffen, wie er uns zuvor ge⸗ ſagt hat?— Haben nicht die katholiſchen Stände eine ganz kleinmüthige Botſchaft geſchickt? Waret Ihr dabei, als der Graf Puchheim ſeine Botſchaft las? Er konnte kaum das Blatt halten vor Angſt! Iſt das nicht ein ſicheres Zeichen, daß ſie ſich nicht wohl befinden in ihrer Haut?“ „Freilich wol!“ ſtimmte Berka bei.„Ich kann's aber immer noch nicht denken, daß wir ſo leichten Kaufs davon⸗ kämen.— Ich bleibe auf einen ernſten Kampf gefaßt, das kann wenigſtens nichts ſchaden.“ „Gewiß nicht“, bekräftigte Thurn.„Und Ihr ſeht und hört, wie auch wir uns darauf rüſten.“ Sie waren hinter die Linien der Batterie gekommen, deren Geſchütze gerade ihr Feuer begannen und vom linken 6** 130 Flügel der eröffneten Parallele bis nach dem rechten, der der Burg und den Wällen vor derſelben gegenüberlag, fortſetzten. Ein Offizier ſprengte vor die Laufgräben her quer über Feld auf die Reitenden zu. „Der will zu uns“, bemerkte Thurn zu Schafgotſch. Es war ein böhmiſcher Hauptmann von der Artillerie. Er ſprengte zu Thurn heran und meldete ihm:„Der Obriſt⸗ zeugmeiſter läßt Euch vermelden, Generaliſſimus, daß er die ganze Linie hat beſchießen laſſen. Und ſoeben iſt auch das ver⸗ abredete Zeichen aus der Stadt gegeben, daß auf die Burg ſelbſt gefeuert werden ſoll.“ „Reitet ſpornſtreichs zurück“, entgegnete Thurn dem Haupt⸗ mann,„der Herr Obriſtzeugmeiſter ſoll das Feuer unver⸗ züglich beginnen laſſen; ich werde gleich ſelbſt bei ihm ſein. Seht ihr“, wandte er ſich jetzt zu ſeinen Begleitern, ins⸗ beſondere zu Berka.„Tharradel hält Wort. Es greift Alles Schlag für Schlag ineinander. Jetzt iſt die Depu⸗ tation der evangeliſchen Stände auf dem Wege zum König. Unterſchreibt er ihre Vorſchläge, ſo iſt der Krieg ſo gut als zu Ende. Denn alsdann iſt das Bündniß der Stände aller Provinzen genehmigt bis auf die Steiermärker. Darauf hin werden wir unſere übrigen Bedingungen für Böhmen ſchon machen!“ 1 Berka und Schafgotſch ſchwiegen.— Thurn ſetzte ſein Pferd in Galopp und jagte mit ſeinen Begleitern raſch über Feld. „Schaut Euch einmal um“, forderte Thurn ſie auf, als ſie eben auf der Höhe eines kleinen Feldrückens waren, von dem ſie die ganze Aufſtellung der Heeresmacht über⸗ blicken konnten,„das Alles kann König Ferdinand auch aus den Fenſtern der Burg ſehen. Ich denke, es wird ihn beſtimmen, ſeine Unterſchrift nicht zu verweigern.“ 131 Der Anblick, der ſich den Umſchauenden hier darbot, war ebenſo glanzvoll als von kriegeriſch mächtigem Ein⸗ druck. Das ganze Gefilde diesſeit und jenſeit des Berges bis hart an die Vorſtädte Wiens, welche Thurn's Heer zum großen Theile beſetzt hielt, war mit Truppen bedeckt. Die langen Linien des Fußvolks zogen ſich ſo dicht, als es außerhalb der Schußweite möglich war, um die Stadt und folgten den Wendungen der Wälle und Gräben. Die Fähnlein flatterten bunt im leichten Zuge der Luft, und die Harniſche, Helme, Piken und Gewehre bildeten eine blitzende Kette, mittels deren die Kaiſerſtadt gleichſam in Feſſeln ge⸗ legt ſchien. Jenſeit des Lagers, auf den ſanft anſteigenden Höhen, hielten die Reiterſchaaren in drei Hauptabtheilungen, auf jedem Flügel eine, und die ſtärkſte in der Mitte. „Wenn die Kaiſerlichen einen Ausfall machen wollten“, meinte Thurn ſelbſtzufrieden,„ich würde nichts dawider haben!“ „Sie wären wol große Thoren“, ſprach Berka,„wenn ſie den Schutz, den ihnen ihre tiefen Gräben und dicken Mauern bieten, wegwerfen wollten, um ſich von den Un⸗ ſrigen hier im Blachfeld niederhauen zu laſſen!“ „Ich habe auch nicht Sorge, daß ſie es thun“, antwor⸗ tete Thurn;„aber es macht mir Freude, daß ich den König von Böhmen ſo bequem eine Heerſchau der Truppen ſeines Königreichs abnehmen laſſen kann.“ Es war ein mehr eitles als würdiges Wort, das ihm die glänzende Höhe, auf welche der Augenblick ihn ge⸗ führt, eingab. Es ſollte ihm ſchwer angerechnet werden von dem Lenker der Geſchicke! Die ihn begleitenden Offiziere ſchwiegen; Berka mur⸗ melte etwas vor ſich hin, was faſt klang wie die Worte: „Hochmuth kommt vor dem Fall!“ 132 „Meint ihr“, fragte Thurn, der gern die Lobſprüche der Offiziere über das anſehnliche und wohlgerüſtete Heer aus deren Munde vernehmen wollte,„daß der König Fer⸗ dinand im Stande ſein wird, aus den Burgfenſtern abzu⸗ ſchätzen, wie ſtark wir ſind? Nun, Kinski, Biela, was denkt ihr?“ wandte er ſich zu dieſen.„Ihr ſeid ja Cavaleriſt, Kinski, wie ſtark ſind die dort?“ Er deutete mit dem Fin⸗ ger auf die im Centrum hinter dem Lager aufgeſtellten Ca⸗ valeriemaſſen. „Dreitauſend würde ich ſie ſchätzen“, antwortete dieſer nach einigem Beſinnen. „Beinahe! Es ſind achtundzwanzig Cornet; jedes von hundert Mann“, antwortete Thurn.„Und die Flügel?“ „Den rechten funfzehnhundert, den linken etwas ſtärker“, antwortete Kinski.„In Allem denke ich alſo über ſechs⸗ tauſend.“ „Ihr habt es gut getroffen!— Doch dabei iſt noch nicht gerechnet, was wir jenſeit der Donau und auf den andern entfernten Vorpoſten haben, und die Streifparteien, die bis ins Gebirge nach Schottwien vorgeſchoben ſind!“ „Wir haben ihnen doch nicht alle Verbindung mit Dam⸗ pierre abſchneiden können“, bemerkte Berka. „Was, Dampierre!“ antwortete Thurn etwas verdrieß⸗ lich.„Er wird uns nicht ſchaden! Den und Boucquoi wer⸗ den Mansfeld, Hohenlohe, Colon von Fels und die Andern ſchon im Schach halten! Ich denke, Freunde, die Sonne wird heut über einem merkwürdigen Ereigniß untergehen!“ Wie ein Donnerſchlag aus heiterer Höhe ſchien ein mäch⸗ tig hallender Kanonenſchuß ganz in ihrer Nähe dieſe Worte Thurn's bekräftigen zu wollen. Die Batterie ſchwerer Feld⸗ ſtücke der Burg gerade gegenüber hatte gefeuert. „Seht! Harrant beginnt ſeine Arbeit hier auch!“ rief e e.8.˙ 133 Thurn, und blickte aufmerkſam hinüber.„Beim Himmel, gut getroffen. Seht ihr? Dort in der Schiaßſäharte mitten auf der Face des Baſtions.“ Alle ſchauten hinüber. Die Kugel war in den Erdwall eingeſchlagen, und eine hohe Erdgarbe ſpritzte auf, die ſich oberhalb in eine ſchwarze Staubwolke auflöſte. „Das müſſen wir näher ſehen“, rief Thurn freudig aus, und ſetzte ſein Pferd in Galopp. Alle ſprengten der vor ihnen liegenden Batterie zu. Hier ſtand der Freiherr Chriſtoph von Harrant; zwar des böhmiſchen Königreichs Kammerpräſident, aber zu⸗ gleich der ſachkundigſte und erfahrenſte Mann im Geſchütz⸗ weſen. Dieſe Kenntniß war der Grund, daß man ihm den Oberbefehl der Artillerie bei dem Feldzuge gegen Wien übertragen hatte.— Er war zu Fuß und ging zwiſchen den Stücken umher, von denen er die Richtung eines jeden einzelnen ſelbſt nachſah, bevor der Schuß geſchah. Er hatte ſich eben hinter das zweite Stück gelegt und beſſerte durch Rückwärtswinken mit der Hand an der Richtung, als Thurn mit ſeinen Begleitern hinter der Schanze eintraf. Harrant richtete ſich auf, ſah mit einem Seitenblick, daß der Ober⸗ feldherr gekommen war, befahl dem Stückmeiſter, das Ge⸗ ſchütz ſelbſt zu übernehmen, und trat auf Thurn zu mit der Meldung:„Eurem Befehl gemäß, Graf Thurn, habe ich ſoeben das Feuer auf die Burgwälle eröffnen laſſen.“ „Wacker, Harrant, ſehr wacker“, antwortete dieſer er⸗ freut und reichte ihm die Hand.„Iſt das Geſchütz dort fertig zum Feuern.“ „Es iſt“, antwortete Harrant ſich verbeugend. Thurn bückte ſich zu demſelben hinab und flüſterte ihm einige Worte leiſe zu. Dieſer gab ſehr ernſt durch ein ſtummes Nicken das Zeichen der Bejahung. 134 „So bitt' ich, laſſet abfeuern“, ſprach Thurn;„wir wollen ſelbſt von hier aus die Wirkung beobachten. „Ich rathe Euch aber abzuſitzen“, verſetzte Harrant; „zwar haben ſie, ſo ſcheint es, drinnen kein Geſchütz auf den Wällen, denn ſie antworten nirgends, außer vom Rothen Thurmthor; allein es ſtehen von Althann's Haken⸗ ſchützen viele in der Stadt, und ſie haben Hakenbüchſen, mit denen ſie bis hier hinaus langen.“ Die Warnung Harrant's wurde befolgt. Thurn und die Oberſten ſaßen ab und ſammelten ſich hinter der Schanze; die Reitknechte führten die Pferde weiter zurück. Harrant ſprach leiſe einige Worte zu dem Stückmeiſter; dieſer zeigte ein ſeltſames Erſtaunen und ſchien unſchlüſſig. Doch ſeiner Soldatenpflicht des ſtummen Gehorſams fol⸗ gend, ging er ſchnell ans Geſchütz, ſah die Richtung noch⸗ mals nach, änderte etwas, ließ dem Rohr mehr Elevation geben, trat dann auf die Seite und commandirte: „Geſchütz, Feuer!“ Der Schuß krachte. Die Kugel ſchlug gerade in die Mauer der Burg ſelbſt zwiſchen die Reihe der Fenſter, die die kaiſerlichen Gemächer bezeichneten. Aller Augen richteten ſich wie gefeſſelt auf den Punkt. Doch ſo glücklich der Schuß getroffen hatte, war es doch mehr eine Wirkung des Erſchreckens als der Freude des Gelingens, die ſich auf den Zügen der Beobachter aus⸗ drückte. Harrant ſtand wie in einem ſchweren Kampf mit ſich ſelbſt und ſtarrte zur Erde. Selbſt der Stückmeiſter ſchien ſich ſeines gekungenen Werkes nicht zu freuen; er ſtand wie eine Säule. Nur Thurn zwang ſich zu einem Worte, welches die wunderſame Stille nach dem verhängnißvollen Schuß brach. —ſſͤſͤͤſͤſͤſſͤſſſſſſſſſſ“ 135 Er ſagte belobend zum Stückmeiſter:„Ihr verſteht Eure Sache; ein vortrefflicher Schuß!“ Kerzengerade nahm der alte Soldat den Lobſpruch hin. Da es noch immer beklemmend ſtill blieb, ſagte Thurn zu Harrant:„Laßt uns noch etwas ſehen, Harrant. Ihr habt noch zwei Karthaunen hier, die noch nicht gefeuert haben.“ „Nur halbe Karthaunen; ſie ſchießen nicht mehr als einundzwanzig Pfund“, antwortete dieſer.„Aber ſie thun ihre Schuldigkeit doch, faſt ſo gut wie die Mauer⸗ brecher und ſcharfen Mätzen und die andern Stadt⸗ einnehmer und Weitſchießer und Weitſchießerinnen, die ſie in Ungarn und bei den Türken haben.— Büchſen⸗ meiſter, ſeid Ihr fertig mit Euren Gehülfen?“ wandte er ſich zu den beiden letzten Geſchützen auf dem rechten Flügel der Batterie. „Ja, Herr Obriſtzeugmeiſter“, war die Antwort.„Wenn Ihr die Richtung nachſehen wollt?“ Harrant legte ſich über die ſchwere Laffete und viſirte. „Alles gut!“— Haben ſie drüben ein Geſchütz in der Scharte, ſo denke ich es ſoll demontirt werden.“ „Feuer denn!“ commandirte er. Der Schuß donnerte. Der Pulverdampf wurde vom Winde ſeitwärts getrieben; Harrant, Thurn und die andern Offiziere ſprangen raſch auf das Bankett und beobachteten die Wirkung. „Die ganze linke Schartenbacke iſt weggeriſſen“, ſprach Harrant,„der Schuß hat gut geſeſſen, Büchſenmeiſter.— Nun ſogleich den andern.“ Die zweite Kugel ſchlug faſt genau auf der Stelle der erſten ein. „Wir könnten viel Schaden anrichten in Wien“, ſagte Harrant halblaut zu Thurn,„wenn es darauf ankäme!“ 136 „Nein, nein, Harrant“, erwiderte dieſer.„Für jetzt wollen wir ſuchen, uns die Thore der Stadt auf andere Art zu öffnen als durch Eure Singerinnen und Schlangen!“ „Sie muſiciren aber doch artig“, meinte Oberſt Schaf⸗ gotſch,„und trillern oder ziſchen nach Umſtänden, daß es eine Luſt iſt.“ „Ja, ja, ſie ſind nicht zu verachten“, antwortete Har⸗ rant lächelnd über dieſe Anſpielung auf die derzeit üblichen Geſchützarten und deren Namen. Es war etwas Erzwun⸗ genes in allen dieſen Bemerkungen, die Heiterkeit zeigen ſollten. „Seht da, Graf Thurn“, ſtieß Harrant dieſen leiſe an und flüſterte ihm ins Ohr:„Da weht das weiße Tuch! Das iſt das letzte Zeichen für uns. Nun müſſen wir das Feuern auf der ganzen Linie einſtellen. Jetzt ſind ſie beim Könige.“ „Jetzt!“ wiederholte Thurn mit Nachdruck.„In einer Stunde kann viel entſchieden ſein!“ Er trat vom Bankett zurück; die Offtziere zerſtreuten ſich in der Schanze, beſichtigten den Bau, die einzelnen Ge⸗ ſchütze und ließen ſich in Geſpräche mit der Bedienungs⸗ mannſchaft ein. „Ihr habt ja wol in Wien eine Zeit lang bei der kaiſer⸗ lichen Artillerie geſtanden, Büchſenmeiſter?“ fragte Kinski dieſen.„Iſt Euer Name nicht Schweickardt?“ „Schwickardt, nicht Schweickardt, mit Ew. Gnaden Verlaub“, erwiderte dieſer;„ja wol; ich war noch zu Kaiſer Rudolſ's Zeiten Stückmeiſter in Wien und habe das Zeug⸗ haus einrichten helfen.“ „Richtig, jetzt erinnere ich mich, Schwickardt“, antwor⸗ tete Graf Kinski.„Sollte es ihnen denn in der Stadt ſo an Geſchützen fehlen, daß ſie gar nicht feuern?“ 137 „Was ſie jetzt haben, weiß ich freilich nicht; aber da⸗ mals hatten ſie genug; Belagerungs⸗ und Feldgeſchütz. Ganze Karthaunen, halbe und Viertelskarthaunen, Noth⸗ ſchlangen, Feldſchlangen, Viertelsſchlangen, Falkun und Fal⸗ konets und Serpentinen; alle Gattungen waren da.“ „Wie ſchwer ſchießen ihre Karthaunen?“ „Die ganzen achtundvierzig Pfund; die andern, je nach ihren Namen, die Hälfte oder das Viertel, zwölf Pfund Eiſen. Die Falkunen ſchießen von ſechs Pfund herunter bis auf ein Pfund, die Serpentinen gar nur ein halbes. Allein es ſind lange, tückiſche Dinger; ſie faſſen ihren Mann ſicher auf achthundert bis tauſend Schritt!“ „Haben ſie auch von der neuen Gattung? Wie heißen ſie doch?“ fragte Kinski; denn die Stückwiſſenſchaft war unter den andern Truppentheilen wenig verbreitet. „Haufnitzen, meinen Ew. Gnaden vermuthlich? Was die Türken Beludſcha nennen? Nicht?“ „Ich denke ja; die die Granaten werfen.— Habt Ihr mit den Türken zu thun gehabt? Vielleicht gar einmal bei ihnen geſtanden?“ fragte Kinski. „Ich nicht“, antwortete Schwickardt; es ſind zwar immer⸗ während deutſche Büchſenmeiſter, auch italieniſche bei den Türken, und ich ſollte auch einmal dort Dienſte nehmen, allein ich habe gedankt. Wäre einmal einem Padiſchah meine Naſe nicht recht geweſen, er hätte ſie friſchweg abſchneiden laſſen und— allenfalls den Kopf dazu! Das iſt nichts für mich!— Nein, ich lobe mir das deutſche Kriegsweſen. Iſt doch mehr Ordnung und Zucht und Sitte darin wie bei allen andern. Ich habe unter den Ungarn gedient, bei den Spaniern geſtanden, bin mit den Franzoſen zu Feld ge⸗ geweſen— doch ich bleibe bei den Deutſchen!“ 138 „In Raab habe ich Euch zuerſt getroffen, Meiſter Schwickardt!“ „Das war damals, als Herr Nikolaus Perlin Obriſt⸗ wachtmeiſter und Baumeiſter dort war, und der Freiherr Hans von Springenſtein General⸗Bauſuperintendant und Hofkriegsrath!