Leihbibliothek deutſcher, eugliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teiß- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— — 1 1 — 1 Brei Juhre von Breiszigen. Erſter Band. Erſte Abtheilung. Brei Jahre von Dreissigen. Ein Roman von Tudwig Rellſtab. 4 Zweite Auflage. Erſter Band. Erſte Abtheilung. 2 . Leipzig: F. A. Brochhaus. 1858. „ Der Verfaſſer behält ſich das Recht der Ueberſetzung ins Engliſche, Franzöſiſche und in andere Sprachen vor. Vorrede à 3ur erſten Auflage. 4 Mit einem Gefühle, das ich kaum in Worte zu faſſen vermag, gehe ich an die Veröffentlichung der dem Leſer hier vorgelegten Arbeit. Ein Vierteljahrhundert iſt verfloſſen, ſeit ich keine von ſolchem, ja nur von irgend annäherndem Umfange durchgeführt. Das immer wach⸗ ſende Uebergewicht andrer, alle Kräfte anſpannender Lebensthätigkeiten und Verhältniſſe hat mich auf weit abziehende Bahnen geführt, wo ich freilich nichts weniger als arbeitslos geblieben bin, doch wo ſich in den ver⸗ ſchiedenſten Richtungen nach minder erheblichen und in kürzerer Ferne liegenden Zielen meine Kräfte zerſtreuten. Nur ſelten konnte ich ſie einigermaßen ſammeln zu jenen leichteren, wenn auch zuweilen äußerlich ziemlich umfang⸗ reichen Arbeiten der Feder, welche die vielgeſtaltigen For⸗ men der Novelle oder die ſich frei ergehende touriſtiſche Literatur, eine Schöpfung unſerer Zeit, uns aufgeben. So habe ich manchen Band geſchrieben, kein Buch. 4 —— VI —— Die Sehnſucht, meine ernſt geſammelte Kraft an die Ausführung größerer Werke zu ſetzen, hatte mich in der langen Reihe von Jahren, in welcher ich daran gehindert war, nicht verlaſſen; ſie war vielmehr mit den Hinderniſſen gewachſen. Zumal blieb der Drang in mir warm lebendig, einen größeren Roman auf der erhabenen Grundlage der Geſchichte auszuführen. Auf Manches richtete ich den Blick; Manches wurde erwogen, wieder verlaſſen; Einiges ſogar begonnen, im Großen entworfen, zu anſehnlichen Theilen ausgeführt; dennoch wieder zurückgelegt, bis ich es in meiner zerſplitterten Thätigkeit ganz wieder aus den Augen verlor. Jahre vergingen! Da trat ein Wendepunkt in meinen Lebens⸗ verhältniſſen ein, der mir von zwei Seiten her eine freiere, andauernde Muße gewährte. Das Nähere über dieſe Umgeſtaltung, die mich von der einen Seite zu warmem Danke verpflichtete, von der andern zur An⸗ klage berechtigte, gehört nicht hierher. Es bleibt einer Darſtellung meiner Lebensereigniſſe überhaupt aufbehalten, zu deren Niederſchreibung ich ſeit längerer Zeit den An⸗ fang gemacht. Mit der gewonnenen Möglichkeit einer andauernden Thätigkeit nach einer Richtung, kehrten ſogleich die mannichfaltigen innern Anregungen zu einem beſtimmten Gegenſtande zurück. Nach längerem Schwan⸗ ken feſſelte meinen Blick ein eben ſo großartiges als grauenvolles Gemälde der Geſchichte, das mir ſchon längſt als Aufgabe in dunkeln Umriſſen vor der Seele ge⸗ ſtanden hatte: der Dreißigjährige Krieg. Anfangs nur wie ein düſtres Meteor, durch halb verhüllende 87 VII Gewölke ſchimmernd; eine ſchauervolle Erſcheinung, die ich in ihren koloſſalen Dimenſionen kaum ſchärfer ins Auge zu faſſen wagte. Doch allmälig keimte die Mög⸗ lichkeit im Geiſte, aus dieſem gigantiſchen Chaos feſte Geſtaltungen zu gewinnen. Die ungeheuern Ereigniſſe, die mächtigen Charaktere der Zeit, zogen nach und nach einzeln an mir vorüber. Der Gedanke wurde That. Ich beſchloß dieſen Krieg, welcher eine Generation hindurch Deutſchland in das entſetzenvollſte Grauen warf und es ein Jahrhundert lang auf der Bahn ſeiner Cuunrenh zu⸗ rückſchleuderte, zum Gegenſtande meiner Arbeit zu nehmen! Das war mein perſönliches Verhältniß zu dem Werke, welches der Leſer hier empfängt. So hatten denn meine Lebensrichtungen und Thätig⸗ keiten mich bis zu dem Scheidepunkte der Wege geführt, von dem aus ich die neue, vielmehr die älteſte, lange verlaſſene Richtung meiner geiſtigen Beſchäftigungen wie⸗ der einſchlagen konnte. Nun begann die objective Stellung des Autors zu ſeiner Aufgabe. Gleich einem Entdeckungsreiſenden war er mit der beſtimmten Vorſtellung erfüllt, ein Ziel, das er jenſeit, hinter undurchforſchten Meeren, Stürmen und Hemmniſſen beſtimmt vorhanden wußte, zu erreichen. Welche Bahnen er einzuſchlagen habe, um es zu ge⸗ winnen, darauf mußte er jetzt ſein Auge mit Schärfe ri hten. Er wußte zuvor, daß er unabſehbare Odyſſeus⸗ fahrten machen werde; aber die Hoffnung, endlich doch die Goldküſte einer Beſtrebungen zu gewinnen, erhielt dieſe friſch und überwog die Furcht, völlig zu ſcheitern. *2 VIII Es mußte indeſſen der erſte Meißel an den koloſſalen Felsblock des Stoffs geſetzt werden, um ihn aus der Formloſigkeit der Maſſe zur Geſtaltung abzugrenzen, wenn auch anfänglich in noch ſo rohen Umriſſen. Ich überſchaute den Krieg zuvörderſt in dem großen Gange ſeiner Entwickelungen, vom Entſtehen bis zum Ausgang, und ſuchte daraus die nothwendigen Abſchnitte für die Arbeit zu beſtimmen. Ich faßte die Hauptträger der Zeit ins Auge, um die wichtigſten Geſtalten für den Vordergrund meines Gemäldes herauszuheben und gegen⸗ einander zu gruppiren. Nachdem ich die größten Wende⸗ punkte der Thatſachen, an die ſich die Erfindung knüpfen ſollte, ausgewählt, füllte ich die Zwiſchenräume mit den unabweislichen Verbindungsereigniſſen, und verſuchte die Berührungspunkte feſtzuſtellen, die der geſchichtliche Gang mit dem der Dichtung haben mußte. Daraus aber ergab ſich bald ein Stoff von ſo gigantiſchem Maße, daß es unmöglich wurde, ihn in den Rahmen eines Bildes zu faſſen. Wie ich auch immer neu das Ganze vor mich hinſtellte, die Abtheilungen anders wählte, die Einſchnitte wechſeln ließ: jedes Beſtreben, aus der Ueberfülle der un⸗ abweisbaren Stoffmaſſe angemeſſene organiſche Geſtaltung zu erzeugen, ſcheiterte; es war unmöglich, eine Verſchmel⸗ zung der geſchichtlichen Thatſachen mit den künſtleriſchen Formen herzuſtellen. Die ungeheure Flut der welt⸗ geſchichtlichen Ereigniſſe ſprengte jeden Damm, jede Schranke, durch die ich ſie beherrſchen und mir unter⸗ werfen wollte. Einzelne Abſchnitte zwar boten ſich mit wirkungsvollſter Fügſamkeit dar; allein ich konnte mich X nicht entſchließen, noch ſo ausgiebigen Theilen das Ganze zu opfern. Selbſt die Anzahl derjenigen her⸗ vorragenden Charaktere, die als die Führer der Zeit und ihrer gewaltigen Geſchicke hintreten, und die durchaus nicht unbeachtet bleiben durften, wuchs, trotz der ſtreng⸗ ſten Auswahl, ſo an, daß der nothwendigſte Raum zu ihrer Entwickelung bei weitem den, welchen ich künſt⸗ leriſch in Anſpruch nehmen durfte, überſtieg. So gerieth ich faſt auf den Punkt, meinen Plan als eine Unmög⸗ lichkeit für die Ausführung in dem Sinne, wie ich ſie verlangte, aufzugeben. Da bildete ſich mir eine andre Ueberzeugung. Nicht mit einem Werke, ſelbſt wenn ich das äußerſte zuläſſige Maß des Umfangs annahm, aber mit einer Reihe von Arbeiten ließ es ſich erreichen, den Rieſengang der Geſchichte auf ſo langem, furchtbarem Wege zu begleiten. Nur eine ſolche Folge von Arbeiten, deren jede für ſich einen Abſchluß haben muß und die doch durch das mächtige hiſtoriſche Band einen Zuſammen⸗ hang untereinander beſitzen, würde die Aufgabe löſen können. Was im Drama von älteſten Zeiten her ſich aus der Uebergewalt des Stoffs als berechtigte künſt⸗ leriſche Form herausgebildet hat, die Theilung, die Tri⸗ logie, oder wie in Shakſpeare's kühnem Schöpfungsgeiſte, die fortlaufende Kette der Dichtungen, von denen jede einzelne organiſch ſelbſtändig iſt, und wo doch die Geſammtheit ein Ganzes des innerſten Zuſammenhanges herſtellt, ſollte dieſe Geſtaltung nicht auch ein vollgül⸗ tiges künſtleriſches Recht für den Roman haben? Ohne Zweifel. Sie iſt vielleicht nur deshalb noch nicht verſucht X worden*), weil ſie ſchon durch die äußerlichen Dimen⸗ ſionen einen Zeitaufwand, eine Kraftanſtrengung und Ausdauer bedingt, zu der man ernſtes Bedenken trägt, ſich ſelbſt zu verpflichten. Vielleicht aber auch nur zu⸗ fällig, weil noch Niemand auf ſeinen literariſchen For⸗ ſchungswegen an eine Stelle, einen Stoff gelangt iſt, wo dieſe Anforderung die einzige Möglichkeit gab, weiter vorzudringen. Es kam nunmehr alſo darauf an, daß ich mir die ernſtliche Frage vorlegte, ob ich Kraft, ob ich Muth zu dem ſo weit hinausgreifenden Unternehmen habe? Ich beſchloß es auf die erſte zu wagen, und gelobte mir den zweiten. Jedenfalls konnte der lebendig bleibende Vor⸗ ſatz, das Ganze bis zum letzten, hiſtoriſch abſchließenden Ziele zu führen, nur anregend auf die Kraft zur Er⸗ klimmung der einzelnen Stufen wirken. Das Erreichen auch nur einer derſelben war ſchon eine lohnende Ge⸗ nugthuung, die, wenn ſie lebhaft anreizte weiter vorzu⸗ dringen, doch nicht unbedingt verpflichtete. Die Hoffnung dazu lag auch in der Zeit näher, ſodaß der Anſchlag für die mir noch bleibenden, arbeitskräftigen Jahre der Erfüllung wahrſcheinlicher wurde. Alles Dies bewog mich in dieſer weiten Vorausſicht, aber in abtheilenden Strecken, die Bahn zu beginnen. Es iſt geſchehen; der erſte Grenzſtein iſt erreicht. 4 *) Sie war es nicht, als ich vor Jahren mich zu dem Unter⸗ nehmen entſchloß; in neueſter Zeit ſind allerdings ähnliche, jedoch wie ich glaube auch weſentlich von dem meinigen abweichende Wege eingeſchlagen worden. XI Ueber das Wie noch Einiges.— Mit der Auffaſſung aus dieſem Standpunkte fiel ein leitender Lichtſtrahl in das Chaos vor mir. Es galt jetzt zuvörderſt nur das erſte Glied der Kette zu beſtimmen, das für ſich geſchloſſen be⸗ ſtehen könne und doch die Anknüpfung an Ferneres zulaſſe. Nach erneuter Prüfung des geſammten geſchichtlichen Stoffes, welche vorzugsweiſe die Aufſuchung der Ab⸗ ſchnitte ins Auge faßte, entſchied ich mich für den, wel⸗ cher Gegenſtand des vorliegenden Werks geworden. „Drei Jahre von Dreißigen“ habe ich es genannt, weil es in der That nur die erſten drei Jahre jenes dreißigjährigen Zeitraums umfaßt, der unſer Vaterland durch ganze Provinzen hin in eine Wüſte von Blut und Brandſtätten verwandelte; die Menſchheit zu einem entſetzenvollen Maß der Verwilde⸗ rung und Verruchtheit führte; dennoch aber in der Furcht⸗ barkeit ſeiner Schrecken ſowol als in der Gewalt der Charaktere, die er erzeugte, ein Element des Erhabenen in ſich trägt, das kaum in irgend einem andern Ab⸗ ſchnitte der Weltgeſchichte auf gleicher Höhe erſcheint. Dieſe düſtren Züge ſtempeln mit tief erſchütternder Gewalt ſchon die Anfangsjahre des Kampfs, nur daß die Schrecken der für menſchliche Erduldungskraft end⸗ loſen Dauer hier noch nicht zu jener grauenvollen Er⸗ ſchöpfung geführt haben, die ſpäter wie ein über die Völker hingewälzter Bergſturz auf ihnen laſtet und jeden letzten Funken der Hoffnung in der Bruſt erſterben läßt. Nacht dumpfer Verzweiflung ringsum, in der ſelbſt die Wehklage kraftlos hinſtirbt! Dagegen walteten die gei⸗ XII ſtigen Mächte, welche die Fackel des Kriegs entzündeten, die Brünſtigkeit des Glaubens, in Treue und Dulden, wie die haſſende Vertilgungsglut ſeines lodernden Eifers, in dieſen Jahren des Beginns noch mit der vollſten Kraft. Sie leihen den Kämpfen einen Schwung der Er⸗ hebung, der ſpäter mehr und mehr ſinkt, in Guſtav Adolf's Erſcheinung noch einmal mit ſtrahlendem Glanze aufleuchtet, nach ſeinem Falle aber faſt erliſcht in dem erſtickenden Dampfe grauenhafter Flammen der Ver⸗ heerung, die alle Gauen des Vaterlandes unſelig durch⸗ raſen. Iſt dieſe entſetzenvolle Wirklichkeit d der Geſchichte da⸗ durch einerſeits, wie ich bekennen muß, der mächtigſte Träger des Werks, ſo iſt ſie andererſeits auch deſſen mächtigſter Gegner. Denn eine ſolche Naturgewalt, darf ich ſie nennen, künſtleriſch zu überwältigen, for⸗ dert die äußerſte, ausdauerndſte Anſpannung der Kraft heraus. Nicht allein in dieſer, ſondern auch in anderer Hin⸗ ſicht legt der Stoff jedem Autor, wenn er ein innerlich wahrhaftes Bild der Zeit abſpiegeln will, große Ver⸗ pflichtungen auf. Er muß das Maß klgder, ruhiger Be⸗ trachtung wahren mitten im entzündeten Kampfe der Par⸗ teien. Wie edle Antriebe in der einen, wie mächtige Ueber⸗ zeugungen in beiden obwalten, es miſchen ſich ebenſo bei beiden unreine Beweggründe mit mehr oder min⸗ derm Bewußtſein ein. Sie ſteigern ſich hier bis zum äußerſten Frevel des Leichtſinns, der leidenſchaftlichen Erregung; dort bis zur äußerſten Höhe der Gehäſſigkeit 4— XIII und fanatiſchen Verblendung. Augenſcheinlich treten ſie zu Tage; dennoch laſſen ſie ſich ſelten wirklich erweiſen. Den furchtbarſten Thatſachen der Geſchichte muß und kann der Darſteller treu bleiben, denn ſie liegen zumeiſt außer allem Zweifel klar vor uns. In den Antrieben dazu iſt der Anſicht, der Muthmaßung großer Raum gegeben. Aus der Wirklichkeit des Geſchehenen, die des wahrhaft Gewollten gewiſſenhaft zu entwickeln und ſomit in der Dichtung die innerſte Wahrheit der Geſchichte leuchten zu laſſen: das war die Aufgabe von ſchwer ver⸗ antwortungsvoller Löſung. Wenigſtens iſt dieſe verſucht worden.—— Selbſt denjenigen Richtungen, die als die zurück⸗ ſtoßendſten in jener Zeit erſcheinen, muß man die An⸗ erkennung zollen, daß ſie mit einer Schärfe des Blicks, einem Ausharren des Willens verfolgt wurden, welche in Erſtaunen ſetzen und, dünkt uns, den Beweis führen, daß ihnen eine Kraft der Ueberzeugung zum Grunde lag, die wir, wie widerſtrebend ſie der unſrigen ſei, wie ſie uns ſogar mit Abſcheu erfülle, dennoch als ein ſittliches Element für ſich ehren müſſen, wenn es auch vorwurfs⸗ vollem Ziele zugewendet iſt. Kein leichter Sieg, den wir oft über unſer innerſtes Selbſt zu erkämpfen haben! Der Autor iſt von denkender künſtleriſcher Seite des Vorwurfs gewärtig, daß an manchem hoch Bedeutungs⸗ vollen in Thatſachen und Charakteren eben nur hin⸗ geſtreift wird; daß mancher Faden aufgenommen iſt und ſich in dem Gewebe des Ganzen verliert, ohne zu einem entſcheidenden, abſchließenden Ziele geführt zu werden. XIV Doch man bedenke, daß die Natur des geſchichtlichen Ro⸗ mans dies mit ſich bringt; denn das dichteriſche Gewebe muß ſich abgrenzen, während das der Geſchichte ſeine Fäden ins Unendliche fortſpinnt. Und vollends mußte hier dieſe freiere Handhabung geſtattet werden, da wir zwar die Ereigniſſe zu einem ſchweren Wende⸗ und Ent⸗ ſcheidungspunkt, doch nicht zum allerletzten führen. So werden wir, wenn uns Kraft und Jahre zur Fortſetzung der Arbeit bleiben, mancher Geſtalt wieder begegnen und ſie auf ihrer bedeutungsvollen Bahn weiter begleiten, die wir hier halben Wegs verlaſſen. Selbſt von den her⸗ vortretendſten Charakteren in dieſem Zeitabſchnitte voll⸗ enden wenige ihren geſchichtlichen Gang, indeß Andere ihn, wie Wallenſtein, kaum begonnen haben. Guſtav Adolf's hehre Geſtalt ſteht noch ganz unter dem blu⸗ tigen Horizont. Mansfeld aber, Tilly, ſogar Thurn, wie wichtig eingreifend in die Ereigniſſe ſie ſchon erſchei⸗ nen, haben noch eine Zukunft, welche in dieſem Ge⸗ mälde nicht einmal angedeutet werden konnte. Ja, für das Große und Ganze der den furchtbaren Kampf erzeu⸗ genden Zuſtände ſelbſt kann angenommen werden, daß ihr völliger Abſchluß noch heute vielleicht in der Ge⸗ ſchichte nicht eingetreten ſei. Sogar für Dasjenige nicht, welches den Kern des Abſchnitts dieſer vorliegenden Ar⸗ beit bildet. Häufig alſo, wo wir in dieſem Buche von That⸗ ſachen und Perſonen ſcheiden, haben wir uns zu er⸗ innern, daß verknüpfende Fäden in ihnen ſelbſt fortlaufen, die uns in der Fortſetzung der Arbeit wieder mit ihnen ——ꝙ— ꝑ zuſammenführen würden. Ob und wie ſich dies erfülle, ſteht in der Hand der Zukunft. Es war der Hauptgedanke dieſes Buchs, auch in Dem, was dichteriſche Erfindung der Geſchichte hinzugefügt, ihr ſo treu als möglich zu bleiben, inſofern ſich auch in den Schöpfungen der Phantaſie das Bild der Zeit ab⸗ ſpiegeln ſollte. Ganz abgeſehen von den Erſchütterungen und Verwilderungen, die der Krieg erzeugte, war ſie an ſich noch eine rauhe, ſtarre in ihren Einrichtungen, Sit⸗ ten, Anſchauungen. Dieſe Grundfarbe durfte ihr die Dichtung nicht nehmen, wenn ſie auch oft davor zurück⸗ ſchrecken mußte. Denn allein darin liegt die Erklärung und einigermaßen die Rechtfertigung der ſchauervollen Thatſachen, zu welchen der Leſer geführt wird. Nur auf noch ſo wildem Boden der Sitte konnten richterliche Beſchlüſſe gegen die edelſten Männer in Rang, Wiſſen und Anſehen eine Geſtalt gewinnen, vor der heute Je⸗ dem das Blut in den Adern erſtarrt. Ich glaube, wo es nothwendig war, die künſtleriſche Verpflichtung nicht verabſäumt zu haben, die Wirklich⸗ keit in einen dämpfenden Halbſchleier zu hüllen, die dem Eindruck nichts von ſeiner Wahrheit nimmt, doch ſeine äußerſte, zurückſtoßende Schärfe mildert. Die unter⸗ irdiſchen Räume des regensburger Rathhauſes bewahren die grauenhaften Folterwerkzeuge noch heute genau in dem nämlichen Zuſtande, in welchem ſie hier geſchildert werden. Die künſtleriſche Berechtigung dazu finde ich in der Wendung, daß nicht der Anblick einer wirklichen Marterſcene geſchildert wird, ſondern das Ganze ein XVI Phantaſiegebilde bleibt, deſſen fürchterliches Hereindrohen zwar die geiſtigen Schauer noch erhöht, doch die unduld⸗ bare Gräßlichkeit des Wirklichen vermeidet. Zu allen Zeiten ſchwebt geiſtige Reinheit und Er⸗ hebung Einzelner, wie ſich in der ganzen Weltgeſchichte nachweiſen läßt, geläutert über den rohen Zuſtänden, in denen die Geſammtheit noch düſter gebunden liegt. Die Gleichzeitigkeit ſo weit entfernter Gegenſätze iſt ſtets im Menſchengeſchlecht vorhanden geweſen. Lange dauert es, bis, wenn dies überhaupt erreichbar iſt, veredelte Auf⸗ faſſung des Daſeins ſämmtliche Lebensſchichten durch⸗ dringt. Die untern liegen meiſt noch im tiefſten Dunkel, während die höhern im reinern Licht ſchimmern. So konnte ſich auch in dieſer finſtern, blutigen Zeit geiſtige Hoheit und Reinheit in einzelnen Geſtalten über jenen ruchlos verwilderten Boden der Menſchheit erheben, auf dem dieſe im Stumpfſinn hinbrütet oder in aufgeſtachelter Begierde raſt.. Dies hoffe ich, gibt mir die volle Berechtigung zu dem Verſuche, einige Charaktere anzulegen, die im Adel hoher Geſinnung oder in reiner Gemüthsentfaltung ver⸗ klärt über dem dunkeln Grunde hinſchweben. Hat doch die Geſchichte, die Wirklichkeit ſelbſt in dieſem Gemälde eine Reihe unerreicht hoher Geſtalten vor uns hinge⸗ ſtellt und trägt ſie durch ihren erhabenen Aufſchwung zu Gipfeln empor, über welche kein dichteriſcher Flug ſie hinaushebt! Möge es die Leſer mit tiefſter Ehrfurcht erfüllen, daß das Werk ihnen in dieſen Bildniſſe hinſtellt, ſo ——, — ———— ——, — ——— XVII getreu gezeichnet, als die geſchichtlichen Zeugniſſe, darunter viele der Zeitgenoſſen ſelbſt, es möglich machten. In dieſen Männern, den edelſten Märtyrern, welche jemals für glühende Vaterlandsliebe und Glaubenstreue fielen, beſtätigt ſich am unwiderlegbarſten jene oben angeführte Lehre der Weltgeſchichte, daß in der Menſchheit über⸗ haupt, wie in den Gebirgen, die höchſten Gipfel aus dem tiefſten Dunkel der Abgründe zu reinem Lichte emporragen.—— Die Ueberfülle des Stoffs, der mir in den Betrach⸗ tungen über dieſe meine Arbeit vorliegt, erzeugt eine Ueberfülle der Anregungen in mir, die, je mehr ich hier ihrer Strömung freien Lauf laſſe, mit um ſo vollerer Flut nachdrängt. Ich muß mich beſcheiden; dieſes Vorwort könnte ſonſt leicht zu einem neuen Bande des Werks werden, das deren ſchon erſchreckend viele dem Leſer vorführt. Nur noch einiges im äußerlichen oder leichteren Zu⸗ ſammenhange damit Stehende möge man mir geſtatten. Ich habe vielfacher Hülfskräfte bedurft, um die Wege zum Ziele zu finden, und bin dadurch zu ebenſo viel⸗ fachem Danke verpflichtet worden. In dem weiten Ge⸗ biete geſchichtlicher Hülfsmittel ſchnell das Richtige, Zweck⸗ dienliche zu finden, war eine Aufgabe, die ich ohne bereitwilligſten und wohlwollenden Rath nur mit un⸗ gleich größerer Mühe und gewiß viel unvollkommener gelöſt hätte. In erſter Linie ſage ich hier dem berühm⸗ ten Veteranen der Geſchichtskunde, meinem verehrten Jugendlehrer, Friedrich von Raumer, den innigſten XVIII Dank. Mit wahrhaft unermüdlicher Dienſtfertigkeit kam mir demnächſt der Cuſtos der berliner Bibliothek, Profeſſor Dehn*), entgegen und erleichterte mir durch alle ihm zu Gebote ſtehenden Wege die vielfache und ſchnelle, mir oft augenblicklich im warmen Eifer der Arbeit ſo wichtige Benutzung der reichen Hülfsquellen dieſes In⸗ ſtituts. Mehrere ſeiner Amtsgenoſſen geſellten ſich ihm darin mit freundlichſter Bereitwilligkeit. Ein gleiches Entgegenkommen fand ich auf den Bibliotheken zu Wien und Prag, die ich behufs meiner Arbeit beſuchte. Ins⸗ beſondere aber muß ich dankbar ſein für die freundliche und mir im höchſten Maße belehrende Führung des Dr. Mikowec in Prag, deſſen ausgezeichnete Kenntniß böhmiſcher Alterthümer, Geſchichte und Literatur mir vielfach zu Gute gekommen iſt, Lücken in meinem Wiſſen ergänzt, Irrthümer berichtigt hat. Ihn vor Allen muß 1 ich um Verzeihung bitten, wenn ſich trotzdem gewiß ſo mancher Fehlgriff in meine Arbeit eingeſchlichen hat, deſſen Vermeidung nur einer ſo gründlichen Kenntniß wie die ſeinige, einem ſolchen Vertrautſein mit Einrich⸗ tungen, Sitten und Sprache ſeines Vaterlandes, wie er ſelbſt ſie beſitzt, möglich geweſen ſein dürfte. Es war mir Bedürfniß, die hauptſächlichſten Schau⸗ plätze der Ereigniſſe, die mein Werk umfaßt, mehrfach aufzuſuchen. Obwol mir Prag und die betreffenden Theile Böhmens durch frühere Aufenthalte lebendig vor Augen 4 ſtanden, forderten doch einzelne bedeutſame Oertlichkeiten, *) Siehe Vorrede zur zweiten Auflage. XIX die ich nicht gerade aus dem Standpunkte betrachtet hatte, der ſie mir jetzt ſo wichtig machte, meinen wieder⸗ holten Beſuch. Viermal richtete ich in den letzten Jahren ausſchließlich desfalls meinen Weg auf verſchiedene Theile Böhmens, vorzugsweiſe nach Prag, das ich, ſo treu es aus der jetzigen ganz umgeſtalteten Wirklichkeit möglich war, in ſeiner damaligen aufzufaſſen getrachtet habe. In eben dieſem Sinne ſuchte ich andere Punkte auf: das hochberühmte, wundervolle Schloß Karlsſtein, welches eine ſo wichtige Stelle in den geſchichtlichen Ver⸗ hältniſſen meiner Arbeit einnimmt; den romantiſch⸗wilden Fels des Sperlingsſteins, dem ich ſelbſt eine derglei⸗ chen zu geben verſucht habe; Eger, mit ſeinen, auch über den Umfang dieſes erſten Abſchnitts meines Romans hinaus bedeutungsvollen Oertlichkeiten voll geſchichtlicher Erinnerungen. Das Schlachtfeld von Groß⸗Lasken(Bd. II, Buch 12, Cap. 10 fg.) hätte ich gern aufgeſucht; allein der Weg dahin dürfte wol ein vergeblicher geweſen ſein. Denn einmal muß ſich ſeit über zweihundert Jahren das Terrain ſo verändert haben, daß es in Bezug auf Kriegsvorgänge doch dem von damals ganz un⸗ ähnlich ſieht, indem vielleicht Gehöfte, freies Feld und dergleichen ſich da befinden, wo die gleichzeitigen Schlachtberichte z. B. dichten Wald annehmen. Dann iſt man aber auch über die Oertlichkeit der Schlacht nicht einmal ganz einig, ja, andere Gefechte werden vielleicht mit dieſem verwechſelt. Das Dorf oder der Flecken Groß⸗Lasken(böhmiſch Hlaska), welches mehrere gleich⸗ XX zeitige, für Mansfeld ſehr günſtige Berichte als den Ort nennen, wo der Kampf ſtatt hatte, wird von Andern nicht als der, wo die Schlacht vorfiel, bezeichnet. Es werden der Flecken Zabloth und das Dorf Groß⸗Zablat genannt, von welchem letzten Dorfe Klein⸗Zablat eine Viertelſtunde, während der Flecken Zabloty eine Meile davon entfernt liegt. Die Ermittelung des wirklichen Schlachtfeldes würde alſo große Schwierigkeiten gehabt und doch nur eine unſichere Löſung ergeben haben. Da für meine Zwecke dieſe örtliche Genauigkeit nicht von großem Belang war, entſchied ich mich für Groß⸗Lasken und folgte im Uebrigen den Berichten(die auch unter ſich erheblich abweichen) ſo treu und vollſtändig, als die dichteriſche Ausführung es irgend geſtattete die wirklichen Vorgänge und Wendepunkte der Schlacht in die Schilde⸗ rung aufzunehmen. Das Gefecht an ſich war, rückſicht⸗ lich der dabei betheiligten Truppenzahl, von geringem Belang und iſt deshalb wol nicht ſorgfältig genug in den Berichten behandelt worden. Es erhielt ſeine un⸗ ermeßliche Wichtigkeit, ja ſeine weltgeſchichtliche Be⸗ deutung erſt durch die Folgen, die funfzig Meilen vom Schlachtfelde eintraten, die nothwendige Abberufung Thurn's von der Belagerung Wiens, deſſen Fall jeden Tag zu erwarten war. Eine Bedeutung, welche meines Erachtens keins der hiſtoriſchen Werke, die deſſelben ge⸗ denken, nachdrücklich genug hervorhebt. Von den Nachwirkungen unabhängig, iſt aber der Kampf ſehr merk⸗ würdig durch die Genialität, welche Mansfeld als Feld⸗ herr, und durch die unerſchütterliche Kühnheit und Tapfer⸗ XXI keit, die er als Soldat darin gegen die fünffache Ueber⸗ legenheit Boucquoi's entwickelte. Ein Beiſpiel, das ſich auf die Mannſchaften übertrug, die mit ſtaunenswürdiger Ausdauer des Muths fochten, bis ihre letzte Kraft, ihre letzten Vertheidigungsmittel erſchöpft waren. Da ich hier eine einzelne geſchichtliche Beziehung zu meiner Arbeit berührt habe, knüpfe ich daran gleich eine Bemerkung über einige allgemeinere, durchgehende. Die Geſchichte iſt oft ſo überraſchend, ſo unglaublich in ihren Wendungen im Großen und im Kleinen, die als buchſtäblich wahrhaft geprüften Ueberlieferungen ſind häufig ſo merkwürdig, ſelbſt was einzelne Ausſprüche, gewichtvolle Worte und Aehnliches betrifft: daß eines⸗ theils die Erfindung ſich nicht mit etwas zu ſchmücken ſcheinen darf, was dem Dichter in ſeiner charakteriſti⸗ ſchen, bedeutſamen Größe und Erhabenheit überliefert worden iſt; andererſeits hat dieſer aber auch ebenſo die Berechtigung, den Schein der Verantwortlichkeit abzu⸗ lehnen für Dasjenige, was ihm die Wirklichkeit aufdringt. Endlich iſt es dem Leſer gewiß willkommen, an geeigne⸗ ter Stelle Winke zu erhalten über Dasjenige, was ſtreng hiſtoriſch iſt und dadurch ein ganz anderes Gewicht er⸗ hält, als wenn es die Schöpfung individueller Phantaſie oder der Ausſpruch ſubjectiver Anſicht wäre. Darum habe ich, obgleich im Allgemeinen ein dichteriſches Werk den gelehrten Apparat der Noten und Hinweiſungen ver⸗ meiden und ſich nur auf ſich ſelbſt ſtützen ſoll, wo es mir von beſonderer Wichtigkeit ſchien, durch das einfache Wort:„hiſtoriſch“, als Anmerkung geſetzt, ſowol den XXII Schein der Anmaßung und der Verantwortlichkeit gleich⸗ zeitig abgelehnt, als der Sache den Nachdruck der Wirk⸗ lichkeit gegeben. Daß die geſchichtlichen Hergänge im Ganzen möglichſt in ſtrenger Treue gehalten ſind, bedarf kaum der Erwähnung und keiner beſondern Hinweiſung; dieſe tritt nur für Einzelnes ein. Manches anſcheinend ſogar zu Formelle wird man ebenfalls auf Rechnung der Wirklichkeit ſetzen müſſen; dadurch aber gewinnt es ein ganz anderes Gewicht. So z. B. die beiden Krö⸗ nungsvorgänge in Frankfurt und in Prag; für den letztern iſt es mir von höchſtem Gewicht geweſen, die Einzelheiten der erhabenen und ſo ſchwer folgereichen Feierlichkeit in dem Grade genau überliefert zu finden, daß auch dieſe Arbeit das Ganze ſtreng dem Programm folgend, und Vieles des Einzelnen wörtlich wiedergeben konnte. Es ſind dies lebenstreue Gemälde aus jener Zeit, die wir in der großen geſchichtlichen Halle, welche wir durchwandeln, aufhängen konnten. Als gewiſſer⸗ maßen unmittelbare Begrüßungen aus dem Damals zum Jetzt herüber wird man ſie vielleicht mit wärmerem An⸗ theil betrachten. Denn das wirklich Geſchehene übt aus weiteſter Zeitferne her einen eigenthümlichen Zauber, den die Erfindung nicht erſetzt; und gern und dankbar er⸗ kenne ich auch in dieſen Einzelheiten die gewaltige Hülfs⸗ macht der Geſchichte an. So wäre denn nun das Werk in ſeinem erſten Sta⸗ dium vollendet, ſoweit man den Verſuch, die Beſtrebung vollendet nennen darf. Die Vorhöhe des koloſſalen Ge⸗ birges wäre erſtiegen! Der innere Trieb, noch weiter und XXIII weiter bis zum letzten Gipfel, den ich vor mir ſehe, zu klimmen, erfüllt mich noch mit ſeiner ganzen Stärke. Allein wird meine Kraft der Arbeit, zu der ich bis jetzt nur die vorbereitenden Studien gemacht, genügen? Ich verhehle mir es nicht, daß im Fortſchreiten die Schwierig⸗ keiten wachſen, auf einem ſo düſtren Nachtgrunde, wo faſt Alles die ähnlichen Züge des Schreckens, Grauens, des bleichen Entſetzens trägt, neue und neue Geſtalten zu zeichnen, die nicht durch die Einförmigkeit ermüden, die ſich gegenſeitig tragen, durch Wechſel der Contraſte heben, und in ſteter Steigerung bleiben, ſolange die Urgewalt der Geſchichte ſich ſteigert. Weiß ich doch nicht, ob das Mühen nach ſolchem Ziel mich in dieſem erſten Abſchnitt dahin geführt hat? Gelingt es mir, die gigantiſche Ge⸗ ſtalt der Geſchichte ebenſo zu meiner Bundesgenoſſin zu machen, wie ſie meine Gegnerin ſein kann, gewinne ich ihr den Ehrengruß der Waffenbrüderſchaft ab, ſo darf ich den mühevollen Kampf getroſt, in Siegeshoffnung, wagen. Ob das meinen Tagen geſteckte Ziel, und es müßte ſchon ein ziemlich fernes ſein, ausreichen wird, das meiner Arbeit zu erringen, ſteht in der Hand, der wir Alles anvertrauen müſſen!—— Du aber, mein aus tiefſter Bruſt geſchöpftes, lange und innig gehegtes Werk, gehe nun hin in die Welt und verſuche deine Kraft an ihr! Vermagſt du es nicht, ſie zu beſiegen, ſo hoffe ich doch, daß du ehrenvoll kämpfeſt. Welches dein Schickſal ſei, Dank werde ich dir immer ſchuldig bleiben! Denn du warſt mein treuer Genoſſe, mein Freund, der Träger meines geiſtigen XXIV Daſeins faſt ſieben Jahre hindurch! Und du wirſt we⸗ nigſtens der Zeuge meines Wollens bleiben, wenn in künftigen Tagen noch irgend ein Auge ſich darauf richtet! Darum ſoll es mich nimmer reuen, dich hinausgeſandt zu haben. Dorf Tegel, im Herbſt 1857. Der Verfaſſer. —— Vorrede zur zweiten Auflage. Ich kann nicht leugnen: ich habe von Anfang an einige Hoffnung zu einer ſolchen gehabt. Nie aber hätte ich die außerordentliche Freude einer ſo raſchen Erfüllung erwartet, als ſie mir jetzt zu Theil wird! Der Druck der erſten Auflage iſt noch nicht ganz vollendet(nur ſechs Halbbände ſind fertig geworden) und ſchon ſehe ich die Theilnahme der Leſer in ſolchem Maße erregt, daß ein zweiter Abdruck erforderlich iſt, um dem Begehr ge⸗ nügen zu können. Möge das Ganze einen ebenſo war⸗ men und lebendigen Antheil finden als der Anfang; möge es mir gelungen ſein, den Erwartungen, die ſich vielleicht auf den Schluß richten, zu entſprechen! Die tragiſche Kataſtrophe der Geſchichte ſteht mir wenigſtens, ſo glaube ich, mit mächtigerer Gewalt dabei zur Seite, als der wechſelvolle Strom ihrer Geſchicke das Werk bis zum Schluß des ſechsten Halbbandes trägt. XXVI Und doch, wie beglückend, wie ehrend mir dieſer Er⸗ folg iſt, faſt überraſcht er mich zu ſchnell! Ich hatte die Abſicht und Hoffnung, bei einer etwaigen neuen Auflage nach Jahr und Tag meine Arbeit einer neuen ſorgfältigen“ Sichtung zu unterwerfen, Manches zu ändern und hoffent⸗ lich zu beſſern. Denn, erſt wenn man ein Werk, zumal ein ſo umfangreiches, mit der Flüſſigkeit leſen kann, die allein der Druck verſtattet, ſtellt ſich ſcharf heraus, was im Einzelnen und im Ganzen noch daran zu thun iſt. Wie leicht z. B. wiederholt man Wendungen im Ausdruck, wenn Monate, ja ſelbſt Jahre dazwiſchen liegen; wie anders aber werden wir durch dergleichen berührt, wenn nur das raſche Leſen uns von einem Fall der Art zum andern führt. Vieles dergleichen findet ſich im Texte meiner Arbeit, was ich gern ausgemerzt hätte; anderer wichtigerer Ueberarbeitungen, ſelbſt hiſtoriſcher Berich⸗ tigungen nicht zu gedenken. Zu alledem kann ich aber in dieſer ſo raſch erneuten Auflage nicht ſchreiten, da ich kaum die Möglichkeit habe, einige ſtehengebliebene Druck⸗ fehler oder Uebereilungen der Feder fortzuſchaffen, die mir im flüchtigen Leſen mehr zufällig aufgeſtoßen ſind.— Ich habe alſo den Leſer doppelt um Verzeihung zu bitten, einmal dafür, daß die Mängel in der erſten Auflage überhaupt vorhanden ſind, dann dafür, daß ich ſie, mit geringen Ausnahmen, auch in der zweiten nicht tilgen kann. Selbſt wenn mir jetzt die Zeit vergönnt wäre, das Werk Zeile für Zeile zu dieſem Behuf genau durchzu⸗ gehen, würde ich dennoch meinen Zweck nur ſehr unvoll⸗ kommen erreichen. Denn Jeder, der an eigenen größeren 4 „ᷣ XXVII Arbeiten die Erfahrung gemacht hat, wird mir beipflich⸗ ten, daß man, um nur ein hinreichend ſcharfes Ohr und Auge für das Fehlende zu haben, eine Zeit verſtreichen laſſen muß, bis das Erzeugniß uns wieder fremder wird. Jetzt, im Augenblick, wo ich noch die Abſpannung vom erſten Schaffen empfinde, wo die ſtete Durcharbeitung des Manuſcripts, der Abſchriften, die täglichen Correc⸗ turen ſich dazu geſellen, iſt die Stimmung nicht zu ge⸗ winnen, ja nicht einmal die nöthige äußere Aufmerkſam⸗ keit, um mit ſcharfem Blick und aus erfriſchtem Gefühl für die Sache, die Beſſerungen vornehmen zu können. Sie müſſen denn aufbehalten bleiben, bis ſpätere Zeit viel⸗ leicht die Muße dazu gewährt. Ich kann mir freilich nicht vorenthalten, daß dieſe Hoffnung keine zuverläſſige iſt! Die Jahre ſchreiten allzu ſchnell, das Kommende iſt allzu unſicher! Eine ſchmerzliche Mahnung an dieſe Wahr⸗ heit habe ich, eben in Bezug auf meine Arbeit, gerade im Lauf des Drucks derſelben empfangen. Der Freund, dem ich ſo Vieles bei meinen Vorbereitungsſtudien ſchuldig geworden bin(ſiehe die Vorrede zur erſten Auflage), dem ich mit wahrer Freude als ein kleines Zeichen meiner Dankbarkeit die erſten zwei Halbbände übergeben konnte, Profeſſor Dehn, hat nicht einmal die nächſte Fortſetzung von mir empfangen können! Der Tod rief ihn mit über⸗ raſchender Schnelle ab! Es wäre mir eine große innere Belohnung geweſen, wenn er, der mich ſo oft in eifriger Thätigkeit bei der Arbeit beobachten konnte, wenigſtens geſehen hätte, wohin mich mein Streben mit ſeiner Hülfe geführt. Die überaus wohlwollende Meinung, die warme XXVIII Anerkennung darf ich ſagen, die er dem Anfang gezollt, mußte den Werth erhöhen, den ich auf ſeinen Ausſpruch über das Ganze gelegt. Ich ſollte ihn nicht erfahren! Dankend erwähne ich es ſogleich hier, daß wohl⸗ wollende Geſinnung und bereitwillige That auf dieſem Felde ſchon an Stelle des Verſtorbenen eingetreten ſind, um mir gleichen Beiſtand zur Fortſetzung meines Unternehmens zu gewähren, nämlich die ſpäteren, er⸗ habenen und entſetzenvollen geſchichtlichen Momente, die ſich aus dem gährenden Kampf dieſer erſten„drei Jahre“ entwickelten, in ähnlicher Weiſe zu behandeln. Der Hauptſegen des Anklangs für mein Werk, den dieſe ungeahnt ſchnell nothwendige neue Auflage bekundet, iſt für mich der, daß mein Muth, es fortzuſetzen, einen friſchen Aufſchwung erhalten hat. Er wird mich hoffent⸗ lich nicht verlaſſen, ſondern mir die Kraft geben, mich durch alle Schwierigkeiten, die ſich mir entgegenſtellen, be⸗ harrlich hindurchzuarbeiten, obgleich ſie mit jedem Schritt, den ich jetzt ſchon darin vorwärts gethan, zu wachſen ſcheinen. Kann ich den Leſer dereinſt mit dem freudigen Ruf „Land!“ am erreichten Ufer begrüßen, ſo wird der leben⸗ dige Hauch der Theilnahme, den ich jetzt von ihm er⸗ fahren, es hauptſächlich geweſen ſein, der die Segel mei⸗ ner Kraft für die ferne, mühſelige Fahrt günſtig ge⸗ ſchwellt hat.. Berlin, im Mai 1858. Der Verfaſſer. Erſtes Buch: Erſtes Capitel. Es war ein rauher Decembertag. Der Kamm des Erz⸗ gebirges hüllte ſich in düſtres Gewölk, das ſchwer über den bewaldeten Berghäuptern hinzog. Dichtflockiger Schnee fiel herab und wurde vom heftigen Winde umgewirbelt. An den Vorbergen des ſteilen, von tiefen Thalſchluchten geſpal⸗ tenen Waldabhanges nach Böhmen hinunter bewegte ſich ein mit zwei Stieren beſpannter ſchwerfälliger, doch unbe⸗ deckter ländlicher Wagen mühſam die beſchwerliche Straße dahin. Drei Männer und eine weibliche Geſtalt ſaßen in demſelben. Die beiden Männer auf dem Vorderſitze waren noch kräf⸗ tigen Alters, wiewol der ſtark mit grauem Haar gemiſchte Bart des einen höhere Jahre bezeichnete. Der jüngere, wel⸗ cher das Geſpann leitete, konnte noch nicht dreißig zählen. Beide trugen braune, dichtwollige Oberröcke und einen Leder⸗ gürtel um den Leib, an welchem dem Aeltern ein Hirſch⸗ fänger herabhing. Breitkrämpige Filzhüte deckten ſie bis über die Schultern hinaus. Auf dem zweiten Wagenſitz befand ſich ein Greis, wel⸗ chem das ſilberweiße ſpärliche Haar unter einer ſchwarzen Sammetmütze herabhing, deren barettartige Form einen nichtkatholiſchen Geiſtlichen erkennen ließ. Er war in einen weiten Pelzrock eingeknöpft. Neben ihm ſaß die weibliche Geſtalt, in einem braunen pelzverbrämten Oberkleide, den Kopf von einer gleichartigen Mütze gegen Sturm und Kälte ſo tief bedeckt, daß man kaum die Hälfte des jugendlichen, jungfräulichen Geſichts wahrnahm, aus dem zwei große, dunkle Augen leuchteten. Die ſchwarzen, reichen Locken quollen unter der Kopfbedeckung hervor und umhüllten den Nacken. 4 „Ich muß die Stiere vorn ſelbſt führen, ſonſt ſtehen ſie uns auf dem ſteilen Wege ſtill“, ſagte der jüngere Mann zu ſeinem Nachbar, als ſich der Weg ſteiler erhob, um einen vorſpringenden Hügelrücken zu überſchreiten. Er reichte bei dieſen Worten dem ältern das hanfene Seil, welches den Zügel bildete, und ſchwang ſich mit jugendlicher Gewandt⸗ heit vom Wagen. Raſch vorwärts ſchreitend faßte er den Stier zur Rechten am Horn und hob antreibend die Peitſche. Die über die Stirn gejochten Thiere zogen ſogleich friſcher an; ſie erreichten bald einen ebenen Abſatz, auf dem der Führer den Wagen anhielt. „Verſchnauft euch hier“, rief er den Stieren zu, und klopfte dem einen mit der Hand auf den Hals.—„Wenn wir auf dem Hügel ſind“, ſprach er zurück, wie um den Muth anzuregen,„haben wir den härteſten Weg hinter uns; von dort bis Kloſtergrab iſt die Straße gut fahrbar!“ „Wenn es Euch nur nicht ſchadet, lieber Vater Necho⸗ dom“, wandte ſich jetzt das junge Mädchen mit freundlicher Fürſorge zu dem Greiſe,„daß Ihr in dem rauhen Wetter die Fahrt gewagt habt!“ „Wer dürfte ſich in ſo ernſter Sache ſeinen Brüdern verſagen“, antwortete dieſer;„und wir haben ja nun das —4———— 5 Schwerſte überſtanden, wie Xaver ſagt. Ich denke, in einer halben Stunde werden wir in Kloſtergrab ſein.“ „O nein, Vater, es wird wol noch eine ganze Stunde dauern“, erwiderte Javer, der Sohn des Greiſes.„Du denkſt an die Sommerwege; jetzt geht es langſamer und wir müſſen den Umweg am Marienbilde vorbeinehmen, weil wir bei dem Schnee nicht durch den Hohlweg kommen!“ „Ja ſo! Das hatte ich freilich nicht bedacht“, verſetzte der Greis.„Meint Ihr, daß wir doch noch zur rechten Zeit eintreffen, Freund Wolodna?“ richtete er das Wort an den ältern Mann auf dem Vorderſitz, dem Vater des jungen Mädchens neben ihm. „Gewiß“, erwiderte dieſer.„Darum habt keine Sorge, Vater Nechodom! Wie geht es dir denn, Thereſe?“ wandte er ſich zu ſeiner Tochter.„Frierſt du? Du biſt ſo ſtill?“ „O, das Wetter ſicht mich nicht an, Vater“, antwor⸗ tete dieſe,„es ſind nur meine ernſten Gedanken, die mich ſtill machen!“ „Verſcheuche ſie, mein Töchterchen“, ſagte der alte Ne⸗ chodom freundlich,„wie finſter auch die Zeit ſei, die heitre Jugend muß ſie heiter anſchauen!“ Ein rauher Windſtoß, der ſauſend aus einer Bergſchlucht zur Seite hervorbrach und den Schnee vom Boden auf⸗ jagte, daß er den Wagen dicht umwirbelte, ſchnitt Thereſen die Antwort ab. Xaver erhob den Stecken und trieb die Stiere wieder vorwärts; ſo wurde das kurze Geſpräch unter⸗ brochen. Nach kurzer Friſt war die Anhöhe von ihnen erreicht; aber ſie hielten droben nicht an, weil der Wind hier allzu heftig ſtürmte. Auf der andern Seite ſenkte der Weg ſich etwas ſteil abwärts; Xaver blieb daher zu Fuß und lenkte ſorgſam den ſchwerfälligen Schritt der Stiere. Der Wind kam den Reiſenden jetzt gerade entgegen und faßte ſie ſcharf, ſodaß ſie ſich immer dichter einhüllten. Ein Geſpräch knüpfte ſich nicht weiter an. Jeder war mit ſeinen eigenen Ge⸗ danken beſchäftigt. Als jetzt die Straße ebener wurde, ſchwang ſich Taver wieder auf ſeinen Sitz und der Wagen bewegte ſich zwar immer ſehr langſam, doch wenigſtens etwas raſcher und gleichmäßiger vorwärts. „Da iſt unſere Kirche“, bemerkte Wolodna nach einiger Zeit, als ein Thurm zur Rechten der Bergſchlucht, in der der Flecken lag, über dem waldbedeckten Hügelrand, der vom hohen Gebirge in die Ebene auslief, ſichtbar wurde. „Unſere Kirche“, wiederholte der Greis mit ernſtem Ton,„wäre ſie erſt wieder die unſrige!“ „Gerade ſeit drei Jahren iſt ſie uns nun geſperrt“, ſagte Wolodna bitter.„Wir, die wir nicht im Orte woh⸗ nen, empfinden es noch nicht ſo ſchwer, da wir ſchon ſonſt unſere Andacht faſt immer bei Euch hielten, Vater Necho⸗ dom. Aber unſere Brüder hier!..“ „Gott gebe denn ſeinen Segen zu unſerm Vorhaben!“ ſprach der Greis. Alle ſchwiegen wiederum. Nach einer kleinen Viertelſtunde erreichten ſie die erſten Häuſer des Fleckens, und bald darauf fuhren ſie hart an der Kirche vorüber, von der ſie geſprochen hatten. Die Gemeinde der Utraquiſten zu Kloſtergrab, wie die Anhänger der Lehren des Märtyrer Huß genannt wurden, da ſie das Abendmahl in beiderlei Geſtalt nahmen, hatten ſich dieſe Kirche vor ſieben Jahren erbaut, weil ſie ſich durch den kurz zuvor, im Jahre 1609, vom Kaiſer Rudolf II. erlaſſenen Majeſtätsbrief, durch welchen dieſer als böhmi⸗ ſcher König allen chriſtlichen Glaubensbekenntniſſen in Böh⸗ 7 men die gleichmäßig freie Ausübung des Gottesdienſtes zu⸗ ſagte, dazu berechtigt hielten. Denn es hieß darin:„Jeder utraquiſtiſche Freiherr und Ritter unddieutraqui⸗ ſtiſchen Einwohner Prags und der andern landes⸗ fürſtlichen Städte des Königreichs ſollen berech⸗ tigt ſein, nicht nur die Kirchen, die ſie bisher inne gehabt, zu behalten, ſondern auch ſich neue zu jeg⸗ licher Zeit in Städten, Marktflecken und Dörfern erbauen und ſie zum Gottesdienſt benutzen dürfen.“ Der Kaiſer hatte gedacht, durch ſolche Verwilligung, die alle proteſtantiſchen Bewohner Böhmens, auch Lutheraner und Calviniſten betraf, und die er gar nicht mehr vor⸗ enthalten konnte, da die Nichtkatholiſchen bei weitem die Mehrzahl waren gegen die der römiſchen Kirche Anhängen⸗ den: er hatte gehofft dadurch den traurigen Streitigkeiten und blutigen Kämpfen, welche Böhmen ſeit zwei Jahrhunderten erſchütterten, endlich für immer ein Ziel zu ſetzen. Doch ſtatt der Schlichtung und Verſöhnung der Andersgläubigen war nach des Kaiſers Tode unter ſeinem Bruder und Nachfolger Mathias neuer Hader erwacht über die Deu⸗ tung und Ausdehnung jenes im Majeſtätsbriefe verliehenen Rechts zum Bau utraquiſtiſcher Schulen und Kirchen. Auch trachtete die eifernde Partei der römiſchen Kirche überhaupt die redliche Ausführung der Beſtimmungen in dem Majeſtäts⸗ briefe, die jedem chriſtlichen Religionsbekenntniß gleiches Recht verleihen ſollten, auf alle Weiſe zu hemmen. Der Erzbiſchof Johann Lohelius von Prag inſonders beſtritt den utraquiſtiſchen Vewohnern Kloſtergrabs das Recht des Kirchenbaus eund hatte ihnen, da der Flecken unter erzbiſchöflicher Hoheit ſtand, die Kirche gewaltſam ſchließen laſſen, obwol ſie ſchon vollendet und in Gebrauch geweſen war. Ihm war auf ſeine Darſtellung der Sache von den 8 zehn Statthaltern, die der Kaiſer Mathias zur Regierung Böhmens eingeſetzt hatte, die Genehmigung zu dieſem ge⸗ waltſamen Verfahren ertheilt worden. Seit drei Jahren nun ſchon bat und beſchwerte ſich die Gemeinde um die Wiedereröffnung des Gotteshauſes und Herſtellung ihres öffentlichen Gottesdienſtes. Doch ſtets vergeblich. Zetzt, wo das Weihnachtsfeſt eintrat, wollte ſie einen neuen Ver⸗ ſuch dafür machen, denn Allen war es ein heiliges Be⸗ dürfniß, gerade die Feſtfeier wieder in ihrem eigenen Gottes⸗ hauſe begehen zu können. Um ſich zu berathen, wie das möglich zu machen ſei, war eine Verſammlung der Aelteſten und Angeſehenſten der utraquiſtiſchen Gemeinde bei dem Pfarrer Andreas Chlod zek angeſetzt. Zu dieſer war auch der Greis Nechodom, der vormals Pfarrer zu Kloſtergrab geweſen, berufen, obwol er ſeit zehn Jahren wegen ſeines hohen Alters, denn er ſtand im fünfundachtzigſten Jahre, ſein Amt niedergelegt hatte. Allein in den letzten bedrängten Zeiten hatte er den im Gebirge zerſtreut wohnenden utra⸗ quiſtiſchen Landleuten doch wieder den geiſtlichen Beiſtand geleiſtet und ihnen ſein friedliches Haus, wo er in länd⸗ licher Zurückgezogenheit wohnte, zur heiligen Stätte ge⸗ öffnet, da ſie der Kirche ermangelten. Ueberdies wollten die Glaubensbrüder ſeinen Rath als den des Allerälteſten ihrer Genoſſenſchaft in der ganzen Umgegend, der faſt gleich einem Heiligen verehrt wurde, vor dem aller Andern hören. Das alſo war der Grund, der den hochbetagten, from⸗ men Nechodom, welcher ſeinen Brüdern im Innerſten ge⸗ treu anhing, in ſo rauher Winterszeit, über drei Stunden Wegs weit, nach Kloſtergrab führte. Der Wagen hielt vor des Pfarrers Chlodzek Hauſe. Noch bevor einer der Rei⸗ ſenden hinabgeſtiegen war, öffnete ſich die Hausthür und der Pfarrer trat mit herzlicher Freude heraus, um die An⸗ — kommenden zu begrüßen. Ihm folgte ein gleichfalls hoch⸗ betagter Mann, doch noch in rüſtiger Kraft und von krie⸗ geriſchem Anſehen. Es war ein alter kaiſerlicher Hauptmann, Nikolaus Holoduk, dem ſchöne Narben und ſilberweißes Haar die Stirn zierten. Auch er trat zu den Ankommen⸗ den heran. „Gottes Frieden ſei mit Euch, theurer Vater Nechodom“, redete der Pfarrer den Greis an und reichte ihm die Hand hinauf;„wie ſollen wir Euch genug danken, daß Ihr in Euerm Alter den weiten Weg bei ſo winterlichem Unwetter nicht geſcheut habt! Möge es Euch nur nicht ſchaden!“ „Ja wahrhaftig, theurer Vater“, ſprach auch Haupt⸗ mann Holoduk herzlich, indem er mit Xaver dem Greiſe vom Wagen herabhalf,„Ihr thut es uns Allen zuvor!“ „Ihr ſchlagt es zu hoch an, lieben Freunde“, antwor⸗ tete Nechodom freundlich;„wie hätte ich daheim bleiben können, wenn eine ſo ernſte, heilige Sache berathen wer⸗ den ſoll!“ „Tretet nur gleich ein, Vater“, bat der Pfarrer Chlod⸗ zek,„daß Ihr Euch zuvor erwärmt und erquickt.“ „O, mir iſt ganz wohl zu Muth“, antwortete der Greis;„ich friere nicht und bedarf keiner Erquickung. Mein Schwiegertöchterlein, denn ich hoffe doch, ſie ſoll es bald wer⸗ den, trotz aller Hinderniſſe, die ſie uns entgegenſtellen, hat mich ſo ſorgſam behütet und gepflegt, daß mir Sturm und Schneetreiben nichts anhaben konnten.“ Dabei faßte er freundlich Thereſens Hand, die ihm den Schnee aus dem Pelzkragen klopfte. „Tretet ein, tretet ein, lieben Freunde“, bat Chlodzek nochmals, und führte ſelbſt den Greis an die Thür ſeines Hauſes. Die Andern folgten. Thereſe, des Förſters Wolodna Tochter, hatte zwar die 1** 10 Männer auf der Fahrt begleitet, theils um nicht in ihres Vaters einſam im Gebirge gelegenen Förſterwohnung bei deſſen vielleicht längerer Abweſenheit allein zurückzubleiben, theils um mit weiblicher Sorge um ihn und den Greis Nechodom thätig zu ſein. Doch ſie folgte auch noch andern, tiefern Antrieben. Einestheils der innigen Liebe zu ihrem Verlobten, Xaver Nechodom, dem Sohne des Greiſes, dann aber auch einem höhern Sinn, der ſie den Ernſt der Sache im Innerſten empfinden ließ, welche in der Zuſammenkunft berathen werden ſollte. Bei dem ſanfteſten weiblichen Weſen loderte zugleich ein edles Feuer in ihr für Alles, was ihren Glauben, ihre Glaubensgenoſſen und ihr Vaterland Böhmen überhaupt betraf. Und hielt ſie ſich auch im ſitt⸗ ſamen Gefühl ihres Geſchlechts ſtill zurück vor dem Thun der Männer, ſo begleitete ſie es gleichwol mit ihrem ganzen Herzen. Natürlich ſchlug es jetzt mit voller Wärme für die Entſcheidung, welche in dieſer Verſammlung getroffen wer⸗ den ſollte. Darum drängte es ſie, derſelben ſo nahe zu ſein, daß ſie den Beſchluß ſogleich erfuhr. Ihr Aufenthalt war natürlich bei der Familie des Pfarrers, bei den Frauen, denen ſie herzlich befreundet war. Für einige Zeit der Raſt und zu einiger gaſtlicher Er⸗ quickung verweilten auch die Männer bei dieſen. Indeß ſammelten die übrigen Einberufenen ſich ſchon auf der an⸗ dern Seite des Hauſes in des Pfarrers Gemach. Bald begaben auch Nechodom, Wolodna, Holoduk und der Pfarrer Chlodzek ſelbſt ſich dahin. Taver blieb, da er den ältern Männern noch nicht angehörte, von der Berathung zurück. — — — 7 2 Zweites Capitel. In dem geräumigen Berathungszimmer waren die zwölf Aelteſten der Gemeinde Kloſtergrabs bereits verſammelt und hatten auf den in einem Halbkreis aufgeſtellten Seſſeln ihre Plätze eingenommen. Als der Greis Nechodom an Chlod⸗ zel's Seite eintrat, erhoben ſie ſich Alle ehrfurchtsvoll und reichten ihm begrüßend die Hand. Sie führten ihn auf den Ehrenplatz in der Mitte. „Unſer theurer, verehrter Glaubensbruder“, ſagte der Pfarrer,„hat trotz ſeiner hohen Jahre den weiten Weg nicht geſcheut, um uns mit ſeinem Rathe beizuſtehen in dem ernſten Werk, das wir vorhaben. Unſer Dank und der Segen Gottes mögen ihn belohnen!“ „Meine lieben Freunde und Glaubensbrüder“, antwor⸗ tete Nechodom mit ſeiner tiefen, edelklingenden Stimme, „mein Rath wird euch eine ſchwache Hülfe ſein! Der Bei⸗ ſtand Gottes iſt es, auf den wir allein hoffen können!“ Er erhob das ehrwürdige Haupt mit einem vertrauensvollen Blick zum Himmel.„Er wird uns nicht fehlen, denn un⸗ ſere Sache iſt fromm und gerecht!“ Alle ſetzten ſich nieder. Der Pfarrer als Führer der Berathung nahm ſeinen Platz hinter einem Tiſch, der in der Mitte ſtand. Den Sitz neben ihm hatte der Schrift⸗ führer der Gemeinde, zugleich Rathſchreiber, Johann Herbeck; er war der ſicherſte Beirath der Verſammlung als ſicherer Geſetzkundiger. „Ueber drei traurige Jahre haben wir nun verlebt“, hub der Pfarrer Chlodzek an,„ſeit der Herr Erzbiſchof 12 Johann Lohelius von Prag unſere Kirche geſchloſſen hat! Solange ſind unſere gottesdienſtlichen Verſammlungen ſo gut als unterbrochen geweſen; denn nur in den Häuſern unſerer Gemeindemitglieder konnten wir zur Andacht zu⸗ ſammenkommen, ſodaß immer nur eine geringe Zahl der Glaubensbrüder daran theilnehmen konnte!“ „Aller der andern Gewaltſamkeiten nicht zu gedenken“, fuhr der alte Holoduk zürnend auf,„die der Herr Erzbiſchof Johann Lohelius uns zugefügt! Keine Taufe, kein Be⸗ gräbniß, kein Ehebündniß ohne gewaltſame Hinderung!“ „Wohl!l wohl!“ ſprach Nechodom, das Haupt wehmüthig ſchüttelnd. Denn ſein eigener Sohn Xaver konnte die Er⸗ laubniß zu ſeiner Heirath mit Wolodna's Tochter Thereſe nicht erlangen. Und der fromme Sinn jener Zeit wagte nicht einen Bund zu ſchließen, ohne die öffentliche kirchliche Weihe deſſelben. „Laſſet uns erſt bei der einen Hauptſache bleiben, lieber Freund Holoduk“, wandte der Pfarrer ſich zu dieſem;„haben wir unſere Kirche zurück, ſo werden wir auch die andern Beſchwerden erledigen können!“ „Wie ſoll es aber möglich werden“, rief Holoduk,„da ſie jegliche Gewaltthat wider uns üben? Haben ſie nicht unſere nach Prag geſandten Brüder ins Gefängniß gewor⸗ fen! Habe ich nicht ſelbſt drei Monate im Weißen Thurm auf dem Hradſchin gelegen, bis unſere Glaubensbeſchützer, und der edle Graf Thurn zumal, uns die Freiheit wieder verſchafften?“ „Auf unſere Glaubensdefenſoren müſſen wir haupt⸗ ſächlich zählen“, ſagte Nechodom. „Wenn ſie nur Macht genug hätten!“ wandte Wolodna ein;„aber jetzt geht es den Abgeordneten von Braunau, die ſich zu Prag über die Schließung ihrer Kirche durch den Abt 13 Selander von Proſſowitz beſchwert haben, gerade ſo wie zuvor unſern Abgeordneten. Sie liegen im Weißen Thurm...“ „Daß dich!“ fuhr Holoduk heftig auf.„Iſt das ge⸗ wiß, Wolodna?“ „Ein zuverläſſiger, hochehrenwerther Mann aus Prag, den ich geſtern in Teplitz geſprochen, Herr Martin Früh⸗ wein, hat es mir für gewiß erzählt!