und franzöſiſcher Lite „ ä 5 86 von.. Eduard Oltmann in Gießen 8 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. LCeih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht 3n pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Me ihr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wirt jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 1 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe interlegen. welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8 1 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3.* für aPchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ſ auf 1 Monat: 1 Nr. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf . Drei Jahre von Breizzigen. Zweiter Band. Erſte Abtheilung. 4 rei Ein Roman von Tudwig KRellſtab. Zweiter Band. Erſte Abtheilung. Leipzig: F. A. Brochhauz. 1858. Der Verfaſſer behält ſich das Recht der Ueberſetzung ins Engliſche, Franzöſiſche und in andere Sprachen vor. Zehntes Buch. 3 Rellſtab, Drei Jahre. II. 1. 1 Erſtes Capitel. Die dem Sinken nahe Sonne eines milden Maiabends röthete mit ihren letzten Strahlen die prächtigen Thürme und Mauern des heidelberger Schloſſes, das ſich aus dem Grün ſeiner Umgebungen leuchtend erhob. Die wal⸗ digen Höhen waren umfloſſen vom roſigen Widerſchein des Abendhimmels, der bis in den lichten Aether hinaufduftete. Der Neckar brach die von Purpurſchaum gekrönten Wellen rauſchend an den Felsſtücken in ſeinem Bette. In der Oeffnung des Thales nach dem Rhein zu lag die ganze weite Ebene in Goldrauch gehüllt; die zackigen Höhen des Hardtgebirges ſchloſſen den Horizont mit ihrer blauen Kette. Ein Mann zu Pferd, deſſen grauer Bart hohe Jahre, ſeine ſtattliche Reiſekleidung und würdige Haltung den vornehmen Stand verrieth, und dem ein berittener Diener mit einem ſchwerbepackten Handpferde folgte, bog von der Bergſtraße her in das Thal ein, das ihn mit einem ſo reizenden land⸗ ſchaftlichen Anblick überraſchte. Es war Wenzel von Bu⸗ dowa, der, mit einem wichtigen, geheimen Auftrage, ſich der ſchönen Hauptſtadt des Kurfürſten von der Pfalz näherte. Als er an die Brücke gelangte, die aus ſtarken fichtenen Bohlen erbaut und mit ſchützenden Eisbrechern gegen die 1* Stromrichtung verſehen, über den Neckar zum Brückenthor der Stadt führte, befragte er den Einnehmer, während er den Brückenzoll entrichtete, nach den Wohnungen der kur⸗ fürſtlichen Räthe, Ludwig Camerarius und Leander Rippell. Sie wurden ihm beide bezeichnet. Er ritt in⸗ deſſen zuerſt nach dem Gaſthof Zum Ritter am Markte, ließ ſein Pferd wohl unterbringen, wechſelte das beſtäubte Reiſekleid mit einem andern und begab ſich dann zu dem Rath Camerarius, dem der Kurfürſt Friedrich V. ſein ganz beſonderes Vertrauen ſchenkte. Wenzel von Budowa kannte den Rath ſchon von ſeinen Jugendjahren her, wo er ſich eine Zeit lang mit ihm zu Bologna aufgehalten hatte. Auch ſpäter hatte er ihn noch zuweilen geſehen; doch waren über dreißig Jahre vergangen, ſeit er nicht mehr in Verbindung mit ihm geweſen. Jetzt ſtand er vor dem Hauſe auf dem Heumarkt, welches Camerarius bewohnte. Nachdem er den Klopfer an der Thür mehrmals vergeblich hatte anſchlagen laſſen, öffnete ihm endlich ein alter Diener. Auf ſeine Frage erhielt er den Beſcheid, der Herr ſei mit dem gnä⸗ digſten Herrn Kurfürſten gen München gereiſt, werde aber heute oder morgen zurück erwartet. Der Kanzler ging daher weiter zu dem Rath Leander Rippell, deſſen Haus hart unterm Schloßberge lag. Es war inzwiſchen faſt dunkel geworden; nur die nach⸗ ſchimmernde Abendröthe warf noch einen ſchwachen Schim⸗ mer auf die Schloßzinnen; allein hinter den Bergen, jen⸗ ſeit des Neckar, ſchwebte ſchon der Mond herauf und mußte bald ſeine Strahlen ins Thal ſenken. Das Haus ſtand offen. Zur Seite der Hausflur war in einem Gemach eine ältere Frau mit wirthſchaftlichen Anordnungen beſchäftigt. An dieſe wandte ſich der Kanzler mit ſeiner Frage nach dem Rath. „Er iſt droben im Garten und bindet die Weinſtöcke an“, antwortete die Alte.„Wenn der Herr ſich hinauf⸗ * bemühen wollten?“ Budowa trat in den Garten, der ſich dicht hinter dem Hauſe den Berg hinanzog. In dem Zwielicht aus Abend⸗ purpur und Mondſilber, das ſich über die Höhen ergoß, ſah er in einem der obern Weingänge einige Geſtalten ſich bewegen, ohne ſie jedoch genau unterſcheiden zu können. Er ſtieg die ſchmalen Steinſtufen, welche von einer Ter⸗ raſſe des Weingartens zur andern führten, hinauf. „Ach!“ hörte er plötzlich einen leichten weiblichen Aus⸗ ruf dicht neben ſich. Es war ein junges Mädchen, dem die hellbraunen Locken leicht um den Nacken fielen. Sie trat, ein Körbchen mit den Gartengeräthſchaften in der Hand, eben aus einem Seitengange und hatte unvermuthet den Fremden vor ſich geſehen. „„Ich ſuche den Herrn Rath auf“, redete Budowa ſie mit gewandter Sitte an,„es ſollte mir leid thun, wenn ich Euch erſchreckt hätte!“ „O nein“, antwortete die hellſte Silberſtimme,„ich war nur ein wenig überraſcht. Der Vater iſt droben; ich will eben hinauf; wollt Ihr mir folgen?“ 1 Mit dieſen Worten ſtieg das junge Mädchen, das, ſo⸗ viel die Dämmerung wahrzunehmen geſtattete, ebenſo lieb⸗ lich von Geſichtszügen war als der Ton ihrer Sprache wohllautend, und ihr Wuchs ſchlank, leichten Schrittes die Anhöhe hinauf. *†„Hm!“ dachte der Kanzler bei ſich.„Auf ſolche an⸗ genehme Beigabe für mein ernſtes Geſchäft war ich nicht gefaßt. Ich will ſie aber für ein gutes Zeichen nehmen.“ Nach wenigen Minuten hatten ſie die Stelle im Garten erreicht, wo der Rath zur Erholung von ſeinen ſchweren 6 amtlichen Arbeiten harmlos in ſeinem Garten arbeitete und eben die Weinſtöcke aufgebunden hatte, die ſchon friſche Augen trieben und den Laubgang, der ſich am Rande der Höhe hinzog, ſpäter beſchatten ſollten. „Ein fremder Herr, lieber Vater“, ſprach die an⸗ muthige Führerin,„der dich zu ſprechen wünſcht.“ „Vergebt mir, Herr Rath, daß ich Euch noch ſo am ſpäten Abend aufſuche und in Euren Erholungsbeſchäfti⸗ gungen ſtöre“, begann der Kanzler.„Allein ich habe etwas Dringendes und Wichtiges mit Euch zu beſprechen, das nicht wol Aufſchub duldet.“ „Vergebt nur Ihr, mein werther Gaſt“, antwortete der Rath, ein Mann von etwa ſechzig Jahren, dem ſchon graues Haar das Haupt bedeckte,„daß Ihr mich hier als Gärtner nicht im Weinberge des Herrn, ſondern in mei⸗ nem eignen antrefft. Und wer ſchenkt mir, wenn ich Euch mit dieſer Frage empfangen darf, die Ehre eines ſo ſpäten Beſuchs?“ „Ich komme aus Böhmen, aus Prag; ich bin der Kanzler Wenzel Budowa von Budowecz.“ „Herr Kanzler“, erwiderte Rippell, indem er ſich ehr⸗ furchtsvoll verbeugte,„ich heiße Euch beſtens willkommen. Und was führt Euch unter mein unſcheinbares Dach?“ „Es ſind Angelegenheiten, die ich nur mit Euch allein beſprechen kann“, lautete Wenzel's Antwort. „Agathe“, rief dieſer,„eile hinunter und zünde die Kerzen in meinem Arbeitszimmer an, ich komme gleich mit dem Herrn hinab.“ Das leichtfüßige Mädchen flog den Berg hinunter. „Wollen wir meiner Tochter ſogleich nachfolgen, Herr Kanzler?“ fragte der Rath,„oder beliebt es Euch, noch hier zu verweilen?“ -9,— 7 „Wir ſind hier wol unbelauſcht und ich ſpreche gleich im Gehen mit Euch“, antwortete Budowa mit einem Blick auf zwei Gartenarbeiter, die in ziemlicher Entfernung be⸗ ſchäftigt waren.—„Mich führen die ſchwierigen verwickelten Angelegenheiten meines Vaterlandes hierher.“ „Ja freilich, da draußen in Böhmen geht es ſeit Jahr und Tag wunderbar zu“, antwortete der Rath. „Die Verwirrungen und Bedrängniſſe des Landes kennt Ihr, und ich darf vorausſetzen, daß Ihr, als ein An⸗ hänger des proteſtantiſchen Glaubens und Diener des Für⸗ ſten, der an der Spitze des proteſtantiſchen Schutzbündniſſes ſteht, nicht gleichgültig dagegen geblieben ſeid!“ „Wer könnte das!“ rief der Rath warm.„Iſt unſer gnädigſter Herr nicht ſelbſt ſchon zur Vermittelung in dieſer Sache angegangen und aufgetreten? Eure Sache iſt auch die unſrige. Uns drohen Bedrängniſſe, die euch bereits treffen.“ „Und von denen Ihr auch, wie alle Länder“, die ſich dem neuen Glauben zugewandt haben, mannichfach getroffen worden ſeid, wenn auch in andern Zeiten und Umſtänden“, entgegnete der Kanzler.„Glaubt mir“, fuhr er fort, in⸗ dem er die Hand des Raths ergriff,„es iſt mir eine wahre Erquickung des Herzens, gleich in dem erſten Worte, das Ihr mit mir, dem Fremden, ſprecht, eine ſo warme Ge⸗ ſinnung für unſere Angelegenheiten zu erkennen.“ Inzwiſchen waren Beide die Anhöhe hinabgeſtiegen; die ſchmalen Treppen nöthigten ſie hintereinander zu gehen; der Rath ging führend voran. Unten trat ihm Agathe ent⸗ gegen mit den Worten:„Kathy hat ſchon die Kerzen in deinem Zimmer angezündet, lieber Vater“, dann ver⸗ neigte ſie ſich freundlich gegen den Kanzler und lud ihn durch eine Bewegung der Hand ein, voran in die Haus⸗ flur zu treten, welche jetzt durch eine hellbrennende Lampe erleuchtet war. Im Arbeitszimmer des Raths, das von Acten und Büchern erfüllt, kaum den Raum für einige ſchwerfällige Seſſel ließ, nahmen die beiden Männer Platz. „Und nun Euer Begehr an mich, Herr Kanzler?“ fragte Rippell. 3 „Euer gnädigſter Herr, der Kurfürſt, hat ſich der pro⸗ teſtantiſchen Sache ſchon ſo lebhaft angenommen, daß wir in Böhmen den Gedanken gefaßt haben, uns ſeinem Schutz und ſeiner Obhut noch ganz beſonders anzuvertrauen. Dür⸗ fen wir darauf hoffen?“— „Ich denke, Herr Kanzler, der Kurfürſt hat euch ſchon Beweiſe davon gegeben“, lautete die Antwort des Raths. „Ihr ſeid gewiß ſo gut davon unterrichtet wie ich, daß der Graf Mansfeld mit ſeinem Heere doch nur auf Veranlaſſung meines gnädigſten Herrn, als Oberhaupt der Union, in den Dienſt Böhmens getreten iſt, wenngleich die Form dabei eine andere ſein mußte wegen der Verhältniſſe zu Kaiſer und Reich, die die Fürſten der proteſtantiſchen Union zu beachten haben.“. „Ich weiß es, und alle Böhmen wiſſen es, und ſind dankbar dafür. Doch möchten wir uns dem jungen und doch ſo fromm eifrigen Herrn noch näher verbinden, ſodaß ſeine Rechte, ſeine Liebe, ja ſeine Pflicht, ſich unſerer Sache anzunehmen, ſich noch verſtärkte, verdoppelte!“ „Ich verſtehe Euch nicht!“ entgegnete Rippell im fra⸗ genden Tone. „Ich glaube es wol“, antwortete der Kanzler,„ich wage auch kaum mich ſelbſt zu verſtehen!“— Er machte eine Pauſe wie Jemand, der über die Form nachſinnt, in der er eine ſchwierige Angelegenheit vortragen möchte. Dann 9 fuhr er fort:„Solange der Kaiſer Mathias lebte, hatten wir Hoffnung in Böhmen, daß trotz des begonnenen Kampfes unſere Sache friedlich ausgeglichen werden würde. Seit Ferdinand II. den Thron beſtiegen hat, iſt dieſe Hoff⸗ nung vernichtet.“ „Ich kann mir's denken“, antwortete der Rath mit ernſtem Ton;„der Zögling von Ingolſtadt und begeiſterte Verehrer des Ignatius von Loyola, der in Steiermark ſeine Grundſätze durch die völlige Ausrottung des proteſtantiſchen Glaubens öffentlich dargelegt hat, kann den Böhmen kein großes Vertrauen einflößen!“ „Es iſt unmöglich für die Genoſſen unſers Glaubens“, erwiderte der Kanzler.„Ich darf Euch verſichern, Herr Rath, die Mehrzahl unter uns wollte und wünſchte den Frieden aufrichtig, wenn auch Thurn und einige andere mehr für den Krieg waren. Denn Böhmen hat genugſam erfahren, was der Krieg und vollends der Religionskrieg für Unheil bringt.“ „Seit zwei Jahrhunderten kennt ihr das freilich!“ be⸗ merkte der Rath mit Theilnahme. „Allein der Friede unter Ferdinand iſt eine Unmög⸗ lichkeit.“ „Indeſſen hat er ihn euch, wie ich gehört, gleich nach dem Tode des Kaiſers Mathias angeboten“, verſetzte der Rath. „Unter Bedingungen, die wir unmöglich annehmen konn⸗ ten“, fiel der Kanzler raſch ein;„was vielleicht Niemand ſo gut wußte als Ferdinand ſelbſt.— Er verlangte die völlige Herſtellung derjenigen Zuſtände, die den Krieg un⸗ vermeidlich gemacht hatten. Er beſtätigte zwar unſere welt⸗ lichen und kirchlichen Rechte, allein ohne die Gewähr⸗ leiſtungen, die wir dafür verlangen müſſen. Denn wenn der bloße Buchſtabe des Rechts uns unter Mathias nicht ſchützte, der es doch nicht überall ungünſtig für uns deutete, was ſollten wir unter Ferdinand davon erwarten?“ „Das hätte freilich keine große Sicherheit dargeboten“, meinte der Rath. „Er verlangte zuvor die Rückkehr aller Perſonen und Beſtätigung in ihren Aemtern, gegen deren bedrückende Amtsausübung und Grauſamkeit der Aufſtand ausgebrochen war. Er forderte die Wiedereinſetzung der papiſtiſchen Ei⸗ ferer unter den Prälaten, die Wiedereinführung der Je⸗ ſuiten. Hatten uns dieſe ſchon zuvor, wo ihnen nichts Feindſeliges von uns widerfahren war, gepeinigt, mit Rän⸗ ken und Haß verfolgt, was ſollten wir jetzt von ihnen er⸗ warten, wo ihr Haß bis zur Wuth gereizt iſt?“ „Sie würden euch muthmaßlich, gleich dem Jerobeam, mit Skorpionen gezüchtigt haben, ſtatt mit Geißeln“, ſeufzte der Rath. „Nicht einmal an die von uns erwählten Directoren des Landes ſchrieb König Ferdinand, ſondern an die von uns abgeſetzten Räthe; er erkannte alſo nur dieſe an, nicht uns, und verdammte folglich unſer ganzes Verfahren vor⸗ weg. Mit einem Worte, er bot uns nur die Rückkehr in das Alte, von dem alle Gefahr, alles Unheil ausgegangen war. Das konnten wir nicht annehmen, Ferdinand wußte es; er wollte alſo den Frieden nicht.“ „Das ſcheint nicht zu beſtreiten“, pflichtete der Rath bei. „Welcher Zuſtände ſollen wir uns nun unter einem Herrſcher von den Gefühlen und Grundſätzen Ferdinand's gewärtigen?“ fragte der Kanzler mit beſorglich ſchmerz⸗ lichem Tone. „Und doch hattet ihr ihn ſelbſt zu eurem Könige ge⸗ wählt!“ bemerkte Rippell. 11 „O, theurer Herr“, antwortete Budowa,„wenn Ihr genau wüßtet, wie es bei dieſer Wahl zugegangen iſt, welche Kunſtgriffe, Verlockungen, Drohungen angewendet wurden! Auch haben ſchon damals Viele ſofort dagegen proteſtirt; Graf Thurn zum Beiſpiel. Und hätte die Furcht nicht die Andern zurückgehalten, die Zahl der Proteſtirenden wäre vielleicht größer geweſen als die Zahl Derer, die Fer⸗ dinand wählten. Auch ſind die uns einverleibten Nachbar⸗ lande, Mähren und Schleſien, gar nicht bei der Wahl ge⸗ hört worden!“ „Allein ſie geſchah, die Krönung wurde vollzogen! Was bleibt euch alſo übrig? Ihr kämpft gegen euren recht⸗ mäßigen Herrn und König!“ wandte der Rath bedenklich ein. Die. Unterredung ſtockte einige Augenblicke. „Ich komme jetzt zu Dem, was mich zu Euch führt, ver⸗ ehrter Herr“, hub der Kanzler feierlich an,„und ich möchte zuvörderſt Euren Rath, Eure Meinung hören. Allein auf Manneswort, was ich Euch hier vertraue, muß jetzt noch das tiefſte Geheimniß bleiben!“ „Was ich, ohne Pflicht und Ehre zu verletzen, ver⸗ ſchweigen darf, ruht in meiner Bruſt wie im Grabe“, er⸗ widerte der Rath mit Ernſt. 3 „Nun denn! Der Einſpruch gegen die Gültigkeit der Wahl Ferdinand's, den die proteſtantiſchen Böhmen ſchon lange im Stillen erhoben, tritt jetzt laut hervor. Eine große Zahl iſt entſchloſſen, ſeine Wahl öffentlich und feier⸗ lich für ungültig zu erklären; ſowol wegen der unregel⸗ mäßigen Weiſe, in der ſie geſchah, als wegen ſpäterer, gegen die Wahlbedingungen und den heiligen Eid darauf gerichteten Handlungen des Königs, wodurch er das Recht auf die böhmiſche Krone verſcherzt hat.“ Budowa hielt inne und richtete einen forſchenden Blick auf den Rath, Yum zu ſehen, wie dieſe Mittheilung auf ihn wirke, und zu er⸗ warten, ob und was er antworten werde. Doch dieſer ſchwieg und wartete in ernſter Spannung auf die Fort⸗ ſetzung der Rede. Jener begann alſo wieder:„Ja, König Ferdinand hat ſeine Zuſagen, hat die Bedingungen, die ihm bei der Wahl geſtellt worden ſind, nicht gehalten. Er hat wider das feierliche Verſprechen, das jeder durch die Wahl zum Nach⸗ folger auf den böhmiſchen Thron beſtimmte König ablegt, ſich jeglicher Einmiſchung in die Regierung zu enthalten, bis er ſelbſt den Thron beſteigt, ſich noch bei Lebzeiten des Kaiſers Mathias in die Regierung eingemiſcht, ja gewalt⸗ thätig eingedrängt. Außer vielen andern Handlungen be⸗ zeugt dies offenkundig die gegen des Kaiſers Willen vor⸗ genommene Verhaftung ſeines erſten Miniſters, des Cardinals Cleſel, der uns wohlwollte, wenigſtens günſtiger geſinnt war als Pater Lamormain! Ferdinand hat die uralten Rechte Böhmens, ſeinen König zu wählen, misachtend, einen geheimen Erbvertrag geſchloſſen*), deſſen Inhalt uns aber wohl bekannt iſt, einen Vertrag, der das freie Königreich Böhmen der Krone Spaniens unterwirft!“ „Hm! hm!“ murmelte der Rath mit tiefem Tone, „ſollte er das gethan haben!“ „So hat er alſo ſelbſt“, rief der Kanzler aus,„das Recht auf die Krone verwirkt! Aber wenn auch das Alles nicht wäre, wenn wir uns darüber verſtändigten, ſein unduldſamer Religionshaß bleibt die unüberwindlichſte Unmöglichkeit, daß er jemals den Thron Böhmens beſteige!“ „Wie? So weit ſeid ihr in euren Beſchlüſſen gegan⸗ gen?“ rief der Rath ſtaunend und erſchreckend. *) Hiſtoriſch. — — 13 „Es iſt noch nicht beſchloſſen, aber der Beſchluß iſt unvermeidlich. Glaubt mir, theurer Herr, wer die Stim⸗ mung der Böhmen kennt, der weiß, daß der böhmiſche Königsthron erledigt iſt!“ „Verhängnißvolles Ereigniß!“ rief der Rath aus und ſtand raſch auf.„O, mein hochverehrter Herr, ich be⸗ ſorge, ihr habt euch da einen furchtbaren Abgrund ge⸗ öffnet, der mehr verſchlingen kann als ihr meint!“ „Nicht wir; das unvermeidliche Schickſal, die ſichtliche Fügung Gottes, laßt mich ſagen, haben uns auf dieſe ge⸗ fährliche Stelle, denn der Gefahr verſchließen wir unſer Auge nicht, gedrängt! Drum ſchauen wir uns um nach Hülfe, nach Rettung, und— wir haben unſern Blick hier⸗ her gerichtet!“ „Hierher?“ fragte der Rath und ſah den Redner mit ahnungsvoller Miene an. „Ja, hierher! Euer gnädiger, liebreicher, glaubens⸗ eifriger Herr, der Führer und Schutzherr des proteſtanti⸗ ſchen Fürſtenbundes, wenn er der Führer und Schutzherr Böhmens würde..... 44 „Um Gottes Willen! Welch ein vermeſſener Plan, theurer Herr!“ rief der Rath.„In welche Kämpfe und Gefahren wollt Ihr unſern Fürſten, unſer Land ſtürzen! Ein geſalbter Herrſcher ſollte den Arm wider den andern erheben? Alle Fürſten des Reichs würden wider unſern gnädigſten Herrn ſein, der Kaiſer ſelbſt, wenn Deutſch⸗ land ſein neues Oberhaupt gewählt hat, würde ihn ver⸗ dammen, mich dünkt, die Acht ſchwebt ſchon über ſeinem Haupte!..... 4 „Wenn Ferdinand die Kaiſerkrone empfängt— dann freilich!“ unterbrach ihn der Kanzler.„Laßt mich abbrechen, theurer Herr“, ſagte er ſeufzend,„ich ſehe wohl, Ihr ſeid 8 / 14 nicht Der, der uns Troſt und Hoffnung gibt im Unglück meines Vaterlandes!“ „Das Unglück deſſelben geht mir ans Herz wie Euch, Herr Kanzler“, entgegnete der Rath erſchüttert;„allein ich fürchte, Ihr vergrößert es, ſtatt es zu heilen!“ „O, Ihr kennt unſere ſchreckenvolle Lage nicht!“ rief Budowa aus.„Wie es überall, wo alte Einrichtungen ſinken, alte Bande gelöſt werden, Leute gibt, die ſich jeg⸗ lichen Geſetzes, jeglicher Pflicht erledigen, ſo gibt es auch bei uns jetzt Viele, die in geſetzloſer Willkür verwegen nach Allem greifen möchten! Schon iſt in Einzelnen der Ge⸗ danke aufgetaucht, Böhmen zu einer freien Republik um⸗ zuſchaffen! Der Thron iſt einmal ledig, heißt es; doch es gibt Ehrgeizige und Mächtige, es gibt Abenteurer, die den leeren Platz einnehmen möchten! Sie reden von der ſüßen Freiheit; das heißt ſie möchten die ſüße Herrſchaft üben!“ „Gott beſchirme euch vor dem Unheil, wo eine ehr⸗ ſüchtige Begierde die andere bekämpft, weil jede gleiches Anrecht zu haben meint!“ unterbrach der Rath den Kanzler. „Nur ein neuer König, der an die Stelle des alten tritt, kann uns vor dieſen Schrecken behüten! Nur Einer, der ſo hoch in Macht und Anſehen ſteht, daß ſich ihm Alle beugen müſſen! Und.... Böhmen kann von keinem katho⸗ liſchen Fürſten mehr beherrſcht werden!“ Leander Rippell ging unruhig im Gemach auf und nieder, ohne zu antworten. Budowa hielt den Blick auf ihn geheftet und ſchien einer neuen, tröſtlichern Antwort zu harren. Sie blieben Beide ſchweigſam eine längere Zeit einander gegenüber. Da hörte man den Hufſchlag von Pferden durch die Stille des Abends. Der Rath trat ans Fenſter. 4 15 „Es iſt der Kurfürſt!“ rief er überraſcht;„ſoeben kehrt er von ſeiner Reiſe nach München zurück!“ Auch der Kanzler war ans Fenſter getreten. Mit po⸗ chender Bruſt, denn er war aufs äußerſte bewegt, ſah er den jungen Fürſten vorüberreiten, begleitet von mehrern Rittern und Dienern. Sie waren das Neckarthal herauf⸗ gekommen; der Weg nach dem Schloſſe führte ſie am be⸗ quemſten durch die Stadt und an Rippell's Hauſe vorüber. Der Mond ſchien ſo hell, daß man die Geſtalten der Ein⸗ zelnen wohl unterſcheiden konnte. Neben dem ganz jugend⸗ lichen, fröhlich umherſchauenden und die ehrfurchtsvoll mit unbedecktem Haupte an der Straße ſtehenden Bürger leut⸗ ſelig grüßenden Friedrich V. ritt ein ſchon bedeutend älterer Mann in dunkler, pelzverbrämter Kleidung; er hatte ein würdiges Aeußere. Der Kanzler heftete ſeinen Blick auf dieſen. Er ver⸗ muthete, wer es ſein möchte, und fragte Rippell:„So kehrt auch wol Euer Amtsgenoſſe der Rath Camerarius mit dem Herrn Kurfürſten zurück?“ „Es iſt Der, welcher ihm zur Seite reitet“, antwortete Rippell. Beide ſchwiegen wiederum, bis die letzten Reiter vor⸗ über waren und der Hufſchlag verhallte. „Welch eine friſche, jugendliche Haltung hat der Kur⸗ fürſt“, ſagte der Kanzler;„wie leicht und frei ſaß er zu Pferd und wie fröhlich grüßte er umher. Das wäre der Mann, dem die Herzen aller Böhmen entgegenfliegen wür⸗ den, wenn er ein Herz hätte für unſer Schickſal!“ Der Rath blieb ſtumm. Budowa trat auf ihn zu und faßte ſeine Hand. „Würdiger Mann“, ſagte er warm,„ich ſehe wohl, auf Eure Hülfe, Euer Fürwort kann ich in dieſer An⸗ 16 gelegenheit nicht hoffen! Allein werdet Ihr mir entgegen ſein?“ „Herr Kanzler“, antwortete Rippell und erwiderte den warmen Händedruck,„wenn ich in ſo wichtiger Sache nicht für Euch ſein kann, muß ich Euch nicht entgegen ſein? Ich glaube, Ihr ſelbſt wählt und handelt nicht zu Eurem Beſten, und ich ſollte ſchweigen, wenn ich ſähe, daß mein eigener theurer Fürſt ſich in Gefahr und Unheil ſtürzen wollte? Ich kann ihm nicht zu Dem rathen, was Ihr be⸗ gehrt, ich muß, ich werde ihm abrathen; allein ich werde ihm gehorchen und ihm getreu dienen bis zum Tode, wenn er anders beſchließt, als ich für gut halte!“ „Ihr ſeid ein redlicher Mann!“ erwiderte der Kanzler und drückte ihm die Hand. Ein leiſes Pochen an die Thür unterbrach das Geſpräch. Auf des Raths„Herein“ trat ſeine Tochter ein. Ihr Ant⸗ litz ſtrahlte fröhlich und mit ebenſo fröhlicher Stimme rief ſie:„Vater, haſt du den Kurfürſten geſehen? Eben ritt er hier vorüber!“ freundlich,„allein wenn du uns dazu auffordern wollteſt, hätteſt du früher kommen müſſen!“ „Das wollte ich nicht“, erwiderte ſie in heiterer Un⸗ befangenheit,„meine Frage überraſchte mich nur ſo, weil ich noch ganz voll Freude bin. Ich kam nur, um zu fra⸗ gen, ob du nicht jetzt mit dem fremden Herrn zum Abend⸗ eſſen kommen möchteſt? Der Tiſch iſt bereit.“ „Ihr ſeid doch unſer Gaſt, werther Herr?“ wandte ſich der Rath zu Budowa. „Entſchuldigt mich“, bat dieſer,„ich muß noch zum Rath Camerarius!“. „Ich rathe Ench, laßt das heut“, ſagte Rippell gut⸗ „Wir haben ihn geſehen, Kind“, erwiderte der Vater 17 müthig.„Er wird müde ſein von der Reiſe. Sie ſind heut von Heilbronn bis hierher geritten; zwölf Wegſtunden. Das macht auch Kriegsmänner müde, vollends uns von der Feder!“ „Ihr glaubt, er werde mich heut nicht mehr ſprechen wollen?“ fragte Budowa. „Das wäre wol möglich! Vielleicht begleitet er ſogar noch den Herrn aufs Schloß.— Nehmt meinen herzlich gemeinten Vorſchlag an, Herr Kanzler“, fuhr der Rath fort, da dieſer unſchlüſſig ſchien;„zu Geſchäften taugt der Morgen beſſer, zur Erholung der Abend. Ihr ſeht mor⸗ gen auch vielleicht Manches anders und friſcher an.“ „Man ſoll nichts auf morgen verſchieben!“ „Doch, Das, was heut einmal nicht abgethan werden kann! Und guter Rath kommt über Nacht!“ „Wenn ich das auf Euch anwenden könnte!“ antwor⸗ tete der Kanzler mit einem halb unterdrückten Seufzer. „Auch davon läßt ſich morgen reden. Jetzt werft die Sorge ab und gebt Euch der Erholung hin. In Eurem unruhigen Vaterlande, denke ich, ſind die heitern Stunden ſorgloſen Geſprächs beim Becher jetzt nicht allzu häufig. Genießt eine mit uns, und ſo lange denkt wie der frohe Sänger Horatius: Quid cras futurum sit, fuge quaerere!“ 1. Und nochmals bot er dem traurig Sinnenden herzlich die Hand. Dieſer ſagte lächelnd:„Wenn ich Euch ſo zu überreden wüßte wie Ihr mich!“. „So ſetze nur von dem beſten Rüdesheimer auf, Agathe!“ rief der Rath mit heiterm Tone, da er in dieſen Worten des Gaſtes Zuſage ſah; und Beide folgten dem anmuthi⸗ gen Mädchen in das Speiſezimmer, das hell von Kerzen leuchtete und wo der für Drei zierlich gedeckte Tiſch, —— —-—— 18 mit ſchönen, funkelnden Bechern geſchmückt, gaſtlich zum Mahle lud und eine heitere Stunde verſprach in der ſchwer ernſten Zeit. Zweites Capitel. Auf dem Altan des heidelberger Schloſſes war eine große Tafel gedeckt. Die Diener in reichgeſtickten Livreen waren noch geſchäftig, dieſelbe mit Blumengefäßen und präch⸗ tigen goldenen und ſilbernen Trinkgeſchirren zu ſchmücken, als von der Seite der Kapelle her, die ſich in dem großen Hauptbau des Schloſſes hinter dem Altan befand, zwei Herren in feſtlicher Kleidung auf denſelben hinaustraten. Es waren der Rath Camerarius und Wenzel von Budowa. „Wir werden vielleicht noch einige Zeit Geduld haben müſſen, würdigſter Herr Kanzler“, begann Camerarius. „Wenn unſere Herrſchaften auf der. Jagd ſind, vergeſſen ſie oft die Tiſchzeit darüber!“ „Ich wüßte nicht, daß man in angenehmerer Geſell⸗ ſchaft und an einem reizendern Orte ſeine Zeit zubringen könnte“, erwiderte der Kanzler verbindlich. „Ja, das Schloß zu Heidelberg iſt mit Recht weit be⸗ rühmt“, entgegnete der Rath,„und dieſer Altan bildet einen ſeiner ſchönſten Theile. Wir werden heut wol über funfzig Gäſte bei der Tafel ſein, und Ihr ſeht, daß der Raum groß genug iſt für zwei mal ſo viele!“ „Und welch eine herrliche Ausſicht!“ ſetzte der böhmi⸗ ſche Gaſt hinzu. „Ihr waret früher niemals hier?“ fragte der Rath. „Ich habe Heidelberg geſtern zum erſten male betreten“, antwortete der Kanzler.„Von Bologna ging ich damals zuvörderſt nach Padua. Demnächſt beſuchte ich mit meinem Oheim, der in Staatsgeſchäften nach Madrid zum Könige Philipp geſandt worden, Spanien. Durch Frankreich kehr⸗ ten wir zurück, nahmen aber unſern Weg von Paris nach Köln. Damals bin ich zwar auch den Rhein hinaufgereiſt zu Pferd, weil die Schiffahrt ſtromauf zu ſchwierig ge⸗ weſen wäre, allein nur bis Mainz. Von dort kehrte ich über Frankfurt, Fulda, Eiſenach, Weimar und Leipzig nach Böhmen zurück. Seitdem habe ich dieſen Theil Deutſch⸗ lands nicht wieder berührt.“ „Und ich habe ihn faſt nie verlaſſen, nur daß ich mit unſerm gnädigſten Herrn zu Amberg in der Oberpfalz, wo er zumeiſt Hof hält, einen großen Theil des Jahres verweile!“ „Ein glücklicher Wohnplatz hier, geſegnet und ſtill!“ ſagte Budowa, und ſein Auge verlor ſich in die Landſchaft. Hörnerklang, der aus den Bergen gegenüber zu dringen ſchien, ertönte. „Jetzt kehren ſie zurück!“ rief Camerarius.„Der Schall kommt drüben vom Heiligenberg!“ „Ich bitte um Verzeihung, gnädigſter Herr“, ſagte einer der Diener.„Se. fürſtlichen Gnaden kommen von Wolfs⸗ brunnen her, es iſt nur der Widerhall, was wir von dort drüben vernehmen! Die Jagd war jenſeit des Kaiſerſtuhls über Neckar⸗Gmünd hinaus!“ „So, Nathanael?— So müſſen ſie wol bald hier ſein?“ „Es werden keine zehn Minuten vergehen, denke ich, Herr Rath!“ Camerarius winkte, und der Diener trat zurück. —— 20 „Wird der Rath Rippell zur Tafel erſcheinen?“ fragte der Kanzler. „Ich glaube nicht! Der Kurfürſt weiß, daß Tafel halten nicht die Sache des Raths iſt. Er vergräbt ſich zu tief in den Acten, ihm bleibt keine Zeit zu Gaſtmahlen!“ „Und doch iſt er ein Mann fröhlichen Herzens, gaſt⸗ frei und ein lieber Wirth!“ „Das will ich meinen! Aber nur im häuslichen Kreiſe. Am liebſten bei ihm ſelbſt! An der Fürſtentafel ſitzt er ungern! Ei, da kommt der Herr Hofprediger!“ unter⸗ brach ſich Camerarius. Beide gingen dem eben von unten die Steintreppe her⸗ aufgekommenen Hofprediger Scultetus entgegen, der, etwas erhitzt, ſich den Schweiß von der Stirn trocknend, auf den Altan hinaustrat. „Ah, ſiehe da“, rief er ſchon von weitem dem Kanzler entgegen,„Ew. Edlen bereits hier! Ich freue mich, Wohl⸗ dieſelben hier zu begrüßen!“ Camerarius nahm das Wort:„Da Se. kurfürſtlichen Gnaden eben zur Jagd reiten wollten, als der Herr Kanzler ſich bei Höchſtdemſelben durch den Hofmarſchall von Sickingen anmelden ließ, haben Sie geruht, den Herrn Kanzler zur Tafel zu ziehen.“ „Deſſen ich mich hoch erfreue“, entgegnete Scultetus und verbeugte ſich tief.— Camerarius winkte ihm bei Seite und ſprach leiſe:„Wir halten es nach unſerer Anſicht der wichtigen Angelegenheit, die der Herr Kanzler betreiht, für angemeſſen, daß Se. kurfürſtlichen Gnaden nicht zuvor irgend eine Andeutung erhalte, als ob wir bereits darüber confe⸗ rirt hätten. Unſer ſpäterer Rath, wenn ſich der Herr Kur⸗ fürſt deſſen bedienen ſollte, würde ſonſt nicht unbefangen genug erſcheinen!“ — Scultetus wiegte leiſe ſummend das Haupt.„Verſtehe, ganz recht!“ Alle Drei traten jetzt möglichſt abwärts von der Dienerſchaft zuſammen und beſprachen ſich in leiſen Worten. Scultetus, mit welchem der Kanzler auf Came⸗ rarius' Rath ſchon Vormittags eine Unterredung gehabt, verſicherte trotz der gedämpften Stimme in ſalbungsvollem Tone:„Ja, ich ſehe, je mehr ich die Angelegenheit erwogen habe, eine ganz beſondere Fügung des Herrn darin, daß einem ſo echt proteſtantiſchen Fürſten, wie der Kurfürſt, eine ſo wichtige Aufforderung, für den gereinigten Glauben zu wirken, zugeht. Er würde als Monarch von Böhmen ein auserwählter Streiter des Herrn, ein Hort und Pfeiler der Kirche ſein.“ Man vernahm jetzt den Hörnerklang ganz nahe. Zu erblicken war indeſſen von dem Zuge nichts, da er durch das Schloß ſelbſt verdeckt blieb. Mehrere Herren vom Hofe, die zur Tafel geladen wa⸗ ren, hatten ſich inzwiſchen auf dem Altan verſammelt. Der Hofmarſchall von Sickingen drängte ſich plötzlich eilig zwi⸗ ſchen ihnen hindurch und ging auf Wenzel von Budowa zu. „Darf ich Euch bitten, mir zu folgen, Herr Kanzler“, redete er ihn an,„Se. Gnaden der Herr Kurfürſt wird im Hofe abſteigen und ſich dann in die Halle begeben, wo ich Ew. Edlen vorzuſtellen den Befehl habe.“ Beide gingen. „Wir werden eine muntere Tafel heut haben, Herr Hofprediger“, fing einer der Herren, der Graf Erbach, zu Scultetus gewendet, an.„Der Herzog Chriſtian von Braunſchweig iſt geſtern zum Beſuch eingetroffen und hat die Jagd mitgemacht. Das iſt ein Herr! Der hat den Mund auf dem rechten Flecke!“ „Ei, ei! Wenn ich nicht irre, episcopus designatus 22 von Halberſtadt“, antwortete Scultetus,„und hat die Jagd mitgemacht!“ „Ja, ich glaube, er möchte feſter im Sattel ſein als auf der Kanzel“, bemerkte ein anderer Herr, der Freiherr von Steklenberg,„ich lernte ihn ſchon vor drei Jahren in Braunſchweig ſelbſt kennen, da hieß er nur der tolle Herzog Chriſtian. Auf einer Eberjagd bei Blankenburg im Harz hatte er....“ „Pſt, da iſt er“, unterbrach ihn der Graf Erbach,„er führt Ihro Gnaden die Frau Kurfürſtin!“ Alle wandten ſich dem Eingang zur Terraſſe zu, in welchem ſoeben die junge Kurfürſtin Eliſabeth am Arme des Herzogs Chriſtian erſchien, der ein ritterliches, gewandtes Aeußere, aber zugleich in ſeinem ganzen Weſen etwas ſo jeden Zwang keck Wegweiſendes hatte, daß er faſt über⸗ müthig erſchien. Gegen die ſchöne Fürſtin aber benahm er ſich mit der ergebenſten Zuvorkommenheit. „Bonjour Messieurs“, grüßte dieſe, indem ſie lächelnd im Kreiſe umherſchaute, die ſich tief verbeugenden Herren. Sie ſprach, eine Engländerin von Geburt, Tochter Jakob's I., nur engliſch und franzöſiſch, was die Herren am pfälziſchen Hofe etwas in Verlegenheit ſetzte, da die franzöſiſche Sprache nur Wenigen, die engliſche Keinem geläufig war. Doch das über⸗ aus freundliche, leutſelige, ja zuvorkommende Weſen der Fürſtin, das ſie trotz eines ſehr ſtolzen Gefühls ihres Ran⸗ ges und ihrer königlichen Abſtammung beſaß, glich die klei⸗ nen Lücken und Unebenheiten, die ſich aus der mangelhaften Sprachkenntniß erzeugten, vollkommen wieder aus. Weniger war dies bei den zahlreichen Engländern der Fall, die ſich ſtets in ihrer Umgebung befanden. Dieſe hatten keineswegs die Art, ihre ſprachliche Unbeholfenheit in dem fremden Lande durch Höflichkeit vergeſſen zu machen. Als die Herren, welche bei der Jagd geweſen waren, dem fürſtlichen Paare folgend, nach und nach auf dem Altan erſchienen, bemerkte man, daß ſie Alle mit irgend etwas ſehr lebhaft beſchäftigt ſein mußten, denn ſie ſprachen eifrig miteinander und deuteten oftmals auf den Herzog und die Kurfürſtin hin, die inzwiſchen weiter vorgetreten waren und die Grüße der Anweſenden durch Anreden der Angeſehe⸗ nern erwiderten. „Es muß etwas Beſonderes vorgefallen ſein“, flüſterte Camerarius dem Hofprediger zu;„was mag es nur ſein?“ Indem drängte ſich der Graf Erbach mit wichtiger Miene zu ihnen.„Wißt Ihr ſchon, was vorgefallen iſt, Herr Rath? Die Frau Kurfürſtin iſt in großer Gefahr geweſen. Der Herzog von Braunſchweig hat ſie gerettet!“ „Ei, um des Himmels Willen, wie das?“—„Was i*ſt geſchehen?“ fragten Scultetus und Camerarius wie aus Einem Munde. „Sie war der Jagd von ferne gefolgt“, erzählte Graf Erbach;„ein angeſchoſſener Wolf brach unvermuthet aus dem Dickicht und ſprang in wilden Sätzen auf ihr Pferd zu; das Thier ſcheut, bäumt ſich, jagt mit ihr da⸗ von; der Wolf nach. In dem Aungenblick fällt ein Schuß, der Wolf ſtürzt und gleich darauf ſpringt der Herzog von Braunſchweig aus dem Gebüſch, fällt dem Pferde, obwol es in vollem Laufe dahinjagt, verwegen in die Zügel, wird erſt geſchleift, bringt es aber doch zum Stehen, und rettet ſo die Frau Kurfürſtin, die ohne dies vielleicht ver⸗ loren geweſen wäre!“ „Mein Gott, welch ein Glück und Unglück zugleich!“ rief Camerarius aus. 3 „Das war des Himmels ſchützende Hand“, ſprach Sculte⸗ tus gleichzeitig mit Salbung und erhob das Auge gen Himmel. 24 Graf Erbach drängte ſich haſtig durch den Kreis, der die Kurfürſtin umgab, um ihr ſeinen Glückwunſch darzu⸗ bringen; Camerarius und Scaltetus thaten desgleichen. Nun erſt wurde der Vorfall unter den Anweſenden, die nicht auf der Jagd geweſen waren, bekannt, und die Für⸗ ſtin ſah ſich von Theilnehmenden und Glückwünſchenden dicht umringt. Während ſie bald franzöſiſch, bald engliſch, einige mal auch in gebrochenem Deutſch dankte und freundliche Worte ſprach, war der Herzog Chriſtian gleichfalls von Cavalieren umringt, die ihm bewundernde Lobſprüche ſpendeten. Er rief ſcherzhaft faſt übermüthig aus:„Ihr macht zu viel aus der Kleinigkeit, ihr Herren! Es war ein Jagdvorfall, wie ſie alle Augenblicke vorkommen. Der Hauptglücksfall war, daß mir ein Riemen am Sattelgurt geriſſen war, denn ſonſt wäre ich nicht ſo weit hinter der Jagd zurückgeblieben und hätte nicht auf meinen beiden Füßen geſtanden, um gleich feuern zu können. Der Wolf kam mir gerade ſchuß⸗ recht, und ſo ſtreckte ich ihn natürlich nieder; zwar dicht bei der Frau Kurfürſtin; allein ich kann mich auf mein Gewehr verlaſſen. Der Schuß machte das Pferd ſcheu, es ſtutzte, und jeder Stallbube hätte es auffangen können. Ich wollte, ich hätte mehr zu wagen für eine ſo ſchöne Fürſtin“, ſetzte er mit dreiſter Galanterie hinzu und wandte ſich wieder zu dieſer. „Je vous dois la vie, ce qui est certainement beau- coup“, ſagte die Fürſtin zu ihm. „Et je vous devrai toujours le bonheur de ma vie, voilà ce qui est certainement beaucoup plus“, antwortete der Fürſt, indem er ihr die Hand küßte. „Iſt der Prinz ein ſo guter Schütz?“ fragte Camera⸗ rius den Herrn von Steklenberg, der neben ihm ſtand. 25 „Nur ein zu guter!“ flüſterte dieſer.„Er hat ſich zu⸗ weilen das Vergnügen gemacht, Schieferdecker von den höch⸗ ſten Thurmſpitzen herunterzuſchießen!“*) „Der Herr ſei uns gnädig!“ rief Scultetus, der dieſe Worte hörte. „Still, er nähert ſich!“ winkte Camerarius. „Was Teufel! Steklenberg!“ rief der Herzog plötzlich, als er dieſes alten Bekannten anſichtig wurde.„Ich freue mich, Euch wiederzuſehen! Wahrhaftig ſeit der blanken⸗ burger Jagd habe ich nichts von Euch gehört! Wie geht's Euch?“ Steklenberg verbeugte ſich und dankte. „Wer iſt denn das ſchwarze Geſpenſt“, fragte der Herzog ihn leiſe und deutete auf Scultetus. „Der Oberhofprediger Abraham Scultetus“, antwor⸗ tete Steklenberg ebenſo leiſe;„ein großer Eiferer für Calvin und zugleich ein großer Günſtling Sr. kurfürſtlichen Gnaden!“ „Meiner wird er nicht“, murmelte der Herzog. Die Kurfürſtin Eliſabeth hatte indeſſen mit einigen Da⸗ men vom Hofe geſprochen, deren jetzt gleichfalls mehrere auf die Terraſſe gekommen waren, und die ſich ihr näher⸗ ten, um ihren Glückwunſch wegen der Errettung aus dro⸗ hender Gefahr darzubringen. Der Herzog Chriſtian wandte ſich wiederum der Kurfürſtin zu und ſagte ihr viele galante Dinge. Mit einer Hindeutung auf die reizende Landſchaft und das ſtolze, ſeine Zinnen gegen das Blau des Frühlings⸗ himmels ſcharf abſetzende Schloß, ſagte er lächelnd zu ihr: „So ſchön dieſer Rahmen iſt, er iſt des ſchönen Bildes doch nicht würdig!