Walter Scott's ſaͤmmtliche e r —— Neu uͤberſetzt. Eilfter Band. Woodſtock oder 6 b er Ritt e r. Eine Erzaͤhlung aus dem Jahre fechszehn hundert ein und fuͤnfzig. Zweiter Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. * 1 8 2 6. Woodſtock oder der Ritter. Eine Erzaͤhlung aus dem Jahre ſechszehn hundert ein und fuͤnfzig. Vom Verfaſſer des Waverley, der Erzaͤhlungen von den Kreuzfahrern ꝛc. Er war ein ganz vollkommner Ritter. Chancer. Aus dem Engliſchen frei uͤberſetzt von Carl Weil. Zweiter Theil. Stuttgarkt, bei Gebruͤder Franckh. 1 6 3 6. 8 Woodſtock oder de r Riltte r. Eine Erzaͤhlung aus dem Jahre ſechszehn hundert ein und fuͤnfzig. —— Erſtes Kapitel. Nachdem er ſich endlich entſchloſſen hatte, ſein Pa⸗ ket unverzuͤglich dem General zuzuſenden, naͤherte ſich Oberſt Everard der Zimmerthuͤre, wo, wie man aus dem leiſen Athmen hoͤren konnte, der gefangene Wil⸗ drake nach ſeiner Ermuͤdung und ſeinem Trunk im tie⸗ fen Schlafe lag. Das Umdrehen des Schluͤſſels verur⸗ ſachte ein Geraͤuſch, das den Schlafenden ſtoͤrte, ohne ihn jedoch aufzuwecken. Everard ſtellte ſich an ſein Bett, und hoͤrte ihn brummen:„Iſt die Sonne ſchon aufgegangen, Gefangenwaͤrter? Du elender Schurke, haͤtteſt Du nur einen Funken Menſchlichkeit in Dir, Du wuͤrdeſt Deine Nachrichten mit einem Glas Sekt⸗ verſuͤßen.— Haͤngen iſt doch ein trauriges Handwerk, meine Herrn, und Kummer trocknet die Kehle aus. „Wach auf, Wildrake! Wach auf Du Boͤſes pro⸗ phezeihender Traͤumer,“ ſagte ſein Freund, indem er ihn am Kragen ſchuͤttelte. „Bleib nur von mir,“ antwortete jener im Schla⸗ fe—„Ich kann die Leiter ſchon allein hinauf ſtei⸗ gen.“ Dann richtete er ſich auf, oͤffnete die Augen, blickte wild um ſich, und rief:„Alle Welt, Mark, biſt Du es? Ich glaubte, es waͤre ſchon ganz aus mit mir— die Ketten der Fuͤße wurden mir ſchon geloͤßt, ein Strick um den Hals gebunden, ſchon klirrte das Eiſen— kurz ich war auf dem beſten Wege zu einem Danze im Freien.“ „Hoͤre Wildrake, ſchließe einen Waffenſſillſtand mit Deiner Thorheit ab, denn der Deufel des Trunks, dem Du Dich, wie es ſcheint, verkauft haſt“— „Fuͤr eine Ohm Wein,“ ſiel Wildrake ein;„ganz richtig, der Handel wurde im Wein⸗Keller abgeſchloſ⸗ ſen.“ „Wenn ich Dir etwas anvertraute,“ ſagte Mark⸗ ham,„ſo muͤßte ich eben ſo unſinnig ſeyn, wie Du. Du biſt, glaube ich, noch immer nicht wieder zur Be⸗ ſinnung gekommen.“ „Glaubſt Du allenfalls,“ antwortete er,„ich — 7. haͤtte ſelbſt im Schlafe noch getrunken? Nein, ſo weit ging's nicht; es traͤumte mir nur, ich haͤtte mit Oliver ein Halbbier von ſeiner eigenen Brauerei getrunken. — Aber warum ſiehſt Du mich ſo finſter an, Freund. — Ich bin ja immer noch derſelbe Roger Wildrake, der ich immer war, wild, wie ein Rebhuhn, aber treu wie ein Kampfhahn. Freund, kennſt Du mich denn nicht? ich bin ja Dein Gefaͤhrte, Dir verpflichtet durch Wohlthaten— devinctus beneficio, wie der Lateiner ſagt. Aber wo iſt denn der Auftrag, den ich nicht aus⸗ fuͤhren wollte, oder konnte, ſprich, ſoll ich allenfalls dem Teufel mit meinem Dolche die Zaͤhne reinigen, wenn er ein Fruͤhſtuͤck von puritaniſchen Rundkoͤpfen gehalten hat?“. „Du wirſt mich wahrhaftig noch wahnſinnig ma⸗ chen,“ ſagte Everard.„ In dem Augenblick, wo ich Dir mein Theuerſtes auf Erden zur Beſorgung anver⸗ trauen will, ſtellſt Du Dich wie ein Wahnſinniger. In der vergangenen Nacht hatte ich Deines Rauſches we⸗ gen, Nachſicht mit Deinen Tollheiten, aber mit was ſoll ich ſie am Morgen entſchuldigen? Lieber Wildrake, es bringt Dir und mir Gefahr— es iſt unfreund⸗ ſchaftlich— ich koͤnnte faſt ſagen, undankbar von Dir.“. 3 „Nein, Freund, ſage das nicht,“ erwiederte der Ritter gefuͤhlvoller,„beurtheile mich nicht mit einer Strenge, die auf meinen gegenwaͤrtigen Zuſtand nicht paſſend iſt. Siehe Everard, in dieſem ungluͤcklichen 8 Kampfe haben wir alles verloren, was wir beſaßen, ſind gezwungen, uns kuͤmmerlich fortzuhelfen, wiſſen heute nicht, wie es morgen ſeyn wird, unſer einziger Zufluchtsort iſt der Kerker, unſere beſte Ausſicht das Schaffot, warum willſt Du mir es nun mißgoͤnnen, daß ich mein Schickſal mit leichtem Herzen trage, da ich onſt darunter erliegen muͤßte?“ Der gefuͤhlvolle Ton des Freundes ruͤhrte Everard im Innerſten der Seele, er ergriff ihn bei der Hand, und druͤckte ſie herzlich.—— „Wildrake, ich geſtehe es Dir, daß es mehr um Deiner Sicherheit willen, als um der meinigen geſchah, wenn ich hart gegen Dich ſchien. Ich weiß es wohl, hinter Deinem Leichtſinn liegt ein ſo tiefes Gefuͤhl fuͤr Ehre und Menſchlichkeit verborgen, als in irgend ei⸗ nem Herzen. Aber Du biſt unbedachtſam— biſt raſch, und ich ſchwoͤre es Dir zu, wenn Du Dich in der Sa⸗ che, die ich Dir anvertraue, verrietheſt, ſo wuͤrden mich die ſchlimmen Folgen, die es fuͤr mich haͤtte, in groͤßere Beforgniß ſetzen, als der Gedanke, Dich in eine folche Gefahr zu bringen.“ 7 „Nein Mark, wenn Du in dieſem Tone ſprichſt,“ verſetzte der koͤniglich Geſinnte, indem er zu laͤcheln ver⸗ ſuchte, um eine andere Gemuͤthsſtimmung zu verber⸗ gen,„wenn Du ſo ſprichſt, ſo wirſt Du uns beide zu Kindern machen; vertrau' Dich mir an, wenn Zeit und Umſtaͤnde es erfordern, ſo kann ich auch vorſichtig ſeyn. Wenn es galt, wachſam zu ſeyn, ſah mich noch 9 niemand trinken. Ich will auch gewiß keinen Schop⸗ pen Wein verſuchen, bis ich Dir Deinen Auftrag be⸗ ſorgt habe. Es bleibt alſo dabei, ich bin Dein Secre⸗ taͤr— Dein Schreiber, wollt ich ſagen, trage Deine Depeſchen zum Cromwell, und nehme mich wohl in Acht, mich durch mein Stuͤckchen von Royalitaͤt zu verrathen, auch werd' ich es beſtens den loyalen Haͤnden übergeben, an die es in tiefſter Unterthaͤnig⸗ keit adreſſirt iſt.— Aber hoͤre Mark, denke doch noch ein wenig daruͤber nach, Du wirſt es doch gewiß nicht ſo weit treiben, daß Du mit dieſem blutigen Rebellen gemeine Sache machſt? Beſtehl mir lieber, ihm einen Stiletſtich zu geben, ich werde es gewiß mit beſſerem Willen thun, als ihm Dein Paket zu uͤberreichen.“ „Halt Freund,“ ſagte Everard,„das geht über unſeren Contract hinaus! Wenn Du mir helfen willſt, ſo iſt es gut, im entgegengeſetzten Fall kann ich keine Zeit verlieren, um mit Dir zu ſtreiten; ein jeder Au⸗ genblick, welcher verſtreicht, ehe der Brief in den Haͤn⸗ den des Generals iſt, ſcheint mir ein Jahrhundert zu ſeyn. Es iſt der einzige Weg, der noch offen ſteht, um fur meinen Oheim und ſeine Tochter Schutz und Oddach zu erhalten.“ „Wenn das iſt,“ antwortete der Ritter,„ſo will ich meinen Sporn nicht ſchonen. Mein Pferd ſieht in der Stadt, und wird ſogleich geſattelt ſeyn; und dann kannſt Du ſicher darauf rechnen, daß ich in ſo kurzer Zeit dem Old Noll— ich wollte ſagen, Deinem Gene⸗ 10 ral Cromwell— meine Au fwartung machen werde, als mein Pferd im Stande iſt, mich von Woodſtock nach Windſor zu tragen. Denn ich hoffe Deinen Freund an der Stelle zu treffen, wo er gemordet hat.“ „Still, nicht ein Wort davon! Als wir in der vergangenen Nacht Abſchied nahmen, habe ich Dir den Weg gezeigt, der Dir beſſer ziemt, als der bloße An⸗ ſtand der Sprache und des aͤußeren Weſens, den Du ſo wenig beſitzeſt. Ich habe dem General zu verſtehen. gegeben, daß ſchlechtes Beiſpiel und ſchlechte Erzie⸗ hung“— „Soll wahrſcheinlich das Gegentheil heißen,“ er⸗ wiederte Wildrake,„denn auf meine Ehre, ich bin aus eben ſo guter Familie, habe eine eben ſo gute Er⸗ ziehung genoſſen, als nur irgend einer.“ „Hoͤre mir doch um's Himmelswillen zu!— Ich ſage alſo darin, das boͤſe Beiſpiel haͤtte Dich verleitet, die Parthei des verſtorbenen Koͤnigs zu ergreifen. Aber als Du geſehen haͤtteſt, was der General fuͤr große Dinge bewirkt haͤtte, waͤreſt Du zu einer beſſern Er⸗ kenntniß gelangt und haͤtteſt jetzt die feſte Ueberzeugung, daß Seine Exzellenz das große Werkzeug waͤre, dieſem zerruͤtteten Reiche die ſehnlich gewuͤnſchte Ruhe wieder zu ſchenken. Er wird Dir deßwegen nicht allein einige Sonderbarkeiten verzeihen, welche etwa ohne Deinen Willen an's Licht kommen koͤnnten, ſondern es wird Dir auch ſeine Gunſt erwerben, als naͤhmeſt Du einen beſonderen Antheil an ſeiner Perſon.“ — I1 „Ohne Zweifel, ſo wie der Fiſcher die Forelle gerne ſieht, die an ſeiner Angel haͤngt.“ „Er wird Dir wahrſcheinlich Briefe an mich mit⸗ geben, die mir Vollmacht ertheilen, den Maaßregeln der Sequeſtratoren Einhalt zu thun; vielleicht gibt er auch dem armen alten Ritter Henry Lee die Erlaub⸗ niß, ſein Leben unter ſeiner vielgeliebten Eiche zu be⸗ ſchließen. Dahin ging meine Bitte, und ich glaube die Freundſchaft meines Vaters und meine eigene, koͤnnen dieſe Aufmerkſamkeit wohl von ihm verlangen, beſonders bei dem jetzigen Stand der Dinge, verſteh'ſt Du mich?“ „Vollkommen,“ ſagte der Ritter,„ganz genau. Doch moͤchte ich dem alten raͤuberiſchen Koͤnigsmoͤrder lieber einen Strick umlegen, als Geſchaͤfte mit ihm verhandeln. Aber, wie geſagt, ich will mich von Dir leiten laſſen, Markham, gewiß, es iſt mein Wille.“ „Nun, ſo ſey denn vorſichtig,“ ſagte Everard, „gib wohl Acht auf alles, was er ſagt und thut,— aber ganz beſonders auf das, was er thut. Freund Oliver iſt einer von den Menſchen, die man aus ihren Handlungen beſſer, als aus ihren Worten kennen lernt. Aber warte doch, Du waͤreſt ja wahrhaftig bald fortgeritten, ohne einen Pfenning in der Taſche zu haben.“ „Du haſt recht, Mark, ſagte Wildrake;„mein letzter Roſenobel ging mir in der verwichenen Nacht mit euren Reitersknechten drauf.“ 12 „Wenn's weiter nichts iſt, Roger,“ ſagte der Oberſt, indem er ſeine Boͤrſe in ſeine Hand ausſchuͤt⸗ tete,„„dafuͤr ſoll bald geholfen ſeyn. Aber Du biſt doch ein unbeſonnener Mann, Dich, ſo wie Du gehſt und ſtehſt, auf den Weg machen zu wollen, ohne einen Pfenning, Deine Reiſekoſten zu zahlen! Was haͤtteſt Du denn angefangen?“ „Wahrhaftig, daran hab' ich nicht gedacht— ich haͤtte eben dem erſten beſten, den ich getroffen haͤtte, die Piſtole auf die Bruſt ſetzen muͤſſen. Bei dieſen ſchlimmen Zeiten muß ſich mancher ehrliche Kerl ſo durchhelfen.“ „Sey doch ſtille,“ ſagte Everard,„gib fein Acht auf Dich, weiche Deinen leichtſinnigen Freunden aus — halte Deine Zunge im Zaum— fliehe den Wein (es haͤtte freilich wenig zu ſagen, wenn Du nur nuͤch⸗ tern dabei bleiben koͤnnteſt). Maͤßige vor Allem Deine Ausdruͤcke, fluche und prahle nicht!“ 3 „Das heißt mit andern Worten, werde ſolch' ein Wicht, wie ich. Auch recht— was die Außenſeite anbelangt, ſo glaube ich meine Puritaner⸗Rolle ſo gut ſpielen zu koͤnnen, wie Du. Ach Mark, weil wir doch einmal von Rollen ſprechen, erinnerſt Du Dich noch der froͤhlichen Zeiten, als wir im Schauſpielhauſe Mills den Bomby geben ſahen, zur Zeit, als ich noch geſtickte Maͤntel und Edelſteine trug, und Dir die ge⸗ furchte Stirne und der puritaniſche Knebelbart unbe⸗ kannt waren!“ 13 „Wie die meiſten Genuͤſſe dieſer Welt, kitzelten ſie den Gaumen, und waren doch ſchwer zu verdauen, Wildrake. Nun aber ſpute Dich, Deine Antwort kannſt Du mir entweder hieher, oder im Gaſthauſe zum St. Georg bringen.— Gluͤck auf! Sey nur vorſichtig in Deinem Betragen.“ Verſunken im Nachdenken blieb der Oberſt zu⸗ ruͤck.—„Ich habe mich doch, wie es mir vorkoͤmmt, nicht allzutief mit dem General eingelaſſen. Denn in Kurzem muß Cromwell mit dem Parlamente bre⸗ chen, und das wird uns in einen neuen Buͤrgerkrieg verwickeln, den wir alle ſo ſehr fuͤrchten. Wohl moͤg⸗ lich, daß mein Geſandter ihm mihfaͤllt, aber das fuͤrchte ich nicht ſehr. Er weiß wohl, daß ich nieman⸗ den waͤhlen wuͤrde, auf den ich mich nicht voͤllig ver⸗ laſſen kann, und er hat Menſchenkenntniß genug, zu wiſſen, daß es bei jeder Parthei Menſchen gibt, die eine doppelte Maske tragen. Zweites Kapitel. Wir konnten den Protector ſehen, Auf der Tribune herrſchend ſtehen; Die Thrän' im Aug', den Zorn im Blick Wägt' er des Landes Weh' und Glück. Doch trotz der Macht und trotz der Größe, Zeigt ſich der Menſch in ſeiner Blöße. . Crabbe. Wir wollen fuͤr jetzt den Oberſten Everard ſeinen Betrachtungen überlaſſen, und ſeinen froͤhlichen, roya⸗ liſtiſchen Gefaͤhrten begleiten, welcher, wie es ſich wohl von ſelbſt denken laͤßt, einen Fruͤhtrunk, beſtehend in Muskatellerwein und einigen Eiern einnahm, ehe er im Wirthshaus zum Ritter St. Georg zu Pferde ſtieg, um ſich, wie er ſagte, vor dem Einſluſſe der rauhen Herbſt⸗ luft zu ſchüͤtzen. Hatte er ſich ſchon der ausſchweifen⸗ den Lebensart ergeben, welcher ſich die koͤniglich Geſinn⸗ ten uͤberließen, als wollten ſie ſelbſt in dieſer Hinſicht die ſtrengen Grundſaͤtze ihrer Gegner nicht theilen, ſo fühlte ſich doch Wildrake bei ſeiner jetzigen Geſandtſchaft 1 von ſo verſchiedenen, ſeltſamen Gefuͤhlen durchdrungen, daß der Mann von guter Geburt und Erziehung durch den royaliſtiſchen Hitzkopf durchleuchtete, und welche zeigten, daß das Schwelgerleben ſeine guten Naturan⸗ lagen nicht voͤllig hatte unterdruͤcken koͤnnen. Im Allgemeinen war ſein Gemüth mit Abſcheu ge⸗ gen Cromwell erfüllt, den er als Royaliſt nur auf den — * 15 Schlachtfelde zu treffen wuͤnſchte, um ihn mit einem Pi⸗ ſtolenſchuß zu begrüßen. Aber ſein Haß war mit einer guten Doſis Furcht vermiſcht. Der Sieg, der von ſei⸗ nem Feldherrnſtabe unzertrennlich ſchien, hatte dem merkwuͤrdigen Manne, dem ſich Wildrake nahete, jenen Einfluß auf die Gemuͤther ſeiner Feinde verſchafft, wel⸗ chen das wankelloſe Gluͤck hervorbringt. Sie haßten ihn, aber ſie fuͤrchteten ihn noch weit mehr. Ueberdieß plagte Wildrake ſeine unruhige Neugierde, eine na⸗ turliche Folge ſeiner Geſchäftsloſigkeit, ſo daß ihn al⸗ les Merkwuͤrdige und Bemerkenswerthe unwiderſtehlich anzog. 3 „Ich freue mich doch, den alten Schurken zu ſe⸗ hen,“ ſagte er,„waͤre es auch nur um des Vergnü⸗ gens willen, daß ich ſagen kann, ich habe ihn geſe⸗ hen.“ Zur Nachmittagszeit erreichte er Windſor, wider⸗ ſtand aber der Verſuchung, ſein Quartier in einem von jenen alten Schlupfwinkeln aufzuſchlagen, die er in den beſſeren Tagen jener ſchoͤnen Stadt haͤufig beſuchte. Er ging in das erſte Wirthshaus, vor welchem aber das alte Schild:„Gaſthaus zum Hoſenband,“ laͤngſt verſchwunden war. Auch auf den Wirth hatte der Geiſt der Zeit ſich erſtreckt, er war jetzt nuͤchterner, ſchuͤttelte bedenklich den Kopf, wenn er von dem Par⸗ lamente ſprach, muͤnſchte England einen gluͤcklichen Ausweg aus ſeinem Ungluͤck, und verkuͤndete das Lob Sr. Excellenz des Lord Generals. Auch ſein Wein war⸗ 16 jetzt, wie Wildrake bemerkte, beſſer, als ſonſt, denn die Puritaner beſaßen einen eigenen Scharfblick, Be⸗ trügereien dieſer Art zu entdecken; dabei war ſein Maaß kleiner, und ſeine Preiſe groͤßer geworden. Dieſer wich⸗ tige Mann ſagte ihm alſo, der Lord General ließe ohne weiteres Perſonen jeden Nanges und Standes vor ſich; und er wuͤrde ohne weiteres morgen um acht Uhr Au⸗ dien; bei ihm erhalten, wenn er ſich am Schloßthor ein⸗ ſinde, und ſich als Ueberbringer von Depeſchen an Se. Excellenz melden ließe. Zur beſtimmten Stunde begab ſich der verkleidete Royaliſt in das Schloß. Die Soldaten, welche in ro⸗ then Roͤcken und mit ſinſteren Mienen, das Gewehr auf der Schulter, am aͤußeren Thore des ehrwuͤrdigen Ge⸗ baͤudes Wache hielten, ließen ihn ohne Umſtaͤnde durch. Wildrake ging uͤber den Hof und warf einen Blick auf die ſchoͤne Kapelle, welche erſt vor Kurzem den ungeehr⸗ ten Leichnam des hingerichteten Kuͤnigs von England in der finſteren Stille ihrer Grabgewoͤlbe aufgenommen hatte. Die Rürkerinnerung an dieſen ergreifenden Ge⸗ genſtand haͤtte Wildrake faſt bewogen, lieber ſchaudernd zuruͤkzukehren, als dem finſteren kuͤhnen Manne unter die Augen zu treten, dem man vor allen anderen die Schuld an dem traurigen Ausgang dieſer Sache zu⸗ ſchrieb. Aber da er von der Nothwendigkeit überzeugt war, die Aufwallungen ſeines Gemuͤthes zu unterdruͤcken, ſo eilte er, das Geſchaͤft zu verrichten, das ihm ſein Freund, gegen den er ſich ſo verpflichtet fuͤhlte, aufge⸗ 17 tragen hatte. In der Naͤhe des runden Thurms blickte er nach der Stelle, wo das Banner Englands geflat⸗ tert hatte. Es war verſchwunden, mit ſeinen ſchönen Malereien, ſeinem glaͤnzenden Wappen und ſeinen herrlichen Stickereien; aber an ſeiner Stelle erhob ſich die Fahne der Republik, das Kreuz des St. Georg in blauer und rother Farbe, die aber noch nicht von dem ſchottlaͤndiſchen Kreuze diagonal durchſchnitten ward, welches England bald darauf, zum Zeichen ſeines Sieges über ſeinen alten Feind, in ſein Wappen auf⸗ nahm. Dieſe Veraͤnderung verſenkte ihn gegen ſeine Gewohnheit ſo ſehr in truͤbe Betrachtungen, daß ihn erſt das Zurufen der Schildwache und ihr kraͤftiges Aufſtoßen des Flintenkolbens auf den Boden, aus ſei⸗ nen Trauͤumen weckte und wieder zu ſich brachte. „Wer ſeyd Ihr und zu wem wollt Ihr? „Ich bin mit einem Briefe an den ſehr ehrenwer⸗ then Lord General beauftragt,“ antwortete Wildrake. „So wartet, bis ich den Offizier der Wache rufe Der Offizier, der ſich von ſeinen Untergebenen durch eine groͤßere Menge Band um den Hals, durch die doppelte Höhe ſeines coloſſalen Huthes, durch einen weiteren Mantel und durch ein noch viel finſtereres Anſehen auszeichnete, erſchien. Man konnte es in ſei⸗ nen Zuͤgen leſen, daß er zu jenen furchtbaren Schwaͤr⸗ mern gehoͤrte, denen Oliver ſeine Siege verdankte, und an deren Eifer die Tapferkeit der Royaliſten zur Vertheidigung der Perſon und der Krone ihres Herr⸗ W. Scott's Werke XI. 2 1 18 ſchers ſcheiterte. Mit ſeierlichem Ernſte ſah er den Wildrake von Kopf bis Fuß an, und verlangte endlich ſein Anliegen zu wiſſen. Wildrake verſetzte mit ſo viel Feſtigkeit, als er konnte:„ich habe ein Anliegen an Ihren General.“ „An Seine Exrzellenz, den Lord General, willſt Du wahrſcheinlich ſagen,“ erwiederte der Korporal. „Freund, Deine Sprache zeigt wenig Ehrerbietung vor Se. Excellenz.“ „Der Deufel hole Se. Excellenz,“ dachte er bei ſich; aber er war ſo klug, es fein fuͤr ſich zu behal⸗ ten. Seine Antwort war eine ſtille Verbeugung. „Folge mir,“ ſagte die ſteife Geſtalt, die ihn an⸗ geredet hatte, und die ihn nun in die Schloßwache fuͤhrte. Dort fand er ein charakteriſtiſches Bild jener Zeit, das von dem der militaͤriſchen Aufenthaltsoͤrter in unſerer Zeit ſehr verſchieden war. Einige Muske⸗ tiere ſaßen beim Feuer und hoͤrten einem anderen zu, der ihnen ein religioͤſes Myſterium erklaͤrte. Seine Zuhoͤrer hoͤrten ihm mit der groͤßten Aufmerkſamkeit zu, und ihre ganze Antwort beſtand in Wolken von Tabacksdampf, die ſich unter ihren dicken Baͤrten er⸗ hoben. Ein anderer Soldat lag auf ſeinem Geſichte auf einer Bank; ob er ſchlafe oder geiſtige Betrach⸗ tungen anſtelle, konnte man nicht wohl unterſcheiden⸗ Mitten in der Stube ſtand ein Offtzier, wie es ſein geſticktes Kleid und ſeine Schaͤrpe vermuthen ließ, und war damit beſchaͤftigt, einem eben angekommenen 19 Bauernluͤmmel das damals uͤbliche Manöoͤver zu leh⸗ ren. Wildrake konnte wenigſtens zwanzig Commando⸗ woͤrter zaͤhlen, worauf eben ſo viel Bewegungen folg⸗ ten, denn ehe das Exercitium zu Ende war, erlaubte ihm der Korporal nicht, die Schwelle zu uͤberſchreiten, oder ſich zu ſetzen. „Wie heißt Du, Freund,“ ſagte der Offizier zu dem Rekruten, als die Uebung beendigt war. „Ephraim,“ erwiederte der Burſche. „Und wie ſonſt noch?“ „Ephraim Cobb, aus der guten Stadt Gloceſter, wo ich ſieben Jahre bei einem wackeren Schuhmacher in der Lehre ſtand.“ „Nun, es iſt ein ehrenwerthes Handwerk,“ ver⸗ ſetzte der Offizier laͤchelnd,„verſuche nur Dein Gluͤck einmal bei uns, Du wirſt ſchon ſehen, daß man’'s da über den Leiſten bringen kann.“ Dann wandte er ſich zum Korporal, der ſich ei⸗ nige Schritte von ihm entfernt hielt, und wahrſchein⸗ lich gern reden wollte. „Nun, was Neues, Korporal?“ „Verzeihen Ew. Excellenz, hier iſt ein Mann mit einem Briefe,“ verſetzte jener,„aber ich traue ihm wahrlich nicht ganz, ich glaube faſt, es iſt ein Wolf im Schaafsfell.“ Wildrake ſah nun zu ſeinem Schrecken, daß er ſich in der Gegenwart des hoͤchſtmerkwuͤrdigen Mannes 4.. F. 2⁰ befand, an welchen ſeine Auftraͤge lauteten; er uͤber⸗ legte bei ſich, wie er ihn anreden ſolle. Die Geſtalt des Oliver Cromwell war, wie allge⸗ mein bekannt, durchaus nicht einnehmend; er war von mittlerer Statur und von grobem ſtarkem Koͤrperbau, ſeine ausdrucksvollen Geſichtszüge verriethen Strenge, Scharfſinn und tiefen Forſchergeiſt, ſeine grauen Au⸗ gen ſtrahlten vom lebhafteſten Feuer; im Verhaͤltniß gegen die uͤbrigen Theile des Geſichts, war ſeine Naſe etwas zu groß. Wenn er verſtanden ſeyn wollte, ſo konnte er kraͤf⸗ tig und nachdrücklich ſprechen, doch war ſeine Rede weder lieblich noch anmuthig; dennoch aber konnte ſich niemand, wo es galt, kraͤftiger und beſtimmter aus⸗ druͤcken, als er. Wollte er aber, wie es ihm oft ge⸗ ſchah, den großen Redner ſpielen, wollte er dem Volke ſchmeicheln, ohne es aufzuklaͤren, dann wußte Crom⸗ well ſeine wirkliche oder angebliche Anſicht in einen ſol⸗ chen Nebel von Worten einzukleiden, da gab es ſo viele Ausnahmen und beſondere Faͤlle, ſo viel Schachtelſaͤtze und Parentheſen, daß der klügſte Mann, den Eng⸗ lands Boden trug, der unverſtaͤndlichſte Redner ſchien, der ſeine Zuhoͤrer in eine unbeſchreibliche Verwirrung ſetzte. Mit Recht, ſagt alſo ein Geſchichtſchreiber, daß eine Sammlung der Reden, welche der Protektor hielt, 1 wenn man einige ausließe, das ſinnloſeſte Buch auf der Welt ſeyn wuͤrde; aber wenn er vollkommen gerecht ge⸗ weſen waͤre, ſo haͤtte er hinzuſuͤgen muͤſſen, daß auch 2¹ niemand kraftvoller, verſtaͤndlicher und eindringender redete, als Oliver Cromwell, wenn er es wollte. Oliver Cromwell ſtammte zwar aus einer guten Familie und hatte alſo auch eine ſtandesgemaͤße Er⸗ ziehung und Bildung genoſſen; doch gelang es dem ſchwaͤrmeriſchen Volksliebling nie, ſich die— unter den hoͤheren Klaſſen uͤblichen— Hoͤflichkeitsformen anzueig⸗ nen, wenigſtens beobachtete er ſie nicht. Sein Betra⸗ gen war ſo derb, daß es zuweilen faſt Bauernmaͤßig war. Aber in ſeiner Sprache und in ſeinem Benehmen aͤußerte ſich eine Kraft und eine Staͤrke, die ſeinem Charakter voͤllig entſprach, und welche Furcht, wo nicht gar Ehrfurcht einfloͤßten; ja der finſtere ſchlaue Geiſt beherrſchte ſeinen Willen ſo ſehr, daß er, wenn er wollte, zuweilen ſelbſt hinreißend werden konnte. Sein Humor aber, der ſich wohl auch hie und da zu zeigen pflegte, war niedrig, flach, manchmal ſogar et⸗ was handgreiflich. Er war uͤbrigens ein vollkommener Englaͤnder, verachtete die Thorheit, haßte die Ziererei und verabſcheute die Ceremonie, ſo daß ihn alles die⸗ ſes, verbunden mit ſeinem Verſtande und ſeinem Mu⸗ the, in vieler Hinſicht zu keinem unpaſſenden Repraͤſen⸗ tanten der engliſchen Demokratie machte. Seine Religioſitaͤt wird immer ſehr in Zweifel ge⸗ huͤllt ſeyn, den er ſelbſt wohl ſchwerlich haͤtte loͤßen koͤn⸗ nen. Es gab beſtimmt einmal eine Epoche in ſeinem Leben, in welcher er ein aufrichtiger Schwaͤrmer war, und ſeine Gemuͤthsſtimmung, die ein wenig mit Schwer⸗ 22 muth vermiſcht war, von demſelben Fanatismus ergrif⸗ fen wurde, der zu ſeiner Zeit ſo viele Menſchen begei⸗ ſterte. Wiederum gab es Perioden in ſeiner politiſchen Laufbahn, wo wir ihm nicht unrecht zu thun glauben, wenn wir ihn der Heuchelei beſchuldigen. Wir glau⸗ ben ſo ziemlich die rechte Mitte zu treffen, wenn wir annehmen, daß der religioͤſe Glaube zum Theil wirk⸗ lich in ſeinem Gemuͤthe gegruͤndet war, zum Theil aber auch, ſo wie ſein eigenes Intereſſe es verlangte, vorgeſchoben wurde. So ſinnreich aber iſt das menſch⸗ liche Herz, nicht allein Andere, ſondern auch ſich ſelbſt zu taͤuſchen, daß wahrſcheinlich weder Cromwell noch diejenigen, welche, wie er, fuͤr fromm und heilig gel⸗ ten wollten, den Punkt genau haͤtten beſtimmen koͤn⸗ nen, wo Schwaͤrmerei und Heuchelet ſich beruͤhrte, wo dieſe endete und wo jene anfing. Die Reliyioſitaͤt ih⸗ res Gemuͤthes hatte keine feſten Schranken, ſondern ſie ſchwankte mit ihren aͤußeren Umſtaͤnden je nach dem Fallen oder Steigen ihres Glückes oder ihres Unglü⸗ ckes, mit ihrem Muthe oder ihrer Muthloſigkeit. So war alſo der Charakter des hochberuͤhmten Mannes, der ſich bei den Worten des Corporals um⸗ wandte, Wildraken mit ſeinen Blicken zu durchdringen ſchien, aber an ſeinem Aeußern ſo wenig Wohlgefallen fand, daß er, ohne ſich ſelbſt deſſen recht bewußt zu ſeyn, den Degen ruͤckte, um ihn um ſo leichter faſſen zu koͤnnen. Dann aber ſchien er ſeinen Argwohn zu beſeitigen oder hielt Vorſicht unter ſeiner Wuͤrde; er 23 huͤllte ſich in ſeinen Mantel und frug den Caoalitr, wer er waͤre und woher er kaͤme? „Ein armer Gentleman, Mylord,“ antwortete Wildrake,„der eben von Woodſtock kommt.“ „Nun was bringt Ihr denn, Herr Gentleman?“ ſagte Cromwell, indem er das Wort ſcharf betonte. „Ich habe viele Leute gekannt, die ſich dieſen Titel zu⸗ eigneten, und ſich dennoch nichts weniger als weiſe und⸗ aufrichtig betrugen; doch war Gentleman ein recht eh⸗ renvoller Titel in Alt⸗England, als man noch wußte, was es bedeuten ſollte.“. „Sie reden ganz wahr, Mylord,“ antwortete Wildrake, indem er mit Muͤhe ſeine gewoͤhnlichen hef⸗ tigen Redensarten unterdruͤckte.„Vor Alters fand man Gentleman an den Orten, wo ſie hin gehoͤrten, aber jetzt hat ſich die Welt ſo geaͤndert, daß der Rie⸗ men des Sporn den Platz des geſtickten Guͤrtels einge⸗ nommen hat.“ „Gilt das mir?“ ſagte der General.„Wahrhaf⸗ tig Du biſt kuͤhn, Geſelle, und wagſt gefaͤhrliche Wor⸗ te. Du klingſt etwas hohl fuͤr gutes Metall, wie es mir ſcheint. Aber ſprich, was bringſt Du mir Neues?“ „Hier dieſen Brief fuͤr die Haͤnde Ew. Excellens von dem Oberſten Markam Everard.“ Als Cromwell den Namen eines Mannes erwaͤh⸗ nen hoͤrte, den er ſo gern auf ſeine Seite zu bringen wuͤnſchte, ſo antwortete er freundlicher:„Freund, ich muß Dich mißverſtanden haben; verzeihe mir, mein 24 Freund, denn ich zweifle nicht, daß Du es biſt. Setze Dich und unterhalte Dich ſo gut Du kannſt, bis wir den Inhalt Deines Briefes unterſucht haben. Solda⸗ ten, gebt ihm, was er wuͤnſcht.“ Mit dieſen Worten verließ der General die Haupt⸗ wache, und Wildrake nahm in einem Ecklein Platz, wo er geduldig auf den Erfolg ſeiner Sendung harrte. Nun glaubten die Soldaten, ihn achtungsvoller behandeln zu muͤſſen, und boten ihm eine Pfeife Ta⸗ back und einen Krug Wein an. Aber Cromwells ein⸗ drucksvolle Zuͤge und die gefaͤhrliche Lage, in die er ge⸗ rathen koͤnnte, falls er entdeckt wuͤrde, was durch den geringſten Zufall geſchehen konnte, bewogen ihn, das Anerbieten auszuſchlagen. Er lehnte ſich zuruͤck, als wollte er ſchlafen, und entging alſo allen Bemerkungen und Unterredungen, bis ein Adjutant erſchien, um ihn zu Cromwell zu fuͤhren. Durch ein Pfoͤrtchen, das in das Hauptgebaͤude des Schloſſes fuͤhrte, uͤber geheime Treppen und Gaͤnge, gelangte Wildrake endlich in ein kleines Arbeitszimmer, das mit Moͤbeln reich verſehen war, von denen manche noch die koͤniglichen Namens⸗ zuͤge trugen, die aber unordentlich herumſtanden, ſo wie auch verſchiedene Bilder mit vergoldeten Rahmen, die mit dem Geſichte der Wand zugekehrt waren, als habe man ſie herunter genommen, um ſie wegzuthun. Hier alſo ſaß der ſiegreiche General der Republik in einem großen Lehnſeſſel, der mit Damaſt uͤberzogen und reich geſtickt war, und deſſen Pracht mit der ein⸗ 25 fachen Kleidung Cromwells einen grellen Widerſpruch bildete, wiewohl ſeine Blicke und ſeine Zuͤge zu fagen ſchienen, daß der Sitz, der in fruͤheren Zeiten einem Koͤnige zum Ruheplatz gedient zu haben ſchien, fuͤr ſei⸗. nen Ehrgeiz und fuͤr ſeinen Stolz nicht zu hoch waͤre. Wildrake ſtand, und er hieß ihn nicht ſitzen. „Pearſon,“ ſagte Cromwell zu ſeinem Adjutanten, „warte im Vorzimmer, bleibe aber in der Naͤhe, da⸗ mit ich Dich rufen kann.“ Der Adjutant verbeugte ſich und ging. Der General hielt Everards Brief in der Hand, und ſah wieder den Wildrake ſcharf an, als bedenke er ſich, wie er ihn anreden ſolle. Seine Rede war im Anfang ſo zweideutig, wie wir ſchon ſeine Weiſe beſchrieben haben, und fuͤr jeder⸗ mann ſehr ſchwer zu verſtehen, ſelbſt wenn er es wollte. Wir wollen ſie ſo kurz geben, wie der Wunſch es geſtat⸗ tet, die eigenen Worte eines ſo außerordentlichen Man⸗ nes mitzutheilen.. „Ihr habt,“ ſagte er,„dieſen Brief von Eurem Herrn oder Goͤnner, Markham Everard gebracht. Ge⸗ wiß, er iſt ein vortrefflicher, hochachtungswerther Gent⸗ leman, der ſich immer bei dem großen Werke auszeich⸗ nete, dieſen drei armen ungluͤcklichen Nationen die Frei⸗ heit zu verſchaffen.— Antworte mir nicht, ich weiß ſchon, was Du ſagen willſt.— Dieſen Brief ſendet er mir alſo durch Dich ſeinen Schreiber oder Sekretaͤr, zu dem er Zutrauen hat, und zu welchem er mich hit⸗ 26 tet, ebenfalls Vertrauen zu faſſen, damit ein ſorgfaͤlti⸗ ger Bote ſeyn moͤge unter uns. Ferner hat er Dich ge⸗ ſandt— antworte nicht, ich weiß ſchon, was Du ſa⸗ gen willſt— ferner hat er Dich geſandt zu mir, der ich, wenn ich ſchon unwuͤrdig ſeyn mag, mein Schwerdt zu erheben fuͤr die heilige Sache Englands, doch mit der Fuͤhrung und mit dem Commandoſtabe der Armee be⸗ ehrt wurde.— Nein Freund, antworte nicht, ich weiß ſchon, was Du ſagen willſt.