“ „Ganz recht! Die Herren wußten mit den Feſtungs⸗ werken umzugehen.“ „Das muß wahr ſein“, bekräftigte der Büchſenmeiſter, „ihr Fach verſtanden ſie! Sie haben die große Redoute und das Hornwerk vor dem Baſtion— wie hieß es doch? ich glaube Baſtion Ferdinand— angelegt. Das ſind Bau⸗ werke! Da müßten die Türken den Teufel im Leibe haben, wenn ſie die Feſtung wiedernehmen ſollten!“ Ueunundzwanzigſtes Capitel. Während dieſes Geſprächs, das Kinski mit dem Büchſen⸗ meiſter führte und dem die andern Offiziere aufmerkſam zuhörten, weil ihnen das Artillerie⸗ und Ingenieurweſen als eine ganz beſondere Wiſſenſchaft faſt ſo fremd war, als wenn es gar nicht zum Kriege gehörte, waren Thurn, Har⸗ rant, Graf Schafgotſch und Berka in eifriger, aber leiſer Unterredung auf⸗ und abgegangen. Sie hatten oftmals mit ſpähenden Augen nach den Wällen Wiens hinübergeblickt und dann den Kopf geſchüttelt. „Es dauert doch länger als ich glaubte“, ſagte Thurn endlich,„allein es muß ſich doch zuletzt entſcheiden. Ent⸗ 139 weder— oder.... Ich wollte aber, König Ferdinand gäbe gütlich nach, denn das Aeußerſte vermiede ich doch gern.“ „Einige harte Verhandlungen wird es immer koſten“, meinte Harrant;„der König gibt mit ſeiner Unterſchrift beinahe die ſelbſtändige Herrſchaft über ſein ganzes Reich auf!“ „Nein, Harrant“, fiel Schafgotſch ein,„das kann ich nicht zugeben; er gibt nur die Macht der einen Partei auf, die uns bisher nach Willkür in Haß und Habſucht bedrückte. Stimmt er den ſtändiſchen Anträgen bei, ſo kann er uns freilich nicht mehr durch ſeine Jeſuiten tyran⸗ niſiren laſſen; allein er kann in Vertrauen und Frieden mit uns gemeinſam die Lande verwalten. Das heißt nicht die Herrſchaft aufgeben, ſondern ſie wahrhaft ge⸗ winnen.“ „Der Meinung bin ich auch“, erwiderte Thurn.„Er gibt nur Jedem was ihm zukommt, und ſo behält auch er das Seinige.“ „Wenn Alle ſo gemäßigt dächten wie ihr und ich“, verſetzte Harrant;„allein wer weiß, was man ihm nach dieſer Bewilligung abdrängt?“ „Doch nicht mehr als er ſchon verloren hat“, antwor⸗ tete Thurn lebhaft;„er iſt doch nicht mehr König der Böhmen, wenn wir ſeine Wahl für ungültig erklären! Die paar Fußbreit Landes, die ſeine Heere noch in Böhmen be⸗ ſitzen, ſind doch wol hinlänglich aufgewogen dadurch, daß ich mit der Hälfte der böhmiſchen Heeresmacht jetzt vor den Thoren Wiens ſtehe,— und vielleicht noch heute einrücke!“ ſetzte er in allzu verwegener Hoffnung hinzu.—„Werden mir“, fuhr er, da die Andern ſchwiegen, fort,„die Thore gutwillig geöffnet, ſo bin ich morgen bereit, Ferdinand als König der Böhmen anzuerkennen, und will weder meines 140 alten Proteſtes gegen ſeine Wahl, noch der Geſſetzwidrigkei⸗ ten bei ſeiner Krönung gedenken. Muß ich aber Wien nehmen, dann freilich bleibt die Krone Böhmens für Ferdinand was ſie iſt,— verloren!“ Thurn, den ſein Waffenglück allzu ſicher gemacht hatte, ſprach dies mit dem Ton eines gebietenden Fürſten, der die Krone nach Belieben zu vergeben habe. Wie ſo Viele konnte er dem Schwindel der Höhe nicht widerſtehen, und es regte ſich in ihm jetzt der Uebermuth, ſich großmüthig gegen Ferdinand zu bezeigen! Die Andern hörten die Worte, wie man in ihren Mie⸗ nen leſen konnte, nicht mit Beiſtimmung an. „Jedenfalls“, begann Berka,„thun wir wohl, abzu⸗ warten, bis das Zeichen gegeben iſt, auf das wir harren. Wir wollen den Pelz des Bären nicht verkaufen, bevor wir ihn erlegt haben.“ Thurn wollte antworten. Das Geräuſch eines ſchnell heranſprengenden Reiters lenkte jedoch die Aufmerkſamkeit auf dieſen. Eine Staubwolke hüllte ihn ſo ein, daß weder Züge noch Tracht zu erkennen waren, bis er wenige Schritte von den ihrigen ſein Pferd anhielt und ſich ruhig näherte. „Wolodna! Ihr ſeid's! Was bringt Ihr uns?“ rief Thurn, der ihn zunächſt erkannte, ihn an. „General, der Oberſt Radnicz ſchickt mich mit der Mel⸗ dung, daß es während der Nacht einem Küraſſier⸗ regiment von dem Corps des Grafen Dampierre ge⸗ lungen iſt, unſere Linie zu paſſiren und durch das Waſſer⸗ thor in die Stadt zu gelangen.“ „Alle Teufel!“ rief Thurn heftig.„Wo ſind ſie durch die Poſtenketten gebrochen? Wer hat da ſeine Schuldigkeit nicht gethan?“ 141 „Ich habe nur die Meldung zu machen“, antwortete Wolodna,„von den nähern Umſtänden weiß ich nichts!“ „Der Umkreis iſt zu weit“, bemerkte Harrant entſchul⸗ digend,„es iſt unmöglich, in der Nacht alle Straßen ab⸗ zuſchneiden!“ „Aber ein ganzes Regiment! Wenn es eine Streif⸗ patrouille geweſen wäre!“ fuhr Thurn erhitzt fort.„Reitet zurück, Wolodna! Der Oberſt Radnicz ſoll mir ſogleich ſelbſt das Nähere berichten!— Wer hat das Regiment geführt?“ „Der Oberſt vermuthet, wie ich hörte, daß es das Küraſſierregiment des Oberſten St.⸗Hilaire geweſen iſt“, fuhr Wolodna in dienſtlichem Tone fort. „St.⸗Hilaire— das wäre möglich! Das wäre die einzige Möglichkeit!“ rief Thurn;„aber er muß einen ver⸗ wegenen Marſch gemacht haben.— Wir müßten noch zehn⸗ tauſend Mann haben, um die Stadt rings auf beiden Ufern der Donau zu umſchließen!“ „Er könnte auch auf Schiffen die Donau ſelbſt herab⸗ gekommen ſein, von Krems aus!“ bemerkte Graf Schaf⸗ gotſch. Der Büchſenmeiſter trat plötzlich an den Kreis der Sprechenden und brachte dem Obriſtzeugmeiſter die Mel⸗ dung, daß ein einzelner Mann quer über den Raum zwi⸗ ſchen dem Glacis der Gräben und der Batterie gerade auf dieſe zuſchreite.„Soll ich auf den einzelnen Menſchen Feuer geben?“ fragte er. „Nur nicht mit der Karthaune!“ ſagte Harrant.„Haben wir aber nicht etliche Hakenſchützen zur Hand?“ „Sie ſind alle auf die Batterien des Centrums und des linken Flügels vertheilt“, antwortete der Büchſenmeiſter, „weil von hier aus nur einige Schüſſe geſchehen ſollten.“ Berka, der auf das Bankett getreten war, ſprach zurück: „Der Mann winkt mit einem Tuch; er ſcheint eine fried⸗ liche Meldung zu bringen.“ „Wir müſſen ihn heranlaſſen“, beſtimmte Thurn. Wolodna fragte an, ob er jetzt zurückreiten ſolle. Thurn hieß ihn noch warten. Er hatte eine Vermuthung, daß der ſeltſame Parlamentär aus der Stadt ihm etwas Wichtiges bringe. „Bei Sanct⸗Johannes!“ rief überraſcht Berka, der noch immer auf dem Bankett ſtand,„das iſt der narben⸗ bedeckte Graubart, der ſchon mit Tharradel hier im Lager war!“ „Das bedeutet uns etwas!“ ſagte Thurn ernſthaft und trat gleichfalls raſch auf das Bankett. In wenigen Minuten erſchien Reubner in der Batterie und ging gerade auf Thurn zu. „General“, redete er dieſen an,„ich habe Euch Bot⸗ ſchaft zu bringen von dem Herrn von Ebergaſſing.“ „Gute doch, hoffentlich!“ „Geheime“, ſprach Reubner kurz, und ſeine Züge ſag⸗ ten, daß es wichtige, aber wenig erfreuliche ſei. Thurn trat einige Schritte ſeitwärts. Nach den erſten Worten Reubner's verfärbten ſich ſeine Züge. Reubner hatte mit der Nachricht begonnen, daß Alles fehlgeſchlagen ſei, und erzählte nun, was in der Burg vorgegangen war, und den plötzlichen Umſchlag bei Erſcheinung des Reiter⸗ regiments. „Verdammt!“ rief Thurn und ſtampfte mit dem Fuße. „Wolodna, auf der Stelle reitet zurück und beſcheidet den Oberſt Radnicz hierher. Ich muß erfahren, wie das mög⸗ lich ſein konnte!“ 143 Er winkte jetzt Berka, Schafgotſch, Kinski und Har⸗ rant heran und ſagte ihnen, was Reubner ihm mitgetheilt habe. „Dacht' ich's doch, daß der Teufel uns ein Ei ins Neſt legen werde“, rief Berka heftig aus. „Es iſt ſehr bedenklich“, meinte der ruhigere Harrant. „Was iſt nun noch zu bedenken?“ rief Thurn in zor⸗ niger Aufwallung.„Ferdinand hat ſein Urtheil geſprochen! Die böhmiſche Krone iſt nun frei, völlig frei! Jetzt müſſen wir eine andere Sprache reden. Ihr, Obriſtzeugmeiſter, ſeid jetzt unſer Redner! Nun will ich die Stadt beſchießen, bis die Bürger ſelbſt ſie mir übergeben. Wenn ihre Dächer in Flammen ſtehen und durch die Straßen leuchten, werden ſie wol den Weg zu den Thoren finden, um ſie uns zu öffnen! Ich will alles Geſchütz, was ich noch habe, in die Laufgräben führen laſſen, und auf der Stelle ſollen alle Batterien feuern!“ „General“, ſagte Reubner mit Nachdruck,„wollt Ihr mir geſtatten, ein Wort zu ſagen?“ „Was du willſt. Rede, Alter!“ „Das Wien in dieſer Stunde iſt nicht mehr das Wien von heut Morgen! Die Stadt ſteht auf dem Kopfe! Die⸗ ſelbe Pöbelmaſſe, die der Deputation zujauchzte, als ſie in die Burg zog, wollte die Einzelnen ſteinigen, zerreißen, als ſie, daraus vertrieben, in den Straßen erſchienen. Es iſt als ob mit einem male alle Katholiſchen aus der Erde ge⸗ ſpien und alle Proteſtantiſchen von der Erde verſchluckt wären! Die Jeſuiten ſind in voller Arbeit und hetzen das Volk. Der ſpaniſche Geſandte, der gleich mit dem Pater Lamormain zuſammenſteckte, hat den König aufgefordert, alle Evangeliſchen von Anſehen verhaften zu laſſen, die Stände 144 zuerſt.*) Der König hat es aber abgeſchlagen. Er hat ihnen freigeſtellt, die Stadt zu verlaſſen; er will nur unter ſeinen Glaubensgenoſſen kämpfen und ſich unter Wiens Trümmern begraben.**) Der Herr von Ebergaſſing läßt Euch daher ganz beſonders erſuchen, heut nichts gegen die Stadt zu unternehmen, weil es ſonſt unfehlbar ein Blutbad gegen alle Evangeliſchen geben würde. Der Pöbel würde nicht im Zaum zu halten ſein!“ Thurn's Stirn runzelte ſich finſter. Das Blut in ſei⸗ nen Adern rollte. „Nur die Zeit gönnt den Unſrigen noch, General“, fuhr Reubner fort,„ſich hier ins Lager zu flüchten. Es wird keine zwei Stunden dauern, ſo ſind die Häupter der Evangeliſchen alle hier, mit Allem was ſie in der Eile ret⸗ ten können. Sie wollen die günſtige Geſinnung des Kö⸗ nigs Ferdinand nützen, denn der Umſchlag könnte allzu raſch erfolgen.“ Einige Augenblicke ſtand Thurn wie zur Bildſäule er⸗ ſtarrt. „Was meint Ihr, Harrant?“ fragte er dieſen.„Wenn wir die Beſtürzung in der Stadt benutzten und gleich jetzt einen Kugelregen hineinſchickten, daß ſie ſich nicht be⸗ ſinnen könnten,.... ſo nähmen wir ſie doch noch viel⸗ leicht im erſten Anlauf!“ „Nein, General!“ fiel ihm Reubner mit entſchloſſenem Tone ins Wort.„Gerade jetzt ſind ſie wie vom Teufel beſeſſen! In der erſten Hitze würden ſie einen Widerſtand leiſten wie verbiſſene Jagdhunde. Wenn die Glut etwas kühler geworden iſt, werden Tauſende, die jetzt, im Eifer *) Hiſtoriſch. **) Hiſtoriſch. 145 ſich weiß zu brennen, die Fahne gewechſelt haben und voran⸗ laufen, ſich ſtill zurückziehen. Schon morgen wird der Eifer viel kälter geworden ſein. Dann läßt ſich das Werk ſicherer anfaſſen. Geſchieht es mit Nachdruck, ſo denke ich, in etli⸗ chen Tagen wird das Blatt ſich wiederum günſtig für uns wenden!“ Sein Auftrag und ſein Muth, der ihm in der Gefahr die kalte Beſonnenheit ließ, gaben dem ſchlichten Kriegsmanne das Recht zu dieſer zuverläſſigen Sprache ſo hohen Offizie⸗ ren gegenüber.. „Dieſer Graubart“, ſagte Harrant,„der mir den Krieg und die Welt zu kennen ſcheint, hat Recht, glaube ich. Jetzt wollen wir die Zeit nützen, unſere Batterien ſämmtlich zu armiren, und über Nacht noch etliche neue Schanzen aufführen. Morgen mit Tagesanbruch können wir dann das nachdrücklichſte Feuer eröffnen.“ „Aber um Mitternacht, denke ich, ſchicken wir ihnen ein paar Hundert Brandkugeln und Granaten aus den Haufnitzen in die Dachluken“, ſagte der Büchſenmeiſter vorwitzig dazwiſchen, der, da auch die übrigen Offiziere ſich im Kreiſe um den Erzähler geſammelt hatten, gleichfalls hinzugetreten war und ſein Feuerwerkerlicht leuchten laſſen wollte. 4 „Das wollen wir überlegen, Büchſenmeiſter“, bedeutete ihn der Obriſtzeugmeiſter,„denn es iſt nicht wohlgethan, gleich die Stadt zu Grunde zu richten. Erſt wollen wir ſehen, ob wir's mit den Wällen und Thoren zwingen!“ Berka, der immer wieder unruhig auf das Bankett ſtieg, berichtete jetzt, daß aus dem Burgthor eine ſchwarze Schaar ſich hervordränge. „Das ſind zuverläſſig Flüchtige“, rief Reubner.„Ich denke, ſie laſſen ſie hinaus, weil ſie ſie in der Stadt mehr Rellſtab, Drei Jahre. II. 2. 7 146 fürchten als draußen; denn wer weiß, was geſchähe, nach⸗ dem der erſte Schreck vorüber iſt! Es gäbe vielleicht einen doppelten Kampf mit den Feinden drinnen und mit denen draußen!“ Thurn that noch mehr Fragen über Einzelnes an Reubner, die dieſer mit der Sicherheit eines geſunden Ver⸗ ſtandes beantwortete, und wo es ihm gut dünkte, ſeine ent⸗ ſchloſſene kriegeriſche Meinung hinzufügte. Während dieſer Unterredung hatten ſich die Flüchtigen aus den Thoren Wiens genähert. Es waren, wie Reubner geſagt hatte, die evangeliſchen Mitglieder der Stände und eine große Zahl von andern angeſehenen Proteſtanten. Unter ihnen Tharradel ſelbſt. Sein ganzes Weſen war wie verwandelt. Er, der wenige Stunden zuvor noch ſo zuverſichtlich, ſo voll rüſtiger Kraft und Energie war, er⸗ ſchien wie zerbrochen. Es war als habe ihn eine höhere Macht völlig gelähmt. Statt ſich an Thurn zu wenden, den er inmitten der Offiziere erkennen mußte, ſuchte er ſcheu mit den Augen nach Reubner, und als er ihn er⸗ kannte, ſchwankte er bleich auf dieſen zu. „Um Gottes Willen, Herr von Tharradel“, ſagte Reub⸗ ner leiſe,„was iſt mit Euch vorgegangen? Rafft Euch doch zuſammen, daß wir dieſen Böhmen kein übles Schauſpiel geben! Sind wir gleich für den Augenblick geſchlagen, ſo kann ſich doch das Glück wieder wenden. Wir müſſen nicht allzu demüthig auftreten.“ „Ja, wir ſind geſchlagen“, entgegnete Tharradel düſter und matt,„und mich hat Gott geſchlagen!“ „So wird er Euch wieder aufrichten“, drang Reubner mit dem Ton inniger Bitte in ihn; er nahm ihn beim Arm und ſchüttelte ihn gewiſſermaßen wach aus ſeinem wüſten Traum:„Faſſet doch Muth, lieber Herr!“ 147 Tharradel verſuchte es; allein ſeine Kraft war gebrochen durch eine höhere Gewalt. Er war in ſeinem Glauben er⸗ ſchüttert. Der Hergang in der Burg war ihm ſo wunder⸗ bar erſchienen, daß er auf ihn wirkte, als habe Gottes Strafgericht ihn ereilt. Thurn wurde ſeiner gewahr und trat auf ihn zu.„Herr von Ebergaſſing“, redete er ihn an,„beſtätigt Ihr, was dieſer Kriegsmann uns berichtet hat? Sieht es ſo übel aus in Wien?“ „Der Herr hat ſeinen Arm wider uns gewandt“, ant⸗ wortete Tharradel, und ſein verſtörter Blick ſchweifte umher. „Seine Hand hat uns geſchlagen! Unſere Feinde rufen Sieg!