“ „Martin Frühwein, der gelehrte Rechtsbeiſtand unſerer Stände? Der kann nichts Falſches darüber ausſagen“, bemerkte Nechodom kummervoll. „Man ſollte mit Streitkolben und Schwertern drein⸗ ſchlagen“, rief Holoduk ereifert. „Nein, ernſt und feſt, aber friedlich müſſen wir ver⸗ fahren“, entgegnete Nechodom.„Wehe Dem, der das Schwert zieht! Er ſoll durch das Schwert umkommen!“ „Wenn mich aber Einer drängt, daß ich mich meiner Haut wehren muß?“ fragte der kriegeriſche Holoduk mit finſtern Falten auf der Stirn.„Soll ich da mein Schwert auch nicht ziehen? Hätte ich's etwa auch nicht gegen die Türken brauchen ſollen? Und dieſe Papiſten ſind ärgere Heiden als der Türke ſelber!“ „Gegen uns, gewiß!“ pflichtete finſterblickend auch Wo⸗ lodna bei. „Lieben Brüder“, bat Nechodom ſanft,„laſſet euch nicht durch euren Eifer hinreißen! Daß wir unſer Recht ja nicht ſelbſt zum Unrecht machen!“ „Wir gehen von der Sache ab, Freunde!“ ſagte Chlod⸗ zek.„Macht Ihr den Anfang, Vater Nechodom, was iſt Euer Rath? Welchen Schritt haltet Ihr für den zweck⸗ mäßigſten, daß uns unſere Kirche ſobald als möglich wieder geöffnet werde? Daß wir das Weihnachtsfeſt feiern können am Altare des Herrn?“ 14 „Ich würde anrathen, daß wir nochmals eine Botſchaft nach Prag ſendeten“, erwiderte Nechodom;„allein nicht zum Erzbiſchof, ſondern zu dem würdigen Kanzler Wencis⸗ laus Budowa von Budowicz, oder zum Herrn Grafen Mathias Thurn, daß einer von ihnen oder unſere ge⸗ ſammten Glaubensbeſchützer ſich unſerer Sache beim Erz⸗ biſchof annähmen!“ „So meine ich auch“, ſtimmte Wolodna bei. „Jch bin's zufrieden“, ſagte Holoduk,„allein es wird uns wenig helfen! Seit Thurn gegen die Wahl des Erz⸗ herzog Ferdinand zum böhmiſchen Könige geſtimmt, gilt und vermag er nichts mehr!“ 3 „Sie ſcheuen doch ſein Anſehen“, meinte der Pfarrer. „Glaubt Ihr? Haben ſie es geſcheut, als ſie ihm das Burggrafenthum von Karlsſtein genommen haben?“ fragte Holoduk. „Von welchem hohen Amte in der Landordnung Böh⸗ mens geſchrieben ſteht“, nahm Johann Herbeck, der bisjetzt geſchwiegen hatte, das Wort,„daß nicht Menſchenwort, ſon⸗ dern nur der Tod es demjenigen Magnaten entreißen dürfe, dem es geſetzlich gegeben worden.— Dem Statthalter, Freiherrn Borzita von Martiniz, dem blindeifrigen Ka⸗ tholiken, dem ſie es gegeben haben, werden ſie dieſes Geſetz wol halten!“ 8 „Gerade der iſt unſer Hauptfeind!“ eiferte Holoduk; „und in ſolcher Leute Hände können ſie nicht Macht genug legen. Wär's nicht genug, daß er und Slaw ata, und An⸗ dere ihres Sinnes, ſieben Katholiſche gegen drei unſers Glaubens, kaiſerliche Statthalter ſind?“ „Slawata!“ ſagte Wolodna mit tiefer Stimme vor ſich hin. „Ich weiß wohl, alter Wolodna“, wandte ſich Holoduk — 5 — 15 zu ihm,„weshalb Ihr ſeinen Namen mit Seufzen nennt. Er treibt und hetzt beim Erzbiſchof, daß der Euch nicht die Erlaubniß zur Heirath Eurer lieben Tochter Thereſe mit dem wackern Xaver geben ſoll! Ich weiß auch weshalb! Weil er behauptet, Euer Vater ſei Leibeigener ſeines Schwieger⸗ vaters, des Herrn von Neuhaus zu Chlum und Koſchen⸗ berg, geweſen, und von Rechtswegen müßtet Ihr es auch ſein. Iſt denn dem ſo?“ „Mein Vater“, antwortete Wolodna,„war freilich dem Herrn von Neuhaus unterthänig, allein derſelbe hat ihm ge⸗ ſtattet, ſich hier im Erzgebirge anzuſiedeln, als Lohn dafür, daß er ihm auf der Jagd das Leben gerettet mit eigener Lebensgefahr. Es iſt aber verſäumt worden, das Schrift⸗ liche darüber auszufertigen. Das iſt nun über dreißig Jahre her, und erſt jetzt macht der Herr von Slawata ſeine An⸗ ſprüche auf mich geltend!“ „Weil er die Herrſchaften Chlum und Koſchenberg an⸗ geheirathet hat mit der Tochter des alten Herrn von Neu⸗ haus?“ ſagte Holoduk halb erklärend, halb fragend. „Nicht weil er ſie angeheirathet hat“, antwortete Wo⸗ lodna,„ſondern weil er um der Heirath willen ſich von unſern Glaubensgenoſſen getrennt hat und zu den Katholi⸗ ſchen übergegangen iſt. Er will uns wieder unter ſeinen Gerichtszwang haben!“ „Damit er Euch auch mit Hunden in die Meſſe hetzen könnte!“ rief Holoduk erbittert aus.„Ich dächte, er müßte genug haben an dem Zwang, den der Herr Erzbiſchof an 82 uns Allen und Euch mit übt!“ 3„Iſt dem wirklich ſo?“ fragte Johann Herbeck, der gleich den andern Verſammelten, denen dieſe Lage Wo⸗ e lodna's unbekannt war, dem Geſpräch mit Staunen zuge⸗ hört hatte. —, 16 „Es iſt ſo!“ nahm der alte Nechodom das Wort.„Zu⸗ fällig hat der Herr von Slawata den Aufenthalt unſers Freundes Wolodna hier im Erzgebirge erfahren und daß er als Forſtmann im Dienſt des Herrn Erzbiſchofs iſt. Slawata, ſo ſcheint es, hat ſich mit dieſem verſtändigt und ſie gebrauchen jetzt die Verſagung der Erlaubniß zur Heirath als ein erſtes Mittel, unſere Glaubensbrüder und mich ſelbſt zu bedrängen. Allein nicht unſere eigenen Sachen, wie ſchwer ſie auf uns laſten, dürfen wir hier verhandeln, ſon⸗ dern die Sache aller unſerer Brüder. Ich bleibe bei mei⸗ nem Vorſchlag. Es müſſen noch einmal Abgeordnete nach Prag geſendet werden, aber zu einem unſerer Defenſoren.“ „Ich ſtimme dem bei“, meinte Chlodzek und ſah ſich im Kreiſe um; Niemand widerſprach. „Ich will dem nicht entgegen ſein“, nahm Holoduk wie⸗ der das Wort.„Allein ich bleibe dabei, es wird uns nichts helfen. Bedenkt nur, wie es zu Neu⸗Straſchitz ergangen iſt; ſo wird es auch uns ergehen!“ „Was iſt zu Neu⸗Straſchitz vorgegangen? Das iſt mir nicht bekannt geworden“, fragte Nechodom. „Es war vor drei Jahren“, ſagte der Pfarrer,„als Ihr ſo ſchwer krank laget, lieber Vater!“ „Ja, in den ſechs Monaten mag Manches geſchehen ſein, was ich nicht erfahren habe! Könnt Ihr mir's in kurzem mittheilen?“ „O ja, ich kenne die Sache actenmäßig“, nahm Herbeck das Wort;„Neu⸗Straſchitz gehört zu Schloß und Amt Bürglitz, und Bürglitz iſt, wie Ihr wißt, ein landesherr⸗ liches Amt. Darum hatte der Erzbiſchof Lohelius die Aufſicht über die Kirche. In Straſchitz nun hatten die Einwohner einen Pfarrer, David Kochan, der von dem utraquiſti⸗ ſchen Unterconſiſtorium ordnungsmäßig eingeſetzt und ——— 17 geweiht war. Den wollte der Erzbiſchof Lohelius nicht dul⸗ den, und drang in die kaiſerlichen Statthalter, den Flecken zu zwingen, daß er ſeinen Pfarrer vom Amte entſetze!“ „Unglaublich!“ rief Nechodom aus. „Die Einwohner ſandten Abgeordnete zu ihm—“ „Die wurden gut aufgenommen!“ unterbrach Holoduk. „Es war auch eben um die Weihnachtszeit. Statt der Bitte zu willfahren, erzwang es Herr Lohelius, daß die Bürger von Straſchitz in feierlicher Geſandtſchaft den katho⸗ liſchen Prieſter Andreas Molitoris, den er ihnen beſtimmt hatte, ſelbſt einholten und bei ſich einführen mußten!“ „In einem vierſpännigen Kutſchwagen mußten ſie ihn im Triumph in den Ort führen, wie einen Fürſten oder König!“ vervollſtändigte Holoduk empört. Nechodom wiegte misbilligend ſein bekümmertes Haupt. „Das hat weder Thurn noch ein anderer Defenſor hin⸗ dern können!“ fuhr Herbeck fort.„Die Straſchitzer haben vielmehr, weil ſie dem katholiſchen Prieſter, der ſie und ihren Glauben fortwährend ſchmähte, endlich die Kirche ſchloſſen, ihre beſten Gerechtſame verloren, und Etliche ſind ausgetrieben worden in die Verbannung. Und den Prieſter mußten ſie behalten und haben ihn noch!“ „Und Beſſeres haben wir auch nicht zu hoffen“, rief Holoduk voller Unwillen,„wenn wir wiederum Abgeſandte ſchicken und uns auf Bitten legen!“ „Allein, lieber, muthiger Holoduk“, entgegnete Necho⸗ dom ſanft,„wiſſet Ihr einen beſſern Rath? Ihr ſeid mir im Alter der nächſte hier in dieſer Verſammlung; im Rath⸗ ertheilen ſeid Ihr mir vielleicht voran. Gern will ich Euch folgen!“ 3 „Nein, Vater“, antwortete Holoduk warm,„beſſern Rath weiß ich nicht, wo es ſich um Worte handelt. Aber 18 ich fühle mich noch friſch und muthig genug, mit der Klinge dreinzuſchlagen. Und Anderes wird uns doch nicht helfen!“ „Damit aber könnten wir uns in das allertiefſte Un⸗ heil ſtürzen“, antwortete Nechodom ernſt. „Möglich! Aber ich habe die Geduld verloren!“ rief er unmuthig auffahrend. „Laßt uns ruhig weiter berathen“, beſänftigte Chlodzek den Aufgeregten.„Der Majeſtätsbrief des Kaiſer Ru⸗ dolf iſt unzweifelhaft für uns!“ ſagte er mit Nachdruck. „Er beſagt ausdrücklich, daß wir nicht nur unſere alten, wenn⸗ gleich früher katholiſchen Kirchen, zu unſerm Gottesdienſt be⸗ halten, ſondern auch zu jeder Zeit uns neue erbauen dürfen. So muß man uns doch endlich unſer Recht gewähren.“ „Sie wenden aber ein“, antwortete einer der Gemeinde⸗ älteſten,„daß der Majeſtätsbrief durchaus nicht den Unter⸗ thanen der Geiſtlichkeit, ſondern nur den evangeliſchen Ständen ſolche Gerechtſame geben wolle und dürfe.“ „Das iſt falſch“, ſagte Herbeck trocken. „Das war“, erwiderte gleichzeitig der Pfarrer,„nur die Antwort des Erzbiſchofs auf die Klagſchrift in un⸗ ſerer Sache, welche unſere Glaubensbeſchützer an die Statt⸗ halter geſandt hatten, die ſie hinwiederum dem Biſchof mit⸗ theilten!“ „Der Kaiſer“, fiel Holoduk ein,„hat zu Brandeis dem Grafen Thurn die nämliche Antwort gegeben. Sie ſind alſo Alle eines Sinnes!“ „Der Graf“, antwortete Herbeck,„hat aber die Ant⸗ wort ſchriftlich verlangt, und da hat man ſie ihm klüglich nicht gegeben. Denn der Majeſtätsbrief beſagt wörtlich, ich weiß die Stelle auswendig: „Jeder utraquiſtiſche Freiherr und Ritter, und die utra⸗ 19 quiſtiſchen Einwohner Prags und der andern landesfürſt⸗ lichen Städtey, bemerkt das wohl, denn darauf kommt es an, aſollen berechtigt ſein, nicht nur die Kirchen, die ſie bisher inne gehabt, zu behalten, ſondern auch ſich neue zu jeglicher Zeit in Städten, Marktflecken und Dörfern zu erbauen und ſie zum Gottesdienſte benutzen zu dürfen.“» Alſo auch die Einwohner der landesfürſtlichen Markt⸗ flecken; Kloſtergrab aber iſt ein landesfürſtlicher Marktflecken. Denn alle der Geiſtlichkeit unterthänigen Orte ſind nach Böh⸗ mens Landordnung Beſitzthum des Königs von Böh⸗ men; das heißt, der König von Böhmen kann jeden Ort, der der Geiſtlichkeit zugewieſen iſt, zu jeglicher Zeit wie⸗ der in völliges Kammergut verwandeln. Kein geiſtlicher Oberherr darf irgend etwas davon verkaufen, verpfänden, verſchenken, und wo es geſchehen, iſt ſolcher Act ungültig. Wir wohnen alſo in einem landesfürſtlichen Marktflecken, und dürfen uns folglich unſere Kirche zu unſerm Gottes⸗ dienſte erbauen und ſie dazu benutzen. Was der Erzbiſchof auf unſere Klage geantwortet hat und was dem Grafen Thurn zu Brandeis erwidert worden, ſind eitle Ausflüchte.“ „So iſt es!“ rief Holoduk. „Da unſer Recht ſo klar iſt, muß man es uns doch endlich zugeſtehen. Verſuchens wir's wenigſtens nochmals mit einer Botſchaft“, bat Nechodom. „Wollt ihr demnach, werthe Herren und Freunde?“ richtete der Pfarrer ſich im Kreiſe umſchauend, die Frage an die Verſammelten.„Es iſt Niemand dagegen“, ſagte er nach einigen Augenblicken. „Und wenn wir bis zum Throne unſers gnädigſten Kaiſers gehen, und uns ihm zu Füßen werfen ſollten“, ſprach Nechodom feierlich,„wir müſſen jeglichen Weg des Friedens erſchöpfen!“ 20 „Wohl denn“, ſagte der Rathſchreiber,„es ſei; allein Vertrauen habe ich nicht. Der Kaiſer überläßt Alles ſei⸗ nen Statthaltern und heißt Alles gut, was ſie thun. Sie ſagen, er ſei nicht übelwillig gegen uns; allein er hält ſei⸗ nes Bruders, des gnädigſten Kaiſers NRudolf Willen nicht aufrecht.“ „Dem iſt ſo“, ſtimmten Mehre bei.„In jeglicher Art und Weiſe ſind die kaiſerlichen Erlaſſe, die ich alle auf dem Amte geſammelt habe, wider uns gerichtet“, fuhr Herbeck fort.„Die Statthalter ſind es, die Se. kaiſerliche Ma⸗ jeſtät dazu veranlaſſen, durch falſche Berichte. Erſt geſtern iſt uns das wider die Utraquiſten gerichtete Verbot des Drucks ihrer Schriften zugegangen!“ „Welches Verbot?“ unterbrach Holoduk heftig. „Ein Verbot des Bücherdrucks?“ fragten Chlodzek und Nechodom faſt gleichzeitig mit Staunen. „Ihr wißt“, erklärte Herbeck,„daß im Jahre 1610 Se. Majeſtät der Kaiſer Rudolf, Gott hab ihn ſelig! den böhmiſchen Landtagsbeſchluß genehmigt hatte, daß die Utraquiſten des Landes jegliches Buch drucken und ver⸗ öffentlichen dürften, welches unſere Glaubensbeſchützer und das Conſiſtorium genehmigt hätten. Dieſe kaiſerliche Er⸗ laubniß iſt aufgehoben....“ „Aufgehoben!“ ertönte der unwillige Ruf durch die Ver⸗ ſammlung.„Unmöglich! Unerhört! Wir ſollen unſere Glaubensmeinungen nicht mehr bekennen dürfen!“ ſchallte es verworren durcheinander. Alle ſtanden auf. „So iſt es!“ ſagte Herbeck mit erhobener Stimme.„Es darf keine Schrift unſererſeits mehr gedruckt werden, die nicht die kaiſerlichen Statthalter oder Räthe zuvor geneh⸗ migt haben!“ „Das Alles hetzen unſere erbitterten Feinde, Slawata 21 und Martiniz, gegen uns an“, brach Holoduk im höchſten Eifer aus. „Und der Erzbiſchof!“ tönte eine andere Stimme aus dem Tumult. „Und ſolche Herren, wie der Abt Selander von Proſſo⸗ witz, der die Braunauer ihre Kirche nicht bauen laſſen will!“ fügte Herbeck hinzu. „Ja, ſie ſind in gleichem Falle wie wir! Sie ſollten mit uns handeln“, rief Holoduk immer glühender.„Wir ſollten Alle für Einen aufſtehen!“ „Freunde, meine Freunde“, bat der Patriarch Necho⸗ dom, als die Verſammlung immer ſtürmiſcher wurde, und erhob ſich von ſeinem Sitz.„Freunde! Laßt uns mit Worten gegen das Wort kämpfen! Es iſt eine mächtige Waffe, wenn es die Wahrheit vertritt!“ Der ehrwürdige Greis trat mitten unter die Erbitterten und erhob ſeine Hände gleichſam ſegnend und den Frieden erflehend. Es wurde wieder ſtill, Aller Blicke wandten ſich mit Ehrfurcht zu ihm. „Je mehr ich Trauriges gehört“, begann der Greis, als Alles auf ihn lauſchte,„je nothwendiger ſcheint mir eine neue Botſchaft. Ihr habt euch nicht dawider erklärt. So denke ich denn, wir ſollen zum Werk ſchreiten. Laßt uns ſogleich die Männer wählen, die wir nach Prag ſenden. Denn Zeit haben wir nicht mehr zu verlieren!“ „Ihr ſelbſt“, rief Holoduk,„Vater Nechodom! Vor Eurer Ehrwürdigkeit müſſen Haß und Lüge ſchweigen!“ „Ich bin bereit, wenn meine Kraft ausdauert. Und erſchöpfte ſie ſich auch, ich kann meine letzten Lebenstage nicht beſſer verwenden!“ „Vater, Vater Nechodom!“ tönte es wie aus Einem Munde, und ſie umdrängten ihn und küßten ihm die 22 Hände, das Kleid. Sie verehrten ihn gleich einem Schutz⸗ heiligen. Plötzlich wurde die Thür heftig aufgeriſſen; Xaver trat haſtig ein. „Wißt ihr, daß kaiſerliche Truppen anrücken?“ rief er laut.„Hier Czernig vom Wald bringt die Nachricht!“ Dabei deutete er auf einen Mann von athletiſcher Geſtalt, im kräftigſten Alter, der mit ihm eintrat. Alle kannten ihn, denn er gehörte zur Gemeinde zer beſaß einen großen Zimmer⸗ hof, der am Gebirge lag, war ein wohlhabender Mann und geachteter Familienvater. „In einer Stunde ſind ſie hier!“ bekräftigte er Xaver's Ausſage. „Das Regiment Liechtenſtein⸗Küraſſiere! Es ſoll ein Streich gegen uns ausgeführt werden!“. „Wie denn das?“ fragte der Pfarrer beſtürzt,„erzählt uns, guter Czernig.“ Czernig trocknete ſich den Schweiß von der Stirn; er war halb außer Athem. „Ich komme ſoeben zu Fuß von Schwatz herüber; ich habe dort Arbeit in einem der Wirthſchaftsgebäude. Geſtern Mittag ſchon war der Herr Erzbiſchof von Prag im Schloß eingetroffen, und geſtern Abend trafen die beiden Statt⸗ halter, der Freiherr von Slawata und der Freiherr von Mar⸗ tiniz, Smeczanski, wie ſie ihn auch nennen, ein; der Ge⸗ heimſchreiber, Herr Fabricius von Platter, begleitete ſie. Sie waren kaum abgeſtiegen, als ſie ſich ins Gemach zum Herrn Erzbiſchof begaben, dort wurde bei verſchloſſenen Thüren bis zum ſpäten Abend eine Berathung gehalten.“ „Ja, ſie ſinnen und ſpinnen immer Arges gegen uns“, unterbrach Holoduk den Erzähler. „Diesmal habt Ihr gewiß Recht, Hauptmann Holoduk“, 5 — ſagte Czernig.„Ich hatte mich im Hofgebäude fleißig bei meiner Arbeit gehalten; wie konnte auch ein ſchlichter Zimmermann wie ich ſich um Das kümmern, was die hohen Herrſchaften vor hatten. Allein es war ſchon den ganzen Tag ein dunkles Gerücht gegangen, daß etwas im Werke ſei gegen die Utraquiſten im Gebirge. Ein wider⸗ wärtiger Menſch hier aus dem Gebirge, ein Strolch und Umhertreiber; der ſeit Jahr und Tag unſern Feinden Nach⸗ richten zuträgt und uns verſchwärzt, wo er kann, Za⸗ loska heißt er....“ „Ich kenne ihn“, unterbrach Wolodna,„mich haßt er beſonders, weil ich ihn öfters auf Wilddiebſtahl erfaßt und zur Anzeige gebracht. Doch er iſt immer ſo gut wie un⸗ geſtraft davongekommen.“ „Weil er Spionendienſte leiſtet!“ ſprach Czernig zornig. „Laßt den Hund“, unterbrach Holoduk,„und erzählt weiter!“ „Dieſer Zaloska“, fuhr Czernig fort,„hatte mich ſchon mit hämiſcher Miene verfolgt und allerlei Stachelreden ge⸗ führt.„Wir könnten uns auf etwas gefaßt machen!— Sie würden bald die Augen aufreißen in Kloſtergrab!“ Und ſolcher Worte mehr. Anfangs gab ich nichts darauf. Dann dachte ich: es muß dennoch etwas Arges im Hinter⸗ halt ſein, und wandte mich an den alten Kammerdiener des Herrn Erzbiſchofs, Paul Czerwenka, der ein genauer Freund meines Vaters geweſen iſt, ob er mir Auskunft geben könne. Und von ihm erfuhr ich, daß in Bilin geſtern Abend eine Abtheilung kaiſerlicher Reiter vom Regiment Liechtenſtein ein⸗ gerückt ſei, die heute früh hierher nach Kloſtergrab auf⸗ brechen würden. Was ſie hier ſollten, wußte er nicht oder wollte es nicht ſagen; aber kopfſchüttelnd meinte er, etwas Gutes werde es nicht ſein, wir möchten auf unſerer Hut 24 ſein. Darum machte ich mich mit dem Früheſten auf, um es euch anzuſagen, bevor ſie einträfen!“ „Dank dir, Bruder Czernig“, ſagte Holoduk herzlich, und reichte ihm die Hand.„Haſt gute Wacht gehalten auf der Vorhut!“ „Was können ſie wollen?“ fragte Nechodom. „Und der Erzbiſchof und die beiden Statthalter?“ ſetzte Chlodzek hinzu,„kommen auch ſie hierher?“ „Ich glaube nicht. Sie wollten heute wieder nach Prag zurück“, erwiderte Czernig;„aber die Reiter werden bald hier ſein! Als ich durch Dux kam, waren ſchon die Quartiermeiſter dort, die Andern ſollten in einer halben Stunde eintreffen; es wird vielleicht nicht länger dauern, ſo ſind ſie hier!“ „Was ſollen wir thun?“ fragte Chlodzek ſorglich. „Sollten wir wirklich etwas zu fürchten haben? Wir, die wir ſchon ſo bedrängt ſind?“ „Ich hoffe ja nicht“, meinte Nechodom,„was könnte für ein Grund dazu ſein!“ „Die kommen nicht umſonſt, darauf ſchwöre ich“, rief Holoduk.„Wer weiß, welche Teufelei ſie im Schilde haben. Das Regiment Liechtenſtein iſt erzpapiſtiſch wie der Fürſt ſelbſt. Ob er dabei ſein mag?“ „Schwerlich! Der Fürſt war bisjetzt in Wien. Nur das Regiment ſteht ſeit dieſem Herbſt zu Prag und Brandeis“, belehrte Herbeck. „Auf jeden Fall, Vater Nechodom“, wandte ſich Wo⸗ lodna zu dieſem,„iſt es am gerathenſten, Ihr brecht auf. Wer weiß, was es hier für Händel gibt!“ „Was ſollte ich alter Mann zu fürchten haben!“ meinte der Greis. „Wenn man auch Euch nichts zu Leid thun möchte, Ihr ———— ————— könntet doch irgendwie zu Schaden kommen. Das Kriegs⸗ volk iſt zu roh und ungeſtüm. Zudem, es wird früh dunkel, der Weg iſt übel. Wir hätten ſo wie ſo zeitig auf⸗ brechen müſſen; darum ſeht zu, daß ihr baldigſt nach Haus kommt!“ „Wollt denn Ihr bleiben, Wolodna?“ fragte Nechodom. „Sollte ich unſere Brüder verlaſſen in ſo bedenklichem Augenblick? Ihr nehmt mir ſchon die Tochter mit in Euer Haus, lieber Vater Nechodom, bis ich ſie ſelbſt abhole!“ „Ja, theurer Vater“, bat auch der Pfarrer,„kehrt heim. Mir ahnt, hier iſt nicht gut ſein!“ „Und gerade dann ſollte ich von Euch gehen?“ „Was könnte Euer Hierſein fruchten?“ wandte Chlodzek ein. Auch Andere der Verſammlung baten den Greis, in ſeine ſtille Wohnſtätte am Gebirge zurückzukehren. „Allein wie iſt es mit der Sendung nach Prag?“ fragte er.„Ich bin der Einzige, der ſich bereit erklärt hat!“ „Wir ſenden Euch Botſchaft; beeilt jetzt nur Eure Rück⸗ kehr nach Haus“, war die Antwort Chlodzel's. „Säumt damit nicht lange“, entgegnete Nechodom.„Wir ſchreiben heute den zehnten. Es wäre gut, wenn wir mor⸗ gen abreiſen könnten, denn das Feſt iſt vor der Thür, und in Prag wird man uns nicht ſo eilig beſcheiden!“ Mit dieſen Worten wandte ſich der Greis nachgebend der Thür zu. Xaver hatte indeſſen mit Wolodna eifrig geſprochen. Er wollte, dieſer ſolle zurückkehren zum Schutz Thereſens und Nechodom's; doch Wolodna drang darauf, daß Raver ſei⸗ nen Vater geleite. „Ihr ſeid auch ſchon bejahrt, Vater Wolodna“, ſprach Xaver beſorgt. „Ich habe meine ſechzig Jahre, aber ich bin kräftig, jeden Rellſtab, Drei Jahre. 2. Aufl. I. 1.. 2 26 Wetters gewohnt“, antwortete er,„ich kehre zu Fuß heim, und ich denke morgen Mittag ſpäteſtens bin ich bei Euch.“ Da Naver's Bitte fruchtlos war, verließ er das Ge⸗ mach und ging hinab, um das Anſchirren des Geſpanns zu betreiben. Die Berathung war aufgelöſt. Die Männer kehrten in ihre Wohnungen zurück, um im Haus nach dem Rechten zu ſehen, falls die Reiter in die Bürgerquartiere gelegt würden; eine Beſorgniß, die ſie zuerſt faßten. Sie ver⸗ abredeten, ſich am Abend wieder beim Pfarrer zu treffen. Als Thereſe, die drüben bei den Frauen im vertraulichen Geſpräch weilte, erfuhr, was geſchehen ſei, färbte eine edle Röthe des Unwillens ihre Wange.„Gebt Acht!“ ſagte ſie, und ihr dunkles Auge glühte,„ſie wollen uns ein neues ſchweres Unrecht anthun! Vater“, wandte ſie ſich mit drin⸗ gender Bitte an Wolodna,„laß mich bei dir bleiben!“ „Was wollteſt du hier?“ ſprach er ſanft abweiſend. „Dir und dem Schickſal unſerer heiligen Sache näher ſein; ich ahne, hier wird viel Uebles geſchehen!“ entgegnete ſie dem Vater, und faßte mit Wärme ſeine Hand. „Dann wäre es dir um ſo beſſer, du bliebſt ſo fern als möglich“, antwortete Wolodna.„Es kann nicht ſein!“ „Jch darf nicht?“ fragte ſie noch einmal; doch in einem Tone, der zugleich die Bekämpfung ihres dringenden Ver⸗ langens wahrnehmen ließ. Wolodna küßte ſie, und wiederholte ſein ſanftes, feſtes „Nein“. „Ich gehorche dir mit ſchwerem Herzen!“ ſagte ſie, und wandte ſich ab, ihre Bewegung zu verbergen. Der Wagen war bereit.„Kommt denn, theurer Vater Nechodom“, redete ſie dieſen an, und reichte ihm hülfreich den Arm. Javer harrte ſchon draußen am Wagen. Der 9 — 7 P Greis ſtützte ſich auf Thereſens Arm. Sie nahm ſchwei⸗ gend, nur noch mit feuchtem Blick, ringsum leiſen Abſchied. Die Hausbewohner geleiteten Beide hinab. In liebendem Eifer umſtanden ſie ſie unten noch am Wagen und drängten ſich mit jedem möglichen kleinen Dienſt hinzu, um die rauhe winterliche Fahrt minder unbehaglich zu machen. Sie zogen ihnen die Pelzkleidung ſorglicher zurecht, ordneten den Sitz bequemer, halfen ihnen beim Aufſteigen. Nechodom wurde ganz hinauf gehoben. Beide dankten nur mit liebreichen Blicken, ſchweigend, innerlich zu tief bewegt. Chlodzek reichte dem Greiſe die Hand zu einem ſanften Druck.. „Seid Ihr fertig?“ fragte zurückblickend Xaver, der ernſt ſchweigend auf der Vorderbank ſaß. Nechodom nickte. „Behütet mir meine Thereſe wohl!“ ſprach Wolodna zum Wagen hinauf, als die Stiere ſchon angeruckt hatten. „Wie unſern Augapfel“, antwortete der Greis. Xaver trieb die Stiere an. Ein plötzlicher Windſtoß hob wirbelnd den Schnee empor und hüllte das Fuhrwerk in eine dichte Wolke. Rauhere Stürme als die, welche aus dem düſtern Ge⸗ wölk herabbrauſten, das über dem Gebirgskamm ſchwer dahin⸗ zog, bereiteten ſich den Bewohnern ſeiner ſtillen Thäler! b0 00 Drittes Capitel. Die Zurückbleibenden blickten dem Wagen lange nach. Sie hatten ihn noch nicht aus dem Geſicht verloren, als von der andern Seite der Straße her Trompetenſtöße er⸗ ſchallten, die ſich, durch die Ferne gedämpft, abgebrochen mit dem Sauſen des Windes miſchten. „Wahrlich, da ſind ſie ſchon!“ rief Wolodna aus. „Dort biegen ſie um die Ecke! Mirr iſt doch leichter ums Herz, daß der Greis und Thereſe fort ſind. Vortheil iſt nie dabei, mit dem Kriegsvolk zuſammenzutreffen.“ Der dumpfe Hufſchlag der Pferde ließ ſich vernehmen; langſam, ſchweigend rückte der Troß an, die Straße her⸗ unter, an Chlodzeb's Haus vorbei. Die Reiter trugen eiſerne Pickelhauben; die Unteroffiziere mit ſchwarzen Roß⸗ haarbüſcheln, die Offiziere mit ſchwarzen Federn. Ein dunkelgrauer Mantel hüllte ſie ein; wenn der Wind ihn aufſchlug, ſah man das gelblederne Koller und den Bruſt⸗ harniſch darüber. Die meiſten waren aber feſt eingeknöpft. Zur Seite hing ihnen ein breites, langes Schwert, mit eiſernem Korb über dem Handgriff, und ſchlug klirrend an die ſchwerfälligen, faltigen braunen Stiefel, die bis ans Knie reichten. Finſtre, bärtige Geſichter ſchauten trotzig unter dem Helm hervor. Die Frauen zitterten beim Anblick dieſer verwilderten Scharen. 4 „Ich kann noch nicht ahnen, was das irgend bedeuten ſoll“, wandte ſich der Pfarrer zu Wolodna, mit dem er, etwas zurückgezogen, in der Hausflur ſtand.„Es hat ein Anſehen, als ob der Feind einrücke!“ 29 „Unſere Freunde ſind das auch nicht“, antwortete Wolodna kopfſchüttelnd. Der Zug dauerte lange fort. „Es ſcheinen ſehr viele“, meinte der Pfarrer. „Das täuſcht, es werden drei Cornet ſein. Dort hinten ſeht Ihr auch ſchon den Schluß.“ „Vorn am Rathhauſe halten ſie. Sie ſtellen ſich dort auf.“ Die erſte Abtheilung der Reiter hatte auf dem Rathhaus⸗ platz Halt gemacht; die andern rückten ſo auf, daß man ſah, ſie ſollten dort in Front einſchwenken. Bürger verſammel⸗ ten ſich neugierig an den Häuſern gegenüber. „Wollen wir nicht auch dorthin?“ fragte Chlodzek Wolodna. „Ihr nicht, lieber Herr Pfarrer; laßt mich allein gehen“, antworte er, und ging die Gaſſe aufwärts. Unter den Nachzüglern, die mit Handpferden der Offi⸗ ziere und mit Packpferden kamen, ritt auch ein Mann, deſſen Kleidung verrieth, daß er nicht Soldat war. Es war eine hagere Geſtalt mit ſcharfen Geſichtszügen, die ein tief in die Augen gedrückter Hut halb verdeckte. Er hatte ſich dicht in einen ſchwarzen Reiſemantel eingewickelt. Hinter ihm ritt ein Diener, der gleichfalls nicht zum Kriegsvolk gehörte. Wolodna hatte ein unheimliches Gefühl beim Anblick dieſer Geſtalt; der Fremde betrachtete auch ihn mit halb ſcheuen, halb ſpähend bohrenden Blicken. Er ritt vor die Rathhaustreppe, ſtieg ab, übergab dem Diener das Pferd ¹ 1 —y— und ging hinauf. Ein Troßknecht ſtreifte hart an Wolodna hin. „Wer war der ſchwarze Herr?“ fragte er den gut⸗ müthig ausſehenden Mann. „Der dort die Treppe hinaufging? Das iſt der Ge⸗ 30 heimſchreiber der kaiſerlichen Statthalterſchaft, Herr Fabri⸗ cius!“ war die Antwort. „Fabricius!“ rief Wolodna unwillkürlich aus. Der Name erſchreckte ihn; denn er wußte, daß dieſer Geheim⸗ ſchreiber im vertrauteſten Dienſt der Statthalter Slawata und Martiniz war, und daß ſie ihn zu Allem, was ſie durchſetzen wollten, benutzten. Auch war er ſchon thätig in der Verfolgung der Anſprüche geweſen, die Slawata in Be⸗ treff Wolodna's erhob. „Das bedeutet nichts Gutes!“ dachte er, und ging nachdenkend weiter. Die Reiter ſaßen ab; mehre Offiziere gingen ums Rath⸗ haus. Die Andern blieben zur Aufſicht. Von den Leuten wurden Piquetpfähle und Leinen hervorgeholt, ſichtlich, um ein Lager auf dem Platze aufzuſchlagen. Eine unheimliche Stille ſchwebte über dem Treiben der Maſſe. „Wollen ſie im Freien bleiben? Bei dem rauhen Wet⸗ ter?“ dachte Wolodna;„dann haben ſie auch etwas vor, wo ſie geſammelt ſein müſſen. Sonſt würden ſie ſich wol in die Häuſer legen!“ Auf dem Marktplatz hatte ſich nicht blos neugieriges Volk aller Art angeſammelt, ſondern auch faſt alle jene ältern Männer, die zuvor bei Chlodzek der Berathung bei⸗ gewohnt hatten. Der alte Holoduk ging eifrig umher und ſprach mit Vielen leiſe, aber lebhaft. Mit den Worten: „Gut, daß du kommſt, Wolodna!“ trat er dieſem entgegen. „Hier wird wackerer Leute Rath und That nöthig ſein! Sieht dir das nicht auch aus, als ob ein Streich gegen uns ausgeführt werden ſollte? So beſetzt ja nur feindliches Kriegsvolk einen Ort, wo es Kampf und Ueberfall fürchtet! Sonſt hätten ſie doch wol in dieſem Schneetreiben und in der Kälte die Pferde in unſere warmen Ställe gelegt!“ — —- —— „Es ſieht freilich ſeltſam genug aus!“ pflichtete Wo⸗ lodna bei. „Und was mögen ſie droben auf der Rathſtube wollen, ohne unſere Rathmänner?“ fragte Herbeck, der gleichfalls herangetreten war. Gruppen traten flüſternd und kopfſchüttelnd zuſammen. Die Männer hatten ihre Augen bald auf die Truppen, die eine finſtere, ſchweigende Haltung beobachteten, bald auf das Rathhaus gerichtet, in welchem die obern Offiziere mit dem Geheimſchreiber verſammelt waren. Ein Mann in einem ſchwarzen Wamms trat eilig aus der Thür. „Das iſt der Rathsdiener Claus“, ſagte Herbeck, der ihn zuerſt bemerkte;„er kann uns vielleicht etwas erzählen!“ Er winkte ihm. Der Rathsdiener ging raſch die Stufen der ſteinernen Treppe herab und hinter den Reitern weg über den Platz. Er mußte dicht an den Bürgern vorbei. Neugierig umdrängten ſie ihn. „Was geht denn da droben vor, Claus“, fragte Herbeck. „Nichts Gutes, glaube ich, Herr Rathſchreiber; der Schwarzrock hat eine Schrift aufgeſetzt, die Offiziere haben ſie unterſchrieben. Ich habe den Befehl, was an Zimmer⸗ leuten, Maurern, Schloſſern und andern Bauarbeitern im Ort iſt, mit ihrem Handwerkszeug hierher zu beordern.“ „Und was ſollen die Leute?“ fragte Czernig, der dabei ſtand. „Ich weiß es nicht!“ antwortete Claus.„Aber ich möchte Keinem anrathen, den Befehl zu verſäumen; denn die(er zeigte auf die Reiter) ſehen nicht aus als ob ſie Spaß treiben wollten!“ „Das verſtehe, wer da kann!“ ſagte Holoduk ver⸗ wundert. Der Rathsdiener ging. —— 32 Da er mehre Handwerker auf dem Platze ſah, ſagte er dieſen gleich hier, was ihm befohlen war. Sie ſollten, Meiſter, Geſellen und Lehrlinge, mit Aexten, Beilen, Sä⸗ gen, Hämmern und dergleichen ſogleich vors Rathhaus kommen. Einige gingen alsbald fort, um Gehorſam zu leiſten. Der Pfarrer Chlodzek kam jetzt auch herbei, da er die ſpannende Ungewißheit nicht länger ertragen mochte. Gleich nach ſeinem Eintreffen öffnete ſich die Rathhaus⸗ thür; der Führer der Truppen nebſt einigen Offtzieren traten heraus. Hinter ihnen folgte ein Mann, der eine Schrift in der Hand trug; er hatte eine amtliche Tracht, doch keine kriegeriſche. Der Oberoffizier winkte, ein Trompeter trat zu ihm heran. „Gebt Acht! Sie werden uns die Schrift vorleſen“, meinte Herbeck. Er hatte Recht. Der Trompeter blies ein Signal. Es wurde ſtill. Der Mann mit der Schrift trat auf den äußerſten Rand der Treppe und las mit lauter Stimme: „Die Bürger und Bewohner des Marktfleckens Kloſter⸗ grab, welche nicht ausdrücklich mit ihrem Handwerkszeug auf das Rathhaus beſchieden ſind, werden hiermit im Na⸗ men Sr. Majeſtät unſers allergnädigſten Kaiſers bei ſchwe⸗ rer Leibesſtrafe aufgefordert, ſich auf der Stelle in ihre Wohnungen zu begeben und allda ruhig zu verhalten!“ Die Verſammelten ſahen einander mit ſtummem Stau⸗ nen an. Der Trompeter blies das Signal zum zweiten male; der Ausrufer wiederholte den Befehl. Noch regten ſich die Bürger nicht. Es entſtand ein unruhiges Fragen unter ihnen:„Was ſoll das heißen? Was wird geſchehen? Was hat man mit uns vor?“ Schrecken und Entrüſtung malte ſich in Aller Zügen. Nur 33 Holoduk, Czernig, Wolodna und einige Andere zeigten mehr Staunen als Beſorgniß. Zum dritten male erſchallte der Trompetenſtoß; zum dritten male wurde der Befehl geleſen. Doch die Verſammelten leiſteten nicht Folge. Einer wartete unſchlüſſig auf den Andern. Da, nachdem einige Minuten in ängſtlicher Stille verſtrichen waren, ſchwang ſich der Befehlshaber der Truppen auf ſein Pferd, zog den breiten Degen und commandirte: „Aufs Pferd geſeſſen!“ Die Leute des Befehls ge⸗ wärtig, hatten ſich bereits wieder an ihre Pferde begeben. Im Nu ſaßen alle Reiter im Sattel. Commandoruf und Trompetenſtöße ſchallten verworren durcheinander. Plötz⸗ lich rückte ein Zug Reiter im Trabe vor, quer über den Platz gegen die Menge der Bürger an. Die meiſten der⸗ ſelben ſtoben, ſowie die Bewegung der Reiter begann, nach allen Seiten auseinander. Die Reiter folgten hinterdrein, Holoduk wollte nicht weichen; er rief:„Bleibt! Sie dürfen uns doch nicht niederreiten!“ Doch der Pfarrer ſagte: „Nein, laßt uns weichen, wider ihre Gewaltthat ver⸗ mögen wir doch nichts!“ „Ja“, ermahnte auch Wolodna,„folgt uns, Haupt⸗ mann Holoduk.“ „Es iſt unerhört!“ rief der alte Kriegsmann mit der narbenbedeckten Stirn.„Ich bin vor den Türken nicht gewichen und ſoll hier vor unſern Landsleuten ſchimpflich flüchten?“ „Nicht ſchimpflich, Hauptmann Holoduk“, ſagte auch Czernig,„wir weichen der Uebergewalt. Was könnten wir für Widerſtand leiſten! Unerhört iſt es freilich!“ Ein zweiter Zug Reiter wandte ſich jetzt gegen die, noch Verweilenden.„Kommt zu mir, in mein Haus“ 2** 2 34 trieb der Pfarrer haſtig an.„Nach der andern Seite iſt der Weg ſchon abgeſchnitten. Ihr könntet zu Schaden kommen!“ Viele Bürger, die bisher noch unſchlüſſig geſtanden hatten, flüchteten jetzt in der Richtung nach Chlodzek'’s Haus. So wurden Alle in den Strom der Flucht fortgeriſſen. Wolodna faßte Chlodzek's Arm und unterſtützte ihn. Holoduk, Herbeck, der rieſenhafte Czernig ſchloſſen ſich hinter dieſen zuſammen, wie um ihnen den Rücken zu decken. Nach der andern Seite des Platzes ſtürzte Alles verworren durch⸗ einander; man hörte lauten Droh⸗ und Schreckensruf zu⸗ gleich, und das dumpfe Raſſeln der Hufe auf dem ſchnee⸗ bedeckten Steinpflaſter, vermiſcht mit dem Klirren der Schwerter und Harniſche. Reiter und Bürger waren unter⸗ einandergemiſcht. Zugleich erhob ſich der Sturmwind und fegte den Schnee zu dichtem, verdunkelndem Gewölk auf. Raſſelnder Galopp tönte dicht hinter Chlodzek und ſeinen Begleitern. Haſtig eilten ſie vorwärts; doch im näch⸗ ſten Augenblick ſahen ſie ſich von Reitern umgeben und überholt, und Schwerter blitzten über ihren Häuptern. Angſtruf ertönte hinter ihnen. Ein Reiter ſprengte dicht an Chlodzek hin; ſein Piſtolenhalfter faßte des Pfarrers linke Schulter. Er ſtürzte zu Boden, mit dem Ruf:„Herr Jeſus!“ Wolodna faßte ihn und richtete ihn empor. Czernig ſprang ihm von der andern Seite zu Hülfe. In dem Augenblick ſahen ſie den alten Holoduk von einem Pferde niedergeriſſen, und nachſprengende Reiter ſetzten über ihn hinweg. Es war unmöglich ihm zu Hülfe zu eilen. Der wirbelnde Strudel riß Alles vorwärts. Kaum vermochten Wolodna und Czernig von Säbelhieben getroffen, blutend, mit dem betäubten Pfarrer das Haus zu erreichen und ſich , in daſſelbe zu werfen. Viele Bürger drangen ihnen nach, um ſich aus dem Getümmel der Verfolgung zu retten. Viertes Capitel. „Nun gebe ich die Hoffnung auf, Vater!“ ſagte The⸗ reſe bekümmert, und wandte ſich von dem Fenſter in des alten Nechodom's Haus, an welchem ſie ſtand und hinaus⸗ geblickt hatte zu dieſem, der in ſeinem Lehnſtuhl, nahe dem halbverglimmten Feuer im Ofen ſaß. „Naver muß aber doch zurückkommen!“ antwortete Ne⸗ chodom.„Es wird ja ſchon ganz finſter!“ „O, es iſt etwas Böſes geſchehen“, ſagte Thereſe,„ich habe es wol gefürchtet! Ich hätte bleiben ſollen!“ „Beruhige dich, mein Töchterchen“, antwortete der Greis ſanft.„Wer kann hier ſagen, was das Beſſere wäre! Dein Vater kann wegen der Berathung Aufenthalt gehabt haben, den er nicht vorausſehen konnte.“ Der Hofhund draußen ſchlug mit freudigem Gebell an. „Das iſt ein Bekannter“, ſagte Nechodom mit frohem Blick. Thereſe flog wieder ans Fenſter.„Es iſt Xaver!“ rief ſie, und eilte hinaus vor die Thür, um ihn zu em⸗ pfangen. Wolodna, der verſprochen hatte, am Nachmittag ſpä⸗ teſtens aus Kloſtergrab zurück und in Nechodom's Hauſe zu ſein, war noch nicht gekommen. Xaver, welcher ihm ein Stück Wegs entgegen gegangen war, kehrte eben wieder. Er kam raſchen Schritts den Hügel herauf zu dem Wohnhauſe. * „Du bringſt den Vater nicht mit?“ fragte Thereſe ſchon von weitem mit beſorglichem Ton. „Nein, Thereſe“, erwiderte er, und reichte ihr die Hand zur Begrüßung;„ich bringe üble Nachrichten mit!“ Sie erblaßte.„Sprich es gleich aus, Xaver“, bat ſie, „laß mich nicht in Angſt!“ „Kloſtergrab iſt von der kaiſerlichen Reiterei geſperrt; es darf Niemand hinein noch heraus“, war ſeine Antwort. „Und was geht drinnen vor?“ fragte Thereſe in höch⸗ ſter Spannung. „Darüber weiß ich dir keine Auskunft zu geben. Ich war bis auf den halben Weg entgegen, da traf ich den Schmied Johann Przibram aus Graupen; der kam von Kloſtergrab. Er war heute früh hinaufgegangen im Ge⸗ ſchäft, doch am Ausgang des Orts hatte eine Feldwacht gelegen, die ihn nicht hineinließ. Auch Niemand darf heraus!“ „Und weshalb das?“ „Das wußte er nicht, und weiß Niemand. Alle Aus⸗ gänge ſind ſeit geſtern Nachmittag, eine Stunde nachdem wir fort waren, abgeſperrt worden!“ „Gott im Himmel! Welch ein Schickſal mag die Un⸗ glücklichen in der Stadt bedrohen!“ rief Thereſe.„Und werden Frauen auch nicht eingelaſſen?“ fragte ſie haſtig mit einem aufblitzenden Entſchluß in der Seele. Xaver durchſchauerte es. Er zog Thereſe liebevoll an ſich. Sie brach in Thränen aus.„Könnte ich zum Va⸗ ter!“ rief ſie weinend,„was wird ſein Schickſal ſein! O, hätte ich ihn nicht verlaſſen!“ Xaver wußte ſich und ihr nicht Rath noch Troſt zu geben. Sie gingen ſchweigend zum alten Nechodom hinein. Er hörte mit ſtaunendem Schmerz die Kunde an. — — —— 37 „Wird denn kein Ende werden unſers Duldens!“ ſprach er mit einem Blick zum Himmel.„Meine Tochter“, wandte er ſich zu Thereſen;„könnte ich dir Hülfe geben und Troſt in deinem bangen Gemüth! Es bleibt uns jetzt nur das Gebet zu dem Schützer und Tröſter dort oben.“ Thereſe lehnte ſich ſanft an ihn; Xaver blickte ſtarr zur Erde. Tiefes Abenddunkel herrſchte in dem Gemach; laut⸗ loſe Stille ringsher. Da fiel ein zitternder Silberſtrahl auf des Greiſes Haupt; unwillkürlich blickten die in Schmerz Verſunkenen auf nach dem Fenſter. Der Mond ſchwebte leiſe herauf über die blaue Bergwand des Mittelgebirges und leuchtete in das Gemach. Es war, als bringe er, ein Bote des Friedens, Troſt in die Bruſt der Beküm⸗ merten. „Sehet, wie der Mond ſo lieblich das ſanfte Auge auf uns richtet“, ſprach Nechodom,„ſo ſieht uns auch das Auge des himmliſchen Vaters, und ſeine Barmherzigkeit wird uns nicht verlaſſen!“ „Sie wird uns nicht verlaſſen“, rief Thereſe, die ſich an dem Gedanken erhob mit frommer Zuverſicht, und die Hoffnung kehrte in ihr jugendlich muthiges Herz zurück. „So freundlich der liebe Mond uns in das Fenſter ſcheint, wir wollen doch die Laden ſchließen“, ſagte Necho⸗ dom;„denn die Zeit iſt unruhig, und unter den Um⸗ wohnern hier im Gebirge ſind Viele, die uns übel wollen! Vorſicht iſt uns nur allzu nothwendig.“ xaver ging hinaus und ſchloß die dichten eichenen Laden, welche die Fenſter verwahrten, während Thereſe drinnen die Riegel vorſchob. Ebenſo verriegelte er die Hausthür. Denn das Haus des alten Nechodom ſtand einſam auf einem der vorſpringenden Hügel des Gebirgabhangs. Es war aber aus ſtarken Balken feſt aufgebaut, gegen Kälte und Hitze wie gegen äußere Gewalt gut verwahrt. Auch den Hof umſchloß eine ſtarke Mauer. Nothwendige Vor⸗ ſicht in ſo rauhen Zeiten! Das Feuer im Ofen, durch Thereſe neu angefacht, loderte hell auf und verbreitete wohlthuende Wärme und freund⸗ lichen Lichtſchimmer. Thereſe zündete die Lampe an und ſetzte ſie auf den ſchweren eichenen Tiſch im Hintergrunde, dann rückte ſie den Sorgenſtuhl des Greiſes der Flamme etwas näher. Es wäre ganz behaglich in dem traulichen Gemach geweſen bei der tiefen Winterſtille draußen, wenn nicht die bangen Sorgen des Augenblicks und die düſtre Stimmung über die ſchwere Zeit überhaupt ihre finſtern Schatten in das Herz der Bewohner geworfen hätten. Und doch empfand ſich die Wohlthat einer ſo fried⸗ lichen Zufluchtsſtätte. Als Xaver wieder eintrat, lud ihn Thereſe mit herzlichen Worten und Blicken ein, ſich zu ihr an den Tiſch zu ſetzen. „Ja, ſetzt euch, meine Kinder“, ſagte der Greis,„ver⸗ ſuchen wir durch ein trautes Geſpräch über unſere Beſorg⸗ niſſe hinwegzukommen. Wir wiſſen doch nun, weshalb Freund Wolodna ausbleibt. Was uns ſonſt bedroht, wird uns Alle treffen! Wir wollen es mit Muth tragen, und dagegen kämpfen, ſoviel wir vermögen!“ „Ja“, ſprach Xaver, dem ein muthiges Feuer und ein edler Zorn aus den Augen leuchtete.„Wir müſſen da⸗ gegen kämpfen! Die Hoffnungen, die wir ſeit dem Erlaß des Majeſtätsbriefs gehegt, daß nun endlich die bittern Verfolgungen unſerer Glaubensbrüder aufhören müßten, ſinken mit jedem Tage tiefer ins Grab. Es bleibt nach wie vor, ja, es iſt viel ſchlimmer jetzt!“ „Kämpfen! Ja, mein Sohn! Aber ſolange es mög⸗ lich iſt mit der Waffe des friedlichen Worts!“ ehigegnete — —— 39 Nechodom.„Der Kampf mit dem Schwerte iſt ein furcht⸗ bares Unheil! Seit zweihundert Jahren ſchon laſtet er auf unſerm Vaterlande! Seit unſer großer Lehrer Johann Huß den Scheiterhaufen beſteigen mußte, haben wir mit Feuer und Schwert, mit unſerm Herzblut für unſern Glauben gekämpft! Allein Feuer und Schwert löſen den Zwieſpalt der Gemüther nicht! Sie erweitern ihn!“ „Doch was bleibt uns übrig?“ fragte Xaver.„Ein Jahrhundert haben die Böhmen allein gekämpft; es floh dahin und wir blieben im Druck. Seit hundert Jahren regt ſich nun auch das halbe Deutſchland für unſere Sache, und dennoch!...“ „Und dennoch ſind wir wenig gefördert“, unterbrach ihn der Vater.„Da ſiehſt du, daß der Kampf mit dem Schwert auf dieſem Felde nicht zum Frieden führt!“ „Aber läßt man uns die Wahl?“ fragte Thereſe, die mit tiefem Antheil dem Geſpräch folgte.„Haben nicht auch die deutſchen Völker zum Schwert greifen müſſen?“ „Und ſie haben wenigſtens die Anerkennung ihrer Glaubensrechte durch das Schwert errungen!“ fügte Xa⸗ ver hinzu. „Leider noch nicht hinlänglich!“ entgegnete Nechodom. „Ihr ſeht, auch dort dauert der Kampf fort. Stehen nicht die Proteſtanten in gewaffneten Bündniſſen den Katholiſchen gegenüber, die evangeliſche Union der katholiſchen Liga? Seit hundert Jahren währt der traurige Kampf! Denn es war im Jahre 1517, als der ehrwürdige Doctor Martin Luther, deſſen Lehre im innerſten Kern ja auch unſere eigene iſt, ſeine Glaubensſätze an die Pforte der wittenberger Kirche ſchlug. Und jetzt ſchließt ſich in we⸗ nigen Tagen das Jahr 1617!“ „Freilich, freilich! Und, es iſt leider wahr, unabläſſig gährt ſeitdem der Hader und Zwiſt in Deutſchland wie in Böhmen“, gab Xaver zu.„Allein nur, weil die Be⸗ drückungen und Verfolgungen fortdauern trotz aller Ver⸗ träge und Verbriefungen!“ „Und hier in Böhmen iſt der Druck doch gewiß noch viel ſchwerer, weil unſer eigener König ihn übt durch ſeine Stellvertreter und Statthalter“, meinte Thereſe.„Wie haſſen uns dieſer Slawata, dieſer Martiniz!“ „Und wenn Slawata nicht ein Abtrünniger wäre!“ rief Xaver erbittert aus.„Glaubſt du denn, Vater, daß er wahrhaft ſeinen Glauben geändert hat?“ „Ich will ihn nicht verurtheilen, denn ich kann nicht in ſein Herz blicken, wie der Allmächtige!“ „Und weshalb muß er uns ſo erbittert verfolgen?“ fragte Thereſe.„Wären wir wirklich auf dem Pfade des Irrthums, Mitleiden, Erbarmen müßte doch Einer mit uns haben, der dieſelben Irrwege gewandelt wäre, nicht Haß und Ingrimm?“ „Das ſcheint freilich von einem böſen Bewußtſein zu zeugen“, ſagte Nechodom;„doch Gott allein ſchaut die Wahrheit!“ ſetzte er begütigend hinzu. Es trat ein Schweigen ein; Jeder verſenkte ſich in ſeine Betrachtungen. „Mein Sorgen und Hoffen iſt nur auf euer Schickſal gerichtet, meine Kinder“, begann Nechodom nach einiger Zeit;„euch wünſchte ich einen friedlichern Lebenspfad als mir. Schon in meiner Kindheit wurde ich in die wilden Stürme geriſſen. Meine Aeltern verließen Böhmen, wie ihr wißt, um der Glaubensbedrückungen willen. Wir waren oft obdachlos, durch Noth bedrängt! Doch denke ich an dieſe ſchwere Zeit mit heiligem Glück der Erinne⸗ rung!“ 41 „An Euern Aufenthalt in Wittenberg, nicht, theurer Vater?“ fragte Thereſe mit Theilnahme. „An dieſen vorzüglich“, fuhr Nechodom fort.„ Zwei mal habe ich als neunjähriger Knabe den großen Refor⸗ mator Luther in der Schloßkirche daſelbſt predigen hören. Seine begeiſterten Worte prägten ſich mir mit Flammen⸗ ſchrift in mein Kinderherz. Auch ſeiner Beſtattung wohnte ich bei mit meinen Aeltern. Unvergeßlich iſt mir dieſer feierliche Tag!“ Nechodom hatte den Seinigen oft ſchon von dieſen Jugenderlebniſſen erzählt, kam aber nach Art der Greiſe gern darauf zurück. Thereſe in ihrer hingebenden Geſin⸗ nung hörte ihm immer wieder aufmerkſam und gern zu. „O, lieber Vater“, ſagte ſie, auf ſeine lebhaften Erin⸗ nerungen näher eingehend,„könntet Ihr mir wol einmal wieder den ſchönen Becher zeigen, den Frau Katharina Luther Euerm Vater geſchenkt hat? Seit meinen Kinder⸗ jahren habe ich ihn nicht geſehen!“ „Gern“, antwortete Nechodom freundlich.„Nimm ihn doch aus meinem Schrank, Javer! Der Schlüſſel liegt auf dem Tiſche bei der Bibel.“ Xaver öffnete den Schrank und nahm den, noch in einem beſondern Käſtchen wohlverwahrten, Becher heraus. „Es iſt nur ein Tafelbecher“, erklärte Nechodom, als ihn Thereſe mit Aufmerkſamkeit betrachtete.„Allein der große fromme Luther hielt ihn hoch in Ehren als ein Ge⸗ 0 ſchenk ſeines Landesherrn, des Kurfürſten Friedrich des Wei⸗ ſen von Sachſen. Nicht an dem täglichen Tiſch wurde er be⸗ nutzt, ſondern nur an hochfeſtlichen Tagen, wo die Freude ſich mit dem Ernſt dankbarer Frömmigkeit verbindet. Dann ging er in die Runde an der Tafel, und Jeder, der ihn an die Lippen führte, that es mit einem ernſten, heiligen 42 Spruch. Auch Philippus Melanchthon's fromme Lippe hat ihn berührt, wenn dieſer Freund an Luther's Seite ſaß! So iſt er geweiht worden, und darum iſt er auch mir gleich einem heiligen Gefäß!“ Thereſe betrachtete den Becher mit erhöhtem Antheil. „Was bedeuten dieſe drei Geſtalten?“ fragte ſie, indem ſie drei Figuren in halb erhabener Arbeit an der Seitenwand des Kelchs bezeichnete. „Die mit dem Kreuz in der Hand iſt der Glaube, die mit dem Blumenkranz auf dem Haupte iſt die Liebe, die auf den Anker geſtützte die Hoffnung!“ „Den Glauben und die Liebe tragen wir wol feſt im Herzen“, ſagte ſie mit ernſter Wärme,„doch die Hoff⸗ nung 2....“ „Halte ſie feſt, ſie iſt das Eigenthum der Jugend“, ſprach der Greis. Thereſe blickte Javer an, der neben ihr ſtand; er zog ſie innig an ſein Herz. „Ja, wir wollen hoffen, aber auch handeln, meine Thereſe“, ſagte er.—— So gingen den Einſamen die Stunden des Abends hin. Ihre Geſpräche, ihr liebendes Verkehren untereinander waren wenigſtens ein Balſam für die tiefen Wunden des Grams und der Beſorgniß, an denen ihr Herz blutete. „Ich möchte nun doch zu Bett gehen“, ſagte endlich Nechodom.„Ich werde wenig ſchlafen, das Alter ſchläft ja überhaupt wenig, jetzt aber zumal; meine unruhigen Gedanken werden mich wach erhalten!“ kaver half ihm vom Seſſel auf und reichte ihm den Arm, um ihn an ſeine Schlafſtätte zu geleiten. Plötzlich ſtand er ſtill.„Das ſind Männerſchritte, die ich draußen auf dem Schnee höre“, ſagte er aufhorchend. „Es ſind Mehre, die da kommen!“ 43³ Thereſe hörte den Schall annähernder Schritte eben⸗ falls. Sie flog ans Fenſter und lauſchte hinter den ge⸗ ſchloſſenen Läden. „Sie ſind noch wach, es ſchimmert Licht durch die Lä⸗ den“, ließ ſich draußen eine tiefe männliche Stimme ver⸗ nehmen. „Der Vater! der Vater!“ tönte Thereſens Ruf in überwallender Freude. Sie flog mit Xaver an die Thür, ihr Vater hing in ihren Armen. Mit ihm trat Czernig ein. Begrüßend wurden ſie Beide umringt. „Du trägſt eine Binde, biſt du verwundet?“ rief Thereſe, als der Schein der Lampe auf Wolodna's Stirn fiel. „Es will nicht viel bedeuten“, antwortete Wolodna, „wir wollen Gott im Himmel danken, daß wir uns wieder⸗ ſehen, daß wir hier ſind!“ ſetzte er ernſt hinzu. „Was iſt geſchehen, erzähle!“ fragte Thereſe unruhig. „Und Ihr ſeid auch verwundet, Czernig?“ fragte Kaver dieſen, als er ihn näher betrachtete;„was hat es ge⸗ geben?“ „O, erzählt doch!“ bat Nechodom äußerſt geſpannt. „Laßt uns ſetzen; wir wollen Euch Alles genau berich⸗ ten“, erwiderte Wolodna. Sie ſetzten ſich um den Tiſch. Wolodna erzählte zuerſt die Vorgänge bis zu dem Augenblick, wo er ſich mit Czernig und Chlodzek in deſſen Haus gerettet hatte. „O gütiger Himmel“, ſeufzte Nechodom,„was haben wir verſchuldet, daß wir ſolche Mishandlung erfahren?“ „Wartet nur, Vater Nechodom“, ſagte Czernig,„das war nur der Anfang!“. „Freilich, das Schlimmſte, das Allerſchwerſte kommt jetzt erſt“, begann Wolodna wiederum. 44 „Sobald wir im Hauſe waren, ſperrten wir eiligſt das Thor, damit nicht erbitterte Rotten aus dem Volke nach⸗ drängten; denn es waren viele Katholiſche in der Maſſe, die danach trachteten, ihren Haß an uns zu ſättigen. Einige der Unfrigen waren mit hineingeflüchtet. Mehre durch Säbelhiebe verwundet oder ſonſt beſchädigt, weil die Reiter ſie niedergeritten hatten. Der Pfarrer blutete an zwei Stirnwunden; ein Säbelhieb hatte ihn geſtreift, die andere war von dem harten Fall auf den Boden!“ „Und du auch, Vater?“ fragte Thereſe. „Meine Verwundung iſt unbedeutend, wir Alle ſind noch glücklich genug geweſen!“ antwortete er. „Wir fragten uns nur bange, was eigentlich gegen uns geſchehen ſolle? Draußen tobte das Getümmel noch eine zeitlang fort. Dann ward es ſtill. Die Straßen, der Kirchplatz waren menſchenleer. Nur düſtre Reiterpatrouillen ritten hin und her. Nach etwa einer Stunde kam ein Zug von Leuten mit Aexten, Brechſtangen und anderm Werkzeug vom Rathhaus her gegen die Kirche zu. Viel Volks, lauter Biſchöfliche, begleitete ihn zu beiden Seiten und wälzte ſich nach. Vor der Kirchthür ſammelte ſich die Maſſe an. Wir konnten nicht genau ſehen, was vorging; doch mußte die Thür, die ſie uns drei Jahre verſperrt haben, wol aufge⸗ ſchloſſen worden ſein; denn ſie öffnete ſich und die wild lär⸗ mende Volksmaſſe drang hinein!“ „Himmel, welch eine Entweihung des heiligen Orts!“ rief der Greis erſchüttert. „Geduldet Euch nur, Vater Nechodom“, ſagte Czernig finſterblicend.„Ihr werdet bald noch anders ſtaunen!“ „Alsbald hörten wir von drinnen heraus ein krachen⸗ des Getöſe, als breche das Gebälk ein; wildes Geſchrei und Jauchzen drang zu uns herüber! Wir fingen an zu — ——Vy——..——— 45 ahnen, was geſchehen! Jetzt ſtürmte eine Rotte Volks aus der Kirchenpforte wieder heraus; an ihrer Spitze erkannten wir den hämiſchen Buben, den Zaloska. Er hielt etwas Glänzendes hoch in Händen; wir ſahen, daß es unſer hei⸗ liger Kelch war! Der Verruchte warf ihn auf die Gaſſe und trat mit Füßen darauf!„Die Ketzer haben ihn ent⸗ weiht», ſchrie er, czertretet ihn!“ Und die ganze Schar brüllte ihm nach.“ Nechodom bebte vor Schauder; ſtarr gefeſſelt ſtanden Thereſe und Xaver.. „Und dieſe That des Abſcheus vollführten ſie!“ fuhr Wolodna fort.„Wir ſahen es mit eigenen Augen! Das heilige Gefäß wurde in den Koth geworfen und die Wü⸗ thenden zerſtampften es mit den Füßen*), während die Andern die Lüfte mit ruchloſem Geſchrei erfüllten!“ Der Greis hatte keine Worte; er bedeckte nur das Antlitz mit beiden Händen. 1 „Hört weiter“, hub Wolodna wieder an.„Das raſende Zerſtörungswerk begann jetzt von allen Seiten. Ein zweiter Haufe ſchleppte unſere Altardecke heraus; ſie wurde in Stücke zerriſſen! Immer größere Volkshaufen ſammelten ſich und ſchrien:«Zerſtört den ganzen Ketzertempel! Reißt ihn nieder! Sie ſtürmten wieder in die Kirche zurück, das draußen zuſammengelaufene Volk geſellte ſich zu ihnen. Jetzt ſahen wir, daß Werkleute auf das Kirchendach hinaufſtiegen vorſichtig mit Seilen um den Leib, welche die drinnen hielten, damit ſie nicht herabſtürzten. Sie kletterten hinauf bis zum Kreuz und ſchlangen gleichfalls Seile um dieſes. Einer riß die Wetterfahne heraus und ſchleuderte ſie hinab, daß ſie klirrend auf das Pflaſter niederfiel. Das Kreuz *) Hiſtoriſch. 