— Bemerke Dir alſo bei unſrer Unterhandlung, und gib Acht auf unſeren Vor⸗ trag, daß Du ein dreifaches Argumentum oder eine dreifache Eintheilung zu beobachten haſt; erſtens: in ſo fern es Deinen Herrn betrifft; zweitens: in ſo fern es uns in unſrer Amtspflicht betrifft; und drittens und letz⸗ tens: in ſo fern es Deine eigene Perſon angeht.“ „Was alſo nun erſtens dieſen ehrenwerthen Gent⸗ leman, Oberſt Markham Everard betrifft, ſo hat er ſich wahrlich maͤnnlich gezeigt, vom Anfang dieſer ungluͤck⸗ lichen Haͤndel an, bis auf den heutigen Tag, er hat ſich nicht gewendet, weder zur Rechten noch zur Linken, ſondern er behielt das Ziel im Auge, das ſein Streben war. Doch aber duͤrfen wir uns hier auf Erden we⸗ niger von Privatruͤckſichten und von Partheilichkeiten leiten laſſen, als durch jene hoͤheren Ruͤckſichten der Pflicht. Was alſo Woodſtock betrifft, ſo verlangt da der Oberſt eine große Sache, daß es ausgenommen werde von der Beute der Frommen, und im Beſitz bleibe den Moabiten und namentlich dem boͤsgeſinnten 27 Henry Lee, der ſtets ſeine Hand gegen uns erhob, wo er es konnte. Ich ſage alſo, er hat ſowohl fuͤr mich als fuͤr ſich um eine große Sache gebeten. Denn wir, die wir von der gottesfuͤrchtigen Armee Englands erwaͤhlt wurden, werden von dem Parlamente fuͤr Maͤnner ge⸗ halten, die zwar erbeuten ſollen, aber denen ſelbſt kein Antheil davon zukoͤmmt. Doch ſpreche ich nicht gerade nur von der Einraͤumung Woodſtocks, da die edlen Lords des hohen Rathes, und die Commiſſaͤre des Par⸗ laments vielleicht huldreichſt denken moͤgen, ich haͤtte durch meinen Verwandten Desborough einiges Inter⸗ eſſe dabei, das er fuͤr ſeine vielfachen Dienſte wohl ver⸗ dient hat, und das ich alſo nicht ſchmaͤlern kann, es ſeye denn des oͤffentlichen Wohls wegen. Du ſiehſt alſo nun deutlich ein, mein wackerer Freund, wie es bei der Sache, die Dein Herr von mir verlangt, mit mir ſteht. Ich ſchlage es alſo weder ab, noch kann ich es vollkom⸗ men gewaͤhren, ich ſpreche nur meinen einfachen Ge⸗ danken deutlich darüber aus. Du verſtehſt mich doch gewiß?“ Roger Wildrake hatte zwar der Rede des Lord Generals alle moͤgliche Aufmerkſamkeit gewidmet, aber die Klauſeln und die Parentheſen des Vortrags hatten ihn ſo verwirrt, daß er nicht wußte, ob er ja oder nein antworten ſollte. Der General, der ſeine Verlegenheit bemerkte, begann eine neue Rede zu dem⸗ ſelben Zwecke, wie zuvor;— er ſprach alſo von ſei⸗ ner Liebe zu ſeinem werthen Freunde, dem Oberſten 28 — von ſeiner Hochachtung vor ſeinem gottesfuͤrchtigen Verwandten Desborough, von der unendlichen Wich⸗ tigkeit des Schloſſes und des Parks von Woodſtock. — Von dem Beſchluſſe des Parlaments ſie einzuzie⸗ hen und den Ertrag dem Staatsſchatze zuzuwenden, — von ſeiner tiefen Verehrung vor dem Parlamente, von ſeinem nicht minder theilnehmenden Gefuͤhl an dem Unrecht, das der Armee dabei geſchehen waͤre, — daß er von Herzen geneigt ſey, alles wieder auf einen friedlichen und freundſchaftlichen Fuß zu brin⸗ gen, ſelbſt wenn er ſeine Stelle, ja wenn er ſogar ſein Leben dabei verlieren müͤßte, wenn er es nur mit Sicherheit fuͤr die armen Soldaten thun koͤnnte, die ihn wie einen Vater verehrten, und ihm kindlichen Gehorſam und kindliche Zuneigung zeigten. Hier machte er abermals eine Pauſe; aber Wil⸗ dracke war immer noch ſo ungewiß, wie zuvor, ob er dem Oberſten Everard die erbetene Vollmacht gewaͤhren wollte, Woodſtock gegen die Parlaments⸗Commiſſaͤre zu vertheidigen oder nicht. In ſeinem Herzen hegte er die Hoffnung, daß die himmliſche Gerechtigkeit oder Ge⸗ wiſſensbiſſe den Verſtand des Koͤnigsmoͤrders umnebeln wuͤrde. Aber trotz aller Muͤhe konnte er nichts bemer⸗ ken, als den Scharfblick des feſten, ernſten Auges, das, waͤhrend die Zunge in breiten, weitſchweifigen Reden überſtroͤmte, ſogleich die Wirkungen zu belauſchen ſchien, welche ſeine Eloquenz auf den Zuhoͤrer hervorbrachte. „Nun wahrhaftig“, dachte der Cavalier in ſeinem 29 Herzen, als er ſeine Lage uͤberlegte, und über eine Un⸗ terredung ungeduldig ward, die zu keinem Ende zu führen ſchien—„wenn Noll auch der Deufel ſelbſt waͤre, wie er des Satans Lieblingskind iſt, ſo ſoll er mich doch nicht laͤnger mehr zum Beſten haben. Ich unterbreche ihn, wenn er ſo fortfährt, und will doch einmal ſehen, ob ich ihn zu keiner verſtaͤndlichern Spra⸗ che bringen kann.“ Wenn es dem Wildrake gleich etwas gefaͤhrlich ſchien, ſeinen kühnen Vorſatz auszuführen, ſo erwar⸗ tete er doch ſehnlich die Gelegenheit, es zu verſuchen, ob denn Cromwell wirklich ganz unfaͤhig waͤre, ſeine Meinung auszudrücken. Schon fing dieſer eine dritte Lobrede auf den Oberſten Everard mit einigen Varia⸗ tionen an, als Wildracke die Gelegenheit erſpaͤhte, dem General in die Rede zu fallen, als dieſer eben eine kleine Pauſe machte. „Verzeihen Sie,“ ſagte er geradezu,„Ew. Excel⸗ lenz haben nun zwey Gegenſtaͤnde ihrer Rede vollkom⸗ men beſprochen, nemlich was von Ihrer eigenen hohen Perſon handelt, und von der meines Herrn, des Ober⸗ ſten Everard; nun aber waͤre es nicht unnoͤthig, auch dem dritten Punkte einige Worte zu goͤnnen.“ „Dem dritten?“ fragte Cromwell. „Ja!“ ſagte Wildracke,„nemlich die Abtheilung Ihrer Rede, welche ſich auf meine eigene geringe Per⸗ ſon bezog. Was habe ich zu thun, und welchen An⸗ theil ſoll ich denn an der Sache haben?“ 30 Oliver, der bisher mit einer Stimme geſprochen hat⸗ te, welche ſo ziemlich dem Knurren eines alten Katers glich, rief nun mit dem Gebruͤlle eines Tigers,„Dein Antheil, Du Galgenſtrick, der Galgen! Kerl, Du ſollſt ſo hoch haͤngen, wie Haman, wenn Du Dein Geheim⸗ niß verraͤthſt; aber,“ ſetzte er mit ruhigerer Stimme hinzu,„ſey vernuͤnftig, und bewahre es als ein ehr⸗ licher Mann, und Du kannſt Dir damit meine Gunſt erwerben. Komm' her, wie ich ſehe, biſt Du ziem⸗ lich kuͤhn; mein wuͤrdiger Freund, der Oberſt Everard ſchreibt mir, Du waͤreſt ein Uebelgeſinnter geweſen, und haͤtteſt nun jene verfallene Sache aufgegeben. Mein Freund, Alles, was das Parlament, oder die Ar⸗ mee gethan haben, haͤtte die Stuarts nicht von ihrem Throne geſtoßen, wenn nicht der Himmel mit ihnen im Streit geweſen waͤre. Ach wie annehmlich und lieb⸗ lich iſt es, ſeine Ruͤſtung anzulegen, fuͤr die Sache des Himmels, denn wahrlich ſonſt koͤnnten um mei⸗ netwegen dieſe Maͤnner bis auf den heutigen Tag auf dem Throne von England ſitzen. Auch tadle ich Nie⸗ manden, der zu ihnen hielt, bis die großen Strafge⸗ richte ſie ploͤtzlich trafen und ſie und ihr Haus uͤber⸗ waͤltigten. Ich bin nicht blutgierig, und fuͤhle wohl in mir ſelbſt, daß auch ich menſchliche Gebrechen und menſchliche Fehler habe; aber mein Freund, wer bei großen Begebenheiten die Hand legt an das Rad der Zeit, das die Nationen treibt und die Voͤlker, der thut am beſten, wenn er nicht hinter ſich ſchaut. Aber,"“ 31 fuͤgte er mit erhobener Stimme hinzu„wenn Du mich taͤuſchſt, fo ſoll Dein Galgen nicht um einen Fuß niedeiger werden, als der des Haman. Sage mir alſo, ob Du den Sauerteig Deiner boͤſen Geſinnun⸗ gen ganz derbannt haſt.“ „Ew. hochgeehrte Herrlichkeit,“ erwiederte der Cavalier achſelzuckend,„hat fuͤr uns gethan, was die Waffen nur immer im Stande ſind, zu leiſten.“ „Glaubſt Du,“ ſagte der General mit einem Laͤ⸗ cheln, welches verrieth, daß er nicht ganz unempfind⸗ lich gegen Schmeichelei war,„ja, darin ſagſt Du die Wahrheit— wir ſind ein Hebel geweſen. Auch wollen wir gegen die, die in den feindlichen Reihen gekaͤmpft haben, nicht ſo ſtreng ſeyn, wie Andere. Die Glieder des Parlamentes muͤſſen wohl am beſten ihr eigenes Intereſſe und ihren eigenen Willen kennen, aber meiner ſchwachen Einſicht nach iſt es Zeit, die⸗ ſen Streitigkeiten ein Ende zu machen, und Menſchen von allen Staͤnden und Klaſſen die Mittel einzuraͤu⸗ men, ihrem Vaterlande nuͤtzlich zu ſeyn. Auch wird die Schuld nur an Dir liegen, wenn Du nicht mit⸗ arbeiteſt zu Deinem Beſten und zum Beſten des Staa⸗ tes; und dem, was ich Dir zu ſagen habe, nicht die tieffee Aufmerkſamkeit weihſt.“ „Ew. Herrlichkeit brauchen an meiner Aufmerk⸗ ſamkeit nicht zu zweifeln,“ antwortete Wildrake. Der General der Republik machte eine aberma⸗ lige Pauſe, wie Jemand, der nicht ganz unbedenklich ͤyx—WY——õêqůnnn 3² einem Anderen ſein Zutrauen ſchenkt; dann aber er⸗ 4 klaͤrte er ſeine Abſichten mit einer Deutlichkeit, deren er ſich ſelten befleißigte. Doch gerieth er hie und da auf Umwege, die ihm faſt zur Gewohnheit geworden 1 waren, und von denen er ſich nur auf dem Schlacht⸗ felde gaͤnzlich trennte. „Du ſiehſt alſo mein Freund,“ ſagte er,„wie die Sachen bei uns ſtehen. Es liegt mir nichts dar⸗ an, wer es weiß,— genug das Parlament liebt mich nicht, und der hohe Staatsrath, durch den es die vollziehende Gewalt des Koͤnigreiches leitet, noch viel weniger. Warum ſie eigentlich Verdacht gegen mich hegen, das weiß ich nicht; es muͤßte nur ſeyn, weil ich dieſe arme unſchuldige Armee nicht uͤberliefern will, die mir in ſo vielen Schlachten folgte, und die man nun auseinander reißen, verſtuͤckeln, und herab: ſetzen will. Demnach wuͤrden die, die den Staat mit ihrem eigenen Blute beſchuͤtzten, vielleicht kaum die Mittel mehr haben, ſich durch ihre Arbeiten, ihren Lebensunterhalt zu verſchaffen; und das waͤre doch, meine ich, gar zu hart, denn man naͤhme ja dann dem Eſau ſeine Erſtgeburt, und gaͤbe ihm nicht einmal eine armſelige Linſenſuppe dafuͤr.“ „Ich denke, Eſau wird ſich wohl ſchon ſelbſt hel⸗ fen,“ ſagte Wildrake, „Da haſt Du ein kluges Wort geſprochen,“ ver⸗ ſetzte der General,„denn ein Bewaffneter duldet nicht, daß man ihn Hunger ſterben laͤßt, wenn es nur Spei⸗ 33 ſen gibt, die man mit Gewalt nehmen kann.— Doch bin ich weit entfernt, zum Aufſtand oder zum Unge⸗ horſam gegen unſere Obrigkeit aufzumuntern. Ich moͤchte bloß eine anſtaͤndige paſſende Art ſinden, die ſie bewegte, auf unſere Vorſchlaͤge zu hoͤren und fuͤr unſere Bedürfniſſe zu ſorgen; da ſie aber ſo wenig auf mich achten, ſo muͤßt Ihr es ſelbſt einſehen, daß ich den Staatsrath ſowohl, wie das Parlament gegen mich aufbringen wuͤrde, wenn ich mich, um Eurem wuͤrdigen Herrn zu willfahren, ihren Zwecken entgegen ſtemmte, oder der Commiſſion die in ih⸗ rem Auftrage(und die iſt jetzt die hoͤchſte im Staat, und mag es meinetwegen noch lange ſeyn) handelt, befehlen wollte, mit der Beſchlagnahme einzuhalten. Ja, man wuͤrde ſogar ſagen, daß ich ſelbſt das In⸗ tereſſe der Uebelgeſinnten befoͤrderte, weil ich es zu⸗ ließe, daß die Hoͤhle der blutduͤrſtigen Tyrannen der Vorzeit, jetzt ein Zufluchtsort fuͤr jenen alten einge⸗ fleiſchten Amalekiten Sir Henry Lee bleibe. Wahr⸗ haftig, es waͤr' eine gefaͤhrliche Sache.“ „Befehlen alſo Ew. Excellenz, daß ich dem Oberſt Everard berichten ſoll, daß Sie ihm in dieſer Sache nicht helfen koͤnnen?“ „Unbedingt ja— Bedingt aber koͤnnte die Ant⸗ wort wieder anders heißen,“ erwiederte Cromwell. „Ich merke ſchon, Du kannſt meine Abſichten nicht durchdringen, ich will Dir ſie alſo zum Theil kund thun.— Aber ich ſage Dir, wenn Du es jemanden W. Scott's Werke XI. 3 34 verräͤthſt, außer Deinem Herrn wenn Du ihm Ant⸗ wort bringſt, ſo ſollſt Du, wenn ſchon viel Blut in dieſen unruhigen Zeiten vergoſſen wurde doch des qualvollſten Todes ſterben. „Fuͤrchten Sie nichts,“ ſagte Wildrake, der jetzt ſo niedergeſchlagen und demuͤthig war, wie der Falke in Gegenwart des Adlers. „So hoͤre mich denn an,“ ſprach Cromwell„und merke Dir eine jede Sylbe. Kennſt Du den jungen Lee, den ſie Albert nennen, einen Widerſpenſtigen, wie ſein Vater, der mit dem jungen Manne in den letzten Kampf zog, den wir bei Worceſter kaͤmpften?“ „Ich weiß, daß es einen jungen Mann gibt, der Albert Lee heißt,“ antwortete Wildrake. „Weißt Du ferner nicht— ich will aber keineswegs die Geheimniſſe des guten Oberſten durchdringen, ſon⸗ dern ich moͤchte nur etwas erfahren, damit ich weiß, wie ich ihm am beſten dienen kann.— Weißt Du nicht, frag' ich Dich, daß Dein Herr, Markham Everard, ſich um die Schyeſter dieſes Widerſpenſtigen, um die Tochter des alten Forſt⸗Aufſehers Sir Henry Lee be⸗ wirbt.“ „Ich habe das alles gehoͤrt,“ ſagte Wildrake, „und will auch nicht laͤugnen, daß ich es glaube.“ „Gut alſo, weiter.— Als nun der junge Mann, Carl Stuart, vom Schlachtfelde zu Woreeſter floh und durch heftige Verfolgung gezwungen ward, ſich von ſei⸗ nem Gefolge zu trennen⸗ de war, ich habe es aus ſiche⸗ 8 35. rer Quelle, eben dieſer Albert Lee einer der Letzten, wo nicht gar der Allerletzte, der ihn begleitete. „Das war teufliſch von ihm,“ ſagte der Cavalier, der ſeine Ausdruͤcke nicht gehoͤrig abwog und nicht be⸗ dachte, in weſſen Gegenwart er ſprach.—„Ich will ihn mit meinem Degen aufhalten, und ihn zwingen, ein wahrer Sproͤßling des alten Stammes zu ſeyn.“ „Wasl! ſchwoͤrſt Du,“ ſagte der General,„il das Deine Beſſerung?“ „Ich ſchwoͤre nie, wenn es Ihnen gefaͤllig iſt,“ erwiederte Wildrake, indem er ſich faßte,„außer wenn ich von Uebelgeſinnten und von Cavalieren ſprechen huͤ⸗ re, dann kehrt ſogleich meine alte Gewohnheit zuruͤck, und ich fluche wie einer von Gorings Soldaten.“ „Weg mit Dir,“ ſagte der General;„was nützt es, ſo furchtbare Fluͤche auszuſtoßen, welche keinen Vortheil bringen?“ „Freilich gibt es nuͤtzlichere Suͤnden in der Wekt, als das Laſter zu ſchwoͤren,“ war die Antwort, die dem Cavalier auf den Lippen ſchwebte, die er aber mit einer Entſchuldigung vertauſchte, beleidigt zu haben. In Wirklichkeit aber hatte die Unterredung eine Wendung genommen, welche ſie dem Wildrake anziehender machtt als fruͤher. Er war alſo entſchloſſen, die Gelegenheit nicht vorbeigehn zu laſſen, ſich in Beſitz des Geheim⸗ niſſes zu ſetzen, das auf Cromwells Lippen zu ſchwe⸗ ben ſchien; und das konnte nur dadurch geſchehen, daß er ſehr auf ſeiner Hut war. ₰ 3. 36 „Wie iſt das Haus zu Woodſtock beſchaffen?“ ſagte der General kurz. „Ein altes Gebaͤude,“ erwiederte Wildrake, und ſo viel ich bei einem Aufenthalte waͤhrend einer einzi⸗ gen Nacht ſehen konnte, fehlt es nicht an verborgenen Treppen und unterirdiſchen Gaͤngen, wie gewoͤhnlich in den alten Rabenneſtern dieſer Art. „Auch wohl ohne Zweifel Oerter, um Prieſter zu verſtecken,“ ſagte Cromwell;„ſelten fehlt es in ſol⸗ chen alten Haͤuſern an geheimen Staͤllen, wo man die Kaͤlber von Bethel maͤſten kann.“ „Ew. Excellenz,“ ſagte Wildrake,„koͤnnen dar⸗ auf ſchwören.⸗ „Ich ſchwoͤre gar nicht,” erwiederte der General trocken—„aber was meinſt Du guter Burſche, ich will Dich geradezu etwas fragen— wo iſt es wohl am wahrſcheinlichſten, daß die beiden Fluͤchtlinge von Wor⸗ ceſter Obdach ſuchen werden— denn Obdach muͤſſen ſie doch irgendwo finden— glaubſt Du nicht, daß ſie nach dem alten Palaſte fliehen werden, deſſen geheimen Gaͤnge und Winkel der junge Albert von ſeiner früͤpten Jugend an kennen muß?“ „Wahrlich,“ ſagte Wildrake, der ſich zwang, gleich⸗ giltig zu antworten, wenn ſchon die Moͤglichkeit eines ſolchen Falles und ſeine Folgen ſein Gemuͤth ſchreck⸗ lich durchzuckten.„Wahrlich, auch ich wuͤrde der Mei⸗ nung Ew. Gnaden ſeyn, aber ich denke doch, die Ge⸗ ſellſchaft, welche in Auftrag des Parlaments Woodſtock in Beſitz genommen hat, wird ſie wohl von dort ver⸗ ſcheuchen, wie die Katze die Tauben vom 4 erhofe abhaͤlt. Die Nachbarſchaft der Generale Desborough und Harriſon wird den Fluͤchtlingen vom Schlachtfelde zu Worceſter nicht ſehr wohl anſtehen.“ „So dachte ich auch, und wuͤnſche auch, daß es ſo ſeyn moͤge,“ antwortete der General.„Lange moͤge es noch dauern, daß unſer Name ein Schrecken unſerer Feinde ſey. Wenn Du aber in dieſer Sache den T Vor⸗ theil Deines Herrn kraͤftig befoͤrdern willſt, ſo mußt Du bei der gegenwaͤrtigen Gelegenheit etwas Kuͤchtiges lei⸗ ſten.“ „Mein Verſtand iſt zu klein um die Tiefe der Abſichten Ew. Excellenz zu durchſchanen,“ ſagte Wild⸗ rake. „Hoͤre alſo und ziehe Nutzen daraus,“ antwortete Cromwell.„Freilich war die Eroberung von Worceſter eine große und kroͤnende Gnade; doch wuͤrde unſer Dank dafuͤr zu klein ſcheinen, wenn wir nicht zugleich alles thaͤten, was zur letzten Verbeſſerung und zum endlichen Schluſſe des großen Werkes dienen kann, das bisher ſo gluͤcklich in unſeren Haͤnden von Statten ging. Dabei verſichern wir in reiner Demuth und in Einfalt des Her⸗ zens, daß wir auf keine Weiſe unſere Perſöͤnlichkeit be⸗ denken wollen, ſondern vielmehr bitten und erſuchen, daß unſer Name und unſer Gluͤck lieber vergeſſen wuͤr⸗ de, als daß das große Werk unvollſtaͤndig bliebe. Doch betrifft es uns, wie wir da ſind, in ſo fern naͤmlich 38 arme Geſchoͤpfe mehr oder minder dem Wechſel des Glückes ausgeſetzt ſind; nicht uns und unſere Macht, ſondern die Beſtimmung, zu der wir berufen ſind und die wir mit Demuth auszuuͤben ſtreben.— Ich ſage, es iſt uns wichtig, daß alle dieſe Dinge in Uebereinſtim⸗ mung mit den großen Werken geſchehen, welche in die⸗ ſem Lande ausgeuͤbt wurden und noch ausgeuͤbt werden. Das iſt meine klare einfache Meinung, und darum iſt es ſehr wuͤnſchenswerth, daß dieſer junge Mann, die⸗ ſer Koͤnig der Schotten, wie er ſich nennt, daß dieſer Carl Stuart nicht aus einem Lande entkomme, wo ſeine Ankunft ſo viele Unruhe und Blutvergießen her⸗ vorbrachte.“ „Ich zweifle nicht,“ ſagte der Cavalier, indem er zu Boden ſah,„daß die Weisheit Ew. Herrlichkeit alles ſo eingeleitet hat, daß Sie am beſten zu Ihrem Zwecke gelangen und ich bete dafuͤr, daß Ihre Muͤhe bezahlt werden moͤchte, wie ſie es verdient.“ „Ich danke Dir, mein Freund!“ ſagte Cromwell ſehr demuͤthig;„freilich ſteht unſer Lohn in den Haͤn⸗ den eines guten Zahlmeiſters, der den Sonnenabend nie vorbeigehn laͤßt. Aber verſtehe mich recht, mein Freund— ich verlange nicht mehr als meinen eignen An⸗ theil an der guten Sache. Ich wuͤrde Deinem wuͤrdigen Herrn und ſelbſt Dir in Deiner Art ſo viel Freundliches erzeigen, als nur in meinen ſchwachen Kraͤften ſteht; ich rede nicht mit gewöhnlichen Leuten auf eine Weiſe, daß unſere Gegenwart vergeſſen wird, als waͤre das eine 39 Sache, die jeden Tag vorfallen kann. Wir ſprechen mit Maͤnnern, wie Du, von ihrem Lohne oder von ihrer Strafe und ich hoffe, daß Du in Deinem Auftras Dir das erſtere verdienen wirſt.“ „Ew. Gnaden ſprechen wie jemand, der zum Herr⸗ ſchen geboren iſt“, erwiederte Wildrake. „Es iſt wahr, die Menſchen werden zu denen, welche in meinem Range ſtehen, nur durch Furcht und Achtung hingezogen,“ ſagte der General.„ Aber ge⸗ nug davon, da ich ja fuͤr meine eigne Perſon nichts vor allen andern verlange. Ich wuͤnſchte nur, Deinem Herrn dieſe goldne Kugel in die Muͤtze zu werfen. Er hat gegen dieſen Carl Stuart und gegen ſeinen Vater gedient. Aber er iſt ein naher Verwandter des alten Ritters Lee, und ſeiner Tochter ſehr geneigt. Auch Du wirſt Schildwache ſtehen, mein Freund— Dein ſchelmiſcher Blick wird Dir das Zutrauen eines jeden Uebelgeſinnten verſchaffen und die Beute kann dieſem Schirme nicht nahen, und glaubte ſie ſich auch wie eine Kroͤte in den Felſen zu verſtecken— Du wirſt ihre Ge⸗ genwart wittern.“ „Ich ſuche Ew. Excellenz ſo viel wie moͤglich zu begreifen,“ ſagte der Cavalier,„und danke Ihnen herz⸗ lich faͤr die gute Meinung, die Sie von mir haben, auch wuͤnſche ich nichts ſehnlicher, als eine Gelegenheit zu finden, Ihnen meine Dankbarkeit dafuͤr zu bezeigen. Aber mit Ihrer Erlaubniß bleibt immer noch die Ver⸗ muthung Ew. Excellenz ſehr unwahrſcheinlich, ſo lange 40 Woodſtock im Beſitz der Sequeſtratoren bleibt. Denn fuwaht der alte Ritter als ſein Sohn und noch weit mehr ein Fluͤchtling, wie Ew. Gnaden ihn bezeichnete, werden ſich huͤten ſich dem Schloſſe zu naͤhern, ſo lange ſie es noch bewohnen.“ „Eben deßegen unterhandelte ich ſo lange mi Dir,“ ſagte der General.—„Ich ſagte Dir, daß 3 bei einer geringfuͤgigen Gelegenheit nicht gerne die Se⸗ queſtratoren durch meinen eignen Befehl aus ihrem Be⸗ ſitze veriagen moͤchte, obgleich ich vielleicht Autoritaͤt genug im Staate haͤtte, es zu thun, und das Murren der Tadler zu verachten. Kurz alſo, wenn ich mein Prioilegium ertheile und ſeine Kraft und die Macht des Auftrags ſich erproben laſſe, den die Commiſſion von einer andern Behoͤrde hat, ſo moͤchte ich es nicht unnuͤtz oder ohne große Ausſicht auf Gewinn verſchleu⸗ dern. Wenn alſo Dein Obriſt aus Liebe zur Republik es auf ſich nehmen will, die Mittel ausfindig zu ma⸗ chen, ſie einer großen und nahen Gefahr zu entreißen, welche aus der Flucht dieſes jungen Mannes erfolgen wuͤrde, und wenn er ſein Moͤglichſtes thun will, um ihn aufzuhalten, falls ihn ſeine Flucht, wie esl ſehr wahr⸗ ſcheinli ch iſt, nach Woddſtock fuͤhren wird; ſo will ich Dir Befehle an die Segueſtratoren ausfertigen, den Palaſt augenblicklich zu raͤumen, und dem naͤchſten Re⸗ simente meiner Armee, das zu Opfort liegt, den Auf⸗ trag geben, ſie am Kragen hinauszuwerfen, wenn ſie ſich widerſetzen. Ja ſie dürfen ſogar des Beiſpiels we⸗ H — 41¹ gen, den Desborough zuerſt hinauswerfen, wenn er ſchon mit meiner Schweſter verheurathet iſt.“ „Chun Sie das, wenn Sie ſo guͤtig ſeyn wollen, Sir;“ ſagte Wildrake,„und mit Ihrer allmaͤchtigen Vollmacht hoffe ich die Commiſſaͤre, ſelbſt ohne Bei⸗ huͤlfe Ihrer tapferen und ergebenen Druppen, zu ver⸗ jagen.“ „Oh, darüber bin ich nicht aͤngſtlich,“ erwiederte der General,„den wollte ich ſehn, der noch ſitzen blie⸗ be, wenn ich einem von ihnen befehlen wollte, fortzu⸗ gehn— das ehrenwerthe Haus ausgenommen, in deſſen Namen die Commiſſion handelt, das aber, wie man ſagt, aufhoͤren wird, ſich mit politiſchen Dingen zu be⸗ ſchaͤftigen, ehe die Zeit herannaht, es zu erneuern. Was mir alſo vor Allem wichtig iſt, das beſteht dar⸗ in, zu erfahren, ob Dein Herr einen Handel unterneh⸗ men wird, der eine ſo ſchoͤne Hoffnung auf Gewinn dar⸗ bietet. Ich bin feſt uͤberzeugt, daß er mit einem Bur⸗ ſchen wie Du biſt, der einmal bei den Royaliſten diente, und wahrſcheinlich auch ihre luͤderliche Weiſen wieder annehmen kann, den Aufenthaltsort dieſes Stuart aus⸗ findig machen kann. Entweder wird der junge Lee den alten perſoͤnlich beſuchen, oder er wird eine ſchriftliche Verbindung mit ihm anknuͤpfen. Auf jeden Fall muß Markham Everard und Du Augen in jeglichem Haare des Kopfes haben.“ Waͤhrend er das ſprach, runzelte ſich ſeine Stirne, er erhob ſich vom Stuhle, und ſchritt heftig bewegt durch das Zimmer.„Wehe Euch, wenn 4² Ihr mir den jungen Abentheurer entfliehn laßt!— Es waͤre beſſer fuͤr Euch, wenn Ihr in dem tiefſten Kerker Europa's ſchmachtetet, als wenn Ihr Englands Luft mit dem Gedanken einathmet, mich zu hintergehn. Ich habe offen mit Dir geſprochen, Burſche— offenherzi⸗ ger, als es mein Brauch iſt— die Umſtaͤnde erforderten es. Aber mein Vertrauen zu theilen gleicht der Wache uͤber ein Pulver⸗Magazin, der geringſte, der unbedeu⸗ tendſte Funke kann Dich in Aſche verwandeln, Sage Deinem Herrn, was ich ſagte— aber nicht, wie ich es ſagte. O der Schande, daß ich mich von meiner Leidenſchaft hinreißen ließ— geh', Herr Pearſon ſoll Dir verſiegelte Befehle bringen,— aber bleib— Du willſt etwas fragen.“ „Ich moͤchte wiſſen,“ ſagte Wildrake, dem die ſichtbare Angſt des Generals einiges Vertrauen einfloͤß⸗ te,„wie der junge Mann ausſieht, wenn ich ihn allen⸗ falls treffen ſollte.“ „Es iſt ein ſchlanker, kraͤftiger, ſchwaͤrzlicher Bur⸗ ſche, hoch aufgeſchoſſen, wie man ſagt. Da iſt ein Ge⸗ maͤlde von ihm, das vor Zeiten von einer trefflichen Hand gemalt wurde.“ Er kehrte eins der Gemaͤlde um, das gegen die Wand gewendet war, aber es zeigte ſich, daß es nicht das Bildniß Carls des Zweiten, ſon⸗ dern das ſeines ungluͤcklichen Vaters war. Cromwells erſte Bewegung zeigte die Abſicht das Gemaͤlde ſchnell wieder hinzuſtellen, und es ſchien, als beduͤrfe es einer Kraſtanſtrengung ſeiner Seits, 43 ſeine Abneigung es zu betrachten, zu unterdruͤcken. Aber er ward ihrer Herr, ſtellte das Gemaͤlde an die Wand und trat ernſt und langſam einige Schritte zu⸗ rüͤck, als waͤre er, trotz ſeines inneren Gefuͤhls, ent⸗ ſchloſſen, eine Stelle zu ſuchen, wo er es vortheilhaft betrachten koͤnne. Es war gut fuͤr Wildrake, daß er ihn nicht anſah, denn auch ſein Blut ſchaͤumte, als er das Bildniß ſeines Herrn in den Haͤnden deſſen ſah, welcher der Haupturheber ſeines Todes war. Als ein heftiger und aufbrauſender Menſch, bezaͤhmte er ſeine“ Leidenſchaften nur mit großer Muͤhe, und waͤre er beim erſten Auflodern ſeines Unwillens mit einer paſſenden Waffe verſehn gewefen, ſo wuͤrde Cromwell wahrſchein⸗ lich nie eine hoͤhere Stufe der Gewalt erſtiegen haben. Aber das natuͤrliche ploͤtzliche Aufbrauſen des Un⸗ willens, das einen gewöhnlichen Menſchen wie Wild⸗ rake ergriff, verſchwand neben der ſtarken, aber erſtick⸗ ten Bewegung, die ein ſo maͤchtiger Charakter wie Cromwell, zeigte Als der Cavalier die finſteren, kuͤh⸗ nen Zuͤge des großen Mannes, bewegt von inneren, unbeſchreiblichen Gefuͤhlen erblickte, da erſtarb die Flamme ſeiner eignen Heftigkeit und verlor ſich in Er⸗ ſtaunen und Furcht. So wahr iſt es, daß, wie das groͤßere Licht das kleinere unſcheinbar macht, große, talentvolle und herrſchende Gemuͤther im Strome der Leidenſchaften den ſchwaͤchern Willen und die Leiden⸗ ſchaften der anderen verdraͤngen und unterdruͤcken; ſo wie, wenn ein Bach ſich in einen dluß ergießt, der 44 ſtolze Strom die Gewaͤſſer des kleineren Baͤchleins an die Seite draͤngt. Wildrake ſtand ſchweigend, unthaͤtig und faſt er⸗ ſchrocken, waͤhrend Cromwell mit feſtem Ernſte im Auge und im Betragen das Bildniß des letzten Koͤnigs in kurzen, unterbrochenen Säaͤtzen erklaͤrte, wie jemand, der ſich zwingt, einen Gegenſtand zu betrachten, den ein ſtarkes, inneres Gefuͤhl peinlich und ſchmerzlich macht. Seine Worte ſchienen weniger an Wil drafen gerichtet, als der unwillkührliche Erguß ſeines eigenen Herzens zu ſeyn, das die Ruͤckerinnerung an die Ver⸗ gangenheit und die Vorempfindung der Zukunft be⸗ wegt. „Dieſer Flammaͤndiſche Maler,“ ſagte er,—„die⸗ ſer Antonio Van Dyke— welche Macht beſitzt er doch! Stahl kann verſtuͤmmeln, Krieger koͤnnen verwuͤſten und zerſtoͤren— aber der Koͤnig bleibt ſtets unverletzt; und waͤhrend unſere Enkel ſeine Hſchi hi leſen, koͤnnen ſie die melancholiſchen Zuͤge mit der traurigen Erzaͤhlung vergleichen.— Es war eine ernſte Nothwendigkeit— eine furchtbare That! Der ruhige Stolz dieſes Auges haͤtte Welten mit kriechenden Franzoſen, haͤtte geſchmei⸗ dige Italiaͤner, haͤtte umſtaͤndliche Spanier beherrſchen koͤnnen; aber er erhoͤhete nur den eigenthuͤmlichen Stolz des ernſten Englaͤnders.— Wir wollen dem armen, ſuͤndigen Menſchen, deſſen Athem in der Naſe iſt, es nicht zur Laſt legen, wenn ihm der Himmel die Nerven⸗ ſtarke verſagt, aufrecht ſtehn zu bleiben! Der ſchwache 45 Reiter wird von dem unlenkſamen Pferde abgeworfen und todt getreten— der ſtaͤrkere Mann, der beſſere Ritter aber ſpringt auf den leeren Sattel und gebraucht Zuͤgel und Sporn, bis das ſtolze Noß ſeinen Meiſter fühlt. Wer kann ihn tadeln, der hoch zu Pferde trium⸗ phirend durch die Menge reitet, weil ihm das gelang, wobei der Unfaͤhige und Schwache ſtuͤrzte und umkam? Wahrlich, er traͤgt nur den verdienten Lohn davon. Iſt alſo dieſes Stuͤck gemalte Leinwand etwas mehr, als ein Anderes? Nein; moͤge es in Anderen Vor⸗ wuͤrfe erregen das kalte, ruhige Autlitz, das ſtolze, kla⸗ gende Aug'. Wer nach hoͤheren Ruͤckſichten handelte, braucht vor gemalten Schatten nicht zu ſchaudern. We⸗ der Reichthum noch Macht erhob mich aus meiner Dun⸗ kelheit. Die unterdruͤckten Gewiſſen, die verletzte Frei⸗ heit Englands waren das Panier, dem ich folgte.“ Er erhob ſeine Stimme, als hielt er ſeine Ver⸗ theidigungsrede vor einem Gerichtshofe, ſo daß Pear⸗ ſon, der dienſtthuende Adjutant, das Zimmer oͤffnete. Als er aber ſeinen Herrn bemerkte mit glieundem Auge und ausgeſtrecktem Arme, das Knie vorgebogen und mit erhobener Stimme, wie ein General, der die Abant⸗Garde commandirt, ſo zog er ſich augenblicklich wieder zuruͤck. „Nein, es war keine tigennütige I Abſicht, die mich dazu bewog,“ fuhr Cromwell fort,„ich fordere die Welt— die Lebenden und die Todten fordere ich in die Schranken, wenn ſie behaupten, daß ich um mei⸗ 46 netwillen die Waſſen ergrif, oder um mein Gluͤck zu befoͤrdern. Kein Soldat in der ganzen Armee ſah jene unglückliche Begebenheit mit groͤßerem Be⸗ dauern—— ℳ In dieſem Augenblick oͤffnete ſich das Zimmer und eine Dame trat herein, die man, obgleich ihre Zuͤge ſanfter und weicher waren, doch wegen ihre Aehn⸗ lichkeit mit dem General ſogleich fuͤr ſeine Dochter erkennen mußte. Sie naͤherte ſich dem General, um⸗ ſchlang ihn zaͤrtlich mit dem Arme und ſprach mit uͤberredendem Tone:„Vater, das iſt nicht wohl ge⸗ than— Sie haben mir verſprochen, es ſolle nicht wie⸗ der Statt finden.“ Cromwell beugte das Haupt, wie jemand, der ſich entweder der Leidenſchaft ſchaͤmt, von der er ſich uͤberwaͤltigen ließ, oder des Einfluſſes, der uͤber ihm ausgeuͤbt wird. Doch folgte er dem liebreichen RNathe und verließ das Zimmer ohne den Kopf wie⸗ der gegen das Gemaͤlde zu wenden, das ihn ſo ſehr ergriffen has⸗. Drittes Kapitel. Dockor: Ach geht, ach geht,— Ihr wißt etwas, was Ibr nicht wiſſen ſolltet. 