“ *9 a Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht ür Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und heträgt: 2 für rchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: Ee er. ueher. auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Nr. 50 Pf. 2 Mt. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. J7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 44 7*h. ————y-————— ——— Mlalter Sreotts TTerke. Neuſůͤberſez t. — — Zwoͤlftrer Ban d. ——— 4 Quentin Durward. Dritter Theil. Leipzig, bei Johann Friedrich Gleditſch 1824. Quentin Durward. Aus dem Engliſchen des „Sir Walter Scott. Vollſtaͤndig uͤbertragen und mit Anmerkungen begleitet von B. J. F. v. Halem. Mein Vaterland iſt Krieg, Der Harniſch iſt mein Haus. Mein Wahlſpruch iſt: hinaus Zum Kampf!— Tod oder Sieg! Dritter Theil. Leipzig, bei Johann Friedrich Gleditſch 1824. Quentin Durward. Dritter Theil. Erſtes Kapitel. Die Gefangengebung. „Befreiung oder nicht;— Eure Gefangne Bin ich, Herr Ritter,— behandelt edel mich, bedenkt, das Kriegsgluͤck *Kann einſt auch Euch in meine Lage bringen.“ Ungeuannter. Kaum fuͤnf Minuten waͤhrte das Scharmuͤtzel zwiſchen den ſchwarzen Reitern und den burgundiſchen Kriegern, ſo ſchnell wurden die erſteren durch die Ueberlegenheit der letzteren an Ruͤſtung, Pferden und aͤchtem Kriegermuth uͤbertroſſen. In weniger als dem erwaͤhnten Zeitraume kehrte Graf Erevecoeur, ſein blutiges Schwerdt an ſeines Pferdes Maͤhne abtrocknend, bevor er es in die Scheide ſteckte, an den Saum des Waldes zuruͤck, wo Iſabelle Zu⸗ ſchauerinn des Kampfes geblieben war. Ein Theil ſeiner Leute folgte ihm, waͤhrend der andere den fliehenden Feind eine Strecke weit auf der Landſtraße verfolgte.— „Es iſt eine Schande,“ ſprach der Graf,„daß Rilter S. D. III. 1. und Edelleute ihre Waſſen mit dem Blute ſolcher bruta⸗ len Saͤue beflecken muͤſſen.“ Bei dieſen Worten ſteckte er ſein Schwerdt in die Scheide, und ſetzte hinzu:„dieß iſt eine rauhe Bewillkom⸗ mung in der Heimath, meine huͤbſche Couſine; aber irrende Prinzeſſinnen muͤſſen ſolche Abenteuer erwarten. Und doch bin ich noch zu rechter Zeit gekommen, denn glaubt mir, die ſchwarzen Reiter haben eben ſo wenig Reſpekt vor einer Grafenkrone, als vor der Haube eines Bauer⸗ maͤdchens, und es ſcheint mir, als ob Euer Gefolge eben nicht zum Widerſtande geeignet iſt.“ „Herr Graf,“ ſprach Fraͤulein Iſabelle,„ohne weitere Vorrede laßt mich wiſſen, ob ich eine Gefangene bin, und wohin Ihr mich fuͤhren wollt.“ „Ihr wißt wohl, muthwilliges Kind,“ antwortete der Graf,„was ich auf dieſe Frage antworten moͤchte, wenn es von mir abhinge, aber Ihr und Eure thoͤrichte Tante mit ihren Eheprojekten und Heirathsjaͤgereien, habt kuͤrz⸗ lich einen ſo ungebundenen Gebrauch von Euren Fluͤgeln gemacht, daß ich fuͤrchte, Ihr werdet Euch darein ergeben muͤſſen, ſie eine Zeitlang nur in einem Kaͤfig ſchwingen zu duͤrfen. Was mich betriſſt, ſo wird meine traurige Pflicht geendet ſeyn, ſobald ich Euch an den Hof des Her⸗ zogs zu Peronne abgeliefert habe; deswegen halte ich es fuͤr noͤthig, waͤhrend ich Euch dahin begleite, den Oberbe⸗ fehl dieſes Rekognoscirungsdetaſchements meinem Neſſen, dem Grafen Stephan, zu uͤbertragen; denn ich glaube, daß Ihr vielleicht eines Fuͤrſprechers beduͤrfen koͤnntet. Ich hoſſe, daß dieſer junge Wildfang ſich ſeiner Pflicht mit Klugheit entledigen wird.“ 2oſſͤ 6 „Mit Eurem Wohlnehmen, lieber Oheim,“ fiel Graf Stephan ein,„wenn Ihr zweifelt, daß ich im Stande ſey, Eure Krieger zu befehligen, ſo bleibt bei Ihnen, und ich uͤbernehme es, der Diener und Beſchuͤtzer der Graͤfinn Iſabelle von Croye zu ſeyn.“ „Ohne Zweifel, lieber Neſſe,“ erwiederte der Oheim; „waͤr' dieß eine weſentliche Verbeſſerung meines Plans, doch mich duͤnkt, er gefaͤllt mir eben ſo wohl, wie ich ihn entwarf. Merkt Euch alſo, daß es hier nicht Euer Ge⸗ ſchaͤft iſt, jene ſchwarzen Saͤue zu hetzen, wozu Ihr ſo eben einen ganz beſonderen Beruf zeiget, ſondern mir genaue Nachrichten zu verſchaſſen, was im Luͤtticher Lande vorgeht, woruͤber ſo ausſchweifende Geruͤchte umherlaufen. Zehn Lanzen ſollen mir folgen, und die Uebrigen unter Eurem Commando beim Faͤhnlein bleiben.“ „Noch einen Augenblick, Vetter Crevecoeur,“ fiel Graͤ⸗ finn Iſabelle ein,„indem ich mich Euch als Gefangene ergebe, laßt mich wenigſtens die Sicherheit Derer ausbe⸗ dingen, die mir in meinem Mißgeſchick, als Freunde bei⸗ geſtanden haben. Verſtattet dieſem guten Menſchen, mei⸗ nem treuen Wegweiſer, ungehindert in ſeine Vaterſtadt Luͤttich, zuruͤck zu kehren.“ Crevecveur warf einen durchdringenden Blick auf Glo⸗ vers ehrkiches, rundes Geſicht;„es ſcheint ein wackerer, friedliebender Burſche zu ſeyn, er ſoll meinen Neſſen, ſo weit dieſer auf das Luͤtticher Gebiet vordringen wird, be⸗ gleiten, und dann die Freiheit haben, ſich hinzubegeben wohin er will.“ „Unterlaßt nicht, mich der guten Gertrude ins Gedaͤcht⸗ niß zuruͤck zu rufen,“ ſprach die Graͤfinn zu ihrem Weg⸗ — —-.— — weiſer, und eine Perlenſchnur unter ihrem Schleier her⸗ vorziehend, ſetzte ſie hinzu:„bittet ſie, dieß zum Anden⸗ ken ihrer ungluͤcklichen Freundinn zu tragen.“ Der ehrliche Glover nahm das Halsband, und kuͤßte mit linkiſcher Geberde aber mit aufrichtigen Geſinnungen die ſchoͤne Hand, die mit ſo vielem Zartgefuͤhle ⸗Mittel fand, ihn fuͤr ſeine Bemuͤhungen und Gefahren zu belohnen. „Hm! Zeichen und Freundſchaftspfaͤnder!“ rief der Graf,„habt Ihr noch mehr zu beſtellen, ſchoͤne Couſine, es iſt Zeit, daß wir uns auf den Weg machen.“ „Es bleibt mir nur noch uͤbrig,“ begann die Graͤfinn, mit einiger Anſtrengung zum reden:„Euch zu bitten, daß Ihr dieſem— dieſem jungen Edelmanne hold ſeyn wollet.“ „Hm!“ hob Eoevergeur mit einem eben ſo forſchenden Blick auf Quentin an, als er vorhin auf Glover geworfen hatte, doch ſchien das Ergebniß minder befriedigend zu ſeyn; denn er ahmte, wenn gleich auf keine beleidigende Weiſe, die Verlegenheit der Graͤfinn nach,„nun das iſt eine Klinge von einem anderen Metalle, und darf ich fra⸗ gen, Couſine, warum bedarf dieſer, und gerade dirſer junge Mann Eurer Fuͤrbitte?“ „Er hat mir Leben und Ehre gerettet,“ ſprach die Graͤfinn, vor Scham und Unwillen erroͤthend. Auch dem Schotten trieb der Zorn das Blut ins Ge⸗ ſicht, aber die Klugheit gebot ihm, demſelben nicht freien Lauf zu laſſen, um nicht das Uebel noch aͤrger zu machen. „Leben und Ehre?“ fiel Crevecoeur ein;„nun mich duͤnkt, Couſine, es waͤre eben ſo gut geweſen, Ihr haͤttet Euich nicht in den Fall geſetzt, dieſem noch ſehr jungen Manne ſolche Verbindlichkeiten ſchuldig zu ſeyn. Aber ſey dem wie ihm wolle, der junge Mann kann in unſerem Gefolge mitreiten, wenn es ſein Stand erlaubt, und ich will dafuͤr ſorgen, daß ihm nichts Uebles wiederfaͤhrt, von nun an will ich die Pflicht uͤbernehmen, der Schuͤtzer Eu⸗ res Lebens und Eurer Ehre zu ſeyn. Vieleicht finde ich fuͤr ihn ein geeigneteres Geſchaͤft, als das, der Leibpage irrender Fraͤulein zu ſeyn.“ „Herr Graf,“ ſprach Durward, unfaͤhig, laͤnger zu ſchweigen,„damit Ihr nicht etwa von einem Fremden in herabſetzenderen Ausdruͤcken ſprecht, als Ihr in der Folge fuͤr ſchicklich halten moͤchtet, ſo erlaubt mir, Euch zu ſa⸗ gen, daß ich Quentin Durward heiße, und Bogenſchuͤtz in des Koͤnigs von Frankreich ſchottiſcher Leibwache bin, in welcher bekanntlich Niemand aufgenommen wird, der nicht Edelmann und Mann von Ehre iſt.“ „Ich danke Euch fuͤr dieſe Nachricht, und kuͤſſe Euch die Haͤnde, Herr Bogenſchuͤtz,“ erwiederte Erevecoeur in dem naͤmlichen neckenden Tone.„Habt die Guͤte, mir zur Seite an der Spitze unſers Detaſchements zu reiten.“ Quentin that was der Graf gebot, der nun die Macht, wenn auch nicht das Recht hatte, ihm ſeine Bewegungen vorzuſchreiben. Er gewahrte, daß Iſabelle ihn mit einem Blicke ſorglicher, ſchuͤchterner Theilnahme folgte, die faſt Zaͤrtlichkeit ausſprach, und ihm eine Thraͤne ins Auge lockte. Aber er beſann ſich, daß er ſich als Mann vor Crevecoeur betragen muͤſſe, der vielleicht unter allen Rit⸗ tern Frankreichs und Burgunds, am meiſten geeignet war, uͤber Liebesſchmerzen nur zu lachen. Er beſchloß daher, nicht abzuwarten, daß jener ihn aurede, ſondern das Ge⸗ ſpraͤch in einem Tone anzuknuͤpfen, der ſeine Anſpruͤche auf gute Behandlung und auf groͤßere Achtung geltend machte, als der Graf ihm zu beweiſen geneigt ſchien; vielleicht weil er ſich beleidigt fand, daß ein Mann von ſo niederem Range in ſo hohem Grade des Vertrauens Sr. Hochgebornen reichen Couſine genoß. „Herr Graf Crevecoeur,“ hob er in gemaͤßigtem, aber feſtem Tane an;„darf ich, bevor wir weiter gehen, Euch fragen, ob ich in Freiheit, oder Euer Gefangner bin?“ „Eine verfaͤngliche Frage,“ verſetzte der Graf,„die ich fuͤr jetzt nur durch eine andere Frage beantworten kann.— „Haltet Ihr dafuͤr, daß Frankreich und Burgund mit einander im Frieden oder Kriege ſind?“ „Das werdet Ihr ohne Zweifel beſſer wiſſen, als ich Herr Graf,“ antwortete der Schotte;„ich bin ſeit einiger Zeit vom franzoͤſiſchen Hofe abweſend, und habe keine Nachrichten von dorther.“ „Nun ſeht Ihr's,“ verſetzte Crevecoeur,„wie leicht es iſt, Fragen vorzulegen, und wie ſchwer, ſie zu beantwor⸗ ten. Ich ſelbſt, der ich dieſe Woche und noch laͤnger bei dem Herzoge zugebracht habe, bin eben ſo wenig im Stande, dieß Raͤthſel zu loͤſen, als Ihr, und doch Herr Knappe haͤngt es lediglich von der Beantwortung dieſer Frage ab, ob Ihr ein Gefangener oder ein freier Mann ſeyd, und fuͤr jetzt muß ich Euch in der erſteren Eigenſchaft betrach⸗ ten. Nur wenn Ihr wirklich und auf ehrenvolle Weiſe im Dienſt meiner Verwandtin geweſen, und in Beant⸗ wortung meiner Fragen aufrichtig ſeyd, wird es um ſo beſſer fuͤr Euch ſeyn.“ „Die Graͤfinn von Eroye,“ ſprach Quentin,„wird am *⁸ „ 11 beſten ſagen koͤnnen, ob ich ihr einige Dienſte geleiſtet ha⸗ be, und auf ſie berufe ich mich in dieſer Hinſicht. Ueber meine Antworten moͤgt Ihr ſelbſt urtheilen, wenn Ihr mich befragt.“ 4 „Ey, ſtolz genug geſprochen!“ erwiederte der Graf halblaut,„und ungefaͤhr ſo, wie einer, der ein Unterpfand der Gunſt einer Dame am Hut traͤgt und glaubt, er muͤſſe einen hohen Ton annehmen, um den koſtlren Re⸗ ſten von Seide und Flittergold Ehre zu machen.— Nun wohl, Herr Knappe, ich hoſſe, es wird Eurer Wuͤrde kei⸗ nen Eintrag thun, wenn Ihr mir die Frage beantwortet, wie lange Ihr der Begleiter des Fraͤuleins Iſabelle von Croye geweſen ſeyd?“ „Graf Crevecoeur, wenn ich Fragen beantworte, die mir in einem halb beleidigenden Tone vorgelegt werden, ſo geſchieht es blos deswegen, damit aus meinem Still⸗ ſchweigen nicht etwa Schluͤſſe gezogen werden moͤgen, die fuͤr eine Dame, der wir beide Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen ſchuldig ſind, ehrenruͤhrig ſeyn koͤnnten. Ich habe Fraͤulein Iſabellen escortirt, ſeit ſie Frankreich ver⸗ ließ, um ſich nach Flandern zuruͤck zu ziehen.“ „Ja, ja, das heißt, ſeit ſie von Pleſſis les Tours ent⸗ floh.— Ihr, ein Bogenſchuͤtz von der ſchottiſchen Garde, begleitetet ſie folglich auf ausdruͤcklichen Befehl Koͤnig Ludwigs?“ So wenig Verbindlichkeit auch Quentin gegen den Koͤ⸗ nig von Frankreich zu haben glaubte, der bei ſeinem An⸗ ſchlage zu einem Ueberfall der Graͤfinn Iſabelle, durch Wilhelm von der Mark, wahrſcheinlich darauf gerechnet hatte, der junge Schotte werde in ihrer Vertheidigung das Leben verlieren, ſo glaubte er ſich doch nicht befugt, das⸗ jenige, was Ludwig ihm anvertraut oder was er ihm an⸗ zuvertrauen ſich den Anſchein gegeben hatte, zu verrathen, und erwiederte daher auf die vom Grafen geaͤußerte Muth⸗ maßung,„es genuͤge ihm, zu dem, was er gethan habe, von dem ihm vorgeſetzten Offizier ermaͤchtigt zu ſeyn; um etwas weiteres bekuͤmmere er ſich nicht.“ „Das iſt vollkommen hinreichend,“ ſprach der Graf. „Wir wiſſen, daß der Koͤnig ſeinen Offizieren nicht ge⸗ ſtattet, die Bogenſchuͤtzen ſeiner Leibwache auszuſenden, um, gleich Paladins, im Gefolge wandernder Damen die Welt zu durchziehen, ohne irgend einen politiſchen Zweck dabei zu haben. Es wird dem Koͤnig Ludwig ſchwer ſeyn, noch ferner ſo kuͤhn zu behaupten, daß er von der Fluche der Graͤfinnen von Croye nichts wiſſe, da ſie von einem Bogenſchuͤtzen ſeiner Leibwache escortirt wurden.— Und wohin, Herr Bogenſchuͤtz, uaymt Ihr aaf dieſem Ruͤckzuge Eure Richtung?“ „Nach Luͤttich, Herr Graf,“ antwortete der Schotte; wo die Damen ſich unter den Schutz des verſtorbenen Bi⸗ ſchofs begeben wollten.“ „Des verſtorbenen Biſchofs!“ rief Graf Crevecoeur, „iſt Ludwig von Bourbon todt?— Dem Herzog iſt nichts von ſeiner Krankheit zu Ohren gekommen.— Woran ſtarb er?“ „Er ruht in einem blutigen Grabe, Herr Graf,— das beißt, wenn ſeine Moͤrder ſeinen irdiſchen Ueberreſten ein Grab gewaͤhrt haben.“ „Seine Moͤrder? heilige Mutter Gottes!— Er waͤre gemordet?— Junger Mann, das iſt unmoͤglich!“ 4 4 13 „Ich ſah' die That mit eigenen Augen, und uͤberdieß noch viele andere ſchreckliche Handlungen.“ „Ihr ſah't ſie, und eiltet nicht dem guten Biſchof zu Huͤlfe? oder Ihr brachtet nicht das ganze Schloß gegen ſeine Moͤrder in Bewegung?— Wißt Ihr nicht, daß es ſchon ſtrafbarer Frevel iſt, eine ſolche That auzuſehen, ohne ſich ihr zu widerſetzen?“ „Um kurz zu ſeyn, Herr Graf,“ fiel Durward ein, „brauch' ich Euch nur zu ſagen, daß, ehe dieſe That ge⸗ ſchah, das Schloß von dem blutgierigen Wilhelm von der Mark mit Huͤlfe der empoͤrten Luͤtticher erſtuͤrmt war.“ „Ich bin wie vom Donner geruͤhrt,“ rief Crevecoeur. „Lüttich im Aufruhr!— Schoͤnwald genommen!— Der Biſchof gemordet!— Ungluͤcksbote! Nie entfaltete ein einziger Mann, nie uͤberbrachte Jemand auf einmal ſo iele Hiobspoſten. Sprecht, wißt Ihr das Naͤhere uͤber dieſen Aufſtand, uͤber dieſen Mord! Sprich, Du biſt ei⸗ ner von Ludwigs vertrauten Bogenſchuͤtzen; er iſt's, der dieſen todbringenden Pfeil nbſchoß; ſprich, oder ich will Dich mit wilden Pferden auseinander reißen laſſen!“ „Und wenn Ihr es thaͤtet, Graf Crevecoeur, ſo wuͤr⸗ det Ihr nichts von mir herausbringen, was einem aͤcht ſchottiſchen Edelmann nicht geziemt. Ich weiß von dieſen Schaͤndlichkeiten nichts weiter, als Ihr, und war ſo weit entfernt, ein Theilnehmer derſelben zu ſeyn, daß ich mich ihnen auf's Aeußerſte widerſetzt haben wuͤrde, haͤtten mei⸗ ne Mittel nur bis auf ein Zwanzigſtel mein Verlangen erreicht. Aber was konnte ich thun? Einer gegen Hun⸗ erte. Meine einzige Sorge war, Graͤfinn Iſabellen zu befreien, und gluͤcklicherweiſe gelang mir dieß. Und den⸗ — — noch, waͤr' ich nahe genug geweſen, als die Schandthat an dem alten Manne veruͤbt ward, ich haͤtte ſeine grauen Haare gerettet oder geraͤcht; und auch ſo, wie die Sachen ſtanden, ſprach ich meinen Abſcheu laut genug aus, um neue Verbrechen zu hindern.“ „Ich glaube Dir, junger Mann,“ ſprach der Graf; „Du biſt weder in dem Alter, noch von einer Gemuͤthsart, die Dich eignen koͤnnten, mit ſo blutigen Thaten beauf⸗ tragt zu werden, ſo geſchickt Du auch ſeyn magſt, einer Dame als Knappe zu dienen. Aber ach! ſo mußte dieſer gute, edelmuͤthige Praͤlat an dem wirthlichen Heerde er⸗ mordet werden, wo er ſo oft den Fremdling mit chriſtli⸗ cher Milde und fuͤrſtlicher Gaſtfreiheit aufnahm,— und das von einem Elenden, einem Ungeheuer an Blutdurſt und Grauſamkeit, auferzogen in der naͤmlichen Halle, wo er ſeine Haͤnde mit dem Blute ſeines Wohlthaͤters be⸗ fleckte! Aber ich muͤßte Carl von Burgund nicht kennen, — ja, ich muͤßte an der Gerechtigkeit des Himmels zwei⸗ feln, wenn die Rache nicht eben ſo raſch und ſchrecklich waͤre, als dieſe That beiſpiellos ſchaͤndlich war. Und wenn niemand Anders die Mörder verfolgt,“— hier hielt er inne, faßte den Griff ſeines Schwerdtes, ließ den Zaum fahren, ſchlug beide mit Panzerhandſchuhen bedeckten Haͤn⸗ de auf der Bruſt uͤbereinander, daß der Harniſch raſſelte, und hielt ſie dann feierlich zum Himmel empor, mit den Worten:„Ich, Philipp Erevecoeur von Cordes, gelobe zu Gott, dem heiligen Lambertus und den heiligen drei Koͤnigen von Coͤln, mich ſo wenig als moͤglich mit allen andern weltlichen Angelegenheiten zu beſchaͤftigen, bis ich vollkommue Rache an den Moͤrdern des guten Ludwigs 15 von Bourbon genommen habe, ſey es im Walde oder im Felde, in der Stadt oder auf dem Lande, auf Bergen oder einer Ebne, an dem Hofe eines Koͤnigs oder im Gottes⸗ hauſe! Und ſetze meine beweglichen und unbeweglichen Guͤter, Freunde und Vaſallen, Leben und Ehre dafuͤr zum Unterpfande, ſo helfe mir Gott, der heilige Lambert von Luͤttich und die heiligen drei Koͤnige von Cöln!“ Als Graf Crevecoeur dieſes Geluͤbde gethan hatte, ſchien ſein Gemuͤth einigermaßen erleichtert von dem uͤber⸗ waͤltigenden Kummer und Entſetzen, welcher ihn bei der Nachricht von jenen verhaͤngnißvollen in Schoͤnwald vor⸗ gefallenen Trauerſcenen ergriſſen hatte, und er fuhr fort, den Schotten nach den naͤhern Umſtaͤnden jener Frevelthat zu fragen, welche dieſer, keinesweges geneigt, die Rach⸗ ſucht des Grafen gegen Wilhelm von der Mark zu min⸗ dern, ihm mit der groͤßten Umſtaͤndlichkeit erzaͤhlte. „Aber dieſe verblendeten, raſtloſen, wankelmuͤthigen und treuloſen Luͤtticher,“ rief der Graf,„wie konnten ſie ſich mit dieſen unbarmherzigen Raubmoͤrder verbinden, um ihren geſetzmaͤßigen Fuͤrſten zu morden?“ Hier benachrichtigte Durward den wuͤthenden Burgun⸗ dier, daß die Luͤtticher, oder wenigſtens die beſſere Klaſſe der Buͤrger, ſo uͤbereilt ſie ſich auch in einen Aufſtand ge⸗ gen den Biſchof eingelaſſen haͤtten, doch, ſo viel er habe wahrnehmen köoͤunen, keinesweges Willens geweſen waͤren, Wilhelm von der Mark in der Vollſtreckung ſeiner Schand⸗ that beizuſtehen, ſondern ſie vielmehr verhindert haben wuͤrden, wenn ſie die Mittel dazu in Haͤnden gehabt haͤt⸗ ten, und beim Anblick derſelben vor Abſcheu zuruͤckgebebt waͤren. 46 „Sprecht mir nicht von dieſem treuloſen, unbeſtaͤndi⸗ gen, plebejiſchen Poͤbel,“ rief Crevecoeur.„Haben ſie die Waſſen gegen einen Fuͤrſten ergriſſen, der keinen Fehler hatte, als ein zu guͤtiger und gelinder Gebieter eines ſo undankbaren Geſindels zu ſeyn, als ſie in ſeine friedliche Wohnung einbrachen, was konnte da anders ihre Abſicht ſeyn, als Mord.— Als ſie ſich mit dem wilden Eber der Ardennen, des aͤrgſten Raubmoͤrders an Flanderns Ge⸗ markungen, verbuͤndeten, was konnte da ſonſt ihr Zweck ſeyn, als Mord, das Gewerbe, von dem er lebt? und war es nicht, wie Du ſelbſt ſagſt, einer von ihrem elenden Ge⸗ ſindel, der die That eigenhaͤndig veruͤbte?— Ich hoſſe, beim Lichte ihrer brennenden Haͤuſer ihr Kanaͤle vom Blute geroͤthet zu ſehen. Welch einen edlen, großmuͤthi⸗ gen Fuͤrſten haben ſie gemordet!— wohl hat man Va⸗ ſallen, ſeufzend unter dem Druck der Abgaben und des Mangels, ſich empoͤren ſehen; aber die Maͤnner von Luͤt⸗ tich, im Schooß des Ueberfluſſes und im Uebermuthe des Reichthums—“ Hier ließ er noch einmal den Zuͤgel ſei⸗ nes Streitroſſes fahren und rang vor Kummer die Haͤn⸗ de, nicht achtend ihrer Panzerbedeckung. Quentin konnte leicht bemerken, daß des Grafen Kummer, durch herbe Erinnerungen freundſchaftlichen Umgangs mit dem Ge⸗ mordeten, geſteigert ward. Schweigend achtete er daher Gefuͤhle, die er nicht erſchweren wollte, und nicht zu lin⸗ dern vermochte. Aber immer und immer kam Graf Crevecoeur auf je⸗ nen Gegenſtand zuruͤck, befragte ihn um jeden einzelnen Umſtand der Ueberrumpelung von choͤnwald, der Er⸗ mordung des Biſchofs, und dann rief er ploͤtzlich, als ob 17 er ſich einer Sache erinnere, die ſeinem Gedaͤchtniß ent⸗ fallen ſey: was aus der Graͤfinn Hameline geworden ſey, und warum ſie ihre Verwandtinn nicht begleite?„Nicht, als ob ich ihre Abweſenheit als einen Verluſt fuͤr Iſabel⸗ len betrachte,“ ſetzte er mit verachtungsvollem Tone hin⸗ zu;„denn, obwohl ſie ihre Verwandtinn war, und es im Ganzen gut mit ihr meinte, ſo gab es doch ſelbſt am Hofe von Cocagne nie eine ſolche Thorinn; und ich bin uͤber⸗ zeugt, daß ihre Nichte, die ich jederzeit als ein ſittſames, ordnungsliebendes junges Frauenzimmer gekannt habe, zu der abgeſchmackten Thorheit, von Burgund nach Flan⸗ dern zu fliehen, einzig durch jene romanhafte, thörichte alte Eheſtifterinn und Heirathsjaͤgerinn verleitet iſt.“ Welche Reden fuͤr die Ohren eines mit romantiſcher Schwaͤrmerei Liebenden!— Ueberdieß mubte er ſie in ei⸗ nem Augenblick hören, wo es laͤcherlich geweſen ſeyn wuͤrde, das Unmoͤgliche zu verſuchen; naͤmlich den Gra⸗ fen durch Gewalt der Waſſen zu uͤberzeugen, wie großes Unrecht er Iſabellen,— eben ſo unerreicht an Verſtand, als an Schoͤnheit,— wiederfahren laſſe, wenn er ſie„ein ſittſames, ordnungsliebendes junges Frauenzimmer“ nen⸗ ne;— Eigenſchaften, die man ſchicklicherweiſe nur einer von der Sonne verbraunten Bauerdirne beilegt, n die Zugochſen treibt, waͤhrend ihr Vater den Pflug füͤhrt. 3 Und dann, wie konnte er es wagen, vorauszuſetzen, daß ſie ſich von einer romanhaften alten Tante habe lenken laſſen!— Eine Schmaͤhung, die er dem Verlaͤumder gern mit dem Schwerdt eingetrieben haͤtte. Doch die ofſnen, wenn gleich ernſten Geſichtszuͤge des Grafen Crevecoeur, — die Verachtung, die er gegen die Gefuͤhle hegte, welche D. III. 2 Quentins Buſen fuͤllten,— dieß Alles floͤßte ihm eine ge⸗ wiſſe Scheu ein. Nicht, als ob er des Grafen Waſſen⸗ ruhm gefuͤrchtet haͤtte;— denn dieſer wuͤrde im Gegen⸗ theil ſein Verlangen nach einem Zweikampf mit ihm nur geſteigert haben, ſondern er fuͤrchtete nur, in ſeinen Au⸗ gen laͤcherlich zu werden;— eine Waſſe, die von Schwaͤr⸗ mern jeder Art am meiſten gefuͤrchtet wird, und uͤber ſolche Gemuͤther einen ſolchen Einfluß ausuͤbt, der ſie zwar oft von Abgeſchmacktheiten zuruͤckhaͤlt, nicht ſelten aber auch edelmuͤthige Gefuͤhle erſtickt. Unter dem Einfluſſe dieſer Furcht, mehr ein Gegen⸗ ſtand des Spottes, als des Unwillens zu werden, be⸗ ſchraͤnkte Durward, wiewohl nicht ohne Schwierigkeit, ſei⸗ ne Antwort auf einen unzuſammenhaͤngenden Bericht uͤber Hamelinens Flucht von Schöuwald, vor dem Angriff des Schloſſes. In der That haͤtte er ſeine Erzaͤhlung nicht vollkommen deutlich machen koͤnnen, ohne eine ſo nahe Verwandtinn Iſabellens laͤcherlich zu machen, und viel⸗ leicht, als Gegenſtand ihrer ungereimten Hofſnungen, ſelbſt etwas laͤcherlich zu werden. Er fuͤgte uͤbrigens ſeiner ver⸗ wirrten Erzählung die Nachricht hinzu: er habe berichts⸗ weiſe vernommen, daß Hameline in die Haͤnde Wilhelms von der Mark gefallen ſey. „Ich hege das Vertrauen auf den heiligen Lambertus, daß Wilhelm ſie heirathen werde, was in der That, bei ihren gefuͤllten Geldſaͤcken, nicht unwahrſcheinlich iſt; ſo⸗ bald er dieſe gepackt, oder ſpaͤteſtens, wenn er ſie geleert hat, wird er ſie ohne Zweifel vor den Kopf ſchlagen.“ Jetzt begann der Graf, ihm ſo viele Fragen uͤber das Beuehmen der beiden Damen auf der Reiſe, uͤber den — 12— Grad der Vertraulichkeik, den ſie ihrem jungen Begleiter verſtattet haͤtten, und andere verfaͤngliche Dinge mehr⸗ vorzulegen, daß Quentin, voll Schaam und Unwillen, kaum im Stande war, ſeinen Unwillen vor dem ſcharf⸗ ſichtigen Krieger und Hofmann zu verbergen, der ploͤtzlich das Verlangen an den Tag legte, ihn von ſich zu entfer⸗ nen.„Nun, ich ſehe ſchen, daß meine Vermuthung rich⸗ tig iſt, wenigſtens an einer Seite; ich hoffe, daß ich an der anderen mehr geſunde Vernunft finden werde. Hoͤrt, Herr Knappe, ſpornt Euer Pferd und bildet den Vortrab, denn ich habe mit Fraͤulein Iſabellen etwas zu reden; ich glaube, jetzt ſo viel von Euch erfahren zu haben, daß ich über jene traurigen Vorgaͤnge mit ihr reden kann„ ohne ihr Zartgefuͤhl zu verletzen, wenn ich gleich das Eurige etwas verwundete; aber halt, junger Herr!— noch ein Wort mit Euch.— Ihr habt, wie ich mir einbilde, eine gluͤckliche Reiſe durch das Feenland gemacht, voll von hel⸗ denmuͤthigen Abenteuern, hochfliegenden Hoſſnungen und romanhaften Täuſchungen, entlehnt aus den Liedern der Minneſaͤnger, ſo wie ſie in den Gaͤrten der Fee Morgana ertonen. Vergeßt das Alles, junger Soldat,“ ſetzte er, ihn auf die Schulter klopfend, hinzu;„gedenkt jener Da⸗ me nur, als der erlauchten Graͤfinn von Croye,— vergeßt in ihr das irrende, auf Abenteuer ausziehende Daͤmchen: und ihre Freunde,— fuͤr einen unter ihnen kann ich buͤrgen, werden ſich ihrerſeits nur der Dienſte erinnern die Ihr ihr geleiſtet habt, und den uͤbermaͤßigen Lohn ver⸗ geſſen, den Ihr dafuͤr zu verlangen Euch verwegner Weiſe vorgeſetzt habt.“ Voll Verdruß, daß er unfaͤhig geweſen war, vor Ere⸗ vecoeurs hellſehenden Auge Gefuͤhle zu verbergen, die der Graf als belachenswerth zu betrachten ſchien, erwiederte Quentin unwillig:„Herr Graf, wenn ich Euren Rath bedarf, ſo will ich ihn von Euch verlangen;— bedarf ich Eures Beiſtandes, ſo wird's immer noch Zeit genng fuͤr Euch ſeyn, ihn mir zu verweigern; und wenn ich einen beſonderen Werth auf Eure Meinung uͤber mich lege, ſo wird's nicht zu ſpaͤt ſeyn, es Euch zu erklaͤren.“ „Ei, ei, da bin ich zwiſchen Amadis und Orianen ge⸗ rathen, und muß ohne Zweifel einer Ausforderung entge⸗ gen ſehen,“ verſetzte der Graf. 1 „Ihr ſprecht, als ob das eine Unmdoͤglichkeit waͤre,“ ſprach Quentin;„als jch mit dem Herzog von Orleans eine Lanze brach, hatte ich einen Gegner, in deſſen Adern edleres Blut fließt, als in denen der Crepecoeurs; und als ich meine Klinge mit Dunois Schwerdt maß, hatte ich mit einem beruͤhmteren Krieger zu thun, als Ihr ſeyd.“ „Nun, der Himmel bewahre Dir Deine Vernunft, junger Mann,“ verſetzte Crevecoeur;„wenn Du die Wahr⸗ heit ſprichſt, ſo⸗ haß Du ein ſeltnes Glück in dieſer Welt gehabt; und wahrlich, wenn es des Himmels Wille iſt, Dich ſolchen Pruͤfungen auszuſetzen, bevor Du Haare auf den Zaͤhnen haſt, ſo wirſt Du vor Eitelkeit den Verſtand verlieren, bevor Du Dich einen Mann nennen kaunſt. Du kannſt nicht meinen Zorn, ſondern nur meine Lachluſt rege machen, Glaube mir, wenn Du auch, durch Fortunens Launen beguͤnſtigt, mit Prinzen gefochten und bei Graͤfin⸗ nen den Verfechter geſpielt haſt, ſo biſt Du darum noch keinesweges der Standesgenoſſe Derer, die Du durch Zu⸗ fall bekämpfteſt, oder noch zufaͤlliger begleiteteſt. Ich kann 21 Dir, als einem jungen Manne, der ſo lange Romane geleſen hat, bis er ſich fuͤr einen Paladin haͤlt, wohl verſtatten, ſich eine Zeitlang ſchoͤnen Traͤumen zu uͤber⸗ laſſen, aber Du mußt nicht auf einen wohlmeinenden Freund zuͤrnen, wenn er Dich etwas unfanft an der Schulter ruͤttelt, um Dich zu erwecken.“ „Herr Graf,“ begaun Quentin,„meine Fa⸗ milie—“ 3 „Nun, ich ſprach nicht blos vom Herkommen,“ un⸗ kerbrach ihn der Graf;„ſondern vom Range, Vermöogen, hohem Stande und anderen Dingen, welche die ver⸗ ſchiedenen Menſchenklaſſen von einander ſondern, was die Geburt betriſſt, ſo ſtammen wir alle von Adam und Eva ab.“ „Herr Graf,“ begann Quentin aufs neue,„meine Ahnherrn, die Durwards von Glen⸗Houlakin—“ „Nein“ fiel Crevecoeur ein,„wenn Ihr eine noch aͤltere Abkunft geltend macht, als die von Adam her, dann habe ich nichts weiter zu ſagen. Auf Wiederſehn!“ Der Graf lenkte ſein Pferd zuruͤck und erwartete die Graͤfinn, welcher ſeine Andeutungen und Rathſchlaͤge, ſo wohlgemeint ſie auch ſeyn mochten, wo möoͤglich noch un⸗ angenehmer waren, als unſerem Quentin, der im Fort⸗ reiten halb laut bei ſich ſelbſt ſagte:„Du kaltherziger, eingebildeter, uͤbermuͤthiger Thor!— ich wollte, daß der naͤchſte ſchottiſche Bogenſchutze, der ſeinen Doppelhaken auf Dich anlegt, Dich nicht ſo leicht davon kommen ließe, als ich es that.“— 22 Abends erreichten ſie die Stadt Charleroi an der Sam⸗ bre, wo Graf Crevecoeur beſchloſſen hatte, die Graͤfinn Iſabelle zu laſſen, die durch den Schrecken und die Be⸗ ſchwerlichkeiten des geſtrigen, ſo wie durch die funfzig Mei⸗ len ¼) weite Flucht des heutigen Tages, verbunden mit den mancherlei aͤngſtlichen Gefuͤhlen, die ſie begleiten, un⸗ faͤhig geworden war, ohne Nachtheil fuͤr ihre Geſundheit weiter zu reiſen. Der Graf uͤbergab ſie in einem Zuſtan⸗ de großer Erſchöpfung der Fuͤrſorge der Aebtiſſinn des Ciſterzienſer⸗Kloſters in Charleroi, einer adligen Dame, die an die beiden Familien Crevecoeur und Croye ver⸗ wandt war, und auf deren Klugheit und Freundſchaft er ſich ganz verlaſſen konnte. 1 Crevecoeur hielt hier nicht laͤnger an, als noͤthig war, dem Befehlshaber der kleinen burgundiſchen Beſatzung des Orts die groͤßte Vorſicht zu empfehlen. Zugleich erſuchte er ihn, vor dem Kloſter, ſo lange die Graͤfinn Iſabelle von Croye ſich dort aufhalten werde, eine Ehrenwache aufzuſtellen, dem Anſchein nach, um auf ihre Sicherheit zu wachen, in Wahrheit aber vielleicht, um zu verhindern, daß ſie keinen Verſuch zur Flucht machen moͤge. Der Graf warnte die Beſatzung, auf ihrer Hut zu ſeyn, und fuͤhrte als Urſache ein Geruͤcht an, welches ihm zu Ohren gekommen ſey, daß im Bisthum Luͤttich Unruhen ausge⸗ brochen waͤren. Aber er war entſchloſſen, der erſte Ueber⸗ bringer der ſchrecklichen Nachricht von jenem Aufſtande und von der Ermordung des Biſchofs an den Herzog Carl zu ſeyn. Als er daher ſich ſelbſt und ſeinem Gefolge fri⸗ ſche Pferde verſchafſt hatte, ſaß er auf, in der Abſicht, —j 23 ohne anzuhalten bis nach Peronne zu reiten. Zugleich be⸗ nachrichtigte er Durward, daß er ihn begleiten muͤſſe, und entſchuldigte ſich im ſpöttiſchen Tone, daß er genoͤthigt ſey, ihn von einer ſo ſchoͤnen Reiſegefaͤhrtinn zu trennen, nobei er die Hofſnung aͤußerte, ein Knappe, der den Da⸗ nen ſo ganz ergeben ſey, werde einen naͤchtlichen Ritt beim Mondſchein angenehmer finden, als den Schlaf auf weichem Lager gleich andern gemeinen Sterblichen. OQuentin, ohnehin voll Verdruß uͤber ſeine Trennung von Fſabellen, brannte vor Begierde, dieſen Spott mit einer zornigen Ausforderung zu erwiedern, allein, uͤber⸗ zeug!, daß der Graf uͤber ſeinen Unwillen nur laͤcheln und ſeine Ausforderung verachten wuͤrde, beſchloß er, von der Zukunft eine Gelegenheit zu erwarten, wo es ihm moͤgich ſeyn wuͤrde, von dieſem ſiolzen Grafen, der ihm, wievohl aus ganz anderen Gruͤnden, faſt eben ſo verhaßt gewrrden war, als der Eber der Ardennen, Genugthuung zu elangen. Er ließ ſich daher, weil ihm keine andere Woyl uͤbrig blieb, Crevecoeur's Vorſchlag gefallen, und geneinſchaftlich ſetzten ſie mit moͤglichſter Schnelligkeit ih⸗ ren Weg nach Peronne fort. 24 Zweites Kapitel. Der ungebetene Gaſt. „In menſchlicher Natur giebt'’s nichts Vollkomm'net. So viele gute Eigenſchaften ſie Darbieten mag, ſtets zeigt ſie ihre Maͤngel.— Den Tapfern ſah' ich flieh'n vor'm Schaͤferhunde, Den Weiſen thoricht handeln, gleich dem Dummkopf; Die Schlingen des Verſchlagenſten ſind oft So fein geſponnen, daß er ſelbſt ſich faͤngt.“ Aus einem alten Schauſpirl. Waͤhrend des erſten Theils dieſer naͤchtlichen Reiſe hatte Quentin jenen bitteren Schmerz zu bekaͤmpfen, den das Herz des Juͤnglings fuͤhlt, wenn er ſich wahrſcheinlich auf immer von der Geliebten trennt. Angetrieben durg die Dringlichkeit der Umſtaͤnde und Crevecveur's Ungedald, durcheilten ſie die fruchtbaren Ebenen von Hennegau, er⸗ hellt von dem wohlthaͤtigen Lichte einer ſchoͤnen hevyſtli⸗ chen Mondnacht, beleuchtend mit ihren blaſſen Strohlen reiche Triften, ſchoͤne Hoͤlzungen und Getreidefelder, von denen der Landwirth, benutzend das Mondlicht,— ſo groß war ſchon damals der Gewerbfleiß der Flamlaͤnder,— die Erndte einfuhr. Luna beſchien breite, befruchtende Fluͤſſe, auf dere ru⸗ higer Oberflaͤche weiße Segel im Diehſie des Handels hin⸗ abſchwammen, ungehindert durch Felſen oder Waſſe faͤlle; — ſie beſchien ruhige Dörfer, deren reinliches, zieliches Aeußere den Wohlſtand der Bewohner verkuͤndigte;— auch zeigte ſie den Blicken die mit Graͤben, Zinnen und hohen Wartthuͤrmen verſehenen Lehnſchloſſer vieler tapfern Frei⸗ 1 25 herrn und Ritter, denn die Ritterſchaft des Hennegau war beruͤhmt unter den Edlen Europens;— in weiterer Ferne ſah man die rieſenhaften Thuͤrme mehrerer hohen Dom⸗ kirchen. 1 Doch alle dieſe mannichfaltigen Naturſchönheiten, ſo ſehr ſie auch von den oͤden Wildniſſen ſeines Vaterlandes verſchieden waren, hemmten nicht Quentins Kummer. Er hatte ſein Herz zuruͤckgelaſſen, als er Charleroi ver ließ; und ſein einziger Gedanke auf der ferneren Reiſe war der, daß jeder Schritt ihn weiter von Iſabellen ente fernte. Er ſtrengte ſeine Einbildungskraft an, ſich jedes Wort, das ſie geſprochen,— jeden Blick, den ſie ihm zu⸗ geworfen, noch einmal ins Gedaͤchtniß zuruͤck zu rufen, und wie dieß ſich haͤufig in ſolchen Faͤllen zutraͤgt, der durch die Erinnerung dieſer Einzelnheiten auf ſeine Ein⸗ bildungskraft hervorgebrachte Eindruck, war ſtaͤrker„ als der, den die Wirklichkeit ſelbſt erregt hatte. Als endlich die kalte Mitternachtsſtunde voruͤber war, begannen die ungemeinen Beſchwerlichkeiten, die Quentin an den beiden vorhergehenden Tagen ausgeſtanden hatte, eine Wirkung auf ihn zu machen, welche ſeine Gewoͤhnung an Leibesuͤbungen jeder Art, ſein regſamer, thaͤtiger Cha⸗ rakter und die peinlichen, ſeine Seele füllenden Betrach⸗ tungen, ihm bis dahin fremd gemacht hatten. Seine durch uͤbermaͤßige Anſtrengung erſchoͤpften und gleichſam ver⸗ nichteten Sinne, verloren ſo ſehr ihre Einwirkung auf ſeinen Ideengang, daß die Erſcheinungen ſeiner Einbil⸗ dungskraft Alles was ihm die abgeſtumpften Organe des Geſichts und Gehoͤrs aufdrangen, umwandelten; ſo daß Durward nur durch die Anſtrengungen, die er im Gefuͤhl ſeiner gefahrvollen Lage von Zeit zu Zeit machte, einen tiefem Schlafe zu entgehen, ſich bewußt war, daß er wache. Jeden Augenblick rief ihn ein lebhaftes Bewußtſeyn der Gefahr, vom Pferde zu fallen, oder mit demſelben zu ſtuͤr⸗ zen, aufs neue zur Anſtrengung und Geiſtesgegenwart auf; aber nicht lange waͤhrte es, ſo wurden ſeine Augen wieder durch verwirrte Schatten, gemiſcht aus allen Far⸗ ben, verdunkelt, die mondbeleuchtete Landſchaft entſchwand ſeinen Blicken, und fiel in einen ſolchen Zuſtand der Er⸗ ſchoͤpfung, daß Graf Crevecveur, dieß gewahrend, zweien ſeiner Leute befehlen mußte, ihm ſiets zur Seite zu blei⸗ ben, damit er nicht vom Pferde fiele. Als ſie endlich die Stadt Landrecy erreichten, ließ der Graf, bemitleidend den Juͤngling, dem ſeit drei Naͤchten wenig Schlaf in die Augen gekommen war, vier Stunden halt machen, um ſeinen Begleitern und ſich ſelbſt etwas Ruhe und Erfriſchung zu vergoͤnnen. Noch lag Quentin im tiefen Schlafe, als des Grafen Trompeter zum Aufſitzen bließ, und die Fouriere und Quartiermeiſter den lauten Ruf ertoͤnen ließen:„auf, auf, Ihr Herren, aufgeſeſſen, aufgeſeſſen;“— Obwohl ihm dieſe Toͤne zu fruͤh ins Ohr drangen, um willkommen zu ſeyn, ſo erwachte er doch als ein ganz anderer Menſch an Kraft und Muth, als er beim Einſchlafen geweſen war. Vertrauen auf ſich ſelbſt und auf ſein Gluͤck kehrte mit ſei⸗ nen Lebensgeiſtern und mit der ſteigenden Sonne zuruͤck. Au ſeine Liebe dachte er nicht mehr, als an einen eitlen aus⸗ ſchweifenden Traum, ſondern als an ein hohes, belebendes Prinzip der Kraft und Thaͤtigkeit, das ihn auf immer beſeelen ſollte, wenn er gleich nie hofſen konnte, ſeine Lei⸗ — 4.— ——⸗——·—·——·—·——————— —,— 27 denſchaft mitten unter den zahlreichen ihr drohenden Hin⸗ derniſſen mit Erfolg gekroͤnt zu ſehen.—„Der Pilot,“ dachte er bei ſich ſelbſt,„lenkt ſein Fahrzeug nach dem Polarſtern, wenn er dieſen gleich nie zu erreichen hoffen kann;— ſo ſoll auch das Andenken Iſabellens von Croye mich zu einem braven Krieger machen, wenn ich ſie auch niemals wiederſehen ſollte. Wenn ſie hoͤrt, daß ein ſchot⸗ tiſcher Soldat, Namens Quentin Durward ſich auf einem tapfer beſtrittenen Schlachtfelde ausgezeichnet, oder in der Breſche einer wohlvertheidigten Feſtung den Tod gefunden hat, ſo wird ſie ſich ihres Reiſegefaͤhrten als eines Mannes erinnern, der Alles that, was in ſeiner Macht ſtand, um ſie vor den ihr geſtellten Schlingen zu bewahren, und das ihr drohende Mißgeſchick abzuwenden; vielleicht wird ſie dann ſein Andenken mit einer Zaͤhre, ſeinem Sarg mit einem Kranze ehren.“ Nach dieſem mannhaften Entſchluſſe, ſein Mißgeſchick muthig zu ertragen, fuͤhlte Quentin ſich faͤhiger, die Scherze des Grafen Crevecoeur, der ihn mit ſeiner Verweichlichung und Unfaͤhigkeit, Beſchwerden zu ertragen, neckte, ruhig anzuhdren, und zu erwiedern. Der junge Schotte nahm die Spaͤße mit ſo guter Laune auf, und gab ſo gluͤckliche, und doch achtungsvolle Antworten, daß dieſe Veraͤnderung ſeines Tons und Benehmens dem Grafen ſichtlich eine beſſere Meinung von ſeinen Gefangenen einfloͤßte, als er Abends zuvor von ihm gehabt hatte, wo dieſer reizbar geworden, durch daß Gefuͤhl ſeiner Lage, entweder ein uͤbellauniges Stillſchweigen beobachtete, oder ſiolze, ab⸗ ſprechende Antworten gab. Der Veteran fand endlich, daß er ein huͤbſcher junger 28 Mann ſey, aus dem ſich etwas machen ließe, und gab ihm einen ſehr verſtaͤndlichen Wink, daß, wenn er ſeinen Dienſt in Ludwigs ſchottiſcher Garde aufgaͤbe, er es uͤber ſich uehmen wolle, ihm eine ehrenvolle Anſtellung unter den Haustruppen des Herzogs von Burgund zu verſchaſſen, und fuͤr ſein Fortkommen zu ſorgen. Obwohl Quentin mit ſchuldigem Danke dieß wohlgemeinte Anerbieten für jetzt, und bis dahin, daß er wiſſen wuͤrde, in wie fern er ſich uͤber ſeinen bisherigen Beſchuͤtzer, den Koͤnig Ludwig zu beklagen habe, ablehnte, ſo ſtoͤrte dieß nicht ſein gutes BVernehmen mit dem Grafen Crevecoeur. Seine ſchwaͤr⸗ meriſche Denkweiſe, ſeine auslaͤndiſche Mundart, lockten oft ein Laͤcheln auf die ernſten Wangen des Grafen; aber dieß Laͤcheln war nicht mehr ſarkaſtiſch und bitter, und überſchritt nicht die Grenzen froͤhlicher Laune, die mit feiner Lebensart vertraͤglich iſt. So ſetzte die Reiſegeſellſchaft einiger, als an vergange⸗ nem Tage ihren Weg fort, und traf endlich zwei Meilen von der beruͤhmten feſten Stadt Peronne ein, in dereu Naͤhe die Armee des Herzogs von Burgund gelagert war, bereit, wie man glaubte, in Frankreich einzufallen, waͤh⸗ rend Ludwig XI. ſeinerſeits eine betraͤchtliche Truppen⸗ macht bei Saint Maxence zuſammen gezogen hatte, um ſeinen uͤbermaͤchtigen Vaſallen zur Vernunft zu bringen. Peronne, gelegen an einem tiefen Fluſſe, in einer flachen Gegend und unringt durch feſte Bollwerke und breite Graͤben, galt in alten, ſo wie in neuern Zeiten, fuͤr eine der ſtaͤrkſten Feſtungen Frankreichs.