Brei Jahre von Breiuzigen. Erſter Band. Zweite Abtheilung. ——————— —— Ein Roman von Tudmwig KRellſtab. Zweite Auflage. Erſter Band. Zweite Abtheilung. Leipzig: F. A. Brockhaus. 1858. Der Verfaſſer behält ſich das Recht der Ueberſetzun g ins Engliſche, Franzöſiſche und in andere Sprachen vor. Fünftes Buch. Rellſtab, Drei Jahre. 2. Aufl. I. 2. 1 Zweiundzwanzigſtes Capitel. Der Kaiſer Mathias, den ſchwere Anfälle des Poda⸗ gras den Winter hindurch gequält hatten, kränkelte in Folge deſſelben noch im Frühjahre. Die Jahre, die Anſtrengun⸗ gen ſeines Lebens, Mismuth über manches Fehlgeſchlagene, vielleicht im tiefſten Herzen auch Reue über manches Unter⸗ nommene, hatten ſeine Kraft unterhöhlt. Einſt von Ehr⸗ geiz und Herrſchbegier getrieben, ein nicht zu ermüdender Kämpfer, um die Ziele zu erreichen, die ſeinen Leiden⸗ ſchaften als glänzende und beglückende vorſchwebten, war er jetzt matt geworden, und der errungene Preis dünkte ihn kaum des Beſitzes zu lohnen, während er früher Alles daran geſetzt, ſelbſt die Bande des Bluts, die Pflichten der Brüderlichkeit nicht geachtet hatte, um zu erſtreben, was ihn jetzt mehr mit Sorgen und Unmuth erfüllte, als es ihm Glück gewährte... die Herrſchaft! Nach einer in Unruhe und Schmerzen auf ſeinem Lager hingebrachten Nacht erwachte er aus einem Morgenſchlummer der Ermattung, als die erſten Strahlen der Sonne ſich zwiſchen die ſchweren, ſeidenen Vorhänge ſtahlen, die ſein Schlafgemach in der Hofburg in Wien verdunkelten. Er⸗ 1* ſchellte ſeinem Kämmerer. Dieſer, der im Nebenzimmer gewacht hatte, trat ein. „Was iſt die Uhr, Balthaſar?“ fragte der Kaiſer. „Die Glocke auf der St.⸗Michaelskirche hat nicht längſt vier Uhr geſchlagen, Majeſtät“, lautete die Antwort des Kämmerers. „Noch ſo früh!“ ſprach der Kaiſer halb ſeufzend.„Dieſe Nacht hat mich wieder eine Ewigkeit gedünkt! Wie wird es erſt mit den Winternächten werden!“ „Wenn Ew. kaiſerliche Majeſtät nur geſtatten wollten, daß ich im Schlafgemach wachte; ich könnte Ew. Majeſtät vielleicht manche Stunde verkürzen!“ „Ich mag einmal Nachts ſo nahe um mich Niemand haben! Was könnt ihr Alle mir helfen!“ ſagte er unmuthig. „Haben Ew. kaiſerliche Majeſtät wiederum Schmerzen gehabt?“ fragte der Kämmerer mit dem Tone der Theil⸗ nahme. „Du weißt ja, daß ich nie ohne Schmerzen bin“, ant⸗ wortete Mathias verdrießlich.„Ihr vergeßt jeden Augen⸗ blick, was ich leide und dulde, es mag euch freilich wenig kümmern! Der Alte wird's nicht mehr lange treiben, denkſt du und deinesgleichen, und euer Blick ſucht ſchon meinen Nachfolger!“ „Verhüte das der barmherzige Gott“, antwortete der Kämmerer;„möge er Ew. Majeſtät Tage noch lange be⸗ hüten!“— „So betet ihr getroſt“, fiel ihm Mathias mit Heftig⸗ keit in die Rede,„weil ihr meint, daß das Gebet doch nicht erhört wird!“ Der Kämmerer ſchwieg. „Es iſt noch zu früh, als daß die Kaiſerin vom Lager aufgeſtanden ſein könnte!“ begann Mathias nach einigen Augenblicken wieder.„Sobald ſie erwacht iſt, ſoll man ihr ſagen, daß ich ſie zu ſehen wünſche. Sie allein nimmt wahren Antheil an mir“, ſetzte er, halb vor ſich hin⸗ ſprechend, hinzu. Balthaſar zerdrückte eine Thräne im Auge; es war eine des Schmerzes und des Unmuths zugleich. Der Kaiſer, den er ſo lebenskräftig, ſo rüſtig gekannt, jammerte ihn in ſeinen Leiden, in ſeiner Hinfälligkeit; doch das undankbare Mistrauen ſeiner Geſinnung kränkte den redlichen Diener tief. Er blieb ſchweigend in gebeugter Stellung an dem Lager ſtehen, hielt den grünſeidenen Schlafrock des Kaiſers über dem Arme und wartete auf den Befehl, ihm beim Aufſtehen behülflich zu ſein. Mathias ſaß ein wenig auf⸗ gerichtet im Bette und hatte den Kopf auf die rechte Hand geſtützt. In dieſem Augenblicke tiefen Schweigens ließen ſich Stimmen im Vorgemach hören. Es wurde lebhaft geſprochen. „Was gibt's denn halt ſo in der Früh“, fragte der Kaiſer erſtaunt und richtete ſich empor.„Schau zu, was es iſt, Balthaſar!“ Der Kämmerer legte den Schlafrock über die Lehne des Seſſels vorm Bett und ging ins Vorzimmer, wo er den zweiten Kämmerer zurückgelaſſen hatte. „Gewiß wieder eine unnütze Plackerei, ein Geſchäft, das Zeit hat! Aber ſie können mich nicht früh genug ſtören“, murmelte Mathias verdrießlich vor ſich hin.„Es reicht nicht aus, daß man den ganzen Tag bis zur ſinkenden Sonne geplagt iſt und jede Minute ihren Aerger und ihre Sorge bringt! Jetzt müſſen ſie auch noch faſt mitten in der Nacht damit kommen. Jeder Bauer im Lande, jeder Gaſſenkehrer in Wien kann ruhig ſchlafen! Dem Kaiſer wird nicht Ruhe gelaſſen weder Tag noch Nacht; er kann nicht ungeſtört eſſen, noch trinken, noch ſchlafen, noch verdauen! Beim Himmel, ich hab's ſatt das kaiſerliche Amt und möchte einen Caſtellandienſt auf einem Jagdſchloſſe im tiefen Walde lieber haben!“ Balthaſar trat wieder ein in großer Aufregung. „Ew. Majeſtät muß ich melden, daß im Vorgemach Se. kaiſerliche Hoheit der Erzh erzog Ferdinand ſich befinden, noch von einem andern Herrn, den ich nicht kenne, begleitet. Sie bringen ſehr wichtige Zeitung, und der Herr Erzherzog läßt aufs dringendſte bitten, vorgelaſſen zu werden!“ „Ihm wird's wol gar eilig ſein!“ rief Mathias un⸗ muthig;„für mich wird's aber wol Zeit haben. Ich werde doch wenigſtens erſt aus dem Bette aufſteigen dürfen und mir den Schlafrock umthun. Die Herren Brauſeköpfe brin⸗ gen nur keinen Augenblick Geduld mit!“ Der Kaiſer ſtand auf und ließ ſich von Balthaſar die nächſten Dienſte dabei leiſten. Nach einigen Minuten war er bereit, die frühen Störer zu empfangen. Er ließ die Vorhänge aufziehen und nahm ſeinen Platz auf einem Seſſel in der Nähe des Fenſters.„Oeffne das Fenſter am Eck“, befahl er dem Kämmerer,„daß Gottes ſchöne Mailuft und Morgenſonne ins Zimmer dringt. Jetzt bin ich bereit, den Herrn Erzherzog zu empfangen. Es ſoll mich doch wundern, was er Neues bringt, das mir mit dem Lerchengeſang zugleich ſchon vorgepfiffen werden muß!“ Die Flügelthüren des Gemachs öffneten ſich und der Erzherzog Ferdinand von Gratz trat ein; ihm folgte auf ſeinen Wink ein bleich und verſtört ausſehender Mann in abgetragener Kleidung. Es war der Geheimſchreiber Fabricius. Der Kaiſer blickte die ſeltſame Erſcheinung verwundert an. Doch bevor er ein Wort ſagte hatte ſchon der Erz⸗ —————,— 4 4 6 — 7 herzog Ferdinand die Rede begonnen:„Vergeben Ew. kai⸗ ſerliche Majeſtät, daß ich es wage, zu ſo früher Stunde Gehör zu erbitten; allein dieſer Mann bringt uns Kunde von den wichtigſten, von ganz unerhörten Dingen, die ohne Aufſchub zu Ew. Majeſtät Kenntniß kommen mußten!“ „Was gibt's denn halt ſchon wieder? Kann denn nie⸗ mals Ruhe und Friede im Lande ſein?“ fragte der Kaiſer. „Jetzt iſt der Friede auf eine wahrhaft unerhörte Weiſe gebrochen!“ rief der Erzherzog aus.„Dieſer Mann hier iſt der Geheimſchreiber der Statthalterſchaft Ew. Majeſtät in Prag. Prag iſt im offenen Aufruhr!“ „Was?“ rief der Kaiſer dazwiſchen, und ein funkelnder Blick ſeines Auges ließ den alten Löwen in ihm erkennen. „Was? Im Aufruhr? Dahin hat das Hetzen und Zerren, womit ſie mich ſchon ſeit Jahr und Tag quälen, geführt? So ſollen ſie erfahren... aber berichtet“, unterbrach er ſich ſelbſt,„was iſt geſchehen!“ „Der alte Feind des Glaubens, der Ordnung und des Gehorſams, der verwegene hartnäckige Mathias Thurn, der gewandte Zungenheld, hat das Unheil angeſtiftet“, be⸗ richtete der Erzherzog.„Als Ew. Majeſtät Antwort auf die übermüthige Beſchwerde und Supplik der Herren Glau⸗ bensdefenſoren, wie ſie ſich nennen, und der aufhetzenden Ständemitglieder in Prag eintraf, die die Unruheſtifter in ihre Schranken zurückweiſt und bedroht, hat er, ſchon längſt auf Gewaltthätigkeiten vorbereitet, halb Böhmen in Waffen gerufen. In Prag ſind die Stände und eine Maſſe Volks aus allen Kreiſen ſchon verſammelt geweſen. Am 23. Mai hat Thurn das Signal zum offenen Aufſtand gegeben.“ „Am 23. Mai“, rief der Kaiſer haſtig dazwiſchen, und eine ſeltſame Bewegung war in ſeinen Zügen erkennbar. „Die evangeliſchen Stände“, fuhr der Erzherzog fort, „ſind mit Bewaffneten ins Schloß gedrungen, wo die Statthalter zu Rath ſaßen, und haben ſie unter wüthender Anklage, Schimpf und Hohn aus dem Fenſter des Saales hinuntergeſtürzt in den Schloßgraben! Solche Früchte hat die Nachgiebigkeit gegen die Glaubensfeinde getragen!“ Der Kaiſer rollte das Auge; ein Anflug von Zorn röthete ſein Angeſicht; die heftige Wallung raubte ihm, ſo ſchien es, die Sprache. „Dieſer Mann“, berichtete der Erzherzog weiter, und zeigte auf Fabricius, welcher demuthvoll im Hintergrunde ſtand, jetzt aber einen Schritt vortrat,„dieſer Mann iſt heute Nacht mit der Kunde hier eingetroffen. Er ſelbſt ge⸗ hört zu den Gemishandelten; nur durch ein Wunder, durch welches die Gnade des allmächtigen Gottes ſelbſt Zeugniß gibt für die Gerechtigkeit und Heiligkeit unſerer Sache, iſt er am Leben geblieben!“ „Man hat Euch auch zum Fenſter hinausgeſtürzt?“ fragte der Kaiſer haſtig. „Die Wüthenden“, begann Fabricius, und ſein hohles Auge rollte finſter,„fielen über uns her und ſtürzten zuerſt Se. freiherrliche Gnaden, den Herrn Burggrafen von Karls⸗ ſtein—“ 4 „Den Martiniz?“ fragte der Kaiſer erſchreckend. „Und dann den Herrn Präſidenten von Slawata, und endlich mich ſelbſt hinab“, fuhr Fabricius fort.„Gottes heilige Engel haben uns beſchützt. Achtzig Fuß hoch hinab⸗ geſchleudert, ſind wir doch, wenn auch ſchwer zerſchlagen und erſchüttert, mit dem Leben davongekommen!“ „Und Sternberg, und die Lobkowitze und die Andern?“ fragte der Kaiſer im höchſten Maße aufgeregt. „Nur der Graf Adam von Sternberg und der Groß⸗ prior, Herr Diepold von Lobkowitz, waren noch zugegen; —— — — 9 die andern Herren Statthalter befanden ſich nicht in der Sitzung..... ſie waren theils krank, theils verreiſt“, be⸗ richtete Fabricius.„Ob man ſie nachträglich ermordet hat, iſt mir unbekannt, auch von den Herren Sternberg und Lobkowitz weiß ich nichts. Sie wurden vor unſern Augen aus dem Saale geriſſen; vielleicht ſind ſie draußen unter den Dolchen der Mörder gefallen“, ſetzte er argliſtig hinzu. „Und wie wurdet Ihr Drei gerettet?“ fragte der ſtau⸗ nende Kaiſer. „Wir fielen auf einen Holunderbuſch, der hart unter der Mauer in den Schloßgraben hineingewachſen iſt. Das Gezweig und ein dort aufgeſchütteter Haufen von Kehricht und Dünger milderte den Sturz.“ „Und wo ſind Slawata und Martiniz?“ „Das vermag ich Ew. kaiſerlichen Majeſtät nicht zu ſagen“, lautete Fabricius' Antwort.„Die Flucht trieb uns auseinander, denn die Empörer ſchoſſen aus dem Fenſter nach uns. Mir gingen zwei Kugeln durch den Mantel. Es gelang mir ſpäter durch Hülfe treuer Bürger aus der Stadt zu entkommen. Aber auch ſchon das Landvolk war aufgehetzt von dem Grafen Thurn und ſeinen Bundes⸗ genoſſen. Ich mußte unter vielfachen Gefahren und Be⸗ ſchwerden flüchten, verkappt, auf einſamen Pfaden. Am zweiten Tage, da ich ſchon ganz erſchöpft war, traf ich zum Glück auf der Landſtraße einen Edelmann, den ich kannte und der unſerm Glauben treu anhängt, Wenzel von Niemeck. Der gab mir ſein Pferd und hieß mich zu einem Freunde reiten, der mir mit einem Wagen weiter half. So immer von Einem zum Andern empfohlen, bin ich heute am ſechsten Tage, Nachts, hier angelangt!“ „Mein Beichtvater, der ehrwürdige Pater Lamor⸗ 1** 10 main“, ergänzte Erzherzog Ferdinand,„hat mir den un⸗ glücklichen Mann vor einer Stunde zugeführt.“ „Lamormain?“ ſprach der Kaiſer und runzelte die Brauen.„Wie ſeid Ihr denn zum Pater Lämmermann gerathen?“ fragte er Fabricius mit ironiſcher Betonung des Namens und einem ſeltſamen Ausdruck des Staunens, in⸗ dem er bald ihn, bald den Erzherzog ſcharf anblickte. „Der Herr Pater Thyßka, ein frommes und gelehrtes Mitglied der Geſellſchaft Jeſu, der mit mir aus Prag flüch⸗ tete, weil die Mörderſchaaren ſchon in die Beſitzungen des Ordens eindrangen, hatte mich angewieſen, ſobald ich Wien erreicht haben würde, mich an den ehrwürdigen Herrn Pater zu wenden, und hatte mir auch ein Blättchen für ihn zu⸗ geſtellt.“ „Die wilde ketzeriſche Rotte hat ſogleich die ehrwürdigen Mitglieder des Ordens dergeſtalt bedroht, daß ſie wol ſämmtlich aus Prag zelüchtei ſind“, ſetzte der Erzherzog erbittert hinzu. 8 „So thürmen ſich wieder neue Sorgen und Unruhen wie ſchwere Gewitter über unſerm Haupte auf!“ ſprach der Kaiſer finſter, und ſein anfänglicher Ton des Staunens war ſchon in Verdruß übergegangen.„Was ſoll nun da wieder geſchehen! Wie ſoll man dieſen Strom wieder in ſein Bett zurücktreiben?“ „Durch alle Maßregeln der unerbittlichſten Strenge, würde ich Ew. Majeſtät anrathen“, bemerkte der Erzherzog in beſcheidenem, aber nichtsdeſtoweniger nachdrücklichem 9ℳ Tone.„Wir tragen, mit Ew. Majeſtät Verlaub, die 1 Schuld früherer allzu großer Nachgiebigkeit. Wem man 1 einen Finger gibt, der nimmt die ganze Hand; vollends* Leute ſolcher Art.“ „Wer weiß, Herr Erzherzog“, antwortete der Kaiſer in ——— —— 2 — 11 einer Weiſe, die ſtark wie Hohn und Vorwurf klang,„wer weiß, ob nicht gerade das Gegentheil der Fall iſt? Im Grunde genommen war die erſte Beſchwerde der Leute über den Abt von Braunau und den Erzbiſchof von Prag doch nicht ſo ganz ohne Halt und Schick! Und hätten wir den Thurn nicht zum Karlsſtein hinausgeworfen, ſo wäre vielleicht der Martiniz nicht zum Fenſter hinausgeworfen worden!“ „Daß Thurn's ungezügelte Rachſucht hier hauptſächlich im Spiele iſt, will ich nicht leugnen, Ew. Majeſtät“, ent⸗ gegnete der Erzherzog ſich verbeugend.„Aber jetzt wird man.... „Die Sache muß“, unterbrach ihn der Kaiſer heftig, „mit meinen Räthen beſchloſſen werden; auch müſſen wir erſt genauere Nachricht haben. Der Mann dort“(er zeigte auf Fabricius)„ſoll auf der Stelle ſchriftlich aufſetzen, was er von dem ganzen Hergang weiß. Balthaſar“, rief er dem Kämmerer, der in ehrerbietiger Ferne ſtand und die Kunde ſtaunend vernommen hatte, zu,„trage Sorge, daß hier dem Herrn Geheimſchreiber ein Zimmer im Schloſſe angewieſen, und daß er mit Allem verſehen werde, deſſen er bedarf. Dann wecke ſogleich den Kanzleiſecretär; er ſoll auf der Stelle ſchriftlich den Cardinal Cleſel, alle Mini⸗ ſter und Räthe zur Verſammlung hierher beſcheiden.“ Balthaſar ging; Fabricius folgte ihm. „Hört noch einmal, Ihr da, Herr Geheimſchreiber“, rief der Kaiſer ihm nach,„wie war Euer Name?“ „Philipp Fabricius Platter, Ew. Majeſtät zu dienen“, erwiderte der Gefragte ſich verbeugend. „Will Euch halt einen Balſam auf Euer zerſchlagenes corpus ſtreichen“, ſagte der Kaiſer halb ſcherzend, halb gutmüthig.„Ihr ſeid hoch hinuntergefallen, Ihr könnt 12 Euch künftig Herr von Hohenfall nennen; will Euch das Adelspatent darüber ausfertigen laſſen!“*) Fabricius ſtaunte den Kaiſer an.„Meine geringen Verdienſte“, begann er ſtotternd. „Laßt's gut ſein!“ unterbrach ihn Mathias,„ich weiß wohl, daß es nicht Euer Verdienſt iſt, unzerbrochene Glieder behalten zu haben, es iſt aber Mancher in meinem Lande vom Adel, der nicht ſo hohe Verdienſte hat als Euer Fall!“ Er winkte Fabricius zu ſchweigen und zu gehen, dieſer zog ſich mit endloſen Verbeugungen rücklings aus dem Gemach. „Darf ich das Ohr meines gnädigſten kaiſerlichen Oheims noch einige Augenblicke in Anſpruch nehmen“, fragte der zurückbleibende Erzherzog Ferdinand ſich tief verbeugend. „Setze dich“, winkte ihm der Kaiſer, der, nach Ent⸗ fernung aller Zeugen, den traulichen Familienton gegen ſei⸗ nen Neffen annahm, aber dennoch einigen Unmuth durch⸗ blicken ließ, weil er ahnte, welcher Art das Geſpräch ſein werde, das der Erzherzog anknüpfen wollte. Denn Beide waren im Grunde ſelten einer Meinung; allein der Erz⸗ herzog hatte ſich durch ſeine jugendliche Kraft, ſeinen Muth, ſeine Einſicht einer Herrſchaft über den Kaiſer zu bemächti⸗ gen gewußt, der dieſer ſich häufig, wiewol ſtets mit Wider⸗ willen beugte. „Ich beſorge, Ew. kaiſerliche Majeſtät“, begann der Erzherzog, da ſie allein waren,„wir ſtehen an dem An⸗ fangspunkte der unglückſeligſten Ereigniſſe. Die Verwegen⸗ heit dieſer ketzeriſchen Parteien iſt auf das höchſte geſtiegen. Allem Frieden, aller Ordnung, dem heiligen Glauben ſelbſt droht der Untergang, wenn dieſem frevelhaften Beginnen nicht Schranken geſetzt werden!“ *) Hiſtoriſch. „Ihr möchtet ſo gern aus jeder Mücke einen Elefanten machen, Neffe“, unterbrach ihn der Kaiſer verdrießlich, daß er in ſeinem Innern dem Erzherzog Recht geben mußte. „Das Unheil iſt ja zum Glück noch nicht ſo groß geworden, da Keiner den Hals gebrochen hat bei dem Sprunge!“ „O, mein kaiſerlicher Oheim, laſſen Sie uns dies ſicht⸗ liche Zeichen der Gnade des Himmels und ſeines Schutzes für unſere heilige Sache nicht gering achten! Dieſe Mär⸗ tyrer der Pflicht ſind gerettet worden, wie der Herr den Daniel in der Löwengrube errettete. Gerade das macht mir den Vorfall ſo unermeßlich ernſt und wichtig! Wo uns ſolche göttliche Zeichen werden, wie ſollten wir da an⸗ ſtehen, freudig, muthig und eifrig nach dem Willen des Allmächtigen zu handeln?“ „O, ich verſtehe Euch! Ich ſoll nur tanzen wie Ihr geigt“, entgegnete Mathias übellaunig,„aber ich glaube, ich habe ſchon zu viel nach Eurer Melodie gepfiffen! Waret Ihr es nicht, der mir immer im Ohre gelegen, ich ſolle den Ketzern den Kirchenbau verweigern? Hätten wir dort nachgegeben, wo ſie nicht ſo ganz im Unrecht waren, ſo wäre dieſe Gewaltthat nicht geſchehen!“ „Oheim!“ rief der Erzherzog, der anfing ſehr auf⸗ geregt zu werden,„was muß ich von Eurem Munde hören! Ew. Majeſtät, ſtets ein ſo weiſer, entſchloſſener Mann“, lenkte er in den Ton der Ehrerbietung wieder ein,„könn⸗ ten es bereuen, hier mit Kraft und Nachdruck gehandelt zu haben? Meinen Ew. Majeſtät wol, die Ketzer wären bei dieſer Forderung ſtehen geblieben? Das war ja nur der Anfang, der Probirſtein! Sie wollten ſehen, was ſie in den unheilvollen Majeſtätsbrief, den ſich der in Gott ſelige Oheim Rudolf hatte abtrotzen laſſen, hineindeuten könnten! Glückte das, dann forderten ſie mehr! Wohin ſollte es 14 mit unſerer heiligen Kirche kommen, wenn Jeder, dem es nur einfiele, Kirchen der Abgötterei aufrichten könnte?“ Der Kaiſer gab ſchon Zeichen der Ungeduld, doch unter⸗ brach er den Erzherzog nicht, deſſen Eifer für den Glau⸗ ben ſich durch ſeine eigenen Worte immer höher entflammte. „Es war ſchon genug, ſchon zu viel“, fuhr er im feu⸗ rigen Redeſtrom fort,„daß die Stände und Städte Kirchen bauen konnten nach ihrem Gutdünken, und nun vollends jeder einzelne Bürger nach ſeiner Willkür! Steht wirklich etwas der Art im Majeſtätsbriefe, was ich nicht einräumen kann, ſo ſteht es unwillkürlich, zufällig, misbräuchlich darin, und darf nicht länger geduldet werden. Sollen wir zu⸗ ſehen, wie der ganze erhabene Bau unſerer heiligen Kirche unterhöhlt wird, weil ein unklarer Buchſtabe zufällig oder böswillig geſchrieben iſt? Bedenken Ew. Majeſtät nur, welche ſchwere Schuld wir auf unſer Gewiſſen laden wür⸗ den durch ſolche Nachgiebigkeit und Duldung! Ich be⸗ ſchwöre Ew. Majeſtät!...“ „Laß es nun endlich genug ſein, Neffe“, unterbrach ihn jetzt Mathias höchlichſt ungeduldig.„Ich weiß wohl, wo du hinaus willſt! Wir haben aber an mehr zu denken als an Böhmen allein! In Oeſterreich und Ungarn haben wir eben ſo viel Proteſtanten und ſie hängen eng unter⸗ einander zuſammen. Von Schleſien, Mähren und der Lauſitz kann ich geradehin annehmen, daß ſie Eins mit Böhmen ſind! Wenn wir Gewalt brauchen, haben wir es mit allen unſern Erblanden gleichzeitig zu thun. In die⸗ ſen Glaubensſachen bringt die Gewalt uns nicht vorwärts; es iſt nur immer ärger danach geworden.“ „Vergebt mir, Oheim“, erwiderte der Erzherzog mit ſteigendem Eifer,„allein was dieſen Punkt anlangt, ſo glaube ich Ew. Majeſtät das Gegentheil beweiſen zu können. Nur — * durch die Nachgiebigkeit iſt der Trotz und Uebermuth der Ketzer ſo gewachſen. Ich habe in Steiermark mein Recht mit der Macht durchgeſetzt, und jetzt haben wir Ruhe und Frieden und die heilige Kirche iſt in voller Kraft und Ehren!“ „Ja, wie lange es dauert“, antwortete Mathias.„Und was haſt du gethan? Tauſende von armen Leuten von Haus und Hof gejagt, weil ſie nicht aufs Haar ſo glauben, wie du es in Ingolſtadt im Jeſuiterſtift gelernt haſt! Es wird dir, wenn du dermaleinſt ſo alt und krank biſt wie ich, auch kein weiches Ruhekiſſen für dein greiſes Haupt ſein, wenn du bedenkſt, wie viele Tauſende dich in ihrem Herzen verfluchen und Jammer und Wehe über dich rufen!“ „Theuerſter Oheim“, rief der Erzherzog aus und er⸗ hob ſtaunend die Hände,„wie aber, wenn die heilige Kirche mich verfluchte! Konnte ich wider Pflicht und Gewiſſen handeln und ſie zu Grunde gehen laſſen, um für der Ketzer zeitliches Gut und Wohl zu ſorgen? Auch zu ihrem eige⸗ nen Beſten habe ich gehandelt, denn Tauſende habe ich auch in den Schoos der alleinſeligmachenden, Gottes ewiges Reich aufſchließenden Kirche zurückgeführt.“ „Ja, mit der Geißel auf dem blutigen Rücken oder mit dem Hungertuch, das du ihnen zu nagen gegeben!“ rief der Kaiſer und wollte haſtig aufſtehen. Allein das Podagra und die Schmerzen im Rückgrath erinnerten ihn, daß ſo jugendliche Bewegungen nicht für ſein Alter und ſeine Krankheit paßten. Er verzog das Geſicht vor Schmerz und Aerger und ſetzte ſich wieder nieder mit einem unver⸗ ſtändlichen Murmeln, wovon der Erzherzog nur die letzten, heftig ausgeſtoßenen Worte hörte:„Wenn man alt wird!“ Er fing an zu beſorgen, daß er zu weit gegangen war, daß dieſes Dringen in den Kaiſer ihn vielleicht gerade zum Gegentheil beſtimmen könnte, und verſuchte daher einzulenken. —————Q—— 9 16 „Ew. Majeſtät werden allerdings erſt nähere Nachrichten abzuwarten haben, wie weit ſich der Aufſtand verbreitet hat und ob die Rebellen nicht vielleicht von ihren eigenen Landsleuten unterdrückt werden!“ „Was unterdrücken, was, eigene Landsleute“, unter⸗ brach der Kaiſer gereizt;„da ſieht man, wie du die Dinge kennſt! Zwei Drittheile in Böhmen und darüber ſind Utra⸗ quiſten, Proteſtanten und Calviniſten! Haſt du vergeſſen, was es für Mühe koſtete, deine Wahl zur Nachfolge in die Krone durchzuſetzen? Hätten wir damals nicht ſo klug lavirt und abgewartet, bis die Proteſtanten den Landtag meiſt verlaſſen hatten, du würdeſt erfahren haben, wie überwiegend ihre Stimmen ſind. Es wäre noch ein ſchöner freier Platz auf deiner Stirn für die böhmiſche Krone! Der Thurn hat ja ſchon damals offen gegen die Wahl proteſtirt!“ „Er iſt der ſtete Unruhſtifter! Und wenn Slawata dem Rathe gefolgt wäre, den wir ihm längſt ertheilt hatten....“ „Wir? Wer ſind dieſe wir? Und was für einen Rath haben ſie ertheilt?“ ſiel der Kaiſer dem Neffen mit fun⸗ kelndem Blicke in die Rede. „Ich will ds Ew. Majeſtät nicht verhehlen“, erwiderte Ferdinand mit äußerlich beſcheidener Haltung, aber mit ſchar⸗ fer Entſchiedenheit,„daß ich ſchon längſt der Anſicht war, der Uebermuth der Ketzer wachſe nur durch die Milde und Nachgiebigkeit, die man ihnen gezeigt. Es würde leicht geweſen ſein, die Rädelsführer, wie Thurn, Fels, Kinski, Budowecz zu irgend einer Unvorſichtigkeit zu verleiten; und dann hätte man ſich ihrer auf der Stelle bemächtigen müſſen. Das war der Rath, den ich Martiniz und Slawata geben ließ, und in dem wir Alle übereinſtimmten!“ „Wir Alle? Das heißt Pater Lamormain und deine 17 Schulgenoſſen und Schullehrer, die Herren Confratres so- cietatis Jesu! O, ich kenne ſie wohl! Ich weiß wie weit euer Complot die Fäden ſpinnt. Mich wäret ihr auch gern los....“ „Oheim! Theurer Oheim!“ unierbrach Ferdinand, und ergriff ſeine Hand und drückte ſie. „Was ſollen mir dieſe ſüßen Worte und Händedrücke!“ ließ ihn der Kaiſer hart an.„Meinſt du, ich wüßte nicht, wie du hinter der Larve ausſiehſt? Ich werde euch zu alt! Ihr meint, es ſei ſchon am Ende mit mir! Allein dem Himmel ſei Dank, ich fühle noch etwas Mark in den Knochen und werde euch zu Gefallen die Augen nicht ſo früh zumachen, als Ihr hofft.“ Der Erzherzog ſah, daß mit dem Kaiſer in ſeiner jetzi⸗ gen Stimmung nichts mehr zu beginnen war. Er ver⸗ beugte ſich daher und ſprach mit Ton und Haltung äußerer Ehrfurcht:„Ich werde Ew. kaiſerlichen Majeſtät Willen und Beſchlüſſe mit unterwürfigſtem Gehorſam vernehmen und, ſoweit an mir iſt, zur Ausführung bringen! Jeden⸗ falls.... Hier brach er raſch das Wort ab, denn der Kämmerer trat ſoeben wieder ein. Er meldete, daß er dem Geheim⸗ ſchreiber eine Wohnung in der Burg angewieſen habe, und daß derſelbe ſich bereits damit beſchäftige, den Bericht über die Vorgänge zu Prag aufzuſetzen. „Berathen können wir darauf“, ſprach der Kaiſer bedenklich;„doch beſchließen nicht eher, bis wir auch an⸗ dere Nachrichten haben. Am 23. war es, wo der Auf⸗ ſtand ausgebrochen iſt?“.... fragte er mit eigenthüm⸗ licher Betonung. „So war es“, beſtätigte der Erzherzog. „Und heute ſchreiben wir den 30. oder 31.?“ 18 „Den 30., Ew. kaiſerliche Majeſtät“, antwortete der Kämmerer, auf den ſich des Kaiſers fragende Blicke ge⸗ richtet hatten. „Alſo der ſiebente Tag? Da könnten meldende Boten ſchon geſtern hier geweſen ſein! Aber die Rebellen werden ſich wol gehütet haben, Meldung zu ſenden, und den Andern wird's ſchwer fallen! Die Stadt wird wol ab⸗ geſperrt ſein! Nun, vielleicht treffen noch Depeſchen ein bis Anfang des Conſeils!“ Der zweite Kämmerer trat ein und meldete, daß ein Page der Kaiſerin im Vorzimmer ſei. Ihre Majeſtät hätten vernommen, daß der Kaiſer ſchon ſo überaus früh das Lager verlaſſen und Beſuch empfangen habe. Sie beſorg⸗ ten daher, es ſei etwas Uebles vorgefallen, das Sr. Ma⸗ jeſtät Nachtruhe geſtört habe, und ließen anfragen, ob ſie ſchon zu ſo früher Tageszeit einen Beſuch abſtatten könnten. Der Kaiſer empfing die Botſchaft mit ſichtlicher Befriedi⸗ gung und ließ zurückſagen, der Beſuch ſeiner Gemahlin werde ihm höchſt willkommen ſein. Der Erzherzog, der ſich nicht zum beſten mit der Kaiſerin ſtand, und der jetzt große Thätigkeit in ſeinem Sinne für dringend noth⸗ wendig hielt, benutzte den Augenblick ſich zu empfehlen. „Guten Morgen, Nand!“, nickte der Kaiſer, durch das Kommen der Kaiſerin wieder heiterer geſtimmt, ihm in ſeiner gutmüthigen Weiſe zu;„wir ſehen uns beim Conſeil wieder!“ Ferdinand verbeugte ſich und ging mit den Worten:„Ich werde pünktlich dort ſein, theurer Oheim!“ 19 Dreiundzwanzigſtes Capitel. „Grüß dich Gott, Anna!“ rief Mathias ſeiner Gemahlin entgegen, als ſich die Thür öffnete und ſie zu ihm ins Zim⸗ mer trat.„Es freut mich, daß du mir halt ſo früh ſchon den guten Morgen bieteſt. Komm her, ſetz dich zu mir; wir wollen Eins ſchwatzen! Geh nur naus, Balthaſar, beſorg' das Frühſtück!“ Mit der Kaiſerin, die er überaus liebte, überließ Mathias ſich ganz der zwangloſeſten Art des Verkehrs, und ſprach auch faſt immer nur in der öſterreichiſchen Volksmundart. Der Kämmerer ging; die Kaiſerin begrüßte ihren kran⸗ ken Gemahl mit einem herzlichen Kuß und ſetzte ſich an ſeine Seite.„Ich höre ja, daß man dich ſchon ſo früh ge⸗ ſtört hat; der Ferdinand begegnete mir ganz wild und wüſt“, begann ſie.„Was gibt's denn?“ Mathias erzählte was vorgegangen war. Die Kaiſerin wurde immer ernſter und ernſter. „Das ſind doch ſchlimme Nachrichten“, begann ſie, nach⸗ dem der Kaiſer geendet hatte;„ich beſorge, das gibt Unheil auf lange Zeit!“ „Ich beſorg' es auch“, ſprach der Kaiſer ernſt und mit ſichtlicher innerer Bewegung;„vor dem Neffen darf ich's freilich nicht ſo merken laſſen! Ich beſorg' es aus mehr als einem Grunde!“ Er blickte ſtarr vor ſich hin; ſein Puls ſchlug un⸗ ruhiger. „Was haſt du, Mathias?“ fragte die Kaiſerin und be⸗ trachtete ihn mit forſchender Sorge. 20 „Ich kann's nun einmal nicht laſſen, Anna“, antwortete er,„ich glaube an manche Dinge, an die ich nicht glauben ſollte, das heißt, ich glaube grad' nicht daran, aber ich kann's mir doch nicht ſo ganz aus dem Sinn ſchlagen.“ „Und was meinſt du?“ fragte die Kaiſerin. „Sieh“, begann er, ſtockte aber ſogleich wieder und ſchien in Verlegenheit, wie er das ausdrücken ſollte, was ihm auf dem Herzen lag;„ich bin, du weißt's ja, mit dem Rudolf, mit meinem Bruder, nicht gut geſtellt geweſen. Er war ein Träumer, er hätte das Land, er hätte unſer ganzes Haus zu Grunde gerichtet; ich mußte wol eingreifen. Aber Man⸗ ches iſt doch geſchehen, was beſſer nicht geſchehen wäre! Ich glaube nicht, daß er mich in ſeinem Herzen geſegnet hat auf dem Todesbette!“ „Schlag' dir das aus dem Sinn, Mathias“, entgegnete die Kaiſerin;„du haſt ſo viele Meſſen für ihn leſen laſſen und— ihr waret ja auch gut zuſammen in den letzten Jahren!“ „Hm! Es ſchien mehr ſo! Ich hatte ja Alles was ich wollte! Aber jetzt... ſieh, der Aufruhr in Prag iſt am 23. Mai ausgebrochen!“ „Nun ja!“ „Und haſt du vergeſſen, was das für ein Tag iſt?“ fragte er.„Gedenkſt du nicht, daß ich vor ſieben Jahren grad' am 23. Mai zu Prag gekrönt wurde?“*) Die Kaiſerin ſchwieg betroffen. „Ich weiß, was mein Bruder an dem Tage gedacht und gethan hat“, fuhr der Kaiſer düſter fort,„er hat—“ „Ihr waret ja verſöhnt und einig“, fiel die Kaiſerin begütigend ein,„ihr beſchenktet euch gegenſeitig!“ *) Hiſtoriſch. 21 „Ja doch! Daß auch du mir davon reden willſt!“ fuhr Mathias auf.„Du weißt doch wol, wie es mit den Geſchenken ſtand, und was wir Beide im Herzen dabei empfanden, vollends der Bruder, der mir Platz machen mußte auf dem böhmiſchen Königsthron! Als wir zu Prag beim Krönungsmahl an der Tafel ſaßen und die Trompeten und Zinken erſchallten und die Becher klangen, da ſchallte es bis in die Gemächer hinauf, wo der entthronte Rudolf in ſeinem Groll einſam ſaß! Und damals fluchte er mir und dem undankbaren Prag und wünſchte die Vergel⸗ tung auf die treuloſe Stadt herab!*) Sieben Jahre ſind nun verfloſſen...“ „Du ſiehſt das zu ſchwarz an, Mathias“, unterbrach ihn die Kaiſerin und ſuchte durch den Ton ihrer Stimme den Worten noch mehr mildernde, ableitende Kraft zu geben; „er hatte mit den Böhmen längſt im Hader gelegen. Ich weiß auch nur, daß er über ſie und ihre Stadt ſeine Ver⸗ wünſchungen ausſprach.“ „Nein, nein, Anna, es iſt mir hinterbracht worden“, ſeufzte der Kaiſer,„und nicht von Einem allein! Er hat grauenvolle Verwünſchungen ausgeſtoßen über Stadt und Land, und über ſeinen Bruder, über mich.— Damals achtete ich's gering— nun drückt mich's aufs Herz! Es iſt der ſiebente Jahrestag geweſen, ſeitdem! Sieben Jahre! Sieben iſt eine böſe Zahl!— Mir däucht, ich ſehe Rudolf vor mir, wie er Thränen des Ingrimms vergoß und die geballte Fauſt erhob... Am 23. Mai— und grad' an dem Tage mußte es zum Ausbruch kommen!“ „Das Zuſammentreffen iſt ein Zufall...“ *) Hiſtoriſch. 22 „Gott hat es gefügt, Anna, und hat's vorausgeſchaut“, rief Mathias feierlich, und ſein Antlitz wurde bleich und ſeine Lippen bebten.„Ich bin ſchnell gealtert ſeitdem! Damals noch voller Kraft und Feuer, jetzt ſiech, hinfällig, und der Muth ſinkt mir! Und bin doch nicht ſo alt— ſieben Jahre ſind doch kein Jahrhundert!“ „Ziehe dir's nicht ſo zu Gemüth, was Rudolf damals im erſten Zorn geſprochen und gethan; er hat es nachher in ſeinem Herzen bereut und zurückgenommen. In ſeiner Sterbeſtunde wird er weder dir, noch ſeiner Stadt Prag und ſeinem Lande Böhmen geflucht und Unheil gewünſcht haben, ſondern er iſt chriſtlich eingeſchlafen mit Verſöhnung und Vergebung im Herzen. Daß du jetzt eben leideſt, ſtimmt dich ſo zu Trübſal!“ So ſuchte die liebende Gattin die aufwogenden Stürme des Gewiſſens in der Bruſt des Kaiſers zu beſchwichtigen. „Du wirſt wieder geneſen“, ſetzte ſie hinzu, da er finſter ſchwieg. Der Kaiſer antwortete nicht, aber indem die Kaiſerin ſich abwendete, da eben der Kämmerer Balthaſar mit dem Frühſtück eintrat, ſprach er ſtill vor ſich hin:„Wie das Garn, ſo der Faden,— wie man ſich bettet, ſo ruht man!“. Der Kämmerer ſetzte den Tiſch mit dem Frühſtück vor den Kaiſer ans Fenſter. Dieſer warf einen Blick hinaus. Außer der weiten ſchönen Umgegend, bis zur Donau hin, und den erſten Bergen, die an derſelben aufſtiegen, überſah man auch einen Theil der Wälle, Gräben und Zugbrücken. „Der reitet ja über die Brucken, als wolle er ſeinen Gaul mit Gewalt todtjagen“, ſagte der Kaiſer verwun⸗ dert;„iſt das nicht ein Küraſſier von St.⸗Hilaire's Regi⸗ ment?“ 23 Der Kämmerer beſtätigte es und ſetzte hinzu:„Mir ſcheint, er hat eine Depeſchentaſche über der Schulter hängen.“ „Hm! So könnte er wol Nachrichten bringen“, meinte Mathias.„Geh', Balthaſar; wenn der Reiter hier in die Burg kommt, ſo ſoll er gleich hier herauf, daß mir die Briefe, die er etwa hat, auf der Stelle übergeben werden. Nicht erſt in die Kanzlei hinauf.“ Der Kämmerer ging. Der Kaiſer hatte die Luſt zum Frühſtücken verloren, wie freundlich Anna ihn auch dazu einlud. Er nahm einige Biſſen, doch ſein Auge blieb un⸗ ruhig auf die Thür geheftet, in der Erwartung der De⸗ peſchen.„Das iſt Hufſchlag im Hofe!“ rief er lebhaft. Einige Minuten ſpäter brachte ihm der Kämmerer eine ver⸗ ſchloſſene Taſche mit Briefſchaften. Mathias öffnete haſtig. „Wo iſt der Reiter?“ fragte er;„von wo kommt er?“ „Nur von Hollabrunn“, antwortete Balthaſar;„die Briefſchaften ſind nach Mitternacht von Znaym dorthin ge⸗ kommen.“ „So kann er nichts Beſonderes berichten“, warf der Kaiſer hin, indem er die Packete eilig öffnete,„wol aber die Briefe. Richtig!“ rief er,„lauter Nachrichten aus Böhmen und Mähren, von vielen Seiten her! Aus Prag ſelbſt nichts! Doch von Deutſchbrot, von Kollin, von Iglau, von Budweis ſogar! Das iſt die Depeſche aus Znaym, von Colloredo!“ Er durchflog ſie haſtig.„Alles wie der Geheimſchreiber erzählt hat,— ganz Prag, ganz Böhmen in Alarm, der Thurn, der Colon von Fels, der Andreas Schlick, der Jeſſenius, der gelehrte Doctor medicinae, der Rector des Carolinums, an der Spitze!“ „Alſo nichts übertrieben?“ fragte die Kaiſerin mit be⸗ ſorglicher Miene. 1 24 „Nein, nein, im Gegentheil! Der Fabricius konnte noch lange nicht Alles wiſſen; nach ſeiner Flucht iſt es erſt recht angegangen! Wir müſſen Alles leſen.— Balthaſar! Schicke den Franz ſogleich zum Kanzleiſecretarius hinauf; er ſolle nochmals zu dem Cardinal Cleſel und allen Räthen ſenden, ſie aufs eiligſte antreiben. Auch zum Erzherzog Ferdinand!“ rief er dem forteilenden Balthaſar noch nach.— „Ja, ja, es iſt ſo! Und noch viel ſchlimmer als, wir dach⸗ ten!— Du, Balthaſar“, rief er dem wieder Eintretenden zu,„hilf mich gleich ankleiden. Ich will auf der Stelle ſelbſt in die Kanzlei hinauf. Das muß Alles genau ge⸗ leſen werden!“ Der Kaiſer war im höchſten Grade unruhig. Nach dem Berichte des Geheimſchreibers Fabricius war ihm die Be⸗ gebenheit noch nicht mit ſolcher Lebendigkeit und Sicherheit vor die Seele getreten; er hatte, wie es bei großen Ereig⸗ niſſen zu ſein pflegt, noch nicht ſo ſchnell das rechte Gefühl für die wirkliche Vollendung derſelben gewonnen, Jetzt über⸗ zeugten ihn die übereinſtimmenden Berichte von allyn Seiten her, daß Alles Wahrheit und die Erſchütterung viel umfaſ⸗ ſender ſei, als ſie ſich anfangs dargeſtellt hatte. Der Kämmerer flog ihm mit den Kleidungsſtücken ſo eilig als möglich zu Hülfe, allein der Kaiſer hinderte ihn ſelbſt, indem er immer wieder die Depeſchen nahm, hineinblickte 4 und ſie überflog. Mit Mühe konnte Balthaſar das An⸗ kleiden bewerkſtelligen. Der Kaiſer rief ſeiner Gemahlin bei jeder neuen wichtigen Meldung, die er fand, den Inhalt derſelben zu.—„Der alte Caplicz von Sulewicz, der Oberlandſchreiber iſt auch unter den Rebellen! Der alte Mann begeht noch ſolche Thorheit!— Auch der Wenzel Budowa von Budowecz! Habe ich ihn darum zum Director des Gerichtshofes ernannt, daß er Recht und Gerechtigkeit 25 gegen ſeinen Kaiſer und Herrn ſo außer Augen ſetzen ſollte? Wartet, Freund Budowecz! Es iſt noch nicht aller Tage Abend worden! Dafür hoffe ich Euch noch einen Proceß zu machen, in dem Euch Eure geſammte Rechtswiſſenſchaft nicht viel Hülfe bringen wird!“ „Was hätteſt du auch auf den ſür Vertrauen ſetzen können“, bemerkte die Kaiſerin;„ein gottesläſterlicher Cal⸗ viniſt!“ „Der Ulrich Kinski, der Brauſekopf“, fuhr Mathias wieder auf,„hat zuerſt Hand gelegt an den Martiniz. Nur Geduld, Herr Rittmeiſter Kinski, dafür wird das Kriegsgericht Rückſprache mit Euch nehmen!“ „Sind denn alle Bande der Ordnung, der Treue, des Gehorſams gelöſt?“ rief Anna aus und Thränen unterbrachen faſt ihre Stimme. „Die Lobkowitze— auch die unter den Aufrührern!“ rief Mathias erbittert.„Höre nur, was der Colloredo ſchreibt:«Es ſcheint, daß allen den Lobkowitzen nicht recht zu trauen iſt, wiewol ſie ganz verſchiedene Rollen geſpielt haben. Der Obriſtkanzler...)— Du weißt, er iſt ſelbſt Statthalter“, unterbrach ſich der Kaiſer beim Leſen des Briefs—„ader Obriſtkanzler hatte ſich, ſo⸗ wie die meiſten ſeiner andern Collegen, nicht zur Sitzung eingefunden. Er war verreiſt, ſagen ſie; doch es iſt mir wahrſcheinlicher, daß er in ſeinem Hauſe verſteckt geweſen iſt. Er hat nur mit der ganzen Sache, von der er offenbar undor unterrichtet war, nichts zu thun haben wollen.)“ „So hat er nicht Muth genug gehabt, ſeine Pflicht zu erfüllen und die Rechte ſeines Kaiſers zu vertreten“, ſagte die Kaiſerin entrüſtet. Rellſtab, Drei Jahre. 2. Aufl. I. 2. 2 4 b 26 „Neſtle mir das Wams nicht ſo eng zu; ſchnalle es hinten weiter“, gebot der Kaiſer dem Kämmerer, der ihm eben die Haken und Oeſen über der Bruſt zuſammenfügen wollte. Dann las er weiter aus der Depeſche vor:„Der Großprior des Malteſerordens, Diepold von Lobkowitz, war in der Sitzung. Allein er ſchlug ſich zu den Rebellen, we⸗ nigſtens war er ſehr fügſam. Sie haben deshalb auch ſein wohl geſchont; es iſt ihm kein Haar gekrümmt worden.— Und der Herr Geheimſchreiber meinte“, rief der Kaiſer un⸗ willig aus,„er und Sternberg möchten es wol mit dem Leben gebüßt haben! Es hat aber diesmal, ſo ſcheint es, nicht geheißen: Mitgefangen, mitgehangen!—„Der alte Mann), lautete es weiter in der Depeſche,«hatte wol die Faſſung verloren, er iſt zu ſchwach geweſen, um muthig gegen die Empörer aufzutreten. Wären die Statthalter alle eines Sinnes, und hauptſächlich, wären ſie alle zugegen geweſen, die Sache würde ſchwerlich ſo weit gekommen ſein. Der Dritte von der Familie aber, Wilhelm Popell von Lobkowitz, ſtand leider geradezu auf Seiten der Empörer, wiewol er ſich nicht thätlich benommen hat. So ſieht mir die ganze Sache wie abgekartet aus! Sie haben es mit Keinem verderben wollen, damit ſie, je nachdem der Streich ausfiel, überall ihren Platz fänden.— Siehſt du, Anna“, ereiferte ſich der Kaiſer,„das ſind gerad' die Leute, auf die ich am ergrimmteſten bin. Sie ſind Verräther und wollen doch nicht ſchwarz ausſehen! So weiß man den Teufel, wie man mit ihnen daran iſt. Sie verkaufen uns und ver⸗ langen zuletzt noch Dank!— Alſo Herr Wilhelm Popell von Lobkowitz hat ſich die Pfötchen nicht verbrennen wollen und naſchte doch die warmen Kaſtanien! Das ſoll ihm nicht zu gut bekommen! Wartet nur, Herr Popell von Lobkowitz, Ihr meint, Ihr ſeid mit Eurem Geſchlecht wie ein Phönix 27 aus der Aſche*) emporgeſtiegen, aber ich denke, ich kann machen, daß Ihr wieder zu Aſche werdet; Eure Fackel ſoll nicht lange lodern!“ „Befehlen Ew. Majeſtät, die Kette mit dem güldenen Vließ anzulegen?“ fragte der Kämmerer. „Ja, gib ſie her! Die Sitzung wird ſo wichtig ſein, daß wir ſie auch mit aller Feierlichkeit abhalten wollen“, antwortete der Kaiſer und ließ ſich den Orden anlegen. Er nahm wieder eine Depeſche vor, die er noch nicht geöffnet hatte.„Sieh da, auch von Colloredo! Sechs Stunden ſpäter.— Horch nur, Anna!„Die Rebellenn, heißt es in dem Briefe,«haben gleich Alles gethan, um Ordnung zu erhalten; ſie haben dreißig Directoren er⸗ nannt, die Regierung zu führen.“ Dreißig! Hörſt du? Ich der Kaiſer, ich bin Einer gegen Dreißig— doch ich denke, ich bin genug!“ Er las weiter:„«Zehn aus dem Herrenſtand, zehn aus dem Ritterſtand und zehn von den Bürgern.) Sie ſind alſo Alle Eins, das ganze Land in Aufruhr!“ unterbrach ſich Mathias.„Ich weiß noch nicht alle Namen; aber Wilhelm der Aeltere von Lobkowitz, Paul von Rcziczan, Berka von Duba, Graf Andreas Schlick, Graf Albin Schlick, Wenzel Budowecz von Budowa, Wilhelm von Raupowa, Kaspar Caplicz von Sulewicz, Procop Dwor⸗ ſchetti von Olbramowitz, Martin Frühwein von Podoli, Valentin Kochan von Prachowa, Tobias Steffeck von Kolodny ſind darunter. Eine ſtattliche Geſellſchaft!“ rief der Kaiſer aus,„was meinſt du, Annerl?“ 8½ *) Popél heißt im Böhmiſchen„Aſche“. Die Lobkowitze ſtammten in älteſter Linie von einem Pfarrer Namens Popell ab, der in dem Ort Lobkowitz wohnte, und ſich nach dieſem Popell von Lobkowitz nannte. 2* Die Kaiſerin ſchüttelte bedenklich das Haupt. „Nun, laß gut ſein; ich denke ſchon mit ihnen fertig zu werden!“ ſagte Mathias.„Bring das Alles mit herauf“, befahl er dem Kämmerer, indem er auf die Depeſchen deu⸗ tete,„und führe mich; ich werde Mühe haben hinaufzu⸗ kommen, beſonders auf den Stiegen.— Guten Morgen Schatzerl“, wandte er ſich zur Kaiſerin.„Du haſt Recht; die Krankheit macht ſchweres Geblüt. Jetzt, da ich ge⸗ kleidet bin, mich in meinem Amt fühle, iſt mir halt ganz anders zu Sinn. Der kranke Greis Mathias wird den König von Böhmen, wider den man ſich empört, nicht vergeſſen!“ Mit dieſen Worten ging er, auf Balthaſar geſtützt, der die Mappe mit den Depeſchen trug, hinaus und drückte der Kaiſerin, als er ihr die Hand zum Gruß dar⸗ reichte, die ihrige mit herzlicher Wärme. Vierundzwanzigſtes Capitel. „Nein, theurer Bruder in Jeſu, ich hege nicht ſo über⸗ große Beſorgniſſe“, ſprach lächelnd der Pater Lamormain (wie er ſich lieber nannte, als mit ſeinem wirklichen Namen Lämmermann) zu dem neben ihm ſitzenden Pater Thyßka. „Wetter, die ſo raſch und wild hereinbrechen, gehen auch raſch vorüber. Wirklich, lieber Thyßka, ſo überaus ge⸗ fährlich iſt dieſe Angelegenheit nicht! Weder der Aufſtand im Ganzen, noch die Bannſtrahlen, die er unter ſo lautem Donnergeräuſch auf den Orden ſchleudert!“ ——— — 29 „Ich will wünſchen, hochwürdiger Vater, daß ich mich täuſche und Ihr vollkommen Recht habt“, erwiderte in beſcheidener Haltung der Pater Thyßka;„ allein überzeugt bin ich davon noch nicht! Ihr ſolltet, Hochwürdigſter, die Stimmung der Böhmen ſo in der Nähe kennen gelernt haben als ich! Es iſt nicht ein wilder kopfloſer Haufen Pöbels, der ſich zuſammenrottet, ohne recht zu wiſſen, wes⸗ halb, nur weil Tumult die Maſſen lockt, und ſich durch ſich ſelbſt mehrt! Es ſind die vornehmſten, die reichſten, die gelehrteſten Männer Prags und des ganzen Landes, die mit wohlüberlegter Abſicht handeln!“ „Weltliche Weisheit, die vereinzelt aufſchießt ohne Nach⸗ halt in der Wirkung!“ „Nicht ſo vereinzelt als es ſcheinen möchte, würdiger Vater! Die Proteſtanten in Böhmen haben ſich zu gut geſichert, ſie klammern ſich ſchon mit zweihundertjährigen Wurzeln an Boden und Inſtitutionen! Iſt doch das ganze Carolinum in ihren Händen! Die geſammte gelehrte Er⸗ ziehung der Böhmen wird von ihnen geleitet, und durch die Decrete der letzten Jahrzehnde ſowie durch den unglückſeligen Majeſtätsbrief haben ſie ſich dieſes Inſtitut und die Ein⸗ wirkung darauf ganz ausſchließlich geſichert.“ „Ei, ei, Pater Thyßka! Wie verblendet, und ich darf ſagen, wie undankbar ſeid Ihr gegen Eure eigenen Grün⸗ dungen, gegen Eure eigene Thätigkeit! Hätte die Thätigkeit unſeres Ordens, hätten ſeine mannichfachen Inſtitute denn keine Wirkſamkeit ausgeübt? Das Collegium zu Prag habe ich ſtets unter die höchſten geſtellt, deren geiſtige Kraft uns in dieſem Jahrhundert zu Gebote ſteht! Habt Ihr nicht die bedeutendſten Aemter im Lande mit Euren Zöglingen und Anhängern beſetzt? In Staatsverwaltung, Kirchen und Schulen? Gedenkt nur an Martiniz und Slawata ſelbſt; 30 hatten ſie nicht, und größtentheils durch uns, die wichtigſten Stellungen im ganzen Lande inne?“ „Wir haben allerdings Einiges gethan, Ehrwürdigſter, allein wer lange im Lande gelebt hat, wie ich, der weiß auch, wie Vieles uns noch entgangen iſt, wie große Ge⸗ biete unſer Einfluß nicht beherrſcht“, entgegnete Thyßka bei aller Beſcheidenheit, ja Unterwürfigkeit des Tons doch ſehr entſchieden.„Bedenkt nur, würdiger Vater, daß von den zehn Statthaltern ſechs...“ „Den Mantel nach dem Winde hängen“, fiel Pater Lamormain lächelnd ein,„ich geſtehe, Thyßka“, fuhr er ebenſo fort,„ich finde das, ſoweit ich Welt und Menſchen kenne, noch ſehr wenig. Ein Verhältniß, mit dem ich ganz zufrieden bin!“ „Allein eben daß der Wind ſo ſtark von jener Seite ſtand...“ „Für den Augenblick! Was dreht ſich raſcher als der Wind?— Nein, Thyßka, das macht mir keine großen Sorgen! Wenn es uns nur gelingt die Maßregeln des Kaiſers auf die richtige Bahn zu führen; das Andere halte ich für unbedeutend. Schwäche, Nachgiebigkeit, Bewilligungen für die Partei aber, die wären gefährlich. Nicht das Ver⸗ bannungsdecret gegen den Orden, das Euch ſo beunruhigt. Das iſt ein Lärmſchuß ohne Kugel! Graf Thurn liebt es, etwas laut zu ſein!“ „Die Geſammtheit der erwählten Directoren“, be⸗ merkte Thyßka und betonte ſeine Worte ſehr bedenklich, „dreißig an der Zahl, aus allen dreien Ständen, hat das Document genehmigt und unterzeichnet!“ „Und wenn dreihundert, dreitauſend!— Wie Ihr ſeltſam ſeid, guter Bruder Thyßka! Wie meinet Ihr wol, daß es einem Widerſprechenden jetzt in Prag ergangen wäre? Seine Stellung war augenblicklich verloren, vielleicht ſein Leben in Gefahr! Dem Zuſtimmenden dagegen jauchzt Alles zu, ihm ſind Triumphe, Gold, Ehre, Vortheile gewiß! Wie meint Ihr wol unter ſolchen Verhältniſſen Leute zu finden, die nicht eingeſtimmt hätten! Und noch dazu in Das, was ſie ſelbſt wünſchen!“ „Aber daß ſie es wünſchen...“ „Wiegt nichts; ich wünſche mir auch bei meinem Po⸗ dagra und ſonſtiger Kränklichkeit im December die Juliſonne! Erhalte ich einen einzigen Strahl dadurch? Was kümmern uns ihre Wünſche? Es kommt darauf an ob wir ſie er⸗ füllen wollen oder müſſen. Und das Votum ſelbſt? Es be⸗ deutet gar nichts. Mir iſt's bei dem Allen vielmehr recht behaglich“, fuhr der Pater fort, und rieb ſich, indem er ſchlau lächelte, die Hände;„ſo behaglich, daß ich mich einmal recht behaglich darüber ausſchwätzen will! In dieſem Augenblick hättet Ihr dreißig Erzkatholiken zu Directoren oder Regenten in Böhmen ernennen können, bei der Richtung, in welcher der Strom einmal läuft, hätten ſie alle dreißig das Verbannungsdecret gegen den Orden unterzeichnet. Ihr ſelbſt, Thyßka, ich auch! Und was würde das bedeutet haben? Ich hätte Ja geſagt, weil ich nicht Nein ſagen konnte. Die Zeit, wo ich Nein ſagen kann, kehrt aber auch wieder! Wir, den Orden meine ich, müſſen doch auch gefragt werden! Glaubt mir aber, Thyßka, die sancta societas Jesu kann noch hundert Verbannungsdecrete gegen ſich ſchleudern laſſen, falls ſie nicht verbannt ſein will, wird ſie ſtets den Tag finden, wo ſie zurückkehrt auf den Platz, von dem man ſie vertrieb... wenn ſie nicht zu⸗ rückgerufen wird! Ihr werdet dieſen Sommer wo anders wohnen, oder auf Reiſen gehen, das iſt die ganze Folge der Sache!— Soll ich Euch mein innerſtes Herz eröffnen? ————y— 32 Ich freue mich über das Verbannungsdecret! Ich freue mich über die dreißig Regenten, ohne den Kaiſer nur um einen zu fragen! Ich freue mich über alle die Tollheiten der ſiegestrunkenen Herren! Je höher ſie ihren babyloniſchen Thurm bauen, je ſicherer und früher ſtürzt er ein. Eins nur iſt mir noch bedenklich. Sie umgeben noch jeden Act der Empörung mit dem Heiligenſchein der Ehrfurcht vor dem Kaiſer und vor dem Könige Ferdinand. Wenn ſie doch das erſt ließen! Wenn ſie in trockenen Worten dem Kaiſer den Gehorſam aufkündigten, wie ſie es ſchon durch die That gethan! Das Volk läßt ſich immer durch Worte am Narren⸗ ſeil führen und glaubt jetzt bethört ihrer Glattzüngigkeit. Sie mußten den Kaiſer, und den König Ferdinand dazu, des Thrones verluſtig erklären! Dann erſt hätten wir ge⸗ wonnen Spiel, denn dann müßten die Fürſten han⸗ deln! Solange ſie in Prag ihren Zorn nur auf die kai⸗ ſerlichen Räthe, auf uns, auf mich ſchleudern— ich weiß, das thun ſie redlich— ſo lange laſſen ſie den Fürſten noch eine Hinterthür offen; den Schein großmüthiger, frei⸗ williger Gewährung Deſſen, was man ihnen mit dem Dolch auf der Bruſt abpreßt! Da ſteckt die Gefahr! Das müſſen wir verhüten!“ „Es wird ſich, glaube ich, ehrwürdiger Vater, ohne unſer Zuthun verhüten. Die Rebellen werden fordern, vor⸗ ſchreiben, nicht bitten!“ „Deſto beſſer! So gewährt man ihnen nichts!“ „Falls ſie aber nehmen? Sie haben es freilich nicht mehr nöthig,— ſie behalten nur was ſie haben!“ „Ihr meint, Thyßka?“ lächelte Pater Lamormain.„Wir wollen uns in ſechs Monaten, in Jahr und Tag ſprechen.“ „Ich fürchte.... „Ich hoffe!“ Beide ſchwiegen einige Augenblicke, dann fuhr Lamor⸗ main fort: 4„Viel mehr als das, theurer Bruder in Jeſu, ich bin der vollſten Zuverſicht. Vor dem Aufſtande war ich in Sorgen! Man hatte bewilligt, nachgegeben, hundert mal mehr, als es hätte geſchehen ſollen; es wurde immer neu gefordert, immer mehr verlangt! Natürlich! Wohin ſollte das führen? Jetzt iſt es zum Bruch gekommen, nun kann man die alten Fehler gut machen. Freut Euch, Pater Thyßka, jetzt gibt es Arbeit für uns— und, wenn wir es richtig anfangen, Lohn, reichlichen Lohn!“ ſetzte er mit ſelbſt⸗ bewußter Miene hinzu.„Mit dem Kaiſer wird es einige Mühe koſten, er iſt ſchwach geworden; doch für den König Ferdinand ſtehe ich ein!— Allein die Stunde ruft!“ ſprach er aufſtehend;„ich muß zu ihm. Wir müſſen für jetzt unſere Unterhaltung abbrechen. Beſucht mich morgen früh 3 wieder; da hoffe ich Euch mehr ſagen zu können.“ Thyßka ſchickte ſich an zu gehen. „Noch einen Rath, lieber Bruder! Verſäumt nicht, dem Cardinal noch heute, womöglich gleich, Euren Beſuch zu machen.— Ich meine Cleſel“, ſetzte Lamormain hinzu, da ihn der Pater verwundert anſah. „Ich glaubte...“, begann Thyßka ſtockend. „Wir ſtünden nicht zum beſten? Ganz richtig! Darum eben!“ entgegnete Lamormain lächelnd.„Unſere Freunde dürfen wir ohne Gefahr vernachläſſigen,— unſere Feinde müſſen wir in beſter Meinung von uns erhalten! Deus 82 vobiscum, theurer Bruder!“ Der Pater Thyßka verabſchiedete ſich ehrfurchtsvoll. Als er die Thür ſchon in der Hand hatte, klopfte ihm Lamormain noch einmal vertraulich auf die Schulter und ſprach:„Ich hoffe!“ 2*☛ᷣ* — ööͤöͤöͤöͤͤͤͤͤͤ „So will ich aufhören zu fürchten“, erwiderte der Gehende und ſchloß mit einer Verbeugung die Thür.— „Kein übler Mann“, dachte Lamormain bei ſich ſelbſt, indem er dem Pater nachſchaute.„Er kann brauchbar wer⸗ den; aber er muß noch viel, viel lernen! Bücher hat er genug geleſen, viel zu viel! Doch in der Welt iſt er noch ein großer Neuling!“ Während er ſeine Kleidung ordnete, um zum König und Erzherzog Ferdinand zu fahren, und Kragen, Falten, Roſenkranz und Alles, was er ſonſt von geiſtlichem Schmuck an ſich trug, ſauber zurechtzupfte, ließ er ſeinen Gedanken weitern Lauf:„Er fürchtet, der gute Pater! Er iſt noch etwas kurzſichtig. Er ahnt nicht, daß wir Alles gethan haben, was uns möglich war, um die Sache auf dieſen Punkt zu bringen! Ja, ja! Es blicken wenige Menſchen in einen ſo klaren Lebenshorizont, daß ihnen nicht zuweilen das Nächſte, das Natürlichſte mit dich⸗ tem Nebel verhüllt wäre! Als ob wir nicht ebenſo gut wie Thurn und ſeine Geſellen den Majeſtätsbrief zu leſen ver⸗ ſtänden! Der todte, abgetrotzte Buchſtabe ſollte uns hindern unſere Pflicht zu thun? Auch dieſer gute Thyßka wähnt, wir hätten den Kirchenbau zu Kloſtergrab in der That für einen Rechtsbruch gehalten! Er wähnt wirklich, eine ſolche elende Kirche ſei uns gefährlich erſchienen, ernſtlich im Wege geweſen! Nun, er muß noch ſeine höhere Schule machen; er wird auch einſehen lernen, daß nur der Majeſtätsbrief ſelbſt uns gefährlich und im Wege war! Er wird begreifen, daß jetzt der Anfang gemacht iſt, die Gefahr zu beſeitigen, ihn aus dem Wege zu räumen! Das Wichtigſte darf man dem Pater allerdings noch nicht mittheilen, ihn auch nicht vermuthen laſſen! Zu dem Herrn Cardinal aber muß er ganz ohne Arg gehen, ihm ſeine Reverenz noch ganz unbe⸗ fangen bezeigen. Wenn er nur ſogleich geht, damit er 35 nicht zu ſpät kommt! Hm! hm! Dieſer Cleſel! Doch ſelbſt ein ſchlauer Fuchs! Und tappt ſo hinein! Freilich, der ſchlaueſte läuft in die Fangeiſen, wenn ihm eine lockende Witterung die Geruchsnerven kitzelt.“ Hier griff der Pater Lamormain nach ſeinem Sammetkäppchen und dann nach der Schelle, die auf ſeinem Gebetpult ſtand. Er ſchellte dem Diener. Dieſer trat ein. „Laß den Wagen vorfahren, Gregor; zu Sr. kaiſer⸗ lichen Hoheit!“ In wenigen Minuten war der Pater auf dem Wege zum Erzherzog Ferdinand. — Fünfundzwanzigſtes Capitel. Pater Thyßka hatte in St.⸗Stephan der Frühmeſſe bei⸗ gewohnt. Als er aus der Kirche trat, redete ihn unver⸗ muthet von hinten her eine bekannte Stimme mit den Worten an:„Ew. Ehrwürden meinen unterthänigſten Gruß.“ Es war Fabricius. „Ei, Herr von Hohenfall“, rief Thyßka überraſcht. „Schon wieder zurück in Wien von Eurer Reiſe? Es ſind ja kaum ſechs Wochen! Was bringt Ihr Neues mit?“ Fabricius ſchüttelte den Kopf und machte eine Bewegung mit der Hand, die ſehr deutlich ſagte, daß er mit ſeinen Neuigkeiten nicht zufrieden ſei.„Im Vertrauen geſagt, Ehrwürdiger Herr“, ſagte er leiſe, da noch Viele in ihrer Nähe waren,„es geht dort beſſer wie hier! Darüber ——y— 36 ließe ſich viel ſagen, aber wir müßten ein ruhiges Stünd⸗ chen und eine ruhigere Stelle haben als hier!“ „Damit kann ich dienen“, antwortete Thyßka.„Wollt Ihr die Güte haben mich in meine Wohnung zu begleiten, Herr Geheimſchreiber? Ich habe durch die Verwendung des Herrn Pater Lamormain in der kaiſerlichen Burg ein ganz abgeſchiedenes Wohngemach erhalten; da können wir ſo ungeſtört ſprechen, wie in einer klöſterlichen Zelle! Ich hätte auch Euch ſo Manches anzuvertrauen und zu fragen!“ Sie gingen miteinander. „Eure Reiſe kann nicht ohne Gefahr geweſen ſein, Herr Fabricius“, begann Thyßka wieder im Gehen.„Seid Ihr denn wirklich nach Böhmen hinein geweſen?“ „Mein Auftrag lautete zwar nur darauf, in Schleſien, Mähren und der Lauſitz die Geſinnungen zu beobachten“, antwortete der Geheimſchreiber,„allein da ich mich viel an den Grenzen aufhielt, bin ich auch, wo ich einen ſichern Freund oder ein Kloſter jenſeits wußte, mehrmals verſtoh⸗ len hinübergeſchlüpft. Glaubt mir, Herr Pater, unſere Sache hat noch manchen Freund und Anhänger in Böhmen, wiewol es auch viele Treuloſe gibt!“ „Das glaub' ich wol!“ antwortete der Pater halb ſeuf⸗ zend.„Ihr ſprachet von Klöſtern; waret Ihr denn dort nicht in größter Gefahr? Werden unſere frommen Brüder nicht immerfort bedroht oder heimgeſucht?“ „Nein. Das läßt ſich nicht ſagen!“ erwiderte Fabri⸗ cius.„Sie werden nicht beunruhigt; Graf Harrant....“ „Der iſt ja auch unter den Directoren, wie ich gehört habe!“ unterbrach Thyßka. „Ja wol, ſie haben die beſten Männer unter ihrer Partei ausgewählt!“ 37 „Das Alles iſt Schlauheit. Sie wollen ihrer Sache das beſte Vertrauen erwecken“, fiel Thyßka ein. „Ja wol! Und eben darum beunruhigen ſie auch die Klöſter nicht“, antwortete Fabricius. „Sie denken, die Katholiſchen werden ſich wohl hüten, gegen uns aufzuſtehen, wenn ihnen kein Grund zur Klage gegeben iſt. Und das wirkt auch ſo, ſelbſt auf die Geiſt⸗ lichen. Denn Graf Harrant trägt Sorge, daß den katho⸗ liſchen Pfarrern ſogar ihr Einkommen pünktlich aus⸗ gezahlt werdel*) Das macht auch dieſe lau; die eifrigen Freunde unſerer Sache ſeufzen daher um ſo tiefer!“ „Es iſt auch ſehr übel“, ſeufzte Thyßka ſelbſt.„Das iſt eine Art Beſtechung! Und dabei ſind ſie im Widerſpruch mit ſich ſelbſt; denn weshalb verfahren ſie mit Anderen ſo ſtreng? Warum, wenn ſie den Katholiſchen nichts anhaben wollen, haben ſie unſern Orden verbannt?“ „Verzeiht, ehrwürdiger Herr, das iſt geſchehen, ſagen ſie, weil der Orden nach ihrer Meinung feindſelig gegen die Utraquiſten und andere Proteſtanten aufgetreten iſt.“ „Und das wird und muß er beſtändig thun“, eiferte Thyßka,„wenn er ſeiner Pflicht gegen die heilige Kirche treu bleiben will!“ „Daſſelbe machen ſie auch den Häuptern unſerer Kirche zum Vorwurf; dem Herrn Erzbiſchof von Prag, dem Abt zu Strahow, Herrn Kaspar von Oueſtenberg, dem brau⸗ nauer Abt und Anderen, die ſie verbannt haben. Es iſt ausdrücklich in den Decreten ausgeſprochen, daß ſie nicht verbannt werden, weil ſie Katholiken ſind, ſondern weil ſie ihre Stellung und Amtsgewalt misbraucht haben zur Ver⸗ folgung der Proteſtanten!“ *) Hiſporiſch. ——yyy— 4 — „Das ſind die Bosheiten“, rief der Pater aus,„welche die Herren Frühwein, Jeſſenius, Budowa, Olbramowitz, unſere erbitterten Feinde, wider uns ausgeübt haben. Wir wiſſen, daß Herr Martin Frühwein der Hauptverfaſſer der Anklagen, Schmähſchriften und Decrete wider uns iſt!