3 Macbeth. Wildrake blieb allein erſtaunt im Zimmer zuruͤck. Er hatte ſchon oft ſagen hoͤren, daß Cromwell, der 47 tiefe, einſichtsvolle, gewandte Staatsmann, der ruhi⸗ ge, unerſchrockene Feldherr, Er, der ſolche Schwierig⸗ keiten uͤberwunden und eine ſolche Hoͤhe erreicht hatte, daß er das Land, welches er eroberte ſchon, zu be⸗ herrſchen ſchien, daß auch Er, wie andere Maͤnner von großem Genie, einen natürlichen Hang zur Schwer⸗ muth habe, der ſich zu Zeiten in Worten und Hand⸗ lungen offenbare. Er ward zuerſt durch einen ploͤzli⸗ chen, uͤberraſchenden Wechſel bemerkbar als er die ausſchweifende Lebensart ſeiner Jugend verließ und ſtreng die religioͤſen Vorſchriften beobachtete, die er bei manchen Gelegenheiten als eine Leiter zu betrachten ſchien, die ihn der geiſtigen Welt naͤher bringe. Man ſagt, daß dieſer außerordentliche Mann ſich in dieſer Periode ſeines Lebens zuweilen von geiſtigen Ausſtrö⸗ mungen hinreißen ließ, oder, wie er glaubte, von pro⸗ phetiſchen Inſpirationen einer nahen Groͤze, oder ſon⸗ derbarer„ tiefer und geheimnißvoller Wirkungskraͤfte, mit denen er in Zukunft in Beruͤhrung kommen wuͤrde, ſo wie ſeine Jugendjahre ſich durch uͤbertriebene, aus⸗ gelaſſene Froͤhlichkeit und durch Ausſchweifungen be⸗ merklich machten. Das ſchien die Ausſtroͤmung ſeiner Leidenſchaft, die er eben gezeigt hatte, zu erklaͤren. Erſtaunt uͤber das was er geſehn, war Wildrake für ſich ſelbſt beſorgt. Wenn er ſchon nicht zu den nachdenkendſten Sterblichen gehörte, ſo hatte er doch ſo viel Verſtand einzuſehn, daß es gefaͤhrlich ſey, Zeuge der Schwaͤche der Großen auf Erden zu ſehn. 48 Auch ward er ſo lange allein gelaſſen, daß eine ge⸗ heime Furcht in ihm aufſtieg, ob der General nicht in Verſuchung kommen koͤnne, einen Zeugen verhaften oder bei Seite ſchaffen zu laſſen, der ihn mit den Vor⸗ würfen ſeines Gewiſſens hatte kaͤmpfen ſehn, da er ſich doch im Allgemeinen ſo ſehr uͤber die uͤbrige irdiſche Welt erheben wollte. Jedoch darin that er Cromwell Unrecht, der eben ſo fern von eiferſuͤchtigem Verdacht, als von Blutdurſt war. Nach Verlauf einer Stunde erſchien Pearſon, winkte dem Wildrake ihm zu folgen, und fuhrte ihn in ein entferntes Zimmer, wo er den General auf einem niedrigen Feldbette ſitzend fand. Auch ſeine Tochier war in dem Zimmer, blieb aber in einiger Entfer⸗ nung bei einer weiblichen Handarbeit ſitzen und wandte kaum den Kopf, als Pearſon und Wildrake ein⸗ traten. Auf ein Zeichen vom Lord General naͤheng ſich ihm Wildrake wie fruͤher.„Freund,“ ſagte er,„Deine alten Freunde die koͤniglich Geſinnten betrachten mich als ihren Feind, und betragen ſich gegen mich als wünſchten, ſie daß ich es wuͤrde. Aber ich verſichere Dich, ſie arbeiten zu ihrem eigenen Nachtheil; denn ich halte ſie noch, und habe ſie immer fuͤr ehrliche, eh⸗ renwerthe Narren gehalten die mit dem Hals in die Schlinge, und mit dem Kopfe gegen die Mauer ren⸗ nen, nur damit ein Mann Namens Stuart Koͤnig uͤber ſie ſey und kein anderer. Die Thoren! gibt es 8 .. 49 denn kein aus Buchſtaben zuſammengeſetztes Wort das eben ſo ſchoͤn klingt, als Carl Stuart mit dem Zauber⸗ Titel dabei? Das Wort Koͤnig iſt eine leuchtende Lam⸗ pe, die denſelben Goldſchein auf jede Verbindung des Alphabetes wirft, und doch vergießt Ihr Euer Blut ei⸗ nes Namens wegen! Aber Du, was Dich betrifft, Du ſollſt Dich nicht uͤber mich zu beklagen haben. Hier iſt ein gehoͤrig ausgeſtellter Befehl, das Jaͤgerhaus zu Woodſtock zu raͤumen und es Deinem Herrn oder denen einzuraͤumen, die er beſtimmen wird. Wahrſcheinlich wird er ſeinen Oheim und ſeine ſchoͤne Baſe bei ſich zu haben wuͤnſchen. Leb' wohl— denke an das was ich Dir geſagt habe. Man ſagt, Schoͤnheit waͤre ein Mag⸗ net fuͤr den bewußten jungen Mann, aber ich glaube, jetzt werden andere Sterne als glaͤnzende Augen und ſchoͤne Haare ſeine Bahn lenken. Dem ſey nun wie ihm wolle, Du kennſt meine Abſicht— ſpaͤhe, kund⸗ ſchafte aus; habe ein beſtaͤndig ſorgſames Auge auf je⸗ den zerlumpten Landſtreicher, der an Hecken und in Gaͤß⸗ chen ſchleicht— es gibt Zeiten wo ein Bettlerkleid das Löͤſegeld eines Koͤnigs bedecken kann. Da ſind einige portugieſiſche Goldſtuͤcke für Dich— etwas Seltenes in Deiner Taſche, wie ich denke.— Noch einmal denke an das, was Du gehoͤrt und, fuͤgte er mit gedaͤmpfter, eindrucksvoller Stimme hinzu,„vergiß was Du geſehn haſt. Meine Empfehlung an Deinen Herrn— und, noch einmal erinnere Dich— und vergiß.“ Wild⸗ W. Scott's Werke. XI. 4 50 rake verbeugte ſich, kehrte in ſein Gaſthaus zuruͤck und verließ Windſor in groͤßter Eile. Am Nachmittag deſſelben Tages traf der Cavalier ſeinen republikaniſchen Freund, der ihn in dem Gaſt⸗ hauſe zu Woodſtock aͤngſtlich erwartete.„Wo warſt Du? — Was haſt Du geſehen*— Welche ſeltſame Ungewiß⸗ heit iſt in Deinen Blicken?— Warum antworteſt Du mir nicht?“ „Weil,“ ſagte Wildrake, indem er ſeinen Reiter⸗ Mantel und ſein Rappier weglegte,„weil Du ſo viele Fragen auf einmal fraͤgſt. Man kann doch nur mit ei⸗ ner Zunge antworten, und die meinige klebt mir faſt am Gaumen.“ „Wird ein Trank ſie wohl loͤßen?“ ſagte der Oberſt; „doch wirſt Du den Zauber wohl ſchon bei jedem Bier⸗ hauſe am Wege verſucht haben. Beſtelle Dir was Du wiuſt, mein Freund, nur eile Dich.“ „Oberſt Everard,“ antwortete Wildrake,„ich habe heute nicht einmal ein Glas kaltes Waſſer getrun⸗. ken.“ „Nun, dann mußt Du deßwegen ſo gewaltig uͤbler Laune ſeyn,“ ſagte der Oberſt;„verbinde Deine Wunde mit Branntwein, aber unterlaſſe es ſo launenhaft und Dir ſelbſt unaͤhnlich zu ſehn, wie Du jetzt biſt.“ „Oberſt Everard,“ erwiederte der Ritter ſehr ernſt, „ich bin ein anderer Menſch geworden.“ „Ich glaube, Du aͤnderſt Dich jeden Tag im Jahr und jede Stunde im Tag. Komm', mein Freund, ſage 51 mir, haſt Du den General geſprochen und einen Befehl erhalten, die Sequeſtratoren von Woodſtock zu vertrei⸗ ben.“ „Ich habe den Teufel geſehn,“ ſagte Wildrake, „und er hat mir einen Raͤumungsbefehl für Dich aus⸗ geſtellt.“ „Gib mir ihn ſchnell,“ ſagte Everard, der das Paket ergriff. „Um Verzeihung, Mark,“ ſagte Wildrake,„kenn⸗ teſt Du die Abſicht, mit der es bewilligt wurde— wuͤß⸗ teſt du— was ich Dir nicht zu ſagen gedenke— welche Hoffnungen auf die Annahme deſſelben gegruͤndet ſind/ ſo glaube ich, Mark Everard, Du wuͤrdeſt eher ein glͤ⸗ hendes Hufeiſen vom Ambos nehmen, als das Stůck Papier aus meiner Hand.“. „Ach gey',“ ſagte Everard,„das koͤmmt von Dei⸗ nen uͤbertriebenen royaliſtiſchen Ideen, welche, obgleich vortrefflich, innerhalb gewiſſer Schranken uns doch ver⸗ ruͤckt machen, wenn ſie allzu hoch ſteigen. Glaube übri⸗ gens nicht, da ich doch einmal nothwendigerweiſe offen mit Dir ſprechen muß, daß ich ſorgenlos den Sturz un⸗ ſrer alten Monarchie und die Einrichtung einer neuen Regierungsform an ihrer Stelle ſehe. Aber ſoll mein Bedauern um das Vergangene mich verhindern, meine Zuſtimmung und meine Mithuͤlfe ſolchen Maaßregeln zu leihen, die in Zukunſt wahrſcheinlich am leichteſten Ruhe verſchaffen? Die königliche Sache iſt verfallen und ge⸗ ſtuͤrzt, haͤtteſt auch Du und jeder Cavalier in England 4. * 52 das Gegentheil geſchworen; geſtuͤrzt, um ſich nicht wie⸗ der zu erheben, wenigſtens fuͤr lange Zeit. Das Par⸗ lament, das ſo oft von denen geleitet und geführt ward, welche Muth genug hatten, ihre Meinungsfreiheit auf⸗ recht zu erhalten, iſt jetzt bis auf einige Staatsmaͤnner zuſammengeſchmolzen, welche wegen der Laͤnge der Zeit, in welcher ſie die Handhabung der Geſchaͤfte fuͤhren, die Achtung des Volkes verloren haben. Ohne die Armee zu verringern, koͤnnen ſie nicht beſtehen, und die Ar⸗ mee, vor Kurzem noch Diener— iſt jetzt Herr, und wird ſich nicht verringern laſſen wollen. Sie kennt ihre Staͤrke und weiß daß ſie, ſo lange ſie will, die engliſche Armee ſeyn kann, lebend von ihrem Solde und von freier Einquartierung. Ich ſage Dir Wildrake, wenn wir unſere Blicke nicht auf den einzigen Mann richten⸗ der ſie lenken und beherrſchen kann, ſo werden wir bald Kriegsgeſetze im Lande proclamiren hoͤren, und ich mei⸗ nes Cheils glaube, daß unſere Freiheiten nur durch die Weisheit und die Vorſicht Cromwells gerettet werden koͤnnen. Nun jetzt biſt Du im Beſitze meines Geheim⸗ niſſes. Du ſiehſt, daß ich nicht das Beſte thue nach meinem Wunſche, ſondern nach meinen Umſtaͤnden und meiner Lage. Ich wuͤnſche— zwar vielleicht nicht ſo heftig, wie Du— doch wuͤnſche ich, daß der Koͤnig mit einem vernuͤnftigen Vertrag wieder eingeſetzt wuͤrde, der ſowohl unſere als ſeine Rechte ſicherte. Und nun mein guter Wildrake, wenn Du mich ſchon fuͤr einen Rebel⸗ len haͤltſt, ſo bin ich doch wenigſtens, wie Du ſiehſt ein 8 —— 53³ unwillkührlicher Empoͤrer. Gott weiß, ich legte meine Liebe und meine Ehrfurcht gegen den Koͤnig nie bei Sei⸗ te, ſelbſt als ich das Schwerdt gegen ſeine ſchlechten Nathgeber zog.“. „Ach hol' Dich der Teufel,“ ſagte Wildrake,„da drin liegt ja eben die Heuchelei— das ſagt Ihr alle. Ihr habt gegen den Koͤnig aus reiner Lieb' und Royalis⸗ mus gefochten, und nicht anders. Doch ſeh' ich wohin Du willſt, und ich geſtehe, daß es noch beſſer ausgefal⸗ len iſt, als ich erwartete. Die Armee iſt nun einmal Dein Baͤr, der alte Noll der Baͤrentreiber, und Du machſt es wie ein Landreiter, der ſich mit dem Baͤren⸗ treiber haͤlt, damit er nur den Baͤren nicht loslaͤßt. Nun gut, es wird auch einmal ein Tag kommen, wo die Sonne uns zulaͤcheln wird, und dann wirſt Du und alle diejenigen, welche den Mantel nach dem Winde haͤngen und immer der ſiegreichen Parthei huldigen, kommen, und gemeinſchaftliche Sache mit uns ma⸗ chen.“.. Ohne viel auf das zu hoͤren, was ſein Freund ſchwatzte, ſtudirte Oberſt Everard ſorgfaͤltig den Befehl Cromwells.„Er iſt kühner und energiſcher, als ich es erwartete,“ ſagte er.„Der General muß ſich ſtark fuͤh⸗ len, wenn er ſeine eigene Aukoritaͤt ſo unmittelbar der des Staatsrathes und des Parlaments entgegenſetzt.“ „Du wirſt doch nicht ſchwanken, Gebrauch davon zu machen?“ ſagte Wildrake. 3 „Nein gewiß nicht,“ antwortete Everard, aber ich 54 muß warten, bis ich der Mitwirkung des Maires verſi⸗ chert bin, welcher wie ich glaube, dieſe Burſche gerne aus dem Jaͤgerhauſe jagen ſehen wird. Doch muß ich wo moͤglich nicht gleich auf meine militaͤriſche Gewalt trotzen.“ Dann nahete er ſich der Thuͤr, und fertigte einen Diener des Hauſes an den Buͤrgermeiſter mit der Bitte ab, daß Oberſt Everard ihn in ſo kurzer Zeit wie moͤglich zu ſprechen wuͤnſchte. „O Du kannſt ſicher ſeyn, daß er kommen wird, wie ein Hund auf die Pfeife,“ ſagte Wildrake,„das Vort Hauptmann oder Oberſt ſetzt in dieſen Dagen den feiſteſten Buͤrger in Trab, denn jetzt iſt ein Schwerdt fünfzis Zunft⸗ Prioilegien werth. Aber da drunten ſind Dragoner, ſo wie auch der verzerrte Burſche, den ich am verfloſſenen Abend ſo erſchreckte, als mein Geſicht am Fenſter erſchien. Glaubſt Du, die Kerls wuͤrden uns keinen Strich durch die Rechnung ziehen?“ „Der Beſehl des Generals wird bei ihnen mehr ausrichten, als ein ganzes Duzend Parlaments⸗Acte,“ ſagte Everard.„Aber es iſt Zeit, daß Du etwas iſſeſt, wenn Du wirklich ohne Aufenthalt von Windſor bis hie⸗ her geritten biſt.“ „Darum kümmre ich mich nichts,“ fagte Wild⸗ rake;„ich ſage Dir, Dein General hat mir ein Fruͤh⸗ ſtuͤck aufgetiſcht, an das ich eine Zeitlang denken werde, wenn ich es nur je verdauen kann. Bei der heiligen Meſſe, es laſtete ſo ſchwer auf meinem Gewiſſen⸗ daß ich es in die Kirche trug, um zu ſehen, ob ich es dort 5⁵ mit meinen anderen Suͤnden verdauen koͤnne,— aber durchaus nicht.“ „In die Kirche! An die Kirchenehare meinſt Du 29 ſagte Everard.„Du ziehſt gewoͤhnlich an der Schwelle Deinen Hut ehrfurchtsvoll ab, aber ſie zu uͤberſchreiten, daran kommt die Reihe ſelten.“ „Nun,“ erwiederte Wildrake,„wenn ich auch mei⸗ nen Hut abziehe und niederknie, iſt es denn nicht paſ⸗ ſend, der Kirche dieſelbe Ehrfurcht zu bezeugen, die wir im Palaſte darbringen? Es iſt ja abſcheulich zu ſehen, wie Eure Anabaptiſten und Browniſten und wie ſie alle heißen moͤgen, ſo formlos zu einer Predigt gehen, wie die Schweine zu ihrem Trog? Aber da kömmt zu eſſen, und nun will ich ein Gebet ſprechen, wenn mir noch eins einfaͤllt.“ Everard war zu ſehr um das Schickſal ſeines Oheims und ſeiner ſchoͤnen Nichte bekuͤmmert und von der Hoffnung, ſie wieder in ihr ruhiges Haus einzufüh⸗ ren unter dem Schutze jenes furchtbaren Stammes, wel⸗ cher ſchon als der leitende Stab Englands betrachtet wurde, als daß er haͤtte bemerken koͤnnen, daß in dem Betragen oder wenigſtens in dem Aeußeren ſeines Ge⸗ faͤhrten eine große Veraͤnderung vorgefallen war. Sein Betragen verrieth oft eine Art Kampf zwiſchen der alten Gewohnheit der Ausſchweifung, und einem nun gefaß⸗ ten Entſchluß der Enthaltſamkeit, und es war faſt laͤ⸗ cherlich anzuſehen, wie die Hand des Neulings ſich immer unwillkuͤhrlich einem großen ſchw rzen lebernen 56 Schlauche nahte, welcher zwei Maaß ſtarkes Bier ent⸗ hielt, und wie oft er von beſſeren Betrachtungen bei ſei⸗ nem Vorhaben Leſoͤrt, ſtatt deſſen einen maͤchtigen Krug geſunden, reinen Waſſers ergriff. Man konnte leicht ſehen, daß ihm die Maͤßigkeit noch nicht ſehr zur Gewohnheit geworden war, und daß, wenn ſie auch von dem inneren geiſtigen Menſchen kraͤf⸗ tig empfohlen ward, der aͤußere doch nur widerſtre⸗ bend gehorchte. Aber unſer ehrlicher Wildrake ward von dem Auf⸗ trage, welchen ihm Cromwell gegeben hatte, furchtbar in Schrecken geſetzt, und mit einem Gefuͤhle, das nicht grade der katholiſchen Religion allein eigen iſt, hatte er in ſeinem Inneren den feierlichen Entſchluß gefaßt, daß, wenn er ſicher und ehrenvoll aus dieſer gefaͤhrlichen Unterredung entkäme, er ſeine Dankbarkeit gegen die Gnade des Himmels dadurch zeigen wolle, daß er den Sünden, denen er am meiſten ergeben war, naͤmlich denen der Unmaͤßigkeit, entſagen wolle. Dieſer Entſchluß, oder wenn man lieber will, die⸗ ſes Geluͤbde war ſowohl vernuͤnftig als religioͤs, denn er ſah die Moͤglichkeit ein, daß ihm bei ſeiner gegenwaͤr⸗ tigen bedraͤngten Lage eine Sache von ſchwieriger und delikater Natur in die Haͤnde fallen koͤnnte, bei deren Behandlung es nicht ſonderlich rathſam ſeyn dürfte, ſich nach keinem beſſeren Orakel zu richten, als nach dem, der von Rabelais beſungenen Flaſche.⸗ Ueberein⸗ ſtimmend mit dieſem weiſen Entſchluß kerührte er we⸗ — 57 der das Bier, noch den Branntwein, der vor ihm ſtand, und verweigerte ein fuͤr allemal den Sekt, wo⸗ mit ſein Freund ihn bewirthen wollte. Doch gerade als der Kellner Teller und Servietten ſamt dem ſchon erwaͤhnten großen ſchwarzen Schlauch wegthun wollte, und ſich der Thuͤre einige Schritte genaͤhert hatte, da hielt der muskulöſe Arm des Cavaliers die Fortſchritte des ab⸗ gehenden Ganymeden auf, ergriff den ſchwarzen Schlauch, ſetzte ihn an die Lippen und ſprach halb laut fuͤr ſich: „Verdammt, ich wollte ſagen, Gott verzeih' mir, wir ſind arme irdiſche Geſchöpfe, ein beſcheidener Schluck wird wohl unſerer Schwaͤche erlaubt ſeyn.“ Indem er das brummte, ſetzte er den maͤchtigen Schlauch an die Lippen, und da ſich ſein Kopf nach und nach ruͤckwaͤrts beugte, in demfelben Verhaͤltniß, als die rechte Hand den Bo⸗ den des Krugs erhob, ſo zweifelte Everard ſehr, ob der Trinker und die Schaale Abſchied nehmen wuͤrden, bis der ganze Inhalt des letzteren in die Perſon des erſte⸗ ren uͤbergegangen ſey. Doch ſetzte Roger Wildrake ab, als er nach einem maͤßigen Ueberſchlag auf einem Zuge ungefähr anderthalb Maaß ausgetrunken hatte. Dann ſtellte er es wieder hin, ſchoͤpfte tief Athem, um ſeine Lunge zu erfriſchen, und bat den Kellner das Uebrige mit fortzunehmen, mit einem Tone, der ſeinen innern Zweiſel an ſeiner eigenen Standhaftigkeit verrieth; dann wandte er ſich an ſeinen Freund Everard, er⸗ goß ſich in Lobpreiſungen uͤber die Maͤßigkeit, wobei er bemerkte, daß der Schluck, den er eben genommen 58 habe, ihm dienlicher geweſen ſey, als wenn er bei Ti⸗ ſche vier Stunden lang Geſundheiten getrunken haͤtte. Sein Freund antwortete nichts, konnte aber pri⸗ vatim die Meinung nicht unterdruͤcken, daß Wildrake in ſeinem einzigen Zug ſo viel geleiſtet habe, wie ein tuͤchtiger Trinker, wenn er die ganze Nacht beim Schop⸗ pen ſitzt. Bald aber aͤnderte ſich die Unterredung, denn der Wirth trat herein, um Sr. Gnaden dem Oberſt Everard anzuzeigen, daß der hochzuverehrende Herr Bürgermeiſter von Woodſtock ſamt dem hochwuͤr⸗ digen Mr. Holdenough ihre Aufwartung machen woll⸗ ten. Viertes Kapitel. — und auf zwei Körpern ſteht ein⸗Kopf. Der doppelköpf'ge Stier, ein Eſel iſt's, Verglichen mit dem großen Wunder. Und Rath und Meinung und Gedanke Sie ſind für beide Körper gleich; Und ſpricht der eine Kopf die Meinung aus, So ſcharren ihm vier Füße Beifall zu. Altes Schauſpiel. In der anſehnlichen Geſtalt des Buͤrgermeiſters lag eine Miſchung von geſchaͤftiger Wichtigkeit und von Verlegenheit, wie ein Mann, velcher weiß, daß es etwas Wichtiges zu verhandeln gibt, der aber nur * 59 nicht gleich weiß, worin wohl ſeine Rolle beſtehen moͤch⸗ te. Doch ſprachen ſeine Zuͤge Freude aus, den Everard zu ſehen und er wiederholte ſeinen Willkomm' und ſeine Begluͤckwuͤnſchung gar haͤufig, ehe er hörte, was die⸗ ſer zu erwiedern habe. „Mein guter wuͤrdiger Oberſt, Sie ſind wahrlich zu jeder Zeit ein ſehr wuͤnſchenswerther Anblick für Woodſtock, da Sie, ich moͤchte faſt ſagen, ein Buͤrger dieſer Stadt ſind, da Sie ſo haͤufig und ſo lange in dem Palaſte wohnten. Wahrhaftig bald uͤberſteigen die Dinge meinen Witz, denn obgleich ich den ſlaͤdtiſchen Geſchaͤften ſchon lange Jahre vorſtehe, und Sie mir zu Huͤlfe kommen, wie—“ „Tanquam Deus ex machina, wie der Dichter ſpricht,“ ſagte Mr. Holdenough„obgleich ich nicht gern aus folchen Buͤchern citire.— Aber wahrlich Mr. Markham Everard oder mein wuͤrdiger Oberſt, wie ich ſagen wollte, Sie ſind geradezu der willkom⸗ menſte Mann in Woodſcock feit den Zeiten des alten Königs Heinrich.“ „Ich habe einige Geſchaͤfte mit Ihnen zu verhan⸗ deln, mein guter Freund,“ ſagte der Oberſt, indem er ſich an den Nuͤrgermeiſter wandte,„und es ſoll mich freuen, wenn ich zu gleicher Zeit Gelegenheit fin⸗ de, Ihnen oder Ihrem wuͤrdigen Geiſtlichen dienen zu können.“ „Reden Sie nicht ſo, mein werther Herr,“ fiel Mr. Holdenough ein,„Herr, Sie haben das Herz und 60 die Macht dazu, und wir brauchen nothwendigerweiſe guten Rath von einem kraͤftigen Manne. Ich weiß, mein wuͤrdiger Oberſt, daß Sie und Ihr ehrenwerther Vater ſich in dieſen ſluͤrmiſchen Zeiten immer wie Maͤnner von einem chriſtlichen und wahrhaft gemaͤßigten Geiſte gezeigt haben, die Oel in die Wunden des Lan⸗ des goſſen, die andere mit Vitriol und Pfeffer reiben wollten; auch wiſſen wir, daß Sie getreue Kinder der Kirche ſind, welche wir von ihren papiſtiſchen und praͤ⸗ latiſtiſchen Formen gereinigt haben.“ „Mein guter ehrenwerther Freund,“ ſagte Everard, „ich achte die Religioſitaͤt und die Gelehrſamkeit vie⸗ ler Prediger Ihrer Kirche; aber ich bin auch fuͤr all⸗ gemeine Gewiſſensfreiheit. Ich bin zwar den Sektikern nicht uͤbermaͤßig gewogen, doch wuͤnſcht' ich ſie auch nicht als einen Gegenſtand gewaltthaͤtiger Unterdruͤckung zu erblicken.“ „Sir, Sir“, ſagte der Preßbyterianer heftig', „das klingt alles recht ſchoͤn, aber bedenken Sie nur, welch ein ſchoͤnes Land und welche ſchoͤne Kirche wir bekommen wuͤrden, unter den Jerthuͤmern, den Got⸗ teslaͤſterungen und den Abweichungen, die ſich taͤglich in der Kirche und in dem Königreiche von England einſchleichen, ſo daß der ehrenwerthe Mr. Edwards in ſeiner Gangrena erklaͤrt, unſer Vaterland ſey nahe daran, die Schleuße und der Pfuhl aller Schismata, Ketzereien und Gotteslaͤſterungen und Verwirrungen zu werden, ſo wie man von der Armee des Hannibal ſagt⸗ 61 daß ſie der Auswurf aller Nationen, Colluvies om- nium gentium, geweſen ſey. Glauben Sie mir, mein wuͤrdiger Oberſt, daß die Mitglieder des ehrenwerthen Parlaments das alles viel zu leicht und mit der ſchwa⸗ chen Nachgiebigkeit des alten Elias aufnehmen. Dieſe Lehrer, dieſe Schismatiker ſtoßen die rechtglaͤubigen Geiſtlichen von ihren Kanzeln, ſchleichen ſich in Fami⸗ lien ein, ſtoͤren den Hausfrieden und entziehen der rechtglaͤubigen Kirche die Herzen der Menſchen.“ „Mein guter Mr. Holdenough,“ erwiederte der Oberſt, indem er den Prediger unterbrach,„freilich muͤſſen dieſe ungluͤcklichen Zwiſte Sorgen und Kummer erregen, und ich glaube mit Ihnen, daß der feurige Geiſt unſrer Zeit ploͤtzlich das menſchliche Gemuͤth⸗ uͤber nuͤchterne und auſrichtige Religions⸗Begriffe, uͤber Anſtand und geſunden Menſchen⸗Verſtand er⸗ hoben hat. Aber da gibt es keine Hülfe, außer Ge⸗ duld. Schwaͤrmerei iſt ein Strom, der ſich ſeiner Zeit im Sande verliert, waͤhrend man ſicher ſeyn kann, daß er jegliche Schranke niederreißen wird, die man ihm un⸗ mittelbar entgegen ſetzt.— Aber wie kommen dieſe theolo⸗ giſchen Streitigkeiten zu unſerem gegenwaͤrtigen Zweck?“ „Doch gewiſſermaßen Sir,“ ſagte Holdenough, „wenn Sie ſich ſchon vielleicht weniger daraus ma⸗ chen, als ich es gedacht haͤtte, ehe wir uns trafen. — Ich ſelbſt, ich Nehemias Holdenough,“ fuͤgte er mit einer Wichtigkeits⸗Miene hinzu,„ward mit Ge⸗ walt aus meiner Kanzel geſtoßen, ſo wie ein Mann 2 von einem Fremden oder einem Aufdringlichen aus ſeinem eigenen Hauſe verjagt; von einem Wolfe, der ſich nicht einmal die Muͤhe gab, das Schafsgewand umzuhaͤngen, ſondern in ſeiner natuͤrlichen woͤlfiſchen Tracht mit Saͤbel und Bandalier kam, und an mei⸗ ner Stelle zu dem Volke predigte, das mir gewogen iſt wie eine Heerde ihrem geſetzmaͤßigen Hirten. Es iſt nur zu wahr, Sir⸗— der Herr Buͤrgermeiſter ſah es mit an, und ſuchte ſo viel wie moͤglich dafür zu ſor⸗ gen, daß die Ordnung wieder hergeſtellt wuͤrde, ob⸗ gleich ich,“ hier wandte er ſich zu dem Maire,„ob⸗ gleich ich glaube, daß ſie ein wenig beſſer haͤtten dafuͤr ſorgen koͤnnen.“ „Laß das gut ſeyn, mein guter Mr. Holdenough, wir wollen nicht auf die Sache zuruͤck io nmen,“ ſagte der Maire.„Guy von Warwick oder Bevis von Hampton haͤtten mit dieſem Geſchlechte wohl etwas ausrichten koͤnnen; aber wahrhaftig, es ſind ihrer zu viele, und ſie ſind zu ſtark für einen Buͤrgermeiſter von Woodſtock.“ 6 „Meiner Anſicht nach ſpricht der Herr Maire ganz vernünftig,“ ſagte der Oberſt,„denn ich ſuͤrchte, wenn man den Independenten das Predigen nicht er⸗ laubt, ſo werden ſie auch nicht fechten wollen; und wie waͤre es dann, wenn die Royaliſten von Neuem ſich erheben würden?“ „Es gibt wahrlich noch ſchlimmere Leute, als die Royaliſten,“ ſagte Holdenough 63. „Was Herr?“ erwiederte Oberſt Everard;„Er⸗ lauben Sie mir, Sie daran zu erinnern Mr. Holde⸗ nough, daß das bei dem gegenwaͤrtigen Zuſtand der Nation keine Rede iſt, wobei man ſehr ſicher ſeyn kann.“— „Ich ſage,“ verſetzte der Presbyterianer,„es gibt noch ſchlimmere Leute, als die Royaliſten. Der Deufel iſt doch ſchlimmer, als der aͤrgſte Cavalier, der je eine Geſundheit trank, oder einen Fluch ausſtieß — und der Teufel iſt im Jaͤgerhaus zu Woodſtock er⸗ ſchienen!“ „Ja, ganz gewiß,“ ſagte der Buͤrgermeiſter, „koͤrperlich und ſichtbarlich in eigener Geſtalt und Form. Wir leben in einer furchtbaren Zeit.“ „Gentleman, ich weiß wahrlich nicht, wie ich Sie verſtehen ſoll,“ ſagte Everard. „Je nun, wir kamen eben um wegen des Deufels mit Ihnen zu reden,“ erwiederte der Maire,„aber unſer hochzuverehrender Herr Pfarrer iſt immer ſo hef⸗ tig gegen die Sektiker-“ „Weil ke eine Teufelsbrut ſind, und nahe mit dem bo en Feinde ſelbſt verwandt,“ ſag e Mr. Holde⸗ nough.„Aber das iſt wahr, daß das Ueberhandneh⸗ men dieſer Sekten den Satan ſelbſt wieder auf die Oberſlaͤche der Erde gelockt hat, um ſeine Angelegen⸗ heiten, die er in ſehr bluͤhendem Zuſtande findet, ſelbſt zu beſorgen.“ „Mr. Holdenongh,“ verſetzte der Oberſt,„wenn —;,nn 64 Sie bildlich ſprechen, ſo habe ich Ihnen ſchon geſagt, daß ich weder die Mittel, noch die Kunſt beſitze, die religioͤſen Zwiſtigkeiten beizulegen. Wenn Sie aber damit ſagen wollen, daß eine wirkliche Erſcheinung des Teufels Statt fand, ſo meine ich doch, Ihr Stand und Ihre Gelehrſamkeit machten Sie zu einem beſſe⸗ ren Kaͤmpfer gegen ihn, als ein Soldat, wie ich, es ſeyn kann.“ „Das iſt ganz wahr, Herr, und ich habe ſo viel Zutrauen in mein Amt, daß ich ohne einen Augenblick zu verzoͤgern, gegen den boͤſen Feind in's Feld ruͤcken wollte. Aber da er zuletzt in Woodſtock erſchien, das mit den gefaͤhrlichen und irreligiden Menſchen ange⸗ uͤllt iſt, uͤber welche ich mich eben beklagte; und ob⸗ gleich ich mich ſelbſt mit ihrem Großmeiſter einzulaſſen wagen wollte, ſo kann ich mich doch ohne Ihren Schutz, mein wertheſter Oberſt, nicht wohl kluͤglich dem bruͤl⸗ lenden und ſtoßenden Ochſen Desborough, oder dem blutigen zerreißenden Baͤren Harriſon, oder der kalten giftigen Schlange Bletſon anvertrauen. Denn dieſe ſind jetzt alle im Jaͤgerhaus, uͤben Ausſchweifungen aus und theilen jegliche Beute, die ſie nur finden koͤnnen; und, wie man allgemein ſagt, iſt der Teufel dazu ge⸗ kommen, um der vierte Mann im Spiel zu ſeyn.“ „Bei meiner Treue, mein wuͤrdiger und edler Herr,“ fagte der Buͤrgermeiſter,„es verhaͤlt ſich grade ſo, wie Mr. Holdenough es ſagt— unſere Prioilegien ſind fuͤr null und nichtig erklaͤrt, und unſer Vieh auf 65 der Weide ſelbſt ergriffen worden. Sie ſprechen davon, die ſchone Jagd, die ſo lange das Vergnuͤgen vieler Koͤnige war, niederzureißen und zu zerſtoͤren, und Woodſtock ſo unbedeutend zu machen wie das geringſte Dorf. Ich verſichere es Ihnen, wir hoͤrten Ihre An⸗ kunft mit Freude, und wunderten uns nur, warum Sie ſich ſo einſam in Ihrer Wohnung hielten. Außer Ihrem Vater und Ihnen kennen wir Niemanden, der ſich in dieſer Noth als ein Freund der armen Buͤrger zeigen koͤnnte, denn der ſaͤmmtliche Adel der Umgegend iſt als royaliſtiſch bekannt, und ſeine Guͤter liegen unter Beſchlag. Wir hoffen alſo, daß Sie unſerentwegen ein kraͤftiges Wort als Fuͤrſprache einlegen werden.“ „Ohne Zweifel, Herr Buͤrgermeiſter,“ ſagte der Oberſt, der mit Vergnuͤgen ſah, daß man ihm zuvor⸗ kam;„es war ſogleich meine Abſicht in dieſer Sache den Vermittlergen machen; und ich hielt mich nur ſo lange zuruͤck, bis ich mit der gehörigen Gewalt vom Lord General verſehen wurde.“ „Befehle vom Lord General!“ ſagte der Maire, den Geiſtlichen mit dem Ellenbogen ſtoßend—„wel⸗ cher Hahn wird mit dieſem kaͤmpfen wollen? Nun wer⸗ den wir den Sieg davon tragen und Woodſtock wird immer noch das alte, beruͤhmte Woodſtock bleiben!“ „Halte doch Deinen Ellenbogen von meiner Seite entfernt Freund,“ ſagte Holdenough verdruͤßlich uͤber die Bewegung, welche die Worte des Maires begleitet hatte,„und möge Gott geben, daß Cromwell das Volk von England nicht ſo hart ſtoße, wie Deine Knochen meine Perſon! Doch will ich es zugeben, daß wir ſeine Macht gebrauchen, um das Unternehmen dieſer Leute zu verhindern.“ „So laßt uns alſo aufbrechen„ ſagte Oberſt Eve⸗ rard,„und ich hoffe, wir werden finden, daß die⸗ Herren vernuͤnftig und gehorſam ſind.“ Die Beamten, der Laye ſowohl wie der Geiſtliche, gaben mit vieler Freude ihre Einwilligung dazu, und der Oberſt verlangte und erhiel⸗ Wildrake's Huͤlfe Leim W Seott's Werke Xl. 5 /—;——ꝛ¼·, 66 Anlegen ſeines Mantels und ſeines Degens, als waͤre diefer wirklich der Abhaͤngige, deſſen Rolle er ſpielen mußte. Doch richtete es der Ritter ſo ein, daß er ſei⸗ nem Freunde dabei einen tuͤchtigen Stoß verſetzte, um doch die Gleichheit aufrecht zu erhalten, welche im Ge⸗ heimen zwiſchen ihnen beſtand. Als ſie durch die Straßen gingen, ward der Oberſt von vielen aͤngſtlichen Bewohnern begruͤßt, die ſeine Vermittlung als das einzige 9 ihren ſchoͤ⸗ nen Park und die Rechte der von Untergang und Conſiscati Zuͤnfte 1 aüscation zu retten. Als ſie in den Park eintraten, frug der Oberſt ſeine Gefährten, „von was fuͤr Erſcheinungen habt ihr denn geſprochen, die unter ihnen geſehen worden ſind?“ „Ei Herr Oberſt,“ ſagte der Geiſtliche,„Sie wiſſen ja ſelbſt, daß es in Woodſtock immer ſpukte.“ „ Ich habe lange Zeit dort gelebt,“ ſagte der Oberſt⸗ „und ich muß geſtehen, daß ich nie die Zeringſte Spur davon entdecken konnte; obgleich muͤſſige Leute das Haus betrachteten, wie alle alte Gebaͤude, und den Zimmern Geiſter und Geſpenſter gaben, um die Stelle der ent⸗ ſchlafenen Großen auszufüllen, welche von jeher darin wohnten.“ 4 4 „Aber mein guter Oberſt,“ ſagte der Geiſtliche, „ ich hoffe, daß die vorherrſchende Suͤnde der Zeit alle 3 Zeugniſſe zu Gunſten der Erſcheinungen zu verwerfen, nicht auch Sie ergriffen hat, da ſie fuͤr jedermann ſo einleuchtend ſind, autzer fuͤr Gotteslaͤugner und Hexen⸗ Advokaten?“ „Ich moͤchte nicht gradezu das laͤugnen, was ſo all⸗ gemein beſtaͤtigt wird“ ſagte der Oberſt,„aber mein Verſtand raͤth mir, die meiſten Geſchichten dieſer Art, welche ich gehoͤrt habe, zu bezweifeln, und meine ei⸗ gene Erfahrung konnte niemals eine von ihnen beſtaͤ⸗ tigen.