“ Indem er ſich bei dieſem Worte gegen ſie verbeugte, lächelte die anmuthige Fürſtin und antwortete *) Hiſtoriſch. Rellſtab, Drei Jahre. II. 1. 26 in der Ueberraſchung engliſch:„Ich habe geglaubt, nichts übertreffe Eure Tapferkeit, allein Eure Schmeichelei iſt viel größer.“. Da der Herzog nicht Engliſch verſtand, überſetzte ihm eine der Damen das Wort der Kurfürſtin. Er erwiderte ebenſo überraſcht deutſch:„Sagen Sie der Kurfürſtin auf engliſch:«Wenn ſie dieſe Meinung von der Größe meiner Tapferkeit aus dem Worte entnimmt, was ich eben geſpro⸗ chen, ſo muß ſie mich für einen Feigling halten.““ Die Dame lächelte und überſetzte; Eliſabeth verzog die feine, anmuthige Lippe gleichfalls zu einem Lächeln, wobei ſie zugleich mit dem Finger drohte. Man merkte es in⸗ deſſen der Drohung an, daß ſie nicht allzu ernſtlich war, und der Fürſtin die galante Wendung ſehr wohl zu be⸗ hagen ſchien; ſie fand es auch angenehm, ſich durch einen Dolmetſch mit dem Herzog zu unterhalten. Daher erwiderte ſie abermals engliſch:„Sagen Sie dem Herzog, wir woll⸗ ten Frieden ſchließen, und ich wolle ihm zugeben, daß er ebenſo tapfer als galant ſei.“ Der Herzog war nicht unzufrieden mit dem Vertrag und antwortete ſich verbeugend:„Darf ich den Frieden be⸗ ſiegeln?“ Dabei faßte er dreiſt die weiße Hand der Kur⸗ fürſtin, die eben einen Handſchuh ausgezogen hatte und da⸗ mit ſpielte, und drückte ihr einen feurigen Kuß darauf. Und nicht das allein, ſondern er drückte ihr auch die Hand ſelbſt ſo warm, daß die Fürſtin erſchreckte und erröthete und be⸗ troffen ein wenig zurücktrat. In dieſem Augenblick erhob ſich ein Lüftchen, der leichte Handſchuh entfiel ihr, und da ſie dicht am Rande des Altans ſtand, flog er über den⸗ ſelben hinab.„Ach!“ rief ſie kurz, und wandte ſich um; der kleine Zufall verbarg ihre Bewegung, indem das Er⸗ röthen und Zurücktreten als eine Folge deſſelben erſchien. lung der Gäſte miteinander verkehrte. 27 „Schade“, ſprach der Herzog lebhaft,„daß kein Löwen⸗ zwinger hier vor dem Altan iſt. Auf mein Wort, ich holte den Handſchuh ſo gut zurück wie der Ritter Delorges. Aber holen will ich ihn!“ Und bevor nur Jemand ahnte, was er thun könne, ſprang er mit einem leichten, kecken Sprunge über die Brüſtung die zwar nicht furchtbare, aber immer⸗ hin anſehnliche Höhe hinunter, faßte gewandt und kräftig die nächſten Baumzweige und war mit Hülfe derſelben in zwei Secunden wohlbehalten unten auf feſtem Boden. Er nahm den Handſchuh, ſteckte ihn an ſeinen Hut, grüßte zu den erſchrockenen und neugierig nachblickenden Herren und Damen hinauf, und ſuchte ſich dann den Weg zurück durch die Wölbungen unter dem Altan, aus welchen Treppen⸗ ſtufen wieder hinaufführten. In dieſem Augenblick trat der Kurfürſt und mit ihm der Kanzler Wenzel von Budowa auf den Altan; der Hof⸗ marſchall von Sickingen folgte ihnen. Der Kurfürſt war erſtaunt über die Bewegung die er vorfand, denn auch die Diener waren aus dem Hintergrunde neugierig dem Rande zugeeilt, Viele, ohne zu wiſſen, was eigentlich vorgegangen war. Die Kurfürſtin war ſogleich aufmerkſam auf ihren Gemahl und eilte ihm entgegen; halb erſchreckt, halb lä⸗ chelnd erzählte ſie den Hergang. „Friedrich der Fünfte, ſelbſt jung, heiter und, ohne eiferſüchtig zu ſein, ſehr verliebt in ſeine junge, reizende Gemahlin, lachte und ſprach:„Ja, der Herzog iſt ein Tollkopf! Aber ſo etwas behagt euch Frauen; am Ende ſticht er mich ganz bei dir aus!“ Eine ſchmeichelnde Umarmung war die Antwort der Sh iſtn⸗ Alle freuten ſich der anmuthigen Weiſe, in der fürſtliche Paar unbefangen vor der ganzen Verſamm⸗ 2* 28 „Und ich darf ihm nicht böſe ſein“, fügte der Kurfürſt hinzu,„denn heute bin ich ihm wahrlich Dank genug ſchul⸗ dig geworden!— Allein vergeſſen wir darüber andere, wenn auch kleinere Pflichten nicht“, nahm er ernſthafter das Wort, wandte ſich zu dem Kanzler um und ſagte franzöſiſch:„Ich ſtelle dir hier den ehrenwerthen Herrn Kanzler Wenzel Budowa von Budowecz aus Prag vor, der uns mit einem Beſuche erfreut.“ Budowa verbeugte ſich und ſagte ſogleich ebenfalls franzöſiſch, das ihm ſo geläufig war wie ſeine Mutter⸗ ſprache:„Es iſt mein höchſtes Glück, Ew. kurfürſtlichen Gnaden meine Ehrfurcht bezeigen zu dürfen.“ Eliſabeth antwortete mit Freundlichkeit und doch mit echt fürſtlicher Würde:„Iſt es eine Geſchäftsreiſe oder eine Vergnügungsreiſe, die Euch nach Heidelberg führt, Herr Kanzler?“ „Eine Geſchäftsreiſe, die mir Ew. Durchlaucht gegen⸗ über zu einer freudigen wird“, entgegnete dieſer;„ſoweit ein Böhme“, ſetzte er, da die Kurfürſtin mit halbem Neigen des Kopfes für die höfliche Wendung dankte, hinzu,„ſoweit ein Böhme bei der jetzigen Lage ſeines Vaterlandes von Freude ſprechen darf!“ Eliſabeth wollte ein theilnehmendes Wort ſagen, doch ihr Gemahl fiel ein:„Der Herr Kanzler wollte ſich in verſchiedenen Angelegenheiten unſern Rath erbitten, doch läßt ſich das ſo in der Eile nicht beſprechen, wir werden nach der Tafel von den Geſchäften reden. Jetzt wollen wir uns ſtärken nach der Jagd und heiter ſein.“ „Das denke ich auch“, ließ ſich eine Stimme hinter dem Kurfürſten hören. Es war der eben wieder zurü kehrende Herzog Chriſtian. Er hatte den Handſchuh Kurfürſtin an den Hut geſteckt. 29 „Ei, ſieh Ew. Liebden! Und nicht den Hals gebrochen bei dem verwegnen Sprung?“ rief ihm der Kurfürſt ent⸗ gegen. Der Herzog lachte.„Wenn das heidelberger Schloß nicht höhere Mauern hätte, wollte ich's bald mit Sturm nehmen!“ „Et mon gant?“ fragte die Kurfürſtin. „Das iſt eine eroberte Fahne“, antwortete der Herzog, „die laſſe ich mir nur mit dem Leben abnehmen!“ Dabei nahm er den Handſchuh vom Hut und ſteckte ihn unter das Kleid auf die Bruſt. „Ew. Liebden! Ich ſollte eiferſüchtig werden!“ ſcherzte der Kurfürſt. „Ich wollte, ich könnte Ew. kurfürſtlichen Gnaden eifer⸗ ſüchtig machen!“ entgegnete der Herzog faſt zu keck.„Allein die Wahrheit zu geſtehen, ich fürchte mich den Handſchuh zurückzugeben, denn ich habe hier ſchon den franzöſiſchen Ritter Delorges ſo traveſtirt, daß Ew. Hoheit Gemahlin vielleicht Luſt hätte die Begebenheit weiter zu traveſtiren und mir den Handſchuh zuzuwerfen, wie der Ritter ihn dem Fräulein Kunigunde de Foix zuwarf.“ „Nun, der Handſchuh ſoll kein Fehdehandſchuh zwiſchen uns werden“, antwortete Friedrich.„Wie Ihr mit der Kurfürſtin fertig werdet, ſorgt ſelbſt.— Ich denke aber ſie gibt Euch zum Handſchuh die Hand und läßt ſich zur Tafel führen!“ Der Herzog bot der ſchönen Kurfürſtin galant den Arm, ſie nahm ihn verbindlich an und ließ ſich zur Tafel geleiten. Im Gehen flüſterte der Herzog:„Nicht um mein Leben ebe ich den Handſchuh zurück!“ Der Kurfürſt wandte ſich zum Kanzler und ſagte ihm in auszeichnender Weiſe:„Ich bitte Euch, mein Nachbar 30 zu ſein bei Tafel, Herr Kanzler!“ Mit dieſen Worten ging er ſeiner Gemahlin nach und die Herren folgten ihnen ehrerbietig. Bald waren alle Plätze eingenommen. Eliſabeth ſaß zwiſchen dem Herzog und ihrem Gemahl; neben dieſem der Kanzler. Ihnen gegenüber Camerarius und neben dieſem Scultetus. Eine fröhliche Muſik von Zinken, Flöten, Hör⸗ nern und Trompeten ertönte unvermuthet aus den Gebüſchen vor dem Altan. Die Maiſonne ſchien hell am blauen Himmel; die Lüfte waren mild; die Landſchaft lag da, im Zauber der klaren Beleuchtung und des Frühlings. Der ſchattige, kühle Altan war von Düften umhaucht. Heiter⸗ keit und Behagen ſtrahlte aus Aller Zügen. Bald herrſchte das fröhlichſte Geſpräch. Nur der Gaſt aus Böhmen ſchaute mit trübverſchleier⸗ tem Blick in den Reiz der lachenden Flur, und die Freude rings um ihn her erhöhte durch ihren Gegenſatz nur die ſorgenvolle Wehmuth in der Tiefe ſeiner Bruſt. „Iſt“, dachte er,„in meiner Heimat auch nur ein Einziger, der heut fröhlich zu Tiſche ſäße mit den Seinen? Hat ſeit Jahresfriſt eine einzige Familie das Mahl ſorg⸗ los, heiter genoſſen?“— Und wie nahe lag die Zeit, wie viele ſchwere Jahre ſollte ſie dauern, wo im ganzen deutſchen Vaterlande kein von Gott beſchertes Mahl in ſorgenloſer Freude ver⸗ zehrt wurde! Drittes Capitel. Am andern Morgen in der Frühe, um acht Uhr ſchon, waren der Hofprediger Scultetus, der Rath Camerarius (oder Schultheiß und Kammermeiſter, wie ihre urſprünglichen deutſchen Namen waren) und der alte Rath Leander Rippell zum Kurfürſten befohlen. Wenzel von Budowa war um neun Uhr zur Audienz auf das Schloß beſchieden. Als er ſich um dieſe Stunde dahin begab, war der Kurfürſt noch mit dem geiſtlichen Rath und den beiden weltlichen Räthen in ſeinem Arbeitszimmer eingeſchloſſen, und auch im nächſten Vorzimmer durfte ſich Niemand auf⸗ halten, damit kein Wörtchen der Berathung durch irgend einen Horcher erlauſcht werden könnte. In dem Empfang⸗ zimmer, welches an dieſes ſtieß, befand ſich, als Wenzel von Budowa eintrat, nur der Graf Erbach, der ihn auf das höflichſte empfing, ihn aber im Namen ſeines Herrn um Entſchuldigung bat, daß die Audienz ſich wol etwas verzögern werde, weil der Kurfürſt wichtige Beſprechungen mit den Räthen habe. „Unſer Herr iſt in ganz eigenthümlicher Gemüthsſtim⸗ mung“, fuhr der Graf fort.„Ich habe ihn noch niemals ſo eifrig und zugleich ſo zerſtreut geſehen!“— „In der That?“ erwiderte Budowa fragend.„Mich dünkte Se. Hoheit geſtern über Tafel ſehr heiter!“ „Allerdings, allerdings“, meinte der Graf;„indeſſen ſt bei Tafel waren Se. kurfürſtlichen Gnaden öfters Ke und in tiefes Nachdenken verſunken. Hätte der erzog Chriſtian nicht die gnädige Frau Kurfürſtin ſo an⸗ 32. gelegentlich unterhalten, ſo würde alles Geſpräch geſtockt haben.“ „Ich war vielleicht die unſchuldige Urſache“, entgegnete der Kanzler,„daß Se. Hoheit ſich der Frau Kurfürſtin öfters entzogen, da Dieſelben an mich vielfache gnädige Worte und Fragen richteten. Die Zuſtände Böhmens geben einem Fürſten, der der evangeliſchen Kirche ſo zugethan iſt wie der Kurfürſt, wol mancherlei Anlaß zur nähern Beſprechung.“ „Dieſe waren unſtreitig auch der Hauptgegenſtand Eures geſtrigen Geſprächs in der geheimen Audienz, Herr Kanzler“, antwortete Erbach mit einem forſchenden Blick, der mehr Neugier verrieth, als ſich der Frager hätte geſtatten ſollen. „Allerdings“, antwortete der Kanzler ruhig,„da ich in den Angelegenheiten meines bedrängten Vaterlandes den Rath Sr. Hoheit zu erbitten gekommen bin, mußten dieſe auch der Gegenſtand ſeiner gnädigen Unterredung mit mir ſein!— Der Herr Herzog von Braunſchweig“, fuhr er nach einer Pauſe fort, um das Geſpräch auf etwas An⸗ deres zu bringen,„iſt heute ſchon wieder abgereiſt?“ „Ganz in der Frühe! Er will nach Frankfurt. Doch iſt er noch zuvor zu einer großen Jagd in den Odenwald nach Erbach auf das Schloß meines Oheims geritten!“ „Er iſt ein ſehr leidenſchaftlicher Jäger, nicht wahr?“ ragte Budowa. „Sodaß man nicht recht begreift, was er einſt für ein Biſchof ſein wird“, antwortete Erbach lächelnd. Man hörte die Thür des kurfürſtlichen Arbeitszimmers ſich öffnen und zugleich die Stinnnen und den Schritt einiger Kommenden. 4 „Der Kurfürſt hat die Heen entlaſſen“, ſagte Erb Im gleichen Augenblick traten auich ſchon Scultetus und 33 Camerarius ein. In den Zügen Beider ſah man den Aus⸗ druck der Befriedigung. Sie begrüßten den Kanzler und Camerarius ſprach:„Der Kurfürſt wird Euch ſofort em⸗ pfangen, Herr Kanzler; er hat nur meinem Collegen noch einige kleine Aufträge zu übergeben und unterzeichnet einige Actenſtücke.“ Eine Frage konnte der Kanzler nicht thun; aber ſein Blick fragte und Camerarius heiteres Auge gab ihm gün⸗ ſtige Antwort. Auf Scultetus Zügen ſpielte gleichzeitig ein eigenthümliches Lächeln; er reichte dem Kanzler die Hand und ſagte:„Wenn ich Euch begrüße, verehrter Herr Kanzler, ſo muß ich mit Sirach reden:«Ein Solcher kann den Fürſten dienen und bei den Herren ſein. Er kann ſich ſchicken laſſen in fremde Lande, denn er hat verſucht was bei den Leuten taugt oder nicht!»“ Die letzten Worte betonte er mit ſonderlichem Nach⸗ druck. Budowa glaubte den Wink zu verſtehen, erwiderte jedoch nur:„Ihr denkt zu Gutes von mir, ehrwürdiger Herr. Ich will froh ſein, wenn es von mir heißt wie ebendaſelbſt:«Und der Herr gibt Gnade dazu, daß ſein Rath und ſeine Lehre fortgehen!»“ „Wahrlich“, rief Scultetus aus,„ich erſtaune, Herr Kanzler, Euch ſo bibelfeſt zu finden! Ich ſollte meinen, nach Eurer Antwort, mit der mancher Candidatus theolo- giae vielleicht in Verlegenheit geweſen wäre, Ihr hättet scripturam sacram ſtudirt, ſtatt des Corporis juris! Nun darf ich auch mit Sirach gegen Euch fortfahren und freudig und mit vollem Gottvertrauen ausrufen, wie es im gleichen neununddreißigſten Capitel im elften Verſe heißt.“ Er citirte it Emphaſe:„Und er betrachtet es zuvor bei ſich ſelbſt; nach ſagt er ſeinen Rath und Lehre heraus und be⸗ weiſt es mit der Heiligen Schrift.— Und Viele 2 ½* 34 wundern ſich ſeiner Weisheit und ſie wird nimmermehr un⸗ tergehen!“ „Ich mache auf ſolchen Ruhm keinen Anſpruch, ehr⸗ würdiger Herr“, entgegnete der Kanzler in einfachem Tone den pathetiſchen Worten des Pfarrers.„Mich Raths zu erholen, nicht Rath zu ertheilen, bin ich gekommen.“ Scultetus wollte eben wieder mit einem bibliſchen Kern⸗ ſpruch anheben, als zur Freude des Raths Camerarius, der ſchon wie auf Kohlen ſtand, weil er beſorgte, der unbehut⸗ ſame Eifer des geiſtlichen Herrn möge etwas von dem ge⸗ heimen Gegenſtand der Unterredung verlauten laſſen, ſein College Leander Rippell eintrat. Er trug ein Packet Acten, begrüßte den Kanzler mit einer ernſten Verbeugung und ſagte:„Se. kurfürſtlichen Gnaden erwarten jetzt den Herrn Kanzler.“ In ſeinen Zügen lag ein ſo beſorglicher, ja ſchmerzlicher Ausdruck, daß man nicht bezweifeln konnte, der bei dem Kurfürſten beſprochene Gegenſtand erfülle ihn mit ſolcher Empfindung. Dieſer Gegenſatz zu Camerarius' zufriedener Miene und Scultetus' geſchwätziger, gewiſſermaßen ruhmrediger Hei⸗ terkeit, erzeugte dem Kanzler große Hoffnungen für den Erfolg ſeiner Sendung, da er die Anſichten aller Drei darüber kannte.. „Erlauben mir jetzt Ew. Würden Euch einzuführen?“ fragte Graf Erbach und trat ihm zur Seite. Sie gingen hinein. Der Graf öffnete die Thür des kurfürſtlichen Gemachs, vollzog die üblichen Höflichkeitsgebräuche und trat dann mit ſtummer Verbeugung zurück. „Sehr würdiger Herr Kanzler“, begann der Kurfürſt, indem er ſich niederließ und dem Kanzler ohne Ceremoni freundlich winkte, desgleichen zu thun:„Ich habe ſ geſtern Eurer Eröffnung reiflich nachgedacht. Die ganze — — — — 35 Nacht, um Euch die Wahrheit zu bekennen, habe ich in Unruhe zugebracht, wegen der Wichtigkeit des Antrags. Allein zu einer feſten Entſcheidung habe ich nicht gelangen können. So groß der Glanz und die Ehre für mein kur⸗ fürſtliches Haus dabei ſind, ſo groß iſt auch die Gefahr der Verantwortung!“ „Gnädigſter Herr“, erwiderte der Kanzler,„noch iſt ja die wirkliche Entſcheidung nicht ſo nahe. Vielleicht ge⸗ lingt es uns noch Frieden zu ſtiften mit unſerm zeitherigen Könige, daß er unſere Bedingungen annehme. Bis jetzt ſind unſere Waffen glücklich, und wenn uns der volle Schutz Ew. kurfürſtlichen Gnaden an der Spitze der proteſtan⸗ tiſchen Fürſtenländer zu Theil würde, ſo dürften wir auch des vollen Sieges gewiß ſein!“ *„Das ſprecht nicht ſo zuverſichtlich aus, Herr Kanzler“, antwortete der Kurfürſt;„wenn die proteſtantiſche Union mit Gewalt der Waffen auf Eure Seite träte, würde ſich die katholiſche Liga gleichfalls erheben und wir hätten dann einen allgemeinen Krieg in Deutſchland!“ „Und doch, geſtatten Ew. Hoheit mir zu erwidern, iſt uns nicht unbekannt, daß das Oberhaupt der katholiſchen Liga ſeit längerer Zeit nicht mehr ſo eng befreundet mit dem Hauſe Oeſterreich iſt als bisher!“ „Ihr irrt, lieber Kanzler; das waren nur vorüber⸗ gehende Spaltungen unterm Kaiſer Mathias. Im Ver⸗ trauen geſagt, ich war eben deshalb in München und habe mit dem Herzog Maximilian von Baiern vielfältige Rück⸗ ſprache genommen. Ich habe ſichern Grund zu glauben, daß jetzt Baiern und Oeſterreich enger verbunden ſind als js zuvor, und daß, wie die Fürſten ſelbſt, der Herr Herzog aximilian und Se. Majeſtät der König Ferdinand, die innigſten Freunde von Jugend auf geweſen, jetzt auch die beiderſeitigen Staatsregierungen ganz einig ſind. Man hat meinen Vetter, Herzog Max, gut bearbeitet. Da iſt ein böhmiſcher Pater, Thyßka, ein vertrauter Agent des Beicht⸗ vaters Sr. Majeſtät des Königs Ferdinand, Paters Lamor⸗ main, die haben wohl gewußt was man in dieſem Frühjahr ſäen mußte!“ „„ Pater Lamormain!“ rief der Kanzler aus.„Ja, er iſt unſer böſer Genius! Und dieſen Pater Thyßka ken⸗ nen wir nur allzu wohl! Alſo auch in München waren ſie thätig?“ „Durch aus der Ferne geſponnene Fäden, ja; ich weiß, daß Lamormain den Pater Thyßka beſonders nach Ingol⸗ ſtadt geſchickt hat, wo ſich noch alte Lehrer des Herzogs Maximilian im Jeſuitencollegium befinden, die großen Einfluß auf ihn üben.“„Lieber Kanzler“, ſagte nach einer Pauſe der Kurfürſt, da er die Erſchütterung Bu⸗ dowa's wahrnahm, mit herzlichem Ausdruck, indem er zugleich deſſen Hand ergriff,„ich will mit Euch, in dem feſten Vertrauen, daß Ihr als ein Ehrenmann und guter Glaubensgenoſſe jedes Wort, was ich Euch hier anvertraue, heilig bewahren werdet, ganz offen reden!“ 3 „Bei dem heiligen Kelch, der uns beim Mahle des Herrn erquickt“, entgegnete Budowa feierlich,„ich werde das Vertrauen Ew. Hoheit auch nicht um eines Haares Breite verletzen.“ „Nun, ſo erfahrt denn von mir ſchon jetzt, was zur Zeit doch offenkundig werden muß. Ich war in München wegen der bevorſtehenden Kaiſerwahl. Ihr könnt Euch wol denken, daß wir evangeliſche Fürſten ebenſo wenig ein volles Zutrauen zu König Ferdinand haben als ihr in Böhmen; daß wir uns ebenſo davor ſcheuen ihn auf den 37 Kaiſerthron zu berufen, als ihr ihn auf dem Throne Böh⸗ mens fürchtet. Wir evangeliſche Fürſten haben daher ins⸗ geheim berathen; wir gedachten die Spaltungen zwiſchen Oeſterreich und der Liga und ihrem Oberhaupt dem Her⸗ zoge von Baiern zu nutzen und glaubten es ſei Zeit, der Uebermacht des Hauſes Habsburg entgegenzutreten; denn es meint ſchon jetzt, die Kaiſerkrone Deutſchlands ſei ſein Erbeigenthum.“ „Wie die freie Wahlkrone Böhmens“, warf Wenzel halb für ſich dazwiſchen. „Dem wollten wir ſteuern, nach Kräften“, ſprach der Kurfürſt weiter;„allein der Schwierigkeiten waren viele. Ein unmächtiger Fürſt könnte die Kaiſerkrone nicht behaup⸗ ten; ein proteſtantiſcher hätte gleich Zwietracht herauf⸗ beſchworen!“ „Leider! Leider!“ ſeufzte Budowa. „Und da fiel unſer Gedanke auf den Herzog von Baiern. Es hatten anfänglich Einige von dem Herzog Karl Emanuel von Savoyen geſprochen; doch der Vorſchlag fiel ſogleich wieder. Und ſo bin ich denn mit dieſem An⸗ ſinnen in München geweſen, habe mit dem Herzog Maxi⸗ milian geſprochen, aber—— ich bin geſcheitert!“ „Wäre es glaublich! Hätte der Herr Herzog dieſe höchſte Ehre, dieſe höchſte Macht abgelehnt?“ „So iſt es“, fuhr Friedrich fort.„Man hatte ander⸗ wärts Wind von der Sache gehabt und in München ſchon Gegenminen angelegt. Ich wiederhole Euch, Pater La⸗ mormain hat gut gewußt, wann die rechte Saatzeit ſei. Der König von Frankreich war für unſern Plan. Doch es horchen auch dort allerlei jeſuitiſche Ohren; Oeſterreich und Spanien wurden auf der Stelle benachrichtigt und arbeiteten gegen uns. Lamormain hat alle Fäden in 38 der Hand. In Miünchen iſt er ganz beſonders thätig geweſen.“ „Durch dieſen Thyßka?“ unterbrach der Kanzler in ſeiner Aufwallung den Kurfürſten mit lebhafter Frage. „Nein, hier durch einen Andern, den von euch ver⸗ triebenen Grafen Martiniz. Ueberall fand ich kalte Ge⸗ ſichter, verſchloſſene Thüren. Ich merkte es wohl; goldene Schlüſſel hatten jenen Herren die Pforten geöffnet, mir geſperrt. Ich verſtehe ſie nicht zu gebrauchen. Die Räthe des Herzogs Maximilian machten ihm bange, wir trieben calviniſche Schliche, wie ſie ſich ausdrückten; wir wollten nur Baiern gegen Oeſterreich hetzen, damit ſich beide gegen⸗ ſeitig ſchwächten, und dann im Trüben fiſchen. Derlei An⸗ ſichten und Gerüchte breiteten ſie auch im Volke aus, durch allerlei Schriften und Schmähreime.*) Eines Tages fand ich dieſes Blättchen auf meinem Schreibtiſch. Leſet einmal das Verslein: Ihr geht uns ſchmeichelnd um den Bart. Das iſt ſo Calviniſten Art, Die Kaiſerkrone iſt der Speck, Damit fangt ihr die Mäuſe weg. Doch geht, uns fangt ihr alſo nicht, Für Baiern iſt das kein Gericht, Es paßte beſſer wol für Pfalz, Das iſt in eurem Brei das Salz.“**) „Das ſind unverſchämte, platte Reimereien, ohne Salz und ohne Sinn“, ſagte Budowa unwillig.„Sie können nichts entſcheiden.“ „Freilich nicht! Aber es ſprach ſich doch darin die Geſinnung aus, die ich überall vorfand!— Als ich mei⸗ *) Hiſtoriſch. **) Hiſtoriſch. 39 nem guten Camerarius meine Noth meldete und ihn auf⸗ forderte ſelbſt herüberzukommen, ſchrieb er mir:„Ich verſtehe die Baiern, verſtehe die Deutſchen nicht. Iſt es denn ſo ſchwer zwiſchen den Ständen des Reiches ihrer Beſchwerden halber einen Waffenſtillſtand zu ſchließen? Kann man nicht Bürgſchaft ſtellen, daß, bis wir uns end⸗ lich ganz vergleichen, Alles bleibe, wie es iſt? Daß den katholiſchen Geiſtlichen die Furcht ſchwinde, man wolle ihnen Alles nehmen, den proteſtantiſchen man wolle ihnen Alles wieder nehmen? Ich rathe ſtets zu Verträglichkeit. Denn wenn ein Theil den andern zwingen wollte, zu ſeinem Willen und Anſicht, würden wir einander ſelbſt aufreiben und den Fremden zum Raube werden!»“*) „Das würden wir!“ rief der Kanzler ſchmerzlich aus! „Frankreich wird die Hand nach den deutſchen Ländern aus⸗ ſtrecken, Spanien wird es thun! Es wühlt ja ſchon in unſern Eingeweiden!“ „Und doch war alle meine Mühe, im Herzog Maxi⸗ milian einen Mann für den Kaiſerthron zu gewinnen, der ſolche Verträglichkeit wahrhaft fördere, umſonſt. Es ſteht gar ſchlimm um Deutſchland und auch um eure Sache, mein lieber Kanzler!“ „Drum, o gnädigſter Herr“, rief Budowa mit ſchmerz⸗ lichem Eifer,„nehmt Euch unſerer unglücklichen Sache an! Nur ſo erringen wir Ruhe und Frieden für Böhmen und Deutſchland, weil wir wirkſame Macht dazu gewinnen!“ „Nein, mein lieber Kanzler! Ich fürchte, nein!— Betrachtet doch wie die Sachen ſtehen! Da Maximilian die Kaiſerkrone ausſchlägt, wem ſollen wir ſie zuwenden? Der Kurfürſt von Sachſen hat nicht Macht noch Einfluß *) Hiſtoriſch. — 40 genug; das Reich fiele ſofort in Zwieſpalt. Zudem, ich könnte nicht wünſchen, daß ſo große Macht in lutheriſchen Händen wäre und mir würde Sachſen ſie nicht gönnen. Wir müſſen einen katholiſchen Fürſten zum Kaiſer haben, denn gegen den blieben die Nichtkatholiſchen einig und ſie würden ſchon ihre Bedingungen ſtellen. So bleibt Niemand übrig als König Ferdinand! Und iſt er Kaiſer, ſo kann ich als Reichsfürſt doch nicht ſeine böhmiſche Krone tragen wollen, ohne mich wider Kaiſer und Reich aufzu⸗ lehnen!“ „Wird Ferdinand Kaiſer, dann wehe uns!“ rief Budowa ſchmerzvoll aus.„Dann wird der heilige Kelch, aus dem wir zum Nachtmahl das Blut Chriſti trinken, zertreten an unſern Altären. Er wird herabgeſtürzt von den Kirchen Prags, die er als Sinnbild ſchmückt. Dann ſehe ich Böhmen in Flammen!— Die Scheiterhaufen richten ſich auf, um die Anhänger unſeres Huß zu verbrennen, wie ihm ſelber geſchehen! Dann ſinken unſere Städte in Aſche und unſere Felder werden überſchwemmt mit Blut!“ „Ihr malet ein gräßliches Bild, würdiger Herr“, rief der Kurfürſt erſchreckend.„Allein wir Evangeliſchen werden Sorge tragen, daß der Kaiſer uns unſere Rechte ver⸗ brieft; die.... „O gnädigſter Herr“, unterbrach ihn Budowa von ſeiner Bewegung hingeriſſen.„Was ſind verbriefte Rechte? Sind wir Böhmen nicht ein Beiſpiel davon?“ Beide ſtanden in tiefem Schweigen einander gegen⸗ über. Endlich begann der Kanzler wieder.„Ihr gebt mir keinen beſſern Beſcheid auf meine Anfrage und Bitte, gnädigſter Herr? Soll ich ohne allen Troſt heimkehren? Mir war Hoffnung geweckt auf ein anderes Wort— auf Zuſtimmung, nicht auf Widerſtreben....“ 41 „Ich war geneigt! Ja! Doch ich ſchwanke hin und her. Scultetus und Camerarius riethen mir zu. Secultetus meint ſogar, es ſei der offenbare Wille Gottes, ich dürfe ſeinen Wink nicht von mir weiſen!“ „So iſt es wahrlich, gnädigſter Herr!“ „Mein redlicher Rippell aber iſt dawider! Als er jetzt von mir ging, küßte er mir die Hand und ſeine Thränen benetzten ſie. Ich bin wieder unſchlüſſig worden!“ „Er iſt gewiß ein ſehr redlicher Mann, aber er ſcheint furchtſam....“ „Nein“, rief der Kurfürſt lebhaft,„er iſt ein Löwe, wenn es gilt mein Recht und mein Wohl zu vertheidigen! Darum wiegt ſein Wort mir ſo ſchwer!“ „Wägen Ew. Hoheit auch die tauſend Thränen der Böhmen, unſere Sorgen, unſere Angſt! Soll ich ganz ohne Hoffnung gehen? Es iſt ja noch der Tag der letzten Entſcheidung nicht da! Wenn ich den Freunden, die mich in der Stille beauftragt, nur Hoffnung geben darf! Wenn ich ihnen nur ſagen darf, für den Fall, wo das Aeußerſte eintritt, werden Ew. Hoheit uns nicht ganz zu⸗ rückweiſen. Werde ich Ew. Hoheit Namen öffentlich nennen dürfen?“ „Wenn der König Ferdinand deutſcher Kaiſer wird, ich wiederhole Euch das— und ich ſelbſt muß ihm meine Stimme geben—.... ſo wird er mich im offenen Aufruhr gegen das Oberhaupt des Reichs erachten, falls ich die böhmiſche Krone annehme.“ „O nein, gnädigſter Herr! Böhmens Sache iſt ja keine des Reichs! Da iſt Fürſt gegen Fürſt! Wir üben das Recht der Wahl!“ „Ihr habt es ſchon geübt.“ „Der König Ferdinand hat die Capitulation gebrochen 42 Die Wahl iſt nichtig, ſobald wir es ausſprechen. Das iſt ſtrenges, böhmiſches Landrecht! Sagt wenigſtens nicht Nein, gnädigſter Herr, damit wir nicht gezwungen ſind einem Andern die Stimme zu geben, der uns nur in Un⸗ heil ſtürzen kann. Ihr ſeid der Einzige, dem wir die Krone mit Vertrauen darbieten dürfen!“ Friedrich ging in äußerſter Wallung auf und ab. Die geſpannte Stille hielt wol einige Minuten an. „Nun denn“, ſagte er endlich,„ich ſage nicht Nein!“ „Gott der Allmächtige ſei geſegnet!“ rief Budowa und wollte das Knie vor ihm beugen. Der Kurfürſt hielt ihn davon ab.„Hört mich wohl an, Herr Kanzler“, ſprach er feſt,„ich ſage nicht Ja, ich ſage nur nicht Nein! Denn es iſt ein Schritt für mich, wie über den Rubicon! Ich muß ihn wohl mit mir, mit den Meinigen und mit andern Fürſten und Herren bera⸗ then. Das letzte aber nicht eher als bis Böhmen einen Beſchluß gefaßt hat. So lange, verſteht mich wohl, bleibt Alles das tiefſte Geheimniß.“ Es ſtanden Thränen in Budowa's Augen, ſie netzten ſeine grauen Wimper und tropften herab. „So geht mit Gott, Herr Kanzler!“ ſprach der Kur⸗ fürſt bewegt und reichte ihm die Hand. Er ergriff ſie, drückte einen heißen Kuß darauf und verließ das Gemach.. Es war ein Augenblick, wo das Zünglein der Wage die erſten Schwankungen zwiſchen ſchweren Weltver⸗ hängniſſen begann! Elftes Buch. Viertes Capitel. „Du biſt ſo ernſthaft, mein Väterchen! Ja, du biſt ganz unfreundlich zu mir, habe ich dir denn etwas zu Leide gethan?“ fragte Agathe ihren Vater, dem ſie ſoeben den Vormittagsimbiß auf ein Tiſchchen neben ſeinem großen Schreibtiſch geſetzt hatte, und hatte für ihre Anklage den einſchmeichelndſten Ton der Stimme und die freundlichſten Mienen und Liebkoſungen. „Du mir?“ antwortete der Rath und ſah ſie mit liebe⸗ vollem Auge an.„Du biſt ja noch der einzige, liebe, warme Sonnenſtrahl, der mir die düſtern Wolken weg⸗ lächelt!“ „O wenn ich's nur immer könnte“, rief das Mädchen mit dem Nachtigallenton ihrer Stimme.„Was bedrückt dich denn aber?“ „Geſchäftsſorgen! Nichts für dich, Agathe!“ antwor⸗ tete er abweiſend. „Iſt der Kurfürſt heute böſe worden auf dich?“ fragte ſie. „Er? Böſe auf mich! Bei Gott nicht! Er iſt der gnädigſte Herr von der Welt. Gebe der Himmel ihm nur Gutes!“ 46 „Allein du kamſt mit ſo finſtern Falten auf der Stirn vom Schloß herunter?“ „Es iſt nichts für dich, Agathe“, wiederholte der Vater beſtimmter.„Du weißt, meine Geſchäfte gehen mich allein an!“ Das Mädchen unterdrückte ihren Wunſch noch ferner zu fragen.„Komm ein wenig in den Garten! Es wird dich zerſtreuen, Väterchen! Du biſt mir ſchon ſeit zwei Stunden ſo mismuthig! Heitere dich auf!“ Sie ſchmei⸗ chelte ſo anmuthig, zog den Vater ſo innig in ihre Arme, ſtreichelte ihm die Wange, küßte ihm die Stirn,— er konnte nicht länger widerſtehen. Sie gingen in den Gar⸗ ten, hinauf nach der Laube, wo eben die Weinreben, die ſie umſpannen, die erſten zarten Blättchen trieben. Von dort konnten ſie die ganze Stadt überſchauen, tief in ihre Gaſſen hinein; und das grüne Neckarthal mit dem rau⸗ ſchenden Fluß ſahen ſie weit hinauf und hinunter. „Sieh, iſt das nicht unſer Fremder?“ rief Agathe und deutete auf einen Reiter, der, von einem Diener gefolgt, über den Markt nach der Brücke zuritt. „Er iſt es!“ antwortete der Rath.„Er verläßt uns ſo ſchnell!— Hm!“ murmelte er für ſich und ſank in tiefes Nachdenken,„was kann das bedeuten? Iſt ſein Auftrag zu Ende? Schon entſchieden?“ „Der fremde Herr hat mir ſo wohl gefallen“, ſagte Agathe,„er ſah ſo würdig, ernſt und doch ſo wohlwollend aus wie du, Väterchen. Nur daß er viel älter iſt. Dennoch möchte ich ihm gram werden; denn ſeit er bei dir geweſen, biſt du ganz verändert. Und eben jetzt wieder....“ „Gut, daß du mich aufmerkſam auf ihn gemacht haſt“, 47 antwortete der Rath,„ich muß ihn noch ſprechen. Das hätte ich faſt vergeſſen, über den Geſchäften!“ „Aber, er iſt ja ſchon auf der Reiſe? Ehe du hin⸗ unterkommſt, iſt er ſchon jenſeit des Neckar!“ wandte die Tochter ein. „Ich reite ihm nach; ich will ihn ſchon einholen. Dann begleite ich ihn ein Stück Weges!“ antwortete der Rath ſchon im Hinabgehen begriffen. „Kommſt du denn zu Mittag wieder?“ fragte Agathe ihm nacheilend. „Ich weiß es nicht. Es kann auch Abend werden“, entgegnete der Vater und beſchleunigte ſeine Schritte. „Der verwünſchte Fremde“, dachte Agathe, und ihr freundliches, blühendes Geſicht verzog ſich zu einem, dennoch anmuthigen, Unmuth.„Wenn ich ihm nur böſer werden könnte! Den Vater hat er mir ganz fremd gemacht. Nun dachte ich ihm zu Tiſche eine Ueberraſchung zu machen, und weiß jetzt nicht einmal ob er kommt!“ Rippell hatte während deſſen den Hof erreicht, rief ſei⸗ nem Knechte zu, eilig den Braunen zu ſatteln, kleidete ſich ſchnell zur Reiſe um, verzehrte im Hin⸗ und Hergehen dabei das Frühſtück, das er zuvor unberührt gelaſſen, warf dann einen Mantel über den Arm und ſaß nach fünf Mi⸗ nuten zu Pferde. Agathe half ſelbſt auf der einen Seite den Mantel auf den Sattel ſchnallen, während der Knecht es auf der an⸗ dern that. Der Vater nickte ihr freundlich, aber flüchtig zu, gab ihr die Hand und ritt eilig davon.—— Budowa hatte nicht denſelben Weg eingeſchlagen, den er gekommen war. Bei der Herreiſe machte er zuvor noch in Frankfurt Geſchäfte ab. Heimwärts nahm er den nähern Weg über Würzburg, Bamberg und Baireuth gerade auf 48 Eger. Das hatte er ſelbſt gegen Rippell geäußert, und der Rath wußte daher, auf welchem Wege er ihm folgen müſſe. Verſchwiegen aber hatte er demſelben, daß er auf Nürnberg reiten und von dort einen Abſtecher nach Am⸗ berg machen wollte, als woſelbſt der Herzog Chriſtian von Anhalt, der Statthalter des Kurfürſten in der Un⸗ terpfalz, reſidirte. Denn dieſen, der in allen Staatsange⸗ legenheiten ein gewichtiges Wort mitzuſprechen hatte und, wo es, wie hier leicht der Fall ſein konnte, zu kriegeriſchen Entſcheidungen käme, als Feldherr an der Spitze ſtand, mußte er nothwendig auf ſeiner Seite haben. Für den Augenblick blieb dieſe Abſicht ohne Einfluß auf den Weg, welchen der Kanzler einſchlug. Er mußte ſich jedenfalls am jenſeitigen Neckarufer thalaufwärts wenden; erſt ſpäter konnte er über Hirſchhorn auf einem Seitenwege durchs Gebirge, der aber einem Reiter keine Hinderniſſe bot, Mosbach gewinnen, was auf der Straße nach Nürn⸗ berg lag.—— Rippell ritt alſo ebenfalls das Thal aufwärts. Schon beim Stift Neuburg, das kaum ein halbes Stünd⸗ chen von der Stadt auf einer grünen, buſchumkränzten An⸗ höhe am Neckar liegt, hatte er Budowa erreicht. „Darf ich Euch ein Stückchen Weges begleiten, Herr Kanzler?“ redete der Rath ihn an, da ſich derſelhe, als er das Geräuſch eines Pferdes hinter ſich hörte, umſchaute. „Ei ſieh da, Herr Rath, Gott grüße Euch! Herzlich willkommen“, rief Budowa ihm zu. „Verzeiht mir“, begann Rippell und ging ſofort gerade heraus mit Dem, was er auf dem Herzen hatte,„Ihr habt mir Heidelberg zu unvermuthet ſchnell verlaſſen. Ich möchte noch gern ein Wort über die wichtige Angelegenheit mit Euch ſprechen, die Euch zu uns geführt hat.“ 49 „Von Herzen gern“, erwiderte Budowa. Sie ritten ein Stückchen raſcher vor, damit der Diener ihr Geſpräch nicht höre. Des Raths überaus offene, treuherzige Weiſe öffnete auch dem Kanzler das Herz. Er wußte, daß er in dieſer Angelegenheit zwar in Rippell ſtets einen Gegner, aber doch nie einen Feind in ihm haben werde; und, war es erſt zur Entſcheidung gekommen, den treueſten Ausführer der Befehle ſeines Herrn, den zuverläſſigſten Bundesgenoſſen für die That. Daher theilte auch der Kanzler dem bie⸗ dern Manne ganz offen mit, wie ſich der Kurfürſt geäußert. Rippell war, obgleich die Wendung einigermaßen günſtig für ſeine Anſicht ſchien, doch ſchwer beſorgt und betrübt darüber. Denn er kannte den Sinn ſeines jungen Fürſten zu wohl, um nicht aus Allem wahrzunehmen, daß er die größte Neigung hatte, die Hand nach der dargebotenen Krone auszuſtrecken; daß nur die Stimme des Gewiſ⸗ ſens wegen des Unrechts gegen einen fürſtlichen Genoſſen und Bruder und die der Beſorgniß wegen des mög⸗ lichen Fehlſchlagens ihn noch zurückhielt. In ſeiner Offen⸗ heit gab der Rath auch zu, daß er wenig Hoffnung habe, ſeine Anſicht bei dem Kurfürſten auf die Dauer zu be⸗ haupten, wenn ſein biederes, abmahnendes Wort, ſeine ſchwere Bekümmerniß, auch für den Augenblick die Entſcheidung wieder ſchwankend gemacht hätten. Deſto eifriger bekämpfte er des Kanzlers Abſichten und Anſichten ſelber. Er ſtellte ihm immer wieder und mit ſteigender Wärme das Unrecht der Böhmen vor, den alleräußerſten Schritt gegen ihren König zu thun! Budowa ſuchte ihm ebenſo eifrig und von der Wahrheit ſeiner Anſicht durchdrungen, zu be⸗ weiſen, daß dieſer äußerſte Schritt gar nicht mehr ver⸗ mieden werden könne, ohne das größte Unheil für Böh⸗ Rellſtab, Drei Jahre. II. 1. 3 — 50 men herbeizuführen; daß in ihm die einzige Rettung des Landes liege. Beide führten ihre Sache mit dem höchſten Eifer. Zu dieſem erhitzenden Streit geſellte ſich die ſteigende Hitze des Tages. Es war hoch am Vormittag geweſen, als der Kanzler Heidelberg verlaſſen hatte; jetzt waren ſie zwei Stunden unterweges, und die heiße Maiſonne durchglühte das Neckarthal mit brennenden Strahlen. Sie hatten Neckarſteinach erreicht. „Wir könnten hier vielleicht ein wenig raſten und einen Trunk nehmen“, ſagte Budowa.„Das Haus dort am Wege ſcheint ein Gaſthaus zu ſein.“ „Ganz richtig“, erwiderte Rippell.„Zum goldenen Hirſch heißt es und der Wirth führt einen leidlichen Wein.“ „So ſeid mein Gaſt auf einen Becher“, lud Budowa den Rath ein. „Gern!“ „In dem Schatten der Nußbäume dort haben wir einen kühlen Ruheſitz“, ſagte der Kanzler und deutete auf eine Gruppe alter, herrlicher Bäume, die zwar noch junge, lichte Frühlingsblätter hatten, deren Krone aber doch belaubt genug war, um dichten Schatten zu bieten. Während dieſer Worte waren ſie vor die Thür des Hauſes gelangt, ſaßen ab und gaben die Pferde dem Diener, welchem der Hausknecht, der in der Pforte ſtand, Hülfe leiſtete. Budowa gebot dieſem, eine Flaſche vom beſten Wein im Keller beim Wirth zu beſtellen, und ſetzte ſich mit dem Rath auf die hölzerne Bank unter die Nuß⸗ bäume, vor der auch ein Tiſch ſtand. Es war ein überaus liebliches Plätzchen; und der Früh⸗ ling entfaltete ſein volles, reizendes Leben. Die jungen, faſt goldhellen Blätter der alten Bäume über dem Haupte V —,— 51 der Ausruhenden miſchten ſich mit dem hindurch lächelnden Blau des Frühlingshimmels. Ein leiſes Lüftchen kühlte die Mittagswärme; der Neckar rauſchte munter zwiſchen den grünen Ufern und über die Felsblöcke in ſeinem Bette dahin. Die Vögel ließen ringsher ihre hellen Stimmen hören. In der Krone der Nußbäume tönte der muntere Schlag der Grasmücke; aus dem Fliedergebüſche, das in voller Blüte ſtand, ließ ein Fink ſeinen klaren Ruf er⸗ ſchallen. Die Spatzen, welche das Dach der Scheuer um⸗ ſchwirrten, zwitſcherten um die Wette. Schwalben ſtreiften hin und wieder; vom Taubenſchlag herab tönte ein ver⸗ worrenes Girren und Schwirren, und die weißen und bun⸗ ten Flügel der ein⸗ und ausflatternden Tauben wiegten ſich glänzend im Sonnenſtrahle. Auf der Giebelſpitze des Daches ſtand ein ernſthafter Storch und wetzte klappernd den rothen Schnabel. In ſtilleren Pauſen vernahm man aus dem Walddunkel der nächſten Berge den Ruf des Kukuks. Beide Reiſende hatten, durch die duftige Kühlung ihres Ruheſitzes in die wohlthuendſte Empfindung verſetzt, ſich einige Augenblicke ſtumm dem Anſchauen und Genuß des harmloſen Frühlingsbildes überlaſſen und die Erquickung durch daſſelbe ſo recht mit vollen Zügen eingeſogen. „Wie ſchön iſt es doch in der Welt, in der Natur“, ſagte der Rath weich,„Alles ſo friedlich, ſo erquickend. Nur der Menſch ſäet fortdauernd Unfrieden und Unheil, daß er der Gaben Gottes nicht froh werden kann!