*) Graf Crepecoeur *) Obwohl gelegen an einer, feindlichen Anfaͤllen ſehr — ———— 29 nahte ſich nebſt ſeinem Gefolge und ſeinen Gefangenen, gegen drei Uhr Nachmittags der Feſtung, als ihnen in den angenehmen Baumgaͤngen eines großen nach Oſten bis faſt an die Mauern der Feſtung ſich erſtreckenden Wal⸗ des, zwei Maͤnner begegneten die nach ihrem zahlreichen Gefolge zu urtheilen, von hohem Stande waren. Sie trugen einen Anzug, wie er damals in Friedenszeiten ge⸗ woöhnlich war, und ſchienen im Begriff ſich mit der Jagd zu beluſtigen, wie dieß die Falken auf ihren Haͤnden und die ihnen mit Wind⸗ und Huͤhnerhunden folgenden Fal⸗ konniers, zeigten. Als ſie ſich den Grafen Crepecoeur naͤ⸗ berten, den ſie an ſeinem Aeußern, ſo wie an den von ſeinem Gefolge getragenen Farben, augenblicklich zu er⸗ kennen ſchienen, ließen ſie ſofort ab pon der Verfolgung eines Reihers, dem ſie laͤngs dem Ufer eines langen durch Kunſt angelegten Canals aufſuchten, und ſprengten auf den Grafen zu. 3 Neuigkeiten, Neuigkeiten Graf Crevecoeur!“ riefen beide zugleich;—„wollt Ihr uns welche erzaͤhlen, oder einen ehrlichen Tauſch machen?“ „Wohl haͤtte ich etwas zu vertauſchen, meine Herren,“ verſetzte Crepecoeur nach hoͤflichem Gruße,„koͤnnt' ich ausgeſetzten Grenze, war ſie doch nie von dem Feinde genommen worden, und hatte daher ihren Namen Peronne la Pucclle(die Jungfrau) beibehal⸗ 1 ten, bis der Herzog von Wellington,— dieſer groß Zerſtoͤrer jener Arten von Reputationen, ſie auf dem denkwuͤrdigen Marſch nach Paris im Jahr 1815 ein⸗ nahm. Anmerk des Verfaſſers. 2) 30 glauben, daß Ihr Neuigkeiten von hinlaͤnglicher Wichtig⸗ keit wuͤßtet, die den meinigen gleichgeltend ſind.“ Die beiden Jaͤger laͤchelten einander zu, und der groͤßere von ihnen, ein Mann von ſchoͤner, edler Geſtalt, gebraͤun⸗ ter Geſichtsfarbe, und mit einer finſtern Miene, welche einige Phyſiognomiker einem ſchwermuͤthigen Tempera⸗ ment zuſchreiben, andere aber,— ſo wie jener italieniſche Bildhauer von Carls I. Geſichtsbildung ſagte,— fuͤr eine Vorbedeutung eines ungluͤcklichen Todes halten, erwie⸗ derte:„Crevecoeur war in Brabant, dem Lande des Han⸗ dels, deſſen Kuͤnſte er dort gelernt hat;— es wird uns ſchwer werden, einen guten Tauſch mit ihm zu machen.“ „Meine Herren,“ entgegnete Crevecoeur,„von Rechts⸗ wegen gebuͤhrt es ſich, daß ich meine Waaren zuerſt vor unſerm Herzog auskrame, denn der Oberherr hebt ſeinen Zoll, bevor der oſſne Markt beginnt. Aber ſagt mir, ſind Eure Neuigkeiten trauriger oder erfreulicher Art?“ Derjenige, an welchen er dieſe Frage beſonders richtete, war ein kleiner Mann mit lebhaften Augen, deren Feuer jedoch durch einen Ausdruck ernſten Nachdenkens, der den Mund und die Oberlippe umſchwebte, gemaͤßigt ward, ſo daß das Ganze ſeiner Geſichtszuͤge einen Mann verkuüͤn⸗ digte, der mehr zum Rathgeben, als zur Thatkraft geeig⸗ net war, der eine ſchnelle Urtheilskraft hatte, aber langſam Beſchluͤſſe faßte, oder ſeine Meinungen ausſprach. Dieß war der beruͤhmte Herr von Argenton, beſſer in der Ge⸗ ſchichte und unter den Hiſtorikern bekannt, unter dem hoch⸗ geachteten Namen Philipp von Comines, der damals am Hofe Carls des Kuͤhnen lebte, und einer von deſſen ge⸗ achtetſten Raͤthen war. Er antwortete auf Crevecoenrs — —,— - Frage nach der Farbe der Neuigkeiten, die er und ſein Gefaͤhrte, der Freiherr von Hymbercourt ihm mitzutheilen haͤtten:„ſie truͤgen die Farben des Regenbogens, und wechſelten ihre Abſchattungen, je nachdem ihnen eine ſchwarze Wolke oder der blaue Himmel zur Grundlage diene. Ein ſolcher Regenbogen ſey ſeit Noahs Arche nie in Frankreich oder Flandern geſehen worden.“. „Meine Neuigkeiten,“ erwiederte Crevecoeur,„gleichen einem Cometen, duͤſter und furchtbar an ſich ſelbſt, und verkuͤndigend noch groͤßere und ſchrecklichere Uebel, die da kommen ſollen.“ „Wir müͤſſen unſere Ballen oͤffnen,“ ſprach Argenton zu ſeinen Gefaͤhrten,„ſonſt werden gewandtere Leute uns zuvorkommen, und uns den Handel verderben, denn un⸗ ſere Nachrichten ſind öſſentliche Neuigkeiten.— Mit einem Wort, Crevecoeur, horcht und wundert Euch: Koͤnig Lud⸗ wig iſt in Peronne.“ „Wie?“ rief der Graf voll Erſtaunen,„hat ſich der Herzog ohne eine Schlacht zuruͤckgezogen, und Ihr weilt hier in Friedenskleidern, waͤhrend die Stadt von den Fran⸗ zoſen belagert wird?— Denn ich kann nicht vermuthen, daß ſie genommen iſt.“ „Nein, warlich nicht,“ verſetzte Hymbercourt,„Bur⸗ gunds Paniere ſind um keinen Fuß breit zuruͤckgewichen; und dennoch iſt Koͤnig Ludwig hier.“ „Dann muß Eduard von England mit ſeinen Bogen⸗ ſchuͤtzen uͤbers Meer gekommen ſeyn,“ ſprach Crevecoeur, „und wie ſein Ahnherr, eine zweite Schlacht bei P. itiers gewonnen haben. 1 32 „Auch das nicht,“ antwortete Argenton,„keine franzö⸗ ſiſche Fahne iſt genommen, kein Segel von England her⸗ uͤber gekommen. Eduard vertreibt ſich zu gut die Zeit mit den Weibern der Londoner Buͤrger, um daran zu denken, die Rolle des ſchwarzen Prinzen zu ſpielen. Hört nun die ſonderbare Wahrheit. Ihr wißt, daß, als Ihr uns verließt, die Conferenzen zwiſchen den franzöſiſchen und burgundiſchen Bepollmaͤchtigten ohne allen Anſchein einer Verſoͤhnung abgebrochen waren.“ „Ja, und wir traͤumten nur vom Krieg.“ „Was darauf folgte, glich nicht minder einem Traume,“ ſprach Argenton;„ſo daß ich immer noch erwarte, zu er⸗ wachen, und es ſo zu finden. Noch vier und zwanzig Stunden zuvor hatte der Herzog in ſeinem geheimen Ra⸗ the ſich mit der groͤßten Wuth allen Antraͤgen auf ferne⸗ ren Aufſchub widerſetzt, und beſchloſſen, dem Koͤnige eine foͤrmliche Kriegserklaͤrung zuzuſenden, dann aber ſogleich in Frankreich einzuruͤcken. Schon hatte ſein Herold, Toi⸗ ſon d'Or, beauftragt mit dieſer Sendung ſeine Amtsklei⸗ dung angelegt, und den Fuß in den Stelgbuͤgel geſetzt, um ſein Roß zu beſteigen, als,— o Wunder!— ploͤtzlich der franzoͤſiſche Herold Mont⸗joie in unſerm Lager an⸗ langte. Wir glaubten nichts anders, als daß Ludwig un⸗ ſerer Kriegserklaͤrung zuvorkomme, und dachten ſchon an den Zorn, den der Herzog Diejenigen empfinden laſſen wuͤrde, deren Rath ihn abgehalten hatte, mit einer Kriegs⸗ erklaͤrung voranzugehen. Als aber der geheime Rath eiligſt zuſammenberufen war, wie groß war da unſere Verwun⸗ derung, als der Herold uns verkuͤndigte, Ludwig, Koͤnig von Frankreich ſey kaum eine Stunde Reitens hinter ihm, 33 und komme mit einem kleinen Gefolge, dem Herzog Carl von Burgund einen Beſuch abzuſtatten, um ihre Mißhellig⸗ keiten in einer perſoͤnlichen Zuſammenkunft beizulegen.“ „Ihr uͤberraſcht mich, meine Herren,“ erwiederte Cre⸗ vecoeur,„und dennoch uͤberraſcht Ihr mich weniger als Ihr vielleicht erwartet habt;— denn als ich zum letzten⸗ male in Pleſſis⸗ les⸗Tours war, gab der vielvermoͤgende Cardinal Balue, aufgebracht gegen feinen Herrn, und im Herzen den Burgundern zugethan, mir einen Wink, daß er auf Ludwigs eigenthuͤmliche Schwaͤchen hinreichend ein⸗ wirken koͤnne, um ihn in Beziehung auf Burgund in eine ſolche Lage zu verſetzen, daß der Herzog die Friedensbe⸗ dingungen vorſchreiben koͤnne. Nie aber glaubte ich, daß ein ſo alter Fuchs als Ludwig, ſich wuͤrde verleiten laſſen, freiwillig in die Schlinge zu gehen. Was ſagte des Her⸗ zogs geheimer Rath?“ „Nun, Ihr koͤnnt leicht denken Aantwortete Hymber⸗ court,„daß der viel davon ſchwatzte, man muͤſſe Treu' und Glauben beobachten, und daß der von einem ſolchen Be⸗ ſuche zu ziehenden Vortheile kaum erwaͤhnt ward, obgleich es klar am Tage lag, daß der letztere Gegenſtand faſt ein⸗ zig die Gedanken der Raͤthe beſchaͤftigte, und ſie nur auf irgend ein Mittel ſannen, jene Vortheile mit der Be⸗ wahrung des aͤußern Anſcheins zu vereinigen."“* „Und was ſagte der Herzog?“ fragte Graf Crevecoeur weiter. „Nun der ſprach, wie gewoͤhnlich, kurz und kuͤhn,“ er⸗ wiederte Argenton. V 1„„Wer unter Euch, fragte er uns, war Zeuge der Zuſammenkunft zwiſchen meinem Vetter Lud⸗ wig und mir, als ich nach der Schlacht bei Montl'hery O. III. 34 ſo unbedachtſam war, ihn mit einem Gefolge von etwa zehn Perſonen, bis innerhalb der Verſchanzungen von Paris zu begleiten, und mich dadurch ganz in ſeine Ge⸗ walt gab?““—„Ich antwortete: die meiſten unter uns waͤ⸗ ren gegenwaͤrtig geweſen, und koͤnnten noch nicht die Be⸗ ſorgniſſe vergeſſen, die er uns dadurch verurſacht haͤtte.“ „„Nun,““ verſetzte er,„„Ihr tadeltet meine Thorheit, und ich geſtand Euch, daß ich wie ein leichtſinniger junger Menſch gehandelt haͤtte; auch weiß ich, daß Ludwig, weil mein Vater, hochſeligen Andenkens, damals noch lebte, geringeren Vortheil davon gehabt haben wuͤrde, ſich meiner Perſon zu bemaͤchtigen, als es mir jetzt gewaͤhren wuͤrde, ſo mit ihm zu verfahren. Nichts deſtoweniger ſoll mein koͤnigli⸗ cher Vetter, wenn er, bei der jetzigen Gelegenheit in der naͤmlichen Einfalt des Herzens zu mir kommt, die mich bei meinem damaligen Schritte beſeelte, willkommen ſeyn, und koͤniglich empfangen werden. Wenn er mich aber durch dieſes anſcheinende Vertrauen nur hinters Licht fuͤh⸗ ren, und mir die Augen verblenden will, um irgend einen politiſchen Plan auszufuͤhren, dann, bei St. Goͤrgen von Burgund! dann mag er auf ſeiner Hut ſeyn!““ Bei die⸗ ſen Worten ſtrich er ſeinen Stutzbart, ſtampfte heftig mit dem Fuße und befahl uns Allen, aufzuſitzen, und einem ſo außergewoͤhnlichen Gaſt zu empfangen.“ „Und Ihr rittet dem Koͤnig entgegen, und traft ihn?“ fragte Crevecoeur weiter.—„Seyd Ihr mit Euren Wun⸗ dern noch nicht am Ende?— Aus welchen Perſonen be⸗ ſtand ſein Gefolge?“ „Es war ſo einfach als moͤglich,“ antwortete Hymber⸗ courr.„Ihu begleiteten etwa dreißig bis vierzig Bogen⸗ — ———— 35 —— ſchuͤtzen von ſeiner ſchottiſchen Leibwache, nebſt einigen Rittern und andern Capalieren ſeines Hofes, unter denen ſein Sterndeuter Galeotti die glaͤnzendſte Figur machte.““ „Der Menſch,“ ſprach Crevecoeur,„iſt gewiſſermaßen abhaͤngig vom Cardinal Balue. Es ſollte mich daher nicht wundern, wenn er dazu beigetragen haͤtte, den Koͤnig zu dieſem Schritte, deſſen politiſche Bewegungsgruͤnde ſo zweifelhaft ſind, zu beſtimmen. Hat er Jemanden vom hohen Adel bei ſich?“ „Den Herzog von Orleans und Dunois,“ verſetzte Ar⸗ genton. „Dunois!— Ich habe einen Strauß mit ihm zu be⸗ ſtehen,“ ſprach Crevecoeur,„es mag davon kommen, was da will. Aber ich hoͤrte, Beide waͤren im Gefaͤngniſſe.“ „Wirklich ſaßen beide gefangen im Schloſſe Loches,— lenem entzuckenden fuͤr den franzoͤſiſchen Adel beſtimmten Ruheplatz,“ verſetzte Hymbercourt; naber Ludwig hat ſie freigelaſſen, um ſie mit hieher zu bringen,— vielleicht, weil er Orleans ungern daheim laſſen wollte. Was ſein uͤbriges Gefolge betriſſt, ſo glaub' ich meiner Treu, daß Oliver, ſein Barbier, und ſein Gevatter, der Henker und Generalprofos die angeſehenſten darunter ſind. Das Ganze iſt ſo aͤrilich aufgeſtutzt, daß man den Koͤnig fuͤr einen alten Wucherer halten ſollte, der eine Umreiſe macht, um in Begleitung einiger Haͤſcher ſeine Forderungen beizu⸗ treiben.“ „Und wo iſt er einquartiert?“ fragte Crepecoeur. „Nun, was das betriſſt,“ verſetzte Argenton,„das iſt das Wunderbarſte von Allem. Unſer Herzog erbot ſich, eins von den Stadtthoren, nebſt der Schiſſbrucke nver die —4 Somme, durch des Koͤnigs Gardiſten beſetzen zu laſſen, und ihm das nahe dabei gelegene Haus des reichen Buͤr⸗ gers Egidius Orthen, zur Wohnung anzuweiſen; als aber der Koͤnig ſich dahin begab, gewahrte er die Paniere de Lau's und Penoils de Riviere, die er aus Frankreich ver⸗ bannt hatte, und erſchreckend wie es ſchien, vor dem Ge⸗ danken, franzoſiſchen Fluͤchtlingen, denen er ſelbſt Veran⸗ laſſung zur Unzufriedenheit gegeben hatte, ſo nahe zu ſeyn, verlangte er im Caſtell von Peronne einquartirt zu wer⸗ den; dort alſo ward ihm eine Wohnung eingerichtet.“ „Nun, Gott erbarm's!“ rief Crevecveur;„das heißt nicht nur, ſich in des Loͤwen Höle wagen, ſondern ihm ſogar den Kopf in den Rachen ſtecken. Der liſtige alte Politiker wollte alſo durchaus in eine Falle gehen.“ „Ja,“ ſprach Argenton,„Hymbercourt hat Euch die Worte des„Großprahlers“ nicht wiederholt, die meiner Meinung nach das Witzigſte ſind, was daruͤber geſagt iſt.“ „ und was hat denn ſeine Weisheit zum Beſten gege⸗ ben?“ fragte der Graf. „Als der Herzog,“ erwiederte Argenton,„in der Eile einiges Silbergeraͤth und andere Zierrathen beſtellen ließ, um ſie als Bewillkommungsgeſchenke fuͤr den Koͤnig und ſein Gefolge zu gebrauchen, ſagte der Großprahler:„nich will Deinem Vetter Ludwig ein edleres und paßlicheres Geſchenk machen, als Du vermagſt, naͤmlich meine Narren⸗ kappe und meine Schellen in den Kauf; denn bei der Meſſe! er iſt ein groͤßerer Narr als ich bin, weil er ſich in Deine Gewalt giebt.““—„Wenn ich ihm nun aber keine Urſache gebe, es zu bereuen? wie dann, Burſche?“ erwie⸗ derte der Herzog.—„„Dann wahrlich Carl, ſollſt Du ſelbſt - 2 meine Schellenkappe haben, als der groͤßte Narr von uns Dreien.““„FIch verſichere Euch, daß dieſer Spott den Her⸗ zog ins Innerſte traf.— Er wechſelte die Farbe und biß ſich in die Lippen.— Und nun haben wir unſere Neuig⸗ keiten ausgekramt, edler Crevecoeur, nun ſagt uns, womit ſie zu vergleichen ſind.“. „Mit einer gefuͤllten Mine,“ antwortete Crevecveur; „und ich fuͤrchte, daß es mein Schickſal ſeyn wird, die Lunte daran zu legen. Eure Nachrichten und die meini⸗ gen ſind wie Flachs und Feuer, oder wie gewiſſe chemiſche Subſtanzen, die ſich nicht mit einander vermiſchen laſſen, ohne daß eine Exploſion erfolgt. Hoͤrt meine Freunde, reitet dicht neben meinem Pferde, und wenn ich Euch fage, was ſich im Bisthum Luͤttich ereignet hat, ſo werdet Ihr vollkommen der Meinung ſeyn, daß Koͤnig Ludwig mit der naämlichen Sicherheit eine Wanderſchaft in die bolliſchen Regionen haͤtte unternehmen koͤnnen, als dieſen unzeitigen Beſuch in Peronne.“ Ddie beiden Cavaliere nahten ihm, und horchten mit halb unterdruͤckten Ausrufungen und mit Geſten, welche die hoͤchſte Verwunderung und Theilnahme ausdruͤckten, ſeiner Erzaͤhlung der Vorgaͤnge in Luͤttich und Schoͤn⸗ wald. Dann ward Quentin herbeigerufen, und uͤber die Einzelnheiten der Ermordung des Biſchofs ſo genau be⸗ fragt, und wieder befragt, daß er ſich endlich weigerte, neue Fragen zu beantworten, nicht wiſſend, warum man ſie ihm vorlegte, und welchen Gebrauch man von ſeinen Antworten machen koͤnne. Jetzt erreichten ſie die ſchoͤne Ebene am Ufer der Som⸗ me, und erblickten die alterthuͤmlichen Mauern der jung⸗ fraͤulichen Feſtung Peronne, nebſt den ſieumgebenden mit uͤppigen Gruͤn bedeckten Wieſen, beſaͤet mit den zahlrei⸗ chen weißen Zelten des burgundiſchen, etwa funfzehntau⸗ ſend Mann zaͤhlenden Heeres. * Drittes Kapitel. Die Zuſammenkunft. „Wenn Herrſcher ſich verſammeln, iſt's von boͤſer, Verhaͤngnißvoller Vorbedeutung, wie, Wenn in demſelben Punkte eines Zeichens Saturn und Mars zuſammentreſſen, ſtets Der Aſtrolog der Welt nur Ungluͤck weiſſagt.“ Aus einem alten Schauſpiel. Es laͤßt ſich ſchwerlich beſtimmen, ob es ein Vorrecht oder eine Strafe, unzertrennlich von der Eigenſchaft eines Herrſchers genannt werden kann, daß die Fuͤrſten in ihren gemeinſchaftlichen Zuſammenkuͤnften genoͤthigt ſind, als Folge der ihrem Range und ihrer Wuͤrde ſchuldigen Ach⸗ tung, ihre Gefuͤhle und Ausdrücke, nach einer ſtrengen Etikette zu regeln, die ihnen jede heftige bemerkbare Aeuße⸗ rung einer Leidenſchaft verbietet, und die mit Recht fuͤr eine große Verſtellung gelten koͤnnte, wenn nicht die ganze 4 Welt wuͤßte, daß dieſe erkuͤnſtelte Befolgung des Herkom⸗ mens bloß Sache des Ceremoniels iſt. Es iſt jedoch darum nicht minder gewiß, daß die Ueberſchreitung dieſer Gren⸗ zen der Foͤrmlichkeit, um ihren Leidenſchaften insbeſonders 39 den Zorn, den Zuͤgel ſchießen zu laſſen, ihre Wuͤrde in den Augen der Welt herabſetzt, wie dieß namentlich der Fall war, als die beiden erhabenen Nebenbuhler Franz I. und Kaiſer Carl V. ſich geradezu Luͤgen ſtraften und ihren Streit durch einen Zweikampf ſchlichten wollten. Carl von Burgund, der ungeſtuͤmteſte, ungeduldigſte und unbeſonnenſte Fuͤrſt ſeiner Zeit, fuͤhlte ſich gleichwohl in dem magiſchen Kreiſe gefeſſelt, den ihm die Ehrerbie⸗ tung gegen Ludwig, als ſeinen Oberlehnsherrn und Sou⸗ verain, welcher ihn, ſeinen Kronvaſallen, mit einem per⸗ ſönlichen Beſuche beehrte, vorzeichnete. Bekleidet mit ſei⸗ nem herzoglichen Mantel, ritt er an der Spitze ſeiner Großoffiziere, ſo wie der vornehmſten Ritter und Edel⸗ leute ſeines Hofes in einem glaͤnzenden Zuge dem Koͤnige Ludwig XI. entgegen. Sein Gefolge blitzte von Gold und Silber, denn da die Reichthuͤmer des engliſchen Hofes, durch die Kriege der Haͤuſer York und Lancaſter erſchoͤpft und Frankreichs Ausgaben durch die Sparſamkeit des Mo⸗ uarchen beſchraͤnkt waren, ſo war damals der burgundiſche Hof, der prachtvollſte in ganz Europa. Ludwigs Reiter⸗ zug hingegen war geringfuͤgig an Zahl, und verhaͤltniß⸗ maͤßig aͤrmlich in ſeinen Aeußern. Der Koͤnig ſelbſt, tra⸗ gend einem abgeſchabten Mantel und wie gewoͤhnlich einem alten mit bleiernen Heiligenbildern umgebenen Hut, mit hoher Kapſel, machte den Contraſt noch auffallender. Die dadurch hervorgebrachte Wirkung ward faſt grotesk, als der Herzog, reich gekleidet, geſchmuͤckt mit der herzoglichen Krone, und angethan mit dem dazu gehoͤrigen Staats⸗ mantel, von ſeinem praͤchtigen Streitroß abſtieg, und auf ein Knie ſich niederlaſſend, Miene machte, dem Koͤnige den Steigbuͤgel zu halten, um ihn von ſeinem kleinen friedlichen Klepper herabzuhelfen. Die gegenſeitige Begruͤßung der beiden Herrſcher, war, wie ſich von ſelbſt verſteht, eben ſo voll von erkuͤnſtelten Wohlwollen und Freundſchaftsbezeugungen, als entfernt von aller Aufrichtigkeit. Allein dem Herzog war es ver⸗ moͤge ſeiner Gemuͤthsart weit ſchwerer, in ſeiner Stimme, ſeinen Ausdruͤcken und in ſeinem ganzen Benehmen den noͤthigen Anſchein zu bewahren; wogegen dem Koͤnige jede Art von Verſtellung, ſo zur andern Natur geworden zu ſeyn ſchien, daß Diejenigen die ihn am genauſten kannten, Schein und Wahrheit nicht von einander zu unterſcheiden vermochten. Die treſſendſte Vergleichung, waͤr' ſie nicht unwuͤrdig zweier ſo hohen Potentaten, waͤre die, ſich den Koͤnig in der Lage eines Fremden zu denken, der, vollkommen die Natur des Hundegeſchlechts kennend, aus irgend einem Grunde, die Zuneigung eines grimmigen Bullenbeißers zu gewinnen wuͤnſcht, und bereit iſt, bei dem erſten Kenn⸗ zeichen des Mißtrauens und Argwohns zu fliehen. Der Bullenbeißer zeigt ihm die Zaͤhne, beginnt ein ſchwaches Knurren, ſein Haar ſtraͤubt ſich; doch ſchaͤmt er ſich den freundlichen vertrauungsvollen Fremden anzugreifen, und laͤßt ihn daher nahe kommen, ohne jedoch im Innern fried⸗ lich gegen ihn geſinnt zu ſeyn; vielmehr harrt er nur der erſten Gelegenheit, die ihn in ſeinen eignen Augen recht⸗ fertigen koͤnnte, wenn er ſeinen neuen Freund an der Kehle packte. Ohne Zweifel gewahrte der Koͤnig an der unſichern Stimme, und den zwangvollen Manieren und Geberden 41 4 des Herzogs, daß die Rolle die er zu ſpielen hatte, bedenk⸗ lich ſey, und wahrſcheinlich bereute er mehr als einmal, ſie uͤbernommen zu haben; doch kam die Reue zu ſpaͤt, und es blieb ihm nichts weiter uͤbrig, als jene unnach⸗ ahmliche Gewandtheit und hinterliſtige Politik, die dem Koͤnig ſo ſehr als irgend Jemandem zu Gebote ſtand. Ludwigs Benehmen gegen den Herzog glich der Her⸗ zensergießung im Augenblick aufrichtiger Verſohnung mit einem erprobten und geehrten Freunde, von dem uns vor⸗ uͤbergehende, jetzt vergeſſene Umſtaͤnde entfreidet haben. Der Koͤnig aͤußerte gegen Carln: er mache ſich Vorwuͤrfe, nicht fruͤher dieſen entſcheidenden Schritt gethan, und ſeinen guten lieben Vetter durch dieſen Beweis des Ver⸗ trauens uͤberzeugt zu haben, daß die zwiſchen ihnen vor⸗ gefallenen Mißverſtaͤndniſſe in ſeinem Gedaͤchtniſſe nichts⸗ bedeutend waͤren, wenn er ſie mit der Freundſchaft ver⸗ gliche, die er, verbannt aus Frankreich, und mit dem Miß⸗ fallen ſeines koͤniglichen Vaters belaſtet, von ihm genoſſen habe. Er erwaͤhnte des verſtorbenen Herzogs von Bur⸗ gund, Philipps des Guten,— ein Beinahme, der dem Va⸗ ter Carls gewöhnlich beigelegt ward;— und brachte tau⸗ ſend Beiſpiele ſeiner vaͤterlichen Guͤte in Erinnerung. „Ich glaube Vetter,“ ſprach er,„Euer Vater machte wenig Unterſchied in ſeiner Zuneigung zwiſchen Euch und mir; denn ich beſinne mich, daß der gute Herzog, als ich mich einſt zufaͤllig auf der Jagd verirrt hatte, Euch ſchalt, weil Ihr mich im Walde zuruͤck gelaſſen haͤttet, gleich als ob Ihr zu ſorglos gegen einen aͤltern Bruder geweſen waͤret.“ Die Geſichtszuͤge des Herzogs von Burgund waren von — 42 Natur hart und ſtrenge, und wenn er verſuchte zu laͤcheln, um dadurch eine hoͤfliche Anerkennung der Wahrheit der Aeußerungen des Koͤnigs auszudruͤcken, ſo entſtand daraus eine wahrhaft teufliſche Geſichtsverzerrung. „Du aͤrgſter unter allen Heuchlern,“ dachte er bei ſich ſelbſt,„koͤnnte ich Dir doch ſchicklicherweiſe vorhalten, wie Du alle Wohlthaten unſers Hauſes vergolten haſt!“ „Ueberdieß,“ fuhr der Koͤnig fort,„wenn die Bande der Verwandtſchaft und Dankbarkeit nicht hinreichend waͤ⸗ ren, uns an einander zu feſſeln, mein ſchoͤner Vetter, ſo ſind wir durch die, einer geiſtlichen Verwandtſchaft an ein⸗ ander geknuͤpft; denn ich bin der Pathe Eurer ſchoͤnen Tochter Maria, die mir eben ſo theuer iſt, als eine von meinen eignen Toͤchtern. Und als die Heiligen,— gebe⸗ nedeiet ſey ihr Name!— mir einen kleinen Sproͤßling beſcherten, der leider in der Folge ſchon nach drei Mona⸗ ten wieder verwelkte, da war es Euer fuͤrſtlicher Vater, der ihn zur Taufe hielt, und dieſe Ceremonie mit groͤßerer Pracht und Feſtlichkeit feierte, als es ſelbſt in Paris haͤtte geſchehen koͤnnen. Nie werde ich den tiefen, unvertilgba⸗ ren Eindruck vergeſſen, den die Großmuth des Herzogs Philipp, ſo wie die Eurige, liebſter Better, auf das halb⸗ gebrochne Herz, eines armen Verbannten machte.“ „Ew. Majeſtaͤt,“ entgegnete der Herzog, ſich zu einer Antwort zwingend,„hat dieſe unbedeutende Verbindlich⸗ keit in Ausdruͤcken anerkannt, wodurch Alles, was Bur⸗ gund thun konnte, um das Bewußtſeyn der, ſeinem Lan⸗ desherrn durch Euch erwieſenen Ehre an den Tag zu le⸗ gen, uberreichlich vergolten iſt.“ 3 „Wohl erinnere ich mich der Ausdruͤcke, die Ihr meint, 2 43 ſchoͤner Vetter,“ ſprach der Koͤnig laͤchelnd;„ich ſagte, glaub' ich: um Euch dieſen Jreundſchaftsbeweis zu ver⸗ gelten, haͤtte ich armer Verbannter Euch nichts darzubie⸗ ten, als meine, meiner Gemahlinn und meines Kindes Perſonen.— Nun, ich glaube, dieſem Anerbieten ziemlich Genuͤge geleiſtet zu haben.“ „Es iſt keinesweges mein Wille, was Eure Majeſtaͤt zu behaupten beliebt, zu beſtreiten,“ erwiederte der Her⸗ zog;„aber—"“) „Aber Ihr fragt,“ unterbrach ihn der Koͤnig,„wie meine Handlungen mit meinen Worten uͤbereingekommen ſind?— Nun, das will ich Euch ſagen: der Koͤrper mei⸗ nes unmuͤndig verſtorbenen Kindes ruht in burgundiſchem Boden;— meine Perſon habe ich heute Morgen unbedingt in Eure Gewalt gegeben, und was meine Gemahlinn an⸗ betrifſt, ſo glaube ich in Wahrheit, lieber Vetter, daß Ihr, in Betracht der ſeitdem verfloſſenen Zeit, nicht ſtrenge darauf beſtehen werdet, daß ich in dieſer Hinſicht Wort halten ſoll. Sie iſt am Tage Mariaͤ Verkuͤndigung vor einigen funfzig Jahren geboren,“— hier bekreuzte er ſich und ſprach halblaut ein Ora pro nobis;„aber ſie iſt nicht weiter von hier als Rheims, und wenn Ihr darauf beſteht, daß ich mein Verſprechen buchſtaͤblich erfuͤlle, ſo ſoll ſie ſich auf Euer Verlangen unverweilt hier einfinden.“ So unwillig auch der Herzog von Burgund uͤber das anverkennbare Streben des Koͤnigs war, gegen ihn einen freundſchaftlichen vertraulichen Ton anzunehmen, ſo konnte er ſich doch uͤber dieſe ſonderbare Aeußerung Ludwigs des Lachens nicht erwehren, und ſein Lachen war ſo mißto⸗ nend, als der ploͤtzliche Ausbruch ſeines Zorns, dem er ſich 44 oft uͤberließ. Sein Gelaͤchter war lauter und anhalten⸗ der, als damals ſchicklich war, oder jetzt fuͤr Zeit und Ort paßlich gehalten ſeyn wuͤrden; dann antwortete er in dem naͤmlichen Tone, und lehnte ohne Umſtaͤnde die Ehre des Beſuchs der Koͤniginn ab, erklaͤrte aber, daß er mit gro⸗ ßem Vergnuͤgen des Koͤnigs aͤlteſte Tochter, die ihrer Schoͤnheit wegen beruͤhmt war, bei ſich ſehen wuͤrde. „Ich bin erfreut, ſchoͤner Vetter,“ erwiederte der Koͤ⸗ nig mit jenem zweidentigen Laͤcheln, welches man oft an ihm wahrnahm,„daß Euer Wohlgefallen nicht meine Tochter Johanna zum Gegenſtande gewaͤhlt hat. Denn in dieſem Falle haͤttet Ihr mit meinem Vetter von Or⸗ leans eine Lanze zu brechen gehabt, und waͤre ein Un⸗ gluͤck daraus entſtanden, ſo haͤtte ich auf jeden Fall einen wohlwollenden Freund und liebenden Verwandten ver⸗ loren.“. „Nein, nein, mein koͤniglicher Souverain,“ ſprach Her⸗ zog Carl,„der Herzog von Orleans ſoll meinerſeits auf ſeinen Liebespfaden keine Hinderniſſe finden. Wenn ich jemals eine Lanze mit ihm breche, ſo muß es in einer ſchoͤneren und geraderen Sache geſchehen. 3) Ludwig war weit entfernt, dieſe rohe Anſpielung auf die perſoͤnliche Mißgeſtalt der Prinzeſſinn Johanna uͤbel zu nehmen. Im Gegentheil ſah er mit Vergnuͤgen, daß der Herzog Geſchmack an groben Scherzreden fand, worauf er ſelbſt ſich treſſlich verſtand, und die ihm, um uns eines neumodigen Ausdrucks zu bedienen, viel ſentimentale Heuchelei erſparte. Er fuͤhrte daher in der Unterhaltung einen ſolchen Ton ein, daß Carl, obwohl er fuͤhlte, daß es ihm unmoͤglich ſey, die Rolle eines wohlwollenden, ver⸗ 4 * — Á nn — — 45 ſohnten Freundes gegen einen Monarchen zu ſpielen, der ihm ſo viel Uebles zugefuͤgt hatte, und deſſen Aufrichtig⸗ keit bei ihrer damaligen Zuſammenkunft ihm in ſo hohem Grade verdaͤchtig war, gleichwohl keine Schwierigkeit fand, gegen einen ſo ſcherzhaften Gaſt eine herzliche Gaſtfreiheit an den Tag zu legen, ſo daß der Mangel wechſelſeitiger aufrichtiger Zuneigung durch den cordialen, zwiſchen zwel guten Geſellſchaftern eingefuͤhrten Ton erſetzt ward, der dem Herzog bei ſeiner natuͤrlichen Freimuͤthigkeit, die man wohl Grobheit nennen konnte, eigen war, und der auch dem Koͤnige, obwohl ihm alle Arten der Unterhaltung ge⸗ laͤufig waren, am beſten gefiel, weil er ihm Gelegenheit gab, unzarte Ideen mit cauſtiſchen Einfaͤllen zu miſchen. Waͤhrend eines feſilichen Mahles auf dem Stadthauſe zu Peronne, waren beide Fuͤrſten gluͤcklicherweiſe im Stande, den naͤmlichen Ton der Unterhaltung fortzuſetzen. Er war fuͤr ſie gewiſſermaßen ein neutraler Boden, der, wie Lud⸗ wig wahrnahm, ſich weit beſſer dazu eignete, als irgend ein anderer, den Herzog von Burgund in derjenigen Ge⸗ muͤthsſtimmung zu erhalten, die Ludwig zu ſeiner Sicher⸗ beit nothwendig hielt. Gleichwohl beunruhigte ihn die Wahrnehmung mehre⸗ rer Mitglieder des franzoͤſiſchen Adels im Gefolge des Herzogs, die ſeine ungerechte Strenge aus Frankreich ver⸗ bannt, die Carl aber in angeſehenen und wichtigen Aem⸗ tern angeſtellt hatte. Um ſich daher vor den etwaigen Folgen ihres Unwillens und ihrer Rache zu ſichern, aͤuſ⸗ ſerte er, wie ſchon erwaͤhnt iſt, den Wunſch, lieber im Schloſſe oder der Citadelle von Peronne, als in der Stadt ſeine Wohnung nehmen zu wollen. Der Herzog bewilligte es unbedenklich, und zwar mit einem zweideutigen Laͤcheln, von dem man unmdglich ſagen konnte, ob es fuͤr Denje⸗ nigen, welchem ſein Verlangen gewaͤhrt ward, von guter oder böſer Vorbedeutung war. Als aber der Koͤnig, ſo zart als er nur immer konnte, und auf die am beſten geeignete Weiſe, allen Argwohn zu verſcheuchen, ihn fragte: ob es nicht thunlich ſey, daß die ſchottiſchen Bogenſchuͤtzen ſeiner Garde die Citadelle von Peronne waͤhrend ſeines dortigen Aufenthalts, anſtatt ei⸗ nes der Stadtthore,— wie Carl ſelbſt angeboten hatte,— beſetzten, da erwiederte Letzterer in ſeinem gewohnten ab⸗ ſprechenden Tone, indem er nach ſeiner Sitte den Stutz⸗ bart ſtrich, und die Hand an den Dolch und an's Schwerdt legte, das letztere auch wohl etwas entbloͤßte und dann wieder in die Scheide ſteckte:„nein, beim heiligen Mar⸗ tin, mein Souverain! Ihr ſeyd im Lager und in der Stadt Eures Vaſallen,— denn ſo nennt man mich in Beziehung auf Eure Majeſtaͤt;— Schloß und Stadt ge⸗ horen alſo Euch,— und meine Truppen ſind die Euri⸗ gen. Es iſt mithin gleichguͤltig, ob ſie oder Eure ſchot⸗ tiſchen Bogenſchuͤtzen das Stadtthor oder die Befeſtigungs⸗ werke des Schloſſes beſetzen.— Nein, bei Sanet Goͤrgen! Peronne iſt eine jungfraͤuliche Feſtung, ſie ſoll ihren Ruf nicht durch meine Vernachlaͤſſigung verlieren; man muß auf Jungfrauen ein wachſames Auge haben, mein koͤnig⸗ licher Vetter, wenn ſie ihren guten Ruf behalten ſollen.“ „Allerdings, lieber Vetter!“ erwiederte der Koͤnig, „und ich bin um ſo mehr Eurer Meinung, da mich der gute Ruf der guten kleinen Stadt naͤher angeht, als Euch. Better, eine von Denn Peronne iſt, wie Ihr wißt, lieber? 2 4 47 den an dem naͤmlichen Fluſſe Somme liegenden Staͤdten, die Eurem Vater, hochſeligen Andenkens, als Unterpfand eines Darlehns eingeraͤumt wurden, und vertragsmaͤßig durch Ruͤckzahlung der geliehenen Summe eingeloſ't wer⸗ den koͤnnen. Und die Wahrheit zu ſagen, lieber Vetter, komme ich wie ein ehrlicher Schuldner, geneigt, meine Verbindlichkeiten jeder Art zu erfuͤllen, und habe daher einige mit Silber beladene Maulthiere mitgebracht, um die Einlöͤſungsſumme zu bezahlen, welche zu den Koſten Eurer fuͤrſtlichen, wahrhaft koͤniglichen Hofhaltung auf drei Jahre hinreichen werden.“ „Ich nehme keinen Pfennig davon an,“ entgegnete der Herzog, an ſeinem Stutzbart drehend;„die Einloͤſungs⸗ zeit iſt verſtrichen, mein koͤniglicher Vetter, auch war es nie ernſtlich die Abſicht, daß dieß Recht ausgeuͤbt werden ſollte; denn die Abtretung dieſer Staͤdte war die einzige Schadloshaltung, die mein Vater von Seiten Frankreichs erhielt, als er, zur gluͤcklichen Stunde fuͤr Eure Familie, ſich dazu verſtand, die Ermordung meines Großvaters zu vergeſſen, und anſtatt ſeines bisherigen Bundes mit Eng⸗ land, mit Eurem Vater ein Buͤndniß abzuſchließen. Bei Sanct Goͤrgen! häͤtte er nicht ſo gehandelt, ſo wuͤrde Ew. Majeſtaͤt, weit entfernt, Staͤdte an der Somme zu beſitzen, ſchwerlich die jenſeits der Loire liegenden behalten haben. Nein,— ich werde keinen Stein davon herausgeben, und ſollte mir jeder Stein nach ſeinem Gewichte in Golde be⸗ zahlt werden. Ich danke Gott und der Klugheit und Ta⸗ pferkeit meiner Ahnherren, daß die Einkuͤnfte von Bur⸗ gund, wenn es gleich nur ein Herzogthum iſt, hinreichen, meine Kofhaltung in ſolchem Stande zu erhalten, daß ich 2Q 48 ſogar einen Koͤnig als Gaſt empfangen kann, ohne gend⸗ thigt zu ſeyn, mein Erbtheil zu verkaufen.“ „Nun wohl, lieber Vetter,“ verſetzte der Koͤnig in dem vorigen ruhigen und ſanften Tone, und ohne durch die heftigen Geberden und muͤrriſchen, halb lauten Aeußerun⸗ gen des Herzogs beunruhigt zu werden;„ich ſehe, Ihr ſeyd ein ſo guter Freund Frankreichs, daß Ihr Euch von nichts trennen koͤnnt, was dieſem Reiche angehoͤrt. Aber wir werden in dieſen Angelegenheiten, wenn wir ſie in einer berathenden Verſammlung eröoͤrtern, eines Vermitt⸗ lers beduͤrfen.— Was meint Ihr von Saint Pol? „Weder Sanct Paul, noch Sanct Peter, noch irgend ein Heiliger im ganzen Kalender,“ entgegnete der Her⸗ zog von Burgund,„ſoll mir den Beſitz von Peronne ab⸗ ſchwatzen.“ „Nein, Ihr mißverſteht mich,“ ſprach Koͤnig Ludwig laͤchelnd;„ich meine Ludwig von Luxembourg, unſern ge⸗ treuen Connetable, den Grafen von Saint Pol. Bei der heiligen Maria von Embruͤn! wir brauchen bloß ſeinen Kopf bei unſrer Conferenz!— Er iſt der beſte Kopf in Frankreich, und wuͤrde zur Herſtellung vollkomm'ner Ei⸗ nigkeit zwiſchen uns am nuͤtzlichſten ſeyn.“ 3 „Bei Sanct Goͤrgen von Burgund!“ verſetzte der Her⸗ zog,„ich wundere mich, Ew. Majeſtaͤt ſo von einem Manne reden zu hoͤren, der falſch und meineidig gegen Frankreich und Burgund geweſen iſt, einem Manne, der ſich jederzeit beſtrebt hat, unſere haͤufigen Mißhelligkeiten zur Flamme anzufachen, um ſich das Anſehen eines Ver⸗ mittlers zu geben. Ich ſchwoͤr' es bei dem Orden, den 49 ich trage, daß ſeine Suͤmpfe ihm nicht lange zum Zu⸗ fluchtsort dienen ſollen!“ „Nicht ſo hitzig, Vetter,“ ſprach der Koͤnig laͤchelnd und mit gedaͤmpfter Stimme;„wenn ich ſagte, daß der Kopf des Connetables dazu dienen koͤnnte, unſre kleinen Mißverſtaͤndniſſe auszugleichen, ſo ſprach ich nicht von ſeinem Koͤrper, der koͤnnte ſehr fuͤglich in St. Quentin bleiben.“ „Aha! jetzt verſtehe ich Euch, mein koͤniglicher Vetter,“ verſetzte Carl mit der naͤmlichen mißtoͤnenden Lache, wel⸗ che einige plumpe Spaͤße des Koͤnigs ihm abgelockt hat⸗ ten, und, mit dem Abſatz auf den Boden ſtampfend, ſetzte er hinzu:„in dieſem Sinne gebe ich zu, daß der Kopf des Connetables in Peronne nuͤtzlich ſeyn koͤnnte!“ Dieſe und andere Geſpraͤche, in denen der Koͤnig meh⸗ rere Winke uͤber ernſte Angelegenheiten, gemiſcht mit Frohſinn und guter Laune, fallen ließ, folgten nicht un⸗ mittelbar auf einander, ſondern ſie wurden waͤhrend des feſtlichen Mahles auf dem Stadthauſe, ſo wie waͤhrend einer nachherigen Zuſammenkunft in den Gemaͤchern des Herzogs auf gewandte Weiſe herbei gefuͤhrt, wenn die Gelegenheit ſich darbot, dergleichen bedenkliche Materien auf eine ungezwungene und natuͤrliche Weiſe auf die Bahn zu bringen. So uͤbereilt auch Ludwig gehandelt hatte, einen Schritt zu wagen, deſſen Ausgang der heftige Charakter des Herzogs und die zwiſchen den beiden Herr⸗ ſchern beſtehende eingewurzelte Feindſchaft, ſehr zweifel⸗ haft und gefahrvoll machte, ſo benahm ſich doch niemals ein Pilot an einer unbekannten Kuͤſte mit groͤßerer Fe⸗ ſtigkeit und Klugheit. Er ſchien mit der groͤßten Ge⸗ D. III. 4 50 wandtheit und Genauigkeit die Tiefen und Untiefen, den Charakter und die Gemuͤthsart ſeines Nebenbuhlers zu ergruͤnden, und legte weder Zweifel noch Furcht an den Tag, wenn das Ergebniß ſeiner Erfahrung ihn weit mehr verſunkene, unter der Waſſerflaͤche verborgene Felſen und gefaͤhrliche Klippen, als ſichere Ankerplaͤtze, entdecken ließ. So endete ein Tag, der fuͤr Ludwig bei der ſteten An⸗ ſtrengung, Wachſamkeit, Vorſicht und Aufmerkſamkeit, die ſeine Lage erforderte, eben ſo ermuͤdend, als fuͤr den Her⸗ zog, der ſich genöthigt ſah, die heftigen Gefuͤhle zu un⸗ terdruͤcken, denen er gewöhnlich den Zuͤgel ſchießen ließ, zwangvoll war. Kaum hatte Carl, nach einem formellen Abſchiede, ſich fuͤr die Nacht vom Koͤnige beurlaubt und in fein Zimmer zuruͤckgezogen, als er den ſo lange unterdruͤckten Leiden⸗ ſchaften freien Lauf ließ, und, wie ſein Hofnarr, der Groß⸗ prahler, ſagte, manche Fluͤche und Schimpfwörter auf Haͤupter herabfallen ließ, wofuͤr dieſe Muͤnze nicht ausge⸗ praͤgt war; denn ſeine Hofbeamte genoſſen reichliche Be⸗ ſcherungen aus dem Schatze von Schimpfwörtern, womit er ſeinen koniglichen Gaſt, ſelbſt in ſeiner Abweſenheit, ſchicklicherweiſe nicht belegen konnte und deren er ſich zu entlaſten, dennoch zu großen Drang fuͤhlte. Die Spaͤße des Hofnarren trugen jedoch etwas dazu bei, die zornige Gemuͤthsſtimmung des Herzogs zu befaͤnftigen;— er lachte laut, warf dem Spaßmacher ein Goldſtuͤck zu, ließ ſich ruhig entkleiden, leerte einen großen Becher voll ge⸗ wuͤrzten Weines, warf ſich auf's Lager und fiel in einen feſten Schlaf. 4 Auf eine bemerkeuswerthere Weiſe verbrachte Koͤnig 51 Ludwig die Zeit der Nachtruhe; denn der heftige Ausdruck erbitterter und ungezaͤhmter Leidenſchaften, mehr angehoͤ⸗ rend dem thieriſchen als dem geiſtigen Theile der menſch⸗ lichen Natur, bietet uns wenig Anziehendes dar, im Ver⸗ gleich mit der Thatkraft eines regen, wirkſamen Geiſtes. Ludwig ward bis zu ſeiner ſelbſtgewaͤhlten Wohnung, im Schloſſe oder der Citadelle von Peronne, von den Kaͤm⸗ merern und Bettmeiſtern des Herzogs von Burgund ge⸗ leitet, und beim Eintritt von einer ſtarken Wache, beſte⸗ bend aus Bogenſchuͤtzen und Gewappneten, empfangen. Als er vom Pferde ſtieg, um auf einer Zugbruͤcke uͤber einen ungemein breiten und tiefen Graben zu gehen, ſah' er die Schildwachen an und ſagte zu Argenton, der ihn nebſt andern burgundiſchen Edelleuten begleitete:„ſie tragen Andreaskreuze, aber es ſind nicht die meiner ſchot⸗ tiſchen Bogenſchuͤtzen.“ „ Ihr werdet ſie eben ſo bereit finden, in Eurer Ver⸗ theidigung zu ſterben, Sire,“ entgegnete Argenton, deſſen feines Gehoͤr im Ton der Rede des Koͤnigs den Ausdruck eines Gefuͤhls wahrgenommen hatte, welches Ludwig ohne Zweifel verhehlt haben wuͤrde, wenn er gekonnt haͤtte. „Sie tragen ein Andreaskreuz als ein Zubehoͤr der Kette des goldenen Vließes, des Hausordens meines Herrn, des Herzogs von Burgund.“ „Wie ſollt' ich das nicht wiſſen?“ entgegnete Ludwig, indem er auf die Kette jenes Ordens zeigte, die er ſeinem Wirthe zu Ehren angelegt hatte;„es iſt eins von den bruͤderlichen Banden, die mich und meinen werthen Ver⸗ wandten an einander knuͤpfen. Wir ſind Bruͤder im Rit⸗ terthume ſo wie in Hinſicht auf unſere geiſtliche Ver⸗ 52. wandtſchaft, Vettern durch Geburt, und Freunde durch alle Bande der Zuneigung und guten Nachbarſchaft.— Nicht weiter, als bis in den Vorhof, meine edlen Herren und Ritter! ich kann nicht zugeben, daß Ihr mich weiter be⸗ gleitet; Ihr habt mir Ehre genug erzeigt.“ „Der Herzog beauftragte uns,“ ſprach Hymbercourt, „Ew. Majeſtaͤt bis in Eure Wohnung zu geleiten.— Wir hoſſen, Ihr werdet uns erlauben, unſers Gebzerers Befehle zu befolgen.“ „In dieſer geringfuͤgigen Angelegenheit,“ entgegnebe der Koͤnig,„werdet ſelbſt Ihr, unbeſchadet Eurer Unter⸗ thanenpflicht, hoſſentlich zugeben, daß mein Befehl den ſeinigen uͤberwiegt. Ich fuͤhle mich etwas unwohl, meine Herren,— etwas erſchoͤpft; großes Vergnuͤgen iſt eben ſowohl anſtrengend, als Kummer.