“ „Ach glauben Sie mir's nur,“ ſagte Holdenough, „es befand ſich immer ein Daͤmon der einen oder der anderen Art in der Gegend von Woodſtock. In der 67 ganzen Stadt iſt kein Mann und keine Frau, die nicht Geſchichten von Erſcheinungen in dem Walde oder in der Gegend des alten Schloſſes haͤtte erzaͤhlen hoͤren. Bald iſt es eine Kuppel Hunde die vorbeijagen, und das Hal⸗ loh und das Geſchrei der Jaͤger, und das Toͤnen der Hoͤrner, und das Jagen der Pferde, welche man erſt in der Ferne und dann immer naͤher hoͤrt. Ein anderes Mal iſt es ein einſamer Jaͤgersmann, der Euch fragt, ob⸗Ihr ihm nicht ſagen könnt, wohin das Reh gelaufen iſt. Er geht beſtaͤndig grün gekleidet, aber der Schnitt ſeines Kleides iſt etwa fünfhundert Jahre alt. Das nennen wir den Daemon Meridianum— das Mittags⸗ geſpenſt.“ „Mein wuͤrdiger und verehrter Herr„“ ſagte der Oberſt,„Ich habe viele Jahre zu Windſor verlebt und den Park zu allen Stunden durchſtriift. Glauben Sie mir, was Sie von den Bauern karen, iſt nur ein Er⸗ zeugniß ihrer muͤſſigen Thorheic und ihres Aberglau⸗ bens.“ „Oberſt,“ erwiederte Holdenough,„eine Vernei⸗ nung beweißt nichts. Was zeweißt es denn, mit Ihrer Erlaubniß, wenn auch Sie nichts geſehn haben, es ſey iirdiſch oder uͤberirdiſch, wenn zwanzig Zeugen das Ge⸗ gentheil behaupten?— Ueberdieß gibt es auch noch einen Daemon Nocturnum ein Weſen, das bei Nacht her⸗ umwandelt.— Er ſpukte in der vergangenen Nacht unter dieſen Independenten und Schismatikern.— Ja, Hberſt ſtutzen Sie nur— jezt moͤgen ſi ob ihre Predigt⸗ und Gebets⸗Inſpiralionen, wie ſie es profaner Weiſe nennen, Eindruͤck auf ihn machen. Nein Herr, un den boͤſen Feind zu baͤndigen, dazu gehoͤrt eine gehoͤrige Kenntniß der Theologie, Bekannt Humaniores, eine regelmaͤßige geiſtliche Erziehung und ein geiſtlicher Beruf.“— „Ich bezweifle nicht im Geringſten,“ ſagte der Oberſt,„die Wirkſamkeit Ihrer Faͤhigkeiten, den Teu⸗ fel zu bannen; doch glaube ich immer noch, daß irgend ein arges Mißverſtaͤndniß dieſe Verwirrung unter ihnen 6. 68 angerichtet hat, wenn dieſelbe wirklich vorfiel. So viel iſt einmal gewiß, Deshorough iſt ein Dummkopf, und Harriſon fanatiſch genug, Alles zu glauben. Da iſt aber auͤf der andern Seite Bletſon, der gar nichts glaubt.— Was wiſſen Sie denn eigentlich von der Sache, mein guter Herr Maire?“ „Ja, und doch war es gerade Mr. Bletſon, wel⸗ cher zuerſt den Laͤrm anfing,“ erwiederte der buͤrger⸗ liche Bꝛamte,„oder der wenigſtens das erſte deutliche Zeichen davon gab. Denn ſehen Sie, Sir, ich lag gerade im Bette mit meiner Frau und mit weiter nie⸗ mand; und ſchlief ſo feſt, als man es um 2 Uhr in der Nacht nur verlangen kann, als, merken Sie wohl auf, an der Thure meines Schlafzimmers geklopft ward, und man mir ſaste, daß ein großer Laͤrm in Wood⸗ ſtock waͤre, und daß die Glocke des Jaͤgerhauſes in die⸗ ſer naͤchtlichen Geſperſterſtunde ſo heftig laͤute, wie nur jemals, wenn ſie dem Hofe das Zeichen zum Mittag⸗ Eſſen gegeben habe.“ „Schoͤn, aber was war denn die Urſache dieſes Laͤrmens,“ ſagte der Oberſt. „Sie ſollen es ſchon hoͤren, mein wuͤrdiger Herr Oberſt,“ erwiederte der Maire, indem er mit Wuͤrde die Hand bewegte; denn er war einer von denen Perſo⸗ nen, die ſich nicht gerne aus dem Takt bringen laſ⸗ ſen.„Die Frau Buͤrgermeiſterin aber, die gute Frau wollte mich in ihrer Liebe und Zuneigyng uͤberzeugen, daß ich, wenn ich zu ſolch einer Stunde aus meinem warmen Bette aufſtaͤnde, gewiß mein altes Lendenweh wieder bekommen wuͤrde, und ich ſollte die Leute zum Alterman Dutton ſchicken.— Alterman Teufel, Frau Buͤrgermeiſterin, ſagte ich;— ich bitte Ew. Hochwuͤr⸗ den um Verzeihung, ſolchen Ausdruck zu gebrauchen— glaubſt Du, ich wuͤrde im Bette ſtecken bleiben, wenn die Stadt brennt und die Royaliſten los ſind, und der Teufel ſein Unweſen treibt? Ich bitte Euch wieder um Verzeihung.— Aber da ſind wir ja am Thor des Pa⸗ laſtes, iſt es nicht gefaͤllig einzutreten?“ 4 69 „Ich moͤchte erſt das Ende Ihrer Geſchichte hö⸗ ren,“ ſagte der Oberſt,„naͤmlich Herr Buͤrgermeiſter, wenn ſie gar ein Ende hat.“ „Ein jedes Ding hat ein Ende,“ ſagte der Bur⸗ 5 germeiſter,„und eine Wurſt hat ſogar ihrer zwei.— Ew. Gnaden verzeihen, wenn ich ſcherze. Aber wo blieb ich doch? Richtig, ich ſchluͤhfte alſo aus dem Bette, zog meine rothen Bluͤſchhoſen an ſammt den blauen Zwickelſtruͤmpfen, denn ich halte es immer fuͤr einen Punkt der Ehre, bei Nacht und bei Tag, im Sommer und im Winter meiner Wuͤrde gemaͤß geklei⸗ det zu ſeyn; ich nahm den Haͤſcher mit, im Fall der Läaͤrm von Nachtwandlern oder Dieben entſtanden waͤre, rief auch den wuͤrdigen Mr. Holdenough aus ſeinem Bette, im Fall es ſich zeigen ſollte, daß es der Deu⸗ fel waͤre. So glaubte ich, waͤre ich auf den ſchlimm⸗ ſten Fall vorgeſehen— wir gingen alſo fort; aber ſiehe da, die Soldaten, welche man unter Mr. Tomkins in der Stadt einquartirt und die man zu den Waffen ge⸗ rufen hatte, marſchirten nach Woodſtock ſo ſchnell ſie nur ihre Fuͤße tragen konnten; ich gab alſo unſern Leuten ein Zeichen, ſie vorbeigehen und vor uns her marſchiren zu laſſen, und zwar aus einem zwiefachen Grunde.“ „Ich will mich mit einem begnuͤgen,“ ſagte der Oberſt.„Sie wüͤnſchten die Rothroͤce ſollten das Erſte davon haben“ „Ganz richtig Sir;— und hoffentlich auch das Letzte, denn Fechten iſt ja ihr Handwerk und ihr Ge⸗ ſchaͤft. Doch als wir ſo unſeres langſamen Schrittes einhergingen, wie Maͤnner die entſchloſſen ſind, ihre Pflicht furchtlos und unpartheiiſch auszuuͤben, ſahen wir ploͤtzlich eiwas Werbes der Stadt zufliegen, und ſechs von unſeren Polizeidienern und Gehülfen flogen zu gleicher Zeit davon, da ſie es fuͤr eine Erſcheinung hielten, welche man die weiße Frau von Woodſtock nennt.“ 3 „Sehen Sie Herr Oberſt,“ ſagte Mr. Holde⸗ — . 70 nough,„daß Daͤmone verſchiedener Art in den alten Oertern der koͤniglichen Ausſchweifungen hauſen 24 „Ich hoffe, Sie behaupteten doch Ihren Platz, Herr Buͤrgermeiſter?“ ſagte der Oberſt. 4„Ich— ja gewiß, ganz gewiß— das heißt ge⸗ nau genommen behauptete ich eigentlich meinen Platz nicht; ondern— der Stadtſchreiber und ich, wir zogen uns zuruͤck— wir zogen uns nur zuruͤck Herr Oberſt, und zwar ohne Verwirrung und ohne Unehre, und ſtellten uns hinter den wüͤrdigen Herrn Mr. Hol⸗ denough, der ſich mit Loͤwenmuth dem vermeinten Ge⸗ ſpenſt in den Weg warf und es mit ſolch einem Strom von lateiniſchen Saͤtzen angriff, daß er den Teuſel ſelbſt in Verzweiflung haͤtte bringen muͤſſen. Da zeigte ſich denn deutlich, daß es durchaus kein Teufel war, und weder eine weiße Frau noch eine Frau von irgend einer anderen Farbe, ſondern der ehrenwerthe Mr. Bletſen, Mitalied des Unterhauſes und einer der Commiſſaͤre, welche wegen der unglücklichen Beſchlag⸗ nahme des Parks und des Jaͤgerhauſes zu Woodſtock hieher geſchickt wurden.“ „Und war das Alles, was ſie von dem Daͤmon ſahen,“ ſagte der Oberſt. „Ja wahrlich,“ antwortete der Maire,„und ich wuͤnſchte auch nicht mehr davon zu ſehen. Doch be⸗ gleiteten wir pflichtgem aͤß den Mr. Bletſon zuruͤck bis ins Jaͤgerhaus, und unterwegs murmelte er immer, er habe einen Trupp eingefleiſchter ſcharlachrother Teu⸗ fel geſehen, welche auf das Jaͤzerhaus zu marſchirten; aber meiner ſchwacken Meinung nach müſen es die Independenten⸗Dragoner geweſen ſeyn, die vor uns gingen.“ 8 „Und eingefleiſchtere Teufel wuͤnſchte ich nie zu ſehen,“ ſagte Wildrake, der nicht⸗ laͤnger ſchweigen konnte. Aber ſeine ſo plötzlich ertoͤnende Stimme zeig⸗ te, wie gereitzt die Nerven des ehrenwerthen Bürger⸗ meiſters noch ſeyen, denn er fuhr zuruͤck und ſprang mit einer Gewandtheit bei Seite, die niemand auf den — —— — ——— 71¹ erſten Anblick von einem Manne von ſo wuͤrdigem Aus⸗ fehen erwartet haͤtte. Everard legte ſeinem aufdring⸗ lichen Diener Stillſchweigen auf, und bat den Maire, ihm das Ende dieſer ſonderbaren Geſchichte zu erzäh⸗ len, und ihm zu ſagen, ob ſie das vermeinte Geſpenſt aufhielten. „Wahrlich, würdiger Herr,“ ſagte der Buͤrger⸗ meiſter,„wer. Holdenongh war ungemein muthig, als er dem Teufel ſo gegenuͤber ſtand und ihn zwang, un⸗ ter der leibhaftigen Geſtalt des Mr. Joſua Bletſon, Parlaments⸗Mitglied fuͤr den Flecken Littlefaith zu er⸗ ſcheinen“ „Meiner Treu, Herr Bürgermeiſter,“ ſagte der Geiſtliche,„ich muͤßte über meinen Stand und meine Vorrechte hoͤchſt unwiſſend ſeyn, wenn ich einen Werth darauf leate, mich dem Teufel oder einem ihm aͤhnli⸗ chen Indevendenten zu widerſetzen, welche ich ſaͤmmt⸗ lich im Namen deſſen, dem ich diene, verſpotte, ver⸗ achte und zu meinen Fuͤßen trete. Weil aber der Herr Buͤrgermeiſter e weitlaͤufig iſt, ſo will ich Ew. Gnaden zurz davon in Kenntniß ſetzen, daß wir in dieſer t wenig von dem boͤſen Feind erfuh⸗ ren, ausgenoinmen das, was Mr. Bletſon im erſten Gefüͤhl ſeines Schreckens davon ſagte, und das was wir aus dem verwirrten Anſehen des ehrenwerthen Oberſt Desborongh und des General⸗ Najor Harriſon abneh⸗ men konnken.“— „In welchem Zuſtand waren Sie denn?“ frug der Oberſt. „Je nun, wuͤrdiger Herr⸗ ein jeder konnte mit lugen ſehen, daß ſie in einem Gefechte ver⸗ ſen waren, wo ſie den Sieg nicht davon zeral Hatriſon ging im Zimmer auf und zogene Schwerdt in der Hand und ſchwatzte bſt; ſeine Weſte war nicht zugeknoöpft, das nicht gebunden und die Strumpfbaͤnder her⸗ mit ſich ſe Halstuch i tr abaͤngend, ſo daß er jeden Augenblick nah daran war, umzufallen, wenn er darauf trat; dabei machte er Be⸗ 72 wegungen und verzerrte ſein Geſicht, wie ein verruͤck⸗ ter Schauſpieler. Desborough ſaß in einem Winkel mit einer trockenen Weinflaſche vor ſich, die er eben geleert hatte, und deren Inhalt ihm doch nicht ſoviel Muth eingefloͤßt hatte, daß er es gewagt haͤtte, zu ſpre⸗ chen, oder ſich auch nur umzudrehen. Er hielt eine Bi⸗ bel in der Hand, als wolle er den boͤſen Feind damit bekaͤmpfen; aber ich blickte uͤber ſeine Schultern, und ach der gute Herr hielt das Buch verkehrt. Es kam mir vor, als wie wenn einer von Ihren Musketieren, mein edler und hochgeehrter Herr, dem Feinde den Kolben ſtatt des Bajonets vorhalten wollte.— Ha ha ha!l da konnte man recht die Schismatiker beurtheilen; ſowohl was den Kopf als was das Herz, was die Geſchicklickeit als was den Muth betrifft.— Ach Oberſt! da konnte man den wahren Charakter und den Vorzug eines beruſenen Seelenhirten uͤber jene ungluͤck⸗ lichen Menſchen ſehen, welche ſich ohne gehoͤrige und geſetzmaͤßige Befugniß in die Huͤtten eindringen und pre⸗ digen, ſprechen, lehren und ermahnen wollen und got⸗ teslaͤſterlicher Weiſe die Lehren der Kirche ungeſalzene Suppe und trockene Biſſen nennen.“ „Ich zweifle gar nicht daran, daß Sie, vereh⸗ rungswürdiger Herr, der Gefahr bereitwihig entgegen gingen; aber ich möochte gerne wiſſen, von welcher Art ſie eigentlich war, und was denn eigentlich zu beſuͤrch⸗- ten ſtand?“— „Ey ziemt es ſich denn fuͤr mich, darnach zu fra⸗ gen,“ ſagte der Geiſtliche mit triumphirender Miene. „Wird ein tapferer Soldat ſeine Feinde zaͤtzlen, oder fragen, aus welcher Gegend ſie kommen? Nein Herr, ich war da, mit brennender Lunte, die Patrone im Munde und das Gewehr geſchultert, um ſo vielen Teu⸗ feln zu begegnen, als die Hölle nur ausſpeien kann. Und waͤren ſie zahllos, wie Muͤcken in der Sonne, und kaͤmen ſie auch von allen Gegenden des Erdenrun⸗ des. Die Papiſten ſprechen von der Verſuchung des heil. Antonius.— Pah! verdoppelt die Miriaden, — 75 welche das Gehirn eines hollaͤndiſchen Malers erfand, ſo werden ſie einen armen preßbyterianiſchen Geiſtlichen finden(üͤr einen wenigſtens will ich ſtehen) der nicht mit ſeiner eigenen Staͤrke, ſondern mit der ſeines Herrn den Sturm ſo empfangen wird, daß er ſie hohnlaͤchelnd bis an das aͤußerſte Ende Aſſyriens verſcheucht, und ſie die Luſt verlieren, jeden Tag und jede Nacht, wie bei jenem erbaͤrmlichen Heiligen, zuruͤckzukehren.“ „Doch möo dte ich immer noch gerne wiſſen„“ ſagte der Oberſt,„ob Sie etwas ſahen, wogegen Sie ihre theo⸗ logiſche Gelehrſamkeit anwenden konnten.“ „Sehen,“ antwortete der Geiſtliche,„nein gewiß ich ſah gar nichts, auch ſah ich mich nach nichts um. Diebe greifen keinen wohlbewaffneten Reiſenden an, ſo werden auch wohl Teufel und die böſen Geiſter nicht gegen den aufſtehen, der in ſeinem Buſen das Wort der Wahrheit traͤgt, in der Urſprache, in wel⸗ cher es geſchrieben ward. Nein Herr, ſie ſcheuen einen Mann, welcher den heiligen Text verſteht, wie man von der Kraͤhe ſagt, daß ſie eine mit Schrot ge⸗ ladene Flinte ſcheue.“ Sie waren im Geſpraͤche ein wenig zuruͤckgegan⸗ gen, als der Oberſt, welcher bemerkte, daß er auf dieſe Weiſe zu keiner beſriedigenden Erklaͤrung uͤber die wahre Urſache der Beunruhigung in der verfloſſe⸗ nen Nacht gelangen konnte, ſich umwandte und be⸗ merkte, es ſeye nun Zeit in das Jäͤgerhaus zuruͤckzu⸗ kehren, worauf er mit ſeinen drei Gefaͤhrten den Weg dahin einſchlug. Es war nun dunkel geworden und hoch erhoben ſich die Thuͤrme von Woodſtock über den ſchattigen Schleier, den der Wald um das alte ehrwuͤrdige Ge⸗ baͤude zog. Von einem der hoͤchſten Thuͤrme, den man noch immer unterſcheiden konnte, weil er ſich hoch er⸗ hob, gegen den klaren blauen Himmel, ſchimmerte ein Licht wie das von einer Kerze ihnerhalb des Gebaͤudes. Der Buͤrgermeiſter blieb erſchrocken ſtehen, ergriff erſt den Geiſtlichen und dann den Oberſt Everard aͤngſtlich 74 beim Rock, und rief mit zittern der heftiger aber unter⸗ drukter Stimme aus:„ſehen See jenes Licht?“ „Ja freilich ſehe ich es,“ ſagte Oberſt Everard, „aber was thut denn das? In einem ſo alten Gebaͤude wie Woodſtock iſt doch, meine ich, ein Licht in einer Dachſtube kein Gegenſtand der Verwunderüung.“ „Aber ein Licht im Roſamundenthurm iſt es doch,“ ſagte der Maire. „Wahrlich,“ ſagte der Oberſt etwas erſtaunt, als er bei ſorgfaͤltiger Unterſuchung fand, daß der wuͤrdige Buͤrgermeiſter die W it geſprochen hatte.„Das iſt freilich der Roſamundenthurm und da die Zugbrücke, durch we er zugaͤnglich war, ſchon ſeit Jahrhun⸗ derten zerſört iſt, ſo kann ich mir kaum denken, durch welchen Zufall eine Lampe in einem ſo unzugaͤnglichen Platze angezuͤndet worden ſeyn ſollte.“. „Das Licht brennt von keiner irdiſchen Flamme,“ ſagte der Puͤrgermeiſter,„weder von Thran noch von Olivenbl, weder von Wachs noch von Talg. Ich han⸗ delte mit dieſen Artikeln, ebe ich meine gegenwaͤrtige Laubahn betrat, und ich konnte das Licht, das ſte werfen, auf eine viel groͤßere Ferne als jener Thurm, von einander unterſcheiden. Sehen Sie, das iſt keine irdiſche Flamme. Sehen Sie nicht etwas Blaues und Roͤthliches am Rand? Das zeigt genuͤglich, woher die Flamme kommt.— Herr Oberſt, meiner Meinnng nach gingen wir am beſten zuruͤck in die Stadt, aͤßen fein zu Nacht und uͤberließen es dem Teufel und den Nothroͤcken, mit einander fertig zu werden, und wenn wir morgen fruͤh wieder kommen, wollen wir mit der Parthei, welche das Feld behauptet, handgemein wer⸗ den.“ „Thun Sie, was Ihnen beliebt, Herr Buͤrgermei⸗ ſter,“ lagte Everard,„aber meine Pllicht erfordert es, heute Nacht noch die Commiſtaͤre zu ſehen.“ „Und meine erfordert es, den boͤfen Feind zu ſe⸗ hen, wenn er wagen ollte, mir ſichtbar zu erſcheinen,“ ſagte Mr. Holdenough.„Ich wundere mich keines⸗ 5 5 75 wegs, daß er, wohl wiſſend, wer ſich naht, ſich in ſeine aͤußerſte Citadelle und in die verborgenſte und außerſte Schanze dieſes alten Geſpenſterbaues zuruͤck⸗ zieht. Er iſt lecker, auf mein Wort, und muß ſeine Wohnung aufſchlagen, wo Ueberreſte von Lurus und Mord die Mauern ſeines Zimmers umgeben. In jenem Thurme ſuͤndigte Roſamunde, und in jenem Thurme litt ſie auch. Dort ſitzt ſte, oder noch wahrſcheinlicher der Erzfeind, in ihrer Geſtalt; wie ich es von glaub⸗ wuͤrdigen Maͤnnern von Woodſtock habe erzaͤhlen hoͤren. — Ich gehe mit Ihnen, nein guter Oberſter, der Herr Buͤrgermeiſter kann thun, was ihm gefaͤllt. Der Starke hat ſich in ſeinem Wohnhautſe verſchanzt, aber gebt Acht, es kommt noͤch ein ſtaͤrkerer als er.“ „Was mich betrifft,“ ſagte der Maire,„der ich weder ein Gelehrter noch ein Krieger bin, ich will mich auch weder mit den irdiſchen Maͤchten, noch mit dem Beherrſcher der Maͤchte der Luͤfte einlaſſen, und wieder heim nach Woodſtock gehen;— und hoͤre Du mein gu⸗ ter Burſche,“ Wildraken auf die Schulter klopfend, „ich will Dir einen Schilling für das Naſſe und einen Schilling für das Trockene geben, wenn Du mich nach Hauſe begleiten willſt.“ „Alle Donner, Herr Maire,“ ſagte Wildrake, der ſich weder von der Vertraulichkeit des Buͤrgermeiſters geſchmeichelt, noch von ſeiner Freigebigkeit hingeriſſen fühlte.„Wer Deufel macht uns denn zu Cameraden? Und glaubt Iyhr denn mein Freund, ich wuͤrde Ew. Wohledlen Dummkopf nach Woodſtock begleiten, wenn ich auf eine ſchoͤne Weiſe die ſchoͤne Roſamunde erbli⸗ cken, und ſehen kann ob ſie wirklich ein ſo ausgezeich⸗ netes und unvergleichliches Stuͤck Waare iſt, wie die Reimer und Balladenmacher es erzaͤhlen?“ „Sprich nicht ſo leichtſinnig, mein Freund,“ ſagte. der Geiſtliche,„vir muͤſſen dem Deufel widerſtehen, da⸗ mit er vor uns fliehe, duͤrfen aber nicht mit ihm ſcher⸗ zen, oder in ſeine Rathſchlaͤge eingehen oder mit der Waare ſeiner proßen und reizenden Eitelkeit handeln.“ *. 76 „Merke Dir, was der gute Mann ſagt, Wild⸗ rake,“ ſagte der Oberſt,„und nimm Dich ein ander Mal in Acht, daß Dein Witz Deine Beſcheidenheit nicht überſteige.“ „Ich danke dem ehrenwerthen Gentleman fuͤr ſei⸗ nen Rath,“ ſagte Wildrake, der ſeiner Zunge nicht leicht Schranken ſetzen konnte, ſelbſt wenn ſeine eigene Sicherheit es wuͤnſchenswerth machte.„Aber alle Donner, mag er ſo viel Erfahrung haben, wie er will, wie man mit dem TDeufel ſicht, ſah er doch niemals ſo einen ſchwarzen, wie der iſt, mit dem ich zu thun hatte, und zwar vor nicht gar langer Zeit.“ „Wie mein Freund,“ ſagte der Geiſtliche, der, wenn es ſich von Erſcheinungen handelte, jedes Wort buchſtaͤblich nahm,„hat Dir vor Kurzem erſt der Teufel einen Beſuch gemacht? aber wahrlich, dann wundert es mich, daß Du es wagſt, ſeinen Namen ſo oft und ſo leichtſinnig auszuſprechen, wie Du es in Deiner gewoͤhnlichen Rede thuſt. Aber wann und wo ſahſt Du denn den boͤſen Feind?“ Everard legte ſich haſtig in's Mittel, damit ſein unvorſichtiger Gefaͤhrte nicht aus bloßem Leichtſinn ſeine Unterredung mit dem General durch eine noch ſtaͤrkere Anſpielung auf Cromwell verrathe.„Der junge Mann ſchwazt von einem Traum, den er in vergangener Nacht hatte, als wir beide im Zimmer des Victor Lee ſchliefen, das zu den Stuben des Ober⸗ jaͤgermeiſters zu Woodſtock gehoͤrt.“. „Dank fuͤr Deine Huͤlfe in der Noth⸗ mein gnaͤ⸗ diger Herr“, fluͤſterte Wildrake dem Everard in's Ohr, der es vergeblich verſuchte, ihn wegzuſtoßen, „einem Schwaͤrmer fehlte es nie an einem Maͤhrchen.“ „Auch Sie mein würdiger Oberſt,“ ſagte der preßbyterianiſche Geiſtliche,„ſprechen in Betracht deſ⸗ ſen, was wir beginnen, etwas zu leichtſinnig von die⸗ ſen Dingen. Ich bitte Dich, junger Freund, erzaͤhle mir dieſen Traum.“— 3 Wildrake ließ ſich von ſeinem Gefaͤhrten nicht zu⸗ 77 rückhalten in ſeiner thoͤrichten Weiſe, eine weitlaͤufige Beſchreibung ſeines Traumes zu geben, worin er ver⸗ bluͤmt ſich ſelbſt und die Umſtehenden ſchilderte, und zuletzt unter dem Deufel den ehrwuͤrdigen preßbyteria⸗ niſchen Geiſtlichen in Anzug und Manieren deutlich bezeichnete. Nachdem Everard es ihm zornig verwieſen, zeigte Mr Holdenough in ſeiner Antwort ſo viel Ruhe und Gelaſſenheit, daß Wildrake ſelbſt von ſeinem wuͤrdigen Betragen ergriffen, ſogleich Abbitte that. Als er ſeine gewiß nicht unzeitige Ehrenerklaͤrung ſchloß, welche der Geiſtliche ſehr guͤtig aufnahm, wa⸗ ren ſie dem aͤußern Thore des Jaͤgerhauſes ſo nahe gekommen, daß ſie die Schildwache mit dem aus⸗ drucksvollen Wer da begruͤßte. Oberſt Everard erwie⸗ derte„ein Freund,“ worauf die Schildwache den Korporal der Wache rief. Oberſt Everard nannte ihm ſeinen Namen ſowohl, wie die ſeiner Gefaͤhrten, wor⸗ auf der Korporal verſetzte, er zweiſte nicht, daß man ihnen augenblicklichen Einlaß gewahren wuͤrde, aber vor allen Dingen muͤſſe er Herrn Tomkins um Rath fragen, damit er die Anſicht Seiner Gnaden daruͤber erfahre.“ „Wie, Herr,“ ſagte der Oberſt,„wagen Sie es, der Sie wiſſen, wer ich bin, mich vor der Thuͤre Ihrer Wache warten zu laſſen?“ „Wenn Ew. Gnaden eintreten und es auf ſich nehmen wollen, denn meine Befehle ſind dem entge⸗ gen,“ ſagte der Corporal. „Nun, wenn das iſt, ſo thun Sie Ihre Schul⸗ digkeit,“ ſagte der Oberſt;„aber ſind denn die Roya⸗ liſten im Anzuge oder was gibt es denn, daß Ihr ſo ſtrenge Wache haltet?“ Der Soldat gab keine deutliche Antwort, ſondern brummte in ſeinen Schnurrbart etwas von dem Fein⸗ de und dem brüllenden Loͤwen, der herumſchleiche, um Beute zu erhaſchen. Gleich darauf erſchien Tom⸗ kins, begleitet von zwei Kerzentraͤgern, die große Arm⸗ leuchter trugen. Sie gingen vor dem Oberſten Ever⸗ 78„ ard und ſeinem Gefolge her, hielten ſich enge zuſam⸗ men und fuhren von Feit zu Zeit zuruͤck, wenn ihnen etwas Ungewoͤhnliches begegnete, und fuͤhrten ſie eine breite eichene Treppe hinauf, wo ſie zuletzt in einen großen Saal traten, wo ein maͤchtiges Feuer flackerte, und das von zwölf gewaltigen lrmleuchtern erleuchtet ward. Da ſaßen die Commiſſaire, welche nun das alte Gebaͤude und die koͤniglichen Domainen in Wood⸗ ſtock in ihrer Macht hielten.“ — Fünftes Kapitel. . Das ſtarke Licht in dem Beſuchzimmer, von dem wir ſchon geſprochen haben, ſetzte den Everard in den Stand, ſeine Bekannten, Oesborough, Harriſon und Bletſon zu erkennen, die an einem großen eichenen Tiſche, welcher nahe beim Camin ſtand, verſammelt waren, und vor welchen Wein, Bier und Rauchma⸗ terialien ſtanden. Zwiſchen dem Tiſch und der Thuͤre ſtand eine Art beweglichen Credenztiſches, der urſpruͤng⸗ lich dazu beſtimmt war, bei feſtlichen Gelegenheiten das Silbergeſchirr aufzunehmen, jetzt aber zu einem Schirme dienen mußte; welchen Zweck er ſo gut er⸗ fuͤllte, daß Oberſt Everard, ehe er ihn umging, das folgende Fragment von Desboroughs Reden hoͤrte, das er mit lauter Stimme ſprach:„geſchickt, um mit uns zu theilen, ich geb' Euch mein Wort darauf— das war immer ſo der Gebrauch Seiner Excellenz mei⸗ nes Herrn Schwagers— wenn er ein Gaſtmahl fuͤr funf Freunde bereitete, ſo lud er mehr ein, als der Tiſch faſſen konnte— ich habe ſchon geſehen, wie er drei Leute zu zwei Eiern einlud.“ „Still, ſtill,“ ſagte Bletſon, als die Diener hervortraten, um den Oberſten Everard zu melden. Es wird vielleicht dem Leſer nicht unangenehm ſeyn, 79 hier eine Beſchreibung der Perſonen zu finden, wel⸗ che der Oberſt verſammelt traf. Desborough war ein kraͤftiger muskuldſer Mann, von mittlerer Groͤße, mit groben gemeinen Zuͤgen, finſteren und langen Au⸗ genbraunen und Glasaugen. Das Emporbluhen des Gluͤckes ſeines maͤchtigen Verwandten zeigte ſich im Schnitt ſeiner Kleider, die zierlicher waren, wie es unter den Nundkopfen gebraͤuchlich war. Sein Rock hatte Stickereien und Schnüre an den Naͤhten; ſei⸗ nen Hut ſchmuͤckte eine Feder mit einer goldenen Agraffe und ſeine ganze Kleidung glich eher der eines Hofca⸗ valiers, als eines Offiziers der republikaniſchen Ar⸗ mee; aber Gott weiß, wie wenig hofmaͤßige Anmuth oder Würde in dem Weſen des Mannes lag, dem ſeine ſchoͤne Kleidung ſtand, wie dem Schweine auf einem Meilenzeiger ſeine vergoldete Ruͤſtung. Nicht gerade als waͤre er unfoͤrmig oder ungeſtaltet geweſen, denn im Einzelnen war ſeine Geſtalt gar nicht ſo uͤbel; aber ſeine Glieder ſchienen ſich nach verſchiedenen ent⸗ gegengeſetzten Grundſatzen zu richten und zu bewegen. Die rechte Hand bewegte ſich, als ſtünde ſie nicht gut mit der linken, und die Fuͤße zeigten eine Nei⸗ gung, ſich nach verſchiedenen entgegengeſetzten Rich⸗ tungen zu bewegen. Kurz die Glieder des Gene⸗ rals Desborough ſchienen, um eine weit ausgeholte Vergleichung zu gebrauchen, eher den ſtreitenden Stell⸗ vertretern eines Foͤderativcongreſſes, als der wohlge⸗ ordneten Uebereinſtimmung der Staͤnde des Staates in einer feſten wohlgegruͤndeten Monarchie zu gleichen, wo jeder an ſeinem beſtimmten Platze ſteht, aber alle den Vorſchriften eines gemeinſchaftlichen Oberhaup⸗ tes gehorchen. General Harriſon, der zweite Commiſſair war ein ſchlanker ſchmaler Mann, in den mittleren Lebensjah⸗ ren, der ſeine hohe Stelle in der Armee und ſeine Freundſchaft mit Cromwell ſeinem unwandelbaren Muthe in der Schlacht und der Volksthuͤmlicheit ver⸗ dankte, welche er ſich durch ſeinen übert iebenen 80 Schwaͤrmereifer unter den militaͤriſchen Heiligen und Independenten erworben hatte, welche den Kern der deſtehenden Armee bildeten. Harriſon war von nie⸗ derer Abkunft und urſpruͤnglich zum Handwerke ſeines Vaters, der ein Mezger war, beſtimmt. Doch war ſein Anſehen, obgleich etwas rauh, nicht gemein, wie das des Desborough, der ihm doch in Geburt und Erziehung uͤberlegen war. Er war, wie ſchon geſagt, von mannlicher Groͤße und Muskelkraft, war ſchoͤn gebaut und ſein Betragen zeigte den rauhen militaͤri⸗ ſchen Charakter, den man fürchten, aber weder verach⸗ ten noch laͤcherlich finden kann. Seine Adlersnaſe und ſeine dunkeln ſchwarzen Augen ſtellten ſeine ſonſt unregelmaͤßigen Zuͤge vortheilhaft dar, und der wilde. Enthuſiasmus, welcher darin funkelte, wenn er ſeine Meinung mittheilte, und der oft unter ſeinen langen dunkeln Augen zu ſchlafen ſchien, wenn er daruͤber nachbruͤtete, verliehen ſeinem Anblick etwas auffallend Wildes und ſelbſt Edles. Er war einer der Haupt⸗ fuͤhrer deren, die man die Maͤnner der fuͤnften Mo⸗ narchie nannte, welche ſelbſt den gewoͤhnlichen Fana⸗ tismus dieſer Zeit uͤberſteigend, die Offenbarung Ivo⸗ hannis nach ihrer eigenen Weiſe auslegten und be⸗ haupteten, daß die zweite Ankunft des Meſſias und das tauſendjaͤhrige Reich bald eintreten wuͤrde. Dann wuͤrden die Heiligen auf Erden regieren, und ſie, welche die Gabe beſaͤßen, dieſe zukünftigen Begeben⸗ heiten vorauszuſehen, waͤren die auserwaͤhlten Huͤlfs⸗ mittel zur Begruͤndung des neuen Reiches oder der fünften Monarchie, wie man es nannte, und ſie waͤ⸗ ren auch beſtimmt, ſeine himmliſchen und irdiſchen Ehren zu erlangen. Wenn dieſer Schwaͤrmergeiſt, der wie eine fixe wahnſinnige Idee wirkte, das Gemuͤth des Harriſons nicht unmittelbar ergriff, ſo war er ein geiſtreicher Weltmann und ein guter Soldat; ein Mann, der keine Gelegenheit vorbeigehen ließ, ſeine Vermoͤgensumſtaͤnde zu verbeſſern, und der, ſeine Er⸗ hebung in der fuͤnften Armee erwartend, unterdeſſen 81 ein bercirwilliger Geiſt zur Feſtſtellung der Oberherr⸗ ſchaft des Lord Generals war. Man kann nicht wohl unterſcheiden, oo es von ſeiner fruͤheren Beſchaͤftigung und von ſeiner Gewohnheit herkam, bei menſchlichen Leiden und beim Blutvergießen gleichguͤltig zu ſeyn, ob es ſeiner natürlichen Anlage und dem Mangel an Gefuͤhl, oder ob es endlich feiner Schwaͤrmerei zuzu⸗ ſchreiben war, daß er ſeine Gegner betrachtete, als widerſetzten ſie ſich den goͤtrlichen Worten ſelbſt, und verdienten daher weder Berückſichtigung noch Gnade. Aber alle kamen darin uͤberein, daß nach einem Siege oder nach der Erſtuͤrmung einer Stadt, Harriſon einer der grauſamſten und unbarmherzigſten Menſchen in Cromwells Armee war, der immer einen falſch ange⸗ wendeten Bibelvers bereit hatte, um die beſtaͤndige Hinrichtung der Flüchtlinge und ſogar derer, welche ſich freiwillig ergeben hatten, zu rechtfertigen. Doch ſagt man, daß die Erinnerung an dieſe Grauſamkei⸗ ten zuweilen ſein Gewiſſen beunruhigte, und die Traͤu⸗ me ſeiner Erhebung zu den Heiligen ſtörte, mit de⸗ nen ihn ſeine Einbildungskraft einzuſchlaͤfern ſuchte. Nun muͤſſen wir noch den Bletſon erwaͤhnen, der in Figur und Geſtalt den beiden Andern ſchnurgrade entgegen war. In ſeinem Aeußeren lag weder Pracht noch Nachlaͤſſigkeit, auch trug er durchaus kein Zeichen des Soldatenſtandes an ſich. Ein ſchmaler Spazier⸗ degen ſchien nur ſeinen Rang als Edelmann bezeichnen zu wollen, ohne daß ſeine Hand mit dem Griff oder ſein Auge mit der Klinge bekannt zu ſeyn ſchien. Seine Züge waren ſcharf und fein und mit Linien be⸗ zeichnet, die mehr die Sorge, als das Alter gezogen hatten; und ein beſtaͤndiges Hohnlaͤcheln in ſeinen Zuͤ⸗ gen, ſelbſt wenn er es am wenigſten wuͤnſchte, Ver⸗ achtung auszudruͤcken, ſchien der Perſon, mit welcher er ſich unterhielt, zu ſagen, daß er in Bletſon einen Mann finde, der ihm in geiſtiger Hinſicht ſehr uͤber⸗ legen ſey. Doch war dieſes nur ein Triumph der Ver⸗ nunft, denn bei allen Gelegenheiten, wo es ſich um W. Scott's Werke. Xi. 6 8²2 Verſchiedenheit in ſpekulativen Anſichten handelte, und bei allen uͤbrigen Streitigkeiten vermied Bletſon die Waagſchale durch Stoͤße und Streiche auf ſeine Seite zu ziehen. Doch fand ſich ſelbſt dieſer friedfertige Edel⸗ mann genoͤthigt, beim Beginnen des Buͤrgerkrieges per⸗ ſoͤnlich in der Parlaments Armee zu dienen, bis er unglüͤcklicherweiſe mit dem kuͤhnen Prinz Robert zuſam⸗ menſtieß und er ſich ſo ſchleunig zuruͤckzog, daß er al⸗ len Schutz ſeiner Freune noͤthig hatte, um ſich vor einem Urtheilsſpruch eines Kriegsgerichts zu chuͤtzen. Aber da Bletſen im Unterhauſe, das ſeine natuͤrliche Sphaͤre war, ſchoͤn und mit großem Erfolg redete, und deßwegen hoch in der Achtung ſeiner Parthei ſtund, ſo