4 46 ſuchten ſie vorſichtig herabzunehmen. Während deſſen ſchallte im Innern der Kirche furchtbares Getümmel und Getöſe. Ein Krachen von Beil⸗ und Artſchlägen drang durch das Geſchrei der Menge zu uns herüber. Sie zertrümmerten drinnen die Stühle und warfen die Trümmer hinaus auf die Gaſſe.*) Weiber und Kinder rafften ſie auf und ſchleppten ſie in ihre Häuſer zum Verbrennen. Die Werk⸗ leute droben fingen an das Dach abzudecken; die Schiefer⸗ platten praſſelten auf die Straße hinunter! Mit ſchweren Aexten hieben ſie auf das Gebälk des Dachſtuhls ein! Es war ſichtbarlich, das Gebäude ſollte bis auf den Grund zerſtört werden!“ „Aber um des heiligen Namen Chriſti willen, wie durf⸗ ten ſie das wagen?“ rief der zitternde Greis Nechodom aus. „Gibt es denn nicht menſchliche, nicht göttliche Gerechtigkeit mehr? Ließen denn die kaiſerlichen Kriegsleute dieſe Ver⸗ brechen des wilden Volks ungehindert zu?“ „Ob ſie ſie zuließen?“ fragte Wolodna bitter;„ſie be⸗ ſchützten ſie! Erſt als die Nacht anbrach und die Ruch⸗ loſen ihr Werk bei Fackelſchein fortſetzen wollten, ſchritten die Soldaten ein. Denn der Sturm trieb die Funken der Fackelbrände hoch in die Luft; ſie wirbelten mit dem ſtäu⸗ benden Schnee zugleich um. Sie hätten ſich wol wenig aus dem Brande der Kirche gemacht, aber die Häuſer der Katholiſchen wären nicht feuerfeſter geweſen als die unſerer Brüder. Darum wehrte die Mannſchaft dem Fortgang der Zerſtörung. Die Kirche wurde mit Mannſchaft beſetzt und Poſten ringsum ausgeſtellt!“ „O dieſe ſchwere That ruft laut zum Himmel!“ ſprach Nechodom im tiefſten Schmerz aufblickend hin. *) Alles hiſtoriſch. e⸗ „In ſpäter Abendſtunde“, erzählte Wolodna weiter, „ſchlich ſich Herbeck, der Gerichtsſchreiber, zu uns. Der erzählte uns erſt, daß vor dem Rathhaus, nach dem erſten Befehl, der uns auffoderte, auseinander zu gehen, eine zweite lange Schrift vorgeleſen worden war, in der ſeitens der kaiſerlichen Statthalterſchaft bekannt gemacht wurde, daß der Herr Erzbiſchof Lohelius befugt ſei, die wider alles Recht auf dem Grund und Boden des Erzbisthums erbaute Kirche zu zerſtören, nachdem der Unfug der Ketzerei auch nicht durch dreijährige Schließung des Gebäudes gehemmt worden ſei!“ „Sollen wir denn mit Gewalt abtrünnig von unſerm Glauben gemacht werden?“ rief Nechodom im edlen Feuer des Zorns, der ſeine bleichen, gefurchten Wangen röthete, aus.„War das der Sinn, in dem ſie uns die Kirche ſchloſſen?“ „So ſcheint es“, ſagte Wolodna.„ Laßt mich zu Ende berichten. Die Nacht verging uns unter Schrecken, Sorgen und Gebet. Es wagte ſich Niemand aus dem Hauſe, denn die Katholiſchen, von wilden Anſtiftern gehetzt, fielen über unſere Brüder her, wo ſie ſich vereinzelt blicken ließen. Sie hielten ſich daher in Häuſern verſchloſſen. Endlich . brach der Morgen an. Da erfuhren wir, daß alle Aus⸗ gänge des Orts beſetzt ſeien von den Reitern. Es durfte Niemand heraus noch hinein. Sie mochten wol fürchten, daß unſere im Gebirge und ſonſt in der Umgegend zer⸗ ſtreut wohnenden Brüder Nachricht erhielten und uns zu Hülfe kämen!“ „Allein wie erfuhrt Ihr ſelbſt, was vorging?“ fragte Xaver. 3 „Wir hielten treu zuſammen“, antwortete Czernig.„Ueber Gartenzäune und Hofmauern kletterten unſere Freunde zu⸗ ele —————— 8 4 1 48 einander. Einer ſagte dem Andern, was er geſehen, was er gehört hatte. Auf der Gaſſe, einzeln vollends, durfte ſich Niemand von uns zeigen, ohne daß die Erzbiſchöflichen ihn gemishandelt hätten. Der Hund Zaloska wollte auch ſeinen Haß ſättigen. Auf mich beſonders hatte er es ge⸗ münzt, weil ich ihm öfters mit meinen Fäuſten gezeigt habe, was ich von ihm halte! Ich habe ihn drei mal vom Ge⸗ höft gejagt!“ „Und auf mich hat er's auch“, ſetzte Wolodna hinzu, „weil ich ihn als Wilddieb abgefangen habe!“ „Und ſchützten euch unſers eigenen Kaiſers Leute nicht gegen die Wüthenden?“ fragte Nechodom. Wolodna ſchüttelte den Kopf.„Sie ſahen nicht, was vorging. Es wäre uns vielleicht noch übler ergangen, nur daß ſie wol an unſere Defenſoren dachten und deshalb Scheu hatten.“ „An ſie müſſen wir uns jetzt zwiefach dringend wenden“, ſprach Nechodom.„Nun müſſen wir nach Prag!“ „Das wäre jetzt eine üble Zeit, Vater“, ſagte Wo⸗ lodna.„Holoduk hat Recht. Die Defenſoren haben nicht Macht, uns zu ſchützen. Wir werden wie die Abgeſandten von Braunau in den Weißen Thurm geworfen!“ „Wie? Wir, die wir die Mehrzahl in Böhmen bil⸗ den, ſollten ſo unterdrückt ſein?“ rief Xaver zornfunkelnden Auges. „Nein, das dürfen wir nicht ertragen, Vater!“ ſagte auch Thereſe mit ſtolz gehobenem Haupt, und das Feuer ihrer Seele blitzte aus den thränenfeuchten Augen.„Denn lieber den Tod erdulden als ſolche ſchmähliche Gewaltthat!“ „Wir wollen reiflich prüfen“, erwiderte Nechodom,„und dann vor keinem Opfer zurückſchrecken. Doch ſagt uns weiter, lieben Freunde, wie iſt es euch gelungen, hierher zu kommen?“ 2 49 „Heute den Tag über hielten wir uns ſtill im Hauſe des Pfarrers. Das wenigſtens hinderte die kaiſerliche Mann⸗ ſchaft, daß die Rotten uns nicht in die Häuſer brachen. Wir brachten traurige Stunden zu, denn die Zerſtörung unſerer Kirche begann mit Tagesanbruch aufs neue. Jetzt nicht mehr im Tumult der Wüthenden, aber dafür ganz regelmäßig in voller Ordnung. Das Kreuz war herab⸗ genommen, der Kirchthurmknopf auch.“ 1 „Den haben ſie gleich der katholiſchen Kirche geſchenkt, und den Altar und Beichtſtuhl ſoll ſie auch bekommen“*), fiel Czernig ein.„Das zertrümmerte Holzwerk, das die Bürger erſt in ihre Häuſer ſchleppten, hat der katholiſche Pfarrer in Anſpruch genommen. Es wird ihm ſchon zu⸗ getragen und zugefahren zum Verbrennen!**) Das Holz iſt gut, um Faſtenſpeiſe dabei zu kochen», ſpotteten die Zerſtörer.“ „Doch wie kamt ihr fort? fragte Nechodom abermals. „Als es dunkel wurde, ſtiegen wir im Pfarrgarten über die hintere Mauer; von dort läuft ein enges Gäß⸗ chen zwiſchen Gärten und Feld aus; das war unbewacht. So erreichten wir das Freie und wanderten unter dem Schutze der Dunkelheit zu Fuß hierher.“ „Gott ſei gelobt!“ rief Nechodom aus.„Sind andere unſerer Freunde zu Schaden gekommen?“ fragte er nach kurzer Pauſe. „Hauptmann Holoduk hat, indem er fiel, einen Säbel⸗ hieb über ſein altes Haupt bekommen, doch iſt er zum Glück nur leicht verletzt. Von Andern weiß ich nichts.“ *⁵) Hiſtoriſch. **) Hiſtoriſch. Rellſtab, Drei Jahre. 2. Aufl. I. 1. 3 50 Es traten einige Augenblicke tiefen Schweigens ein. „Morgen“, nahm Wolodna das Wort wieder auf, „wollen wir nach Hauſe! Doch dieſe Nacht, guter Vater Nechodom, müßt Ihr uns ſchon noch Beide beherbergen!“ „Ich könnte auch wol noch heute nach Hauſe“, ſagte Czernig, der eine Stunde weiter im Gebirge ſein Ge⸗ höft hatte. „Nein, Ihr dürft nicht“, erwiderte Xaver, und faßte ſeine Hand.„Die Wege ſind tief verſchneit und vom Sturm verweht! Wir haben ja gutes Obdach für Euch!“ „Verſteht ſich, lieber Freund, daß Ihr unter meinem Dache bleibt“, bat auch Nechodom.„Könnte ich Euch und uns Allen nur für unſeres Lebens Dauer eine Stätte des Friedens ſichern! Aber wo wäre dazu Hoffnung für uns in Böhmen!“ „Wir dürfen die Hoffnung noch nicht aufgeben, Vater Nechodom“, entgegnete Wolodna;„im Frühjahr wollen die Glaubensbeſchützer eine Verſammlung aus den utra⸗ quiſtiſchen Ständen aller Kreiſe Böhmens nach Prag ins Carolinum berufen, wie mir Herr Martin Frühwein in Teplitz erzählt hat. Da wollen ſie jede Kraft einſetzen, daß der Majeſtätsbrief ferner nicht mehr verletzt werde.“ „Gebe Gott, daß ihr Vorhaben gelingt“, ſagte Necho⸗ dom.„Auch wir wollen das Unſere redlich thun! Jeden Tag bin ich bereit, nach Prag zu gehen, ſobald ihr euch darüber geeinigt habt, daß es fruchten könne! Ich fürchte nichts; meine Tage ſind gezählt; mein Trachten iſt nur, daß ich die wenigen, die mir der Himmel noch läßt, für unſere heilige Sache verwenden kann!“ „Jetzt aber fruchtet eine Botſchaft nach Prag nichts mehr“, entgegnete Wolodna,„ſie muß aufgeſchoben wer⸗ den bis zur Verſammlung. Unſere niedergeriſſene Kirche können wir nicht mehr retten. Die Nachricht von ihrer Zerſtörung wird von ſelbſt und mächtig nach Prag dringen!“ „Sie wird alle Gemüther aufſtacheln“, rief Xaver. „Die brüderlich gemeinſame Weihnachtsfeier, auf die unſere Gemeinde hoffte, liegt unter Trümmern begraben“, ſprach Nechodom feierlich.„Gib du o gütiger Vater“, erhob er die Stimme, und richtete Blick und Hände auf⸗ wärts,„daß das heilige Oſterfeſt, das Feſt der Auf⸗ erſtehung des Herrn, auch das Auferſtehungsfeſt unſerer Gemeinde werde zu ungehemmter, freier Ausübung ihrer Andacht!“ Das waren die heißen Wünſche und Hoffnungen der Bedrängten. Zweites Buch. —— Fünftes Capitel. In einem gewölbten Gemach, deſſen Wände ringsum bis zur Decke hinan von aufgeſtellten Büchern und aufgehängten großen Landkarten bedeckt waren, und in dem Erd⸗ und Himmelsgloben, mathematiſche Inſtrumente, die auf großen Tiſchen ſtanden, und ſonſt vielfache andere Gegenſtände ſich befanden, die von der gelehrten Thätigkeit des Bewohners zeugten, ſaßen zwei Männer im eifrigen Geſpräch mit⸗ einander. Der eine mochte, wie ſein weißes, aber reiches Haar kundgab, gegen ſiebzig Jahre zählen; doch verriethen Züge und Haltung noch eine rüſtige männliche Kraft. Das edle Antlitz, voll Würde und Sanftmuth, mußte jedes Herz gewinnen; das feurige Auge verkündete die Ueberlegenheit des Geiſtes, der in dieſem Haupte wohnte. Es war der Kanzler und kaiſerliche Rath, Freiherr Wenzel von Bu⸗ dowa auf Budowitz, der Bewohner des Hauſes, ein Mann von tiefer Gelehrſamkeit, reicher Lebenserfahrung und hoher Geſinnung. Der zweite ſtand im kräftigſten Mannesalter; ſeine Miene zeugte von Hochſinn und Sauftmuth zugleich. Es war der Statthalter der Oberlauſitz, Graf Joachim An⸗ dreas von Schlick. 56 „So werden alſo alle Provinzen einig ſein, theurer Graf“, ſagte Budowa, und ein freudiger Anflug belebte ſein ernſtes Antlitz;„ich glaubte nie anders, als daß un⸗ ſere Brüder in der Lauſitz ebenſo denken wie in Schleſien und Mähren und wir hier in Böhmen.“ „Wie könnten ſie anders?“ entgegnete der Graf.„Sie erfahren dieſelben Bedrängniſſe, wenngleich jetzt gerade die ſchwereren Fälle, die unſere Sorge und Klage bilden müſſen, in Böhmen vorgehen!“ „Und ich fürchte faſt noch ſchwerere!“ entgegnete Bu⸗ dowa.„Der Pfarrer Chlodzek von Kloſtergrab war vor einigen Tagen ſelbſt bei mir. Nunmehr, da auch in Braunau die Kirche geſchloſſen iſt, haben die Gemeinde Kloſtergrab und die Brüder im Gebirge, die ſich zu ihr halten, natürlich ganz die Hoffnung verloren! Ja, ſie haben noch andere Beſorgniſſe. Die utraquiſtiſchen Be⸗ wohner der erzbiſchöflichen Orte und Güter bilden die Minderzahl. Bisher haben ſie mit ihren katholiſchen Nach⸗ barn friedlich gelebt; wenigſtens in den letzten Jahren, ſeit Erlaſſung des Majeſtätsbriefs. Jetzt aber, ſeit den Ereig⸗ niſſen zu Kloſtergrab, iſt der Haß gegen unſere Glaubens⸗ brüder heftig aufgeregt, und nichts wird geſpart, um die Flamme deſſelben zu ſchüren! Aufwiegler durchſtreifen das Gebirge, ſuchen Nachbarn gegen Nachbarn in Zwiſt zu bringen. Man möchte wol nicht blicken laſſen, daß eine Verfolgung der Utraquiſten von oben her angeordnet würde, aber man ſieht es doch gern, wenn ſie bedrängt und in Schrecken geſetzt werden. Das ſind Bekehrungsmittel!“ „Abſcheuliche Hinterliſt!“ ſagte Schlick unwillig.„Und vielleicht ahnen dieſe katholiſchen Landleute ſelbſt nicht ein⸗ mal, daß ſie gemisbraucht werden! Von ſelbſt haßt Keiner den Andern ſo arg!“ — 57 „Freilich, das Gift muß geſäet werden; doch den Bo⸗ den, wo es aufgeht, bietet die rohe Maſſe ſtets dar!“ antwortete Budowa, das Haupt ſchüttelnd.„Ich habe Chlodzek dringend gebeten, ja überall zum Frieden und zur Duldſamkeit zu reden, daß unſere Brüder nicht ſelbſt Un⸗ vorſichtiges begehen, damit die Verfolger noch gar den Schein des Rechts für ſich hätten! Allein es wird wenig fruchten, denn die Gegner arbeiten zu beharrlich. Auch Slawata iſt gewiß im Hintergrunde thätig dabei, denn ſein und Martiniz' Vertrauter, der Geheimſchreiber Fabricius, iſt häufig dort ſichtbar geworden. Er hat, ſo ſcheint es, die Fäden des Netzes geheim in der Hand und ſendet ſeine Helfershelfer aus!“ „So lange Slawata und Martiniz in der Statthalter⸗ ſchaft ſitzen, können wir nicht auf Ruhe hoffen!“ ſagte Schlick finſter.„Und dieſer Schleicher, dieſer Fabricius, das glaubt mir, iſt, wie alle dergleichen gefügige Crea⸗ turen der Macht, noch gefährlicher und erbitterter als ſie ſelbſt!“ „Zuverläſſig“, ſiel Budowa bei.„Martiniz und Sla⸗ wata haben wenigſtens eine ritterliche Geſinnung, wenn ſie auch die heftigſten Zeloten gegen uns ſind!“ „Ob ihre ritterliche Geſinnung Stich hält, wenn ſie mit ihrem Glaubenseifer in Zwieſpalt geräth“, ſagte Schlick nachdenklich,„das wollen wir abwarten! Martiniz zum Beiſpiel hätte das Burggrafenthum von Karlsſtein aus⸗ ſchlagen müſſen, wenn er echt ritterlich gedacht hätte!“ „Thurn iſt auch ſchwer erbittert auf ihn. Er wäre hier, doch er iſt nicht in Prag.“ „Ich weiß“, antwortete Schlick,„er iſt zur Jagd in Lowoſitz. Ich ſchätze Thurn, allein ich fürchte ihn auch. Er war von jeher zu leidenſchaftlichen Sinnes, und jetzt 2*† 3 58 vollends, da er ſo erzürnt auf Martiniz iſt, wozu er frei⸗ lich Urſache hat! In unſerer Verſammlung iſt er viel zu heftig geweſen! Es iſt ſeine Weiſe, ſich ſelbſt ins Feuer zu reden! Er trägt hauptſächlich die Schuld, daß unſer Bitt⸗ ſchreiben an den Kaiſer ein Drohſchreiben geworden iſt!“ „Auch Olbramowitz war für dieſe Faſſung!“ antwor⸗ tete Budowa. „Auch er iſt zu ereifert, trotz ſeiner Jahre, und ob⸗ gleich er nicht Soldat iſt; einem Manne wie Thurn, der den Degen ſührt, hält man es leichter zugut!“ 2 „Heftig iſt Olbramowitz“, gab Budowa zu;„aber auch entſchloſſen, redlich und ehrenhaft wie Keiner!“ „Wer wollte ihm das beſtreiten? Allein ſein allzu raſcher Eifer....“ Ein Diener, welcher die Thür öffnete, unterbrach hier die Worte des Grafen Schlick mit der Meldung:„Der kaiſerliche Rath Herr Dworſchetzki von Olbramowitz!“ „Er iſt willkommen“, winkte Budowa lächelnd, und wandte ſich dann zu Schlick mit den Worten:„Nun könnt Ihr ihm Eure Meinung gleich ſelbſt ſagen, Graf Schlick!“ „Bei Gott, das will ich!“ antwortete dieſer,„denn nur Wahrheit kann unſerer Sache nützen, und wir müſſen zuerſt aufrichtig gegeneinander ſein!“ Olbramowitz trat ein. Ein Mann von über ſechzig Jahren, doch ſeiner Haltung nach jünger; ſeine hohe Stirn, ſein flammender Blick, ſprachen die ſtolze Feſtigkeit und das Feuer ſeines Sinnes aus. „Seid uns gegrüßt, Freund Olbramowitz, ich danke Euch, daß Ihr unſere vertrauliche Beſprechung nicht ver⸗ ſäumt“, trat Wenzel von Budowa ihm entgegen, und reichte ihm die Hand; auch Schlick empfing ihn mit be⸗ freundetem Händedruck. * — 59 „Nun? Ihr wißt, Thurn kommt nicht!“ begann der Eintretende; Beide bejahten nur mit dem Kopf nickend. „Er hat mir ſeine ganze Meinung geſagt und über⸗ tragen, ich habe Vollmacht für ihn zu ſtimmen.“ „Setzt euch, Olbramowitz“, lud ihn Budowa ein. „Es war von Euch und Thurn hier eben zwiſchen uns die Rede“, ſagte er mit halbem Lächeln.„Wir Beide ſtimmen nicht ſo ganz mit Euch!“ „Und wie das?“ fragte Olbramowitz verwundert,„ich dächte, es ginge uns Allen auf gleiche Weiſe übel, daß wir wol Alle auf gleiche Weiſe über unſere Lage denken müſſen.“ „Das wol“, antwortete Graf Schlick ruhig;„aber nicht Alle auf gleiche Weiſe über die Abhülfe!“ „Nun, und was hätten wir thun ſollen? Mußten wir nicht gemeinſam, ernſtlichſt, gerade an den Kaiſer gehen?“ „Wir Defenſoren wol gemeinſam“, erwiderte Schlick; „allein die Ausſchreibung der Verſammlung im Carolinum und die gemeinſame Berathung mit den Abgeordneten hät⸗ ten wir unterlaſſen ſollen!“ „Unterlaſſen?“ rief Olbramowitz, und machte eine un⸗ ruhige Bewegung, als wolle er ſich vom Sitze erheben, „welch ein anderes Mittel hatten wir, uns der täglich mehr überhand nehmenden Gewaltthaten zu wehren? Wir ſchrieben die Verſammlung aus, kraft unſerer Ermächtigung vom Landtage des Jahres 1609, die utraquiſtiſchen Oberſt⸗ Landoffiziere, Landrechtsbeiſitzer, königlichen Räthe und ſechs Abgeordnete jeglicher Kreiſe Böhmens zur Berathung zu verſammeln!“. „Die Landordnung“, ſagte der Graf ernſt,„verhängt Todesſtrafe über Den, welcher ohne Erlaubniß des Königs Ständeverſammlungen veranſtaltet—— 60 „Es war keine Ständeverſammlung!“ unterbrach Olbra⸗ mowitz ihn lebhaft;„es war eine Verſammlung unſerer Glaubensbrüder. Was hätten wir denn als ihre erwählten und beſtätigten Glaubensbeſchützer für ſie zu thun, wenn wir nicht ſolche Schritte auf unſere Verantwortung nehmen wollten? Nein, Freunde, wir dürfen uns nicht ſcheuen, die Arbeit mit dem rechten Handwerkszeug anzufaſſen! Das Vertrauen auf uns iſt im Sinken, und nicht mit Unrecht. Es ſind ihrer nur zu Viele lau oder vergeßlich geworden! Wir waren vierundzwanzig vor neun Jahren, jetzt ſind wir neun!“*) „Es iſt Mancher geſtorben ſeitdem“, wandte Budowa entſchuldigend ein. „Drei! Aber ein Dutzend hat den Muth und Eifer verloren!“ „Ich gewiß nicht“, erhob Schlick Wort und Haupt mit edlem Selbſtbewußtſein.„Doch über unſere Verſammlung bin ich nicht gleicher Meinung mit Euch, Olbramowitz.“ „Laßt mich meine Meinung vertheidigen!“ rief dieſer lebhaft.„Was haben unſere Schritte zuvor geholfen? Haben wir für unſere Brüder zu Kloſtergrab etwas thun können? Ihre Kirche iſt in Trümmer geſtürzt, es iſt Blut gefloſſen! Ich weiß, es brütet dort noch viel Arges!“ Budowa machte eine Bewegung trauriger Beiſtimmung. „Konnten wir die Abgeſandten von Braunau nur aus dem Weißen Thurm erlöſen?“ fuhr er mit ſteigendem Eifer fort.„Schmachten ſie nicht vor unſern Augen zum Jammer der Ihrigen noch jetzt hier im Kerker? Wie lauteten die kaiſerlichen Beſcheide auf unſere Vorſtellungen? Alles ſei ſo recht und gut, unſere Brüder aufrühreriſche Ketzer, die *) Hiſtoriſch. 61 wider den Majeſtätsbrief frevelten! Ihr ſelbſt, Graf Schlick, habt ja dieſe Antwort von den Herren Statthaltern em⸗ pfangen, als Ihr ihnen unſere Schrift übergabt! Was alſo haben wir auf ſolchen Wegen für Die erreicht, die wir beſchützen ſollten? Die Kirche zu Kloſtergrab liegt im Schutt! Die zu Braunau bleibt geſchloſſen! Es war ſchon viel, daß unſere eigenen Glaubensgenoſſen ſie nicht ſchließen halfen! „Schönfeld und Niclas Gersdorf“, ſagte Budowa warm,„haben ihre Pflicht ehrenhaft erfüllt!“ „Wer wollte das leugnen? Allein daß ſie nicht mehr thun konnten, als die Vollziehung des ungerechten Befehls abweiſen und ihn den drei andern überlaſſen, das be⸗ klage ich! Die braunauer Kirche bleibt darum den Unſern nicht minder geſperrt, daß nur die katholiſchen Commiſſare, daß nur Liebſteinski, Mitrowicz und Wildenow ſie verſchloſſen und die Schlüſſel hierher nach Prag gebracht haben!“ „Glaubt Ihr aber, daß unſere, verzeiht mir's, allzu heftige Schrift vom 11. März....“ „Allzu heftig? Das iſt ſie nicht!“ unterbrach Olbra⸗ mowitz.„Welche Sprache ſollten wir führen, nachdem Alles vergeblich geweſen!“ „Glaubt Ihr aber“, begann Schlick wieder,„daß der Kaiſer darauf hin den Befehl wegen Braunaus zurück⸗ nehmen wird?“ „Kennt Ihr vielleicht die Antwort ſchon, Herr Graf?“ erwiderte Olbramowitz mit eigenthümlichem Ton, und ſah Schlick forſchend an. „Iſt ſie ſchon hier aus Wien?“ fragte Budowa lebhaft. „Hier noch nicht!“ entgegnete Olbramowitz bitter lä⸗ chelnd,„aber ſie wird bald dort ſein!“ „Wie ſoll ich das verſtehen? Meint Ihr unſer Schrei⸗ 62 ben? Das muß ja ſchon längſt in des Kaiſers Händen ſein!“ erwiderte Schlick. „Nein, Herr Graf, ich meine nur die Antwort darauf!“ ſagte Olbramowitz mit Nachdruck. „Ihr ſprecht in Räthſeln!“ verſetzte Budowa, und blickte Olbramowitz geſpannt an. 4 „Ich will ſie Euch löſen. Dieſe Antwort wird hier gemacht von Slawata und Martiniz! Sie iſt ſchon fertig! Dem Kaiſer wird ſie nur zur Unterſchrift vorgelegt! Die Nämlichen, über die wir uns beſchweren, verfaſſen die Be⸗ ſcheide wider uns! So geht's mit allen unſern Sachen!“ „Ich kann's nicht glauben“, rief Graf Schlick in entrüſtetem Erſtaunen. „Ihr wißt, Budowa“, wandte ſich Olbramowitz zu dieſem,„daß ich immer gut unterrichtet bin von Dem, was im feindlichen Lager vorgeht. Ich bin nicht Soldat, aber ich verſtehe mich doch etwas auf Feldherrnkünſte und weiß zu erfahren, was der Gegner vor hat.“ „Ja, das iſt wahr“, antwortete der Kanzler, indem er Schlick anſah,„unſer Freund weiß immer ſehr gut, was vorgeht!“ „Nun, da Ihr mir dies Zeugniß gebt“, ſagte Dwor⸗ ſchetzki,„ſo verſichere ich Euch denn, daß unſer Beſcheid ſchon im Entwurf fertig iſt!“ „Kennt Ihr ihn?“ „Wörtlich nicht; aber den Inhalt. Wir werden ab⸗ und ſtreng zurechtgewieſen!“ „Und das ginge von den Statthaltern ſelbſt aus!“ rief der Graf. „Nicht von allen; vornehmlich von Slawata und Mar⸗ tiniz. Herr Paul Michna und Herr Fabricius haben das Document gemeinſam verfaßt.“ —j A „Dieſe....“, rief Budowa empört aus, hemmte aber das Wort, das folgen ſollte. „Allein alle dieſe Angelegenheiten leitet in Wien der Cardinal Cleſel, der nicht ſo ganz unſer Feind iſt“, wandte Schlick ein. „Nicht ſo ganz wie unſer künftiger König Ferdinand und ſein Beichtvater zu Wien, der Herr Pater Lämmer⸗ mann, aber doch genug, um unſere Feinde hier nicht zu hindern. Der Herr Cardinal wird alſo die Antwort, die ſie ſich ſelbſt verfaßt haben, ohne Zweifel gutheißen. Ge⸗ nug, Ihr Herren, ich beharre dabei, unſere letzte Bitt⸗ ſchrift muß unſere letzte geweſen ſein. Wir müſſen jetzt zu Thaten ſchreiten. Darum war unſere Verſammlung hier kein Unrecht, ſondern ſie war eine Handlung der Nothwehr. Und ſie darf alle Rechte unſerer Brüder in ganz Böhmen vertreten, denn ſie war eine ganz allge⸗ meine, wenn auch die zaghaften Magiſtrate der drei pra⸗ ger Städte und von Kuttenberg keine Abgeordnete ge⸗ ſchickt haben, und wenn auch Einige von uns furchtſam oder augendieneriſch weggeblieben ſind. Wir müſſen ver⸗ folgen, was wir begonnen haben; es muß dabei bleiben, daß wir am 21. Mai wieder im Carolinum zuſammen⸗ kommen. Sollen wir, die wir die Mehrzahl in Böhmen bilden, unſern Beſchlüſſen nicht Nachdruck geben, nur weil unſere Gegner das Regiment in Händen haben? Soll Oeſterreich, ſoll der deutſche Kaiſer in Böhmen herrſchen oder der König von Böhmen, dem die Stände des Reichs ſeine Rechte begrenzen? Was wir am 6. März im Ca⸗ rolinum beſchloſſen haben, iſt rechtsgültig! Denkt man denn in der Lauſitz nicht ſo, Herr Graf?“ „Im Ganzen völlig, doch gegen die einzelnen Schritte richtet ſich manches Bedenken“, antwortete Schlick. „Wollen die Städte dort vielleicht“, fragte Budowa, „die Bitte in unſerm Rundſchreiben an ſie, das die ſchleſiſchen und mähriſchen Städte ſo wohl aufgenommen haben, nicht erfüllen?“ „Es hat ſich meines Wiſſens keine Stadt in Mähren geweigert, eine unſere Sache unterſtützende Bittſchrift, ganz wie das Rundſchreiben darum nachſucht*), an den Kaiſer zu richten“, antwortete Schlick. „Und ich ſage Euch, alle dieſe Bittſchriften werden ſo wenig helfen, wie unſere eigene!“ ſprach Olbramowitz un⸗ muthig.„Handeln müſſen wir; des Schreibens iſt genug geweſen. Sonſt dürfen unſere Schutzbefohlenen uns Ver⸗ räther nennen! Den Namen will ich mir nicht erwerben!“ „Das wird Keiner von uns!“ rief Schlick edel auf⸗ wallend. „Ich komme alſo am 21. Mai und ſollte ich allein im Saale ſitzen!“ fuhr der entſchloſſene Olbramowitz fort. „Thurn wird aber auch nicht fehlen!“ „Wir Alle nicht“, ſagte Budowa mit Wärme, und legte die Hand aufs Herz. „Zuverläſſig nicht“, bekräftigte Schlick, und ſtand auf; „wenn es gilt mit unſerm Haupt unſere Handlungen zu vertreten, werde ich mich nicht zurückziehen. Doch gut⸗ heißen kann ich die Verſammlung nur, wenn uns kein anderes Mittel bleibt!“. „Bleibt Euch ein anderes, mein theurer Graf?“ fragte Olbramowitz mit Wärme, von Schlicks adligem Sinn und Weſen ergriffen, und faßte deſſen Hand,„bleibt Euch ein anderes, wenn der Kaiſer alle unſere Bitten abweiſt und unſer Verfahren ſtrafbar, ketzeriſch, aufrühreriſch nennt?“ *) Hiſtoriſch. — S 65 Graf Schlick ſchwieg und blickte ernſt vor ſich hin. „Wir müſſen uns ja ſchon deshalb wieder verſammeln“, ſagte der Kanzler ruhig,„weil unſer letzter Beſchluß war, daß wir die Antwort des Kaiſers, die bis zum 21. Mai doch eingetroffen ſein muß, gemeinſam vernehmen und be⸗ rathen wollen. Was ſollen wir beginnen mit dem Be⸗ ſcheid, falls er einträfe? Wie ſollten wir die Antwort abfaſſen, falls es einer bedürfte?“ „Das Alles iſt wahr, und die Verſammlung hat guten Grund“, antwortete Schlick.„Allein man wird nicht er⸗ mangeln, unſere Abſicht zu entſtellen, zu verleumden.“ „Wie immer geſchieht!“ warf Olbramowitz kurz da⸗ zwiſchen. „Darum bitte ich Euch“, fuhr Schlick fort,„laßt uns als Defenſoren eine Schrift abfaſſen, die, ruhiger als die letzte, unſere Gründe darlegt, weshalb wir uns aufs neue verſammeln müſſen. Laßt uns dieſe den Statthaltern übergeben und ihnen offen, amtlich damit unſere Zuſammen⸗ kunft am 21. Mai anmelden.“ „Meinethalben!“ ſagte Olbramowitz.„Ich bin nicht dawider. Obwol ich nichts davon erwarte. Die Statt⸗ halter werden dem Kaiſer Alles in anderm Lichte dar⸗ ſtellen, und die Herren von der Societas Jesu der Welt. Sie werden nur einen Anlaß davon nehmen, neue Ver⸗ leumdungsſchriften gegen uns ausgehen zu laſſen!“ „Wir aber müſſen unſere Berechtigung darlegen, das iſt gewiß verſöhnlich“, erwiderte Budowa.„Wir ſind berechtigt durch den Majeſtätsbrief und durch den Landtags⸗ abſchied des Jahres 1609. Ich bin bereit, die Schrift aufzuſetzen.“ „Unter dieſer Bedingung ſchließe ich mich allen andern Schritten ganz an“, ſprach Schlick befriedigt, und bot Olbra⸗ —— 66 mowitz die Rechte dar. Dieſer nahm ſie herzlich; auch Bu⸗ dowa reichte die Hand zum Bunde. „Wir Drei ſind alſo einig!“ ſprach er bewegt.„Ich freue mich, daß unſere vertraute Beſprechung uns zu die⸗ ſem Ziele geführt hat! Wir werden einen ernſten, müh⸗ ſamen, vielleicht ſogar gefahrvollen Weg miteinander gehen. Da iſt es die troſtreichſte Stütze, daß wir auch feſt an⸗ einander halten.“ „Bis zum letzten Schritt! ſagte Olbramowitz feſt. „Bis zum Tode, wenn es ſein muß!“ fügte Schlick mit erhobener Seele hinzu. „So will ich gleich heute an die Arbeit gehen und zu übermorgen wollen wir unſere Amtsbrüder zuſammenberufen zur Genehmigung und Unterzeichnung der Schrift.“ Mit dieſem Beſchluß trennten ſie ſich. Sechstes Capitel. In der Burg zu Prag, auf dem Hradſchin, im Sitzungsſaale der zehn Statthalter, welche Böhmen im Namen des Kaiſers Matthias verwalteten, ſaßen vier der⸗ ſelben an der mit grünem Tuch bedeckten langen Berathungs⸗ tafel beiſammen. Der Präſident, Freiherr Wilhelm von Sla⸗ wata, Herr zu Neuhaus, Chlum und Koſchenberg, welcher in der Mitte der Tafel den Vorſitz führte; neben ihm zur Rechten der Oberſtburggraf von Prag, Graf Adam von Sternberg; zur Linken der Freiherr Jaroslaw Borzita von Martiniz, Herr auf Okor und Smeczan, daher auch 4 ½ 67 Smeczanski genannt, Oberburggraf der Veſte Karlsſtein und als ſolcher der Hüter der böhmiſchen Krone, der Reichs⸗ kleinodien und Schätze, wie der wichtigſten Landesdocumente; an ſeiner Seite endlich der Freiherr Diepold von Lob⸗ kowitz, Großprior des Malteſerordens, ein Greis, dem ſchneeweißes Haar das Haupt deckte. Am ſchmalen untern Ende der mit Schriftſtücken und Pergamentrollen in Blechkapſeln bedeckten Tafel hatte der Geheimſchreiber Fa⸗ briceius von Platter ſeinen Sitz. Er war eifrig be⸗ ſchäftigt, die vielen Papiere, die er vor ſich hatte, zu ordnen. Außer dieſen fünf Männern war Niemand im Saale. Dieſer bildete ein längliches Viereck von mäßiger Größe in einem nach dem Graben gegen die Altſtadt zu vor⸗ ſpringenden Gebäude der Burg. Daher hatte er nach drei Seiten Fenſter, gegen die Grabenſeite indeß nur eins; breit, viereckig. Dieſem gegenüber lag die Eingangsthür, die einzige des Saals. An den Wänden hingen die Bild⸗ niſſe vieler böhmiſcher Könige; auch des Letztverſtorbenen, des Kaiſers Rudolf und ſeines jetzt herrſchenden Bruders, des Kaiſers Mathias. Schwere Seſſel, mit rothem Sam⸗ met überzogen, ſtanden um den Tiſch; die meiſten leer. Slawata hatte ein Document von anſehnlicher Stärke in der Hand, deſſen Vorleſung ſoeben beendet war. Unter den Anweſenden herrſchte die tiefſte Stille der Spannung und Aufmerkſamkeit. „Ich werde jetzt“, hub Slawata an,„die Herren ein⸗ zeln um ihre Meinung bitten über dieſe Abfaſſung. Daß ich meinestheils ihr ganz beiſtimme, habe ich ſchon aus⸗ geſprochen. Allein ich will gewiß nicht dagegen ſein, wenn einer der Herren eine zweckmäßige Aenderung vorſchlägt. Herr Großprior, wolltet Ihr, als der Aelteſte von uns, Euch zuerſt äußern?“ — 68 „Ich kann dieſe Abfaſſung nicht gutheißen“, ſagte der Greis mit ſehr ernſtem Tone.„Die Beſchwerde der Glaubens⸗ beſchützer, zu der ſie die Verſammlung der proteſtantiſchen Abgeordneten im Carolinum ermächtigt hat—“ „Dieſe ganze Verſammlung“, unterbrach Slawata,„war nicht ermächtigt, ſie war eine Eigenmächtigkeit!“ „Verzeiht, Herr Präſident“, entgegnete Lobkowitz ruhig, „ſie war nicht ſo durchaus unermächtigt. Sowol der Land⸗ tagsabſchied vom Jahre 1609 als der Majeſtätsbrief ent⸗ halten Berechtigungen..“ „Vergebt mir, Herr Großprior“, fiel ihm Slawata wiederum ins Wort,„die Berechtigungen, die Ihr meint, werden nur von den Utraquiſten hineingedeutet. Sie ſind nicht darin enthalten; überdies hat der Majeſtätsbrief als 4* ein erzwungenes Document meines Erachtens keine Kraft. Ihr wißt, ich habe ihn nie anerkannt.“ „Auch ich nicht“, ſagte Martiniz laut.— „Ich weiß, ihr Herren habt euch der Landtagsverſamm⸗ lung entzogen, welche den Majeſtätsbrief der Landtafel als Urkunde der Vereinbarung feierlich einverleibte“, er⸗ widerte Lobkowitz ruhig; doch das kann hier nicht in Be⸗ tracht kommen. Ich halte die Verſammlung, welche die proteſtantiſchen Abgeordneten am 6. März gehalten haben, für berechtigt. Auch ihre Beſchwerde iſt in vielen Punkten begründet...... 4 „Sie iſt ein Act offenen Aufruhrs, voller Bedrohun⸗ gen“, fiel Slawata wiederum ein. „Sie iſt heftig gefaßt, das iſt wahr“, erwiderte der 4 Großprior,„das hätte man rügen dürfen; aber man kann die Klagepunkte nicht ſo hart abweiſen, wie es in dieſer Abfaſſung des Beſcheids geſchieht.“ Er deutete dabei auf das Document, welches Slawata noch in der Hand hielt. 69 „Einige der Beſchwerden ſind durchaus begründet, über andere wäre die Entſcheidung mindeſtens zweifelhaft. Des⸗ halb ſollte man in einem ruhigen, verſöhnlichen Tone ant⸗ worten, und jedenfalls wäre es angemeſſen, Sr. Majeſtät unſerm allergnädigſten Kaiſer die Antwort frei zu über⸗ laſſen, nicht ihm gewiſſermaßen eine Vorſchrift zu über⸗ ſenden, wie das vorgeleſene Document eine iſt.“ „Das Document iſt nur ein Vorſchlag zur Antwort, die wir hier, da wir an Ort und Stelle die Lage der Dinge am genaueſten kennen, auch am geeignetſten abfaſſen konnten. Es dient an Stelle eines Berichts.“ „Weshalb ſoll aber nicht wirklich ein Bericht abge⸗ faßt werden?“ fragte der Großprior. „Das möchte ich auch fragen?“ ſchloß Graf Stern⸗ berg ſich an. „Und laßt mich auf das Einzelne kommen“, fuhr Lob⸗ kowitz fort;„ich halte es für hart und ungerecht, daß die abgeſandten Bürger von Braunau hier noch immer im Ge⸗ fängniß liegen.“ „Es iſt kaiſerlicher Befehl, wider den wir nichts ver⸗ mögen“, verſetzte Slawata. „Der aber auf Darſtellung der Sachlage durch die Statthalterſchaft von Sr. Majeſtät erlaſſen iſt“, entgegnete Lobkowitz.„Ich billige ferner das Verfahren des Herrn Erzbiſchofs zu Kloſtergrab nicht. Es bedurfte nicht der Niederreißung der Kirche. Das mußte die Utraquiſten tief erbittern!“ „Wolltet Ihr, Herr Großprior“, fragte Slawata,„Euch auf Euern eigenen Beſitzungen, wo Ihr das Herrenrecht als rechtgläubiger Anhänger der katholiſchen Kirche aus⸗ übt, von jedem beliebigen Unterthanen Kirchen ſeines Glau⸗ bens aufbauen laſſen? Dann hörte jeglicher Schutze für —— unſere Kirche auf und wir wären als ihre bitterſten Feinde anzuklagen, indem wir dergleichen Misbräuche geſtatteten!“ „Ich würde“, antwortete der Greis mit einem ernſten Blick,„die Andersgläubigen mindeſtens nicht zwingen, meinem Glauben zu folgen!“ „Mit Verlaub, Herr Großprior“, antwortete Slawata, der die härteſten Maßregeln gegen die Utraquiſten auf ſei⸗ nen Herrſchaften angewendet hatte, gereizt,„das würde ich für ſtrafbare Gleichgültigkeit, für Frevel an ihrem Seelen⸗ heil halten!“ „Daß ich's kurz ſage“, wandte ſich Lobkowitz mit feſtem Ton wieder zur Hauptſache,„ich bin gegen dieſe Ant⸗ wort des Herrn Paul Michna. Und ganz dagegen, daß wir ſie Sr. kaiſerlichen Majeſtät gewiſſermaßen als Vor⸗ ſchrift unterbreiten. Ich würde für die gerechten Be⸗ ſchwerden der Bittſteller ſofortige Abhülfe, für die zweifelhaften Unterſuchung verheißen und gewäh⸗ ren; ihre Heftigkeit aber ihnen ſanft verweiſen in Er⸗ wägung, wie viel Hartes ſie erduldet haben. Das iſt meine Meinung.“ „Ich ſchließe mich derſelben durchaus an“, ſagte Graf Sternberg. „Ich nicht“, fiel Martiniz mit erhobenem Tone ein, und zog ſeine finſtern, hohen Augenbrauen enger zuſam⸗ men.„Die Faſſung iſt gut. Sie wird in Wien voll⸗ ſtändig genehmigt werden. Hier heißt es herrſchen oder beherrſcht werden. Ein ſtörrig Pferd, ein ſcharf Gebiß! Das iſt meine Meinung!“ „Seid Ihr des Zügels ſo ganz ſicher, Herr Graf?“ fragte Lobkowitz bedenklich. „Des Sporns gewiß“, antwortete dieſer.„Ihr ſeht die Dinge, verzeiht mir das, Herr Großprior, nicht ganz —,— 71 richtig an. Euer hohes Alter, dem ich ſonſt alle Ehrfurcht zolle, macht Euch zu milde. Ich bin gewiß, daß dieſe Ketzer unſere Güte nur für Schwäche halten würden. Sie würden bald mit andern Forderungen hervortreten. Graf Thurn, der Alles aufhetzt, iſt nicht der Mann, der Frieden will. Droht er nicht förmlich mit ſeiner neuen Verſamm⸗ lung am 21. Mai? Und was glaubt Ihr, daß er thun würde, wenn wir dieſe hinderten?“ „Ich glaube nicht, Herr Oberburggraf, daß Ihr ſie durch eine ſolche Antwort hindern werdet!“ entgegnete Lob⸗ kowitz. „Wißt Ihr“, hub Martiniz wieder an,„daß dem Herrn Grafen Mathias von Thurn dieſe Antwort vielleicht willkommener iſt als eine gütige, wie Ihr ſie wünſcht?“ „Um ſo gefährlicher iſt's, ſie zu geben!“ „Ja, wenn man ihr nicht Nachdruck durch die That gibt? Glaubt mir, Herr Großprior, Thurn ſucht nur Streit. Er hofft durch Drohungen, durch Gewalt durch⸗ zuſetzen, worauf er kein Recht hat. Ich weiß, daß er ſich ſchon jetzt auf Friedensſtörung freut! Es heißt, er ſei zur Jagd in Lowoſitz! Ich habe andere Nachrichten. Er reitet in den Kreiſen umher zu ſeinen Freunden auf die Herr⸗ ſchaften und Güter, und regt Unzufriedenheit auf, wo er irgend vermag!“ „So iſt es“, fiel Slawata ein;„beſonders im Erz⸗ gebirge, wo die heftigſten Utraquiſten eingeniſtet ſind! Ich habe zuverläſſige Nachrichten von dort. Die Unzufriedenen von Kloſtergrab zählen ganz auf ihn.“ „Das wäre wol zu erklären“, ſprach der Oberburg⸗ graf Adam von Sternberg;„dieſe Leute ſind um ihre Kirche gekommen, zu deren Erbauung, ſoweit mir bekannt iſt, auch Thurn, ſo gut wie Schlick, und andere Häupter der Utraquiſten anſehnlich beigetragen haben. Was iſt natürlicher, als daß ſich die Gemeinde an ihn wendet, der zu ihren Defenſoren gehört?“ Slawata und Martiniz ſchwiegen. „ GUnd, verzeiht mir, Herr Präſident, wenn ich es ge⸗ rade herausſage“, nahm Lobkowitz wieder das Wort,„es geht die Rede, daß auch von Seiten der Katholiſchen ſeit der Kirchenzerſtörung gehäſſige Aufreizung gegen die Utra⸗ quiſten dort ſtattfindet, und daß ſogar manche Andere die⸗ ſem Treiben nicht fremd ſind!“ Er warf dabei einen Blick auf Fabricius. Dieſer blätterte in den Schriften vor ſich und that, als nehme er gar keinen Antheil an der Ver⸗ handlung. Slawata bezog die letzten Worte auf ſich und ſagte etwas ſcharf:„Ihr möchtet doch wol unrichtig berichtet ſein, Herr Großprior; und wenn Ihr mit den Worten«manche Andere“ vielleicht auf mich deutet, da ich im Winter mehr⸗ mals in Schwatz beim Herrn Erzbiſchof Lohelius geweſen bin, ſo greift Ihr völlig fehl. Ich war nicht in meiner Eigenſchaft als Statthalter dort, ſondern wegen einer Privatangelegenheit, weil auf dem erzbiſchöflichen Gebiet ſich ein Mann angeſiedelt hat, ja in Dienſte des Herrn Erzbiſchofs getreten iſt, den ich als auf meinen Gütern hörig in Anſpruch nehme.“ Lobkowitz wollte antworten, doch der Graf Sternberg ſagte begütigend:„Laßt das auf ſich beruhen, ihr edeln Herren, wir kommen von der Sache ab. Ich glaube, wir thäten beſſer, dieſe Schrift nicht abzuſenden, ſondern einfach Se. Majeſtät den Kaiſer um eine Reſolution anzugehen.“ „Geſtattet mir“, bat Martiniz,„noch ein Wort von Thurn zu ſagen, der alle dieſe Sachen aufwühlt und in Gang erhält. Wenn er nicht an der Spitze der Defenſoren ſtände, möchte ich noch hoffen, daß wir in gelinderer Weiſe Ordnung erzielten. Er aber will nichts von ruhiger Schlich⸗ tung des Streites wiſſen. Nicht daß der Eifer für die Re⸗ ligion ihn ſo antriebe, ich glaube in dieſer Hinſicht ſind wir unſerer Sache anders ergeben, ſondern ihn treibt die Rache, die Rache gegen mich! Ihr Herren wiſſet Alle weshalb. Er verfolgt mich, weil ich Burggraf von Karls⸗ ſtein bin; weil des Kaiſers Gnade mir dieſes hochwichtige Amt anvertraut hat, das er in den gefährlichen Händen Thurn's nicht länger laſſen zu dürfen glaubte. Ich warne euch daher, hütet euch vor dieſem Gegner! Er ertoeotzt die neue Verſammlung nur, um durch ſie Weiteres zu ertrotzen, was wir nicht gewähren können. Nicht blos utraquiſtiſche Abgeordnete der Kreiſe, ihre Oberſt⸗Land⸗ offiziere und Landrechtsbeiſitzer will er nach Prag laden, ſondern er reiſt in den Kreiſen zu ſeinen Freunden umher, und ermahnt ſie bewaffnete Mannſchaften bereit zu halten. Ich weiß, daß zur Aufnahme ſolcher Leute, die in allerlei Verkappungen hereinkommen werden, ſchon jetzt Anſtalten in Prag getroffen werden.*) Seht euch alſo vor! Die Sprache in der Schrift der Defenſoren an den Kaiſer, die voller Drohungen iſt, zeigt euch nur zu deutlich, daß ſie, wenn man nicht gütlich gibt was ſie verlangen, es for⸗ dern werden, nöthigenfalls mit Gewalt der Waffen! Laſſen wir uns von ihren Worten ſchrecken, ſo verlangen ſie das Ungebührlichſte; zeigen wir aber Kraft und Entſchloſſenheit, ſo werden ſie den Muth nicht haben, gewaltſam zu ertrotzen, was wir nicht geben dürfen! Ich bin für die ſcharfe Zurückweiſung.“ *) Hiſtoriſch. Rellſtab, Drei Jahre. 2. Aufl. I. 1. 4 „Wir rufen die traurigen Zeiten der Huſſiten wieder herauf!“ ſagte Adam von Sternberg warnend. „Thurn iſt kein Ziska!“ warf Martiniz ſpöttiſch hin. „Wir aber müſſen etwas wagen für unſere Pflicht, in des Kaiſers Namen Ruhe in Böhmen zu erhalten“, ſagte er entſchloſſen und erhob ſich von ſeinem Sitz. „Wir brauchen nicht in die düſtern Zeiten Ziska's zu⸗ rückzublicken“, entgegnete Lobkowitz,„wir dürfen nur an die Paſſauer Schaaren und die blutigen Zuſtände vor Erlaß des Majeſtätsbriefes zurückdenken.“ „Da ſeht Ihr jetzt“, rief Martiniz,„was Ihr mit Eurem Majeſtätsbrief erlangt habt! Mit dem Uebermaß des Zugeſtandenen nicht zufrieden, fordern dieſe Proteſtanten täglich mehr! Wollt Ihr es auf Euer Gewiſſen nehmen, unſere heilige, allein ſeligmachende Kirche ganz zu Grunde zu richten? Wohl denn, thut es! Ich will lieber mein Heil diesſeits, als mein Heil dort aufs Spiel ſetzen!“ „So denke ich auch“, ſagte Slawata feierlich, und ſtand gleichfalls auf;„ſo wahr die heilige Jungfrau mir in Nö⸗ then helfe!“ Er hob ſeine Hand wie zum Schwur auf. Sternberg und Lobkowitz ſchwiegen. „Wir ſind zwar gleich getheilt in unſern Meinungen, Zwei gegen Zwei“, ſagte der Großprior endlich,„allein Eure Stimme als die des Vorſitzenden gibt den Ausſchlag, Sla⸗ wata. Bedenkt was Ihr auf Eure Verantwortung nehmt!“ „Ich habe es bedacht, und übernehme die Verant⸗ wortung“, antwortete er. „Vergeſſet nicht“, erinnerte Graf Sternberg,„daß wir Zehn ſein ſollten, daß ſechs unſerer Amtsgenoſſen fehlen, die ſchwerlich mit Euch ſtimmen würden!“ „Sie fehlen, beſorge ich, hauptſächlich, weil ſie ganz und gar nicht ſtimmen mögen“, bemerkte Martiniz.„Es — — 75 i*ſt freilich traurig, daß in ſo ernſten Zeiten, wo es gilt wichtige Beſchlüſſe mit Gefahr zu vertreten, ſo Wenige ſich eingefunden haben! Allein wir ſind beſchlußfähig.“ „Das ſind wir“, bekräftigte Slawata, der ſich wie Mar⸗ tiniz wieder geſetzt hatte.„Ich möchte auf meine Stimme kein ſolches Gewicht legen, allein Ihr wiſſet, daß der Herr Erzbiſchof Lohelius, die berathende Stimme des Herrn Paul Michna und des Herrn Geheimſchreibers hier,— er blickte auf Fabricius,— ſich ebenſo entſchieden haben. Bleibt Ihr bei dieſer Anſicht, Herr Fabricius?“ fragte er dieſen,„auch nachdem Ihr die Bedenken des Herrn Großpriors und des Herrn Oberſtburggrafen gehört habt?“ „Es iſt hohe Ehre für mich“, antwortete Fabricius geſchmeidig,„hier in amtlicher Seſſion, wo mir nur das Protokoll obliegt, befragt zu werden; wenn ich demnach meine conſultative Stimme wiederholen darf, ſo verharre ich dabei, daß die gegenwärtige Faſſung des Documents mir ganz die geeignete ſcheint, und ich für ſchleunigſte Ab⸗ ſendung an Se. Majeſtät den Kaiſer ſtimme!“ „Es bedarf weiter der Abſtimmung nicht“, ſagte Sla⸗ wata drängend.„Der Eilbote nach Wien hält ſchon im Hof. Die Schrift kann ſofort abgehen. Das Begleit⸗ ſchreiben und alles ſonſt Nöthige iſt ausgefertigt und liegt zur Unterſchrift hier. Gebt die Papiere her, Herr Geheim⸗ ſchreiber!“— Dieſer legte die vor ihm liegenden Schreiben dem Präſi⸗ denten vor. „Welche Haſt!“ murmelte kopfſchüttelnd der Großprior vor ſich hin;„der Eilbote ſchon im Sattel!“ Slawata unterzeichnete und gab die Blätter ſeinen Amts⸗ genoſſen zur Unterſchrift an der Tafel herum. „Wir ſind überſtimmt worden“, ſagte der greiſe Lobko⸗ 4* ſſſſn ÿĩÿſÿſpf 76 witz, indem er die Feder auf den Tiſch legte.„Ich will wünſchen, daß die Sache einen guten Ausgang hat!“ Er ergriff ſein Barett und ſtand auf. Sternberg, nachdem er unterzeichnet, gleichfalls. Sie grüßten ſtumm und verließen Beide den Saal. Slawata und Martiniz ſprachen leiſe miteinander, wäh⸗ rend Fabricius die Papiere zuſammenfalzte und mit den nöthigen Siegeln verſah. Er ſchellte; ein Amtsdiener trat ein. „Gebt dieſe Briefe jetzt dem Eilboten; er ſoll auf der Stelle abreiten!“ „Gelobt ſei die heilige Jungfrau, daß wir durchgedrun⸗ gen ſind“, ſagte Martiniz.„Ich will ſogleich in die Meſſe und mein Gebet verrichten.“ Mit dieſen Worten reichte er Slawata die Hand und ging gleichfalls. „Ich komme auch in die Kirche“, rief Slawata ihm nach. „Nun könnt Ihr morgen wieder nach Kloſtergrab, Fabricius“, wandte er ſich zu dieſem.„Seid eifrig, es gilt den Sieg und Ruhm der Kirche. Der Lohn wird Euch nicht fehlen!“ Fabricius verbeugte ſich.„Das Oſterfeſt wird mir das Zeugniß ausſtellen, daß ich nicht müßig geweſen bin“, ſagte er. „So reiſet glücklich“, erwiderte Slawata und verließ gleichfalls den Saal. 8 In dieſem Augenblick hörte man den Hufſchlag eines Pferdes im Galopp auf dem Steinpflaſter des Schloßhofes. Es war der reitende Bote, der die inhaltſchwere De⸗ peſche nach Wien trug! 77 Siebentes Capitel. Die erſten milden Frühlingstage waren erſchienen. Die Felder prangten lieblich in der jungen Saat; die Bäume zwar zeigten erſt ſchwellende Knospen, doch durchwehte ſchon ein ſüßer gewürziger Hauch die Lüfte. Der Schnee lag nur noch auf den höhern Bergkuppen; in den Thälern regte ſich das ſproſſende Leben des Grüns. Der alte Nechodom ſaß auf der Bank vor ſeinem Hauſe; neben ihm Thereſe. Der warme Strahl der Nachmittags⸗ ſonne erquickte den Greis; doch blickte er düſter vor ſich hin. Thereſe legte ſanft den Arm um ſeine Schultern und ſah ihn mit ihren großen dunkeln Augen freundlich an. „Erheitere dich, lieber Vater!“ ſagte ſie.„Ich habe Hoff⸗ nung, daß der Vater und Xaver mit guter Botſchaft heim⸗ kehren!“ „Du haſt Recht zu hoffen, Töchterchen“, erwiderte freundlich der Greis;„die Hoffnung des Alters iſt nicht von dieſer Erde“, ſetzte er ernſter hinzu;„die Jugend ſoll, wie ich dir ja ſtets ſage, hoffnungsreich ſein!“ „Ich bin es auch“, entgegnete ſie innig, obwol der feuchte Schimmer in ihren Augen vielleicht das Gegen⸗ theil ſagte. Wolodna und Xaver nämlich waren nach Lowoſitz gegangen, woſelbſt ſich eine große Anzahl böhmiſcher Edel⸗ leute verſammelt hatte, um angeblich in der Umgegend auf den Gütern ihrer zahlreich dort wohnenden Freunde vielfach wiederholten großen Jagden beizuwohnen. Allein die Zeit der eigentlichen Jagd war ſchon ſeit länger als Monats⸗ — 78 friſt vorüber, doch das Beiſammenſein der Herren und Magnaten, ihr Kommen und Abreiſen und wechſelndes Ver⸗ kehren dauerte noch immer fort. Namentlich war der Graf Thurn ſchon mehrmals aus Prag dahin gekommen und befand ſich eben jetzt auch wieder dort. Seinen Rath, ſeine Hülfe wollten Wolodna und Xaver in Anſpruch neh⸗ men, um dadurch die Erlaubniß zu der Verheirathung des Letztern mit Thereſen zu erhalten, welche der Erzbiſchof von Prag ihnen immer noch verweigerte, unter dem Vorgeben, daß der Freiherr von Slawata Rechte über Wolodna und deſſen Tochter in Anſpruch nehme, über die erſt völlig ent⸗ ſchieden werden müſſe. Der wahre Grund aber war der, daß er wie viele katholiſche Oberherren dachte, die im Eifer für ihre Kirche die Ehen, Taufen, ja ſogar die Begräbniſſe der nichtkatholiſchen Bewohner ihrer Herrſchaften nach Mög⸗ lichkeit, ſelbſt mit offener Gewalt, hinderten. Nach dem Erlaß des Majeſtätsbriefes, der gerade gegen dieſe Eingriffe in die heiligſten Rechte der Menſchen Schutz verſprach, wa⸗ ren ſo ſchwere Bedrückungen eine Zeit lang unterblieben, jetzt aber begannen ſie an vielen Orten aufs neue. Wolodna wandte ſich um Hülfe an Thurn, nicht nur weil dieſer der mächtigſte der utraquiſtiſchen Glaubens⸗ beſchützer war und in dieſer Hinſicht das allgemeinſte Ver⸗ trauen genoß, ſondern der bedrängte Mann hoffte auch darum auf des Grafen beſondere Theilnahme, weil er ihn ſchon ſeit langer Zeit kannte, vor einer Reihe von Jahren bereits als Kriegsmann unter ſeinem Befehl wider die Tür⸗ ken tapfer gefochten hatte. Xaver und Wolodna hatten verſprochen, wenn es irgend möglich ſei, noch dieſen Abend zurückzukehren; denn das Oſterfeſt fiel auf den nächſten Tag, wo die im Gebirge zerſtreut wohnenden Glaubensbrüder, die keine Kirche hatten, 79 ihren Gottesdienſt in der Wohnung Nechodom’s abhalten und aus ſeiner Hand das Abendmahl empfangen wollten, da er, wie lange ſchon er ſein Amt als Pfarrer niedergelegt, doch für ſie noch immer die volle Würde des Prieſters hatte.— Schweigend, von tief bewegenden Ge⸗ danken erfüllt, ſaßen Nechodom und Thereſe und blickten in die Landſchaft vor ihnen hinaus, nach der Richtung, von wo ſie die Ihrigen zurückerwarteten. Der Abend ſchimmerte golden auf das von ſanften Hügeln und Thälern durch⸗ ſchnittene Gefilde, an deſſen fernem Rande ſich das blaue, kuppenreiche Mittelgebirge mit beiden ſtolzen Häuptern des Milleſchau erhob. Die Sonne trat ſchon hinter den Rücken des Erzgebirges und warf die langen, tiefblauen Schatten deſſelben weit in die Landſchaft hinaus. Eine heilige Stille webte über den Fluren. Feierlich ſanftes Glockengeläute ſchwebte aus dem Thale herauf. „Horch, wie die Vesperglocke vom Kloſter drunten herauftönt“, ſagte der Greis und deutete auf die Thürme des Kloſters Maria⸗Schein, die im Glanz der Abendſonne röthlich ſchimmerten. Thereſe lauſchte; eine heilige Weh⸗ muth durchdrang ihr das Herz. „Ihre Glocken tönen!“ ſagte Nechodom vor ſich hin. „Die unſeren ſind verſtummt!“ „Sie werden auch wieder tönen!“ antwortete Thereſe mit innig tröſtendem Tone. „Ich werde ſie nicht mehr hören!“ erwiderte der Greis. „Du wirſt, ja, du wirſt“, ſagte er, und legte die Hand wie ſegnend auf ihr Haupt.—„Ich hätte nicht gedacht, daß ich einen ſo ſchweren Winter noch überdauern würde! Gott hat gewollt, daß ich noch einmal ſeine liebe Frühlings⸗ ſonne ſchaue! Allein ich glaube doch nicht, daß ich unſere Glocken wieder höre! So lange unſere Kirche zu Kloſtergrab 80 nur geſchloſſen war, hatte ich wol dieſe Hoffnung! Jetzt aber, da ſie der Erde gleich gemacht worden!“— Er ſchüt⸗ telte leiſe das graue Haupt. „Dafür iſt dein Haus zur Kirche worden, Vater“, ent⸗ gegnete Thereſe tröſtend,„du wirſt das heilige Oſterfeſt an deinem eigenen Heerde feiern, unter unſern Brüdern!“ „Wer hätte geglaubt“, ſeufzte der Greis,„daß wir, als unſere Hoffnungen auf Weihnachten gerichtet waren, ſolche Oſtern erleben würden!— Und die ganze düſtere Zeit bisjetzt! Die ſteten traurigen Nachrichten von unſern Brüdern zu Braunau, bis nun auch für ſie die Hoffnung ganz verloren iſt!“ „Gewiß nicht ganz!“ fiel Thereſe lebhaft ein.„Gedenke doch auch der guten Kunde aus Prag, wie eifrig unſere Glaubensſchützer ſich unſerer annehmen.— Was der Herr Pfarrer Chlodzek uns erzählt hat von dem edeln, gelehrten Herrn, dem Kanzler Budowa, hat mich ganz wieder mit neuem Muth erfüllt.“ „Ja er iſt ein trefflicher, ein hochwürdiger Mann“, antwortete Nechodom mit Wärme,„ſo voller Gelehrſamkeit wie voll Glaubenskraft. Sein ganzes Leben war dem For⸗ ſchen gewidmet. Er hat viele Reiſen gemacht, durch alle Länder Europas, durch Italien, Frankreich, Dänemark, England, bis in die Türkei, wo er viele Jahre geweſen! Nächſt dem edeln Grafen Thurn“, fuhr er lebhaft fort, da Thereſe lauſchend aufhorchte,„iſt er am thätigſten für uns geweſen. Denn er hat die Artikel des Majeſtätsbriefes ver⸗ faßt und ſie dem Kaiſer Rudolf vorgelegt. Ich war da⸗ mals gerade zu Prag; vor neun Jahren, am zwölften des Julius. Der Kaiſer hatte Budowa aufs Schloß berufen, ihm nochmals Vortrag über die Urkunde zu halten. Da er ſehr lange ausblieb, verbreitete ſich das Gerücht in der 81 Stadt, er ſei in den Weißen Thurm gebracht worden! Dieſes Schreckenswort flog durch die ganze Bürgerſchaft; Viele bewaffneten ſich, und dichte Schaaren drängten hin nach dem Hradſchin hinauf, ihn zu befreien.*) Es war nahe daran, daß ein allgemeiner Aufruhr ausbrach. Da erſchien der allverehrte Mann und brachte die Nachricht, daß der Kaiſer den Brief unterſchrieben habe! Den Jubel all unſerer Brüder, als dieſe Kunde erſcholl, hätteſt du ver⸗ nehmen ſollen! Die Lüfte erſchallten davon! Ewig un⸗ vergeßlich wird mir dieſe Stunde bleiben, und wenn ich das hundertſte Jahr erreichte! Und heute! Wer hätte ge⸗ glaubt, daß ſolche Zeiten wiederkehren könnten!“ Thereſe hatte mit leuchtenden Augen zugehört.„Wir dürfen hoffen, lieber Vater“, ſagte ſie,„daß ſie ſich nun wieder zum Guten wenden! Im Mai iſt ja die neue große Verſammlung in Prag; dort werden unſere Glaubensſchützer mit entſchloſſener That für uns auftreten!“ „Der blutige Kampf wird ſich alſo erneuern!“ ſagte der Greis.„Frieden iſt es aber, den wir begehren, und den läſſet man uns nicht!“—— Das Glockengeläut im Thale hatte aufgehört. Es war das Zeichen für die Umwohner geweſen, ſich zur Vesper⸗ andacht vor dem Oſterfeſt drunten in der Kloſterkirche zu verſammeln. Nechodom und Thereſe, die in ihr Geſpräch vertieft, auf Das, was um ſie her vorging, nicht geachtet hatten, gewahrten jetzt erſt, daß die an dem Hügel, auf welchem das Haus ſtand, vorüberführende Straße ſich belebte. Es waren Kirchgänger, die nach dem Kloſter wollten. Aus den einzelnen zwiſchen den Bergen zerſtreuten Häuſern *) Hiſtoriſch. 82 kamen ſie mit Frauen und Kindern. Feldwege und Fuß ſteige wurden lebendig. „Ein liebliches Bild“, ſagte Thereſe;„ſie gehen friedlich und fromm zur Andacht. Wer könnte ſie ſtören wollen? Und doch wird uns ſolcher Druck, ſolche Schmach, wenn wir dem Drang unſeres Glaubens folgen!“ „Sie kommen ſehr zahlreich heute“, bemerkte Nechodom. „Es iſt ja auch das höchſte Feſt im Jahre, die Auf⸗ erſtehung des Herrn“, ſagte Thereſe fromm. „Scheint dir aber nicht“, fragte Nechodom leiſe,„als ob dieſe Leute uns ganz ſeltſam anblicken?