Walter Scotts ſaͤmmtliche Neu uͤberſetzt. Zwoͤlfter Band. Woodſtock 3 oder der Ritite r. Eine Erzaͤhlung aus dem Jahre ſechszehn hundert — ein und fuͤnfzig. Dritter Theil. .— Stuttgark⸗ bei Gebruͤder Frauckh. 1826. Woodſtock 4 oder de r R i tekt e r. Eine Erzaͤhlung aus dem Jahre ſechszehn hundert ein und fuͤnfzig. Vom Verfaſſer des Waverley, der Erzaͤhlungen von den Kreuzfahrern ꝛc. Er war ein ganz vollkommner Ritter. Chaucer. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von CEarl Weil. Dritter Theil. Stuttgarr. bei Gebruder Franckh — L8 2 6. — Woodſtock oder die r Ri t kt e v. Eine Erzaͤhlung aus dem Jahre ſechszehn hundert ein und fuͤnfzig. Erſtes Kapitel. — Wir haben unſern Freund Markham Everard dem Laufe ſeiner beunruhigenden Gedanken uͤberlaſſen. Die alten Sagen vom Zimmer des Victor Lee, welche er zwar oft als ungegruͤndet verwerfen wollte, trugen dennoch dazu bei, die gegenwaͤrtige unbehagliche Span⸗ nung ſeiner Nerven zu erhoͤhen. Wenn er damit die Begebenheiten des Nachmittags verglich, die Waffe, womit man ihn bedroht hatte, den ſtarken Arm, durch den er zur Erde geworfen wurde, ſo mußte ihn das natuͤr⸗ lich auf die Vermuthung fuͤhren, daß in irgend einem Theil des weitlaͤufigen Gebaͤudes ein Haufen Koͤnig⸗ lichgeſinnter verſteckt ſeyn muͤſſe, welche in der Nacht die Wache uberwaͤltigen, und an allen, beſonders aber an Harriſon, als an einem der koͤnigsmoͤrderi⸗ ſchen Richter, den Tod ihres Gebieters raͤchen wuͤrden. Er machte ſich jetzt Vorwuͤrfe daruͤber, daß er ſich ſo leicht das Verſprechen des Stillſchweigens hatte 1 6 entreißen laſſen, das ſo viele ſeiner Partei der Ge⸗ fahr der Ermordung ausſetzte. Er wollte eben auf⸗ ſtehn, um die Ronde zu machen, und um zu ſehen, ob die Schildwachen wachſam auf ihren Poſten waͤren, als die große Glocke(die in ſolchen Erzaͤhlungen ſelten ſchweigt) drei ſchlug, und durch alle Gallerien Trepp auf und Trepp ab die ranhen Stimmen der Schildwachen ertoͤnten, welche ſich mit dem gewoͤhnlichen Zuruf: „Alles in Ordnung“ anriefen, und es beantworteten. Ihre Stimmen vermiſchten ſich mit den tiefen Toͤ⸗ nen der Glocke, und als ſie ſchwiegen, konnte man kaum mehr den Nachhall der Glocke hoͤren. Aber ehe noch der ferne Laut ſich aufloͤßte, ſchien er von Neuem zu erklingen, ſo daß Everard im Anfang nicht mehr unterſcheiden konnte, ob ein zweites Echo die ver⸗ klingenden Toͤne wiederhole, oder ob ein anderer ei⸗ gener Schall die Stille unterbreche, welche beim Aufhoͤren der Glockenſchlaͤge in dem alten Gebaͤude und in dem Walde herrſchte. Aber der Zweifel klaͤrte ſich bald auf, die muſi⸗ kaliſchen Toͤne, welche ſich mit dem erſterbenden Nach⸗ hall der Glocke vermiſcht hatten, ſchienen ihn erſt zu verlaͤngern, dann ihn zu uͤberleben. Eine wilde, rau⸗ ſchende Melodie ertoͤnte in der Ferne, ward immer ſchallender als ſie ſich naͤherte, ging von Zimmer zu Zimmer, von Kammer zur Gallerie, von Halle zu Thurm durch die verlaſſenen, entehrten Ruinen des alten Aufenthaltsortes ſo vieler Koͤnige. Bei ihrem 7 Nahen rief kein Soldat ſie an, und keiner von allen Gaͤſten in dem alten Gebaͤude wagte es, dem anderen ſeine unerklaͤrliche Ahnung mitzutheilen. Everards gereizter Gemuͤthszuſtand erlaubte ihm nicht, ſich ruhig zu verhalten. Die Toͤne naͤherten ſich ſo ſehr, daß es ſchien, als wuͤrde in dem anſtoßen⸗ den Gemache ein Todtenamt gehalten. Er rief alſo ſeinem treuen Freunde Wildrake zu, der in der Stube neben ihm ſchlief, wozu die Verbandsthuͤre offen ſtand. „Wildrake— Wildrake!— auf, auf! Hoͤrſt Du denn den Laͤrmen nicht?“— Aber Wildrake antwor⸗ tete nicht, obgleich die muſikaliſchen Toͤne, welche nun durch das Zimmer hallten, einen Schlafenden wohl erwecken konnten, ſelbſt wenn man ihn nicht gerufen haͤtte. „Hoͤre— Roger Wildrake— auf!“ rief Everard abermals, indem er aus dem Bette ſprang, und ſein Schwerd ergriff.“—„Verſchaffe Dir ein Licht, und mache Laͤrm.“ Abermals keine Antwort. Seine Stimme ver⸗ hallte mit den Toͤnen der Muſik; und dieſelbe ſanfte Stimme, die ſeiner Meinung nach, immer noch der, der Alexis aͤhnlich war, ward im Zimmer, und wie es ihm vorkam, nicht weit von ihm, gehoͤrt. „Dein Gefaͤhrte wird nicht antworten,“ ſagte die leiſe ſanfte Stimme.„Nur diejenigen hoͤren den Larm, deren Gewiſſen der Ruf erſchreckt.“ „Schon wieder dieſe Maſkerade!“ ſagte Everard. 8 „Aber ich bin beſſer bewaffnet als das letzte Mal; und waͤre es nicht der Stimme wegen, ſo wuͤrde dem Sprecher ſein Spaß theuer zu ſtehen kommen.“ Wir muͤſſen im Vorbeigehn bemerken, daß es ſonderbar war, daß in eben dem Augenblick, in wel⸗ chem Everard eine menſchliche Stimme hörte, aller Glaube an eine übernatuͤrliche Erſcheinung verſchwand, und der Zauber, der ihn bisher feſſelte, geloͤßt zu ſeyn ſchien. So wahr iſt es, daß(wenigſtens bei dem Vernuͤnftigen) der Einfluß einer eingebildeten oder aberglaͤubiſchen Furcht nur auf dem Unbeſtimmten und Zweifelhaften der Sache beruht, und daß deutliche Toͤne, und klare Begriffe die Vernunft ſogleich wie⸗ der in ihre Rechte einſetzen.„Wir ſpotten der Waf⸗ fen, womit Du uns drohſt— kraftlos ſind ſie gegen die Schutzgeiſter von Woodſtock. Feuere, wenn Du willſt, und betrachte dann die Wirkung Deiner Waffe. Wiſſe aber, daß wir Dir nichts Uebels thun wollen— Du biſt aus dem Geſchlechte der Falken, biſt von ed⸗ ler Art, obgleich Du, unberufen und irre gefuͤhrt, Dich zu Eulen und Fledermaͤuſen haͤltſt. Befluͤgele Deine Flucht von hier an dem morgenden Tage, denn, wenn Du ferner bei den Uhus, den Fledermaͤuſen und den Raben hauſeſt, welche hier niſten, ſo trifft Dich unvermeidlich daſſelbe Schickſal, das Ihnen be⸗ vorſteht. Eile alſo von hinnen, damit dieſe Hallen zum Empfang derjenigen vorbereitet werden, welche ein groͤßeres Recht haben, ſie zu bewohnen.“ 9 Everard antwortete mit erhobener Stimme:„Ich warne Dich nochmals, biete mir nicht vergeblich die Stirne. Ich bin kein Kind, das man mit Geſpen⸗ ſtergeſchichten erſchrecken, und keine Memme, die bewaffnet die Drohungen der Banditen fuͤrchtet. Wenn ich auch nur einen Augenblick Nachſicht mit Euch habe, ſo geſchieht es wegen theuerer, irre geleiteter Freunde, die in das gefaͤhrliche Komplott verwickelt ſeyn moͤ⸗ gen. Wißt, daß ich das Schloß mit Soldaten umzingeln laſſen kann, welche in den verborgenſten Gaͤngen den Urheber dieſes kuͤhnen Frevels auffinden werden, und daß, falls die Durchſuchung nicht zum Zweck fuͤhren ſollte, einige Faͤſſer mit Pulver hinreichen, dieſes Ge⸗ baͤude in einen Steinhaufen zu verwandeln, und die Urheber eines ſolchen ſchlecht gewaͤhlten Zeitvertreibs unter den Ruinen zu begraben.“ „Ihr ſprecht ſtolz, Herr Obriſt,“ ſagte eine an⸗ dere rauhere Stimme, welche derjenigen glich, die ihn in der Gallerie angeredet hatte;„verſucht Eueren Muth— hieher.“ „Ihr ſolltet es nicht wagen, mich zweimal auf⸗ zufordern,“ ſagte Oberſt Everard,„wenn ich ein Licht haͤtte, um zu zielen.“ Kaum hatte er es geſprochen, als ein eichtſttahl das Zimmer durchzuckte, der den Sprechenden durch ſeinen Glanz verblendete, und ihn deutlich eine Ge⸗ ſtalt ſehen ließ, welche der des Victor Lee glich, wie er auf dem Gemaͤhlde dargeſtellt war, und der an 10 der einen Hand ein voͤllig verſchleiertes Frauenzim⸗ mer, in der anderen einen Feldherrnſtab hielt. Beide Geſtalten waren belebt und ſchienen nur ſechs Fuß weit von ihm zu ſtehn. „Waͤre es nicht der Dame wegen,“ ſagte Ever⸗ ard,„ſo duͤrftet Ihr mich nicht ſo auf Tod und Le⸗ ben fordern.“ „Schone uns nicht,“ erwiederte dieſelbe Stimme, „ſondern thne das Schlimmſte! Ich ſpotte Deiuer!“ „Wiederhole Deine Herausforderung, wann ich drei gezaͤhlt habe,“ ſagte Everard,„und empfange dann den Lohn Deiner Frechheit. Eins— ich habe den Hahn der Piſtole geſpannt— Zwei— ich verfehle nie mein Ziel, Bei allem was heilig iſt, ich feuere, wenn Ihr nicht geht. Wenn ich die naͤchſte Zahl ausſpreche, ſo ſchieße ich Dich auf dem Platze todt. Ich vergieße un⸗ gern Blut— ich will es Euch noch moͤglich machen, zu entfliehn— eins— zwei drei. Everard zielte nach dem Herzen, und feuerte ſeine Piſtole los. Die Geſtalt winkte zornig mit der Hand; ein lautes Gelaͤchter erfolgte, und das Licht, das nach und nach ſchwaͤcher ward, tanzte und flimmerte um die Erſcheinung des alten Ritters umher, und ver⸗ ſchwand. Dem Everard ſtroͤmte das Blut kalt zum Herzen.„Waͤre er aus menſchlichem Stoffe geweſen,“ dachte er,„ſo haͤtte ihn die Kugel durchbohren muͤſ⸗ ſen— und ich beſitze weder die Macht noch die Luſt mit uͤbernatuͤrlichen Weſen zu kaͤmpfen.“ 11 Nun ward aber ſeine Beklemmung ſo groß, daß er faſt krank niederfiel. Er ſchlich an's Camin, und warf auf die noch glimmende Aſche eine Handvoll trockner Spaͤne. Es loderte ſogleich auf, und gewaͤhrte ihm Licht, das Zimmer nach jeder Richtung hin zu be⸗ trachten. Er ſchaute vorſichtig, ja faſt aͤngſtlich um⸗ her, und erwartete faſt ein graͤuliches Luftgebilde zu erſchanen. Aber er ſah nichts als die alten Moͤbel, den Schreibepult, und noch andere Dinge, welche noch in demſelben Zuſtande waren, wie bei Sir Henry Lee's Abreiſe. Er fuͤhlte ein unwiderſtehliches, jedoch mit Scheu vermiſchtes Verlangen, das Bild des al⸗ ten Ritters zu betrachten, dem die Geſtalt ſo aͤhnlich ſah. Er ſchwankte zwiſchen den widerſtrebenden Ge⸗ fuͤhlen, ergriff aber endlich, mit verzweifeltem Ent⸗ ſchluß die Kerze, die er ausgeloͤſcht hatte, und zuͤn⸗ dete ſie an, ehe das Fkackern der Spaͤne verloſch. Er hielt ſie gegen das alte Gemaͤhlde des Victor Lee, und betrachtete es mit geſpannter, aber keineswegs furcht⸗ loſer Neugier. Faſt kehrte die kindiſche Furcht ſeiner Knabenjahre zuruͤck; denn es ſchien ihm, als ob das ſtrenge, bleiche Auge des alten Ritters ihn verfolge, und mit ſeinem Unwillen bedrohe. Und obgleich er ſich ſelbſt den thoͤrigten Glauben auszureden ſuchte, ſo druͤckten ſich doch die vermiſchten Gefuͤhle ſeines Gemuͤths in den Worten aus, welche halb an das alte Gemaͤhlde gerichtet zu ſeyn ſchienen. „Geiſt des Ahnen meiner Mutter,“ ſagte er, 12 „ſey es nun zum Guten oder zum Boͤſen, durch den Willen der Menſchen oder uͤbernatuͤrlicher Weſen, daß dieſe Hallen beunruhigt werden; ich bin feſt entſchloſ⸗ ſen, ſie morgen zu verlaſſen.“ „ Ich freue mich von ganzer Seele, das zu hoͤ⸗ ren,“ ſagte eine Stimme hinter ihm. Er wandte ſich um, und ſah eine ſchmale, weiße Figur, mit einer Art von Turban auf dem Kopf. Er ließ das Licht fallen, und ergriff ſie. „Du wenigſtens biſt doch verletzlich,“ ſagte er. „Verletzlich!“ erwiederte der, den er ſo maͤchtig⸗ lich gepackt hatte.—„Alle Welt, das koͤnnteſt Du, glaub' ich wiſſen, auch ohne mich der Gefahr auszu⸗ ſetzen, mich zu erwuͤrgen. Wenn Du mich nicht los⸗ laͤſſeſt, ſo werde ich Dir zeigen, daß ich auch noch ringen kann.“ „Roger Wildrake!“ ſagte Everard, ließ den Ca⸗ valier los und trat zuruͤck.. „Noger Wildrake, ja freilich. Hieltſt Du mich fuͤr den Roger Bacon, der gekommen waͤre, Dir den Teufel bannen zu helfen?— denn es riecht hier ver⸗ zweifelt nach Schwefel.“ „Das koͤmmt von der Piſtole, die ich losfeuerte— hoͤrteſt Du ſie nicht?“ 4 „Ach ja doch, es war das, was mich erweckte— denn unter der Nachtmuͤtze, die ich aufſetzte, ſchlief ich wie ein Murmelthier.— Wahrhaftig es ſchwin⸗ delt mir noch davon.“ 13 „Aber warum kamſt Du denn nicht gleich?— Nie war mir Huͤlfe noͤthiger.“ 1 „Ich kam ſo ſchnell wie moͤglich,“ antwortete Wildrake;„aber es verſtrich erſt einige Zeit, ehe ich mich faſſen konnte, denn ich traͤumte von dem ver⸗ fluchten Schlachtfelde zu Naſeby;— uͤbrigens war auch meine Thuͤre verſchloſſen, und ich konnte ſie nur erſt dann oͤffnen, als mein Fuß die Schloſſerarbeit vernichtete.“ „Was, ſie war ja offen als ich zu Bette ging,“ ſagte Everard. „Aber als ich aufſtand war ſie verſchloſſen,“ er⸗ wlederte Wildrake,„ich wundere mich, daß Du mich nicht hoͤrteſt als ich ſie ſprengte.“ „Mein Geiſt war bei einer andern Sache beſchaͤf⸗ tigt,“ ſagte Everard. „Auch recht,“ verſetzte Wildrake,„aber was gab's deun? Da bin ich ſchlagfertig, wenn mir's mein Schwindel erlaubt, zu kaͤmpfen. Das ſtaͤrkſte Bier, das ich je trank, gleicht dem von geſtern Abend wie ein Gerſtenkorn einem Scheffel Getreide. Es war ein wahrer Malzſpiritus— ha— yah.“ 3 „Auch ein Schlaftrunk, wie es ſcheint,“ ſagte Eperard. „Wahrſcheinlich— ſehr wahrſcheinlich— nur ein Piſtolenſchuß konnte mich wecken, da ich doch ſonſt bei einem Schluck ſo leiſe ſchlafe, wie ein Maͤdchen, das am erſten Mai mit Sonnenaufgang aufſtehn will, 14 um den Thau zu ſammeln. Aber was gibt es jetzt zu thun?“ „Nichts,“ antwortete Evevard. „Nichts?“ ſagte Wildrake erſtaunt. „Ich ſage es Dir weniger zur Nachricht, als fuͤr andere, die es hoͤren werden, daß ich morgen fruͤh das Jaͤgerhaus verlaſſen und wo moͤglich auch die Commiſſaͤre zu entfernen ſuchen werde.“ „Horch,“ ſagte Wildrake,„hoͤreſt Du nicht ein Geraͤuſch gleich dem fernen Schall des Beiſallklatſchens in einem Theater? Die Hexen des Ortes freuen ſich Deiner Abreiſe.“ „Ich werde Woodſtock verlaſſen,“ ſagte Everard, „um es meinem Oheim wieder einzuraͤumen, wenn er es wieder beziehen will; ich thue es aber keineswegs, weil ich mich von den Kunſtſtuͤckchen, die man dazu an wandte, erſchrecken laſſe, ſondern lediglich und al⸗ lein weil es ſchon fruͤher meine Abſicht wav. Aber“ fuͤgte er mit erhobener Stimme hinzu,„ich warne die Perſonen, welche dabei verwickelt find, daß wenn auch ihre Vorſpiegelungen einen Narren wie Desbo⸗ rough blenden können, oder einen Froͤmmler wie Har⸗ riſon, oder eine Memme wie Bletſon—“ Hier fuͤgte eine ſcheinbar nahe ſtehende Stimme die Worte hinzu:„oder eine weiſe, gemaͤßigte und entſchloſſene Perſon, wie Obriſt Everard.“ „Beim Himmel,“ ſagte Wildrake, indem er ſein 15 Schwerdt zog,„die Stimme kam vom Gemaͤhlde her; ich will einmal die plattirte Ruͤſtung durchbohren.“ „Laß ſeyn,“ ſagte Everard, der nach einem au⸗ genblicklichen Erſchrecken ſogleich ſeine gewoͤhnliche Fe⸗ ſtigkeit wieder erlangte, und in ſeiner Rede fortfuhr. „Ich wiederhole es, daß alle Perſonen, welche in das Complott verwickelt ſind, wenn es auch augenblicklich ge⸗ lingt, wie kuͤnſtlich auch der Knoten ihrer Kunſtgriffe geſchuͤrzt ſey, doch bei naͤherer Unterſuchung ihrer trafe nicht entgehn, und die gaͤnzliche Zerſtoͤrung von Woodſtock und den unaufhaltſamen Sturz der Fami⸗ lien Lee die Folge ihres Frevels ſeyn wird. Moͤgen alle, welche damit in Verbindung ſtehn, das bedenken und bei Zeiten davon abſtehn.“ Er ſchwieg und erwartete eine Antwort, aber es erfolgte keine. „Das iſt doch eine ſeltſame Geſchichte,“ ſagte Wildrake,„aber— yah— ha— es uͤberſteigt jetzt meine Faſſungskraft; es ſchwindelt mir, wie wenn ich eine Bowle Punſch ſehe; ich muß mich ſetzen— hew, vaw— um mit Muße ſprechen zu koͤnnen— großen⸗ Dank, Du guter Lehnſeſſel.“ Sprachs, warf ſich, oder ſiel vielmehr nach und nach auf einen breiten Großvaterſtuhl, welcher oft die Laſt des Sir Henry Lee getragen hatte, und in einem Augenblicke ſchlief er feſt und geſund. Everard war weit entfernt davon, dieſelbe Neigung zum Schlaf zu fuͤhlen, obgleich er ſich vor jedem weiteren naͤchtlichen — 16— Beſuch ſicher glaubte; denn er glaubte, daß ſein Ver⸗ ſprechen, Woodſtock zu raͤumen, nun denen bekannt ſeyn muͤſſe, welche der Beſuch der Commiſſaͤre zu ſo ſonderbaren Maaßregeln verleitet hatte. Auch war ſeine Meinung, welche eine Zeit lang dem Glauben an uͤbernatuͤrlichem Einfluſſe in der Sache huldigte, nun wieder zu der vernuͤnftigeren Erklaͤrung zuruͤckge⸗ kehrt, ſie einer geſchickten Verbindung und Taͤuſchung zuzuſchreiben, wozu ein Gebaͤude wie das zu Woodſtock ſo leicht Gelegenheit darbot. Er ſchuͤrte das Feuer, zuͤndete das Licht an, legte den armen Wildrake, der ſich wie ein Kind in den Seſſel geworfen hatte, in eine beſſere Lage, und warf ſich dann aufs Bett, um uͤber ſeine ſeltſamen Ver⸗ haͤltniſſe nachzudenken. Da gleiteten ſuͤße, leichte Ae⸗ corde durch das Zimmer und die Worte:„gute Nacht— gute Nacht— gute Nacht!“ die dreimal, immer lei⸗ ſer, immer ferner wiederholt wurden, ſchienen ihm die Verſicherung zu geben, daß die Geiſter Waffen⸗ ſtillſtand oder Friede mit ihm geſchloſſen haͤtten, und ihn fuͤr heute Nacht nicht mehr ſtoͤren wuͤrden. Kaum hatte er den Muth, ihnen eine gute Nacht zuzurufen; denn obgleich er uͤberzeugt war, daß es nar eine Liſt ſey, ſo war ſie doch ſo gut ausgefuͤhrt, daß ſie in ihm dieſelbe Furcht erregte, die ein gebildetes Pub⸗ likum waͤhrend der Darſtellung einer tragiſchen Scene fuͤhlt, von der es wohl weiß, daß ſie nur erdichtet iſt, die aber durch ihre Natuͤrlichkeit und durch ticheen 12 Darſtellung dennoch die Leidenſchaften erregt. End⸗ lich uͤberwaltigte ihn der Schlaf, und verließ ihn nicht bis das glaͤnzende Tageslicht ihn erweckte. Zweites Kapitel. Seht dort erglänzt Aurora's Purpurmantel,⸗ Sie naht— und wandernde Geſpenſter Fliehen eilend zu des Grabes Ruh! Sommernacht's⸗Traum. Mit der Morgenluft und der Morgenroͤthe ver⸗ ſchwanden alle beaͤngſtigenden Gedanken, welche in der verfloſſenen Nacht den Obriſten Everard beunruhigt hatten, und nur das Erſtaunen, wie man das was er geſehn, bewerkſtelligen konnte, blieb zurück. Er unterſuchte die ganze Stube, pruͤfte den Fußboden, die Decke und die Waͤnde mit ſeinen Haͤnden und mit ſeinem Stoͤckchen, aber er konnte keinen geheimen Ausgang finden; auch die Thuͤre, mit Schloß und Riegel verwahrt, befand ſich noch in demſelben Zuſtand, wie er ſie geſtern Abend verſchloſſen hatte. Dann wandte er ſeine Aufmerkſamfeit auf die Erſcheinung, welche dem Victor Lee glich. Schon lange erzaͤhlte man ſich ſonderbare Geſchichten von einer vem Bilde aͤhnlichen Geſtalt, welche zur Nachtzeit in den weit⸗ laͤufigen Gaͤngen und Hallen des arren alaſtes her⸗ umwandelte, und Markham Everard erinnerte ſich W. Scott's Werke. XII.. 2 1 ihrer noch von ſeiner Kindheit her. Ihn aͤrgerte ſein Mangel an Muth und die Furcht, die ſich ſeiner in der verfloſſenen Nacht bemaͤchtigt hatte, als ohne Zwei⸗ fel durch Beihuͤlfe anderer Perſonen eine ſolche Geſtalt vor ſeinen Augen erſchien. „Doch kann ich bei aller kindiſchen Furcht unmoͤg⸗ lich das Ziel verfehlt haben— wahrſcheinlich wurde die Kugel heimlicher Weiſe aus der Piſtole genommen.“ Er unterſuchte die zweite, welche er nicht losge⸗ ſchoſſen hatte— die Kugel war darin. Er unterſuchte die Stelle, wohin er geſchoſſen hatte und zwiſchen dem Bette und der Stelle, wo die Erſcheinung ſtand, war eine Piſtolenkugel erſt kuͤrzlich in die Wand ge⸗ drungen. Er konnte alſo nicht zweifeln, daß er auf die rechte Stelle gezielt hatte, und die Kugel mußte um dahin zu gelangen, wo ſie war, nothwendig erſt die Geſtalt durchbohren. Das war geheimnißvoll, und verleitete ihn zu dem Zweifel, ob nicht Zauber oder Geiſterbeſchwoͤrung von den kuͤhnen Verſchworenen zu Huͤlfe genommen wuͤrde, welche, obgleich ſie ſterblich waren, doch dem allgemeinen Glauben der damaligen Zeit nach, von den Bewohnern einer andern Welt Hulfe verlangt und erhalten haben konnten. Seine naͤchſte Unterſuchung betraf das Bildniß des Victor Lee ſelbſt. Er unterſuchte es aufs puͤnkt⸗ lichſte, und verglich die bleichen, dunkeln Contouren die verblichenen Farben, die ernſte Ruhe des Auges und die Todten⸗ aͤhnliche Blaͤſſe der Geſichtsfarbe mit 19 dem Anblick der Geſtalt in der verfloſſenen Nacht, als ſie von der Feuerkugel erleuchtet ward, deren ganzes Licht auf ſie fiel, und die uͤbrigen Theile der Stube vergleichungsweiſe in Dunkelheit ließ. Die Zuͤge ſchie⸗ nen in der verfloſſenen Nacht einen uͤbernatuͤrlichen Glanz zu haben, und das Fallen und Steigen der Flamme im Camine bewirkte die Taͤuſchung der ſchein⸗ baren Bewegung des Kopfes und der Glieder. Nun, bei Tag betrachtet, war es ein bloßes Gemaͤhlde aus der harten, alten Schule Holbeins; fruͤher, ſchien es fuͤr den Augenblick etwas mehr zu ſeyn. Um der Sache auf den Grund zu kommen, hoffte Everard, indem er ſich auf Tiſch und Stuhl ſtellte, vielleicht eine ge⸗ heime Feder zu finden, vermittelſt welcher man das Gemaͤhlde wegnehmen konnte, und ſo— wie in vielen alten Gebaͤuden— einen Ein⸗ und Ausgang hatte, der nur dem Hausherrn bekannt waͤre. Aber er fand, daß es unmoͤglich zu dieſem Zwecke gedient haben konnte, da es feſt in der Wand eingemauert war. Dann weckte er ſeinen getreuen Schildknappen Wildrake, den„der Segen des Schlafes“ noch kaum von den Wirkungen des Abendtrunks erloͤßt hatte. Nachdem Wildrake ſeine Maͤßigkeit beim Trunk gelobt hatte, ſchlug er vor, die Commiſſaͤre zu beſu⸗ chen.„Wir wollen doch einmal ſehn, wie die Nacht, 3 die wir ſo ſonderbar zubrachten, den Anderen verfloſ⸗ ſen iſt,“ ſagte er.„Ich hoffe, ſie werden alle von Herzen gern bereit ſeyn, Woodſtock zu verlaſſen, wenn 2 20 3 ſie nicht beſſer und ungeſtoͤrter geſchlafen haben, als wir.“ „In dieſem Falle werde ich Dich in Jocolinens Huͤtte ſchicken, um uͤber den Wiedereinzug des Sir Henry Lee und ſeiner Familie in ihrem alten Palaſt zu unterhandeln; wo ſie wohl vermittelſt meiner Verbin⸗ dungen mit dem General und des zweideutigen Rufes des Platzes ſelbſt, wahrſcheinlich weder von dieſem noch vom neuen Commiſſaͤre beunruhigt wuͤrden.“ „Aber wie ſollen ſie ſich gegen die Feinde verthei⸗ digen, mein gallanter Herr Obriſt? ſagte Wildrake. „Wenn ich, mein Freund, einigen Einfluß auf jenes ſchoͤne Maͤdchen haͤtte, wie Du Dich deſſen ruͤhmſt, ſo wuͤrde ich ſie wahrlich nicht ſo leicht dem Schrecken ausſetzen, dem ſie in Woohſtock unterworfen iſt, wo die Teufel— ich bitte ſie tanſendmal um Verzeihung, denn ich denke mir, ſie hoͤren wohl was ich ſpreche— wo die froͤhlichen Elfen— von der Daͤmmerung bis zum Morgen ſo luſtige Geſellſchafter ſind.. „Mein lieber Wildrake,“ ſagte der Obriſt,„ich glaube eben ſo gut wie Du, daß unſere Unterredung belauſcht werden mag; aber ich kuͤmmere mich nichts darum, ſondern ich will Dir geradezu ſagen, was ich davon denke. Ich glaube mit Beſtimmtheit, daß weder Sir Henry Lee noch Alexis in dem ſchmutzigen Complott verwickelt ſind; ich kann es weder von dem Stolze des Einen, noch von der Beſcheidenheit der Anderen, 21 noch von beider Verſtand erwarten, daß ſie ſich in eine ſo ſonderbare Verſchwoͤrung einlaſſen ſollten. Aber die Feinde, Freund Wildrake, theilen alle Deine po⸗ litiſchen Anſichten, ſind lauter aͤcht⸗ blaue Cavaliere; und ich bin feſt uͤberzengt, daß, wenn auch Sir Henry und Alexis Lee nicht mit ihnen in Verbindung ſtehn, ſie ſich doch nicht im Geringſten vor den Naͤnken der Geſpenſter zu fuͤrchten brauchen. Ueberdieß muͤſſen Sir Henry und Jocoline jeden Winkel des Schloſſes kennen, und es wird bedeutend ſchwieriger ſeyn ihnen Geiſterer⸗ ſcheinungen vorzuſpiegeln, als Fremden. Aber komm zur Toilette, und wenn wir uns gewaſchen und gehoͤrig geordnet haben, dann wollen wir ſehn, was zu thun iſt.“ „Nein, mein elendes puritaner Kleid iſt kaum das Ausbuͤrſten werth,“ ſagte Wildrake,„und mit dem Centner ſchweren roſtigen Eiſen, das Du mir gegeben haſt, ſehe ich eher einem bankrouten Quaͤker aͤhnlich, als einem Cavalier. Aber Dich will ich ſo zierlich herausputzen, wie nur je ein pſalmſingender Schurke von Deiner Partei gekleidet war.“ 4 Sprach's, und brummte das bekannte Royaliſten⸗ Lied: „Sehn wir auch heute noch zu Whitehall⸗ Wie Spinnen umweben den alten Wall; So ändert ſichs doch wenn die Zeit verfließt Und der König das Seinige wieder genießt!“ „Du vergiſſeſt wer draußen iſt,“ ſagte Obriſt Everard. „Nein— ich denke daran, wer drinnen iſt,“ 22. 1 ſagte ſein Freund.„Ich ſinge nur meinen luſtigen Geſpenſtern ein Liedchen vor. Schweig, Freund, die Teufel ſind meine luſtige Geſellſchafter, und wenn ich einmal die Ehre haben werde, ſie zu ſehen, ſo ſind es beſtimmt ſo bruͤllende Burſche, wie ſie mir vorkamen, als ich noch unter Lumford und Goring diente, Kerls mit langen Naͤgeln, denen nichts entſchluͤpft, boden⸗ loſe Magen, die nicht zu fuͤllen ſind— toll im Rau⸗ ben, Trinken, Fechten u. ſ. w.— Burſche, die auf harten Zweigen ſchlafen, und im Steigbuͤgel den Geiſt aufgeben. Ach, die froͤhlichen Tage ſind dahin! Auch recht; jetzt iſt es ſelbſt unter Cavalieren Mode, ein ernſtes Geſicht zu machen, beſonders die Geiſtlichen, die ihre Pfruͤnden verloren haben; aber ich bin fuͤr das Leben und Treiben der damaligen Zeit geboren, und kann und werde mir nie froͤhlichere Tage wuͤn⸗ ſchen, als waͤhrend der barbariſchen, blutigen und un⸗ natuͤrlichen Rebellion. „Du warſt immer ein wilder Seevogel, Roger,“ wie Dein Name es beſagt; liebſt Sturm mehr als Nuhe, den ſchaͤumenden Ocean mehr als den ruhigen Land⸗ ſee, und Dein heftiges, wildes Segeln gegen den Wind mehr als taͤgliche Nahrung, Behaglichkeit und Ruhe.“ „O ſchaͤme Dich mit Deinem ruhigen Landſee und Deinem alten Weibe, um mich mit Gerſtenkoͤr⸗ nern zu fuͤttern, die den armen Entrich*) zwingt, *) Ein Wortſpiel im Engliſchen, Drake heißt ein Entrich oder vielmehr ein Meerhuhn. — 23 einher zu watſcheln, wenn ſie ruft. Everard, ich freue mich, wenn ſich der Sturm an meinem Buſen bricht,— bald untertauchen, bald auf der Welle ſchwimmen, bald im Ocean, bald in den Wolken— das iſt die des Meerhuhns Freude, das iſt meine Wonne! So gings uns im Buͤrgerkriege— in einer Grafſchaft zu Boden, herrſchend in der anderen, heute geſchlagen, morgen als Sieger— bald verdurſtend auf duͤrrer Haide, bald ſchwelgend von presbyterianiſchem Gute— Keller und Kuͤche, der alte reiche Schmuck, und die junge ſchoͤne Magd— alles zu unſerem Befehl!“ „Still, Freund,“ ſagte Everard;„bedenke, daß ich dieſen Glauben zugethan bin.“ „Deſto ſchlimmer, Mark, deſto ſchlimmer, ſagte Wildrake;“ aber wie Du zu ſagen pflegſt, es nuͤtzt nichts davon zu reden. Komm laß uns ſehen, wie es Deinem presbyterianiſchen Paſtor Mr. Holdenough ging, und ob er den böſen Feind beſſer zu zaͤhmen wuß⸗ te, als Du ſein Schuͤler und ſein Zuhoͤrer.“ Sie verließen alſo das Zimmer, und wurden von den Schildwachen und von anderen mit Erzaͤhlungen von ungewoͤhnlichen, außerordentlichen Dingen uͤber⸗ haͤuft, die ſie in der verfloſſenen Nacht geſehen oder gehoͤrt haben wollten. Es iſt wohl unnoͤthig, die ver⸗ ſchiedenen Berichte zu wiederholen, die ein jeder zu dem gemeinſchaftlichen Capital um ſo eifriger bei⸗ trug, da es in ſolchen Faͤllen immer ein gewiſſes Ge⸗ 24 fuͤhl der Geringſchaͤtzung nach ſich zieht, wenn man we⸗ niger geſehn oder gelitten hat, als andere. Die gemaͤßigſten Erzaͤhler ſprachen nur von Toͤnen, gleich dem Miauen einer Katze, oder dem Bellen ei⸗ nes Hundes, auch war es ihnen vorgekommen, als hoͤrten ſie Naͤgel einſchlagen und ſaͤgen, Kettengeklirr, Rauſchen von ſeidenen Kleidern und Muſik, kurz, ver⸗ ſchiedene unzuſammenhaͤngende Toͤne. Andere ſchwuren, daß ſie Bitumen oder Schwefel gerochen haͤtten, was die Naͤhe des Satans anzeige. Wieder andere wollten gerade nicht darauf ſchwoͤren, aber ſie verſicherten, bewaffnete Maͤnner, Pferde ohne Koͤpfe, gehoͤrnte Eſel und Kuͤhe mit ſechs Fuͤßen geſehen zu haben, die ſchwarzen Ge⸗ ſtalten gar nicht zu erwaͤhnen, deren Pferdefuͤße ge⸗ nuüglich anzeigten, zu welchem Reiche ſie gehoͤrten. Aber der paniſche Schrecken, welcher ſich der Schild⸗ wachen bemaͤchtigte, war ſo allgemein, daß man kei⸗ nem der am meiſten bedrohten Punkte zu Huͤlfe kam, da die Wache auf ihrem Poſten ſelbſt zitterte; ſo daß ein gewandter Feind die ganze Garniſon leicht haͤtte uͤber die Klinge ſpringen laſſen koͤnnen. Doch ſchien die ganze Sache nicht auf Gewaltthaͤtigkeit abgeſehn zu ſeyn; denn die Geſpenſter hatten mehr geneckt als geſchadet, einen armen Soldaten ausgenommen, der dem Harriſon bereits waͤhrend der Haͤlfte ſeiner mi⸗ litaͤriſchen Laufbahn diente, und waͤhrend der Nacht in dem Gange Schildwache ſtand, wohin ihn Everard beordert hatte. Er faͤllte ſeinen Carabiner, als er hoͤr⸗ 1 25 te, daß ſich ihm etwas ploͤtzlich nahe; aber die Waffe wurde ihm aus der Hand geriſſen, und er ſelbſt mit dem Kolben zu Boden geſchmettert. Sein zerſchlage⸗ ner Schaͤdel, und das naſſe Bett des Desborough, auf den, waͤhrend er ſchlief, ein Eimer mit ſchmutzigem Waſſer geſchuͤttet wurde, waren die einzigen wirklichen Zeichen der naͤchtlichen unruhen. Der Bericht aus Harriſon's Zimmer, den der ernſte Meiſter Tomkins aobſtattete, lautete dahin, daß der General die Nacht ohne beunruhigt zu werden, zugebracht habe, und daß er noch im tiefen Schlafe laͤge, woraus Everard er⸗ ſah, daß die Verſchwornen wahrſcheinlich glaubten, Harriſon habe ſchon geſtern Abend ſeinen Antheil an der Zeche voͤllig bezahlt. Dann ging er in das Zimmer, das von dem andaͤch⸗ tigen Desborough und dem philoſophiſchen Bletſon doppelt bemannt war. Beide waren ſchon auf und kleideten ſich an, der Erſtere noch erſtarrt vor Furcht und Schrecken. Denn kaum war Everard eingetreten, als der plumpe Obriſt ſich bitter daruͤber beklagte, wie er die Nacht haͤtte zubringen muͤſſen, und nicht we⸗ nig uͤber ſeinen verehrten Verwandten murrte, der ihm einen Auftrag aufgebuͤrtet haͤtte, der mit ſo vielen Beſchwerlichkeiten verknuͤpft waͤre. „Konnte Se. Excellenz, mein Schwager Noll,“ ſagte er,„ſeinem armen Verwandten und Schwager keine andere Huͤlfsquelle eroͤffnen, als dieſes Wood⸗ ſtock, das des Teufels Garkuͤche zu ſeyn ſcheint? Ich 26 kann doch, wahrhaftig nicht mit dem Teufel zu Nacht ſpeißen; dazu habe ich keine Luſt— nein gewiß nicht. Haͤtte er mir nicht ein ruhiges Plaͤtzchen verſchaffen koͤnnen, und dieſen Geſpenſterpalaſt einem ſeiner Pre⸗ diger und Beter ſchenken koͤnnen, der die Bibel ſo gut wie die Armee⸗Liſte kennt? Denn ich verſtehe mich auf ein Pferd weit beſſer, als auf alle fuͤnf Buͤcher Moſis. Aber ich will es ein fuͤr alle Mal aufgeben; Hoffnung auf irdiſchen Gewinn ſoll mich nie dazu ver⸗ leiten, mich der Gefahr auszuſetzen, mit Haut und Haaren vom Teufel geholt zu werden, und die halbe Nacht auf dem Kopfe zu ſtehn, und die andern mit ſchmutzigem Waſſer eingeſchuͤttet zu werden.