uͤberging man ſein Betragen bei Edgehill, und er fuhr fort, lebhaften Antheil an allen politiſchen Begebenhei⸗ ten jener geſchäftsreichen Periode zu nehmen, obgleich er den Kriegsſchauplatz nicht wieder betrat Bletſons theoretiſche Grund’aͤze uber Politik neig⸗ ten ſich lange Zeit den Meinüngen des Harriſen oder der anderen zu, welche von der Idee naͤumten, in einem ſo weit aͤufigen Reiche, wie Britannien, eine rein de⸗ mokratiſche Republik zu errichten. Das war eine uͤber⸗ eilte Anſicht in einem Lande, wo ein ſo unendlicher Unterſchied zwiſchen Rang, Zewohnheit, Erziehung Und Moralüat beſteht— wo ſo ein ungehenres Mißverhät⸗ niß im Reichthum der BVuͤrger iſt, und wo ein großer Antheil der Einwohner in den nunieren Klaſſen der gro⸗ 2 ßen Stäͤdte und der 7 enden Oriſchaften be⸗ ſteht, Maͤnner, die u Antheil an der Regierung des Staat glieder einer Republik im eigent es Wor⸗ tes aulsuͤhen wuͤſſen. Dem zufolge hatte man auch kaum den Verſuch gemacht, als man es ſchon deutlich ein⸗ ſah, daß dieſe Regierungsform nicht die geringſte Fe⸗ ſtigkeit gewaͤhre, und die Frage war nur, ob der Ue⸗ berreſt, oder wien s gewöhnlich nannte, der Rumpf des langen Parlaments, das nun durch die Ausſchlie⸗ ßung ſo vieler Mitglieder guf wenige zuſammengeſchmol⸗ — —— 83 zen war; ob dieſes Parlament trotz ſeiner Unpopularie taͤt fortfahren ſolltte, die Angelegenheiten Britanniens zu leitene Ob ſie alles wegwerfen ſollten, indem ſie ſich aufööſten, und ein neues Parlament waͤhlen ließen, fuͤr deſſen Zuſammenſetzung ſowohl, als für die Maaßre⸗ gel, die es verſamwelt ergreifen wuͤrde, niemand ſte⸗ hen konnte? Oder ed endlich, wie es wirklich geſchah⸗ Cromwell nicht das Schwerdt in die Waage werfen ſollte, um ſich kühn im z der Macht zu ſetzen, welche der Ueberreſt des Parlaments zu halten unſahig, und welcher zu entſagen es nicht Willens war? Bei dieſem Zuſtande der Partheien ver uchte es der Staatsrath, bei der Vertheilung der guten Dinge, welche er beſaß, die Armee zu beſaͤnftigen und zufrieden zu ſtellen, ſo wie ein Bettler einem bellenden Hunde einige Brodkrumen zuwirft. In dieſer Abſicht machten ſie in der ole⸗ genheit von Woodſteck den Desborough zum Cowmiſfaͤr, um Cromweün zu befried gen, dann Harriſon, um die Maͤnner der fuͤnſten Monarchie zu beſaͤnftigen, und den Bletſon, als einen aufrichtigen Republikaner und einen von ihrem eig nen Teige. Wenn ſie aber glaubten, Bletſon habe nur im ge⸗ ringſten die Abßicht, ein Maͤrterer ſeines Republikanis⸗ mus zu werden, oder ſich deßwegen einem ernſten Ver⸗ luſte zu unter erfen, ſo irrten ſie ſich ſehr in dem Man⸗ ne. Er war eilich ihren Grundſaͤtzen aufrichtig eraehen, wenn ſe ſchon unausuͤhrbar waren; denn das dißlin⸗ gen ſeines Erperiments bekehrte den politiſchen Schwar⸗ mer ſs wenig, wie die Exploſion einer Retorte einen Al⸗ chimiſten aus ſeinem Wahne reißt. Aber Bletſon war ſchon bereit, ſich Cromwes oder jedem andern zu unter⸗ werfen, der ſich der hoͤchſten Gewalt bemaͤchtigen wuͤrde⸗ Er war ein bereitwilliger Unterthan ieder beſtehenden Macht, und machte wenig Unterſchied unter den ver⸗ ſchiedenen Regierungsformen, da er ſie alle fuͤr faſt⸗ gleich unvollkommen hielt, ſobald ſie von dem Modell der Repuhiik des Harriſon abwichen. Cromwell kalte ihn ſchon wie Wachs um ſeine Finger gebogen, und 5.. da laähelte daruͤber, wenn er ſah, wie die Maͤnner des Staatsraths den Bletſon als ihren getreuen Anhaͤnger belohnten, waͤhrend er ihm doch ſeine Anhaͤnglichkeit verſicherte, ſobald er die beſtehende Regierungsform umſtoßen wuͤrde. Aber Bletſon hing noch weit mehr an ſeinem meta⸗ phyſiſchen, als an ſeinem politiſchen Glauben, und trieb ſeine Lehre von der Vervollkommnung des menſch⸗ lichen Geſchlechts eben ſo weit, als ſeine Ideen uͤber die eingebildete Vollkommenheit ſeiner erdachten Regie⸗ rungsform; und ſo wie er ſich hier gegen jede Gewalt erklaͤrte, welche nicht direkt vom Volke ausginge, ſo leugnete er auch, in ſeinen moraliſchen Spekulationen, den Urſprung aller Naturbegebenheiten in einem Grund⸗ principe zu finden. Wenn man recht heftig in ihn drang, ſo war Bletſon freilich gezwungen, einige halblaute, un⸗ verſtaͤndliche Lehren uͤber einen Animus Mundi, oder einer ſchaffenden Kraft in den Werkſtaͤtten der Natur zu murmein, durch welche dieſe urſpruͤnglich ins Daſeyn gerufen ward, und die noch immer an der Erhaltung ihrer Werke arbeitet. Dieſer Kraft nun, ſagte er, lei⸗ ſteten einige der reinſten Metaphyſiker einen gewiſſen Grad der Huldigung; auch wolle er, ſelbſt diejenigen nicht gradezu tadeln, welche durch die Einrichtung der Feſttage, der Taͤnze und Geſaͤnge und durch harmloſe Gaſt⸗ und Trinkgelage geneigt wuͤrden, die große Gol⸗ tin Natur zu feiern. Denn wenigſtens wäre das Tan⸗ zen, Singen, Eſſen und Jagen eine angenehme Be⸗ ſchaͤftigung fuür Jung und Alt, und er wiſſe alſo nicht, warum es nicht eben ſo gut an ſolchen beſtimmten Feier⸗ tagen geſchehn ſollte, wie unter einem anderen Vor⸗ wande. Aber dieſe gemaͤßigten religioͤſen Feierlichkeiten ſollten ſo gehalten werden, daß man niemand zum Tan⸗ zen, Trinken, Singen oder Gaſtiren zwingen koͤnne, deſ⸗ ſen Geſchmack ſich ſolchen Unterhaltungen nicht zuneige; auch ſollte niemand gezwungen werden köoͤnnen, die ſchaffende Macht anzubeten, es ſey nun unter dem Na⸗ men Animus Mundii, oder unter irgend einem anderen. 85 Die Einwirkung der Gottheit in menſchlichen Dingen leuanete er ganz, nachdem er zu ſeiner Zufriedenheit be⸗ wieſen hatte, daß dieſe Idee nur von den Pfaffen aus⸗ gehe. Kurz, mit der leichten, eben erwaͤhnten metaphy⸗ ſiſchen Diſtinktion, naherte ſich Mr. Bletſon von Dar⸗ lington, Mitglied des Parlaments fuͤr den Flecken Litt⸗ le⸗ erced, einem Atheiſten ſo ſehr es nur inoͤglich iſt. Aber wir ſagen das mit einem nothwendigen Vorbehalt; denn wir haben gar viele wie Bletſon gekannt, deren Sophismen durch Aberglauben gewaltig erſchuͤttert wur⸗ den, obgleich die Religion dieſe Furcht nicht billigte. Man verſichert uns, daß die Teufel glauben und zit⸗ tern; aber auf Erden gibt es gar viele, die, ſchlim⸗ mer noch als die natuͤrlichen Kinder des Verderbens, zittern ohne zu glauben, und ſich fuͤrchten, waͤhrend ſie Gotteslaͤſterungen ausſtoßen. Dem zufolge mußte Mr. Bletſon nichts veraͤchtli⸗ cher behandeln, als die Zwiſtigkeiten zwiſchen der bi⸗ ſchoͤflichen Kirche und der presbyterianiſchen, zwiſchen den Presbyterianern und den Independenten, uͤber Quaͤker und Anabaptiſten, Muggletonianer und Brow⸗ niſten und allen den Sekten, welche der Buͤrgerkrieg hervorbrachte, und welche ihm ſtets neuen Gaͤhrungs⸗ ſtoff gaben„Es waͤre,“ ſagte er,„als wenn ſich die Laſtthiere um die Form ihrer Zuͤgel und ihrer Laſtſaͤcke ſtreiten wollten, ſtatt die erſte beſte guͤnſtige Gelegenheit zu ergreifen, ſie abzuwerfen.“ Solche und aͤhnliche witzige und ſpitzige Bemerkungen pflegte er zu machen, wenn Zeit und Ort guͤnſtig ſchienen, ſo 3 B: in drm Club, die Rota genannt, welchen Saint John haͤufig deſuchte und den Harrington geſtiftet hatte, um dort politiſche und religiöſe Gegenſtaͤnde zur Rede zu bringen.. Aber wenn ſich Bletſon nicht in dieſer Akademie oder Feſtung der Philoſophie befand, war er vorſiehtig genug, ſeine Verachtung der allgemeinen Neisung zu Gunſten der Religion und des Chriſtenthums niet mehr zu verrathen, als höchſtens durch einen verbluͤmten Wi⸗ 86 derſpruch oder ein koͤhniſches Laͤcheln. Bot ſich ihm aber die Gelegenheit dar, im Geheim mit einem geiſt⸗ reichen, Wahrheit ſuchenden Juͤnglinge zu reden, ſo verſuchte er es zuweilen, Proſelyten zu machen, und zeigte viel Gewandtheit, die Eitelkeit des Unerfahrenen zu reizen, indem er ihm vorſtellte, ein Geiſt wie der ſeinige muͤſſe die Vorurtheile der Kindheit und der Er⸗ ziehung wegwerfen, jugendlichen blinden Glauben beſei⸗ tigen und nun ſelbſt unterſuchen und entſcheiden. So gelang es zuweilen ſeiner Schmeichelei, unerfahrene Juͤnglinge zu bethoͤren, welche die eindringendſte Be⸗ redtſamkeit und die kuͤnſtlichſten Sophismen nicht häͤt⸗ ten zum Unglauben bewegen können. Dieſe Verſuche, den Einfluß deſſen, was man mit Freidenken und Philoſophie bezeichnere, zu vergroͤßern, geſchahen aber, wie wir es ſchon zu verſtehen gaben, mit einer Vorſicht, welche die Furchtſamkeit des Ge⸗ muͤths dem Philoſophen auferlegte. Er wußte wohl, daß man ſeine Lehren f uͤr verdaͤchtig hielt, und daß die beiden Haupt⸗Sekten, die Biſchoͤflichen und die Presbyterianer, ſeine Handlungen beobachteten, und, wie feindſelig ſie auch gegen einander waren, doch ei⸗ nen noch groͤßeren Feind in einem Manne ſahen, der nicht allein einer jeden kirchlichen Verſaſſung, ſondern dem Chriſtenthum ſelbſt entgegen war. Er fand es alſo b q'iemer, ſich unter die Independenten zu miſchen, welche allgemeine Gewiſſensfreiheit und unbegraͤnzte Duldung verlangten, und deren Glaube, welcher in jeder Hinſicht von den uͤbr gen abwich, und bei einigen in ſo lolle ſie die Schranken einer jeden Gekte des Chriſtenthums ganz überſchritten und ſich Inglauben ſehr naͤherten, ſo wie man ſagt, daß ſich die Exg b 2 Bletſon miſchte ſich alſo unter dieſe Sektiker, und ſo ſehr verlraute er auf die Kraſt ſeiner Logik und ſei⸗ ner Rede, das man glaubte, er habe Hoffnungen ge⸗ hegt, zu ſeiner Zeit den ſchwaͤrmeriſchen Vaen ſowohl, wie den nicht minder ſchwaͤrmeriſchen Harriſon zu ſeinen 8* 87 Anſichten zu bekehren, vorqusgeſetzt, daß ſie ſich ent⸗ ſchließen würden, ihren Traͤumen von einer fuͤnften Mo⸗ narchie zu entſagen und ſich mit der Herrſchaft der Phi⸗ loſophen in England waͤhrend der natürlichen Periode ihres Lebens begnuͤgen wollten, ſtatt der Herrſchaft der Heiligen, waͤhrend des tauſendjaͤhrigen Reichs. Das war alſs die ſonderbare Gruppe, in welche Everard jetzt eingefuͤhrt ward; ſie zeigte in ihren verſchiedenen Mei⸗ nungen, an wie vielen felſigen Kuͤſten der menſchliche Geiſt Schiffbruch leiden kann, wenn er einmal den An⸗ ker fahren laͤßt, welchen die Religion ihm zur Stuͤtze gab. Der thoͤrichte Eigen duͤnkel und das weltliche Wiſ⸗ ſen des Bletſon— die rohen unwiſſenden Folgerungen des feurigen ungebildeten Harr ſon, fuͤhrte ſie zu den entgegengeſetzten Extremen des Aberglaubens und des Unglaubens, waͤhrend Desborough, ein Schwachkopf von Natur, gar nicht uͤber Religion nachdachte; und waͤhrend die beiden andern auf verſchiedenen, aber gleich irrigen Wesen mit aller Kraft einberſegelten, glich er einem Schiffe, das auf der Rhede ſelbſt einen Leck bekoͤnmt und unterſinken muß. Es war wunder⸗ bar zu ſehen, welch eine ſonderbare Verſchiedenheit von Mißgriffen und thuͤmern von Seiten des Königs und ſeiner Miniſter, von dem Parlamente und ſeinen Haͤuptern, und von den vereinigten Koͤnigreichen Schott⸗ land und England gegen ernander ſich verbunden hat⸗ ten, um Maͤnner von ſo geſaͤhrlichen Meinungen und von ſo eigennützigem Charakter zu Schiedsrichtern uͤber das Schickſal Englands; Diejenigen, welche für eine Parthei ſtreiten, werden alle Fehler der andern beitegen, ohne diejenigen zu er kennen, welche ihre eigene beging; diejenigen aber, welche dieſe Geſchichte zu ihrer Belehrung ſtudiren, wer⸗ den bemerken, daß nur der Mangel an Nachgiebigkeit auf beiden Seiten und der toͤdlliche Haß, welcher die Parthei des Koͤnigs und des Parlamentes ſpaltete, das ſchoͤne Gleichgewicht der engliſchen Verfaſſung ſo gan: uͤber den Haufen ſtoßen konnte. Aber wir eilen und 8ℳ 8 88 3 6 das Feld der politiſchen Betrachtungen zu verlaſſen, um ſo viel mehr, da, wie wir glauben, die Unfrigen weder den Whigs noch den Tory's gefallen werden 1). — Sechstes Kapitel. Drei bilden ein Collegium, und kömmt der Vierte noch So bring' er ſchön ſein Antheil mit. Beaumont und Fletcher. Mr. Bletſon ſtand auf und bezeugte dem Oberſt Everard ſeine Achtung mit artiger Gewandtheit und Hoͤflichkeit; obgleich er ſeine Naͤhe nicht gerne ſah, da er als ein religioͤſer Mann die atheiſtiſchen Grundſaͤtze des Edelmanns verabſcheute und der Bekehrung des Harriſon und ſelbſt des Desborough im Wege ſtehen konnte, wenn ein Dummkopf wie der letztere, zur Ver⸗ ehrung des Weltgeiſtes haͤtte bewogen werden koͤnnen. Ueberdieß kannte Bletſon den Everard als einen Mann von erprobter Rechtlichkeit, der keineswegs geneigt ſeyn mochte, in einen Plan einzugehen, uͤber weichen er die beiden Andern mit gutem Erfolg auf den Zahn geſuͤhlt hatte, und der darauf berechnet war, den Commiſſaͤ⸗ ren eine kleine Entſchaͤdigung fuür die Muͤhe zuzuſichern, mit welcher ſie ſich den Staatsgeſchaͤften widmeten. Auch mißfiel es dem Philoſephen nicht minder, gls er den Vuͤrgermeiſter und den Pfarrer ſah, welche ihm auf ſeiner Flucht von geſtern Abend begegnet waren, und ihnen parma non bene relicta— nachdem er ſeinen Schild ſchimpflich weggeworfen hatte— mit weggewor⸗ fenem⸗Mantel und ohne Stock erſchien. .. *) So recht Sir Walter! Wer dem Partbeigein nicht hut⸗ dist, dem huldigen wir. 5 Anmerk. d. Ueberſ. 89 Die Gegenwart des Oberſt Everard war dem Des⸗ borough eben ſo unwillkommen, wie dem Bletſon; aber da der erſtere keinen Begriff davon hatte, wie Jemand ungezaͤhltem Gelde widerſtehen koͤnne, ſo beunruhigte ihn nur der Gedanke, daß die Beute, welche ſie aus ihrem Auftrag zichen koͤnnten, durch die ſo unwillkom⸗ mene Vermehrung ihrer Zahl nunmehr in drei Theile getheilt werden muͤſſe, und dieſe Betrachtung vermehrte noch die natuͤrliche Tölpelhaftigkeit, mit welcher er ſei⸗ nen Willkommen herbrummte. Harriſon aber ſaß da, wie Jemand, deſſen Ge⸗ danken in hoͤheren Sphaͤren ſchweben; in unbeweglicher Stellung, die Augen auf die Decke gerichtet, und nichts ſchien zu verrathen, daß er auch nur im geringſten wiſſe, daß die Geſellſchaft mehr als verdoppelt worden war. Unterdeſſen nahm Everard ſeinen Platz am Siſche ein, wie ein Mann, der von ſeinem Rechte Gebrauch macht, und machte ſeinem Gefaͤhrten ein Zeichen, ſich am unteren Ende niederzulaſſen. Wildrake mißdeutete das Zeichen und nahm uͤber dem Maire Platz; aber auf einen Blick von ſeinem Herrn ſammehee er ſich wie⸗ der, ſtand auf, und ſetze ſich pfeifend auf einen nie⸗ drigeren Platz. Um dieſe hoͤchſt unziemende Freiheit durch einen Mang! an Anſtand noch recht vollkom⸗ men zu machen, ergriff er eine Pfeife, uͤllte ſie aus ſei⸗ ner großen Tabacksbuͤchſe und war bald in eine Dampf⸗ wolke eingehüllt, aus der ſich kurz darauf eine Hand ausſtreckte, welche den ſchwarzen Bierſchlauch ergriff, ihn in das dampfende Heiligthum zog und nach einem gevaltigen Schluck ihn wieder auf die Tafel ſtellte. — Dann fing er an, die Wolke zu ernenern, welche die Unterbrechung ein wengg zertheilt hatte. Niemand machte uber dieſes Betragen eine Be⸗ merlung, wahrſcheinlich aus Achtung gegen den Ober Everard, welcher ſich ſchweigend auf die Lirpen biß, fuͤrchtend, ſein Tadel möoͤchte noch wen ger zweideutig ſeinen widerſpenſtigen Gefaͤhrten als einen Royaliſten 3 90— darſtellen. Da aber das Stillſchweigen zu thoͤricht ſchien, und die Anderen keine Anſtalten trafen, es zu brechen, ſo ſagte endlich Oberſt Everard,„ich glaube wohl Gentleman, daß Sie uͤber meine Ankunft etwas erſtaunt ſind, und daß Sie meinen Beſuch fuͤr aufdring⸗ lich halten werden.“ „Was Deufels ſollte uns uͤberraſchen, Oberſt?“ ſagte Desborough,„wir kennen Sr. Excellenz, meines Schwagers Nolls— ich wollte ſagen, Milord Crom⸗ wells Art, die Staͤdte, durch welche er marſchirt, mit Einquartirung zu uͤberhaͤufen. Du haſt einen Antheil an unſrer Commiſſion erhalten?“ „And dadurch,“ ſagte Bletſon, indem er ſich freundlich laͤchelnd verbeugte,„hat uns der Lord Ge⸗ neral den angenehmſten Collegen gegeben, den er zu unſerer Anzahl haͤtte hinzufuͤgen koͤnnen. Ohne Zwei⸗ fel iſt doch Ihre Vollmacht, ſich mit uns zu vereini⸗ gen. auf den Befehl des Staatsraths ausgeſtellt wor⸗ den?“. „Das, meine Herrn,“ ſagte der Oberſt,„will ich Ihnen ſogleich vorlegen.“ 4 Er nahm alſo den Befehl heraus, und wollte ihnen eben den Jahalt mittheilen; aber als er bemerkte, daß drei oder vier hall daß Desborough duͤmmer wie gewoͤhnlich ausſah, und daß trotz Bletſon's Maͤßigkeit, dem Philoſophen den⸗ noch die fe rollten, ſo ſchloß er daraus, daß ſie Freckni ſe des Geiſterhauſes in der Weinſiaſche geſtaͤrke hatten, und er beſchloß alſo kluͤglich, ſein wichtiges Geſchaͤft 0 genſtunden aufzu Statt alſo den Befehl des Generals vorzuzeigen, welcher die Commiſſion aufhob, begnügte er ſich damit zu antworten,„mein Geſchaͤft eilich einigen Bezug darauf. Aber hier befindet ie meine Neugierde) ein ehrenwerther t hat, daß Sie ſich in ei⸗ ner ſonderbaren Verlegenheit beſinden, und ſowohl die buͤrgerliche als die geiſtliche Macht haben aufbieten müſ⸗ ſen, um Woodſtock im Beſitz halten zu koͤnnen.“ eere Flaſchen auf dem Tiſche ſtanden, ft auf die kuͤhleren Mor⸗ ft auf h —— 91 „Ehe wir uns daruͤber einlaſſen,“ ſagte Bletſon, welcher bei der Erwaͤhnung ſeiner Furcht, die er ſo deut⸗ lich an Tag gelegt hatte, und die ſich doch ſo wenig mit ſeinen Grundſaͤtzen vertrug, bis auf die Augen erroͤthe⸗ te,„moͤchte ich gerne wiſſen, wer der andere Fremde iſt, welcher mit dem wuͤrdigen Burgermeiſter und dem nicht minder wuͤrdigen Presbyterianer hieher kam.“ „Meinen Sie mich?“ ſagte Wildrake, indem er ſeine Pfeife bei Seite legte,„alle Donner, zu ſeiner Zeit haͤtte ich dieſe Frage mit einem beſſern Titel beant⸗ worten köͤnnen; aber fuͤr jetzt bin ich nur Sr. Gnaden armer Schreiber oder Secretaͤr, wie man gewoͤhnlich zu „Beim St. Georg, ein luſtiger Patron, Du biſt ein aufrichtiger Burſche Deines Handwerks,“ ſagte Desborough,„da findeſt Du meinen Secretaͤr Tomkins, freute, daß nen Nacht⸗ Selbſiduͤnkel demuͤ⸗ err Lug und Herr „um ſich ge⸗ wahrſcheinli der ve hat, 19 meinen e er ſey nuͤchtern. Ich ha Krug genannt, obgleich ein wuͤrdiger Joraeli nen zu dienen; ab rechtſchaffener Burſche, wie nur jemals einer am Paſſa⸗ feſt an einem Lammknochen nagte; aber ich nannte ihn Krug, blos um das heilige Kleeblatt mit einem dritten 8 9². Reim zu ſchließen. Dein Knappe Oberſt Everard, ſieht aus, als waͤre er wuͤrdig, der Bruͤderſchaft angereiht zu werden.“ „Nein wahrlich,“ ſagte der Cavalier,„ich mag weder mir einem Juden noch mit einer Juͤdin in Verbin⸗ dung kommen.“. „Sey daruͤber nicht boͤſe, junger Mann,“ ſagte der Philoſoph,„denn Du weißt ja, daß, was die Re⸗ ligion betrifft, die Juden unſere aͤltern Bruͤder ſind.“ „Die Juden aͤlter als die Chriſten,“ ſagte Desbo⸗ rough;„beim St. Georg, ſie werden Dich vor die Ge⸗ neralverſammlung bringen, Bletſon, wenn Du das zu ſagen wagſt.“ Wildrake lachte dem Desborough wegen ſeiner gro⸗ ben Undiſſenheit geradezu ins Geſicht, und erhielt von dem Schenktiſche her eine kichernde Antwort, die bei genauer Unterſuchung von den Bedienten herkam. Dieſe ehrenwerthen Leute naͤmlich, welche eben ſo furchtſam waren, wie ihre Vorgeſetzten, hatten ſich, als ſie die Lichter hingeſtellt hatten, und man glaubte, ſie haͤtten die Stube verlaſſen, nur an dem erwaͤhnten Orte ver⸗ „Was iſt das, Ihr Schurken,“ ſagte Bletſon aͤr⸗ gerlich,„kennt Ihr Eure Pllicht nicht beſſer?“ „Wir bitten Euer Gnaden um Verzeihung,“ ſagte einer der Diener,„wir haben die Leuchter auf den Tiſch geſtellt, und wagen es nun nicht, ohne Licht die Treppe hinab zu gehen.“— „FEin Licht, Ihr feigen Memmen“ ſagte der Phi⸗ loſoph„was, um zu ſehen, wer von Euch am bleichſten iſt, wenn eine Natte ſchreit?— Aber nehmt aur einen Leuchter und geht, ihr feigen Geſellen! Die Teufel, von denen Ihr Euch ſo ſehr fürchtet, muͤſſen erbaͤrmliche Geier ſeyn, wenn ſie ſolchen Nachteulen nachſtellen, wie Ihr ſeyd.“ Die Diener, ohne ein Wort zu erwiedern, ergrif⸗ fen das Licht, und machten ſich, der ehrliche Tomkins an der Spitze, bereit, hinabzugehen, als ſie aber an v 3 die Thüre des Zimmers kamen, welche halb offen ge⸗ laſſen worden war, ward ſie ploͤtzlich zugeſchlagen. Die drei erſchrockenen Bedienten taumelten in die Mitte des Zimmers zuruͤck, als wenn ſie ein Schuß getroffen haͤtte, und die am Tiſche ſaßen, ſprangen auf. Oberſt Everard war unfaͤhig, auch nur einen Augenblick Furcht zu fuͤhlen, ſelbſt wenn man wirk⸗ lich etwas furchtbares geſehen haͤtte; aber er blieb ſte⸗ hen, um zu ſehen, was ſeine Gefaͤhrten thun wuͤr⸗ den, um wo moͤglich der Urſache ihrer Beunruhigung bei einer ſo unbedeutenden Gelegenheit auf den Grund zu kommen. Der Philoſoph ſchien zu glauben, er waͤre die Perſon, welche ſich bei dieſer Gelegenheit am maͤnnlichſten zeigen muͤſſe. Er ging alſo der Thuͤre zu, brummend uͤber die Feigheit der Diener; aber mit ſolchen Schneckenſchrit⸗ ten, daß es ſchien, als wuͤnſche er, daß einer von denen, welchen er Vorwuͤrfe mache, ihm zuvorkaͤme. „Ihr feigen Dummkoͤpfe,“ ſagte er endlich, indem er die Klinke der Thuͤre faßte, ohne jedoch darauf zu druͤcken,„wagt Ihr es nicht, eine Thuͤre zu oͤffnen?“ (er machte ſich immer noch etwas mit dem Schloſſe zu thun)—„wagt Ihr es nicht, ohne Licht die Treppe hinab zu gehen? Bringt mir das Licht her, Ihr fei⸗ gen Memmen!— Bei'm Himmel, da draußen ſeufzt etwas!“ Als er das ſprach, ließ er die Klinke der Thuͤre fahren, und trat ein oder zwei Schritte zuruͤck, wobei ſeine Wangen ſo weiß wurden, wie die Binde, die er trug. 3 „Deus adjutor meus,“ rief der preßbyterianiſche Geiſtliche, indem er ſich erhob,„macht Platz, Herr,“ indem er ſich an Bletſon wandte,„es ſcheint, ich weiß mehr von dieſen Dingen, als Du, und ich danke dem Himmel, daß ich zum Kampf geruͤſter bin.“ Kuͤhn, wie ein Grenadier, der eine Breſche beſtei⸗ gen will, aber mit demſelben Glauben gn das Daſeyn einer großen Gefahr und mit demſelben Vertrauen auf die Gerechtigkeit ſeiner Sache trat der ehrenwerthe 94 Mann vor den Philoſophen Bletſon hin, ergriff ein Licht mit der einen Hand, oͤffnete ruhig die Thuͤr mit der andern und ſprach, als er auf der Schwelle ſtand,„hier iſt nichts!“ „Und wer erwartete denn etwas zu ſehen, außer die erſchrockenen Einfaltspinſel, die über jeden Wind⸗ zug, der durch die Gaͤnge des alten Schloſſes zieht, erzittern und erbeben.“ „Habt Ihr wohl Achtung gegeben, Mr. Tomkins,“ fluͤſterte einer der Diener dem Beamten zu,„ habt Ihr geſehen, wie kuͤhn der Geiſtliche ſich vordraͤngte. Ach, Mr. Tomkins unſer Pfarrer iſt doch der wahre beſtellte Beamte unſerer Kirche, und Eure Laienpre⸗ diger ſind doch nichts beſſeres, als Kluppiſten und Voluntairs.“ „Ihr, die Ihr mir zuhoͤrt, folgt mir nach,“ ſagte Mr. Holdenough,„oder wer will, gehe mir vor, denn ich werde durch die bewohnbaren Zimmer dieſes Hauſes wandeln, ehe ich es verlaſſe, und mich ſelbſt überzeugen, ob ſich der Teufel werklich in dieſer furcht⸗ baren Hoͤhle der alten Verruchtheit eingeſchlichen hat, oder ob wir den Verruchten gleich, von denen der hei⸗ lige Davih ſpricht, erſchreckend fliehen, wenn uns nie⸗ mand verfolgt.“ Harriſon, welcher dieſe Worte gehoͤrt hatte, er⸗ ob ſich von ſeinem Sitze, zog ſein Schwerdt und rief s:„ und waͤren auch ſo viele Feinde in dieſem auſe, wie Haar auf meinem Kopfe, ſo will ich ſie duch bei dieſer Gelegenheit in ihren verborgenſten Schan⸗ zen angreifen!“. Er ſprach's, zuͤckte ſein Schwerdt, ſtellte ſich an die Spitze des Zugs, wo er dicht an der Seite des Pfarrers fortzog. Gleich darauf ſchloß ſich der Buͤr⸗ germeiſter von eoedſtock an, der ſich wahrſcheinlich in der Geſellſchaft ſeines Seelſorgers fuͤr ſicherer hielt: ſe bewegte ſich der Zug in geſchloſſener Ordnung vor⸗ waͤrts, begleitet von den lichttragenden Dienern, um e 18 ₰ 95 im Jaͤgerhauſe einen Grund fuͤr den Schrecken zu fin⸗ den, welcher ſich ihrer ſo ploͤtzlich bemeiſtert hatte. „Nun, nehmt mich doch auch mit, meine Freun⸗ de,“ ſagte Oberſt Everard, welcher erſtaunt zugeſe⸗ hen hatte, und nun im Begriff war, dem Zuge zu folgen, als Bletſon ihn am Rock ergriff, und ihn bat, da zu bleiben. „Sie ſehen, mein guter Oberſt,“ ſagte er, in⸗ dem er einen Muth heuchelte, welchen ſeine zitternde Stimme Luͤgen ſtrafte,„daß nur Sie und ich und der ehrliche Desborough zur Garniſon zuruckgelaſſen wurden, waͤhrend alle Uebrigen abweſend ſind, einen Streifzug zu machen. Wir muͤſſen nicht alle unſere Sruppen bei einem Ausfall wagen— das waͤre un⸗ militaͤriſch, ha, ha, ha!“ „Um's Himmels willen, was wollt Ihr denn?* ſagte Eberard.„Ich hoͤrte eine tyoͤrichte Erzaͤhlung Geiſtererſcheinungen, als ich hieher kam, und nun ſehe ich, daß Ihr aufe halb toll vor Furcht ſeyd, und kann kein vernuͤnftiges Wort von Euch heraus bekem⸗ men. Pfui, Oberſt Desborongh, ſchaͤmen ſie ſich Mr. Bletſon, ſuchen Sie ſich zu faſſen, und ſagen Sie wir um's Himmelswillen den Grund dieſer Beunruhigun⸗ gen. Man ſollte glauben, Ihr waͤret alle verrückt geworden.“ 4 „Ganz gewiß,“ ſagte Desborough,„ja, verruͤckt und umgekehrt, da in der vergangenen Nacht die Kopfkiſſen meines Bettes zu meinen Fußen geworfen wurden, und ich zeben Minuten lang mit dem Kopf unten und mit den Fuͤßen oben liegen mußte, wie ein Stier, den man breſchlagen will.“ 3 „Was ſoll der Unſinn, Herr Bletſon?— Der Alp muß den Desborough gedruͤckt haben.“ „ Nein, auf mein Wort, Oberſt; die Geſpenſter, oder was ſie ſonſt ſeyn moͤgen, waren unſerem ehrli⸗ chen Desborough ſehr gewogen, denn ſie legten das Gewicht ſeiner ganzen Perfon auf den Theil ſeines Koͤrpers, welcher— Horch, hoͤrten Sie nicht eiwas? 96 — der Mittelpunkt ſeiner Schwerkraft iſ, nemlich auf den Kopf.“ „Sah'n Sie denn etwas, was Sie beunruhig⸗ te? ſagte der Oberſt. „Nichts,“ ſagte Bletſon,„aber, wie alle Leute, vernahmen wir auch einen hoͤlliſchen Laͤrm; und ich, der ich an Geiſter und Erſcheinungen nicht viel Glau⸗ ben habe, ich glaubte, die Roygliſten wollten uns aufheben; ich dachte alſo an das Schickſal des Rains⸗ borough, ſprang zum Fenſter hinaus, und lief nach Woodſtock, um den Soldaten zu befehlen, den Har⸗ riſon und unſeren Freund zu befreien.“ „Und ſah'n Sie denn nicht erſt, woher eigentlich die Geſaßr entſtand?“ Ach, mein theurer Freund, Sie vergeſſen, daß ich zur Zeit der ſelbſt erbetenen Ordonanz meine mi⸗ litaͤriſche Stelle niederlegte. Es haͤtte ſich ſchlecht zu meiner Pflicht, als Parlamentsglied geſchickt, mich bei einem Aufſtand mit einer militaͤriſchen Behoͤrde herumzuzanken. Nein, Herr Oberſt, ſeitdem mir das Parlament befahl, mein Schwerdt in die Scheide zu ſtecken, habe ich zu viele Hochachtung vdr ſeinem Willen, als daß ich es wieder en ſollt „Aber,“ ſagte D esborough heftig,“ ment be fahl Ihn doch nicht, Ihre Ferſen brunchen wenn Ihre Haͤnde einen Menſchen vom Er⸗ ſticken haͤtten retten koͤnnen. Alle Seufel, Sie haͤtten wohl da bleiben koͤnnen, als Sie mein Bett umge⸗ kehrt, und mich halb erſtickt zwiſchen den Betttuͤchern liegen ſahen— Sie haͤtten wohl, ſage ich, ſtehen blei⸗ ben koͤnnen, um mir zu helfen, es wieder zurecht zu legen, ſtatt zum Fenſter hinaus; uſpringen, wie ein eben geſchorenes Schaf, ſobal d Sie durch mein Zim⸗ mer liefen.“ „Nein, mein verehrungswuͤrdiger Mr. Desbo⸗ rough,“ ſagte Bletſon, indem er dem Everard wink⸗ te, um ihm anzuzeigen, daß er ſich mit ſeinem dick⸗ koͤpfigen Collegen nur necken wolle,„wie konnte ich 97 Ihre Art zu liegen kennen— der Geſchmack im Bett iſt verſchieden; ich habe Leute gekannt, die freiwillig in einem Winkel von 45 Graden ſchliefen.“ „Ja, aber ſchlief wohl jemand ſchon einmal, in⸗ dem er auf dem Kopf ſtand, außer durch ein Wun⸗ der,“ ſagte sborough.— 3 .„ Nun, was Wunder betrifft,“ fagte der Philo⸗ ſoph, welchen die Gegenwart des Sverard zütrauens⸗ voll machte, ohne dem, daß eine Gelegenheit, uber Neligion zu ſpotten, ihn wirklich ein wenig von ſei⸗ ner Furcht zerſt eute;„ich laſſe das außer Rede geſtellt, da ich ſehe, daß ein Zeugniß daruͤber eben ſo wenig Ue⸗ berzeugung hervorbringen, als ein Pferdehaar einen Loͤwiadan an das Land ziehen kann.