“ „Der Mann iſt krank“, wandte ſich Thurn leiſe zu Harrant und den Andern;„es wird keinen guten Eindruck machen, wenn man ihn in dieſem Zuſtande erblickt. Erlaubt, daß ich ihn gleich in Euer Zelt führen laſſe; es iſt uns das nächſte.“ Harrant bejahte natürlich. 3 „Ihr ſeid erſchöpft, Herr von Ebergaſſing“, redete Thurn dieſen wieder an.„Ihr müßt Euch erſt aus⸗ ruhen und erquicken.— Ihr, Freund“, wandte er ſich zu Reubner,„begleitet den Herrn in das Zelt des Herrn Obriſtzeugmeiſters.“ Oberſt Schafgotſch, der Tharradel ſeit längerer Zeit kannte, war ihm mit mitleidigem Erſtaunen näher getreten. Thurn ſagte zu ihm:„Ihr habt wol die Güte, Oberſt Schafgotſch, den Herrn von Ebergaſſing zu führen und die nöthige Sorge für ihn zu tragen.“ „Ich treffe Euch bald dort“, wandte er ſich noch einmal zu Tharradel. 148 Dieſer war ſo ſchwach, daß er ſich willenlos fortführen ließ. Seltſamerweiſe hatte eben die religiöſe Begeiſterung, die ihn zu ſeinem ganzen Handeln antrieb, durch die Wendung des Ereigniſſes dieſen gewaltigen Rückſchlag auf ihn ausgeübt. Er war, wie es leidenſchaftlichen Gemüthern, die das Maß ſelten kennen, begegnet, irre an ſich ſelbſt, irre an Dem, wofür er ſo eifrig geſtritten, geworden. In ſeinem Glauben ſelbſt war er erſchüttert. In dunkler Ahnung bewegte es ſeine Seele, als habe er durch die verwegene Hand, die er gegen den König erhob, einen Frevel begangen, den der Himmel an ihm ſtrafe. Eine unklare Miſchung der auf ihn zurückwirkenden Eindrücke, ſeiner Verirrung, ſeines Durch⸗ brechens der geheiligten Schranken, die das Haupt des Herrſchers umgeben, ſeiner Zweifel an der Wahrheit und Gerechtigkeit einer Sache, die des Himmels Fügung ſo plötz⸗ lich ſcheitern ließ, während die der Gegner verherrlicht aus dem Kampfe, durch den ſie ſchon vernichtet ſchien, hervor⸗ ging: alles Dieſes wogte in ſeinem Innern und hatte ihn für den Augenblick wenigſtens ſo betäubt, daß er ſeiner ſelbſt nicht Herr war. Zwiſchen dem Grafen Schafgotſch und Reubner unſicher hinſchwankend, verließ er die Schanze, kaum wiſſend, wohin er geführt wurde. Ja, Thränen liefen über ſeine bleichen Wangen. Die Zahl der Flüchtigen hatte ſich indeſſen ſehr ver⸗ mehrt. Von allen Seiten wurden ſie umſtanden, und man hörte ſtaunend ihre Berichte über das ſeltſame Ereig⸗ niß an.. „Sie waren wie aus der Erde gewachſen“, erzählte Einer, indem er von den Reitern ſprach;„kein Menſch hatte ſie die Gaſſen heraufkommen ſehen; ihre Trompeten ſchmetterten dicht hinter uns, ehe wir einen Hufſchlag gehört.“ —— „Und als ob ſie hätten wiſſen können, was droben vor⸗ gehe! Eine Minute ſpäter, und das Verlangen der Stände war genehmigt, war unterzeichnet“, ergänzte ein Anderer. „Wie das aber auch gleich auf die Menge wirkte!“ berichtete ein Dritter.„Vorher hatte man nichts gehört als den Ruf:„Fort mit Ferdinand, fort mit den Jeſuiten! Ins Kloſter mit dem Mönch!» Und plötzlich ſchallte die Luft wieder von dem Geſchrei:«Es lebe Ferdinandus! Nieder mit den Ketzern!)—«Hinaus mit ihnen zur Stadt!» brüllten Andere, und wir waren froh, daß der König Fer⸗ dinand ſelbſt ſogleich geboten hatte, man ſolle uns die Thore zur Flucht öffnen.“ „Ja, und der Pater Lamormain kam von der Burg herunter, ganz in Glut, wie ein Verzückter. Nimmermehr habe ich den Mann mit dem verſteinerten Geſichte ſo ge⸗ ſehen! In ſeinen Augen ſprühten Blitze!„Gott ſelbſt hat ſich uns verkündet, meine Brüder!» rief er auf dem Burg⸗ platze, breitete die Arme ſegnend aus und erhob ſie dann gen Himmel:«Fallt auf die Knie und betet!»“ „Und wie wirkten dieſe Reden auf das Volk?“ fragte Harrant. „Als ob der Schwindel, als ob eine Verzückung ſie er⸗ griffe! Hunderte ſtürzten auf die Knie und ſtreckten die Arme gen Himmel. Andere ſtürmten fort und riefen:«Wir wollen uns vertheidigen bis auf den letzten Blutstropfen! Wir wollen uns unter dem Schutt Wiens begraben!»“ „Die Schwarzröcke“, begann der Erſte der Erzähler wieder,„ſchürten das Feuer überall. An allen Gaſſenecken ſah ich, als ich hinausflüchtete, Redner in der ſchwarzen Kutte, die dem Volk das Wunder erzählten!“ „Welches Wunder?“ fragte Berka. „Nun, ſie behaupten, der König Ferdinand habe ſich 150 vor das Crucifix auf die Knie geworfen und um Rettung in der Bedrängniß gefleht. Da ſei ihm unſer Herr Chri⸗ ſtus erſchienen und habe ihm zugerufen, er werde ihn nicht verlaſſen. Das hat ihm ſolch einen Muth gegeben!“ „Ich ſelbſt hörte“, bekräftigte ein Anderer,„wie einer der Brüder der Geſellſchaft Jeſu, den ich ſehr wohl kenne, der Pater Thyßka....“ „Das iſt Lamormain's ſchlaueſter und eifrigſter Helfers⸗ helfer“, rief Berka aus,„o der iſt uns wohl bekannt in Prag! Nun und was war mit dem?“ „Es hatte ſich ein Kreis von Hunderten um ihn ver⸗ ſammelt. Denen erzählte er die Wundererſcheinung mit vielen lateiniſchen Floskeln.«Unſer Herr und Heilandy, ſagte er am Schluß, aſchwebte ſelbſt herab vom Himmel, erſchien von einer Glorie umſtrahlt dem betenden frommen Könige und rief ihm zu: Ferdinande non te deseram»*)“ „Das ſind Jeſuitenſtücke!“ brach Berka aus;„mit ſol⸗ chem Aberglauben nähren ſie das Volk!“ „Und das folgt ihnen blind, und ſtürzt wie wahnſinnig in den Tod, von ſolchen Reden geſtachelt“, fiel der Er⸗ zähler bei.„Die Studenten haben ſich ſogleich zuſammen⸗ geſchaart zu einem ſtreitbaren Corps. Sie wollen alle Kriegsdienſte thun!“*) „Sie haben ſchon angefangen“, ſagte ein Anderer der Flüchtlinge;„ich ſah, wie ſie ſelbſt Geſchütze nach dem Wall zogen und ſich als Pferde vorſpannten.*) Sie wollen auf alle Baſtionen Karthaunen und Feldſchlangen bringen. Bis jetzt haben viele Stücke noch im Zeughaus geſtanden, *) Hiſtoriſch überliefert. *:) Hiſtoriſch. n) Hiſtoriſch. 151 weil ſie nicht Stückmeiſter und Gehülfen genug hatten. Nun will Alles helfen!“ Thurn, Harrant und die andern Feldoberſten umſtanden ſammt vielem Kriegsvolk dieſe Erzähler. Finſtere Wolkenſchatten lagerten ſich auf die Stirn des Oberfeldherrn bei allen dieſen Berichten, die auf ganz an⸗ dern Widerſtand ſchließen ließen, als er bisher erfahren. Seine eben zuvor gefaßten Entſchlüſſe wurden erſchüttert. Nicht ohne eine ſtille Beſchämung empfand er auch die ſchonende Geſinnung Ferdinand's, welcher nach Dem, was ihm widerfahren, nicht Rache an Denen übte, deren Führer ihn ſo ſchwer in ſeinen Rechten beleidigt hatte, ſondern ih⸗ nen ſicheres Geleit für ihre Flucht gab. Welche auch die Urſachen waren, die den König zu die⸗ ſer mildern Geſinnung ſtimmten, ob er mehr ſeinen Vor⸗ theil dabei zu Rathe zog, oder ein Gefühl des Dankes hatte, den er für ſeine eigene Rettung dem Himmel ſchul⸗ dete: ſo viel war gewiß, ſchauervoll wäre das Geſchick der Unglücklichen geweſen, wenn ſie der Rache ihrer Gegner preisgegeben worden wären! Alle dieſe Betrachtungen wogten in der Seele des Man⸗ nes, der noch vor wenigen Minuten auf dem Gipfel ſichern Erfolgs zu ſtehen glaubte und ſich jetzt plötzlich in die Lage höchſt zweifelhafter Entſcheidung gedrängt ſah. „Ich ahnte einen Umſchlag der Dinge“, ſprach Berka halblaut zu Thurn;„ich wollte, ich hätte Unrecht ge⸗ habt.“ „Ja, es ſind üble Dinge vorgefallen“, antwortete Thurn ſich ermannend;„allein noch brauchen wir uns nicht ver⸗ loren zu geben. Im Gegentheil. Was haben wir im Grunde eingebüßt? Wir hätten einen guten Vertrag geſchloſſen, 152 das iſt wahr, und wären friedlich in Wien eingerückt, oder in Güte zurückgekehrt. Aber wer hätte uns für die Dauer eingeſtanden? ZJetzt werden wir gewaltſam einrücken; wir machen keine Verträge mehr, ſondern ſchreiben Ge⸗ ſetze vor!“ „Nachdem wir eingerückt ſind, doch erſt“, ſagte Berka beſonnen warnend. „Wir müſſen jetzt Maßregeln dazu treffen!“ erwiderte Thurn, ſeine gereizte Stimmung überwindend, nach einigen Augenblicken.„Anderes Wetter, andere Röcke!— Allein ich will nicht Alles auf meinen Kopf allein nehmen. Wir müſſen Kriegsrath halten!“ Er beſtimmte ſogleich, daß Befehl an alle Feldoberſten ergehen ſolle, ſich in ſeinem Zelte zu verſammeln. Er ſelbſt, mit Berka und Kinski, ritt ſofort dahin zurück. Dreißigſtes Capitel. Am Tage nach dem rettenden Ereigniß ſaß König Ferdinand in ſeinem Cabinet am Arbeitstiſche. Vor ihm ſtand ein Offizier der Cavalerie in voller Uniform. Es war der Oberſt Gebhardt von St.⸗Hilaire. Er harrte, ſo ſchien es, ehrfurchtsvoll auf die Behändigung eines Blattes, welches der König in der Hand hielt und noch einmal durchlief. Als er es zu Ende geleſen, ſtand er auf und ſprach in bewegtem Tone zum Oberſten: —— 153 „Außer den Belohnungen, die ich Euch, mein lieber Oberſt, und Euren wackern Leuten bereits ertheilt*), habe ich befohlen, dem Regiment ein Ehrenzeichen zu verleihen, wodurch ſich auch unſere Nachkommen an das Ereigniß er⸗ innern mögen, welches Wir nächſt der Gnade Gottes Eurem und Eurer Mannſchaft ausdauerndem und kühnem Muthe verdanken.“ Der Oberſt warf einen Blick auf die mit dem Siegel und der Unterſchrift des Königs verſehene Urkunde. „Ich will Euch“, ſprach der König,„den Inhalt dieſes Blattes ſelbſt vorleſen.“ Er las mit feierlicher Stimme: „Dieweil Unſer tapferes Küraſſierregiment St.⸗Hilaire ſich nach einem kühnen und verwegenen Marſch am 11. Juni des Jahres Unſers Herrn Eintauſend ſechshundert und neun⸗ zehn in die von dem böhmiſchen Rebellenheere hart belagerte Stadt Wien geworfen, und durch ſein unvermuthetes Er⸗ ſcheinen auf dem Burgplatze Se. Majeſtät den König Fer⸗ dinand von Ungarn und Böhmen aus der Gewalt aufrüh⸗ reriſcher Unterthanen befreik hat, als welche durch den Klang der ſchmetternden Trompeten erſchreckt, in ihrem böſen Ge⸗ wiſſen die Flucht ergriffen: ſo ſoll dieſem Unſrem tapfern Regimente durch gegenwärtige Urkunde von heut ab auf ewige Zeiten das Recht verliehen ſein, jegliches mal, wann daſſelbe nach Wien kommt, im vollen Kriegsſtaat und Waffen zu Pferd, in drei aufeinander folgenden Tagen, durch die Burg zu marſchiren, und auf dem Burghofe drei mal mit allen ſchmetternden Trompeten zu blaſen. Auf daß allem Volk in Erinnerung bleibe, und noch nach Hunderten *) Der Oberſt St.⸗Hilaire erhielt das Oberſchiffamt, erblich auf ſeine Familie, in deren Beſitz es 111 Jahre geblieben. 7&* ——ö—ö—ö—ö——ͤ 154 von Jahren das Gedächtniß bewahrt werde, wie das tapfere Regiment St.⸗Hilaire Thron und Reich von Unter⸗ gang und Schmach gerettet hat.“ Als Ferdinand geendet hatte, rief der Oberſt in glühen⸗ dem Dankgefühl, indem er die Hand auf die Bruſt legte: „Wann und wo Ew. Majeſtät befehlen, werden ich und mein Regiment uns in den Feind ſtürzen, und mit unſrem Blute dieſe heilige Schuld des Dankes zahlen!“ Ferdinand reichte ihm die Hand, drückte ſie herzlich und ſprach:„Nicht Ihr habt eine Dankſchuld zu zahlen, ſon⸗ dern ich! Geht jetzt, lieber Oberſt, theilt Euren tapfern Leuten die Urkunde mit, und verſichert ſie Alle meiner Gunſt und Gnade! Wer von ihnen jemals in Noth iſt, ſoll ſich an mich wenden.“ Darauf winkte er mit Anſehen; der Oberſt zog ſich in freudiger Erſchütterung zurück. Als er das Gemach verließ, trat Pater Lamormain unangemeldet ein. Er ſchritt auf den König zu, verbeugte ſich ehrfurchtsvoll und redete ihn an:„Vergönnen mir Ew. Majeſtät, die Hand des würdigen Sohnes unſerer hei⸗ ligen Kirche zu küſſen, an dem ſich des allmächtigen Gottes Gnade ſo wunderbar verkündet hat.“ Der König wehrte dem Handkuß, drückte aber die Hand ſeines Beichtvaters mit Wärme.„Wem anders“, ſagte er, „als Eurem frommen Rath und Beiſtand habe ich es, nächſt der Gnade des allmächtigen Gottes, der mich mit ſeiner Kraft erfüllte, zu danken, daß ich feſt blieb in der Verſuchung, und mein Vertrauen auf Den allein ſetzte, in deſſen Hand jegliche Schickung liegt?— Theurer Pater Lamormain, nie werde ich es Euch vergeſſen, daß Euer Zu⸗ ſpruch mich feſthielt im Vertrauen, daß ich dieſe Stadt nicht flüchtend verließ, obgleich Alles verloren ſchien. Euer Glaube 15⁵5 hat ſich bewährt; es iſt uns Rettung geworden aus höchſter Noth, und Gott der Allgnädige, ſo hoffe ich feſt, wird mich auch ferner geleiten auf meinen ſchweren Wegen!“ „Solange Ew. Majeſtät Ihre Kraft und Macht dem Dienſt der heiligen Kirche widmen, wird der Allmächtige Ew. Majeſtät Haupt beſchirmen“, ſprach Lamormain mit gen Himmel gerichteten Blicken.—„Schon“, fuhr er ruhi⸗ ger fort und ſeine Züge nahmen wieder den weltlichen Aus⸗ druck ſcharfblickender Klugheit an,„ſchon gibt uns der gnä⸗ dige Gott neue Zeichen ſeiner Huld. Soeben habe ich Briefe von dem Herrn von Martiniz aus München empfangen, die mir ein frommer Bruder der Geſellſchaft Jeſu überbracht hat. Er hat den Weg unter unglaublichen Mühen und Gefahren unverſehrt zurückgelegt! Martiniz berichtet aufs günſtigſte über den Fortgang der hochwichtigen Angelegen⸗ heit, der Ew. Majeſtät endlich auf diejenige Stelle führen wird, welche Ihnen allein gebührt und von wo aus Sie das Schickſal der Welt leiten werden.“ „Er ſchreibt über die Kaiſ erwahl?“ fragte Ferdinand. „So iſt es. Die Ausſichten Ew. Majeſtät werden mit jedem Tage günſtiger. Der Herzog Maximilian wird mit immer größerm Erfolge dafür geſtimmt, daß Ew. Majeſtät den deutſchen Kaiſerthron beſteige, der ſchon ſo gut wie ein Erbtheil des Hauſes Habsburg iſt, und den es, als das mächtigſte der Erde, auch feſthalten muß als ſein wohl⸗ begründetes Eigenthum.“. „Es iſt wahr“, ſagte Ferdinand fromm,„der Himmel hat die Wahl der deutſchen Fürſten ſeit langer Zeit Unſrem Hauſe zugewendet!“ „Die Fürſten erfüllen damit nur die natürlichen Rechts⸗ anſprüche des erlauchten Hauſes Habsburg“, erwiderte La⸗ mormain.„Es erheben ſich zwar bei jeder Wahl Wider⸗ ——————= 156 ſacher und Mitbewerber, allein ſie werden auch diesmal den Sieg nicht davontragen.“ „Lieber Lamormain“, antwortete Ferdinand bedenklich, im vertraulichen Ton,„wir wollen nicht zu ſicher ſein! Bei der wachſenden Macht der proteſtantiſchen Fürſten...“ „Laſſen wir ſie wachſen, Majeſtät! Sie vernichten ſich ſelbſt durch Neid und Zwieſpalt“, unterbrach Lamormain mit einem Lächeln, das faſt noch mehr Verachtung als Hohn ausdrückte.