Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oikmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. b 4. Abhonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„„ 3„=„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verloͤrene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —)—— —-------- 2 2 — S 8 8 — S.— 5.* 5 ⁸ 25 2. 00 — = 8⸗ ‿₰ ₰ 8 3 5 S 2. 5 5 2 — 5 — 8 6 5 8 . 3 2 5 3 „ 4 —yõ— ——y— Woodſtock oder 4 der Kitker. Eine Erzaͤhlung aus dem Jahre ſechszehn hundert ein und fuͤnfzig. Vom Verfaſſer des Waverley, der Erzaͤhlungen von den Kreuzfahrern ꝛc. Er war ein ganz vollkommner Ritter. Chaucer. Aus dem Engliſchen frei uberſetzt von Carl Weil, Erſter Theil. Stuttgart, bei Gebruder Franckh. Woodſtock oder d er Ritreer. Eine Erzaͤhlung aus dem Jahre ſechszehn hundert ein und fuͤnfzig. Erſtes Kapitel. Der Schrift hat Einer ſich ergeben Der And're dem Soldatenteben; Doch führen ſie nach ihren Weiſen Den Krummſtab bald, und bald das Eiſen. Butler's Hudibrag. Man hat mir erzaͤhlt, es gebe in dem Staͤdtlein Woodſtock eine recht artige Pfarrkirche; ſelbſt geſehen habe ich ſie freilich nicht, denn als ich zu Woodſtoch war, hatte ich kaum Zeit die gemahlten Saͤle, die tapezierten Zimmer, und alle Pracht Blenheims zu bewundern, weil ich mich zur feſtgeſetzten Stunde bei meinem ehrwuͤrdigen Freunde, dem Propſt von—, zum Mittageſſen einfinden mußte,— und das iſt, wie ein Jeder wohl aus eigner Erfahrung weiß, ei⸗ ner von jenen Faͤllen, wo Neugierde und Puͤnktlich⸗ keit ſich feindſelig gegenuͤberſtehen, zum groͤßten Nach⸗ theil des Schauluſtigen. Ich habe mir zwar, fuͤr die⸗ 6 ſes Werk, die Kirche recht ausfuͤhrlich beſchreiben laſ⸗ ſen; aber da ich, nicht ſo ganz ohne Grund, glaube, daß mein Gewaͤhrsmann es ebenſo gemacht hat wie ich, ſo kann ich nur ſo viel ſagen: daß ſie ein an⸗ ſehnliches, vor 40 oder 50 Jahren faſt ganz neu auf⸗ gebautes Gebäͤude iſt, das aber noch einige Gewoͤlbe der alten Hofkapelle enthaͤlt, die Koͤnig Johann ge⸗ gruͤndet haben ſoll. Grade auf dieſen aͤlteren Theil der Kirche bezieht ſich meine Erzaͤhlung. An dem Jahrestage des Sieges bei Worceſter am Ende des Septembers oder am Anfange des Octobers im Jahre 1652, befand ſich in der alten Kapelle des Koͤnigs Johann eine anſehnliche Verſammlung. So⸗ wohl an dem Zuſtande der Kirche als an dem Anblick der Anweſenden konnte man die Wuth des Buͤrger⸗ krieges und des eigenthuͤmlichen Geiſtes erſehen, der jene Zeit belebte. Das heilige Haus trug uͤberall Spuren der Zer⸗ ſtoͤrung. Die Fenſter, welche fruͤher Scheiben von gemahltem Glaſe hatten, waren nun als Gegenſtaͤnde der Abgoͤtterei, mit Lanzen und Flinten zerſchmettert worden. Alles Schnitzwerk der Kirche war beſchaͤdigt und zerſtoͤrt, der Hochaltar niedergeriſſen, und das vergoldete Gelaͤnder, das ihn umgab, zerbrochen und hinweggeſchafft vorden. Die Denkmaͤler auf den Graͤ⸗ bern, welche die Heldenthaten und die ritterlichen Geſinnungen derer, welche darunter ſchlummerten, der Nachwelt verkuͤnden ſollten, lagen nun Stuͤckweiſe 7 um die Kirche herum, herausgeriſſen aus ihren Ni⸗ ſchen. Der Herbſtwind heulte in den offenen Kreuz⸗ gaͤngen; einzelne Stuͤcke von Pfaͤhlen, zuruͤckgelaſſe⸗ nes Stallgeraͤthe, und ganze Buͤndel Heu und zer⸗ tretenes Stroh verriethen, daß die heiligen Hallen noch vor Kurzem einem Reiterhaufen zur Lagerſtaͤtte ge⸗ dient hatten. Auch von der Gemeinde war, wie von dem Ge⸗ baͤude der Glanz gewichen. Da ſah man keinen der alten Kirchengaͤnger mehr in den ausgeſchnitzten Gal⸗ lerien, die Haͤnde betend da zum Himmel erheben, wo ſeine Vaͤter es gethan. Umſonſt ſuchte das Auge des Gutsbeſitzers und des Bauern, die ehrfurchtein⸗ loͤßende Geſtalt des Sir Henry Lee von Ditchley; nicht mehr trat er einher in ſeinem geſtickten Mantel, Kne⸗ bel⸗ und Backenbart wohl geſtriegelt und geordnet, feierlich dahin herſchreitend, beg eitet von ſeinem treuen Jagdgefaͤhrten, der, weil er in fruͤherer Zeit ſeinen Herrn durch ſeine Treue gerettet hatte, die Er⸗ laubniß erlangte, ihn regelmaͤßig zur Kirche zu be⸗ gleiten, und ſich gewoͤhnlich ſo anſtaͤndig wie nur ir⸗ gend Einer von der Gemeinde betrug, auch vielleicht eben ſo erbaut wieder nach Hauſe ging, wie ein großer Theil der Zuhoͤrer. Verſchwunden waren die ſchoͤn geputzten Cavaliere, wehklagend konnte man mit ei⸗ nem alten Cronikenſchreiber der damaligen Zeit, deſ⸗ ſen Manuſcript wir entraͤthſelt haben, ausrufen: „Ach wo ſind die guten, alten Frauen mit ihren weißen Hauben und ſchwarzen Sammtroͤcken, wo ihre Toͤchter, welche die naheſtehenden Junglinge zu hoͤhe⸗ rer Andacht verleiteten— wo ſind ſie nun alle, ſie, wel⸗ che die Aufmerkſamkeit der Maͤnner mit dem Himmel theilten? Wo biſt vor Allen Du, Alexis Lee— Du Liebliche und Holde, die Du ſo herablaſſend biſt in Deiner Lieblichkeit? Ach, warum muß ich gerade von dem Umſturze Deines Gluͤckes und nicht von jener Zeit zu erzaͤhlen haben, als Dein Kommen die Augen Aller auf ſich zog, gleich als ob e in Engelein herabſtiege, und Dich ſchon von Ferne Segenswuͤnſche empfingen, als waͤreſt Du ein Genius, der eine Botſchaft des Heils brachte? Du biſt kein Gebild der muͤßigen Phantaſie eines Novellenſchreibers, biſt nicht geziert mit ſelbſt erdachten, idealiſchen Vorzügen. Herzlich lieb' ich Dich Deiner Vollkommenheit wegen, und Deine Feh⸗ ler verſtaͤrken meine Liebe noch.“ Noch Audere edle und hohe Familien waren mit dem Hauſe Lee aus der Capelle des Koͤnig Johanns verſchmunden; denn die Luft, welche uͤber Orfords* Thuͤrme wehte, war dem Gedeihen der puritaniſchen Lehre, welche in den benachbarten Grafſchaften bluͤhte, niht ſehr guͤnſtig. Doch befanden ſich unter der Ver⸗ — *) Wir halten es für unnöthig, dem verehrten Leſer zu ſagen, daß der Borongh(Flecken) Woodſtock in der Grafſchaft Orford liegt. Jetzt hat das Städtlein nur etwa noch 1500 Einwohner. 1 Anmerk. des Ueberſetzers. —— ſammlung einige Perſonen, welche ihrem Anzuge und ihrem Betragen nach, Landedelleute von Anſehen zu ſeyn ſchienen, auch waren einige achtbare Buͤrger des Staͤdtleins, vorzuͤglich Meſſerſchmiedte und Seckler gegenwaͤrtig, welche ſich durch ihre Geſchicklichkeit in ihren Handwerken ein anſehnliches Vermoͤgen erwor⸗ ben hatten. Dieſer achtbare, aber minder zahlreiche Theil der Verſammlung hatte der Liturgie der engli⸗ ſchen Kirche entſagt, und den presbyterianiſchen Glau⸗ ben angenommen, den ſie unter der Aufſicht und Lehre des hochwuͤrdigen Nehemias Holdenough ausuͤbte, der wegen ſeiner kraͤftigen aber etwas weitlaͤnfigen Predigten ſehr beruͤhmt war. Die achtbaren Frauen und die ſchoͤnen Toͤchter dieſer Buͤrger bildeten uͤber⸗ dieß noch einen nicht zu vergeſſenden Theil der Ver⸗ ſammlung. Aber außer dieſen Perſonen von ehrenwerthen Staͤnden war der uͤbrige Theil der Zuhoͤrer aus den nie⸗ dereren Klaſſen der Geſellſchaft, Nengierige und ſchmu⸗ kzige Handwerker, die ſich zu eben ſo viel Sekten be⸗ kannten, wie der Regenbogen Farben hat. Wie ge⸗ woͤhnlich war auch bei ihnen Unwiſſenheit mit Eigen⸗ duͤnkel gepaart; denn wo dieſe vorherrſcht, wird jener wohl ſelten fehlen. Verachtung heuchlend gegen alles was menſchliche Anordnungen fuͤr heilig erklaͤrten, war ihnen die Kirche nur ein Haus mit einem Thurme, der Geiſtliche, ein Mann wie jeder andere; die Ver⸗ ordnungen der Kirche, trockene Kleien und geſchmack⸗ 1 10 loſe Brühen, die dem geiſtigen Gaumen der Heiligen nicht ziemten und das Gebet, eine Unterredung mit Gott, der man ſich nach Belieben anſchlieſſen konnte oder nicht, wie Stimmung, Laune und Urtheil es eingab.*) Thurmhohe Huüfte beſchatteten die finſte⸗ ren, gerunzelten Stirnen der Aelteren unter ihnen, die auf den Baͤnken nach Bequemlichkeit liegend oder ſitzend, den presbyterianiſchen Pfarrer mit lauernder Ungeduld erwarteten. Bei den Juͤngern aber war die Freiheit der Gedanken in Freiheit der Sitten ausgeartet; ſie begafften die Frauenzimmer, huſteten, fluͤſterten, aßen Aepfel und knackten Nuͤſſe, als waͤren ſie auf der Gallerie eines Theaters ehe das Stuͤck beginnt. Der bei weitem intereſſanteſte Theil der Verſamm⸗ lung aber, waren einige Soldaten mit Schuppenpan⸗ zer und Stahlhelmen, oder mit buͤffelledernen Jacken und in rothen Roͤcken. Dieſe Krieger hatten ihre Bandeliere mit Eß⸗ und Schieß⸗Bedarf um, und ſtuͤtzten ſich auf Picken und Muſketen. Auch ſie hat⸗ ten uͤber die wichtigſten Punkte der Religion ihre ei⸗ genen Lehrſaͤtze und bei ihnen war die uberſpannteſte Schwaͤrmerei im Glauben, mit dem kalteſten Muthe und der groͤßten Unerſchrockenheit auf dem Schlacht⸗ felde wunderbar gepaart. *) Sir Walter Seott iſt, wie allgemein bekannt, ein Tory im ſtrengſten Sinn des Worts. Anm, d. Ueberſ. 11 Mit nicht geringer Ehrfurcht betrachteten die Buͤr⸗ ger von Woodſtock dieſe krieger ſchen Heiligen; denn konnte man ihnen gleich weder Gewaltthaͤtigkeit noch Grauſamkeit vorwerfen, ſo hatten ſie doch die Macht in Händen⸗ ſie, wenn sſie wollten, ungeſtraft auszu⸗ uͤben. Die friedlichen Buͤrger mußten ſich alſo allem unterberfen, was die ungezuͤgelte, ſchwaͤrmeriſche Ein⸗ bildungskraft der Krieger erdenken mochte. Endlich kam Mr. Holdenough raſchen Schrittes einher, wie jemand, der ſich verſpaͤtete und nun eilt das Verſaͤumte wieder einzuholen. Es war ein langer, hagerer Mann von braͤunlicher Geſichtsfarbe; das Feuer ſeines Auges ließ auf ein jaͤhzorniges Tempe⸗ rament ſchließen. Seine Kleidung war nicht, wie es gebraͤuchlich iſt, von ſchwarzer, ſondern von brauner Farbe und ein blauer Genfer⸗Mantel, den er dem Calvin zu Ehren trug, flatterte um ſeine Schultern. Sein graues Haar war kurz geſchnitten und mit ei⸗ nem ſchwarzſeidenen Kaͤppchen bedeckt, das den ganzen Kopf umgab, ſo daß die Ohren wie Griffe an einew Kruge hervorragten, woran man die ganze Perſon *) Die Schilderung von dem Geiſte, welcher die Independen⸗ ten belebte, dürfte ein um ſo größeres Recht auf die Auf⸗ maerkſamkeit des Leſers haben, da es dem philoſophiſchen Beobachter der Geſchichte höchſt intereſſant ſeyn muß zu ſe⸗ hen, wie der Enthuſtasmus für Freihe eit, welcher unſere Zeit charakteriſirt und der den ſchwaͤrmeriſchen Eifer für Religion, welcher der Vorzeit eigen war, verdrängte, bei dem Culminationspunkt mit dieſem vereinigt war. Anm. d. Ueb. 12 1 in die Hoͤhe ziehen konnte. Nicht zu vergeſſen, daß der ehrenwerthe Pfarrer eine Brille und einen langen, hie und da ergrauten Bart trug, und eine Handbibel mit einem ſilbernen Schloſſe in der Hand hielt. Am Fuße der Kanzel hielt er eine Minute, um wieder zu Athem zu kommen und ſtieg dann, je zwei Stu⸗ fen zumal nehmend, eilig die Treppe hinauf. Aber einer der Soldaten ergriff ihn beim Man⸗ tel und hielt ihn auf. Es war ein kraͤftiger Mann von gewoͤhnlicher Groͤße, mit feurigem Auge und Ge⸗ ſichtszuͤgen die, wenn ſie gleich Offenheit und Einfach⸗ heit verkuͤndigten, doch die Aufmerkſamkeit feſſlen„. mußten. Seine Kleidung, zwar nicht ſtreng nach der Ordonnanz, war doch militaͤriſch. Er trug lange Beinkleider von Kalbleder, und ein Schwerdt von 4 unverhaͤltnißmaͤßiger Laͤnge ward auf der anderen Seite von einem Dolche balancirt. In ſeinem ſaffianenen Gurt waren ein paar Piſtolen verwahrt. Der Geiſtliche ſah ſich um und frug den Solda⸗ V ten, nicht eben ſehr hoͤflich, was er wolle. „Hoͤre, Freund,“ ſagte dieſer,„willſt du etwa jetzt dieſen Leuten predigen?“ „Ja freilich,“ antwortete der Pfarrer;„denn ſewohl meine Pflicht als mein Stand gebieten mir, uͤber das Evangelium zu predigen und ich wuͤrde mich ſehr ungluͤcklich ſchaͤtzen, wenn ich es unterließe! 1 Ich bitte Dich, Freund, halte mich nicht auf!“ 13 „Nein,“ erwiederte der Krieger;„ich ſelbſt will fuͤr heute Dein Geſchaͤft uͤbernehmen; trete alſo zu⸗ ruͤk und, wenn Du meinem Nathe folgen willſt, ſo leſe auch Du die Brodkruͤmlein der heiligen Lehre mit auf, die ich ihnen ſogleich ausſtreuen will.“ „Hebe Dich weg von mir, Satanas,“ rief der Prieſter im Zorn,„und achte meinen Stand und meine Kleidung!“ „Ich wuͤßte nicht warum ich den Schnitt und das Tuch deines Mantels mehr ehren ſollte,“ ant⸗ wortete Jener,„als du das Meßgewand des Biſchof's achteteſt; das war ſchwarz und weiß, und Du gehſt blau und braun einher. Ihr ſeyd beide ſchlafende Hunde, geht, legt Euch nieder und ſchlaft,— Ihr Hir⸗ ten, die Ihr Eure Heerde verſchmachten laßt ſtatt ſie zu huͤten, Ihr ſucht nur irdiſchen Gewinn; geht!““ Solche anſtoͤßige Auftritte waren zu dieſer Zeit ſo gewoͤhnlich, daß es Niemanden einfiel, ſich ins Mit⸗ tel zu legen. Stillſchweigend ſah die Gemeinde es zu, die beſſeren Klaſſen mit innerem Verdruß, die niedereren mit Lachen; wieder andere ergriffen die Partei des Geiſtlichen oder des Soldaten, wie es ih⸗ nen gerade einfiel. Der Streit ward unterdeſſen hef⸗ tiger; Holdenough rief um Huͤlfe. „Herr Maire von Woodſtock— ſeyd Ihr auch einer von jenen gottloſen Richtern, die das Schwerdt der Gerechtigkeit blos zur Zierde tragen?— Buͤrger helft Ihr Eurem Seelſorger nicht? Ihr ehrenwerthen dulde er nicht laͤnger, und befahl dem Conſtabel, den Sol⸗ 14 Rathsherren, wollt Ihr mich auf der Treppe der Kan⸗ zel ſelbſt, von dieſem Sohne Belials erwuͤrgen laſſen? Aber ich werde ihn ſchon uͤberwaͤltigen und mich ſei⸗ ner Banden entledigen.“ Indem er das ſprach, hielt ſich Holdenough an dem Gelaͤnder und verſuchte es die Treppe hinauf zu ſteigen. Der Soldat aber hielt ihn feſt am Saum des Mantels, ſo daß der ehrwuͤrdige Pfarrer dem Er⸗ ſticken nahe war; doch gelang es ihm, bei den letzten Worten die Schnur des Mantels geſchickt zu loͤſen. Das Gewand gab ploͤtzlich nach, der Soldat fiel die Treppe ruͤcklings herab und der erloͤste Pfarrer er⸗ reichte gluͤcklich die Kanzel, wo er einen Siegspſalm uͤber die Niederlage des Feindes anſtimmte. Aber ſeine Siegeshymne verhallte unter dem Tumult der Zuhoͤrer, ſo daß man ſeinen und ſeines treuen Kuͤ⸗ ſters Geſang nur ſtoßweiſe hören konnte, gleich dem Heulen der Eulen im Saußen des Sturmes. Die Urſache des Aufſtandes war folgende. Der Maire, ein eifriger Presbyterianer, bemerkte gleich an⸗ fangs mit großem Unwillen die Anmaßungen des Sol⸗ daten, wagte es jedoch nicht, ſich mit einem bewaffne⸗ ten Mann in Streit einzulaſſen, ſo lange dieſer auf ſeinen Fuͤßen ſtand und Widerſtand leiſten konnte. Als er aber ſah, daß der Independent ſich auf dem Ruͤcken waͤlzte, den Genfer Mantel des Geiſtlichen in der Hand, da ſtuͤrzte er hervor, rief, den Uebermuth — 15 daten zu ergreifen, wobei er in ſeinem Zorne ausrief: „Ich will einen jeden von dieſen Rothroͤcken verhaften laſſen— ich will ihn ins Gefaͤngnis werfen— und waͤre es Oliver Cromwell ſelbſt!“ Der Zorn des ehren⸗ werthen Maire hatte wohl ſeinen Verſtand umnebelt, als er ſich ſo zur Unzeit mit ſeiner Autoritaͤt bruͤſtete. Denn drei Soldaten, die bisher bewegungslos wie Bild⸗ ſaͤulen daſtanden, ruͤckten nun vorwaͤrts, traten zwi⸗ ſchen die ſtaͤdtiſchen Behoͤrden und den Soldaten, der ſich eben wieder erheben wollte, und ſetzten, einen Zoll weit von dem podagriſtiſchen Zehen des Herrn Maire das Gewehr bei Fuß, daß es laut durch die ge⸗ woͤlbte Kapelle wiederhallte. Der fruͤher ſo entſchloſ⸗ ſene Maire, der ſich in ſeinem Eifer fuͤr die Erhal⸗ tung der Ordnung gehindert fand, warf einen Blick auf ſeine Gehuͤlfen und ſah wohl, daß die Macht nicht auf ſeiner Seite war. Die friedfertigen Zuhoͤrer waren zuſammengefah⸗ ren, als ſie hoͤrten, daß das Eiſen den Stein beruͤhre Der Herr Buͤrgermeiſter mußte ſich alſo zu einer muͤndlichen Erklaͤrung verſtehn. 3 „Was wollt Ihr, Gentlemen?“ ſagte er.„Ziemt es ſich wohl fuͤr achtbare, gottesfuͤrchtige Soldaten, die ſo große Thaten fuͤr das Wohl des Vaterlandes gethan haben, in der Kirche Haͤndel anzufangen, oder einem vorwitzigen Kameraden beizuſtehn, der bei einem fei⸗ erlichen Dankfeſte den Pfarrer von ſeiner eigenen Kan⸗ zel reißen will?“ 1 ¹ „Was haben wir mit Deiner Kirche, wie Du ſie nennſt, zu ſchaffen,“ ſagte einer, welcher, der kleinen Feder am Hute nach zu ſchließen, der Anfuͤhrer des Haufens ſeyn mochte.„Warum ſollen einſichtsvolle Maͤnner in dieſen Citadellen des Aberglaubens nicht eben ſo gut predigen duͤrfen wie Maͤnner mit altem Flor und neuen Maͤnteln? Der alte Presbyterianer da, ſoll aus dem hoͤlzernen Schilderhaͤuschen heraus, und unſere Schildwache ſoll ihn abloͤßen, hinaufſteigen, und ſchonungslos ſchreien.““ „Hoͤrt, Gentlemen,“ ſagte der Maire,„wenn Ihr das wollt, ſo koͤnnen wir uns freilich nicht widerſe⸗ zen; denn ihr ſeht, daß wir friedfertige, ruhige Leute ſind. Laßt mich aber erſt mit dieſem ehrwuͤrdigen Pfar⸗ rer Nehemias Holdenough ſprechen, damit ich ihn bewege, fuͤr jetzt ſeinem Platze zu entſagen, damit es wenigſtens kein ferneres Aergerniß gibt.“ Der friedliebende Maire unterbrach Holdenough bat ſie, ihren Plaͤtzen fuͤr jetzt zu entſagen, weil es ſonſt ſicherlich zum Kampfe kommen wuͤrde. und ſeinen Kuͤſter in ihren ſchoͤnſten Trillern, und „Zum Kampf?“ erwiederte der Pfarrer veraͤcht⸗ lich.„Fuͤrchtet nicht, mit jenen Maͤnnern in Streit .. 2 4 8 zu gerathen, die es nicht wagen werden, eine ſo offen⸗ bare Entheiligung der Kirche, und ſo kuͤhne Ketzereien zu leugnen! Sagt, haͤtten ſich das wohl eure N ach⸗ baren von Banbury gefallen laſſen?“ 3 „Still „Still doch, Herr ire,„Gott b ſind nun ein Ma Hold nough, ſtille,“ ſagte der achte d j e Wie e Euch, denn ich ver⸗ 8, und die Schwaͤche ohl noch eine Heerde fin⸗ n nicht verlaͤßt, ſobald ſie einen Feigheit Eures Her Eurer Haͤnde; ich werde w den, die ihren Hir en Eſel der W wi ten die Kanz den Schuhen che, wie er he inneren Vorwuͤrfen ſahen die Buͤrger ſeine Entfernung, weil ſie ſelbſt uͤhlten, daß ſie ſich nichts weniger, als tapfer betragen hatten. Der Maire ſelbſt und meh⸗ rere Andere verließen die Kirche, um ihm zu folgen, Nun triumphirte der independente Prediger, der ſich eben erſt vom Boden erhoben hatte, fuͤhrte ſich ſelbſt ohne weitere Umſtaͤnde auf die Kanzel ein, zog eine Bidel aus der Taſche, und nahm den Vers des einundvierzigſten Pſalms zum Tert ſeiner Reden W. Seott's Werke. N. 2„ Ich glaube wahrhaftig, „ Held gürt an das Schwert an deine Hüfte⸗ Dieß iſt dein Schmuck, die Majeſtät! Die Majeſtät!— ſo zeug dahin! Es glück Zum Schutz der Wahrheit. Ueber dieſen Text begann er eine jener wilden Deklamationen, welche zu dieſer Zeit nicht ſelten wa⸗ ren, wo man die Gewohnheit angenommen hatte, die Bibelſprache zu verdrehen, und auf neuere Begeben⸗ heiten zu beziehen. Mit dieſen Worten, welche ſich eigenklich auf den Koͤnig David bezogen, und ſymbo⸗ liſch auf den Meſſias gedeutet wurden, war nach der Auslegung des kriegeriſchen Predigers ohne allen Zwei⸗ fel Oliver Cromwell, der ſieggekroͤnte Feldherr der neuentſtandenen Republik gemeint. 3 „O Held! guͤrt' an das Schwerd an Deine Huͤf⸗ tel“ rief der Redner mit Nachdruck aus,„und gewiß das war ein ſchoͤneres Stuͤck Stahl als nur je von einem Bruſtharniſch herabhing, oder gegen einen Sat⸗ telknopf anſchlug! Ja⸗ ſpitzt nur die Ohren Ihr Herrn Meſſerſchmiede von Woodſtock; glaubt wohl gar, Ihr verſtaͤndet etwas von einem guten Jagdſchwerd? Habt's wohl gar geſchmiedet? Ei freilich, ich denke doch. Wurde nicht etwa der Stahl mit Waſſer aus dem Roſamunden⸗Brunnen, oder die Klinge von dem gl⸗ ten, erbaͤrmlichen Prieſter zu Godſtow eingeſegnet? Ihr wollt uns glauben ma⸗ chen, Ihr haͤttet es geſchmiedet, gehaͤrtet⸗ gewetzt und polirt, da es doch nie auf einen Woooſtocker Ambos 19 kam. Ihr hattet viel zu viel damit zu thun, Taſchen⸗ und Federmeſſer fuͤr die faulen Flormaͤnchen zu Or⸗ ford zu verfertigen, und fuͤr die prahleriſchen Prie⸗ ſter, deren Augen ſo vom Fett verblendet waren, daß ſie das Ungluͤck nicht eher ſahen, als bis es ſie an der Kehle gefaßt hatte. Aber ich, meine Herrn, ich will Euch ſagen, wo das Schwerd geſchmiedet wurde, und gehaͤrtet und geſchliffen und gewetzt und polirt. Zur Zeit als Ihr, wie ſchon geſagt, Taſchenmeſſer machtet, fuͤr die Prieſter des Baal, und Dolche, fuͤr luͤderliche Adeliche, um das engliſche Volk damit um⸗ zubringen— da wurde es zu Long⸗Marſton⸗Moor geſchmiedet, wo Schlag auf Schlag ſchneller folgte, als der Schmiedehammer auf den Ambos— es wurde zu Naſeby gehaͤrtet, in dem auserwaͤhlteſten Blute der koͤniglich Geſinnten— es ward geſchliffen in Ir⸗ laud, an den Mauren von Drogheda— es ward ge⸗ wetzt am Buſen der Schottlaͤnder zu Dunbar— und neuerlich und vor kurzem wurde es polirt in Worce⸗ ſter, daß es hell leuchtet, wie die Sonne am Firma⸗ ment, und kein Licht in England ihm gleichen ſoll.“ Bei bieſer Stelle erhob der millitaͤriſche Theil der Verſammlung ein Beifallsgeſchrei, gleich dem„hoͤrt hoͤrt,“ im Brittiſchen Unterhauſe, ſo daß der En⸗ thuſtasmus des Redners durch die Theilnahmsbezeu⸗ zung ſeiner Zuhoͤrer noch erhoͤht ward. „Und nun,“ ſo fuhr der Redner mit erhobner Stimme fort, als er die Theiluahme ſeines Publi⸗ — kums bemerkte—„was ſagt der Text ferner, ſo zeuch' dahin, es gluͤckt— unaufhoͤrlich— mache nirgends Halt— ſtei ge nicht vom Sattel— verfolge die Zer⸗ ſtreueten— ſtoße in die Poſaune, nicht zum Tuſch und Jubel, ſondern zum Kriege— Blaſe— feſt im Sattel— zu Pferd— Auf— zum Angriff jagt nach— verfolgt den Juͤngling!— wir haben weder Erbe noch Antheil an ihm— jagt nach, erreicht, theilt Beute! Geſegnet ſeyſt Du Oliver um Deiner Ehre willen— Lauter iſt Deine Sache, unfehlbar Dein Beruf.— Nie traf ein Unheil Deinen Commandoſt raab, nie ein Ungluͤck Dein Panier. Immer vorwaͤrts, Du Bluͤthe der engliſchen Armee? Zeuch heran ins F keld, Du aus⸗ erwaͤhlter Fuͤhrer der Kaͤmpfer fuͤr die Sache Gottes! Guͤrte Deine Lenden mit Kraft, und halte feſt an der Beſtimmung Deines hohen Verufs! Die alten gewoͤlbten Hallen der Kapelle erſchollen von neuem von einem lauten anhaltenden Beifallsru⸗ ſen, weiches dem Redner einen Augenblick Erholung goͤnnte. Aber die Buͤrger von Woodſtock hoͤrten nicht ohne Beſorgniß, wie er dem Strome ſeiner Beredſam⸗ keit ein anderes Bekt anwies. „Aber wozu erzaͤhle ich Euch, Ihr Maͤnner von 4* Woodſtock, dieſe Dinge, da Ihr ja doch keinen An⸗ wen neymt an unſerm David, und nicht haͤngt an dem engliſchen Sohn Iſais. Ihr, die Ihr, wenn ſchon Eure Anzahl gering war, doch fuͤr den geſtorbe⸗ nen Mann gefochten habt, unter dem alten blutduͤrſtigen 21 Papiſten Sir Jacob Aſton— ſchmiedet Ihr nicht et⸗ wa eben noch Complotte, oder wuͤrdet ſie wenigſtens ſchmieden, wenn Ihr G genheit dazu faͤndet, um, wie Ihr ſagt, den J g wieder einzuſetzen, den unreinen Sohn des en Tyrannen— den Fluͤch⸗ tigen, den jedes treue liſche Herz verfolgt, um ihn zu ergreifen und zu n. In Eurem Herzen aber ſprecht I um ſoll Euer Anfuͤhrer unſere We betreten, wir wollen nichts von ihm wiſſen; wir wol⸗ len uns ſelbſt helfen, und uns lieber mit der eben gewaſchenen Sau im Kothe der Alleinherrſchaft waͤl⸗ zen.— So kommt her, Ihr Maͤnner von Woodſtock, hr:„wa mi und laßt uns n, autwortet mir. Hungert Ihr nach den Flei fen der Moͤnche von Gobſtow? Ihr .! Aber warum, das will ich Euch &„ 10Q0,n ℳ 4„„r B„ erſprungen und zerbroe ₰ werde ſchen iſt, an welchem man kochte. t Ihr noch aus dem Buhl⸗ er holden Roſamunde? Ihr werdet wieder ! aber warum?“ Ehe noch der Redner die Frage nach ſeiner eige⸗ nen Art und Weiſe beantworten kon nte, wurde er durch eine andere ſehr unerwartete uͤberraſcht, welche Jemand aus der Geſellſchaft ſehr kraͤftig einfuͤgte: „Weil Ihr und Eure Helfershelfer uns keinen Brannt⸗ wein gelaſſen habt, um ihn damit zu vermiſchen.“ Alle Augen wandten ſich nach dem kuͤhnen Spre⸗ cher, der an einem der hicken unfoͤrmlichen ſaͤchſtſchen — B₰ G — 2 8 8 — 22 Pfeiler angelehnt ſtand, mit dem er ſelbſt einige Aehnlichkeit zu haben ſchien; denn er war von unter⸗ ſetzter Statur, aber ſtark gebaut, und ſeine breite vierſchroͤdrige Geſtalt ruhte auf einem dicken Stabe. Er trug eine Jacke, die zwar jetzt ſehr befleckt und abge⸗ ſchoſſen war, einſt aber von Lincola gruͤner Farbe ge⸗ weſen ſeyn mochte, und noch einige Stickereien ſehen ließ. In den Mienen des Mannes lag ein Zug von unbeſorgter gutmuͤthiger Dreiſtigkeit, und einige Buͤr⸗ ger konnten bei aller Furcht vor den Soldaten ſich doch nicht enthalten, ihm zuzurufen:„wohl geſpro⸗ chen Joceline Joliffe.