“ In dieſem Geſpräch waren ſie der Burg nahe gekom⸗ men; da ſtreifte ein Mann an ihnen vorüber, den Thyßka aufmerkſam anblickte, und auch Fabricius winkte, es zu thun. Er trug ein graues, geſticktes Wams, einen Degen an der Seite, einen hohen Hut mit ſchwarzen Federn; ſein Gang und Anſehen waren ſtolz. „Das iſt auch ein gefährlicher Mann“, flüſterte Thyßka Fabricius zu,„der iſt hier faſt wie Thurn in Böhmen. Es iſt ein Herr Tharradel von Ebergaſſing und gehört zu den proteſtantiſchen Ständen. Die hetzt er Tag und Nacht, ſie ſollen auch aufſtehen wie die Böhmen, ſich mit ihnen verbünden und ihre Forderungen an den Kaiſer ſtellen!“ „Alſo hier ebenſo, wie ich es in Schleſien und in der Lauſitz, zumal aber in Mähren gefunden habe“, antwortete Fabricius;„in Olmütz gährt es dergeſtalt, daß es bald überbrauſen muß!“ „O, welche traurige Zukunft für uns und die Kirche!“ rief Thyßka.„Darum will auch der Kaiſer immer noch nicht recht an den Krieg, denn er fürchtet, daß es dann überall losbrechen werde!“ „Da könnte er wol Recht haben!“ „Allein was bleibt übrig?“ antwortete der Pater. „Hier ſind wir am Ziel, Herr von Hohenfall“, ſagte er, als ſie an einer kleinen Pforte im Vorhof des Burggebäudes ſtanden;„hier dieſe Thür führt in meine Wohnung. Er⸗ laubt, daß ich vorangehe, um den Weg zu zeigen.“ Er trat ein; auf einer gewundenen, ſchmalen Treppe — von Stein ſtiegen ſie durch drei Stockwerke; dann gingen ſie einen langen Corridor hinunter, an deſſen Ende die Eingangsthür zu der Wohnung des Paters lag. Es waren zwei kleine, trauliche Gemächer, deren Fenſter nach dem Wall hinausgingen und eine weite Ausſicht ins Freie darboten. „Seht Ihr, theurer Herr Fabrieius“, begann Thyßka, indem er ihn zum Sitzen einlud.„Hier bin ich ein Bruder Klausner mitten in dem großen Wien, ſo gut wie vor⸗ mals in Prag. Die Wohnung eignet ſich ganz für mich. Ich habe für den Herrn Pater Lamormain viel zu thun und für Se. Majeſtät den König von Ungarn, und da bin ich ſo ganz in Beider Nähe!“ Sie hatten Platz genommen. „Ja, es iſt eine böſe, böſe Zeit“, hub Thyßka an, „Herr Geheimſchreiber, und ich begreife nicht, woher Se. Hochwürden, der Herr Beichtvater, ſo großen Muth ſchöpft. Mir ſcheint, es geht mit jedem Tage ſchlechter!“ Fabricius zuckte die Achſeln.„Ich haſſe dieſen Grafen Thurn wie die Hölle“, erwiderte er nach längerm Schwei⸗ gen.„Aber das muß man ihm laſſen, er hat's verſtanden die Sache in Gang zu bringen! Er braucht den Mund etwas viel, aber er ſchafft und handelt auch! In Böhmen, das verſichere ich Euch, Herr Pater, iſt in den zwei Mo⸗ naten ſo viel geſchehen, als wären zwei Jahre verfloſſen. Jeglicher Magnat hat mit allen ſeinen Roſſen und Reiſigen ſich zum Krieg ſtellen müſſen; immer der zwanzigſte Mann auch ſonſt im Volke iſt unter Waffen getreten und jeder fünfte in jeglicher Gemeinde waffenrüſtig gemacht für un⸗ vermuthete Gefahr!“ „Freilich, freilich, falls der Kaiſer angriffe!“ rief Thyßka dazwiſchen. „So haben ſie jetzt ſchon ein mächtiges Heer auf den ——— J— Beinen“, fuhr Fabricius fort.„Thurn hat außerdem überall werben laſſen; in der Lauſitz bin ich auf einen ſeiner Werber geſtoßen, einen gewiſſen Wolodna aus dem Erzgebirge, der dort ſchon bei den Vorgängen zu Kloſtergrab den meiſten Lärmen gemacht hat!“ „Ja, ſie hetzen Alles gegen uns heran!“ ſagte Thyßka mit Erbitterung. 3 „Thurn vor Allen“, rief Fabricius lebhaft,„er iſt der Kopf der Schlange! Könnte man dem beikommen! Auf irgend eine Art!“ „Es wird ja doch Mittel geben“, meinte Thyßka und wiegte das Haupt.„Der Herr Beichtvater hat auch ſchon davon geſprochen! Doch ich muß noch darüber ſchweigen.“ „So! Hm!“ ſummte Fabricius.„Und er geht ſo ſchlaue Wege, der Herr Graf!“ fuhr er fort,„er iſt wohlweislich nicht unter den Directoren, er hat ſich und Colon von Fels die Oberbefehlshaberſtelle im Heer vorbehalten. Er hofft Alles vom Krieg und.... ein Feldherr wird leicht Dictator!“ „Sicut exempla docent!“ fiel Thyßka ein.„Er möchte wol ſo etwas von einem Cäſar ſpielen!“ „Ich ſtehe nicht dafür, daß er nicht nach der Krone Böhmens ſchielt— er iſt wieder Kronhüter zu Karlsſtein, weshalb ſollte er nicht verſuchen, Kronträger zu werden?“ „Damit dürfte es aber doch noch etliche Wege haben“, meinte Thyßka überlegend;„unter den Directoren ſind die angeſehenſten Männer, Manche vordem weit über ihm, wie der Graf Schlick, und ihm auch jetzt wol noch überlegen. Die würden wol ſeine Nebenbuhler ſein!“ „Wol wahr!“ gab Fabricius zu.„Aber, wer das Schwert in der Hand hat, wem die Soldaten gehorchen! Uebrigens haben die Aufſtändiſchen bei der Directorenwahl 41 ſchlau gehandelt, um ihrer Sache Vertrauen zu ſchaffen. Die Dreißig ſind aus den drei Ständen gewählt, wie es bei den Defenſoren der Fall war. Es ſind zehn vom Herrenſtande, zehn von den Rittern und zehn vom Bürger⸗ ſtande.“ „Kennt Ihr alle Namen?“ fragte Thyßka,„hier hören wir immer nur die hauptſächlichſten.“ „Sind denn ihre Vertheidigungsſchriften, die Apologien, wie ſie ſie nennen, nicht zu Euch gelangt?“ fragte Fabri⸗ cius erſtaunt,„die haben ſie ſämmtlich unterzeichnet!“ „Ihre Actenſtücke und Decrete werden hier in Wien natürlich unterdrückt, daß ſie nicht ins Volk kommen; und amtlich geht mir nichts zu. Den Inhalt mit ſeinen Ver⸗ leumdungen kenne ich wohl!“ „Ich werde Euch mit der zweiten Apologie dienen kön⸗ nen. Sie iſt in Sachſen abgedruckt worden“, antwortete Fabricius und nahm einige Papiere aus dem Wams.„Die erſte vom 25. Mai beſitze ich nicht.“ „Vom 25. Mai“, rief Thyßka unwillig aus,„zwei Tage nach der Schandthat! Da ſieht man wie Alles zu⸗ vor ſchon abgekartet war!“ „Freilich!“ beſtätigte Fabricius, indem er ihm die Druck⸗ ſchrift gab.„Seht hier auf der letzten Seite die Namen aller dreißig Directoren!“ Thyßka las halblaut*):„Bohuslaw Berka von Duba, Wilhelm der Aeltere von Lobkowitz, Paul von Rcziczan, Peter von Schwamberg, Wenzel von Raupowa, Graf An⸗ dreas von Schlick, Graf Albin von Schlick, Wenzel Budo⸗ wecz von Budowa, Wilhelm von Wchinicz und Tettowa, Albrecht Johann Smirziczki.“ *) Hiſtoriſch. „Das ſind die vom Herrenſtande! Nun kommen die vom Ritterſtande“, unterbrach ihn Fabricius halblaut vor ſich hinſprechend. Thyßka las weiter: „Kaspar Caplicz von Sulewicz, Procop Dworſchetzki von Olbramowitz, Ulrich Gersdorf von Gersdorf, Friedrich von Bila, Chriſtoph Vitzthum von Vitzthum, Heinrich Otto von Loß, Albrecht Pfefferkorn von Ottenbach, Humprecht der Aeltere von Czernin, Felix Wenzel von Pietipeski, Peter Müller von Mühlhauſen!“ „Nun die Herren aus den Städten“, murmelte Fabricius. Thyßka las weiter:„Martin Frühwein von Podoli“ ſſeine Miene verzog ſich bitter bei dieſem Namen),„Sixtus von Ottersdorf, Daniel Schotnowski von Zaworzicz, Jo⸗ hann Orſchinowski von Fürſtenfels, Valentin Kochan von Prachowa, Tobias Steffeck von Kolodny, Wenzel Piſeczki von Kranichfeld, Kober von Kobersberg, Johann Schultis von Felsdorf und Maximilian Hoſtialek von Jaworczitz.“ „Das ſind die ſämmtlichen dreißig Herren Tyrannen von Böhmen“, ſprach Fabricius ſpöttiſch;„merkt ſie Euch wohl, Herr Pater, wenn einſt das Blatt ſich wenden ſollte!“ „Sorgt nicht“, antwortete Thyßka lächelnd,„ihre Namen werden auch ſonſt ſchon verzeichnet ſein! Wir ver⸗ geſſen ſo leicht keinen! Darf ich aber die Schrift behalten?“ „Sie ſteht Ew. Ehrwürden zu Dienſt. Späterhin wird es keine Mühe haben, dieſes Document und alle die an⸗ deren, die von der Regierung der Dreißig ausgegangen ſind und noch ausgehen werden, zu bekommen. Ja, gerührt haben ſich die dreißig Herren! Decret auf Decret erlaſſen ſie! Die Ordnung wird erhalten, zum Krieg ſind ſie gerüſtet.“ „O, wenn es doch hier ebenſö wäre!“ entgegnete der Pater.„Allein der Kaiſer zögert noch immer. Der Erz⸗ herzog Max und vollends der König von Ungarn dringen täglich in ihn, er ſoll Ernſt machen, einrücken; er gibt auch halb nach, dann beſpricht er ſich mit dem Cardinal Cleſel, und Alles iſt wieder vorüber. Er hofft immer noch auf glückliche Ausgleichung; nur will er, die Böhmen ſollen zuerſt die Waffen niederlegen!“ „Das thun ſie nicht, deſſen ſeid ſicher, ehrwürdiger Herr! Darüber habe ich mir auf meiner Reiſe Gewißheit verſchafft. Der Kaiſer, verlangen ſie, ſoll zuerſt ſeine geworbenen Söldner abdanken oder zurückziehen, die noch in Budweis, Braunau und andern Städten des Lan⸗ des ſtehen.“ „Dieſe Forderung kann der Kaiſer doch unmöglich er⸗ füllen“, rief Thyßka ereifert,„noch dazu, während die Böh⸗ men ſich fortdauernd rüſten und angreifen!“ „Angreifen,— das thun ſie nun gerade nicht“, ant⸗ wortete Fabricius,„Thurn hätte wol Luſt, doch die Ruhi⸗ geren halten zurück. Sie ſind nach ihrem Behaupten gar nicht im Kriegsſtande mit dem Kaiſer, ſie ſind nur ge⸗ waffnet zur Vorſicht und Abwehr, und wollen die fremden Söldner aus dem Lande haben.“ „Es iſt gar nicht abzuſehen, wie das ohne offenen Krieg werden ſoll! Der Kaiſer müßte daher je eher je lieber zu den Waffen greifen und mit ganzer Heeresmacht in das aufrühreriſche Land einrücken!“ „Wenn er ſich nur zu Hauſe ſicherer wüßte!“ „Allein wird es denn beſſer durch das Zögern?“ „Schwerlich!“ zuckte Fabricius die Achſeln.„Denn die Böhmen geben in nichts nach. Sie wollen auch die Ver⸗ bannungsdecrete nicht zurücknehmen, zumal nicht die gegen die kaiſerlichen Statthalter, und auf ihrer Wiedereinſetzung beſteht doch der Kaiſer.“ „Darauf muß er doch aber beſtehen“, fiel Thyßka ein. „Dann wären ſie ſo weit wie zuvor, rufen Thurn und ſeine Genoſſen, und dazu hätte es nicht bedurft uns zum Fenſter hinauszuwerfen“, fuhr Fabricius mit einem bitter zuckenden Lächeln um ſeine ſchmalen Lippen fort. „Der Kaiſer thut ſchon mehr als er ſoll“, nahm Thyßka das Wort auf, nach einem kurzen Schweigen.„Er ver⸗ ſpricht ihnen den Majeſtätsbrief, wie ſie ihn ausgelegt haben, aufrecht zu erhalten, will alle ihre Rechte beſtätigen!“ „Und dieſe eigenſinnigen Ketzer rufen immer: So weit waren wir ſchon vor dem 23. Mai!“ ſagte Fabricius wie zuvor. Beide ſchwiegen. „Habt Ihr“, begann Thyßka nach langer Pauſe,„nichts von Herrn von Slawata gehört? Er ſoll ja auf freiem Fuß ſein?“ „Nun ja, ſo halb und halb! Die gnädige Frau hat für ihn gebeten bei der künftigen Königin von Böhmen,.... der Gräfin Thurn! Und....“ Er brach ab. Es zuckte etwas Dämoniſches auf Fabricius⸗ bleichem Angeſicht; ſeine tiefliegenden Augen brannten düſter, die Stirn zog ſich in Falten. „Nun? Ihr ſchweigt?“ fragte Thyßka geſpannt. „Der Herr Statthalter, Freiherr von Slawata, Herr auf Chlum und Koſchenberg, wie auch zu Teltſch und Neu⸗ haus“, betonte Fabricius ſcharf,„haben einen Revers aus⸗ geſtellt*), worin Se. hochfreiherrlichen Gnaden nicht nur verſprechen nie wieder ein öffentliches Amt in Böhmen an⸗ zunehmen, die Glaubensgerechtſame aller Utraquiſten mög⸗ lichſt fördern zu wollen, ſondern auch Alles, was geſchehen iſt, gutheißen, ſogar, daß man Wohldieſelben zum Fenſter *) Hiſtoriſch. 45 hinausgeworfen, ſowie einige andere Strafbare auch,— genug, genug davon!“ brach er erbittert ab.. „Das iſt ein erzwungener Actus, er iſt ungültig!“ rief Thyßka aus. „Ich zweifle auch, daß Herr von Slawata ihn länger anerkennt als er muß. Aber geſchrieben iſt geſchrieben! Das iſt ein ſchlimmer Umſtand!“ „Die Kirche ſpricht ihn von jeder Verpflichtung los!“ „Ich glaub's! Aber— den Namen unter der Schrift löſcht ſie doch nicht aus. Und der der gnädigen Frau ſteht auch darunter!“ Thyßka preßte die Lippen zuſammen.„Es iſt ein übler Umſtand“, ſagte er endlich.„Die ſchöne Glorie, die der Sturz aus dem Fenſter, mittels Abwendung des Verderbens durch die heilige Jungfrau ſelbſt, um den Märtyrer ge⸗ woben hat....“ „Dieſe ſchöne Glorie erbleicht etwas, nicht ſo, ehr⸗ würdiger Herr?“ „Und was iſt mit Sr. freiherrlichen Gnaden weiter ge⸗ worden?“ fragte Thyßka ſtatt der Antwort, dieſe abſichtlich zurückhaltend. „Der Freiherr von Slawata hält ſich auf ſeiner Herr⸗ ſchaft in der Stadt Neuhaus auf“, ſagte der Geheimſchrei⸗ ber.„Der Leibeigene, der Schurke, der uns wahrſcheinlich im Schloß verrathen hat....“ „Der Zaloska? Von dem Ihr mir ſchon geſagt?“ „.... Derſelbe. Er iſt bei ihm. Ich glaube, man drückt ein Auge zu über den Aufenthalt meines allergnä⸗ digſten Beſchützers in Böhmen. Wenn die Gelegenheit günſtig iſt, wird er es wol ganz verlaſſen und hierher kommen!“ „Es wäre ſehr gut! Wenn er nur ſchon hier wäre! , 46 Er könnte uns viel helfen. Denn treu bleibt er unſerer Sache doch!“ „O, ganz zuverläſſig“, ſagte Fabricius und verneigte ſich gegen Thyßka. Dieſer ſchwieg lange. „Wir müſſen! Wir müſſen!“ rief er endlich aus und ſtand auf.„Das Schwert muß gezogen werden! Es gibt keinen andern Ausweg!“ „Gott ſegne die Bemühungen Ew. Ehrwürden“, ant⸗ wortete Fabricius und ſtand gleichfalls auf.„Aber ich habe mich wahrhaftig ſchon zu lange verweilt. Es iſt die Stunde, wo ich in der Kanzlei zu thun habe.“ Er ging. Sechsundzwanzigſtes Capitel. Der Erzherzog Ferdinand, König von Ungarn, erwar⸗ tete den Pater Lamormain zu einer Beſprechung über die Lage der Dinge. Es ſollte abermals ein gemeinſamer, dringender Verſuch gemacht werden, den Kaiſer zu ent⸗ ſchiedenen Schritten zu beſtimmen, da ihnen die Rebellen ſchon ſo weit zuvorgekommen waren. Doch zuvor wollte ſich der Erzherzog mit Lamormain allein beſprechen; denn es war ſeine Weiſe, ſich immer zuerſt mit dieſem über Alles zu vereinigen, bevor er ſich Andern mittheilte. So fand der Beichtvater ihn denn ganz allein. „Wie willkommen Ihr mir ſtets ſeid, ehrwürdiger Vater“, redete der Erzherzog den Eintretenden an,„ſo ſeid Ihr 44 es doch heute doppelt. Die Angelegenheiten werden immer verwickelter und ſchwieriger; der Rath Eures Kopfes und Eures Herzens werden mir in eben dem Maße unent⸗ behrlicher!“ „Ew. Majeſtät wiſſen“, antwortete Lamormain,„daß ich nur einen Rath wiederholen kann: Die Gewalt der kaiſerlichen Majeſtät muß die Empörung bändigen!“ „Die Ausführung iſt nur von Schwierigkeiten begleitet, die kaum zu beſiegen ſind“, antwortete der Erzherzog mit beſorglichem Ton. „Dieſe Schwierigkeiten wachſen aber mit jedem Tage der Zögerung....“ „Gewiß, gewiß! Doch ſetzen wir uns, würdiger Vater.“ Der König winkte ihm, auf einem Seſſel an ſei⸗ ner Seite Platz zu nehmen.„Ich habe erſt jetzt“, begann Ferdinand,„Kenntniß von einem Schritt erhalten, von dem allerdings Vieles zu erwarten geweſen wäre; doch er iſt mislungen!“ „Mislungen!“ ſprach Lamormain in einem Ton, in welchem ſich Theilnahme und Erſtaunen miſchten, während zugleich eine leichte Ironie um ſeine Lippen ſpielte.„Mis⸗ lungen! Und welches wäre denn dieſer Schritt geweſen?“ „Der Kaiſer hatte den Reichsrath von Khün*)....“ „Ohl davon weiß ich!“ unterbrach Lamormain. „Ihr wußtet davon, ehrwürdiger Vater, und ſagtet mir nichts?“ entgegnete der Erzherzog befremdet. „Wie konnte ich wiſſen, daß Ew. Majeſtät nicht wuß⸗ ten....“, erwiderte Lamormain, und der ironiſche Zug um ſeine Lippen trat ſtärker hervor.„Aus Prag ſelbſt wurde mir geſchrieben, daß der Reichsrath den Auftrag *.) Hiſtoriſch. 48 habe, den Freiherrn von Fels auf die Seite Sr. Majeſtät zu ziehen; daß indeß gar keine Ausſicht für den Erfolg des Schrittes vorhanden ſei. Schon vor einer Woche erhielt ich dieſe Meldung und glaubte daher, die Sache als eine längſt gefallene betrachten zu dürfen.“ „Vor einer Woche ſchon!“ rief der König aus und ſtand lebhaft auf.„So ſcheint es, ich bin einer der am wenig⸗ ſten Unterrichteten hier an dieſem Hofe! Erſt dieſen Morgen hat mir der Kaiſer das Fehlſchlagen der Sendung als neueſte Nachricht vertraut.“ „Sie mag auch für Se. kaiſerliche Majeſtät neu ge⸗ weſen ſein“, erwiderte Lamormain ruhig,„da Khün ſeine Stellung ſelbſt nicht früher erkannt haben mag oder erken⸗ nen wollte. Für mich iſt ſie ſo wenig neu, daß ich ſchon bei ſeinem Abgang die Ueberzeugung hatte, ſeine Reiſe werde eine vergebliche ſein.“. „Und Ihr widerriethet nicht?“ fiel Ferdinand lebhaft ein. „Ew. Majeſtät, ich hatte gar keine amtliche Kenntniß von dem Schritt. Daß der Cardinal Cleſel mich nicht zum Vertrauten ſeiner Maßregeln macht, durfte mich nicht be⸗ fremden! Natürlich war ich ſo beſcheiden, nichts von der Angelegenheit zu wiſſen!“ ſchloß der Pater nach einer klei⸗ nen Pauſe, mit einem ſarkaſtiſchen Zuge um die ſcharfen Lippen. „Und wußtet doch mehr als der Kaiſer ſelbſt und wir Alle, ehrwürdiger Herr, wenn Ihr den Ausgang wirklich ſo vorher ſahet!“ „Se. Majeſtät der Kaiſer muß über das Verhältniß Thurn's zu Fels nicht wohl unterrichtet geweſen ſein. Eine vorübergehende kleine Eiferſucht in Beziehung auf militäriſche Verhältniſſe hatte keinen ſo tiefen Spalt zwiſchen beiden Rebellen erzeugt, daß ſie ihre gemeinſchaftliche Angelegen⸗ 49 heit darüber aufgeben ſollten. Denn ſie erblicken, gewiß ganz thörichter Weiſe, im Hintergrund ihres Unternehmens ganz andere Ziele und Hoffnungen als die, welche der Reichsrath Khün dem Generalwachtmeiſter der Armeen der böhmiſchen Utraquiſten im Namen Cleſel's oder Sr. Maje⸗ ſtät des Kaiſers verſprechen konnte!“ „Man hätte höhere Anerbietungen machen ſollen, meint Ihr, würdiger Vater?“ „Man hätte“, ſprach Lamormain nach einigem Zögern, „im Stande ſein müſſen, Sicherheit zu geben, daß man das Verſprechen erfüllen kann.“ „Sollten wir das nicht können?“ rief Ferdinand beſtürzt. Lamormain zuckte die Achſeln.„Wir haben die Böhmen ungeſtraft Alles vollbringen laſſen, wozu ihr zügelloſer Uebermuth und trunkener Siegestaumel ſie trieb. Müſſen ſie nicht glauben, daß wir es nicht hindern können? Und wie ſind ihre Kräfte wirklich gewachſen, dadurch, daß wir ihnen die bequemſte Zeit gelaſſen, ſich zu ſammeln, zu ord⸗ nen, ihre im Sturm, gleich wie in einem nächtlichen Ueber⸗ fall errungene Stellung zu befeſtigen! Mähren und Schle⸗ ſien, die da ſchwankten, die ein entſchiedener Schritt auf unſere Seite geführt hätte, ſind jetzt auf der ihrigen. Mit Ungarn und Siebenbürgen iſt man in Unterhandlung. Der nichtswürdige, aber mit aller Gewandtheit des Odyſſeus begabte Jeſſenius betreibt dieſes Bündniß wiederum.“ „Da ſeid Ihr im Irrthum, Pater Lamormain“, wider⸗ ſprach der König lebhaft,„Bethlen Gabor iſt, welchen Schein er auch gegen Böhmen annimmt, der innigſte Freund des Kaiſers. Ich weiß, wie er ſich gegen dieſen und ins⸗ beſondere über das Scheinverhältniß zu Böhmen aus⸗ geſprochen hat.“ „Auch ich“, erwiderte Lamormain kaltblütig;„eben des⸗ Rellſtab, Drei Jahre. 2. Aufl. I. 2. 3 2 halb glaube ich das Gegentheil. Ich würde ungern über eine Brücke gehen, die mir die Eidſchwüre Bethlen Gabors erbauen.“ Ferdinand ſchwieg, ſichtlich betroffen und verſtimmt. „Und wenn auch“, fuhr Lamormain fort;„die Böhmen halten ſich einmal ſeines Zutritts verſichert. Sie glauben auch, daß der Kaiſer in ſeinen nächſten Erblanden ſelbſt, hier in Oeſterreich, in den Ständen Gegner hat, die ihre Bundesgenoſſen ſein werden und—— wenn ich aufrichtig ſein darf, ſo glaube ich das ſelbſt.“ Ferdinand biß ſich auf die Lippen. „Nun? Und wenn das Alles richtig iſt, ſollte man es, dies war, bitte ich Ew. Majeſtät zu bedenken, der Punkt, von dem ich ausging, ſollte man es dem Freiherrn von Fels verdenken, daß er ſichrere Hoffnungen auf den Lohn ſetzt, den ihm ſein jetziges Unternehmen bringen, den ihm das dankbare Böhmen gewähren könnte, als auf den, welchen ihm Se. Majeſtät der Kaiſer verſpricht?“ „Sollte es ſo ſtehen? Sollten wir ſo ſchwach ſein!“ rief der König, und ſtand auf und ging einige mal heftig auf und nieder. „Wir ſind wol nicht ſo ſchwach.... allein wir müſſen den Aufrührern ſo erſcheinen“, ſprach Lamormain und ließ ſeinen Roſenkranz gedankenlos zwiſchen den Fingern ſpielen. „Nun denn“, brach Ferdinand eifrig aus,„ſo iſt es mir lieb, daß Khün in ſeinem Auftrag geſcheitert iſt. Es bleibt uns nun kein Mittel mehr übrig. Wir müſſen zur That ſchreiten. So haben wir doch einen Gewinn aus dem Schritt.“ „Keinen ſo unbedingten“, bemerkte der Pater und wiegte das Haupt;„wir haben den Rebellen offen gezeigt, daß wir ſie fürchten, wenn ſie einig ſind! Wir haben zugleich 51 der Würde unſerer Sache ſchwer geſchadet, denn wer im Recht iſt, Uebelthäter zu beſtrafen, darf ſie nicht erkaufen wollen! Wir haben....“ „Hört auf, hört auf, ehrwürdiger Vater! Ihr bringt mich zur Verzweiflung! Lieber ſagt mir, was ſollen wir thun, was iſt Eure Meinung?“ „Stets die alte....“, antwortete Lamormain mit dem entſchiedenſten Ton, indem er aufſtand.„Kein Augenblick der Zögerung mehr, die entſchloſſenſte That, und nach dem Sieg“— hier funkelte ſein tief in den Höhlen liegendes, ſchwarzes Augenpaar mit unheimlicher Glut,„die uner⸗ bittlichſte Strafe!“ „Freilich, freilich, von dieſer Ueberzeugung bin ich auch durchdrungen“, rief der König aus und ſtand gleichfalls auf;„allein ſind mir nicht die Hände gebunden, habe ich die Möglichkeit zu handeln?“ „Hm! Vielleicht doch!“ entgegnete Lamormain mit ſelt⸗ ſamem Ton, indem er ſich langſam und mit den Fingern wie gedankenlos ſpielend das Kinn ſtrich. „Ihr meint? Ihr denkt?...“ fragte Ferdinand und blickte ihn ruhig an. „Ich denke nur daran“, erwiderte Lamormain mit den⸗ ſelben Bewegungen fortfahrend,„wer und was uns in dieſe Lage bringt, Se. Majeſtät der Kaiſer wäre wol zu überzeugen, allein... der Cardinal..“, er zuckte die Achſeln. „Ja, Er iſt es“, rief der König erhitzt,„deſſen Ein⸗ fluß Alles lähmt und rückgängig macht, was ich erreicht zu haben glaube!“ „Er treibt die Gegenminen“, verſetzte Lamormain achſel⸗ zuckend mit einem ſpöttiſchen Ausdruck, der den König wie ein Giftpfeil traf,„was iſt da zu machen!“ 3* 52 „Es iſt um mit dem Kopfe wider eine Mauer zu laufen!“ rief Ferdinand aus, und ſein bleiches Geſicht erglühte in dunkler, fliegender Röthe der Scham und Erbitterung. „O nein!“ antwortete Lamormain mit lächelnder Kälte, „gerade im Gegentheil. Man muß ganz behutſam, ganz ruhig verfahren, ſo leiſe, wie es im Minenkrieg Sitte iſt; ſtill vorrücken, unterhöhlen, dann aber den Muth haben, die Lunte an das Pulver zu bringen, und.... die Mine ſprengen!“ Die letzten Worte ſprach er mit einem flüſtern⸗ den Hauch, als blaſe er ein leichtes Federchen vom Munde. Der König ſtand wie verſteinert. „Nun ja!“ fuhr Lamormain mit Eiskälte fort,„iſt es denn etwas ſo Großes, ſo Ungeheures? Ein Empor⸗ kömmling, der wieder herabſtürzt von der Höhe, auf der er ſich nicht zu halten weiß?“. „Ihr wollt den Cardinal ſtürzen, ihn gewaltſam....“ rief der Erzherzog mit unterdrückter Stimme,„doch wie?“ fragte er, und bebte in Erwartung der Antwort. Es war, als ob Lamormain ſich in ein anderes Weſen verwandle; ſeine ſpöttiſch lächelnden Züge erſtarrten. Die Bläſſe ſeiner Wangen wurde zum fahlen Grau; indem er ſelbſt zu verſteinern ſchien, übte der Blick ſeines ſtarren Auges eine verſteinernde Gewalt auf den König. Mit eherner Stimme ſprach er:„Cleſel verräth den Thron und die Kirche. Das Haus Habsburg ſtürzt, oder der Miniſter, die Kirche oder der Cardinal, wir oder Er, iſt da noch eine Wahl?“ „Nein, nein! Doch welche Mittel haben wir für ſolch ein Ziel!“ „Die entſchloſſene That kennt nur einen Weg. Die heilige Pflicht gegen die Kirche gebietet ihn zu gehen. Der Miniſter iſt machtlos, wenn er vom Kaiſer getrennt iſt, er muß von ihm getrennt werden! Wir müſſen uns ſeiner verſichern!“ „Wie?“ fragte Ferdinand,„wie verſteht Ihr das? Wollt Ihr Gewalt brauchen?“ „Wenn ſie unerläßlich iſt“, zuckte Lamormain die Achſeln. „Ehrwürdiger Herr! Hand an einen Fürſten der Kirche legen! Was würde der Heilige Vater....“ „Wie der höchſte Fürſt der Kirche über die Abtrünnig⸗ keit eines Untergeordneten geſinnt iſt, mögen Ew. Majeſtät aus dieſem Briefe erſehen“, antwortete Lamormain und zog ein Schreiben hervor, das er dem Könige überreichte. Ferdinand durchflog es.„Der Heilige Vater willigt ein....“, ſprach er mit dem Ausdrucke des äußerſten Staunens...„Wir dürften...... 7 „Es iſt mehr als eine Einwilligung; die Ermächtigung, welche uns Se. Heiligkeit in dieſem Schreiben ertheilt, den Cardinal zu verhaften*), iſt einem Auftrage dazu gleich.“ „Lamormain! Was habt Ihr möglich gemacht!“ „Ich handelte in meiner höchſten Pflicht, über die Rechte und Sicherheit der heiligen Kirche zu wachen. Ew. Ma⸗ jeſtät werden jetzt die Ihrige nicht verabſäumen!“ „Es iſt unmöglich“, rief Ferdinand in äußerſter Un⸗ ruhe.„Gewalt! Der Kaiſer wird es nicht dulden! Er wird Gewalt wider uns brauchen!“ „Unſere Vorſicht wird das vermeiden können.“ „Alles wird wider uns ſein! Selbſt der Erzherzog Maximilian!“ „Se. kaiſerliche Hoheit iſt ſchon einverſtanden, willigt völlig in meinen Plan“, entgegnete Lamormain ruhig. *) Hiſtoriſch. 54 „Lamormain! Auch das.... ſeid Ihr allmächtig!“ rief der König. „Ich will nur, was ich kann! das iſt meine Allmacht“, antwortete er lächelnd.„Mußte ich mich nicht der Mittel verſichern, bevor ich Ew. Majeſtät die That vorſchlug?“ „Und welches iſt Euer Plan?“ „Ew. Majeſtät und Euer erlauchter Oheim, der Erz⸗ herzog Maximilian, werden heut“, begann Lamormain mit der klarſten Beſtimmtheit,„dem Cardinal einen Beſuch ab⸗ ſtatten; die Geſetze der Höflichkeit zwingen ihn, denſelben morgen zu erwidern. Hier in der Burg wird ihn der Frei⸗ herr von Preiner, auf den wir uns völlig verlaſſen dür⸗ fen, empfangen.*) Er wird ihm den Willen Sr. Heilig⸗ keit kund thun. Es iſt für die nöthige Wachtmannſchaft geſorgt, daß der Cardinal keinen gewaltthätigen Wider⸗ ſtand leiſten kann. Er wird das Amtsgewand ablegen; der Reiſemantel iſt bereit; Herr von Preiner und die Gra⸗ fen Dampierre und Collalto geleiten ihn auf die Baſtei, wo der Reiſewagen bereit ſteht, der ihn nach Tirol auf das Schloß Ambras führt. Bis zur Grenze von Steier⸗ mark begleiten den Wagen zweihundert Reiter des Grafen Dampierre. Dort iſt dieſe Mannſchaft nicht mehr nöthig; zu Ambras wird der Cardinal der Gefangene des Erz⸗ herzogs Maximilian ſein; Se. kaiſerliche Hoheit haben mir ihre völlige Zuſtimmung gegeben.“**) Der König Ferdinand ſtand ſprachlos. Lamormain's Wille ſchwebte über ihm wie der unentrinnbare Beſchluß eines ſtummen Schickſals. Die Thaten waren vollendet, bevor er ſie kaum gedacht! *) Hiſtoriſch. **) Hiſtoriſch. Siebenundzwanzigſtes Capitel.— Der Kaiſer Mathias lag kränker und kränker auf ſei⸗ nem Schmerzenslager in der Burg. Er hielt ein Schrei⸗ ben in der Hand, das er mit verdrießlicher Miene las. Nur die Kaiſerin Anna und ſein treu anhänglicher Bal⸗ thaſar waren bei ihm; die Einzigen, die er dauernd in ſeiner Nähe duldete. „Es ſieht halt übel aus, Schatzerl, in Böhmen“, ſprach der Kaiſer, indem er das Schreiben, das er eben durch⸗ geleſen, auf einen Tiſch mit Büchern und Papieren legte, der vor ſeinem Bette ſtand.„Sie hetzen und giften und ſtacheln von allen Seiten! Es iſt dort wie hier! Wenn man auch ehrlich Fried' und Ruhe herſtellen will, man kann's faſt nicht mehr!“ „Du mußt die Hoffnung nicht aufgeben, Mathias“, ſagte die Kaiſerin, und ſah ihn freundlich ermunternd an. „Es iſt ein großes, ſchweres Werk und das will Weile haben!“ „Ja, Weile hat es! Das weiß Gott! Und recht lange! In den zwei Monaten, die die Geſchichte nun dauert, iſt es dort im Lande ergangen wie mir hier im Bette. Wir hofften von Tag zu Tag, es würde beſſer werden, und es wird immer ſchlimmer. Ich gedachte mein Podagra und das andere Kreuz und Elend los zu werden mit dem Som⸗ mer; nun ſind wir hoch im Julius, und es plagt mich ärger als im Mai. Wir ſchreiben heut den zwanzigſten, Balthaſar? Nicht?“ fragte er, denn Balthaſar war ſtets ſein Kalender und ſeine Uhr. 56 „Den zwanzigſten, Ew. kaiſerliche Majeſtät“, erwiderte dieſer. „Was iſt denn die Uhr?“ „Es hat eben vier Uhr geſchlagen!“ „So iſt doch bald wieder ein Tag vorbei!“ ſeufzte Mathias.„Es wundert mich nur, daß der Cardinal noch nicht zum Vortrage hier iſt! Ich erwartete ihn um vier Uhr. Er iſt doch ſonſt immer der Mann nach der Secunde!“ „Die Geſchäfte mehren ſich auch wol für ihn“, bemerkte die Kaiſerin begütigend, da ſie dem durch die Schmerzen der Krankheit und die traurige Lage der Dinge äußerſt reiz⸗ baren Kaiſer den Unmuth anſah.„Was ſchreibt dir denn Dietrichſtein?“ fragte ſie, als der Kaiſer den Brief, den er eben weggelegt, wieder ergriff. „Es iſt eine lange Geſchichte! Aber Alles läuft darauf hinaus, daß Hader und Unfrieden und Aufruhr und Trotz immer wachſen in Böhmen und nachgerade auch in Mähren Wurzel faſſen. Es ſind ihrer Etliche, die immer Oel ins Feuer gießen. Der Thurn, der Dworſchetzki, der Jeſſenius— dieſer vermaledeite Jeſſenius!“ „Ich weiß nicht“, ſagte die Kaiſerin,„was dich immer gerade gegen den ſo in Eifer bringt. Er hat mit den Ungarn und dem Bethlen Gabor unterhandelt, das iſt wahr; aber ſonſt iſt er doch nicht ſchlimmer als die Andern!“ „Hm!“ murmelte Mathias vor ſich hin. „Und wenn er ſo ſchlimm iſt, weshalb habt Ihr ihn denn freigelaſſen? Ihr hattet ihn ja, hättet ihn feſthalten, oder wenn er's verdient, verurtheilen können!“ „Das iſt halt ſo eine eigene Geſchichte“, ſagte der Kaiſer,„ich hab's dir verſchwiegen, halb aus Scham, halb aus.* weiß nicht was!“ 57 „Ich bin doch neugierig“, ſagte die Kaiſerin. „Der Cleſel iſt eigentlich daran Schuld“, fing Ma⸗ thias wieder an.„Der hat, wie der Jeſſenius hier im Rothen Thurme ſaß, ihn öfters im Gefängniß aufgeſucht und viel Verhör mit ihm angeſtellt über die böhmiſche Sache. Es kam immer nichts heraus, denn der eigenſinnige Slowakenkopf wollte nichts ausplaudern, Keinen anſchwärzen oder verrathen, wie er ſagte.“ „Slowakenkopf?“ fragte Anna. „Nun ja, er iſt ein Slowak aus Ungarn, darum haben ſie ihn auch als Unterhändler dahin geſchickt. Genug, er ſchwieg hartnäckig. Es war ſchon von der Folter die Rede, das mochte ich aber nicht!“ „Haſt Recht gehabt“, antwortete die Kaiſerin und machte eine ſchauernd abwendende Bewegung. „Nun kommt dir eines Tages, es werden jetzt drei Wochen ſein, wiederum der Cardinal zu ihm, denn der hatte eine Art Reſpect vor dem gelahrten Herrn Doctor. Und da trifft er ihn wie er vor der weißen Wand im Ge⸗ fängniß ſitzt, wo er mit Kohle allerlei Kreiſe und Striche gezeichnet hat, und mitten darin ſtehen die großen lateini⸗ ſchen Buchſtaben: I. M. M. M. M.*) Vier mal das große M!“ „Und was ſollte das bedeuten?“ „Ja, das fragte der Cardinal auch, aber der Jeſſenicz oder Jeſſenius, wie er ſich auf lateiniſch nennt, wollte es nicht ſagen. Er habe ein Horoſkop geſtellt. Die Buchſtaben hätten ihre ſeltſame Bedeutung; allein er möge nicht ſagen welche.“ „Das erzählte mir der Cleſel. Es machte mich neu⸗ gierig. Da fiel ich darauf, weil ich das I. M. ſo oft zu *) Hiſtoriſch. ₰ 3* 58 ſchauen bekomme, das könne wol Imperator Mathias heißen. Der Cleſel dachte es auch und ſagt's andern Tages dem Jeſſenius. Da verfärbt er ſich und wird blaß wie die Wand.„Hütet Euch, weiter zu forſchen!» erwidert er dem Cardinal, und ſtarrt unbeweglich auf die Schrift. Dem Cleſel, hat er mir erzählt, wird ganz ſeltſamlich zu Muth; es war ihm, als ſchaue er die Schrift, die ſich an der Wand zeigte, beim Gaſtmahle des Königs Belſazar: Mene Mene tekel upharsin!“ Die Kaiſerin horchte ſchweigend geſpannt, ob der Kaiſer weiter erzählen werde. „Nun kam der Vorſchlag, ihn auszuwechſeln gegen den, wie hieß doch der Italiener, den die Böhmen gefangen genommen hatten, helft mir doch darauf! Nun einerlei! Genug, wir ſollten ihn auswechſeln. Da ſagte der Car⸗ dinal dem Zeſſenius, es ſolle geſchehen, wenn er die Schrift erklären wollte. Er ließ ſich die Zuſage geben, daß ihm keine Verantwortung darüber gemacht werden ſollte, und als er abreiſte, hat er's dem Cardinal in einem verſiegel⸗ ten Zettel übergeben.“ „Und?“ fragte Anna, da Mathias wiederum ſctockte. „Was ſtand in dem Zettel?“ „Die Buchſtaben bedeuten: Imperator Mathias Mense Ma.... Morietur!“ ſagte der Kaiſer halb ſcheu, halb un⸗ willig.„Der Kaiſer Mathias wird im Monat Ma.... kann März oder Mai bedeuten, ſterben!“ Die Kaiſerin fuhr zuſammen bei der Ueberſetzung; doch ſie faßte ſich ſchnell wieder und ſagte mit erzwungenem Lächeln:„Das iſt eine Spielerei; der gelehrte Herr hat wichtig damit gethan! Es iſt aber nichts. Solche thörichte Buchſtabenräthſel laſſen ſich auf vielerlei Art löſen.“ „hpo⸗ ja wol, es iſt auch eitel Thorheit damit“, 59 ſagte der Kaiſer, erfreut, daß ſeine Gemahlin ſeine Hoff⸗ nungen unterſtützte.„Das hat auch der Doctor Gabrielus 9, gemeint. Den hab' ich kommen laſſen, und er erklärte die A Dinge ganz anders. Er hatte ſich die Linien im Gefäng⸗ niß angeſehen und ſelbſt allerlei Hokuspokus gemacht und hin⸗ und hergerechnet, und rechnete heraus: 8«Jesseni, Mentiris! Mala Morte Morieris!y Das heißt: 6«Du lügſt, Jeſſeni, du wirſt eines ſchlimmen Todes ſterben!»“ „Die Prophezeiung könnte eintreffen“, rief die Kaiſerin aufathmend.„Aber kümmre dich doch um gar keine! Auch nicht um die deines Bruders Rudolf. Für Prag mag ſie in Erfüllung gehen, nicht weil er es ſo gewünſcht in ſei⸗ nem Zorn, ſondern weil ſich die ruchloſe Stadt ſelbſt ins Unheil ſtürzt. Wie man ſich bettet, ſo ſchläft man. Prag hat nie Frieden gehalten, und die Böhmen ſind wilde, un⸗ ruhige Köpfe. So mögen ſie auch jetzt für ſich und für ihre Stadt eine böſe Zukunft ſäen! Das hätten ſie gethan, mit und ohne Rudolf's Fluch. So ſpinnt auch Jeſſenius ſein eigenes Schickſal, und an ihm kann ſein Wort zutreffen! Aber nicht die Prophezeiung erfüllt ſich ihnen, ſondern ſie ſelbſt erfüllen die Prophezeiung. Du kannſt getroſt dabei ſein, Mathias, das glaube mir!“ Der Kaiſer ſaß ſtumm. Man ſah, der Zuſpruch wollte nicht recht bei ihm verfangen. Endlich wiegte er den Kopf und ſagte:„Ja, ja, es ſcheint mir faſt ſelbſt, daß er ein Narr iſt mit ſeinem Horoſkop, der zum Lügner an mir „ werden wird! Juli— März— das ſind noch acht Mo⸗ 4 nate hin, ſo lange werde ich's nicht mehr treiben, geſchweige bis zum Mai!“ „Mathias!“ fiel die Kaiſerin bittend ein,„was machſt du dir für Gedanken!“ N ——— 60 „Gnädigſter Herr!“ bat gleichzeitig der Kämmerer und ſah ihn mit einem Blicke innigſter Theilnahme an. „Es iſt mir auch all Eins!“ fuhr der Kaiſer unmuthig fort.„Schmerzen in den Gliedern, Sorgen im Hirn und Verdruß im Herzen, das Glück iſt halt nicht allzu groß!“ Die Kaiſerin ſchwieg und zerdrückte eine Thräne im Auge. Balthaſar machte ſich im Zimmer zu thun, um ſeine Bewegung zu verbergen. „Iſt denn auf dein Schreiben vom vorigen Monat an die böhmiſchen Stände noch keine Antwort eingegangen?“ fragte die Kaiſerin nach einiger Zeit, um wieder ein Ge⸗ ſpräch in Gang zu bringen. „Du meinſt das vom 28. Juni?“ fragte Mathias. „Noch nicht. Aber Dietrichſtein's Brief meldet mir ſchon, wie die Antwort wol ausfallen wird!“ „Sie werden doch die verſöhnlichen Anerbietungen nicht zurückweiſen?“ ſagte die Kaiſerin. „Sie trauen uns nicht“, entgegnete der Kaiſer.„Und bei Lichte beſehen, haben ſie Recht. Ich meine es freilich gut mit ihnen und ehrlich. Ich kann nicht gutheißen noch dulden, was ſie ſich herausgenommen, aber ich will's ver⸗ geben und vergeſſen. Mir würden ſie auch wol glauben und einſehen, daß ich mir's nicht abtrotzen laſſen kann mit den Waffen in der Hand. Aber ſie merken recht gut, daß der Nandel und der Max, der Lämmermann und die Jeſuiten und die ganze Kleriſei immer die Hände ins Spiel miſchen. Das macht ſie mistrauiſch! Sie meinen, wenn ſie erſt die Waffen aus der Hand gelegt hätten, würden die ihnen wol das Fell über's Ohr ziehen! Und ich glaub' es ſelber!“ „Aber du biſt doch ihr Herr und Kaiſer, und du....“ „Sacht, ſacht, Annerl, da ſteckt's eben! Ich heiße 61 wol noch ihr Kaiſer, aber ich bin's nicht! Ja, wenn ich noch ſo wäre wie vor zehn Jahren, nur wie vor fünf! Aber ſie wiſſen, daß ich matt und krank bin, und alt dazu! Zweiundſechzig Jahre, das iſt ein hübſches Maß! Du kannſt's noch nicht recht begreifen, Annerl, weil du erſt auf der Hälfte ſtehſt, noch jung und friſch und hübſch biſt!“ ſetzte er mühſam, aber freundlich lächelnd hinzu. „Jung und friſch!“ ſeufzte die Kaiſerin leiſe und ſchüt⸗ telte den Kopf. „Sie merken's auch draußen in Böhmen recht gut“, fuhr Mathias fort,„daß mir Alle'rein reden in die Zügel, wenn ich lenken will; daß ſie ihr Kraut in meinen Kohl miſchen, weil ich nicht mehr ſo drein wettern kann wie vordem! Da denken ſie in Böhmen, es geht doch nicht ſo wie ich will. Und wenn's auch heut noch nach mir geht, morgen thue ich die Augen zu, und dann geigt der Fer⸗ dinand ihnen zum Tanze! Darum wollen ſie nicht das Schwert aus der Hand geben, und ich kann's ihnen faſt nicht verdenken. Nun bin ich gezwungen, ich muß mit Ge⸗ walt über ſie oder muß ſchimpflich klein beigeben!“ „Du haſt ihnen doch feierlich zugeſagt, daß du alle ihre Rechte anerkennen willſt, den Majeſtätsbrief neu be⸗ ſtätigen!“ „Da ſteckt's eben! Da rufen der Thurn und der Olbra⸗ mowitz und wer weiß noch, da wären ſie auf dem alten Fleck, das hätten ſie Alles gehabt und ihnen nichts genützt! Dann ginge der Tanz nur wieder von vorn an! Und haben ſie Unrecht? Iſt das nicht die Frucht von dem Hetzen und Sekkiren von hier aus?“ Der Kaiſer wurde immer heftiger.„Haben ſie mich hier nicht immer aufs neue wider Willen hineingedrängt und mir in den Ohren ge⸗ legen mit ihren Reden:«Den Proteſtanten in Böhmen 62 wächſt der Kamm zu ſehr! Wir müſſen ihnen die Flügel ſtutzen! Sonſt wollen ſie jeden Tag mehr, jeden Tag Neues!» Ich dachte es ſelbſt und es möchte wol auch ſo gekommen ſein, aber dann hätte man ihnen den Kappzaum auflegen ſollen. Zuvor ganz und ehrlich geben, was ihres Rechtes iſt! Da ſchreien ſie hier aber immer:«Der Maje⸗ ſtätsbrief iſt viel zu viel! Davon müſſen wir abdingen! Den hat der Thurn und ſein Anhang dem furchtſamen Rudolf abgetrotzt! Der Brief richtet die Kirche zu Grunde!“— Nun haben wir's, was die Kirche zu Grunde richten wird! Die Böhmen werden ſich nehmen, was wir ihnen nicht geben wollten, und noch zehn mal mehr!“ „Der Mathes Thurn“, meinte die Kaiſerin,„iſt doch ein böſer Unruhſtifter; wenn er nicht wäre!“ „Freilich! Er iſt der Kopf der Schlange!“ rief der Kaiſer;„doch daran ſind wir auch ſchuldig! Sie mußten ja hier einen Burggrafen von Karlsſtein aus ihrer Sipp⸗ ſchaft haben! Nun haben ſie ihn— er hat Ferſengeld gegeben der Martiniz, er hockt in München, und zu Karlsſtein ſitzt, wer da Luſt hat!“ „Ich denke immer noch“, meinte die Kaiſerin, um Ma⸗ thias' wachſenden Unmuth zu beſchwichtigen,„ſie werden billig und vernünftig antworten.“ „Ich denke es nicht! Haben wir nicht inzwiſchen auch ſo gehandelt und, ich geb's zu, handeln müſſen, daß ſie ſich vorzuſehen haben? Sie wiſſen recht gut, ſchreibt Dietrichſtein, daß uns der Spanier Geld ſchickt, daß der Dampierre vorrückt, der Boucquoi kommen ſoll....“ „Davon ſollten ſie auch ſchon wiſſen?“ fiel die Kai⸗ ſerin ein. „Sie ſpüren Alles aus, haben ihre Ohren überall, ſo gut wie wir auch! Meinſt du denn nicht, Annerl, daß 63 hier die Wände horchen? Und daß wir umgeben ſind von Kundſchaftern und Verräthern in aller Herren und Länder 4 Dienſt? Der horcht für den Nandel, der für den Max, der für den Thurn, der für Sachſen und Baiern! Die Welt iſt falſch, abſonderlich das Hofgeſchmeiß. Sie ſind 3 zu uns wie der Mond zur Sonne“, fuhr der Kaiſer immer 5 bitterer werdend fort;„das Angeſicht, das ſie uns zukeh⸗ 8 ren, iſt immer hell und freundlich! Aber die Rückſeite iſt ſchwarz und pechfinſter und ſteckt voll Teufel wie die Hölle! Es geſchieht uns ſchon recht! Denn wollen wir's beſſer haben? Müſſen ſie uns nicht immer zum Maule reden? Können wir's vertragen, wenn ſie uns einen echten Spiegel vorhalten? Was Wunder, wenn wir ihnen die Falſchheit ſo einlernen, daß ſie noch falſcher gegen uns ſind! Ich traue Keinem mehr, Keinem!“ Balthaſar murmelte etwas leiſe vor ſich hin. „Dir doch! Du biſt eine gute Haut, Alter!“ ſagte der Kaiſer gerührt;„aber, da iſt....“ „Laß das doch“, unterbrach ihn die Kaiſerin, die es ſehr ſcheute, daß er Namen nenne in Gegenwart Dritter. „Du wollteſt mir ja von den Böhmen erzählen, wie es kommt, daß ſie ſo mistrauiſch ſind!“ 3„Ja, Eins trifft zum Andern. Sie haben von unſern Anſtalten gehört, und jetzt kommt nun die verunglückte Ge⸗ ſchichte mit dem Khün von Belas dazu! Muß ſie das Alles nicht mistrauiſch machen? Müſſen ſie nicht ſagen: 4 Wenn ihr ernſtlich Frieden wollt, wozu werbet ihr, rüſtet 3 ihr, verſchreibt euch Generale? Wenn ihr's redlich mit uns 6 meint, wozu wollt ihr unſere Generale in Zwieſpalt brin⸗ gen, die Männer zum Abfall verleiten, auf die wir ver⸗ trauen! Ich war gleich dagegen, den Khün zu ſchicken. — Schon weil ich wußte, daß der Lamormain es zuerſt in 1 64 Gang gebracht hat beim Cleſel! Denn dem traue ich nun einmal gar nicht! Er trägt nicht eine doppelte Maske vorm Geſicht, er hat eine dreifache. Ich ſtehe nicht gut dafür, daß er in Prag ſelbſt dem Khün Fallen gelegt oder die Böhmen hinterliſtig benachrichtigt hat, was im Werke ſei. Hat er's doch mehrmals hier gethan gegen den Max; der hat mir's erzählt, als ob er von der ganzen Sache kein Wort wiſſe! So tritt man bei jedem Schritte auf ein Fuchseiſen! Wahr und Falſch läuft durcheinander wie Wei⸗ zen und Spreu. Jetzt iſt's ein Geſchwirr und Gewirr durch⸗ einander, daß man nicht mehr weiß, wer Koch oder Kellner iſt. Aber das weiß ich, daß die vielen Köche den Brei ver⸗ derben! Der Nandel hat immerfort den Löffel im Brei und der Lämmermann ſchürt's Feuer oder ſchüttet heimlich Pfeffer und Salz in den Tiegel, wenn ich nicht in die Kohlen blaſen, ſondern es milde einrühren will mit dem Cleſel——— Aber daß der noch immer ausbleibt! Balthaſar, geh', beſtell' im Vorzimmer: es ſoll Jemand zum Cardinal gehen, ich laſſe ihn zum Vortrag bitten!“ Der Kämmerer ging. Die Kaiſerin ſchwieg, weil ſie ſah, wie der Kaiſer ſich aufs äußerſte erhitzte über dieſe Angelegenheiten; ſie ſann darauf, dem Geſpräch eine an⸗ dere Wendung zu geben. Doch er begann von neuem: „Ich habe es mir feſt vorgenommen; ich will nicht mehr auf Zwei und Drei und Zehn hören! Ich will mit Cleſel allein berathen und beſchließen und dann flugs an die That ſelbſt gehen. Könnte ich nur hinaus zu Pferde, in Sattel und Bügel wie ſonſt! Ich ſtellte mich ſelbſt an die Spitze und ritte voran nach Böhmen, und ſagte ihnen: Hier komme ich mit Roß und Mann! Ich kann zuſchlagen! Ich brauche mich nicht zu fürchten; aber ich will eigen Land und Leute nicht mit Krieg überziehen. Jetzt ſeid's vernünftig, ———— — 65 legt die Waffen weg wie ſich's gebührt; was billig iſt, ſoll euch werden! Dann, Annerl, du kannſt mir's glauben, dann käme Alles wieder ins Gleis!“ „Es wird auch ſo geſchehen, wenn du nur deinen red⸗ lichen Willen durchſetzeſt; du brauchſt darum doch nicht ſelbſt zu Pferde zu ſteigen.“ „Ja, nur offen und gerad!“ rief der Kaiſer, und er⸗ wärmt von dem Gedanken, ſchienen ihm ſeine Kräfte zurück⸗ zukehren; ſein erlöſchendes Auge flammte wieder auf. Er machte eine Bewegung, als wolle er ſich im Bette erheben, doch er fühlte die Kraftloſigkeit und ſank matt zurück. „Ich habe mich ganz matt geredet“, ſagte er mit plötz⸗ lichem Abfall der Stimme;„allein es bleibt dabei! ich will nicht mehr heim lich handeln, weder mit Subſidien noch mit Werbung und Bündniſſen; ich will's ihnen offen ſagen: Seht, ich habe Geld, Bundesgenoſſen, Generale, Soldaten, ich bin wohl gerüſtet, ich kann nehmen, was ich fordere, durchſetzen, was ich will, aber ich biete euch Handſchlag und Frieden, ich....“ „Um Gottes Willen, was iſt dir, Balthaſar“, rief die Kaiſerin, als bei dieſen Worten der Kämmerer die Thür haſtig geöffnet hatte und bleich wie eine Leiche, zitternd hereinſchwankte. „Was haſt du, Balthaſar!“ rief auch der Kaiſer. Der Kämmerer konnte nicht ſogleich Worte finden, er war ganz außer ſich. Endlich warf er heraus:„Se. Emi⸗ nenz, der Herr Cardinal—“ „Es iſt ihm doch kein Unglück zugeſtoßen?“ fragte der Kaiſer. „Ich weiß es nicht. Se. Eminenz waren in der Burg, wollten dem Herrn Erzherzog Maximilian einen Beſuch ab⸗ ſtatten... allein...“ —j-y———— — 66 „Nun? Und was?“ fragte der Kaiſer geſtzaunt, da Balthaſar ſtockte. „Es geht das Gerücht, ich kann's aber nicht glauben, der Herr Cardinal ſei in einer verſchloſſenen Kutſche fort⸗ geführt— verhaftet. „Verhaftet!“ rief der Kaiſer, und es zuckte in ihm, auf⸗ zuſpringen; doch die heftigen Schmerzen der Gicht erinner⸗ ten ihn ſofort an ſeine Hülfloſigkeit. Er that einen unter⸗ drückten Schrei der Erbitterung. „Verhaftet! Unmöglich! Wer als des Kaiſers Majeſtät durfte den Cardinal verhaften laſſen!“ brach die Kaiſerin ſtaunend aus. „Es ſoll geſchehen ſein auf Befehl Sr. Majeſtät des Königs von Ungarn.“ „Der Ferdinand?“ rief Mathias und zitterte vor Zorn. „Und Sr. kaiſerlichen Hoheit des Erzherzogs Maximi⸗ lian“, fuhr Balthaſar in ſeinem Berichte fort. „Nein, du irrſt, du biſt belogen, Balthaſar“, rief die Kaiſerin aus und hatte Mühe, ihre Thränen zurückzu⸗ halten.„Wie dußſten ſie das wagen— ſich ſolcher That erkühnen....“ „Se. Majeſtät werden ſogleich hier erſcheinen“, ſtam⸗ melte Balthaſar;„ſie wollten mir n an dem Fuße folgen, ſie befahlen mir die Anmeldung....“ „Du ſelbſt haſt ihn geſprochen....“, rief die Kaiſerin, und eine edle Röthe des Unwillens färbte ihre Wange, „der König von Ungarn hat dir ſelbſt.... es iſt alſo kein Gerücht, es iſt Alles Wahrheit?“ Eine tiefe Stille folgte dieſem Ausrufe. Es arbeitete gewaltſam in den Zügen des Kaiſers. Der Ausdruck des heftigſten Zorns in ſeinen Mienen ging in den des bitter⸗ ſten Hohns über. 67 „Wie höflich man doch noch mit mir iſt! Der Mann, der meinen Miniſter verhaftet, läßt ſich noch bei mir an⸗ melden!“ „Da iſt er“, rief die Kaiſerin mit verſagender Stimme, „und der Schwager auch!“ Der König Ferdinand trat mit dem Erzherzog Maxi⸗ milian ein; Beide in gemeſſener Haltung. Indeſſen der funkelnde Blick, mit dem der Kaiſer ſie maß, ſchien ſie doch etwas zu verwirren. Sie verbeugten ſich ehrfurchtsvoll gegen Mathias und gegen die Kaiſerin. Ein ſtummer Wink des Königs Ferdinand bedeutete Balthaſar, das Zimmer zu verlaſſen; dieſer ſah den Kaiſer fragend an, und da derſelbe das Geheiß nicht beſtätigte, zog er ſich nur in ehrerbietiger Haltung in den Hintergrund des Gemachs zurück. „Wir kommen, Ew. Majeſtät freiwillig Rechenſchaft zu geben“, begann Ferdinand,„über eine That, die zur Ret⸗ tung des Reichs, zur Rettung Ew. Majeſtät ſelbſt unver⸗ meidlich war! Ich habe mit Zuſtimmung des Herrn Erz⸗ herzogs den Cardinal Cleſel, deſſen verrätheriſches Thun das Haus Habsburg an den Rand des Verderbens gebracht hat und der heiligen katholiſchen Kirche den Untergang droht, verhaften laſſen!“ Der Kaiſer war ſo außer ſich, daß er die Sprache ver⸗ loren hatte; er antwortete nicht. Krampfhaft hatte er ſein Betttuch gefaßt und preßte es, ſei es um die körper⸗ lichen Schmerzen, die ihn bei dieſer äußerſten Aufregung durchzuckten, oder um die in ihm wogende Erbitterung zu betäuben, gegen ſein Antlitz.*) Die Kaiſerin war in einen Seſſel geſunken und ihre Bruſt flog in krampfhaftem Wei⸗ nen. Einen Augenblick lang erfüllte Todesſtille das Ge⸗ *) Hiſtoriſch. 68 mach; man hörte nur das ſchwere, beklemmte Athmen der Anweſenden. Auch der Erzherzog Ferdinand verlor faſt die Faſſung. Eine ſolche Wirkung von dem Schritt der Will⸗ kür, mit dem die Fürſten der kaiſerlichen Macht verwegen vorgriffen, ſchienen ſie doch nicht erwartet zu haben. Da erhob ſich die Kaiſerin mit dem ganzen Adel weib⸗ licher und kaiſerlicher Würde, maß den Erzherzog mit einem großen Blick und ſprach:„Ich ſehe wohl, daß Euch mein Gemahl zu lange lebt und daß Ihr ſeiner bereits über⸗ drüſſig ſeid.“*) Ferdinand war beſtürzt; doch er faßte ſich und ſprach gegen Mathias gewendet, der noch immer lautlos dalag und die Hände gewaltſam geballt hielt:„Ich bin gewiß, daß Ew. kaiſerliche Majeſtät dieſen ſtrengen Schritt nicht nur billigen, daß Sie ihn ſogar gutheißen werden, wenn Ew. Majeſtät ſich erſt von den Gefahren überzeugt haben, die Reich, Krone und Religion, die Ew. Majeſtät kaiſer⸗ liches Haupt ſelbſt liefen, falls wir dieſe unvermeidliche Handlung länger aufgeſchoben hätten. Ich trage ſeit einem Jahre die Krone Böhmens, ſeit drei Wochen auch die des Königreichs Ungarn; ich bin für beide verantwortlich,— ich muß ſie dem Haupte Ew. Majeſtät in der Gegenwart, dem meinigen in der Zukunft erhalten. Des Cardinals ver⸗ rätheriſches Benehmen unterhöhlte alles Vertrauen zwiſchen den Mitgliedern des Hauſes Habsburg und den Provinzen des Reichs. Ich werde Ew. Majeſtät die Briefe und Schrif⸗ ten vorlegen laſſen, aus denen dies erhellt. Der Beweis ſeiner Schuld wird ſtreng geführt werden, und ich hoffe, daß Ew. Majeſtät dann auch mit der gerechten Strafe nicht zögern. Jetzt aber war es zuerſt nothwendig, ihn **) Siſtoriſch. 69 von der Stelle zu entfernen, wo er die Macht hatte, uns Alle zu verderben.“ Der Kaiſer antwortete nichts; große Schweißtropfen ſtanden auf ſeiner Stirn. Er ſchien von unerträglichen Schmerzen des Körpers und der Seele gefoltert. „Es ſoll“, fuhr Ferdinand etwas einlenkend und begü⸗ tigend fort, da die furchtbare Erſchütterung des Kaiſers ihn doch ſelbſt mit erſchütterte,„es ſoll dem Cardinal ohne Ur⸗ theil und Recht nicht das mindeſte Uebel zugefügt werden. Er wird vorläufig in Tirol auf des Oheims Schloß Ambras wohnen“— er wandte ſich dabei gegen den Erzherzog Maxi⸗ milian, der ein ſchweigender Zeuge des Vorgangs blieb,— „dort wird ihm mit aller ſeinem geiſtlichen Range gebüh⸗ renden Ehrfurcht begegnet werden. Der Heilige Vater in Rom, der die Genehmigung zur Haft des Cardinals ertheilt hat, ſoll ſelbſt entſcheiden, ob der Cardinal nicht ein treu⸗ loſer Sohn der Kirche iſt, der die ſchwerſte Beſtrafung verdient.“ A Bei der Erwähnung des Papſtes zuckte Mathias un⸗ willkürlich zuſammen. König Ferdinand hielt inne; er ſchien auf ein zuſtim⸗ mendes Wort des Kaiſers zu warten. Da dieſer beharrlich ſchwieg und ihn nur mit rollenden Blicken betrachtete, fuhr er fort:„Ew. Majeſtät werden mir vergeben. Ich handelte nur im Eifer meiner Pflichten für unſer Haus und für den Schutz unſerer heiligen Kirche. Sie hat das Heil meiner Seele gepflegt und behütet; ich habe ihr dankbare, unver⸗ letzliche Gelübde gethan, ſie dafür zu ſchützen gegen Heiden und Türken und gegen ihre ſchlimmern Feinde, die Abtrün⸗ nigen, die Ketzer, mit denen es der Cardinal gehalten.“ Der Kaiſer ſetzte das Schweigen fort. Ferdinand ge⸗ rieth dadurch in immer glühendern Eifer der Vertheidigung. 70 „Ew. Majeſtät wiſſen, daß ich alſo gelobt habe, vor dem Bilde der heiligen Jungfrau zu Loreto, und daß ſchon der Heilige Vater Clemens VIII. mich ſelbſt geſegnet und ge⸗ weihet hat zu dieſem Berufe.*) Er geht über alle meine Pflichten, auch über die der Unterwürfigkeit unter Ew. kai⸗ ſerliche Majeſtät. Denn man ſoll Gott zuerſt gehorchen! In dieſer heiligſten aller Pflichten hätte ich ſchwer gefehlt, wenn ich Den, der jetzt der Kirche am gefährlichſten iſt, ihr in verſteckter Argliſt das ärgſte Unheil droht, länger hätte gewähren laſſen. Das iſt, wir werden Ew. Majeſtät davon überzeugen, der Cardinal. Alſo trieb und drängte mich mein Gewiſſen, das mich ſchon längſt mit ſchweren Vor⸗ würfen belaſtete! Und deshalb, Oheim, hoffe ich auf Eure Vergebung nicht nur, ſondern auch auf Eure Zuſtimmung zu alle Dem, was nunmehr nothwendig wird. Das Maß der Geduld iſt erſchöpft gegen den Aufruhr in Böhmen wider Kirche und Thron, alle Nachſicht hat nur die Flamme geſchürt; wir müſſen auftreten mit gerüſteter Macht, wie St.⸗Michael, den Drachen zu Boden werfen!“ In der That war es die religiöſe Begeiſterung, welche den König Ferdinand bis in ſein tiefſtes Innere entflammte. Er wurde fortgeriſſen von dem Gedanken, daß er berufen ſei, die Kirche zu retten. So ſchwand ihm die Heiligkeit aller irdiſchen Verhältniſſe zu Nichts, dieſen ewigen gegenüber. Da der Kaiſer kein Wort erwiderte auf dieſen begeiſter⸗ ten Ausbruch der Stimmung Ferdinand's, wurde dem Erz⸗ herzog Maximilian die Lage zu peinlich. Er gab ſeinem Neffen einen Wink; Beide verbeugten ſich tief gegen den Kaiſer und verließen das Gemach.—— So war Ferdinand gegen den Kaiſer und Oheim ver⸗ *) Hiſtoriſch. ** 71 fahren. Er hatte ſich durch dieſe That des Eingriffs auf deſſen Thron geſetzt. Nur in dieſer Weiſe konnte Mathias, konnte die Kaiſerin ſie empfinden. Sie waren Beide wie betäubt durch den Schlag. Es dauerte noch lange, bevor Mathias die Sprache wiederfand.„Rudolf, Rudolf! Bru⸗ der, Bruder!“ rief er endlich ſchauernd und ſchmerzvoll aus, in dem Gefühl, daß ihm jetzt durch ſeinen eigenen Bruder und Neffen begegne, was er ſelbſt ſeinem Bruder Rudolf angethan,— daß der Tag der Vergeltung nahe.„Deine Fllüche ſind zu dem Ohr des Himmels gedrungen!“ fügte er dumpf hinzu;„ſie ſind zu erhörten Gebeten worden!“ „Daß ich dieſe Schmach erlebt, bricht mir das Herz“, ſeufzte die Kaiſerin und verhüllte das Geſicht.— Sie weiſ⸗ ſagte ihr Geſchick mit ahnungsvoller Sicherheit! „Die Königskronen decken ſein Haupt ſchon“, rief der Kaiſer, von neuem Schmerz ergriffen;„jetzt hat er mir auch die Kaiſerkrone entriſſen und das Scepter entwunden! Er ſchlägt damit auf mein Haupt und mein Herz!“ Erſchöpft ſank er auf ſein Lager zurück, beide Hände vor das Antlitz gepreßt. Im glänzenden Kaiſergemach herrſchte nichts als Grauen und Schmerz; nur das verhaltene Schluchzen Balthaſar's unterbrach die düſtre Stille. ——— Sechstes Buch. Rellſtab, Drei Jahre. 2. Aufl. I. 2. 