„Sie ſind zu eiferſüchtig aufeinander! Ehe ſie einem der Ihrigen den Glanz der Kaiſerkrone gönnten, ſähen ſie ſie doch noch lieber auf dem Haupte eines Spröß⸗ lings aus dem Hauſe, das ſie ſeit Jahrhunderten trägt. Dieſe Geſinnung iſt es, welche auch Herzog Maximilian zu theilen beginnt.“ „Sind wir des Herzogs Maximilian wirklich ſo ganz ſicher, Lamormain?“ fragte Ferdinand mit halb ſchmerzlichem, halb beſorglichem Tone;„er war mit dem Kurfürſten von der Pfalz vertrauter, als der innigſte Genoſſe meiner Jugend und meines Glaubens es ſein ſollte!“ „Das iſt, hoffe ich, vorüber! ganz vorüber!“ antwortete Lamormain ſicher.„Der Plan des Kurfürſten von der Pfalz, der den Herzog ſelbſt durch den Glanz der Kaiſerkrone zu blenden und zu ſeinem Bundesgenoſſen zu machen gedachte, iſt als geſcheitert zu betrachten. Es werden zwar immer noch neue Verſuche, die dahin zielen, gemacht; allein wir ſind auf unſerer Hut und arbeiten dagegen. Eben darüber macht Herr von Martiniz, der eifrig und geſchickt verfährt, ſehr gün⸗ ſtige Mittheilungen. Nichtsdeſtoweniger bleibt er nicht unſer einziger Vertrauter und Agent. Ich habe noch andere Ver⸗ bindungen in München, die er nicht einmal kennt, noch ken⸗ nen darf. Ich bin mit dem Beichtvater des Herzogs, Pater Eufebius, und mit dem Hofkaplan Dr. Klesheim in 157 vertrauten Beziehungen. Ja, ich habe ſchon mein Auge auf eine geſchickte Perſon geworfen, die ich, falls Ew. Majeſtät es genehmigen, mit einer Sendung an ſie beauftragen möchte. Doch iſt daran erſt ſpäter zu denken. Jetzt müſſen uns andere, dringendere Angelegenheiten beſchäftigen.— Es iſt“, fuhr er nach einem kurzen, bedeutungsvollen Schweigen fort,„gar keinem Zweifel mehr unterworfen, daß Kurfürſt Friedrich von der Pfalz nach der böhmiſchen Krone trachtet. Er hat geheime Abgeſandte bei ſich geſehen, ſich zwar ſcheinbar geweigert, aber doch merken laſſen, er werde dringenderen Anträgen nachgeben.“ „Meine Krone will er an ſich reißen, die ich ſchon auf dem Haupte trage?“ rief Ferdinand aufwallend.„Das wäre Reichsverrath!“ „Es wird ihm nicht gelingen, ihn zu vollführen, wenn Ew. Majeſtät die Kaiſerkrone auf Ihr Haupt ſetzen. Und gerade dahin wirkt er durch ſein thörichtes Trachten. Denn die Ketzerfürſten haſſen ſich untereinander, und die Luthera⸗ ner ſind erbitterter auf die Calviniſten als auf uns ſelbſt. Weder der Kurfürſt von Sachſen noch irgend ein Anderer der ketzeriſchen Union gönnt dem Kurfürſten von der Pfalz, dieſem Erzcalviniſten, ſolchen Zuwachs an Macht und Größe. Je mehr er dahin trachtet, je ſicherer ſind Ew. Majeſtät ihrer Stimmen für die Kaiſerwahl.“ „Sollte das Spiel jetzt wirklich ſo gut für mich ſtehen?“ fragte Ferdinand zweifelnd. „Wir haben einige vortreffliche Alliirte wider Willen dabei“, entgegnete Lamormain mit ſatiriſchem Lächeln. „Und die wären?“ „Zuerſt der Hofprediger des Kurfürſten Friedrich, der gelehrte Doctor Scultetus. Er iſt der größte calviniſtiſche Zelot und treibt ſeinen Herrn mit allen Schrecken der Höl⸗ 158 lenſtrafen auf die gefahrvolle Bahn!— Dann die ſchöne Frau Kurfürſtin Eliſabeth. Sie kann es nicht vergeſſen, daß ſie, die Tochter eines Königs von England, die Mis⸗ heirath mit einem kleinen deutſchen Kurfürſten gemacht hat, und liegt ihm täglich im Ohr, daß wer mit einer Königs⸗ tochter zu Tiſch ſitze, auch den Muth haben müſſe, einen Königsthron mit ihr zu beſteigen.“ „Und woher wißt Ihr das, Lamormain?“ fragte der König erſtaunt. „O, Ihro Majeſtät! die Kirche muß wachſam ſein, Auge und Ohr überall haben, denn der Feind iſt überall geſchäftig. Die Schrift ſagt uns: Seid klug wie die Schlangen! Die Geſellſchaft Jeſu übt hauptſächlich dieſes Gebot für die chriſtliche Kirche, und“— ſetzte er mit eini⸗ gem Selbſtgefühl hinzu—„es iſt nicht eben ganz leicht auszuführen. O ich könnte Ew. Majeſtät noch manchen unſerer Alliirten nennen, der, indem er ſeiner Sache zu dienen glaubt, uns wider Willen dient. Dennoch müſſen auch wir ſelbſt alle Kräfte unſerer Thätigkeit anſpannen. Ew. Majeſtät würden, dieſen eben empfangenen Nachrichten zufolge, nach meinem Rathe Sich baldmöglichſt ſelbſt nach Frankfurt zu begeben haben.“ „Wie ſoll ich jetzt meine Erbſtaaten verlaſſen“, ant⸗ wortete Ferdinand,„in deren Herzen der Feind hauſet!“ „Gott wird uns helfen ihn beſiegen“, erwiderte Lamor⸗ main.„Er hat uns ſoeben ein ſichtbares Zeichen ſeiner Gnade gegeben, ſein Arm wird Ew. Majeſtät auch ferner ſchützen!“ „Thurn ſteht noch vor unſern Thoren!“ ſagte der König. „Bethlen Gabor droht; denn ſeine Hinterliſt iſt am meiſten zu fürchten, je freundſchaftlicher er ſich zeigt. Den Oeſter⸗ reichern kann ich nicht vertrauen, den Steiermärkern noch 159 weniger,— in allen meinen Landen nagt der Wurm der Ketzerei!“ „Der eherne Fuß des Allmächtigen wird ihn zertreten!“ ſprach Lamormain mit flammendem Auge, und nahm die ſtolz zuverſichtliche Haltung an, wodurch er den König ſo oft beherrſchte, indem er ihn ohne Scheu blicken ließ, daß es Fälle gebe, wo er als göttlicher Diener über dem weltlichen Herrſcher ſtehe.„Nicht heut, nach ſolchen Zeichen göttlicher Gnade, dürfen wir kleinmüthig zagen!“ „Nein, Lamormain, ich bin nicht kleinmüthig“, entgeg⸗ nete Ferdinand,„aber die Gefahren drängen rings umher und ich erwäge ſie mit offenen Augen.“ „Und wären der Feinde ſo viele wie die Heuſchrecken der Wüſte und tobten ringsher die Heiden, hat des Herrn Hand nicht die Macht ſie zu ſchlagen?“ ſagte Lamormain mit erhobenem Blick und Arm, in jener prophetiſchen Weiſe, von der er wußte, daß ſie ihres Eindrucks auf Ferdinand's religiöſes Gemüth nie verfehlte. Der eintretende erſte Kämmerer unterbrach das Geſpräch durch die Meldung, daß die Räthe, Fürſt Eggenberg und die Grafen Fugger, Khevenhüller und Trauttmansdorff, im Vorzimmer ſeien. „Ich laſſe die Herren bitten, ſich in den Sitzungsſaal zu verfügen“, erwiderte Ferdinand auf die Meldung. „Nur noch einige Briefe möchte ich Ew. Majeſtät un⸗ terthänigſt zur Vollziehung vorlegen, bevor die Geheime⸗ rathſitzung beginnt“, ſagte Lamormain zu dem Könige, als der Kämmerer hinaus war, und öffnete ein Portefeuille. „Es ſind dies die Angelegenheiten, die nicht zur Kenntniß der weltlichen Räthe zu gelangen brauchen“, fügte er er⸗ klärend hinzu, indem er die Papiere auf des Kaiſers Schreib⸗ tiſch ausbreitete. 160 „Zuerſt ein Schreiben an den Heiligen Vater, wegen der Klöſter und Stifter in Tirol.“ Ferdinand las das Blatt und unterzeichnete. „Dann an den Cardinal Richelieu. Er wird uns wich⸗ tige Dienſte leiſten können, wenn auch nicht ſogleich.“ Ferdinand las.„Wir verſprechen, dünkt mich, viel, Lamormain“, ſagte er das Haupt wiegend. „Wenn wir die Hälfte erfüllen, wird der Cardinal zu⸗ frieden ſein“, erwiderte Lamormain lächelnd.„Unterzeich⸗ nen Ew. Majeſtät getroſt. Es iſt dies eine meiner gering⸗ ſten Sorgen.“— Er fuhr fort:„Dies der Brief an Bethlen Gabor. Ich habe ihn, da er ganz geheim bleiben muß, mit eigener Hand geſchrieben; nur Ew. Ma⸗ jeſtät und ich wiſſen davon!“ „Gut, ſehr gut“, antwortete Ferdinand.„Allein wie befördern wir das Schreiben? Ein vorzüglich ſicherer Mann muß es ſein. Einer auf deſſen Muth und Verſchwiegenheit wir unbedingt bauen können. Ich würde wol einen haben, doch er iſt nicht in Wien!“ „Und der wäre?“ fragte Lamormain. „Der Oberſt Albrecht Wallenſtein, dächte ich.“ „Wallenſtein!“ wiederholte Lamormain und ſchüttelte bedenklich den Kopf.„Ich würde großes Bedenken tragen, ihm dieſe Angelegenheit anzuvertrauen!“ „Hat er uns nicht erſt jüngſt die entſchiedenſten Beweiſe ſeiner Treue, ſeines Muths, ſeines Geſchicks gegeben?“ fragte Ferdinand. „Seines Muths und ſeines Geſchicks, ja“, antwortete Lamormain;„er wäre auch der Mann, mündlich Alles zu ergänzen, was dieſem Schreiben fehlt und fehlen muß. Allein—— ich würde ihm keinen Buchſtaben davon an⸗ vertrauen!“ 161 „Ich begreife Euch nicht! Der Oberſt hat ſich in Mähren geſchlagen, ſo tapfer wie kein Anderer; er hat uns die volle Kriegskaſſe des mähriſchen Heeres überliefert.“ „Aber wir haben ſie zurückgeſandt, um den Grafen Dietrichſtein nicht in Verlegenheit zu bringen!— Das hat uns der Oberſt ſehr übelgenommen!«Es verlohnte ſich der Mühe, das Geld für den Adel zu retten!“ war ſein Gedanke. Ich fürchte ſeinen Ehrgeiz!“ „Würde der nicht größere Nahrung finden, wenn er den Böhmen ſeine Dienſte gewidmet hätte?“ fragte Fer⸗ dinand. „Wer weiß ob nicht gerade ſein Ehrgeiz es iſt, der ihn ihre Sache verwerfen ließ“, erwiderte Lamormain. „Habt Ihr Mittheilungen darüber, Lamormain?“ „Ja“, antwortete der Pater mit einem eigenthümlichen Lächeln. „Welche? Und durch wen?“ fragte der Lönig erſtaunt. „Durch ihn ſelbſt“, entgegnete der Pater mit dem nämlichen Lächeln.„ Sein Auge, ſeine Stirn verrathen mir.... „.... Und darauf hin, Lamormain, wolltet Ihr einen Mann verwerfen, der uns durch Thaten ſo glänzende Be⸗ weiſe ſeiner Treue und Fähigkeit gegeben hat?“ „Ew. Majeſtät, denke ich, haben die Erfahrung ge⸗ macht“, ſagte Lamormain mit einiger Empfindlichkeit und ſein Uebergewicht geltend machend,„daß ich einigermaßen im Innern der Menſchen zu leſen verſtehe.“ „Das wol— aber Wallenſtein!“ „Er wäre hier nicht der Mann, den ich wählte!“ ſprach Lamormain entſchieden.„Indeß wir ſind der Bedenken über⸗ hoben, da er nicht hier iſt. Allein ich bekenne Ew. Majeſtät, daß ich es mit deshalb ſo eifrig betrieb, ihn ein neues Regi⸗ 162 ment in den Niederlanden werben zu laſſen und damit zum Heer des Grafen Boucquoi zu ſtoßen, um ihn nicht hier in Wien zu haben!“ „Und wen könnt Ihr vorſchlagen?“ fragte der König etwas verletzt, aber ſich unterordnend. Um die Empfindlichkeit des Königs zu entfernen, ant⸗ wortete Lamormain:„Der Dienſt des Grafen Wallenſtein wird uns an anderer Stelle vielleicht ſehr nützlich ſein können,— nur nicht hier!“ „Nun aber? Wer ſoll zu Gabor?“ fragte Ferdinand ungeduldiger. „Ich ſchlage den Grafen Piccolomini vor!“ „Gut denn; Piccolomini.— Allein, wird er gewandt genug ſein den Einfluß zu brechen, den Jeſſenius übt?“ „An Gewandtheit wird es dem Grafen Octavio Piccolomini nicht fehlen; mehr an Entſchiedenheit. Doch, dem ſei wie ihm wolle, wir haben jetzt keinen beſſern Mann.“ „Alſo Piccolomini!“ wiederholte Ferdinand mehr für ſich;„er wird einen harten Kampf haben mit Jeſſenius, der jetzt aufs neue ſeine Landsleute in Ungarn und Sieben⸗ bürgen mit aller Macht ſeiner verführeriſchen Zunge wider uns aufreizt!“ „Es kommt doch wol der Tag, wo wir dieſe beredte Zunge zum Schweigen bringen“, ſagte Lamormain mit einem unheimlichen Zug um die ſchmalen, trockenen Lippen und einem noch unheimlichern Blick ſeines in der Höhle lauernden Auges.„Ich werde dem Grafen Piccolomini noch heut ſeinen Auftrag zufertigen.— Nun noch das Letzte“, fuhr Lamormain nach einer kurzen Pauſe fort:„Es iſt mein Schreiben an den Herzog von Uzeda. Ich habe es erſt entworfen, um Ew. Majeſtät Befehle noch über einige Umſtände einzuholen. Der Graf Khevenhüller“, 163 ſetzte er ein wenig lächelnd hinzu,„muß es mitnehmen nach Madrid, allein er darf den Inhalt nicht kennen.“ „Das wird ſchwer einzurichten ſein“, unterbrach ihn Ferdinand beſorglich. „Das Mittel iſt ſchon gefunden. Der Graf nimmt in ſeinem Gefolge einen jungen Mann mit, der mir ſo ergeben iſt, daß ich ihm den wichtigen Auftrag, geheimer Ueberbringer des Schreibens zu ſein, unbedingt ertheilen kann. Es iſt der Secretär des Grafen, ein junger Italiener, Benedetto Maschino, der früher beim Fürſten Eggen⸗ berg beſchäftigt war. In der Vorausſicht einer nothwendigen geheimen Verbindung mit dem ſpaniſchen Hofe habe ich mir dieſen jungen Mann längſt zugerichtet und ihn dem Grafen zu Dienſtleiſtungen empfohlen, bevor er ſelbſt ahnte, daß er nach Madrid gehen werde. Wer früh ſäet, dem reift die Aernte rechtzeitig. Der Graf glaubt ſich den jungen Mann ſelbſt zu ſeinem Begleiter nach Spanien ge⸗ wählt zu haben, während ich ihn doch im Spaniſchen un⸗ terrichten ließ, bevor Graf Khevenhüller ihn kannte und die Plane für die Zukunft ahnte.“ „Ihr ſeid ein Meiſter in der Politik, Lamormain“, antwortete der König,„wie Ihr ein Vorbild im Glauben ſeid.— Gebt mir das Schreiben!“ Ferdinand las es aufmerkſam.—„Ganz einverſtanden, Lamormain, ganz!“ „Auch wegen der Subſidien?— Und der Erneuerung der erbſchaftlichen Beſtimmungen in Betreff der böhmiſchen Krone?“ „Auch darüber!“ „So hätte ich nichts mehr und bitte Ew. Majeſtät mich gnädigſt zu beurlauben.“ Er verbeugte ſich ehrfurchtsvoll und ging. Als Ferdinand allein war, erging er ſich in bewundern⸗ — 164 den Betrachtungen über Lamormain.„Welch ein Mann! Welch ein Geiſt, welches Geſchick, welche Treue und welche Glaubenskraft! dachte er. Von ſeinen großen Eigen⸗ ſchaften iſt die letzte die allergrößte. In ihr ſchöpfe ich ſtets neuen Muth! Ja, ich werde mein großes Werk voll⸗ führen; Gott wird mir die Auswege aus dieſer Drangſal bahnen! Die Zeichen ſeiner Gnade ſind ſichtbarlich! So ſoll mein Entſchluß auch nimmer wieder wanken!“ Als ſollte die Feſtigkeit dieſes Entſchluſſes auf der Stelle geprüft werden, ertönten in dieſem Augenblick die Donner der Geſchütze Thurn's mit erneuter Gewalt gegen die Stadt. Ferdinand trat an das Fenſter und blickte über die Wälle hinaus. Auf der ganzen Linie der Belagerer begann das Feuern. Allein auch von den Wällen Wiens wurde es jetzt mit Nachdruck erwidert. Lange hielt der König das Auge auf das furchtbar erhabene Schauſpiel geheftet, dann ſprach er aus tiefſter Seele:„Was ſind dieſe Donner gegen die Donner des Allmächtigen! Wie dieſe Rauchgewölke ſich dicht am Saume der Erde hinziehen und die Wetter des Herrn hoch in den Himmeln: ſo iſt ſein Wille hoch über dem unſern, und hoch über dieſer zerſtörenden irdiſchen Macht ſeine rettende. Ihr will ich vertrauen!