“ „Mir ſcheint vielmehr, daß ſie uns nicht anſehen wollen; noch hat Keiner uns gegrüßt, und es ſind doch wohlbekannte Nachbarn dabei“, antwortete Thereſe ebenſo.. „Du haſt Recht; es iſt etwas Unheimliches in ihrem Weſen. Sollte auch hier ſchon, wie in Kloſtergrab, der Haß gegen uns gefliſſentlich geſchürt werden? Dann hät⸗ ten wir Schweres zu gewärtigen! Wir ſind zu Wenige, ſind zu vereinzelt hier im Gebirge!“ Einige der Vorübergehenden ſahen halb verſtohlen, finſter hinauf nach dem Hauſe zu Nechodom und Thereſe; Andere, die ſchon vorüber waren, blieben ſtehen, wandten ſich um und blickten ſeltſam zu ihnen zurück. „Sollten wir“, ſagte Thereſe leiſe,„von dieſen unſern Nachbarn, mit denen wir ſo lange friedlich gelebt, denen wir nur Gutes erwieſen, etwas zu befahren haben? Ich kann mir's nicht denken!“ „Du biſt jung und unerfahren, dein Herz iſt arglos“, antwortete Nechodom,„allein ich habe oft in meinem langen Leben die Zeiten des Haſſes und der Verfolgung geſehen! Ich kenne die Vorzeichen des Sturms. Dieſe finſtern Ge⸗ 83 ſichter, dieſe ſcheu abgewandten Blicke bekannter Nachbarn bedeuten nichts Gutes!“— Während ſie ſprachen, kamen drei Männer des Weges, die von der Straße abſeits auf dem Raſen gingen, ſichtlich um näher am Hauſe vorüberzuſtreifen. Es waren wider⸗ wärtige Geſtalten. Das ſchwarze Haar hing ihnen lang, dick und ſtruppig unter den breiten Filzhüten auf die brau⸗ nen, wollenen Kittel herab, die ein Ledergurt zuſammen⸗ hielt. Der Eine trug ein krummes Meſſer daran; er und die andern Beiden hatten ſchwere Knittel in der Hand, die ſie als Wanderſtöcke gebrauchten!“ „Die führt nicht die Andacht ihres Weges!“ ſagte Nechodom beſorglich! Die drei wilden Geſtalten kamen näher. „Ha!“ rief Thereſe erſchreckt, mit halbunterdrücktem Laut „Zaloska iſt dabei!“ „Zaloska! Der Böſewicht, von dem Czernig und dein Vater geſprochen haben!“ ſagte der Greis erſchreckt und blickte unverwandten Auges zu ihnen hin. Sie waren jetzt dicht an der Hecke, die den kleinen Vorplatz des Hauſes umgrenzte; in höhnendem Muth⸗ willen ſchlug Zaloska mit dem Knittel in das junge, erſt knospende Reiſig derſelben und ſah dabei grinſend zu dem Greis und Thereſen hinüber.„Ketzer!“ rief er und ſpie in ekler Frechheit vor ihnen aus. Die beiden Andern ahmten mit widriger Verzerrung der Züge ſeinem Bei⸗ ſpiel nach.. Bebend ſtarrte Thereſe ihnen nach. Plötzlich wandten ſie ſich um und drohten mit den ſchweren Knitteln rückwärts. „Siehſt du, wie ich Recht habe“, ſagte Nechodom,„es rührt ſich unheimlich rings um uns her! Wer weiß, was wir zu befürchten haben!“ „O dieſer Bube hat gewiß Haß ringsum geſäet!“ rief Thereſe aus.„Wären nur unſere Männer zurück!“ „Laß uns hineingehen, liebes Kind“, ſagte der Greis und erhob ſich von der Bank,„dort kommt noch eine dichte Schaar thalabwärts. Es iſt beſſer, daß man uns gar nicht ſieht!“ Thereſe reichte ihm ſtützend den Arm; ſie gingen in das Haus. Thereſe ſchob die feſten Riegel hinter ihnen vor die Hausthür. Zitternd trat ſie ins Wohngemach; dann blickte ſie verſtohlen durchs Fenſter hinaus. Es waren lauter Männer, die vorüberzogen; ein auffallender Umſtand, da ſonſt faſt alle Bewohner mit ihren Frauen und Kindern zugleich zur Vesperandacht gingen. Man ſah, daß ſie ihre Aufmerkſamkeit auf das Haus richteten. Sie zeigten hin⸗ über, das Geräuſch der Stimmen wurde lauter, blieb aber verworren. Thereſe bebte in angſtvoller Beklommenheit. Ihre Sehnſucht nach dem Vater, nach Xaver wuchs ſo, daß ihr Thränen ins Auge drangen. Und dennoch dachte ſie: gut, daß ſie fern ſind; ſie wären ja gleicher Gefahr preis⸗ gegeben! Denn was vermöchten ſie wider die Menge, wenn ſie feindſelig wider uns handelt! Der Gedanke, daß das Letztere geſchehen könne, wurde lebhafter in ihr rege. Ihre Seele erhob ſich zu einem muthvollen Entſchluß.„So will ich den Greis umklammern und ihn mit meinem Leben ſchützen, ſo lange ein Athemzug in mir iſt“, dachte ſie. „Sein heiliges Alter ſei mein Schutz, meine Jugend der ſeinige!“ Die Schaar zog vorüber; das Geräuſch der Stimmen entfernte ſich. Da klinkte es heftig an der Hausthür. Thereſe und Nechodom erſchreckten. Es pochte mit ſtarken Schlägen. „Heiliger Gott, wenn ſie eindringen wollten“, rief The⸗ 85⁵ reſe aus.„Es könnte ja aber auch der Vater ſein“, fiel ihr plötzlich ein. Sie flog der Thür zu. „Oeffnet, öffnet“, rief eine männliche Stimme draußen, „ich bringe wichtige Botſchaft. Czernig vom Wald!“ Thereſe athmete freudig auf. Sie öffnete. „Wißt Ihr ſchon etwas? daß Ihr die Thür verriegelt habt?“ fragte Czernig haſtig, als er eintrat. „Nichts! Was gibt es denn? Wir verriegelten nur, weil die Leute, die nach dem Kloſter hinunterziehen, uns ſo ſeltſam ſchienen!“ ſagte Thereſe. „Ja, ſeltſam! Seltſam genug!“ rief Czernig aus; „Ihr habt's getroffen!— Gott grüß Euch, frommer Vater“, ſetzte er hinzu, indem er mit Thereſe ins Gemach trat. „Was führt Euch zu uns, guter Czernig“, fragte ihn Nechodom und lud ihn ein, ſich zu ſetzen. „Ich wollte ſehen, ob Xaver und Vater Wolodna da⸗ heim wären, und mit ihnen und mit Euch Rath pflegen!“ antwortete er. „Wir erwarten ſie jede Stunde von Lowoſitz zurück“, antwortete Thereſe.„Als Ihr klopftet, glaubte ich ſchon ſie wären es!“ „Es wäre gut, wenn ſie hier wären!“ entgegnete Czernig mit beſorglicher Miene. Möglich iſt's, daß ſie erſt morgen kommen“, ſagte der Greis,„obwol ihnen ſehr daran lag, morgen früh zum Feſt hier zu ſein. Doch ſie mußten den Grafen Thurn ſprechen, und es iſt doch zweifelhaft, ob ihnen das ſofort möglich geweſen!“ „Hm! Ich wollte ſie wären hier“, wiederholte Czernig finſter.„Wenigſtens daß ſie morgen mit dem Früheſten einträfen! Wir werden vielleicht einen harten Tag haben!“ „Wie meint Ihr das, guter Czernig?“ fragte Nochodom. „Es iſt nicht geheuer! Der Burſche, der Zaloska, und ein paar Andere ſeines Gelichters, die ſchon in Kloſtergrab ſoviel Unheil angerichtet haben, ſpuken ſſeit etlichen Tagen hier im Gebirge. Sie wiegeln unſere Nachbarn auf. Der Erzbiſchof, die Geiſtlichen im Kloſter drüben ſtecken zuver⸗ läſſig dahinter, denn ſie verkehren auch dort. In Schwatz hat ſich auch der Geheimſchreiber Fabricius wieder blicken laſſen, der ſo gehäſſig gegen uns iſt. Sie wollen morgen, zum Feſt, einen Schlag gegen uns ausführen.“ „Um Gottes Willen, was denn?“ fragte Thereſe, und ihre Stimme zitterte. „Was, das weiß ich ſo genau nicht. Aber es ſind mir allerlei Gerüchte zu Ohren gekommen. Ich habe auch auf meinem Gehöfte verdächtige Reden gehört. Zwei katholiſche Geſellen, die bei mir in Arbeit ſtanden, ſind ſeit vorgeſtern verſchwunden. Sie wollen bei keinem Ketzer arbeiten, haben ſie geſagt. Es müſſe jetzt geſäubert werden, hat der Eine im Gaſthaus zu Niedergraupen geäußert, daß das Oſterfeſt nicht verunreinigt werde durch Ketzerdienſt!“ „Sollten ſie unſere ſtille Feier des Feſtes in dieſem friedlichen Hauſe ſtören wollen?“ ſagte Nechodom. „Ich weiß es nicht“, erwiderte Czernig.„Allein da ſie zu Weihnachten unſere Kirche niedergeriſſen haben, wie ſollten ſie ſich ſcheuen, zum Oſterfeſt in dieſes Haus, das uns zur Andachtſtelle geworden iſt, einzubrechen!“ Der Greis ſchüttelte nur ſtumm das ehrwürdige Haupt. „Darum kam ich, mit den Eurigen Rath zu pflegen. Ob es gerathen iſt, daß wir uns verſammeln! Ob wir beſſer thun, gemeinſam zu erwarten, was uns droht, oder ob jeder Einzelne ſtill in ſeinem Hauſe bleibt?“ Ein erhabener Entſchluß leuchtete in den Zügen des Greiſes. Er erhob ſich vom Seſſel; gleich einem Heiligen 87 trat er vor Czernig und Thereſe hin und ſprach ſanft, aber mit Begeiſterung:„Thut wie Ihr wollt, ich aber werde der Gemeinde nicht fehlen. Dieſes Gemach iſt unſere Kirche, ich bin Euer Prieſter! Der Altar ſoll bereitet ſein. Vor ihm iſt meine Stelle, dort werdet Ihr mich finden! Komme dann, was da wolle; ich ergebe mich in den Rathſchluß des Herrn! Thereſens Auge hing mit ſchwärmeriſcher Verehrung an dem Greiſe; ſie faßte und küßte ſeine Hand. „Ihr denkt fromm und handelt ſchön, ehrwürdiger Va⸗ ter“, antwortete Czernig nach einigen Augenblicken gerühr⸗ ten Schweigens;„ſorget denn Ihr für das Himnliſche, doch uns laßt das Irdiſche bedenken. Ich will einen ſichern Mann nach Lowoſitz ſenden, daß Wolodna und Xaver, falls ſie noch dort wären, jedenfalls mit der früheſten Frühe ein⸗ treffen!“ „O das thut, treuer Czernig“, bat Thereſe;„ich werde Euch von ganzer Seele dankbar dafür ſein.“ „Auch ſcheint mir's das Beſte“, fuhr Czernig fort,„wir verſammeln uns Alle hier; dann können wir gemeinſam beſchließen und handeln!“ „Erſuchet aber“, erinnerte Nechodom,„alle unſere Brü⸗ der, die Ihr heute noch auffinden könnt, recht in der Frühe und ganz in der Stille zu kommen.“ „Das will ich!“ antwortete er und wollte gehen. Noch einmal wandte er ſich zurück.„Möge Gott Euch behüten in dieſem einſamen Hauſe“, ſprach er bewegt, indem er Beiden die Hand reichte. „Sein Auge wacht überall; wir befehlen uns in ſeinen Schutz“, entgegnet Nochodom. Czernig ging. Die Sonne war dem Untergange nahe. Röthlicher Abendduft und leiſer Nebel umfloß die Gipfel der Verge, 88 und tiefe Schatten webten die dämmernde Hülle über die Thäler. Die Beſucher der Vesperandacht in der Kirche des Klo⸗ ſters kehrten jetzt zurück. Wiederum zogen einzelne, finſtre Gruppen und Geſtalten dem Hauſe dicht vorüber. Ihr Anblick, ihre murmelnden Stimmen weckten neue, ſchauernde Beſorgniß in der Bruſt Thereſens und ihres greiſen Be⸗ ſchützers. Dieſer wollte, auch jetzt auf die Rückkehr ſeines Sohnes und Wolodna's hoffend, nicht zur Ruhe gehen. Er ſetzte ſich in den alten ſchweren Lehnſtuhl; Thereſe nahm auf einer niedern Bank ihm zu Füßen Platz und lehnte ſich an ihn. „Schlummere doch ein wenig, Kind!“ ſagte er halb über ſie gebeugt, und zog ihr lockiges Haupt ſanft zu ſich. Sie ſenkte es auf ſeinen Schoos. Schweigend lauſchten ſie dem dumpfen Geräuſch draußen. Endlich verhallte es. Sie athmeten leichter auf. Es dunkelte; die Nacht mit ihrer tiefen Stille ſenkte ſich in das Thal und bot den bekümmerten Herzen ihren Frie⸗ densgruß. 8* Achtes Capitel. Der Morgen röthete das Gebirge; ſein roſiger Hauch wehte über das lichte Grün zart keimender Fluren. Laue, leiſe Lüfte wiegten die Knospenzweige, die ſich an den Fen⸗ ſtern des Hauſes niederſenkten. Thereſe trat, noch ehe die erſten Strahlen der Sonne am Horizont zitterten, vor die Thür und blickte ſpähend in die Ferne, ob die Ihrigen noch 89 nicht zurückkehrten. Doch ſoweit ſie den Weg überſchauen konnte, zeigte er noch keinen frühen Wanderer. Endlich ließen ſich einzelne Leute auf der Straße und im Felde erblicken. Sie gehörten den Böhmiſchen Brüdern an, die ſich zu Nechodom begaben, um die Oſterfeier in ſeinem Hauſe miteinander zu begehen, bevor die Glocke zur Früh⸗ meſſe der Katholiſchen läutete. Mit ſtillem Gruß traten ſie in das Haus. Der Greis war ſchon bereit und empfing ſie mit treuem Händedruck. Thereſe weilte noch draußen; ſie war auf eine kleine Anhöhe gegangen, wo ſie weiter hinausſchauen konnte.— Jetzt rief auch die Kloſterglocke zur Frühmeſſe. Thereſe durfte nicht länger weilen; ſie kehrte alſo mit ungeſtillter Sehn⸗ ſucht ins Haus zurück. Hier hatten ſich nunmehr gegen vierzig Männer und Frauen verſammelt. Auch einige Kinder waren zugegen, die nicht ohne Aufſicht in den Hütten zurückbleiben konnten. Nechodom hatte für die Aelteren, was ſein Haus an Seſſeln aufbrachte, im Halbkreiſe hingeſtellt; in der Mitte ſtand ein kleiner Tiſch, mit einem weißen Tuch bedeckt, der ihm als Altar dienen ſollte; auf demſelben der Becher, der von Luther ſtammte; daneben eine Schüſſel, auf der ein Laib Brot lag. So wollte er zur Feier des Oſterfeſtes der Ge⸗ meinde das heilige Abendmahl reichen in beiderlei Geſtalt, wie ihre Lehre es gebot. Die Frauen ſetzten ſich und nahmen ihre Kinder vor ſich an den Schoos; die Männer ſtanden entblößten Hauptes hinter ihnen. Thereſe nahm ihren Platz auf dem letzten Stuhl des Halbkreiſes, den Fenſtern zunächſt. Nechodom trat vor den Altar. Feierliche Stille herrſchte in dem Kreiſe. Die noch röthliche Morgenſonne hatte ſich eben über die blaue Wand des Mittelgebirges erhoben, und ihre Strahlen 90 ergoſſen einen goldigen Schimmer über die ganze Landſchaft, der bis in das Gemach drang und Nechodom's ehrwürdiges Haupt umfloß. „Meine Brüder“, erhob er die ſanft wohlthuende Stimme, „wir ſind verſammelt in ernſter, ſchwerer Stunde! Wir ſind von düſtern Geſchicken bedroht; verblendeter wilder Haß regt ſich zu unſerer Verfolgung um unſers Glaubens wil⸗ len! Wir können uns waffnen mit Muth und Standhaf⸗ tigkeit; allein was vermögen wir ohne den Schutz unſers himmliſchen Vaters? So laſſet uns denn zu ihm flehen, daß er uns ſeinen Beiſtand ſchenke in dieſer Stunde der Sorge; daß er ſein Antlitz der Gnade vor uns leuchten laſſe, als tröſtenden Stern auf den dunkeln Wegen, die wir wandeln müſſen!— Allgütiger, allmächtiger Vater“, betete er mit emporgehobenen Händen und Antlitz, und der Kreis der Zuhörer ſank ſtill auf die Knie,„ſiehe, unſere Herzen wenden ſich zu dir, und unſere Hoffnung biſt du allein! Was dein Rathſchluß über uns verhängt, wird uns Heeiil bringen. Doch du gedenkſt daran in deinem gnaden⸗ vollen Mitleid, daß die Kraft der Sterblichen ſchwach iſt, daß irdiſche Pein und Angſt ſie ſchwer belaſtet! In unſerer Bangigkeit, in unſerm Verzagen rufen wir zu dir, wie dein eingeborener Sohn: Iſt's möglich, Vater, ſo laß dieſen Kelch an uns vorübergehen!“ Die Frauen ſchluchzten leiſe; Thereſe drückte die gefal⸗ tenen Hände auf die Bruſt und weinte; die Männer blick⸗ ten ernſt und fromm aufwärts, und auch in ihren Augen ſchimmerte es feucht. Nechodom ſenkte die Arme herab und blickte, wie nach⸗ ſinnend, was er nun ſeinen Brüdern ſagen möchte, auf den Boden nieder. Die Knienden erhoben ſich leiſe und ihre Blicke hingen an ſeiner Lippe. 91 „Freunde, Brüder“, begann er aufs neue,„Worte können uns wenig Kraft geben in ſo ernſter Stunde. Allein wenn wir das Herz in brünſtiger Andacht erheben, wenn wir uns ganz durchdringen mit der Wahrheit, Reinheit, Heiligkeit unſers Glaubens, daraus wird uns die getröſtende Kraft erwachſen, Jegliches zu tragen, was auch über uns verhängt ſei! Und wie könnten wir dieſe Andacht glühender in uns wecken, das Vertrauen der Frömmigkeit feſter in uns ſtählen, als wenn wir zur Feier des heiligen Oſterfeſtes, des höchſten, was die Chriſtenheit kennt, uns aufs neue in der heiligen Handlung verbrüdern, die die Grundveſte unſers Glaubens bildet! Wir wollen gemeinſam das Bruder⸗ mahl nehmen, das der Herr eingeſetzt hat; wir wollen es nehmen, wie er es geſtiftet, in ſeiner reinen, urſprünglichen Geſtalt. Das wird uns Alle unter uns, uns Alle in ihm vereinen! Wir haben keine Kirche, unſere Feinde haben ſie zerſtört! Allein der Himmelsdom des Herrn wölbt ſich über das ganze Weltall, auch über dieſe Hütte! Und wie ſeine Sonne mit goldener Pracht hier hineinleuchtet, ſo dringt auch ſeine Gnade ein und erfüllt unſere Herzen.“ Im Sprechen wuchs die Flamme der Andacht, die den Greis durchglühte, höher und höher; ſein Auge ſtrahlte verklärt im heiligen Feuer; das Antlitz hauchte den Geiſt Gottes aus, der die Seele ergriff; ſeine Stimme erhob ſich, ſein ganzes Weſen ſchien durchſtrömt von kraftvoller Ver⸗ jüngung. „Wir haben keine Kirche“, wiederholte er.„Wohlan denn, ſo erbaut ſie ſich in uns! Wir haben keinen ge⸗ weihten Kelch mehr, denn ruchloſe Frevelthat hat ihn mit Füßen zertreten! Allein dieſer Becher“, er ergriff ihn mit der Rechten und hob ihn hoch empor,„dieſer Becher iſt geweiht durch die Lippen des muthigſten Gottesſtreiters, der 92 die Bahn vollendet hat, die unſer Glaubensheld Johannes Huß durch ſein Flammenwort und ſeinen Flammentod brach, dieſer Becher iſt geweiht durch die Lippen Martin Luther's!“ Ein heiligendes Gefühl durchſtrömte die Verſammelten bei dieſem Wort. Sie hefteten die ſtaunenden Blicke auf den Becher in der Hand des Greiſes, von dem nur Einige wußten. „Ja, meine Freunde“, begann Nechodom von neuem, „dieſer Becher ſtammt aus dem Beſitz des großen Mannes, der ihn als ein Geſchenk des edeln Kurfürſten Friedrich des Weiſen hoch in Ehren hielt. Könnte ich ihn würdiger an⸗ wenden als jetzt, in der hehren Stunde, wo unter gemein⸗ ſam drohender Gefahr das heilige Liebesmahl unſer brüder⸗ liches Band noch enger ſchließen ſoll? Und ſo laßt uns denn, meine Brüder, aus dieſem Kelch das Blut des Herrn trin⸗ ken, und ſeinen Leib genießen in dieſem Brot.“ Der Greis brach einen Biſſen und ſetzte den Becher an den Mund. „Herr des Himmels!“ tönte in dieſem Augenblick der durchdringende Ruf Thereſens, indem ſie aufſprang und dem Fenſter zuflog. Gleichzeitig ſchmetterte ein Schlag gegen dieſes, daß die kleinen in Blei gefaßten Scheiben klirrend herausſprangen und zerſplittert ins Gemach flogen. Von außen rief eine wilde Stimme:„Seht da den Baals⸗ prieſter!“ Ein Schrei erfüllte das Gemach! Aller Blicke flogen dem Fenſter zu, vor dem ein wilder Menſch ſtand, der drohend ſeinen Knittel ſchwang; es war Zaloska. Nechodom hatte den Becher von den Lippen zurückgezogen und wen⸗ dete auch ſein unwillig ſtaunendes Auge der Stelle zu, wo⸗ her die freche Störung kam.„Frevler“, rief er mit edel zürnender Stimme,„entheilige nicht die Stätte des Herrn, der da weilet mitten unter uns, die wir verſammelt ſind in ſeinem Namen!“ Doch er hatte noch das Wort nicht vollendet, als viele Stimmen draußen ein verworrenes Getöſe erhoben, und heftige Schläge gegen die geſchloſſene Thür des Hauſes donnerten. Die Frauen erbleichten und ſprangen auf, die Männer eilten der Thür zu, die Kinder flüchteten ſich in die Arme der Mütter! Das Getöſe draußen wuchs; unter das Gebrüll miſchte ſich in erſchreckender Weiſe das Gebell von Hunden, die mit den gegen die Thür anſtürmenden Männern gleichzeitig eindringen zu wollen ſchienen. The⸗ reſe eilte zu Nechodom und umſchlang ihn mit fliegender Angſt:„O wenn Xaver und mein Vater uns beſchützten!“ rief ſie aus. „Sei ruhig, meine Tochter“, ſagte der Greis tröſtend, „wir ſchützen uns ſelbſt, wenn Gottes Schutz uns nicht ver⸗ läßt! Ich will hinaus, um dieſe Wüthenden zu beſchwich⸗ tigen. Mein ergrautes Haupt fürchtet kein irdiſches Schickſal mehr, und ſelbſt der Ruchloſeſte hat ja Ehrfurcht vor Dem, den Gott mit ſo hohem Alter begnadigt!“ Mit dieſen Worten ging er der Thür zu. Doch The⸗ reſe hielt ihn zurück und bat:„Um Gottes Willen nicht, mein Vater, ſie ermorden dich!“ „Gilt es mir“, antwortete er mit Würde,„ſo wende ich das Schickſal von euch ab; und wie ſoll dieſe ſchwache Hütte mich vor ihrem Grimm ſchützen? Hier würden ſie euch Alle mit mir verderben. Laß mich!“ Sanft aber entſchieden machte er ſich aus Thereſens Armen los und ſchritt zum Gemach hinaus.„Oeffnet, meine Brüder“, ſagte er in die Hausflur tretend, wo die Männer beſchäftigt waren, die Thür feſter zu verrammeln — 94 und den Eingang zu vertheidigen. Sie ſchreckten zurück vor Nechodom's Gebot.„Oeffnet!“ ſagte er nochmals ruhig, „ich bitte euch!“ Sie gehorchten und zogen den Riegel zurück. Im Au⸗ genblick drang, gleich der Flut durch eine geöffnete Schleuße, die Schaar der Anſtürmenden ein.„Da iſt er! Da ſind ſie Alle“, riefen ſie durcheinander;„ergreift ſie, ſchleppt ſie fort! Sie ſollen in die Meſſe!“ „Hört mich“, ſprach Nechodom feſt vor ſie hintretend, und die Würde ſeiner Geſtalt legte einen Augenblick die tobende Wuth der Eindringenden in Feſſeln.„Weshalb ſtört ihr unſere Andacht? Haben wir die eure geſtört? Weshalb brechet ihr ein in dieſes Haus des Friedens? Haben wir....“ „Hört das Geſchwätz nicht an“, unterbrach eine Stimme die Worte milder Würde,„thut was uns geheißen iſt! Ihr ſollt in die Meſſe! Wir wollen euren Ketzerdienſt nicht länger dulden!“ Und mit dieſem frevelnden Wort ſprang der Sprecher auf den Greis zu, packte ihn mit nervigen Armen und wollte ihn zur Hausflur hinaus vor die Thür reißen. Thereſe that einen lauten Schrei und hing ſich an Nechodom. Einige Männer der Glaubensbrüder ſpran⸗ gen hinzu und wollten dem Frechen wehren; dieſer aber rief den Seinigen zu:„Helft mir! Schlagt alle die Ketzer zu Boden!“ Die Maſſe ſtürzte hinzu. In dem engen Raum der Hausflur entſtand ein furchtbares Getöſe und Drängen. Nechodom war von den Wüthenden in wenigen Augenblicken gepackt und vor die Thür geſchleppt. Die Böhmiſchen Brüder drangen nach! Getümmel, Wuth⸗ und Angſtgeſchrei ſcholl durcheinander. Der Koloß Czernig machte ſich Bahn.„Laßt mich vor, Brüder“, rief er,„ſie ſollen meine Fauſt fühlen!“ Er ſtürmte mitten durch die 95 Zuſammengedrängten, vor die Hausthür, und ſchaute fun⸗ kelnden Blickes umher, nach dem gewaltigſten Gegner. Er gewahrte Zaloska! Wie mit den Tatzen eines Löwen packte er ihn, der eben mit einem keulenartigen Knittel zum Schlage ausholte, an beiden Schultern und ſchleuderte ihn zu Boden. Der breite Filzhut fiel ihm vom Kopf, das lange, ſchmutzig ſtruppige Haar wallte umher. „Swentibor, Gorenneck, zu Hülfe!“ ſchrie er, am Boden liegend, mit fürchterlicher Stimme, und ſchwang den eiſenbeſchlagenen Knittel um ſich her. Czernig fiel ihm in den Arm. „Jetzt laßt die Hunde los!“ rief eine Stimme mitten aus dem Haufen. Eine Meute von acht oder zehn Hunden mit zottigen Haaren, die bisjetzt von ihren Herren an Ketten zurückgehalten wurden, ſtürzten mit wüthendem Gebell aus den Reihen der Angreifer hervor. In dem Augenblick, wo Czernig dem niedergeworfenen Zaloska den Keulenſtock entwinden wollte, fühlte er ſich von hinten her durch ſcharfe Zähne ſo in den Schenkel gepackt, daß er zu Boden taumelte.„Hetzt ſie in die Meſſe“, rief dieſelbe Stimme wie zuvor,„wenn ſie nicht gutwillig gehen wollen!“ Ein grauenvolles Schauſpiel bereitete ſich. Die Ange⸗ griffenen ſahen ſich von der Ueberzahl umringt, die ihren Widerſtand in wenigen Minuten vereitelte. Die Unglück⸗ lichen drängten ſich flüchtend zuſammen; die Frauen und Kinder, die ihren Männern nach aus dem Hauſe geſtürzt waren, hemmten noch die Wehrkraft dieſer, da ſie ſie angſt⸗ voll umklammerten. Die Angreifer ſchloſſen einen Kreis um ſie und hetzten die Hunde gegen die Geängſtigten, unter dem unaufhörlichen Ruf:„In die Meſſe! In die Meſſe mit den Ketzern! Fort in die Kirche!“ Vor den Biſſen — 8 96 der wüthenden Thiere flüchtend, ſtürzten die Verfolgten taumelnd vorwärts. Angſtgeſchrei der Frauen und Kinder ſchallte durch die Lüfte; die Verfolger übertäubten es durch ihr Geheul und das Gebell der Meute. Nechodom, in der allgemeinen Flucht gewaltſam mit fortgeriſſen, hatte kaum einige Schritte gethan, als er von ſeiner Kraft verlaſſen zu Boden ſank. Die gierigen Hunde fielen den unglücklichen Greis mit zerfleiſchenden Biſſen an. Sein Blut ſtrömte! Das ſah Thereſe! Mit flie⸗ gendem Haar warf ſie ſich über ihn, umklammerte ihn krampfhaft und wollte ihn durch ihren eigenen Körper gegen die wüthenden Thiere ſchützen.„Erbarmen!“ rief ſie mit herzzerſchneidendem Laut;„Erbarmen für den Greis!“ Als jetzt die Verfolgten den Patriarchen, das ehrwür⸗ dige Haupt ihrer Glaubensgemeinſchaft, ſo grauenvollem Unheil preisgegeben ſahen, da flammte eine Empörung in ihnen auf, die ſie jeder eigenen Gefahr vergeſſen ließ. Czernig, der ſich wieder aufgerafft hatte, war der Erſte, der ihm zu Hülfe kam, mit furchtbarer Kraft zwei der Hunde ins Genick packte und ſie weit zurückſchleuderte. Auch die Andern entriſſen ſich den Armen ihren Frauen und Kinder und wandten ihren flüchtigen Fuß zurück, um den Greis zu retten. Es gelang ihnen, ihn wieder empor⸗ zuheben; ſie wollten ihn dem Getümmel entreißen; doch jetzt ſtürzte die wahnverblendete Schaar der Feinde ſelbſt über die Unglücklichen her und drang mit breiten Meſſern und Knitteln auf ſie ein, um durch die Gewalt und Wuth menſchlicher Kräfte zu vollenden, was dem angeſtachelten thieriſchen Grimm nicht allein möglich war. Thieriſcher als das Thier war hier der Menſch, und die menſchliche Gewalt die unmenſchlichſte! 97 Nechodom, auf die Schultern ſeiner Getreuen gehoben, war bewußtlos; Blut bedeckte ihm Stirn und Antlitz und benetzte ſeinen ſilberweißen Bart. Wohl ihm, daß er das Grauen dieſer That nicht mehr ſah! Daß er nicht ſah, wie die gehobenen Knittel und gezückten Meſſer eindrangen gegen Haupt und Bruſt ſeiner Getreuen, während die Zähne der Hunde ſie in Leib und Schenkel packten! Ein dichter ſchwarzer Knäuel von Kämpfenden hatte ſich gebildet; der wilde Zaloska ſtürmte Allen vor und ſchrie: „Schlagt ſie nieder! Schont Keinen!“ Und unter dieſem Mordruf ſchmetterte ſeine Keule auf die Häupter der Wehr⸗ loſen. Er drang mitten in den dichten Haufen ein! Jetzt ſchwang er die zermalmende Waffe gegen das Haupt Ne⸗ chodom's ſelbſt! Fiel der furchtbare Schlag, ſo war es zer⸗ ſchmettert! Thereſe ſah es! In Todesangſt und Opfermuth warf ſie ſich zwiſchen den Mörder und Nechodom und um⸗ klammerte ſeinen gehobenen Arm mit beiden Händen. Der Wüthende riß ſie an dem dunkeln Lockenhaar zurück, und von neuem ſchwebte die Wucht ſeines Keulenſchlags über dem Haupte des Greiſes. Es war um ihn geſchehen! Da erſchallte plötzlich eine gewaltige Stimme mächtig hinweg über das Getöſe des Kampfes: „Zurück, Elende!l Des Todes iſt, wer eine Hand rührt!“ Aller Haupt wandte ſich unwillkürlich nach dem Rufe. Wie durch höhere Macht war jeder Arm gefeſſelt. Auf ſchaumbedecktem Rappen ſprengte ein Reiter von fürſtlichem Anſehen, mit gezücktem Schwert dicht an den Knäuel der Kämpfenden. Es war der Graf Thurn. Rellſtab, Drei Jahre. 2. Aufl. I. 1. 5 Ueuntes Capitel. „Was geht hier vor?“ fragte er, mit funkelndem Auge umherſchauend, während das plötzlich gewaltſam angehaltene Roß ſich hoch aufbäumte, daß die Nächſten erſchreckt zurück⸗ ſprangen. „Was geht hier vor?“ fragte er zum zweiten male, und ſtreckte das breite Schwert weit über den Kreis hin, als wolle er ſagen:„Ihr ſteht unter dieſem!“ Alle ſtanden regungslos, die Schuldigen vor Schrecken, die Verfolgten vor verwundertem Staunen. Nur Thereſe, welche vermuthend erkannte, wer der Retter ſei, erhob die Hände gegen ihn und flehte:„O Herr, ſchützt uns! Schützt das Leben dieſes Greiſes vor wilden Mördern!“ „Beruhigt Euch, Ihr ſeid in meinem Schutz!“ ſprach der Graf zu Thereſen. Wer wagt es, hier Gewaltthat und Mord auszuüben?“ herrſchte er die Rotte an, und ſein Blick flog rings umher.„Ich werde die Frevler zur Rechen⸗ ſchaft ziehen, daß ſie zittern ſollen!“ Gleich bei Thurn's Erſcheinen hatte ein Theil der An⸗ greifer ſich zaghaft zurückgezogen und die Hunde eilig wie⸗ der an die Hand genommen. Einzelne ſah man ſchon zwiſchen den Gebüſchen neben der Landſtraße verſtohlen hin⸗ wegeilen. Zaloska ſchaute noch mit einem ſcheu prüfenden Blick umher, ob er ſtark genug ſei, mit den Seinigen Widerſtand zu leiſten. Da gewahrte er einen Trupp Reiter, welcher nur noch einige Hundert Schritte entfernt, im vol⸗ len Galopp heranſprengte. Bei dieſem Anblick wich er zurück und war mit einem haſtigen Sprunge in das Ge⸗ 99 büſch am Wege verſchwunden. Wie Spreu vom Winde ge⸗ fegt, ſtob die ganze Rotte nach allen Seiten auseinander. Die Unglückſeligen, gegen die der Angriff gerichtet ge⸗ weſen, waren größtentheils verwundet und zu entkräftet oder vom Schrecken beſtürzt, um jene zu verfolgen. Sie ſchöpften kaum Athem in dieſer erſten Minute der Erlöſung. Frauen und Männer lagen einander in den Armen; ſie umklammerten ihre Kinder; die Unverletzten leiſteten den Verwundeten Hülfe. Graf Thurn warf einen Blick düſtern Schmerzes auf die Unglücklichen. Der Greis Nechodom lag bewußtlos in den Armen Thereſens und Czernig's. Von Stirn und Wangen hatten ſie ihm das Blut weggewiſcht, doch es quoll immer neu nach, und das ſilberne Haupt⸗ und Barthaar war dunkel⸗ roth gefärbt. „Wer iſt der Unglückliche“, fragte der Graf und hielt die erſchütterten Blicke auf ihn geheftet. Czernig gab ihm Auskunft und wollte das Geſchehene berichten. Doch wäh⸗ rend er zu reden begann, hatten die Reiter ſich bis auf eine Steinwurfweite genähert. Da ſprangen zwei mit ver⸗ hängtem Zügel den übrigen plötzlich vor bis dicht an den Kreis der Unglücklichen. Dort warfen ſie ſich haſtig vom Pferde. Es waren Wolodna und Xaver, die der Graf, den Czernig's Bote und ſeine Erzählungen von der dro⸗ henden Gefahr herbeigeführt hatten, beritten gemacht und ſie in ſeinem Reitergefolge mitgenommen hatte. „Allmächtiger Gott, mein Vater! Mein Vater“, rief kaver, ſank zu den Füßen Nechodom's nieder und bedeckte die herabhängende Hand deſſelben mit Küſſen und Thränen. Thereſe hing erſchöpft in den Armen Wolodna's. Der Graf winkte ſeinen Reitern Halt zu machen und 5* — —-ꝛẽõÿõäõ 100 ſchwang ſich ſelbſt vom Pferde. Er erfuhr nun durch die Umſtehenden erſt den ganzen Zuſammenhang dieſer Er⸗ eigniſſe. „Welch ein Geſchick habt ihr erfahren“, redete er ſie an.„Allein hier erhebe ich meine ritterliche Rechte und ſchwöre euch bei der Ehre meines Namens, ich will euch Genugthuung verſchaffen! Euch Allen!“ wandte er ſich zu den Umſtehenden.„Ihr ſollt ſehen, daß ich meine Pflichten als erwählter Schirmherr eurer Glaubensgenoſſenſchaft er⸗ füllen werde. Böhmens Stände werden Alle für Einen zu eurem Schutz auftreten. Solche Frevel ſchreien um Rache, ſolch heiliges Blut“, er deutete auf Nechodom, „fordert Sühne!“ „Ja“, rief Xaver, und weinte vor Schmerz und Er⸗ bitterung,„hier erhebe auch ich meine Rechte und gelobe feierlich vor Gottes Antlitz: Ich will dieſes Blut ſühnen!“ „Wir Alle“, ſcholl der laute Ruf durch die Lüfte; ein Ruf des Schmerzes und der Wuth! Die Glaubensbrüder drängten auf Xaver zu und ſchloſſen ihn in ihre Arme. Der aus vier Wunden blutende Czernig preßte ihn ans Herz, erhob den Arm und rief:„Und ich will treu an dir halten, bis der Schwur erfüllt iſt!— Rache unſern Brüdern, Freiheit unſerm Glauben!“ „Rache! Rache!“ riefen Alle mit erglühendem Antlitz, auch die Frauen, die eben noch bleich und in Thränen ge⸗ zittert hatten. „Haltet feſt an eurer Geſinnung“, ſprach der Graf Thurn, indem er den Einzelnen im Kreiſe die ritterliche Hand reichte,„und wir werden unſer Ziel erreichen. Ich will euch dahin führen; vertraut auf mich, aber befolgt mein Gebot. Wollt ihr euch mir in Gehorſam anſchließen?“ „Ja!“ ertönte der Ruf Aller zugleich. 101 „So ſollt ihr weiter von mir erfahren durch Dieſe hier.“ Er zeigte auf Wolodna und Xaver.„Ihr werdet jetzt hier, deß bin ich gewiß, vorläufig nichts weiter zu befürchten haben. Beſtattet dieſen Todten, wie es ſo ehr⸗ würdigem Haupt geziemt!“ Bei den letzten Worten deutete er auf Nechodom, der, das Haupt an der Bruſt There⸗ ſens, mit geſchloſſenen Augen, bleich im Arm der Seini⸗ gen lag. „Er iſt nicht todt, er athmet noch“, ſagte Thereſe bebend,„er wird uns erhalten bleiben!“ Ihr thränen⸗ volles Auge richtete die heißeſte Bitte um Erfüllung dieſer Hoffnung nach oben. „O möchte der Himmel Euer Flehen erhören!“ wandte ſich der Graf Thurn bewegt zu Thereſen.„Eine ahnende Ungeduld führte mich auf meinem raſchen Pferde den Mei⸗ nigen voran, und doch kam ich zu ſpät! Allein ich will nachholen, was ich verſäumt habe!“ kaver hatte die Hand ſeines Vaters ergriffen und beugte ſich über ſein Haupt.„Ein ſchwacher Lebenshauch ſchwebt noch auf ſeiner Lippe“, ſagte er.„Wir wollen ihn in das Haus tragen, ihm alle Pflege zu widmen.“ Der Greis wurde emporgehoben; ſie trugen ihn hinein. Lebenlos befand er ſich nun an eben der Stelle, wo er einige Minuten zuvor in ſo hehrer Begeiſterung der An⸗ dacht zu ſeinen Brüdern geſprochen hatte. Die Tragenden ließen den kaum noch Athmenden in ſeinen Lehnſeſſel nieder. Thereſe, Xaver, Wolodna und Thurn umſtanden ihn zu⸗ nächſt und lauſchten auf ſeine Athemzüge. Die Andern blieben in ehrerbietiger Ferne. Da ſchlug der Entkräftete das Auge matt auf. „Er lebt“, flüſterte Thereſe mit heißem Dankgefühl. Lange blickte der Greis umher, den Ausdruck der Be⸗ 102 fremdung in den Zügen; er ſuchte den Zuſammenhang der Gegenwart in der Vergangenheit.„Einen Tropfen! Mich dürſtet“, bat er endlich mit ſchwacher Stimme. Thereſe reichte ihm den Becher mit dem Wein, der noch auf dem Altartiſch ſtand. Der Greis erkannte das heilige Gefäß, und in ſeinem Auge glänzte es wie ein überirdiſcher, ver⸗ klärender Schimmer. Er verſuchte den Becher zu faſſen, doch er war zu ſchwach dazu. Thereſe unterſtützte ihn und führte ihn an ſeine Lippen. Nur mit wenigen Tropfen netzte er fie; dann athmete er tief auf, wandte das Auge nach oben und hauchte das Wort:„Vater!“ Ein Anflug von Kräftigung kehrte in die ermatteten Lebensgeiſter zurück. Xaver fühlte einen leiſen Druck von der Rechten ſeines Va⸗ ters, die er in der ſeinigen hielt. Noch einen tiefen Athem⸗ zug that der Erſchöpfte, dann ſprach er mit ſchwachem, aber vernehmlichem Klang ſeiner ſanften Stimme: „Ich vergebe meinen Feinden! Meine Brüder, meine Kinder!“ Athemloſe Stille umher. Er legte mühſam die Rechte auf Xaver's Haupt; ſein brechendes Auge ſuchte Thereſen, die neben ihm kniete. Er lächelte ihr leiſe, ſchmerzlich, dann ſank er zurück, der Märtyrer hatte vollendet! Im Hauche des Frühlingsmorgens entſchwebte ſeine Seele. 5 — 2 A Zehntes Capitel. In der Altſtadt Prag hatte an der Südſeite des großen Ringes, nahe dem Rathhauſe, ein wohlhabender Bürger, Jakob Steffeck, ein reiches Weinlager und eine viel⸗ beſuchte Trinkſtube. Hier pflegten nicht nur die angeſehenen Bürger, ſon⸗ dern auch edle Herren und Ritter zuſammenzukommen und die beſten böhmiſchen und die feurigen Ungarweine, welche Jakob Steffeck auf dem Lager hielt, beim Geſpräch mit Be⸗ hagen zu trinken. Je Wichtigeres die Tage brachten, um ſo lieber kamen die Männer hier zuſammen, um es zu be⸗ ſprechen. So ſaß in den ſpätern Nachmittagsſtunden des 22. Mai eine Anzahl von Männern an einem langen Tiſche, auf wel⸗ chem gefüllte Becher und Gläſer ſtanden, im eifrigen Ge⸗ ſpräch beiſammen. Die große Verſammlung der utra⸗ quiſtiſchen Abgeordneten zum 21. Mai, welche geſtern wirklich im Carolinum ſtattgefunden hatte, und deren nächſte Folgen, bildeten den Gegenſtand der Unterredung. „Ich wette, es fällt morgen etwas vor von einer oder der andern Seite; ſie ſind zu erbittert gegeneinander“, ſagte 5** 106 ein Mann in mittlern Jahren, deſſen ſchwarze Kleidung den gerichtlichen Stand verrieth. Es war der Stadtſchreiber Ni⸗ kolaus Dionyſius, insgemein Niklas Diewiß genannt.*) „Sollte es wirklich ſo weit kommen, Herr Stadtſchreiber!“ entgegnete ein ſchon älterer, aber rüſtiger Mann ihm gegen⸗ über, der Rathszimmermeiſter Duſſek. „Diewiß hat Recht“, nahm der gelehrte Doctor beider Rechte, Daniel Baſilius, das Wort.„Es iſt ſo heftig debattirt und disputirt worden geſtern auf der Kanzleiſtube, daß ſie faſt ſchon die Degen gezogen hätten. Nur der Ort, der doch gewiſſermaßen unmittelbar unter dem Schutze Sr. kaiſerlichen und königlichen Majeſtät ſteht, hat den gewalt⸗ ſamen Ausbruch verhütet.“ „Man konnte das ſchon aus dem Aufzuge vermuthen, mit dem die Herren geſtern Vormittag um elf Uhr vom Caroli⸗ num ſich auf den Hradſchin begaben“, ſagte der Wirth Jakob Steffeck, indem er dem Stadtſchreiber einen friſch gefüllten Becher hinſetzte.„Zu Fuß, zu Pferd, zu Wagen; Einer drängte dem Andern vor, und ein Volksgetümmel war um⸗ her, das den halben Ring füllte. Der Zug konnte kaum hier aus der Eiſengaſſe heraus und nahm gar kein Ende!“ „Die Verſammlung iſt ja auch viel zahlreicher, als die im März geweſen iſt“, bemerkte Niklas Diewiß.„Eine Menge Magnaten aus allen Kreiſen Böhmens, die das letzte mal fehlten, ſind nach Prag gekommen!“ *) Der Name Dionyſius iſt wahrſcheinlich nur durch unklare Schrift(aus Dionys oder Dionis, wobei man das on für ein w las), in Diewis oder Diewiß übergegangen; da er aber in allen Geſchichtsbüchern und gleichzeitigen Documenten ſo geſchrieben und gedruckt iſt, ſchien es mir am angemeſſenſten, ihn(obgleich ſichtlich corrumpirt und wol ſchwerlich bei Lebzeiten des Trägers ſo ge⸗ ſprochen) in dieſer durch den Gebrauch gültigen Form beizubehalten. 107 „Es wäre traurig, wenn es zu offenem Zwieſpalt und Tumult käme“, ſagte Duſſek mit bedenklicher Miene.„Es hatte ſo würdig begonnen. Die Eröffnung der Verſamm⸗ lung durch den Gottesdienſt geſtern im Carolinum ſoll ſo feierlich geweſen ſein.“ „Ja, das war ſie“, bekräftigte ein älterer Mann, der berühmte Arzt Mathias Borbonius, der ſchon Kaiſer Rudolf's Leibarzt geweſen war und den ſelbſt der jetzige Kaiſer Mathias öfter zu Rathe gezogen hatte.„Schade, daß der Theologenſaal nur ſo wenig Zuhörer faßt. Ich wollte, die Eröffnung hätte in der Schloßkirche ſtattfinden können, damit Tauſende zugegen geweſen wären. Unſer Pfarrer Roſacius hat eine wahrhaft herzerhebende Rede gehalten. Es iſt bei Gott auch nichts Geringes, um was es ſich handelt!“ „Das meine ich auch“, pflichtete Baſilius bei;„der Pfarrer ſagte ganz richtig:«Es iſt der Scheideweg für Böhmens Zukunft, an dem wir ſtehen!»“ „und es handelt ſich um unſer Aller Gewiſſen und Seelenheil“, entgegnete Borbonius. „Wir müſſen den Majeſtätsbrief ſchützen!“ rief Die⸗ wiß eifrig. „Ja, das müſſen wir“, ſtimmten Mehrere ein, und die Verſammlung ward unruhig. „Was meint Ihr, lieber Doctor Baſilius“, fragte Bor⸗ bonius,„haltet Ihr es nach Eurer Rechtskunde für mög⸗ lich, daß die Verſammelten wegen der Verſammlung ſelbſt zur Verantwortung gezogen werden können?“ „Keineswegs“, antwortete Baſilius.„Das böhmiſche Landrecht und der Majeſtätsbrief berechtigen ſie dazu. Sonſt wäre die Zuſammenkunft auch ſicherlich nicht zugelaſſen worden; allein die Statthalter haben ſie nur mit Worten 1—— ————=—88 ————— —/ỹZO—⸗—OC—=—O ——— 108 unterſagt, nicht durch die That verhindert. Selbſt in dem letzten kaiſerlichen Schreiben ſind die Defenſoren ermahnt worden, um wichtiger Gründe willen, das heißt die unſern Gegnern wichtig ſind, die Verſammlung aufzuſchieben. So handelt man nicht, wenn man ein Recht hat, geradezu zu verbieten!“ „Und am wenigſten die Herren Statthalter“, pflichtete Diewiß bei. „Mögen unſere Defenſoren ſich nur im Eifer, in der Heftigkeit nichts zu Schulden kommen laſſen“, ſprach Borbo⸗ nius beſorglich.„Was bis jetzt geſchehen iſt, war ſo würdig!“ „Ich wollte, ich hätte dem Gottesdienſt im Carolinum beiwohnen können“, ſagte Duſſek, der nicht nur ein Mann ſtrenger Rechtlichkeit, ſondern auch wahrer Frömmigkeit war. „Auch die in den Kirchen ehegeſtern durch die Pfarrer verleſene Schrift war würdig und ſchön“, meinte Nikolaus Diewiß. 3 „Ja, wahrlich“, ſtimmten Mehrere bei. „Wie voll mag es aber auch überall geweſen ſein“, ſagte Jakob Steffeck.„Vor der neuen Salvatorkirche hier drüben“, er deutete durchs Fenſter über den Ring hin, an deſſen Nordſeite die Kirche lag*),„ſtanden die Leute bis auf den halben Ring hinaus. Herr Magiſter Lippach hat dort die Predigt gehalten.“ „Das iſt auch ein echter Mann Gottes“, rief Duſſek, „Wahrheit und Klarheit in jedem Worte.“ „Es wäre traurig, wenn ſo ſchöner Anfang einen böſen Ausgang haben ſollte“, hub Borbonius wiederum an. „Und doch fürchte ich's! Denn die Gemüther ſind zu erhitzt!“ blieb Diewiß bei ſeiner Meinung. *) Jetzt iſt die Münze in dem Gebäude befindlich. — 109 „Was iſt denn eigentlich zwiſchen ihnen vorgegangen?“ fragten Einige. „Eine Partei“, antwortete Diewiß,„klagt die andere geheimer böslicher Abſichten an. Der Graf Thurn iſt aufs äußerſte erzürnt auf Martiniz wegen des Burggrafen⸗ thums von Karlſtein, und auf Slawata, weil dieſer die Kirchenſchließung zu Braunau und die Zerſtörung zu Kloſter⸗ grab und Alles, was dort im Gebirge vorgefallen iſt, ſo eifrig mitbetrieben haben ſoll..... 4 „Das hat er gewiß gethan“, warf Baſilius dazwiſchen. „Ich glaube es auch“, ſtimmte Duſſek bei;„auch Alles, was ſie von den Ränken und dem Aufhetzen des Volks durch den Herrn Geheimſchreiber erzählen!“ „Nun eben“, fuhr Diewiß fort,„weil nun einmal die Feindſeligkeit und der Haß gegenſeitig ſo groß iſt, ſo haben ſie von der andern Seite das Gerücht verbreitet, der Graf Thurn und General Colon von Fels und etliche Andere von der Partei ſtellten den beiden Statthaltern nach dem Leben und wollten Gewalt wider ſie gebrauchen.“ „Ich glaube zwar nicht, daß eine ſolche Anklage Grund hat. Allein es iſt ſchlimm, wenn immerfort gegenſeitiger Verdacht genährt wird, der von Tag zu Tag höher ſteigt. Heute war nun großer Eifer darüber, daß die Schloß⸗ wacht verdoppelt worden ſei. Und das Gerücht gar unter den utraquiſtiſchen Brüdern verbreitet, der Schloß⸗ hauptmann, Czernin von Chrudenitz, habe Befehl er⸗ halten, zwar die Herren, wenn ſie heute auf den Hradſchin kämen, einzulaſſen, nicht aber, wie geſtern, auch die Diener. Der Herr Rath Dworſchetzti von Olbramowitz, dies weiß ich aus ſicherer Hand, wollte in Erfahrung gebracht haben, daß ſogar Befehl gegeben ſei, die Herren zwar einzu⸗ laſſen, aber nicht zurück, ſondern Thurn und andere 110 von ihnen ſofort feſtzunehmen und in den Weißen Thurm abzuführen!“ „Unglaublich!“ rief Borbonius.„Schändlich! Ab⸗ ſcheulich!“ tönte es von mehreren Stimmen. „Ob ich es glauben ſoll, weiß ich nicht“, fuhr Diewiß fort,„aber das Gerücht iſt im Umlauf geweſen und iſt es noch. Ebenſo wird erzählt, daß Martiniz, Slawata und der Herr Erzbiſchof und Andere der Partei geäußert haben ſollen, es müſſe jetzt kurzes Verfahren eintreten, man müſſe der Ketzerei mit Einem Schlage ein Ende machen! Wenn nur die Häupter der Hydra, Graf Thurn, Graf Schlick, Budowa, Olbramowitz, und ihrer noch Etliche fielen, dann würde der Rumpf ſchon abſterben! Und ſolchen Rath ſollen ſie dem Kaiſer ertheilt haben!“ „Das ſind wol böswillige Erfindungen“, entgegnete Borbonius,„ſo gut wie die Anklage gegen unſere Ver⸗ treter, daß ſie Gewalt und Mord gegen die Statthalter beabſichtigten.“ „Die Hauptanklage bleibt immer die“, nahm Baſilius wiederum das Wort,„daß Martiniz und Slawata das harte Antwortſchreiben auf die Beſchwerdeſchrift der Ver⸗ ſammlung vom 6. März ſelbſt verfaßt haben, oder ſie von den Herren Paul Michna und Fabricius haben ver⸗ faſſen laſſen. Darüber wird morgen verhandelt werden!“ „Ganz richtig“, pflichtete Diewiß bei,„allein über Das, was ich Euch ſagte, wird wol morgen auch heftig verhandelt werden, da es heute ſchon geſchehen iſt, wiewol nur durch etwelche Abgeordnete. Morgen aber kommen ſie in größerer Zahl auf die Kanzlei der Statthalter.“ „Wiſſet Ihr etwas Näheres von den heutigen Ver⸗ handlungen, Herr Diewiß?“ fragte Borbonius. „Einiges“, verſetzte dieſer.„Der Herr Schloßhaupt⸗ 111 mann iſt in Gegenwart der Abgeordneten vernommen worden. Er hat erklärt, daß er keinen Befehl von dem Statthalter empfangen habe, die Wachen zu verſtärken, noch irgend ſonſt etwas Feindſeliges wider die Utraquiſten vorzunehmen.*) „Aber die Wachen ſind verſtärkt geweſen“, fiel Baſilius eifrig ein,„das weiß ich ganz ſicher!“ „Ja wohl, Herr Doctor“, antwortete Diewiß.„Doch der Hauptmann Czernin hat erklärt, das ſei nur in Folge alten Herkommens geweſen, weil in dieſen Tagen ſo viele Proceſſionen ſtattfänden!“ „Hm! Ich wüßte doch nicht, daß dem ſonſt ſo ge⸗ weſen wäre!“ meinte Duſſek.„Ehegeſtern, am Sonntag, haben freilich Proceſſionen ſtattgehabt!“ „Ich kann nur ſagen, daß der Schloßhauptmann das angegeben hat; das iſt aber zuverläſſig.“ „Ich kann nicht glauben, daß die Statthalter ſo offen⸗ bar Gewaltſames beabſichtigt haben“, wiederholte Borbonius. „Ihren eigenen Aeußerungen nach gewiß nicht“, nahm Diewiß ſeinen Bericht wieder auf,„denn ſie haben ver⸗ langt, daß ihnen wegen dieſes ungerechten und ſchmählichen Verdachts Genugthuung werden müſſe.**.) Martiniz hat ſogar ſtolz geſagt: Auch den Statthaltern ſei Vieles hinter⸗ bracht worden, was die Utraquiſten argliſtiger Abſichten gegen ſie beſchuldige. Allein da dieſelben Edelleute und einige darunter ihnen ſogar blutsverwandt ſeien, ſo hätten die Statthalter ſie ſolchen Frevels für unfähig gehalten und ſie deshalb gar nicht mit einer Befragung beläſtigen wollen.“ „Martiniz iſt ein harter Mann, aber ich glaube, er *) Hiſtoriſch. Ebenſo alle oben in dieſem Capitel angeführten Thatſachen und Gerüchte. *c) Hiſtoriſch. 112 denkt wirklich ſo ritterlich, als er hier geäußert hat“, be⸗ merkte Borbonius;„nur in Glaubensſachen mag ich nichts mit ihm zu thun haben.“ „Ihr ſeid ja wol, verzeiht die Frage, auch ſein Arzt“, wandte ſich Baſilius zu ihm. „Das bin ich. Er hat“, fügte er lächelnd hinzu,„oft⸗ mals verſucht, mich zu bekehren. Und er wird es, glaube ich, noch oft wiederholen!“ „Nur nicht auf die Weiſe“, entgegnete Baſilius,„daß er Euch, Herr Doctor, den Mund gewaltſam aufſperren ließe, um Euch die Hoſtie einzugeben, wie er dies auf ſei⸗ ner Herrſchaft Smeczan mit den utraquiſtiſchen Bewohnern gethan hat. Ich habe einen armen Verwandten, dem das begegnet iſt!“ „Ich mag an ſolche Dinge gar nicht denken!“ erwiderte Borbonius entrüſtet.„Das war aber doch vor Erlaß des Majeſtätsbriefes?“ „Ich glaube, ja“, antwortete Doctor Baſilius. „Solche Dinge haben wir erdulden müſſen!“ rief Duſſek aus. „O, ſie kommen noch heutzutage vor, wie die letzten Ereigniſſe im Erzgebirge nur zu traurig beweiſen“, fiel Diewiß ein. „Und es iſt ganz angelegt darauf, daß das allge⸗ mein wieder ſo werden ſoll“, ſetzte Baſilius hinzu. „Darum bleibt es wahr, wie der Herr Pfarrer Roſa⸗ cius geſtern ſagte:«„Wir ſtehen am Scheidewege für Böhmens Zukunft!»“ „Möge man nur morgen die richtige Straße wählen! Feſt, aber ruhig!“ ſprach Borbonius mit Ernſt. „Horch! Iſt das nicht Donner?“ fragte Duſſek unter⸗ brechend, und lauſchte auf. 113 „Es kann wol ſein; ich glaube, es zieht ein Gewitter herauf“, meinte Steffeck. „Darum thäten wir wohl, aufzubrechen“, ſprach Die⸗ wiß, und ſtand auf. Mehrere Andere folgten ſeinem Bei⸗ ſpiele. Sie ſahen durch die Fenſter nach dem Himmel. „Hier iſt es noch hell, aber weſtwärts liegt grau dun⸗ ſtiges Gewölk“, ſagte Duſſek. „Schwül genug iſt es, um ein ſchweres Gewitter fürchten zu laſſen!“ ſprach Borbonius halb vor ſc hin, doch mit ernſtem Nachdruck. Er ging in den Hintergrund des Gemachs, wo er ſei⸗ nen Stock und Hut nahm. Die andern Gäſte hatten in⸗ zwiſchen die Weinſtube eilig verlaſſen, da es ſtärker zu donnern anfing. Borbonius, Baſilius und Diewiß waren die Letzten. „Ihr bleibt dabei, es ſei morgen ein thätlicher Aus⸗ bruch zu erwarten?“ fragte Borbonius nochmals zu Die⸗ wiß gewandt. Dieſer zuckte die Achſeln. „Selbſt der Tag gefällt mir nicht“, fiel Baſilius ein. „Es iſt der 23. Mai! Kein guter Tag für Prag!“ „Ihr meint wegen des Kaiſers Rudolf Abdankung?“ erwiderte Borbonius.„Der Tag liegt uns, die wir ihn erlebten, freilich ſchauerlich genug in der Erinnerung.“ „Man ſagt, der Kaiſer habe die Stadt Prag ver⸗ flucht an dieſem Tage“*), wandte ſich Diewiß halb fra⸗ gend mit leiſem Tone an Borbonius, als ſcheue er es, dies laut auszuſprechen. „Dem iſt ſo, ich weiß es leider ganz gewiß“, ant⸗ wortete Borbonius.„Ich bin nicht abergläubig, allein die *) Hiſtoriſch. —-— 114 Erinnerung an den ſchrecklichen Tag, wo der jetzige Kaiſer auf der einen Seite im Schloſſe jubilirte und banketirte, während auf der andern der Kaiſer Rudolf über ſeine erzwungene Abdankung in Wehklagen und Verwünſchungen ausbrach, dieſe Erinnerung wird mich mein Lebtag nicht verlaſſen, und es iſt mir an dieſem Tage noch niemals wohl zu Muthe geweſen. Was ſoll ich nun für morgen hoffen, wo Alles ſchon ſo bedenklich ſteht!“ „Sie hätten, ohne dieſer übeln Vorbedeutung zu ge⸗ denken, den Tag vermeiden können“, meinte Baſilius. „Denn morgen iſt Mittwoch; und Mittwoch und Sonn⸗ abend ſind keine Sitzungstage.“ „Die Ungeduld der Verſammlung iſt zu groß“, ver⸗ ſetzte Diewiß;„ſie wollen nicht bis übermorgen war⸗ ten! Ich wiederhole es Euch, die Stimmung iſt allzu erbittert!“ „Sollte es wahr ſein“, fragte Borbonius leiſe, und zog beide Männer etwas in den Vordergrund, damit Steffeck, der hinten im Gewölbe beſchäftigt war, das Geſpräch nicht höre,„daß bei Thurn heute Abend eine geheime Verſamm⸗ lung ſtattfindet? Eine Art Verſchwörung oder engere Ver⸗ brüderung?“ „Ich habe auch etwas davon flüſtern hören“, antwor⸗ tete Baſilius ebenſo. „Es iſt nicht ohne Grund“, verſetzte Diewiß noch leiſer, mit einem Blicke auf Steffeck, der aufmerkſam auf das Ge⸗ ſpräch zu werden ſchien. „Sein Bruder, Tobias Steffeck, wird auch dort ſein. Auch Colon von Fels, Olbramowitz, Paul Riczan, Budowa, der alte Caplicz, Graf Schlick...“ „So würdige, beſonnene Männer auch?“ unterbrach Borbonius. 115 „Sie ſollen ſich nur verpflichten, als Glaubensbeſchützer ſich diesmal nicht mit bloßen Worten und Verſprechungen genügen zu laſſen, ſondern Thaten und Unterpfand zu verlangen“, erklärte Diewiß.„Allein wer weiß, womit Thurn noch zurückhält; er iſt, glaube ich, zum Aeußerſten entſchloſſen!“ „Das Schlimmſte bleibt immer die Frage, ob die bit⸗ tere Antwort von den Statthaltern oder vom Kaiſer her⸗ rührt“, ſagte Baſilius bedenklich.„Sie werden nicht Nein ſagen können und keine andere Antwort geben wollen. Dann iſt für nichts zu ſtehen. Wenigſtens mögen Martiniz und Slawata ſich vorzuſehen haben!“ „Ich habe gehört, ſie ſind gewarnt und wollen ſich decken“, ſagte Diewiß. „Sonſt könnten ſie leicht zu den Abgeordneten von Braunau in den Weißen Thurm wandern und als Unter⸗ pfand inne gehalten werden“, meinte Baſilius. „Wer weiß, was möglich iſt!“ erwiderte Diewiß, und ſchüttelte ſorgenvoll den Kopf.„Vorbereitet wird etwas, Prag iſt voller Leute mit verdächtigen Mienen, man ſagt, Thurn und die andern utraquiſtiſchen Herren haben ſie von ihren Gütern hereinkommen laſſen. Andererſeits hat auch die kaiſerliche Mannſchaft ihre ſtrengen Befehle! Kommt es zum Ausbruch, ſo geſchieht es von beiden Theilen mit gut gerüſteter Kraft. Genug, ich beſorge einen harten Zu⸗ ſammenſtoß!“ In dieſem Augenblicke dröhnte ein ſo ſchwerer Donner⸗ ſchlag, daß die Fenſterſcheiben zitterten. Es entſtand eine betroffene Stille. „Laßt uns fort, ihr Herren, wir werden kaum noch das Haus erreichen!“ brach ſie Borbonius, und ſchritt eilig hinaus. Die Andern folgten. 116 Wenige Minuten ſpäter rauſchte ein ſchwerer Gewitter⸗ regen nieder. Schweflige Blitze kreuzten die Lüfte. Doch es drohte ein ſchwereres Gewitter auf Prag, auf Böhmen herab als das, deſſen Donner jetzt über die Stadt hinrollten. Elftes Capitel. Der Nachregen des Gewitters hatte noch nicht aufgehört, als, kurz vor Sonnenuntergang, ſich dem Reichsthore von Prag ein mit zwei Pferden beſpannter, mit Geräthen ſchwer beladener Wagen langſam näherte, auf dem zugleich eine weibliche, dicht im Regenmantel eingehüllte Geſtalt, mit einem Tuche über dem Kopfe, neben einem etwa ſechzehn⸗ jährigen Knaben im braunen Wollkittel und breiten Filzhut ſaß, der die Zügel führte. Neben dem Wagen ritten zwei Männer, gleichfalls gegen den noch ziemlich ſtark ſtrömen⸗ den Regen dicht in Mäntel gehüllt. Es waren Wolodna, kaver und Thereſe, welche dieſe Wandergruppe bildeten. Sie hatten mit ihrer beweglichen beſten Habe die Heimat verlaſſen und zogen, auf Thurn's Aufforderung, jetzt zu dieſem, einſtweilen nach Prag. „Nun wären wir denn in Prag“, ſprach Wolodna, als ſie das enge dunkle Feſtungsthor hinter ſich hatten und in die Straße einritten, wo zunächſt, ihnen zur Rechten, das Strahowi'ſche Prämonſtratenſerkloſter lag, das mit ſeinen alterthümlichen Thürmen und Giebeln ernſt emporſtieg.„Du wirſt bald ſtaunen über die Stadt, Thereſe, und du auch, kXaver“, fuhr er fort,„wartet nur noch einige Minuten.“ 117 „Von weitem dünkte ſie mich wol ſehr ſtattlich und prächtig“, antwortete Thereſe,„zumal als die Sonne noch ſchien und die herrliche Kirche da drüben beleuchtete mit ihrem wundervollen Thurme; aber jetzt, das düſtre lange Thor, dieſe enge Straße, die ſeltſamen Kloſtergebäude, dazu der graue Regenhimmel, das Alles bedrückt mich und gibt mir ein Gefühl düſtrer Schauer und Ahnungen, wie ich es noch niemals gehabt.