4 Achtundzwanzigſtes Capitel. Der Sommer war herangekommen. Die unaufhaltſame Entwickelung der Ereigniſſe in Böhmen, verbunden mit der Entfeſſelung der Leidenſchaften einzelner, hervortretender Charaktere, hatte nunmehr im ganzen Lande ſtürmiſche Wirbel aufgeregt, die Alles mit ſich fortriſſen. Zu den Gährungen, welche die innern Kämpfe und Umgeſtaltungen erzeugten, war auch der offene Krieg mit dem Kaiſer ge⸗ treten, der bis jetzt zwar nur die Geſtalt eines Vertheidi⸗ gungs⸗ und Abwehrungskampfes hatte, aber doch auch als ſolcher angreifende Schritte nothwendig machte. Da Thurn zu ſeiner unruhevollen Stellung in den Zu⸗ ſtänden des Landes überhaupt auch die als Oberbefehls⸗ haber des Heeres fügte, ſo war er dadurch ganz in die Wogen einer drangvollen Thätigkeit geriſſen; der Stürme nicht zu gedenken, die ihm ſeine eigene Leidenſchaftlichkeit, ſein religiöſer Eifer, ſein Ehrgeiz, ſein immer neue Ent⸗ würfe ausbrütender Geiſt erregten. Bei dem beſorglichen, milden Charakter der Gräfin Thurn mußten ſolche Zuſtände ſie ebenſo aufreiben und martern, wie ſie für Thurn das eigentliche Lebenselement bildeten. Und da ſie doch nicht an der Seite ihres Gatten leben konnte, der bald hier bald dort 4* im Feldlager, bald in der Hauptſtadt ſein mußte, hatte er nach einem möglichſt ſichern, zurückgezogenen Aufenthalt für ſie geſucht, der ſie wenigſtens von den nächſten, heftigen Ein⸗ drücken der unruhevollen Zuſtände entfernte. Auf ſeinen eigenen Beſitzungen, Welliſch und Windritzſch, fand er dieſe beruhigende Stille nicht. Er hatte einen andern Ort ge⸗ wählt. Tief im Gebirge, nach der Grenze Sachſens, eine Stunde von der Elbe, lag auf einem hohen, zackigen Felſen, der Sperlingsſtein genannt, ein altes, ſeit länger als einem Jahrhundert verlaſſenes, halb zerſtörtes Schloß. In grauen Zeiten war es als das Raubſchloß eines wilden Rittergeſchlechts gefürchtet geweſen. Jetzt bewohnte es nur ein Schloßwärter, ein alter Krieger, der hier ein Obdach für ſich und die Seinigen gefunden. Ein Theil der verlaſ⸗ ſenen Zimmerräume war ſchnell wieder in bewohnbaren Stand geſetzt und behaglich eingerichtet. Der Krieg bewegte ſich bis jetzt hauptſächlich im Süden Böhmens und gegen die öſterreichiſchen Grenzen hin. Das Schloß lag dem Schau⸗ platz daher ſo entfernt als möglich. Außerdem war, für den Fall einer unglücklichen Wendung der Angelegenheiten, Sachſen in wenigen Stunden auf der Elbe zu erreichen, deren reißende Strömung ein Boot faſt ohne alle Hülfe in die Grenzen des Nachbarſtaates tragen konnte. Auch die angrenzenden Provinzen, die Oberlauſitz und Schleſien, ließen ſich unſchwer von hier gewinnen. In dieſer tief romantiſchen Einſamkeit wohnte ſeit faſt zwei Monaten die Gräfin Thurn mit ihrer Tochter Thekla und Thereſen, die eine innige Freundin Beider geworden und in die engſte Hausgenoſſenſchaft aufgenommen war. Der ringsher ſteile Fels, auf dem die Burg erbaut war, bot mitten in dem ſturmbewegten Meer der Umwälzungen und Kämpfe ein ſicheres Eiland dar, das keiner Gefahr 77 erreichbar ſchien. In dieſer rauhen Zeit der Erſchütterungen war es ein Obdach der Ruhe und des Friedens, welches durch den äußerlichen Schutz, den es gewährte, durch die tiefe Einſamkeit und Stille, die es umgaben, ſelbſt die innern Bewegungen milderte, mit denen das Gemüth die Welt⸗ ereigniſſe begleiten mußte. Wie fern auch die Frauen des Thurnſſchen Hauſes denſelben hier entrückt waren, die Männer befanden ſich mitten in den Wirbeln der Gefahr und That. Thurn lag mit dem Hauptheer vor Budweis, außer Pilſen die einzige Stadt, wo ſich die fremden Kriegsvölker im kaiſerlichen Solde noch behaupteten. Krummau, die dritte der bedeutenden Städte, wo ſie feſten Fuß gefaßt, hatte ſich vor kurzem ergeben. Der junge Graf Heinrich ſtand an der Grenze von Mähren bei der Heerabtheilung, die Colon von Fels führte. Wolodna befand ſich noch auf Werbung in Schleſien, Xaver mit beſondern Aufträgen Thurn's in Franken. Die Frauen hatten in den ſchönen Sommertagen das ringsum ſich ausbreitende Fels⸗ und Waldgebirge vielfach, meiſt zu Roß, doch auch zuweilen zu Fuß durchſtreift. Seit einiger Zeit aber unterbrach eine rauhere Witterung, na⸗ mentlich heftige Regenſtürme, dieſe Ausflüge öfters. Die Bewohnerinnen der Burg waren ſchon mehrere Tage nur auf die kleinen Thurmgemächer beſchränkt. Aus den Fenſtern derſelben konnten ſie freilich den Blick nach allen Richtun⸗ gen hin in eine wundervolle Landſchaft ſchweifen laſſen; aber das Nebelgewölk, das ſich um die bewaldeten Kuppen la⸗ gerte und tief in die Thäler ſenkte, verhüllte oft jede Fern⸗ ſicht, während in nächſter Nähe der Sturm um die nackten Felsklippen ſauſte und der Regen die verwitterten Mauern ſchlug. Doch dieſe Schauer der Einſamkeit und romanti⸗ ſchen Wildniß ſagten dem ernſten ſchwärmeriſchen Gemüth der drei Frauen zu. Sie würden glückliche Tage verlebt haben, wenn Fels und Mauern ebenſo die Ruhe der Bruſt zu beſchützen vermöchten wie die des Hauptes. Zwar hat⸗ ten die Ereigniſſe in Böhmen, auch die Kriegsvorfälle, bis jetzt eine günſtige Geſtalt gewonnen, und die Beſorgniß vor einem ſchnellen ſchweren Rückſchlag der anfänglichen Triumphe, vor einem düſtern Ausgang Deſſen, was mit ſolchem Aufſchwunge der Hoffnungen begonnen, war vor den zahlreichen Unterpfändern, welche die Gegenwart dem Unternehmen darreichte, faſt ganz verſchwunden. Doch die entfernte Zukunft blieb bedrohlich. Die Gräfin ſah ihr mit bebender Ahnung entgegen, und das Herz aller drei Frauen ſchlug bang um die nächſten Ihrigen, die mitten in den drang⸗ und gefahrvollen Ereigniſſen verkehrten. So umkreiſten denn auch dieſe einſame Felſenſpitze Furcht und Sorge mit ihren dunkeln Schwingen. Es war ſchon ſpät am Nachmittage. Eliſabeth, Thekla und Thereſe ſaßen in dem Gemach des höchſten Thurmes, das die Gräfin für ſich bewohnte, traulich beieinander, mit weiblichen Arbeiten beſchäftigt, an denen das Geſpräch ſich leichter hinſpann.. „Das Wetter hält uns noch immer gefangen“, ſprach die Gräfin Eliſabeth, indem ſie einen Blick über die Berge warf. Nebel umhüllte die nächſten Kuppen; graues Gewölk, vom heftigen Winde gejagt, zog durch den Himmel von Weſten her auf die Burg zu. Zwiſchen den zerriſſenen Schleiern blitzte die ſchon tiefer ſtehende Sonne mit röth⸗ lichen Strahlen hindurch. Thereſe öffnete ein Fenſter und blickte über die Land⸗ ſchaft hin. Es war ein düſtres Gemälde. Die Ferne hüllte ſich in graue Nebeldünſte. In die Tiefe gleitete das Auge an den Mauern des Schloſſes hinab und die ſchroffen 79 Felswände hinunter in ſchauerliche Abgründe. Von dem Fuße des Bergkegels ab konnte der Blick dunkelbewaldete Thalwindungen verfolgen, die ſich nördlich in das tiefe Ge⸗ birge verloren, ſüdlich gegen den grauſchimmernden Spiegel der Elbe öffneten, welche im weiten Bogen der Thalkrümmung den Fuß des Gebirges umzog. Thereſe verſenkte ſich in den Anblick. Ein Habicht zog tief unter ihr, und doch hoch über dem Abgrunde, die grauen Kreiſe ſeines unſteten Fluges. Das Nebelgewölk hüllte im ſtreifenden Zuge die Thäler bald in ein einförmiges Grau, bald wurde es vom Sturm zerriſſen. Die Sonne ergoß flüchtiges Gold dazwiſchen und umſtrahlte die fernen Berge, daß ihr aus dunkler Fichtenwaldung und hellem Laubholz gemiſchtes Grün ſchimmernd aufleuchtete. So gewohnt Thereſe des ſchauerlichen Reizes der Wildniß und ſeiner Miſchung mit anmuthvoller Schönheit war, ergriff ſie das Bild dieſer großen, einſamen Natur doch immer wieder mit neuer Gewalt.„Sie iſt ein Gemälde unſerer Tage; Sturm, Nacht und Sonnenſchein in flüchtigem Wechſel“, dachte ſie bei ſich, und ihr Auge ſuchte die weite Ferne, aus welcher den Frauen die Kunde von Denen kam, bei denen ihr Herz weilte. „Siehſt du keinen Boten nahen, Thereſe?“ fragte die Gräfin Thurn.„Mein ungeduldiges Herz hoffte ſchon geſtern auf einen.“ „Ich ſehe nichts!“ antwortete Thereſe. Thekla trat zu ihr, legte den Arm um ſie und das braunlockige Haupt gegen ihre Schulter.„Ich will dir helfen nach guter Botſchaft ausſchauen“, ſprach ſie lächelnd. —„Wahrlich, dort unten links am Felſen kommt Jemand den Pfad herauf“, rief ſie überraſcht. „Zu Fuß!“ verſetzte Thereſe, die den Wanderer jetzt auch gewahrte;„das iſt kein Bote an uns!“ „Doch möglich“, rief die Gräfin lebhaft;„vielleicht kommt er einen andern Weg als über Auſſig und hat ſich in einem Nachen über die Elbe ſetzen laſſen müſſen, der das Pferd nicht aufnehmen konnte! Wer ſollte ſonſt den Pfad hierher nach der Burg nehmen?“ Thereſe lächelte innerlich über die Geſchicklichkeit, mit der die Gräfin die Umſtände auffand, die einen Boten hätten nöthigen können, auf ganz ungewöhnlichem Wege nach dem Schloſſe zu kommen. Doch einen Augenblick lang kam auch ihr ein freudiger Gedanke. Von ihrem Vater hatte ſie lange keine Botſchaft empfangen, und ſie bis dahin nur durch Thurn's Vermittelung erhalten. In dem letzten Briefe hatte er ihr geſchrieben, daß er ſeine Thätigkeit in Schleſien bald beendet haben und in wenigen Wochen zurück⸗ kehren werde. Dieſe waren verſtrichen; ſein Weg konnte ihn in die Nähe des Schloſſes führen; es war möglich, daß er ſelbſt ſich die Zeit zu einem Beſuche abmüßigte, während er die Mannſchaften, die er für Thurn geworben, anderer Führung überließ. Allein auch er würde nicht zu Fuß kom⸗ men, dachte Thereſe und gab ihre Hoffnung auf. „Es wird ein Landmann der Gegend ſein, der irgend etwas zu Kauf in die Burg bringen will“, ſagte ſie zu der Gräfin. Durch die Wendungen des Weges um den Berg war der Wandersmann den Blicken ſchon wieder entzogen. So unbedeutend das kleine Ereigniß war, ſo wurde doch die ſtille, geſammelte Stimmung der Einſamkeit, in der ſich bis dahin die drei Frauen befunden hatten, dadurch unter⸗ brochen, und eine unruhige Spannung trat an ihre Stelle. Ein Beweis, wie gering der Wechſel der Eindrücke war, die 81 ſie hier empfingen, daß eine ſo unerhebliche Unterbrechung des Gewöhnlichen ſolche Wirkung äußern konnte. „Es will mich nicht mehr recht im Gemach dulden“, ſprach Eliſabeth.„Das Wetter ſcheint ſich zu Abend ja auf⸗ zuhellen; wollen wir noch ein wenig ins Freie?“ Thekla und Thereſe waren bereit. In wenigen Augen⸗ blicken ſtanden die Pferde geſattelt im Burgthor, und die drei Frauen ritten, von einem Diener gefolgt, den ſteilen Felspfad hinab, um noch eine Abendſtunde im Freien zu genießen.— Die Enge des Weges geſtattete nur, daß die Pferde hintereinander blieben. Die Gräfin Eliſabeth ritt voran; plötzlich that ſie, als ſie eben das Roß um eine ſcharfe Biegung lenkte, einen leichten Ausruf des Erſchreckens. Ein Mann ſtand vor ihr, der im erſten Augenblicke ſelbſt zu erſchrecken ſchien, dann aber raſch auf ſie zutrat und ſie mit tiefgebeugtem Haupt um eine Gabe anſprach. Er nahm den breiten braunen Filzhut, den er trug, nicht ab; außer⸗ dem war ſein Geſicht durch ein umgebundenes Tuch halb verdeckt. Die Gräfin wandte ſich zu Thereſen um und bat ſie, dem Bittenden ein Almoſen zu reichen. Sie ſelbſt ritt mit Thekla weiter; Bernhard, der Diener, ſchloß ſich ihnen an. Mit einem unheimlichen Gefühl ſah ſich Thereſe dem Fremden, der augenſcheinlich derſelbe war, welchen ſie oben von der Burg wahrgenommen, allein gegenüber. Obwol der Hut und das breite Tuch ſein Geſicht halb verdeckten, machten die Züge doch einen widerwärtigen Eindruck. Es war Thereſen, als ob ſie dieſelben ſchon irgendwo geſehen haben müſſe, doch ſuchte ihr Gedächtniß vergeblich nach einer beſtimmten Erinnerung. Sie fragte ihn, woher er ſei, wohin er wolle. 4** „Ich bin ein Maurergeſell aus Sachſen“, ſprach er mit heiſerer Stimme und fremdartigem Laut,„ich habe beim Thurmbau in Schandau gearbeitet und bin vom Ge⸗ rüſt geſtürzt.“ Dabei hielt er ſich den Kopf mit der linken Hand und verdeckte ſo auch den übrigen Theil ſeines Ge⸗ ſichts möglichſt. „Wohin wollt Ihr?“ „Durchs Gebirge nach der Lauſitz.“ „Wie kommt Ihr auf dieſen entlegenen Pfad zu der Burg?“ „Ich dachte ein Obdach dort für die Nacht zu er⸗ bitten.“ „In der Burg wird kein Fremder aufgenommen. Dies reicht aus für eine Nachtzehrung in der Herberge“, ant⸗ wortete Thereſe, indem ſie ihm einige Geldſtücke gab;„geht zurück auf die große Straße!“ Mit dieſen Worten wandte ſie ihr Pferd ab und ſuchte, ſo eilig es der ſteile Pfad erlaubte, den Vorangerittenen wieder nachzukommen. Sie erreichte dieſelben am Eingang eines Gehölzes, am Fuße des Berges, wo der Weg ebener wurde. Die Frauen ritten jetzt ein gutes Stück raſch dahin. Das Wetter, das ſich einige Augenblicke günſtiger gezeigt hatte, wurde wieder rauh. Die Sonne verſchwand, und der Himmel drohte mit ſchwerem Regengewölk. Die Gräfin, die immer noch auf einen Boten mit Nachrichten hoffte, wollte dennoch nicht umkehren, ſondern nahm den Weg nach der Elbe, wo man in den einzelnen Häuſern, die hier und da am Ufer ſtanden, Schutz finden könne, falls ein Regenguß eintrete. Sie ritten jetzt im Walde auf breiterem, aber ſteinigem Wege im Schritt nebeneinander hin. * — — 83 „Hier haben Reiter den Weg gekreuzt“, bemerkte Bern⸗ hard und zeigte auf zahlreiche Hufſpuren, die von einer Wieſe zur rechten Hand kamen und ſich links auf lockerm Erdreich in den Wald zogen. Die Gräfin und Thekla achteten nicht darauf; doch Thereſen fiel der Umſtand auch auf. „Wohin führt der Weg dort, Bernhard?“ fragte ſie dieſen leiſe und hielt ihr Pferd etwas zurück. „Es iſt hier eigentlich gar kein Weg; aber ein Stück weiter in den Wald hinein ſteht eine Köhlerhütte.“ „Wagen ſind hier nicht gefahren“, ſprach Thereſe nach⸗ denklich; es gehen nur Hufſpuren waldeinwärts, nicht zurück!“ Während ſie der Richtung noch mit dem Auge folgte, ſielen ſchwere Regentropfen. Die Gräfin und Thekla hat⸗ ten ſchon ihre Pferde in Galopp geſetzt, um ein Obdach, das nicht fern mehr am Elbufer zu treffen ſein mußte, ſchnell zu erreichen. Thereſe ſprengte nun gleichfalls ihnen raſch nach, doch noch bevor ſie dieſelben erreichte, regnete es in dichten Strömen; zugleich erhob ſich ein heftiger Sturm. Der Himmel war in ſo ſchweres Gewölk gehüllt, daß es plötzlich faſt ganz finſter wurde, als ob die Sonne längſt untergegangen ſei. Für den Augenblick nahm das Unwetter allein die Sinne und die Sorge in Anſpruch und ließ keinen andern Gedan⸗ ken aufkommen; ſo ſchnell als es irgend die Sicherheit ge⸗ ſtattete, eilten die Frauen dem erhofften Obdach zu. Ueunundzwanzigſtes Capitel. Sie erreichten im vollſten Galopp dahinſprengend, nach kaum zehn Minuten, ſchon völlig durchnäßt, ein Fiſcherhaus an der Elbe. Der Fiſcher war nicht daheim, doch die Frau, die ſie öfter auf ihren Spazierritten geſehen hatten, nahm ſie freundlich auf. Während Bernhard die Pferde unter einen Schuppen führte, zündete die Alte ein Feuer auf dem Herde an, deſſen Wärme bei der naſſen Kälte den Frauen ebenſo wohl that, als der helle Schein deſſelben die düſtre Stimmung verſcheuchte, die das Dunkel des Wetters und des beginnenden Abends erzeugte. Die Frau war dienſtfertig geſchäftig, mit einem groben, wollenen Tuche die Kleider der Durchnäßten trocken zu reiben. Dieſe lei⸗ ſteten ſich auch untereinander die kleinen Hülfsdienſte, welche ihre Lage bedingte, und dieſe Geſchäftigkeit, verbunden mit dem romantiſchen Reiz, welchen kleine Begegniſſe der Art immer haben, Grachte ſogar einige Heiterkeit in die Stim⸗ mung. Das Wetter ging nicht ſo raſch vorüber, als es gekommen war. Erſt nach zwei Stunden hörte der Regen auf; die Sonne war untergegangen, es herrſchte bereits tiefe Dämmerung. Die Gräfin ließ die Pferde wieder vor⸗ führen; der Rückweg wurde eilig angetreten. Bei dem immer noch bezogenen Himmel wurde es bald völlig dunkel. Es war ſo finſter, daß man auch auf den ebenen Thal⸗ wegen nur langſam reiten konnte; zumal aber im Walde, wo es ſchwer hielt den Weg nur zu finden. Als die Heim⸗ kehrenden wieder an die Stelle gelangten, wo Bernhard ——————õ—‧ 8⁵ die Spuren der Pferde bemerkt, ritt er zu Thereſen heran, ſtieß ſie verſtohlen an und ſagte:„Hier war es!“ Sie hatte wol wieder an den Umſtand gedacht, allein die Aufmerkſamkeit der Gräfin nicht darauf gelenkt, um dieſer nicht beſorgliche Empfindungen zu erregen, wo doch weiter keine Vorkehrung möglich war. Jetzt aber fiel ihr das leiſe, Beſorgniß verrathende Wort des Dieners dop⸗ pelt ſchwer aufs Herz. Nachdenklich ritt ſie weiter, ſtill vor ſich hin. „War das der Wind, der ſo ſeltſam pfiff?“ wandte ſich die Gräfin einige Minuten darauf zu ihr. Sie hatte aber ganz deutlich, zu ihrer großen Beſtürzung, den Ton einer Pfeife vernommen. „Ich glaube“, antwortete Thereſe bebend. „Nein, unmöglich!“ rief die Gräfin plötzlich in großer Unruhe.„Horcht doch auf!“ Es ließ ſich durch das Geräuſch des Windes ganz deutlich der langgehaltene Ton einer Pfeife vernehmen, der offenbar die Antwort auf den erſten bildete. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte die Gräfin voller Schrecken;„ſollten wir hier nicht ſicher ſein?“ „Ich fürchte es faſt“, war Thereſens Antwort. Sie hielten die Pferde an, unſchlüſſig was ſie thun ſollten, ob vorwärts eilen oder zurück. „Ich höre Pferde“, unterbrach der Diener die pein⸗ liche Stille. „Hinter uns!“ rief Thereſe und hielt das Ohr lau⸗ ſchend gegen den Wind. „Nein, vor uns, wie mir ſcheint“, antwortete Bernhard. Der Wind ſchwieg einen Augenblick; der Schall von im Trabe herannahenden Pferden war jetzt ganz deutlich zu vernehmen und zwar von beiden Seiten. 86 „Wir wollen uns im Gebüſch verbergen“, rieth die Gräfin und machte den Verſuch, abſeits vom Wege ins Holz zu dringen. Doch es war ſo eng verwachſen und die naſſen Zweige, kaum auseinander zu beugen, ſchlugen ihr beim Zurückſchnellen ſo heftig ins Geſicht, daß ſie es aufgeben mußte. Die Reiter näherten ſich. Bernhard zog den Hirſchfänger, die einzige Waffe, die er trug, da ſie zu ſeiner Kleidung gehörte; denn er ſtand als Jäger in Thurn's Dienſten. „Kein voreiliger Kampf, Bernhard“, gebot die Gräfin. „Es wäre vergeblich und würde das Uebel nur ſchlimmer machen, da wir es, wenn etwas Feindſeliges uns bedroht, offenbar mit Vielen zu thun haben.“ Bernhard behielt indeß die gezogene Waffe in der Hand. „Laßt uns vorwärts reiten, als ob wir nichts beſorg⸗ ten“, gebot die Gräfin. Sie thaten es. Kaum hatten ſie den Weg noch einige Minuten verfolgt, als ſie einem Trupp von fünf oder ſechs Bewaffneten begegneten. Eine Stimme rief ſie an: „Halt! Ergebt euch ohne Widerſtand zu Gefangenen oder ihr ſeid verloren!“ „Wer ſeid Ihr, was wollt Ihr von uns“, rief die Gräfin, während Thekla ſie mit bebender Hand am Arme ergriff und ſich an ihre Seite ſchmiegte. „Wir wiſſen, wer Ihr ſeid, das iſt genug!“ lautete die Antwort. „Den Kerl ſtoßt nieder“, ſprach dieſelbe rauhe Stimme gedämpft, dicht neben Thereſen zu einem der Reiter. Der Laut traf ſie mit wunderbarer Berührung. Im nänlichen Augenblick ertönte ein lauter Schrei. Es war Bernhard, nach dem offenbar ein Stoß geführt worden war; doch —ͤ——C————-— 87 er mußte nicht tödtlich getroffen ſein, denn er rief gleich darauf: „Umſonſt ſollt ihr mich doch nicht haben“, und die Klinge ſeines Hirſchfängers klirrte gegen einen Helm oder Harniſch. „Verfluchter Hund“, tönte es im Finſtern wieder. Das war, Thereſe konnte jetzt nicht zweifeln, die Stimme des Bettlers, der ſie auf dem Herwege angeſprochen! Die Ahnung eines angelegten, zuſammenhängenden Planes durch⸗ flog ſie. Alle dieſe Gedanken, Vorgänge und Ausrufungen waren das Werk eines Augenblicks. Jetzt erhob ſich wildes Geſchrei von vielen Stimmen und Waffengetön; zugleich hörte man Hufſchlag raſch heranſprengender Pferde von hinten her. Eine Hand griff in Thereſens Zügel. Ein erneuter Schrei klang wie der eines auf den Tod Getrof⸗ fenen. Ein Reiter jagte in vollem Lauf davon, mehrere Stimmen ſchrien:„Setzt ihm nach!“ Der Fliüchtende konnte nur Bernhard ſein. Gleich darauf ſprengten die Reiter, welche die Angegriffenen in den Rücken genommen hatten, heran. Finſterniß bedeckte dieſe ganze Scene des Getümmels und mehrte die Angſt. Nach zwei Minuten war der Lärmen vorüber und die Frauen ſahen ſich umringt von einer Schaar fremder Reiter, eine jede von Zweien in die Mitte genommen.„Keinen Laut oder Ihr ſeid des Todes!“ bedrohte ſie der, welcher an Thereſens rechter Seite ritt. Zugleich hörte ſie vor ſich einen Andern zu der Gräfin Thurn ſagen:„Verhaltet Euch ſtill, ſo wird Euch nichts geſchehen!“ Kaum hatte ſie dieſes letzte Wort gehört, als es wie ein Blitz in Thereſens Seele fiel, es war Zaloska, der wilde Mörder Nechodom's, der fanatiſche Papiſt, in deſſen Gewalt ſie ſich befanden. Ein Abgrund von Grauen that ſich ihr auf! Den Zuſammenhang begriff ſie nicht; nur eine dunkle Ahnung tief angelegter, verrätheriſcher Plane durchſchauerte ſie. Ihre Bruſt erſtickte faſt in dem gewalt⸗ ſam zurückgehaltenen Aufſchrei des Entſetzens, den ſie hervor⸗ ſtoßen wollte und den ſie nur zurückdrängte, eingedenk der zwiefach ausgeſprochenen Drohung. Sie mußten die Straße zurück, in der Richtung, die ſie gekommen waren, einſchlagen. Man führte ſie alſo vom Schloß hinweg. Der Verſuch, den Thereſe machte, ſich mit einem Wort an die Gräfin Thurn zu wenden, ſchlug fehl, denn die ſie begleitenden Reiter riſſen ſie mit wilder Drohung zurück. Sie ſchwieg bebend und folgte der Gewalt ſtumm un— terworfen. Der Ritt des Trupps wurde langſam, vorſichtig fort⸗ geſetzt. Bald hatte man das Ende des Waldes, und da es jetzt etwas lichter wurde, in beſchleunigter Bewegung das Ufer der Elbe erreicht. Hier, in den von wohlwollen⸗ den redlichen Fiſchern und Schiffern bewohnten Hütten wäre Hülfe zu finden geweſen gegen die Gewaltthat, wenn nur der Hülferuf ſie hätte erreichen und benachrichtigen können! Der ſchwache Hoffnungsſchein, der ſich daran knüpfen ließ, ſchimmerte nur wie ein bleichdämmernder Streifen durch die tiefe Mitternacht des Schickſals, das die unglücklichen Frauen getroffen hatte. Die Entführer nahmen den Weg mit dem Lauf des Stroms, alſo nicht nach dem Innern Böhmens. Ein ſtei⸗ niger, ſchmaler Pfad führte ſie zuerſt unter dem ſteilen Felſen hart am Ufer hin, auf dem drei Kreuze den Sprung bezeichnen, den vor Jahrhunderten hier drei Jungfrauen, Schweſtern, herab gethan haben ſollen, um ihre Ehre vor dem wilden und heidniſchen Bewohner der Burg auf dem Sperlingsſtein, der ſie verfolgte, zu retten. Die drei Frauen, — — X — — AX 89 welche jetzt gefangen am Fuß der Felsmauer hingeführt wurden, ſchienen von einem ähnlichen Geſchick bedroht. Auch ſie würden den Tod einem ſolchen vorgezogen haben; doch die ſcharfe Bewachung durch die Räuber ſperrte ihnen ſelbſt dieſen Ausweg. Wol eine Stunde folgten ſie, auf beengten, ſteinigen, vom Waſſer tief zerriſſenen Wegen, dem Ufer. Endlich machten ſie bei einem einſam ſtehenden Hauſe Halt. Die Frauen wurden in das Haus geführt. Thereſe war die Letzte, welche eintrat; ſie hörte einen der Männer in der dunkeln Hausflur ſagen:„Nun füttert raſch die Pferde ab. Indeſſen ſchaffen wir die Kähne herbei. In einer Stunde geht es weiter, denn vor Tagesanbruch müſſen wir über die Grenze ſein. Der Herr erwartet uns um vier Uhr.“ Alſo nach Sachſen ſollten ſie geführt werden! In Böhmen konnten freilich die Entführer der Gräfin Thurn und ihrer Tochter nicht verweilen! Sie mußten über die Grenze. Allein in Sachſen, deſſen Kurfürſt proteſtantiſcher Religion war, durften ſie dort eine ſichere Zuflucht hoffen? Man wollte die Geraubten vielleicht nur erſt über die nächſte Grenze und dann wer weiß wohin bringen! Und wer war der Herr dieſer Schaaren, der ſie erwartete? Dies Alles waren Fragen und Muthmaßungen, die ſich in der Schnelle des Augenblicks in Thereſens Seele zuſammendrängten und ihre Angſt und Hoffnungsloſigkeit mehrten. Das Gemach, in welches man ſie führte, war von einer trüben, auf dem Geſims nächſt dem Ofen brennenden Lampe erhellt. Es war Niemand darinnen, nur ein alter Mann verließ es im Augenblick des Eintretens der Ge⸗ raubten durch eine nach hinten führende Thür. Die Gräfin, die ſich zitternd kaum auf den Füßen hielt, wollte eine 90 Frage thun; doch der Bewaffnete, der ſie begleitete, winkte ihr ſtumm, zu ſchweigen. Er ſtellte der Erſchöpften einen ſchweren, hölzernen Schemel hin, auf welchen ſie ermattet niederſank; auch Thekla und Thereſe ſetzten ſich auf gleiche Art. Zwei der Männer blieben als Bewachung im Gemach; die Andern gingen hinaus. Es wurde nicht ge⸗ duldet, daß die drei Frauen miteinander ſprachen. Die Seſſel waren weit auseinander gerückt. Einer der Männer ſtreckte ſich den Frauen gegenüber auf eine Bank hin, die an einem langen Tiſche hinlief, welcher vor den Fenſtern ſtand. Der Andere nahm, offenbar um jeden Fluchtverſuch zu vereiteln, ebenfalls auf einem Schemel, dicht vor der Thür des Gemachs Platz. So ſaßen die drei Opfer, bleich, ſchweigend in Todes⸗ angſt und erwarteten die Zukunft, die noch Schrecklicheres in ihrem Dunkel zu verhüllen ſchien als die Angſt und Schauer der Gegenwart. Draußen rauſchte einförmig die Elbe, und der Wind fuhr von Zeit zu Zeit mit hohlem Sauſen um das Haus. In dieſem war Alles todtenſtill; nur zuweilen ließen ſich in der Hausflur die dumpfen Schritte eines der Reiter, vermiſcht mit dem Klirren ſeiner Waffen hören, und wenn der Wind ſchwieg, vernahm man in gedämpfter Weiſe das Stampfen und Schnauben der Pferde im Hof, wo ſie ge⸗ füttert wurden. Peinvoll, langſam ſchlichen die Minuten dahin; die Lampe brannte ſo düſter, ungewiß flackernd, daß es faſt ſo gut wie finſter im Zimmer war. Nur bleicher, hinter dem ziehenden Gewölk oft verſchwindender Mondſchein leuch⸗ tete von außen hinein. Selten ſchwebte ein flüchtiger Schat⸗ tten an den trüben, kleinen Scheiben hin, wenn braißen einer der Reiter vorüberging. 91 Thereſe hielt, in düſtres Sinnen verſenkt, das von ſtummen Thränen verdunkelte Auge auf die Fenſter und den Nachthimmel hinter ihnen geheftet, in zitternder Hoffnung auf Troſt und Hülfe von dorther. Es däuchte ihr, da eben der Wind ſchwieg und ſonſt Alles ſtill umher war, als näherten ſich Tritte mehrerer Männer dem Hauſe. Sie horchte auf! Es war ſo! Vielleicht war nun die Zeit des Aufbruchs da! Man kam, ſie zu holen. Es war ihr lieb; die ſchwere Luft im Gemach drückte ſie beklemmend. Es ſchien ihr als würde ſie frei unter den Sternen Gottes wieder Muth faſſen, der ihr in der dumpfen Schauerlichkeit ihres jetzigen Zuſtandes völlig entſank. Auch die Bewaffneten im Zimmer horchten aufmerkſam auf die Schritte draußen. Eine Stimme vor dem Hauſe rief:„Wer da!“ „Gute Freunde, denke ich“, antwortete eine andere. „Vater!“ ſchrie Thereſe wie außer ſich und ſprang auf. Es war die Stimme ihres Vaters, die ſie erkannt hatte. Ihr jauchzendes Herz zweifelte keinen Augenblick. Halb bewußtlos, von einem höhern Trieb geleitet, ſtürzte ſie, ehe die Bewaffneten im Zimmer ſich beſinnen konnten, gegen das Fenſter, riß es auf und rief hinaus: „Vater, Vater, rette uns!“ „Thereſe!“ ertönte die Antwort Wolodna's und gab der in Hoffnung Aufjauchzenden Gewißheit. Jetzt war es als ob die Flammen des erleuchtenden Geiſtes ſie bis in das Innerſte durchzuckten. Mit gebie⸗ tender Hoheit, wie eine Königin, trat ſie vor die Be⸗ wachenden, die aufgeſprungen waren, um ſie zu ergreifen, und riefen ihnen zu:„Flüchtet, Unglückſelige, oder ihr ſeid verloren!“ Ihr Ruf klang wie ein höheres Gebot; die beiden rauhen Männer waren wie vom Blitz getroffen. Ein paniſcher Schrecken ergriff ſie, erhöht durch das Ge⸗ tümmel, wilde Rufen und Schwerterklirren, das gleichzeitig draußen erſchallte. Sie ſtürzten fort, als hätten Flammen das Haus ergriffen. Thereſe warf die Thür hinter ihnen ins Schloß und den Riegel vor. Die Gräfin und Thekla waren von ihren Seſſeln auf⸗ geſprungen und blickten verſtört, noch keines Wortes mächtig, um ſich. „Gott ſendet uns Rettung“, rief Thereſe ihnen zu, „mein Vater befreit uns! Gnädiger Himmel ſei mit ihm!“ Im weinenden Entzücken lagen die Frauen einander in den Armen. Draußen wuchs das Getümmel; in der Hausflur und vor dem Hauſe tobte heftiger Kampf. Wildes Geſchrei und Schwertergeklirr ſcholl durcheinander; es fielen Schüſſe und der flüchtige Blitz des Feuers flog erleuchtend durch das Gemach. Jetzt hörte man es mit vollem Hufſchlag heranraſſeln; ein Trupp von Reitern flog herbei. Sie umſprengten von allen Seiten das Haus; erneuerte Schüſſe, Geheul und Geſchrei miſchte ſich. Es waren Minuten der äußerſten Spannung, aber voll belebender Hoffnung! Da erſchallte an der Thür Wolodna's Stimme:„Thereſe, Thereſe!“ Sie riß den Riegel zurück und lag in den Armen des Vaters, des Retters! Bewaffnete drängten ſich Wolodna nach; es waren Reiter und Lanzenknechte für das böhmiſche Heer geworben. Eliſa⸗ beth und ihre Tochter, die den Wechſel ihres Geſchickes kaum noch faſſen konnten, hielten einander zitternd umfaßt. Endlich kehrte auch die Ruhe zur Verſtändigung zurück. Wolodna führte einen anſehnlichen Trupp der von ihm in Thurn's Auftrag in Schleſien und Sachſen geworbenen 93 Mannſchaften heran. Sie hatten einen Marſch mitten durch das Gebirge unternommen, um den Elbſtrom auf näherem Wege zu erreichen. Doch unrichtig geführt, durch das Wetter und die dadurch überaus ſchwierigen Wege auf⸗ gehalten, hatte die Nacht ſie in unwirthbarer Einſamkeit der Berge überraſcht, und ſie waren nach kurzer Raſt wieder aufgebrochen, um womöglich noch ein Dorf zu erreichen, wo für Pferde und Menſchen Unterkommen und Nahrung zu finden wäre. So gelangten ſie durch ein Seitenthal unvermuthet an die Elbe. Hier ſchimmerte ihnen, kaum funfzig Schritte entfernt, das Licht aus dem Hauſe ent⸗ gegen. Wolodna ſaß mit zwei Mann ab, um ſich dort des Weges zu erkunden. Von der Thür her rief ihn das Wer dal an, gleich darauf vernahm er Thereſens Stimme und Hülferuf. Ohne zu wiſſen was hier geſchehen ſei, welchen Feind er vor ſich habe, war er doch ſogleich im Klaren, daß der augenblickliche entſchloſſenſte Angriff das Einzige ſei, was hier zu thun bleibe. Sein Schwert ſchlug daher gleich die Schildwacht nieder und ſein Ruf ertönte den Gefährten. Sie eilten heran und in wenigen Minuten war das Haus in ihrer Gewalt. Leider kein einziger Ge⸗ fangener; nur die Pferde waren zum Theil erbeutet. Die Räuber ſelbſt ſtoben in der Beſtürzung und durch die Schrecken des böſen Gewiſſens gejagt nach allen Seiten auseinander. Eine Anzahl hatten noch Zeit gehabt, ſich in den Sattel zu werfen. Die Andern entwichen zu Fuß unter dem Schutz des Dunkels. Einer lag todt auf dem Platze, die Schildwacht, die Wolodna's erſter Schwerthieb getroffen. Er trug ein gelbes Reiterwamms; ſonſt war nichts bei ihm zu entdecken, was auf die Spur der Räuber hätte leiten können. Ebenſo wenig an den Pferden; nur die Taug⸗ lichkeit derſeben und das gute Zaum- und Sattelzeug 94 bewieſen, daß die Schaar ſehr wohl ausgerüſtet gewe⸗ ſen war. Als jedoch Wolodna durch Thereſe vernahm, wen ſie trotz des Dunkels der Nacht an der Stimme erkannt zu haben ſicher war, ſagte er:„Für ſich ſelbſt haben dieſe nichts gewagt. Der Herr, der ſie erwartet! Ich glaube wohl, daß wir irgend einen recht Bekannten in ihm treffen werden!“ Die Freude über die Rettung aus ſo ſchreckenvollen Zu⸗ ſtänden überwog indeſſen alle andern Empfindungen. Wolodna hatte dieſen Weg mit einem Theile ſeiner Mannſchaften hauptſächlich auch deshalb eingeſchlagen, um ſeine Tochter auf der Burg nach dreimonatlicher Trennung wiederzuſehen. Vater und Kind erfreuten ſich jetzt in glückſeliger Liebe dieſes Begrüßens. Nachdem das Haus noch genau durch⸗ forſcht, aber Niemand mehr darin gefunden worden, da auch die Bewohner in der Angſt ſich geflüchtet hatten, ließ es Wolodna durch ſeine Leute beſetzen. Mit ſechs der Reiter machte er ſich auf den Weg, um die Frauen ſofort nach der Burg zurückzugeleiten. Sie waren ſchon in der Nähe derſelben, als ihnen ein Pferd ohne Reiter entgegenkam; es war Bernhard's. Ihn ſelbſt fand man unweit davon in einem Gebüſch am Wege, da wo derſelbe zur Burg aufzuſteigen beginnt. Das Pferd, welches bis dahin in treuer Gewohnheit neben dem auf der Erde Sitzenden ſtehen geblieben war, hatte den Platz nur, ſeinem Inſtinct folgend, verlaſſen, als die andern be⸗ kannten Pferde ſich näherten. Bernhard war nicht ohne Beſinnung, aber durch Blutverluſt ſo erſchöpft, daß er ſich nicht länger hatte auf dem Pferde erhalten können; der Verſuch, den er machen wollte, Nachricht von dem Abenteuer der Gräfin auf die Burg zu bringen, war an dieſer Ent⸗ 3 95 kräftung geſcheitert. Da ſeine Wunden in Arm und Schen⸗ keln jetzt, wenngleich nur flüchtig verbunden wurden und Wolodna ihm einige Stärkung reichen laſſen konnte, wurde es bald möglich, ihn wieder aufs Pferd zu heben, ſodaß er den Weg bis zum Schloß zwiſchen zwei andern Rei⸗ tern zurücklegen konnte. Sie erreichten daſſelbe noch vor Mitternacht. Dreißigſtes Capitel. Thurn ſtand im Lager vor Budweis. Es war Abend; nach einem arbeitvollen Tage, da er einen ſehr heftigen Angriff auf die Stadt geleitet hatte, ohne einen erheblichen Erfolg zu erreichen, war er eben in ſein Zelt zurückgekehrt als ihm die Ordonnanz den Ritter Procop Dworſchetzki von Olbramowitz aus Prag anmeldete. „Gott grüße Euch, Olbramowitz. Was führt Euch ſo ſpät her?“ redete Thurn den Eintretenden an.„Bringt Ihr gute oder üble Botſchaft aus Prag mit?“ „Je nachdem es fällt“, entgegnete Olbramowitz;„wich⸗ tige jedenfalls!“ „Setzt Euch, laßt hören!“ Sie nahmen auf Feldſeſſeln Platz.„Zwei Becher Wein!“ befahl Thurn. „Ich habe ſichere Nachricht aus Wien“, begann Olbramowitz,„daß der Kaiſer nun Ernſt macht mit dem Feldzuge!“ „Deſto beſſer“, erwiderte Thurn;„ſo iſt es aus mit Denen unter uns, die wieder klein beigeben wollten!“ „Geduld; noch ſind wir nicht ſo weit! Der Kaiſer han⸗ delt noch immer mit Widerſtreben; er wird zuvor noch einen letzten Ausſöhnungsverſuch machen!“ „Er kann ſo wenig fruchten wie die bisherigen“, ant⸗ wortete Thurn lebhaft.„Der Kaiſer wird Worte bieten, doch nicht Thaten zur Bürgſchaft geben. Will er unſere Maßpregeln gutheißen; bleiben Slawata, Martiniz, der Erzbiſchof und alle die Andern, ſammt den Jeſuiten ver⸗ bannt; will er ſeine fremden Söldner, mit denen wir hier täglich unſere blutige Arbeit haben, zurückziehen und ohne Heer nach Prag kommen, ſo ſoll er beſtens empfan⸗ gen werden. Bleibt er aber dabei, daß wir erſt unſer Heer abdanken und die verbrecheriſchen Statthalter wieder einſetzen ſollen, die uns unſere verbrieften Freiheiten ſo lange vorenthalten haben, ſo iſt es nichts mit dem Ver⸗ gleich und wir müſſen fechten!“ „Ich bin Eurer Meinung, Thurn“, erwiderte Olbra⸗ mowitz.„Haben wir darum im Mai endlich dem Faß den Boden eingetreten, daß wir es jetzt im September wieder mit dem alten gährenden Wein auffüllen ſollten, der doch nimmermehr klar wird?— Aber die Gefahr dazu iſt da! Sie führt mich her. Hört mich an!“ „Ich weiß“, fuhr er nach einigen Augenblicken fort, „wie es in den letzten Berathungen in Wien zugegangen iſt. Mehrere der Räthe ſprachen wiederum für friedliche Maßnahmen. Doch der König von Ungarn ließ endlich ſeiner ganzen Erbitterung freien Lauf, und was er dem Kaiſer ſchon ſo oft in Privatgeſprächen geſagt hatte, wie⸗ derholte er jetzt noch heftiger vor der ganzen Verſammlung. Offenbar hatte Lamormain das Feuer geſchürt. Wir 97 können von Glück ſagen, eiferte der König,«daß die Böhmen uns in offenbarer Gewalt den Handſchuh hinge⸗ worfen haben!»“ „In dem Punkt ſind wir einerlei Meinung“, bemerkte Thurn lächelnd. „Ihr werdet das bald nicht mehr ſein, Thurn“, ant⸗ wortete Olbramowitz.„Denn jetzt brachen die Schleußen ſeines ganzen Ingrimms gegen die Proteſtanten los. Sie hätten nun endlich die Larve in Böhmen abgeworfen; ihre Gewaltthat fordere Gegengewalt, die nunmehr vor ganz Europa gerechtfertigt ſein werde. Die thörichten Bewilli⸗ gungen, die man ihnen aus Schwäche gemacht, ſeien nun verwirkt, man könne, man müſſe ſie ganz zurücknehmen. Der Majeſtätsbrief müſſe vor ihren Augen zerriſſen und die Siegel verbrannt werden!)— So redete der Herr Erzherzog unſer erwählter Böhmenkönig!“ „Er verſuche es nur“, rief Thurn erglühend.„Daß er ſo möchte, haben wir nie bezweifelt! Und was ſagte der Kaiſer?“ „Er wolle den Majeſtätsbrief in Kraft halten und nichts gegen die freie Uebung der Religion dulden!“ „Das iſt oft genug geſagt und nicht gehalten worden“, antwortete Thurn.„Und wenn es Mathias auch redlich wollte, was wird denn Ferdinand thun? Sein ſanftes Joch haben wir ja doch zu erwarten, nach der hinterliſtig durchgetriebenen Wahl vom vorigen Jahre! Aber ich habe ſie nicht anerkannt und werde ſie nicht anerkennen! Darüber wird noch zu ſprechen ſein.“ „Laßt Euch zu Ende berichten“, unterbrach Olbramowitz Thurn's Eifer.„Der Kaiſer äußerte ſeine Beſorgniß, daß er beim Kriege nicht mit uns allein zu thun haben werde, daß Böhmen und Schleſien ſich ſchon zu uns hielten, Mähren Rellſtab, Drei Jahre. 2. Aufl. I. 2. 5 98 ſchwanke, auf Oeſterreich kein Verlaß ſei, Bethlen Gabor im Hintergrunde laure!“ „Alles wahr, zu unſerm Glück“, fiel Thurn ein. „Aber Viele auch unter uns wollen es nicht ſehen! Nur weiter!“ „Der Erzherzog“, begann Dworſchetzki von neuem,„ ſieht es. Aber er ſagte dem Kaiſer und Unrecht hat er nicht: «Es iſt möglich, daß der Krieg unglücklich ausſchlägt; aber es iſt gewiß, daß uns Böhmen verloren iſt, wenn wir den Kampf darum nicht wagen.»“ „Das iſt gewiß“, betheuerte Thurn,„wenn ihr nicht unſere Bedingungen annehmt!“ ſetzte er nach einigen Augen⸗ blicken ſich beſinnend hinzu. „Der Erzherzog drang weiter in den Kaiſer.«Bei Böh⸗ mens Abfall», ſagte er darauf,«wird es nicht bleiben. Das Beiſpiel ſteckt an, wir ſtehen auf hohlem Boden. Die andern Provinzen werden nachfolgen. Somit iſt der Untergang der katholiſchen Religion durch die Proteſtan⸗ ten und der des Hauſes Habsburg durch die empörten Stände da!»“ „Er iſt ein guter Prophet in ſeiner ſchlechten Sache“, ſagte Thurn, ſtand auf und ging unruhig umher. „Seine heftigen Reden wirkten auf den Kaiſer, die Räthe Eggenberg, Fugger und die Andern ſaßen ſtumm und konn⸗ ten nichts erwidern. Endlich ſtand Mathias auf und ſprach: «So ſollen ſie denn Krieg haben.)“ „Nun, und?“ fragte Thurn,„ſo wäre es ja doch entſchieden!“ „Noch nicht ſo ganz. Der Krieg iſt beſchloſſen. Sie wollen ſich auch, weil ſie zu Hauſe Niemandem recht trauen können, einen Feldherrn anderwärts her verſchreiben, den Grafen Boucquoi....“ 99 „Den Niederländer? Longueval von Boucquoi?“ fiel Thurn ein. „Eben den. Er iſt zum Generaliſſimus ernannt. Er und Dampierre werden die Heere führen. In zwei Ab⸗ theilungen wollen ſie Böhmen angreifen. Während wir ſprechen, ſind ſie vielleicht ſchon vorgerückt!“ „So müſſen wir uns mit aller Kraft ſchlagen und der ewigen Unſchlüſſigkeit, die uns nur halbe Vertheidigungs⸗ maßregeln und Vorkehrungen, ſtatt geraden Angriff ge⸗ ſtattet, iſt nun ein Ende gemacht. Glaubt mir, ich danke Gott dafür“, verſicherte Thurn,„obgleich ich weiß, daß der Kampf nicht ſo ganz leicht iſt. Hätte ich nur erſt den Rücken völlig frei. Aber dieſes hartnäckige Budweis und Pilſen, die die Anhaltepunkte für alle unſere Feinde in Böhmen werden können, ſind verwünſchte Hemmſchuhe!“ „Es gibt noch einen ſchlimmern; aber Euer Eifer, Thurn, läßt mich nicht zum Schluß kommen“, antwortete Olbra⸗ mowitz.„Ich ſagte Euch ja gleich anfangs, der Kaiſer will noch Ausſöhnungsverſuche machen. Der Euſebius Khün, der in Prag war, um Fels abtrünnig zu machen, hat ein friedliches Manifeſt ausarbeiten müſſen. Es iſt noch nicht erſchienen, aber ich kenne den Inhalt!“ „Wie!“ rief Thurn lebhaft.„Ihr ſeid von Allem unter⸗ richtet und ich erfahre ſo gut als nichts hier beim Heere. Mittheilen ſollten mir die Herren darüber doch, was ihnen in Prag zugeht!“ 3 „Das iſt mir allein zugegangen“, erwiderte Dwor⸗ ſchetzki;„ich habe Freunde in Wien, die mich ſehr gut bedienen!“ „Das muß wahr ſein!— Und das Manifeſt?“ „Es lautet“, ſprach Dworſchetzki,„wie die andern Verſicherungen. Der Majeſtätsbrief ſolle heilig ſein; der 5* — 100 Kaiſer werde nie etwas gegen die Religion in Böhmen unternehmen, unſere Privilegien unverſehrt erhalten. Auch jetzt ſei ihm ſeine Rüſtung nur gewaltſam durch die unſrige aufgedrängt worden; er wolle ſein Heer verabſchieden, wenn wir.... „Dis Waffen ſtrecken und müßig auseinander gehen!“ rief Thurn in größter Heftigkeit,„damit ſie nachher unge⸗ hindert bis in die Burg von Prag rücken und mit unſern Köpfen ſchalten können, wie ſie Luſt haben!— Der Vor⸗ ſchlag wäre lächerlich, wenn er nicht ſo nichtswürdig wäre!“ „Ich fürchte nur’, entgegnete Olbramowitz,„daß Viele unter uns, die ſchoß nicht gern mit uns vorwärts gegan⸗ gen ſind, ihn nicht für eine Falle anſehen werden oder wollen! Dieſes Manifeſt iſt uns gefährlicher als die bei⸗ den Armeen und die beiden Feldmarſchälle!“ „Ja, ja! So iſt es! Es iſt der Speck, mit dem ſie die Mäuſe fangen wollen, die furchtſame und die thörichte Maſſe! Sie denken uns damit den Boden unter den Füßen wegzuziehen! So verführen ſie das Volk zum Abfall von uns. Ihr habt Recht, Olbramowitz! Das iſt die Gefahr, nicht ihre Kriegsheere, die ich, mit Gott, laſſen ſie ſich in Böhmen ſehen, wol wieder über unſeu Grenzen zu ſchla⸗ gen hoffe!“ „Ihr ſeht nun, meine Botſchaft wat eilig und wichtig—“ „Und übel dazu! Sehr übel! Allein was iſt zu thun?“ „Das Manifeſt iſt noch nicht verkündet. Es kann erſt in drei, vier Tagen in Prag eintreffen!“ erwiderte Dworſchetzki.„Wir haben noch Zeit 85 zu eilen. Einige meiner Freunde habe ich ſchon gewonnen. Vereint Euren Einfluß, Eure Thätigkeit mit der meinigen, ſo bringen wir ſchon im voraus die Mehrzahl dahin, daß ſie das Mani⸗ feſt verwerfen. Wir müſſen die Kundmachung gar nicht 101 dulden, es gleich von vornherein als eine Hinterliſt, die Lamormain erſonnen hat, darſtellen! Denn ſo iſt es auch! Der Kaiſer ahnt nicht, wie man ihn leitet!“ „Das muß geſchehen! Ich bin Euch großen Dank ſchuldig für Eure Nachricht“, ſprach Thurn und ſchüttelte dem Freunde die Hand.„Ohne Euch erfuhr ich die Lage der Sache vielleicht zu ſpät! Aber Ihr ſollt auch ſehen, daß ich raſch handeln kann. Ihr wollt doch zurück nach Prag?“ „Verſteht ſich, mit dem Früheſten!“ war Dworſchetzki's Antwort. „Das Früheſte iſt ſogleich“, entgegnete Thurn.„Ich laſſe ſofort ſatteln. Vor Tagesanbruch können wir in Ta⸗ bor ſein. Von dort aus können wir fahren, von hier, in der Nacht geht das zu langſam; die Wege ſind zu ſchlecht. Ihr ſeid doch nicht zu müde, um noch die Nacht hindurch zu reiten?“ „Darin ſolltet Ihr mich kennen, Thurn! dächte ich.“ „Allein Euer Alter....“ „Ich bin ein Vierziger, wenn es unſerer Sache gilt“, unterbrach ihn Olbramowitz feurig. Thurn ſchellte dem Diener. Er gab ihm ſogleich die nöthigen Befehle, ließ ſeinen Adjutanten, den Rittmeiſter Kinski wecken und übertrug ihm die Meldung an den Grafen Chriſtoph von Harrant, der die Artillerie befehligte und Thurn bei Abweſenheiten im Commando vertrat. Ehe noch die Pferde geſattelt waren, traf abermals ein Eilbote aus Prag mit Briefen ein...Pu „Dieſe Depeſchen werden Euch wol das Nämliche mel⸗ den“, meinte Olbramowitz, indem Thurn die verſchloſſene Depeſchentaſche mit einem Schlüſſel, den er an einer Kette um den Hals trug, öffne. „Diesmal wol nicht“, entgegnete er freudig lächelnd, indem er den Brief herausnahm,„es iſt ein Schreiben von meiner Frau!“ „Von der Gräfin Thurn? Ich hoffe, es geht ihr wohl auf Sperlingsſtein“, ſprach Olbramowitz, während Thurn den Brief erbrach. Er las, wurde unruhig; ſeine Bewegung ſtieg, er ver⸗ färbte ſich.„Teufliſches Unternehmen!“ murmelte er vor ſich hin, wurde leichenblaß und zitterte. Olbramowitz betrachtete ihn verwundert. In fliegender Haſt las Thurn weiter. Plötzlich drang eine Thräne aus ſeinen männlichen Augen, er erhob die Hände zum Himmel und rief:„Dank dir, gütige Vor⸗ ſehung!“ Die Gräfin hatte ihm den Ueberfall und ihre Rettung gemeldet. „Das ſind Bubenſtücke, vor denen Ihr erſtarren wer⸗ det“, ſagte er tief aufathmend zu Olbramowitz und erzählte ihm den Hergang. „Ich wittre etwas“, warf dieſer inmitten der Erzäh⸗ lung halb vor ſich hin,„der Trank war nicht da gekocht, wo er eingeſchenkt wurde!“ 1 „So dachten ſie mich anzugreifen“, rief Thurn am Schluß.„Weib und Kind in ihrer Gewalt! Dann hätte ich ihnen kommen müſſen, meinten ſie!“ „Solche Dracheneier legt nur der Teufel oder.... Olbramowitz brach ab, indem er ein Kreuz vor ſich ſchlug. „Slawata's und des Erzbiſchofs Sklav dabei, der hün⸗ diſche Leibeigene Zaloska!“ rief Thurn wieder, auf den Brief ſtarrend. „Ihr kennt die Hunde, die die Zähne einſchlugen, aber * —x 103 Ihr wißt noch nicht, wer ſie hetzte“, verſetzte Olbramowitz. „Das war nicht Einer allein, nicht bloße Rache!“ „Ich traue es ihm noch nicht zu“, murmelte Thurn und ſchüttelte den Kopf.„Solche Höllenbosheit!“ „Oder fromme Weisheit!“ ſpottete Olbramowitz. „Ihr meint? Pfäffiſche Argliſt..... bei Gott, ich glaube.... „Pfui, Thurn! Seid nicht ſo plump mit Euren Aus⸗ drücken! Pfäffiſche Argliſt! Die weiſen, heilſamen Leh⸗ ren und Grundſätze der Societas!“ „Die Pferde ſind bereit, Herr Graf“, unterbrach der eintretende Leibdiener.— „Vorwärts! Vorwärts!“ rief Thurn haſtig. Sie eilten hinaus und ſaßen auf. Einunddreißigſtes Capitel. Ein Reiter im Jagdkleide, dem zwei Diener zu Pferde mit Jagdzeug folgten, ritt in der Abenddämmerung auf der Landſtraße, die ſich bis nahe an Bamberg durch dichte Waldung zog, gegen die Stadt zu. Haltung und Kleidung bezeichneten den vornehmen, des Gebietens gewohnten Mann; ein blonder Bart umgab das Kinn, über der hohen ge⸗ runzelten Stirn blitzten zwei ſcharfe blaue Augen, deren Blick bis ins Innerſte bohrte; ein Spalt durch Lippe und Kinn, einer Narbe ähnlich, gab den Zügen etwas wild Kriegeriſches. Das Angeſicht drückte Kühnheit und Mis⸗ muth zugleich aus. 2 104 Der Weg machte eine ſcharfe Biegung. Ein anderer Reiter, in ſchlichter Kriegertracht, gebräunten Antlitzes, der auf einem etwas ſchwerfälligen, aber kräftigen Rappen in entgegengeſetzter Richtung daher ſprengte, hätte den Waid⸗ mann faſt übergeritten; doch hielt er das Pferd noch ſchnell im Zügel. „Holla! Nehmt Euch in Acht“, rief der Jäger ihm unwillig zu.„Habt Ihr Euer Nilpferd nicht beſſer im Zaume?“ Der Reiter hatte zwar das Pferd zurückgehalten, war aber doch ſo dicht herangeritten, daß man ſah, er wolle den Jäger anreden.„Wollt Ihr etwas, Burſch?“ fragte ddieſer und richtete den Blick forſchend auf ihn. „Gott zum Gruß, Herr Graf“, begann der Kriegs⸗ mann in beſcheidenem Tone.„Ja, ich hätte ein Anliegen an Euch!“ „Und hier mitten auf der Landſtraße? Mitten im Walde? Iſt das der Ort, wo ich Audienzen zu geben habe? Kennt Ihr mich?“ „Ich erkenne Euch! Und welcher Kriegsmann würde den berühmten Grafen von Mansfeld nicht kennen“, antwortete der junge Mann mit Freimuth. „Jch denke, Ihr ſollt mich erſt kennen lernen“, er⸗ widerte dieſer in ſcharfem Tone, jedoch ſichtlich nicht ohne Wohlgefallen über die Anrede.„Es iſt nicht in meiner Art, daß ich mir jeden Reiter ſo quer in die Fährte ga⸗ loppiren laſſe! Ihr fallt mich hier an wie ein Wege⸗ lagerer! Wer ſeid Ihr, was wollt Ihr?“ „Vergebt, edler Herr Graf, daß ich Euch hier auf⸗ ſuchte und anſprach“, erwiderte der junge Mann beſcheiden, aber ruhig,„allein ich hörte, daß Ihr morgen mit dem A ——— A 8 —— 105 Früheſten aufbrechen wollt nach Nürnberg und da galt es, die Zeit zu nutzen!“ „Wer Ihr ſeid und was Ihr wollt? habe ich gefragt“, ſprach der Graf unwillig. „Mein Name iſt Xaver Nechodom“, antwortete der Reitersmann. „Das iſt als ob Ihr mir ſagt, Kaspar oder Hans! Was begehrt Ihr, Xaver Nechodom, das nur auf der Heerſtraße abzuthun wäre?“ So barſch der Graf dieſe Worte ſprach, ließ ſich Xaver doch nicht davon beirren, denn ſie waren mit einem un⸗ zweifelhaften Blick des hellen ſcharfen Auges begleitet, der da ſagte, daß der fremde Reiter dem berühmten Feldherrn nicht misfalle. „Mein Begehr, edler Herr Graf, könnte ich Euch wol eben nicht auf offener Heerſtraße vortragen“, ent⸗ gegnete Xaver mit einem Blick auf die neugierig näher ge⸗ rittenen Diener,„nur meine Bitte um ein Geſpräch mit Euch allein, aber noch heut!“ 3 Der Graf Mansfeld, verwundert über das dreiſte Be⸗ gehren des fremden Reitersmannes, maß ihn vom Helm⸗ knopf bis zum Bügel mit ſeinem durchbohrenden Auge. Statt ihm zu antworten, wandte er ſich zurück zu den Dienern hinter ihm, und fuhr ſie rauh an: „Ihr Halunken, was reitet ihr mir ſo dicht auf die Croupe! Voraus! Meldet, daß ich zurückkomme!“ Man ſah, daß die Leute des Grafen an pünktlichen und ſtummen Gehorſam gewöhnt waren, denn, ſo un⸗ erwartet der Befehl ihnen kommen mußte, ſie ſetzten, wie auf ein militäriſches Commando, gleichzeitig Beide die Sporen ein und ſprengten ſo raſch und plötzlich vorwärts, daß Xaver eilig ſein Pferd auf die Seite wenden mußte, 5*☛* 106 um ihnen Raum zu geben. Als ſie gegen funfzig Schritte voraus waren, wandte ſich der Graf, indem er im Schritt weiter ritt, wieder zu ihm und fragte kurz:„Nun?“ „Ich bin im Dienſt des Grafen Mathias von Thurn“, begann Xaver. „Meines alten Kriegsgefährten aus Ungarn und Ita⸗ lien?“ rief Mansfeld, und ſeine rauhen Züge wurden freundlicher.„Schickt Euch Thurn zu mir?“ „So iſt es, Herr Graf. Ihr wißt, was in Böhmen vorgeht?... „Ja, ſo ungefähr, im Ganzen; da weiß man aber die Dinge nur halb und faſt Alles falſch. Daß Ihr Euch mit dem Kaiſer in den Haaren liegt, weiß ich. Nimmt mich auch nicht Wunder! Habe ſelbſt erfahren, daß man von dem Hauſe Habsburg Unbill erntet, wo man Dank ver⸗ dient. Und wie ſteht es jetzt um Eure Sache?“ „Herr Graf“, begann Xaver beſcheiden,„Ihr ſeht in mir nur einen ſchlichten Reitersmann, allein der Graf Thurn hat mir ſein Vertrauen geſchenkt. Ich bin ein ge⸗ borener Böhme, ich gehöre den Utraquiſten an; es iſt der Glaube, den wir vom Vater auf den Sohn vererbt. Ich habe das Härteſte erfahren durch die Bedrückungen gegen uns!“ „Glaub's ſchon! Sanft pflegen die Herren im Prieſter⸗ kragen nicht eben zu verfahren! Schlimmer, Gott ſei's ge⸗ klagt, als wir im eiſernen Wams!— Aber nur weiter! Zur Sache!“ „Der Graf Thurn war unſer Hort und Retter aus ſchwerer Drangſal. Der Dank, den ich ihm ſchulde, und die Leiden, die ich und die Meinigen erduldet, ſind ihm ſolche Bürgſchaft geweſen, daß er uns viel Vertrauen ge⸗ ſchenkt hat und mich mit Aufträgen beehrt wichtigerer Art, 107 als ſie einem bloßen Reitersmann zuzugehen pflegen. Ich habe bis dahin Mannſchaften für unſere Sache geworben und der Graf iſt zufrieden mit mir geweſen, jetzt....“ „Meinethalben“, fuhr Mansfeld ungeduldig dazwiſchen, „ich glaub's! Aber das geht mich den Teufel an! Was wollt Ihr von mir? Heraus damit! Sagt mir“, fuhr er einlenkend fort,„was iſt Euer Auftrag an mich vom Grafen Thurn, denn Ihr habt doch einen, nicht ſo?“ „So iſt es, Herr Graf!“ antwortete Xaver.„Mit einem Wort, der Herr Graf von Thurn hat mich beauf⸗ tragt, doch ganz unter der Hand, bei dem Grafen von Mans⸗ feld anzufragen, ob ein ſolcher Krieger und Feldherr ſich wol entſchließen möchte, für unſere Sache zu kämpfen!“ „Das alſo! Hm!“ antwortete Mansfeld und ſtrich ſich nach ſeiner Gewohnheit den Bart. „Ihr ſeht nun wol ein“, fuhr Xaver fort, da Mans⸗ feld ſchwieg,„weshalb ich Einiges von meinen Verhält⸗ niſſen zum Grafen Thurn vorausſchicken mußte. Es würde Euch ſonſt gar zu ſeltſam erſchienen ſein, eine ſolche An⸗ frage aus dem Munde eines einfachen Reitersmannes zu vernehmen!“ 3 „Es ſcheint mir noch jetzt ſehr ſeltſam“, antwortete der General, und ließ die ſcharfen Augen prüfend an Xaver auf⸗ und niedergleiten.„Aber Ihr ſeht wie ein vernünf⸗ tiger Burſch aus, und daß Euch Thurn zu dieſem Auf⸗ trag gewählt, bürgt mir, daß Ihr's auch ſeid. So ſagt mir nun ruhig und ausführlich, wie es damit ſteht. Wir reiten langſam hinein und da haben wir Zeit.“ „Der Kaiſer hat ſich“, begann Xaver,„ſetzt ſtark ge⸗ rüſtet; er rückt mit zwei Heeren gegen Böhmen an. Wir wären ihm dennoch wol gewachſen, allein der Graf Thurn weiß aus ſicherer Hand, daß der Erzherzog Ferdinand ſich insgeheim nach Bundesgenoſſen umthut. Schon hat Spa⸗ nien große Summen für die Kriegskoſten beizuſteuern ver⸗ ſprochen.“ „So! Alſo verhält ſich das wirklich ſo?“ unterbrach Mansfeld. „Der Graf Thurn will es für beſtimmt wiſſen. Ebenſo, daß bereits Unterhandlungen mit dem Herzog Maximi⸗ lian von Baiern angeknüpft ſind...“— „Der wird ſich nicht lange bitten laſſen, wenn die Je⸗ ſuiten ihm die Sache vortragen!“ lachte Mansfeld. „Auch an die geiſtlichen Herren Kurfürſten hat ſich der Erzherzog Ferdinand gewendet. In ſolcher Lage der Dinge möchte nun doch wol Böhmen, meint der Graf Thurn, in Bedrängniß kommen, wenn auch Mähren und Schleſien ihm zur Seite ſtehen. Und deshalb ſieht ſich der Graf, der in der Stille immer Alles vorbereitet, was nachher zu öffent⸗ lichem Beſchluß kommt, gleichfalls nach Bundesgenoſſen für Böhmen um.“ „Und er hat Recht“, nickte Mansfeld. „Da hat er nun den Blick zunächſt auf den berühm⸗ teſten Feldhauptmann geworfen....“ Mansfeld horchte ſichtlich wohlgefällig ſcharf auf. „Er iſt nur nicht gewiß“, fuhr Xaver nach einigem Zögern fort,„ob Ew. gräflichen Gnaden eine Beſtallung als böhmiſcher Feldhauptmann annehmen würden. Deſſen wollte der Graf Thurn zuvor im Vertrauen verſichert ſein.“ Beide ſchwiegen. Xaver wollte abwarten, wie ſich Mans⸗ feld jetzt äußern werde; dieſer überlegte. „Ich weiß nur nicht, was ich Euch ſoll“, begann er nach kurzer Pauſe,„meine Leute gehören anderem Dienſt, ſie ſind für den Herzog von Savoyen geworben, und ich bin nur ein Mann!“ 109 „O“, entgegnete Xaver gewandt,„ein Heer findet ſich ſchon, wenn man ſolche Führer hat.... überdies in dieſer Hinſicht hat der Herr Graf auch ſchon geheime Er⸗ kundigungen eingezogen und Zuſagen erhalten....“ „Und welche?“ fragte Mansfeld raſch und ſein Auge —— funkelte,„wer hat Zuſagen über mich gegeben? Wer darf ſie geben?. „Nicht über Ew. gräfliche Gnaden“, erwiderte xaver, „wol aber über die Möglichkeit, das Heer unter Ew. Gna⸗ den Befehl in Böhmen zu verwenden, ſtatt gegen die Spanier.“ „Seht mir doch den Reitersknecht an?“ rief Mans⸗ feld, und betrachtete ihn wieder von oben bis unten,„auf welchen Sattel gehört Ihr denn eigentlich, auf den, den Ihr unter Euch habt, oder auf die diplomatiſche Kunſt⸗ reiterſchabracke? Ihr ſprecht ja wie ein Reichsrath oder Kanzler?“ „Ich ſpreche nur“, antwortete kaver einfach,„wie mich der Graf Thurn beauftragt hat. Die Sache iſt die: Der Herr Kurfürſt von Sachſen und alle die Herren von der proteſtantiſchen Union möchten uns wol gern helfen, allein es doch nicht mit Kaiſer und Reich verderben. Das Heer unter Ew. Gnaden Befehl iſt urſprünglich für den Dienſt der Union geworben; die Herren Fürſten möchten es uns gönnen, aber nicht ſchicken, wie Herr Graf Thurn er⸗ forſcht hat; es fragt ſich alſo nur, wie ſchon geſagt, ob Ew. gräfliche Gnaden von Böhmen die Beſtallung als Feldherr annehmen und uns dann das Heer zuführen wür⸗ den. Wenn Ew. Gnaden dies durch mich dem Grafen Thurn im Vertrauen zuſagen, ſo wird er ſogleich den An⸗ trag in offenem Geſchäft vor die Directoren bringen, und daß er dort nur mit größtem Jubel aufgenommen werden 110 wird, darüber hat der Graf Thurn auch völlige Ge⸗ wißheit!“ „Du Burſch, Reitersmann! Stallbub! Du biſt ein Halunke, ſag' ich dir!“ ſprach Mansfeld heiter lächelnd, und ſchlug Xaver auf die Schulter,„du haſt deine Sache gut vorgetragen, ſchlicht und klar, und nicht ungeſchickt. Wenn du ſo einhauſt wie du Schleichpatrouille führſt, biſt du ein brauchbarer Geſelle in Krieg und Frieden! Drum ſollſt du meine Antwort auch kurz und bündig haben: Liegen die Sachen ſo, wohlverſtanden, genau ſo, wie Thurn ſagen läßt, ſo hat er mein Ja.“ „Herr Graf“, rief Xaver freudig,„darf ich meinem Herrn dieſe glückliche Botſchaft melden?“ „Du darfſt. Ich laſſe ihn grüßen. Wir waren gute Kameraden und werden's künftig auch ſein.“ Xaver wollte dem vollen Drange ſeines Herzens Luft machen, doch Mansfeld's Blick gebot ihm zu ſchweigen. Er fuhr fort:„Ich war es längſt müde, Zeit und Kraft hier zu vergeuden, um einen Haſen oder Hirſch, wenn's hoch kommt einen Keiler, abzuthun! Das Leben iſt zu kurz, um es ſo zu verzetteln! Du mußt mir meinen Verdruß angeſehen haben!— Verſteht ſich, ich werde meine Be⸗ dingungen ſtellen, nun, das weiß ein Mann wie Thurn. Er wird mir nichts vorſchlagen, was ich nicht annehmen kann, und ich werde nichts verlangen, was er nicht bie⸗ ten darf.“ „O, Herr Graf“, brach Xaver tief bewegt aus,„dieſes Wort erfüllt uns mit unausſprechlicher Freude! Denn bei dem Kriege iſt unſer ganzes Herz! Das Herz aller Böhmen, die meinen Glauben theilen, und das ſind zwei Drittheile unſers Vaterlandes! Jeder Sieg wirft uns auf die Knie zum Dank gegen Gott. Daß unſere Sache einen —— —— 111 ſo berühnſten Feldherrn gewonnen, iſt ein großer Sieg! Und ich danke Gott dafür mit Inbrunſt!“ Mansfeld ſchien von der Begeiſterung des Jünglings ſeltſam ergriffen; er ſah ihn groß an und wiegte dann das Haupt, indem er ſagte: „Ja, ihr Proteſtanten fechtet mit Herz und Fauſt, das muß wahr ſein! Ich hab's erfahren an eurem Widerſtand in Jülich und im Elſaß bei meinen erſten Feldzügen unter Erzherzog Leopold. Und, ich darf ſagen, wie ihr gegen mich gefochten, das hat mich beſtimmt, für euch zu fechten und zu euch zu treten. Ich habe mich mein Lebtag nicht viel mit Beten und Faſten abgeben können, ich habe lieber mit dem Teufel zu thun als mit den Pfaffen, meine Meſſe zwar habe ich als Katholik gehört und damit gut; aber bei euch hat das Ding einen andern Strich, der Wind bläſt aus einem ganz andern Loche... ich weiß das nicht ſo ſpitzfindig auseinander zu zetteln, genug, es thut mir nicht leid, daß ich jetzt zu euch gehöre, und ich freue mich, für eure Sache meinen Degen zu führen. Was Ihr Thurn zu ſagen habt von mir, das wißt Ihr. Gebt nun Eurem Gaul die Sporen! Wir müſſen zureiten, daß wir vorm Dunkel am Thore ſind.“ Er ſetzte ſein Pferd in Galopp; Xaver ſprengte ehr⸗ furchtsvoll etwas zurückhaltend hinter dem Feldherrn drein. Der Wald öffnete ſich. Das freie Feld lag vor ihnen, im Hintergrunde erhob ſich die Stadt auf hügeligem Boden. Die Thürme und zackigen Giebel malten ſich auf dem letzten verdämmernden Glühen der Abendröthe; die vier Thürme des Doms ſtiegen wie ſchwarze Spitzſäulen empor. Zur Seite derſelben erhob ſich noch höher der Michaels⸗ berg mit ſeiner alten, maſſenhaften Kirche. Die Regnitz ſchlängelte ſich, das Abendroth blaß zurückſpiegelnd, durch 112 die im Halbdunkel ruhende Flur. Mansfeld ritt wieder langſamer. 2 „Sagt mir doch einmal, Freund“, ſagte er,„was iſt denn Euer Rang eigentlich im Heere? Ihr habt einen Helm auf und ein Reitercollet an, das ſeh' ich wohl. Aber Ihr müßt doch mehr ſein als ein bloßer Küraſſier oder Dragoner, wenn Euch Thurn ſolche Dinge anvertraut und anvertrauen kann.“ „Ich habe bisher nur in des Grafen perſönlichem Auf⸗ trag Mannſchaften für ihn und unſere Sache geworben und ihm zugeführt.“ „Nun, ſo habt Ihr doch ein Commando gehabt wie ein Hauptmann wenigſtens. Und ſeid Ihr nicht Thurn's Hauptmann oder Böhmens Hauptmann, ſo könnt Ihr alle Tage Mansfeld'ſcher Hauptmann ſein. Wollt Ihr mit mir zu Nacht ſpeiſen, Herr Hauptmann?“ kaver verbeugte ſich, hoch erröthend in der Freude über die ehrende Weiſe, mit der ein ſo berühmter Krieger ihn behandelte. „In einer halben Stunde denn in meinem Quartier, in Hauns von Aufſeß' Hauſe auf der Langen Straße. Wir ſprechen dann noch Dies und Das, und morgen mit dem Früheſten reitet Ihr heim, und ich nach Nürnberg.