— Nein, nein— dazu bin ich zu vernuͤnftig.“ Meiſter Bletſon hatte eine andere Rolle zu ſpie⸗ len. Er beklagte ſich uͤber keine perſoͤnliche Thatſache; er wuͤrde, wie er ſagte, in ſeinem ganzen Leben nicht beſſer geſchlafen haben, wenn nur nicht ſo viel Laͤrm um ihn her geweſen waͤre, da die Schildwachen ſich zugerufen haͤtten, wenn nur eine Katze bei ihrem Po⸗ ſten vorbeiſchlich. Lieber wolle er unter den Hexen ſchlafen, wenn ſie ihren hoͤlliſchen Sabbat feyerten, wenn es naͤmlich ſolche Weſen gaͤbe.“ „Alſo glauben Sie, es gaͤbe keine Geiſtererſchei⸗ nungen, Herr Bletſon?“ ſagte Ev ard.„Auch ich zweifelte daran; aber wahrlich, heute Nacht habe ich ſelbſt eine hoͤchſt ſeltſame geſehn.“ „Traͤume, Traͤume, mein lieber Obriſt,“ ſagts 27 Bletſon, obgleich ſein bleiches Geſicht und ſeine zit⸗ teernden Lippen den verſtellten Muth Luͤgen ſtrafte, mit dem er ſprach.„Der alte Chaucer hat uns die Moral vom Stuͤc gelehrt. Er beſuchte haͤufig den Park von Woodſtock, hier“—„Chaſer?“ ſagte Desbo⸗ rough;„dem Namen nach wahrſcheinlich ein Jaͤger.— Spukt er vielleicht herum, wie Hearne zu Windſor?“ „Chaucer,“ ſagte Bletſon,„mein theuerſter Des⸗ borough iſt einer von jenen wunderbaren Menſchen welche, wie Obriſt Everard weiß, noch hundert Jahre nach ihrem Todte leben, und deren Worte uns noch erfreun, wenn ihre Gebeine ſchon lange vermodert ſind.“ „So, ſo!— ich bin's zufrieden, aber ſeine Geſellſchaft verbitte ich mir— gewiß iſt es einer von Euren Geiſterbeſchwoͤrern. Nun, was ſagt er denn dazu?“„Nur eine kleine Zauberformel, welche ich, ſo frei ſeyn will, dem Obriſten Everarden zu widerho⸗ ien,“ ſagte Bletſon; aber die Dir Desborough reines Griechiſch ſeyn wird. Der alte Geoffrey wirft den ganzen Tadel unſerer naͤchtlichen Stoͤrungen auf den Ueberfluß an Saͤften, welcher Schuld daran iſt: „Daß manches Mal ein Traum erſcheint Im Hoͤllenſtaat der böſe Feind, So wie der Menſch, vom Blut bewegt Im Schlaf laut auf zu ſchreien pflegt⸗ Aus Furcht vor Bären und vor Doggen Und weil ihn ſchwarze Teufel locken.“ Waͤhrend er ſo deklamirte, bemerkte Everard ein Buch, das unter dem Kopfkiſſen des Bettes lag, 28. worauf das ehrenwerthe Parlamentsglied heute Nacht geruht hatte. „Iſt das Chaucer?“ ſagte er, indem er den Band ergreifen wollte,—„ich moͤchte doch gern die Stelle nachſchlagen,“— „Chaucer,“ ſagte Bletſon, der ſchnell vorgriff; „nein, es iſt Lucretius, mein Liebling Lucretius. Aber ich kann ihn Ihnen nicht zeigen,— ich habe einige Randgloſſen dazu gemacht.“ Unterdeſſen hatte Everard das Buch in die Hand genommen.„Lucretius“ ſagte er,„nein, Herr Blet⸗ ſon, das iſt der Lucretius nicht, ſondern ein paſſen⸗ derer Gefährde in Noth und Gefahr— aber warum ſchaͤmen Sie ſich daruͤber? Bletſon, wenn Sie ſtatt auf Ihrer Meinung zu beſtehen, nur das Ankerthau Ihres Herzens auf dieſes Buch fallen ließen, ſo wuͤrde es Ihnen nuͤtzlicher ſeyn, als Lucretius oder Chaucer.“ „Was iſt denn das fuͤr ein Buch,“ ſagte Blet⸗ ſon, deſſen bleiche Wangen vor Schaam erroͤthete, daß er entdeckt wurde.„Ach die Bibel!“ rief er aus, indem er ſie veraͤchtlich wegwarf—„das Buch gehoͤrt gewiß meinem Diener Gibeon— dieſe Juden ſind doch immer ſo aberglaͤubiſch geweſen.— Schon ſeit Juvenals Zeiten erinnern ſie ſich des Verſes: Qualiacunque voles Judaei somnia vendunt. Er ließ mir gewiß das Buch als einen Zauber zuruͤck, denn er iſt ein gutartiger Thor.“ „Der wuͤrde doch wohl kaum das neue Teſta⸗ — 29 ment ſammt dem alten zuruͤckgelaſſen haben,“ ſagte Everard. Kommen Sie, mein theuerer Bletſon, ſchaͤ⸗ men Sie ſich nicht uͤber das Vernuͤnftigſte, das Sie je thaten, vorausgeſetzt, daß Sie die Bibel in der Stunde der Gefahr mit der Abſicht ergriffen, von dem Inhalt Nutzen zu ziehen.“ Blet ſons Eitelkeit war ſo ſehr gereitzt, daß ſie ſeine natuͤrliche Feigheit uͤbermannte. Seine kleinen duͤnnen Finger zitterten vor Wuth, ſein Hals und ſeine Wangen wurden roth wie Scharlach, ſeine Rede hef⸗ tig wie— kurz als waͤre er kein Philoſoph. „Herr Everard,“ ſagte er,„Sie ſind ein Mann des Schwerdes Sir— und Sir— Sie glauben ſich berechtigt einem Buͤrgerlichen alles zu ſagen, was Ihnen gut duͤnkt Sir— aber ich erinnere Sie, Sir, daß die menſchliche Geduld auch die Schranken uͤber⸗ ſchreiten kann, daß es Scherze gibt, die kein Ehren⸗ mann erdulden wird Sir— und darum verlange ich von Ihnen Obriſt Everard, daß Sie Ihre Rede und 4 Ihren ungeziemenden Scherz zuruͤcknehmen Sir— oder Sie werden mich auf eine Weiſe ſprechen hoͤren, die Ihnen nicht gefallen wird. „Seht, Meiſter Bletſon,“ ſagte Everard, der ſich des Lachens nicht enthalten konnte;„ich bin frei⸗ lich ein Soldat, aber Grauſamkeit war nie mein Feh⸗ ler, und ich moͤchte als Chriſt dem Reiche der Fin⸗ ſterniß nicht gerne einen neuen Vaſallen vor ſeiner Zeit zuſchicken. Wenn Ihnen der Himmel Zeit ſchenkt, 30 Ihre Suͤnden mit Muße bereuen zu koͤnnen, ſo wuͤßte ich nicht, warum meine Hand Sie derſelben berau⸗ ben ſollte, was bei einem Zweikampf auf Schwert oder Piſtolen ohne Zweifel Ihr Schickſal ſeyn wuͤrde. Ich will alſo lieber Abbitte thun; und ich nehme den Desborough, wenn er ſeinen Verſtand wieder erlangt hat, zum Zeugen, daß ich Sie um Verzeihung bitte, einen Augenblick den Verdacht gehegt zu haben, daß Sie, der Sie der Sclave Ihrer eigenen Eitelkeit ſind, auch nur im Entfernteſten etwas Vernuͤnftiges oder Re⸗ ligiöſes haͤtten thun wollen. Ich bereue ferner die Zeit, die ich verloren habe, einen Mohren weiß wa⸗ ſchen zu wollen, oder mich mit einem egoiſtiſchen Athei⸗ ſten in eine vernuͤnftige Unterſuchung eingelaſſen zu haben.“ Bletſon, der ſich gar ſehr uͤber die Wendung freute, welche die Sache genommen hatte,(denn kaum war die Herausforderung aus ſeinem Munde, als er ſchon vor den Folgen zitterte) antwortete ſehr hoͤf⸗ lich und eifrig:„Ach, mein theuerſter Obriſt, ſpre⸗ chen Sie nichts mehr davon, unter Maͤnnern von Ehre bedarf es nur einer Ehrenerklaͤrung; ſie nimmt die Schande von dem, welcher ſie fordert, und ent⸗ ehrt den nicht, welcher ſie gibt.“ „Doch keine ſolche Erklaͤrung, wie ich geleiſtet habe,“ erwiederte der Obriſt. 4 „Ach nein, nein, nicht im geringſten! Eine Ehren⸗ erklaͤrung iſt ſo gut, wie die andere, und Desborough 31 iſt Zeuge, daß Sie mir eine geleiſtet haben, und das iſt Alles, was man verlangen kann. „Herr Desberough und Sie werden wohl bemerkt haben, wie ſich die Sache verhielt, und ich empfehle Ihnen nur, ſie, wenn ihrer erwaͤhnt wird, ſie genan zu erzaͤhlen.“ „Ach nein, wir werden gar nichts davon erwaͤh⸗ nen,“ ſagte Bletſon,„wir wollen es von dieſem Au⸗ genblick an vergeſſen. Nur halten Sie mich keiner aberglaͤubiſchen Schwaͤche faͤhig. Waͤre ich uͤber eine anſcheinende oder wirkliche Gefahr erſchrocken— nun eine ſolche Furcht iſt dem Menſchen natuͤrlich— ſo will ich nicht laͤugnen, daß es mir eben ſo gut wie jedem andern haͤtte widerfahren koͤnnen. Aber mich faͤhig zu halten, meine Zuflucht zu Zauberformeln zu nehmen, oder Buͤcher unter mein Kopfkiſſen zu legen, um mich gegen Geiſter zu ſchuͤtzen, auf mein Wort, das könnte mich wohl mit meinem beſten Freunde in Haͤndel verwickeln.— Nun aber Obriſt, was iſt zu thun, und wie koͤnnen wir uns auf dieſen ver⸗ fluchten Orte unſerer Pflicht entledigen; Wenn ich wie Desborough durchnaͤßt wuͤrde, ſo ſtuͤrbe ich am Catarrh, wenn es ihm gleich nicht mehr ſchadet als ein, Glas Waſſer, das man uͤber ein Poſtypferd ſchuͤttet. Sie ſind, glaube ich, ein College in unſerer Com⸗ miſſion, was meinen Sie nun, was zu thun iſt?“ „Nun, da köoͤmmt ja Harriſon zur rechten Zeit,“ fagte Everard,„und jetzt will ich meinen Auftrag vom 2 2 8 3 Lord⸗General vorlegen, welcher wie Sie Obriſt Desbo⸗ rough ſehn, Ihnen befiehlt, ſich Ihres gegenwaͤrtigen Auf⸗ trags zu begeben, und ſich von dieſem Orte zu entfernen. Desborough nahm das Papier, und betrachtete die Unter⸗ ſchrift.„Ja ganz richtig, es iſt Nolls Unterſchrift, ohne Zweifel— nur iſt ſeit Kurzem der Oliver ſo groß ge⸗ worden wie ein Rieſe, waͤhrend ihm der Cromwell nachſchleicht wie ein Zwerg, als ſollte der Familien⸗ name bald ganz verſchwinden. Aber iſt denn ſeine Er⸗ cellenz unſer Verwandter Noll Cromwell(da er doch bis jetzt noch den Familiennamen fuͤhrt) ſo unver⸗ nuͤnftig, daß er ſeine Verwandte und Freunde auf den Kopf ſtellen laͤßt, bis ihnen das Genick bricht; daß ſie durchnaͤßt werden, als haͤtte man ſie in eine Pferdeſchwemme geworfen; laͤßt er ſie Tag und Nacht von Teufeln und Hexen und Zaubereien in Schrecken ſetzen, und will nicht einmal einen Pfennig Entſchaͤ⸗ digung dafuͤr geben? Alle Teufel! wenn das iſt, ſo waͤre ich beſſer zu Hauſe auf meiner Meierei geblie⸗ ben, und haͤtte Schaafe und Ochſen gehuͤtet, als ei⸗ nem ſo undankbaren Menſchen zu folgen, wenn ich ſchon ſeine Schweſter geheurathet habe. Denn ſo hoch der Cromwell jetzt den Kopf traͤgt, ſo war ſie doch ſo arm, wie eine Kirchenmaus, als ich ſie nahm. „Es iſt meine Abſicht nicht,“ ſagte Bletſon,„in dieſer ehrenwerthen Geſellſchaft zu ſtreiten, und nie⸗ mand wird meine Verehrung und meine Anhaͤnzlich⸗ keit 33 keit gegen den edlen General in Zweifel ziehen, wel⸗ chen der Lauf der Begebenheiten und ſeine eigenen unvergleichlichen Eigenſchaften, ſein Muth und ſei⸗ ne Energie in dieſen ungluͤcklichen Tagen ſo hoch er⸗ hoben haben. Wenn ich ihn einen direkten unmittel⸗ baren Ausfluß des Animus Mundi ſelbſt nenne— ei⸗ nen Mann, den die Natur in ihren ſtolzeſten Stun⸗ den hervorgebracht hat, waͤhrend ſie ihren Geſetzen gemaͤß damit beſchaͤftigt war, fuͤr die Erhaltung der Geſchoͤpfe, die ſie hervorgebracht hat, zu ſorgen, ſo uͤberbiete ich damit die hohe Meinung noch nicht, die ich von ihm habe. Doch verwahre ich mich feierlich, daß ich keineswegs damit das moͤgliche Daſeyn dieſer Ergießung oder dieſes Ausfluſſes des Animus Mundi annehme, ſondern daß ich ihn blos der Form der Rede willen anfuͤhrte. Ich fordere ſie auf, Obriſt Desborough, der ſie ein Verwandter ſeiner Excellenz ſind, und Sie Oberſt Everard, der Sie den hoͤhern Titel ſeines Freundes fuͤhren, freimuͤthig zu ſagen, ob ich meinen Eifer fuͤr den General als groͤßer dar⸗ geſtellt habe, wie er wirklich iſt.“ Everard machte eine Verbeugung, aber Desbo⸗ rough gab ſeine Einſtimmung deutlicher zu verſtehen. „Ja wahrhaftig, das kann ich bezeugen. Ich habe ſchon oft geſehen, daß Sie bereit waren, ihm die Schuh⸗ bändel zu binden, oder den Rock auszubuͤrſten— und nun ſo undankbar behandelt zu werden— ſo der Ge⸗ legenheit beraubt, die ſich Ihnen darbot.“— W. Seott's Werke. XII. 3 34 „Ach nicht deßwegen,“ ſagte Bletſon, und winkte freundlich mit der Hand.“ Sie thun mir unrecht, Mr. Desborough— Sie thun mir wirklich unrecht mein theuerſter Herr, obgleich ich wohl weiß daß Sie es nicht boͤſe meinen. Nein Herr, keine Ruͤck⸗ ſicht auf Privat⸗Intereſſe bewog mich dieſen Auftrag zu uͤbernehmen. Er ward mir vom Engliſchen Parla⸗ mente uͤbergeben, in deſſen Namen dieſer Krieg be⸗ gann, und von dem Staatsrath, welcher der Erhalter der Freiheit Englands iſt. Nur der Wunſch und die freundliche Hoffnung, meinem Vaterlande dienen zu koͤnnen, verleitete mich dazu, dieſe Stelle anzuneh⸗ men, um mit Euerem Beiſtand unſerer gemeinſchaft⸗ lichen theuern Mutter, der Republik von England nuͤtz⸗ lich ſeyn zu können. Das war meine Hoffnung, mein Wunſch, mein Vertrauen. Und nun kommt Mylord Generals Befehl, und will die Macht aufheben ver⸗ möge deren wir zu handeln berechtigt ſind. Gentle⸗ men, ich frage die e ehrenwerthe Verſammlung(mit aller Achtung vor Seiner Excellenz), ob ſeine Befehle die Auftraͤge der Behörde vernichten koͤnnen, von der er ſelbſt Befehle zu erhalten hat? Keiner wird das ſagen. Ich frage: hat er den Sitz beſtiegen, von dem der verſtorbene Mann geſtuͤrzt wurde, oder be⸗ ſitzt er das große Siegel, oder glaubt er in einem ſolchen Falle eingenmächtig handeln zu duͤrfen? Ich finde keinen Grund um es zu glauben, und muß mich daher gegen ſolche Lehren verwahren. Ihr moͤgt nun ———— 8— ſ— — 2u 35 thun was ihr wollt, tapfere ehrenwerthe Collegen; 2 aber was meine eigene ſchwache Meinung betrifft, ſo glaube ich mich ungluͤcklicherweiſe genoͤthigt, pflichtge⸗ maͤß in unſerem Auftrag fortfahren zu muͤſſen, als haͤtte die Unterbrechung gar nicht Statt gefunden, nur mit dem Unterſchiede, daß die Sitzung der Se⸗ queſtratoren bei Tag hier im Jaͤgerhauſe zu Wood⸗ ſtock gehalten werde, aber daß wir uns gleich nach Son⸗ nenuntergang in das Wirthshaus zum Nitter St. Georg in dem benachbarten Staͤdtlein begeben, um ſo⸗ wohl unſere ſchw achen Bruͤder zu beruhigen, welche aber⸗ glaͤubiſchen Gerichten Glanben ſchenken, als um den allen⸗ fallſigen Umtri eben der Uebelgeſinnten zu entgehen.“ „Mein guter Mr. Bletſon, erwiederte der Obriſt Everard,„es iſt meine Sache nicht, Ihnen zu ant⸗ worten; aber Sie werden wohl wiſſen, wo die Armee von England, und ihr General ihre Autoritaͤt herlei⸗ ten. Ich fuͤrchte, der Befehl des Generals wird wohl von einem Regimente Cavallerie von Orford mit ge⸗ lehrten Randgloſſen verſehen werden. Ich glaube, es ſind Befehle deshalb ausgefertigt; und Sie haben erſt kuͤrzlich die Erfahrung gemacht, daß der Soldat ſeinem General, ſowohl im Kampfe gegen den Koͤnig als gegen das Parlament Gehorſam leiſten wird.“ „Der Gehorſam iſt bedingt,“ ſagte Harriſon, indem er ſich ſtolz erhob.„Weißt Du nicht Mark⸗ ham Everard, daß ich dieſem Manne Cromwell ſtets ſo nahe folgte, wie ein Bullenbeißer ſeinem Herrn? 4 85 und das will ich noch; aber ich bin kein Schoßhuͤnd⸗ chen, das man pruͤgelt oder dem man eine vorgeſetzte Speiſe wieder wegnimmt; auch kein elender Mops, den man Peitſchenhiebe zum Lohn ſeiner Dienſte gibt, und die Erlaubniß ſein eigenes Fell zu tragen. Ich meine, wir Dreie haͤtten ehrlich und rechtlich, und zum Beſten der Republik drei, ja wohl gar fuͤnf⸗ tauſend Pfund verdienen koͤnnen. Bildet ſich Crom⸗ well ein, ich wuͤrde jetzt, ſo mir nichts, Dir nichts, davon abſtehen? Nein, ſo geht die Sache nicht! Wer dem Altar dient, muß vom Altar leben, und die Heiligen muͤſſen Mittel haben„ſſich mit gutem Sat⸗ telzeug und friſchen Pferden zu verſehen, um der Oef⸗ fentlichkeit und dem Losbrechen entgehen zu koͤnnen. Haͤlt mich Cromwell fuͤr einen ſo zahmen Tieger, daß er mir nach Willkuͤhr das erbaͤrmliche Stuͤck Fleiſch wegreißen zu koͤnnen glaubt, das er mir vorgewor⸗ fen hat? Ei gewiß werde ich widerſtehen; denn die Leute, welche ſich hier befinden, ſind meiſtens von meinem eigenen Regimente. Maͤnner, die mit Feuer⸗ eifer, und das Schwert geguͤrdet um die Lenden, mi helfen werden, dieſes Haus gegen jeden Sturm zu vertheidigen, ja gegen Cromwell ſelbſt wenn er kom⸗ men ſollte! Sela! Sela!“„und ich“ ſagte Desbon⸗ rough,„will Truppen werben, um Ench zu entſetzen, denn fuͤr jetzt moͤchte ich mich nicht gern der Garni⸗ ſon anſchließen.“ „Und ich,“ ſagte Bletſon,„will, meinerſeit⸗ 37 nach London eilen, und die Sache dem Parlamente vorlegen, wie es meine Pflicht erheiſcht.“ Everard ward vor allen dieſen Drohungen wenig bewegt. Die einzige wirklich furchtbare war die des Harriſon, den ſein Enthuſiasmus, ſein Muth und ſein Eigenſinn ſowohl, als ſein Einfluß auf die Schwaͤr⸗ mer ſeiner Parthei zu einem gefaͤhrlichen Feinde machte. Ehe er ſich alſo mit dem wiederſtrebenden General⸗ Major in Streit einließ, verſuchte es Everard ihn zu beſaͤnftigen, und erwaͤhnte im Vorbeigehen die Unruhen der verfloſſenen Nacht. „Rede mir nicht von uͤbernatuͤrlichen Beunru⸗ higungen, junger Mann— ſchwatze mir nicht von koͤr⸗ perlichen oder unkörperlichen Feinden. Bin ich nicht der erwaͤhlte und beſtellte Kaͤmpfer um dem großen Drachen zu begegnen, um ihn zu uͤberwinden und das Thier, das aus der See kömmt? Bin ich nicht heſtimmt dazu, den linken Fluͤgel und zwei Regimen⸗ er vom Centrum zu kommandiren, wenn die Heili⸗ en mit den zahlloſen Legionen des Gog und Magog uſammenſtoßen? Ich ſage Dir, mein Name iſt ge⸗ chrieben auf dem Feuer⸗ und Eismeer, daß ich ieſen Platz Woodſtock gegen alle ſterbliche Menſchen und gegen alle Teufel im Feld und in der Stube, im Wald und auf der Wieſe behaupten will, bis daß die Seiligen in ihrer Glorie herrſchen werden auf Erden.“ Jetzt ſah Everard, daß es Zeit ſey, einige Zei⸗ ken von Cromwells Hand vorzulegen, die er von dem 38 General erhalten hatte nachdem Wildrake ſchon wie⸗ der zuruͤckgekehrt war. Sie waren darauf berechnet, das Mißvergnuͤgen der Commiſſaͤre zu beſchwichtigen, und gaben als Grund an warum die Commiſſion ihre Arbeiten zu Woodſtock einſtellen ſolle, daß Crom⸗ well die Beihuͤlfe des Generals Harriſon, des Obriſt Desborough und des Herrn Bletſon in einer wich⸗ tigern Sache vom Parlamente verlangen wuͤrde, naͤm⸗ lich bei dem Einziehen und dem Verkauf der koͤnig⸗ lichen Guͤter zu Windſor. Kaum war das Wort ausgeſprochen, als alle die Ohren ſpitzten, und ihre finſteren, rachſuͤchtigen Mienen einem freundlichen Laͤ⸗ cheln und einem befriedigten Blicke wichen. Obriſt Desborough ſprach ſeinen ſehr ehrenwer⸗ then und vortrefflichen Verwandten von jeder Un⸗ freundlichkeit frei; Meiſter Bletſon machte die Ent⸗ deckung, daß der Staat bei der guten Verwaltung von Windſor weit mehr intereſſirt ſey, als bei der von Woodſtock. Harriſon aber rief unverholen, und ohne zu ſchwanken aus, das Blinken der Reben zu Windſor waͤre beſſer als die Weinleſe von Wood⸗ ſrock. Indem er ſprach druͤckte ſein dunkles Auge ſo viel Triumph und Freude uͤber den vorgeſchlage nen irdiſchen Vortheil aus als ſollte dieſer, ſeiner thorigten Ueberzeugung nach, nicht ſobald gegen ſei nen Antheil an der allgemeinen Regierung des tau⸗ ſendjaͤhrigen Reichs vertauſcht werden. Kurz ſeine Wonne glich der Freude eines Adlers, der ohne Wie 1 r 6 6 . 39 4 derſtreben des Abends ein Lamm loslaͤßt, weil er hunderttauſend Mann in Schlachtordnung bemerkt, die ihm mit Tagesanbruch ein unendliches Gaſtmahl von dem Herzens⸗ und Lebensblute der Tapfern ge⸗ waͤhren werden.— Obgleich nun alle darin uͤbereinſtimmten, daß ſie ſich in dieſer Sache den Wuͤnſchen des Gene⸗ rals fuͤgen wollten, ſo ſchlug doch Bletſon eine Vor⸗ ſichtsmaasregel vor in welche alle einſtimmten. Sie wollten naͤmlich fuͤr einige Zeit ihren Aufenthalt in der Stadt Woodſtock nehmen, um ihren neuen Auftrag hinſichtlich Windſors zu erwarten, und zwar aus der vorſichtigen Betrachtung, daß es am beſten ſeye, den einen Kuoten nicht zu loͤſen, bis der andere erſt ge⸗ knuͤpft waͤre. Ein jeder Commiſſaͤr ſchrieb daher heſonders an Oliver und ſtellte ihm auf ſeine eigene Weiſe die Tiefe und die Hoͤhe, die Laͤnge und die Breite ſeiner Zuneigung zu ihm dar. Ein jeder von ihnen war ſeinen Ausdruͤcken nach entſchloſſen, den Be⸗ fehlen des Generals bis aufs Aeußerſte nachzukom⸗ men; aber mit derſelben zarten gewiſſenhaften Erge⸗ benheit gegen das Parlament wußte keiner von ih⸗ nen, wie er den Auftrag niederlegen ſollte, den er von dieſer Behoͤrde erhalten hatte; ſie fuͤhlten ſich alſo in ihrem Gewiſſen verbunden vorerſt ihren Auf⸗ enthalt in dem Flecken Woodſtock zu nehmen, damit es nicht ſchiene, als verließen ſie den ihnen aufge⸗ 40 tragenen Poſten, bis ſie zur Verwaltung der wichti⸗ geren Angelegenheiten von Windſor berufen wuͤrden wozu ſie ihre Bereitwilligkeit und ihren Eifer Sr. Excellenz zu dienen ſehr hoͤflich ausdruͤckten. Dieß war im Allgemeinen der Inhalt ihrer Briefe, deſſen Styl nur die charakteriſtiſchen Spuren der Schrei⸗ ber trug. Desborough zum Beiſpiel ſagte etwas uͤber die religioͤſe Pflicht fuͤr ſeine eigene Haushaltung zu ſorgen, und citirte dabei Verſe aus dem alten und neuen Teſtamente. Bletſon ſchrieb eine große und maͤchtige Abhandlung uͤber die politiſche Verbindlich⸗ keit die einem jeden Mitgliede der buͤrgerlichen Ge⸗ ſellſchaft und jedem Staatsbuͤrger obliege, ſeine Zeit und ſeine Talente dem Dienſte des Vaterlandes zu opfern; waͤhrend Harriſon von der Nichtigkeit der irdiſchen Geſchaͤfte ſprach, im Vergleich mit dem her⸗ annahenden furchtbaren Wechſel unter der Sonne. War aber ſchen die Staffirung der verſchiedenen Epi⸗ ſtel verſchieden, ſo war doch das Reſultat bei allen daſſelbe, daß ſie naͤmlich entſchloſſen waͤren Wood⸗ ſtock im Auge zu behalten, bis ſie eines beſſeren und eintraͤglicheren Auftrags recht feſt verſichert ſeyen. Auch Eyverard ſchrieb dem Cromwell einen Brief in den dankbarſten Ausdruͤcken, der wahrſcheinlich minder warm ausgefallen waͤre, haͤtte ſein Freund und Diener ihm die Erwartungen deutlicher dargeſtellt, welche der bereitwillige Geueral an die Bewilligung ſeiner Bitte knuͤpfte. Er machte Se. Erzellenz mit ———+G— 8 28⏑—* 41 ſeinem Vorhaben bekannt, ſich fuͤr einige Zeit zu Woodſtock aufzuhalten eines Theils um die Bewegun⸗ gen der drei Commiſſaͤre zu beobachten und um da⸗ rauf zu merken, ob ſie nicht allenfalls ihren Auftrag von neuem ergreifen wuͤrden dem ſie fuͤr jetzt ent⸗ ſagt haͤtten; und ferner um zu ſehen, ob die auſſeror⸗ dentlichen Umſtaͤnde, welche in dem Jaͤgerhaus vorge⸗ fallen waren und welche ohne Zweifel im Publikum bekannt werden wuͤrden, nicht Unruhen oder Stoͤ⸗ rungen der oͤffentlichen Sicherheit erregten. Er wuͤßte,(wie er ſich ausdruͤckte) daß ſeine Excellenz ſo ſehr der Freund der geſetzmaͤßigen Ordnung waͤre, daß er Unruhen und Aufſtaͤnden lieber zuvorkomme, als ſie beſtrafe; und er beſchwur den General ein gaͤnzliches Vertrauen in ſeinen Eifer fuͤr das allge⸗ meine Beſte zu ſetzen das er auf jegliche Weiſe, die nur in ſeiner Macht waͤre, befoͤrdern wolle. Doch wußte Everard nicht in welchem Sinne der General den allgemeinen Ausdruck auslegen wuͤrde. Nachdem dieſe Briefe zuſammen in ein Paquet verſiegelt wurden, ſandte man ſie durch einen eigends dazu beſtimmten Soldaten nach Windſor. 3 Drittes Kapitel. Wir thun im Eifer gar oft Thaten Die wir in Ruhe nicht vertheid'gen können. Waͤhrend die Commiſſaͤre mit allem dem Geraͤuſch 4² und der Geſchaͤftigkeit, welche bei den Reiſen der gro⸗ ßen Peronen und beſonders bei denen, welche mit der Groͤße nicht ganz vertraut ſind, gewoͤhnlich iſt, ſich vorbereiteten das Jaͤgerhaus zu verlaſſen um den Gaſt⸗ hof im Flecken Woodſtock zu beziehen, hielt Everard mit dem preßbyterianiſchen Geiſtlichen Herrn Holde⸗ nough eine weitlaͤufige Zwieſprache. Dieſer hatte ge⸗ rade das Zimmer, das er den Geiſtern zum Trotz be⸗ wohnt hatte, verlaſſen, und ſeine bleichen Wangen und ſeine gedankenvolle Stirne bezeugten, daß er die Nacht nicht ruhiger zugebracht habe, als die andern Gaͤſte des Jaͤgerhauſes zu Woodſtock. Oberſt Everard bot dem ehrenwerthen Gentleman einige Erfriſchungen an, erhielt aber folgende Artwort:„Am heutigen Tage will ich keine Speiſe beruͤhren, die ausgenom⸗ men, die zum Lebensunterhalt unumgaͤnglich noͤthig iſt. Nicht als faſtete ich in der papiſtiſchen Meinung, daß es ein Verdienſt waͤre, ſondern weil ich es fuͤr noͤthig halte, daß keine groͤßere Menge von Lebens⸗ mitteln an dem heutigen Tage meinen Verſtand um⸗ nebele, oder den Dank, den ich dem Himmel fuͤr eine hoͤchſt wunderbare Erhaltung ſchuldig bin, minder rein und lebhaft mache.“ „Herr Holdenough,“ ſagte Everard,„Sie ſind ſo viel ich weiß, ein wackerer und ein kuͤhner Mann, und ich ſah Sie in der vergangenen Nacht ihrer Pflicht muthig entgegen gehen, wo erprobte Solda⸗ ten in Furcht und Angſt ſchwebten.“ 43 „Zu muthig, zu kuͤhn!“ war Mr. Holdenoughs „Antwort, deſſen muthiger Blick ganz erſtorben zu ſeyn ſchien.„Wir ſind gebrechliche Geſchoͤpfe, Mr Everard, und am gebrechlichſten, wenn wir uns am ſtaͤrkſten halten. Ach Oberſt Everard,“ fuͤgte er nach einer Pauſe hinzu, als theile er ſein Vertrauen un⸗ willkuͤhrlich mit,„ich habe etwas geſehen, was ich nie uͤberleben werde!“ „Sie uͤberraſchen mich, verehrter Herr,“ ſagte Everard,„darf ich Sie bitten, deutlicher zu ſprechen? Ich habe einige Geſchichten von dieſer unruhigen Nacht gehoͤrt, ja habe ſogar ſelbſt ſonderbare Dinge geſehen, aber ich wuͤrde am meiſten Antheil daran nehmen wenn ich die Art und Weiſe Ihrer Beun⸗ ruhigung erfuͤhre.“ „Sir“ ſagte der Geiſtliche,„ich kenne Sie fuͤr einen verſchwiegenen Mann, und obgleich ich nicht wuͤnſche, dieſen Ketzern Schismatikern, Browniſten, Muggletonianern, Anapabtiſten u. ſ. w. eine ſolche Gelegenheit zum Triumph zu geben, wie meine Nie⸗ derlage in dieſer Sache ihnen gewaͤhren wuͤrde; ſo werde ich doch gewiß mit Ihnen, der Sie immer ein getreuer Diener unſerer Kirche waren, und dem National⸗Buͤndniß und dem Covenand anhaͤngen, offener ſprechen. Wir wollen uns alſo ſetzen und ich will mir ein Glas klares Waſſer beſtellen; denn ſchon fuͤhle ich ein koͤrperliches Zittern, obgleich ich, Gott ſey Dank, in meinem Gemuͤthe entſchloſſen bin 44 und beruhigt, wie es ein blos ſterblicher Menſch nach ſolch einem Anblick ſeyn kann. Man ſagt, der Anblick ſolcher Dinge prophezeie oder bewirke ſchleu⸗ nigen Tod,— ich weiß nicht ob es wahr iſt; aber wenn dem ſo iſt, ſo verlaſſe ich die Welt, wie eine ermuͤdete Schildwache, welche der Offizier vom Poſten abloͤst, und gerne werde ich dieſe ermuͤdeten Augen von dem Anblicke, dieſe ermuͤdeten Ohren vor dem Froſchquaͤken der Antinomier, der Pelagier, der Soci⸗ nianer, der Arminianer und Arianer und Unglaͤu⸗ bigen ſchließen, die England uͤberſtroͤmen, wie jene Amphibien das Haus des Pharao.“ Ein Bedienter brachte ein Glas Waſſer, und Oberſt Everard bat den wackern Mann eine geiſtigere Erfriſchung zu ſich zu nehmen, aber er ſchlug es ab.„Ich bin gewiſer⸗ maßen ein Kaͤmpfer“ ſagte er„und bin ich ſchon im letzten Streite von meinem Feinde geſchlagen wor⸗ den, ſo bleibt mir doch immer noch meine Trompete um Laͤrm zu blaſen, und mein ſcharfes Schwerdt um drein zu ſchlagen; und darum will ich auch wie die Nazarener der alten Zeit nichts eſſen, was vom Weinſtock kommt, und weder Wein noch hitzige Ge⸗ traͤnke trinken, bis die Tage dieſes Kampfes voruͤber ſind.