“ „Wahrlich“, rief Xaver,„auch mir wird die Bruſt ganz enge in dieſen Steinmaſſen. Acht Tage bei ſo grauem Wetter hier zugebracht, und ich würde glauben, ich ſei ſchon begraben!“ „Hm!“ ſagte Wolodna,„die Stadt wird dir wol noch anders erſcheinen! Zumal wenn die Sonne noch einmal durchbricht vor dem Untergehen, wie ich faſt glaube, da das Gewölk hinter uns ſich ſchon theilt und einen leicht vergoldeten Saum zeigt. Dabei wandte er ſich halb im Sattel herum und deutete mit der Hand rückwärts. Sie ritten noch einige Minuten die Straße hinab, die ſich etwas bergab ſenkte; da öffnete ſie ſich und ein weiter freier Raum lag vor ihnen; links ein prachtvolles Schloß und eine herrliche gothiſche Kirche mit hoch in die Lüfte ragendem Thurme.„Das iſt der Hradſchin, der erzbiſchöf⸗ liche Palaſt, und die Schloßkirche“, ſagte Wolodna. Thereſe, die bis dahin tief eingehüllt vor ſich nieder⸗ geblickt hatte, erhob jetzt das Auge und rief:„Welche Prachtgebäude!“ Auch Xaver, der Prag noch nie betreten hatte, ſah be⸗ wundernd nach beiden Seiten. Zur Linken die ſtolzen Ge⸗ bäude des Hradſchin, zur Rechten den anſteigenden Lorenzo⸗ berg mit einer Kapelle und einem Kirchlein geſchmückt und von der zackigen Feſtungsmauer mit ihren Thürmen umkränzt. 118 „Ihr ſollt den Anblick noch ſchöner haben“, ſagte Wo⸗ lodna.„Laß uns einen Augenblick abſitzen, Xaver; der Bube wird die Pferde halten, während wir mit Thereſen dort nach dem Hradſchin hinaufgehen!“ Er ſchwang ſich vom Sattel, ſtreifte die Zügel des Pferdes über deſſen Kopf und warf ſie dem Wagenführer zu. Xaver that ein Glei⸗ ches, und Beide halfen Thereſen vom Wagen. Während ſie über den Platz zu ihrer Linken und gerade auf das Schloß zuſchritten, hellte ſich das Gewölk im Weſten völlig auf und die Sonnenſtrahlen brachen durch. Jetzt hatten ſie einen Höhepunkt dicht an einer kleinen ſteinernen Brü⸗ ſtung, am Abhange gegen die Stadt zu, erreicht und die mächtigen Thürme derſelben, jenſeit der in rauſchender Pracht dahinſtrömenden Moldau, lagen wie ein ſteinerner Wald zu ihren Füßen. In dieſem Augenblick trat die hervor und ergoß ihren purpurnen Lichtſtrom über Stadt und Landſchaft. Die Zinnen des Schloſſes auf dem von einer Feuersbrunſt geröthet, auf dem grau bewölkten blieb. Der Strom, den halb düſtern, halb gerötheten Himmel zurückſpiegelnd, rollte abwechſelnd in finſtern und in roſig blinkenden Wellen, und die mächtige Steinbrücke wölbte ihre ſchwarzen Bogen ſchwer darüber hin. Die Höhen um die Stadt an beiden Ufern des Fluſſes ſchim⸗ merten im hellen Frühlingsgrün; jenſeits, hoch über die Altſtadt hinaus, ragte die zweite Veſte, welche dieſelbe deckt, der Urſitz der böhmiſchen Herrſcher, von der Stamm⸗ fürſtin Libuſſa gegründet, der Wiſherad, über die im grauen Duft ſich verlierenden Häuſer empor! Abendſonne in voller Klarheit zwiſchen dem Regengewölk Hradſchin, der zackige Thurm der Schloßkirche, glühten, wie Himmel; die Thürme der Altſtadt leuchteten an den Spitzen, 8 während ihr unterer Theil in dunkelblaue Schatten gehüllt 119 „Wie prächtig“, rief Thereſe aus,„und doch wie ſchauerlich! Wie werden wir uns unter den Tauſenden von Ungekannten in den dunkeln Straßen verlieren!“ ſetzte ſie halbſeufzend hinzu. „Hier wohnt viel Kummer und Sorge dicht neben vielen Freuden und Hoffnungen!“ ſagte Wolodna;„wir werden die Zahl der Frohen freilich nicht vermehren!“ kaver blickte düſter vor ſich hin und legte den Arm ſanft um Thereſens Schulter.„In dieſer Stadt können ſchwere Dinge geſchehen“, ſagte er,„vielleicht auch freu⸗ dige! Dunkel iſt die Zukunft!“ Alle ſchwiegen; ihre Gedanken verloren ſich in dem erhabenen Schauſpiel vor ihnen. „Hier unter uns, neben dem kleinen Garten“, unter⸗ brach Wolodna die Stille,„liegt der Palaſt des Grafen Thurn. Dort links, ſeitwärts von der Kirche hin, ragen die Giebel hervor.“ „Und weſſen iſt das ſtattliche Schloß gleich links da⸗ neben? Wißt Ihr das, Vater?“ fragte Xaver. „Ich glaube, es gehört dem Grafen Albrecht von Waldſtein.“ „Ein Meer von Häuſern und Dächern, und ein Wald von Thurmſpitzen! Doch keine der Kirchen dort unten kommt dieſer gleich!“ ſagte die ſtaunende Thereſe. „Der Schloßkirche, meinſt du“, entgegnete Wolodna. „Ja, es iſt ein wunderbares Gebäude, dieſer Dom! Doch zählt Prag viele großartige Kirchen. Siehſt du jene dort mit den vielzackigen Doppelthürmen?“ „Wo jeder Thurm wieder mit kleinen Thürmchen be⸗ ſetzt iſt?“ fragte Thereſe. „Richtig, das iſt die Theinkirche, die reichſte von allen. Im Giebel iſt das Bruſtbild des großen Königs Georg 120 Podiebrad aufgeſtellt, und oberhald das Sinnbild unſers Glaubens, der Kelch. O, die Jeſuiten haben ſchon lange dagegen gearbeitet, und möchten gern ſowol das Bild des edlen, freigeſinnten Königs fortſchaffen als den Kelch, um irgend einen Heiligen oder die heilige Jungfrau an die Stelle zu ſetzen. Doch noch beſchützen unſere Glaubens⸗ ſchirmer, was unſere Väter angeordnet haben.“*) „Zu welcher Kirche gehört der Thurm links, nahe der Theinkirche?“ fragte Thereſe abermals. „Der große? Er gehört zu gar keiner Kirche; es iſt der Rathhausthurm“, belehrte Wolodna.„Der kleine ge⸗ hört zu der Kirche St.⸗Nikolas. Dort liegt der Markt der Altſtadt, der Altſtädter Ring.“ Thereſe ſchaute unverwandt nach der Gegend hin.„Welch ein blutiger Dunſt dort aufſteigt“, ſagte ſie nach einigen Augenblicken halb vor ſich hin in dem Anſchauen verloren. „Das ſind die Regendünſte, die die ſinkende Sonne röthlich färbt“, bemerkte Wolodna gleichgültig. Thereſe antwortete nicht; ihr Blick war unbeweglich auf die Ge⸗ gend geheftet. Auch Xaver ſtand ſtumm und ließ ſein ſchwarzes, feuriges Auge hin⸗ und herſchweifen über die Stadt; in ſeiner Bruſt wogten dunkle Gedanken, einem bewegten Meere gleich, auf und nieder. „Seht Ihr nicht auch den Regenbogen?“ rief Thereſe. „Zwei ſogar, ſie kreuzen ſich! Eben dort!“ „Wo eben dort?“ fragte ihr Vater. „Nun dort, wo der blutige Rauch aufſteigt, über dem Markte!“ „Ich ſehe nichts von Regenbogen, Kind, und niemals im Leben ſah ich Regenbogen, die ſich kreuzen.“ *) Jetzt nicht mehr. 121 Thereſe antwortete nicht; ſie hielt die Hand über das Auge und war in gefeſſeltes Hinſtarren verloren. Sie ſchauerte zuſammen, zitterte. „Was iſt dir, Kind“, fragte Wolodna verwundert. „Friert dich?“ „Ja“, antwortete ſie und hüllte ſich dichter in den Regenmantel. „Laßt uns eilen, Vater Wolodna“, drängte Xaver.„Es wird dunkel bevor wir die Herberge erreichen, und wir müſſen uns dann noch beim Grafen Thurn melden; er er⸗ wartet uns ja noch heut.“ „Du haſt Recht“, erwiderte Wolodna. Sie gingen; bald erreichten ſie ihr Fuhrwerk wieder, und ſetzten nun den Weg vom Hradſchin nach der Moldaubrücke hinunter fort, um die in der Altſtadt belegene Herberge aufzuſuchen, welche ihnen als Verſammlungsort derjenigen ihrer Glaubensgenoſſen bezeichnet war, die auf Thurn's und ſeiner Freunde An⸗ ordnung in dieſen Tagen nach Prag kamen, um ihre Unter⸗ nehmungen zu unterſtützen. Dieſe zahlreichen, ſtreitbaren Männer gelangten unter allerlei Verkappungen, als Kaufleute, Pilger, Viehtreiber, und in andern Geſtalten nach Prag. Seit mehreren Tagen ſchon hatten ſie ſich an vielen verſchiedenen Orten in der Stadt eingefunden, um ſich allmälig, und möglichſt un⸗ bemerkt zu einer ſtarken Schar zu verſammeln. Auch Xaver und Wolodna waren zu dieſem Zweck hierher beſchieden. Thurn, der gerade in dieſen ſchwer Geprüften und Be⸗ drückten die Zuverläſſigſten für ſeine Zwecke fand, hatte ihnen ſeinen vollen Schutz auch für die Zukunft zugeſagt, indem er ihnen einen Wohnſitz auf ſeinen eigenen Gütern Welliſch und Windritzſch ſicherte, wenn ſie ſich dort niederlaſſen wollten..— Rellſtab, Drei Jahre. 2. Aufl. I. 1. 6 —— 123 ihnen glühte unter den ſchweren Wolkenmaſſen das Abend⸗ roth der ſchon verſunkenen Sonne nach und umbrannte den Horizont mit düſtrem Feuerſchein. Die gedämpfte Wider⸗ ſpiegelung deſſelben zeigte ſich vor den Reiſenden, im Oſten, ſodaß die Thürme der Altſtadt ſich mit dem unteren Rumpf ſcharf darauf abzeichneten, während ihre Spitzen und Zin⸗ nen auf dem dunkeln Wolkenhintergrunde ins Unbeſtimmte verſchwanden. Der Strom rauſchte, die Lichtblicke des Abends in mattem Purpurglanz zurückwerfend, unter der Brücke hin. „Schaut einmal rückwärts“, ſagte Wolodna.„Das ſieht aus als ob der Hradſchin im Feuer ſtehe!“ „Ach!“ rief Thereſe, indem ſie ſich umwandte; ihr Auge hing gefeſſelt an dem ſchauerlich prachtvollen Anblick. Xaver ließ den Wagen anhalten. „Wir können ja zu Fuß vollends hineingehen“, ſagte Wolodna, und ſaß ab. Xaver that daſſelbe und half The⸗ reſen vom Wagen.„Du magſt die Pferde mitnehmen“, rief er dem Knaben zu und gab ihm die Zügel. Schweigend ſtand Thereſe, von der Gewalt ihrer Ge⸗ fühle im Tiefſten erregt, auf der Brücke, und konnte die Augen nicht abwenden von dem mit ſeinen Paläſten, Mauer⸗ zinnen und Thürmen und dem zackigen Thurm der Schloß⸗ kirche auf dem Feuergrunde des Abendhimmels ſich abzeich⸗ nenden Hradſchin. Auch hier ragten die höchſten Zinnen in das ſchwarze Gewölk hinein, als ob eine Rauchmaſſe, die aus dem Glutmeer aufſteige, ſie umhülle. Die gewal⸗ tigen Mauern und Gebäude malten ſich tief dunkel auf dem leuchtenden Hintergrunde. Nur die Fenſter blinkten in mat⸗ tem Purpur, da ſich der roſige Widerſchein, welcher im Oſten über der Altſtadt lag, darin ſpiegelte. Alle Drei ſtanden 6* ——————?j?,— 122 Um den Wagen, der Alles enthielt, was ſie von ihrer beweglichen Habe hatten fortſchaffen können, und Thereſen zuvörderſt in der Herberge unterzubringen, nahmen die Wan⸗ dernden ihren Weg zuerſt nach der Altſtadt; die Männer wollten dann ſogleich wieder zurück nach der Kleinſeite, wo des Grafen Thurn Palaſt am Fuße des Hradſchin lag. Der Anblick Prags wurde, je tiefer ſie in die Stadt hinab kamen und ſich der Moldaubrücke näherten, immer düſterer und erhöhte die unheimlichen Schauer, welche Thereſen durchzitterten. Die ſchweren, dunkeln Häuſer, die in den grauen Abendhimmel emporragenden Thürme, welche in der Dämmerung unabſehbar hoch ſchienen, die ihr ganz ungewohnte Enge der Straßen, erfüllten ſie mit einem be⸗ drückenden Gefühl. Der Weg führte jetzt durch das Thor des Brücken⸗ thurms an der Kleinſeite; es herrſchte tiefe Dämmerung, als ſie die Moldaubrücke betraten. Damals war dieſe weder durch das Standbild des heiligen Nepomuk, noch durch die der andern Heiligen geziert; erſt die ſpätern, ausſchließlich katholiſchen Zeiten Böhmens richteten dieſe Bildſäulen auf. Das ſteinerne Geländer lief in langer, ununterbrochener Linie hin, wodurch die Brücke den Strom noch ſchwerer zu drücken ſchien. Nur an ihrem jenſeitigen Ende, etwa auf dem letz⸗ ten Viertel deſſelben, erhob ſich ein Crucifix, und ihm gegen⸗ über ſtand auf einem der Pfeiler, mit einem Eiſengitter um⸗ geben, der Marterpfahl, wo Hinrichtungen und andere ſchwere Strafen vollzogen wurden. Wolodna gab Xaver und Thereſen Auskunft über dieſe Gegenſtände und erklärte ihnen Alles ſonſt was in der tiefen Dämmerung noch erkennbar war. 6 Der ganze Himmel vor ihnen deckte ſich mit dem ſchwar⸗ en Gewölk des abziehenden Gewitters; nur im Weſten hinter —————y—— 124 ſchweigend.„Seht dort“, begann Wolodna endlich,„jenes Fenſter, aus dem das Abendroth ſo feurig zurückflammt, während die andern alle nur in mattem Schimmer glän⸗ zen; es gehört zu dem Saale, wo die Statthalter ihre Sitzungen halten.“. „Welches?“ fragte Xaver.„Das in dem viereckigen Gebäude, welches aus dem längern Flügel hervorſpringt. In dieſem liegt der Huldigungsſaal, wo im verwichenen Jahre die Stände dem Erzherzog Ferdinand als erwählten böhmiſchen Könige den Eid geleiſtet haben. Die lange Reihe der großen Fenſter gehört dazu. Doch der Bera⸗ thungsſaal der Statthalter iſt in dem Vorſprung. Die zackige Pyramide des Schloßthurms“, fuhr er fort, „ſteigt gerade dahinter auf, und dicht daneben, rechts, das iſt der Spitzthurm von St.⸗Thomas.“ „Das Gebänude, in welchem die drei viereckigen Fenſter übereinander liegen?“ fragte Xaver. „Richtig; das obere gehört zu dem Saal!“ „Die Statthalter!“ ſagte Xaver mit finſterer Miene. „Alſo dort ſitzen ſie und ſchauen weit über Stadt und Land hinweg, wohin ihr Spruch den Segen oder den Fluch trägt! Es iſt ſeltſam, daß gerade dieſes Fenſter ſo in Feuer glüht, während die andern alle nur blaßroth ſchim⸗ mern. Sie können ja auch nicht anders, da die Glut des Abends hinter den Gebäuden brennt, und ſich von drüben nur der matte Abglanz zurückſpiegelt. Sollte der Saal innerhalb erleuchtet ſein?“ „O nein!“ verſetzte Wolodna,„um dieſe Stunde wer⸗ den ſchwerlich Geſchäfte abgethan; auch müßten dann die andern Fenſter zur Seite des Gebäudes erhellt ſein. Es iſt doch nur der Widerſchein einer Stelle am Oſthimmel.“ Thereſe hatte während dieſes Geſprächs geſchwiegen, 125 aber ihre Blicke nicht von dem Fenſter verwandt. Die ganze Gewalt innerer Erregungen ergriff ſie, und wogte in ihrer Bruſt.„Wie ein glühendes Drachenauge ſchaut das Fen⸗ ſter über Stadt und Land, als wolle es Blut und Feuer ausſprühen!“ rief ſie ſeltſam ſchauernd.„Sehet da! Die Finſterniß lagert ſich rings über Dächer und Thürme; nur aus dem Fenſter flammen Blitze wie aus einer Wetter⸗ wolke! Horcht! Wie es donnert!“ ſagte ſie ſchauerlich und lauſchte auf. Wirklich tönte ein dumpfer, ferner Donner des abziehenden Nachgewitters, der ſich leiſe murmelnd in den Bergen verlor. „Meine Thereſe, was haſt du?“ fragte Xaver, der ſie zittern fühlte.. „Seht! Es glüht wie der offene Schlund eines Vul⸗ kans!“ rief ſie von einer unerklärlichen Aufwallung ihres ganzen Innern erſchüttert, und zeigte nach dem Fenſter hinüber.„Das iſt das Flammenthor der Hölle, aus dem die böſen Geiſter in die Welt ziehen!“ „Komm, liebe Thereſe, wir haben Eile!“ unterbrach Wolodna ſanft ihr düſteres Hinſtarren, und zog ſie halb mit Gewalt vorwärts. Indem ſie gegen die Altſtadt zuſchritten, trat der un⸗ längſt aufgegangene purpurrothe Mond zwiſchen den Häuſer⸗ giebeln aus graulichem Gewölk hervor und ſchwebte mitten unter dem Thor des innern Brückenthurms!„ Thereſe bebte; es graute ihr, durch die unh imliche Thor⸗ wölbung zu ſchreiten. „Da ſehen wir's nun, wovon das Fenſter ſo glüht“, ſagte Wolodna trocken,„es war der roth aufgehende Mond, der ſich darin ſpiegelte.“ „Blutig!“ ſagte Thereſe.„Er hängt wie ein blu⸗ tiges Haupt an dem ſchwarzen Thurm!“ 126 „Nur weiter, weiter“, drängte Wolodna die zögernd Widerſtrebende. Sie ſchritten eilig vorwärts; Thereſe von kaver's Arm fortgezogen, im Innern von einem kalten Grauen geſchüttelt. Waren es Ahnungen, waren es Offenbarungen, die halb enthüllt vor ihrer Seele ſchwebten? Zwölftes Capitel. Durch ein Gewebe enger, gewundener Straßen erreich⸗ ten ſie die Herberge, vor der ſchon der Wagen und die Reitpferde ſtanden. Sobald ſie eine Stätte für die Nacht gefunden, Pferde und Wagen untergebracht hatten, eilten Taver und Wolodna, Thereſen allein zurücklaſſend, nach dem Palaſt des Grafen Thurn. Es war ein an⸗ ſehnliches, finſtres Gebäude in einer Straße, hart am Fuße des Hradſchin. Das Thor war geſchloſſen, ein ſchwerer eiſerner Klopfer befand ſich an der Pforte. Wolodna pochte damit. Alsbald öffnete ſich ein kleines Fenſter in dem Thor⸗ flügel, und durch die, überdies noch zum Schutz mit Eiſen⸗ ſtäben kreuzweis vergitterte Oeffnung fragte eine rauhe Stimme:„Wer da?“ „Wir ſind herbeſchieden“, antwortete Wolodna und nannte ſich und Xaver. „Wartet ein wenig“, erwiderte der Pförtner, und das Fenſter ſchloß ſich wieder. Nach wenigen Minuten klirrten Riegel, und eine engere Pforte in dem großen Thorflügel öffnete ſich, um die Männer einzulaſſen. Ju der gewölbten Hausflur brannte eine Ampel.„Folgt mir“, ſagte der — — 4— — 127 Thorhüter, nachdem er die Pforte wieder feſt verſchloſſen hatte,„der Herr Graf will euch ſelbſt ſprechen.“ Sie durchſchritten die Hausflur und traten in den geräumigen Hof. Hier ſahen ſie beim Schimmer einiger Laternen an den verſchiedenen Eingängen des Hofes und bei dem un⸗ ſichern, flackernden Schein eines inmitten des Hofraums lodernden Feuers eine anſehnliche Zahl von Männern bei⸗ ſammen. Einige lagen auf ausgebreitetem Stroh und ſchlie⸗ fen, Andere putzten Waffen, noch Andere waren um das Feuer gelagert, auf dem ein großer Keſſel in vollem Sieden ſtand. Sie ſchritten mitten durch dieſe kriegeriſchen Gruppen hindurch, ohne ſonderlich beachtet zu werden. Jenſeit des Hofs traten ſie in eine enge Pforte und ſtiegen eine ſchmale, um einen Pfeiler gewundene Steintreppe hinan. Droben fanden ſie einen Diener, dem ihr Führer zurief:„Das ſind ſie, Johannes, führe ſie zu dem Herrn Grafen.“ Der Angeredete öffnete die Thür, ging voran durch mehrere Zim⸗ mer und hieß ſie in dem letzten, in welchem auf einem Marmortiſch ein Armleuchter mit zwei brennenden Kerzen ſtand, warten. Der Führer ging allein weiter in das anſtoßende Gemach; bald kehrte er zurück, hielt die Thür offen und hieß Xaver und Wolodna eintreten. Hier fanden ſie den Grafen, in Geſellſchaft mehrerer anderer Herren und Ritter, etwa zehn oder zwölf, die um eine lange Tafel ſaßen. Schriftſtücke lagen ausgebreitet auf derſelben. An den Wänden lehnten abgeſchnallte Degen; einige Helme, auf Nebentiſchen und Seſſeln, zeigten, daß auch mehrere Kriegsmänner unter den Berathenden ſeien. An der langen Seite der Tafel, in der Mitte, gerade der Thür gegenüber, ſaß der Graf. Er ſtand auf, als Wolodna und Xaver eintraten.„Da ſeid ihr ja, wackere Män⸗ ner“, rief er ihnen mit herzlichem Ton entgegen.„Tre⸗ 128 tet näher! Eure Hand, Vater Wolodna, Eure Hand, Nechodom!“ Mit dieſem ehrenden Gruß lud er ſie ein, bis zur Tafel hinzutreten, und reichte ihnen freundlich ſeine Rechte hinüber.„Ihr ſeid pünktlich und kommt uns gerade zur rechten Stunde. Auf dieſe Beiden dürfen wir uns ver⸗ laſſen“, wandte er ſich zu den Verſammelten.„Sie werden uns Dienſte leiſten, morgen, wenn es Noth thun ſollte. Es iſt mir ſehr lieb, daß ſie gerade zu unſerm Beſchluß eingetroffen ſind. Wollet Ihr nun ſo gut ſein und die Vorleſung des Protokolls noch einmal beginnen! Herr Martin Frühwein?“ ſagte er zu einem Herrn, der am untern Ende der Tafel ſaß. Dieſer ſtand auf, nahm ein großes Blatt in die Hand und las: „Die am Schluß dieſer Schrift Unterzeichneten haben in reifliche Erwägung gezogen, was ſie auf den abſchläg⸗ lichen Beſcheid zu thun gedenken, der von Sr. kaiſerlichen Majeſtät auf ihr dringendes Geſuch um Abſtellung der argen Misbräuche und Verfolgungen, mit denen ſie und die An⸗ hänger ihres Glaubens heimgeſucht werden, ertheilt iſt. Sie ſind der feſten Ueberzeugung, daß Se. kaiſerliche Ma⸗ jeſtät durch treuloſe und hinterliſtige Diener in dieſer Ange⸗ legenheit gemisbraucht und gröblich getäuſcht werden. Daher ſind ſie feſt entſchloſſen, dieſelben zur Rechenſchaft zu ziehen, und verpflichten ſich demgemäß gegenſeitig, morgen früh um die neunte Stunde, wenn die Statthalter die im Namen Sr. kaiſerlichen Majeſtät das Königreich Böhmen verwal⸗ ten, auf dem Schloſſe verſammelt ſind, ſich ſämmtlich dort⸗ hin zu begeben— wie denſelben ſchon angeſagt iſt— um von Mund zu Mund Auskunft von ihnen zu fordern, wie es geſchehen konnte, daß ſo gerechte und dringende Beſchwerden nicht nur keine Abhülfe gefunden haben, ſon⸗ 129 dern ſchnöde, und ſogar mit Drohungen zurückgewieſen ſind. Sie verpflichten ſich gegeneinander, unter keinerlei Vorwand, und was auch ihre anderweitigen ſtändiſchen Genoſſen thun mögen, von dieſem Beſchluß zurückzutreten. Sie verpflichten ſich ferner auf ihr ritterliches Wort, auf ihren ſtändiſchen Eid und auf ihren heiligen Beruf als Defenſoren der böhmiſchen Diſſidenten, die Sache derſelben auf jegliche Art in Schutz zu nehmen, ſodaß ſie auch bei dieſem Act mit dem ganzen Nachdruck ihrer Kraft und Macht verfahren, und nöthigenfalls Leib und Leben ein⸗ ſetzen wollen, um ihre Rechte und die ihrer Glaubens⸗ genoſſen zu vertheidigen. So geſchehen am zweiund⸗ zwanzigſten Mai des Jahres unſeres Herrn eintau⸗ ſend ſechshundert und achtzehn.“ „Meinen Namen ſollt Ihr zuerſt haben!“ rief Graf Thurn, ſtand lebhaft auf, ließ ſich das Blatt herüber rei⸗ chen und unterzeichnete es auf der Stelle, indem er dabei laut ſprach:„Heinrich Mathias, Graf von Thurn!— Ich bin kein Böhme“, ſetzte er hinzu,„aber ich habe ein Herz für Böhmen!“ damit reichte er zugleich das Blatt weiter an ſeinen Nachbar.„Folgt Ihr zunächſt meinem Beiſpiele, Colon von Fels, wir müſſen als Feldherren auch hier die Erſten ſein. Es könnte ein Kampf werden, härter als manche Schlacht.“ Der Angeredete, ein hoher Mann in kriegeriſcher Tracht, unterzeichnete ſofort. So ging das Blatt von Hand zu Hand am Tiſch herum. Diejenigen, welche unterzeichnet hatten, ſtanden danach auf und zerſtreuten ſich im Saale, in ein⸗ zelnen Gruppen zueinander tretend. Der Graf ſprach wäh⸗ rend deſſen freundlich mit Wolodna und Xaver von ihren Verhältniſſen, ihrer Auswanderung, und erneuerte die Ver⸗ ſicherung, daß er für ihre gegenwärtige und künftige Lage 6** 130 getreulich ſorgen werde. Er führte auch einige der an⸗ weſenden vornehmen Herren zu ihnen und ſchilderte dieſen mit Eifer die Vorgänge, welche die Auswanderung dieſer beiden Männer veranlaßt hatten.“ „Auf Männer, die das erdulden mußten“, ſagte er zu einem bejahrten Herrn im ſchwarzen, goldgeſtickten Sammet⸗ kleid,„können wir zählen, das werdet Ihr zugeben, Bu⸗ dowa! Das iſt eine Bürgſchaft, die ſelbſt ein ſo ſtrenger Juriſt wie Ihr nicht abweiſen wird!“ kaver fühlte ſich von ehrfurchtsvollem Staunen durch⸗ 6 drungen, da er aus dem genannten Namen erſah, daß es der Mann ſei, den ſein Vater ſo hoch verehrte und dem alle Utraquiſten ſo Großes verdankten. „Der Sohn“, fuhr Thurn fort, und ſchlug Xaver männlich auf die Schulter,„wird es nicht vergeſſen, daß ſein Vater mit Hunden in die Meſſe gehetzt 3 ward! Vater Caplicz“, wandte er ſich einem würdigen Greiſe mit ſilberhaarigem Haupt zu,„der Vater dieſes jungen Mannes, ein Greis in Euren Jahren, hauchte ſein Leben aus, unter den Biſſen einer wilden Meute! Es war grauenvoll! Allein“, hier legte er wieder die Hand auf Xaver's Schulter,„der Tag der Vergeltung bleibt nicht aus, mein wackrer Nechodom! Die Hülfe iſt vielleicht näher als ihr meint!“ Inzwiſchen hatten Alle unterſchrieben, und Einige der Anweſenden bereits ihre Degen umgeſchnallt, Andere die Hüte oder Baretts genommen; ſie ſchickten ſich ſämmtlich an den Saal zu verlaſſen. „Nicht gleichzeitig; einzeln, Ihr Herren“, erinnerte Thurn;„ich weiß, ſie haben Verdacht und belauern jeden unſerer Schritte. Heute, lieben Freunde, noch ge⸗ heim, im Dunkeln, vereinzelt; morgen öffentlich, — ———-õ— 131 am lichten Tag, Alle zugleich, und Alle für Einen!“ So trennte ſich die Verſammlung. Taver und Wolodna blieben allein zurück. Der Graf hatte es ihnen alſo ge⸗ heißen.„Freunde“, redete er ſie an, als der Saal leer war,„ich vermuthe, wir werden morgen einen heißen Tag haben, dem vielleicht noch heißere folgen. Aber durch heiße Tage reifen die goldenen Früchte des Feldes! Um ſie zu ernten, baue ich auf euch Beide, als verſtändige und ent⸗ ſchloſſene Männer, mit. Ihr wißt noch nicht ganz, was dieſer Auftritt hier bedeutet. Ich darf's euch anvertrauen. Setzt euch, Freunde!“ Er that es ſelbſt und winkte ihnen, die Seſſel ihm gegenüber einzunehmen. Dann begann er im vertraulichen Tone:„Auf unſer gemeinſames, drin⸗ gendes Bittſchreiben, von dem ich euch ſchon zu Kloſter⸗ grab ſagte, iſt die Antwort aus Wien eingelaufen. Nicht aber an uns, eure Glaubensdefenſoren, wie ſich's gebührt hätte, ſondern an unſere Bedrücker, die Statthalter. Dieſe Hinterliſtigen aber, wir wiſſen es ſicher, haben den Beſcheid ſelbſt geſchmiedet und ihn dem Kaiſer nur zur Unterſchrift vorgelegt, ihn mit Lug und Trug hinters Licht geführt, daß er alle Dinge falſch ſieht. Deshalb wollen wir ſie morgen auf dem Kanzleiſaal zur Rechenſchaft ziehen. Die Mehrzahl der Statthalter ſelbſt iſt auf unſerer Seite; es werden daher Viele gar nicht in der Sitzung erſcheinen., Sie können als Diener des Kaiſers nicht offen für uns auftreten, aber ſie werden ebenſo wenig hindern, was wir thun. Und zu einer Entſcheidung muß es kommen!“ „Gebe es Gott zu einer guten, ſie thäte uns Noth“, ſprach Wolodna. 4 „Was wir dazu vermögen“, ſagte Xaver,„ſoll gewiß redlich geſchehen, Herr Graf!“ 132 „Das glaub' ich euch“, erwiderte Thurn, und ſchüt⸗ telte Beiden die Hand. Dann fuhr er fort:„In Frieden ſind die Zuſtände nicht länger zu halten. Sollen wir den Druck, ſolche Gräuel wie Ihr erfahren, in alle Ewigkeit fort erdulden? Uns immer nur mit geſchmeidigen Worten nähern, wenn ſie uns mit Feuer und Schwert verfolgen? Im Guten gibt man uns unſer Recht nimmermehr! Heute wird ein Weniges bewilligt, zum Schein, um das Aeußerſte zu meiden, und morgen, wenn ſie nicht mehr in Furcht ſind, wird das Bewilligte zurückgenommen oder vergeſſen. So war es mit dem Majeſtätsbrief des Kaiſers Rudolf. Damals glaubten wir, nunmehr ſei unſere Sache ge⸗ ſchützt auf immer! Doch ihr ſeht, wie es damit ergeht! Sie zerren und deuteln daran, bis kein Buchſtabe mehr bleibt! Glaubt mir, wir werden nichts Geſichertes er⸗ halten, was wir uns nicht erkämpfen! Stark genug ſind wir; wir ſind die Stärkeren ſogar, allein wir müſſen einig ſein!“ „Das müſſen wir!“ rief Xaver feurig. „Dazu helfe Gott“, ſetzte Wolodna hinzu. „Die Hülfe Gottes wird uns nicht fehlen“, fuhr der Graf fort,„wenn unſere eigene entſchloſſene That uns hilft. Aber man muß vorangehen mit muthigem Beiſpiel. Das will ich, dazu haben wir uns hier verpflichtet, und dazu ſeid auch ihr die Männer. Es ſind der Zögernden, der Furchtſamen noch zu Viele, die immer erſt morgen möchten, nur nicht heute! Dieſe müſſen wir zwingen, mit uns zu gehen. Es muß etwas geſchehen, was die Zaghaften nicht mehr zurücktreten läßt. Ein kühner Schlag, der die weitläufigen hinterliſtigen Unterhandlungen ferner unmöglich macht! Dann iſt der Damm durchbrochen, und der Strom ſtürzt nach. Alle, die gezaudert haben, müſſen mit uns uf„·— . 8⁸ 133 ſein, und dann ſind wir ſtark genug, uns ſelbſt zu geben, was uns zukommt.“ Thurn glühte; das Blut italieniſcher Abſtammung rollte in ſeinen Adern.„Wollt ihr mir morgen folgen, wohin ich auch gehe?“ fragte er aufſtehend, und hielt das blitzende Auge geſpannt auf die beiden Männer.„Ihr wißt, ich habe nicht gezaudert, als es galt euch zu beſchützen!“ fuhr er fort, da Wolodna zu ſtutzen ſchien.„Ich ſprengte allein mitten in den Schwarm der Wüthenden, und mein Kopf war leicht zu haben, denn ihr und meine anderen Hülfs⸗ genoſſen, ihr waret weit hinter mir. So werdet auch ihr mich jetzt nicht im Stich laſſen, wenn mir eure Hülfe nöthig wird!“ „Ich nicht, bei meines Vaters heiligem Blut!“ rief Taver, und ſein ſchwarzes Auge warf Blitze.„Ich nicht!“ „Ich auch nicht“, ſprach Wolodna ſtark und mit feſtem Entſchluß.„Wohin Euer Fuß tritt, trete ich auch. Ihr waret einſt mein Feldherr, Herr Graf, ich folgte als Sol⸗ dat, wohin Ihr mich führtet. In Gottes Namen denn jetzo auch!“ „Gut denn! So achtet auf meine Wege! Und wenn ich das Schwert ziehe, aber früher nicht, dann vorwärts! Wenn nur drei Männer in den Feind einfallen, dann fol⸗ gen ihnen Tauſende. Ein Funke muß zünden, dann fliegt die Pulvermine auf! Ich zähle alſo auf euch, falls es nothwendig werden ſollte!“ Er hielt ihnen beide Hände zum Einſchlagen hin. „In Leben und Tod!“ rief Xaver und faßte die Rechte des Grafen. „In Leben und Tod!“ wiederholte Wolodna und ſchlug gleichfalls ein. „So ſind wir einig!“ ſagte der Graf, ihre Hände ——— 134 herzlich ſchüttelnd.„Morgen um 8 Uhr früh ſeid pünktlich hier; da ſollt ihr Weiteres hören. Ihr kommt gewaffnet; aber nicht zu auffällig; meinethalben den Dolch im Gürtel; ein Schwert, oder je nachdem es bei euch Sitte iſt, den polniſchen Säbel an der Seite. Es muß nicht ſcheinen, daß ihr's mit Abſicht thut, nur aus Gewohnheit, zum Schmuck, wie wir Ritter das Schwert tragen. Doch nichts von Feuergewehr, Harniſch, Helm. Das Alles ſoll uns zur rechten Zeit nicht fehlen. Zuvor aber nichts, was auf⸗ fällt! Wenn Andere, die mehr dazu verpflichtet ſind, ſo Wort halten, wie ſie bis jetzt verſprochen, bedarf es eures Arms jetzt vielleicht gar nicht. Später aber gewiß! Nun gute Nacht! Morgen zur rechten Zeit.“ Thurn ent⸗ ließ ſie mit nochmaligem herzlichen Händedruck. Indem ſie der Thür zuſchritten, öffnete ſie ſich, und ein großer, hagerer Mann, in einen ſchwarzen Kriegsmantel gehüllt, trat ein; ſein Auge blitzte finſter unter den hoch⸗ gezogenen buſchigen Brauen hervor. Er warf einen flüch⸗ tigen, aber ſcharfen Blick auf die ihm Entgegenkommenden und ſchritt dann raſch, ohne ſie weiter zu beachten, an ihnen vorüber. Xaver, der Letzte, der hinausging, ſah ſich noch, indem die Thür ſich hinter ihm ſchloß, ſtaunend nach ihm um. Der Fremde hatte einen ſeltſamen Eindruck über⸗ wiegender Geiſtesgewalt auf ihn gemacht! — 135 Dreizehntes Capitel. „Ihr hier, Wallenſtein? Kommt Ihr aus Ungarn oder Venedig? Und zu dieſer Stunde in meinem Hauſe?“ rief Thurn überraſcht, als er den Eintretenden erkannte, und ſeine Mienen drückten eine gleiche, unruhvolle Verwunderung aus wie ſeine Worte,——„Ihr kommt....“ „Zu ſpät, beſorge ich“, unterbrach ihn der Graf Al⸗ brecht Wallenſtein,„zu ſpät, um Euch zu warnen, Thurn!“ Der Graf ſchwieg verwundert.„JIhr ſeid er⸗ ſtaunt, daß ich ſo ohne weiteres hier Eingang gefunden? Das iſt einfach. Euer Portier war früher in meinen Dienſten und ich kenne Euer Loſungswort!“ „Ihr, Graf Wallenſtein?“ erwiderte Thurn raſch und ſichtlich beſtürzt. „Beſorgt nichts, Graf Thurn! Wir ſind alte Kriegs⸗ kameraden und Nachbarn hier in Prag. Ich werde Euch, wenn es ſein muß, mit offener Waffe augreifen, aber Verrath iſt nicht mein Handwerk!“ „Wollt Ihr Euch nicht ſetzen, Graf?“ fragte Thurn und ſuchte eine leichtere Faſſung zu gewinnen. „Wie's Euch beliebt“, antwortete Wallenſtein. Er ſetzte ſich, Thurn gleichfalls. „Ich will Euch“, begann er mit dem ruhigen Ton völ⸗ liger Sicherheit ſeiner ſelbſt,„nur ein paar Worte ſagen, aus alter Freundſchaft. Euer Handel kann übel gerathen! Ihr wißt, in Glaubensſachen denke ich frei. Nicht die Jeſuiten ſind es, die aus mir ſprechen. Aber, Ihr ſeid auf dem Punkt, Böhmen in einen Krieg zu ſtürzen!“ 136 „Wer ſagt Euch das?“ fiel Thurn lebhaft ein.„Gerade hoffe ich den Krieg zu vermeiden, zu dem es kommen müßte, 4747 wenn man wie bisher.... „Davon überredet wen Ihr woll, urn. nicht mich. Ihr fragt mich, wer mir ſagt, daß Ihr den Krieg entzün⸗ det? Ich ſage mir's; und ich verſtehe mich etwas auf ſolche Sachen. Allein bedenkt es wohl! Ihr beginnt einen Krieg, deſſen Anfang Ihr wohl kennt, nicht aber das Ende. Sollen ſich unſere Städte untereinander mit Feuer und Schwert anfallen? Der Bürger den Bürger erwürgen? Haben wir nicht ſchon genug des Elends und der Zwie⸗ tracht im Lande gehabt, ſeit Procopius und Ziska? Sind die Paſſauer Händel nicht Euch ſelbſt noch friſch genug im Gedächtniß? Sollen dieſe Gräuel ſich erneuern? Ihr ſeid kein Böhme, Thurn“, fuhr er ruhiger fort,„aber Ihr habt Beſitzthümer bei uns. Euch richtet der Krieg zu Grunde, ſo gut wie alle Anderen auch. Wollt Ihr.. „Jetzt verſtehe ich Euch, Wallenſtein“, unterbrach ihn Tbmmn⸗ und nahm, um ſeine Stimmung zu verbergen, eine halb ſcherzende Wendung.„Ihr müßt freilich den Krieg in Böhmen ſcheuen, da es Euch zur Hälfte ge⸗ hört“ „Gemach, Graf Thurn, ich nehme die andere Hälfte lieber!“ antwortete Wallenſtein ebenſo, fuhr aber ſogleich in ſeiner ernſten Ruhe fort:„doch wer verliert was er hat, iſt ein Bettler, er habe wenig oder viel. Ich habe mehr als Ihr, doch dieſer Krieg kann uns Beide raſch gleich machen. Ich ſcheue ihn, ja; aber Ihr hättet ihn mehr zu ſcheuen, da der Ausgang Euch Schlimmeres bringen kann als mir—“ „Auch Beſſeres, Graf!“ „Ich zweifle!“ 137 Beide ſchwiegen. „Nehmt meinen Rath an, Thurn“, hub Wallenſtein zuerſt wieder an.„Treibt es nicht zum offenen Bruch!“ „Hört, Wallenſtein“, antwortete der Graf lebhaft.„Ein Rath iſt des andern werth. Nehmt den meinigen an: Geſellt Euch zu uns!“ „Ihr räumt alſo doch ein, daß Ihr offenen Kampf ſucht!“ ſagte Wallenſtein mit Nachdruck. „Ich glaube nur, daß er unvermeidlich iſt“, erwiderte Thurn.„Tretet zu uns!“ Wallenſtein wiegte das Haupt langſam. Nach einigen Augenblicken ſagte er feſt:„Nein! Ihr wollt mähen, ehe das Korn reif iſt! Das gibt eine ſchlechte Ernte!“ „Wallenſtein“, rief Thurn von dem ihm plötzlich ge⸗ kommenen Gedanken, den er erſt jetzt recht in ſeinen Folgen weiter überſchaute, entzündet, wenn Ihr zu uns tretet, iſt der Erfolg gewiß. Dann beginnen wir einen Krieg, deſſen Ende wir kennen!“ „Weder in Zeit noch Ausfall“, erwiderte Wallenſtein kalt, abermals das Haupt ſchüttelnd. „Beim Himmel! Wir wiſſen das Wie und das Wann“, fuhr Thurn noch eifriger fort,„wenn Ihr zu uns tretet! Ihr, der reichſte, der mächtigſte Edelmann in Böhmen,— der beſte Soldat!“ „Wolltet Ihr unter mir dienen, Thurn?“ fragte Wallen⸗ ſtein, und maß ihn mit einem durchforſchenden Blick. „Neben Euch!“ erwiderte Thurn. „Nein!“ wiederholte Wallenſtein. „Meinethalben, ins Teufels Namen auch unter Euch“, rief Thurn faſt im Ton des Zorns.„Aber ſeid der Unſrige! Ihr waret entfernt, Ihr wißt nicht, wie hier die Dinge ſtehen! Morgen wird....“ ———ꝛꝛu 138 „Ich weiß Alles“, entgegnete Wallenſtein, in unbe⸗ weglicher Kälte der Haltung.„Ich weiß Alles und weiß es beſſer als Ihr, den der Eifer verblendet. Glaubt Ihr wirklich, Thurn, ich würde in Böhmen nicht ſo viel Ohren haben, um in Ungarn und in Venedig zu hören, wenn hier eine Maus im Kornboden raſchelt? Vollends wenn ein Wolf in die Heerde bricht? Meint Ihr, ich wiſſe nicht, was Ihr, ſelbzwölfe hier unterzeichnet habt?“ „So ſind Verräther unter uns“, rief Thurn und ſprang auf. Wallenſtein lächelte.„Sie waren unter den Jüngern des Herrn, wie könnt Ihr es anders verlangen?“ „Wer iſt der Judas?“ „Ereifert Euch nicht! Ich ſagte Euch ja ſchon“, fuhr Wallenſtein fort, indem er ruhig aufſtand,„und Ihr könn⸗ tet es von ſelbſt wiſſen, Verrath iſt nicht meine Sache; wer dafür ſorgt, daß ich weiß, was ich wiſſen muß, iſt darum noch kein Judas. Im Gegentheil, ich bin unter⸗ richtet zu Eurem Vortheil; denn ich warne Euch nochmals: drückt den Pfeil nicht ab!“ Er ſtand auf; Thurn ging unruhig einige Schritte auf und nieder. „Ich wiederhole Euch“, hub Wallenſtein wieder an, indem er den Mantel wie zum Gehen dichter an ſich zog: „Ihr wißt nicht, wie weit die Kugel fliegt. Haltet den Hahn Eures Gewehrs geſpannt,— damit genug!— Gute Nacht!“ Er wandte ſich um. „Nein, Wallenſtein!“ entgegnete Thurn warm und ergriff ſeine Hand.„Geht nicht! Seid der Unſrige! Mit Euch ſchreiben wir die Geſetze Böhmens!“ „Ich vielleicht einmal auch ohne Euch“, antwortete Wal⸗ lenſtein.„Doch wie geſagt, Euer Feld iſt noch zu grün!“ „Ich ſage Euch, es iſt ſo überreif, daß die Körner aus V 139 den Aehren fallen“, erwiderte Thurn und ließ ſeine Hand nicht los.„Kommt, theilt unſere Ernte! Durch Euch ver⸗ doppelt ſie ſich!“ Wallenſtein ſchwieg und zog ſeine Hand zurück. „Glaubt nicht, daß ich den Krieg ſuche, Wallenſtein“, begann Thurn noch einmal;„beim Himmel, ich möchte ihn nicht! Aber es iſt nur dadurch abzuwenden, daß wir Alle dazu bereit und gerüſtet ſind! Der Krieg geht vom Kaiſer aus; ſieht er uns entſchloſſen, ihn anzunehmen und im Stande ihn zu führen, wird er ihn unterlaſſen, und uns gewähren, was wir haben müſſen. Weil ich zum Kriege rüſte, darum hoffe ich den Frieden, nach dem alten Spruch: Si vis pacem, para bellum!“ „Und weshalb bedürftet Ihr dann meiner?“ fragte Wallenſtein ruhig,„wenn Ihr den Krieg nicht wollt.“ „Euer Hinübertreten zu uns macht uns den Frieden zur Gewißheit, den wir jetzt nur zu erlangen hoffen“, antwortete Thurn warm.„Wir ſind mit Euch ſeiner Früchte ſicher, ohne Kampf, die wir ohne Euch vielleicht blutig erkämpfen müſſen. Wir Alle gewönnen, Wallenſtein! Ihr die ſichere Ruhe für Euren reichen Beſitz, wir die freie Ausübung unſerer Religion und unſerer Rechte. Nir⸗ gends treten wir Euch in den Weg, denn wir werden Kei⸗ nem die Freiheit kränken, die wir ſelbſt begehren. Darum kommt zu uns, ſeid Böhmens guter Engel. Ihr könnt es! Die Saaten ſind reif, die Ernte iſt unſer, in wenigen Wochen, wenn Ihr helfen wollt, ſie einzubringen!“ Wallenſtein ſtand mit verſchränkten Armen und blickte ſtarr vor ſich hin; es ſchien als kämpfe er mit einem Ent⸗ ſchluſſe. Dann erhob er das Auge und ſah durch einen obern Fenſterflügel, der offen ſtand, ſcharf hinaus nach dem hellbeſtirnten Himmel draußen. Er vertiefte ſich in den ———ixyxixmmn 140 Anblick. Es ging etwas Seltſames in ihm vor, das ſich in ſeinen Zügen unheimlich widerſpiegelte. Thurn ſchwieg in geſpannter Erwartung. „Nun?“ fragte er endlich,„Ihr ſchweigt?— Ihr wollt nicht?“ „Nein“, ſagte Wallenſtein kurz.„Ich verlaſſe Prag in dieſer Stunde wieder, unbemerkt, wie ich gekommen bin. Ich habe Euch meine Meinung geſagt, Thurn; ich glaube, ich habe Euch einen Dienſt geleiſtet! Gedenkt mir deſſen. Der Tag kann kommen, wo Ihr ihn mir vergelten könnt. Jetzt gute Nacht!“ Thurn erwiderte den Gruß ſtumm. Wallenſtein ging. Lange blickte Thurn ihm ſchweigend nach!„Wenn er zu uns träte“, rief er endlich aus,„morgen wäre unſere Sache entſchieden!“ In heftiger Wallung ging er auf und nieder. Unruhig warf er in abgebrochenen Sätzen vor ſich hin:„Unter ihm dienen, der unter mir gefochten, es möchte ſein! Doch unſere Saat unreif! Das iſt ſie nicht! Die Früchte, an die er denkt, mögen freilich noch nicht reif ſein! Unſere Senſe wird zur rechten Zeit blinken, und die Schnitter werden mähen, daß es eine Freude iſt!“ Schnellen Schrittes wollte er den Saal verlaſſen, doch plötzlich ſtand er nachdenklich ſtill:„Sollten wir wol ſicher ſein in dieſer Nacht? Iſt ihm zu trauen— Ihm, ja—. Aber Dem, der ihm verrieth, was hier geſchehen? Hm! Und wo ein Verräther war, könnten da nicht auch zwei und mehrere ſein? Wir müſſen alſo auch darauf bedacht ſein!“ In dieſen unruhigen Gedanken, die ſeine Seele hin⸗ und herwälzte, ging er der Thür zu, um den Saal zu ver⸗ laſſen. Da öffnete ſich eine Seitenthür, die zu der Woh⸗ 141 nung der Gräfin hinüberführte. Sie ſelbſt, die Gräfin Thurn trat ein. „Eliſabeth“, redete Thurn ſie erſtaunt an,„du noch ſo ſpät? Und hierher?“ „Verzeih“, antwortete ſie, mit ſanfter bewegter Stimme, „Balthaſar berichtete mir, dein letzter Beſuch habe dich eben verlaſſen, ich glaubte dich nun nicht mehr in Geſchäften zu ſtören!“ „Du ſiehſt ich bin allein; was führt dich aber jetzt noch hierher?“ Die Gräfin ſeufzte leiſe.„Ich kann nicht Ruhe finden 24, ſagte ſie mit von Beſorgniß zitterndem Ton.„Geh' nicht zu gefahrvolle Wege, Thurn“, fuhr ſie fort und trat ihm näher, indem ſie die Hand bittend auf ſeine Schulter legte. „Es umſchleichen uns Gerüchte aller Art, ſchauerliche!“ „Liebe Eliſabeth“, unterbrach er ſie,„wie kann es anders ſein, in ſo bewegter Zeit? Zeder weiß halb, hört halb, erfindet halb hinzu. Laß dich das nicht in Angſt ſetzen!“ 3 „Doch allgemein fürchtet man, daß morgen die Ver⸗ ſammlung auf dem Schloß nicht in Güte enden werde „Je nachdem es fällt, wir müſſen freilich auch auf einen ſcharfen Zuſammenſtoß gefaßt ſein... Doch ſei ohne Sorgen, wir ſind darauf gefaßt!“ war Thurn's Antwort. „Was habt ihr heute beſchloſſen, Thurn, ſage mir's, wenn du darfſt“, bat ſie,„nimm die Angſt von meiner Seele!“ Sie umfaßte ihn innig und ſah ihn bittend an. Die Gräfin Thurn war ganz das Gegentheil ihres Gatten. Er, unruhigen Geiſtes, raſtlos ſtrebend, heftig, kühn, ehrgeizig, leichten Sinnes über die Folgen verwegener Thaten; die Gräfin, in ſich zurückgezogen, ſanft, innig, —————— nur das nächſte ſtille Glück erſtrebend und den Ihrigen be⸗ reitend, gewagten Aufſchwung ſcheuend. So erfüllte dieſe unruhige Zeit ſie mit Beſorgniß und bangen Ahnungen, während ſie in Thurn nur kühne Hoffnungen und Entwürfe erregte. Dieſe Verſchiedenheit beider Gatten trennte ſie aber keineswegs, ſondern einigte ſie nur um deſto herzlicher. Jeder ergänzte den Andern. Thurn ſeine Gemahlin durch ſeine belebende, fördernde Kraft, ſie ihn durch ihre behü⸗ tende, ſorgliche Theilnahme. Ganz Eins waren Beide in der innigſten Liebe zueinander und ihren Kindern, und in dem Wohlwollen gegen Alle, die ſie umgaben und die der Theilnahme würdig waren. „Liebe Eliſabeth“, ſagte er ſie beſänftigend,„wir haben heute nichts beſchloſſen, als was die alten Beſchlüſſe be⸗ feſtigt. Einig zu ſein im Handeln, und da Worte keine Bürgſchaft mehr geben, Thaten an ihre Stelle zu ſetzen!“ „Aber welche Thaten?“ fragte ſie. „Nur ſolche, die nothwendig ſind, uns gegen eigene Gefahr zu ſchützen! Welcher Art dieſe ſein müſſen, kann ſich erſt aus den Verhandlungen auaen n „O möchtet Ihr die Ruhe bewahren!“ ſprach ſie bit⸗ tend.„Man ſagt“, fuhr ſie fort, als Thurn ſchwieg,„die Statthalter ſeien um ihre Freiheit, um ihr Leben beſorgt?“ „Bei Gott“, antwortete Thurn lebhaft,„ſie haben es nicht mehr nöthig als wir ſelbſt. Vergiß nicht, Eliſabeth, daß unſer Haupt an einem Haar ſchwebt, daß ſie mich, Schlick, Budowa, Wilhelm Lobkowitz und wer weiß wen uoch, ſchon bezeichnet haben als Diejenigen, deren Köpfe fallen müßten, um dem Ketzerthum mit einem Schlage ein Ende zu machen.“ „Ich kann an die Abſicht ſolcher Frevel nicht glau⸗ ben“, entgegnete Eliſabeth, ſchauerte aber doch zuſam⸗ 143 men;„nimmermehr würde der Kaiſer ſolche That zu⸗ geben!“ „Mathias nicht, wie eng ſie ihn auch umgarnt haben; aber auf Ferdinand ſteht ihre Hoffnung und er wird ihr Vertrauen nicht täuſchen! Mathias liegt halb im Grabe, vielleicht herrſcht von jetzt Ferdinand mehr als er ſelbſt. Wenn er unſer König wird! Glaube mir, Eliſabeth, wenn wir jetzt verzagt ſind, ſind wir verloren! Wir müſſen handeln!“ Die Gräfin fühlte, daß ſie nicht weiter gehen könne; ſie brach ab und fragte, um zu etwas Anderem zu gehen: „Wer verließ dich zuletzt, Thurn?“ „Ahnſt du es?“ fragte er mit äußerſtem Erſtaunen. „Nein“, antwortete ſie betroffen, da ſie nicht geglaubt hatte, daß ihre Frage von ſolchem Gewicht ſein würde. „Wenn ich es nicht wiſſen darf, ſo will ich nicht gefragt haben“, ſetzte ſie hinzu. „Du darfſt es wiſſen. Ich will nichts Heimliches vor dir haben, was mich angeht, Graf Albrecht Wallenſtein.“ „Er, hier? In Prag? Und was wollte er? „Was du willſt“, ſagte Thurn lächelnd.„Mich warnen!“ „Warnen!“ ſprach Eliſabeth langſam nach,„o folge ihm!“ „Dann würde ich zum Verräther an Böhmen“, ant⸗ wortete er unwillig.„Laß das, Eliſabeth!“ Vor Dem, wovor zu warnen wäre, warnt mich am meiſten deine Angſt! Ihr gehorche ich mehr als dem Drohen der Gefahr!“ Er küßte ſie innig; ſie hing feſt in ſeinen Armen. „Ich habe dir noch etwas zu ſagen. Die wackern Männer aus dem Erzgebirge, Joſeph Wolodna und Xaver Nechodom, ſind eingetroffen. Sie werden treu zu mir hal⸗ ten und ich muß ihnen das Gleiche thun. Denn ſie haben 144 auf meinen Anlaß, freilich unſerer gemeinſamen Sache halber, ihre Heimat verlaſſen. Sobald dieſe unruhigen Tage vorüber ſind, will ich dauernd Sorge für ſie tra⸗ gen, bis ſie vielleicht ſpäter wieder ungefährdet, friedlich auf ihrem Eigenthum wohnen können. Ein Theil dieſer Sorge aber fällt für jetzt dir zu; das ſchöne, edle, muthige Mäd⸗ chen, Wolodna's Tochter, Thereſe, iſt in ihrer Beglei⸗ tung. Dieſe mußt du aufnehmen.“ „Sie ſoll mir wie eine Tochter willkommen ſein!“ ant⸗ wortete Eliſabeth aus liebreichem Herzen. „Sie wird ſich gut zu Thekla ſchicken. Morgen wird ſie dir zugeführt werden.“ Die Gräfin blickte ihren Gemahl noch einmal tief innig an; dann ſank ſie an ſein Herz. Er hielt ſie in langer, ſtummer Umarmung. Endlich trennten ſie ſich, tief bewegt. Thurn's Stimmung war nicht mehr dieſelbe, wie vor Wallenſtein's und Eliſabeth's Beſuch. Das Gewicht der Verantwortung drückte ſchwerer auf ſeiner Bruſt, dunklere Schatten der Beſorgniß fielen auf die Zukunft. Es ſprach eine warnende, innere Stimme zu ihm, die er nicht hören mochte. Schweigend, nachſinnend, ſchritt er in dem Saal auf und nieder. Er trat an das Fenſter, das in den Garten hin⸗ ausging, und blickte in die Nacht hinaus. Die Gedanken wogten in ſeiner Bruſt. „Sollten dieſe ſchönen, hellen Sterne der Maiennacht, die ſelbſt vor dem Mondenlicht nicht erbleichen, mir un⸗ günſtig ſtehen?“——— Er öffnete das Fenſter und lehnte ſich hinaus. Tiefe Stille herrſchte; nur der ferne Schall der Glocken aus der Stadt, welche, einander folgend, die Mitternachtsſtunde anſchlugen, tönte herüber. Schattiges Dunkel lagerte ſich in den 145 Gebüſchen; nur der Weg an der weſtlichen Gartenwand war vom leicht verhüllten Monde matt beleuchtet. Die unbeſtimmten Schatten der Baumwipfel fielen darauf und bewegten ſich leiſe im Hauche des Nachtwindes. Einen Augenblick, wo der Strahl des Mondes hell durch das getheilte Gewölk fiel, war es, als ſchwebe der Schatten einer langſam wandelnden Geſtalt an der Mauer hin. Sie glich einem tief verhüllten, gebeugt wandelnden Mönch mit langem Barte. Der Mond verſchwand wieder; auch der Schatten mit dem der Gebüſche zugleich. „Seltſam! Sollte noch Jemand im Garten ſein?“ dachte Thurn.„Iſt wer da?“ fragte er laut hinüber. Keine Antwort erfolgte. Lautloſe Stille ringsher, auch der Glockenton war verhallt. Nur der Wind rauſchte in den Wipfeln. Lange blieb Thurn in Betrachtungen verſunken. End⸗ lich ſuchte er, ſchwerer Gedanken voll, das Lager. à— Vierzehntes Capitel. Am 23. Mai wohnten die Statthalter des Kaiſers, wie nach altem Brauch vor jeder Sitzung geſchah und auch an beiden Tagen zuvor geſchehen war, einer feierlichen Pro⸗ ceſſion und der Meſſe in der Schloßkirche auf dem Hradſchin bei. Erſt nachdem ſie ſolchergeſtalt ihre Andacht verrichtet, begaben ſie ſich einzeln hinauf in den Saal der Kanzlei. Der Geheimſchreiber Fabricius war ſchon dro⸗ Rellſtab, Drei Jahre. 2. Aufl. I. 1. 7 146 ben und mit Ordnen der nöthigen Papiere beſchäftigt, als Slawata eintrat. „Iſt Alles in Ordnung?“ fragte er dieſen. „Alles“, antwortete Fabricius.„Die Leute ſind im landſtändiſchen Saal.“ Die Thür öffnete ſich. Der Burggraf von Karlsſtein, Freiherr Borzika, Jaroslaw von Martiniz, trat ein. „Guten Morgen, Martiniz“, begrüßte ihn Slawata; „Ihr kommt aus der Meſſe wie ich?“ Martiniz bejahte. „Waret Ihr heute ſchon in der Altſtadt“, fragte Sla⸗ wata.„Bringt Ihr etwas Neues mit?“ „Ich bin ſchon in aller Frühe drüben geweſen. Die Herren Utraquiſten eilten ſchon nach dem Carolinum. Viel Volk war auf den Straßen. Es iſt noch unruhiger als geſtern und vorgeſtern!“ „Was hört Ihr von der Stimmung der Verſammlung?“ „Die Antwort des Kaiſers iſt den Herren ab utraque doch etwas in Hirn und Glieder gefahren. Sie ſtecken die Köpfe gewaltig zuſammen. Thurn war geſtern den ganzen Tag in Bewegung. Er muß die Altſtadt nach allen Stri⸗ chen der Windroſe durchkreuzt haben, denn vier oder fünf mal ſah ich ihn in ſeinem Wagen und zwei mal zu Pferde, und immer in einer Eile, als ſei er auf der Flucht!“ „Ihr wißt nichts Näheres über ſein Verkehren?“ fragte Slawata betonend, während Fabricius ſcharf auf⸗ horchte, dabei aber zugleich ſeine Papiere ordnete, als achte er nicht auf das Geſpräch. „Nichts! Er iſt zwar ein unruhiger Kopf, ein dreiſter Wagehals; allein er wird nichts Anderes unternehmen als was er bisher gethan; lange Reden halten, die Gemüther erhitzen, die Federn in Bewegung ſetzen!“ 4 —— 147 „Nur die Federn?“ fragte Slawata. „Die Schwerter nicht, verlaßt Euch darauf! Ja, wenn ſie Allen ſo locker in der Scheide ſäßen wie ihm! Doch glaubt mir, Slawata, ich kenne die Andern! Sie beſinnen ſich lange, ehe ſie einen Degen ziehen!“ „Sie haben ſich ſchon ziemlich lange beſonnen!“ ver⸗ ſetzte Slawata.„Es könnte doch ſein, daß ſie einmal zum Entſchluß kämen! Ich habe ſichere Nachricht, daß ſie in allen Kreiſen des Landes viele Leute aufgeboten haben, hierher nach Prag zu kommen. Der Stadthauptmann Cho⸗ dowiecki hat mir berichtet, daß ſeit ungefähr drei Tagen ungewöhnlich viel Landvolk nach Prag hereingekommen iſt und auffallend wenig wieder hinauspaſſirt.“ „Aber wo ſollten die Leute geblieben ſein?“ „Sie ſind wie verſchwunden. In einigen Herbergen habe ich nachfragen laſſen. Die waren freilich gefüllt, aber das will wenig ſagen. Viehtreiber, die hier durchziehen zum Markte nach Budweis, Kaufleute, die eben dahin wollen, Pilger, die nach Maria⸗Culm wallfahrten!“ „Darunter mögen auch die Landleute ſtecken“, bemerkte Martiniz. „Möglich! Ich habe aber für nöthig erachtet, die Maßregeln, über die wir Beide geſtern übereingekommen ſind, noch etwas weiter auszudehnen!“ „Vergebt, daß ich Euch unterbreche“, fiel ihm Mar⸗ tiniz mit einem mismuthigen Verziehen des Geſichts ins Wort.„Es iſt ſo ſchwül hier im Saale; ſie haben gewiß wieder das Zimmer heut früh nicht ordentlich gelüftet! Laßt uns das Fenſter öffnen.“ Er that es.„Viel gebeſſert ſind wir damit auch nicht“, ſagte er ärgerlich, als er ſich einen Augenblick über die Brüſtung hinausgelehnt hatte. „Jetzt dringt ein Kehricht⸗ und Düngergeruch hier herauf, 7* —— 148 der mich auch nicht erquickt! Wir ſind hier wenigſtens funfzig Fuß hoch über dem Rande des Schloßgrabens, und doch ſteigt der üble Dunſt ſo hoch herauf. Sie ſchütten allen Teufel hier aus den Fenſtern!“ „Laßt das jetzt gut ſein“, unterbrach ihn Slawata. „Ich möchte Euch etwas mittheilen, ſolange wir noch allein ſind.“ Er zog ihn auf die Seite etwas entfernter von Fabricius, und ſagte leiſe:„Ich bin gewarnt worden; die Häupter der Ketzer ſollen heut Gewaltſames gegen uns vorhaben!“ „Hm!“ verſetzte Martiniz.„ Ich habe auch eine ſolche Warnung erhalten, aber ich wollte es Euch verſchweigen!“ „Man ſagte mir, unſer Leben ſei bedroht!“ „Mir auch, aber das glaube ich nicht. Und kommen mußten wir ja doch!“ antwortete Martiniz entſchloſſen. „Ich bekenne Euch, ich dachte daran, der Gefahr aus⸗ zuweichen und die Stadt zu verlaſſen....“ „Nimmermehr“, unterbrach ihn Martiniz. „Ich glaube doch, daß mancher unſerer Amtsgenoſſen deshalb heut nicht hier ſein wird. Nur Sternberg und Lobkowitz kommen, und dieſe ſind halb auf Seiten unſerer Gegner!“ Martiniz ſchwieg nachdenklich.„Noch wäre es Zeit für uns“, fuhr Slawata fort.„Was vermögen wir wider die Gewalt? Mein Wagen ſteht bereit; wir könnten durch das hintere Schloßthor..... 7 „Nein!“ rief Martiniz lebhaft,„um der heilgen 3 Jung⸗ frau Willen, nein! Wir müſſen als kaiſerliche Räthe auf unſerm Poſten verharren, jetzt zumal, wo es ſo wichtige Angelegenheiten des Kaiſers gilt!“*) *) Hiſtoriſch. 149 „Gut; ich ſchließe mich Eurer Anſicht an“, antwortete Slawata nach kurzem Beſinnen.„Aber ſchützen dürfen wir uns doch ſoviel als möglich!“ „Wie meint Ihr das? „Im Huldigungsſaal ſind vierzig Bewaffnete bereit; wenn man uns beleidigt oder angreifen will, laſſe ich die Thäter, die den Kaiſer in ſeinen Stellvertretern verletzt haben, als Beleidiger der Majeſtät verhaften!“ „Hm!“ ſummte Martiniz in ſeinem tiefſten Tone,„wollt Ihr das in Wien verantworten?“ „Ich denke doch“, entgegnete Slawata,„wenn uns Gefahr, Gewalt droht?“ „Allein, vergebt mir, ſeid Ihr Eurer Leute ſicher? Sind ſie von der prager Garniſon?“ „Bewahre! Zuverläſſige Männer, die nur mir gehor⸗ chen, meiſt von des Erzbiſchofs Gütern und den meinigen!“ „Das ginge eher. In den Wämmſern der böhmiſchen Landsknechte ſteckt mancher eingefleiſchte Huſſit!“ „So ſeid Ihr einverſtanden?“ fragte Slawata dringend. Martiniz ſtand finſter ſchweigend da. Slawata wurde unruhig.. „Wollt Ihr Euch“, fragte er mit ſteigender Erhitzung, „von dieſem trotzigen, übermüthigen Thurn verhören laſſen wie ein Delinquent? Wollt Ihr Euch Alles von ihm ge⸗ fallen laſſen.... vielleicht ſeine Maßregeln abwarten! Die Herren werden nicht ohne Waffen ſein!