“— „Alſo Joceline Joliffe nennt Ihr ihn?“ fuhr der Prediger fort, ohne uͤber die Unterbrechung in Verlegenheit zu gerathen.„Ich will ihn zum gefan⸗ genen Joceline machen) wenn er mich unterbricht. Es iſt gewiß einer von den Aufſehern Eures Parks, die es nie vergeſſen koͤnnen, daß ſie die Buchſtaben C. R.**) auf ihren Schildern und Huͤfthoͤrnern trn⸗ gen, ſo wie ein Hund den Namen ſeines Herrn am Halsband traͤgt.— Ein ſchoͤnes Zeichen fuͤr einen Chri⸗ ſten! Ja das unvernuͤnftige Thier hat noch einen Vor⸗ zug vor ihnen, es traͤgt wenigſtens ſein eigenes Fell, ſchen unmöglich wieder geben können. A. d. Ueb. *) Das Original hat biervon ein Wortſpiel, das wir im Deut⸗ **) Carolus Rex, der Name des unglücklichen Königs von Eng⸗ land, welcher in der engliſchen Revolution durch das Beil des Henkers ſtard. 4 A. d. Ueb. 23 aber der erbaͤrmliche Sclave traͤgt ja den Rock ſeines Herrn! Ich habe juͤngſt ſo einen Burſchen haͤngen ſehen. Aber wo blieb ich doch ſtehen? ſo, ganz rich⸗ tig, ich warf Euch Eure Abtruͤnnigkeit vor, Ihr Maͤn⸗ ner von Woodſtock.— Ihr werdet ferner ſagen, Ihr haͤttet der Papiſterei entſagt, und das Praͤlatenweſen anfgegeben, Ihr werdet Euch dann den Mund gleich Phariſaͤern abwiſchen und alles um der Reinheit der Religion willen gethan haben. Aber ich ſage, Ihr gleicht dem Jehu, dem Sohne Nimſchis, der zwar das Haus des Baals niederbrach, aber doch nicht ab⸗ ging von den Wegen der Soͤhne Jerobeams. Eßt Ihr zwar am Freitag keine Fiſche mit den verblende⸗ ten Papiſten und am 25. December keine Fleiſchpaſte⸗ ten mit den faulen Praͤlatiſten, ſo ſchwelgt Ihr doch die Naͤchte mit koͤſtlichen Weinen bei Euren blinden preßbyte⸗ rianiſchen Hirten, Ihr verachtet die Ehrenſtellen der Republik, Ihr ſchmaͤhet auf unſere Staatsverfaſſung, lobet Euren Park von Woodſtock und ſprecht:„er war der erſte, der eingehegt ward in England, von Hein⸗ rich dem Sohne Wilhelms der Eroberer genannt.— Ihr habt ein ſchoͤnes Gebaͤnde darin, und nennt es ein koͤnigliches Gebaͤnde; Ihr habt eine Eiche darin, Ihr ſtehlt und verzehrt das Wildpret des Parks, und ſagt:„das iſt des Koͤnigs Wild, wir wollen es mit dem Becher auf die Geſundheit des Koͤnigs wuͤr⸗ zen. Beſſer wir eſſen es, als jene rundköpfigen re⸗ publikaniſchen Schurken. Aber hoͤrt mich an, und laßt Euch warnen; denn um dieſer Dinge willen kom⸗ men wir, mit Euch zu ſtreiten. Denn unſer Name ſoll ſeyn, ein donnernder Kanonenſchuß, vor dem die Luſthaͤuſer Eures Parks in Ruinen zerfallen ſol⸗ len; Wir werden ein Keil ſeyn, der die Koͤnigseiche zerſplittert, um einen Backofen damft 3u heizen; Wir wollen Euren Park zerſtoͤren, Euer Wild erle⸗ gen, wollen es ſelbſt aufeſſen, und kict b u gering⸗ ſten Antheil ſollt Ihr daran haben, weder vom Schen⸗ kel noch vom Bruſiküt. Kein Horn ſollt Ihr davon bekomnlen, um auch nur ein Heft fuͤr ein deeiheſe durnus 39 Puichen en. N 186 Einmal din paar auch Meffrſc keinen Troſt und keine heruntergeſunkenen Sermeiſter von V 5 3 ee, der ſich J Faä⸗ 2 lul⸗ noch von ſonſt je⸗ bie, melche geuant we den, die Beute zu 1 Hier endigte dieſe wilde Derlamation, deren letz⸗ ter Theil die arn ger von Woodſtock ſehr be⸗ aͤngſtigte, weil er ein kuͤrzlich verbreitetes, unangeneh⸗ mes Geruͤcht zu beſtät gen ſchien. Freilich war die Verbindung mit London ſehr erſchwert, und auf die Neuigkeiten, welche man von dorther erfuhr, konnte rzli * Siehe Jeſaias 8. Cap. 1. Vers. Luther üter ſetzt es: Raube bald und Eilebeute. A. d. Ueb. 8* 25 man ſich nicht verlaſen. Auch war den Geruͤchten, welche durch die Hoffnungen und Beſorgniſſe ſo vie⸗ ler Partheyen uͤbertrieben wurden, durchaus nicht zu trauen. Das aber, was das Staͤdtlein Woodſtock be⸗ traf, wurde allgemein und gleichfoͤrmig erzaͤhlt. Man hatte ſchon ſeit laͤngerer Zeit erfahren, daß das Par⸗ lament den ungluͤckſeligen Beſchluß gefaßt habe, den Park von Woodſtock zu verkaufen, das Forſthaus zu zerſtoͤren, die Mauren niederzureißen und ſoviel wie moͤglich alle Spuren ſeines alten Rufs zu vertilgen. Viele Buͤrger mußten darunter leiden; denn mehrere genoßen entweder aus Nachſicht oder aus einem Pri⸗ vilegium das Recht der Viehwaide, des Holzfaͤllens u. dergl. mehr in dem königlichen Jagdreviere, aber alle Einwohner 5 einen Fleckens dachten mit Schmerz daran, daß die Zierde des Ortes zerſtoͤrt, und das 1 i Staͤdtlein ſeinen alten wohlgegruͤndeten Ruhm verlieren ſollte. Dieſes iſt ein patriotiſches Gefuͤhl, das man oft an ſolchen Orten findet, die ſich durch alten Ruhm und lauggehegte theure Erinnerungen fruͤherer Zei⸗ ten von den neueren Staͤdten unterſcheiden. Die Einwohner Woodſtocks hatten bisher vor dem erwar⸗ teten Ungluͤck gezittert. Aber als es ihnen jetzt durch den Mund eines militaͤriſchen Predigers, jener fin⸗ ſteren ſtrengen und zugleich alles vermoͤgenden Solda⸗ ten angekuͤndigt ward— jetzt betrachteten ſie ihr Schick⸗ fal als unvermeidlich. Sie vergaſſen fuͤr einen Augen⸗ blick ihre haͤuslichen Zwiſtigkeiten, als ſich die Ver⸗ — 26 ſammlung ohne Lobgeſang und ohne Segen aufloͤste, und jeder ſeines Weges nach Hauſe ging.— 4 Zweytes Kapitel. O Vater! an der Tochter Seite Fühlſt Du nur halb des Lebens Müh'n; Dienſt Du dem Schickſal ſelbſt zur Beute Du ſiehſt Dich in der Tochter blüh'n. Als der militaͤriſche Redner ſeine Predigt geen⸗ digt hatte, wiſchte er ſich den Schweiß von der Stir⸗ ne; denn des kuͤhlen Wetters ungeachtet war er von der Heftigkeit ſeiner Rede und ſeiner Bewegungen erhitzt. Dann ſtieg er von der Kanzel herab und wechſelte einige Worte mit dem Korporal, der den Haufen anfuͤhrte. Dieſer nikte als waͤre er damit einverſtanden, zog ſeine Leute zuſammen und ließ ſie in Ordnung nach ihren Quartieren in der Stadt ab⸗ marſchieren. Der Redner ſelbſt aber verließ die Kirche, als waͤre gar nichts Außergewoͤhnliches vorgefallen und ſpatzierte durch die Straßen von Woodſtock mit dem Weſen eines Fremden, der eine Stadt beſieht. Auch ließ er ſich es gar nicht merken, daß er ſehr wohl ſehe, wie aͤngſtlich ihn die Buͤrger beobachteten, und ſich gegenſeitig zuwinkten, als wollten ſie damit ſagen, 27 man muͤſſe ſich vor ihm als vor einem gefaͤhrlichen und verdaͤchtigen Menſchen in Acht nehmen. Er aber ſchritt feierlich und ſteif einher, und ſeine Zuͤge verriethen einen Menſchen, der uͤber die irdiſchen Dinge, die ſich ihm aufdringen, unwillig ſcheint, weil ſie ſeine Gedanken fuͤr einen Augenblick den geiſtigen Betrachtungen entziehen. Denn dieſen Leuten waren ſelbſt unſchuldige Vergnuͤgungen ver⸗ daͤchtig, und unſchuldige Froͤhlichkeit war ihnen zum Graͤuel. Wenn dieſe Gemuͤthsſtimmung anſtatt im Geheimen dazu zu dienen, nur um ſo viel beſſer ſeine Leidenſchaften zu befriedigen, ſich mit einem uneigen⸗ nuͤtzigen Charakter paarte, ſo war ſie wohl im Stan⸗ de, große und tapfere Maͤnner zu bilden. So waren auch freilich viele dieſer Leute Heuchler, welche nur den Mantel der Religion zum Deckmantel ihres Ehrgeitzes gebra uchten; aber viele beſaßen wirklich die andaͤchtige Gemuͤthsſtimmung, die ſtrenge republikaniſche Tugend, welche die andern bloß heuchelten. Aber wie immer ſchwebte die groͤßere Anzahl zwiſchen beiden Ertremen, fuͤhlte bis auf einen gewiſſen Punkt die Macht der Religion, und indem ſie ſich in den Geiſt der Zeit fuͤgten, diente ihnen dennoch ein großer Theil dieſes Gefuͤhls zum bloſen Schaugepraͤnge. Der Mann alſo, deſſen Geſicht und Gang ſeine Anſpruͤche an Heiligkeit verriethen, und der zu der oben erzaͤhlten Unordnung Anlaß gegeben hatte, er⸗ reichte endlich das Ende der Hauptſtraße, wo dieſe an den Park von Woodſtock graͤnzt. Ein gothiſches Portal bezeichnete den Eingang. Es war von gemiſch⸗ ter Bauart, da es zu verſchiedenen Zeiten je nach dem Stpl der jedesmaligen Architectur Veraͤnderungen er⸗ litten hatte; im Allgemeinen aber machte es einen großen impoſanten Eindruck. Ein ungeheures eiſer⸗ nes Gitterthor mit allerlei Verzierungen und oben mit den verhaͤngnißvollen Namenszuͤgen C. R. ge⸗ ſchmuͤckt, war theils von Roſt, theils von gewaltſa⸗ men Angriffen, ſeinem Verfallen nahe. Der Fremde blieb ſtehen, als ſchwanke er, ob er den Eingang erbit⸗ ten, oder ſelbſt verſuchen ſollte. Durch das Gitter blickend, ſah er eine mit majeſtaͤtiſchen Eichen beſetzte Auffahrt, welche mit kuͤhnen Kruͤmmungen in einen großen alten Forſt zu fuͤhren ſchien. Aus Verſehen war das Pförtchen an dem großen eiſernen Thore of⸗ fen geblieben, was den Soldaten zu der Verſuchung reitzte, hinein zu gehen, doch ſchien er ſich erſt zu be⸗ denken, wie jemand, der in einen wa hrſcheinlich ver⸗ botenen Ort eindringen will, ſo daß ſein Benehmen mehr Ehrfurcht fuͤr den Platz verrieth, als man von ſeinem Stand und von ſeinem Charakter haͤtte erwarten ſollen. Er verzoͤgerte ſeinen ſeierlich abgemeſſenen Schritt, blieb endlich ganz ſtehen, und ſah ſich um. Nicht weit vom Thore erblickte er ein paar alte ehrwuͤrdige Thuͤrme, welche ſich mit ihren kuͤnſtlichen Faͤhnlein in den Strahlen der herbſtlichen Sonne uͤber die Baͤume erhoben. Sie bezeichneten das ate 29 Jägerhaus, welches zur Zeit Heinrichs II. hie und da dem engliſchen Monarchen zum Aufenthalt gedient hatte, wenn er die Waͤlder von Orford beſuchte, welche damals, dem alten Fuller nach, ſo reich an Wildpret waren, daß ſich die Jaͤger nirgends beſſer befanden. Das Jaͤgerhaus lag auf einem flachen Boden, der jetzt mit Sykomoren bepflanzt iſt,*) und nicht weit vom Eingang zu jenem herrlichen Platze liegt, wo man ſich zuerſt aufhaͤlt, um Blenheim zu betrachten, ſich an Malboroughs Siege zu erinnern, und den praͤchtigen aber ſchwerfaͤlligen Styl der Vanburghs zu loben oder zu tadeln. G& Auch unſer kriegeriſcher Prediger blieb hier ein wenig ſtehen, aber eines ganz anderen Zweckes willen, als um die Gegend zu bewundern. Er ſtand noch nicht lange, als er zwei Perſonen von verſchiedenem Geſchlecht langſam herbeikommen ſah, welche ſo in ihr Geſpraͤch vertieft zu ſeyn ſchienen, daß ſie den Unbekannten, der vor ihnen ſtand, gar nicht bemerk⸗ ten. Der Soldat benuͤtzte ihre Traͤnmerei und ſchluͤpfte, um ſie unbemerkt zu belauſchen, unter einen der gro⸗ ßen Baͤume, der am Wege ſtand, und deſſen Zweige, welche bis auf den Boden ſtreiften, ihn, wenn nicht allenfalls eine voͤllige Unterſuchung angeſtellt werden ſollte, vor Entdeckung ſicherte. 1 3 4 2) Hsus syeomorus die egyptiſche Feige.(Linnee,) Anm. d. Ueberſ. 3⁰0 Der Herr und die Dame naͤherten ſich unterdeſſen und nahmen ihren Weg nach einem laͤndlichen Sitze, der ſich noch der Sonnenſtrahlen erfreute, und nah an dem Baume war, wo ſich der Fremde verſteckt hatte. Der Mann war ſchon bei Jahren, ſchien jedoch mehr von Kummer und Krankheit, als vom Alter gebeugt zu ſeyn. Ueber einem ſchwarzen Kleide trug er einen Trauermantel welcher jenen maleriſchen Faltenwurf beſchrieb, den Vandyk verewigt hat. War ſchon das Kleid ſogar ſchoͤn zu nennen, ſo war es doch ſo nach⸗ laͤßig angelegt, daß man daraus das Uebelbefinden des Mannes errathen konnte. Seine Zuͤge trugen zwar den Stempel ſeines Alters, waren aber noch ſehr lieb⸗ lich, und verriethen ſo wie ſein Anſtand und ſeine Klei⸗ dung den Mann von Stand und Wuͤrde. Auffallend war es, daß er einen langen weißen Bart trug, der weit uͤber die Bruſt und das aufgeſchnittene Kleid her⸗ abfiel, und ſonderbar mit der Farbe ſeines Anzugs con⸗ traſtirte. Die junge Ladv, welche dieſen ehrwuͤrdigen Herrn gewiſſermaßen zu unterſtuͤtzen ſchien, da ſie Arm in Arm gingen, war eine ſchlanke ſylphenartige Geſtalt von ſo zartem Bau und ſo ſchoͤner Geſichtsbildung, daß die Erde, auf welcher ſie einherwandelte, fuͤr ein ſo aͤtheriſches Weſen ein zu ſchwerfaͤlliger, grober Boden zu ſeyn ſchien. Aber von den menſchlichen Bekuͤmmer⸗ niſſen iſt auch die Schoͤnheit nicht befreit. Thraͤnen glaͤnzten im Auge des ſchönen Weſens; ſie erroͤthete 31 höher, als ſie ihrem bejahrten Begleiter zuhoͤrte; aus ihren ſchwermuͤthigen mißvergnuͤgten Mienen konnte man abnehmen, daß die Unterredung fuͤr beide gleich betruͤbend war. Als ſie ſich auf die Bank niederließen, konnte der horchende Soldat die Rede des alten Herrn leicht verſtehen, aber die Antworten der jungen Dame hoͤrte er nicht ſo deutlich:„Nein es iſt zu arg“ ſagte der Alte mit Heftigkeit.„Es köoͤnnte einen armen ge⸗ laͤhmten Mann in Zorn bringen, um ſelbſt einen Sol⸗ daten zu erſchrecken; denn alle meine Leute ſind mir abtruͤnnig geworden. Bin aber den armen Burſchen nicht boͤſe daruͤber, was ſollen ſie thun?— die Spei⸗ ſekammer hat ja kein Brod, und der Keller kein Bier mehr fuͤr ſie. Doch bleiben uns noch einige ranhe Forſter von dem alten guten Woodſtocker Schlag, frei⸗ lich ſind ſie meiſtens ſo alt, wie ich ſelbſt, doch was thut das? Altes Holz wird auch nicht leicht feucht, ich will alſo das alte Haus vertheidigen. Es iſt nicht das erſtemal, daß ich es gegen eine zehnmal ſtaͤrkere Macht behauptet habe.“ „Ach, mein theurer Vater“— ſagte das junge Frauenzimmer, mit einem Tone, der anzudeuten ſchien, daß nur gaͤnzliche Verzweiflung ihm dieſen Ver⸗ theidigungs⸗Plan eingegeben hatte. „Was ſoll das Ach“ antwortete er aͤrgerlich;„iſt es denn eine ſo gefaͤhrliche Sache, wenn ich mein Thor vor zwanzig oder vierzig von dieſen blutduͤrſtigen Heuch⸗ lern verſchließe?“ 5 32 „Wenn aber die Befehlshaber wollen, ſo koͤnnen ſie leicht ein Regiment oder eine ganze Armee ſchicken,“ erwiederte die Dame,„und Ihre Vertheidigung wuͤrde dann zu nichts nuͤtzen, wuͤrde ſie nicht abhalten koͤn⸗ nen, den Park zu verheeren, und nur ihren Zorn reitzen.“ „Das kann ſehr leicht ſeyn, Alexis,“ ſagte ihr Vater,„aber ich habe meine Zeit gelebt, und noch druͤ⸗ ber. Meine guͤtigen koͤniglichen Herrn ſind vor mir dahin gegangen, was ſoll ich noch auf Erden ſeit je⸗ nem ungluͤckſeligen 13. Januar? Der Mord, welcher an jenem Tage veruͤbt ward, fordert alle treue Die⸗ ner Carl Stuarts auf, ſeinen Tod zu raͤchen, oder fuͤr ihn zu ſterben wie er.“„Nicht doch mein Vater,“ ſagte Aleris Lee,„es ziemt einem Manne von Ihrem Werthe und Ihrem Alter nicht, ſein Leben wegzuwer, fen, das noch ſeinem Koͤnige und ſeinem Vaterlande nuͤtzlich ſeyn kann. Es kann nicht immer ſo bleiben. England wird dieſe Herrſcher nicht lange ertragen, welchs die ſchlimmen Zeiten ihm aufgedrungen haben. Indeſſen (hier konnte der Horcher einige Worte nicht verſte⸗ hen)— vor Ungeduld, die das Uebel nur verſchlim⸗ mern wuͤrde.“ 1. „„Verſchlimmern,“ rief der Alte ungeduldig ausz Was kann noch ſchlimmer werden, iſt es nicht ſchon am allerſchlimmſten? Dieſe Leute werden uns aus dem einzigen Obdach vertreiben, das uns noch ge⸗ blieden iſt, werden das koͤnigliche Eigenthum zerſtoö⸗ 8 ren, 33 ren, das meiner Aufſicht anvertraut wurde, weder einen koͤniglichen Pallaſt zu einer Diebshoͤhle machen, und Gott noch danken, als haͤtten ſie ein gutes Werk gethan.“ „Dennoch aber,“ ſagte die Tochter,„bleibt uns die Hoffnung, daß der Koͤnig jetzt außer dem Be⸗ reich ihrer Macht iſt, auch duͤrfen wir mit Grund das Beſte von der Sicherheit meines Bruders Albert hoffen.“ 3 „Ach Albert,“ ſagte der Vater mit wehmuͤthi⸗ gem Tone.„Der iſt dort droben. Wenn es nicht um Deiner Bitten willen geſchehen waͤre, ſo haͤtte ich mich ſelbſt aufgemacht, und waͤre nach Worceſter gegangen; ſo aber muß ich hier liegen, waͤhrend der Jagd, wie ein unnuͤtzer Hund, da ich doch vielleicht wichtige Dienſte haͤtte leiſten können. Auch der Kopf eines alten Mannes kann zuweilen nuͤtzlich ſeyn, wenn auch ſein Arm nur wenig mehr vermag. Aber Ihr beide wuͤnſchtet ſo ſehr, daß er allein gehen ſollte, wer kann mir nun ſagen, was aus ihm geworden iſt?“ „Nein mein Vater,“ ſagte Alexis,„wir koönnen mit Grund hoffen, daß Albert jenem Ungluͤckstag entkam. Der junge Abney ſah ihn eine Meile vom Schlacht⸗ feld.“ „Ich glaube, der junge Abney log,“ ſagte der Vater widerſprechend.„Die Zunge des jungen Ab⸗ ney ſcheint ſchneller als ſeine Hande, und langſamer als die Hufe ſeines Pferdes, wenn er vor den Stutz⸗ W. Scott's Werke. X. 3 — 34 koͤpfen flieht. Beſſer waͤre es, Alberts Leiche laͤge zwi⸗ ſchen Carl und Cromwell, als daß er ſo fruͤh fluͤch⸗ tete, wie der junge Abney.“ „Mein geliebteſter Vater,“ ſagte das junge Frauen⸗ zimmer mit Thraͤnen,„was kann ich noch zu ihrem Troſte hinzufuͤgen?“ „Zu meinem Troſte, Maͤdchen? ich bin ganz krank von Troſt. Ein ruhmvoller Tod und die Rui⸗ nen von Woodſtock zu meinem Denkmal, das waͤre der einzige Troſt fuͤr den alten Henry Lee. Ja bei dem Andenken meines Vaters, ich will die Waldhuͤtte gegen die rebelliſchen Raͤuber vertheidigen.“ „Fuͤgen Sie ſich doch in die Verhaͤltniſſe, gelieb⸗ teſter Vater,“ ſprach das Maͤdchen,„ergeben Sie ſich doch willig in das, wo Widerſtreben unnuͤtz iſt. Mein Oheim Everard—“ Der Vater ſiel ihr ins Wort:„Dein Onkel Ever⸗ ard, Maͤdchen!— Schoͤn, nur weiter, was gibts denn mit Deinem herrlichen, geliebten Onkel Everard?“ „Nichts Vater,“ ſagte ſie,„wenn Ihnen der Gegenſtand unangenehm iſt.“ „Unangenehm? warum ſollte er mir unangenehm ſeyn. Und wenn es ſo waͤre, was wuͤrde es Dich oder ſonſt Jemanden kuͤmmern. Was ſoll noch geſche⸗ hen, das uns erfreuen koͤnnte?“ „Das Schickſal koͤnnte,“ antwortete ſie,„die Wieder⸗ einſetzung unſerer ſo ſehr verkannten Regenten beſchloſ⸗ ſen haben.“„Zu ſpaͤt fuͤr mich, Alexis,“ ſagte der 35⁵— Ritter.„Gibt es noch ein weiſes Blatt in ſdem himm⸗ liſchen Buche des Schickſals, ſo wird es aufgeſchla⸗ gen werden, lange nach meiner Zeit.— Aber Du willſt mir ausweichen, ſprich, was gibts mit Deinem Onkel Everard?“„Mein Vater,“ ſagte Alexis,„Gott weiß es, lieber wollte ich ſchweigen fuͤr jetzt und im⸗ merdar, als etwas ſprechen, das Ihre jetzige uͤble Stimmung vermehren koͤnnte.“ „Meine uͤble Stimmung,“ ſagte der Vater un⸗ muthig,„ja Du biſt mir ein lieber Arzt, willſt mir wahrſcheinlich Balſam und Honig und Oel eintraͤu⸗ feln, fuͤr meine uͤble Stimmung, wenn das der paſ⸗ ſende Name fuͤr das Leiden eines Greiſes iſt, dem der Kummer faſt das Herz zerbricht.— Noch einmal, was gibts mit Deinem Onkel Everard?“ Dieſe letztern Worte ſprach er in heftigem unmuthi⸗ gem Tone, Alerxis beantwortete ſie mit zitternder, demuthsvoller Stimme. „Was ich ſagen wollte, mein Vater, war— daß ich uͤberzeugt waͤre, daß wenn wir dieſen Ort ver⸗ laſſen, mein Onkel Everard“—. „Aha, das heißt, wenn wir zu den ſpitzohrigen großſprecheriſchen Schurken, zu denen er gehoͤrt, hin⸗ ausgeſtoßen werden. Aber weiter von Deinem guͤti⸗ gen Oheim! Nun, was wuͤrd' er dann thun? Er wird uns die Ueberreſte ſeiner andaͤchtigen ſparſamen Wirth⸗ zſchaft geben, zweimal in der Woche die uͤbriggeblie⸗ denen Knochen eines magern Huhnchens, und die an⸗ . — 3 36 dern fuͤnf Tage ein reichliches Faſten. Vielleicht wird er uns ſogar Betten geben, neben ſeinem duͤrren Klepper, oder eine kleine Streu, damit der Gatte ſeiner Schweſter— o daß ich doch meinen entſchlafenen Engel nennen muß, neben einem ſolchen Namen,— und ſeiner Schweſter Tochter nicht auf den Steinen ſchlafen muͤſſen. Vielleicht wird er auch jedem von uns mit ſorgſamen Ermahnungen zur Sparſamkeit einen Roſenobel ſchenken, und dabei ſagen, daß es ihm noch nie ſo ſchwer geworden ſey, baares Geld aufzutreiben. Oder was wird wohl Dein Onkel Ever⸗ ard ſonſt fuͤr uns thun, will er uns vielleicht einen Bettelbrief verſchaffen? Das kann ich auch.“ „ſSie denken ſehr ſchlimm von ihm,“ antwortete Aleris lebhafter als bisher.„Aber fragen Sie Ihr eigenes Herz, und es wird Ihnen ſagen, daß Ihre Zunge(mit aller Ehrfurcht ſey es geſagt) etwas aus⸗ ſpricht, was Ihr Verſtand nicht billigen kann. Mein Oheim Everard iſt weder ein Geizhals noch ein Heuch⸗ ler, noch ein ſolcher Freund der weltlichen Guͤter, daß er nicht unſerm Mangel reichlich ſteuren ſollte. Auch iſt er nicht ſo ſchwaͤrmeriſch, daß er die chriſtliche Liebe zu andern Religions⸗Sekten bei Seite ſetzen wuͤrde.“ „Ja ja, ſondern Zweifel iſt bei ihm, und vielleicht auch bei Dir, Aleris, die engliſche Kirche nur eine Sekte. Iſt ein Mugglatonianer oder ein Browniſt nicht auch ein Sektiker? Doch ſetzt ſie Dein Ausdruck alle, den Jack Preßbyter ſelbſt, in eine Klaſſe mit 37 unſeren gelehrten Praͤlaten und frommen Geiſtlichen! Aber es iſt ja die Modeſprache der Zeit, in der Du lebſt, ſo ſprich nur in Gottesnamen wie eine der weiſen Jungfrauen und der pfalmſingenden Maͤdchen, denn obgleich Du die Tochter eines alten unheiligen Royaliſten biſt, ſo nennt Dich doch der Onkel Ever⸗ ard ſeine leibliche Nichte.“ „Was kann ich Ihnen antworten, mein theuer⸗ ſter Vater, wenn Sie aus dieſem Tone ſprechen? Hoͤren Sie mich doch nur einen Augenblick an, bis ich den Auftrag meines Oheims ausgerichtet habe.“ „So, alſo ein Auftrag iſt es! Bei meiner Ehre, das dacht ich gleich. Ja ja, es ahndete mir auch et⸗ was in Betreff des Geſandten: Nun, mein Fraͤu⸗ lein, entledigen Sie ſich ihrer Botſchaft, ich werde ſie mit Geduld anhoͤren.“ „Alſo mein theurer Vater, mein Onkel Everard wuͤnſcht, Sie moͤchten ſich doch gegen die Commiſ⸗ ſaire, welche hieher kommen, um den Park und das Eigenthum in Beſchlag zu nehmen, hoͤllich betragen, oder ſich wenigſtens huͤten, Widerſtand zu leiſten. Es muͤßte ſelbſt nach ihren Grundeaͤtzen thoͤricht ge⸗ handelt ſeyn, und wuͤrde nur einen Vorwand darbie⸗ ten, Sie als einen koͤniglich Geſinnten zu verfolgen, was außerdem verhuͤtet werden koͤnnte. Ja, er hegt die Hoffnung, daß es ihm, wenn Sie ſeinen Rath befolgen, gelingen koͤnnte, durch den Einfluß, den er beſitzt, die Commiſſion zu bewegen, die Beſchlag⸗ 38 nahme Ihrer Guͤter in eine maͤßige Geldſtrafe zu verwandeln. So ſpricht mein Oheim, und nachdem ich Ihnen ſeinen Rath mitgetheilt habe, will ich Ihre Geduld nicht weiter in Anſpruch nehmen.“ „Du haſt auch ganz recht, daß Du es nicht thuſt,“ erwiederte Ritter Lee mit unterdruͤcktemUnwillen;„denn ich ſchwoͤre es Dir, bei'm heiligen Kreuze, ich haͤtte Dich dann nicht mehr fuͤr meine Tochter gehalten.— Ach meine vielgeliebte Gattin, die Du nun hoch er⸗ haben biſt, uͤber die Sorgen und Leiden dieſer Welt, Du haͤtteſt es wohl nicht gedacht, daß die Tochter, die Du unter Deinem Herzen trugſt, wie das gott⸗ loſe Weib Hiobs in der Stunde des Ungluͤcks ihren Vater in Verſuchung fuͤhren und ihm rathen wuͤrde, ſein Gewiſſen ſeinem Vortheil aufzuopfern, und aus den bluttriefenden Haͤnden der Moͤrder ſeines Koͤni⸗ ges, und vielleicht auch ſeines Sohnes die armſeli⸗ gen Ueberbleibſel des geraubten Eigenthums zu er⸗ betteln? Maͤdchen, wenn ich einmal betteln muß, glaubſt Du allenfalls, ich wuͤrde zu denen gehen, die mich zum Bettler gemacht haben? Nein, nie werde ich mein Haar, das im Kummer uͤber den ſchmaͤhli⸗ chen Tod meines Koͤniges ergraute, entbloͤßen, um das Mitleid eines ſtolzen Sequeſtrators zu erregen, der vielleicht ſelbſt ein Königsmoͤrder war. Nein, gewiß nicht, wenn Henry Lee ſeinen Lebensunterhalt erbetteln muß, ſo wird er zu einem treuen Royaliſten gehen, wie er ſelbſt iſt, der, wenn ihm uur ein hal⸗ 39 ber Laib Brod uͤbrig blieb, ſelbſt dieſes Wenige gern mit ihm theilen wird. Seine Tochter aber mag ih⸗ ren eigenen Weg gehen, und bei ihren rundkoͤpfigen reichen Verwandten eine Zufluchtsſtatte ſuchen. Aber die nenne mich nicht mehr ihren Vater, die ſich weigert, ſeine ehrenvolle Armuth zu theilen.“ „Mein Vater, Sie thun mir Unrecht, Gott weiß es, bitteres Unrecht,“ antwortete Alexis mit leidenſchaftlicher aber doch zitternder Stimme.„Ihr Weg iſt auch der meinige, ſelbſt wenn er zur Armuth, wenn er zum Verderben fuͤhrt; und ſo lange Sie darauf wandeln, ſoll mein Arm Sie unterſtuͤtzen, wenn Sie eine ſo ſchwache Huͤlfe nicht zuruͤckweiſen wollen. „Du ſagſt mir, Naͤdchen,“ erwiederte der alte Ritter, wie Shakespeare ſagt:„ich will Dir meinen Arm leihen, aber im Hintergrunde Deiner Seele denkſt Du, ich will mich an den des Markham Everard haͤngen.