— Ich hoſſe, morgen Eurer Geſellſchaft beſſer zu genießen.— Insbeſondere der Eurigen, Herr Philipp von Argenton.— Ich vernehme, Ihr ſeyd der Annaliſt unſerer Zeiten;— wir wuͤnſchten in der Geſchichte einen Namen zu haben und muͤſſen Euch daher gute Worte geben; denn man ſagt, Ihr fuͤhrt eine ſcharfe Feder, wenn Ihr wollt.— Gute Nacht, meine ed⸗ len Herren und Kitter, gute Nacht Allen und Jedem!“ Die Edeln Burgunds zogen ſich zuruͤck, entzuͤckt von Ludwigs leutſeligem Benehmen und von den Aufmerkſam⸗ keiten, die er mit großer Gewandtheit unter ſie vertheilt hatte, und verließen ihn, bloß in der Geſellſchaft zweier Perſonen ſeines Gefolges, unter dem gewoͤlbten Thorweg, der zum Vorhofe des Schloſſes von Peronne fuͤhrte, in deſſen einem Winkel man einen großen Thurm ſah, wel⸗ cher zum Hauptgefaͤngniſſe dieſes feſten Platzes diente⸗ Dieß hohe, finſtere, ſchwerfaͤllige Gebaͤude ward damals von dem naͤmlichen Mondenlicht erhellet, welches Quentin Durwards Weg zwiſchen Charleroi und Peronne, wie der Leſer ſich erinnert, mit ſeinem vollen Glanze erleuchtete. Die Form dieſes maͤchtigen Thurmes glich der des wei⸗ beu Thurmes in der Citadelle von London; doch war jener von noch alterthuͤmlicherer Bauart, denn man be⸗ hauptete, ſie ruͤhre aus den Zeiten Carls des Großen her. Die Mauern waren von ungeheurer Dicke, die Fenſter ſehr klein und mit ſtarken eiſernen Gittern verſehen, und die ſchwerfaͤllige alte Steinmaſſe warf einen duͤſtern, Ungluͤck weiſſagenden Schatten uͤber den ganzen Vorhof. „Ich werde doch nicht hier wohnen ſollen,“ ſagte der Koͤnig mit ahnungsvollem Schauer. „Nein,“ erwiederte der grauköoͤpfige Seneſchall, der ihn mit entbloͤßtem Haupte begleitete.„Gott behuͤte! Ew. Majeſtaͤt Wohnzimmer ſind in dieſem andern Gebaͤude be⸗ reitet; es ſind diejenigen, wo der Koͤnig Johann, zwei Naͤchte vor der Schlacht von Poitiers, ſeinen Aufenthalt hatte.“ „Nun, auch dieß iſt keine gute Vorbedeutung,“— ſprach der Koͤnig halblaut;„aber was hat es denn mit jenem Thurme zu bedeuten, alter Freund! und warum bittet Ihr den Himmel, daß ich dort nicht einquartiert werden moͤge?“ „Nun, mein gnaͤdigſter Monarch,“ erwiederte der Se⸗ neſchall,„ich weiß von dem Thurme nichts Uebles; nur verſichern die Schildwachen, daß man Nachts Lichter dort ſieht und ein ſeltſames Getoͤſe vernimmt; und dieß waͤre ſehr erklaͤrbar, denn vor Alters war dieſer Thurm ein 54 Staatsgefaͤngniß, und man erzaͤhlt mancherlei Geſchichten von dem, was interhalb ſeiner Mauern vorging.“ Ludwig legte ihm keine weitere Frage vor, denn Nie⸗ anand war mehr als er verpflichtet, die Geheimniſſe eines Gefangenhauſes zu achten. An der Thuͤr der fuͤr ihn be⸗ ſtimmten Zimmer, die, wenn gleich in ſpätern Zeiten an⸗ gelegt, als jener Thurm, dennoch die duͤſtern Spuren des Alterthums trugen, ſtand eine kleine Abtheilung ſeiner ſchottiſchen Leibwache, ihren treuen alten Befehlshaber au der Spitze. „Crawford,— mein ehrlicher treuer Crawford!“ ſprach der Koͤnig,„wo biſt Du heute geweſen?— Iſt der bur⸗ gundiſche hohe Adel ſo wenig gaſtfrei, einen der wacker⸗ ſten und edelſten Cavaliere, die jemals einen Hof beſuch⸗ ten, zu vernachlaͤſſigen?— Ich ſahe Dich nicht beim Waſi⸗ mahle!“ „Ich lehnte die Einladung ab, Sire,“ erwiederte Grawe ford;„ich bin nicht mehr der Alte. Sonſt gab es Zeiten, wo ich mit dem beſten Zecher in Burgund in die Wette trinken konnte, und waͤre es in dem Safte ſeiner heimi⸗ ſchen Trauben geweſen; jetzt werfen mich vier Pinten zu Boden; und ich glaubte, Ew. Majeſtaͤt Dienſt erfordere es, daß ich meinen Untergebenen ein Beiſpiel gaͤbe.“ „Du biſt immer vorſichtig,“ ſprach der Koͤnig;„aber es giebt hier doch weniger Dienſtgeſchaͤfte, als gewoͤhnlich, da Du nur eine geringe Truppenzahl befehligſt. Und die Zeit eines feſtlichen Mahles erforderte von Deiner Seite keine ſo ſtrenge Selbſtverlaͤugnung, als ein Zeitpunkt der Gefahr.“ „Eben weil ich nur eine geringe Truppenzahl zu be⸗ 55 fehligen habe,“ entgegnete Crawford,„iſt es um ſo noͤ⸗ thiger, die Schelme ſtets in dienſtfaͤhigem Zuſtande zu er⸗ halten; und ob dieß Alles mit Gaſtmahlen oder mit Kaͤm⸗ pfen endigen wird, das weiß Gott und Ew. Majeſtät beſſer, als John Erawford.“ „Ihr ſeht doch keine Gefahr voraus?“ fragte der Koͤ⸗ nig haſtig, aber in gedaͤmpftem Tone. „Das nicht,“ antwortete Crawford;„ich wuͤnſchte, ich thaͤte es; denn, wie der alte Graf Tinemann zu ſagen pflegte: vorausgeſehene Gefahren ſind leichter zu vermei⸗ den.— Darf ich mir von Ew. Majeſtaͤt das Loſungswort fuͤr die kommende Nacht erbitten?“ „Es ſey Burgund, zu Ehren unſeres Wirths und eines Rebenſafts, den Ihr liebt, Crawford.“ „Ich habe weder auf den Herzog, noch auf den Wein dieſes Namens etwas zu ſagen, vorausgeſetzt, daß beide aͤcht ſind. Ich wuͤnſche Ew. Majeſtaͤt eine gute Nacht.“ „Gute Nacht, mein treuer Schotte,“ erwiederte der Koͤnig und ging in ſeine Gemaͤcher. An der Thuͤr ſeines Schlafzimmers ſtand der Benarbte auf dei Poſten.„Folgt mir,“ ſprach der Koͤnig im Voruͤbergehen, und der Bo⸗ genſchuͤtze, gleich einer durch einen Kuͤnſtler in Bewegung geſetzten Maſchine, ſchritt ihm ins Zimmer nach und harrte bewegungslos und ſchweigend der Befehle des Koͤnigs. „Habt Ihr von dem irrenden Paladin, Eurem Neſſen, etwas gehort?“ fragte der König;„denn er iſt fuͤr uns ganz verloren geweſen, ſeitdem er wie ein junger auf ſein erſtes Abenteuer ausgezogener Ritter uns zwei Gefangene, als die erſten Fruͤchte ſeiner Waſſenthaten, heimgeſandt hat.““ 56 „Sire, ich höͤrte etwas von der Sache,“ verſetzte der Benarbte;„und ich hoſſe, Ew. Majeſtaͤt wird uͤberzeugt ſeyn, daß, wenn er unrecht handelte, ich weder durch mei⸗ ne Lehren, noch durch mein Beiſpiel daran ſchuld bin; denn niemals war ich ein ſo verwegner Grobian, irgend ein Mitglied Eures erlauchten Hauſes aus dem Sattel zu heben; da kannte ich zu gut meine Verhaͤltniſſe—“ „Schweigt uͤber den Punkt,“ ſprach der Koͤnig;„Euer Neſſe that in dieſer Sache ſeine Schuldigkeit.“ „Das hat er von mir;— Quentin! ſagte ich ihm, was Dir auch immer begegnen mag, erinnere Dich, daß Du zur ſchottiſchen Garde gehoͤrſt, und thue Deine Schul⸗ digkeit, es folge daraus, was da wolle.“ „Ich zweifle nicht, daß er gute Lehren erhalten hat; jetzt aber kommt es mir vor allen Dingen darauf an, daß Ihr mir die Frage beantwortet, ob Ihr kuͤrzlich etwas von Eurem Neſſen gehoͤrt habt?— Tretet zuruͤck, meine Herren,“ ſagte er zu ſeinen uͤbrigen Hofcayalieren,„denn dieß gehoͤrt nur fuͤr meine Ohren.“ „Allerdings, gnaͤdigſter Herr,“ erwiederte der Benarbte; „noch heute Morgen ſprach ich mit dem Reitknecht Char⸗ lot, den mein Neſſe von Luͤttich, oder vielmehr von einem nahe bei der Stadt gelegenen Schloſſe des Biſchofs ab⸗ ſchickte, wo er die Damen von Croye gut und wohl ab⸗ lieferte.— „Nun, die heilige Jungfrau im Himmel ſey dafuͤr ge⸗ lobt!— Aber biſt Du der Sache gewiß? Haͤltſt Du dieſe gute Nachricht fuͤr zuperlaͤſſig?“ „Fuͤr ſo zuverlaͤſſig, als irgend etwas in der Welt,“ erwiederte der Benarbte;„auch hatte der Menſch, wie ich 2 glaube, ein Schreiben an Ew. Majeſtaͤt von den Damen von Croye abzuliefern.“ 9 „Hole mir ſolches eiligſt herbei,“ gebot der Koͤnig,— „gieb Dein Gewehr einem dieſer Leute,— Olivern oder einem Andern.— Nun Preis und Dank unſerer lieben Frauen von Embruͤn! ich will ihren Hochaltar mit ſil⸗ bernen Schranken umgeben laſſen.“ In dieſem Anfall von Dankbarkeit und Andacht nahm Ludwig, wie gewoͤhnlich, den Hut ab, ſuchte unter den heiligen Bildern, womit er umgeben war, ſein Lieblings⸗ bild der Jungfrau hervor, ſtellte es auf einen Tiſch und wiederholte, ehrfurchtsvoll knieend, das abgelegte Geluͤbde, Der Reitknecht,— der erſte Bote, den Durward von Schoͤnwald abgeſandt hatte, trat jetzt herein und uberlie⸗ ferte dem Koͤnige die mitgebrachten Schreiben; ſie waren von den Damen von Croye an den Monarchen gerichtet und enthielten einen ziemlich kalt ausgedruͤckten Dank fuͤr die ihnen an ſeinem Hofe erwieſene Hoͤflichkeit; doch dankten ſie ihm in einer etwas waͤrmern Sprache fuͤr die Erlaubniß, in Sicherheit ſein Gebiet verlaſſen zu duͤrfen; — ein Ausdruck, den Lud vig herzlich belachte, ohne ihn uͤbel aufzunehmen. Dann fragte er den Reitknecht Char⸗ lot mit ſichtlich theilnehmender Miene:„ob ſie auf dem Wege beunruhigt oder angegriſſen waͤren?“ Charlot, ein einfaͤltiger Menſch, und eben deswegen vom Koͤnige zu Begleitung der Reiſenden auserwaͤhlt, ſtattete einen ſehr verwirrten Bericht von dem Kampfe ab, worin ſein Gefaͤhrte, der Gascogner, getoͤdtet war; von weitern Gefechten war ihm nichts bekannt. Ludwig fragte ihn hierauf ausfuͤhrlicher nach dem Wege, den die 58 Reiſegeſellſchaft nach Luͤttich genommen habe, und ſeine Theilnahme verdoppelte ſich, als er vernahm, daß ſie, na⸗ hend der Stadt Namur, die geradere Straße nach Luͤttich, am rechten Ufer der Maas, anſtatt des linken, wie ihnen vorgeſchrieben war, eingeſchlagen hatte. Der Kbnig ließ dem Boten ein kleines Geſchenk reichen, und entließ ihn, indem er ſich ſtellte, ſeine aͤngſtliche Beſorgniß habe nur die Sicherheit der Damen von Croye zum Gegenſtande gehabt. Wenn gleich dieſe Nachrichten die Kunde in ſich faßten, daß einer ſeiner Lieblingsplaͤne geſcheitert war, ſo ſchienen ſte doch dem Koͤnige mehr innere Zufriedenheit zu gewaͤh⸗ ren, als er im Fall ſeines glaͤnzendſten Erfolges wahr⸗ ſcheinlich an den Tag gelegt haben wuͤrde. Er athmete auf, als ſey er einer ſchweren Laſt enthoben, murmelte von neuem ein Dankgebet an die Heiligen, erhob die Au⸗ gen zum Himmel und beeilte ſich, neue, ſicherere Ehr⸗ ſuchtsplaͤne zu ſchmieden. In dieſer Abſicht ließ Ludwig ſeinen Sterndeuter Mar⸗ tius Galeotti zu ſich berufen, der mit ſeiner gewohnten erkuͤnſtelten Wuͤrde erſchien; doch umſchwebte ſeine Stirn einige Unruhe, als habe er gezweifelt, ob der Koͤnig ihn gut empfangen werde. Dieß war aber in einem ſo hohen Grade der Fall, daß der Empfang ſeine kuͤhnſten Hofſ⸗ nungen uͤbertraf. Ludwig nannte ihn ſeinen Freund, ſei⸗ nen Vater in den Wiſſenſchaften,— das Fernrohr, deſſen ſich ein Koͤnig bedienen muͤſſe, in die Zukunft zu ſchauen, und ſchloß damit, daß er ihm einen Ring von ſehr be⸗ traͤchtlichem Werth an den Finger ſteckte. Galeotti, un⸗ kundig der Thatſahen, die ihn ſo ploͤtzlich in Ludwigs ———— 59 Achtung erhoben hatten, verſtand ſein Handwerk zu gut, um ſich dieſe Unkunde merken zu laſſen. Mit ernſter Be⸗ ſcheidenheit nahm er Ludwigs Lob an, behauptete aber, es gebuͤhre einzig der edeln Wiſſenſchaft, die er uͤbe,— einer Wiſſenſchaft, die um ſo mehr Bewunderung ver⸗ diene, da ſie durch ein ſo ſchwaches Werkzeug als er ſey, Wunder wirke. Hierauf trennte ſich der Koͤnig vom Aſtro⸗ logen und beide waren dießmal ſehr miteinander zufrieden. Sobald Ludwig allein war, warf er ſich in einen Seſſel, und dem Anſchein nach ſehr erſchoͤpft, entließ er ſein Ge⸗ folge, ausgenommen Olivern, der, mit geraͤuſchloſen Schritte, geſchaͤftig umherſchleichend, ihm in den Vorbe⸗ reitungen zur Nachtruhe behuͤlflich war. Waͤhrend er ſich von ihm bedienen ließ, war der Koͤnig wider ſeine Gewohnheit ſo ſtumm und leidend, daß ſeinem Diener dieſe Umwandlung ſeines Benehmens höͤchſt auf⸗ fallend war. Die verderbteſten Menſchen haben nicht ſel⸗ ten einige gute Grundſaͤtze;— der Bandit iſt ſeinem Hauptmann treu, und manchmal fuͤhlt ein vorzugsweiſe beſchuͤtzter Guͤnſtling, wirklich einen Anflug aufrichtiger Theilnahme an dem Wohl des Monarchen, dem er ſeine Groͤße verdankt. Oliver, der Teufel, oder welchen Namen man auch immer von ſeinen laſterhaften Neigungen ent⸗ lehnen wollte, war nicht mit Satan ſo ganz in ein We⸗ ſen verſchmolzen, daß er ſein Herz aller Dankbarkeit gegen ſeinen Gebieter haͤtte verſchließen ſollen, der, wie es ſchien, ſich in einer ſeltſamen, fuͤr ſein Schickſal ſehr bedenklichen Lage und in einem Zuſtande der Erſchoͤpfung befand. Als er eine Zeitlang bei dem Koͤnige ſchweigend das Geſchaͤft eines Kammerdieners verrichtet hatte, konnte er ——— ——— 60 ſich endlich nicht enthalten, mit der Freimuͤthigkeit, welche ihm die Nachſicht des Monarchen in ſolchen Faͤllen ver⸗ ſtatrete, zu ſagen, ète dieu, Sire, man ſollte glau⸗ ben, Ihr haͤttet eine Schlacht verloren; und doch ſah ich, der ich den heutigen Tag in Ew. Majeſtaͤt Naͤhe war, Euch nie auf einem Schlachtfelde ſo tapfer kaͤmpfen.“ „Auf einem Schlachtfelde!“ rief Ludwig, die Augen in die Hoͤhe ſchlagend, in ſeinem gewohnten kauſtiſchem Tone und Benehmen.„Pasques dlien! Freund Oli⸗ ver, ſage lieber, daß ich in einem Stiergefechte den Kampf⸗ platz behauptet habe; denn eine verblendetere, hartnaͤckigere und unbaͤndigere Beſtie, als unſer Vetter von Burgund, hat nie die Erde getragen, ausgenommen etwa in der Ge⸗ ſtalt eines zu Stiergefechten abgerichteten Bullenbeißers aus Murcia. Doch es thut nichts, ich bin ihm tuͤchtig zu Leibe gegangen. Aber freue Dich mit mir Sliver, daß keiner von meinen Plaͤnen in Flandern gegluͤckt iſt,— weder in Beziehung auf die beiden irrenden Prinzeſſinnen von Croye noch auch in Luͤttich, Du verſtehſt mich.“ „In der That ich verſtehe Euch nicht, Sir,“ verſetzte Oliver;„ich kann Euch unmoͤglich zum Mißlingen Eurer Lieblingsplaͤne Gluͤck wuͤnſchen, wenn Ihr mir nicht einige Gruͤnde dieſes Wechſels Eurer Wuͤnſche und Anſichten mittheilt.“ „Nun, im Allgemeinen betrachtet, ſind Beide noch die naͤmlichen,“ erwiederte der Koͤnig;„aber Pasques dieu! mein Freund, ich habe heute den Herzog Carl beſſer kennen gelernt, als zuvor. Als er noch Graf von Charleroi war, ſein Vater, der alte Herzog Philipp der Gute noch lebte, ich als Dauphin aus Frankreich verbannt 61 war, da tranken, jagden und ſchwaͤrmten wir mit einander, und hatten manches luſtige Abenteuer. In jenen Tagen hatte ich den entſchiedenen Vortheil uͤber ihn, der immer den ſtaͤrkern Verſtandeskraͤften uͤber die ſchwaͤchern zu Theil wird. Aber er hat ſich ſeit jener Zeit ſehr veraͤndert;— er iſt hartnaͤckig, verwegen, anmaßend, ſtreitſuͤchtig und abſprechend geworden, und hat einen ſichtlichen Hang, Alles aufs aͤußerſte zu treiben, wenn er das Spiel in Haͤnden zu haben glaubt. Die Gegenſtaͤnde, welche ihm mißſielen, mußte ich ſo vorſichtig behandeln, als beruͤhrte ich ein gluͤhend Eiſen. Ich ließ nur einen Wink fallen, es ſey moͤglich, daß jene irrenden Graͤfinnen von Croye bevor ſie Luͤttich erreichten,— denn dahin haͤtten ſie, ſoviel ich wuͤßte, ihren Weg genommen, irgend einem Grenz⸗ raͤuber in die Haͤnde gefallen waͤren, und Pas ques dieu! man haͤtte glauben ſollen, ich ſpraͤche von einem Kirchenraub. Es iſt unnothig, Dir zu wiederholen, was er mir hieruͤber ſagte; aber ſo viel iſt gewiß, daß ich mei⸗ nen Kopf in großer Gefahr geglaubt haben wuͤrde, wenn er in jenem Augenblick die Kunde erhalten haͤtte, das zwiſchen Dir und Deinem Freunde, dem Baͤrtigen verab⸗ redete, ſaubere Projekt, Wilhelms Gluͤcksumſtaͤnde durch eine Heirath zu verbeſſern, ſey gelungen.“ „ Mein Freund iſt er nicht, mit Ew. Majeſtaͤt Wohl⸗ nehmen, auch ruͤhrte der Plan nicht von mir her,“ ſprach Oliver. „Du haſt Recht, Oliver,“ antwortete der Koͤnig; „Dein Plan ging dahin, einen ſolchen Braͤutigam tuͤchtig zu barbiren, aber Du waͤhlteſt fuͤr die Graͤfinn Iſabelle eben keinen beſſern Gemal, als Du beſcheiden auf 62 Dich ſelbſt hindeuteteſt. Aber Oliver, wehe ihrem kuͤnfti⸗ gen Gatten! Denn Haͤngen, Raͤdern, Viertheilen waren die gelindeſten Drohungen, die mein ſanfter Better gegen denjenigen ausſtieß, der die junge Graͤfinn, ſeine Baſal⸗ linn, ohne ſeine lehnsherrliche Erlaubniß heirathen wuͤrde.“ „Und ohne Zweifel iſt er eben ſo eiferſuͤchtig auf alle Unruhſtiftungen in der guten Stadt Lüttiche fragte der Guͤnſtling. „Eben ſo ſehr, und mehr noch, Oliver,“ verſetzte der Koͤnig;„wie Dein Scharfſinn ſehr richtig erraͤth. Sobald ich aber beſchloſſen hatte, hieher zu gehen, ſandte ich Bo⸗ ten nach Luͤttich, um dort fuͤr jetzt die erhitzten Gemuͤther zu beruhigen und jede aufruͤhreriſche Bewegung zu hem⸗ men; meine raſtloſen Freunde, Rouslaer und Pavillon haben Befehl, bis nach der Endigung dieſer meiner gluͤck⸗ lichen Zuſammenkunft zwiſchen meinen Vetter und mir, maͤuschen ſtill zu ſeyn.“ „Es ſcheint alſo, nach dem was Ew. Majeſtaͤt fagt, daß das Beſte was Ihr von dieſer Zuſammenkunft hoſſen koͤnnt, darinn beſteht, Euren Zuſtand nicht zu verſchlime mern?“ erwiederte Oliver trocken.—„In der That, dieß gleicht der Fabel vom Kranich, der ſeinen Kopf in des Fuchſes Maul ſteckte, und ihm noch danken mußte, daß er ihn unverſehrt wieder herausziehen durfte. Gleichwohl ſchien Ew. Majeſtaͤt noch vor kurzem gegen den weiſen Philoſophen, der Euch zu einem ſo vielverſprechenden Spiele aufmunterte, große Verbindlichkeiten anzuerkennen.“ „Man muß an dem Ausgange keines Spieles verzwei⸗ feln, bis es verloren iſt,“ entgegnete der Koͤnig mit ſchar⸗ fer Betonung dieſer Worte; und ich ſelbſt werde den Be⸗ weis davon liefern. Denn mann icht irgend etwas ein⸗ tritt, wodurch die Wuth de mdcennen Thoren aufs neue erregt wird, ſo bin ich des Sieges gewiß. Und allere dings habe ich dann der Wiſſenſchaft viel zu verdanken, die mich bewog, zu meinem Werkzeuge als Fuͤhrer der Damen von Croye, einen jungen Mann zu waͤhlen, deſſen Horoſcop in dem Grade mit den meinigen zuſammentraf, daß er mich ſelbſt durch Ungehorſam gegen meine eignen Befehle aus einer Gefahr rettete, indem er einen Weg einſchlug, der ihn Wilhelms Hinterhalt vermeiden ließ.“ „Ew. Majeſtaͤt,“ verſetzte Oüver,„wird Agenten ges nug finden, die Euch unter dieſen Bedingungen dienen.“ „Ja, ja, antwortete Ludwig ungeduldig,“ der heidnie ſche Dichter nennt Veua diis exaudita malignis,— Wuͤnſche, welche die Göͤtter im Zorn gewaͤhren; und unter den gegenwaͤrtigen Umſtaͤnden wuͤrde auch die Erfuͤllung meiner Wuͤnſche fuͤr den Erfolg der Unternehmung Wil⸗ helins hieher gehört haben, wenn es ihm gegluͤckt waͤre, ſo lange ich noch in der Gewalt des Herzogs von Burgund bin.— Und dieß ſah ich durch meine Kunſt, bekraͤftigt durch Galeottis Einſichten, voraus.— Zwar verkuͤndigte ſie mir nicht, daß Wilhelms Unternehmung ſcheitern, wohl aber, daß dieſe Sendung des jungen ſchottiſchen Bogen⸗ ſchuͤtzen glucklich fuͤr mich enden wuͤrde;— und dieß iſt der Fall geweſen, wenn gleich auf eine andere Weiſe, als ich erwartete; denn die Sterne weiſſagen uns allgemeine Ergebniſſe, doch ſchweigen ſie uͤber die Mittel, wodurch ſie erreicht werden, und die oft denen, die wir erwarten oder gar wuͤnſchen, ganz entgegengeſetzt ſind.— Aber warum ſchwatze ich uͤber dieſe Geheimniſſe mit Dir, Oliver, der 64 Du in dieſer Hinſicht aͤrger als der Teufel, Dein Namens⸗ genannter, biſt; denn er glaubet und zittert. 4) Du hin⸗ gegen biſt ein Unglaͤubiger in der Religion und in der Wiſſenſchaft, und wirſt es bleiben, bis Dein Schickſal voll⸗ endet iſt, welches, wie mir Dein Horoſcop und Deine Ge⸗ ſichtszuͤge verſichern, am Galgen enden wird.“ „Und wenn dieſe Prophezeihung in Erfuͤllung geht,“ entgegnete Oliver im Tone der Ergebung,„ſo wird es ge⸗ ſchehen, weil ich ein zu dankbarer Diener war, um die Befehle meines koͤniglichen Gebieters unausgefuͤhrt zu laſſen.“ Ludwig rief mit ſeinem gewohnten ſardoniſchen Lachen: „Du warſt wohl befugt, eine Lanze mit mir zu brechen, Oliver; denn bei der heiligen Jungfrau, ich forderte Dich ſelbſt dazu heraus. Aber ich bitte Dich, ſag' mir in vol⸗ lem Ernſt: Haſt Du in den Maßregeln, die man in unſrer Hinſicht triſſt, irgend etwas wahrgenomunen, woraus Du auf doͤſe Abſichten ſchließeſt.“ „Sire,“ erwiederte Oliver,„Ew. Majeſtaͤt ſucht, ſo wie jener gelehrte Philoſoph, die Vorherverkuͤndigung zukuͤnf⸗ tiger Ereigniſſe in den Geſtirnen und dem himmliſchen Sternenheer;— ich aber bin nur ein am Boden kriechen⸗ des irdiſches Geſchoͤpf, und erwaͤge nur die mit meinem Beruf in Verbindung ſtehenden Dinge. Und da ſcheint es mir, daß man hier fuͤr Ew. Majeſtaͤt nicht die gehd⸗ rige aufmerkſame Sorgfalt hegt, die man gegen einen willkommenen Gaſt von einem, uͤber den ſeines Wirths ſo weit erhabenen Range an den Tag legen ſollte. Der Her⸗ zog ſchuͤtzte am heutigen Abend Ermuͤdung vor; er beglei⸗ tete Ew. Majeſtaͤt nicht weiter als bis auf die Straße 65 und uͤberließ ſeinen Hofcavalieren die Sorge, Euch in Eure Wohnung zu fuͤhren. Die Zimmer ſind in der Eile und höͤchſt ſorglos eingerichtet;— ſo daß der Tapetenbe⸗ hang verkehrt angeſchlagen iſt, die menſchlichen Figuren auf den Koͤpfen und die Baͤume mit den Wurzeln nach oben ſtehen.“ „Ei was! Bloßer Zufall und die Wirkung der Eile,“ ſprach der Koͤnig,„habe ich mir jemals aus ſolchen Klei⸗ nigkeiten etwas gemacht?“ „An ſich ſelbſt betrachtet, ſind ſie freilich Eurer Beach⸗ tung nicht werth, Sire,“ verſetzte Oliver;„doch zeigen ſie wenigſtens den Grad der Chrerbietung fuͤr Ew. Ma⸗ jeſtaͤt an, den die Hofbeamten bei ihrem Gebieter bemerkt haben. Glaubt mir, haͤtte er ein ernſtes Verlangen ge⸗ zeigt, daß es bei Eurer Aufnahme in keinem Stuͤcke an irgend Etwas fehlen ſolle, ſo wuͤrde der Eifer ſeiner Leute in wenig Minuten ein ganzes Tagewerk vollbracht ha⸗ ben.— Und wann,“ ſetzte er, auf ein. Waſchbecken und eine Gießkanne deutend, hinzu,„ſah man jemals in dem Ankleidezimmer Ew. Majeſtaͤt dergleichen Gefaͤße von ge⸗ ringerem Metall, als von Silber?“ „Nun, dieſe letzte Bemerkung,“ ſagte der König mit erzwungenem Laͤcheln,„ſchmeckt zu ſehr nach Deinem ei⸗ gentlichen Beruf, als daß man ſie zu widerlegen brauchte.— Freilich ward ich als Fluͤchtling und Verbannter auf Be⸗ fehl des naͤmlichen Carls auf Gold bedient, weil Silber fuͤr den Dauphin zu gering geachtet ward; und jetzt ſcheint er ſelbſt dieß Metall fuͤr den Koͤnig von Frankreich noch zu koſtbar zu halten. Nun, Oliver, zu Bett!— Wir haben einen Entſchluß gefaßt und ausgefuͤhrt; es bleibt D. III. 5 8 66 — uns nichts zu thun uͤbrig, als mannhaft das begonnene Spiel durchzufuͤhren. Ich kenne meinen Vetter von Bur⸗ gund; gleich einem wuͤthenden Stier ſchließt er die Augen, wenn er den Anlauf beginnt. Ich brauche bloß den to⸗ réadores, die wir in Burgos ſahen, nachzuahmen, und jenen Augenblick zu erſpaͤhen; dann wird ſein Ungeſtuͤm ihn in meine Gewalt bringen. Viertes Kapitel. Die Exploſion. Und rund umher horcht Alles ſtumm vor Schrecken, Wenn dem beſtuͤrzten Auge fern aus Suͤden Der Blitz durch dunkle Wolktn plötlich leuchtet. Thomſons Jahreszeiten. Das vorhergehende Kapitel war, wie die Ueberſchrift deſſelben verkuͤndigte, beſtimmt zu einem Ruͤckblick auf die Verhaͤltniſſe, worinn der Koͤnig von Frankreich zum Herzog von Burgund ſtand, als Ludwig, vielleicht zum Theil be⸗ wogen durch ſeinen Glauben an die Aſtrologie, die ihm den Ausgang eines ſolchen Schrittes als guͤnſtig darſtellte, zum Theil auch ohne Zweifel durch das Bewußtſeyn der Ueberlegenheit ſeiner Verſtandeskraͤfte uͤber die des Her⸗ zogs, den ſonderbaren und durch keinen andern Grund erklaͤrlichen Entſchluß gefaßt hatte, ſeine Perſon dem guten Glauben eines ſtolzen und erbitterten Feindes an⸗ zuvertrauen;— einen Entſchluß, der um ſo unbeſonnener 67 — und unbegreiflicher war, da in jenen ſtuͤrmiſchen Zeiten mehrere Beiſpiele gezeigt hatten, daß feierlich beſchworne ſichere Geleite diejenigen, denen ſie Schutz gewaͤhren ſoll⸗ ten, nicht vor Gewaltthat ſicherten. In der That war die Ermordung des Großvaters des damals regierenden Her⸗ zogs, die auf der Bruͤcke von Montereau in Gegenwart des Vaters Ludwig XI. bei einer Zuſammenkunft vorfiel, welche Friede und allgemeine Amneſtie bezweckte, ein ſchreckliches Vorbild fuͤr den Herzog, falls dieſer geneigt ſeyn ſollte, es nachzuahmen. Allein Carls Gemuͤthsart, ſo rauh, ſtolz, ungeſtuͤm und hartnaͤckig ſie auch war, zeigte dennoch, abgerechnet die Augenblicke des Ausbruchs der heftigſten Leidenſchaften,— keinen gaͤnzlichen Mangel an Treue und Großmuth; denn nur kaͤlteren Temperamenten pflegen jene beiden Tugen⸗ den gaͤnzlich fremd zu ſeyn. Es koſtete ihn keinen Zwang, dem Koͤnige mehr Hoklichkeit zu beweiſen, als die Geſetze der Gaſtfreiheit der Strenge nach heiſchten; aber auf der andern Seite legte er nicht die mindeſte Abſicht an den Tag, ihre geheiligten Grenzen zu uͤberſchreiten. Am naͤchſten Morgen nach der Ankunft des Koͤnigs ward eine allgemeine Muſiterung der burgundiſchen Trup⸗ pen gehalten, die ſo zahlreich und ſo treſſlich bewaſſnet und geruͤſtet waren, daß vielleicht dem Herzog dieſe Gele⸗ genheit nicht unwillkommen war, ſeinem großen Neben⸗ buhler dieß Schauſpiel zu geben. Als er ihm, wie es einem Baſallen gegen ſeinem Oberlehnsherrn wohl an⸗ ſtand, aus Hoͤflichkeit erklaͤrte:„alle dieſe Truppen gehoͤr⸗ ten dem Koͤnige, und nicht ihm,“ zeigte die Bewegung ſeiner Oberlippe, und der ſtolze Blick ſeiner Augen ſein Bewußtſeyn, daß jene Worte bloß eine leere Hoflichkeits⸗ bezeugung waͤren, und daß ſein treſſliches Heer, ausſchließ⸗ lich ſeinen eignen Befehlen gehorchend, eben ſo bereit ſey, gegen Paris, als in jeder andern Richtung vorzuruͤcken. Es mußte Ludwigs Verdruß unfehlbar ſteigern, daß viele Faͤhnlein des franzoͤſiſchen Adels, nicht nur aus der Nor⸗ mandie und Bretagne, ſondern auch aus Provinzen, die ſeiner Herrſchaft unmittelbar unterworfen waren, ſich die⸗ ſem Heere einverleibt, und aus mancherlei Gruͤnden des Mißvergnuͤgens mit dem Herzog von Burgund gemein⸗ ſchaftliche Sache gemacht hatten. Seinem Charakter getreu, ſchien jedoch Ludwig dieſe Unzufriedenen kaum zu beachten, waͤhrend er in ſeinem Innern die Mittel erwog, wie er ſie von Burgunds Fah⸗ nen abwendig machen und zu den ſeinigen wieder zuruͤck⸗ bringen koͤnnte, zu dem Ende beſchloß er, die Vornehmſten unter ihnen durch Oliver und andere Agenten insgeheim ausforſchen zu laſſen. Er ſelbſt war emſig, wiewohl mit der aͤußerſten Vor⸗ ſicht bemuͤht, des Herzogs vornehmſte Staatsbeamte und Rathgeber durch die gewohnten Mittel,— vertrauliche und achtungsvolle Behandlung, gewandte Schmeichelei und freigebige Geſchenke,— zu gewinnen, die letzteren beglei⸗ tete er mit der Verſicherung: es ſey keinesweges ſeine Abſicht, ſie dadurch in ihren Dienſtleiſtungen von der Treue gegen ihren edlen Gebieter abvendig zu machen; ſondern er wolle dadurch nur ſeinen Wunſch zu erkennen geben, daß ſie die Erhaltung des Friedens zwiſchen Frankreich und Burgund,— einen an ſich ſalbſt ſi rreſſtichen und —— — 69 unverkennbar zur Wohlfahrt beider Staaten und ihrer Beherrſcher, gereichenden Zweck,— befoͤrdern moͤchten. Von einem ſo großen und weiſen Koͤnige der beſon⸗ dern Beachtung wuͤrdig gehalten zu werden, war ſchon an ſich ſelbſt einer maͤchtig wirkenden Beſtechung gleich zu ſchaͤtzen.— Verſprechungen thaten ebenfatls das ihrige und mehr noch unmittelbare Geſchenke, welche die burgun⸗ diſchen Ho.e nach den Gebraͤuchen jener Zeit unbe⸗ denklich annehmen durften. Auf einer Eberjagd im Walde, waͤhrend der Herzog,— ſiets voll Eifer fuͤr ſeinen unmit⸗ telbaren Zweck, mochte er Geſchaͤfte oder Vergnuͤgungen betreſſen,— ſich ganz der Jagdbeluſtigung hingab, ſuchte und fand Ludwig, ungehindert durch Carls Gegenwart, die Mittel, einzeln und insgeheim ſich mit Denen zu be⸗ ſprechen, die dem Geruͤchte nach den groͤßten Einfluß bei ihrem Gebieter hatten, worunter auch Hymbercourt und Argenton nicht vergeſſen wurden; auch unterließ er nicht das zuvorkommende Benehmen, welches er gegen dieſe beiden ausgezeichneten Maͤnner beobachtete, mit Lobprei⸗ ſungen der Tapferkeit und Kriegskunde des Erſteren und des Scharfſinnes, ſo wie der wiſſenſchaftlichen Talente des kuͤnftigen Geſchichtſchreibers ſeiner Zeit, zu untermiſchen. Die Benutzung einer ſolchen Gelegenheit, Carls Mini⸗ ſter perſoͤnlich fuͤr ſich zu gewinnen, oder, wenn der Leſer den Ausdruck vorzieht, ſie zu beſtechen, war vielleicht einer der Hauptzwecke des Koͤnigs bei ſeinem Beſuche, den er zu erreichen hoſſte, wenn es auch ſeinen Kunſtgriſſen fehl⸗ ſchlagen ſollte, den Herzog durch Schmeicheleien fuͤr ſich einzunehmen. Es gab ſo viele enge Bande, welche Frank⸗ keich und Burgund an einander kuuͤpften, daß der groͤdte 70 Theil des burgundiſchen Adels durch Hoſſnungen oder wirk⸗ liches Intereſſe, welches beides Ludwig foͤrdern, oder ſein perſonliches Mißfallen vernichten konnte, an Frankreich gefeſſelt waren. Erfahren in dieſer und jeder andern Gat⸗ tung von Raͤnken,— bis zur Verſchwendung freigebig, wenn die Befoͤrderung ſeiner Plaͤne es heiſchte, und ge⸗ ſchickt in der Kunſt, ſeine Antraͤge und Geſchenke in die gefaͤlligſten Farben zu kleiden,— wußte der Koͤnig die Stolzen durch Befriedigung ihrer Gewinnſucht mit ſeinen Zwecken zu verſöhnen, und den wirklichen oder vorgeblichen Patrioten das gemeinſame Wohl Frankreichs und Bur⸗ gunds als das Ziel ſeines Strebens darzuſtellen, waͤhrend das perſönliche Intereſſe, aͤhnlich dem verborgenen, eine Maſchine in Bewegung ſetzenden Rade nicht minder kraft⸗ voll einwirkten, wenn gleich die Haupttriebfeder nicht ans Tageslicht kam. Fuͤr Jeden hatte er eine angemeſſene Lockſpeiſe, und eine eigne Art ſie anzubieten. Denen die zu ſtolz waren, die Hand darnach auszuſtrecken, ließ er ſie in den Aermel gleiten, und zweifelte nicht, daß ſeine Gabe, wenn ſie gleich, wie der Thau, geraͤuſchlos und unmerklich herabfiel, unfehlbar zur rechten Zeit dem Geber eine reich⸗ liche Erndte, wenigſtens an gutem Willen, vielleicht auch an guten Dienſten liefern werde. Kurz, wenn er gleich ſchon ſeit laͤngerer Zeit durch ſeine Miniſter ſich den Weg gebahnt hatte, beim Burgundiſchen Hofe einen Einfluß zu gewinnen, wodurch er Frankreichs Intereſſe foͤrdern koͤnnte, ſo fuͤhrten ihn doch ſeine perſoͤnlichen Bemuͤhun⸗ gen, ohne Zweifel geleitet durch vorherige Erkundigungen, in wenig Stunden naͤher zum Ziele als ſeine Unterhaͤndler in ganzen Jahren vermocht haben wuͤrden. 71 — Einen Mann vermißte der Koͤnig, dem er vor An⸗ dern Anhaͤnglichkeit fuͤr ſich einzufloͤßen gewuͤnſcht haͤtte; und dieß war der Graf Crevecoeur, deſſen feſtes Beneh⸗ men bei ſeiner letzten Sendung nach Pleſſis weit entfernt, Ludwigs Unwillen gegen ihn zu erregen, ihm als ein Grund galt, den Grafen wo moglich fuͤr ſich zu gewinnen. Es war ihm eben nicht angenehm zu vernehmen, das Cre⸗ vecoeur an der Spitze von hundert Lanzen an Brabants Graͤnze geruͤckt war, um den Biſchof im Nothfalle gegen Wilhelm von der Mark und ſeine aufruͤhreriſchen Unter⸗ thanen zu vertheidigen; doch troͤſtete er ſich damit, daß die Erſcheinung dieſer Truppen, verbunden mit den Anwei⸗ ſungen die er durch treue Boten dahin geſandt hatte, dazu dienen wuͤrde, vorzeitigen Unruhen in jenem Lande vorzubeugen, deren Ausbruch, wie er voraus ſah, ſeine dermalige Lage ſehr bedenklich machen wuͤrde. Am Tage des Jagdfeſtes ſpeiſ'te der Hof, wie bei der⸗ gleichen großen Jagdpartien gewoͤhnlich war, als die Mit⸗ tagsſtunde heran kam, im Walde;— eine Einrichtung, welche dem Herzog dießmal beſonders angenehm war, da er ſich, ſo weit es moͤglich war, der formellen, unterwuͤr⸗ figen Feierlichkeit, die er ſonſt gegen dem Koͤnig Ludwig haͤtte beobachten muͤſſen, zu entheben wuͤnſchte. In der That war der Koͤnig von ſeiner Menſchenkenntniß bei dieſer Gelegenheit in einem Punkt getaͤuſcht worden. Er dachte, der Herzog wuͤrde ſich durch dieſen Beweis der Herablaſſung und des Vertrauens von Seiten ſeines Ober⸗ lehnsherrn unendlich geſchmeichelt finden; allein er vergaß, daß die Abhaͤngigkeit dieſes Herzogthums von der Krone Frankreich fuͤr einen ſo maͤchtigen, reichen und ſtolzen Fuͤr⸗ —— 72 ſten als Carl, deſſen unbezweifeltes Ziel die Errichtung eines unabhaͤngigen Koͤnigreichs war, unfehlbar der Ge⸗ genſtand des bitterſten Verdruſſes ſeyn mußte. Die Ge⸗ genwart des Koͤnigs am Hofe des Herzogs legte dieſem die Nothwendigkeit auf, die untergeordnete Rolle eines Baſallen zu ſpielen, und manchen Gebraͤuchen der Lehns⸗ unterwuͤrfigkeit ſich zu unterziehen, die ihm bei ſeinem Hochmuth, als eine Herabwuͤrdigung der Eigenſchaft eines ſouverainen Fuͤrſten erſchienen, die er bei jeder Gelegen⸗ heit, in ſo weit es moͤglich war, anzunehmen, ſich das An⸗ ſehn gab. Wenn es aber auch moͤglich war, beim Mittagseſſen auf gruͤnen Raſen, beim Schall der Waldhoͤrner und der Leerung angeſteckter Weinfaͤſſer die ganze Zwangloſigkeit eines Jagdmahles ſtatt finden zu laſſen, ſo ward es eben deswegen um deſto noͤthiger, bei der Abendmahlzeit die ge⸗ wohnte Foͤrmlichkeit zu beobachten. 3 Es waren zu dieſem Zwecke vorgaͤngige Befehle er⸗ laſſen, und bei der Ruͤckkehr nach Peronne fand der Koͤnig ein Feſtmahl mit einem Glanze und einer Pracht bereitet, der, dem Reichthume ſeines gefuͤrchteten Vaſallen, des Beſitzers faſt ſaͤmmtlicher Niederlande,— damals des reichſten Theils von Europa,— angemeſſen war. Am obern Ende einer langen Tafel, die unter der Laſt des goldenen und ſilbernen Tiſchgeraͤthes erſeufzte, und mit einer Fuͤlle der auserleſenſten Leckereien beſetzt war, ſaß der Herzog, und zu ſeiner Rechten auf einem Seſſel, etwas erhoͤhter, als ſein eigner, ſein koͤniglicher Gaſt. Hinter ihm ſtand an der einen Seite der Sohn des Herzogs von Geldern, der das Amt eines Obervorſchneiders verſah, an — der andern der Großprahler, ſein Spaßmacher, der ihm ſelten von der Seite kam; denn Carl trieb, gleich den meiſten Maͤnnern von ſeinem heftigen, rohen Charakter, den allgemeinen Geſchmack jenes Zeitalters an Hofnarren und Spaßmachern aufs aͤußerſte, indem er an der Darle⸗ gung ihrer Geiſtesſchwaͤchen und wunderlichen Einfälle das Vergnuͤgen fand, welches ſein ſcharfſinnigerer, wenn gleich nicht wohlwollenderer Nebenbuhler lieber in der Auffaſſung menſchlicher Unvollkommenheiten bei edleren Individuen ſuchte, indem er uͤber die Beſorgniſſe der Ta⸗ pfern, und uͤber die Thorheiten der Weiſen lachte. Und in der That, wenn es wahr iſt, was Branteme erzaͤhlt, daß ſein Hofnarr, der Ludwig XI. in einem Anfalle von Reue und Andacht geſtehen hoͤrte, daß er ein Mitſchuldi⸗ ger an der Vergiftung ſeines Bruders Heinrich, Grafen von Guyenne, geweſen ſey, dieß am folgenden Tage bei der Tafel vor dem verſammelten Hofe ausplauderte, ſo darf man wohl annehmen, daß der Monarch fuͤr ſein uͤbriges Leben der Scherze aller Spaßmacher vom Hand⸗ werk uͤberdruͤßig war. Bei der damaligen Gelegenheit aber verſaͤumte Ludwig keinesweges, den beguͤnſtigten luſtigen Rath des Herzogs zu beachten, und ſeinen Antworten Beifall zu geben. Er that dieß um ſo williger, da er in der Narrheit des Groß⸗ prahlers, in ſo roher Geſtalt ſie ſich auch manchmal zeigte, dennoch mehr Feinheit und cauſtiſchen Spott zu entdecken glaubte, als Menſchen ſeiner Klaſſe ſonſt eigen zu ſeyn pflegt. In der That war Tiel Wetzweiler, gemeiniglich der Großprahler genannt, keinesweges ein Narr von der ge⸗ 74 wöhnlichen Klaſſe. Er war ein wohlgebildeter Mann von hohem Wuchſe, und zeichnete ſich durch ſeine Fertigkeit in mancherlei Leibesübungen aus, die ſich mit Geiſtesſchwaͤche ſchwer vereinigen ließen, weil er ſie nicht ohne Geduld und Aufmerkſamkeit haͤtte erlernen koͤnnen. Gewoͤhnlich folgte er dem Herzog auf die Jagd und ins Gefecht; und als der Fuͤrſt bei Montlhery in großer perſoͤnlicher Ge⸗ fahr, in der Kehle verwundet und auf dem Punkt war, von einem franzoͤſiſchen Ritter, der ſchon den Zuͤgel ſeines Pferdes gefaßt hatte, zum Gefangenen gemacht zu wer⸗ den, griff Tiel Wetzweiler den Ritter ſo kraftvoll an, daß er ihn uͤber den Haufen warf und ſeinen Gebieter befreite. Vielleicht beſorgte er, dieſe Dienſtleiſtung moͤge fuͤr einen Mann ſeines Standes zu wichtig gehalten werden, und ihm Feinde unter den Rittern und Edelleuten zuziehen, welche die Sorge fuͤr die Perſon ihres Gebieters einem Hofnarren uͤberlaſſen hatten. Sey dem wie ihm wolle, ſo wollte er ſeine Waſſenthat lieber belachen als lobprei⸗ ſen laſſen, und verbraͤmte Alles, was er in jener Schlacht geleiſtet hatte, mit ſo vielen Großſprechereien, daß die Meiſten glaubten, Carls Befreiung ſey eben ſo, wie ſeine uͤbrigen Erzaͤhlungen, erſonnen, und bei dieſer Gelegen⸗ beit erhielt er den Beinamen: der Prahlhans, oder der Großprahler, der ihm ſeitdem immer geblieben iſt. Er war ſehr reich gekleidet, trug aber nur wenige von den Unterſcheidungszeichen der Leute ſeines Berufs an ſich; und ſelbſt dieß Wenige hatte mehr einen ſymboli⸗ ſchen, als einen buchſtaͤblichen Sinn. Sein Kopf war un⸗ peſchoren, vielmehr mit einer Fuͤlle langer gelockter Haare bedeckt, die unter ſeiner Muͤtze hervorhingen und ſich mit — 25 einem wohlgekaͤmmten und zierlich geſtutzten Barte ver⸗ miſchten. Seine Geſichtsbildung haͤtte fuͤr huͤbſch gelten können, haͤtte er nicht einen etwas verſtoͤrten Blick gehabt. Ein Streif von ſcharlachfarbenem Sammet auf der Muͤtze ſollte den Hahnenkamm, der ein amtliches Hauptunter⸗ ſcheidungszeichen aller Narren von Profeſſion war, mehr andeuten, als nachbilden. Sein Narrenſtab von Ebenholz hatte, wie gewoͤhnlich, einen Knopf in Form eines Nar⸗ renkopfes mit ſilbernen Eſelsohren, die aber ſo klein und 3ierlich gearbeitet waren, daß man das Ganze, wenn man es nicht naͤher unterſuchte, fuͤr den Amtsſtab eines ern⸗ ſtern Wuͤrdentraͤgers haͤtte halten koöͤnnen. Dieß war in ſeinem ganzen Anzuge das Einzige, woran man ſein Amt erkennen konnte. In jeder andern Hinſicht war er ſo ſchoͤn gekleidet, als die galanteſten Hofcavaliere. An ſei⸗ ner Muͤtze war eine goldne Schaumuͤnze befeſtigt, um den Hals trug er eine ſchoͤne Kette von dem naͤmlichen Me⸗ tall, und die Form ſeiner reichen Kleidung war nicht phan⸗ taſtiſcher, als die, wodurch ſich junge Zieraſſen, die neue⸗ ſten Moden uͤbertreibend, auszuzeichnen ſtreben. Carl, und nach ſeinem Beiſpiele auch ſein Gaſt, un⸗ terhielten ſich waͤhrend des Mahles oft mit dem Prahl⸗ hans, und beide ſchienen durch ein herzliches Lachen ihr Vergnuͤgen an ſeinen Antworten an den Tag zu legen. „Fuͤr wen ſind jene beiden ledigen Sitze dort beſtimmt?