“ Mit dieſen Worten gab er dem Pferde wiederum die Sporen und trabte voran gegen die nahe vor ihnen liegende Brücke der Regnitz zu und über dieſelbe hin. Naver folgte bis jenſeit der Brücke dicht hinter ihm. Dann wandte er ſein Pferd links ab in eine Seitengaſſe nach der Herberge, wo er ſich ſchon zuvor, ehe er hinausritt den Grafen auf⸗ zuſuchen, ſein Nachtquartier beſtellt hatte. Dort brachte er das Thier unter und ordnete ſeine Kleidung, um der Ein⸗ ladung Folge zu leiſten. —— —— 113 Eine Viertelſtunde ſpäter ſchritt er die würdig und reich gebaute Lange Straße hinunter bis zu dem ſtattlichſten Gebäude derſelben; dieſes war das ihm vom Grafen be⸗ zeichnete Haus. Zwei Schildwachten ſtanden an dem offenen Thore. Die Hausflur war hell beleuchtet. Diener in rei⸗ chen Livreen ſtanden am Fuße der breiten ſteinernen Treppe. Der Graf mußte in Betreff Xaver's ſchon den beſtimmte⸗ ſten Befehl gegeben haben; denn Niemand fragte ihn nach ſeinem Begehr, ſondern er wurde wie ein erwarteter Gaſt mit größter Ehrerbietung empfangen. Die Diener in ihren goldgeſtickten Röcken verneigten ſich tief vor dem jungen Manne in dem hellbraunen ledernen Reiterwams, deſſen glänzendſter Schmuck der blanke Helm und das blanke breite Schwert an ſeiner Seite waren. Er nahm die höf⸗ lichen Grüße mit Beſcheidenheit hin und erwiderte ſie in anſtändiger Haltung, indem er die Treppe hinaufging. Droben empfingen ihn andere Diener mit gleicher Höflich⸗ keit und öffneten ihm die Flügelthüren des Eingangsſaals. Als Xaver in dieſen getreten war, blickte er umher, um ſich zu belehren, ob er hier verweilen oder weiter gehen müſſe. Doch ein Diener mit einem Armleuchter in der Hand eilte ihm ſchon voran und öffnete einen zweiten Saal mit den Worten:„Dies iſt der Speiſeſaal! Der gnädigſte Herr Graf wird ſogleich erſcheinen!“ Xaver trat ein und ſah ſich in dem Saale allein. In der Mitte ſtand ein länglichrunder Tiſch für zehn Perſonen gedeckt; auf demſelben ſchwere ſilberne Doppelleuchter mit Wachskerzen. Eine Krone mit brennenden Kerzen hing an der Decke. Es war Xaver eigenthümlich zu Müthe; Befangenheit und Stolz miſchten ſich in ſeiner Bruſt. In ſo vornehme Welt, als dieſe Zurüſtungen andeuteten, hatte ihn ſein Lebenslauf noch nie geführt. Es war natürlich, daß ein 114 Jüngling bei dieſem Erſtlingsſchritt auf ſolchem Boden einige Beklemmung empfand, unbeſchadet ſeiner wahrhaft männ⸗ lichen und würdigen Geſinnung. Aber der Gedanke, daß ſeine Kräfte und Thaten jetzt ſo wichtigem Ziele gewidmet waren, und das Bewußtſein, daß er treu und muthig die Pflichten gegen Glauben und Vaterland erfülle, erhoben ihn zu einem Selbſtgefühl, welches er noch nicht gekannt. Die Thür, durch welche er gekommen war, öffnete ſich abermals, und ein Mann von hohem Wuchs, deſſen Klei⸗ dung und Haltung ihn als einen vornehmen Offizier ver⸗ rieth, trat ein. Der Diener, welcher die Thürflügel öff⸗ nete, ſagte auch zu dieſem Gaſte die Worte:„Der Herr General wird ſogleich erſcheinen.“ kaver verbeugte ſich ehrerbietig vor dem Kriegsmann; dieſer maß ihn mit einem etwas verwunderten Blick und ſprach ein kurzes, aber freundliches:„Guten Abend!“ Beide blieben einige Augenblicke ſtumm. Dann nahm der Offizier das Wort und fragte ohne Umſtände:„Ihr ſeid nicht von unſerm Corps; in weſſen Dienſten ſteht Ihr, Herr Kriegsmann?“ „In denen des Grafen Mathias von Thurn, Herr Offi⸗ zier“, erwiderte kaver nicht ohne einige Verlegenheit, da er nicht wußte, welchen Rang er dem Fremden geben ſolle. Dieſer errieth das. „Ich bin der Oberſt von Holm“, antwortete er;„und Ihr ſeid in Dienſten des Grafen Thurn; das heißt in böhmiſchen Dienſten, oder wie ſoll ich das verſtehen?“ kaver war in neuer Verlegenheit. Er ſah ein, daß er beſſer gethan hätte, ſein Verhältniß zum Grafen Thurn zu verſchweigen, da dies leicht das Geheimniß ſeines Auf⸗ trags, wenn nicht verrathen, doch irgend etwas darüber vermuthen laſſen konnte. Indeß faßte er ſich und erwiderte: 115 „Ich habe nur dem Grafen Thurn meine perſönlichen Dienſte angeboten; in welcher Art ich ſpäter in das böh⸗ miſche Heer eintreten werde, weiß ich noch nicht.“ „Es geht bunt her bei Euch! Ihr habt da ein ſchwer Stück Arbeit angefangen!“ meinte der Oberſt Holm.„Denkt Ihr es wohl zu Ende zu bringen?“ Xaver's peinliche Lage wuchs mit jedem Augenblick. Jedes Wort, was er erwidern konnte, mußte der Art ſein, daß es ſeinen Auftrag an Mansfeld mehr oder weniger ver⸗ rieth; oder er hätte aufs Gerathewohl Unwahrheiten ſagen müſſen, die, wenn der General erſchien, dieſen ſelbſt durch unwillkürlich widerſprechende Aeußerungen ſeinerſeits bloß⸗ ſtellen konnten. Zum Glück öffnete ſich, bevor er antworten konnte, abermals die Thür, und zwei Offiziere traten ein, die den Oberſten von Holm als Bekannte begrüßten. Xaver zog ſich einestheils aus Ehrerbietung, anderntheils in der Abſicht, dem Geſpräch möglichſt fern zu bleiben, um ſich nicht bloßzugeben, in den Hintergrund des Saals zurück. Da trat Mansfeld ein.„Guten Abend, Freunde“, rief er ihnen entgegen,„guten Abend, Hauptmann Nechodom!“ Xaver verwunderte ſich, daß der General ſeinen fremd⸗ artigen Namen, den er ihm doch nur einmal genannt, ſo feſt behalten hatte. Es flößte ihm dieſer Umſtand eine Art Ehrfurcht vor der klaren Geiſteskraft, dem ſichern Gedächt⸗ niß des Feldherrn ein. „Der Hauptmann Nechodom aus Böhmen“, fuhr Mansfeld unbefangen fort, indem er Xaver den Uebrigen vorſtellte.„Mein alter Freund und Kamerad Thurn hat mir Grüße und gute Nachrichten durch ihn geſandt. Un⸗ ſere evangeliſche Sache wird da drüben tapfer verfochten. Ich wollte, wir könnten den wackern Böhmen beiſtehen, ſtatt hier auf der Bärenhaut zu liegen!“ —— ———— ——— 116 Auf dieſe Worte hatten ſich die Blicke der Offiziere mit einer unverkennbaren Achtung auf Xaver gerichtet. Mans⸗ feld ſtellte ſie durch Nennung ihrer Namen vor:„Oberſt von Holm, Major Renaud und Major Gualtieri. Wer fehlt uns denn noch“, fuhr er ſich umſchauend fort, indem er die Zahl der Anweſenden mit der der Gedecke auf dem Tiſche verglich,„noch fünf. Es wären ſechs, aber Tiefenbach hat ſich entſchuldigen laſſen; es iſt ihm geſtern wieder das Zipperlein in die Beine gefahren, da wird er auf eine Zeit lang fromm und ſchwört den Tokayer ab. Unſer alter Wehrwolf und Geiſterriecher Oberſtwacht⸗ meiſter Carpezo, und Oberſt Schlemmersdorf kommen zuverläſſig; auch der gelahrte Herr Hauptmann Hayd, der Oberrechenmeiſter!“ ſagte er ſcherzend.„Ah, da ſind ja ein paar! Guten Abend, ihr Herren! Oberſt van der Meer und Oberſtlieutenant Sickingen!“ ſtellte er Beide vor.„Nun fehlen noch Drei.“ Aaver war überraſcht, Namen von allen Nationen zu hören, Franzoſen, Italiener, Niederländer, Deutſche. Er ſah daraus, wie bunt das Heer zuſammengeſetzt ſein mußte, welches Mansfeld befehligte und aus eigener Werbung ge⸗ ſtellt hatte. Es ſetzte ihn in Verlegenheit, daß ihm der General den Titel Hauptmann gab, deſſen er ſich nicht anmaßen mochte; inzwiſchen überlegte er, daß Mansfeld guten Grund hatte, ihn unter dieſer ſchicklichen Form bei den andern Offizieren einzuführen. Auch dachte er: Je nun? Er will dich ja als Mansfeld'ſcher Hauptmann an⸗ erkennen! So kannſt du dir auch von ihm den Titel ge⸗ fallen laſſen; er hat ein Recht, ihn dir zu geben. „Aha! Da ſind die Letzten!“ ſprach Mansfeld, als die Thür ſich wieder öffnete. Drei Offiziere kamen gleich⸗ zeitig. Mansfeld begrüßte jeden einzeln.„Guten Abend, 117 Alter“, ſagte er zu dem erſten, einem Graubart, der den Siebzigen nahe ſchien, und drückte ihm herzlich die Hand; „der Herr Oberſtwachtmeiſter Carpezo, Hauptmann Ne⸗ chodom aus Böhmen“, ſtellte er Beide einander vor;„Herr Oberſt Schlemmersdorf und Herr Hauptmann Hayd, unſer Pythagoras“, ſetzte er, indem er Beide begrüßte und Letztern auf die Achſel klopfte, ſcherzend hinzu.„Nun, domine doctissime, wie ſieht's am Himmel aus?“ redete er Hayd ſcherzend an,„regiert Jupiter oder Saturn?“ „Ich wollte, Mars regierte“, entgegnete Hauptmann Hayd. „Und, Venus!“ lachte Mansfeld.„Sie können ſich Beide das Reich theilen!“ „Per Baccho“, brummte Carpezo,„was hätt' ich von der Venus.“ „Nun, per Baccho!“ wiederholte Mansfeld den Ausruf des Alten,„Bacchus kann der Dritte im Triumvirat ſein! Die Drei mögen ſich die Welt theilen; unter denen fechten wir lieber als unter Cäſar, Pompejus und Craſſus. Von der Venus haſt du freilich nicht mehr große Gunſt zu er⸗ warten, Alter! Aber wie ſieht's mit den Geiſtern aus! Spürſt du keine hier in der Nähe?“ „No!“ antwortete Carpezo kurz. „Aber Durſt ſpürſt du?“ „Si“, nickte er. „Der Noth läßt ſich abhelfen. Pietro laß anrichten“, befahl er. „Setzen wir uns, Kameraden“, lud er ein,„ich wün⸗ ſche, daß ihr ſo guten Appetit habt wie ich, ſo wird euch meine Mahlzeit ſchmecken! Ihr, junger Kriegsheld“, wandte er ſich zu Xaver,„kommt hier an meine linke Seite; als Fremder müßt Ihr doch einen Nachbar haben, mit dem Ihr ſchon bekannt geworden ſeid. Hayd! ſetzt Euch neben 118 den Hauptmann. Schlemmersdorf, kommt zu mir und deckt meine rechte Flanke. Ihr braucht mir aber keine Re⸗ doute von Flaſchen zur Deckung zu bauen, alter Forti⸗ ficator!“ Die Uebrigen ſetzten ſich nach Willkür. Unter den vielen Speiſen, welche auf die Tafel geſetzt wurden, nahm ein mächtiger Hirſchrücken den Hauptplatz in der Mitte ein. „Da ſeht Ihr“, ſcherzte Mansfeld,„mit welchen Geg⸗ nern wir hier zu kämpfen haben. Andere Feinde tödten wir mit unſerm Pulver und Zlei nicht. Dieſen habe ich ſelbſt die Ehre gehabt, vorgeſtern das Zeitliche ſegnen zu laſſen.“ „Ein capitales Thier! Gewiß ein Sechzehnender“, ent⸗ gegnete Holm;„ich wüßte nicht, was eine Kugel eben Beſ⸗ ſeres treffen könnte!“ „Es war doch nur ein Vierzehnender, Holm!“ verſetzte Mansfeld.„Er ſoll uns darum nicht minder ſchmecken.“ Er winkte, und der Diener hob die große ſilberne Schüſſel wieder ab, um den Braten auf den Schenktiſch zu ſetzen, wo der Vorſchneider ihn alsbald zerlegte. „Trinkt Ihr Rheinwein oder Burgunder, Hauptmann Nechodom?“ fragte Mansfeld. xaver erwiderte leicht erröthend:„Wie der Herr Ge⸗ neral befehlen!“ „Sacht an!“ lachte dieſer,„das iſt keine Dienſtſache, da hören die Befehle auf!“ „Ich rathe Euch zum Burgunder“, meinte Holm, der. neben Hayd ſaß,„die Franzoſen ſind mehr Eure Freunde als die Rheinländer. Die geiſtlichen Herren, die dort die beſten Weinberge inne haben, ſind Euch nicht ſo grün!“ Mit dieſen Worten nahm er die Flaſche, zu der eben 119 einer der Diener greifen wollte, ſelbſt in die Hand und füllte den vor Xaver ſtehenden Becher damit. „Ihr geht zu weit in der Feindſchaft, Holm“, ſagte Mansfeld heiter.„Wenn ich auch die Kurfürſten von Mainz, Trier und Köln nicht zu meinen Freunden zähle, bis auf die Weine, die in ihren Landen wachſen, dehne ich meinen Haß nicht aus. Schenk mir Rüdesheimer ein, Pietro! Beſonders zum Salmen ſchmeckt der Rheinwein beſſer als das Franzoſenblut.“ Es wurde eben zum Beginn der Mahlzeit ein großer Salmen umhergereicht. Pietro, ein Italiener, den der Ge⸗ neral ſchon in frühern Jahren zu Mailand in ſeine Dienſte genommen hatte, füllte ihm den großen Humpen mit Rhein⸗ wein. Xaver, der ſich alle die Kriegsmänner aufmerkſam be⸗ trachtete, ſah beſonders den alten Oberſtwachtmeiſter Car⸗ pezo mit einem Gefühl ehrfurchtsvoller Theilnahme an. „Könnt Ihr mir ſagen“, wandte er ſich leiſe zu dem neben ihm ſitzenden freundlichen Hayd, der der Jüngſte unter den Anweſenden, ihm der Nächſte im Alter und im Range war,„was das für eine Bewandtniß mit dem Geiſterſehen bei dem alten Kriegsmann hat?“ „Hm“, erwiderte Hayd lächelnd,„der General neckt ihn öfters damit. Der Alte glaubt an Ahnungen! Er iſt ein Blutſeher, wie die Italiener ſagen. Das heißt, er glaubt zu ſpüren, wo Ermordete begraben ſind oder wo ein Mord geſchehen iſt, ja, noch geſchehen ſoll! Ueber⸗ haupt verkehrt er etwas mit der Geiſterwelt und ſteht in dem Rufe, um Mitternacht ungern bei einem Kirchhofe vorüberzureiten. Er iſt aber darum doch ein Soldat wie von Eiſen, und fürchtet er die Todten, die Lebenden fürchtet er gewiß nicht, aber deſto mehr ſie ihn, wenn er angreift!“ 120 Mansfeld ſah, daß Hayd leiſe zu Xaver ſprach. „Was ziſchelt Ihr denn da mit dem jungen Böhmen, Hayd? Ihr erkundigt Euch gewiß nach Eurem Sterngucker in Prag, wie heißt doch der famoſe Herr Aſtrologus?“ „Ihr meint Johannes Kepler, General?“ „Richtig! Hans Kepler! Habt Ihr etwa wieder Briefe gehabt von dem gelehrten Magier?“ „Wir ſprechen von ganz andern, gleichgültigen Dingen, General“, entgegnete Hayd.„Doch habe ich einen Brief von dem großen Aſtronomen gehabt!“ Hayd betonte das Wort. „Hat er Euch gemeldet, wann die nächſte Mondfinſter⸗ niß iſt?“ ſagte Mansfeld lachend. „Er hat mir nur von der ſehr verfinſterten Sonne ſei⸗ nes Lebens geſchrieben! Es geht ihm traurig!“ „Das will ich glauben!“ antwortete Mansfeld.„In Prag mag es jetzt Manchem traurig ergehen. Aber wir wollen hoffen, daß es bald beſſer gehe“, nickte er Necho⸗ dom zu, und begrüßte ihn mit dem Glaſe. Inzwiſchen waren auch die andern Herren ins Geſpräch gekommen. Die Unterhaltung ging zwanglos und munter fort. Im Verhältniß wie der Wein reichlicher floß, floß auch die Rede. Die Herren erzählten von ihren Kriegsthaten, ihren Abenteuern, Liebeshändeln. Es wurde manches dreiſte Wort geſprochen, mancher kecke Scherz zu Tage gefördert, wobei dem einfachen, in tiefer Stille und Heiligkeit der Sitte aufgezogenen Xaver das Blut ins Geſicht ſtieg. Doch den Geſprächen über die niederländiſchen Feldzüge Mansfeld's, den Schilderungen von Schlachten, nächtlichen Ueberfällen, Belagerungen, Kriegsnoth und Anſtrengungen hörte er mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu. Auch die böhmiſchen Ver⸗ hältniſſe wurden beſprochen. 121 „Habt ihr denn vernommen, ihr Herren“, erwähnte der Oberſt van der Meer,„daß der Graf Boucquoi zum kaiſerlichen Generaliſſimus ernannt iſt?“ „Nicht möglich“, fiel Holm ein. „Ich ſage Euch, es iſt gewiß!“ verſicherte van der Meer. „Dieſen Morgen erzählte es der ſächſiſche Hauptmann, der als Kurier hier durchging. Wißt Ihr nichts davon, Herr Hauptmann... vergebt, wie war doch Euer Name? Der Teufel behalte die böhmiſchen Namen!“ „Nechodom“, entgegnete Xaver lächelnd.„Ja, es ging das Gerücht in Prag, daß dem ſo ſei“, ſetzte er hinzu. „Es iſt mehr als ein Gerücht, ſage ich Euch, es iſt ſo gewiß, als ich hier ſitze“, erwiderte van der Meer; „Ihr werdet Euch nicht darüber zu freuen haben!“ „Warum nicht? Der tüchtigſte Gegner iſt mir der liebſte“, rief Mansfeld raſch.„Ich denke ſo“, ſetzte er einlenkend hinzu,„und ſo ſetze ich voraus, daß die Böh⸗ men ebenſo denken!“ „Gewiß“, bekräftigte Xaver.—„Man ſchlägt ſich nie ſchlechter, als wenn man einen Lump von General und Lumpe von Soldaten gegenüber hat“, fuhr Mansfeld fort, ſichtlich um ſein übereiltes Wort etwas zu vertünchen.„Mir iſt dabei zu Muthe, als hätte ich Ungeziefer im Pelz! Man hat nur verdrießlichen Ekel. Von einem ordentlichen Feldherrn kann man ſogar geſchlagen werden und doch noch Ruhm dabei gewinnen. Die Soldaten ſelbſt wiſſen das! Sie ſind drei mal brauchbarer, wenn ſie den feindlichen General zu reſpectiren haben! Was meint ihr dazu, ihr Herren! Altes Haus Carpezo, Schlemmersdorf!“ „Ich habe es immer ſo gefunden! Sempre! Ihr habt Recht!“ ſagte der Graubart Carpezo, der die deutſchen Worte mit italieniſchem Accent ſprach. Rellſtab, Drei Jahre. 2. Aufl. I. 2. 6 Schlemmersdorf nickte beifällig. „Ja, ja, Ihr habt wol Recht, General“, gab van der Meer zu.„Und Boucquoi hat ſeine Schule gemacht! Nach der Affaire von—— wie hieß es doch— der Teufel behalte die welſchen Namen...“ Eine eintretende Ordonnanz unterbrach den Oberſten, ſodaß er Zeit gewann, ſich auf den Namen, wobei ihm Niemand einhelfen konnte, zu beſinnen. „Noch etwas zu unterſchreiben?“ rief Mansfeld dem Küraſſierwachtmeiſter entgegen, der mit einem Packet Pa⸗ pieren auf die Tafel zuſchritt.„Nur her damit! Es wird ſich wol hier abmachen laſſen. Vergebt, ihr Herren! Trinkt und plaudert ruhig weiter! Das Geſpräch ſtört mich nicht im Arbeiten!“ Er legte die Papiere zu ſeiner Linken hin, ſodaß er xaver's Teller ſogar ein wenig zurückſchob, und nahm ſie dann einzeln zur Rechten ſeines Tellers, um ſie, nachdem er ſie durchgeſehen, zu unterſchreiben. Es waren Briefe, Berichte, Rechnungen mancherlei Art. Der Wachtmeiſter hatte dem General eine Feder gereicht und hielt ihm das Tintenfaß. Unwillkürlich ſprachen dennoch die Andern we⸗ niger und leiſer, tranken aber deſto tapferer und die Diener ſchenkten fleißig ein. „Habt Ihr Euch auch ſchon hier in Bamberg ein wenig umgethan, Herr Hauptmann?“ fragte Hayd zu kaver gewandt, um die halbe Geſprächspauſe ein wenig zu füllen. „Faſt noch gar nicht“, erwiderte dieſer; ich„kam Nach⸗ mittags an und ritt ſogleich wieder hinaus dem Herrn Ge⸗ neral entgegen.“ „So ſolltet Ihr's morgen thun!“ antwortete Hayd freundlich.„Die Stadt hat viel Merkwürdiges.“ „Sie iſt ſtattlich, alterthümlich gebaut, beſonders pracht⸗ voll iſt der Dom!“ „Und auch im Innern ſehr ſehenswerth. Ein herrliches Schiff und wunderbare Unterwölbungen, Krypten heißt man ſie, Grüfte, Gruftgewölbe. Zwei Kaiſer, Heinrich II. und Konrad III., ſind hier beſtattet, ein Papſt, Clemens V., und gegen funfzig Fürſtbiſchöfe! Auch den Michaelsberg mit ſeiner alten Kirche, vom Biſchof Otto, dem Apoſtel Pommerns, erbaut, müßt Ihr Euch anſchauen!“ „Wenn ich nicht gar eilig wieder aufbrechen müßte!“ antwortete Xaver. „Zwei Stunden mögt Ihr wol an Bamberg wenden“, erwiderte Hayd.„Und vom Michaelsberg überſchaut Ihr auch die ganze herrliche Stadt und die Landſchaft ringsum.“ Mansfeld machte eine Bewegung, als ob ihn das Ge⸗ ſpräch doch ſtöre. Hayd ſchwieg. kaver warf halb zufällig einen Blick auf die Actenſtücke, die vor dem General lagen. Ein Blatt mit der in großen Fracturbuchſtaben verſehenen Ueberſchrift:„Dienſtrapport“, das Mansfeld gleichgültig zur Seite geſchoben hatte, ent⸗ hielt eine fortlaufende Reihe von kurzen Sätzen mit Num⸗ mern verſehen. Es waren lauter Dienſtvergehen, die ge⸗ meldet wurden. Xaver las z. B.:„Der Grenadierunter⸗ offizier Albrecht Hafner hat Streit mit dem Wachtmeiſter Hohnau gehabt. Sie haben aufeinander gezogen. Beide ſofort zum Arreſt gebracht.“—„ Dragoner Rieffenſtahl iſt abermals über Nacht nicht im Quartier geweſen. Zum Arreſt gebracht.“—„ Küraſſier Langenfeld hat ſein Pferd mit der Säbelſcheide grauſam geſchlagen, daß es lahm geht. Vom Profos abgeführt.“ So folgten noch mehrere ähnliche nicht unerhebliche Ver⸗ gehen. Mansfeld nahm jetzt dies Blatt in die Hand; es 6* 124 war das letzte der Papiere. Als er es zu leſen begann, furchte er die Stirn; die Runzeln wurden immer tiefer, je weiter er las.„Keine Ordnung, kein Gehorſam mehr“, murmelte er vor ſich hin. Anfangs ſchrieb er zu den ein⸗ zelnen Sätzen etliche Worte, von denen Xaver, den eine eigenthümliche innere Unruhe und Spannung drängte, die Entſcheidungen des Feldherrn zu erfahren, nur Einzelnes leſen konnte. Als: Krummſchließen— Auspeitſchen— u. ſ. w. Doch plötzlich flammte eine Zornröthe über die Stirn des Generals! Er warf nochmals einen Blick auf die ganze Summe der Vergehen, überlief ſie flüchtig bis unten und murmelte:„Das Vagabundengeſindel muß anders regiert werden; man muß einmal wieder aufräumen, ſonſt geht alle Disciplin zum Teufel!“ Seine Züge hatten ſchon wieder den Ausdruck der voll⸗ ſten Kaltblütigkeit angenommen. Er machte einen langen Strich faſt die ganze Seite herunter und ſchrieb dann mit ruhiger Hand in ſo großer Schrift, daß Xaver ſich nicht täuſchen konnte, daneben die Worte:„Alle neun auf⸗ hängen“, und dann ſeinen Namenszug darunter. kaver erblaßte. Es rieſelte ihm kalt durch Mark und Bein. Der General, ohne eine Miene zu verziehen, nahm das Packet Papiere, reichte es der Ordonnanz zurück, ſagte nur die Worte:„Sofort zu vollziehen“, und wandte ſich dann wieder zu ſeiner Geſellſchaft.„Nun, ihr Herren! Jetzt bin ich wieder der Eurige! Da kommt ja eben auch mein Hirſch, kunſtgerecht tranchirt! Er ſoll uns, denke ich, trefflich ſchmecken. Aber dazu müſſen wir ein Glas Ungar trinken. Tokayer, Pietro!“ Und die Mahlzeit wurde fröhlich fortgeſetzt. Die Anſichten in Prag über Das, was die Böhmen dem Kaiſer gegenüber thun ſollten, waren ſehr geſpalten. Viele hielten es für gerathen, ihren Frieden mit ihm zu machen und die Beſtätigung des Majeſtätsbriefes und das in dem Manifeſt feierlich erneuerte Verſprechen der Ab⸗ ſtellung anderer Unbilden, über welche die allgemeine Be⸗ ſchwerde laut geworden war, auf Treu und Glauben an⸗ zunehmen. Viele eiferten auch dagegen. Man ſtehe dann nicht anders wie vor dem Beginn des Zwieſpalts. Es werde ſich bald genug zeigen, daß ein Verſprechen nur ein Wort, keine That ſei. Dies waren die hin und wieder ſchwebenden Meinungen im Volke, und in gleicher Weiſe theilten ſich die Meinungen unter den Führern. Thurn und Dworſchetzki von Olbramowitz wa⸗ ren die Eifrigſten für den Krieg. Sie ſuchten die ernannten Directoren einzeln in ihren Wohnungen auf und ſprachen mit feuriger Zunge für ihre Meinung. Aehnlich hielten ſie es mit vielen andern Männern von Bedeutung. Alle Mittel, die ihnen zu Gebote ſtanden, ſetzten ſie in Bewegung, um ihrer Meinung den Sieg zu verſchaffen. Wenige Tage, nachdem Thurn und Olbramowitz aus dem Lager von Budweis in Prag eingetroffen waren, ſollte eine Verſammlung der Directoren und Stände ge⸗ halten werden, um zu beſchließen, was man auf des Kai⸗ ſers letzte Eröffnungen, wodurch Frieden geboten wurde, wenn die Böhmen die Waffen niederlegen woll⸗ ten, erwidern müſſe. Es kam Thurn Alles darauf an, —— n 126 dieſen Beſchluß ſo zu wenden, daß er für den Krieg, wenigſtens für die fortdauernde bewaffnete Haltung der Böhmen ausfiele. Er lud daher am Tage zuvor Alle, auf die er zählen konnte, ſowie alle Die, von welchen er noch irgend hoffte, ſie für ſeine Meinung zu gewinnen, zu einer Zuſammenkunft in ſeinem Hauſe ein. In demſelben Saale, wo er und ſeine Freunde die Berathungen gepflogen hatten am Abend vor dem 23. Mai, welcher die Brandfackel in das Land warf, kamen ſie auch diesmal wieder zuſammen. Doch viel zahlreicher. Außer einer großen Zahl der Di⸗ rectoren waren noch viele Mitglieder aller drei Stände zu⸗ gegen, um an dieſer wichtigen Berathung theilzunehmen. Unter den Anweſenden ſah man die angeſehenſten Männer Böhmens; viele auch von Mähren, Schleſien und der Oberlauſitz. Joachim Graf Andreas von Schlick, Die⸗ pold von Lobkowitz, der Generalwachtmeiſter von Bubna, Colon von Fels, Berka von der Daub, Wilhelm von Rupa, Wenzel von Budowa, Bertold Bohemund von der Leipa aus Mähren, Hans Litwin von Rcziezan, die Freiherren Chri⸗ ſtoph Vitzthum und Friedrich von Bila, Bohuslaus von Mi⸗ chalowitz, den Grafen Ulrich Schafgotſch, der aus Schleſien herübergekommen war, Heinrich Otto von Loß, den Unter⸗ burggrafen von Karlsſtein, Hans Weſtrowitz von Kralowitz, Wenzel Stampach von Stampach; die gelehrten Mitglieder des utraquiſtiſchen Conſiſtoriums: Georgius Dicaſtus Mirz⸗ covinus und Johannes Cyrillus von Trebitſch; ferner den gelehrten Doctor Ambroſius Hadermer aus der Oberlauſitz, wo ſich auch ſchon faſt das ganze Volk für die böhmiſche Sache erklärt hatte; dann von den prager Bürgern zuvör⸗ derſt Martin Frühwein, den Schriftführer der Directoren, ferner den Doctor Daniel Baſilius, Wenzel Magerle, Jo⸗ hann Steffeck, Valentin Kochan, Melchior Haldius, Peter — —--y— Macer, viele davon mit zu Directoren erwählt. Die Haupt⸗ wortführer für Thurn's Meinung waren nächſt Procopius Dworſchetzki von Olbramowitz, Wenzel von Budowa. Auch der greiſe Caplicz von Sulewicz fehlte nicht, um durch ſein perſönliches Anſehen das der Verſammlung zu erhöhen. Graf Chriſtoph Harrant, von Thurn benachrichtigt, hatte dieſen ausdrücklich zu ſeinem Stellvertreter in der Verſamm⸗ lung ernannt. Es erſchienen noch Wenzel Pietipeski, Doctor Mathäus Borbonius vom Carolinum, Lucas Carabon, Wolfgang Hoßlauer, Michael Daubrecht, Paul Petſchka und viele Andere. Die Verſammlung war über ſechzig ſtark, und doch lange nicht Alle zugegen, die hervorragend durch Geſinnung und geachtete Stellung, von Herren, Rit⸗ tern und Bürgern, der gemeinſamen Sache eifrig anhingen. Allerdings nicht Alle übereinſtimmend in der Meinung wie ſie am beſten zu fördern ſei. Thurn und Olbramowitz empfingen die Eintretenden und begrüßten ſie Alle mit herzlichem Handſchlag und An⸗ rede. Als der Saal gefüllt war und Niemand mehr er⸗ wartet werden konnte, forderte Thurn die Anweſenden auf, ihre Plätze einzunehmen, und erbat ſich das Wort. Es war ſtets ſein Hang und nicht ſelten ſeine Geſchicklichkeit, durch die Rede die Meinungen zu gewinnen. Sein un⸗ ruhiger, raſch entflammter Sinn drängte danach, ſeinen Gefühlen durch das Wort feſte Geſtaltung zu geben, und der Strom der Worte ſchwellte wiederum die Wogen ſei⸗ nes Gefühls höher und riß ihn oft weiter fort, als er anfänglich gewollt hatte. „Theure Herren und Freunde“, begann er,„ich bin ſtolz darauf, unſere heilige Sache durch eine ſolche Zahl der ehrenwertheſten, erleuchtetſten, muthigſten Männer Böh⸗ mens vertreten zu ſehen. Allein es iſt auch nothwendig, 128 daß die Kräfte aller Redlichen und Muthigen ſich dafür vereinigen, denn niemals iſt ſie in ſolcher Gefahr ge⸗ weſen als jetzt!“ Die Verſammelten geriethen durch dieſen Eingang, wie Thurn richtig bedacht hatte, in große Unruhe und Span⸗ nung. Er nutzte die Stimmung des Augenblicks und fuhr in eifriger Rede fort: „Nicht die Gefahr der Waffen meine ich, nicht den offenen Kampf, nicht die Schlacht, Mann gegen Mann; denn dieſe brauchen wir nicht zu ſcheuen, und der Böhme ſcheut ſie nie!“ Ein Ausruf freudig ſtolzer Zuſtimmung unterbrach ihn bei den mit aller Kraft der Stimme hervorgehobenen letz⸗ ten Worten. „Aber“, fuhr er, als der laute Ausbruch vorüber⸗ gerauſcht war, fort,„ich ſcheue die Gefahr des Truges, die der ſüßen, verſöhnlichen Worte, die unſern Eifer ein⸗ wiegen möchten! Man bietet uns Frieden, aber zugleich rüſtet man mächtige Heere gegen uns aus! Weshalb? wenn es Ernſt iſt mit dem Frieden? Wir werden aufgefordert, die Waffen aus der Hand zu legen— und in gleichem Augenblick trachtet man danach, wie ich ſicher weiß, nach allen Seiten hin Bündniſſe zu ſchließen, um die Gewalt, die gegen uns angewendet werden ſoll, zu verſtärken! Wer kann in ſolchem Augenblick uns anrathen, die Waffen aus der Hand zu legen? Wer kann, ich ſcheue nicht das Wort“, rief er, ſich ſelbſt erhitzend, mit erhobenem Tone,„wer kann ein ſolcher Verräther am Vaterlande ſein, um ihm das anzuſinnen!“ „Haltet ein“, fiel eine würdige männliche Stimme unter⸗ brechend ein.„Der iſt noch kein Verräther, der zum Frie⸗ den räth!“ Es war der alte Diepold von Lobkowitz, 129 Großprior des Malteſerordens und früherer Statthalter, der dieſe Worte ſprach. Sie fanden ſichtlichen Anklang in der Verſammlung.„Ich habe die Meinung, daß wir nicht weiter mit der Gewalt der Waffen gehen ſollen! Und ich bin kein Verräther, weder am Vaterlande noch aber auch am Kaiſer! Nur der Friede kann uns vor un⸗ ermeßlichem Unheil bewahren!“ Es entſtand nach dieſen entſchloſſenen Worten eine augen⸗ blickliche Stille der Ueberraſchung. Und ein leiſes, meiſt bei⸗ ſtimmendes Gemurmel lief durch die Verſammlung. Thurn beſorgte, daß die Stimmung, die er für ſich zu entflammen hoffte, ſtark erſchüttert ſei. Doch verlor er Muth und Faſſung nicht, ſie wieder herzuſtellen. „Ich werde“, begann er von neuem,„den würdigen Großprior keinen Verräther nennen, obwol er in Glauben und Geſinnung unſer Gegner iſt. Mein Eifer für unſere Sache hat vielleicht ein zu ſchweres Wort geſprochen. Ich will glauben, daß auch ſolche Männer, die es wohl mit un⸗ ſerer Sache meinen, noch jetzt den Frieden für heilſam er⸗ achten, aber ich muß ſie für arg Verblendete halten! Wenn wir das Wort des Friedens annehmen, wenn wir unſer Heer entlaſſen— wo ſtehen wir dann? Auf ſchlim⸗ merer Stelle wie im Beginn dieſes Kampfes! Denn wenn uns ſchon damals die Verſprechungen, niedergeſchriebene, feierlich beſiegelte Verſprechungen nicht gehalten wurden, wo iſt jetzt die Bürgſchaft dafür? Jetzt, wo ſich noch Erbit⸗ terung und Rachſucht zu dem üblen Willen geſellen, der uns von jeher um unſere Rechte betrogen hat?“ „So denke auch ich“, rief Olbramowitz. „Gewährt man uns“, fuhr Thurn fort,„als Unter⸗ pfand, denn nur die Beſtrafung, ja, nur die Entfer⸗ nung Derjenigen, die uns ſo bedrückt, ſo gemishandelt 6** 130 haben, daß endlich unſer gerechter Zorn, unſere Verzweif⸗ lung uns zur Gewaltthat trieb? Wollt ihr auf Gerechtig⸗ keit, Billigkeit noch Wohlwollen hoffen, wenn ein Slawata, Martiniz wieder an der Spitze der Regierung ſtehen? Wenn die fanatiſchen, herrſchſüchtigen Prälaten, die wir verbannt haben, zurückkehren?“ „Nimmermehr!“ rief Olbramowitz. „Nein, das iſt unmöglich“, pflichtete Wenzel von Bu⸗ dowa bei.„Sie haben ihr Amt ſo verwaltet, daß ſie jedes öffentlichen Amtes unwerth ſind für immer: das habe ich ihnen zur Zeit ihrer Macht frei ins Antlitz ge⸗ ſagt und wiederhole es heut!“ Das Anſehen, welches der Redner als erſter Präſident des prager Appellationsgerichts genoß, gab ſeinen Worten tiefen Nachdruck. „Hört auch mich an, Freunde“, nahm Olbramowitz das Wort.„Die Söhne Böhmens, die nur zum Schutz des Landes das Schwert ergriffen, ſollen es von ſich werfen! Und der Kaiſer führt zwei Heere fremder Söldner in un⸗ ſere Grenzen! Unſere erwählten Führer, die dem Lande angehören, ſollen den Feldherrnſtab niederlegen! Und der Kaiſer ruft an die Spitze ſeiner Truppen zwei Fremde! Der Franzoſe Dampierre, deſſen Habſucht die grauſam⸗ ſten Bedrückungen des Landvolks durch ſeine Söldner ver⸗ übte, und jetzt noch der durch verheerende Kriege furchtbar gewordene Niederländer Boucquoi, ein Schüler Spinola's, ſie ſollen die Heere gegen uns führen! Haben wir nicht erfahren, wie fremde Heerführer und fremde Söldner hauſen in einem Lande, deſſen Heil oder Unheil ihnen gleichgültig iſt? Beſſer wäre es, der Türke bräche in unſere Grenzen, denn ärger könnte er es nicht treiben, als es das kaiſerliche Volk von Paſſau gethan! Und dieſe 6 5 —-—-yÿÿ— —yj 131 Gräuel ſollen ſich erneuen! Dieſen Söldnern ſollen wir das Land und uns ſelbſt preisgeben! Das iſt der Friede, den ſie uns bieten!“ Diepold von Lobkowitz erhob aufs neue ſeine Stimme: „Der Kaiſer verlangt nicht, daß wir die Waffen ſtrecken, während er mit Heeresmacht anrückt! Er verlangt nur, daß wir, die wir uns zuerſt bewaffnet haben, das Schwert auch zuerſt aus der Hand legen, dann wird auch er ſeine Heere auflöſen und im Geleit des Friedens zu uns kommen!“ „Wollt Ihr das verbürgen?“ rief Thurn.„Ich frage Euch, würdiger Herr Großprior, Diepold von Lobkowitz, wollt Ihr das mit der Ehre Eures berühmten Na⸗ mens verbürgen?“ Es entſtand eine Pauſe. Alles lauſchte, feierlich ge⸗ ſpannt. „Ich will mein Haupt dafür zum Pfande ſetzen“, antwortete nach einigen Augenblicken der Greis mit Würde. „Euer Haupt, nicht Eures Namens Ehre!“ betonte Thurn ſcharf. Es lief ein Murmeln durch die Ver⸗ ſammlung. „Gut denn! Auch Euer Haupt will ich als Bürg⸗ ſchaft annehmen! Ja, ich würde mein eignes darbieten...., für den Kaiſer, für den Kaiſer Mathias, unſern Kö⸗ nig. Aber Böhmens König Mathias iſt ſchwach, alt, und krank! Erzherzog Ferdinand iſt ſein Nachfolger auf Böhmens Thron,— ich ſchweige jetzt über die Art, wie er gewählt worden— aber ich frage Euch, wollt Ihr auch für König Ferdinand die Bürgſchaft übernehmen? Daß keines unſerer Rechte gekränkt wird? Daß wir frei und unbehindert unſern Glauben ausüben dürfen? Wollt Ihr uns das verbürgen? Ich frage Euch feierlich vor dieſer 132 ganzen Verſammlung, Diepold von Lobkowitz, wollt Ihr Leben und Ehre auch dafür einſetzen?“ Es herrſchte die tiefſte, erwartungsvollſte Stille. Jeder Blick hing geſpannt an dem alten Lobkowitz, jedes Ohr lauſchte auf ſeine Antwort. Er ſ chwieg! „Nun denn!“ rief Thurn.„Welch einen Grund könnt ihr jetzt noch aufbringen für friedliche Ausgleichung ohne Bürgſchaft! Das Manifeſt des Kaiſers gibt uns keine! Es iſt abgefaßt, ich weiß es, ich betheure es euch, durch den Erzherzog Ferdinand, denn ich nenne ihn nicht König von Böhmen, und durch Die, welche ihn beherrſchen. Pater Lamormain, der Jeſuit, hat es dictirt! Und dieſer noch ungern! Sie wollten den Krieg, weil der Kaiſer den Frieden aufrichtig bieten wollte! Erſt als er ſich fügte und nur Verſprechungen gab, die ſie in Zukunft zu halten oder zu brechen haben; da erſt willigten ſie in den Frieden! Und ein ſ olcher Frieden, den unſere ärgſten Feinde wünſchen, ſollte uns zum Heil ſein? Nein, Freunde, Böhmen, Söhne dieſes Landes, Mitglieder ſeiner edlen Ritterſchaft, Bürger ſeiner Hauptſtadt, ich beſchwöre euch, dieſen Frieden verwerft!“ „Verwerft den Antrag! keinen Scheinfrieden!“ ſchallte der tobende Ruf der Verſammlung. Einige Stimmen riefen ſogar das furchtbare Wort„Krieg!“ Es ſchienen ſich freilich einige Stimmen dagegen er⸗ heben zu wollen, doch war es in dieſem Augenblick nicht möglich, ſie geltend zu machen. Thurn hatte ſeinen Zweck erreicht; nicht die Ruhe, die erhitzte Leidenſchaft beſchloß. „Sollten wir alſo mit dieſem Manifeſt das Volk täu⸗ fchen?“ fuhr er mit erhobener Stimme fort.„Es irre ſühren? Die Tauſende von Herzen, die glühend für uns ſchlagen, unſchlüſſig machen, die kraftvollen Arme, die ſich 133 für uns waffneten, lähmen? Nein! Dieſes Lügenwort der Argliſt, das unſere Feinde geſchmiedet, darf nicht zum böhmiſchen Volk dringen.*) Erfüllen wollen wir ſein Ohr mit der Stimme der Wahrheit. Mit feuriger Zunge wollen wir ſie ausrufen, mit feuriger Feder niederſchreiben. In tauſendfacher Vervielfältigung durchfliege ſie Stadt und Land! Erzählen müſſen wir dem Volk der Böhmen, wie es Denen ergeht, die in der Gewalt der Papiſten ſind! Berichten von den flammenden Scheiterhaufen der Inqui⸗ ſition in Spanien, von den Blutgerüſten in den Nieder⸗ landen, von der Bluthochzeit zu Paris!**) In dieſen Schreckensbildern ſpiegelt ſich das Schickſal ab, das auch die Proteſtanten Böhmens erwartet, wenn ſie der Argliſt vertrauen!“ 3 „Nimmermehr“, unterbrach der Greis Lobkowitz, von edlem Unwillen erglühend, den fanatiſchen Eifer, zu dem ſich Thurn aufgeſtachelt hatte,„ nimmermehr dürfen wir des Kaiſers geheiligte Botſchaft unterdrücken! Soll das Wort, das er an ſein Volk richtet, nicht zu deſſen Ohr gelangen? Nie würde mein Gewiſſen es dulden, daß ich ſolchem Beſchluß beiträte!“ Unruhe im entgegengeſetzten Sinn hatte die Verhand⸗ lung ergriffen; viele Stimmen miſchten ſich in verworrenem Streit, in leidenſchaftlicher Aufregung. Schon wurde es ſchwer in dem wachſenden Lärmen das einzelne Wort gel⸗ tend zu machen. Da ſtand der greiſe Caplicz von Sulewicz auf. Er trat, von ſeinen Nachbarn unterſtützt, auf den Seſſel, daß er Alle überragte, und erhob die Hand *) Der Druck wurde verhindert. *n) Zahlreiche Schriften dieſes Inhalts wurden gedruckt und im Volke verbreitet. 134 zum Zeichen, daß er zu reden begehre. Sobald man ſein ehrwürdiges Haupt und ſeine Abſicht wahrnahm, wurde es ſtill. „Gönnt auch mir ein Wort und hört es ruhig an“, begann er ſanft;„denn die ſchwache Stimme meines Alters vermag brauſendes Getöſe nicht zu durchdringen!“ „Ruhe, Ruhe“, riefen Viele, und alsbald trat die feier⸗ lichſte Stille ein.„Ihr wißt, unſere Sache iſt das Hei⸗ ligthum meiner Bruſt, der Glaube, der mich über achtzig Jahre lang erhoben, getröſtet, ermuthigt hat. Er wird mich begleiten bis zum letzten meiner Tage, der vielleicht ſchon morgen anbricht, vielleicht mich ſchon heut umſchwebt. So nahe ſtehe ich an der Grenze des Lebens! Ich habe keine äußerliche Schickung mehr zu fürchten. Darum darf ich euch von Gefahren ſprechen, die mich nicht mehr be⸗ drohen. Der tapfere Thurn hat euch von der Gefahr des Friedens geſprochen, das geziemt dem Krieger. Ich, der Greis, der Mann des Friedens, ſpreche euch von den Gefahren des Krieges, die für mich keine ſind! Be⸗ ſchwört ſie nicht herauf über unſer Vaterland, wendet ſie ab, wenn ſie irgend abwendbar ſind! Ich glaube nicht, ich kann es nicht glauben, ich will es nicht, daß uns das feierliche Wort des Kaiſers täuſchen ſollte! Er hat geſehen, wozu der Drang der Noth uns trieb; er wird nicht aber⸗ mals in uns die Gewalt der Verzweiflung wecken! Darum vertraut ſeinem Wort; ich vertraue ihm von ganzer Seele.“ Die Verſammlung lauſchte in geſpannter Stille. Thurn warf unruhige Blicke umher. „Ich ſcheue die Gewalt, den Krieg!“ fuhr der Greis fort.„Nicht nur des Grauens der Verheerungen gedenke ich, die er mit ſich führt, ich gedenke auch ſeines zweifel⸗ haften Ausgangs. Wenn wir die angebotene Verſöhnung 135 von uns weiſen, was harrt unſerer? Ich fürchte, unvermeid⸗ lich der Krieg! und welch ein ſchwerer Krieg! Nicht allein die ganze Macht Oeſterreichs wird gegen uns anrücken, auch die des ganzen katholiſchen Deutſchland. Und wenn wir im Kampfe unterliegen?“ „Das werden wir nicht“, rief eine Stimme. „Unterbrecht ihn nicht! Hört ihn ruhig an!“ rie⸗ fen Viele dagegen. Während dieſer kurzen Störung erregte zugleich ein anderer Vorgang die Aufmerkſamkeit der Anweſenden. Ein Diener Thurn's trat in den Saal und ſprach einige Worte leiſe zu dem Grafen.„Iſt's möglich!“ rief dieſer und Freude ſtrahlte aus ſeinem Geſicht.„Das kommt zu rech⸗ ter Zeit!“ Er verließ ſeinen Platz und eilte hinaus; die Blicke Vieler folgten ihm mit neugieriger Verwunderung. „Wißt ihr“, fuhr Caplicz fort,„wie der Allmächtige das Geſchick der Schlachten lenkt? Seid nicht vermeſſen! Wir ſind ſtark, zahlreich, haben treue Nachbarn. Aber, vergeßt es nicht, in Böhmen ſelbſt ſind Viele, die anders denken! Die Treue geht mit dem Glück! Verläßt uns das— nur einmal— dann möchte Mancher von uns ab⸗ fallen! Der Kaiſer bereitet Bündniſſe mit mächtigen Für⸗ ſten und Völkern wider uns! Uns ſtehen nur die benach⸗ barten Provinzen zur Seite, die mit uns in gleicher Be⸗ drängniß ſind!“ Bei dieſen Worten trat Thurn wieder ein und hielt ein offenes Schreiben in der Hand. Xaver folgte ihm. „Nein, Caplicz“, rief er ſchon in der Thür, und aller Blicke wendeten ſich zu ihm.„Auch wir haben Bundes⸗ genoſſen, ſtarke Bundesgenoſſen! Wir brauchen ſie nur aufzufordern! Ich verbürge mich mit meinem Wort dafür! — —— 136 Der tapferſte, der berühmteſte Feldherr, mit einem krieg⸗ gewohnten Heer iſt unſer! Graf Mansfeld iſt unſer Bundesgenoſſel!“ 2 Wie ein Blitzſtrahl fuhr dieſes Wort in die Herzen der Verſammelten. Olbramowitz, der von der Unterhandlung wußte, ſprang auf den Seſſel und rief aus:„Jetzt trotzen wir einer Welt in Waffen! Laßt ſie die Gewalt ver⸗ ſuchen! Ich fordere Euch nochmals auf: Verwerft den argliſtigen Antrag!“ *„Verwerft ihn!“ rief die Ueberzahl der Stimmen mit lautem Getöſe. Vergeblich verſuchte der Greis Caplicz noch einmal die Stimme zu dem Ruf„Frieden“ zu erheben. Die Erhitzten vernahmen nichts mehr als die Stimme ihrer Leidenſchaft. Die Ordnung war aufgelöſt, Alle aufgeſprungen, Einige zogen ſogar die Schwerter an der friedlichen Stätte, nicht zum Kampfe freilich, aber um ihren Kriegsmuth ſtärker auszudrücken und zu entzünden, als wollten ſie gleich von hier auf das Schlachtfeld hinausſtürmen! Thurn und Olbramowitz frohlockten über ihren Sieg. Denn nun hofften ſie ihn auch mit Zuverſicht in dem öf⸗ fentlichen Beſchluß.—— —— Sie ſahen den Anfang— hätten ſie das Ende zu ſchauen vermocht! Siebentes Buch. ———— Dreiunddreißigſtes Capitel. Der Ueberfall, den die Frauen zu Schloß Sperlingsſtein erfahren, hatte den Grafen Thurn tief erbittert. Alle Ver⸗ muthungen waren dafür, daß er auf die Veranſtaltung mächtiger Anhänger der Gegenpartei durch erkaufte Söldner ausgeführt war. Der Zweck lag zu Tage. Hatte man Thurn's Gattin und Tochter in der Gewalt, ſo dachte man ihn ſelbſt dadurch in der Gewalt zu haben und hoffte ihm Bedingungen vorzuſchreiben, ihn vielleicht zu beſtimmen, die Sache, der er ſeine Kraft gewidmet hatte, zu verlaſſen. Und damit wäre ſie für den Augenblick wenigſtens gefallen, denn in ſeinem Haupt ſahen ihre Feinde das der Hydra. Dieſer argliſtige Angriff auf das Vaterland, durch einen auf ſeine eigenen, heiligſten perſönlichen Verhältniſſe, hatte ihn ſo in Leidenſchaft gebracht, wie noch kein anderer Vorgang dieſer ereignißreichen Tage. Er wollte Alles daran ſetzen, die Beweiſe für das bübiſche Verfahren zu gewinnen; theils um das Recht zur ſchweren Vergeltung zu haben, theils weil eine ſolche Verſchuldung der Partei, mit der er den Kampf begonnen, einen tödtlichen Stoß verſetzen mußte. Er beauftragte daher Wolodna, mit dem er in Prag zuſammentraf, mit einer zuverläſſigen Mannſchaft nach dem — 140 Schauplatz des Angriffs zurückzukehren und das Elbthal hinauf, bis zur Grenze, ſo genaue Nachforſchungen als möglich anzuſtellen. Der beſonnene, muthige Kriegsmann brach daher un⸗ verzüglich mit einer Begleitung von zwanzig ausgewählten Leuten wieder nach der Gegend auf, wo ſie das Abenteuer beſtanden hatten. Er beſetzte zuerſt das Haus ſelbſt, wo er die Frauen aus den Händen der Räuber befreit hatte.— Es lag ganz einſam, hart am Elbufer; auch faſt eine Vier⸗ telſtunde ſtromauf und ſtromab war kein Nachbargehöft zu treffen. Und ſelbſt am jenſeitigen Ufer der Elbe ſah man nur Felsgebirge und Wald; auf eine weite Strecke keine Menſchenwohnung. Das Gehöft ſtand verlaſſen. Der Be⸗ wohner, ein alter Schiffer, nur mit einer ebenfalls betagten Frau und ohne Kinder, war ſeit jener Nacht nicht wieder geſehen worden. Wolodna konnte nicht ermitteln, ob er aus Furcht auf eigenen Beſchluß geflüchtet war, oder ob ihn die bewaffnete Schaar gewaltſam mitgeführt hatte, da⸗ mit Niemand ſie verrathen könne. Was ſich noch an Spuren des Ereigniſſes vorfand, war unerheblich; einige weggeworfene Waffenſtücke, Geräthe und Werkzeuge, die zur Fütterung und zum Putzen der Pferde dienten; einige Kleidungsſtücke. Eine Vermuthung ließ ſich aus alle Dem nicht entnehmen.— Wolodna entſann ſich mit Beſtimmt⸗ heit, daß die ſämmtlichen Leute, die den Ueberfall ausge⸗ führt hatten, die Elbe abwärts oder über den Strom ge⸗ flüchtet waren; kein Einziger ſtromaufwärts. Alſo nur nach der Grenze zu hatten ſie ſich zerſtreut. Dorthin und auf dem jenſeitigen Ufer mußte er ſeine Forſchungen fort⸗ ſetzen. In den nächſten Häuſern, meiſt von Elbſchiffern bewohnt, wußten die Leute noch von einem nächtlichen Lär⸗ * men, den raſch dahinſprengende Reiter verurſacht haben 141 mußten. Doch aus Furcht vor denſelben hatten ſie ſich ſtill in ihren wohlbewahrten Häuſern gehalten und konnten alſo nähere Auskunft nicht geben. Weiter ſtromaufwärts wußten die Bewohner nicht mehr von einem ſolchen nächtlichen Vorfall. Daraus ſchloß Wolodna, daß die Räuber, bevor ſie dieſe Wohnſtätten erreicht hatten, dieſes Ufer der Elbe verlaſſen haben würden, entweder zur rechten Seite, um dort hinaus nach Sachſen oder der Lauſitz zu dringen, oder indem ſie über den Strom gegangen waren, um auf dem linken Ufer ihre Flucht fortzuſetzen. Daß ihr eigent⸗ liches Ziel jenſeit des Stromes lag, war ihm ja aus den einzelnen Aeußerungen der Söldlinge ſchon von jener Nacht her bekannt. Er unterſuchte indeß doch die nächſten Seiten⸗ thäler, wo man zu Pferd fortkommen konnte; allerdings ſchien es, als ob Einzelne dieſen Weg eingeſchlagen hät⸗ ten. Doch konnten ſie nur als Verſprengte betrachtet wer⸗ den. Gegen Mittag wollte er daher den Verſuch machen, über den Strom zu gehen. Er ermittelte eine Stelle, wo⸗ ſelbſt bei dem eben ſtattfindenden niedern Waſſerſtande, ein Uebergang ohne Nachen oder Führer möglich war, wenn auch die Pferde eine kurze Strecke in der tiefſten Linie der Strömung ſchwimmen mußten. Einige Fiſcher erboten ſich Führern, indem ſie mit dem Nachen voranruderten. Das zu u uternehmen glückte; ohne einen Unfall erreichte der kleine Trupp das jenſeitige Ufer.— Dort ergaben ſich wenig⸗ ſtens einige Spuren. In den nächſten Uferhäuſern wußten die Leute von der verworrenen Flucht vieler Bewaffneten zu erzählen. Weiter abwärts fand ſich ein Ziegenhirt, der von ſeiner Weideſtelle damals auch am Tage eine Schaar, etwa ſo ſtark wie die Wolodna's, des Weges hatte reiten ſehen. Er bezeichnete ein Haus, wo ein Trupp Halt ge⸗ macht haben ſollte. Wolodna nahm ſeinen Weg dahin. Das Gehöft lag am Eingang einer ſchmalen Thalſchlucht, die ſich links gegen die höhern Theile des Erzgebirges hin⸗ zuziehen ſchien; der weichere Boden zeigte hier noch jetzt eine Menge von Hufſpuren. Wolodna ließ ſeinen Trupp halten und ritt den Hügel gegen das Haus hinauf, um nach den Bewohnern zu fragen. Sein mehrmaliger lauter Anruf blieb ohne Antwort. Das Haus ſchien ganz unbe⸗ wohnt. Auch in dem ſchlecht umzäunten Hofe war weder Thier noch Menſch zu ſehen. Eine ſteile Doppelſtein⸗ treppe führte zu der hochgelegenen Thür hinan. Wolodna ſchwang ſich ab, ſchlang den Zügel um das plumpe, höl⸗ zerne Treppengeländer und ſtieg hinauf. Zu ſeinem Er⸗ ſtaunen war die Hausflur offen. Er ging hinein. Die Stube nächſt der Hausflur war gleichfalls nicht verſchloſſen, doch Niemand darinnen. Alles ſah ſehr dürftig und ſchmutzig aus. Wolodna unterſuchte weiter und traf endlich in einem Kämmerchen hinter der Küche, wenn die von Rauch geſchwärzte Höhle mit einem großen Herde von un⸗ geheuern Feldſteinen ſo genannt werden durfte, einen alten Mann, der auf einem ſchmutzigen Bett lag und ſchlief. Mühſam ſchüttelte er ihn wach. Der Alte war harthörig. Doch erfuhr Wolodna mittels vieler Fragen, die er ihm that, wenigſtens, daß wirklich hier ein Sammelplatz der Söldner geweſen ſei und daß ein muthmaßlich vornehmer Mann den Ausgang der Unternehmung hier abgewartet habe. Noch vor Tagesanbruch war die Schaar von dort wieder aufgebrochen und hatte den Weg durch die Gebirgs⸗ ſchlucht genommen. Doch irgend Genaueres wußte der Alte, deſſen Harthörigkeit ihn ſchon verhindert haben mußte, etwas Zuſammenhängendes aus den Geſprächen der Reiter zu vernehmen, nicht zu erzählen. Auf Wolodna's Fragen nach den übrigen Hausbewohnern gab er die Auskunft, 143 daß ſein Sohn und ſeine Schwiegertochter im Walde ſeien, um Holz zu fällen. Das Vieh war ausgetrieben auf die nächſten Bergabhänge. Wenig befriedigt durch dieſe Auskunft beſchloß Wolodna den Weg durch die Schlücht einzuſchlagen und den Verſuch zu machen, ob er im Walde das Ehepaar treffen würde. Nach ſeiner Kenntniß des Gebirges mußte man durch die Thalſchlucht bald an den Hauptzug des Erzgebirges ge⸗ langen, deſſen Fuß reich an bewohnten Stätten war, wo ſich Roß und Mann ausruhen und erquicken konnten. Die Hitze fing an zu drücken, trotz der ſchattigen Enge des Thals. Es zeigten ſich bald Spuren, daß vor nicht allzu langer Zeit zahlreiche Reiter hier durchgezogen ſein mußten. Indeß ſtieg der Weg allmälig höher und ſteiler auf⸗ wärts, als Wolodna vermuthet hatte. Vergeblich ſandte er Seitenpatrouillen aus und durohſtreifte ſelbſt zuweilen die zugänglichen Theile des Waldes, um die Eheleute, die er befragen wollte, aufzufinden. Hatten dieſe die Reiter von irgendwo in der Ferne erblickt, ſo war es faſt unzweifel⸗ haft, daß ſie ſich ſo tief als möglich im Walde verbargen, denn von einem Trupp Bewaffneter erwartete man in die⸗ ſen wilden, unruhigen Zeiten ſchwerlich etwas Gutes. Einigermaßen mußte Wolodna ſelbſt Gewalt üben. Seine Pferde bedurften der Fütterung; er ließ daher auf einer Waldwieſe Halt machen, damit die Thiere dort graſen konnten. Er und ſeine Leute mußten ſich mit Dem behelfen, was ſie noch bei ſich führten. Nach wenigen Stunden brach er weiter auf, immer noch durch die theilweis ſichtbar werdenden Spuren der Reiter, die vor ihnen denſelben Weg genommen hatten, geleitet. So gelangte er gegen Abend mit ſeinem müden Trupp endlich auf den Kamm des Erzgebirges ſelbſt, der in ſeiner flachen Ausdehnung und 144 Abſenkung nach Sachſen zu theilweis von Wäldern und moorigen Wieſen bedeckt war. Hier wurde es überaus ſchwierig die Spuren zu verfolgen, denn ſie fingen an ſich zu theilen; doch zogen ſich faſt alle, ſelbſt die einzelner Reiter, nach Sachſen hinüber. So viel ſchien alſo gewiß, daß von dort aus der Ueberfall ausgegangen war. Auf den Wieſen ließ ſich noch, wiewol zweifelhaft, die Richtung verfolgen; doch im Walde, wo die gefallenen Fichtennadeln, Moos und hohes Gras die Hufſpuren kaum aufgenommen hatten, war es völlig unmöglich. Wolodna mußte es auf⸗ geben, auf dieſe Weiſe etwas Näheres zu ermitteln. Indeſſen war es Abend geworden; die Berge warfen die langen blauen Schatten weit nach Böhmen hinein. Das ſchöne Land lag im letzten warmen Glühen der tiefſtehenden Sonne; das vom Abendſchein röthlich blaue Mittelgebirge durchſchnitt es faſt in der ganzen Breite; der große und kleine Mileſchau ragten mit mächtigen Häuptern über die Kammlinie empor. Die furchtbare, von kleineren Thälern durchfurchte Senkung zwiſchen dem Erzgebirge und jenem Bergrücken ſchimmerte im Wechſel des ſchönſten Grüns der Fluren, der goldhellen Getreidefelder und der dunklen Wald⸗ kränze. Aus den Dörfern tönte das Geläut der Abend⸗ glocken herauf.— Eine tiefe Wehmuth ergriff Wolodna, der hier, ſo nahe an ſeiner Heimat, an der Stätte war, wo er ſo viele Jahre in friedlicher Zurückgezogenheit gelebt hatte! Mit unbeſchreiblichem Gefühl warf er einen Rück⸗ blick auf die ſchauerlichen Tage, wo dort unten, wenige Meilen von dem Punkt, auf dem er, abſeit von den Ge⸗ fährten, einſam ritt, der erſte Brand des Kampfes ent⸗ zündet wurde, der jetzt das ganze Land in Waffen rief! Dort lag auch Nechodom's noch friſche Grabſtätte! Wo⸗ lodna konnte die Spitze des Waldgebirges ſehen, welche das 145 Haus des Greiſes deckte! Wenn er auf den nächſten Ge⸗ birgsvorſprung ritt, der ſich in wenigen Minuten errei⸗ chen ließ, mußte er das einſt ſo friedliche, jetzt in öder Todesſtille verlaſſen liegende Haus, neben dem der Mär⸗ tyrer eingeſenkt war, im Abendſtrahl glänzen ſehen! Es zog ihn unwiderſtehlich. Er ſprengte, um die Kuppe zu gewinnen, ſeitab von ſeinen Begleitern, die auf die näch⸗ ſten, oben zerſtreuten Hirtenhäuſer zuritten, wo ſie zu über⸗ nachten beſchloſſen hatten, und wo er ſie leicht wieder treffen konnte. Der Pfad, den er einſchlagen mußte, führte ihn durch eine ſanfte mit dichtem Wald bedeckte Senkung; jenſeit der⸗ ſelben erſt wurde das Gebirge kahl und gewährte den voll⸗ ſtändig freien Ueberblick. Der Weg zog ſich länger hin, als Wolodna geglaubt hatte. Das Gebüſch war dicht verwachſen; Wurzeln und Felsſtücke erſchwerten das Reiten. Die Richtung war ſchwierig inne zu halten. Nach einigen Minuten wußte Wolodna nicht, wie er ſich ſicher zu wenden habe, da ihn der eingeſchlagene Pfad zu weit in die Tiefe führte. Er hielt ſein Pferd an und ſah ſich aufmerkſam um. Da hörte er in einiger Ferne menſchliche Stimmen; er lauſchte. Es war keine Täuſchung. Rauhe, wilde Töne und dazwiſchen ächzende Laute ließen ſich vernehmen. Theils die Hoffnung dort Auskunft über den Weg zu erhalten, theils eine dunkle Vermuthung, daß irgend etwas Wichtiges daſelbſt vorgehe, zogen ihn, die Richtung nach dem Geräuſch einzuſchlagen. Das Geſtrüpp wurde immer dichter; doch endlich durchſchnitt es ein Holzweg, der ihm freie Bahn darbot. Als er auf demſelben um eine abgerundet vorſpringende Kuppe des Berges bog, ſchlugen die Töne, denen er folgte, ihm ganz deutlich und ungleich näher ans Ohr. Es war wildes Ge⸗ Rellſtab, Drei Jahre. 2. Aufl. I. 2. 7 146 ſchrei offenbar untermiſcht mit Angſt⸗ und Hülferuf. Der Weg verſtattete raſcheres Reiten; Wolodna ſprengte im Galopp dahin. Plötzlich wurde die Waldung licht und jen⸗ ſeit der offenen Stelle einer Waldwieſe erblickte er fünf oder ſechs Männer am Stamm einer alten Fichte, die mit einem Manne rangen, den ſie, ſo ſchien es, an den Stamm bin⸗ den oder aufhängen wollten. Ein leichter Rauch ſtieg an demſelben auf und verlor ſich in den Aeſten. Eine bübiſche That vermuthend und nur die Pflicht, Hülfe zu leiſten, nicht die damit verknüpfte Gefahr bedenkend, jagte Wolodna über die Waldwieſe und rief ſchon von weitem:„Holla, Heda! Was gibt's dort?“ Die Leute ſchienen ihn wegen ihres eigenen wilden Ge⸗ ſchreis nicht zu hören und ſahen ihn auch nicht, da ſie ihm den Rücken zuwendeten. Nur der Eine, den die Andern zu bewältigen trachteten, erblickte ihn und ſchrie laut:„Hülfe! Hülfe!“ Jetzt wendeten ſich die Andern um, als Wolodna ſchon dicht heran war. Sie waren mit Knütteln und Aexten bewaffnet. Als ſie des fremden Reiters anſichtig wurden, ſtutzten ſie. Wolodna, der ſie aus ſeiner langjährigen Kenntniß der Gegend und ihrer Bewohner ſogleich als zu jenen wilden Uneingepfarrten gehörend erkannte, die nur zur Sommerzeit hier durch die Berge ſtreiften, von Holz⸗ und Walddiebſtahl, auch von Wegelagerung zu leben pflegten, ſchrie ihnen zu:„Haltet ein! Wollt ihr den Unglücklichen ermorden?“ Dieſer hing, von ihnen losgelaſſen, wie ſich jetzt deut⸗ lich ſehen ließ, mit einem feſtgebundenen Arm an dem un⸗ terſten Zweig der Fichte. Er wand ſich krümmend, zuckte mit dem ganzen Körper und zappelte mit den Füßen unter furchtbarem Geſchrei. Seine Tracht verrieth einen Kriegs⸗ mann, doch hatte er weder Helm noch Waffen. Wolodna 147 konnte den ganzen Vorgang noch nicht faſſen, als ſchon die wilden Kerle ihm entgegenſtürzten mit dem verworrenen Ge⸗ ſchrei:„Schlagt ihn nieder! Hängt ihn auf! Er ſoll auch braten!“ Welche Gefahr ihn bedrohte, erkannte Wolodna erſt jetzt. Es war zu ſpät das Piſtol zu gebrauchen, doch ſein Schwert flog im Nu aus der Scheide und ſchwirrte ringsum. Sein erſter Hieb traf Einen, der die Arxt gegen ihn ſchwang, ſodaß ihm dieſe ſogleich entfiel und er mit blutender Stirn zurücktaumelte. Zum Glück hatten Die, welche ihn zunächſt umdrängten, nur Knüttel, deren Schläge gegen ſeine ge⸗ panzerte Bruſt wirkungslos waren. Es waren ihrer Drei. Der Fünfte, der gleichfalls eine Axt führte, konnte ihm, von den Andern behindert, nicht ſogleich nahe kommen. Wolodna hieb mit beſonnenem Muth um ſich, und es ge⸗ lang ihm, dem Einen den Knüttel kurz über der Hand zu ſpalten und einem Zweiten denſelben aus der Hand zu ſchla⸗ gen. Jetzt aber packten ihn dieſe, um ihn vom Pferde zu reißen. Der Vierte, mit der Axt, war auch herangedrun⸗ gen, verſetzte zuerſt dem Pferde einen Hieb, daß es hoch aufſtieg, und ſchwang dann die tödtliche Waffe über Wo⸗ lodna, der aber, halb durch das Aufbäumen ſeines Thieres, halb durch die beiden Kerle herabgezerrt, häuptlings vom Pferde ſtürzte. Da ſchwang ſich plötzlich ein flammendes Feuerſcheit zwiſchen die Köpfe der Kämpfenden und führte einen Schlag auf ſie, daß Funken und Kohlen rings umher ſtoben. Zugleich packten zwei Arme Den, der die Axt ge⸗ hoben hielt, von hinten und riſſen ihn zu Boden. „Hunde!“ brüllte eine furchtbare Stimme.„Zetzt ſollt ihr daran glauben!“⸗ Wolodna fühlte ſich losgelaſſen; er ſtürzte zwar zu Bo⸗ den, konnte ſich jedoch aufraffen, bevor ſich einer der An⸗ 7* 148 greifer über ihn warf, und drang nun mit ſcharfen Schwert⸗ hieben auf dieſelben ein, während ihnen zugleich der Feuer⸗ brand von neuem ſo um die Köpfe ſauſte, daß ſie, von Schrecken ergriffen, in haſtiger Flucht ins Dickicht ſtürzten. Auch Der, welcher zuletzt die Axt geführt hatte, benutzte den Augenblick ſich aufzuraffen und entfloh. Der Erſte, von Wolodna ſcharf getroffen, war ſchon längſt verſchwunden. „Das war Hülfe in der Noth!“ rief, tief aufathmend, der Kriegsmann, der den Feuerbrand als Schwert geführt hatte, und ſah wilden Blicks umher.„Ich danke Euch, Freund“, wandte er ſich, den Schweiß von der Stirn wi⸗ ſchend, zu Wolodna;„Ihr kamt mir gut zum Succurs! Ueber dem Feuer da wollten mich die Canaillen von Ma⸗ rodeurs langſam braten! Wäret Ihr nicht gekommen, ich hinge jetzt an beiden Fäuſten darüber. Zum Glück war die linke Tatze noch nicht feſt genug angebunden, ſodaß ich mich losreißen konnte.— Uf!— Ich habe in manchem Kampf gefochten; der heut war aber das härteſte Stück Arbeit!“ Wolodna warf einen Blick auf das Feuer und den Baum und ſchauderte zuſammen. Der Mann, den er ge⸗ rettet hatte, mochte etwa vierzig Jahre alt ſein. Er hatte ein wildes kriegeriſches Geſicht voller Narben; ſchwarzes, ſtruppiges Haar deckte ſeine Stirn. Alles an ihm verrieth Kraft und Muth, aber auch wüſte Roheit. „Die Stiefel ſind wahrhaftig ſchon angeſengt“, ſagte er, ſich muſternd.„Und ich zog doch die Beine bis ans Kinn in die Höhe! Weiß der Satan! Ihr kamt zur rechten Stunde!“ „Dankt lieber Eurem Gott dafür, ſtatt ſo ruchlos zu reden, nachdem Ihr einem ſo grauſamen Schickſale entgan⸗ gen ſeid“, ſagte Wolodna ernſt. 149 „Ihr habt Recht! Ich will hundert Roſenkränze beten, wo ich zunächſt an einer Kapelle vorüberkomme. Aber ich glaube doch, unſer Herrgott ſchiert ſich nicht viel um unſer Einen; der Satan bekümmert ſich mehr um uns. Wir auch mehr um ihn!“ Wolodna runzelte finſter die Stirn.„Wer ſeid Ihr?“ fragte er halb mit Widerwillen.„Wie kommt Ihr hierher?“ „Hört einmal“, antwortete der Andere,„nichts für ungut! Ihr habt mich zwar gewiſſermaßen vom Galgen geſchnitten,— aber wer ich bin— und was ich hier vor⸗ hatte— das kann ich Euch doch nicht ſagen. Es wäre wider Soldatenehre— Ihr ſeid ja auch Soldat!“ „Wem dient Ihr denn hier in Böhmen?“ fragte Wo⸗ lodna erſtaunt. „Hier in Böhmen ſo eigentlich Niemandem— und doch— Pech und Schwefel! Aber ich darf nicht davon ſchwatzen.