“ 3 Ein lauter Donnerſchlag, oder ein ihm aͤhnliches Gerauſch erſchuͤtterte das Jaͤgerhaus, als der Ritter geendigt hatte, ſo daß er bleich und regungslos zu⸗ ruͤck führ, Desborough aber ſich auf die Kniee warf, und in einer wunderbaren Verwirrung Ausrufungen und Gebete wiederholte. „Da muß eine Liſt mit im Spiele ſeyn’“ rief Everard aus, riß ein Licht von einem Wandleuchter und ſtuͤrzte zu dem Zimmer hinaus, indem er dem Flehen des Philoſophen kein Gehoͤr gab, welcher ihn in hoͤchſter Verzweiflung bei dem Animus mundi be⸗ chwor, einen ungluͤcklichen Philoſophen, den die He⸗ ren, und ein Parlamentsmitglied, welches Raͤuber an⸗ griffen, in ſeiner Noth nicht zu verlaſſen. Desborough aber gaffte nur, wie der Hanswurſt im Puppenſvicl, um ſich her, und im Zweifel, ob er folgen ſolle oder dableiben, ſiegte ſeine natuͤrliche Traͤgheit, und er blieb ſitzen. ls Everard an den Abſatz der Treppe kam, blieber einen Augenblick ſtehen, um zu überlegen, was wohl am beſten zu thun ſey. Er hoͤrte Maͤnnerſtimmen laut erſchallen, wie Leute, die ſich ihre Furcht ausſchwatzen wollen; da er wohl einſah, daß eine ſo laͤrmende Un⸗ terſuchung, wie ſie die Leute im unteren Stockwerke 1 7 W. Scott's Werke. X. 4 98. vornahmen, zu keiner Entdeckung fuͤhren koͤnne, ſo Lerhls ß er, eine andere Richtung einzuſchlagen, und das zweite S Stockwerk zu unterſuchen, das er nun be⸗ treten hatte. Da er jeden Winkel, ſowohl des bewohnten, als unbewohnten Theils ge Lannt hatte, ſo bediente er ſich ſeines Lichtes, um zwei oder drei verwickelte Gaͤnge zu durchgehen, von denen er fuͤrchtete, ſich ihrer nicht genau erinnern zu koͤnnen. Endlich gelangte er in ein gchteckigtes Vorzimmer (oeil de boeuf genannt), von dem man in mehrere immer gehen konnte. Von dieſen Thuͤren waͤhlte Everard dielenige, welche zu einer ſehr langen ſchma⸗ len Gallerie fuͤhrte, die zu den Zeiten Heinrich Vall. erbaut, faſt die ganze füdweſtliche Seite des Gebaͤudes einnahm, und auf ver dehen Punkten mit dem ührigen Gebaude in Verbindung ſtand. Dieß mußte, wie er glaubte, wahr alich ae Poſten⸗ ſeyn, wel⸗ chen diejenigen waͤhlen wuͤrden, welche bei dieſer Ge⸗ leg nheit die Rolle der C vielen wollten; b da re Läͤnge und ihre Form ihm den floͤßten, daß man hier das donnerartige Ger m beſten hervorbringen koͤnnen. eeeerih ſen, wo noͤglich die Sache ſelbſt zu unterſuchen, ſtellte er ſein auf einen Tiſch im Vorzimmer, und verſuchte die Thüre zu off en, Wel che in die Gallerie Fuͤhr⸗ 1 Er fand aber ſtarken Widerſtand, entweder durch einen innen vorgeſchobenen Rlegel, oder, wie es ihm wahrſcheinlicher ſchien, von Je manden, der ſich ſeinen Anſtrengungen entgegen ſte mmte. Er war geneigt, Le etztere zu glauben, weil der Widerſtand bald na ichl ließ, bald ſih erneuerte, wie der einer menſch⸗ lichen Kraft, ſtatt wie ein unbelebter Gegenſtand ein beſtaͤndiges: Hinderniß darzubieten, obhgleich aed ein kraͤftiger fehaß inn ger Mann war, ſo er⸗ Spfte er doch vergeblich ſeine Kraft, die Thuͤr re zu fnen; als er aber einen Augenblie ck inne hielt, Athem zu ſchoͤpfen, und mit den Fuͤßen oder Schultern ſeine he —„ 4 99 Anſtrengungen erneuern und zugleich um Huͤlfe rufen wollte, fand er zu ſeinem Erſtaunen, daß, als er leiſe wieder dagegen druͤckte, um zu unterſuchen, wo die Staͤrke des Hinderniſſes eigentlich lag, die Thuͤre dem leichten Drucke nachgab, irgend ein Hinderniß zerbrochen hinſiel, und die Flugelthuͤren weit ar ogen. Der Windzug, welcher dadurch entſtand, blies das Licht aus, und Eberard blies im Dunkeln, und nur und wieder ſchimmerte ein einzelner Strahl des ondes durch das itter, und warf ein unvollkom⸗ cht auf die Gallerie, welche in Geiſterartiger 6 zweifelhaft daͤmmernde Licht kenpflanzen noch vergrö⸗ Be laß ſen, und g ließ, zum Theil bald ganz berdunkelten. Auf der andern Geite 4 waren ggr keine Fenſter, und die Ge rie war mit Gemaͤlden bedeckt, welche den angel er⸗ ſetzten. Die meiſten davon waren weggenommen, doch konnte man immer noch bei den einen die leeren Rah⸗ men, und bei den anderen die zerſtückelten Ueber⸗ bleibſel in der Ausdehnung der weiten Gallerie bemer⸗ ken. Dieſe ſah ſo oͤde aus, und begünſtigte uͤber⸗ dieß Irrthuͤmer ſo leicht, da man glauben konnte, man habe Feinde in der Naͤhe, daß Everard ſich nicht enthalten konnte, am Eingange ſtille zu ſtehen, und ſeine Seele Gott zu empfehlen, ehe er mit gezogenem Schwerdt in das Zimmer gieng, ſo leicht, wie moͤg⸗ lich auftrat, und ſich ſo viel, wie moͤglich im Schat⸗ ten hielt. Markham Everard war keineswegs aberglaͤubiſch, doch war er der natuͤrlichen Leichtglaͤubigkeit ſeiner Zeit nicht entgangen; und obgleich er nicht leicht an Lberirdiſche Erſcheinungen glaubte, ſo konnte er ſich doh des Gedankens nicht erwehren, daß, wenn ſolche Dinge je ſtatt finden, er ſich in der Lage befinde, wo 7 8 100. man ſie am ſicherſten erwarten duͤrfe. Mit dieſen un⸗ angenehmen Gefühlen und ſich der Nachbarſchaft ei⸗ nes unguͤnſtig geſinnten Weſens bewußt, war Oberſt Everard ſchon bis in die Haͤlfte der Gallerie gedrun⸗ gen, als er nahe bei ſich einen Seufzer vernahm und eine leiſe liebliche Stimme ſeinen Namen ausſprach. „Da bin ich,“ erwiederte er, waͤhrend ſein Herz hoch und laut ſchlug.„Wer ruft den Markham Everard?“ 3 Ein zweiter Seufzer war die einzige Antwort. „Sprich,“ ſagte der Oberſt,„wer oder was du auch ſeyſt, und ſage mir, in welcher Abſicht und mit welchem Vorhaben ihr in dieſen Zimmern herum⸗ ſchleicht?“ 3 „Mit einer beſſern Abſicht, als die Ihrige,“ ver⸗ ſetzte die ſanfte Stimme. „Als die meinige,“ antwortete Everard ſehr uͤber⸗ raſcht.„Wer biſt Du, daß Du meine Abſichten zu beurtheilen wagſt?“ „Und was biſt Du, Markham Everard, welcher beim Mondſchein durch dieſe verfallene Hallen des Koͤ⸗ nigthums wandelt, welche niemand betreten ſollte, welcher nicht ſeinen Sturz betrauert, und ihn zu rä⸗ chen geſchworen hat?“ „Es iſt— und doch kann es nicht ſeyn,“ ſagte Everard,„und doch iſt es und muß es ſo ſeyn. Alexis Lee, der Teufel ſpricht oder Du antworte mir, ich beſchwoͤre Dich! Sprich offen— in welche ge⸗ faͤbrlichen Plaͤne ſeyd ihr verwickelt— wo iſt Dein Nater?— warum biſt Du hier, was ſoll das Le⸗ bensgefaͤhrliche Abentheuer? Sprich, ich beſchwoͤre Dich, Alexis Lee!“⸗ „Sie, welche Du rufſt, iſt eine Meile weit von hier entfernt. Wie wenn ihr Genius ſpraͤche, waͤh⸗ rend ſie abweſend iſt?— Wie wenn die Seele ei⸗ ner ihrer und Deiner Ahnen Dich jetzt anredete?— Wie wenn—“ „Nein,“ antwortete Everard,„aber wie, wenn 10˙1 das Theuerſte der menſchlichen Weſen einen Funken von der Schwaͤrmerei ihres Vaters aufgefangen haäͤt⸗ te?— Wie wenn ſie ihre Perſon der Gefahr Und ihren Ruf der Verlaͤumdung ausſetzte, indem ſie ver⸗ kleidet und im Dunkeln ein mit Bewaffneten erfuͤll⸗ tes Haus durchwandelt?— Sprich zu mir, meine ſchoͤne Baſe; ſprich ſelbſt. Ich bin mit Vollmachten verſehen, meinen Oheim Sir Henry zu beſchuͤtzen, auch Dich zu beſchützen, meine theuerſte Alexis, ſelbſt gegen die Folgen diefer Geiſtervorſpiegelung. Sprich, ich ſehe, wo Du biſt, und mit aller meiner Hoch⸗ achtung kann ich es nicht dulden, daß man mich ſo behandelt. Vertraue auf mich, reiche Deinem Vetter Markham die Hand, und glaube, daß er entweder ſterben, oder Dich auf eine ehrenvolle Weiſe in Si⸗ cherheit bringen wird.“ Als er dieſes ſprach, ſtrengte er ſeine Augen ſo viel wie moͤglich an, um zu entdecken, wo die Re⸗ dende ſtand, und es ſchien ihm, daß er ungefaͤhr drei Ellen von ſich eine ſchattenaͤhnliche Geſtalt gewahre, deren Umriſſe er aber nicht einmal unterſcheiden konn⸗ te, weil ſie ſich innerhalb des dunkeln langen Schat⸗ tens befand, welchen ein Zwiſchenraum der Mauer zwiſchen den beiden Fenſtern warf. Indem er ſo gut wie moͤglich die Entfernung zwiſchen ſich und den Gegenſtand, den er bemerkte, berechnete, dachte er, daß wenn er ſelbſt durch einen kleinen Zwang ſeine geliebte Alexis von der Verſchwoͤrung losreißen koͤnne, in welche ſie ihres Vaters Eifer fuͤr die Sache des Koͤnigthums verwickelt habe, ſo wuͤrde er damit bei⸗ den einen wichtigen Gefallen thun. Er mußte noth⸗ wendigerweiſe den Schluß ziehen, daß, wie gluͤcklich auch das Complott gegen den furchtſamen Bletſon, den dummen Desborough und den verruͤckten Harri⸗ ſon gelungen ſey, ihre Kunſtſtuͤcke am Ende doch ohne Zweifel diejenigen in Beſchaͤmung und Gefahr brin⸗ gen köoͤnne, welche darein verwickelt waren. Dabei muß man bedenken, daß Everard, obgleich er ſeine Baſe mit Achtung und Ergebenheit liebte, ken, dem 102 er ſie doch eher wie ein Bruder ſeine juͤngere Schwe⸗ ſter behandelte. Denn da ſie in der innigſten Ver⸗ traulichkeit auferzogen worden waren, ſo ſchwankte er keinen Augenblick, ſelbſt auf die Gefahr hin, ſie im Augenblick zu beleidigen, ſeine Verwandte aus dem gekaͤhrlichen Complotte zu reißen, in das er ſie verwickelt glaubte, ſo wie er ſie aus einem Strom gezogen haͤtte, ohne zu fuͤrchten, ihr durch ſein Er⸗ greifen wehe zu thun. Alas dieſes ging im Verl lnnf 1 e, und er beſchl telle a ung z vard deine 88 mubei en di uͤrch ein gena nes Aufmer r der Stimme nach, die Entfernung ch bin nicht die ;„und theur en dder D vode m ſichten als die mit thaͤngen, befehlen zutreten und diefen Ort bis ich Dich von Deiner kin⸗ erzeugt habe,“ ſagte der Oberſt, g, und diejenige, welche mit ihm greifen ſuchte. Aber er ergriff keine ſtalt. Er begegnete im Gegentheil einem von keinem weiblichen Arme ausgehen id der ſo heftig war, daß er ruͤckwaͤrts zu te. Zu gleicher Zeit fühlte er die Spitze ne ſeiner Kehle, und ſeine Haͤnde baͤltigt, daß er ſich auch nicht idigen konnte. 1 Huͤlfe,“ ſagte eine Stimme ne⸗ ben ihm, aber nicht dieienige, welche er bisher g hoͤrt hatte,„wird in Ihrem Blute erſtickt werden, man gt nichts Boͤſes egen Sie, ſeyn Sie ver⸗ nuͤnftig und ſchweigen Sie lich haͤlſt, 11 ſagte 4 1⁰3 Die Furcht vor dem Tode, welcher Everard ſchon auf dem Schlachtfel de getrotzt hatte, erfaßte ihn 9, als er ſich in den Haͤnden von unbekann⸗ ubern und von allen Vertheidisungsmitt eln ßt befand. Die ſcharfe ditze des Schwerdtes kite ſeinen bloßen Haks⸗ und der Fuß deſten, der es hielt, lag auf ſeiner Bruſt. Er fuͤhlte, daß nur eines einzigen Sisen bedürfe und B den kabs Sorgen, welche uns 5 fonder! ar bewe denen wir Pin noch 1* ungern ſcheiden. oße Gunei iner Stirne— ſein Herz erzis⸗ afen brechen zu woll 1 1, mit welcher die feren dle en ſo heftig ergreift, wie ein koͤrpe icher Schmerz, wenn er einmal den Kraͤftigen und Geſun den unterjocht.. 3 beten „Alexis!“ verſuchte er zu reden, und die S des Schwerdtes drang naͤher an ſeine Kehle Ec ſine, laß mich nicht auf eine ſo entfesliche Wei morden!“ „Ich ſage Dir,“ erwiederte die Stimme,„daß Du mit Jemanden ſprichſt, der nicht hier iſt, aber wir wollen Dein Leben nicht, wenn Du bei Deinem Glauben als ein Chriſt, und bei Deiner Ehre als ein Edelmann ſchwoͤren willſt, daß Du das, was vweder Deinen Leuten noch irgend einem Andern then willſt. Unter ver ieſer 8 zedingung kannſt Du au; und nene u ſie ſuchſt, ſo kannſt Du Ale) ee in Jocblins Huͤtte im W alde finden.“ v „Da ich mir nicht anders helfen kann,“ ſagte Ever ard,„ſo chwoͤre ich, ſo wahr ich ein Gefuͤhl don Religion und Ehr Le habe, niemanden etwas von die ſer Gewaltthat zu erzaͤhlen, und auch keine Nachſos⸗ ſchungen nach denen zu machen, welche darein ver⸗ wickelt ſind.““ „ Darum bekümmern wir uns nicht,“ ſagte die Stimme, Danmn Du n inen Beweis, wie leicht 10½ Du Dich ſelbſt ins Ungluͤck ſuͤrzen kannſt. Wir ſind 8 Stande, Dir Trotz zu bieten. Steh auf, und geh!⸗ Der Fuß und die Spitze des Schwerdtes wurde zuruͤckgezogen, und Everard ſprang haſtig auf, als die Stimme mit derſelben Lieblichkeit des Tones, die ſie vorher auszeichnete, ſagte:„Eile Dich nicht— kalter und bloßer Stahl umgiebt Dich noch. Nun— nun— nun(die Worte verloren ſich in der Entfer⸗ nung) nun biſt Du frei, ſey verſchwiegen und Du biſt gerettet.““ Markham Everard ſtand auf, und ſtieß mit ſei⸗ nen Füßen an ſein eigenes Schwerdt, welches er batte fallen laſſen, als er hingeſprungen war, um, wie er glaubte, ſeine ſchoͤne Nichte zu erfaſſen. Er hob es ſchnell auf, und als ſeine Hand den Griff wie⸗ der berührte, kehrte auch ſein Muth, der nur der Furcht vor einem augenblicklichen Dode gewichen war, zuruͤck, er bedachte ſich faſt mit ſeiner gewoͤhnlichen Gelaſſenheit, was nun zu thun ſey. Tief beleidigt durch den Schimpf, den er ſo eben erlitten hatte, beſann er ſich einen Augenblick, ob er ſein erzwungenes Verſprechen halten müſſe, oder ob er nicht Huͤlfe holen und ſich eilen ſolle, diejenigen zu entdecken und zu ergreifen, die ehen erſt eine. ſol⸗ che waltthaͤtigseit gegen ihn ausgeuͤbt hatten. Aber dieſe Perſonen, ſie mochten nun ſeyn, wer ſie woll⸗ ten, hatten doch ſein Leben in Haͤnden gehabt— er hatte ihnen ſein Wort zum Buͤrgen gegeben, und cht von losreißen, daß ſeine gel wiſſe. Dieſe vorgefaßte Meinung beſtimmte ſein Be⸗ tragen; denn oögleich er boͤſe daruͤher war, weil er glaubte, ſie habe zu ſeiner perſoͤnlichen Mißhand⸗ lung beigetragen, ſo konnte er doch keinen Augen⸗ blick daran denken, das Haus im Augenblick unter⸗ — — 105 ſuchen zu laſſen, womit er ihre oder ſeines Oheims Sicherheit gefaͤhrdete.„Aber ich will in die Huͤtte,“ ſagte er,„ich will augenblicklich in die Hütte, um Gewißheit zu erlangen, in wie fern ſie an dieſer wil⸗ den gefaͤhrlichen Beſchwoͤrung Theil genommen hat, und um ſie wo moͤglich vom Untergang zu retten.“ Als er dieſem Entſchluß zu Folge durch die Gal⸗ lerie tappte, und den Vorplatz wieder erreicht hatte, hoͤrte er die wohlbekannte Stimme Wildrakes ſeinen Namen ausrufen:„He, Hollah!— Oberſt Everard — Mark Everard— es iſt dunkel, wie in des Teu⸗ fels Rachen.— Sprich, wo biſt Du?— Ich glaube die Heren feiern hier ihren hoͤlliſchen Sabbath;— wo biſt Du?“ „Hier, hier,“ antwortete Everard,„hoͤre mit Deinem Schreien auf. Wende Dich zur Linken und Du wirſt mich treffen.“ Geleitet durch ſeine Stimme erſchien Wildrake bald mit einem Lichte in der einen, und ſeinem ge⸗ zogenen Schwerdt in der andern Hand.„Wo biſt Du geweſen,“ ſagte er,„was hat Dich zitruͤckgehal⸗ ten? Da ſind Bletſon und das Vieh Desborough, die fuͤr ihr Leben zittern, und Harrifon, der wie wahnſinnig rast, weil ihm der Deufel den Gefallen nicht thun will, mit ihm zu fechten. „Sah'ſt oder hoͤrteſt Du etwas, als Du hieher kamſt?“ ſagte Everard. „Nichts,“ erwiederte ſein Freund,„ausgenom⸗ men daß, als ich zuerſt in dieſes verfluchte zerfallene Labirinth eintrat, mir das Licht wie mit einem Zaut⸗ berſchlage aus der Hand geſchlagen wurde, ſo daß ich genzthigt war, zurückzugehen, um ein anderes zu holen.“ „Ich muß augenblicklich ein Pferd haben, Wild⸗ rake, und wo moͤglich ein anderes fuͤr Dich.“ „Wir koͤnnen zwei nehmen, die den Soldaten geboͤren,“ antwortete Wildrake.„Aber wozu ſollen 106 wir mitten in der Nacht wie Ratten davon laufen? Stuͤrzt das Haus ein?“ „Ich kann Dir nicht antworten,“ ſagte der Oberſt, indem er in ein Zimmer trat, wo noch ei⸗ nige Ueberreſte von Moͤbeln ſ Hier betrachtete der Royali und rief verwundert aus: mit wem haſt Du denn gefochten, Ma u ſo jaͤm⸗ b und dem Ritze rang, um er 18ste Wild⸗ eilte ſchnell nden und naſſen Au⸗ 1 fuͤr das Leben ards Wi ſt Unbedeu⸗ eit ſeines Blut bedeckt war. Das letzter den er am Halſe bekommen hatt ſich loszureißen. Mit ungeheuch rake die Binde ſeines Freun ſeine Wunde mit zitternden ⁸ gen zu unterſuchen, denn er fürchtete ſeines Wohlthaͤters. Als er aber trotz derſtand die Wunde unterſuchte und tend fand, nahm er die natuͤrliche 2 Charakters um ſo lieber wieder an, als er ſich viel⸗ leicht ſchaͤmte, davon abgewichen zu ſeyn u Gefuͤhl gezeigt zu haben, als man von ihr thete. „Wenn das des Teu ſagte er,„ſo ſind die K nicht ſo furchtbar, wie man ſi mand ſoll ſagen, daß D B wurde, waͤhrend Rocher Wild Wo ließeſt Du denn Dein Teuſe ruͤck auf das Schlachtfeld, will i gen meſſen, und waͤren auch ſein el zehn Pfen⸗ nigsnaͤgel, und ſeine Zaͤhne ſo lang wie die einer Egge, ſo ſoll er mir fuͤr die Beleidigung, die er Dir angethan hat, Genugthuung geben.“ „Unſinn, Unſinn,“ rief Everard aus;„ich be⸗ ud mehr n vermu 107 4 kam dieſe kleine Wunde nur durch einen Fall— ein Waſchbecken und ein Handruch werden es wegneh⸗ men. Wenn Du mir unterdeſfen je eine Gefaͤlligkeit thun willſt, ſo beſtelle die Soldaten⸗Pferde— nimm ſie fuͤr den oͤſſentlichen Dienſt in Anſpruch, im Na⸗ men Sr. Excellenz des Generals. Ich will mich nur waſchen, und werde Dich im Augenblick vor dem Thor treffen.“ 1 „Gut, ich will Dir dienen, Everard, wie ein Stummer dem Großſuktan, ohne zu wiſſen warum und weßwegen. Aber willſt Du abreiſen, ohne die Herdn da unten zu befuchen?“ „Ohne auch nur einen von ihnen zu ſehen,“ ſagte Everard,„verkiere keine Zeit um Gotteswillen.“ Wildrake fand den Wachthabenden Offtzier und verlangte die Pferde in einem befehlenden Tone, wel⸗ chem der Corporal ohne Widerſpruch Gehorſam lei⸗ ſtete, da er den militaͤriſchen Rang und die Wich⸗ tigkeit des Oberſten Everard kannte, ſo war in ei⸗ ner oder zwei Minnten alles zur Abreiſe bereit. Siebentes Kapitel. Sie kniet und einer Heil'gen gleich Hebt ſie das Aug' gen Himmel, Betet fromm. 8 König Heinrich VIII. Mancherlei Vermuthungen erregte Oberſt Ebe⸗ rards Abreiſe zu einer ſo ſpaͤten Stunde, denn es mochte ohngefaͤhr 7 Uhr Abends ſeyn. Diener und Gefolge verſammelten ſich in den Vorzimmern oder Hallen, denn niemand zweifelte daran, daß der Grund zu ſeiner ploͤtzlichen Abreiſe darin laͤge, daß er, wie kten,„etwas geſehen haben muͤſſe,“ ſie ſich ausdru vg— und alle wuͤnſchten zu wiſſen, wie ein Mann von ſo 108 erprobtem Muthe, wie Everard, bei einer eben ge⸗ habten Seiſtererſcheinung wohl ausſehen moͤchte. Aber er ließ ihnen keine Zeit, Bemerkungen daruͤber zu machen; denn gehuͤllt in ſeinen Reitermantel ſchritt er durch die Halle, warf ſich aufs Pferd, und ritt mit entſetzlicher Eile durch den Forſt der Huͤtte des Foͤrſters Jo olin zu. Markham Everard war von Natur hitzig, kuͤhn, ernſt und entſchloſſen faſt bis zur Uebereilung. Doch hatte ihn eine richtige Erziehung gelehrt,(und dis ſtrenge moraliſche und religioͤſe Zucht ſeiner Sekt war dieſer zu Huͤlfe gekommen) ſeine natuͤrliche Hef⸗ tigkeit nicht allein zu verbergen, ſondern auch zu un⸗ terdruͤcken und auf ſeiner Huth dagegen zu ſeyn. Aber wenn die Fluth einer heftigen Bewegung das natuͤrliche Ungeſtüm des jungen Soldaten rege mach⸗ te, ſo durchbrach es dieſe kuͤnſtlichen Schranken, und wie ein Strom, der ſich ſchaͤumend uͤber Daͤmme ſtuͤrzt, ward er dann um ſo viel heftiger, als raͤche er ſich fuͤr die erzwungene Ruhe, welche er eine Zeit lang anzunehmen gezwungen war. Bei ſolchen Ge⸗ legenheiten war er gewoͤhnt, nur den Gegenſtand ins Auge zu faſſen, auf den ſich ſeine Gedanken gewor⸗ fen hatten, und gerade darauf loszugehen, es ſey nun ein geiſtiger Gegenſtand, oder das Erſtuͤrmen. ei⸗ ner Breſche, ohne die Schwierigkeiten zu berechnen, welche vor ihm lagen. Jetzt war ſein herrſchender, alles uͤbertaͤubender Gedanke, feine geliebte Couſine wo moͤglich von den gefaͤhrlichen und entwürdigend den Verbindungen los⸗ zureißen, in welchen er ſie verwickelt glaubte, oder zu entdecken, daß ſie mit dieſen Umtrieben wirklich nicht in Verbindung ſtehe. Er glaubte gewiſſ ermaßen daruͤber urtheilen zu koͤnnen, je na dem er ſie in der Huͤtte, auf die er nun zu galopirte, gegenwaͤrtig oder abweſend fand. Aber vielleicht konnte ſein Beſuch ihrem Vater mißfallen; doch welches Recht hat er dazu? War — 109 nicht Alexis die naͤchſte Blutsverwandte, der theuerſte Gegenſtand ſeines Herzens, und ſollte er deswegen von ſeinen Bemuͤhungen abſtehen, ſie von den Fol⸗ gen einer thoͤrichten Verſchwoͤrung loszureißen, weil durch ſein Erſcheinen in ihrer gegenwaͤrtigen Woh⸗ nung, welche zu betreten ihm de Ritter unterſagt hatte, der Mißmuth des Alten rege werden konnte? Nein, er war entſchloſſen, die harten Reden des al⸗ ten Mannes zu ertragen, wie er den Sturm des Herbſtwindes ertrug, der um ihn her heulte, und der die Aeſte der Baͤume, unter denen er ritt, erſchüt⸗ terte, ſich aber ſeiner Reiſe nicht entgegen ſetzen, oder ſie auch nur aufhalten konnte. Kand er Alexis ab⸗ weſend, wie er es zu glauben Urſache hatte, ſo wollte er dem Sir Henry Lee ſelbſt das erzahlen, was er geſehen hatte. Denn wenn ſie auch thaͤtigen Theil an dem Taſchenſpielerſtreiche genommen hatte, welchen man zu Woodſtock ausfuͤhrte, ſo mußte es doch noth⸗ wendigerweiſe mit ihres Vaters Wiſſen und Willen geſchehen ſeyn; denn der alte Ritter hielt ſtreng auf weibliche Zuruͤckhaltung und weiblichen Anſtand. Er wollte dann dieſe Gelegenheit ergreifen, um ihm die wohlgegründete Hoffnung mitzutheilen, daß er ferner in Woodſtock wohnen, und die Seqgueſtratoren von den koͤniglichen Gebaͤuden und Domainen durch an⸗ dere Mittel entfernt werden foͤunten, als durch dieſe ſonderbare eiſe ſie einzuſchuchtern, welche darauf be⸗ rechnet zu ſeyn ſchien, ſie aus dem Schloſſe zu ver⸗ jagen. 3 Dieſes Alles ſchien ihm in ſeiner Pflicht als Ver⸗ wandter obzuliegen, und erſt als er an der Thure der Huͤtte des Mildmeiſteis hielt, und dem Wildrake die Zuͤgel zugeworfen hatte, erinnerte ſich Everard an den ſtolzen, hochmuͤthigen und unbeugſamen Charakter des Sir Henry Lee. Seine Hand beruͤhrte ſchon die Klinke, da fuͤhlte er erſt eine Abneigung, ſich dem reizbaren alten Ritter aufzudringen. Aber es blieb nicht viel Zeit zum ſchwankenden Zweifel. Beris, 110 noch ſo ſpaͤt in der Nacht draußen ſeh. Es unnuͤtz geweſen, der alten Dame Hanne rung geben zu wollen; der Oberſt ſchob ſie ſanft bei Seite, und trat in Idcolins Kuͤche. 3 83 Widerſtand beizuſtehen, demuͤthigte ſeine Loͤwengeſtalt mer unent⸗ hrung aus⸗ des innern Zimmers mit ſchwankender zitternder Hand, als wolle er die Vorhaͤnge vor dem Bette ei⸗ nes ſterbenden Freundes zuruͤckziehen. Er erblickte die Scene, die wir eben beſchreiben wollen. Sir Henry Lee ſaß in einem hoͤlzernen Lehnſeſſel nahe beim Feuer. Er war in ſeinen Mantel gehuͤllt, und ſeine Fuͤße ruhten auf einem Schemmel, als litt er am Podagra oder an einem ſonſtigen Unwohlſeyn. Sein langer weißer Bart floß uͤber ſein ſchwarzes Gewand herab, ſo daß er mehr einem Einſiedler, als einem alten Soldaten oder einem Manne von Stande glich. Er hoͤrte mit tiefer, andaͤchtiger Aufmerkſam⸗ keit auf einen ehrwuͤrdigen Greis, deſſen abgetrage⸗ nes Kleid doch immer noch den geiſtlichen Stand ver⸗ rieth und der mit leiſer, aber tiefer und voller Stim⸗ me das Abendgebet vorlas, nach dem Ritus der eng⸗ kiſchen Kirche. Alexis kniete zu den Fuͤßen ihres Va⸗ ters, und ſprach die Reſponſen mit einer Stimme, — 111 huenden Geiſtlichen haͤtte ehrfurchts⸗ Fl Pfla ſter entſtellt geweſen, welches das linke Auge und einen Theil des in ſeinen* ſen waͤren che de ger, als warne er ihn, den Got⸗ tesdienſt zu ſtoͤren und wieß ihm einen Platz an, ſem Schritte begab, und andaͤchtig niederkniete, als ſchen Glauben auferzogen worden; er war ein Mit⸗ glied der Sekte, die in ihrem Urſprung die Lehren der engliſchen Kirche und ſogar ihre Hierarchie nicht verwarf, ſondern nur bei gewiſſen Ceremonien, Ge⸗ braͤuchen und Ritualen, auf welchen der beruͤhmte, ungluͤckliche Laud mit unzeitigem Eigenſinn hielt, von der damals herrſchenden Kirche abwich. Waren alſo auch die Grundſaͤtze, welche Everard in dem Hauſe ſeines Vaters eingeſogen hatte, den Lehren der eng⸗ liſchen Kirche entgegen, ſo ſoͤhnte ihn doch die Re⸗ gelmaͤßigkeit, mit welcher der Gottesdienſt dieſer Sekte von der Familie ſeines Oheims zu Woodſtock gehal⸗ ten wurde, wieder mit derſelben aus; denn in den Zeiten ihres Gluͤckes hielten ſie gewoͤhnlich einen Caplan fuͤr dieſen beſondern Zweck. So tief nun auch die Verehrung war, mit wel⸗ cher er dem eindrucksvollen Gottesdienſte der Kirche tuhoͤrte, ſo konnten ſich doch Everards Augen nicht enthalten, zuweilen nach ſeiner Alexis hinzublicken, und ſeine Gedanken ſich auf die Urſache ſeiner Anwe⸗ fenheit zu richten. Das Fraͤulein ſchien ihn ploͤtzlich zu erkennen, denn eine ungewoͤnhliche Roͤthe uͤberflog 11² ihre Wangen, ihre Finger zitterten, als ſie die Blaͤt⸗ ter ihres Gebetbuches umwandte, und ihre Stimme, welche eben noch feſt und wohltoͤnend war, verſagte ihr, als ſte die Reſponſen wiederholte. Es kam dem Everard vor, als habe ſich der Charakter ihrer Schoͤn⸗ heit ſowohl, als der ihrer außern Geſtalt mit ihrem Gluͤckszuſtande veraͤndert. Die ſchoͤne, adeliche, junge Dame naͤherte ſich nun in ihrer Kleidung, einem gewoͤhnlichen Land⸗ maͤdchen; aber was ſie an Froͤhlichkeit des Anſehens verloren hatte, hatte ſte, wie es ſchien, an Wuͤrde gewonnen. Ihre ſchoͤnen blonden Zoͤpfe waren um ihren Kopf gewunden, und die natuͤrlich herabfallen⸗ den Locken verliehen ihr das einfache Anſehen, wel⸗ ches ihr fehlte, als ihr Kopfputz die Fertigkeit einer geſchickten Haarkünſtlerin zeigte. Ein leichter froͤhli⸗ cher Zug, welcher faſt etwas humoriſtiſches ver⸗ rieth, und das Vergnuͤgen zu ſuchen ſchien, war den Spuren des Kummers gewichen, und eine ru⸗ hige Schwermuth, welche es fuͤr ihren Beruf hielt, Andere zu troͤſten, nahm ſeine Stelle ein. Vielleicht hatte ſich ihr Geliebter jenes ſcherzhaften, obgleich un⸗ ſchuldigen Zuges erinnert, als er glaubte, Alexis habe bei den Beunruhigungen im Jaͤgerhauſe eine Rolle geſpielt. Nun aber ſchaͤmte er ſich ſeines Ver⸗ dachtes, und war geneigter zu glauben, der Teufel habe ihre Stimme nachgeahmt, als daß ein Weſen, das ſo ſehr uͤber die Gefuͤhle dieſer Welt erhaben war, und deſſen Reinheit ſich eher der kuͤnſtigen nah⸗ te, ſo undelikat geweſen ſeyn ſollte, ſich in Umtriebe gegen ihn und gegen Andere einzulaſſen. Dieſe Gedanken durchkreuzten ſeinen Geiſt trotz dem, daß es unpaſſend war, ſie in dieſem Augen blicke zu naͤhren. Der Gottesdienſt nahete ſich nun ſeinem Ende, und wie war Oberſt Everard erſtaunt und verwirrt, als der dienſtthuende Prieſter mit fe⸗ ſter vernehmlicher Stimme und mit der hoͤchſten Wuͤr⸗ de den Allmaͤchtigen anflehte, zu ſegnen und zu er⸗ 113 halten„unſeren ſouverainen Herrn, Koͤnig Karl, den geſetzmaͤßigen und unbezweifelten Koͤnig. dieſer Rei⸗ che.“ Das Gebet Gu jener Zeit gewiß ein hoͤchſt ge⸗ faͤyrliches) ward mit voller erhobener und deutlicher Betonung geſprochen, als fordere der Prieſter alle Zuhoͤrende⸗ auf, etwas dagegen zu fagen, wenn ſie den Muth haͤtten. Stimmte auch der republikaniſche Offizier nicht mit dem Gebete uͤberein, ſo hielt er es doch fuͤr unpaſſend, Einwendungen dagegen zu machen. Der Gottesdienſt ward auf die gewoͤhnliche Weiſe geſchloſſen, und die kleine Verſammlung ſtand auf. Auch Wildrake, welcher waͤhrend des letzten Gebetes eingetreten war, war nun gegenwaͤrtig, und der erfte, welcher das Wort ergriff, auf den Prieſter zulief, und ihn herzlich bei der Hand ſchuͤttelte, wobei er ſchwur⸗ daß er ſte ſehr freue, ihn wieder zu ſehen. Der gute Geiſtliche erwiederte den Haͤndedruck mit Laͤ⸗ cheln, und bemerkte, daß er ſeiner Zuſicherung auch ohne Eid geglaubt haͤtte. Unterdeſſen nahte ſich Eve⸗ rard dem Sitze ſeines Oheims, verbeugte ſich tief und ehrfurchtsvoll, erſt gegen Sir Henry Lee, und dann gegen Alexis, deren Noͤthe ſich nun von ihren Wangen auf Augen und Buſen verbreitete. „Ich bitte Sie um Verzeihung,“ ſagte der Oberſt verlegen,„daß ich meinen Beſuch, den ich zu keiner Zeit für ſehr angenehm halten darf, zu einer beſon⸗ ders im duſſenden Zeit abſtatten muß.“ „Weit entfernt davon, Neffe,“ ſagte Sir Henry weit milder, als Everard es erwartet hatte,„daß uns Deine Beſuche zu einer andern Zeit willkomm⸗ ner waͤren; wenn wir nur oͤfter das Vergnügen haͤt⸗ ten, Dich bei unferen Andachtsſtunden zu ſehen.“ „Ich hoſſe, die Zeit wird bald herannahen, Sir,““ erwiederte Everard,„wo Englaͤnder eines jeden Glau⸗ bens und einer jeden Confeſſion mit vollkommener W. Scott's Werke XI. 8 114. Gewiſſensfreiheit gemeinſchaftlich den großen Vater verehren werden, den ſie alle nach ihrer Weiſe mit dieſem theuren Namen benennen.“ „Ich hoffe es auch, Neſſfe,“ ſagte der alte Mann mit derſelben unveraͤnderten Stimme,„und wir wol⸗ len ietzt nicht ſtreiten, ob die Kirche von England dem Conventicle weichen, oder ob der Conventicle ſich nach der Nirche bequemen ſoll. Wahrſcheinlich beehr⸗ teſt Du meine arme Wohnung, wo wir Dich in Wahrheit nach unſerem letzten Abſchiede nicht ſo bald wieder erwarteten, nicht deshalb, um Glau⸗ bensartikel feſtzuſetzen.“. „Ich wuͤrde mich gluͤcklich ſchaͤtzen,“ ſagte Oberſt Everard ſchwankend,„wenn ich glauben duͤrfte, daß meine Gegenwart jetzt nicht ſo unwillkommen waͤre, wie damals.“ 1 „Neffe,“ ſagte Sir Henry,„ich will offen mit Dir ſeyn. Als Du zuletzt hier warſt, glaubte ich, Du hatteſt mir eine koͤſtliche Perle geſtohlen, welche Dir zu geben einſt mein Stolz und meine Gluͤckſe⸗ ligkeit geweſen ſeyn wuͤrde; die ich aber, Deinem ſeitheriger. Betragen nach, lieber in den tiefſten Ab⸗ grund der Erde begraben, als Deiner Obhut anver⸗ trauen würde. Das erregte, wie der ehrliche Will ſagt,„den raſchen Muth, den meine Mutter mir verlieh.“ Ich hielt mich fuͤr beraubt und glaubte den Raͤuber vor mir zu ſehen. Ich habe mich getauſcht, — ich bin nicht beraubt; und ich kann wohl den Verſuch verzeihen, weil die That nicht erfolgte.“ „Ich moͤchte nicht gern etwas Beleidigendes in Ihren Worten finden,“ ſagte Oberſt Everard,„wenn der Inhalt im Allgemeinen freundſchaftlich klingt, aber ich kann vor Gott beſchwoͤren, daß meine Ab⸗ ſichten und meine Wuͤnſche fuͤr Sie und Ihre Fami⸗ lie eben ſo entfernt von egoiſtiſchen Endzwecken, wie — 1 115 ſenu Liebe gegen Sie und die Ihrigen erfuͤllet ind.“. „Laß hoͤren, Freund; wir ſind heutigen Tages nicht ſehr an gute Wünſche gewoͤhnt, und ihre Sel⸗ tenheit ſchon wird ſie uns willkommen machen.“ „Io moͤchte gerne, Sir Henry,(da Sie mir keinen liebevolleren Namen geben wollen), dieſe Wuͤn⸗ ſche in Thaten verwandeln koͤnnen. Ihr Schickſal iſt einmal ſchlimm, und ich fuͤrchte, es koͤnnte noch ſchlimmer werden.“ 4 „Schlimmer, als ich es erwarte, kann es nie werden. Neffe, ich ſchaudere vor dem Wehſel mei⸗ nes Glückes nicht zuruͤck. Ich werde groͤbere Kleider tragen, werde mich von gewoͤhnlicherer Koſt naͤhren — man wird ſeinen Hut nicht mehr vor mir abzie⸗ hen, wie man es that, als ich groß und maͤchtig wgr. Aber was thut das? Der alte Henry Lee zog. feine Ehre ſeinem Ditel, und ſeinen Glauben ſeinem Lande und ſeiner Herrſchaft vor. Habe ich nicht den Dreißigſten im Januar erlebt? Ich bin weder ein Zeichendeuter noch ein Aſtrolog; aber der alte Will lehrt mich, daß wenn die grünen Blaͤtter abfallen, der Winter ſich naht, und Dunkelheit erfolgt, wenn die Sonne untergeht.