“ Die Tochter erwiederte tief bewegt:„Mein Va⸗ ter! welches ungluͤckliche Verhaͤngniß hat Ihr vaͤter⸗ liches Herz ſo ſehr veraͤndert, Ihren tiefblickenden Verſtand ſo ſehr verblendet?— Ach es ſind dieſe buͤr⸗ gerlichen Unruhen, die nicht allein den Koͤrper zer⸗ ſtoͤren, ſondern auch die Seele auf falſchem Wege lenken, ſo daß die Edlen, die Milden und die Groß⸗ muͤthigen unedel, hart und argwoͤhniſch werden! Was wollen Sie von Markham Everard? Seitdem Sie 1 1 — ihn aus meiner Naͤhe verbannten, habe ich ihn we⸗ der geſehen noch geſprochen; was kann Sie alſo zu dem Glauben bewegen, daß ich dieſem Juͤnglinge meine Pflicht aufopferte. Wenn ich deſſen faͤhig waͤre, mein Vater, ſo wuͤrde Markham Everard der erſte ſeyn, der mich deshalb verachtete.“. Sie verbarg ihre Augen in das Taſchentuch, konnte aber ihr Schluchzen nicht verbergen. Der alte Mann ward dadurch geruͤhrt. „Wahrlich ich weiß nicht,“ ſagte er,„was ich davon denken ſoll. Du ſcheinſt von Herzen zu ſpre⸗ chen, und wareſt immer meine gute, liebe Tochter. Ich kann gar nicht begreifen, wie ſich der Rebelle in dein Herz einſchleichen konnte. Vielleicht geſchiehet es zu meiner Strafe, daß ich die Buͤrgertreue mei⸗ nes Hauſes fuͤr unbefleckt hielt, gleich der Sonne. Aber der ſchoͤnſte Edelſtein, meine theure Aleris iſt leider getruͤbt. Aber hoͤre auf zu weinen, wir haben ſchon außerdem Bekuͤmmerniß genug. Wo ſteht doch gleich die Stelle im Shakespeare? „———= Gellehle Tochter, Ach geh mit mir den rauhen Pfad des Lebens! „„Sey unbekümmert um den Geiſt der Zeiten „ Und kränke nicht den Percy ſo wie er.“ 1 „Es freut mich, Vater, daß ſie Ihren Liebling wieder citiren, unſere kleinen Streitigkeiten nahen ſich immer ihrem Ende, wenn Shukespenae erwaͤhnt wird.“ 41 „Seine Werke waren die vertrauteſten Geſell⸗ ſchafter meines verblichenen Herrn,“ ſagte der Rit⸗ ter Henry Lee. Naͤchſt der Bibel(wenn ich ſie zu⸗ ſammen nennen darf) fand er immer groͤßeren Troſt in ihnen, als in irgend einem andern Werke. Da ich nun an derſelben Krankheit leide, ſo iſt es natuͤr⸗ lich, daß ich zu demſelben Arzneimittel meine Zu⸗ flucht nehme. Doch getraue ich mir nicht, die dun⸗ keln Stellen zu erklaͤren, wie mein Herr der Koͤnig; denn ich bin ein rauher Mann, erzogen zu den Waf⸗ fen und zu der Jagd.“ „Nicht wahr, Sie haben Shakeſpeare geſehen, lieber Vater?“ ſagte Alexis. „Thoͤrichtes Kind, ich habe Dir ſchon zwanzigmal geſagt, daß er ſtarb, als ich noch ein kleines Buͤbchen war. Aber ich verſtehe Dich wohl, Du moͤchteſt mich gern von andern Gegenſtaͤnden ablenken. Nun gut, wenn ich ſchon nicht blind bin, ſo kann ich doch auch die Augen ſchließen, und mich blind ſtellen. Ben Jonſon habe ich dafuͤr gekannt, und ich wollte Dir von unſern Zuſammenkuͤnften im Gaſthaus zur Waſ⸗ ſernymphe, wo es guten Wein aber auch guten Witz gab, manche Geſchichte erzaͤhlen. Der alte Ben Jon⸗ ſon nahm mich als einen ſeiner Soͤhne unter die Zoͤg⸗ linge der Muſen auf. Hab' ich Dir nicht ſchon die Verſe gezeigt:»An meinen geliebten Sohn, den eh⸗ renwerthen Sir Henry Lee von Ditchley Knight und Baronet?““ „Ich erinnere mich ihrer gerade nicht mehr,“ antwortete die Tochter. 1 „Ich fuͤrchte Maͤdchen, Du luͤgſt, aber es hilft nichts, Du kannſt mich zu keinen weiteren Thorheiten mehr verleiten. Der doͤſe Geiſt iſt auf Saul, wir muͤſſen nun darauf denken, ob wir Woodſtock verlaſ⸗ ſen, oder ob wir es vertheidigen ſollen.“ „Koͤnnen Sie denn noch immer die Hoffnung hegen, den Platz zu vertheidigen, mein theurer Vater?“ ſagte Alexis. „Ich weiß es eigentlich ſelbſt nicht, Maͤdchen, nur moͤchte ich ihnen gern einen Schlag zum Abſchied beibringen; denn wer weiß, wie es das Gluͤck fuͤgen kann? Freilich muß ich bekennen, daß mir der Ge⸗ danke, daß meine armen Leute mit mir an einem ſo hoffnungsloſen Streite Theil nehmen muͤſſen, ſehr wehe thut.“ „Ach denken Sie doch nicht daran,“ erwiederte Aleris,„es ſind Soldaten in der Stadt, und zu Or⸗ ford liegen drei Regimenter.“ „Ach armes Orford,“ rief der alte Lee aus, deſ⸗ ſen ſchwankender Gemuͤthszuſtand durch ein jedes Wort auf einen neuen Gegenſtand geleitet wurde.„Ach armes Oxford, Sitz der Gelehrſamkeit und des Rechts! unpaſſende Bewohner ſind dieſe rohen Soldaten fuͤr die Saͤle deiner Gelehrten und die Zimmer deiner Dichter. Dennoch aber wird deine glaͤnzende Lampe ſtets hell brennen, und wenn auch der giftige Sam⸗ 43 mum dieſer Lotterbuben wie der Nordwind auf dich losſtuͤrmte. Der brennende Buſch wird, wie bei Moſe, nicht verzehrt werden, trotz der Hitze der Ver⸗ folger.“ „Das iſt ganz wahr, lieber Vater,“ ſagte Alerxis, „und ſollte jedem Royaliſten eingedenk ſeyn, daß ein Aufſtand in dem jetzigen Zeitpunkte nur eine groͤßere Haͤrte gegen die Unzverſitaͤt bewirken wuͤrde, welche als das Hauptrad von allem betrachtet wird, was ſich in dieſen Gegenden fuͤr den Koͤnig in Bewegung ſetzt.“ „Es iſt leider nur zu wahr meine Tochter,“ er⸗ wiederte der Ritter,„und die geringſte Urſache wuͤrde hinreichen, die Schurken zu bewegen, das Wenige, das die Buͤrgerkriege dem Collegium gelaſſen haben, in Beſchlag zu nehmen. Wenn ich das bedenke, und die Gefahr meiner armen Leute— in Gottes Namen — Naͤdchen Du haſt mich entwaffnet! Ich will ge⸗ duldig und gelaſſen ſeyn, wie ein Maͤrtyrer.“ „Wenn nur Gott gibt, daß Sie Ihr Wort hal⸗ ten koͤnnen, lieber Vater,“ ſagte Alexis,„aber der Anblick dieſer Maͤnner ſetzt Sie immer ſo ſehr in Bewegung, daß— „Glaubſt Du, ich waͤre ein Kind, Alexis, glaubſt Du, ich koͤnnte keine Natter oder keine Kroͤte anſehen, ohne mehr als Eckel zu empfinden? Und wenn gleich ein Rundkopf und beſonders ein Rothrock in meinen Augen viel gifriger ſcheint, als eine Natter, viel eckel⸗ hafter als eine Krote, ſo kann ich mich doch ſoviel 44 uͤberwinden, daß Du ſelbſt ſehen ſollteſt, wie hoͤflich ich ſie behandeln wollte, wenn einer von ihnen in dieſem Augenblick erſchiene.“ Kaum hatte er ausgeſprochen, als der militaͤriſche Prediger hervortrat, und unerwartet dem alten Rit⸗ ter gegenuͤberſtand, der ihn anſtarrte, als glaube er, ſeine Herausforderung haͤtte den leibhaftigen Teufel herbeigerufen. „Wer biſt Du?“ fragte endlich Sir Henry Lee mit erhobener zorniger Stimme; waͤhrend ſeine Toch⸗ ter ſich bleich vor Schrecken an ſeinen Arm anklammer⸗ te, fuͤrchtend, daß die friedlichen Geſinnungen ihres Va⸗ ters ſchon in dieſem Augenblick zu nichte werden wuͤrden. „Ich bin,“ erwiederte der Soldat,„ein Mann, der ſich weder fürchtet noch ſchamt, ſich ein armer Handlanger, bei dem großen Werke der Wiederge⸗ burt Englands zu nennen. Ich bin ein eifriger, ein⸗ facher Vertheidiger der guten Sache.“„Und was Teufel ſuchſt Du denn hier? frug der alte Ritter heftig. 4 „Den Empfang, der einem Oberbeamten der Lordcommiſſaͤre gebührt,“ erwiederte der Soldat. „Nun ſo ſey denn willkommen wie Rauch den Augen,“ ſagte der Ritter.„Aber nennt mir doch erſt Eure Commiſſaͤre Freund.“ Unhoͤflich genug reichte ihm der Soldat eine Rolle hin, welche der alte Ritter Lee nur mit dem Zeige⸗ finger und dem Daumen beruͤhrte, als kaͤme ſie aus 45 einem Peſthoſpital, und die er ſo weit von ſeinen Augen hielt, als er nur konnte. Indem er nun die Namen der Commiſſaͤre ablas, fuͤgte er zu einem jeden einige Randgloſſen hinzu, die er zwar an Aleris richtete, welche aber laut genug geſagt wurden, daß es anzeigte, wie wenig er ſich darum kuͤmmerte, wenn auch der Soldat es hoͤre. 2 „Desborough— ſo, der Bauer Desborough — ein gemeiner Ackersmann wie nur einer in Eng⸗ land— der Kerl blieb auch geſcheider zu Hauſe, wie ein alter Scythe hinter ſeinem Pflug. Verdammt ſey der Kerl! Harriſon— das iſt ja der blutige Schwaͤrer, der, wenn er die Bibel liest, nur einen Tert ſucht um einen Mord zu rechtfertigen, der Teufel hol ihn ebenfalls! Blet hon, das iſt ein aͤchter Republika⸗ ner, ſo einer aus Harriſons Rota Club, der das Gehirn immer volle Neuerungsgedanken hat, und der gerne den Schweif an den Kopf befeſtigen moͤchte; ſo ein Kerl, der die Rechte und Geſetze von Alt England nicht kennt, aber gar viel von Rom und Griechenland zu ſchwatzen weiß; der in Weſtmuͤnſter⸗Hall den Arev⸗ pagus Sitzungen halten ſieht, und der den alten Cromwell fuͤr einen roͤmiſchen Conſul haͤlt;— nun ja, er wird wohl auch noch Diktator werden. Mei⸗ netwegen, der Teufel hol' auch ihn!““ „Mein Freund!“ fiel der Soldat ein,„ich wollte mich gerne hoͤflich gegen Euch betragen; aber meine Pflicht duldet es nicht, daß ich von den heili⸗ 3 — — gen Maͤnnern, in deren Dienſten ich bin, ſo un⸗ ehrerbietig ſprechen hoͤre. Und wenn Ihr Uebelgeſinn⸗ ten Euch auch das Recht herausnehmt, uͤber jeder⸗ mann die Verdammniß auszuſprechen, die Ihr aus⸗ theilt, als waͤre ſie Euch ganz beſonders zum Antheil zugefallen, ſo unterlaßt es doch, andere damit zu belegen, die beſſere Hoffnungen in ihrem Herzen, und beſſere Worte in ihrem Munde tragen.“„Du biſt ein geſchwaͤtziger Burſche,“ verſetzte der Ritter,„haſt aber doch in gewiſſer Hinſicht Recht. Wozu waͤre es noͤthig, Menſchen zu verfluchen, die ohnehin ſchon ſo ſchwarz ſind, wie der Rauch der Hoͤlle ſelbſt.“ „Ich bitte Dich, Freund, halte ein,“ ſagte der Soldat,„wenn nicht um Deines Gewiſſens doch um des Wohlanſtandes wegen; ſolche ſchreckliche Fluͤche, ſtehen ſchlecht zu einem grauen Bart.“ „Hoͤre, das iſt einmal wahr, und wenn es auch der Teufel ſpraͤche,“ verſetzte der Ritter,„und Gott ſey Dank, ich kann gutem Rathe noch folgen, und weun ihn ſelbſt der Satan gibt. Was alſo dieſe Commiſ ſaͤre betrifft, ſo uͤverbringe ihnen folgen de Botſchaft: Sir Henry Lee, der Aufſeher des Parks zu Woosſtock, hat ein ſo vollſtaͤndiges Recht an den Waldungen, dem Wild, der Weide und allem Zugehoͤr dieſes Forſtes, wie einer von ihnen ein Recht an ſein Vermögen und an ſein Eigenthum hat, naͤmlich, wenn ſie etwas be⸗ ſitzen, das ſie nicht ehrlichen Leuten geraubt haben. Dennoch aber will er denen nachgeben, die die Gewalt 47 zum Recht gemacht haben, und will das Leben recht⸗ ſchaffener Maͤnner nicht gefaͤhrden, wo das Verhaͤltniß der Streitkraͤfte ungleich iſt. Er behaͤlt ſich aber aus⸗ druͤcklich vor, daß dieſe Uebergabe nicht geſchehe, weil er die Geſetzmaͤßigkeit der ſogenannten Herrn Com⸗ miſſaͤre anerkenne, oder fuͤr ſich ſelbſt ihre Macht fuͤrchte, ſondern bloß um engliſches Blut zu ſchonen, deſſen in dieſen letzteren Zeiten ſo viel vergoſſen wurde.“ „Das iſt vernuͤnftig geſprochen,“ ſagte der Be⸗ amte;, ich bitte Euch alſo, mit mir in das Haus zu gehen, und mir die Gefaͤße, den Gold⸗ und Silber⸗ Schmuck und alles das zu uͤberliefern, was dem Pharao gehoͤrte, und was er dir zur Aufſicht uͤbergab.“ „Was fuͤr Gefaͤße?“ rief der alte feurige Rit⸗ ter,„und wem ſollen ſie gehoͤren? Niedriger Hund, ſprich in meiner Gegenwart ehrfurchtsvoller von dem koͤniglichen Maͤrtyrer, oder ich will etwas thun, das mir gegen Deinen niedrigen Koͤrper nicht ziemen moͤchte.“ Er riß ſeinen Arm von der Tochter los, und legte die Hand an's Schwerdt. Ganz ruhig aber blieb ſein Gegner, der mit der Hand winkte, und mit einer Gelaſſenheit, die den Ritter noch mehr auf⸗ brachte, zu ihm ſagte:„Guter Freund, ich bitte Dich, bleib doch ruhig, und ſtreite nicht mit mir.— Einem Manne mit grauen Haaren und mit ſchwachen Ar⸗ men ziemt es nicht wie ein Betrunkener zu ſchimpfen und zu toben. Zwinge mich nicht dazu, zu meiner Vertheidigung fleiſchliche Waffen zu gebrauchen, ſon⸗ 1 1 48 4 dern horch auf die Stimme der Vernunft. Sieh'ſt Du es denn nicht ein, daß der Herr dieſen großen Streit zu unſern und der Unfrigen Ganſten gegen Dich und die Deinigen entſchieden hat? entſage daher ruhig Deiner Stelle, und uͤberliefere mir das Eigen⸗ thum jenes Mannes Carl Stuart.“ „Die Gedundd iſt ein gutes Pferd, aber am Ende reißt es aus!“ ſagte der Ritter, der nun ſeinen Zorn nicht laͤnger mehr meiſtern konnte. Er gab dem Sol⸗ daten einen rüͤchtigen Schlag mit der Scheide, zog dann den Degen im Augenblick und bereitete ſich zum Kampf. Der Gegner warf ſeinen langen Mantel von der Schulter, zog ſein Schwerdt und ſtellte ſich zur Wehr. Laut klirrten die Schwerdter, und Alexis rief erſchrocken nach Huͤlfe. Aber der Kampf dauerte nicht lange, der alte Ritter hatte einen Mann angegriffen, der ſo geuͤbt, oder wohl noch geuͤbter im Fechten war, wie er, und der zugleich, die Kraft und die Behen digkeit ungerechnet, welche die Zeit dem Sir Lee ge raubt hatte, auch noch eben ſo ruhig, wie ſein Geg ner leidenſchaftlich war. Sie waren kaum dreimal ausgefallen, als das Schwerdt des Ritters in bie Luft flog, als wollte es die Scheide aufſuchen, die er ſchon fruͤher weggeworfen hatte. Da ſtand nun Sir Henry Lee, der Gnade ſeines Feindes uberlaſſen, ent⸗ waffnet und gluͤhend vor Schaam und Aerger. In⸗ deſſen ſchien der Republikaner ſeinen Sieg nicht miß⸗ brauchen zu wollen; weder im Gefechte noch im Shese wi rt————— 49 wich die finſtere ernſte Nuhe von ſeinem Geſichte, und ein Kampf auf Leben und Tod ſchien ihn ebenſowenig zu erſchrecken, wie ein Gang mit dem Rappier. „Nun biſt Du in meiner Gewalt,“ ſagte er, „und wenn ich das Recht der Waffen gebrauchen wollte, ſo koͤnnte ich Dir unter die fuͤnfte Rippe ſto⸗ ßen, ſo wie Aſſahol umgebracht wurde von Abner, dem Sohne Nun's, als er der Jagd folgte, auf dem Wege zum Berge Ammah, welcher vor Giah liegt, un⸗ weit der Einoͤde von Gibeon; allein es ſey ferne von mir, das wenige Blut zu verſpritzen, das noch in Deinen Adern fließt. Es iſt zwar wahr, Du biſt der Gefangene meines Schwerdtes und meines Spee⸗ res; da Du aber noch zuruͤckkehren koͤnnteſt von Dei⸗ nem boͤſen Wege, wenn der Herr Dir eine Friſt ſetzt, zur Buße und zur Beſſerung; warum ſollte ſie Dir, ein armer ſuͤndiger Sterblicher verkuͤrzen wollen, der in Wahrheit nur ein Wurm iſt, wie Du.“ Beſtuͤrzt und unfaͤhig zu reden, blieb der Ritter ſtehen, als eine vierte Perſon hinzukam, welche das Huͤlfsgeſchrei der Aleris herbeigezogen hatte, es war Jocolin Joliffe, ein Unteraufſeher des Parks. Als dieſer den Stand der Dinge ſah, ſchwang er ſeinen Stab, eine Waffe, von der er ſich nie zu trennen pflegte, und nachdem er denſelben eine arabiſche Achte in der euft hatte beſchreiben laſſen, haͤtte er ihn wahrſchein⸗ lich fluchend auf den Kopf des Commiſſions⸗Beamten fal⸗ len laſſen, wenn nicht der Ritter Lee es verhindert haͤtte W. Scott's Werke. X. 4 3 — 8 — 2 50 „Focolin, wir muͤſſen jetzt Fledermaͤuſe fangen, die Zeit des Dreinſchlagens iſt vorbei. Man kann nun einmal nicht gegen den Strom ſchwimmen, der Teu⸗ fel fuͤhrt das Regiment, und macht unſere Diener zu unſeren Herrn.“ In dieſem Augenblicke kam aus dem Gebuͤſche dem Ritter ein anderer Beiſtand zu. Es war der ſchon oben erwaͤhnte groſſe Wolfshund, der ſtark war wie ein Bullenbeißer, und ſchlank und fluͤchtig wie ein Windhund. Bevis war das edelſte Thier ſeiner Gattung, das je einen Hirſch zu Boden riß; er war dunkelgelb wie ein Loͤwe, und hatte eine ſchwarze Schnauze und ſchwarze Fuͤße mit einer weißen Linie um die Zehen. Doch war er ebenſo folgſam, als er ſtark und kuͤhn war. Er wollte grade auf den Solda⸗ ten losfahren, als Lee's Worte,„ruhig Bevis“ den Loͤwen in ein Lamm verwandelten; ſtatt alſo den Soldaten zu Boden zu reißen, ſchlich er um ihn herum und ſchnoͤberte, als wolle er entdecken, wer wohl der Fremde ſeyn moͤchte, gegen den er, ſeines zwei⸗ deutigen Anſehens ungeachtet, Nachſicht haben ſollte. Doch ſchien der ihn Erfolg zu befriedigen; denn er gab ſeine bedenkliche drohende Stellung auf, ſenkte die Ohren, glaͤttete ſein geſtraͤubtes Fell wieder, und wedelte mit dem Schweife. Ritter Lee, der die Spuͤrkraft ſeines Lieblings ſehr hochachtete, fluͤſterte ſeiner Tochter zu:„Siehſt Du, auch Bevis iſt Deiner Meinung, und raͤth mir 51 zu, mich zu unterwerfen. Das iſt ein Fingerzeig Gottes, um den großen Fehler meines Hauſes, den Stolz zu beſtrafen.“ „Freund,“ fuhr er fort, indem er ſich zu dem Soldaten wandte;„Du haſt mir eine Lehre kraͤftig verſinnlicht, welche nach zehn Jahren des Mißgeſchicks und des Ungluͤcks noch immer nicht recht bei mir kei⸗ men wollte. Du haſt mir naͤmlich die Thorheit der Meinung gezeigt; als ob eine gute Sache einen ſchwa⸗ chen Arm ſtaͤrken koͤnnte! Gott verzeihe mir den Ge⸗ danken, aber faſt moͤchte ich meinen Glauben verlie⸗ ren, und denken, daß des Himmels Seegen nur im⸗ mer den Staͤrkſten begleitete, doch wird es hoffentli nicht immer ſo bleiben. Gott hat gewiß ein Ziel ge⸗ ſetzt.— Jocolin reiche mir meine Toledo⸗Klinge, dort liegt ſie, und ſiehe einmal, wo die Scheide am Baum haͤngt, Alexis, zerre doch nicht ſo an meinem Man⸗ tel, mache doch kein ſo jaͤmmerlich erſchrockenes Ge⸗ ſicht. Ich ſchwoͤr' es Dir zu, ich werde nicht wieder ſohald etwas mit dem blanken Eiſen zu thun haben.— Was Dich betrifft, braver Kriegskamerad, ſo will ich Deinen Gebieteren, ohne Streitigkeiten und ohne Umſtaͤnde dieſen Platz uͤberlaſſen. Jocolin Joliffe ſteht Deinem Stande naͤher als ich, der wird Dir das Forſthaus und alles dazu Gehoͤrige uͤberliefern. Be⸗ halte nichts zuruͤck Joliffe, ſie ſollen Alles haben. Ich aber will die Schwelle nie wieder betreten; aber wo finde ich eine Ruheſtaͤtte fuͤr dieſe Nacht? In Wood⸗ . 52. ſtock moͤcht ich niemanden zur Laſt fallen. Nun ja— ſo ſeye es, Alexis und ich wollen in Deiner Huͤtte am Roſamunden⸗Brunnen uͤbernachten; Joliffe, wir wol⸗ len uns eine Nacht unter Deinen Schutz begeben. Nicht wahr, Du nimmſt uns gerne auf?— Doch was iſt das— ein finſteres Geſicht?“ Wirklich ſah Jocolin aͤußerſt verlegen aus, be⸗ trachtete erſt Aleris, dann den Himmel, dann die Erde und brummte halblaut:„ohne Zweifel, das iſt gar keine Frage, wenn ich nur hinunterlaufen koͤnnte, um das Haus in Ordnung zu bringen.“ „Ach was brauchts viel Ordnung,“ erwiederte der Ritter,„fuͤr Leute, die mit einer reinlichen Streu in einer Scheune vorlieb nehmen; fuͤrchteſt Du Dich aber, gefaͤhrlich⸗ oder uͤbelgeſinate Perſonen, wie man es nennt, unter Deinem Dache zu beher⸗ bergen, ſo ſchaͤme Dich nicht, und ſage es frei her⸗ aus, mein Freund. Freilich nahm ich Dich in mein Haus auf, als Du nur ein zerlumpter Burſche warſt, machte einen Aufſeher aus Dir, und that Dir noch manches Andere.— Aber was hat das zu ſa⸗ gen? Kein Matroſe denkt mehr an den Wind, der ihn vorwaͤrts gebracht hat. Schwimmen doch die Gro⸗ ßen mit dem Strome, warum nicht auch ein armer Teufel wie Du?“ „Moͤchte Gott Ew. Gnaden Ihr ungerechtes uür⸗ theil verzeihen,“ ſagte Jocolin.„Die Huͤtte gehoͤrt Ihnen, ſo wie ſie iſt, und waͤre ſie ein koͤnigliches „ 53 Schloß, ſo waͤre es mir um Euer Gnaden willen, nur noch lieber.— Nur moͤchte ich gerne, wenn Ihr es erlaubtet, einmal hinunter gehen, vielleicht iſt ein Nachbar dort, oder viel— vielleicht— koͤnnte ich die Sachen fuͤr Fraͤulein Alexis und Ihre Gnaden ein wenig ordnen, um es ein wenig ſtattlicher einzu⸗ richten.“ „Es iſt gar nicht noͤthig,“ ſagte der Ritter, waͤhrend Alexis nur mit Muͤhe ihre Gemuͤthsbewe⸗ gung zu verbergen ſuchte.„Wenn Dein Huͤttlein unanſehnlich iſt, ſo paßt es um ſo viel beſſer fuͤr einen zu Grunde gerichteten Edelmann. Iſt es un⸗ ordentlich, nun, dann gleicht es der uͤbrigen Welt, wo es auch außer der Ordnung zugeht. Begleite die⸗ ſen Mann, wie heißt Du, Freund?“ „Joſeph Tomkins iſt mein Name“,“ ſagte der Beamte,„man nennt mich gewoͤhnlich den ehrlichen Joc, oder den getreuen Tomkins.“„Nun, wenn Du bei Deinem Handwerke den Namen verdienſt, ſo biſt Du wirklich ein Juwel,“ ſagte der Ritter.„Iſt das aber nicht der Fall, ſo brauchſt Du deswegen nicht zu erroͤthen, Joſeph; denn da Titel und Wahrheit ſchon ſo lange getrennt ſind, ſo kannſt Du doch hoffen, Deinen Ruf zu behaupten, ſelbſt wenn Du ihn nicht verdienſt. Leb' wohl, und Du mein liebes Woodſtock, auch Du, lebe wohl!“ Der alte Ritter ſprachs, wandte ſich um, ſtuͤtzte — ——— ſich auf ſeine Tochter, und ſo durchwanderten ſie den Park, wie wir es im Anfang des Kapitels beſchrie⸗ ben haben. Drittes Kapitel. Des Alterthumes heil'ge Stelle Betretet nur mit ernſter Scheu; Es iſt der Bildung erſte Quelle, Sie eilet nur zu ſchnell vorbei. Stillſchweigend ſchauten Joſeph Tomkins und der Forſter Joliffe dem Ritter Ditſchley und ſeiner ſchoͤ⸗ nen Tochter nach, als dieſe ſchon laͤngſt hinter den Baͤumen verſchwunden waren. Dann muſterten ſie ſich mit zweifelhaften Blicken, wie Leute, die nicht wiſſen, ob ſie Freund oder Feind ſind, und verlegen ſind, ein Geſpraͤch zu eroͤffnen. Gleich darauf hoͤrten ſie den Ritter mit ſeiner Pfeife den Bevis herbeilocken; der gute Hund aber, der den Schall gehoͤrt haben mußte, weil er den Kopf wandte und die Ohren ſpitzte, folgte doch dem Rufe nicht, ſondern ſchnoͤberte immer um Joſeph Tomkins Mantel her. „Du biſt zwar ein vortreffliches Thier, aber mir graut's,“ ſagte der Foͤrſter, indem er ſeinem neuen Bekannten einen zweifelhaften Blick zuwarf.„Ich habe von Lenten gehoͤrt, die Hund und Wild anlocken koͤnnen.“ 5⁵ „Bekuͤmmere Dich nichts um meine Eigenſchaf⸗ ten, mein Freund,“ ſagte Joſeph Tomkins,„ſondern erfuͤlle den Befehl deines Herrn.“ Jocolin antwortete nicht ſogleich, ſondern ſteckte ſeinen Stab in die Erde, ſtützte ſich darauf und ſagte verdruͤßlich:—„alſo Herr Prediger nach dem ſauberen Nachmittags Gottesdienſt habt Ihr Euch das Vergnuͤgen gemacht, mit meinem alten ſteifen Ritter zu kaͤmpfen? Es war wohl zu Eurem Gluͤcke, daß ich nicht kam, als noch die Klingen ſich beruͤhrten, ſonſt haͤtte ich das letzte Lied uͤber Eurem Schaͤbel gelaͤu⸗ tet.“ Hoͤhniſch laͤchelnd erwiederte der Independent: „Nein mein Freund, das Gluͤck war auf deiner Seite, denn wahrlich, nie waͤre ein Kuͤſter fuͤr die Glocke, die er zog, beſſer bezahlt worden. Doch warum ſoll⸗ ten wir ſtreiten, oder warum ſollte ich meine Hand erheben gegen die Deinige? Du biſt ein armer Bur⸗ ſche, der die Befehle ſeines Herrn vollzieht; und auch ich habe keine Geluͤſten, weder Dein noch mein Blut dieſer Sache wegen zu vergießen. Wie ich hoͤre, ſollſt Du mir das Schloß Woodſtock, wie es genannt wird, friedlich uͤbergeben.— Eigentlich giebt es jetzt kein Schloß mehr in England und ſoll auch in den zukuͤnf⸗ tigen Tagen keines geben, bis wir in das Schloß des nenen Jeruſalems einziehen, und die Regierung der Heiligen beginnen wird auf Erden.“ 56 „Nun da habt Ihr doch einmal einen huͤbſchen Anfang, Freund Tomkins,“ ſagte der Foͤrſter;„wie die Sachen jetzt ſtehen, ſeyd Ihr nicht weit davon, bald Koͤnige zu ſeyn; und was Euer Jeruſalem be⸗ trifft, ſo moͤchte Woodſtock ein recht artiger Grund⸗ ſtein ſeyn, um damit anzufangen.— Nun wollt Ihr es jetzt uͤberliefert haben und in Beſitz nehmen? Ihr habt meine Befehle vernommen.“ „Ich weiß doch noch nicht,“ ſagte Tomkins,„ich muß mich vor Hinterliſt in Acht nehmen; denn ich bin hier allein. Auch iſt vom Parlamente das große Dankfeſt angeordnet worden, und die Armee hat ihre Zuſtimmung gegeben— vielleicht brauchen auch der alte Mann und die junge Dame einige Kleidungs⸗ Stuͤcke, oder wuͤnſchen noch einiges von ihrem Eigen⸗ thum zu holen, und es waͤre mir nicht lieb, wenn ſie um meinetwillen in Nachtheil geriethen. Wenn Du mich alſo morgen fruͤh in Beſitz ſetzen willſt, ſo ſoll es in Gegenwart meiner Begleiter und des preßbyte⸗ rianiſchen Mairs geſchehen; denn wenn bei der Ab⸗ lieferung keine anderen Zeugen da waͤren, als Du zur Auslieferung und ich zum Empfang, ſo koͤnnten die Soͤhne Belials ſagen:„ja, ja, der treue Tomkins iſt ein Edomite geweſen, der ehrliche Joc iſt ein Heh⸗ ler, der fruͤh aufſtand, und mit denen die Beute theilte, welche dem Manne dienten, ſogar mit denen, welche zum Andenken an den Mann und ſeine Re⸗ ligion graue Baͤrte und gruͤne Roͤcke trugen.