“ Der Oberſt Everard bat den Mr. Heldenough von Neuem, ehrfurchtsvoll und freundſchaftlich ihm das, was ihm in der vergangenen Nacht zugeſtoßen ſey mitzutheilen, und der Geiſtliche begann alſo ſeine 4⁵ Erzaͤhlung mit dem, ihn charakteriſirenden Anſtrich von Eitelkeit, welcher natuͤrlicher Weiſe aus der Rolle entſtand die er in der Welt geſpielt und dem Ein⸗ fluß, den er uͤber die Gemuͤther der andern ausgeuͤbt hatte. „Ich war„ſagte er“ als ich die Univerſitaͤt Cam⸗ bridge beſuchte noch ein ſehr junger Menſch, und ein inniges Freundſchafts⸗Buͤndniß knuͤpfte mich an einen meiner Mitſtudenten, vielleicht weil wir(es iſt zwar eitel, es zu erwaͤhnen) fuͤr die hoffnungs⸗ vollſte Zoͤglinge der hohen Schule gehalten wurden, und wir ruͤckten in ſo gleichem Grade vor, daß es ſchwer war zu beſtimmen, wer von uns beiden am meiſten Fortſchritte in ſeinen Studien gemacht hatte. Nur pflegte unſer Profeſſor Mr. Purefoy zu ſagen, daß wenn mein Gefaͤhrte auch mehr Anlagen habe, ſo haͤtte ich doch eine groͤſſere Erkenntniß; denn er bing an dem Studium der Claſſiker, das immer nutzlos, und oft unlauter und unreligioͤs iſt; ich aber hatte Einſicht genug, meine Studien den heili⸗ gen Sprachen zu widmen. So waren wir auch him⸗ ſichtlich der engliſchen Kirche verſchiedener Meinung; denn er war Arminianiſcher Geſinnung, mit Laud und den anderen, welche das Geiſtliche mit dem Buͤr⸗ gerlichen verbinden, und die Kirche dem Athem der irdiſchen Menſchen unterwurfig machen wollen. Kurz er beguͤnſtigte das Praͤlaten⸗Weſen ſowohl im Weſen als in der Form, und obſchon wir unter Thraͤnen 46 und Umarmungen ſchieden, ſo ſchlugen wir doch ſehr verſchiedene Laufbahnen ein. Er erhielt eine Pen⸗ ſion, und ward ein großer polemiſcher Schriftſteller fuͤr den Biſchof und den Hof. Auch ich ſchaͤrfte, wie es ihnen wohl bekannt iſt, ſo gut wie es meine ſchwa⸗ chen Geiſteskraͤfte erlaubten, meine Feder fuͤr die Sache des armen unterdruͤckten Volkes, deſſen zartes Ge⸗ wiſſen die Liturgion und die Ceremonien verwarf, die einer paͤbſtlichen Kirche beſſer ziemten als einer reformirten, und die der verblendeten Politik des Ho⸗ fes gemaͤß, bei Geldbuße und perſoͤnlicher Strafe ge⸗ boten war. Hierauf entſtand der Buͤrgerkrieg, und ich, den mein Gewiſſen dazu berief, und der ich die bedauernswuͤrdigen Dinge, welche durch das Entſte⸗ hen dieſer Independenten erfolgten, weder fuͤrchtete noch erwartete,— ich war bereit dazu, an dem gro⸗ ßen Werke mitzuarbeiten, und Feldprediger im Re⸗ gimente des Obriſten Harriſon zu werden. Nicht als haͤtte ich allenfalls fleiſchliche Waffen ergriffen, was der Himmel den Prieſtern ſeines Altars verbieket, ſondern ich predigte und ermahnte, und war zur Zeit der Noth ein Arzt, ſowohl fuͤr die Wunden des Koͤr⸗ pers als der Seele. Nun begab es ſich gegen das Ende des Kricheg, daß ein Haufen Uebelgeſinnter ſich eines befeſtigten Hauſes in der Grafſchaft Shrewsbury bemäͤchtigt hatte, das auf einer kleinen Halbinſel eines Landſees lag, und das nur durch einen ſchmalen und engen Fuß⸗ 47 2 pfad zugaͤnglich war. Von dort aus machten ſie Streif⸗ zuͤge und bedruͤckten das Land ſo, daß es hohe Zeit, war dem Unweſen zu ſteuern, und ein Theil unſeres Regimentes aufbrach um das Gebaͤude zu ſtuͤrmen; man bat mich mitzugehen, denn die Anzahl war ge⸗ ring fuͤr einen ſo ſehr befeſtigten Platz und der Obriſt glaubte meine Ermahnungen wuͤrden ſie zux Tapfer⸗ keit ermuntern. Alſo begleitete ich ſie auch, meiner Gewohnheit entgegen, bis auf das Schlachtfeld, wo man von beiden Seiten tapfer ſtritt. Doch hatten die Uebelgeſinnten dadurch, daß ſie mit ihren Feld⸗ ſtuͤcken auf uns ſchoſſen, einen ſo großen Vortheil, daß, nachdem wir das Thor mit einer Artillerieſalve geſprengt hatten, der Obriſt Harriſon ſeinen Leuten befahl in den Hohlweg einzudringen und wo moͤg⸗ lich den Platz durch Sturm zu nehmen. Doch ob⸗ gleich unſere Leute ſich tapfer betrugen, und in gu⸗ ter Ordnung vorruͤckten, ſo wurden ſie doch von al⸗ len Seiten ſo ſehr von dem Feuer beunruhigt, daß ſie zuletzt in Unordnung geriethen, und ſich mit gro⸗ ßem Verluſt zuruͤckzogen. Harriſon ſetzte ſich tapfer an die Spitze des Vachtrabs und vertheidigte ſie, ſo gut er konnte, gegen die Feinde, die ihnen nachſetz⸗ ten um ſie zu vernichten. Ich aber, Obriſt Eve⸗ rard, habe von Natur ein unruhiges, heftiges Gemuͤth, obgleich beſſere Einſicht mich jetzt milde und ruhig gemacht hat. Ich konnte es nicht zuſehen, wie un⸗ ſere Iſraeliten vor den Philiſtern flohen; ich draͤngte 48 mich alſo in den Hohlweg, die Bibel in der einen Hand, und eine Hellebarde die ich vom Boden auf⸗ hub in der anderen, ſtieß die vorderen Fluͤchtlinge zuruͤck und drohete ſie niederzuſtoßen, wobei ich ih⸗ nen zu gleicher Zeit unter den Royaliſten einen Prie⸗ ſter im Chorrock, wie ſie es nennen, zeigte und ſie frug, ob ſie fuͤr einen wahren Diener Gottes nicht ſo viel thun wollten als die Unbeſchnittenen fuͤr einen Prieſter des Baal. Meine Worte und meine Stoͤße machten Eindruck; ſie wandten ſich mit einemmale um, riefen laut aus,„nieder mit dem Baal und ſeinen Verehrern,“ und griffen die Royaliſten ſo unerwartet von neuem an, daß ſie ſie nicht allein in das Haus zuruͤckdraͤngten, ſondern auch, wie man ſich ausdruͤckt, pel mell, mit ihnen in daſſelbe eindrangen. Auch ich ward zum Theil mit fortgeriſſen, und anderen Theils folgte ich auch willig, um die wuͤthenden Soldaten zu bewegen Pardon zu geben; denn es that mir wehe zu ſehen, wie man Chriſten und Englaͤnder mit Schwerdt und Flintenkolben todtſchlug, wie die Hunde in den Straßen, wenn man ſich vor der Hundswuth fuͤrchtet. Auf dieſe Weiſe erreichten wir, naͤmlich die Soldaten fechtend und mordend und ich, indem ich ihnen Einhalt thun wollte, die hoͤchſten Zinnen des Hauſes, wohin ſich die gefluͤchteten Royaliſten zuruͤck⸗ gezogen hatten. Auch ich ward ſo zu ſagen, gezwun⸗ gen, die ſchmale Wendeltreppe hinaufzugehen, fort⸗ geriſſen von unſerm Soldaten, die ſich wie Iagdunde 3 au 49 auf ihre Beute ſtuͤrzten;— als ich mich endlich aus dem Gewuͤhle losgeriſſen, befand ich mich in der Mitte einer entſetzlichen Scene. Von den zerſtreuten Vertheidigern widerſtanden einige mit der Wuth der Verzweiflung, andere auf ihren Knien baten um Mitleid in herzzerreißenden Worten und mit jammervoller Stimme, wieder an⸗ dere riefen Gottes Barmherzigkeit an,— es war hohe Zeit; denn die Menſchen fuͤhlten keine. Sie wurden niedergeſchlagen und geſtoſſen, von den Zinnen in den See geworfen, und das wilde Geſchrei der Sie⸗ ger vermiſcht mit dem Stoͤhnen, Aechzen und Jam⸗ mern der Beſiegten erſchallete ſo entſetzlich, daß nur der Tod es aus meinem Gedaͤchtniſſe verloͤſchen kann. Und die Menſchen, die ihre Mitgeſchoͤpfe ſo unbarm⸗ herzig ſchlachteten, waren weder Heiden aus fernen wil⸗ den Laͤndern, noch Moͤrder, der Auswurfunſeres eigenen Volkes. Bei ruhigem Blute waren es vernuͤnftige, ja ſogar religioͤſe Menſchen, die bei ihrem irdiſchen Wan⸗ del ihre einſtige uberirrdiſche Beſtimmung nicht ver⸗ gaßen. Ach Mr. Everard, man ſollte das Kriegshand⸗ werk fuͤrchten und vermeiden, da es Menſchen in Woͤlfe verwandelt.“ „Es iſt eine harte Nothwendigkeit,“ ſagte Everard, indem er zu Boden ſchaute,„und die allein kann es rechtfertigen. Aber fahren Sie fort, Ihro Hochwuͤr⸗ den; denn ich ſehe noch nicht ein, wie dieſer Sturm, W. Scott's Werke. XII. 4 50 3 eine Begebenheit die bei Burgerkriegen nur zu haͤu⸗ fig vorfaͤllt, mit den Erſcheinungen in der verfloſſenen Nacht zuſammenhaͤngt.“ „Sie ſollen es ſogleich hoͤren,“ ſagte Mr. Hol⸗ denough, der inne hielt wie Jemand der alle ſeine Kraͤfte zuſammennimmt, um eine Erzaͤhlung fortſetzen zu koͤnnen, deren Inhalt ihn heftig bewegt.„In dieſem hoͤlliſchen Cumulte— denn nichts kann auf Erden der Hoͤlle ſo ſehr gleichen, als wenn Menſchen das Leben ihrer Mitmenſchen ſo wenig achten— in dieſem hoͤl⸗ liſchen Tumult ſah ich denſelben Prieſter den ich vom Hohlweg aus bemerkte, wie er von den Unſrigen an⸗ gegriffen ſich nebſt einigen Royaliſten auf das Aeuſ⸗ ſerſte vertheidigte, wie Jemand, dem keine Hoffnung 3 mehr bluͤht.— Ich ſah ihn,— ich erkannte ihn— ach Obriſt Everard!“ Er ergriff Everards Hand krampfhaft mit ſeiner Linken, druͤckte den Ballen ſeiner Rechten gegen ſein Geſicht und ſeine Stirn, und ſchluchzte laut. „Es, war Ihr Univerſitaͤts⸗Freund?“ ſagte Everard ihm zuvorkommend. „Mein alter— mein einziger Freund— mit dem ich die gluͤcklichſten Tage meiner Jugend verlebt hatte! Ich draͤngte mich vor, ich rang, ich ſuchte ihn zu erreichen. Aber meine Heftigkeit ließ mir weder den Gebrauch meitter Stimme noch meiner Sprache— ſie verlor ſich in dem gotteslaͤſterlichen Geſchrei, das ich ſelbſt hervorgerufen hatte,—„nieder mit dem Ba⸗ —„„„ 51 alsprieſter— erſchlagt den Mattan— erſchlagt ihn, und ergriff er die Hoͤrner des Altars!“— Ueber die Zinnen geworfen, ringend um ſein Leben konnte ich ſehen wie er den Vorſprung erklimmte der zur Re⸗ gentraufe diente— ſie aber zerhackten ihm Arm und Haͤnde— ich hoͤrte den ſchweren Fall in den bodenlo⸗ ſen Abgrund.— Verzeiht— ich kann nicht weiter.“ „Er koͤnnte doch entronnen ſeyn.“ „Ach nein, nein,— der Thurm war vier Stock⸗ werk hoch. Und ſelbſt die, die ſich von den niederern Fenſtern herab in den See warfen, um ſchwimmend zu entgehen waren nicht ſicher; denn die Cavallerie am Ufer war von demſelben blutduͤrſtigen Geiſte be⸗ ſeelt, welcher die Stuͤrmenden ergriffen hatte— ſie ritten um das Geſtade, erſchoßen diejenigen, die im. Waſſer fuͤr ihr Leben kaͤmpften, und ſtießen die nie⸗ der, welche das Land erreichten. Sie wurden alle niedergeſtoßen und zerſtoͤrt.— O moͤchte das Blut, das an jenem Tag vergoſſen wurde, nie ſeine Stimme erheben!— Ach moͤchte die Erde es in ihrem Schoos verbergen!— Ach moͤchte es ſich fuͤr ewig mit den dunkeln Gewaͤſſern des Sees vermiſchen, damit es nie Rache ſchreye gegen die, die im leidenſchaftlichen Zorne waren und in der Wuth ermordeten!— Und ach moͤchte dem Irrenden vergeben werden, der unter⸗ ihnen war, und ſeine Stimme zur Ermunterung ih⸗ rer Grauſamkeiten lieh.— O Albany, mein Bruder, 4.. mein Bruder— ich habe um Dich gejammert, wie David um Jonathan.“ 1 Der gute Mann ſchluchzte laut und auch Obriſt Everard fuͤhlte ſich ſo geruͤhrt, daß er ſich enthielt, wegen des Gegenſtandes ſeiner Neugierde weiter in ihn zu dringen bis die Fluth ſeiner leidenſchaftlichen Reue ſich legte. Die Gefuͤhle des ſtreng⸗ moraliſchen Geiſtlichen waren um ſo heftiger und leidenſchaftlicher, da ihn im Allgemeinen nicht leicht etwas geiſtig er⸗ greifen konnte, und er alſo gewaltiger uͤbermannt ward, wenn ſie einmal die Schranken gebrochen hat⸗ ten. Große Thraͤnen xollten uͤber die zitternden Zuͤge ſeines eingefallenen und ungewoͤhnlich ernſten und ſtrengen Antlitzes; und heftig erwiederte er Ever⸗ ards Handdruck, als danke er ihm fuͤr das Mitgefuͤhl, das er ſeinem Kummer weihe. Gleich darauf trocknete Mr. Holdenough ſeine Augen, zog ſeine Hand liebreich aus der des Everard zuruͤck, ſchuͤttelte ſie ihm freundſchaftlich und fuhr mit Ruhe fort:„vergeben Sie mir dieſen Ausbruch leidenſchaftlicher Gefuͤhle, mein wuͤrdiger Obriſt. Ich fuͤhle wohl, daß es einem Geiſtlichen, der andere troͤ⸗ ſten ſollte, nicht ziemt, ſich dem Uebermaaß des Kum⸗ mers zu uberlaſſen, ſich ſchwach, wenn nicht gar ſuͤn⸗ dig zu zeigen. Denn was ſind wir, daß wir weinen und murren uͤber das, was Er zugelaſſen hat? Aber Albany war mir wie ein Bruder. Die gluͤcklichſten Tage meines Lehens verbraͤchte ich in ſeiner Geſell⸗ 8 88——N ⁸— —ꝛ˖,— 53 ſchaft, ehe der Buͤrgerkrieg mich an meine Pflichten erinnerte. Ich— aber ich will den Reſt meiner Ge⸗ ſchichte kurz machen,—“ hier ruͤckte er ſeinen Stuhl naͤher an Everard, und ſprach in feierlich⸗myſtiſchem Tone, der ſich faſt in ein Liſpeln verlor—„ich ſah ihn in der vergangenen Nacht.“ „Sahen ihn— wen ſahen Sie?“ ſagte Everard. „Koͤnnen Sie die Perſon meinen, welche—“ „Welche ich ſo barbariſch morden ſah,“ ſagte der Geiſtliche.—„Meinen alten Univerſitaͤts⸗Freund Jo⸗ ſeph Albani.“ „Mr. Holdenough, Ihr Gewand und Ihr Cha⸗ rakter ſollten Sie wohl abhalten, uͤber einen ſolchen Gegenſtand zu ſcherzen.“ „Scherzen!“ antwortete Holdenough,„eben ſo leicht wuͤrde ich auf meinem Todtenbette oder uͤber die Bibel ſcherzen.“ „Sie muͤſſen getaͤuſcht worden ſeyn,“ antwortete Everard ſchnell;„dieſe tragiſche Geſchichte muß noth⸗ wendigerweiſe oft in ihr Gemuͤth zuruͤckkehren, und in Augenblicken, wo die Einbildungskraft das Zeug⸗ niß der aͤuſſeren Sinne uͤberwiegt, muß Ihnen Ihre Phantaſſe eine taͤuſchende Erſcheinung vorgeſpiegelt haben. Nichts iſt wahrſcheinlicher, als daß, wenn das Gemuͤth das Uebernatuͤrliche ſucht, die Einbildungs⸗ kraft es mit einem Haonaeſbanſ ausfuͤllt, waͤhrend die uͤbermaͤßig gereizten Gefähte es ſchwer machen, die Taͤuſchung zu zerſtoͤren.“ „in der Erfuͤllung meiner Pflichten darf ich das menſchliche Antlitz nicht fuͤrchten; ich ſage Ihnen da⸗ her offen, ſo wie ich es vorher ſchonender that, daß venn Sie Ihr fleiſchliches Wiſſen und Ihre Urtheils⸗ kraft anwenden wollen, um wie gewoͤhnlich, damit die verborgenen Dinge der anderen Welt zu pruͤfen, ſo könnten Sie ebenſogut die Stroͤme des Oceans mit dem Ballen Ihrer Hand ausmeſſen. Wahrlich, mein guter Herr, Sie irren darin, und geben der Welt Anlaß Ihren ehrenwerthen Namen mit den Verthei⸗ digern der Hexrenvertheidiger, der Freidenker und Athei⸗ ſten zu vermiſchen, ja ſogar mit Maͤnnern wie dieſer Bletſon, der, wenn die Kirchenzucht ſtreng gehandhabt wuͤrde wie beim Beginnen der Reformation, nun laͤngſt aus der chriſtlichen Gemeinſchaft ausgeſtoßen und fleiſchlicher Strafe uͤbergeben worden waͤre, damit wo moͤglich noch ſein Geiſt gerettet wuͤrde.“ „Sie mißverſtehen mich, Mr. Holdenongh,“ ſagte Obriſt Evderard;„ich laͤugne das Daſeyn ſolcher uͤber⸗ natuͤrlicher Dinge nicht, weil ich weder die Stimme meiner eigenen Meinung gegen das Zeugniß der Jahr⸗ hunderte erheben kann, noch Gelehrte wie Sie, zu wi⸗ derlegen wage. Dennoch aber, opbgleich ich die Moͤg⸗ lichkeit ſolcher Dinge zugebe, ſo habe ich doch zu mei⸗ ner Zeit nech von keiner Begebenheit gehoͤrt, wele ſo bezeugt würde, daß ich ſicher und gewiß ſagen „Obriſt Everard,“ erwiederte Holdenough ernſt, ————. 2 8 ———— 55 könnte, das muß durch uͤbernatuͤrliche Kraͤfte geſchehen ſeyn, und nicht anders.“ „So hoͤren Sie denn,“ ſagte der Geiſtliche,„was ich Ihnen auf mein Wort als ein Mann, als ein Chriſt, und was mehr iſt, als ein Diener unſerer hei⸗ ligen Kirche zu erzaͤhlen habe.— Ich hatte geſtern Abend in dem halb möblirten Zimmer Poſto gefaßt; Sie wiſſen, daß darin ein mäaͤchtiger Spiegel haͤngt, der dem Goliath haͤtte dienen koͤnnen ſich zu bewun⸗ dern, wenn er in ſeiner ſtaͤhlernen Ruͤſtung von Kopf bis Fuß gewappnet war. Ich waͤhlte dieſen Platz um ſo viel lieber, weil man mich benachrichtigte, daß es die naͤchſte bewohnbare Stube bei der Gallerie ſey, von der man ſagte, daß Sie ſelbſt denſelben Abend vom boͤſen Feinde angegriffen worden waͤren.— Iſt dem ſo? ſprechen Sie.“ „Ich ward in dieſem Zimmer von irgend jeman⸗ den in keiner guten Abſicht angegriffen. So weit,“ ſagte Obriſt Everard,„hat man Sie mit der Wahr⸗ heit berichtet.“ „Nun gut, ich waͤhlte meinen Poſten ſo gut ich konnte, ſo wie ein entſchloſſener General ſeine Trup⸗ pen anmarſchieren laͤßt, und ſeine Schanzen ſo nah wie moͤglich bei der belagerten Stadt anlegt. Es iſt wahr, Obriſt Everard, ich empfand koͤrperliche Furcht; denn ſelbſt Elias und die Propheten welche den Ele⸗ menten geboten, hatten ihren Antheil an unſerer gebrechlichen Natur, um wie viel mehr ein ſuͤndenvel⸗ 56 les Weſen wie ich. Doch war meine Hoffnung und mein Muth hoch geſteigert, und ich dachte an die Bibelverſe die ich gebrauchen könnte, zwar nicht in dem ſchaͤndlichen Sinne der Amulette und Zauber⸗ kuͤnſte, ſo wie die verblendeten Papiſten ſie anwen⸗ den, verbunden mit dem Zeichen des Kreuzes und mit anderen nutzloſen Formen, ſondern in der Hoffnung, daß ein feſtes Vertrauen auf das goͤttliche Verſprechen das wahre Schild des Glaubens iſt, womit man den feu⸗ rigen Pfeilen des Satans widerſtehen, und womit man ſie loͤſchen kann. So bewaffnet und vorbereitet ſetzte ich mich nieder um zu leſen und zu ſchreiben, und um mein Gemuͤth zu zwingen ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit den Gegenſtaͤnden zuzuwenden, welche der Lage ziemten in der ich mich befand, und die jeder ungeſetzmaͤßigen Ausſchweifung meiner Einbildungs⸗ kraft entgegen arbeiteten, und meiner Phantaſie kei⸗ nen Raum geſtatteten, uͤber thoͤrichte Furcht zu bruͤ⸗ ten. So uͤberlegte ich es mir, und ſchrieb nieder was ich fuͤr dieſe Zeit angemeſſen hielt, und wovon ich dachte, daß vielleicht einige hungrige Seelen von der Speiſe Nutzen ziehen koͤnnten, welche ich be⸗ reitete. „Das war weiſe und wuͤrdig gehandelt, mein guter und hochzuverehrender Herr,“ erwiederte der Obriſt Everard,„ich bitte Sie, fortzufahren.“ Waͤhrend ich ſo beſchaͤftigt war und ungefaͤhr drei Stunden lang an meiner Arbeit ſaß, und die Muͤdigkeit 57 nicht achtete, da uͤberlief mich ein ſonderbarer Schauder. Das breite altmodiſche Zimmer ſchien ſich auszudeh⸗ nen, ſchien finſtrer zu werden, und ſich hoͤher zu woͤl⸗ ben, waͤhrend die Nachtluft kalt und ſcharf darin heulte; ich weiß nicht, ob es daher kam, daß das Feuer ausgehen wollte, oder ob immer ſolchen Dingen, wel⸗ che Statt fanden ein Athem und ein Hauch des Schreckens vorhergeht, wie Hiob in einer wohlbekann⸗ ten Stelle ſagt: Furcht kam uͤber mich und Beben, ſo daß meine Gebeine erzitterten.“ Dann hoͤrte ich ein klingendes Geraͤuſch in meinen Ohren, fuͤhlte einen Schwindel in meinem Gehirn, ſo daß ich denen glich, die um Huͤlfe rufen wo keine Gefahr vorhanden iſt, und entfliehen wollen, wo niemand verfolgt. Dann ſchien es mir, als ginge Jemand hinter mir, deſſen Bild in dem großen Spiegel wieder ſchiene, vor dem ich meinen Schreibtiſch geſtellt hatte, und den ich durch Huͤlfe eines großen ſtehenden Leuchters ſehen konnte, welcher vor dem Glaſe war. Ich blickte in die Hoͤhe und ſah in dem Glaſe deutlich die Erſchei⸗ nung eines Mannes— ſo gewiß, wie dieſe Worte von meinem Munde gehen, war es kein Anderer, als derſelbe Joſeph Albany— der Gefahrte meiner Jugend, er, den ich von den Zinnen des Schloſſes Clidesthrongh in den tiefen See hinabſtuͤrzen ſah.“ „Was thaten Sie?“ „Mir fiel es ploͤtzlich ein,“ ſagte Holdenough, daß der ſtoiſche Philoſoph Athenodorus dem Schrecken 58— 3 einer ſolchen Erſcheinung entging, indem er ruhig ſeine Studien fortſetzte; und mich ergriff der Gedanke, daß ich, als ein chriſtlicher Geiſtlicher und als ein Huͤter der Myſterien wenig Urſache haͤtte, das Boͤſe zu fuͤrchten und meinen Geiſt mit beſſeren Dingen be⸗ ſchaͤftigen koͤnne, als ein Heide der ſelbſt in ſeiner Weisheit noch verblendet war. Statt alſo Unruhe zu verrathen oder den Kopf herumzudrehen, fuhr ich fort, obgleich mit klopfendem Herzen und mit zittern⸗ der Hand zu ſchreiben.“ „Nun, wenn Sie nur gar ſchreiben koͤnnten,“ ſagte der Obriſt,„mit dieſem Eindruck im Gemuͤthe, ſo duͤrften Sie mit ihrem unerſchrockenen Muthe die engliſche Armee commandiren.“ „Unſer Muth iſt uns nicht eigen, Obriſt,“ ſagte der Geiſtliche,„und ſoll nicht gelobt werden, als waͤre er der Unſrige; und wenn Sie wieder von dieſer ſelt⸗ ſamen Viſion als von einem Eindru'e der Phantaſie, und nicht wie von einem den Sinnen deutlichen Ge⸗ genſtand reden, ſo ſag' ich Ihnen nochmals, daß Ihr weltliches Wiſſen, hinſichklich der Dinge, welche nicht von dieſer Welt ſind, reine Thorheit iſt.“ „Blickten Sie wieder in den Spiegel,“ ſagte der Obriſt. „Ich that es, nachdem ich den kroſtreichen Text niedergeſchrieben hatte: Du ſollſt den Satan unter Deine Fuße treten.“ „Und was ſahen Sie alsdann?“ 59 „Den Widerſchein deſſelben Joſeph Albanv,“ ſagte Holdenough,„wie er langſam hinter meinem Stuhle vorbeiſchritt; derſelbe im Koͤrperbau und in den Zuͤ⸗ gen wie ich ihn in ſeiner Iugend gekannt hatte, nur daß ſeine Wangen Spuren eines vorgeruͤckteren Al⸗ ters trugen, als das, in welchem er ſtarb, und daß er ſehr bleich war.“ „Was thaten Sie alsdann?“ „Ich wandte mich um, und ſah deutlich die Ge⸗ ſtalt, welche ich in dem Spiegel erblickt hatte, die weder ſchnell noch langſam, ſondern mit ruhigem, fe⸗ ſten Tritte einherſchritt. Sie wandte ſich wieder um, als ſie der Thuͤre nahe war, und zeigte mir nochmals ihre bleichen, geiſterartigen Zuͤge ehe ſie verſchwand. Aber wie ſie das Zimmer verlaſſen hat, ob durch die Thuͤre oder auf eine andere Weiſe, das zu bemer⸗ ken war mein Geiſt zu ſehr bewegt; auch kann ich mich deſſen trotz aller Anſtrengung nicht deutlich mehr erinnern.“ 1 „Das iſt eine ſonderbare, und da ſie von Ih⸗ nen kommt, eine außerordentlich gut bezeugte Er⸗ ſcheinung,“ antwortete Everard.„Und doch Mr. Holdenough, wenn wirklich die Geiſterwelt, wie Sie es vermuthen und ich es nicht beſtreiten will, ihre Boten ausgeſchickt hat, ſo koͤnnen Sie doch auch ſicher ſern, daß auch boshafte Menſchen darin verwickelt ſind. Auch ich habe einige Geiſterbeſuche gehabt, die 60. aber koͤrperliche Kraft beſaßen, und wie ich ſicher uͤberzeugt bin, auch irdiſche Waffen fuͤhrten.“ „Ach ohne Zweifel, ohne Zweifel,“ erwiederte Mr. Holdenough;„Belzebub greift gern mit Caval⸗ lerie und Infanterie untereinander gemiſcht an, ſo wie der alte ſchottiſche General David Leßlie. Er hat ſowohl koͤrperliche als unkoͤrperliche Teufel, und ge⸗ braucht die einen um die anderen zu unterſtuͤtzen, und ihnen zum Ruͤckhalt zu dienen.“ „Es mag ſeyn, wie Sie ſagen, verehrter Herr,“ antwortete der Obriſt,„aber was rathen Sie in die⸗ ſem Falle zu thun?“„Daruͤber muß ich mich mit meinen Collegen berathen,“ ſagte der Geiſtliche;„und wenn in unſerer Mitte nur noch fuͤnf Prieſter der wahren Kirche uͤbrig geblieben ſind, ſo wollen wir den Satan in Corpore angreifen, und dann werden Sie ſehen, ob wir nicht Macht genug haben ihm zu widerſte⸗ hen bis er davon fliehen wird. Sollte aber dieſes geiſtige Aufgebot mißlingen, ſo wuͤrde ich wahrlich dazu rathen, daß dieſe luͤderliche Hoͤhle der alten Ti⸗ ranney und der Ausſchweifung als ein Haus der Zau⸗ berei und der Verabſcheuung gaͤnzlich vom Feuer zer⸗ ſtoͤrt werde, damit nicht allenfalls der Teufel, wenn er ein Hauptquartier findet, das ſo ſehr nach ſeinem Sinne iſt, Garniſon und Feſtung benutzt, um die ganze Nachbarſchaft zu beunruhigen. Soviel iſt ge⸗ wiß, ich moͤchte keiner chriſtlichen Seele rathen, das alte Gebaͤude zu bewohnen, und wenn es leer ſtuͤnde, 61 ſo wuͤrde es nur zu einem Sammelplatze der Hexen⸗ meiſter dienen um dort ihre Hoͤllenkniffe auszufuͤh⸗ ren, und der Hexen, um dort ihren hoͤlliſchen Sabath zu feiern, und deren die wie Demas nach den Guͤ⸗ tern dieſer Welt umhergehen, und um Gold und Silber Zauberformeln zum Nachtheil der Seelen der Verſtorbenen ausſprechen. Glauben Sie mir alſo daß es am beſten waͤre wenn man es zerſtoͤrte und niederriſſe, und nicht ein Stein auf dem andern bliebe.. „Das muß ich doch verneinen,“ ſagte der Obriſt; „denn der Lord General hat durch einen beſonderen Befehl dem Bruder meiner Mutter, dem Sir Henry Lee und ſeiner Familie erlaubt, wieder in das Haus ſeiner Vaͤter zuruͤckkehren zu duͤrfen, da es wirklich der einzige Ort iſt wo er fuͤr ſeine grauen Haare ein Obdach erhalten kann.“— „Geſchah das auf ihren Rath, Markham Cverard,“ ſagte der Geiſtliche ſtreng. „Gewiß,“ antwortete der Obriſt,„und warum ſollte ich nicht meinen Einfluß ausüben, um meinem Oheim eine Zufluchts⸗Staͤtte zu verſchaffen?“ „Nun ſo wahr Deine Seele lebt,“ antwortete der Preßbyterianer,„das haͤtte ich von keiner anderen Zunge, als von Deiner eigenen geglaubt. Sage mir, war es nicht eben dieſer Sir Henry Lee, der mit Huͤlfe ſeiner Diener die Befehle des Papiſten Leic's ausfuhrte, den Altar auf die öͤſtliche Seite von Wood⸗ 62 ſtock zu ſtellen, ſchwur er nicht bei ſeinem Barte in den Straßen von Woodſtock ſelbſt einen jeden auf⸗ baͤngen zu laſſen, der ſich weigern wuͤrde, auf des Koͤ⸗ nigs Geſundheit zu trinken? Iſt ſeine Hand nicht roth, vom Blute der Heiligen? Und gab es im Felde einen heftigeren unbarmherzigeren Streiter fuͤr das Praͤlaten⸗ und Adels⸗Weſen?“ „Das mag alles geweſen ſeyn, wie Sie es ſagen, mein guter Mr. Holdenough,“ antwortete der Obriſt; „nun aber iſt mein Oheim alt und ſchwach, und kaum bleibt ihm ein einziger Diener; ſeine Tochter iſt ein Weſen, woruͤber der kaͤlteſte vor Mitleiden weinen wuͤrde wenn er ſie betrachtet, ein Weſen das—“ „SDas dem Cverard theurer iſt,“ fiel Holdenough ein,„als ſein guter Name, ſeine Treue gegen ſeine Freunde, und ſeine Pflicht gegen ſeine Religion;— doch jetzt iſt es nicht Zeit, mit ſuͤſſen Lippen zu koſen. Der Pfad, den ſie betreten, iſt gefaͤhrlich. Sie helfen dazu, den papiſtiſchen Candelaber, den der Himmel in ſeinem gerechten Zorn von ſeinem Platze ſtieß, wie⸗ der aufzurichten, in den Zauberhallen dieſer Erzſuͤn⸗ der die mit ihnen verzarbert ſind. Ich werde es nicht dulden, daß das Land von ihren Herenkuͤnſten verun⸗ reinigt werde; ſie ſollen, ſie werden nicht wieder hie⸗ her kommen.“ Er ſprach dieß mit Heftigkeit, und ſtieß ſeinen Srock gegen den Boden; auch der Obriſt, den es ver⸗ droß, fing, an ſich ſeinerſeits hoc muͤthig zu aͤuſſern. 63 „Sie ſollten doch erſt die Macht beſſer bedenken, die Ihnen zu Gebote ſteht Ihre Drohungen auszufuͤh⸗ ren, Mr. Holdenough, ehe Sie dieſelben, ſo kurz weg, ausſtoßen.“ „Wie, habe ich nicht die Macht zu binden und zu loͤſen?“ ſagte der Geiſtliche. „Die Macht wird Ihnen wenig nuͤtzen, auſſer bei denen, die ihrer eigenen Kirche zugethan ſind,“ ſagte Everard in einem ſpoͤttiſchen Tone. „Huͤten Sie ſich, huͤten Sie ſich,“ ſagte der Geiſt⸗ liche, der zwar in vortrefflicher, aber wie wir ſchon geſehen haben, auch ein reitzbarer Mann war.— „Beſchimpfen Sie mich nicht; ſondern denken Sie ehrenvoll von dem Boten, um des Herrn willen, def⸗ ſen Votſchaft er traͤgt.— Ich ſage Ihnen, bieten Sie mir nicht Trotz, ich muß meine Pflicht erfuͤllen, und waͤre es ſelbſt zum Nachtheil meines leiblichen Bru⸗ ders.“ „Ich ſehe nicht, was Ihr Amt in der Sache zu thun hat,“ fagte Obriſt Everard;„und ich meiner⸗ ſets warne Sie, Ihren Auftrag nicht zu uͤberſchrei⸗ ten.“ „Ganz recht— Sie halten mich ſchon fuͤr eben ſo untergeben wie einen von Ihren Grenadieren,“ er⸗ wiederte der Geiſtliche, deſſen Zuͤge vor Unwillen zit⸗ terten, ſo daß ſie ſelbſt ſein graues Haar bewegten; naber huͤten Sie ſich, Sir, ich bin nicht ſo unmaͤch⸗ tig, wie ſie vermuthen. Ich will jeden guten Chri⸗ 64 ſten in Woodſtock anflehen, ſeine Lenden zu umguͤr⸗ ten um in unſerem Weichbilde der Wiederherſtellung des Praͤlatenweſens, der Unterdruͤckung und des Roya⸗ lismus zu wiederſtehen. Ich will den Zorn der Ge⸗ rechten erregen, gegen den Unterdruͤcker— dem Is⸗ 4* maeliten, dem Edomiten und ſeinem Geſchlechte, und gegen diejenigen, die ihn aufrecht erhalten und er⸗ muthigen, ſein Schild zu erheben. Ich will laut rufen, und nicht ſchonen, und viele erwecken, deren Liebe erkaltet und die Menge, die ſich um dieſe Dinge nicht kuͤmmert. Es werden noch einige uͤbrig blei⸗ ben, die auf mich horchen; und ich will den Stab Joſephs nehmen, der in den Haͤnden des Ephraims lag und will hingehen um dieſen Platz zu reinigen von Zauberer und Hexen und Verzauberungen, will rufen und ermahnen, und ſprechen: wollt Ihr fuͤr den Baal ſtreiten? Wollt Ihr ihm dienen?— Nein— ergreift den Propheten des Baal, laßt niemanden entkommen.“ „Herr Holdenough, Herr Holdenough,“ ſagte der Obriſt Everard ungeduldig,„wie Sie mir ſelbſtt 4 erzaͤhlten, haben Sie dieſen Tert nur zu oft ſchonß gebraucht.“. „Der alte Mann ſchlug ſich heftig mit der Hanm auf die Stirne, und fiel, als dieſe Worte geſpro 8 chen wurden, ſo ploͤtzlich und ſo kraftlos in den Seß ſel, als haͤtte ihm der Obriſt ein? Piſtolenkugel durch den Kopf geſchoſſen. Everard, welchem der Borun chon 4 ſchon leid that, der ihm in ſeiner Ungeduld ent⸗ ſchluͤpfte, bat ihn um Verzeihung und brachte jede Entſchuldigung vor, die ihm, wenn ſie auch noch ſo unpaſſend war, im Augenblick einfiel. Aber der alte Mann war zu ſehr ergriffen— er ſtieß die Hand zuruͤck, ſchenkte ihm kein Gehoͤr, und erhub ſich end⸗ lich indem er finſter ſprach:„Herr, Sie haben mein Vertrauen mißbraucht, haben es niedrig mißbraucht, um mir Vorwuͤrfe zu machen.— Aber genießen Sie den Triumph uber einen alten Mann, und uͤber den Freund Ihres Vaters, reißen Sie die Wunde auf, welches ihm ſein unzeitiges Vertrauen zeigte.“ „Ach nicht doch, mein wuͤrdiger und vortreffli⸗ cher Freund,“ ſagte der Obriſt.— „Freund!“ antwortete der alte Mann auffah⸗ rend, wir ſind Feinde Herr, fuͤr jetzt und fuͤr im⸗ mer.“ 1 Er ſprachs, fuhr von dem Sitze auf, und ver⸗ ließ das Zimmer eiligen Schrittes, wie er es bei Gelegenheiten zu thun pflegte, wenn ſein inneres Gefuͤhl erregt ward. „Nun ja,“ ſagte Obriſt Everard,„es hat noch nicht genug Streit zwiſchen meinem Oheime und den Ein⸗ wohnern von Woodſtock gegeben, daß ich es noch ver⸗ mehren mußte, indem ich dieſen heftigen Greis reitze, deſſen Eifer fuͤr ſeine Ideen der kirchlichen Regierung und deſſen hartnaͤckige Vorurtherle gegen alle dieje⸗ W. Seott's Werke. XII. 5 66— nigen, die davon akweichen, ich kannte! Der Poͤbel von Woodſtock wird ſich empoͤren; denn obgleich ihm kaum zwanzig zu einem ehrlichen und vernuͤnftigen Zweck beiſtehen wuͤrden, ſo braucht er doch nur Pluͤn⸗ derung und Zerſtoͤrung zu verkuͤndigen, und ſie wer⸗ den ihm alle folgen. Und auch mein Oheim iſt eben ſo heftig und hartnaͤckig. Fuͤr alle Guͤter, die er je beſaß, wird er es nicht erlauben, daß man auch nur zwanzig Mann zu ſeiner Vertheidigung in ſein Haus lege; und wenn er auch nur allein iſt, oder nur Jo⸗ colin ihm hilft, ſo wird er auf diejenigen, welche das Jaͤgerhaus angreifen eben ſo gut feuern, als haͤtte es hundert Mann Garniſon, und iſt dann nicht lutvergiehen die unausbleibliche Folge?“ Dieſe trau⸗ rigen Betrachtungen wurden durch die Zuruͤckkunft des Mr. Holdenough unzerbrochen, welcher mit dem⸗ ſelben eiligen Schritt wieder in das Zimmer ſtuͤrzte, mit dem er es verlaſſen hatte, geradezu auf den Obriſt eilte, und ſagte:„Nimm meine Hand, Mark⸗ ham, nimm geſchwind meine Hand, denn der alte Adam fluͤſtert mir zu, daß es Unrecht iſt, ſie ſo lange ausgeſtreckt zu halten.““ „Herzlich gerne empfange ich Ihre Hand, mein t ehrwuͤrdiger. Freund,“ ſagte Everard,„und ich hoffe es geſchieht zum Zeichen unſerer ernenerten Freund⸗ ſchaft.“ „Eewiß, gewiß,“ ſagte der Geiſtliche, indem ihm freundlich die Hand ſchuͤttelte,„es iſt zwar — — ☛ ☛ V n oͤ ͤ dAa -— —— 67 wahr, Du haſt bitter geſprochen; aber Du haſt zur rechten Zeit die Wahrheit geredet, und ich glaube, obgleich Deine Worte ſtrenge waren, es geſchah in guter und freundſchaftlicher Abſicht. Wahrlich und wahrhaftig, es waͤre eine große Suͤnde von mir, von Neuem Gewaltthaͤtigkeiten hervorzurufen, wenn ich mich derer erinnere die Sie mir vorgeworfen ha⸗ ben.