“ In dieſer Aufrichtung der Seele verließ er ſein Gemach, um unter die Räthe ſeiner Krone zu treten und ſein kö⸗ nigliches Amt zu üben. —— Einunddreißigſtes Capitel. Der Kriegsrath war in Thurn's Zelt abgehalten worden. Einſtimmig hatten die Führer den Beſchluß gefaßt, am nächſten Tage, wenn alle Batterien vollſtändig aufgeworfen, alle Geſchütze in die Schanzen geſchafft ſein würden, ein anhaltendes Feuer gegen die Wälle und die Stadt zu er⸗ öffnen, um zu verſuchen, ob ſie ſich in Folge deſſen erge⸗ ben würde. Denn mehrfache Nachrichten waren eingelaufen, die Hoffnung dazu machten. Der erſte allgemeine Eifer der Vertheidigung hatte bald merklich nachgelaſſen. Wie Reubner richtig vorausgeſagt, waren Viele nur, um frü⸗ heres entgegengeſetztes Benehmen vergeſſen zu machen oder zu ihrer Sicherheit eine Geſinnung zur Schau zu tragen, die ſie wenigſtens in dem Maße nicht hatten, mit ſolchem kriegeriſchen Gebaren aufgetreten. Später hatten ſie ge⸗ ſucht, ſich ſtill zu entfernen. Nichtsdeſtoweniger war ein allgemeiner Umſchwung der Geſinnungen in der belagerten Stadt eingetreten und anſehnliche Kräfte aufgeboten worden, die Vertheidigung mit Hartnäckigkeit zu führen. Ein großer Theil der Bürger wünſchte aber dennoch, daß der Streit auf friedlichem Wege beigelegt werde. Die Zahl der Gleich⸗ gültigen gegen den Erfolg der einen oder andern Partei war wie immer groß; ſie wünſchten nur Ruhe und Frieden und Schutz für Habe und Gut. Wer im Vortheil war, dem fiel ihr großes⸗Gewicht zu und gab den Ausſchlag für ihn. Bei einem energiſchen Angriffe, mit günſtigem Erfolge für die Belagerer, mit drohenden Gefahren für die Stadt, war alſo immer noch zu hoffen, daß ein überwie⸗ 166 gender Theil der Bewohner ſich für die Böhmen erklären und die Eröffnung der Thore erfolgen werde. Harrant blieb in ununterbrochener Thätigkeit, die Artil⸗ lerie in beſten Stand zu ſetzen, neue Batterien aufwerfen zu laſſen und zu armiren. Reubner, der ſeit der Flucht aus Wien und der gei⸗ ſtigen Erſchütterung, die ſeinen geliebten Herrn und Be⸗ ſchützer befallen hatte, mit finſtrem Auge in die Welt blickte, hatte beſchloſſen am Kampfe theilzunehmen.„Zu Pferd und im Handgemenge bin ich nicht mehr brauchbar“, hatte er zu Thurn geäußert,„denn meine Glieder ſind halb lahm, halb ſteif. Aber eine Karthaune kann ich noch be⸗ dienen helfen, und ich werde Keinem ein ſchlechtes Beiſpiel geben durch Blaßwerden vor feindlichen Kugeln. Laßt mich alſo mein Scherflein beitragen.“— Auf dieſe Bitte hin hatte Thurn ihn an Harrant gewieſen und dieſer ihn dem Büchſenmeiſter Schwickardt als Gehülfen zugetheilt. Gegen Mittag waren alle Batterien armirt, und der Donner der Karthaunen gegen die Wälle Wiens begann. Bis Abend ſollte er fortgeſetzt, dann eine Aufforderung zur Uebergabe der Stadt gemacht werden. Blieb dieſe erfolg⸗ los, ſo ſollten die Brandkugeln und Granaten ihre Arbeit anfangen.—— „Dann werden die Haufnitzen wie die beſten Harfe⸗ niſten muſiciren“, ſagte der Büchſenmeiſter Schwickardt zu Reubner.„Und manche Singerin und Nachtigall wird die Kehle aufthun ſo, daß Mancher die Augen davor zuthut!“ Er liebte es, wie Alle, die zu jener Zeit in die halbgeheime Kunſt der Artillerie eingeweiht waren, mit den üblichen Geſchütznamen zu ſpielen, die ſelbſt ein Spiel mit Worten und Klängen bildeten.„Leider“, fuhr er fort,„von der allererſten Sorte, von den echten Mauerbrechern, haben wir in unſerer ganzen Schanzlinie nichts; die habe ich aber in Komorn kennen gelernt. Das waren Stadteinneh⸗ merinnen und Weitſchießerinnen vom hohen Adel, ſage ich Euch. Und ſcharfe Mätzen hatten wir! Sie waren den Türken abgenommen, die ſie Baljemes heißen. Das iſt indeſſen nur ein verdrehter Name, denn ſie haben doch Alles, was zum Stückweſen gehört, von uns Deutſchen und von den Ungarn gelernt und verdauen es dann ſchlecht. Baljemes, wißt Ihr was der verrenkte Name eigentlich heißt?«Die keinen Honig ſpeiſen, hat mir's ein Janit⸗ ſchar, den wir gefangen hatten, erklärt.“ Stephan Reubner, der in ſeinem Innern von ganz andern Gedanken bewegt war, hörte dem ſchwatzhaften Stückgelehrten, der die Schwachheit hatte, ſehr gern mit ſeiner Gelehrſamkeit ins Feld zu rücken und ſie in möglichſt breiter Front aufmarſchiren zu laſſen, nur obenhin zu. „Ja“, warf er hin,„das glaub' ich wohl, daß der Türke nicht viel von dem Handwerk verſteht und Alles ver⸗ kehrt benennt.“ „Handwerk! Handwerk!?“ fuhr ihm der Büchſenmeiſter ins Wort.„Oho, Freund, man ſieht, daß Ihr auch nicht viel davon verſteht! Ich denke, wir treiben eine Kunſt und eine Wiſſenſchaft! Das handwerkt ſich nicht ſo leicht! Dazu gehört Kopf! Nun ja, ſo obenhin, wie man einen Wiſcher anfaßt und eine Lunte ans Pulver bringt, das iſt das Handwerk dabei. Aber! Die ganze Wiſſen⸗ ſchaft! Die Stückgießerei! Die Metallmiſchung! Die Kenntniß aller Sorten von Geſchützen, wie ſie bei allen Völkern vorkommen! Bei Hispaniern, Welſchen, Mohren und Türken! Bei Schweden und Engländern, zu Schiff und im Felde, in Feſtungen und Belagerungen! Das will mehr ſagen als ein Handwerk!— Allein wovon ſprachen 168 wir doch gleich! Richtig von den Türken.«Baljemes!» ſo ein vertractes Wort! Das ſind die ſcharfen Mätzen, die den groben Baß ſingen bei ihnen. Die Haufnitzen nennen ſie gar Beludſcha, Gott weiß wie verdreht!“ „Ich meinte auch, ſie hießen Haubitzen?“ fragte Reubner etwas ſpöttiſch. „Haufnitzen oder Haubitzen das iſt eines“, belehrte Schwickardt vornehm.„Die Welſchen und Hispanier ſagen Obizzen, denn Obizza, merkt Euch das Freund, es wird Euch lieb ſein das zu wiſſen, Obizza hieß Der, der ſie erfunden hat.“ „So! Nun, ich denke mir, er iſt beim Teufel in die Schule gegangen, denn es iſt eine wahre Teufels⸗ erfindung!“ „Gut geſagt, gut geſagt, Alter“, lachte Schwickardt. „Ja, es ſind harte Klöße, die uns ſo ein Hanfnetz zu verdauen gibt.“ „Ein Hanfnetz?— Was meint Ihr damit?“ fragte Reubner verwundert. „Ja, das iſt ſpaßhaft, nicht wahr? Zu Dergleichen führt die Unwiſſenheit im Stückwerk“, antwortete der Büchſenmeiſter lachend.„Die Regimentsſchreiber in der Kanzlei, die die Rapports zuſammenſtellen und nichts von der Sache verſtehen, die hatten, wenn ich geſchrieben hatte «Haufnitzeny, Hanfnetze daraus gemacht. So iſt manches Hanfnetz in die wiener Kriegskanzlei gekommen, wovon Niemand die Fäden geſehen hat, aus denen es geſpon⸗ nen war!“ Reubner fing an ungeduldig zu werden über das ſtück⸗ gelehrte Geſchwätz. „Ich werde hier die Kugeln in einen regelmäßigen Hau⸗ fen ſetzen“, ſagte er und wandte ſich um.„Sie liegen ſo 169 unordentlich da; dann haben wir ſie beſſer zur Hand, wenn wir die Stücke bedienen.“ „Thut das! Thut das! Alter“, antwortete Schwickardt, und Reubner machte ſich ans Werk, während der Büchſen⸗ meiſter hinter der Batterie auf⸗ und niederging und man⸗ cherlei ordnete und beſichtigte. Er konnte indeſſen der Luſt zu plaudern nicht lange widerſtehn. Er ſtellte ſich hinter Reubner, ſah dieſem zu und ſagte:„Hm! So vom Aus⸗ wendigen ſcheint Ihr etwas zu verſtehen! Hätte nicht ge⸗ dacht, daß Ihr ſo nach dem Syſtem zu Werke gehen wür⸗ det, beim Kugelaufſetzen.— Ganz richtig. Im Uebrigen.... Ihr richtet da eine Schüſſel Pillen an, die Manchem hart verdaulich ſein werden! Unſere Schlangen und Falkunen und Falkonets freſſen ein grobes Futter!“ „Ich denke, ſie ſpeien es noch gröber aus“, meinte Reubner. „Freilich! Es liegt ſchwer im Magen! Selbſt was die Schlängelchen, die Serpentinen uns zu kauen geben! Ein halb Pfündchen Eiſen!“ „Gerade genug für mich und— wäre mir nicht zu viel“, warf Reubner mürriſch hin, der es lange Jahre gewohnt geweſen war, die Kugeln gleichgültig anzuſehen und jetzt faſt eine Sehnſucht danach verſpürte.—„Wollt Ihr, Büchſenmeiſter, daß ich Euch auch die Munitionen für das Kammergeſchütz aufſetze?“ „Thut das, alter Grauſchimmel“, antwortete der Ge⸗ fragte.„Es muß auch für die Feuerkatzen oder Feuer⸗ hunde geſorgt werden, daß ſie gut beißen, wenn's zur Jagd kommt.“ „Wird's noch lange damit währen?“ fragte Reubner ungeduldig, der ſich nach ernſthafterer Arbeit ſehnte. Rellſtab, Drei Jahre. II. 2. 8 170 „Wir ſollen auf Ordres warten. Die ganze Linie wird dann, glaube ich, zugleich feuern.“ „Ich wollte es ginge bald an! Die Zeit wird Einem lang ſo auf der faulen Haut!“ „Recht, Graubärtchen, da habt Ihr ganz meinen Sinn“, ſchmunzelte Schwickardt.„Ich gähne auch, ſolange das Stimmen dauert. Das Concert iſt mir lieber!— Die In⸗ ſtrumente müſſen aber doch in Ordnung ſein!— Wir wer⸗ den hier ein hübſches Stück muſiciren und wir haben gute Inſtrumente. Nummer Eins, auf dem rechten Flügel(er deutete auf das Geſchütz) iſt eine Singerin, die ſich hören laſſen darf,— eine Halbkarthaune. Den allergröbſten Ton hat ſie nicht, ſie ſchrillt mehr, hat aber ſchon Manchem das Sterbelied geſungen.“ „Und Manches mit angehört“, warf Reubner kurz, halb vor ſich hin. „Nummer Zwei iſt eine Schlange, die zu ziſchen ver⸗ ſteht! Kolauburna, ſagt der dumme Türk, von ſolchen Stücken. Es iſt wiederum ſo ein aus allen Gliedern ge⸗ renktes Wort, Colouvrien heißen's die Franzoſen.“ „Couleuvrine“, berichtigte Reubner lächelnd,„ſagten wir in unſerer Unwiſſenheit, als ich in den Niederlanden unter Boucquoi ſtand, mit lauter franzöſiſchen und braban⸗ tiſchen Truppen.“ „Ja, wie ſolltet Ihr's beſſer wiſſen?“ erwiderte dün⸗ kelhaft der gelahrte Stückwiſſer.„Nummer Drei iſt das Steuerſtück oder Kammergeſchütz. Und vielfach benannt in unſerer Kunſt! Hagelgeſchütz, Feuerkuchen, ſagen wir auch, je nachdem es gebraucht wird; die großen dieſer Sorte nennen wir auch Feuerhunde und Feuerkatzen, denn ſie lauern wie die Katzen und packen an wie die Hunde, wenn wir ſie loslaſſen. Bei Ofen....“ 171 Ein dumpfer Knall nahm ihm das Wort vom Munde weg. Es war ein Schuß auf dem äußerſten linken Flügel. Er horchte auf. Reubner war doppelt froh, daß das Ge⸗ ſchwätz endete und daß das Feuern anfing. Denn der Schuß gab das Signal; es folgte ſogleich ein zweiter, dritter und ſo weiter. „Das kommt vom Rothen Thurmthor her“, belehrte Schwickardt, nachdem er aufs Bankett geſtiegen war und ſich umgeſehen hatte.„Jetzt müſſen wir abwarten, bis unſere Nachbarbatterie ihr Feuer beginnt, dann treten auch wir ein. So iſt die Ordre, falls nicht anderer Befehl käme.“ „Gott ſei Dank! So werden wir bald etwas Anderes hier zu thun haben. Ich bin mit meiner Arbeit fertig“, ſagte Reubner und ſtand auf.„Laßt mich hier an der Karthaune Nummer Eins richten und feuern. Ich verſtehe damit umzugehen.“ „Gut, gut. Meine Gehülfen ſind ohnedies nicht die Geſchickteſten“, entgegnete der Büchſenmeiſter.„Holla, Jungen! Angetreten! Ich will euch für die Stücke abtheilen!— Alle Tage“, ſagte er verdrießlich zu Reubner,„muß man die Bedienung ändern, denn alle Tage nehmen ſie Einem die Leute und geben oft nicht einmal andere. Die Ge⸗ hülfen ſind in der Armee knapp.“ Die Leute traten hinter der Batterie zuſammen, in zwei Linien.— Schwickardt theilte ſie ab.„Für die Karthaune Nummer Eins, acht Mann. Ihr ſollt der Neunte ſein; zum Richten und Abfeuern!“ wandte er ſich zu Stephan Reubner.—„Für die Schlange Nummer Zwei, zehn Mann“, fuhr er fort.„Und packt mir ordentlich an mit den Hebe⸗ bäumen! Das lange Thier bewegt ſich ſchwer.— Für das Kammerſtück, zehn Mann. Ihr Bender hebt das Richt⸗ loth! Auf Euch kann ich mich verlaſſen“, ſagte er zu einem 8* 172 ſechs Fuß hohen Schwarzbart.— So theilte er die Leute für ſeine ganze, aus bunten Beſtandtheilen, Stücke von verſchiedener Gattung und Kaliber, zuſammengeſetzte Bat⸗ terie ab und ließ die Leute ans Geſchütz treten und laden. Nach zehn Minuten war die Batterie ſchußfertig. „Ihr ſeht“, wandte ſich der Büchſenmeiſter zu Reubner, der ihm etwas imponirt hatte, durch ſeine erfahrene Ge⸗ ſchicklichkeit auch in dieſem Theil des Kriegsweſens,„daß bei mir Alles noch ſo leidlich in Ordnung iſt, wenn auch nicht in der allerbeſten. Man hat aber ſeine Noth in dieſer zuſammengerafften Armee. Es ſind ja meiſt Bauern, die ſie gerade vom Pflug weggeholt haben! Wie ſie einen Spieß tragen und einen Säbel oder einen Flamberg re⸗ gieren ſollen, auch allenfalls zwei Beine übers Pferd hän⸗ gen, das lernt ſich wol bald; aber bei uns muß man Wiſſenſchaft haben, und Genie, und Kopf und Geiſt!“ „Und ein breites Maul“, dachte Reubner und zog eins, aber ſchwieg um des Dienſtes Willen. Er ſtand mit ſeinem Richtbaum aufmerkſam an der Karthaune; der Luntenſtock neben ihm in der Erde; die Aſche war ſorgfältig abge⸗ blaſen und abgeklopft an der Feuerſpitze. Schwickardt trat aufs Bankett.„Bei Sanct⸗Velten! Dies⸗ mal geben ſie Antwort!“ rief er.„Alter, ſeht einmal her! Noch haben wir Zeit!“ Er winkte Reubner zu ſich. Das Feuer hatte auf der ganzen öſtlichen Linie begon⸗ nen; doch dampften nicht nur die Batterien, ſondern es don⸗ nerte auch von allen Wällen der Stadt zur Antwort und die Rauchwolken zogen ebenſo über die Stadt wie über das freie Feld. „Jetzt haben ſie ſich in Poſitur geſetzt“, ſagte der Büchſenmeiſter mit einer Art von Ehrfurcht.„Nun weiß man doch warum man feuert!“ — ,— 173 Reubner erſtaunte gleichfalls über die Thätigkeit, die von Seiten der Stadt entwickelt war. Vor etlichen Tagen noch kaum einige einzelne Geſchütze im Stande und auf den Wällen, heut die ganze Linie armirt. „Gut!“ ſagte er barſch,„Rede und Antwort; ſo iſt's Gebrauch in der Welt. Wir wollen's ihnen nicht ſchuldig bleiben!“ „Blitz und Hagel! Bei Sanct⸗Velten. Die Kugel hat gut gefaßt! Saht Ihr, drüben an dem Baſtion, wie die Stücke flogen? Da iſt mehr Eiſen in die Laffete gekom⸗ men, als zum Beſchlag nöthig iſt!“ Mit dieſen Worten lenkte Schwickardt Reubner's Aufmerkſamkeit auf eine Ba⸗ ſtionsface, wo eine Kugel offenbar ein Wallgeſchütz ſo glück⸗ lich getroffen hatte, daß die Stücke der Laffete in die Lüfte flogen.— Indem ſie hinüberſchauten, jagte ein Reiter von der Lagerſeite her auf die Batterie Schwickardt's zu. Es war Wolodna. 4 „Büchſenmeiſter“, rief er von dem dampfenden Gaul herunter,„Ihr ſollt Feuer geben. Der Feldzeugmeiſter ſchickt mich, er wird gleich ſelbſt hier ſein!“ „Gut!“ antwortete Schwickardt kurz.„Wir ſind fertig. Jetzt iſts an Euch, Alter— wie heißt Ihr, nun muß ich Euren Namen haben!“ „Stephan Reubner!“ „Stephan Reubner, Karthaune Nummer Eins richtet auf die äußerſte Scharte rechts in der Baſtionsface.— Macht Euch fertig!