“ „Was könnte ich jetzt noch thun?“ erwiderte Martiniz. 5„Die Leute ſind da! Fortzuſchaffen ſind ſie nicht mehr....“ „Um des Himmels Willen nicht!“ rief Slawata. „Gut denn!“ ſagte Martiniz feſt.„Ihr ſchlugt mir vor, zu flüchten und bleibt; ſo theile ich jetzt die Gefahr der Verantwortung mit Euch. Hier meine Hand.“ —— —— 150 „Seht, Martiniz“, ſagte Slawata lebhaft, die Hand freudig ergreifend,„es wäre vielleicht recht gut, wenn es zu ſolchem Ausgang käme: Wir hätten gerechten Grund, die Häupter zu verhaften; nur die vom Herrenſtande, dann würde die Maſſe ihrer Anhänger erſchreckt und rathlos ſein, und wir hätten leicht gewonnenes Spiel! Ich hoffe ordent⸗ lich darauf! Sie werden voll Eifer ſein, wir bleiben kalt, das reizt ſie. Thurn wird ſicherlich das Wort führen, er redet ſich in Flammen, wir laſſen ihn ſprechen, ich ſchweige. Ihr auch, bitte ich. Sternberg und Lobkowitz werden, wie immer, gütliche Worte geben, das wird jene zuverläſſiger machen. Sie werden immer trotzigere Forderungen ſtellen; ſeid Ihr dann ſo kalt und ſcharf als möglich, Ihr habt ganz die Gabe dazu!“ „Was, Gabe!“ fuhr Martiniz auf;„ich bin wie ich bin und will nicht anders ſein; meine Zunge und mein Schwert müſſen ſcharf ſein, ſonſt taugen beide nicht!“ „Und je kälter der Stahl, je ſchärfer!“ fiel Slawata ein.„Thurn verliert gewiß Zaum und Zügel, zumal Euch gegenüber, und dann ſoll er auch die Bügel verlieren. Bricht er los in ſeiner Heftigkeit mit Drohungen, dann ziehe ich die Glocke——“ „Still, ſie kommen“, ſtieß ihn Martiniz an. Der greiſe Großprior, Diepold von Lobkowitz, und der Oberſtburggraf Adam von Sternberg traten ein. Die Begrüßung war kühl. „Es gehen allerlei ſeltſame Gerüchte in der Stadt, fing Lobkowitz gegen Slawata gewendet an,„daß die Wa⸗ chen überall verſtärkt ſeien und die Kriegsmannſchaft in Bereitſchaft gehalten, als hätte Prag einen feindlichen An⸗ griff zu erwarten. Iſt dem ſo? Wir haben doch nichts der Art beſchloſſen?“ 151 „Es iſt nur geſchehen, was nach den neueſten einge⸗ tretenen Umſtänden unerläßlich nothwendig war“, entgeg⸗ nete Slawata.„Nur die Oberſten ſind angewieſen, ihre Mannſchaften bereit zu halten.“ „Das iſt doch ſeltſam“, ſagte Sternberg.„Gerade das wird böſes Blut machen und die heutigen Verhand⸗ lungen ſehr erſchweren; denn ruchtbar iſt die Sache gewor⸗ den, und es gehen nun gewiß die übertriebenſten Ge⸗ rüchte um!“ „Das läßt ſich freilich nicht hindern“, verſetzte Sla⸗ wata; allein dieſe Maßnahmen waren nothwendig. Wir wohnen wie auf einem Pulvermagazin.“ „Um deſto mehr ſollte man ſich hüten, einen Funken hineinzuwerfen“, entgegnete Sternberg, und warf unmuthig ſeinen Hut auf einen Seſſel. 3 „Es ſcheint, daß die Herren wenig über die Zuſtände Prags ſeit geſtern Abend unterrichtet ſind“, antwortete Sla⸗ wata.„Ich hatte in Abſicht, den Herren Statthaltern in der heutigen Sitzung Rechenſchaft über die Maßregeln zu geben, die ich eilig zu treffen für nöthig gehalten. Ich erſuche die Herren, demnach Platz zu nehmen; die Sitzung kann beginnen. Sie wiſſen, daß unſere andern Collegen durch Abweſenheit von Prag entſchuldigt ſind.“ „Ja, wir wiſſen, wir wiſſen“, ſagte der alte Lobkowitz, und Sprachton und Geſichtszüge drückten gleiches Mis⸗ behagen und ſpottenden Zweifel aus. Man ſetzte ſich. Fabricius, der mit ſeinen ſtechenden Augen alle Vorgänge bisher, auch das Geſpräch zwiſchen Slawata und Martiniz wie ein ſpähender Raubvogel beob⸗ achtet, aber dabei immer den Schein der völligſten Theil⸗ nahmloſigkeit bewahrt hatte, ſchickte ſich an, das Protokoll zu führen. — 15² „Es iſt ſo offenkundig, daß man kaum davon zu ſpre⸗ chen brauchte“, begann Slawata mit geſchäftlich feierlichem Ernſte,„was die Partei der Diſſidenten in ihrer feind⸗ ſeligen und aufrühreriſchen Geſinnung ſchon ſeit Monaten in Bewegung geſetzt hat, um Erbitterung durch das ganze Land zu verbreiten. Ich muß aber alle dahin zielenden Vorgänge, Veranſtaltungen und Ränke zuſammenfaſſen und in ihrem Zuſammenhange nochmals in Erinnerung bringen, weil wir auf einem Punkte äußerſter Höhe angelangt ſind, der entſchloſſene Gegenſchritte gar nicht mehr aufſchieben läßt. Seit den auf Befehl Sr. allerhöchſten Majeſtät des Kaiſers getroffenen Maßregeln wider die zu Braunau und Kloſtergrab von den Utraquiſten erbauten Kirchen hat der Graf Thurn nichts unterlaſſen, dieſe völlig gerechtfertigte Maßregel als eine der äußerſten Willkür darzuſtellen. Er hat die Empörer an den genannten Orten, die ſich mit Gewalt unſern Anordnungen widerſetzen wollten, auf jede Weiſe in Schutz genommen. Alle Mittel ſind in Bewegung geſetzt worden, die Gemüther zu erhitzen, ſie zu feindſeligen Unternehmungen aufzuſtacheln. Faſt mit offener Gewalt hat er die Verſammlungen im Carolinum durchgeſetzt, ob⸗ gleich die allerhöchſten kaiſerlichen Erlaſſe, die ſie für un⸗ geſetzlich erklären, den utraquiſtiſchen Ständen mitgetheilt und in verſchärfter Weiſe wiederholt worden ſind. „Es ſind verdächtige Bewegungen aller Art in der Partei wahrzunehmen, die darauf hindeuten, ihren Forderungen, wenn ſie nicht genehmigt würden, auf gewaltſame Art Gel⸗ tung zu verſchaffen. Ich habe dies längſt in der Stille beobachtet und beobachten laſſen. Allein ſeit drei Tagen haben dieſe Veranſtaltungen zu ſichtlichem offenen Bruche des Landfriedens und der Ruhe, in erſchreckender Weiſe zu⸗ genommen. Es ſind, wie ich zuverläſſig weiß, von den 153 Gütern der utraquiſtiſchen Edelleute große Schaaren von Bewaffneten hierher entboten und heimlich in Prag ein⸗ gewandert und verſteckt.“ „Wie Ihr ſicher wißt?“ fiel Lobkowitz ein.„Weshalb habt Ihr uns denn keine Mittheilungen gemacht?“ „Ich bin erſt ſeit geſtern von meinen Vermuthungen zur Gewißheit gelangt“, entgegnete Slawata ruhig. „Und was ſollten die Diſſidenten mit dieſen Leuten beabſichtigen?“ fragte Sternberg,„ſie werden doch nicht ſo raſend ſein, einen offenen Krieg verſuchen zu wollen?“ „Ich weiß es nicht, doch man muß auf Alles vor⸗ bereitet ſein“, antwortete Slawata.„Das aber weiß ich geewiß, daß geſtern Nacht in Thurn's Haus Colon von Fels, der alte Caplicz, Graf Joachim Andreas Schlick, Euer Vetter, Wilhelm von Lobkowitz, Herr Großprior, Paul von Rcziczan, Wenzel von Raupowa, der Kanzler Budowa und mehrere Andere eine geheime Sitzung gehalten und eine Bundesſchrift, worin ſie ſich verpflichten, Alles wider uns in Bewegung zu ſetzen, unterzeichnet haben.“ Sternberg und Lobkowitz ſahen ſich verwundert an.„Iſt das zuverläſſig?“ fragte der Letztere. „Zuverläſſig“, ſagte Slawata. „Wir haben“, fuhr er fort,„den Verſammelten im Carolinum geſtattet, heut hier in dieſem Saale, durch Ab⸗ geordnete, mündlich mit uns zu verhandeln über die Gegen⸗ ſtände, die ſchon geſtern und vorgeſtern— Was iſt das?“ unterbrach er ſich aufhorchend ſelbſt. Man hörte draußen im Corridor ein Geräuſch ver⸗ worrener Stimmen und Schritte. In Sternberg's und Lob⸗ kowitz' Zügen drückte ſich ein beſorgliches Befremden aus. Slawata hielt die Blicke erwartungsvoll auf die Thür ge⸗ 154 heftet; Fabricius ſchielte ſeitwärts über das Protokoll dahin; Martiniz ſaß unbeweglich wie ein Stein. „Ich beſorge“, fing Slawata wieder an,„es erfüllt ſich ſchon, was ich den Herren eben melden wollte.. offenbar drängt man auf dieſen Saal zu; Herr Geheim⸗ ſchreiber, Ihr ſeid wol ſo gut, einmal nachzuſchauen, was der Lärm zu bedeuten hat?“ Fabricius ſtand auf und ging der Thür zu. Doch noch ehe er ſie erreicht hatte, öffnete ſie ſich raſch und ein Amtsdiener ſtürtzte haſtig ein mit der Meldung, daß ein ganzer Schwarm von Männern, vornehmen und ge⸗ ringen, ins Schloß gedrungen ſei, theils den Hof, theils ſchon Treppen und Gänge anfülle und ſich dem Saale nähere. Man könne ſie nicht mehr zurückhalten. Noch während er ſprach, wurde der Lärmen draußen ſo ſtark und drang ſo nahe, daß ſeine letzten Worte davon übertönt wurden. Er hatte kaum geendet, als die Thür raſch ge⸗ öffnet wurde und der Graf Thurn voranſchreitend, aber dicht gefolgt von vielen Edlen und andern Männern eintrat. Er ging ruhig, doch entſchloſſenen Schrittes auf die am Berathungstiſche Sitzenden zu. Funfzehntes Capitel. „Euer Begehr, Graf Mathias von S harRee fragte Slawata, und ſtand auf. „Ich werde es ausſprechen, ohne daß Ihr mich da⸗ nach fragt, Herr Präſident Slawata“, war die Antwort —— 15⁵ Thurn's,„doch ich will abwarten, bis der Saal etwas ruhiger geworden, denn es ſollen mich Alle hören!“ Damit nahm er eine Stellung ein, durch die er ſich halb den Statthaltern, halb den Eindringenden zuwandte, und richtete in ruhiger ſtolzer Haltung ſeine Blicke auf die Letztern, als ob er die Seinigen zähle. Slawata verfärbte ſich etwas, als er die große Schaar von Begleitern ſah, die Thurn gefolgt waren, und daß die Meiſten ihre Degen oder Säbel an der Seite hatten, was allerdings bei den böhmiſchen Edlen und Solchen, die freie Kriegsdienſte gethan, überall gebräuchlich war. Plötzlich drängte ſich ein Mann durch die an der Thür ſich ſtopfende Menge und ging eilig auf Thurn zu. Es war Xaver.„Herr Graf“, flüſterte er dieſem zu, wäh⸗ rend der Saal ſich noch fortdauernd füllte,„ich habe eine wichtige Botſchaft. Auf dem langen Bogengange, den Ihr mir zu durchſuchen befahlt, traf ich einen der wildeſten unter jenen Wüthenden, welcher die Fluchthat gegen mei⸗ nen Vater vollbracht, Zaloska mit Namen. Er war in Waffen; als er meiner anſichtig wurde, flüchtete er; doch es gelang mir, ſeiner habhaft zu werden. In meiner Er⸗ bitterung zuckte ich den Dolch gegen ihn; da ſank er auf die Knie und rief:«Schont meiner, ich will Euch ein wich⸗ tiges Geheimniß entdecken!““ „Und das wäre?“ fragte Thurn. „Es ſind in einem hier anſtoßenden Saale Bewaffnete verſteckt, die auf einen Glockenzug dieſes Zimmer von außen beſetzen und ſich Eurer und der andern Edlen bemäch⸗ tigen ſollen!“ „Wacker gehandelt, Taver“, ſagte der Graf leiſe;„gut, daß ich auf etwas der Art vorbereitet war! Zwiſchen uns bleibt es bei der Verabredung, haltet Euch hier dicht zu mir!“ 156 Hierauf ging der Graf zu einem Manne von kriege⸗ riſchem Anſehen, der ſich unter den Eingetretenen befand, und flüſterte ihm einige Worte ins Ohr⸗ Dieſer verließ ſofort den Saal. Indeſſen hatten ſich ſo Viele eingedrängt, Stände⸗ mitglieder und ihre bewaffneten Diener, Bürger und andere Bewaffnete, daß bis wenige Schritte von dem Be⸗ rathungstiſch der Raum ganz gefüllt war. Im Hinter⸗ grunde ſtand man ſo gedrängt, daß auch eine Bank, die um den großen Ofen in der Ecke lief, ganz beſetzt war. Die dort Stehenden hatten den vollen Ueberblick des Saales. Die Deputirten der verſchiedenen Kreiſe ſtanden in den erſten Reihen, ſo gut es anging im Halbkreis geordnet, Graf Thurn in ihrer Mitte, einige Schritte vorgetreten. Auf ſeinen Wink wurde Niemand mehr eingelaſſen, die Thüren geſchloſſen. Slawata war ſichtlich immer unruhiger ge⸗ worden. Er hatte, was zwiſchen Thurn und Xaver vor⸗ ging und was der Erſtere darauf that, ſcharf beobachtet. Mehrmals ſtand er auf und ſprach leiſe mit Fabricius. Dieſer blickte ſcheun umher; er ſchien mit einem Entſchluß zu kämpfen, aber nicht Muth zur Ausführung zu haben. Thurn gebot durch einen Wink Ruhe. Es ward ſtill. „Mein Begehr, Herr Präſident der kaiſerlichen Statt⸗ halterſchaft“, wandte er ſich zu Slawata,„iſt, von einem jeden dieſer Herren“, er deutete auf die Statthalter,„eine Erklärung zu fordern, ob er an der Antwort Sr. kaiſer⸗ lichen Majeſtät auf unſere und unſerer Glaubensgenoſſen Eingabe einen Antheil hat?“ „Eine Frage, die Euch nicht zuſteht, Graf Thurn“, erwiderte Slawata mit mühſam gewonnenem Anſchein der Ruhe.„Doch will ich es dieſen Herren überlaſſen, darauf zu antworten oder nicht.“ 157 „Leſet denn unſere Anfrage, Reziczan“, forderte Thurn den Abgeordneten Paul von Reziczan auf. Dieſer trat vor, zog ein Blatt aus der Bruſttaſche ſeines Kleides und las:*) „Statt der Antwort, welche die Stände vom Kaiſer zu empfangen erwarten durften, iſt ein äußerſt beſchwer⸗ liches und furchtbares Schreiben Sr. Majeſtät an die Verweſer Böhmens ergangen und von dieſen bekannt ge⸗ macht worden; die Stände fragen, ob dieſes Schreiben, laut deſſen das Leben der Defenſoren ſelbſt ge— fährdet werden könnte, von den Statthaltern ange⸗ rathen oder gebilligt worden iſt? Die Ständegeſammt⸗ heit wird, unter alleiniger Ausnehmung der Perſon des Kaiſers gegen Jeden, welcher eins ihrer Glieder un⸗ rechtmäßig anfechten will, ſich kräftig vertheidigen und ſchützen!“*) Während Paul von Reziczan las, herrſchte die tiefſte Stille in dem zuvor ſo lärmenden Saale. Jeder lauſchte auf die Antwort, die ertheilt werden würde. Slawata ſchien kein ſo ſicheres Vertrauen mehr auf ſeine Anſtalten zu haben, denn er ſah bleich aus; auch war bis jetzt nichts geſchehen, was Gewalt rechtfertigen konnte. Martiniz muth⸗ maßte ſeine Beſorgniß. Er ſprach leiſe mit ihm; dann zog er auch Lobkowitz und Sternberg bei Seite. Sie be⸗ riethen ſich. „Wir warten auf Antwort“, ſprach Paul von Reziczan mit Nachdruck, und ein dumpfes Gemurmel lief durch die Reihen im Saal. Der Oberſtburggraf Adam von Sternberg trat vor *) Hiſtoriſch. **) Hiſtoriſch. . 158 und erwiderte:„Wir ſind in zu geringer Zahl beiſammen, um eine ſolche Frage, welche an die geſammte Statthalter⸗ ſchaft des Kaiſers gerichtet iſt, zu beantworten. Wir werden mit unſern Amtsgenoſſen und inſonders mit dem Oberland⸗ hofmeiſter, Grafen Adam von Waldſtein, der krank da⸗ nieder liegt, uns berathen und wollen euch morgen redlich Beſcheid thun!“ „Morgen!“ rief die Verſammlung wie aus einem Munde unwillig aus.„Nichts da! Nichts von morgen!“ tobte die Menge durcheinander. Thurn gebot Ruhe. Er ſelbſt, Colon von Fels und Wilhelm der Aeltere von Lobkowitz traten auf Sternberg zu, reichten ihm die Hand, und Lobkowitz ſagte:„Wir haben nichts wider Euch, Graf Sternberg, allein wir wollen nicht auf den Oberlandhofmeiſter verwieſen ſein, mit dem wir gar wohl zufrieden ſind. Wir wollen unverzüglichen Beſcheid!“ Der ehrwürdige Diepold von Lobkowitz wandte ſich jetzt zu Thurn und ſprach mit dem Tone der Mäßigung, aber ſehr ernſt:„Graf Thurn, Ihr ſeid mit der edlen Ritterſchaft Böhmens ſo bekannt und verbunden, daß ich Euch frei ſagen darf, die Art, wie Ihr hier eingedrungen, Euer Gefolge in Waffen, der gebieteriſche Ton Eurer Frage, verbieten mir die Antwort. Ich hoffe, Ihr werdet das einſehen und von dieſem Begehr in ſolcher Form abſtehen!“ „Ich bedaure, würdiger Herr“, entgegnete Thurn ebenſo ruhig und ebenſo feſt,„daß ich Euch nicht willfahren kann. Der Drang der Zeiten entſchuldigt das Ungewöhnliche. Un⸗ ſere Glaubensgenoſſen ſind aufs Aeußerſte gebracht. Jeder willkürliche Zwang wird an ihnen verübt; ſie ſind der em⸗ pörendſten Grauſamkeit ſchutzlos preisgegeben, und die Antwort des Kaiſers, ſtatt ihnen Hülfe und Rettung dar⸗ 159 zubieten, billigt die begangenen Frevel und droht mit neuen, härtern, nie endenden.“ Ein Murmeln der Zuſtimmung lief durch die Verſammelten. Der Oberſtburggraf von Stern⸗ berg nahm abermals das Wort. Auch er wandte ſich im feſten, aber milden Tone zu Thurn.„Bedenkt, Graf Thurn, daß wir hier als Stellvertreter der Majeſtät des Kaiſers ſitzen, und daß es nicht wohlgethan iſt, drohend und gewaltſam gegen den Träger der Krone, dem Ihr Treue geſchworen, aufzutreten! Uebrigens, Graf Thurn, beunruhigt Ihr Euch ohne Grund. Ich ſelbſt finde zwar Manches in der Antwort hart ausgedrückt, doch dürft Ihr der milden Auslegung durch des Kaiſers Güte ver⸗ trauen!“ „Ja, wenn der Kaiſer, dem ich die tiefſte Ehrfurcht ſchulde und widme, mit eigenen Augen ſähe, mit eigenen Ohren hörte, mit eigener Hand handelte!“ rief Thurn erhitzt.„Aber wenn ſeine Stellvertreter, Euch und dem Großprior alle Achtung“(er verbeugte ſich dabei gegen die genannten Herren),„überall ihr Gift und ihre Lüge einmiſchen, dann verwandelt ſich der Segen der Majeſtät in einen Fluch für das Volk, und es muß endlich ſelbſt für ſich eintreten!“ Ein lauter Beifallsruf folgte dieſen Worten und die Edelleute ließen die Waffen klirren. Slawata verfärbte ſich; doch behauptete er äußerlich die Faſſung. Martiniz blieb ſtumm wie ein Erzbild. In dieſer Pauſe drängte ſich abermals ein Bewaffneter aus dem Hintergrunde hervor, trat auf Thurn heran und ſagte ihm einige leiſe Worte. Dieſer nickte nur. „Ich will mich nicht mit langen Reden aufhalten!“ fuhr er wieder zu den Statthaltern gewandt fort:„Ich muß Euch fragen, Herr Oberſtburggraf und Herr Groß⸗ 160 prior, habt Ihr dem kaiſerlichen Schreiben Eure Zuſtimmung gegeben? Euer einfaches Wort iſt mir die vollſte Bürg⸗ ſchaft der Wahrheit; doch Antwort muß ich haben.“ Graf Sternberg erwiderte mit Ruhe, der ganzen Ver⸗ ſammlung zugewandt:„In allen öffentlichen Angelegen⸗ heiten handeln die Statthalter Sr. Majeſtät des Kaiſers nicht als Einzelne, mit einzelner Meinung, ſondern als Collegium. Kein Einzelner, ſondern nur das geſammte Collegium kann auf die Frage des Grafen Thurn Antwort ertheilen, ſelbſt wenn wir ihm das Recht dazu einräumten. Wir ſind aber nicht vollzählig. Wir müſſen überdies die Angelegenheit berathen, da ſie von äußerſter Wichtigkeit iſt. Ich erſuche Euch alſo nochmals, gebt uns Aufſchub bis morgen!“ Ein lärmendes Geſchrei der Maſſe war die unmittel⸗ bare Antwort. Thurn machte ſein Anſehen geltend und gebot zum zweiten male Ruhe. „Aufſchub? Und immer wieder Aufſchub!“ wandte er ſich darauf zu Sternberg;„als ob wir nicht ſchon lange genug hingehalten wären in dieſer Sache, die eines Jeden Herz und Gewiſſen bedrängt! Es iſt des Aufſchubs genug geweſen. Jetzt, jetzt gleich, wollen wir wiſſen, woran wir ſind?“ „Laßt uns nur eine Stunde“, entgegnete Sternberg begütigend;„ich will, da Ihr kein Mistrauen in mich ſetzt, ſogleich ſelbſt zu dem Oberlandhofmeiſter!“*) Der Ruf der Magnaten:„Nein! Nein!“ und andere tobende Stimmen aus dem Hintergrunde wieſen des Oberſt⸗ burggrafen billige Forderung zurück. Die Gemüther er⸗ hitzten ſich mehr und mehr. Die Mitglieder des Herren⸗ ⁵) Hiſtoriſch. ͤͤ — 161 ſtandes traten den Statthaltern näher und redeten heftig zu den Einzelnen. „Ihr Vier“, rief Colon von Fels,„ſollt ſogleich antworten!“ „Wenn's uns beliebt, können wir ſpäter den Oberland⸗ hofmeiſter ja ſelbſt befragen!“ bemerkte Wilhelm von Lob⸗ kowitz. „Bejaht oder verneint nur die Frage geradezu“, drängte wohlwollend der Graf Schlick;„ihr Beide“, wandte er ſich zu Sternberg und dem alten Lobkowitz,„könnt gewiß ohne Gefahr antworten!“ „Ich ſcheue nicht Gefahr, ich handle nach Pflicht“, ant⸗ wortete der Großprior mit Würde. Hans Albrecht von Smirziezki, eins der Stände⸗ mitglieder trat heftig gerade vor die Statthalter hin und rief:„Wir werden durch euch um der Religion Willen wie die Sklaven bedrückt! Wer ſoll das länger aus⸗ halten!“*) Graf Schlick, der Martiniz gerade gegenüber gedrängt war, welcher wie eine Bildſäule unter der wildbewegten Gruppe ſtand, redete dieſen hart an:„Ja, Ihr übt jede, auch die unwürdigſte Feindſeligkeit! Ihr, Herr von Mar⸗ tiniz, habt dem Grafen Thurn das Burggrafenthum von Karlsſtein geraubt, das Niemand, dem es einmal geſetzlich übertragen iſt, anders verlieren darf als durch den Tod!“ „Laßt das, ich bitte Euch!“ hielt ihn Thurn zurück. „Nicht um eine perſönliche Kränkung handelt es ſich hier! Es geht um das Höchſte für uns Alle, um die freie Stel⸗ lung unſerer Religion!**) *) Hiſtoriſch. 22) Iiorſg. ——ℳℳ;ññ 162 Der Tumult wuchs. Colon von Fels mit ſeiner hohen Geſtalt trat in die Mitte, erhob den Arm und rief laut: „Hört mich, Ihr Freunde und Genoſſen!“ Es wurde ſtiller.„Es bedarf hier keiner Antwort der Statthalter. Jedermann weiß, daß dieſe hier“, er zeigte auf Slawata und Martiniz,„Urheber des harten Schreibens ſind!“ „Ja, das ſind ſie! Verräther! beſtraft ſie!“ erſcholl der verworrene Ruf durch den Saal. Colon von Fels fuhr mit lauter Stimme fort:„Sie haben alle Zeit dem Majeſtätsbrief ſich widerſetzt und durch Hinterliſt gegen denſelben gewirkt. Sie ſind die Zerſtörer des Friedens und des Gemeinwohls! Doch der Oberſtburggraf und der Großprior meinen es treu. Sie haben entweder das kaiſer⸗ liche Schreiben nicht angerathen oder ſind von Slawata und Martiniz dazu getrieben worden. Ich frage die ver⸗ ſammelten Stände hier, ob die Worte, welche ich jetzt ge⸗ ſprochen, Wahrheit ſind?“*) „Ja, ja!“ erſcholl der Ruf, daß die Fenſter des Ge⸗ machs bebten. Martiniz blickte auf Slawata, ob dieſer es jetzt an der Zeit halten werde, die Hülfe herbeikommen zu laſſen. Sla⸗ wata hatte die Faſſung verloren. Er erhob zwei mal die Hand, als wolle er den Glockenzug faſſen, ließ ſie aber beide mal wieder ſinken, ohne wirklich das Zeichen zu geben. Fabricius zitterte wie im Fieber. „Unſer Recht iſt zu klar“, ließ ſich eine feſte wür⸗ dige Stimme vernehmen. Es war der Kanzler Wenzel von Budowa, der Director des böhmiſchen Landgerichts. Als man ſah, daß er das Wort begehrte, wurde es ſtill.„Der Majeſtätsbrief des Kaiſers Rudolf“, ſprach er, *) Hiſtoriſch. 163 „ſichert uns das freie Recht zu, Kirchen zu erbauen, und man ſchließt ſie uns und reißt ſie nieder!“ „Es iſt nichtswürdig!“ rief mit aufbrauſendem Zorn Dworſchetzki von Olbramowitz. Paul Caplicz, ein jun⸗ ger, feuriger Mann, der Neffe des greiſen Kaspar Caplicz von Sulewitz widerholte den Ruf:„Ja, es iſt ſchändlich!“ Die Aufregung im Saale wuchs mit jeder Secunde. Wenzel von Budowa erhob abermals die Stimme. Alles horchte auf ihn. Er wendete ſich zu den Statthal⸗ tern und ſagte in würdigſtem Ton:„Der Majeſtätsbrief be⸗ ſagt wörtlich:«daß kein Befehl und nichts dergleichen, was in dieſen für die Religion aufgerichteten Frieden die aller⸗ geringſte Hinderung und Unordnung bringt, von dem Stifter, Kaiſer Rudolf, ſeinen Erben und künftigen Königen von Böhmen, auch von keinem Andern ausgehen, oder vor⸗ genommen werden ſoll!““*) Bei dieſer durch den Spre⸗ cher ſtark hervorgehobenen Stelle erſcholl lauter Beifall. „Alſo hört ihr“, fuhr Budowa fort,„von keinem Andern! Folglich am wenigſten von Denen, die Namens Sr. kaiſerlichen Majeſtät Recht und Gerechtigkeit im Lande verwalten ſollen!— Schon die bloße Annahme des kai⸗ ſerlichen Schreibens durch die Statthalter“, fuhr er mit Nachdruck fort,„und die öffentliche Mittheilung deſſelben macht ſie des Bruches des Majeſtätsbriefes ſchuldig. Vol⸗ lends aber, wenn ſie Antheil an der Faſſung hätten, die uns ſo ſchwer beleidigt! Das iſt ein offener Bruch des Religionsfriedens, den ſich, den heiligen Zuſicherungen des Briefes zufolge, Niemand erlauben darf! Sie müſſen ſich alſo darüber erklären!“ „Ja! Sie müſſen!“„Redet, redet, gebt Ant⸗ *) Hiſtoriſches Document. 3 164 wort!“ riefen die Stimmen durcheinander. Der Tumult wuchs von Minute zu Minute. Thurn erhob den Arm und winkte ſeinen Freunden. „Ich bitte euch“, ſagte er,„ſeid ruhig, daß wir Alle ihre Erklärung vernehmen!“ Es ward ſtill. „Herr Burggraf von Karlsſtein“, wandte er ſich jetzt mit ſcharfer Betonung an Martiniz... „Ich verſichere Euch, Graf Thurn“, fiel ihm Martiniz ins Wort,„ich habe Euch nicht um dieſes Amt gebracht!“ „Es handelt ſich hier nicht um meine perſönliche Ange⸗ legenheit, wie ich Euch ſchon zuvor geſagt habe“, antwor⸗ tete Thurn. Doch ſah man ihm ſeine Erbitterung an, ob⸗ wol er ſie nicht Wort haben wollte. „Herr Burggraf von Karlsſtein“, wiederholte er ſchneidend,„ich frage Euch hier im Angeſicht aller böhmi⸗ ſchen Edlen, habt Ihr Eure Stimme zu dieſem Beſcheid gegeben?“ Martiniz runzelte die finſtren Brauen und blickte, ohne von ſeinem Sitze aufzuſtehen, den Redner ſtarr an. Alles lauſchte in athemloſer Stille, ob er Antwort er⸗ theilen werde. Nach wenigen Secunden ſagte er laut mit männlicher Entſchloſſenheit:„Ich erkenne hier Keinem das Recht zu dieſer Frage zu, doch ich antworte, weil es mir ſo anſteht. Die Antwort Sr. Majeſtät des Kaiſers enthält vollſtändig meine Meinung.“ Ein Schrei der Wuth erſcholl in der Verſammlung. Thurn trat auf Slawata zu:„Euch brauche ich nicht erſt zu fragen, Slawata! Ihr waret der Genoſſe des Burggrafen, als er ſich weigerte in der Sitzung zu erſchei⸗ nen, wo der Majeſtätsbrief, der die Schutzrechte unſeres Glaubens enthält, in das böhmiſche Landrecht eingetragen wurde; Ihr werdet auch hier ſein Genoſſe ſein. Euer 165 Trachten war von jeher, unſere verbrieften Glaubensrechte rückgängig zu machen!“ Slawata's Hand zuckte nach der Glocke, doch er zog ſie abermals zurück. Die Furcht, daß ihm und Martiniz ſofort Gewalt geſchehen werde, wenn er ſelbſt jetzt Gewalt verſuchen wolle, hielt ihn ab. Da er unentſchloſſen auf die Vorwürfe Thurn's ſchwieg, umdrängten ihn die andern Mit⸗ glieder der utraquiſtiſchen Stände mit ſtürmiſchen Ausru⸗ fungen und Fragen. „Habt Ihr nicht bei der Königswahl des Erzherzogs Ferdinand geſagt“, eiferte Wilhelm von Lobkowitz,„daß Ihr die Beſtätigung des Majeſtätsbriefes gar nicht ver⸗ langtet?“ „Wir als Katholiken durften das wol ſagen!“ antwor⸗ tete Slawata.*) „Ich bin vorgeladen an den Kaiſerhof“, rief Thurn. „Das haben die beiden gekannten Feinde unſeres Glaubens erwirkt! Ich werde aber nicht ſo thöricht ſein, ſolcher La⸗ dung zu folgen.*) Martiniz entgegnete ruhig:„ Ihr glaubt doch von dem gütigen und gerechten Kaiſer keine Unbill zu befahren? Folgt alſo der Ladung getroſt, Graf Thurn, und hört ihre Urſach von Sr. kaiſerlichen Majeſtät ſelber!“ „Er leugnet die Ladung nicht ab“, ſagte Lobkowitz. „Sie wollen nirgends Ja noch Nein ſagen“, rief Reziczan. Colon von Fels wandte ſich zu der unruhig andringen⸗ den Verſammlung:„Slawata und Martiniz gefährden un⸗ ſern Glauben und unſer Leben! Es wäre gerecht, ſie aus *) Hiſtoriſch. *n) Hiſtoriſch. 166 der Welt zu ſchaffen, damit wir endlich Ruhe und Sicherheit gewinnen!“*) Ein wildes Geſchrei nach Rache erſcholl auf dieſe dro⸗ henden Worte. „Jetzt wäre es Zeit“, raunte Martiniz Slawata zu; „ſie bedrohen unſer Leben! Jetzt iſt die Gewalt Noth⸗ wehr!“ Slawata griff nach der Glocke und zog ſie an. „Bemüht Euch nicht! Darauf ſind wir vorge⸗ ſehen!“ ſagte Thurn ruhig. Jetzt ſah Slawata, daß er in der Gewalt ſeiner Gegner ſei. Er wurde bleich wie der Tod und zitterte. Fabricius, der vom untern Ende der Tafel den Vorgang ſcharf beobachtete, Thurn's Worte gehört hatte und die Wirkung auf Slawata ſah, verlor gleich ihm in dieſem Augenblick jegliche Faſſung und Hoffnung. Der Anklage ſeines Bewußtſeins verfallen, bebte er wie im Fieberfroſt; ſeine Zähne klapperten gegeneinander; ſcheu blickte er ſeit⸗ wärts, ob ſich nicht eine Möglichkeit zur Flucht aufthue. Doch er ſah nur eine Mauer von wilden Geſichtern um ſich her. Martiniz allein behielt ſeine eherne Faſſung. Während deſſen trat Graf Ulrich Kinski zu dem Großprior und dem Oberſtburggrafen und flüſterte ihnen zu:„Euch droht keine Gefahr. In euch ehren wir die Statthalter des Kaiſers. Jene dort“, er zeigte auf Mar⸗ tiniz und Slawata,„werden wir nur als arge Feinde un⸗ ſeres Glaubens betrachten.“ Thurn und Fels und Wil⸗ helm von Lobkowitz, die die Worte hörten, bekräftigten ſie. „Ihr bürgt mir für Leben und Sicherheit dieſer beiden *) Hiſtoriſch. 167 Ehrenmänner“, ſprach Thurn, indem er auf den Groß⸗ prior und den Oberſtburggrafen zeigte, zu Kinski und Bo⸗ huslaw von Berka, die ihnen zunächſt ſtanden.„Führt ſie hinaus!“ Diepold von Lobkowitz und Graf Sternberg wurden umringt, man führte ſie aus dem Saal. Als Slawata dies ſah, ergriff ihn grauenvolle Ah⸗ nung. Er wußte nicht, welch ein Schickſal den Abgeführten bereitet wurde, und— er zitterte für ſein eigenes. „Sie werden fortgeſchleppt“, flüſterte er Martiniz zu. „Will man ſie draußen morden? Und was wird man mit uns beginnen?—— O wäre ich meinem erſten Plan ge⸗ folgt und geflüchtet! Ihr wolltet nicht— Ihr riethet ab! Jetzt müſſen wir verderben!“ 8) Martiniz antwortete würdig:„Wohl Euch, daß Ihr ge⸗ blieben ſeid! Hättet Ihr trotz Eurer Amtspflicht das Land in dieſer höchſten Noth verlaſſen, ſo wäret Ihr für einen eidbrüchigen und ehrloſen Mann erachtet worden. Jetzt ſterben wir als treue Diener des Kaiſers und als Mär⸗ tyrer. Empfehlen wir uns einzig der Gnade Gottes!“**) Thurn, der nebſt Colon von Fels den Hinausgeführten gefolgt war, kehrte mit Wilhelm Lobkowitz und Berka zurück. „Jetzt wollen wir an unſern Feinden verfahren, wie Rechtens iſt“, rief Reziczan und ſchoß funkelnde Blicke auf Martiniz und Slawata. Ein dumpfes drohendes Getön erhob ſich im Saal. „Ihr werdet doch nicht Gewalt wider uns üben!“ rief Slawata mit bebender Lippe. *) Hiſtoriſch. ) Hiſtoriſch. 168 Ein Augenblick tiefer, ſchauerlicher Stille trat im Saale ein. Allen ſchien der Athem zu ſtocken, da es nun zur That kommen ſollte. Keines der Ständemitglieder hatte den Muth auf Slawata's angſtvollen Ruf das Ja zu ant⸗ worten. Thurn blickte in unruhvoller Spannung im Kreiſe um⸗ her, ſein blitzendes Auge haftete auf Xaver, dieſer legte die Hand ans Schwert. Da trat Hans Litwin von Reziczan, deſſen fragender Blick an Thury's Antlitz hing, mit einem raſchen Schritt aus dem Kreiſe auf den ſtolz daſtehenden Martiniz zu. Dieſe Bewegung wirkte, als habe der Blitz zündend in den Pulverthurm geſchlagen. Im gleichen Augenblick ſprangen auch die andern der erbittertſten Ständemitglieder, Wil⸗ helm Lobkowitz, Albrecht Smirziczki, Ulrich Kinski, Paul Caplicz und Martin Frühwein auf Martiniz zu, ergriffen ihn von allen Seiten zugleich und riſſen ihn von dem Tiſch fort, dem Fenſter zu.„Tod, Tod!“ er⸗ ſcholl es mit dem lauten Aufſchrei vieler Stimmen tobend durch den Saal. „Er hat ſeine Unterthanen mit Hunden in die Meſſe gehetzt“, rief eine über das Getöſe hinweg. „Verfahrt nach altböhmiſchem Brauch wider ungerechte Richter. Stürzt ſie zum Fenſter hinaus!“ rief Wenzel von Raupowa!*) Jetzt erkannte Martiniz was ihm bevorſtehe. Er lei⸗ ſtete mannhaft Widerſtand, doch nur mit der Kraft der Arme, über die er den ſchwarzen Mantel geſchlagen; er hatte weder Dolch noch Degen gezogen, ſie blieben an ſeiner *) Hiſtoriſch. 169 Seite. Der Hut mit glänzender Schnur von Gold, Perlen und Edelſteinen geſchmückt, ward ihm aus der Hand geriſſen. „Sch fordere gerichtliches Urtheil“, rief er, die ganze Kraft ſeiner zuverſichtlichen Eutſchloſſenheit zuſammenraffend. „Dein Urtheil ſoll dir werden“, erſcholl es um ihn her, und zugleich hoben ihn übermächtige Arme empor. Da ſtreckte er die Rechte, die ihm frei geblieben war, gen Himmel und flehete beſchwörend: „Ich will als Märtyrer dulden um des Glaubens und des Kaiſers Willen! Doch geſtattet mir zu beichten!“*) Das Wuthgeſchrei im Saal übertönte ſeine Stimme. Die Erbitterten ſchleppten ihn dem aufgeriſſenen Fenſter immer näher. „Jesu! fili Dei vivi, miserere mihi,— mater Dei, me- mento mihi!“**) rief er im heißen Gebet laut aus. Die letzten Worte verhallten ſchon während ſeines Sturzes in die Tiefe. In dem Augenblick, wo die That vollführt war, ergriff Alle das Ungeheure derſelben. Ein Grauen durchbebte jeden Einzelnen und plötzlich war es lautlos ſtill im Saal. Jeder dachte oder ahnte einen Augenblick lang die Ver⸗ geltung! Selbſt Thurn war von dieſer Erſchütterung des Be⸗ wußtſeins getroffen. Da faßte ihn der Gedanke noch mächtiger an, daß bei dieſer halben Vollſtreckung der Rache ſein ganzer Plan ſcheitern könne. Daher raffte er ſeine äußerſte Kraft zuſammen und rief, die Ruhe des Richters, der die gerechte Strafe verhängt, äußerlich er⸗ zwingend, innerlich aber von dunkler Gewalt der Dämonen *) Hiſtoriſch. **) Hiſtoriſch. Rellſtab, Drei Jahre. 2. Aufl. I. 1. 8 170 getrieben:„Das war der Eine! Vollſtreckt das Gericht auch an dem Andern!“*) Slawata hatte, während die Rachethat an Martiniz geübt wurde, regungslos dageſtanden; nur an dem fliegen⸗ den Zittern war zu erkennen, daß die bleiche Geſtalt noch Leben in ſich trage. Jeglicher Muth hatte ihn verlaſſen, er gab ſich verloren. Auf Thurn's Wort, das wie der Donner des Gerichts an ſein Ohr ſchlug, ſank er in die Knie. Der ſchweren Schuld bewußt, die er als Abtrün⸗ niger wie als Verfolger ſeiner einſtigen Glaubensgenoſſen auf ſich geladen, vernichtete ihn vielleicht noch mehr die Furcht vor dem höhern Richter, als die vor der Strafe des Augenblicks. Lobkowitz, Smirziezki, Reziczan, Kinski und Caplicz, noch von dem Wahnſinn der erſten That flammend, in neue Strudel des Wahnſinns fortgeriſ⸗ ſen, ſtürzten auf ihn zu. „Laſſet mich beichten!“ flehte auch er laut,„gewährt mir einen Prieſter!“**) Und im Kampf der Todesangſt umklammerte er die Knie Kinski's, den er zunächſt erfaßte. Doch er wurde von den Andern gleichzeitig ergriffen und emporgezogen. Während der Zuckungen ſeiner verzweif⸗ lungsvollen Nothwehr hörte er die erbarmungsloſen Worte: „Nichts von deinen Jeſuitenprieſtern! Du haſt ihnen genug gebeichtet!“*) Das Toben der zu neuer fanatiſcher Wuth erwachten Menge im Saal übertäubte den Angſtſchrei ſeiner Verzweif⸗ lung. Er ſchwebte ſchon über dem Abgrund, als er den 1 *) Hiſtoriſch. *m) Hiſtoriſch. *6*) Hiſtoriſch. 171 Ruf:„Herr Gott, ſei meiner Seele gnädig!“ ausſtieß. Häuptlings ſtürzte er in die Tiefe. Jetzo raſete der Wirbelſturm der Wuth fort, bis zur Sättigung des Rachedurſtes. Fabricius, der ſich in niedriger Geſinnung nur als erkaufter Helfer zu den Thaten der Verfolgung hergegeben hatte, Fabricius war es, gegen den die Erbitterung der Menge ſich ebenſo richtete wie die Verachtung der Höher⸗ ſtehenden. Er war, von der Schreckensgeſtalt ſeines Ge⸗ wiſſens verfolgt, ſchon beim erſten Drohruf der Erbitterten ſchlotternd in die Knie geſunken, und hatte ſich hinter dem Tiſch niedergekauert. Während die Mitglieder der Stände die That gegen Slawata verübten, hatten ſich die im Hin⸗ tergrunde des Saales zuſammengedrängten bewaffneten Die⸗ ner und Helfer bereits vorgedrängt, die Begier der Selbſt⸗ rache zu ſättigen. Doch auch die Edlen ſelbſt, von dem Wahnſinn des Augenblicks fortgeriſſen, warfen ſich gleich⸗ falls auf dieſen Elenden, der tief unter dem Ziel ihres Wollens ſtand. Die wilde Berauſchung unterſchied nichts mehr! So ſtürzten Alle gleichzeitig auf ihn ein. Das furchtbare Bild einer wüthenden Meute gegen un⸗ glückliche Unterdrückte losgelaſſen, um ſie gegen ihren Glau⸗ ben zum Meßaltar zu hetzen, erneuerte ſich jetzt in der grauenhaften Verzerrung menſchlicher Geſtalten, zu thieri⸗ ſcher Wuth. Johann Smirziczki, mit fliegendem Haar und wahnſinnstrunkenem Auge, ergriff ihn zuerſt an beiden Schultern, um ihn von dem Tiſch, an den er ſich geklam⸗ mert hatte, hinwegzuzerren. Andere packten ihn an den Füßen. Der Elende ſchrie, daß ſein Angſtruf das Getöſe der Wüthenden übertönte und durch Mark und Bein drang. Sein Entſetzen ſteigerte nur die Rachewuth und ⸗Wolluſt! Sie zerrten an ihm, als wollten ſie ihn zerreißen. Der 8* 172 Tiſch, an dem er ſich mit beiden Händen geklammert hielt, ſtürzte mit Getöſe um. Jetzt wurde der Unglückliche empor⸗ gehoben. Hoch über den Raſenden ſchwebend, rief er mit ſchneidendem Angſtgeſchrei um Erbarmen. Xaver vernahm den Angſtruf. Obwol er tief überzeugt war, daß hauptſächlich Fabricius der Urheber des ſchauer⸗ vollen Todes war, der ſeinen greiſen Vater getroffen, ver⸗ nahm er die Stimme Gottes in ſich. Das Friedenswort ſeines ſterbenden Vaters erklang in ſeiner Seele. Sein Haß war überwunden. „Haltet ein!“ rief er mit dem Laut des Erbarmens, und ſprang hinzu.— Es war zu ſpät!— Ein furchtbarer Schrei des Entſetzens, den der Unglück⸗ liche ausſtieß, bezeichnete den Sturz auch dieſes dritten Opfers. „Es war Gottes Gericht!“ ſprach Xaver bebend vor ſich hin. Lautes Getümmel folgte der That. „Folgt mir, Ihr Herren!“ rief Thurn und winkte nach der Thür, wohin ihm ein drängender Strom nachzog. Andere ſprangen dem Fenſter zu, um den Hinabgeſtürzten nachzuſchauen. Wider Willen wurde Xaver dorthin geriſſen. Doch ehe er einen Blick hinabgethan, tönten Schüſſe dicht um ſein Ohr. Einige Edelleute feuerten mit Büchſen und Piſtolen den Hinabgeſtürzten nach. Eine dichte Rauchwolke wälzte ſich vor das Fenſter, von Blitzen erneuerter Schüſſe durchkreuzt. Eben wollte ſich Kaver abwenden, als ein Windſtoß den Dampf theilte, und das prachtvolle Bild der Stadt einen Augenblick im düſtren, durchblitzten Wolken⸗ ring, wie von ſchwarzen Gewittern rings umſchloſſen, vor ihm lag. Er ſchauerte zuſammen!—„Iſt dies nicht das näm⸗ 173 liche Fenſter, das geſtern....¹“ rief er unwillkürlich. Die Gewalt der Erinnerung überfiel ihn mit grauſender Er⸗ ſchütterung.„Fort!“ rief er, und ſtürzte hinaus, um ſich Thurn anzuſchließen und durch das äußere Getümmel des Kampfes, den die Thaten in dieſem Saal herausgefordert haben mußten, den aufwogenden Sturm ſeines Innern zu übertäuben. Viertes Buch. ————— Sechzehntes Capitel. Kaum war die Kunde Deſſen, was auf dem Schloß ge⸗ ſchehen, in der Stadt erſchollen, als die ſtürmiſche Bewe⸗ gung ſich durch alle Straßen verbreitete. War auch Ei⸗ niges dazu vorbereitet, ſo warf doch die Gewalt dieſer furchtbaren That hauptſächlich den zündenden Blitzſtrahl in die Bevölkerung. Wie aus der Erde gewachſen, zeigten ſich kriegeriſche Schaaren; es waren die insgeheim ſchon ſeit mehreren Tagen nach Prag gekommenen Genoſſen der evan⸗ geliſchen Stände, welche auf die ihnen ſchon zuvor bezeich⸗ neten Verſammlungsplätze eilten. Allein auch die Bürger Prags ſelbſt eilten mit Waffen in der Hand auf die Gaſſen, theils in Beſtürzung und weil ſie allgemein drohenden Er⸗ eigniſſen entgegentreten wollten, theils weil ſie der evange⸗ liſchen Lehre anhingen und für dieſe kämpfen zu müſſen glaubten. Selbſt von den Böhmen im Heer, die ſchon längſt mit Widerſtreben die ſtrengen Befehle gegen ihre Lan⸗ des⸗ und Glaubensgenoſſen in Ausführung brachten, traten anſehnliche Theile ſofort zu den Ständiſchen über. Graf Thurn hatte ſich ſogleich aufs Pferd geſchwun⸗ gen, um von einer Schaar Getreuen, unter denen auch Xaver und Wolodna waren, gefolgt, die wilden Ausbrüche der Bewegung zu zügeln und das Ganze zu leiten. 8*⁴ — ͦ——— 178 Zum großen Glück für die aus dem Fenſter Geſtürzten war der achtundzwanzig böhmiſche Ellen tiefe Fall für Keinen tödtlich geworden. Slawata war nur hart mit dem Kopf, ſodaß er ſtark blutete, auf das vorſpringende Geſims eines unteren Fenſters geſchlagen; doch hatte er nach einigen Minuten der Betäubung noch die Kraft ſich aufzurichten und unter dem Schutz des dichten Gebüſches, welches den Schloßgraben bedeckte, längs deſſelben zu flüch⸗ ten. Martiniz hatte ſich durch das Gefäß ſeines eigenen Degens in der Seite verwundet, doch nur leicht. Er flüch⸗ tete mit Slawata in gleicher Richtung. Fabricius war ganz unverletzt geblieben. Der Fall aller drei Hinabge⸗ ſtürzten war durch einen Hollunderbuſch aufgehalten wor⸗ den, der ſich am Fuß der Mauer dicht am Grabenrande befand. Ueber dieſen hatte man in läſſiger Gewohnheit ſeit Jahren aus den Fenſtern den Kehricht geſchüttet, der theils in den Zweigen hängen geblieben war, theils ſich darunter, den Grabenrand abwärts, aufgehäuft hatte. Dieſem Zufall verdankten ſie die Rettung ihres Lebens. Verdeckt von dem dichten Gebüſch im Graben, wo Hirſche und anderes Wild gehegt wurden(der Theil, in welchen ſie geſtürzt waren, führte den Namen des Schweins⸗ berges), ſuchten ſie zu entkommen. Slawata und Martiniz flüchteten nach der Richtung des Hradſchinthores zu; Fa⸗ bricius hatte ſich, zuerſt vom Fall aufgeſprungen, ſchon früher nach der entgegengeſetzten Seite gerettet. Dieſe Fluchtverſuche wurden von dem Fenſter des Sitzungsſaales, aus welchem die Thäter den Hinabgeſtürzten nachblickten, wahrgenommen und daher von mehreren Edel⸗ leuten, welche Piſtolen und kurze Gewehre bei ſich führten, auf ſie gefeuert. Sie ſchoſſen meiſt fehl, da das Buſchwerk die Fliehenden größtentheils verbarg, auch die Schüſſe von 179 oben herab unſicher waren. Doch gingen dem flüchtenden Martiniz drei Kugeln durch die Kleidung, von denen eine ihn leicht ſtreifte. Die Gefahr erhöhte die Kräfte der Fliehenden. Noch ein anderer Umſtand kam ihnen zu Hülfe. Sie waren, der Sitte der Zeit gemäß, von ihren Dienern auf die Burg begleitet worden, die in den Corridors oder in den Vor⸗ hallen und Höfen ihrer Herren warteten. Als dieſe von der furchtbaren That Kenntniß erhielten, ſtürzten ſie, ihren Herren zu helfen, auf Umwegen hinab in den Schloß⸗ graben. So kamen ſie den Bedrängten entgegen, unter⸗ ſtützten ſie und geleiteten ſie ſo weit, daß ſie das Haus des Oberſtkanzlers Zdenko von Lobkowitz erreichten, welches, dem Schloſſe nahe, nach dem alten Hradſchinthor zu und mit ſeiner hintern Seite am Graben ſelbſt lag. Nur die Gemahlin des Oberſtkanzlers, Polyxena von Lobkowitz, eine Frau hochherzigen Sinnes, entſchloſſenen Muths, war im Hauſe. Der Knall der Schüſſe, die Be⸗ wegung in der Burg hatte ſie ſchon aufmerkſam gemacht, und als ſie erfuhr, was geſchehen war, ertheilte ſie, beſorgt, daß die Rache auch ihren Gatten, der abſichtlich verreiſt war, aufſuchen könne, ihren Dienern Befehl, ſich zu be⸗ waffnen, das Haus wohl zu beſetzen und zu bewachen. Die muthige Frau befahl die Flüchtlinge aufzunehmen*); man warf ihnen von der Zugbrücke des Grabens Seile zu, half ihnen mit Leitern, und ſo gelang es, ſie in dem Hauſe zu verbergen. Aber wenige Minuten nach ihnen trafen auch ſchon bewaffnete Männer ein, welche die Geflüchteten ſuch⸗ ten. Sie wurden mit Entſchloſſenheit zurückgewieſen, als ſie in das Haus dringen wollten. Da ihre Zahl nur ge⸗ *) Hiſtoriſch. 180 ring war, zogen ſie ſich zurück, um Verſtärkung zu holen. Dabei ſtießen ſie auf den Grafen Thurn, indem er an der Spitze ſeiner Getreuen hinab in die Stadt wollte. Als er hörte, daß Martiniz und Slawata ſich im Hauſe des Oberſt⸗ kanzlers verborgen hielten, ſprengte er mit etwa zwanzig Reitern voran und gab Befehl, daß die Bewaffneten zu Fuß nachrücken ſollten. In einigen Minuten war der Raum vor dem Hauſe Zdenko's von Lobkowitz dicht mit Neugieri⸗ gen und herbeiſtrömendem Volk erfüllt. Graf Thurn begehrte Einlaß oder Auslieferung der Geflüchteten. Da öffnete ſich die Pforte und Polyxena von Lobkowitz trat unerſchrocken heraus.*) Es war eine maje⸗ ſtätiſche Geſtalt, das dunkle Haar fiel ihr in langen Rin⸗ gen auf die Schulter herab, ihr feuriges Auge blickte muth⸗ voll in das Gewühl der Gaſſe. In edler Haltung grüßte ſie den Grafen und winkte mit der Hand der Menge zu. Es ward augenblicklich ſtill, eine ſolche Gewalt übte die hohe Erſcheinung. „Graf Thurn“, begann ſie,„würdet Ihr jemals Flücht⸗ linge, die an Eurem Herd Schutz gefunden, ihren Verfol⸗ gern überliefern? Könnt Ihr das von einer Frau ver⸗ langen, in deren Bruſt außer dem Gefühl der Ehre und Pflicht auch das des Mitleids wohnen ſoll? Ich richte die Forderung an Euch, abzuſtehen von Eurem Begehr!“ Thurn war ergriffen durch die Würde in Sprache und Haltung der edeln Frau; aber es war nicht dieſe Gewalt allein, die ſich auf ihn geltend machte. Er ſelbſt hatte einſt, vor einer Reihe von Jahren, ihren großmüthigen Schutz erfahren. Es war in der Zeit geweſen, wo das wilde paſſauer Kriegsvolk, welches Kaiſer Rudolf gegen ſei⸗ 181 nen Bruder Mathias und gleichzeitig zur Unterdrückung der Utraquiſten in Böhmen geworben hatte, Prag beſetzte. Da⸗ mals wollte Thurn, ſchon in jener Zeit der eifrigſte Ver⸗ theidiger ſeines Glaubens, die Prager zu einem Aufſtande und Kampf gegen die Feinde zuſammenſchaaren. Er ſchwang ſich zu Pferde und forderte die wehrhaften Männer in allen Straßen auf, ſich ihm anzuſchließen. Doch der Verſuch mis⸗ glückte, er mußte flüchten, ward verwundet und fand in eben dem Hauſe, durch eben die edle Frau Schutz, welche ihn jetzt den kaiſerlichen Statthaltern gewährte. Dieſe Erinne⸗ rung, verbunden mit der hochherzigen Geſinnung Polyxena's (die in feinem Gefühl es ihm ſelbſt überlaſſen hatte, ſeiner eigenen früheren Lage zu gedenken), mußte ihn beſiegen. Doch wollte er auch der Sache, für die er eintrat, den wichtigen Vortheil nicht ſofort verſcherzen. Er grüßte die Gräfin daher mit Ehrfurcht und erwiderte:„Edle Frau! Nicht ich bin es, der die Auslieferung bedrängter Flücht⸗ linge verlangt, ſondern es iſt der von ſeinen Landesgenoſſen erwählte Beſchützer der evangeliſchen Glaubensfreiheit, der im Namen dieſer die Ueberlieferung ſtrafwürdiger Ver⸗ räther an der gemeinſamen Sache begehrt. Dieſem Begehr werdet Ihr zuverläſſig willfahren!“ „Nein, Graf Thurn! Ihr werdet das nicht von mir fordern“, entgegnete die hohe Frau unerſchrocken;„ein furchtbares Gericht habt Ihr über die Unglücklichen gehal⸗ ten. Erkennt Ihr nicht die Gnade des Himmels, die ſie ſelbſt in Schutz genommen? Wolltet Ihr zu freveln wa⸗ gen an dem ſichtlichen Willen des Allmächtigen, der ſie ge⸗ rettet aus einer Gefahr, wo jede Rettung unmöglich ſchien? Möget Ihr ſolchen Frevel auf Euer Haupt laden! Ich nimmermehr! Welchem Glauben man auch angehöre, eine ſolche ſichtbare Gnadenverkündigung Gottes vermag Niemand 182 abzuleugnen, und ich fordere Euch auf, bei dem ewigen Heil, bei der Gnade, die Ihr ſelbſt dereinſt hofft, greift nicht mit verwegener That ein in die offenbare Fügung des Himmels!“ Der Graf, ſchon erſchüttert durch die Thatſache und die Gewalt eigener Erinnerung, wurde beſiegt durch dieſe Ho⸗ heit der Geſinnung und durch die gläubig muthige Sprache, in der ſie ſich kund that.— Er empfand, daß es ein Frevel gegen des Himmels unableugbare Fügung ſei, wenn die blutdürſtige Gewaltthat, die gegen die Statthalter be⸗ gangen und nur wie durch ein Wunder abgewendet war, wiederholt werden ſollte. Nur um nicht ſeinen Begleitern gegenüber den Schein zu ſchneller Nachgiebigkeit auf ſich zu laden, nicht mit der wirklichen Abſicht, Polyxena's Ent⸗ ſchluß zu bekämpfen, erwiderte er daher: „Nicht Haß, nicht Rache beſtimmen meine Handlungen, edle Frau. Die Pflicht der Stellung, die ich ſeit wenigen Augenblicken in dem Volk der Böhmen eingenommen, drängt mich zu dieſer Forderung. Ich darf die gefährlichſten Feinde unſerer Sache nicht aus meiner Gewalt entlaſſen, in die ſie Gottes Hand gegeben!“ Ein Murmeln in der Menge, das nach dieſen Worten begann, ließ es zweifelhaft, ob ſich Unwillen gegen Po⸗ lyxena oder gegen Thurn's Forderung rege. Doch vom entſchiedenſten Wollen war die Gräfin beſeelt. „Wie, Graf Thurn, iſt die Sache, die Ihr führt, ſo ſchwach, daß ſie vor zwei einzelnen Männern zittert?— Ich zittere nicht, denn ich vertraue auf Gott, der die Un⸗ glücklichen in meinen Schutz geführt hat. Seinem Willen gehorche ich und werde ſie beſchirmen. Nur Gewalt kann ſie mir entreißen, nur über meine Leiche dringt Ihr in dieſes Haus!“ „ 183 So ſtand ſie, ſtolz aufgerichtet, dem Grafen und ſeinen Kriegern furchtlos gegenüber. Es war ein gefährlicher Augenblick für Thurn. Ge⸗ waltſames Eindringen erſchien als eine Ruchloſigkeit, die das Anſehen ſeiner ganzen Unternehmung ſtören konnte; Zurückweichen eine Beſchämung, die vielleicht gleiche Wir⸗ kung übte. Doch traf er einen glücklichen Ausweg.„Ihr entwaffnet uns, edle Frau, durch Eure Hochherzigkeit“, er⸗ widerte er mit ritterlicher Feinheit.„Der Preis Eures Le⸗ bens, den Ihr uns aufzwingt, wäre zu hoch auf das Haupt zweier Verräther. Ich werde die Pflicht, jedes Haar auf Eurem Haupte zu ſchonen und mich dennoch unſerer Feinde zu verſichern, zu vereinen wiſſen. Sie ſollen uns als ein Unterpfand verbleiben, das unter Eurem Schutz für die Ruhe ihrer Partei haftet! Doch Euer Haus muß ich in eine ſtreng belagerte Feſtung verwandeln.“ „Nechodom!“ gebot er, ſich zu Xaver umwendend,„be⸗ ſetzt die Gaſſe auf beiden Ausgängen und laßt das Schloß von der Grabenſeite bewachen. Mit Euren anderen Leuten rückt nach der Altſtadt auf den großen Ring. Mich trefft Ihr im Rathhauſe.“ Er begrüßte die Gräfin ehrfurchts⸗ voll, wandte ſeinen Rappen und ritt, von einem kleinen Gefolge begleitet, dem nahegelegenen alten Hradſchinthore zu, von wo aus der Weg über eine der Zugbrücken in die Stadt hinunterführte. Eine Menge Volks drängte ſich im verworrenen Gewimmel ihm nach und erfüllte die Straße. Die Thür des Hauſes der Gräfin öffnete ſich wieder, und ihre Dienerſchaft, noch bewaffnet, trat heraus, um zu⸗ zuſchauen wie ſich die Menge verlor. Es ſchloſſen ſich noch einige männliche und weibliche Hausgenoſſen an und miſch⸗ ten ſich halb unter die Vorübergehenden. Ein ſchmutziger Menſch, der einem Ofenfeger oder Eſſenkehrer glich, befand 184 ſich unter ihnen und lachte mit verzerrtem Geſicht in die Vorüberdrängenden hinein. Tölpelhaft ſtieß er an einen der gewaffneten Diener, der ihm wieder einen Stoß gab, mit den rauhen Worten:„Schmutziger Lump, nimm dich in Acht, daß du uns die Kleider nicht beſudelſt!“ Zwei Mägde kreiſchten und drängten ſich ſeitwärts, als er ihnen zu nahe kam.„Mach überhaupt, daß du nach Haus kommſt“, rief Einer, der der Oberaufſeher der Diener zu ſein ſchien,„mit deinem Geſchäft biſt du fertig! Packe dich und waſche dich!“ So halb geſtoßen, halb mit Spott und Schelt⸗ worten verjagt, miſchte ſich der ſchäbige Geſell unter die Vorbeiflutenden. Doch Polyxena, die noch immer vor dem Hauſe verweilte, ſah ihm ſpähenden Blickes nach, bis er an der Ecke verſchwand. Dann ſagte ſie mit einem tiefen Athemzuge:„Gott ſei Dank, nun hoffe ich, iſt er gerettet! Einer wenigſtens!“— Es war Martiniz, der in dieſer Verkappung den glücklichen Augenblick zur Flucht benutzt hatte. Siebzehntes Capitel. In ſpäter Abendſtunde dieſes Tages, als ſchon tiefes Dunkel die Stadt bedeckte, ſaß der Pater Thyßka, ein Mitglied der Geſellſchaft Jeſu und Archivar und Biblio⸗ thekar derſelben, noch in ſeiner Zelle, eifrig mit dem Stu⸗ dium alter Documente beſchäftigt. Es waren nicht die hei⸗ ligen Bücher der Kirchenväter, noch die Heilige Schrift ſelbſt, in denen er forſchte, ſondern ſehr weltliche Gegenſtände nah⸗ men ſeine Thätigkeit in Anſpruch. Er las Urkunden über 185 ältere, dem Orden gemachte Schenkungen an Grundſtücken, welche dieſer außer dem großen Gebäude des Haupteolle⸗ giums beſaß. Zu dieſen gehörte auch das Haus, in wel⸗ chem der Pater ſich ſoeben befand, ein altes Kloſtergebäude mit einer ſchätzbaren Bibliothek, das in einem ſehr entfernten Theile der Altſtadt in der Nähe der Kirche von St.⸗Peter lag. Der Pater Thyßka wohnte hier, um die weltlichen Geſchäfte, welche auf dieſes Beſitzthum des Ordens und auf einige andere Bezug hatten, bequemer abthun zu kön⸗ nen; denn hier befand ſich das Archiv mit den nöthigen Documenten, welches ſeit langer Zeit vernachläſſigt und daher in große Unordnung gerathen war. Es kam in dieſem Augenblick beſonders darauf an, dieſes Filialarchiv zu ordnen und die wichtigeren Documente herauszuſuchen, um ſie in das große Gebäude des Collegiums hinüberzuſchaffen. Außer dem Pater Thyßka bewohnten noch einige ältere Mitglieder des Ordens dieſes abgelegene Haus. Sie hat⸗ ten den vordern Theil deſſelben inne; die Zelle des Paters lag in dem Archivgebäude, welches einen Querflügel bildete, der den erſten und zweiten Hof des Hauſes ſchied. Dieſe Wohnung war daher in die tiefſte Stille begraben, und kein Laut drang von außen her, von dem Treiben der Stadt bis dahin; nicht zu gedenken, daß bis zu dieſem entlegenen Theile der Stadt ſich das Geräuſch des Verkehrs faſt nie⸗ mals ausdehnte. Pater Thyßka war in den Geſchäften, die er hier ausführte, nicht weniger gewandt als im theologi⸗ ſchen Gebiet. Er hatte oft Gelegenheit gehabt, dem Orden und zunächſt ſeinem Collegium wichtige Dienſte durch dieſe ſeine genaue Kenntniß von weltlichen, und beſonders juriſti⸗ ſchen Dingen zu leiſten, ſodaß ohne ſeinen Rath vielleicht mancher Rechtshandel ungünſtig ausgefallen, mancher Vor⸗ theil nicht zur rechten Zeit wahrgenommen worden wäre. 186 Er durchlas eben jetzt die Abſchrift eines alten Teſta⸗ ments, in welchem für gewiſſe Fälle dem Orden das Beſitz⸗ recht auf ein Haus in der Altſtadt zu Prag zugeſichert war, Fälle, die jetzt einzutreten ſchienen und rechtzeitig benutzt werden mußten. Die hagere Geſtalt war tief über das Pergament gebeugt, ſodaß das Geſicht ſich ganz im Schat⸗ ten befand, den die mit einem grünen Schirm verſehene Lampe darauf warf. Doch blitzten die Augen des Paters aus dem Halbdunkel, welches ſeine Züge umgab, ſcharf hervor, und ſeiner zuſammengezogenen tiefgefurchten Stirn ließ ſich die durchdringende Aufmerkſamkeit anmerken, die er auf das Studium wandte. Da ſchellte es ſtark an der Pforte des Vordergebäudes. „In ſo ſpäter Stunde? Was kann das bedeuten?