“ „So iſt es, mein redlicher Freund!“ entgegnete Bu⸗ dowa und drückte ihm die Hand.„Und wenn Ihr ſchon ſo fühlt in Eurem friedlichen, glücklichen Lande, denkt wie es uns in Böhmen zu Sinn iſt, die wir ſeit ſo langen Jahren um unſere Ruhe, um den Frieden unſerer Bruſt 3* 52 kämpfen und jetzt mitten in den vollſten Wogen und Stru⸗ deln des Kampfes umgetrieben werden! Nicht ein Plätzchen iſt in meinem Vaterlande, wo ein ſorgloſes Herz ſich ſo des Frühlings erfreuen könnte wie Ihr hier! Und der Frühling iſt bei uns ebenſo ſchön; und Böhmen iſt ein ebenſo geſegnetes Land mit Bergen, Thälern, Flüſſen, ſo reizend wie dieſe!“ „Auch bei uns hat der Friede nicht ſeinen ungeſtörten Sitz aufgeſchlagen, und die Sorge ſetzt ſich auch an unſern Herd! Ihr habt ſie uns, mir wenigſtens, hergeführt“, erwiderte der Rath mit halb unterdrücktem Seufzer. „Empfändet Ihr unſere Noth ſo recht, edler Freund, Ihr würdet nicht ſo zögern uns unſere bittern Sorgen erleichtern zu helfen!“ entgegnete der Kanzler ernſt. „Bei Gott, Ihr thut mir Unrecht!“ betheuerte der Rath,„allein in Eurem Mittel ſehe ich nicht das, die Sorge zu erleichtern, ſondern nur das, ſie zu verdoppeln!“ „Da kommt der Sorgenbrecher“, wandte der Kanz⸗ ler, der nicht bitter gegen den redlichen Freund, aber unbeſiegbaren Gegner werden wollte, halb im Tone des Scherzes, das Geſpräch anders, indem er auf die Wirthin zeigte, die ſoeben mit einem blankgeſcheuerten Meſ⸗ ſingbretchen, auf dem eine Flaſche und zwei hellgeſchliffene Trinkgläſer ſtanden, aus der Thür trat. Denn da ſie von zwei ſtattlichen, muthmaßlich vornehmen Gäſten gehört, hatte ſie die beiden koſtbarſten Gläſer aus dem Schranke geholt, die nur für feſtliche Ereigniſſe, für einen Ehrentrunk be⸗ ſtimmt waren. 3 „Nun, es ſoll mein herzlichſter Wunſch ſein, daß er Euch und mir dieſen Dienſt leiſte; jedenfalls iſt ſolch ein Gaſt immer ein willkommner“, ging der Rath freundlich auf den Scherz ein. Fünftes Capitel. „Gott grüße Euch, Frau Elsbeth“, redete Rippell die nähertretende Wirthin an. „Ach, geſtrenger Herr Rath, jetzt erkenne ich Euch erſt“; antwortete ſie, und eine Röthe der freudigen Ueber⸗ raſchung trat auf ihre ſehr bleichen Wangen.„Ihr ſeid ja in Jahr und Tag nicht bei uns vorgeſprochen!“ „So lange wol nicht“, antwortete Rippell,„aber der Winter liegt dazwiſchen; da macht man keine Ausflüge!“ „Freilich, jetzt beginnt es erſt wieder ein wenig lebhaft zu werden“, antwortete ſie, indem ſie ein ſchneeweißes Lin⸗ nentuch über den Tiſch breitete und Flaſche und Gläſer darauf ſtellte. „Ihr ſeht ja ſo bleich aus, und wahrhaftig ganz ver⸗ weint. Es iſt Euch doch nichts zugeſtoßen? Oder Eurer freundlichen Tochter Margarethe, die meiner Agathe ſo ähnlich ſieht?“ fragte Rippell theilnehmend. Doch kaum hatte er das Wort geſprochen, als die Frau in heftige Thränen ausbrach. „Iſt ihr denn ein Unglück begegnet?“ fragte der Rath beſtürzt.„Sie iſt doch nicht krank, oder gar todt?“ „Ach nein, nein, Gott ſei gelobt!— Aber damit ihr kein Unglück begegnet, iſt ſie nicht mehr im Hauſe. Und wer weiß....“ Wiederum überwältigten ſie die ſtrömen⸗ den Thränen. Rippell beruhigte ſie mit den gütigſten Wor⸗ ten. Endlich faßte ſie ſich ſo weit, daß ſie ſprechen konnte, erzählte mit oft von Schluchzen unterbrochener Rede:„Ein Wirthshaus an der Landſtraße iſt freilich kein guter Aufent⸗ 54 halt für ein ſiebzehnjähriges Mädchen! Doch war es bis⸗ her immer in Ehren bei uns zugegangen. Da ſprach vor etwa vierzehn Tagen ein fremder, vornehmer Herr mit mehrern Begleitern und Dienerſchaft hier ein. Sie nann⸗ ten ihn Herr Herzog, und wir hörten von den Leuten, es ſei der Herzog von Braunſchweig.“ „Herzog Chriſtian?“ rief der Rath erſtaunt. „Ja, ſo wurde er genannt!“ erwiderte Elsbeth. „Nun? Und was iſt mit ihm? Er hat heut früh erſt Heidelberg verlaſſen!“ verſetzte Rippell. „Ja, leider Gottes iſt er heut Morgen wieder hier durchgekommen!“ antwortete die Frau.„Aber laßt Euch in Ordnung erzählen, geſtrenger Herr Rath. Vor vierzehn Tagen alſo ſprach er hier ein und nahm mit drei vor⸗ nehmen Herren hier an dieſem Tiſche Platz. Wo Ihr ſelbſt ſitzet, ſaß er. Meine Gretel brachte auf einem Bret vier Becher Wein und, wie es ſich ſchickte, trat ſie zuerſt an den Herrn Herzog heran. Der ſah ſie groß an, griff ihr unters Kinn und benahm ſich gleich ſo dreiſt, daß das Mädel blutroth wurde und davonlaufen wollte. Aber der Herr Herzog hielt ſie feſt, ſchlang den Arm um ſie und küßte ſie mit Gewalt. Sie wollte ſich losreißen, die Becher fielen auf die Erde, der Wein war verſchüttet; ſie weinte, der Herzog lachte und wurde nur um ſo dreiſter, das arme Kind rief nach Hülfe. Er aber rief:«Kleiner Tollkopf, dich will ich ſchon bändigen», und hielt ſie deſto feſter. Als mein Mann das ſah, ſprang er dazwiſchen und riß das Mädel aus dem Arm des Herzogs. Jetzt kam auch ich hinzu, und wir Frauen weinten Beide laut. In der Gaſtſtube war eben ein Aufſtreich geweſen zum Verkauf eines Bauerngutes bei Neckarſteinach. Die Bauern ſaßen noch beiſammen und tranken. Als ſie ſahen was hier or⸗ 55 ging, kamen ſie Alle herausgeſtürzt; es gab ein Lärmen und Toben, daß wir vor Angſt faſt die Beſinnung verloren. Da ihrer wol etliche dreißig waren und der Herr Herzog mit ſeinen Begleitern und Dienern nur etwa ſieben oder acht, da ließ er nach und machte einen Scherz aus der Sache. «Iſt es denn hier im Lande ſo unerhört, daß man ein hübſches Mädchen küßt?» fragte er lachend.«Nun, ſo nehmt das für den Schreck und trinkt einmal drauf!) Mit den Worten warf er etliche Goldſtücke auf den Tiſch und befahl die Pferde wieder vorzuführen. Die Bauern mochten nun auch nicht weiter gehen und hielten ſich ſtill. Ich und die todeserſchreckte Gretel gingen weinend ins Haus; der Herzog forderte andern Wein, trank noch haſtig einen Be⸗ cher mit ſeinen Freunden, ſaß auf und ſie ritten lachend davon. Wir aber waren froh, daß er fort war!“ „Das Schlimmſte kommt aber noch!“ fuhr die Wirthin fort.„Einer der Diener, ein alter Mann, ſchnallte ſich noch etwas am Sattel zurecht und blieb dadurch ein Weil⸗ chen zurück. Als die Ritter dort um den Hügel geritten waren, winkte er meinem Mann und ſagte ihm leiſe: «Nehmt Euch in Acht, Alter! Der Herzog läßt ſo etwas nicht ſtecken! Von dem Mädel läßt er gewißlich nun ſo leicht nicht; wenn ſie Euch lieb iſt, verſteckt ſie wohl! Denn der unternimmt Alles!“ Darauf ſprengte er davon!— Wir waren in großer Beſtürzung, wie Ihr denken könnt. Mein Mann ging zum Herrn Pfarrer, dem er auch das Sündengold brachte, um es in den Opferſtock zu legen. Der Herr Pfarrer war denn der Meinung, es ſei das Beſte, wir brächten das Mädel aus dem Haus!“ Hier brach die Frau wieder in Thränen aus.„Ich ſollte mich von meinem einzigen Kinde trennen!“ hub ſie nach einiger Zeit wieder an.„Wir konnten ſie auch kaum in der Wirth⸗ 56 ſchaft entbehren! Wir dachten endlich, es wird wol ſo ge— fährlich nicht ſein!— Vier oder fünf Tage vergingen,— da kehrten eines Nachmittages drei Forſtleute bei uns ein, die wollten Nachtlager haben. Es kam uns ſeltſam vor, da ſie noch recht wohl hätten weiter gehen können. Sie ließen ſich aber Wein geben und tranken auch meinem Mann tüchtig zu. Nun, ein Wirth muß Beſcheid thun. Allein es wurde doch faſt zu viel. Sie mochten eine Stunde ge⸗ ſeſſen haben, als ein Wagen vorfuhr; es war ein Gaſt⸗ wirth aus Darmſtadt, mit dem mein Mann öfters Ge⸗ ſchäfte gehabt. Der ließ ihn heraus an den Wagen rufen, da er nicht abſteigen möge. Und da mein Mann heraus⸗ tritt, ihm den Trunk an den Wagen bringt, ſagt er ihm leiſe:«Ich will dir etwas entdecken, aber ſei ſtill und ver⸗ rathe mich nicht, es könnte mir übel ergehen. Nimm dich vor den Geſellen in Acht, die bei dir zechen! Es ſind ab⸗ geſchickte Leute vom Herzog Chriſtian von Braunſchweig, der jetzt in Darmſtadt bei unſerm Landgrafen auf Beſuch iſt. Sie ſollen dir dein Mädel für den Herzog ſtehlen!⸗ Als er ihm das geſagt hatte, fuhr er weiter.“ „Unerhört!“ riefen Rippell und der Kanzler gleichzeitig. „Mein Mann war wie vom Schlage getroffen. Zum Glück war die Margarethe gerad auf Beſuch in Steinach, ſodaß die drei Forſtleute ſie noch nicht geſehen hatten. Ich ſchlich mich durch den Garten hinaus und lief zu ihr, daß ſie um Gottes Willen nicht heimkäme. Unterdeſſen hatten die drei Gäſte immer im Stillen nach ihr ausgeſpäht und endlich auch gefragt. Mein Mann ſagte ihnen, ſie ſei nach Heilbronn zu Verwandten. Da plötzlich fiel ihnen ein, daß ſie noch weiter kommen könnten, und ſie zogen ab ohne Nachtquartier. Als ſie uns erſt aus den Augen waren, holten wir unſer Kind heim. Aber nun mußte die Noth⸗ — —õ——-:— 57 lüge zur Wahrheit werden und mein Mann brachte ſie gleich in derſelben Nacht fort zu meinem Bruder ins Ge⸗ birge, der Förſter iſt beim Grafen von Erbach.“ „Das war ſehr wohl gethan, liebe Frau“, ſagte Rippell. „Ja, wenn nur nicht heut morgen der Herzog wieder hier eingeſprochen wäre!“ rief ſie weinend,„Er war kurz und barſch und fragte geradezu nach dem Mädchen. Mein Mann ſagte wiederum, ſie ſei in Heilbronn. Da fuhr ihn aber der Herzog an und rief wild: Ich weiß, ſie iſt nicht in Heilbronn! Aber ich will ſie ſchon finden! Und wenn Euch einmal ein halb Dutzend von meinen Knechten ins Verhör nimmt, da ſollt Ihr ſchon lernen, wie man den Leuten den Mund öffnet, die ihre verborgenen Schätze nicht entdecken wollen!) Mit der Drohung ritt er fort, und wie wir zu unſerm größten Schrecken erfahren haben, von hier gerade zum Grafen Erbach, zur Jagd!“ „Es wird doch Gerechtigkeit und Schutz für Eure Un⸗ terthanen im Lande zu finden ſein!“ wandte Budowa ſich zu dem Rath. „Das gewiß!“ entgegnete Rippell.„Allein wie wollt Ihr Euch gegen einen räuberiſchen Ueberfall ſchützen? Wenn ein Fürſt ſo unfürſtlich denkt und handelt, da iſt es ſchwer der Macht durch Recht zu trotzen.— Das Beſte wäre“, wandte er ſich zu der verzagenden Frau,„Ihr brächtet Eure Tochter gerad nach Heidelberg! Ich will ſie in mein Haus aufnehmen!“ „O geſtrenger Herr Rath, wie ſoll ich Euch danken?“ rief die Wirthin und wollte ihm die Hand küſſen. „Würde aber das den Vater vor Mishandlung und Verfolgung ſchützen?“ bemerkte der Kanzler fragend.„Wir haben in Böhmen in den letzten Jahren leider oft ſolche 3*⅝ 58 Schreckenszuſtände gehabt, wo Dergleichen an der Tagesord⸗ nung war. Noch jüngſt hauſeten die kaiſerlichen Söldner ſo bei uns. Sie ſchonten ſelbſt Die nicht, deren Sache ſie vertheidigen ſollten, denn das rohe angeworbene Volk kämpft nur und ſetzt ſein Leben täglich aufs Spiel, um es, ſo⸗ lange es geht, in aller Völlerei zu genießen. Ja, die wiſſen verborgene Schätze zu finden! Selbſt katholiſche Geiſt⸗ liche, die wir, um keinen wegen ſeiner Religion zu kränken, überall in ihren Aemtern gelaſſen haben, überfielen dieſe Räuber und dann marterten ſie die Unglücklichen ſo lange, bis ſie angaben, wo ſie irgend etwas von ihrer Habe ver⸗ ſteckt hatten. Oftmals hatten ſie nichts; dann halfen keine Schwüre und Betheuerungen, die Martern wurden fort⸗ geſetzt, bis die Unglücklichen den Geiſt aufgaben. Vor ſol⸗ cher Gräßlichkeit müßtet Ihr den Mann ſchützen.“ Frau Elsbeth ſtand leichenblaß mit ſchlotternden Knien, als ſie das hörte.„Herr Jeſus Chriſt, erbarme dich un⸗ ſer!“ rief ſie angſtvoll mit gen Himmel gehobenen Händen. „Ach, Herr Rath, beſchützt uns, rettet uns! Und meine arme Margarethe,— wenn ſie aufgefunden wird!“ Die Sprache verſagte der unglücklichen Frau. „Beruhigt Euch, liebe Frau Elsbeth“, ſagte der Rath tröſtend.„Ich werde ſogleich dem Kurfürſten den Vorfall erzählen. Es ſoll Euch, ſolange der Herzog hier in der Gegend verweilt, eine Schutzwacht ins Haus gegeben wer⸗ den. Das wird Se. kurfürſtlichen Gnaden gewiß genehmi⸗ gen! Und Eure Tochter kann ſo lange in Heidelberg bei der meinigen wohnen. Es wird bei der Drohung und dem Schreck bleiben; verlaßt Euch darauf!“ Dieſe Zuſage beruhigte die unglückliche Frau. Sie küßte einmal über das andere die Hand des Raths und ging dann hinein, um ihrem Manne die Kunde mitzu⸗ 59 theilen, der ſogleich voller Dank hinauskam und ſich bereit erklärte, noch denſelben Nachmittag ſeine Tochter heim⸗ zuholen.— Für Rippell und Budowa war die wehmuthvolle, aber ſanft wohlthuende Stimmung, in der ſie den traulichen Platz eingenommen, nun vorüber. Das duftende Gold des edeln Johannisbergers durchſtrömte ſie nicht mit der be⸗ lebenden Zauberkraft, die ſonſt Hieſem köſtlichen Trank inne⸗ wohnt. Rippell hatte die Hoffnung aufgegeben, Budowa zu einer andern Anſicht in Betreff ſeines Auftrages bei dem Kurfürſten zu bringen; ebenſo umgekehrt dieſer. Sie ſaßen als Freunde, aber als trauernde, einander gegenüber, die ſich über das Wichtigſte für ſie im Leben ganz entgegenge⸗ ſetzter Meinung ſahen.— Das widerwärtige Ereigniß, von dem ſie an dieſer Stelle Kunde erhalten hatten, wirkte mit zu dieſer Stimmung. Es dünkte ſie ein böſes Omen zu ſein; ein Vorbote des ſchreckenvollen Geſchicks, das, wie hier den Einzelnen, ſo bald ganze Völker treffen werde. Faſt lautlos leerten ſie die Gläſer. Rippell, der an⸗ fangs den Kanzler noch weiter zu begleiten gedachte, gab mit ſeiner Hoffnung, ihn andern Sinnes zu machen, dieſen Vorſatz auf. Nach einer halben Stunde der Raſt ſchieden ſie in herzlicher, aber beklemmender Umarmung mit dem düſtern Vorgefühl, daß ihre fernern Lebenswege ſie nicht wieder auf ſo friede⸗ und freudeathmender Stätte zuſam⸗ menführen würden. Hätten ſie gewußt, in welch grauenvollem Dunkel ſich ihre Pfade dereinſt noch kreuzen ſollten! 60 Sechstes Capitel. Walter, ſo hieß der Gaſtwirth Zum goldenen Hirſch, hatte ſein Geſchirr zugerichtet, um, da er dieſelbe Straße nehmen mußte, mit dem Kanzler zugleich den Weg anzu⸗ treten. Dieſer gedachte Mosbach, wenn auch erſt ſpät Abends, noch zu erreichen. Walter mußte bei Hirſchhorn zur Linken in das tiefere Gebirge hinein, wollte aber dort den Kanzler auf einen nähern Weg bringen, der zu Pferd gut zurückzulegen war.— So traten ſie denn die Reiſe ge⸗ meinſam an, begleitet von Dankſagungen und guten Wün⸗ ſchen der immer noch in unüberwindlicher Angſt und Sorge zurückbleibenden Elsbeth. Es war drei Uhr vorüber, als ſie aufbrachen, Walter zu Wagen, der Kanzler zu Pferd. Als ſie unter der kleinen Veſte Dillsberg vorüberkamen, die am jenſeitigen Ufer des Neckar hoch auf bewaldetem grünen Berge lag und eine Weiterung des Thals gen Oſten zu ihnen den freien Horizont zeigte, geahrten ſie, daß ſchweres Gewölk heraufzog. „Seht dort das Gewitter!“ ſagte der Wirth und deu⸗ tete mit der Hand dahin.„Die Berge hatten es uns ſo⸗ lange gedeckt; es iſt ſchon weit herauf! Wenn wir nur Hirſchhorn zuvor erreichen.“ „Es iſt freilich ſchwül genug zum Gewitter“, erwiderte Budowa.„Nun, ein Reiſender muß ſich einen in Regenguß gefallen laſſen.“ „Wenn's nur nicht allzu arg wird. Aber die Frühlings⸗ gewitter ſind hier zu Lande heftig; heuer haben wir noch keins gehabt, allein im vorigen Jahre,— da donnert es ſchon!“ ———— 61 „Wahrlich!“ ſagte Budowa und prüfte das ſchwere Gewölk mit den Augen. Ein dumpfes Rollen ließ ſich hinter den Bergen oſt⸗ wärts vernehmen. „Was ich ſagen wollte“, begann der Wirth wiederum, „ja, im verwichenen Jahre hatten wir ein Wetter mit Schloßen, das zertrümmerte alle Weinſtöcke am ganzen Neckar hinauf. Zum Glück iſt es nicht ganz bis zu uns nach Neckarſteinach gekommen. Hätte es meine Weinberge ſo getroffen, wie die hier drei, vier Stunden aufwärts, ich wäre ein zu Grunde gerichteter Mann geweſen. Ja, dieſe Schloßenwetter.... huy! da blitzt es ja ſchon!“ unter⸗ brach er ſeine Erzählung. Der Blitz war ſo hell, daß er mitten im Sonnenlicht die Reiſenden mit ſeinem ſchwefelartigen Licht blendete; die Blitzmutter fuhr zackig durch die ſich vor ihnen aufthürmen⸗ den Wolken und der Schein überflammte den ganzen öſtli⸗ chen Himmel. Dennoch war das Gewitter noch ziemlich entfernt, denn es dauerte mehrere Secunden, bevor der Donner nachrollte; ſtärker wie zuvor, doch noch immer durch die Ferne gedämpft. „Noch ein Viertelſtündchen, ſo ſehen wir Schloß Hirſch⸗ horn vor uns liegen und der Weg wird dann auch etwas beſſer“, ſagte der Wirth im Ton der Ermuthigung. Budowa, dem ein Regenguß nicht als ein ſo großes Unglück erſchien, lächelte innerlich. „Eure Wege ſind hier freilich nicht die beſten“, be⸗ merkte er bald darauf, indem eben ſein Pferd mit dem rechten Vorderfuß in ein ziemlich tiefes Loch hinunterglitt, ſodaß es faſt gefallen wäre. „Am jenſeitigen Ufer iſt die Straße beſſer“, antwortete der Wirth,„aber ſie wendet ſich bald rechts ab nach Heilbronn.“ 2 62 Sie ſetzten ihren Weg, den Schritt der Pferde beſchleu⸗ nigend, eine Zeit lang ſchweigend fort; das Gewitter deckte jetzt die Sonne. Es wurde dunkel. „Ein Viertelſtündchen, meint Ihr“, nahm Budvwa die Rede wieder auf,„wird es dauern, bis wir Hirſchhorn ſehen; ich denke das Gewitter iſt früher bei uns. Es wird uns nun einmal nichts helfen; wir werden den Regen⸗ mantel aufrollen müſſen.“ „Freilich, freilich, und wenn wir Hirſchhorn ſehen, ſo dauert's doch noch ein halbes Stündchen, bis wir im Städt⸗ chen ſind“, antwortete Walter. Ein neuer Blitz ſchlug die zuckenden Schwingen über den ganzen Himmel, daß Gewölk und Landſchaft im ſchwe⸗ felblauen Schimmer leuchteten. Des Kanzlers Pferd ſtieg bäumend in die Höhe; Wal⸗ ter's Gaul prellte gleichfalls ſeitwärts. Beide waren plötzlich wie geblendet. „Gottes Schlag!“ rief Walter, indem er die Zügel ruckte und ſich nach Wenzel umſah,„das war ein Blitz!“ Zugleich ertheilte er ſeinem Gaul einige ſtrafende Hiebe. „Das war ja“, fuhr er tief Athem holend fort,„als ob die ganze Hölle auseinander berſte!— Und dieſe Wolken, Herr— ſie ſehen gerad aus wie die vorm Jahr! Die breiten Schwefelſtreifen quer durch und die fahlgelben Rän⸗ der rings herum! Das wird ein Schloßenwetter! Auf Hagel verſtehe ich mich! Wenn in der Wolke nicht Hagel ſteckt, will ich nicht lebendig hier ſitzen!— Gott ſchütze un⸗ ſere armen Weinſtöcke!“ „Das Wetter ſcheint wirklich ſehr ſchwer zu werden und rückt ſchnell herauf“, ſtimmte Budowa bei, indem er die Riemen ſeines vorn über den Sattel geſchnallten Mantels 8 85 63 zu löſen anfing. Sein Diener ſprengte heran und wollte ihm behülflich ſein. „Laß es gut ſein, Thaddäus“, ſagte er zu dieſem;„ich bin gleich damit fertig. Sorge nur für dich ſelbſt.“ „Bös Wetter, das wird“, antwortete der Diener in gebrochenem Deutſch und ſetzte dann eine böhmiſche Phraſe hinzu, die den Wunſch ausdrückte, daß man bald ein Ob⸗ dach finden möge.. Es wurde immer finſterer. Das Gewölk ſchien von allen Seiten aus den Bergen herauf zu wachſen, ſo zog es ſich ringsher zuſammen. Eine Staubwolke wirbelte ſich et⸗ liche Hundert Schritte vor den Reiſenden auf. „Nun kommt auch Gevatter Blaſius ſchon“, verſuchte Walter zu ſcherzen, um ſich ſein eigenes Bedenken zu ver⸗ treiben;„jetzt dauert's keine fünf Minuten mehr und es hat uns beim Kragen! Seht nur, Herr, dort oben hinauf an den Bergrändern!“ Oben zog der Sturm; er hatte die Waldkronen ge⸗ packt, ſchüttelte ſie und beugte ſie wie ein Aehrenfeld. „Wo führt dieſer Weg hin?“ fragte Budowa, da ſich ein ſchmaler Fahrweg waldwärts abzweigte. „Hier liegen Kohlenmeiler im Walde“, antwortete der Wirth. Plötzlich hielt er den Wagen an, ſtand auf, wandte ſich zu dem Kanzler um und ſagte:„Herr! Mir fällt et⸗ was bei! Bei den Meilern ſteht eine Hütte, nicht fünf⸗ hundert Schritt von hier. Da könnten wir unterducken, bis das heftigſte Wetter vorüber iſt! Es iſt auch Platz für die Pferde!“ „Gut“, antwortete der Kanzler;„ſo wollen wir hin. Können wir dem Anfall des Gewitters entgehen, deſto beſſer. Heftig genug wird es werden!“ Walter hatte ſchon den Wagen umgelenkt und ieh das 64 Pferd mit lebhaften Schlägen an. Der Sturm war dal! Er wirbelte Staub, Sand und Kies auf, daß man die Augen kaum offen halten konnte. Wie ein brauſendes Berg⸗ waſſer ſauſte er in den Gebüſchen, peitſchte ſie und beugte ſie bis auf den Boden. Die alten Stämme krachten, die Aeſte knarrten und knickten. Einzelne ſchwere Tropfen fielen ſchon. Walter peitſchte ſein Pferd in Trab, dann in Ga⸗ lopp; der Kanzler und ſein Diener ſprengten nach. In wenigen Minuten hatte ſie einen etwas gelichteteren Platz, aber vom dichteſten Walde umgeben, innerhalb einer fin⸗ ſtern Bergſchlucht erreicht, wo drei rauchende Meiler ſtan⸗ den, daneben eine alte, halb verfallene, aber ziemlich ge⸗ räumige Hütte und ſeitwärts eine Art. Schuppen, vielmehr ein flüchtiges Ueberdach, indem man zwei aus groben Scheiten regelmäßig aufgerichtete Holzſtöße, die etwa ſechs Schritte auseinander ſtanden, durch junge flach nebeneinan⸗ der gelegte Baumſtämme verbunden und mit Moos bedeckt hatte. Hier konnte mit dem Wagen untergefahren werden, und auch die Pferde der Reiter hatten Platz. Thaddäus nahm das des Kanzlers, um es nebſt dem ſeinigen dort unter⸗ zubringen, während dieſer in die Hütte trat, deren Thür nur durch einen hölzernen vorgeſteckten Knebel verſchloſſen war. Zu jeder Seite der ſchmalen langen Eingangsflur lagen Wohnräume, jetzt freilich nur zur vorübergehenden Zu⸗ flucht benutzbar. Die Thüren fehlten, nur die Oeffnungen dafür waren noch vorhanden. Budowa trat in den Raum zur Rechten. Es war ein von Ruß und Rauch geſchwärztes Viereck. Die Wände von grobem Lehm, zwar mit Kalk be⸗ worfen, der jedoch meiſt abgefallen war. Der Boden war weder gedielt noch gepflaſtert; doch das letztere ſchien er geweſen zu ſein, da in der einen Ecke, wo muthmaßlich ein Herd oder Ofen geſtanden haben mußte, noch eine mit Zie⸗ 65 geln gepflaſterte Stelle befindlich war. Die ſich mehr und mehr verfinſternde Luft, ſodaß der Tag faſt in Nacht ver⸗ wandelt wurde, der Sturm, der in den Kronen der alten Bäume brauſte und durch jedes Fenſter pfiff, von deren kleinen runden Scheiben die meiſten aus dem Blei, das ſie einfaßte, gefallen waren, machte den unrüſtigen Aufenthalt zu einem ſchauerlichen. Doch im Gegenſatz zu dem Un⸗ wetter, das draußen loszubrechen im Begriff war, hatte dieſer Fleck, wo man ſich davor geborgen fand, doch noch etwas Einladendes und Behagliches. Mit dieſer Empfin⸗ dung trat Budowa ein und ſagte:„Je nun, gegen Regen und Schloßen ein ganz guter Aufenthalt!“— Und er war zu rechter Zeit erreicht! Denn kaum trat Budowa über die Schwelle, als abermals ein Blitz, ſtärker als alle frü⸗ heren und mit gleichzeitig krachendem Donnerſchlag das dü⸗ ſtere Wald⸗ und Wolkendunkel mit feuriger Lohe erfüllte. Einen Augenblick waren alle Gegenſtände in ſchärfſter Klar⸗ heit zu erblicken, dann begrub ſie wieder deſto tiefere Nacht. Der Donner rollte furchtbar nach durch das nächtliche Grauen, und zugleich praſſelte, als ſei der Himmel durch den einen Schlag zerriſſen, ein ziſchender Regenſtrom, mit ſchwerem Hagel gemiſcht, herab. Budowa ſtarrte noch mit ſchauderndem Erſtaunen in das toſende Wetter hinaus, als die Hausthür aufſchlug und der Wirth und Thaddäus, in die Mäntel gewickelt, haſtig hineinſprangen. Die Hagelſtücke ſchlugen raſſelnd und klap⸗ pernd auf die Dachſparren und gegen die Mauern und klir⸗ rend in die Scheiben. „Iſt das ein Wetter!“ rief Walter und ſchüttelte ſich. „Gut, Herr, daß wir hier einbogen! Die Regenflut hätte Roß und Wagen fortgeriſſen!“ „Nicht mein Lebtag hab' ich geſehen ſolch ein Gewitter, — 66 ſo wahr ich Thaddäus Zidnowski bin getauft“, ſtotterte der redliche Böhme, Budowa's Diener, deutſch und drückte ſich das Waſſer aus dem Haar. „Von den paar Fenſterſcheiben, die hier noch in Blei hängen, ſcheint der Himmel keine einzige übrig laſſen zu wollen“, ſagte Budowa, indem eine wallnußgroße Schloße mit den Splittern einer getroffenen Scheibe in das Ge⸗ mach ſchlug. „Steh' uns unſer Herrgott bei“, rief Walter mit em⸗ porgehobenen Händen aus, als er das Eisſtück ſah;„das ſind Schloßen wie die vorjährigen! Die ſchlagen Stützen und Stecken zu Splittern in den Bergen! Da hält ja kein Dachziegel, keine Schindel, wie ſollte eine ſchwache Wein⸗ rebe halten! Um unſern ſauren Schweiß iſt's wieder gethan!“ „Grauſam Schloßenwetter das!“ brachte Thaddäus mühſam heraus und rüttelte ſich, als treffe ihn der Hagel und er müſſe ihn abſchütteln. „Das ſauſt ordentlich durch die Lüfte wie ein Stein⸗ regen!“ verſetzte Walter und ſtarrte hinaus;„ſeht nur, wie es Blätter und Zweige niederſchlägt. In einer Viertel⸗ ſtunde iſt der dichte Wald hier ſo kahl wie im December!“ Das Wetter raſte fort. Thaddäus hatte ſich, in den Mantel gewickelt, in eine Ecke auf den Boden geſetzt. „Gut trocken hier“, ſagte er und nickte dem Wirth zu. Dieſer ſtreckte ſich zu ihm nieder, verwandte aber die Au⸗ gen nicht vom Fenſter. In abgeriſſenen Sätzen murmelte er vor ſich hin:„Ich bin nur froh, daß die Pferde unter⸗ gebracht ſind. So ein Wetter erſchlägt ja Menſchen und Vieh!— Wenn der Regen ſo anhält, können wir hier über Nacht bleiben, denn die Waſſer, die hier aus den Bergen zuſammenſtürzen, zerreißen Weg und Steg und 67 ſchwemmen Brücken und Häuſer weg!— Soll mich wun⸗ dern, ob das baufällige Mauerloch hier uns nicht über dem Kopf zuſammenſtürzt!“ Budowa war an ein Fenſter getreten und blickte ſtumm in das Toben des Unwetters hinaus. Der Tag war zur Nacht geworden. Kaum die Umriſſe der Bäume ließen ſich unterſcheiden gegen das finſtre Gewölk und die von Regen⸗ ſtrömen und Hagel verdichtete Luft. Auf dem Boden zunächſt häufte ſich der Hagel handhoch an; weiter abwärts ſtürzten brauſende Wildbäche dahin, welche die Schlucht in wenigen Minuten in einen ſchäumenden Bergſtrom verwandelt hatten. Was von feſtem Boden zu ſehen war, bedeckte ſich mit ge⸗ körntem Eiſe, Blättern und jungen Zweigen. Der Donner, durch den Widerhall in den Bergen vervielfältigt, rollte unaufhörlich; nur einzelnes gewaltiges Krachen ſchwerer Schläge unterbrach ſeine Eintönigkeit, wie Minenexploſionen ein rollendes Geſchützfeuer. Sobald ein aufflammender Blitz den ganzen Aether in Feuer verwandelte, überſah man weithin die furchtbare Geſtalt des Wetters. Der Luftkreis erſchien dicht vergittert von Regen und Hagel, der Erd⸗ boden von ſchäumenden Fluten bedeckt, der Wald wogte in Sturmwellen, die zerſchmetterten Zweige und herabgeſchla⸗ genen Blätter wirbelten in verworrenen Kreiſen in der Luft um, die Stämme ächzten und krachten. Unverwandt und finſter ſtarrte Budowa in das wilde Wettergrauſen hinaus.„Es ſind unheilvolle Zeichen, die mich auf dieſem Boden treffen“, dachte er, und ein Seufzer hob ſeine Bruſt.„Nun, nun“, wandten ſich ſeine Ge⸗ danken mit frommem Vertrauen,„verzage nicht! Der Gott, der dieſen Sturm ſendet, wird ihn auch vorüber führen! Vielleicht eine kurze Stunde und ſeine milde Sonne lacht wieder am friedlichen Abendhimmel. Auch mein Va⸗ ——— 68 terland wird noch eine milde Sonne ſehen nach ſeinen Sturm⸗ tagen! Auch dort werden ſich die beunruhigten, zitternden Herzen noch eines friedlichen Abendhimmels erfreuen!“ Siebentes Capitel. „Es iſt wahrhaftig, als ob die Sündflut hereinbräche“, ſprach eine rauhe Stimme dicht neben dem in ſeine Betrach⸗ tungen Verſunkenen. Es war Walter, der wieder aufge⸗ ſtanden und gleichfalls zum Fenſter getreten war.„Wie ich die Wetter hier und die Gegend kenne, geſtrenger Herr Kanzler, ſo können wir uns darauf gefaßt machen, hier die Nacht zuzubringen. Unter fünf, ſechs Stunden endet das nicht, und dann iſt bei Tag nicht fortzukommen vor Wild⸗ waſſern und in den aufgewühlten Wegen, geſchweige bei Nacht!“ „So wollen wir froh ſein, ein ſo gutes Obdach er⸗ reicht zu haben“, antwortete Budowa, ſeine Stimmung hinter einem Lächeln verbergend,„und uns hier einrichten ſo gut wir können.“ Der Hagel und der Sturz der Schloßen, ſtets nur vorübergehende Erſcheinungen, endeten freilich bald. Allein der Regen, wenn auch die erſte wolkenbruchartige Heftigkeit nachgelaſſen hatte, fiel doch ſo unabläſſig und dicht, daß das tiefe Dunkel nicht aufhören wollte. So vergingen zwei Stunden, die Walter und Thaddäus damit hinbrachten, daß ſie ab und zu nach den Pferden ſahen, ſie fütterten, mit⸗ 69 tels eines alten aufgefundenen Eimers tränkten, indem ſie Regenwaſſer auffingen, und andere kleine Fürſorglichkeiten trafen. Budowa blieb ſeinen Gedanken überlaſſen und ging in der rußigen, dunkeln Zufluchtsſtätte auf und nieder. Die ſchwüle Frühlingswärme des Tages war längſt vorüber; der naßkalte Anhauch und ſelbſt der Regen, der ihn doch nicht ganz verſchont hatte, machten, daß er fröſtelte. Walter trat eben wieder ins Haus; er war dicht in den Mantel gehüllt, triefte von Regen und ſchüttelte ſich in der Hausflur, daß die Tropfen umherſpritzten. Der Kanzler ſtaunte, ihn ſo durchnäßt zu ſehen.„Was habt Ihr denn angeſtellt“, rief er ihm zu.„Ihr ſeht aus, als ob Ihr in den Neckar gefallen wäret!—— Werden wir nicht bald weiter können?“ „Weiter können, geſtrenger Herr? Daran iſt nicht zu denken“, antwortete Walter.„Ich bin eben hinaus ge⸗ weſen und habe unterſucht! Davon bins ich ſo pudelnaß geworden. Ich dachte wir würden wenigſtens doch bis Hirſchhorn kommen können. Allein es geht nicht. Von der Schlucht hier oben ſtürzt ein Wildbach herunter, der den ganzen Weg durchgewühlt und überſchwemmt und die Holz⸗ brücke weggeriſſen hat, und hinter uns auf der andern Bergſeite iſt es eben ſo. Unter drei Stunden nach dem Regen verlaufen ſich die Wildwaſſer nicht, und wenn es ſo fortregnet, müſſen wir hier übernachten und wollen Gott danken, daß wir das Obdach haben.“ Während dieſer Worte hatte er den naſſen Mantel ab⸗ genommen und ſpreizte ihn in der Hausflur über ein paar Stangen, die an der Wand lehnten. „Hier übernachten“, ſagte Budowa.„Das iſt mir ſehr unangenehm! Ich wollte durchaus heut bis Mosbach!“ „Unmöglich, geſtrenger Herr!“ verſetzte Walter.„Ihr dürft froh ſein, wenn Ihr nach dieſem Wetter morgen ſo weit kommt. Die Wege werden überall zerſtört ſein, und kommt Ihr erſt tiefer ins Gebirge, findet Ihr gewiß die Waſſer ſo angeſchwollen, daß nicht leicht hinüberzukommen iſt.— Der Regen iſt ja noch immer ſo heftig, daß er mir in den paar Minuten durch Mantel und Wams bis auf die Haut gedrungen iſt! Mich friert ordentlich!“ „Mich fröſtelt's auch; ließe ſich nicht ein Feuer anzünden hier in dem Kamin!“ „Wenn nur der Rauch nicht zu ſehr herabſchlägt! Aber der Henker weiß, wie es mit dem alten halb eingeſtürzten Schlot hier beſchaffen iſt. Kohlen und Reiſig bringen wir ſchon zuſammen, denn in den Meilern ſteckt Glut genug und im Schuppen iſt auch noch halbweg trockenes Reisholz.“ „Man muß es verſuchen“, meinte Budowa;„faſten werden wir heut auch wol müſſen“, ſetzte er achſelzuckend hinzu, während Walter noch immer den Regen aus ſeinem Wams drückte und ſchüttelte;„ich habe nichts bei mir als in Thaddäus' Gepäck ein paar Flaſchen guten Weins im Flaſchenfutter.“ „O, was das anlangt“, antwortete Walter und ſah ſehr heiter aus,„ſo macht Euch keine Sorge. Ich habe genug zu leben auf dem Wagen; ich mußte doch meinem Schwager etwas mitbringen, der meine Tochter in Pflege hat! Zwei große Weizenbrote, Speck, Würſte, auch ein paar fette Kapphähne! Wir können acht Tage damit haushalten!“ „Nun, wenn das iſt“, entgegnete der Kanzler lächelnd,„ſo wollen wir uns in unſer Schickſal finden und über den ver⸗ lornen Tag tröſten. Schafft herbei, was Ihr habt; es verſteht ſich, daß ich hier bei Euch einkehre, ſo gut, als ob Flamme alsbald helllodernd emporſchlug. Es verbreitete ¹ ſich caſch eine behagliche Wärme in dem Raum, die die halb Durchnäßten bald wieder trocknete. Thaddäus, der die und andere Geſchirre, die die Kohlenbrenner zu ihren ein⸗ ſcher Maibutter. Bald verbreitete ſich daher ein ſo ver⸗ 71 ich's in Eurem Gaſthaus gethan hätte, und Ihr ſeid mein Gaſt dazu!“ Walter machte eine verlegen freundliche Miene und meinte er wolle ſich das wol gefallen laſſen; er denke aber auch als Wirth einige Ehre einzulegen. „Nun denn, friſch ans Werk“, ermunterte der Kanzler nochmals;„zuerſt ein luſtiges Feuer, das wird uns Allen wohlthun, und der Hunger hat ſich auch ſchon eingeſtellt!“ Walter rief ſich Thaddäus herbei. Beide holten Reiſig heran und ſchafften auch mit Geſchicklichkeit einige ſchwe⸗ lende, ſchon halb verkohlte Holzſtücke aus einem der Meiler herbei. Das Reisholz, welches im Trocknen gelegen, fing raſch Feuer, und der Schlot war doch noch ſo gut im Stande, daß der Rauch den richtigen Weg nahm und die den flawiſchen Stämmen ganz eigene Geſchicklichkeit in ho⸗ hem Maße beſaß, aus Allem Vortheil zu ziehen, jede Klei⸗ nigkeit an Geräth, oder ein Hülfsmittel ſonſt, auf das ge⸗ wandteſte zu benutzen, machte ſich beſonders nützlich. Er hatte nicht nur etliche, wenn auch nicht ſehr ſtattliche Töpfe fachen Mahlzeiten benutzt haben mochten, aufgeſtöbert und ſie ſchnell gereinigt, ſondern auch mittels einiger alter Ei⸗ ſenſtäbe, die er vorgefunden, eine Art Bratſpieß hergeſtellt, der ſich auf einer Unterlage von loſen Backſteinen ſo gut drehen ließ, daß zwei fette, ſchon gerupfte Kapphähne aus Walter's Vorrath ſich vortrefflich daran braten ließen. Es fehlte nicht an der beſten Butter, denn unter den Ge⸗ ſchenken für den Schwager Förſter war auch ein Topf fri⸗ 72 lockender Geruch von dem bratenden Geflügel, daß die Rei⸗ ſenden nicht ohne einigen Kampf ihre Eßluſt beherrſchen mußten, um die treffliche Speiſe auch ſo wohlbereitet zu genießen, als es bei den geſchickt benutzten Umſtänden und Thaddäus' Aufmerkſamkeit und Gewandtheit zu hoffen war. Und wie der Menſch einmal iſt, daß bei unbehaglicher Lage im Allgemeinen, ja ſelbſt bei ernſterer Sorge und Bekümmerniß, wie ſie wenigſtens in des Kanzlers Bruſt wohnten, unvermuthete kleine Vortheile und Behaglichkeiten, die er den Umſtänden abgewinnt, ihm eine ganz befriedi⸗ gende Stimmung geben können: ſo fanden ſich auch die drei Reiſenden, die ſonſt alle drei nicht große Urſache zur Fröh⸗ lichkeit hatten, in einer ſolchen zuſammen. Der Abend mochte auch nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge angebrochen ſein,— bei dem Unwetter in der dunkeln Schlucht war in der Hütte der letzte Tagesſchimmer ſchon längſt verſchwunden,— als die Mahlzeit völlig be⸗ reit war. Walter hatte, während Thaddäus Zidnowski den Bratſpieß wendete und die Kapaunen ſorgſam ſich bräunen ließ, auch für eine leidlich bequeme Herrichtung der Tafel geſorgt. Ein Brett auf einer feſten Grundlage von dicken Holzſcheiten gab den Tiſch ab; ein Tuch, in welches Frau Elsbeth allerlei kleinere Gegenſtände vorſichtig und reinlich eingebunden hatte, gab ſogar ein höchſt ſau⸗ beres Tiſchtuch her. Zwei tüchtige Klötze von Baumſtäm⸗ men und ein alter Schemel mit drei Beinen, dem Thaddäus ſchnell einen vierten ſichern Stützpunkt durch einen einge⸗ keilten Baumaſt gegeben hatte, bildeten die Seſſel; der letz⸗ tere den Ehrenſitz für den Kanzler. Das flackernde Feuer leuchtete heller, als die beſten Wachskerzen gethan hätten, und ſelbſt der rauſchende Re⸗ gen und der hohl ſauſende Weſtwind trugen das Ihrige bei, 73 die Behaglichkeit der Lage zu erhöhen. An Wein fehlte es nicht, auch nicht an Reiſebechern; Budowa ſchenkte gaſtfrei ein und ſeine beiden Gäſte verſchmähten ſo wenig die Gabe des Tranks wie die der Speiſe. Die Zeit verflog raſch unter mancherlei Geſprächen, be⸗ ſonders über die Lage des Pfälzerlandes, das ſich leidlich guter Zuſtände der Gegenwart erfreute, aber, ſo gut wie alle Länder Deutſchlands in jenen Zeiten des Meinungs⸗ zwieſpalts, auch manchen harten Kampf beſtanden hatte, wo Wunden geſchlagen worden waren, die kaum vernarbt ſein konnten. Und wie bei üblem Wetter eine alte Wunde neu zu ſchmerzen anfängt, ſo regten ſich, da die Zuſtände nach⸗ barlicher Völker und Länder, beſonders in Oeſterreich und Böhmen, ſich düſter verwickelten, die ſchmerzlichen Erinne⸗ rungen auch da wieder lebhafter, wo die Zeit ſchon eine heilende, wenngleich dünne Hülle darüber gebreitet hatte. „Wenn ich's nur ſpitz kriegen könnte“, ſagte Walter und zog ein krauſes Geſicht, welches ſeine Mühe, die Einſicht in den ſchwierigen Fall zu gewinnen, deutlich darthat, „wenn ich's nur herauszubringen wüßte, weshalb ſoviel darauf ankommen ſoll, ob unſer Einer mit ſolchen oder ſolchen Worten zu unſerm Herrgott betet, und ob die Kirche ein Bild hat und der Altar eine Decke oder nicht! Ich denke immer in meinem Unverſtande, das könnte unſerm Herrgott wol ganz einerlei ſein. Wenn Einer Recht thut, ſein Gebet von Herzen ſpricht, ſeinem Nächſten hilft, wie er kann, ſollte er dann unſerm Herrgott mehr oder weniger werth ſein, je nachdem die Orgel in der Kirche geſpielt wird oder nicht? Oder ob ein Bild mit einer ſchönen Hei⸗ ligengeſchichte im Gotteshauſe hängt oder nicht? Damit darf man aber unſerm geſtrengen Herrn Hofkaplan Scultetus in Heidelberg nicht ankommen!“ Rellſtab, Orei Jahre. Il. 1.D 4 ———— ——— — 74 „Iſt er ſo ſehr ſtreng calviniſtiſch!“ fragte Budowa, mehr um ſeine Theilnahme an Walter's eifriger Rede kund zu geben, als weil er Scultetus' Geſinnung nicht ge⸗ kannt hätte. „Der?“ rief Walter.„Nichts will er dulden, als die nackten vier Wände!— Sollten aber unſere Vorältern darum wol unchriſtlich geweſen ſein und zur Hölle verdammt, weil ſie unſerm Herrgott das Haus ſtattlich ausgeſchmückt haben?