“—. Die Mannſchaft trat an das ſchon geladene Geſchütz. Die dicke Bohlenblendung der Scharte wurde ausgehoben. Reubner trat hinter die Laffete, richtete erſt ſelbſt mit dem Richtbaum und viſirte ungefähr; legte ſich dann regelrecht zum genauern Viſiren ans Rohr und winkte mit der Hand 174 rückwärts den Stückgehülfen, um die Richtung zu corrigiren. Dann ſtand er auf und ſagte:„Fertig.“ Der Büchſenmeiſter prüfte die Richtung mit gelehrter Miene.„Hm! Bei Sanct⸗Velten! Gut! Recht gut, Stephan Reubner!— Der Schuß wird ſitzen!“— Jetzt ſtellte er ſich zum Commando in Poſitur auf die Windſeite, hart an der Bruſtwehr, um gleich nach dem Schuß auf dem Bankett zu ſein, und commandirte gravitätiſch:„Feuer!“ Reubner feuerte ab.— Das Geſchütz krachte; eine blaue Rauchwolke ſtand über der Batterie. Sie zog nur langſam zur Seite; doch Schwickardt, der ſeine Stellung richtig genommen hatte, war außerhalb des Rauchs und rief frohlockend:„Wetter und Blitz! Gut getroffen! Die halbe Schartenbacke weggeriſſen!“— Doch kaum hatte er dieſe Worte heraus, als er im Hui vom Bankett ſprang, mit dem Ruf:„Sie ſchicken Antwort!“ Er hatte drüben auf dem Baſtion das Auf⸗ blitzen geſehen und ſetzte ſich hurtig in Sicherheit, bevor die Kugel anlangen konnte. Allein kaum waren ſeine Worte heraus, als auch ſchon der dumpfe Knall von drüben her ertönte und gleich danach eine ſchwere Stückkugel ſauſend über die Batterie hinfuhr, etwa zweihundert Schritt dahinter aufſchlug und in großen Bogenſätzen weiter flog. „Zu hoch! Zu hoch!“ jubilirte der Büchſenmeiſter. „Sie haben ihren Aufſatz falſch genommen oder kennen die Schußweite nicht!“ „Nun ſoll unſere Schlange die Feuerzunge ausblecken“, rief er und ließ das zweite Geſchütz feuern.— Auch die zweite Kugel ſaß glücklich.— Das dritte und vierte Ge⸗ ſchütz that nun auch ſeine Schuldigkeit, und ſo war die ganze Batterie in voller Arbeit. Reubner hatte mit dem erſten Schuß eine ſtreng dienſt⸗ — 175 liche Haltung angenommen; er ſprach kein Wort weiter als was zur Sache gehörte; ſein Auge funkelte muthig, aber düſter. Er war mit dem Eifer eines Jünglings, doch zu⸗ gleich mit der eiſernen Ruhe eines Mannes, der ſeine Jahre nach Schlachten zählte, bei der gefährlichen Arbeit. 4 Ein Trupp von Reitern ſprengte vom linken Flügel herbei. Es war Thurn; ihm zur Seite Harrant und viele Feldoberſten und Hauptleute. Sie beritten die Linie, um ſich von der Thätigkeit und dem Erfolg der einzelnen Bat⸗ terien zu unterrichten. „Nun Alter“, redete Thurn Reubner mit wohlwollen⸗ dem Ton an;„wie behagt's dir außerhalb der Stadt?“ „Beſſer als drinnen, General!“ antwortete er kurz und regte kein Glied. „Du biſt ſolche Arbeit gewohnt?“ „Seit vierzig Jahren!“ antwortete er wie zuvor. „So wünſche ich dir noch zwanzig dazu!“ „Ich mir nicht!“ entgegnete er und man ſah ſei⸗ nem Blick an, daß es ihm Ernſt war mit der Zurück⸗ weiſung. Seine Haltung hatte etwas Eigenthümliches; ein Verein von trotzigem Muth und tiefem Schmerz. Thurn fühlte ſich, wie er überhaupt ſchnell warmen Antheil an Denen, mit welchen er verkehrte, nahm, von dem Graukopf an⸗ gezogen. „Wo haſt du gedient? Wo gefochten, Alter?“ fragte er. „In der halben Welt. Auch unter Euch ſchon, Herr Generaliſſimus.“ „Unter mir? Wo da?“ „Im Türkenkrieg, vor dreizehn Jahren!“. Während dieſes Geſprächs war die Karthaune, die Singerin, wie ſie Schwickardt nannte, wieder ſchußfertig 176 geworden. Reubner ließ die Blendung aus der Scharte heben und nahm den Richtbaum. „Ich will doch deinen Schuß noch beobachten und ſehen ob du Glück haſt“, ſprach Thurn und wandte ſein Pferd der Brüſtung zu. „Glück hab' ich nicht“, ſagte Reubner rauh;„aber ich treffe!“ Er richtete, ſprach ſein„Fertig.“ Der Büchſenmeiſter prüfte und fügte abermals ſein„Recht gut!“ hinzu, Reubner nahm die Lunte. Ein ihm ſelbſt unerklärliches Gefühl drängte Thurn, die Wirkung gerade dieſes Schuſſes zu beobachten; er blickte geſpannt nach dem Baſtion hinüber. Da ſah er es drüben aufblitzen. Doch, indem er das Wort:„Sie feuern ſchon auf dem Wall“, den Leuten zurief, commandirte gleichzeitig auch Schwickardt„Feuer!“ und im nämlichen Augenblick donnerte der Schuß, ſodaß Thurn's Benachrichtigung von des Büchſenmeiſter's Commandoruf und dem Krachen des Geſchützes verſchlungen wurde. Rauch umhüllte die ganze Batterie. In der nächſten Secunde, ſchneller als es möglich war die einzelnen Vorgänge aufzufaſſen, ſchmetterte die feindliche Kugel mit betäubendem Krachen gerade in die Scharte der Schanze, daß die Erde ſchwarz aufſtäubte und Holzſplitter krachend umherflogen. Der Dampf des eigenen Schuſſes und die Staubwolke des feindlichen wirbelten durch⸗ einander, eine halbe Minute lang war nichts darin zu un⸗ terſcheiden. Thurn's Pferd bäumte ſich ſcheu empor in den Dampf⸗ wirbeln und ſchnaubte gegen die Funken, die um ſeine Nüſtern flogen. Ein Augenblick der Beſtürzung und des ahnenden Schrecks hielt Alle gefeſſelt, die ſich in der Bat⸗ terie befanden. 177 Da fuhr ein Windſtoß in den Rauch und die Gegen⸗ ſtände wurden ſichtbar. Die Karthaune lag auf dem Bo⸗ den; ein Rad war zerſchmettert; zwei Stückgehülfen hatte die Kugel gleichfalls niedergeſtreckt; der Eine hielt noch krampfhaft die Trümmer der zerſplitterten Schartenblendung in den Händen, die Beide eben hatten wieder einſetzen wollen. Thurn's Auge ſuchte Reubner; im erſten Augen⸗ blick fand er ihn nicht, doch im nächſten entdeckte er ihn. Er lag auf dem Boden hingeſtreckt hinter dem Geſchütz. Nur ſein todtenblaſſes Antlitz war zu ſehen, den untern Theil des Leibes verdeckte das Geſchütz. Beſtürzt ſprang Thurn vom Pferde herab und eilte auf ihn zu; auch Andere ſprangen heran. Jetzt ſah man was geſchehen war. Der Unterkörper war vom obern getrennt. Die Kugel hatte ihn dicht unter den Hüften getroffen und beide Schenkel. halb zerſchmettert, halb weggeriſſen. Krampfhaft hielt er ſich mit den Händen die Weichen des zerriſſenen Leibes. „Lebſt du, Alter?“ fragte Thurn erſchüttert, indem er ihn aufrichtend an die Schultern faßte.— Jetzt erſt ſah er, daß auch ein mächtiges Holzſtück von dem zerſchmet⸗ terten Rade dem Unglücklichen in den Unterleib geſchla⸗ gen war. Mit ſtarren Augen, in denen noch ein blaſ⸗ ſer Funke trotzigen Muthes aufflammte, blickte ihn der Graubart an. Man ſah, er ſuchte mühſam Sprache zu gewinnen. „Wie iſt dir, Kriegsgefährte“, redete Thurn ihn eigen bewegt an, und legte ihm die Hand um den Nacken, ſodaß er ihm den zurückſinkenden Kopf ſtützte. Es zog ſich ein a leiſes, ſchmerzliches Lächeln über die Züge des Sterbenden. Er that einen tiefen Athemzug; dann ſprach er mit halb verſagender Stimme:„Mir iſt wohl.... tröſtet Thar⸗ 8*ο* radel!— Mein Heiland....“ ſein gebrochener Blick richtete ſich zum Himmel— der letzte Hauch entfloh ſeiner Bruſt. Zweiunddreißigſtes Capitel. Der Krieg rafft Tauſende hinweg; der Soldat wird es gewohnt. Zwiſchen den gehäuften Leichen hin ſchreitet oft der Fuß und ſtrauchelt darüber, doch das Herz bleibt un⸗ erſchüttert. Dennoch drücken einzelne Fälle ſich tief in die Seele; ſie zeigen, daß ein Leben nicht wiegt wie das andere. So Reubner's Tod. Ein eigenthümliches Etwas hatte dem grauen Krieger vom erſten Augenblick an eine Bedeutung gegeben, welche Alle empfanden, die mit ihm in Beziehung traten, und die weit über die Einfachheit ſeines Lebensverhältniſſes hinausging. Sein ehrenhaft ergrautes Haupt, ſein Antlitz voller Narben, die Verſchmelzung von Redlichkeit und Kühnheit, Schmerz und ſtolzem Trotz in ſeinen Zügen, erhob ihn ſo über die Gewöhnlichkeit der Erſcheinungen, daß Jeder ihn ins Auge und ins Herz faßte. Thurn, Harrant, ſelbſt der dünkelhafte, aber kriegstüchtige Büchſenmeiſter hatten dieſen Eindruck empfunden. Es be⸗ durfte nicht, daß er der erſte Abgeſandte eines ſo wichtigen Parteiführers wie Tharradel geweſen, daß er deſſen Freund und Vertrauter war. Von Reubner empfand es Jeder, er ſei der Mann ſeiner ſelbſt, an dem die flüchtige Welle des Augenblicks ſich zerſchellt. Er wurde nicht weggeſpült vom Strom, nicht verweht von dem Hauch des Windes — 179 wie leichte Spreu, ſondern ein Fels, eine Eiche, ſtand er, bis die Gewalt ihn brach. Er war gebrochen. Eine tiefe Erſchütterung, eine unwillkürliche Ehrfurcht ergriff alle Umſtehenden. Der Fall des niedern Mannes war gleich dem eines Führers. Durch Thurn's Seele zog es zugleich mit einer düſtern Ahnung; ihn ergriff der Tod dieſes Redlichen wie eine böſe Vorbedeutung. Was er empfand, barg er in der Bruſt, allein unheimlich beſchlich ihn die Ahnung, daß er auf einem Wendepunkt ſeiner Lauf⸗ bahn ſtehe, daß er ſchon auf dem Gipfel ihrer Höhe ge⸗ weſen ſei, und in kleinen wie in großen Zeichen ihm an⸗ gedeutet werde:„Hier war dein Ziel! Dein Lebensgang wendet ſich abwärts! Noch ſtehſt du hoch, aber die Tiefe ſenkt ſich ſteiler und ſteiler, es wächſt die Schnelle des niederziehenden Schwunges! Und weißt du, wie nahe der jähe Abgrund iſt, an deſſen Rande jede Bahn aufhört und im zerſchellenden Sturz endet?....“ Sein Ohr vernahm in dieſer Minute innerer, geheiligter Stille, wo die brauſenden Stimmen eigener Leidenſchaft plötzlich für eine kurze Zeit ſchwiegen, gleichſam das ferne, dumpfe Rollen der Räder des Weltgeſchicks. Doch es war nur ein kurzer Augenblick. Die Nothwendigkeit, die Ge⸗ walt der Kriegszuſtände riß unaufhaltſam vorwärts. Thurn raffte ſeine ganze Kraft zuſammen, den Eindruck zu beherr⸗ ſchen, und gebot: „Der brave Soldat hier ſoll mit allen Ehren beſtattet werden; er war ein Märtyrer unſerer Sache, unſers Glau⸗ bens. Tragt ihn durch die Laufgräben zurück ins Lager!“— Noch während er dieſe Worte ſprach und einige Kriegs⸗ knechte hinzutraten, den Leichnam emporzuheben, comman⸗ dirte Schwickardt ſchon abermals ſein„Feuer!“ und der 180 Donner der Geſchütze der Belagerer und Belagerten über⸗ tönte die Empfindungen ernſter Stille und Sammlung. „Wie viel Munition habt Ihr noch, Büchſenmeiſter?“ fragte Harrant. „Ueber zwanzig Schuß für jedes Stück; ich kann bis Abends ſpät feuern laſſen.— Aber die Karthaune iſt jetzt unbrauchbar.“ „Es ſoll eine andere in die Batterie geſchafft werden, und dieſe hinaus, um ſie herzuſtellen, wenn es möglich iſt!“ „Sie ſcheinen zu heftiger Gegenwehr entſchloſſen“, flü⸗ ſterte Berka leiſe in Thurn's Ohr, als eben wieder eine Kugel von den Wällen her in die Batterie ſchlug. „Wir wollen ſehen, wie lange ſie es aushalten“, ant⸗ wortete dieſer;„aber wir müſſen zurückreiten, und dann zum Kriegsrath in mein Zelt. Ich gehe nicht mehr in mein Quartier nach Ebersdorf; ich muß jetzt mitten unter euch bleiben. Darum habe ich das Zelt wieder aufſchla⸗ gen laſſen.“ Mit dieſen Worten wandte er ſein Pferd, ſpornte es und jagte in vollem Galopp wieder die Linie abwärts nach dem linken Flügel. Die Begleitung folgte ihm. Das Feuern dauerte unabläſſig fort.——— —— Nachmittags war der Kriegsrath in Thurn's Zelt verſammelt. Es galt die Frage, ob man die Stadt, deren Widerſtand im Laufe des Tages bedeutend nachgelaſſen hatte, indem das Feuern immer ſparſamer wurde, zur Er⸗ gebung auffordern, oder ob man zur Nacht ein heftiges Feuer mit Brandgeſchoſſen veranſtalten und unter den Schrecken deſſelben ſtürmen ſolle. Harrant ſtimmte dafür, die Aufforderung zur Uebergabe ergehen zu laſſen, und dem Könige und der Stadt lieber günſtigere Bedingungen zu ſtellen, als eine — ——— ——— 181 gewaltſame Entſcheidung, die mit zu grauſenhaften Um⸗ ſtänden verknüpft ſein müſſe, eintreten zu laſſen. „Ich möchte auch Blutvergießen ſparen“, erwiderte Thurn.„Allein durch eine vorhergehende Aufforderung wird der Feind von unſerm Vorhaben zu ſicher in Kenntniß ge⸗ ſetzt. Es iſt ſehr ſchwer mit Gewalt in die Stadt zu dringen; aber durch Ueberraſchung wäre es leicht möglich!“ „Sie müſſen und werden auch auf den Sturm gefaßt ſein“, ſagte Berka,„wenn wir die Aufforderung unter⸗ laſſen.“ „Wenn ſie ſich in Gutem ergeben wollten“, meinte der Oberſt Roſenberg, ein alter Haudegen,„könnten ſie ja auch uns einen Trompeter ſchicken! Wacker darauf ge⸗ ſchoſſen, ein paar Hundert Brandkugeln hineingeworfen und dann die Beſtürzung zur Ueberrumpelung benutzt! Das iſt meine Meinung!“ „Ihr redet mir aus der Seele, Graf Roſenberg“, pflichtete Thurn bei.„Wir wollen abſtimmen!“ Es geſchah. Die Mehrzahl war für den Verſuch, die Stadt, ohne Aufforderung zur Uebergabe, gewaltſam durch Ueberraſchung zu nehmen.. Die Verſammelten ſtanden auf. Thurn ſprach:„Um zehn Uhr, ihr Herren, findet euch wieder hier zuſammen, dann will ich euch die nähern Befehle über den Angriff, den wir mit der erſten Morgenſtunde, wenn Alles in der Stadt müde und im Schlaf iſt, machen wollen, mittheilen.“ Der Kriegsrah ging auseinander. Berka drückte Thurn im Weggehen herzlich die Hand; allein er ſahe finſter aus und ſagte:„Wir wollen treu zuſammenhalten, Thurn, es gehe wohl oder übel. Ich denke, wenn ich auch zu Zeiten anderer Meinung bin als Ihr, ſo ſind wir doch eines Sinnes“ „Und bleiben es!“ antwortete Thurn, indem er den Druck erwiderte. Harrant war der Letzte, der das Zelt verließ. Thurn hielt ihn zurück.„Wir Beide müſſen noch mit⸗ einander Abrede nehmen, Harrant.“— Als alle Uebri⸗ gen entfernt waren, zog er ihn auf einen Feldſtuhl und ſagte ihm:„Ich will Euch meinen Plan mittheilen; ſtimmt Ihr nicht mit mir überein, ſo fordere ich Euch auf, mir ohne Rückhalt Eure Meinung zu ſagen.— Wir müſſen, um den Feind zu täuſchen, von jetzt an das Feuer allmälig ſchwächer werden laſſen, es zu Abend ganz einſtellen. Dann ſollen unſere Leute ſich etliche Stunden erholen. Gegen Mitternacht, wenn ſie in Wien müde zu werden anfangen und aufhören einen Angriff zu befürchten, wollen wir mit Brandkugeln und allen zündenden Geſchoſſen an verſchiedenen Theilen die Stadt in Flammen ſetzen, und wenn ſie in der Beſtürzung, ihre Häuſer über dem Haupt abbrennen zu ſehen, ſich dahin wenden, wo es brennt, und in der Vertheidigung der Wälle nachlaſſen, müſſen wir einen falſchen Angriff machen, gegen das Rothe Thurm⸗ thor hin und es mit aller Macht beſchießen, auch Schein⸗ anſtalten zum Berennen machen. Haben wir ſie dort etliche Stunden beſchäftigt, ſo laſſen wir nach; ſie müſſen denken, man gebe die Berennung auf und werde ſich dann gleichfalls der Ruhe überlaſſen. Dann ziehen wir in möglichſter Stille bis zwei Uhr Morgens alle Kräfte am Burgthor zuſammen. Sturmleitern, Petarden und was ſonſt noth⸗ wendig iſt, um über den Graben, auf die Wälle und in die Thore zu kommen, müſſen dort ſein. Schlag halb drei Uhr beginnen wir zu ſtürmen; und ich hoffe, die Morgen⸗ ſonne ſieht uns in Wien. Stimmt Ihr damit überein, Harrant?