“ „Bedenken Sie einmal, Herr,“ ſagte Oberſt Everard,„wenn Sie, ohne daß man Unterwerfung oder einen Eid forderte, ohne daß man Ihnen eine ausdruͤckliche oder ſtillſchweigende Verbindlichkeit auf⸗ erlegte, außer daß Sie den oͤffentlichen Frieden zu ſtoͤren nicht reizen, wenn Sie ſo wieder in das Jaäͤ⸗ gerhaus zuruͤckkehren koͤnnten, und Ihre gewoͤhnlichen Einnahmen und Beſchaͤftigungen wieder haͤtten— ich habe große Hoffnungen, daß man das erlauben oder wenigſtens ſtillſchweigend dulden wird.“ 1 „Ja ich verſtehe Dich, man will minh behandeln, wie die koͤniglichen Muͤnzen, die mit dem Stempel des Rumpfes bezeichnet werden, um ſie gangbar zu t 115 als er bemerkte, daß Wildrake ſein und Tomkinens Glas füllte,„trinkt noch eins zum Abſchied, und⸗ geht eurer Wege.“ „Wollten Sie nicht ſo gütig ſeyn,“ ſagte Wild⸗ rake,„erſt zu hören, wie dieſer ehrenwerthe Gentlemen heute Nacht den Teufel durch jenes Fenſter blicken ſah, und wie er glaubt, daß er dem unterthänigen Scla⸗ ven und dem armſeligen Schreiber Ew. Gnaden entſetz⸗ lich aͤhnlich ſehe? Wollten Sie nur das anhören, Herr, und ein Glas von dieſem ſehr empfehlenswerthen Brannt⸗ wein koſten?“„Ich trinke keinen, Herr,“ ſagte Oberſt Everard ernſt,„und muß Euch ſagen, daß Ihr ſchon ein Glas zu viel getrunken habt.— Mr. Tomkins, ich wünſche Ihnen gute Nacht.“ „Ein Wort zu ſeiner Zeit beim Abſchiede,“ ſagte Tomkins, als er von ſeinem großen ledernen Armſtuhl aufſtand, huſtete und ſich räuſperte, als wollte er eine Ermahnung vorbereiten,„um Verzeihung Herr,“ fiel Mariham Everard ernſt ein, Sie ſind jetzt Ihrer ſelbſt nicht mächtig genug, um andere Leute zur Andacht zu erheben.“ „Wehe denen, die da verwerfen,“— ſagte der Se⸗ eretär der Commiſſion, indem er das Zimmer verließ⸗ das Ende des Satzes ging durch das Knarren der Thüre berleren⸗ oder ward aus Furcht zu beleidigen, unter⸗ rückt. „Und nun, Du Narr Wildrake, geh' in dein Bett— da iſt es,“— indem er auf das Gemach des Ritters zeigte. „So, haſt Du das Zimmer des Fräuleins für Dich aufgehoben? ich ſah wie Du den Schlüſſel in die Taſche ſteckteſt.“ 3 „Ich will nicht— ich kann nicht in jenem Zimmer ſchlafen— ich kann eigentlich gar nicht ſchlafen— ich wilt in dieſem Lehnſeſſel wachen. Ich habe Holz hieher legen laſſen, um nackſchüren zu köͤnnen.— Aher jetzt iſt,sgut, geh' nur in dein Bett und ſchlafe Deinen Rauſch 77 3. „Nanſch, ich lache Dir ins Geſicht— Du biſt ein — 1 17 Milchbart, der Sohn eines Milchbarts, der nicht weiß, was ein tüchtiger Kerl bei einem Glas Wein vermag.“ „Sind doch aufe Laſter ſeiner Parthei in dem einzi⸗ gen erbärmlichen Geſellen vereinigt, ſagte der Oberſt vor ſich, indem er auf ſeinen Schützling blickte, als dieſer ſich nicht ſehr feſten Fußes in fein Schlafzimmer begab.“—„er iſt leichtſinnig, unmäßig und ausſchwei⸗ fend, und bring'ich es nicht dahin, daß ich ihn glücklich nach Frankreich überſchiffen laſſen kann, ſo wird er mich und ſich ins Unglück ſtürzen.— Doch iſt er auch wiede⸗ rum wohlwollend, tapfer und großmüthig, und würde mir die Treue gehalten haben, die er nun von mir er⸗ wartet. Und in was beſteht denn das Verdienſt unſerer Treue, wenn wir das gegebene Wort nicht beobachten, wenn es uns ſelbſt zum Nachtheil iſt? Doch will ich mir die Freiheit nehmen, mich vor weiteren Störungen von ſeiner Seite ſicher zu ſtellen. Indem er das ſagte, verſchloß er die Verbindungs⸗ thüre zwiſchen dem Schlafgemach, wohin ſich der Rit⸗ ter zurückgezogen hatte, und dem Wohnzimmer:— dann durchſchritt er einigemal nachdenkend die Halle, kehrte zu ſeinem Sitz zurück, putzte die Lampe, und zog eine Menge Briefe heraus.—„Ich will ſie noch einmal über⸗ leſen,“ ſaate er,„damit wo möglich das Nachdenken über die Angelegenheiten des Staates, das tiefe Gefühl meines perſönlichen Kummers verbannt. Allbarmher⸗ zige Vorſehung, wo ſoll das enden? Wir haben den Frieden unſerer Familien, die wärmſten Wünſche unſe⸗ rer jugendlichen Herzen aufgeopfert, für die Rechte un⸗ ſeres Vaterlandes, und um es von Unterdrückung zu befreien. Doch ſcheint es, daß jeder Schritt, den wir der Freiheit entgegen gehen, uns nur in neue ſchreckli⸗ chere Gefahren bringt, wie der, welcher eine Bergge⸗ gend durchwandert, bei jedem Schritte, der ihn höher ſtellt, in eine größere Gefahr verſetzt wird“ Er las lange und aufmerkſam verſchiedene ermü⸗ dende, weitläufige Briefe, in welchen die Schreiber, während ſie ihm die Ehre Gottes und die Freiheiten und Rechte Englands als ihren höchſten Zweck vorſtell⸗ 118 Fanuars zu verhindern, und es beſeaͤrkte mich in mei⸗ ner Meinung, daß Markham Everard irre gefuͤhrt ueden, g aber weder niedrig noch ſelbſtſuͤchtig handeln konne.“ „Und was hat Ihre Meinung veraͤndert, Alexis? Und wer wagk es,“ ſagte Everard errothend,„einen ſolchen Beinamen mit dem Namen des Markham Ever⸗ 5 zu verbinden?“ „Oberſt Everard,“ ſagte ſie,„ich bin kein Ge⸗ genſtand, an dem Sie Ihre Tapferkeit erproben koͤnn⸗ ten, auch will ich Sie nicht beleidigen. Aber Sie wer⸗ den Zeugen genug ſinden, die Ihnen ſagen, daß Oberſt Everard ſich dem Uſurpator Cromwell unterwirft, und daß alle ſeine ſchonen Vorwaͤnde, die Freiheit ſeines Vaterlandes zu befoͤrdern, nur ein Schirm ſind, um z dem gluͤcklichen Rebellen einen Handel zu treiben, und fuͤr ſich und ſeine Familie die beſtmoͤg lichſten Bedin⸗ gungen zu erhalten. 22 „Fuͤr mich— nie: 474 „Nun dann fuͤr Ihre Familie. Ja ich weiß es ge⸗ wiß, daß Sie dem mülitaͤriſchen Tyrannen den Weg ge⸗ zeigt haben, den er und ſeine Helfershelfer einſchlagen muͤſſen, um ſich der Regierung zu bemaͤchtigen. Glau⸗ ben Sie, mein Vater oder ich wuͤrden eine Zufluchts⸗ ſtaͤtte annehmen, fuͤr welche Englands Freiheit und Ihre Ehre der Kaufpreis ſind?“ „Gerechter Himmel Alexis, was iſt das? Sie kla⸗ gen mich an, denſethen Weg einzuſchlagen, den Sie vor Kurzem noch ſelbſt gebilligt haben!“ „Als Sie auf Befehl Ihres Vaters ſprachen, und uns ünterwürfigkeit gegen die beſtehende Regierung anempfohlen haben, da dachte ich„ich geſtehe es ſelbſt ein, da dachte ich, das graue Haupt meines Vaters koͤnne ohne entehrt zu werden, noch laͤnger unter dem Obdache bleiben⸗ das uns ſo lange eine Zu⸗ fuchtsſtatte gewahrte. Aber haben Sie Ihres Vaters Einwilligung dazu, daß Sie der Nathgeber jenes ehr⸗ 8 119 geizigen Soldaten auf ſeiner neuen Laufbahn werden, und ihn anreizen, eine neue Art der Tyrannei zu errich⸗ ten? Man kann ſich der Unterdruͤckung unterwerfen, aber ein anderes iſt es, der Geſchaͤftsfuhrer der Tyran⸗ nen zuꝛwerden— und ach Markham— Ihr Bluthund!“ „Was, Bluthund?— Was meinen Sie?— Ich geſtehe, daß ich gerne die Wunden meines blutenden Vaterlands verbinden helfen wuͤrde, ſelbſt wenn Crom⸗ well nach ſeinem unvergleichlichen Steigen ſich mit ei⸗ nem weiteren Schritte der hoͤchſten Gewalt nahen ſollte. — Aber ſein Bluthund zu ſeyn! Was meinen Sie da⸗ it? „Iſt es alſo falſch? Ich habe gleich darauf ſchwoͤ⸗ ren wollen, daß es unwahr iſt.“ „Was meinen Sie denn um Gotteswillen.“ „Es iſt alſo nicht wahr, daß Sie ſich verbindlich gemacht haben, den jungen Konig von Schottland zu verrathen?“ „Verrathen! Ich ſollte ihn, oder irgend einen an⸗ dern Fluſchtling verrathen? Nein— niemals! Ich woll⸗ te, er ware gluͤcklich aus England.— Ich wollte ihm meine Huͤlfe zur Flucht anbieten, und waͤre er im Au⸗ genblicke in dieſem Hauſe, und wurde noch glauben, feinen Feinden einen guten Dienſt zu thun, indem ich ſie verhinderte, ſich mit ſeinem Blute zu beflecken,— aber ihn verrathen— niemals!“ „Ich wußte es— ich war ſicher, daß es unmoͤg⸗ lich iſt. Aber feyn Sie noch rechtlicher, reißen S ie ſich von jenem finſteren ehrgeizigen Soldaten los! Fliehen Sie ihn und ſeine ungerechten Plaͤne, welche nur durch ferneres Blutvergießen ausgefuͤhrt werden koͤnnen.“ „Glauben Sie mir,“ erwiederte Everard,„daß ich den Weg einſchlagen werde, welcher fuͤr unſere Zeit am paſſendſten iſt.“ „Waͤhlen Sie den, der ſich am paſſendſten mit Ih⸗ rer Pflicht vertraͤgt, Markham, der fir Wahrheit und Ehre am paſfendſten iſt. Erfällen Sie Ihre Pflicht, „ 120 und uͤberlaſſen Sie es der Vorſehung, das Uebrige zu entſcheiden.— Leben Sie wohl, wir ſtellen die Geduld meines Vaters auf eine zu große Probe— Sie kennen ſeine Hitze.— Leben Sie wohl We arkham.“ Sie ſtreckte ihre Hand aus, die er an ſeine Lippen druͤckte, und das Zimmer verließ. Eine ſtill lſchweigende Verbeugung gegen ſeinen Oheim, und ein Wink an Wildrake waren die einzigen Zeichen des Abſchiede s; er verließ die Huͤtte, war bald auf ſeinem Pferde und ſchlug mit ſeinem Gefaͤhrten den Weg nach dem Jaͤ⸗ gerhauſe wieder ein. Achtes Kapitel. —— Auf Erden gibt es Thaten, Die dem Verbrecher heimgezahlet werden,* Noch eh' die Erd' verſinkt. Sey es nun das Werk Der Phantaſte, die das Gewiſſen reget, ſey es auch Ein deutliches, gewiſſes Zauberbild, aus and'ren Welten. Jahrhunderte bezeugen es, daß an dem Bette feigen Mörders oft der Geiſt von dem verweilt, Den er erſchlug, und zeigt die weitaufſtehende Wunde. Altes Schauſpiel. Krerard war nach Jorolins W ohnung ſo ſchnell ge⸗ eilt, als ſein Pferd ihn nur tragen konnte) mit derſel⸗ ben Hefti keit im Vorhaben rzie in der Eile. Es ſchien ihm, als blieb eihm keine andere Wahl uͤbrig, und er glaubte das groͤßte Recht zu Pagen ſeine Verwandte, ſo ſehr er ſie Auch liebte, zurecht zu weiſen, und ihr Tiodar wegen der gefaͤhrl ichen Umtriebe, in denen er ſie vermi lt glaubte, Vyrwärfe zu machen. Er kehrte langſam und in einer ſehr verſchiedenen S Stimmung zuruͤck. Die ehen ſor vernuͤnftige als ſchoͤne Alexis ſchien 12k nunmehr nicht allein von der Schwaͤche des Betragens frei zu ſeyn, welche er ihr vorwerfen wollte, ſondern ihre Anſichten von dem Staatsweſen waren, wenn auch meniger praktiſch, doch um ſo viel gerader und edler, als die ſeinigen, daß er ſich ſelbſt die Frage vorlegen mußte, ob er ſich nicht voreiligerweiſe mit Cremwell eingelaſſen habe, wenn ſchon der Zuſtand ſeines geſpal⸗ teten und von Partheien zerriſſenen Vaterlandes nur das einzige Mittel darbot, einem neuen Buͤrgerkriege zu entgehen, wenn man dem General die ausuͤbende Gewalt uͤbertruͤge. Aber die ſchwaͤrmeriſchen, reineren Gefuͤhle der Alexis ſetzten ihn in ſeinen eigenen Augen herunter, und obgleich er in ſeiner Meinung nicht ſchwankte, daß es beſſer ſco, das Schiff einem Steuer⸗ manne anzuvertrauen, maicher kein Recht zu dieſem Po⸗ ſten hatte, als es an der Brandung ſcheitern zu laſſen, ſo fuͤhlte er doch, daß er nicht den geradeſten, maͤnn⸗ lichſten und uneigennüuͤtzigſten Weg eingeſchlagen habe. Als er in dieſen unfreundlichen Betrachtungen ver⸗ tieft einherritt, und ſich durch das, was vorgefallen war, in ſeiner eigenen Achtung bedeutend geſunken fuͤhlte, Fing Wildrake, der kein Freund eines langen Stillſchweigens w war, und der ihm Zur Seite ritt, die Unterhaltung zu eroffnen an.„ Ich denke Mark,“ ſagte er,„daß wenn wir beide zu den Schranken beru⸗ fen worden waͤren— was mir, nebenbei geſagt, mehr als in einem Sinn zu widerfahren drohte— ich ſage, wenn wir Advokaten geworden waͤren, ſo wuͤrde ich eine gelaͤufigere Zunge gehabt haben als Du, und eine beſ⸗ ſere Ueberzengungskunſt. 27 „Es iſt wohl moͤglich,“ erwiederte Everard,„b⸗ gleich ich Dich nie Gebrauch davon machen ſah, außer um einen Wucherer zu bewegen, Dir Geld zu borgen, bder einen Wirth, um etwas in der Rechnung nachzu⸗ aſſen. 7 „Und doch haͤtte ich am heutigen Tag, oder viel⸗ 122 mehr heute Nacht eine Eroberung machen koͤnnen, wel⸗ che Dich in Erſtaunen geſetzt haͤtte.“— „Wirklich,“ ſagte der Oberſt, welcher aufmerk⸗ ſam wurde. „Ja ſieh'ſt Du,“ ſagte Wildrake,„es war ein geringer Gegenſtand, welcher Dich zu Fraͤulein Alexis Lee trieb— bei Gott, ſie iſt ein koͤſtliches Maͤdchen— ich billige Deinen Geſchmack— ich ſage, Du wunſch⸗ teſt ſie und den alten kraͤftigen Trojaner, ihren Vater zu bereden, in das Jaͤgerhaus zuruͤckzukehren, und dort, wie es Adelichen ziemt, ruhig und bequem zu leben, ſtatt in einer Huͤtte zu wohnen, die kaum einem Verruͤckten zum Obdach dienen kann.“ „Du haſt recht, es war freilich ein Hauptbeſtim⸗ mungs⸗Grund meines Beſuchs,“ antwortete Everard. „Vielleicht wuͤnſchteſt Du Dir auch ſelbſt einen Be⸗ ſuch abzuſtatten, und Dein ſchoͤnes Fraͤulein Alexis zu bewachen, he?“ „Ich hatte niemals einen ſo ſelbſtfuͤchtigen Gedan⸗ ken,“ fagte Everard;„und endigt und erklärt ſich dieſe nichtliche Beunruhigung, ſo reiſe ich augenblicklich a.44 1 „Dein Freund Noll erwartet etwas mehr von Dir,“ ſagte Wildrake.„Er verlangt, im Fall des Rit⸗ ters royaliſtiſcher Ruf einen der armen Verbannten und Wanderer nach dem Jaͤgerhauſe ziehen follte, daß Du Wache ſtehen und ihn wegſchnappen ſollſt. Mit einem Worte, ſo viel ich aus ſeinen weitſchweiſigen Reden nehmen kann, moͤchte er aus Woodſtock eine Mauſe⸗ falle machen, Deinen Onkel und ſeine ſchone Tochter zu einem Stuͤck geroöſteten Speck(ich bitte Deine Cloe um Verzeihung wegen der Vergleichung) und Dich zur Klappe, welche den Ruͤckzug verhindern ſoll. Seine Herrlichkeit ſelbſt aber werden der große Kater ſeyn, dem man ſie zum Aufſpeiſen uͤbergibt.“ „Wagte Cromwell dieß in deutlichen Worten zu 123 Dir zu ſagen?“ ſagte Everard, indem er ſein Pferd anhielt, und in der Mitte des Weges ſtehen blieb. „Nein— in deutlichen Worten gerade nicht, denn die gebraucht er, glaub' ich, nie, Du köoͤnnteſt eben ſo gut von einem Betrunkenen erwarten, daß er gerade gus gehe; aber er gab mir ſo etwas zu verſtehen, und meinte, Du käͤnnteſt ihm einen rechten Dienſt thun— alle Teufel, der verfluchte Vorſchlag bleibt mir in der Kehle ſtecken— unferen edlen und rechtmaͤßigen Koͤnig (er zog den Hut ab) zu verrathen, dem Gott in Geſund⸗ heit und Macht die Gnade ſchenken wolle, recht lange zu regieren, wie der wuͤrdige Geiſtliche ſagt; obgleich ich fuͤrchten muß, daß Seine Majeſtaͤt gerade jetzt krank und bekuͤmmert iſt, und nicht einen Kreuzer in der Taſche hat.“ 3 „Das ſtimmt mit dem uͤberein, was mir Alexis zu verſtehen gab,“ ſagte Everard,„aber wie konnte ſie es wiſen? Gabſt Du ihr einen Wink daruͤber?“ „Ich,“ erwiederte der Cavalier,„ich, der ich Fraͤulein Alexis heute zum erſtenmale ſah, und das nur einen Augenblick— Freund Gottes, wie waͤre das moͤglich?“ 1 „Es iſt wahr,“ erwiederte Everard und ſchien in Gedanken verloren. Endlich ſprach er,„ich ſollte von Cromwell, wegen der ſchlechten Meinung, die er von mir hat, Genugthuung fordern; denn obgleich er es gewiß nicht ernſtlich meinte, ſondern nur Dich und viel⸗ leicht auch mich pruͤfen wollte, ſo iſt es doch eine Be⸗ leidigung, die Rache verdient.“ „O ich will ihm von ganzem Herzen und von gan⸗ zer Seele eine Herausforderung uͤberbringen,“ ſagte Wildrake,„und dann mit dem Sekundanten ſeiner Goͤttlichkeit eben ſo gern kaͤmpfen, als ich nur je ein Glas Sect trank.“ 3 „Pah,“ erwiederte Everard,„hohe Perſonen nehmen keinen Zweikampf an.— Aber ſage mir, Roger Wildrake, hieltſt Du mich denn der Falſchheit 124 und der Verraͤtherei fähig, mit welcher mich Deine Bolſchaft beauftragt?“ 4 „Ich!“ rief Wildrake aus.„Markham Everard, Du biſt mein Jugendfreund und mein beſtaͤndiger Wohl⸗ thaͤter. Als Colcheſter genommen ward, retteteſt Du mich vom Galgen und haſt mich ſeitdem wohl zwanzig Mal dem Dode entriſſen. Aber, bei Gott, wenn ich Dich der Niedertraͤchtigkeit faͤhig hielte, welche der General Dir anempfohlen hat— bei dem blauen Him⸗ mel da droben und bei allen Werken der Schäpfung, die ſich in ihm bewegen,— ich haͤtte Dir mit meiner eignen Hand den Dolch ins Herz geſtoßen!“ „Den Tod haͤtte ich wirklich verdient, obsleich nicht von Deiner Hand,“ erwiederte Everard; „gluͤcklicher Weiſe aber kann ich den Verrath, den Du beſtrafen wollteſt, gar nicht begehen. Wiſſe, daß ich⸗ heute von Cromwell ſelbſt die geheime Machricht hal⸗ ten habe, daß der junge Mann von Briſtol aus, zur See entflohen iſt.“ „Nun, dann ſey Gott der Allmaͤchtige, welcher ihn vor ſo vielen Gefahren ſchuͤtzte, gedankt!“ rief Wildrake aus.—„Huſſa!— Gluͤck auf, Ihr Royali⸗ ſten!— Heh da, Ihr Royaliſten!— Gott ſegne Koͤnig Carl!— Mond und Stern’, fangt meinen Hut!“— und er warf ihn, ſo hoch er konnte, in die Luft. Aber die himmliſchen Heerſchaaren, an welche das Geſchenk abgeſendet wurde, fanden nicht fuͤr gut, es zu Kfan. gen; ſondern, wie fruͤher bei der Degenſcheide des S Henry, nahm eine alte, verwitterte Eiche zum bedhen Male das hochfliegende Zeichen eines royaliſtiſchen Enthuſiasmus auf. „Schaͤmſt Du Dich nicht, Dich wie ein Schul⸗ bube zu betragen?“ ſagte Everard. „Warum das,“ ſagte ſein Freund,„ ich habe nur einen purit aniſchen Hut auf eine Broalſtiſche Botſchaft ausgeſchickt. Ich muß lachen, wenn ich daran denke, wie viel Schulbuben, von denen Du ſprichſt, im naͤch⸗ 125 ſten Jahre angefuͤhrt werden, wenn ſie den hohen Baum erklettern und das Neſt irgend eines unbekannten Vogels in jenem ungeheuern Filz zu entdecken glau⸗ 77 en. „Still doch, um Gotteswillen und laſſ' uns ruhig reden,“ ſagte Everard.„Carl iſt entflohen und ich bin froh daruͤber. Ich haͤtte ihn gern wieder den Thron durch einen Vertrag beſteigen ſehn, aber nicht durch die ſchottiſche Armee, und durch wuͤthende, ra⸗ cheſchnaubende Royaliſten.“— „Herr Markham Everard—“ unterbrach ihn der Cavalier. 4 „Ach, ſtill doch, lieber Wildrake,“ fagte Everard; „laß uns nicht uͤber eine Sache ſtreiten, uͤber welche wir nie uͤbereinſtimmen werden, und erlaube mir, fort⸗ zufahren. Ich ſage, weil der junge Mann entflohen iſt, ſo faͤllt Cromwells beleidigende und beſchimpfende Be⸗ dingung zu Boden; und ich wuͤßte nicht, warum mein Oheim und ſeine Familie nicht wieder auf dieſelben Be⸗ dingungen der Unterwuͤrfigkeit, wie viele andere Roya⸗ liſten, ihr Haus beziehen koͤnnten. Was mir zur Laſt faͤllt, iſt ein Anderes, auch kann ich meine Maaßregeln nicht beſtimmen, bis ich eine Unterredung mit dem Ge⸗ neral gehabt habe, welche, wie ich mir vorſtelle, damit endigen wird, daß er eingeſteht, ſeinen beleidigenden Vorſchlag nur gemacht zu haben, um uns beiden auf den Zahn zu fuͤhlen; denn er iſt derb, und ſieht und fuͤhlt die delikaten Gewiſſenszweifel im Punkte der Ehre nicht, welche die Ritter unſerer Zeit ſo weit aus dehnen.“ —„Was Gewiſſenszweifel anbelangt,“ ſagte Wild⸗ rake,„ſie betreffen nun Ehre oder Ehrlichkeit, ſo ſpre⸗ che auch ich ihn ganz davon frei.— Jetzt aber laß uns wieder auf unſere Sache zuruͤckkommen. Angenommen, Du wollteſt Deine Wohnung nicht perſoͤnlich im Jaͤger⸗ haus aufſchlagen und ſelbſt jeden Beſuch dort meiden, gusgenommen es ſey denn, daß Du eingeladen wuͤrdeſt, ſo fage ich Dir offen, daß ich glaube, daß Dein Obeim ¹ 126 und ſeine Tochter dazu zu bewegen waͤren, in's Jäͤger⸗ haus zuruͤckzukehren, und dort, wie bisher zu wohnen. „Wenigſtens gab mir der Geiſtliche, der wuͤrdige alte Hahn, Hoffnung dazu.“ nu war ſehr ſchnell bereit, ſein Zutrauen zu ſchen⸗ 2 ſagte Everard. „Es iſt wahr,“ erwiederte Wildrake,„er faßte auf der Stelle Zutrauen zu mir, denn er ſah meine Ehrfurcht vor der Kirche. Dank ſey es dem Himmel, daß ich nie vor einem Geiſtlichen im Chorrock vorbei⸗ ging, ohne meinen Hut abzuziehen. So gewinne ich mir augenblicklich das Zutrauen aller Caslane. Alle 3 Deufel, ſie wiſſen, daß ihr Zutrauen eine rechte Staͤtte findet.“ „Glaubſt Du alſo,“ ſagte Oberſt Everard,„oder glaubt vielmehr dieſer Geiſtliche, daß, wenn ſtie vor Aufdringlicht eit meiner Seits. geſichert waͤre, die Fa⸗ milie in' 3 Jaͤgert aus zuruͤckkehren wuͤrde, vorausgeſetzt, daß die Commiſſaͤre es verließen, und dieſe naͤchtlichen Beunruhigungen erklaͤrt und beendtigt wuͤrden?“ „Der alte Ritter,“ antwortete Wildrake,„wird vom Doßktor zur Rürkkehr bewegt werden, wenn er nur gegen jeden Beſuch ſicher iſt; was aber Beunruhigun⸗ gen betrifft, ſo lacht der kräͤfiige alte Burſche, ſo viel ich aus einer Unterredung von zwei Minuten ſehen kann, uͤber dieſen Laͤrmen, als das Werk einer bloßen Einbil⸗ dung, eine Folge ihres boͤfen Gewiſſens, und ſagt, daß man nie etwas von Geſpenſtern und Teufeln zu Woodſtock gehoͤrt habe, bis es der Aufeithattähre ſol⸗ cher Menſe chen geworden waͤre, wie die, die ſich nun den Beſitz anmaf ßen. „Es iſt mehr, als bloße Einbildung dabet,“ ſagte Oberſt Everard.„Ich habe perſönlichen Grund, zu glauben, daß eine Verſchwärung im Werke iſt, um dee Commiſſatre aus dem Hauſe zu vertreiben. Ich ſpreche meinen Oheim von jeder Mitwirk ung zu ſolchen niedrigen Streichen frei; aber erſt muͤ ſen ſie geendigt ſeyn, ehe ich zugebe, daß er und meine Verwandte ——— gibts?— wo iſt Dein Herr? und in einem Worte, 127 auf einem Orte ihre Wohnſtaͤtte aufſchlagen, wo ſolch eine Verſchwoͤrung beſteht, weil man ſonſt meine Fa⸗ milie als die Befoͤrderer dieſer Umtriebe betrachten wird, wer auch der wirkliche Urheber ſey.“ 3 „Mit aller Achtung vor Deiner beſſern Bekannt⸗ ſchaft mit dem Edelmann, Everard, glaube ich doch, daß der alte Vater der Puritaner(ich bitte Dich aber⸗ mals um Verzeihung), etwas bei der Sache zu thun hat; und iſt das der Fall, ſo wird es Lucifer nicht wa⸗ 4 gen, den Bart des treuen, alten Nitters anzuſehen, oder einen Blick von dem unſchuldigen blauen Ange jenes Maͤdchens zu ertragen.— Aber holla! da koͤmmt jemand auf uns zu. Halt Freund, wer biſt Du?“ „Ein armer Tagloͤhner an dem großen Werke Eng⸗ lande, Joſeph Tomkins mit Namen— Secretaͤr des gottesfuͤrchtigen und verehrlichen Fuͤhrers dieſer armen, chriſtlichen, engliſchen Armee, General Harriſon ge⸗⸗ nannt.“ 3 „Was gibt es Neues, Mr. Tomkins,“ ſagte Everard,„und warum ſind Sie ſo ſpaͤt noch auf dem Wege?“— „Wenn ich nicht irre, ſpreche ich mit dem ehren werthen Oberſt Everard,“ ſagte Tomkins;„und wahr.— lich, ich freue mich, Ew. Gnaden zu begegnen. Gott weiß, ich brauche eine Hilfe, wie die Ihrige.— Ach würdiger Mr. Everard! Es war ein Erzoͤnen der Po⸗ ſaunen und ein Klirren der Glaͤſer und ein Ausſtroͤmen und ein— „Ich bitte Dich, ſage mir nur ganz kurz, was was iſt vorgefallen?“ „Mein Herr iſt nahe, denn er ſpatzirt auf der klei⸗ nen Wieſe nahe bei der ungeheuren Eiche welche den Namnen des verſtorbenen Nannes traͤgt; reiten Sie nur 3 zwei Schritte vor, und Sie werden ihn ſchnell hin und her gehen ſehen, das gezuͤckte, bloße Schwerdt in ſei⸗ ner Hand.“ S 4 128 Nachdem ſie ſich ſo geraͤuſchlos wie moͤglich dieſer Gegend genaͤhert hatten, bemerkten ſie einen Mann, den ſie fuͤr Harriſon erkannten, welcher neben der Koönigs⸗ eiche auf und abging, wie eine Schildwache auf dem Poſten, nur mit wilderem Anſehen. Das Stampfen der Pferde entging ſeinem Ohre nicht, und ſie hoͤrten ihn laut rufen, als ſtuͤnde er an der Spitze ſeiner Brigade. „Jaͤlt die Picken fuͤr die Cavallerie! Da kommt Prinz Ruppert— ſteht feſt, und Ihr werdet ſie jagen, wie ein Bullenbeißer einen Bauernhund. Nur immer die Lanzen gefällt, meine Lieben, ſtemmt den Schaft gegen eure Fuͤße— die erſte Reihe fall' auf's rechte Knie— kuͤmmert Euch nichts d'rum, wenn Ihr auch Eure dlauen Hoſen beſchmutzt— Ha Zerobabel— ja das iſt das Loſungswort.—“ „Um Gotteswillen, wovon und was ſchwatzt er denn?—“ ſagte Everard,„und warum geht er mit gezogenem Schwerdte umher?“ „Seht da, wenn meinen Herrn, den General Har⸗ riſon etwas beunruhigt, ſo bekommt er gewoͤhnlich Gei⸗ ſtesverzuckungen, und glaubt einen Haufen Lanzenknechte in der großen Schlacht von Armageddon zu komman⸗ diren.— Und was ſein Schwerdt betrifft: ach wuͤrdi⸗ ger Herr, warum ſollte man Sheffielder⸗Stahl in Kalbsleder halten, wenn es Feinde zu bekaͤmpſen gibt — fleiſchliche Teufel auf Erden, und tobende, hoͤlliſche Feinde unter der Erde?—“ „Das iſt unausſtehlich!“ ſagte Everard.„ Hoͤre Tomkins, Du ſtehſt jetzt nicht in der Kanzel, und ich habe keine Sehnſttcht nach Deinen Predigtey. Ich weiß, daß Du deutlich ſprechen kannſt, wenn Du willſt Be⸗ denke, daß ich Dir nutzen oder ſchaden kann; und fuͤreh⸗ teſt oder hoffſt Du etwas von mir, ſo antworte mir klar und deutlich, was iſt vorgefallen, das Deinen Herrn zur Nachtzeit in den oͤden Wald hinaustreibt?“ Verieiht, mein mertheſter und gerhrieſter Herr, ich will ſo deutlich ſprechen, als ich kaun. Wahr iſt es —— -—y— 6 129 K und wahrhaftig, daß der Athem der Menſchen, der in ihrer Naſe iſt, fortgeht und zuruͤrkkehrt.— „Hoͤren Sie, Herr,“ ſagte Oberſt Everard,„neh⸗ men Sie ſich in Acht, daß Sie es nicht zut weit mit mir treiben. Sie werden gehoͤrt haben, daß bei der großen Schlacht von Dunbar in Schottland der General ſelbſt dem Lieutenant Hewereed eine Piſtole vorhielt, und ihn zu erſchießen drohte, wenn er ſeine Predigt nicht been⸗ dige und ſeine Eskadron in die Schlachtlinie ſuͤhre. Nehmen Sie ſich in Acht, Herr!”“ „Ja, es iſt wahr, darauf ruͤckte der Lieutenant vor, und trieb Tauſende von Plaids und Muͤtzen vor ſich her in die hohe See. Auch werde ich den Beſeh⸗ len Ew. Gnaden weder widerſprechen noch ſie verzoͤgern, ſondern mich beeilen, Ihnen zu gehorchen, und zwar unverzuͤglich.“. „Nur raſch voran, Burſche; Du weißt, was ich will,“ ſagte Everard;„ſprich nur kurz, ich weiß, Du kannſt es. Man kennt den ehrlichen Tomtins beſſer, als er glaubt.“. 4 „Wuͤrdiger Herr,“ ſagte Tomkins in minder weis⸗ ſchweiſigem Style,„ich werde den Befehlen Ew. Gnaden ſo ſehr gehorchen, als mein Geiſt es erlaubt. Vor unge⸗ fähr einer Stunde, als mein gnaͤdiger Herr mit Herrn Lug und meiner Wenigkeit bei Tiſche ſaß(den ehrenwerthen Mr. Bletſon und den Oberſten Desborough nicht zu er⸗ waͤhnen), da entſtand ein hefliges Klopfen an der Thuͤr. Schon fruͤher aber waren die Schildwachen, der Heben und Geſpenſter wegen, nicht dahin zu bringen, ihten Poſten vor der Thuͤre zu halten, und nur durch Brann⸗ tewein und Fleiſch konnten wir drei Mann bewegen, in der Halle ſelbſt die Wache zu beziehen. Doch wagte es keiner von ihnen die Thuͤre zu öffnen, aus Furcht, einem Geſpenſt zu begegnen. Sie hoͤrten das Klopfen, welches zunahm, ſo, daß die Thuͤre einzuſtuͤrzen Der wuͤrdige Mr. Lug war ein wenig benebelt, ich, der wie Ew. Gnaden wohl weiß, di Hienſt daß W. Scott'’s Werke. Xl. drohte. 130 getreuen Dieners gegen den Generalmajor Harriſon und den andern Commiſſair eben ſo wohl, als gegen mei⸗ nen rechten und geſetzmaͤßigen Herrn, Oberſt Desbo⸗ rough erfuͤlle.“ „Ich weiß das alles, und da dir beide ihr Zu⸗ trauen ſchenken, ſo wuͤnſche ich auch von Herzen, daß Du es verdienen moͤgeſt.“ „Und demuͤthiglichſt bete ich auch,“ ſagte Tom⸗ kins,„daß der Wunſch Ew. Gnaden gnaͤdig aufge⸗ nommen werden möͤchte; denn der ehrliche Joe und der zutrauensvolle Tomkins zu ſeyn und genannt zu wer⸗ den, iſt mir mehr, als ein Grafentitel, wenn man bei dieſer neuen Regierung ſolche Dinge gewaͤhrte.“ „Gut— nur weiter, nur weiter. Ich bin ein Freund von kurzen Erzaͤhlungen, Herr, und bezweifle die Dinge, welche man mit einem langen und weit⸗ ſchweifigen Wortſchwall erzaͤhlt.“ „Mein geehrteſter Herr, ſeyn Sie nur nicht zu eilig. Wie geſagt, die Thuͤre klirrte, bis man glaub⸗ te, das Klopfen wuͤrde in jedem Zimmer des Pallaſtes wiederholt. Die Schelle laͤutete, obgleich ſie niemand zog, und die Wachen ſprangen vom Kamine auf, bloß weil ſie aus Angſt nichts Beſſeres zu thun wußten. Da nun Herr Lug, wie ſchon geſagt, unfaͤhig war, ſeine Pllicht zu erfuͤllen, ſo nahte ich mich der Shüre und frug wer draußen ſey. Eine Stimme, welche, wie ich felbſt geſtehen muß, einer andern ſehr glich, antwor⸗ tete, man ſuche den Generalmajor Harriſon. Ich er⸗ wiederte, der General habe ſich ſchon zur Ruhe bege⸗ ben, und wer ihn ſprechen wolle, muͤſſe morgen fruͤh wieder kommen, denn zur Nachtzeit oͤffne man Nie⸗ manden die Tyore des Pallaſtes. Die Stimme aber befahl mir, augenblicklich zu oͤfnen, da ſie im entge⸗ gengeſetzten Falle das Fluͤgelthor mitten in die Halle werfen wolle. Und ſo fing das Toben wieder an, daß wir glaubten, das Haus wolle umſtuͤrzen; ich war alſo gewiſſermaßen gezwungen, das Thor zu oͤffnen, wie 131 eine belagerte Garniſon, die ſich nicht laͤnger mehr hal⸗ ten kann“ 4 „Bei meiner Ehre, das war maͤnnlich gehandelt,“ ſagte Wildrake, der mit Aufmerkſamkeit zugehoͤrt hatte. „Ich bin Wagehals genug, aber wenn ich eine eiche⸗ ne, zwei Zoll dicke Thuͤre zwiſchen mir und dem boͤſen Feinde haͤtte, ſo wollte ich doch einmal ſehen, wie er es anfinge, um ſie zu durchbrechen. Ich wuͤrde eben ſo leicht, wenn ich mich an Bord befaͤnde, ein Loch in das Schiff bohren, um die Wellen einzulaſſen, denn Du weißt, daß wir den Deufel immer mit der hohen See vergleichen.“ „Ich bitte Dich, ſey ſtille,“ ſagte Everard,„und laß ihn mit ſeiner Geſchichte fortfahren. Gut, und was ſaheſt Du denn, als Du die Thuͤre oͤffneteſt; ohne Zweifel, den großen Deufel mit ſeinen Hoͤrnern und Klauen, wirſt du mir ſagen?“— „Nein Herr, ich ſage nur die Wahrheit. Als ich die Thuͤre oͤfnete, ſtand ein Mann da, wie es ſchien, von nicht ungewoͤhnlicher Geſtalt. Er war in einen ſeidenen ſcharlachrothen Mantel gehuͤllt. Zu ſeiner Zeit mochte er ein recht ſchoͤner Mann geweſen ſeyn, aber er hatte eiwas Bleiches und Kummervolles im Geſicht — trug eine lange Liebeskette und lange Haare, einen Edelſtein im Ohrring, eine blaue Schaͤrpe, wie ein militaͤriſcher Befehlshaber der Royaliſten und einen Hut mit einer weißen Feder und einem ganz eigenen Bande daran.