“— „Verzeihen Sie mir, mein guter Mr. Holde⸗ nough,“ ſaute Obriſt Everard,“ ich wollte es Ih⸗ nen keineswegs ernſtlich vorwerfen.“ „Ach ſtille doch, ſtille, ich bitte,“ ſagte der Geiſt⸗ liche;„Ich ſage, die Anſpielung auf das, was Sie mir hoͤchſt gerecht vorgeworfen haben, haͤtte von mir, als eine Gunſtbezeugung eines getreuen Freundes be⸗ trachtet werden wollen, obgleich die Anklage die Galle des alten Adams in mir rege machte der nur auf meinen Schaden lauert. Gewiß ſollte ich, der durch eine ungluͤckliche Ermahnung Schlacht und Streit er⸗ regte, und die Lebenden den Toden zuſchickte— und wie ich fuͤrchte, auch die Tode wieder unter die Le⸗ bende zuruͤckrief— ich ſollte nun auf Friede und Eintracht und Verſoͤhnung denken, und die Strafe dem großen Weſen uberlaſſen, deſſen Geſetze uͤbertre⸗⸗ ten werden, und die Rache dem, der da ſprach: „„ich werde heimzahlen!“ Die demuͤthigen Zuͤge des⸗ alten Mannes erhoben ſich mit ruhigem Vertrauen, 5.. 68 als er dieß Geſtaͤndniß ablegte; und Obriſt Everard, der ſeine koͤrperliche Schwaͤche und die Vorurtheile ſeines Standes kannte, und alſo wiſſen mußte wie ſchwer es dem Geiſtlichen werden mußte zu einem ſo demuͤthigen Tone herabzuſinken, beeilte ſich ſeine Bewunderung uͤber ſeine chriſtliche Milde auszuſpre⸗ chen, vermiſcht mit Vorwuͤrfen gegen ſich ſelbſt daß er das Gefuͤhl des ehrwuͤrdigen Mannes ſo tief be⸗ leidiget habe. „Denken Sie nicht daran— denken Sie nicht daran, vortrefflicher junger Mann,“ ſagte Holde⸗ nough,„wir haben beide geirrt— ich, indem ich es meinem Eifer erlaubte, die Naͤchſtenliebe zu unter⸗ druͤcken— und vielleicht auch Sie, da Sie einem al⸗ ten Manne hart zu Leibe gingen, der erſt vor Kur⸗ zem ſein Leiden in Ihren freundſchaftlichen Buſen ausſchuͤttete. Doch ſey jetzt alles vergeſſen. Moͤgen Ihre Freunde, wenn ſie nicht durch dieſe Erſcheinun⸗ gen abgeſchreckt worden ſind, ihre Wohnung ſobald wieder beziehen als ſie nur moͤgen. Wenn ſie ſich gegen die Maͤchte der Luͤfte beſchuͤtzen koͤnnen, ſo glauben Sie mir, daß wenn ich es durch irgend Et⸗ was das in meiner Macht ſteht verhindern kann, ſie von keinem irdiſchen Nachbar beleidigt werden ſol⸗ len. Seyn Sie auch verſichert mein guter Herr, daß meine Stimme bei dem wuͤrdigen Buͤrgermeiſter⸗ den guten Altermaͤnnern und der beſſeren Klaſſe der Hauseigenthuͤmer in jener Stadt immer noch etwas 4 69. gilt, wenn ſchon die niederere Klaſſe ſich von jedem Winde einer neuen Lehre mit fortblaſen laͤßt. Seyn Sie ferner verſichert Obriſt, daß wenn der Bruder Ihrer Mutter oder irgend einer aus ſeiner Familie einſehen ſollte, daß er vorſchnell gehandelt habe, in dieſes ungluͤckliche und ungluͤckſeelige Haus zuruͤckzu⸗ kehren, oder ſollten Sie irgend einen Herzens⸗ oder Gewiſſenszweifel haben welcher geiſtlichen Troſt er⸗ fordert, ſo wird ihnen Nehemia Holdenough Tag und Nacht eben ſo ſehr zu Gebote ſtehn, a ls waͤren Sie in der heiligen Kirche, deren unwuͤrdiger Prie⸗ ſter er iſt, geboren und erzogen. Auch ſoll weder die Angſt vor dem was furchtbar iſt in jenen Mauern, noch ſeine Kenntniß von ihrem verblendeten fleiſchli⸗ chen Zuſtand(da ſie bei dem Mißbrauch der Di ſpen⸗ ſationen der Pfaffen aufgewachſen ſind;) ihn verhin⸗ dern, nach ſeinen ſchwachen Faͤhigkeiten zu ihrem Schutz und ihrer Erbauung beizutragen.“ „Ich fuͤhle vollkommen die Groͤße ihrer Guͤte verehrter Herr,“ ſagte Obriſt Everard,„aber ich halte es nicht fuͤr wahrſcheinlich, daß mein Oheim Sie belaͤſtigen wird. Er iſt gewoͤhnt in zeitigen Ge⸗ fahren ſein eigener Beſchuͤtzer zu ſeyn, und ſich bei geiſtigem Zweifel auf ſein eigenes Ge ebet—— Vorſchriften ſeiner Kirche zu verlaſſen.“ „Ich glaubte es ware nicht uberfluͤſſig meine Huͤlfe anzubieten,“ ſagte der alte Mann, der ſich etwas beleidigt daruͤber fuͤhlte, daß man ſeine ange⸗ 8 70 botene geiſtliche Huͤlfe fuͤr aufdringlich hielt.„In dieſem Falle bitte ich um Verzeihung— ich bitte de⸗ muͤthiglichſt um Verzeihung, ich moͤchte nicht gerne aufdringlich ſeyn.“ Der Obriſt beeilte ſich, dieſen neuen Gegenſtand der Eiferſucht des Geiſtlichen zu beſchwichtigen, denn ein uͤbertriebenes Gefuͤhl ſeiner Wuͤrde, und ein von Na⸗ tur hitziges Temperament, das er nicht immer un⸗ terdruͤcken konnte, waren die einzigen Fehler des gu⸗ ten Mannes. Sie ſtanden wieder auf ihrem alten freundſchaft⸗ lichen Fuße, als Roger Wildrake aus Jocolins Huͤtte zuruͤckkehrte, und ſeinem Herrn ins Ohr fluͤſterte, daß ſeine Geſandtſchaft den erwuͤnſchteſten Erfolg ge⸗ hadt habe. Dann wandte ſich der Obriſt an den Geiſtlichen, und benachrichtigte ihn, daß, da die Commiſſaͤre Woodſtock bereits verlaſſen haͤtten und ſein Oheim Sir Henry Lee ſich vorgenommen habe, um die Mit⸗ tagszeit in das Jaͤgerhaus zuruͤckzukehren, ſo wolle er ihn, wenn es Sr. Hochwuͤrden gefaͤllig waͤre, nach dem Flecken zuruͤckbegleiten.“ „Wollen Sie nicht verweilen,“ ſagte der ehrwür⸗ dige Mann mit ausforſchendem Tone,„um Ihre Verwandte bei ihrer Zuruͤckkehr in dieſes Haus zu be⸗ willkommen?““ „Nein mein Freund,“ ſagte Obriſt Everard,„der Antheil, den ich an dieſem ungluͤcklichen Buͤrgerkriege 21 genommen, vielleicht auch die Art des Gottesdien⸗ ſtes zu welcher ich erzogen wurde, haben mir in der Meinung meines Oheims ſo ſehr geſchadet, daß ich fuͤr einige Zeit ſeinem Hauſe und ſeiner Familie fremd bleiben muß.“ Wirklich! nun das freut mich von ganzem Herzen und von ganzer Seele.“ ſagte der Geiſtliche.„Verzeihen Sie meine Offenherzig⸗ keit, ich hatte gedacht— was liegt daran, was ich dachte— ich moͤchte nicht gerne beleidigen. Aber ob⸗ gleich das Maͤdchen eine liebliche Geſtalt hat, und wie man allgemein ſagt, in allen menſchlichen Din⸗ gen untadelich iſt, doch— aber ich thue Ihnen he,— kurz ich verde nichts weiter daruͤber Sie muͤßten denn meinen offenh⸗ aber ke s wegs bindenden verlangen,„ Fhnen aber durchaus nicht aufdringen will.* Ste, wir wol⸗ len dem Staͤdtlein zugehen. Die„ouiche Einſamlteit des Waldes macht vielleicht unſere Herzen zu gegen⸗ ſeitiger Miteheilung geneigt““ Sie gingen alſo gemeinſaaftlich dem Flecken zu, und obgleich ſie von verſchiedenen Gegenſtaͤnden ſpra⸗ chen, ſo verlangte doch der Obriſt, za Mr. Holdenoughs Erſtaunen wegen ſeiner Liebe zu ſeirer ſchoͤnen Baſe ſeinen geiſtlichen Beiſtand nicht; auch hielt, was ſich der Krieger kaum erwartete, der Geiſtliche ſein Wort, und war ſeinem eigenen Ausdrucke nach nicht ſo zu⸗ dringlich, ungeforderten Rath in einer ſo delikaten Sache zu geben, — 7² Viertes Kapitel. Nun ſind die Harpien fort— doch eh wir dahin ziehen Wo dieſe Vögel niſteten, räumet erſt, Das Niedere weg, das ſie zurücke ließen. Agamemnon. Wildrake's Geſandtſchaft war vorzuͤglich durch die Vermittlung des biſchoͤflichen Geiſtlichen gelungen, den wir fruͤher als den Kaplan der Familie haben kennen lernen, und deſſen Stimme bei dem Haupte derſelben großen Einfluß hatte. Jurz zuvor, ehe die Sonne ihren hoͤchſten Standpunkt erreicht hatte, be⸗ fand ſich Sir Henry Lee und ſeine kleine Haushal⸗ tung von neuem im unbeſtrittenen Beſitz ihrer alten Zimmer im Jaͤgerhauſe zu Wardſtock; und die ver⸗ einten Kraͤfte des Jocolin Joliſe, der Phoͤbe und der alten Hanne waren geſchaͤftig, alles wieder auf den gehoͤrigen Platz hinzuſtellel was die aufdringlichen Gaͤſte in großer Unordnung verlaſſen hatten. Wie alle Perſonen von Stande zu ſeiner Zeit beſaß Sir Henry Lee eine Liebe zur Ordnung, die ſich bis aufs Kleinliche erſtreckte; und wie eine vornehme Dame deren Anzug in einem Gewuͤhle in Unordnung geraͤth, fuͤhlte er ſich durch die Verwirrung, in wel⸗ cher die Moͤbel hingeworfen worden waren, beleidigt und gedemuͤthigt, und verlangte ungeduldig daß ſein Haus ſo bald wie moͤglich von allen Spuren das Da⸗ ſeyn der aufdringlichen Gaͤſte gereiniget werde. In 8 23 ſeinem Eifer gab er mehr Befehle, als die beſchraͤnkte Zahl ſeiner Dienerſchaft auszufuͤhren Zeit und Haͤnde hatten.„Die Elenden haben noch obendrein ſolch einen Schwefelgeruch hinterlaſſen,“ ſagte der alte Ritter,„als wenn der alte David Lesley und die ganze ſchottiſche Armee unter ihnen campirt haͤtte.“ „Es wird faſt ebenſo ſchlimm ſeyn,“ ſagte Joco⸗ lin,„denn man ſagt fuͤr gewiß, der Teufel waͤre perſoͤnlich unter ihnen erſchienen und haͤtte ſie zu Paa⸗ ren getrieben.“ „Dann,“ ſagte der Ritter,„iſt der Fuͤrſt der Finſterniß ein Edelmann, wie der alte Will Shaks⸗ peare ſagt, er unterhaͤlt ſich nie mit denen, die ſeine eigene Kleidung kragen; denn ſchon ſeit 500 Jahren leben hier die Lees, Vater und Sohn, ohne beun⸗ ruhigt zu werden; und kaum kommen dieſe ungeſchlach⸗ teten Kerls, als er auch ſchon ſeine Rolle unter ih⸗ nen ſpielt.“ „Nun, etwas haben ſie uns doch hinterlaſſen,“ ſagte Joliffe,„wofuͤr wir uns bedanken duͤrfen, naͤmlich ſoviel, und ſo ſchoͤnen Schinken und ſo gute Butter, als man ſeit langen Jahren im Jaͤgerhauſe zu Woodſtock Faͤßlein Conditorwagren, Pfeifen und Schlaͤuche voll Sekt, Muskatwein, Bier und wer weiß, was noch ferner. Wir werden den halben Winter uͤber koͤnig⸗ liche Zeiten verleben; und die Hanne muß nun gleich ans Einpoͤckeln und Raͤuchern gehen.“ nicht geſehen hat; Hammelskeulen, geraͤuchert Fleiſch, ——— 224 „Du Elender,“ ſagte der Ritter,„ſollen wir uns von den Ueberbleibſeln der Tafeln dieſer Amei⸗ ſen ernaͤhren? Wirfes augenblicklich weg! Aber nein— das waͤre eine Suͤnde, ſchenke es den Armen oder ſchicke es den Eigenthuͤmern zuruͤck und hoͤre, ich mag auch ihre Liquere nicht— ich will lieber mein Lebelang Waſſer trinken, wie ein Eremit, als Nutzen von dieſen Schurken ziehen, wie ein armſeliger Wirth welcher, nachdem die Gaͤſte ihre Rechnung gezahlt haben und fortgegangen ſind das trinkt, was in den Bouteillen uͤbrig geblieben iſt. Hoͤre ferner, ich will kein Waſ⸗ ſer aus den Ciſternen trinken aus denen ſich dieſe Sclaven haben bedienen laſſen— geh hinab und fuͤlle mir eine Schale aus dem Roſamundenquell.“ Alexis hoͤrte den Befehl und da ſie wohl wußte, daß fuͤr die uͤbrigen Mitglieder der Familie genug zu thun da ſey, nahm ſie ruhig eine kleine Schale, warf ihren Mantel um und ging ſelbſt hin, um ih⸗ rem Vater von dem Waſſer zu holen, das er wuͤnſchte. unterdeſſen ſagte Jocolin,„es waͤre noch ein Diener der Fremden zuruͤckgeblieben, der die Koffer und Man⸗ telſaͤcke der Commiſſaͤre beſorge und die Befehle Sr. Gnaden wegen des Mundvorraths empfangen koͤnnte.“ „Laß ihn herkommen(das Geſpraͤch fiel naͤmlich in der Halle vor) warum ſchwankſt du denn noch Jo⸗ erlin?“ „Nur deßwegen,“ erwiederte der Foͤrſter,„weil Euer Enaden ihn vielleicht nicht zu ſehen wuͤnſchen — 75⁵. werden, weil es derſelbe iſt, welcher in der vergange⸗ nen Nacht—“ 1 Er hielt ein. 5 3 „Mein Schwerdt dem Firmamente zuſchickte, willſt Du ſagen? Nun wenn war ich denn einem Manne doͤſe, weil er ſeinen Grund gegen mich be⸗ hauptete? Wenn er ſchon ein Rundkopf iſt, mein Freund, ſo mag ich ihn doch deßwegen nur um ſo viel mehr leiden. Ich durſte darnach, noch einen Gang mit ihm zu machen. Ich habe ſeit der Zeit immer an ſein Ausfallen gedacht, und ich glaube, wenn er es wieder verſuchen ſollte, ſo wuͤßte ich eine Finte, um es zu pariren. Schiicke ihn nur gleich hieher.“ Dem zufolge ward der ehrliche Tomkins ſogleich eingefuͤhrt, der ſich mit einer eiſernen Ruhe betrug und den weder das Entſetzen der vergangenen Nacht noch das wuͤrdige Betragen der hohen Perſon, vor der er ſtand, einen Augenblick aus ſeiner kalten Ruhe brachte. 4 3 „Wie ſtehts, mein guter Geſelle,“ ſagte Sir Henry,„ich moͤchte doch gerne noch mehr von Deiner Kunſt ſehen, die mich neulich Abends beſchaͤmte— aber ich glaube wahrlich, das Licht blendete meine ſchwachen Augen— nimm ein Rappier Freund; jetzt gehe ich in dieſen Hallen, und mit mir iſt die lebens⸗ athmende Tageszeit wie Hamlet ſagt.— Nimm alſo ein Rappier in die Hand.“ 276 „Da es der Wunſch Ew. Gnaden iſt,“ ſagte der Beamte, indem er ſeinen langen Mantel fallen ließ, und das Rappier ergriff. „Nun,“ ſagte der Ritter,„wenn Du bereit biſt, ſo bin ich es auch. Mir daͤuchts, als wenn der Tritt auf dieſem alten Getaͤfel das Podagra weggezaubert haͤtte, das mich bedrohte.— So— ſo— ich trete ja ſo feſt auf wie ein Streithahn.“ Sie kaͤmpften lebhaft, und ob der alte Ritter mit dem Floret wirklich kaltbluͤtiger focht, als mit der ſcharfen Waffe, oder ob ihm der Beamte in dieſem Kampfe zum bloſen Vergnuͤgen gern einen Vortheil ließ, ſo viel iſt gewiß, Sir Henry uͤbertraf ſeinen Gegner. Sein gluͤcklicher Erfolg verſetzte ihn in eine vortreffliche Laune.„Jetzt“ ſagte er,„habe ich Ih⸗ ren Kunſtgriff gefunden, nein zweimal beſiegt man nicht auf dieſelbe Weiſe— es war ein ſchoͤner Stoß. — Haͤtte ich nur neulich in der Nacht mehr ſehen koͤnnen— aber es nuͤtzt nichts davon zu reden, wir wollen aufhoͤren; ich will nicht fechten, wie wir un⸗ weiſen Royatiſten mit euch rundkoͤpfigen Schurken, ſo daß wir Euch ſo oft ſchlugen, daß wir euch lehr⸗ ten, zuletzt uns zu ſchlagen.— Nun aber ſage mir einmal, warum habt Ihr denn ſo viel Schinken zu⸗ ruͤckgelaſſen?— Glaubt Ihr ich und meine Familie koͤnnten uͤbrig gebliebene Eßwaaren gebrauchen? Koͤnnt Ihr Eure ſegueſtrirte Victualien nicht beſſer gebrau⸗ 77 chen, als ſie zuruͤckzulaſſen, wenn ihr eine Wohnung verlaßt? „Wenn es Eure Gnaden gefaͤllt,“ ſagte Tom⸗ kins;„glaube ich wohl, daß Sie das Ochſen⸗, Ham⸗ mels⸗ und Ziegenfleiſch nicht wuͤnſchen. Dennoch aber, wenn ſie erfahren daß es von ihren Zinſen und Kapitalien zu Ditchley, das ſchon ſeit laͤnger als ei⸗ nem Jahre zum Gebrauch des Staates unter Beſchlag liegt, angeſchafft und bezahlt wurde, ſo werden ſie minder zuruͤckhaltend ſeyn, ſie zu ihrem eigenen Ge⸗ brauche zu benutzen.“ 3 „Ganz gewiß nicht, ſagte Sir Henry,„und freue mich recht ſehr, daß Ihr mir zu einem Theil mei⸗ nes Eigenthums helft. Freilich war ich ein Eſel zu vermuthen, daß Deine Herrn beſtehen koͤnnten, au⸗ ßer auf eines ehrlichen Mannes Unkoſten.“ „Und was den Ochſenrumpf betrifft,“ fuhr Tom⸗ kins mit derſelben Feierlichkeit fort,„ſo ſteht zu Weſt⸗ muͤnſter noch ein Rumpf, der uns Soldaten noch viel Hacken und Hauen koſten wird, ehe er nach unſerem Geſchmacke zugerichtet ſeyn wird.“ Sir Henry ſchwieg, als wollte er erſt uͤberlegen, was der Soldat mit dieſer Anſpielung meyne; denn er war mit keiner ausgezeichnet ſchnellen Faſſungskraft begabt. Als er aber endlich die Meinung begriff, brach er in ein ſo lautes Gelaͤchter aus, wie Jocolin es in langer Zeit nicht von ihm gehoͤrt hatte.„Necht X△ 78 Burſche,“ ſagte er,„ich begreife Deinen Witz, das iſt die rechte Moral des Puppenſpiels. Fauſt erhebt den Teufel wie das Parlament die Armee.— Dann fliegt der Teufel mit dem Fauſt davon, ſo wie die Armee mit dem Parlament davon fliegen wird— oder mit dem Rumpfe, wie du es nannteſt oder dem Sitzung haltenden Theil des ſogenannten Parla⸗ mentes.— und ſieh Freund, der aͤrgſte Teufel von allen hat meine Erlaubniß wiederum mit der Armee fortzufliegen vom hoͤchſten General bis herun⸗ ter bis auf den niedrigſten Trommelſchlaͤger.— Nun, mach nur kein ſo bitteres Geſicht daruͤber; bedenke daß es noch hell genug iſt, um einen Gang mit ſcharfen Waffen machen zu koͤnnen.“— Der ehrliche Tomkins ſchien es fuͤr das Beſte zu halten, ſein Mißvergnuͤgen zu unterdruͤcken, und indem er bemerkte, daß die Wagen bereit waͤren das Eigenthum der Commiſſaͤre nach Woodſtock zu bringen, nahm er von dem Sir Henry Lee ernſthaft Abſchied. Unterdeſſen ſchritt der alte Mann in ſeinen wie⸗ dererlangten Hallen auf und ab, rieb ſich die Haͤnde und legte größere Spuren der Freude an den Tag, als er ſeit dem Anglücſeligen Dreißigſten im Ja⸗ nuar gezeigt hate. „Nun, da ſind wir nun wieder in dem alten freiherrlichen Gebaͤude Joliffe— mit Mundvorrath gut verſehen noch obendrein. Wie der Lurſche mei⸗ 4 79 nen Gewiſſenszweifel loͤßte der Duͤmmſte von ihnen iſt doch ein herrlicher Ausleger, wenn es ſich vom Nutzen handelt. Siehe doch einmal, ob nicht einige von unſerem zerriſſenen Regimente umher ſchleichen, Jocolin, denen ein Mundvoll eine Gottesgabe ſeyn wuͤrde.— Und dann ſeine Finte Jocolin, obgleich der Burſche recht brav ſtoͤßt, ja recht wacker. Aber Du ſah'ſt, wie ich mit ihm fertig ward, als ich ge⸗ hoͤriges Licht hatte, Jocolin.“ „Ja freilich Ihro Gnaden,“ erwiederte der Foͤr⸗ „ſer. Sie lehrten ihn den Herzog von Norfolk von 7 dem Gaͤrtner Saunders unterſcheiden, ich geb' Ihnen mein Wort drauf, er wird es nicht wuͤnſchen das Floret Euer Gnaden wieder zu verſuchen.“ „Je nun, ich werde alt,“ ſagte Sir Henry; „aber die Fertigkeit verliert ſich nicht mit den Jah⸗ ren, obgleich die Gelenke ſteif werden; aber mein Al⸗ ter iſt ein froͤhlicher Winter, wie Will ſagt, kalt aber freundlich; und wie wenn wir in unſerem Al⸗ ter noch beſſere Tage erlebten! Ich ſage Dir Jocolin mich freut dieſer Kampf zwiſchen den Schurken der Schranten und den Schurken⸗des Schwerds. Wenn ſich die Diebe zanken, ſo⸗ haben ehrliche Leute Hoff⸗ nung, wieder zu dem Ihrigen zu kommen.“ So triumphirte der alte Ritter in der dreifachen Glorie, ſeine Wohnung und dadurch, wie er glaubte ſeine Wuͤrde wieder erlangt zu haben, und weil er edlich eine Veraͤnderung der Zeiten vorausſah, no⸗ 80 bei er Pofte, daß etwas fuͤr das tunigihe Beſte zu thun ſeyn koͤnnte. Unterdeſſen ging Alexis mit ſclzerem, froͤhliche⸗ rem Herzen als ſeit vielen Tagen in ihrem Buſen ſchlug und mit einer Froͤhlichkeit, die ihr in der letz⸗ ten Zeit unbekannt war, um das ihrige fuͤr die Haushaltung beizutragen, und friſches Waſſer zu ho⸗ len das aus dem Brunnen der ſchoͤnen Roſamunde quoll. Vielleicht erinnerte ſie ſich daran, daß ihr Vet⸗ ter Markham, als ſie noch ein kleines Maͤdchen war, unter anderem auch dieſe Pflicht erfuͤllen ließ, wenn ſie eine gefangene Trojaniſche Prinzeſſin vorſtellen ſollte welche durch ihre Lage gezwungen war, zum Gebrauche des ſtolzen Siegers, Waſſer aus einem griechiſchen Brunnen zu holen.— Auf jeden Fall freute ſie ſich herzlich ihren Vater wieder in ſeine alte Wohnung eingefuͤhrt zu ſehen, und ihre Freude war nicht minder aufrichtig, da ſie wußte, daß ihre Zuruͤckkunft nach Woodſtock durch Vermittlung ihres Vetters Statt fand,— daß Everard ſelbſt in den vor⸗ urtheilsvollen Augen ihres Vaters von der Anklage welche der alte Ritter gegen ihn vorgebracht hatte, freigeſprochen worden war; und daß, wenn auch noch keine voͤllige Verſoͤhnung ſtattgefunden hatte, doch die Praͤliminarien feſtgeſetzt worden waren, durch welche man leicht zu einem ſo wuͤnſchenswerthen Schluſſe gelangen konnte. Es war wie der Anfang eine Bruͤcke, wenn das Fundament ſicher liegt un — 81 und die Pfeiler ſich uͤber das Bett des Stroms er⸗ heben; das Werfen der Schwibbogen kann man in der folgenden Jahreszeit leicht zu Stande bringen. Das zweifelhafte Schickſal ihres einzigen Bru⸗ ders haͤtte ſelbſt dieſen augenblicklichen Schimmer der Sonnenſtrahlen umwoͤlken koͤnnen; aber Aleris war während der beſtaͤndigen Buͤrgerkriege auferzogen, und hatte die Gewohnheit erlangt, fuͤr diejenigen, welche ihr theuer waren ſo lange zu hoffen, bis alle Hoffnung voruͤber war. Im gegenwartigen Falle ſchie⸗ nen alle Berichte die Sicherheit ihres Bruders zu beſtaͤtigen. Dieſe Gruͤnde zur Froͤhlichkeit ungerechnet, ge⸗ noß Alexis Lee das freudige Gefuͤhl, den Wohnort und die Gegenden worin ſie ihre Kindheit verlebt hatte wieder zu dewohnen, von denen ſie ſich nicht ohne Schmerz haͤtte treunen koͤnnen, der vielleicht um ſo viel heftiger war, weil ſie ihn um ihres Va⸗ ters Gefuͤhl ſeines Ungluͤcks nicht zu reitzen, unter⸗ druͤcken mußte. Endlich genoß ſie fuͤr den Augen⸗ blick jenen Schimmer der Selbſtzufriedenheit, welcher junge, wackere Leute ſo oft belebt, wenn ſie, wie man ſich auszudruͤcken pflegt, denen die ſie lieben huͤlfreich ſevn koͤnnen und wenn es noͤthig iſt, jene kleinen haͤus⸗ lichen Verrichtungen uͤbernehmen koͤnnen, welche das Alter mit ſo vielem Vergnuͤgen von den bereitwilligen Haͤnden der Jugend empfaͤngt. So daß Alerxis Lee als ſie durch die Ueberreſte und Spuren der ſchon er⸗ wähnten Wildniß eilte, und von da ungefaͤhr einen Bogenſchuß weit in den Park, um einen Schlauch Waſſer vom Roſamundenqueſll zu holen, fuͤr einen Augenblick die froͤhliche glaͤnzende Lebhaftigkeit des Ausdrucks wieder erlangte, welche ihre Schoͤnheit in ihren feuͤheren gluͤcklicheren Tagen belebte. 4 Dieſe Quelle alten Andenkens war einſt mit architektoniſchen Zierden, die ſich beſonders auf alte Mythologie bezogen, verſchoͤnert. Doch lag jetzt alles W. Scott's Werke. XI. 6 8² wuͤſte und herabgeſtoſſen, und beſtand nur als eine mit Moos bedeckte Ruine, waͤhrend der lebendige Quell fortfuhr, täͤglich ſeine reichen Schatze zu ſpen⸗ den, obgleich die Quantitaͤt nur gering war, da er zwiſchen Steinen hervorſprudelte, und uͤber Ueber⸗ bleibſel alter Bildhauerei einherrieſelte. Leichten Schrittes und mit laͤchelnden Zuͤgen naͤ⸗ herte ſich das junge Fraͤulein von Lee der ſonſt ſo einſamen Quelle, blieb aber ſtehen als ſie jemanden daneben ſitzen ſah. Doch ging ſie zutrauensvoll, ob⸗ gleich mit minder freudigem Schritte fort, als ſie bemerkte, daß dieſe Perſon ein Frauenzimmer war;— ielleicht eine Magd aus der Stadt, welche eine launige eebieterin hingeſchickt hatte, um das fuͤr beſonders rein gehaltene Waſſer der Quelle zu holen, oder eine alte Frau, welche ſich ein Geſchaͤft daraus machte, es den vermögenderen Familien zu bringen, und es fuͤr eine Kleinigkeit zu verkaufen. Es war alſo kein Grund zur Furcht vorhanden. Doch waren die Schrecken der Zeit ſo groß, daß— Alexis ſelbſt eine Fremde von ihrem eigenen Ge⸗ ſchlecht nicht ohne Furcht erblicken konnte. Entartete Frauen waren wie gewoͤhnlich dem Lager der beiden Ar⸗ meen waͤhrend des Buͤrgerkriegs gefolgt, und uͤbten auf der einen Seite, mit offener Ausſchweifung und Ent⸗ wuͤrdigung, auf der anderen mit dem truͤgeriſchen Tone der Schwaͤrmerei und Scheinheiligkeit, in faſt gleichem Grade ihre Talente zum Raub und zum Mord. Aber es war heller Tag— die Entfernung vom Jaͤgerhauſe nur gering und obgleich ſie ein wenig beunruhigt war, da eine Fremde zu finden, wo ſie tiefe Einſamkeit erwartete, hatte die Tochter des hochmuͤthigen alten Ritters doch zu viel Muth, als daß ſie ſich ohne beſtimmten entſchiedenen Grund häͤtte fuͤrchten koͤnnen. Alexis ging alſo ernſt dem Brunnen zu, nahm eine ruhige Miene an als ſie die daſelbſt ſitzende Frau betrachtet hatte, und eilte dann zu dem Geſchaͤfte den Krug zu fuͤllen. Die Frau 83 deren Gegenwart die Aleris Lee uͤberraſchte und etwas erſchreckte war eine Perſon niederen Ranges, deren rother Rock, mit blauen Blumen geſticktes Halstuch, und ein kleiner Strohhut im beſten Falle nichts hoͤhe⸗ res anzeigte, als die Frau eines kleinen Paͤchters, oder vielleicht die Haushaͤlterin eines Amtmanns. Gluͤcklich, wenn ſie nichts Schlimmeres war. Zwar waren ihre Kleider von guten Stoffen; aber das weibliche Auge entdeckte auf den erſten Blick, daß ſie nachlaͤßig geordnet und angezogen waren. Es ſah aus, als gehoͤrten ſie der Perſon die ſie trug, nicht eigenthuͤmlich zu; ſondern als waͤre ſie durch irgend einen Zufall, wo nicht gar durch einen gelungenen Raub, zu ihrem Beſitze gekommen. Auch entging es Allexis, ſo ſchnell ſie ſie betrachtet hatte, nicht, daß ihre Groͤße ungewoͤhnlich war, ihre Zuͤge ſchwaͤrzlich unnd ungewoͤhnlich rauh und ihre Manteren hoͤchſt un⸗ zuvorkommend. Faſt hatte die junge Dame, als ſie ihren Krug fuͤllen wollte, gewuͤnſcht, dem Jocvlin den Auftrag gegeben zu haben, aber nun war es zu ſpaͤt⸗ moͤglich zu unterdruͤcken ſuchen. „Dich begluͤcke dieſer ſchoͤne Tag, welcher doch noch nicht ſo ſchoͤn iſt wie Du,“ ſagte die Fremde mit reauher aber keineswegs unfreundlicher Stimme.„Ich danke Ihnen,“ ſagte Alexis; und fuhr fort ihren Krug mit Huͤlfe eines eiſernen Bechers zu fuͤllen, welcher an einem der Steine des Brunnen angekettet war.„Wenn Du meine Hulfe annehmen wollteſt ſchoͤnes Maͤdchen, ſo wuͤrde Dein Geſchaͤft ſchneller von Statten gehen,“ ſagte die Fremde. „Ich danke Ihnen,“ ſagte Alexis, wenn ich Huͤlfe noͤthig haͤtte, ſo haͤtte ich mir Leute mitbringen koͤn⸗ nen, um mir zu helfen.“ „Daran zweifle ich keineswegs, mein ſchoͤnes Kind,“ antwortete das Weib;„es gibt ja in Woodſtock Vurſche genug, die Augen im Kopfe haben— ohne Zweifel 6„„ und ſie mußte ihre unangenehmen Gefuͤhle ſo gut wie 84 haͤtteſt Du einen von denen, die Dich anſehen, mit⸗ bringen koͤnnen, wenn Du gewollt haͤtteſt.“ Alexis erwiederte keine Sylbe, denn die Freiheit, welche ſich die Frau erlaubt hatte, mißfiel ihr, und ſie wuͤnſchte die Unrerredung abzubrechen. „Biſt Du beleidigt mein ſchönes Fraͤulein,“ ſagte die Fremde,„das war meine Abſicht nicht— aber ich will die Frage anders ſetzen.— Sind die guten Frauen von Woodſtock ſo ſorglos um ihre ſchönen Tochter, daß ſie die Blume von allen herumgehen laſſen, ohne Mutter oder ſonſt jemanden, um den Fuchs zu verhin⸗ dern mit dem Lamme davon zu laufen?— Dieſe Sorgloſigkeit zeigt meiner Meinung nach von wenig Liebe.“ „ Beruhigt Euch, gute Frau, ich bin nicht fern von Schutz und Hulfe,“ ſagte Aleris, der die Frech⸗ heit ihrer neuen Bekannten immer weniger gefiel. „Ei, ei, mein ſchoͤnes Maͤdchen,“ ſagte die Fremde, indem ſie mit ihren rauhen und breiten Haͤnden Aleris uͤber den Kopf fuhr, welchen dieſe bisher der Quelle zugeneigt hatte.„Es waͤre doch ſchwer, ein Stimm⸗ chen wie das Deinige bis nach Woodſtock zu horen, Du moͤchteſt nun ſchreien ſo laut Du wollteſt.“ Aergerlich ſtieß Alexis die Hand der Frau zuruͤck, nahm die nur halbvolle Schale, und als ſie ſah, daß die Fremde zu gleicher Zeit aufſtand, ſagte ſie furcht⸗ los und mit dem Ausdruck beleidigter Wuͤrde,“ ich brauche meine Stimme nicht zu erheben, daß man es bis nach Woodſtock hoͤrt; waͤre ich gezwungen um Huͤlfe zu rufen, ſo konnte ich ſie naͤher ſinden.„ Der Beweis war gleich zur Hand, denn in die⸗ ſem Augenblick drang der edle Hund Bevis durch das Gebuͤſche, ſtand ihr zur Seite, richtete ſeine feuer: funkelnden Augen auf die Unbekannte, erhob jegliches Haar ſeines zierlichen Ruͤckens gleich den Borſten ei⸗ nes wilden Baͤren, wenn er hart bedraͤngt wird, bloͤckte 1 die Zaͤhne, die ſich mit denen eines ruſſiſchen Wolfes haͤtten vergleichen koͤnnen, und ohne zu bellen oder 5 8⁵ empor zu ſpringen, ſchien er mit ſeinem dumpfen Ge⸗ beul nur ein Zeichen zu erwarten, das Weib, das ihm ſogleich verdaͤchtig ſchien, zu Boden zu werfen. Aber die Fremde kam nicht außer Faſſung. „Mein ſchoͤnes Maͤdchen,“ ſagte ſie,„Du haſt da freilich einen furchtbaren Waͤchter, wenn Du es mit verzogenen ſtaͤdtiſchen Jünglingen und Bauerluͤmmeln u thun haſt; aber uns, die wir im Kriege waren, find Zauberformeln bekannt, ſolche furchtbare Drachen zu baͤndigen. Laß alſo Deinen vierfuͤßigen Beſchuͤtzer nicht auf mich los, denn es iſt ein edles Thier, und nur Selbſtvertheidigung koͤnnte mich dazu bringen, ihn u verwunden oder umzubringen.“ Indem ſie das agte, zog ſie eine Piſtole aus ihrem Buſen, ſpannte den Hahn und richtete ſie gegen den Hund, als er⸗ warte ſie, daß er auf ſie los pringen wuͤrde. „Halt Weib, halt ein,“ rief Alexis,„der Hund wird Dir nichts thun. Nieder Bevis, leg Dich nie⸗ der— und ehe Ihr es wagt, ihm ein Leides anzu⸗ thun, wißt, daß es der Lieblingshund des Sir Henry Lee von Ditchley des Aufſehers des Woodſtocker Parkes iſt, der veine Verwundung oder ſeinen Tod ſtreng raͤchen wuͤrde. „Und Du mein ſchoͤnes Maͤdchen biſt ohne Zwer⸗ fel die Haushäͤlkerin des alten Ritters, ich habe ſchon oft gehoͤrt, daß die Lees guten Geſchmack haben.“ „Ich bin ſeine Tochter, gute Fran.“ „Seine Tochter!— Ich war verblendet,— aber es iſt wahr, nichts minder Vollkommenes konnte der Beſchreibung genuͤgen, welche alle Welt von Fraͤulein Aleris von Lee macht. Ich hoffe, meine Thorheit wird Sie mein junges Fraͤulein nicht beleidigt haben⸗ und Sie werden mir zum Zeichen der Verſoͤhnung erlauben, ihren Krug zu fuͤllen, und ihn ſo weit zu tragen, als Sie es erlauben“ „Wie Sie will, aute Mutter, aber ich muß au⸗ genblicklich in das Jaͤgerhaus zuruͤckgehen, wo ich zu dieſer Zeit keinen Fremden aufnehmen kann. Ihr 86 koͤnnt mir nicht weiter als bis an die Graͤnze der Einoͤde folgen; denn ich bin jetzt ſchon zu lange von Hauſe entfernt, und ich will Euch Jemand entgegen ſchicken, um den Krug abzuholen.