“ „Ich ſollte nicht denken“, ſagte der Kanzler. „Der Tempel Salomonis“, fuhr Walter fort, nachdem er ſein volles Glas geleert,„war doch auch ein ſtattliches Gotteshaus voller Pracht; allein unſer Herr Chriſtus hat wol die Schächer und Wechsler daraus vertrieben, aber nicht den prächtigen Vorhang wegreißen laſſen!“ Budowa hörte dem von Eifer und Wein immer red⸗ ſeliger Werdenden nachdenklich zu. „Zu Prag“, ſprach Thaddäus Zidnowski mit ſeinem mühſeligen Deutſch dazwiſchen,„haben wir auch ſchöne Schloßkirche, ſehr voll Pracht.“ „Glaub's! glaub's!“ nickte Walter ihm zu, indem er nach dem Glaſe griff, als wollte er die Wahrheit der An⸗ gabe durch einen Trunk beſiegeln.„Auch andere Städte. Ich bin vor drei Jahren einmal in Köln geweſen! Das iſt eine Kirche dort, der Dom! Da muß ſich ſelbſt unſer ſpeierer verſtecken! Ein prachtvoller Hochaltar, Bilder und Teppiche und Blumen und Gold und Silber! Ich bin kein Päpſtlicher, aber etwas mehr Schmuck und Staat im Gotteshauſe, als uns die calviniſtiſchen Herren Pfarrer laſſen, wäre mir doch nicht unlieb!“ „Theilt denn der Herr Kurfürſt dieſe Grundſätze? Iſt er auch ſo ſtreng?“ 75 „Grauſam ſtreng!“ antwortete Walter.„Er folgt darin aufs Haar dem Herrn Hofkaplan, und der mag nichts mehr dulden als die vier weißen Wände der Kirche. Ein Tiſch iſt der Altar und das Abendmahl reicht er aus höl⸗ zernem Kruge.“ „Unſer Herr Chriſtus wird den Wein auch aus beſchei⸗ denem Gefäß getrunken haben bei dem Nachtmahl mit den Jüngern“, bemerkte Budowa begütigend, da Walter allzu ſehr in Eifer gerieth.—„Was iſt das?“ fuhr er plötzlich auffahrend empor,„hörtet ihr nichts?“ „Nichts als Wind und Regen“, antwortete Walter. „Ich glaubte eine menſchliche Stimme zu vernehmen, wie ein banges Aechzen“, verſetzte Budowa und wandte ſich dem Fenſter zu. „Pfeift ſo im Schlot, klingt wie Geächz und Gequiek, Herr“, brachte Thaddäus mühſelig heraus. „Mag ſein“, gab Budowa zu, ohne ſich jedoch ganz überzeugt zu halten. Walter ſaß mit dem Rücken gegen das Fenſter; es wurde ihm etwas unheimlich zu Muth, bei dem Gedanken, daß andere Laute und Töne als die des Windes und Regens ſich hätten vernehmen laſſen. Men⸗ ſchen konnten doch in dem Wetter nicht im Walde ſpazieren gehen! Er fand, daß das Feuer nicht hinlänglich brenne, und trat hinan, um die Glut zu ſchüren und neues Reiſig darauf zu werfen. „Schon wieder! Ich täuſche mich wahrlich nicht!“ rief der Kanzler aus.„Ich habe einen wimmernden Laut ge⸗ hört, während der Wind einen Augenblick ſchwieg. Es muß Jemand draußen vor der Hütte ſein!“ Zugleich ſtand er auf und machte Miene hinauszugehen. „Nicht, Herr, nicht gehen ins Finſtre draußen“, rief 4* — —— 76 Thaddäus, ihn beim Arme haltend,„um Gottes Willen nicht.“ „Und warum nicht? Wenn ein Unglücklicher, Verirrter draußen wäre!“ „Bleibt, wertheſter Herr!“ bat Walter,„wer ſoll jetzt bei dem Wetter im Walde ſein? Wer weiß was das für Stimmen ſind!“ „Schämt Euch! Ein ſo rechtgläubiger Mann und ſo abergläubig dabei“, erwiderte Budowa und war ſchon vor der Thür. „Geht Herr hinaus, auch ich“, ſagte Thaddäus und eilte ihm nach. „Nun dann bleib ich nicht allein hier“, rief Walter und folgte gleichfalls. Draußen herrſchte eine undurchdringliche Finſterniß. Der Regen fiel nicht mehr in ſchweren Tropfen, daher nur leiſe rauſchend, aber wie dichter Waſſerſtaub. Weder auf dem Boden noch gegen den Nachthimmel waren die Umriſſe der Gegenſtände zu unterſcheiden. Budowa war einige Schritte hinausgetreten und rief mit feſter Stimme:„Iſt hier Je⸗ mand in der Nähe?“— Niemand antwortete. „Merkſt du?“ flüſterte Walter Thäddäus zu,„es muckt ſich nichts! Das iſt nicht geheuer!“ Doch indem ſie auf Antwort lauſchten, ließ ſich wieder jenes ächzende Wimmern und natürlich jetzt viel vernehm⸗ licher hören. Es war ganz in Budowa's Nähe.„Wer da?“ rief er nochmals;„ſeid Ihr verunglückt? Wir wollen Euch helfen!“ Dabei tappte er vorſichtig einige Schritte vorwärts, nach der Richtung, woher der Laut kam. Der Boden war abſchüſſig, vom Regen glatt, ungleich und mit kleinem Felsgerüll bedeckt. Ein Stein, auf den er trat, 77 gab nach, er glitt aus und ſtürzte hin; unwillkürlich ſtieß er im Fallen einen leichten Ruf aus. „Herr, Herr, was iſt?“ rief Thaddäus erſchreckend, als er den Laut und das Fallen hörte. „Alle guten Geiſter loben ihren Meiſter!“ murmelte Walter und ſchauerte zuſammen. Budowa war hart niedergefallen, jedoch ohne ſich Scha⸗ den zu thun. Er griff um ſich, um ſich emporzuraffen, da taſtete er, und ein Schauder durchfuhr ihn, auf einen menſchlichen Körper, der neben ihm auf dem Boden lag. Er hatte einen Arm deſſelben mit der Hand berührt; dabei hörte er das wimmernde Aechzen dicht an ſeinem Ohr. „Wer liegt hier?“ fragte er lebhaft theilnehmend, ohne eine Antwort zu erhalten. „Thaddäus, Walter, kommt hierher zu Hülfe, hier iſt Jemand verunglückt!“ „Wo, Herr? Wo denn“, rief Thaddäus und ſchritt, ſeine Furcht überwindend, vorwärts. „Man kann ja keine Hand vor Augen ſehen, wo ſoll man Euch denn finden, geſtrenger Herr!“ ließ Walter ſeine vor Furcht zitternde Stimme hören. „Ei was; tappt euch nur heran“, befahl Budowa, der jetzt wieder auf den Füßen ſtand,„hier liegt ein Menſch, und wir müſſen ihn in die Hütte bringen. Er ſcheint be⸗ ſinnungslos!“ Nicht ohne Mühe näherten ſich Beide. Budowa hatte während deſſen den am Boden Liegenden emporzuheben verſucht.„Bei Gott, es iſt ein Frauenzimmer!“ rief er aus, da ſeine Hand in das lange gelöſte Haar ge⸗ rathen war.„Geſchwind helft mir ſie aufrichten!“ Die drei Männer hoben die Bewußtloſe, aber in ihrer Betäubung leiſe wimmernde Unglückliche empor und trugen 78 ſie der Hütte zu. In dem Augenblick, als ſie mit ihr ein⸗ traten und der helle Glanz des Feuers ihr Geſicht er⸗ ſtrahlte, rief Walter mit entſetzenvollem Ton aus:„Barm⸗ herziger Gott, meine Margarethe!“ Achtes Capitel. Alle waren erſchüttert und beſtürzt, ſelbſt Thaddäus, der in ſeiner lebhaften Gutmüthigkeit halb jauchzend, halb wei⸗ nend immer fort rief:„Die Tochter! Die Tochter! Der Vater, der Vater!— Iſt das möglich! Herr, iſt das möglich!“ Das unglückliche Mädchen war halb bewußtlos; eine blutende Stelle an der Stirn zeigte, daß ſie gefallen ſei und ſich auf einem der Felsſtücke verletzt haben mußte; ſie ſchlotterte vor Näſſe und Kälte wie im Fieber. Walter war durch dieſes ploͤtzliche ſchreckenvolle Wieder⸗ finden ganz außer Faſſung gebracht. Das Unerklärliche des Ereigniſſes weckte die ſchauerlichſten Muthmaßungen. Der Vater drückte das arme bleiche Mädchen, dem die naſſen Locken über Nacken und Schultern herabhingen, zitternd ans Herz; er küßte ſie, rief ſie bei Namen, weinte laut, lachte dazwiſchen wieder und ſeufzte in wilder, halb irrer Luſtigkeit:„Welch ein Glück, daß ich ſie gefunden habe!— Gott, das war ein Glücksfall!“ Dann jammerte er wieder mit herzzerreißender Stimme:„Sie ſtirbt mir in den Ar⸗ men! Herr Jeſus Chriſtus, was muß dem armen Kinde 79 begegnet ſein, daß es bei dem Wetter hier im Walde um⸗ herirrt! Drei Meilen von ihrem Wohnhauſe beim Schwager!“ So wechſelten ſeine Empfindungen in grellem Ueber⸗ gange von einem Aeußerſten zum andern! Budowa, ſo ergriffen er von dem Vorfall war, behielt doch die ſeiner geiſtigen Ueberlegenheit entſprechende Beſon⸗ nenheit. Er entriß das Mädchen faſt mit Gewalt den Schmerz⸗ und Freudenergüſſen des betäubten Vaters und wandte, von Thaddäus unterſtützt, die nöthigen Mittel an, die Bewußtloſe ins Leben zurückzubringen. Er ſelbſt wuſch ihr mit ſeinem Tuch das Blut von der Stirn und über⸗ zeugte ſich, daß die Wunde keine gefährliche ſei, wenn auch die Erſchütterung durch den Fall heftig geweſen ſein mochte. Thaddäus ſchleppte von dem auf dem Wagen ausgebreitet geweſenen Stroh herbei, welches die Reiſenden ſchon ſelbſt zu ihrem Nachtlager benutzen wollten. Die Ermattete wurde darauf gelegt und ihr etwas Wein eingeflößt; dieſer und die ſtrahlende Wärme des lodernden Feuers brachten ſie nach einigen Minuten zur Beſinnung zurück, ſodaß ſie, das Auge aufſchlagend, fragte:„Wo bin ich?“ Der Anblick der fremden Männer erſchreckte ſie; ſie hielt beide Hände krampf⸗ haft vor ſich hingeſtreckt und rief:„Fort, fort, erbarmt euch!“ Walter nahm ihre Hand und ſagte weich zuredend: „Mädel! Gretel! Du biſt ja bei deinem Vater!“ Dieſe Worte, der bekannte Ton der Stimme, warfen völliges Licht in die Seele des Mädchens.„Vater!“ rief ſie aus,„Vater!“ und mit feſt umſchlingenden Armen hing ſie an ſeiner Bruſt. Ein Strom von Thränen brach aus ihren Augen, ſie ſchluchzte krampfhaft, doch nachdem dies einige Augenblicke gedauert hatte, war die Beklemmung ihrer Bruſt gerade dadurch gelindert. —— 80 Als der Vater ſie ruhiger ſah, fragte er bekümmert: „Sage mir, mein Kind, wie kommſt du hierher, in der Nacht, in dieſem Wetter, mitten im Walde?“ Alle dieſe Fragen ſchienen ſchreckliche Erinnerungen in der Armen zu wecken. Sie brach aufs neue in Thränen aus und vermochte kein Wort zu ſprechen. „Sie muß erſt mehr zu Kräften kommen, lieber Freund“, ſagte Budowa,„ſich erwärmen, erquicken. Wenn ſie nur die naſſen Kleider wechſeln könnte!“ „Herr Gott, ich unvernünftiger Menſch“, rief der Alte ärgerlich auf ſich ſelbſt und ſchlug ſich mit der Hand vor die Stirn:„daß ich daran auch nicht gleich dachte!“ Und mit einem Sprunge war er hinaus. Nicht zwei Minuten vergingen, ſo kehrte er mit einem großen überſchnürten Korbe zurück und rief:„Hier habe ich ja den ganzen Kram, den die Mutter dir nachſchicken wollte, da du ſo eilig ge⸗ flüchtet wurdeſt! Ich ſollte es jetzt mitnehmen“, wandte er ſich, als müſſe er eine Erklärung darüber geben, zu Bu⸗ dowa,„weil Alles zuſammengepackt iſt und ſie gleich durch⸗ fahren ſollte nach Heidelberg zum Herrn Rath!“ „Da, Gretel, da, mein Goldkind!“ rief er zur Tochter, „hier haſt du Alles, was du brauchſt! Kleider, Röcke, Wäſche, Schuhe! Da, kleide dich um, wir gehen hinaus, drüben iſt noch eine Stube!“ Es war ſo natürlich von dem Vater, dies von den beiden Reiſegefährten zu verlan⸗ gen, daß er gar nicht erſt deshalb anfragte, oder ſich ent⸗ ſchuldigte; dieſe leiſteten dem Wort auch ſogleich Folge. Thaddäus machte ſich noch im Schuppen bei den Pferden zu thun und Walter ging mit Budowa in den andern wü⸗ ſten Raum, welcher jenſeit der Hausflur lag. Hier fanden Schmerz und Angſt des Vaters wieder Worte und er er⸗ ging ſich in von Schluchzen und Weinen unterbrochenen Aus⸗ 81 rufungen über Das, was ſeinem Kinde begegnet ſein müſſe. Budowa hatte auch ſeine eigenen, nicht ſehr beruhigenden Vermuthungen darüber. Er hielt indeſſen damit zurück und ſagte nur:„Hört, lieber Freund, Eure Tochter hat Euch vielleicht Manches zu vertrauen, wobei ſie die Gegenwart fremder Männer ſcheut; geht daher, ſobald ſie umgekleidet iſt, allein zu ihr und laßt Euch erzählen, was ihr begegnet iſt. Ihr könnt uns ja nachher mittheilen, was uns zu wiſſen nöthig wäre!“ „Ja, geſtrenger Herr, das will ich! Das iſt ein bra⸗ ves Wort“, entgegnete Walter;„nun, den Vater wird ſie wol bald einlaſſen können, wenn auch für fremde Männer nicht gleich Alles ſo im rechten Schick ift.“ Endlich antwortete ſie nach mehrmals wiederholter An⸗ frage:„Jetzt, lieber Vater!“ Budowa blieb allein. Es war eine düſtere, ſchauerliche Spanne Zeit, die ihm unvergeßlich bleiben mußte. Tiefes Dunkel umgab ihn; nur ein matter Schimmer des Feuers drüben leuchtete gegen einen Theil der Mauer und flammte von den trüben Fenſterſcheiben zurück. Der Regen und die geſchwollenen Wildwaſſer rauſchten draußen; der Wind zog durch die Kronen der Bäume. Seine Seele beſchäftigte ſich mit Muthmaßungen darüber, welche ſeltſamen Ereigniſſe dies ſeltſame Zuſammentreffen mit dem jungen Mädchen wol her⸗ beigeführt haben mochten. Ihr liebliches Bild verband ſich mit den traurigſten Ahnungen. Zugleich aber miſchte der Umſtand einen eigenen ſüß wehmüthigen Reiz in ſeine Be⸗ trachtungen, daß die Aufgefundene wirklich der holden freund⸗ lichen Agathe, der Tochter Rippell's, in dem Grade ähnlich ſah, daß er, der Beide noch weniger kannte, ſie nicht hätte unterſcheiden können. Dieſe Zufälligkeit weckte, ihm ſelbſt unbegreiflich, eine dunkle Ahnung geheimnißvoller Bezie⸗ 4* 82 hungen in ſeiner Seele. Es iſt zuweilen als berühre un⸗ ſichtbare Geiſterhand eine Saite in der verborgenſten Tiefe unſerer Bruſt; es tönt ein ahnungsvoller Laut, über den uns erſt die Zukunft Aufſchluß gibt. Ein leiſer, aber tiefer Zuſammenhang ſeines Daſeins mit dem dieſes jetzt noch ſo fremd demſelben gegenüberſtehenden Weſens durchzuckte die Nerven ſeiner Seele. Freilich nur ein vorüberrauſchender Anklang, gleich einem unſichtbaren Hauch, der ein Saiten⸗ ſpiel tönen läßt, und der Klang verweht ſchnell wie er ent⸗ ſtanden. Allein das Ohr hat ihn einmal vernommen und die ahnungsvolle Anregung iſt in die Seele gedrungen, lebt in ihr fort, ſelbſt wider Willen. In dieſem wunderbar be⸗ wegenden Gefühl unterbrach ihn das raſche Eintreten Walter's. 3 „Iſt Eure Tochter nun ganz wieder bei Kräften?“ fragte Budowa; ein unwillkürlicher Blick nach dem Gemach drüben gab ihm die Antwort. Margarethe trat eben aus dem zurückgezogenen Theile des Raums, wo ſie ſich umge⸗ kleidet hatte, in den hellen Schein der Flamme. Das Bild des ſchönen Mädchens glich, aus dem tiefen Dunkel geſehen, einer wunderbaren Erſcheinung. Die ausſtrahlende Glut des Feuers goß eine belebende Röthe über ihre Züge. Das hellbraune Haar, zu durchnäßt, um geflochten oder aufge⸗ bunden zu werden, hing ihr in natürlichem Fall über den Nacken herab, nur ein wenig leicht, wellenartig gekräuſelt durch die Gewohnheit des Einflechtens oder weil es von Natur in dieſer Form niederwallte. Ein dunkles, anlie⸗ gendes Gewand umſchloß die ſchlanke Geſtalt. Ueber die Wunde, um die Stirn, hatte ſie ein weißes Tuch ge⸗ bunden, das dem Angeſichte einen ganz eigenthümlichen Reiz verlieh. Budowa war durch den Anblick wie gefeſſelt. Er zö⸗ — V 83 gerte hinüberzugehen.„Wißt Ihr jetzt, Walter“, fragte er,„wie Eure Tochter hierher gerathen iſt?“ „Ja, ſie hat mir Alles erzählt! Das arme Kind hat ſolche Angſt und Qual ausgeſtanden, daß ich kaum begreife, wie ſie noch am Leben iſt. Der Herzog Chriſtian, unſer Herrgott wird es ihn noch entgelten laſſen, hat all das Leid über ſie gebracht; dem Himmel Dank, daß das Aergſte ihm fehlgeſchlagen iſt!“ „Gott ſei gelobt!“ rief Budowa, der ſchon das Aergſte fürchtete.„Erzählt mir Alles, lieber Walter, bevor wir hinübergehen“, bat er. „Der Herzog“, begann dieſer,„ritt heut früh, wie ich Euch erzählt, zum Grafen Erbach. Es war eine große Falkenjagd angeſagt, alle Forſtleute dazu aufgeboten. Nie⸗ mand aber wußte, daß der Herzog dabei ſein werde, und ſo lud der Schwager ſeine Frau und meine Gretel ein, doch mit auf den Sammelplatz zu kommen, um ſich das luſtige Treiben und bunte Spiel anzuſchauen. Da iſt nun der Herzog zu ihrem größten Schreck ihrer anſichtig gewor⸗ den, und ſogleich ſandte er ſeine Schufte von Leuten aus, ihr nachzuſpüren. Wie nun die Frauen mit noch andern Landleuten nach Haus fahren, wird der Wagen plöͤtzlich im Walde von dem Geſindel umringt, das mein Mädel mit Gewalt entführen wollte. Die Bauern, welche dachten, es ſei auf Plünderung und auf ihre Weiber auch abgeſehen, ſetzten ſich zur Wehr und es gab ein wildes Getümmel. Während deſſen gelang es meiner Gretel vom Wagen zu ſpringen und ins Gebüſch zu entkommen. Sie lief was die Füße ſie tragen wollten, bis ſie erſchöpft niederſank. Wäh⸗ rend ſie am Fuß einer alten Eiche ausruht, hört ſie Ge⸗ räuſch im Walde; die Zweige kniſtern, es kommen Männer. Schnell verbirgt ſie ſich im tiefſten Dickicht, und richtig, et⸗ ——— 84 liche von den Leuten des Herzogs kommen aus dem Gebüſch und lagern ſich unter die Eiche. Da hört ſie jedes Wort, das ſie ſprachen, erfährt, daß den Bauern noch andere Landleute zu Hülfe gekommen ſind, ſodaß die Jäger von ihrem Vorhaben abſtehen mußten. Der Herzog aber iſt wüthend geweſen, daß ſie ihm mein Mädel nicht gebracht haben, und hat ſie ausgeſchickt, ſie aufzuſuchen und ſie zu rauben, wo ſie ſie auch finden möchten! Hundert Piſtolen hat er Dem verſprochen, der ſie unverſehrt einbringt; aber Alle jagt er ſie zum Teufel, wenn ſie ſie ihm nicht herbei⸗ ſchaffen! Das hat das arme Kind angehört und iſt beinah geſtorben vor Schrecken und Angſt. Endlich, nachdem die Jäger aufgebrochen, hat ſie ſich hervorgewagt und durch den wilden Forſt, durch Thal und Schluchten den Weg nach Haus geſucht. Und da überfällt ſie das furchtbare Wetter, daß ſie faſt am Leben verzagt und nur Gottes Gnade ſelbſt“— er faltete die Hände dabei—„konnte ſie hierher zu uns führen, zu ihrem eigenen, leiblichen Vater!“ „Wol, Gottes Gnade, Freund!“ antwortete Budowa ernſt; doch durchzuckte ihn zugleich und tief gerührt ein Grauen des innerſten Unwillens über dieſe empörende Ge⸗ waltthätigkeit. Sein Blick hatte während der ganzen Er⸗ zählung das Mädchen nicht verlaſſen. Sie ſtand mit ge⸗ ſenktem Haupt, faſt bewegungslos vor dem Feuer. Sie ſchien ſich noch immer an der Wärme der Flamme zu la⸗ ben und durch ſie die Wiederkehr der Kräfte zu ſuchen. „Wollt Ihr nun nicht wieder hinüber an das Feuer, Herr?“ erinnerte Walter. „Ihr habt das arme Kind doch erquickt?“ fragte Bu⸗ dowa ſtatt der Antwort.. „Ja wol, ſie hat etwas Wein getrunken und auch ei⸗ 85⁵ nige Biſſen Brot gegeſſen. Sie ſchüttelt ſich nur noch im⸗ mer vor Froſt, denn der Wolkenbruch hat ſie ja fünf Stun⸗ den lang durchgekältet! Es iſt ein Wunder Gottes, daß ſie nicht vor Kälte und Entkräftung umgekommen iſt. Und dazu noch der böſe Fall!“ 8 Während dieſer letzten Worte waren ſie hinübergegangen. Margarethe blickte den Kanzler ſchüchtern, aber freundlich an. Er reichte ihr herzlich, mit väterlicher Milde die Hand dar und ſprach ihr ſein inniges Mitleid und Bedauern aus. „Fürchtet nichts mehr, gutes Kind“, beruhigte er ſie;„ich werde Euch jetzt ſelbſt unter meinen Schutz nehmen, es ſoll Euch nichts Böſes mehr widerfahren.“ Beruhigter ſetzte ſich Margarethe am Feuer nieder; ſie mußte noch etwas Wein und Speiſe zu ſich nehmen; dann ſchickten ſich Alle zum Nachtlager an. Die beſte Lagerſtätte wurde für die Erſchöpfte bereitet, dem Feuer zunächſt. In der andern Ecke legten ſich die Männer nieder; doch immer nur zwei, da der dritte wachen und das Feuer unterhalten mußte. Budowa wollte dieſe Arbeit durchaus mit ſeinen Reiſegefährten theilen und war der Erſte, der die Obhut der Flamme übernahm. Um Mitternacht weckte er Walter und legte ſich ſelbſt zur Ruhe; um zwei Uhr Morgens kam Thaddäus an die Reihe. Es war ein beruhigendes Zeichen, daß Margarethe in einen bis zur Erſtarrung feſten Schlaf geſunken war; die Herſtellung der erſchöpften Kräfte aus der Fülle ihrer Ge⸗ ſundheit. Als Thaddäus ſeinen Platz vor der Flamme eingenom⸗ men hatte, war es noch tief finſter. Walter ſchlief ſogleich an des Kanzlers Seite feſt ein. Der Wachende ſtöberte und ſchürte, mehr um ſich munter zu erhalten, als weil es 86 nothwendig geweſen wäre, mit einem langen Eiſenſtecken in der Glut umher. Regen und Sturm hatten ganz aufge⸗ hört; bis auf das Kniſtern der Funken, herrſchte lautloſe Stille. Thaddäus, noch halb ſchlaftrunken, nickte endlich ſelbſt wieder ein und fuhr nur zuweilen unwillkürlich empor. „Holla! Ihr da!“ rief es plötzlich mit rauher Stimme draußen am Fenſter.. Thaddäus ſprang auf und blickte mit ſeinen ſcharfen, ſchlauen Augen nach der Richtung des Schalles. Er ſah ein paar bärtige Geſichter. „Thut uns auf“, ertönte der rauhe Ruf abermals, „wir ſind halb todt vor Müdigkeit und Näſſe!“ Thaddäus war der Einzige, der dieſe Worte vernahm; Walter und der Kanzler in ihrer Uebermüdung ſchliefen zu feſt; vollends Margarethe. „Jſt doch gut“, dachte Thaddäus,„daß ich die Thür feſt verſperrt habe“, denn er ahnte nichts Gutes von den Geſellen draußen.„Wenn ich nur wüßte, wie viele ihrer wären?“ In dieſen Gedanken ſchickte er ſich, abſichtlich langſam, an, dem Fenſter zuzugehen. „Wer ſeid Ihr denn?“ fragte er, ohne das Fenſter zu öffnen, und hielt die angeglühte Eiſenſtange in der kräftigen Fauſt empor. „Verirrte Jägersleute!“ „Dacht ich's doch“, fuhr es Thaddäus, dem Walter die Geſchichte ſeiner Tochter auch erzählt hatte, durch den Kopf. „Sind das welche von den Schnapphähnen!“— Er über⸗ legte bei ſich, was er thun ſolle, ob ſie einlaſſen, oder es verweigern, ob Walter und ſeinen Herrn wecken oder nicht. Sie ausſperren war gefährlich! Es hieß ihren Zorn rei⸗ zen; Widerſtand konnte die Hütte nicht leiſten und über⸗ 87 dies hätten ſie ſich des Stalles und der Pferde bemäch⸗ tigen können. 3 „Wartet! Sogleich!“ antwortete er daher.„Geht an die Thür!“ Vorſichtig beobachtete er am nächſten Fenſter, um die Geſtalten zu zählen, die etwa durch den blaßhellen Flammenſchein gingen; es waren nur ihrer zwei. Er trat in die Hausflur, that, als ob er die Thür öffnen wolle, aber nicht könne, und horchte dabei immer ſchlau auf Das, was die draußen ſprachen. Da er nur zwei Stimmen hörte, dachte er denn, es ſei am beſten ſie einzulaſſen; denn die Uebermacht behielt er doch gegen ſie. Zuvor aber rüt⸗ telte er Walter und den Kanzler auf mit den Worten: „Bekommen wir Gäſte; können wir ſie nicht abweiſen; ma⸗ chen wir vielleicht einen nützlichen Fang.“ Während Bu⸗ dowa und Walter halb ſchlaftrunken aufſprangen, ging Thaddäus wieder an die Thür und öffnete endlich den Un⸗ geduldigen unter allerlei ſcheinbaren ſchweren Anſtalten. „Was Teufel“, rief der Erſte eintretend,„Ihr habt Euch ja hier verrammelt, als hättet Ihr Schätze zu be⸗ wahren in dem elenden Rauchloch! Es iſt aber doch trocken und gibt ein Obdach! Gut, daß ein Feuer brennt!“ „Habt Ihr nichts zu leben?“ fragte der Zweite.„Wir ſind verhungert und verdurſtet und von Froſt und Näſſe geſchüttelt wie im Fieber!“ Während dieſer Worte ſtampften ſie im Flur den Bo⸗ den und drückten und rangen ihre Kleider, um das Waſſer auslaufen zu laſſen und auszupreſſen. „Das ſind von den Leuten des Herzogs“, raunte Walter dem Kanzler zu. „Hm!“ murmelte dieſer; unvermerkt ſteckte er das Schwert an, das er in die Ecke gelehnt hatte, und blickte nach ſeinen Reiſepiſtolen. 3 88 Walter ſah ängſtlich nach Margarethen, die zum Glück mit abgewandtem Geſicht, feſtſchlafend vor Entkräftung, von des Vaters großem Mantel bedeckt in der Ecke im tiefen Schatten lag. „Was führt Euch denn mitten in der Nacht hierher?“ fragte Budowa die Ankömmlinge mit dem Anſehen, welches Stand, Alter und geiſtige Ueberlegenheit ihm gaben. Sie ſchauten verwundert auf; der erſte Blick mußte ihnen ſagen, daß ein Mann von weit höherem Rang als ſie ſelber vor ihnen ſtehe. Sie ließen daher ſogleich von ihrer rohen Weiſe ab, und der Erſte entgegnete etwas verlegen: „Wir ſind in Dienſten des Herrn Herzogs Chriſtian von Braunſchweig und auf der Jagd im Walde verirrt. Das Unwetter hat uns überfallen!“ Der ſchlaue Thaddäus hatte während deſſen ganz un⸗ bemerkt die Hirſchfänger und Büchſen der beiden Jäger, die ſie unbedacht in die Ecke gelehnt, ergriffen und hinausge⸗ tragen; ſtolz auf dieſe Kriegsliſt trat er wieder ein und winkte ſeinem Herrn, der ſeine Art und Weiſe genau kannte, mit den Augen. „Es iſt uns Nachricht zugekommen“, ſprach Budowa mit ſtrengem Ton,„daß auf der heutigen Jagd ein Frevel gegen ein junges Mädchen hier aus dem Lande des Herrn Kurfürſten verſucht worden iſt. Wißt ihr davon?“ Die Beiden ſtanden wie erſtarrt und ſahen ſich beſtürzt an. Inſtinctartig ſchauten ſie nach ihren Waffen um,— ſie waren verſchwunden! Thaddäus ſtand mit vergnügli⸗ chem Lächeln in der Thür und ſpielte mit ſeinem böhmiſchen Säbel. „Wißt ihr von der Sache?“ fragte der Kanzler noch einmal. „Du... ich glaube....“ murmelte der Erſte halb⸗ 89 laut, indem er ſeinen Gefährten anſtieß und in die Ecke ſtarrte, wo Margarethe lag, von deren lichtbraunem Haar ein Theil über den Mantel, der ſie bedeckte, hin⸗ aushing. Budowa ſah an ihrem Zuſammenſchrecken, daß ſie zu den Schuldigen gehörten. „Ich ſehe“, ſagte er, ihnen feſt entgegentretend,„an eurem Zittern, daß ihr ſchuldig ſeid. Verlaßt auf der Stelle dieſe Hütte, geht zu eurem Herrn zurück und ſagt ihm, daß das arme Mädchen in dem Schutz des Kurfürſten dieſes Landes ſteht und daß ich ſie unter den der Frau Kurfürſtin ſelbſt ſtellen will, welche die Unſchuld einer ver⸗ folgten Jungfrau zu beſchützen wiſſen wird. Fort jetzt! Ihr findet hier kein Obdach! Und hütet euch, daß wir euch nicht noch ferner auf dieſem Gebiet treffen, denn ſonſt führen wir euch, wie es Räubern gebührt, in Banden zur Stadt, und euer Schickſal könnt ihr euch denken!“ Die Erſchreckten wußten kein Wort zu erwidern, ſon⸗ dern wandten ſich ſcheu nach der Thür. „Eure Jagdbüchſen und Hirſchfänger“, ſagte Thaddäus in ſeinem gebrochenen Deutſch,„ſind gebracht in Sicherheit! Ihr möchtet ſie ſchlimm gebrauchen für uns!“ Noch ehe er vollendet hatte, waren Beide hinaus. „Es iſt gut, daß mein Mädel nichts gehört hat“, ſagte Walter, tief athmend, als ſie fort waren.„Ach, gnädigſter Herr! Wie wacker habt Ihr Euch unſerer angenommen! Aber wie wird es meinem Haus und Gehöft ergehen, wenn dieſe Landſtreicher Rache nehmen!“ „Seid beruhigt“, entgegnete Budowa.„Ich werde dem Rath Rippell von dem ganzen Vorfall Meldung ma⸗ chen, er wird es dem Herrn Kurfürſten vortragen und Euer Landesherr Euch ſchützen und dem Herzog von Braun⸗ 90 ſchweig wol auch ein Wort zukommen laſſen, das ihn ab⸗ hält, Euch irgend eine Unbill zuzufügen!“ Thaddäus, der hinausgegangen war, um den Leuten des Herzogs ein wenig nachzuſchauen, kam mit der Bot⸗ ſchaft wieder:„Wird gut Wetter, Herr! Iſt der Himmel ſchon hell und Sterne viel zu ſehen. In Stunde muß ſchon dämmern!“ „Bis Tagesanbruch wollen wir noch ruhen“, ſagte Bu⸗ dowa,„halte Wacht am Feuer und wecke uns, ſobald ſich irgend etwas Bedenkliches zuträgt.“ Er und Walter ſtreckten ſich wieder nieder; die Morgen⸗ müdigkeit ſenkte ſie bald aufs neue in Schlaf. Margarethe's Ruhe war nicht unterbrochen geweſen. Thaddäas ſaß auf der Feuerwacht, ſchürte die Glut, nickte dann und wann einmal ein, fuhr wieder auf, ſummte ſich ein böhmiſches Liedchen, um ſich munter zu erhalten, und verbrachte ſo die Zeit glücklich, bis der bleiche Schein der Dämmerung am Himmel durch die Baumwipfel ſichtbar und der Horizont von leiſer Röthe angehaucht wurde. Jetzt ging er hinaus, ſah nach den Pferden und fütterte ſie ab. Als er wieder eeintrat, ſtrahlte die erſte Glut der Morgenſonne durch die Fenſter und erhellte das Gemach. Nunmehr weckte er die Schläfer. Alle, von Schlummer noch halb betäubt, waren wie bezaubert, ſich ſo von Licht und Purpur umſtrahlt zu ſehen. Beſonders Margarethe konnte ſich erſt gar nicht be⸗ ſinnen und glich einer aus ſchwerer Fieberkrankheit Er⸗ weckten. Doch der Morgen übte ſeine belebende Kraft. Thad⸗ däus hatte die Fenſter geöffnet, daß die friſchkühle, aber balſamiſch durchhauchte Luft eindrang; die Sonne blitzte durch die von Millionen Regentropfen funkelnden Bäume und Geſträuche; der durch das Unwetter verſcheuchte Chor 91 der Vögel hatte ſeinen tiefe Laubſchlupfwinkel verlaſſen und ließ helle Stimmen erſchallen. Alle fühlten ſich wie neu geboren bei dieſem Frühlings⸗ morgengruß; er erfüllte ihre Herzen mit Andacht und Dank für die Gefahr, die die lenkende Hand Gottes abgewandt hatte; Muth und Hoffnung gewannen ihr Recht wieder. In wenigen Minuten waren ſie reiſefertig. Thaddäus führte die ausgeruhten, hell wiehernden Reitpferde vor, hielt ſeinem Herrn den Bügel und ſchwang ſich dann ſelbſt in den Sattel.— Margarethe hatte auf dem Wagen an der Seite ihres Vaters Platz genommen.— Sie ſchlugen, die Reiter voran, den Weg nach dem Neckar hinunter wieder ein. Er war von dem furchtbaren Regen, der noch in den tief gehöhlten Erdſpalten als trübes Wildwaſſer dahin⸗ rauſchte, ganz ausgewühlt. Doch auf dem Raſen⸗ und Moos⸗ boden des Waldes, mit geſchicktem Einbiegen zwiſchen Bäu⸗ men und Gebüſchen, gelang es ſelbſt mit dem Wagen vor⸗ wärts zu kommen. Nach kurzer Friſt hatten ſie die größere Landſtraße erreicht, wo ihre Wege ſich ſcheiden ſollten. Walter mußte ſich rechts nach ſeinem Wohnſitz und nach Heidelberg zurückwenden, der Kanzler links, nach dem Ge⸗ birgsſtädtchen Hirſchhorn, deſſen altes Schloß ihm ſchon in der Morgenſonne von ſeiner dunkeln, ſichtenbewachſenen Bergkuppe entgegen leuchtete. Der Abſchied zwiſchen Allen, die ſich Tages zuvor noch ganz fremd geweſen, allein in Folge der ſeltſamen, aben⸗ teuerlichen Ereigniſſe jetzt für ewig durch eine gemeinſame unverlöſchliche Erinnerung verbunden waren, war innigſt herzlich. Margarethe wollte einen Kuß warmer Dankbar⸗ keit auf Budowa's Hand drücken; dieſer zog ſie väterlich ans Herz.— Daß ſie ſich unter dem düſtren Gewölk ſchwererer Verhängniſſe, als dieſe ſchauerliche Nacht, dereinſt wieder treffen ſollten, verhüllte ihnen die gnädige Weisheit des Himmels! Jetzt aber erfriſchte ſie der Hauch des Mor⸗ gens, der Purpurſtrom der Sonnenſtrahlen, der Fluß und Berge anleuchtete; und ſo ſchieden ſie getroſt, die Hoff⸗ nung Gottes im Herzen. Ueuntes Capitel. In der Waffenhalle des Schloſſes zu Amberg ſaß der Herzog Chriſtian von Anhalt, wie er in der Abendſtunde pflegte, im Kreiſe ſeiner Familie. Der Abend⸗ imbiß war aufgetragen; Vater und Mutter, Söhne und Töchter, die ältern und jüngern, ſaßen um den runden Tiſch, und ein heiteres Geſpräch belebte den zutraulichen Kreis. Der Herzog war ein Mann im kräftigſten Alter, einund⸗ funfzig Jahre; er hatte Vieles erfahren, große Reiſen ge⸗ macht, verſchiedenen Fürſten in Geſchäften des Friedens und des Krieges gedient, und ſich neben den wiſſenſchaftlichen und Sprachkenntniſſen die wichtigeren von Welt und Men⸗ ſchen in einem ſeltenen Maße erworben. Wegen ſeiner Kriegskenntniſſe und ſeines mehrfältig bewährten Feldherrn⸗ talents war er ſchon ſeit zehn Jahren zum Generaloberſt⸗ lieutenant der proteſtantiſchen Union erwählt, während der Markgraf Joachim Ernſt der Oberführer des Heeres war. So tapfer und einſichtig er ſich in dieſem Verhältniß und 93 als Krieger überhaupt benommen, ſo war er doch von Her⸗ zen gutmüthig, im Sinn einfach und redlich, und befand ſich nirgends lieber als im Kreiſe der Seinigen, wo er nach Be⸗ ſeitigung der Tageslaſt ſich ganz der gemüthlichſten Heiter⸗ keit überließ. Seinen innerſten Kern lernte man an ſeinem Familientiſch kennen.— Neben ihm ſaß ſeine Gattin, Anna, Gräfin von Bentheim, eine immer noch ſchöne Frau, obwol ſie ihm ſechzehn Kinder, ſechs Söhne und zehn Töchter, geboren hatte, von denen indeß drei der Söhne und zwei der Töchter jung geſtorben waren. Die elf lebenden Kinder ſaßen ringsum am Tiſche, die kleinſten wie die größten. Prinz Chriſtian, der Aelteſte, ein Jüngling von faſt zwanzig Jahren, neben dem Vater; das kleinſte, ein blond⸗ lockiges Mägdlein, die erſt etwas über zweijährige Prinzeß Dorothea Bathildis, dicht neben der Mutter auf einem erhöhten Stühlchen. „Du wollteſt uns ja heut etwas von den Türken er⸗ zählen“, erinnerte die kleine zehnjährige Prinzeß Amoena Juliana den Vater, und ſah ihn bittend an. „Ja wol“, rief lebhaft der Prinz Ernſt, der nur ein Jahr älter war,„geſtern haſt du's verſprochen, Vater!“ „Wenn ich's verſprochen habe, muß ich wol Wort halten“, erwiderte der bärtige Kriegsmann mit einem freundlichen Lächeln zu ſeiner kleinen Tochter Amoena Juliana hinüber, die er beſonders lieb hatte, nicht nur wegen ihres holden Weſens, ſondern auch weil er ihren feinen Körperbau und die durchſichtige Lilienhaut, die den zarten Zügen einen beſondern Reiz gab, ſtets mit einem Anflug von Beſorgniß betrachtete, und ihr rüh⸗ rendes Schickſal, wenn nicht ahnte, doch vielleicht fürch⸗ tete, das ſie als eine geöffnete Knospe der Jungfräulichkeit ſchon in ihrem ſiebzehnten Jahre von der Erde abforderte! Dem Blick des Vaters wie dem des Arztes ſchien ſich der Keim der Bruſtleiden, an denen ſie ſo jung dahinwelken ſollte, ſchon jetzt in dieſer duftig zarten Körperlichkeit zu enthüllen! So hatte denn der Herzog, wie ſehr er alle ſeine Kinder liebte und ihnen freundlich war, doch für dieſes Töchterchen immer noch einen Vorzug liebevoller Willfäh⸗ rigkeit. „Willſt du denn auch ſo gern von den Türken hören, Amoena?“ fragte er ſie, und da ſie munter nickte, fuhr er fort:„Der regnigte Abend iſt auch am tauglichſten zu ſolcher Unterhaltung; in den Garten könnt ihr doch nicht mehr hinaus.— Ja, die Herren Türken mit ihren grimmigen Bärten und krummen Säbeln habe ich ſchon kennen gelernt, bevor ich ſelbſt einen Bart hatte!“ „Chriſtian hat doch ſchon einen kleinen“, rief Prinz Ernſt neckend und ſah ſeinen Bruder lachend an. „Ich war auch noch nicht ſo alt wie er“, erwiderte der Vater,„nur drei Jahre älter als du, vierzehn Jahre, als ich nach Konſtantinopel kam. Die Veranlaſſung der Reiſe war gerade nicht die erfreulichſte, denn des Kaiſers Rudolf Seliger, Majeſtät, ließ dem Sultan durch eine Geſandtſchaft reiche Geſchenke überbringen, mit denen wir uns von der allzu ſtürmiſch andringenden Wildheit der Muſelmänner leider loskaufen mußten und zu Zeiten noch müſſen! Nun, ich hoffe zu Gott, es wird auch eine Zeit kommen, wo wir uns den Türken blos mit unſern guten Klingen vom Leibe halten!“ „Ja, das hoff' ich, Vater“, rief der Prinz Chriſtian in edler Jüngslingsaufwallung. 4 „Die Zeit wäre ſchon da, hätten wir nicht immer untereinander ſoviel Hader zu ſchlichten in Deutſchland“, ſagte der Herzog mit einem halben Seufzer. 95 „Aber erzähle doch“, rief Prinz Ernſt, der die Ab⸗ ſchweifungen nicht liebte. „Nur Geduld, du fürwitziger Unart“, ſchalt der Vater ſcherzhaft;„ich werde bald genug auf der Reiſe ſein.— Da ich noch nicht viel mehr Verſtand und Vernunft hatte als du, wurde mir ein hochehrenwerther Begleiter und Füh⸗ rer, mein nun in Gott ruhender Freund und Lehrer, Graf Adam von Schlieben auf Tannendorf, Rath des Kurfürſten von Brandenburg, mitgegeben. Am 22. März Anno 1583 kamen wir nach Prag. Das iſt euch eine herrliche Stadt, „Kinder! Das Schloß in dem Theile, ſo der Hradſchin heißt, liegt hoch auf dem Berge, ſodaß man die ganze Altſtadt jenſeit der Moldau, ſammt der Moldaubrücke, überſchauen kann. Man ſteht hoch über den Thurm⸗ ſpitzen!“ „Ich möchte wol auch einmal nach Prag reiſen, lieber Vater, und überhaupt recht große Reiſen machen wie Bru⸗ der Chriſtian“, rief Prinz Ernſt;„du haſt mir's ſchon ſo lange verſprochen, Vater, und es iſt wahrhaftig an der Zeit, daß ich doch auch ein wenig in die Welt komme! Chriſtian iſt ſchon in Italien und in Frankreich und in London ge⸗ weſen; ich noch nirgends!“ „Du kleiner«Guck in die Welt) willſt ſchon in die Welt gehen?“ ſagte die Herzogin lächelnd und drohte ihm mit dem Finger. Doch der Vater ſagte:„Je nun, zu einer Reiſe kann wol Rath werden, Ernſt, wenn du fleißig und fromm biſt. Allein nach Prag, das iſt jetzund nicht wol an der Zeit, ſolange der Krieg dauert.... Aber es iſt beſſer, von vergangenen Zeiten erzählen, als an die Gegenwart denken! Wir blieben nur zween Tage in Prag, denn wir hatten Eile. Nach Wien nahmen wir die Straße über Czaslau. —³— — 96 Das war mir ganz beſonders wichtig. Warum wol? Weißt du das? Ernſt! Chriſtian!“ Ernſt beſann ſich und wußte nichts; doch der Prinz Chriſtian antwortete nach einigem Zögern:„Mich dünkt, des berühmten Ziska Grab iſt daſelbſt.“ „Richtig!“ „Ach ja wol, jetzt beſinne ich mich auch“, ſagte Ernſt, „das hat uns der Herr Magiſter Scrinarius ja erzählt! Das war der alte Huſſitengeneral, der nur ein Auge hatte... „Aber mit dem einen mehr ſah als die meiſten Feld⸗ herren mit zweien, und als mancher nicht mit hundert ſehen würde. Zuletzt war er gar blind, und war doch der Führer Aller!“ ſagte der Herzog mit Nachdruck. „Das muß ein Mann geweſen ſein!“ rief Prinz Chriſtian leuchtenden Blicks. „Deshalb beſuchten wir auch ſein Grab. Von dort zogen wir zu Pferd gen Wien. Hier mußte ich zuvörderſt Sr. Majeſtät dem Kaiſer Rudolf dem Zweiten vorgeſtellt werden. Dies geſchah am zwanzigſten Aprilis. Der kaiſer⸗ liche Herr bezeugte mir viele Huld und Gnade. Dennoch aber ging es mir übel!“ 6 „Wie das? lieber Vater!“ fragte die Prinzeſſin Eleo⸗ nore Marie, welche bisher ſtill, achtſam zugehört hatte. Sie war die älteſte der Schweſtern, und ſtand eben in der reizendſten Blüte der Jugend, da ſie wenige Monate ſpäter, am 7. Auguſt, neunzehn Jahre alt werden ſollte. „Je nun, Töchterchen, es geht im Leben nicht immer ſo, wie man glaubt und wünſcht. Gott ſchickt uns inrnche Prüfung. Das wirſt auch du noch erfahren!“ Der Vater weiſſagte; denn dieſe liebe Tochter, die ſich ſpäterhin mit dem Herzoge von Mecklenburg vermählte, 97 hatte ſchwere Lebensſchickſale zu überdauern! Der Gemahl ſtarb ihr früh, und ein herrſchſüchtiger Bruder deſſelben entriß ihr einziges Kind gewaltſam der mütterlichen Obhut und Sorge, um ſelbſt die Vormundſchaft darüber zu führen, ſodaß ſie herbe Jahre durchweinte!—— „Ich erkrankte“, fuhr der Vater erzählend fort,„an den Blattern. So konnte ich erſt am 10. Mai auf der Donau zu Schiff gehen; doch waren wir am 12. ſchon auf türkiſchem Gebiet.“ „Wie? Schon ſo ſchnell? Iſt der Strom denn ſo furchtbar geſchwind“, fragte Prinz Ernſt. „Reißend genug iſt er, obwol doch nicht ſo furchtbar, wie du denkſt. Allein das türkiſche Gebiet war uns allzu nahe damals! Die Stadt Ofen ſchon gehörte dem Erbfeind der Chriſtenheit an, und ein türkiſcher Paſcha hatte ſeinen Sitz darin. Dort trafen wir am 12. Mai ein.