“ 2 „Irgend ein ungluͤcklicher Offizier der Royaliſten, welcher in der Gegend ein Obdach ſucht,“ erwiederte Everard kurz. „Wahr mein wuͤrdiger Herr— ganz richtig bemerkt, aber es war etwas an dieſem Mann, daß ich zum Beiſpiel, ihn nicht ohne zu erzittern anſehen konnte; auch die Musketiere in der Halle verſchlangen die Pa⸗ tronen, die ſie im Munde hatten, um ihre Carabiner und Musketen zu laden, wie ſie es ſelbſt eingeſtehen — 9.. 4 13³² werden. Ja ſogar die Wolfs⸗ und Jagdhunde, die doch die kuͤhnſten ihres Geſchlechtes ſind, flohen vor dem Gaſte, und verkrochen ſich in Winkel und Ecken ſchreck lich heulend und jammernd. Er trat in die Mitte der Halle und ſchien immer nur ein gewoͤhnli⸗ cher, eiwas phantaſtiſch gekleideter Mann zu ſeyn. Das ſchwarzſammtne Futter fah unter der ſcharlachro⸗ then Seide ſeines Rockes hervor, er trug einen Diamant im Ohr, große Schnallen auf feinen Schuhen und ein Taſchentuch in der Hand, das er zuweilen gegen ſeine linke Seite druͤckte.“ „Guadiger Himmel,“ ſagte Wildrake, der ſich nahe an Everard draͤngte, und ihm mit vor Furcht zitternder Stimme in's Ohr fluͤſterte:„Das muß der arme Dick Robinſon, der Schauſpieler, geweſen feyn, in derſelben Kleidung, in der ich ihn ſpielen ſah, und nach dem Schauſpiele manche ſchoͤne Flaſche mit ihm leerte, und der manche laen ſen Spaͤße trieb. Er diente ſeinem alten Herrn Carl, unter den Truppen des Mohun, und ward, nachdem er ſich bei der Schlacht von Naſeby frei willig uͤbergeben hatte, von dieſem Metz⸗ gerhunde ermordet“ „Still, ich habe von der That gehoͤrt,“ ſagte Everard;„um Gotteswillen, hoͤre den Mann an, bis⸗ er geendigt hat.— Nedete I Dich der Beſuchende an, mein Freund?“ „Ja Herr, mit einer freundlichen Stimme, aber mit etwas phantaſtiſchen Bewegungen, mehr wie Je⸗ mand, der eine Verſammluna von den Schranken oder von der Kanzel aus anredet, als wie jemand, der mit der Stimme eines gewoͤhnlichen Menſchen uͤber gewoͤhnliche Dinge ſpricht. Er wuüͤnſchte den Generalmajor Har⸗ riſon zu ſprechen.“ „Zu ſprechen, und Sie,“ ſagte Everard, welcher jetzt auch von dem Geiſt feiner Zeit ergriffen murde, der, wie allgemein bekannt, bei allen ubernatuͤrlichen — 13³ ien zur Leichtgläubigkeit fuͤhrte—„Was thaten Sie:“ „Ich ging hinauf in das Wohnzimmer und ſagte ihm⸗ daß ihn eine ſolche Perſon zu ſprechen wuͤnſche. Er fuhr auf, als ich es ihm erzaͤhlte und wuͤnſchte die Kleidung des Mannes beſchrieben zu haben; aber kaum hatte ich ſeine Kleidung und den Juwel in ſeinem Ohre erwaͤhnt, als er ſchrie:„eile, ſage ihm, ich koͤnnte ihn nicht vorlaſſen. Sage ihm, ich forderte ihn her⸗ aus, und wolle meiner Herausforderung Folge leiſten, bei der großen Schlacht im Thale von Armageddon, wenn die Stimmen der Engel alle Voͤgel unter dem Himmel juſammenrufen werden, um ſee in fuͤttern mit dem Fleiſche der Haͤuptlinge und der Krieger, der Kriegspferde und ihrer Reiter. Sage dem Erzfeinde, ich haͤtte Gewalt, unſer Zuſammenſtoßen bis zu jenem Tage zu verhindern; und daß er an jenem entſetzlichen Tage an der Spitze der Schlacht mit Harriſon wieder zufammentreffen kann.“ Ich brachte dem Fremden dieſe Antwort zuruͤck, aber da umzog ſich ſein Antlitz mit ſo furchtbaren Furchen, wie eine menſchliche Stirn ſie noch ſelten trug.„Verkuͤnde ihm wieder,“ ſagte er, „daß nun meine Stunde gekommen iſt, und daß ich, wenn er nicht augenblicklich herabkoͤmmt, mit mir zu ſprechen, hinauf zu ihm kommen werde. Sage, ich befehle ihm, herabzukommen, und nehme zum Zei⸗ chen, daß er auf dem Schlachtfelde zu Naſeby die That aricht nachläſſig verrichtete.“ Ich habe gehoͤrt,“ fluͤſterte Wi ildrake, dem es immer unp unkicher zu Milthe ward,„daß Harriſon dieſe Worte gotteslaͤſterlicher Weiſe khrauchte, als er meinen armen Freund Dick erig. „Was geſchah darauf?⸗ ſagte Everard;ſ„nimm Dich in Acht, daß Du die Wahrheit ſorichſt.“ Wie das Evangelium, ſagte der Independent; doch habe ich wahrlich wenig mehr zu ſagen. Ich ſah meinen Herrn herabkommen mit bleichem aber ) 134 entſchloſſenem Geſicht; aber als er in die Halle trat und den Fremden erblickte, blieb er ſtehen. Jener winkte ihm, als ſolle er ihm folgen, und ging zum Portale hinaus. Mein wuͤrdiger Herr ſchien ihm ge⸗ horchen zu wollen, dann aber blieb er wieder ſtehen. Da trat der Gaſt, ſey es nun ein Menſch oder ein Daͤmon, wieder herein und ſprach:„Gehorche Dei⸗ nem Schickſal.“. 3 Auf pfadloſen Wegen durch dickes Geſträuch, Sollſt du mir folgen, den Geiſtern gleich! Du ſollſt mir folgen bei des Mondlichtes Pracht, Und durch das finſtere Dunkel der Nacht. Du ſollſt mir folgen, das iſt Dir beſtimmt, So lang Dir ein Lebensfünkchen noch glimmt. Ich beſchwore Dich bei meinem letzten Wort, Der Körper ſchläft, doch der Geiſt lebt fert. Ich beſchwöre Dich, ſolge mir hier und dort. Er ſprach's, enteilte und mein Herr folgte ihm nach in den Wald.— Auch ich folgte ihnen in ei⸗ niger Entfernung. Aber als ich hinzutrat, war mein Herr allein, und gebehrdete ſich, wie Sie ihn da ſehen.“ „Du haſt ein wunderbares Gedaͤchtniß, Freund,“ ſagte der Oberſt kalt,„die Verſe auf's erſtemal im Sinne zu behalten.— Das Ganze ſcheint eine ab⸗ gekartete Sache zu ſeyn.“ „Auf ein einziges Mal, mein verehrter Herr!“ rief der Independent aus.—„Du lieber Himmel, die Verſe verlaſſen ſelten den Mund meines armen Herrn, wenn er zuweilen in den Kaͤmpfen mit dem Deufel unterliegt. Aber es war das erſtemal, daß ich ſie von einem andern ausſprechen hoͤrte; wirklich ſcheint er ſie auch ungern zu wiederholen, wie ein Kind ſeinem Lehrer. Sie entſprangen nicht in ſei⸗ nem eigenen Kopfe.“ ——— —--— 135 „Es iſt ſonderbar,“ ſagte Everard,„ich habe gehoͤrt und gelefen, daß die Mahnen der Erſchlage⸗ nen ſonderbare Macht uͤber den Moͤrder haben, aber ich bezweifle die Wahrheit ſolcher Geſchichten noch immer.— Noger Wildrake, wofuͤr fuͤrchteſt du Dich, Freund? Warum veraͤnderſt Du Deinen Platz?“ „Furcht! es iſt keine Furcht— es iſt Haß, toͤd⸗ licher Haß. Ich ſehe den Moͤrder des armen Dick's vor mir. Sieh, wie er ſich in Vertheidigung ſtellt— ſo, ſo, meinſt du Metzger⸗Brut? es ſoll dir nicht an einem Gegner fehlen.“ 8 Ehe man ihn noch einhalten konnte, warf Wild⸗ rake ſeinen Mantel weg, zog ſein Schwerdt, uͤber⸗ ſprang faſt mit einem einzigen Satze die Entfernung, die ihn von Harriſon trennte, und kreuzte ſein Schwerdt mit jenem, welcher jeden Augenblick ſeinen Gegner erwartete. Er kam alſo auch dem republika⸗“ niſchen General nicht unerwartet; augenblicklie klirr⸗ ten die Sewerdter, und Harriſon rief:„Ha, ich erkenne Dich jetzt, Du biſt endlich koͤrperlich erſchie⸗ nen.— Willkommen! Willkommen!— Das Schwerdt Gottes und Gideon!“ 1 „Trennt ſie, reißt ſie aus einander,“ ſchrie Eve⸗ rard, als er und Tomkins, die im Anfang von dem ploͤtzlichen Angriff uͤberraſcht, nun hinzueilten, um ſich ins Mittel zu legen. Everard ergriff den Cava⸗ lier, zog ihn mit Gewalt zuruͤck, indeß Tomkins mit großer Gefahr ſich Harriſon's Schwerdts zu bemeiſtern ſuchte, waͤhrend dieſer ausrief:„Ha! zwei gegen ei⸗ nen— zwei gegen einen!— So fechten die Teu⸗ fel.“ Wildrake dagegen ſtieß einen furchtbaren Fluch aus, und ſprach:„Markham, alle meine Verbind⸗ lichkeiten gegen Dich ſind getilgt— ſie ſind alle ber⸗ geſſen— ganz vergeſſen. Der D— f—l hole mich.“ „Du haſt wirklich dieſe Verbindlichkeiten auf eine gar ſchoͤne Weiſe abgetragen,“ ſagte Everard.„Wer 136 weiß, wie dieſe Geſchichte ſich aufklaͤren wird, und wer wird ſie verantworten?“ „Ich will es mit meinem Leben verantworten,“ ſagte Wildrake. 6. „Schon gut, ſeyd nur ſtille, und laßt mich ma⸗ chen,“ ſagte Tomkins.„Ich will es ſchon ſo anond⸗ nen, daß der gute Mann es nie erfahren ſoll, daß er einem ſterblichen Menſchen begegnete; laſſen Sie nur dieſen Moabiten ſein Schwerdt in die Scheide ſtecken und ſtille ſchweigen.“ „Wildrake, ich ſage Dir, ſtecke Dein Schwerdt ein,“ ſprach Everard,„oder ſo wahr ich lebe, Du mußt es es gegen mich wenden.“ „Nein, beim St. Georg! ſo verruͤckt bin ich nicht, ich will ihn ſchon an einem andern Dage wie⸗ der treffen.“ „Du an einem andern Tage?“ rief Harriſon aus, deſſen Augen immer noch auf den Ort gerichtet waren, wo er ſo kraͤftigen Widerſtand gefunden hatte. „Ja, ich kenne Dich recht gut; jeden Dag, jede Wo⸗ Se machſt Du mir daſſelbe thoͤrlete Anerbieten, denn du weißt, daß mein Herz bei Deiner Stimme er⸗ bebt. Aber meine Hand zittert nicht, der Deinigen gegenuͤber.— Der Geiſt iſt willig zum Kampfe, wenn auch das Fleiſch ſchwach iſt, wenn es einem Weſen gegenuͤber ſteht, das nicht aus Fleiſch beſteht.“ „Seyd nur um's Himmels willen alle ruhig,“ ſagte Domkins; dann wandte er ſich an ſeinen Herrn und ſprach:„Verzeihen Ew. Excellenz, es iſt nie⸗ mand gegenwaͤrtig, als Tomkins und der eehrenwer⸗ the Bberſt Everard.“ Wie es zuweilen bei Verruͤckten geht, welche eine fixe Idee haben, ſo wuͤnſchte auch der General Har⸗ riſon, obgleich er von der Wahrheit ſeiner Viſionen feſt und vollkommen uͤberzeugt war, doch mit denje⸗ nigen nicht darüber zu ſprechen, von denen er wußte, daß ſie dieſelben als eine Einbildung betrachten wuͤr⸗ — 127 den. Bei dieſer Gelegenheit nahm er alſp den Schein einer vollkommenen Ruhe und Gelgſſenheit an, tuotz der heftigen Bewegung, welche er eben gezeigt hatte, ſo daß man deutlich ſehen konnte, wie aͤngſtlich er ſeine wahren Gefuͤhle vor Everard verberge, von dem er nicht glaubte, daß er ſie theilen wuͤrde. Er gruͤßte den Oberſt mit tiefer Ceremonie⸗ und ſprach von dem ſchoͤnen Abend, welcher ihn aus dem Jaͤgerhaus gelockt habe, um einen Spaziergang in den Park zu machen und dgs guͤnſtige Wetter zu ge⸗ nießen, Dann nahm er Everard am Arme, und ſpa⸗ zierte mit ihm dem Jaͤgerhauſe zu. Wildrake und Tomkins folgten gleich hinter ihnen und führten die Pferde. Everard, der uüber dieſe geheimnißvolle Sa⸗ che Licht zu haben wünſchte, verſuchte es mehr als einmal, fragweiſe auf den Gegenſtand zuruͤckzukom⸗ men. Doch Harriſon wich immer ziemlich gewandt. aus, oder wandte ſich an ſeinen Kammerdiener Tym⸗ kins, der bei folchen Gelegenheiten immer aushelfen mußte, woher ihm auch Bletſon den Spottnamen „Crug“ beilegte. „Und warum hatten Sie Ihr Schwerdt gezogen, mein wärdiger General,“ ſagte Everard,„wenn Sie bloß zu Ihrem Vergnügen einen Abendſpaziergang machen wollten?— „Wahrlich, mein wuͤrdiger Oberſt, wir leben in einer Zeit, wo man mit gegürteten Lenden, mit bren⸗ nender Lampe, und mit gezogenem Schwerdte auf ſeiner Hut ſeyn muß. Sie moͤgen es mir nun glau⸗ ben ader nicht, der Tag nahet ſich, wo man ſie huͤ⸗ ten muß, nicht nackt und unbewaffnet zu erſcheinen, wenn die ſieben Trompeten erſchallen werden: den Fuß in den Steigbüͤgel; und die Pfeifen von Jezer rufen: auf's Pferd und fort.“ b „Ganz wahr, mein guter Genergl; aber es kam mir vor, als machten Sie eben eine Finte, wie wenn Sie fechten wollten,“ ſagte Everard. 1 138 „Ich habe eine ſonderbare Phantaſie, Freund Everard,“ antwortete Harriſon;„und wenn ich al⸗ lein ſpazieren gehe und zufaͤllig, wie eben jetzt, mein Schwerdt gezogen habe, ſo verſuche ich manchmal, der Uebung wegen, einige Hiebe gegen einen Baum oder dergleichen Es iſt ein tidrichter Stolz, den man im Gebrauch der Waffen findet. Ich wurde vor meiner Wiedergeburt fuͤr einen Meiſter in der Fecht⸗ kunſt gehalten, und gewann mir manchen Preis da⸗ durch, ehe ich in das erſte Reiterregiment unſeres ſiegreichen Feldherrn trat.“ „Doch ſchien es mir,“ ſagte Everard,„als hoͤrte ich ein Schwerdt gegen das Ihrige klirren? „Was? ein Schwerdt gegen das meinige klir⸗ ren?— Wie waͤre das moͤglich, Tomkins?“ 3 „Wahrlich, Herr,“ ſagte Tomkins,„es muß ein Aſt eines Baumes geweſen ſeyn; ſie haben hier Bäͤume von allen Arten, und Ew. Gnaden haben wahrſcheinlich einen getroffen, den die Brafilia⸗ ner das Eiſenholz nennen, der, wenn man mit dem Hammer dagegen ſchlaͤgt(ſagt Purchas in ſeiner Rei⸗ ſebeſchreibung) wie ein Ambos klingt.“*) „Wahrhaftig, das kann wohl ſeyn,“ ſagte Har⸗ riſon,„denn die verblichenen Herrſcher ſammelten gar oiele auslaͤndiſche Bzume und Pflanzen in den Wohnungen ihres Vergnuͤgens, obgleich ſie die Fruͤchte des Baumes nicht ſammelten, welcher zwoͤlf Arten von Fruͤchten traͤgt, und von den Blaͤttern, welche die Heilung der Voͤlker bewirken.“ Everard fuhr mit ſeinem Ausfragen fort; denn *) Wahrſcheinlich meint hier Tomkins den Syderoxylon iner- me, welcher jedoch häufiger am Vorgebirge der guten Hoffnung wächst, und durch ſeine ſpecifiſche Schwere be⸗ kannt iſt. Doch kann es auch der Verbena triphylla(Ei⸗ ſenhart) ſeyn, welcher in Sudamerika zu Hauſe iſt. 1 Anmerk. d. Ueberſ. 139 er war uͤberraſcht von der Weiſe, mit welcher Har⸗ riſon ſeinen Fragen auswich, und von der Gewandt⸗ heit, mit welcher er ſeine ſchwaͤrmeriſchen Bemerkun⸗ gen, wie einen Schleier uͤber die finſteren Erſcheinun⸗ gen warf, welche ſeine Gewiſſensbiſſe und das Be⸗ wußtſeyn ſeiner Schuld ihm vorſpirgelten. „Aber,“ ſagte der Oberſt,„wenn ich meinen Au⸗ gen und meinen Ohren trauen darf, ſo muß ich im⸗ mer noch glauben, daß Sie einen leibhaftigen Geg⸗ ner hatten.— Ja, ich ſah ſelbſt einen Burſchen in einer ſchwarzen Jacke durch das Gehoͤlze ſchleichen.“ „Sahen Sie ihn?“ ſagte Harriſon anſcheinend erſtaunt, obgleich ſeine Stimme ſtockte,„wer konnte das geweſen ſeyn?— Tomkins, ſahſt du den Bur⸗ ſchen, von dem der Oberſt Everard ſprach, mit dem Tuche in der Hand— dem blutigen Duche, das er immer gegen ſeine Seite drückt?“. Dieſer Ausdruck, in welchem Harriſon ein von Everard nicht gegebenes Zeichen wiederholte, das aber mit der Beſchreibung uͤbereinſtimmte, welche Tom⸗ kins von dem Geſpenſt gemacht hatte, beſtaͤtigte in Everards Anſicht die Erzaͤhlung des Beamten mehr als alles Uebrige. Doch dieſer beantwortete die Frage mit ſeiner gewoͤhnlichen Gewandtheit, daß er guch ſolch einen Burſchen in den Wald hinein habe lau⸗ fen ſehen— aber er hielte ihn fuͤr einen Wilddieb, enn er habe gehoͤrt, daß ſie ſehr kuͤhn geworden eyen. 3 „Sehen Sie nun, Herr Ev rard,“ ſagte Harri⸗ ſon, der von der Sache wegkommen wollte,—„iſt es nun nicht Zeit, unſere Zwiſtigkeiten zu beſeitigen, und uns gegenſeitig die Haͤnde zu bieten, um die Breſchen unſeres Zions wieder auszubeſſern? Gluͤck⸗ lich und zufrieden waͤre ich, koͤnnte ich bei dieſer Ge⸗ legenheit den Moͤrtel miſchen, oder den Kuͤbel tra⸗ gen, unter unſerm großen Feldherrn, den die Vor⸗ ſehung in dieſem Volksſtreite aufſtehen ließ. Wahr⸗ 140 lich, ſo treulich, ſo ergeben halte ich an unſerem vortrefflichen und ſiegreichen General Oliver, den der Himmel lange erhalten moͤge— daß ich mir, auf ſeinen Befehl, gar keinen Gewiſſensſcrupel daraus machen wuͤrde, den Mann, welchen ſie den Spre⸗ cher*) nennen, vor ſeinem hohen Sitze herab zu ſto⸗ ßen, ſo wie ich meine arme Hand dazu lieh, den Mann zu ſtuͤrzen, den ſie Koͤnig nannten. Da ich nun weiß, daß in dieſer Sache Ihre Anſichten mit den meinigen uͤhereinſtimmen, ſo fordere ich Sie hiermit liebreichſt auf, bruͤderlich mit mir zu handeln, damit wir die Breſchen wieder aufbauen, und das Bollwerk unſeres engliſchen Zions wie⸗ der herſtellen; wo wir alsdann ohne Zweifel von un⸗ ſerem vortrefflichen Lord⸗General, als Pfeiler und Saͤulen gewahlt, um es zu tragen und zu ſtützen, und mit gehoͤrigen geiſtigen und zeitlichen Einküͤnften begabt werden, um als ein Piedeſtal zu dienen, auf dem wir ſtehen koͤnnen, weil ſonſt alles auf bloßem Sande ruhen wuͤrde, Doch, fuhr er fort, denn ſein Geiſt ſchweifte von ſeinen Plaͤnen, die auf zeitlichem Ehr⸗ geiz beruhten, ſchon wieder in ſeine Viſionen von einer fuͤnſten Monarchie aus; doch ſind alle dieſe Dinge nur eitel, in Vergleich mit der Eroͤffnung des verſtegelten Buches. Denn Alles naht ſich dem Don⸗ nern und dem Blitzen, und dem Loßlaſſen des gro⸗ ßen Drachen aus dem bodenlofen Abgrund, in wel⸗ chem er gefeſſelt liegt.“ Mit diefer ſeiner irdiſchen Politik und ſeinen fa⸗ natiſchen Prophezeihungen überwaͤltigte Harriſon den Oberſten Everard, ſo daß demſelben keine Zeit blieb, weitere Fragen uͤber die naͤchtliche Bennruhigung an ihn zu richten, uͤber welche jener augenſcheinlich nicht befragt feyn wollte. Nun erreichten ſte das Jaͤger⸗ haus von Woodſtock. 2. Der Peäͤſident des Unterbauſes. Anmerk. d. Ueberſ. —ᷣ— 4 141 „ Neuntes Kapitel. Nun funkeln die nächtlichen Flammen, Nun heulet die Eule dazu⸗ Die Leichen ſie fahren zuſammen,— Es kennt ſetbſt das Grab keine Ruh. Denn nun iſt die Nachtzeit gekommen Da klaffen die Gräber ſo weit, Und alle Geſpenſter ſie kommen, Denn nun iſt's für Geiſter die Zeit. „ 1 Sommernachts⸗Traum. Vor dem Thore des Pallaſtes waren jetzt die Wa⸗ chen verdoppelt. Everard frug den Corporal um die Urſache als er in die Halle trat, wo ſich jener mit ſeinen Soldaten befand, welche an einem großen Feuer, das ſie mit zerbrochenen Stuͤhlen und Baͤnken unter⸗⸗ hielten, ſaßen oder lagen. „Ja wahrhaftig, antwortete der Mann, die Wa⸗ che wird wie Ew. Gnaden ſagen, mit ſolchen Pftichten gar zu arg geplagt; doch hat ſich eine allgemeine Furcht verbreitet und keiner will die Wache allein beziehen. Wir haben jedoch einen oder zwei von unſern Vorpo⸗ ſten eingezogen; und werden Morgen von Orford gus Verſtaͤrkung erhalten.“ 4 DOberſt Everard fand nach genauer interſuchung, daß alle Schildwachen ſowohl innerhalb als außerhalb des Schloſſes von dem kriegserfahrenen General Harri⸗ ſon gehoͤrig vertheilt waren. Es blieb ihm alſo nichts zu thun uͤbria, als(ſeines eigenen Abentheuers einge⸗ denk) noch zwei Schildwachen nach jenemt Vorzimmer vor der langen Gallerie zu beordern. Der Corporal verſprach ehrfurchtsvoll ſeinen Befehlen Fol⸗ au leiſten. Auch die Diener, welche man jetzt rief, erſchienen in doppelter Anzahl. Everard wuͤnſchte zu wiſſen, ob die Commiſſaire ſchon zu Bette gegangen waͤren oder ob er ſie noch ſprechen koͤnne. — 142— „Sie ſind in ihrem Schlafzimmer“, erwiederte einer der Diener:„aber ſie werden ſich wohl noch nicht ausgekleidet haben.“— „Was!“ ſagte Everard,„ſind Oberſt Desborough und Herr Bletſon beide in demſelben Schlafzimmer?“ „Ihre Gnaden haben es ſo gewollt,“ ſagte der Die⸗ ner;„und ihre Secretaire bleiben die ganze Nacht auf Wache.“ „Es ſcheint hier im Hauſe Sitte zu ſeyn, die Wa⸗ chen uͤberall zu verdoppeln,“ ſagte Wildrake.„Waͤre nur eine ſchoͤne Hausmagd da, ſo wollte ich mich willig in den Gebrauch fuͤgen.“. 8 „Still, du Narr!“ ſagte Everard.—„Und wo ſind denn der Maire und Mr. Holdenough?“ „Der Buͤrgermeiſter iſt zu Pferde hinter dem Sol⸗ daten, welcher nach Orford ging um Verſtaͤrkung zu holen, nach dem Flecken zuruͤckgekehrt; und der Geiſt⸗ liche hat ſich in dem Zimmer einguartirt, in welchem Oberſt Desborough die verfloſſene Nacht zubrachte, und wo er am wahrſcheinlichſten den— Ew. Gnaden ver⸗ ſtehen mich ſchon, treffen wird. Gott ſteh' uns bei, wir ſind geplagte Leute!“ „Und wo ſind denn die Diener des Generals Har⸗ riſon,“ ſagte Tomkins,„daß ſie ihn nicht in ſein Zimmer begleiten?“ 8 „Hier, hier, Herr Tomkins!“ ſagten drei Bur⸗ ſche, welche ſich vordraͤngten und auf deren Geſichtern dieſelbe Verwirrung lag, welche ſich aller Einwohner von Woodſtock bemaͤchtigt zu haben ſchien. „Alſo fort mit Euch!“ ſagte Tomkins;„redet nicht mit ſeiner Excellenz— ihr ſehet, er iſt nicht bei Laune.“ „Wahrlich,“ bemerkte Oberſt Everard,„er ſieht entſetzlich bleich aus, und ſeine Zuͤge ſind verzerrt, als haͤtte ihn der Schlag getroffen; und obgleich er auf dem Wege ſo viel ſchwatzte, hat er doch den Mund noch nicht geoͤffnet, ſeitdem wir hier ſind.“ 143 „Das iſt ſo ſeine Art, wenn er Erſcheinungen ge⸗ habt hat,“ ſagte Tomkins.„Gebt ſeiner Gnaden den Arm Zedekia und Jonathan, um ihn ſornzufuͤhren.— ich werde ſogleich nachfolgen.— Du, Nicodemus, er⸗ warte mich— es iſt nicht gut allein gehen in dieſem Hauſe.“ 3 „Herr Tomkins,“ ſagte Everard,„ich habe ſagen hoͤren, daß Sie ein ſcharfbl ickender, geiſtreicher Mann ſind— ſagen Sie mir offen, fuͤrchten Sie ſich im Ernſt vor einem ubernatuͤrlichen Spuk in dieſem Hauſe?“ „Ich moͤchte mich nicht gerne der Gefahr Preiß geben, Sir,“ ſagte Tomtius ſehr ernſt;„wenn man meinen Foiſaurerrhrenden Herrn anſieht, ſo kann man ſich vorſtellen, wie ein Lebender ausſieht, nachdem er mit einem Todten geſprochen hat.“ Er verbengte ſich tief und ging. Everard aber eilte dem Zimmer zu, wel⸗ ches die beiden andern Sedif aire zur Beruhigung⸗ zuſammen ber wohnten. Sie wollten eben in das Bett gehen, als er in das Zimmer trat. Beide fuhren zuruͤck, als die Thuͤre ſich oͤffnete— und beide freueten ſich auch, als ſie fahr. daß nur Everard hereintrat. „Hoͤr einmal,“ ſagte Bletſon, indem er ihn bei Seite zog,„ſah'ſt Du je einen ſolchen Eſel, wie Desborough? Der Kerl iſt dumm, wie ein Ochſe und furchtſem⸗ wie ein Schaaf. Er beſtand darauf, daß ich bei ihm ſchlafen ſolle, um ihn zu beſchuͤtzen. Werden wir eine luſtige Nacht bekommen, he? Du kannſt, wenn Du willſt, das dritte Bett einnehmen, welches fuͤr Harriſon be⸗ reitet wurde, aber er iſt fortgelaufen, wie ein Mond⸗ kalb, um ſch nach dem Thale von Armageddon im Parke von Woodſtock umzuſehen.“ „General Harriſon iſt eben mit mir zuruͤckgekehrt,“ ſagte Exerard. „Nein, ſo wahr ich lebe, der darf nicht in unſer Zimmer,“ ſagte Desborough, welcher die Antwort hoͤrte. „Niemand der, ſu viel ich weiß, mit dem Teuſel zu 3 144 Nacht ſpeiste, hat ein Recht, bei Chriſtenmenſchen zu ſchlafen.“ 1 „Es iſt auch keineswegs ſeine Abſicht“ ſagte Eve⸗ rard;„ſo viel ich weiß, ſchlaͤft er in einem beſonderen Zimmer und allein.“ „Doch nicht ganz allein, wie ich es mir zu ſagen getraue“ ſagte Desborough;„denn Harriſon hat eine gewiſſe Anziehungskraft fuͤr die Geſpenſter— ſie fliegen um ihn her, wie Muͤcken um ein Licht. Aber ich bitte dich, guter Everard, bleibe Du bei uns. Ich weiß nicht wie's koͤmmt, aber, obgleich Du deine Religion niche immer im Munde traͤgſt, auch nicht ſo viel harte Worte daruͤber ſprichſt, wie Harriſon und nicht predigſt, wie ein ſehr ehrenwerther Verwandter von mir, welcher namenlos bleiben ſoll, ſo fuͤhle ich mich doch in Deiner Geſellſchaft weit ſicherer, als bei allen anderen. Denn was dieſen Bletſon betrifft, der iſt ein Gotteslaͤſterer und ich fuͤrchte, der Teufel wird ihn holen ehe noch der Morgen graut.“ „ Hoͤrten Sie jemals eine ſo feige Memme?“ ſagte Bletſon dem Everard ins Ohr.„Aber verweilen Sie dennoch, mein wertheſter Oberſt. Ich kenne ihren Eifer, den Betruͤbten und Gebeugten beizuſtehen, und Sie ſehen, daß ſich Desborough. in dieſem Falle befindet und mehr als ein gutes Beiſpiel noͤthig hat, um ihn zu verhindern, an Geiſter und Feinde zu denken. „Es thut mir leid, daß ich Ihnen die Gefaͤlligkeit nicht erweiſen kann, Gentleman,“ ſagte Everard;„aber ich habe mir vorgenommen, in Victor Lees Zimmer zu ſchlafen, und alſo wuͤnſche ich Ihnen gute Nacht, woll⸗ ten Sie aber ohne Beunruhigung ſchlafen, ſo rathe ich Ihnen, ſich waͤhrend der Nachtwachen dem zu empfehlen, welchem die Nacht iſt, wie der Mittag. Ich hatte die Abſicht, heute Abend wegen meines Hierfeyns mit Euch zu reden; aber ich will es auf morgen aufſchieben, woo ich euch herrliche Gruͤnde vorzulegen gedenke, Wood⸗ ſtock zu verlaſſen.“ 3 —— 3 145 8 „Wir haben deren ſchon genug“ ſagte Desborough; „ich zum Beiſpiel kam hieher, um dem Staate, freilich mit einigem maͤßigen Nutzen fuͤr meine Muͤhe, zu die⸗ nen: aber wenn ich heute Nacht wieder, wie in der ver⸗ gangenen, auf den Kopf geſtellt werde, ſo moͤchte ich nicht um eine Koͤnigskrone laͤnger verweilen, denn ich bin uͤberzeugt, daß mein Nacken ihr Gewicht nicht tra⸗ gen koͤnnte.“ „Gute Nacht,“ rief Everard aus und wollte eben gehen, als Blet on ſich dicht an ſeine Seite draͤngte, und ihm zufluͤſterte:„hoͤre Oberſt, Du kennſt meine Freundſchaft zu Dir— ich bitte Dich um Alles, die Thuͤre Deines Zimmers offen zu laſſen, damit Du rufen kannſt, wenn Dir etwas begegnet, wo ich im Augenblick bei Dir ſeyn werde. Thue es, theuerſter Everard, denn ſonſt wird mich meine Furcht fuͤr Dich nicht ſchla⸗ fen laſſen, denn ich weiß, daß Du, ungeachtet Deines vortrefflichen Geiſtes, doch einige jener aberglaͤubiſchen Ideen hegſt, welche wir mit der Muttermilch einſau⸗ gen, und die der Hauprgrund unſerer Furcht bei einer Gelegenheit, wie die gegenwaͤrtige, iſt. Darum laß alſo, wenn Du mich lieb haſt, Deine Thuͤre offen, damit ich Dir im Nothfall ſchnell zu Hulfe eilen kann.“ „Mein Herr vertraut zuerſt auf ſeine Bibel,“ ſagte Wildrake,„und dann auf ſein gutes Schwerdt. Er glaubt nicht, daß man den Teufel dadurch verbannen kann, daß zwei in einem Zimmer ſchlafen, und noch weniger, daß der boͤſe Feind gar nicht exiſtire, weil Atheiſten der Rota ihn laͤugnen.“ 8 Everard ergriff ſeinen unvorſichtigen Fraund am Kragen, zog ihn noch wahrend er ſprach fort, und hielt ihn feſt, bis ſie in das Zimmer des Wirtor Lee kamen, wo ſie bei einer fruͤheren Gelegenheit geſchlafen hatten. Selbſt da hielt er den Wildrake noch feſt, bis der Die⸗ ner die Lichter hingeſtellt und das Zimmer verlaſſen hatte. Dann ließ er ihn los, und machte ihm die W. Scotts Werke. XI.. 10 vorwurfsvolle Frage:„Biſt Du nicht ein vernuͤnftiger, einſichtsvoller Menſch, daß Du in einer Zeit, wie die jetzige, Gelegenheit ſuchſt, Dich in Streit zu verwi⸗ ckeln? Schaͤme Dich!“ „Ja ſchaͤmen muͤßte ich mich wirklich,“ ſagte der Cavalier; ſchaͤmen muͤßt' ich mich wirklich, ein ſo zahmes Geſchoͤpf zu ſeyn, mich auf dieſe Weiſe einem Manne zu unterwerfen, weſcher weder von beſſerer Geburt, noch von beſſerer Erziehung iſt, als ich. Ich ſage Dir Mark, Du machſt einen unedlen Gebrauch von Deinem Vortheile uͤber mich. Warum erlaubſt Du mir nicht, Dich zu verlaſſen und nach meiner ei⸗ genen Weiſe zu leben und zu ſterben? „Weil ich, noch ehe eine Woche nach unſerer Tren⸗ nung verfloſſen waͤre, hoͤren wuͤrde, daß Du auf eine niedrige Art geſtorben ſeyſt. Komm guter Freund, welche Tollheit war es denn von Dir, den Harriſon anzufallen, und Dich in einen unnuͤtzen Streit mit Bletſon einzulaſſen?“ „Warum? Ich meine wir ſind nun einmal in des Teufels Haus, und ich moͤchte gerne dem Wirthe meine 6 Schuldigkeit bezahlen. Darum wollte ich ihm einſtwei⸗ len den Harriſon oder den Bletſon als einen Biſſen zu⸗ ſchicken, um ſeinen Appetit zu ſtillen, bis Crom—“ „Still, ſelbſt die ſteinernen Waͤnde haben Ohren,“ ſagte Everard, indem er um ſich ſchaute.„Da ſteht Dein Nachttrunk. Sieh nach Deinen Waffen, denn wir muͤſſen ſo vorſichtig ſeyn, als wenn der Blutraͤcher hinter uns waͤre. Dort iſt Dein Bett— und ich, wie Du ſiehſt, hahe mir meins in dem Wohnzimmer be⸗ reiten laſſen. r die Thuͤre trennt uns.“ „ Die ich offen laſſen werde, im Falle Du nach Huͤlfe rufſt, wie jener Unglaͤubige ſprach. Aber haſt Dut denn das Alles ſchon in ſo ſchoͤner Ordnung ange⸗ troffen, mein guter Freund?“ 147— „Ich theilte dem Tomkins meine Abſicht mit, hier zu ſchlafen.“ 4 „Das iſt ein ſonderbarer Geſelle,“ ſagte Wildrake, „und wie ich ſehe, bemerkt er jeden Schritt— denn Alles ſcheint durch ſeine Hand zu gehen.“ „Er iſt, wie ich hoͤre,“ erwiederte Everard,„einer von denen Menſchen, welche die Zeit ausgebildet hat— hat eine beſondere Gabe zu predigen und darzuſtellen, was ihm bei den Independenten Anſehen verſchafft, und Sempfiehlt ſich den Gemaͤßigteren durch ſeine Einſicht und durch ſeine Thaͤtigkeit.“ „Wurde ſeine Rechtlichkeit nie in Zweifel gezo⸗ gen?“ ſagte Wildrake. „Nie, ſo viel ich hoͤrte,“ ſagte der Oberſt;„im Gegentheil, hat man ihn immer vertraulicherwen den ehrlichen Ioe und den zutrauensvollen Tomkins ge⸗ nannt. Ich aber glaube, daß ſeine Rechtlichkeit immer gleichen Schritt mit ſeinem Intereſſe haͤlt.— Aber komm, leere Deinen Becher und geh zu Bett.— Was, auf einen Zug geleert?“ „Alle Teufel ja— mein Geluͤbde orbietet mir, zwei daraus zu machen; aber fuͤrchte ni, die Nacht⸗ muͤtze wird mein Gehirn nur erwaͤrmen ier nicht ent⸗ zuͤnden. Alſo es komme nun ein Menſch oder ein Teufel, rufe mir, wenn Du geſtoͤrt wirſt, und verlaſſe Dich auf mich.“ Indem er das ſprach, zog ſich der Eavalier in ſein Zimmer zuruͤck, und nachdem Oberſt Everard den beſchwerlicheren Theil ſeiner Kleidung ab⸗ gelegt hatte, legte er ſich in ſeinen Beinkleidern und in ſeiner Jacke auf das Bett und ſch ief ein. Er ward durch eine anhalte Muſik geweckt, welche ſich in einig tfernung ver⸗ lor. Er ſchreckte auf und fuͤhlte nach ſeinen Waffen, die er nah bei ſich fand. Er ſah um ſich, da aber im Camine nur noch einige Kohlen glimmten, ſo konnte er die Gegenſtaͤnde nicht mehr unterſcheiden, doch fuͤhlte . 148— er, obgleich er nicht leicht an uͤbernatuͤrliche Einwir⸗ kung glaubte, jenen unbeſtimmten Schauder, welcher uns anzeigt, daß eine Gefahr nahe iſt, die wir aber noch nicht naͤher kennen. Da er nicht ſicher wußte, ob ihm nicht vielleicht dieſe Toͤne im Traum vorgekommen ſeyen, wollte er ſich nicht gerne den Neckereien ſeines Freundes ausſetzen, indem er ihn zu Huͤlfe riefe. Er ſetzte ſich alſo aufrecht in dem Bette, und erwartete den weiteren Verlauf der Sache. Ende des zweiten Theils.