“ Sie ſprachs, wandte ſich mit einem Gefuͤhl des Schreckens um, wofuͤr ſie keinen Grund anzugeben wußte, und ging eilig dem Jaͤgerhauſe von Woodſtock zu, hoffend daß ſie auf dieſe Weiſe am leichteſten ihrer beunruhigen⸗ den Bekannten loswerden wuͤrde. Aber ſie hatte ihre Rechnung ohne den Wirth gemacht; denn in einem Augenblick war ihre neue Gefahr⸗ tin ihr zur Seite, indem ſie zwar nicht lief, aber mit ſo ungeheuren, langen, unweiblichen Schritten einher⸗ ging, daß ſie den eiligen, aͤngſtlichen Schritt des furcht⸗ ſamen Maͤdchens bald einholte. Doch war ihr Betra⸗ gen achtungsvoller als vorher, obgleich ihre Stimme merkwuͤrdig rauh und unangenehm ertoͤnte, und ihre ganze Geſtalt ein unbeſtimmtes aber unwiderſtehliches Gefuͤhl der Ahnung erregte. „Verzeihen Sie einer Fremden, liebenswuͤrdiges Fraͤnlein Alexis,“ ſagte ihre Verfolgerin,„die nicht im Stande war, ein Fraͤulein von Ihrem hohen Range von einer Bauerndirne zu unterſcheiden, und die ſich Freiheiten herausnahm, die ſich gegen Ihren Stand und Ihren Rang nicht ziemten, und die Sie, wie ich fuͤrchte, beleidigt hat.“ „Durchaus nicht,“ erwiederte Alexis,„aber gute Frau, ich bin nah' an unſerem Hauſe und kann Ihre weitere Geſellſchaft entbehren.— Sie ſind mir unbekannt“⸗ „Daraus folgt aber noch nicht“ ſagte die Frem⸗ de,, daß auch Ihr Schickſal mir unbekannt iſt, mein ſchoͤnes Fraͤulein Alexis. Sehen Sie meine braͤun⸗ liche Stirn— Enaland erzengt keine ſolche— und in dem Lande aus dem ich komme, verleiht die Sonne die unſere Haut ſchwaͤrzt, Wiſſenſchaften unſerem Geiſt, die denen in milderen Climaten verſagt ſind. Laß mich Deine ſchoͤne Hand betrachten—“ ſagte ſie, 87 indem ſie es verſuchte, ſich ihrer zu bemaͤchtigen— „und ich verſpreche Dir, Du ſollſt Angenehmes hoͤ⸗ ren. „Ich hoͤre Unangenehmes,“ ſagte Alexis mit Wuͤrde;„Sie muͤſſen Ihre Kunſtſtuͤcke, Ihre Prophe⸗ zeihungen und Wahrſagungen bei den Bauernweibern anwenden.— Wir Adelichen halten ſie fuͤr Betrug oder ungeſetzmaͤßige Kenntniß.“ „Doch moͤchten Sie, wette ich, gerne etwas von einem gewiſſen Obriſt wiſſen, den gewiſſe, ungluͤckliche Verhaͤltniſſe von ſeiner Familie getrennt haben. Sie wuͤrden wohl mehr als Silber darum geben, wenn ich Ihnen mit Beſtimmtheit ſage, daß Sie ihn in einem, der, zei Tagen, ja vielleicht noch fruͤher ſehen wer⸗ en. „Ich weiß nicht wovon Ihr ſprecht, gute Frau; wenn Ihr ein Allmoſen wollt, da habt Ihr ein Sil⸗ verde— das iſt Alles was ich in meinem Beutel abe.. „Es waͤre ja erbaͤrmlich wenn ich es annaͤhme,“ ſagte das Weib;—„doch geben Sie es mir;— denn im Feen⸗Maͤhrchen muß die Prinzeſſin durch ihre Freigebigkeit immer erſt die Guͤte der wohlthaͤtigen Fee erwerben, ehe ſie durch ihren Schutz belohnt wird.“ „Nehmt es— nehmt es— gebt mir den Krug,“ ſagte Alexis,„und geht— da kommt einer von den Dienern meines Vaters.— Hoͤre!— Jocvlin— Jocolin!—“ Die alte Wahrſagerin warf ſchnell etwas in die Schale, als ſie dieſelbe der Aleris Lee wiedergab, und verſchwand unter dem Schutze des Gebuͤſches. Bevis wandte ſich nach allen Seiten herum, und zeigte einige Neigung den Ruͤckzug der verdaͤchtigen Perſon zu verhindern, doch lief er, als waͤre er un⸗ gewiß, was zu thun ſey, auf Joliffe zu, wedelte mit dem Schweife, um ſeinen Nath und ſeine Aufmunte⸗ rung zu verlangen. Jocolin aber beruhigte das Thier, naͤherte ſich ſeiner jungen Gebieterin, und frug ſie 88 was es gaͤbe und warum ſie ſo erſchrocken waͤre? Aleris erzahlte ihm den Grund, obgleich ſie eigentlich keine Urſache anzugeben wußte, denn das Betragen der Frau war zwar kuhn und aufdringlich, aber kei⸗ neswegs bedrohend. Sie ſagte ihm alſo blos, ſie habe am Roſamunden⸗Brunnen einer Wahrſagerin begeg⸗ net, von der ſie ſich nur mit einiger Muͤhe haͤtte los⸗ reißen koͤnnen. „Ach die Zigeunerdiebe,“ ſagte Jocolin,„ſie ha⸗ ben es ſchon ausgeſpuͤrt, daß es etwas zu eſſen in der Spveiſekammer gibr!— Dieſe Landſtreicher haben einen Geruch wie die Raben. Sehen Sie, Fraͤulein Alexis, Sie werden jetzt in dieſem blauen Himmel auf eine Meile weit keinen Raben und keine Krähe ſehen, aber laſſen ſie ploͤtzlich ein Schaf umſinken, und ehe noch das arme Thier todt iſt werden Sie ein Dutzend ſolcher Gaͤſte aͤchzen hören, als wenn ſie ſich gegenſeitig zum Gaſtmahl einladeten. Gerade ſo verhaͤlt es ſich mit dieſen wandernden Bettlern. Wenn nichts Zu geben da iſt, werden Sie wenige ſehen, aber wenn der Topf voll iſt, wollen ſie auch ihren Antheil daran baben.“ 4 „Du biſt ſo ſtolz auf den kriſchen Zuwachs in der Vorrathskammer,“ ſagte Alexis,„daß Du glanbſt, ein Jeder habe eine Abſicht darauf. Doch glaube ich, wird es das Weib nicht wagen, ſich Deiner Kuͤche zu nahen.. „Es wird auch wohl am beſten fuͤr ſie ſeyn,“ er⸗ wiederte Jocolin,„ſonſt wuͤrde ich ihr etwas zur Verdauung geben.— Aber geben Sie mir den Krug, es iſt doch ziemender, daß ich ihn trage als Sie.— Aöereus iſt das, was glaͤnzt denn da auf dem Bo⸗ en?¹ 1 6ch glaube die Frau warf etwas hinein,“ ſagte exis. „Nein da muͤſſen wir nachſehen, denn es kann ein Zauber ſeyn, und wir haben ſchon Teufelszeug genug in Woodſtock— wir wollen das Waſſer nicht 89 ſchonen, ich kann ja zuruͤcklaufen und den Krug wie⸗ der fuͤllen.“ Er goß das Waſſer auf das Gras und auf dem Grund der Schale fand ſich ein goldener Ring mit einem Rubin beſetzt, der dem Anſchein nach, einigen Werth zu haben ſchien. „ Nun, wenn das keine Verzauberung iſt, ſo weiß ich nicht, wofür ich es denn halten ſolle,“ ſagte Jo⸗ colin,„wahrhaftig Fraͤulein Alexis, ich glaube Sie thaͤten am Beſten wenn ſie den Zauberring wegwuͤr⸗ fen. Gaben von ſolchen Haͤnden ſind eine Art Hand⸗ geld, das der Teufel gibt, um zu ſeinem Hexen⸗Re⸗ giment zu werben; und wenn man nur eine Bohne von ihm annimmt, ſo wird man ſein unterthaͤniger Sclave auf Lebelang. Ja, jetzt ſehen Sie einen Edei⸗ ſtein, aber morgen werden ſie einen bleiernen Ring mit einem Kieſel dafuͤr finden.“ „Nein Jocolin, ich halte es fuͤr beſſer, wenn man das ſchwarzbraune Weib wieder aufſucht, und ihr das zuruͤckgibt, was einigen Werth zu haben ſcheint. Laß alſo nachforſchen, und ſorge dafuͤr, daß ſie den Ring wieder zugeſtellt bekoͤm mt. Er ſcheint zu koſtbar zu ſeyn um zerſtoͤrt zu werden.“ „Hm, ſo geht's immer mit den Weibern,“ brummte Jocolin,„ſelbſt die Beſte moͤchte keinen Schmuck wegwerfen. Uebrigens Fraulein Alexis ſchei⸗ nen Sie mir noch zu jung und zu ſchoͤn, um bei ei⸗ nem Heren⸗Regiment eingeſchrieben zu werden.“ „Ich werde mich nicht davor fuͤrchten, bis daß Du ein Zauberer wirſt,“ ſagte Alexis;„eile alſo zur Quelle, wo Du wahrſcheinlich die Frau noch finden wirſt, und ſage ihr, daß Alexis Lee ihre Gaben eben ſo wenig als ihre Geſellſchaft wuͤnſcht.“ Indem ſie das ſagte, ſetzte die junge Dame ihren Weg zum Jaͤgerhauſe fort, waͤhrend Jocolin nach dem Roſamunden⸗Brunnen ging um ſeinen Auftrag aus⸗ zufuͤhren. Aber die Wahrſagerin, oder was ſie ſonſt ſeyn mochte war nirgends zu finden; auch gab ſich Jocolin 90 keine ſonderliche Muͤhe, weitere Nachforſchungen nach ihr anzuſtellen. „Wenn dieſer Ring, den die Zigeunerin wahr⸗ ſcheinlich irgendwo geſtohlen hat,“ ſagte der Foͤrſter zu ſich ſelbſt,„einen Dukaten werth iſt, ſo iſt er beſſer in ehrlichen Haͤnden, als in denen einer Landſtreiche⸗ rin. Mein Herr hat ein Recht auf alles unbekannte Eigenthum und auf alles Geſtohlene, und da dieſer Ring einer Zigeunerin gehoͤrt, ſo iſt er gewiß geſtoh⸗ len. Ich will ihn alſo ohne weiteres conſisziren, um den Ertrag fuͤr die Haushaltung des Sir Henry anzu⸗ wenden. Gott ſey Dank meine militaͤriſche Erfahrung hat mich gelehrt, wie man einen Haken angreift, das iſt Soldaten Recht. Aber am beſten iſt es doch, wenn ich ihn dem Markham Everard zeige, und ihn um Rath frage— ich halte ihn jetzt fuͤr unſern Rechts⸗ gelehrten Anwald, in allen Dingen, worin Fraͤulein Alexis verwickelt iſt, und auch meinem gelehrten Doc⸗ tor, welcher der Kirche, des Staates und Sir Henry Lee's willen namenlos bleiben ſoll. Die ſollen meine Glieder den Raben und den Kraͤhen vorwerfen, wenn ſie finden, daß ihr Vertrauen nicht ſicher in meinem Buſen iſt. Drittes Kapitel. — Unbekannt in dieſer Gegend, die ein Fremder Ohne Freund und ohne Führer Rauhe findet und ungaſtlich. 2 3 Zwölfte Nacht. Die Vorbereitungen zum Mittagsmahle zeigten, daß der gute Rirter durch ſeinen Wieder⸗Einzug in ſein Haus, der Meinung ſeiner wenigen aber ge⸗ trenen Diener nach, einen Triumph feiere. Der große Humpen, welcher in halb erhobener 91 Arbeit den Engel Michael zeigte, wie er den Erz⸗Feind beſiegte, ſtand auf dem Tiſche, und Jocoline und Phobe warteten pflichtmaͤßig auf; der Erſtere hinter dem Stuhle des Sir Henry, die Zweite um ihre junge Gebieterin zu bedienen, beide aber um durch ihre Aufmerkſamkeit, den Mangel eines zahlreicheren Ge⸗ folges zu erſetzen. „Es lebe König Karl!“ ſagte der alte Ritter, indem er den maͤchtigen ſilbernen Humpen ſeiner Tochter darreichte;„trinke auf ſein Wohlergehn, meine Liebe, wenn es ſchon Rebellenbier iſt, das ſie uns zuruͤckließen. Ich will Dir zutrinken; denn der Toaſt wird das Getraͤnke entſchuldigen, haͤtte auch Noll es ſelbſt gebraut.“ Die junge Dame beruͤhrte den Becher mit ihren Lippen, und gab ihn ihrem Vater zuruͤck, der einen gewaltigen Schluck daraus trank. „Ich will nicht ſagen, Gott ſegne ſie,“ ſagte der Ritter,„aber ich muß geſtehn, daß ſie gutes Bier trinken.“„Das iſt kein Wunder Herr, ſie kommen leicht zum Malz, und brauchen ihn nicht zu ſparen,“ ſagte Jocolin. „Meinſt Du?“ ſagte der Ritter;„und, Du ſollſt auch des Scherzes wegen den Humpen leeren.“ Deer Diener zoͤgerte nicht, auf das koͤnigliche Wohl⸗ ſevyn den Becher zu leeren. Er verbeugte ſich, ſtellte den Humpen wieder hin und ſorach, indem er einen triumphirenden Blick auf das Bildwerk warf:„Ich habe eben mit dieſem Rothrock einen Streit wegen des heiligen Michaels gehabt.“ „Nothrock— ha! wo iſt ein Rothrock?“ ſagte der heft ge Greis.„Streift noch einer von den Schur⸗ ken um Woodſtock herum?— Wirf ihn augenblicklich die Treppe hinab, Jocoline.— Kennſt Du den Gal⸗ genſtrick nicht?“ 4 „Um Verzeihung, er hat hier Auftraͤge zu erfuͤl⸗ len, und wird ſchleunig abreiſen.— Es iſt der— 4 5 9² 3 mit welchem Ew. Gnaden in dem Walde einen Zwei⸗ kampf hatte.“ „ Ja, und den ich ihm in der Halle zuruͤckzahlte, wie Du ſelbſt ſahſt.— Ich war nie in meinem Le⸗ ben ſo kampfluſtig, Jocoline. Dieſer Burſche iſt kein ſo ganz ſchwarzherziger Schurke wie die meiſten von ihnen, Jocoline. Er flicht brav— ſehr brav. Du ſollſt morgen in der Halle einen Gang mit ihm ma⸗ chen. Ich kenne Deine Staͤrke auf ein Haar.“ Er konnte das mit einiger Wahrheit ſagen; denn es war Jocolins Art, wenn er aufgefordert ward mit ſeinem Herrn zu fechten, wie es bisweilen ge⸗ ſchah, dem Ritter nur den Sieg zu erſchweren, den er ihm aber immer doch zuletzt, wie ein beſcheidener Diener, überließ. „Und was ſagte der rundkoͤpfige Soldat von un⸗ ſerem großen Sanct Michaels Humpen?“ „Alle Welt, er ſpottete uͤber unſeren guten Hei⸗ ligen, und ſagte, er waͤre nicht beſſer als die goldenen Kaͤlber von Bethel. Aber ich ſagte ihm, er ſolle nicht ſo reden bis einmal einer von ſeinen rundkoͤpfi⸗ gen Heiligen dem Teufel einen Tritt verſetzt haͤtte, wie Sanct Michael es gethan, und wie es auf dem Becher zu ſehen iſt. Das brachte ihn zum Stillſchwei⸗ gen. Ferner wollte er wiſſen ob Ew. Gnaden und Fraͤulein Alexis,(die alte Hanne und meine Wenig⸗ keit gar nicht zu erwaͤhnen da Ew. Gnaden befehlen daß ich hier ſchlafen ſoll,) ſich nicht fuͤrchteten, in ei⸗ nem ſo unruhigen Hauſe zu ſchlafen. Aber ich ſagte ihm, wir fuͤrchteten weder Feinde noch Geſpenſter, ba⸗ man uns jeden Abend die Gebete der Kirche vor⸗ eſe. „ Jocoline,“ unterbrach ihn Alexis,„ warſt Du von Sinnen? Du kennſt ja die Gefahr, welche uns und den guten Doctor wegen der Erfuͤllung dieſer Pflicht, bedroht.“ 1 „„ Ach, Fraͤulein Aleris,“ ſagte Jocolin ein wenig beſchaͤmt,„glauben Sie nur, daß ich kein Woͤrtchen — 93 von dem guten Doctor ſprach,— nein— nein, ich theilte ihm das Geheimniß nicht mit, daß wir einen ſo hoch⸗ wuͤrdigen Caplan haben.— Ich kenne den Mann ganz genau. Wir haben ſchon mehr als einen Schop⸗ pen zuſammen getrunken. Er iſt ein Herz und eine Seele mit mir, ſo ein großer Schwaͤrmer er auch iſt.“ „ Vertrau ihm doch nicht zu viel,“ ſagte der Rit⸗ ter.„Ich fuͤrchte, Du haſt bereits eine Unbeſonnen⸗ heit begangen, und es durfte unſicher fuͤr den guten Mann ſeyn, beim Anbruch der Nacht hieher zu kom⸗ men, wie wir uͤbereinkamen. Dieſe Independenten haben Naſen wie Spuͤrhunde nnd koͤnnen einen ge⸗ treuen Royaliſten unter jeder Verkleidung erkennen.““ „Wenn Ew. Gnaden das glauben,“ ſagte Jo⸗ coline,„ſo will ich gerne auf den Doctor warten und ihn durch das alte verfallene Thor in das Jaͤgerhaus fuͤhren und hieher bringen; dann kann der Herr Doe⸗ tor hier ſchlafen und jener wird kein Wort davon er⸗ fahren. Glauben aber Ew. Gnaden, daß auch das noch nicht ſicher iſt, ſo will ich dem Independenten den Hals abſchnelden, und ich werde mich keinen Stecknabelsknopf darum kuͤmmern. 8 „Gott bebuͤte,“ ſagte der Nitter.„Er befindet ſich unter unſerem Dache und iſt ein Gaſt, obgleich kein eingeladener.— Geh Jocolin, weil Du Deiner Zunge zu viel Freiheit geſtattet haſt, ſo ſollſt Du fur Strafe auf den guten Doctor warten, und ſo ang er bei uns iſt fur ſeine Sicherheit ſorgen. Eine Sctodernacht im Walde zugebracht, koͤnnte dem guten Mann den Tobesſtoß geben.“ „Es iſt wahrſcheinlicher, daß er unſeren October, als daß unſer October ihn uͤberleben wird,“ ſagte der Foͤrſter, und zog ſich hei einem mutheinfloͤßenden Laͤcheln ſeines Herrn zuruͤck. Er pfiff dem Bevis, damit dieſer ſeine Wache theile; und nachdem er ge⸗ naue Erkundigung eingezogen hatte, wo der Geiſtliche am wahrſcheinlichſten zu ſinden ſey, verſicherte er ſei⸗ nen Herrn, er wuͤrde fuͤr deſſen Sicherheit mit puͤnkt⸗ 94 lichſter Aufmerkſamkeit ſorgen. Als ſich der Diener, nachdem er ſorgfaͤltig die Ueberreſte des Abendeſſens aufgehoben hatte, zuruͤckzog, lehnte ſich der alte Rit⸗ ter in ſeinen Stuhl zuruͤck, und gab ſich freudigeren Traͤumen hin, als in der letztern Zeit ſeine Einbil⸗ dungskraft belebt, bis ihnen nach und nach der Schlummer uͤberfiel. Die Tochter aber, welche es nicht wagte, ſich anders zu bewegen, als auf den Spitzen ihrer Schuhe, nahm irgend eine weibliche Handarbeit, ſetzte ſich nahe an die Seite des alten Man⸗ nes, die Finger an ihrem Werke beſchaͤftigt, waͤh⸗ rend ihre Augen von Zeit zu Zeit mit dem liebevol⸗ len Eifer, wenn auch nicht mit der wirklichen Ge⸗ walt eines Schutzengels auf dem Vater ruhten. End⸗ lich verloͤſchte die Flamme, und als die Nacht ein⸗ brach, wollte ſie Lichter bringen laſſen. Aber da ſie bedachte, welch ein ſchlechtes Lager Jocolins Hutte dargeboten hatte, ſo haͤtte ſie nicht um alles den er⸗ ſten geſunden erfriſchenden Schlaf unterbrochen, wel⸗ chen ihr Vater nach zwei Tagen und zwei Naͤchten wahrſcheinlich wieder zum erſtenmal genoß. S ie ſelbſt hatte keinen andern Zeitvertreib, als ſich an das große Gitterfenſter zu ſetzen,(daſſelbe, durch welches bei einer fruͤheren Gelegenheit unſer Freund Wildrake Tomkims und Jocolin beim Abend⸗ eſſen erblickt hatte) als die Wolken zu beobachten, 3 welche ein leichter Wind zuweilen von der breiten Scheibe des herbſtlichen Mondes verſcheuchte, waͤh⸗ rend er ihnen dann wieder erlaubte, ſich zu haͤufen, und ſeinen Strahlenglanz zu verdunkeln. Es liegt fuͤr die Einbildungskraft, ich weiß zwar nicht warum, irgend etwas beſonders Liebliches darin, die Koͤni⸗ 4 gin der Nacht zu betrachten, wenn ſie zwiſchen den Duͤnſten ſchwebt, welche ſie zu zertheilen nicht die Macht hat, und welche dagegen ihrer Seits außer Stande ſind, ihren Glanz zu verloͤſchen. Es iſt das deutliche Bild der leidenden Tugend, welche ruhig ihren Weg geht, bei gutem und uͤblem Ruf, da ſie ſich jener inneren Vortrefflichkeit bewußt iſt, welche allgemeine Achtung erregen ſollte, die aber in den Augen der Welt durch Leiden, durch Ungluͤck und durch Verlaͤumdung umnebelt wird. Als Alexis Ein⸗ bildungskraft wahrſcheinlich von dieſen Betrachtungen durchdrungen war, bemerkte ſie zu ihrem Erſtaunen und Erſchrecken, daß jemand bis an das Fenſter her⸗ aufgeklettert ſey, und in die Stube ſehe. Furcht vor uͤbernatuͤrlichen Dingen bewegte Alexis nicht im Geringſten. Sie war zu ſehr an Ort und Lage ge⸗ woͤhnt; denn man ſieht an den Orten keine Geſpen⸗ ſter, welche man von Jugend auf kennt. Aber in einem unruhigen Lande war Gefahr vor Raͤubern ein viel groͤßerer Gegenſtand der Furcht; und dieſer Ge⸗ danke verlieh der von Natur hochſtrebenden Alexis einen ſo verzweifelnden Muth, daß ſie von der Wand, an welcher mehrere Feuerwaffen hingen, eine Piſtole wegnahm, und indem ſie ihrem Vater zurief, aufzuwa⸗ chen, hatte ſie Gegenwart des Geiſtes genug, ſich dem aufdringlichen Gaſte entgegen zu ſtellen. Sie that es um ſo eifriger, weil ſie in dem Geſichte, das ſie zum Theile ſah, die Zuͤge der Frau wieder zu erkennen glaubte, welcher ſie am Roſamundenbrunnen begegnet war, und die ihr gleich rauh und verdaͤchtig ſchien. Zugleich ergriff ihr Vater ſein Schwerdt und nahte iich dem Fenſter; die Perſon im Finſtern aber, welche dadurch beunruhigt ward, verſuchte es hinabzuſteigen, that(wie fruͤher Wildrake) einen Fehltritt und fiel mit nicht geringem Laͤrmen zur Erde. Auch war der Empfang an dem Buſen unſerer gemeinſchaftlichen Mutter weder ſanft noch ſicher; denn ſie hoͤrten Be⸗ vis, welcher mit einem entſetzlichen Gebell und Ge⸗ heul hinzuſprang und die Perſon ergriff, ehe ſie ſich wieder aufrichten konnte.„ „Halt ihn feſt, aber erwuͤrge ihn nicht,“ ſagte der alte Ritter.—, Alexis, Du biſt die Koͤnigin al⸗ ler Dirnen! Bleib nur da, bis ich hinablaufe, und den Schurken in Sicherheit hringe.“ 96 „Um Gotteswillen nein, mein theuerſter Vater!“ rief Aleris aus;„Jocolin wird gleich bei der Hand ſeyn.— Horch! ich hoͤre ihn.“ Wirklich bemerkte man unten eine gewiſſe Ge⸗ ſchaͤftigkeit, und mehrere Lichter tanzten verwirrt nach allen Gegenden hin, waͤhrend diejenigen, welche ſie trugen, ſich einander zuriefen, doch wahrend ſie ſpra⸗ chen, ihre Srimmen unterdruͤckten, wie Leute, die nur von denen gehoͤrt ſeyn wollen, welche ſie anre⸗ deten. Die Perſon aber, welche in die Gewalt des Bevis gefallen war, wurde hoͤchſt ungeduldig in ih⸗ rer Lage, und rief mit geringerer Vorſicht aus:„Hr da Lee— Forſtmeiſter,— nimm Deinen Hund weg, ſonſt muß ich ihn erſchießen.⸗ ¹ „Wenn Du das thuſt,“ ſchrie Sir Henry zum Fenſter hinaus, ſo will ich Dir augenblicklich Deinen Geiſt ausblaſen. Diebe Jocolin, Diebe, komm her und packe den Schurken.— Bevis halt feſt!“ „Zuruͤck Bevis! Laßt nur ſeyn Sir,“ ſchrie Jo⸗ colin⸗— Ich komme, ich komme, Sir Henry— St. Michael, ich ſtuͤrze mich ins Ungluͤck!“ Ein furchtbarer Gedanke kam ploͤtzlich der Alexis ein— konnte Jocolin treulos geworden ſeyn, daß er den Bevis von dem Elenden wegrief, ſtatt den treuen Hund aufzumuntern, ihn feſt zu halten? Ihr Vater, den vielleicht ein aͤhnlicher Verdacht ergriffen haben mochte, zog ſich ſchnell aus dem Mondſcheine zuruͤck, z0 Alexis nah an ſich, ſo daß man ſie von außen nicht ſehen, ſie aber alles hoͤren konnten, was vor⸗ lieng. Der Kampf zwiſchen Bevis und ſeinem Ge⸗ angenen ſchien durch Jocolius Dazwiſchenkunft ge⸗ endigt, und man hoͤrte einen Augenblick ein leiſes Liſpeln, als wenn ſich Leute beratheren.— „Jetzt iſt alles ruhig, ſagte eine Stimme; ich will hinaufſteigen und Ihnen den Weg bahnen.“— Augenblicklich ſtellte ſich eine Geſtalt an der Außen⸗ ſeite des Fenſters dar, ſtieß die Fluͤgel deſſelben auf, und ſprang in das Zimmer. Aber ehe noch ſein 97 Fuß den Boden beruͤhrte, wenigſtens ehe er feſt auß⸗ ſtand, führte der alte Ritter, welcher mit ſeinem ge⸗ zogenen Schwerdte bereit ſtand, einen ſo verzweifel⸗ ten Stoß, daß der Fremde zu Boden ſank. Jocolin, welcher gleich darauf mit einer Blendlaterne in der Hand, heraufkletterte, ſtieß ein entſetzliches Geſchrei aus, als er ſah, was vorgefallen war, und rief: „Gott im Himmel, er hat ſeinen eigenen Sohn er⸗ ſchlagen!“. „Nein, nein— ich ſage Euch, nein,“ ſagte der gefallene junge Mann, welches wirklich der junge Albert Lee, der einzige Sohn des alten Ritters war— „ich bin nicht verletzt— nur keinen Lärmen bei Eurem Leben— verſchafft augenblicklich Lichter.“ Sogleich erhob er ſich, ſo ſchnell er nur konnte vom Boden, obgleich ihn ſein Mantel und ſein Rock, welche durch das Rappier des alten Ritters in Unordnung gekom⸗ men waren, verhinderten; der Stoß zu ſeinem Glücke durch den Mantel vom Körper abgewandt worden, und die Klinge, die hinter ſeinem Rücken vorbeifuhr, hatte ſeine Kleider durchbohrt, der Griff aber mit ſeiner ganzen Kraft ſeine Seite getroffen, was ihn zu Bo⸗ den geſtürzt hatte. 1 „ Jpocolin gebot unterdeſſen mit den größten Be⸗ ſchwörungen Stillſchweigen:„Stille, ſo gern Ihr lange auf Erden leben möchtet— ſtille, wenn Ihr einen Platz im Himmel zu haben wünſcht— ſeyd nur ünigen Minuten ſtille, unſer aller Leben hängt da⸗ von ab. 1 4 Unterdeſſen ſchaffte er mit unglaublicher Eile Lich⸗ ter herbei, und da ſahen ſie, daß Sir Henrv, nach⸗ dem er die ſchrecklichen Worte gehoͤrt hatte, in einen Lehensſeſſel zuruͤckgefallen war, ohne Bewegung, Farbe oder Lebenszeichen. „Ach Bruder, wie konnteſt Du lauch nur auf dieſe Weiſe kommen?“ ſagte Alexis. „Frage mich nichts— guter Gott! wozu ward W. Scott⸗s Werke. XII. 7 ich aufbewahrt?“ Waͤhrend er ſprach, betrachtete er ſeinen Vater, der mit todeskalten, unveraͤnderlich ſtrengen Zuͤgen die Arme in der vollkommenſten Huͤlf⸗ loſigkeit ausgeſtreckt, mehr dem Bilde des Todes auf einem Monumente als einem Weſen glich, deſſen Daſeyn nur aufgeſchoben iſt.„Ward deßwegen mein Leben geſchont; ſagte Albert, indem er mit wilden Gebaͤrden ſeine Haͤnde gen Himmel hob; ward deß⸗ wegen mein Leben geſchont, damit ich ſolch' einen Anblick ſchaue?“„Wir dulden, was der Himmel ſchickt, junger Mann, und muͤſſen es unſer Lebelang tragen, ſo lange der Himmel es fortzuſetzen fuͤr gut findet. Laßt mich hinzu.“ Derſelbe Geiſtliche, wel⸗ cher in Jocolins Huͤtte die Gebete vorgeleſen hatte, trat hervor.„Schafft Waſſer,“ ſagte er,„augenblick⸗ lich,“ und die hülfreiche Hand und der leichte Fuß der Alexis mit der bereitwilligen Zärtlichkeit, die ſich nie in leeren Klagen ergießt, ſo lange noch Hoffnung vorhanden iſt, verſchaffte mit unglaublicher Schnellig⸗ keit Alles, was der Geiſtliche verlangt hatte. „Es iſt nur eine Ohnmacht,“ ſagte er, als er Sir Henrys Puls fühlte,„eine Ohnmacht die der au⸗ genblickliche unerwartete Schrecken hervorbrachte. Erhebe Dich, Albert, ich verſpreche Dir, es iſt nichts als eine Ohnmacht— ein Becken, meine theuerſte Alexis und ein Band, oder eine Binde— ich muß ihm zur Ader laſſen, auich einige wohlriechende Kräuter, wenn ſie zu haben ſind, meine gute Alexis.“ Aber während Alexis Becken und Binden ver⸗ ſchaffte, den Aermel ihres Vaters auſſtreifte, und je⸗ der Anweiſung des ehrenwerthen Doktors zuvor zu kommen ſchien, hörte ihr Bruder, der noch kein tröſtliches Zeichen ſah, nicht ein einziges Wort, und ſtand da, beide Hände gefaltet und in der Luft er⸗ hoben— wie ein Denkmal ſprachloſer Verzweiflung. Jeder Zug ſeines Antlitzes ſchien den Gedanken aus⸗ zudrücken:„hier liegt der Leichnam meines Vaters, und ich bin es, deſſen Unvorſichtigkeit ihn umbrachte.“ —,—„r 99 3 Aber als einige wenige Tropfen Blutes der Lanzette folgten, als ſie ſich zuerſt einzeln und dann in freie⸗ rem Strome ergoſſen— als in Folge des kalten Waſſers, mit welchem man die Schläfe des Ritters rieb, und des riechenden Oels, das man ihm vor⸗ hielt, der alte Mann ſchwach zu ſeufzen begann, und ſich anſtrengte ſeine Glieder zu bewegen, veränderte Albert Lee ſeine Stellung im Augenblick, warf ſich dem Geiſt⸗ llchen zu Füßen, und würde, wenn er es erlaubt hätte, beiht Schuhe und den Saum ſeines Kleides geküßt aben. „Erhebe Dich, thörichter Jüngling,“ ſagte der gute Mann mit verweiſendem Tone;„biſt Du doch immer derſelbe!— Knie vor Gott und nicht vor dem Schwächſten ſeiner Diener. Du wurdeſt ſchon wieder einmal von großer Gefahr gerettet— willſt Du des Himmels Gnade verdienen, ſo bedenke, daß Du zu anderen Zwecken aufbewahrt worden biſt, als dazu, woran Du jetzt denkſt. Geh', Du und Jocolin Ihr habt Euch einer Pflicht zu entledigen; und glaube nur, daß ſich Dein Vater leichter erholen wird, wenn er Dich einige Augenblicke nicht ſieht— hinab, hinab in die Einöde, und bringe Deinen Gefährten her.“ „Dank, Dank, tauſend Dank,“ antwortete Al⸗ bert Lee, ſprang zum Fenſter hinaus, und verſchwand ebenſo unerwartet, wie er eingetreten war.— Joco⸗ lin folgte ihm zu gleicher Zeit und auf demſelben Wege. „Allexis, deren Angſt für das Leben ihres Vaters ſich nun ein wenig gelegt hatte, konnte ſich bei dieſer neuen Bewegung nicht enthalten, den ehrenwerthen hurückgebliebenen zu fragen;„mein guter Doktor, eantworten Sie mir nur eine Frage: war mein Bru⸗ der Albert eben hier, oder habe ich alles, was in den vergangenen zehen Minttten vorſtel, nur geträumt? Wären ſie nicht gegenwärtig, ſo würde ich vermu⸗ then, das Ganze wäre nur in meinem Schlafe vorge⸗ fallen— der furchtbare Einhruch— der Todten⸗ähnliche 100 alte Mann, jener Soldat in ſtummer Verzweiflung— ich muß gewiß geträumt haben!“. „Wenn Du geträumt haſt, meine liebe Alexis,“ ſagte der Doktor,„ſo wünſchte ich jedem Kranken eine ſolche Pflegerin; denn Du haſt bei Deinem Schlafe unſeren Patienten beſſer bedient, als die alten Wärtee⸗ rlnnen die ihrigen, wenn ſie auch noch ſo ſehr wachen.— Aber Deine Träume kamen durch das beinerne Thor, mein ſchöner Liebling, Du mußt mich erinnern, daß ich Dir einmal dieſen Ausdruck mit Muſe erkläre. Albert war wirklich hier und wird gleich wieder kom⸗ men.“ 8 „Albert,“ wiederholte Sir Henry,„wer nennt meinen Sohn?“ „Ich bin es, mein gütiger Herr,“ ſagte der Dok⸗ tor,„erlauben Sie mir, Ihren Arm zu derbinden.“ „Meine Wunde!— von ganzem Herzen, Doktor,“ ſagte Sir Henry, indem er ſich erhob und ſich nach und nach des Vorgefallenen wieder erinnerte.„Ich weiß es ſchon von lange her, daß Du ein Arzt, ſowohl des Körperks als der Seele biſt, und in meinem Regi⸗ mente die Stelle des Wundarztes und des Kaplans vertrateſt.— Aber wo iſt der Schurke, den ich um⸗ brachte?— Ich fiel in meinem Leben nicht beſſer aus. Der Griff meines Degens ſtieß gegen ſeine Rippen. Tod muß er ſeyn, oder meine rechte Hand hat ver⸗ lernt das Schwerdt zu führen.“ 1 „Niemand ward umgebracht,“ ſagte der Doktor, „und wir müſſen Gott danken, da es nur Freunde zu erſchlagen gab. Doch wurde ein Mantel und ein Rock ſo verwundet, daß einige Fertigkeit der Schnei⸗ derei nöthig iſt, um ſie zu heilen, Aber ich war Ihr letzter Gegner, und habe Ihnen ein wenig zur Ader gelaſſen, bloß um ſie auf das Vergnügen und auf die Ueberraſchung vorzubereiten, Ihren Sohn wieder zu ſehen, welcher, obgleich, wie Sfe ſich vorſtellen können, nahe verfolgt, doch von Worceſter ſeinen Weg bis hie⸗ her gefunden hat, wo mit Jocolins Beiſtand für ſein⸗ 5 101 Sicherheit geſorgt iſt. Eben aus dieſem Grunde be⸗ ſtand ich darauf, daß Sie den Vorſchlag ihres Nef⸗ fen in das alte Jägerhaus zurückzukehren, annehmen ſollten, da man hier wohl hundert Mann verbergen kann, und wenn auch tauſend ſuchten, ſie zu entde⸗ cken. Es gab nie ſo einen ſchönen Platz, Verſtecken und Suchen zu ſpielen, wie ich es beweiſen will, ſo⸗ bald ich meine Wunder von Woodſtock zum Druck be⸗ fördern kann.“ „Aber mein Sohn, mein theurer Sohn,“ ſagte der Ritter,„ſoll ich ihn denn nicht augenplicklich wieder ſehen? Und warum ſagten ſie mir das freudige Ereigniß nicht voraus?“ „Weil ich ſeiner Bewegungen nicht gewiß war“ ſagte der Doktor,„oder weil ich glaubte, er habe ſich der See zugewendet, und es am Beſten hielt, Ihnen erſt dann Nachrichten von ſeinem Schickſal zu geben, wenn er ſicher an Bord ſey, und mit vollen Segeln nach Frankreich ſchiffe. Wir waren übereingekommen, Ahnen Alles zu ſagen, wenn ich heute Nacht hieher käme. Denn es iſt ein Rothrock im Hauſe, in den wir kein größeres Vertrauen ſetzen wollen, als wir müſſen. Wir wagten es alſo nicht, durch das Thor zu gehen, und indem wir ſo um das Gebäude herum ſtrichen, ſagte uns Albert, daß es als Knabe einer ſeiner Lieblingsſtreiche geweſen waͤre, durch dieſes Fen⸗ ſter hereinzuſteigen. Ein Burſche, der bei uns war, wollte mit aller Gewalt den Verſuch machen, da kein Licht im Zimmer war, und wir beim Mondſchein keine Entdeckung befürchteten. Er gleitete aus, und unſer Freund Bevis faßte ihn.“ „Wahrhaſtig, Ihr habt thöricht gehandelt,“ ſagte Sir Henry,„eine Garniſon ohne Aufforderung anzu⸗ greifen; aber das betrifft Alles meinen Sohn Albert noch nicht.— Wo iſt er, laßt mich ihn ſehen.“ „Aber Sir Henry warten Sie doch,“ ſagte der ktor,„bis Ihre wiederbhergeſtellten Kräfte—“ „Der Teufel hole meine wiederhergeſtellten Kräfte, 102 Freund!“ antwortete der Ritter, als ſein alter Geiſt wieder in ihm rege zu werden begann.—„Erinnerſt Du Dich nicht mehr, daß ich auf dem Schlachtfelde zu Edgehill die ganze Nacht lag, wie ein Ochſe von fünf Wunden zugleich blutete und meine Rüſtung ſechs Wochen lang trug? Und Du ſchwatzeſt von einigen Tropfen Blutes, die einem Ritze folgen, welchen die Krallen einer Katze hätten machen können!