“ 1 57 Bei dieſer Rede betrachtete Jocolin den Soldaten mit ſeinen durchdringenden ſchwarzen Augen, als wollte er entdecken, ob er es ehrlich meinte oder nicht. Dann fuhr er mit der Hand durch die Haare, wie jemand der in ſeinem Entſchluſſe nicht recht feſt iſt. —„Das iſt alles recht ſchoͤn geſagt, Freund,“ ſagte er endlich;„aber ich will offen mit dir reden, frei⸗ lich befinden ſich noch in jenem Hauſe einige ſilberne Becher und ſilberne Schuͤſſeln, die dem allgemeinen Schickſal entgingen, mit ihren Cameraden in den Schmelztiegel zu wandern, um die Truppen unſeres Ritters auf den Beinen zu erhalten. Nimmſt Du nun dieſe nicht, ſo koͤnnte man leicht den Verdacht auf mich werfen, als haͤtte ich ihre Anzahl verringert; da ich nun als ein ehrlicher Menſch—“ „Wie einer, der nur je Wildpret ſtahl,“ ſagte Tomkins.„Nein, da muß ich Dich unterbrechen.“ „Hoͤre,“ antwortete der Foͤrſter,„wenn ja ein⸗ mal ein Hirſch, den ich ſchoß, einen Nebenweg neh⸗ men mußte, ſo war das keine Unredlichkeit, ſondern es geſchah blos, damit die Pfanne meiner alten Haus⸗ haͤlterin nicht roſten moͤchte. Aber was filberne Schuͤſ⸗ ſeln, ſilberne Kruͤge und dergleichen betrifft, ſo wuͤrde ich die eben ſo wenig geſtohlen haben, als ich das ge⸗ ſchmolzene Silber getrunken haͤtte. In dieſer Hin, ſicht alſo wuͤnſchte ich, keinem ſchimpflichen Verdachte zu unterliegen. Willſt Du alſo die Sachen jetzt aus⸗ 58 geliefert haben, ſo iſt es recht, wo nicht, ſo bin ich vorwurfsfrei.“ „Wirklich?“ ſagte Tomkins.„Und wer macht denn z. B. mich vorwurfsfrei, wenn ſie allenfalls glauben ſollten, es waͤre etwas weggekommen? Die ehrwuͤrdigen Herrn Commiſſare, die das Gut betrach⸗ ten, als waͤre es ihr Eigenthum, werden es zuerſt ſagen; wir muͤſſen alſo, wie Du ſagſt, behutſam zu Werke gehen. Das Haus zuzuſchließen und zu verlaſ⸗ ſen waͤre wieder thoͤricht gehandelt. Was meinſt Du, wie waͤre es, wenn wir die Nacht dort verweilten, wo nichts ohne unſer Vorwiſſen geſchehen koͤnnte. „Ja hoͤre, was das anbelangt, ſo ſollte ich ja in die Huͤtte gehn, um fuͤr den Ritter und Fraͤulein Alexis die Sachen zu ordnen; denn die alte Hanne, meine Haushaͤlterin iſt ſtocktaub, und wird es ſchwer⸗ lich koͤnnen. Aber wenn ich aufrichtig reden ſoll, ſo wuͤnſchte ich, daß nur heute Nacht der alte Lee nicht in meine Huͤtte gekommen waͤre; weil er ohne Zwei⸗ fel uͤbler Laune iſt, und in meiner Huͤtte etwas tref⸗ fen koͤnnte, das ihn wohl nicht erheiterte.“„Es iſt doch jammerſchade“ ſagte Tomkins,„daß ein ſo ehr⸗ wuͤrdiger ernſter Mann ſo ein arger Noyaliſt ſeyn muß, und wie die uͤbrige Schlangenbrut dieſer Art ſich mit Fluͤchen wie mit einem Gewande umkleidet.“ „Mein Freund, das ſoll wohl heißen, der alte Ritter hat die Gewohnheit angenommen zu fluchen, 4 ſagte der Foͤrſter,„aber wer kanns aͤndern,— es iſt 59 nun einmal ſeine Gewohnheit, wenn Ihr Freund, jetzt wie Ihr da ſeyd, ploͤtzlich an einem Maien kaͤmet, hoͤrtet da Trommeln und Pfeifen, und toͤnende Gloͤck⸗ lein, ſehet die Burſchen huͤpfend und die Maͤdchen ſchaͤkernd tanzen, bis Ihr das Scharlachband ſehen koͤnnt, wo es den hellblauen Strumpf befeſtigt— Gewiß, dann wuͤrde ich auch Euch das natuͤrliche Gefuͤhl zur Geſelligkeit oder die Anhaͤnglichkeit an dem alten Brauch uͤbermannen, dann wuͤrdeſt ſelbſt Du Freund Deine Ernſthaftigkeit bei Seite legen, Deinen armſeligen coloſſalen Huth und das blutduͤr⸗ ſtige lange Schwerdt von Dir werfen, und wuͤrdeſt ſpringen, wie die Narren von Hogs Norton, wenn die Ferkel Orgel ſpielen.“. „Der Independent wandte ſich voll Grimm ge⸗ gen den Foͤrſter, und rief:„He da, Herr Gruͤnrock, was fuͤhrſt Du fuͤr eine Sprache gegen Jemanden, der die Hand am Steuerruder hat. Freund, baͤndige Deine Lippen, ſonſt werden Deine Rippen es ent⸗ gelten muͤſſen!“ „O ho! Herr Kamerad, ſprecht nur nicht gar zu ſtolz,“ antwortete Jocolin,„bedenke nur, daß Du es mit keinem b5er zu thun haſt, ſondern mit einem ebenſo gewandten und heftigen Burſchen wie Du, der noch dazu juͤnger iſt. Aber ums Himmelswillen, warum findeſt Du denn ſo viel Aergerniß an einem Maienbaum. Haͤtteſt Du doch nur den Philipp Hatzel⸗ 60 dien von Woodſtock gekannt, das war der beſte Maien⸗ taͤnzer zwiſchen Orfort und Bourford.“ „Um ſo viel ſchimpflicher fuͤr ihn,“ erwiederte der Independent;„hoffentlich wird er ſeine irrigen Wege erkannt haben, und ſich wie ein rechtſchaffener Mann zu etwas Beſſerem beſtimmt haben, als zu einem Jaͤger, einem Wilddiebe, einem Hanswurſt, oder zu einem ſolchen ausſchweifenden Geſellen, oder zu einem Zaͤnker, hoffentlich wird er ſich nicht mehr mit dem vermummten Lumpenpack, mit liederlichen Maͤn⸗ nern, mit leichtſinnigen Dirnen, mit Narren und Bierfiedlern, und mit allen dem Lumpengeſindel ein⸗ gelaſſen haben.“„Nun es iſt gut,“ ſagte der Foͤr⸗ ſter,„daß Ihr gerade zu rechter Zeit außer Athem kommt; denn da ſtehen wir grade vor dem beruͤhmten Maienbaum vor Woodſtock.“ 8 In einem freiſtehenden Wieſenplatze, ſchoͤn um⸗ geben von hohen Eichen und wilden Feigen, ſtand von den uͤbrigen abgeſondert, eine ungeheure Eiche, welche die Naͤhe der anderen zu verachten ſchien. Die— Zweige waren geſpaltet und knotig, aber der maͤch⸗ tige Stamm zeigte, welche unermeßliche Groͤße der Koͤnig der Baͤume in den Forſten des froͤhlichen Eng⸗ land erreichen konnte.“ Das nennt man die Koͤ⸗ nigseiche,“ ſagte Jocoline,„und die aͤlteſten Maͤn⸗ ner von Woodſtock koͤnnen nicht ſagen, wie alt ſie iſt. Man ſagt, Koͤnig Heinrich haͤtte mit der ſchoͤnen Roſamunde darunter geſeſſen, und die Maͤdchen haͤt⸗ 61 ten dann um Baͤnder vor ihnen getanzt, und die Bauer⸗ buben um Muͤtzen Wettlaͤufe gehalten.“ „Daran zweifelte ich jetzt einmal nicht Freund,“ ſagte Tomkins;„denn ein Tyrann und eine Buhle⸗ rin waren recht paſſende Beſchuͤtzer ſolcher Eitelkei⸗ ten.* „Sprich wie Du willſt,“ erwiederte der Foͤrſter, naber laß auch mich nach meiner Art ſprechen. Da ſteht der Maien, wie Du ſiehſt, auf einen halben Pfeilſchuß von der Koͤnigseiche entfernt, mitten in den Wieſen. Von den Zoͤllen von Woodſtock beſtimmte der Koͤnig 10 Schilling, um jedes Jahr einen neuen zu ſetzen, und zwar einen Baum, der eigens zu dieſem Zweck in dem Forſte gezogen wurde. Jetzt aber iſt er gebeugt, abgeſtanden und ſaftlos wie ein Dor⸗ nenſtrauch. Auch der gruͤne Raſen, der ſonſt glatt ab⸗ geſchnitten, und gewalzt wurde, bis er glatt war, wie ein Sammetteppich, auch der iſt jetzt rauh und uͤber⸗ wachſen.“ „Das iſt alles ganz recht, Freund Jocolin,“ er⸗ wiederte der Independent,„aber was war denn ei⸗ gentlich das Erbauliche bei der Sache? Was konnte Heilſames aus dem Pfeifen und Trommeln entſte⸗ hen, oder lag die Weisheit allenfalls im Dudelſack verborgen?“ „Das moͤgen meinetwegen die Gelehrten enkſchei⸗ den,“ antwortete Jocolin,„aber ich glaube einmal, ein Menſch konnte nicht immer ernſthaft ſeyn, und 3 4 — 62 den Hut tief in's Geſicht gedruͤckt haben. Ein junges Maͤdchen muß lachen, wie die Knospe bluͤhen muß, und eben dadurch wird ſie den Juͤnglingen noch mehr gefallen; denn der liebliche Fruͤhling erweckt den Ge⸗ ſang der Voͤgel, und das muntere Rehkalb ſpringt ſchaͤ⸗ ckernd in dem Gehoͤlze. Aber die guten alten Zeiten ſind vorbei, und boͤſe Tage ſind dafuͤr gekommen. An den Feiertagen, die Ihr Herrn Langſchwerdter ab: geſchafft habt, wimmelte dieſer Raſen von froͤhlichen Maͤdchen und wackeren Burſchen. Hielt es doch ſogar der brave, alte Pfarrer ſelbſt fuͤr keine Suͤnde, hieher zu kommen und zuzuſehen. Seine Gegenwart hielt das junge Volk in Ordnung, und lehrte es beſcheiden zu ſeyn. Bei ſeiner Froͤhlichkeit gab's auch einmal ei⸗ nen derben Spaß, oder trockene Pruͤgel beim naſſen Be⸗ cher, ſo geſchah es doch in lauter Lieb' und Freund⸗ ſchaft, und lieber ſind ſie mir, als die blutigen Tha⸗ ten, die nun mit furchtbarem Ernſte ausgeuͤbt werden, ſeitdem das preßbyterianiſche Kaͤppchen die Biſchoffs⸗ muͤtze verdraͤngte, ſeitdem unſere frommen Pfarrer und gelehrte Doctoren, deren Reden ſo reichlich mit Grie⸗ chiſch und Latein geſpickt waren, daß ſie den Teufel haͤtten in Verwirrung bringen koͤnnen, ſeitdem ſie, ſage ich, den Webern und den Schuhflickern und den anderen freiwilligen Predigern haben weichen muͤſſen, wie wir— nehmts nicht fuͤr ungut— dieſen Mor⸗ gen haben hoͤren muͤſſen.“ Mit unerwarteter Ruhe erwiederte der Indepen⸗ 63 dent:„Hoͤre, mein Freund, ich will nicht mit dir ſtreiten, wenn Dir meine Glaubenslehre zuwider iſt. Wenn Trommeln und Pfeifen dein Ohr ſo ſehr er⸗ freun, ſo iſt es freilich natuͤrlich, daß ihm heilſame und ernſte Betrachtungen und Lehren nicht ſehr lieb⸗ lich zu toͤnen ſcheinen.— Aber komm', wir wollen jetzt in das Jaͤgerhaus eilen, damit wir noch vor Son⸗ nenuntergang unſer Geſchaͤft beginnen koͤnnen“ „Das iſt nun einmal aus mehr als einem Grunde rathſam und vernuͤnftig,“ antwortete der Forſter; „denn man erzaͤhlt ſich Dinge von dem Jaͤgerhauſe, die ſchon manchen Manu abgeſchreckt haben, die Nacht dort zuzubringen.“ „Wohnte denn nicht der alte Ritter und ſeine Tochter dort?“ ſagte der Independent.„So ſagt es wenigſtens meine Inſtruction.“ „Ja freilich wohnten ſie dort,“ antwortete Joco⸗ line;„und als ſie noch eine glaͤnzende Wirthſchaft fuͤhr⸗ ten, da ging alles recht gut, denn es gibt kein wirk⸗ ſameres Mittel Furcht und Geiſter zu bannen, als ein kraͤftiges Bier. Aber als die Beſten von unſeren Leuten ins Feld zogen und zu Naſeby auf der Flucht erſchlagen wurden, da wurde es den Uebrigen zu ein⸗ ſam in dem alten Jaͤgerhauſe, und viele Diener ver⸗ ließen den Dienſt des Ritters, wahrſcheinlich weil in neuerer Zeit das Geld fehlte, Reitknecht und Lakai zu bezahlen.“ — — 64 „Das war freilich ein uͤberwiegender Grund ſeine Dienerſchaft zu vermindern,“ ſagte der Soldat. „Ganz richtig, Sir,“ antwortete der Foͤrſter. „Jetzt fing man an von Fußtritten zu reden, welche man um Mitternacht in der großen Gallerie, und von fluͤſternden Stimmen, welche man Mittags in den Zimmern gehoͤrt haben wollte, und die Dienſtboten behaupteten, das haͤtte ſie vertrieben. Meiner ſchwa⸗ chen Einſicht nach aber, lag der ganze Spuk darin, daß, als Martini und Pfingſten kam, und keinen Lohn mitbrachte, die alten Blauroͤcke ſich fortſchlichen⸗ ehe ſie den Winterfroſt fuͤhlten. Denn gewiß iſt kein Teufel ſo arg, als der, welcher ſein Unweſen in lee⸗ ren Taſchen treibt, wo kein Kreuz ihn abhaͤlt!“ „Da hattet Ihr denn alſo eine kleine Diener⸗ ſchaft, ſagte der Independent. „Ja wohl,“ antwortete Jocolin, aber einige Du⸗ tzend blieben immer noch zuſammen; da waren einige Blanroͤcke im Jaͤgerhaus, ein Jaͤger und meine kleine Perſon. Wir hielten zuſammen, bis wir einmal ei⸗ nen Spazierritt machen mußten.“ „Aha nach der beruͤhmten Stadt Worceſter,“ ſagte der Soldat,„wo Ihr wie Wuͤrmer und Ran⸗ pen zerdruͤckt wurdet; deun eigentlich ſeyd Ihr auch nichts Beſſeres.“ 3— „Redet wie Ihr wollt,“ antwortete der Foͤrſter „ich werde mich wohl huͤten, jemanden zu iederſäs 1 hen 65 chen, der maͤchtiger iſt als ich. Wenn wir nicht ge⸗ ſchlagen worden waͤren, ſo waͤret Ihr nicht hier.“ „Mein Freund, ſagte der Independent, Du brauchſt bei Deiner Offenherzigkeit und bei Deinem Vertrauen zu mir nichts zu fuͤrchten. Ich kann ein gu⸗ ter Freund eines tapferen Soldaten ſeyn, wenn ich gleich den ganzen Tag mit ihm herum ſtritt.— Aber da ſtehen wir ja dem Jaͤgerhauſe gegenuͤber.“ Das Gebaͤude, welches der Soldat bemerkte, war im gothiſchen Styl erbaut, hatte aber ſpaͤterhin man⸗ cherlei Vergroͤßerungen und Veraͤnderungen erlitten, die der zunehmende Luxus und die Laune der engli⸗ ſchen Koͤnige erheiſchte, wenn ſie um ihrer Jagdluſt zu froͤhnen, zuweilen nach Woodſtock kamen. Der aͤlteſte Theil des Gebaͤudes, von dem noch manche Sagen im Munde des Volkes lebten, hieß der Thurm der ſchoͤnen Roſamunde; er war von betraͤchtlicher Hoͤhe, hatte ſchmale Fenſter und feſte dicke Mauern. Der Thurm hatte keine Thuͤre, ſondern war ſo ein⸗ gerichtet, daß man von oben herunter gehen mußte. Der Sage nach war dieſer Thurm mit dem Haupt⸗ gebaͤude in alten Zeiten durch eine kleine Zugbruͤcke verbunden, die man vom Wartthurme des Schloſſes aus, auf die Zimmer des Roſamunden⸗Thurms her⸗ ablaſſen konnte. Der Thurm des Schloſſes aber war ungefaͤhr 20 Fuß niedriger als jener, und hatte eine Wendeltreppe, welche man die Liebesleiter nannre, W. Scott's Werke. X. 5 weil Koͤnig Heinrich ſie erſtieg, wenn er vermittelſt der Zugbruͤcke ſeine Geliebte beſuchen wollte. „Das Jaͤgerhaus ſelbſt war von betraͤchtlichem Umfange, und enthielt eine große Anzahl kleiner Hoͤ⸗ fe, die von Gebaͤuden umgeben waren, die auf man⸗ nigfaltige Weiſe durch Thuͤren und Wendeltreppen und geheime Gaͤnge mit einander verbunden waren. Die einzelnen Theile des unregelmaͤßigen Gebaͤudes waren, wie Doktor Rochecliffe, der ehemalige Pfarrer von Woodſtock zu ſagen pflegte, ein herrlicher Schmauß fuͤr den Alterthumsforſcher der Architektur; denn ſie enthielten Proben von jedem Styl von dem rein Nor⸗ maͤnniſchen an unter Heinrich von Anjou bis zu dem gemiſchten, halb gothiſchen und halb claſſiſchen un⸗ zter Eliſabeth und ihrem Nachfolger. Auch war der alte Pfarrer eben ſo ſehr in das Schloß zu Wood⸗ ſtock verliebt, wie Heinrich in die ſchoͤne Roſamunde, und er widmete dem Ausmeſſen und dem Studium deſſelben oft ganze Tage. Als aber der Freund des Alterthums durch die unruhigen Zeiten aus ſeiner Pfarre vertrieben wurde, hielt es ſein Nachfolger Nehemia Holdenough fuͤr eben ſo ſuͤndlich, die Bau⸗ kunſt und die Bildhauerei der verblendeten Papiſten zu ſtudiren, als vor den Kaͤlbern von Bethel nieder⸗ zufallen.— Wir wollen aber zu unſerer Geſchichte zu⸗ ruͤckkehren.“ „ Dieſes ſogenannte koͤnigliche Jaͤgerhaus traͤgt manches ſeltene Denlmal der alten Verkehrtheit,“ 62 ſagte Tomkins, nachdem er die Fronte des Gebaͤudes aufmerkſam betrachtet hatte.„Ich will mich herzlich freuen, wenn es zerſtoͤrt wird und verbrannt, und die Aſche in den Bach Kidron geworfen, auf daß das Land gexeinigt werde, von den Suͤndendenkmaͤlern unſerer Vorfahren.“ Mit geheimem Unwillen hoͤrte ihm der Foͤrſter zu, und uͤberlegte bei ſich, ob es nicht ſeine Amts⸗ pflicht erfordere, den Rebellen fuͤr eine ſo herabwuͤr⸗ digende Sprache zu zuͤchtigen. Aber da er bedachte, daß der Vortheil der Waffen nicht auf ſeiner Seite war, und er auf jeden Fall eine ſtrenge Wieder⸗ vergeltung fuͤrchten mußte, ſo hielt er es fuͤr das beſte, allen Streit zu vermeiden, und ſeinen neuen Freund oder Feind beſſer kennen zu lernen. Dabei hatte der Independent etwas ſo ſinſteres geheimniß⸗ volles, ein ſo ernſtes, furchtbares Weſen, daß ſich der offene Geiſt und der unbefangene Sinn des För⸗ ſters in ſeiner Gegenwart niedergedruͤckt fuͤhlte. Das große Thor des Jaͤgerhauſes war wohl ver⸗ wahrt, aber ein Pfoörtlein oͤffnete ſich, als Jocolin auf die Klinge druͤckte. Sie traten in einen kleinen Gaug, den in fruͤheren Zeiten ein Fallgitter ſchloß. Auf jeder Seite waren drei Schießſcharten angebracht, um, falls das erſte Thor geſprengt wuͤrde, den Feind einem lebhaften Feuer auszuſetzen, ehe er an das zweite gelangen konnte. Aber die Maſchinerie des Fallgatters war beſchaͤdigt, ſo daß d Richt mehr her⸗ . unter gelaſſen werden konnte, um dem Feinde den Weg zu verſperren. Sie gingen nun an die große Halle, oder in den aͤußeren Vorſaal des Jaͤgerhauſes. Ein Theil dieſes langen finſtern Zimmers war von einer Galle⸗ rie verſperrt, die in alten Zeiten den Muſikanten und den Minneſaͤngern zum Aufenthaltsorte⸗ ge⸗ dient hatte. Eine unregelmaͤßige Treppe fuͤhrte auf beiden Seiten hinauf, und in jeder Ecke des Zim⸗ mers ſtand wie eine Schildwache die Abbildung eines normaͤnniſchen Kriegers mit offenem Helme und mit ſo finſteren Zuͤgen, wie der Maler ſie nur zu zeichnen vermochte. Sie waren mit buͤffelledernen Jacken oder mit Panzerhemden bekleidet, trugen runde Schilde mit langen Naͤgeln in der Mitte, und Halbſtiefeln, wel⸗ che die Knoͤcheln der Fuͤße bedeckten, aber nicht bis an das Knie reichten. Wie militaͤriſche Wachen auf ihrem Poſten, hielten dieſe hoͤlzernen Waͤchter große Schwerdter oder Keulen in Haͤnden. Gar mancher leere Haken an der Mauer des dunkeln Zimmers be⸗ zeichnete die Stelle, wo Waffen, die von alten Zei⸗ ten her als Siegeszeichen aufbewahrt wurden, hin⸗ weggenommen worden waren, um wieder im Felde Dienſte zu thun, wie Veteranen, welche die drin⸗ gende Gefahr wieder an die Reihen ihrer juͤngeren Mitkaͤmpfer anſchließt. An andern roſtigen Haken ſab man noch die Jagdtrophaͤen der Monarchen, wel⸗ 69 chen das Jaͤgerhaus zugehoͤrte, und die der jagdlie⸗ benden Ritter, deren Auſſicht es anvertraut wor⸗ den war. Am unteren Ende der Halle ragte ein maͤchtiges ſteinernes zehen Fuß hohes Kamin hervor, das mit vielen Namenszuͤgen und mit dem Wappen des koͤ⸗ niglichen Hauſes von England geziert war. Jetzt oͤff⸗ nete es ſeinen gewoͤlbten Bogen wie eine Grabesſtäͤtte oder wie der Krater eines verloſchenen Vulkans. Aber die ſchwarze Farbe des maſſiven Steinwerks zeigte, daß einſt eine gewaltige Flamme uͤber dem Ka⸗ min gelodert haben mußte, und ſich manche Rauch⸗ wolke uͤber die Haͤupter der froͤhlichen Gaͤſte verbrei⸗ tete, deren Koͤnigs⸗ und Adelswuͤrde ſie noch nicht ſo empfindlich gemacht hatte, um uͤber eine ſo kleine Unbequemlichkeit zu klagen. Die alte Tradition des Hauſes ſagte, daß man dabey zwiſchen Mittag und Abend regelmaͤßig zwei Fuder Holz verbrannte; auch waren die Geſtelle, die man fuͤr das Feuer in dem Kamine in der Geſtalt von ſo ungeheuren Löwen gearbeitet, daß man der Sage wohl Glauben ſchen⸗ ken durſte. Man wußte noch unter Anderem aus der Sage, genau den Platz, wo Koͤnig Stephan ſaß, als er ſich ſeine Struͤmpfe ſtopfte, und man erzaͤhlte ſich noch die Spaͤſſe, die er mit dem kleinen Winkin, dem Schneider von Woodſtock trieb. Der groͤßte Theil dieſer rohen Beluſtigungen ge⸗ hoͤrte in die Zeit der Plantagenets; als aber das —— 20 Haus Tutor zum Thron gelangte, hielten ſie aͤngſtli⸗ cher auf ihre koͤnigliche Wuͤrde, ſpeißten in den in⸗ nern Saͤlen und Zimmern, und uͤberließen die aͤu⸗ ßere Halle der Leibwache, welche die Nacht mit Trink⸗ gelagen froͤhlich durchſchwaͤrmte. Jocolin zeigte ſeinem duͤſtern Begleiter die Ei⸗ genheiten des Ortes, und beſchrieb ſie ihm kuͤrzer, als wir es gethan haben.) Anfanglich ſchien der Independent theilnehmend zuzuhoͤren, ploͤtzlich aber erhob er ſeine Stimme, und rief in feierlichem Tone aus:„Stuͤrze Babylon, falle, wie dein Gebieter Nebu⸗ eadnezar gefallen iſt! kluͤchtig irrt er umher, und Du ſollſt ſeyn, eine Einoͤde und eine Wildniß, eine Wuͤſte in der Hunger herrſchen ſoll und Durſt.“ „Nun daran wird's ſchon hente Abend nicht fehlen,“ antwortete Jocolin,„wenn nicht etwa die Speiſe⸗ kammer des guten Ritters zufaͤllig beſſer verſehen iſt⸗ als gewoͤhnlich.“ „Wenn wir unſere Pflicht erfuͤllt haben,“ ſagte der Soldat,„dann wollen wir fuͤr unſere Erquickung ſorgen.“— Wohin fuͤhren dieſe Thuͤren? „Jene rechts, fuͤhrt zu den ſogenannten Staats⸗ zimmern, die aber ſeit dem Jahre 1639 nicht mehr vewohnt ſind, als Seine hochſelige Maieſtaͤt— „Kerl,“ unterbrach ihn der Independent mit *) und dennoch hat der Ueberſetzer ſich erlaubt, noch gar vie⸗ les an der Beſchreibung abzukürzen. A. d. Ueb. 71 donnernder Stimme,„ſprichſt Du allenfalls von Carl Stuart, als von einer Majeſtaͤt, oder einem ſeeli⸗ gen— ich ſage Dir, huͤte Dich vor ſolchen Aus⸗ druͤcken!“ 159 „Es war nicht boͤſe gemeint,“ erwiederte der Foͤr⸗ ſter, indem er mit Muͤhe eine empfindliche Antwort unterdruͤckte.„Ich habe nur mit Buͤchſen und Rehboͤcken zu ſchaffen, und nichts mit Titel⸗ und Staatsange⸗ legenheiten. Was uͤbrigens auch ſeitdem vorgefallen ſeyn mag, das iſt und bleibt einmal wahr, daß dem armen Koͤnige die Segnungen der Woodſtocker folg⸗ ten; denn er ſchenkte den Armen des Ortes einen Beutel voll Goldſtuͤcke, als er abreiſte.“ „Schweig ſtill, Freund,“ ſagte der Independent; „ſonſt muß ich Dich fuͤr einen von jenen verblendeten Papiſten halten, welche glauben, Allmoſen geben verſoͤhne auch Ungerechtigkeiten und Unterdruͤckungen.— Das waren alſo Carl Stuarts Zimmer, wie Du ſagſt?“ „Und vor ihm die ſeines Vaters Jacob und vor dem die der Koͤnigin Eliſabeth, und vor dieſer die Koͤnig Heinrichs, der den Fluͤgel baute.“„Wohnte da nicht auch der Ritter und ſeine Tochter?“ „Nein!“ antwortete Jocolin.„Sir Henry Lee hat eine viel zu große Ehrfurcht vor Dingen— die man jetzt gar nicht mehr verehrt. Zudem ſind die Staatszimmer in langen Jahren nicht mehr geluͤftet worden, und in ſchlechter Ordnung. Die Zimmer 72 des Oberjaͤgermeiſters befinden ſich in jenem Gange zur Linken. 4„Aber wohin führt denn jene Kreppe:, frug der Soldat. „Aufwaͤrts fuͤhrt ſie zu vielen Ziamern, die zu Schlafſtuben und zu anderem Gebrauche dienten, Hin⸗ unterzu in die Kuͤche, in die Amtsſtube und in das Gewolbe des Schloſſes, das Ihr jetzt, weil es ſchon Abend iſt, nicht ohne Licht ſehen koͤnnt.“ 4 „Wir wollen alſo die Zimmer unſeres Ritters beſuchen. Sind ſte gut eingerichtet⸗ ſagte der In⸗ dependent. 85 „So wie es ſich fär eine Standesperſon ziemt,“ ſagte der ehrliche Förſter, konnte ſich aber nicht ent⸗ halten, leiſe hinzuzuſetzen:„ſie werden wohl auch noch fuͤr einen ſchurkiſchen Stutzkopf wie Du gut genug ſeyn.“ Er ging voran, um ihm die Zimmer des Ober aͤgermeiſters zu zeigen. 3 Der Gang, welcher in die Halle des Ritters fuͤhr⸗ te, wurde zur Zeit der Gefahr von zwey maͤchtigen Thuren von Eichenholz geſchuͤtzt, welche an große ei⸗ chene Riegel befeſtiget wurden, die von einer Seite des Portals quer uͤber liefen und fuͤr die an beiden Seiten Loͤcher in den Stein gehauen waren. Am Ende des Gangs traten ſie in ein kleines Vorzim⸗ mer, welches in den Geſellſchaftsſaal des guten Rit⸗ ters fuͤhrte, das von zwei Fenſtern erleuchtet ward, welche eine weite Ausſicht in den Forſt gewahrten. 73 Die Stube war mit mehreren Abbildungen fürſtlicher Perſonen geziert, aber unter den Familien⸗Bildniſſen zeichnete ſich beſonders ein Gemaͤlde in Lebensgroͤße aus, welches uͤber dem Kamine hing, das gleich jenem in der Halle maſſiy von Stein gebaut und mit Wap⸗ pen und Deviſen geziert war. Dieſes Gemaͤlde ſtellt einen Mann von etwa 50 Jahren dar, in vollſtaͤndi⸗ ger Ruͤſtung in der ſcharfen, trockenen Manier Hol⸗ beins gemalt und nach der entſprechenden Jahrszahl zu urtheilen, wahrſcheinlich ein Werk dieſes Kuͤnſtlers ſelbſt. Die Spitzen und Winkel der Ruͤſtung, die kraͤftig in das Auge fielen, waren fuͤr den harten Pin⸗ ſel der damaligen Zeit ein geeigneter Gegenſtand der Darſtellung. Der verblichenen Farben wegen ſchienen die Zuͤge des Ritters bleich und ſchwermuͤthig zu ſeyn, wie die eines Weſens aus einer andern Welt. Doch druͤckte ſich Stolz und Uebermuth deutlich darin aus. Mit ſeinem Feldherrn⸗Stabe zeigte er auf den Hin⸗ tergrund, wo in der— dem Kuͤnſtler eigenen Perſpec⸗ tive eine brennende Kirche oder ein Kloſter zu ſehen war, aus welchem vier oder fuͤnf Soldaten mit rothen Roͤ⸗ cken im Triumph ein Gefaͤß wegtrugen. Eine Rolle uͤber ihren Koͤpfen trug die Inſchrift: Lee Victor sic voluit,(ſo wollte es der Sieger Lee.) Dem Bildniß gegenuͤber in einer Niſche beſand ſich eine vollkommene Ritterruͤſtung, deren ſchwarze und goldene Farben und Verzierungen mit denen auf dem Bildniſſe vollkom⸗ men uͤbereinſtimmten. 