“ „Nun ſind wir alſo bei den Türken“, rief die kleine Amoena lebhaft, und ihre zarten Wangen färbten ſich mit lieblicher, anfliegender Röthe. „Ja! mitten unter den Türken!“ bekräftigte der Vater munter.„Nun hört zu! Jetzt werden ſchauerliche Geſchichten kommen!“— Alle blickten ihn geſpannt an. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Saalthür und der Leibdiener des Herzogs, ein alter kriegeriſcher Graukopf, trat, mit mehrern Briefen in der Hand, ein.„Briefe aus Heidelberg und Eger, an Ew. fürſtlichen Gnaden“, ſprach er, indem er ſie dem Herzog überreichte.„Auch läßt ein fremder Herr anfragen, ob er Ew. fürſtlichen Gnaden ſo ſpät die Aufwartung machen könne, da er ſoeben erſt in Amberg eingetroffen ſei und morgen mit dem Früheſten wieder abreiſen müſſe!“ „Wie heißt er denn?“ fragte Herzog Chriſtian verwundert. Rellſtab, Dret Jahre. II. 1. —. 98 Der Leibdiener war ein wenig verlegen.„Ja, der Name, gnädiger Herr— der war ſo ſeltſam“, ſprach er verwirrt, „ich habe ihn nicht behalten können! Es iſt aber ein böh⸗ miſcher Herr.“ „Nun es wird wol einer meiner alten böhmiſchen Freunde ſein“, ſagte der Herzog lächelnd;„aber Kunz, du ſollteſt doch deinem alten Gedächtniß etwas ſchärfere Sporen geben, daß es dich nicht immer ſtecken läßt!“ „Was hilft's, Ew. Gnaden!“ ſeufzte der Alte halb komiſch;„einem ſteifen Gaul kann man das Eiſen in die Rippen drücken ſo viel man will, er wird doch kein Wett⸗ renner!“ „So bitte den fremden Herrn nur einzutreten!“ Kunz ging hinaus. „Ja Kinder, um die Geſchichte von den Türken werdet ihr heut wol kommen“, wandte ſich der Herzog zu der kleinen Familie, in der dieſe Worte ein trübſeliges Murmeln hervorbrachten.„Seltſam, Anna“, ſagte er zu ſeiner Ge⸗ mahlin,„indem ich von meiner böhmiſchen Reiſe erzähle, kommen Briefe und Gäſte von dort her!“ Er brach zugleich den Brief aus Eger auf, durchflog ihn und rief mit ſtaunendem Kopfſchütteln aus:„ Hm! Die Böhmen haben den Teufel im Leibe! Der Thurn geht vor⸗ wärts wie ein Attila!“ „Alſo Nachrichten vom Kriege?“ rief Prinz Chriſtian lebhaft aus, und ſtand raſch auf, um zum Vater zu treten. „Mein Freund Sternberg“, erwiderte der Herzog,„ſchreibt mir aus Eger, daß Thurn in Mähren völlig Herr iſt, und ſchon gerad auf Wien los marſchirt. Und der Mans⸗ feld macht bei Budweis dem Boucquoi alle Hände voll zu thun. Sie wollen ihre Rechte oder Forderungen zu Wien in der Kaiſerburg ſelbſt durchſetzen!“ „Es iſt doch ein großherziges, kühnes Volk, dieſe Böhmen“, rief der junge Prinz Chriſtian auf dieſen Bericht des Vaters aus. „Wenn ſie nur nicht die Hand zu weit ausſtreckten“ erwiderte der Vater mit beſorglichem Ton. In dieſem Augenblick öffnete der Leibdiener die Thür, und Wenzel von Budowa trat ein. „Herr Kanzler! Wahrhaftig, Ihr ſeid's!“ rief der Herzog raſch aufſtehend freudig aus, ging dem Eintretenden entgegen und ſchüttelte ihm die Hand.„Seid mir herzlich willkommen!“ „Vergebt meinen ſpäten Beſuch, durchlauchtigſter Herr“, erwiderte Budowa,„allein ich wollte doch nicht durch Am⸗ berg reiſen, ohne Ew. Durchlaucht zu begrüßen; und morgen mit dem Früheſten muß ich weiter!“ „Beſſer ſpät, als gar nicht“, erwiderte der Herzog, „allein Ihr ſeid zu eilig. Wollt Ihr's Euch nicht ein paar Tage auf dem Schloß gefallen laſſen?“ „Ich muß beſtens danken, gnädigſter Herr; dringende Gründe treiben mich zur Eile. Ich komme von Heidelberg!“ „Von Heidelberg! Soeben erhalte ich Briefe aus der Kanzlei, habe ſie aber noch nicht geleſen. Hätten wir viel⸗ leicht gar Geſchäfte miteinander?“ „Das wäre wol möglich!“ antwortete der Kanzler. „Nun, die jedenfalls nachher! Erſt einen Becher des Willkommens.— Doch vergebt, in der Freude des Wieder⸗ ſehens habe ich ganz vergeſſen, Euch der Herzogin vorzu⸗ ſtellen. Liebe Anna“, wandte er ſich zu dieſer,„du ſiehſt hier in dem gelehrten Herrn Kanzler Wenzel Budowa von Budowecz einen meiner liebſten Freunde aus Prag, der mir bei der letzten Anweſenheit dort, da ich in der An⸗ gelegenheit von Donauwörth und der jülichſchen Erbſchafts⸗ . 5* 100 ſache zu Sr. Majeſtät dem Kaiſer Rudolf geſandt war, die wichtigſten und getreueſten Dienſte geleiſtet hat.“ Die Herzogin begrüßte den Gaſt mit dem ihr eigenen vornehmen Anſtande, und doch mit herzlicher Freundlichkeit. Herzog Chriſtian ſtellte ihn hierauf ſeinem Erſtgeborenen und den älteren Prinzeſſinnen vor. Ohne vieles Ceremoniell wurde er eingeladen, an der Abendtafel zwiſchen dem herzog⸗ lichen Ehepaar Platz zu nehmen. Die kleine Bathildis, die ſchon müde war, wurde von der Wärterin zu Bett ge⸗ bracht, die Herzogin rückte an ihren Platz, und ſo entſtand Raum für den Gaſt. „Ungar⸗ oder Rheinwein?“ fragte der Herzog. „Nach Eurer Beſtimmung, gnädigſter Herr“, erwiderte Budowa ſich verneigend. „Nun, wir brauchens ja mit keinem zu verderben, können's mit beiden halten“, ſcherzte der Herzog,„und wenn uns meine junge Garde hier ein wenig hilft, ſo nehmen wir's auch mit Zweien und Dreien auf, denke ich!“ Die herzliche, zwangloſe Aufnahme führte bald ein ebenſo herzliches zwangloſes Geſpräch herbei. Der Herzog theilte dem Kanzler den In alt des eben aus Eger empfan⸗ genen Briefes mit, der für dieſen die wichtigſten Neuigkeiten enthielt. Es konnte nicht fehlen, daß die Angelegenheiten Böhmens, die die Aufmerkſamkeit von ganz Deutſchland beſchäftigten, auch ſogleich der Gegenſtand des Geſprächs waren. Dieſes nahm bald eine ſo ernſte Färbung an, daß es dem Herzog nicht angemeſſen ſchien, es in Gegenwart der jüngern Familie fortzuſetzen. Ohne weiteres hieß er daher, wie in einem bürgerlichen Hauſe, die Kleinen auf⸗ ſtehen, und indem er ſie einzeln bei Namen rief, ſagte er ihnen:„Jetzt lauft noch ein wenig durch den Garten. Der Regen iſt ſo arg nicht, und vom Mairegen wachſet ihr; — danach geht alle zu Bett. Vergeßt aber Euer Nacht⸗ gebet nicht!“ ſetzte er ernſt hinzu. Alle die Kleinen, die Prinzen Ernſt und Friedrich, die Prinzeſſinnen Agnes Magdalena, die erſt ſieben Jahre zählte, Amoena, und Anna Sophie ſogar, die bald ihr funfzehntes erreichte, ſprangen munter auf, küßten den Aeltern die Hand, und huſchten dann hinaus durch die große Glasthür der Halle auf die Terraſſe und in den Garten hinunter. Nur Prinz Chriſtian und ſeine beiden älteſten Schweſtern, Eleo⸗ nore Marie und Sibylla Eliſabeth, eine anmuthige fein⸗ gebildete Jungfrau von ſiebzehn Jahren, blieben am Tiſch. Es dämmerte ſchon; die Kerzen wurden aufgeſetzt, und man rückte zum traulichern Geſpräch enger zuſammen. „Ihr ſeht mir nicht heiter aus, alter Freund“, begann der Herzog Chriſtian;„habt Ihr Kummer, habt Ihr Sorgen?“ „O, gnädigſter Herr“, entgegnete Budowa,„wie ſollte ich nicht Sorgen und Kummer hegen bei dem Stand der Dinge in meinem theuern Vaterlande!“ „Nun, ich dächte, mit dem dürftet Ihr zufrieden ſein“, erwiderte der Herzog Chriſtian,„nach Dem, was ich Euch ſoeben mitgetheilt habe. Der Krieg geht ſo glücklich!“ „Auch ein glücklicher Krieg iſt ein großes Unglück, vollends dieſer“, entgegnete Budowa. „Da habt Ihr wol Recht“, antwortete Herzog Chriſtian kopfſchüttelnd, und die Herzogin ließ zugleich ein leiſes „Jawol!“ hören.„Indeſſen die glücklichen Wendungen müſſen Euch doch große Hoffnung geben!“ „Das Kriegsglück wechſelt“, antwortete der Kanzler bedenklich;„auch iſt der äußere Feind nicht der einzige, vielleicht nicht der ſchlimmſte, den Böhmen zu bekämpfen hat! Es iſt wund, ſchwer krank in ſeinem Innerſten!“ ——— 102 „Falls aber der König Ferdinand, was doch zu hoffen, wenn er den bedenklichen Ausgang eines längern Kampfes erwägt, nachgibt, euch eure Forderungen bewilligt....“ „Setzen wir ſelbſt dieſen unwahrſcheinlichen Fall, gnä⸗ digſter Herr“, antwortete der Kanzler,„und fragt Euch, wie alsdann der Zuſtand Böhmens ſein würde! Liebe und Vertrauen könnte wol ein König, der unſere Forderungen ſo ungern erfüllt, der nur der Gewalt weicht, niemals zu uns haben— und wir nicht zu ihm!“ „Es würde freilich ſchwer halten“, gab Herzog Chri⸗ ſtian zu. „Und wäre der Zuſtand eines Landes, wo ſich Volk und Herrſcher, Stände und König mit gegenſeitigem Mis⸗ trauen und verhaltenem Groll bewachen, nicht ſchon an ſich ein trauriges Ereigniß?“ fuhr Budowa in ſeiner Rede fort.„Vollends aber für Böhmen, das ſeit zwei Jahr⸗ hunderten die traurigſten Erfahrungen gerade wegen ſolcher Verhältniſſe gemacht hat? Der Majeſtätsbrief des Kaiſers Rudolf hat uns nicht geſchützt; ſeine Erneuerung oder Be⸗ ſtätigung und Erweiterung wird uns auch nicht ſchützen. Für den Augenblick vielleicht, ſolange mit der Gewalt nichts dagegen durchzuſetzen iſt. Wenn aber Ferdinand die Macht in ſeinen Händen glaubt, wird er dann die Bedin⸗ gungen halten, die er jetzt eingeht? Wie iſt es ergangen in den letzten zehn Jahren? Der gute Wille unſere Ge⸗ rechtſame, unſere Religion zu achten und zu ſchützen war nicht da; und ſo wurde jeder einzelne Fall zu einer Kette von Schwierigkeiten, bis im verwichenen Jahre der hohle Grund des Gebäudes zuſammenbrach!“ „Es iſt genau jährig! Wir ſchreiben ja heut den drei⸗ undzwanzigſten Mai!“ bemerkte der junge Fürſt Chriſtian, der mit Eifer dem Geſpräch zuhörte. 103 „Wahrhaftig! Daran hatte ich noch gar nicht gedacht“, rief der Herzog. „Ich wohl! den ganzen Tag über“, verſetzte der Kanzler. „Es iſt eine unſelige Erinnerung!“ „Wie?“ fragte der junge Prinz Chriſtian betroffen; „denkt Böhmen ſo von ſeiner eigenen Erhebung?“ „Unſere Sache war gut; allein die Leidenſchaft hat viel verdorben“, antwortete Budowa.„Und was hat es genützt, daß man über einige der Schuldigſten herfiel, ihnen zu viel oder zu wenig that, ſtatt ſie ſtreng zur geſetzlichen Ver⸗ antwortung zu ziehen? In ganz Deutſchland tadelte man uns, machte uns heftige, und ich darf nicht ſagen, ungerechte Vorwürfe! Slawata und Martiniz aber ſind heut natürlich unſere viel erbitterteren Feinde; ſie ſchaden uns mehr als jemals, ja ſelbſt ihr Helfershelfer Fabricius hat Macht alle ränkevollen Künſte ſeiner Erbitterung zu üben!— Wären ſie verhaftet, dann ruhig, ernſt vor Gericht geſtellt worden, wie die Meinung der Meiſten war, die ſich zu dem ent⸗ ſchloſſenen Schritt gegen ſie vereinigt hatten, wir hätten ſie noch in unſerer Gewalt, und ſie würden uns ſammt vielen ihrer Anhänger als Unterpfänder gedient haben, um das⸗ jenige ſchnell, vortheilhafter und mit minderer Gehäſſigkeit zu erreichen, um was wir jetzt ſchon ein Jahr blutig kämpfen!“ „Ihr habt nicht Unrecht; allein was hinderte Euch damals ſo zu verfahren?“ fragte Herzog Chriſtian. „Was den Menſchen ſo oft hindert und irre führt: die Verblendung der Leidenſchaften! Einige meinten, es müſſe nun mit Einem Schlage alles Unheil Böhmens beendet werden! Die kaiſerlichen Räthe zum Fenſter hinaus, die Jeſuiten zum Lande, dann würden wir reine Luft athmen! Es gab aber auch Andere, die nur einen unheilbaren Bruch = 104 wollten, der einen friedlichen Rückzug unmöglich mache, damit ſie bei dem Umſturz alles Alten ſich ein neues Glück gründen, Ehre, Macht, Reichthum in ihre Hände bringen könnten. Dieſe waren nicht verblendet von ihrer Leiden⸗ ſchaft, ſo hoch die Flamme derſelben aufſchlug, ſondern ſahen ganz klar, wie die Dinge kommen mußten; allein ſie wollten ſie ſo, um ihres Vortheils willen, und nutzten den Taumel der Andern, um ſie in den Strudel hineinzu⸗ treiben.“ „Wie?“ rief der junge Fürſt Chriſtian voll edlen Un⸗ willens,„alſo nehmt Ihr an, Herr Kanzler, daß Niemand aus wahrer, heiliger Ueberzeugung für Glauben und Recht den großen Kampf in Böhmen unternommen habe?“ „O nein, mein theurer Prinz“, entgegnete der Kanzler, „das ſei fern von mir! Die edelſten Männer Böhmens haben ſich erhoben für die edle Sache; es glüht eine Flamme heiliger Begeiſterung in ihrer Bruſt; und ſie werden, ſollte die ſchwere Prüfung über uns kommen, kein Opfer, auch den Tod nicht ſcheuen, für Recht und Glauben! Allein in Augenblicken wilden Sturmausbruchs iſt es nicht die Stimme des Edlen, des Ruhigen, die ſich geltend macht, ſondern gerade die der entzündetſten Leidenſchaft, und die Derjenigen, welche die gute Sache als Mantel um ihre ſchlechte oder eigennützige hüllen. Ueberdies, begeiſterte Aufwallung täuſcht oft ſelbſt die Beſten über die richtigen Wege zum Ziel, wenn ſie auch nur dieſes im Auge haben! Ich ſelbſt war vielleicht leidenſchaftlicher, als ich hätte ſein ſollen.— Dies Alles wirkte zuſammen in Böhmen bei dem Ausbruch des Aufſtandes. Das erſte Loſungswort damals war: zertrümmert nur das Alte, Feindſelige, dann wird ſich das Neue, Heilſame wie von ſelbſt aufbauen. Man hätte aber ſagen ſollen: reiße dein Haus nicht nieder, bis der Grund zu dem neuen feſt F — S gelegt, ja bis es aufgebaut iſt. Jetzt wohnen wir, ohne ſicheres, neues Obdach, unter den Einſturz drohenden Trümmern des alten. Nun freilich bleibt uns keine Wahl, damit uns ſein einſtürzendes Gewölbe nicht erſchlage, den alten Bau vollends einzureißen, und dadurch Raum zu ſchaffen für den neuen!“ Alle horchten der Rede lauſchend, und Prinz Chriſtian hing mit flammendem Auge an dem Manne, der durch die Gewalt des klaren Worts ſo mächtig auf ihn wirkte. „Und was gedenkt Ihr jetzt zu thun?“ fragte endlich Herzog Chriſtian nach einer längeren Pauſe mit beſorglicher Miene. „Das zu beſprechen, würde wol in die Stunde unſe⸗ rer Geſchäfte gehören, gnädigſter Fürſt“, erwiderte der Kanzler. „Nun denn! Es wird Zeit auch an dieſe zu denken!“ antwortete Herzog Chriſtian.„Laßt mich nur erſt dieſe Briefe von Camerarius leſen, bei deren Empfang mich Euer Kommen überraſchte; dann wollen wir in mein Arbeits⸗ zimmer gehen.“ Mit dieſen Worten ſtand der Herzog auf, und ſetzte ſich, nachdem er ſeinem Gaſt abermals herzlich die Hand geſchüttelt, vor ein Marmortiſchchen in der Ecke des Saales, wohin ihm ein Diener einen Armleuchter mit zwei Wachs⸗ kerzen trug. Dort durchlas er die Briefe. Die Herzogin Anna, der junge Fürſt und die beiden Prinzeſſinnen unter⸗ hielten ſich inzwiſchen mit dem Kanzler. Er erfreute ſich des edlen Sinnes der Mutter, der zarten, frommen und doch gedankenklaren Ausbildung der Töchter, ſowie des feurigen Geiſtes des jungen Prinzen Chriſtian. Doch warf er von Zeit zu Zeit einen beobachtenden Blick auf den leſenden Herzog, der immer ernſter und ernſter zu werden . 5** en— 106 ſchien, und mehrmals das Haupt bedenklich ſchüttelte. Budowa konnte vermuthen, welcher Art der Inhalt der Depeſchen ſei. Doch beherrſchte er ſeine Gefühle, und blieb im auf⸗ merkſamen Geſpräch mit der fürſtlichen Familie. Die Her⸗ zogin erzählte ihm von dem Orden„zur goldenen Palme“, den ſie geſtiftet*), aus deſſen Statuten der ganze, fromme und ſittliche Sinn der edlen Frau hervorging. Mit innerſter Erwärmung dafür, theilte ſie ihm Einiges von den letzteren mit.„Ich habe“, ſagte ſie mit dem Ausdruck zarter Schwärmerei, welche den Frauen einen ſo holden Reiz verleiht,„dem Orden dieſe Benennung gegeben, weil die Palme das Bild des Friedens und das Gold das der höch⸗ ſten Koſtbarkeit iſt. Mehr aber ſpricht noch ein zweiter Name den Sinn unſers Bundes aus, wir nennen uns cden Bund der Getreuen». Es iſt dies nicht recht eigentlich der richtige Ausdruck, denn unſere Deviſen ſind franzöſiſch, da, wie Ihr wol wiſſet, Herr Kanzler, dieſe Art, ſchöne Lebenszwecke durch freie, aber heilige Verpflich⸗ tungen zu fördern, hauptſächlich in der Provence und in Frankreich zuerſt Sitte geweſen, und man dort die viel⸗ fältigſten Formen und Sinnbilder dafür hat.“ Der Kanzler verbeugte ſich zuſtimmend. „So nennen wir uns denn eigentlich:«La noble Aca- démie des Loyales.) Vor zwei Jahren, hier zu Amberg, ſtiftete ich den Bund. Wir ſind zwanzig weibliche Mit⸗ glieder: zehn fürſtliche, ſieben gräfliche und drei vom Adel. Unſer Zweck iſt, uns in Liebe und Treue ſo innig als mög⸗ lich zu vereinigen, und gemeinſam Frömmigkeit, Sitte und Bildung zu fördern, ſowol gegenſeitig unter uns als bei Andern, mit denen wir in Berührung treten. Wir haben *) Hiſtoriſch. 5 1⸗ — 8 gelobt, einander aufrichtig zu lieben und daher auch wahrhaft zueinander über unſere Fehler und Schwächen zu ſein, unſere Mängel aber einander mit Sanftmuth an⸗ zudeuten und mit Geduld zu ertragen. Kein Streit darf in uns keimen; unſer Verkehr ſteht unter der Obhut des Friedens und der Liebe. Von den Abweſenden dürfen wir nur das Gute beſprechen; den Vorgeſetzten leiſten wir Gehorſam, den Untergebenen Liebe.“ „O daß doch ſolche Grundſätze die der ganzen Welt wären“, rief der Kanzler lebhaft,„da würden wir aller ſchweren Sorgen und Mühen überhoben ſein!“ „Meine Töchter ſind ebenfalls Mitglieder des Bundes“, begann die Fürſtin wieder und blickte auf die beiden ſchö⸗ nen Prinzeſſinnen an ihrer Seite.„Jedes Mitglied hat außer dem allgemeinen des Ordens noch ſein eigenes Sinnbild, das es ſich ſeinem Charakter gemäß gewählt. Hier meine Tochter Eleonore Marie hat ſich einen goldenen Kreis gewählt, mit der Ueberſchrift«Sans fin» und der Unterſchrift«La constantey. Sie will ſtandhaft und be⸗ harrlich ſein, ohne Aufhören, wie die Kreislinie ohne Ende immer wieder ineinander läuft.“ „Ein ſchöner Vorſatz für das Leben mit allen ſeinen Kämpfen und Hinderniſſen!“ ſagte der Kanzler zu der Prinzeſſin, die in beſcheidenem Erröthen ſich leis an die Mutter ſchmiegte. „Hier meine ſanfte Sibylla Eliſabeth“, fuhr dieſe fort und wandte ſich zur zweiten Tochter,„hat ſich ein liebes ſtilles Bildchen gewählt, eine Turteltaube, die auf einer blühenden Gartenlaube ſitzt, mit der Ueberſchrift«La pai- sible» und der Unterſchrift«Tant que je vive!o“ „Mögen ſo ſtille weibliche Wünſche erfüllt werden“, ſagte der Kanzler, ſich gegen die Prinzeß verneigend. —y ———— ——— 108 „Wer ſich den Frieden im Herzen erhält, der wird ihn auch wol ſonſt erringen“, antwortete die Fürſtin ſtatt der Tochter und küßte ſie auf die weiße Stirn.„Wir beſchäf⸗ tigen uns nicht mit uns allein, Herr Kanzler“, nahm ſie das Wort wieder auf;„der Orden verfolgt ſeine Zwecke auch nach außen, und ſucht Andere des Glücks theilhaftig werden zu laſſen, nach dem er ſelbſt in Liebe und Fried⸗ ſeligkeit ſtrebt. So ſuchen wir durch kleine Beiträge für die Erziehung armer Kinder Sorge zu tragen, daß ſie Nützliches lernen und vor allem in Gottesfurcht und chriſt⸗ licher Liebe unterwieſen werden. Abwechſelnd iſt Eine von uns die obere Aufſeherin dieſes Unterrichts, durch den wir den kindlichen Herzen das wahrhafte Glück auf dieſer Erde zuzuwenden hoffen.“ Budowa war ſanft bewegt.„Welch ſchöne Werke des Friedens baut Ihr hier auf, gnädigſte Fürſtin“, ſprach er, „während wir nur die Arbeit des Kriegs und der Zerſtö⸗ rung thun!“ „Es iſt ja Pflicht der Frauen, für die Kinder zu ſor⸗ gen, im Hauſe und im Herzen“, antwortete die Herzogin lächelnd.„Und den Frieden im Herzen“, fuhr ſie ernſter fort,„baut der Glaube und die fromme Uebung der Pflicht. Uns in Beidem zu ſtärken, iſt Zweck unſeres Vereins.“ „Wer ſolch ein Aſyl hat, der kann auch Krieg und Stürme da außen ertragen“, entgegnete der Kanzler,„er findet immer ſein Ruhekiſſen nach der härteſten Arbeit.“ „Und was hindert, daß ein Jeder ſich dieſe tröſtende Zuflucht öffne?“ fragte die Herzogin. „Wohl habt Ihr Recht, edle Frau“, antwortete der Kanzler, indem er ſich auf ihre Hand beugte und ſie ehr⸗ — 109 furchtsvoll, aber mit Wärme küßte;„es iſt unſer Ver⸗ ſchulden, wenn wir es uns nicht auch gründen. Ich möchte in Euren Orden treten, um mich gleichfalls für ſo heiligen Wandel und Zweck zu kräftigen!“—— „Wenn's Euch genehm wäre, Herr Kanzler, könnten wir jetzt in mein Zimmer gehen“, unterbrach der Herzog das Geſpräch und ſtand von ſeinem Seſſel auf. Beide verließen die Halle. Die Herzogin mit ihren Töchtern und dem Prinzen Chriſtian blieben zurück; da der Vater ihnen nicht Gute Nacht geſagt, wußten ſie, er zähle darauf, ſie noch wieder zu treffen. Die Fürſtin hieß die zweite Prinzeß, Sibylla Eliſabeth, welche die Kunſt der Muſik mit ebenſo großer Anlage als warmer Liebe pflegte, ihre Laute holen, um ein frommes Lied zu ſingen. Sie that es. Die Mutter mit dem Prinzen Chriſtian und ſeiner Schweſter Eleonore Marie hatten ſich an eines der hohen Gartenfenſter geſetzt. Sibylla nahm ihren Platz an dem Tiſche, wo der Vater geſeſſen hatte und wo die Kerzen noch ſtanden. Sie legte das No⸗ tenblatt darauf, da ihr das Lied noch nicht ſo ganz geläufig war, daß ſie nicht vielleicht einmal hätte hineinblicken müſſen. Das Licht der Kerzen fiel auf ihr Antlitz; die Mutter und Geſchwiſter ſchauten von der dunkeln Stelle zu ihr hinüber von ſanfter Rührung bewegt durch den Anblick der ſchönen frommen Schweſter, der das ſeidenweiche, lichtbraune Haar, auf der weißen Stirn getheilt, in Locken auf Nacken und Schultern herabwallte. Sie hing die Laute um, und wäh⸗ rend draußen der Abendwind in den feuchten Wipfeln der Bäume durch den dunklen Garten rauſchte, ließ ſie die ſanften Klänge der Saiten und ihrer ſüßern Stimme er⸗ tönen: 110 O Herz, laß dich nicht ſchrecken Die dunkle, dunkle Nacht! Wie tief ihn Wolken decken, Der Himmel droben lacht. Es ziehn die lichten Sterne Still ihre goldne Bahn, Sie blicken aus der Ferne Die Erde troſtreich an. Sie wandeln immer weiter, Und enden ſie den Lauf, Steigt auch der Morgen heiter Schon hinter ihnen auf. Drum geh' auch du in Frieden Fromm durch die Erdennacht, Bald iſt dem Wandermüden Der Morgen hell erwacht. Sie hatte kaum geendet, als die Seitenthür ſich öffnete und der Vater mit dem Kanzler heraustrat. Beide ſahen ſehr ernſt, aber zugleich tief, innig bewegt aus. „Dein Lied iſt durch die offenen Fenſter bis zu uns hinübergeklungen, Sibylla“, ſprach der Herzog mit ſehr weichem Ton. „Und hat uns Herz und Seele erquickt“, fiel der Kanz⸗ ler ein. Sibylla erröthete; Alle ſchwiegen. Es herrſchte eine ängſtlich tiefe Stille, nur von dem Rauſchen des Nacht⸗ windes unterbrochen. „Nun gehabt Euch wohl, edler Freund“, ſagte endlich der Herzog zu Budowa, indem er ſichtlich ſeine Kraft zu⸗ ſammenraffte.„Noch einmal! Mein Rath ſei wie er wolle, — 111 was mein gnädigſter Kurfürſt beſchließt, iſt auch mein Beſchluß. Und dann gehört ihm mein Arm, mein Herz und mein Haupt!“ Ein ſeltſames Gefühl der Ahnung von etwas ſchwer Bedeutungsvollem ergriff die Herzogin und ihre Kinder bei dieſem Worte. Der Kanzler erwiderte nichts mehr; er empfahl ſich ſchweigend, mit warmem Händedruck beim Her⸗ zog, mit ehrerbietigem Handkuß bei der Herzogin und mit tiefer Verbeugung bei dem Fürſten Chriſtian und den Prin⸗ zeſſinnen. „Anna, Kinder“, ſagte der Herzog, da ſie allein waren, ſehr bewegt,„laßt uns den Abendſegen beten mit recht demüthigem Herzen. Die Zeit iſt ſchwer, doch der Herr iſt mächtig und gnädig!“ 5 — 2 ☛ — — A o —— ͦ—— Zehntes Capitel. In der früheſten Morgendämmerung eines Junitages, der überaus heiß zu werden drohte, rückte ein Cornet Reiterei auf der Straße von Pilſen nach Budweis vor. Der Weg zog ſich durch dichten Fichtenwald, der ſich von beiden Seiten über hüglichten Boden ſtundenweit hin erſtreckte. Tiefe Stille und dämmerndes Halbdunkel, gemiſcht aus Sternenlicht und Morgenröthe, die ſich am äußerſten Himmelsrande von Norden her nach Oſten hinzog, lag noch über der Land⸗ ſchaft. Niemand ſprach ein Wort; man hörte nur den ein⸗ förmigen Tritt der Pferde, von Zeit zu Zeit durch das Schnaufen der angeſtrengten Thiere unterbrochen. Auch die Leute waren ſämmtlich müde; denn ſie waren ſchon die Nacht hindurch marſchirt. Ihr Führer, dem ein breit⸗ krämpiger Hut mit ſchwarzer Feder das Geſicht tief be⸗ ſchattete, ritt ebenfalls ſtumm, wie es ſchien in ernſte Be⸗ trachtungen verſenkt, vor ſich hin. Plötzlich erhob er das Haupt und ſah ſich aufmerkſam um. Der Galopp eines von hinten her heranſprengenden Reiters machte ihn auf⸗ merkſam; er wandte ſein Pferd etwas und zugleich ſich ſelbſt, indem er ſich im Sattel hob und in die Bügel trat.„In 3 ö——— C 116 Ordnung geritten“, befahl er mit halblauter Stimme ſeinen Leuten,„der General kommt!“ Das Wort fuhr wie ein elektriſcher Funke in die mü⸗ den, nachläſſig im Sattel hängenden Mannſchaften. Jeder richtete ſich gerad auf, die Pferde wurden ſtrenger an den Zügel genommen und die Ordnung der Reihen mit dem gehörigen Abſtande voneinander genau hergeſtellt. „Was gibt's Neues bei Euch, Hauptmann Nechodom“, rief Mansfeld's Stimme den Führer ſchon von hinten her an. Xaver, der ſoeben, wie es der Dienſt mit ſich brachte, das Pferd umgewandt hatte, um dem General von ſelbſt die Meldung zu machen, ſprengte ihm im Galopp entgegen, ſenkte das Schwert und berichtete:„Wir ſind bis jetzt ohne alles Hinderniß marſchirt; keine Spur des Feindes hat ſich blicken laſſen.“ „Habt Ihr gehörige Patrouillen an der Spitze und zur Seite? Und haben auch ſie Euch nichts gemeldet?“ fragte Mansfeld weiter. „Nur daß, ſo weit ſie ſehen können, der Wald ſich aus⸗ dehnt. Von Truppen hat ſich nicht das Geringſte gezeigt.“ „Die Gegend wird nun bald lichter werden, zugleich mit dem Tage“, antwortete Mansfeld,„da werden wir denn doch wol etwas wahrnehmen. Wir ſind keine Stunde mehr von Groß⸗Lasken entfernt, wo der Graf Solms mit fünf⸗ hundert Reitern zu uns ſtoßen ſoll.“ waren, wandte ſich Mansfeld wieder zu ihm.„Ich habe Euch ausgewählt, Freund, um mich auf einem etwas ge⸗ 117 wagten Unternehmen zu begleiten, das ich aber nicht unter⸗ laſſen kann. Es iſt mir in der Nacht durch flüchtige Leute Botſchaft zugegangen, daß die Ungarn ein Schloß, zwei Stunden von Groß⸗Lasken, Netolitz geheißen, welches eine kleine Anzahl ſtändiſcher Truppen beſetzt hielt, in Brand ge⸗ ſteckt und die Leute daraus vertrieben haben. Sie haben ſich aufs äußerſte tapfer geſchlagen; die Meiſten ſind umgekommen in den Flammen oder niedergemetzelt. Aber dreißig Mann haben ſich in die Kirche geworfen und halten ſich dort gut. Durch die Verſprengten, die glücklich durch den Wald entkommen ſind, iſt mir ihre dringende Bitte um Rettung und Hülfe zugegangen. Ich möchte die braven Kerle nicht im Stich laſſen! Aber es iſt ein verwegener Streich und wir können leicht abgeſchnitten werden, denn Boucquoi manövrirt uns von Budweis aus immer in der Flanke. Ich brauche alſo entſchloſſene Leute, Männer, die ſich durchhauen, wo es darauf ankommt. Euer Cornet und das des Capitäns Hayd habe ich dazu ausgeſucht. Denn bei ihm ſchadet die Gelehrſamkeit der Tapferkeit nicht. Zieht jetzt Eure Patrouillen ein und ſchlagt eine Viertel⸗ ſtunde von hier, wo ſich die Straßen theilen, den Weg rechts ein!“ „Ich werde Eure Befehle genau befolgen“, antwortete kaver. Mansfeld grüßte und ſprengte im vollen Galopp des Weges zurück zu dem Gros der Colonne, die mit acht Fähnlein Fußvolk und vierhundert Reitern nachfolgte, um zu den andern ſtändiſchen Truppen, welche ſich zwiſchen Piſek, Budweis und Tabor zuſammenzogen, zu ſtoßen; da man beſorgte, daß Boucquoi gegen Prag vorzudringen ver⸗ ſuchen möchte. Xaver richtete ſeinen Auftrag ſogleich ins Werk. Nach 118 wenigen Minuten hatte er ſeine Patrouillen eingezogen. Bald darauf erreichte er den Punkt, wo ſich die Straße ſpaltete. Der Weg links führte nach Groß⸗Lasken; der Wald ſchien ſich nach dieſer Richtung zu lichten, der Boden ebener zu werden. Zur Rechten blieb die Waldung dicht, die Höhen wurden anſehnlicher, die Straße zog ſich an⸗ fangs in der Senkung hin, wandte ſich aber bald den wal⸗ digen Rücken hinan. Xaver übergab ſeinem Fähnrich, Culmbach mit Na⸗ men, einem gewandten, muthigen, jungen Manne aus der Oberpfalz, der freiwillig Dienſte bei Mansfeld genommen hatte, die Führung des Trupps, und ritt voraus auf die Höhe der Hügelwand, um ſelbſt zu kundſchaften. Er hatte oben einen freien Punkt zum Umſchauen. Nach Süddoſt, der Gegend, wo Schloß Netolitz liegen mußte, ſetzte der Wald ſich fort, doch immer auf wellenartigem Boden; die Kette der Höhen zog ſich ſüdlich. Gegen Norden ſah er den Flecken Groß⸗Lasken liegen, deſſen Thurm⸗ und Dach⸗ ſpitzen ſich ſchwarz, ſcharfeckig auf dem dunklen Purpur⸗ grunde, mit dem die Morgenröthe den Himmel umſäumte, abzeichnete. Hochwald und ſtruppiges Tiefgebüſch wechſelten in großen Schlägen miteinander ab; nur vereinzelt zogen ſich etwas freiere Striche von Feldern und Wieſen hin⸗ durch. Indem Xaver den Blick ſüdwärts über den Wald hinſchweifen ließ, hörte er hinter ſich abermals Hufſchlag und das Schnauben mehrerer Pferde. Mansfeld ſprengte eben den Hügel hinauf; zwei Offtziere folgten ihm. „Ihr recognoscirt hier?“ rief der General ihm fra⸗ gend von weitem zu, indem er ſelbſt mit ſeinen ſcharfen, blitzend hellblauen Augen um ſich ſchaute und ſich den blon⸗ den Knebelbart ſtrich, der den Haſenſchaart bedeckte, mit welchem die Natur ihn ſeltſam gezeichnet hatte, ohne doch 119 ſeinem Geſicht eine Misbildung zu geben. Denn das gei⸗ ſtige Leben ſeiner Züge, der kühne, kriegeriſche Sinn, ver⸗ liehen dieſem eine Bedeutung, welche jene Entſtellung völlig vergeſſen ließ. „Ihr recognoscirt hier? Das iſt recht. Habt Ihr etwas wahrgenommen?“ ſprach er langſam näher reitend. Xaver verneinte.„Es wäre nicht unmöglich, daß das ſlo⸗ wakiſche Raubgeſindel hier in den Waldſchluchten herein⸗ ſpukte! Wo das Aas iſt, da ſind auch die Raben! Sie wittern hier Manches für ihren Schnabel! Hier gibt's ver⸗ einzelte Bauerhöfe zu plündern und niederzubrennen, Wei⸗ ber zu mishandeln, kleine Truppenabtheilungen in den Gar⸗ niſonen mit Uebermacht zu überfallen wie bei Netolitz, wo wir hinwollen!“ Er ſah ſich forſchend noch eine Zeit lang rings um, während die Andern ehrfurchtsvoll hielten und ſchwiegen. Nach einigen Minuten ſchien er ſeine feſten Dispoſitionen getroffen zu haben, winkte die Offiziere heran und ertheilte ihnen ſeine Befehle. „Hauptmann Nechodom, Ihr nehmt die Spitze und reitet raſch, aber vorſichtig mit Spitz⸗ und Seitenpatrouillen auf der Straße fort. Ihr, Hauptmann Hayd, folgt mit Euren Reitern in der Diſtance von etwa tauſend Schritt. Habt das Auge wohl rechts und links, ob ſich uns zur Seite oder im Rücken der Feind zeigt. Dann ſendet Ihr ein paar Leute mit guten Pferden vor und avertirt den Hauptmann Nechodom. So bleibt es, bis ich Euch weitere Verhaltung ſende.“ Nach dieſen Ordres grüßte der General mit der Hand an den Hut, ſandte die Offiziere zurück und ritt mit Ne⸗ chodom, deſſen Leute jetzt herangekommen waren, weiter. Eine Viertelſtunde war vergangen, da rief Nechodom plötzlich: 120 „Seht dort, General!“ Seitwärts im Buſch, an den knorrigen Aeſten einer alten Eiche hingen zwei faſt nackte männliche Leichname, grauenvoll verſtümmelt, der eine, offenbar zur Erhöhung der Qual, an den Füßen auf⸗ gehängt. 4 „Peſt und Hölle!“ rief Mansfeld aus.„Das ſieht den Strolchen ähnlich! Wo ſie arme Bauern mishandeln können, da ſind ſie tapfer! Aber wartet, ich hoffe ein Dutzend von euch zur Sühne daneben aufknüpfen zu laſſen!“ „Soll ich ſie losſchneiden laſſen?“ fragte Xaver? „Nein! Sie ſollen hier hängen als Zeugniß der Schand⸗ that, bis wir Rache genommen!“ antwortete Mansfeld in⸗ grimmig. „Seht euch das an, Kinder“, rief er gegen die Reiter hingewandt,„und wenn wir auf den Feind ſtoßen, erinnert euch daran, daß wir ſolche Bubenſtücke zu beſtrafen haben! Haut ein wie die Löwen! Das aber ſage ich euch“, ſetzte er mit einem furchtbar blitzenden Blick hinzu,„wenn jemals von euch Einer ſich hier im Lande ſolcher Teufeleien gegen arme Bauern oder Bürger, Weiber oder Kinder ſchuldig macht, der ſoll mir ſelbſt hängen wie die dort, aber ſo, daß er ſich drei Tage in der Marter krümmt wie ein Wurm! Und ich will kein Erbarmen haben, und wenn er winſelte, daß die Steine an zu jammern fingen!“—— Mit ſtummem Grauſen, mehr noch vor dem drohenden Antlitz des Feldherrn als vor dem Anblick der Verſtüm⸗ melten, ritten die Krieger vorüber. 4 Eben blitzten die erſten Sonnenſtrahlen durch die Fichten⸗ büſche und warfen das blutrothe Licht auf die Leichname. Beiden waren Naſe und Ohren abgeſchnitten, die Geſichts⸗ züge gräßlich verzerrt durch die Marter, die Körper mit dunklen Streifen und Flecken geronnenen Blutes ſchauder⸗ — . 121 voll bedeckt. Dem Unglücklichen, der verkehrt hing, waren die Augen weit aus dem Kopfe gequollen, und das wilde Haar, von Blut zuſammengeklebt, ſtarrte gräulich abwärts. Zu dem Grauſen, welches ſelbſt die Kriegsleute über⸗ lief, blieb ihnen nicht viel Zeit, da der Dienſt vorwärts drängte. Hauptmann Hayd rückte auf ein Trompetenſignal, das Mansfeld ihm geben ließ, mit ſeinem Cornet im raſchen Trabe heran. Die beiden Trupps marſchirten jetzt zuſammen. Das Gehölz lichtete ſich. Jetzt ſahen ſie ſeitwärts von der Höhe die ſchwarzen Trümmer des niedergebrannten Schloſſes von Netolitz. Ein leichter Rauch zog um die halbeingeſtürzten Mauern. Am Ab⸗ hang dehnte ſich der Flecken hin; man gewahrte die Kirche. „Ich ſehe keine Feldwachen! Wir wollen die Schufte vom Stroh aufjagen!“ ſagte Mansfeld zu Hayd und Xaver, die neben ihm ritten.„Aber krabbelt's da nicht vor uns zwiſchen den Häuſern und Büſchen? Bei meinem Schwert! Das ſind Pferde und Menſchen! Sie wollen eben aus⸗ rücken! Jetzt müſſen wir ihnen raſch auf den Pelz!“ Das Feld vor ihnen war geräumig und eben. Mans⸗ feld ließ die Reiter in breiter Front aufmarſchiren! Wie eine Wetterwolke ſtürmten ſie über das Blachfeld. Die Un⸗ garn, die eben aus dem Ort gerückt waren, ſuchten ſich zum Gefecht zu ordnen. Als eine leichte Reiterſchaar, hätten ſie dieſen ſchweren Stoß an ſich ſchon nicht auszuhalten ver⸗ mocht. Sie ritten aber gleich von Anfang nicht feſt ge⸗ ſchloſſen, und jetzt wurden ſie vollends unſchlüſſig und ſtutzten. Einige folgten, wie aus Inſtinct, ihrer Gewohnheit ſich in einen Schwarm einzeln Fechtender aufzulöſen. Es ſchien Niemand zu befehlen oder Niemand zu gehorchen. „Sie puffen auseinander wie die Schwärmer und wackeln, ehe wir ſie geſtoßen haben“, ſagte Mansfeld halb lachend. Rellſtab, Drei Jahre. II. 1., 6 122 „Nur feſt geſchloſſen, Jungen, wie eine Eiſenmauer, und dann heran wie der Sturmwind!“ Die Ungarn waren im erſten Anlauf geworfen und wie durch eine Pulvermine auseinander geſprengt. Mit wahrer Wuth hieben Mansfeld's Reiter, noch von dem ſcheußlichen Anblick im Walde erbittert, auf die Einzelnen ein. Alles ſtürzte unter den Hieben ihrer breiten Schwerter. Die Ge⸗ wandtheit der ungariſchen Reiter auf ihren leichten Pferden, die ſie ſo kühn zu tummeln verſtanden, half ihnen diesmal nichts gegen den mächtigen ſchweren Stoß der Gewalt, mit dem die halb eiſernen Deutſchen und Böhmen auf ſie an⸗ ſtürmten. „Hauptmann Nechodom“, befahl Mansfeld,„rückt gegen die Kirche vor und ſeht zu, ob Ihr den Unſrigen helfen könnt!“ xaver zog ſeine Leute zuſammen und führte den Befehl aus. Indeſſen ließ Mansfeld die Niedergehauenen durch⸗ ſuchen. Verwundete und Offiziere wurden zu Gefangenen gemacht. Ausgeplündert wurden Alle, doch die Beute auf Befehl des Generals zuſammengebracht, um gleichmäßig vertheilt zu werden. Dieſer ritt indeſſen, begleitet von zwei Trompetern, die ihm immer folgen mußten, um, wenn es nöthig, Signale zu geben, nach dem höchſtgelegenen Punkt in der Nähe, um rings um zu ſchauen, ob ſich nichts Ver⸗ dächtiges wahrnehmen laſſe. Plötzlich ſprengte er mit ver⸗ hängtem Zügel zurück. Einen der beiden Trompeter ſah man nach den Häuſern jagen, wohin Xaver gerückt war. Hayd erkannte, daß etwas Wichtiges vorgehe, ritt Mans⸗ feld entgegen und kam mit ihm zugleich zu den Truppen zurück. „Haut alle den Hunden die Köpfe entzwei, daß keiner von ihnen mehr beißen kann“, befahl Mansfeld den Leuten 123 und deutete auf die Gefangenen, etwa zwanzig an der Zahl, die, von etlichen Reitern bewacht, am Flügel ſtanden. Hayd's Leute ſtutzten.„Haut ſie nieder!“ donnerte Mansfeld noch einmal,„ſonſt ſpalte ich euch ſelbſt den Schädel!“ Die Mannſchaften trauten anfangs ihren Ohren nicht; jetzt aber ſahen ſie, daß es Ernſt war, und da ſie wußten, der Ge⸗ neral halte Wort mit ſeinen Drohungen, hieben ſie plötz⸗ lich auf die Unglücklichen ein, daß gleich Etliche mit ge⸗ ſpaltenen Schädeln zu Boden ſtürzten. Entſetzen ergriff die Andern, da ſie, der Sprache unkundig, das furchtbare Todes⸗ urtheil, das über ſie gefällt war, nicht verſtanden hatten, bei dieſem plötzlichen Ueberfall. Schon zuvor hatten ſie durch Verwundungen und Blutverluſt matt, in Angſt über ihre Zukunft fieberhaft ſchlotternd dageſtanden; jetzt war es, als ob der Schrecken der Hölle ſie ergriffe. Sie heulten laut auf; Einige verſuchten in wahnſinniger Angſt flüchtend davonzuſtürzen, Andere warfen ſich auf die Knie und er⸗ hoben die Hände flehend. „Dankt eurem Gott“, rief Mansfeld mit furchtbarer „Stimme,„daß ihr ſo leicht davonkommt; hätte ich Zeit gehabt, ihr hättet Alle dort oben neben den armen Bauern hängen und gleiche Martern aushalten ſollen!“ Dieſe erbarmungsloſen Worte und die wilde That fielen faſt in Eins zuſammen. Die Wenigen, die die Flucht ver⸗ ſucht hatten, waren im Augenblick von den Reitern ein⸗ geholt und zu Boden gehauen; unter den andern Wehr⸗ loſen wüthete das Schwert mit gleicher Vertilgungswuth. Einige rafften ſich empor zum Kampf der Verzweiflung. Sie fielen ihre Niedermetzler mit dem Ingrimm der Todes⸗ verachtung und Todesangſt zugleich an. Sie packten ſie mit den unbewaffneten Armen, riſſen ſie vom Pferde, wälz⸗ ten ſich mit ihnen am Boden, ſchlugen den Biß ihrer Zähne . 