“ fragte ſich Thyßka und lauſchte, ob der Pförtner öffnen werde. Es währte nicht lange, ſo ſchoben die ſchweren Riegel ſich zu⸗ rück und die Thür kreiſchte auf ihren roſtigen Angeln. Der Pater hörte das Murmeln einiger Stimmen. Bald darauf vernahm er auch Schritte im Hof. Erſtaunt über den zu ſolcher Stunde ganz ungewöhnlichen Vorfall, ſtand er auf und blickte durch die runden in Blei gefaßten, etwas trüben Scheiben ſeines Fenſters hinaus. Er ſah zwei Geſtalten über den Hof ſchreiten, gerade auf die Pforte zu, die zu ſeiner Zelle führte. In der einen derſelben erkannte er bald den Pförtner ſelbſt. Dieſer leuchtete einem fremden Manne, der, ganz eingehüllt, eilig neben ihm hinſchritt. Jetzt verſchwanden ſie in der Thür und ſtiegen die Trep⸗ penſtufen hinan.„Sollte der Beſuch wirklich mir gelten?“ dachte er ſtaunend und ging der Thür zu, indem er auf⸗ merkſam nach außen lauſchte. Man näherte ſich, es pochte; Thyßka öffnete und ein trotz des warmen Maiabends tief und ſeltſam vermummter Mann trat ein. 187 „Ehrwürdiger Vater, gönnt mir eine Freiſtatt“, bat er mit zitternder Haſt. „Herr Fabricius! Um der heiligen Jungfrau Willen, was führt Euch zu dieſer ſpäten Stunde hierher und in ſol⸗ cher Verkappung!“ rief Thyßka voll Staunen, da er ihn an der Sprache erkannte. „Ihr habt noch nicht vernommen?“ fragte der Flücht⸗ ling,„wie ich ſelbſt in die Schreckensereigniſſe dieſes Tages verflochten bin?“ „In die Schreckensereigniſſe dieſes Tages?“ fragte Thyßka, und der Mund blieb ihm offen ſtehen und das hagere Geſicht wurde noch hagerer.„Was iſt denn ge⸗ ſchehen?“ „Ihr wißt nicht— wißt nicht, was auf dem Hradſchin geſchah? Nicht von den Unruhen in der Stadt?“ „Keine Silbe! Unſere abgelegene Wohnſtätte berührt ſelten ein Fuß.— Heut iſt auch unſer Rechtsconſulent nicht erſchienen!“ entgegnete Thyßka. „Das glaube ich!“ rief Fabricius,„es wird ihm un⸗ möglich geweſen ſein! Unerhört, daß Ihr von nichts wiſſet! Ich will Euch erzählen, daß Ihr ſtaunen ſollt! Aber ich bitte Euch vor allen Dingen, ehrwürdiger Vater, gebt mir einen Trunk Waſſer und einen Biſſen Brot, ich bin faſt verſchmachtet,— und ſagt mir, ob Ihr mich we⸗ nigſtens dieſe Nacht beherbergen könnt?“ Mit dieſen Worten ſank er erſchöpft in einen hohen ledernen Armſeſſel, der ihm zunächſt ſtand. Thyßka gab ihm die Zuſicherung, daß er im Hauſe eine Zelle und ein Bett haben könne, und brachte ihm eiligſt Wein und Brot. Der Pförtner ging wieder hinab.— Als Fabricius ſich erquickt hatte, begann er ſeine Erzählung. Der Pater hörte mit immer wachſendem Erſtaunen. Als der Erzähler an den — —— 8 188 Augenblick kam, wo man ihn zum Fenſter hinausgeſchleu⸗ dert hatte, unterbrach ihn ein lauter Ausruf Thyßka's: „Heilige Mutter Gottes, und Ihr ſitzt lebendig und unver⸗ ſehrt vor mir? So müſſen Euch die heiligen Engel ſelbſt auf ihren Flügeln hinabgetragen haben!“ „Nicht ganz, hochwürdiger Herr, ich fiel wie ein Ande⸗ rer auch“, entgegnete Fabricius und unterdrückte trotz ſeiner Angſt und des Ernſtes der Sache kaum ein Lächeln,„aber, — salva venia auf einen Haufen Kehricht und Dünger!“ Selbſt der Pater vermochte bei dieſer nüchternen Auflöſung des Wunders nicht völlig den frommen Ausdruck der Züge zu bewahren, mit dem er ſeine Muthmaßung über die untergebreiteten Flügel der Engel begleitet hatte. „Es bleibt doch eine ſtaunenswürdige Fügung Gottes, die unſern zerknirſchten Dank fordert! Seine Wege ſind wunderbar im Kleinen wie im Großen, und Er, der Euer Unheil vorausſah, hatte im voraus für Euer Heil geſorgt. Allein was thatet Ihr, da Ihr Euch wohl und geſund fühltet?“ 3 „Je nun, ich ſtand auf und ſuchte davon zu kommen! Aber ſo durchaus wohl und geſund fühlte ich mich doch nicht. Sechzig bis ſiebzig Fuß bleiben ein verteufelter Sprung; ich war lahm an allen Gliedern und nicht blos vor Schrecken!“ „Wo blieben aber die Statthalter?“ fragte Thyßka. „Ich weiß es nicht; Slawata blutete am Kopf und taumelte; Keiner konnte ſich um den Andern kümmern! Man ſchoß aus den Schloßfenſtern auf uns, daher galt es, ſich ſo eilig als möglich davon zu machen. Ich fühlte, daß ich laufen konnte, und lief aufs Gerathewohl den Gra⸗ ben rechtwärts entlang. An der zweiten Brücke klimmte ich aufwärts und erreichte durch allerlei Windungen, Fußſteige, 189 Durchgänge und Schlupfwinkel die freie Straße vor dem Schloß. Ich flüchtete zu den Kapuzinern ²); allein kaum war ich dort, als auch ſchon das Getümmel ſich dahin ver⸗ breitete, Bewaffnete an die Kloſterpforten donnerten und die würdigen Väter in den äußerſten Schrecken verſetzten. Ich konnte von Glück ſagen, daß ſie mich den Feinden nicht auslieferten, ſondern durch ein Hinterpförtchen entwiſchen ließen. Ich wollte nach der Strahow⸗Abtei, doch alle Thore und Thüren derſelben waren geſchloſſen und das Reichsthor ſchon durch Thurn's Leute beſetzt. Es blieb mir nichts übrig, als mich wieder zurückzuwenden. Unterwegs erwiſchte ich den alten Mantel eines Fuhrmanns, der ſeinen Wagen ver⸗ laſſen hatte, und vertauſchte ihn mit dem meinigen. So gelang es mir endlich, durch die Radnodomski Ulice hinab in die Kleinſeite und über die Brücke in die Altſtadt zu entkommen. Aber kaum hatte ich dort einige Wendungen durch die Gaſſen gemacht, als ich auch hier ſchon die wil⸗ den Rotten der Ketzer mit ihrem Gebrüll vernahm! Hätten ſie mich erkannt, ich glaube ſie hätten mich nochmals hinauf⸗ geſchleppt, um mich nochmals hinunterzuſtürzen. Mich zu verbergen, ſchien mir demnach das Beſte. Ich ſprang alſo in das nächſte Haus, tappte mich durch eine dunkle Haus⸗ flur, erreichte einen kleinen Hof, ſah eine Leiter an die Thür eines Futterbodens gelehnt, kletterte, ſo ſchwer es mir wurde, hinauf, fand dort Heu und Stroh aufgeſchüttet, zog, um wenigſtens nicht ſogleich verfolgt zu werden, die Leiter nach und verbarg mich ſo tief ich konnte im Heu. Für den Augenblick athmete ich leicht auf; doch bald gerieth ich wieder in die äußerſte Angſt. Denn ich hörte immerfort lärmendes Geſindel, das dicht an meinem Zufluchtsort vor⸗ *) Hiſtoriſch. beiſtrömte. Ich entdeckte endlich durch eine Luke, daß längs des Gebäudes ein Seitengäßchen hinlief, kaum funfzehn Schuh unter mir, ſodaß ich jedes Wort vernehmen konnte, was geſprochen wurde. Hier hörte ich Manches über die Vorgänge, allein ich ſollte zu meinem Schrecken noch beſſer unterrichtet werden. Denn nach etlichen Stunden kamen Leute in den Hof. Dieſe wütheten mit wildem Geſchrei gegen die Statthalter, gegen den Herrn Erzbiſchof und Alles, was zu uns gehört. Wäre ich in ihre Hand gefallen, ich würde den grauſamſten Märtyrertod für unſere heilige Sache erduldet haben!“ „Beati qui moriuntur in cruciatibus, nam illis apertae erunt coelorum portae!“ rief Pater Thyßka halb mit trö⸗ ſtendem Ton, halb begeiſtert. Fabricius ſchien nicht ganz der Anſicht, denn er pries ſich glücklich, daß man ihn nicht in ſeinem Verſteck ent⸗ deckt habe. „Es ſammelte ſich“, erzählte er weiter,„allmälig ein ganzer Trupp dieſer Erbitterten. Sie erzählten einander von Dem, was geſchehen war. So erfuhr ich, freilich unter Todesmartern der Angſt, Alles, was in der Stadt vorge⸗ gangen war und ferner vorging.“ „O erzählt, erzählt“, drängte Pater Thyßka, der vor Verwunderung noch gar nicht zu ſich ſelbſt kommen konnte, den Erſchöpften, der ein wenig inne hielt. „Gleich nach der fluchwürdigen That auf dem Schloß“, fuhr er endlich fort,„hat der Frevler Mathias Thurn die Statthalterſchaft für abgeſetzt erklärt. Seine Rotten ſind durch alle Straßen geſtürmt und haben ihre Anhänger aufgerufen ſich ihnen anzuſchließen. Von allen öffentlichen Kaſſen und Gebäuden haben ſie Beſitz genommen! Sie haben Maueranſchläge gemacht, worin ſie erklären, der 191 Name des Kaiſers ſei gemisbraucht worden, ſeine ſchul⸗ digſten Räthe ſeien beſtraft und ſie, die Aufrührer, wür⸗ den im Namen Sr. allerhöchſten Majeſtät und in Treue gegen dieſelbe jetzt die Angelegenheiten des Landes ver⸗ walten!“ „In Treue!“ rief der Pater,„ja dieſe Treue kennt man! Solange ſie der Schild des Aufruhrs iſt, wird ſie beibehalten, aber wenn unter ſolchem Schutz der Drache groß und ſtark genug geworden, dann wird der heilige Schild fortgeſchleudert und mit Füßen getreten! Punica fides!“ Er erhob dabei die Hände und Blicke gen Himmel. „Das ganze Land“, fuhr Fabricius fort,„ ſoll zu den Waffen gerufen werden, um ſeine Rechte gegen die Unter⸗ drücker deſſelben zu vertheidigen!“ „Wehe uns!“ rief Thyßka.„So ſoll der Brand der verruchten neuen Lehre überall wieder aufflammen! Wir ſehen die Gräuelzeiten der Huſſiten wiederkehren!“ „Ja, dieſer Thurn iſt ein Unheilſtifter, dem der Schei⸗ 4 terhaufen gebührt!“ rief Fabricius.„Er iſt ſeit heut Mor⸗ gen ſo gut wie König von Böhmen,— ſie haben eine vor⸗ läufige Regierung errichtet— Alles, Alles iſt in ihrer Hand!— Sie jubeln! Die ganze Stadt iſt wie im Taumel!“ „Ach wenn ſie nur jubelten!“ ſeufzte Thyßka,„allein heut, im erſten Taumel, jubeln ſie und morgen werden ſie mit ihren Schandthaten beginnen, mit Mord und Brand!“ „Ich fürchte ſogar“, entgegnete Fabricius,„daß die ehr⸗ würdigen Väter Jeſu mit die Erſten ſein werden, an denen die Ketzerregierung Rache nimmt!“ „Freilich, freilich!“ ſagte der Pater und ging unruhig auf und nieder;„denn wir haben am eifrigſten gekämpft für die heilige Kirche!“ —-4——— „Ich habe ſchon ſogar Worte der Art fallen hören“, nahm Fabricius nicht ohne einige boshafte Schadenfreude wieder das Wort.„In der wilden Gruppe auf dem Hofe, wo ich verſteckt war, hieß es mehrmals: Die Jeſuiten ſind an Allem Schuld!)“— Er ſchwieg. Pater Thyßka ebenfalls; er ging haſtig, immer ſchneller und ſchneller, wie es ſeine Art war, wenn er etwas eifrig innerlich überlegte, auf und nieder. Endlich trat er vor Fabricius hin und ſagte:„Ich weiß nicht, ob Ihr wohl⸗ gethan habt, Herr Geheimſchreiber, Euch hierher zu flüch⸗ ten. Dies Haus iſt zwar nur Wenigen als das unſrige bekannt, allein es wird dennoch durchſpäht werden! Die Wuth der Aufrührer wird hierher dringen, auch wenn man nicht gerade Euch hier ſucht!“ „Ehrwürdiger Vater, wohin ſollte ich mich wenden?“ antwortete Fabricius beſtürzt und kläglich, da er in dieſen Wcoorten nicht mit Unrecht eine Andeutung ſpürte, daß es dem frommen Vater lieb wäre, wenn der verhaßte Flücht⸗ ling ein anderes Obdach wählte.„Wohin ſollte ich flüch⸗ ten? Welchem Hauſe ſollte ich trauen, nachdem das erſte, wo ich mich barg mir mit ſo ſchrecklichen Gefahren drohte? Am allerwenigſten dürfte ich mich nach meiner eigenen Woh⸗ nung wagen!“ Pater Thyßka ſah ſehr unruhig und mismuthig aus. Er war der allerdings nicht unrichtigen Anſicht, der Gaſt könne ihm unter dieſen Umſtänden wenig Vortheil brin⸗ gen. Fabricius, welcher dieſe Stimmung wahrnahm, fuhr in deſto beweglicherem Tone fort:„Bedenkt meinen bejam⸗ mernswerthen Zuſtand und was ich Alles erduldet! Bis zur tiefen Dämmerung lag ich zitternd und bebend im Stroh vergraben, und ſtand eine Höllenhitze und Hunger und Durſt zum Umkommen aus! Dann hüllte ich mich in dieſe alten 193 Kleidungsſtücke, die ich zum Glück in einem Verſchlag des Bodens, wo muthmaßlich ein Knecht ſeine Schlafſtätte hatte, vorfand. So verkappt wagte ich endlich, als Alles im Hofe ſtill war, die Leiter wieder hinabzulaſſen und hin⸗ unterzuſteigen. Aber das Haus war verlaſſen und ge⸗ ſchloſſen; Alle waren hinausgeeilt, um ſich den durch die Straßen jubelnden Schwärmen zuzugeſellen. Da entdeckte ich eine kleine Mauer, die die Grenze des Seitengäßchens bildete; dieſe überſtieg ich mit Hülfe meiner Leiter und rannte dann aufs Gerathewohl durch die Gaſſe. Aber auch hier war Gefahr auf jedem Schritt. Bald kamen bewaff⸗ nete Patrouillen, bald ſiegestrunkene Schwärme daher. Sie hätten mich zerriſſen, wenn ſie mich erkannt hätten! Eine Zeit lang ſchloß ich mich einem großen Haufen, dem ich nicht ausweichen konnte, an, und rief mit, aus Leibes⸗ kräften:«Vivat Mathias Thurn! Pereat Martiniz! Pe⸗ reat Slawata! Pereat Fabricius!»“ „Wie— Ihr,— Euch ſelbſt?“ fragte Thyßka. Der Geheimſchreiber zuckte die Achſeln.„Was konnte ich thun? Wenn ich nicht ein Pereat über mich ſelbſt rief, hätte ich es muthmaßlich herbeigerufen. So abgeängſtigt, verhungert, verdurſtet, entkräftet, gelang es mir endlich, bis hierher zu kommen! Ihr werdet mich doch nicht wieder ver⸗ ſtoßen wollen, ehrwürdiger Vater, nachdem Ihr mir Ob⸗ dach zugeſagt?“ „Horch! Hörtet Ihr nicht Lärmen?“ unterbrach ihn Thyßka und lauſchte mit zurückgehaltenem Athem. Es war Alles ſtill.„Eure entſetzlichen Zeitungen haben mich ganz verwirrt“, ſagte er,„ich glaube überall Schreckensgeſtalten zu ſehen und zu hören!“ „O, hier in dieſe entlegene Stätte, zu der nicht ein⸗ mal Kunde von den Vorgängen des Tages gelangte, dringt Rellſtab, Drei Jahre. 2. Aufl. I. 1. 9 * 194 heut gewiß Niemand“, meinte der Geheimſchreiber und ſuchte dieſer Anſicht durch einen möglichſt zuverſichtlichen, aber doch bittenden Ton Glauben zu verſchaffen. „Wenn aber dennoch— wenn man Euch hier fände“, ſagte immer verlegener der Pater,„wenn.... horch! ſchon wieder— diesmal täuſche ich mich nicht!— Das ſind Leute! Das ſind Kriegsleute, die die Straße heraufziehen, — man hört es am gleichmäßigen Schritte— in der Nachtſtille dringt der Schall ſelbſt bis hierher!— Wenn ſie hier einſtürmten! Wenn ſie Euch, der ihren ganzen Haß gereizt, hier anträfen! Die Erbitterung gegen den heiligen Orden iſt ohnehin ſo groß—— Nein, Fabricius, Ihr dürft hier nicht bleiben!“ „Ehrwürdiger Vater“, flehte der Geheimſchreiber voll Verzweiflung,„Ihr werdet mich doch nicht meinen erbit⸗ terten Feinden geradezu überliefern wollen, mich nicht in den offenen Schlund des Verderbens ſtürzen! Bedenkt un⸗ ſere alte Verbindung, wie viele Freundſchaft und Dienſte ich dem Orden erwieſen! Wie oft...“ „Wol, wol, Freund— allein die heiligen Pflichten gegen den Orden ſelbſt, jegliches Uebel von ihm, ſeinem Eigenthum und ſeinen Mitgliedern abzuhalten..... ſie zwingen mich, gegen den Drang der Freundſchaft, gegen die Stimme meines Herzens.... Ihr könnt hier nicht bleiben!“ Fabricius ſchlotterte wie im Fieber. In der That hörte man bis in die Stille des Kloſterhofes hinein Geräuſch von Bewaffneten, die ſich mit geſchloſſenem Schritt näherten. Thyßka ging haſtig auf und nieder, für den Augenblick ganz rathlos.„Unſer Archiv“, rief er aus,„die Brief⸗ ſchaften, die Documente— wenn ſie ſie fänden! Alles würde durchſtört— welche Entdeckungen können ſie ma⸗ N 195 chen— welche Verluſte uns zuziehen, wenn ſie die Papiere vernichten! Ich weiß nicht, was das Entſetzlichere wäre!“ Es trat draußen ein Augenblick der Stille ein; dann donnerte es plötzlich mit ſchweren Kolbenſtößen gegen die Thür nach der Straße und zugleich riß man an der Glocke, daß der Schall durch das ganze Gebäude drang. „Allgnädige Mutter Maria, heiliger Ignatius von Loyola!“ rief der Pater und rang die Hände.„Erbarmet euch unſer! Beſchützt dieſes Haus!“ Da commandirte eine kräftige Stimme draußen auf der Straße„Halt!“ ſodaß man es durch die Nachtſtille deut⸗ lich bis zu der Zelle im Hof hinüber vernahm. Man hörte das ſcharfe Auftreten der Mannſchaften und das Klirren ihrer Waffen bei den kurzen militäriſchen Bewegun⸗ gen, die ſie gleich darauf machten. Ein Murmeln rauher Stimmen, das von Augenblick zu Augenblick wuchs, miſchte ſich in das Getöſe der Kolbenſtöße. Fabricius war aufgeſprungen, nach dem Fenſter zu, und ſah hinaus ob Leute kämen; dann ſtarrte er rings in allen Winkeln umher, ob ſich nicht ein Verſteck aufthue. „ und dieſer Unglückſelige hier! Fort, fort, in den Hof hinunter!“ rief Thyßka Fabricius zu,„daß ſie Euch wenig⸗ ſtens nicht in meiner Zelle finden!“ Da flog die Thür derſelben auf. Es war der Pfört⸗ ner.„Herr Pater“, berichtete er athemlos,„ein Schwarm von Landsknechten will die Thür ſtürmen! Der Herr Prior und die andern Herren Patres ſind ſchon vom Lager auf⸗ geſprungen; ſie wollen flüchten. Noch hält die Thür, aber es iſt die höchſte Zeit! Denn ſie ſchreien draußen ſchon nach Balken, um ſie einzubrechen!“ „Wo ſollen wir hin, guter Anſelmus?“ rief Thyßka; „ſie haben uns überraſcht!“ 9* 196 „Beeilt Euch nur, Herr Pater! Ich denke, es iſt noch Rettung. Wir flüchten in den zweiten Hof, durch die Mauerpforte in den Nachbarhof und von dort durch das Gäßchen, das nach der Moldau führt.“ „Dem Himmel ſei Dank, ja das iſt möglich!“ rief Thyßka.„Wir wollen... Die Thür krachte!“ unterbrach er ſich ſelbſt, da ein laut donnernder Stoß gegen die ſchweren eichenen Bohlen der Thür nach der Straße durch das Gebäude dröhnte. „Nein, nein, würdiger Vater, ſo raſch fällt ſie nicht“, tröſtete der Pförtner;„ich habe den Balken vorgeſchoben. Zehn Minuten mindeſtens ſind unſer!“ Mit dieſen Wor⸗ ten eilte er wieder hinaus und überließ es den Beiden, ob ſie ſeinem Rathe folgen wollten. Thyßka, der ſeine Beſonnenheit jetzt einigermaßen wieder⸗ gefunden hatte, raffte haſtig die vor ihm liegenden Schrif⸗ ten und Pergamente zuſammen, riß ſchnell einige Schub⸗ laden ſeines großen Schreibtiſches auf und nahm Papiere heraus. Dann warf er ſein ſchwarzes Ordenskleid ab, eilte in ein Nebenkämmerchen und kam in einen alten grauen Ueberwurf gehüllt zurück. Er faßte die Papiere in ein Betttuch zuſammen, knüpfte es zu, und mit dieſem Bündel unter dem grauen Mantel eilte er hinaus, ohne ſich um Fabricius zu kümmern, der indeß noch raſch einen Zug aus der Flaſche gethan und das Brot zu ſich ge⸗ ſteckt hatte. Beide eilten ſo ſchnell ſie vermochten die enge dunkle Treppe hinab. Im Hofe kamen ihnen ſchon die andern Brüder aus dem Vordergebäude entgegen. Die erſchreckten Patres hatten wie Thyßka die Ordenstracht weggeworfen und Verkleidungen gewählt, wie ſie jedem zu⸗ nächſt in die Hände gekommen waren. Haſtig durchſchrit⸗ ten die Flüchtigen einen finſtern gewölbten Gang, den ein 197 Gitterthor verſchloß. Anſelmo, der Pförtner, öffnete es; ſo kamen ſie in den zweiten kleinen Hof, der nur zu wirthſchaftlichen Zwecken benutzt wurde. Dieſen trennte eine Mauer von dem Gehöft des von hinten an das Ge⸗ bäude ſtoßenden Nachbargrundſtücks, durch welche eine enge Pforte führte, die nur von der innern Seite verriegelt war. Es koſtete Mühe, die alten, halb verroſteten Riegel der nie benutzten Thür zurückzuſchieben; endlich gelang es, das Rettungspförtchen ſprang auf, und die bebenden geiſtlichen Väter, beſonders der vor Angſt ſchlotternde Fabricius, klemmten ſich hindurch. In dem Augenblicke, als die Thür ſich hinter ihnen ſchloß, belehrte ein krachendes Getöſe und wildes Geſchrei hinter ihnen die Flüchtenden, daß die Hauptpforte nach der Straße geſprengt ſei und der Schwarm eindringe. Sie ſtürzten daher mit verdoppelter Haſt vor⸗ wärts, in das Nachbargehöft hinein, ohne zu wiſſen, wo⸗ hin ſie ſich von dort für die Nacht wenden ſollten, in der finſtern unruhigen Stadt. Die erſte Schwierigkeit war die, aus dem Hauſe fort auf die Gaſſe zu gelangen. Der Pförtner kannte zum Glück einen der Bewohner. Es war ein Schloſſer, ein armer, aber rechtlicher Mann, der katholiſchen Kirche eifrig zugethan. Anſelmo wußte wo er ſchlief, und pochte leiſe an das Fenſter des im Erdgeſchoß nach dem Hofe hinaus liegenden Kämmerchens. Der Alte ſteckte den Kopf heraus.„Noch nicht genug des Lärmens heut?“ fragte er mürriſch.„Was gibt es denn?“ Anſelmo gab ſich zu erkennen, während die Flüchtenden ſich noch zurückgezogen im Dunkel hielten. Der Alte rief alle Heiligen an über das unerhörte Ereigniß, daß die frommen Väter flüchten ſollten! Er erbot ſich, ihnen Ob⸗ ——— 198 dach für die Nacht zu geben, wenn ſie ſich mit ſeiner engen Räumlichkeit behelfen wollten. Doch wollte er ihnen auch das Haus öffnen und ſie nach der Moldau hinunterführen. Dies ſchien das Räthlichſte; denn der Schloſſer hatte einen Freund und Verwandten, welcher Schiffer war und deſſen Haus ſo lag, daß man durch daſſelbe unbemerkt ans Ufer gelangen konnte. Auf einem Nachen konnten dann die Flüchtigen unter dem Schutze der Verkleidung leicht die Stadt verlaſſen, um einſtweilen unfern derſelben bei einem Landbeſitzer, einem Freunde des Priors, eine Zufluchtsſtätte zu ſuchen, bis man erführe, was ferner in der Stadt vor⸗ gehe, und ob es zu wagen ſei, dahin zurückzukehren. Nachdem der Schloſſer in Schuhe und Wams gefah⸗ ren war, machte ſich der Zug auf. Die Dunkelheit der Nacht und die allmälig eingetretene Stille in den Straßen begünſtigte die Flucht. Ohne Hinderniß wurde das Haus des Schiffers erreicht. Der Schloſſer pochte ihn aus dem Schlafe, und bald wurde ihnen das kleine Gehöft geöffnet. Eine Viertelſtunde ſpäter ſaßen die heiligen Väter ſammt Fabricius in einem Nachen, auf dem ſie ſtumm den Strom hinunterſchwammen. So gelangten ſie ſämmtlich glücklich aus der Stadt. 199 Achtzehntes Capitel. Am Morgen nach der That auf dem Hraͤdſchin ſchickten Xaver und Wolodna, welche die Nacht wieder in ihrer Her⸗ berge zugebracht hatten, ſich an, zum Grafen Thurn zu gehen. Thereſe begleitete ſie. Vor dem Palaſt des Grafen Thurn war ſchon Alles in voller Lebendigkeit. An dem Ende der Straße hielt eine Abtheilung von Reitern; vor dem Hauſe ſelbſt ſtand eine Schaar von Landsknechten. Das Thor war weit geöffnet. Im Hofe lagerten, wie vorgeſtern, Bewaffnete aller Gat⸗ tungen. In der Mitte loderte ein großes Wachtfeuer. Keſſel zur Bereitung des Frühmahls waren angeſetzt. Einige ſchür⸗ ten die Flammen, Andere rührten in den Keſſeln; die Mei⸗ ſteu ſetzten ihre Waffen in Stand. Ein alter treuer Diener, der Hauswart Balthaſar, trat den Kommenden freundlich entgegen:„Der Herr Graf hat befohlen, daß ihr Beide“, er wandte ſich zu Wolodna und Xaver,„ſogleich zu ihm hinaufgehen ſollt. Eure liebe Tochter hier wird in meiner Wohnung bei meiner Frau bleiben, bis der Herr Graf mit euch Beiden geſprochen. Er will ſie dann ſelbſt zur Gräfin führen.“ Thereſe folgte dem Alten. Xaver und Wolodna wurden in das Zimmer des Grafen geführt. Er war allein, mit Schreiben beſchäftigt. 3 „ Ah, da ſeid ihr, meine wackern Freunde“, begrüßte er ſie, und ſtand auf, um ihnen die Hand zu ſchütteln.„Ihr habt mir geſtern redlich geholfen! Es war zwar, zu mei⸗ ner Freude, nicht nöthig, daß ihr voranginget und das Eis 200 brachet; denn ſie, denen es näher oblag, haben das Ihrige gethan; ihr aber auch überall das Eurige. Auch eure Freunde“ — Czernig und einige andere rüſtige Männer des Gebirges waren gerüſtet zugegen geweſen—„haben ſich als wackere Mähnner gezeigt! Jetzt ſtürzt der Strom die wilde Bahn vorwärts. Nun kommt es darauf an, ihn zu leiten, daß er nicht überbrauſe. Dabei ſollt ihr mir wiederum helfen!— Setzt euch“, gebot er freundlich,„wir wollen im vollen Ver⸗ trauen miteinander reden!“. „Vorwärts müſſen wir jetzt, das leidet keinen Zwei⸗ fel“, begann er,„hier iſt kein Stillſtehen möglich und kein Zurückgehen. Ein Schritt, um den wir heut weichen, kann uns Alles koſten, was wir geſtern gewonnen haben. Und wir müſſen das Künftige ſorgfältig vorbereiten!— Ihr ſeht es ein“, fuhr er nach einigen Augenblicken fort,„der Kaiſer kann es uns nicht vergeben, daß wir ſo mit ſeinen Statthaltern verfahren ſind, wie es geſtern geſchehen. Wir müſſen alſo gerüſtet ſein, ſeiner Gewalt mit Gewalt zu begegnen!“ „Ich denke“, meinte Wolodna bedenklich,„des Kaiſers gnädigſte Majeſtät müſſen wir in Ehren halten, und es wäre großer Frevel, etwas dawider zu unternehmen!“ „Freilich, freilich“, fiel Thurn ein.„Allein der Kaiſer iſt in den Händen ſeiner Statthalter. Die ſind verjagt! Sie werden ihm unſere gerechte Nothwehr als die frevel⸗ hafteſte Empörung darſtellen. Lobkowitz und Sternberg freilich nicht; ſie gehen auf ihre Schlöſſer und halten ſich ſtill, denn unter dieſer Bedingung habe ich ihnen ſicheres Geleit zugeſagt. Allein die andern Beiden und ihre Creatur, der ſchleichende Giftmiſcher, dieſer Geheimſchreiber Fabricius, ſie werden uns anſchwärzen, als wären wir die ſchwärzeſten Teufel der ganzen Hölle!— Es war mir lieb, daß ſie nicht 201 umkamen, doch es iſt mir unlieb, daß ſie auf und davon ſind!“ „„So ſind ſie fort?“ fragte Xaver. 1„Freilich“, antwortete der Graf mismuthig.„Zwei wenigſtens, Martiniz und der heimtückiſche Schleicher Fabri⸗ cius. Slawata iſt noch im Hauſe des Oberſtkanzlers, das ihm Schutz verliehen hat, den ich aus wichtigen Gründen achten muß. Entrinnen kann er uns aber nicht. Von den beiden Andern habe ich noch keine Spur; zur Stadt hinaus müſſen ſie ſein. Ich habe überall, wo ich ſie irgend ver⸗ muthen konnte, bei Allen, die der römiſchen Kirche mit fanatiſchem Eifer anhangen, in allen Klöſtern, beſonders in den Gebäuden der Jeſuiten Nachſuchung halten laſſen. Vergeblich! Theilweiſe hatten die Herren Confratres der Geſellſchaft Jeſu, durch ihr böſes Gewiſſen gemahnt, ſich ſchon ſelbſt aus dem Staube gemacht. Sie ſind uns nur zuvorgekommen. Denn die Jeſuiten müſſen fort, ſonſt gewinnen wir keine ruhige Stunde im Lande!— Nun, ſeht ihr wol, Freunde“, wandte er das Geſpräch wieder zu der Hauptſache,„alle dieſe unſere geflüchteten Gegner werden die Saat der Verleumdung ausſtreuen. Der Kaiſer wird aufs äußerſte erbittert werden. Legten wir die Hände in den Schoos, was wäre die Folge? Sie ſchickten uns, da die Böhmen meiſt zu uns halten, ein Heer ausländiſcher Regimenter, Spanier, Ungarn, Lombarden, Kroaten ins Land, und wer dann nicht ſchnelle Füße hätte, würde bald um einen Kopf kürzer ſein! Ich und ihr und alle die ¹ Unſrigen! Wenn wir uns aber jetzt entſchloſſen rüſten, ein Heer ins Feld ſtellen, dann werden ſie ſich bedenken, und . uns bewilligen, was wir zu fordern ein Recht haben. So bewahren wir den Frieden. Wir wollen nichts wider des Kaiſers Majeſtät! Bewahre uns der Himmel! Aber wir 98*½ wollen unſere verbrieften Rechte wirklich ausgeführt ſehen und Bürgſchaft dafür haben!“ „Ja, das wollen, das müſſen wir“, ſprach Xaver entſchieden. „Ja, das müſſen wir“, bekräftigte der Graf,„und dazu bedarf es nur unſerer Entſchloſſenheit. Wir müſſen uns verſtärken. Alles, was uns anhängt im ganzen Lande, muß unter die Waffen gerufen werden. Noch heut will ich ein Aufgebot erlaſſen an die ganze böhmiſche Nation, daß ſie ſich rüſte zur Vertheidigung ihrer Rechte. Jeder zwan⸗ zigſte Mann ſoll ſich als Bewaffneter ſtellen. Ein gedruck⸗ tes Manifeſt ſoll ergehen, damit ganz Deutſchland erfahre, was uns zum Aeußerſten getrieben hat; wir wollen unſere Rechtlichkeit und Ehre wahren, damit unſere Sache Helfer und Freunde überall finde. Der Kaiſer wird uns alle Kräfte aller ſeiner Länder entgegenſtellen; ſo müſſen auch wir uns Bundesgenoſſen in allen Ländern ſuchen, wo unſere Glaubensverwandten wohnen. Deshalb, Wolodna, wollte ich dich nach Schleſien, dich, Xaver, nach Sachſen ſenden. Ihr ſollt uns dort Freunde, ſollt uns Mannſchaften wer⸗ ben. Mit allem Nöthigen dazu ſollt ihr reichlich verſehen werden; ich denke, es iſt ein guter, ein ehrenvoller Auf⸗ trag! Was meint ihr, ſchlagt ihr ein?“ „Ich bin bereit, noch heut“, rief Xaver feurig. „Auch ich, Herr Graf, ſoweit es in meiner Kraft ſteht“, antwortete Wolodna.„Was ein geringer Mann wie ich vermag...“ „Was, geringer Mann!“ unterbrach ihn Thurn, indem er die dargebotene Hand kräftig faßte.„Ihr ſeid mir kein geringer Mann! Glaubt Ihr, ich wäge die Leute nach Rang und Titel, nach vermoderten Adelsbriefen und Vor⸗ fahren, die beide in Staub zerfallen? Das mag bei Hofe, — 3 203 bei Pfaffen und Schranzen die Weiſe ſein, wenn es gilt, fette Pfründen und Gnaden zu vergeben. Ich ſehe mir den Mann ſelbſt an! Denn wir haben hier nicht Lecker⸗ biſſen in Muße zu verzehren. Wir werden Arbeit haben mit dem Schwert und mit dem Kopf! Gefahr und Entbehrung, und dann erſt, wenn es Gott will, ſpä⸗ ten Lohn! Dazu braucht man Männer, die Herz, Kopf und Fauſt haben. Das habt ihr, ihr Beide! Von dem Augenblicke an, wo ihr mich zu Lowoſitz um meinen Bei⸗ ſtand antratet, wußte ich, daß ich in euch Männer fand, auf die auch ich in der Noth zählen könnte!“ Das hingegebene volle Vertrauen, welches Thurn aus⸗ ſprach, verdoppelte die Flammen des Eifers, die ſchon in Beiden emporgeſchlagen waren. „Ja, das könnt Ihr, Herr Graf, bei Gott, das könnt Ihr!“ rief der alte Wolodna und die Thränen traten ihm ins Auge.„Mein grauer Kopf iſt Euer!“ „Er iſt unſerer Sache, und ich hoffe ihn noch mit einem Ehrenkranz zu ſchmücken ¹, entgegnete Thurn.— Ein Diener trat ein.„Die Frau Gräfin hat herüber⸗ geſchickt“, meldete er,„und läßt anfragen, ob ſie den Herrn Grafen jetzt ſprechen könne.“ „Ich werde ſogleich ſelbſt hinüberkommen“, erwiderte Thurn raſch, und winkte dem Diener, ſich zu entfernen. „Die Zeit drängt, Freunde! Ich werde in der Schloß⸗ kanzlei die Briefe, die ich euch mitgebe, ausfertigen laſſen. Dort ſollt ihr auch die erſte nothwendige Summe zu eurem Geſchäft in Empfang nehmen und die Anweiſungen auf Weiteres erhalten. Um Mittag findet euch dort bei mir ein. Morgen könnt ihr aufbrechen. Jetzt wollen wir noch ein anderes Geſchäft, das nur uns allein angeht, abthun. 204 Eure liebe, ſchöne Tochter, Wolodna, iſt doch mit Euch gekommen?“ „Sie verweilt drunten, wie Ihr es befohlen habt, Herr Graf“, antwortete Wolodna. „So will ich ſie jetzt gleich ſelbſt zur Gräfin Thurn führen“, antwortete er. Er ſchellte; der alte Balthaſar erſchien. Thurn gebot ihm, Thereſen heraufzuführen.—— Sie trat ein. Ein leichtes Erröthen erhöhte ihre edle Schönheit. Thurn ſchritt freundlich auf ſie zu, bot ihr die Hand und ſagte: „Willkommen hier in Prag! Es ſieht freilich jetzt etwas unruhig bei uns aus, allein ich denke Eurer lieben Toch⸗ ter“, wandte er ſich zu Wolodna,„doch einen ſtillen, fried⸗ lichen Aufenthalt zu verſchaffen! Wir wollen gleich zur Gräfin hinüber!“ Sie gingen durch einige Zimmer. „Biſt du allein, Eliſabeth?“ fragte Thurn, indem er eine Thür halb öffnete und in das Gemach blickte,„ich bringe dir hier unſern jungen lieben Schützling!“ Er nahm Thereſen bei der Hand und trat mit ihr ein. Wolodna und Xaver folgten. Die Gräfin Thurn war eine hohe, feine Geſtalt; aus ihren Zügen ſprach das mildeſte Wohlwollen. Sie kam Thereſen mit einem freundlichen Lächeln entgegen, doch ſchien ſie ſchmerzlich bewegt. „Du haſt die Heimat verlaſſen müſſen, liebes Kind“, ſagte ſie, indem ſie Thereſen, die ſich beugte, um einen Kuß auf ihre Hand zu drücken, davon zurückhielt und ſie auf die Stirn küßte;„du ſollſt hier eine neue finden, und wir wollen Alles thun, daß du die alte nicht zu ſchmerzlich vermiſſeſt!“ 205 Eine ſüße Beklemmung erfüllte Thereſens Bruſt bei dieſer ſo milden, troſtreichen Begrüßung. Ihre eigene edle Geſinnung ließ ſie die der Gräfin um ſo tiefer empfinden. Die Worte verſagten ihr, ſie vergoß ſanfte Thränen. „Faſſe dich, liebe Thereſe“, ſagte ihr Vater tröſtend; „vergebt ihr nur, gnädigſte Gräfin! Sie iſt gar zu be⸗ wegt, wir haben zu Schreckliches erlebt, was ihr noch im⸗ mer in Herz und Sinn liegt und ſie ſo weich und unruhig macht.“ Auch der Gräfin drangen die Thränen ins Auge; ſie bezwang ſich kaum. „Dies iſt der Vater und dies der Verlobte unſerer Pflegebefohlenen“, nahm Thurn das Wort, und führte Beide der Gräfin zu;„wackere Männer, die mir treu zur Seite geſtanden haben und ferner treu zur Seite ſtehen werden!“ „Ich will dieſem lieben Mädchen zu vergelten ſuchen, was ſie dir thun“, antwortete Eliſabeth und nahm There⸗ ſens Hand. „Ich habe nicht Worte, Frau Gräfin, Euch für ſolche Aufnahme zu danken“, ſagte jetzt Thereſe, die ihre Faſſung wieder gewonnen hatte;„laßt mich verſuchen, es künftig durch meine Handlungen zu thun!“ „Wir werden uns gegenſeitig viel Liebes thun können“, antwortete die Gräfin;„meine Tochter Thekla wird in dir eine ältere Freundin finden; ſie iſt erſt ſechzehn Jahre!— Darf ich unſere Pflegebefohlene ſogleich zu Thekla hinüber⸗ führen?“ wandte ſich Eliſabeth zu Thurn;„ich muß dich nothwendig allein ſprechen!“ Thurn bejahte.„Ihr dürft darum noch nicht Abſchied nehmen“, ſagte er, da Thereſe, offenbar in der Beſorg⸗ niß, es ſei ſchon der Augenblick der Trennung gekommen, 206 ihren Vater bewegt anblickte.„Geht mit hinüber, Wo⸗ lodna und Xaver; ſchüttet eure Herzen noch gegenſeitig aus. Dann kommt an den Ort, wohin ich euch beſchieden habe. Morgen freilich müßt ihr aufbrechen! Der Abend bleibt uns noch!“ Die Gräfin nahm Thereſe bei der Hand und ging mit ihr und den beiden Männern zu ihrer Tochter hinüber. „Ich kehre gleich hierher zurück zu dir, lieber Thurn!“ ſagte ſie im Abgehen. 8 Als ſie wieder eintrat, hatte ſich die Bewegung, die man ihr im erſten Augenblicke anſah, noch geſteigert. Sie ging auf Thurn zu, faßte ſeine beiden Hände, blickte ihn innig an und ſagte aus voller Bruſt:„Lieber Freund, ge⸗ währe mir eine Bitte!“ „Jede, die ich vermag“, antwortete Thurn;„allein was haſt du? Du biſt ganz außer dir!“ „Gib Slawata frei“, ſagte ſie mit tiefſter Be⸗ wegung. „Eliſabeth!“ erwiderte er ſtaunend,„wie kommſt du zu dieſer Bitte? Er iſt von allen unſern Gegnern der gefährlichſte!“ „ Gott hat ihn in Schutz genommen“, erwiderte die Gräfin;„legt nicht ferner Hand an ihn! Erfülle meine Bitte, wenn du es irgend vermagſt!“ „Wenn ich es vermag“, wiederholte Thurn in einer Weiſe, die ſeinen eigenen Zweifel an dem Recht ſolcher Handlung ausdrückte.„Allein ſage mir, was iſt vorge⸗ gangen, daß du gerade das bitteſt? Hat die großmüthige Handlungsweiſe Polyxena's von Lobkowitz dich ſo erfüllt? Möchteſt du mit deinem weichen Herzen ihrer kühnen Ge⸗ ſinnung nacheifern?“ „O nein“, entgegnete Eliſabeth,„ich weiß, daß ich —————— 207 nur Bitten gehabt hätte für die unglücklichen Flüchtigen, wie ich ſie jetzt nur für den Einen habe, dir gegenüber. Allein ich muß für ihn bitten! Slawata's Gattin war bei mir, in Thränen, angſterfüllt; ſie fleht durch mich zu dei⸗ ner Großmuth!“*) „Das hat die ſtolze Lucia von Neuhaus gethan?“ fragte Thurn verwundert, doch nicht ohne Bitterkeit;„ſie iſt bittend zu dir gekommen?“ „Ermiß aus der Schwere dieſes Schrittes für ſie die Schwere ihres Leides!“ entgegnete Eliſabeth warm. „Slawata iſt der Schuldigſte von Allen!“ ſprach Thurn lebhaft. „Laß ſeine Schuld!“ bat die Gräfin,„ſieh nur auf ihr Geſchick, höre nur ihre Bitte!“ „Ich ſehe auch die göttliche Vergeltung!“ antwortete Thurn ernſt. „Sie hat der Himmel geſandt— ſein iſt die Rache! In deine Hand legt er die Milde—“ „Legt er Beides“, unterbrach ſie Thurn.„Iſt hier die Strenge nicht Pflicht? Wer ſoll beſtraft werden, wenn er nicht beſtraft wird!“ „Strafet Niemand!“ antwortete die Gräfin ſanft: „Liebet eure Feinde, ſegnet die euch fluchen! O wenn dies eine Wort des Herrn das Grundgebot aller Bekennt⸗ niſſe wäre, ſie würden alle Raum haben auf dieſer Erde und friedlich nebeneinander wohnen!“ Thurn war unentſchloſſen. „Es wäre ſchön, Eliſabeth, allerdings, wenn es ſo wäre!“ ſagte er, da ſie ihre feuchten Blicke ſchweigend auf ihn heftete.„Doch da die Einen nur die Verfolgung und s) Hiſooriſch. die Rache kennen, iſt es unmöglich, daß die Andern nur die Milde und Vergebung üben!“ „Thurn“, ſagte die Gräfin dringender,„denke an den Wechſel der Geſchicke! Wenn ein Tag käme, wo ich von ihr erflehen müßte, was ſie jetzt von mir*)...“ „Nein, dahin ſoll es nicht kommen! Ich hoffe zu Gott, es ſoll nicht!“ unterbrach er ſie warm.„Allein der erſte Schritt zu einer ſolchen Möglichkeit wäre der“, fuhr er mit gerunzelter Stirne fort,„daß ich dem unverſöhnlichſten und mächtigſten aller unſerer Feinde in Böhmen die Freiheit gäbe, ſeine Kraft gegen uns zu gebrauchen!“ Er ging unruhig auf und nieder. „Wenn eure Sache ſiegt“, begann die Gräfin wieder mit ſanfter Feſtigkeit,„ſo iſt euch Einer nicht gefährlich, und ſiegt ſie nicht, ſo kann die Wohlthat, dem Einen er⸗ zeigt, euch Allen zum Heil werden!“ „O, du kennſt ſie ſchlecht, Eliſabeth, dieſe Männer der Jeſuitenſchule!“ rief Thurn, indem er, ſeine raſchen Schritte plötzlich hemmend, vor ihr ſtehen blieb.„Du meinſt, ſie würden Großmuth üben, wenn die Macht wieder in ihrer Hand wäre, weil ihnen Großmuth geworden? Weißt du nicht, daß den Undankbaren deine Wohlthat ſo drückt, daß er eben ihretwegen dein erbittertſter Feind wird? Wenn Slawata mir Alles vergeben könnte, ſo könnte er mir doch nimmer vergeben, daß er mir Leben und Freiheit ſchuldete!“ Die Gräfin hatte ſo harten Widerſtand nicht vermuthet. Sie war es gewohnt, daß ihr Gemahl jedem ihrer Wünſche Gehör ſchenkte, weil ſie ſo ſelten, ſo beſcheiden, ſo Billiges bat. Sehr bewegt begann ſie noch einmal:„Thurn! die *) Hiſtoriſches Wort. 209 Unglückliche harrt auf deinen Ausſpruch. Soll ich ihr das Todesurtheil ihres Gatten melden?“ „Eliſabeth“, ſagte Thurn mit ernſtem Blick,„du weißt nicht, wie Gefährliches du von mir verlangſt; auch könnte ich nicht auf eigene Verantwortlichkeit handeln! Ein Todes⸗ urtheil“, fuhr er fort, da ſie erblaſſend vor ihm ſtand,„ſoll darum dein ſanfter Mund doch nicht überbringen. Glaube aber nicht, daß die reiche, ſtolze Tochter des Herrn von Neuhaus, die einzige Namenserbin des alten ſtolzen Ge⸗ ſchlechtes, ſo demuthvoll und weich geworden ſei, wie ſie vor dir erſchienen iſt! Und Slawata— er in unſerer Gewalt iſt ein zu gewichtiges Unterpfand, als daß wir es aus der Hand geben dürften! Melde ihr denn, er werde bewacht bleiben, bis unſere Sache befeſtigt iſt,— oder auf Bürg⸗ ſchaft entlaſſen... oder... ich will es den Ständen vor⸗ legen,— es wird ſich ein Ausweg finden.“ „So iſt wenigſtens Hoffnung“, rief die Gräfin in dank⸗ barer Freude aus. Thurn wollte ihr die Hand reichen, doch ſie umarmte und küßte ihn mit innigſter Wärme.„Es iſt mir, Thurn“, ſagte ſie bewegt,„als hätte ich dein Leben gerettet!“ Ueunzehntes Capitel. Slawata lag krank, am Kopf verwundet, voller Sorge, Angſt und— Erbitterung, im Hauſe des Oberſtkanzlers, deſſen Gattin ihm ebenſo ſorgfältige Pflege widmete, als ſie ihn heldenmüthig beſchützt hatte. Er befand ſich, um ihn 210 dem Lärmen der Gaſſe, welche Thurn's Mannſchaften beſetzt hielten, möglichſt zu entziehen, in einem Hinterzimmer, deſſen Fenſter nach dem Feſtungsgraben hinausgingen. Ein Wund⸗ fieber geſellte ſich zu dem unruhigen Wogen ſeiner Gedanken. Aerztliche Hülfe war ihm durch die Bewachung des Hauſes abgeſchnitten; Polyxena erſetzte dieſelbe durch umſichtige Sorgfalt. Sie hatte dem Kranken außerdem, ohne daß er es wußte, einen großen Dienſt geleiſtet, indem ſie es mög⸗ lich gemacht hatte, durch einen prager Bürger unter den Bewachenden, den einer ihrer Diener kannte, der Gräfin Slawata Nachricht über das Befinden ihres Gatten zukom⸗ men zu laſſen. Auch war ſie es geweſen, die derſelben als einziges Rettungsmittel den Rath ertheilt hatte, ſich an die durch ihre Güte und Sanftmuth gekannte Gräfin Thurn zu wenden. Slawata's Haus lag nur wenige Hundert Schritte von dem des Oberſtkanzlers, auf dem Abhang des Berges nach der Moldau zu; dennoch war alle Verbindung mit demſelben durch die beſetzende Mannſchaft abgeſchnitten, die ebenſo die Straße vor dem Hauſe als den Feſtungsgraben hinter dem⸗ ſelben beobachtete.—— Ehrgeiz bildete die Grundtriebfeder in Slawata's Charakter. Ein unbemittelter Edelmann, von 3 proteſtantiſchen Aeltern geboren, hatte er, nur um ſich emporzuarbeiten, den entgegengeſetzten Parteien ſeines Va⸗ terlandes in unzuverläſſiger Geſinnung angehört, und war ſogar eine Zeit lang der äußerſten Richtung der religiöſen Diſſidenten gefolgt, indem er ſich zu der ſchroffen Sekte der Picarden hielt ²), bei welchen die Lehren der Huſſiten in die 1 ausartendſte Verzerrung übergegangen waren. Doch eine glücklichere Laufbahn ſchien ſich ihm auf der gerade entgegen⸗ *) Hiſtoriſch. — 211 geſetzten Seite zu eröffnen, und er trug daher kein Beden⸗ ken, zu dieſer überzuſpringen. Dies zog ihm den höchſten Grad des Haſſes ſeiner frühern Genoſſen zu, dem er ſeiner⸗ ſeits wieder durch unabläſſige Feindſeligkeit begegnete. In⸗ zwiſchen glückte es ihm durch ſeinen Uebertritt zur römiſchen Kirche, eine ſehr vortheilhafte Heirath zu ſchließen, die ihm zu großem Reichthum und dadurch bald zu Einfluß und Anſehen verhalf. Schon in ſeinem zweiundzwanzigſten Jahre vermählte er ſich mit Lucia von Neuhaus, der einzigen Tochter des kaiſerlichen Rathes und Kanzlers, Herrn zu Neuhaus im ſüdlichen Böhmen, zu Teltz in Mähren, ſowie Baron von Chlum, Koſchenberg und Straz. Alle dieſe Titel ererbte Slawata durch den Tod ſeines Schwiegervaters, und ſtand nun bald unter den vornehmſten Männern Böhmens. Er war Burggraf von Karlsſtein vom Jahre 1604 bis zur Krönung des Kaiſers Mathias, wo Thurn dieſe wichtige Ehrenſtellung eines Bewahrers der Reichskleinodien und Ar⸗ chive erhielt, und verließ dieſelbe nur, um Präſident der Statthalterſchaft Böhmens zu werden. Im No⸗ vember des verwichenen Jahres, wo der nämliche Kaiſer die zehn Statthalter Böhmens einſetzte, welche das Land bisher verwaltet hatten, wurde er auch deren Präſident. So ſtand er noch in friſchen männlichen Jahren— er zählte fünfundvierzig— auf höchſter Stelle äußerlichen Anſehens. Allein er wußte, daß er tief verhaßt war, ſowol bei den Utraquiſten wegen ſeines Abfalls als auch ſonſt aus dem in menſchlichen Verhältniſſen nie ausbleibenden Neide und der Eiferſucht auf ſeine glänzende Laufbahn. Dadurch hatte ſich auch bei ihm eine Erbitterung erzeugt, die, vereint mit dem fanatiſchen Eifer für die Religionspartei, zu der er übergetreten war, ihn zum unverſöhnlichen Verfolger aller ſeiner Gegner machte; wiewol ihm ſonſt würdiger Sinn und ſelbſt Wohlwollen nicht abzuſprechen war. Er hatte jetzt, wo ſeine nächſte Zukunft ſo ſchwer bedroht war, aller⸗ dings große Urſache, an den Wahlſpruch im Wappen ſei⸗ nes Schwiegervaters, der zugleich die Inſchrift ſeines Hauſes bildete, zu denken:„Respice finem!“ Allein er that es in einem andern Sinne, als man meinen ſollte. Ein energi⸗ ſcher Charakter, wie er war, ſann er ſchon mitten in Ge⸗ fahr und Leiden auf neue Wendungen zu Glück, Herrſchaft, — Nache! Die Beleidigung, die Demüthigung, die Schmach, die er erfahren, erfüllten ihn mehr mit Ingrimm als mit Furcht. Und ſo lag er denn auf ſeinem Krankenbette, ſchwerer von innerer als von äußerer Pein gefoltert; und heißer als die blutende Wunde an ſeinem Haupt brannten darin die Gedanken, die es fieberhaft erhitzten. Polyxena von Lobkowitz hatte dem Kranken ihre Sen⸗ dung zu ſeiner Gemahlin abſichtlich verſchwiegen, um, wenn der Verſuch fehlſchlüge, nicht durch eine ſcheiternde Hoffnung ſeine Leiden zu verſchlimmern. Wie groß war daher ihre Freude, als ſie, während ſie ſich eben bei Slawata befand, die leiſe überbrachte Meldung von der Ankunft ſeiner Ge⸗ mahlin in Begleitung eines Arztes erhielt. Sie theilte dem Kranken die freudig erſchütternde Nachricht vorſichtig mit, verließ dann das Gemach, und zwei Minuten ſpäter war Lucia allein bei ihrem Gemahl; denn Polyxena wollte die⸗ ſem erſten Augenblicke des Wiederſehens das Recht der Ein⸗ ſamkeit laſſen.— Er war erſchütternd. Lucia flog, ohne eines Wortes mächtig zu ſein, auf ihren Gatten zu und preßte in äußerſter Leidenſchaft ihr Haupt ſtumm an ſeine Bruſt; ſie ſchluchzte nur krampfhaft. Slawata, gleichfalls ſprachlos, hielt ſie feſt umſchloſſen; endlich fragte er: „Lucia, wie iſt es dir möglich geworden, zu mir zu gelangen?“ 213 „Möglich iſt es mir geworden, aber ſchwer, ſehr ſchwer, Slawata“, erwiderte ſie und richtete das Haupt empor. Ihre Thränen floſſen noch, aber ihre Züge hatten den Ausdruck zürnenden Stolzes. „Schwer, ich glaube es“, entgegnete Slawata,„und ich begreife kaum, wie es möglich war, da Alles rings von Wachen umſtellt iſt.“ „O es war nicht ſchwer in dieſem Sinne“, antwortete ſie und ſtand auf,„aber ſchwer durch das Opfer, das ich gebracht habe! Ich mußte dieſe Gunſt erbitten, von dei⸗ nem Todfeinde, von Thurn erbitten, durch die Gräfin! Slawata, das war ein harter Gang!“ „Lucia, du haſt viel für mich gethan“, antwortete er bewegt.„Wie nahm man dich auf— haſt du Thurn ſelbſt geſprochen?“ fragte er mit dem Ausdruck der Beſorgniß, tief Kränkendes zu hören. „Sie nahm mich theilnehmend auf, doch ihre Milde drückte mich härter als ihr Stolz es gethan hätte; ſie war — herablaſſend!“ antwortete Lucia. „Herablaſſend!“ wiederholte Slawata und preßte die Lippen zuſammen. „Ihr Mitleiden hatte freilich einen guten Grund“, fuhr Lucia fort,„das Bewußtſein des Verbrechens ihres Man⸗ nes drückte ſie. Sie äußerte, ſie wolle mir hülfreich ſein, denn vielleicht komme ſie dereinſt in die Lage, Gleiches von mir zu erbitten.“*) „Daß ihre Ahnung ſich erfüllte!“ rief Slawata aus. „Und— haſt du nichts vernommen...“ er ſtockte,„weißt du, was über mich beſchloſſen iſt?“ „Ich habe Hoffnung, daß dein Leben nicht mehr be⸗ *) Hiſtoriſch. — 214 droht iſt“, antwortete Lucia;„die Gräfin meldete mir ſchriftlich, daß Thurn über deine Zukunft mit den Ständen verhandeln werde. Einſtweilen geſtatte er meinen Beſuch 8 bei dir und den eines Arztes. Das wurde mir bald darauf aus der Kanzlei ausgefertigt.“ „Welcher Arzt hat dich begleitet, Lucia?“ fragte er matt. „Iſt es Borbonius? Ich fühle mich recht krank.“ Er ſank dabei, von der Aufregung des Wiederſehens erſchöpft, in die Kiſſen zurück. „Alſo biſt du doch ſo krank?“ fragte ſie betreten;„ſie hatten mir geſagt, dein Uebel ſei gering, es werde nur ſtärker angegeben, damit ſich die Rache unſerer Feinde für geſättigt halten möchte. So hätte ich doch vielleicht anders handeln ſollen!“ „Wie das?“ fragte Slawata. „Weil mich kein Arzt hierher begleitet hat, ſondern Zaloska“, erwiderte ſie. „Zaloska!“ fuhr Slawata auf und ſein Auge blitzte. „Zaloska! Lucia, das war ein trefflicher Gedanke von dir! Ich kann auch des Arztes entbehren!“ ſagte er mit energiſcher Zuſammenraffung. „Ueberdies iſt er nicht unerfahren in der Art der Heil⸗ 4. kunſt, wie ſie das Volk in den Gebirgen übt“, ſagte ſie. „Er war auf dem Schloſſe gefangen worden“, fuhr ſie fort, „doch in dem Getümmel nach der Gewaltthat gelang es ihm zu entkommen und unſer Haus zu erreichen. Er war der Erſte, der mir von dem Verbrechen erzählte. Weil wir mit Recht fürchteten, daß die wilden Rotten ſogleich zu uns dringen würden, flüchtete ich mit ihm den Berg hinab, nach St.⸗Thomas zu dem Kaplan Ambroſius. Dort legte er ſeine Waffenſtücke ab, vertauſchte ſeine Kleidung gegen ein ſchwarzes Wams, das ihm der Kaplan verſchaffte, und 215 ſchnitt ſich die langen wilden Haare und den Bart ums Kinn kurz ab, nach Art der Magiſter. So hat er mich, kaum mir ſelbſt noch kenntlich, hierher begleitet.“ „Wohl, wohl! Ich muß ihn ſprechen!“ „Ich werde ihn zu dir führen“, antwortete Lucia und verließ das Gemach. In den wenigen Minuten, die ſie abweſend war, ent⸗ ſpannen ſich in Slawata's Bruſt ausgedehnte Entwürfe. Die wunderbare Rettung aus der Gefahr des Sturzes, die faſt als der unfehlbare Tod gelten durfte; die zweite in das gaſtliche Haus, das ihn jetzt aufnahm; die wider alles Ver⸗ hoffen neu angeknüpfte Verbindung mit ſeiner zu jedem küh⸗ nen Unternehmen entſchloſſenen Gattin und einem Manne, der zwar ein niederes, aber doch äußerſt zuverläſſiges und energiſches Werkzeug ſeiner Plane abgab: dies Alles be⸗ ſtärkte ihn in der Ueberzeugung, daß die Sache, für die er kämpfte, unter dem unmittelbaren göttlichen Schutze ſtehe, und daß er ſelbſt noch zu einer großen Zukunft aufbewahrt ſei. Er gerieth in fieberhafte Wallung; die fanatiſche Glut loderte hoch in ihm auf. Er erhob beide Hände zum Gebet und ſprach laut:„Ja, jetzt weiß ich es, du fromme, hei⸗ lige Mutter Gottes, zu der ich flehte in meiner Todesnoth, du ſelbſt haſt mich auf deinen Armen herabgetragen, daß ich mein Leben errettete! So will ich es fürder allein deinem Dienſte und der heiligen Kirche weihen!“ Schnell wechſelte bei ihm die ruhige Sicherheit der Be⸗ trachtung mit den fanatiſchen Erregungen. Die ſcharfe Kraft des Verſtandes war noch geſchärfter danach. So faßte er in dieſem Augenblicke den feſten Entſchluß, des körperlichen Uebels nicht zu achten und von Stund an den Kampf zu erneuern; die Milde, ſelbſt die Gnade der Feinde nur an⸗ zuflehen und zu benutzen, um wieder zu ſelbſtändiger Kraft — — — ihnen gegenüber zu gelangen. Schnell entwarf er in ſeinem ſcharfen Geiſte, von einem zähen, beharrlichen Willen unter⸗ ſtützt, was er zunächſt für Schritte zu thun habe und was er aus ſeinem jetzigen Standpunkte möglich machen könne. Zuerſt mußte er über Alles, was in Prag vorging, genaue Auskunft haben. Das gab ihm zugleich den richtigen Maß⸗ ſtab über ſeine eigene Gefahr. Er hoffte auf dieſe Weiſe mit Sicherheit zu erfahren, ob und was ihm noch drohe. Dann galt es die Mittel in Bewegung zu ſetzen, um dem überraſchenden Ueberfall durch die Gewalt der proteſtanti⸗ ſchen Partei Grenzen zu ſetzen, bevor ſich ſeine Folgen wei⸗ ter ausbreiteten. Es galt, die Fäden anzuknüpfen, mittels deren ein anfangs unſichtbares, aber deſto unzerſtörbareres Netz geſponnen werden konnte, um die Empörer am feſteſten zu umgarnen in dem Augenblicke, wo ſie ſich am freieſten glaubten. Während er über dieſe Mittel nachdachte, trat Lucia wieder ein; Zaloska folgte ihr. Doch er hatte, ſo ſchien es, ſeine ganze Natur umgeſtaltet. Die Wildheit, die rach⸗ und blutgierige Roheit, die ſich ſonſt in ſeinem thieriſch ſtumpfen Weſen ausdrückte, war völlig verſchwunden, und mit einem bewundernswürdigen Inſtinct der Schlauheit hatte er ſich in einen Menſchen von dem unſcheinbarſten Aeußern verwandelt. Das ſchwarze, wildſtruppige Haar trug er ſchlicht zurückgeſtrichen; die trotzigen Züge zeigten nur einen ſtumpf phlegmatiſchen Ausdruck, das hyänenartig ſtarre Auge glotzte gedankenlos unter der flachen Stirn hervor. Nur ein widerwärtiges unheimliches Lächeln und ein von Zeit zu Zeit wiederholtes ſcheues, doch zugleich ſpähendes Blinzeln, das die Augen unruhig bald zur Rechten, bald zur Linken warf, konnte dem aufmerkſamen Beobachter verrathen, daß Angeſicht und Haltung des Menſchen nicht ſeine natürlichen 217 waren, ſondern eine Larve bildeten, mit der er die Wahr⸗ heit ſeines Innern künſtlich verhüllte. „Sei gegrüßt, Zaloska“, redete ihn Slawata an;„wie haſt du dich verwandelt! Ich würde dich nicht erkannt haben!“ „Gelobt ſei Jeſus Chriſtus und die heilige Mutter Maria, die Euch erhalten haben, gnädiger Herr!“ rief der Angeredete aus und wandte Augen und Hände zum Him⸗ mel.„Laßt Euch die Hände küſſen“, fuhr er dann mit tief unterwürſigem Tone fort und beugte ſich, indem er auf den Boden niederknien wollte, auf Slawata's Hand. Dieſer verhinderte es.„Du biſt gefangen geweſen?“ fragte er ihn. „Auf dem Schloſſe, ja. Der Offizier“, erzählte er, „hatte mich aus dem Saale, wo wir verborgen waren, hinunter geſendet in den Hof, um zu beobachten, wie groß etwa die Zahl der Leute ſein mochte, die mit dem Grafen Thurn und den andern Herren vom Adel ins Schloß kamen. Als ich wieder herauf kam, erkannte mich auf dem Gange der Rebell, der Ketzer Xaver Nechodom, und nahm mich, da er von einem Dutzend bewaffneten Leuten begleitet war, gefangen.“ „Entdeckteſt du ihm, daß Mannſchaften im Schloſſe verborgen ſeien?“ fragte Slawata mit argwöhniſcher Miene. „Bei Leibe, Herr, nein!“ log der Burſch; denn er hatte in der Angſt um ſein Leben Alles entdeckt.