74 Das Gemaͤlde war eins von denen, deren Aus⸗ druck ſogleich die Aufmerkſamkeit derjenigen anzog, welche keine Kunſtkenner waren; auch der Independent betrachtete es, bis ein fluͤchtiges Laͤcheln ſeine finſtere Mienen uͤberzog. Freute es ihn, daß der alte Ritter ein religioͤſes Gebaͤude entweihte, oder laͤchelte er uͤber die harte trockene Manier des Malers, oder erregte das merkwuͤrdige Bild vielleicht andere Ideen in ihm, das konnte der Foͤrſter nicht unterſcheiden. Der Sol⸗ dat warf hierauf einen Blick auf das Fenſter. Die⸗ ſes bildete eine Niſche, die einen oder zwei Schritte tief war. In der einen ſtand ein Leſepult von Nuß⸗ baumholz und ein hochgepolſterter Armſtuhl mit Leder uͤberzogen. Daneben befand ſich ein kleiner Schrank, deſſen Schubladen zum Theil offen waren, worin man Falkenkappen, Hundepfeifen und Sattelzeug entdecken konnte. In der andern Finſterniſche befanden ſich Gegen⸗ ſtaͤnde anderer Art. Neben einem Naͤhzeuge und einer Laute lag auf einem kleinen Tiſchchen ein No⸗ tenbuch und ein Stickrahmen. Die Vorhaͤnge waren zierlicher geordnet, und auch die Blumentoͤpfe verrie⸗ then eine weibliche Aufſicht. Gleichguͤltig betrachtere Tomkins die Gegenſtaͤnde der weiblichen Beſchaͤftigung, zog ſich dann in das entlegenere Fenſter zuruͤck, und blaͤtterte aufmerkſam in einem Foliobande, der offen auf dem Pulte lag. Jocolin, welcher ſich vorgenommen hatte, ſeine Hand⸗ 75⁵ lungen zu beobachten, ſtand ſtillſchweigend in einiger Entfernung, als ſich ploͤtzlich eine Tapetenthuͤr oͤffnete, und ein freundliches Bauernmaͤdchen mit einem Tiſch⸗ tuch in der Hand herein huͤpfte, als wollte ſie ein Haushaltungs⸗Geſchaͤft verrichten. „Ei, ei, Herr Naſeweiß!“ ſagte ſie ſchnippiſch zu Jocolin,„was ſtoͤbert Ihr in dem Zimmer herum, wenn der Herr nicht zu Hauſe iſt?“ Jocolin Joliffe warf zur Antwort einen truͤben Blick auf den Soldaten, als wollte er damit ſeine Rede erklaͤren, und antwortete dann mit niedergeſchla⸗ gener Miene und mit traurigem Tone:„ach liebe Phoͤbe, da kommen Leute, die mehr Macht haben, als unſereins und keine Umſtaͤnde machen, wenn ſie kom⸗ men, und bleiben ſo lange ſie wollen.“ Dann ſchaute er noch einmal auf Tomkins, der mit dem Buche beſchaͤftigt ſchien und ſchmiegte ſich dann dicht an das aͤngſtliche Maͤdchen, das bald den Förſter bald den Fremden betrachtete, als waͤren Ihr die Worte des Einen unverſtaͤndlich und die Abſicht des Andern unbegreiflich. „Liebe Phoͤbe,“ fluͤſterte Ihr Joliffe zu, wobei er ſeinen Mund ihrer Wange ſo ſehr naͤherte, daß ſein Hauch die Locken ihres Haares bewegte,„eile Dich mein liebes Kind, ſpring ſchnell wie ein Reh nach meinem Haͤuschen— ich komme Dir bald nach und—“ „In Dein Haͤuschen, Du gefaͤllſt mir,“ ſagte Phoͤbe,„Du biſt ein kuͤhner Jagdhund, der doch au⸗ ßer den Rehen im Park nie etwas in Schrecken ſetzte— in Dein Haͤuschen, meinſt Du, geſchwind werde ich hinlaufen!“ „Ach, ſey doch ſille, Phobe. Es iſt jetzt keine Zeit zum ſcherzen. Eile in meine Huͤtte, ſag' ich, wie ein Reh! denn ſowohl der Ritter als Fraͤulein Aleris ſind dort, und werden, wie ich fuͤrchte, nicht wieder her kommen.— Es iſt alles aus, Maͤdchen— ſchrecklich iſt die boͤſe Zeit herangekommen— wir ſte⸗ hen am Abgrund, und werden bald hinabſtuͤrzen.“ „Iſt's möglich, Jocoline?“ fragte das beſtuͤrzte Maͤdchen, mit dem Ausdrucke des Schreckens in ih⸗ rem Geſichte, das ſie bisher mit laͤndlicher Coquet⸗ terie abgewandt hatte. „Ach ſo gewiß, liebe Phoͤbe, als’— der Schluß der Betheuerung ward unhoͤrbar und er⸗ reichte nur Phoͤben's Ohr; um das zu bewerkſtelligen, naͤherte er ſeine Lippen ihren Wangen ſo viel wie möglich, und da der Kummer ſo wie die Freude, Vorrechte hat, ſo ſtraͤubte ſich auch die arme Phoͤbe in ihrer Beſtuͤrzung nicht allzuſehr, wenn ihre Wan⸗ gen ſogar von Jocolines Lippen beruͤhrt wurden. Aber keine unbedentende Sache war es in der Mei⸗ nung des Independenten, der bisher von Jocelin beobach⸗ tet, nun, ſeitdem deſſen Zuſammenkunft mit Phoͤbe ſo an⸗ ziehend geworden war, wiederum den Foͤrſter mit lauern⸗ der Wachſamkeit belauſchte. Kaum bemerkte er Jocolins trauliche Annaͤherung, als er ſeine Stimme bis zu 77 dem gellenden Gekreiſche einer Saͤge erhob, ſo daß Jocelin und Phoͤbe in entgegengeſetzten Richtungen ſechs Schrittt weit von einander ſprangen. Sogleich nahm er eine Predigers⸗ und Sittenrichters⸗Miene an, und rief:„Was unterſteht Ihr Euch? Ihr Men⸗ ſchen ohne Schaam und Sitte! Wagt Ihr es ſelbſt in unſerer Gegenwart, Muthwillen zu treiben? Ge⸗ denkt Ihr allenfalls vor den Beamten der Commiſ⸗ ſion des hohen Parlamentes die Streiche zu ſpielen, wie in der Bude eines Jahrmarkts oder in einer ſuͤnd⸗ lichen Tanzſchule, wo die ſchurkiſchen Meiſterſaͤnger zu ihrer unheiligen Laute die Weiſe ſpielen:„Komm' kuͤß' mich und lieb' mich, der Geiger iſt blind.“ Aber da,“ ſo fuhr der Prediger fort, indem er furchtbar auf das Buch ſchlug—„da iſt der Koͤnig und der Hoheprieſter dieſer Laſter und Thorheiten!— Da iſt er, den die verblendeten Weltkinder ein Wunder nennen der Natur!— Da iſt er, den Fuͤrſten zu ih⸗ rem Maitre de plaisir und ſittſame Maͤdchen zu ih⸗ rem Schlafgefaͤhrten machen.— Er war es, der zuerſt lehrte, Hinterliſt und Thorheit mit ſchoͤnen Worten zu beſchoͤnigen. Da(abermals ein Schlag auf das Buch— und ach— haͤtte Horn oder Tiek es geſehn— es war die erſte Folivausgabe— Schlegeln ſogar ein Heiligthum, beſorgt von Hemmings und Con⸗ del— es war eine Editio princeps!)„Dir,“ ſo fuhr er eiferig fort,„Dir William Shakespeare, lege ich zur Laſt allen geſetzwidrigen Muͤffiggang, und alle 78 unbeſcheidene Thorheit, welche das Land befleckte ſeit Deiner Zeit!“ Nun wahrlich, bei dem heiligen Abendmahl, das iſt eine ſchwere Anklage,“ ſagte Joceline, der die kühne Sorgloſigkeit ſeines Temperaments nicht mehr zuͤgeln konnte.„Das iſt gewiß der alte Liebling un⸗ ſeres Herrn, Meiſter Wilhelm von Stratfort, deſſen Seele jeden Kuß tragen ſoll, der ſeit Koͤnig Jacobs Zeiten geraubt wurde? das iſt freilich eine gar ge⸗ faͤhrliche Rechnung!— Aber wer, ums Himmels⸗ willen, ſoll denn das tragen, was die jungen Burſche und die Maͤdchen vor ihm thaten?“ „Spotte nicht,“ erwiederte der Soldat,„damit ich, den eine innere Stimme hieher fuͤhrt, Dich nicht als einen Spoͤtter behandeln muß. Ich ſage Dir hier⸗ mit an, ſeitdem der Satan vom Himmel abſiel, fehlte es ihm nie an Geſchaͤftsfuͤhrern auf Erden; aber noch niemals fand er einen Zauberer, der eine ſo ausge⸗ dehnte Macht beſaß, uͤber das Gemuͤth ja uͤber die Seele der Menſchen, als dieſen ſataniſchen Burſchen⸗ dieſen Shakespeare. Will ein Weib ein Muſter zu einem Ehebruch finden, ſo braucht ſie nur den Sha⸗ kespeare aufzuſchlagen. Will ein Menſch wiſſen, wie er es aufangen muß, um ſeinen Mitmenſchen zum Möoͤrder zu bilden, hier ſindet er Unterricht. Will eine Frau hinter ihrem Vater einen heidniſchen Neger hei⸗ rathen, ſo findet ſie da urkundliche Beiſpiele.— Sucht jemand Laͤterungen gegen ſeinen Schöpfer, das Buch . 79 bietet ſie ihm in Menge dar.— Will ein Menſch ſeinen Bruder fleiſchlich zum Zweikampf herausfordern, hier findet er gleich die Form dazu.— Wollt Ihr Euch berauſchen, Shakespeare bietet Euch den ſchaͤu⸗ menden Becher dar.— Wollt Ihr verſenken in allen Wolluͤſten der Sinnlichkeit, er ſchlaͤfert Euer Gewiſſen ein mit den unwiderſtehlichen Toͤnen ſeiner Laute.— Dieſes Buch, ſage ich, iſt der Urſprung und der Ur⸗ quell aller Uebel, welche das Land uͤberſchwemmen, wie ein reißender Strom. Weg mit ihm, Maͤnner Eng⸗ lands, zum Tophet mit ſeinem ruchloſen Werke, werft ſeine verfluchten Gebeine in das Thal der Verweſung, in das Thal Hinnom! Wahrhaftig haͤtten wir nicht ſo geeilt, als wir im Jahre 1643 durch Stradford zo⸗ gen, unter der Anfuͤhrung des Sir William Woller ich ſage, haͤtten wir unſeren Marſch nicht ſo ſehr be⸗ ſchleunigt.—⸗ „Ja, ja, weil Prinz Rupert hinter Euch her war mit ſeinen Reitern,“ ſagte der unverbeſſerliche Joco⸗ lin. „Ich ſage“ fuhr der eifrige Soldat mit erhobe⸗ ner Stimme und mit ausgeſtreckten Armen fort,„nur weil wir auf das Commando unſern Marſch beſchleu⸗ nigten, und wir nicht ſeitwaͤrts zogen, ſondern dicht zuſammen hielten, wie es tapferen Kriegern ziemt, nur dadurch ward ich vexhindert, an jenem Tage die Gebeine des ruchloſen Lehrers der Ausſchweifung und des Laſters aus ihrem Grabe zu reißen, und auf den naͤchſten Duͤngerhaufen zu werfen.*) Ich haͤtte ſein Gedaͤchtniß gemacht, zum Geziſch und zum Spott.“ „Das iſt doch noch das Bitterſte, von allem was er geſagt hat,“ bemerkte der Foͤrſter,„das Ausziſchen wuͤrde dem armen William noch ſchlimmer gefallen haben, als alles uͤbrige.“ Phoͤbe frug mit leiſer Stimme:„hoͤre Jocolin, will der Herr vielleicht noch etwas ſagen. Ach du lie⸗ ber Himmel, was ſchwatzt der vor große Worte, wenn ich nur eigentlich wuͤßte, was er damit will. Es iſt aber doch ein rechtes Gluͤck, daß unſer guter Ritter ihn nicht ſieht, wie er auf das Buch losdonnert. Gott ſteh uns bei, es waͤre gewiß Blut gefloſſen, aber lie⸗ ber Gott, ſieh nur einmal, wie er ſein Geſicht verzerrt! Hat er vielleicht Leibſchmerzen, was meinſt Du Joco⸗ lin, ſoll ich ihm ein Glas Liqueur anbieten?“ „Den verſtehſt Du nicht, Maͤdchen,“ ſagte der Forſter,„er ladet nur ſeine Muskete, um von neuem zu feuern; denn waͤhrend er die Augen verdreht und das Geſicht verzerrt, die Fauſt ballt und mit den Fuͤſ⸗ ſen ſtampft, weiß er wahrlich gar nicht, was um ihn herum vorgeht. Ich wollte darauf ſchwoͤren, ich koͤnnte ihm jetzt die Boͤrſe, wenn er nehmlich eine hat, aus der Taſche ziehen, und er wuͤrde es nicht merken.“ „Nun Jocolin,“ ſagte Phoͤbe, wenn es ſich ſo verhaͤlt, ſo wird man leicht mit ihm fertig werdene „La *) Horrendum dictu! Anm. d. Ueb. 4 81 „Laß das meine Sorge ſeyn, antwortete Joliffe,“ ſage mir nur heimlich und geſchwind, was die Spei⸗ ſekammer enthaͤlt.“ 8 „Ach nur wenig kalte Kuͤche,“ erwiederte ſie, ein kalter Kapaun, die große Wildprettpaſtete und ein paar Weisdrode, das iſt alles.“ „Auch recht,“ erwiederte Jocolin,„das wird zur Noth ſchon hinreichen,— wirf Deinen Mantel um Deinen niedlichen Koͤrper, hole einen Korb, ein paar Teller und Beſtecke, und trage den Kapaunen und die Weisbrode hinab. Die Paſtete muß genng ſeyn, fuͤr dieſen Soldaten und mich, und die Rinde kann uns zum Brode dienen.“ 3 „Ganz recht,“ ſagte Phoͤbe,„ich ſelbſt habe die Paſtete gemacht, und die Rinde iſt ſo dick, wie die Mauern des Roſamunden⸗Thurms.“ „Da werden unſere Kinnladen lange zu beißen haben, bis ſie durchkommen,“ ſagte der Föͤrſter. „Aber was gibts denn zu trinken?“— „„Nichts als eine Flaſche Alicante, eine Bou⸗ teille Sect und eine mit gebranntem Waſſer,“ antwor⸗ tete Phoͤbe. „Lege die Weinflaſche in Deinen Korb,“ ſagte Jocolin;„denn dem Ritter darf ſein Abendtrunk nicht fehlen; und hurtig fort in die Hutte! Das iſt fuͤr heute zum Abendeſſen genug, und morgen iſt wie⸗ der ein neuer Tag. Aber beim Himmel, ich glanbe der Mann belauſcht uns— doch nein, er war nur in Gedanken vertieft, wahrſcheinlich in ſehr tiefſin⸗ nigen, wie gewoͤhnlich. Aber der Teufelskerl muͤßte unerforſchlich ſeyn, wenn ich nicht noch vor Ende der Nacht klug aus ihm wuͤrde.— Mach nun, daß Du fort koͤmmſt Phoͤbel“ Das Maͤdchen ſah wohl, daß Jocolin ſich auf ihre Rede ſchicklicherweiſe nicht naͤhern konnte; ſie fluͤ⸗ ſterte ihm daher ſchalkhaft ins Ohr:„glaubſt Du auch Jorolin, daß der Liebling unſeres Herrn Shakes⸗ W. Scort's Werke. X. 6 8² peare wirklich das Unheil alle erfand, von dem der Herr ſprach?“. 3 Mit dieſen Worten eilte ſie von dannen, und Joliffe drohte ihr mit dem Finger, und rief ihr leiſe nach: ja ſpring nur, Du Phöbe Maibluͤmlein, Du leichtfuͤßigſtes, leichtſinnigſtes Maͤdchen, das je uͤber den Raſen von Woobſtock huͤpfte. Eile ihr nach Bevis und bringe ſie ſicher in die Huͤtte zu unſerem Herrn! Wie ein menſchlicher Bedienter erhob ſich der große Hund bei dieſen Worten, und eilte der Phoͤbe durch die Halle nach, lekte ihr erſt die Hand, um ihr zu zeigen, daß er da waͤre, und trabte dann ne⸗ ben ihr her, um mit dem leichtfüßigen Maͤdchen Schritt zu halten, deren Schnelligkeit Jocolin nicht ohne guten Grund geruhmt hatte. Wir laſſen Phoͤbe mit ihrem Beſchuͤtzer durch den Forſt eilen, und keh⸗ ren in das Jaͤgerhaus zuruͤck. Der Independent ſchien aus einem Traume zu erwachen.„Iſt das junge Maͤdchen fort?“ war ſeine erſte Frage. „Ja Sir, erwiederte der Foͤrſter,“ und wenn Eure Hochwuͤrden noch etwas zu befehlen haben, ſo muͤſſen Sie ſich mit maͤnnlicher Aufwartung begnuͤgen.“ „Zu befehlen? Hm, das gerade nicht, ich glaubte nur, das Maͤdchen wuͤrde noch bis zu einer anderen Ermahnung warten. Ich geſtehe es, mein Gemuth war ſehr geneigt, Ihr recht erbaulich zuzureden.“ „Wenn das iſt Sir, antwortete Joliffe,„da koͤnnen ſie Eure militaͤriſche Hochwuͤrden naͤchſten Sonntag in der Kirche treſſen, dann kann ſie zugleich mit der uͤbrigen Gemeinde den beſten Nutzen ans Euren Lehren ziehen. Aber ſolche junge Mäͤdchen hoͤ⸗ ren keine Privathomilien.— Aber was befehlen Sie jetzt? wollen Sie vielleicht die anderen Zimmer be⸗ ſichtigen, oder das wenige Silbergeſchirr, das noch uͤbrig geblieben iſt?“.— „ Ach nein,“ ſagte der Independent es wird Freund ſpaͤt und finſter. Du haſt doch Betten fuͤr uns, mein 83³ „Freilich beſſere, als die, in denen Ihr je geſchla⸗ fen habt,“ antwortete der Foͤrſter. „Auch wohl Holz zum Einfeuern und ein Licht und einige Erguickungen zu Erfriſchung und Belebung des aͤußeren Meuſchen?“ fuhr der Soldat fort. 1 „Ohne Zweifel,“ antwortete der Foͤrſter, wobei er ſich geſchaͤftig zeigte, dieſe wichtige Perſon zu be⸗ friedigen. In wenigen Augenblicken ſtand ein maͤchtiger Leuchter auf der eichenen Tafel, und die große Wild⸗ pretspaſtete mit Peterſilie geziert auf einem reinli⸗ chen Tiſchtuche auf dem Speiſetiſch. Der Krug mit gebranntem Waſſer, und ein zweiter mit ſtarkem Bier machten eine nicht unerfreuliche Zugabe. Zu dieſem Mahle alſo ſetzten ſich traulich der Soldat, der ſich in einem großen Seſſel niederließ, und der Foͤrſter, der auf ſeine Einladunag einen gewoͤhnlichen Stuhl auf der anderen Seite des Tiſches einnahm. Wir wollen ſie für jetzt bei dieſer angenehmen Beſchaͤftigung verlaſſen. Viertes Kapitel. ————„Dort jener ſammtne Wieſenweg Er windet ſich um düſtre Grotten und um heitre Lauben, Kein Kieſelſtein verletzet Deine Füße. Gleich findeſt Obdach Du vor Sturm und Regenſchau'r Doch führt Dich nicht die Flucht auf dieſen Noſenweg. An Klivpen ſiehſt Du ſie mit amarantnem Stabe. Sie führt Dich und Dein Blut bezeichnet Deinen Schritt, e Sie führt Dich und der Sturm umtobet Dir das Haupt, Den abgezehrten Leib quält Hunger, Froſt und Durſt. Doch führt ſie Dich empor auf kühne, edle Höhen, Dort zeigt ſich Dein Gemüth dem Himmel nah' verwandt: Du ſiehſt das Irdſche dann geſtreckt zu Deinen Füßen So klein, ſo werthlos, ſo verſchrumpft!(Anonymer.) Wir boffen, daß der Leſer ſich noch erinnert, daß der Ritter Henry Lee nach ſeinem Kampfe mit dem republikaniſchen Soldaten ſich nebſt ſeiner Tochter 4 wegbegab, um in der Huͤtte des wackeren Foͤrſters Jo⸗ colin Joliffe eine Zufluchtsſtaͤtte zu ſuchen. Langſam wie fruͤher ſchritten ſie einher; denn auf der Seele des alten Ritters laſtete der doppelte Kummer, daß er das letzte Ueberbleibſel des Koͤnigthums den Repu⸗ blikanern uͤberliefern mußte, und die Erinnerung an ſeine eben erlittene Beſiegung. Gar oft blieb er ſte⸗ hen, kreuzte die Arme auf der Bruſt, und rief ſich alle Umſtaͤnde ins Gedaͤchtniß zuruck, die ihn aus ei⸗ nem Hauſe vertrieben, das er durch lange Gewohnheit als ſein eigenes betrachtete. Auch Alexis war von ſchmerzhaften Gefuͤhlen durchdrungen, und ihre letzte Unterredung mit ihrem Vater war nicht ſo erfreulich, um ſie wieder anzuknuͤpfen, ehe ſeine Stimmung ſich beruhigt hatte. Denn bei einem vortrefflichen Cha⸗ rakter, und trotz der innigen Liebe zu ſeiner Tochter hatte Alter und Mißgeſchick dem guten alten Ritter eine geſpannte leidenſchaftliche Reitzbarkeit gegeben, die ihm in ſeinen beſſeren Tagen unbekannt war. Seine Tochter und ein paar treue Diener, die ihm ſelbſt bei ſeinen zerruͤtteten Vermoͤgens⸗Umſtaͤnden noch folgten, ſuchten ſeine Schwachheiten ſo viel wie moͤglich zu beſaͤnftigen und zu mildern, und bedauerten ihn ſelbſt, wenn ſie darunter litten. Es dauerte lange, ehe er zu reden anfing, und dann bezog er ſich auf einen ſchon erwaͤhnten Vorfall. „Es iſt doch ſonderbar,“ ſagte er,„daß Bevis lieber dem Jocolin und dem Soldaten folgte, als mir.“ „Gewiß bemerkte ſeine Spuͤrkraft in jenem Manne einen Fremden, dem er vorſichtig nachgehen wollte, und deßwegen blieb er bei Jocolin,“ erwie⸗ derte Alexis. „Nicht doch Aleris,“ gntwortete der Ritter Lee, „weil mein Gluͤck geflohen iſt, ſo verlaͤßt er mich auch. Es giebt in der Natur gewiſſe Gefuͤhle, die ſich ſogar auf den ſogenannten Inſtinkt unvernuͤnftiger Thiere 85 erſtrecken, und ſie das Ungluch fliehen lehren. Selbſt das Wild ſtoͤßt einen kranken ever verwundeten Bock aus der Heerde. Verſtuͤmmle einen Jagdhund, und die ganze Kuppel wird ihn anfallen und zerreißen. Fiſche verſchlingen andere von ihrer Gattung, wenn jene be⸗ ſchaͤdigt ſind. Schneide einer Kraͤhe den Fluͤgel ab, oder breche ihr ein Bein, und die andern werden ſie zu Tode hacken.“ „Das mag wohl bei den minder begabten Thier⸗ arten wahr ſeyn,“ ſagte Alexis;„denn ihr ganzes Treiben iſt ein beſtändiges Rauben und Morden. Aber der Hund verlaͤßt ſeine Gartung, um ſich zu Men⸗ ſchen zu halten, um ſeines Herren willen flieht er die Nahrung, die Geſellſchaft und die Vergnügungen ſei⸗ ner eigenen Race, und gewiß darf man auf einen ſo ergebenen freiwilligen Diener, wie ſich Bevis ſtets zeigte, nicht leicht einen ſo ſchweren Verdacht werfen. „Ich zuͤrne nicht auf den Hund, Aleris, es be⸗ truͤbt mich nur. Ich habe irgendwo in einer glaubwuͤr⸗ digen Chronik geleſen, daß, als Richard II. und Hein⸗ rich von Bokingbroke ſich auf dem Schloſſe Berkeley be⸗ fanden, ein Hund von derſelben Race, den Koͤnig, den er ſtets zu begleiten pflegte, verließ, und ſich zum Heinrich hielt, den er damals zum erſtenmale ſah. Aus dem Abfall ſeines Lieblings prophezeihte Richard ſeine bevorſtehende Entthronung. Spaͤterhin wurde der Hund zu Woodſtock unterhalten, und Bevis ſoll von ſeiner Race ſeyn, die man ſorgfaͤltig aufzog. Welches Unheil ich aus ſeiner Flucht weiſſagen ſolle, das weis ich nicht, aber mein Geiſt ſagt mir, daß es nichts Gutes bedeute.“ Es rauſchte im Laub, man hoͤrte ſpringen und laufen, und in demſelben Augenblick ſtand der Hund neben ſeinem Herrn. „Komm her, Du alter Schelm,“ ſagte Aleris freundlich,„komm her und vertheidige Deinen Cha⸗ akter, der durch Deine Abweſenheit ſehr gefährdet wurde. Der Kund aber umkreiste ſie ſchnell, und eilte ſogleich wieder von hinnen. „Ey Du alter Schelm,“ ſagte der alte Ritter, „Du biſt gut abgerichtet, daß Du ohne Befehl auf die Jagd gehſt.“ Einen Augenblick darauf kam Phoͤbe Maiblume hochgeſchuͤrzt ihres Weges daher, und die Laſt⸗ welche ſie trug, ſchien ſie in ihrer Elle nicht aufzuhal⸗ ten. Sie traf ihren Herrn und das Fraͤulein, als dieſe gerade zu der Huͤtte des Foͤrſters gelangten, welche das Ziel ihrer Wanderſchaft war. Die ganze Geſellſchaft ſammt dem Hunde war jetzt vor der Thuͤre der Huͤtte des Foͤrſters verſammelt. In den beſſeren Zeiten Woodſtocks zierte dieſen Platz ein maſſives ſteinernes Gebaͤude, das fuͤr den Unteraufſeher des königlichen Parks beſtimmt war. Nicht weit davon befand ſich eine liebliche Quelle, welche in wohl angelegten Kanaͤlen und Becken durch den Hof des Gebaͤndes rieſelte. Aber bei einigen Gefechten, die waͤhrend des Buͤrgerkrieges in dieſer Gegend vor⸗ fielen, wurde das kleine Waldgebaͤnde angegriffen und vertheidigt, erſtuͤrmt und verbrannt. Ein benachbar⸗ ter Gutsbeſitzer, der ſich in dieſem Streite zu der Parthei des Parlaments gehalten hatte, benutzte den Verfall der koͤniglichen Sache und die Abweſenheit des Sir Henry Lee als ſich dieſer in dem Lager des Koͤnigs befand, und ließ ohne weiteres die bebauenen Steine und die Baumaterialien, welche das Feuer verſchont hatte, wegnehmen, und benutzte ſie zur Reparatur ſeines eige⸗ nen Wohnhauſes. Nun bante ſich der Foͤrſter, unſer Freund Jocolin, in wenigen Lagen theils mit eigener Hand, theils mit Hulfe einiger Nachbarn eine um⸗ zaͤunte Huͤtte, die ihm und einer alten Haushaͤlterin, welche er ſeine Dame nannte, zum Aufenthaltsorte diente. Die Mauern waren mit Lehm uͤberworfen, weiß an⸗ geſtrichen und mit Svalieren, an denen ſich Wein und andere rankende Pflanzen hinaufzogen, umgeben. Das Dach war mit Stroh gedeckt, und der gewandte — Joliffe hatte das Huttlein ſo nett einzurichten gewußt, 87 daß es dem Stande ſeines Beſitzers nicht zur Unehre gereichte. 3 Der Ritter nahte ſich dem Eingange; aber der erfinderiſche Geiſt des Baumeiſters hatte in Erman⸗ gelung eines beſſeren Schloſſes an der Thuͤr, die ſelbſt nur aus Weiden zuſam mengeflochten war, eine Art von Riegel erſonnen, welcher inwendig befeſtigt, das Aafgehen hinderte. In der Ueverzeugung, daß dieſes eine Vorſichts maasregel der alten Haushaͤlterin des Joliffe war, deren Taubheit ſie alle kannten, bat der Ritter mit lauter Stimme um Einlaß— aber ver⸗ gebens. Aergerlich uͤber dieſen Aafſchub ſteminte er ſich mit Haͤnden und Fuͤßen gegen die Thuͤre, ſo, daß ſie nicht widerſtehen konnte, und der Ritter gewalt⸗ ſam in die Kuche, oder wenn man lieber will, in das Vorgemach der Hutte eindrang. Mitten auf den Vor⸗ platze ſtand ein junger Fremder, in einem Reiſean⸗ zuge. „Jetzt will ich zum letzten Mahle mein Recht aus⸗ uͤben,“ ſprach der Ritter, und ergriff den Frem⸗ den am Kragen,„fuͤr dieſe Nacht wenigſtens, bin ich noch Oberjaͤgermeiſter von Woodſtock. Wer und was biſt Da?“ 4 Der Frende ließ ſeinen Reiſemantel, der ſein Geſicht verhaͤllte, fallen, und verbeugte ſich tief. „Ihr armer Vetter Markham Everard,“ ſagte er.„Ich kam in ihren Angelegenheiten hieher, ob⸗ gleich ich fürchten muß, daß ich Ihnen in meiner ei⸗ genen nicht willkommen ſeyn werde.“ Deer alte Lee fuhr zuruͤck, faßte ſich jedoch ſogleich, wie jemand, der ſich erinnert, daß er ſich ſeinem Stan⸗ de gemaͤß betragen muͤſſe. Er antwortete mit erzwun⸗ gener Feierlichkeit:„Es freut mich ſehr, mein lieber Vetter, daß Ihr grade heute nach Woodſtock kommt, wo ich Euch nahh vielen Jahren eine Aufnahme ver⸗ ſprechen kann, die Eurer wuͤrdig iſt.“ „Gott gebe, daß ich Sie recht verſtehe,“ ſagte der junge⸗Mann, waͤhrend Alexis ihren Vater auſah, um zu erforſchen, ob er gegen ihren Vetter guͤnſtig geſtimmt ſey, woran ſie jedoch, ſeinem Ch arakter nach zu urtheilen, ſehr zweifelte. Der Ritter warf zuerſt ſeiner Tochter, dann dem Markhim Everard einen bittern Blick zu, und ſprach: „Ich brauche wohl dem Herrn Markham Everard nicht erſt zu e daß wir auſſer Stand ſind, ihn zu bewirthen, oder ihm auch nur einen Sitz in dieſer er⸗ baͤrmlichen Huͤtte anzubieten.“ „Ich werde ſie mit dem gruffen Vergnuͤgen nach dem Jaͤgerhauſe begleiten,“ ſagte der junge Mann. „Ich glaubte wirklich Sie waͤren ſchon dort, und fuͤrch⸗ tete Sie zu ſtoͤren. Aber wenn Sie, mein theuerſter Oheim, mir erlauben wollen, meine Baſe und Sie nach dem Jägerhauſe zu geleiten, ſo wuͤrde ich das fuͤr die groͤſte Wohlthat halten, die Sie mir bis jezt erzeigt ha⸗ ben, obgleich ich Ihnen ſchon ſo manches Gute und Liebe verdanke.“ „Sie verſtehen mich nicht, Herr Ererard,“ ant⸗ wortete der Ritter.„Wir werden weder heute Nacht, noch morgen in's Jaͤgerhaus zuruͤckkehren. Ich wollte Ihnen nur recht hoͤflich zu verſtehen geben, daß Sie im Jaͤgerhaus eine fuͤr Sie paſſende Geſellſchaft fin⸗ den werden, die Ihnen einen Empfang bereiten kann, wie ich ihn in merner gegenwaͤrtigen Lage einer Per⸗ en von Ihrer Wichtigkeit anzubieten nicht im Stande in. „Um Gottes Willen,“ ſagte der junge Mann, indem er ſich zu Aleris wandte,„ſage mir, wie ver⸗ ſtehe ich dieſe geheimnißvolle Sprache?“ Um den verbiſſenen Unwillen ihres Vaters nicht noch mehr zu ſteigern, zwang ſich Alexis ihm zu ank⸗ worten:„Wir ſind durch Soldaten aus dem Jäger⸗ hauſe vertrieben worden.“ „Vertrieben— und durch Soldaten!“ rief Ever⸗ ard im hochſten Erſtaunen aus,„dazu iſt keine geſet⸗ liche Vollmacht vorhanden.