— Wenn ich nur meinen Gaul wieder hätte, wäre ich in einer halben Stunde über die Grenze, wo ich her⸗ gekommen bin. Aber das Thier haben die Halunken weg und meinen Flammberg und Piſtolen auch! Das Ende vom Lied iſt, ich habe etwas zu dreiſt hier herum recognos⸗ cirt und bin den Strolchen in die Klauen gerathen!“ In Wolodna tauchte eine Vermuthung auf.„Wäret Ihr, etwa vor zwei Wochen, auch ſchon hier in Böhmen geweſen?“ fragte er und ſah ſeinen Mann ſcharf an. „Ich würde es Beelzebub ſelber nicht ſagen und wenn er mich auf die glühende Gabel ſpießte“, antwortete der wilde Kerl.„Aber Euch geb' ich Antwort. Ja, ich war hier in Böhmen. Wir haben aber einen ſchlechten Feldzug gemacht!“ 150 „Ihr waret hier bei dem Frauenraub?“ fuhr Wolodna raſch heraus, und ſein Auge rollte. Der Fremde ſchwieg einen Augenblick.„Geht Euch die Sache an?“ fragte er in einem Ton, der Reue anzudeuten ſchien. „So viel, daß ich Euch ſchwerlich aus der Hand dieſer Leute befreit haben würde, wenn ich gewußt hätte, daß Ihr Theil an jenem Schurkenſtreich gehabt habt.“ „Das thut mir leid, auf Reiterwort, ſehr leid!“ ſagte der Fremde und wollte Wolodna die Hand reichen. Dieſer wies ſie unwillig zurück.„Sagt mir denn, wer hatte Euch gedungen! Das ſoll mein Dank ſein!“ Der Fremde ſtand regungslos.„Ich habe keine Waffe an mir und greife auch nach keinem Feuerbrand mehr“, ſagte er.„Ihr habt mich in Eurer Gewalt; nehmt mich gefangen, meinethalben hängt mich da an dem Aſt wieder auf und laßt mich dörren und räuchern in der Flamme. Ich will ſtill halten. Aber— Ihr müßt ja doch auch wiſſen, was ein Soldatenwort iſt,— ich habe zu ſchweigen gelobt! Nun reißt mir die Zunge mit einer Zange aus; weiter ſagen kann ich Euch nichts!“ Es war etwas ſo Eigenthümliches in dieſer Vereinigung von äußerſter Roheit und ſoldatiſcher Treue, daß Wolodna tief davon getroffen wurde. „Hört“, begann der Fremde wieder,„Ihr ſeid ein braver Kerl, für den ich tauſend mal durchs Feuer liefe. Es brennt mich wie Gift im Leibe, daß ich Euch nicht ſa⸗ gen darf, was Ihr erfahren möchtet. Aber, hol mich der Teufel, ich darf nicht, und ich thue es nicht. Und da doch Alles vergeblich wäre, ſo denke ich, thut Euer gutes Werk nicht halb. Ihr habt mich vom Galgen geſchnitten,— Ihr habt darein gehauen wie ein Löwe gegen die fünf Wehr⸗ 151 wölfe— nun liefert mich nicht wieder ans Holz! Laßt mich laufen,— wenn Ihr's aber nicht wollt— ſo bin ich Euer und Ihr könnt mich ſchinden und braten. Aber laßt mich lieber zum Teufel gehen!“ Er bat ſo wild treuherzig und ſein entſchloſſenes Ge⸗ ſicht ſagte ſo unerſchütterlich, er werde Wort halten mit Schweigen, daß Wolodna die Ueberzeugung hatte, es ſei unmöglich durch ihn etwas zu erfahren. „So lauft denn“, gab er ihm die Freiheit,„aber daß ich Euch nicht wieder antreffe!“ „Hoho!“ rief der Kriegsmann wild freudig.„Nicht wieder antreffe? Man trifft ſich auf Heer⸗ und Quer⸗ ſtraßen in der Welt! Und darauf könnt Ihr zählen, wenn ich Euch einmal treffe, daß Ihr etwa im Rachen der Hölle ſtecktet, ich holte Euch heraus! Hier mein Soldatenwort und Handſchlag drauf! Nun lebt wohl!“ Wider Wolodna's Willen faßte er deſſen Hand, ſchüt⸗ telte ſie kräftig, raffte dann die am Boden liegende Axt auf mit dem Wort:„Jetzt ſoll mir Einer kommen!“ und ſchritt, die Waffe kräftig ſchwenkend, dem Walde nach der ſächſiſchen Grenzſeite zu, wo er bald hinter den Bäumen verſchwand. Wolodna ſah ihm mit gemiſchten Gefühlen eine kurze Weile nach, dann fing er ſein Pferd wieder ein, das ruhig graſete, ſchwang ſich auf und ritt vorſichtig, mit dem ge⸗ ſpannten Piſtol in der Hand, ſeinen Leuten zu. In einer Viertelſtunde erreichte er ſie. Sie waren bei den Hirten droben eingekehrt. Von dieſen hörte er, daß wildes Raubgeſindel jetzt viel umherſtreife im Gebirge an der Grenze. Doch Näheres über Die, auf welche er ge⸗ ſtoßen, konnte er nicht erfahren. Ebenſo wenig wußten dieſe Sennen des Erzgebirges ihm etwas Näheres über den Haupt⸗ gegenſtand ſeiner Nachforſchungen zu ſagen. 152 Andern Tages war er nicht glücklicher, obgleich er das Gebirge noch in mancherlei Richtungen durchſtreifte. Die Muthmaßungen blieben die alten; Gewißheit, ſelbſt nähere Anzeichen, erlangte er nicht. Er ſah wohl, daß er unver— richteter Sache nach Prag zurückkehren müſſe. Mit inner⸗ ſtem Drang zog es ihn nach ſeiner alten Wohnſtätte hin; doch der Umweg, den er machen mußte, um ſie zu berühren, wäre zu groß geweſen. So bezwang er denn das Ver⸗ langen ſeines Herzens und ſchlug den geraden Weg nach Prag ein, wo er wußte, daß wichtige Pflichten ſeiner war⸗ teten. Am Abend des zweiten Tages war er wieder dort, wo er ſchon Thurn nicht mehr antraf, aber deſſen Befehle, ihm ins Lager vor Budweis zu folgen. Vierunddreißigſtes Capitel. Die Frauen auf Schloß Sperlingsſtein, die ohnehin ſeit jenem Ueberfall kaum noch eine Ausflucht ins Freie wagten, aber auch durch das immer herbſtlicher werdende Wetter auf der Burg gefangen gehalten wurden, ſaßen an einem ſtürmiſchen Regenabend in dem einſamen Thurm⸗ gemach beiſammen, an der flackernden Flamme des Kamins, die auf der rauhen Höhe des wilden Waldgebirges ſchon um dieſe Jahreszeit im Beginn des September oftmals ein Bedürfniß war. Es ſauſte hohl um die Zinnen der Burg und um den nackten Felsgipfel; der verroſtete Wet⸗ terhahn warf ſtoßweiſe ein ſchrillendes Kreiſchen dazwiſchen; 3 r — rr 153 der Regen wurde von heftigem Winde gegen die Fenſter getrieben; oft ſchien es als ob unter der Gewalt des Stur⸗ mes die Mauern ſelbſt, ja der Felſengrund, auf dem ſie emporſtiegen, bebte. „Wenn der Herbſt uns ſchon in ſo frühen September⸗ tagen ſo rauh heimſuchen will“, ſprach die Gräfin, indem ſie leicht zuſammenſchauerte auf ihrem Seſſel,„was ſoll uns dann im October und ſpäter erwarten! Es iſt doch ſehr früh kalt in dieſem wilden Gebirge, auf der ſchroffen Höhe!“ „Das ſind nur einzelne, vorübergehende Tage“, entgegnete Thereſe in freundlich zuredender Weiſe;„wir werden noch den ſchönſten blauen Himmel ſehen, vielleicht über Hitze zu klagen haben, wie vor wenigen Tagen noch.“ „Ach“, rief Thekla aus,„ich wollte, ich könnte dieſe Klage bald anſtimmen.“ „Ich liebe dieſe finſtern Abende; auch ſpäter, wenn ſie noch rauher werden“, ſprach Thereſe. „Man fühlt ſich dann freilich dankbarer in der Gebor⸗ genheit feſter Mauern, unter ſicherem Obdach, am lodernden Kaminfeuer“, antwortete die Gräfin, während Thereſe ſich bückte, um einige neue, dünne Holzſcheite in die Glut zu werfen, die dem Verglimmen nahe war. „Es iſt nicht das allein“, nahm ſie ihr Wort wieder auf,„es ſind auch die alten theuern Erinnerungen, die ſich mir dabei beleben. Wir wohnten ja auch im Gebirge! Zwar nicht auf ſo ſchroffer einſamer Höhe, doch nahe dem höchſten Kamm des Erzgebirges, immer ſchon anſehnlich hoch auf den Vorbergen. Der Herbſt kam früh, der Winter dauerte lang. Der Rücken des Erzgebirges deckte ſich zeitig mit Schnee, und das noch höhere Mittelgebirge, uns gegen⸗ über, hüllte ſich auch früh in die weißen Winterſchleier. 7 E So ſandte uns Weſt und Oſt die kalten Schneeſtürme. Aber ſchon als Kind liebte ich dieſe dunkeln langen Abende, wo das Feuer auf dem Herde ſo freundlich aufflackerte, ſo behaglich kniſterte. Der Vater kam dann von der Jagd heim; die Mutter empfing ihn mit irgend etwas Beſſerem als die gewöhnliche Koſt. Glücklich in unſerem kleinen Kreiſe, denn damals lebte auch mein Bruder noch, ſetzte ſich der Vater dann zu uns, und wußte ſo gut, ſo fromm zu ſprechen, ſo viel zu erzählen, von den Erlebniſſen frühe⸗ rer Jahre, von ſeinen Kriegszügen nach Italien, Ungarn, der Türkei, auch von den Abenteuern und Gefahren im Walde! Dabei fühlten wir uns ſo wohl in der heimlichen Stille der Hütte, im ſichern Friedensaufenthalt!“ Ein leiſer Seufzer hob ihre Bruſt. Sie ſchwieg. Auch die Gräfin und Thekla ſaßen in ſtummes Sinnen verloren. Alle Drei gedachten des Glücks friedlicher Stille, das der Menſch ſo leicht in ſeiner Leidenſchaft verſcherzt und ſo ſchwer wieder erringt! „O erzähle uns noch etwas von jener Zeit, Thereſe“, bat Thekla,„ich höre dir ſo gern zu!“ „Ja, Liebe, erheitere uns den ſchaurigen Abend“, ſprach auch Eliſabeth,„durch dieſe freundlichen Bilder dei⸗ ner Jugenderinnerungen.“ „O es waren ſehr einfache Zuſtände“, begann Thereſe wieder,„aber doch ſo wohlthuende.— Zu Zeiten beſuchte uns auch ein guter Nachbar; dann wurde das Geſpräch noch traulicher. Am glücklichſten aber war ich, wenn Vater Nechodom uns an ſolchen Abenden aufſuchte. Dann war mir immer, als ob ein Heiliger in die Hütte trete. Xaver geleitete ihn ſtets, denn ſchon damals war ſein Vater ein hochbetagter Greis; es dünkte mich ſtets, wenn ſie kamen, als ſähe ich den jungen Tobias in die Hütte treten mit ſei⸗ ☛ 155 nem alten Vater.— Ach, ich habe ſchöne Jugendtage durch ihn gelebt! Ihm verdanke ich das Unſchätzbarſte, die Pflege meiner Seele; die Kenntniſſe, die wol gering ſind, aber doch von anderen Jungfrauen in ähnlicher Lage wie ich niemals erworben werden. Er hatte mich ſchon, als ich noch ein Kind war, Leſen, Schreiben und das richtige Verſtändniß der böhmiſchen und deutſchen Sprache und die Geſchichte des Landes gelehrt. Manch ein treffliches frommes Buch, vor allem die Heilige Schrift, las ich unter ſeiner Leitung. Und wie würdig, wie lehrreich ſprach er darüber. Ein wahrer Patriarch war der Greis Nechodom! Er blickte ſo ſicher, ſo ruhig, ſo verſöhnt über die unruhigen Wogen des Lebens hin! Seine Züge athmeten nur Frieden; er war wie das ſanfte lichte Blau, das ruhig ſchwebt über den ſturmgejagten ſchwarzen Wolken; das uns tröſtet, auch wenn wir es nicht ſehen, da wir wiſſen, es iſt ewig unverändert.“ „O wie beſeligend, wie unentbehrlich iſt ein ſolcher Troſt, ein ſo vertrauender Glaube, in drohenden, ſturm⸗ bewegten Zeiten wie die unſrigen“, ſprach die Gräfin mit einem halben Seufzer. Thekla hing mit unverwandtem Blick ſtumm an Thereſens Lippe. „Ja wol!“ erwiderte dieſe.„Und für alle Zeiten“, ſetzte ſie hinzu. Ein Augenblick der Stille trat ein; in tief bewegter Seele erwogen die Frauen den Ernſt, die Schwere der Tage, die über ihrem Haupt hingen.— Ein hohl ſauſender Windſtoß umkreiſte den Thurm. „Als ich, einige Jahre ſpäter“, fuhr Thereſe fort, „ſchon die ernſten Ereigniſſe der Zeit zu verſtehen begann, wurde ich oft ruhig, und Frieden und Vertrauen kam in meine Seele, wenn ich nur an den theuern Greis dachte. Und beſuchte er uns, ſetzte er ſich zu uns an den großen, eichenen Tiſch, wo der Vater ihm ſtets den Ehrenplatz auf dem altväteriſchen Seſſel einräumte, ſo überkam mich's wahr⸗ haft mit einem heiligenden Gefühl. Es dünkte mich, ich werde beſſer, empfinde reiner, edler in ſeiner Gegenwart; als fliehe jeder unlautere, leichtſinnige Gedanke ſcheu aus der Bruſt und Gott ziehe ein darin und erfülle ſie mit ſei⸗ nem ewigen Troſt, ſeiner Erhebung! Wenn dann draußen der Sturm brauſte, der Schnee um die Fenſter wirbelte, ach, in unſerer Hütte und in meinem Herzen war es tiefer, ſeliger Frieden!— Das iſt vorbei! Aber hier gemahnt es mich daran und meine Seele füllt ſich mit wehmüthiger Sehnſucht!“ „Du haſt eine eigene Gabe mir das Herz zu bewegen, Thereſe“, ſagte die Gräfin, die ihr gefeſſelt zugehört hatte. „Ich?“ lächelte ſie.„O gnädigſte Frau, Ihr hättet das Wort des Greiſes vernehmen ſollen! Zumal wenn wir uns bei ihm verſammelten zur Andacht, zur frommen Uebung unſeres Glaubens! Es war das kein eigentlicher Gottesdienſt, denn ſein geiſtliches Amt übte der fromme Vater nicht mehr, ſeit er in unſeren Bergen wohnte. Allein er las uns aus der Heiligen Schrift vor, oder aus anderen gottſeligen Büchern, und knüpfte daran ſeine Betrachtungen. Auch die Legenden der Heiligen las er uns oft. Denn er hielt ſtets an dem Satz feſt:«Wenn wir ſie auch nicht an⸗ beten, ſo ſollen wir ſie doch verehren, und ihre Bildniſſe finden eine würdige Stelle in unſern Kirchen.“ Ich beſitze noch ein ſchönes Buch dieſer Art, mit dem er mich be⸗ ſchenkte!— Es enthielt“, ſetzte ſie nach einer kleinen Pauſe mit etwas leiſerer Stimme und mit einem eigenen Blick auf die Gräfin, der ſich aus Ehrfurcht, Liebe und Freude miſchte, hinzu:„es enthielt die Geſchichte der heiligen Eliſabeth!“ 157 „Haſt du es hier? Du ſollteſt uns daraus vorleſen“, bat Thekla lebhaft.„Es würde ſo traut ſein hier in dem unheimlichen Felſenthurm, unter dem Sturm draußen! Bitte, hole es!“ Thekla, die erregbarſte der drei Frauen, ſah ſo eigen bewegt aus, daß die Gräfin ſich zu einem heitern Wort zwang.„Die heilige Eliſabeth! O von der möchte ich wol hören!“ ſagte ſie.„Ja, Thereſe, zaubere dir und uns die Zeit zurück, wo der junge Tobias in eure Hütte trat; ſein Bild wird dir doch auch vorſchweben!“ Thereſe erröthete und ein ganz leiſes, mehr wehmüthiges Lächeln ſchwebte über ihre Lippe. „Horch, was iſt das?“ fuhr Thekla auf, da ein dumpfes Geräuſch, eine ſchwer zuſchlagende Thür von unten herauf ſich hören ließ. „Ich glaube es war das Schloßthor in der Ringmauer des Vorhofs, welches zuſchlug!“ ſagte die Gräfin. „Mir ſchien es auch ſo“, beſtätigte Thereſe. „Zu ſo ungewöhnlicher Zeit! Wer könnte jetzt kommen oder das Schloß jetzt verlaſſen“, ſprach die Gräfin und ſtand unruhig auf. Alle drei Frauen waren in ängſtlicher Spannung. Seit dem Ueberfall waren ſie begreiflicherweiſe äußerſt beſorglich. Sie lauſchten auf. Es mußte ein Reiter eingetroffen ſein, denn man hörte den dumpfhallenden Tritt eines Pferdes durch das Schloßthor und den Hufſchlag auf dem Stein⸗ pflaſter des Hofes. Auch vernahm man durch das Ge⸗ räuſch des Sturmes das mehrerer laut ſprechenden männ⸗ lichen Stimmen. „Man kommt die Stiege herauf!“ rief Thekla lebhaft. Ein ſchwerer, klirrender Schritt näherte ſich dem Thurm⸗ gemach. „Sollte es noch ſo ſpät ein Bote Thurn's ſein? Ich kann es kaum denken, da er uns erſt vor vier Tagen Bot⸗ ſchaft geſendet hat“, ſprach die Gräfin, durch dieſe Mög⸗ lichkeit ſo in Spannung, daß ſie dem Kommenden entgegen der Thür zueilte. Indem ſie dieſelbe, auf welche der volle Schein des Feuers fiel, raſch öffnete, trat ihr ein Reiter entgegen, und in dem nämlichen Augenblick ertönte hinter ihr Thereſens freudiger Ausruf:„Xaver!“ Sie flog in ſeine Arme. Die Freude über dieſe glückliche, ganz unverhoffte Auf⸗ löſung der beſorglichen Minute war unbeſchreiblich. Für die Liebenden war es nach einer Trennung von faſt drei Monden ſtürmiſcher Ereigniſſe und ſchwerer Sorge der erſte ſelige Augenblick des Wiederſehens. Für Xaver der erſte Hauch friedlicher, ſanfter Empfindungen und Begrüßungen, der ſein warmes Herz berührte, das ſo lange einſam und freudlos nur gegen den kalten Eiſenpanzer geſchlagen hatte. „O vergebt, gnädigſte Gräfin“, begann er endlich, „daß ich ſo meiner Freude freien Lauf laſſe; aber das Ge⸗ fühl des Glücks nach ſo langen finſtern Tagen überwältigt mich ganz!“ Eliſabeth lächelte und ließ ihm ihre Hand, die er ge⸗ nommen hatte, freundlich zum Kuß. „Ich habe auch eine Botſchaft an Euch, gnädigſte Gräfin“, ſagte Xaver,„und Aufträge, die Euch willkom⸗ men ſein werden und mein größtes Glück bilden.— Graf Thurn ſendet mich, um Euch von hier nach Schloß Karls⸗ ſtein zu führen!“ „Nach Karlsſtein? Unter Eurem Geleit?“ rief die Gräfin lebhaft, und Thekla und Thereſe theilten die freu⸗ dige Bewegung.„Das iſt mir wirklich ſehr willkommen!— Ich glaubte hier, in weiter Entfernung und Einſamkeit, den 159 quälenden Unruhen über die wechſelvollen Ereigniſſe des Tages zu entgehen; aber mich dünkt jetzt, die Trennung vergrößert Angſt und Beſorgniß! So nahe an Prag werde ich auch allen Begebenheiten näher ſein, ſie richtiger er⸗ kennen. Und gewiß bin ich auch mit Thurn ſelbſt mehr in Verbindung.“ „O gewiß“, verſetzte Xaver lebhaft;„der Herr Graf“, ſetzte er in beſcheidener Haltung hinzu,„hatte dieſe Burg hier auch nur im Anfang gewählt, wo man noch nicht wiſſen konnte, welche Wendung die Ereigniſſe in Böhmen ſelbſt nehmen würden. Die nahe Grenze Sachſens bot für den äußerſten Fall eine Zuflucht dar. Doch ſeit dem nichts⸗ würdigen Ueberfall ſcheut der Graf gerade die Nähe der Grenze, weil dieſe allein ein ſolches Unternehmen möglich macht, indem ſie den Helfershelfern die ſchnelle Zuflucht öffnet.“ Er drückte dabei Thereſens Hand und ſah ſie mit einem innigen Blick an, der zu ſagen ſchien:„Welchen Gefahren biſt du entronnen!“ kaver mußte ſich jetzt zu den Frauen ſetzen. Thereſe ſorgte für ſeine Behaglichkeit mit dem Eifer der Liebe, der den Frauen ſo ſchön ſteht. Sie nahm ihm den Helm, den Mantel ab, rückte ihm den Seſſel an die behaglich lodernde Flamme. Die Gräfin und Thekla kamen ihr freundlich dabei zu Hülfe. So verſchwand die anfängliche Verlegen⸗ heit des jungen Kriegsmannes bald und das Geſpräch floß leicht dahin. Xaver erzählte zuerſt, daß der Graf Thurn ihm ſeinen jetzigen Auftrag in der Freude über den glücklichen Aus⸗ gang ſeiner Sendung an den Grafen Mansfeld, gewiſſer⸗ maßen als Belohnung ertheilt habe. Dann ſchilderte er dieſen Krieger, den die Frauen nur dem Ruf nach kannten, und das mancherlei Merkwürdige und Seltſame, was er auf der Reiſe erfahren.„Er wird uns“, ſchloß er,„mäch⸗ tige Hülfe leiſten, denn ein eiſerner Kriegsmann und Feld⸗ herr ſe eint er mir zu ſein und ſolcher Leute werden wir jetzt bedur en! „Wird der Krieg denn jetzt unvermeidlich ſein?“ fragte die Gräfin.„ Thurn hat mir in der jüngſten Zeit, wenn er ſchrieb, von Geſchäften überdrängt, nur die flüchtigſten Mittheilungen gemacht. Könntet Ihr uns nicht Genaueres berichten?“ „Der Herr Graf hat mich ſogar dazu beauftragt“, erwiderte Xaver. „O ſo thut es“, ſagte Eliſabeth im Ton dringender Bitte;„die Sorge um Böhmens Zukunft bleibt doch die ſchwerſte, die hier auf uns laſtet!“ „Für Alle und überall“, antwortete Xaver.„Es iſt nun ſo weit, denke ich, daß wir nur mit den Waffen un⸗ ſere Rechte erkämpfen können. Noch jüngſt zwar waren in Prag Viele der Meinung, es werde ein friedlicher Aus⸗ gang eintreten! Jetzt nicht mehr!“ „Und weshalb jetzt nicht mehr?“ fragte Eliſabeth. „Weil nach den zuletzt eingetroffenen Nachrichten aus Wien der König Ferdinand die ganze Herrſchaft über den Kaiſer gewonnen hat.— Als ich in Prag eintraf, von meiner Sendung zum Grafen Mansfeld, war Alles in großer Bewegung. Der Kaiſer hatte ein friedlich lautendes Schreiben erlaſſen, dem Viele Glauben ſchenkten— der Graf Thurn nicht! Er meinte, es ſeien ſicherere Bürg⸗ ſchaften als bloße Verſprechungen nöthig, auch war der Hauptſtreitpunkt wegen unſeres Rechtes, uns Kirchen zu erbauen, immer noch unentſchieden gelaſſen. Es traten dem Herrn Grafen auch ſo Viele unter den Ständen und 161 Directoren bei, daß dieſe den Beſchluß faßten, die Waffen nicht wegzulegen, bis Bürgſchaften gegeben würden fü die Erfüllung der Verſprechungen. 3 „Das hat mir Thurn ſ och gef„ verſetzte die Gräfin.„Dies Alles— das letzte s, aus Wien.“ war es“, antwortete Schreiben des Kaiſers, vo 1 „Ja ich glaube von dieſeitt Xaver.„Auf die Klage der Mreckoren, daß der Kaiſer noch mehr fremdes Kriegsvolk werbe, hatte er erwidert: «„Seine Mannſchaften, aus deutſchen Ländern geworben, könnten wir nicht fremde nennen. Wir hätten überdies den Krieg begonnen; er wolle nur Frieden und Recht; aber der könne nicht offenen Ungehorſam dulden und müſſe die Unſchuldigen ſchützen!)“ „Welche Unſchuldigen?“ fragte Thekla unbefangen. „Unter den Unſchuldigen verſteht er Slawata, Martiniz, den Erzbiſchof von Prag, den Abt zu Braunau, Selender von Proſſowitz und alle Die, von denen das Unheil über uns ausgegangen iſt“, entgegnete Xaver bitter. „O dieſe Unſchuldigen!“ rief Thereſe mit ſchmerzvollem Unwillen. „Trotz alle Dem“, fuhr Xaver fort,„wollten die Di⸗ rectoren und Stände es noch einmal verſuchen, gütliche Wege zu gehen, und ſchrieben nach allgemeinem Beſchluß am jüngſt vergangenen 19. Julius offen und ehrlich nach Wien: der Friede werde leicht hergeſtellt ſein, wenn der Kaiſer wirklich unſere Rechte nicht verletzen, ſondern ſicher⸗ ſtellen wolle.«Wir ſind ihm getreuery, lautete es in dem Briefe, den ich beim Herrn Grafen in der Abſchrift ſelbſt geleſen,«und inniger zugethan als die ſchlechten Statt⸗ halter, die er uns geſendet. Dieſe haben nur ihre Eigen⸗ liebe und ihren Ehrgeiz, ihren Haß und ihre Leidenſchaft 162 auf Koſten des Vaterlandes und des Kaiſers ſelbſt be⸗ friedigt!““ „Wenn das der gütige Kaiſer Mathias ſo recht ein⸗ ſehen möchte!“ ſeufzte Sliſa „Es heißt ferner i Schreiben“, berichtete Xaver weiter,«daß unſere böhmi Angelegenheiten nur durch Berathungen der Böhmen geordnet werden könnten!““ „Wie dürfte es anders ſein“, ſagte die Gräfin dazwiſchen. „Es wird dem Kaiſer dringlich vorgeſtellt, daß die Ein⸗ führung öſterreichiſcher, deutſcher und ungariſcher Völker in unſer Land ſogar wider den Eid ſei, den er uns bei der Krönung zum Könige von Böhmen geleiſtet habe. So müßten wir denn), heißt es wörtlich, adarauf beſtehen, daß Se. Majeſtät nur mit ungewaffneter Hand zu uns komme, oder ſeine Bevollmächtigten ſende. Dann würden wir dieſen, oder Sr. Majeſtät ſelbſt in Ehrfurcht und echter Treue, in Wahrheit und beſcheidentlich darthun, wie ſchweres Unrecht uns geſchehen und wie ſehr wir im Recht geweſen, uns endlich, da alle andern Mittel vergeblich, ſelbſt Hülfe zu ſchaffen!»“ „Und auf ſo ehrfurchtsvolle, friedliche Vorſtellung hat der Kaiſer nicht gütig und verſöhnlich geantwortet?“ fragte Thekla. „Nein!“ erwiderte Xaver finſter. „Und wie lautete die Antwort?“ fragte die Gräfin Thurn. „Geſtattet, edle Frau, daß ich Euch Alles in der Ord⸗ nung berichte, wie es ſich ereignete“, bat Xaver.„Der Herr Graf von Thurn und viele andere edle Herren hatten dies vorausgeſagt. Sie hatten auch ihre Stimmen zu dem Schreiben der Directoren nur unter der unerläßlichen Be⸗ dingung gegeben, daß man nicht, wie der Kaiſer verlangte, zuerſt die Waffen niederlege, ſondern gerüſtet bleibe. 163 Und um ſo mehr, als von allen Seiten Kunde einging, daß der Kaiſer aufs eifrigſte ſelbſt rüſten laſſe. Wir wußten, daß zwei Heere gegen Böhmen anrücken ſollten, daß ſie den berühmten niederländiſchen General, den Grafen Boucquoi, in Dienſt genommen, daß der König von Spa⸗ nien ihm Beiſtand zugeſagt und ſchon große Summen Geldes geſchickt hatte. Dennoch hegten Viele noch Hoff⸗ nung, und der Graf ſelbſt ſagte oft:«Ließe man den Kaiſer frei gewähren, wir kämen doch noch zur gütlichen Ausglei⸗ chung!) Denn es war auch darüber manche Nachricht ein⸗ gegangen, daß der Kaiſer Mathias ſich gegen die rachſüch⸗ tigen und fanatiſchen Eiferer ſträube, die offen und ins⸗ geheim, zu Wien und überall her, das Feuer nur an⸗ blieſen. Ingleichen vernahm man, daß der Miniſter, Car⸗ dinal Cleſel, ebenfalls zum Frieden rathe. So erwarteten Viele mit Gewißheit und Alle doch mit einem Schimmer von Hoffnung eine milde Antwort. Da erhielt der Graf eine Nachricht, durch die jede Hoffnung zuſammenſtürzte.“ „Und welche?“ fragten die Frauen zugleich. „Daß der König Ferdinand mit ſeinem Oheim, dem Erzherzog Max, in offener Gewaltthat gegen den alten kranken Kaiſer aufgetreten ſeien!“ „Iſt's möglich!“ rief die Gräfin dazwiſchen. „Daß König Ferdinand den Cardinal Cleſel mit gewaff⸗ neter Hand, ohne Wiſſen und Erlaubniß des Kaiſers ge⸗ fänglich habe wegführen laſſen, nach Schloß Ambras in Tirol, und nun das Feld allein beherrſche!“ „Wie?“ rief Thereſe glühend vor Eifer,„das hätten ſie ſich unterfangen? Dieſe Männer der Kirche haben ſich das geſtattet gegen einen Prieſter? Dieſe Diener des Kaiſers gegen ihren Herrn und ihr Haupt? Das that der jüngere Bruder gegen den ältern, der Neffe gegen 164 den Oheim? Iſt das ihre Treue, ihr Gehorſam, ihre mit prahleriſchen Worten verkündete chriſtliche Demuth gegen die Kirche und ihre Oberhäupter? Wer ſind nun die Aufrüh⸗ rer, wir oder ſie? O ſagt uns nur noch, daß in Euren Worten Wahrheit ſei!“ „Wohl fühlſt du es richtig, meine Thereſe“, antwortete kXaver.„Das thun ſie gegen ihren Kaiſer, gegen ihren ei⸗ genen höchſten Prieſter und den erſten Miniſter, der den Kaiſer vertritt! Uns aber machen ſie es zum ſchwerſten Verbrechen, daß wir Männer viel geringerer Stellung mit Gewalt von uns ſtießen, die des Kaiſers Recht aufs äußerſte misbrauchten, die uns mit dem Schwert verfolgten, ihre Meuten wüthender Hunde auf uns hetzten! Wir ſind ſtrafwürdige Aufrührer, weil wir uns wehren, dieſe Be⸗ drücker wieder aufzunehmen, ſie neu einzuſetzen als unſere Peiniger, jetzt wo ſie zu dem alten Haß noch den neuen Ingrimm der Rache fügen würden?“ „Erzählt in der Ordnung weiter, lieber Xaver“, bat die Gräfin;„was geſchah nunmehr? Ihr erwähntet noch einer Antwort des Kaiſers?“ „Sie traf zwei Tage vor meiner Abreiſe hierher ein. Der Graf hatte wohl gewußt, wie ſie ausfallen würde, denn er hatte zu dem Generalwachtmeiſter Colon von Fels geſagt:«Nun wollen wir uns zur Schlacht fertig machen, denn mit König Ferdinand können wir keinen Frieden haben!“ Und ſo war es. Der Brief des Kaiſers, oder wie man jetzt annehmen muß, der des Königs Ferdi⸗ nand von Ungarn, da des Kaiſers Wille nichts mehr gilt, ſchlug alle Verſöhnungsſchritte ab, ſchon durch das einzige Wort, daß es darin heißt, unſere Beſchwer über die Zer⸗ ſtörung unſerer Kirche zu Kloſtergrab ſei unbegründet.“ „Unbegründet!“ rief Thereſe, und eine edle Thräne des 165 Zorns blitzte in ihren Augen;„alſo auch unſer Hülfsſchrei über die Ermordung deines Vaters unbegründet!..... Hilf Du uns, göttliche Gerechtigkeit!“ Und ſie hob flehend die Arme empor. „Sie wird uns helfen durch unſere eigene Kraft, un⸗ ſern eigenen Muth“, erwiderte Xaver, indem er Thereſe be⸗ ruhigend an ſich zog. „Alſo wirklich? Das hat des Kaiſers Schreiben er⸗ klärt? In klaren, ſcharfen Worten erklärt?“ fragte die Gräfin Thurn. „So iſt es! Vom letzten Tage des Julius iſt der Brief! Zehn Tage zuvor, am 20., hatten ſie, wie jetzt allgemein kund geworden, den Cardinal Cleſel gewaltſam fortgeführt! Natürlich geht nunmehr Alles von dem König Ferdinand aus! Und wie er denkt, wiſſen wir hin⸗ länglich!“ „Ich bin noch wie erſtarrt über dieſe Wendung der Er⸗ eigniſſe“, ſagte die Gräfin nach einer Pauſe,„ſie iſt mir immer noch ganz unglaublich, ſteht wie eine Unmöglichkeit vor mir!“ „Es iſt unzweifelhaft wahr! So wahr wie die Worte des kaiſerlichen Briefes, die da ſagen, daß wir die Rechte falſch deuten, die der Majeſtätsbrief Kaiſer Rudolf' uns ertheilt hat. Nur die Stände und Städte, nicht aber die Unterthanen, am wenigſten die geiſtlicher Herren, dürfen Kirchen bauen!“ „Sie müſſen alſo glauben“, rief Thereſe, und ihr dunkles Auge blitzte,„was der Herr ihnen vorſchreibt! Sonſt ſchlägt ſich der Zahn des wüthenden Hundes in ihr Fleiſch. O Nechodom! Greiſer, ehrwürdiger Vater! Der ſterbende Hauch deines Mundes war Friede, Verſöhnung! Lehre uns aber jetzt, wie ſollen wir Friede halten mit Dieſen!“ ——— 166 Sie brach in Thränen aus. Thekla war weinend an die Bruſt ihrer Mutter geſunken. Tiefe Stille herrſchte in dem Gemach. kaver legte ſanft den Arm um Thereſe und ſprach tief bewegt:„Faſſe Muth, meine Thereſe! Wir werden ihnen nicht geduldig den Nacken beugen, um den Hieb ihres Schwertes oder das ſchmachvolle Joch zu empfangen!— Das war nicht der Sinn der Worte, die von der erblei⸗ chenden Lippe des Vaters tönten. So wie du, rief auch unſer edler Graf:«Lehrt uns Friede halten mit Dieſen! Ich wußte längſt, daß es ſo ſtehe. Deshalb war ich für den Kampf. Ich wollte den Krieg, weil ich den wirklichen Frieden wollte.)“ „Und was iſt auf dieſe letzte Kundgebung des Kaiſers geſchehen?“ fragte Eliſabeth ſich zuſammenraffend. „Jetzt wird nur durch die That geantwortet“, erwi⸗ derte Xaver.„Es ſind Schreiben an unſere Nachbarn in Schleſien und in der Lauſitz ergangen, unſerm Beiſpiel zu folgen und mit verſtärkten Mannſchaften zu uns zu ſtoßen. Da wir die Gewißheit haben, daß der Graf Mansfeld in böhmiſche Dienſte zu treten bereit iſt, ſoll er nun durch die Directoren im Namen ihres Schutzamtes über Böh⸗ men dazu geworben werden. An alle Fürſten Deutſchlands werden die Rechtfertigungsſchriften über unſer Verfahren ge⸗ ſandt; an die der proteſtantiſchen Union Bitte um Hülfe. Zumal an ihr Haupt, den Kurfürſten von der Pfalz. Ihm ſollen, heißt es, beſondere Abgeordnete zugeſandt wer⸗ den, um dem edlen Herrn die Lage der Dinge ganz getreu darzuſtellen und ſein Herz zu bewegen, uns, als ſo nahe Glaubensbrüder, nicht in der Noth zu verlaſſen.“ „Ja, Kurfürſt Friedrich der Fünfte iſt ein edler Herr, voll jugendlichen Eifers für alles Schöne und Würdige und V tief entzündet für die Wahrheit der proteſtantiſchen Lehre“, antwortete die Gräfin.„Es iſt mir ein großer Troſt, daß man ſich an ihn wendet; ſelbſt daß er der calviniſtiſchen Lehre anhängt, macht mich nicht beſorgt. Denn wie ſie auch in Manchem abweiche von Luther's und von unſern Glaubensſätzen, Alle ſind wir doch einig und müſſen es ſein in gemeinſamer inniger Brüderlichkeit, wo es gilt, dem harten Drang und Joch der römiſchen Kirche zu wider⸗ ſtreben!“ „Das iſt auch unſer Aller Hoffnung“, erwiderte Xaver. „Dafür regen ſich Aller Kräfte. Dem Aufruf, der zu den Waffen fordert, folgen ſie jetzt freudig. Sie drängen ſich zum Kampf, Landleute und Bürger. Jeder ſtrebt, das Wackerſte zu leiſten, das Theuerſte hinzugeben. Die edel⸗ ſten Männer alle voran. Der Herr Kanzler Wenzel von Budowa, der Herr Rath Dworſchetzki von Olbramowitz, Herr Procurator Martin Frühwein und der Director des Carolinums, Herr Jeſſenius von Jeſſen, der aus der Ge⸗ fangenſchaft zu Wien ausgewechſelt worden und ſeit etlichen Wochen in Prag zurück iſt, arbeiten die Nächte hindurch an allen den Staatsſchriften. Ihnen zu Hülfe iſt der Graf Lvon Harrant aus dem Lager von Budweis nach Prag ge⸗ kommen. Selbſt der ehrwürdige Greis, Herr Caplicz von Sulewicz, erſcheint täglich im Rath und arbeitet eifrig wie die jüngſten Herren. Ich habe nur noch wenige Tage zu hoffeny, ſagte er neulich lächelnd in meinem Beiſein zum Grafen Thurn, der ihn ermahnte, ſich doch zu ſchonen mit Arbeit,«da darf kein Augenblick verloren gehen.““ „Und wie habt Ihr den Grafen Thurn verlaſſen, lieber Xaver“, fragte Eliſabeth.„Ihr habt uns von ſeinem ei⸗ genen Thun noch nicht berichtet!“ „Der Graf iſt die Seele des Ganzen“, begann Xaver 168 feurig;„ſein Wort, ſeine Thaten leiten Alles. Er iſt zu⸗ gleich in Prag und vor Budweis, heut im Rath, morgen im Kampf!“ „Thurn iſt zu unternehmend“, ſagte Eliſabeth beſorg⸗ lich.„In welche Wirbel wird er jetzt geriſſen!— Wie gerecht unſere Sache ſei, ſie iſt eine ſchwere Schickung, eine herzzerreißende Trübſal, die über die Völker kommt!— Und der Ausgang, wird er ein glücklicher ſein?“ „Wir dürfen es freudig hoffen“, antwortete Xaver. „Noch ein mächtiger Fürſt, ein tapferes Volk werden ſich, ſo hoffen wir, außer Denen, die ich Euch genannt, uns an⸗ ſchließen. Der Fürſt von Siebenbürgen, Bethlen Gabor, und die Völker Ungarns. Die Unterhandlungen, die Herr Jeſſenius gepflogen, geben die ſichere Hoffnung dazu!“ „Ihm mußten ſie auch vor Allen glauben“, erwiderte die Gräfin.„Er ſelbſt iſt ja ein Ungar. Er war ſchon öfters dort in Böhmens Angelegenheiten!“ „Er wird auch jetzt wieder dahin gehen“, erwiderte Xaver.„Doch auf großen Umwegen, durch Schleſien und ganz in der Stille, damit man in Wien nichts davon ahne.“ „Gott beſchütze ihn und ſegne ſein Thun!“ ſprach die Gräfin mit gen Himmel gewandtem Blick. „Er wird uns nicht verlaſſen, meine Mutter!“ rief „Thekla mit hellen Thränen in ihren ſchönen jugendlichen Augen und küßte ſie in zärtlicher Umarmung. Die Stille tiefſter, innerſter Bewegung trat ein. Thereſe lehnte ſich an Xaver's Bruſt. Sie war ſelig be⸗ glückt durch ſeine Gegenwart. Die unruhigen Wogen, die in ihrer Bruſt wallten, beſänftigten ſich am Herzen des Ge⸗ liebten, der ihr mit leiſem Kuß den Hauch des Seufzers von der Lippe nahm. 169 Fünfunddreißigſtes Capitel. Ein heiterer Morgen war der regnichten Sturmnacht gefolgt. Noch bevor die Sonne ſich erhob, ſtanden die Pferde der Frauen geſattelt auf dem Hofe der Burg; zwei Diener, die zwei bepackte Saumroſſe an die Hand nehmen ſollten, und Xaver machten die Begleitung des Zuges aus. Er war zur Gräfin hinaufgegangen, um ſie zu benachrich⸗ tigen, daß Alles zur Reiſe bereit ſei. Thereſe, gleichfalls ſchon reiſefertig, begrüßte ihn zuerſt; ſie führte ihn in das kleine Thurmgemach, wo er geſtern die Frauen getroffen, während ſie ſelbſt in das Schlaf⸗ gemach Eliſabeth's und Thekla's ging, um dieſen noch die letzten kleinen Hülfsdienſte zu leiſten. Jetzt erſt hatte Xaver Gelegenheit, die wunderbare Lage des Schloſſes, das er zuvor nicht gekannt und geſtern im tiefſten Dunkel zuerſt betreten, ganz zu überſchauen. Das in der höchſten Thurmzinne belegene Gemach gewährte nach drei Seiten den Blick über das verſchlungene Gewebe der Thäler. Die Morgenröthe umflammte den öſtlichen Himmel. Die Gipfel der waldgekrönten Berge ragten ſtolz in das lichte Purpur⸗ und Goldmeer der Lüfte empor. In den Thälern lag noch ſchattiges Dunkel. Der purpurblitzende Strom der Elbe zog im weiten Bogen, das Gebiet um das Schloß im Halbkreis einſchließend, dahin. Weſtwärts erhob ſich dunkles Gebirge; eine majeſtätiſche Waldkuppe ſtieg weit über die andern Berghäupter empor. Der Fuß lag in tiefem, düſtrem Schatten. Der Gipfel ſchimmerte röthlich im Abglanz des Morgenhimmels. Es war der Rellſtab, Drei Jahre. 2. Aufl. I. 2. 8 Roſenberg, der König dieſer Berggehege, der ſein Haupt ſo ſtolz, mit der goldenen Krone des Morgens geſchmückt, aufrichtete. Die wilde, wunderbare Schönheit der Landſchaft ſchwellte Xaver's für alles Edle in Natur und Leben tief empfängliches Herz mit andachtvoller Erhebung. Er trat dicht an eines der Fenſter und öffnete es; jetzt fiel ſein Blick auch unmittelbar in die Tiefe vor ihm. Ein Schauer durchrieſelte ihn bei dem plötzlichen Anblick. Thurmtief, ſteil geſpalten, wild zerklüftet, ſenkten ſich Gemäuer und Fels⸗ wand unter ihm in den Abgrund. Es ſchien faſt als ſchwebe der Thurm frei in Lüften, ſowenig war Grund und Boden unter ihm wahrzunehmen; gleich dem Horſt des Adlers auf überragender Klippe hing er über dem Abgrund. Von allen Seiten die Abſtürze der jähen Tiefe. Weit darunter, an halber Felshöhe, ſtreifte der Flug der kleinen Vögel hin, der wilden Bergtaube, die über den Klüften ſchwebend ihr Neſt umflatterte, der Schwalbe, die pfeilſchnell hin und wieder ſtrich. Ein heiſerer Ton über Xaver's Haupt bewirkte, daß er den Blick nach oben wandte. Raben um⸗ kreiſten das Spitzdach des Thurms und hoch über ihnen, in den blauen Lüften verloren, ſchwebte ein Weih mit breit ausgeſpannten Flügeln, die im erſten Gold der Sonne glänzten, welche ſich jetzt am Rande des Gebirges erhob. Leichtes, ſchleierartiges Gewölk zog wie Silberrauch durch den blauen Himmel und der Blick verlor ſich ebenſo in die unermeßliche Höhe wie in die ſchwindelnde Tiefe. „Nun, Xaver?“ weckte eine liebliche Stimme den in den Anblick Verſunkenen aus ſeinen Betrachtungen; es war Thereſe, die hinter ihm ſtand und die Hand ſanft auf ſeine Schulter legte. Als er ſich umwandte, trat auch ſchon die Gräfin in Reiſekleidern ins Gemach und redete ihn lächelnd an:„Guten Morgen, junger Freund! Wir ſind bereit 171 die Reiſe unter dem Geleit und Schutz Eures tapfern Armes anzutreten.“ Erröthend, ehrerbietig verbeugte ſich Xaver und erwi⸗ derte den Morgengruß.„Die Pferde ſtehen geſattelt im Burghof, gnädigſte Gräfin“, fügte er hinzu. „So wollen wir denn aufbrechen“, ſagte ſie und ging der Thür zu. Die enge, gewundene Thurmtreppe mußten ſie einzeln hinabſteigen. Xaver eilte voran, um unten ſogleich ſelbſt der Gräfin das Roß vorführen zu können und ihr die ritterlichen Dienſte beim Aufſteigen zu leiſten. Nach wenigen Minuten ertönten die Hufe ihrer Pferde im Burg⸗ thor und der Zug wand ſich auf dem ſchmalen Fußpfad, der Felſen und Burg umſäumt, ins Thal hinab. Der Weg nach Prag führte dem Ufer des Elbſtroms folgend, zunächſt nach Auſſig. Der heitere Morgen ſtrömte wieder Friſche und Hoffnung in die Bruſt der Frauen, und die düſtren Wogen des Lebens, auf die ſie geſtern ſo be⸗ ſorgt hinblickten, wallten heut in ſanfterem Wellenſchlag. Ueber⸗ dies, die Gegenwart und nächſte Zukunft war für Alle eine glückliche! Sie wandten alſo das Auge ab von Dem, was die Nebel der Ferne verhüllten und nur in unbeſtimm⸗ ten Umriſſen ahnen ließ, um ſich dem wohlthuenden Ein⸗ druck Deſſen zu überlaſſen, was ihnen die nächſten Stunden und Tage bereiteten. 4 Thereſe und Xaver hielten ihre Pferde etwas zurück; die Gräfin in ihrem zarten Sinn trug Sorge, daß dieſe vertrauliche Unterredung ihnen nicht geſtört werde. Der Reiz der Landſchaft, der milde, ſonnige Tag, die kleinen anregenden Ereigniſſe der Reiſe erhöhten das ſüße Glück dieſer ſo ſchnell vorüberrauſchenden Augenblicke.— Es war ja nur ein flüchtiger Regenbogen auf dem wetter⸗ ſchweren Hintergrunde der düſtren Zeit. 8* Nach einigen Stunden hatten die Reiſenden Auſſig erreicht; der Marienberg mit ſeiner Kapelle jenſeit der Elbe, dicht an der Stadt, war ſchon lange der Hauptaugenpunkt geweſen, welcher ihre Blicke feſſelte. Sein felſiger Abſturz ſenkte ſich ſchroff in den Strom hinunter; nur ein ſchmaler Fußpfad führte unter dem Fels dahin; über demſelben ſchmückte er ſich mit dem lichten Grün der Rebe, die das edelſte Erzeugniß der Traube reift, welches Böhmen her⸗ vorbringt. Auf einer Fähre ſetzten ſie mit den Pferden über die Elbe, durchritten das Städtchen und ſchlugen von dort die Straße landeinwärts ein, das Erzgebirge entlang, deſſen hoher, waldiger Kamm ihnen zur Rechten blieb, während eine reiche, blühende Landſchaft, geſegnet durch Korn und Obſt, geſchmückt durch das friſcheſte Grün der Wieſen und Wälder ſie umgab. Thereſe wurde von ſüßſchmerzlicher Wehmuth ergriffen, als ſie die blauen Häupter der beiden Mileſchau zur Linken hinter den nähern Bergen aufſteigen ſah.„Sieh dort hinüber, kaver“, ſagte ſie zu ihm und deutete mit der Hand dahin; „o wie erneuet ſich das Bild der Vergangenheit und das Gefühl der Jugend und Kindheit mir beim Anblick dieſer blauen ſtolzen Berge! Ach, als ich das letzte mal an Vater Nechodom's Seite vor Eurem Hauſe ſaß, hing ſein freundliches, blaues Auge auch an ihnen! Damals deckte ſie noch der Schnee mit lichten Streifen. Er ſollte ihn nicht ſchmelzen ſehen!“ Thereſe verlor ſich in ſinnende Betrachtung. Die Gräfin Thurn ſah ſich nach ihr und Xaver um. Dieſer ſprengte zu ihr heran, um ſie zu fragen, ob ſie irgendetwas begehre. „O nein“, ſagte ſie freundlich,„ich gedachte nur eurer, die ihr hier ſo nahe an eure Heimat ſtreift. Dort hinüber muß doch Kloſtergrab liegen?“ 173 „Ja wol“, erwiderte Xaver.„Am Abhang jener blauen, waldigen Bergrücken, die ſich hier rechts hinunter⸗ ziehen. Bei der leichten Einſattelung des Kamms ſenkt ſich das Thal hinab, an deſſen Ausgang das Städtchen liegt. Und jene Waldberge dicht davor, hierher nach uns zu, ſind es, wo wir unſern Wohnſitz hatten. Doch nur, wer die Gegend ſo genau kennt wie ich, kann in dieſer Ferne die Linien unterſcheiden!“ „Ich kann mir denken, wie der Anblick Euch bewegt“, entgegnete die Gräfin. Man ſchlug jetzt einen kürzern Seitenpfad, quer über Feld nach Lowoſitz ein, wo die Gräfin Wagen und Pferde vorfinden ſollte, um den Weg nach Prag auf der dort beſſern Straße, fahrend zurückzulegen. Sie ritten unter dem alten Schloß bei Teplitz hin, das, jetzt eine Ruine, in jener Zeit noch wohl befeſtigt und bemannt war. Der Weg gewann dann wieder die größere Straße, zog ſich aber fortdauernd und zuweilen ziemlich ſteil, bergauf, bis auf den Kamm des Mittelgebirges, wo er dicht am Fuße des großen Mileſchau hinſtreifte. Sie erreichten die Höhe gegen Mittag und zwei Stunden ſpäter das von Wein⸗ bergen umgebene, am jenſeitigen Abhang gelegene Lowoſitz. Hier ſtand der bequeme, aber ſchwerfällige Reiſewagen der Gräfin ſchon bereit, und da er Raum genug bot, lud ſie xaver ein, zu ihnen einzuſitzen. Die Pferde wurden den Dienern übergeben, um in zwei Tagereiſen nach Prag ge⸗ führt zu werden, während die Gräfin mittels bereit gehal⸗ tener Pferde die Reiſe noch bis zum Einbruch der Nacht fortſetzte und andern Mittags bereits in Prag eintraf. Mit eigenthümlichen Gefühlen fuhren ſie Alle in die Stadt ein, die ſie jüngſt unter ſo ſchwer bedeutungsvollen Verhältniſſen betreten und verlaſſen. Die Straße, welche —— —— 7 ſie jetzt eingeſchlagen hatten, führte ſie indeß nicht über den Hradſchin hinein, ſodaß ſie des majeſtätiſchen Anblicks, die Altſtadt zu ihren Füßen ausgebreitet zu ſehen, ent⸗ behrten. Durch die Altſtadt ſelbſt nahmen ſie den Weg, über die Moldaubrücke nach der Kleinſeite, zu Thurn's Hauſe. Alles in der Stadt zeigte von großen Bewegungen im Innern und Aeußern. Man ſah bewaffnete Schaaren aller Kriegsarten durch die Straßen ziehen; am großen Ring der Altſtadt begegneten die Reiſenden einigen ſchweren Ge⸗ ſchützen, die ihren Weg nach dem Roßmarkt nahmen, um durch das Roßthor nach Budweis abzugehen. Die Brücke war ihnen eine Zeit lang geſperrt, weil ſoeben eine Ab⸗ theilung böhmiſcher Reiter, die von der Kleinſeite herüber rückten, durch das Brückenthor ritt. Mit einem Gefühl, das wechſelnd zwiſchen einem Schauer vor der Vergangenheit und der Hoffnung für die Zukunft ſchwankte, blickte die Gräfin, als der Wagen langſam über die Brücke fuhr, hinüber nach dem verhängnißvollen Theile des Schloſſes, wo die erſte Gewaltthat geſchehen war. Thereſe ſaß mit Xaver rückwärts; ſie hätte ſich umwenden müſſen, um die Stelle zu ſehen; ſo machten Beide, im leiſen Geſpräch miteinander vertieft, die Fahrt in ungeſtörter Un⸗ befangenheit. Bald erreichten ſie den Palaſt. Die Diener ſprangen der ankommenden Gebieterin eil⸗ fertig entgegen und öffneten den Wagenſchlag. Die Gräfin hatte aber kaum den Fuß auf den Boden geſetzt, als auch ſchon Thurn herabkam und ſie und Thekla in ſeine Arme ſchloß. Mit Wohlwollen wandte er ſich auch zu Thereſen und Xaver.„Ihr kommt noch gerade zur rechten Zeit“, ſagte er zu dieſen,„denn noch heute muß ich Prag ver⸗ laſſen, und ich habe zuvor Manches mit dir abzuthun, xXaver. Dein Vater, Thereſe, iſt oben bei mir; ihr werdet euch ſogleich ſehen.“ Unter dieſen Worten, die Thurn mit einer ſeltſam ge⸗ heimnißvollen, doch heitern Miene an Xaver und Thereſe richtete, ſchritten ſie die Treppe hinauf. Sie gingen durch einige Gemächer und Säle, bis in das Arbeitszimmer des Grafen.„Da ſind ſie“, rief er im Eintreten; und im nämlichen Augenblick umarmte Wolodna ſeine Tochter. „Meine liebe Eliſabeth“, begann Thurn, während ſich Jene begrüßten,„deines Bleibens hier wird nicht lange ſein. Um ſo eifriger müſſen wir die Zeit nutzen.“ Er führte bei dieſen Worten die Gräfin und Thekla auf die andere Seite des Gemaches und ſetzte ſich mit ihnen. „Seit zwei Stunden ſind uns die wichtigſten Botſchaf⸗ ten zugegangen, weshalb ich alle meine Plane ändern mußte“, begann Thurn.„Ich gedachte einige Tage hier mit euch zu verweilen und euch dann ſelbſt nach Karlsſtein zu bringen, wo du in Sicherheit und Ruhe wohnen wirſt, ſoweit dieſe Zeiten ſie irgend geſtatten. Jetzt aber muß ich Prag in wenigen Stunden verlaſſen und ich denke, es wird euch lieb ſein, daß ihr gleichzeitig mit mir auch dahin abreiſet, wo ihr euren bleibenden Aufenthalt haben werdet.“ „Drängen die Kriegsereigniſſe ſo?“ fragte die Gräfin. „Iſt der Kampf unvermeidlich?“ „Ich glaube er iſt unvermeidlich; und jetzt iſt kein Au⸗ genblick zu verlieren. Denn das kaiſerliche Heer unter Dampierre iſt nun wirklich in Böhmen eingerückt und rückt gegen Biſtritz vor. Wir müſſen uns ihm auf der Stelle entgegenwerfen. Denn gelänge es den Kaiſerlichen, dort feſten Fuß zu faſſen oder gar bis zur Hauptſtadt vor⸗ zudringen, ſo würde die Unzuverläſſigkeit der Geſinnung 176 Vieler ihnen zu Hülfe kommen und dadurch die Treue und der Muth der Unfrigen eingeſchüchtert werden. Ein kühner, ſiegreicher Schlag dagegen, den ich zu thun hoffe, führt uns raſch auf den Gipfel und wendet alle Hoffnungen und Herzen zu uns!“ „Wir ſahen viele Truppenbewegungen in der Stadt“, erwiderte die Gräfin fragend,„hängen ſie mit dieſen Er⸗ eigniſſen zuſammen?“ „Allerdings. Was ich irgend dem kaiſerlichen Heere ent⸗ gegenwerfen kann, hat auf der Stelle Befehl zum Auf⸗ bruch erhalten. Morgen Mittag ſpäteſtens werde ich ſelbſt von Budweis mit anſehnlicher Macht abrücken. Deshalb heute die dringendſte Eile. Dennoch habe ich einige Stunden für dich und für unſere Freunde.“ Er gab ihr bei dieſen letzten Worten einen Wink mit den Augen nach Thereſen hinüber, die an der entgegen⸗ geſetzten Seite des Gemachs mit ihrem Vater und Xaver im traulichen Geſpräche war. „Der alte, getreue Wolodna nämlich“, ſprach Thurn leiſe,„hat mir ſchon längſt zu verſtehen gegeben, und end⸗ lich geſtern den offenen Wunſch ausgeſprochen, daß Thereſe und Kaver ihr Ehebündniß jetzt ſchließen möchten. Er hat Recht. Die Zeiten ſind rauh; Frauen bedürfen des Schutzes, den beſten gewährt der Gatte, dem die Frau überall hin folgen, jede Lage mit ihm theilen kann. Wir beſchloſſen daher, die jungen Leute mit der Nachricht, daß ſie ihren Bund fürs Leben jetzt ſchließen können, zu überraſchen. Deshalb ſandte ich Xaver, um euch und zugleich mit euch ſeine Braut hierher zu holen. Wir hätten dieſer Feier mehr Muße gewidmet, doch die plötzliche Wendung der Kriegs⸗ ereigniſſe macht es unmöglich. Trotzdem ſind Wolodna und ich der Meinung, daß wir bei dem Beſchluß beharren; v. N 14 v, und die Zuſtimmung der Verlobten, denke ich“, ſetzte er lächelnd hinzu,„wird uns nicht fehlen.“ „Sie wiſſen noch nichts von ihrem nahen Glück?“ fragte die Gräfin mit einem gerührten Blick hinüber zu Xaver und Thereſe. „Kein Wort. Wolodna hat mir verſprochen, daß ich der Ueberbringer der Botſchaft ſein ſollte.“ „Laß es mich ſein, Thurn!“ bat die Gräfin.„Ein zartes, weibliches Herz, wie es Thereſe trotz ihres männ⸗ lichen Muthes, ihrer Entſchloſſenheit und oft begeiſterten Kraft beſitzt, erfährt dieſe Botſchaft gewiß am liebſten von weiblichem Munde. Erſt muß es Thereſe allein erfahren. Wir nehmen ſie mit hinüber in unſere Zimmer; bald führen wir die geſchmückte Braut dem Bräutigam entgegen.“ „Ja, beſter Vater, laß es uns ſo einrichten“, bat Thekla von inniger Freude bewegt. „Wie ihr es meint und wünſcht. Die Anſtalten zur Vermählung ſind bereits von mir getroffen. In der neuen Salvatorkirche wird das Paar eingeſegnet.“ „Durch den würdigen Lippach?“ unterbrach die Gräfin fragend. „Natürlich durch ihn. Ich habe ihn benachrichtigen laſſen; es iſt Alles in der Kirche bereit. Geht denn in eure Zimmer, kleidet euch um, wie es ſich ziemt, und als⸗ bald wollen wir insgeſammt zur Kirche fahren. Nachdem das Paar getraut iſt, nehmen wir das Mittagsmahl hier im Hauſe in ganz vertrautem Kreiſe ein, und dann ſchlägt ein jeder von uns den Weg ein, den ihm ſein Beruf vor⸗ ſchreibt. Ich nach Budweis; ihr nach Karlsſtein; Wolodna und Xaver begleiten euch und folgen mir erſt in einigen Tagen nach.“ 8*ι* — 2 178 „Die Frühlingsblüte ihres Glücks iſt kurz, aber ſie wird ſchön ſein“, ſagte die Gräfin und drückte Thurn dank⸗ bar die Hand. Darauf ſtand ſie auf, um mit Thekla in ihr Zimmer zu gehen; auf ihren Wink begleitete auch Thereſe ſie dahin.—— Eine Stunde ſpäter ſtand in der neuen Kirche zum Er⸗ löſer, an der nördlichen Seite des großen Ringes, das junge Paar am Altar. Die Gräfin hatte Thereſen mit weiblichem Sinn zu der Feier geſchmückt. Weiß, nur das Grün des Myrtenkranzes im Haar, blühte ſie, einer Lilie gleich, zart neben dem männlichen NXaver; jungfräulich, ſchüchtern, glich ſie einem athmenden, leis lebenden Marmorbilde. Ein alter, inniger Freund des Thurn'ſchen Hauſes, der deutſche evangeliſche Pfarrer David Lippach, ein Mann von ſanfter Liebe und feſtem Glaubensmuth, den er bald in den härteſten Prüfungen bewähren ſollte, war es, der die Hände der beiden Liebenden zum Bündniß der Treue vereinigte. Ein Gefühl tiefer innerer Verwandtſchaft mit dieſen ſchwer geprüften, edel erhobenen Seelen, erwärmte ſeine Bruſt, als das jugendliche Paar vor ihm ſtand, zum Altar geleitet von ſo bedeutungsvollen Zeugen als der Graf Thurn, ſeine Gemahlin und Tochter. Er begrüßte Alle mit frommer Wärme. Worte des Ernſtes, der Liebe, der Frömmigkeit richtete er an das Paar. Die warme Flamme, die ſie durchdrang, entzündete ſich höher und höher wäh⸗ rend ſeiner Rede. Als er die Hände Beider vereint hatte, ſprach er mit tief bewegtem Tone der Stimme: „Ihr ſteht vor mir in Eurer Jugend, eurem reinen Glück, wie ein holdſeliges Bild auf dunklem Grunde! Dü⸗ ſter iſt der Himmel der Zeit, drohendes Gewölk umnachtet ihn! Der Bund eurer ſchuldloſen Herzen ſchimmert gleich einem Zwillingspaar hellblinkender Sterne durch die ge⸗ 179 theilte Wolkenhülle. Eure Liebe blüht auf aus dieſen ſtür⸗ miſchen Tagen wie die Roſe am rauhen Fels. Sie ſchwebt dahin, ſtill leuchtend wie der Mond auf der Bahn der Nacht, und erfüllt eure Bruſt mit mildem Glanz! Be⸗ wahrt ſie ſo rein, wie ſie jetzt blüht und duftet! From⸗ mes Vertrauen zum ewigen Vater ſei der Boden ihrer zarten Wurzel. Treue der Thau, der ihre Blüte erfriſcht, Friede und Einigkeit die milde Luft, die ihre Düfte erquickend weiter trägt: ſo wird ihr die Sonne des Se⸗ gens nie untergehen!— Ihr wandelt vielleicht einen ſchwe⸗ ren Gang durch's Leben!“ Hier erhob ſich ein leiſer tiefer Seufzer aus Thereſens Bruſt, und ſie blickte mit andäch⸗ tigen Augen gegen die Wölbung der Kirche auf. „Ja, ich beſorge es, einen ſchweren Gang! Denn die Erde zittert, dumpf dröhnt es unter unſern Füßen, die Wellen des Meeres rauſchen auf von ſchwarzen Flügeln des Sturms geſtreift! Aber ſehet da die Milde des Herrn! Unter dem düſtren Himmel, der den Sturm verkündet, läßt er die Blume eures Glücks erblühen! Er reicht ſie euch dar zum Troſt für die dunkeln Stunden, die euch, die uns Allen drohen! Den Becher ſüßer Seligkeit führt er an eure Lippen, damit er euch labe zu der Wanderung der Müh⸗ ſal, der Gefahr, der Sorge, die das Leben euch auflegt! So blicke ich mit Wehmuth und Dank auf euch, ihr Ge⸗ liebten, in dieſer ſchönen, ernſten, heiligen Stunde! Euer Bund iſt auch mir ein Troſt und ein Unterpfand, daß nicht das Glück verſchwinden ſoll von der Erde in den wilden Kämpfen, die ſich auf ihren holden Fluren bereiten! Ob auch der Dämon der Zwietracht verheerend dahin brauſe über den Erdkreis, der Liebesengel des Herrn ſchwebt durch ſeine Himmel und mit ſanftem Fittig deckt er Alle, die ſich zu ihm wenden. Wandelt in den Wegen des Allgütigen —————= 8 — 180 und er wird bei euch ſein immerdar! Seine Hand hält euch am Rande des Abgrunds und ſie deckt euch, wo die Pfeile des Verderbens rauſchen! Alſo ſeid ihr behütet, ſeid ihr bewacht! Gehet denn hin! Zittert nicht, auch wenn der Steg unter euch zittert!“— „Dunkle Tage ſchaue ich vor mir“, ſprach er nach kur⸗ zem Innehalten wie vom Sehergeiſt ergriffen.„Mit ver⸗ hülltem Haupte ſitzen ſie mir gegenüber und weinen; und die Bäche der Thränen rinnen in Bäche des Bluts! Den⸗ noch verzaget nicht! Denn in Blut und Thränen düngt ſich die Saat des Herrn, und einſt wird ſie blühen wie die Auen des Paradieſes!“ Lippach ſchwieg. Alle waren erſchüttert; Thereſe neigte leiſe das Haupt und hob den Blick aufwärts, als wolle ſie ſagen:„So wird ſich's erfüllen, doch ich baue auf Dich!“ Das Paar kniete nieder; Lippach breitete die Hände ſegnend über ſie.„Ihr ſeid jung, ihr ſeid gut, ihr ſeid einfältiglich! Der Segen des Herrn ſei mit euch, und mein Gebet ſoll euch umſchweben. Laſſet mich die Hand legen auf eure jugendlichen Häupter! Alſo berühre euch ſanft die Hand des Herrn! Und ſein Segen geleite euch durch die Schrecken der Zeit zu dem Heil der Ewigkeit, Amen!“ So waren ſie verbunden durch das heilige Sacrament! Sie umſchloſſen ſich innig. Ihre Thränen floſſen leiſe, ſelig. An dunkler Pforte des Lebens ſchloſſen ſie den ſchönſten Bund! Doch, wie ſchwere Verhängniſſe den Horizont der Zukunft umdüſterten, mit dem ſeligen Glück in der Bruſt ſchritten ſie fromm und getroſt den kommenden Tagen ent⸗ gegen. —— Zwei Stunden ſpäter waren die Vermählten und Die, welche die Zeugen ihres Bundes geweſen, ſchon wieder außerhalb der Mauern Prags. Der Graf und Wolodna ——— — 181 begleiteten zu Pferde den Wagen, in welchem Eliſabeth und Thekla, und Xaver mit Thereſen ſich befanden, noch eine kurze Strecke. Der Weg nach Karlsſtein führte über den Hradſchin, durch das Reichsthor am Kloſter Strahow vor⸗ bei, über den Weißen Berg hinaus. Hier ſchieden ſich die Straßen geradaus nach Karlsbad und Eger, links nach Karlsſtein, das nur fünf Stunden entfernt, noch bequem zum Abend von den Reiſenden erreicht werden konnte. An dieſer Stelle nahmen Thurn und Wolodna Abſchied. Sie ritten zurück, wieder durch Prag, um durch das Kornthor die Straße nach Tabor und Budweis zu gewinnen. Im raſchen Ritt holten ſie dort die Mannſchaften und Offiziere leicht ein, die ihnen ſchon vorangezogen waren. Nur von zwei Dienern zu Pferde begleitet, rollte in⸗ deſſen der Wagen mit den Gräfinnen und dem jungen Paare vorwärts die Straße nach der Veſte dahin, welche die theuerſten Schätze Böhmens bewahrte, und nun auch das Theuerſte ſchützend in ihre Mauern aufnehmen ſollte, was Thurn ſelbſt ſein eigen nannte. Xaver war von Thurn eine volle Woche geſtattet, um ſich der Blüte ſeines jungen Glücks zu erfreuen. Dann ſollte auch er dem immer heftiger wirbelnden Strudel der Ereigniſſe wieder folgen und den ſichern Sitz des Friedens und der Stille mit dem unruhvollen Treiben und den Ge⸗ fahren des Kriegslagers vertauſchen. Auf ſo gewaltſam erſchüttertem Grunde konnte friedliches Glück nicht tiefe, beharrliche Wurzeln treiben; nur gleich dem ſilbernen Schaume auf der dunkeln Woge leuchtete es mit ihr auf und verſank mit ihr.— Die Zeit war ein ſturmbewegtes Meer, und Böhmen von der wildeſten Bran⸗ dung umſchäumt. Achtes Buch. Sechsunddreißigſtes Capitel. Die Gaſſen Wiens zunächſt der kaiſerlichen Burg wim⸗ melten von Bürgern, Frauen, Kindern, Landleuten; Reiter mit gezogenem Schwerte ritten im Gedränge auf und nieder, um inmitten der Schaaren eine freie Bahn offen zu er⸗ halten. Die Maſſen wurden um ſo dichter, je näher man dem großen Burghof kam. Hier hielten zu beiden Seiten des Eingangsthors ſtarke Abtheilungen geharniſchter Reiter, ſchwer bewaffnet mit Lanzen und Karabinern und großen Halfterpiſtolen. Aller Blicke richteten ſich nach dem Thore der Burg; Neugier und Spannung war auf allen Ge⸗ ſichtern zu leſen. Von Zeit zu Zeit ſprengten einzelne Reiter, Offiziere wie es ſchien, aus dem Thore und jagten über den Hof. Alsdann entſtand jedesmal ein unruhiges Wogen und Drängen in der Menſchenmaſſe und das Gemurmel der Stimmen wuchs zu einem lauten Brauſen an. „Um neun Uhr ſollte er ſchon auf dem Glacis ſein“, ſagte ein Bürger zum andern.„Die Glocke auf dem St.⸗ Michaelsthurm hat ſchon halb zehn Uhr geſchlagen, und er iſt noch nicht einmal im Burghofe zu ſehen!“ —yy— — — 186 „Er iſt noch droben beim Kaiſer, um Abſchied zu neh⸗ men und Inſtructionen zu erhalten“, antwortete ein Anderer. „Was, Inſtructionen!“ rief ein Dritter dazwiſchen, dem man an ſeinem grauen Knebelbart anſah, daß er Soldat geweſen, obgleich er jetzt ein ſchlichtes dunkelgraues bürger⸗ liches Wamms trug.„Der läßt ſich nicht viel Inſtructio⸗ nen geben! Er macht die Augen auf und thut was noth iſt! Abgemacht!“ „Ihr habt wol unter ihm gedient, Alter?“ fragte der Erſte, den Kriegsmann mit erſtaunten Blicken meſſend. „Freilich! Unter ihm und unter dem Spinola in den Niederlanden. Das war noch ein anderer Kerl, der Spa⸗ nier, als der Boucquoil! Von dem hat er's gelernt!“ „Und Ihr kennt ihn von Perſon?“ fragte der Zweite. „Wenn ich unter ihm gedient habe!“ erwiderte der Alte halb unwillig, halb lachend.„Glaubt Ihr ich ſei blind ge⸗ weſen als Arkebuſierwachtmeiſter? Es müßte ein prächtiger Soldat ſein, der ſeinen General nicht kennte!“ „Nun, nur nichts für ungut!“ entſchuldigte ſich der Bürger.„Aber der General commandirt im Ganzen und Großen, und ich denke, es kann Mancher im Corps ſein, der ihn Zeit ſeines Lebens nicht zu ſehen bekommt!“ „Ein Rekrut allenfalls!“ warf der Wachtmeiſter hin. „Aber nicht Einer, der ſeine dreißig Jahre vom Handwerk geweſen iſt! Ich habe unter manchem Feldherrn gedient, und ich kenne ſie alleſammt, die Oberſten und die Feldhaupt⸗ leute dazu!“ „Still, paßt auf, jetzt kommt er!“ rief der Erſte, und Alle wandten ſich nach dem Burgthor, wo ein neues, un⸗ ruhiges Zuſammendrängen entſtand. Aber ſtatt des Feldmarſchalls Boucquoi, den die Neugierigen zu ſehen hofften, rollte ein ſchwerer Hofwagen 187 aus dem Schloſſe, fuhr über den Vorhof und wandte ſich dann die Gaſſe hinunter, wo die Sprechenden ſtanden. „Sieh' da, Schmerl“, rief der erſte Bürger dem zweiten zu,„das iſt Se. Hochwürden der Herr Pater Lämmermann, der Beichtvater des Königs von Ungarn!