“ „Nun, wenn Sie ſich ſo muthig fühlen,“ fagte der Doktor,„ſo will ich Ihren Sohn holen, er iſt nicht fern.“ In dem er das ſagte, verließ er das Zimmer, und machte der Alexis ein Zeichen, da zu bleiben, im Fall das Unwohlſeyn ihres Vaters ſich erneuern ſollte. Doch konnte ſich Sir Henry glücklicherweiſe den Verlauf der Sache nicht mehr recht ins Gedächtniß zurückrufen; denn ſie hatte ihn wie ein Donnerſchlag zu Boden geworfen, und ſeine Geiſteskräfte für einen Angenblick gelahmt. Er wiederholte öfters, daß er mit ſeinem Ausfall, wie er es nannte, gewiß ein Un⸗ heil angerichtet haben müſſe, aber er erinnerte ſich nicht mehr, daß es ſein Sohn war, welcher dieſer Gefahr entging. Froh darüber, daß ihr Vater einen ſo ſchrecklichen Umſtand vergeſſen zu haben ſchien,(ſo wie man oft den Stoß oder die plötzliche Urſache vergißt, welche eine Ohnmacht herbeiführt,) entſchuldigte ſich Aleris leicht mit der allgemeinen Verwirrung, den Verlauf der Sache nicht gehörig darſtellen zu koͤnnen. Einige Au⸗ genblicke darauf hörte alles weitere Nachforſchen auf; denn der Doktor trat ein, und Albert folgte ihm auf dem Fuße, der ſich abwechſelnd bald in die Arme ſei⸗ nes Vaters und bald in die ſeiner Schweſter warf. —,/U 103 Sechstes Kapitel. Der Burſche iſt— wie heißt er doch? Ach Jacob— ja, ich weiß es noch. 1 Crabbe. Die vereinigten zärtlichen Verwandten fühlten ſich glücklich, ihr Ungluͤck in Gemeinſchaft tragen zu koͤn⸗ nen. Sie umarmten ſich immer von Neuem, und lie⸗ ßen den Ergießungen ihres Herzens freien Lauf, welche den Druck der geiſtigen Leiden ausdrücken und erleich⸗ tern. Endlich ließ die Fluth ihrer Gefühle nach; und Sir Henry, der immer noch ſeinen wiedergefundenen Hehn an der Hand hielt, ward endlich ſeiner Gefühle eiſter. „Alſo haſt du der letzten unſerer Schlachten bei⸗ gewohnt, Albert,“ ſagte er,„wo die Fahnen des Kö⸗ nigs vor denen der Rebellen ſanken.“ „So iſt's,“ erwiederte der junge Mann—„der letzte Wurf des Würfels ward bei Worceſter gewor⸗ fen, und leider verloren; Cromwell's Glück herrſchte vor, wie überall wo er ſich zeigt.“ „Gut— es wird nur eine Zeit lang dauern— es kann nur eine Zeit lang dauern,“ antwortete ſein Vater; der Teufel iſt, wie man ſagt, mächtig ſeine Günſtlinge zu erheben und zu belohnen, aber er kann ihnen nur kurze Friſt gewähren.— Aber der König— der König, Albert— der König— ins Ohr— leiſe, eiſe! „„ unſere letzten Nachrichten ſetzten uns in Kennt⸗ niß, er wäre von Briſtol entflohn.“ „Nun Gott ſey dafür gedankt— Gott ſey ge⸗ dankt;“ ſagte der Ritter,„wo verließeſt Du ihn?“ „Bei der Brücke wurde faſt das ganze Regiment in Stücken gehauen,“ war Alberts Antwort;„aber ich folgte Sr. Maieſtät mit ungefaͤhr 500 Dffleieren und Edelleuten, die entſchioſſen waren in ſeiner Nähe zu ſterben. Da aber unſere Anzahl und unſer Stand 3 104 die ganze feindliche Armee uns zu verfolgen bewog, ſo gefiel es Sr. Majeſtät, uns mit vielen und danken⸗ den Worten im Allgemeinen zu entlaſſen, und würdigte noch die Meiſten von uns ins beſondere einiger freund⸗ lichen Worte. Vor Allen läßt er Ihnen ſeinen kö⸗ niglichen Gruß entbieten, wobei er noch vieles hinzu⸗ fügte, das mir zu wiederholen nicht ziemt.“ „Nein, ich will jedes Wort hören, Knabe,“ ſagte Sir Henry;„iſt nicht die Gewißheit, daß Du Deine Pflicht erfüllteſt, und daß König Carn es eingeſteht, binreichend um mich über allen meinen Verluſt und alle meine Leiden zu tröſten, und willſt Du mich deſſen durch eine falſche Schaam berauben?— Du mußt kazir, ſagen, und ſollt ich es mit Stricken von Dir reißen.“ „Dieſer Zwang wird nicht nöthig ſeyn,“ ſagte der Juͤngling.„Sr. Majeſtät geruhte mir zu befeh⸗ len, dem Sir Henry Lee in ſeinem Namen zu ſagen, daß wenn auch ſein Sohn ſeinem Vater in ſeiner Au⸗ bänglichkeit an die königliche Sache nicht zuvorkom⸗ men könne, er ihm doch auf dem Fuße folge, und bald zu ſeiner Seite gehen würde.“ „Sagte er das?“ antwortete der Ritter,„der alte Wctor Lee wird mit Stolz auf Dich herabſeben Albert!— Aber ich vergeſſe, Du mußt müd' und hungrig ſeyn.“ „Freilich Herr,“ ſagte Albert,„aber das zu er⸗ tragen, habe ich mich, meiner Sicherheit wegen, in der letzten Zeit gewöhnen müſſen.“ „JIpcolin!— He da, Jocolin!“ Der Förſter trat herein, und empfing den Befehl, ſogleich das Abendeſſen zu bereiten. „Mein Sohn und Doktor Rochecliffe ſterben faſt vor Hunger.“ 4 „Auch iſt da drunten ein Burſche,“ ſagte Joco⸗ lin,„wie er ſagt, ein Page vom Oberſt Albert, deſ⸗ ſen Glocke ebenfalls ſtürmiſch zum Mittag⸗Eſſen läu⸗ 105 tet; denn ich glaube, er könnte ein Pferd auf einmal auf⸗ eſſen; er hat ſchon ein ganzes Laib Butterbrod gegeſſen, ſo dick wie nur Phöbe es ſchneiden konnte, undes hat doch ſeinen Magen noch keinen Augenblick beruhigt.— Ich meine, Sie hielten ihn beſſer unter ihrer Aufſicht; denn der Beamte möchte ihm einige Fragen vorlegen, wenn er hinunter kömmt. Dann iſt er auch ſo ungeduldig, wie alle Pagen der Edelleute, und thut ſehr vertrau⸗ lich mit den Frauenzimmern.“ 8 „Von wem ſpricht er? Was haſt Du Dir denn da für einen Pagen genommen, Albert, der ſich ſo ſchlecht beträgt?“ ſagte Sir Henry.. „Der Sohn eines theuren Freundes, eines edlen ſchottiſchen Lords, welcher dem Paniere des großen Mon⸗ troſe folgte, dann ſich der Fahne des Königs in Schottland anreihte, und mit ihm nach Worceſter kam. Er ward den Tag vor der Schlacht verwundet und beſchwor mich, die⸗ ſen Jüngling unter meine Aufſicht zu nehmen, was ich, obgleich ungerne, that, denn ich konnte einem Vater auf ſeinem Todtenbette eine Bitte für ſeinen einzigen Sohn nicht abſchlagen.“ „Du hätteſt auch den Galgen verdient, wenn Du Plhwante hätteſt,“ ſagte Sir Henry,„das kleinſte äumchen kann noch Obdach gewähren,— und es freut mich, daß der alte Stamm der Lees nicht ſo ganz gehöhlt iſt, daß er nicht noch den Unglücklichen einen Zufluchtsort gewähren könne. Fuͤhre den Jängling bderein;— er iſt von adelichem Geſchlecht, und es iſt jetzt keine Zeit zur Ceremonie.— Er ſoll bei uns an derſelben Tafel ſitzen, wenn er ſchon nur ein Page iſt. Und wenn Du ihn in ſeinen Manieren nicht ge⸗ börig geſchulmeiſtert haſt, ſo werden ihm einige Lee⸗ tionen von mir nicht ſchaden.“ „Sie werden ſeine nationale Ausſprache entſchul⸗ digen, Herr,“ ſagte Albert,„obgleich ich weiß, daß ſie dieſelbe nicht gerne hören.“ 1 „Ich habe auch wenige Urſache dazu, Albert, ant⸗ wortere der Ritter. Wenig Urſache. Wer erregte dieſe 106 Zwiſtigkeiten?— Die Schottländer! und wer unterſtützte das Parlament als ſeine Sache nahe am Verfall war?“ Wieder die Schottländer. Wer überlieferte den König, ihren Landsmann, der ihren Schutz an⸗ ſprach? Abermals die Schottländer.— Aber wie Du ſagſt, hat der Vater dieſes Burſchen unter dem edlen Montroſe gekämpft, und ein Mann, wie der große Marki, kann uns mit der Entartung einer ganzen Nation ausſöhnen.“ „Nein Vater,“ ſagte Albert,„und ich muß hin⸗, zufügen, daß obgleich dieſer Burſche roh und unge⸗ ſchliffen iſt, und wie Sie ſehen werden, auch ein we⸗ nig eigenſinnig, ſo hat doch der König keinen eifrige⸗ ren Freund in England, und wenn die Gelegenheit ſich darbot, focht er auch männlich zu ſeiner Verthei⸗ digung— ich wundere mich, daß er noch nicht kömmt.“ „Er hat ein Bad genommen,“ ſagte Jocoline, „zund Alles mußte gleich im Augenblick geſchehen. Er ſagte, man könne unterdeſſen das Abendeſſen be⸗ reiten, und er commandirt, als waͤre er in dem al⸗ ten Schloſſe ſeines Vaters, wo er wahrſcheinlich laut genug rufen konnte, ehe ihn jemand hörte.“ 3 „Wahrhaftig,“ ſagte Sir Henry,„das muß ein ſonderbares Stück Wildprett ſeyn, das ſo ſchnell auf⸗ geſchoſſen iſt.— Wie iſt ſein Name?“ „Sein Name!— er entfällt mir doch jeden Au⸗ genblick, er iſt ſo hart;“ ſagte Albert— Kerneguy iſt ſein Name— Ludwig Kerneguy; ſein Vater war Lord Killſtewers von Kincardineſhire.“„Kerneguy und Killſtewers und Kin— wie nannteſt Du ihn? Wahrhaftig,“ ſagte der Ritter,„dieſe nordiſchen Namen und Ditel klingen ſehr nach ihrem Urſprunge— ſie klingen wie ein Nordweſtwind, der zwiſchen Klip⸗ pen und Felſen heult und ſtürmt.“ „Es iſt bloß eine Abart des celtiſchen und ſäch⸗ ſiſchen Dialectes,“ fagte Dr. Rochecliffe,„weicher, nach Verſtegan, ſich noch immer in dieſei nördlichen —— ———— Theil der Inſel erhält; aber ſtill, hier kommt das Abendeſſen und Mr. Louis Kerneguy.“ Wirklich trugen Jocolin und Phöbe das Abend⸗ eſſen herein, und hinter ihnen kam auf einen mäch⸗ tigen Knotenſtocke geſtützt, und die Naſe in der Luft wie ein Spürhund(denn augenſcheinlich richtete ſich ſeine Aufmerkſamkeit mehr auf die gute Speiſen, wel⸗ che vor ihm hergetragen wurden, als auf irgend eine andere Sache) Herr Kerneguy herein und ſetzte ſich ohne viele Ceremonie am unteren Ende des Tiſches. Er war ein ſchmaler, hartgliedriger Burſche, mit feuerrothen Haaren, wie viele von ſeinen Lands⸗ leuten, während die Härte ſeiner Nationalzüge durch ſeine Farbe noch vergrößert ward; denn dieſe war da⸗ durch, daß er ſtets dem Wetter ausgeſetzt war, und durch die herumſchweifende unſtete Lebensart, welcher ſich die flüchtigen Royaliſten unterwerfen mußten, faſt ganz ſchwarz geworden. Seine Rede war keineswegs einn ehmend, da er theils ſchüchtern theils aufdring⸗ lich war und auf eine merkwürdige Weiſe zeigte, wie der Mangel an einem anſtändigen Betragen mit ei⸗ ner wunderbaren Seibſtzufriedenheit beſtehen könne. Sein Geſicht zeigte, daß es vor Kurzem einige Riſſe erhalten hatte, und die Sorgfalt des Doctor Roche⸗ cliffe hatte es mit einer Anzahl von Pflaſtern geziert, welche die natürliche Fulle ſeines Antlitzes noch er⸗ hoben. Doch waren die Augen glänzend und aus⸗ drucksvoll, und bei ſeiner Häßlichkeit(denn ſo konnte man wohl die Unregelmäßigkeit ſeines Geſichtes nen⸗ nen) fehlten ihm doch gewiſſe Züge nicht, welche Scharfſinn und Entſchloſſenheit verriethen. War ſchon die Kleidung des Albert ſelbſt weit unter ſeinem Stande, als der Sohn des Sir Henry Lee und Befehlshabers eines Regimentes in königlichen Dienſten, ſo befand ſich doch die ſeines Pagen in einem noch weit ſchlimmeren Zuſtand. Eine geflickte grüne Jacke, welche durch Sonnenſchein und Regen ſchon hundertmal die Farbe gewechſelt hatte, ſo daß 10⁰8 man die urſprüngliche Grundfarbe kaum mehr ent⸗ decken konnte, ungeheure weite Schuhe, lederne Ho⸗ ſen ſo wie ſie die Bauern tragen, ordinäxe graue ge⸗ ſtrikte Strümpfe bildeten den Anzug des ehrenwerthen Jünglings, deſſen armſeliger Gang verbunden mit der Ünlieblichkeit ſeiner Manieren die Größe ſeiner Leiden zeigte. Das Gebet war geſprochen, und der Junker von Ditſchley ſowohl als Doktor Rochecliffe thaten das ihrige bei einem Mahle desgleichen in Menge und Ueberfluß, ihnen in der letzten Zeit nicht oft zu Theil Leworden zu ſeyn ſchien. Aber ihre Thaten waren Kinderſpiele im Vergleich mit denen des ſchottiſchen Jünglings. Weit entfernt durch irgend ein Symp⸗ tom das Brod und die Butter zu verrathen, mit welchen er die Leere ſeines Magens auszufüllen glaubte, ſchien ſein Appetit durch ein neuntägiges Faſten er⸗ hoͤht zu ſeyn; und der Ritter war geneigt zu glau⸗ ben, daß ihn der Geiſt der Hungersnoth ſelbſt aus ſeinem⸗Geburtslande dem Norden mit einem Beſuche beehren wollte während,— als fürchte er ſich, einen Augenblick von ſeiner Beſchäftigung aufhören zu müſ⸗ ſen,— ſich Kerneguy weder rechts noch links umſah, und bei Tiſche nicht ein einziges Wort ſprach. „Ich freue mich zu ſehen, daß Sie einen guten Appetit aus Ihrer fernen Gegend mitgebracht haben, junger Edelmann,“ ſagte Sir Henry. „Gute Zucht, Herr,“ ſagte der Page im ſchot⸗ tiſchen Bauerndialeck;“ finde ich Fleiſch, ſo finde ich auch meinen Appetit, und ſo jeden Tag im Jahr. Aber die Wahrheit iſt Sir, daß die Appetite ſchon ſeit drei bis vier Tagen kamen, aber das Eſſen in Eurem Südland knavp iſt und ſchwer zu haben. Alſo⸗ Sir ſuche ich die Zeit wieder einzubringen, wie der Pfeifer von Sligo jagt, wenn er eine Hammelskeule ißt.“ 8„Ihr ſeyd auf dem Lande erzogen, wie es ſcheint, junger Mann,“ ſagte der Ritter, welcher gleich An⸗ 109 deren ſeiner Zeit die Zuchtruthe über die kommende Genergtion etwas ſtreng erhob;“ wenigſtens nach den ſchottiſchen Jünglingen zu ſchließen, welche ich in früheren Zeiten an dem Hofe Sr. verſtorbenen Maje⸗ ſtät ſah; die hatten weniger Hunger und mehr— mehr“— als er den paſſenden Ausdruck ſuchte, um das Wort Anſtand zu erſetzen, ſchloß ſein Gaſt den Satz auf ſeine eigene Weiſe—„und mehr zu eſſen, das kann wohl ſeyn,— um ſo viel beſſer für ſie.““ Sir Henry erroͤthete und ſchwieg. Sein Sohn bielt es fͤr Zeit ſich ins Mittel zu legen.„Mein theurer Vater“ ſagte er,„bedenken Sie wie viele Jahre ſeit 1638, wo die ſchottiſchen Unrnhen zuerſt anfingen, verfloſſen ſind, und ich bin uͤberzeugt, daß Sie ſich nicht mehr daruͤber wundern werden, daß waͤhrend die ſchottiſchen Barone fuͤr eine oder fuͤr die andere Sache beſtaͤndig im Felde waren, die Erzie⸗ hung ihrer Kinder zu Hauſe ſehr vernachlaͤſſigt wer⸗ den mußte, und daß junge Leute von dem Alter mei⸗ nes Freundes beſſer das Schwerdt zu handhaben und die Lanze zu fuͤhren verſtehen, als ſie von den Ge⸗ braͤuchen einer Geſellſchaft wiſſen.“ 4 „Dein Grund iſt treffend“ ſagte der Ritter; nund da du ſagſt, daß dein Page Kernigo zu fechten verſteht, ſo wollen wir es ihm in Gottes Namen nicht an Sveiſe fehlen laſſen.— Sieh, wie eifrig er nach jener kalten Hammelskeule hinſchielt— um Gottes⸗ willen, lege ſie ihm nur ganz auf ſeinen Teller!“ „Ich kann dickes und duͤnnes beißen,“ ſagte der ehrenwerthe Mr. Kernigo,„ein hungriger Hund laͤßt ſich hartes Fleiſch an einem tuͤchtigen Knochen wohl ſchmecken.“ 1 „Nun Gott ſey uns gnaͤdig, Albert“ ſagte Sir Penh leiſe zu ſeinem Sohne,„aber wenn das der ohn eines ſchottiſchen Pairs iſt, ſo moͤchte ich der engliſche Bauer nicht ſeyn, der fuͤr ſein altes Blut, fuͤr ſeinen Adel und fuͤr ſeine Guͤter, wenn er wel⸗ che beſitzt, mein Betragen mit ihm tanſchen wollte.— 110 Er hat, ſo wahr ich ein Chriſt bin, beinahevier Pfund ſolide Metzgerwaare gegeſſen mit der Grazie eines Wolfes, welcher den Leichnam eines todten Pferdes auffrißt.— Nun endlich trinkt er doch einmal— ſo— er wiſcht ſich doch den Mund ab— er taucht ſeine Finger in den Krug und trocknet ſich mit dem Tiſch⸗ euh ab! Nun lieblich iſt er einmal!l Das muß wahr eyn! „Da wuͤnſche ich Ihnen alle eine recht gute Ge⸗ ſundheit!“ ſagte der adeliche Juͤngling und that dann im Verhaͤltniß zu den Speiſen, welche er verſchlun⸗ gen hatte, einen gehoͤrigen Schluck; dann warf er Meſſer und Gabel auf den Teller, ſtieß dieſen bis in die Mitte des Tiſches, ſtreckte ſeine Fuͤße aus, kreuzte ſeine Arme auf ſeinen wohlgefullten Magen, lehnte ſich in ſeinen Stuhl zuruͤck, und ſah aus, als wolle er ſich in Schlaf lullen. „So“ ſagte der Ritter„der ehrenwerthe Mr. Ker⸗ nigo hat die Waffen niedergelegt. Nimm dieſe Sachen weg und gib uns unſere Glaͤſer— fuͤlle ſie in der Runde Jocolin; und wenn auch der Teufel und das ganze Parlament uns belauſchten, ſo moͤgen ſie es hoͤ⸗ ren, daß Henry Lee von Ditchley auf das Wohl des dänig Sarls und auf den Untergang aller ſeiner Feinde rinkt!⸗ „Amen“ rief eine Stimme vor der Thuͤr. Die ganze Geſellſchaft ſah ſich bei einer ſo unerwarteten Antwort erſtaunt an. Hierauf folgte ein feierliches eigenes Klopfen, das eine Art von Freimaurerei un⸗ ter den Royaliſten eingefuͤhrt hatte, durch welches ſie ſich und ihre Grundſaͤtze kennen lernten, wenn ſie ſich zufaͤllig trafen.— „Es hat keine Gefahr,“ ſagte Albert, welcher das Zeichen kannte—„es iſt ein Freund; doch wuͤnſchte ich ihn jetzt auf weitere Entfernung.“. „Und warum mein Sohn, wuͤnſcht du die Ab⸗ weſenheit eines trenen Mannes, der vielleicht bei ei⸗ ner jener ſeltenen Gelegenheiten unſern Ueberfluß zu —— . 4 111 theilen wuͤnſcht, wenn er uns zufaͤllig einmal zu Ge⸗ bote ſteht? Geh Jocolin, ſieh wer da klopft, und wenn es ein ſicherer Mann iſt, ſo laß ihn ein.“ „Und wo nicht“ ſagte Jocolin„ſo glaube ich im Stande zu ſeyn, ihn zu verhindern, dieſe gute Ge⸗ ſellſchaft zu ſtoͤren.“ „Keine Gewaltthaͤtigkeit, bei deinem Leben“ ſagte Albert Lee; und Aleris wiederholte„um Gottes wil⸗ len, keine Gewaltthaͤtigkeit.“ „Wenigſtens keine unnöthige Gewalttbätigkeit,“ ſagte der gute Nitter;„denn wenn es die Noth ier⸗ fordert, ſo will ich zeigen, daß ich Herr in meinem Hauſe bin.“ Jocolin Joliffe winkte allen zu, und ging auf den Zehen, um einige andere geheim⸗ ifaue Kennzeichen zu wechſeln, ehe er die Thür nete. Es iſt wohl der Ort zu bemerken, daß dieſe Art von geheimer Verbindung mit ihren Kennzeichen, nur unter der ausſchweifenden ver ſeeifelnden Klaſſe der Royaliſten beſtand, die an dem lüderlichen Leben einer undisciplinirten Armee gewöhnt, Ordnung und Regel⸗ mäßigkeit als ein Zeichen von Puritanismus betrach⸗ teten. Das waren die brüllenden Burſche, wel⸗ che man in den Winkelkneipen traf, und die, wenn ſie zufällig etwas Geld und Credit erhalten hatten, entſchloſſen waren, eine Gegenrevolution zu bilden, indem ſie ihre Sitzungen für permanent erklärten, und es mit den Worten eines ihrer beſten Trinklie⸗ der verkuͤndeten. „Wir wolten trinken auf gutes Glück Bis wir bringen den König zurück.““ Die Führer und der Adel der höheren Stände von beſſeren Grundſätzen, theilten freilich dieſe Ausſchwei⸗ fungen nicht; aber ſie hatten immer ihre Augen auf eine Klaſſe gerichtet, welche mit ihrem Muth und ihrer Verzweiflung im Stande war, bei einer günſti⸗ gen Gelegenheit der verfallenen königlichen Sache gute Dienſte zu leiſten. Es iſt wohl kaum nöthig, hiniu⸗ 112 zufügen, daß ſich unter der niedern Klaſſe und zu⸗ weilen ſelbſt unter der höheren, Männer fanden, wel⸗ che die Pläne und Verſchwörungen ihrer Gefährten, ſie mochten nun gut oder ſchlecht angelegt ſeyn, den Führern des Staates mittheilten. Beſonders fuͤhrte romwell einen Briefwechſel dieſer Art mit Royaliſten vom höchſten Rang und vom unbezweifeltſten Charak⸗ ter, die, wenn ſie auch Perſonen, die ſich ihnen anver⸗ traut hatten, nicht verrathen wollten, doch keinen Augenblick ſchwankten, der Regierung allgemeine Nach⸗ richten mitzutheilen, welche dieſe in den Stand ſetzte, eine jede Verſchwörung zu vereiteln. Wir kehren zu unſerer Geſchichte zuruͤck. In kuͤrzerer Zeit, als wir dazu gebraucht haben, dem Leſer dieſe hiſtoriſchen Facta ins Gedächtniß zurüch zu rufen, hatte Joliffe ſeine geheimnißvolle Mitthei⸗ lung beendigt, und da er gehoͤrige Antwort erhielt, ſo oͤffnete er das Thor, und herein trat unſer alter Freund Roger Wildrake, Rundkopf der Kleidung nach, wo⸗ zu ihn ſeine Sicherheit und ſeine Abhängigkeit von Oberſt Everard zwang, aber dieſe Kleidung auf eine ſehr cavaliermäßige Weiſe angezogen, die den ſtaͤrk⸗ ſten Widerſpruch mit den gewöhnlichen Manieren und der Sprache des Wildrake bildeten, dem dieſe Kleidung nie recht ſtehen wollte. 8379 So lächerlich aber auch der Widerſpruch zwiſchen der Kleidung und dem Betragen des Cavaliers war, ſo konnte man doch, trotz des Eigendünkels in ſeinem Auge und einer unnachahmlichen Leichtfertigkeit und Gedankenloſigkeit in ſeinem Weſen, auf der anderen Seite nicht läugnen, daß Wildrake etwas an ſich hatte, das ihm Furcht und Achtung verſchaffte. Er war ſchön, trotz des frechen luͤderlichen Zuges; ein Mann vom entſchiedenſten Muthe, obgleich ſeine Prah⸗ lerey ihn manchmal zweifelhaft machte, und ſeinen politiſchen Grundſätzen aufrichtig ergeben, obgleich er ſo unklug war, ſich oft damit zu brüſten, was vereint mit ſeiner Abhängigkeit vom Oberſten Everard ver⸗ —— — 113 1 nünftige Leute dazu verleitete, ſeine Aufrichtigkeit zu bezweifeln. So wie er nun einmal war, trat er in das Zim⸗ mer des Viktor Lee, wo ſeine Gegenwart den Anwe⸗ ſenden nichts weniger als angenehm war, mit keckem Schritte und mit dem Bewußtſeyn die beſtmöglichſte Aufnahme zu verdienen. Wenn übrigens der Cava⸗ lier ſeinem Gelübde nachgekommen war, und heute Abend nur einen Schluck getrunken hatte, ſo mußte es ein gewaltiger und lang anhaltender geweſen ſeyn. „Gott zum Gruß,— Gentlemen! Gott zum Gruß, mein wertheſter Sir Henry Lee, obgleich ich kaum die Ehre habe Ihnen bekannt zu ſeyn. Gott zum Gruß, mein würdiger Doctor, wir wollen auf die bal⸗ dige Herſtellung der gekallenen Kirche von England beten.“ 8 3 „Sie ſind willkommen, Sir“ ſagte Sir Henry Lee, deſſen Gaſtfreundſchaft und der einem Royaliſten gebührende brüderliche Empfang ihn bewog, dieſe auf⸗ dringliche Weiſe zu dulden, was er ſonſt wohl nitht gethan hätte. Wenn Sie für den König fochten oder litten, Herr, ſo iſt das ein hinreichender Grund, in unſer Haus zu kommen, und über alle Dienſte zu be⸗ fehlen die nur in unſerer Macht ſtehen, obgleich wir gegenwärtig im Familien⸗Cirkel verſammelt ſind. Aber mir kömmt es vor, als hätte ich Sie bei Mr. Mark⸗ ham Everard, der ſich Oberſt Everard nennt, ge⸗ ſehen— wenn Ihre Bothſchaft von ihm kömmt, ſo rerden Sie mich vielleicht gerne allein ſprechen wol⸗ ANen „ Keineswegs, Sir Henry, keineswegs. Es iſt wahr, da mein Unſtern es haben will, daß ich mich auf der ſtürmiſchen Seite der Hecke befinde, wie alle ehrliche Leute— Sie verſtehen mich, Sir Henry — ſo bin ich froh, etwas von den Manieren meines alten Freundes und Cameraden annehmen zu können — nicht etwa indem ich meine Grundſätze verberge W. Scott's Werke. XII. 8 114 oder verläugne— ich verachte das;— aber indem ich ihm ſo viele Gefälligkeiten thue, als er von mir zu wuͤnſchen beliebt. So kam ich hieher mit einer Bothſchaft von ihm, an den alten rundköpfigen Sohn einer—(ich bitte die junge Dame um Verzeihung von der Spitze ihres Hauptes bis auf den Abſatz ihrer Schuhe). Und wie ich nun ſo im Dunkeln meines Weges da⸗ her ſchleiche, da hörte ich Sie einen Doaſt ausbrin⸗ gen, der mir das Herz erwäͤrmte, und es erwärmen wird, bis es der Tod erkaltet;— Das gab mir die Kpabeit Si wiſſen zu laſſen, daß ein ehrlicher Mann es höre. Dieſes war die Selbſteinführung des † Herrn Wildrake; der Ritter bot ihm dagegen einen Stuhl und ein Glas Sect auf Sr. Majeſtät glorreiche Wie⸗ dereinſetzung an. Auf dieſen Wink drängte ſich Wildrake ohne weitere Ceremonie neben den jungen Schottländer, und that ſeinem Wirthe nicht allein auf den Toaſt Beſcheid, ſondern unterſtützte ihn noch, indem er freiwillig einige Verſe ſeines Lieblings⸗ liedes„der König kömmt wieder in ſein Reich ꝛc.“ hinzufügte. Die Herzlichkeit mit welcher er den Ge⸗ ſang anſtimmte erweiterte dem alten Ritter das Herz, obgleich Albert und Alexis ſich mit Blicken anſahen, welche bezeugten wie läſtig ihnen der Aufdringliche ſey. Der ehrenwerthe Mr. Kerneguy beſaß entwe⸗ der jene glückliche Gleichgültigkeit des Gemüthes, welche einen ſolchen Gegenſtand der Beachtung nicht würdig hält, oder er war im Stande ſie vollkom⸗ men nachzuahmen; denn er ſaß ganz kalt da, ſchlürfte ſeinen Sect oder krachte Wallnüſſe auf, ohne daß man es ihm äußerlich anmerkte, daß er die Vergrö⸗ Perung der Geſellſchaft gewahre. Wildrake, welcher Wein und gute Geſellſchaft liebte, ſchien nicht abge⸗ neigt, ſeinem Wirthe zu willffahren, indem er die Koſten der Unterredung(les frais de la conversa- tion) trug. „Sie ſprechen vom Fechten und Leiden, Sir 115 Henry Lee— Gott ſteh' uns bei, wir haben alle un⸗ ſern Antheil. Alle Welt weiß, was Sir Henry Lee auf dem Schlachtfelde zu Edgefield bis jetzt für Tha⸗ ten verrichtete, wo nur ein royaliſtiſches Schwerd gezo⸗ en ward, oder ein königliches Panier flatterte.— ch Gott helfe uns; auch ich habe etwas geleiſtet. Mein Name iſt Roger Wildrake von Squattleſea⸗ me⸗ re,— Lincoln— nicht als hätten Sie früher etwas davon gehört; aber ich war Rittmeiſter bei Lunsford's leichter Cavallerie und ſpäterhin bei Goring. Ich war ein Kinderfreſſer, Herr.“ „Ich habe von den Thaten Ihres Regiments ge⸗ hört; und vielleicht werden Sie auch finden, daß ich einige davon angeſehen habe, wenn wir zehn Minu⸗ ten zuſammen zubringen. Auch ich hörte Ihren Na⸗ men nennen. Ich erlaube mir auf Ihre Geſundheit zu trinken, Rittmeiſter Wildrakr von Squattleſera⸗me⸗ re— Lincolnſhire.“ 3 „Sir Henry, ich trinke die Ihrige in dieſem vol⸗ len Humpen und auf meinen Knien; und möchte es ebenfalls dem jungen Edelmann(er ſah auf Albert) anbieten und dem Herrn vom grünen Rocke; denn ich halte ihn für grün, obgleich die Farben für mein Auge nicht ganz deutlich ſind.“. Albert, welcher unterdeſſen bei Seite mit Doc⸗ tor Rochecliffe flüſterte, mehr noch als der Geiſtliche zu wünſchen ſchien, horchte,— was auch der Gegen⸗ ſtand ihrer Privatunterhaltung geweſen ſeyn mochte,— doch aufmerkſam auf das allgemeine Geſpräch, und miſchte ſich zuweilen darein, ſo wie ein Kettenhund 8 den erinoſten Lärmen ſelbſt während ſeines Freſſens emerkt. „Rittmeiſter Wildrake,“ ſagte Albert,„wir(naͤm⸗ lich mein Freund und ich) haben gar nichts dage⸗ gen, bei einer paſſenden Gelegenheit das Unfrige zu ſchwatzen. Aber Sie Herr, der Sie ſich ſchon ſo lange herumtreiben, muſſen nothwendigerweiſe wiſſen, daß bei einem ſo zufälligen Zuſammentreffen wie das unſ⸗ 116 rige, man ſeinen Namen nicht nennt, wenn es nicht beſonders nöthig iſt. Ich geſtehe, daß ich, wenn Sie Ihr Herr Capitän Everard oder Oberſt Everard, wenn er ein Oberſt iſt, auf Gewiſſen früge, wer die Perſonen waren, welche dieſen oder jenen Toaſt aus⸗ brachten, ich Ihnen gerne die Mühe erſparen wollte.“ „Wahrhaftig, da ſchlag' ich einen viel kürzeren Weg ein,“ antwortete Wildrake;„ich kann mich ums Leben, keines Toaſtes mehr erinnern— ich bin darin ganz ſonderbar vergeßlich.“ „Gut Herr,“ erwiederte der junge Lee,„aber wir, die wir unglücklicher Weiſe ein befferes Gedächt⸗ niß haben, wir wollen uns der allgemeinen Regel un⸗ terwerfen.“ „Ach Herr,“ antwortete Wildrake,„von ganzem Herzen. Ich dringe mich Niemanden zum Vertrau⸗ ten auf, hol' mich der Teufel— und ich ſprach nur der Höflichkeit willen.(Dann ſtimmte er die Melo⸗ die an:) Der Becher gehe in der Rund W trinken auf Sein Woyl;. Uns wär' von Seid' das Strümpflein auch, Das Knie muß nieder auf den Grund Muß nieder auf den Grund. „Dränge nicht weiter in ihn,“ ſagte der alte Ritter, indem er ſich zu ſeinem Sohn wandte;„Mr. Wildrake iſt einer aus der alten Schule, einer von den luſtigen Brüdern; wir müſſen ein wenig Geduld mit ihnen haben, denn wenn ſie tüchtig trinken, ſo fechten ſie doch auch tapfer. Ich werde nie vergeſſen, wie ein Trupp von ihnen kam, und uns Schreiber von Opford, wie ſie das Regiment nannten, zu dem ich gehörte, während des Sturmes vom Brentford aus einer verzweifelten Lage rißen. Ich ſage Dir, wir la⸗ gen ſowohl in der Fronte als im Rückhalt zwiſchen Lanzen, und wären ſchlimm davon gekommen, wenn nicht Lunsfords leichte Reiter, die Kinderfreſſer wie man ſie nannte, den Feind mit aller Macht ange⸗ griffen und uns befreit hätten.“ — 117. „Ich freue mich, daß Sie daran denken, Sir Henry,“ ſagte Wildrake,„erinnern Sie ſich auch noch, was der Lunsforder Officier ſagte?“ „Ich meine doch,“ ſagte Sir Henry lächelnd. „Nun gut! rief er nicht aus, als die Weiber herabkamen und wie Syrenen heulten: hat keine von euch ein fettes Kind, das ſie uns geben kann, um es zum Frühſtück aufzuſpeißen?“ „Ja es iſt wahr,“ ſagte der Ritter;„und ein großes dickes Weib trat mit einem Kinde hervor, und bot es dem anſcheinenden Canibalen dar.“ Alle Anweſenden, Mr. Kerneguy autsgenommen, erhoben die Hände vor Erſtaunen. „Ja,“ ſagte Wildrake,„die— Hm(ich bitte die Dame abermals um Verzeihung.) das verfluchte Geſchöpf war, wie es ſich zeigte, eine Amme im Dorfe, die das Koſtgeld für das Kind auf ein halbes Jahr voraus bezahlt erhalten hatte. Gut, ich nahm das Kind aus des Wehrwolfs Hände, und ich habe es dahin gebracht, obgleich Gott weiß wie mühſam ich mich ſelbſt ernähren mußte, den kleinen Frühſtück, wie ich ihn nannte, bisher außzuerziehen.— Das heißt doch einen Scherz theuer zahlen.“ „Herr, ich achte Ihre Menſchlichkeit— Herr, ich danke Ihnen für Ihren Muth— Herr, es freut mich herzlich, Sie hier zu ſehen,“— ſagte der gute Ritter, deſſen Augen feucht von Chraͤnen waren.„Alſo waren Sie der wilde Officier, der uns rettete! Ach Herr, hättet Ihr nur eingehalten, als ich Euch zu⸗ rief und uns erlaubt die Straßen von Brentford mit unſeren Musketieren zu reinigen, ſo würden wir heu⸗ tigen Tages zu London ſeyn. Aber Ihr guter Wille war ja derſelbe.“„ „Ja freilich iſt es ſo,“ ſagte Wildrake, der nun triumphirend und ſtrahlend von Ruhm in ſeinem Armſtuhl ſaß;„und hier iſt ein Toaſt für alle tapfere Herzen, welche in jenem Sturme von Brentford foch⸗ ten und fielen.“ 2 118. So fuhren die Belden fort, ſich ihre Thaten ge⸗ genſeitig zu erzählen, und ſich in der Erinnerung der alten Zeit zu erfreuen. Aber in der Heftigkeit ihres Geſprächs ſchankelte ſich Wildrake auf feinem Stuhle und ſtieß den jungen Schottländer um, welcher Alexis gegenüber ſaß, und dadurch das Fräulein ſtörte, die ein wenig beleidigt oder doch verlegen ihren Stuhl vom Tiſche zurückzog. 