““ 3 fragte Carl den Spaßmacher. „Einer von beiden ſollte wenigſtens vermoͤge des Rechts der Nachfolge mir gehoͤren,“ antwortete der Großprahler. „Und warum das, naͤrriſcher Kerl?“ fragte Carl weiter. „Weil ſie fuͤr die Herren von Hymbercourt und Ar⸗ genton beſtimmt ſind, die ſich ſo weit entfernt haben, um ihre Falken fliegen zu laſſen, daß ſie ihre Abendmahlzeit druͤber vergeſſen. Wer lieber einen fliegenden Habicht, als einen Faſan auf der Schuͤſſel ſieht, iſt dem Narren ſehr nahe verwandt, und folglich gebuͤhrt mir ein Recht auf ihre Stellen am Tiſche, als einem Theil ihres Mobiliar⸗ Nachlaſſes.“ „Das iſt nur fader Scherz, Freund Tiel,“ ſprach der Herzog;„aber moͤgen ſie Narren oder weiſe Maͤnner ſeyn, hier kommen die Saͤumigen.“ Bei dieſen Worten traten Argenton und Hymbercourt in den Saal, und nach ehrfurchtsvoller Begruͤßung der beiden Fuͤrſten nahmen ſie die fuͤr ſie leer gelaſſenen Plaͤtze ein. „Nun, Ihr Herren,“ rief der Herzog, ſich zu ihnen wendend,„Eure Jagd muß ſehr gut oder ſehr ſchlecht ge⸗ weſen ſeyn, weil ſie Euch ſo lange aufgehalten hat. Herr Philipp von Comines, Ihr ſeht ſo niedergeſchlagen aus; — hat Hymbercourt etwa eine große Wette gegen Euch gewonnen? Ihr ſeyd ein Weltweiſer und ſolltet Ungluͤck gleichmuͤthiger ertragen.— Bei Sanct Goͤrgen! Hymber⸗ court macht ein eben ſo betruͤbtes Geſicht, als Ihr; was bedeutet das, Ihr Herren, habt Ihr kein Wild gefunden, oder habt Ihr Eure Falken verloren? Iſt Euch eine Hexe uͤber den Weg gelaufen, oder iſt Euch der wilde Jaͤger im Walde erſchienen? Auf meine Ehre, Ihr ſeht aus, als waͤret Ihr zu einem Begraͤbniß, und nicht zu einem Feſt⸗ mahle gekommen!“ Waͤhrend der Herzog ſo ſprach, waren die Augen der —2— 77 ganzen Geſellſchaft auf Hymbercourt und Argenton ge⸗ richtet. Sie gehoͤrten keinesweges zu der Menſchenklaſſe, bei der eine ſchwermuͤthige Miene etwas gewoͤhnliches iſt; deswegen war ihre ſichtliche Verlegenheit und Niederge⸗ ſchlagenheit ſo auffallend, daß Froͤhlichkeit und Lachen, be⸗ deutend geſteigert durch raſches Kreiſen der Becher, gefuͤllt mit koͤſtlichem Weine, allmaͤhlig aus der Geſellſchaft ſchwanden; und ohne daß man den Grund dieſer Um⸗ wandlung angeben konnte, fluͤſterte Jeder ſeinem Nachbar etwas ins Ohr, als ob man auf irgend eine ſeltſame und wichtige Nachricht geſpannt ſey. „Was bedeutet dieß Schweigen, Ihr Herren,“ fragte der Herzog, ſeine von Natur rauhe Stimme erhebend; „wenn Ihr ſo ſeltſame Mienen und ein noch ſeltſameres Schweigen zum Feſte mitbringt, ſo moͤchten wir wuͤnſchen, Ihr waͤret an den Suͤmpfen geblieben, um Reiher und Schnepfen, oder vielmehr Nachteulen, aufzuſuchen.“ „Snaͤdigſter Herr,“ ſprach Argenton,„als wir im Be⸗ griſſ waren, aus dem Walde hieher zuruͤck zu kehren, tra⸗ fen wir den Grafen Crevecoeur.“ „Wie,“ rief der Herzog,„iſt der ſchon wieder aus Brabant zuruͤckgekehrt? aber ohne Zweifel fand er dort Alles gut und wohl.“ „Der Graf wird ſogleich hier ſeyn, um Ew. Gnaden ſeine Neuigkeiten mitzutheilen, die wir nur unvolſtaͤndig vernommen haben,“ erwiederte Hymbercourt. 3 „Aber wo, zum Henker! iſt denn der Graf?“ fragte der Herzog.. „Er wechſelt die Kleider, um ſich Ew. Durchlaucht vorzuſtellen,“ antwortete Hymbercourt. „Die Kleider, Saint bleu!“ rief der ungeduldige Fuͤrſt,„was frage ich nach ſeinen Kleidern; ich glaube, Ihr habt Euch mit ihm verſchworen, mich um den Ver⸗ ſtand zu bringen.“ „Oder vielmehr, oſſenherzig zu reden,“ fiel Argenton ein,„er wuͤnſcht ſeine Nachrichten in einer Privataudienz mitzutheilen.“ „Tèete dieu! Herr Koͤnig,“ rief Carl,„ſo machen's unſere Raͤthe immer mit uns. Wenn ſie etwas aufge⸗ fiſcht haben, welches ſie fuͤr unſere Ohren wichtig halten, ſo nehmen ſie auf der Stelle eine ſo ernſte Miene an, und bruͤſten ſich mit ihrer Laſt, als ein Eſel unter einem neuen Packſattel.— Man ſage dem Grafen Crevecoeur, daß er ſogleich vor uns erſcheine! Er kommt von Luͤttichs Grenzen, und wir wenigſtens,“— hier legte er einigen Nachdruck auf das Fuͤrwort,—„haben keine Geheimniſſe in jener Gegend, die wir uns ſcheuen duͤrften, der ganzen Welt zu verkuͤndigen.“ Die ganze Geſellſchaft bemerkte, der Herzog habe ſo viel Wein zu ſich genommen, daß dadurch die ihm eigen⸗ thuͤmliche Hartnaͤckigkeit noch geſteigert war, und wenn gleich Viele gern die Meinung geaͤußert haͤtten, der ge⸗ genwaͤrtige Augenblick ſey nicht geeignet, Neuigkeiten an⸗ zuhören, oder ſich daruͤber zu berathen, ſo kannten doch Alle zu wohl ſein ungeſtuͤmes Temperament, um irgend eine Einmiſchung zu wagen, und ſchwiegen in geſpannter Erwartung der Mittheilungen des Grafen. Waͤhrend der Herzog unaufhoͤrlich in groͤßter Ungeduld nach der Thuͤr blickte, hefteten die Gaͤſte die Augen auf die Tafel, um ihre erwartungsvolle Neugier zu verbergen. — 79 Ludwig allein blieb vollkommen gefaßt, und ſetzte wech⸗ ſelnd mit dem Obervorſchneider und dem luſtigen Rathe das Geſpraͤch fort. Endlich trat Crevecoeur herein und ward ſogleich von ſeinem Herrn mit der haſtigen Frage empfangen:„Nun, Graf, was giebt's Neues aus Luͤttich und Brabant?— Die Nachricht von Eurer Ankunft hat den Frohſinn von unſerer Tafel verſcheucht;— wir hoſſen, Eure Anweſen⸗ heit wird ihn wieder zuruͤckbringen.“ „Mein Herr und Gebieter,“ erwiederte Crevecoeur mit feſtem, aber ſchwermuͤthigen Tone,„die Nachrichten, die ich bringe, ſind geeigneter, in der geheimen Rathsſitzung als beim feſtlichen Mahle vorgetragen zu werden.“ „Heraus damit, Freund!“ rief der Herzog,„und kä⸗ men ſie vom Antichriſt. Aber ich kann ſie ſchon errathen: — die Luͤtticher haben ſich wieder empoͤrt.“ „So iſt's, gnaͤdigſter Herr,“ antwortete Crevecoeur ſehr ernſt. „Seht doch, hab' ich doch ſogleich errathen, was Ihr ſo ſehr zoͤgertet, mir zu ſagen. So haben alſo dieſe toll⸗ kuͤhnen Buͤrger von Neuem die Waſſen ergriſſen. Es haͤtte zu keiner gelegeneren Zeit geſchehen koͤnnen; denn wir koͤnnen jetzt den Rath unſeres Oberlehnsherrn einho⸗ len;“ hier verbeugte er ſich gegen Ludwig, mit einem Blicke voll bitteren, verhaltenen Unwillens;„er wird uns lehren, wie ſolche Aufruͤhrer zu behandeln ſind.— Habt Ihr noch mehr Neuigkeiten im Sack, Graf? Heraus da⸗ mit! Und dann verantwortet Euch, warum Ihr nicht vorruͤcktet, um dem Biſchof beizuſtehen.“ „Gnoͤdigſter Herr, es wird mir ſchwer, meine weiteren nehmen, bloß die Worte ſprach: 80 Nachrichten mitzutheilen, und mit Vetruͤbniß werdet Ihr ſie vernehmen.— Weder ich, noch die ganze jetzt lebende Ritterſchaft haͤtte dem treſſlichen Praͤlaten helfen koͤnnen. Wilhelm von der Mark, vereinigt mit den empoͤrten Luͤt⸗ tichern, hat das Schloß Schoͤnwald eingenommen und ihn in ſeiner eignen Halle ermordet.“ „Ihn ermordet!“ wiederholte der Herzog mit hohler, gedaͤmpfter Stimme, die gleichwohl von einem Ende der Halle bis zum andern vernehmlich war.„Du haſt Dich durch leere Geruͤchte taͤuſchen laſſen, Creyecoeur; es iſt unmöglich.“ „Ach, gnaͤdigſter Herr!“ verſetzte der Graf,„ich ver⸗ nahm es aus dem Munde eines Augenzeugen, eines Bo⸗ genſchuͤtzen von der ſchottiſchen Garde des Koͤnigs von Frankreich, der in der Halle war, als der Mord auf Be⸗ fehl Wilhelms von der Mark veruͤbt ward.“. „Und der ohne Zweifel ein Befoͤrderer und Mitſchul⸗ diger dieſes ſchrecklichen Frevels war,“ rief der Herzog aufſpringend, und ſo wuͤthend mit dem Fuße ſtampfend, daß er den vor ihm ſtehenden Schemel in Stuͤcke zertrat. „Verriegelt die Thuͤren dieſer Halle, Ihr Herren, bewacht die Fenſter,— laßt keinen Fremden ſich von der Stelle bewegen, bei augenblicklicher Todesſtrafe!— Ihr, meine Hofcavaliere, zieht die Schwerdter!“ Bann wandte er ſich zu Ludwig und ſtreckte langſam, aber mit entſchloſſe⸗ ner Miene, die Hand nach dem Griff ſeines Schwerdtes aus, waͤhrend der Koͤnig, ohne die mindeſte Furcht zu zeigen, oder auch nur eine vertheidigende Stellung auzu⸗ 814. „Dieſe Nachrichten, lieber Vetter, haben Eure Ver⸗ nunft erſchuͤttert.“ „Nein!“ erwiederte der Herzog in einem ſchrecklichen Tone,„aber ſie haben ein gerechtes Gefuͤhl der Rache in mir erweckt, das ich zu lange aus leeren Ruͤckſichten auf Ort und Umſtaͤnde ſchlummern ließ. Brudermoͤrder!— Rebell gegen Deinen Vater!— Tyrann Deiner Unter⸗ thanen!— Verraͤtheriſcher Bundesgenoſſe!— Meineidi⸗ ger Koͤnig!— Mann ohne Ritterehre!— Du biſt in meiner Gewalt, und ich danke Gott dafuͤr!“ „Dankt vielmehr meiner Therheit,“ ſprach der Koͤnig; „denn als wir bei Montlhery unter gleichen Verhaͤltniſſen zuſammentrafen, wuͤnſchtet Ihr Euch, duͤnkt mich, weiter von mir entfernt, als wir jetzt ſind.“ Immer noch hielt der Herzog die Hand am Griſſ ſei⸗ nes Schwerdtes, ohne es jedoch aus der Scheide zu zie⸗ hen, oder einen Feind thaͤtlich zu behandeln, der durch ſein ruhiges Benehmen keine Gelegenheir dazu gab. Immittelſt verbreitete ſich allgemeine Verwirrung in der ganzen Halle. Die Thuͤren waren nun auf des Her⸗ zogs Befehl verriegelt und bewacht; aber mehrere fran⸗ zoͤſiſche Edelleute, ſo wenig ihrer auch waren, ſprangen von ihren Sitzen auf und bereiteten ſich zur Vertheidigung ihres Souverains. Ludwig hatte mit Orleans und Du⸗ nois noch kein Wort geſprochen, ſeitdem ſie aus ihrem Verhaft im Schloſſe Loches befreit waren, wenn es anders Befreiung genannt werden konnte, daß ſie im Gefolge des Koͤnigs, nicht ſowohl als Gegenſtaͤnde der Ehrfurcht und Achtung, ſondern unverkennbaren Argwohns, mitge⸗ D. III. 6 ſchleppt wurden; gleichwohl war Dunois Stimme die erſte, welche den Tumult uͤbertoͤnte. „Herr Herzog, Ihr vergeßt, daß Ihr Frankreichs Va⸗ ſall ſeyd, und daß wir, Eure Gaͤſte, Franzoſen ſind. Wenn Ihr die Hand gegen unſern Monarchen erhebt, ſo ſeyd darauf gefaßt, zu erfahren, was die hoͤchſte Verzweiflung uͤber uns vermag; denn, glaubt mir, wir werden uns eben ſo mit Burgunds Blute traͤnken, wie wir es mit ſeinem Weine thaten.— Muth, Herzog von Orleans,— und Ihr, Ritter und Edle Frankreichs, reihet Euch um Dunois, und thut, wie er!“. Dieß war ein Augenblick, wo ein Koͤnig zu erkennen vermochte, auf weſſen Muth er mit Zuverſicht zaͤhlen konnte. Die wenigen unabhaͤngigen Ritter und Edlen, die den Koͤnig begleitet, und faſt ſaͤmmtlich Beweiſe ſei⸗ ner Abneigung und Unzufriedenheit erhalten hatten, eil⸗ ten, unerſchreckt durch eine unendlich weit uͤberlegene Macht und durch die Gewißheit der Vernichtung, ſich um Dunois zu verſammeln, und unter ſeiner Anfuͤhrung ſich dem oberen Ende des Tiſches, wo die ſtreitenden Fuͤrſten ihren Platz hatten, zuzudraͤngen. Im Gegentheil zeigten die Werkzeuge und Agenten des Koͤnigs, die er aus dem Staube einporgehoben hatte, Feigherzigkeit und Kaͤlte und blieben ruhig auf ihren Sitzen, enſchloſſen, wie es ſchien, nicht durch Einmiſchung in dieſen Streit in ihr Verderben zu rennen, was auch immer das Schickſal ihres Wohlthaͤters ſeyn moͤchte. An der Spitze der Edelſten und Treueſten ſtand der ehrwuͤrdige Lord Crawford, der ſich mit einer Gewandt⸗ heit, die Niemand von einem Manne in ſeinen Jahren 83 haͤtte erwarten ſollen, trotz alles Widerſtandes einen Weg zum Koͤnig bahnte und ſich kuͤhn zwiſchen ihn und den Herzog ſtellte. Doch war der Widerſtand nicht ſehr hef⸗ tig, da viele burgundiſche Edelleute, entweder aus Ehrge⸗ fuͤhl, oder beſeelt von dem geheimen Wunſche, das dem Koͤnige drohende Schickſal abzuwenden, ihm Platz mach⸗ ten. Crawford druͤckte ſeine Muͤtze, unter der ſein weißes Haar in zerſtreuten Locken herabrollte, auf ein Ohr. Sei⸗ ne blaſſen Wangen und ſeine gerunzelte Stirn faͤrbten ſich hochroth, und ſein vom Alter getruͤbtes Auge glaͤnzte im vollen Feuer, wie das eines jungen Kriegers, bereit zu einer muthvollen verwegenen That. Sein Mantel war uͤber eine Schulter geworfen, und ſeine Geberden zeigten ſeine Bereitwilligkeit zum Kainpf, indem er, den Mantel um den linken Arm wickelnd, mit der Rechten das Schwerdt halb entbloͤßte. „Ich habe fuͤr ſeinen Vater und Großvater gefochten,“ rief er;„und bei Sanct Andre's: entſtehe daraus, was da wolle, ich will ihn in dieſer bedraͤngten Lage nicht ver⸗ laſſen!“ Alle Vorgaͤnge, deren Erzaͤhlung uns einige Zeit ge⸗ koſtet hat, ereigneten ſich in der Wirklichkeit mit Blitzes⸗ ſchnelle; denn ſobald der Herzog ſeine drohende Stellung annahm, hatte Crawford ſich zwiſchen ihn und den Ge⸗ genſtand ſeiner Rache geworfen, und die franzoͤſiſchen Edel⸗ leute, die, ſo ſchnell als ſie konnten, herbeieilten, draͤngten ſich zu dem naͤmlichen Punkte hin. Der Herzog von Burgund hielt immer noch die Hand ain Griff ſeines Schwerdtes, und ſchien jeden Augenblick das Loſungszeichen zu einem allgemeinen Augriff geben 84 zu wollen, der unfehlbar mit dem Untergange des ſchwaͤ⸗ cheren Theils haͤtte enden muͤſſen; als Crevecoeur ſich vordraͤngte und mit einer Stimme, laut wie eine Trom⸗ pete, ausrief:„mein gnaͤdigſter Herzog, bedenkt wohl, was Ihr thut! Dieß iſt Eure Halle,— Ihr ſeyd des Koͤnigs Vaſall,— vergießt nicht das Blut Eurer Gaͤſte an Eurem eignen Heerde, nicht das Blut Eures Souve⸗ rains, auf dem Throne, den Ihr fuͤr ihn errichtetet, und den er, im Vertrauen auf den Schutz des Gaſtrechts, ein⸗ nahm. Bei der Ehre Eures Hauſes beſchwoͤre ich Euch, verſucht nicht, einen ſchrecklichen Mord durch einen an⸗ deren noch ſchrecklicheren zu raͤchen!“ „Geh mir aus dem Wege, Crevecoeur,“ rief der Her⸗ zog,„und laß meiner Rache freien Lauf!— Aus dem Wege, ſag' ich!— Der Zorn der Herrſcher iſt furchtbar, wie der des Himmels.“. „Nur dann, wenn er, wie des Himmels Zorn, ge⸗ recht iſt,“ ſprach Erevecoeur mit feſtem Ton.—„Laßt mich Euch bitten, gnaͤdiger Herr, die Heftigkeit Eures Temperaments zu maͤßigen, wie ſehr Ihr Euch auch im⸗ mer beleidigt fuͤhlen moͤgt.— Und Euch, Ihr franzöſi⸗ ſchen Cavaliere, bitte ich, zu bedenken, daß aller Wider⸗ ſtand vergeblich iſt; unterlaßt alſo Alles, was zum Blut⸗ vergießen fuͤhren koͤnnte. 1 „Er hat Recht,“ ſprach Ludwig, deſſen Kaltbluͤtigkeit ihn in dieſem furchtbaren Moment nicht verließ, und der leicht vorausſehen konnte, daß, wenn es zum Handgemen⸗ ge kaͤme, man ſich in der Hitze des Blutvergießens groͤßere Gewaltthaten erlauben wuͤrde, als wenn er und die Sei⸗ nigen ſich fortwaͤhrend friedlich benaͤhmen.—„Mein Vet⸗ 85 ter von Orleans,— lieber Dunois, und Ihr, mein treuer Crawford,— fuͤhrt nicht durch zu voreilige Erbitterung Ungluͤck und Blutvergießen herbei. Unſer Vetter, der Herzog, iſt durch die Nachricht von dem Tode eines nahen und geliebten Freundes, des ehrwuͤrdigen Biſchofs von Luͤttich, deſſen Ermordung wir mit ihm beklagen, in hef⸗ tigen Zorn gerathen. Aeltere, und ungluͤcklicherweiſe auch neuere Mißhelligkeiten verleiten ihn zu dem Verdacht, als haͤtten wir ein Verbrechen befoͤrdert, welches unſer Herz verabſcheut. Sollte unſer Wirth uns auf der Stelle mor⸗ den,— uns, ſeinen Koͤnig und Verwandten, den er als Mitſchuldigen dieſes ungluͤcklichen Vorfalls beargwohnt, ſo wird unſer Schickſal durch Eure Anſtrengungen keines⸗ weges erleichtert, ſondern im Gegentheil hoͤchlich erſchwert werden.— Drum zieht Euch zuruͤck, Crawford!— Und waͤr' es mein letztes Wort, ich ſprech' es als ein Koͤnig zu ſeinem Offizier, und verlange Gehorſam.— Tretet zu⸗ ruͤck, und wenn es verlangt wird, ſo gebt Eure Schwerd⸗ ter ab. Ich befehl' es Euch, und Euer Eid verpflichtet Euch zum Gehorſam.“ „Ihr habt Recht, Sire,“ ſprach Crawford, das Schwerdt in die Scheide ſteckend;„aber bei meiner Ehre, ſtaͤnd' ich an der Spitze von ſiebenzig meiner braven Leute, anſtatt mit ſo viel Jahren belaſtet zu ſeyn, ſo wuͤrde ich verſu⸗ chen, ob ich von dieſen ſchonen Herren, mit goldnen Ket⸗ ten und verbraͤmten mit Kleinodien geſchmuͤckten Mutzen, Genugthuung erhalten koͤnnte.“ Der Herzog heftete ziemlich lange die Augen auf den Voden und ſprach dann im Tone bitteren Spottes:„Ihr habt Recht, Crevecveur, unſere Ehre erfordert es, daß un⸗ Rang, den er entehrt hat, ſo ſen ausgearteter Abkoͤmml Better Ludwig ſein Schwerdt nicht abfordern.“ ſere Verbindlichkeiten gegen dieſen großen Koͤnig, unſerm geehrten und liebevollen Gaſt, nicht ſo uͤbereilt erfuͤllt werden, als wir uns im erſten Ausbruch unſeres Zorns 2 vorgenommen hatten. Wir wollen ſo handeln, daß ganz Europa die Gerechtigkeit unſerer Verfahrungsart anerken⸗ nen ſoll. Ihr Edlen Frankreichs, Ihr muͤßt meinen Of⸗ fizieren Eure Waſſen abliefern. Euer Herr hat den Waf⸗ fenſtillſtand gebrochen und iſt nicht laͤnger befugt, die Wohlthaten deſſelben in Anſpruch zu nehmen. Um jedoch Euer Ehrgefuͤhl zu ſchonen, und aus Achtung fuͤr den wie fuͤr das Geſchlecht, deſ⸗ ing er iſt, wollen wir unſerm „Keiner unter uns,“ fiel Dunois ein,„wird ſein Schwerdt abgeben, oder dieſe Halle verlaſſen, wenn uns nicht wenigſtens zugeſichert wird, daß unſerm Koͤnige an Leib und Leben kein Leides zugefuͤgt werden ſoll.“ „ Auch wird kein ſchottiſcher Gardiſt,“ ſetzte Lord Eraw⸗ ford hinzu,„die Waſſen niederlegen, wenn nicht der Koͤ⸗ nig von Frankreich oder ſein Großconnetable es befiehlt.“ „Wacherer Dunois,“ ſprach Ludwig,„und Ihr, mein theurer Crawford, Euer Eifer wird mir mehr ſchaden als „ ſetzte er mit Wuͤrde hinzu, „mehr auf meine gerechte Sache, als auf vergeblichen Wi⸗ derſtand, der mir nur das Leben meiner beſten und ta⸗ pferſten Unterthanen koſten wuͤrde; gebt Eure Schwerdter ab!— Burgunds edle Soyne, die ſo ehrenvolle Unter⸗ pfaͤnder aus Euren Haͤnden empfangen, ſind beſſer als Ihr im Stande, Euch und mich zu beſchuͤtzen.— Gebt Eure Schwerdter ab!— Ich bin's, der es Euch befiehlt!“ nutzen; ich verlaſſe mich, So zeigte Ludwig in dieſer furchtbaren Bedraͤngniß die Geiſtesgegenwart und richtige Urtheilskraft, die einzig ihm das Leben retten konnten. Er wußte, daß, bis es zum Handgemenge kam, die meiſten anweſenden burgun⸗ diſchen Edelleute ihm beiſtehen wuͤrden, die Wuth ihres Fuͤrſten zu beſänftigen, daß aber, wenn einmal der Streit begonnen waͤre, er nebſt der geringen Zahl ſeiner Ver⸗ theidiger augenblicklich das Leben verlieren wuͤrde. Gleich⸗ wohl geſtanden ſelbſt ſeine aͤrgſten Feinde, durch ſein Be⸗ nehmen in jenem Moment habe er ſich weder herabgewuͤr⸗ digt, noch Feigheit verrathen. Er vermied gs, den Zorn des Herzogs bis zum Wohnſinn zu ſteigern, doch verſuchte er weder ihn durch Bitten zu beſaͤnftigen, noch ſchien er ihn zu fuͤrchten, ſondern blickte ihm fortwährend feſt und ruhig ins Auge, ſo wie ein rechtlicher Mann die drohen⸗ den Geberden eines Wahnſinnigen betrachtet, in dem Be⸗ wußtſeyn, daß Feſtigkeit und Faſſung ſelbſt die Wuth des Wahnwitzes unmerküich, aber kraftvoll hemmen. Crawford warf auf des Koͤnigs Befehl dem Grafen Crevecvoeur ſein Schwerdt hin, mit den Worten:„nehn t es, und moͤge der Teufel Euch Gluůck dazu geben! Es iſt fuͤr den rechtmaͤßigen Beſitzer keine Schande, es abzuge⸗ ben; denn hier galt es einen unrechtlichen Kampf.“ „Haltet ein, Ihr Herren!“ ſprach der Herzog mit ge⸗ brochener Stimme, gleich als ob der Zorn ihm faſt dir Sprache geraubt haͤtte;„behaltet Eure Schwerdter; mir genuͤgt Euer Verſprechen, ſie nicht zu gebrauchen.— Und Ihr, Ludwig von Valois, muͤßt Euch als meinen Gefan⸗ genen betrachten, bis Ihr Euch von dem Verdachte reini⸗ get, Freyel und Mord gefoͤrdert zu haben. Man fuͤhre 88 ihn auf das Eaſiell in den Herbertsthurm. Sechs perſo⸗ nen ſeines Gefolges, die er ſich ſelbſt auswaͤhlen kann, moͤgen ihn begleiten.— Mylord Crawford, Eure Garde muß das Schloß verlaſſen und ſoll anderswo anſtaͤndig einquartiert werden; man ziehe alle Zugbruͤcken auf und laſſe die Fallgitter herab. Die Stadtthore werden drei⸗ fach beſetzt, die Schiſſbruͤcke wird an das rechte Ufer des Fluſſes gebracht; meine ſchwarzen Wallonen umringen das Schloß und ſaͤmmtliche Poſten werden verdoppelt. Ihr, Hymbercourt, ſorgt dafuͤr, daß Patrouillen zu Pferde und zu Fuß, waͤhrend der Nacht halbſtuͤndlich, und am morgenden Tage ſtuͤndlich die Stadt umziehen, wenn an⸗ ders nach Tagesanbruch dieſe Vorſichtsmaßregel noch no⸗ thig iſt; denn wahrſcheinlich werden wir dieſer Sache ſehr ſchnell ein Ende machen.— Wacht auf die Perſon Lud⸗ wigs, ſo lieb Euch Euer Leben iſt!“ 3 Voll Zorn und Mißmuth erhob er ſich haſtig von der Tafel, warf einen Blick voll toͤdtlicher Feindſchaft auf den Koͤnig, und ſturzte aus dem Zimmer. 4 „Meine Herren,“ ſprach der Koͤnig, wuͤrdevoll umher⸗ ſchauend,„der Kummer uͤber den Tod ſeines Bundesge⸗ noſſen hat Euren Fuͤrſten in Wuth verſetzt; ich hoſſe, Ihr kennt Eure Pflichten als Ritter und Edelleute zu gut, um ſeine kochverraͤtheriſche Gewaltthat gegen die Perſon ſeines Oberlehnsherrn zu foͤrdern.“ In dieſem Augenblick vernahm man von der Straße ker Trommelſchlag und Hoͤrnerſchall, um das Kriegsvolk von allen Seiten herbei zu rufen. „Wir ſind burgundiſche Unterthanen,“ verſetzte Creve⸗ coeur, der das Amt eines Großmarſchalls an des Herzogs 89 Hofe verſah,„und muͤſſen in dieſer Eigenſchaft unſere Pflicht thun; unſere Hoſſnungen, unſere Gebete und un⸗ ſere Beſtrebungen werden auf die Erhaltung des Friedens und der Einigkeit zwiſchen Ew. Majeſtaͤt und unſerm Landesherrn gerichtet ſeyn; inzwiſchen muͤſſen wir ſeinen Befehlen gehorchen. Dieſe Ritter und Edlen werden ſtolz darauf ſeyn, fuͤr die Bequemlichkeit des erlauchten Her⸗ zogs von Orleans, des tapfern Dunois und des ehrenve⸗ ſten Lord Crawford Sorge zu tragen. Meine Pflicht iſt es, Ew. Majeſtaͤt Kaͤmmerer zu ſeyn und Euch in Eure Gemaͤcher zu geleiten, die ganz anders beſchaſſen ſind, als ich, gedenkend Eurer Gaſtfreiheit zu Pleſſis, es wuͤnſchen moͤchte. Euer Gefolge, durch des Herzogs Befehl auf ſechs Perſonen beſchraͤnkt, habt Ihr zu waͤhlen.“ „Dann,“ ſprach der Koͤnig, um ſich her ſchauend, nach kurzer Ueberlegung,„wuͤnſche ich, Oliver le Dain, einen ſchottiſchen Gardiſten mit dem Beinamen der Benarbte, der, wenn es verlangt wird, unbewafſnet ſeyn kann, Tri⸗ ſtan l'Hermite, nebſt zwei von ſeinen Leuten, und meinen rechtſchaſſenen und treuen Philoſophen, Martius Galeotti, bei mir zu haben.“ „Ew. Majeſtaͤt Wille ſoll in allen Stuͤcken erfuͤllt wer⸗ den,“ erwiederte Graf Crevecoeur.„Ich vernehme,“ ſetzte er nach einer augenblicklichen Erkundigung hinzu,„daß Galeotti gerade jetzt in luſtiger Geſellſchaft zu Abend ſpei⸗ ſet; man wird jedoch ſogleich zu ihm ſchicken. Die Ue⸗ brigen ſollen auf der Stelle zu Ew. Majeſtaͤt Befehlen ſeyn.“ „Nun vorwaͤrts zu der neuen Wohnung, die unſers Vetters Gaſifreiheit uns beſtimmt,“ ſprach der Koͤnig. 90 „Wir wiſſen, daß ſie ſtark befeſtiget iſt, und hoſſen nur, daß ſie uns in dem naͤmlichen Grade Sicherheit gewaͤh⸗ ren möge.“ „Hortet Ihr, welche Perſonen Koͤnig Ludwig zu ſeinen Begleitern waͤhlte?“ fragte der Prahlhans halb laut den Grafen Erevecoeur, als ſie dem Monarchen beim Heraus⸗ gehen aus der Halle folgten. „Wohl hoͤrt' ich es, mein luſtiger Gevatter,“ verſetzte der Graf;—„was haſt Du gegen die Wahl cinzuwenden?“ „Nichts, nichts;— ich wollte nur ſagen, daß ſie ſehr ſeltſam iſt: ein ſpitzbuͤbiſcher Barbier, ein gemietheter ſchottiſcher Halsabſchneider, ein Oberhenker neoſt zwei Ge⸗ huͤlfen und ein diebiſcher Charlatan.— Ich gehe mit Euch, Crevecoeur; ich will eine Lection in der Wiſſeu⸗ ſchaft der Schurkerei nehmen und Eure Geſchicklichkeit in der Einfuͤhrung dieſer Schufte in ihr neues Quartier be⸗ obachten. Der Teufel ſelbſt haͤtte kaum eine Synode zu⸗ ſammenberufen koͤnnen, wuͤrdiger, ihn ſelbſt zum Praͤſi⸗ denten zu haben.“ 3 Hierauf faßte der Narr, dem Alles erlaubt war, ver⸗ traulich des Grafen Arm und ging ihm zur Seite, als er den Koͤnig unter ſtrenger Bewachung, ohne jedoch irgend einen aͤußern Ehrfurchtsbeweis zu unterlaſſen, ſeiner neuen Wohnung zufuͤhrte, 91 — Fuͤnftes Kapitel. Unge wißheit. „O wohl dem Niedern, der ſich frei von Kummer Auf's Lager ſtreckt, indeß gekroͤnte Haͤupter Nur Sorg' umſchwebt!“—— Heinrich IV. Zweiter Theil. Vierzig Gewappnete, die einer um den Andern ent⸗ bloͤßte Schwerdter und brennende Fackeln trugen, dienten dem Koͤnig Ludwig zur Bedeckung, oder vielmehr zur Wache auf ſeinem Wege von der Halle des Stadthauſes zu Peronne bis zum Caſtell. Als er dieſe finſtere, ſtark befeſtigte Wohnung betrat, duͤnkte es ihn, als riefe ihm eine Stimme jene Warnung zu, die der Florentiniſche Dichter den Thoren der unterirdiſchen Regionen zur In⸗ ſchrift gab:„Laßt jede Hoſſnung zuruͤck!“ 5). Vielleicht haͤtten in dieſem Augenblicke einige Gewiſ⸗ ſensbiſſe das Gemuͤth des Koͤnigs durchkreuzt, waͤren ihm die Hunderte, ja Tauſende eingefallen, die er ohne Ur⸗ ſache, oder doch auf den leiſeſten Argwohn in ſeine unter⸗ irdiſchen Kerker einſperren ließ, aller Hofſnung auf Frei⸗ heit beraubt und dahin gebracht, daß ſie ſelbſt das Leben verwuͤnſchten, an welches ſie nur noch durch animaliſchen Inſtinkt geknuͤpft waren. Der helle Fackelſchein uͤberſtrahlte das blaſſe Licht des Mondes, der in jener Nacht mehr als in der vorigen in Wolken gehuͤllt war; und die röthliche Flamme, welche das alte Gebaͤude erhellte, ſchien den ſchwerfaͤlligen Thurm, der vom Grafen Herbert den Namen fuͤhrte, in noch dunk⸗ lere Schatten zu verhuͤllen. Es war der naͤmliche Thurm, den Ludwig am vorhergehenden Abend mit ahnungsvollem Schauer betrachtet hatte, und zu deſſen Bewohnung er jetzt verdammt war,— ein Raub des Schreckens und der Furcht vor den Gewaltthaten, die ſich das jaͤhzornige Ge⸗ muͤth ſeines uͤbermaͤchtigen Vaſallen in dieſen geheimen Schlupfwinkeln des Despotismus gegen ihn erlauben konnte. Des Koͤnigs peinliche Gefuͤhle wurden dadurch noch geſteigert, daß er im Vorbeigehen auf dem Schloßhofe zwei Leichen gewahrte, die man in der Eile mit Solda⸗ tenmaͤnteln bedeckt hatte. Bald erkannte er ſie als Koͤrper erſchlagener Bogenſchuͤtzen von ſeiner ſchottiſchen Garde, die, wie der Graf Crevecoeur ihn berichtete, ſich dem Be⸗ fehle widerſetzt hatten, ihren Poſten vor den Zimmern des Koͤnigs zu verlaſſen, woraus denn ein Streit zwiſchen ihnen und der walloniſchen Leibwache des Herzogs erwach⸗ ſen war, der, bevor die beiderſeitigen Offiziere hinzukom⸗ men konnten, mehreren Soldaten das Leben gekoſtet hatte. „Meine treuen Schotten!“ rief der Koͤnig bei dieſem traurigen Anblick,„haͤttet Ihr, Mann gegen Mann zu kaͤmpfen gehabt, dann haͤtte weder Burgund noch Flan⸗ dern, Streiter aufſtellen koͤnnen, die es mit Euch aufzu⸗ nehmen im Stande geweſen waͤren. „Ja, Ew. Majeſtaͤt halte zu Gnaden,“ ſprach der Be⸗ narbte, der dem Koͤnige auf dem Fuße folgte;„viele Hunde ſind des Haſen Tod; wenige Maͤnner koͤnnen es mit mebhr als zweien zugleich aufnehmen. Ich ſelbſt bekaͤmpfe un⸗ gern drei auf einmal, wenn nicht meine Pflicht es erfor⸗ — 92— dert; denn in dieſem Falle darf man ſeine Gegner nicht zaͤhlen. „Biſt Du da, mein alter Bekannter?“ ſprach der Koͤ⸗ nig;— ſo hab' ich alſo noch einen treuen Unterthanen bei mir.“ 5 „Und einen treuen Diener, bereit, Euch zu rathen und Eurer koͤniglichen Perſon aufzuwarten,“ fliſterte ihm Oli⸗ ver le Dain ins Ohr. „Wir Alle ſind treu,“ ſprach Triſtan 1'Hermite in muͤr⸗ riſchem Tone;„denn ſollten ſie Ew. Majeſtaͤt umbringen, ſo wuͤrden ſie keinen von uns am Leben laſſen, wenn wir Cuch auch uͤberleben moͤchten.“ „Nun, das nenn' ich eine gute koͤrperliche Gewaͤhrlei⸗ ſtung der Treue,“ ſprach der Prahlhans, der, wie ſchon erwaͤhnt iſt, mit der, geiſtesſchwachen Perſonen eigenen Raſtloſigkeit, ſich in die Geſellſchaft eingedraͤngt hatte. Mittlerweile machte der alte, eiligſt herbeigerufene Se⸗ neſchall die groͤßten Anſtrengungen, den ſchweren Schluͤſſel zur Thuͤr des alten gothiſchen Gefaͤngniſſes umzudrehen, und war zuletzt genoͤthigt, einen von Crevecoeurs Leuten zu Huͤlfe zu rufen. Als ſie geoͤſſnet war, traten ſechs Maͤnner mit Fackeln hinein, und zeigten den Weg durch einen engen krummen Gang, der auf verſchiedenen Punk⸗ ten durch Schießſcharten, die in Woͤlbungen und Fenſtern in der Dicke der Mauer angebracht waren, beſtrichen ward⸗ Am Ende dieſes Durchganges befand ſich eine Treppe von eben ſo plumper Bauart, beſtehend aus rohen bloß aus dem Groben gearbeiteten Steinbloͤcken von ungleicher Hoͤhe. Am obern Ende dieſer Treppe fuͤhrte eine eiſerne Thuͤr auf die ehemalige große Halle des Thurmes, die ſelbſt am 94 Tage nur ſpaͤrlich erleuchtet ward; denn die Oeſſnungen, welche die ungemeine Dicke der Mauern noch kleiner er⸗ ſcheinen ließen, als ſie wirklich waren, glichen nicht fowohl Fenſtern als bloßen Spalten, ſo, daß damals dichte Fin⸗ ſterniß in der 6. eherrſcht haben wuͤrde, waͤre ſie nicht durch Fackelſe zn erhellet worden. Zwei oder drei Fleder⸗ maͤuſe und andere Ungluͤck weiſſagende Vögel, aufgeſchreckt durch den ungewohnten Schimmer, flogen dem Lichte ent⸗ gegen und drohten die Fackeln zu verloͤſchen, waͤhrend der Seneſchall ſich beim Koͤnige entſchuldigte, daß die Prunk⸗ halle nicht in Ordnung gebracht ſey; mit dem Beifuͤgen, daß man ihm zu wenig Zeit gelaſſen habe, die nöthigen Vorbereitungen zu treſſen; uͤherhaupt ſey ſie ſeit zwanzig Jahren gar nicht, und, wie er gehört habe, ſeit den Zeiten Koͤnig Carls des Einfaͤltigen nur ſehr ſelten gebraucht worden. „Koͤnig Carls des Einfaͤltigen,“ wiederholte Ludwig; „jetzt fäͤllt mir die Geſchichte dieſes Thurmes ein.— Hier ward Carl von ſeinem verraͤtheriſchen Vaſallen, dem Gra⸗ fen Herbert von Vermandais ermordet, ſo ſagen unſre Annalen. Ich wußte wohl, daß im Schloſſe von Peronne ſich irgend ein deutwuͤrdiger Vorfall ercignet hatte, doch konnte ich mich auf die naͤhern Umſtaͤnde nicht beſinnen.— Hier alſo ward einer meiner Vorgaͤnger erſchlagen!“ „Nicht eigentlich hier, mit Ew. Majeſtaͤt Wohlneh⸗ men,“ verſetzte der alte Seneſchall mit der Geſchaͤftigkeit eines, oͤrtliche Merkwuͤrdigkeiten zeigenden Cicerone vor⸗ anſchreitend;„nicht hier, ſondern in dem Nebenzimmer, etwas weiter hin, welches an Ew. Majeſtaͤt Schlafgemach ſtoͤßt.“ Jetzt oͤſſnete er haſtig eine kleine Thuͤr am obern — 95. Ende der Halle, die in ein Schlafzimmer fuͤhrte, welches, wie in ſolchen alten Gebaͤuden gewöhnlich iſt, ſehr klein, aber eben deswegen weit gemuͤthlicher waͤr, als die dahin fuͤhrende wuͤſte Halle. Man hatte in der Eile einige An⸗ ſtalten zum Empfange des Koͤnigs getnaſſen. Die Waͤnde waren mit Tapeten behangen, in einem ſeit langen Jahren nicht geheitzten Kamin ein Feuer angezuͤndet, und fuͤr Diejenigen, welche nach damaliger Sitte die Nacht im Schlafzimmer des Koͤnigs zubringen ſollten, ein Feldbett aufgeſchlagen. „Ich werde fuͤr Euer uͤbriges Gefolge in der Halle Betten bereiten laſſen, Sire,“ fuhr der alte Seneſchall fort;—„wenn es Ew. Majeſtaͤt gefaͤllig iſt, einen Blick auf dieſe kleine Thuͤr hinter dem Tapetenbehange zu wer⸗ fen, ſo ſeht Ihr den Eingang zu dem kleinen, alten, in der Dicke der Mauer angebrachten Cabinet, wo Carl ums Leben gebracht ward. Es hat einen geheimen Zugang von unten, welcher den mit der That beauftragten Maͤnnern zum Eingange diente. Wenn Ew. Majeſtaͤt, wie ich hoſſe, noch ſchaͤrfere Augen hat, als ich, ſo werdet Ihr noch jetzt die Blutflecken auf den eichnen Fußboden ſehen köͤunen, obgleich ſchon fuͤnfhundert Jahre ſeit dieſem Ereigniſſe verfloſſen ſind.“ Bei dieſen Worten beſtrebte er ſich, die kleine Thuͤr, wovon er ſprach, zu oͤffnen. „Halt ein, Alter,“ ſprach der Koͤnig,„warte noch ein Weilchen. Du kannſt vielleicht bald eine neuere Geſchichte erzählen und friſche Blutflecken zu zeigen haben. Was ſagt Ihr dazu, Graf Crevecoeur?“ „Ich kann weiter nichts dazu ſagen, Sire, als daß dieſe beiden inneren Gemaͤcher eben ſo zu Ew. Majeſtaͤt Verfuͤgung ſind, als die in Eurem Schloſſe Pleſſis, und daß Crevecoeur,— ein Name, der nie durch Verrath und Mord befleckt ward, mit der außern Wache beauftragt iſt.““ „Aber der geheime Zugang jenes Cloſets, wovon der alte Mann ſpricht?“ fragte Ludwig in halblautem, Un⸗ ruhe verrathendem Tone, indem er mit einer Hand Cre⸗ vecoeurs Arm feſt hielt, und mit der andern auf die Ta⸗ petenthuͤr deutete. „Es iſt nur ein Traum Mornays, oder eine alte abge⸗ ſchmackte Ortsſage;— aber wir wollen die Sache unter⸗ ſuchen.“ Eben war er im Begriff die Thuͤr des Eloſets zu dſſ⸗ nen, als Ludwig ihn zuruͤck hielt, mit den Worten:„nein Crevecoeur, nein, Eure Ehre iſt mir eine hinreichende Buͤrgſchaft.— Aber was will Euer Herzog mit mir an⸗ fangen? Er kann nicht hoſſen, mich lange gefangen zu halten; und— mit einem Wort,— ſagt mir hieruͤber Eure Meinung, Crevecoeur.“ „Ew. Majeſtaͤt mag ſelbſt beurtheilen,“ verſetzte der Graf,„in welchem Grade die ſchreckliche Ermordung feines nahen Verwandten und Verbuͤndeten den Unwillen des Herzogs von Burgund erregt hat; und Ihr allein koͤnnt wiſſen, mit welchem Grunde er glaubt, daß Eure Send⸗ linge die Anſtifter jener That geweſen ſind; aber mein Gebieter hat einen edlen Charakter, der ihn, ſelbſt im Ausbruche ſeines heftigſten Zorns, geheimer hinterliſtiger Umtriebe unfaͤhig macht. Was er auch immer thun mag⸗ ſo wird er es im Angeſichte des Tages und beider Natio⸗ nen thun, und ich muß noch hinzufuͤgen, daß alle ihn um⸗ gebende Raͤthe,— einen vielleicht ausgenommen,— wuͤnſchen, daß er ſich in dieſer Angelegenheit mit Milde, Großmuth und Gerechtigkeitsliebe benehmen möge.“ „Ach Crevecoeur,“ ſprach Ludwig, ſeine Hand faſſend, als ob ihn irgend eine peinliche Erinnerung ergriſſe;„wie gluͤcklich iſt der Fuͤrſt, der Rathgeber um ſeine Perſon hat, die ihn vor den Wirkungen ſeiner heftigen Leidenſchaften bewahren koͤnnen! Ihre Namen werden mit goldnen Buch⸗ ſtaben in der Geſchichte ſeiner Regierung prangen.— Edler Crevecoeur, waͤre es doch mein Loos geweſen, einen Mann wie Du, in meiner Naͤhe zu haben!“ „In dieſem Falle,“ fiel der Großprahler ein; wuͤrde es Ew. Majeſtaͤt erſte Sorge geweſen ſeyn, ſich, ſobald als moͤglich, von ihm loszumachen.“ „Ei, Herr Superklug, biſt Du auch da,“ ſagte Ludwig, ſich umwendend, und augenblicklich den pathetiſchen Ton in dem er Crevecoeur angeredet hatte, mit Gewandtheit in einen andern umwandelnd, der muntere Laune ver⸗ rieth,—„biſt Du uns hieher gefolgt?“ „Ja, Sire,“ antwortete der Prahlhans,„die Weisheit muß in bunter Narrentracht folgen, wenn die Thorheit im Purpur voranſchreitet.“ „Wie ſoll ich das verſtehen, Herr Salomo?“ fragte Ludwig,„moͤchteſt Du, daß wir unſre Rollen wechſelten?“ „Nein, bei der heiligen Jungfrau,“ verſetzte der Groß⸗ prahler,„und wenn Ihr mir funfzig Kronen in den Kauf geben wolltet.“ „Und warum nicht?— Mich duͤnkt, ſo wie die Fuͤr⸗ ſten heut zu Tage beſchaſſen ſind, koͤnnt' ich wohl zufrie⸗ den ſeyn, Dich zum Koͤnig zu haben.“ „Ja, Sire,“ erwiederte der Großprahler;„aber es iſt D. III. 7 98 die Frage, ob ich, den Witz Ew. Majeſtaͤt nach Eurer hieſigen Wohnung beurtheilend, mich nicht ſchaͤmen wuͤrde, einen ſo unverſtaͤndigen Narren zu haben.“ „Schweig, Kerl,“ ſprach Crepecoeur;„Du laͤßt deiner Zunge zu freien Lauf.“ „Laßt ihn reden,“ fiel der Koͤnig ein,„ich kenne keinen belachenswerthern Gegenſtand, als die Thorheiten Derer, die beſſer unterrichtet ſeyn ſollten.— Hier, mein einſichts⸗ voller Freund, nimm dieſe Goldboͤrſe, und nimm zugleich von mir den Rath an, niemais ein ſo großer Narr zu ſeyn, um Dich kluͤger als andere Leute zu glauben. Jetzt erzeige mir den Gefallen, Dich nach meinen Sterndeuter, Martius Galeotti zu erkundigen und ihn ſogleich zu mir zu ſenden.“ „Es ſoll augenblicklich geſchehen, Sire,“ antwortete der Spaßmacher;„ich wette, ich finde ihn, in Jan Doppelbiers Schenke, denn die Philoſophen wiſſen eben ſo gut als die Narren, wo der beſte Wein zu haben iſt.“ „Ich erſuche Euch, Graf Crevecoeur, um die noͤthigen Befehle an Eure Wachen, daß ſie dieſem hochgelehrten Herrn den Zutritt zu mir verſtatten.“ „Sein Zutritt hat keine Schwierigkeit,“ antwortete der Graf;„aber mit Bedauern muß ich hinzufuͤgen, daß meine Inſtruktionen mich nicht ermaͤchtigen, irgend Je⸗ manden zu verſtatten, die Zimmer Eurer Majeſtaͤt zu ver⸗ laſſen. Ich wuͤnſche Ew. Majeſtaͤt eine gute Nacht, und will ſogleich in der aͤußern Halle die noͤthigen Einrichtun⸗ gen treſſen, den Perſonen, die beſtimmt ſind, ſich dort auf⸗ zuhalten, etwas mehr Bequemlichkeit zu verſchafſen.“ „Gebt Euch deshalb keine Muͤhe, Herr Graf,“ ent⸗ 99 gegnete der Koͤnig;„ſie ſind gewohnt, den Beſchwerlich⸗ keiten Trotz zu bieten; und die Wahrheit zu ſagen, wuͤnſchte ich, außer dem erbetenen Eintritt Galeotti's, dieſe Nacht ſo wenig Gemeinſchaft nach Außen zu haben, als mit Eu⸗ rer Inſtruktion irgend vereinbar iſt.“ „Dieſe geht dahin, Ew. Majeſtaͤt im unbeſtrittenen Beſitz Eurer Zimmer zu laſſen,“ verſetzte Crevecoeur,„ſo befiehlt mein Gebieter.“ „Euer Gebieter, Graf Crevecoeur,“ antwortete Lud⸗ wig,„den ich auch den meinigen nennen koͤnnte, iſt ein ſehr genaͤdiger Herr,— Mein Gebiet,“ ſetzte er hinzu, „iſt etwas eingeſchrumpft; denn es beſteht nur aus einer alten Halle und einer Schlafkammer; doch ſind ſie groß genug fuͤr alle Unterthanen, deren ich mich jetzt noch ruͤh⸗ men kann.“ Graf Crevecveur beurlaubte ſich; und gleich nachher vernahm man das Geraͤuſch der ihre Poſten einnehmenden Schildwachen, begleitet von dem Commandowort der Offi⸗ ziere und dem raſchen Tritt der abgeloͤſeten Wachen. End⸗ lich folgte ein allgemeines Stillſchweigen, ſo daß nur noch das traͤge Murmeln der tiefen, ſchlammigen Somme unter den Mauern des Caſtells horbar blieb. „Geht in die Halle, lieben Leute,“ ſprach Ludwig zu ſeinem Gefolge,„aber ſchlaft nicht ein, und haltet Euch bereit; denn es wird in dieſer Nacht noch etwas Wichtiges zu thun geben.