“ „Lämmermann! Das laß ihn nicht hören, Haid⸗ vogl!“ erwiderte Schmerl.„Auf welſch will er genannt ſein Lamormain!“ „Meinethalben auch“, ſagte Haidvogl. Der Wachtmeiſter murmelte etwas zwiſchen den Zäh⸗ nen, das man nicht verſtehen konnte. Die Kutſche kam heran und das Volk nahm ehrerbietig grüßend Hüte und Mützen ab, während der Pater vorüber⸗ fuhr, der ſich gleichfalls nach allen Seiten verbeugte und dabei nach Art vornehmer Geiſtlichen mit fromm demüthigen Blicken herablaſſend lächelte. „Ihr da“, ſtieß Schmerl den alten Kriegsmann an, der wie eine Säule daſtand und den Pater anſtarrte,„zieht doch die Kappe! Das iſt ja der Herr Pater Lamormain!“ „Ich ſalutire die Kapuzen und Glatzen nicht“, antwor⸗ tete der Graubart trocken. „Da haſt du Recht“, ſprach eine andere Stimme plötz⸗ lich, und zugleich ſchlug eine Hand kräftig auf die Schulter des Kriegsmannes. Dieſer ſah ſich um. Es ſtand ein ſtattlicher Herr in braunſammetnem Wamms, ſauber mit Seide geſchlitzt, einen Degen an der Seite und den Feder⸗ hut auf dem Kopfe, hinter ihm. „Oh, ſeid Ihr's, Herr Tharradel!“ rief der Kriegs⸗ mann und ergriff und ſchüttelte die Hand, die ihn auf die Schulter geſchlagen hatte. „Das iſt ein Proteſtant“, raunte Schmerl dem Haidvogl zu,„es iſt der Herr von Ebergaſſing! Ich kenne ihn ——— 188 recht gut, denn ich habe für ihn gearbeitet, aber es iſt ſchon ein ſechs Jahre her!“ „So? Er gehört wol zu den Ständen nach ſeiner Rittertracht?“ fragte dieſer leiſe. „Freilich!“— Inzwiſchen hatte der Edelmann mit dem Alten geplaudert. Alle wandten ſich jedoch jetzt wieder nach der Burg um, als eine laute Trompetenfanfare von dort erſcholl und man wiederum eine allgemeine Bewegung im Hofe wahrnahm. Reiter ſprengten vorwärts, andere ſaßen auf; die Zudrängenden wurden zurückgetrieben, die beiden Pi⸗ quets Carabiniere, die im Burghof hielten, rückten in Ord⸗ nung und richteten ſich. Die Gaſſe zwiſchen den Zuſchauern wurde jetzt breiter geöffnet durch die Reiter, die die Maſſen gegen die Häuſer zurücktrieben. Gleich darauf ſah man auf einem prächtigen Schimmel einen Reiter aus dem Burg⸗ hofthor ſprengen, auf deſſen Hut ein dichter Federbuſch wallte, und dem ein reicher, goldgeſtickter ſpaniſcher Mantel über die Achſeln hing. Eine Menge Kriegsleute zu Pferde folgten ihm. „Das iſt er“, ſagte der Kriegsmann zu ſeinem Nach⸗ bar, dem Edelmann, der ſich neben ihn geſtellt hatte. Zugleich erſchallte ringsher lautes Jubelgeſchrei, um den Grafen Boucquoi, den der Kaiſer zum oberſten Feld⸗ herrn ſeines Heeres berufen hatte, zu begrüßen. Umgeben von vielen Generalen und Offizieren geringern Ranges, ſprengte er die offene Bahn entlang. Die Bürger ſchwan⸗ gen Hüte und Mützen und riefen ein lautes Lebehoch; die Trompeten ſchmetterten, die Trommeln wurden gerührt. Aus den Fenſtern winkten die Frauen mit Tüchern und einige warfen auch Blumenſträuße herab. „Die erſte Kugel ihm in die Bruſt“, murmelte eine tiefe, rauhe Stimme dicht an Schmerl's Ohr. Dieſer fuhr 189 erſchrocken herum und ſah den Edelmann ſich umdrehen und fortgehen. Der alte Kriegsmann ſtand unverrückt, ſtrich ſich den Knebelbart und ſagte nur trocken, indem er den General ſcharf ins Auge faßte:„Er iſt alt geworden, ſeit ich ihn nicht geſehen habe!“ Der Graf ritt mit ſeinem Gefolge im raſchen Galopp vorüber, dem Burgthor zu, auf das Glacis hinaus, wo eine Anzahl Truppen aufgeſtellt waren, über die er Heer⸗ ſchau halten wollte. „Nun müſſen wir Alle auch nach dem Glacis hinaus“, rief Haidvogl und zog Schmerl vorwärts. Der ganze Strom der Maſſe drängte dahin dem Feldherrn nach. „Kommt mit, Alter“, forderte Haidvogl den Graukopf auf,„Ihr könnt uns gewiß die Generale und Oberſten alle nennen, und wir trinken danach einen Becher Ungar⸗ wein zuſammen!“ „Gegen einen Trunk habe ich nichts einzuwenden“, ant⸗ wortete der Alte;„aber er muß gut ſein und nicht zu karg gemeſſen! Verſteht Ihr!“ „Ihr ſollt zufrieden ſein, kommt nur mit!“ Sie zogen mit der Menge zum Thore hinaus.— Auf dem breiten Raume vor dem Feſtungsgraben und dem Glacis hatten ſich ſchon Tauſende verſammelt, um dem Abmarſch der dort aufgeſtellten Truppen zuzuſchauen, welche ihr neuer Feldherr Boucquoi zuvor noch beſichtigen wollte, ehe ſie den Weg nach Böhmen antraten, um zu den übri⸗ gen dort ſchon befindlichen Kriegsvölkern zu ſtoßen. Be⸗ rittene von der Leibgarde hielten im Zwiſchenraum von zwanzig zu zwanzig Schritt und hatten auf ſolche Weiſe ein Viereck abgegrenzt, auf deſſen einer Seite die Zuſchauer verſammelt waren, deren rechten Flügel wiederum die Wa⸗ gen mit Damen und vornehmen Herrſchaften einnahmen. 190 „Laßt uns dort rechts hinüber“, drängte Schmerl,„wir ſehen es am beſten, wo die Caroſſen aufgefahren ſind.“ „Ja, das Terrain iſt dort etwas höher“, ſtimmte der Kriegsmann ein. Sie ſteuerten auf die Gegend zu und gewannen bald einen guten Platz. Graf Boucquoi hielt, wie es ſchien, ziemlich am andern Ende des Vierecks, denn dort war eine Menge glänzender Reiter in einem Haufen verſammelt. „Was mag denn das für eine Fahne ſein, die über den Reitern flattert?“ fragte Haidvogl. „Das iſt die Zeltfahne des Königs Ferdinand“ belehrte ihn der Kriegsmann.„Es iſt dort drüben ein Zelt eingerichtet. Der König wird mit dem General Boucquoi die Fronten hinunterrei⸗ ten, wie mir der Herr geſagt hat, mit demich in der Stadt ſprach.“ „Sagt mir doch“, fragte Haidvogl, der Schmerl's An⸗ gaben gern prüfen wollte,„wer iſt der Herr eigentlich? Gehört er wirklich zu den Landſtänden? Iſt er wirklich ein Proteſtant? Hat er nicht... 4 „Frag' du und der Teufel“, unterbrach der Alte den geſchwätzigen Haidvogl.„Zwanzig Fragen in einem Athem, wovon ich keine zu beantworten Luſt habe! Ich bin mit Euch hergegangen, um Euch dieſen und jenen General zu nennen, wenn Ihr Eure dumme Neugier befriedigen wollt; aber Ihr braucht nicht Hänſe in allen Gaſſen zu ſein! Und ob Dieſer oder Jener ein Proteſtant, oder ein Huſſit, oder meinethalben ein Jude oder Türke iſt, danach habt Ihr mich nicht zu fragen. Mann iſt Mann, ſagen wir Kriegs⸗ leute; wer ſeinen Mann ſteht, heißt das.— Da, ſeht Euch Den an, der eben über den Anger galoppirt. Das iſt ein Mann! der Graf Starhemberg.“ „Sanct⸗Stephan! Und der reitet! Er ſitzt wie auf den Sattel genagelt!“ rief Schmerl und ſtaunte albern. -—Y — 191 „Da könnt Ihr gleich noch Einen reiten ſehen, wenn's Euch ſo in Verwunderung ſetzt, daß Einer zwei Beine über einen Sattel hängt und nicht gleich im Sande liegt! Das iſt der Oberſt Puchheim! Der hat vor ſechzehn Jahren vor Ofen den Türken, die wir in Ofen belagerten, heiß zugeſetzt, unter Erzherzog Mathias, während drüben in Peſth die Türken uns belagerten, unter dem Großvezier Haſſan.*) Damals....“ „Seht! Was gibt's da?“ rief Haidvogl. „Der König von Ungarn hat ſich zu Pferd geſetzt“, unterbrach der Kriegsmann ſeine Erzählung. Alsbald ſetzte ſich die ganze Schaar der Reiter in Ga⸗ lopp und ritt abwärts von den Zuſchauern nach dem äußer⸗ ſten Flügel der aufgeſtellten Truppen hinüber. Alles, was von vereinzelten Reitern noch auf dem Felde ſichtbar geweſen war, jagte dorthin, ſodaß man jetzt Einzelne nicht mehr erkennen konnte. Aber der Reiterſchwarm machte bald Halt und dann eine Wendung die Linie entlang, ſodaß er ſich den Zuſchauern wieder näherte. „Ihr habt alſo auch gegen die Türken gefochten?“ fragte Schmerl, um die Pauſe auszufüllen, in der es eben nichts zu ſehen und nichts zu erklären gab. Der Alte maß den Spießbürger von oben bis unten mit einem ſpöttiſchen Lächeln, und ſagte dann:„Man ſoll wol dreißig Jahre die Pickelhaube auf dem Schädel gehabt und kein Türkengeſicht zu ſehen bekommen haben! Ihr wiener Pantoffelgänger wißt wol gar nicht einmal, mit wem wir uns herumgehauen haben, während ihr eure Nachtmützen abnutztet? Sucht euch einen Lanzenknecht, einen Hartſchierer oder Arkebuſierer, der keinen Türkenfeldzug gemacht hätte! *) Hiſtoriſch. ——— —— 192 Sitzen die Krummſäbel uns nicht Jahr aus Jahr ein auf dem Dache?“ „Freilich, freilich“, pflichtete Haidvogl bei,„ſie kommen uns nahe genug auf den Pelz! Wie lange iſt's doch her, daß ſie noch in Raab ſaßen? Waret Ihr auch bei dem Sturm?“ „Das hoff' ich!“ rief der Graubart und ſein Auge funkelte feurig.„Unterm Palffy! Er hielt draußen mit den Reitern, während die Fußknechte die Thore überrum⸗ pelten und über Nacht in die Straßen drangen. Aber ſie hatten mit der Fauſt ins Feuer geſchlagen! Der Türke war auf, wie der Tiger vom Lager! In den Gaſſen ein Würgen und Morden! Da riefen ſie uns zu Hülfe. Zu Pferd war's nicht möglich; wir hätten einander erdrückt. Graf Palffy der Erſte ſelbſt abgeſeſſen!„Folgt mir zu Fuß!» commandirte er. Wir zauderten. Welcher Reiter trennt ſich gern von ſeinem Pferd? Aber als ich den Oberſt allein über die Brücke gehen ſah, da riß mir's in die Seele! «Hinunter vom Sattel!» rief ich und ſprang ab; ihrer Zehn gleich mir nach! Wir über die Brücke mit geſchwungenen Pallaſchen; jetzt zündete es bei den Andern! Alles hinunter vom Gaul und zu Fuß angeſtürmt! Das war ein Faſt⸗ nachtsſpiel! Die Türken verkauften ſich hoch; aber es half nichts mehr. Wir hatten das Adlerneſt! Nur dreihundert Gefangene, aber dreitauſend todte Feinde!*) Sie ſprangen vor Wuth vom Wall in die Donau. Seitdem hat der Graf Schwarzenberg auch den Raben im Wappen und die mäh⸗ riſche Herrſchaft, wie heißt ſie doch...“ „Und was bekam der Palffy?“ fragte Schmerl neugierig. *) Hiſtoriſch. 193 „Einen goldenen Becher, den ſchenkte ihm Oeſterreich“, ſprach der Alte mit feierlichem Stolz.„Alles Andere ſchlug er aus.«Was ich gethan, war ich dem Vaterlande ſchuldigy, antwortete er,«ich habe es ohne Anſpruch auf Lohn ge⸗ than.*)— Muß ſich mir da eine Mücke im Auge gefangen haben, daß ich das Zwinkern nicht laſſen kann“, murrte der Graubart ärgerlich und rieb ſich die thränenden Augen mit der Hand.„Holla, jetzt paßt auf! Sie ſchwenken ein!“ rief er laut und zeigte mit der Hand auf den Platz vor ihnen. Der Zug der Generale und Offiziere war inzwiſchen die Front heruntergekommen und wandte ſich wieder mitten ins Feld. Gleichzeitig ſchwenkten die in langer Linie auf⸗ geſtellten Truppen in breiten Zügen ein, und ſetzten ſich in Marſch. „Das iſt der Erzherzog Ferdinand“, ſprach Haidvogl und deutete auf einen ſtolzen Ritter im ſchwarzen Sammet⸗ mantel mit Hermelin beſetzt, der zur Rechten Bouc⸗ quoi's hielt. „Sprich doch König Ferdinand!“ verbeſſerte Schmerl. „Man hat's immer noch ſo auf der Zunge, wie man's Jahre lang gewohnt geweſen“, erwiderte Haidvogl.„Freilich König, und eigentlich doppelt! Böhmen und Ungarn!— Habt Ihr denn die Krönung mit angeſehen zu Presburg?“ wandte er ſich zu dem Krieger. „Nein“, war deſſen barſche, kurze Antwort. Der erſte Zug war ſchon hart am Könige; im Vorbei⸗ marſchiren deckte er dieſen und die ganze Generalität. Man ſah von jetzt an nur noch die Truppen, die ziemlich nahe *) Hiſtoriſch. Rellſtab, Drei Jahre. 2. Aufl. I. 2. 9 2ööſͤſſſſſſſſſſ ——— 194 an den Zuſchauern vorüber marſchirten, dann abſchwenkten und ſogleich ihren Feldmarſch antraten. „Das iſt eine Abtheilung der Althaniſchen Knechte“, belehrte der Alte, als das erſte Fußvolk vorüberkam.„Sie haben ſich oft gut geſchlagen! Der lange Schwarzbart dort am Flügel, das iſt der Hauptmann Roßwurm. Sein Bruder iſt Oberſt, befiehlt die Roßwurm'ſchen Lanzen⸗ knechte. Jetzt rückt Regiment Hofkirchner an: die mit den ſchweren Musketen!“ „Was die für breite Rabatten an den Röcken haben!“ bemerkte Schmerl.„Das hat nicht meinen Beifall; ſieht ſo altväteriſch aus! Ueberhaupt das Regiment gefällt mir nicht.“ „Das glaub' ich!“ warf der Graubart ſpöttiſch hin. „Würde Euch beſonders nicht gefallen, wenn Ihr damit zu thun haben ſolltet!“ „O das doch“, meinte Schmerl.„Was ſollte ich die Arbeit nicht ſo gern übernehmen wie jede andere?“ Der Alte ſah ihn verwundert an. „Ich bin Schneidermeiſter für Militär wie für Bür⸗ gerliche“, fuhr Schmerl ſich brüſtend fort. „Ja ſo“, lachte der Alte.„Nun ja, das glaub' ich! Die Röcke beißen nicht, nur die Nähnadel ſticht! Da ſeid Ihr der Mann, etwas mit dem Regimente zu thun zu haben! Dem Großvezier Haſſan war's nicht ſo ganz angenehm vor Stuhlweißenburg!“ Schmerl glotzte ihn an und wußte nicht, was er denken oder ſagen ſollte.„. „Jetzt kommen die Reiter!“ rief Haidvogl. „Hört“, ſprach der Alte,„ich dächte, wir ließen uns nun den Trunk ſchmecken. Es iſt heiß, und das Reitervolk macht einen Staub, den ich ungern verſchlucke, wenn ich 195 nicht ſelbſt bei dem Actus bin. Ihr könnt doch nichts Or⸗ dentliches hier ſehen, denn ſie ſchwenken kurz um und reiten nach dem Schottenthor. Kommt, laßt uns in die Stadt zurück. Die meiſten Wagen fahren ja auch ſchon ab.“ „Des Kollonic Dragoner und die Wallonen ſäh' ich noch gern“, meinte Haidvogl. „Die Dragoner ſind ſchon vorgeſtern ausgerückt und die Wallonen gar nicht am Platze“, antwortete der Alte. „Hier auf dem Glacis hat nichts geſtanden, als das Re⸗ giment Adam Trauttmansdorff und Rajeczky Huſaren. Die haben aber gleich vom linken Flügel abgebrochen. Kommt nur, es iſt nicht der Rede werth, was hier noch vorgeht!“ Sie gingen. Im Gehen fragte Schmerl nur noch: „Wird denn der König Ferdinand nicht noch hier vorüber⸗ reiten?“ „Wol, um vor Euch Parade zu machen?“ lachte der Graubart.„Nein, der König Ferdinand hat andere Dinge zu thun, als Eure Schneideraugen in Gedanken das Maß zu ſeinen Reithoſen nehmen zu laſſen. Denkt jetzt nur, daß die Maß Wein, die Ihr verſprochen habt, ordentlich aus⸗ fällt!“ „Halt! Heda! Vorgeſehen!“ rief es hinter Phnen, und viele Bürger prallten erſchreckt auf die Seite. „Es iſt die Königin Maria Anna!“ rief Haidvogl, der ſich umgeſehen hatte. Der Vorreiter des ns durch ſeinen Ruf die Menge auseinander. 30Ne Königin kam ein zweiter Wagen in ebenſo raſchem Tra „Daß dich die Peſt! Schon wieder die Mönchskutte rief der Graubart ingrimmig und ſtampfte mit dem Fuße. „Und was iſt denn das für ein Giftmiſchergeſicht neben ihm?“ brummte er vor ſich. 9* — 196 Es war Lamormain und an ſeiner Seite der Pater Thyßka; ſie fuhren gleich hinter der Königin. Alles ſtand ſtill und grüßte ehrerbietig. Der Alte ſtand mit der Mütze auf dem Kopfe und ſchaute finſter unter den verzogenen Brauen heraus: „Gleich hinter der Königin! Wundert mich nur, daß ſie nicht vor ihr fahren! Und wie das Volk die Rücken krümmt! Vor Ihrer Majeſtät haben ſie kaum die Kappen gelüftet; jetzt thät es Noth, ſie leckten den Koth von den Rädern!“ Schmerl richtete ſich eben aus einer Verbeugung in die Höhe, bei der er faſt das Straßenpflaſter mit dem Hirn⸗ ſchädel berührt hatte, und wandte ſich zu dem Alten:„Hier, gleich im Gäßchen nach St.⸗Peter zu, iſt ein Weinſtübchen! Ein Gevatter von mir, Stephan Zeiſerl, hat's vorige Woche erſt eröffnet. Wollen wir dort einſprechen?“ „Nein!“ ſchnaubte der Griesgram ihn an.„Hab' den Appetit verloren! Schert Euch zum Teufel, Schneider⸗ geſell!“ Damit drehte er beiden Bürgern, die ganz verdutzt da⸗ ſtanden, den Rücken, und drängte ſich durch die Menge. Unwillkürlich folgten ſeine ſcharfen Augen dem Wagen der Väter. Nicht lange währte es, ſo hielt derſelbe vor einem ſtatt⸗ lichen Hauſe. Die beiden Geiſtlichen ſtiegen aus, wobei ihnen die Diener, welche im Hausthore ſtanden, eilfertig entgegen ſprangen und Hülfe leiſteten, und gingen in das Haus. „In den Palaſt! Ja, da ſind ſie zu Hauſe! Sie, die die ganze Zeit ihres Lebens ſich in warmen Zellen pflegen, nur mit der Zunge fechten, ſie müſſen auch wol für die Zunge ſorgen, an reichen Tafeln, auf weichen Polſtern! 197 Bei uns, die wir das Schwert führen, unſere Haut täglich zu Markte tragen, Hunger und Durſt, Hitze und Kälte auf nacktem Boden aushalten, was thut's da Noth, daß für unſer Behagen geſorgt werde? Auf das Stroh mit ihm, auf den Pflaſterſtein, höchſtens in den Stall, er iſt es ja gewohnt! Laßt ihn frieren, laßt ihn hungern! Er iſt es ja gewohnt! Er iſt ein Krüppel, ein Stelzfuß! Habt Mit⸗ leid! Wozu? Hat er nur ein Bein, wird eins weniger müde; das hölzerne fühlt nichts! Hat er nur einen Arm, deſto beſſer kann er hungern; ſein Magen braucht nicht zwei zu ernähren! Laßt ihn frieren und hungern, er braucht's nicht beſſer, er iſt es ja gewohnt!“ Unter dieſem Selbſtgeſpräch verlor ſich der Alte unter der Maſſe. 2 Siebenunddreißigſtes Capitel. Lamormain und Thyßka waren die breiten Treppen des ſtattlichen Hauſes hinaufgeſtiegen, vor dem ihr Wagen ge⸗ halten hatte. Ein Diener öffnete ihnen die Zimmer mit den Worten: „Der Herr Präſident läßt ſehr um Entſchuldigung bit⸗ ten, daß er noch nicht hier iſt. Er wurde von Sr. Ma⸗ jeſtät dem Könige zu dringenden Geſchäften in die Kanzlei befohlen, hofft aber in kurzem zurück zu ſein.“ Lamormain nickte ſtumm und trat mit Thyßka in das ihnen geöffnete Gemach, wo Beide allein blieben und auf⸗ und abgingen. —— ————— 198 „Es iſt mir eigentlich recht lieb“, begann Lamormain, „daß Slawata noch nicht hier iſt. Ich möchte erſt noch Eure Meinung über einen ihn betreffenden Punkt hören, Pater Thyßka.“ „Soweit meine Kenntniß und Beurtheilung reicht, ehr⸗ würdiger Vater, bin ich zu jeder Auskunft bereit“, erwiderte dieſer. „Ihr wißt“, fuhr Lamormain fort,„Slawata war mittellos; ſeine Heirath hat ihn emporgebracht. Er hat uns ſeitdem mit Eifer und Muth gedient, das iſt wahr. Allein er war früher doch ein Picarde, ein arger Anhänger der Utraquiſten! Glaubt Ihr, daß er es ganz redlich mit uns hält?“ „Ich glaube es!“ erwiderte der Pater. „Ich meine, haltet Ihr ihn für einen Echtgläubigen, der der Kirche in voller Ergebenheit anhängt, auch in böſen Tagen?— Hm. Ihr ſchweigt.— Ihr meint“, lächelte der Pater ſpöttiſch,„es halte etwas ſchwer mit der echten Gläubigkeit bei Einem, der einmal hinter den Vor⸗ hang geblickt hat, den die Herren Reformatoren gelüftet haben?“ „Ihr dürftet argwöhnen, ehrwürdiger Herr?“ fragte Thyßka betreten. „Nichts in Betreff unſerer, das heißt in Betreff Eurer und meiner! Wir wiſſen Beide auch, in welchem Sinn uns der echte, unwiderrufliche Glaube eine Nothwendigkeit iſt. Wir müßten aufhören zu glauben, daß wir athmen müſſen um zu leben! Aber es iſt etwas Anderes mit den Laien!— Ich muß Euch bekennen, Slawata iſt mir in der letzten Zeit ſo viel beim Kaiſer aus⸗ und eingegangen...“ „Ihr hättet Beſorgniſſe deshalb?“ „Der Kaiſer neigt ſich noch immer zum Frieden. Ich 199 fürchte faſt, er will es ſelbſt jetzt noch auf eine Schlacht nicht ankommen laſſen. Und Slawata...“ „Denkt er an Frieden?“ „Es wäre nicht unmöglich! Seine Güter in Böhmen und Mähren...“ „Mähren iſt wol noch unſer!“ „Aber ſehr zweifelhaft! Für die böhmiſchen Güter kann er zwar Erſatz erwarten, aber er hat ihn noch nicht.— Er hat viele Verwandte und Freunde in Böhmen; ein großer Theil davon iſt, vielleicht wider Willen, in den Aufruhr mit hineingezogen. Das Alles könnte ihn beſtimmen, für den Frieden und für Bewilligungen zu ſtimmen, die wir nie einräumen dürfen. Ja, wenn er, wie der König, echt gläubig wäre! Aber— er war einmal abtrünnig und... ein gebrochenes Holz läßt ſich leimen, wächſt aber nie wieder zuſammen!“ „Zuweilen hält der Leim feſter als das Holz, und ein zweiter Bruch geht daneben“, antwortete Thyßka lächelnd. „Für guten Leim müßten wir allerdings Sorge tragen!“ „Soll ich es aufrichtig ſagen“, fuhr Lamormain fort, ohne auf Thyßka's Anwendung des von ihm ſelbſt gebrauch⸗ ten Gleichniſſes zu achten,„ſo hat mich's auch ſtutzig ge⸗ macht, daß der kleine Streich fehlſchlug. Dieſer Za⸗ losla... „Das iſt ein unbedingt zuverläſſiger Menſch“, unter⸗ brach ihn Thyßka;„dafür darf ich mich bei Ew. Hochwürden verbürgen! Wenn der kleine Streich— aber ich möchte ihn kaum einen kleinen nennen— fehlſchlug, das war nur Unglück!“. „Allerdings, Ihr habt Recht; es hätte ſich daran etwas knüpfen laſſen! Wir würden beſſer auf dieſe Art zum Ziel gekommen ſein als durch den Herrn Reichsrath Euſebius —;:————ꝛꝛꝛꝛꝛꝛꝛꝛꝛꝛꝛxxxxy—— — 200 Khün. In den Zeiten der alten Römer leben wir nicht mehr, wo Väter ihre Söhne enthaupten ließen, und Weib und Kind nichts wogen in der Wagſchale des heidniſchen Patriotismus. Um ſo ärgerlicher, daß die Sache mislang! Zaloska iſt hier; ich möchte ihn wol einmal ſelbſt ſprechen. Vielleicht daß ich...“ „Da iſt der Präſident!“ unterbrach Thyßka leiſe, aber raſch, indem er das Auge auf die Thür geheftet hatte, gegen welche Lamormain mit dem Rücken ſtand. „Meinen guten Morgen, hochwürdigſter Herr!“ begrüßte der eintretende Slawata mit tiefer Verbeugung den Pater Lamormain;„guten Morgen, lieber Pater Thyßka“, ſetzte er, zu dieſem gewandt, im leichtern Tone hinzu.„Ver⸗ gebung, daß ich warten laſſen mußte! Dringende Aus⸗ fertigungen hielten mich in der Kanzlei Sr. Majeſtät des Königs feſt. Dafür kann ich den ehrwürdigen Herren aber die wichtigſten Nachrichten mittheilen, die ſoeben eingetroffen ſind. Graf Dampierre hat Biſtritz beſetzt und iſt vor Neuhaus gerückt. Die glücklichſten Erfolge ſind für den Anfang errungen, und je weiter unſer Heer vorrückt, je mehr Anhänger findet unſere Sache!“ „Unſtreitig! Nur die Furcht hält die Meiſten in den Banden der Rebellen!“ bemerkte Lamormain.„Dieſer An⸗ fang iſt günſtig. Gebe der Himmel, daß es auch der Fort⸗ gang ſei!“ „Es läßt ſich nicht zweifeln, Hochwürdigſter! Bedenkt nur, wenn ſchon jetzt unſere Waffen ſiegreich ſind, wie werden ſie es erſt ſein, wenn Boucquoi ſich mit Dam⸗ pierre vereinigt! Noch vor Anbruch des Winters triumphi⸗ ren wir über unſere Gegner!“ „Nicht zu früh!“ warnte Lamormain. „Vorſicht und Beſonnenheit ſind allerdings nöthig!“ ver⸗ —— — 201 ſetzte Slawata.„Aber man wird uns gewiß nicht den Vor⸗ wurf machen dürfen, daß wir es an Vorſicht fehlen laſſen. K Martiniz ſchreibt mir aus München, daß er fortwährend thätig iſt, den Herzog Maximilian für uns zu gewinnen. Ein ſolcher Bundesgenoſſe...“ „Der wäre freilich unſchätzbar“, fiel Lamormain ein; „Keiner, der größern Einfluß haben könnte, als das Ober⸗ haupt der katholiſchen Liga! Doch ſind die Verhältniſſe des Kaiſers mit derſelben in der letzten Zeit nicht die günſtigſten geweſen.“ „Das wird ſich ausgleichen“, meinte Slawata.„Ich habe jetzt die beſten Hoffnungen für das vollſtändige Gelingen unſerer Sache, die ich, ich bekenne es, noch vor wenigen Tagen nicht hatte.“ „Und träte dies ein, ſo gäbe es auch wol Mittel“, ſprach Lamormain ausforſchend,„Denen, welche durch ihre 3 Treue in Verluſte gerathen ſind, nicht nur das Ihrige zu⸗ rückzugeben, ſondern ſie auch für die langen Entbehrungen reichlich zu entſchädigen und ihre Dienſte zu belohnen?“ „Die gibt es ohne Zweifel. Das 8 uns auf die Urſache unſerer Zuſammenkunft. Ihr wünſchtet, hochwür⸗ diger Herr, eine genaue Ueberſicht derjenigen Güter und Grundſtücke zu haben, die man bei der Unterdrückung der Rebellion in Anſpruch nehmen könnte. Der Geheimſchreiber Fabricius, Herr von Hohenfall, hat ſich mit der Zuſammen⸗ ſtellung beſchäftigt; er iſt eben dabei, die Papiere zu ordnen. Ich werde ſogleich nachſehen, wie weit er damit iſt. Im Augenblick bin ich hierher zurück.“ Er ging in ein anderes Zimmer. Als er die Thür hinter ſich geſchloſſen hatte, ſprach Lamormain leiſe und haſtig zu Thyßka:„Jetzt gewinne ich volles Vertrauen zu ihm. Er glaubt feſt an den glücklichen Ausgang des 94* —— — Kampfes; er ſieht die Vortheile, die darin für ihn liegen und die viel größer zu ſein verſprechen, als die, welche ihm eine gütliche Beilegung gewähren könnte. Jetzt wird er feſt mit uns halten. Schlichtete ein Abkommen, ſelbſt ein ſehr günſtiges für uns, die Angelegenheit, ſo wäre das Höchſte, was er gewönne, Rückkehr nach Böhmen, Wiederbeſitz ſeiner Güter, allenfalls eine Entſchädigung für den nachweislichen Verluſt. Kommen wir mit der Gewalt der Waffen nach Prag, ſo verfallen uns die Güter der Rebellen und er kann ſeinen beträchtlichen Antheil davon erwarten. Darum iſt es mir lieb, daß er ſo ſicher auf den guten Ausgang hofft. Ich habe darüber, das bekenne ich Euch offen, Thyßka, noch einige Bedenken. Wir werden zuletzt obſiegen, ja; aber ich glaube nicht ſo ſchnell und nicht ſo ohne Schwierigkeiten. Unternehmend iſt Thurn; er iſt kein bloßer Wortheld, wenngleich er es liebt, ſeine Anhänger durch pomphafte Reden zu begeiſtern. Er hat aber auch Thaten; ein glücklicher Schlag kann ihm ge⸗ lingen, dann wird ſich der Zulauf drüben ſehr vermehren! Hätten wir nicht die katholiſchen Fürſten Deutſchlands, den Einfluß des Heiligen Vaters und die Macht Spaniens im Rückhalt.... ſo könnten wir übel fahren! Doch das iſt der Ankergrund, der unſer Schiff im Sturm halten wird!“ „Mir ſcheint es auch nicht unwichtig, was der Prä⸗ ſident über den Herzog von Baiern andeutete“, ſagte Thyßka. „Gewiß nicht. Allein Martiniz iſt der Mann nicht, das zu vermitteln. Wir haben dort kräftigere Stützen, und die kräftigſte in König Ferdinand ſelbſt. Nur der Kaiſer, der Kaiſer! Er iſt uns überall noch im Wege!“ „Er iſt ſehr leidend!“ 203 „Allerdings. Es gibt Hoffnungen!— Es gäbe auch....“ Lamormain ſprach die letzten Worte in ge⸗ dehntem, gewiſſermaßen ihre Wirkung prüfendem Tone. Er warf einen ſcharfen Blick auf Thyßka. Dieſer ſeinerſeits verhielt ſich ſchweigend und lauſchend. Er ahnte, ja er errieth wol des Paters Gedanken, aber er war zu vor⸗ ſichtig, ihnen die Worte zu leihen. Schweigend und ſich beobachtend ſtanden die beiden Brüder der Geſellſchaft Jeſu einander gegenüber. In dieſem Augenblicke tiefſter Stille, wo nichts geſchah, der aber für Den, welcher allwiſſend in die Bruſt der Menſchen ſchaut, mit ſchweren Gedanken erfüllt war, die ſchwere Thatſachen aufwogen, trat Slawata wieder ein. Beide hatten ihn, in ihre Betrachtungen und gegenſeitige Erforſchung tief verſenkt, nicht bemerkt. Sie erſchraken daher, als er ſie unvermuthet wieder anredete, wie bei ver⸗ botener That überraſcht. Doch Lamormain gewann ſogleich ſeine ſichere Haltung wieder. Er ſagte lächelnd:„Wir waren ſo in Betrachtungen über den Ernſt unſerer Lage verſunken, daß Euer Eintritt uns ganz überraſchte!“ „Hier eine flüchtige Zuſammenſtellung“, antwortete Sla⸗ wata und gab ihnen ein Blatt.„Doch im Actenzimmer können wir mit Fabricius' Hülfe noch viel Umfaſſenderes einſehen!“ „Hm!“ ſummte Pater Lamormain, indem er das Blatt nahm. Er durchflog es mit raſchen Blicken. Im Leſen murmelte er:„Thurn: Herrſchaften Welliſch und Win⸗ dritzſch. Schlick: Schwigam, Weißkirchen. Caplicz: Neu⸗ Stupau, Miltſchin. Smirziezki: Zwölf Güter— viel! Gitſchin dabei— hat das nicht Graf Wallenſtein gekauft?“ fragte er aufblickend. „Er ſtand in Unterhandlungen“, erwiderte Slawata. 204 „Peter von Schwamberg, Zwikaw, die Roſenberg'ſchen Güter. Gottlob Berka, Wenzel Berka“, ſummte Lamormain weiter.„Eine ganz anſehnliche Zahl!— Damit ließen ſich viele Getreue entſchädigen und belohnen“, ſprach er mit einem verſtohlen beobachtenden Blick auf Slawata.„Wir theilen zwar“, ſetzte er lächelnd hinzu,„die Haut des Bären ſchon ein wenig bevor wir ihn haben, allein das thut nichts! Man muß auch dafür ſeine Ueberſchläge ma⸗ chen und wiſſen, wie weit man ſich verpflichten kann.— Es wäre mir alſo noch lieber das Genauere einzuſehen! Wollt Ihr uns in das Actenzimmer führen?“ Slawata ging voran; die Geiſtlichen folgten.„Jetzt bin ich ſicher“, flüſterte Lamormain Thyßka ins Ohr,„das iſt der Faden, mit dem wir ihn und Alle unauflöslich an uns binden!“ Sie verſchwanden in der Kanzlei. Achtunddreißigſtes Capitel. In einem Hauſe am Stephansplatz ſaßen eines Vormit⸗ tags im hohen gewölbten Zimmer des untern Stockwerks, wo von dem reichen Weinhändler Chriſtoph Trattner Wein ausgeſchenkt wurde, der Herr Tharradel von Eber⸗ gaſſing und ihm gegenüber ſein Bekannter, der alte Kriegs⸗ mann, Stephan Reubner war ſein Name, jeder einen Becher echten Tokayers vor ſich, worauf Tharradel den Alten geladen hatte. —— 205 Der Herr von Ebergaſſing war wieder nach Wien her⸗ eingekommen, weil die proteſtantiſchen Stände, zu denen er 3 gehörte, ſich dort verſammelt hatten, um in der wichtigen Zeit ihre Angelegenheiten zu beſprechen. Die Kriegsrüſtung hatte begonnen, und es wurden ungeheure Summen nöthig, um die Ausgaben dafür zu decken. Das bedurfte der Zu⸗ ſtimmung der Stände überhaupt; aber die proteſtantiſchen Mitglieder waren gar nicht geneigt einen Krieg bezahlen zu helfen, der wider ihre Religionsmeinung gerichtet war; Tharradel arbeitete eifrig mit ſeinen Freunden, dieſe Mei⸗ nung zur überwiegenden zu machen, und er hatte Hoffnung, daß es ihm gelingen werde. Auch in Reubner hoffte er, wenngleich für ein an⸗ deres Feld, einen wackern Bundesgenoſſen zu haben. Denn 3 der Alte war mit Leib und Seele der evangeliſchen Sache zugethan, wenngleich er in religiöſen Dingen nur ſo ge⸗ 4 wiſſermaßen ſeine Kriegsmannsreligion hatte. Die Geiſt⸗ lichen konnte er überhaupt nicht wohl leiden; Soldaten 6 waren ihm lieber. Auf die katholiſchen Prieſter aber hatte er einen ganz beſondern Haß, weil er es ihren Ränken zu⸗ ſchrieb, daß er, der ſo lange Jahre und ſo wacker in den kaiſerlichen Heeren gedient hatte, ſchlecht abgelohnt worden und auf Hunger und Noth angewieſen war, während jün⸗ gere und minder verdiente Kameraden, die aber katholiſchen Glaubens waren, mit guten, hequemen Stellen an Klö⸗ ſtern und Stiftern verſorgt worden waren. Dieſer Un⸗ dank hatte ihn auch feindſelig gegen das Haus Oeſterreich * geſtimmt. Es war außer ihm und Tharradel Niemand in der Schenkſtube. „Nun trinke, Alter, und ſei nicht mehr ſo mürriſch; freue dich der guten Zeitungen!“ redete Tharradel ſeinem 206 2 Gaſte zu.„Hätte ich je geglaubt, daß mein alter fröh⸗ licher Reitmeiſter ſo ein grämlicher Geſell werden könnte!“ „Ich bin auch nicht mehr der Stephan Reubner von damals, der Euch als Junker auf dem Schecken vor ſich hatte!“ erwiderte der Alte.„Ich kann's nicht ſein und mag's nicht ſein! Ich thäte beſſer Thurmwärter und Kirchenpförtner zu werden, wie mein Gevatter und Kamerad Hubert hier bei St.⸗Stephan. Da geht er eben mit dem Schlüſſelbund über den Platz!— Aber für Unſereins gibt's keinen Biſſen Ruhebrot.“— Er deutete dabei zum Fenſter hinaus, wo ein Alter in halbgeiſtlicher Tracht, der Kirchenpförtner Hubert, eben vorüberſchritt.—„Ja, wenn ich dabei ſein könnte!“ fuhr Reubner mit einem Seufzer fort.„Aber ſoll ich jubiliren, daß ich mit dem zerſchoſſe⸗ nen ſteifen Arm keinen Säbel mehr ziehen kann? Daß ich zuſehen muß, hinterm Ofen, wenn Andere die Arbeit thun?“ „Das nicht“, antwortete Tharradel,„aber du ſollſt dich doch freuen, daß es der Sache, der wir angehören, gut geht, daß die Pfaffen unterducken müſſen!“ „Gut geht? Was iſt's denn Gefährliches! Der Thurn hat ein paar glückliche Gefechte gehabt. Dabei iſt der Tanz nicht zu Ende. Und unterducken? Die Pfaffen? Da kennt Ihr ſie ſchlecht! Am Jüngſten Tag noch ducken ſie wieder auf, wenn ſie auch bis dahin untergeduckt hätten?“ „Es wird ihnen jetzt auf einige Zeit verleidet ſein, viel⸗ leicht auf immer!“ erwiderte der Herr von Ebergaſſing.— „Als wir uns vor drei Wochen ſprachen, hätte Keiner von uns geglaubt, daß die Sache ſo ſchnell gut gehen würde!— Ein paar glückliche Gefechte nennſt du das, Reubner, wenn eine ganze Armee zurückgeworfen wird?“ „Was Armee? Was zurückgeworfen! Es ſind ja kaum —— 207 ein zehntauſend Mann beiſammen! Dem Dampierre iſt's zuvor auch gut gegangen, ſo kann's ihm jetzt ſchlecht gehen. Er hat Biſtritz genommen und Neuhaus berannt. Jetzt hat ihn Thurn daraus zurückgedrängt, das iſt Alles! Im Krieg wechſelt das Glück. Von Neuhaus bis Lomnitz— ſind etliche Tagemärſche! Dabei haben die Böhmen noch die Belagerung von Budweis aufgeben müſſen! Da iſt noch nichts Großes gewonnen! Das kann ebenſo raſch wieder umſchlagen.“ „Dein Mismuth, Alter, läßt dich die Vortheile nicht richtig ſehen! Dampierre glaubte ſchon einen Fuß in Prag zu haben, als er Neuhaus belagerte. Wie weit ſtand er denn von der Hauptſtadt? Ein paar Tagemärſche! Und nun muß er zurück! Wird bei Czaslau geſchlagen, bei Lomnitz geſchlagen, muß beinahe Böhmen räumen, und das Alles binnen vierzehn Tagen!“ „Aber Boucquoi iſt in Reſervel Er rückt vor! Er muß nun mit allen ſeinen Truppen heran ſein. Dann ſind Zwei über Einen! Und der Niederländer verſteht den Krieg! Wer weiß, was morgen für Zeitungen eintreffen!“ „Alter, ſeid nicht ſo kleinmüthig! Thurn verſteht den Krieg auch und ſein Heer iſt im Wachſen. Wenn nichts gewonnen wäre, als daß den Böhmen der Muth ſo ge⸗ wachſen iſt, wie den Kaiſerlichen gefallen! Und wenn du den Boucquoi ſo hoch anſchlägſt, rechneſt du denn den Mansfeld für nichts?“ „Mansfeld!— Was Mansfeld? Was hat der damit zu ſchaffen?“ fragte Reubner verwundert. „Und das weißt du nicht?— Ihr wißt hier nicht in Wien, daß der Mansfeld mit ſeinem ganzen Corps den Böhmen zu Hülfe gerückt iſt?“ „Der Mansfeld? Der eiſerne Teufel ſelbſt?“ rief der 208 Graubart, und ſeine Augen leuchteten.„Nein, ſagt mir, Herr Tharradel, iſt das gewiß oder wollt Ihr mich foppen?“ „So gewiß als du hier ſitzeſt und das Maul hängſt, Reubner!“ „Nun, ſo will ich es auch nicht mehr hängen laſſen“, rief der Alte aus und that einen kräftigen Zug:„Auf des eiſernen Teufels Wohlſein! So nannten wir ihn immer. Ja, daß es im Werke war, ihm ein Commando zu über⸗ tragen, davon hatte man wol munkeln hören; aber Keiner dachte, daß es dazu kommen würde, und vollends da ſeit⸗ dem an ſechs Wochen verſtrichen ſind! Es hieß auch nur, er ſolle ein Commando übernehmen. Und nun träte er mit ſeinem ganzen gegen die Spanier geworbenen Corps zu den Böhmen über?“ „Wie ich dir ſage, Stephan! Seit vorgeſtern Abend weiß ich's ſchon; da ſagte mir's mit Jammern und Zagen der Abt von Mölk, als ich ihm in St.⸗Pölten begegnete. Und hier in Wien wißt ihr das nicht?“ „O wenn's eine ſchlechte Nachricht geweſen wäre, die würden wir ſchon erfahren haben! Aber mit den guten halten ſie hinterm Berge, da oben! Ja, nun glaube ich, daß ſie klein beigeben werden! Der Mansfeld! Es iſt um ſich die Peſt zu wünſchen! Ich alter verrotteter Baum⸗ ſtumpf hier, der zu nichts mehr zu gebrauchen iſ/ als am Kamin zu verglimmen!“ Reubner that aber dieſen mismuthigen Ausruf über ſich ſelbſt mit freudefunkelnden Augen; er war plötzlich ganz ein anderer Menſch geworden! Der Herr von Ebergaſſing, der den Alten ſtets auf⸗ ſuchte, wenn er nach Wien kam, hatte ihn auch, um ihn zu erheitern und ihm den Verdruß über ſeine Kriegs⸗ 209 untauglichkeit zu vertreiben, zu Gaſt in das Weingewölbe geladen. Er ſchenkte ihm jetzt, da er ihn ſo erfreut durch die Nachricht ſah, den Becher von neuem voll und ſagte: „Nun laß uns anſtoßen auf die nächſte glückliche Schlacht!“ „Wo Mansfeld ihnen über die Glatzen fährt“, ſtimmte der Alte ein, und die Becher klangen. Sie waren bisher die einzigen Gäſte geweſen. Jetzt öffnete ſich die Thür und mehrere Bürger traten ein, alle mit ſehr beſorglichen Mienen und in ſichtlicher Beſtürzung. „Gott zum Gruß, alter Graukopf“, rief eine dünne Stimme und trat mit höflicher Verneigung auf Reubner zu; „es freut mich, daß wir uns wieder treffen! Es freut mich ſehr! Wahrhaftig! In ſolcher Zeit kann man Freunde gebrauchen und vollends ſolche Männer, wie Ihr ſeid! Muthige Haudegen! Ja, das wird Noth thun!“ Reubner ſah den Sprechenden verwundert an. Er konnte ſich nicht gleich beſinnen, wo er ihn geſehen hatte. Doch alsbald erkannte er den Schneidermeiſter Schmerl. Er lachte auf und reichte ihm gutmüthig die Hand.„Bei meinem Bart, ich hätte Euch faſt nicht gekannt“, rief er ihn an.„Nun, was bringt Ihr denn Neues mit? Ihr ſeht ja ganz confus aus! Iſr' nichts Gutes?“ „Gutes? Nein, Gott ſei's geklagt, Gutes bringen wir nicht! Neues freilich! Wißt Ihr denn noch nicht, wovon die ganze Stadt ſeit einer Stunde voll iſt?“ „Nein, wovon denn?“ „Daß der kaiſerliche Feldmarſchall, der Herr Graf von Boucquoi, aufs Haupt geſchlagen iſt.“ „Boucquoi?“ rief Reubner, und ſein Auge ſchoß Blitze. „Boucquoi?“ rief gleichzeitig Tharradel und fügte hinzu: „Dampierre meint Ihr wol!“ „Nein, vergeben Ew. Gnaden“, antwortete Schmerl, 210 der mit ehrfurchtsvollem Staunen auch jetzt ſeinen ehema⸗ ligen Kunden, den Herrn von Ebergaſſing, erkannte,„es iſt der Herr Graf Boucquoi, der die Schlacht verloren hat bei Lomnitz.“ „Nicht doch! Da iſt ja der Dampierre geſchlagen“, fuhr Tharradel faſt verdrießlich dazwiſchen,„werft doch nicht ſo confus Alles untereinander in dem Aufruhr, in den Euch Euer Heldenmuth verſetzt!“ „Halten zu Gnaden“, ſiel auch der Begleiter Schmerl's, Haidvogl, ein,„es iſt ſo wie mein Gevatter, der bürger⸗ liche Schneidermeiſter Ignaz Schmerl, hier erzählt. Jetzt eben vor zwei Stunden iſt der Kurier in der Burg ange⸗ kommen, der all die Nachrichten gebracht hat. Der Fuchs, den er geritten, war ſo naß, als wäre er durch die Donau geſchwommen. Er mußte gleich mit den Botſchaften hinauf zu Sr. kaiſerlichen Majeſtät ins Krankenzimmer! Gott be⸗ hüte den allergnädigſten Herrn; er liegt noch immer ſo ſchwer an der Gicht danieder und ſie ſoll ihm ſchon in die Bruſt getreten ſein!“ „Nun? Und Euer Kurier“, unterbrach ihn Thar⸗ radel ungeduldig,„was hat er denn für Nachrichten ge⸗ bracht?“ „Er kam“, rief Haidvogl mit wichtiger Miene,„von Sr. Majeſtät dem Könige von Böhmen und Ungarn; Se. Majeſtät haben ihn ſelbſt abgeſchickt....“ „Zum Geier aber, was ließ denn der Ferdinandl dem Mathiäſerl Alles vermelden, ſo ſagt's doch endlich heraus, wenn Ihr's wißt!“ eiferte Tharradel,„nur ſchwatzt mir nicht von Eurer verdrehten Schlacht, von der wir ſchon ſeit vierzehn Tagen wiſſen!“ „Es iſt ſo wie der Bürger geſagt hat“, ſprach ein älterer Mann mit ernſtem Angeſicht, der einige Augenblicke 211 nach den Andern eingetreten war, als er die letzten Worte des Geſprächs gehört hatte.„Nachdem der General Dam⸗ pierre ſich zurückgezogen hatte und ihm der Feldmarſchall Boucquoi zu Hülfe gerückt war, iſt es bei Lomnitz abermals zur Schlacht gekommen und Graf Thurn hat am 14. Sep⸗ tember über den Grafen Boucquoi geſiegt.“ Es trat eine augenblickliche Stille ein. Niemand kannte den Alten. Er war in bürgerlicher Tracht, hatte halb⸗ graues Haar und Bart, ein ſonnverbranntes Geſicht, doch mehr das Anſehen eines friedlichen Geſchäftsmannes als das eines Kriegers. Tharradel ſah ihn ſcharf an. „Und woher wißt Ihr das ſo gewiß?“ fragte er. „Ich verwundere mich nur, daß es hier in Wien erſt jetzt bekannt wird“, antwortete der Fremde.„Ich komme eben von Linz, die Donau herunter zu Schiff, aber dort haben wir's ſchon vor zwei Tagen gewußt.“ „Es iſt wahr“, bemerkte Tharradel, dem, gleich den An⸗ dern, in der Verwunderung über den ruhigen, beſtimmten Fremden für den Augenblick der Eindruck des Ereigniſſes ſelbſt etwas verwiſcht war,„wir hätten's auch ſchon län⸗ ger wiſſen können, wenn die Schlacht am 14. gewe⸗ ſen iſt!“ 3 „Ja, ja, wie ich ſage“, ſprach Reubner wieder ſpöt⸗ tiſch lächelnd,„gute Zeitungen für ſie theilen ſie uns ſchon ſchneller mit! Solche aber, wie dieſe, erfahren wir immer zeitig genug!— Alſo wirklich der Boucquoi ge⸗ ſchlagen von dem Thurn!“ wandte er ſich zu dem Frem⸗ den.„Und wißt Ihr etwas Näheres von der Schlacht, Herr?“. „Nein“, antwortete dieſer kurz, mit einem flüchtigen, aber mistrauiſchen Blick auf den Kreis, der ſich verſam⸗ 212 melt hatte.„Als ich Linz verließ, war eben die Nachricht eingetroffen, von Budweis her!“ „Es iſt ein erſchreckliches Unglück“, rief Schmerl aus. „Sie werden noch vor Wien rücken!“ „Könnte wol ſein“, warf der Graubart Reubner lachend hin,„ſchaut nur zu, daß Euch der Stephansthurm nicht auf den Kopf fällt! Mich dünkt er wackelt ſchon!— Und wenn nicht der Stephansthurm könnte Euch doch der Ma⸗ thes Thurn über den Hals kommen!“ Tharradel murmelte für ſich:„Ich kann's noch gar nicht glauben und begreifen!“ „Meint Ihr auch, gnädigſter Herr, daß es ſo übel ſtehe“, fragte Haidvogl, ängſtlich zu Tharradel gewandt. „Ach, Ew. Gnaden haben Kenntniß von ſolchen Sachen! Sagt uns, droht uns Gefahr?“ „Sie werden Wien belagern wie der Türke vor Zeiten!“ rief Schmerl mit kläglicher Geberde. „Wenn Ihr etwa vorm Glacis wohnt, in der Vor⸗ ſtadt, dann lauft nur, daß Ihr nach Haus kommt“, ſpot⸗ tete Reubner,„ſonſt iſt der Thurn früher als Ihr dort!“ Schmerl ſah den Alten dumm verdutzt und erſchreckt an. „Ach, gnädigſter Herr von Tharradel“, wandte er ſich gleichfalls zu dieſem.„Ich habe vordem für Euch gear⸗ beitet. Ich weiß, Ihr haltet zu den Proteſtanten....“ „Was gehört das hierher!“ fuhr Tharradel aufſprin⸗ gend ihn wild an.„Packt Euch mit Eurer Haſenangſt hier hinaus, rathe ich Euc an, und laßt uns unſern Wein in Ruhe trinken!“ Schmerl und Haidvogl und die Gefährten, die ſie be⸗ gleiteten, fuhren erſchreckt zurück. Der Fremde war aber ſehr aufmerkſam geworden und ſah Tharradel mit ſcharf beobachtenden Blicken an. — — 213 „Kommt, Schmerl“, flüſterte Haidvogl,„wir wollen zu Eurem Vetter Zeiſerl bei St.⸗Peter!“ „Ja, wir wollen fort zu Haus oder wohin Ihr wollt!“ antwortete der Erſchreckte und ſchob ſich mit einer furcht⸗ ſamen Verbeugung auf die Seite. Er, Haidvogl, und die mit ihnen gekommen waren, verließen die Trinkſtube, ſodaß Tharradel, Reubner und der Fremde wieder allein waren. Tharradel ſetzte ſich wieder, und obgleich er anfangs noch verdrießlich ausſah, gewann doch der Eindruck der Nachrichten, die für ihn erfreuliche waren, nachgerade die Oberhand.„Komm, Alter“, ſprach er zu Reubner,„laß uns unſern Wein austrinken; jetzt wird er uns ſchmecken; dann wollen wir uns doch ſelbſt einmal in der Stadt um⸗ thun und zuſchauen was an dem Gerücht iſt!“ „Ihr dürft Euch darauf verlaſſen, Herr; was ich Euch geſagt habe, iſt wahr“, ſprach der Fremde, der geblieben war und zwei Schritte von dem Tiſch, wo die beiden Trinker ſaßen, auf einem Seſſel neben einem kleinern Tiſch⸗ chen Platz genommen hatte. Tharradel wandte ſich zu ihm und ſchien etwas fragen zu wollen. Doch der Fremde kam ihm zuvor.„Jetzt“, ſagte er,„könnte ich Euch auch noch einiges Genauere darüber mittheilen.“ Dabei ließ er das Auge rings im Gewölbe umlaufen, als ob er ſich über⸗ zeugen wolle, daß ſie auch wirklich allein ſeien. „Das ſollte mir lieb ſein“, antwortete Tharradel,„und wem hätte ich die Nachrichten zu danken?“ „Ich bin von Linz, mein Name iſt Markwald, ich handle mit Getreide“, antwortete der Fremde und trat an den Tiſch.„Ich glaube Euer Name, werther Herr, iſt Tharradel? Tharradel zu Ebergaſſing?“ „So iſt es“, antwortete dieſer verwundert,„und wo⸗ her kennt Ihr mich?“ 214 „Euer Name, Herr, wurde zuvor von den Bürgern im Geſpräch genannt, und da muthmaßte ich, daß Ihr derſelbe ſeid, von dem ich bereits gehört hatte.“ Dieſe Worte waren von einem Blick begleitet, den Tharradel nur für einen ſtummen Wink halten konnte. „Ihr wolltet etwas von mir? Ihr habt etwas an mich?“ fragte er verwundert.„Nur heraus mit der Sprache!“ „Vielleicht eine Kleinigkeit, einen Auftrag“, antwortete der Fremde,„wir können gelegentlich davon ſprechen. Wenn Ihr geſtatten wollt, gnädiger Herr, daß ich Euch in Eurer Wohnung aufſuche.“ „Vor dieſem braven Kriegsmanne hier“, entgegnete Tharradel,„habe ich kein Geheimniß. Wir finden nicht leicht beſſere Gelegenheit miteinander zu reden, denn morgen früh dürfte ich viel Geſchäfte haben, und Mittags reiſe ich ſchon wieder ab, da ich jetzt nicht in Wien wohne!“ Der Fremde maß Reubner mit einem aufmerkſamen Blick. „Ihr recognoscirt mich ja ſo“, rief dieſer lachend,„Ihr werdet doch nicht gleich hinter meine Stärke kommen!“ Der Fremde ließ ſich nicht aus ſeiner Ruhe bringen. „Es iſt nur ein Gruß und eine Beſtellung von einem Eurer ältern Bekannten, die mir gelegentlich aufgetragen wurden, als ich vor den Unruhen in Prag dort zu thun hatte. Herr Martin Frühwein läßt Euch grüßen.“ „Frühwein“, rief Tharradel überraſcht und ſeine Züge drückten eine unruhige Spannung aus, während der Fremde ihn mit ruhiger Sicherheit beobachtete.„Jetzt laßt nur die Maske fallen“, fuhr Tharradel leiſe fort; „kommt der Wind daher, ſo könnt Ihr erſt recht frei hier ſprechen. Der alte Graubart iſt mein Alliirter!“ — 215 „Wenn dem ſo iſt?“ entgegnete der Fremde fragend und ſah noch einmal im Gemach umher, ob ſich noch ſonſt Jemand darin befinde. Da er aber nur den Schenkjungen wahrnahm, der hinten in der Tiefe des Gewölbes, wo man nicht hören konnte, was geſprochen wurde, Gläſer ſpülte, ſo fuhr er fort:„Nun denn ohne weiteres: Herr Frühwein ſendet mich; mein Name iſt Nikolaus Diewiß“, fügte er leiſe hinzu. „Diewiß, Ihr ſeid es! Die Hand her, wackerer Freund!“ antwortete Tharradel. „Herr Martin Frühwein hat Ew. Gnaden ſchon Mit⸗ theilungen über mich gemacht“, entgegnete Diewiß,„ich brauche Euch alſo wol nicht erſt zu ſchildern, wie ich unſe⸗ rer Sache anhänge. Was nun meine Aufträge anbelangt, ſo....“ er hielt inne und warf abermals einen Blick auf Reubner. „Ich verſtehe Euch und Eure Vorſicht, Herr Diewiß“, nahm Tharradel das Wort.„Doch Ihr dürft ganz frei reden. Dies iſt“, dabei legte er die Hand auf Reubner's Schulter,„der treueſte Anhänger unſerer Sache, der Wacht⸗ meiſter Stephan Reubner, ein wackerer Kriegsmann, den leider die türkiſchen Kugeln zum Invaliden gemacht haben. Stephan“, wandte er ſich zu dieſem und deutete auf Die⸗ wiß,„Herr Nikolaus Diewiß, Stadtſchreiber der Alt⸗ ſtadt Prag.“ „Leiſe, leiſe, Herr von Tharradel“, erwiderte dieſer mit unterdrückter Stimme und legte den Finger auf den Mund, „daß Niemand dieſen Namen, dieſe Bezeichnung hört. Hier bin ich der Getreidehändler Jakob Markwald aus Linz.“ „Verſtehe, verſtehe“, rief Reubner fröhlich und rieb ſich die Hände.„Ihr marſchirt mit falſchem Fähnlein! Eine 216 Kriegsliſt!— Nun traue ich Euch erſt recht. Aber jetzt ſagt uns vor allen Dingen, wie ſteht's mit der Action?“ „Gut, gut, recht gut“, antwortete Diewiß;„für dieſen Sommer wird der Feldzug in Böhmen wol ein Ende ha⸗ ben. Graf Thurn hat den Marſchall Boucquoi ſo im Lande empfangen, daß es ihm nicht mehr wohl darinnen iſt.“ „Der Thurn! Ich hätte nicht gedacht, daß der Schwarz⸗ kopf den Krieg ſo verſtünde! Ein dreiſter Angreifer war er immer, auf den Feind ging er los, aber ſah ſich wenig rechts und links um. Bei Szigeth,— wann war es doch,— anno....“ „Laß das gut ſein, Reubner“, unterbrach ihn Thar⸗ radel freundlich, der die Redſeligkeit des Alten kannte, wenn er von ſeinen Kriegsereigniſſen erzählte.„Sagt mir jetzt gerad heraus, Herr Markwald, was habt Ihr an mich!“ „Nun,— ich habe auch Briefe!“ „So, gebt“, rief Tharradel eilig. „Nein, hier ginge das nicht wohl“, ſprach Diewiß lä⸗ chelnd,„dergleichen trägt man nicht in der Taſche mit herum. Ich war ſchon auf Eurem Schloß, da hörte ich, daß Ihr in Wien ſeid; ich ſuchte Euch hier in Eurer Her⸗ berge auf, da erfuhr ich, daß Ihr gewöhnlich hier den Frühtrunk zu nehmen pflegtet. Ich ſuchte und fand Euch denn hier. Allein meine Brieftaſche iſt meine Stiefelſohle! Hier habe ich nur“, er zog eine Brieftaſche aus der Bruſt, „meine Reiſeſcheine, aus Linz datirt, und ein paar Ab⸗ ſchlußrechnungen über Getreidegeſchäfte und andere Pa⸗ piere, die dem Getreidehändler Jakob Markwald zuge⸗ hören.— Laßt uns denn in Eure Herberge gehen, gnä⸗ digſter Herr, dort kann ich mein geheimes Käſtlein öffnen. Und dort will ich Euch auch das Genauere von der Schlacht erzählen.“ 217 „Das ſind mir prächtige Händel“, rief Reubner,„wir ſtoßen an darauf.“ Sie tranken. „Seid aber doch auf Eurer Hut, Herr Markwald“, ſprach Tharradel leiſe;„es laufen hier in Wien mancherlei Geſichter umher, die Euch in Prag geſehen haben könnten. Der Slawata zum Beiſpiel, ſammt ſeinem Geheimſchreiber Fabricius Platter....“ „Den der Kaiſer Mathias in den Adelsſtand erhoben hat, daß er ſich nach ſeinem Luftritt Platter von Hohenfall nennen kann“, unterbrach Reubner lachend. „Beſonders warne ich Euch“, fuhr Tharradel fort,„vor den Jeſuitenröcken! Da iſt der Pater Thyßka....“ „Die ſchwarzen Füchſe möge der Schwarze holen“, rief Reubner wieder dazwiſchen. „Es ſind aber Füchſe und ſie haben eine feine Witte⸗ rung“, ſagte Tharradel. „Ich danke Euch beſtens für Euren Rath, gnädiger Herr“, entgegnete Diewiß;„ich wußte das theils, theils vermuthete ich es, aber“, ſetzte er lächelnd hinzu,„ich denke nicht, daß ſie mich, wie ich hier erſcheine, ſo leicht erkennen werden. In Prag war mein Haar noch friſch hellbraun, und wuchs mir dort ein Bärtchen auf der Oberlippe, ſo war ich dafür am Kinn deſto glatter!“ „Ich verſtehe!“ ſprach Reubner mit pfiffiger Miene. „Ihr Spion, Ihr! Man ſollte Euch hängen!“ „Laßt uns gehen, ich bin zu begierig zu erfahren, was mir Frühwein meldet oder ſendet“, fuhr Tharradel, indem er aufſtand und mit dem Siegelring an den Becher klopfte, damit der Schenkjunge herbeikomme. Dieſer ſprang raſch Rellſtab, Drei Jahre. 2. Aufl. I. 2. 10 218 von ſeinem Spültrog hinweg und beeilte ſich die Zahlung für den Tokayer einzuſtreichen. Sie gingen. Ueununddreißigſtes Capitel. Auf den Gaſſen Wiens gewahrte man die unverkenn⸗ baren Zeichen größter Beſtürzung. Die Bürger ſtanden vor den Häuſern in kleinen Häuflein im eifrigen Geſpräch beiſammen. Ein dunkler Strom der Volksmenge eilte der Burg zu, aus der die Nachrichten in die Stadt gedrungen waren und ſich wie ein Lauffeuer verbreitet hatten. Da der erſte Schrecken ſtets die Eindrücke weit ver⸗ größert, war Alles in der höchſten Unruhe; man hätte glauben können, der Feind ſtehe ſchon vor den Thoren. „Sie ſtürzen über die Gaſſen als ob ihnen die Bomben und Feuerkugeln ſchon in die Dächer fielen“, ſpottete Reub⸗ ner.„Wartet nur, dazu kann Rath werden!“ „Laß deine Freude hier nicht zu laut werden, Alter“, erinnerte Tharradel.„Noch ſind ſie Herren in Wien! Und zuweilen haben die Mauern Ohren!“ Sie geriethen jetzt in einen dichten Menſchenſtrom, der der Burg zudrängte, als ob dort, woher die erſchreckenden Nachrichten zuerſt gekommen waren, unaufhörlich neue er⸗ theilt werden müßten. „Zaloska“, rief eine laute Stimme mitten in dem unruhigen Gewoge,„komm hier herüber.“ Sie wandten die Augen unwillkürlich nach der Stelle, woher der Ruf kam.„Teufel! Seid vorſichtig“, rief 219 Tharradel leiſe und faßte Diewiß an den Arm.„Dort kommt der Pater Thyßka quer über die Gaſſe, mit zwei andern Confratribus; wenn Euch von denen nur Niemand erkennt! Ausweichen iſt jedenfalls beſſer!“ Dabei zog er ihn ſeitwärts, einem engen Nebengäßchen zu. Diewiß hatte auch hinübergeblickt und allerdings einige prager Geſichter erkannt. Er hielt ſich daher das Tuch vor, wandte den Kopf ab und folgte Tharradel, jedoch nicht ohne einen Blick ſeitwärts zu werfen, der ihm noch geſtat⸗ tete, Thyßka ins Auge zu faſſen, wie er eben einem Mann von widerwärtig ſlawiſcher Geſichtsbildung mit breiten Backen⸗ knochen, glotzenden Augen und ſtarrem ſchwarzen Bart und Haar ein Päckchen Schriften übergab und ihm mit der Hand andeutete, wohin er ſeinen Weg damit zu nehmen habe. Dieſer drängte ſich eilig damit durch die Menge; es war Zaloska in Slawata's Dienſten dieſem nach Wien gefolgt. Auf einigen Umwegen, um die unruhigern Gaſſen zu vermeiden, erreichten Tharradel und ſeine Begleiter deſſen Herberge nach kurzer Zeit. Hier begaben ſie ſich ſogleich auf ſein Zimmer. Sobald die Thür hinter ihnen verriegelt war, zog Diewiß eilig den rechten Stiefel aus, nahm ein Taſchenmeſſer, that einige Schnitte von außen zwiſchen Sohle und Oberleder, und löſte auf dieſe Weiſe einige Fäden, mit denen eine dünne Doppelſohle im Innern des Stiefels befeſtigt war. Er nahm ſie heraus und zugleich einige aufs feinſte gefalzte Papierblätter. Tharradel griff begierig danach. Reubner hatte ſich inzwiſchen auf einen Stuhl ans Fenſter geſetzt und ſchaute in die Gaſſe hinaus. „Ich werde Euch doch Vieles mündlich erklären müſſen“, bemerkte Diewiß gegen Tharradel,„denn natürlich mußten die Blätter ſo geſchrieben ſein, daß ſie unnütz und unver⸗ 10⁴ 220 ſtändlich blieben, wenn ſie in falſche Hand geriethen. Die Hauptſache iſt meine Beglaubigung an Euch, gnädiger Herr, und meine Vollmacht durch Martin Frühwein in Betreff der Geldpunkte.“ „Ich ſehe, ich ſehe“, erwiderte Tharradel im eifrigen Leſen, während Diewiß den Stiefel wieder ordnete und anzog;„das iſt aber Alles vor den jetzt gewonnenen Schlachten geſchrieben?“ „Dadurch wird ſich wenig ändern, nur das Ganze leichter werden“, antwortete Diewiß.„Mit einem Wort, gnädiger Herr“, fuhr er nach einigem Ueberlegen in wohl⸗ geordneter, ruhiger Rede fort,„die böhmiſchen Stände zählen auf die öſterreichiſchen; Eure Thätigkeit, Eure Ver⸗ mittelung nehmen ſie in Anſpruch, durch Martin Frühwein's Ausführung auf Eure Genoſſen zu wirken, daß wir in ein ſo enges, getreuliches Bündniß treten als möglich. Die öſterreichiſchen Stände haben ſich ſo unabhängig zu ſtellen gewußt, ſo feſte Freiheiten errungen, daß ſie dem Kaiſer gegenüber mit Sicherheit auftreten können. Und da es nun alle Freiheiten zugleich gilt, nicht blos die der Religions⸗ übung, ſo iſt unſere Hoffnung, daß ſelbſt die katholiſchen Mitglieder uns nicht entgegen ſein werden, wenn man ihnen die Dinge auf die rechte Art, mit beredter Zunge vor⸗ ſtellt. Wir werden nie ihren Glauben verfolgen, ſolange ſie uns unbehindert laſſen! Iſt denn die gegenſeitige Ver⸗ folgung nothwendig? Haben doch in ganz Böhmen, ſo⸗ lange bis die Jeſuiten Zwietracht ſäeten, die Huſſiten fried⸗ lich mit den Katholiken beieinander gewohnt!“ Reubner pfiff während dieſer Worte vor ſich hin und murmelte:„Ja, wenn die Pfaffen nicht mit an dem Brei kochten!“ „Es wird ſchwer ſein“, entgegnete Tharradel.„Es — 221 werden zu viele Lügenſchriften verbreitet. Auf beiden Seiten vielleicht. Allein das Mistrauen iſt einmal da. Und, beim Henker, ich traue auch nicht weit, wo die Kapuzen mitzu⸗ reden haben. Gebt ihnen einen Finger und ſie nehmen die Hand, gebt ihnen einen Strohhalm und ſie drehen Euch umſehends ein Fangſeil daraus, ſtark genug um einen Löwen zu binden. Doch, auf mein Wort, was ich ver⸗ mag, ſoll geſchehen. Man muß aber die Umſtände abwarten. Es heißt, der Kaiſer wollte die Stände ſchleunigſt berufen, wegen der Geldmittel zum Kriege. Daran läßt ſich anknüpfen; das haben wir auch hier ſchon unter uns betrieben. Hier, meine Hand; ich thue was ich kann; wir ſind zahlreich und ſtark, wenn wir zu⸗ ſammenſtehen!“ „So bringe ich gute Botſchaft zurück an Herrn Früh⸗ wein?“ „Die beſte!“ Tharradel reichte ihm die Hand; er ſchlug ein und ſchüttelte ſie herzlich. „Allein Ihr wolltet auch uns Botſchaft mittheilen“, begann Reubner.„Ihr wißt Näheres von der Schlacht?“ „Nichts Einzelnes von den Gefechten ſelbſt. So viel aber iſt gewiß, daß den Unſrigen der Muth mächtig ge⸗ wachſen iſt und die Kaiſerlichen ſich in ſchlimmer Lage be⸗ finden. Nicht allein daß ſie geſchlagen ſind und viel Leute verloren haben, ſodaß ſie ſich ganz auf Oeſterreich zurück⸗ ziehen müſſen, ſo haben ſie auch in den ganzen ſechs Wochen des Marſches erfahren wie die Böhmen fechten! Sie konn⸗ ten ja kaum vorwärts, bevor ihnen unſer Heer entgegen⸗ rückte, ſo haben die bewaffneten Bauern und die in Eile zuſammengebrachten kleinen Truppenabtheilungen ihnen zu ſchaffen gemacht. Jeden Paß, jeden Durchgang, jedes Oert⸗ chen mußten ſie ſich blutig erkämpfen!“ „Sind bei Euch auch die Bauern ſo eifrig proteſtantiſch oder huſſitiſch?“ fragte Tharradel. „Zum Theil wol“, erwiderte Diewiß,„aber auch wo ſie das nicht ſind, waren ſie erbittert gegen die kaiſer⸗ lichen Truppen, weil ſie ſo gar arg gehauſt haben! Und dabei heißt es in der kaiſerlichen Schrift:«Wir lieben unſer gutes Land und das wackere Volk der Böhmen, wir wollen nur den Frevel etlicher Aufrührer beſtrafen!»“ „Ja, mit ſolchen Worten ſind ſie ſtets bereit! Wir ſind immer die Aufrührer“, rief Tharradel heftig,„wenn wir uns nicht von ihnen die Köpfe zertreten laſſen wollen!“ Reubner pfiff, vor Erbitterung und Freude zugleich. „Da heißt es ferner“, fuhr Diewiß fort:„Wir führen Euch kein fremdes Kriegsvolk ins Land, es ſind Alles Söhne Eines Landes, ſie ſollen nur die ungerecht Bedrängten ſchützen!“ „Huy!“ rief Reubner mit einem langen Pfiff. „Kein fremdes Kriegsvolk?“ eiferte Tharradel.„Auf allen Straßen haben ſie geworben. Ihre Kriegsknechte reden in allen Zungen!“ „Und wenn ſie auch nur deutſch und böhmiſch redeten“, unterbrach Diewiß,„ſie handeln wie die Türken und Hei⸗ den. Fingen ſie nicht überall mit Plünderung und Brand an, wenn ſie auf einen Ort rückten? Haben ſie nicht die Männer, ob ſie evangeliſch oder katholiſch waren, um Geld zu erpreſſen, gefangen, geknebelt, gemartert, die Weiber geſchändet auf offenem Markt? Sogar zu Neuhaus, das faſt ganz katholiſch iſt und dem Slawata gehört! Was Wunder, wenn ſich da die friedlichſten Landleute zuſammen⸗ rotteten und ſich ihrer Haut wehrten! Kann es uns ſchlim⸗ mer gehen, riefen ſie, wenn wir für unſer Haupt und 223 unſere Weiber und Kinder fechten, als es uns ergeht, wenn wir dieſe Rotten geduldig und friedlich einrücken laſſen?