“ 3 89 „Gar keine, antwortete der Ritter in demſelben Tone der ſchneidenden Ironie, den er bisher gebraucht hatte,„und doch iſt die Vollmacht eben ſo geſetzmaͤ⸗ ßig als nur irgend eine, welche ſeit einem Jahre oder etwas laͤnger in England ausgeſtellt wurde. Ich glaube Sie ſind oder Sie waren doch Juriſt— wahr⸗ lich, Sir, die Ausuͤbuͤng ihres Studiums gleicht dem Contracte eines ausſchweifenden Juͤnglings mit einer reichen, alten Wittwe. Sie haben die Geſetze, welche Sie ſtudierten, ſchon uͤberlebt und bei Ihrem Tod ha⸗ ben Sie Ihnen wahrſcheinlich ein Legat vermacht— einen anſtaͤndigen Zuwachs, oder eine kleine Vermeh⸗ rung, wie man ſich ausdruͤckt. Sie haben es zwiefach verdient— denn Sie tragen ſowohl Ringkragen und Bandelier, als Sie mit Dinte und Feder umzugehen wiſſen, ob Sie auch ſchon gepredigt haben, weiß ich nicht. „Denken und reden Sie von mir ſo hart Sie wollen, Sir,“ ſagte Everard beſcheiden,„aber ich kann mir das Zeugniß geben, daß ich mich in dieſen ſchlim⸗ men Zeiten nur von meinem Gewiſſen und von den Befehlen meines Vaters leiten ließ.“ „Oh, wenn Sie vom Gewiſſen reden,“ ſagte der alte Ritter,„dann muß ich, wie Hamlet ſagt, ein Auge auf Euch haben. Sie betruͤgt ein Puritaner aͤrger, als wenn er an ſein Gewiſſen appellirt, und was Deinen Vater betrifft—“ Er wollte in dieſem beſchimpfenden Tone fortfah⸗ ren, als der junge Mann ihn mit feſter Stimme un⸗ terbrach:„Sir Henry Lee, ich hielt Sie immer fuͤr einen edeldenkenden Mann— ſagen Sie von mir was Sie wollen, aber reden Sie nichts von meinem Va⸗ ter, was das Ohr des Sohnes nicht dulden, und ſein Arm doch nicht raͤchen darf. Mich auf dieſe Weiſe zu beleidigen, hieße einen Unbewaffneten beſchimpfen, oder einen Gefangenen ſchlagen.“ Sir Henry hielt inne, als fuͤhle er ſich von der Bemerkung getroffen.„Du haſt wahr geſprochen, Mark, und waͤreſt Du der ſchwaͤrzeſte Puritaner, den die Hoͤlle je ausſpie, um dieſes ungluͤckſelige Land zu verderben.“ „Denken Sie davon was Sie wollen,“ erwiederte Everard;„aber vor Allem kann ich Sie nicht unter dem Oddache dieſer elenden Huͤtte ſehen. Die Nacht droht mit Sturm— erlauben Sie mir nur, Sie in das Jaͤgerhaus zu fuͤhren, und jene Aufdringlichen zu verjagen, welche wenigſtens jetzt noch keine Vollmacht dazu haben köoͤnnen, Sie zu verdraͤngen. Ich werde keinen Augenblick laͤnger verweilen, als bis ich die Bot⸗ ſchaft meines Vaters ausgerichtet habe.— Gewaͤhren Sie mir nur das. um der Liebe willen, welche Sie einſt gegen mich hegten.“ „Ja, Mark,“ antwortete ſein Oheim feſt, aber mit Kummer,„Du ſprichſt die Wahrheit— einſt liebte ich Dich. Den blondgelockten Knaben, den ich reiten, ſchießen und jagen lehrte, der— wo er auch ſeine Arbeitszeit zugebracht hatte— in ſeinen Erho⸗ lungsſtunden in meiner Naͤhe war— ja, ich liebte den Knaben. und bin ſchwach genug, ſeloſt das Anden⸗ ken deſſen zu lieben, was er war.— Aber es iſt da⸗ hin, Mark,— es iſt alles dahin; in ſeinen Thaten ſehe ich nur den eingeſtandenen, feſt entſchloſſenen Re⸗ bellen gegen ſeine Religion und gegen ſeinen Koͤnig— einen Rebellen, der durch ſein Gluͤck noch veraͤchtlicher wird noch niedertraͤchtiger durch den geraubten Reich⸗ thum, mit dem er ſeine Laſter zu vergolden denkt.— Aber Du glaubſt vielleicht, ich ſollte ſchweigen, weil ich arm bin, damit man mir nicht ſage:„Herr, ſprecht⸗ wenn es an Euch kommt.“— Wiſſe aber, daß, ſo arm und beraubt ich auch bin, ich mich doch ſelbſt durch dieſe Rede entehrt glaube, die ich mit der anmaßen⸗ den Rebellenbrut wechsle.— Wenn Du willſt, kannſt Du in das Jaͤgerhaus gehn— da liegt der Weg vor Dir— glaube aber nicht, daß ich, um meine Woh⸗ nung oder um alle Habe, welche ich in den Zeiten meines Reichthums beſaß, wieder zu erlangen, Dich —4 1 von freien Stuͤcken auch nur drei Schritte weit be⸗ gleiten werde. Wenn ich Dich begleiten muß, ſo ſoll es nur dann geſchehn, wenn Deine Rothroͤcke mir die Haͤnde auf den Ruͤcken, und die Fuͤße an den Sat⸗ tel meines Pferdes gebunden haben. Dann magſt Du mein Reiſegefaͤhrte ſeyn, wenn Du villſt, aber, beim Himmel, nicht fruͤher.“ Alexis, die waͤhrend dieſer Unterredung ſchrecklich litt, und wohl wußte, daß jede weitere Widerrede den Zorn des Ritters nur noch mehr erregen wuͤrde, wagte es endlich, in ihrer Angſt ihrem Vetter mit einem Zeichen anzudeuten, daß er die Unterredung abbrechen und ſich entfernen ſollte, da ihr Vater ſeine Abweſen⸗ heit ſo unbeſchränkt gefordert hatte: Ungluͤcklicherweiſe aber ward ſie von ihrem Vater beobachtet, welcher da⸗ rin das Zeichen eines geheimen Einverſtäͤndniſſes zwi⸗ ſchen den beiden jungen Leuten zu ſehen glaubte. Das war Oeyl in das Feuer ſeines Zornes und er mußte ſeine Selbſtbeherrſchung bis auf den boͤchſten Grad treiben, um ſeine Wuͤrde nicht zu vergeſſen und ſeine innere Wuth unter der beißenden ironiſchen Art zu verbergen, die er beim Anfang dieſer argerlichen Unter⸗ redung angenommen hatte. „Wenn Du Dich fuͤrchteſt, den Waldweg bei Nacht allein zu gehn,“ ſagte er,„mein hochgeehrter Frem⸗ der, den ich wahrſcheinlich als meinen Nachfolger in meiner Stelle verehren muß, ſo ſtelle ich Dir hier ein beſcheidenes Fraͤulein vor, die Dich ſehr gern beglei⸗ ten, und dein Schildknappe ſeyn wird.— Blos um ihrer Mutter willen laß einige kleine Heirathsceremo⸗ nien vorhergehn.— In dieſen gluͤcklichen Tagen braucht Ihr weder Erlaubniß noch Prieſter, ſondern koͤnnt wie Bettler in einem Grabe zuſammen gekoppelt werden, mit einer Hecke zur Kirche und einem Keſſeelflicker zum Prieſter. Ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich eine ſo einfache Bitte wage— vielleicht ſeyd Ihr ein großer Geiſt, oder von uͤberverliebter Natur, oder 4— 7 ⁴αα☚Q haltet die Heirathsceremonien fuͤr unnoͤthig wie Knir⸗ perdolling und Jaeob von Leyden.“ „ums Himmelswillen enthalten Sie ſich ſolcher furchtbaren Scherze, mein Vater, und Du Markham verlaſſe uns in Gottes Namen und uberlaſſe uns unſ⸗ rem Schickſale.— Deine Gegenwart macht meinen Vater wahnſinnig.““ „Scherzen!“ ſagte Sir Henry,„ich war nie ern⸗ ſter. Wahnſinnig!— ich war nie ruhiger.— Ich konnte es mir nie einfallen laſſen, daß ſich die Falſchheit auch meinem Hauſe naͤhern koͤnnte— ich moͤchte eine ent⸗ ehrte Tochter eben ſo wenig an meiner Seite dulden, wie ein entehrtes Schwerdt; und dieſer ungluͤckliche Tag hat gezeigt, daß beides ſeyn kann.“ „Sir Henry,“ ſagte der junge Everard,„belaſten Sie Ihre Seele nicht mit einem Verbrechen, wie Sie es thun, wenn Sie Ihre Tochter auf dieſe Weiſe be⸗ handeln. Es iſt ſchon lange, das Sie mir Ihre Toch⸗ ter verweigerten, als wir arm und Sie maͤchtig wa⸗ ren. Ich willigte in Ihr Gebot ein, alle Bewerbun⸗ gen und Unterhandlungen zu vermeiden. Gott weiß, was ich dadurch lirt, aber ich willigte ein. Auch komme ich nicht hieher um meine Antraͤge zu erneuern, aber ich geſtehe ein, daß ich Sie zu ſprechen wuͤnſchte, nicht allein um des Fraͤuleins willen, ſondern vorzuͤglich wegen Ihren eigenen Angelegenheiten. Zerſtoͤrung ſchwebt uͤber Ihnen, und iſt eben im Begriff, ihre Fluͤgel zu ſenken, und Sie mit ihren Krallen zu er⸗ greifen.— Ja, Herr, ſehen Sie mich ſo veraͤchtlich an wie Sie wollen, ſo iſt es; und um das Fraͤulein und Sie zu beſchuͤtzen, kam ich hieher.“ „Sie ſchlagen alſo mein Geſchenk aus,“ ſagte Sir Henry Lee;„oder glauben Sie vielleicht, es ru⸗ heten zu ſchwere Bedingungen darauf?“ 3 „d der Schandel ſchaͤmen Sie ſich, Sir Henry,“ ſagte Everard, der jetzt ebenfalls in Hitze gerieth; „haben denn die politiſchen Vorurtheile alles Vater⸗ gefuͤhl ſo ganz in Ihrem Buſen erſtickt, daß Sie mit „* 93 bitt'rem Spott und Hohn von der Ehre Ihrer eignen Tochter ſprechen koͤnnen?— Erhebe dein Aug', ſchoͤne Alexis, und ſage Deinem Vater, daß er in ſeinem ſchwaͤr⸗ meriſchen Eifergeiſt von dem Wege der Natur abge⸗ wichen iſt. Sie moͤgen es wiſſen, Sir Henry, daß wenn ich gleich die Hand Ihrer Tochter einem jeden Segen vorziehen wuͤrde, mit dem der Himmel mich be⸗ gnadigen wollte, ſo wuͤrde ich ſie doch nicht annehmen— mein Gewiſſen wuͤrde es nicht zugeben— wenn ich wuͤßte, daß es ſie ihren Pflichten gegen Sie entzoͤge.“ „Sie ſind ja gar zu gewiſſenhaft, junger Mann; — laſſen Sie ſich Ihren Zweifel von irgend einem ke⸗ tzeriſchen Rabbi loͤſen, und er, der alles mitnimmt, was in ſein Netz koͤmmt, wird Sie belehren, daß es eine Sunde gegen das Geſchick iſt, eine freiwillig dar⸗ gebotene Gabe zuruͤckzuweiſen.“ „Ja, wenn ſie freiwillig dargebracht, und guͤtig angeboten wird, aber nicht, wenn das Anerbieten mit Spott und Hohn geſchieht. Lebe wohl Aleris— wenn etwas den Wunſch in mir rege machen koͤnnte, das Anerbieten Deines Vaters anzunehmen, der Dich in einer Aufwallung eines unwuͤrdigen Verdachts von ſich ſtoßen wollte, ſo iſt das der Gruͤnd, daß Sir Henry Lee, indem er ſolche Grundſaͤtze hegt, auf eine hoͤchſt tyranniſche Weiſe das Geſchoͤpf unterdruͤckt, das von gllen Andern, am meiſten von ſeiner Guͤte abhaͤngt— das, von allen Andern, am meiſten ſeine Strenge fuͤhlt, und daß er von allen Andern am meiſten lie⸗ ben und hochachten ſollte.“ „Furchten Sie nichts fuͤr mich, Mr. Everard⸗“ rief Aleris aus, die aus Furcht vor dem, was noch daraus entſtehen konnte, wo der Buͤrgerkrieg Ver⸗ wandte und Mithuͤrger gegen einander in den entge⸗ gengeſetzten Reihen kaͤmpfen ſah, ihre Schuͤchternheit beſeitigte.—„Ach gehe, ich beſchwoͤre Dich, gehe fort! Nichts ſteht dem freundſchaftlichen Verhaͤltniſſe zwi⸗ ſchen meinem Vater und mir im Wege, als dieſe ungluͤckſeligen Familienzwiſte— als Deine unzeitige Anweſenheit.— Ums Himmelswillen, verlaß' uns.“ „So, meine Dame!“ fiel der hitzige alte Ritter ein,„Sie ſpielen ſchon die gebietende Herrinn!— Sie wollen wahrſcheinlich in unſerem Hauſe Befehle austheilen wie Goneril und Regan. Aber ich ſage Dir, niemand ſoll mein Haus verlaſſen— und ſo niedrig es auch iſt, ſo iſt doch jetzt das mein Haus— waͤhrend er mir noch etwas zu ſagen hat, wie dieſer junge Mann da ſpricht, mit gerunzelter Stirne und frechem Tone.— Sprecht heraus, Sir, und ſagt das Schlimmſte.“. „Furchten Sie meine Stimmung nicht, Fraͤulein Alerxis,“ ſagte Everard mit Feſtigkeit und Ruhe, „und Sie, Sir Henry, glauben Sie nicht, daß wenn ich mit Feſtigkeit rede, ich auch deßwegen zornig und beleidigend ſprechen wollte. Sie haben mir gar vieles vorgeworfen, und ware ich wirklich dem romantiſchen Rittergeiſt ergeben, ſo duͤrfte ich gar vieles ſelbſt von einem Verwandten nicht unbeantwortet uͤbergehen, weil ich durch meine Geburt und durch die Anſicht der Welt ein Edelmann genannt werde. Iſt es Ih⸗ nen gefaͤllig, mir ein geduldiges Gehoͤr zu ſchenken?““ „Wenn Sie bei Ihrer Vertheidigung bleiben,“ antwortete der kraͤftige alte Ritter,„ſo bewahre mich Gott, daß ich Ihnen nicht ruhig Gehör ſchenken ſollte, wenn ſelbſt zwei Theile Ihrer Vertheidigungs⸗Rede aus rebelliſchen und der andere aus gotteslaͤſterlichen Sihen beſtaͤnden. Seyd nur kurz— es hat nur ſchon zu lange gedauert.“ „Ich will es thun Sir Henrv,“ erwiederte der junge Mann;„doch iſt es ſchwer, in wenigen Worten die Vertheidigung eines Lebens zuſammenzudraͤngen, das zwar kur, aber reich an Begebenheiten war.— Zu reich, wie ihre unwillige Miene ſagt. Aber ich laͤugne es. Ich habe mein Schwerdt weder heftig noch un⸗ uberlegt fuͤr ein Volk gezogen, deſſen Rechte mit Fuͤſ⸗ ſen getreten, deſſen Gewiſſen gefeſſelt wurde.— Run⸗ b 95 zeln Sie die Stirne nicht, Sir, es iſt zwar nicht Ihre Anſicht von der Sache, aber es iſt die Meinige. Was meine religioͤſen Grundſaͤtze betrifft, uͤber welche ſie geſpoͤttelt haben, ſo glauben Sie mir, daß wenn ſie auch nicht auf gegebenen Formen beruhen, ſie doch nicht minder aufrichtiger als die Ihrigen ſind, und— ver⸗ zeihen Sie den Ausdruck, um ſo viel reiner, da ſie nicht vermiſcht ſind mit den blutduͤrſtigen Anſichten eines barbariſchen Zeitalters, welches Sie und andere den Coder der Ritterehre nennen. Es iſt nicht mein eigenes natuͤrliches Temperament, ſondern die beſſere Anſicht, welche mein Glaube mich lehrte, die mich in den Stand ſetzt, Ihre heftigen Schimpfreden anzuhoͤ⸗ ren, ohne in einem gleich heftigen und vorwurfsvol⸗ len Ton zu antworten. Sie koͤnnen die Beleidigung gegen mich nach Belieben bis auf den hoͤchſten Grad ſteigern— und das nicht allein unſerer Verwandſchaft wegen, ſondern weil mein Glaube mir es auferlegt, es liebevoll zu dulden. Und das, Sir Henry, iſt viel von jemand aus Unſrer Familie. Aber mit einer weit groͤßeren Entſagung, als das erfordert, muß ich auch von Ihren Haͤnden die Gabe zuruckweiſen, die ich von allen Dingen unter dem Himmel am meiſten zu er⸗ langen wunſche, weil die Pflicht Ihr befiehlt, Sie zu unterſtuͤtzen und zu troͤſten, und weil es Sunde waͤre, Ihnen in Ihrer Verblendung zu erlauben, Ihren Troͤſter von Ihrer Seite zu ſtoßen.— Leben Sie wohl Sir, ich ſcheide von Ihnen, indem ich Ihnen nicht zuͤrne, ſondern Sie bemitleide.— Wir werden uns vielleicht in beſſeren Zeiten wieder treffen, wenn Ihr Herz und Ihre Grundſaͤtze jene ungluͤckſeligen Vorur⸗ theile beyerrſchen werden, die Sie nun verdunkeln. Leb wohl— Leb wohl, Alexis!“ Zweimal wiederholte er die letzten Worte, mit ei⸗ nem Ausdruck des Gefuͤhls und des leidenſchaftlichen Kummers, der ſo ſehr von dem kraͤftigen und faſt ſtrengen Tone abwich, mit dem er den Sir Henry Lee angeredet hatte. Kaum hatte er die letzten Worte aus⸗ b geſprochen, als er ſich umwandte, die Huͤtte verließ; als ſchaͤme er ſich der Zartlichkeit, die ſich in ſeine Rede gemiſcht hatte, eilte der junge Republikaner feſt und entſchloſſen fort, und der Mond verbreitete ſein helles Licht und den herbſtlichen Schatten uͤber den weit ausgedehnten Wald. 4 Alexis, welche waͤhrend der ganzen Scene in der furchtbarſten Angſt ſchwebte, daß die Heftigkeit des Temperamentes Ihres Vaters ihn verleiten moͤchte, von heftigen Worken zu heftigen Handlungen uͤberzu⸗ gehen, ſank, als der junge Everard die Huͤtte verlaſ⸗ ſen hatte, auf einen Sitz, der von Weiden geſloch⸗ ten war, und verſuchte es, Ihre Thraͤnen zu verber⸗ gen, die von innigen Dankſagungen begleitet waren, welche ſie mit gebrochener Stimme gen Himmel ſandte, dafür, daß trotz der nahen Verwandſchaft der Par⸗ theien keine ungluͤckliche That die gefahrvolle heftige Unterredung beſchloſſen hatte. Phoͤbe Maiblume zwang ſich der Geſellſchaft wegen, mitzuweinen, wenn ſie ſchon von dem Vorgefallenen wenig verſtand; jedoch ſoviel davon begriff, daß ſie ſpaͤterhin einem halben Dutzend Buſenfreunde erzaͤhlen konnte, daß ihr alter Herr Sir Henry entſetzlich erbost geweſen waͤre, und ſich faſt mit dem jungen Everard geſchlagen haͤtte, weil er drauf und dran war, Ihr Fraͤulein zu entfuͤhren.— „Und was haͤtte er wohl auch Geſcheiteres thun koͤn⸗ nen,“ ſagte Phoͤbe,„da er ſah, daß dem alten Mann, weder fuͤr ſich noch fuͤr Fraͤulein Aleris etwas uͤbrig blieb. Aber Mr. Markhand Everard und unſere Dame die ſprachen ſo verliebte Dinge zuſammen, wie man ſie ſogar in der Geſchichte des Argalus und der Par⸗ themir nicht findet, die doch, wie das Mährchen duch erzaͤhlt, die treueſten Liebenden in ganz Arcadien un ſogar in Orforrſhire waren.“ 3 Die alte Goody Jellycot in der Kuͤche hatte ihre ſcharlachrothe Haube waͤhrend des Streites mehr als einmal geruͤckt, aber da die ehrenwerthe Dame halb⸗ blind und mehr als halbtaub war, ſo waren dei er 4 ennt⸗ 97 kenntniß zwei Hauptthüren geſchloſſen; und wenn ſie ſchon durch ein gewiſſes allgemeines Gefühl ſo viel be⸗ griff, daß die Edelleute ſich zankten, ſo blieb ihr doch ſowohl der Gegenſtand des Streites, als auch das ein Geheimniß, warum man gerade Jocolin's Hütte zum Schlachtfeld gewählt hatte. Aber in welchem Zuſtande befand ſich das Gemüth des alten Ritters, deſſen Lieb⸗ lingsgrundſätze von den letzten Warten ſeines Neffen ſo heſtig angegriffen wurden? Er war, um die Wahr⸗ heit zu ſprechen, minder heftig bewegt, als ſeine Toch⸗ ter es erwartete, und aller Wahrſcheinlichkeit nach trug die kühne Vertheidigung ſeines Neffen über ſeine reli⸗ giöſen und politiſchen Anſichten mehr dazu bei, ſein Mißoergnuͤgen zu dämpfen, als es zu vergrößern. Ob⸗ gleich er Widerſpruch ziemlich ungeduldig ertrug, ſo waren doch Ausflüchte und Nebenwege dem geraden al⸗ ten Ritter noch mehr zuwider, als männliche Recht⸗ fertigung und gerader Widerſpruch; und er pflegte zu ſagen, daß er die Böeke am liebſten hätte, die am hef⸗ tigſten zuſtießen. Doch begnadigte er das Weggehen ſeines Neffen mit einer Eitation aus dem Shakes⸗ peare, den er wie viele andere mehr aus Gewohnheit und Achtung vor dem Liebling ſeines unglücklichen Herrn anführte, als daß er an ſeinen Werken wirklich viel Geſchmack gefunden hätte. Auch war er nicht ſehr gewandt in der Anführung der Stellen, die er aus⸗ wendig wußte. „Merke Dir das Alexis, ſagte er,„der Deufel kann auch die heilige Schrift zu ſeinen Zwerken an⸗ führen; ſo wird auch dieſer Dein junger ſchwärmeri⸗ ſcher Vetter, der nicht mehr Bart hat, als ein Bauern⸗ burſche, den ich am Maientage die Jungfrau Maria ſpielen ſay, und den der Dorfbarbier zu flüchtig raſirt hatte, dieſer junge Schwaͤrmer würde es mit einem jeden bärtigen Preßbyterianer und Independenten auf⸗ nehmen, ſeine Lehren und Gebräuche darlegen und uns mit ſeinem Text und ſeinen Predigten beſtürmen.£ hätte nur gewünſcht, der eyrenwerthe und gelehrte W. Scott's Werke. X. 2 tor Rochecliffe wäre gegenwärtig geweſen, der ſeine Vatte⸗ rie immer mit der vulgata und der sepiuaginta und wer weiß mit was noch beſetzt hatte, der hätte ihm den preß⸗ byterianiſchen Geiſt mit Vierundzwanzigpfündern zu Boden gedonnert. Doch freut es mich, daß der jun⸗ ge Mann keine Schleichwege ſucht; denn hätte er auch in religibſen Dingen des Deufels Anſichten, und in politiſchen, die des alten Noll, ſo thäte er doch beſ⸗ ſer, es laut auszurufen, als Dich mit krummen We⸗ gen zu umgehen, oder uns auf eine falſche Spur zu führen. Komm, trockne Deine Augen— der Streit iſt vorüber, und wird wohl auch⸗ hoffentlich nicht ſo⸗ bald wieder aufleben.“. Ermuntert durch dieſe Worte erhob ſich Alexis, und ſo betäubt ſie auch war, ſo verſuchte ſie es den⸗ noch, die Einrichtung zu dem Abendeſſen und zu ih⸗ ren Lagerſtätten in der neuen Wohnung zu beſichtigen. Aber ihre Thränen rollten ſo heftig, daß ſie ihren er⸗ zwungenen Eifer Lügen ſtraften, und es war gut, ſehr gut, daß Phöbe, wenn ſie ſchon zu unwiſſend und zu einfach war, um die Größe ihres Kummers zu begrei⸗ fen, ihr doch bei Mangel an⸗ Mitgefuͤhl Beiſtand lei⸗ ſten konnte. Mit großer Schnelligkeit und Gewandheit ordnete das Mädchen alles was dazu nöthig war, um das Abend⸗ eſſen und die Betten einzurichten; bald ſchrie ſie der Dame Jellicot in's Ohr, bald flüſterte ſie mit ihrer Gebieterin, und betrug ſich dabei ſo gewandt, daß ſie nur der Geſchäftsführer unter den Befehlen der Alexis ſchien. Als die kalte Küche aufgetragen ward, drang Sir Henry Lee freundlich in ſeine Tochter, doch auch einige Erfriſchungen anzunehmen, als wollte er mit ſei⸗ ner jetzigen Freundlichkeit ſeine frühere Härte wieder gut machen. Er ſelbſt aber zeigte ſich als einen geüb⸗ ten Kriegsmann, dem weder die Demüthigung noch der Streit des heutigen Tages und die Sorge fuͤr den konden Appetit zum Abendeſſen rauben konnte, das ringsmahl war. Er verzehrte zwei Drittel des 99 Kapaunen, und als er den erſten Humpen auf die glückliche Wiedereinſetzung Carls II. leerte, machte er einer Flaſche Wein das Garaus; denn er gehörte zu einer Schule, welche gewohnt war, die Flamme ihres Royalismus mit ſchäumenden Bechern zu nähren. Er ſang ſogar einen Vers des Liedes:„der König kömmt wieder in ſein Reich,“ in welches Phöbe halb ſchluch⸗ zend und die Dame Jellicvt gegen allen Dakt und Me⸗ lodie krächzend einſtimmten, und die Stille der Frän⸗ lein Alexis nicht bemerkten. Endlich begab ſich der fröhliche Ritter in einen Verſchlag nah' an der Küche auf dem Strohbette des Förſters zur Ruhe, und ſchlief ungeſtört von dem Wechſel ſeiner Wohnung feſt und tief. Minder ruhig ſchlief Alexis auf dem ſchlechte⸗ ren Lager der alten Goody Jellicot im inneren Zimmer, während die Dame und Phöde auf mit Laub gefüllten Matrazen ſo geſund ſchliefen, wie alle diejenigen, die ſich ihr tägliches Brod mit ihrem Tagewerk verdienen müſſen, und die der Morgen nur erweckt, um die Muͤh⸗ ſeligkeiten des vorigen Tages zu erneuern. —— Fuͤnftes Kapitel. — Schwer wird der Junge dieſe neue Sprache, Sie ſtößt und ſtrauchelt bei den ungewohnten Sätzen Sie mögen ſchwer am Werth ſeyn und Gewicht Doch hemmen ſie die Schnelligkeit der Sprache So wie die Rüſtung einſt des König Saul Den Schäferknaben drückte und nicht ſchützte. J. B. Markhan Everard ſetzte ſeinen Weg zum Jägerhaus durch einen der lang ausgedehnten Pfade, welche den Wald durchkreuzten, fort. Die Breite des Weges war verſchieden; denn die Bäͤume, welche ſich auf einer Stelle ſo ſehr näßerten, daß die Kronen verdunkelt wurden, wichen auf einer Andern zurück, und ließen die Strah⸗ len des Mondes durchſchimmern; dann öffneten ſie ſich „ noch weiter, und ließen kleine Wieſen oder Savannen ſe⸗ hen, auf welchen die Strahlen des Mondes in naͤchtlicher Stille ruhten. Als er des einſamen Weges einherwan⸗ derte, hätte die entzückend ſchöne Beleuchtung der Ei⸗ hen, deren dunkele Blätter, kühne Aeſte und kräftige tämme von den Strahlen des Mondes verſilbert wurden, ſeine Aufmerkſamkeit ganz oder Theilweiſe in Anſpruch genommen, wenn er Dichter oder Mahler geweſen wäre. Aber wenn Everard an irgend Etwas dachte, au⸗ ßer an die ſchmerzliche Scene, in welcher er eben eine Rolle geſpielt hatte, und die mit der Zerſtörung aller ſeiner Hoffnungen endigte, ſo war es an die nöthigen Worſichtsmaaßregeln, welche ſein nächtlicher Spazier⸗ gang erforderte. Die Zeiten waren unruhig und ge⸗ fährlich; die Wege voll irregulärer Soldaten und meiſtens Royaliſten⸗ welche ihre politiſchen Mei⸗ nungen zu einem Vorwande gebrauchten, das flache Land mit Schleichhandel und Räubereien zu beunruhi⸗ gen. Auch Wilddiebe, die zu jeder Zeit gefährliche Räuber ſind, hatten ſich in der letzteren Zeit in dem Forſte zu Woodſtock ſehen laſſen. Kurz die Gefahren des Ortes und der Zeit, bewogen den Markham Ever⸗ ard außer ſeinen geladenen Piſtolen im Guͤrtel, auch noch ſein gezogenes Schwerd unter dem Arme zu tragen, damit er auf jede Gefahr vorbereitet wäre, welche ihm aufſtoßen wuͤrde. Er hörte die Nachtglocke*) der Kirche von Wood⸗ ſtock läuten, als er eben über eine von jenen kleinen Wieſen ſchritt, welche wir bereits beſchrieben haben, und ſie verſtummte, als er am anderen Ende einen dunkeln ſchattigen Weg ketrat, der nur hie und da das Mond⸗ licht durchſchiumern ließ. Da hörte er jemanden pſei⸗ — *, Zu den Zeiten Wilbelm des Eroberers und ſeiner Nachfol⸗ ger pflegte man Abends um 8 Uhr zu lauten, und(wie jetzt unſere Rachtwächter einen Jeden daran zu erinnern Feuer und Licht zu bewahren. Dian naunte daher dieſes Läuten curfew, aus dem Franzoſtſchen couvrir Ge, feu. Anm. des Ueberſerzers⸗ 1 101 fen, und als der Ton deutlicher ward, konnte er hö⸗ ren, daß die Perſon ſich ihm näherte. Das konnte wohl kaum ein Freund ſeyn; denn die Parthei, zu der er ſich bekannte, verwarf im Allgemeinen allen Geſang,⸗ das Pſalmenſingen ausgenommen.„Wenn jemand fröh⸗ lich iſt, ſo laßt ihn Pſalmen ſingen,“ war ein Terxt, den ſie ebenſo buchſtäblich auszulegen beliebten, wie ſie es mit gar vielen anderen machten, doch hielt der Laut nicht zu lange an, um ein Signal für nächtliche Land⸗ ſtreicher zu ſeyn, und war zu laut und fröhlich, um glauben zu laſſen, daß der Wanderer die Abſicht habe⸗ verborgen bleiben zu wollen. Er veränderte eben ſein Pfei⸗ fen in Singen, und trillerte den folgenden Vers einer ſchönen Melodie, mit welcher die alten Ritter die Nacht⸗ eule zu wecken pflegten: 4 Zur Hülfe Ihr Nitter! Zur Hülfe Ihr Ritter! Seyd doch ſo gütiga, Ihr Herren Ritter! Hübſch ſachte dran, hübſch ſachte dran, Packt den alten Beelzebub— Oliver der raucht vor Furcht. „Ich ſollte doch die Stimme kennen,“ ſagte Ever⸗ ard, indem er den Hahn der Piſtole, die er aus ſei⸗ nem Gürtel gezogen hatte, in Ruhe ſetzte, dieſe aber immer noch in Händen behielt. Dann kam ein anderes Bruchſtück. Schlagt ſte,— plagt ſie, weit weg jagt ſie. „He da,“ ſchrie Markham,„wer kömmt da, und für wen?