“ Oliver und Triſtan zogen ſich dieſem Befehle zufolge in die Halle zuruͤck, wo der Benarbte und die beiden Un⸗ terbeamten des Generalprofos geblieben waren, als die uͤbrigen in das Schlafzimmer gingen. Die Zuͤruͤckgeblie⸗ 100 — benen hatten ein großes Feuer im Kamin angezuͤndet⸗ welches zugleich zur Heitzung und Erleuchtung des Saales diente, und eingehuͤllt in ihre Maͤntel, hatten ſie ſich in verſchiedenen, Unruhe und Niedergeſchlagenheit verkuͤndi⸗ genden Stellungen auf den Fußboden niedergelaſſen. Oli⸗ ver und Triſtan wußten nichts Beſſeres zu thun, als ihrem Beiſpiele zu folgen. Da ſie in den Tagen ihres Hofgluͤcks niemals gute Freunde geweſen waren, ſo fuͤhlten ſich beide im gleichen Grade abgeneigt, bei dieſem ſeltſamen Gluͤcks⸗ wechſel ſich wechſelſeitiges Vertrauen zu ſchenken; ſo daß die ganze Geſellſchaft, in ſtummes, duͤſteres Stillſchweigen verſenkt blieb. Inzwiſchen war ihr Gebieter in der Abgeſchiedenheit ſeines Schlafgemachs ein Raub ſolcher Quaalen, daß iſie wohl einige von denen, die er Andern hatte zufuͤgen laſ⸗ ſen, abbuͤßen konnten. Bald ſchritt er mit kurzen und ungleichen Schritten im Zimmer hin und her, bald ſtand er ſtill, ſchlug die Haͤnde zuſammen, und uͤberließ ſich Ge⸗ muͤthsbewegungen, die er vor den Augen des Publikums ſo meiſterhaft zu verbergen wußte. Endlich ſtellte er ſich, die Haͤnde ringend der Tapetenthuͤr gegen uͤber, die ihm der alte Mornay, als den Eingang des Schauplatzes der Ermordung eines ſeiner Vorgaͤnger bezeichnet hatte, und lieh allmaͤhlig ſeinen Empfindungen Worte in folgendem abgebrochenen Selbſtgeſpraͤch. „Carl der Einfaͤltige!— Carl der Einfaͤltige?— Welchen Namen wird die Nachwelt dem eilften Ludwig geben, deſſen Blut wahrſcheinlich die Flecken des Deinigen auffriſchen wird? Ludwig der Narr,— Ludwig der Al⸗ berne,— Ludwig der Bethoͤrte,— dieß alles ſind noch zu 101 gelinde Beinamen, um den hohen Grad meines Bloͤdſinns auszuſprechen. Zu waͤhnen, jene Luͤtticher Hitzkoͤpfe, de⸗ nen der Aufruhr eben ſo ſehr zur andern Natur geworden iſt, als das tägliche Brod, wuͤrden ruhig bleiben,— zu traͤumen, die wilde Beſtie der Ardennen wuͤrde auch nur auf einen Augenblick ihre Laufbahn der Gewaltthat und blutduͤrſtiger Rohheit unterbrechen,— mir einzubilden, daß ich dieſem Carl von Burgund die Sprache der Ver⸗ nunft und Klugheit verſtaͤndlich machen wuͤrde, bevor ich verſucht hatte, einen wuͤthenden Stier durch Vernunft⸗ ſchluüſſe und Ermahnungen zu baͤndigen!— Thor, drei⸗ facher Thor, der ich war! Aber dieſer Boͤſewicht, dieſer Galeotti ſoll mir nicht entkommen.— Er hatte bei dem Allen die Haͤnde im Spiel,— er und der ſchaͤndliche Prieſter, der verabſcheuungswuͤrdige Balue. Wenn ich jemals dieſer Gefahr entkomme, dann will ich ihm den Cardinalshut vom Kopfe reißen, und ſollte die Haut des Hirnſchaͤdels daran haͤngen bleiben, aber der andere Ver⸗ raͤther iſt in meinen Haͤnden.— Noch bin ich Koͤnig ge⸗ nug,— noch iſt mein Reich groß genug, um einen Char⸗ latan, einen Quackſalber, einen luͤgenhaften Sterndeuter, einen Betruͤger zu beſtrafen, der mich zum Narren ge⸗ habt, und einen Gefangenen aus mir gemacht hat!— Die Verbindung der Conſtellationen!— Ja dieſe Verbin⸗ dung,— er hat mir daruͤber Alfanzereien erzaͤhlt, wuͤr⸗ dig, einem dreimal geſottenen Schafskopfe aufgebunden zu werden;— und ich war dumm genug, zu waͤhnen, ich verſtaͤnde ihn; aber wir wollen ſogleich ſehen, was die Verbindung der Conſtellationen wirklich vorausgeſagt hat.“ Ueber der kleinen Tapetenthuͤr war, vielleicht zum An⸗ 102 denken der im Eloſet veruͤbten That, in einer plump ge⸗ arbeiteten Niſche ein in Stein gehauenes Crucifir ange⸗ bracht. Auf dieß Bild richtete der Koͤnig die Augen, als ſey er im Begriff, zu knien, doch hielt er ploͤtzlich ein, als haͤtte er die Grundſaͤtze irdiſcher Politik auf dieß gottes⸗ dienſtliche Emblem angewandt, und es zu verwegen ge⸗ halten, ſich ihm zu nahen, ohne ſich zuvor der Fuͤrbitte irgend eines vermeintlichen Fuͤrſprechers zu verſichern. Er wandte ſich daher vom Erucifix ab, als fuͤhle er ſich un⸗ wuͤrdig, es anzuſchauen, und waͤhlte von den Bildern, wo⸗ mit, wie wir oft ſchon erwaͤhnten, ſein Hut beſetzt war, das, der heiligen Jungfrau von Clery, kniete vor demſel⸗ ben und widmete ihm das nachſtehende ſeltſame Gebet, worinn ihn ſein Aberglaube ſonderbarer Weiſe verleitete, die heilige Jungfrau von Clery als eine von Unſrer lieben Frauen von Embruͤn, ganz verſchiedene Perſon zu betrach⸗ ten, fuͤr welche letztere er eine ganz beſondere Verehrung hegte, und der er oft ſeine Geluͤbde weihte. „Geliebte heilige Jungfrau von 6 rief er mit gefaltenen Haͤnden, indem er ſich an die Bruſt ſchlug,— „geheiligte Mutter der Gnade, die Du bei dem Allmaͤchti⸗ gen allmaͤchtig biſt, habe Mitleid mit mir armen Suͤnder. Freilich hab' ich Dich Deiner geheiligten Schweſter von Embruͤn zu Liebe etwas vernachlaͤſſigt; aber ich bin ein Koͤnig,— meine Macht iſt groß, mein Reichthum ohne Grenzen, und wenn er nicht hinreichte, ſo wuͤrde ich lieber meinen Unterthanen eine doppelte Kopfſteuer auf⸗ erlegen, als Euch beiden nicht meine Schulden bezahlen. Oeſſne dieſe eiſernen Thuͤren, fuͤlle dieſe tiefen Graͤben, leite mich, wie eine Mutter ihr Kind leitet, aus dieſer 103 drohenden Gefahr! Wenn ich Deiner Schweſter den Ober⸗ befehl uͤber meine Leibwache gegeben habe, ſo ſollſt Du die große reiche Provinz Champagne haben, deren Weinberge ihren Ueberfluß in Dein Kloſter ergießen ſollen. Ich hatte dieſe Provinz meinem Bruder Carl verſprochen; aber Du weißt, er iſt todt,— vergiftet von dem ſchaͤndlichen Abt von Angely, den ich beſtrafen werde, wenn ich das Leben behalte.— Zwar verſprach ich es ſchon einmal, aber dieß⸗ mal will ich mein Wort halten.— Wenn ich einige Kunde des Verbrechens hatte, glaube mir, Theure Schutzpatro⸗ ninn, es geſchah bloß deswegen, weil ich kein beßres Mit⸗ tel wußte, die Mißvergnuͤgten meines Koͤnigreichs zu be⸗ ruhigen. O, ſchreibe dieſe alte Schuld nicht auf neue Rechnung, ſondern ſey wie Du immer wareſt, mild, gut⸗ herzig, wohlwollend und leicht zu erbitten. Suͤße Jung⸗ frau bitte fuͤr mich bei deinem Sohne, daß er mir alle vergangene Suͤnden vergebe, und noch eine kleine unbe⸗ deutende That, die ich in dieſer Nacht muß vollſtrecken laſſen;— nein, es iſt keine Suͤnde, theuerſte Jungfrau von Clery,— keine Suͤnde, ſondern eine insgeheim ver⸗ uͤbte Handlung der Gerechtigkeit; denn der Boͤſewicht iſt der groͤßte Betruͤger, der jemals einem Fuͤrſten Luͤgen ein⸗ fliſterte, und der uͤberdieß ſich zu der ſchaͤndlichen Ketzerei der Griechen hinneigt. Er iſt Deines Schutzes nicht werth; uͤberlaß ihn mir, und betrachte das, was ich thun will, als ein gutes Werk; denn er iſt ein Schwarzkuͤnſtler und Hexenmeiſter, der nicht verdient, daß Du an ihn denkſt und fuͤr ihn ſorgſt;— ein Hund, deſſen Leben in Deinen Augen nicht mehr Werth haben muß, als die Erloͤſchung eines Funkens, der aus der Lichtſchnuppe faͤllt, oder dem ——;—ÿ—;—⸗—⸗⸗⸗:ꝛꝛ—ꝛꝛxꝛxxxx 104 Feuer entſpringt. Gedenke nicht dieſer Kleinigkeit, ſuͤßeſte, theuerſte Jungfrau, ſondern denke nur daran, wie Du mir in meiner Noth am beſten helfen kannſt. Hier druͤcke ich mein koͤnigliches Handſiegel auf Dein Bildniß, zum Zei⸗ chen, daß ich mein Verſprechen wegen der Grafſchaft Champagne halten will, und daß dieß das letztemal ſeyn ſoll, wo ich Dich wegen irgend einer blutigen That belaͤ⸗ ſtigen will, da ich weiß, daß Du ein ſo gutes, ſanftes und mitleidiges Gemuͤth haſt.“ Als Ludwig dem Gegenſtande ſeiner Andacht dieſe ſelt⸗ ſamen Vergleichsbedingungen vorgeſchlagen hatte, betete er anſcheinend mit tiefer Zerknirſchung die ſieben Buß⸗ pſalmen, eine Anzahl Ave Maria's und andere beſonders der heiligen Jungfrau gewidmete Gebete, dann erhob er 3 ſich, uͤberzeugt, der Fuͤrbitte der Heiligen, an die er ſeine V Gebete gerichtet hatte, verſichert zu ſeyn, indem er mit vieler Verſchlagenheit die Bemerkung machte, daß die mei⸗ ſten Suͤnden, wofuͤr er bei fruͤhern Gelegenheiten ihre Vermittelung erfleht hatte, ganz andrer Art geweſen waͤ⸗ ren, und daß mithin die Jungfrau von Clery ihn nicht als einen verhaͤrteten und an Blutvergießen gewoͤhnten Moͤrder betrachten koͤnne, welches vielleicht mit den andern Heiligen der Fall ſeyn moͤchte, die er ſchon oͤfters zu Ver⸗ trauten ſeiner Verbrechen dieſer Gattung gemacht habe.*) e Beim Durchleſen der hierauf ſich beziehenden Stellen der alten handſchriftlichen Chronik konnte ich mich des Erſtaunens nicht enthalten, daß ein ſo ſcharfſinniger Fuͤrſt, als Ludwig XI. unſtreitig war, der Selbſttaͤu⸗ ſchung durch einen Aberglauben faͤhig war, deſſen man ſelbſt die ſtupideſten Wilden unfaͤhig halten ſollte; 105 Als der Koͤnig ſolchergeſtalt ſein Gewiſſen gereinigt oder vielmehr gleich einem Grabe uͤbertuͤncht hatte, ſteckte er den Kopf durch die Thuͤr der Halle, und rief den Be⸗ narbten in ſeine Kammer.„Mein wackerer Soldat,“ ſprach er,„Du haſt mir lange gedient, und wenig Befoͤr⸗ derung gehabt. Wir ſind hier in einem Falle, wo ich eben ſo leicht das Leben verlieren als behalten kann; doch wollte ich ungern als ein Undankbarer ſterben, oder, ſo weit die Heiligen es in meine Macht ſtellen, einen Freund unbe⸗ lohnt, einen Feind unbeſtraft zuruͤcklaſſen. Nun habe ich einen Freund zu belohnen;— das biſt Du, und einen Feind gehoͤrig zu beſtrafen;— und das iſt der ſchaͤndliche Verraͤther Martius Galeotti, der mich durch ſeine Betruͤ⸗ gereien und ſcheinbaren Falſchheiten hieher in die Macht meines Todtfeindes geſchleppt hat, mit dem eben ſo feſten Vorſatze, mich zu vernichten, als der Fleiſcher, der ein Thier auf die Schlachtbank bringt.“ „Ich will ihn zum Zweikampf herausfordern,“ verſetzte der Benarbte.„Ich zweifele nicht der Herzog von Bur⸗ gund iſt ein zu großer Freund der Maͤnner vom Schwerdt, um uns einen paßlichen geraͤumigen Kampfplatz zu ver⸗ weigern; und wet n Ex. Majeſtaͤt ſo lange lebt, und der dazu noͤthigen Freiheit genießt, ſo ſollt Ihr mich fuͤr Eure Sache kaͤmpfen und an dieſem Weltweiſen eine ſolche Rache nehmen ſehen, als Cuer Herz nur wuͤnſchen kann.“ allein Brantome hat uns die Ausdruͤcke, eines vom Koͤnige bei einer aͤhnlichen Gelegenheit gehaltenen Ge⸗ bets aufbewahrt, deſſen Inhalt vollkommen ſo ſelt⸗ ſam war. Anmerk. des Verfaſſers. —196. „Ich lobe Deinen Muth und Deine Dienſtergebenheit; aber dieſer Verraͤther iſt ein eben ſo ruͤſtiger Kaͤmpe, und ungern moͤchte ich Dein Leben, mein wackerer Soldat, aufs Spiel ſetzen.“ „Ich waͤre kein braver Soldat, Sire,“ entgegnete der Benarbte,„wenn ich nicht einen noch tapferern Manne die Stirn zu bieten wagte. Das waͤre was Schoͤnes, wenn ich, der weder Leſen noch ſchreiben kann, mich vor einem feiſten Muͤßiggaͤnger fuͤrchten ſollte, der ſein Lebelang nichts als Leſen und Schreiben getrieben hat!“ „Nichts deſtoweniger,“ ſprach der Koͤnig,„iſt es nicht unſer Wille, Dich dieſer Wagniß auszuſetzen, Leslie. Der Verraͤther koͤmmt auf meinen Befehl hieher. Wir wuͤnſch⸗ ten, daß Du, ſobald Du Gelegenheit finden kannſt, ihm nahteſt, und ihn unter die fuͤnfte Rippe traͤfeſt, verſtehſt Du mich?“ „Wohl verſtehe ich Euch,“ antwortete der Benarbte, „aber mit Ew. Majeſtaͤt Wohlnehmen, das iſt fuͤr mich eine ganz ungewohnte Arbeit; ich koͤnnte keinen Hund toͤdten, wenn er mich nicht heftig angriſſe, verfolgte oder biſſe.“ „Wie? Du machſt doch wohl nicht gar Anſpruch auf Zartgefuͤhl?“ fragte der Koͤnig;„Du, der, wie man mir ſagt, bei Erſtuͤrmungen und Belagerungen immer voran und der Erſte war'ſt, Dir die Genuͤſſe und Vortheile zu⸗ zueignen, die bei ſolchen Gelegenheiten der Hartherzige mit blutiger Hand gewinnt?“ „Das Schwerdt in der Hand, Sire, fuͤrchtete oder ſchonte ich nie Eure Feinde,“ entgegnete der Benarbte. „Eine Erſtuͤrmung iſt ein verweg'nes Unternehmen, und — 107 bringt Gefahren mit ſich, die einem das Blut erhitzen, ſo daß man, bei Sanct Andre's, wenigſtens ein oder zwei Stunden gebraucht, wieder kaltbluͤtig zu werden;— und das nenne ich eine rechtmaͤßige Entſchuldigung des Pluͤn⸗ derns nach einem Sturme. Gott ſey uns armen Solda⸗ ten gnaͤdig! Anfangs verdreht die Gefahr uns den Kopf, und dann der Sieg. Ich hörte von einer Legion, ganz beſtehend aus Heiligen; die ſollte ſich allein damit beſchaͤf⸗ tigen, fuͤr die Armee und fuͤr jeden der einen Harniſch, einen ledernen Koller, ein Schlachtſchwerdt und einen Fe⸗ derbuſch traͤgt, zu beten und Fuͤrbitte einzulegen. Aber was Ew. Majeſtaͤt mir vorſchlaͤgt, liegt ganz außer mei⸗ nem Wege, wenn ich gleich nicht leugnen will, daß er breit genug iſt. Was den Sterndeuter betriſſt, ſo laßt ihn, wenn er ein Verraͤther iſt, den Tod dor Verraͤther ſterben, dann habe ich nichts mit ihm zu ſchaſſen. Ew. Majeſtaͤt hat den Generalprofos und zwei ſeiner Gehuͤlfen da draußen, ſie paſſen ſich beſſer fuͤr ein terches Geſchaͤft, als ein ſchottiſcher Edelmann von meiner Herkunft, und der in Euren Kriegsdienſten ſteht.“ „Du haſt Recht,“ ſprach der Koͤnig,„aber wenigſtens iſt es Deine Pflicht, die Strafvollſtreckung meines hoͤchſt gerechten Urtheils zu beſchuͤtzen, und ihre Unterbrechung zu verhindern.“ „Ich will ſie gegen ganz Peronne beſchuͤtzen,“ verſetzte der Benarbte.„Ew. Majeſtaͤt wird nicht an meiner treu⸗ gehorſamen Befolgung Eurer Befehle zweifeln, ſobald ich ſie nur mit meinem Gewiſſen vereinigen kann; und ich kann Euch verſichern, daß es zu meiner Bequemlichkeit und zu Eunrer Majeſtaͤt Dienſte, ziemlich weit iſt; wenig⸗ 1⁰⁸ ſtens weiß ich, das ich lieber den Griff meines Schwerdtes verſchluckt, als gewiſſe Dinge, die ich fuͤr Euch, Sire, aus⸗ geführt habe, fuͤr irgend einen andern gethan haͤtte.“ „Schweigen wir davon,“ ſprach der König,„und hoͤre mich an. Wenn Galeotti herein tritt und die Thuͤr hinter ihm verſchloſſen iſt, ſo ergreifſt Du die Waſſen und be⸗ wachſt die Thuͤr des Zimmers von innen. Laß Nieman⸗ den herein;— das iſt Alles, was ich von Dir verlange. Nun ſchicke den Generalprofos zu mir.“ Der Benarbte verließ hierauf das Zimmer, und Tri⸗ ſtan l'Hermite trat ſogleich herein. „Willkommen, Gevatter!““ ſprach der Koͤnig.„Nun, was denkſt Du von unſerer Lage?“ „Ich denke, daß wir zum Tode verurtheilt ſind,“ er⸗ wiederte der Generalprofos;„es waͤre denn, daß der Her⸗ zog uns einigen Aufſchub gaͤbe.“ „Aufſchub oder nicht;— wer uns in dieſe Schlinge lockte, ſoll uW als Fourier in die andere Welt vorange⸗ hen, um uns dort Quartier zu beſtellen,“ ſprach der Kd⸗ nig mit haͤmiſchem, grauſamen Laͤcheln.„Triſtan, Du haſt manchen Gerechtigkeitsact wacker fuͤr mich vollſtreckt; Finis,— oder vielmehr Funus,— coronat opus. 6) Du mußt mir bis ans Ende beiſtehen.“ „Das will ich, mein Koͤnig!“ verſetzte Triſtan; nich bin nur ein ſchlichter Menſch, aber ich bin dankbar. Ich will meine Pflicht innerhalb dieſer Mauern eben ſo wohl thun, als anderswo, und ſo lange ich lebe, ſoll Ew. Ma⸗ jeſtaͤt leiſeſtes Wort in meinen Ohren ein eben ſo uner⸗ laͤßliches Todesurtheil ſeyn, und eben ſo buchſtaͤblich voll⸗ ſtreckt werden, als da Ihr noch auf dem Throne ſaßet. 109 Mag man in der naͤchſten Stunde deswegen uͤber mich derhaͤngen, was man will, es gilt mir gleich.“. „Das erwartete ich von Dir, mein lieber Gevatter,“ ſprach Ludwig;„aber haſt Du gute Gehuͤlfen? Der Ver⸗ räther iſt ſtark und ruͤſtig; er wird ohne Zweifel um Huͤlfe rufen. Der Schotte wird nichts thun, als die Thuͤr be⸗ wachen, und ich war nur froh, daß ich ihn durch Schmei⸗ cheleien und Liebkoſungen dazu bewog. Oliver taugt zu nichts, als zum Luͤgen, Schmeicheln und gefahrvolle Rath⸗ ſchlaͤge zu geben. Und, ventre saint dieu, ich glaube, es iſt wahrſcheinlicher, daß er einſt ſelbſt den Strick verdienen, als ihn Andern anlegen wird. Glaubſt Du, Leute und die noͤthigen Mittel zu haben, die Sache kurz und gut abzumachen?“ „Ich habe Trois Echelles und Petit Andrèé bei mir,“ antwortete er,„Menſchen, die ſo geſchickt in ihrem Amts⸗ berufe ſind, daß ſie unter Dreien einen haͤngen wuͤrden, bevor ſeine beiden Gefaͤhrten es gewahrten. Wir haben Alle beſchloſſen, mit Ew. Majeſtaͤt zu leben oder zu ſter⸗ ben; denn wir wiſſen ſehr wohl, daß uns nach Eurem Hintritt keine laͤngere Lebensfriſt beſchert ſeyn wuͤrde, als wir unſerm Patienten verſiatten.— Doch Ew. Majeſtaͤt erlaube mir die Frage, an wen denn jetzt die Reihe kom⸗ men ſoll? Ich mag gern der Perſon gewiß ſeyn; denn wie Ew. Majeſtaͤt mir manchmal ins Gedaͤchtniß zu ru⸗ fen beliebt, es hat ſich mitunter ein Mißgriſſ zugetragen, ſo daß ich, anſtatt des Verbrechers, irgend einen ehrlichen Landmann aufhing, der Ew. Majeſaͤt nicht beleidigt hatte.“ „Du haſt Recht,“ ſprach der König.„So wiſſe denn, Triſtan, daß Martius Galeotti der Verurtheilte iſt.— Du ſtaunſt?— Und doch iſt es ſo, wie ich ſage. Der Boͤſewicht hat durch falſche verraͤtheriſche Weiſſagungen uns Alle hieher geſchleppt, um uns dem Herzoge von Burgund wehrlos in die Haͤnde zu liefern.“ „Aber nicht ungeraͤcht!“ ſprach Triſtan;„und waͤre es die letzte Handlung meines Lebens, ſo ſollte mein Streich ihn treſſen, gleich der Weſpe, die noch ſterbend ſticht, wenn ſie auch im folgenden Augenblick zermalmt wird.“ „Ich kenne Deine Treue,“ ſprach der Koͤnig,„und weiß, daß Du, wie alle rechtliche Leute, in der Erfuͤllung Deiner Pflicht ein Vergnuͤgen findeſt; denn die Tugend fuͤhrt, wie die Sittenlehrer ſagen, ihren eignen Lohn mit ſich. Aber fort, und halte die Prieſter bereit, denn das Schlachtopfer naht.“ „Soll das Opfer in Eurem Beiſeyn fallen, mein gnaͤ⸗ digſter Monarch?“ fragte Triſtan. Ludwig lehnte dies Anerbieten ab, beauftragte aber ſeinen Generalprofos, in dem Augenblick, wenn der Stern⸗ deuter ſein Schlafzimmer verlaſſen wuͤrde, Alles zur puͤnkt⸗ lichen Vollſtreckung ſeiner Befehle in Bereitſchaft zu ha⸗ ben.„Denn,“ ſetzte er hinzu,„ich will den Boͤſewicht noch einmal ſehen, um zu beobachten, wie er ſich gegen einen Gebieter benimmt, den er in die Schlinge gefuͤhrt hat. Es wird mir Genuß ſeyn, das Gefuͤhl des nahen⸗ den Todes die Farbe von ſeinen rothen Wangen verſcheu⸗ chen und ſeine laͤchelnden, luͤgenden Augen verdunkeln zu ſehen.— O warum habe ich nicht zugleich mit ihm den⸗ jenigen in meiner Gewalt, deſſen Nathſchlaͤge ihm ſeine Weiſſagungen einfloͤßten! Wenn ich aber dieſe Gefahr 111 uͤberlebe,— dann nimm deinen Purpur in Acht, Herr Eardinal! Selbſt Rom ſoll nicht im Stande ſeyn, dich zu retten; ſey es gefagt, ohne Sanct Petern und die hoch⸗ gelobte gnadenreiche Jungfrau von Clery zu beleidigen!— Was zoͤgerſt Du? Setze Deine Leute in Bereitſchaft. Ich erwarte jeden Augenblick den Schurken. Gott gebe, daß er nicht Lunte riecht und ausbleibt! Das waͤre ein arger Querſtrich! Aber mach', daß Du fortkommſt, Triſtan! Du pflegteſt ſonſt nicht ſo langſam zu Werke zu gehen, wenn es Geſchaͤfte fuͤr Dich gab.“ „Im Gegentheil, mit Ew. Majeſtaͤt Wohlnehmen; Ihr pflegtet immer zu ſagen, daß ich zu eilfertig verfuͤhre, Euch mißverſtaͤnde und. Euren Befehl mitunter an dem Unrechten vollſtreckte. Ich wuͤnſchte daher, daß Ew. Ma⸗ jeſtaͤt mir ein Zeichen gaͤbe, und zwar gerade in dem Au⸗ genblick, wenn Ihr Galeotti fuͤr die Nacht entlaßt, woran ich erkennen kann, ob das Werk vor ſich gehen ſolle, oder nicht; denn es iſt ſchon der Fall geweſen, daß Ihr ein oder zwei Mal Eure Meinung geaͤndert und mir dann zu große Eilfertigteit vorgeworfen habt.“ „Nun, Du argwoͤhniſcher Menſch,“ antwortete Koͤnig Ludwig,„ich ſage Dir, ich will meine Meinung nicht aͤndern; um aber Deinen Zweifeln ein Ende zu machen, ſo gieb wohl Achtung, was ich dem Boͤſewicht beim Schei⸗ den ſage.— Sprech' ich:„nes iſt ein Himmel uͤber uns!* ſo gehſt Du ans Werk; ſag' ich aber:„„ gehe hin in Frieden!““ dann iſt's ein Zeichen, daß ich meinen Vor⸗ ſatz geaͤndert habe.“ „Gerade in meinen Amtsgeſchaͤften bin ich manchmal etwas ſchwer von Begriſſen,“ bemerkte Triſtan l'Hermite; 112 „erlaubt mir, Sie, daß ich mir noch einmal meine Leection überhoͤre.— Wenn Ihr ihn in Frieden heimgehen heißt, dann ſoll ich ans Werk gehen?“ „Nein, nein, Dummkopf!“ entgegnete der Koͤnig; „in dieſem Falle laͤßt Du ihn frei; ſag' ich aber:„„es iſt ein Himmel uͤber uns!““ dann naͤherſt Du ihn um einige Fuß hoch den Planeten, mit denen er ſo vertraut iſt.“ „Ich will nur wuͤnſchen, daß wir die noͤthigen Ge⸗ raͤthſchaften hier zuſammen finden,“ ſagte der General⸗ profos. „Dann in die Hoͤhe, oder nieder mit ihm! Gleichviel, wie?“ antwortete der Koͤnig mit grimmigen Läͤcheln. „Und was ſollen wir mit dem Koͤrper anfangen?“ fragte Triſtan. „Wart', laß mich einen Augenblick nachſinnen,“ ver⸗ ſetzte Ludwig.—„Die Fenſter des Vorſaals ſind zu enge; aber das hier im Erker iſt weit genug. Ihr ſollt ihn in die Somme werfen und ihm ein Papier auf die Bruſt heften, mit der Inſchrift:„„die koͤnigliche Juſtiz paſſirt zollfrei.““ Des Herzogs Beamte mdoͤgen ſich ſeiner, als Unterpfand fuͤr die Gebuͤhren, bemaͤchtigen, wenn ſie Muth genug dazu haben.“ Der Generalprofos verließ das Zimmer des Koͤnigs, und berief ſeine beiden Gehuͤlfen in eine Fenſtervertiefung der Halle, welche Trois Echelles mit einer an der Wand befeſtigten Fackel erleuchtete, zur Berathſchlagung. Sie ſprachen mit leiſer Stimme, unbeachtet von Oliver, der in tiefe Niedergeſchlagenheit verſunken ſchien, ſo wie von Leslie, der feſt ſchlief. 113 —— „Kameraden,“ ſagte der Profos zu ſeinen beiden Henu⸗ kern,„vielleicht waͤhntet Ihr, Euer Beruf ſey geendet, oder wenigſtens ſey es wahrſcheinlicher, daß wir Andern Nebeit machen wuͤrden, anſtatt ſie noch ferner auszuuͤben. Aber Muth gefaßt, meine Freunde! unſer gnaͤdigſter Ge⸗ bieter hat noch einen edlen Beweis unſerer amtlichen Ta⸗ lente fuͤr uns aufbehalten, bei dem wir uns als Maͤnner zeigen muͤſſen, die in der Geſchichte zu leben wuͤnſchen.“ „Ha, ich errathe ſchon, worin er beſteht,“ ſagte Trois Echelles;„unſer Herr gleicht den roͤmiſchen Kaiſern im Alterthume, die, wenn es mit ihnen aufs Aeußerſte, oder wie wir uns ausdruͤcken wuͤrden, an den Fuß der Leiter kam, unter ihren eignen Dienern der Gerechtigkeit irgend einen erfahrnen Mann waͤhlten, der ihrer geheiligten Per⸗ ſon die linkiſchen Verſuche eines Neulings oder Pfuſchers in unſern Geheimniſſen erſparte. Fuͤr Heiden war das eine recht huͤbſche Gewohnheit; aber als guter Katholik wuͤrde ich mir ein Gewiſſen daraus machen, an den aller⸗ chriſtlichſten Koͤnig die Haͤnde zu legen.“ „Nein, Bruder, Du biſt gar zu bedenklich,“ verſetzte Petit André.„Wenn er einen foͤrmlichen Befehl zu ſei⸗ ner eignen Hinrichtung ertheilt, ſo ſehe ich nicht ein, wie wir uns pflichtmaͤßig der Vollſttreckung deſſelben entziehen koͤnnen. Wer in Rom lebt, muß dem Papſt gehorchen. Die Unterbeamte des Generalprofos muͤſſen die Gebote ihres⸗Vorgeſetzten, ſo wie er die des Koͤnigs, befolgen.“ „Still, Ihr Schlingel!“ entgegnete der Profos,„hier gilt es nicht der Perſon des Koͤnigs, ſondern nur der des griechiſchen Ketzers, des heidniſchen oder mohamedaniſchen Zauberers, Martius Galeotti.“ 7. D. III. 8 — 1114 3 „Galeotti!“ erwiederte Petit Andre;„das geht ganz natuͤrlich zu; nie kannte ich einen dieſer Charlatane,— dieſer Taſchenſpieler, die ihr Leben damit hinbringen, wenn ich ſo ſagen mag, auf dem ſtraſſen Seile zu tanzen, dar es nicht mit dem Baumeln an einem ſenkrechten Seile endete.“ „Mich dauert nur,“ ſagte Trois Echelles, den Blick gen Himmel gewandt,„daß das arme Geſchoͤpf ohne Beichte ſterben muß.“ „Ei was!“ entgegnete der Generalprofos;„der Menſch iſt ein Ketzer und ein Schwarzkuͤnſtler;— eine ganze Prieſterſynode koͤnnte ihn nicht von der verdienten Ver⸗ dammung losſprechen. Ueberdies fehlt es Dir, Trois Echelles, nicht an Talenten, ihm als Beichtiger zu dienen, wenn er Luſt dazu hat. Doch, was weſentlicher iſt, ich fuͤrchte, Ihr muͤßt Eure Dolche gebrauchen, Kameraden; denn es fehlen Euch hier die noͤthigen Geraͤthſchaften zur Ausuͤbung Eures eigentlichen Gewerbes.“ „Das wolle unſere liebe Frau von Paris verhuͤten, daß die Befehle des Koͤnigs mich jemals von meinen Handwerksgeraͤthſchaften entbloͤßt finden ſollten! Ich tra⸗ ge allemal einen Franziscanerſtrick, an deſſen einem Ende ſich eine huͤbſche Schlinge befindet, vierfach um den Leib gewickelt; denn ich gehoͤre zu der Bruͤderſchaft des heili⸗ gen Franziscus, und kann die Kleidung ſeines Ordens tragen, wenn ich in Todesnoͤthen bin;— Dank ſey Gott und den guten Vaͤtern von Saumuͤr!“ „Und ich,“ fiel Petit André ein,„trage allemal eine gute Rolle und einen großen Schraubnagel in der Taſche, um ſie zu befeſtigen, wo ich will, falls wir uns an einem 11⁵ Orte befaͤnden, wo es wenig Baͤume giebt, oder wo die Aeſte zu hoch von der Erde ſind. Ich habe gefunden, daß mir dieſe Vorſichtsmaßregel ſehr zum Nutzen gereicht.“ „Nun, das wird ſie auch jetzt,“ verſetzte der Profos; „Ihr duͤrft nur Eure Rolle an jenem Balken uͤber der Thuͤr befeſtigen, und den Strick daruͤber haͤngen. Ich werde den Menſchen in der Naͤhe jener Stelle im Ge⸗ ſpraͤch halten, bis Ihr ihm die Schlinge um den Hals werft und dann—“ „Und dann,“ fiel Petit André ein,„laſſen wir unſern Sterndeuter ſo weit zum Himmel fahren, daß er keinen Fuß mehr auf Erden hat.“ „Aber dieſe Herren dort,“ ſprach Trois Echelles, auf den Kamin hindeutend,„werden die uns nicht helfen und in unſerem Berufe ein Handgeld verdienen?“ „Nein, nein,“ erwiederte der Profos;„der Bartſcherer weiß nur Unheil auszuſinnen, uͤberlaͤßt aber Andern die Ausfuͤhrung; und was den Schotten betrifſt, der bewacht die Thuͤr, wenn die That geſchieht, bei der er zu helfen weder Verſtand noch Gewandtheit genug hat. Der Schu⸗ ſter bleibe bei ſeinem Leiſten.“ Mit ungemeiner Gewandtheit und einer Art von Ent⸗ zuͤcken, wodurch das Bewußtſeyn ihrer ſchwankenden Lage gemildert ward, brachten die wuͤrdigen Vollſtrecker der Be⸗ fehle des Profos ihren Strick und ihre Rolle in Ordnung, um das von dem gefangenen Monarchen gegen Galeotti ausgeſprochene Todesurtheil zur Ausfuͤhrung zu bringen; — ſehr zufrieden, wie es ſchien, daß ihre letzte Handlung mit ihrem bisherigen Leben im Einklange ſtand. Triſtan l'Geermite ſchaute wohlgefaͤllig ihren Vorbereitungen zu, 116 ver ſie gaͤnzlich unveachtet ließ, und Leslie, aͤrmen erwacht, ſie gewahrte, ſie als Dinge, Verbindung ſtanden, und wofuͤr er auf keine Weiſe verantwortlich ſey, be⸗ waͤhrend Oli als er, vom L die mit ſeiner Dienſtpflicht in keiner trachtete. Sechstes Kapitel. Gegenbeſchuldigung. Sie iſt noch nicht vollendet, Deine Zeit; toch hat der Teufel, dem Du dienteſt, nicht Verlaſſen Dich. Er ſteht den Seinen bei, Die ihm gedienet, ſo wie jenem Blinden Der Fuͤhrer, der ihm ſeine Schultern lieh, Bergauf, bergab ihn tragend an den Rand Des ſteilen Schlunds, in deſſen Tiefen er Ihn dann erbarmungslos hinunterſtuͤrzte. Aus einem alten Schauſpiel⸗ Als der Prahlhans, erfuͤllend den Befehl, oder viel⸗ mehr die Bitte Ludwigs,— denn in ſeiner dermaligen Lage konnte der Monarch nur bitten,— den Sterndeuter aufſuchte, fand der Spaßmacher keine Schwierigkeit, die⸗ ſen Auftrag auszufuͤhren. Er begab ſich naͤmlich gerades⸗ weges in die beſte Schenke zu Peronne, von der er ſelbſt, als ein großer Verehrer derjenigen Saͤfte, die das Gehirn Anderer mit dem ſeinigen in gleichen Zuſtand verſetzten, ein nichts weniger als ſeltener Beſucher war. 1 Er fand oder beobachtete vielmehr den Sterndeuter in einem Winkel der Trinkſtube,— wie man ſie in deutſcher 117 und flaͤmiſcher Sprache nennt,) wo er im vertrauten Geſpraͤche mit einem Frauenzimmer begriſſen war, die eine ſeltſame, der mauriſchen oder aſiatiſchen Tracht aͤh⸗ nelnde, Kleidung trug. Als ſie den Großprahler nahen ſah, ſtand ſie auf, um ſich zu entfernen.„Dieß ſind Nachrichten,“ ſagte die Fremde zu Galeotti,„worauf Ihr Euch mit der groͤßten Gewißheit verlaſſen koͤnnt.“ Nach dieſen Worten ver⸗ ſchwand ſie unter der Menge der Gaͤſte, die an verſchiede⸗ nen Tiſchen im Zimmer Gruppen bildeten. „Vetter Philoſoph,“ ſprach der Spaßmacher, ſich ihm vorſtellend,„der Himmel loͤſ't nicht ſobald eine Schild⸗ wache ab, als er auch ſchon wieder eine andere ſendet, ih⸗ ren Platz einzunehmen; kaum hat eine Naͤrrinn Euch verlaſſen, ſo kommt ſchon ein Narr, um Euch in das Ge⸗ mach Ludwigs von Frankreich zu geleiten.“ „Biſt Du der Sendling?“ fragte Martins, ihn mit ſorgſamem Scharfblick betrachtend und ihn ſogleich fuͤr das, was er war, erkennend, obwohl er, wie geſagt, ſich weniger als gewoͤhnlich durch ſein Aeußeres als Hofnarr auszeichnete. „Ja, in der Tant, mein Herr; und wenn Eure Hoch⸗ weisheit mir die Bemerkung erlaubt,“ erwiederte der Prahlhans„ſo iſt es ein untruͤgliches Zeichen, um zu er⸗ kennen, auf welchem Fuße der Patient hinkt, wenn die Macht die Thorheit abſendet, um die Weisheit herbei zu holen.“ „Wie aber, wenn ich zu ſo ſpaͤter Stunde, aufgefor⸗ dert von einem ſolchen Boten, mich weigere, hinzuge⸗ hen?“ fragte Galeotti. „In dieſem Falle wollen wir es Euch bequem machen und Euch hintragen,“ verſetzte der Prahlhans.„Da drau⸗ ßen ſtehen zehn handfeſte burgundiſche Kriegsleute, die der Herr von Crevecoeur mir zu dem Ende beigegeben hat; denn Ihr wißt, daß mein Freund, Carl von Bur⸗ gund und ich, unſerm Vetter Ludwig die Krone, die er uns, wie ein wahrer Eſel, in die Haͤnde gab, noch nicht abgenommen, ſondern nur ein wenig beſchnitten haben. Aber iſt ſie gleich bis auf die Groͤße eines Goldblaͤttchens eingeſchrumpft, ſo iſt ſie doch immer noch von reinem Golde. Mit andern Worten, er hat noch uͤber ſeine Leute, Euch mit eingeſchloſſen, zu befehlen, und iſt allerchriſtlich⸗ ſter Koͤnig uͤber die alte Speiſehalle im Caſtell von Pe⸗ ronne, wohin Ihr, ſein getreuer Unterthan, Euch ſogleich begeben muͤßt.“ „Ich gehe mit Euch, mein Herr,“ erwiederte Martius Galeotti, der, einſehend, daß keine Ausflucht möglich ſey, den Großprahler ohne weitere Widerrede begleitete. „Nun, Ihr thut wohl,“ ſprach der Hofnarr auf dem Wege zum Schloſſe;„denn wir behandeln unſern Vetter Ludwig wie einen alten ausgehungerten Loͤwen in ſeinem Kaͤfig. Man wirft ihm von Zeit zu Zeit ein Kalb hin, woran er ſeine alten Kinnbacken uͤben kann.“ „Glaubt Ihr,“ fragte Martius,„daß der Koͤnig Ge⸗ waltthaͤtigkeiten gegen mich im Sinne hat?“ „Nun, das koͤnnt Ihr beſſer rathen, als ich,“ verſetzte der Spaßmacher;„denn, wenn gleich der naͤchtliche Him⸗ mel mit Wolken umzogen iſt, ſo zweifle ich doch nicht, daß Ihr demungeachtet die Sterne durch den Nebel ſehen könnt. Ich meinestheils weiß nichts von der Sache; nur 1¹9 — pflegte meine Mutter mir immer zu ſagen, daß man ſich einer alten Ratte, die ſich in einer Schlinge gefangen hat, nur ſehr vorſichtig nahen muͤſſe; denn nie ſey ſie ſo ge⸗ neigt zum Beißen.“ Der Aſtrolog fragte nicht weiter; aber der Prahlhans fuhr fort, nach der Gewohnheit der Leute ſeines Berufs, unzuſammenhaͤngende mit Thorheiten gemiſchte Sarcas⸗ men auszukramen, bis er den Philoſophen der Wache des Schloßthors von Peronne abgeliefert hatte, die ihn von einem Poſten zum andern vorwaͤrts ſpedirte, bis er endlich in den Herbertsthurm eingelaſſen ward. 3 Der Wink des Spaßmachers war fuͤr Martius Galeotti nicht verloren gegangen, und er erſpaͤhte etwas Duͤſteres und Ungluͤckweiſſagendes in den Blicken und dem Beneh⸗ men Triſtans, der ihn in des Koͤnigs Schlafzimmer ein⸗ fuͤhrte. Der Aſtrolog beobachtete mit eben ſo großer Auf⸗ merkſamkeit was auf Erden vorging, als die Bewegung der Geſtirne; und die Rolle mit dem daran befeſtigten Strick entging nicht ſeinem ſcharfſichtigen Auge, und da der letzte ſich noch im Zuſtande der Schwingung befand, ſo ſchloß er daraus, daß man dieſe Vorbereitungen in der Eile gemacht, und erſt im Augenblick ſeiner Ankunft ge⸗ endigt habe. Er ſah die ihm drohende Gefahr voraus, nahm ſeinen ganzen Scharfſinn zuſammen, um ihr zu entgehen, und beſchloß, Falls er dieß unmoͤglich fiuden ſollte, ſich gegen Jeden, der ihn angreifen wuͤrde, aufs Aeußerſte zu vertheidigen. Nach dieſem Entſchluſſe trat Martius mit muthvollem Schritt und Blick vor den Koͤnig, eben ſo wenig verlegen uͤber die Nichterfuͤllung ſeiner Weiſſagungen, als erſchrok⸗ ken vor des Monarchen Zorn und deſſen wahrſcheinliche Folgen. „Moͤgen alle gute Planeten Ew. Majeſtaͤt heilbringend ſeyn,“ begann Galeotti mit einer faſt orientaliſchen Ver⸗ beugung;„moͤge keine boͤſe Conſtellation auf meinen koͤ⸗ niglichen Gebieter einwirken.“ „Mich duͤnkt,“ verſetzte der Koͤnig,„wenn Du in die⸗ ſem Zimmer umherblickſt, wenn Du bedenkſt, wo es liegt und wie es bewacht iſt, ſo kann Deine Weisheit erkennen, daß meine guͤnſtigen Geſtirne ſich treulos gezeigt haben, und daß die Conſtellationen mir nicht verderblicher ſeyn koͤnnten. Schaͤmſt Du Dich nicht, Martius, mich hier ge⸗ fangen zu ſehen, wenn Du an die Zuſicherungen denkſt, die mich hieher lockten?“ „Und ſchaͤmſt Du Dich nicht, mein koͤniglicher Gebie⸗ ter?“ verſetzte der Philoſoph;„Du, der Du ſo raſche Fortſchritte in der Wiſſenſchaft gemacht hatteſt, deſſen Faſſungskraft ſo lebhaft, deſſen Ausdauer ſo unablaͤſſig war,— Du ſchaͤmſt Dich nicht, vor dem erſten finſtern Blicke des Schickſals zuruͤckzubeben, wie ein Feigherziger vor dem erſten Waſſengeklirr? Hatteſt Du Dir nicht vor⸗ genommen, ein Genoſſe jener Myſterien zu werden, die den Menſchen uͤber die Leidenſchaften, Ungluͤcksfaͤlle, Muͤ⸗ hen und Sorgen des Lebens erheben,— ein Zuſtand, der einzig durch die Feſtigkeit der alten Stoiker zu erreichen iſt? Laͤßt Du Dich durch das erſte Mißgeſchick zu Ruͤck⸗ ſchritten bewegen? Verwirkſt Du den glorreichen Preis, nach dem Du als Mitbewerber ſtrebteſt? Laͤßt Du Dich, gleich einem Wettrenner, ſcheu geworden durch einen Schat⸗ — ˙˙˙ —, —, - 121. ten und eingebildete Uebel, von der begonnenen Laufbahn ablenken?“ „Wie? Ein Schatten und eingebildete Uebel! Unver⸗ ſchaͤmter!“ rief der Koͤnig,„iſt dieſer Thurm etwas Ein⸗ gebildetes, ſind die Waſſen der Wachen meines verabſcheu⸗ ten Feindes von Burgund, deren Geklirr Du am Thore hörteſt,— ſind ſie Schatten?— Was ſind denn wirkliche Uebel, Verraͤther, wenn Gefangenſchaft, Entthronung und Lebensgefahr dieſen Namen nicht verdienen?“ „Unwiſſenheit,— Unwiſſenheit, mein Bruder, und Vorurtheil!“ antworkete der Weiſe mit großer Feſtigkeit, das ſind die einzigen wahren Uebel; glaub' mir, Koͤnige auf dem Gipfel ihrer Macht ſind minder frei, als Weiſe in einem Kerker und beladen mit materiellen Feſſeln. Dich zu dieſer wahren Gluͤckſeligkeit hinzuleiten, iſt mein Beruf; es ſey der Deinige, meinen Lehren Gehor zu geben.“ „Und zu dieſer philoſophiſchen Frelheit wollten Deine Lehren mir Anleitung geben?“ rief der Koͤnig im Tone bitteren Spottes.„Ich wuͤnſchte, Du haͤtteſt mir in Pleſ⸗ ſis geſagt, daß die Gebiete, die Du mir ſo freigebig ver⸗ ſprachſt, in der Herrſchaft uͤber meine Leidenſchaften be⸗ ſtaͤnden,— daß der Erfolg, den Du mir zuſicherteſt, auf meine Forſchritte in der Philoſophie Bezug habe, und daß ich ſo weiſe und ſo gelehrt werden ſollte, als ein wan⸗ dernder italieniſcher Charlatan, und zwar um den gerin⸗ gen Preis des Verluſtes der ſchoͤnſten Krone in der Chri⸗ ſtenheit, und der Gefangenſchaft im Kerker zu Peronne! Geh, aber glaube nicht, der verwirkten Strafe zu entge⸗ hen!— Es iſt ein Himmel uͤber uns!“ 122 „Ich will Euch nicht Eurem Schickſale uͤberlaſſen,“ verſetzte Martius,„bis ich in Euren eignen Augen, ſo verfinſtert ſie auch ſind, jenen Ruhm gerechtfertigt habe, der ein glaͤnzenderer Edelgeſtein iſt, als der glaͤnzendſte in Eurer Krone, und den die Welt noch nach Jahrhun⸗ derten anſtaunen wird, wenn Capets Geſchlecht modernd ju den Gewoͤlben von Saint Denis, laͤngſi vergeſſen iſt.“ „Sprich weiter,“ ſagte der Koͤnig;„Deine Unver⸗ ſchaͤmtheit kann meine Vorſaͤtze oder meine Meinung nicht aͤndern.— Doch, da es vielleicht das letzte Urtheil iſt, das ich als Koͤnig faͤlle, ſo will ich Dich nicht ungehoͤrt verdammen. Geſtehe, daß ich von Dir getaͤuſcht bin, daß Du ein Betruͤger biſt, daß Deine vorgebliche Wiſſenſchaft ein Traum iſt, und daß die uͤber unſern Haͤuptern glaͤn⸗ zenden Planeten eben ſo wenig Einfluß auf unſere Schick⸗ ſale haben, als ihr Abglanz auf den Gewaͤſſern eines Fluſſes den Lauf derſelben umzuwandeln vermag.“ „Und wie weißt Du,“ antwortete kuͤhn der Sterndeu⸗ ter,„welchen geheimen Einfluß jene geſegneten Lichtpunkte haben? Wie kannſt Du ſagen, daß ſie den Lauf der Ge⸗ waͤſſer nicht uizuwandeln vermoͤgen? Iſt es Dir denn unbekannt, daß ſelbſt der ſchwaͤchſte aller Planeten, der Mond,— der ſchwaͤchſte, weil er unſerer elenden Erde am naͤchſten iſt,— nicht etwa ſolche geringe Stroͤme, als die Somme, ſondern die Gewaͤſſer des maͤchtigen Oceans un⸗ ter ſeiner Herrſchaft haͤlt, deſſen Ebbe und Fluth ſeinen Winken folgt, wie der Sclave den Winken einer Sulta⸗ ninn? Und nun, Ludwig von Valois, beantworte mein Gleichniß.— Geſtehe, gleichſt Du nicht dem thoͤrichten Seereiſenden, der mit ſeinem Piloten zuͤrnt, weil er das 4123 — Fahrzeug nicht in den Hafen bringen kann, ohne es manch⸗ mal der Macht widriger Winde und Stroͤmungen auszu⸗ ſetzen? Ich koͤnnte Dir in der That verkuͤndigen, der Aus⸗ gang Deines Unternehmens werde wahrſcheinlich gluͤcklich ſeyn; aber es ſtand allein in der Macht des Himmels, Dich zum Ziele zu geleiten; und wenn der dahin fuͤh⸗ rende Pfad rauh und gefahrvoll war, ſtand es dann in meiner Gewalt, ihn zu ebenen oder ſicherer zu machen? Was iſt aus Deiner Weisheit geworden, die Dich geſtern mit Grund erkennen ließ, daß des Schickſals Wege, wenn ſie gleich unſern Wuͤnſchen zuwiderlaufen, oft zu unſerm wahren Heil fuͤhren?“ „Du erinnerſt mich,“ fiel der Koͤnig haſtig ein,„an eine Deiner falſchen Vorausſagungen. Du prophezeihe⸗ teſt, jener Schotte werde ſeine Sendung auf eine zu mei⸗ ner Ehre und zu meinem Vortheil gereichende Weiſe be⸗ enden; und Du weißt, ſie hat ſo geendet, daß nichts in der Welt mir verderblicher werden konnte, als der Aus⸗ gang dieſer Angelegenheit, und der Eindruck, den ſie wahr⸗ ſcheinlich auf das verbrannte Gehirn jenes wuͤthenden Stiers von Burgund machen wird. Dies war alſo eine unmittelbar falſche Prophezeihung.— Hier giebt es keine Ausflucht; Du kannſt mir nicht ſagen, daß die Sache kuͤnftig eine andere Wendung nehmen wird, worauf ich, wie ein Dummkopf, der am Ufer des Fluſſes des Ablaufs der Gewaͤſſer harrt, warten ſoll.— Hier laͤßt Deine Arg⸗ liſt Dich im Stiche.— Du warſt ſchwach genug, mir ein beſtimmtes Ereigniß voraus zu ſagen, welches nicht er⸗ folgt iſt.“ „Welche ſich aber als wahr und richtig zeigen wird,“ 124 fiel der Sterndeuter mit dreiſtem Tone ein.„Ich ver⸗ lange keinen groͤßern Triumph der Kunſt uͤber die Un⸗ wiſſenheit, als jene Vorausſagung und deren Erfuͤllung darbieten werden. Ich ſagte Dir, der Schotte wuͤrde in jeder ehrenvollen Sendung getreu ſeyn.— War er es nicht?