6* —— 124 in Arme und Geſicht der Gegner ein und zwangen dieſe zu gleicher Wuth der Vertheidigung. Doch dies war nur das ohnmächtige Aufflammen eines Augenblicks; von allen Sei⸗ ten umſtürzt, von Schwertern zerfleiſcht, von Piken mitten durch den Leib geſtochen, wälzten ſie ſich bald bewußtlos in gräßlichen Verzuckungen am Boden. Die herabgeriſſenen Reiter ſchwangen ſich wieder in den Sattel und Alle folgten dem Commando des Hauptmanns, der ſie dem voran⸗ jagenden Mansfeld nachführte. Während dieſes Getümmels hörte man Trompetenſtöße im Ort. Xaver und die Seinigen wurden durch dieſen Kriegsruf von dort zurückberufen. Der wilde Ritt Mans⸗ feld's ging ſeitwärts über Feld, einer ſich tief einſenkenden und hinter dem Wald hinabziehenden Schlucht folgend.— Bald nahm das Dickicht die Eilenden auf. Sie ritten quer durchs Gebüſch, daß die Zweige Geſicht und Kleider zer⸗ riſſen. Endlich erreichten ſie einen Weg, der am Hügel⸗ ſaume im Thal hinunterführte. Hier ließ Mansfeld die Leute ſich ſammeln und ordnen. Während deſſen ritt er die Front hinab und ſagte belehrend zu den Leuten: „Hier werden ſie uns nicht finden, Kinder, aber es war Zeit, daß wir dieſen Schleichweg gewannen, denn hinter den Hügeln rücken Küraſſiere und Slowaken an. Deshalb durfte dort oben Keiner lebendig bleiben, der verrathen hätte, wohin wir unſern Weg genommen. Sonſt hätte ich die Schurken laufen laſſen, obgleich ſie Alle drei mal Gal⸗ gen und Rad verdient hatten.— Den Weg, den wir zu⸗ vor gekommen ſind“, wandte er ſich zu Hayd,„konnten wir nicht mehr zurück; denn das ſah ich wol, den hatten ſie uns ſchon verlegt. Aber noch war keine Pferdenaſe über der Crete des Berges zu ſehen, als ich euch hier in Sicher⸗ heit hatte. Wenn nur Hauptmann Nechodom ſeine Leute 125 heil herausbringt aus dem verbrannten Neſte, ſo ſind wir geborgen. Den Weg habe ich ihm angeben laſſen. Gott gebe, daß er ihn treffe! Wir müſſen nun hier hinunter am Wald, bis wir an das Waldwaſſer kommen, was nach Groß⸗Lasken hinunterfließt. Sind ſie klug und wiſſen ſie Beſcheid, ſo verlegen ſie uns dort die Furt und wir müſſen uns durchhauen. Alſo haltet euch fertig. Ladet die Cara⸗ biner und Piſtolen wieder!— Und in Ordnung geritten!“ Der Zug ging in beſchleunigtem Marſch auf dem ab⸗ ſchüſſigen, mit Steinen bedeckten und oft durch Geſtrüpp verwachſenen Boden vorwärts. Nach zehn Minuten lief die Schlucht in das Thal des Flüßchens aus; zu allge⸗ meiner Freude ſah man in dem Augenblick, wo man es erreichte, Paver mit den Seinigen längs dem Waſſer heran⸗ traben. Mit freudigem Rufe, mit Schwenken der Hüte und Schwerter begrüßte man ſich. Mansfeld ſtrich ſich ſchmunzelnd den Knebelbart.„So ſind wir vorläufig Alle glücklich aus der Mausfalle“, mur⸗ melte er vor ſich hin. xaver ſchloß ſich bald an. Er war durch einige und zwanzig Mann vom Regiment Berka verſtärkt, die ſich in der Kirche bei Schloß Netolitz gehalten und durch die An⸗ kunft der Mansfeld'ſchen Reiter, welche die ungariſchen auf⸗ jagten, in dem Augenblick gerettet worden waren, wo ſie ſich völlig verloren glaubten. Da ſie durch Hunger und Anſtrengung, Einige auch durch Wunden erſchöpft waren, hatte Xaver ſie theils auf den Beutepferden, theils auf der Croupe bei ſeinen eigenen Leuten fortſchaffen laſſen. Er berichtete Mansfeld darüber.„Brav Nechodom“, lobte ihn Mansfeld.„Wär's Euch nicht gelungen, ſo wären wir umſonſt geritten. Jetzt iſt mir's nicht leid, daß ich's unter⸗ nommen habe. Bloße zwanzig Mann wären freilich das , 3 126 Wagſtück nicht werth, aber ihre That war es werth. Kommt man ſolchen Leuten nicht zu Hülfe, dann mag's der Teufel den Leuten künftig übelnehmen, wenn ſie ſich wie die Lumpenhunde ergeben!“ Der Marſch wurde darauf fortgeſetzt. Nach einer Stunde erweiterte ſich das Thal; der Fluß ſchlug eine ſtarke Biegung nach Norden. Plötzlich ſah man Groß⸗Lasken. „Nun ſind wir glücklich durch“, rief Mansfeld fröhlich und zeigte nach dem Kirchthurm hinüber;„dort ſind wir geborgen. Quartier iſt gemacht und gute Freunde warten auf uns!“ Elftes Capitel. Hier befand ſich die Furt, von der Mansfeld ge⸗ ſprochen hatte; jenſeits konnte man den Weg quer über Feld nach Groß⸗Lasken einſchlagen. Mansfeld war zu⸗ erſt durch den Fluß auf einen Hügel geritten, um zu re⸗ cognosciren. „Tod und Teufel!“ rief er aus, als er ſich oben um⸗ ſchaute.„Das iſt mehr Futter als ich allein verdauen kann!“ Die geſammten Höhen, eine halbe Stunde jenſeit des Fluſſes, waren mit Truppen beſetzt. Boucquoi war mit ſeinem ganzen Heere von Budweis aus vorgegangen, um Mansfeld's Corps von den übrigen ſtändiſchen Truppen, die vor und um Budweis lagerten, abzuſchneiden und ſo nach Prag durchzubrechen. Dieſen Plan überſah Mans⸗ feld mit ſeinem Feldherrnauge auf der Stelle. Er winkte 2. 127 die Hauptleute Faver und Hayd, die noch am Ufer hielten und den Durchmarſch ihrer Leute in Obacht nahmen, zu ſich hinauf. „Seht dort“, machte er ſie aufmerkſam,„das iſt, glaube ich, das ganze öſterreichiſche Heer. Die drängen auf uns, das iſt kein Zweifel. Es ſind verteufelt Viele“, fuhr er ſcharf hinüberblickend fort.„Unterm Berghang dort das ſind Dragoner, und die dahinter marſchiren, das müſſen Waldſtein's Küraſſiere ſein. Die beiden allein ma⸗ chen funfzehn Cornet aus! Und drüben am Walde das iſt das Fußvolk! Es iſt kein Zweifel, das iſt Boucquoi mit Allem, was er in und am Leibe hat! Er iſt wenigſtens viertauſend Reiter und achttauſend Mann Fußvolk ſtark, das weiß ich aus ſicherer Kundſchaft, und iſt er hier, iſt er nicht mit halber Macht gekommen!“ „So iſt er vier mal ſtärker als wir!“ verſetzte Haupt⸗ mann Hayd bedenklich. „Thein könnten wir vielleicht ungefährdet erreichen und uns dort verſchanzen“, erlaubte ſich aver in beſcheidenem Tone zu bemerken. „Den Teufel auch“, rief Mansfeld faſt zornig,„dann würden wir ja Hohenlohe im Stich laſſen! Wenn Bouc⸗ quoi nur ein Gran Hirn im Schädel hat, läßt er uns laufen, und wirft ſich dann zuerſt auf den Grafen, und morgen oder übermorgen käme die Reihe an uns und er bräche durch bis Prag! Nein! Wir müſſen uns ſchlagen! Wir müſſen Boucquoi hier aufhalten und Hohenlohe be⸗ nachrichtigen. Er ſteht keine Meile von hier; in drei Stunden kann er uns zu Hülfe kommen, und ſo lange hal⸗ ten wir Stand.“ Er gab hierauf Hayd den Befehl, ſogleich drei ſichere Leute, jeden einzeln auf anderm Wege, an den Grafen 128 Hohenlohe abzuſenden, der mit ſeinem Corps von viertehalb⸗ tauſend Mann in der Nähe von Budweis im Lager ſtand. „Der Graf möge ſogleich die Trommel rühren laſſen, im Eilmarſch auf Groß⸗Lasken vorrücken und Boucquoi in Rücken und Flanke fallen. Mansfeld werde ihm ſo lange die Zähne weiſen“; ſo lautete der mündliche Auftrag.— Den Boten wurde die höchſte Eile empfohlen. Mit Hayd's und Nechodom's Leuten eilte Mansfeld nach Groß⸗Lasken. Im Reiten äußerte er ſeinen Unmuth über die Lage der Dinge unverhohlen. „Wir werden einen harten Stand haben und viel Leute aufopfern müſſen“, ſagte er unwillig,„allein es geht nicht anders, ſonſt könnte der ganze Feldzug verloren gehen!— Es iſt freilich ſchlimm genug, daß wir nicht ſtärker hier ſind. Ich habe es den Herren in Prag oft genug ge⸗ ſchrieben und geſagt! Mannſchaften und Geld ſollen ſie ſchaffen! Wenn man den Krieg anfängt, ſoll man auch für die gehörigen Mittel ſorgen, ſonſt kann er Einem ſchlecht bekommen! Allein dieſe Herren, die keinen Herrn über ſich dulden mögen, wollen auch den Geldbeutel nicht aufmachen! Und das Beiſpiel wirkt übel auf das Volk. Es macht Schwierigkeiten, den Helm aufzuſetzen und den Spieß in die Hand zu nehmen. Nun iſt die Gefahr da! Hätte man auf mein Wort gehört, Budweis und Krummau müßten in unſerer Hand ſein ſo gut wie Pilſen. Vielleicht be⸗ drohten wir jetzt ſchon Linz und könnten die Donau ab⸗ wärts in Oeſterreich eindringen, während Thurn oben aus Mähren anrückt! Was hilft es jetzt, daß er vorgeht? Und wenn er Wien zu ſehen bekäme, was hätte Böhmen davon, im Fall Boucquoi indeſſen Prag belagert?— Und das könnte kommen, wenn wir hier nicht Alle unſere Schul⸗ digkeit thun!“ —— — — zuführen, und ritt t, daß in dem Augenblick, wo er wirklich ſchon ſo nahe, als er hier als möglich hinwarf, durch Thurn bedroht wurde. Nur im Allgemeinen hatte er von deſſen Vorrücken aus Mähren nach Oeſterreich Nachricht. Allein wie die Lage, in die er ſelbſt jetzt gerieth, auf Thurn zurückwirken müſſe, das ſah er mit richtiger Ahnung. Die Maſſen der Reiter, obwol ſie in vollem Trabe das Blachfeld kreuzten, waren ihm doch zu langſam. Er über⸗ ließ es Hayd und Taver, ſie ſo raſch als möglich heran⸗ ſelbſt in vollem Jagen nach Groß⸗ Lasken voran und in den Flecken hinein, um dort die nöthigen Dispoſitionen zu treffen. Er fand bereits den ganzen Ort in Bewegung, und ſeine Truppen, die ihn dort erwartet hatten, unter den Waffen. Alles begrüßte ſein unverhofftes Erſcheinen mit lautem Freudengeſchrei, denn man war ſchon beſorgt um ihn geweſen. Er befahl den Oberſten und Feldhauptleuten, die er ſämmtlich zu Pferd traf, ihm zu folgen, und ritt weiter im Galopp durch den Ort bis vor ſein Quartier auf dem Markte. Hier hielt der ganze Reitertroß. Diener ſprangen dem General ſogleich entgegen und wollten ihm vom Pferde helfen. Er war mit raſchem Sprunge hinunter, ehe ihm Jemand den Bügel halten konnte.„Meinen Har⸗ niſch und den ſchwarzen Hengſt!“ befahl er.„Tummelt euch!— Bis mein Rappe da iſt, wollen wir Kriegsrath halten“, rief er den Offizieren zu, die ihm nachgeritten waren, jetzt aber gleichfalls ehrerbietig vom Pferde ſpran⸗ gen und ihn zu Fuß umringten. „Boucquoi greift uns an, ihr Herren! Und wir müſſen Stand halten. Ich habe ſchon zum General Grafen Hohen⸗ 6** Mansfeld wußte nich dieſe Worte ſprach, Wien Lͤ““ 130 lohe geſchickt, daß er uns zu Hülfe kommt. So lange müſſen wir uns wehren.— Mein Plan iſt der: Wir for⸗ miren auf der Oſtſeite des Fleckens mit unſerm Train und Bagage eine Wagenburg. Davor die Cavalerie in drei Abtheilungen, im Triangel, daß ſie einander zum Succurs bereit ſind. Hinter ihnen die Musketiere; wir theilen un⸗ ſere acht Fähnlein ſo: vier auf dem linken, drei auf dem rechten Flügel der Packwagen, eins davor. Den Rücken lehnen wir hier an Groß⸗Lasken! Das iſt meine Mei⸗ nung!*) Was ſagt Ihr, Herr Rheingraf?“ „Ich denke“, erwiderte der Gefragte,„das wird ſo gut ſein!“ „Und Ihr, Oberſtwachtmeiſter Carpezo?“ Der Graubart nickte.„Alles gut ſo! Den rechten Flügel will ich ſchon halten!“ „Laßt ſogleich die Trommeln rühren, Oberſtwachtmeiſter, und marſchirt ab! Ihr auch, Graf Solms, laßt zum Aufſitzen blaſen! Ihr nehmt Eure Stelle in der Front zwiſchen Hauptmann Hayd und Nechodom, die Ihr ſchon draußen bei den Wagen trefft!— Oberſt Schlammers⸗ dorf! Beaufſichtigt die Anordnung der Wagen; wählt eine gute Poſition und macht, daß das Viereck raſch zu Stande kommt!“ Während Mansfeld dieſe Befehle ertheilte, waren ſeine Leute mit dem Harniſch gekommen und führten das friſche Pferd vor. Er ließ ſich den Küraß anſchnallen, fuhr aber dabei fort, Anordnungen zu treffen.„Gebt uns einen Trunk“, rief er ſeinen Dienern zu:„Bringt Alles, was ihr habt, herbei und vertheilt es unter die Herren! Wir dürften einen heißen Tag haben und Boucquoi wird uns nicht viel Zeit zum Mittagseſſen laſſen!“ Die Diener flogen. Sie kamen mit Bechern, Flaſchen, *) Hiſtoriſch. 131 Brot, Fleiſch auf Tellern, Körben, in der freien Hand, wie es der Zufall gab. Alles griff zu. Mansfeld ſchwang ſich, ſowie der letzte Riemen am Harniſch zugeſchnallt war, in den Sattel, dann ſtürzte er raſch einen vollen Becher hinunter.„Ich bin noch nüch⸗ tern und wir haben ſchon wacker gearbeitet“, ſagte er lachend;„da ſaugt ſich der Wein ein wie der Regen in den dürren Sand.„Noch einen!“ Der Diener ſchenkte wieder voll.„Auf euer Aller Wohlſein, ihr Herren, und auf glückliches Wiederſehen nach der Affaire!“ „Nach dem Sieg!“ rief Graf Solms. Sie ſtießen an und leerten die Becher fröhlich. Trommelwirbel ertönte jetzt ringsum; Trompeten ſchmet⸗ terten darein. Die Cavalerie jagte im Galopp hinaus auf ihre Poſten. Das Fußvolk brach auf verſchiedenen Wegen auf. Getümmel und Lärmen überall.— Die Sonne war ſchon hoch am Himmel, die Hitze groß. Ein dichter Staub wurde von allen Seiten aufgewirbelt. Mansfeld, von zwei Adjutanten und zwei Trompetern gefolgt, ritt an der Co⸗ lonne hinunter, vor den Ort, um die Anordnungen ſelbſt zu leiten. Er fand die Wagenburg noch nicht ſo weit in Ord⸗ nung, als er erwartete.„Hauptmann Ringhelm“, rief er daher einem ſeiner Begleiter zu,„reitet auf den linken Flügel. Sie ſollen ins Teufels Namen eilen, daß ſie mit der Wagenburg fertig werden.“ Der Hauptmann jagte über das Feld. Boucquoi's Truppen krönten jetzt ſämmtliche Höhen. Eben kam auch Einiges von ſeinem Geſchütz hinter einem vorſpringenden nähern Hügel herauf und beſetzte denſelben. Mansfeld ließ ſogleich die zwei kleinen Feldſtücke, die ein⸗ zigen, die er hatte, auf den Hügel richten.„Was wollen wir abwarten, bis ſie dort das Maul aufthun!“ ſagte er 132 dem Conſtabler beim Geſchütz.„Schickt ihnen einen blauen Brief hinüber, ehe ſie ihr Neſt gebaut haben!“ Die Kaiſerlichen waren eben dabei, ihr Geſchütz nach der ſchwerfälligen und langſamen Weiſe jener Zeit ſchuß⸗ fertig zu machen. In dieſem Augenblick donnerte der erſte Schuß aus Mansfeld's verſchanzter Poſition, und die Kugel traf ſo glücklich, daß ſie in die Räder eines eben aufge⸗ ſtellten Geſchützes ſchmetterte, ſodaß dieſes umſtürzte. „Das iſt ein guter Anfang“, rief Mansfeld froh, und ſeine ganze Umgebung jubelte auf.„Nur fortgefahren.“ Auch das zweite Feldſtück gab Feuer, und der Schuß riß einige Leute weg! Es wurde auf der Stelle friſch ge⸗ laden. Doch jetzt war man auf der Höhe auch ſchußfertig. Es blitzte auf, eine Rauchwolke krönte den Hügel, dann kam der Knall dumpf, feierlich nach, und wenige Secunden ſpäter ſchmetterte eine Kugel auf dem linken Flügel in die aufgeſtellten Wagen, gerade dahin, wo man noch nicht völlig in Ordnung war. Eine zweite folgte unmittelbar nach. Toben und Geſchrei erſcholl auf dem Flecke, wo die Kugel feingeſchlagen war; die Pferde wurden ſcheu, ſprangen wild durcheinander, und eins der Geſpanne flog plötzlich, von den ſcheugewordenen Roſſen pfeilſchnell fortgeriſſen, ins weite Feld hinaus! „Der Teufel ſoll die Schurken von Fuhrknechten holen!“ ſchrie Mansfeld, und ritt ſelbſt nach der Gegend, wo die Lücke in der Wagenburg entſtand. Doch ſchon fuhr ein zweites Geſpann unordentlich heraus, und ein drittes gleich⸗ falls, ſodaß beide gegeneinander prallten und ſtürzten. Da⸗ durch kam Verwirrung in die ganze Wagenburg. Gleich⸗ zeitig flogen Kugeln und Granaten auch von einer andern Seite hinein, und ein Theil von Boucquoi's Cavalerie brach unverſehens zwiſchen zwei Anhöhen hervor, um den — . —— ͦ— 133 Angriff auf Mansfeld's aufgeſtellte Reiter zu machen. So eröffnete ſich das Gefecht.*) Zwölftes Capitel. Mansfeld, deſſen Auge überall war, flog zum Grafen Solms, der dem Angriff am nächſten hielt. Er befahl ihm, ſich den Kaiſerlichen entgegenzuwerfen. Im nächſten Augen⸗ blick brauſte die ſchwarze Sturmwolke ſeiner Reiter finſter übers Feld. Der Boden dröhnte unter den Hufen und ein dichter Staub wirbelte empor.. Es waren leichte ungariſche Reiter, mit denen Boucquoi den erſten Angriff gemacht hatte. Die Mansfelder raſſelten wie eine eherne Mauer mit Flügeln, dicht geſchloſſen in die kecken, aber ſchlecht geordneten Haufen. Im Augenblick waren dieſe nach allen Seiten zerſprengt. Sie flüchteten quer über Feld und Viele wurden einzeln niedergehauen. Dadurch gerieth aber auch Solms' Reiterei auseinander. Dieſen Augenblick nutzte das Regiment Waldſtein⸗Küraſſiere und warf ſich der Schaar des Grafen Solms in die Flanke. Dieſer machte entſchloſſen Front gegen den neuen Gegner, und es entſpann ſich ein erbitterter Kampf. Mansfeld ſelbſt ſprengte ins Getümmel und leitete das Gefecht. Doch wie tapfer ſich ſeine Reiter ſchlugen, ſie wurden von der Ueber⸗ macht zurückgedrängt gegen die Wagenburg. Xaver hielt am linken Flügel, ohne Befehl. Doch da er jetzt das ganze Feld von der feindlichen Reiterei überſchwemmt und das Misgeſchick der Seinigen ſah, nahm er es auf ſeinen Kopf, *) Hiſtoriſch. 134 ohne Befehl anzugreifen. Er warf ſich mit ſeinem Fähn⸗ lein mitten in den Schwarm eines unordentlich angreifenden Haufens wilder Ungarn. Einem eiſernen Keil gleich, drang er in geſchloſſener Schlachtordnung mit ſeinen tapfern Böh⸗ men mitten in die Feinde ein. Dieſe ſchlugen aber wie eine Welle über ſeinem Haupte zuſammen, denn nach einigen Minuten ſah er ſich von allen Seiten umringt.„Mir nach!“ rief er und zog ſein blitzendes Schwert,„hier bre⸗ chen wir durch!“ Er ſtürzte ſich voran in den wilden Schwarm; den nächſten Führer traf er mit furchtbarem Hieb über den Kopf, daß er, wie vom Blitz herabgeſchleu⸗ dert, vom Pferde ſtürzte. An ihm vorüber ſprengte er in die dichteſte Schaar; ſeine Leute folgten. Es gelang ihnen, wieder freies Feld zu gewinnen, und ſie jagten auf den Flügel der Wagenburg zu, um daſelbſt wieder ihre Stellung einzunehmen. Die Musketiere, die dort ihren Stand hatten, thaten wacker ihre Schuldigkeit. Sie nahmen die Reiter auf und empfingen den nachjagenden Feind mit einer donnernden Salve, die Roß und Mann in großer Zahl niederſtreckte. Jetzt war das Handgemenge ganz allgemein. Boucquoi hatte einen Angriff durch ſeine Lanzenknechte zu Fuß be⸗ fohlen, um ſich zwiſchen die Wagenburg und den Flecken zu werfen, und ſo den Truppen Mansfeld's in den Rücken zu fallen. Dieſer ſah die Gefahr. Spogleich beorderte er Hayd, mit ſeinen Leuten die bedrohte Communication zu decken; und zweihundert Mann Fußvolk mußten in den Flecken ſelbſt zurück, um dieſen zu ſchützen. „Ich dachte nicht, daß Boucquoi ſo weit kommen ſollte, bevor Hohenlohe heran iſt“, ſagte er zu dem Oberſt⸗ wachtmeiſter Carpezo, der an ſeiner Seite ritt. „Brennt es nicht dort?“ fragte dieſer ſtatt der Ant⸗ 135 wort, und deutete mit der Hand auf ein Dach von Groß⸗ Lasken. „Alle Teufel, ja! Sie müſſen Granaten in das Neſt geworfen haben“, rief Mansfeld.„Wenn jetzt Hohenlohe nicht bald kommt, brennt uns hier der Kohl an! Er könnte ſchon hier ſein!“ „Wenn er wollte!“ ſummte Carpezo in den Bart. „Wenn er wollte? Ihr glaubt doch nicht, daß er ausbleibt? Während ich, um ihn nicht preiszugeben, hier das Gefecht angenommen habe?“ Carpezo ſtrich ſich den Knebelbart und ſchwieg. Aus Mansfeld's Auge leuchtete ein furchtbarer Blitz auf. Allein es war nicht viel Zeit, Betrachtungen anzuſtellen. Der Augenblick drängte zu heftig. Der Feind hatte wirk⸗ lich Granaten bis in den Flecken geworfen, was bei der Entfernung ſeines Geſchützſtandes faſt unglaublich ſchien. Die gewaltige Hitze und lange vorhergegangene Dürre mach⸗ ten, daß das Holzwerk der Dächer auf der Stelle Feuer fing. Schon ſtieg die Flamme hoch aus den Hauptgebäuden auf. Mansfeld ritt ſelbſt zu dem Fußvolk, das ſich nach dem Flecken zurückwarf, heran und gab ſeine Befehle. Sie ſoll⸗ ten die Kriegskaſſe, die ſich dort in der Nähe ſeines Quar⸗ tiers befand, decken, und den Wagen mit Geld ſogleich auf der Straße nach Thein abfahren laſſen. Inzwiſchen wurde der Stand des ganzen Gefechtes im⸗ mer ſchlimmer. Durch die gleich anfangs entſtandenen Lücken in der Wagenburg war der Feind eingedrungen. Er ſchlug ſich mit den Musketieren Mann für Mann. Die Cavalerie Mansfeld's war nicht mehr beiſammen, ſondern hieb ſich hier und dort mit den Gegnern herum; zwar meiſt ſiegreich, doch ohne den Erfolg nutzen zu können, da in die Stelle der geworfenen Truppen immer neue einrückten. — 136 Mansfeld ließ zum Sammeln blaſen; er raffte von Reitern auf, was er vermochte, um noch einmal in Maſſe mit ihnen anzugreifen, in der Hoffnung, die Küraſſiere zu werfen und ſo Boucquoi zu zwingen, auch ſeine Infanterie von dem Angriff auf Groß⸗Lasken zurückzuziehen.— Er ſelbſt ſtellte ſich an die Spitze der Leute. Die muthvolle eiſerne Schaar ſtürmte wie die Windsbraut übers Feld in die dicht geſchloſſenen Linien der Küraſſiere. Graf Albrecht Wallenſtein, der ſie führte, hielt mannhaften Stand. Den⸗ noch durchbrach Mansfeld die Reihen und die Küraſſiere wurden nach allen Seiten geworfen. Das Gefecht konnte jetzt eine glückliche Wendung nehmen. „Nun in die Infanterie eingehauen“, rief Mansfeld mit ſeiner Löwenſtimme;„Hayd und Nechodom! Haltet euch ſcharf an mich!“ In geſchloſſener Linie, im wilden Anlauf ſprengten die Reiter nach dem Ziel, das ihnen Mansfeld's Degenſpitze wies. Doch in dem gleichen Augenblick warfen ſich die Dragoner Boucquoi's, die er bisher noch vom Gefecht zurückgehalten und hinter einer Anhöhe aufgeſtellt hatte, auf die Cavalerie Mansfeld's und bedrohten ſie in der linken Seite. Zum Glück hatte Mansfeld, deſſen Auge überall auf dem Schlachtfelde umherblitzte, das drohende Unheil rechtzeitig erkannt. Er ließ eine Schwenkung ma⸗ chen, um Front gegen die Dragoner zu gewinnen. Doch die Bewegung wurde ſchlecht ausgeführt; die Vorderſten hörten weder das Commando noch das Trompetenſignal.*) Die Maſſe brach ſich, ein Theil jagte auf die Infan⸗ terie Boucquoi's zu, der andere warf ſich gegen die Dra⸗ goner. Dieſe, friſch im Gefecht, mußten ſchon durch *.) Hiſtoriſch. — — 137 übergewaltige Maſſe ſiegen. In fünf Minuten war die ganze Mansfeld'ſche Cavalerie überflügelt, in Flanke und Rücken genommen. So entſtand ein Kampf der wüthendſten Erbitterung, der Verzweiflung. Pardon wurde bei dem gegenſeitigen Haß der durch fanatiſchen Religionseifer entflammten Leute nicht gewährt und nicht gefordert. Jeder Einzelne für ſich kämpfte um ſein Leben. Mansfeld ſchrie den Leuten zu:„Mir nach, hier ſind ſie am dünnſten, hier haut euch durch!“ Er warf voran⸗ ſtürmend ſeinen Rappen mitten in die Feinde. Der feu⸗ rige Andaluſier, an Kraft und Gewandtheit den Thieren der gemeinen Reiter weit überlegen, brauſte ſo gewaltig in die Reihen, daß er gleich zwei Reiter ſammt den Pferden niederrannte, von denen einer noch einen dritten mit zu Boden riß. Mansfeld ſprengte durch! Xaver war der Nächſte nach ihm und drang mit ihm in die Lücke ein. Sein Fähnrich Culmbach deckte ihn gegen den Hieb eines Dragoners, doch in gleichem Augenblick ſtieß ein An⸗ derer dem jungen Tapfern das breite Schwert mitten durch den Leib; mit lautem Aufſchrei ſtürzte er vom Pferde. Es fuhr Xaver wie ein Dolchſtoß durchs Herz; allein er hatte nicht viel Zeit, ſich nach dem gefallenen Freunde umzu⸗ ſchauen, denn eben wurde Mansfeld's Haupt wieder durch einen furchtbaren Hieb bedroht. Xaver ſtieß dem Dra⸗ goner ſein Schwert durch die Kehle; doch gleichzeitig fühlte er es wie einen Keulenſchlag von hinten her auf den Kopf, daß er betäubt Schwert und Zügel fallen ließ. Noch einige mal ſchwankte er im Sattel hin und her, dann ſtürzte er halb vom Pferde, halb wurde er von der umdrängenden Maſſe hinabgeriſſen——— —— Mansfeld, der nur vorwärts ſtürmte, ſah nicht, was hinter, was neben ihm vorging. Er wollte ———— nur Bahn brechen. Es gelang. Die Seinigen waren hart an ihm. Sie trieben einen Keil durch die Mauer der Gegner. Als dieſe einmal durchbrochen war, flutete die Maſſe gewaltig nach.„Freies Feld!“ rief Mans⸗ feld aufathmend, als er hindurch war, und ſpähte um⸗ her, wie er mit der Cavalerie wieder zu ſeiner Infan⸗ terie und der Wagenburg gelangen könne. Die Flam⸗ men der brennenden Dächer von Groß⸗Lasken und die dicken, ſchwarzen Rauchmaſſen, die ſich von dort her lang⸗ ſam hinüberwälzten, gaben ihm die Richtung an.„Vor⸗ wärts!“ rief er,„mir nach!“ Und in zwei Minuten er⸗ reichte er ſein Ziel. Mit Jubel wurde er begrüßt! Den ſelbſt hart Bedräng⸗ ten kehrte der Muth zurück als ſie ihren Feldherrn er⸗ kannten. Er gewährte einen furchtbaren, aber das Soldaten⸗ herz wild begeiſternden Anblick! Geſicht und Körper waren mit Blut überſtrömt, das aus drei Wunden quoll, von Stirn, Arm und Bruſt. Er achtete deſſen nicht. „Heda, meine Jungen!“ rief er die Musketiere mit freudigem Tone an;„haltet euch brav und gebt es ihnen wieder.“ An ihrer Front hinunterjagend mitten im Kugel⸗ feuer, rief er ihnen Muth ins Herz.„Der Entſatz muß gleich da ſein! Nur noch feſtgehalten, Kinder! In einer Viertelſtunde, denke ich, geht's den Kaiſerlichen ſchlimmer als uns jetzt.“ An dieſem Punkte war noch einige Feſtigkeit in den Truppen. Auf beiden Flügeln ſammelten ſich die verſpreng⸗ ten Reiter wieder an und ordneten ſich zu einem neuen Angriff. Mansfeld's Offiziere drangen in ihn, ſich verbinden zu laſſen. Er wies es zurück.„Pah! Hautritzen!“— Doch der Feldſcheer beſtand auch darauf:„Bei der Hitze und Arbeit kann Euch der Blutverluſt das Leben koſten!“ 139 „Ich bin kein Mutterſöhnchen!“ fuhr Mansfeld ihn rauh an. Der alte Mann ließ ſich aber nicht abweiſen. Die Offiziere ebenfalls nicht. „Wenn Ihr uns fehlt“, murmelte der alte Carpezo leiſe,„verlieren die Leute den Muth und wir ſind Alle beim Teufel!“ Mansfeld gab endlich nach. Hinter einem Bagage⸗ wagen, der einige Deckung gegen die Kugeln gewährte, ließ er ſich einen nothdürftigen Verband anlegen. „Wo iſt Hauptmann Nechodom?“ fragte er während deſſen.„Du ritteſt an ſeiner Seite, als wir durchbrachen“, redete er einen Reiter an, der dem Doctor behülflich war. Der Gefragte zuckte die Achſeln.„Ich ſah, daß ſie ihn vom Pferde riſſen“, antwortete er. „Und kamſt ihm nicht zu Hülfe?“ fragte Mansfeld finſter. „Ich war ſchon abgedrängt und hatte mir drei Dra⸗ goner vom Leibe zu halten.“ „Iſt er wirklich vom Pferde geriſſen? Iſt er ge⸗ fangen? Oder iſt er niedergehauen?“ wiederholte Mans⸗ feld ſeine Fragen haſtig. „Ich habe nichts weiter von ihm geſehen“, war die Antwort. Mansfeld ſah finſter aus, aber er ſchwieg.—„ZJetzt laßt mich wieder aufſitzen“, befahl er. Es wurde ihm ein anderes Pferd, das eines gemeinen Reiters, vorge⸗ führt.—„Wo Teufel habt ihr meinen Rappen?“ „Er iſt verwundet; zwei Kugeln im Kreuz. Das Thier iſt matt vom Blutverluſt!“ antwortete der Reitknecht. „Hm!“ murmelte Mansfeld.„Unbrauchbar?“— Doch er ſagte kein Wort weiter, ſondern ſchwang ſich auf das gewöhnliche Reitpferd. 140 Carpezo hatte den Tauſch angeordnet; der Rappe war verwundet, aber wäre doch noch brauchbar geweſen. Allein das Gefecht nahm eine Wendung, wo es allzu gefähr⸗ lich für den Feldherrn ſein konnte, als ſolcher erkannt zu werden. Jetzt hätte ihn auch Niemand mehr erkannt. Den Hut, der ihm auf den Verband nicht paßte, hatte er mit einer Feldmütze vertauſcht, den ſpaniſchen Mantel ſchon zu An⸗ fang des Gefechts wegen der Hitze abgeworfen. Sein Leder⸗ koller war wie das eines andern Reiters, überdies von Blut und Staub ganz beſudelt. Ingrimm in Zügen, durch die Blutſtreifen und Tropfen auf Stirn un Wangen eine furchtbare Geſtalt, ritt er auf eine freie Stelle, um das Gefecht zu überſehen.„Sie wehren ſich wie die Lö⸗ wen“, ſagte er, da er ſah, wie ſeine Leute Stand hielten, und welche Unordnung auch bei dem Feinde herrſchte.„Wir ſind, hol' mich der T el, eines beſſern Schickſals werth, als wir haben efißßt neh⸗ Hohenlohe!“ murmelte er zwiſchen den Zähnen.—„Die Wagenburg i*ſt nicht mehr zu halten“, ſagte er nach einigen Augenblicken, wäh⸗ rend welcher er das Schlachtfeld nach allen Richtungen ſcharf gemuſtert hatte. „Reitet zum Oberſt Carpezo“, befahl er einem ſeiner Adjutanten,„er ſoll ſich in den umzäunten Garlen dort nach der Stadt zu zurückziehen und ſich darin vertheidigen, ſolange er einen Schuß Pulver hat. Vielleicht kommt doch noch Hülfe!“ 141 Dreizehntes Capitel. Der Offizier flog hinüber. Die befohlene Bewegung wurde ſofort ausgeführt. Gerade im rechten Augenblicke, denn der Feind drang ſchon von drei Seiten in die Wagen⸗ burg die Leute wären dort halb erdrückt, ohne ſich bewege en, ſämmtlich niedergemetzelt worden. Mansfeld wandte eben ſein Pferd, als ein junger Of⸗ fizier von dem Flecken her auf ihn zuſprengte und dicht an ihm hielt:„Teufel! Kommt Ihr aus der Hölle?“ rief ihn der General an.„ Ihr ſeht ja aus wie ein Eſſen⸗ kehrer des Satans!“ Der Offizier war ganz von Ruß und Rauch geſchwärzt, ſein Wams voll Brandflecken, ſogar glimmende Funken hingen noch an ſeinem Filzhut. „General, der Brand in der Stadt nimmt überhand! Euer Quartier iſt in äußerſter Gefahr. Wir können uns keine halhe Stunde mehr halten!“ runzelte die finſtre Stirn noch finſtrer.„Ja⸗ ie Kaiſerlichen aus dem Haſenlager?“ fragte er ſpöttiſch. „Und die Flammen!“ antwortete der Offizier feſt, halb trotzig. Der General maß ihn mit einem langen Blick.„Laßt ſehen, ob ich feuerfeſter bin als Ihr! Ich will mich ſelbſt ins Neſt werfen und es halten, ſolange ein Platz darin iſt, wo man Athem ſchöpfen kann!“ „So iſt Eile nöthig, General“, antwortete der Offizier, 142 „denn die Verbindung zwiſchen hier und der Stadt wird bald abgeſchnitten ſein.“ „Meint Ihr? Junker Vorlaut“, fuhr ihn Mansfeld an.„Ich denke ich ſehe mich ſelbſt um nach den Dingen, die ich wiſſen muß! Hättet wol Luſt, den General zu ſpielen!“ „Hm? Warum nicht?“ entgegnete der junge Mann. „Wenn auch heute nicht viel in dem Glückſpiel zu ge⸗ winnen iſt!“ Mansfeld antwortete nicht, aber man ſa ihm an, daß die kecken Antworten und militäriſch aris einſich⸗ tigen Aeußerungen des Offiziers ihm gefielen.„Zum Sammeln blaſen!“ rief er ſeinen Trompetern zu. „Wartet hier;“ befahl er dem Offizier,„berichtet dem älteſten Offizier, der hier eintrifft, daß er ſich mit der ganzen Cavalerie, die ſich hier ſammelt, in die Stadt vor mein Quartier ziehen ſoll!— Ich bin ſogleich wieder hier. Es ſoll aber nicht auf mich gewartet werden, ſondern Ihr handelt nach den Umſtänden!“ Nach dieſen Worten gab er dem Pferde die Sporen und jagte zu Carpezo hinüber, der eben den Garten beſetzen ließ und die Leute zur Ver⸗ theidigung des Plankenzauns ordnete. „Holla! Alter!“ rief Mansfeld ihn an.. „General!“ erwiderte Carpezo, und ritt auf ihn zu. „Gebt mir die Hand ter“, ſagte Mansfeld, und ſtreckte ihm ſeine Rechte „Hm!“ brummte d ſeltſam vorkam. „Carpezo! Ihr ſteht hier auf einem ziemlich verlornen Poſten. Ich werde ſogleich auch einen beſetzen. Haupt⸗ ſächlich wollte ich Euch ſelbſt meine Inſtruction bringen, und dann gelegentlich auch Lebewohl ſagen; man weiß heut wachtmeiſter, dem das Ding 143 nicht recht, ob und wo man ſich wiederſieht. Ihr müßt Euch hier halten, ſolange Ihr einen Schuß thun könnt.“ „Verſteht ſich“, nickte der Graubart. „Ich werfe mich mit den Reitern in die Stadt und halte die, bis.... bis Hohenlohe kommt“, knirſchte er ingrimmig heraus. „Was!“ fuhr Carpezo auf.„Warum nicht gar bis an den Jüngſten Tag! General! Ich hoffe, Ihr zieht ab, mit Allem, was Ihr retten könnt!“ „Seht doch! Ich glaube der Alte befiehlt mir!“ warf Mansfeld ihm in die Rede. Doch Carpezo fuhr ohne ſich zu unterbrechen fort: 4 „Ich halte Euch die dort“, er zeigte auf den Feind ihm gegenüber—„noch eine Stunde vom Leibe. Wie Ihr Euch gegen die da drüben“, er deutete auf die Höhen jen⸗ ſeit der Stadt—„ durchſchlagen könnt, das iſt Eure Sache! Aber Ihr müßt, ſo raſch Ihr könnt, die Straße auf Thein gewinnen!“ 8 „Und ſoll Euch hien „Iſt's beſſer, wenn fragte Carpezo. „Hohenlohe iſt ein... den Geſichtsmuskeln; doch da „Und Ihr handelt nicht nicht aus dem Schiffbruch rett terte Carpezo zürnend. 8 „Lebt wohl, Alter! Jeder d'n uns wird ſeine Schul⸗ digkeit thun“, erwiderte Mansfeld mit gewaltſamer Zuſam⸗ menraffung. Dabei faßte er Carpezo's Hand noch einmal, ſchüttelte ſie ihm derb und jagte davon. „Hm!“ murmelte dieſer, indem er ihm nachſah. preisgeben?“ Euch zugleich mit preisgebt?“ begann Mansfeld mit zucken⸗ ort erſtickte in ſeinem Zorn. eſſer wie er, wenn Ihr s zu retten iſt“, pol⸗ „Es 144 i*ſt mir lieb, daß er mir noch Lebewohl ſagen wollte. Wer weiß... aber zu weichherzig iſt er doch!“ Dabei wiſchte er ſich mit dem Aermel übers Geſicht, wandte ſich dann zu den Soldaten um und rief mit zorniger Stimme:„Nun, Burſche! Rührt die Knochen! Noch nicht aufgeſtellt? Euch ſoll das Wetter treffen!“ Und er miſchte ſich haſtig unter ſie. Die auf dem Schlachtfelde zerſtreut fechtenden Reiter⸗ trupps hatten ſich indeſſen geſammelt. Sie wollten eben aufbrechen, ohne wie Mansfeld's Ordre gelautet hatte, ihn abzuwarten. Jetzt ſetzte er ſich ſelbſt an ihre Spitze. Die Verbin⸗ dung mit Groß⸗Lasken war ſchon hart bedroht, durch die Feuersbrunſt und durch den ſeitwärts anrückenden Feind. Wollte man den Flecken gewinnen, was für den Rückzug nach Thein unerläßlich war, ſo galt es die höchſte Eile. Der Ort ſtand halb in Flammen, beſonders nach der Seite der Wagenburg zu, von welcher die Cavalerie hinein mußte. Jenſeits, unter dem Winde, war der Platz noch zu halten. Möglich war es auch noch, zwiſchen den brennenden Ge⸗ bäuden nach der andern Seite der Stadt durchzudringen, aber gefährlich; denn Rauch, Aſchenſtaub, Funken und glühende Kohlen umwirbelten die im Galopp hineinſpren⸗ genden Reiter. „Dort Kugelregen, len Kohlenregen“, warf Mansfeld, zu ſeinen nächſten Beg eitern gewandt, ſcherzend hin, um ihre düſtre Stimmung aufzuheitern.„Ich weiß nicht, ob mein Koller morgen mehr Blutflecken oder mehr Brand⸗ flecken haben wird!“ Die Wolken von Dampf⸗ und Aſchenſtaub, die der Wind durch die Lüfte jagte, wurden ſo dicht, daß man kaum vor ſich ſehen konnte; Funkenſchwärme ſprühten um⸗ 145 her; die Luft glühte wie in einem Ofen. Man vermochte kaum noch zu athmen. „Es war beim Teufel nicht nöthig, an einem ſo heißen Juniusmittage ſo einzuheizen“, ſprach Mansfeld wie zuvor, indem er ſich die Funken vom Wams ſchüttelte und klopfte. „Ah!— Nun athmen wir wieder.“ Die vorderſten der Reiter hatten jetzt die enge Hohlkehle der gefährlichſten Gaſſe hinter ſich und gelangten in den freiern Theil des Orts, gegen den Markt zu, wo des Generals Quartier lag. Da ſprengte ihnen von dort her ein Trupp Reiter entgegen und der Führer winkte ſchon aus der Ferne mit dem Degen, daß die Kommenden ſich zurückziehen möchten. Einzelne Reiter folgten dem Trupp nach. „Was ſoll das?“ fragte Mansfeld gegen ſeine Um⸗ gebung gewandt.„Sollten die dort....“ Der Führer, ein Hauptmann, jagte heran.„ General“, meldete er dieſem,„das Oberthor iſt von den Kaiſerlichen geſtürmt; nur hier die Gaſſe zu Eurer Rechten geſtattet noch einen Ausgang aus dem Orte. Flüchtet dort hinaus!“ Mansfeld's Auge funkelte.„Iſt mein Quartier ge⸗ nommen?“ „Die Wagen, die Bedeckung, Eure Dienerſchaft, Alles iſt dort hinaus geflüchtet“, meldete der Hauptmann. „Und wir ſollten davonreiten wie die Hundsfötter? Den braven Carpezo und die Musketiere im Stich laſſen? Lieber laſſe ich mich hier....“ „General“, rief der Hauptmann,„erhaltet Euch für uns Alle! Der Ort iſt nicht mehr zu behaupten. Drei Regimenter rücken auf das Oberthor an, zwei haben ſich zwiſchen die Stadt und die Wagenburg geworfen; wir konn⸗ ten ſie noch eben von den Höhen herabſtürmen ſehen. Der Weg iſt hinter Euch und vor Euch abgeſchnitten. Ein Re⸗ Rellſtab, Drei Jahre. II. 1. G 7 4 1 ———— E ————Q n—:—:4ös:,——— 146 giment Ungarn zieht ſchon quer über die Felder, um die Weſtſeite des Fleckens, die Straße nach Thein zu beſetzen.“ Auf dieſen Bericht hin umdrängten höhere und nie⸗ dere Offiziere den General. Sie beſchworen ihn, den Ort zu verlaſſen, die Schlacht aufzugeben und zu retten, was noch zu retten möglich war. 1 „Vor allem denkt an Euch ſelbſt, denn mit Euch ſind wir Alle verloren!“ rief ein alter Hauptmann, der mit blutender Stirn ohne Helm herangeritten war. Mansfeld kämpfte einen furchtbaren Kampf. In dieſem Augenblick ſprengte der Rheingraf mit dem Oberſten Schlammersdorf aus der Gaſſe, die nach der theiner Land⸗ ſtraße führte, heran. Der Rheingraf rief laut:„Hier heran! Eilig angeſchloſſen, ſonſt werden wir abgeſchnitten!“ Jetzt erkannten beide Reiter den Feldherrn. „General“, rief der Rheingraf,„folgt uns, ſonſt ſind wir Alle gefangen. Sie werfen ſich ſchon quer über Feld, auf die Straße nach Thein. Wir werden uns auch dort vielleicht durchſchlagen müſſen.“ Schlammersdorf und der Hauptmann Hayd— der Letzte war dort hinaus recognosciren geritten— bekräftigten, was der Rheingraf ſagte. „Nun denn“, rief Mansfeld und zeigte mit dem Schwert vorwärts.„So wollen wir uns dort durch⸗ ſchlagen. Aber lebendig bekommen ſie mich nicht!“ Er ſetzte dem Pferde die Sporen ein und jagte mit verhängtem Zügel die Gaſſe hinauf. Der Rheingraf und Schlammersdorf an ſeiner Seite. Im wilden Ritt löſte ſich ihm der Verband um die Stirn und hing ihm über das Geſicht hinunter; er warf ihn mit der Mütze zugleich ab. Das Blut drang wieder friſch aus ſeinen Wunden und floß über Stirn und Wangen. ℳ 147 Den Koller mit Brandflecken überſäet und durchlöchert, blut⸗ beſpritzt, ſtaubbedeckt, das Angeſicht von Rauch geſchwärzt, vom ſtruppig wilden Haar umſtarrt, Zornblitze in den Augen, ritt er Allen voran, eine furchtbare Rächergeſtalt, entſchloſſen Allen, die ihm folgten, die Bahn zu er⸗ trotzen, oder mit Allen unterzugehen. Ihm nach raſſelte die eiſerne Schaar, im Sturmritt aus dem Flecken. Hinter ihnen ſchlug die Lohe empor; die Feuerzungen leckten wie ziſchende Schlangen aufgebäumt, in die Lüfte und weck⸗ ten den Sturm. Er ſauſte mit breiten Flügeln daher, drückte die Wogen des Flammenmeers nieder, jagte Funken⸗ ſtröme und Aſchenwirbel um die Häupter der Davonſpren⸗ genden, und wälzte ſchwere Rauchwolken über ſie hin durch den Himmel, daß die Sonne ſich verfinſterte und nächtliches Schattendunkel die Erde umhüllte.