“ Reubner hatte aufgehört zu pfeifen. Er war blaß vor Zorn.„Ich bin auch vom Handwerk“, ſagte er und zitterte vor Ingrimm;„ich weiß auch, daß der Soldat oft zugreifen muß und der Krieg kein Spiel iſt. Aber im eigenen Lande! Dafür möchte die Peſt ſie weg⸗ räumen!“ „Weil' eben nicht das eigene Land iſt für all das zuſammengeraffte Geſindel, das gar kein Vaterland hat und kennt“, ſeufzte Diewiß. „Und weil die Pfaffen hetzen“, ſprach Tharradel er⸗ bittert.„Sie ließen das Volk lieber mit den Tataren Brüderſchaft machen als Katholiſche mit Evangeliſchen! Predigen ſie ihnen nicht die ewige Seligkeit, wenn ſie recht brennen und morden, und alle Höllenſtrafen, wenn ſie die Ketzer für Menſchen erachten?“ Diewiß wiſchte ſich eine Thräne aus den Augen. „Ja, es iſt wahrlich zum Weinen ſolches Elend“, rief Tharradel. „Zum Heulen vor Wuth“, fiel Reubner bei und ſprang auf. „Es war, um redlich gegen Euch zu ſein, Freund“, ſprach Diewiß,„diesmal nicht das allgemeine Elend, was mir die Thräne ins Auge trieb, ſondern ein Fall, der mich ſelbſt angeht! Ach, ich hatte eine Schweſter in Neuhaus verheirathet an einen wackern Bürger, den Bäckermeiſter Wenzel Biſſek. Dort haben ſie die Vorſtädte nieder⸗ gebrannt und ſein Haus mit, allein ſie plünderten es zu⸗ vor, und als der Schwager und die Schweſter mit ihrer einzigen ſiebzehnjährigen Tochter und den wenigen Hab⸗ — 224 ſeligkeiten, die ſie retten wollten, flüchtete, ergriffen ſie ihn, banden ihn, warfen ihn lebendig in die Flammen des bren⸗ nenden Hauſes, und Frau und Tochter wurden....“ Die Sprache verſagte ihm, er hielt die Hände krampf⸗ haft vor das Geſicht gepreßt. Auch Tharradel und Reub⸗ ner waren wie erſtarrt. Reubner's bleiche Lippe zitterte vor zürnendem Schmerz; ſein treues Herz bebte im Mit⸗ gefühl; Tharradel drückte ſich die Hand vor die Augen. Diewiß ſchwankte; ſie mußten ihn in die Arme nehmen. Einige Augenblicke vergingen in ſtummen Schauern. Dann war es, als ob ihn plötzlich eine höhere Gewalt durch⸗ zuckte und ihm Leben und Kraft zurückgebe. Er richtete ſich auf, ſein Auge flammte, drohend hob er die Rechte gen Himmel und rief:„Solange ich meine Hand er⸗ heben kann, ſolange meine Zunge zu ſtammeln ver⸗ mag, ſoll mein Arm nicht ruhen und mein Mund nicht ſchweigen im Kampf wider Die, welche ſolche Gräuel ver⸗ ſchuldet!“ In dieſem Augenblick pochte es hart an die Thür. „Was iſt das?“ fragte Tharradel leiſe und horchte betroffen auf. Zwei murmelnde Stimmen ließen ſich vor der Thür hören, die eine von eigenthümlich rauhem Ton.„Still“, ſprach Diewiß, kaum hörbar mit dem Finger auf dem Munde,„ich habe eine Vermuthung, ſeid vorſichtig!“ „Wer iſt da?“ fragte faſt gleichzeitig Tharradel, der gegen die Thür geſchritten war. „Es iſt Jemand hier, der Ew. Gnaden zu ſprechen wünſcht“, antwortete die Stimme des Stallknechts aus der Herberge. „Laßt ihn ein, um keinen Verdacht zu erregen“, raunte Diewiß ihm zu und raffte ſchnell die Papiere, die noch auf 225 dem Tiſche lagen, zuſammen;„ich glaube zu wiſſen, wer es iſt.“ Tharradel öffnete. Es war Zaloska, der neben dem Hausknecht ſtand und ſich mit geheuchelter Demuth ver⸗ beugte. „Was iſt zu Eurem Begehr?“ fragte Tharradel mit ſchlecht verhehltem Unwillen, als er das widerwärtige Ge⸗ ſicht des Geſellen ſah, den er nicht kannte. „Der gnädige Herr hat“, ſprach er mit angenommener Unterwürfigkeit, während ſein Auge ſcharf umherſpähte, „das auf der Gaſſe verloren; ich wollte es hier zu— rückbringen.“ Dabei übergab er Tharradel ein ſeidenes Sacktuch. „Ja, das iſt mein Tuch“, antwortete Tharradel erſtaunt und nahm es; er hatte es noch nicht vermißt.„Ich danke Euch! Nehmt das für Eure Mühe.“ Er reichte ihm ein Geldſtück, das Zaloska mit einem verzerrten Lächeln empfing und ſich auf Tharradel's Hand beugte, um ſie zu küſſen. „Wo habt Ihr das Tuch gefunden?“ fragte dieſer. „Am Kohlmarkt ließ es der gnädige Herr fallen. Aber das Gedränge war zu groß; ich konnte nicht gleich folgen; es hat mir viel Mühe gemacht, Euch hier auf⸗ zufinden.“ Während dieſes Geſprächs hatte Zaloska immerfort ſeine Augen ſeitwärts auf Diewiß gerichtet; dieſer ſtand an einen Tiſch gelehnt, ſcheinbar ganz gleichgültig. Jede Spur der Aufregung des Gemüths war aus ſeinen Zügen gewichen; er ſpielte mit den Fingern wie gedankenlos auf dem Tiſche. Tharradel, dem die Störung überhaupt höchſt unwill⸗ kommen und Zaloska ſelbſt äußerſt zuwider war, verab⸗ ſchiedete ihn kurz und drängte ihn halb wieder zur Thür hinaus. Kaum waren ſie allein, als Diewiß ihm ein Zeichen 10** 6 8 V — 1— gab und dann laut, aber mit gleichgültigem Tone fragte: „Und was meint Ihr, daß ich für die Laſt Weizen be⸗ kommen werde?“ Dadurch brachte er ein Geſpräch über Getreide in Gang, lauſchte aber dabei immerfort an der Thür. Erſt als die verhallenden Schritte der ſich Entfernenden ihm die Sicher⸗ heit gewährt hatten, daß ſie nicht horchten, fing er an: „Ich bin nicht mehr ſicher in Wien. Dieſer Burſche ſtreifte ſchon zuvor auf der Straße an uns vorüber. Ich erkannte ihn ſogleich; er gehört zu Slawata's Anhang und ich habe im Mai mit ihm zu thun gehabt in Prag. Ich hätte nicht geglaubt, daß er mich erkannt haben könnte, in der verſtellten Tracht. Jetzt aber bin ich deſſen gewiß. Dieſe Meute unſerer Feinde hat nicht nur die Wuth, ſondern auch die Spürkraft der Hunde!— Könnt Ihr mich unbe⸗ merkt hier fortſchaffen? Wenn ich nur meine Herberge am Rothen Thurmthore erreiche, dann iſt mir nicht mehr bange.“ „Dahin führe ich Euch; ich ſetze meinen Kopf zum Pfande, ohne daß uns Jemand nachſpüren ſoll“, rief Reubner. „Ihr wüßtet ein Mittel?“ „Traut einem alten Soldaten. Ich verſtand einzuhauen, aber auch eine Schleichpatrouille zu machen. Kommt nur ohne Zeitverluſt.“ „Wie willſt du das anfangen, Alter?“ fragte Thar⸗ radel. „Laßt das meine Sorge ſein, Herr von Tharradel“, entgegnete Reubner.„Aber fort, damit ſie nicht erſt ihre Anſtalten machen!“ „Und ſchafft hier alle verrätheriſchen Spuren, alle Pa⸗ piere bei Seite“, erinnerte Diewiß. 227 Mit herzlichem Händedruck und ſtummer Umarmung nahm er Abſchied und ging mit Stephan Reubner hinaus. Im Hauſe trafen ſie Niemand mehr. Drunten auf der Gaſſe warf Reubner die Augen rechts und links. Wirklich ſahen ſie kaum funfzig Schritte entfernt Zaloska ſtehen, mit einem Manne in Jeſuitentracht und zwei andern Leuten, die kein ſehr empfehlendes Aeußere hatten. Sie waren eifrig im Geſpräch miteinander. „Gut, daß ſie links ſtehen“, ſprach Reubner leiſe und drängte Diewiß rechts. Sie gingen eilig die Gaſſe hinauf, dann in das erſte, ganz nahe Quergäßchen rechts und dort in eins der nächſten gegenüberſtehenden Häuſer. Sowie ſie die dunkle Hausflur erreicht hatten, rief Reub⸗ ner frohlich:„Victoria! Wir haben gewonnen! Es iſt unmöglich, daß ſie uns hier haben eintreten ſehen, und heraus wollen wir bald und unerkannt kommen.“ Damit zog er Diewiß eilfertig die enge, finſtere Treppe hinauf, bis ins vierte Stockwerk. Hier pochte er an eine ſchmale Thür mit einem vergitterten, kleinen Glas⸗ fenſterchen; eine heiſere weibliche Stimme fragte: wer da ſei? „Macht nur raſch auf, Muhme“, antwortete Reubner; „eilig, eilig!“ Ein Riegel ſchob ſich ſchwerfällig zurück, die Thür öff⸗ nete ſich und Beide verſchwanden in dem dunkeln Raum. 228 Vierzigſtes Capitel. Der alte Kaiſer Mathias, in einen Pelz gehüllt und die Füße mit Pelzkiſſen bedeckt, denn es war ſchon im De⸗ cember, ſaß in einem Lehnſtuhl, den er an das Fenſter hatte rücken laſſen, aus dem er über die Mauern und Feſtungsgräben Wiens hinweg hinausblickte ins Feld. Den Himmel deckte graues Gewölk, feuchter Schnee ſtöberte herab in dichten Wirbeln, doch er zerſchmolz faſt in dem Augen⸗ blick, wo er den Boden erreichte. Das Feld war öde und leer, grau, nur dürre Aeſte der alten Bäume ſtreckten ſich als Unterbrechung des ſchwermüthigen Einerlei in die Lüfte. Denn der Kreis der fernen Gebirge am Horizont, ſelbſt der Kahlenberg waren durch die nebelige Luft und den im Winde umgetriebenen Schnee ganz dem Blicke entzogen. Die Schildwachen, die auf den Wällen hin und wieder gingen, wickelten ſich dicht in ihre Mäntel, ſchüttelten häufig den Schnee vom Helm und ſchlugen, das Gewehr anlehnend, die Arme kreuzweis über die Bruſt zuſammen, um ſich zu erwärmen. Draußen im Blachfelde ſah man kaum hier und da einen Menſchen, der mühſam gegen den Wind kämpfte, oder einen belaſteten Wagen, den die keuchenden Pferde trotz aller Peitſchenhiebe des Fuhrmanns kaum durch den tiefen kothigen Weg ſchleppen konnten. Es war ein düſtres Ge⸗ mälde, in welchem ſich die einzelnen bewegten Gegenſtände ſo unſcheinbar verloren, daß es in todtengleicher Stille da⸗ lag, die nur durch das heiſere Krächzen der Raben unter⸗ brochen wurde, welche unter dem grauen Gewölke hin und wieder ſtrichen oder die Spitzthürme der Burg unter der Wetterfahne umflatterten. ——— 5 V 229 „Wie dort draußen“, ſagte der Kaiſer, der lange ſchwei⸗ gend in die Landſchaft geblickt hatte, mit finſtrem Tone, „ſo ſchaut es auch mit mir aus. Alles grau und wüſt!“ „Es wird halt ſchon wieder Frühling werden und luſtig grünen“, verſetzte der alte Kämmerer Balthaſar, indem er das Tiſchchen mit dem Frühſtück neben den Stuhl des Kai⸗ ſers ſetzte,„dort draußen, und bei Ew. kaiſerlichen Majeſtät!“ „Bei mir?“ Der Kaiſer ſchüttelte den Kopf. „Ei gewiß, wenn unſer Herrgott den Segen gibt, mit dem Winter endet auch die Krankheit, und..... 44 „Nichts, nichts, Balthaſar“, unterbrach ihn der Kaiſer. „Mit dem vorigen Frühling hat's angefangen und mit die⸗ ſem wird's enden!“ Er unterbrach den Fortgang ſeiner Rede und fragte dann:„Iſt denn die Kaiſerin noch nicht auf? Sie pflegt doch ſonſt gleich frühzeitig hier mein Lazareth zu beſuchen!“ „Befehlen Ew. Majeſtät, daß ich hinübergehe, mich zu erkundigen?“ fragte der Kämmerer. „Ja, Balthaſar, geh!“ Der Kaiſer war allein.„Frühling!“ murmelte er vor ſich hin.„Da draußen wird's ſchon wieder Frühling wer⸗ den! Mein Winter hat keinen Frühling mehr.—— Er hat am Ende doch Recht! März, Mai.... nun, in Gottes Namen! Die Freude iſt auch nicht allzu groß, hier aus⸗ zudauern! Sorge, Mühe, Verdruß, Kummer und Unheil auf allen Seiten! Ja, in Gottes Namen!“ Er zog ein Geſtell, auf dem ſich allerlei Papiere be⸗ fanden, näher an den Seſſel.„Ich habe das Alles nur ſo flüchtig durchlaufen und es muß doch genau geleſen werden; es iſt ein bitterer Trank, den ich Löffel auf Löffel verſchlucken muß bis zum Ende!“ Er nahm die übereinander geſchichteten Papiere vor und 230 las ſie eins nach dem andern aufmerkſam durch. Seine Miene wurde immer finſterer.„Sie haben es mir gut ein⸗ gerührt die Herren, die ſich für ſo viel weiſer hielten als mich und Cleſel!“ Balthaſar kehrte zurück. Er begegnete dem fragenden Blicke des Kaiſers, der ſich ſogleich auf ihn richtete, mit einem verlegenen, ja beunruhigten.„Ihre Majeſtät die Kai⸗ ſerin haben eine üble Nacht zugebracht und befinden ſich noch jetzt nicht recht wohl“, meldete er. „Krank? Sie auch krank?“ fragte Mathias beſtürzt. „Soll denn hier in der Burg Niemand mehr geſund ſein?“ Der Kämmerer machte eine Bewegung, um zu ſprechen. Der Kaiſer unterbrach ihn mit der Frage:„Iſt das Uebel denn arg? Iſt ſchon zu einem Leibarzt geſchickt?“ „Ich kann es nicht ſagen, Ew. Majeſtät!“ antwortete Balthaſar,„doch geruhen Ew. kaiſerliche Gnaden....“ „Geh' gleich“, unterbrach ihn der Kaiſer,„erkundige dich; wenn noch nicht geſchickt iſt, ſoll es auf der Stelle geſchehen! Zu Gisbertus oder Voſſius, oder wen ihr zuerſt trefft!— Eile Alter!....“ Der Kämmerer ſtand zögernd. Der Kaiſer ſah ihn un⸗ geduldig an. „Ich habe noch eine Meldung an Ew. Majeſtät“, ſprach Balthaſar verlegen.„Se. Majeſtät der König haben herüber⸗ geſandt und laſſen um Erlaubniß bitten, Ew. Majeſtät ſo früh ſtören zu dürfen!“ „Das wird wieder eine angenehme Unterredung oder eine ſchöne Hiobspoſt ſein“, rief der Kaiſer aus. Doch er winkte dem fragend anblickenden Balthaſar be⸗ jahend zu, und dieſer ging, um die Befehle ſeines Herrn zu vollführen. Wenige Minuten ſpäter trat der König von Ungarn, Erzherzog Ferdinand ein. 231 „Darf ich mich nach dem Befinden meines gnädigſten Oheims erkundigen?“ fragte er, ſich tief verbeugend. „Gut, gut!“ warf Mathias verdrießlich hin;„gut für Euch, deſto ſchlimmer für mich!“ Der Erzherzog Ferdinand wollte etwas erwidern, doch er bezwang ſich und nahm die bittere Aeußerung ſchwei⸗ gend hin. „Ich hoffe, Ew. Majeſtät haben keine ſo üble Nacht zugebracht wie geſtern“, begann er nach einigen Augenblicken. „Leider muß ich Ew. Majeſtät Geduld und Kräfte in An⸗ ſpruch nehmen, und ich wünſchte daher, daß ſie ſo friſch ſein möchten als möglich.— Es ſind wichtige Botſchaften eingetroffen!“ Bei den letzten Worten warf er einen Blick auf Balthaſar. „Müſſen wir allein ſein?“ fragte der Kaiſer, und da des Erzherzogs Blicke die Frage bejaheten, ſagte er zu Bal⸗ thaſar:„Thu', was ich dir aufgetragen und warte draußen, bis ich ſchelle.“ Der Kämmerer ſetzte dem Könige Ferdinand einen Seſſel zu dem des Kaiſers und entfernte ſich. „Setz' dich“, winkte Mathias.„Du bringſt ſchlechte Neuigkeiten? Wie?“ „Schlechte für die Gegenwart, doch die Hoffnung für gute in der Zukunft!“ war die Antwort. „Es ſieht mir nur etwas weit im Felde aus mit Eurer glücklichen Zukunft!“ entgegnete der Kaiſer,„und Eure Gegenwart macht es uns halt ſehr unbequem!— Indeß Ihr habt es ja Alle beſſer verſtanden als ich.“ „Es iſt mir gewiß ebenſo tief ſchmerzlich, als es Ew. Majeſtät ſelbſt ſein kann“, begann der König,„daß die heilige Sache, die wir führen, fün den Anfang ein ſo ge⸗ ringes Waffenglück gehabt hat. 232 „Waffenunglück und großes“, unterbrach Mathias, „geringes Glück nennt Ihr das? Ein hübſcher Name für ein halbes Dutzend verlorener Schlachten und Städte! Sagt mir doch, theurer Neffe, wo hätten wir denn Glück gehabt?“ „Ew. Majeſtät erlauben mir zu bemerken, daß wir freilich zu lange gezögert hatten, den Aufrührern mit ge⸗ waffneter Hand entgegenzutreten!“ „Ja es iſt ein Unglück“, rief der Kaiſer ſpöttiſch und voll Ingrimm.„Im Sommer regnet es keine Soldaten, und im Winter ſchneit es keine! Wir hätten ſollen die Generale allein ſchicken und drei Monate ſpäter die Mann⸗ ſchaften! Das wäre eine gute Art Krieg zu führen geweſen. Viel ſchlechter hätte es freilich auch nicht ausfallen können, als es jetzt ſteht! Vielleicht erleben wir es noch vor Weih⸗ nachten, daß wir hier vom Fenſter aus Heerſchau halten können— über die Böhmen? Es müßte ſich recht gut ausnehmen, wenn ſie da drüben ihr Lager aufſchlügen und uns die Kanonenkugeln durch die Mauern ſchickten! Frei⸗ lich, wie man ſich halt bettet, ſo liegt man!“ Der Kaiſer erhitzte ſich, es war ſeine Weiſe, im Reden. Ferdinand wurde verlegen; er ſuchte nach einer glücklichen Wendung, um zu antworten und dem Kaiſer die neuen un⸗ angenehmen Meldungen ſo gelind als möglich zu machen; doch er ſuchte vergebens. Mathias blickte zum Fenſter hin⸗ aus in die Landſchaft, als wollte er überſchlagen, wie ſich wol das Heer der Böhmen hier lagern könnte. Der Zorn weckte in ſeinem matten erlöſchenden Auge ein neu auf⸗ glühendes Feuer. „Zu ſolchem Aeußerſten wird es der allmächtige Gott, ſo hoffe ich, niemals kommen laſſen“, begann endlich Fer⸗ dinand,„wenn er uns auch noch manches Unglück ſchickt— 233 zur heilſamen Strafe vielleicht!— Gerad heraus!“ nahm er ſich endlich zuſammen,„ich muß Ew. Majeſtät einen neuen Unfall melden!“ Der Kaiſer horchte geſpannt. „Pilſen iſt verloren!“ „Pilſen!“ „Mansfeld, der nun mit ſeinem ganzen Corps in Böh⸗ men eingerückt iſt, hat es mit Gewalt der Waffen genom⸗ men. Vor einer Stunde hat mir der Graf Boucquoi die Depeſche mit der leider unzweifelhaften Nachricht geſandt.“ „Und der Kurier ging an dich!“ betonte der Kaiſer bitter. „Nur wegen meines Commandos“, entgegnete Ferdi⸗ nand mit beſcheidenem Tone,„der Feldmarſchall hat den Vorfall als eine reine Kriegsangelegenheit betrachtet!— Am einundzwanzigſten November iſt Mansfeld eingerückt!“ „Wie? Und das erfahren wir heut erſt? Am fünften December?“ „Ew. Majeſtät wollen bedenken, daß wir gar keine Ver⸗ bindungen mehr in Böhmen offen haben. Thurn und die Directoren ſenden uns freilich keine Kuriere! Nur lang⸗ ſam, auf Umwegen, heimlich, oft nur zufällig kommen uns die Nachrichten von dort zu. Vollends jetzt, wo Wetter und Straßen ſo übel ſind!“ „Pilſen! Nun iſt Budweis unſere letzte Stadt in Böhmen! Pilſen! Faſt ſo viel werth als Prag ſelbſt!“ rief der Kaiſer mit ſchmerzlichem Tone; dann ſagte er bitter: „Nun freut euch doch, ihr geſcheidten Leute! Habt ihr doch gehetzt auf den Krieg! Ihr wolltet den armen Huſ⸗ ſiten nicht zwei Kirchen gönnen, nun haben ſie euch nur eine Stadt gelaſſen!“ „Ich hoffe, dies wird unſer letzter Verluſt ſein. Wir werden uns, während die Heere in den Winterquartieren liegen, verſtärken. Mit dem Frühjahr wird der Feldzug eine andere Geſtalt bekommen!“ „Vorzüglich wenn wir ſo viel Geld darauf verwenden, als unſere Stände uns bewilligen wollen!“ fuhr der Kaiſer mit gleicher Bitterkeit fort. „Der große Beſchützer der katholiſchen Chriſtenheit, unſer theurer Vetter, der König von Spanien, wird uns auch hier nicht im Stiche laſſen!“ „Ja, ja! Wir haben ganze dreimalhunderttauſend Gul⸗ den bekommen“*), entgegnete Mathias noch bitterer,„und brauchen dafür nur die böhmiſche Krone an Spanien zu verſchreiben!“ Ferdinand erſchreckte und verfärbte ſich. Denn allerdings hatte er in einem geheimen Vertrage Spanien die Erbfolge in Böhmen zugeſichert, ohne Beachtung des Rechts der Böh⸗ men, ihren König zu wählen. Hatte der Kaiſer darauf deuten wollen? Ferdinand hielt es für das Beſte, die Worte nicht zu verſtehen, und ging unbeachtend darüber hinweg, indem er ſich zu dem unmittelbar vorher vom Kaiſer mit ſo bitterm Hohne berührten Punkt wandte, der die öſterreichi⸗ ſchen Stände und ihre Bewilligungen betraf. Sie hatten näm⸗ lich durch die Mehrzahl der proteſtantiſchen Stimmen erklärt, daß, da der Kaiſer den Krieg ohne ihren Rath und ihre Zuſtimmung begonnen habe, er ihn auch ohne ihre Hülfe und Verwilligungen fortführen müſſe.**)—— Ferdinand begann daher: „Es iſt freilich überaus traurig, daß die Stände eines Landes ſo große Gewalt gewonnen haben und ſie mit ſolcher *) Hiſtoriſch. *n) Hiſtoriſch. 235 Willkür gebrauchen wie die öſterreichiſchen! Ihre Weigerung, Gelder zum Kriege zu bewilligen, iſt ein Frevel an dem Herrſcherhauſe und am Vaterlande, der beide zugleich zu Grunde richten müßte, wenn man dabei beharrte. Es iſt der erſte Schritt zu offnem Widerſtand; gewiſſermaßen die Erklärung:«Wir werden uns mit deinem Feinde vereinigen!“ Denn einen Gegner, den man nicht bekämpfen helfen will, erklärt man ſchon halb für einen Bundesgenoſſen. Allein ich denke doch noch beſſer von den öſterreichiſchen Ständen. Sie ſind durch einige verbrecheriſche Unruhſtifter, Prote⸗ ſtanten, die ihren Kaiſer und die Kirche gleichzeitig ver⸗ rathen, aufgehetzt. Ich weiß es zuverläſſig. Da iſt ein gewiſſer Tharradel von Ebergaſſing, das iſt der Haupt⸗ frevler. Wir haben ihn ſeit längerer Zeit beobachtet. Er iſt auch außer den Ränken und Feindſeligkeiten, wodurch er die Stände zur Widerſpänſtigkeit ſtachelt, geradezu als Hoch⸗ verräther verdächtig. Ganz ſichere Leute haben mir be⸗ richtet, daß er vor länger als zwei Monaten ſchon ver⸗ dächtige Zuſammenkünfte mit böhmiſchen Spionen gehabt hat. Einer der nichtswürdigſten böhmiſchen Rebellen, Ni⸗ klas Diewiß, Stadtſchreiber in Prag, eine glatte, ge⸗ wandte Zunge, ein ränkemachender Federheld, iſt in Ver⸗ kappung in Wien geweſen und hat mit dem Tharradel Verhandlungen gepflogen. Leider iſt es misglückt, ſich des Verräthers zu bemächtigen, der, ſchon erkannt und umſtellt, auf unbegreifliche Art entkommen und verſchwunden iſt, ſonſt... 4 „Ja, die Nürnberger henken Keinen, ſie hätten ihn denn vor“, ſpottete der Kaiſer, der mühſam ſeine Ungeduld über die lange Rede bezwang. „O, würdiger Oheim“, antwortete der König mit einiger Empfindlichkeit,„behandelt den Eifer unſerer getreuen Diener —— — 236 und wahren Freunde nicht ſo ſpöttiſch! Alles kann nicht glücken, was wir unternehmen!“ „Ja, das weiß der Himmel, noch iſt ſehr wenig ge⸗ glückt“, rief Mathias immer ungeduldiger dazwiſchen.„Wie ſtanden wir vor vier Monaten und wie ſtehen wir jetzt? Damals war Unruhe und Verwirrung in Böhmen, und die argen Rädelsführer, wie der Thurn und Jeſſenius, ſäeten viel Unheil, aber es war doch noch nicht ſo viel Unkraut aufgegangen!“ Ferdinand wollte antworten, doch der Kaiſer ließ ihn nicht zur Rede kommen, und eiferte, ſich immer ſtärker er⸗ hitzend, weiter: „Damals hätten wir anerkennen ſollen, was billig war, und gewähren, was Recht, dann wären uns die Edlen und das Volk in Maſſen zugefallen, und der Thurn und Con⸗ ſorten allein geblieben! Wir aber machten, daß ſie Recht hatten in Böhmen! Um ein paar hochmüthiger Prälaten und um des Jeſuitenneſtes Willen haben wir Thron und Reich an den Rand des Verderbens gebracht! Damals, wäre ich geſund geweſen, hätte ich mit dreitauſend Mann nach Böhmen rücken können und mit einem billigen Rechts⸗ ſpruch hätte ich ganz Böhmen auf meiner Seite gehabt! Ich konnte nicht, und an meiner Stelle hätte ich nur ſolche Leute ſchicken können, die das Uebel ärger gemacht haben würden! Jetzt ſind unſere theuer geworbenen Heere aufs Haupt geſchlagen, wir haben nur noch eine Stadt in Böh⸗ men, und wer weiß wie lange noch! Von den Ungarn und dem Bethlen Gabor dürfen wir uns nichts Gutes ver⸗ ſehen, und unſere eigenen Stände laſſen uns im Stich! Das habt Ihr gemacht, Ihr und Eure Ohrenbläſer, weil Ihr Eure Sippſchaft nicht wolltet fallen laſſen!“ Der König hatte mit ſchwer bekämpfter Aufwallung, 237 aber doch in bewahrter Ruhe die heftige Rede des Kaiſers angehört. Jetzt aber erwiderte er mit männlicher Entſchie⸗ denheit:„Ich bin gewiß, daß wir Ew. Majeſtät Tadel nicht verdienen. Hätten wir damals gewährt, was Ihr billig nennt, Oheim, was ich aber als Schwäche und Ver⸗ letzung unſerer heiligſten Pflichten gegen die Kirche und gegen unſere getreueſten Freunde und Diener anſehen müßte, was wäre die Folge geweſen? Die Rebellen hätten nur das Zwiefache gefordert, wie immer. Der Proteſtant will nicht gehorſam ſein, das iſt die Grundlehre der Ketzerei; weder Gehorſam gegen das heilige Haupt der Kirche noch gegen das des geſalbten Herrſchers! Wo der Proteſtant ſchaltet und waltet, wird ewiger Aufruhr ſein. Die Män⸗ ner, welche Ew. Majeſtät unſere Sippſchaft und hochmüthige Prälaten ſchilt, ſind unſere getreueſten Diener, Anhänger und Freunde geweſen. Sollten wir Lohelius, Queſtenberg, den Abt von Braunau, verbannen laſſen, weil ſie das um ſich freſſende Feuer des Ketzerthums gehemmt? Weil ſie nicht duldeten, daß die ärgſten Feinde unſerer Kirche in maß⸗ loſer Auslegung des unglückſeligen Majeſtätsbriefes ſich mitten im Schooſe unſerer getreueſten Sprengel, unter den Augen der frömmſten und höchſten Würdenträger ſelbſt einniſteten gleich den giftſtacheligen Hummeln im friedlichen Bienenſtock?— O dieſer unſelige Majeſtätsbrief, den in unſeliger Stunde der theure Oheim Rudolf erließ, weil er ihm abgezwungen wurde durch eben dieſen Thurn, dieſen Budowecz, die ihn jetzt ſo freventlich misbrauchen!— Soll⸗ ten wir die heiligen Männer, die eifrig im Geſetz der Kirche gehandelt, ſchutzlos laſſen gegen die Gewalt, die ſich wider ſie erhob? Sollten wir pflichtgetreue, ehrenwerthe Männer, wie Slawata, Martiniz, die mörderiſche Mishandlung erlitten, unvertheidigt laſſen? ihre Verbannungsdecrete un⸗ 4. 238 terſchreiben? Denn das forderten ja die Rebellen und fordern es noch gegen die höchſten Verwalter der Kirche wie des Landes, die Ew. Majeſtät ſelbſt eingeſetzt haben!“ „Jetzt werden ſie wol die Forderung durchſetzen“, mur⸗ melte Mathias und biß ſich auf die Lippen, weil er das Recht, das in Ferdinand's Worten lag, wider Willen an⸗ erkennen mußte. „Und mögen ſie ſie durchſetzen!“ rief der König von Ungarn erglühend,„lieber will ich ihre Gewalt erdulden, als ihrem übermüthigen Trotz freiwillig das Haupt beugen. Aber ſie werden es nicht durchſetzen! Im Augenblick ſind wir im Nachtheil....“ „Ein biſſel, halt!“ warf der Kaiſer dazwiſchen, und es zuckte ihm bitter um die Lippen. „Allein der Tag wird kommen“, fuhr Ferdinand fort, „wo wir Vergeltung üben! Das glaube ich, ſo wahr ich glaube an unſern heiligen Erlöſer und an die unbefleckte Jungfrau Maria!“ Mathias antwortete nichts. „Wollen die Rebellen denn aufrichtig die Verſöhnung?“ begann der Erzherzog von neuem.„Als ſie Euch im Sep⸗ tember baten, Oheim, Ihr möchtet die Streitigkeiten durch die Kurfürſten vermitteln laſſen, waret Ihr nicht bereit dazu? Nur daß ſie zuvörderſt die Waffen aus der Hand legen ſollten! Deſſen weigerten ſie ſich! Weil ſie, wenn ihnen die Entſcheidung der Kurfürſten misfiel, dennoch neue Gewalt üben und ihren offenen Aufruhr durchſetzen wollten. Und ſie fürchteten wol, daß die Kurfürſten nicht zu ihren Gunſten entſcheiden würden.“ Mathias, des Geſprächs, in welchem er ſo den Kürzern zog, ſatt, ergriff die Klingel auf ſeinem Tiſche und ſchellte. Ferdinand ließ ſich dadurch nicht unterbrechen.„Und 239 hören die Aufſtändigen wol irgend auf guten Rath? Ver⸗ fängt irgend eine Warnung bei ihnen? Haben ſelbſt die Fürſten ihres Glaubens etwas über ſie vermocht? Hat der Kurfürſt von Sachſen ſie nicht vergeblich ermahnt? Ebenſo der König von Polen?“ „Weil die Fürſten der Union ihnen umgekehrt gerathen haben“, unterbrach der Kaiſer haſtig und verdrießlich.„Bal⸗ thaſar“, rief er ſich abwendend, denn dieſer war auf ſein Schellen eingetreten,„Balthaſar, iſt zum Arzt geſchickt?“ „Der Herr Doctor Gisbertus befindet ſich bereits bei Ihrer kaiſerlichen Majeſtät!“ „Nun, und was ſagt er?“ „Er hat Ihro Majeſtät angerathen, das Bett nicht zu verlaſſen!“ „So? Hm! So iſt ſie am Ende kränker als ich! Dann will ich zu ihr hinüber. Es ſollen mich zwei Lakaien hin⸗ übergeleiten.“ „Darf ich fragen, theuerſter Oheim“, ſprach der König mit ehrfurchtsvollem und theilnehmendem Tone,„ob Ihro Majeſtät die Kaiſerin erkrankt iſt?“ „Wie du hörſt, ja!“ „Und ein ernſtliches Uebel? Ich will nicht hoffen...“ „Ich auch nicht! Aber ich weiß nicht mehr, als was du ſoeben gehört haſt.— Rufe Leute herein, Balthaſar!“ Beide waren wieder allein. „Geſtattet Ihr mir, gnädigſter Oheim, Euch zu Ihro Majeſtät zu begleiten?“ fragte Ferdinand. „Nein, nein, Nandl! Laß es gut ſein!“ antwortete Mathias mehr weich als zürnend.„Es taugt uns beſſer, mir und der Anna, wenn wir Beide allein zuſammen ſind. Wir paſſen nicht mehr zu Euch! Das ſiehſt du wol ſelbſt!... Nun, wir ſind Euch vielleicht nicht lange mehr im Wege, 240 und ehrlich geſagt, viel iſt mir nicht daran verloren! Es geht Alles ſchief und arg in der Welt, daß das Vergnügen ſich halten läßt, darauf herumzutanzen, beſonders mit ſo lahmen Beinen wie unſer Eins!— Guten Morgen!“ „Ich erbitte noch Ew. Majeſtät Befehle, was, da Pilſen verloren iſt, zunächſt geſchehen ſoll?“ fragte Ferdinand mit einer Verbeugung. „Wirklich? Fragt Ihr mich? Ihr habt Euch doch oft ohne mich zu helfen gewußt! Ich ſoll wol nach Am⸗ bras reiſen, mit Cleſel zu conferiren?—— Was jetzt ge⸗ ſchehen ſoll, das iſt bald geſagt: Was geſchehen kann! Habt Ihr eine Armee, die den Böhmen gewachſen iſt, laßt ſie vorrücken! Habt Ihr Generale, die den Thurn und den Mansfeld ſchlagen können, laßt ſie ſie ſchlagen, gefangen nehmen, und wenn Ihr ſie habt, hängt ſie Beide auf meinethalben,— aber nicht eher, wollt' ich bitten!“ „Wir werden“, erwiderte Ferdinand und bekämpfte ſeine Aufwallung über den Spott des Kaiſers,„thun, was in unſern Kräften iſt. Aber ich darf behaupten, unſere Lage iſt ſo ſchlimm nicht, als Ew. Majeſtät ſie anſehen. Wir haben Freunde; die Geſinnung der Mehrzahl der Fürſten iſt für uns, der Herzog Maximilian von Baiern, mein innigſter Freund, wird ebenſo durch die That auf unſerer Seite ſtehen, wie er durch ſein kräftiges Wort der Wahr⸗ heit gegen die Rebellen aufgetreten iſt.“ „Mit ſeinen Redensarten und Briefen wird er Pilſen nicht wiedererobern“, warf der Kaiſer hin. „Aber er wird das größte Gewicht in Deutſchland für uns in die Wage legen“, fuhr Ferdinand, ohne ſich durch die Zwiſchenbemerkung beirren zu laſſen, fort,„da er das Haupt der verbündeten katholiſchen Fürſten iſt Er wird die ganze Liga für uns waffnen!“ 241 „Wenn's nur nicht zu ſpät geſchieht“, bemerkte der Kaiſer wie zuvor.„Die Union iſt raſcher verfahren. Sie hat ihren Freunden den Mansfeld mit ſeinem Corps zu⸗ geſchickt; denn das iſt doch der wahre Zuſammenhang der Sache!“ „Dieſer Raubführer mit ſeinen plündernden Söldnern hätte ſich jeder Fahne verkauft“, rief Ferdinand unwillig. „So hättet Ihr ihn ja kaufen ſollen, antwortete Ma⸗ thias,„falls Ihr Geld dazu im Säckel hattet! Denn er ſchlägt gut zu, wie Ihr merkt!“ „Der König von Spanien....“ „Gut, ſchon gut“, fiel Mathias dem Könige ins Wort, „ich kenne alle Eure Bundesgenoſſen und glaube daran. Unſer Vetter hat auch Urſach', Euch bei der Eroberung von Böhmen zu helfen, wenn er es einmal erben will, denn es erbt ſich ſchwer von Einem, was er nicht hat!“ Ferdinand ſchwieg wie zuvor über dieſen bitter angedeu⸗ teten Punkt. In dieſem Augenblick traten die Leute mit Balthaſar ein, welche den Kaiſer geleiten ſollten.„Aha, da ſeid ihr“, richtete er das Wort an ſie.„Helft mir nur empor, es wird mir ſauer.“ Zum König Ferdinand gewandt, ſprach er noch ſitzend:„Haltet Rath, beſchließt, was Ihr für gut erachtet, und legt mir's vor— wenn's mir vernünftig ſcheint, werde ich's vollziehen.— Ich will wünſchen, daß Ihr den Dingen eine beſſere Wendung geben könnt als bisher!“ Mit dieſen Worten reichte Mathias, zu der Gutmüthig⸗ keit, welche Krankheit und Alter in ihm gepflegt hatten, zurückkehrend, ſeinem Neffen die Hand und ſagte freundlich dabei:„Guten Morgen!“ „Darf ich Euch bitten, Oheim, Ihrer Majeſtät der Rellſtab, Drei Jahre. 2. Aufl. I. 2. 11 —,——————— 242 Kaiſerin meinen ehrfurchtsvollen Morgengruß und den Wunſch für ihre Geneſung zu überbringen?“ bat Ferdinand, ſich tief verbeugend. Der Kaiſer nickte. Der König zog ſich zurück. Einundvierzigſtes Capitel. Mühſam erhob ſich Mathias mit Balthaſar's und der beiden Diener Hülfe aus ſeinem Lehnſtuhl. Auf die A der Letztern geſtützt, ließ er ſich zum Zimmer hinausge zur Kaiſerin hinüber. Der Weg koſtete ihm große ſtrengung und verurſachte ihm, obwol das Podagra im Abnehmen war, heftige Schmerzen. Doch die innige Liebe zu ſeiner Gemahlin, der Einzigen, die in dieſen drang⸗ und ſorgenvollen Zeiten, bei dem tiefen Kummer, der des Kai⸗ ſers letzte Regierungszeit bedrückte, ſeine Vertraute war, ließ ihn Schmerz und Mühe leicht überwinden. Balthaſar folgte ihm mit den Pelzdecken, die er ſtets um die Füße zu ſchlagen pflegte. Der König Ferdinand, der ſich anfangs bemüht hatte, ſeinem Oheim einige Hülfe zu leiſten, von dieſem aber mit ſanfter Handbewegung zurückgewieſen wor⸗ den war, ging neben ihm durchs Vorzimmer; draußen ent⸗ fernte er ſich raſchen Schrittes nach der andern Seite.—— „Was machſt du mir, Annerl, daß du auch krank wirſt“, rief Mathias, indem ihm die Thür des Krankenzimmers geöffnet wurde, wo die Kaiſerin halb aufrecht im Bett ſaß. Sie reichte ihm mit einem wehmüthigen Blick, ohne zu ſprechen, die Hand entgegen. 243 „Schatz, wie ſiehſt du aus?“ fragte er erſchreckt.„Du biſt wol ſehr krank, meine Annerl?“ fuhr er mit dem Tone innigen Mitleids fort. Die Kaiſerin drückte ihm die Hand und ſagte leiſe:„Es geht wol noch!“ Die Diener rückten einen Seſſel für Mathias dicht ans Bett. Er ließ ſich darauf nieder. Der Arzt, der alte ge⸗ lehrte Doctor Gisbertus, ſtand am Hauptende des Lagers und traf einige Anordnungen. „Was ſagt Ihr denn zu der Kranken, Gisbertus“, fragte der Kaiſer mit einem unruhigen Blick auf dieſen. „Ruhe wird Ihrer kaiſerlichen Majeſtät beſte Arznei ſein!“ erwiderte der alte Mann und verbeugte ſich ehrfurchtsvoll. „Auter⸗ ſagte die Kaiſerin leiſe, halb ſeufzend. „Darf ich denn hier bleiben?“ fragte Mathias. „O ja, o ja“, fiel die Kranke mit etwas erhöhter Stimme und ſichtlicher Lebhaftigkeit des Wunſches ein, be⸗ vor der Arzt ſich äußerte. „Wenn Ew. kaiſerliche Majeſtät darinnen eine Beruhi⸗ gung in Dero Gemüth fühlen, ſo hätte ich als Arzt nichts Präferableres zu ordiniren“, lautete die ehrfurchtsvolle, aber beſtimmte Antwort. „Ich wäre nunmehr gern allein mit Sr. Majeſtät“, ſagte die Kaiſerin. „Bitte demnach unterthänigſt“, erwiderte der Arzt,„daß Ihro Majeſtät den Kühlungstrank einſtündlich nehmen und ſich vor jeglicher Beunruhigung des Gemüths ſorgfältigſt hüten möchten. Um die Mittagsſtunde werde ich mir ge⸗ ſtatten, wieder nachzuſchauen!“ Mit dieſen in pedantiſcher, aber tief ehrerbietiger Hal⸗ tung geſprochenen Worten entfernte ſich Gisbertus, und auch die übrigen Umgebungen der Kranken verließen das Gemach und blieben im Vorzimmer. 11* 244 „Mathias“, begann die Kaiſerin, als ſie ſich mit Ma⸗ thias allein ſah, leiſe,„ ich fühle, mein Uebel iſt ernſter Art. Ich glaube nicht, daß ich von dieſem Lager wieder aufſtehen werde!“ 3 „Annerl, was ſchwatzeſt du da!“ fiel ihr Mathias be⸗ ſtürzt in die Rede.„Du warſt ja geſtern noch friſch und geſund, wie kannſt du glauben.... „Nein, Mathias“, entgegnete die Kaiſerin,„ich war geſtern nicht mehr friſch und geſund; ich war es ſchon länger nicht, allein ich hielt mich aufrecht mit aller Kraft des Willens. Nun bricht's zuſammen!“ „Das wolle der barmherzige Gott verhüten“, rief der Kaiſer und drückte ihr die Hand wärmer und beugte ſich näher über ſie.„Du wirſt Muth faſſen, mein Annerl, dich erholen!“ „Muth faſſen?“ ſagte ſie lächelnd.„Ja. Mich erholen? Nein. Muthig bin ich und auf Alles gefaßt; aber es iſt das Letzte!“—— „Du ſollſt dich nicht beunruhigen im Gemüth, du haſt's gehört“, erwiderte Mathias begütigend. „Das will ich auch nicht“, entgegnete die Kranke ſanft, „ich ſuche mich gerade zu beruhigen. Ich habe dir Wich⸗ tiges zu ſagen. Du mußt mich ruhig anhören. Willſt du, Mathias?“ Sie öffnete ihre Rechte und empfing den Ein⸗ ſchlag der ſeinen. „Nun ſo ſage ich's dir denn offen heraus, Mathias“, begann die Kaiſerin ſanft, feſt, mit Samming aller Kräfte, „die arge Zeit hat mir das Herz gebrochen!“ Mathias' Hand zuckte in der ihrigen zuſammen; er wollte antworten, doch ihr Blick und ihre Worte baten ihn, ſie ruhig weiter anzuhören.„Ich habe dich gekannt in den Jahren deiner 245 Kraft, deines Muths! Du warſt ein Mann, der voll⸗ brachte, was er gewollt. Du haſt ſchwere Kämpfe rühm⸗ lich durchgekämpft. Das Haus Oeſterreich haſt du zu Ehren gebracht gegen den Uebermuth des Türken, daß der Sultan den Kaiſer aus Habsburg's Stamm als ſeinesgleichen behandelt und keinen Tribut mehr von ihm empfängt! Du haſt die trotzigen Völker deiner Länder zu zügeln gewußt und ihnen doch große Rechte eingeräumt.“ Sie ſchwieg, um ein wenig auszuruhen, doch ihre innere Bewegung griff ſie mehr an als die Worte.— Mathias betrachtete ſie ſtumm; mit Mühe hielt er die Thränen zurück.„Du haſt Dank verdient bei Vielen“, hub ſie wieder an,„ aber du ernteſt Undank überall! Böhmen, Schleſien, bald auch Mähren fallen ab im offnen Trotz; ſie ziehen auch Oeſter⸗ reich hinein. Dein eigenes Blut empört ſich wider dich, und die dir gehorchen ſollten, wagen es als deine Herren zu handeln!— Denn du biſt alt und krank, und des kranken Löwen ſpottet der Fuchs!— Sieh' Mathias, das Alles iſt mir ſeit langer Zeit wie Stacheln ins Herz gedrungen. Seit unſer Neffe Ferdinand mit offener Gewalt den Car⸗ dinal.... „Laß das“, unterbrach ſie Mathias, und eine dunkle Flamme des Zorns ſchlug aus ſeinen Augen.„Ueberhaupt ſchweig doch; du ſollſt dich ja ruhig im Gemüth verhalten““ erinnerte er, wieder mild werdend. „Ich wäre viel unruhiger, wenn ich nicht mein Herz ausſchütten könnte gegen dich, Mathias. Und heut vermag ich es noch“, antwortete ſie.„Ja, das mit dem Cardinal“, begann ſie nach einigen Augenblicken des Schweigens wieder, „das traf meine Bruſt mit dem tiefſten Dolchſtoß,— ich drückte die Hand auf die Wunde, aber ſie blutete im In⸗ nern fort, und.... ſie wird mein Tod!“. . —— 246 „Nein, nein“, unterbrach ſie Mathias wiederum in ſchmerzlichſter Aufwallung. „Du haſt mir verſprochen“, bat die Kranke mit weichem Tone, du wollteſt mich ruhig anhören. Laß mir nur noch einige Worte,.... ſie werden mir nicht leicht!“ Der Kaiſer, im Innerſten erſchüttert, legte die Linke auf ſeine Augen, drückte mit der Rechten ſanft ihre noch immer in der ſeinigen ruhende Hand, und ſagte:„Gut, gut, Annerl, ſag' Alles, was dir auf dem Herzen liegt!“ „Ich war krank ſeit jenem Tage, Lieber, allein ich barg dir's“, begann die Kaiſerin wieder;„du haſt auf deinem Schmerzenslager drüben nichts erfahren von den Schmerzens⸗ nächten, die ich hier zugebracht. Ich hoffte es zu über⸗ winden, wenn mir beſſere Tage zu Hülfe gekommen wären. Der Vater im Himmel hat es anders gewollt! Es wurde ſchlimmer von Tag zu Tag mit dir und mir.— Das un⸗ dankbare, heilloſe Wort der Stände wider dich, die dir die Hülfe verſagen in der Noth, die Kräfte, die du ihnen gegeben, gebrauchen, um dich damit zu ſtürzen, das war der letzte Schlag für mich. Unter dem breche ich zu⸗ ſammen. Ueber zwei Wochen habe ich's ſtumm in mich verſchloſſen; nun vermag ich's nicht mehr. Ich weiß, Ma⸗ thias, es iſt mein Letztes, und ich bin dankbar dafür!“ Sie blieb einige Augenblicke ſtill, aber es war zu ſehen, daß in ihrer Seele etwas Großes ſich bewegte, endlich begann ſie mit zuſammengeraffter Kraft, indem ſie ſich in Mathias' Arm, der ſie ſanft umfaßte, aufrichtete:„Meine Tage.... ſie ſind gezählt! Allein noch iſt meine Seele klar; bald viel⸗ leicht umhüllt ſie der Nebel der Dämmerung, durch den ſie leiſe verſinkt— in die Nacht des Todes— bis ihr die Sterne jenſeits leuchten!“ Der Blick der Kranken verklärte ſich bei dieſen Worten, — 9 — 2 247 es war als ob eine höhere Eingebung über ſie komme. Der Kaiſer betrachtete ſie wunderbar ergriffen von Rührung und Staunen. „Ich will denn reden zu dir, ſolange es hell iſt meinem Geiſte. Mathias! Dein Leben war eins der Un⸗ ruhe, des Kampfes und der Zwietracht. Manches iſt ge⸗ ſchehen, was beſſer nicht geſchehen wäre! Die Kugel dreht ſich, wo Nacht war, wird Tag; es kommt der Tag der Vergeltung, es kommt der Tag der Reue, der Tag der Ein⸗ ſicht. Genug des Zwiſtes iſt geweſen in der Welt; du haſt ihn mit geſäet, du haſt ihn mit geerntet! Laß es genug ſein! Jetzt ſei dein Sinn Frieden, er ſei Verſöhnung! Das iſt meine letzte heiße Bitte, das mußt du mir..... 4 Hier ſank plötzlich die Woge der Kraft, welche die Auf⸗ regung ihrer Bruſt emporgetrieben, zurück und zerfloß leiſe, ermattet, wie der Hauch auf ihrer Lippe. Sie athmete tief und lehnte ſich in die Kiſſen zurück. Mathias lauſchte noch immer, ob ſie ihr Wort vollenden werde, doch da ſie nur erſchöpft athmete und ihre Hand kraftlos der ſeinigen entſank, ergriff ihn plötzlich die höchſte Beſorgniß. „Anna“, fragte er erſchüttert,„wie iſt dir? hörſt du mich?“ Sie wiegte leiſe bejahend das Haupt, vermochte aber nicht zu ſprechen. Beſtürzt zog er die Schelle. Die Frauen eilten herzu; ſie umringten beſorgt und weinend das Lager; die Kranke lag in völliger Ohnmacht.— Der ärztliche Ge⸗ hülfe, der im Vorzimmer die Wache hatte, ordnete leben⸗ weckende Mittel an; es wurden ſogleich Boten dem Doctor Gisbertus nachgeſandt. Er kam auf der Stelle; doch auf die Frage des Kai⸗ ſers nach dem Zuſtande der Kranken ſchüttelte er nur be⸗ denklich das Haupt. ——— ——— ——;———— 248 Es wurde auch zu den andern Leibärzten geſchickt. In kurzem waren auch dieſe, Voſſius von Voſſenburg, Thomas Mingonius und Gervaſius Faglian noch hinzugekommen. Der Kaiſer wich nicht vom Lager ſeiner treuen Gefähr⸗ tin, ſeiner einzigen Vertrauten. Noch hatte die Stunde ihres Zieles nicht geſchlagen. Sie erholte ſich, aber nicht zu klarem Bewußtſein. Das Fieber ſtieg höher und höher. Die Beſorgniß wuchs in gleichem Maße. Der Abend kam, der Zuſtand wurde faſt hoffnungslos; die Nacht brachte keine Hülfe! So vergingen düſtere Tage der Sorgen und des Schmerzes für den Kaiſer. Allein es waren nur wenige. Am 15. December ertönten die Trauerglocken von allen Thürmen Wiens! Der Kaiſer hatte das Letzte verloren, woran ſein Herz hing! Den letzten Anhauch für den ver⸗ glimmenden Funken ſeiner Kraft, ſeines Lebens!—— Neuntes Buch. 11** Zweiundvierzigſtes Capitel. Das Jahr eintauſend ſechshundert und neunzehn war an⸗ gebrochen, unter düſterm Himmel. Schwer drohendes Ge⸗ wölk ſammelte ſich, zumal über dem Throne des Hauſes Habsburg. Es ſchien, als folle daſſelbe unter den gewal⸗ tigen Schlägen des Geſchickes mindeſtens in Deutſchland zuſammenſtürzen. Die Erbitterung der Gemüther in dem unſeligen Religionsſtreit war höher und höher geſtiegen. Den Böhmen leuchtete die Sonne des Glückes. Unter dem Kaiſerthron aber bebte der Boden und von allen Seiten her zogen neue Gewitter heran, die ſich auf ihn zu ent⸗ laden drohten. Hätte nicht der Winter dem Kriege die Schranken der Natur entgegengeſtellt, ſo waren vielleicht Oeſterreich und Wien ſchon in der Hand des Feindes; denn nur mit Mühe behaupteten ſich die kaiſerlichen Truppen an den böhmiſchen und mähriſchen Grenzen, und Budweis war die einzige Stadt Böhmens, die Boucquoi nach inne hatte. Ungarn wurde bedroht durch Bethlen Gabor; Oeſterreich ſelbſt war in ſeinem Innern unterhöhlt, die Stände, in der Mehrzahl der proteſtantiſchen Religion zu⸗ gewandt, zeigten ſich in dem Grade feindſelig, daß, ſowie ein feindliches Heer ihnen einen Anhaltepunkt bot, zu fürch⸗ ten war, ſie würden ſich auf deſſen Seite ſchlagen. Dies Alles und der Rath, den dem Kaiſer ſeine ſterbende Gattin gegeben, die Bitten, die ſie an ihn gerichtet, hatten Mathias' Sinn wieder ganz auf eine verſöhnende Ausgleichung des Streites gerichtet. Zugleich ſagte ihm das innere Bewußt⸗ ſein, daß in dem Anfang der offenen Fehde auf ſeiner Seite mindeſtens ebenſo große Schuld lag als auf der der Proteſtanten. So drängten ihn denn Sorgen um ſeinen Thron und ſein Haus ebenſo zum Frieden, als eine innere Mahnung der Bruſt ihn dazu trieb.“„ Die Sorgen und Befürchtungen etheilte auch der König Ferdinand und die ihm theils anhängende, theils ihn treibende Partei; denn bedrohlicher wurden die Umſtände mit jedem Tage. Von der Stimme der Verſöhnung und des Friedens in der innerſten Seele aber vernahmen ſie nichts. Im Gegentheil. In Ferdinand's Bruſt glühte eine andere Flamme, welche Diejenigen, denen er Vertrauen ſchenkte, zu immer höherm Lodern anfachten. Eine heilige Flamme für den Umkreis ſeiner Anſchauungen, wenn ſie auch mit düſterrothem Blutſchimmer in der halben Erde grauenvoll widerſtrahlte. Es war die Flamme des Glau⸗ bens, in der ſich der Beruf für ihn entzündete, jede Kraft des Lebens, ſein ganzes Daſein nur ihrem Dienſt zu weihen. Für dieſen Beruf ſchreckte er vor keinem Opfer zurück, aber auch vor keiner That! Wenn er und die Seinigen jetzt gleichfalls an verſöh⸗ nende Schritte dachten, ſo geſchah es nur, um die ſchwere Niederlage, die ihnen im Kampfe drohte, ſie zum Theil ſchon getroffen hatte, zu mildern oder abzuwenden; es ge⸗ ſchah, um Friſt zu gewinnen für den Augenblick und Kräfte zu ſammeln zu neuem Handeln, wenn der günſtigere Zeit⸗ punkt gekommen ſei. Nicht aber hatten ſie es im Sinne, einen Kampf aufzugeben für alle Tage der Zukunft, den ſie für einen heiligen und nothwendigen erachteten. Nicht wollten ſie einen Friedensbund für ewige Dauer ſchließen, mit einer Macht, die ſie als eine widerrechtliche, feindſelige, fluchwürdige betrachteten, deren Vernichtung ihre höchſte Pflicht war. —— Als hätten Krankheit und Tod ſeiner Ge⸗ mahlin ſeine eigenen Körperleiden von ihm genommen, war Mathias wunderbarerweiſe unter den tiefen Schmerzen der Seele, die ihn beugten und erſchütterten, körperlich geneſen. Wenn nicht zu ſeiner vollen, alten Kraft, doch zu einer Rüſtigkeit, die er lange entbehrt hatte. Die geiſtige Abſpannung mochte es ſein, die dieſe leibliche Folge erzeugt hatte. Wie es aber in ſolchen Fällen zu ſein pflegt, nur vorübergehend, zu einer deſto härtern Rückkehr der alten Zuſtände. Als ob gewaltſam die geſtaute Flut dann deſto unwiderſtehlicher hereinbreche. In dem augenblicklichen Ge⸗ fühle der Kräftigung aber handelte der Kaiſer wieder un⸗ abhängiger von ſeinem Neffen. Mit Eifer hatte er die Wege der Vermittelungabetreten, welche durch die fürſt⸗ lichen Häupter Deutſchlands angerathen und eröffnet waren. Namentlich bemühte jetzt der Kurfürſt von Sachſen ſich thätig, den Funken des Streites zu erlöſchen. Für das I Frühjahr war eine Zuſammenkunft der Fürſten zu Eger feſtgeſetzt worden, wohin auch die Böhmen ihre Abgeſandten ſenden ſollten. Dort, ſo hofften Alle, die es wohl meinten, ſolle der verderbliche Kampf, der ſchon in ſeinem Beginn Unheil genug gebracht, beendet werden, bevor ſich die Flammen weiter verbreiteten. ———ę————— 254 Das waren menſchliche Hoffnungen! Der Führer der Geſchicke lenkt ſie anders!— Der Pater Lamormain ſaß am ſpäten Abend in ſeinem Arbeitscabinet bei der Lampe und ſchrieb mit großem Eifer. Ein junger Mann, einfach, aber ſauber gekleidet, ſtand einige Schritte hinter ihm und wartete auf die Vollendung des Briefes. Als Lamormain geendigt hatte, nahm er das Blatt, las es aufmerkſam noch einmal durch, falzte es dann zuſammen und verſiegelte es.„Hier, Benedetto“, ſprach er.„Du übergibſt es dem Herrn Fürſten eigen⸗ händig, wie du mir ſein Schreiben gebracht. Mündlich kannſt du hinzufügen, daß ich täglich ſichere Kundſchaft aus Böhmen durch eine vertraute Perſon erwarte, die er wol errathen wird.“ Der junge Mann verbeugte ſich tief und ehrfurchtsvoll und ergriff Lamormain's Hand, ſie zu küſſen.„Euren Segen, ehrwürdigſter Herr!“ bat er. „Gott und alle ſeine Heiligen mögen dich ſegnen und behüten und auf dem rechten Wege im Glauben bewahren“, entgegnete Lamormain.„Eile jetzt, mein Sohn, und ſei vor⸗ ſichtig! Du weißt, es gibt Augen, die man vermeiden, und Ohren, die man nichts vernehmen laſſen muß, in Menge in der Burg!“ Unter ehrfurchtsvollen Verbeugungen entfernte ſich der junge Menſch. Indem er die Thür öffnete, trat ein Diener ein und meldete den Pater Thyßka. „So iſt er da! Endlich! Dem Himmel ſei Dank!“ rief Lamormain in lebhafterer Bewegung, als er ſonſt jemals zu zeigen pflegte.„Führe den Herrn Pater ſogleich zu mir!— Benedetto“, winkte er dem jungen Manne zurück. „Melde Sr. Erlaucht dem Fürſten Eggenberg, ich würde ihn morgen mit dem Früheſten beſuchen, um ihm die ver⸗ 25⁵ ſprochenen Nachrichten zu bringen!— Noch Eins. Biſt du denn auch fleißig in deinen Studien des Spaniſchen?“ „O gewiß, ehrwürdiger Herr. Bei den Hoffnungen, die.. „Still, ſtill davon! Man kommt. Es bleibt bei un⸗ ſerer Verabredung wegen der Sache. Aber ganz im Ge⸗ heimen! Hörſt du! Sonſt iſt der Schatz, den du zu heben meinſt, für dich verloren und entſchwindet in dem Augen⸗ blick, wo du die Hand danach ausſtreckeſt!— Nun gehab dich wohl!“ Thyßka trat ein; Lamormain ſtreckte ihm mit den Wor⸗ ten:„Salutem! In nomine patris et filii!“ die Hand ent⸗ gegen, welche Thyßka mit aufgeregter Freudigkeit ergriff und ſich ehrfurchtsvoll zu einem Kuß darauf niederbeugte. „Ich freue mich Euch wohlbehalten wiederzuſehen, Pater Thyßka“, begann Lamormain,„mir war ſchon bange um Euch!“ „Und nicht mit Unrecht, denn ich bin ſchweren Schick⸗ ſalen nur durch Gottes wunderbare Gnade entgangen“, entgegnete der Gefragte.„Von Prag bis hierher eine Kette von Mühſeligkeiten und Gefahren!“ „Alſo von Prag kommt Ihr?“ „Ich habe es ſchon vor drei Wochen verlaſſen“, ant⸗ wortete Thyßka,„doch war es unmöglich, anders, als mit der größten Vorſicht und in tiefer Verkappung durch Böh⸗ men zu kommen.“ 4 „Ich glaub' es wohl! Eure Miſſion war gefährlich“, entgegnete Lamormain,„allein ſie geſchah im Dienſt des Herrn und ſeine Obhut konnte Euch nicht fehlen. Setzt Euch aber, lieber Bruder in Jeſu, ſetzt Euch und erzählt!“ Lamormain ſprach dieſe Worte in einem Tone freund⸗ licher Herablaſſung, die ihm ſelten eigen war; Pater Thyßka nahm ſie mit dem Ausdrucke der tiefſten Ehrfurcht entgegen. Indem er Platz nahm, fragte Lamormain noch, aber⸗ mals ſehr freundlich:„Es iſt ſpät Abends. Habt Ihr auch ſchon zu Nacht geſpeiſt? Wollt Ihr nicht eine Stär⸗ kung, einen Becher Wein?“ Pater Thyßka dankte.„Ich habe mich ſchon erquickt und erwärmt, ehrwürdiger Herr, in meiner Wohnung, wäh⸗ rend ich die Kleider der Verkappung, in denen ich hier ein⸗ traf, wechſelte. Ich war allerdings faſt erſtarrt vor Kälte und äußerſt erſchöpft!“ „Nun, ſo ſetzt Euch, ſetzt Euch, lieber Thyßka, und berichtet.“ Thyßka begann: „Meine Hinreiſe war ohne alle Gefahr; wenigſtens hat ſich uns keine gezeigt. Der arme, vertriebene proteſtan⸗ tiſche Schullehrer aus Steiermark, der ſich von Haus zu Haus Unterſtützung erbitten mußte, erregte keinen Verdacht.“. „Ja, man lernt jetzt ſolche Rollen ſpielen“, unterbrach Lamormain,„da die Wirklichkeit ſie uns einſtudirt. Auf Eurer Flucht im Mai hierher, da waret Ihr in der That ein ſolcher Vertriebener, wenn auch nicht aus Steier⸗ mark.— Und wie ſteht es mit Euren Erfahrungen in dieſer Maske, theurer Bruder in Jeſu?“ „Sie waren mir nicht die tröſtlichſten!“ erwiderte Thyßka achſelzuckend.„Ich wurde ſo wohl aufgenommen und ge⸗ pflegt, ich erhielt ſo reichliche Geſchenke, daß ich oft nahe daran war, meine Erbitterung zu verrathen!“ „Ihr ſeid immer noch zu jugendlich, zu leidenſchaft⸗ lich“, erwiderte Lamormain,„in unſerer Stellung und Auf⸗ gabe bleibt es die erſte Pflicht, niemals die Ruhe, die Beſonnenheit zu verlieren; denn ſie allein führt uns ans 257 Ziel. Der unbedingte Gehorſam, zu dem der Ordem ſich verpflichtet, muß Euch auch hier leiten.“ 8 „Ich glaube dieſe Pflicht erfüllt zu haben, ehrwürdig⸗ ſter Herr“, antwortete Thyßka mit Demuth;„ich wollte nur andeuten, wie ſchwer ſie mir geworden.“ „Ihr werdet auch Erleichterungen gefunden haben“, be⸗ merkte Lamormain,„Ihr ſprachet gewiß auch Viele der Unſrigen.“ „Gewiß! gewiß!“ bekräftigte der Pater.„Dort gewann mein Herz Labſal, meine Seele Muth; es ſind noch Viele, die uns treu geblieben. Wäre nicht die Furcht vor der herrſchenden Partei, ſie würden zu Tauſenden für uns aufſtehen.“ „Und Tauſende mit ihnen für uns ſein, die jetzt wider uns ſind“, fiel Lamormain ein;„entzieht uns die Furcht jetzt Viele, ſo wird ſie uns ſpäter ebenſo Viele zuführen. Doch Eure Kunde erfreut mich.— Welche Orte habt Ihr beſucht?“ „Ich war zuerſt in Chrudim, Czaslau, Kuttenberg und in vielen kleinern Orten und Dörfern in der Nähe. Wo ich Geiſtliche unſeres Glaubens fand, ſuchte ich ſie vor⸗ ſichtig auf, forſchte nach ihrem Ergehen. Viele haben har⸗ ten Druck erfahren....“ „O ich glaub' es“, unterbrach Lamormain, und ſeine Stirn zog ſich in düſtre Falten.„Nun, der Tag der Ver⸗ geltung wird nicht ausbleiben!“ „Das hoffe ich mit Euch, ehrwürdigſter Herr“, ant⸗ wortete Thyßka. „Von Kuttenberg aus“, fuhr Thyßka fort,„gelangte ich auf großen Umwegen, wodurch ich aber Gelegenheit hatte, überall Geſinnung und Meinung zu erforſchen, über —— Chlumetz, Königingrätz, Horzicz, Gitſchin, Jung⸗Bunzlau, endlich nach Prag.“ „In Kuttenberg werdet Ihr wol einen böſen Sinn ge⸗ troffen haben?“ fragte Lamormain. „Gar arg! Das Volk dort iſt durch die Geiſtlichen sub utraque ganz und gar beherrſcht! Die blinde Maſſe verehrt dieſe Ketzerlehren faſt abgöttiſch. Und ſie nehmen den Schein der Heiligen an, durch milde Worte und Werke!“ „Ja, Scheinheilige!“ antwortete Lamormain.„Der Ort ſteht ſchwer angemerkt! Wenn andere Tage kom⸗ men, werden wir ſeiner Frevel gedenken.— Doch erzählt mir nun von Prag! Die Hauptſache! Wie fandet Ihr die Stimmung in Betreff des Krieges und Friedens.“ „Ich glaube, Ehrwürdigſter, wenn ich mir eine Mei⸗ nung geſtatten darf, daß die Mehrzahl der Standesherren und Ritter den Frieden wünſcht!“ „Ich glaub' es auch! Sie wollen gern die geraubten Früchte in voller Ruhe genießen, ohne weitern Kampf und Mühe. Und wer ſind hauptſächlich die Friedensmänner?“ „Wilhelm Lobkowitz, Johann von Rceziczan, Zdenko von Mitrowicz, Wenzel Pietipeski, Dio⸗ nyſius Czernin...“ „Dieſer Verräther“, unterbrach Lamormain mit einem grollenden Blick;„er wagt es, ſich noch immer zu unſe⸗ rer Kirche zu bekennen, und iſt dennoch ein Rebell wie die Andern!“ „Graf Harrant“, fuhr Thyßka fort,„ſelbſt Graf Joachim Schlick und viele Andere rathen zum Frieden, wie ich ſicher vernommen. Doch Thurn und Fels wollen Krieg, verſprechen goldene Zeiten mit der eiſernen Waffe zu erkämpfen!“ 259 „Sie ſind mir lieber! Sie rennen, von dem Glück des Anfangs getäuſcht, toll ins Verderben!“ ſprach Lamormain. „Man weiß nicht“, fuhr er nach einer Pauſe fort,„ſoll man die Menſchen mehr haſſen oder mehr verachten! Wie tolle Knaben gebahren ſich dieſe Kriegsmänner! Sie be⸗ rauſchen ſich, um wie im wahnſinnigen Taumel auf ein Ziel loszuſtürmen, das ſie dicht vor Augen glauben und ſehen den Abgrund nicht, der dazwiſchen liegt und ſie verſchlingt! Es iſt ſo lächerlich dumm! Aber ſo iſt die Welt, guter Thyßka, frevelhaft und thöricht! Eine glück⸗ liche Einrichtung des allweiſen Gottes, daß ſich zu der Nichtswürdigkeit insgemein die Albernheit geſellt, um jener die Grube zu graben, in die ſie ſich ſtürzt!“ „Ich that nach meiner Aufgabe, ehrwürdiger Herr“, fuhr Thyßka, nachdem er den Worten Lamormain's auf⸗ merkſames Gehör geſchenkt, fort,„ſprach überall dem Frie⸗ den das Wort, wo ich mich vertraulich äußern konnte.“ „Ihr habt Euch Vielen entdeckt?“ fragte Lamormain beſorgt. „Nur Einigen und den Zuverläſſigſten; durch dieſe aber wirkte ich weiter.“ z „Und zündete der Funke?“ „Ueber alle Erwartung. Natürlich deutete ich an, daß der Kaiſer ſehr den Frieden wünſche, daß ſie alſo auf gute Bedingungen zählen dürften.“ „Und werden ſie die Verſammlung zu Eger beſchicken? Habt Ihr darüber Nachricht?“ „Sie werden. Aber die Vollmachten ihrer Geſandten werden die Verſöhnung unmöglich machen!“ „Ihr wißt alſo davon?“ rief Lamormain erfreut. „Ich glaube“, erwiderte Thyßka mit beſcheidener, ja —— 260 mit mehr als beſcheidener, mit demüthiger äußerer Hal⸗ tung,„ich habe einigen Einfluß darauf geübt, daß ſie ſie ſo hoch ſpannen.“ „Gut, gut, lieber Thyßka, ſehr gut, lieber Bruder in Jeſu“, fiel Lamormain ein.„Und welche Bedingungen glaubt Ihr, daß ſie ſtellen werden?“ „Sie werden den ganzen Trotz ihrer frühern Sprache wieder zeigen. Natürlich verlangen ſie Beſtätigung des Majeſtätsbriefes, aller Privilegien, Religionsfreiheiten“— Lamormain drückte die Lippen zu einem ſatiriſch bittern Lächeln zuſammen—„Bürgſchaft für die Ausführung derſelben!“ „Hm! hm!“ bewegte Lamormain wiegend das Haupt. „Unſer heiliger Orden“, fuhr Thyßka fort.... „Bleibt verbannt! Natürlich!“ fiel ihm Lamormain in die Rede. „Ebenſo der Erzbiſchof Lohelius, der Abt des Kloſters Strahow...“ „Der Prälat von Braunau, Slawata, Martiniz“, er⸗ gänzte Lamormain und wurde immer heiterer.„Gut, ſehr gut! lieber Thyßka! Alſo ganz die alten Bedingungen! Allein die Bürgſchaften; welche verlangen ſie?“ „Der Kaiſer ſoll nicht mit Heeresmacht in Böhmen erſcheinen dürfen. Sie wollen ein eigenes, ſtändiſches Heer zur Vertheidigung ihrer Rechte und Privilegien halten.“ „Natürlich!“ lächelte Lamormain.„Privilegien!“ wie⸗ derholte er ebenſo,„Rechte!“ ſprach er dann langſam mit ſcharfem Nachdruck!—„Laßt ſehen, Ihr Herren, wer ſie abwägen wird!“ „Die letzte Forderung“, bemerkte Thyßka beſcheiden, „dünkt mich doch unſerer Sache große Gefahr zu bringen!“ „Wie das? lieber Thyßka?“ fragte Lamormain.„Ich 261 finde dieſe Forderung außerordentlich vernünftig! Ein Heer zu halten, da ſie es einmal haben, können wir ihnen nicht verwehren! Hat der Kaiſer kein Heer, dem der Sieg gewiß iſt, entgegenzuſtellen, ſo geht er wirklich am beſten ohne Heer nach Böhmen. Und hat er eins, das des Sieges gewiß iſt, nun, ſo verweht der Wind ja von ſelbſt alle dieſe Bedingungen!— Nein, nein, ich bin ſehr zufrieden! Und habt Ihr, lieber Bruder in Jeſu, dazu beigetragen, daß Thurn und Fels ſolche Inſtructionen für die Abgeordneten durchſetzen, ſo, glaubt mir, habt Ihr uns ſehr genutzt und ich ſpende Euch gern das beſte Lob.“ Thyßka beugte ſich in Dank und Ehrfurcht vor dem mächtigen Vorgeſetzten. „Ihr ſeid zu verſtändig, lieber Thyßka, um nicht ein⸗ zuſehen“, fuhr Lamormain mit ungemeinem Behagen fort, „daß ein wirklicher Friedensſchluß uns gar nicht ein⸗ fallen kann. Allein eine Unterhandlung, die ſich zerſchlägt, oder ein Ergebniß, das nicht dauern kann, das ſind Dinge, die uns für den Augenblick hoch willkommen ſind, da wir Zeit brauchen.