— Ich ſagte Dir, er wuͤrde Bedenken tragen, irgend einem boͤſen Anſchlage die Hand zu bieten.— Hat ſich dieß nicht bewahrheitet?— Wenn Ihr daran zweifelt, ſo fragt den Zigeuner Hayraddin Maugrabin.“ Hier faͤrbten ſich des Koͤnigs Wangen hochroth vor Schaam und Zorn.„Ich ſagte Dir,“ fuhr der Sterndeu⸗ ter fort,„daß die Verbindung der Planeten, unter wel⸗ cher er abreiſete, ſeiner Perſon Gefahr drohe; und war nicht ſein Wes von Gefahren umgeben?— Ich ſagte Dir, ſeine Reiſe verſpreche dem Abſender Vortheil,— und bald wirſt Du die Vortheile derſelben genießen.“ „Vortheile ſoll ich genießen!“ rief der Koͤnig,„ſind nicht die Ergebniſſe,— Schande und Gefangenſchaft,— ſchon eingetreten?“ „Nein,“ antwortete der Aſtrolog,„das Ende iſt noch nicht da;— Du ſelbſt wirſt bald geſtehen muͤſſen, daß Dir nichts erwuͤnſchter ſeyn konnte, als die Art und Wei⸗ ſe, wie dieſer Bote ſeine Sendung ausrichtete.“ „Nein, das heißt die Unverſchaͤmtheit zu weit treiben,“ ſprach der Koͤnig;„zugleich betruͤgen und verhöhnen!— Fort mit Dir! Und hoſſe nicht, daß Deine Vergehungen ungeräͤcht bleiben werden.— Es iſt ein Himmel uͤber uns! Galeotti wandte ſich, um ſich zu entfernen.„Bleib noch einen Augenblick!“ rief der Koͤnig;„Du fuͤhrſt —— —ſſ —— 125 Deine Betruͤgerei tapfer durch.— Beantworte mir noch eine Frage; aber bedenke Dich wohl, bevor Du antwor⸗ teſt. Kann Dir Deine vorgebliche Wiſſenſchaft die Stun⸗ de Deines Todes verkuͤndigen.“ „Sie kann es nur mit Beziehung auf das Schickſal eines Andern,“ verſetzte Galeotti. „Ich verſtehe Deine Antwort nicht,“ entgegnete Ludwig. „So wiſſe denn, o Koͤnig,“ ſprach Martius:„Alles, was ich mit Gewißheit uͤber meinen Tod ſagen kaun, be⸗ ſteht darin, daß er dem Deinigen genau vier und zwanzig Stunden vorangehen wird.“ 8) „Was ſagſt Du?“ rief der Koͤnig, die Farbe wechſelnd, —„Halt, halt, weile noch einen Augenblick.— Sagteſt Du, mein Tod werde dem Deinigen ſo bald folgen?“ „Innerhalb vier und zwanzig Stunden,“ wiederholte der Sterndenter mit Feſtigkeit,„wenn anders nur ein Funken wahrer Divinationskraft in jenen glaͤnzenden, ge⸗ heimnißvollen Vorherverkuͤndigungen liegt, die ſich ohne Zunge ausſprechen.— Ich wuͤnſche Ew. Majeſtaͤt eine gute Nacht.“ „Halt, halt!“ ſprach der Koͤnig, ihn unterm Arm faſſend und von der Thuͤr entfernend.„Martius Geleotti, ich war ſtets Dein guͤtiger Gebieter,— bereicherte Dich,— machte Dich zu meinem Freunde,— zu meinem Gefaͤhr⸗ ten,— zu meinem Lehrer in den Wiſſenſchaften.— Sey oſſenherzig gegen mich, ich bitte Dich.— Iſt etwas Wah⸗ res an dieſer Deiner Kunſt?— wird in der That die Sendung dieſes Schotten mir heilbringend ſeyn?— und iſt das Maaß unſerer Lebenszeit ſo innig an einander ge⸗ knuͤpft? Ich geſtehe es, mein guter Martius, Du wollteſt 126 mir einen von den Streichen ſpielen, die zu den Kunſt⸗ griſſen Deines Berufs gehoͤren.— Geſteh' es, ich bitte Dich, und Du ſollſt kein Mißfallen von mir zu fuͤrchten haben. Ich bin bejahrt,— ein Gefangener;— ich werde wahrſcheinlich ein Koͤnigreich verlieren;— in meiner Lage iſt Wahrheit Koͤnigreiche werth, und von Dir, mein theu⸗ rer Martius, muß ich dieſes ſchaͤtzbare Kleinod erwarten.“ „Ich habe es Ew. Majeſtaͤt dargelegt, auͤf die Gefahr, daß Ihr in der Verblendung Eures Zorns, die Hand ge⸗ gen mich kehren und mich vernichten koͤnntet.“ Wer, ich, Galeotti?“ erwiederte Ludwig mit mildem Ton,„ach Du verkenneſt mich, bin ich nicht ein Gefange⸗ ner, und ſollte ich nicht geduldig ſeyn, zumal da mein Zorn nur meine Machtloſigkeit an den Tag legen koͤnnte? — ſo ſag' mir denn aufrichtig, haſt Du mich zum Beſten gehabt?— Oder iſt Deine Wiſſenſchaft wahr, und haſt Du mich Wahrheit gelehrt.“ „Ew. Majeſtaͤt wird mir verzeihen, wenn ich weiter nichts hierauf antworte, als daß einzig die Zeit und der Ausgang den Unglauben beſiegen koͤnnen,“ erwiederte Martius Galeotti.„Es wuͤrde ſich ſchlecht zu der wichti⸗ gen Stelle paſſen, die ich im geheimen Rathe des beruͤhm⸗ ten Eroberers Mathias Corvinus von Ungarn,— ja felbſt im Cabinette des Kaiſers bekleidet habe, wenn ich wieder⸗ holt verſichern wollte, was ich einmal als wahr behauptete. Wenn Ihr mir nicht glauben wollt, ſo kann ich mich bloß auf den Lauf der Ereigniſſe beziehen. Gebt noch einen oder zwei Tage Geduld, und es wird ſich zeigen, ob ich in Hinſicht des jungen Schotten Wahrheit oder Unwahrheit verkuͤndigte. Ich bin bereit, auf dem Rade zu ſierben, — 127 meine Glieder eins nach dem andern zerſchmettern zu laſ⸗ ſen, wenn nicht das unerſchrockene Benehmen jenes Quen⸗ tin Durward, Ew. Majeſtaͤt einen hoͤchſt wichtigen Vor⸗ theil gewaͤhrt. Doch ſollte ich unter ſolchen Qualen ſter⸗ ben, ſo thaͤtet Ihr wohl, Sire, Euch nach einem Beichtiger umzuſehen; denn von dem Augenblicke, wo ich meinen letzten Seufzer aushauchen werde, bleiben Euch nur vier und zwanzig Stunden zur Beichte und Buße.“ Ludwig hielt Galeotti fortwaͤhrend am Kleide feſt, und waͤhrend er ihn ſo zur Thuͤre geleitete, ſprach er, ſie oͤfſ⸗ nend, mit lauter Stimme,„morgen wollen wir mehr hie⸗ von ſprechen; gehe hin in Frieden, mein gelehrter Va⸗ ter,— gehe in Frieden,— gehe in Frieden!“ Nach dreimaliger Wiederholung dieſer Worte immer noch beſorgt, der Generalprofos moͤchte ſeine Willensmei⸗ nung mißverſtehen, fuͤhrte er den Sterndeuter in die Halle, und als fuͤrchtete er, man moͤge ihn ſeinen Haͤnden entreißen, und ihn vor ſeinen Augen umbringen, ließ er ihn nicht los, bis er nicht nur den gnadenreichen Ausruf, „gehe in Frieden,“ immer aufs neue wiederholt, ſondern auch den Generalprofos ein geheimes Zeichen gegeben hatte, um ihn jedes weitere Verfahren gegen den Aſtrologen zu unterſagen. So ward Galeotti durch einige ins Geheim erhaltene Nachrichten, verbunden mit verwegenen Muthe und Gei⸗ ſiesgegenwart, aus der dringendſten Lebensgefahr gerettet, und ſo wurden die Racheplaͤne Ludwigs, des ſcharfſichtig⸗ ſten, ſo wie des rachſuͤchtigſten unter allen Monarchen jener Zeit, vereitelt, durch die Einwirkung des Aberglaubens auf einen ſelbſtſuͤchtigen Charakter, und durch die Furcht vor dem Tode, der ein Gemüͤth, welches ſich ſo vieler Ver⸗ brechen bewußt war, mit Schrecken erfuͤllen mußte. Gleichwohl verdroß es ihn ſehr, ſich. zur Aufgebung der beabſichtigten Rache gendthigt zu ſehen, und dieſer Verdruß ſchien ſich ſeinen Helfershelfern, beſtimmt zur Vollſtreckung derſelben, mitzutheilen. Einzig der Benarbte, dem die Sache vollkoinmen gleichguͤltig war, verließ ruhig ſeinen Poſten an der Thuͤr, und lag nach wenig Minuten in tiefem Schlafe. Der Generalprofos heftete die Augen, waͤhrend ſeine Leute ſich nach der Entfernung des Königs zum Schlaf anſchickten, fortwaͤhrend auf die wohlgenaͤhrte Geſtalt des Sterndeuters, ſo wie der Bullenbeißer einem Stuͤck Fleiſch, das der Koch ihm aus der Schnautze reißt, mit dem Au⸗ gen folgt, indeß ſeine Diener ſich mit leiſer Stimme und in kurzen Sentenzen ihre charakteriſtiſchen Geſinnungen gegen einander ausſprachen.’ „Der arme verblendete Schwarzkunſtler!“ fliſterte Trois Echelles mit einer Miene voll geiſtlicher Salbung und Mitleid, ſeinem Gefaͤhrten Petit André zu,„hat er doch die ſchoͤnſte Gelegenheit verloren, einige von ſeinen ſchaͤndlichen Zauberkuͤnſten abzubuͤßen, wenn er durch den Strick des hochbelobten heiligen Franziscus ſein Leben endete! Ich hatte mir ſogar vorgenommen, ihm die heil⸗ bringende Schlinge um den Hals zu laſſen, um den boͤſen Feind von ſeiner ungluͤcklichen Leiche zu verſcheuchen.“ „Und ich,“ ſagte Petit André,„habe die ſchoͤnſte Ge⸗ legenheit eingebuͤßt, zu erproben, wie weit ein Gewicht von ſiebenzehn Stein einen dreifachen Strick ausdehnen kann.— Es wuͤrde ein ruhmvolles Experiment fuͤr unſer . 129 — Berufsgeſchaͤft geweſen ſeyn, und der alte muntere Knabe waͤre eines ſo leichten Todes geſtorben!“ Waͤhrend dieſer Zwieſprach mit leiſer Stimme gefuͤhrt ward, betrachtete Martius, der an der entgegengeſetzten Seite des ungeheuern Camins, um welches die ganze Gruppe Platz genommen hatte, die Sprechenden von der Seite mit argwoͤhniſchen Blicken. Er ſteckte ſogleich die Hand unter die Weſte, um ſich zu uͤberzeugen, daß ein ſehr ſcharfer, zweiſchneidiger Dolch, den er beſtaͤndig bei ſich trug, ihm bequem zur Hand ward; denn wie wir ſchon bemerkt haben, er war zwar jetzt etwas ſchwerfaͤllig, immer aber noch kraftond nervig, raſch und gewandt im Ge⸗ brauch ſeiner Waſſen. Ueberzeugt, daß dieſes ſein getreues Werkzeug ihm auf den erſten Griff zur Hand ſey, zog er aus dem Buſen eine Pergamentrolle, bemahlt mit griechi⸗ ſchen Charakteren und cabbaliſtiſchen Schriftzeichen, und ſchuͤrte dann das Feuer, ſo daß er bei der Flamme die Geſichtszuͤge und die Stellungen, aller um ihn her Sitzen⸗ den oder Liegenden deutlich erkennen konnte. Hier lag der ſchottiſche Soldat bewegungslos in tiefem, ſchweren Schlaf; ſeine rauhen Zuͤge waren ſo unbeweglich, als waͤren ſie— aus Erz gegoſſen;— dort ſah man das blaſſe, Unruhe verrathende Geſicht Olivers, der von Zeit zu Zeit ſich ſtellte, als ſchlafe er, dann aber die Augen oͤſſnete und ploͤtzlich das Haupt erhob, als ob innere Gemuͤthsbewe⸗ gungen ihn aufregten, oder ein ferner Schall ihn erwecke.— Der muͤrriſche, unzufriedene Generalprofos ſah aus wie ein Bullenbeißer, als waͤr' er. „Vom Blutvergießen noch nicht halb geſaͤttigt, Und voll Begierde, ſeinen Durſt zu ſtillen.“ D. III. 3 9 130 Den Hintergrund des Gemaͤldes fuͤllte das ſcheußliche, heuchleriſche Geſicht, Trois Echelles, der die Augen gen Himmel erhob, als verrichte er im Innern ſeine Andacht, die grimmige Poſſenhaftigkeit Petit Andrés, der ſich die Zeit damit vertrieb, die Geſten und Geſichtsverzerrungen ſeines Gefaͤhrten vor dem Einſchlafen nachzuaͤſſen. Mitten unter dieſen gemeinen, unedeln Geſichtern konnte nichts ſich vortheilhafter auszeichnen, als die ſtattliche Ge⸗ ſtalt, die huͤbſche Geſichtsbildung und die Achtung gebie⸗ tenden Zuͤge des Sterndeuters, den man fuͤr einen Zau⸗ berer des Alterthums haͤtte halten koͤnnen, der, eingeſperrt in eine Raͤuberhoͤle, im Begriff waͤ⸗ inen dienſtbaren Geiſt zu ſeiner Befreiung hervorzurufen Und haͤtte er ſich auch durch nichts anderes ausgezeichnet, als durch ſei⸗ nen ſchoͤnen, anmuthsvoll uͤber die geheimnißvolle Perga⸗ mentrolle in ſeiner Hand, herabfließenden Bart, ſo haͤtte man bedauern muͤſſen, daß eine ſolche Zierde einem Manne verliehen war, der Talente, Gelehrſamkeit, Beredſamkeit und eine majeſtaͤtiſche Geſtalt nur zu betruͤgeriſchen Zwecken anwandte. So verging die Nacht im Herbertsthurme des Eaſtells von Peronne. Als der erſte Strahl des Tageslichts in die alte gothiſche Kammer drang, rief der Koͤnig Olivern zu ſich. Der Barbier fand den Monarchen im Schlafrock ſitzend, und erſtaunte uͤber die Veraͤnderung, welche eine in toͤbtlicher Angſt zugebrachte Nacht in ſeinen Geſichtszuͤ⸗ gen hervorgebracht hatte. Er wollte einige Beforgniſſe uͤber dieſen Gegenſtand aͤußern; allein der Koͤnig gebot ihm Stillſchweigen, und ging in die Einzelnheiten der verſchiedenen Mittel ein, wodurch er ſich am burgundiſchen 13¹ ——. Hofe Freunde zu machen geſtrebt hatte, und mit derer Fortſetzung Oliver beauftragt ward;— ein Geſchaͤft das er beginnen ſollte, ſobald er Erlaubniß zum Ausgehen er⸗ halten koͤnnte. Nie war dieſer liſtige Diener mehr erſtaunt, uͤber die Scharfſichtigkeit des Koͤnigs und ſeine genaue Kunde aller Springfedern, welche auf menſchliche Handlungen einwir⸗ ken koͤnnen, als waͤhrend dieſer denkwuͤrdigen Berathung. Etwa zwei Stunden ſpaͤter bewirkte Oliver, beim Gra⸗ fen Crevecoeur die Erlaubniß, auszugehen, und begab ſich dann auf den Weg, um die Auftraͤge ſeines Gebieters zu vollbringen. Dann ließ Ludwig den Sterndeuter herein⸗ treten, den er aufs neue ſein Vertrauen geſchenkt zu ha⸗ ben ſchien, und hielt auch mit ihm eine lange Berathung, deren Ergebniß ihm mehr Muth und Selbſtvertrauen gab, als er anfangs gezeigt hatte. Er kleidete ſich und empfing Crevecoeurs Morgenbeſuch mit einer Ruhe, woruͤber der burgundiſche Graf ſich der Verwunderung nicht enthalten konnte, insbeſondere da er ſchon vernommen hatte, der Herzog habe mehrere Stunden in einem Gemuͤthszuſtande hingebracht, der die Sicherheit des Koͤnigs ſehr ſchwankend zu machen ſchien. m. Siebentes Kapitel. Ungewißheit. „Es wanket mein Entſchluß gleich einer Barke, Von widerſtrebenden feindſel'gen Stroͤmungen Umhergeſchleudert.“—— Aus einem alten Schauſpiel. Wenn Ludwig die Nacht in ſchrecklicher Unruhe und Gemuͤthsbewegung hinbrachte, ſo war dieß noch weit mehr der Fall mit Carl von Burgund, der niemals ſo wie Je⸗ ner, ſeine Leidenſchaften zu beherrſchen wußte, ſondern ſie frei und ungezuͤgelt uͤber ſeine Handlungen walten ließ. Nach der Sitte jener Zeit brachten zwei ſeiner vor⸗ nehmſten und beguͤnſtigſten Rathgeber, Hymbercourt und Argenton die Nacht auf Betten, welche in der Naͤhe ſeines Lagers aufgeſchlagen waren, im Schlafzimmer des Her⸗ zogs zu. Nie war ihre Naͤhe nothwendiger als in jener Nacht; denn Carls Gemuͤth, heftig erſchuͤttert durch Kum⸗ mer, Zorn, Rachſucht und Ehrgefuͤhl, welches ihm verbot, Ludwigs dermalige Lage zu mißbrauchen, glich einem in Ausbruche begriſſenen Vulcan, der alle verſchiedenartigen Brennſtoſſe, in ſeinem Innern, gemiſcht und zu einer Maſſe verſchmolzen, auswirft. Er weigerte ſich, ſeine Kleidungsſtuͤcke abzuwerfen, oder irgend eine Vorbereitung zum Schlafe zu machen, und war die ganze Nacht einer Folgereihe der heftigſten Leidenſchaften zum Raube. In einigen ſeiner Paroxismen ſprach er mit ſeinen beiden Stubengenoſſen in einem ſo — — — — 133 heftigen Redefluß, daß ſie im Ernſt eine Zerruͤttung ſeiner Sinne befuͤrchteten; er ſprach von den Verdienſten und der Herzensguͤte des gemordeten Biſchofs von Luͤttich, ge⸗ dachte aller Beweiſe ihrer wechſelſeitigen Freundſchaft, Zu⸗ neigung und Anhaͤnglichkeit, bis ihn endlich der Kummer ſo heftig ergriſſ, daß er ſich mit dem Geſicht aufs Bett warf, und an ſeinen Anſtrengungen, das Weinen und Schluchzen zuruͤck zu halten, zu erſticken drohte, dann ſprang er vom Lager auf, uberließ ſich plotzlich der heftig⸗ ſien Wuth, ſchritt haſtig im Zimmer auf und ab, ſprach unzuſammenhaͤngende Drohungen, und noch unzuſammen⸗ haͤngendere Racheſchwuͤre aus, und rief, ſeiner Gewohnheit nach mit dem Fuße ſtampfend, Sanct Goͤrgen, Sanct Andres, und Alles was ihm ſonſt am heiligſten war, zum Zeugen an, daß er an Wilhelm von der Mark, an den Luͤttichern und an ihm, der der Urheber alles Unheils waͤre, blutige Rache nehmen wolle. Dieſe letzte Drohung, dunkler ausgeſprochen, als die uͤbrigen, zielte unverkennbar auf die Perſen des Koͤnigs; auch ließ der Herzog einige Worte fallen, als ſey er entſchloſſen, den Herzog von der Normandie, den Bruder des Koͤnigs, mit welchem Ludwig in ſehr ſchlechten Vernehmen ſtand, zu ſich entbieten zu laſſen, um den gefangenen Monarchen zu noͤthigen, ihm entweder die Krone ſelbſt, oder einige ihrer wichtigſten Rechte und Zubehrungen abzutreten. Es verging noch ein Tag und eine Nacht in dieſer ſtuͤr⸗ miſchen Gemüthsbewegung, oder vielmehr in einer Folge⸗ reihe ploͤtzlicher Uebergaͤnge von einer Leidenſchaft zur an⸗ dern. Der Herzog aß und trank faſt nichts, ließ ſeine Klei⸗ dung ungewechſelt, und benahm ſich wie ein Mann der den Wahnſinn nahe iſt. Doch allmaͤhlig gewann er mehr Faſ⸗ ſung, und hielt von Zeit zu Zeit mit ſeinen Miniſtern Berathungen, in denen Vieles vorgeſchlagen, aber nichts beſchloſſen ward. Philipp von Comines verſichert uns, daß ſchon ein Courier abzugehen bereit war, um den Her⸗ zog von der Normandie einzuladen, und daß in dieſem Falle, das Gefaͤngniß des entthronten Monarchen wie in aͤhnlichen Faͤllen ſich zu ereignen pflegt, fuͤr ihn wahrſchein⸗ lich ein kurzer Weg zum Grabe geworden ſeyn wuͤrde. In andern Augenblicken ſaß Carl, wenn ſeine Wuth erſchoͤpft war, unbeweglich mit finſterer, duͤſterer Miene da, als bruͤte er uͤber irgend einer verwegenen That, ohne ſich jedoch dazu entſchließen zu koͤnnen. Unſtreitig wuͤrde es nur eines hinterliſtigen Winks von Seiten eines der ihn umgebenden Raͤthe bedurft haben, den Herzog zu ir⸗ gend einer verzweiflungsvollen Handlung anzutreiben. Allein Burgunds Edle, ehrend die Perſon des Koͤnigs, ihres Oberlehnsherrn,— achtend Treue und Glauben und den guten Ruf ihres Herzogs, der auf dem Spiele ſtand, weil Ludwig ſich vertrauungsvoll in ſeine Macht gegeben hatte, waren faſt einſtimmig geneigt, gemaͤßigte Maßregeln zu empfehlen, und die Vernunftgruͤnde, welche Hymber⸗ court und Argenton im Laufe der Nacht dann und wann ihren Aeußerungen einzumiſchen gewagt hatten, wurden in den naͤchſten Morgenſtunden, als der Herzog gefaßter und kaltbluͤtiger war, von Erevecoeur und mehrern Andern 4 wiederholt, und dringend geltend gemacht. Vielleicht war ihr Eifer zu Gunſten des Koͤnigs nicht ganz uneigennuͤtzig. Schon hatten Viele unter ihnen, wie wir bereits erwaͤhn⸗ ten, die Wirkungen der Freigebigkeit des Koͤnigs erprobt; 135 Andere beſaßen Guͤter oder hatten Anſpruͤche in Frank⸗ reich, wodurch ſie einigermaßen von ſeinem Einfluſſe ab⸗ haͤngig wurden; und es iſt gewiß, daß die Schaͤtze, welche bei des Koͤnigs Einzug in Peronne vier Maulthiere be⸗ laſteten, im Laufe dieſer Unterhandlungen bedeutend zu⸗ ſammenſchmolzen. Am dritten Tage langte der Graf Campo Baſſo an, um durch ſeinen italieniſchen Scharfſinn Carls Berathun⸗ gen zu unterſtuͤtzen; und es war ein Gluͤck fuͤr Ludwig, daß er nicht in jenen Momenten eingetroſſen war, als noch die erſte Wuth des Herzogs Gemuͤth erfuͤllte. Unmittelbar nach ſeiner Ankunft, ließ Carl ſeinen Staatsrath zu einer regelmaͤßigen Verſammlung berufen, um die in dieſer außergewoͤhnlichen Criſe zu ergreifenden Maßregeln zu eroͤrtern.— Campo Baſſo gruͤndete ſeine im vorliegenden Falle ab⸗ gegebene Meinung auf die Maxime des Fuchſes in der bekannten Fabel, und erinnerte den Herzog an den Rath, den Reinecke dem Reiſenden gab, ſeine Todtfeindinn, die Natter, zu zermalmen, da der Zufall ihr Schickſal in ſeine Haͤnde gegeben hatte. Argenton, der bei dem Vorſchlage, den Carls heftiges Temperament ihm ſchon mehrmals ein⸗ gegeben hatte, deſſen Augen blitzen ſah, beeiferte ſich be⸗ merklich zu machen, daß Ludwig vielleicht an der zu Schoͤn⸗ wald veruͤbten blutigen That, keinen unmittelbaren An⸗ theil genommen haben, und im Stande ſeyn koͤnnte, ſich von dieſer Anſchuldigung zu reinigen, oder daß er geneigt ſeyn koͤnnte, fuͤr das Unheil, welches ſeine Raͤnke in des Herzogs und ſeiner Bundesgenoſſen Gebieten geſtiftet haͤt⸗ ten, andere Genugthuungen zu geben. Er ſetzte hinzu: 136 eine Gewaltthat, veruͤbt an dem Koͤnige, werde unfehlbar ſowohl fuͤr Frankreich als fuͤr Burgund die ungluͤcklichſten Folgen haben; insbeſondere ſey zu fuͤrchten, daß die Eng⸗ laͤnder die unvermeidlichen innern Unruhen und Buͤrger⸗ zwiſte zur Wiedereroberung von Guyenne und der Nor⸗ mandie benutzen und jene furchtbaren Kriege erneueren wuͤrden, die nicht ohne Schwierigkeiten, und zwar lediglich durch die Vereinigung Frankreichs mit Burgund gegen den gemeinſamen Feind, geendet waͤren. Endlich gab er zu, daß man den Koͤnig Ludwig nicht unbedingt freilaſſen, ſeine jetzige Lage aber nur dazu anwenden muͤſſe, um zwi⸗ ſchen beiden Laͤndern einen gerechten und billigen Vertrag zu Stande zu bringen, deſſen Erfuͤllung der Koͤnig durch Gewaͤhrleiſtungen zu verbuͤrgen habe, die es ihm erſchwer⸗ ten, Treu und Glauben zu brechen, oder in Zukunft Bur⸗ gunds innern Frieden zu ſtoͤren. Hymbercourt, Crevecoeur und Andere erklaͤrten ihre Mißbilligung der von Campo Baſſo vorgeſchlagenen gewaltſamen Maßregeln, und aͤußer⸗ ten die Meinung, daß auf dem Wege eines Vertrages, dauerndere Vortheile auf eine fuͤr Burgund ehrenvollere Weiſe erlangt werden koͤnnten, als durch eine Handlung, wodurch das Land mit dem Vorwurfe eines Treubruchs und einer Verletzung des Gaſtrechts befleckt werden wuͤrde. Der Herzog jhoͤrte auf dieſe Vernunftgruͤnde mit ge⸗ ſenktem Blicke, und zog dabei ſeine buſchigten Augenbrauen ſo feſt zuſammen, daß ſie nur eine Maſſe zu bilden ſchienen. Als aber Crevecoeur hinzuſetzte: er glaube nicht, daß Ludwig Theilnehmer oder auch nur Mitwiſſer de ſchrecklichen, in Schoͤnwald veruͤbten Gewaltthat ſey, da erhob Earl das Haupt, und warf einen ſtrengen Blick auf —— — 1 ₰ 137 ſeinen Rathgeber, mit dem Ausruf:„habt auch Ihr, Erevecoeur, das franzoͤſiſche Gold klimpern hoͤren?— Mich duͤnkt, dieſer Klang laͤßt ſich in meinem Staatsrathe eben ſo laut vernehmen, als die Glocken von Saint Denis. Wagt es einer unter Euch, zu behaupten, daß Ludwig nicht der Anſtifter dieſer Unruhen in Flandern iſt?““ „Snaͤdigſter Herr,“ entgegnete Crepecoeur,„ſtets war meine Hand vertrauter mit Stahl, als mit Gold; und ſo weit bin ich entfernt von der Meinung, daß Ludwig von dem Vorwurfe frei ſey, die Unruhen in Flandern veranlaßt zu haben, daß ich ihn noch vor Kurzem im An⸗ geſichte ſeines ganzen Hofes, des Treubruchs in dieſem Punkte beſchuldigte, und ihn in Eurem Namen heraͤus⸗ forderte. Wenn aber auch ſeine Raͤnke ohne Zweifel die urſpruͤnglichen Veranlaſſungen dieſer Unruhen ſind, ſo glaube ich doch keinesweges, daß er den Tod des Biſchofs durch ſeine Ermaͤchtigung herbeifuͤhrte; denn ich weiß, daß einer ſeiner Sendlinge ſich oͤſſenllich dagegen ber⸗ wahrte, und ich koͤnnte den Mann zur Stelle ſchaſſen, waͤre es Ew. Gnaden Wille, ihn zu ſehen.“ „Es iſt mein Wille,“ ſprach der Herzog.„Bei Sauct Goͤrgen! koͤnnt Ihr zweifeln, ob ich gerecht handeln will? Jedermann weiß, daß ich ſelbſt im heftigſten Zorne ein unparteiiſcher und gerechter Richter bin. Wir wollen Lud⸗ wig von Frankreich ſelbſt ſehen, wir ſelbſt wollen ihm un⸗ ſere Beſchwerden vorhalten und die Genugthuung nam⸗ haft machen, die wir erwarten und fordern. Reinigt er ſich von der Schuld dieſes Mordes, ſo wird die Genug⸗ thuung fuͤr andere Unvilden leichter ſeyn. Iſt er ſchul⸗ dig, wer wird dann leugnen, daß ein Leben, der Buße ge⸗ 138 widmet in irgend einem abgeſchiedenen Kloſter, ein eben ſo verdientes, als mildes Urtheil ſey? Wer wird es wa⸗ gen,“ ſetzte er mit ſteigender Waͤrme hinzu,„eine noch raſchere und unmittelbarere Rache zu tadeln? Laßt den von Euch erwaͤhnten Zeugen ſich zum Erſcheinen bereit halten. Eine Stunde vor Mittag wollen wir uns aufs Caſtell begeben. Wir wohen einige Artikel niederſchrei⸗ ben, die Ludwig annehmen ſoll, oder wehe ſeinem Haupte! Die Verſammlung iſt aufgehoben; ich beurlaube Euch. Einſtweilen will ich meine Kleidung wechſeln, weil es nicht ſchicklich ſeyn wuͤrde, wenn ich meinem gnaͤdigſten Souverain in dieſem Anzuge die Aufwartung machen wollte.“ Mit ſpoͤttiſchem Nachdruck auf den letzten Worten, er⸗ hob ſich der Herzog und ſchritt aus dem Zimmer. „Ludwigs Sicherheit, und was noch ſchlimmer iſt, Bur⸗ gunds Ehre haͤngt von dem Fall eines Wuͤrfels ab,“ ſprach Hymbercourt zu Erevecoeur und Argenton.„Eile aufs Schloß, Argenton, Du haſt eine ſchaͤrfere Zunge, als Crevecoeur und ich, ſetze Ludwig in Kenntniß von dem nahenden Sturme; er wird am beſten ſein Fahrzeug zu ſteuern wiſſen. Ich hege das Vertrauen zu jenem Gardi⸗ ſten, daß er nichts Beſchwerendes ausſagen wird; denn wer weiß, mit welcher geheimen Sendung er beauftragt war.“ 1 „Der junge Mann,“ verſetzte Crevecoeur,“ ſcheint kuͤhn, und doch kluͤger und umſichtiger zu ſeyn, als man von ſeinen Jahren erwarten ſollte. In Allem, was er mir ſagte, ſchonte er den Charakter des Koͤnigs, als des Fuͤr⸗ ſten, welchem er dient. Ich bin uͤberzeugt, er wird in 7 m··· ℳ 139 Gegenwart des Herzogs eben ſo handeln. Jetzt muß ich ihn und auch die junge Graͤfinn von Croye aufſuchen.“ „Die Graͤfinn?“ fragte Hymbercourt;„Ihr ſagtet uns, Ihr haͤttet ſie im Brigittenkloſter gelaſſen.“ „Freilich; aber ich mußte ſie auf des Herzogs Befehl durch einen Eilboten hieher entbieten laſſen. Sie mußte ſich einer Saͤnfte bedienen, weil ſie unfaͤhig war, auf an⸗ dere Art zu reiſen; ſie iſt tief bekuͤmmert, ſowohl wegen des ungewiſſen Schickſals ihrer Tante, der Graͤfinn Ha⸗ meline, als wegen des duͤſtern Schleiers, der das ihrige umhuͤllt; ſie fuͤhlt ſich des Lehnsvergehens ſchuldig, dem Schutze ihres Oberlehnsherrn ſich entzogen zu haben, und Herzog Carl iſt nicht der Mann, von dem man erwarten kann, er werde dergleichen Eingriſſe in ſeine oberherrli⸗ chen Rechte gleichguͤltig ertragen.“ Die Nachricht, daß die junge Graͤfinn in Carls Gewalt ſey, machte Ludwigs Lage in ſeinen eignen Augen nur noch bedenklicher. Er war ſich bewußt, Iſabelle koͤnne durch oſſne Darlegung der Raͤnke, wodurch er ſie und Ha melinen nach Pleſſis gelockt, das durch Zamet Maugrab⸗ bins Hinrichtung verloren gegangene Zeugniß erſetzen; auch wußte er nur gar zu wohl, daß ein ſolcher Beweis ſeiner Eingriſſe in die Rechte des Herzogs von Burgund dieſem einen Beweggrund und einen Vorwand darbieten wuͤrde, alle ſeine jetzigen Vortheile zu benutzen. Geqnaͤlt von Beſorgniſſen uͤber ſeine Lage, erdͤſſnete Ludwig ſolche dem Herrn von Argenton, deſſen Scharfſinn und politiſche Talente dem Charakter des Koͤnigs beſſer zuſagten, als der kriegeriſche Freiſinn Creyecoeurs, oder der lehnsherrliche Stolz Hymbercourts. —10 „Freund Comines,“ ſprach er zu ſeinem kuͤnftigen Biographen,„dieſe gepanzerten Krieger ſollten nie eines Koͤnigs Eloſet betreten, ſondern mit ihren Hellebarden und Partiſanen im Vorzimmer bleiben. Zwar ſind ihre Haͤnde zu unſerm Dienſte gemacht; aber der Monarch, der ihrem Kopfe eine andere Beſchaͤftigung geben will, als die, den feindlichen Schwerdtern zum Ambos zu die⸗ nen, handelt wie jener Thor, der ſeiner Geliebten ein Hundehalsband als Halsgeſchmeide ſchenkte. Maͤnnern, gleich Dir, Philipp,— Maͤnnern, die mit einer richtigen Urtheilskraft begabt und faͤhig ſind, die Außenſeite der Augelegenheiten zu durchdringen, ſollten Fuͤrſten ihre Rathsverſammlungen,— ihr Cabinet,— ja die geheim⸗ ſten Tiefen ihres Herzens oͤfſnen.“ Es war ſehr begreiflich, daß der ſcharfſichtige Argenton ſich durch den Beifall des ſcharfſichtigſten Herrſchers in Europa geſchmeichelt fuͤhlte, und ſeine innere Zufrieden⸗ heit nicht in dem Grade verbergen konnte, daß Ludwig den auf ihn gemachten Eindruck nicht haͤtte gewahren ſol⸗ len.„Ich wuͤnſchte,“ fuhr er fort,„einen ſolchen Diener zu haben, oder vielmehr ſeines Beſitzes wuͤrdig zu ſeyn. Dann würde ich mich nicht in dieſer ungluͤcklichen Lage befinden, die ich jedoch kaum beklagen wuͤrde, koͤnnte ich nur die Mittel entdecken, mir die Dienſte eines ſo erfahr⸗ nen Staatsmannes zu ſichern.“ Argenton erwiederte, alle ſeine Faͤhigkeiten, ſo wie ſie beſchaſſen waͤren, ſtaͤnden zu Sr. allerchriſtlichſten Majeſtät Dienſten, mit Vorbehalt ſeiner Unterthanenpflicht gegen ſeinen rechtmaͤßigen Oberherrn, Herzog Carl von Burgund. „Wie koͤnnt' es meine Abſicht ſeyn, Euch von dieſer 1 ,., 1— ₰ 141* Eurer Unterthanenpflicht abwendig zu machen!“ ſprach Ludwig mit Pathos.„Ach, droht mir jetzt nicht eben des⸗ wegen Gefahr, weil ich zu großes Vertrauen in meinen Vaſallen ſetzte? Wem kann die Lehnstreue heiliger ſeyn, als mir, der kein anderes Rettungsmittel hat, als die Be⸗ rufung auf die Pflichten des Lehnsverbandes?— Nein, Philipp von Comines, fahre fort, Carln von Burgund zu dienen; und Du wirſt ihm am beſten dienen, wenn Du ihn zu einem billigen Vertrage mit Ludwig von Frank⸗ reich bewegſt; wenn Du ſo handelſt, dann wirſt Du uns Beiden nuͤtzen, und wenigſtens einer von uns wird dank⸗ bar ſeyn. Ich vernehme, daß Eure Beſoldung an dieſem Hofe der des Großfalconiers kaum gleich kommt; und daß ſo die Dienſte des weiſeſten Rathgebers in Europa denen eines Menſchen gleichgeſtellt, oder vielmehr nachgeſetzt wer⸗ den, deſſen amtliche Beſchaͤftigung darin beſteht, Raubyö⸗ gel zu fuͤttern und zu heilen! Frankreich hat ein weites Gebiet und ſeinem Koͤnige fehlt es nicht an Gold. Ver⸗ ſtattet mir, lieber Freund, dieſe anſtoͤßige Ungleichheit zu verbeſſern; die Mittel dazu ſind zur Hand;— erlaubt mir, ſie zu gebrauchen.“ Bei dieſen Worten zog der Koͤnig einen gewichtigen Beutel mit Gold hervor; aber Comines, zartfuͤhlender als die meiſten Hoͤflinge jener Zeit, lehnte das Anerbieten ab, init der Erklaͤrung, er ſey vollkommen zufrieden mit der Freigebigkeit ſeines angebornen Fuͤrſten; und verſicherte zugleich dem Koͤnige, ſein Verlangen, ihm zu dienen, koͤnne durch die Annahme des dargebotenen Geſchenks nicht geſteigert werden. „Seltener Mann!“ rief der Koͤuig,„laßt mich den einzigen Hofmann feiner Zeit umarmen, der eben ſo un⸗ beſtechlich, als geſchickt iſt. Weisheit iſt koͤſtlicher, als das reinſte Gold, und glaubt mir, ich habe in dieſem hochwich⸗ tigen Augenblicke mehr Vertrauen auf Euren Beiſtand, als auf die erkaufte Unterſtüͤtzung Vieler, die meine Ga⸗ ben annahmen. Ich weiß, Comines, Ihr werdet Eurem Herrn nicht rathen, die Gelegenheit zu mißbrauchen, die das Gluͤck, oder oſſenherzig zu reden, meine Thorheit, ihm verſchafſt hat.“ „Sie zu mißbrauchen!— Keinesweges,“ antwor⸗ tete Argenton;„aber gewiß werde ich ihm rathen, ſie zu gebrauchen.“ „Wie, und in welchem Grade?“ fragte Ludwig;„ich bin nicht ſo unvernuͤnftig, zu erwarten, daß er mich ohne Loſegeld freilaͤßt; aber ſey es billig; ich bin immer ge⸗ neigt, der Vernunft Gehoͤr zu geben, eben ſowohl in Pa⸗ ris oder Pleſſis, als in Peronne.“ „Ja, aber mit Ew. Majeſtaͤt Wohlnehmen,“ verſetzte Comines,„die Vernunft pflegte in Paris oder Pleſſis mit ſo leiſen Zungen zu reden, daß ſie nicht immer bei Ew. Majeſtaͤt Gehoͤr finden konnte.— In Peronne entlehnt ſie das Sprachrohr der Nothwendigkeit, und ihre Stimme wird laut und gebietend.“ „Ihr redet in Metaphern,“ ſprach Ludwig, unfaͤhig, feinen Verdruß ganz zu verhehlen;„ich bin ein ſchlichter Mann, Herr von Argenton, und bitte Euch, alle figuͤrliche Redensarten bei Seite zu ſetzen, und zur Sache zu kom⸗ men. Was erwartet Euer Herzog von mir?“ „Ich uͤberbringe keine Vorſchlaͤge, Sire,“ entgegnete Comines;„der Herzog wird Euch bald ſeine Willensmei⸗ 143 — nung ſelbſt eroͤffnen; doch fallen mir einige Gegenſtaͤnde ein, die den Vorſchlaͤgen, worauf ſich Ew. Majeſtaͤt gefaßt halten muͤßte, zum Grunde gelegt werden koͤnnten. So zum Beiſpiel, die ſchließliche Abtretung dieſer Staͤdte hier an der Somme.“ „Das erwartete ich,“ ſprach Ludwig. „Ferner wird man verlangen, daß Ihr Euch von den Luͤttichern und Wilhelm von der Mark losſagt.“ „Eben ſo bereitwillig, als von der Hoͤlle und dem Teufel,“ verſetzte Ludwig. 3 „Man wird vollkomm'ne Sicherheit, entweder durch Geißeln, oder durch Beſetzung feſter Plaͤtze, oder auf an⸗ dere Weiſe verlangen, daß Frankreich ſich in Zukunft ent⸗ halten wird, unter den Flamlaͤndern Unruhen anzuſtiften.“ „Es iſt etwas Neues,“ antwortete der Koͤnig,„daß ein Vaſalt von ſeinem Souverain Unterpfaͤnder fordert; boch mag's d'rum ſeyn!“ „Ferner eine angemeſſene, unabhaͤngige Appanage fuͤr Euren erlauchten Bruder, den Bundesgenoſſen und Freund meines Herrn, etwa die Normandie oder Champagne. Der Herzog haͤlt viel auf das Haus Eures Vaters, Sire.“ „So viel,“ erwiederte Ludwig,„daß er, mort de Dieu! ſeine ſaͤmmtlichen Soͤhne zu Koͤnigen machen will.— Iſt das Budjet Eurer Winke noch nicht geleert?“ „Noch nicht ganz,“ antwortete der Rathgeber;„man wird ohne Zweifel verlangen, daß Ew. Majeſtaͤt ſich ent⸗ halten ſoll, den Herzog von Bretagne, ſo wie kuͤrzlich ge⸗ ſchehen, zu belaͤſtigen; und nicht laͤnger das ihm und an⸗ dern hohen Lehnstraͤgern zuſtehende Recht, Muͤnzen zu 144 praͤgen und ſich Herzoge und Fuͤrſten von Gottes Gnaden zu nennen, ſtreitig zu machen.“ „Mit einem Worte, ich ſoll alle meine Vaſallen zu Koͤnigen machen. Herr Philipp, wolltet Ihr einen Bru⸗ dermoͤrder aus mir machen? Ihr erinnert Euch meines Bruders Carl;— nun, kaum war er Herzog von Guyen⸗ ne, als er ſtarb.— Und was wuͤrde den Abkoͤmmlingen Carls des Großen uͤbrig bleiben, wenn ſie dieſe reichen Provinzen abgaͤben?— Nichts weiter als das Vorrecht, ſich zu Rheims mit Oehl beſtreichen zu laſſen und ihr Mittagseſſen unter einem Baldachin einzunehmen.“ „Wir wollen Ew. Majeſtaͤt Beſorgniſſe in dieſer Hin⸗ ſicht mindern, indem wir Euch einen Genoſſen in dieſer einſamen Erhoͤhung geben,“ ſprach Philipp von Comines. „Obwohl der Herzog von Burgund fuͤr jetzt nicht auf den Titel eines unabhaͤngigen Koͤnigs Anſpruch macht, ſo hegt er gleichwohl das Verlangen, fuͤr die Zukunft von den herabwuͤrdigenden Zeichen der Unterwuͤrfigkeit befreit zu werden, welches die Krone Frankreich von ihm verlangt. Er iſt daher Willens, ſeine herzogliche Krone, eben ſo wie die der Kaiſer, ſchließen und ſie oben mit einer Weltku⸗ gel, als Sinnbild der Unabhaͤngigkeit ſeiner Gebiete, ſchmuͤcken zu laſſen.“ „Und wie darf der Herzog von Burgund, der ge⸗ ſchworne Vaſall Frankreichs,“ rief Ludwig, in ungewohn⸗ ter Gemuͤthsbewegung aufſpringend,—„wie darf er ſei⸗ nem Souverain Bedingungen vorſchlagen, die, nach den in ganz Europa anerkannten Geſetzen, die Verwirkung ſeines Lehns zur Folge haben wuͤrden?“ „Das Verwirkungsurtheil moͤchte in dieſem Falle 445 ſchwer zu vollſtrecken ſeyn,“ antwortete Argenton mit Ruhe.— Ew. Majeſtaͤt weiß, daß die ſtrenge Auslegung der Lehnsgeſetze, ſelbſt im heiligen roͤmiſchen Reiche, zu veralten beginnen, und daß Oberlehnsherren und Vaſallen wechſelſeitig ihren Zuſtand in ihren Verhaͤltniſſen gegen einander zu verbeſſern ſuchen, je nachdem ſie Macht und Gelegenheit dazu haben.— Ew. Majeſtaͤt Einwirkung auf die Vaſallen des Herzogs in Flandern werden das Benehmen meines Herrn entſchuldigen, wenn er etwa darauf beſtehen ſollte, daß durch Erweiterung ſeiner Un⸗ abhaͤngigkeit Frankreich außer Stand geſetzt werde, ſich kuͤnftig unter irgend einem Vorwande dergleichen Einwir⸗ kungen zu verſtatten.“ „Argenton, Argenton!“ rief Ludwig, nochmals auf⸗ ſpringend und nachdenkend im Zimmer auf und ab ſchrei⸗ tend,„dieß iſt ein furchtbarer Commentar zu dem Text: Vae victis! 9) Ihr koͤnnt doch nicht der Meinung ſeyn, daß der Herzog auf allen dieſen harten Bedingungen beſtehen werde?“ „Wenigſtens wuͤnſchte ich, Ew. Majeſtaͤt moͤge ſich be⸗ reit halten, ſolche ſaͤmmtlich zu eroͤrtern.“ „Aber Maͤßigung, Argenton,— Maͤßigung im Gluͤcke iſt, wie Niemand beſſer weiß, als Ihr, nothwendig, um die daraus entſpringenden Vortheile zu ſichern.) „Ew. Majeſtaͤt halte zu Gnaden, wenn ich bemerke, daß die verlierende Partei allemal das Verdienſt der Maͤ⸗ ßigung am meiſten zu erheben pflegt. Die gewinnende achtet die Klugheit hoͤher, die ſie auffordert, keine Gele⸗ genheit unbenutzt zu laſſen.“.. „Nun wohl! wir wollen es uͤberlegen„ verſetzte der I11.. 10 d 146 Koͤnig;„aber wenigſtens hoſſe ich, daß Ihr jetzt mit der⸗ Aufzaͤhlung der ungerechten Erpreſſungen Eures Herzogs ganz am Ende ſeyd.— Es kann nichts mehr uͤbrig ſeyn; — oder wenn es der Fall iſt,— und ich leſe es in Euren Blicken,— ſo ſagt, was es iſt.— Was kann er noch an⸗, ders von mir wollen, als meine Krone, die, wenn ich alle, dieſe Forderungen bewilligte, ihres Glanzes gaͤnzlich be⸗, raubt ſeyn wuͤrde.“ „Was ich Euch, Sire,“ verſetzte Argenton,„noch ſagen wollte, haͤngt zum Theil,— ich kann wohl ſagen groͤßten⸗ theils, vom Willen des Herzogs ab; aber er hat die Ab⸗ ſicht, Euch zur Einwilligung einzuladen; denn in Wahr⸗ heit, es geht Euch ſehr nahe an.“ „Pasques dien!“ rief der Koͤnig voll Ungeduld, „was iſt es?— ſprecht es rein heraus, Herr Philipp!— ſoll ich ihm meine Tochter zur Beiſchlaͤferinn ſenden, oder welche Schande will er mir ſonſt zufuͤgen?“ „Keine Schande, gnaͤdigſter Herr. Ew. Majeſtaͤt Vet⸗ ter, der erlauchte Herzog von Orleans—“ Hier unterbrach ihn der Koͤnig mit einem Ausruf, den aber Argenton nicht zu beachten ſchien, ſondern fortfuhr: „Hat ſeine Neigung der jungen Graͤfinn Iſabelle von Croye zugewandt; der Herzog erwartet daher, Ew. Ma⸗ jeſtaͤt werde an Eurer Seite, ſo wie er an der ſeinigen, in dieſe Vermaͤhlung einſtimmen und ſich mit ihm verei⸗ nigen, um dieſem edeln Paare eine Appanage zu ſichern, die, verbunden mit den Guͤtern der Graͤfinn, eine anſtaͤn⸗ dige Verſorgung fuͤr einen Sohn Frankreichs bilden kann!“ „Niemals, niemals!“ rief der Koͤnig mit einer Hef⸗ tigkeit, die er nur mit Muͤhe bis dahin unterdruͤckt hatte, 142 und mit großen Schritten haſtig im Zimmer auf und ab ſchreitend, ſo daß ſein Benehmen mit ſeiner gewohnten Selbſtbeherrſchung einen grellen Contraſt bildete.—„Nie⸗ mals, niemals! man bringe eine Scheere herbei, beſchnei⸗ de mir das Haar, wie einem Allmannsnarren, dem ich ſo ſehr geglichen habe! man oͤſſne mir ein Kloſter, oder das Grab!— man blende mich durch gluͤhende Becken! — man nehme zum Beil, zum Gift,— wozu man will, ſeine Zuflucht! aber Orleans ſoll die meiner Tochter ge⸗ ſchworne Treue nicht brechen und ſo lange ſie lebt, keine andere ehelichen.“ „Bevor Ew. Majeſtaͤt ſich ſo entſchieden gegen dieſen Vorſchlag erklaͤrt,“ verſetzte Argenton,„moͤchtet Ihr wohl erwaͤgen, daß es nicht in Eurer Macht ſteht, die Ausfuͤh⸗ rung deſſelben zu verhindern. Ein Weiſer, der ein Fels⸗ ſtuͤck weichen ſieht, zieht ſich zuruͤck und enthaͤlt ſich des vergeblichen Verſuchs, den Sturz deſſelben zu verhindern.“ „Aber der Muthvolle,“ entgegnete Ludwig,„begraͤbt ſich wenigſtens unter den Felstruͤmmern.— Argenton, bedenkt den großen Verluſt,— die gaͤnzliche Vernichtung, die eine ſolche Heirath uͤber mein Koͤnigreich bringen wuͤrde, bedenkt, daß ich einen einzigen Sohn habe, der noch im Knabenalter und von ſchwaͤchlicher Geſundheit,— daß dieſer Orleans der naͤchſte Erbe iſt;— erwaͤgt, daß die Kirche in ſeine Verbindung mit Johannen eingewil⸗ ligt hat, wodurch das Intereſſe beider Zweige meiner Fa⸗ milie ſo gluͤcklich vereinigt wird;— denkt an dieß Alles, und vergeßt nicht, daß dieſes Ehebuͤndniß der Lieblings⸗ plan meines ganzen Lebens war,— daß ich wachend und traͤumend auf ſeine Verwirklichung ſann,— daß ich dafuͤr * 148 6 kaͤmpfte, betete und— ſuͤndigte. Philipp von Comnines! ich will ihn nicht aufgeben! Beſinne Dich, Freund, be⸗ ſinne Dich! Bemitleide mich in dieſer Bedraͤngniß;— Dein erfinderiſcher Geiſt wird bald irgend ein Erſatzmittel fuͤr dieß Opfer ausdenken,— irgend einen Widder, der anſtatt des Opfers dargebracht werden kann, das mir eben ſo theuer iſt, als dem Patriarchen ſein einziger Sohn war. — Philipp, bemitleide mich!