—— —— Carpezo hatte ſich mit den Musketieren, Lan⸗ zenknechten und Allem, was er an Truppen zuſammenraffen konnte, in dem Garten feſtgeſetzt. Jeden Angriff der Kai⸗ ſerlichen ſchlugen die Tapfern unermüdlich zurück. Doch bald wurden ſie durch andere Kräfte als die feindlichen Ku⸗ geln in die drangvollſte Lage gebracht. Boucquoi, der von einer Anhöhe den Gang des Gefechtes beobachtete, ließ Brandkugeln gegen den Gartenzaun werfen. Die hölzernen Planken und Bretter, durch die lange Hitze gedörrt, fingen ſogleich Feuer. Carpezo's kaltblütiger Muth verließ ihn nicht. Aus zwei Ciſternenbrunnen im Garten ſelbſt und aus dem Brunnen des Gehöfts, zu dem er gehörte, ließ er Waſſer in Helmen und Pickelhauben herbeiſchleppen, und es gelang den Brand immer wieder zu löſchen, wie oft er auch neu entzündet wurde. Allein das Feuer griff die Tapfern bald auch im Rücken und mit gewaltigerer Macht an. Es waren die brennenden Häuſer von Groß⸗Lasken(denn jetzt 7** und Rauch die Kämpfenden in verzweifelnde Lage brachten. Die Luft glühte, die Hitze der Mittagsſonne und der Flam⸗ men vertrocknete Zungen und Kehlen. Mitten in dieſer Qual kämpften die Wackern mit zäher Hartnäckigkeit, un⸗ erſchüttert von dem Kugelregen, den Boucquoi's Infanterie und die Artillerie von den Höhen auf ſie niederſandte. „Haltet nur noch eine Stunde aus“, ermahnte Car⸗ pezo die ächzenden Leute, in deren Reihen er auf⸗ und nie⸗ derging, ſich ſelbſt jeder Beſchwerde und Gefahr preis⸗ gebend. „Eine Stunde! So ſind wir entſetzt!— Ich habe nochmals drei Boten an den Grafen Hohenlohe geſchickt. Einer wird ihn doch erreichen. Und er muß ſeit zwei Stunden das Krachen der Geſchütze hören. Er kommt zu⸗ verläſſig!“ Carpezo ſagte, was er ſelbſt nicht glaubte. Er verbarg ſeine Hoffnungsloſigkeit und ſeinen Ingrimm, um den Muth der Kämpfenden aufrecht zu erhalten. Dies einzige Mittel war noch das mögliche; dieſe einzige Rettung die denkbare. Sonſt keine! Die rings von Kugeln und Flammen Umdrängten fochten wie im Rachen der Hölle. Die Glut der Luft dörrte ſie aus. Die Flammenſäulen der brennenden Planken ſtiegen vor ihnen empor, ein Feuermeer wogte hinter ihnen; ſelbſt aus den Lüften ſtürzte der Feuerregen nieder. Zum Glück hüllte das grauenhafte und troſtloſe Schauſpiel des Gefechtes im Ganzen, das ihnen jeden Funken der Hoffnung geraubt haben würde, ſich ſo in Rauch, Qualm und Staub, daß ſie ſo gut als nichts davon wahrnahmen.— Mit eiſernem Muthe fochten ſie bis in die vierte Stunde des Nachmit⸗ tags. Zwei mal ließ Boucquoi ſie durch einen Trompeter ſtanden auch die äußerſten in Flammen), die durch Glut 149 auffordern, ſich zu ergeben. Der Graubart Carpezo er⸗ widerte nichts als ſein italieniſches, kurzes„No!“ und blickte ſtolz und freudig dabei unter ſeine Krieger umher, die ihm zujauchzten. Und immer von neuem begann der Kugel⸗ und Feuerregen. Da verſiegten endlich die Brunnen; der brennende Zaun ließ ſich nirgends mehr löſchen! Die Kämpfer ſanken, ohne getroffen zu ſein, von Glut und Arbeit erſchöpft, zu Boden. Sie erſtickten ſchon faſt im Rauch, der ſich von der Stadt her über die ganze Fläche der Felder lagerte und ſich mit dem ſchweflichten Pulverdampf miſchte. Der letzte Sonnen⸗ blick der Hoffnung erloſch! Jetzt riß Carpezo dem Fahnenträger der Musketiere die Fahne aus der Hand, ſprang damit auf einen Stein und rief, das Banner hoch emporhaltend:„Schaart euch um mich her. Wir machen einen Ausfall! Wir brechen durch! Im Muth iſt Rettung!“ Eine kleine Schaar verſammelte ſich um den Führer; die Anderen vermochten es nicht mehr! In dieſem Augen⸗ blick ertönten die Trommelwirbel der Kaiſerlichen zum all⸗ gemeinen Sturm gegen den Garten. Eine Salve aus allen Geſchützen und ein ſchmetterndes Musketenfeuer praſſelte gleichzeitig über das kleine Häuflein her. „Feuer, und dann im Sturmſchritt vorwärts“, rief Carpezo und ſprang mit der Fahne vor.„Feuer!“ das Commando erſcholl,— doch nur einige vereinzelte Schüſſe fielen. Nur Wenige hatten noch Pulver und Kraut gehabt. Sie ſchoſſen ſchon mit den Knöpfen, die ſie ſich vom Wams geſchnitten!*) *) Hiſtoriſch. ——O————O—Q—— 150 Nochmals ertönte vor Beginn des Sturmes der Trom⸗ petenſtoß, der zur Ergebung aufforderte. Jetzt erſt, da Carpezo ſah, daß er waffenlos war gegen den Angriff, ſprach er ſein finſteres„Si!“ vor ſich hin, ſchlang ſein Taſchentuch um die Degenſpitze und ließ es als bejahendes Zeichen der Unterwerfung flattern. Im Augenblick ſchwieg das feindliche Feuer. Die Tapferen waren Gefangene; ihr Führer mit ihnen.— —— Das war der Ausgang des mörderiſchen Gefechtes von Groß⸗Lasken, durch ausharrenden Muth den größten Kriegs⸗ thaten beizugeſellen, durch die Folgen den wichtigſten. Denn hier war der Wendepunkt des böhmiſchen Waffenglücks. Mansfeld, verlaſſen von eigenſinnigen, eiferſüchtigen oder muthloſen Mitführern, konnte Boucquoi's Vordringen nach Prag nicht mehr hemmen; damit brach die Brücke der Sicherheit hinter Thurn ein, deſſen ſchwellender Heeres⸗ ſtrom ſchon bis an die Mauern Wiens gedrungen war. Er mußte den Sieg laſſen, den er dort ſchon in Hän⸗ den hielt! Unwahrnehmbar wie die Waſſerſcheide der Ströme iſt oft der Scheidepunkt der Weltgeſchicke. Und doch wendet ſich ihre mächtige Flut von dort ſo plötzlich andern Ge⸗ bieten zu! Nur die Breite eines Strohhalms trennt die Herrſchaft unermeßlicher Meere, entſcheidet zwiſchen Glanz und Untergang der Völker! —— —— — Vierzehntes Capitel. Ein Theil der dreißig Directoren, welche ſeit dem Auf⸗ ſtande an der Spitze der Regierung Böhmens ſtanden, hatte ſich nebſt einigen anderen böhmiſchen Großen und höheren Beamten zu einer vertraulichen Berathung im ſtändiſchen Saale auf dem Hradſchin verſammelt. Es war ſchon ſpät am Abend und völlig dunkel. Kerzen beleuchteten den Sitzungstiſch, doch ließen ſie den entfernten Theil des Saales im Halbdunkel. Caplicz von Sulewiez führte, als der Aelteſte an Jah⸗ ren, den Vorſitz in der Verſammlung. Graf Andreas von Schlick, Budowa, Olbramowitz, Jeſſenius von Jeſſen, Martin Früh⸗ wein als Schriftführer und einige Andere waren zugegen. Die Verhandlungen betrafen den wichtigſten Gegenſtand, die Wahl eines künftigen Oberhauptes für Böhmen. Daß die jetzige Art der Regierung nicht bleiben könne, darüber war man einig. Die Eiferſucht der Einzelnen aufeinander hätte es nie zu einer ruhigen Führung des Steuers, wie das Glück des Landes ſie fordert, kommen laſſen. Auch darüber war man ſo gut als einig, daß Erzherzog Fer⸗ dinand nicht länger Böhmens König ſein könne; nur Wenige widerſtrebten dem noch, doch hielten ſie ſich ſtill 7** 1 1 3 3 1 4— H zurückgezogen und ließen ihre Anſicht nicht laut werden.— Endlich war auch die Meinung überwiegend, daß man kei⸗ nen der böhmiſchen Großen auf den Thron berufen wolle, weil zu Viele gleich berechtigt waren, die aufeinander nei⸗ diſch werden und einem Erwählten ihres Gleichen ſchwerlich willigen Gehorſam geleiſtet haben würden. Einem fremden, angeſehenen Fürſten waren Alle gleichmäßig bereit, ſich zu unterwerfen. Es handelte ſich alſo nur noch darum, wer ſollte es ſein, dem man das Glück eines ſo reichen, ſchönen Landes, eines ſo edlen, mächtigen Volkes anvertrauen wollte? Freilich konnte man für jetzt nur einen vorläufigen Be⸗ ſchluß faſſen, da man auch der Zuſtimmung deſſen gewiß ſein mußte, dem man die glanzvolle, reiche Gabe darbieten wollte; denn es war nicht ohne Gefahr ſie anzunehmen. Auf vier der Fürſten Europas richtete ſich das Augenmerk vorzugsweiſe. Auf den Kurfürſten Friedrich von der Pfalz, der als Oberhaupt der proteſtantiſchen Union und Schwiegerſohn König Jakob's des Erſten von England ein großes Gewicht von Macht und Anſehen in die Wagſchale zu legen hatte;— auf den Kurfürſten Georg Johann von Sachſen, der für den mächtigſten proteſtantiſchen Fürſten galt; auf den König Chriſtian den Vierten von Dänemark und auf den Herzog von Savoyen, für den beſonders Graf Mansfeld ſeinen Einfluß verwendete. Ueber alle dieſe war in der Verſammlung bereits ge⸗ ſprochen. Der Herzog von Savoyen hatte geringen Anhang gefunden. Ebenſo Chriſtian der Vierte. Zwar ſei er gut pro⸗ teſtantiſch und ein Mann von Macht und Geſinnung, allein ſein Reich liege zu weit von Böhmen; er könne nicht beide Kronen vereinen, ohne beide zu gefährden. Gegen den Kurfürſten von Sachſen erhoben ſich viele Stimmen. Er war ein eifriger Lutheraner, doch kein Freund der — — 155 Böhmen. Man hatte in der Stille geforſcht, und wollte wiſſen, er werde die Wahl, wenn ſie auf ihn falle, gar nicht annehmen. 8 Für Friedrich von der Pfalz zeigten ſich die Meiſten geneigt. Eben war er der Gegenſtand der Beſprechung. Wenige nur wußten, was zur Ermittelung der Geſinnung dieſes Fürſten geſchehen war. Budowa's Beſuch des pfäl⸗ ziſchen Hofes kannten nur die Vertrauteſten; von ihnen war ſein Auftrag dazu ausgegangen. Ueberdies hatte man aus verſchiedenen Kreiſen ähnliche Erforſchungen in der Stille, ſowol am Hofe des Kurfürſten von der Pfalz wie an dem Georg's von Sachſen vorgenommen. Caplicz von Sulewicz gehörte zu Denen, welche des Kanzlers Reiſe kannten; er hatte mit Kummer vernom⸗ men, daß Friedrich nicht ſo bereitwillig ſei, das gefahrvolle Amt zu übernehmen, als man wünſchte. Sein verſöhnlicher Sinn verſuchte daher noch ein Wort zu Grrüſten des ge⸗ genwärtigen Königs von Böhmen. „Edle Herren“, ſprach er,„ſo Schweres wir uns von König Ferdinand zu gewärtigen hatten, der unſeres Glau⸗ bens nicht iſt, ſo denke ich doch, daß die Zeit und Erfah⸗ rung ihn anders geſtimmt haben werden. Wäre es alſo nicht dennoch beſſer, wir verſuchten aufs neue uns mit ihm zu vereinigen. Noch iſt er unſer König....“ „Aber er darf es nicht bleiben“, fiel Olbramowitz ihm entſchieden ins Wort,„ſonſt ſind alle unſere kühnen Thaten, alle unſere Kämpfe und Siege vergeblich geweſen.“ „Sie verſprechen uns die günſtigſten Bedingungen von ihm“, erwiderte der Greis;„und ſie werden ihm zur Lehre gedient haben“, ſetzte er milde hinzu. „Nimmermehr!“ rief Olbramowitz noch heftiger, und viele Stimmen erhoben ſich mit der ſeinigen durch den 156 Ruf:„Nein! Nicht Ferdinand! Kein Habsburg! Kein Katholiſcher!“ „Nein, Freunde, glaubt nimmermehr an aufrichtige Ver⸗ ſöhnung“, nahm Olbramowitz wieder das Wort, als die Ruhe ſich hergeſtellt hatte.„Ein Weilchen möchte es gehen, ſcheinbar! Aber nicht zwei Jahre würden verſtreichen, ſo herrſchten wieder der Mönch und der Jeſuit hier, und unſer Gewiſſen würde in Zwang gelegt wie bisher!“ „Doch“, wandte Caplicz mit gemäßigtem Tone ein, „iſt faſt keine Hoffnung vorhanden, daß der Kurfürſt von der Pfalz unſer Erbieten annehmen werde!“ „Doch doch! Er wird!“ entgegnete Olbramowitz, der zwar von des Kanzlers Reiſe, aber nicht von ſeinem Auf⸗ trag wußte.„Ich habe Freunde geſprochen, die von Hei⸗ delberg kamen. Der junge Kurfürſt iſt ganz von Eifer be⸗ ſeelt für unſere Sache!“ Budowa ſchwieg. Caplicz wandte ſich zu ihm:„Auch Ihr, Herr Kanzler, ſeid kürzlich am Rhein geweſen und habt manche Freunde dort, was meint Ihr darüber?“ „Soweit ich erfahren konnte“, nahm der Gefragte das Wort,„doch es iſt ſchon etliche Wochen her, iſt der Kur⸗ fürſt Friedrich allerdings unſerer Sache wohlgeneigt, doch ſoll er geäußert haben, er werde ſich nicht thätlich ein⸗ miſchen. Unſere Sache ſei eine rein böhmiſche!“ „Iſt ſie nicht Sache der Religion?“ fragte Berka von Duba lebhaft;„müſſen nicht die Proteſtanten, die Luthe⸗ riſchen zu uns halten?“ „Muß nicht die Union ſich unſerer annehmen?“ fiel Olbramowitz ein,„und iſt Kurfürſt Friedrich nicht ihr Oberhaupt?“ „Soviel ſie konnte, hat ſie es ja ſchon gethan, da ſie — ———-õÿ— 157 uns den Grafen Mansfeld mit ſeinem Heer zur Sülfe ſandte“, meinte Caplicz. „Der Graf iſt freiwillig in unſere Dienſte getreten“, wandte Berka von Duba ein. „Verzeiht, nicht ſo ganz, wenn auch die öffentliche Form ſo lautete“, antwortete Caplicz. „Was Form! Hin und her! Ich ſage Euch, der Kurfürſt Friedrich nimmt unſern Antrag an!“ behauptete Berka entſchieden. „Wenigſtens“, bemerkte Wilhelm von Lobkowitz,„habe ich einen Brief ſeines erſten Raths, Ludwig Camerarius, geſehen, der ſehr zu unſern Gunſten ſpricht.“ „So iſt es; die Sache lag uns anfangs nicht ganz günſtig“, nahm der Kanzler und Rector des Carolinums, der berühmte Arzt Jeſſenius von Jeſſen, das Wort; „allein die Anſichten haben ſich geändert. Die Frage iſt in den letzten Wochen viel am pfälziſchen Hof verhandelt worden. Das religiöſe Gewiſſen des Kurfürſten hat ent⸗ ſchieden. Sein geiſtlicher Beiſtand und Hofprediger, der berühmte Herr Abraham Scultetus, iſt mächtig in ihn ge⸗ drungen und hat die Abrathungen Anderer zu Schanden gemacht. So iſt mir von vertrauten Freunden, die ich zu Heidelberg habe, geſchrieben worden. Die Stimmung des Kurfürſten iſt jetzt durchaus für unſere Hoffnungen.“ „Ihr habt ganz Recht, Jeſſenius“, bekräftigte Olbra⸗ mowitz.„Auch meine Nachrichten lauten ſo.“ „Ich darf Euch verſichern“, entgegnete Budowa,„ich habe die zuverläſſigſten Leute auf meiner Reiſe geſprochen. Allerdings ſind Scultetus und Camerarius für unſere Ab⸗ ſichten, auch manche Andere am Hofe—.“ „Die Kurfürſtin ſelbſt“, fiel Olbramowitz dem Redner ins Wort,„Frau Eliſabeth iſt voll glühenden Eifers für 158. uns. Die Tochter des Königs von England ſieht es als eine Pflicht der Ehre ihres Gatten an, daß er einen Königs⸗ thron nicht von ſich weiſe, zu dem ihn das Schickſal beruft! Das weiß ich von ſicherſter Hand!“ „Auch darin habt Ihr Recht, Olbramowitz“, antwor⸗ tete der Kanzler.„Allein der Kurfürſt ſelbſt iſt zweifel⸗ haft, und wichtige Männer in ſeiner Umgebung ſind anderer Anſicht.“ „Das hat ſich geändert! Es war ſo! Ja!“ ant⸗ wortet Olbramowitz.„Allein unſer Waffenglück hat die Wetterfahne gedreht. Seit Thurn Mähren genommen hat, ſeit die dortigen Stände ſich für uns erklärt haben und unſer Heer in Oeſterreich einrückt, lautet die Melodie an⸗ ders, die man zu Heidelberg ſingt. Ich darf's Euch ver⸗ ſichern!— Mit einem Wort, Ihr Herren“, ſprach er frei heraus,„ich habe mich ſelbſt überzeugt!“ Alle ergriff ein großes Erſtaunen.„Ja! Ich war ſelbſt zu Heidelberg!...“ Es entſtand eine allgemeine tiefe Stille der Verwunderung.„Ich weiß“, fuhr der Redner, mit einem Blick auf Budowa fort,„daß auch Andere unter uns hochehrenwerthe Männer ſchon dort ge⸗ weſen ſind. Nur drei Wochen zuvor! Damals war das Fahrwaſſer freilich zweifelhaft— jetzt hat es Strom und Tiefe! Wir dürfen, mein Wort zum Pfande, uns jetzt offen an den Kurfürſten wenden, ſeine Antwort wird nicht Nein lauten!“ „Wenn Ihr deſſen ſicher ſeid, Olbramowitz“, rief Budowa freudig und ſtand auf,„ſo wollen wir Gott dan⸗ ken. Ich war am Hofe des Kurfürſten! Warum ſoll ich's jetzt leugnen? Mehrere der Herren hier wiſſen es nicht nur, ſondern wußten es zuvor, und hatte meine Reiſe, die, wie mancherlei Zwecke ich auch dafür vorgegeben, doch in 159 der Stille den einzigen wahren, den edeln Kurfürſten für unſere Wünſche zu gewinnen.“ Abermals ergriff allgemeines Staunen die Verſammlung, und machte ſich in einem Ausruf der Verwunderung Luft. „Ja! Hier unſer würdiger Vorſitzender“, er deutete auf den Greis Caplicz,„Graf Schlick, Wenzel von Rau⸗ powa, Herr Martin Frühwein und noch mehrere andere Freunde, wir hatten in der Stille den Beſchluß gefaßt, den Kurfürſten zu erforſchen, um zu wiſſen was wir hier in der Verſammlung vorſchlagen durften. Ihr waret da⸗ mals in Mähren, Freund Olbramowitz. Mich traf die Wahl für den Auftrag. Ich fand zu Heidelberg einige der Räthe günſtig für uns geſtimmt, andere wider uns; der Kurfürſt war anfangs ſchwankend, zuletzt eher abgeneigt. Auch der Herzog von Anhalt, ſein Statthalter zu Amberg, den ich beſuchte, war gegen uns.“ „Auch Der iſt jetzt für uns!“ ſagte Olbramowitz mit Sicherheit.„Das Alles hat die Tapferkeit unſeres betr, bewirkt. Seit Wien zittert, ſtehen unſere Freunde feſt.. „Heil uns!“ rief Caplicz in edler Bewegung aus,„u und Dank unſern tapfern Kriegern!“ In dieſem Augenblick wurde die Saalthür raſch geöff⸗ net. Aller Blicke wandten ſich verwundert dahin. Ein Mann, den Mantel um die Schultern geſchlagen, den Kopf mit einem ſchwarzen Tuch umwunden, deſſen Schwert an der Seite und klirrende Sporen an den Stiefeln auch in dem halbdunklen Raum ſogleich den Kriegsmann erkennen ließen, trat ein. „Was iſt Euer Begehr“, fragte Caplicz von Sulewicz erſtaunt über dieſes Eindringen eines Fremden. „Es iſt mir lieb, daß ich euch Herren hier gleich Alle beiſammen treffe“, antwortete eine rauhe Stimme, und der 160 Ruf„Graf Mansfeld“, aus Aller Munde unterbrach ſeine Worte. „Ja, Mansfeld!“ durchdrang die kräftige Stimme des Kriegshelden das Geräuſch.„Mansfeld, der wol ein Wort mitzureden haben dürfte in eurer Verſammlung, und euch ſeinen Sack voll Nachrichten, nicht zu eurer Freude, hier ſogleich ausſchütten wird!“ Alle waren aufgeſprungen; Einige gingen ihm entgegen, begrüßten ihn durch Handſchlag. Verworrene Reden ſchall⸗ ten durcheinander; Keinem ahnte Gutes. „Woher kommt Ihr ſo plötzlich? Und welche Nach⸗ richten bringt Ihr uns, Graf Mansfeld?“ fragte endlich der Greis Caplicz, bis zu deſſen Platz der General jetzt hinangedrungen war, im geſchäftlichen Tone des Vor⸗ ſitzenden. „Ihr ſollt's erfahren! Gebietet Stille, und gebt mir das Wort!“ erwiderte Mansfeld.— Es geſchah wie er verlangte.— „Jetzt ihr Herren“, hub er an, und tiefer Zorn malte ſich in ſeinen Zügen,„beginnen ſie zu reifen, die Früchte eurer Unſchlüſſigkeit, eurer Eiferſucht, eures Haders, eures Gei⸗ zes, eurer ſchlechten Anſtalten! Zehn mal habe ich ge⸗ ſchrieben um Geld zum Sold für die Truppen, um Ver⸗ ſtärkung; Alles vergeblich! Ich bin ſelbſt gekommen als ungeſtümer Mahner und Antreiber! Viele Worte be⸗ kam ich, aber keine Hülfe, keinen Gulden, keinen Mann! Boucquoi und Dampierre verſtärkten ſich von Tag zu Tag und ſogen das Land aus mit Plündern, und erbitterten das Volk durch Brennen und Sengen, durch Mishandeln der Bewohner, ohne Unterſchied von Alter und Geſſchlecht! Längſt hätte ich ſie herausgeſchlagen, bis zur Donau hin⸗ unter, und das unglückliche Böhmenland frei gemacht, wenn 161 ich Unterſtützung gehabt hätte! Die Herren, denen ihr Befehle übertragen habt, waren ſäumig, eiferſüchtig, un⸗ zuverläſſig!“ Es entſtand Gemurmel in der Verſammlung.„Laßt mich ganz ausreden“, fuhr Mansfeld auf;„ich habe Euch um Stille gebeten, alter Vater Caplicz! Erhaltet ſie auf⸗ recht!— Ich habe mir keine Muße gegönnt, bequem hier⸗ her zu kommen. Ihr ſeht, wie ich durchnäßt und voll Koth und Blut bin; denn ich bin Tag und Nacht geritten, ſechzehn Meilen, recta vom Schlachtfeld! Nun gönnt Ihr mir wenigſtens die paar Minuten, um meine Meinung, an der unſer Aller Kopf hängt, gerade herauszuſagen!“ Es ward lautlos ſtill. Das Wort„Schlachtfeld“ war Allen wie ein Blitzſtrahl durch die Glieder gezuckt; Keiner ahnte noch von einer Schlacht etwas. „Bei Gott im Himmel“, fuhr Mansfeld eifrig fort,— „ich habe gethan, was möglich war in dieſem Kriege! Pilſen war mein in wenig Tagen, und es war feſter als Budweis und Braunau. Davor haben eure Leute gela⸗ gert, daß ihnen der Bart grau geworden, und haben die Städte nicht genommen! Der Feind blieb uns im Lande wie ein Pfahl im Fleiſch! Wie immer, halbe Mittel und halbes Geld; damit ließ ſich nichts Ganzes ſchaffen! Indeß zog Boucquoi immer mehr Leute an ſich. Auch euer Lands⸗ mann, Graf Albrecht Waldſtein oder Wallenſtein, mei⸗ nethalben, iſt mit einem neugeworbenen Küraſſierregimente zu ihm geſtoßen!“ Olbramowitz murmelte unwillig etwas zwiſchen den Zähnen. „Tag und Nacht waren wir überall bedroht, von vorn, in den Flanken, im Rücken. Ich manövrirte hin und her und kreuz und quer, um Boucquoi die Spitze zu bie⸗ —— 162 ten. Eure anderen Herren Generale aber waren nicht aus dem Neſt zu bringen, wo es galt, mir zum Succurs zu dienen. Endlich kam's, wie ich's lange genug vorausge⸗ ſagt! Boucquoi hatte ſich allmälig fett gemäſtet! Vor drei Tagen fiel er mir bei Groß⸗Lasken auf die Flanke. Wollte ſich mitten zwiſchen mich und Hohenlohe hineinwerfen, durchbrechen, dann auf Prag marſchiren!“ Bei dieſem Wort flog ein unruhiges Gemurmel durch die Verſammlung. „Ja auf Prag! Und jetzt wird er hier ſein, eh ihr's meint!“ Einige ſprangen auf; Andere riefen:„Wie das? Was iſt geſchehen?“ Die Beſtürzung war allgemein. „Nuhig, ruhig!“ gebot Mansfeld mit bitterem Zorn in den Zügen.„So eilig habt ihr's noch nicht, daß ihr nicht heut noch in⸗ euren Betten ſchlafen könntet! Aber was die nächſte Woche bringt, weiß ich nicht. Kurz und gut! Ich hatte mit einem Theile meiner Leute eine Seiten⸗ excurſion gemacht, nach Schloß Netolitz, um ein paar Dutzend ehrliche Teufel, die Ueberbleibſel von etlichen Hun⸗ dert, die gefochten hatten wie die Löwen, nicht in der Mausfalle ſtecken zu laſſen, wie es Feldherrnpflicht iſt, wenn man ſeine Leute bei Eifer und Vertrauen erhalten will! Der Streich war gelungen. Unterdeſſen, obgleich ich mich wohl vorgeſehen und den Schlüſſel zur Straße nach Thein nicht aus der Hand gegeben hatte, war Boucquoi früh aufgeſtanden, um ſich rechtzeitig zu Mittag bei mir anzumelden. Eine ſchuftige Verrätherei in meiner Kanzlei*), der ich noch auf den Kopf zu treten denke, hatte ihm Nachricht gegeben. Als ich auf meine Poſition zurück⸗ *) Hiſtoriſch. 163 ging, wurden ſeine Pferdenaſen ſchon von allen Seiten über die Bergkette ſichtbar, und die Piken ſeiner Lanzen⸗ knechte machten ein hübſches Gitter am Horizont. Ich konnte ihm aus dem Wege gehen, auf Prag zu, aber dann war Hohenlohe, und Alles, was links und rechts von Bud⸗ weis ſtand, verloren und etliche Tage ſpäter wäre die Uebermacht mir über den Hals gekommen, und wir hätten vielleicht Alle zugleich, meine Leute und die Kaiſerlichen, durch das Kornthor oder über den Roßmarkt hier einrücken können. Hielten wir aber zuſammen, ſo konnte der Herr Graf Boucquoi mit blutigem Kopf zurückgeſchickt werden. Darum machte ich Front gegen den Feind, wie gefährlich es war, und ſchickte drei, ſechs Boten einzeln an den Grafen Hohenlohe, die er, falls er ein Soldat war wie er ſein muß, gar nicht gebraucht hätte; denn früher als ſie ankamen, mußte er unſere Kanonen und Musketen knallen hören, und wenn er das Ohr ſpitzte, wußte er, wohin er zu marſchiren hatte.— Aber— er blieb aus! Weit davon iſt gut vor'm Schuß! Wir rauften uns fünf Stunden mit der furchtbaren Uebermacht! Ich habe Leute auf dem Platz gelaſſen....“, hier ſtockte ſeine Stimme ein wenig, und man nahm wahr, wie er Schmerz und Ingrimm bekämpfte—„von denen Einer mehr werth war als ein Dutzend Hohenlohe,— und nichts für ungut, Jeder wenigſtens ſoviel, als Jeder von euch hier im gepolſterten Lehnſtuhl! Sie werden jetzt hart liegen, oder kühl,— aber ruhig! Kurz und gut! Ich verſtehe zu fechten und zu ſchlagen, aber was zu viel iſt, iſt zu viel! Von Minute zu Minute hoffte ich auf die Hülfe! Sie kam nicht! Noch eine halbe Stunde vor Ende der Schlacht hätte ſie uns retten, den Feind vielleicht verderben können,— Donner und Teufel— ſie kam nicht! Nichts 164 blieb weiter übrig, als die eine Hälfte meiner Leute mußte ſich aufopfern, damit ich mit der andern mich durchſchlagen könnte, um ſpäter wenigſtens zu retten, was für den Au⸗ genblick verloren war. Oberſtwachtmeiſter Carpezo, mein alter Freund und Waffenbruder, hat den Horatius Cocles geſpielt, ich den Winkelried. Er ſchob den Kaiſerlichen den Riegel vor, ich brach durch Schloß und Thor mit meinen Reitern,— und ſo bin ich hier!“— Die tiefſte Stille der Beſtürzung herrſchte in der Ver⸗ ſammlung. Auf Aller Zügen lag der Ausdruck finſtrer Sorge. Nur der muthvolle Olbramowitz rollte wild die Augen und zuckte mit den Brauen. Heftig ſchlug er mit der Hand auf den Tiſch und rief:„Ich hab es euch immer geſagt! Es konnte nicht anders kommen! Ver⸗ fluchte Zauderei und Zungendreſcherei! Wäre ich nur nicht in der Pfalz geweſen!— Graf Mansfeld hat Recht! Er hätte Recht, wenn er uns den Rücken wendete und ſagte: Helft euch ſelbſt!— Tapfre Männer ſind zu gut für uns!“ „Mäßigt Euch, Olbramowitz!“ bat Caplicz mit ernſter, aber ſanfter Stimme;„iſt Unrecht, iſt Unglück geſchehen, ſo wollen wir lieber ſtatt darüber zu hadern, alle Kräfte daran ſetzen, es gut zu machen!“ „Ja, das wollen wir!“ riefen Alle durcheinander. „Wenn es noch möglich iſt“, ſagte Mansfeld laut, und ſtreckte gebietend den Arm aus, um aufs neue Ruhe und Gehör zu erlangen. Es wurde wieder ſtill. „Ich habe Nachricht“, begann Mansfeld aufs neue, „daß Boucquoi und Dampierre ſich in Folge unſers ver⸗ lorenen Gefechts vereinigt haben. Sie ſind jetzt wenigſtens dreißigtauſend Mann ſtark und werden auf Prag vor⸗ rücken! Wir haben ihnen nichts entgegenzuſtellen. Die 1 Hälfte meiner Mannſchaften habe ich bei Groß⸗Lasken ein⸗ gebüßt. Ein Theil iſt verſprengt; in Pilſen ſammelt ſich der Ueberreſt. Aber das iſt nicht genug. Hohenlohe iſt jetzt abgedrängt. Ob er nunmehr den Weg zu mir finden kann, weiß ich nicht! Mit welchen Kräften ſollen wir Boucquoi abwehren?“ „Wir müſſen Thurn zurückrufen“, erhob ſich eine Stimme. „Nimmermehr!“ rief Olbramowitz heftig und ſprang auf.„Er muß jetzt vor Wien gerückt ſein!.... Sollen wir den ganzen Sieg unſerer Sache aus der Hand geben?“ „Vor Wien? Habt Ihr Nachricht?“ fragte Mans⸗ feld.„Nun“, ſetzte er nicht ohne Bitterkeit und einigen Neid auf das Glück ſeines Mitfeldherrn, ſeiner eignen Lage gegenüber, hinzu,„ſo mag Thurn in der Burg ſſeiſen, wenn Boucquoi ſich hier auf dem Hradſchin zur Ta⸗ fel ſetzt!“ —„ Haltet Ihr's für nothwendig, Graf Mansfeld“, fragte Caplicz mit beſorgter Miene,„daß wir den Grafen Thurn zurückrufen....“ „Thut was ihr wollt“, fuhr ihm Mansfeld heftig in die Rede,„aber, ſeht zu eurer Haut und....“ ſetzte er bitter drohend nach kurzem Innehalten hinzu,„zu euren Köpfen! Ich glaube nicht, daß Boucquoi großen Reſpect vor ihnen haben wird!“ „Thurn zurückrufen!“ erhob Olbramowitz nochmals die Stimme.„Nimmermehr! Jetzt, nachdem er Mähren und halb Oeſterreich genommen hat, Alles wieder aus der Hand geben! Nein! Wir müſſen Prag vertheidigen! Wir müſſen Mannſchaften ausheben, uns dem kaiſerlichen Heer ent⸗ gegenwerfen!— Mansfeld! Ich kann nicht glauben, daß Ihr ſolchen Rath ertheilt!“ „Ich ertheile gar keinen Rath“, antwortete der Graf kalt und trocken.„Ich habe genug Rath ertheilt, da es noch Zeit war, aber vergeblich! Jetzt rathet euch ſelbſt! Ich habe meine Pflicht gethan! Ich habe euch Bericht erſtattet wie die Dinge ſtehen. Um nur Das zu können, mußte ich mich als ein gemeiner Reiter mit der Klinge durchhauen hierher, und komme ohne Hut oder Helm, wie ihr ſeht, aber nicht ohne Kopf hier an! Der ſteht noch auf dem rechten Fleck!“ Er erhob ſtolz die Rechte und deutete mit dem Zeigefinger auf die Stirn. „Aber mein Corps iſt zerſprengt; ein Feldherr ohne Armee iſt ein Steuer ohne Schiff! Ein paar Hundert Mann von den Meinigen werden ſich wol zu Pilſen wieder zuſammenfinden. Das iſt ein Löffel um einen Teich aus⸗ zueſſen! Gebt mir eine Armee und ſchickt mir Ordres! Dann will ich handeln! Mit Rathgeben laßt mich un⸗ geſchoren! Somit Gott befohlen!“ Mit dieſen erbitterten Worten ſchritt er der Thür zu. Olbramowitz, Wenzel von Raupowa, Jeſſenius, Budowa und viele Andere eilten ihm nach, um ihn zurückzuhalten. „Bringt ihn zurück, Freunde“, ſprach Caplicz mit dem Tone dringender Bitte.„Nur jetzt keinen Zwieſpalt unter uns im Augenblick der Gefahr!“ „Laßt ihn!“ rief Berka von Duba,„wir werden auch ohne ihn fertig werden. Sollen wir uns von ſeinem trotzigen Uebermuth mishandeln laſſen?“ „O ſeid nicht ungerecht“, begütigte Caplicz,„er iſt rauh, aber wir ſind im Unrecht und ſchulden ihm Dank. Er hat für uns gefochten und geblutet; ſeine Wunden ſind noch friſch! Ehren wir ihn und ſuchen ihn wiederzuge⸗ winnen!— Ich ſelbſt will ihm das Wort des Friedens ſagen!“ 167 Die edlen Worte des Greiſes drangen in jedes Herz. Tiefer Ernſt und Sanftmuth blickten aus ſeinen Augen. So ging auch er Mansfeld nach. Die Verſammlung war aufgelöſt. Große Beſtürzung in Aller Bruſt. Die erſte düſtre Wolke der ſchweren Verhängniſſe, die ſich über Böhmen heraufzogen, ſchwebte über der Haupt⸗ ſtadt! Funfzehntes Capitel. Es war Mitternacht. Tiefe Stille lagerte über dem leichenbedeckten Schlachtfelde. Die Mondſichel hing bleich zwiſchen graulichem Gewölk, das als der Ueberreſt eines Gewitterregens zerriſſen über den Himmel zog.— Die Sieger waren zur Verfolgung vorgerückt; in ihrem Rücken lag die blutige Stätte der Entſcheidung. Nur eine kleine Abtheilung hatte Boucquoi zurückgelaſſen, um die Todten zu beſtatten. Doch von der Arbeit des Tages erſchöpft, hatten ſie das Werk der frommen Pflicht auf den nächſten Morgen ver⸗ ſchoben und, da der Abend regnicht geworden war, in den ſtehen gebliebenen Häuſern von Groß⸗Lasken ihre Lager⸗ ſtätten geſucht. Mancher Sterbende lag unter den Todten, und ein leiſes Aechzen unterbrach von Zeit zu Zeit, hier und dort, die mitternächtliche Still. Die Waldhöhen ſäumten den Horizont mit ihren dunklen Maſſen. Das ungewiſſe, trübe Mondlicht ließ nur die größern Gegenſtände wahrnehmen: 168 einzelne Bäume, die hier und da im freien Felde ſtanden, eine Erderhöhung, ein Kreuz oder Heiligenbild am Wege aufgerichtet. Schauerlich ragten die Trümmer des halb ein⸗ geäſcherten Fleckens mit ihren zackigen eingeſtürzten Mauern, vereinzelten hohen Schornſteinen aus dem Boden, und ließen ihre ſeltſamen Umriſſe auf dem dämmernden Hintergrunde des Himmels verfolgen. Hier und dort glimmten noch Balken; aus keſſelartigen Vertiefungen leuchtete, noch ſtärker ausſtrahlend, die düſtre Glut geſammelter Kohlen; ſtoß⸗ weiſe erhoben ſich Dampfwirbel darüber und kräuſelten ſich um die Trümmer, die der röthliche Widerſchein geiſterhaft anhauchte. Nur zwei lebende Geſtalten ſtreiften unheimlich durch das Bild einſamen, todten Grauens: eine männliche und eine weibliche. Ein breiter Hut bedeckte das Haupt, ein kurzer langhaariger Mantel die Schultern des Mannes von ſtämmigem gedrungenen Bau. Er war mit einem ſchweren Knittel verſehen und ein Sack hing ihm über die Schulter. Das Weib hatte den Kopf in dichte Tücher, unter dem Kinn zugebunden, eingehüllt; am Arme trug ſie einen Korb. Aus dumpfer Betäubung erwachend, ſah Faver das düſtre einſame Nachtbild vor ſich, nur von den beiden Ge⸗ ſtalten belebt, die ſich ihm zu nähern ſchienen.— Als er be⸗ ſinnungslos im Sattel ſchwankte und das Blut ſeinen Wunden entſtrömte, hatte ſich das tobende Gedränge des Kampfes über und an ihm hingezogen. Niemand hatte Zeit gehabt auf ihn zu achten, nicht Freund noch Feind. Später zog ſich das Gefecht ganz von dieſer Stelle hinweg, und die Todten und Verwundeten blieben ihrem Schickſal über⸗ laſſen. Ob einige der Letztern, denen noch Kräfte geblieben waren, ſich gerettet hatten, wußte Xaver nicht. Er ſelbſt 169 ſah ſich jetzt rings unter Leichen, oder ſo ſchwer Verwun⸗ deten, daß Keiner ein wahrnehmbares Zeichen des Lebens von ſich gab. Mühſam beſann er ſich auf Das, was mit ihm geſchehen war. Doch wie lange er betäubt gelegen, ob ſchon Tage oder nur Stunden darüber vergangen ſeien, wie das Schickſal der Schlacht ſich entſchieden, davon wußte er nichts. Mit äußerſter Anſtrengung ſeiner Kräfte richtete er ſich etwas empor, und ſah ſtaunend umher. So weit hatte er ſeine Beſinnung und den Faden ſeiner Erlebniſſe wieder gewonnen, um zu erkennen, daß er auf dem Schlacht⸗ felde ſelbſt liege. Ein todtes Pferd, dicht neben ihm hin⸗ geſtreckt, einige Leichname, die der bleiche Mondſchimmer ihm als ſolche zuerſt erkennen ließ, der Blutgeruch, der ihn ſchaudernd anwehte, überzeugten ihn davon. Die matt ſchimmernde Glut in den Mauern des Fleckens, der brandige Geruch, der bis zu ihm hinüberzog, lehrten ihn das Schickſal kennen, das den Ort betroffen hatte. Stau⸗ nend, mit unheimlichem Schauer weilten ſeine Blicke auf den beiden dunkeln Geſtalten, die ſich unfern von ihm bewegten. Sie gingen wechſelnd hin und her, beugten ſich nieder, hoben Gegenſtände empor, und ließen ſie wieder ſinken; auch ihre murmelnden Stimmen vernahm Xaver, doch nicht was ſie ſprachen.„Gewiß von den Unſeligen“, dachte er, „welche die fühlloſe Habgier auf die noch von friſchem Blut dampfenden Schlachtfelder treibt, um bei den Leichen, ja auch bei den noch Lebenden, aber Hülfloſen, nach Beute zu ſpähen!“ Ein Schauder überfiel ihn. Er wußte, daß dieſe ſtumpfe Gier kein menſchliches Gefühl kennt, ſondern nur nach Raub lechzt, und des flehenden Jammers nicht achtet, wo nur der kleinſte Gewinn zu erreichen iſt! Er wußte, daß ſie erbarmungslos den vor Froſt Zitternden entkleidet und nackt der tödtenden Kälte preisgibt, daß ſie, um den Rellſtab, Drei Jahre. II. 1. 8 1 — 3 170 Ring zu gewinnen, nicht des Fingers ſchont, jede grauen⸗ volle Verſtümmelung ruchlos unternimmt, um das Beute⸗ ſtück nur ſchneller zu erlangen! Der Froſt des Wundfſiebers im Verein mit dem Nachtfroſt und den Schauern ſeiner Ge⸗ danken ſchüttelte ihn. Nach einigen Augenblicken erwachte wieder ein ermuthi⸗ gendes Gefühl, ein Sinn des Vertrauens in ihm. Vielleicht ſind gerade dieſe, die du in ſo grauenvollem Verdacht hältſt, vom Himmel geſandt, um dir Hülfe zu bringen. Mögen ſie auch, von Noth, Hunger und all dem Elend dieſer ſchweren Zeit gedrängt, hier auf dem Blutfelde kümmerliche Früchte zu ernten trachten, ſie brauchen doch darum nicht entmenſcht zu ſein! Weshalb ſollten ſie nicht für eigene Nothdurft aufſammeln, was keinem Derer, die hier liegen, mehr frommt? Können ſie nicht darum doch ein mitleidiges Herz haben? Dir jetzt, in der Noth des Todes, die hülf⸗ reiche Hand reichen? Das Murmeln der Stimmen wurde deutlicher, die Geſtalten kamen näher. „Hierher, Wlaſta“, ſprach die männliche Stimme.„Hier liegen noch Etliche!“ Sie wandten die Schritte zu der Stelle, wo Xaver lag. Dieſer fühlte, daß jetzt die Entſcheidung für ihn gekommen ſei; er wollte ſie beſchleunigen. Die weibliche Geſtalt war faſt dicht an ihm. „Was wollt Ihr?“ rief er ſie mit zuſammengeraffter Kraft an. „Heiliger Gott!“ ſchrie die Erſchreckte laut auf.„Bo⸗ leslav! Hier lebt Jemand!“ „Hier leben vielleicht Viele“, antwortete Xaver.„Seid ihr menſchlich und vertraut ihr auf Gottes Gnade in ſchwerer Stunde, ſo gewährt uns Hülfe!“ 171 „Wer ſeid Ihr?“ fragte der Mann, der nun gleichfalls näher getreten war, mit rauhem Ton. „Ein ſchwer Verwundeter, ein halb Sterbender; das ſei Euch genug, wenn Ihr mir helfen wollt!“ antwortete Xaver mit matter Stimme und geringer Hoffnung, da die finſtere Anrede des Mannes ihm nichts Gutes weiſſagte. „Boleslav“, ſprach die Frau in wehmüthigem Ton, „wir wollen ihm Hülfe leiſten, wenn wir können, mag er auch ein Kaiſerlicher ſein! Wir wollen uns nicht verſündi⸗ gen, damit der Himmel uns unſer Kind wiederfinden laſſe!“ „Ihr braucht Eurem Zorn nicht Gewalt anzuthun“, ſagte Xaver jetzt ermuthigt,„ich bin kein Kriegsmann des Kaiſers. Ein Böhme, der für ſein Vaterland kämpft! Ich bin ſchwer verwundet; gebt mir einen Tropfen Waſſer, ich verdurſte faſt.“ „Waſſer?“ fragte die Frau mitleidig,„wir haben kei⸗ nen Trunk bei uns!“ „Ich könnte drüben im Bach ſchöpfen“, fiel der Mann ein.„Ich werde Euch in Eurem Helm Waſſer bringen!“ Er beugte ſich nieder und löſte die Riemen von Xaver's Helm, der ihm, vom Kopf gefallen, beſchwerend im Nacken hing. „Habt Dank“, ſagte er matt.„Gott, du biſt gnädig und ſendeſt mir Hülfe und Troſt in großer Noth“, ſetzte er gerührt hinzu und blickte fromm gen Himmel auf, zu den Sternen, die einzeln, bleich zwiſchen den Wolken ſchim⸗ merten. Der Mann eillte fort. Die Frau ſetzte ſich mitleidig zu Xaver und nahm ſeinen Kopf in ihren Schoos. „Gott, wie Ihr mit Blut bedeckt ſeid!“ bemerkte ſie ſchaudernd.„Ach, wenn ich meinen Sohn ſo fände!“ „Euren Sohn?“ fragte Xaver. 8* ———— 172 „Wir ſuchen ihn hier auf dem Schlachtfelde. Er iſt unſer einziges Kind. Die Kaiſerlichen drangen in unſere Hütte; ich war allein; ſie riſſen ihn von mir und zwangen ihn, Wegweiſer durch die Furt zu ſein. Das war um zwölf Uhr Mittags— und er iſt uns nicht zurückgekehrt. Nun ſuchen wir nach ihm unter den Todten! Aber ver⸗ geblich ſeit drei Stunden!“— Sie fing bitterlich an zu weinen. „Und dieſer unglücklichen, liebenden Mutter that mein Argwohn ſo ſchweres Unrecht“, dachte Xaver. „Das Tageslicht wird Euch helfen ihn finden, wenn er hier ſein ſollte“, ſagte er tröſtend zu der Bekümmerten; „aber er wird nicht todt ſein. Was hätte er in der Schlacht geſollt? Nachdem er den Weg gezeigt, wird er zurückgekehrt ſein, nur daß er in dem Gedränge und Getümmel nicht nach Eurer Wohnung gelangen konnte!“ Die Nähe eines hülfreichen Weſens, die Hoffnung der Rettung hatte Xaver's Lebenskraft erweckt; er fühlte ſich ſtärker, als er vor einigen Augenblicken gemeint hatte, wo er nur mühſam ein Wort zu ſprechen vermochte. Dennoch koſtete das Sprechen ihm noch große Anſtrengung. „Ach, gebe uns Gott die Freude!“ ſeufzte die gram⸗ erfüllte Mutter, und als wolle ſie ſich die Gnade Gottes durch ein gutes Werk erwerben, ſuchte ſie Taver Hülfe zu leiſten, ſoviel ihr möglich war. Sie löſte ſeinen Harniſch, wiſchte ihm das Blut vorſichtig mit einem Tuche von der Stirn, und verband dann die klaffende, aber glücklicherweiſe nicht tiefe Wunde damit. Der Mann kam zurück, mit dem Helm voll friſchen Waſſers.