3 „Ich bitte um Verzeihung,“ ſagte der ehren⸗ werthe Mr. Kerneguy,„aber Herr, indem er ſich zu Wildrake wandte,„Sie haben mich geſtoßen, ſo daß ich den Strumpf der jungen Dame beſchmutzt abe. „Ich bitte Sie um Verzeihung Herr, und die junge Dame noch um ſo viel mehr, wie ſich's von ſelbſt verſteht; obgleich ich wahrhaftig Ihren Stuhl nicht berührte. Alle Welt Sir, ich habe keine anſteckende Seuche und keine Krankheit an mir, daß Ihr wie ein Haſe davon ſpringt, und das Fraͤulein ſtört, was ich mit meinem Leben verhindert haben würde. Herr, wenn Sie ein Nordländer ſind, wie Ihre Spra⸗ che zeigt, ſo war wahrhaftig die Gefahr auf meiner Seite, und ſie brauchen ſich nicht darüber zu be⸗ ſchweren.“— „Herr Wildrake,“ ſagte Albert,„dieſer junge Edelmann iſt ebenſo gut wie Sie, ein Fremder un⸗ ter dem Schutze der Gaſtfreundſchaft des Sir Henry, und es kann demſelben nicht angenehm ſeyn, Streit unter ſeinen Gäſten entſtehen zu ſehen. Sie verken⸗ nen vielleicht wegen ſeiner jetzigen Tracht den Stand des jungen Edelmanns.— Es iſt der ehrenwerthe Mr. Louis Kerneguy, mein Herr, der Sohn des Lord Kil⸗ ſtewers von Kincardineſhire, einer der für den König gefochten hat, ſo jung er iſt.“ „Durch mich ſoll kein Streit entſtehen, Herr— durch mich nicht,“ ſagte Wildrake.„Ihre Erklärung genügt mir. Herr Louis Girnigo, Sohn des Mylord Gilts Dir in Grüngartenſchier, ich bin Ihr unter⸗ 119 thänigſter Sclave, Herr, und trinke Ihre Geſundheit zum Zeichen, daß ich Sie verehre; und alle getreue Schotten, welche ihr Schwerdt für die gute Sache zogen.“ 3 „Ich danke Ihnen und bin Ihnen verbunden Herr;“ ſagte der junge Mann mit einigem Stolze, der kaum mit ſeiner Ungeſchliffenheit übereinſtimmte, „und ich wünſche Ihnen auch höflichſt eine gute Ge⸗ ſundheit.“— Ein vernuͤnftiger Mann würde hier mit der Un⸗ terredung eingehalten haben; aber es war eine beſon⸗ dere Eigenheit Wildrakes, daß er nie eine Sache ge⸗ hen laſſen konnte, die gut ſtand. Er fuhr fort, den ſchuͤchternen, ſtolzen und unbeholfenen Jüngling mit ſtinen Bemerkungen zu necken. 3 „Sie ſprechen Ihren Nationaldialect etwas ſtark, Mr. Girnigo,“ ſagte er,„aber doch nicht ganz voll⸗ kommen die Sprache der zierlichen Edelleute, die ich uniter den ſchottiſchen Royaliſten gekannt habe.— Ich kannte zum Beiſpiel einige von den Gordons und andere von gutem Ruf, die immer ein E für ein W ſctzten, und die Faß für was und fein für Wein ſagten.“ Hier legte ſich Albert Lee ſchon wieder ins Mit⸗ tel, und ſagte, daß alle Provinzen von Schottland ſo wie die engliſchen ihre eigene Ausſprache hätten. „Sie haben ganz recht Herr,“ ſagte Wildrake. „Ich glaube nun, ihr verfluchtes Kauderwelſch— ohne Beleidigung junger Herr,— ziemlich gut zu ſpre⸗ chen; und doch, als ich mit einigen von den Leuten des Montroſe einen Streifzug in das ſüdliche Hoch⸗ land, wie ſie ihre beſtialiſche Einöde nennen(wieder ohne Beleidigung) machte, und den Weg verlor, traf ich einen Schäferburſchen, den ich frug, wohin der Weg gebe, und dabei ſperrte ich meinen Mund ſo weit auf, und dehnte meine Stimme ſo viel es mir nur möglich war; aber hol' mich der Teufel, wenn mich der Kerl verſtand.“ 5 120 Der junge Schotte blieb bei allen dieſen Necke⸗ reien ſehr kalt; Doctor Rochecliffe aber wandte ſich zu Sir Henry und ſprach:„erlauben Sie mir mein wertheſter Sir, Sie an Ihr Podagra und an unſere lange Reiſe zu erinnern. Ich thue es um ſo viel mehr, da mein guter Freund Ihr Sohn mich während des ganzen Abendeſſens mit Fragen plagt, die er viel beſ⸗ ſer auf morgen früh verſchieben würde. Darf ich alſo bin Erlaubniß bitten, uns zur Ruhe begeben zu dür⸗ en. ². „Dieſe Privatunterhaltungen in einer luſtigen Verſammlung,“ ſagte Wildrake,“ ſind ohnehin Feh⸗ ler gegen das gute Betragen. Sie erinnern mich an die verfluchten Committeen zu Weſtmünſter. Aber ſol⸗ len wir, ehe wir uns trennen, nicht noch die Nachteule ein wenig aufſchrecken?“ „Aha, kannſt Du Shakespeare eitiren,“ ſagte Sir Henry, den es freute, eine neue gute Eigenſchaft an ſeinem- Bekannten zu entdecken, deſſen militäriſche Dienſte in ſeinen Augen nur grade ſeine Freiheit in ſei⸗ nem Benehmen entſchuldigten.„Im Namen des fröh⸗ lichen Will“ fuhr er fort,„den ich zwar nie ſah', ob⸗ gleich ich mehrere ſeiner Gefährten wie Alleyn, Hem⸗ mings u. ſ. w. kannte— wir wollen einen Geſang und dann ein Rondo anſtimmen, ehe wir zu Bette gehen? Nach der gewöhnlichen Discuſſion wegen der Wahl des Liedes und der Stimme, welche ein jeder dabei übernehmen ſollte, vereinigten ſie ſich zu einem roya⸗ liſtiſchen Trinkliede, welches damals unter dieſer Par⸗ thei herumging, und für deſſen Verfaſſer man keine geringere Perſon als den Doctor Rocheeliffe ſelbſt hielt. Trinklied für König Carl 1 Bringt den Becher, bringt ihn her Fültt ihn bis zum Rand, üt ihn, denn wir lieben ſehr, Fü Fürſt und Vaterland. 1 Tapfere Ritter ſtehet auf Stände auch der Tod darauf „Hoch leve König Carl! 121 Wandelt er auch durch Gefahr, Unbekannt, allein— 1 Muß er trau'n den Fremden gar, Fremd den Seinen ſeyn; Scheut Gefahr und Kummer nicht Bleiben wir doch treu der Pflicht „Hoch lebe König Carl!“? Weigert ihm die Huldigung nie Deren er entbehrt; Fallet nieder auf das Knie, 4 Legt die Hand ans Schwerdt. Einſt köͤnt der Poſaunen Schall, Treuer Herzen Wiederhalt: „Hoch lebe König Carl!4 Nach dieſem Erguß ihres Royalismus und ei⸗ nem Abſchiedstrunke trennte ſich die Geſellſchaft fuͤr dieſe Nacht. Sir Henry bot ſeinem Bekannten Wil⸗ drake ein Bett an, und dieſer uͤberlegte die Sache auf ſeine eigene Weiſe, folgendermaßen.„Freilich wird mich mein Herr im Flecken erwarten— aber wiederum iſt er es auch gewöhnt, daß ich des Nachts manchmal ausbleibe. Dann ſagt man auch, daß der Deufel ſein Weſen in Woodſtock treibt; aber mit dem Segen dieſes verehrten Doetors, trotz' ich ihm und allen ſeinen Werken— zweimal ſchlief ich hier und ich ſah' ihn nicht, war er alſo damals abweſend, ſo iſt er gewiß mit dem Sir Henry Lee und ſeiner Familie nicht wieder zurückgekommen. Alſo nehm ich Ihre Höflichkeit an, Sir Henry, und danke Ihnen wie ein Lunsforder Reiter einem der fechtenden Schrei⸗ ber von Oyford. Gott ſegne den König! Ich kümm're mich nichts drum wer es hört; und Verwirrung auf Noll und ſeine rothe Naſe.“ Er ging alſo fort, von Jocoline begleitet, welchem Albert unterdeſſen zu⸗ geflüſtert hatte, ihm ja recht weit von der uͤbrigen Familie ein Zimmer einzuräumen. Hierauf grüßte der junge Lee ſeine Schweſter und mit der Förmlich⸗ keit der damaligen Zeit verlangte und erhielt er den Segen ſeines Vaters nebſt einer zärtlichen Umarmung. Der age ſchien einen Theil ſeines Beiſpiels nachahmen zu wollen, ward aber von Alexis zurückgewieſen, die 12²² ſeine angebotene Umarmung nur mit einer Verbeu⸗ gung erwiederte. Dann grüßte er ihren Vater, und wuͤnſchte ihm gute Nacht.„Ich freue mich zu ſehen, junger Mann“ ſagte dieſer„daß Ihr wenigſtens die Achtung kennt, welche man dem Alter ſchuldig iſt. Man ſollte ſie jederzeit erweiſen, Herr. Denn wenn Sie das Alter ehren, ſo können Sie dieſelbe Hochach⸗ tung verlangen, wenn Sie dem Schluße Ihres Le⸗ bens nahe kommen. Ich werde, wenn ich Muſe habe, noch ein Weiteres mit Ihnen über Ihre Pflichten als Page ſprechen; denn dieſer Dienſt war in früheren Zeiten die wahre Schule des Ritterthums, obgleich ſie ſeit kurzem, durch die unordentlichen Zeiten nicht viel beſſer iſt, als eine Schule toller und ausſchwei⸗ fender Frechheit, weßhalb auch, Ben Jonſon ausrief.—“ „Nicht doch, Vater,“ ſagte Albert„Sie müſſen die Mühſeligkeiten dieſes Tages bedenken; der arme Burſche ſchläft faſt ſtehend ein— Morgen wird er mit größerem Nutzen auf Ihre gütigen Ermahnungen bören— und Sie Louis, erinnern Sie ſich wenigſtens eines Theils Ihrer Pflichten— nehmen Sie den Leuch⸗ ter und leuchten Sie uns; da kömmt Jocolin um uns den Weg zu zeigen;— alſo nochmals gute Nacht Meim guter Doctor. Rochecliffe,— gute Nacht meine ieben. Siebentes Kapitel. Kammerherr: Willkommen edler Fürſt! König Richard: Dank dier Pair 1 Der Wohlfeilſte gilt einen Stüber und nicht mehr. Richard II. Albert und ſein Page wurde von Jocolin in das ſogenannte ſpaniſche Zimmer geführt, Dieſes war ein mächtiges altes Schlafzimmer, das ſich in einem ziem⸗ 1²³ lich verfallenen Zuſtande befand, aber mit einem breiten Bette für den Herrn und einem Feldbette für den Bedienten verſehen, wie es in einer ſpäteren Zeit in den alten engliſchen Häuſern Gebrauch war, wo der Edelmann oft die Hülfe des Kammerdieners beim Auskleiden verlangte, wenn er von der Gaſtfreundſchaft des Hauſes einen zu großen Gebrauch gemacht hatte. Die Wände waren mit Safian bedeckt, worauf in gol⸗ denen Verzierungen Gefechte zwiſchen den Spaniern und den Mauren, Stiergefechte und andere der Halb⸗ inſel eigene Beluſtigungen dargeſtellt waren, woher es den Namen des ſpaniſchen Zimmers trug. Auf eini⸗ gen Stellen waren die Tapeten ganz herabgeriſſen, auf anderen entſtellt und zerriſſen. Aber Albert ver⸗ lor keine Zeit mit dieſen Bemerkungen und ſchien nur den Jocolin möglichſt ſchnell aus dem Zimmer entfer⸗ nen zu wollen; was er dadurch bewerkſtelligte, daß er ſein Anerbieten friſches Holz und noch mehr Ge⸗ tränke herbeizuſchaffen eilig zurückwieß und mit gleicher Kürze des Förſters gute Nacht erwiederte. Dieſer jog ſich endlich wie es ſchien etwas unwil⸗ lig zuruͤck, als glaube er, ſein junger Herr könne nach einer ſo langen Abweſenheit einem treuen alten Diener wohl noch einige Worte mehr gönnen. Kaum war Joliffe fortgegangen, als, ehe noch Albert Lee und ſein Page ein einziges Wort ſprachen, — der Erſtere an die Thüre eilte, Schloß und Rie⸗ gel unterſuchte, und ſie mit der genaueſten Aufmerk⸗ ſamkeit ſchloß. Zu dieſer Vorſicht fügte er noch ei⸗ nen langen Schraubenriegel hinzu, welchen er ſo an⸗ ſchraubte, daß es unmöglich war, die Thüre zu öff⸗ nen, ohne ſie in Stücken zu ſchlagen. Der Page hielt ihm das Licht, während dieſer Beſchäftigung, die ſein Herr mit der größten Gewandtheit und Genauigkeit vollbrachte. Als ſich aber Albert von ſeinen Knieen erhob, auf denen er während dieſer Beſchäftigung lag, da äanderte ſich plötzlich das Betragen der bei⸗ den Gefährten ganz und gar. Der ehrenwerthe Mr. 124 Kerneguy fchien nun von einem tölpelichten Schotten plötzlich die Grazie und die Lieblichkeit des Betragens und der Bewegungen bekommen zu haben, welche man nur durch eine frühe und genaue Bekanntſchaft mit den beſſeren Ständen erlangt. 3 Er gab dem Albert das Licht mit jener leichten Gleichgültigkeit eines Vorgeſetzten zu halten, der ſei⸗ nen Untergebenen mit einem leichten Dienſt mehr be⸗ gnadigt als beunruhigt. Albert ſeiner Seits über⸗ nahm mit der tiefſten Ehrerbietung das Geſchäft. eines Fackelträgers und leuchtete ſeinem Pagen durch das Zimmer, ohne ihm dabei den Rücken zuzuwenden. Dann ſtellte er das Licht auf den Tiſch am Bette, nahte ſich dem jungen Manne mit tiefer Verehrung und empfing ſeine grüne beſchmutzte Jacke mit derſelben Unterthänigkeit, als wäre er der Oberſt Kämmerer oder ein anderer Großwürdenträger vom erſten Range, der dem Souverain den Mantel und das Ornat, wel⸗ ches dieſer als Großmeiſter des Hoſenband⸗Ordens trägt, gbnimmt. Die Perſon, welcher dieſe Ceremonien galten, dul⸗ dete ſie einige Minuten mit tiefem Ernſt, dann aber brach ſie in ein lautes Gelächter aus und rief dem Albert zu:„was Deufel willſt du denn mit allen die⸗ ſen Feierlichkeiten? Du becomplimentirſt ja dieſe er⸗ bärmlichen Lumpen als wäre es Sammt und Seide, und den armen Louis Kerniguy, als wäre er der Kö⸗ nig von Großbrittanien;“ „Wenn die Befehle Eurer Majeſtät und die Um⸗ ſtände mich für einen Augenblick nöthigen, bffentlich vergeſſen zu müſſen, daß Euer Majeſtät mein Herr und Gebieter ſind, ſo iſt es mir doch gewiß erlaubt, meine Huldigung darzubringen, wenn Sie in Ihrem eigenen königlichen Palaſte zu Woodſtock ſind.“ „Wahrhaftig,“ erwiederte der verkleidete Mo⸗ narch,„Fürſt und Palaſt ſtimmen nicht übel zuſam⸗ men; dieſe zerriſſenen Tapeten und meine geflickte Jacke paſſen ganz wunderbar.— Das iſt alſo Wood⸗ 125⁵ ſtock! Das iſt der Thurm, wo der königliche Nor⸗ mane mit der ſchönen Noſamunde Clifford ſchwelgte? Wie, das iſt ja ein Aufenthalt der Eulen!“ Dann fügte er plötzlich mit ſeiner natürlichen Höflichkeit hin⸗ zu, als fürchte er, Alberten wehe gethan zu haben,— „Aber je finſterer und zurückgezogener um ſo viel paſ⸗ ſender iſt es auch für unſere Abſicht Lee; und ſcheint es auch, wie man es nicht läugnen kann, ein Eulen⸗ neſt zu ſeyn, ſo wiſſen wir doch, daß es ſchon Adler hervorgebracht hat.“ Er warf ſich unterdeſſen auf einen Stuhl und empfing nachläßig aber liebreich die Dienſte des jun⸗ gen Albert, welcher ihm ſeine ledernen Kamaſchen aufknöpfte.. „Welch ein ſchönes Muſter der alten Zeit iſt dein Vater, Albert, es iſt ſonderbar, daß ich ihn nicht früher ſah; aber ich hörte meinen Vater oft von ihm ſprechen, als von der Blüthe des wahren alten engli⸗ ſchen Adels. Nach der Art zu ſchließen, mit welcher er mich ſchulen wollte, mußt du einen ſcharfen Lehr⸗ meiſter an ihm gehabt haben, Albert. Ich wette, Du hatteſt nie in ſeiner Gegenwart den Hut auf?“ 3„Wenigſtens ſetzte ich ihn nie in ſeiner Gegenwart auf, Ew. Majeſtät, wie ich es in neuerer Zeit von Söhnen ſah,“ antwortete Albert;„ich hätte eine tuͤch⸗ tige Hirnſchale haben müſſen, um mit heiler Haut da⸗ von zu kommen.“ 2 „O daran zweifle ich nicht,“ erwiederte der Kö⸗ nig;„ein wackerer alter Edelmann!— aber er hat, glaub' ich, etwas in ſeinem Geſicht, welches ſagt: man haſſe das Kind, wenn man die Ruthe ſpare.— Höre Albert— ſtelle Dir einmal vor, dieſe glorreiche Wie⸗ dereinſetzung fände ſtatt,(was gewiß nicht ferne ſeyn kann, wenn das Trinken es befördert; denn in die⸗ ſem Punkte vernachläßigen unſere Anhänger ihre Pflich⸗ ten nie) nehmen wir einmal an, daß es einträfe, und alſs Dein Vater ein Graf und Mitglied des geheimen Raths würde, potz Blitz, Freund, dann werde ich mich 126 vor ihm eben ſo ſehr fürchten müſſen, wie mein Groß⸗ vater Henry quatre vor dem alten Sully. Stelle Dir vor es gäbe jetzt bei Hofe ſo eine Geſchichte wie mit der ſchönen Roſamunde oder Labelle Gabriele, welchen Lärm von Pagen und Kammerherrn würde es da geben, um das ſchöne Mädchen heimlicherweiſe durch verborgene Treppen wie Contrebande fortzuführen, wenn man den Tritt des Grafen von Woodſtock im Vorzimmer hörte!“ „„Ich freue mich, Er. Majeſtaͤt nach einer ſo muͤhſeligen Tagreiſe ſo guter Laune zu ſehen.“ „Ach die Muͤhſeligkeit war gering, Freund,“ ſagte Carl; ein freunolicher Willkomm, und ein gutes Eſſen macht Alles wieder gut. Aber ſie muͤſ⸗ ſen Dich im Verdacht gehabt haben, einen Wolf aus den Wuͤſten von Badenoch mitgebracht zu haben; und kein zweifuͤßiges Weſen mit einem gewohnlichen Ma⸗ gen. Ich ſchaͤmte mich wirklich uͤber meinen Appetit; aber Du weißt, daß ich in vier und zwanzig Stunden nichts aß, das rohe Ey gusgenommen, welches Ddu mir aus dem Huͤhnerkorbe der alten Frau geſtohlen haſt. Ich ſage Dir, ich erroͤthete, mich ſo heißhungrig vor dem wuͤrdigen alten Edelmann Deinem Vater zu eigen, und vor dem gar ſchoͤnen Maͤdchen Deiner chweſter— oder Couſine, was iſt ſie?“ „Sie iſt meine Schweſter,“ ſagte Albert Lee tros cken, und fugte in demſelben Athem hinzu,,„der Ap⸗ petit Ew. Majeſtaͤt paßte recht gut zu dem Charakter eines rohen, nordlaͤndiſchen Burſchen. Belieben Ew. Majeſtaͤt ſich jetzt zur Ruhe zu begeben?“ „Für einen oder zwei Augenblicke noch nicht,“ ſagte der Koͤnig indem er ſitzen blieb,„Wie Freund, meine Zunge iſt ja heut den ganzen Tag noch nicht entfeſſelt worden; und mit jenem nordiſchen Zwang und jedes Wort dem Charakter gemaͤß zu ſprechen— lieber Himmel, es war als wenn die Galeeren⸗Scla⸗ ven am feſten Land ſpazieren gehen, ſie haben eine vier und zwanzig pfuͤndige Kugel am Fuße— Sie können ſie wohl nachſchleifen, aber doch nicht bequem ehen. Uebrigens biſt Du ſehr zuruͤckhaltend, mir das 40 zu ſpenden, das mir bei dem guten Spiele mei⸗ ner Rolle gebuͤhrt.— Spielte ich nicht den Louis Kerneguy ganz vortrefflich?—“ „Wenn Ew. Majeſtaͤt mich um meine ernſtliche Meinung fragen, ſo werden Sie mir vielleicht verzei⸗ ben, wenn ich ſage, daß Ihr Dialect fuͤr einen ſchotti⸗ chen Juͤngling von hoher Geburt etwas zu rauh, und Ihr Betragen etwas zu baͤuriſch war. Ich glaube auch— obgleich ich das nicht recht verſtehe— daß Ihr Schottiſch zuweilen nicht ganz aͤcht klang.“ „Nicht aͤcht? Du gefaͤllſt mir, Albert! Wer ſollte denn aͤchter ſchottiſch ſprechen als ich? War ich nicht ganze zehen Monat lang ihr Koͤnig? Und wenn ich ihre Sprache nicht lernte, ſo wuͤßte ich nicht, wer es ſonſt koͤnnte. Heulte, gellte, quickte nicht nach und nach das Oſtland und das Suͤdbland, und das Weſtland und das Hochland um mich her, ſo daß bald die tiefen Gaumenlaute, bald die breiten Lippenbuch⸗ ſtaben und bald die ſcharfen Conſonanten die Herr⸗ ſchaft fuͤhrten?— Alle Welt, Freund, bin ich nicht von ihren Rednern empfangen, von ihren Senatko⸗ ren angeredet, von ihren Geiſtlichen zuruͤckgeſtoßen worden?— Habe ich nicht auf dem Armen⸗Sunder⸗ ſtuhl geſeſſen, Freund(hier nahm er wieder den nor⸗ diſchen Dialect an) und hielt ich es nicht für eine au⸗ ßerordentliche Gnade von dem wuͤrdigen Mr. John Gillespie, daß er mir erlaubte in meinem eigenen Zim⸗ mer Buße zu thun, ſtatt im Angeſichte der ganzen Gemeinde?— Und willſt Du mir nachher noch ſa⸗ gen, ich wuͤßte nicht ſchottiſch genug, um einen al⸗ ten Ritter oder ſeine Familie zu taͤuſchen?“— „Um Verzeihung Ew. Majeſtaͤt— ich ſagte ja gleich, ich verſtuͤnde die ſchottiſche Sprache nicht zu beurtheilen.“ „Ach was, es iſt der reine Neid; grade ſo, ſagteſt Du auch zu Norton, ich ware zu hoͤflich und 1 1²⁸ zu artig fuͤr einen jungen Pagen, und nun haͤltſt Du mich fuͤr zu grob.“ „Aber es gibt einen Mittelweg, wenn man ihn nur trifft“ ſagte Albert, der ſeine Meinung auf die⸗ ſelbe Weiſe vertheidigte, wie man ihn angriff;„ſo bum Beiſpiel, als Sie dieſen Morgen in Weiberklei⸗ ern waren, hoben Sie Ihren Rock unziemend hoch auf, als Sie durch den erſten kleinen Bach wateten; und auf meine Bemerkung durchſchritten Sie, um es wieder gut zu machen, den naͤchſten und erhoben ihn gar nicht.“⸗—— „O der Teufel hole die Weiberkleidung“ ſagte Carl;„ich hoffe, ich ſoll niemals wieder zu dieſer Ver⸗ kleidung gezwungen werden. Wahrhaftig mein haͤßli⸗ ches Geſicht waͤre genug, um Roͤcke, Hauben und Guͤrtel fur immer aus der Mode zu bringen.— Die Hunde ſogar flohen vor mir fort.— Waͤr' ich durch ein Dorf gegangen, das nur aus fuͤnf Huͤtten beſtuͤnde, ſo wuͤrde ich dem Waſſerkaͤfig*) nicht ent⸗ gangen ſeyn. Ich war eine Satyre auf die Frauen. Dieſe ledernen Beinkleider ſind freilich auch keine von den zierlichſten, aber ſie ſind propria quae maribus und recht froh bin ich, ſie wieder zu beſitzen. Ich kann dir ſagen, Freund, ich werde mit meiner eige⸗ nen Kleidung auch alle maͤnnlichen Privilegien wieder annehmen; und da du ſagſt, ich waͤre heute Nacht zu grob geweſen, ſo werde ich mich morgen gegen Fraͤulein Aleris wie ein Hofmann betragen. Ich machte ſo ſchon eine Art von Bekanntſchaft mit ihr, als ich von ihrem Geſchlechte zu ſeyn ſchien, und fand, daß noch Indexe Oberſte im Spiel ſind außer Dir Oberſt.Albert ee. „Verzeihen Eure Majeſtaͤt“ ſagte Albert und ie *) Dieſes war eine ganz eigene in Schottland übliche Maſchine (Cucking=Stool) welche man zur Beſtrafungtzänkiſcher Wei⸗ ber anwandte, indem man ſie mit dem Kopfe ins Waſſer rauchte. Anm,. d. Ueberſ. t 3 1²⁹ hielt dann inne, weil es ihm ſchwer ward, ſeine un⸗ freundlichen Gefuͤhle in Worte auszudruͤcken. Es entging dem Koͤnige nicht, aber dieſer fuhr ohne Wei⸗ teres fort.„Ich glaube ſelbſt, ſo gut wie andere Leute, jungen Frauenzimmern in das Herz ſehen zu können, obſchon Gott weiß, daß ſie ſelbſt manchmal fuͤr den Weiſeſten von uns zu tief ſind. Aber ich ſogte zu deiner Schweſter in meinem Charakter als Wahrſagerinn, daß ſie um einen gewißen Oberſt aͤngſtlich waͤre; denn ich armer Thor glaubte ein Landmaͤdchen koͤnne nur von ihrem Bruder traͤumen; ich meinte dich damit, Albert, aber ich glaube das Erroͤthen war doch zu tief, als daß es einem Bruder haͤtte gelten ſollen. Sie ſtand auf und floh vor mir davon wie ein Rebhuhn. Ich kann ſie entſchuldigen — denn als ich mich ſelbſt im Bache anſah, kam es mir vor, als haͤtte ich ſelbſt wenn ich einer ſolchen Perſon bbegegnet waͤre, Feuer und Mord gerufen. Nun was denkſt du Albert— wer kann wohl dieſer Oberſt ſeyn, welcher in der Neigung deiner Schwe⸗ ſter mehr als dein Nebenbuhler iſt?⸗ Albert der des Koͤnigs Denkweiſe, was das ſchoͤ⸗ ne Geſchlecht betraf, woyl kannte, und wußte daß ſie weit frivoler als delikat ſey, verſuchte es durch eine ernſte Antwort das Geſpraͤch zu endigen. „Seine Schweſter“ ſagte er„waͤre gewißermaßen mit dem Sohne ihres Oheims von muͤtterlicher Seite Markham Everard auferzogen worden; aber da ſein Vater und er ſelbſt die Sache der Rundkoͤpfe ergriffen habe, ſo waͤren die Familien im Streit, und alle Plaͤne die man fruͤher gehegt haͤtte, waͤren nun von beiden Seiten längſt aufgegeben.“ „Ihr habt Unrecht, Albert, Ihr habt Unrecht“ ſagte der Koͤnig der unbarmherzig ſeinen Scherz fort⸗ ſetzte.„Ihr Obriſte, Ihr moͤcht nan blaue oder orangenfarbne Aufſchlaͤge tragen, ſeyd zu huͤbſche Bur⸗ ſche um ſo mir niches dir nichts fortgeſchickt zu wer⸗ W. Sott's Werke. XII. 9 13⁰0 den, wenn ihr einmal gewiſſe Anſpruͤche habt. Aber das ſchoͤne Fraͤulein Alexis, das die Wiedereinſetzung ihres Konigs mit einem Blicke und einem Tone wuͤnſcht, als waͤre ſie ein Engel, deſſen Gebete es nothwendig bewirken muſſe, ſollte keine Neigung ge⸗ gen einen heuchleriſchen Rundkopf hegen. Was meinſt Du— willſt D u mir nicht erlauben, mit ihr daruͤ⸗ ber zu ſprechen? Uebrigens muß es mir am meiſten daran liegen, Eintracht unter meinen Unterthanen zu erhalten; und wenn mir das ſchoͤne Maͤdchen gut iſt, ſo wird der Liebhaber bald nachfolgen. Das war des froͤhlichen Koͤnig CEduard's Art— Eduard IV. Du kennſt ihn ja. Der Koͤnig⸗machende Graf von Warwick— der Cromwell ſeiner Zeit— entthronte ihn mehr als froͤhlichen Da einmal; aber er beſaß die Herzen der nien von London, und die Boͤrſen und Adern der Weichlinge bluteten reichlich, bis ſie ihn wieder einſetz ten. Was ſagſt Du?— Soll ich mei⸗ nen nordiſchen Dialekr abwerfen, in meinem eige⸗ nen Charakter mit Aleris ſprechen und ihr zeigen was Erzishung und Bildung fuͤr mich gethan haben um ein haͤßliches Geſicht wieder gut zu machen? „Um Verzeihung, Ew. Majeſtaͤt,“ ſagte Albert mit veraͤndertem, verlegenem Tone,„ich erwartete 74 nicht. Hier hielt er inne, weil er keine Worte finden konnte um ſeine Gefühle dem Koͤnige achtungsvoll genug vorzuſt ellen, waͤhrend dieſer in dem Hauſe ſei⸗ nes Vaters und unter ſeinem eigenen Schutze war. „Und w as erwartete Mr. Lee nicht?“ ſagte Karl mit merklichem Ernſte. Albert verſuchte abermals eine Antwort hervor⸗ zubringen, aber es gelang ihm wieder nichts mehr als die Worte:„Ich hoffe, Ew. Majeſtaͤt,“ zu ſtamm⸗ len; denn ſeine tiefe, erbliche Ehrfurcht vor ſeinem Monarchen, welche man d ten ihn ſein laſſen. und die Pfticht der Gaſtfreundſchaft em Ungluͤcklichen ſchuldig iſt, verhinder⸗ en gereitzten Gefuͤhlen freien Lauf zu 4 4 1 131 „uUnd was hofft denn Obriſt Albert Lee?“ ſagte Carl auf dieſelbe trockene, kalte Weiſe mit der er fruͤher ſprach.—„Keine Antwort?— Nun, ich hoffe daß Obriſt Lee in einem freundſchaftlichen Scherze nichts Beleidigendes gegen die Ehre ſeiner Familie findet, denn, wahrlich mir ſchiene das ein ſehr zweideutiges Compliment fuͤr ſeine Schweſter, ſei⸗ nen Vater und ſich ſelbſt zu ſeyn, Carl Stuart gar nicht zu erwaͤhnen, den er ſeinen Konig nennt.— Ich erwarte, daß man ſo keine uͤble Meinung von mir hat, zu glauben, daß ich vergeſſen koͤnnte daß Fraͤulein Alexis Lee die Tochter meines treuen Die⸗ ners und Wirthes, und die Schweſter meines Fuͤhrers und Erhalters iſt.— Komm', komm', Albert,“ fuͤgte er hinzu, indem er ploͤtzlich ſeine natuͤrliche Weiſe wieder annahm,„Du vergißeſt, wie lange ich in ei⸗ nem Lande war, wo Maͤnner, Frauen und Kinder, Morgens, Mittags und Nachts hoͤflich zuſammen ſchwatzen, und dabei an nichts Ernſtlicheres denken, als ſich die Zeit zu vertreiben. Und auch ich vergeſſe daß Du von der alten engliſchen Schule biſt, ein Sohn nach dem Herzen des Sir Henry, der uͤber dieſen Gegenſtand keinen Scherz verſteht.— Aber ich bitte Dich um Verzeihung, Albert, recht herzlich um Ver⸗ zeihung wenn ich Dich wirklich beleidigt habe.“ Indem er das ſprach, ſtreckte er ſeine Hand ge⸗ gen den Obriſten Lee aus, welcher, fuͤhlend daß er wirklich den Scherz des Koͤniges zu vorſchnell in ei⸗ nem uͤblen Sinne ausgelegt hatte, ſie mit Ehrfurcht kuͤßte und ſich zu entſchuldigen verſuchte. 3 „Kein Wort— kein Wort,“ ſagte der gut⸗ müthige Fuͤrſt, indem er Alberten aufhob welcher vor ihm knieen wollte,„wir verſtehen uns ſchon. Du furchteſt Dich ein wenig vor dem luſtigen Ruſe den ich mir in Schortland erworben habe. Aber ich verſichere Dich, ich will in Gegenwart der Fraͤulein Alexis Lee ſo zuruckhaltend ſeyn wie Du oder Dein Hr. 13². Vetter Obriſt, es wuͤnſcht; und meine Gallanterien, wenn ich ſie ja wegwerſen will, nur der ſchoͤnen Haus⸗ magd zuwenden die bei Tiſche aufwartete— wenn Du, Obriſt Albert nicht etwa ſchon ein Monopol auf ihr Ohr haſt.“ „Es gibt freilich ſchon ein Monopolium darauf, obgleich ich es nicht beſitze Ew. Majeſtaͤt, ſondern Jocoline Joliffe, der Foͤrſter, den wir nicht boͤſe ma⸗ chen durfen, da wir ihm ſchon ſo viel anvertrant haben, und vielleicht noch alles entdecken muͤſſen. Ich vermuthe ſo ſchon halb und halb daß er einen Verdacht hegt, wer wohl der Ludwig Kerneguy in Wirklichfeit ſeyn mag.“ „Ihr ſeyd ein verliebtes Geſchlecht, Ihr Jäger von Woodſtock!“ ſagte der Koͤnig lachend⸗ „Nun häaͤtte ich doch zum Spaß Luſt als ein pisaller (wie der Franzoſe ſagt) meine ſchoͤne Rede an die taube, alte Frau zu richten, welche ich in der Kuͤche ſah, und ſelbſt da getrau ich mir zu ſagen, daß ihr Hur, m Do Rochecliffes einzigem Gebrauche beſtimmt iſt. „Ich wundere mich uͤber die gute Laune Ew. Majeſtaͤt,“ ſagte Albert,„und daß Sie nach einem Tage voll Gefahr, Muͤhſeligkeiten und Zufällen noch die Kraft haben ſich auf dieſe Weiſe zu unterhalten.“ „Das heißt mit anderen Worten, der Kammer⸗ eerr wuͤnſchte daß ſeine Majeſtat ſchlafen ginge?— Es iſt recht,— jetzt nur noch einige Worte uͤber ein ernſteres Geſchaͤft und dann ſind wir fertig.— Ich bin von Dir und Rocheeliffe vollkommen geleitet wor⸗ den— ich habe augenblicklich meine weibliche Ver⸗ kleidung mit einer maͤnnlichen vertauſcht, und mei⸗ nen Wez nach Hamſhire verändert um hier ein Ob⸗ dach zu ſinden— haltet Ihr es noch fuͤr das Beſte?“⸗ „Ich habe viel Zutrauen zu Dr. Rochecliffe,“ er⸗ wiederte Albert,„deſſen Verdindungen mit den zer⸗ ſtreuten Royaliſten ihn in den Stand ſetzen die ge⸗ naueſten Nachrichten zu erhalten. Freilich iſt ſein Stolz auf die Groͤße ſeines Briefwechſels, und die — 4 — — 4 — 133 Verwickelung ſeiner Complotte und Plaͤne fuͤr den Dienſt Ew. Majeſtaͤt die Nahrung von welcher er lebt; aber ſeine Einſicht und ſein Scharfblick kommen ſeiner Eitelkeit gleich. Ich habe uͤberdieß das greßte Zutrauen zu Joliffe. Von meinem Vater und von mei⸗ ner Schweſter will ich nichts ſagen; doch moͤchte ich das Geheimniß die Perſon Ew. Majeſtät berreffend nicht ohne Grund, mehr verbreiten als es unum⸗ gaͤnglich noͤthig iſt.“ „Iſt es denn ſchön von mir,“ ſagte Carl nachden⸗ kend,„daß ich dem Sir Henry Lee mein volliges Vertrauen vorenthalte?“ „Ew. Majeſtat haben von ſeiner toͤdtlichen Ohn⸗ macht gehoͤrt— man muß ihm alſo das nicht allzu⸗ ſchnell mittheilen was ihn noch weit mehr ergreifen wuͤrde.“ 1 4 „Das iſt wahr; aber ſind wir vor einem Beſuche der Rothroͤcke ſicher— ſie liegen in Woodſtock ſowohl gls in Orford?“ ſagte Carl. 1 „Dr. Rochecliffe ſagt nicht unwahr,“ autwortete Lee,„daß man am beſten nahe beim Feuer ſitzt wenn das Camin raucht; und daß Woodſtock, das noch vor Kurzem im Belltze der Sequeſtratoren war und das in der Naͤhe der Soldaten liegt, weniger Verdacht erregen und minder ſorgſam unrerſucht werden wird, als die entfernteren Oerter welche eine groͤßere Si⸗ cherheit zu verſprechen ſcheinen. Uebrigens,“ fuͤgte er hinzu,„iſt Rochecliffe im Beſitze merkwuͤrdiger und wichtiger Neuigkeiten den Zuſtand der Dinge zu Woodſtock betreffend, welche ſehr gunſtig dafuͤr ſind, daß Ew. Majeſtat zwei oder drei Tage im Palaſte verborgen bleiben, bis fur Schiffe geſorgt iſt. Das Parla nent oder der uſarparoriſche Staatsrath hat Se⸗ queſtratoren herabgeſchickt, welche ihr boͤles Gewiſ⸗ ſen und vielleicht auch die Streiche einiger kuͤhnen Royaliſten aus dem Jaͤgerhauſe verjagt hat, ohne daß ſie Luſt bezeugen es wieder zu betreten. Ueber⸗ dieß hat der welt furchtvarere Uſurpator Cromwell dem Oberſten Everard eine Vollmacht gusgeſtellt, welche dieſer nur zu dem Zwecke gebrauchte, ſeinen Oheim wiederum in Beſitz des Jaͤgerhauſes zu bringen und der perſonlich im kleinen Flecken Wache haͤlt, damit Sir Henry nicht beunruhigt wird.