— Du wenigſtens ſollteſt wiſſen, daß die Vereitelung eines Plans, mit dem ich mich lange muͤhpoll beſchaͤftigte, einem mit Urtheilskraft und Umſicht begabten Manne unendlich bitterer iſt, als einem gewoͤhnlichen Menſchen, deſſen Kummer voruͤberge⸗ hend iſt, weil ſein Streben nur die Befriedigung einer voruͤbergehenden Leidenſchaft zum Zweck hat. Ihr, der Ihr Mitgefuͤhl habt fuͤr den tieferen, eingreifenderen Kummer getaͤuſchter Klugheit und vereitelter Scharfſich⸗ tigkeit, wollt Ihr mir Eure Theilnahme an meinem Kummer verſagen?“ „Mein Koͤnig!“ erwiederte Argenton,„ich nehme Theil an Eurem Schmerz, inſofern die Pflicht gegen mei⸗ nen Gebieter—“ „Erwaͤhnt ihn nicht!“ ſprach Ludwig, der wirklich oder wenigſtens anſcheinend einem unwiderſtehlichen Antriebe wich, welcher ihn ſeine gewoͤhnliche Zuruͤckhaltung vergeſ⸗ ſen ließ.—„Carl von Burgund iſt unwuͤrdig Eurer An⸗ haͤnglichkeit. Wer den treuſten unter ſeinen Rathgebern hoͤhnen und ſchlagen,— wer dem weiſeſten unter ihnen den ſchimpflichen Beinamen:„Stiefelkopf“ beilegen kann—“ Philipp von Comines hatte, ungeachtet ſeiner Weis⸗ -9 heit, ein tiefes Gefuͤhl perſoͤnlicher Wichtigkeit, und er war ſo betroſſen uͤber die vom Koͤnig, wie es ſchien, in einem Anfall des Unwillens, der keine Ueberlegung der Schicklichkeit zuließ, geaͤußerten Worte, daß er ſich nicht enthalten konnte, das Wort Stiefelkopf zu wiederholen. „Nein, es iſt unmoͤglich, daß mein Gebieter, der Her⸗ zog, einen Diener ſo genannt haben kann, der ihm ſtets zur Seite war, ſeit er einen Klepper beſteigen konnte, und dieß gar in Gegenwart eines fremden Monarchen! Es iſt unmoͤglich.“ Ludwig gewahrte ſogleich den Eindruck, den er gemacht hatte, und eben ſo ſorgſam vermeidend den Ton des Bei⸗ leids, der beleidigen, als den des Mitgefuͤhls, der wie Af⸗ fectation klingen konnte, ſagte er in einem anſpruchloſen, aber wuͤrdevollen Tone:„mein Mißgeſchick laͤßt mich die Hoflichkeit vergeſſen, ſonſt haͤtte ich einen Gegenſtand un⸗ erwaͤhnt gelaſſen, der Euch unerfreulich zu hoͤren ſeyn muß. Aber Ihr beſchuldiget mich, Unmdglichkeiten be⸗ hauptet zu haben; dieß greift meine Ehre an; doch muͤßte ich mir dieſe Beſchuldigung gefallen laſſen, wenn ich Euch nicht die Umſtaͤnde mittheilte, die der Herzog, aus vollem Halſe lachend, mir als den Urſprung jenes ehrenruͤhrigen Beinamens angab, durch deſſen Wiederholung ich Eure Ohren nicht verletzen will. Er erzaͤhlte mir naͤmlich: ars er einſt mit Euch von einer Jagdpartie zuruͤckgekehrt ſey, habe er Euch, Philipp von Comines, gebeten, ihm die Stiefeln auszuziehen; da er vielleicht in Euren Blicken einen ſehr begreiflichen Unwillen uͤber dieſe herabwuͤrdi⸗ gende Handlung geleſen hatte, hieß er Euch niederſitzen, und leiſtete Euch den naͤmlichen Dienſt, den Ihr ihm ſo 150 eben erwieſen hattet; aber beleidigt durch Euren buchſtaͤb⸗ lichen Gehorſam, hatte er Euch kaum einen Stiefel aus⸗ gezogen, als er die Grobheit beging, Euch ſo heftig damit an den Kopf zu ſchlagen, daß Ihr blutetet; dabei ſchalt er Euch unverſchaͤmt, weil Ihr, als Unterthan, die Drei⸗ ſtigkeit gehabt haͤttet, einen ſolchen Dienſt von Eurem Souverain anzunehmen. Seitdem pflegte er oder ſein pri⸗ vilegirter Narr, der Großprahler, Euch den laͤcherlichen und abgeſchmackten Beinamen Stiefelkopf zu geben.“ Durch die Erzaͤhlung dieſes Geſchichtchens hatte Ludwig den doppelten Genuß, nicht nur Denjenigen, mit welchem er ſprach, im Innerſten zu verwunden, was ihm immer Vergnuͤgen machte, ſelbſt wenn er nicht, wie im vorlie⸗ genden Falle, zur Entſchuldigung anfuͤhren konnte, daß er bloß ein Vergeltungsrecht uͤbe,— ſondern auch die Wahrnehmung eines verwundbaren Punkts in Argentons Charakter, der ihn unmerklich dahin bringen konnte, Bur⸗ gunds Intereſſe aufzugeben und ſich dem Dienſte Frank⸗ reichs zu widien. Allein, wenn gleich der tiefe Unwilla, welchen der beleidigte Hofmann gegen ſeinen Gebieter faßte, ihn in der Folge wirklich dahin brachte, aus Carls Dienſten in die des Koͤnigs uͤberzugehen, ſo begnuͤgte er ſich doch in jenem Augenblicke mit einigen allgemeinen Verſicherungen ſeiner Anhaͤnglichkeit fuͤr Frankreich, die, wie er wohl wußte, dem Koͤnige verſtaͤndlich ſeyn wuͤrden. Und in der That wuͤrde es ungerecht ſeyn, das Andenken dieſes treſſlichen Geſchichtſchreibers durch die Beſchuldi⸗ gung zu beflecken, als habe er bei dieſer Gelegenheit die Pflicht gegen ſeinen Gebieter verabſaͤumt, obwohl er un⸗ 5. 3 151 ſtreitig in jenem Moment weit gͤnſtigere Geſinnungen gegen Ludwig hegte, als beim Eintritt in ſein Zimmer. Er zwang ſich zum Lachen uͤber die von Ludwig er⸗ zaͤhlte Aneedote, und fetzte hinzu: nich glaubte nicht, daß ein ſo unbedeutender Spaß dem Herzog ſo lange im Ge⸗ daͤchtniß geblieben ſeyn wuͤrde, um ihn der Wiedererzaͤh⸗ lung werth zu halten. Etwas Wahres iſt allerdings au dieſer Stiefelgeſchichte; denn Ew. Majeſtaͤt weiß, daß der Herzog unzarte Spaͤße liebt; aber ſie iſt in ſeiner Crin⸗ nerung ſehr uͤbertrieben. Wir wollen nichts weiter davon reden.“ 21 „Ja, wir wollen ihrer nicht weiter gedenken,“ verſetzte der Koͤnig;„es iſt eine Schaude, daß wir uns auch nur eine Minute dabei aufgehalten haben. Und nun, Herr Philipp, hoſſe ich, ſeyd Ihr franzbſiſch genug geſinnt, um mir in dieſer ſchwierigen Angelegenheit nach Eurem be⸗ ſten Wiſſen zu rathen. Ihr habt, das weiß ich, einen Faden, der mir aus dieſem Labyrinth helfen koͤnnte, wenn Ihr mir ihn mittheilen wolltet.“— 8 „Ew. Mafeſtaͤt mag uͤber meinen Rath und meine Dienſte, inſoweit Beides mit der Pflicht gegen meinen Herrn vereinbar iſt, gebieten.“ Dieß war unge ahr das Naͤmliche, was der Hofmann ſchon fraͤher erklaͤrt hatte; doch jetzt wiederholte er es in, einem ganz andern Tone, ſo daß Ludwig, anſtatt der er⸗ ſten Erklaͤrung ſo viel zu entnehmen, als gingen Philipps Pflichten gegen Burgund aulen andern vor, jetzt fand, daß er mehr Gewicht auf den verſprochenen Rath, als auf ei⸗ nen Vorbehalt legte, der nur der Form und der Schick⸗ lichkeit wegen beigefuͤgt zu ſeyn ſchien. Der Koͤnig nahm - ſeinen Sitz wieder ein, noͤthigte Argenton, ſich neben ihm zu ſetzen, und hoͤrte dieſem Staatsmanne ſo aufmerkſam zu, als waͤren ſeine Worte Orakel. 3 Argenton ſprach in jenem halblauten, eindringlichen Tone, der zugleich Aufrichtigkeit und einige Vorſicht ver⸗ küͤndigt, und dabei langſam, damit der Koͤnig jedes Wort ſo genau erwaͤgen moͤchte, als habe es einen beſondern, beſtimmten Sinn. „Die Vorſchlaͤge, welche ich Ew. Majeſtaͤt zur Erwaͤ⸗ gung mitgetheilt habe, ſo rauh ſie auch in Euren Ohren erklangen, ſind nur an die Stelle anderer, weit heftigerer Antraͤge getreten, die in dem Staatsrathe des Herzogs von Perſonen, die gegen Ew. Majeſaͤt feindſelig geſinnt ſind, zur Sprache gebracht wurden; und ich brauche Euch nicht in Erinnerung zu bringen, daß die raſcheſten und heftigſten Rathſchlaͤge unſerm Gebieter am willkommen⸗ ſten ſind, denn er liebt kurze und gefahrvolle Maßregeln mehr, als ſichere aber guf Umwegen zum Ziele fuͤhrende Mittel.“ „Ich erinnere mich,“ ſprach der König,„daß ich ihn einſt einen Fluß mit Gefahr des Ertrinkens durchſchwim⸗ men ſah, den er dreihundert Schritt weiter auf einer Bruͤcke haͤtte paſſiren koͤnnen.“ „Ihr habt ganz Recht, Siro; und wer ſein Leben fuͤr nichts achtet, wenn es darauf ankommt, eine voruͤberge⸗ hende Leidenſchaft zu befriedigen, wird das Vergnuͤgen, die Erfuͤllung ſeines Willens zu erlangen, der Erreichung eines weſentlichen Zuwachſes an Macht vorziehen.“ „Sehr wahr,“ erwiederte der Koͤnig;„ein Thor greift eher nach dem Schein, als nach der Wirklichkeit der Machtz und ich weiß, daß dieß Alles bei Carl von Burgund zu⸗ triſſt. Aber, mein theurer Freund Argenton, welche Schlußfolge zieht Ihr aus dieſen Vorderſaͤtzen?“ „Bloß die, Sire,“ antwortete Argenton:„Ew. Ma⸗ jeſtaͤt wird mehrmals geſehen haben, daß ein geſchickter Angler einen großen und ſchweren Fiſch, der eine zehnfach ſtaͤrkere Leine durch ſein Gewicht zerriſſen haben wuͤrde, bäͤtte er ſich angemaßt, ihn mit ploͤtzlicher Anſtrengung herauszuziehen, mit ſeiner duͤnnen Angelſchnur ans Land hebt, wenn er ihm zu ſeinen unbaͤndigen Spruͤngen Spiel⸗ raum genug laͤßt. Eben ſo kann auch Ew. Majeſtaͤt, wenn Ihr dem Herzog in Dingen nachgebt, woran er ſeine Ideen von Ehre und Rache knuͤpft, manchen von den unerfreulichen, von mir angedeuteten Forderungen ausweichen, nebſt andern, die, wie ich oſſen geſtehen muß, ganz beſonders zur Schwaͤchung Frankreichs gereichen wuͤrden. Er wird nicht mehr darauf achten; ſie werden ihm dann aus dem Gedaͤchtniß kommen, und, ausgeſetzt bis auf eine kuͤnftige Conferenz und weiterer Eroͤrterung, werden ſie ſich ganz umgehen laſſen.“ 40* „Ich verſtehe Euch, mein guter Herr Philipp; aber zur Sache!“ ſprach der Koͤnig.„Auf welche von jenen heilbringenden Vorſchlaͤgen legt der Herzog ſo großes Ge⸗ wicht, daß Widerſpruch ihn unbillig und unlenkſam ma⸗ chen wuͤrde?“„ i n berun 8. Hatui A0 35t „„Auf Alle diejenigen, welche Ew. Majeſtaͤt ihm abzur ſtreiten verſuchen wuͤrde. Und eben dieß muͤßtet Ihr, Sire, möglichſt zu vermeiden ſuchen. Um zu meinem vo⸗ rigen Gleichniß zurückzukehren, Ihr muͤßtet genau Ach⸗ tung gehen und ſtets bereit ſeyn, dem Herzog Spielraum 154 —— zu geben, wenn er, angetrieben von ſeiner Wuth, die An⸗ gelſchnur mit ſich fortreißen will, ſein ſchon ſehr vermin⸗ derter Zorn wird ſich von ſelbſt verlieren, wenn er keinen Widerſtand findet, und bald wird er ſich dann milder und lenkſamer zeigen.“ 4 ir. ann „Unter den Vorſchlaͤgen, die mein lieber Vetter mir zu machen Willens iſt, ſind jedoch ohne Zweifel einige be⸗ ſondere Forderungen, die ihm mehr am Herzen liegen als die uͤbrigen. Waͤren mir nur dieſe bekannt, Herr Philipp.— „Ew. Majeſtaͤt kann die unbedeutendſten Forderungen in ſeinen Augen ſchon dadurch wichtig machen, wenn Ihr Euch denſelben widerſetzt,“ ſprach Argenton,„doch kann ich ſoviel mit Gewißheit ſagen, daß jeder Schatten eines Bertrages ſchwinden wird, wenn Ew. Majeſtaͤt ſich nicht von Wilhelm von der Mark und den Luͤttichern losſagt.“ „Ich habe Euch ſchon zu erkennen gegeben, daß ich dazu bereit bin,“ verſetzte der Koͤnig,„und wohl haben ſie dieß um mich verdient; die Schurken begannen ihren Aufruhr in einem Augenblick, wo er mich das Leben ko⸗ ſten konnte.“— 1 1 1 „Wer Feuer an eine Zuͤndlinie legt, muß einen baldl⸗ gen Ausbruch der Mine erwarten.— Aber der Herzog Carl wird mnehr als eine bloße Losſagung von Ew. Ma⸗ jeſtaͤt verlangen; denn wißt, er wird Euren Beiſtand zur Unterdruͤckung des Aufſtandes und die Gegenwart Eurer königlichen Perſon verlangen, um Zeuge der Beſtrafung zu ſeyn, diener den Rebellen beſtimmti“ 11 Kas un „Das wird ſich ſchwerlich mit unſerer Ehre vereinigen laſſen,“ entgegnete der Koͤnig. 9) nAal „ Dagegen wird die Verweigerung dieſer Forderung 155 ſchwerlich mit der Sicherheit Ew. Majeſtaͤt vereinbar ſeyn,“ verſetzte Comines.„Carl iſt entſchloſſen, den Flamlaͤndern zu zeigen, daß ſie weder auf die Verſprechungen noch auf den Beiſtand Frankreichs zaͤhlen duͤrfen, und daß im Fall eines Aufſtandes nichts ſie vor dem Zorn und der Rache Burgunds ſchuͤtzen kann.“ 4 „Aber oſſen zu reden, Argenton,“ antwortete der Kö⸗ nig;—„koͤnnten wir nur die Sache in die Laͤnge ziehen, wuͤrden dann dieſe ſchurkiſchen Luͤtticher ſich nicht gegen den Herzog Carl halten koͤnnen? Die Schelme ſind zahl⸗ reich und beharrlich. Sollten ſie ihre Stadt nicht gegen ihn zu vertheidigen im Stande ſeyn?“ „Mit dem Beiſtande der tauſend franzöͤſiſchen Wogbir ſchuͤtzen, welche Ew. Majeſtaͤt ihnen verſprochen hatte, moͤchten ſie etwas ausgerichtet haben; aber—“ „Was haͤtte ich ihnen verſprochen?“ fiel der Koͤnig ein;—„ach guter Herr Philipp, Ihr thut mir Unrecht durch dieſe Muthmaßung.“ „Aber ohne dieſe Huͤlfe,“ fuhr Argenton fort, ohne die Unterbrechung zu beachten,—„welche Ew. Majeſtaͤt ihnen jetzt ſchwerlich wird zuſenden wollen, koͤnnen die Buͤrger nicht hoſſen, ihre Stadt zu vertheidigen, in deren Mauern die großen Breſchen noch unausgefuͤllt ſind, die nach der Schlacht von St. Tron der Herzog in dieſelben brechen ließ, ſo, daß die hennegauiſchen, burgundiſchen und brabantiſchen Lanzentraͤger zwanzig Mann hoch zum An⸗ griſſ vorruͤcken koͤnnen. „Die unvorſichtigen Dummkoͤpfe,“ rief der Koͤnig, „wenn ſie die noͤthigen Maßregeln zu ihrer Sicherheit in ſolchem Grade vernachlaͤſſigt haben, ſo verdienen ſie nicht — G meinen Schutz. Ich will mir ihretwegen keine Haͤndel zu⸗ ziehen. Fahrt fort!“ „Der naͤchſte Punkt wird, fuͤrcht' ich, Ew. Majeſtaͤt mehr am Herzen liegen,“ verſetzte Comines. „Ach!“ rief der Koͤnig,„Ihr meint die unſelige Hei⸗ rath. Nie werd' ich in den Bruch des Ehevertrages ein⸗ willigen, der meine Tochter Johanna an meinen Vetter Orleans knuͤpft;— das hieße den Scepter Frankreichs mir und meiner Nachkommenſchaft entreißen, denn mein ſchwaͤchlicher Knabe, der Dauphin, gleicht einer verwelkten Knospe, die niemals Fruͤchte tragen wird. Dieß Ehebuͤnd: niß zwiſchen Johaunen und Orleans hat mich wachend und traͤumend beſchaͤftigt. Ich ſage Dir, Argenton, ich kann es nicht aufgeben.— Ueberdieß iſt es unmenſchlich, von mir zu fordern, daß ich mit eigner Hand zugleich mei⸗ nen politiſchen Plan und das Gluͤck eines von Jugend auf fuͤr einander beſtimmten Paares zerſtoͤren ſoll.“ „Fſt denn ihre wechſelſeitige Zuneigung ſo ſtark?“ fragte Argenton. 6.— „Von der einen Seite iſt dieß wenigſtens der Fall,“ verſetzte der Koͤnig,„und zwar von der Seite, die mir die meiſte Theilnahme einfloͤßt. Aber Ihr laͤchelt, Herr Philipp, Ihr glaubt alſo nicht an die Macht der Liebe?“ „Im Gegentheil,“ erwiederte Argenton,„ich bin in dieſer Hinſicht ſoweit vom Unglauben entfernt, daß ich im Begriſſ war, Ew. Majeſtaͤt zu fragen, ob es Euch mit der vorgeſchlagenen Vermaͤhlung zwiſchen dem Herzog von Orleans und Iſabellen von Eroyes einigermaßen verſoͤhe nen koͤnnte, wenn ich Euch bewieſe, daß die Graͤfinn eine entſchiedene Neigung fuͤr einen Andern hat, und wahr⸗ ſcheinlich die Hand des Herzogs ausſchlagen wird?“ „Ach! mein guter lieber Freund, aus welchem Grabe habt Ihr dieſe, nur fuͤr einen Todten geeignete Troͤſtung bervorgeholt? Ihre Neigung!— Die Wahrheit zu ſagen, nehmen wir an, daß Orleaus meine Tochter Johanng ver⸗ abſcheut, ſo wuͤrde er dennoch ohne dieſes unſelige Gewebe von Mißgeſchick genoͤthigt geweſen ſeyn, ſie zu ehelichen. Wie laͤßt es ſich denn denken, daß dieſe junge Graͤfinn den ihr beſtimmten Gemahl unter aͤhnlichen Antrieben auszuſchlagen im Stande ſeyn werde, zumal, da er ein Sproͤßling des franzoͤſiſchen Herrſcherſtammes iſt? Nein, nein, Philipp! Es iſt nicht zu glauben, daß ſie den Be⸗ werbungen eines ſolchen Freiers beharrlich widerſtehen werde.— Varium et mutabile— Philipp.“ „Ich glaube, daß Ew. Majeſtaͤt im gegenwaͤrtigen Falle den beharrlichen Muth dieſer jungen Dame zu gering au⸗ ſchlaͤgt. Sie iſt aus einem entſchloſſenen, eigenwilligen Stamme entſproſſen; und ich habe von Crevecoeur ſoviel herausgebracht, daß ſie eine romanhafte Zuneigung fuͤr einen jungen Knappen gefaßt hat, der ihr in Wahrheit auf der Reiſe viele Dienſte leiſtete.“ „Ha!“ rief der Koͤnig,—„iſt es nicht ein Bogen⸗ ſchüͤtze von meiner Garde, Namens Quentin Durward?“ „Der Naͤmliche, glaub' ich,“ erwiederte Argenton;„er ward zugleich mit der Graͤfinn, die faſt ohne alle Beglei⸗ tung mit ihm reiſete, gefangen genommen.“ .„Nun, gelobt ſey unſer Herr Jeſus, die Mutter Got⸗ tes, Sanct Martin und Sanct Julian!“ ſagte der Koͤnig, „Lob und Ehre dem gelehrten Galeotti, der in den Ster⸗ nen las, daß dieſes Juͤnglings Geſchick mit dem meinigen verwebt ſey. Wenn die Jungfrau eine ſo innige Anhaͤng⸗ lichkeit fuͤr ihn hat, daß ſie ſich Burgunds Willen beharr⸗ lich widerſetzt, ſo hat dieſer Quentin Durward mir in der That einen ungemeinen Dienſt geleiſtet.“ „Nach dem was mir Crevecoeur ſagt, Sire, iſt es wahr⸗ ſcheinlich, daß ſie hartnaͤckig genug ſeyn wird; uͤberdieß wird ohne Zweifel der edle Herzog ungeachtet der von Ew. Majeſtaͤt geaͤußerten Vermuthung, ſeine ſchoͤne Cou⸗ ſine, mit welcher er ſeit ſo lange verlobt iſt, nicht ſo be⸗ reitwillig aufgeben.“ „Hm, hm, Ihr habt meine Tochter Johanna niemals geſehen,“ verſetzte der Koͤnig;„ſie iſt eine Nachteule, lie⸗ ber Mann, eine wahre Nachteule, vor der ich mich ſchaͤme, aber wenn er nur ſo klug iſt, ſie zu heirathen, ſo will ich ihm Erlaubniß geben, ſich bis uͤber die Ohren in die ſchoͤnſte Frau von ganz Frankreich zu verlieben.— Und nun Philipp, habt Ihr mir jetzt den ganzen Vorrath der Ideen Eures Herrn mitgetheilt?“ „Ich habe Euch, Sire, von denjenigen Einzelnheiten in Kenntniß geſetzt, worauf er zu beſtehen jetzt am meiſten geneigt iſt. Aber Ew. Majeſtaͤt weiß, daß des Herzogs Stimmung einem brauſenden Bergſtrom gleicht, der nur dann in ſeinem Flußbett bleibt, wenn ſeine Wogen keinen Widerſtand finden; und was ſich etwa darbieten mag, ihn aufs neue in Wuth zu bringen, laͤßt ſich unmoͤglich errathen. Wenn der Herzog unerwartet von den Umtrie⸗ ben Ew. Majeſtaͤt,— verzeiht dieſen Ausdruck dem Drange der Zeit,— augenſcheinlichere Beweiſe, mit den Luͤttichern und Wilhelm von der Mark haben ſollte, ſo koͤnuten die 159 — 1⁵9. Folgen ſchrecklich ſeyn. Es ſind ſeltſame Nachrichten aus jener Gegend hier eingetroſſen. Man ſagt, Wilhelm habe Hamelinen, die aͤltere Graͤfinn von Croye geheirathet.“ „Die alte Thoͤrinn war ſo heirathsluſtig, daß ſie ſelbſt Satans Hand angenommen haͤtte,“ verſetzte der Koͤnig; „daß aber Wilhelm, ſo dumm er auch iſt, ſich entſchloſſen hat, ſie zu ehelichen, uͤberraſcht mich noch weit mehr.“ „Auch heißt es,“ fuhr Comines fort,„daß ein Abge⸗ ſandter oder ein Herold von Seiten Wilhelms nach Pe⸗ ronne unterwegs iſt, und bereits der Stadt nahet;— ein Umſtand der allein hinreichen wuͤrde, den Herzog vor Wuth raſend zu machen; ich hoſſe, daß Wilhelm nicht etwa Briefe oder andere Papiere von Ew. Majeſtaͤt in Haͤnden hat, die er vorzeigen koͤnnte?“ „Ich ſollte einen wilden Eber ſchreiben?“ erwiederte der Koͤnig.—„Nein, nein, Herr Philipp, ich war kein ſolcher Thor, Perlen vor die Saͤue zu werfen. Der we⸗ nige Verkehr, welchen ich mit dieſer wilden Beſtie hatte, ward lediglich durch muͤndliche Sendungen betrieben, wozu ich nur gemeine Menſchen und Landſtreicher gebrauchte, deren Ausſage nicht einmal in der Unterſuchung eines Huͤnerdiebſtahls fuͤr guͤltig angenommen ſeyn wuͤrde.“ „Dann kann ich nur noch empfehlen,“ ſprach Argenton, ſich beurlaubend,„daß Ew. Majeſtaͤt nicht vergeſſen moͤge, auf Eurer Hut zu ſeyn, ſich durch die Ereigniſſe lenken zu laſſen, und vor allen Dingen eine Sprache oder Be⸗ weisgruͤnde zu vermeiden, die mehr Eurer Wuͤrde, als Eurer gegenwaͤrtigen Lage angemeſſen ſeyn koͤnnten.“ „Wenn meine Wuͤrde,“ perſetzte der Koͤnig, mir laͤſtig wird, welches ſelten der Fall iſt, wenn ich an groͤßere In⸗ -450— tereſſen zu denken habe, dann weiß ich ein treſſliches Mit⸗ tel gegen die Aufgeblaſenheit.— Ich brauche bloß einen Blick in ein verfall'nes Cloſet zu werfen, und an den Tod Carls des Einfäͤltigen zu denken; dieß heilt mich auf der Stelle, eben ſo wirſam, als ein kaltes Bad das Fieber vertreibt.— Und nun, mein warnender Freund, mußt Du mich verlaſſen? Wohlan Comines, es wird eine Zeit kom⸗ men, wo Du muͤde werden wirſt, dem burgundiſchen Stier, der unfaͤhig iſt, Deine einfachſten Vernunftgruͤnde zu be⸗ greifen, Lectionen in der Staatspolitik zu geben. ⸗— Iſt dann Lundwig von Valois noch unter den Lebendigen, ſo haſt Du einen Freund am franzöͤſiſchen Hofe; ich ſage Dir, mein Philipp, es wuͤrde eine Segnung fuͤr mein Kdonigreich ſeyn, wenn ich Dich jemals den Meinigen nen⸗ nen koͤnnte;— Dich, der bei den tiefſten Einſichten in die Gegenſtaͤnde der Staatswiſſenſchaft, ein Gewiſſen hat, faͤhig, den Unterſchied zwiſchen Recht und Unrecht zu fuͤh⸗ len, und genau zu erkennen. So wahr mir Gott, die heilige Jungfrau und Sanct Martin helfen moͤgen, Oliver und Balue haben Herzen, ſo hart wie ein Muͤhlſtein; und mein Leben iſt verbittert durch die Reue und Gewiſſens⸗ biſſe uͤber die Verbrechen, zu denen ſie mich verleiteten, ſo wie durch die Buͤßungen die ich mir deshalb auferlegen muß. Du aber Philipp, der Du die Weisheit der Ver⸗ gangenheit und Gegenwart in Dir vereinigſt, kannſt leb⸗ ren, wie man groß wird, ohne aufzuhoͤren tugendhaft zu ſeyn.“ 5 „Eine ſchwere Aufgabe, die von Wenigen geldſet iſt,“ ſprach der Geſchichtſchreiber;„doch iſt ſie noch immer im Bereich der Fuͤrſten, welche ſie eifrig erſtreben. Mittler⸗ — 464 weile, Sire, haltet Euch bereit auf die Conferenz, die der Herzog unverzuͤglich mit Euch beginnen wird.“ Lange ſah Ludwig dem ſcheidenden Staatsmanne nach, und brach endlich in ein ſpoͤttiſches Gelaͤchter aus.„Er ſprach vom Angeln;— nun ich habe ihn heimgeſchickt, gleich einer Forelle, die einen Angel verſchluckte!— Er glaubt ſich tugendhaft, weil er keine Beſtechungsſumme annahm, ſondern ſich mit Schmeicheleien, Verſprechungen und der Ausſicht, auf Rache fuͤr die Verletzung ſeiner Ei⸗ telkeit begnuͤgte!— Nun, die Ablehnung meines Geldes macht ihn wohl aͤrmer, aber darum nicht ehrlicher, gleich⸗ wohl muß er mein ſeyn; denn er iſt der beſte Kopf in ganz Burgund. Nun geht es auf ein edleres Wildpret los! Ich muß dem Leviathan Carl ins Antlitz ſchauen, der ſogleich die Tiefe ſpalten wird, um hieher zu ſchwim⸗ men. Ich muß, wie der zitternde Seefahrer, eine Tonne uͤber Bord werfen, um ihn hinzuhalten. Aber vielleicht find' ich eines Tages Gelegenheit, eine Harpune in ſeine Eingeweide zu ſioßen.“ D. III. 11 162 Achtes Kapitel. Die Zuſammenkunft. „Halt' an der Treue feſt, Du junger Krieger! Und Du, o Jungfrau, denk' an Dein Verſprechen; Dem grauen Alter laß die falſchen Raͤnke; Sey frei und oſſen wie der Morgenhimmel, Bevor die Sonne Duͤnſte aufgeſogen, Die ihn mit duͤſterem Gewoͤlk bedecken.“ Die Probe. An dem gefahrvollen, wichtigen Morgen, welcher der Zuſammenkunft der beiden Fuͤrſten auf dem Caſtell zu Peronne voranging, diente Oliver le Dain ſeinem Herrn als ein thaͤtiger, geſchickter Unterhaͤndler, und gewann ihm rund umher durch Geld und Verſprechungen Freunde, ſo daß, wenn des Herzogs Zorn von neuem ausbraͤche, alle ſeine Umgebungen ihren Vortheil dabei faͤnden, den Brand zu löſchen, und nicht anzuſchuͤren. Gleich der Nacht ſchlich er von Zelt zu Zelt, von Haus zu Haus, und machte ſich Freunde;— aber nicht im Sinne des Apoſtels, ſondern mit den ungerechtem Mammon, oder wie man von einem andern thaͤtigen politiſchen Agenten geſast hat,„ſeine Finger waren in Jedermanns Hand, und ſein Mund in Jedermanns Ohr;“ und aus mancherlei Gruͤnden, von denen wir einige fruͤherhin andeuteten, wußte er die Gunſt vieler Mitglieder des burgundiſchen Adels zu gewinnen, die in Frankreich entweder etwas zu fuͤrchten oder zu hof⸗ fen batten, oder die der Meinung waren, ihr Herzog wuͤrde, wenn man Ludwigs Macht zu ſehr ſchwaͤchte, ohne Wider⸗ 4 163 ſiand auf dem Wege zum Despotismus, wozu er einen natuͤrlichen Hang hatte, noch kuͤhner als bisher fortſchreiten. Wo Oliver glaubte, ſeine Gegenwart oder ſeine Gruͤnde könnten weniger angenehm ſeyn, bediente er ſich anderer Diener des Koͤnigs; und auf dieſe Weiſe erlangte er vom Grafen Crepecoeur die Erlaubniß fuͤr den Lord Crawford, in Ludwig Leslies Begleitung eine Zuſammenkunft mit Quentin Durward zu haben, welcher letztere ſeit ſeiner Ankunft zu Peronne in einer Art von ehrenvoller Gefan⸗ genſchaft gehalten ward. Privatangelegenheiten wurden bei der Bitte um dieſe Zuſammenkunft als Grund ange⸗ geben; vermuthlich aber war es dem Grafen Crepecoeur, welcher beſorgte, ſein Gebieter moͤge durch heftige Leiden⸗ ſchaft verleitet werden, ſich durch Gewaltthaten gegen Lud⸗ wig zu entehren nicht unwillkommen, den Lord Erawford in den Stand zu ſetzen, dem jungen Bogenſchuͤtzen einige Winke zu geben, die ſeinem koniglichen Gebieter von Nutzen ſeyn konnten.— Die Freude des Wiederſehens der Landsleute war herz⸗ lich, und wahrhaft ruͤhrend. 4.5 „Du biſt ein ſeltner junger Menſch,“ ſprach Crawford zu Durward, ihm das Geſicht ſtreichelnd, wie ein Groß⸗ vater ſeinem Enkel;„in der That, Du haſt ſo viel Gluͤck gehabt, als waͤreſt Du mit einem Wuͤntſchelhuͤtchen auf dem Kopfe geboren.“ 3 „Alles kommt daher, daß er ſchon in ſo jungen Jahren eine Stelle unter den Bogenſchuͤtzen erlangte,“ fiel der Benarbte ein.„Niemals hat man von mir ſo viel ge⸗ ſprochen lieber Neſſe, weil ich fuͤnf und zwanzig Jahr zaͤhlte, bevor ich aus dem Pagenrange trat.“ 164 44 „Nun Du war'ſt ein wahres Bergungeheuet von einem Pagen, Leslie,“ bemerkte der alte Lord,„Du hatteſt einen Bart ſo lang wie der Schieber eines Beckers, und einen Ruͤcken ſo breit wie der des alten Wallace Wight.“ „Ich fuͤrchte,“ ſprach Quentin mit geſenttem Blicke, nich werde jenem Anſpruch auf Auszeichnung nur eine kurze Zeit geltend machen koͤnnen, denn ich habe die Ab⸗ ſicht, meinen Dienſt in der Bogenſchuͤftzengarde aufzugeben.“ Der Benarbte war faſt ſtumm vor Erſtaunen, und die Mienen des alten Crawford druͤckten Mißfallen aus. Der Erſtere gewann endlich die Sprache wieder;„den Dienſt aufgeben!— Eine Stelle in der ſchottiſchen Garde ver⸗ laſſen! Wer hat jemals ſo etwas geträͤumt! Ich moͤchte meine Stelle nicht aufgeben, und köͤnnte ich Connetable von Frankreich werden.“ „Ruhig, Ludwig,“ rief Erawford;„dieſer Juͤngling weiß beſſer mit dem Winde zu ſegeln, als wir, die wir von der alten Welt ſind. Seine Reiſe hat ihm Gelegen⸗ heit gegeben, einige huͤbſche Geſchichtchen vom Koͤnig Lud⸗ wig zu erfahren, nun wird er burgundiſche Dienſte neh⸗ men, um ſie mit Bortheil den Herdog Carl wieder zu er⸗ zaͤhlen.“ „Wenn er ſo daͤchte,“ verſetzte der Benarbte, ſd wollte ich ihm mit eigener Hand die Kehle abſchneiden, und waͤre er funfzigmal meiner Schweſter Sohn.“ „Ihr wuͤrdet doch wohl erſt unterſuchen lieber Oheim, ob ich eine ſolche Behandlung verdiente,“ erwiederte Quen⸗ tin;—„und Ihr, Mylord, wißt, daß ich kein Achſeltraͤ⸗ ger bin. Weder Foltern noch Qualen ſollen mir ein Wort zu Koͤnig Ludwigs Nachtheil, welches waͤhrend meiner 165 Dienſtzeit zu meiner Kunde gekommen iſt, entreißen; die⸗ ſes gebieten mir Eid und Pflicht. Aber ich will nicht laͤn⸗ ger in einem Dienſte bleiben, wo ich außer den Gefah⸗ ren ehrenvoller Kaͤmpfe gegen Feinde, auch den Wagniſſen eines Hinterhalts von Seiten meiner Freunde ausge⸗ ſetzt bin.“ 2. 6 „Ja, wenn er gegen die Hinterhalte etwas einzuwen⸗ den hat,“ ſprach der Benarbte mit einem kummervollen Blicke auf Lord Crawford;„dann fuͤrchte ich Mylord, iſt Alles mit ihm aus. Ich ſelbſt bin wenigſtens dreißigmal in einen Hinterhalt gefallen, und habe, glaub' ich, zwei⸗ mal ſo oft im Hinterhalt gelegen; denn dieß iſt eine bei unſerm Koͤnig ſehr beliebte Kriegsmanier.“ „Da haſt Du recht, Ludwig„ verſetzte Lord Crawford, ninzwiſchen ſchweig; denn ich glaube, ich durchſchaue die Sachen beſſer als Du.“ „Ich bete zu unſrer lieben Frauen, daß Ihr, Mylord, ſie durchſchauen moͤgt,“ antwortete Ludwig;„aber es geht mir durch Mark und Bein, wenn ich denken muß, daß aneiner Schweſter Sohn ſich vor einem Hinterhalt fuͤrchtet.““ „Junger Mann,“ ſprach Crawford,„zum Theil errathe ꝛch, was Ihr ſagen wollt; Ihr habt auf der Reiſe, die Ihr auf des Koͤnigs Befehl machtet, Verraͤtherei entdeckt, als deren Urheber Ihr ihn beargwohnt.“. „Ich ward in der Ausfuͤhrung meines vom Koͤnige er⸗ haltenen Auftrages mit Verrath bedroht, doch hatte ich das Gluͤck, ihn zu vereiteln; ob Se. Majeſtaͤt an jenem Anſchlage ſchuld iſt oder nicht, uͤberlaſſe ich Gott und dem Gewiſſen des Koͤnigs. Er gab mir Nahrung als mich hungerte,— er nahm mich auf, als ich ein wandernder -—166 Fremdling war. Nie werde ich ihn in ſeinem Mißgeſchick mit Beſchuldigungen belaſten, die in der That ungerecht ſeyn koͤnnen, da ich ſie aus der unreinſten Quelle ſchoͤpfte.“ „ Mein wackrer Burſche, mein theures Kind„“I ſprach Erawford, ihn in die Arme ſchließend:—„das heißt wie ein wahrer Schotte denken,— wie ein Mann der einen Streit mit dem Freunde vergißt, den er ſchon mit den Ruͤcken an der Mauer ſieht, und ſich nur der von ihm er⸗ haltenen Dienſte erinnert.“ „Nun, da Lord Crawford meinen Neſſen umarmt hat,“ rief Ludwig Leslie,„will ich ihn auch umarmen! doch ſollſt Du wiſſen, daß es einem Soldaten eben ſo nothwen⸗ dig iſt, den Dienſt eines Hinterhalts zu verſtehen, als einem Prieſter, das Brevier leſen zu koͤnnen.“ „Schweig Ludwig,“ fiel Erawford ein,„Du biſt ein Eſel, mein Freund, du weißt nicht, wie ſehr Du den Him⸗ mel danken ſollteſt, daß er Dir dieſen braven Burſchen geſendet hat. Nun ſag' mir mein wackrer Quentin, hat der Koͤnig einige Kunde von dieſem, Deinen biedern, aͤcht⸗ chriſtlichen und mannhaften Entſchluſſe? denn dem bekla⸗ genswerthen Manne thaͤt es in ſeiner jetzigen Bedraͤngniß Noth zu wiſſen, worauf er zu rechnen hat. Haͤtte er ſich nur von der ganzen Brigade ſeiner Garde begleiten laſ⸗ ſen!— Aber Gottes Wille geſchehe:— Glaubt Ihr, daß er von Eurem Vorſatze etwas weiß?“ „Das kann ich in der That nicht beſtimmt ſagen,“ ant⸗ wortete Quentin,„doch verſicherte ich ſeinen gelehrten Sterndeuter Martius Galeotti, daß ich entſchloſſen ſeh, über Alles was dem Koͤnige in den Augen des Herzogs von Purgund ſchaden koͤnne, das Stillſchweigen zu beob⸗ . 167 achten. Die einzelnen Umſtaͤnde, welche, wie ich vermu⸗ the, hieher gehoͤren, werde ich mit Euren Wohlnehmen, ſelbſt Ew. Lordſchaft nicht mittheilen; um ſo weniger könnt Ihr glauben, daß ich geneigt war, ſie dem Philoſo⸗ phen zu oſſenbaren.“ „Ei nun erinnere ich mich,“ verſetzte Lord Crawford, „daß Oliver mir ſagte, Galeotti habe das von Euch beob⸗ achtete Benehmen zuverſichtlich vorhergeſagt; und ich freue mich von Herzen, daß er dieſe Nachricht aus einer zuvere laͤſſigern Quelle als die Sterne ſind, ſchdpfte.“ „Er, prophezeihen!“ rief der Benarbte lachend;„die Sterne haben ihm niemals geſagt, daß der ehrliche Lud⸗ wig Leslie ſeiner Dirne behuͤlflich zu ſeyn pflegt, die ſchoͤ⸗ nen Ducaten die er ihr in den Schoß wirft, durchzu⸗ bringen.“ 3 „Still Ludwig,“ fiel ſein Hauptmann ein,„Du gott⸗ loſer Menſch!— Wenn Du auch fuͤr meine grauen Haare keine Achtung haſt, weil ich ſelbſt ein alter Suͤnder bin, ſo ſchone doch die Unſchuld dieſes Juͤnglings, und laß uns nicht mehr ſolche Narrenspoſſen hoͤren.“ „Ew. Lordſchaft mag ſagen was Ihr wollt, antwortete Ludwig Leslie,„ſo verſichere ich Euch doch bei meiner Treue, daß der Seher Saunders Soupleſaw, Dorfſchuſter in Glen⸗Houlakin, der ein zweimal beſſerer Prophet war, als dieſer Gollotti, Gollipotty oder wie man ihn ſonſt nennt, mir vorhergeſagt hat, daß alle Kinder meiner Schweſter, eines Tages ſterben wuͤrden; und er prophe⸗ zeihte dieß in der naͤmlichen Stunde, als der Juͤngſte ge⸗ boren ward, und das iſt eben dieſer Quentin, der ohne Zweifel eines Tages ſterben wird, um die Prophezeihung 168 wahr zu machen;— es iſt um ſo mehr Schade d'rum, da er von der ganzen Brut nur noch allein uͤbrig iſt. Mir prophezeihte der Saunders, ich wuͤrde mein Gluͤck durch eine Heirath machen, was ohne Zweifel zu ſeiner Zeit noch eintreſſen wird, wenn es gleich bis jetzt noch nicht der Fall geweſen iſt;— wie oder wann?— kann ich nicht errathen, da ich eben kein Freund des Eheſtandes bin, und Quentin nur noch ein Juͤngling iſt; auch prophe⸗ zeihte mir Saunders— 4 „Nun, wenn die Vorausſagung nicht ganz beſonders zur Sache gehoͤrt,“ fiel Lord Crawford ein,„ſo muß ich Euch unterbrechen, mein guter Ludwig; denn wir muͤſſen Deinen Neſſen jetzt verlaſſen, und wir wollen zu unſrer lieben Frau beten, ihn in ſeinen jetzigen guten Geſinnun⸗ gen zu ſtaͤrken; denn es iſt hier ein Fall, wo das kleinſte Wort mehr Unheil ſtiften kann, als das ganze Parlament von Paris wieder gut zu machen im Stande iſt.— So nimm denn meinen Segen, lieber Junge, und nimm nicht zu uͤbereilt Deinen Abſchied aus unſerm Corps, denn es wird bald tuͤchtige Schläge im Angeſichte des Tages ge⸗ ben, wo von keinem Hinterhalt die Rede ſeyn wird.“ „Weilt noch einen Augenblick, Mylord,“ verſetzte Quen⸗ tin, indem er den Lord Crawford bei Seite fuͤhrte;„ich darf nicht vergeſſen, Euch zu ſagen, daß es in der Welt noch eine Perſon giebt, die jene Umſtaͤnde, deren Geheim⸗ haltung fuͤr jetzt zu des Koͤnigs Sicherheit nothwendig iſt, von mir erfahren hat. Da ſie nicht, wie ich, durch Kriegs⸗ dienſte und empfangene Wohlthaten dem Koͤnige verpflich⸗ tet iſt, ſo moͤchte ſie vielleicht glauben, daß ihr kein Stiu⸗ ſchweigen obliege.“ —— 169 „Ihr!“ wiederholte Crawford;„ja wenn ein Frauen⸗ zimmer mit im Geheimniß iſt, dann ſey uns Gott gnaͤdig, denn da laufen wir Alle Gefahr, Schifibruch zu leiden.“ „Glaubt das nicht, Mylord,“ verſetzte Durward;„aber verwendet Euch beim Grafen Crevocoeur, daß er mir eine Zuſammenkunft mit der Graͤfinn Iſabelle von Croye ver⸗ ſtatte; ſie iſt's, die mein Geheimniß weiß, und ich zweifle nicht, daß ich ſie zum Stillſchweigen uͤber Alles, was deun Herzog gegen den Koͤnig Ludwig erbittern kann, bewegen werde, ſo wie auch ich es unerſchuͤtterlich zu beobachten entſchloſſen bin.“ Der alte Krieger ſann eine Zeitlang nach, erhob die Augen zum Himmel, ſenkte dann den Blick und ſprach kopfſchuͤttelnd:„es liegt in dem Allen Etwas, wovon ich auf meine Ehre nichts verſtehe. Die Graͤfinn Iſabelle von Croye!— eine Zuſammenkunft mit einer Dame, ſo ausgezeichnet durch Geburt, Rang und Vermoͤgen! Und Du, ein junger ſchottiſcher Springinsfeld, biſt ſo feſt uͤber⸗ zeugt, das von ihr zu erlangen, was Du wuͤnſcheſt? Ent⸗ weder haſt Du ein zu großes Selbſtvertrauen, junger Freund, oder Du haſt auch auf der Reiſe Deine Zeit wohl benutzt. Aber beim Kreuz des heiligen Andre's! Ich will zu Deinem Gunſten mit Crevecoeur reden, und da er wirk⸗ lich fuͤrchtet, der Zorn koͤnnte den Herzog zu entehrenden Handlungen gegen den Koͤnig hinreißen, ſo hoffe ich, er wird Deine Bitte gewaͤhren, obwohl ſie auf meine Ehre ſonderbar iſt.“ Bei dieſen Worten verließ der alte Lord ach ſelzuckend das Zimmer, begleitet von Leslie, der, dem Beiſpiele ſei⸗ nes Vorgeſetzten folgend, eine eben ſo geheimnißvelle, 170 wichtige Miene annahm, obwohl die Urſache derſelben ihm unbekannt war. Nach einigen Minuten kehrte Lord Craw⸗ ford, ohne Begleitung des Benarbten, zuruͤck. Der Alte ſchien ſehr froher Laune zu ſeyn; er lachte und kicherte auf eine mit ſeinen ernſten, runzlichen Geſichtszuͤgen ſon⸗ derbar contraſtirende Weiſe, ſchuͤttelte den Kopf und ſchien mit Etwas beſchaͤftigt zu ſeyn, was er zwar zu tadeln, zugleich aber zu belachen ſich nicht enthalten konnte. „Nun wahrlich, Landsmann, Ihr ſeyd nicht bloͤde; nie wird die Schuͤchternheit Euch hindern, bei ſchoͤnen Damen Euer Gluͤck zu machen. Ich ließ den Grafen Erevecoeur Euren Antrag hinunterſchlucken, wie ein Glas Eſſig; doch ſchwor er mir dei allen Heiligen in Burgund, daß, wenn die Ehre zweier Fuͤrſten und der Friede ihrer Staaten nicht auf dem Spiel ſtaͤnde, Ihr niemals auch nur die Fußtapfen der Graͤfinn Iſabelle wiederſehen ſolltet. Haͤtte er nicht eine Gemahlinn, und zwar eine ſehr ſchoͤne, ſo wuͤrde ich geglaubt haben, er ſey Willens, fuͤr dieſe junge Dame ſelbſt eine Lanze zu brechen; vielleicht wuͤnſcht er ſie ſeinem Neſſen, dem Grafen Stephan, zu ſichern. Alſo eine Graͤfinn!— Wohlfeilern Kaufs koͤnnt Ihr es nicht thun?— Nun, kommt mit mir;— aber Euer Zwieſprach darf nur kurz ſeyn. Doch denk“ ich, Ihr werdet die we⸗ nige Zeit ſchon zu benutzen wiſſen, ha, ha, ha. Meiner Treu, ich habe nicht die Kraft, Dich wegen Deiner An⸗ maßung zu ſchelten, ſo ſehr macht ſie mich zum Lachen!“ Mit hochrothen Wangen, zugleich beleidigt und in Ver⸗ legenheit geſetzt uͤber die unzarten Andeutungen des alten Kriegers und verdrießlich, daß ſeine Leidenſchaft von allen erfahrnen Maͤnneru fuͤr abgeſchmackt und laͤcherlich gehal⸗ 171 ten wurde, folgte Durward ſchweigend dem Lord Erawford in das Urſulinerkloſter, wo die Graͤfinn ſich aufhielt, und in das Bprachzimmer, wo ſſe den Grafen Crevesdeut fanden. „So, junger Galan,“ ſagte der Graf mit ernſtem To⸗ ne;„es ſcheint, daß Ihr das Beduͤrfniß habt, die Ge⸗ faͤhrtinn Eurer komanhaften Ervoditzon noch einmal wies der zu ſehen?“ „Ja, Herr Graf,“ antwortete Quentin mit feſtem To⸗ ne;„und was noch mehr iſt, ich muß ſie allein ſehen.“ „Das ſoll nicht ſeyn,“ verſetzte der Graf.„Lord Craw⸗ ford, urtheilt ſelbſt. Die junge Dame, die Tochter meines alten Freundes und Waſſengefaͤhrten, die reichſte Erbinn in Burgund, geſtand mir eine Art von— doch, was wollt⸗ ich ſagen!— kurz, ſie iſt eine Thoͤrinn, und Euer Bogen⸗ ſchuͤtze hier iſt ein eingebildeter junger Geck. Kurz, ſie ſollen ſich nicht unter vier Augen ſprechen.“ „Dann will ich der Graͤfinn kein Wort ſagen; denn in Eurer Gegenwart werde ich nicht mit ihr reden;“ ſprach Quentin voll Entzuͤcken.„So eingebildet ich auch ſeyn mag, uͤbertrifſt doch das, was Ihr mir ſo eben andeute⸗ tet, meine kuͤhnſten Hoſſnungen.“ „In Wahrheit, mein Freund,“ ſprach Erawford zum Grafen;„Ihr handeltet unvorſichtig, ihm das, was Ihr eben ſagtet, merken zu laſſen; da Ihr Euch aber⸗ auf mein Urtheil bezieht, ſo bemerke ich, daß es hier im Zim⸗ mer ein gutes feſtes Sprachgitter giebt; dieſem möchte ich Euch rathen zu vertrauen. Moͤgen ſie mit ihren Zun⸗ gen machen, was ſie wollen. Wie, Freund! Das Leben eines Köͤnigs und vieler Tauſende ſollte gegen das Ge⸗ 4172 waͤſch auf die Waagſchale kommen, welches ſich ein paar junge Leute in einer Minute einander in die Ohren fluͤ⸗ ſtern können?“. 1 123 So ſprechend, zog er den Vrfen aus dem Zimmer, der ihm widerſtrebend folgte, und ſcheidend dem jungen Bogenſchuͤtzen unwillige Blicke zuwarf. Einen Augenblick ſpaͤter erſchien die Graͤfinn Iſabelle an der andern Seite des Sprachgitters. Sobald ſie Quen⸗ tin allein im Zimmer ſah, blieb ſie ſtehen und ſenkte den Blück. Dann erhob ſie ihn, mit den Worten:„Doch, warum ſollte ich undankbar ſeyn, weil Andere mich un⸗ gerecht beargwohnen?