“ — „Durchaus!“ „So bereitet Alles vor!“ Harrant wandte ſich zum Gehen; Thurn entließ auch ihn mit Handſchlag und warmem Händedruck und mit dem Wort:„Auf Wiederſehen heut Abend hier, und morgen, wil''s Gott, dort!“ Er zeigte nach dem Stephans⸗ thurm hinüber. Dreiunddreißigſtes Capitel. Thurn ſaß und ſchrieb Depeſchen an die Directoren, die er ſchon früh am Tage begonnen, aber, durch die Er⸗ eigniſſe geſtört, öfters unterbrochen hatte. Es wurde dunkel; ein Diener ſetzte ihm zwei brennende Kerzen auf den Feld⸗ tiſch und entfernte ſich dann leiſe wieder. Die Einſamkeit des Zeltes, welches von den Kerzen nur ſpärlich erleuchtet war, ſodaß die vom Tiſch entfernten Gegenſtände ſich im Dunkel verloren; die tiefe Ruhe draußen, da die von der Arbeit ermüdeten Krieger auf Anordnung der Führer raſte⸗ ten, um für die Nacht Kräfte zu ſammeln; das Gewicht Deſſen, was für dieſe nächſte Nacht ſich vorbereitete: Alles dies wirkte mit ernſter Gewalt auf Thurn's Seele.— Er legte die Feder nieder und ſaß, das Haupt in die Hand geſtützt, tief in Gedanken verſenkt an dem Schreibtiſche. Der Donner der Geſchütze, der ſchon ſeit einigen Stunden allmälig ſparſamer ertönte, hatte jetzt ganz aufgehört; es herrſchte Todesſtille ringsum. Thurn's Betrachtungen 184 wandten ſich rückwärts auf die ſchwer bedeutungsvollen Er⸗ eigniſſe, die ſich in den Raum dieſes letzten Jahres gedrängt hatten. Er mußte ſich ſagen, daß hauptſächlich er ſelbſt es war, der ſie hervorgerufen! Seine Hand hatte den erſten Streich gethan in dem Kampfe, der nun ſeit länger als Jahresfriſt in Böhmen und Oeſterreich entbrannt war und mit ſteigender Erbitterung fortdauerte. Ein Gefühl der Wehmuth, gemiſcht mit düſtrer Ahnung, ergriff ihn, das nicht in Einklang mit den Hoffnungen der glänzenden Er⸗ folge ſtand, die er für den nächſten Tag mehr ankündigte als erwartete.— Er ſtand auf und ging mit verſchränkten Armen auf und nieder. „Wenn ich voraus gewußt hätte, daß es ſo weit kom⸗ men werde!“ ſprach er zu ſich ſelbſt, und blieb unſchlüſſig ſelbſt in Gedanken und Empfindung, ob er ſich ſagen ſolle, daß er die That, die den unheilbaren Bruch herbeiführte, unterlaſſen oder vollbracht hätte. Seltſam! Die Erfolge hatten ſich unendlich glücklicher geſtaltet, als er jemals zu hoffen wagen konnte; und den⸗ noch ſtand er mit einem innern Schauer auf dem Punkte der Bahn, den er jetzt erreicht hatte, und wo das Ziel nur einen Schritt von ihm entfernt ſchien. Allein die Verwickelungen waren tiefer in das Mark der Völker gedrungen, als er je zuvor geahnt! Die Fackel, die er verwegen, zuerſt geſchwungen, hatte eine Feuersbrunſt entzündet, die rings die Länder verheerte. Einen Rechts⸗ ſtreit hatte er beginnen wollen mit ſeinem Herrn und König, und das Schwert nur drohend in die Wage zu legen ge⸗ dacht; doch fortgeriſſen von der Leidenſchaft und vom Strom der Ereigniſſe, den er nicht einzudämmen vermochte, hatte er es wirklich gezückt! Der Rechtsſtreit war in offenen Kampf ausgeſchlagen! Das Unrecht, wogegen ſein Arm 185 die Waffen erhoben, verübte er nun ſelbſt; aus dem Dul⸗ denden war er der Schuldige geworden, mindeſtens der Verantwortliche! „Es war ein ſchweres Unglück, daß Mathias ſtarb!“ unterbrach er mit halblautem Ausruf ſeine finſtren Betrach⸗ tungen.„Mit ihm hätten wir Alles geſchlichtet; mit Fer⸗ dinand war es unmöglich! Ihn muß ich gewaltſam zurück⸗ drängen. Sein Gewiſſen geſtattet ihm ja nicht, Frie⸗ den und Ruhe zu halten, wenn er ſich ſtark glaubt zum Kämpfen! Ihn beherrſcht der Glaubenseifer. Ich werde Maß halten,— aber ſicher muß ich uns ſtellen!“ Das war der innere Beſchluß, mit dem er Ruhe zu erringen trachtete. So ſtand er in dunkles Brüten ver⸗ loren. Die Wache vor ſeinem Zelt rief ein„Wer da?“ Er horchte auf. Wolodna war es, der den Anruf mit dem Loſungswort erwiderte. „Will der Alte noch ſo ſpät zu mir?“ fragte er ſich, als ſich ſeine Schritte dem Zelteingange näherten. Wolodna, den Thurn in ſeiner nächſten Begleitung mit ſich führte, weil er ihm beſonderes Vertrauen ſchenkte, hatte zu jeder Zeit Zutritt in das Zelt des Generals. Die unerſchütterliche Redlichkeit des Alten, verbunden mit ſeiner ruhigen Tapferkeit, die in der äußerſten Gefahr ſich immer gleichblieb, hatten Thurn eine Art Ehrfurcht vor ihm eingeflößt, der ſeine untergeordnete Stellung keinen Eintrag that. Ja, er hegte eine Neigung zu ihm, die es ihm oft zum Bedürfniß machte, ihn in ernſten Augenblicken zu ſehen. So war ihm ſein Erſcheinen jetzt innig willkom⸗ men; es galt ihm für ein heilbringendes Omen, daß der ſchlichte, redliche Kriegsmann, gerade jetzt in dieſer Stunde, 186 wo ihm ſo ſchwere Gedanken in der Bruſt wogten, erſchien. „Grüß dich Gott, Alter“, ſprach er zu dem Eintretenden und reichte ihm die Hand dar.„Was führt dich noch ſo ſpät her? Haſt du der Ruhe nicht gepflogen wie die Andern?“ „Verzeiht, Herr Graf“, antwortete Wolodna;„ich konnte nicht; die Ruhe floh mich....“ Er hielt inne; doch Thurn fühlte, daß ihm etwas auf dem Herzen lag, was er gern ausgeſprochen hätte. „Und weshalb nicht?“ fragte er. „Vor ſolchem Ereigniß“, begann Wolodna wieder,„wer ſollte da Schlaf finden?“ „Nun, du biſt doch ſonſt der Mann, der ruhig zu ſchla⸗ fen verſteht in der Nacht vor einem Gefecht?“ entgegnete Thurn, ſichtbar verwundert.„Das drückt dich doch nicht?“ „Doch, das!“ antwortete Wolodna entſchieden, mit dem Ausdruck ſchwerer Sorge. „Ich verſtehe das nicht an dir. Verläßt dich dein ruhi⸗ ges Blut, deine klare Beſonnenheit in der Gefahr, die ich ſo oft an dir rühmen konnte?“ „Nicht die Gefahr iſt's, die mich erſchreckt; aber der Kampf, General!“ äußerte Wolodna.„Seit wir hier lie⸗ gen vor der Hauptſtadt, wo unſer allergnädigſter Kaiſer Mathias in der Burg gewohnt hat,— Gott hab' ihn ſelig! — da will mich's doch zuweilen bedünken, Herr Graf, als ob....“ „Nun, Alter?“ „Als ob wir nicht Recht gethan hätten, ſo gewaltigen Aufſtand wider ihn zu erheben!“ 187 „Wolodna“, ſprach Thurn ernſt, „war es denn unſre Wahl?“ „Darf ich ganz freimüthig antworten, Herr Graf?“ 3 fragte Wolodna. „Alles, was du denkſt, Alter“, erwiderte Thurn;„ſage es grad heraus, ich errathe es ſchon halb!“ „Nun denn“, begann Wolodna zögernd,„ich verwahrte mich, gnädigſter Herr Graf, als ich mich zu Euren Dienſten verpflichtete, daß ich nichts gegen des Königs und Kaiſers Majeſtät unternehmen wollte, und Ihr ſagtet mir's zu. Und jetzt bedrängen wir ihn bis in ſeine eigene Hofburg!“ „Kannſt du Frieden machen mit König Ferdinand, Wolodna?“ fragte Thurn und legte die Hand auf ſeine Schulter;„es wäre mir hoch willkommen!“ „Wir hätten es doch verſuchen ſollen, meine ich“, ant⸗ wortete er treuherzig. „Und haben wir es nicht verſucht? Hat er unterzeich⸗ net, was die evangeliſchen Stände ihm vorlegten? That er das, ſo war der Friede da, wir zogen heim, und genoſſen ſeiner Früchte, der Sicherheit des Glaubens, der Sicherheit in Recht und Eigenthum.— Und er wollte unterzeichnen, da er ſich machtlos ſah. Allein ſowie ihm Hülfe kam, verwarf er Alles und jagte Die aus der Stadt, mit denen er Verträge ſchließen ſollte. Können wir ihm vertrauen? Wenn er heut Alles beſiegelte und verbriefte, was wir verlangen, dürften wir ſicher ſein, daß er es uns ein einzi⸗ ges Jahr unangefochten ließe? Sowie er die Gewalt hat, zertrümmert er das Recht.“ Thurn gerieth wieder in den Eifer, zu dem ihn ſtets ſeine eigene Rede hinriß. Er verſuchte in Wolodna die Einwürfe ſeines eignen Bewußtſeins zu widerlegen. doch ohne Vorwurf, 188 „Herr Graf“, begann dieſer aufs neue,„erlaubt mir meine Gedanken voll herauszuſagen.“ Thurn nickte. „Nur der Erbfeind der ganzen Chriſtenheit, der Türke, hat vor Wien geſtanden, gleich uns, und mit zehnfach größe⸗ rer Heeresmacht als wir. Dennoch gelang es ihm nicht, die Stadt zu zwingen; der allmächtige Gott beſchirmte ſie, er mußte abziehen!— Sollen wir vollführen, was Gottes Hand den Heiden verwehrte?— Seine Hand wird auch wider uns ſein!“ Thurn ging unruhig auf und nieder; er wußte nicht das Rechte zu antworten. Der fromme Wolodna ſtand mit ernſtem, ruhigem Blick vor ihm. „So gebiete den Wienern, daß ſie uns ihre Thore friedlich öffnen!“ ſagte Thurn endlich aufwallend, und ſuchte in dem äußern Zürnen den Verdruß und das in⸗ nere Gefühl zu bergen, daß Wolodna doch zum Theil Recht habe. „Ich meine nur, Herr Graf“, entgegnete dieſer,„wir ſollten ſie dazu auffordern! Iſt die Stadt ſo ſchwach zur Vertheidigung, daß ſie ſich nicht halten kann, ſo wird man uns lieber auf gütliche Bedingung einlaſſen als unter den Gräueln von Brand und Plünderung. Iſt ſie es nicht, ſo.... „Nun? Heraus mit dem Wort!“ „So könnte der Sturm uns ſchwere Opfer koſten und doch vielleicht fehlſchlagen!“— „Du hätteſt im Kriegsrath mitſitzen ſollen!“ erwi⸗ derte Thurn. „Ich gehöre nicht in den Kriegsrath“, ſprach der Alte beſcheiden,„aber ich ſpreche aus dem wahrhaften Rath mei⸗ nes Herzens.“ 189 Beide ſchwiegen; es trat eine ernſte Pauſe ein. Im Zelt und draußen tiefſte Stille. „Wolodna!“ begann Thurn endlich wieder tief bewegt. „Alter, treuer Gefährte! Laß deine Bedenken! Ich habe dir's oft angemerkt, du wünſchteſt, wir hätten das Schwert nicht gezogen. Ich habe es, warum ſoll ich es dir leug— nen, zuweilen ſelbſt gewünſcht. Ich dachte aber auch, wie es dann gekommen wäre! Nun iſt keine Wahl! Die Ent⸗ ſcheidung liegt vor uns. Was du möchteſt, iſt auch von mir, von uns Allen reiflich überlegt. Eine Aufforderung, die nicht angenommen würde, könnte Alles aufs Spiel ſetzen, weil ſie unſere Abſicht verriethe. Wir haben eine ſtarke Macht, aber nicht die unbedingte Uebermacht. Kühnheit, Ueberraſchung, Liſt müſſen uns zu Hülfe kommen. Geh' jetzt! Morgen ſprechen wir uns wieder, und ich hoffe zu Gott, beruhigter, ja, voller Freude und Dank!“ Er glaubte ſelbſt wenig an ſeine muthweckenden Worte. So hatten ſie auch auf Wolodna nicht dieſe Wirkung. „Gute Nacht denn für heut, Herr Graf!“ antwortete dieſer, reichte ihm ſtumm, aber herzlich die Hand und ſchritt hinaus. Vierunddreißigſtes Capitel. Kaum war er hinaus, ſo hörte Thurn mit Ueberraſchung draußen den lauten verworrenen Ausruf mehrerer Stimmen, die plötzlich die Stille der Nacht durchbrachen. Geſpannt, 190 zu wiſſen was vorgehe, wollte er aus dem Zelt eilen, als Wolodna ihm ſchon haſtig entgegenkam und faſt athemlos vor innerer Bewegung rief:„Herr Graf, Xaver und Thereſe!“ Sie folgten ihm auf dem Fuße in ihrer länd⸗ lichen Verkleidung. Thurn zuckte in Freude und Staunen zuſammen; die⸗ ſes Begegnen in dieſer Stunde traf ihn wie ein Blitz⸗ ſtrahl. Es war ihm, als berühre ihn unmittelbar die Hand des göttlichen Waltens. „Iſt es möglich, ihr ſelbſt, hier und zu dieſer Stunde!“ rief er aus, indem er die ſeinem Herzen ſo innig Befreun⸗ deten abwechſelnd an die Bruſt drückte.„Was führt euch hierher? Erzählt, erklärt!“ Doch Thereſe ſank vor Erſchöpfung und Bewegung faſt in die Knie. 3 „Wir haben ſchwere Drangſale, Gefahren und Müh⸗ ſeligkeiten überſtanden“, ſprach aver, ſie mit ſeinen Armen umfaſſend,„aber Gottes Hand war wunderbar über uns!“ „Ihr ſollt erquickt werden, ihr ſollt ausruhen“, rief Thurn und half die todeserſchöpfte Thereſe unterſtützen; „wir wollen ſie auf mein Feldbett niederlegen.“ Wolodna eilte hinaus, um Wein und Speiſe für die Erſchöpfte bringen zu laſſen. Er ſelbſt kehrte ſogleich zurück. Thereſens heldenmüthige Kraft, die bis auf dieſen letz⸗ ten Augenblick angeſpannt geblieben war, ſank jetzt, da die Forderung der Nothwendigkeit aufhörte, zuſammen. Halb bewußtlos ließ ſie ſich auf das Feldbett führen und ſank entkräftet nieder. Während ſie ruhte, berichtete Xaver dem Grafen und Wolodna, was ſie in dieſen denkwürdigen Tagen erlebt hatten. Er begann von dem Gefecht bei Groß⸗Lasken, über das Thurn durch ihn zu ſeinem höchſten Erſtaunen die erſte Kunde erhielt. „Das kann ein Ereigniß ſchwerer Folgen werden!“ rief er aus. kaver erzählte ferner, unter der Theilnahme ſeiner beiden erſchütterten Zuhörer, ſeine eigenen Schickſale nach der Schlacht. „Gott ſelbſt hat Thereſens und meine Schritte geleitet“, rief er mit dankbarem Blick gen Himmel aus,„und führte unſer Zuſammentreffen herbei, was einem Wunder glich! Ein ſchweres Ungewitter hatte mich überfallen, und bei der Schwäche, die ich noch fühlte, und bei meinen Wunden war ich faſt auf den Tod entkräftet. Mühſam ſchleppte ich mich fort, bis in die tiefe dunkle Nacht. Da endlich ſank ich im dichten Walde erſchöpft nieder, und fieberartiger Schlummer überfiel mich.— Da weckt mich ein ſelt⸗ ſames Geräuſch. Ich ſchlage die Augen auf; anfangs er⸗ kenne ich im tiefen Dunkel nichts, doch plötzlich ſehe ich zwei mattfunkelnde Punkte dicht vor mir, und der warme Dunſt eines ſchnaufenden Thieres berührt mich. Ich ſpringe erſchreckt auf, denn ich vermuthe irgend ein wildes Thier des Waldes, einen Büffel oder Auerſtier. Da wiehert mich ein Pferd an. Und wahrlich! ein geſatteltes und gezäum⸗ tes Thier ſteht dicht vor mir. Das war mir ein Wink Gottes; die Ruhe hatte mich etwas geſtärkt, zu Pferd vermochte ich meinen Weg fortzuſetzen. Ich führe das Thier aus dem Dickicht an eine freie Stelle, ſchwinge mich auf und ziehe von dannen, in der Hoffnung, ein Obdach zu erreichen. Nach einer Stunde erblicke ich in der Ferne einen Lichtſchimmer; ich reite näher, ſehe ein erleuchtetes Fenſter. Indem ich ein wenig anhalte, um ruhiger hinzuſchauen, höre ich verworrene Stimmen, weiblichen Hülferuf. Eine 192 dunkle Ahnung treibt mich angſtvoll vorwärts. Ich ſprenge im Galopp dicht hinan, kann vom Sattel ins Fenſter ſehen und erkenne, trotz ihrer Verkleidung, bei flüchtigem Lampen⸗ ſchimmer, Thereſen im Kampf mit zwei ruchloſen Män⸗ nern. Ich reiße das Piſtol aus der Halfter, drücke es ab, der Schuß fällt und einer der Beiden ſtürzt. Er reißt im Fallen den Tiſch mit der Lampe um, es iſt undurchdring⸗ liche Finſterniß. Thereſe! rufe ich— ſie fliegt ans Fenſter, ich fühle ihren Arm um meinen Hals geſchlungen.