„Hier, trinkt!“ ſprach er und hielt Xaver den Helm an die Lippen. Dieſer löſchte begierig den brennenden Durſt. Es war 173 als ob neues Leben in ſeine Adern ſtröme mit der kühlen Welle.„Dank, Dank“, rief er aus,„Ihr rettet mein Leben!“ „Wenn wir Euch nur fortſchaffen könnten, in unſere Hütte“, ſprach die Frau;„hier müßtet Ihr doch verſchmach⸗ ten oder fielet den Kaiſerlichen in die Hände.“ „So haben ſie die Schlacht gewonnen?“ fragte Xaver. „Freilich“, erwiderte der Mann.„GSie ſind alle vor⸗ wärts gerückt, nach Thein zu, um den General Mansfeld zu verfolgen. Der hat ſich durchgeſchlagen!“ „Gott ſei Dank!“ ſprach Xaver. „Ihr gehört wol zu ſeinen Leuten?“ „Ja, er iſt mein General!“ „So hütet Euch vor Denen, die drüben im Orte liegen“, nahm der Mann das Wort wieder auf.„Es ſind Kaiſer⸗ liche, und ſie ſind mit den Gefangenen grauſam umgegangen! Alle wurden in die Ställe und Scheunen, die noch ſtehen geblieben, geſperrt, daß ſie kaum ſtehen können, geſchweige liegen, und haben keinen Biſſen Brot, keinen Tropfen Waſ⸗ ſer, obwol ſie umſinken vor Durſt!“ „Ich muß mich in mein Schickſal fügen“, antwortete Xaver.„Ich baue auf den gnädigen Gott, der mir ſchon jetzt Hülfe geſchickt hat durch Euch!“ „Hm!“ murmelte der Mann.„Wenn Ihr nur etwas fort könntet! Wenn Ihr, auf uns geſtützt, nur eine Stunde Wegs machen könntet! Da wollte ich Euch wol verbergen in meiner Hütte!“ „O wenn Ihr das vermöchtet— ich will meine ganze Kraft daran ſetzen!“ rief Xaver. „Wir wollen's verſuchen. Was meinſt du, Frau?... Ich ſuche hier nur noch unter den Leichen bis zum Buſch, dann haben wir das ganze Feld durchſucht. Iſt er dort 174 nicht zu finden, ſo müſſen wir's Gott anheimſtellen! Weiter hinüber liegt Niemand mehr. Mit Tagesanbruch will ich dennoch wieder hier ſein.“ Die gutmüthige Frau war bereit. Sie dachte hoffend: „Die Hülfe, die wir dem Armen reichen, werden mir andere mitleidige Menſchen an meinem Sohne ja vergelten, wenn er noch lebt!“ Der Mann machte ſich ſofort an das Geſchäft, noch den kleinen Theil des Schlachtfeldes zu durchſuchen, den ſie bisher nicht betreten hatten. Er fand den Verlorenen nicht! Gramgebeugt, doch entſchloſſen, nun wenigſtens das gute Werk, das ihm Gott ſelbſt zugewieſen hatte, zu vollbringen, kehrte er zu Xaver zurück. Die Frau hatte dieſen indeſſen mit einiger Speiſe erquickt, welche ſie in dem Korbe trug, um ihrem geliebten Sohn ſogleich etwas darbieten zu kön⸗ nen. Dadurch und mit dem neuen Lebensmuth waren auch kaver's Kräfte neu erwacht. Er dachte an ſeine Thereſe, an die Möglichkeit, an das ſüße Glück, ſie wiederzuſehen, dem er in halber Verzweiflung ſchon entſagt hatte. So raffte er jegliche Kraft zuſammen, und geſtützt auf die bei⸗ den Mitleidigen, gelang es ihm, zwiſchen den Leichen des Blutfeldes den Weg zur Rettung zu ſuchen. Sie erreichten den Bach. Ein neuer Trunk labte ihn. Seine Retter trugen ihn hindurch. Nach einer Stunde mühſeliger Wanderung, von vielfachem Raſten unterbrochen, hatten die Drei die im Walde an der Anhöhe tief verſteckt gelegene Köhlerhütte erreicht, welche ihnen die Zuflucht bie⸗ ten ſollte. Die beiden wohlwollenden Bewohner gaben ihm ihr eigenes Lager zur Ruheſtätte. Die Frau zündete ſogleich ein Feuer auf dem Herde an, ihm etwas Speiſe zu bereiten, und Waſſer zu wärmen, um ſeine Wunden zu waſchen und 175 das geronnene Blut, das ſie umſtarrte, weich abzulöſen. Der Mann verſorgte ihn mit anderer Kleidung und verbarg die Waffen und Kriegskleider. In kurzer Zeit war Xaver durch die Pflege in ſo erquickten Zuſtand gebracht, als die dürf⸗ tigen Mittel der wackern Leute es irgend geſtatteten. Wie neu geboren fühlte er ſich mit gereinigten, verbundenen Wun⸗ den, auf reinlichem, von weichem Moos mit Linnendecken gebildeten Lager, gelabt durch einfache, aber dem Erſchöpften neue Kraft gebende Speiſe. Sechzehntes Capitel. Das erſte Frühroth dämmerte jetzt am Horizont. Der Köhler ſchickte ſich an, wieder hinauszugehen nach dem Schlachtfelde, um bei Tageslicht nach dem geliebten Sohne zu forſchen. „Ach, Boleslav, ich möchte dich begleiten“, bat die Köhlerfrau ſchmerzlich, als der Mann ſchon den ſtarken Wanderſtab ergriffen und den Hut aufgeſetzt hatte. „Laß es gut ſein, Wlaſta“, ſagte er;„geſtern im Dun⸗ kel war es gut, daß wir Zwei gingen; heut bin ich allein genug!“ „Wenn auch dir ein Unglück zuſtieße! Das wilde Kriegs⸗ volk!“ erwiderte die Frau ſchluchzend. „Könnteſt du mich beſchützen?“ fragte er.„Das wird unſer Vater im Himmel thun.“ „Aber ich könnte...“ — 4 176 „Vater! Mutter!“ unterbrach eine helle Stimme draußen ihre Worte, und zugleich pochte es an den kleinen in Blei gefaßten Fenſterſcheiben. „Heiliger Gott“, rief die Frau und ſank beinahe in die Knie:„unſer Valentin! Mein lieber Sohn!“ 4 „Valentin!“ rief gleichzeitig der Köhler, flog ans Fenſter und riß es auf.„Valentin! Valentin!“ wiederholte er freu⸗ dig, als er den Knaben draußen ſah, und eilte zur Haus⸗ thür, um ſie zu öffnen. In fliegender Haſt riß er die Riegel zurück, mit denen er ſie ſorgfältig verwahrt hatte. Die Mutter, von der jähen Freude überwältigt, ſtand zitternd, faltete die Hände über der Bruſt, ſchluchzte— wollte beten, doch ſie vermochte kein Wort über die bebenden Lippen zu bringen. Jetzt flog die Stubenthür auf, und ein ſchlanker Knabe von kaum ſechzehn Jahren, mit lang herabwallendem, brau⸗ nem Lockenhaar, ſtürzte herein und hing am Halſe der wei⸗ nenden Mutter. Sie hielt ihn feſt in unauflöslicher Um⸗ armung und herzte ihn mit Küſſen und in Thränen. Es war ein Augenblick heiliger Erhebung für Xaver, der matt, aber in tiefſter Rührung, von ſeinem Kranken⸗ lager alle dieſe Vorgänge ſah. „Das iſt Gottes Lohn für Alles, was ihr an mir ge⸗ than“, ſagte er endlich aus innerſter Empfindung, indem er dem Köhler die Hand dankend hinreichte, der ſie herzlich und freudig ſchüttelte. „Nun hat alle Noth ein Ende“, rief der rauhe Mann mit derbem, aber herzlichem Ton aus.„Aber, Valentin, erzähle, wie iſt dir's ergangen!“ wandte er ſich zu dem Sohne.„Wir haben dich geſucht die ganze Nacht auf dem Schlachtfelde!“ „Ja, mein lieber Sohn“, bat die Mutter,„erzähle!— Aber biſt du hungerig, biſt du durſtig? Willſt du ausruhen?“ unterbrach ſie ſich ſelbſt mit haſtigen Fragen. „Ja, Mutter, gib mir zu eſſen und zu trinken!“ bat Valentin;„dann will ich euch Alles erzählen. Aber wer iſt denn das?“ fragte er halb laut und erſtaunt, indem ſein Blick auf Paver verweilte. Der Vater gab ihm Auskunft; die Mutter brachte Brot und heiße Milch, das ſchnell bereitete Frühſtück. Sie ſetzten ſich alle Drei um den ſchweren eichenen Tiſch, und Valentin erzählte: „Die Reiter, die mich mitnahmen, banden mich an den Steigbügel des Hauptmanns. Unten an der Furt mußte ich voran, mit dem Hauptmann hindurch. Das Waſſer iſt doch hoch, es ging mir bis über die Bruſt. Sie glaubten ſchon, ich hätte ſie falſch geführt, und der wilde Hauptmann ſchwang das Schwert über meinem Kopfe....“ Die Mutter machte eine Bewegung des Schreckens. „Allein wir kamen glücklich hinüber. Nun bat ich, ſie möchten mich loslaſſen. Ich ſollte ſie aber erſt noch ein Stück führen, den beſten Weg über die Wieſen hin auf die Hügel bei der Mühle. Es ging in vollem Trabe; ich mußte mit fort in der glühenden Hitze. Doch, ſowie wir oben auf der Höhe waren, wo ich frei zu werden dachte, ſchoſſen ſie von drüben mit den ſchweren Stücken auf uns und die Kugeln ſchlugen fürchterlich in unſere Reihen ein.“ „Und ich habe dich lebendig wieder!“ rief die Köhler⸗ frau und küßte ihren Sohn abermals. „Ich war todeserſchreckt und flehte den Hauptmann, mich loszulaſſen. Der verhöhnte mich aber und ſchrie mich an:«Wenn mein Pferd dich nur nicht ſchleppen müßte, ſo ſollteſt du mir zum Gaudium den Tanz mitmachen; ich hätte meinen Spaß an deinem Gewinſel. So magſt du laufen!» 8** 178 Bei dieſen Worten ſchnitt er den Strick, mit dem ich an ſeinen Bügel gebunden war, mit dem Schwert entzwei, gab mir einen Fußſtoß, daß ich zu Boden ſtürzte, und rief: «Jetzt lauf, Haſe, oder wir ſetzen über dich weg!» Er hatte das Wort noch nicht zu Ende geſprochen, als ſchon die Reiter, die ihm in vollem Galopp folgten, über mich hin⸗ ſprengten!“ Die Mutter erblaßte.„Mein Valentin!“ rief ſie aus und legte die zitternden Hände auf ſein Haupt. „Gott und die Heiligen haben mich in Schutz genom⸗ men“, fuhr der Knabe fort;„ich war in eine kleine Ver⸗ tiefung geſtürzt und die Reiter ſetzten darüber weg. Aber Kies und Sand flog über mich hin, und etliche Hufſchläge erhielt ich doch. Als ich halb betäubt vor Schreck und halb blind von Erde und Staub, die mir ins Geſicht ge⸗ flogen waren, mich wieder aufrichtete, war das Feld frei. Ich raffte mich raſch empor. Aber wohin nun fliehen? Rings umher Soldaten. Hier Kaiſerliche, drüben die Mans⸗ felder. Immer mehr Truppen rückten aus dem Walde vor, daß ich nicht zurück konnte. Links und rechts marſchirten ſie, Reiter und Lanzenknechte; ich war mitten im Getümmel. Da ſah ich einen Baum, eine Linde, etliche Hundert Schritte vor mir auf freiem Felde. Dahin lief ich; ich dachte, der Stamm kann dich wenigſtens ſchützen, daß ſie dich nicht niederreiten. Glücklich gelangte ich dahin, aber in Sicher⸗ heit war ich nicht, denn rings umher fing das Gefecht an. Der Stamm war zu dick, um hinaufzukommen; doch es ge⸗ lang mir, einen weit übergeſtreckten Zweig zu faſſen, ich zog mich daran auf und kletterte dann bis in die Sypitze. Mutter, Vater! Was ich dort erlebte, das werde ich nie⸗ mals vergeſſen! Kaum war ich oben, ſo ging das Ge⸗ tümmel von allen Seiten los. Die Trommeln wirbelten, — die Trompeten ſchmetterten; das Musketenfeuer knatterte, die Kanonen donnerten! Mir zitterte das Herz. In einer Viertelſtunde war das ganze Feld, ſo weit ich ſehen konnte, in Staub und Rauch gehüllt. Die Blitze der Kanonen und Gewehre zuckten überall aus den ſchwarzen Wolken. Die Reiter jagten wie der Sturmwind über's Feld, daß der Boden dröhnte. Das Fußvolk rückte geſchloſſen an und ſtürzte mit fürchterlichem Geſchrei aufeinander. Sie würg⸗ ten ſich dicht vor meinen Augen, unter meinen Füßen. Ich hörte das Geſchrei der Verwundeten. Die Reiter hieben ein; die Lanzenknechte ſtachen ſie von den Pferden! Kugeln pfiffen und ſauſten dicht an mir hin. Es war ein Grau⸗ ſen, das mit anzuſehen!“ Des Knaben Augen leuchteten während dieſer Erzäh⸗ lung; ſeine Wangen flammten von dunklem Roth. „Mein Sohn, mein Sohn, rief die Mutter,„welche Angſt mußt du ausgeſtanden haben! Du haſt doch deinen Vater im Himmel nicht vergeſſen, ſondern zu ihm ge⸗ betet?“ „Ja, Mutter, das habe ich! Und Hülfe war Noth!“ rief der Knabe.„Der Kampf wurde immer wilder, das Feuer immer heftiger. Als die Kaiſerlichen die Berghöhen bei Groß⸗Lasken beſetzten, feuerten ſie ſo mit ſchweren Stücken gerade nach der Gegend hin, wo ich auf meinem Baume ſaß, daß die Kugeln immer dicht an mir vorbeiſauſten. Vater! es heult in den Lüften, wenn ſo eine Stückkugel fliegt, wie nimmermehr Nachts der Sturm hier im Walde heult! Und einige ſchlugen in den Baum und ſchmetterten die Aeſte herunter, daß die Blätter aufwirbelten und die Holzſtücke zu mir heraufflogen....“ „O mein Gott!“ rief die Köhlerfrau und faßte krampf⸗ haft den Sohn an. 180 „Ich dachte“, fuhr Valentin fort,„der ganze Baum müßte zuſammenbrechen, ſo krachte es; allein er ſtand feſt und ich blieb unverſehrt. Nun kam aber das Schrecklichſte! Die Kaiſerlichen hatten Brandkugeln in Groß⸗Lasken hinein⸗ geworfen. Ich ſah, wie zuerſt ein Scheuerdach in Flammen aufging; dann faßte das Feuer die ganze Reihe der Häu⸗ ſer, Ställe, Scheuern, die unterm Wind ſtanden; bald brannte der halbe Flecken, und der Wind jagte Rauch und Flammen zu mir herüber, ſo dicht, Mutter, daß oft der Baum bis hoch über den Wipfel im Rauche ſtand und die Funken und glühenden Kohlen um mich herflogen. Und dabei der Lärm unter mir, und ringsum das Geſchrei, das Raſ⸗ ſeln und Schnauben der Pferde, die Trommeln und Trom⸗ peten, der Kanonendonner.... Ich begreife es noch nicht, daß ich nicht alle Beſinnung verloren habe! Nachmittag, es mußte, wie die Sonne ſtand, gegen vier oder fünf Uhr ſein, war die Schlacht zu Ende. Zuletzt hatten ſie ſich noch dicht vor der Stadt bei den Gärten, wo Martin Stef⸗ faneck wohnt, geſchlagen. Dann wurde es ſtill. Ich ſah die Gefangenen abführen; es war meiſt Fußvolk. Die Reiter hatten ſich ſchon zwei Stunden zuvor durchgeſchlagen, das habe ich auch geſehen, auf der Straße nach Thein; ich konnte ſie mit den Augen verfolgen, bis ſie im Walde verſchwanden. Jetzt dachte ich daran, herabzuklettern. Ich kam faſt um vor Durſt; es war auch eine glühende Hitze den Tag über, mir vertrocknete meine Zunge faſt; Hunger hatte ich auch. Allein ich beſorgte, ſie möchten mich wieder mitſchleppen, wer weiß zu welchem Dienſt. Und die Soldaten trieben ſich auf dem ganzen Felde umher, oft dicht unter meinem Baume hin. Ich verkroch mich dicht ins Laub, daß Niemand mich ſah, denn ſonſt hätte mich vielleicht Einer blos zum Spaß her⸗ untergeſchoſſen!“ „Ja, ſolche Kurzweil treibt das frevleriſche Volk!“ rief der Köhler, der bisher mit weit aufgeriſſenen Augen ſtarr der Erzählung ſeines Sohnes zugehört hatte.„In Budweis ſelbſt haben die Kroaten aus dem Fenſter die Schulkinder niedergeſchoſſen, und ſich todtlachen wollen über die Burzel⸗ bäume, die ſo ein armes Würmchen von acht oder zehn Jahren ſchlug, wenn es das Blei im Leibe fühlte!“ Die Frau legte beide Hände vor die Augen, als der Mann dieſes Gräuels gedachte. „Ich wußte das“, fuhr Valentin fort,„darum hielt ich mich ſo verſteckt. Sehen aber konnte ich Alles, und hören was unter dem Baume geſprochen wurde. Es warfen ſich ein paar Offiziere auf den Raſen, um im Schatten meines Baumes auszuruhen. Sie ſprachen über die Schlacht. Da hörte ich denn, daß die Kaiſerlichen Alles gewonnen hätten, und daß es der General Mansfeld ſei, der ſich geflüchtet habe mit der Cavalerie. Sie ſprachen auch von den Ge⸗ fangenen und der Capitulation. Sie haben ihnen verſpro⸗ chen, gegen einen Monat Sold ſollen ſich Alle ranzioniren dürfen. Aber man wird ihnen nicht Wort halten. Mit Speck fängt man Mäuſey, ſagte der Eine. Jetzt haben wir ſie! Sie müſſen Alle kaiſerliche Dienſte nehmen. Ich laſſe ſie einſperren und hungern und durſten, bis ſie ein⸗ treten!y*)“ „Ja, ja, ſo machen ſie's“, bekräftigte der Köhler;„wir haben ja ſelbſt geſehen, wie ſie ſie in den Ställen zuſam⸗ mengepfercht haben, daß ein Menſch nicht ſechs Stunden in der Hitze und Qual aushalten kann, ohne umzukom⸗ men!“ *) Hiſtoriſch. 182 Xaver hörte dieſe Erzählungen mit der höchſten Span⸗ nung an.„Sollten ſie“, ſagte er,„ſo treulos ſein, eine ehrliche Kriegscapitulation nicht zu halten, auf die ſich tapfere Soldaten ergeben? Das wäre ja wider alles Völ⸗ kerrecht und Kriegsgebrauch!“ „Was Völkerrecht, was Kriegsgebrauch!“ erwiderte heftig der Köhler.„Der wahre Kriegsgebrauch iſt: der Stärkere thut was er will. Das ſehen wir leider Gottes alle Tage!“ „Allein wie haſt du dich endlich retten können, mein Sohn?“ fragte Wlaſta. „Nachdem es ganz dunkel und ſtill geworden war, wagte ich mich von meinem Baume herunter. Ich zit⸗ terte jetzt vor Froſt, denn es war gegen Abend ein Ge⸗ witter gekommen und der Regen hatte mich bis auf die Haut durchnäßt. Als ich wieder auf feſtem Boden ſtand, ſank ich auf meine Knie und dankte Gott, und betete in⸗ brünſtig, er möge mir ferner beiſtehen!“ „Drum hat er dich auch in unſere Arme zurückgeführt, du frommes Kind“, rief die Mutter in dankbaren Thränen. „Es war aber ein ſchauriger Weg, Mutter!“ entgeg⸗ nete der Knabe.„Dichte Finſterniß umher; der Mond war noch nicht herauf und der Himmel ganz ſchwarz umzogen. Zwar glimmte in Groß⸗Lasken noch das Feuer; ich ſah immer noch Flammen aus dem Schutt aufſchlagen und zwiſchen den Mauern lebendige Kohlenglut. Aber das leuchtete nicht bis ins Feld hinüber. Ich wußte dadurch nur, welche Richtung ich zu nehmen hatte. Dicht um mich her war finſtere Nacht. Bei jedem Schritt ſtieß ich an eine Leiche! Oder es winſelte neben mir und ächzte; Einige wälzten ſich noch am Boden. Gerade um meine Linde her war der Kampf am wüthendſten geweſen. Mehrmals fiel ich 183 und lag lebendig mitten unter den Todten. Endlich wurde die Bahn etwas freier; ich kam auf Stellen, wo keine Todten lagen.“ „Wer weiß, ob wir nicht im Dunkeln aneinander vorübergeſtreift ſind“, fiel die Mutter ein;„denn wir ſuchten dich unter den Todten die halbe Nacht.“ „Ich glaube kaum, Mutter; denn weil ich mich fürch⸗ tete, unter die Soldaten zu gerathen, ging ich immer wei⸗ ter ab von dem Schlachtfelde, wol eine Stunde darüber hinaus, gegen Thein zu. Dann wandte ich mich in den Wald rechts, ging am Fluſſe hinauf nach Netolitz zu, bis an die Furt bei Joachimsthal. Dort watete ich durch, und kam von hinterwärts hierher wieder zurück!“ „Das war ſchlau! Das war richtig gemacht, Bube“, rief der Köhler, erfreut über die gewandte Beſonnenheit des Knaben. „Es kann uns indeſſen noch manches Gefährliche be⸗ gegnen“, fügte er vorſichtig hinzu;„das Kriegsvolk ſtreift gewiß noch viel umher. Höre du, Mutter, und Valentin, wenn Leute hier hereinkommen, ſo iſt das“— er deutete auf aver—„dein kranker Bruder, der im Bett liegt.“ „„Welche Noth und Gefahr kann ich über euch bringen, ihr wackern Leute“, ſagte aver. „Gottes Barmherzigkeit wird uns ſchützen, wie ſie uns jetzt gerettet hat“, antwortete die Köhlerfrau, und ihr Blick hing in ſtummer Glückſeligkeit an den Zügen ihres friſchen, unſchuldigen Knaben, der ſo rein und dankbar aus ſeinen braunen Augen zu Gott aufſchaute. In dieſem Augenblicke zitterte ein goldener Schimmer durch das ärmliche Gemach. Es war die aufgehende Sonne, deren erſte Strahlen durch die Tannenzweige des Waldes blitzten und in die Fenſter fielen. In der Mauerniſche 184 dem Fenſter gegenüber ſtand, wie bei vielen Utraquiſten, die das Kreuz und die Heiligen zu verehren nicht aufgehört hatten, ein Crucifix; das beſtrahlte die Sonne gerade mit ihrem Purpur, ſodaß es wie von einem Heiligenſchein um⸗ floſſen war. Alle wurden unwillkürlich ergriffen von die⸗ ſem göttlichen Zeichen. Die Mutter ſank auf die Knie und blickte mit gefalteten Händen andächtig zu dem Heiland auf. Vater und Sohn knieten neben ihr; Xaver faltete auf ſei⸗ nem Lager fromm gerührt die Hände. Heilige Stille und goldiger Duft umwebte die Be⸗ tenden. Siebzehntes Capitel. Die Gräfin Thurn ſaß mit ihrer Tochter in einem Ge⸗ mach der Burg Karlsſtein, deſſen Fenſter in den kleinen Garten des Vorhofs hinausgingen; ſie hielt einen Brief, den ſie ſoeben empfangen hatte, in der Hand. Ihr feuchtes Auge blickte nachdenklich vor ſich hin. „Seltſam, meine gute Mutter, je glücklicher die Nach⸗ richten werden, je beſorglicher wirſt du!“ ſprach Thekla und ſtand von ihrem Tiſch am Fenſter auf, wo ſie mit weiblicher Arbeit beſchäftigt war, ging auf die Mutter zu, legte den Arm um ihren Nacken und küßte ſie. „Ja, meine Tochter“, antwortete die Gräfin,„es ſchwin⸗ delt mir bei dieſem Glück! Ich bin nicht geboren, auf ſtei⸗ ler Höhe zu wohnen! Die Ruhe der Thäler iſt mir immer lieber geweſen. Dein Vater ſteigt mir zu hoch; ich zittere ſtets vor dem Sturz von dieſem ſteilen Gipfel!“ 185 „Es iſt nur ſchwer, ſich ſo ſchnell in das neue, alle Hoffnungen überſteigende Glück zu ſinden“, erwiderte Thekla; „auch ich kann mich oft gar nicht überreden, daß Alles ſo völlig gelingt, alle drohenden Gefahren ſo ſchnell verſchwin⸗ den. Wie bebten wir noch vor Jahr und Tag— noch vor einigen Monaten, Wochen! Und jetzt— dieſer glänzende Siegeslauf!“ „Das Ziel iſt noch nicht erreicht, Thekla; ein Schritt davon iſt ſo gut wie tauſend!“ antwortete Eliſabeth bedenk⸗ lich.„Wir ſtehen vor Wien— doch es iſt noch nicht in unſerer Hand! Der Kaiſer wird ſeine Hauptſtadt nicht ſo raſch übergeben! Die Feſtung, die den wilden Horden der Türken widerſtand, ſie wird auch unſern Kriegern wider⸗ ſtehen!“ „Doch der Vater ſchreibt ſo ſicher ſeines Erfolgs!“ „Dein Vater war oft zu raſch in ſeinen Hoffnungen!— Und wol auch zuweilen in ſeinen Handlungen“, ſetzte die Gräfin mit beſorglichem Tone hinzu. „Er war auch immer kühn und wußte das Glück zu ergreifen“, antwortete Thekla, und ein edles Feuer ſtrahlte in ihrem Auge.„Mit welchen Schrecken erfüllte uns ſein gewagtes Thun immer im Beginn, und welche Früchte hat es jetzt getragen!“ „Sie ſind noch nicht reif, Kind!“ „Doch, doch, liebſte Mutter. Vieles iſt reif, die Früchte dieſes Jahres ſind reif, und das nächſte wird uns neue, ſchönere bringen. Frei laden die Glocken unſerer Kirchen zum Gebet ein. Unſere Gotteshäuſer werden nicht mehr verſchloſſen, niedergeriſſen. Unſere Glaubensgenoſſen ſeufzen nicht mehr unter hartherzigen Bedrückern! Keine Prieſter⸗ gewalt verſagt uns mehr die heiligen Saecramente. Die Brautpaare treten glückſelig vor den Altar und empfangen * ⁴ 186 den kirchlichen Segen zum freien Bunde. Dem Kinde wird die heilige Taufe nicht mehr verſagt. Und doch iſt es kaum ein Jahr her, daß ſelbſt das Grab den Unſern verſchloſſen wurde, das jetzt die Todten ſtill in ſeinen Frieden auf⸗ nimmt!“ „Thekla“, ſagte die Gräfin ſanft lächelnd,„wie biſt du gewachſen in dieſem einen Jahr!— Ja, du haſt Recht, es ſind Früchte gereift. Du ſelbſt! Die ſchüchterne Roſen⸗ knospe des vorjährigen Juni, wie voll blüht ſie im dies⸗ jährigen!“ Mit verſchämtem Erröthen küßte Thekla der Mutter die Worte von den Lippen weg.„Ja, ich fühle es, ich bin gewachſen in dieſem Jahre“, begann ſie nach einigen Augen⸗ blicken ſinnenden Schweigens; nes iſt mir, als hätten ſich die Flügel meiner Seele entfaltet, theuerſte Mutter. Ich bin ja aber auch“, ſetzte ſie mit lächelndem Halbſcherz hinzu, „aus der ſchüchternen Knospe, wie du mich nennſt, aus einer ſchüchternen ſechzehnjährigen, laß mich ſagen, eine ſiebzehnjährige erwachſene Jungfrau geworden!— Ich denke, meine Mutter“, fuhr ſie ernſter fort,„eine ſo große Zeit ergreift auch gewaltiger. Bis dahin war ja Alles für mich nur tändelndes Spiel im Leben; jetzt wird Alles ernſte That!“ „Allzu ernſte!“ ſeufzte die Gräfin. „O, nein, Mutter!“ bat Thekla.„Trage nicht auch ein ſo beſorgliches Herz in der Bruſt, wie Die dort im Garten! Ich bin faſt erzürnt auf Thereſe!“ ſie deutete mit der Hand hinunter, wo dieſe zwiſchen den Gebüſchen, welche unterhalb der von Schießſcharten ausgezackten Mauern und Gebäude des Vorhofs einen kleinen Garten bildeten, ſtill vor ſich hinwandelte,—„denn Thereſe iſt es doch, deren trübe Gedanken dich mit ergreifen!“ 187 „O nein! Mein Herz ſchlug vom erſten Augenblick dieſer verworrenen Zeit an nur beſorglich“, entgegnete die Gräfin.„Thereſe iſt viel ſtärker, viel entſchloſſener als ich, als wir Beide. Sie ſchilt nicht!“ „Sie iſt muthiger als wir, und doch noch beſorgter als du“, antwortete Thekla.„Ich verehre ihre edle, hohe Kraft, allein mich dünkt, ſie beſitzt ſie nur um das Schwere, das ſie fürchtet, entſchloſſen zu tragen, nicht um das Große, das wir hoffen ſollen, frendig zu ergreifen und zu genießen!— Sie fürchtet immer!“ „Es iſt einmal ſo im Gemüth des Menſchen“, entgeg⸗ nete die Gräfin,„von dem Unheilvollen hat es faſt immer das dunkle Vorgefühl!“ „Sollen denn nur die Schatten finſtrer Geſpenſter in unſere Seele fallen, dürften wir die guten Lichtengel, die uns umſchweben, nicht wahrnehmen?“ ſagte Thekla zweifelnd, und bewegte leiſe den ſchönen Kopf.—— Thereſe, die in das Haus getreten war, öffnete die Thür des Gemachs. „Wir haben ſoeben die glücklichſten Nachrichten von dem Vater erhalten, Thereſe“, empfing Thekla ſie froh. „Der Sieg krönt ſeine Waffen überall. Er iſt jetzt vor Wien ſelbſt gerückt, und hat ſein Lager hart an der Donau aufgeſchlagen!“ Thereſe hörte die Botſchaft mit ernſtem Staunen.„Mö⸗ gen ihm die Mauern der Kaiſerſtadt nicht zu hoch, nicht zu ſtark ſein!“ ſagte ſie mit einem ſchwermüthigen Blick ihres dunklen Auges. „Mögen die Mauern Wiens auch hoch und ſtark ſein, Thereſe“, nahm Thekla das Wort,„ſie ſchließen edle Frreeunde ein, die dem Vater hülfreiche Hand reichen werden.“ 188 „Gebe Gott, daß ihr Arm ſtark, ihr Wille feſt genug ſei, ihm die Thore zu öffnen“, entgegnete Thereſe ebenſo ernſt als zuvor.„Tauſende von Herzen ſchlagen für dieſen Wunſch in Oeſterreichs Hauptſtadt, und zagen jetzt noch unter dem ſchweren Druck, der ſie belaſtet! Der Himmel ſende ihnen Erfüllung und Erlöſung!“ „Und hoffſt du ſie nicht“, fragte Thekla. „Einſt wird ſie Allen, die geboren ſind, die geathmet haben! Doch viele lange, ſchaurige Nächte trennen uns vom goldenen Tage der Verheißung!“ „Aber ſie wechſeln mit ſonnenhellen Tagen des Troſtes und der Freude, Thereſe“, entgegnete Thekla warm. „Gewiß, denn des Himmels Hand iſt mild und reicht den Balſam zu den Wunden, die ſie ſchlägt“, waren There⸗ ſens ſanfte Worte der Erwiderung, während ſie ſich be⸗ mühte mit einem freundlichen Lächeln den Zügen Thekla's zu begegnen, aus denen die rein beglückte Seele leuchtete.— Auch Thereſens Bruſt hatte ſich freier, höher, bewußter gehoben, auch ſie war gewachſen in dem Jahre voll großer Erlebniſſe; allein die dunklen Schwingen, die ihre ernſte Seele emportrugen, umſchatteten das Leben finſtrer und tiefer. „Laßt uns zuſammen einen Gang durch den Garten machen“, unterbrach die Gräfin das Geſpräch Beider.„Er ſteht in der ſchönſten Roſenblüte. Das iſt wenigſtens eine Freude, deren wir gewiß ſind.“—— Sie gingen in den kleinen innerhalb der Burgmauern belegenen Garten hinab, der ſein lichtes Grün im Vorhof wie in dem Hauptraum der Veſte um das Grau ihrer alten Thürme zog, und den zackigen Linien der Mauern und des Höhenrandes folgte, von dem man in das ſteile, tiefe, waldgrüne Thal hinabſah, aus deſſen Mitte ſich der 189 Bergkegel erhob, der die Burg trug. Es war im Roſen⸗ monat, und ſie blühten in allen ſonnigen Mauereinſprüngen, theils an Spalieren, theils in Sträuchern und ſchlanken an Stützen gebundenen Bäumchen, die ihnen den Reichthum ihrer mit Hunderten von Blüten überſäeten Kronen tragen halfen. „Dein Auge richtet ſich immer nach Süden, Thereſe“, wandte ſich Thekla zu ihr,„und doch hemmen die hohen Waldberge den Fernblick.“ „Soll nicht dennoch mein Auge meinem Herzen folgen?“ antwortete ſie, mit wehmuthtrübem Blick.„Dort weilt Er, der der Träger und das Licht meines Lebens iſt. Ich weiß, daß ſein Herz und Auge ebenſo hierher ſchweifen. Vielleicht begegnen wir uns.“ „Ich begreife Thereſens Empfindung vollkommen“, ſagte die Gräfin.„Die Ehe verdoppelt alles Glück und theilt alles Leid. Darum iſt die Sehnſucht ſo groß bei der Tren⸗ nung. Wir ſind in unſerm Glück auf die Hälfte beſchränkt, in unſern Sorgen aber zwiefach belaſtet!“ „So iſt es“, beſtätigte Thereſe lebhaft. „Mein Blick ſucht in der Ferne am liebſten die Erin⸗ nerungen“, ſprach Thekla.„Darum wende ich meine Augen gern dort hinüber nach Weſten, wo wir den verwichenen Sommer in der romantiſch ſchauerlichen Einſamkeit zu⸗ brachten. Säheſt du nicht auch gern die fernen Züge des Erzgebirges, wo deine Jugend blühte, Thereſe?“ „Wohin könnte ich ſehnſuchtsvoller blicken“, antwortete Thereſe warm;„und auch dort wird meine Seele Xaver begegnen. Wo unſere Jugend keimte, unſere Liebe die erſten Knospen trieb— wo das heilige Grab ſich eingeſenkt hat, zu dem wir wallfahrten müſſen!“ Die Worte verſagten ihr in der innerſten Bewegung, die ſie ergriff. „Das des frommen Patriarchen Nechodom“, ergänzte Thekla ſie mit ſanfter Theilnahme. „Des Märtyrers“, bejahte Thereſe. „Es muß ein hoher, herrlicher Mann geweſen ſein! So milde, ſo weiſe, wie ich mir die Heiligen denke! Mit welcher klaren Lehre hat er dich erfüllt, daß ich oft beſchämt bin, Thereſe, neben dir!“ „Sein Blut düngte die erſte Saat— die Felder werden noch Ströme Blutes trinken, bevor die goldene Ernte reif iſt für die Schnitter“, ſprach Thereſe, und ihre Züge ver⸗ klärten ſich zu dunkel erhobenem Ausdruck. Edel aufgerichtet, blickte ſie mit feucht ſchimmerndem Auge hinüber in jene erinnerungsvolle Ferne. Alle Drei ſchwiegen. Sie ſtanden jetzt auf dem äußerſten Rand des Burgfelſens, wo ſich hinter den ſteil herabge⸗ ſenkten Mauern die Ausſicht in das tief eingeſchnittene grüne Thal nach Beraun zu öffnete, an deſſen Ende der ſilberne Spiegel des Fluſſes die Windungen des Gebirges abſchnitt. Hufſchlag von Pferden, der am jenſeitigen Ende der Burg auf der Zugbrücke und unter dem Burgthor er⸗ tönte, unterbrach unvermuthet die tiefe Stille. „Es iſt der Burggraf, der von Prag zurückkehrt“, ſagte die Gräfin.„Er wird uns vielleicht noch neuere Nachrich⸗ ten bringen.“ „Otto von Loß, der Unterburggraf zu Karlsſtein, war, da er auch zu den Directoren gehörte, zumeiſt in Prag. Er hatte die letzten Tage dort zugebracht und kehrte ſoeben von daher zurück. Da er gewöhnlich der Bringer von Botſchaften aus der Hauptſtadt war, welche die Ein⸗ ſamkeit der Burg belebten, ſo war ſeine Ankunft ſtets ein erwartungsvolles, meiſt Freude bringendes Ereigniß. Die 191 Frauen gingen ihm daher ſogleich entgegen. Es überraſchte ſie, daß er ihnen ſchon aus dem Vorhof und mit raſcherem Schritt als gewöhnlich entgegentrat, zumal da ihm der Hauptmann der Burgwacht und einige andere Leute auf dem Fuße folgten. Als er näher kam, ſah man ſeinem Weſen eine ungewöhnliche Unruhe an. „Seid beſtens begrüßt, Herr Burggraf“, redete ihn Eli⸗ ſabeth an;„bringt Ihr uns Neues?“ „Nichts Erfreuliches, würdigſte Frau“, erwiderte er mit ernſtem Ton. „Nachrichten von Thurn?“ flog die beſtürzte Frage von den Lippen der Gräfin. „Nein, von Eurem Gemahl nicht“, antwortete der Burg⸗ graf; aber Graf Mansfeld iſt geſtern in Prag eingetroffen.“ Er ſtockte; die Blicke der drei Frauen hingen fragend an ſeinen Zügen. Endlich ſprach er mit Selbſtüberwindung: „Er iſt von Boucquoi mit überlegener Kraft angegriffen, geſchlagen und ſein ganzes Corps zerſprengt worden.“ „O Gott!“ rief Thereſe aus und that einen wankenden Schritt. Thekla ſchlang den Arm um ſie. Die Gräfin fragte in äußerſter Unruhe:„Wißt Ihr Näheres, Herr Burggraf? Habt Ihr den Grafen Mans⸗ feld ſelbſt geſprochen?“ Die Frage nach Naver ſchwebte auf ihren Lippen, doch ſie wagte ſie nicht auszuſprechen. „Ich kann Euch nicht verhehlen, gnädigſte Gräfin“, entgegnete Loß,„daß die Folgen der unglücklichen Schlacht ſehr ernſte ſein können. Graf Mansfeld hat uns darauf vorbereitet, daß Boucquoi und Dampierre na, gegen Prag vordringen könnten.“ „Wäre es möglich?“ rief die Gräfin erblaffend⸗ „Karlsſtein hat mithin gleichfalls Urſache, auf der Hut zu ſein“, fuhr der Burggraf fort.„Ich werde ſorgfältige Vertheidigungsanſtalten treffen müſſen. Ich kann Euch nur fragen, würdigſte Gräfin, ob Ihr unter dieſen Umſtänden nicht beſſer thätet, ſchleunig nach Prag ſelbſt zurückzu⸗ kehren.“ Eliſabeth war im Augenblick nicht fähig, einen Ent⸗ ſchluß zu faſſen. Sie war zunächſt mit Thereſe beſchäftigt, die ſtill weinend ihr Haupt auf Thekla's Schulter gelehnt hatte. An ihrer Stelle that endlich die Gräfin die Frage: „Wißt Ihr etwas Näheres von den Verluſten, Herr Burg⸗ graf? Euch iſt bekannt, daß der Hauptmann Nechodom ſich in des Grafen Mansfeld nächſter Nähe befindet.“ Loß erwiderte mit Theilnahme für Thereſe:„Leider kann ich über Einzelnes nicht Auskunft geben. Ich weiß nur, daß der Graf Mansfeld ſich, gleich einem gemeinen Reiter fechtend, mit einem Theil ſeiner Leute aufs tapferſte durchgeſchlagen hat. Doch Viele ſind verſprengt, und der größte Theil des Fußvolks iſt in Gefangenſchaft ge⸗ rathen.“ „Graf Mansfeld iſt unbegleitet nach Prag gekom⸗ men?“ fragte die Gräfin, in der Hoffnung, daß Xaver mit ihm ſein könne. Thereſe erhob das Haupt und ſprach mit ſchmerzlicher Sicherheit:„Xaver iſt nicht mit ihm; ſonſt hätte er mir ſchon Botſchaft geſendet!“ Loß wandte ſich von dieſem Gegenſtand des Schmerzes und der Sorge ab, indem er zur Gräfin ſagte:„Ich werde Eure Befehle abwarten, gnädigſte Frau. Heut ſind wir, denke ich, noch ganz ſicher und der Straße nach Prag völlig Herr. Was in den nächſten Tagen geſchieht, kann ich nicht wiſſen. Dies möge Euren Entſchluß beſtimmen. Geſtattet mir, Euch jetzt zu verlaſſen. Ich will ſogleich mit dieſen Herren“— er deutete auf den Wachthauptmann . 193 und die Andern, die ſich in einiger Entfernung hielten— „die Burg genau unterſuchen, um zu beſtimmen, was noch irgend zu ihrer Sicherheit geſchehen muß.“ Er grüßte und ging.—— „Thereſe! Meine theure Thereſe“, redete die Gräfin dieſe mit der innigſten Theilnahme an;„Gott wird über kaver's Haupt gewacht haben!“ „Wie über uns Allen, ich weiß es und vertraue“, ſagte Thereſe, die ihre Faſſung wiedergewonnen, ſanft aber feſt.„Und ich weiß, was mir obliegt“, ſetzte ſie hinzu. Weder Eliſabeth noch Thekla gaben, durch das einge⸗ tretene Ereigniß zu aufgeregt, dieſen Worten eine beſtimmte Deutung. Alle Drei gingen in ſtummer Erwägung des Geſchehenen und zunächſt Künftigen in das Gemach. Abermals hatte ſich ein Aufenthalt tiefer Zurückgezogen⸗ heit und Stille für die drei Frauen in einen der ſorgen⸗ vollſten Unruhe verwandelt. Das rauhe Stürmen der Zeit drang in die einſamſte Zelle und verſcheuchte den Frieden daraus!—— Der Burggraf beſichtigte indeſſen die Veſte in ihrem ganzen Umkreis. Wie ſorgfältig darin die Ordnung über⸗ wacht war: der Augenblick, wo das lange Vorbereitete zum Gebrauch kommen ſoll, zeigt immer Lücken, fordert Nachhülfe. Das war auch hier der Fall. Manche Schieß⸗ ſcharten mußten ſorgfältiger hergeſtellt, manche ſchadhafte Stellen in Wall und Mauern ausgebeſſert, manche Paliſ⸗ ſade erneuert werden. Bald ſah man die Beſatzung des Schloſſes auf verſchiedenen Punkten mit Arbeiten dieſer Art beſchäftigt, und Zimmerleute und Maurer wurden gleichfalls in Thätigkeit geſetzt. Die Möglichkeit eines nahen Angriffs Rellſtab, Drei Jahre. II. 1. 9 forderte noch andere Vorkehrungen. Der Burggraf hatte daher, ſo innigen Antheil er an dem Schickſal der ihm zur Obhut anbefohlenen Frauen nahm, in den nächſten Stunden nicht Zeit, ſich mit ihnen zu beſchäftigen. Gegen den Nach⸗ mittag trafen einige eilende Boten ein, die er auf die ver⸗ ſchiedenen Hauptſtraßen, welche den feindlichen Stellungen näher führten, ausgeſandt hatte. Sie brachten die vorläufig beruhigende Kundſchaft mit, daß auf die Weite eines Tage⸗ marſches noch keine Spur feindlicher Bewegungen zu bemer⸗ ken geweſen war; auch Nachrichten von ferneren Punkten her lauteten beruhigend. So war denn die Burg und ihre Verbindung mit dem nur ſechs Stunden entfernten Prag für den Augenblick noch nicht gefährdet. Der Burggraf beeilte ſich jetzt, dies den Frauen mitzutheilen. Er fand indeſſen die Gräfin ſchon zur Abreiſe bereit. Sie hatte Alles einrichten laſſen, um ſich noch denſelben Abend während der mondhellen Nacht nach Prag zu be⸗ geben. Auf des Burggrafen beruhigende Nachricht beſchloß ſie jedoch, den andern Morgen abzuwarten, dann aber früh aufzubrechen. Loß verſprach ihr das Geleit durch einen Theil ſeiner Mannſchaften, das in dieſen unruhigen Zeiten ſtets zur vollen Sicherheit auf weiten Wegen nöthig war. Der Abend verſtrich den Frauen unter den ferneren noch ſorgfältigeren Vorbereitungen zur Reiſe. Thereſe war faſt ununterbrochen ſchweigſam; doch erſchien ſie, der Ent⸗ ſchloſſenheit ihres Sinnes entſprechend, völlig gefaßt. Nur als ſie ſich zur Ruhe in ihr Zimmer begab und der Gräfin Gute Nacht ſagte, war ſie äußerſt bewegt und brach in Thränen aus. Sie hing in faſt unauflöslicher Umarmung Thekla's und drückte ihre Lippen mit Inbrunſt auf die Hand der Gräfin. Beide ſuchten ſie zu tröſten und die Beſorgniß, der ſie ihre Thränen zuſchrieben, zu mildern; es wurde ihnen 195 ſchwerer als jemals. Endlich riß ſich Thereſe nach heftigem Kampf in ihrer Bruſt los und ging in ihr Schlafgemach. „Das Licht des Morgens wird ihr Muth und Hoffnung wiedergeben“ ſagte Thekla mitleidig zu ihrer Mutter. Auch ſie Beide begaben ſich zur Ruhe.—— Der Morgen erſchien, ſo ſchön, ſo roſig, als nur ein Junimorgen anbrechen kann. Thekla erhob ſich am früheſten. Als auch ihre Mutter bald darauf das Lager verlaſſen hatte, waren Beide befremdet darüber, daß Thereſe noch nicht er⸗ ſchien, die ihrer ſonſtigen Gewohnheit nach ſtets die Erſte im Frühſtückszimmer war. „Angſt und Kummer wird ihr eine ſchlafloſe Nacht be⸗ reitet haben“, erwiderte Thekla,„und der Erſchöpfung iſt jetzt doppelte Müdigkeit gefolgt.“ „Ich würde ihr gern den ſtärkenden Morgenſchlummer laſſen“, antwortete die Gräfin,„allein die Zeit zur Abfahrt drängt!“. Der Reiſewagen ſtand bereits beſpannt im Burghofe und die Diener der Gräfin waren mit dem Einpacken eifrig beſchäftigt. „So will ich ſelbſt ſie wecken“, erbot ſich Thekla und ging hinüber. Nach einigen Minuten kehrte ſie zurück, bleich, zitternd. „Was haſt du?“ rief die Gräfin ſie an.„Iſt Thereſen ein Unglück begegnet? Iſt ſie krank?“ „Ihr Gemach iſt leer, ihr Bett unberührt; dieſes Blatt lag auf ihrem Gebetpulte“, antwortete Thekla kaum hörbar, und reichte der Mutter das Blatt hinüber. Es enthielt nur die Worte:„Ich weiß, was mir ob⸗ liegt.— Lebt wohl! Lebt wohl!“ Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. 1 6 1 Mraqraaaaazuunmauauuan p 4 ſſſſſſſ 1 0 1 9 fffniſffffffff 7 8