“ „Was! der Obriſt unſerer Fraͤulein Alexis? das klingt beunruhigend;— denn zugegeben, daß er auch andere zuruͤckhält, glanbſt Du nicht Mr. Albert, daß er taͤglich hundert Bothyſchaften in eigener Perſon abzuſtatten haben wird?“ „Doctor Rochecliffe ſagt,“ antwortete Lee,„der Vertrag zwiſchen Sir Henry und ſeinem Neffen ver⸗ biete dem Letzteren ſich dem Jaͤgerhauſe zu nahen, es ſeye denn, daß er eingeladen waͤre. Wirklich geſchah es nicht ohne Schwierigkeiten, und nur dadurch, daß man die guten Folgen vorſtellte, welche es fuͤr die Sache Ew. Majeſtaͤt haben wuͤrde, daß mein Vater dazu zu bewegen war, Woodſtock wieder zu beziehen; aber ſeyen Sie verſichert, daß er ſich nicht eben ſehr Alen, wirh⸗ dem Obriſten eine Einladung zuzuſchi⸗ en. 3 „Und ſeye Du verſichert, daß der Obriſt kommen wird, ohne ſie abzuwarten“ ſagte Carl.„Man kann nicht gehoͤrig in einer Sache urtheiſen, welche die Schweſter betriſft— man iſt zu bekannt mit dem Magnet, als daß man ſeine Anziehungskraft ganz kennen ſollte. Everard wird hier ſeyn, als waͤre er mit Stricken hergezogen, keine Feſſeln, um wie viel weniger Verſprechungen werden ihn abhalten, und dann glaube ich ſchweben wir in ziemlicher Gefahr.“ „Ich hoffe doch nicht,“ ſagte Albert„erſtens, weiß ich daß Markham ein Sclave ſeines Worts iſt, und ſollte ihn dann auch ein Zufall hieher fuͤhren, ſo glaube ich koͤnnte man Euer Majeſlaͤt ohne Schwie⸗ rigkeit als Louis Kerneguy vorſtellen. Und obgleich mein Vetter und ich uns ſchon in langen Jahren nicht geſehen haben, ſo halte ich ihn doch faͤr unfaͤ⸗ hig, Ew. Majeſtaͤt zu verrathen. Sollten wir aber end⸗ lich alsvann die geringſte Gefahr von ihm zu befürchten haben, ſo wuͤrde ich ihm mein Schwerdt ins Herz 7 9 —— 135⁵ ſtoßen, ehe er Zeit hat, ſeine Abſicht auszufuͤhren⸗ und wäre er zehenmal der Neffe meiner Mutter.“ „Nun bleibt noch eine andere Frage ubrig,“ ſagte Carl,„und dann will ich dich entlaffen, Albert. Du ſcheinſt alſo vor Unterſuchungen ſicher zu ſeyn. Es mag ſeyn!— aber in jeder anderen Gegend wuͤrde dieſe Geſpenſtergeſchichte, die umgeht Prieſter und Gerichtsperſonen hieher bringen, um die Wahrhaftig⸗ keit der Geſchichte zu unterſuchen, und Haufen muͤ⸗ ßigen Volkes um ihre Neugierde zu befriedigen.“ „Hinſichtlich des Erſteren, Sire hoffen und ver⸗ trauen wir darauf, daß Obriſt Everard's Entſchluß jede unmittelbare Unterſuchung verhindern wird, um den Frieden in der Familie ſeines Oheims ungeſtoͤrt zu laſſen; und hinſichtlich des Zweiten lieben und fuͤrchten alle Nachbaren meinen Vater viel zu ſehr und ſind von den Geſpenſtern in Woodſtock ſo in Schrecken geſetzt, daß die Furcht ihre Neugierde zum Schweigen bringen wird.“. „Alſo im Ganzen,“ ſagte Carl,„ſcheint Dir Wahrſcheinlichkeit einer Sicherheit zu Gunſten des Plans zu ſeyn, den wir angenommen haben, und das iſt alles was ich in einer Lage hoffen darf, wo von vollkommener Sicherheit keine Rede ſeyn kann. Der Biſchof empfahl den Doctor Nochecliffe als ei⸗ nen der geiſtreichſten, kuhnſten und getreuſten Soͤhne der Kirche von England; Du Albert Lee haſt Deine Treue durch hundert Beweiſe bezeugt. Dir und Dei⸗ ner Ortskenntniß uͤbergebe ich mich.— Und nun bereite unſere Waffen— lebend will ich nicht gefangen werden;— Doch kann ich nicht glauben, daß ein Sohn des Koͤniges von England und der Erbe ſei⸗ nes Throns in ſeinem eigenen Palaſte und unter der Wache der getreuen Lee's in Gefahr kommen kann.“ Albert Lee legte Piſtolen und Schwerdter neben dem Bette des Königs und neben dem ſeinigen; und nach einer kleinen Entſchuldigung vahm Carl das breitere beſſere Bette mit dem Vergnugen in Beſitz, wie jemand der in langer Zeit keine ſolche Bequem⸗ 135 lichkeit genoß. Er wuͤnſchte ſeinem getreuen Diener, der ſich auf das Feldbette legte, gute Nacht, und bald lag ſowohl der Monarch als der Diener in tie⸗ fem Schlaf.* Achte s Kapitel. 1 1 Frei fliegt das Vöglein unter ſeinen Zinnen Wie hart bedraͤngt es immer ſey— 5 Wenn Falken auch auf Bente ſinnen; Hier Vöglein biſt Du frank und frei. Wordsworth. Trotz aller Gefahr ſchlief der fluͤchtige Prinz mit der tiefen Ruhe, welche Jugend und Anſtrengung ge⸗ waͤhrt. Aber der junge Cavalier, ſein Fuhrer und Waͤchter verbrachte eine unruhigere Nacht, indem er von Zeit zu Zeit aus dem Schlafe ſchreckte und horchte, emüuht, ungeachtet aller Verſicherungen des Doctor Rochecliffe, ſich eine genauere Kenntniß von dem Zu⸗ ſtande der Dinge um ſich herum zu verſchaffen, als es ihm bis jetzt möglich war. Er ſtand gleich nach Tagesanbruch auf, aber ob⸗ gleich er mit ſo wenig Gerauſch als moͤglich ſich be⸗ wegte, ſo ward doch der Schlummer des ermuͤdeten Prinzen leicht geſtoͤrt. Er erhob ſich in ſeinem Bette, 3 und frug ob erwas vorgefallen ſey. „Nichts, um Verzeihung Ew. Majeſtaͤt,“ erwie⸗ derte Lee;, da ich aber an die Frage dachte, welche 4 1 Ew. Majeſtät mir geſtern Avend vorlegte, und die 5 vielen unvorhergeſehenen Zufaͤlle, welche die Sicherheit Ew. Majeſtaͤt gefaͤhrden können, ſo nahm ich mir vor, fruhe aufzuſtehen, um mit Docror Rochecliffe zu reden, und den Ort wieder einmal recht anzuſehen, welcher für jetzt Englands Schickſal beherbergr. Ich fuͤrchte ich muß Ew. Majeſtaͤt, zu Allerhochſt Ihrer eigenen Sicherheit bitten, die Gnade zu haben, ſich herabzulaſſen, die Thuͤre mir eigenen Haͤnden wieder ₰ z verſhiiezen, wenn ich fortgegangen bin.“ 137 „Ach theurer Albert, ſchwatze doch um Gottes Wil⸗ len nichts von der Majeſtaͤt!“ antwortete der arme Koͤnig, welcher es umſonſt verſuchte, einen Theil ſei⸗ ner Kleidung ordentlich anzulegen, um durch das Zimmer zu gehen.„Wenn eines Koͤnigs Jacke und Ho⸗ ſen ſo arg zerriſſen ſind, daß er eben ſo leicht den Weg hin⸗ einfinden wird, als er ohne Fuͤhrer durch den Wald von Deane reiſen koͤnnte; du lieber Himmel, da ſollte doch die Majeſtaͤt ein Ende nehmen, bis ſie beſſer geflickt waͤren. Ueberdieß laufen wir Gefahr, daß ohne Ver⸗ ſchulden eins dieſer unnuͤtzen Worte entſchluͤpft, wenn Ohren in der Naͤhe ſind, bei denen es gefaͤhrlich ſeyn koͤnnte.“ 4 „Ihrem Befehle ſoll gehorcht werden,“ ſagte Lee, welcher nun glücklich die Thuͤre geoͤffnet hatte. Er verabſchiedete ſich und verließ den Koͤnig, welcher mit jaͤmmerlich ſchlecht geordneten Kleidern an die Thuͤre geeilt war, um ſie hinter ihm zu verſchließen, und Albert bat Se. Majeſtaͤt ſie auf keinen Fall und Niemanden zu öͤffnen, wenn nicht er oder Rochecliffe von der Parthey waͤren, welche ihn dazu aufforderte. Dann ging Albert um Doctor Rochecliffes Zim⸗ mer aufzuſuchen, das nur ihm und dem getreuen Jo⸗ liffe bekannt war, und das zu verſchiedenen Zeiten den kraftigen Geiſtlichen zu verbergen gedient hatte, wenn ſein kuͤhnes geſchaͤftiges Tewperament ihn in die weitlaͤufigſten und gewagteſten Umtriebe füur die Sache des Königs verwickelt hatte und er von der anderen Parthey ſorgfaͤltig verfolgt wurde. In der letztern Zeit hatten die Nachſuchungen nach ihm ganz aufgehört, da er ſich vernünftiger Weiſe von dem Schauplatze der Intrigue zurückzog. Seit der Schlacht von Woreeſter aber war er wieder in Bewe⸗ gung und zwar thätiger als jemals, und durch Freunde und Correſpondenten und beſondees durch den Biſchoff von— hatte er Mittel gefunden, die Flucht des Kö⸗ niges nach Woodſtock zu lenken, obgleich er dieſem 138 nur erſt am Tage ſeiner Ankunft eine ſichere Aufnah⸗ me in dem alten Gebäude verſprechen konnte. Obgleich nun Albert Lee ſowohl den kuͤhnen Geiſt als die beſtaͤndigen Hulfsquelten des geſchäftigen und unternehmenden Geiſtlichen achtete, ſo fuͤhlte er doch, daß er von dieſem nicht in den Stand geſetzt wor⸗ den war, die Fragen des Koͤnigs ſo deutlich zu beant⸗ worten, wie jemand, dem des Koͤnigs Sicherheit an⸗ vertraut iſt, es haͤtte thun ſollen. Er wollte ſich alſo jetzt wo moͤglich perſoͤnlich mit der wichtigen Sache bekannt machen, wie es einem Manne ziemte, auf den ein großer Theil der Verantwortlichkeit wahrſchein⸗ lich fallen wuͤrde. 1 Selbſt ſeine Ortskenntniß reichte kaum hin, das geheime Zimmer des Doctors zu finden, wenn ihm nicht ein wohlduftender Geruch von gebrarenem Wild⸗ pret durch verſchiedene geheime Gaͤnge, durch Seiten⸗ und Nebenwege und unnuͤtzen Treppen den Weg zum Allerheiligſten bezeichnet haͤtte, wo Jocolin Joliffe dem guten Doctor mit einem foͤrmlichen Fruͤhſtuͤck von Rebhuͤhnern und Halbbier aufwartete, was der Do⸗ etor allen uͤbrigen Speiſen vorzog. Bevis ſaß neben ihm, wedelte und ſah ihn freundlich an, von dem ſeltenen Geruch des Fruͤhſtuͤcks bewegt, welches faſt die natuͤrliche Wuͤrde ſeiner Haltung unterdruckte, Das Zimmer, in welchem ſich der Doctor feſtge⸗ ſetzt hatte, war eine kleine achteckige Stube mit ſehr dicken Mauern, in denen ſich verſchiedene Ausgaͤnge befanden, die nach allen Richtungen hin fuͤhrten und mit verſchiedenen Theilen des G baͤndes in Verbin⸗ dung ſtanden. Um ihn her lagen Buͤndel mit Waffen, und nahe bei ihm ein kleines Faͤßchen, dem Anſcheine nach mit Pulver angefuͤllt; mehrere Papiere in ver⸗ ſchiedenen Paketen, und Schluͤſſel zu ſeinen Corre⸗ ſpondenzen, welche mit Zeichen gefuͤhrt wurden; auch zwei oder drei mit Hieroglyphen bedeckte Rollen, wel⸗ che Albert fuͤr Nativitaͤts⸗Plane hielt, und verſchiede⸗ ne Modelle zu Maſchinen. Es befanden ſich auc in dem Zimmer Werkzeuge aller Art, Masken, Kleider 139 eine Blendlaterne und eine Anzahl anderer nicht zu beſchreibender Dinge, die zu dem Handwerke eines kühnen Verſchwornen in gefaͤhrlichen Zeiten gehoͤrten. Endlich ſtand ein Becken mit Gold⸗ und Silbermuͤn⸗ zen aller Laͤnder da, welches nachlaſſigerweiſe offen ſtand, als waͤre es Doctor Rochecliffes letzte Sorge, obgleich ſeine Kleidung im Allgemeinen eine beſchraͤnkte Lage, wenn nicht gar wirkliche Armuth perrieth. Nahe bei dem Tiſche des Geiſtlichen lag eine Bibel, ein Gebet⸗ buch und einige Aushaͤngbogen, wie man ſie im tech⸗ niſchen Ausdruck nennt, welche friſch von der Preſſe zu kommen ſchienen. Ferner auf Handweite— ein ſpaniſcher Dolch, ein Pulverhorn, ein Carabiner und ein paar ſchoͤne Terzerolen. Mitten unter dieſer vermiſchten Sammlung ſaß der Doctor, verzehrte ſein Fruͤhſtuͤck und ſchien von den Werkzeugen der Gefahr, welche neben ihm lagen ebenſowenig beunruhigt, wie ein Handwerker, der an den Gefahren einer Pulver⸗ muͤhle gewoͤhnt iſt. „So junger Edelmann“ ſagte er, indem er auf⸗ ſtand und ihm die Hand reichte,„kommen Sie um bruͤderlich mein Fruͤhſtuck mit mir zu theilen, oder um es durch unzeitige Fragen zu verderben, wie unſer geſtriges Abendeſſen?“ 3 „Ich will von ganzem Herzen ein Knoͤchlein mit Ihnen abnagen,“ ſagte Albert;„und wenn Sie es er⸗ lauben Doctor, werde ich Ihnen auch einige Fragen vorlegen, die nicht ganz unzeitig ſcheinen.“ Er ſprachs, ſetzte ſich nieder und half dem Doctor ein paar Rebhuͤhner und einige Schnepfen verzehren. Bevis, der mit großer Geduld und Schmeichelei ſei⸗ nen Platz behauptete, bekam ſeinen Theil von einem Kalbsknochen; denn er verſchmaͤhte die Waſſervoͤgel, wie die meiſten Hunde von guter Rage. „Komm alſo her, Albert Lee,“ ſagte der Doctor, indem er Meſſer und Gabel hinlegte, als Jocolin hin⸗ ausgegangen war;„Du biſt immer noch derſelbe Burſche, wie zur Zeit, wo ich dein Lehrer war— war'ſt nie zufrieden, wenn ich Dir eine grammatikali⸗ ſche Regel gab, ſondern plagteſt mich immer mit Fra⸗ gen, warum die Regel ſo wäre und nicht anderſt neugierig nach Dingen, die Du nicht verſtehen konn⸗ teſt, ſo wie Bevis nach dem Hühnerknochen winzelte, den er doch nicht eſſen konnte.”“ „Ich hoffe Sie werden mich jetzt vernünftiger fin⸗ den Doctor,“ ſagte Albert„und zugleich werden Sie ſich erinnern, daß ich nun nicht mehr sub ferula ſtehe, ſondern Verhältniſſe, wo ich das Recht nicht habe, nach dem ipse dixit irgend eines Mannes zu handeln, bis mein eigener Verſtand überzeugt iſt. Gewiß wurde ich verdienen gehenkt, geköpft und geviertheilt zu wer⸗ den, wenn durch einen Fehler von meiner Seite ein Unglück erfolgen ſollte.“ „Und deswegen auch, Albert wünſchte ich, daß Du mir das Ganze anvertrauteſt, ohne viel zu fragen. Du ſagſt freilich, Du ſtündeſt nicht mehr sub ferula; aber bedenken Sie, daß wahrend Sie im Felde kaͤmpf⸗ ten, ich in meinem Studierzimmer Complotte ent⸗ warf,— daß ich die Verbindungen auer Freunde un⸗ ſeres Königs kenne, ja und ſogar die Bewegungen ſeiner Feinde, ſo wie die Spinne jeden Faden ihres Netzes kennt. Denke an meine Erfahrung Freund. Es iſt nicht ein Capalier im Lande, der nicht von Rochecliffe dem Verſchwörer gehört hat. Ich war ein thätiges Mitglied, in jeder Sache, die ſeit Anno zwei und vierzig verſucht wurde— ſetzte Erklärungen auf— führte Correſpondenzen— ſtand mit den Häuptern in Verbindung— warb Soldaten— beſtellte Waffen, erhob Gelder und bezeichnete die Sammelplätze. Ich war bei dem weſtlichen Aufſtand; fröher bei der Bitt⸗ ſchrift der City, bei der Verſchwörung des Sir John Owen in Wales; kurz faſt bei jedem Complotte für deß König ſeit der Geſchichte von Tomkins und Chal⸗ oner. „Aber blieben nicht alle dieſe Complotte ohne Er⸗ folg,“ ſagte Albert;„und wurden nicht Tomkins und Challoner gehänzt, Herr Doctor?“ „Ja mein junger Freund,“ antwortete der Doc 141 tor ernſt„wie noch gar biele Andere mit denen ich in Verbindung handelte; aber bloß, weil ſie meinem Ra⸗ the nicht blindlings folgten. Sie haben doch nie ge⸗ hört, daß ich ſelbſt gehängt worden bin.“ „Kann auch noch kommen, mein lieber Doctor,“ ſagte Albert,„der Krug geht ſo lange zu Waſſer, bis er bricht, wie mein Vater zu ſagen pflegt. Aber auch ich habe einiges Vertrauen auf meine eigene Urtheils⸗ kraft, und ſo ſehr ich auch die Kirche ehre, ſo werde ich mich doch nie einem blinden Gehorſam unterwer⸗ ten. Ich will Ihnen alſo kurz die Puncte nennen, uͤber welche ich Aufflärung haben muß; es ſteht bei Ihnen, ob Sie ſie geben, oder dem Könige ſagen laſ⸗ ſen wollen, daß Sie ihre Pläne nicht erklaͤren werden; wenn er in dieſem Falle meinem Rathe gemäß han⸗ delt, ſo verläßt er Woodſtock und verſucht ohne Zöge⸗ rung die Küſte zu erreichen.“ „Nun gut du mißtrauiſches Ungeheuer, ſtelle deine Fragen, und wenn ſie der Art ſind, daß ich ſie beant⸗ worten kann, ohne das Zutrauen anderer Leute zu ver⸗ letzen, ſo werde ich darauf erwiedern.“ „Zuerſt allo, was iſt das mit dieſer Geiſter⸗ Heren⸗ und Zaubergeſchichte, und halten Sie es fuͤr ſicher, daß Se. Majeſtaͤt in einem Hauſe verweile, das wirklichen und vorgeblichen Beſuchen unterwor⸗ en iſt?“ 4 „Sie muͤſſen ſich mit meiner Antwort in verbo sacerdotis begnugen. Der Umſtand den Sie erwaͤh⸗ nen, wird den Aufenthalt des Koniges zu Woodſtock nicht im Geringſten ſtoͤren. Ich kann keine weitere Srhäruug geben; aber dafuͤr ſtehe ich mit meinem Halſe.“ „Alſo,“ ſagte Lee,„muͤſſen wir den Doctor zum Burgen nehmen, daß der Teufel mit unſerem er⸗ laae ten Herrſcher dem Koͤnige Frieden halten wird.— Nan ſtreifte aber den größten Theil des geſtrigen Ta⸗ ges(pielleicht ſchlief er gar hier) ein Burſche Namen Tomkins um das Haus herum— din heftiger Inde⸗ pendent und Secretaͤr oder ſo etwas der Koͤnigs⸗mur⸗ 14² deriſchen Hundes Desborough. Der Mann iſt wohl⸗ bekannt— ein toller Schwaͤrmer in religioſen Mei⸗ nungen, aber in Privatgeſchaͤften ſcharfſichtig, heuch⸗ beriſc und eigennuͤtzig wie nur einer von dieſen Schur⸗ en. „ Seyn Sie ganz ruhig, wir werden uns ſeines thoͤrichten Fanatismus bemaͤchtigen, um ſeine niedrige Heuchelei irre zu fuͤhren; ein Kind kann einen Eber leiten, wenn es Verſtand genug hat, einen Strick an den Ring ſeiner Naſe zu befeſtigen,“ erwiederte der Doctor.“ „Sie können getaͤuſcht werden,“ ſagte Albert; „unſer Zeitalter hat oiele Menſchen dieſer Art, deren Anſichten von der geiſtigen und zeitlichen Welt ſo ver⸗ ſchieden ſind, daß ſie den Angen eines ſchielenden Mannes gleichen, wovon das eine, verpreht und ver⸗ kehrt, nichts ſieht als die Spitze ſeiner Naſe, waͤh⸗ rend das andere, ſtatt denſelben Fehler zu theilen, ſcharf und genau die Gegenſtaͤnde unterſcheidet, die ſich ſeinem Blicke darbiethen.“ „Aber wir wollen ein Pflaſter auf das beſſere Ange legen,“ ſagte der Doctor,„und ihm nur geſtatten mit der unvollkommneren Haͤlfte um ſich zu blicken. Sie muͤſſen wiſſen, daß dieſer Burſche immer die mei⸗ ſten und abſcheulichſten Erſcheinungen gehabt hat; in ſolchen Dingen hat er nicht den Muth einer Katze, wenn er ſchon ein tayferer Mann iſt, ſobald er fleiſch⸗ liche Gegner gegen ſich hat. Ich habe ihn der Obhut des Jocolin Joliffe anvertraut, der ihn mit Sect und Geiſtergeſchichten ſo betaͤubt, daß ex unfaͤhig iſt, das zu bemrtheilen, was geſchieht, und ſollten Sie ſelbſt den König in ſeiner Gegenwart proclamiren.“ 3 „Aber warum ſollen wir denn den Burſchen hier behalten?““ 3 „Ach Herr, beruhigen Sie ſich;— er liegt hier auf Wache, eine Art Abgeſandter ſeiner wurdigen Herrn, und wir ſind vor jeder Aufdringlichkeit ſicher, ſo lange ſie von dem ehrlichen Tomkins Nachricht von Woodſtock erhalten.“ 1 1 143 „Ich kenne Jocolins Rechtlichkeit,“ ſagte Albert; „und wenn er mir die Verſicherung gibt, daß er die⸗ ſen Burſchen bewachen will, ſo will ich ihm das Zu⸗ trauen ſchenken. Er kennt freilich die Wichtigkeit der Sache nicht, aber da er weiß, daß mein Leben dabei im Spiele iſt, ſo iſts hinreichend, ihn wachſam zu erbal⸗ ten.— Alſo gut— ich fahre fort: wie aber, wenn Markham Everard zu uns kömmr2“ 3 „Wir haben ſein Wort dafüͤr, daß er es nicht thun wird,“ antwortete Rochecliffe,„ſein Ehrenwort von ſeinem Freunde uberbracht,— glauben Sie daß er es brechen wird?—⸗⸗ „Ich halte ihn fuͤr unfaͤhig, das zu thun,“ ant⸗ wortete Albert;„und uübrigens glaube ich, wuͤrde Markham keinen ſchlimmen Gebrauch davon machen, wenn auch etwas zu ſeiner Kenntniß gelangte. Doch bewahre uns Gott vor der Nothwendigkeit, in einer ſo theuren, wichtigen Sache jemanden trauen zu muͤſſn, welcher je die Farbe des Parlamentes trug!“ „Amen,“ ſagte der Doctor;„ſind ihre Zweifel nun geloͤßt?“ „Ich habe immer noch eine Einrede,“ ſagte Al⸗ bert,„jenen unverſchaͤmten aufdringlichen Buben be⸗ treffend, der ſich einen Noyaliſten nennt, ſich geſtern Abend in unſere Geſellſchaft eindrangte, und das Herz meines Vaters durch die Erzählung des Stur⸗ mes von Brentford gewann, obgleich ich wetten will, daß der Schurke ihn nie ſah.“ „Sie verkennen ihn, theurer Albert— obgleich ich den Roger Wildracke in der letzten Zeit nur dem Namen nach kannte, ſo iſt er doch ein Edelmann, der in dem Abelsinſtitute erzogen iſt, und ſein Ver⸗ moͤgen im Dienſte des Königes verlor.“ „Oder vielmehr im Dienſte des Teufels,“ ſagte Albert.„Er iſt einer von denen Menſchen, welche von der Frechheit ihrer militaͤriſchen Gewohnheiten zu muͤſſigen, ausſchweifenden Burſchen herabgeſunken ſind, die das Land mit Rebellionen und Raͤubereien verpeſten, in Winkelkneipen und Brantweinſchenken 144 Streit anfangen, und die mit ihren ſchrecklichen Ei⸗ den, ihrer hitzigen Ergebenheit und ihrer betrunkenen Tapferkeit bei jedem anſtaͤndigen Manne, ſchon den bloßen Namen eines Ropaliſten mit Aoſcheu bedecken.“ „Ach,“ ſagte der Dockor,„es iſt nur zu wahr, was kann man anderſt erwarten? Wenn die hoͤ⸗ heren, beſſeren Klaſſen niedergedruͤckt werden, und unerkenntlich mit den gemeineren Staͤnden vermiſcht, dann verlieren ſie leicht das wahre Zeichen ihrer Wurde in der allgemeinen Verwirrung der Moralitaͤt und der Sitten— ſo wie eine Handvoll Silberſtuͤcke entſtellt und entfaͤrbt wird, wenn man ſie mit den gemeinen Kupfermuͤnzen vermiſcht Selbſt das edelſte Metall, das wir Rovaliſten ſo gern nahe an unſerem Herzen trägen, konnte einigem Abſchleifen nicht ent⸗ gehen. Aber moͤgen andere Zungen als die meinige daruͤber ſprechen.“ 3 Albert Lee ſchwieg lange, nachdem er dieſe Mit⸗ theilung von Rochecliffe gehoͤrt hatte.—„Doctor,“ ſagte er,„man geſteht es allgemein und ſelbſt einige, welche glauben, daß ſie bei Gelegenheiten zuweilen ein wenig zu geſchaftig waren, andere Leute zu gefaͤhrli⸗ chen Handlungen zu verleiten.“—. „Gott vergebe denen, welche eine ſo falſche Mei⸗ nung von mir hegen,“ ſagte der Doctor. — Daß Sie dennoch fuͤr den Koͤnig mehr gethan und gelitten haben, als irgend ein Mann von Ihrem Stande.“ „„Da erweißt man mir nur Gerechtigkeit,“ ſagte Dockor Rochecliffe,„bloße Gerechtigkeit.“ 3 „Ich bin alſo geneigt, Jöbrer Meinung beizu⸗ ſtimmen, wenn Sie nach genauer Ueberlegung es fur ſicher halten, daß wir in Woodſtock bleiben ſollen.“ „Das iſt jetzt nicht die Frage,“ erwiederte der Geiſtliche. 3 „Und was iſt dennz die Frage?“ frug der jange Krieger.— „Ob man nichn noch einen ſichereren Weg jein⸗ ſchlagen 145 ſchlagen könnte. Es thut mir leid, bei dem jetzigen Standpuncte der Dinge die Sache nur vergleichungs⸗ weiſe behandeln zu koͤnnen. Von vollkommener Sicher⸗ heit kann jetzt leider nirgends die Rede ſeyn. Nun aber ſage ich, daß Woodſtock fuͤr jetzt und bei dieſer Bewa⸗ chung der beſte Platz iſt, das theure Haupt zu verbergen.“ „Genug, ich uͤberlaſſe Ihnen die Frage, als ei⸗ ner Perſon, deren Kenntniß in ſo wichtigen Dingen der meinigen weir uͤberlegen iſt, Ihr Alter und Ihre Erfahrung gar nicht zu erwaͤhnen.“ 4 „Sie thun wohl daran,“ antwortete Rochecliffe; „und haͤtten andere nur mit demſelben Mißtrauen ge⸗ gen ihre eigene Einſicht und mit demſelben Zutrauen auf competente Manner gehandelt, ſo wuͤrde es beſſer um unſere Zeit ſtehen. Dann zieht ſich der Verſtand in ſeine Veſtung zuruͤck und die Vernunft in ihre Ci⸗ tadelle.(Hier ſah er mit einer ſelbſt genugſamen Miene um ſich.) Der Weiſe ſieht den Sturm voraus und verbirgt ſich.“ „Doctor,“ ſagte Albert,„moͤge unſere Vor ſicht aur anderen dienen, die wichtiger ſind als wir. Er⸗ lauben Sie mir die Frage: haben Sie es wohl üͤberlegt, ob es beſſer iſt, daß unſer wichtiges Unterpfand in Ge⸗ ſellſchaft der Familie bleiben, oder ſich in einen ent⸗ fernteren Winkel des Hauſes zuruͤck ziehen ſoll?“ „Hm! er wird am ſicherſten als Louis Kerneguy ſeyn, wenn er ſich mehr bei Itznen haͤlt.“ „Ich fuͤrchte es wird noͤthig ſeyn, daß ich ein we⸗ nig umherſtreife und mich in einem entfernteren Theil der Gegend zeige, damit ſie nicht noch eine hoͤhere Per⸗ ſon finden, wenn ſie hierherkommen um mich zu ſuchen.“—. „Ich bitte unkerbrechen Sie mich nicht— wenn er ſich nahe bei Ihnen oder bei Ihrem Vater haͤlt, und zwar in dem Zimmer des Victor Lee, oder doch wenigſtens nicht weit davon; denn Sie wiſſen, daß er von dort aus leicht entfliehen kann, wenn die Gefahr ſich nahen ſollte. Das ſcheint mir fuͤr jetzt am beſten W. Scort's Werke. XII. 10 6 145. zu ſeyn. Ich hoffe heute oder hoͤchſtens morgen Na richten von dem Schiffe zu bekommen.“ Albert Lee wuͤnſchte dem thaͤtigen aber eigenſinni⸗ gen Mann guten Morgen; voll Verwunderung, wie dieſe Art von Intrigue das Element geworden zu ſeyn ſchien, in welchem der Doctor lebte, ungeachtet deſſen, was die Dichter von dem Schrecken erzaͤblten, welcher wiſchen dem Entwurf und der Ausfuͤhrung einer Ver⸗ ſohworung liegen ſoll. 84, Als er von Doctor Rochecliffes Heiligthum zuruͤck⸗ kehrte, begegnete er dem Jocolin, welcher ihn aͤngſtlich ſuchte.„Der junge ſchottiſche Edelmann“ ſagte er auf eine geheimnißvolle Weiſe,„iſt aufgeſtanden, und als er mich vorbeigehen horte, rief er mich in ſein Zim⸗ mer. 3„Gut“ erwiederte Albert,„ich will ſogleich zu ihm gehen. „Er verlangte friſche Waͤſche und Kleider von mir. Nun aber, Sir ſcheint er ein Mann zu ſeyn, der gewoͤhnt iſt, daß man ihm gehorcht, alſo gab ich ihm ein Kleid, wel⸗ ches zufaͤllig in der Garderobe im weſtlichen Thurme war, und anch etwas von Ihrer Waͤſche. Angekleidet, befahl er mir, ihn zu Sir Henry Lee und meinem jungen Fraͤulein zu fuͤhren. Ich haͤtte gerne etwas da⸗ von geſagt Sir, daß er warten ſolle bis Sie zuruͤckkeh⸗ ren, aber er zaußte mich gutmuͤthig an den Haaren(denn er ſcheint ganz beſondere Launen zu haben,) und ſagte „er waͤre ein Gaſt des Mr. Albert Lee, und nicht ſein Gefangener;“— Alſo Herr, obgleich ich glaube, daß es Ihnen mißfallen koͤnnte, wenn ich ihm die Mittel gebe, herumzuſtreichen und vielleicht von denen geſehen zu werden die ihn nicht ſehen ſollten— was konnte ich ſagen?“ „Du biſt ein vernuͤnftiger Mann, Jocolin, und verſtehſt immer vollkommen, was man Dir auftraͤgt. Ich fuͤrchte dieſer Juͤngling wird ſich von keinem von uns Beiden einreden laſſen; aber wir muͤſſen um ſo mehr fuͤr keine Sicherheit ſorgen. Du haͤltſt doch uͤber den Soldaten Wache?“ 147 „Vertrauen Sie ihn meiner Sorge— von dieſer Seite brauchen Sie nichts zu fuͤrchten. Aber ach Sir, ich wollte wir haͤtten den jungen Schotten wieder in ſeinen alten Kleidern; denn Ihr Reitkleid, das er jetzt traͤgt, gibt ihm ein ganz anderes Anſehen. Nach der Weiſe zu ſchließen, mit welcher ſich der getrene Diener ausdruͤckte, ſah Albert wohl, daß er vermuthen mochte, wer der ſchottiſche Page in Wirk⸗ lichkeit war, doch hielt er es nicht fuͤr angemeſſen, ihm eine ſo wichtige Sache anzuvertrauen, daß er auf jeine Treue gleich ſicher rechnen konnte, gleichviel ob er ihm alles anvertraue oder es ſeinen eigenen Ver⸗ muthungen uͤberließe. Voll aͤngſtlicher Gedanken ging er in das Zimmer des Victor Lee, von dem ihm Joliffe geſagt hatte, daß er dort alle verſammelt fin⸗ den wuͤrde. Das Gelaͤchter, das ihm entgegen ſchallte, als er ſich der Thuͤr naͤherte, machte einen ſo ſonder⸗ baren Mißton mit den zweifelhaften truͤbſinnigen Be⸗ trachtungen, in welchen ſein eigener Geiſt vertieft war, daß er erſchreckt zuruckfuhr. Er trat ein und fand ſei⸗ nen Vater in vorzuͤglich guter Laune mit ſeinem jungen Begleiter, lachend und ſchwatzend. Der Anblick des Letztern war wirklich ſo ſehr zu ſeinem Vortheil geaͤn⸗ dert, daß es kaum moͤglich ſchien, wie die Ruhe einer einzigen Nacht, Toilette und anſtaͤndige Kleider in ſo kurzer Zeit ſo viel zu ſeinen Gunſten thun konnte. Doch konnte man es keineswegs bloß der Verſchieden⸗ beit der Kleider zuſchreiben, obgleich auch dieſe ohne Zweifel das ihrige beitrugen. Keineswegs glaͤnzend war das, was Louis Kerneguy(wir fahren fort ihn bei ſei⸗ nem angenommenen Namen zu nennen) nun trug. Es war bloß ein Reitkleid von grauem Tuche mit ſt bernen Borten, wie es damals die Landedelleute zu tragen pflegten; aber zufaͤllig paßte es ihm ſehr gut, und ſtand zu ſeiner dunkeln Farbe, beſonders da er jetzt den Kopf aufrecht hielt und ſich nicht allein wie ein wohlgezogener, ſondern auch wie ein volkommner aus⸗ gebildeter Edelmann betrug. Wenn er ſich bewegte ſo 1 148 ſchien er etwas zu hinken, was die Folge einer Munde zu ſeyn ſchien, und in dieſen gefährlichen Zeiten eher dine anziehende als zurückſtoßende Wirkung hervor⸗ rachte. Die Züge des Wanderers waren ebenſo rauh wie früher, aber er hatte ſeine rothe Perücke(denn das war es, wie es ſich jetzt zeigte) bei Seite gelegt und mit Jocolins Hülfe fiel jetzt ſein ſchwarzes Haar in Locken herab, unter deren Schatten ſein ſchönes ſchwar⸗ zes Auge leuchtete, und mit dem lebhaften obgleich nicht ſchönen Kopfe übereinſtimmte. In der Unter⸗ redung hatte er die Härte der Ausſprache bei Seite gelegt, welche er am vergangenen Abend ſo ſtark af⸗ fectirte; und obgleich er fortfuhr ein wenig ſchottiſch zu ſprechen, um ſeinen Charakter als ein junger Edel⸗ mann dieſer Nation aufrecht zu erhalten, ſo geſchah es doch nicht mehr in einem ſolchen Grade, daß ſeine Sprache dadurch unkenntlich oder undeutlich wurde, ſondern es war nur der nöthige Anſtrich der vorzu⸗ ſtellenden Rolle. Keine Perſon auf Erden verſtand beſſer die Geſellſchaft zu beurtheilen, in welcher ſie ſich befand; Verbannung hatte ihn mit dem Schatten und den Abwechſelungen im Lichte des Lebens bekannt ge⸗ macht— ſein Geiſt fügte ſich den Umſtänden— er hatte jene Art der epikureiſchen Philoſophie, die ſelbſt in den größten Schwierigkeiten und Gefahren bei zu⸗ fälliger Unterbrechung ſich der Vergnügungen des Au⸗ genblicks bemächtigt— kurz er war in der Jugend und im Unglück, ſo wie ſpäterhin in ſeiner königlichen Würde, ein fröhlicher aber hartherziger Wollüſtling— weiſe, auſſer wo ſeine Leidenſchaften im Spiele wa⸗ ren, wohlthätig, auſſer wenn Verſchwendung ihn der Mittel beraubt hatte, oder Vorurtheil ihn daran ver⸗ hinderte— ſeine Fehler, welche oft in Laſter ausar⸗ teten, waren doch mit ſo viel Gutmüthigkeit ver⸗ miſcht, daß es der beleidigten Perſon unmöglich fiel, ihm das volle Bewußtſeyn des Unrechtsk inachzutragen, das ſie erlitten hatte.. — 1* — ſſſſſſſſſnnnnſ ſiſſſiiſſſſſſſſſſiſſſſſſſſſſnſſſnnnniſſfüi 7 3 9 10 11 12 13 14 15 16 17