«Rette mich», ruft ſie,«laß uns entfliehen!“ Sie ſchwingt ſich hinaus, ich nehme ſie vor mir auf den Sattel, wir jagen davon. Und jetzt, nach zwei Tagen gefahrvoller Wande⸗ rung und nächtlicher Stromfahrt auf der Donau, ſind wir hier!“ Andachtvolle Stille folgte dieſer Erzählung Kaver's, denn Alle erkannten das Walten des allmächtigen Gottes. „Und die Wege des Allmächtigen waren noch wunder⸗ barer geweſen, als ſie mir im erſten Augenblick erſchienen“, fuhr Xaver fort.„Als ich Thereſen, die nach der Rettung bewußtlos in meinen Armen lag, im Walde in einen ſichern Verſteck gebracht hatte und ſie dort zum Leben zurückrief, erfuhr ich durch ſie den nähern Zuſammenhang des Ereig⸗ niſſes. Vieles war ihr ſelbſt unerklärlich dabei; doch wußte ſie mit Beſtimmtheit, daß der eine der beiden ruchloſen Kerle der fanatiſche Zaloska geweſen war—“ „Wie?“ rief Thurn,„Slawata's tückiſcher Helfers⸗ helfer?“ „Der Nämliche,— er, der außer Zweifel ſchon bei dem Ueberfall zu Schloß Sperlingsſtein thätig war!“ „Ha, wenn er in meine Hände fiele!“ rief Thurn mit erbitterter Drohung. 193 „Dieſer Nichtswürdige!“ brach gleichzeitig Wolodna aus, „der den frevleriſchen Mord deines ehrwürdigen Vaters auf ſeiner Seele hat!— Hat deine Kugel ihn getroffen, Xaver?“ „Nein; es war der Andere, wie mir Thereſe ſagte, der von dem Schuß niederſtürzte. Allein das Pferd, das ich im Walde traf, muß das ſeinige geweſen ſein. Wie er es verloren, weiß ich nicht; aber als ich es bei Tagesanbruch durchſuchte, fand ich im Gepäck eine Menge Schriften und Briefe, von und an Slawata, und ich glaube ſie werden von Wichtigkeit ſein. Ich verbarg ſie ſo gut ich konnte und bringe Alles mit hierher.“ „Welch eine Fügung der Begebenheiten!“ rief Thurn mit äußerſtem Erſtaunen.„Gib mir dieſe Schriften; ſie können vielleicht im nächſten Augenblicke von Wichtigkeit ſein; denn muthmaßlich ſind es Briefe, die zu Slawata nach Wien ſollten.“ kaver hatte ſchon angefangen, aus verſchiedenen Verſteck⸗ orten ſeiner Kleidung die Briefe hervorzuſuchen und ſie dem Grafen zu übergeben. Thereſe, die, auf dem Feldbette ruhend, der Erzählung zugehört hatte, that desgleichen, und bald war Thurn im Beſitz einer Menge von Papieren, die ihm ſchon beim erſten Durchfliegen von höchſter Wichtigkeit erſchienen. Während Xaver und Thereſe ſich durch die von den Dienern herbeigebrachten Erfriſchungen ſtärkten und Wolodna ſich im traulichen Geſpräch zu ihnen ſetzte, las Thurn an ſeinem Feldtiſch die Briefe. Er verſenkte ſich mit jedem Blatt, das er vornahm, eifriger darin, und ſchien nicht zu ſehen und zu hören, was um ihn vorging. Nur einzelne Ausrufungen, welche die Ueberraſchung ausdrückten, die er dabei empfand, unter⸗ Rellſtab, Drei Jahre. II. 2. 9 ————— —C— — — ——— 194 brachen von Zeit zu Zeit die ſchweigend angeſpannte Auf⸗ merkſamkeit, die er den Depeſchen widmete. „Iſt es möglich! Welch ein teufliſcher Plan!— Ver⸗ rath auf allen Seiten!— Wie? Auch Lobkowitz!— Dieſe Mönche, dieſe Zeſuiten— wir ſind zu nachſichtig geweſen! Welch ein Netz von Argliſt!“ Dieſe und ähnliche Andeutungen verriethen den allge⸗ meinen Inhalt der Documente, ohne daß Thurn etwas über den beſonderen äußerte. Nachdem er noch eine Zeit lang fortgeleſen, unterbrach er ſich und ſagte zu Xaver und Wo⸗ lodna hinüber: „Wahrlich, Nechodom, Gottes Fügung hat deine Schritte geleitet! Dieſe Papiere ſind ſo viel werth als eine gewon⸗ nene Schlacht! Sie entdecken uns die Schlupfwinkel unſe⸗ rer geheimſten Feinde in Böhmen ſelbſt, und ſetzen uns in Stand, uns vor ihrer Hinterliſt zu ſchützen!— O es ſteckt noch viel arges, heimliches Gift in Böhmen und in Prag ſelbſt! Wir müſſen vorwärts! Alter, Wolodna, jetzt würdeſt du es einſehen! Wir müſſen mit einem großen Schlage Alles gewinnen, ſonſt ſteht Alles auf dem Spiel! Denn mit unermüdlicher Argliſt unterhöhlen ſie den Boden, auf dem wir ſtehen, damit uns der Abgrund in dem Augenblick verſchlinge, wo wir glauben uns für immer friedlich gebettet. zu haben!“ Nach dieſen Worten entfaltete er wiederum ein Blatt und las mit ſteigendem Eifer. Plötzlich hörte man den raſchen klirrenden Gang eines Gewaffneten draußen vor dem Zelt, und im nächſten Augenblicke trat Berka, von Kopf bis zu Fuß gewaffnet, haſtig ein. „Thurn!“ rief er in äußerſter Aufregung,„doch du biſt nicht allein!“ — 195 „Was bringſt du?“ „Die wichtigſten Nachrichten, aber“— er hielt inne und warf einen Blick auf die Anweſenden—„ich muß dich allein ſprechen!“ „Dieſe können Alles hören“, erwiderte Thurn,„ſie ſind meine treuſten Freunde;„auch ich habe dir wich⸗ tige Nachrichten mitzutheilen, die ich ſoeben durch ſie er⸗ halten!“ „Gebe Gott beſſere als die meinigen“, antwortete Berka heftig,„Mansfeld iſt....“ „Bei Groß⸗Lasken geſchlagen“, fiel ihm Thurn ins Wort. „Du weißt's?“ rief dieſer erſtaunt.„Und es iſt ſicher? Woher haſt du die Nachricht?“ „Siehe da Einen, der die Schlacht mitgemacht hat, Hauptmann Nechodom“, antwortete Thurn;„es iſt mir nur unerklärlich, daß wir keine Botſchaft aus Prag haben!“ „Ihr waret in der Schlacht, Hauptmann, und kommt nicht von Prag?“ ſagte Berka.„Ich habe meine Nach⸗ richten auch nicht aus Prag, und hoffte daher, ſie möch⸗ ten falſch ſein. Sagt mir raſch, Thurn, was wißt Ihr, damit ich’s ergänze.“ Thurn erzählte in fliegenden Worten, was er von Xaver erfahren. „O“, rief Berka aus,„ſo wißt Ihr nur die Hälfte und meine Nachrichten aus Wien ſind vollſtändiger als die Euren!“ „Aus Wien?“ „Es flüchten ſich noch immer Einzelne unſerer Glau⸗ bensgenoſſen aus der Stadt, und man lüßt ſie ziehen. Einer davon hat mir mündliche Berichte mitgebracht, die 9* 196 ganz mit den Eurigen zuſammentreffen. Sie wiſſen in Wien von Mansfeld's Unglück. Slawata hat einen Boten bekommen.“ „Das kann nur Zaloska geweſen ſein!“ unterbrach kaver. „Er brachte die Nachricht ſogleich zu König Ferdinand. Der hat ſie unter dem Volk auf den Gaſſen bekannt machen laſſen. Sie ſprachen wie von einer zweiten Schlacht bei Cannä. Sie mögen es übertreiben; allein ſo viel iſt ge⸗ wiß, der Kamm iſt ihnen in der Stadt gewaltig geſchwollen und der Muth gewachſen, ſeit dieſem Nachmittag. Und unbedeutend iſt der Vorfall nicht!“ „Nein, beim Himmel nicht!“ rief Thurn aus. „Mansfeld iſt zerſprengt, Hohenlohe abgeſchnitten!“ fuhr Berka haſtig fort. „Er hat's verdient“, rief Thurn entrüſtet. „Verdient oder nicht; es iſt ſchlimm für uns, ſehr ſchlimm! Denn Boucquoi hat das Eiſen geſchmiedet, da es warm war; er iſt vorgerückt gen Prag, und nach der mäh⸗ riſchen Seite hat er gegen Colon von Fels verſtärkte Corps anrücken laſſen.“ „Sie werden doch Prag decken können, und Fels wird ſich zu vertheidigen wiſſen“, entgegnete Thurn; indeß war er innerlich nicht ganz ohne Zweifel. „Wir wollen es hoffen“, ſagte Berka;„allein, Thurn, wir dürfen es uns auch nicht bergen, dieſe Bewegungen in unſerm Rücken können uns in große Verlegenheit bringen!“ „Wir müſſen Wien nehmen!“ antwortete Thurn ent⸗ ſchloſſen.„Jetzt iſt die Nothwendigkeit da!“ „Wenn Colon von Fels Mansfeld's Schickſal hätte!“ fuhr Berka bedenklich fort,„ſo könnten ſie uns die Straße 197 nach Mähren verlegen! Und ich fürchte faſt, es iſt ſo etwas im Werke; denn nur dadurch, daß die Straße zwiſchen hier und Prag von Ferdinand's Truppen unſicher gemacht iſt, läßt ſich erklären, daß wir unmittelbare Nachricht von dort nicht haben.“ „Um ſo dringender iſt es“, behauptete Thurn,„daß wir uns hier feſten Boden ſchaffen! Den letzten Athem⸗ zug von Kraft müſſen wir daran ſetzen, daß morgen unſere Fahnen auf der Burg in Wien wehen!“—— „Ich habe Euch noch etwas zu melden“, begann Berka wieder;„es iſt zwar nur ein Gerücht, allein meine Quelle iſt gut. Es ſteht mit Bethlen Gabor anders als wir hofften. Er wankt!“ „Unmöglich! Nach dem letzten Berichte von Jeſſenius war die Entſcheidung für uns ſo gut als gewiß!“ erwiderte Thurn raſch. „Ich ſage Euch, er wankt“, wiederholte Berka mit Sicherheit,„und je mehr der Fuchs Euch und Jeſſenius vorſpiegelt, daß er ganz entſchloſſen iſt zu uns überzu⸗ treten, je ſicherer iſt es mir, daß er damit nur ſein wah⸗ res Spiel verdecken will. Er ſteht in fortdauernder gehei⸗ mer Unterhandlung mit Ferdinand.“ „Unglaublich!“ „Mir unzweifelhaft; es geht Alles durch Lamormain. Ich weiß ſogar, daß heut, kaum vor einer Stunde, unter dem Schutz des Dunkels, in einem Nachen auf der Donau ein geheimer Abgeſandter von ihm Wien verlaſſen hat. Und ich kann ihn Euch nennen!“ Thurn, ſtumm vor Erſtaunen, blickte Berka mit fra⸗ genden Augen an. „Es iſt Piccolomini, der italieniſche Schleicher.“ 198 „Sagt mir, um aller Heiligen Willen, woher wißt Ihr das?“ fragte Thurn.„Welche Zauberkünſte treibt Ihr?“ „Laßt das; es iſt mein Geheimniß. Wenn man mit Jeſuiten zu thun hat, muß man ſelbſt ein wenig ihre Künſte treiben“, antwortete Berka mit einem halben, aber bitter ſcharfen Lächeln;„genug, daß Ihr Euch auf die Richtigkeit dieſer Nachrichten verlaſſen dürft, wie auf die über die Schlacht.. Ein Klirren von Sporen und Waffen unterbrach dieſe Worte.. „Die Oberſten, die zum Kriegsrath befehligt ſind!“ meldete eine Ordonnanz. Harrant, Schafgotſch, Kinski, der alte Roſenberg und andere Offiziere traten ein. Unter ihnen war ein jüngerer. „Hauptmann Michalowicz!“ rief Thurn erſtaunt, als derſelbe auf ihn zutrat. Es war der Sohn Bohuslav's von Michalowicz, des Kriegshauptmannes im königingrätzer Kreiſe, eines der dreißig Directoren, eines alten Waffenfreundes Thurn's. „Willkommen, Wenceslaus“, begrüßte daher Thurn den jungen Kriegsmann mit väterlichem Ton. „Ich habe“, ſprach derſelbe in dienſtlicher Haltung zu Thurn,„dieſe Depeſchen aus Prag zu übergeben.“ „Nun, du bringſt doch gute Botſchaft?“ fragte Thurn und eröffnete. „Nein, General“, ſprach der Hauptmann und ſchüttelte den Kopf.. „Noch Schlimmeres als Mansfeld's Unglück?“ „Das Unglück und ſeine Folgen“, war die Antwort. Thurn durchlas die Depeſchen. 199 „Von Schlick, Caplicz und Budowa unterzeichnet“, murmelte er, indem er den erſten Blick darauf warf. Im Leſen verfärbte er ſich. Man ſah, daß ein heftiger Kampf in ſeinen Zügen arbeitete; doch er beherrſchte ſich und fragte im dienſtlichen Ton: „Ihr kennt den Inhalt der Depeſche, Hauptmann Michalowicz?“. „Ich kenne ihn, General, und habe den Befehl, Euch noch mündlich im Namen der Directoren die unverzüglichſte Ausführung dringend ans Herz zu legen; denn die äußerſte Gefahr iſt vorhanden.“ Thurn ſchwieg. Beklommenes Schweigen herrſchte auch in der Verſammlung; kein Athemzug ließ ſich hören. „Ich werde gehorchen“, ſagte Thurn nach einigen Augenblicken feſt und kurz. Man ſah, er hatte nach einem furchtbaren innern Kampfe mit ſich ſelbſt die volle Feld⸗ herrnhaltung wiedergewonnen, die er zu behaupten be⸗ rufen war. „Habt Ihr mündlich noch Bericht zu erſtatten?“ fragte er im Ton des Befehlshabers.„Wie kommt es, daß ich ſo ſpät benachrichtigt werde?“ „Die Straßen“, antwortete der Hauptmann,„ſind äußerſt unſicher durch ſtreifende kaiſerliche Truppen und durch das aufgewiegelte Landvolk, nicht nur von Mähren hierher, ſondern auch zwiſchen Prag, Iglau und Brünn.“ „Das iſt Lamormain's und Slawata's Werk“, mur⸗ melte Thurn, unterbrach jedoch den Hauptmann nicht. Dieſer berichtete weiter: „Drei Boten der Directoren an den General⸗Obriſt⸗ lieutenant Colon von Fels in ſein Hauptquartier bei Iglau ſind unterwegs verunglückt oder aufgefangen. Wir erfuh⸗ ren es erſt in Prag, als eine Botſchaft von dem Feld⸗ 200 marſchall an die Directoren kam, aus welcher hervorging, daß ihre drei Eilboten nicht angelangt waren. Darauf wurde ich beauftragt, erſt zum General⸗Oberſtlieutenant und dann hierher, und bin in vier Tagen mit gewechſelten Pferden hergeritten. Doch es iſt halb ein Wunder, daß es mir gelungen iſt, denn überall in Böhmen ſtreifen Feinde umher, und Abgeſandte der Jeſuiten ſtacheln die katholiſchen Einwohner auf, ſodaß gegen die Unfrigen Verrath auf jedem Schritte lauert.“ „Dieſe Briefe“, ſagte Thurn mit kalter Faſſung und deutete auf die von Xaver empfangenen Schriften,„beſtäti⸗ gen ganz Eure Ausſagen und unterrichten mich genauer über dieſe argliſtigen Heimtücken.“ Es entſtand wieder eine Pauſe äußerſter Spannung. Thurn rang, man ſah es, mit einem ſchweren Ent⸗ ſchluſſe. „Oberſtzeugmeiſter von Harrant“, begann er,„um Mit⸗ ternacht, war unſre Abrede, ſollte das Feuer mit Brand⸗ kugeln auf die Stadt beginnen.“ „So iſt es“, erwiderte dieſer. „Es iſt jetzt zehn Uhr. Laßt auf der Stelle in allen Batterien Befehl geben, daß das Feuern unterbleibt!“ Die Verſammelten, die auflauſchend gerade das Gegen⸗ theil erwarteten, waren wie vom Blitz getroffen. „Oberſt Schafgotſch, Oberſt Berka, Oberſt Roſenberg, Graf Kinski“, wandte er ſich zu den Andern:„Eure Leute waren befehligt, um zwei Uhr zum Sturm fertig zu ſein. Sie ſollen noch zwei Stunden ruhen, und um Mitternacht zum Abmarſch nach Böhmen bereit ſtehen!“ Ein Ausruf der Beſtürzung ertönte aus Aller Munde. „Thurn!“ rief Berka,„was bedeutet das?“ —— —— 201 „Hölle und Teufel“, fuhr der alte Roſenberg heraus und ſtampfte mit dem Fuße,„ich glaube, er iſt verrückt geworden!“ „Der Soldat gehorcht“, war Thurn's eherne Ant⸗ wort.„Ich vollziehe die Befehle, welche die Depeſche der Directoren mir überbringt.— Graf Mansfeld hat eine Schlacht verloren; Feldmarſchall Colon von Fels iſt in der Flanke bedroht. Marſchall Boucquoi rückt gegen die Hauptſtadt vor. Wir müſſen Böhmen, wir müſſen Prag ſchützen. Die Belagerung Wiens iſt aufge⸗ hoben!“ —— ———— Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. 1 6 1 Mraqraaaaazuunmauauuan p 4 ſſſſſſſ 1 0 1 9 fffniſffffffff 7 8