„Er wollte wiſſen“, fuhr er fort,„wie ich nach Prag komme, was ich dort zu thun hätte? Ich fragte ihn dagegen, was denn er hier wolle und wie er hierher komme? Während wir noch im Zwiſt miteinander waren, wurde es ſchon un⸗ ruhig im Saal; Nechodom lief dahin, viele ſeiner Leute Rellſtab, Drei Jahre. 2. Aufl. I. 1. 10 ——.—— 218 auch, und in dem Tumult entſprang ich. Ich lief weit durch die Gänge, dann eine kleine Treppe hinunter; dort warf ich Säbel und Dolch und die Pickelhaube weg, ge⸗ langte auf den Hof und miſchte mich unter das zuſammen⸗ gelaufene Volk.“ „Gut, gut!“ murmelte Slawata. „Ihr ſeid am Kopf verletzt, Herr“, fuhr der ſchlaue Burſch raſch fort, um dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben.„Ich verſtehe mich auf die Heilung mit guten Kräutern. Meine Mutter Zdenka war eine weiſe Frau! Sie war berühmt, Wundertränke zu kochen, Salben zu be⸗ reiten und Wundenwaſſer; ſie hat mich das gelehrt, Herr, und ich kann Euch vielleicht beſſer helfen als ein Arzt.“ „Laß deine Wunde von Zaloska unterſuchen“, bat Lucia und näherte ſich dem Bett. Slawata ließ es geſchehen. Mit vorſichtiger und ge⸗ ſchickter Hand löſte Zaloska das ſeidene Tuch, das noch über den eigentlichen Verband, den die Gräfin Polyxena ſelbſt angelegt hatte, um den Kopf geſchlungen war, und nahm dann den Verband ſelbſt ab. „Das muß ſchmerzhaft ſein, gnädiger Herr“, ſagte er, die Wunde beſichtigend,„aber es iſt nicht gefährlich und es wird bald heilen.“ „Glaubſt du?“ fragte Slawata. „Gewiß, gewiß, gnädiger Herr! Der Schädel iſt un⸗ verletzt, nur die Haut weggeſchunden.“ „Ich fühlte, daß ich im Sturz mit dem Kopf an ein Fenſterſims hinſtreifte“, bemerkte Slawata. „Man hätte das Haar mehr wegſchneiden ſollen“, meinte Zaloska, der die Wunde genauer betrachtete.„Ich werde Euch einen neuen Verband auflegen, Herr! Wenn Ihr weiter nicht krank oder verwundet ſeid, braucht Ihr —— 219 keinen Arzt, außer Zaloska. Das kann er ſchon ſelbſt heilen.“ „Siehſt du“, ſprach Lucia,„ich hatte gut gewählt.“ „Das hatteſt du“, erwiderte Slawata. Während Zaloska, der einiges Verbandzeug mitgebracht hatte, dieſes ordnete und wieder hinausging, um noch ein Gefäß mit lauem Waſſer zu holen, befragte Slawata ſeine Gattin über die Zuſtände in der Stadt, über die Maß⸗ regeln, die man getroffen habe. Dieſe berichtete ihm, was ſie wußte. „Ihr Zorn wüthet vorzüglich gegen die heiligen Väter der Geſellſchaft Jeſu“, erzählte ſie ihm.„Ich hörte ſchon, daß ſie einen feſten Beſchluß faſſen wollten, der alle Jeſuiten aus dem Lande verbannt und ihnen ihre ſämmtlichen Güter raubt.“ „Güter!“ rief Slawata;„was beſitzen ſie denn hier in Prag? Ein paar alte Gebäude, die nicht dreitauſend böh⸗ miſche Schock werth ſind; und in ganz Böhmen ſind ihre Beſitzthümer nicht der Rede werth. Es gehört mit zu den vielen Verleumdungen gegen den Orden, daß man ihn für ſo reich ausſchreit. Die Statuten verbieten ihm ja andern Erwerb als zu öffentlichen, nützlichen Zwecken.“ „Sie werden die Maßregeln nicht abwarten“, antwor⸗ tete Lucia;„aus Prag wenigſtens ſind die Väter ſchon, ſoweit ich höre, ſämmtlich entflohen.“ „Entflohen?“ rief Slawata.„Das iſt ſchlimm! Hier wäre noch viel zu retten! Doch... es iſt dennoch wol beſſer“, beſann er ſich,„denn ſie können von außen her wirkſamer ſein als hier. Iſt der Pater Thyßka auch fort?“ „Das ganze Gebäude ſoll leer ſein, hat mir Zaloska erzählt.“ 10* 220 Dieſer trat jetzt mit einer Schüſſel warmen Waſſers, einem Schwamm und anderm Verbandgeräth ein. Er wuſch die Wunde Slawata's, ſchnitt ihm das Haar etwas von der Seite weg, löſte das geronnene Blut ab und legte den neuen Verband an. Inzwiſchen hatte ſich Slawata Tinte und Feder reichen laſſen und begann auf einzelnen Zetteln Allerlei zu ſchrei⸗ ben. Er miſchte lateiniſche, deutſche und böhmiſche Worte, ſetzte Zahlen und andere Zeichen dazwiſchen, ſtrich Vieles aus, ſchrieb Anderes doppelt, ſodaß der Inhalt ohne lan⸗ ges Studium von einem Dritten nicht zu entziffern war und der Zettel überhaupt das Anſehen hatte, als ſei er ganz willkürlich bekritzelt und bedeute gar nichts. „Wenn du mir getreu dienen willſt, Zaloska, ſo wirſt du großen Lohn empfangen“, redete er dieſen an, nachdem ſeine Arbeit fertig war.„Verbirg dieſe Zettel an deinem Körper, oder wie du irgend weißt. Es ſind ihrer fünf; ich habe ſie nach der Größe der Blätter geordnet. Der kleinſte iſt der wichtigſte. Ihn trägſt du zu dem Sacriſtan der Schloßkirche; er wird ihn durch den Kaplan zu dem Herrn Erzbiſchof gelangen laſſen. Unſtreitig iſt Se. Hoch⸗ würdige Gnaden geflüchtet; allein der Kaplan wird hier geblieben ſein und wiſſen, wo ſich der Herr Lohelius jetzt aufhält. Den zweiten Zettel, der Größe nach, bringe an den Hauptmann der Mannſchaften, die ich im Schloſſe be⸗ reit gehalten hatte.“ „An unſern Hauptmann Paul Palhoy?“ fragte Zaloska. „An ihn“, ſagte Slawata.„Mit dem dritten ſuche meinen Geheimſchreiber Fabricius auf....“ „Das wird ſchwer halten“, fiel Zaloska ein,„denn ich war ſchon in ſeinem Hauſe und hörte von ſeiner Frau, 221 daß er vom Schloſſe gar nicht wieder dorthin gekommen iſt. Niemand weiß, wo er ſich verborgen hält, oder ob es ihm gelungen iſt, aus der Stadt zu flüchten.“ „So gib ihn ſeiner Frau; ſie wird am zeitigſten er⸗ fahren, wo er ſich befindet, wenn ſie es nicht ſchon jetzt ſehr gut weiß.— Aber mit den beiden andern Zetteln hat es größere Schwierigkeit“, fuhr Slawata fort.„Sie ſind für den Herrn Wolfgang Salender von Proſſowitz, Abt zu Braunau, und für den Abt des Kloſters Strahow, Herrn Kaspar von Queſtenberg, beſtimmt. Sie waren geſtern noch Beide in der Stadt. Allein wo ſie heute ſein mögen, wer kann es wiſſen?“ „O, Herr“, entgegnete Zaloska,„ich will es ſchon ausforſchen; ich frage bei den Kloſterpförtnern der ganzen Stadt nach!“ „Ganz recht“, antwortete Slawata.„Der Abt von Braunau hat öfters bei den Theatinern ſeine Wohnung hier in Prag genommen, und der Abt von Strahow iſt vielleicht noch im Kloſter, wie ſehr er auch Urſache haben mag, die jetzige Gewaltherrſchaft zu ſcheuen. Du mußt nur vorſichtig dort nachfragen.“ „Macht Euch nicht Sorgen darum, gnädigſter Herr“, erwiderte Zaloska und kniff die grauen glotzenden Augen pfiffig zuſammen.„Ich werde die Zettel doch beſtellen! Haben wir nicht Freunde genug in der Stadt, auch aus der Gegend von Braunau? Schwerer iſt es hier, die Zettel aus dem Haus und der Gaſſe zu ſchaffen. Sie haben uns ganz durchſucht, als wir herkamen; ſie werden das gewiß wieder thun, wenn wir fortgehen.“ „Gib mir einige der Zettel“, forderte Lucia. „Nein“, widerſetzte ſich Slawata,„dich möchte ich nicht gefährden!“ 222 „Nein, allergnädigſte Frau!“ bat zugleich Jalvals. „Allein laßt mich nur machen!“ Er ſchob einen Zettel unter das Futter ſeiner Miütze; in zwei andere wickelte er Leinwand und Charpie ganz offen ein, und die zwei letzten rollte er, in zwei feine Strei⸗ fen gefalzt, um ſeinen Stock, ſodaß er ſie beim Angreifen deſſelben mit der Hand bedeckte; zur Vorſicht wickelte er aber doch noch eine grüne Schnur darüber, ſodaß dieſelbe eine Art von Knopf bildete, unter dem das Papier ver⸗ borgen war.— Slawata beſprach während deſſen noch Vieles leiſe mit ſeiner Gemahlin, bis dieſe endlich ſchied, doch am nächſten Tage wiederzukommen verſprach. Es geſchah. Zaloska begleitete ſie in der nämlichen Verkleidung wie das erſte mal. Er hatte keck und ſchlau Alles pünktlich beſorgt, was ihm Slawata aufgetragen. Neue, mündliche und ſchriftliche Aufträge führte er ebenſd geſchick aus. Auf dieſe Art knüpfte ſich ein Gewebe von verborgenen Fäden an, wodurch Slawata nicht nur von Allem in Kenntniß erhalten wurde, was ſeine Gegner be⸗ ſchloſſen oder beabſichtigten, ſondern auch in der Stille ſchon die Mittel vorbereitete, um zu günſtiger Zeit ihrer für den Augenblick ſiegreichen Macht wieder entgegenzu⸗ treten. Während dieſes Verkehrs, der ſich einige Wochen fort⸗ ſetzte, genas Slawata allmälig von ſeiner Wunde. 223 Zwanzigſtes Capitel. Die That des 23. Mai hatte, gleich dem Ausbruch eines Vulkans, den ſichern Boden der geſetzlichen, friedlichen Lebenszuſtände erſchüttert und was darauf begründet iſt in gefahrvolles Wanken, Manches ſogar ſchon zum Sturz gebracht. Die verwegenen Vollführer des gewaltſamen Eingriffs in das Heiligthum des Friedens erkannten es als ihre erſte Pflicht, fernerem Verderben geſetzloſer Willkür raſchen Ein⸗ halt zu thun, und den bang erſchütterten Gemüthern die Sicherheit und Ruhe des Geſetzes wiederzugeben. Als zweite Pflicht lag ihnen ob, ihre That nicht nur vor ihrem Herrn, dem Kaiſer, ſondern vor dem geſammten Volk der Böhmen, ſowie dem ganzen deutſchen Vaterlande zu rechtfertigen. Dazu war am 25. Mai eine Verſammlung in das Schloß auf dem Hradſchin berufen. Eine zahlloſe Volksmenge hatte ſich auf den Plätzen und in den Straßen des Hradſchin und vor dem Eingang der Burg geſchaart und ſtand in ge⸗ drängten Haufen, um die Männer, die jetzt das Geſchick des Landes in Händen hielten, in feierlichem Zuge zur Berathung hinaufziehen zu ſehen. Die geſammten Stände Böhmens waren in ihren drei Abtheilungen, dem Herrenſtande, dem Ritterſtande und den Bürgern, vertreten. Obgleich noch nicht vollzählig, da die kurze Zeit noch nicht geſtattet hatte, Alle einzuberufen, doch in ſehr großer Anzahl, ſo⸗ daß ſie den nothwendigen Maßregeln Achtung und Nach⸗ druck zu verſchaffen vermochten. Aber mehr noch als die Zahl, wirkte das Verdienſt der Einzelnen. Nicht die evan⸗ 224 geliſchen Mitglieder der Stände allein, auch die katholiſchen hatten ſich in anſehnlicher Vertretung eingefunden, da Thurn unmittelbar nach der That am 23. Mai, ſo Viele er nur vermochte, durch Boten hatte auffordern laſſen, in Prag zu erſcheinen, während zugleich er ſelbſt und ſeine Freunde überall verkündeten, daß man durchaus keine Verfolgung der abweichenden Glaubensbekenntniſſe beabſichtige. Freund⸗ ſchaft und Brüderlichkeit ſolle herrſchen, und nur die gemeinſame Macht gemeinſame Uebel und die Tyrannei und Gewaltthat Einzelner abwenden, wie ſie durch den Erz⸗ biſchof Lohelius von Prag zu Kloſtergrab und durch den Abt von Braunau dort verübt worden ſei. Ein ſchöner, ſonnenheller Lenztag begrüßte das Ereig⸗ niß, welches einen neuen Frühling über Böhmen herein⸗ führen ſollte. Auf den Thürmen der Stadt weheten Fah⸗ nen, alle Glocken läuteten, während die Ständemitglieder zur Burg hinaufzogen. Die des Herrenſtandes kamen in ihren Staatswagen, die Ritter größtentheils zu Pferde von Dienern begleitet, welche ihnen am Schloßthor die Roſſe abnahmen, die Mitglieder des Bürgerſtandes zu Fuß, in ihrer Feſtkleidung. Das Volk jubelte den Ein⸗ zelnen, die es kannte, auf die es beſonderes Vertrauen ſetzte, zu und warf die Hüte und Mützen hoch, zu ihrer Begrüßung. Thereſe hatte, in begeiſterter Theilnahme an den Er⸗ eigniſſen, auch den lebhaften Wunſch gehabt, dieſem feierlichen Vorgang beizuwohnen; die Gräfin Thurn dagegen wollte dies aus mancherlei Gründen vermeiden. Einestheils weil es ſie in ihrem beſcheidenen ſanften Sinn nicht ſchicklich dünkte, ſich zu den öffentlichen Triumphen ihres Gemahls zu drängen, anderntheils auch, weil ihr ahnendes Gemüth nicht Alles in dem Licht des Glanzes und des Glücks ſah, 225 wie es den Meiſten jetzt erſchien. Auch ihre Tochter Thekla hielt ſie aus ähnlichen Gründen zurück. Nur Thereſe alſo wohnte, begleitet von dem alten Balthaſar und ſeiner Frau, zuſchauend dem Aufzuge bei. Sie hatten einen ſehr gün⸗ ſtigen Platz, auf einer, einem Altan ähnlichen Erhöhung in der Nähe des erzbiſchöflichen Palaſtes, von wo ſie ſowol das Ganze weit überſehen, als jedes Einzelne wahrnehmen konnten. Es war ein erhebender und glanzvoller Anblick zugleich. Das Volk ſtand dicht gedrängt auf beiden Seiten des Weges, den der Zug nahm; Reiterpiquets waren an verſchiedenen Punkten aufgeſtellt und Hartſchiere zu Fuß mit ihren breiten Hellebarden zogen Spaliere durch die nächſten Räume bis zum Schloßthor, damit die Zugänge nicht durch das Gedränge geſperrt würden. Die Fahnen der Soldaten weheten hoch; auch bewaffnete Bürger waren in Reihen aufgeſtellt und halfen die Ordnung ſchützen, zum Zeichen, daß es nicht eine äußerliche, einzelne Macht ſei, die ſich hier willkürlich geltend mache, ſondern daß das ganze Land ſich ſelbſt hier vertrete und ſein Wünſchen und Wollen ausdrücke. Aus allen Fenſtern ſchauten geſchmückte Frauen. Teppiche hingen, wie bei den großen Kirchen⸗ feſten, an den Häuſern herab. Grüne Kränze und Blumen⸗ gehänge zierten die Mauern und zogen ſich quer über die Straßen. Die Bahn für den Zug war reich mit Blumen und grünen Zweigen beſtreut. Der mailich grünende Wald und alle Gärten Prags hatten die Spende geliefert, um die Häuſer und Gaſſen ſo feſtlich zu ſchmücken. „Dort reitet unſer junger Graf, Beata“, rief Balthaſar ſeiner Frau zu und zeigte auf einen ſtattlich zu Roß ſitzenden jungen Ritter, der den zum Hradſchin an⸗ ſteigenden Weg hinauf, an einem Piquet geharniſchter Reiter vorüberſprengte.„Seht, wie er den Schimmel in der 10 K*½ 226 Gewalt hat! Das Thier iſt ordentlich ſtolz auf ihn. Wie es den Kopf trägt und die Mähne ſchüttelt. Das iſt aber auch ein Reiter, unſer Graf Heinrich!“ Thereſe blickte mit erweckter Theilnahme hinüber. Sie hatte in dieſen unruhigen Tagen den jungen Grafen Thurn noch gar nicht im Hauſe des Vaters geſehen. Er glich mehr der Mutter als dem Vater; der Adel ſeiner Züge verſchmolz ſich mit einer ſanften Anmuth und ſein blaues Auge blickte ebenſo freundlich als feurig. Er ſaß zu Pferde, als ſei er auf dem Sattel geboren; ſo leicht und ſicher, ſo zwanglos und doch ſo ſtolz. Aus ſeinem jugendlich arg⸗ loſen Antlitz ſprach reine Freude und Begeiſterung über das Glück und den Nuhm dieſes Tages, der dem Vaterlande, ſo wähnte er, ein ſolches Heil gebracht und noch größeres verſprach! Thereſen ergriff es mit einer unnennbaren Wehmuth, als ſie den Jüngling, das Glück und der Stolz ſeiner Aeltern, ſo freudig, ſo hoffnungsüberreich, von der Sonne des Frühlings umleuchtet, zwiſchen den bewegten Volks⸗ maſſen hindurchſprengen ſah. Es war ihr als ſehe ſie ein ſchönes Traumbild vor ſich, hinter deſſen roſigem Morgen⸗ ſchimmer ſchon unheimlich düſteres Gewölk heraufziehe, als Vorbote künftiger ſchwerer Gewitter! Ein Tromkpetenſtoß ertönte. Die Führer der Soldaten gaben Signale mit dem gezogenen Schwert, die Flügelleute winkten mit Gewehren oder Hellebarden; die aufgeſtellten Mannſchaften traten ſcharf gerichtet ins Glied. Es näherte ſich ein mit vier prächtigen Braunen beſpannter Wagen. Zwei Herren von älterem, würdigem Anſehen ſaßen darin. „Wer ſind die Beiden?“ wandte ſich Thereſe zu Beata. „Der im violetten Sammetkleide, mit Gold geſtickt, iſt der Graf Joachim Andreas von Schlick“, antwortete dieſe. 227 „Aber wer iſt denn der Andere, Balthaſar, der im grünen Mantel?“ „Das iſt ja der Herr Wilhelm Popell von Lobkowitz, der Aeltere, du mußt ihn ja oft in unſerm Hauſe geſehen haben!“ erwiderte dieſer. „O ja, geſehen wol“, antwortete die Frau,„allein unſereins ſieht die Herrſchaften ohne zu wiſſen, wer ſie ſind.“— Thereſe betrachtete beide Männer, deren berühmte Namen ſie wohl kannte und die nicht nur als Abgeordnete des Herrenſtandes und wegen ihres Ranges und Reich⸗ thums allgemein geachtet waren, ſondern auch wegen der Würde, die Ihnen ihre Jahre, ihre Ritterlichkeit und Tu⸗ gend gaben. Gleich hinter ihnen kamen wieder zwei Herren in einem Wagen. Balthaſar nannte ſie ungefragt. Es waren Gottlob Berka von der Daub und Wenzel von Raupowa, auch kurz Ruppa genannt.„Sie ſind auch vom Herrenſtande“, fügte er erläuternd hinzu. Es folgten jetzt mehrere Wagen, in denen Herren und Ritter ſaßen, die er nicht kannte. Plötzlich rief er:„Da, den ſeht euch an! Dort, den auf dem Goldfuchs, mit den ſchwarzen Federn auf dem Barett, im braunen Wamms mit den Goldlitzen. Das iſt der kai⸗ ſerliche Rath Ritter Procop Dworſchetzli von Olbramowitz! Seht, was der für eine Stirn hat und ein Auge! Das glaubt nur, das iſt ein Mann von Eiſen, wie ſchon ſein Vater! Ich habe auch den Vater noch gekannt, der machte ſchon dem Kaiſer Maximilian II. zu ſchaffen. Und der Sohn geht in ſeinen Fußſtapfen. Hat der einmal Ja geſagt, ſo bringt ihn kein Teufel und kein Heiliger zum Nein ſagen! Mir däucht immer er hätte ſollen Kriegsoberſt werden, wie unſer Herr Graf. Dazu taugt er gewiß noch mehr als zum Rath, wiewol er ein grundgelehrter Mann 228 ſein ſoll.“ Thereſe hing mit unverwandten Blicken an der würdigen, ſtolzen Geſtalt. Schon in hochreifen, männlichen Jahren ſaß er doch ungebeugt zu Roß. Halb ergrautes Haar kränzte ſeine hohe Stirn; die ſchwarzen Augen leuch⸗ teten wie Zwillingsſterne unten den buſchigen, faſt zuſam⸗ mengewachſenen Brauen hervor. Seine Züge waren ſtreng, doch der Blick freundlich und ein Lächeln ſchwebte um den Mund. Das Pferd hob ſich im kurzen, geſammelten Ga⸗ lopp, es bäumte faſt; der Reiter ſah ruhig rechts und links und nickte nur dann und wann grüßend in die Menge hinein. „Er gleicht der Eiche“, dachte Thereſe,„er bricht im Sturm, er beugt ſich nicht!“ „Den ehrwürdigen Herrn im braunen Sammetkleide, der jetzt in dem Wagen mit den beiden Schimmeln heran⸗ kommt, ſeht Euch ebenfalls recht genau an“, ſagte Balthaſar eindringlich zu Thereſen.„Es iſt der Herr Kanzler Bu⸗ dowecz von Budowa, ein hochgelahrter Mann. Er iſt wol ſchon ſiebzig Jahre!“ Thereſens Bruſt erfüllte ſich mit Ehrfurcht, als ſie den berühmten Mann erblickte, von dem ſie ſchon durch den Bater Nechodom ſo Vieles gehört hatte. Ihr Auge heftete ſich unverwandt auf ihn, bis er vorüber war. „Unſer Herr Graf!“ rief Balthaſar plötzlich laut aus. „Seht da unſern Herrn, neben dem Freiherrn von Fels; eben biegen ſie um die Ecke, dort unten, wo die rothen Hartſchiere ſtehen.“ „Wer iſt es, der neben dem Grafen reitet?“ fragte Thereſe, die den Namen überhört hatte. „Es iſt der Freiherr Leonhard Colon von Fels, auch einer unſerer Glaubensdefenſoren“, belehrte ſie Balthaſar, 229 „unſer Graf und er, das ſind die erſten Feldhauptleute Böhmens jetzt.“ Thurn wurde von dem Volke mit Jauchzen begrüßt. Er ritt neben Colon von Fels im Schritt durch die froh be⸗ wegte Menge hin, die die Hüte und Tücher ſchwenkte und einmal über das andere ihm ein lautes Lebehoch, in das die Trompeten ſchmetterten, darbrachte. Freundlich grüßte der Graf nach allen Seiten und reichte eben ſo oft ſeinem Waffengefährten die Hand dar, ſie kräftig und herzlich ſchüttelnd, als wolle er ſagen: Wir Beide ſind Eins und euer Jauchzen muß dieſem ſo gut gelten wie mir! Colon von Fels blickte etwas ſtolz und unbehaglich darein. Es mochte ihn verdrießen, daß er nur der Zweite bei dieſer Aufnahme im Volke war, oder eigentlich gar nicht beachtet wurde, während Thurn's Name fortdauernd die Lüfte er⸗ füllte. Als Thurn bei der Stelle anlangte, wo Thereſe ſich mit ihren Begleitern befand, erkannte er ſie und grüßte und winkte ihnen freundlich zu.„Das iſt ein Herr!“ rief Balthaſar und richtete ſich ſtolz auf. „Ach, ſo gut und herablaſſend“, ſtimmte Beata ein, „aber mir ſcheint doch, er ſieht recht ernſthaft aus!“ In Thereſens dunkeln Augen ſtanden glänzende Thrä⸗ nen der Erhebung. Eine ganze Zeit lang bewegte ſich der Strom der zum Schloß Andrängenden noch vorüber. Balthaſar beeiferte ſich, den Namen eines Jeden zu nennen, den er kannte; und er kannte die Meiſten. „Das iſt Chriſtoph Vitzthum von Vitzthum, dieſer, Hans Litwin von Reziczan; der auf dem Rappen dort Rit⸗ ter Friedrich von Biela; der mit dem rothen Federbuſch der Ritter Hans Woſtrowitz von Kralowitz. Da gehen auch die Bürgerdeputirten, der gelehrte Procurator Martin 230 Frühwein, ein Mann von der Feder, wie unſer Graf einer vom Schwert; neben ihm Valentin Kochan und Tobias Steffeck. Der dort hinten im ſchwarzen Wamms und Barett, das iſt der Doctor der Rechte Daniel Baſilius, und die Beiden, die ihm folgen, ſind zwei hochberühmte Aerzte, der Doctor Borbonius und der Director des Carolinums, Herr Jeſſenius von Jeſſen; er iſt kein Böhme, ſondern ein Ungar, eigentlich ein Slowak, aber gut böhmiſch geſinnt!“ Thereſe war ſo tief von dem Ganzen des Herganges ergriffen, daß ſie dieſe Worte und Namen vieler ihr un⸗ bekannter Männer nur wie ein leeres Geräuſch, wie einen Schall, der in einen tiefen Traum dringt, vernahm. Ihr ſeit Thurn's Erſcheinen thränenumdunkeltes Auge ſah auch die Geſtalten nur halb wie hinter einem Schleier vor⸗ überziehen. „Sieh nur, Beata“, ſtieß Balthaſar ſeine Frau leiſe an und zeigte verſtohlen auf Thereſe,„ſie weint!“ „Weißt du“, antwortete dieſe ebenſo leiſe, während Thereſe in ſich verſunken auf die bewegte Volksmenge hin⸗ blickte,„mir iſt auch nicht froh zu Muthe! Unſer Herr ſah mehr traurig als freudig aus! Ich fürchte immer....“ „Was fürchteſt du?“ fragte Balthaſar halb unwillig. „Iſt heut nicht ein Tag des Ruhms und der Herrlichkeit für ihn und für das ganze Land? Er ſah mir, wie er ſo prächtig vorbeiritt, aus, als wenn er der König von Böhmen wäre! Und das wird er vielleicht noch! Was klagſt du alſo und fürchteſt!“ „Daß nicht Alles ſo geht, wie Ihr hofft!“ erwiderte Beata.„Der Mönch hat ſich nicht umſonſt gezeigt!“ „Was Mönch!“ Glaubſt du auch an das Ammen⸗ märchen?“ ſchalt Balthaſar. 231 „Nathanael will ihn doch geſehen haben, gerade um Mitternacht—“ „Narrheiten!“ erwiderte Balthaſar. „Die alte Urſula hat ihn auch unter den Fenſtern des Grafen in der Mauer verſchwinden ſehen!“ „Die Alte ſieht Geſpenſter am hellen Tage; ſie hat's dem Nathanael vorgeſchwatzt und der leichtgläubige Narr ſchwatzt es nach und bildet ſich zuletzt die Thorheit wirk⸗ lich ein!“ „Nein, Balthaſar, ſo iſt es nicht! Der Mönch hat ſich gezeigt! Und du biſt doch lange genug im Hauſe, um zu wiſſen, daß das immer geſchieht, wenn ein Unglück droht!“ „So lange ich dem Grafen diene, iſt nichts der Art vorgekommen und ich glaube einmal nicht daran!“ ant⸗ wortete er. „Freilich; ſeit wir verheirathet ſind iſt Gott ſei Dank Alles glücklich hergegangen, aber als ich noch ein kleines Kind war, als wir noch in Friaul wohnten, drei Tage vor dem Tode des Vaters unſeres Herrn...“ „Nun, da warſt du ein kleines Kind und kindiſch“, unterbrach ſie Balthaſar. „Allein meine Mutter hat mir's oftmals wiedererzählt, daß in der Hauskapelle,— die Herrſchaft war damals noch katholiſch— um Mitternacht ein uralter Mönch in ſchwarzer Kutte, mit ſilberweißem Bart...“ „Gott!“ rief Thereſe laut aus,„was ſeh ich— der Greis mit dem ſilberweißen Bart— wer iſt das?“ Sie faßte dabei ſo heftig Balthaſar's Arm und deutete mit der andern Hand auf einen Wagen, der eben ſichtbar wurde, daß der alte Diener, der in ſeinem Geſpräch mit Beaten ihrer ganz vergeſſen hatte, ordentlich zuſammenſchreckte. 232 „Der Greis dort“, wiederholte Thereſe und zitterte vor Aufwallung. „Das iſt ja der alte ehrwürdige Herr Caplicz von Sulewicz, Böhmens oberſter Landſchreiber; ja er hat ſeine vierundachtzig Jahre!“ „Als ob ich ihn ſelbſt ſähe!“ rief Thereſe aus;„ganz ſein ehrwürdiges Patriarchenhaupt!— Ein Märtyrerkopf!“ ſetzte ſie ſchauernd hinzu, in der lebhaft erweckten Erinnerung an ihren geliebten Vater Nechodom. „Der alte Herr ſieht wahrhaftig aus wie ein Heiliger“, ſagte Beata fromm. „Ja, ein Heiliger!“ wiederholte Thereſe. „Es iſt mir auch ordentlich feierlich, daß ich ihn ſo feſtlich geſchmückt ſehe“, meinte Balthaſar;„der ſchöne ſchwarz⸗ ſeidene Mantel läßt ihm wie ein Prieſtergewand!“ „Wie Silber glänzt ihm das Haar unter dem ſchwarzen Barett“, ſagte Beata,„und der ehrwürdige weiße Bart!“ Thereſe vermochte nicht zu ſprechen. Eine unnennbar ſchmerzliche Wehmuth überwältigte ſie faſt; ſie fühlte ſich wie von einem tiefen Traum gebunden. Das Volk grüßte den Greis mit höchſter Ehrerbietung; Alle ſtanden unbedeckten Hauptes, gebeugt. Da er wieder⸗ grüßend das Barett lüftete, ſah man ſeine vom lichten Silberhaar umkränzten Scheitel. Mit frommen, treuen Augen blickte er umher, über die Volksmenge hin; Friede lag auf ſeinem Antlitz. „Der Ritter neben ihm in dem dunkelgrünen, gold⸗ geſtickten Wamms, mit dem hohen Federhut“, fragte Beata, „muß wol auch ein ſehr vornehmer Herr ſein? Er ſieht ſo kühn und trotzig aus, wie der alte Herr milde und fromm!“ „Es iſt ſein Neffe, der Ritter Paul Caplicz!“ belehrte ſie Balthaſar.„Ein wilder Tollkopf“, fuhr er halblaut —— 233 fort;„ſie erzählen, er habe die erſte Hand an die Statt⸗ halter gelegt! Er ſoll den Burggrafen von Karlsſtein zuerſt ergriffen und zum Fenſter gezogen haben.“ Thereſe hörte nichts von dieſen Worten. Ihr Blick und ihre Seele hingen unverwandt an dem Greiſe, deſſen Bild ihr ſo ſchmerzliche Erinnerungen weckte. Sie war ganz verſenkt darin. Da ſchwebte hehres Glockengeläute vom Thurme der Schloßkirche herab und zugleich donnerte der Hall eines Kanonenſchuſſes durch die Lüfte. Thereſe fuhr empor. „Das ſind die Begrüßungsſchüſſe“, ſagte Balthaſar, „nun wird der Sitzungsſaal geöffnet.“ Jetzt erſt gewann Thereſe ihre natürliche Stimmung wieder, ſah die Welt um ſich her, den ſonnigen Maitag, die wogende Volksmenge. Allein ſie ertrug dieſe Eindrücke nicht und bat Beaten mit Thränen, aus dieſem Gewühl fort, nach Hauſe mit ihr zu gehen. „Um des Himmels Willen, Kind, was iſt Euch denn?“ fragte dieſe beſorgt,„ſeid Ihr krank?“ Thereſe zitterte wie im Fieber. „Ach, Ihr wißt nicht, was ich erlebt habe! Solch ein ehrwürdiges Haupt! Die blutigen Mörderhände, die ſich danach ausſtreckten!“ „Heiliger Gott, behüte uns vor ſolchen Gräueln!“ ſagte Beata zurückſchreckend. Thereſe blickte, von ihren Erinnerungen überwältigt, zitternd, doch unverwandt dem greiſen Caplicz nach. „Laß uns nach Hauſe gehen“, ſagte Beata leiſe zu ihrem Mann. „Ja wol, ja wol“, antwortete dieſer ebenſo;„ſie iſt ja ganz wie verſtört! Der Zug iſt ja auch vorüber!“ 234 „Kommt fort, ich bitte euch, ich vermag es nicht mehr zu ſehen“, flehte Thereſe. Beata und Balthaſar brachen mit ihr auf. Thereſe ging, von Beiden geſtützt; ihr Fuß ſchwankte. Die blutigen Geſichte wollten nicht von ihr weichen. Waren ſie Erinnerungen? Waren ſie Ahnungen? Einundzwanzigſtes Capitel. Wie verſchieden die Meinung der auf dem Schloß Ver⸗ ſammelten ſein mochte, darin waren Alle für Einen, daß die durch die Gewaltthat plötzlich geſprengten Bande des Geſetzes vor allen Dingen hergeſtellt werden mußten, damit nicht feſſelloſe Willkür der Maſſen, ſchlimmer als die blu⸗ tigſte Tyrannei Einzelner, Frieden und Heil des Landes wie ein Abgrund verſchlinge. Thurn hatte ſchon für ſich ſelbſt mit Kraft, Eifer und Entſchloſſenheit gleich nach der Gewaltthat gegen die Statthalter jeden Ausbruch zügelloſer Leidenſchaft der Menge gehindert. Zumal hatte er gedroht, gebeten und beſchworen, daß nichts Feindſeliges gegen die Katholiken unternommen werde, damit die verzweifelte That der glaubensbedürftigen Proteſtanten nicht ein falſches, ge⸗ häſſiges Anſehen gewinne. Dieſe Geſinnung wollte er, bei allem Ernſt, aller Heftigkeit ſeiner Beſchwerden, auch jetzt in der Verſammlung geltend machen. Als die Abgeordneten ihre Plätze genommen hatten, erhob er ſich daher und ſprach: „Würdige Herren und Freunde! Unſer Vaterland Böh⸗ 235 men hat ſich in ſeiner Kraft und in ſeinem Recht muthvoll erhoben, aber nur um ſchreiende Unbill von ſich abzuwen⸗ den, die uns ſeit langen Jahren durch verrätheriſche Diener unſeres allergnädigſten Herrn des Kaiſers zugefügt worden iſt. Wir werden aber die gerechte Sache nicht durch ge⸗ waltſame Thaten gegen Unſchuldige beflecken! Vom erſten Augenblick an habe ich, ſo viel ich vermochte, die wilden Ausbrüche der Leidenſchaft, die ſich, ohne Urtheil und Maß, in aufgeſtörter Volksmaſſe geltend machen, gezügelt und ge⸗ hemmt. Es iſt mir mit Hülfe meiner ehrenwerthen, getreuen Freunde gelungen, die Ruhe und das Geſetz in der Stadt ſchon am geſtrigen Tage ſo feſt herzuſtellen, daß Niemandes Recht, Beſitz oder gar Leib und Leben von irgendwem gekränkt iſt. Schuldbewußte haben ſich geflüchtet, weil ſie wol vermuthen durften, daß ſie zur ſchweren Rechenſchaft gezogen werden würden. Aber nur auf Berathung und durch Rechtsbeſchluß ſoll es geſchehen. Kein Einzelner darf Rache oder Gewaltthat am Einzelnen üben. Wollt ihr mir und meinen Freunden euer Vertrauen ſchenken, bis wir ein geordnetes Regiment eingeſetzt haben, für Recht und Sicher⸗ heit Sorge zu tragen, ſo verpfände ich Ehre und Leben dafür, daß Prag und Böhmen ganz ſo unter dem Schutz des Geſetzes ſtehen ſoll wie jemals bisher. Kein Einzelner hat für Recht, Eigenthum oder Leben zu fürchten. Vertraut ihr uns Das an, ſo rufet euer Ja!“ Es erſcholl wie aus einem Munde. „Das war“, fuhr Thurn zu ſprechen fort,„die erſte Pflicht unſerer Verſammlung; kein Schuldloſer durfte fer⸗ ner in Furcht leben in Böhmen oder in ſeiner Hauptſtadt. Wir haben jetzt die zweite zu erfüllen, Rechenſchaft von unſerer That zu geben, vor euch, vor des Kaiſers Majeſtät, vor der ganzen Welt.“ 236 Ein lauter, allgemeiner Zuruf begrüßte dieſe Worte. „Unzählbare ſchwere Bedrückungen“, fuhr Thurn mit erhobener Stimme und tiefgefurchter Stirn fort,„ſind es, die uns zum Aeußerſten getrieben, weil es kein anderes Mittel mehr gab. Der unerträgliche Druck, den alle utra⸗ quiſtiſche Glaubensgenoſſen erduldet, die Schließung ihrer Kirchen, die verruchte Grauſamkeit, mit der ſie gemishandelt wurden, um ſie mit Zwang wieder zur päpſtlichen Kirche zu treiben, ſchrie zum Himmel auf! Wir mußten ihn abſchütteln, wollen aber nicht Gleiches mit Gleichem ver⸗ gelten. Auch haben wir Alle gemeinſam viele andere, gerechte, dringende Beſchwerden, gegen die wir uns in treuer Einigkeit erheben müſſen. Wir Alle haben, nicht jetzt allein, ſondern ſeit langen, langen Jahren ſchon, geduldet und geſeufzt unter den Ränken und der Tyrannei treuloſer Ver⸗ walter! Fremde Söldner ſind uns ins Land geführt wor⸗ den, die ſich genährt haben von den Früchten unſeres Fel⸗ des, gedüngt mit dem Schweiß unſerer Landleute!“ Ein unwilliges, zuſtimmendes Murmeln in der auf⸗ horchenden Verſammlung ließ ihn einige Augenblicke ſchweigen. „Ich ſpreche nicht von meinen Glaubensgenoſſen allein! Werden wir aber nicht Alle durch unerhörte Steuern be⸗ laſtet, die Folgen ſolcher verrätheriſchen Unternehmungen? Wer ſollte die Kriegskoſten zahlen? Wir, gegen die der Druck gerichtet war?—— Und möchte, was einmal ge⸗ ſchehen und vergangen iſt, vergeſſen ſein. Aber wie iſt die Gegenwart? Das Recht wird nach Gunſten geübt; die Proceſſe werden in endloſe Länge geſchleppt, damit die Richter und Advocaten länger am Mark der Klagenden und Verklagten ſaugen können; die öffentlichen Gelder werden vergeudet, die Rechte der Stände, welche die des geſammten 237 Landes vertreten, willkürlich beſchränkt.*) So verkehrten und hauſten bis jetzt Diejenigen, welche im Namen des Kai⸗ ſers unſeres erwählten Königs das Land verwalten! Unſere Beſchwerden wurden nicht gehört, weil man uns beim Kaiſer verleumdete. Martiniz und Slawata, ich nenne ſie ohne Scheu, waren es, die in Gemeinſchaft mit den Jeſuiten, die uns wider Willen ins Land gedrungen ſind....“ Hier erſcholl ſtürmiſcher, bekräftigender Zuruf, ſodaß der Redner inne halten mußte; nachdem es ruhiger geworden, fuhr er fort: „Sie ſind es, die beſtändig Gift geſäet haben in das Vertrauen und die Liebe zwiſchen dem Kaiſer und uns, ſei⸗ nen getreuen Böhmen!“ Erneuter Zuruf erſcholl. „Sie ſchilderten uns ihm als gräuliche Ketzer, die der Hölle verfallen ſeien. Darum mußten unſere Bedrücker ge⸗ ſtürzt und dieſe ewigen Friedensſtörer, die Jeſuiten, müſſen des Landes verwieſen werden.“ Aufſtürmender Ausbruch der Beiſtimmung erſcholl. „Ja, all unſer Unheil ſchüren dieſe Helfershelfer unſerer Bedrücker. Sie verleumden uns in Worten und Schriften, im Lande und beim Kaiſer. Unſere gerechte Vertheidigung gegen ſolche Anſchuldigung dringt nicht bis zum Thron des guten, milden Herrſchers; wol aber wird ſein Ohr täglich mit Anſchwärzungen und falſchen Anklagen erfüllt!“ „So iſt es“, rief Olbramowitz mit lauter Stimme. „Ja ſo iſt es!“ wiederholten Viele. Thurn ließ dieſen Ausbruch der Stimmung, der ihm die Wirkung ſeiner Worte kund that, erſt vorübergehen, dann fuhr er mit ruhiger, wohl überdachter Rede fort: „Kaiſer Rudolf, wie Schweres er uns angethan, wollte uns wohl; er liebte die Böhmen, die ihn zum Könige ge⸗ wählt hatten! Er wohnte unter uns in dieſer Hauptſtadt Prag. Wenn ſein durch Unglück gebrochener Muth, ſein einſames Sinnen und Denken ihn auch ſcheu gemacht hatten vor Menſchen, daß er ſich Allen meiſt verbarg, er blieb uns doch nahe, unſer Wort konnte zu ihm dringen. So erreichten wir es, daß er uns den Majeſtätsbrief ge⸗ währte, der unſern Glauben ſchützen, ihm gleiche Rechte mit den Katholiſchen in dieſem Lande geben ſollte!“ Die Erwähnung dieſer Verbriefung der Glaubensrechte brachte eine lebhafte Bewegung in der Verſammlung hervor. „Aber was der Majeſtätsbrief verſpricht, wird nicht gehalten! Pfäffiſche Herrſchſucht und jeſuitiſche Hinterliſt verfälſchen ihn überall! Umtriebe aller Art werden gegen ihn und uns gerichtet, Schmähſchriften der Jeſuiten, die da lehren: „Man müſſe uns Ketzern nicht Wort halten!»“*) Thurn wurde, wie es ihm ſtets im Reden geſchah, hef⸗ tiger und heftiger. „Endlos“, rief er,„ſind, wie ihr Alle wißt, die Be⸗ drückungen. Zumal die argliſtigen Verſuche, unſere Glaubens⸗ brüder abwendig zu machen durch Betrug, Kauf, Beſtechung, Bedrohung, Bedrängung und Beſtrafung! Angeſtellt vollends ward bisher Niemand als die Abtrünnigen; zu Aemtern be⸗ fördert werden nur die Katholiken. Die proteſtantiſchen Pfarrer ſind geknechtet, bedroht, verdrängt, wurden ab⸗ geſetzt, verjagt! Und alles Das, wie ich feſt betheuern darf, gegen den Willen des Kaiſers, nur durch die Ränke ſolcher Diener und Verwalter des Regiments, die das gleiche Spiel ſpielen mit den herrſchſüchtigen und feindſeligen Mit⸗ *) Hiſtoriſch. 239 gliedern dieſer Geſellſchaft Jeſu, die man eher eine Ge⸗ ſellſchaft des Holofernes heißen ſollte!“ Lärmender Zuruf erſcholl bei dieſen Worten. „Was Wunder, daß endlich das Gefäß überſtrömte“, fuhr Thurn mit ſteigendem Eifer fort.„Ich will nicht loben, was vorgeſtern geſchehen iſt. Allein wer will uns verdammen? Wer da bedenkt, was und wie lange wir duldeten, der wird ſagen, wir haben Maß gehalten!“ Nur die Aergſten ſtrafte die heftige That des Augenblicks! Nur ſie wurden gerichtet, wie es von Alters her in Böh⸗ men Gebrauch geweſen, wenn das mishandelte Volk end⸗ lich ſelbſt Recht ſprach in eigener Sache wider beſtochene und treuloſe Richter.“ Ein unermeßlicher Aufruhr erhob ſich in der Verſamm⸗ lung.„Ihnen iſt Recht geſchehen! Sie haben den Lohn verdient! Niemand kann uns tadeln!“ erſcholl der Ruf einzelner Stimmen über den Tumult im ganzen Saale. „Freilich wird man dem Kaiſer unſere Sache nicht ſo vorſtellen!“ begann Thurn wiederum.„Die gerechte, letzte Nothwehr, die wir geübt, nachdem alle Mittel erſchöpft waren, o, ſie werden ſie ihm als die That der ſchwärzeſten Bosheit ſchildern! Darum müſſen wir offen vor aller Welt für uns ſelbſt auftreten. Wir müſſen ihr darlegen, was uns zum Aeußerſten getrieben! Wir müſſen das freie Wort der Wahrheit ſprechen und es ſchützen durch die männ⸗ liche That! Unſer Recht, unſere Ehre, unſere Sicherheit fordern es! Denn unſere Feinde ſind wach und der Durſt ihrer Rache heiß! Böhmen! Brüder! Seid ihr meines Sinnes?“ Mit dieſem Ruf trat der Graf, der die Flamme ſeines Eifers durch ſeine eigenen Worte zur höchſten Höhe ge⸗ ſchürt hatte, mitten in den Kreis der Verſammelten. Er 240 zog das Schwert, hob es hoch empor und rief:„Dieſe Waffe ſchütze unſer Recht! Wollt ihr mir folgen?“ Alle ſprangen auf von ihren Seſſeln; im Augenblick waren die Schwerter entblößt, und ein Ruf der Begeiſte⸗ rung, des Stolzes, des Sieges erfüllte den Saal. Mit wildem Tumult ſtürmten die Ritter auf, umringten Thurn, ergriffen ſeine Hände zu feurigem Druck, ſchloſſen ihn in ſeine Arme, er wurde faſt erdrückt! „Ruhig, ruhig, Freunde“, bat er;„Vieles iſt zu be⸗ rathen, mit Beſonnenheit zu beſprechen! Setzt euch wieder! Ich bitte euch!“ Nur mühſam ſtellte ſich die Ruhe her, Alle waren ſo in flammenden Eifer gerathen, daß ſie ſich blind in jede Gefahr, auf jede noch ſo kühne und unbeſonnene That ge⸗ ſtürzt hätten. „Ich habe ſchon gehandelt, Freunde“, redete Thurn ſie von neuem an, als ſie die Seſſel eingenommen hatten,„was ich euch ſo eben nur in den Hauptzügen in Erinnerung ge⸗ bracht, das iſt bereits nach genauer Berathung mit einigen der ehrenwertheſten Männer des Landes in eine Denkſchrift gefaßt, die wir als unſer feierliches Manifeſt dem Kaiſer überſenden und ſie zugleich in alle Welt ausgehen laſſen wollen, damit Niemand uns falſch nach verleumderiſchen Darſtellungen beurtheile. Wollt ihr die Schrift hören?“ „Ja, ja“, erſchallte es von allen Seiten im Saale. Einzelne riefen:„Nein! Es iſt nicht nöthig! Wir wiſſen, was geſchehen iſt! Wir unterzeichnen die Schrift, wie ſie da iſt!“ Thurn, Graf Schlick, Budowa und vor Allen der greiſe Caplicz und Andere beſchwichtigten dieſen über das Maß gehenden Eifer. „Ihr müßt genau wiſſen, was ihr thut, lieben Freunde“, 241 ſprach der Greis,„ſonſt hält euch die Welt für leichtſinnig in wichtiger Sache! Wir ſelbſt wollen, was wir aufgeſetzt, noch einmal ſorgfältig mit euch berathen, damit wir eines Jeden Meinung hören. In ſo ernſter Angelegenheit muß jedes Wort erwogen werden.“ Allmälig ſtellte ſich die Ruhe her, und der Abgeord⸗ nete des Bürgerſtandes, der gelehrte Martin Frühwein, der das Document abgefaßt hatte, fing an es vorzuleſen. Die einzelnen Stellen wurden oft durch zuſtimmenden Ruf hervorgehoben oder erfuhren eine kurze Berathung. Von den katholiſchen Ständen war freilich nur eine Minderzahl zugegen, allein viele der Beſchwerden theilten auch ſie, und die Billigen unter ihnen konnten nicht leugnen, daß die Klagen der Proteſtanten gerecht ſeien. Einiges erzeugte die höchſte Aufregung in der Verſammlung, obgleich Thurn es in ſeiner einleitenden Rede ſchon berührt hatte. So hieß es:*) „Das Land wird ſeit Jahren gepeinigt durch Umtriebe der Jeſuiten, es wird überſchwemmt durch Ichmähſchriſten, die von ihnen ausgehen, durch Verleumdungen, die uns, die Evangeli⸗ ſchen, in ſchwärzeſten Farben ſchildern. Und ſie lehren darin: «Den Retzern muſſe man nicht Wort halten, ſondern ſie zur katholiſchen Religion zurüchtreihen oder ſie ausrotten.)“ „Ja“, rief Olbramowitz und ſtand auf:„So iſt ihre Lehre! So iſt ihr Thun! Mit den Jeſuiten iſt nicht hauſen in Böhmen! Wir müſſen fort oder ſie!“ „Sie, ſie!“ erſcholl der Ruf von vielen Stimmen gleich⸗ zeitig.„Fort mit dieſen Heuchlern, dieſen Giftmiſchern!“ *) Hiſtoriſches Document. Rellſtab, Drei Jahre. 2. Aufl. I. 1. 11 242 „Ruhe, Ruhe, Freunde“, ermahnte der Patriarch Ca⸗ plicz.„Nicht der Sturm augenblicklichen Eifers darf ſie verjagen; ein ruhiger, beſonnener Beſchluß muß ſie ver⸗ bannen, wenn ſie es verdienen!“ Man hörte auf die beſchwichtigende Rede des Greiſes und die Schrift wurde weiter verleſen: „In unſerm Majeſtätsbriefe, den Je. Majeſtät der deutſche Raiſer und böhmiſche erwählte Rönig Rudolf II. zum Schutze unſers Glaubens erlaſſen und den Ew. Kaiſerliche Majeſtät be⸗ ſtätigt haben, heißt es: «Niemand ſoll der Religion halber den Andern bedrängen, ſondern Alle als treue Freunde für einen Mann ſtehen.»“ „Hört, ihr Böhmen! Niemand ſoll den Andern be⸗ drängen“, rief Paul Caplicz, der Neffe;„aber wie ſind unſere Glaubensbrüder bedrängt worden durch Martiniz und Slawata und ihren hämiſchen Spürhund Fabricius! Darum iſt ihnen Recht geſchehen!“ „Ja, es iſt ihnen Recht geſchehen“, ſchrien andere ein⸗ fallende Stimmen. „Ruhe, mein Sohn! Ruhe, meine Freunde“, bat ſanft der ältere Caplicz. Martin Frühwein verlas weiter alſo: „Niemand ſoll der Religion halber den Andern bedrän⸗ gen. Die vereinigten Stände, Herren, Adel, die Otadt Prag, die Bergſtädte und die andern ſammt ihren Unterthanen, in HZumma Alle, die ſich zu der böhmiſchen, Raiſer Maximilian anno domini 1575 übergebenen Confeſſion bekennen,«Rei⸗ nen ausgenommen.......„** 243 „Keinen ausgenommen!“ wiederholte eine Stimme. „ſollen dieſelbe frei, ungehindert aller Orten üben und ver⸗ bringen, bei ihrem Glauben, Religion, Prieſterſchaft und Rirchen⸗ ordnung bis zu einer gänzlichen Vereinigung der Religion im heiligen Reiche friedlich gelaſſen werden!“ „Prieſterſchaft! Habt ihr gehört?“ rief Berka von der Daub.„Und wie haben ſie unſere Prieſter bedrückt und, verfolgt!“ „Ruhe! Hört weiter!“ „Friedlich gelaſſen werden! Hört ihr?“ ſchallten ver⸗ ſchiedene Stimmen durcheinander. „Jetzt merkt wohl auf, Freunde“, ſprach Thurn laut, und erhob ſich im Seſſel.„Jetzt folgen die wichtigſten Stellen des Majeſtätsbriefs, die unſer Recht ſonnenklar erweiſen!“ Frühwein las: „Wenn auch Jemand aus den proteſtantiſchen Ständen, augerhalb der Rirchen⸗ und Gotteshäuſer, welche ſie jetzund halten und ihnen vorhin zuſtändig, irgend in Slädten, Städt⸗ lein oder Dörſern, oder anderswo wollten oder ſollten mehr Rirchen oder Gotteshäuſer oder Schulen auſrichten und bauen laſſen, daſſelbe ſoll, gleichwie dem Herren⸗ und Ritterſtande, alſo auch den Pragern, Berg⸗ und andern Städten und einem Jeden inſonderheit anjetzo und inskünftige zu thun, von männiglichen ungehindert ſein und offen ſtehen!“ „Einem Jeden! Hört ihr, einem Jeden“, riefen Viele. „Einem Jeden ſoll es freiſtehen, Kirchen, Schulen und Gotteshäuſer zu erbauen!“ nahm der Graf Thurn das 11* 244 Wort.„Darum iſt das Verfahren zu Braunau und Kloſtergrab, wo ſie unſere Kirchen geſperrt und nieder⸗ geriſſen haben, ein offenbarer Rechtsbruch! Darum find wir mit unſern Beſchwerden im vollſten Recht!“ „Und doch haben ſie die Männer von Kloſtergrab, die Beſchwerde führten, in die Kerker geworfen“, rief Dwor⸗ ſchetzki mit Unwillen.„Erſt der vorgeſtrige Tag hat ihnen das Gefängniß geöffnet!“ „ Ja, ich habe ſie ſogleich in Freiheit ſetzen laſſen“, beſtätigte Thurn. Ein lauter Jubel erſcholl bei dieſer Kundgebung. „Wir müſſen wol ſelbſt handeln“, nahm Thurn das Wort wieder,„denn auf unſere Beſchwerde über dieſe Ge⸗ waltthat und Hülfsgeſuch bei Sr. kaiſerlichen Majeſtät wurde uns ja die ſchnöde, abſchlägliche Antwort ertheilt!“ „Die Slawata geſchmiedet hat“, fiel Olbramowitz ein. „So wird der Kaiſer irre geleitet und betrogen!“ ſetzte Thurn hinzu. „Jetzt muß er uns Recht geben, denn wir haben nur Gerechtigkeit geübt!“ eiferte Tobias Steffeck, ein Ab. geordneter der Bürger. „Er muß“, ſprach der Greis Caplicz feierlich,„denn ihm liegt ob, Recht zu ſprechen auf Erden im Namen des höchſten Gottes! Und er wird!“ fuhr er milde fort, „denn er iſt der Vater ſeiner Völker und unſer erwählter König, der unſer Vertrauen zu ihm nicht täuſchen kann!“ „Wenn er nicht ſelbſt getäuſcht wird“, warf Olbra⸗ mowitz ein. „Wir wollen ihn jetzt enttäuſchen“, entgegnete Thurn. „Doch, Freunde, unterbrecht das Vorleſen der Denkſchrift nicht ferner. Fahrt fort, Herr Martin Frühwein! Es folgen noch die wichtigſten Stellen.“ 245 Der Vorleſer begann von neuem.„Es iſt ferner ge⸗ ſagt in dem Majeſtätsbriefe“: „Weder der Kaiſer noch ſeine Erben, noch andere, welt⸗ liche oder geiſtliche Perſonen, haben jemals das Recht, dieſem Frieden irgendwie zu nahe zu lhun; Alles, was in dieſer Art geſchähe, wird im voraus für nichtig erklärt.“ „Keiner hat das Recht, und dieſe Statthalter wollen ſich deſſen anmaßen!“ ſagte Ulrich Kinski in unwilliger Erhitzung zu ſeinem Nachbar. Frühwein las weiter: „Etwa entſtehender Streit wird nicht von einer Partei oder von kaiſerlichen Beamten, ſondern durch ein Gericht ent⸗ ſchieden, welches mit zwölf, von und für jeden Cheil erwähl⸗ ten Perſonen beſetzt iſt.“ „Das bedenkt! Das beherzigt“, ſprach Thurn, auf⸗ ſtehend, mit kraftvoller Stimme zur Verfammlung.„Nicht Willkür der Statthalter, nicht einmal der wirkliche Wille Sr. kaiſerlichen Majeſtät darf entſtehende Streitigkeiten ent⸗ ſcheiden, ſondern ein Schiedsgericht aus Richtern beider ſtreitenden Theile. Aber wie iſt man mit uns ver⸗ fahren? Als wir die erſten Beſchwerden führten über die Gewaltthat des Abtes Proſſowitz von Braunau und des Erzbiſchofs Lohelius von Prag, da wurde auch das Schiedsgericht eingeſetzt wie der Majeſtätsbrief es verlangt. Sein Spruch fiel zu unſern Gunſten aus. Allein der Kaiſer, falſch berichtet durch die Statthalter und durch den Abt, verbot dennoch die Fortſetzung des Baus. Iſt das noch Ausübung des Geſetzes? Hält man uns ſo Wort?“ 11** Die Verſammlung brach in heftigen Zorn aus:„Un⸗ erhört!“„Ja, ſo iſt's geſchehen!“„Das dürfen wir nicht länger dulden!“ ſchallten die Stimmen durcheinander. „Blieb uns nun noch etwas Anderes übrig als die Hülfe eigener Macht?“ fuhr Thurn, die Stimmung der Verſammelten nutzend, fort.„Ich fordere nicht meine Glaubensgenoſſen, ich fordere unſere katholiſchen Brüder in dieſer Verſammlung auf, ſie ſollen entſcheiden! Wir lieben ſie, ſie ſind ehrenwerth, wir achten ihren Glauben und wollen Keinem in ſeinem Gewiſſen zu nahe treten, nie⸗ mals gegen ſie den Zwang üben, den ihre Prieſter gegen uns geübt.“ Ein lautes Jauchzen der Zuhörer überdeckte hier die Worte des Redners; es dauerte lange, bevor er weiter ſprechen konnte. „Nun denn, alſo ſie, unſere Gegner, fordere ich auf zu unſern Richtern! Sie ſollen auftreten und entſcheiden, ob man gerecht oder ungerecht mit uns verfahren iſt!“ Da erhob ſich ein Mann würdigen Anſehens; es war Dionyſius Czernin von Chrudenitz, Schloßhaupt⸗ mann von Prag.„Ihr wißt, Brüder, ich gehöre der katholiſchen Kirche an; allein mein Gewiſſen zwingt mich das zu bezeugen, man hat euch ſchweres Unrecht gethan!“ Kaum war dieſes Wort als ein Zeugniß des Gegners geſprochen, als ein unbeſchreiblicher Jubel ſich in der gan⸗ zen Verſammlung erhob. Die Mitglieder ſprangen auf von ihren Sitzen, umarmten einander wie Brüder und ſchwuren ſich die herzlichſte, innigſt brüderliche Genoſſen⸗ ſchaft. Es dauerte lange, bevor der Vorleſer des Acten⸗ ſtücks wiederum darin fortfahren konnte. Indeſſen hatte ſich der aufgährende Zorn allgemach ausgeſtürmt und die nachfolgenden Verhandlungen wurden ruhiger geführt. 247 Das Manifeſt ſchloß folgendermaßen: „Uns iſt demnach in pielen Slücken, vorzüglich aber in Glaubensſachen ſchweres Unrecht geſchehen, unerträgliche Drang⸗ ſal widerſahren. Wir wollen in Treue und Gehorſam der kai⸗ ſerlichen Majeſtät, die zugleich unſer erwähltes Rönigshaupt iſt, anhangen, allein wir hoſſen und vertrauen, und müſſen Bürgſchaſt dafür erhallen, daß, was die Geſetze ſeſtſtellen, uns treu und feſt innegehalten werde. Die Proteſtanten dürfen nach dem Majeſtätsbrieſe Sr. kaiſerlichen, in Gott verewigten Majeſtät, Rudolphus des Zweiten, der uns von des Raiſers und erwählten böhmiſchen Rönigs Mathias Majeſtät beſtätigt iſt, ihre Religion an allen Orten frei üben. Rönigliche Be⸗ ſehle aber hierin nichts ändern. Auch darf Niemand mit Ge⸗ walt von ſeinem Glauben ab zu einem andern gezwungen werden. Endlich lautet der Majeſtätsbrief für die Provinz Schleſien vom 20. Auguſti des Jahres Eintauſend ſechshundert und neun, den dieſelbe erſt auf Grund des unſrigen erhalten hat, folgendergeſtalt:«Alle und jede Einwohner des Landes, ſie ſeien unter geiſtlichen oder weltlichen Fürſten, Herren, Commendatoren oder kaiſerlichen Fürſtenthümern angeſeſſen, auf dem Lande, Städten und Dörfern ſollen freien Gottes⸗ dienſt haben.» Hier alſo iſt noch klarer ausgeſprochen, was wir als den wahren Sinn des böhmiſchen Majeſtälsbrieſes ver⸗ langen; und gewißlich haben den Schleſiern, die erſt auf Grund unſers Majeſtätsbriefes den ihrigen erworben, nicht größere Rechte eingeräumt werden ſollen als uns. Nur für ſolche ge⸗ ſetzliche Rechte, dies bilten wir Ew. Königlichen und kaiſer⸗ lichen Majeſtät gnädigſt zu bedenſten, haben wir ſo ungemein hohe Steuern bewilligt. Auf alle Beſchwerden aber, über den Bruch dieſer Zuſagen, haben wir erſt gar keine, und dann jüngſthin einen Beſcheid erhalten, welcher unſer Verſahren geſetz⸗ widrig und gegen Se. Majeſtät den Raiſer gerichtel nennt, wäh⸗ rend das Verſahren der katholiſchen Prälaten in Braunau und RKloſtergrab wohlgeheißen wird und man uns mit Straſen bedroht! „Alſo iſt entſchieden worden und hat man uns verurtheilt ohne Rechtsgang und unparteiiſches Gehör! Im Widerſpruch mit Wort und Zinn des Majeſtätsbrieſes!“ Es entſtand unwilliges Gemurmel der Beiſtimmung in der Verſammlung. Thurn winkte Ruhe, Frühwein er⸗ hob die Stimme noch mehr: „Es ſteht geſchrieben:«Jeder Uebertreter des Majeſtäls⸗ brieſes ſoll als Zerſtörer des gemeinen Weſens ergriffen werden; es ſoll kein Beſehl ausgehen noch angenommen werden wider den Brieſ.) Slawata und Martiniz aber haben jenen Be⸗ ſcheid geſchmiedet, Recht und Frieden zerſtört, Unſchuldige ver⸗ keumdet, ihr Amt gemisbraucht, ihre Pflichten gebrochen. Des⸗ halb richtete ſich unſer Jorn wider ſie, und wir mußten zur Gewaltthat ſchreiten, weil ſie ſelbſt uns den Weg des Rechts verſperrt haben. So ſind ſie nach altem böhmiſchen Brauch wider ungerechte, beſtochene Richter aus dem Rathzimmer zum Fenſter hinausgeworfen worden; alſo auch iſt geſchehen der ungerechten Rönigin Jeſebel und alſo ſtürzten die alten Römer Verräther von dem Carpejiſchen Fels hinab. Das thaten auch wir! Unſer Zorn traf nur die Verbrecher,! Nicht iſt er gerichtet gegen unſere katholiſchen Mitbrüder, nicht brechen wir Treue, Gehorſam und Ehrſurcht gegen die erhabene 249„ kaaiſerliche Majeſtät. Was wir gethan und thun, geſchah nicht und ſoll nicht geſchehen zu Rrieg und Angriff, ſondern nur zur Wahrung des Friedens und unſers urkundlichen Rechts. Dafüͤr wollen wir einſtehen mit Gut, Blut und Leben. 50 wahr uns Gott helſe, der Allbarmherzige, der Allgerechte!”“ Bei dieſen letzten Worten erhob der Vorleſer Martin Frühwein das Manifeſt hoch in der Rechten, als wolle er die Hand zum betheuernden Schwur ausſtrecken, und legte es dann auf die Tafel nieder. Alle hatten aufgehorcht in gefeſſeltem Schweigen. Es herrſchte lautloſe Stille. Thurn brach ſie zuerſt. Er trat vor und ſprach feierlich:„So ſoll es geſchehen! So wahr uns Gott helfe! Wer mit uns iſt, ſtehe auf und erhebe die Hand!“ Alle erhoben ſich von ihren Sitzen und hielten die Hand zum Schwur empor. „Schwört ihr?“ fragte Thurn. „Wir ſchwören“, tönte es aus einem Munde. Es war ein feierlicher, gewaltiger Augenblick, der ein furchtbares Gewicht in die Wagſchale der Geſchicke Böh⸗ mens legte. „Unterzeichnet denn die Denkſchrift“, forderte Thurn auf, und trat der Erſte ſelbſt heran; die Andern drängten ſich hinzu, ihm zu folgen. Zuerſt der Greis Kaspar Ca⸗ pliez von Sulewicz. „Jacta est alea“, ſprach Thurn zu ihm, als er ihm die Feder reichte.*) —— Alſo geſchah der erſte Schritt zum offenen Kampf des Volks wider den Herrſcher! Denn dieſem wurden von den *) Hiſtoriſch. 250 Vertretern jenes die Bedingungen geſtellt, unter denen man ihm ferner gehorchen wolle. Das Schwert wurde zur Drohung gehoben! Ob es ſcharf niederfallen werde zum blutigen Streich, wer wußte es in dieſer Stunde? Wer mußte, zu weſſen Gunſten der Kampf ſich entſcheiden werde? Wer ahnte, wie fern der Tag lag, wo er enden ſollte? Wer aber, der es geahnt, hätte den Muth gehabt, die blutige Loſung zu wählen? Wer hiütte nicht lieber Trotz, Herrſchſucht, Ruhmbegier bezähmt, und ſelbſt Gut, Blut und Rechte opfernd und duldend dahin gegeben, bevor er die fluchbeladene Fackel der Zwietracht erhob, die das ganze Vaterland entzünden und es ein Menſchenalter hin⸗ durch unter Aſche und Blut begraben ſollte! Blind ſtürzt ſich irdiſche Vermeſſenheit auf den Beginn der Thaten! Gottes Auge allein ſchaut das Ende und ſeine Hand leitet den Ausgang! Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. ſiſſſ nimig fſfffffff puauuuun l ausunamxanmunuuu 9 14 15 16 17