“ „ Für Kirche und Köͤnig,“ antwortete eine Stimme, die aber ſogleich hinzufuͤgte,„nein hol mich der Teufel⸗ ich wollte ſagen, gegen Kirche und König; denn der Pöbel hat die Oberhand.— Ich habe vergeſſen, was ſie ſind.“ „Roger Wildrake rermuthlich,“ ſagte Everard. „Derſelbe; Herr von Squattleamere in der feuch⸗ ten Grafſchaft Lincoln.“„Wildrake,“ ſagte Markham, „Du ſohteſt Wildgans heißen. Du haſt Deine Kehle 102 angefeuchtet, und benutzeſt es nun, Melodien zu ſin⸗ gen, die wahrhaftig für unſere Zeit recht ſchön paſſen!“ „Meiner Treu, die Melodie iſt doch recht nett, Mark, nur ein bischen aus der Mode, um ſo viel mehr ſoll man ſich darüber erbarmen.“ „Was hätte ich auch anders erwarten können,“ ſagte Everard,„als einem liederlichen trunkenen Rit⸗ ter zu begegnen, ſo verzweifelt und ſo gefährlich wie die Nacht und der Sect ſie zu machen pflegt? Wie nun, wenn ich Deine Melodie mit einem Piſtolenſchuß bezahlt hätte?“ „Je nun, dann wäre ein Pfeifer bezahlt worden — das wäre alles,“ ſagte Wildrake.—„Aber wa⸗ rum kömmſt du denn jetzt des Weges, ich wollte Dich eben in der Hütte ſuchen.⸗ „Ich mußte ſie verlaſſen— ich will Dir ſpäterhin den Grund ſagen.“ erwiederte Markham. „Was! kam Dir der alte jagdliebende Ritter in Weg, oder war deine Cloe unfreundlich?“ „Scherze nicht Wildrake, mit mir iſt alles vor⸗ bei!“ Fagte Everard. „Der Teufel auch!“ rief Wildrake aus,„und das nimmſt Du ſo ruhig hin!— Alle Welt, komm, laß uns zurück— ich will Deine Sache führen— ich weiß ſchon wie man einen alten Ritter und ein ſchönes Mädchen an ihren ſchwachen Seiten greift.— Laß mich nur gehen, um Dich rectus in curia auf⸗ zuſtellen. Du feige Memme. Der Teufel hole mich, Sir Henry Lee, werde ich ſagen, es iſt zwar wahr, Euer Neffe iſt ein Stück von einem Puritaner— ich kanns nicht läugnen— doch aber halte ich ihn für einen Edelmann und einen ganz artigen Burſchen. Madam, werde ich ferner ſagen, ſie glauben vielleicht, ihr Vetter gliche einem pſalmſingenden Weber mit ei⸗ nem kahlen Filzbut und mit dem einfältigen braunen Rocke, mit der Binde, die dem Vortüchlein eines Kin⸗ des gleicht, und mit weiten Stiefeln, jeder aus einem halben Kalbsfell verfertigt— aber laſſen Sie ihn ein⸗ 203 mal einen Kaſtorhut auf dem Kopfe tragen, und eine Feder dran, wie es ſeinem Stande ziemt; geben Sie ihm einen guten Toledodegen an die Seite, mit einer geſtickten Schärpe und einem eingelegten Griff, für das Stück Eiſen in dem umflochtenen ſchwarzen Degenge⸗ hänge; legen Sie ihm nur ein paar Kraftausdrücke in den Mund, und Gift und Dolch, mein Fräulein, werde ich ſagen—“ 1 3 „Ums Himmelswillen, ſchweig mit deinem Unſinn, Wildrake,“ erwiederte Everard,„und ſage mir, ob Du nuͤchtern genug biſt, einige Worte nüchternen Verſtan⸗ des anzuhören?“ „Ach was, mein Freund, ich leerte nur einige Fla⸗ ſchen mit jenem puritaniſchen, rundköpfigen Soldaten in der Stadt; und wahrhaftig ich galt für den Beſten von der Parthei, ſprach durch die Naſe, und verdrehte die Augen, wenn ich meinen Krug ergriff,— ja der Wein ſogar mußte die Scheinheiligkeit befördern hel⸗ fen. Ich glaube, der ſchurkiſche Korporal mochte zuletzt etwas merken; denn was die Gemeine betrifft, um die kümm're ich mich nicht, die baten mich nur, ich ſollte ein Dankgebet über eine andere Flaſche ausſprechen. „„Das iſt es gerade, wovon ich mit dir reden wollte, Wildrake,“ ſagte Markham.„Du hältſt mich doch ge⸗ wiß für deinen Freund?“. „Feſt wie Stahl. Gefährten im Colleg und im Wirthshaus zu Lincoln ſind wir Niſus und Euryales, Theſeus und Pirithous, Oreſtes und Pylades, und um dem Ganzen noch einen puritaniſchen Anſtrich zu ge⸗ ben, David und Jonathan zumal geweſen. Selbſt Po⸗ litik, der Keil, der Familien und Freundſchaften ſpal⸗ tet wie das Eiſen die Eiche theilt, hat uns nicht tren⸗ nen koͤnnen.“ „Es iſt wahr,“ antwortete Markham,„und als Du dem Könige nach Nottingham folgteſt, und ich mich unter Eſſex einſchreiben ließ, da ſchwuren wir bei unſerer Trennung, daß, welche Parthei auch den Sieg davon tragen würde, derjenige von uns, der ihr Säheng⸗ ſeinen minderglücklichen Gefährten beſchützen ollte. „Sicherlich Freund, ganz ſicher: denn haſt Du mich nicht auch dem gemäß beſchützt? Erretteteſt Du mich nicht vom Strick, und verdanke ich nicht Dir das Brod, das ich eſſe?“ „Ich habe nur das gethan, was Du, mein theu⸗ rer Wildrake, gewiß ebenfalls gethan hätteſt, wenn es anders geworden wäre. Aber wie ich ſagte, das iſt es eben, wovon ich mit Dir zu ſprechen wünſchte. Wa⸗ rum machſt Du das Geſchäft, Dich zu beſchützen, ſchwe⸗ rer als es an und für ſich iſt? Warum wagſt Du Dich in Geſellſchaft von Soldaten, oder dergleichen Leute, wo Du ſicher ſeyn kannſt, Dich in der Hiße des Ge⸗ ſpraͤchs zu verrathen? Warum gehſt Du auf der Land⸗ ſtraße einher, royaliſtiſche Lieder ſingend und pfeifend, wie ein betrunkener Soldat des Prinzen Rupert, oder wie einer von Willmots prahlender Leibwache?“ „Weil ich, wie Du wohl weißt, zu meiner Zeit, ſowohl das eine wie das andere war,“ erwiederte Wildracke.„Aber alle Welt, iſt es denn nöthig, daß ich Dich immer daran erinnern muß⸗ daß die Verbind⸗ lichkeit unſeres gegenſeitigen Schutzes, oder wenn ich mich ſo ausdrücken darf, unſer Schutz⸗ und Trutz⸗ Bündniß in Wirkſamkeit treten ſollte, ohne Bezug auf die politiſchen und religiöſen Anſichten des beſchützten Theils und ohne die geringſte Verbindlichkeit für den Beſchützten, die ſeines Freundes anzunehmen 2⸗7 „Das iſt wieder wahr,“ ſagte Everard;„aber mit der höchſtnöthigen Einſchränkung, daß dieſer Theil ſich den äußeren Formen der Zeit unterwerfen ſollte, die es für ſeinen Freund leichter und ſicherer machen, ihm zu dienen. Du aber brichſt immer hervor auf die Gefahr Deiner eigenen Sicherheit und meines Ein⸗ fluſſes.“ „Ich ſage Dir Mark, und würde es ſelbſt Dei⸗ nem Namens⸗Vetter, dem Apoſtel ſagen, daß Du un⸗ gerecht gegen mich biſt. Du warſt ſtetsnuͤchtern ⸗ und —— 105 ſcheinheilig, vom Flügelkleide bis zum Genfer⸗Man⸗ tel— von der Wiege bis auf den heutigen Tag,— Dir iſt es natürlich; doch wundert es Dich, daß ein rauher, luſtiger, ehrlicher Burſche, der gewohnt iſt, die Wahrheit zu ſprechen, ſo lange er lebt, und beſon⸗ ders, wenn er ſie auf dem Grund einer Flaſche findet, nicht vollkommen ſo ein Menſch ſeyn kann, wie Du.— Potz tauſend, wir ſtehen nicht auf gleichem Fuße. Ein gelernter Taucher, der ſeinen Athem ohne Schwierig⸗ keit zehen Minuten lang anhalten kann, könnte es eben⸗ ſogut einem armen Deufel vorwerfen, daß er es kaum 20 Secunden lang kann. Und wenn Du überdieß be⸗ denkſt, daß mir meine Rolle noch ſo neu iſt, ſo betrage ich mich doch meiner Meinung nach noch recht ordent⸗ lich.— Stell mich nur einmal auf die Probe!“ „Sind neuere Nachrichten von der Schlacht bek Worceſter gekommen?“ frug Everard in einem ſo ern⸗ ſten Tone, daß er ſeinem Gefährten Ehrfurcht einflöſtte, welcher antwortete: 2 „Hol mich der Deufel, noch Schlimmere, hundert⸗ mal Schlimmere, als berichtet worden— ganz aufs Haupt geſchlagen. Noll hat ſich ſicherlich dem Teufel verkauft, aber ſein Contract wird doch einmal aufhö⸗ ren, dieß iſt alle Hoffnung, die wir jetzt haben.“ „Ich glaube wahrlich, Du würdeſt dieß auch dem erſten beſten Rothrock geantwortet haben, der Dir meine Frage vorgelegt hätte,“ ſagte Everard,„dann wür⸗ deſt Du, glaube ich, einen ſchleunigen Paß zur näch⸗ ſten Wache bekommen haben.“ „Behuͤte,“ antwortete Wildracke,, ich wußte wohl, daß Du mich mit Deiner eigenen Perſon frugſt.— O über den glücklichen Tag! eine große Gnade— eine glorreiche Gnade— eine krönende Gnade— eine Er⸗ rettung— eine Erhöhung— ich ſage Dir, die Uebel⸗ Püinnten ſind zerſtreut worden, von Dan bis Ber⸗ eba— zerſchlagen, Lende und Hüfte bis zum Son⸗ nenuntergang!“ 3 — „Hörteſt Du noch etwas von den Wunden des Oberſten Thornhaugh?“ „Er iſt todt,“ antwortete Wildrake,„das iſt doch wenigſtens ein Troſt— der rundköpfige Scurke; aber halt, es war nur ein Sprachfehler— ich wollte ſagen, der ſüſſe, liebe Jüngling.“. „und hörteſt Du nichts weiter von dem jungen Manne, dem Könige von Schottland, wie ſie ihn nen⸗ nen?“ ſagte Everard.“. „Nichts, als daß er gejagt wird, wie ein Reh auf den Bergen. Möge Gott ihn befreien und ſeine Feinde vernichten!— Aber nein, Mark Everard, länger kann ich den Narren nicht mehr ſpielen. Erinnerſt Du Dich noch unſerer Spiele zu Lincoln— zwar miſchteſt Du Dich, wie ich glaube, nicht viel darein.— Da konnte ich, wenn es dazu kam, immer eben ſo gut ſpielen, wie einer von Allen, wenn es galt, aber in der Probe be⸗ ſtand ich nie. So iſts auch heute. Ich höre Deine Stimme und antworte ihr mit dem Anklang meines Herzens; aber wenn ich in Geſellſchaft Deiner näſeln⸗ den Freunde bin, ſo haſt Du mich meine Rolle ſchon ziemlich gut ſpielen ſehen.“ „Freilich nur ziemlich,“ erwiederte Everardz„doch haſt Du nichts weiter zu thun, als beſcheiden und ſtille zu ſeyn. Sprich wenig, und lege, wenn Du kannſt, deine derben Flüche und deine wilden Blicke bei Seite. Setze Deinen Hut gerade auf.“ „Ja, da liegt das Unglück, man hat mich immer an der ſonderbaren Art erkannt, wie ich meinen Hut außzuſetzen pflegte— es iſt doch hart, wenn die Verdienſte eines Mannes ihm zum Nachtheil dienen.“ „Du mußt bedenken, daß Du mein Schreiber „Dein Secretaire,“ antwortete Wildrake,„Laß mich Dein Secretaire ſeyn, wenn Du mich lieb haſt.“ „Schreiber mußt Du ſeyn, und nichts anders,— ein einfacher Schreiber, zund erinnere Diche daran⸗ „ 107 da Dn höflich und gehorſam ſeyn mußt,“ erwiederte Everard. „Aber Du ſollteſt Deine Befehle nicht ſo herrſche⸗ riſch geben, Meiſter Markham Everard. Bedenke, daß ich älter bin, als Du. Ich weiß wahrlich nicht, wie ich mich dazu anſtellen ſoll.”“ 1 „Gab es je einen ſo ſchwärmeriſchen Krumkopf? zwinge Dich, wenn nicht um Deinet⸗ doch um meinet⸗ willen, zwinge doch deine Thorheit, einmal Vernunft u hören, bedenke, daß ich Gefahr und Beſchimpfung einetwegen wage.“ „Du biſt ein recht braver Burſche, Mark,“ er⸗ wiederte der Ritter,„und um Deinetwillen könnte ich gar vieles thun— vergiß aber ja nicht, zu huſten und hinzurufen, wenn Du ſiehſt, daß ich mich vergeſſe. Aber ſage mir jetzt, wohin wir heute Nacht gehen?“ „In das Jägerhaus von Woodſtock,“ antwortete Markham Everard,„um nach dem Eigenthume mei⸗ nes Oheims zu ſehen. Man hat mir geſagt, daß Sol⸗ daten es in Beſitz genommen hätten, aber wie kann das ſehn, wenn Du ſie zu Woodſtock beim Krug fan⸗ e „Es war ſo eine Art Commiſſär, oder ein Beam⸗ ter oder ſo ein Schurke dabei, der in das Jägerhaus ging,“ erwiederte Wildrake.„Ich habe wohl auf ihn gemerkt.“ „Wirklich?“ erwiederte Everard. „Ja wahrhaftig, um Deine Sprache zu reden. Und als ich vor ungefähr einer halben Stunde durch den Park ging, um Dich zu ſuchen, ſahe ich Licht im Jägerhaus. DTritt hieher und Du wirſt es ſelbſt ſehen.“ „In dem nordweſtlichen Ende, es ſchimmert aus einem Fenſter des Zimmers des Victor Lee, wie man es nennt.“ „Recht ſo,“ fuhr Wildracke fort.„Ich diente lange unter den Lundsforder⸗Burſchen und verſteh' mich ſehr gut auf das Recognosciren. Nie ſah ich ein Licht im Nachtrab ſchimmern, oder ich mußte wiſ⸗ 10⁰8 ſen, was es bedeute. Ueberdieß, Mark, haſt Du mir ſchon ſoviel von Deiner ſchoͤnen Baſe erzählt, daß ich hoffte, ſie wo möglich zu erblicken.“ „Unbedachtſamer, unverbeſſerlicher junger Mann, welchen Gefahren ſetzeſt Du Dich und Deine Freunde aus, um bloſſer Thorheit willen— aber geh nur zu.“ „Bei dieſem ſchönen Mondſcheine, ich glaube Du biſt eiferſüchtig, Mark Everard,“ erwiederte ſein fröh⸗ licher Gefährte,„aber Du haſt keine Urſache dazu, denn hätte ich Deine Dame geſehen, ſo hätte mich ſchon mein Ehrgefühl unempfindlich gegen die Reitze der Cloe meines Freundes gemacht. Ferner konnte mich die Dame auch nicht ſehen, alſo keinen Vergleich an⸗ ſtellen, der vielleicht zu Deinem Nachtheil ausgefallen wäre— und endlich haben wir uns ja gar nicht ge⸗ ſehen.“ „Das weiß ich wohl, Fräulein Alexis verließ das Jägerhaus vor Sonnenuntergang und kehrte nicht zu⸗ rück. Was ſaheſt Du denn, um eine ſo große Vorrede zu machen?“ „Nichts Bedeutendes,“ erwiederte Wildrake,„ich ſtieg blos auf einen Pfeiler,(denn ich kann klettern, wie eine Katze, die je in einer Regenrinne miaute) bielt mich an dem Wein und an den Ranken, die um⸗ her wuchſen, und gelangte auf einen Punct, wo ich in das Zimmer ſehen konnte, wovon Du eben ſprachſt.“ „Und was ſah'ſt Du da,“ frug Everard wieder. „Ach nichts Bedeutendes, wie ſchon geſagt,“ er⸗ wiederte der Ritter;„denn in dieſen Zeiten iſt es nichts ſeltenes, wenn ſich Bauernlümmel in königlichen und adelichen Zimmern herumtreiben. Ich ſahe zwei Schlin⸗ el, die damit beſchäftigt waren, einen mächtigen Krug ranntwein zu leeren, und eine große Wildprets⸗Pa⸗ ſtete zu verſchlingen, die ſie zu ihrer Bequemlichkeit auf den Arbeits⸗Tiſch einer Dame geſtellt hatten.— ner von ihnen ſpielte ein Stückchen auf der Laute.“ „Die unlauteren Elenden!“ rief Everard aus, „es war Alexis Zither,“ v— 109 „Recht ſo Camerad, das freut mich, daß Dich doch auch etwas aus deinem Phlegma reißen kann. Ich erwähnte nur die Umſtände mit der Laute und dem Tiſch, um zu verſuchen, ob es möglich wäre, einen Fun⸗ ken menſchlichen Geiſtes aus Dir herauszubringen, ſo heilig Du auch biſt.“ „Wie ſahen die Leute aus?“ ſagte Everard. „Der eine ein ſchlapphutiger, langmantelicher, grlesgrämiger Schwärmer, wie die meiſten von Euch, den ich für den Beamten oder den Commiſſär hielt, von dem ich in der Stadt habe ſprechen hören. Der andere war ein kurzer ſtämmiger Burſche mit einem Fandeſie im Gürtel, und einem großen Stock neben ſch— ein ſchwarzhaariger Geſell mit weiſſen Zähnen und fröhlichen Geſichtszügen. Einer der Unteraufſeher oder Feldſchützen dieſes Parks, wie ich mir einbilde.“ „Das muß Desborough's Liebling der treue Tom⸗ kins und Jocolin Joliffe, der Förſter geweſen ſeyn,“ ſagte Everard.„Tomkins iſt Desborough's rechte Hand, ein Independent, hat geiſtliche Ergieſſungen, wie er ſie nennt. Man ſagt, ſeine Predigergabe über⸗ träfe ſeine Sitten. Ich habe gehört, daß er ſie ſchon bei Gelegenheiten mißbrauchte.“ 4 1 „Dann waren ſie damit beſchäftigt, ſie recht nütz⸗ lich zu gehtauhen⸗ als ich ſie ſah, erwiederte Wild⸗ rate;„denn ſie liehen die Flaſche ſchäumen— als durch einen verzweifelten Zufall ein Stein der ſich von dem verfallenen Pfeiler losriß, unter mir nachgab. Ein tölolicher Burſche wie Du würde ſich lange bedacht baben, was da zu thun ſeye, ſo daß er nothwendig dem Stein hätte folgen müſſen, ehe er zu einem Ent⸗ ſchluß gekommen wäre. Aber ich Mark, ich hüpfte wie ein Eichhörnchen, ergriff einen Epheuzweig und ſtand wieder ſeſt; aber beinahe wär' ich erſchoſſen wor⸗ den; denn der Lärm machte beide aufmerkſam. Sie ſaben durch das Fenſterlein, und erklickten mich, wie ich drauſſen ſtand. Der fanatiſche Burſche ergriff eine Piſtole;— denn nehen ihrer kleinen Taſchenbibel haben ſie immer, wie Du weißt, einen ſolchen Text in Be⸗ reitſchaft.— Der Förſter ergriff ſeinen Jagdſpies, ich aber drohete ihnen mit Brüllen und Zähnefletſchen; ldenn du mußt wiſſen, daß ich Geſichter ſchneiden ann, wie ein Pavian) ich lernte den Streich von ei⸗ nem Franzoſen, der ſeine Kinnbacken wie ein Nuß⸗ knakker verdrehen konnte, dann ließ ich mich ſanft auf das Gras herunter, und trippelte ſachte auf der Schat⸗ tenſeite der Mauer, ſo lang ich konnte, und nun bin ich ſicher überzeugt, daß ſie glaubten ihr Gevatters⸗ mann der Teufel hätte ihnen unberufen einen Beſuch abgeſtattet. Sie erſchraken entſetzlich.“ „Du biſt furchtbar vorſchnell Wildrake, ſagte ſein Gefährte;„aber wir müſſen jetzt in das Haus, wie nun, wenn ſie Dich wieder erkennen?“ 4 „Nun ſo iſts doch auch kein Hochverrath; ſeit den Tagen des Tomas ven Conventry wurde niemand we⸗ gen des Lauſchens beſtraft, und wenn er zur Rechen⸗ ſchaft gezogen wurde, ſo hatte er eine andere Rechnung als ich. Aber glaube mir, ſie werden mich eben ſo wenig erkennen, als ein Mann, der Deinen Freund Noll nur in einem heiligen Conſiſtorium ſah, denſelben Oli⸗ ver zu Pferd erkennen würde, an der Spitze ſeiner Rei⸗ ter, oder denſelben Noll, wenn er mit dem gottloſen Dichter Waller ſcherzt und trinkt.“„Still, nicht ein Wort von Oliver, ſo lieb Dir Dein nd mein Leben iſt. Spiele nicht mit dem Felſen, der Dich zerſchmet⸗ tern kann. Aber da ſind wir am Thor; wir wol⸗ len die ehrenwerthen Gentlemen doch ein wenig bei ih⸗ rem Schmauſe unterbrechen.“ Bei dieſen Worten ſchlug er mit dem großen, gewichtigen Hammer an das Thor des Gebäudes. „Ratta ta tu!“ rief Wildrake,„das wird Euch Nundköpfe ſchön erſchrecken;“ dann recitirte er den Anfang eines Volksliedes, das er halb ſang und halb mit lächerlichen Grimaſſen begleitete: „Hahnrey kommt, hört mein Liedel Kommt und tanzt zu meiner Fidel!“ 111 „Nein bei Gott, das überſteigt allen Wahnſinn, ſagte Everard, indem er ſichtheftig umwandte.„Ganz und gar nicht,“ erwiederte Wildrake,„es iſt nur eine kleine Herzenserleichterung, gerade wie jemand, der eben eine recht lange Rede beginnen will. Ich muß jetzt eine Stunde ernſt ſeyn, und da hab' ich mir einſt⸗ weilen die Kriegsgedanken aus dem Kopf geſchlagen.“ Als er ſprach, hörte man Schritte in der Halle, und das Nebenpförtchen des großen Thors ward halb geöffnet, aber auf einen unvorhergeſehenen Fall erſt mit einer Kette geſperrt. Das Geſicht Tomkins und Jo⸗ colins war durch die Spalte ſichtbar, und ihre Geſtalt von der Lampe erhellt, welche der Letztere trug. Tom⸗ kins frug, was ſie wollten. „Ich verlange augenblicklichen Einlaß,“ ſagte Everard,„Joliffe Du kennſt mich doch? „Ja Herr,“ erwiederte Jocolin,„und wollte Euch von Herzen gern einlaſſen; aber Ihr ſeht, daß ich die Schlüſſel nicht in Verwahrung habe. Hier iſt der Herr, deſſen Befehle ich gehorchen muß. Es thut mir wehe genug, daß es ſo weit gekommen iſt.“ „Und wenn der Herr, den ich für Mr. Desbo⸗ rough Diener halte“— „Sx. Geſtrengen unwürdiger Secretär, wenn Sie es erlauben,“ fiel Tomkins ein, während Wildrake dem Everard in's Ohr flüſterte:„jetzt will ich nicht länger mehr Secretär ſeyn. Mark, Du haſt Recht gehabt— Schreiber muß wohl eine ehrenvollere Be⸗ nennung ſeyn.“”“ „Und wenn Ihr der Secretär des Desbourough ſeyd,“ ſagte Everard, indem er ſich an den Inde⸗ pendenten wendete,„ſo muß Euch wahrſcheinlich mein Stand bekannt genug ſeyn, um nicht zu zogern, mir und meinem Diener ein Nachtquartier im Jägerhaus zu gewähren.“ „Gewiß nicht, ſagte der Independent,“ nämlich, wenn Ew. Gnaden es nicht für beſſer finden, in das Wirthshaus in der Stadt einzukehren, das man höchſt unziemend das Wirthshaus zum Ritter St. Georg nennt. Dieſes Haus bietet nur wenig Bequemlichkei⸗ ten dar, Ew. Gnaden, und wir ſind ſchon durch einen Beſuch des Satans bis auf den Tod erſchreckt wor⸗ den, wenn ſchon ſein feuriger Pfeil jetzt gelbſcht iſt.“ „Das mag am gehörigen Ort, alles ganz recht ſeyn, Herr Secretaͤr,“ ſagte Everard,„und Sie wer⸗ den ſchon eine Stelle finden, wenn ihnen wieder die Luſt kommen ſollte, den Prediger zu ſpielen. Aber ich nehme keine Entſchuldigung dafuͤr an, daß Sie mich hier in dem kalten Herbſtwinde ſtehen laſſen. Und wenn Sie mich nicht augenblicklich und geziemend einlaſſen, fo werde ich bei ihrem Herrn, wegen ihrer Unverſchämt⸗ heit Klage führen.“ Jetzt wagte der Secretaͤr des Desbourough keinen Widerſtand; denn es war wohl bekannt, daß Des⸗ bourough ſelbſt ſeinen ganzen Einfluß ſeiner Verwandt⸗ ſchaft mit Cromwell verdankte, und daß der Lord⸗Ge⸗ neral, der ſchon jetzt faſt allmächtig war, ſowohl dem älteren als dem jüngeren Everard ſehr geneigt ſey. Freilich waren ſie Presbyterianer, und er ein Indepen⸗ dent, und wenn ſchon die Everards die Gefühle der ſtrengen Moralität und Gottesfurcht theilten, durch welche ſich mit wenigen Ausnahmen die Parthei des Par⸗ lamentes auszeichnete, ſo waren ſie doch nicht geneigt, dieſe Geſinnungen bis auf den höchſten Enthuſiasmus zu ſteigern, wie ſo viele andere ihrer Zeitgenoſſen. Doch wußte man recht wohl, daß, wie es auch mit Eromwell's perſönlichem Glauben ſtehen mochte, er ſich doch durch die Religion keinesweges in der Wahl ſei⸗ ner Lieblinge binden ließ, ſondern ſeine Gewogenheit auf jeden ausdehnte, den er gebrauchen konnte, wenn er ſchon, um den Ausdruck der damaligen Zeit zu ge⸗ brauchen, noch in der Finſterniß Egyptens wan⸗ delte. Der ältere Everard war bekannt wegen ſeiner Einſicht und ſeines Geiſtes, und da er uberdieß von guter Familie war, und ein bedeutendes Vermögen beſaß, ſo verlieh er einer jeden Parthei, die er er⸗ grei⸗ 1 1¹³ greifen mochte, größeres Anſehen und Gewicht. Sein Sohn hingegen war ein ausgezeichneter glücklicher Soldat, der ſich durch die Mannszucht auszeichnete, die er bei ſeinen Leuten unterhielt, durch die Tapfer⸗ keit, die er in der Schlacht, und durch die Menſch⸗ lichkeit, die er beim Siege zeigte. Solche Manner durften nicht vernachläſſigt werden, zu einer Zeit, wo mancherlei Symptome anzuzeigen ſchienen, daß die Par⸗ theien im Staat, welche die Entthronung und den Tod des Königs bewirkt hatten, nun über die Theilung der Beute in Streit gerathen würden. Deßwegen ſchmei⸗ chelte auch Cromwell den beiden Everards auf jede Weiſe, und man hielt ihren Einfluß bei ihm für ſo groß, daß der ehrenwerthe Secretär Tomkins ſich kei⸗ ner Gefahr auszuſetzen glaubte, wenn er dem Oberſten Everard ein Nachtlager im Jägerhaus gewährte. Joco⸗ lin war thätig— er brachte eine größere Anzahl Lichter herbei, warf Holz ins Feuer und führte die neu angekom⸗ menen Fremden in das Zimmer des Victor Lee, wie man es nach dem Gemälde über dem Kamin nannte, und welches wir bereits beſchrieben haben. Es dauerte ei⸗ nige Minuten, ehe Oberſt Everard die Stoa ſeines Betragens wieder erlangen konnte.„Einen ſo tiefen Eindruck machte es auf ihn, daß er ſich wieder in dem Zimmer befand, in welchem er die glücklichſten Stunden ſeines Lebens zugebracht hatte. Da war das Kabinet, das er mit ſo ſeeligen Empfindungen hatte öͤffnen ſehen, wenn es dem Sir Henry Lee gefiel, ihm im Fiſchen Unterricht zu geben, und ihm Angeln und Angel⸗ ruthen zeigte, ſammt allen Erforderniſſen, künſtliche Wür⸗ mer zu verfertigen, was damals noch wenig bekannt war. Da hing das alte Familiengemälde, das, weil ſein Oheim ſich einigemal geheimnißvoll darüber ausgeſprochen hatte, ein Gegenſtand ſeiner Neugierde und ſeiner Furcht für ſeine Kindheit und ſelbſt für ſein früheſtes Junglings⸗ alter geweſen war⸗ Er erinnerte ſich, daß wenn er als Kind allein in dem Zimmer war, das kühne Aug⸗ W. Seott's Werke. X. 8 . 114. des alten Kriegers ihn immer anzuſchauen ſchien, wo⸗ hin er ſich auch ſtellen mochte, und wie ſehr ſeine kind⸗ liche Einbildungskraft von dieſer außerordentlichen Er⸗ ſcheinung beunruhigt wurde, für die er keinen Grund anzugeben wußte. Damit verbanden ſich tauſend theure und wärmere Rückerinnerungen an ſeine frühe Liebe zu ſeiner ſchönen Baſe Alexis, wenn er an jenen Stunden Theil nahm, ihr Waſſer für ihre Blumen brachte, oder ſie bei ih⸗ rem Geſang accompagnirte. Er erinnerte ſich noch, daß ſie einſt ihr Vater mit gutmüthigem ſorgloſem Lä⸗ cheln betrachtet, und halblaut für ſich geſprochen hatte: „Wenn es ſo geht, ſo möchte es wohl für Beide das Beſte ſeyn,“ und wie viel glückliche Träume er darauf gebaut hatte. Aber die Poſaune des Kriegs, welche den Sir Henry Lee und ihn zu entgegengeſetzten Seiten rief, hatte alle dieſe Hoffnungen zerriſſen, und die Unterredung deſſelben Tages hatte gezeigt, daß ſelbſt Everards Glück als Soldat und Staatsmann ihm den Weg zu ſeinen Hoffnungen gänzlich abſchnitt. Jocolin erweckte ihn aus ſeinen unfreundlichen Träumereien, und wünſchte ſeine Befehle zu erhalten. „Wollen Sie etwas eſſen?—„Nein.“ „Wollen Ew. Gnaden das Bette des SirHenry annehmen, das ſchon bereit ſtand?“—„Ja.⸗„Soll das der Fräulein Alexis Lee für den Secretär einge⸗ richtet werden?“— „Wennm Dir Deine Ohren lieb ſind— nein,“ er⸗ wiederte Everard. 8 „Wo ſoll denn der ehrenwerthe Secretär hinlogirt werden?