— Zum 14. April will der ketzeriſche Kurfürſt von Sachſen die Verſammlung in Eger anberaumt wiſſen. Da iſt wichtige Zeit gewonnen. Ich hoffe, daß wir bis dahin vorbereitet ſein werden, andere Bedingun⸗ gen zu ſtellen. Jetzt ſind uns dieſe willkommen. Sie hindern den Abſchluß, denn ſelbſt der Kaiſer kann und wird nicht darauf eingehen; folglich dehnen ſich die Unterhand⸗ lungen aus und jeder Tag bringt uns Gewinn. Man macht ein kleines Zugeſtändniß nach dem andern, aber ſehr langſam; dadurch wächſt ihre blinde Hoffnung Alles zu er⸗ ringen; dann plötzlich bricht man ab. Sind wir erſt ſtark genug, ſo werden wir auch kurz genug ſein können! Wenn Ihr daher ſicher ſeid, daß die Herren Directoren, 262 dieſe modernen atheniſchen dreißig Tyrannen, ihren Abge⸗ ſandten dieſe Inſtructionen geben, ſo bin ich hoch erfreut!“ „Ich glaube deſſen vollkommen ſicher zu ſein!“ erwi⸗ derte Thyßka. „Und habt Ihr ſonſt für uns arbeiten, die Meinungen nicht nur erforſchen, ſondern auch ſtimmen können?“ fragte Lamormain.„Ihr ſprachet von großen Gefahren?“ „Ich denke es iſt mir Einiges gelungen; und es wäre traurig, wenn dem nicht ſo wäre“, antwortete Thyßka, „denn mein Leben ſtand oft auf dem Spiel.“ „Haben Euch Gegner erkannt?“ „Ich war zu Prag in tiefſter Verborgenheit; ich konnte mich ganz ſicher glauben.— Obwol wenig gekannt über— haupt, denn ich lebte ja meiſt in meiner Zelle, ging ich den⸗ noch auch hier nur Abends aus zu vertrauteſten Freunden. Und mußte ich's bei Tage, ſo geſchah es in ſolcher Tracht und Verkappung, daß ich oft mit innerm Lächeln die älteſten Bekannten an mir vorübergehen ſah, ohne erkannt zu werden!“ „Hm!“ ſummte Lamormain. „Nur eines Nachmittags, als ich eben über die Brücke nach der Kleinſeite gehen wollte, flüſterte mir eine Stimme von hinten her zu:„Pater Thyßka.“ Ich fuhr zu⸗ ſammen, hatte aber Beſonnenheit genug, das Geſicht nicht umzuwenden.“ „Gut, gut, lieber Thyßka“, nickte Lamormain,„nur immer kaltes Blut! Ich haſſe alle Aufwallungen, auch die der Begeiſterung. Wenigſtens muß man ſie ſtets ſo in der Gewalt haben, daß man ſie nur mit voller Ruhe und Züge⸗ lung anwendet. Doch weiter!“ „Die Aufwallung des Erſchreckens, hochwürdigſter Herr, ſteht nur leider nicht ſo ganz in unſerer Gewalt“, erlaubte 263 ſich der Pater zu erwidern,„und es wäre vielleicht ver⸗ zeihlich geweſen, wenn ich etwas davon gezeigt hätte.“ „Unverzeihlich, lieber Thyßka, unverzeihlich! Und Euer eigener größter Nachtheil!“ fiel ihm Lamormain, in⸗ dem er den Finger drohend hob, mit ſcherzendem Tone zwar, aber doch ſo nachdrücklich in die Rede, daß Thyßka fühlte, welch ein ſcharfer Ernſt ſich hinter dieſer heitern Maske barg. „Freilich, freilich!“ lenkte er daher ein.„Zum Glück aber glaube ich, daß es mir gelang, mich vollſtändig zu beherrſchen.«Pater Thyßka!» wiederholte ſich die leiſe An⸗ rede hinter mir. Ich ging weiter, ohne nur das Haupt umzuwenden. Die Schritte hinter mir beſchleunigten ſich, ich fühlte Jemand an meinen linken Arm ſtreifen wie im zufälligen, raſchen Vorauseilen. Jetzt ſah ich mich um, denn jeder Argloſe hätte es gethan. „Gut, ſehr gut!“ pflichtete Lamormain bei. „Da erkannte ich Fabricius!“ „Fabricius! Ei ſeht! Fabricius in Prag!“ fiel La⸗ mormain ein, und ſchien dieſem Umſtande mehr Aufmerk⸗ ſamkeit zu ſchenken, als der Gefahr Thyßka's, von der dieſer erzählen wollte. „Er war ebenſo erſtaunt mich zu ſehen, als ich ihn“, fuhr Thyßka fort. „Ich glaube es! Slawata hat mir nur erzählt, be⸗ richtet“(corrigirte er ſich),„daß er den Herrn von Ho⸗ henfall“, betonte Lamormain ſatiriſch,„nach München geſandt habe.“ „Von dort kam er auch; vielleicht daß ſpäter. „Möglich!“ ſchnitt Lamormain ihm das Wort ſcharf ab. „Ich habe überhaupt bemerkt, Thyßka, daß der Präſident eigene Wege zu gehen ſich geſtattet; das darf er nicht, 264 vollends wenn er ſie uns verſchweigt. Ich ſehe wol, was er will! Er iſt noch nicht recht ſicher, wer von Beiden das Feld behaupten wird,— der alte Herr oder der neue,— er möchte es mit Beiden halten,— das heißt mit Keinem— nur mit ſich ſelbſt. Aber, erzählt doch weiter, lieber Thyßka. Ging Fabricius denn offen mit ſeinem Geſicht umher, daß Ihr ihn erkanntet?“ „Das nicht; er war verkappt genug, mit ſchwarzem Bart und ſchwarzem pelzverbrämtem Rock, wie ein Bürger⸗ meiſter von Nürnberg, allein der Blick, mit dem er mich anſah,—— es war etwas in ſeinem Blick....“ „Deſſen man ſich erinnert“, bemerkte Lamormain iro⸗ niſch betvnend. „Leider, ja! Denn dadurch kam ich in Gefahr. Wir gingen miteinander....“ „Unvorſichtig! Sehr unvorſichtig!“ „Freilich wol, hochwürdigſter Herr! Doch der über⸗ raſchende Augenblick hatte uns zuſammengeführt,— der enge Weg auf der Brücke,— das lebhafte Geſpräch, in welches wir ſofort geriethen....“ „Höchſt unvorſichtig!“ betonte Lamormain ſcharf. „Es war aber Niemand in unſerer Nähe auf der Brücke, belauſchen konnte uns alſo Niemand. Allein indem wir das jenſeitige Ufer erreicht hatten, ſchritt aus einem Häuflein beieinander ſtehender Männer urplötzlich einer in Kriegstracht über den Weg und richtete ſein Auge auf uns. „Teufel“, rief Fabrieius unwillkürlich, doch halblaut:«das iſt Wolodna!»“ „Apage Satanas!“ ſprach Lamormain leiſe und ſchlug ein Kreuz vor ſich. „Vergebt, ehrwürdigſter Herr, daß ich ſeinen Ausruf wiedergebe!“ bat der etwas erſchreckte Pater. „Wir ſind unter Zweien, Pater Thyßka, aber übereilt Euch nicht öffentlich auch nur mit der Wiederholung eines ſolchen Fluchwortes!“ antwortete Lamormain ruhig.— „Wolodna nanntet Ihr den Mann, der Euch begegnete?“ fuhr er fort.„Wo iſt mir doch der Mann ſchon vorge⸗ kommen?“ „Der Präſident Slawata wird Euch davon erzählt ha⸗ ben; er war Förſter auf der Herrſchaft....“ „Richtig“, fiel ihm Lamormain ins Wort,„er hängt mit der Angelegenheit von Kloſtergrab zuſammen! Alſo der begegnete Euch?“.... „Ob er Fabricius erkannt hatte, weiß ich nicht zu ſa⸗ gen. Allein er heftete ſo ſcharfe Blicke auf uns, daß wir nicht zweifeln konnten, es ſei ihm irgend etwas auffällig geweſen. Wir gingen ſo unbefangen als möglich unſeres Weges, doch Fabricius beſchleunigte ſeine Schritte....“ „Unbegreiflich unvorſichtig!“ „Dieſesmal, ehrwürdiger Herr, war es wol das geeig⸗ netſte; denn Wolodna, der anfangs geſtutzt hatte, dann weiter gegangen war, ſah ſich mehrmals nach uns um, dann wendete er ſich plötzlich und ging uns nach.“ „Ihr würdet das nicht wahrgenommen haben und es würde wahrſcheinlich nicht geſchehen ſein, wenn Ihr ſelbſt Euch nicht zu viel umgeſchaut hättet!“ bemerkte Lamormain. „Das iſt gewiß richtig“, erwiderte Thyßka fügſam; „doch unſere Beſorgniß war zu groß. In Zeiten wie die jetzigen reicht ein Verdacht hin, uns auf offener Gaſſe an⸗ zuhalten, und dann mußte Fabricius erkannt, unſere Ver⸗ kappung entdeckt werden. Deshalb alſo eilten wir vor⸗ wärts. Im Gehen ſagte mir Fabricius: Dieſer Menſch iſt ein Jäger, der die Fährte eines Fuchſes ſieht und riecht; er hat mich zuverläſſig erkannt, und wenn er nur meine Rellſtab, Drei Jahre. 2. Aufl. I. 2. 12 266 Augenwimpern hat zucken ſehen. Wir ſind verloren, wenn er uns anhält.“ Glücklicherweiſe kam uns ein Trupp von Landleuten entgegen, die uns, als ſie zwiſchen ihm und uns waren, ſeinen Blicken entzogen. Dieſen Zeitpunkt nutzten wir und flüchteten wie geſcheuchte Gemſen in die Gaſſen der Kleinſeite. Fabricius zog mich immer nach ſich; ehe ich mich's verſah, befand ich mich in einer dun⸗ keln Hausflur. Hier weiß ich Beſcheidy, flüſterte er, chier iſt ein Durchgang!“ Durch einen gewundenen Hof und eine kleine Pforte erreichten wir eine andere Gaſſe und dann auf Umwegen das Ufer der Moldau. Fabricius be⸗ hauptete, wir wären keinen Augenblick mehr ſicher in Prag; man werde nach allen Thoren hin Nachricht geben. Und ſo entſchloß ich mich in der That ſofort auf einem Nachen mit Fabricius denſelben Weg der Flucht anzutreten wie beim Ausbruch der Unruhen!“ „Sehr richtig gehandelt“, ſprach Lamormain jetzt lobend. „Die Vorſicht war wirklich nicht zu groß geweſen. Denn als Fabricius einen Vertrauten nach Prag ſandte, um einem ſichern Freunde Nachricht zu geben und von ihm Erkundigungen einzuziehen, erfuhren wir, daß ſchon am nämlichen Tage Nachforſchungen an verſchiedenen Orten ge⸗ ſchehen und Befehle an den Thoren gegeben waren, alle Ein⸗ und Ausgehenden ſcharf zu unterſuchen.“ Lamormain ſummte ſein:„Hm, hm!“ „Es wurde uns zugleich angerathen uns ſo ſchnell als möglich und in der tiefſten Verkappung aus Böhmen zu entfernen.“ „Doch getrennt?“ „Natürlich. Fabricius ging nach Sachſen.“ „Nach Sachſen? Mit Aufträgen von Slawata?“ frug Lamormain argwöhniſch. „Ich weiß es nicht, hochwürdigſter Herr. Wir ſchieden ſchnell, ich nahm meinen alten Weg, wie verwichenen Mai, zu den alten Freunden, wo ich der Geſinnung ſicher ſein durfte. Doch zahlloſe Schwierigkeiten und Gefahren hatte ich zu beſtehen, öfters....“ „Man köommt!“ unterbrach ihn Lamormain auflauſchend. Es ließen ſich Schritte im Vorzimmer hören. Der Diener brachte ein eiliges Schreiben mit den Worten:„Von Sr. Majeſtät dem Könige von Ungarn. Der Bote wartet.“ Lamormain erbrach es.„Ich werde mich ſogleich zu Sr. Majeſtät begeben“, war ſeine Antwort; der Diener ging. „Lieber Pater Thyßka“, wandte er ſich zu dieſem,„wir ſind unterbrochen. Beſucht mich morgen wieder; ich muß noch mehr von Euch hören.— Jetzt will ich ſofort zu Sr. Majeſtät, zwar in einer andern wichtigen Angelegenheit, allein Eure Nachrichten ſcheinen mir nicht minder wichtig. Ich wollte morgen dem Fürſten Eggenberg Mittheilungen machen, aber ich will auch das noch heut thun, trotz ſeiner Kränklichkeit; denn bis dat qui cito dat! Und wir haben jetzt drängende Zeiten! Eine Mittheilung heut gemacht, kann vielleicht einen wichtigen Schritt verhüten oder veran⸗ laſſen, wozu es morgen zu ſpät wäre. Ihr ſeid meines Danks ſicher!“ „Err reichte ihm die Hand, die der Pater ehrerbietig küßte und ſich zurückzog. „Mein Wagen!“ gebot Lamormain dem Diener, der dem ſich entfernenden Thyßka die Thür geöffnet hatte und ihn mit einer Kerze begleiten wollte. Als Beide hinaus waren und die Thür hinter ſich ge⸗ ſchloſſen hatten, ging Lamormain leiſe, ſelbſt auf dem wei⸗ chen Teppich ſeines Zimmers noch auf den Zehen, ihnen nach bis an die Thür, legte das Ohr an und lauſchte auf⸗ 12* 268 merkſam. Erſt als ſie die Thür des Vorzimmers öffneten, ſagte er vor ſich hin:„Nun ſind ſie fort“, und drehte dann behutſam den Schlüſſel im Schloß um. Hierauf ging er zurück an ſeinen Schreibtiſch und ordnete höchſt ſorgfältig die auf demſelben liegenden Papiere und Briefe. Er warf auf jedes Blatt noch einen prüfenden Blick und murmelte dabei vor ſich hin:—„Zu der Maſſe,— in die Gruft der Geheimniſſe— ins Feuer!“ Je nach dieſen drei Beſtim⸗ mungen hatte er die Papiere in drei Päckchen geſondert. Das erſte vertheilte er in verſchiedene Fächer und Käſtchen des Tiſches, theils offene, theils verſchloſſene. Als er das zweite in die linke Hand nahm, drückte er mit der Rechten an eine verborgene Feder unterhalb der Tiſchplatte. In demſelben Augenblick verſchob ſich ein auf dem erhöhten hintern Theil des Schreibtiſches, in dem ſich viele Fächer und Käſtchen befanden, aufgeſtelltes Crucifix ſammt ſeiner aus viereckigen ſchwarzen Marmortafeln, die ſtufenartig überein⸗ ander gelegt waren, beſtehende Baſis, worauf ſich eine unter dem Piedeſtal befindliche geräumige Vertiefung in der obern ſtarken Platte des Tiſches zeigte, in der ſich ſchon verſchie⸗ dene Papiere befanden. Lamormain that die, welche er in der Hand hatte, dazu und das Crucifix ſchob ſich wie von ſelbſt verſchließend wieder darüber.„Das Kreuz muß ſo Manches in ſeinen Schutz nehmen“, ſprach er lächelnd vor ſich hin,„weshalb nicht meine geheimen Papiere! Hm! Hm!“ ſummte er mit ſeinem gewöhnlichen Tone.„Es würde doch, meine ich, nicht leicht ein Schatzgräber einen wichtigern Fund thun, als wenn er den Schatz unter die⸗ ſem Crucifix entdeckte!“— Hierauf trat er mit dem letzten Päckchen von Papieren an das lodernde Kaminfeuer und warf es hinein. Als er ſah, daß die Flamme Alles gefaßt hatte, ſprach er lächelnd mit dem Gefühl der Sicherheit: ——-— „Nun mögen ſie mich überraſchen“, ging zur Thür und drehte den Schlüſſel leiſe wieder auf.„Ah! Jetzt kommt Gregor!“ ſprach er, da er Schritte hörte.„Ja, ja, in⸗ Vorzimmern muß man keine Teppiche haben!“ „Der Wagen iſt bereit, hochwürdigſter Herr“, meldete der Diener. „Gut! Gib mir doch die Papiere her, die dort noch auf dem Seſſel liegen.— Wirf ſie hier ins Feuer! Man muß alle dergleichen alte, unnütze Papiere verbrennen, denn in unnützer Hand können ſie Schaden ſtiften. Ich habe ſoeben auch ſchon eine Menge verbrannt.— So; hilf mir etwas bei dieſer Arbeit, Gregor. Nimm die Feuer⸗ ſchaufel!“ Er ſchürte mit dem Diener um die Wette, als ob Beide das gleichgültigſte Geſchäft verrichteten.—„Das ſind kleine Dinge, aber ſie müſſen auch gethan ſein!.... Nun gib mir meinen Pelz und die Pelzſtiefel!“ Der Diener brachte beides und half dem Pater beim Anlegen der Kleidungsſtücke. Als er ſich warm, ſorgfältig eingehüllt und durch eine Sammetkappe noch Kopf und Ohren wohl gegen die ſtarke Februarkälte verwahrt hatte, verließ er, eine Mappe mit Schriften in der linken Hand und mit dem rechten Arm auf den des Dieners geſtützt, das Gemach. Der Wagen pollte, auf die gezogene Schelle, in der Hausflur dicht vor die Treppe. Als Lamormain einge⸗ ſtiegen war, reichte ihm der Diener die Mappe nach und empfing ſeinen Befehl:„Zuerſt zum Fürſten Eggenberg. Dann nach der Burg zu Sr. Majeſtät dem Könige von Ungarn. Am kleinen Portal.“ . Dreiundvierzigſtes Capitel. Es war am 20. März 1619 um vier Uhr des Mor⸗ gens. Das tiefe Dunkel einer rauhen;z ſchwer regneriſchen Nacht umhüllte noch die Kaiſerſtadt. Der Wind der Tag⸗ und Nachtgleiche ſtürmte von den kahlen Feldern draußen herüber über die Wälle und Feſtungsmauern und umſauſte die alterthümlichen Spitzdächer und Thurmzinnen, welche damals die Burg krönten. Der Regen peitſchte die Fenſter mit rauſchendem Schlag. Im Vorzimmer des Kaiſers Mathias ſaßen bei tief herabgebrannten Kerzen viele von der Dienerſchaft, einige mühſam wachend, andere tief ſchlafend, mit dem Kopf auf dem Tiſch, oder gegen die Wand gelehnt; denn es war ſchon die dritte Nacht, die ſie, da der Kaiſer wiederum ſchwer krank lag, zubrachten, ohne ſich zur Ruhe zu legen. Selbſt das Geräuſch des Regens und das hohle Winds⸗ geheul konnte Die nicht erwecken, die, von der Müdigkeit übermannt, auf den Seſſeln in Schlaf geſunken waren. Balthaſar öffnete, eine mattglimmende Lampe in der Hand, leiſe die Thür des kaiſerlichen Gemachs und trat wankenden Schrittes ein. Sein Angeſicht war bleich; er ſah tief vergrämt aus. Er ſchien mit den Augen etwas im Vorgemach zu ſuchen, denn die Lampe, die er trug, blendete ihn.„Ach, dort“, ſprach er leiſe und ging be⸗ hutſam auf den Zehen, da die Thür hinter ihm nur ange⸗ lehnt war, auf einen großen ſchwerfälligen Lehnſeſſel zu, in welchem ein alter Mann in ſchwarzem Kleide, dem das ſilberne Haar ſchlicht von beiden Seiten der Scheitel her⸗ —— — —— —— —d 271 unterhing, ſchlummerte. Es war der Leibarzt Gisbertus. Balthaſar faßte ihn am Arm und rüttelte ihn ein wenig. „Herr Doctor, es iſt die Stunde, wo Ihr befohlen habt, Euch zu rufen.“ Der Alte, der nur einen leiſen Schlaf hatte, öffnete die Augen; er war gleich bei voller Beſinnung.„Iſt es vier Uhr, Balthaſar?“ „Eben hat die Glocke auf Sanct⸗Stephan die Stunde ausgeſchlagen“, antwortete der alte Kämmerer. „Gut, gut, du biſt pünktlich, Alter, das iſt recht— Gott möge dir's lohnen, dein Kaiſer wird's leider Gottes nicht mehr lange können!“ erwiderte Gisbertus, indem er aufſtand und ſeine Kleidung ein wenig zurecht zupfte.„Die Arznei iſt doch friſch bereitet?“ „Ja wol, Herr Doctor!“ antwortete Balthaſar und nickte mit dem Haupt, indem er wehmüthig mit fragendem Auge an den Zügen des Arztes hing, als wolle er dort irgend einen Ausſpruch über das Schickfal des Kaiſers leſen. „Sollte es denn“, faßte er endlich den Muth zu fragen, „wirklich auf die letzte Stunde gehen?“ „Das will ich dermalen zuverſichtlich noch nicht ſagen“, erwiderte der Arzt, indem er mit ihm der Thür zuſchritt, „allein auf den letzten Tag müſſen wir uns wol gefaßt machen!“ Sie traten Beide, Balthaſar mit der Lampe voran, in das Krankenzimmer. Der Kaiſer war ganz allein; er hatte außer ſeinem ge⸗ treuen Balthaſar Niemand um ſich dulden wollen. Es ge⸗ ſchah ſelbſt ohne ſein Wiſſen und gegen ſeinen Willen, daß Gisbertus im Vorzimmer blieb. Er hatte nur eingewilligt, daß zwei jüngere, ärztliche Gehülfen für einen unvermu⸗ theten Fall über Nacht in der Burg verweilen ſollten. 272 „Er ſchläft“, flüſterte Balthaſar und legte den Finger auf den Mund. „So dürfen wir ihn anjetzo nicht wecken“, entgegnete der Arzt ebenſo leiſe.„Ich werde mich zu Sr. Majeſtät ans Bett ſetzen.“ Er nahm den Platz ein und beobachtete den Kranken, deſſen Züge die Nachtlampe matt beleuchtete, mit aufmerk⸗ ſamem Auge, indem er zugleich den Puls der auf der Bett⸗ decke ruhenden Hand faßte. Balthaſar hing unverwandten Blicks an den Mienen des Arztes. Dieſer, in der Ruhe und langen Gewohnheit ſeiner Kunſt, verrieth durch kei⸗ nen Zug ſein Urtheil über den Kranken. Balthaſar konnte aber die Gefühle ſeines Herzens nicht mehr zurückhalten. Mit zitternder Stimme, fragte er:„Findet Ihr Ihro Ma⸗ jeſtät kränker, Herr Doctor?“ „Ja, mein lieber Balthaſar“, antwortete dieſer, ebenſo leiſe, aber mit feierlicher Förmlichkeit;„der Puls des allerhöchſten Kranken iſt um ein ſehr Merkbares ſchwächer geworden.“ „Er entſchlummert wol ſchon?“ hauchte der Kämmerer mit bebender Lippe. „Es wäre möglich, durch des allgütigen Gottes Gna⸗ den; doch ich glaube es nicht“, antwortete Gisbertus; ſol⸗ cher Schlaf iſt noch der natürliche.— Glücklich wenn Se. Majeſtät ſo ruhig einſchlummerten!“ Balthaſar wandte ſich ab und drückte das Tuch vors Geſicht; er bekämpfte mit aller Anſtrengung ſein heftiges Weinen, um den theuern Herrn nicht in ſeiner vielleicht letzten Schlummerſtunde zu ſtören. Die tiefſte Stille herrſchte in dem Zimmer. Um ſo ſchauerlicher berührte der Unge⸗ ſtüm des Wetters draußen das Ohr. Zwar dämpften die ſchweren, zugezogenen Vorhänge den Schlag des Regens, — — 273 doch das hohle Sauſen des Windes ließ ſich faſt ununter⸗ brochen vernehmen. In den Pauſen hörte man den einför⸗ migen Pendelſchlag der reichen, mit kunſtvollen Goldverzie⸗ rungen geſchmückten Pfeileruhr, welche jetzt die kurze Spanne Zeit ausmaß, die dem Kaiſer noch auf Erden vergönnt war. Es weckte einen eigenen Schauer, wie der Pendel gewiſſer⸗ maßen jeden Pulsſchlag zählte. Balthaſar ſchien dieſen Ge⸗ danken zu haben; er wandte ſein Auge nach der Uhr, als wolle er ſehen, welches die Stunde ſei, wo ſie den Still⸗ ſtand der Lebensuhr des Kaiſers bezeichnen werde. Es be⸗ wegten ſich dabei noch andere Gedanken in der Bruſt des alten Dieners. Die Uhr war ein Geſchenk des Kaiſers Rudolf, der ſie nach Tycho de Brahe's eigenen An⸗ gaben von einem der geſchickteſten Künſtler in Prag hatte bauen laſſen*); ein Geſchenk aus den Zeiten, wo die beiden Brüder ihren innern immer wieder erwachenden Zwieſpalt oft durch äußerliche Zeichen der Liebe und Verſöhnung zu um⸗ hüllen, oder vielleicht wirklich zu beruhigen dachten. Er er⸗ innerte ſich wohl, wie Rudolf dabei geſagt hatte:„Möge ſie dir viele glückliche Stunden ſchlagen!“ War der Mathias bewegte die Hand, die auf der Bettdecke ru⸗ hete; Balthaſar ſchaute aufmerkſam hin. Der Kaiſer warf das Haupt unruhig hin und her; aber er öffnete das Auge nicht. „Gib mir die Hand, Rudolf“, ſagte er plötzlich im Schlaf, mit gerührtem, aber jenem haſtigen Ton, den die *) Hiſtoriſch. 274 im Schlaf Redenden durch die Beklemmung des Athems haben.„Anna, bitte ihn!“ ſetzte er hinzu. „Fieberträume!“ ſprach der Arzt leiſe, zu Balthaſar gewandt. „Von dem ſeligen Kaiſer und der Kaiſerin“, antwortete Balthaſar ebenſo und trat auf den Zehen näher. Beide hingen mit Auge und Ohr lauſchend über dem Bett des Kaiſers.— Er ſprach nicht mehr, aber bewegte die Hand, wie ſuchend. „Se. Majeſtät ſucht, will es mir ſcheinen, die Hand Dero verklärten Bruders“, ſagte Gisbertus, trotz ſeiner ſteiffeierlichen Gewohnheit, ſehr bewegt und legte ſeine ei⸗ gene Hand in die des Kranken; da fühlte er einen warmen innigen Druck. Er ward von tiefer Rührung ergriffen, denn er kannte, wie Alle, das feindſelige Verhältniß, das die Brüder im Leben auseinandergehalten hatte, nur zu gut. „In Sr. Majeſtät Gemüth ſind Liebe und Verſöh⸗ nung“, wandte er ſich zu Balthaſar.„Dero Druck der Hand iſt innig, und kräftiger als ich gemuthmaßet!“ „Vielleicht hat der Schlaf ihn geſtärkt, vielleicht erholt er ſich ganz“, entgegnete Balthaſar, und ein freudiger Schimmer überglänzte ſein naſſes Auge. Mit verſtärkter Gewalt brauſte in dieſem Augenblicke der Wind auf und zugleich ertönte der dumpfſchauerliche Klang eines Glockenſchlages, der das erſte Viertel der Stunde auf einem der nahen Kirchthürme anſchlug. Es klang wie ein ehernes Nein als Antwort auf Balthaſar's Hoffnungsfrage. Der Kaiſer erwachte, wie es ſchien von dem Geräuſch. Er ſah lange mit weit offenem, ſtaunendem Blick um ſich her; es war ſichtlich, daß er ſich noch nicht wieder aus dem Traum in die Wirklichkeit zurückfinden konnte. Nach 275 einer langen Pauſe ſagte er:„Ich habe recht lebendig ge⸗ träumt!— Ihr ſeid ſchon wieder hier, Doctor?“ „Halte unmaßgeblich für meine Pflicht, Ew. Majeſtät die Arznei ſelbſt zu reichen und nach der Wirkung derſelben zu forſchen.“ Mathias blickte ihn zerſtreut an und fragte nur nach einigen Augenblicken:„Was iſt die Uhr?“ „Eben hat das erſte Viertel der fünften Frühſtunde geſchlagen“, verſetzte Balthaſar, der ſeinen Herrn mit weh⸗ müthigem Blick anſchaute. Der Kaiſer ſchien etwas Wichtiges zu überlegen; er heftete, wie er in ſolchen Fällen zu thun pflegte, das Auge feſt auf einen Punkt und wiegte leiſe den Kopf. Nach dieſen Mo⸗ menten erwartungsvoller Stille ſagte er:„Es ſoll zu Sr. Majeſtät dem Könige von Ungarn geſendet werden; ich laſſe ihn ſofort um eine Unterredung bitten.— Dann ſchickt auch „Ew. Majeſtät!“ unterbrach Balthaſar den Kaiſer mit ſchmerzlichem Ausruf bei dieſem Wort und vermochte den Strom ſeiner Thränen nicht zurückzuhalten. „Thu wie ich befohlen“, ſagte der Kaiſer feſt, aber tete ſich, mit Hülfe des Arztes, auf dem Lager auf und ſaß, halb in die Kiſſen zurückgelehnt, ſchweigend, anſchet⸗ nend tief in Gedanken verſunken da.„Zeſſenius!“ ſprach er plötzlich, der Arzt horchte auf, doch der Kaiſer fuhr nicht fort; es war, als ſein dies, Wort unwillkürlich über ſeine Lippen gedrungen. „Wollen Ew. Majeſtät ni Gnaden geruhen, noch einmal Arznei zu nehmen“, ſagte Gisbertus,„es dünkt mich doch, daß ihre Wirkung recht kräftigend geweſen.“ „Meinſt du, Alter?“ erwiderte der Kaiſer lächelnd, in⸗ 276 dem er das Haupt leiſe verneinend bewegte:„Nun wenn's dir ein Troſt iſt will ich auch noch einen Löffel nehmen. Hab' halt Manches, was bitterer ſchmeckte, verſchlucken müſſen!“ Wie er es in den vertraulichſten Augenblicken ſeines Le⸗ bens ſtets gern gethan, ſo ſprach der Kaiſer auch jetzt in der Mundart des Volkes. Es lag etwas in dem gutmü⸗ thig herzlichen Ton, in den ſchlichten Worten deſſelben, als wolle er ſagen:„Der Unterſchied zwiſchen uns iſt vorbei. Was ſollen wir uns noch ſolchen Zwang anthun?“ Gisbertus hatte indeß dem Kranken den Löffel mit der Arznei gereicht; er nahm ſie ruhig ein. „Wollt's halt ſo gut ſein“, ſprach er in überaus wei⸗ chem, gutmüthigem Tone,„die Fenſtervorhänge ein wenig zurückziehen, daß ich ſehe, ob es draußen nicht ſchon ein Biſſerle dämmert. Die Sonne kommt dort an der Fen⸗ ſterſeite herauf.—— Einmal nöchte ich ſie wol noch ſchauen!“ Dieſes Wort griff tief in die Bruſt des alten, ruhigen Arztes. Er war froh, ſich ein kleines Geſchäft an den Fenſtern machen zu können, um ſeine Bewegung zu ver⸗ bergen. Doch vorläufig ſollte ſich des Kaiſers Wunſch noch nicht erfüllen, denn der Himmel war ganz ſchwarz umzogen und draußen lagerte noch die tiefſte Nacht. „Es iſt, halten zu Gnaden, noch zu frühe, Ihro Maje⸗ ſtät“, ſagte Gisbertus;„in einer Stunde von anjetzo wird erſt der Tag zu grauen anfangen!“ „Ja, ja, es ſieht finſter aus draußen in der Welt“, murmelte Mathias vor ſich hin.„Iſt nicht ſo gar Schad' darum, ſie zu verlaſſen!“ „Daran ſollten Ew. Majeſtät, halten zu Gnaden, gar nicht denken“, erwiderte der Arzt mit theilnehmendem Ton. „Gerad' daran“, antwortete der Kaiſer;„denn ich hab' halt noch Manches zu beſtellen auf dieſer Welt, und die Zeit könnte mir knapp werden.— Für jenſeits muß ich auf die Gnade des barmherzigen Gottes hoffen!“ Bei dieſen Worten faltete er die Hände über dem Bett und ſaß ſtill betend. Balthaſar, der eben wieder eintrat, blieb bei dem An⸗ blick gefeſſelt in der Thür ſtehen und faltete die Hände gleichfalls, während die Thränen ihm unaufhaltſam die Wangen netzten. Auch Gisbertus ſtand ſchweigend, mit tief geſenktem Haupt; man konnte nicht ſehen, ob nur um ſeinen Schmerz, ſein naſſes Auge zu verbergen, oder ob auch er ſelbſt betete.— Es war ein Augenblick feierlicher Rührung und Erſchüt⸗ terung. Der, welcher eine Welt beherrſchte in dieſer Welt, ſtand jetzt an der dunkeln Pforte jener, wo, was wir verlaſſen hinter uns, in das flüchtige Nichts zerſtäubt, vor uns die unergründliche Kluft ſich öffnet, deren Tiefe kein menſchliches Auge geſehen, kein menſchliches Maß er⸗ forſcht hat. So vergingen einige Minuten. Der Kaiſer athmete ſchwer auf und ſank müde etwas zurück in die Kiſſen. „Laßt mich halt jetzt wieder ein Biſſel ruhen“, ſagte er ſichtlich ermattet;„ich brauche noch Kräfte und muß ſie ſammeln.“ Er lehnte das Haupt an, allein er ſchlief nicht. Balthaſar und der Arzt verrichteten leiſe alle die kleinen Dienſte, die der Zuſtand des Kranken gebot, oder wozu er ihnen irgend einen Wink gab. Er ſprach kein Wort, ſchien aber in ernſtes Nachſinnen zu verſinken. Da trat einer der Diener aus dem Vorzimmer ein und winkte Balthaſar, dem er einige Worte ins Ohr raunte. Der Kämmerer näherte ſich dem Kaiſer und meldete:„Se. Majeſtät der 1 278 König von Ungarn und der Beichtvater Ew. Majeſtät ſind im Vorzimmer. Wen befehlen Ew. Majeſtät zu ſprechen?“ „Erſt muß der Kaiſer ſeine Pflicht thun“, antwortete er ernſt.„Hilf mir mich aufrichten!“ Es geſchah; ganz aufrecht wollte er ſitzen. Seine Züge nahmen eine Würde an, die Ehrfurcht gebot.„Ich laſſe Se. Majeſtät bitten, einzutreten“, ſagte er jetzt. Balthaſar eilte zur Thür und öffnete ſie. Ferdinand trat ein, ſichtlich erſchüttert, faſt bleicher als der Kaiſer ſelbſt. Wankenden Schrittes ging er auf das Bett ſeines Oheims zu, beugte ſich über ſeine Hand und küßte ſie mit aufrich⸗ tiger Wärme. Wen hätte auch ſolch ein Augenblick nicht ergriffen! „Wir müſſen allein ſein!“ ſagte der Kaiſer mit ern⸗ ſtem Ton. Balthaſar und der Arzt entfernten ſich augenblicklich. Der ſterbende Kaiſer und der künftige waren allein bei⸗ ſammen. Der die Zügel der Weltregierung fallen ließ und der ſie aufnahm,— ein ſchweres Erbtheil!— Sie ſtanden allein einander gegenüber, an der dunkeln Wegſcheide, die ſie auf Erden auseinander führen ſollte. Kein fremder Mund drängte ſich zwiſchen ſie; Gefühle und Gedanken berührten, tauſchten ſich unverfälſcht. Was ſie zueinander geſprochen in dieſem verhängnißvollen Augenblick, wo der ernſte Weiſer der Zeit auf den Wendepunkt der Weltgeſchichte zeigte,— kein fremdes Ohr hat Kunde davon erhalten.— Faſt eine Stunde waren ſie allein beiſammen! ——J 279 Vierundvierzigſtes Capitel. Während deſſen hatte ſich die Nachricht, daß der Kaiſer an dem äußerſten Grenzpunkte des Daſeins ſtehe, durch die Burg und weiter verbreitet. Daß der Beichtvater gerufen worden war, bedeutete Allen das Unvermeidliche der Ent⸗ ſcheidung.— Das Vorzimmer füllte ſich mit beſtürzt Herbeieilenden, unter ihnen die Männer des höchſten Ranges, der wichtig⸗ ſten Stellung. Lamormain, deſſen lauſchendes Ohr überall hinreichte, war der Erſte, welcher eintrat, faſt un⸗ mittelbar nachdem der Arzt und Balthaſar das Kranken⸗ zimmer verlaſſen hatten. So ſchnell war ihm durch ſeine Vertrauten in der Umgebung des Königs von Ungarn die wichtige Kunde zugegangen, daß derſelbe plötzlich an das Sterbebett des Kaiſers gerufen war. Und die unermeßliche Bedeutung des Ereigniſſes ſchnell erfaſſend, war er auf der Stelle herbeigeeilt; denn gleich im erſten Augenblicke konn⸗ ten die wichtigſten Maßregeln zur Vorbereitung und Ab⸗ wehr des Künftigen getroffen werden. Mit Alles ins Auge faſſender Umſicht hatte er auch ſofort den Fürſten Eggen⸗ berg benachrichtigt, der Ferdinand's vertrauteſter Geſchäfts⸗ rath war. Als Lamormain das Gemach betrat, wandte ſich ſein ſcharfes Auge ſogleich forſchend umher, um zu ſehen, wer bereits anweſend ſei. Er erblickte nur den Beichtvater des Kaiſers Mathias, den Pater Chryſoſtomus von den Benedictinern. Sogleich ging er auf dieſen zu, und der Beichtvater des Kaiſers, der den Thron beſteigen ſollte, begrüßte mit dem Schein frommer Ehrfurcht den des abſcheidenden, der 280 in ſchmerzlichem Gefühle, doch in andächtiger Sammlung, ſeines letzten Amtes harrte. Die beiden geiſtlichen Väter ſprachen leiſe miteinander. Balthaſar warf einen Blick der Bitterkeit auf Lamormain, denn er wußte, wie vieles Leid Geſinnung und Rath dieſes Mannes dem Kaiſer zugefügt. Doch barg er in ſcheuer Furcht vor dem Mächtigen, der in wenigen Minuten allmächtig an dieſem Hofe ſein konnte, ſein Gefühl, und zog ſich ſtill in eine Ecke zurück. Die andern Diener waren gleichfalls ehrerbietig in den Hinter⸗ grund des Zimmers getreten. Die Thür öffnete ſich abermals, und der Fürſt von Liechtenſtein, gleichfalls vertrauter mit Ferdinand als mit Mathias, trat ein. Unmittelbar darauf folgte Eggenberg, der jenem Nachricht gegeben hatte, aber, da er kränklich war und ſich wegen des Podagras nur mühſam bewegen konnte, längere Zeit gebraucht, um zur Stelle zu gelangen. Beide Herren ſprachen ſogleich leiſe, aber lebhaft mit Lamormain, der nach wenigen Minuten auf den Arzt zuging und ihn mit der Miene und Stimme tiefer Theilnahme fragte: „Gebt Ihr uns denn gar keine Hoffnung, theurer Doctor Gisbertus, daß das Leben Sr. Majeſtät noch zu erhalten ſei?“ „Ich habe dermalen die Hoffnung noch nicht aufge⸗ geben“, erwiderte Gisbertus, nicht ſowol wegen ſeiner Ueber⸗ zeugung, als weil er das Heuchleriſche der Theilnahme er⸗ kannte, die die begierige Erwartung und Hoffnung auf das Gegentheil ſchlecht verhehlte. Die Antwort fiel ſo unerwartet für Lamormain aus, daß er ſich faſt verrathen hätte; doch ſchnell war er wieder Meiſter ſeiner ſelbſt und ſagte mit einem erzwungenen Lächeln und gen Himmel gehobenem Blick:„Das iſt ja eine unerwartet freudige Kunde, für die wir dem Himmel danken wollen. Alſo habt ihr wirklich Hoffnung?“ 281 „Der Arzt, wolle Hochwürden bedenken, darf ſie nie aufgeben, wenn ſie auch noch ſo ſchwach wäre“, entgeg⸗ nete dieſer. Dieſe halbe Zurücknahme ſchien einige Befriedigung über Lamormain's Züge zu verbreiten. Er wollte eben noch eine Frage thun, als die Thür des Krankenzimmers ſich öffnete und der König von Ungarn heraustrat, bleich, ſichtlich erſchüttert, mit Spuren von Thränen in den Augen. „Se. Majeſtät verlangt den Beichtvater“, ſprach er mit bewegter Stimme, gegen dieſen gewandt. Pater Chryſoſtomus ging mit dem Crucifix und den heiligen Gefäßen in das Krankenzimmer. „Ich fürchte“, wandte ſich Ferdinand jetzt zu den Um⸗ ſtehenden, die näher getreten waren, doch ſich ehrerbietig etwas zurückhielten,„ich fürchte, Se. Majeſtät iſt dem Ziel des irdiſchen Daſeins nahe!“ „So möge ſich unſer ſtilles Gebet für ihn erheben“, ſprach Lamormain und faltete die Hände. Alle thaten des⸗ gleichen, unter lautloſer Stille. Dies währte einige Augen⸗ blicke. Dann traten der König, die Fürſten Eggenberg und Liechtenſtein, Lamormain und einige Andere in einen engern Kreis zuſammen, zogen ſich in eine Ecke des Zimmers zurück und ſprachen in gedämpftem Tone eifrig miteinander. Wäh⸗ rend deſſen kamen immer Mehrere hinzu, welche Kunde von dem Zuſtande des Kaiſers erhalten hatten. Auch zwei ältere Räthe deſſelben, denen er großes Vertrauen ſchenkte, Graf Fugger und Fürſt Dietrichſtein der Vater, erſchienen.. Balthaſar ſprach bei ihrem Anblick vor ſich hin:„So kommen doch einige von Denen, die wirklich um ihn weinen werden!“ 8 Die ängſtliche Stille, welche trotz der vielen Verſam⸗ melten im Gemach herrſchte, das leiſe Flüſtern, hier und da ein Ton verhaltenen Weinens und Schluchzens— denn auch Frauen waren herbeigekommen—, das immer trüber werdende Licht der herabgebrannten Kerzen, alles Das er⸗ regte eine Beklemmung, die jede Bruſt drückte. Von außen drang der erſte Schimmer der Dämmerung durch die Fenſter; der Regen hatte aufgehört, doch der Wind ließ immer noch von Zeit zu Zeit ſein hohles Getön vernehmen. Dieſer Zuſtand ängſtlicher Spannung wurde durch den Klang der Schelle im Krankenzimmer unterbrochen. Balthaſar eilte hinein; gleich darauf kehrte er zurück und winkte dem Arzte. Aller Aufmerkſamkeit richtete ſich auf dieſe Vor⸗ gänge. Der Kaiſer, durch die Unterredung mit dem König Ferdinand ſchon ſehr ergriffen, war unter der Beichte ſchwächer geworden und verlangte nach einer Stärkung. Balthaſar und der Arzt ordneten ſein Lager wieder be⸗ quemer, und der Letztere gab ihm einige ſtärkende Tropfen. Bald war Mathias wieder ſo gekräftigt, daß er das Wort nahm und laut und vernehmlich ſprach: „Ehrwürdiger Vater, bei vollem Bewußtſein und in Gegenwart dieſer Getreuen erkläre ich Euch, ich habe überwunden.— Er war der Kummer meiner letzten Tage, er bleibt meine Sorge, doch ich ſcheide in Liebe, und vergebe ihm, wie mir der Herr vergebe!“ Balthaſar und der Arzt ſtanden erſtaunt, doch Pater Chryſoſtomus trat näher, und leuchtenden Auges, mit er⸗ hobener Andacht ſprach er, indem er dem Kaiſer beide Hände auf das Haupt legte:„So darf ich Ew. Majeſtät den vollen ungeſchwächten Segen und das letzte Labſal der Kirche ertheilen und die Gnade und Barmherzigkeit Gottes zuſichern!“ Das heilige Brot berührte die Lippe des Kaiſers, der Kelch die des Beichtvaters. „Ich bin bereit zu gehen“, ſprach Mathias gefaßt. „Laßt Jeden eintreten, der Abſchied von mir nehmen will.“ Balthaſar brach faſt zuſammen. Jetzt laut weinend, ſchwankte er der Thür zu und öffnete ſie. Er vermochte nicht zu ſprechen und winkte nur Allen einzutreten. Der König Ferdinand war der Erſte, die Andern folgten. Der Kaiſer ſaß aufrecht auf dem Lager und grüßte durch eine leichte Bewegung der Hand und des Hauptes. Es bildete ſich ein Halbkreis um das Bett des Sterbenden. Kein Laut war zu vernehmen. Ferdinand hatte ſich dem Bett genähert. „Mein Bruder Maxl meine liebe, liebe Anna!“ ſagte Mathias mit einem Tone, der Aller Herzen bewegte,„ihr ſeid mir vorangegangen; ich folge euch raſch!“ Jedes Ohr lauſchte. Nur das tiefe Athmen Aller und ein unterdrücktes leiſes Schluchzen unterbrach die heilige Stille. Das Antlitz des Kaiſers war von leichter Röthe ange⸗ ſtrahlt. Es war der erſte Schimmer des Morgenroths, welches durch den zerriſſenen Wolkenhimmel brach. „Ferdinand!“ ſprach der Kaiſer mit zuſammengeraffter Kraft.— Der König trat zu ihm. Sie reichten einander die Hände. Lange ſah der Kaiſer den Erben ſeines Thro⸗ nes ſprachlos an; ſein Angeſicht röthete ſich höher in dem Morgenſchimmer, es war als ob ein Heiligenſchein das Haupt zu umduften anfange. Er zog den Neffen ans Herz. Man hörte jeden Pulsſchlag im Gemach. 284 „Wir ſcheiden in Frieden“, ſprach er, Allen ver⸗ nehmlich. Dann wandte er das Haupt zu den Anweſenden und ſagte:„Seid ihm getreu!“ Mit dieſen Worten ſank er zurück in die Kiſſen. Sein Auge brach. Ferdinand hielt ſeine Hand feſt, und über ihn gebeugt, tropften ſeine heißen Thränen auf das Lager. Noch einmal ſchwebte ein leiſer Laut über die Lippen des Sterbenden... „Verſöhnung.... Frieden“— das waren ſeine letzten, kaum gehauchten, aber Allen vernehmlichen Worte. Ferdinand küßte ihn auf die Stirn. Als er ſich wieder erhob, war das Leben ſei⸗ nes Oheims erloſchen! In dieſem Augenblick zitterte der erſte Strahl der Sonne in das Gemach. Aller Blicke wandten ſich ihr zu; unter ſchwarzem, ſchwerem Gewölk blitzte ihr Glutauge hindurch und ergoß den blutigen Feuerſtrom über die Erde! Fünfundvierzigſtes Capitel. Da die üble Jahreszeit, zumal die Grundloſigkeit der von thauendem Schneewaſſer aufgeweichten Wege, für den Augenblick die Kriegsoperationen hemmte, und wichtige Dinge mit den Directoren des Landes verhandelt werden mußten, war Thurn, von ſeinem Sohn und Wolodna begleitet, nach Prag gekommen. Und um nach langer Trennung aller der Seinigen einmal wieder froh zu werden, hatte er auch die Frauen von Karlsſtein hereinkommen laſſen. Mit dieſen 285⁵ und einigen ſeiner vertrauteſten Freunde in den öffentlichen Angelegenheiten, den angeſehenſten Männern im Krieg und im Rath, ſaß er in ſeinem Hauſe zu Tiſch. Unter den Gäſten war auch Mansfeld; er hatte ſeinen Platz zur Rechten der Gräfin Eliſabeth. Zu ihrer Linken ſaß der ehrwürdige Greis Caplicz von Sulewiez; neben ihm, der eigenthümlichſte Gegenſatz von Jugend und Alter, die ſechzehnjährige Thekla, der die Mutter lieber den Platz an der Seite des frommen, milden Greiſes angewieſen hatte als an der des Kriegshelden, der, wie gewandt er ſich in die glatteſten Sitten der Höfe zu ſchmiegen wußte, doch aus Neigung lieber die ungezwungenen und derberen Gewohn⸗ heiten des Lagers beibehielt. Thereſe, welche ſeit ihrer Verheirathung ganz wie eine Genoſſin des Hauſes betrachtet wurde, da Xaver mit dem Range eines Hauptmanns im Heere diente, ſaß an Mans⸗ feld's Seite. Er ſelbſt hatte ſie ſich mit einem Scherz zur Nachbarin gewählt. Denn als die Gräfin, die er zur Tafel geführt, ihm Thekla gewiſſermaßen entzog, da ſie ſie an Caplicz' Seite wies, während ſie ſelbſt zwiſchen dieſer und Mansfeld trat, ſagte er lachend:„Ich ſehe, die Gräfin vertraut mir wildem Kriegsmanne die Tochter nicht an. So will ich denn der Beſchützer dieſer jungen Frau werden, und ſie ſoll nachher Zeugniß ablegen, ob Graf Mansfeld ſich unritterlich benommen hat!“ Die Gräfin antwortete mit einem zuſtimmenden Lächeln, und ſo war Thereſe die Nachbarin des berühmten Feldherrn geworden. Neben ihr, zu ihrer Linken, ſaß der junge Heinrich Thurn; an deſſen Seite Wolodna. Auf der andern Seite des länglich runden Tiſches hatte Graf Thurn ſelbſt den Mittelplatz, ſeiner Gemahlin gegenüber, zwiſchen dem würdigen Wenzel von Budowa und Otto von Loß, dem 286 Unterburggrafen von Karlsſtein, dem Thurn die Seinigen in Obhut gegeben und der ſie ihm aufs beſte behütet hatte. Wie entfernt Thereſe in ihrer Einfachheit dem durch Rang und Ruhm glänzenden Grafen Mansfeld ſtand, ſo war es doch gerade ſein kriegeriſcher Glanz, der ihrem für jeden kühnen Aufſchwung begeiſterten Sinne einen warmen, ehrfurchtsvollen Antheil für den Mann einflößte, welcher ſein Schwert einer Sache weihte, der ſie ſo ganz hinge⸗ geben war. Thurn ſtellte ſie ihm mit den Worten vor:„Das iſt die junge Gattin des jungen Kriegsmannes, den ich Euch nach Bamberg ſandte.“ Mansfeld erwiderte derb, heiter:„Der hat mir gefallen! Das iſt ein wackerer Geſell! Der verdient eine ſo hübſche junge Frau!“ Ueber Tiſch war das Geſpräch anfangs vereinzelt ge⸗ weſen; doch allmälig wurde es allgemeiner und lebhafter, und vollends da beim Nachtiſch der edelſte Tokayer in hel⸗ len Kryſtallgläſern, in ſilbernen Bechern und Ehrenpokalen funkelte, deren koſtbarſter vor Mansfeld ſtand, ſchlug die geiſtige Flamme immer höher auf. Sie hatte an den großen Ereigniſſen und wichtigen Wendepunkten der Zeit auch den reichſten Nahrungsſtoff. Der Ernſt der Gegenſtände hin⸗ derte nicht, daß ſie auch oft mit Friſche und Heiterkeit be⸗ rührt wurden; denn der Geiſt des Weins und der Geſellig⸗ keit iſt einmal der Art, daß ſein lebendig entwickelter Ein⸗ fluß einen heitern, wenigſtens einen hoffnungs⸗ und lebens⸗ reichen Schimmer ſelbſt auf den dunkelſten Hintergrund des Lebens wirft. Vor Allen war es Mansfeld, der, des Krieges und ſeines Würfelſpiels um Leben und Tod am gewohnteſten den fröhlichen Augenblick fröhlich zu nutzen wußte. —„.— 287 Das Geſpräch hatte ſich auf die glücklichen Hoffnungen gewandt, die ſich für Böhmen und ſeine Zukunft aufzuthun ſchienen. Aller Mienen erheiterten ſich dabei, wie die Män⸗ ner einig in der Anſicht waren, daß nun ein ſchönerer Tag für Böhmen anbrechen werde. Nur Thereſe blieb ernſt an Manfeld's Seite. „Ei“, ſagte dieſer zu ihr,„Ihr bleibt ſo ſtumm? Ich kann mir denken, daß Euer Herz und Eure Gedanken weit von hier ſind!“ „Nein, Herr Graf, Ihr irrt!“ antwortete Thereſe. „Mein Sinn und Herz iſt voll von Dem, was Alle hier erfüllt. Allein es kann ſich ſo ſicherer Hoffnung nicht hin⸗ geben, nur weil im Augenblick die Sonne lächelt.“ „Ei“, rief Mansfeld heiter,„Ihr taugtet gut zum Feldherrn, ſchöne junge Frau! Wollten wir trauern und beſorgt ſein, wenn die Schlacht gut ſteht, wenn der Feind uns den Rücken wendet, was ſollten wir thun, wenn es uns an Hals und Kragen geht? Seid frohen Muthes! Darauf wollen wir anſtoßen!“ Er nöthigte ſie, mit ihrem kleinern Kryſtallglas an ſei⸗ nen großen Prachtpokal voll funkelnden Weines zu ſtoßen. „Ueberhaupt“, ſprach er heiter,„wir ſchulden noch manche Geſundheit. Die unſerer ſchönen Frauen am Tiſch ſpare ich mir bis zuletzt“, wandte er ſich galant zur Gräfin Thurn;„jetzt bringe ich's— Ihr müßt zuerſt mit mir anſtoßen, Thurn!“ rief er fröhlich zu dieſem hinüber— „jetzt bringe ich's dem wackern Feldherrn, der bei Lomnitz ihrer Zwei geklopft hat!“ Die Tiſchgäſte ſtimmten mit frohem Ruf und Becher⸗ klang ein. „Ich bringe es“, erhob ſich Thurn, nachdem der fröh⸗ liche Lärmen etwas vorüber war, und hielt Mansfeld 288 den Becher hin,„ich bringe es dem Bezwinger Pilſens!“ „Bah! Nicht der Rede werth!“ antwortete Mansfeld, ſtieß aber friſch an, und wiederum erklangen die Becher und lauter Zuruf rings an der Tafel. „Wenn's Wien geweſen wäre, Ihr Herren!“ nahm Mansfeld das Wort wieder auf und ſah vergnügt im Kreiſe umher.„Dafür hätte ich die Acht, die der Kaiſer über mich geſprochen, nicht zu theuer gekauft! Aber Pilſen— da muß ich noch etwas thun, um den Achtbrief abzuver⸗ dienen, den Pater Lamormain und Erzherzog Ferdinand dem kranken Kaiſer wider mich abgepreßt haben!*) Nun, kommt Zeit, kommt Rath! Ich will ihnen nichts ſchuldig bleiben!“ „Gewiß, doch es läßt ſich nicht Alles zugleich thun“, antwortete Thurn. „Wien liegt auch nicht außerhalb der Welt!“ rief Mansfeld.„Sind die Türken ſo weit vorgedrungen.... Von Prag nach Wien iſt nicht ſo weit als von Konſtanti⸗ nopel!“. „Laſſen wir die Zukunft“, nahm der würdige Wenzel von Budowa das Wort,„aber vergeſſen wir die Ab⸗ weſenden nicht. Ich bringe den Becher dem wackern Grafen Joachim Andreas von Schlick!“ „Recht ſo, alter Herr von der Feder“, ſtimmte Mans⸗ feld ein,„Ihr lehrt uns, was wir vom Degen hätten thun ſollen! Schlick ſoll leben! Bei meiner Ehre, er hat gut dahinter gebürſtet! Es klitzelte mich ordentlich, daß er dem Boucquoi den geſtohlenen Rahm von den Milchtöpfen Böhmens wieder abgeſchöpft hat. Der Herr Feldmarſchall *) Hiſtoriſch. 289 hätte gern ſeine zweihundert Wagen voll böhmiſcher Beute in Wien auf dem Kohlmarkte zur Schau geſtellt! Nun hat ſie ihm Schlick wieder abgenommen und die Kriegskaſſe dazu!*) Das iſt eine verdrießliche Geſchichte. Die Haupt⸗ ſache bleibt aber, daß Schlick den Fuß auf öſterreichiſchen Grund und Boden geſetzt hat. Vivat! Nochmals!“ „Mein würdiger Freund“, hub jetzt der alte Caplicz an und deutete auf Wenzel von Budowa,„hat geſagt: Laſſen wir die Zukunft! Ich ſage, denken wir an ſie; denn in ihr, hoffe ich, geht uns die Sonne des Friedens auf. Dieſe Hoffnung will ich begrüßen!“ Er erhob den ſchönen, geſchliffenen Ehrenbecher, der ihm zu Theil geworden; faſt war es, als ob der Prieſter den Kelch erfaßte. Das Antlitz des Greiſes, von den dün⸗ nen Silberlocken, die ſein Haupt noch trug, leiſe umſpielt, ſtrahlte im Ausdruck frommer Hoffnung. Er glich auch einem Diener des Herrn, wie er das Auge ſo mild und vertrauend gen Himmel aufſchlug. Sein Wort wirkte wie das eines göttlich Geweihten. Das wilde Kriegsgeſpräch verſtummte, eine plötzliche Stille trat ein, und wohltönend erklangen die Becher und Gläſer in leiſerer Berührung; auch die Frauen hatten ſie erhoben. Auf ihren Zügen ſchwebte in einem holden Lächeln der Ausdruck der Hoffnung. Auch Thereſe lächelte, doch gleichzeitig ſchimmerte es ſilbern in ihrem feuchten Auge. „Es iſt wacker von Euch, Herr Oberlandſchreiber“, nahm Thurn das Wort wieder auf,„daß Ihr den Frie⸗ den leben laßt. Aber er muß Bürgſchaften zu einem dauern⸗ den Glück für Böhmen geben; ſonſt ziehe ich den Krieg vor. *) Hiſtoriſch. Rellſtab, Drei Jahre. 2. Aufl. I. 2. 13 290 Darum müſſen wir nehmen, was man uns nicht geben will!“ „Freilich, freilich! Ein ſicherer Frieden!“ antwortete Caplicz. „Unſer eigenes böhmiſches Heer müſſen wir haben, das unſere Rechte ſchützt; dann wollen wir es dem Kaiſer auch freudig bereit ſtellen, wo die ſeinigen des Schutzes be⸗ dürfen“, fuhr Thurn fort. „Und kein kaiſerliches Heer im Lande!“ ſetzte Mans⸗ feld hinzu. Der alte Caplicz ſchüttelte leiſe das Haupt und ſagte: „Mir ſind dieſe Forderungen immer etwas zu hoch er⸗ ſchienen. Es drückt ſich ein zu herbes Mistrauen darin aus. Ich kann mir nicht denken, daß der Kaiſer darauf eingeht!“ „Darüber ſeid unbeſorgt“, entgegnete Thurn;„alle Nachrichten, die ich aus Wien habe, ſtimmen darin überein, daß ſich der Kaiſer ganz geneigt zeigt, unſere Bedingungen anzunehmen. Herbes Mistrauen, ſagt Ihr? Ja, wir ſind mistrauiſch; aber wer trägt die Schuld? Unſere Bedin⸗ gungen können dem Kaiſer nur gerecht erſcheinen, wenn er erwägt, welche Misbräuche bisher mit unſerer Lage getrie⸗ ben worden ſind. Allerdings kämpft die Partei des Königs von Ungarn noch gegen uns!“ „Ich will“, antwortete ſanft der Greis,„meinem gnädigen Gott auf den Knien danken, jeden Tag von den wenigen, die ich noch zu hoffen habe, wenn der Kaiſer alle unſere Wünſche erfüllt! Allein ich fürchte doch, es geſchieht nicht! Unſer herbes Mistrauen, anders kann ich es nicht nennen, geſchweige er ſelbſt, muß ihn kränken, beleidigen, wenn es auch gerechtfertigt iſt.“ —⏑Q—⏑——— — 291 Wenzel von Budowa nahm das Wort:„Ihr habt wol Recht, alter Freund. Die Bedingungen, die wir ſtellen, müſſen freilich den Kaiſer hart angehen, allein wir haben die Sache nicht auf den ſchlimmen Punkt getrieben, und ſoll Böhmen Sicherheit und Ruhe haben, vermag ich keine an⸗ dern Grundlagen dafür vorzuſchlagen.“ „Das wirkliche Vertrauen wird ſich wiederfinden, wenn unſere Zuſtände erſt geſichert ſind“, ſagte ruhiger Thurn; „wir werden dem Kaiſer bei jedem ſonſtigen Anlaß zeigen, daß wir ihm treu ergeben bleiben. Es ſoll nur zwiſchen ihm und uns keine verfälſchende Partei mehr ſtehen!“ „Da habt Ihr Recht“, rief Mansfeld dazwiſchen; „die Schwarz⸗ und Braunkutten, die Kapuzen und Glatzen ſind es, die ewig Pfeffer in den Brei rühren! Fort mit ihnen!“ Er trank ſein Glas aus und ſetzte es hart auf den Tiſch. Wenn wir dies glückliche Ziel nur err kichene meinte Caplicz nochmals bedenklich. „Wir werden!“ entgegnete Thurn;„laßt uns nur in Eger erſt zur Beſprechung kommen! Unſer Freund Budowa hier“— er winkte ihm grüßend mit dem Becher zu—, „Martin Frühwein und Schlick, ſie werden unſere Sache zu führen wiſſen und die deutſchen Fürſten überzeugen, daß wir nicht anders können.“ „Ich hoffe es“, entgegnete Budowa ernſt.„Und der Kurfürſt von Sachſen, denke ich, wird unſere feſteſte Stütze ſein!“ „Wenn nur der Herr Johann Georg nicht auch ſo unter die Schwarzröcke duckte“, warf Mansfeld ſpöttiſch ein. „Da iſt ſein Hofkaplan, der Herr Hoe von Hoenegg, der gießt auch lieber Oel ins Feuer als ins Waſſer!“ „Er iſt ein eifriger Proteſtant“, bemerkte Budowa. 292 „Ja; aber nur nach ſeiner Vorſchrift darf man ſelig werden!“ lachte Mansfeld.„Auf euch Utraquiſten iſt er übel zu ſprechen, und einen Calviniſten ließe er noch lieber verbrennen als den Papft ſelbſt! Ihr ſollt nur die Sachſen von ihm erzählen hören!“ „Nun, mag er jetzt in Sachſen predigen und verordnen wie er will“, antwortete Thurn;„bei uns hat er zwar auch oft gepredigt, und unter großem Zudrang; allein jetzt hat er hier nichts zu ſagen, und für unſere Sache wird der Kurfürſt Johann Georg durch ihn nicht anders beſtimmt werden!“ „Ich will's euch gönnen“, erwiderte Mansfeld,„allein Kurfürſt Hans Jürgen leert gern ſeinen Humpen und...“ „Das thut Ihr hoffentlich auch, Mansfeld“, fiel ihm Thurn lachend ins Wort, und winkte dem Mundſchenken, daß er des Grafen Becher neu fülle,„laßt Euch darum friſch einſchenken!“ Mansfeld hielt dem Diener den Pokal hin und ſagte: „Das thue ich freilich und ſchäme mich deſſen nicht, beſon⸗ ders bei Eurem vortrefflichen Tokayer, Thurn. Aber ich höre auf, wenn ich mein Maß habe, und laſſe mir von keinem Pfaffen ein X für ein U machen, wenn ich einen Becher mehr als gewöhnlich getrunken habe! Das läßt ſich der gute Kurfürſt anthun, und die Schelme an ſeinem Hofe wiſſen es, die ſchwarzen und die bunten. Drum ſorgen ſie, daß der Mundſchenk ihm immer tüchtig einſchenkt, denn wenn ihrem Herrn die Zunge anfängt ſchwer zu werden, dann wird ihm die Hand leicht!“ „Wie meint Ihr das, Herr Graf?“ fragte Budowa. „Je nun, dann ſchieben ſie ihm die Feder zwiſchen Dau⸗ men und Zeigeſinger, und er zeichnet ein Decret nach dem andern, ganz leicht und vergnüglich!“ 293 „Wir wollen Sorge tragen“, ſcherzte der Kanzler Bu⸗ dowa,„daß, falls der Kurfürſt ſelbſt zum Congreß nach Eger kommt, in den Seſſionen nicht zu viel Wein einge⸗ ſchenkt wird.“ 4 „Recht, recht!“ lachte Mansfeld hell auf,„Tinte, faß⸗ weis! Die will ich euch gönnen und euch nicht darum beneiden! Macht dann nur euren Frieden von Tinte und Papier. Allein bis ihr ihn nicht ſicher zu Stande gebracht, ſchnalle ich meinen Degen nicht ab!“ „Gut, gut, wir ſind eins!“ entgegnete der Kanzler. „Sorgt Ihr für den Krieg, wir wollen für den Frieden ſorgen. Si vis- pacem, para bellum! Das gilt hier und überall! Ich trete dem Wunſche unſers ehrwürdigen Freun⸗ des Caplicz bei und wünſche den Frieden, und meine Hoffnung iſt, daß wir einen feſt geſicherten zu Stande brin⸗ gen. Nochmals alſo: dem Frieden!“ Alle erhoben die Gläſer, und wie ſie vorher nach Ca⸗ pliez ernſten Friedensworten in einer ſtillen Weiſe den Trink⸗ ſpruch ausgebracht, ſo geſchah es jetzt mit belebter Freude, in zuverſichtlicher Hoffnung. Thereſe, welche ſchweigend, doch in ernſteſter Theil⸗ nahme dem Geſpräch gefolgt war, hatte eben zufällig den Blick auf die Thür geheftet.„Xaver!“ ertönte plötzlich ihr freudiger Ruf; ſie flog vom Seſſel und lag im Arme ihres Gatten. „Was Teufel, unſer Hauptmann!“ rief Mansfeld. kaver, der eine Dienſtpflicht zu erfüllen hatte, entwand ſich halb verlegen dem Arme Thereſens, und ging, eine Depeſche in der Hand, auf Thurn zu. Sein Ausſehen ſtach ſeltſam ab gegen das der Gäſte. Er war ganz durch⸗ näßt, Stiefel, Mantel und Collet mit Koth beſpritzt, das Haar, er hatte den Helm in der Hand, hing ihm un⸗ 13** 294 geordnet um die Schläfe; er ſah aufs äußerſte ange⸗ ſtrengt aus. „Hauptmann Nechodom“, redete Thurn ihn begrüßend an,„was führt Euch hierher? Ihr ſeht ja ganz ermattet aus!“ „Ich bin ſeit geſtern Nachmittag dreizehn Meilen ge⸗ ritten, Herr Graf“, antwortete Xaver, indem er den Brief an Thurn übergab,„um Euch dieſe wichtige Depeſche eiligſt zu überbringen!“ Es lag etwas ſo eigenthümlich Feierliches in ſeinen Worten, daß Aller Augen erwartungsvoll an ihm hingen, und plötzlich die tiefſte Stille in dem eben noch ſo heitern Kreiſe herrſchte. „Als ob er eine Siegesnachricht brächte“, murmelte Mansfeld vor ſich hin,„ſieht er nicht aus! Es kann doch keine Affaire vorgefallen ſein?“ Inzwiſchen hatte Thurn die Depeſche geöffnet, einen Blick hineingeworfen, und plötzlich rief er erſchüttert aus: „Der Kaiſer iſt todt!“ „Der Kaiſer todt?“ tönte es wie aus Einem Munde, und Alle ſprangen auf. „Fels ſchickt mir die Nachricht! Am 20. März Mor⸗ gens ſechs Uhr!— Vor vier Tagen!“ Ein ſtarres Schweigen herrſchte. Alle waren über⸗ wältigt vom Gewicht des Ereigniſſes.— Thereſe ſtand an Xaver geſchmiegt. Nur ein leiſer Seufzer ſchwebte über ihre kaum bewegten Lippen. „Iſt das außer Zweifel?“ brach Mansfeld zuerſt das Schweigen. „Außer Zweifel, General“, nahm Xaver das Wort. „Die zuverläſſige Botſchaft kam durch einen Eilboten aus Znaym an den Grafen Schlick, dieſer ſandte ſie an den 295 Generalwachtmeiſter von Fels, den ſie geſtern Abend bei Horky jenſeit Czaslau traf; gleichzeitig ging ſie über Neu⸗ haus durch den Grafen Kinski ein!“ „Es iſt ſo!“ ſagte Thurn, nachdem er geleſen.„Fer⸗ dinand ſitzt jetzt auf Mathias' Thron!“ „Was ſollen wir von ihm erwarten“, rief der Kanzler mit tiefem Schmerz,„der unſern Glauben ausrottete mit erbarmungsloſer Gewalt in ſeinem Erblande Steiermark!“ „Er gewährt nimmermehr, was wir verlangen!“ ſprach Caplicz und ſchüttelte bekümmert ſein greiſes Haupt. „Und ihm gegenüber wäre es kaum genug!“ ſetzte Thurn hinzu. „So fahrt hin, ihr Hoffnungen des Friedens!“ ſeufzte der Greis. „Nun denn“, rief der entſchloſſene Mansfeld und hob das Haupt trotzig, indem er die Linke in die Seite ſtemmte, „ſo mag er den Krieg verſuchen! Mir iſt's recht!“ „Ja, jetzt iſt Krieg die Loſung“, ſtimmte Thurn eifrig ein. „Krieg!“ riefen die Männer erhitzt. Die Frauen ſtanden ſtumm erſchüttert. „Laſſen wir ihn wählen“, ſprach Thurn mit ermuthi⸗ gendem Tone,„ob er Krieg oder Frieden will. Und wählt er den Krieg, ſo wollen wir fechten um Haupt und Herd! Jetzt gilt kein Säumen! Denn raſcher wird er ſein als Mathias!— Trinkt einen letzten Becher mit mir, Freunde!“ forderte er auf und ergriff ſeinen Pokal;„dann auf der Stelle fort ins Schloß zur Berathung; ich ſende zu allen Directoren!“ „Wir müſſen ihm über den Hals, wie ein Schloßen⸗ wetter!“ rief Mansfeld und ſchlug auf den Degen, den er ſchon umgeſchnallt hatte. — 296 Thurn hob den Becher hoch empor:„Einig für den Krieg wie für den Frieden!“ „Einig!“ ſchallten die Stimmen der Männer. Sie ſtießen an, tranken haſtig und eilten ſtürmiſch hinaus. Das war die Stunde, die Böhmens Loos entſchied! In das Grab des Kaiſers Mathias ſanken die letzten Ueber⸗ reſte von Hoffnung und Vertrauen. Ferdinand hatte kein Herz für Böhmen, Böhmen keins für ihn. Es war keine Wahl, keine Schuld, daß ſie einander ſo widerſtrebten: es war eine Schickung! Das Kriegsbanner mußte neu aufgepflanzt werden zum Kampf auf Leben und Tod. Bisher war das Schwert gezückt nur in der Aufwallung, im Drange des Augen⸗ blicks; der Kampf verwickelte ſich wider Willen von beiden Seiten. Die Gegner gönnten einander Ehre, Beſtand, Glück; nur die Grenzlinien der Rechte ſollten gezogen wer⸗ den und ſicher geſtellt unter dem Schutze des Schwerts. Der Arm war gewaffnet, das Herz ſchlug dem Frieden. Jetzt war es anders! Die Flammen des Haſſes loder⸗ ten auf; das Gift der Unverſöhnlichkeit gährte in der Bruſt. Der Friede hatte keinen Glauben mehr! Jeden dünkte er nur die täuſchende Friſt, um mit verdoppelter Gewalt der Zwietracht loszubrechen. Jetzt galt es Rettung oder Ver⸗ nichtung! Eintreten mußte der Böhme für Recht und Glauben, das Erbe der Väter und Enkel, für den Ruhm der Vergangenheit, die Freiheit der Gegenwart, die Sicherheit der Zukunft.— Es gab ein Volk, einen Thron, einen freien Glauben der Böhmen— oder ein Grab verſchlang Alles! 297 Die Schickung wollte das letzte! Ein glän⸗ zender Flammenaufſchwung, um in ſtäubende Aſche zuſammenzuſinken! Das prophetiſche Ohr vernahm den Klang des Grabgeläutes. Düſter öffnete ſich die Gruft!— Gibt es ein Böhmen oder keins?— Es ſank hinab! Steigt aus der Aſche ſein Phönix? Leuchtet aus dem Grabe ſeine Auferſtehung? Schließen Jahrhunderte den Kreis des Welt⸗ gerichts, oder iſt der Thron der ewigen Gerech⸗ tigkeit gebaut auf Jahrtauſende und für Jahr⸗ tauſende? Du ſtehſt vor der ehernen Tempelpforte der Zukunft! Vergeblich pochſt du an mit ſterblicher Hand! Sie thut ſich auf, wenn die Zeit voll⸗ endet iſt; ihrer wartet Der, vor dem tauſend Jahre ſind wie ein Tag! Du weißt nicht, wann die Flamme dringt aus dem Dunkel, wann die Sterne aufgehen aus dem Schooſe der Finſter⸗ niß! Das aber weißt du: Im innerſten Heilig⸗ thum ſteht der Altar der Gerechtigkeit und Wahr⸗ heit! Und unverbrüchlich verheißen iſt der Tag, wo ſie allein walten, ſie allein leuchten wird! Auf dieſen Tag harre— und wäre es der jüngſte! — Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. —— — — —