“ „Meinetwegen ins Hundehaus,“ erwiederte der Oberſt Everard,„aber,“ fügte er hinzu, indem er ſich dem Schlafzimmer der Alexis näherte, das eine Thüre mit dem Wohnzimmer berband, es zuſchloß, und den Schlüſſel zu ſich ſteckte;„Niemand ſoll dieſes Zimmer entweihen.“ Haben Ew. Gnaden noch etwas für dieſe Nacht zu befehlen?“ — 115 3 „Nichts, nur ſollſt Du das Zimmer von jenem Manne reinigen,— mein Schreiber wird bei mir blii⸗ ben— ich muß noch einige militäriſche Ordonanzen aus⸗ ſchreiben.— Aber wart', gabſt Du heute Morgen der Fräulein Alexis meinen Brief?“—„Ja Herr.“ „Sage mir doch, guter Jocoline, was ſagte ſie denn, als ſie ihn empfing?““ 3„Sie ſchien viel Antheil daran zu nehmen. Sir, und ich glaube faſt, ſie weiute auch ein wenig— im Allgemeinen aber ſchien ſie ſehr bekümmert.“, Und was trug ſie Dir auf, mir zu ſagen?“„Nichts, wenns Er. Gnaden gefällt— zuerſt ſagte ſie:„ſage meinem Vetter Everard, daß ich das gütige Anerbieten meines Oheims meinem Vater mittheilen will, wenn ich eine günſtige Gelegenheit finde— aber ich fürchte ſehr“— hier hielt ſie inne, und ſagte:„ich will meinem Vetter ſchreiben, daß es ſpät werden kann, bis ich Gelegenheit finde, mit meinem Vater zu ſprechen, ſo hole meine Antwort nach dem Gottesdienſte ab.— Um alſo meine Zeit nütz⸗ lich anzuwenden, ging ich in die Kirche; aber als ich auf meinen Poſten zurückkehrte, fand ich, daß dieſer Mann meinen Herrn ſchon zur Uebergabe aufgefordert hatte, und ob mit Recht oder mit Unrecht, genug, ich mußte ihm das Jägerhaus übergeben. Ich hätte Ew. Snaden gern einen Wink gegeben, daß der alte Rit⸗ teer und mein junges Fräulein Euch überraſchen wird, aber ich konnte es nicht ändern.“„Du haſt ganz recht gehandelt, guter Burſche, und ich werde mich Deiner erinnern.— Nun aber meine Herrn,“ ſagte er, in⸗ dem er ſich den beiden Schreibern oder Seeretären nä⸗ herte, die unterdeſſen ruhig bei dem ſteinernen Kruge ſaßen, und bei einem Glaſe Bekanntſchaft anknüpften, „denkt daran, daß es ſpät wird.“ „Aber in der Flaſche ruft noch etwas kling, kling,“ erwiederte Wildrake Hm! Hm! huſtete der Oberſt; und wenn auch ſeine Lippen die Unvorſichtigkeit ſeines Gefährten nicht verwünſchten, ſo wollen wir doch nicht für das ſtehen, war viellticht in ſeinem Herzen aufſtieg.„Cut,“ ſagte er, als er bemerkte, daß Wildrake ſein und Tomkinens Glas füllte,„trinkt noch eins zum Abſchied, undz geht eurer Wege.“ „Wollten Sie nicht ſo gütig ſeyn„“ ſagte Wild⸗ rake,„erſt zu hören, wie dieſer ehrenwerthe Gentlemen heute Nacht den Teufel durch jenes Fenſter blicken ſah, und wie er glaubt, daß er dem unterthänigen Scla⸗ ven und dem armſeligen Schreiber Ew. Gnaden entſetz⸗ lich äͤhnlich ſehe? Wollten Sie nur das anhören, Herr, und ein Glas von dieſem ſehr empfehlenswerthen Brannt⸗ wein koſten?“„Ich trinke keinen, Herr,“ ſagte Oberſt Everard ernſt,„und muß Euch ſagen, daß Ihr ſchon ein Glas zu viel getrunken habt.— Mr. Tomkins, ich wünſche Ihnen gute Nacht.“ „Ein Wort zu ſeiner Zeit beim Abſchiede,“ ſagte Tomkins, als er von ſeinem großen ledernen Armſtuhl aufſtand, huſtete und ſich räuſperte, als wollte er eine Ermahnung vorbereiten,„um Verzeihung Herr,“ fiel Mariham Everard ernſt ein, Sie ſind jetzt Ihrer ſelbſt nicht mächtig genug, um andere Leute zur Andacht zu erheben.“ „Wehe denen, die da verwerfen,— ſagte der Se⸗ eretär der Commiſſion, indem er das Zimmer verließ⸗ das Ende des Satzes ging durch das Knarren der Thüre berloren⸗ oder ward aus Furcht zu beleidigen, unter⸗ rütkt. „Und nun, Du Narr Wildrake, geh' in dein Bett— da iſt es,“— indem er auf das Gemach des Ritters zeigte. 4 „So, haſt Du das Zimmer des Fräuleins für Dich aufgehoben? ich ſah wie Du den Schlüſſel in die Taſche ſteekte t.“⸗ „Ich will nicht— ich kann nicht in jenem Zimmer ſchlafen— ich kann eigentlich gar nicht ſchlafen— ich will in dieſem Lehnſeſſel wachen. Ich habe Holz hieher legen laſſen, um nachſchüren zu können.— Aber jetzt iſt,s gut, geh' nur in dein Bett und ſchlafe Deinen Rauſch 8. 74 „Ranſch, ich lache Dir ins Geſicht— Du biſt ein — — 117 Milchbart, der Sohn eines Milchbarts, der nicht weiß,⸗ was ein tüchtiger Kerl bei einem Glas Wein vermag⸗“ „Sind doch ahe Laſter ſeiner Parthei in dem einzi⸗ gen erbärmlichen Geſellen vereinigt, ſagte der Oberſt vor ſich, indem er auf ſeinen Schützling blickte, als dieſer ſich nicht ſehr feſten Fußes in ſein Schlaßzimmer begab.“—„er iſt leichtſinnig, unmaͤßig und ausſchwei⸗ fend, und bring' ich es nicht dahin, daß ich ihn glücklich nach Frankreid überſchiffen laſſen kann, ſo wird er mich und ſich ins Unglück ſtürzen.— Doch iſt er auch wiede⸗ rum wohlwollend, tapfer und großmüthig, und würde mir die Treue gehalten haben, die er nun von mir er⸗ wartet. Und in was beſteht denn das Verdienſt unſerer Treue, wenn wir das gegebene Wort nicht beobachten, wenn es uns ſelbſt zum Nachtheil iſt? Doch will ich mir die Freiheit nehmen, mich vor weiteren Störungen von ſeiner Seite ſicher zu ſtellen. Indem er das ſagte, verſchloß er die Verbindungs⸗ thüre zwiſchen dem Schlafgemach, wohin ſich der Rit⸗ ter zurückgezogen hatte, und dem Wohnzimmer:— dann durchſchritt er einigemal nachdenkend die Halle, kehrte zu ſeinem Sitz zurück, putzte die Lampe, und zog eine Menge Briefe heraus.—„Ich will ſie noch einmal über⸗ leſen,“ ſagte er,„damit wo möglich das Nachdenken über die Angelegenheiten des Staates, das tiefe Gefühl meines perſönlichen Kummers verbannt. Allbarmher⸗ zige Vorſehung, wo ſoll das enden? Wir haben den Frieden unſerer Familien, die wärmſten Wünſche unſe⸗ rer jugendlichen Herzen aufgeopfert, für die Rechte un⸗ ſeres Vaterlandes, und um es von Unterdrückung zu befreien. Doch ſcheint es, daß jeder Schritt, den wir der Freiheit entgegen gehen, uns nur in neue ſchreckli⸗ chere Gefahren bringt, wie der, welcher eine Bergge⸗ gend durchwandert, bei jedem Schritte, der ihn höher ſtellt, in eine groͤßere Gefahr verſetzt wird“ Er las lange und aufmerkſam verſchiedene ermü⸗ dende, weitläuſige Briefe, in welchen die Schreiber⸗ während ſie ihm die Ehre Gottes und die Freiheiten und Rechte Englands als ihren höchſten Zweck vorſtell⸗ 118 jen, mit allen ihren umgehenden Ausdrücken das ſcharfe Auge des Markham Everard, nicht verhindern konn⸗ ten, zu ſehen, daß ihr eigener Vortheil und Ehrgeitz die Hauptbeweggründe ihrer Complotte waren. Fuͤnftes Kapitel. Der Schlaf beſchleicht uns wie ſein Bruder Tod— Die Zeit iſt unveſtimmt⸗ doch kömmt er ſicherlich. Ihr möchtet ihn gern baſſen und verachten; Denn darin ſetzt das Eiend ſeinen Stolz Wenn es Euch ſagt, es kenne keine Ruhe. Doch Eltern, die ihr einz'ges Kind verloren, Der hoffaungsloſe Liebende, der arme Sünder ſelbſt, Der Morgen ſchon den Gnadenſtreich erwartet, Selbſt den beſchleicht der Schlat, obgleich er wohl In ſeinem Herzen denet, daß Unglück ihn verſcheuche; Und durch die faſt. geſchleifte Feſtung— durch den Körper Führt er die Garniſon— das Hersz— als Kriegegefanaor fort. erber Der Oberſt Everard lernte die Wahrheit kennen, welche in den Verſen der ſinnreichen, alten Barden liegt, die wir oben anführen. Bei ihrem Kummer und bei ihrer Angſt für ihr Paterland, das ſo lange eine Beute des Bürgerkrieges war, und ſich der Hoff⸗ nung nicht ſchmeicheln konnte, bald eine feſte, wohl⸗ eingerichtete Regierungsform zu erhalten, hatten Eve⸗ rard und ſein Vater, wie ſehr viele andere, ihre Au⸗ gen auf den General Cromwell geworfen. Seine Tap⸗ ferkeit hatte ihn zum Liebling der Armee gemacht, ſeine Geiſtesgegenwart und ſeine Gewandtheit hatte bisher die großen Talente zu Boden geworfen, welche ihn im Parlamente ſowohl als auf dem Schlachtfelde angriffen,— kurz ihn hielt man für den einzigen Mann, der im Stande ſey, die Nation zur Ruhe zu brin⸗ gen, wie man ſich ausdrückte, oder mit anderen Wor⸗ ten, die Form und die Einrichtung des Staatshaus⸗ baltes vorzuſchreiben. Man glaubte, beide Everards ſtänden hoch in der Gunſt des Generals. Doch hatte Mariham einige Umſtände bemerkt, welche ihn bewo⸗ 119 gen, daran zu zweifeln, ob Cromwell gegen ſeinen Va⸗ ter und gegen ihn wirklich ſo günſtig geſtimmt wäre, wie man es allgemein glaubte. Er kannte ihn für ei⸗ nen großen Politiker, der eine Zeit lang ſeine wahren Geſinnungen von Menſchen und Dingen verbergen konnte, bis er im Stande war, ſie ohne Nachtheil an den Tag zu legen. Auch wußte er überdieß, daß der General wahrſcheinlich den Widerſtand nicht vergeſſen 4 würde, welchen die preßbyterianiſche Partei geleiſtet hatte, als Oliver das, was er die große Angelegenheit nannte— nämlich den Prozeß und die Hinrichtung des Königs beabſichtigte und ausführte. Auch Everard und ſein Vater hatten an dieſer Oppoſition lebhaft Theil genommen, und weder die Gründe noch die halb ausgeſprochenen Drohungen Cromwells konnten ſie ver⸗ mögen davon abzuweichen und noch viel weniger ihre Namen auf die Liſte der Commiſſion bringen zu laſ⸗ ſen, welche ernannt worden war, um in dieſer merk⸗ würdigen Sache zu Gericht zu ſitzen. Dieſe Weigerung hatte eine augenblickliche Span⸗ 4 nung zwiſchen dem General und den Everards, Vater 3 unnd Sohn hervorgebracht. Aber da der Letztere bei/ 3 der Armee blieb, und ſowohl in Schottland als kürz⸗ lich erſt bei Worceſter unter Cromwellen diente, ſo er⸗ warb er ſich in ſeinem Dienſte bei vielen Gelegenhei⸗ ten das Lob und den Beifall ſeines Feldherrn. So war er namentlich nach der Schlacht von Worceſter unter der Anzahl derjenigen Officiere, denen Oliver, 4 welcher mehr die wirkliche Größe ſeiner Macht, als den — Namen bedachte, unter welchem er ſie aueübte, nach eigenem Willen und Einſicht die Ritter und Banner⸗ herrn⸗Würde verleihen wollte, wovon er nur mit gro⸗ ßer Muͤhe abgehalten wurde. Es ſchien daher, als wäre jede Rückerinnerung an frühere Streitigkeiten ins Meer der Vergeſſenheit verſenkt, und als wenn die Everard ihren früheren, großen Antheil an der Gunſt des Generals wieder erlangt hätten. Zwar ward es von einigen in Zweifel gezogen, welche es verſuchen wollten, den ausgezeichneten jungen Officier zu einer 1 12⁰0 von den andern Parteien zu reißen, welche die junge Republik ſvalteten; ſie fanden aber ein taubes Ohr für ihre Vorſchläge. Genug Blut märe ſchon vergoſ⸗ ſen worden, ſagte er,— die Zeit wäre da wo die Na⸗ tion ruhen müſſe, unter einer feſt eingerichteten Regie⸗ rung, welche Kraft genug beſäſſe, das Eigenthum zu beſchützen und Milde, um die Ruhe wieder herzuſtel⸗ len. Das könne aber, ſeiner Meinung nach, nur durch Eromwell bewerkſtelligt werden und der größere Theil der Engländer dachte wie er. Freilich vergaßen diejenigen, welche ſich einem glücklichen Soldaten unterwerfen wollten, die Grund⸗ ſätze, nach welchen ſie das Schwerdt gegen den letzten König gezogen hatten. Aber in Revolutionen müſſen ſtrenge und große Grundſätze gar oft dem Drang der Umſtände weichen; und in gar vielen Fällen wurden Kriege wegen metaphyſiſcher Rechte angefangen, wo man ſich zuletzt herzlich freute, ſie mit der bloſen Hoff⸗ nung auf allgemeine Ruhe zu beendigen, ſo wie eine Garniſon nach langer Belagerung oft froh iſt, ſich mit bloſer Zuſicherung des Lebens ergeben zu können. Deßwegen fühlte Oberſt Everard es ſelbſt recht wohl, daß er Cromwelln nur deßwegen unterſtützte, weil man unter vielen Uebeln das kleinſte wählen müſſe, was wohl daraus entſtände, wenn man einem ſo ein⸗ ſichtsvollen und tapferen Manne, wie dem General, die höchſte Leitung der Geſchäfte anvertraute; auch wußte er es recht gut⸗ daß Oliver ſeine Anhänglich⸗ keit wahrſcheinlich als lau und unvollkommen betrach⸗ ten, und ſeine Dankbarkeit nach demſelben beſchränk⸗ ten Maasſtabe abmeſſen wuͤrde. Unterdeſſen zwangen ihn jedoch die Umſtaͤnde, die Freundſchaft des Generals zu erproben. Schon lange war die Beſchlagnahme von Woodſtock beſchloſſen, und die Vollmacht, der Commiſſaire ausgeſtellt, es als ein National⸗Eigenthum einzuziehen, und nur der Ein⸗ fluß des älteren Everard hatte die Vollziehung Wo⸗ chen und Monate lang aufgehalten. Nun aber war die Stunde da, wo man den Stoß nicht länger mehr pa 8 12²1— riren konnte, beſonders da Sir Henry Lee ſeiner Seits, jeden Vorſchlag ſich der beſtehenden Regierung zu un⸗ terwerfen zurückwieß, und nun, da ſeine Gnadenſtunde vorüber war, auf die hartnäckigen unverbeſſerlichen Uebelgeſinnten geſetzt ward, mit denen der Staats⸗ rath nicht ferner gütlich verfahren wollte. Das ein⸗ zige Mittel, das alſo noch übrig blieb, den alten Rit⸗ ter und ſeine Tochter zu beſchützen, war, wo möglich die Theilnahme des Generals bei der Sache zu gewin⸗ nen. Aber wenn er alle Umſtaͤnde berückſichtigte, ſo ſah Oberſt Everard wohl ein daß eine Bitte, die dem Intereſſe des einen Commiſſärs Desborough, der ein Schwager Cromwell's war, ſo ſchnurgerade ent⸗ gegen lief, die Freundſchaft des Letzteren auf eine harte Probe ſtellte. Doch blieb keine andere Wahl übrig. Mit dieſen Anſichten, und um den Wünſchen Cromwell's zu entſprechen, der ihn beim Abſchiede ſehr dringend bat, ihm ſchriftlich ſeine Anſichten über den Zuſtand, der öffentlichen Angelegenheiten mitzu⸗ theilen, brachte der Obriſt Everard den Anfang der Nacht, damit zu, ſeine Ideen über den Zuſtand der Republik in einen Vlan zu faſſen, von dem er glaubte, daß es Cromwell höchſt angenehm ſeyn muͤſſe. Er er⸗ mahnt ihn darin, mit Hülfe der Vorſehung der Er⸗ retter des Staates zu werden ein freies Parlament zu berufen, und ſich mit deſſen Hülfe an die Spitze einer liberalen, aber kraͤſtigen Regierungsform zu ſetzen, die der Herrſchaft der Volkswillkühr ein Ende mache, welche die Nation ins Verderben zu ſtürzen drohe. Indem er in einem Ueberblick die aänzlich ohnmächtige Lage der Royaliſten und die verſchiedenen Partheien ſchilderte, welche den Staat in eine krampfhafte Bewegung ver⸗ ſetzten, zeigte er, daß man ſeinen Plan ohne Blutver⸗ gießen, und ohne Gewaltthätigkeit ausführen könne. Von dieſem Standpuntte aus zeigte er die Nothwendig⸗ keit, Grundſtücke und Reſidenzen von einigem Umfang der Würde der zukünftigen ausübenden Gewalt gemäß aufzubewahren, und bezeichnete fuͤr dieſe Stelle den Cromwell als den haldigen Statthalter oder Conſul, 122 oder General⸗Lieutenant von Großbrittanien und Ir⸗ land. Dann ging er natürlich auf den Verkauf und auf die Zerſtörung der königlichen Reſidenzen von Eng⸗ land über, machte ein klägliches Gemälde von dem Ver⸗ derben das über Woodſtock ſchwebe, und bat dringend um die Erhaltung dieſes ſchönen Luſtſchloſſes, als eine Sache perſönlicher Gunſt, die ihm ſehr am Herzen läge. Als der Obriſt Everard ſeinen Brief geendigt hatte, fand er, daß er in ſeiner eigenen Meinung nicht ſehr ge⸗ ſtiegen war. Aber er tröſtete ſich, oder beſchwichtigte vielmehr dieſe unfreundliche Erinnerung mit der Be⸗ merkung, daß das Wohl von Großbritanien, vom Stand⸗ punkte ſeiner Zeit aus betrachtet, es durchaus erhei⸗ ſche, daß Cromwell die Zügel der Regierung ergreife, und daß das Intereſſe des Sir Henry Lee, oder viel⸗ mehr ſeine Sicherheit und ſein Lebensunterhalt Wood⸗ ſtocks Erhaltung nicht minder nothwendig verlange. War es ſein Fehler, daß derſelbe Weg zu beiden Zwe⸗ cken führte, und daß ſeines Privat⸗Intereſſes, und deſſen ſeines Vaterlandes zufällig in demſelben Briefe erwähnt ward? Er faßte alſo Muth, falzte und addreſ⸗ ſirte ſein Packet an den Lord⸗General, und verſiegelte es dann mit ſeinem Wappen. Als das geſchehen war, legte er ſich in ſeinen Armſeſſel zurück, und obſchon er das Gegentheil erwartete, ſo fiel er doch bei allen ſeinen ängſtlichen und drückenden Betrachtungen in einen tiefen Schlaf, und erwachte nicht eher bis die graue Dämmerung am öſtlichen Himmel zu ſchimmern begann. Er ſchreckte zuerſt auf, wie jemand, der in ei⸗ nem ihm unberannten Zimmer erwachte, aber er erkannte angenblicklich die Locglitäten wieder. Die finſter bren⸗ nende Lampe, das Feuer im Camin, das faſt in ſei⸗ V —— V 12²³ diglich von dem Willen des Volkes ausgeht, das nur zu natürliche Selbſtbewußtſeyn der Macht, das ſo leicht in Willkühr ausartet. Wenn er mit Zuſtimmung der Parlamente und mit Berückſichtigung auf die Freihei⸗ ten des Volks regiert, warum ſollte es Oliver nicht eben ſo gut ſeyn können wie Carl? Aber ich muß Maaßre⸗ geln treffen, daß dieſer Brief ſicher in die Hände des zukuͤnftigen Souverain’'s gelangt. Es iſt gut, wenn ich das erſte einflußreiche Wort mit ihm rede, da es ſo Viele gibt, die nicht einen Augenblick anſtehen werden, ihm heftigere und voreiligere Maaßregeln anzuempfehlen.“ Er beſchloß, das wichtige Paket der Sorge Wild⸗ rakens zu überliefern, deſſen Unbedachtſamkeit nie mehr größer war, als wenn er zufällig müſſig und unbeſchäf⸗ tigt blieb, und wenn ſelbſt ſeine Treue nicht unver⸗ brüchlich geweſen wäre, ſo würde doch die Dankbarkeit gegen Everard ihn ſchon dazu bewogen haben. Oberſt Everard faßte dieſen Entſchluß, ſammelte das noch übrige Holz im Kamine, ſchürte es bis daß es luſtig loderte, um die unbehagliche Kälte zu ver⸗ ſcheuchen, die er fühlte, und als er ſich zu erwärmen anfing, ſank er von Neuem in Schlummer, den nur die Strahlen der aufgehenden Sonne wieder ſtörten. Er ſtand auf, ging im Zimmer auf und ab und ſchaute durch das große Galleriefenſter auf die unbeſchnit⸗ tenen Hecken und die vernachläßigten Wege, welche früher wohl geordnet waren und mit aller Pracht der Gartenkunſt eine Reihe von Eibenbäumen in Alleen und offenen Spatziergängen zeigten, welche in phanta⸗ ſtiſchen Formen zugeſchnitten zwei oder drei Morgen Landes zur Seite des Jägerhauſes hin einnahmen, und zu einer Verbindung der unmittelbaren Umgebung der Wohnung mit dem offenen Parke dienten. An vielen Plätzen war nun die Umzäunung niedergeriſſen, und die Hirſchkuhe mit ihren Kälbern kamen frei und un⸗ geſtört bis zu den Fenſtern des Waldpallaſtes. Das war eine Lieblingsſcent für Markhams Jagd⸗ luſt in ſeinen Knabenjahren. Obgleich der Form ent⸗ wachſen, konnte er doch noch die grünen Zimmer einer gothiſchen Burg wiedererkennen, welche mit der Scheere des Gärtners erbaut worden war, wohin er als Kind ſeine Pfeile ſchoß, oder vor der er herumwandelte wie ein irrender Ritter, von dem er geleſen hatte, und in ſein Horn zu ſtoßen pflegte, um den eingebildeten Rie⸗ ſen oder den heidniſchen Ritter, der ſie vertheidigte, zum Kampf herauszufordern. Er erinnerte ſich, wie er ſeine Baſe, ob ſie gleich einige Jahre jünger war als er, dazu zu bewegen ſuchte, an den Schwärmereien ſeiner Knabenphantaſie Theil zu nehmen und die Rolle eines Elfenknappen, einer Fee oder einer bezauberten Peinzeſſin zu ſpielen. Auch fielen ihm wieder mehrere Umſtände ihrer ſpäteren Bekanntſchaft ein, aus denen er nothwendiger Weiſe ſchließen mußte, daß ihre El⸗ tern ſchon von frühe her den Gedanken hegten, daß wohl eine paſſende Heirath zwiſchen ſeiner ſchönen Baſe und ihm ſtatt finden könne. Tauſende von Viſionen, welche eine ſo herrliche Ausſicht in ihm erregt hatten, waren mit dieſer Hoffnung verſchwunden, und kehrten nun Schatten gleich zurück, um ihn an das zu erinnern, was er verloren hatte. Und weßwegen?—„Um Eng⸗ lands willen“ erwiederte ſein ſtolzes Selbſtgefühl,— „Für England, das in Gefahr ſiand eine Beute des Aberglaubens und der Tyrannei zugleich zu werden.““ Uad dann ermuthigte er ſich wieder mit dem Ge⸗ danken:„Wenn ich mein Privat⸗Intereſſe aufopferte, ſo geſchah es, um meinem Vaterlande perſönliche und Gewiſſens⸗Freiheit zu verſchaffen, welche unter einem ſchwachen Fürſten und unter anmaßenden Staatsmän⸗ nern nie tiefe Wurzel hätte ſchlagen koͤnnen.“ Aber der geſchäfrige Feind in ſeinem Buſen konnte die kühne Antwort nicht verſcheuchen.„Hat aher auch dein Widerſtand deinem Vaterlande genützt, Mark⸗ ham Everard?“ fragte er.„Liegt nicht England. nach ſo vielem Blutvergießen und ſo vielem Elend eben fo tief unter dem Schwerdte eines glücklichen Soldaten als früher unter dem Scepter eines unbeſchränkten Fürſten. Sind die Parlamen te, oder was von ihnen noch übrig blieb, wohl im Stande, einem Feldherrn 125 die Spitze zu bieten, welcher das Herz ſeiner Solda⸗ ten beſitzt, und kühn, gewandt und undurchdringlich in ſeinen Abſichten iſt? Wird wohl dieſer General, der die Armee und mithin das Schickſal des Staates in Händen hat, ſeine Macht niederlegen, weil die Philo⸗ ſophie es ihm zur Pflicht macht, zum Bürgerſtande zurückzukehren?“*) Er wagte es nicht zu antworten, daß Cromwells Character den Volksfreunden ein Recht gebe, Hand⸗ lungen der Selbſtverläugnung von ihm zu erwarten. Doch bedachte er, daß zu einer Zeit, wo unendlich viel Schwierigkeiten zu überwinden ſind, die beſte, obgleich nicht immer die wünſchenswertheſte, Regierungsform diejenige ſeyn muͤſſe, welche ſo ſchnell wie möglich dem Lande den Frieden wieder zu ſchenken, und die Wun⸗ den zu heilen im Stande wäre, welche die ſtreitenden Partheien ihm täglich ſchlugen. Er hielt Cromwell für den Einzigen, welcher im Stande wäre, die Zügel der Regierung mit Feſtigkeit und Kraftz zu führen; deß⸗ wegen hatte er auch ſein Glück an das ſeinige geknüpft, doch nicht, ohne daß ein Zweifel in ihm aufſtieg, ob er nicht, indem er die Anſichten des undurchdringlichen, geheimnißvollen Generals befördern helfe, gegen die Grindüe handele, für welche er die Waffen ergrif⸗ een hatte. Während das in ſeinem Gemüthe vorging, betrackh⸗ tete Everard das an den Lord⸗General gerichtete Schrei⸗ ben, das er vor ſeinem Einſchlafen fertig gemacht hatte. Einigemal ſchwankte er; denn er bedachte die Wichtig⸗ keit des Briefes und ſeine Verbindlichkeit gegen Crom⸗ well's Perſon, wenn das Packet ſich einmal in den Hän⸗ den des Generals befände. „Und dennoch muß es geſchehen,“ ſagte er end⸗ lich mit einem tiefen Seufzer.„Unter den ſtreitenden Partheien iſt er der Stärkſte, der Weiſeſte, der Ge⸗ mäßigſte und— wie ehrgeizig er auch ſey— vielleicht *) Wem fällt nicht bei dieſer Stelle Carnots Rede gegen Na⸗ poleons Erhebung zur Kaiſerwürde ein? Anm. d. Ueb. nicht der Gefährlichſte. Einem Manne muß nun ein⸗ mal die Macht übertragen werden, die allgemeine Ruhe und Sicherheit aufrecht zu erhalten, und wer beſitzt dieſe Ma⸗t, wer kann nur darnach ſtreben, ſie zu be⸗ ſitzen, wie der Feldherr an der Spitze der ſiegreichen Armeen Englands? Dreffe uns auch in zukünftigen Zeiten was da wolle, der Friede und die Wiederher⸗ ſtellung der Geſetze iſt das erſte, dringendſte Beduͤrfniß. Dieſes Schatten⸗Parlament kann ſich nicht durch die bloße Zuſtimmung der oͤffentlichen Meinung gegen die Armee ſtemmen. Wenn es ihre Abſicht iſt, den Stand der Armee zu verringern, ſo müſſen ſie das Schwerd ziehn, und nur ſchon zu lange wurde das Land mit Blut getränkt. Aber Cromwell kann eine gemäßigte Uebereinkunft mit Ihnen treffen,(und hoffentlich wird ers auch thun) ſo daß der Frieden erhalten wird, und darauf müſſen wir hinarbeiten, zum Wohle des Reichs und, leider auch um unſeren eigenſinnigen Verwandten vor den Folgen ſeiner wohlgemeinten aber lächerlichen Hartnäckigkeit zu ſchützen. Indem er mit ſolchen Gründen ſeine inneren wi⸗ derſtrebenden Gefühle beſchwichtigte, verharrte Everard auf ſeinem Entſchluß, ſich bei dem ſichtbar herannahen⸗ den Kampfe der bürgerlichen und militäriſchen Behörde mit Cromwell zu vereinigen. Er würde es freilich nicht gethan haben, wenn er ganz frei nach ſeinen Anſichten hätte handeln können, und nicht von den beiden Ex⸗ tremen, das eine oder das andere hätte ergreifen müſſen. Er zitterte, wenn er bedachte, daß ſein Vater, obgleich er bisher in Cromwelln den großen Mann bewunderte, doch vielleicht nicht geneigt ſeyn möchte, ſich mit dem General gegen das lange Parlament zu vereinigen, von welchem er ſelbſt, Krankheitsfälle ausgenommen, ein thätiges, einflußreiches Mitglied war. So gut es ging, mußte er alſo auch dieſen Zweifel unterdrücken oder erſticken, und ſich damit tröſten, daß es unmög⸗ lich ſey, daß ſein Vater die Sache von einer anderen Seite betrachte als er. —