— Mein Freund,— mein Retter, denn ſo kaun ich— umgeben von Verrath— Euch wohl nennen, mein einziger treuer, beſtaͤndiger Freund!“ Bei dieſen Worten reichte ſie ihm die Hand durch das Gitter, und zog ſie nicht zuruͤck, als er ſie mit Kuͤſſen, gemiſcht mit Thraͤnen, bedeckte. Doch ſagte ſie: 3„Sollten wir uns jemals wiederſehen, dann wuͤrde ich Euch dieſe Thorheit nicht erlauben.“ Bedenkt man, daß Quentin ſie aus ſo vielen Gefahren gerettet,— daß er in der That ihr einziger treuer und eifriger Beſchuͤtzer geweſen war, dann werden meine ſchoͤ⸗ nen Leſerinnen, ſelbſt wenn Graͤfinnen und reiche Erbin⸗ nen ſich unter ihnen befaͤnden, vielleicht Iſabellen verzei⸗ hen, daß ſie ihrem Range etwas vergab. Endlich machte die Graͤfinn ihre Hand von der ſeinigen los, trat einen Schritt vom Gitter zuruͤck und fragte ihn in einem, große Verlegenheit ausſprechenden Tone: was er von ihr wuͤn⸗ ſche?—„denn daß Ihr Etwas von mir zu erbitten habt,“ fuhr ſie fort,„vernahm ich von dem alten ſchottiſchen Lord, —423 der vor einigen Augenblicken mit meinem Vetter Ereve⸗ coeur hier zu mir kam. Wenn es nur etwas Villiges iſt,“ ſetzte ſie hinzu,„ſo daß die arme Iſabelle es gewaͤhren kaun, ohne Pflicht und Ehre zu verletzen, ſo thue ich Alles fuͤr Euch, was meine ſchwachen Kraͤfte vermoͤgen. Aber bedenkt wohl, was Ihr ſprecht,—“ fuͤgte ſie, furchtſam umherſchauend, hinzu;„ſagt nichts, was uns, wenn Je⸗ mand zuhoͤrte, uͤbel gedeutet werden koͤnnte.“ 3 „Seyd unbeſorgt, edle Graͤfinn,“ ſprach Quentin be⸗ kuͤmmert;„hier kann ich die Scheidewand, die das Schick⸗ ſal zwiſchen uns gezogen hat, nicht vergeſſen, und Euch dem Tadel Eurer ſtolzen Verwandten darum ausſetzen, weil Ihr der Gegenſtand der zaͤrtt ichſten Liebe eines Man⸗ nes ſeyd, der aͤriner und minder niaͤchtig, wenn gleich von eben ſo edler Geburt iſt, als ſie. Laßt dieſen Gedanken wie einen naͤchtlichen Traum fuͤr Alle dahin ſchwinden, nur nicht fuͤr mich, in deſſen Herzen er alle Wirklichkeiten unendlich uͤberwiegen wird.“ „Still, ſtill!“ verſetzte Iſabelle;„um Euretwillen,— um meinetwillen! Schweigt von dieſem Gegenſtande. Sagt mir lieber, was Ihr von mir verlangt.“ „Ich erbitte Vergebung fuͤr einen Mann, der ſich zu ſelbſtſüͤchtigen Zwecken als Euer Feind benahm.“ „Ich habe das Selbſtvertrauen, daß ich allen meinen Feinden vergebe,“ antwortete Iſabelle;„aber, o Dur⸗ ward, durch welche Scenen hat Euer Muth und Eure Geiſtesgegenwart mich mit ſchuͤtzender Hand geleitet!— Jene mit Blut beſpritzte Halle,— der gute Biſchof,— erſt geſtern erfuhr ich alle die Schreckensſcenen, denen ich bewußtlos beiwohnte!“ „Denkt nicht darau,“ ſprach Quentin, der die voruͤber⸗ gehende Roͤthe, die waͤhrend dieſes Zwieſprachs Iſabellens Wangen gefaͤrbt hatte, ploͤtzlich in Todtenblaͤſſe umgewan⸗ delt ſah.—„Blickt nicht zuruͤck, ſondern ſtets vorwaͤrts, wie Jeder thun muß, der auf einem gefahrvollen Pfade wandelt. Hoͤrt mich an, Ihr habt mehr als irgend Je⸗ mand das Recht, den Koͤnig Ludwig fuͤr einen hinterliſti⸗ gen, raͤnkevollen Politiker, der er wirklich iſt, zu erklaͤren. Wenn Ihr ihn aber anklagt, Euch zur Flucht aus Bur⸗ gund aufgemuntert und vor allen Dingen mit Wilhelm von der Mark einen verraͤtheriſchen Plan verabredet zu haben, Euch in ſeine Haͤnde zu liefern, dann werdet Ihn waprſcheinlich im gegenwaͤrtigen Augenblick die Entthro⸗ nung oder gar den Tod Ludwigs, und auf jeden Fall den blutigſten Krieg veranlaſſen, den Frankreich und Burgund jemals gegen einander gefuͤhrt haben.“ „Nie ſollen ſolche Uebel durch mich verſchuldet werden,“ erwiederte Iſabelle;„und ſchon der mindeſte Wunſch von Eurer Seite wuͤrde hinreichen, jedem Gedanken an Rache zu entſagen, wenn ich mich einer ſolchen Leidenſchaft uͤber⸗ all hinzugeben vermoͤchte. Wie waͤre es moͤglich, daß das mir vom Koͤnig Ludwig zugefuͤgte Unrecht meinem Ge⸗ daͤchtniß tiefer eingepraͤgt ſeyn koͤnnte, als Eure unſchaͤtz⸗ baren Dienſtleiſtungen?— Aber wie ſoll ich mich beneh⸗ men, wenn mein Souverain, der Herzog von Burgund, mich vorfordern laͤßt? Dann muß ich entweder ſchweigen, oder die Wahrheit reden. Das Erſtere waͤre Ungehorſam, und daß ich meine Zunge mit einer Lüge beflecke, werdet Thr mir nicht zumuthen wollen.“ Nein, wahrlich nicht,“ ſprach Durward;„aber be⸗ — 125 ſchraͤnkt Euer Zeugniß in Hinſicht Ludwigs auf Dasjenige, was Ihr aus eigner Kunde als wahr erkannt habt. Wenn Ihr erwaͤhnt, was Ihr von Andern hoͤrtet, mag es ſo wahrſcheinlich ſeyn, als es wolle, ſo erzaͤhlt es bloß ge⸗ ruͤchtsweiſe, und huͤtet Euch wohl, Euer perſoͤnliches Zeug⸗ niß Dingen beizufuͤgen, die Ihr, wenn ſie Euch auch voll⸗ kommen glaublich ſcheinen, nicht aus eigner Kunde wiſſen koͤnnt. Der verſammelte burgundiſche Staatsrath kann einem Monarchen nicht die Gerechtigkeit verſagen, die man in meinem Vaterlande auch dem geringſten Angeklagten nicht verweigert. Er muß ihn fuͤr unſchuldig erklaͤren, wenn nicht unmittelbare und hinreichende Beweiſe ſeine Schuld bewahrheiten. Was Ihr alſo nicht mit volliger perſönlicher Gewißheit ausſagen koͤnnt, muß durch andere Beweiſe, als durch Geruͤchte dargethan werden.“ „Ich glaube, Euch zu verſtehen,“ erwiederte die Graͤ⸗ finn Iſabelle. „Ich will Euch meine Meinung noch naͤher erlaͤutern,“ ſprach Quentin, im Begriſſ, dieſen Vorſatz durch einige Beiſpiele auszufuͤhren, als die Kloſterglocke ertoͤnte. „Das iſt das Loſungszeichen unſerer Trennung,“ fiel die Graͤfiun ein,„wir muͤſſen ſcheiden,— auf immer!— Aber vergeßt mich nicht, Durward; ich werde Euch nis vergeſſen— Eure treuen Dienſte—“ Sie vermochte nicht weiter zu reden, reichte ihm noch einmal die Hand, die er von Neuem an die Lippen druͤck⸗ te, und ich weiß nicht, wie es kam, daß die Graͤfinn, im Verſuch, ſie zuruͤckzuziehen, ihr Geſicht dem Git er ſo ſehr vaͤherte, daß Quentin ſich ermuthigt fuͤhlte, ſein Lebewohl ihren Lippen aufzudruͤcken. Die junge Graͤfinn ſchalt ihn nicht,— vielleicht weil ſie nicht die Zeit dazu hatte, denn Crevecoeur und Crawford, die durch eine Oeſſnung den Zwieſprach angeſehen, wenn auch nicht angehoͤrt hatten, traten haſtig ins Zimmer,— der erſtere in heftigem Zorn, der letztere lachend und den Grafen zuruͤckhaltend. „Geht auf Euer Zimmer, junges Daͤmchen!— auf Euer Zimmer!“ rief Crevecoeur Iſabellen zu, die, den Schleier ſenkend, ſich eiligſt entfernte.„Ihr verdientet, bei Waſſer und Brod in eine Zelle eingeſperrt zu werden. — Und Ihr, ſchoͤner Herr, der Ihr ſo unverſchaͤmt ſeyd; es wird eine Zeit kommen, wo das Intereſſe der Koͤnige und ihrer Reiche mit Leuten, wie Ihr ſeyd, nichts gemein haben wird; dann wird man Euch lehren, welche Zuͤchti⸗ gung ein Bettler verdient„der ſich unterfaͤngt, die Augen zu erheben—“. „Ruhig, ruhig, Ihr habt ſchon genug geſagt;— kein Wort mehr!“ rief der alte Lord;—„und Ihr, Quentin, ich befehle Euch, zu ſchweigen und in Eure Wohnung zu gehen.— Und Ihr, Herr Graf von Crepecoeur, habt keine Veranlaſſung zu ſo verachtungsvollen Aeußerungen. Quentin Durward iſt ein eben ſo guter Edelmann, als der Koͤnig; nur iſt er, wie die Spanier ſagen, nicht ſo reich. Er iſt von eben ſo gutem Adel, als ich, und ich bin der Aelteſte meines Namens; alſo duͤrft Ihr gegen uns nicht von Zuͤchtigungen ſprechen.“ „Mylord! Mylord!“ rief Crevecoeur ungeduldig,„der Uebermuth dieſer fremden Lohntruppen iſt zum Sprich⸗ wort geworden, und ſollte von Euch, ihrem Anfuͤhrer, ge⸗ baͤndigt, und nicht aufgemuntert werden.“ „Herr Graf,“ verſetzte Erawford,„funfzig Jahre lang füͤhre ich jetzt mein Commando, ohne weder von Franzo⸗ ſen noch Burgundern Rath zu beduͤrfen, und werde ihn, mit Eurem Wohlnehmen, ſo lange ich meinen Dienſt ver⸗ walte, niemals noͤthig haben.“ „Wohl, wohl, Mylord,“ entgegnete Erevec eur;„ich wollte Euch nicht beleidigen; Euer Rang und Alter ent⸗ ſchuldigen Eure Reizbarkeit; und was dieſe jungen Leute anbetrifſt, ſo will ich das Vergangene vergeſſen, da ich entſchloſſen bin, dafuͤr zu ſorgen, daß ſie ſich niemals wiederſehen.“ „Setzt nicht Euer Seelenheil darauf zum Pfande,“ fiel der alte Lord lachend ein;„Berge, ſagt man, koͤnnen ſich treſſen, und warum denn nicht ſterbliche, mit Beinen ver⸗ ſehene Geſchoͤpfe, die Leben und Liebe haben, dieſe Beine in Bewegung zu ſetzen? Jener Kuß war ſehr zaͤrtlich, Crevecoeur, und, wie mich duͤnkt, bedeutungsvoll.“ „Ihr wollt meine Geduld noch einmal auf die Probe ſetzen,“ ſprach Crevecveur; naber ich win Euch keinen Vortheil uͤber mich einraͤumen. Hoͤrt! Die Glocke ruft uns aufs Schloß; in eine furchtbare Verſammlung, deren Ausgang nur Gott allein wiſſen kann.“ 3 „Soviel kann ich Euch von dem Ausgange vorher ſa⸗ gen,“ erwiederte der alte ſchottiſche Lord,„daß der Koͤnig, wenn man gewaltthaͤtig gegen ihn verfäͤhrt, weder allein noch ungeraͤcht fallen wird, ſo gering auch die Zahl der ihn umgebenden Freunde, und ſo groß die ſeiner Feinde iſt. Wie ſehr beklage ich, daß ſein beſtimmter Befehl mir verboten hat, fuͤr einen ſolchen Ausgang vorbereitende Maßregeln zu treſſen.“— 3 „Mylord Crawford,“ ſprach der Graf,„fein ſolches D. III. 12 Uebel vorauszuſehen, iſt das ſicherſte Mittel, es herbeizu⸗ füͤhren. Gehorcht den Befehlen Eures koͤniglichen Gebie⸗ ters, und gebt nicht durch voreilige Reizbarkeit einen Vor⸗ wand zu Gewaltthaten; und Ihr werdet ſehen, daß dieſer Tag friedlicher voruͤbergehen wird, als Ihr jetzt ahnet.“ Neuntes Kapitel. Die Unterſuchung. „Weit beſſer waͤr's, mein Herz fuͤhlt' Eure Liebe, Als daß mein Auge Eure Hoflichkeit Mißfaͤllig wahrnimmt.— Nun, erhebt Euch, Vetter! Denn, knie't Ihr gleich, ſo hat doch Euer Sinn Sich ſchon zu hoch erhoben.“—— Koͤnig Richard II. Beim erſten Schall der Glocke, welche die vornehmſten Mitglieder des burgundiſchen Adels, nebſt den wenigen Pairs von Frankreich, die dieſer Verſammlung beiwohnen ſollten, zum Staatsrath berief, betrat Herzog Carl, be⸗ gleitet von einem Theile ſeiner mit Partiſanen und Streit⸗ aͤxten bewaſſneten Leibwache, die Halle des Herbertsthurms im Schloſſe von Peronne. Koͤnig Ludwig, der dieſen Be⸗ ſuch erwartet hatte, erhob ſich, ging dem Herzoge zwei Schritte entgegen und blieb dann mit einem wuͤrdevollen Anſtande ſtehen, den er, trotz ſeines unſcheinbaren Anzu⸗ ges und ſeiner gewoͤhnlich faſt zu anſpruchloſen Manieren, ſehr wohl anzunehmen wußte, wenn er es noͤthig fand; in der damaligen hochwichtigen Criſe machte ſein ruhiger, — 179 gefaßter Anſtand einen unverkennbaren Eindruck auf ſei⸗ nen Nebenbuhler, der mit raſchen, haſtigen Schritten ins Zimmer getreten war, beim Anblick des Koͤnigs aber eine Haltung annahm, die einem großen, vor ſeinem Ober⸗ lehnsherrn erſcheinenden Vaſallen angemeſſen war. An⸗ ſcheinend hatte der Herzog im Innern den Beſchluß ge⸗ faßt, den Koͤnig wenigſtens Anfangs mit den ſeinem ho⸗ hen Range angemeſſenen Foͤrmlichkeiten zu empfangen; doch koſtete es ihm ſichtlich vielen Zwang, ſeine natuͤrliche Heftigkeit zu zuͤgeln, und kaum vermochte er, ſeinen Un⸗ willen und den ſein Herz verzehrenden Durſt nach Rache zuruͤckzuhalten. Obgleich er ſich daher zwang, in ſeinem Aeußern, und auch einigermaßen in ſeiner Sprache, Hoͤf⸗ lichkeit und Ehrerbietung an den Tag zu legen, ſo wech⸗ ſelte er doch jeden Augenblick die Farbe,— ſeine Stimme war ſtockend, rauh und gebrochen,— ſeine Glieder bebten gleichſam vor Ungeduld uͤber den Zwang, den er ſeinen Bewegungen anthat,— er zog die Augenbrauen zuſam⸗ men, biß ſich bis aufs Blut in die Lippen; kurz alle ſeine Blicke und Geſten zeigten, daß der heftigſte Fuͤrſt, der je⸗ mals lebte, einem ſeiner ſchrecklichſten Anfaͤlle von Wuth zum Raube war. Der Koͤnig gewahrte mit ruhigem, ungetruͤbten Auge dieſen Kampf ſeiner Leidenſchaften; denn wenn gleich Carls Blicke ihm einen Vorſchmack der Bitterkeit des Todes gaben, den er als ein ſterblicher, ſuͤndiger Menſch fuͤhlte, ſo war er gleichwohl entſchloſſen, wie ein vorſichti⸗ ger, geſchickter Steuermann, ſich weder durch Furcht aus der Faſſung bringen zu laſſen, noch auch vom Steuerru⸗ der zu weichen, ſo lange ihm noch einige Hoſſnung blieb, 80 das Schiff zu retten. Als der Herzog ihm mit heiſerer, gebrochener Stimme uͤber ſeinen Mangel an haͤuslichen Bequemlichkeiten etwas ſagte, antwortete er laͤchelnd: er könne ſich nicht beklagen, da er ſchon gefunden habe, daß der Herbertsthurm ein beſſerer Aufenthalt fuͤr ihn, als fuͤr einen ſeiner Vorfahren geweſen ſey. „Alſo erzaͤhlte man auch Euch dieſe Sage?„Ja,— hier ward er getodtet;— aber es geſchah, weil er ſich wei⸗ gerte, die Moͤnchskutte anzulegen und ſein Leben in einem Kloſter zu enden.“ „Er war ein großer Thor,“ erwiederte Ludwig mit an⸗ genommener Sorgloſigkeit;„denn er ſtarb den Tod eines Maͤrthyrers, ohne das Verdienſt, ein Heiliger zu ſeyn.“ „Ich komme,“ ſprach der Herzog,„Ew. Majeſtaͤt zu bitten, einer geheimen Rathsverſammlung beizuwohnen, wo Gegenſtaͤnde von der höͤchſten Wichtigkeit, im Betreff der Wohlfahrt Frankreichs und Burgunds, erdrtert wer⸗ den ſollen. Ihr werdet Euch daher jetzt dahin verfuͤgen, — das heißt, wenn es Euch beliebt—“ „Nun, lieber Vetter,“ erwiederte der Koͤnig,„treibt die Hoͤflichkeit nicht ſo weit, zu bitten, wo Ihr ſo dreiſt befehlen koͤnnt. Laßt uns in den geheimen Rath gehen, weil es Ew. Gnaden ſo beliebt. Unſer Gefolge iſt uns einigermaßen beſchnitten,“ ſetzte er hinzu, mit einem Blick auf die wenigen Perſonen, die ſich bereiteten, ihn zu be⸗ gleiten;„aber Ihr, Vetter, muͤßt fuͤr uns Beide glaͤnzen.“ Unter Vortritt des Oberhaupts der burgundiſchen He⸗ rolde, Toiſon d'Or, verließen die Fuͤrſten den Herberts⸗ thurm und betraten den Schloßhof, der, wie Ludwig be⸗ merkte, von des Herzogs Leibwache und anderm gehar⸗ — 181 niſchten Kriegsvolk in prachtvoller Ruͤſtung und militairi⸗ ſcher Ordnung beſetzt war. Als ſie den Schloßhof durch⸗ ſchritten hatten, traten ſie in den Verſammlungsſaal des geheimen Raths; er lag in einem weit neuern Theile des Gebaͤudes, als der, welchen Ludwig bewohnt hatte, und wenn gleich auch dieſer verfallen war, ſo hatte man ihn doch in der Eile zu einer feierlichen Rathsverſammlung eingerichtet. Zwei Prunkſeſſel waren unter dem naͤmlichen Baldachin aufgeſtellt; der fuͤr den Koͤnig beſtimmte ſtand zwei Stufen hoͤher, als der des Herzogs. Etwa zwanzig Mitglieder des vornehmſten Adels ſaßen nach ihrem Range an jeder Seite der Prunkſeſſel, ſo daß die Verſammlung, als beide Fuͤrſten Platz genommen hatten, unter dem Vor⸗ ſitz der naͤmlichen Perſon, uͤber die ſie gewiſſermaßen zu richten berufen war, und die gleichwohl den oberſten Plad einnahm, ihre Sitzung zu halten ſchien. Vielleicht geſchah' es, um dieſen auffallenden Contraſt und die dadurch vielleicht hervorgebrachten Bedenklichkeiten zu vermeiden, daß Herzog Carl nach einer leichten Ver⸗ beugung gegen den Koͤnig, haſtig die Verſammlung mntt folgenden Worten eroͤſſnete: „Meine guten Vaſallen und Raͤthe! Es iſt Euch nicht unbekannt, welche Zerruͤttungen in unſern Gebieten, ſo⸗ wohl bei unſers Vaters Lebzeiten, als waͤhrend unſerer Regierung, durch Rebellionen der Vaſallen gegen ihre Lehnsherren,— der Unterthanen gegen ihre Fuͤrſton, ſiatt gefunden haben. Noch neuerlich hatten wir den ſtaͤrkſten Beweis der Hohe, zu welcher dieſe Uebel in unſern Tagen geſtiegen ſind, durch die auſtoßige Flucht der Graͤfinn Iſas belle von Croye und ihrer Tante, der Graͤfiun Hameline. Sie fluͤchteten in die Staaten einer fremden Macht, ſag⸗ ten ſich dadurch von ihrer Lehnspflichtigkeit gegen uns los, und zogen ſich die Verwirkung ihrer Lehen zu. Ein an⸗ deres, noch weit beklagenswertheres und durch den frevel⸗ haften, blutigen Mord unſers geliebten Bruders und Bun⸗ desgenoſſen, des Biſchofs von Luͤttich, noch ſchrecklicher ge⸗ wordenes, Beiſpiel liefert uns die Rebellion jener treulo⸗ ſen Stadt, die wir bei ihrem letzten Aufſtande nur mit zu großer Gelindigkeit beſtraft hatten. Wir ſind unterrichtet, daß dieſe traurigen Ereigniſſe nicht bloß der Wandelbar⸗ keit thoͤrichter Weiber und der Verwegenheit eingebildeter Buͤrger, ſondern den Umtrieben einer fremden Macht und der Einmiſchung eines maͤchtigen Nachbars zuzuſchreiben ſind, von welchem, wenn geleiſtete Dienſte in der naͤmli⸗ chen Muͤnze vergelten zu werden verdienen, Burgund nichts als die aufrichtigſte und anhaͤnglichſte Freundſchaft erwartet haben koͤnnte. Wenn dieſe Thatſachen ſich be⸗ wahrheiten„— fuhr der Herzog fort, indem er mit den Zaͤhnen knirſchte und mit den Abſaͤtzen auf den Fußboden ſtampfte,„was ſollte uns, da die Mittel in unſrer Macht ſind, abhalten, Maßregeln zu treſſen, den Lauf dieſer Ue⸗ bel, die uns in jedem Jahre treſſen, an ihrer Hauptquelle wirkſam zu hemmen?“ Der Herzog hatte ſeine Rede mit einiger Ruhe begon⸗ nen; am Schluſſe derſelben erhob er jedoch die Stimme, und den letzteren Satz ſprach er in einem Tone, vor dem alle Raͤthe erzitterten und ſelbſt der Koͤnig auf einen Au⸗ genblick erblaßte. Doch faßte Ludwig augenblicklich neuen Muth und wandte ſich auch ſeinerſeits mit einer Anrede an den verſammelten Staatsrath, in einem Tone, der ſo 1-3 viel Unbefangenheit und Faſſung verrieth, daß der Her⸗ zog, obwohl er zu wuͤnſchen ſchien, ihn zu unterbrechen und dem Laufe ſeiner Rede Einhalt zu thun, ſelbſt fand, daß er, ohne den Anſtand zu verletzen, keine Gelegenheit dazu habe. „Ihr Edlen Frankreichs und Burgunds,“ ſprach er, „Ihr Ritter der Orden vom heiligen Geiſte und vom gol⸗ denen Vließ! Da ein Koͤnig ſeine Sache als Angeklag⸗ ter vertheidigen muß, kann er ſich keine hochherzigern Rich⸗ ter wuͤnſchen, als die Bluͤthe des Adels und die Vorbilder und den Stolz des Ritterthums. Unſer lieber Vetter von Burgund hat die zwiſchen uns obwaltende Streitfrage da⸗ durch, daß er ſich aus Hoflichkeit enthalten hat, ſie in bes ſtimmten Ausdruͤcken darzuſtellen, nur in Dunkel gehuͤllt. Ich, der ich keine Urſache habe, einem ſolchen Zartgefuͤhl zu weichen,— ja, dem es ſeine Lage nicht verſtattet, er⸗ bitte die Erlaubniß, mich deutlicher auszudruͤcken. Uns, ſeinen Oberlehnsherrn, ſeinen Verwandten, ſeinen Bun⸗ desgenoſſen, hat unſer Vetter, bewogen durch ungluͤckliche Umſtaͤnde, die ſeine Beurtheilungskraft taͤuſchten, auf eine gehaͤſſige Weiſe beſchuldiget, ſeine Vaſallen von ihrer Lehnspflicht abwendig gemacht, die Luͤtticher zum Aufruhr angereizt und den geaͤchteten Wilhelm von der Mark zu einer grauſamen, frevelhaften Mordthat angeſtiftet zu ha⸗ ben. Edle Frankreichs und Burgunds, ich koͤnnte mich auf die Umſtaͤnde berufen, in denen ich mich jetzt befinde und die an ſich ſelbſt einer ſolchen Anklage vollkommen widerſprechen; denn ließe es ſich denken, daß ich, ſo lange ich noch ein mit Vernunft begabtes Weſen bin, mich ohne Ruͤckhalt in die Macht des Herzogs von Burgund wuͤrde 184 gegeben haben, wenn ich Verrath gegen ihn im Schilde fuͤhrte, der unfehlbar entdeckt werden, und mich, ſo wie jetzt der Fall iſt, in die Haͤnde eines mit Recht erbitterten Fuͤrſten geben wuͤrde? Die Thorheit eines Menſchen, der ſich ruhig auf eine Mine ſetzen wuͤrde, wenn er die Lunte angezuͤndet haͤtte, welche ihren augenblicklichen Ausbruch verurſachen muß, wuͤrde, im Vergleich mit meinem Be⸗ nehmen, als Weisheit erſcheinen. Ich zweifle nicht, daß unter den Boͤſewichtern, die ſich jenes ſchrecklichen, zu Schoͤnwald begangenen Verbrechens ſchuldig machten, Leute geweſen ſind, die meinen Namen gemißbraucht haben; ſoll ich aber dafuͤr verantwortlich ſeyn?— ich, der ihnen nie das Recht gab, ſich deſſen zu bedienen? Wenn zwei un⸗ bedachtſame Frauenzimmer, unzufrieden aus irgend einem romanhaften Grunde, an meinem Hofe einen Zufluchtsort ſuchten, folgt daraus, daß ſie es auf meinen Antrieb tha⸗ ten?— Man wird bei naͤherer Unterſuchung finden, daß ich, da die Geſetze der Ehre und des Ritterthums mir ver⸗ boten, ſie an den burgundiſchen Hof als Gefangene zuruͤck zu ſenden,— welches ohne Zweifel kein Ritter jener Or⸗ den mir gerathen haben wuͤrde,— dem naͤmlichen Ziele ſo nahe als moͤglich gekommen bin, indem ich ſie in die Haͤn⸗ de des ehrwuͤrdigen Vaters in Gott ablieferte, der nun ein Heiliger im Himmel iſt.“— Hier ſchien Ludwig ſo geruͤhrt, daß er das Tuch an die Augen druͤckte,—„ich ſage, in die Haͤnde eines Mitgliedes meiner eignen Fami⸗ lie, und noch naͤher verbunden mit dem Hauſe Burgund, — eines Mannes, deſſen hohe kirchliche Wuͤrde, und ach! deſſen viele Tugenden ihn ganz eigneten, auf eine Zeitlang der Beſchützer dieſer ungluͤcklichen Wandererinnen und der —,— — .„—— 185 Vermittler zwiſchen ihnen und ihrem Oberlehnsherrn zu ſeyn. Ich ſage daher, daß die einzigen Umſtaͤnde, die in dem uͤbereilten Urtheil unſers Bruders von Burgund uͤber dieſe Angelegenheit einen ſo unwuͤrdigen Verdacht gegen mich hervorgebracht haben, von der Art ſind, daß ſie aus den rechtlichſten und ehrenvollſten Beweggruͤnden hergelei⸗ tet werden können. Ich ſetze hinzu, daß nicht der min⸗ deſte glaubhafte Beweis der ehrenruͤhrigen Beſchuldigun⸗ gen beigebracht werden kann, die meinen Vetter bewogen haben, ſein freundliches Benehmen gegen einen Mann zu ändern, der im vollen Vertrauen auf ſeine Freundſchaft zu ihm eam, und ſeine feſtliche Halle in ein Tribunal,— ſeine wirthuchen Zimmer in ein Gefaͤngniß umzuwandeln.“ „Sire, Sire,“ fiel Carl ein, ſobald der Koͤnig zu ſpre⸗ chen aufhörte,„wenn Ihr Euch in einem Augenblich hier befindet, der ſo unglawlicherweiſe mit der Ausfuͤhrung Eurer Anſchlaͤge zuſammenvaſſt, ſo kann ich dieß nur durch die Vermuthung erklaͤren, daß diejenigen, die ſich ein Geſchaͤft daraus machen, Andere zu bintergehen, ſich manchmal auf eine wunderbare Weiſe ſelbſt täͤuſchen. Der Ingenieur wird zu Zeiten durch das Losbrechen der von zhm ſelbſt gelegten Petarde, getoͤdtet.— Was aber folgen ſoll, mag von dem Ausgange dieſer feierlichen Unterſuchung abhaͤngen.— Man fuͤhre die Graͤfinn Iſabelle von Croye bieher!—“ Iſabelle trat herein; ihr zur Rechten die Graͤfinn von Erevecveur,— von ihrem Gemahl dem jungen Fraͤulein zur Begleiterinn gegeben,— und zur Linken die Alebriſe ſinn des Kloſters der Urſulinerinnen. 4* 28 meine ſchoͤne Prinzeſſinn,“— redete der Herza ſie an. Ihr, die Ihr kaum Athem holen konntet, als Ihr unſere gerechten und vernunftgemaͤßen Befehle zu beant⸗ worten hattet, Ihr konntet Luft genug holen, um einen Lauf zu unternehmen, ſo wie ihn nie eine gejagde Huͤndin wagte.— Was denkt Ihr von den Haͤndeln, die Jyr zwi⸗ ſchen zwei maͤchtigen Fuͤrſten zweier großen Staaten an⸗ geſtiftet habt, die auf dem Punkte waren, ſich wegen Eu⸗ res Kindergeſichts zu bekriegen?“ Die Oeſſentlichkeit dieſer Scene und Carls heftiges Be⸗ nehmen, machte eine ſolche Wirkung auf Iſabellens Ge⸗ müͤth, daß ſie ſich unfaͤhig fuͤhlte, ſich, wie ihre Abſicht war, dem Herzog zu Fuͤßen zu⸗werfen, mit der Beere, ihro Guͤter in Beſitz zu nehmen, und ihr zu erlauben in's Klo⸗ ſter zu gehen. Sie blieb unbeweglich wie ein erſchrocknes Weib, die, von einem Sturm uͤberfaben, den Donner rund umher bruͤllen hoͤrt, und mit jedem Blitzſtrahl dem Todes⸗ ſtreich voll Entſetzen entgeo⸗n ſieht. Die Graͤfinn von Erevecoeur, eben ſo hochyerzig und geiſtvoll, als ſchon und hochgeboren;— dann noch als Matrone hatte ſie ihre Reize bewahrt,— Relt es fuͤr Pflicht, das Wort zu nehmen. „Graͤdigſter Herr,“ ſprach ſie,„meine ſchoͤne Couſine ſteht unter meinem Schutze; ich weiß beſſer als Ew. Gna⸗ den, wie Frauen behandelt werden muͤſſen, und wir wer⸗ den uns ſogleich zuruͤckziehen, wenn Ihr nicht einen Ton und eine Sprache annehmt, die unſerm Geſchlechte und unſerm Range angemeßner ſind.“ 1 H Der Herzog brach in lautes Gelaͤchter aus.„Creve⸗ coeur,“ ſprach er,„Du biſt ein ſo zahmer Ehemann, daß Du Deine Ehehälfte zu einer gebietriſchen Dame gemacht baſt; aber das iſt nicht meine Sache. Einen Seſſel fuͤr — — — ,. 187 die kleine Unſchuld dort! Weit entfernt, feindſelig gegen ſie geſinnt zu ſeyn, bin ich gewillet, ihr neue Gnadenbe⸗ weiſe und Ehrenbezeugungen zu Theil werden zu laſſen.— Setzt Euch Fraͤulein, und erzaͤhlt uns mit Muße, von welchem Daͤmon Ihr beſeſſen waret, als Ihr Euch ent⸗ ſchloſſet, aus der Heimat zu fliehen, und ein irrendes Daͤmchen zu werden?“ 1 Mit vieler Muͤhe und nicht ohne haͤufige Unterbrechun⸗ gen, geſtand Iſabelle, daß ſie, feſt entſchloſſen, in eine vom Herzog von Burgund ihr vorgeſchlagene Vermaͤhlung nicht zu willigen, die Hoſſnung gefaßt habe, den Schutz des franzoͤſiſchen Hofes zu erlangen. „Und des Schutzes des franzoͤſiſchen Monarchen,“ fragte Carl,—„waret Ihr ohne Zweifel im Voraus verſichert?“ „Wenigſtens glaubt' ich es zu ſeyn,“ entgegnete Graͤ⸗ finn Iſabelle,„ſonſt haͤtt' ich einen ſo entſcheidenden Schritt nicht gewagt.“— 3 Hier warf Carl mit unausſprechlich bittern Lachen einen Blick auf den Koͤnig; aber Ludwigs Feſtigkeit blieb uner⸗ ſchuͤttert, ausgenommen, daß ſeine Lippen etwas blaͤſſer wurden wie gewoͤhnlich. „Aber meine Nachrichten uͤder die Geſinnungen Sr. Majeſtaͤt gegen uns,“ fuhr die Graͤfinn nach einer kurzen Pauſe fort,„ruͤhrten faſt einzig und allein von meiner ungluͤcklichen Tante Hameline her, und ihre Meinungen gruͤndeten ſich auf die Verſicherungen und Winke von Leus⸗ ten, die ich in der Folge als die elendeſten Verraͤther und die treuloſeſten Böſewichter von der Welt erkannt habe.“ Dann erzaͤhlte ſie in der Kuͤrze, was ſie ſeitdem von Mar⸗ thons und Hayraddin Maugrabins Verraͤtherei erfahren 188 habe, und ſetzte hinzu: ſie zweifele nicht, daß der aͤlkere Maugrabin, Zamet genannt,— der erſte Urheber ihrer Flucht,— jeder Treuloſigkeit und auch des falſchen Vor⸗ gebens faͤhig geweſen ſey, ſich ohne Ermaͤchtigung fuͤr einen Unterhaͤndler Ludwigs auszugeben. Nach einer Pauſe fuhr ſie in ihrer Erzaͤhlung fort, und fuͤhrte ſie in der Kuͤrze von dem Zeitpunkte, wo ſie mit ihrer Tante das burgundiſche Gebiet verlaſſen hatte, bis zur Erſtuͤrmung des Sohloſſes Schoͤuwald und ihrem Zuſammentreſſen mit dem Grafen CErevecoeur, dem ſie ſich als Gefangene ergeben hatte. Tiefes Schweigen herrſchte im Saale, als ſie ihre kurze und abgeriſſene Erzaͤhlung geendet hatte; und der Herzog don Burgund, ſeine drohenden ſchwarzen Augen auf den Boden heftend, als ſuche er einen Vorwand, um ſich zwang⸗ los ſeinen Zorn zu uberlaſſen, ohne jedoch einen, ihn in ſeinen eignen Augen rechtfertigenden Grund dazu zu fiu⸗ den, nahm endlich wieder das Wort. „Der Maulwurf,“ ſagte er, den Blick wieder erhebend, „graͤbt um deswillen nicht minder gewiß, ſeinen unterir⸗ diſchen Pfad unter unſern Fuͤßen, weil wir, ſo wenig wiy auch ſeine Bewegungen bezweifeln koͤnnen, ihm nicht ge⸗ nau nachzuſpuͤren im Stande ſind; doch möcht' ich vom Koͤnig Ludwig wiſſen, warum er dieſe Damen an ſeinem Hofe behielt, wenn ſie nicht auf ſeine Einladung dahin gekommen waren.“ „Ich behielt ſie nicht an meinem Hofe, lieber Vetter,“ antwortete der König.„Zwar ſah' ich ſie aus Mitleid an einem dritten Ort, in einem Privathauſe, aber ſehr bald nahm ich Gelegenheit ſie unter dem Schutz des ver⸗ 189 ewigten treſſlichen Biſchofs, Eures eignen Verwandten zu bringen, der beſſer als ich oder irgend ein weltlicher Fuͤrſt beurtheilen konnte, wie ſich der, den Fluͤchtlingen gebuͤh⸗ rende Schutz, mit dem Pfilichten vereinigen ließ, die ein. Koͤnig ſeinem Bundesgenoſſen, aus deſſen Staaten ſie ge⸗ flohen waren, ſchuldig iſt. Kuͤhn fordere ich dieſe junge Dame auf, zu erklaͤren, ob ihr und ihrer Begleiterinn eine. herzliche Aufnahme von mir zu Theil ward, oder ob ſie nicht vielmehr von der Art war, daß die Damen bedauer⸗ ten, meinen Hof zum Zufluchtsorte gewaͤhlt zu haben?“ „Dieſe Aufnahme war ſo wenig herzlich,“ antwortete die Graͤfinn,„daß ich zweifelte, ob es moͤglich ſey, daß Se. Majeſtaͤt uns an Ihren Hof eingeladen hätte, wie uns Leute, die ſich fuͤr Eure Agenten ausgeben, verſichert hat⸗ ten; denn waͤren ſie wirklich dazu ermaͤchtigt geweſen, ſo wuͤrde es ſchwer geweſen ſeyn, das Benehmen Ew. Maje⸗ ſtaͤt, mit dem was man von einem Koͤnige, einem Ritter und einem Edelmanne erwarten durfte, zu pereinigen.“ Die junge Graͤfinn warf, als ſie ſo ſprach, einen vor⸗ wurfsvollen Blick auf Ludwig; deſſen Bruſt aber gegen eine ſolche Artillerie gepanzert war. Im Gegentheil ſtreckte er langſam die Hand aus, ſah' im Kreiſe rund umher, und ſchien triumphirend, alle Anweſende zum Zeugniß auf⸗ zufordern, ob nicht die Antwort der Graͤfinn ein unwider⸗ ſprechlicher Beweis ſeiner Schuldloſigkeit ſey. Inzwiſchen ſah' ihn der Herzog mit einem Blicke an, der zu ſagen ſchien, daß er, wenn auch einigermaßen zum Schweigen gebracht, dennoch keinesweges uͤberzeugt ſey. Dann ploͤtzlich zur Graͤfinn ſich wendend, ſagte er mit bar⸗ ſchem Tone: mich duͤnkt ſchoͤnes Fraͤulein, Ihr habt uns 190 in der Erzaͤhlung von Euren Wanderungen nichts von Euren verliebten Abenteuern geſagt. Ei, ei, ſchon erroͤ⸗ thet Ihr! Haben ſich nicht gewiſſe Ritter des Waldes ein⸗ gefunden, die Eure Ruhe auf eine Zeitlang ſtoͤrten? Die⸗ ſer Vorfall iſt uns ſchon zu Ohren gekommen, und wir werden gleich hoͤren, was es damit fuͤr eine Bewandniß hat.— Sagt mir, Koͤnig Ludwig, ſollte es nicht gerathen ſeyn, fuͤr dieſe wandernde trojaniſche Helena, bevor ſie noch mehr Koͤnige gegen einander in Streit bringt, eine paſſende Heirath auszumitteln?“ Wohl wußte der Koͤnig im Voraus, welchen unerfreu⸗ lichen Vorſchlag er jetzt vernehmen werde; doch gab er ſtillſchweigend und mit Ruhe ſeine Zuſtimmung zu Dem, was Carl ſo eben geſagt hatte. Aber Iſabelle, auf's Aeu⸗ ßerſte getrieben, faßte neuen Muth. Sie entwand ſich dem Arm der Graͤfinn Crevecoeur, worauf ſie ſich bis da⸗ hin geſtuͤtzt hatte, trat ſchuͤchtern, aber wuͤrdevoll hervor, und ſprach kniend vor dem Throne des Herzogs: „Edler Herzog von Burgund, mein Oberlehnsherr? Ich erkenne den Fehler den ich beging, als ich ohne Eure huldreiche Erlaubniß Eure Staaten verließ, und unter⸗ werfe mich demuͤthig der Strafe, die es Euch belieben wird, mir zuzuerkennen. Ich ſtelle meine Guͤter und Schloͤſſer zu Eurer Verfuͤgung; und erbitte mir nur die Gnade, daß Ihr aus Achtung fuͤr das Andenken meines Vaters, dem letzten Sproͤßling des Stammes von Croye, ein maͤßiges Einkommen bewilligen wollt, hinreichend zur Aufnahme in ein Kloſter, wo ich mein uͤbriges Leben zu⸗ bringen kann.“ —— ——— —— — —— ——— 191 „Was denkt Ihr, Sire, von der Bitte des jungen Fraͤu⸗ leins?“ ſprach der Herzog zum Koͤnige.. „Ich denke,“ erwiederte Ludwig,„daß es eine demuͤ⸗ thige Bitte iſt, ohne Zweifel eingegeben von jener goͤtt⸗ lichen Gnade, die man weder ablehnen, noch ihr wider⸗ ſtreben ſoll.“— „Wer ſich erniedrigt, der ſoll erhoͤhet werden,“ ſagte Carl.„Erhebt Euch Graͤfinn Iſabelle, wir haben es beſſer mit Euch im Sinne, als Ihr ſelbſt. Wir wollen weder Eure Guͤter einziehen, noch Euren Rang ſchmaͤlern, ſon⸗ dern im Gegentheil, ſollen die erſteren vermehrt, und der letztere ſoll bedeutend erhoͤhet werden.“ „Ach gnaͤdigſter Herr,“ entgegnete die Graͤfinn, immer noch knieend;„eben dieſe wohlgemeinte Guͤte, fuͤrchte ich noch mehr, als Ew. Gnaden Mißfallen, da ſie mich no⸗ thigt.—“ „Bei Sanct Goͤrgen von Burgund,“ ſprach Herzog Carl,„wird denn jeden Augenblick unſerer Willensmei⸗ nung widerſprochen, und unſer Befehl beſtritten? Steht auf, ſag' ich, Zieraͤſſchen, und tretet fuͤr jetzt ab. Wenn wir Zeit haben an Euch zu denken, ſo wollen wir ſchon andere Maßregeln treſſen, daß Ihr gehorchen ſollt, oder, Teste Saint Gris! man wird aus einem andern Tone mit Euch reden.“ Ungeachtet dieſer rauhen Antwort, blieb Iſabelle zu ſeinen Fuͤßen, und wuͤrde ihn wahrſcheinlich durch ihre Beharrlichkeit noch mehr aufgebracht haben, haͤtte nicht die Graͤfinn Crevecoeur, welche des Prinzen Laune beſſer kannte, ihre junge Freundinn erhoben, und aus der Halle gefuͤhrt. Jetzt ließ man Quentin Durward vortreten; er erſchien vor dem Koͤnig und dem Herzog mit jener zwangloſen Haltung, eben ſo weit entfernt von Blödigkeit, als von Anmaßung, ſo wie ſie einem Juͤngling von edler Geburt und guter Erziehung wohl anſteht, der Ehre giebt, wem Ehre gebuͤhrt, ohne geblendet und verlegen zu werden durch die Gegenwart Derer, denen er Ehrerbietung ſchul⸗ dig iſt. Sein Oheim hatte ihm Mittel verſchaft, ſich wie⸗ der in der Ruͤſtung und Kleidung eines Bogenſchuͤtzen von der ſchottiſchen Leibgarde zu zeigen, und ſeine Geſichtsbil⸗ dung, Miene und Haltung, vollendeten den vortheilhaften Eindruck ſeines ganzen Aeußeren. Auch ſeine große Ju⸗ gend nahm alle Mitglieder der Rathsverſammlung zu ſei⸗ nen Gunſten ein, um ſo mehr, da Niemand glauben konnte, der ſcharfſichtige Ludwig wuͤrde einen ſo jungen Mann zum Vertrauten einer politiſchen Intrigue gewaͤhlt haben; ſo genoß der Koͤnig hier, wie in mehrern andern Faͤllen, großer Vortheile durch die ſeltſame Wahl ſeiner Agenten, die er oft in einem Lebensalter und in Staͤnden waͤhlte, wo man ſie nicht geſucht haben ſollte. Nach der von Ludwig bekraͤftigten Ausforderung des Herzogs, begann Quentin die Erzaͤhlung ſeiner Reiſe mit den Graͤfinnen von Croye bis in die Naͤhe von Luͤttich, nachdem er den Inhalt der Inſtructionen des Koͤnigs vor⸗ angeſchickt hatte, wodurch er beauftragt ward, die Damen in Sicherheit bis in den Pallaſt des Biſchofs zu geleiten. „Und Ihr habt meine Befehle treulich ausgefuͤhrt?“ fragte der Koͤnig. „Das hab' ich, Sire,“ erwiederte der Schotte. 493. „Ihr uͤbergeht einen Umſtand,“ ſprach der Herzog. „Ihr wurdet im Walde von zwei irrenden Rittern ange⸗ griſſen?“ „Es geziemt mir weder mich dieſes Vorfals zu erin⸗ nern, noch ihn zu erwaͤhnen,“ entgegnete der Juͤngling, beſcheiden erroͤthend. „Aber mir geziemt es nicht, ihn zu vergeſſen,“ fiel der Herzog von Orleans ein;„dieſer junge Mann entledigte ſich mannhaft ſeines Auftrages, und that ſeine Pflicht auf eine Weiſe, der ich mich lange erinnern werde.— Sobald dieſe Angelegenheit geendigt iſt, komm in mein Zimmer junger Bogenſchuͤtz, und Du ſollſt ſehen, daß ich Dein tapferes Benehmen nicht vergaß. Ich freue mich, daß Deine Beſcheidenheit Deinem Muthe gleicht.“ „Komm auch zu mir,“ ſprach Dunois;„ich habe Dir einen Helm zum Geſchenk beſtimmt; denn ich glaube, daß ich Dir einen ſchuldig bin.“ 3 Quentin gruͤßte ehrerbietig, und das Verhoͤr begann aufs neue. Auf des Herzogs Befehl ſtellte er ihm die ſchriftliche Inſtruction zu, die er in Beziehung auf ſeine Reiſe erhalten hatte. „Befolgtet Ihr buchſtaͤblich dieſe Anweiſung, Soldat?“ fragte der Herzog. „Nein, mit Ew. Gnaden Wohlnehmen,“ erwiederte Quentin;„ſie ſchrieb mir vor, wie Ihr aus dem Inhalt erſehen moͤgt, bei Namur uͤber die Maas zu gehen; ſtatt deſſen blieb ich am linken Ufer, welches mir einen kuͤrze⸗ ren und ſichereren Weg nach Luͤttich darbot.“ „Und warum dieſe Abaͤnderung,“ fragte der Heezag. D. III. 13 — ¹94. „Weil mir die Treue meines Wegweiſers verdaͤchtig ward,“ antwortete Quentin. „Nun gieb wohl Achtung auf meine jetzige Frage,“ ſprach der Herzog,„beantworte ſie aufrichtig und fuͤrchte Niemandes Unwillen, wer es auch ſey. Wenn Du aber in Deinen Antworten Winkelzuͤge machſt, ſo laß ich Dich lebendig in Ketten an der Thurmſpitze auf dem Markte haͤngen, wo Du den Tod viele Stunden lang erfahren ſollſt, bevor er kommt, Dich zu erloͤſen.“ Hier folgte ein tiefes Schweigen. Nachdem er endlich dem Juͤngling ſeiner Meinung nach Zeit genug gelaſſen hatte, ſeine Lage zu uͤberdenken, fragte er ihn, wer ſein Wegweiſer geweſen ſey, wer ihm ſolchen verſchaſſt, und warum er Argwohn gegen ihn geſchoͤpft habe? Auf die erſte Frage antwortete Quentin durch Nennung des Zi⸗ geuners, Hayraddin Maugrabin;— auf die zweite: Tri⸗ ſtan l'Hermite habe ihm jenen Wegweiſer zugewieſen, und als Antwort auf die dritte erzaͤhlte er die Vorfaͤlle im Franziskanerkloſter bei Namur, die Verjagung des Zigeu⸗ ners aus dem heiligen Hauſe, und wie er, beargwohnend ſein Benehmen, ihm nachgeſpuͤhrt, und ſeinen Zwieſprach mit einem von Wilhelms von der Mark Lanzknechten an⸗ gehöͤrt habe, wo ein Anſchlag zum Ueberfall der beiden ſeinem Schutze anvertrauten Damen verabredet ſey. „Nun hoͤre weiter,“ ſprach der Herzog,„und erinnere Dich noch einmal, daß Dein Leben von Oeiner Wahrhaf⸗ tigkeit abhaͤngt: erwaͤhnten dieſe Boͤſewichter, daß ſie vom Koͤnige,— ich meine von dieſem Koͤnige Ludwig von Frankreich, ermaͤchtigt waͤren, die Bedeckung zu uͤberfallen und die Damen zu entfuͤhren?“ 3 19⁵ —— „Wenn ſolche ſchaͤndliche Menſchen ſo etwas geſagt haͤtten,“ erwiederte Quentin,„ſo wuͤßte ich nicht, wie ich ihnen haͤtte glauben koͤnnen, da ich die eignen Worte des Koͤnigs den ihrigen entgegen ſetzen konnte.“ Ludwig, der bis dahin mit der geſpanteſten Aufmerk⸗ ſamkeit zugehoͤrt hatte, konnte ſich bei dieſer Antwort Dur⸗ wards nicht enthalten, tief Athem zu holen, als ob er ſich plötzlich von einer großen Laſt erleichtert fuͤhle. Der Her⸗ zog ſchien abermals außer Faſſung gebracht und uͤbellau⸗ nig zu ſeyn; dann begann er aufs neue, Quentin noch naͤher zu befragen, ob er nicht aus dem Zwieſprach dieſer Leute ſo viel verſtanden haͤtte, daß ihre Anſchlaͤge Koͤnig Ludwigs Genehmigung haͤtten? „Ich wiederhole, daß ich nichts hoͤrte, was mich ermaͤch⸗ tigen koͤnnte, dieſe Frage bejahend zu beantworten ver⸗ ſetzte der Juͤngling, der, wenn gleich im Innern uͤberzeugt von des Koͤnigs Mitwiſſenſchaft um Hayraddins Verraͤ⸗ therei, es dennoch mit ſeiner Pflichttreue unvertraͤglich hielt, ſeinen eignen Argwohn zum Gegenſtande ſeiner Aus⸗ ſage zu machen;„und haͤtte ich dergleichen Aeußerungen von ſolchen Menſchen gehöort, ſo ſage ich noch einmal, daß ich ihrem Zeugniſſe, als den eigenhaͤndigen Inſtruktionen des Koͤnigs zuwiderlaufend, nicht den mindeſten Glauben wuͤrde beigemeſſen haben.“ „Du biſt ein treuer Sendling,“ ſprach der Herzog mit hoͤhniſchem Lachen;„und ich wag' es zu behaupten, daß Du durch Befolgung der Inſtructionen des Koͤnigs, ſeine Erwartungen auf eine Weiſe getaͤuſcht haſt, die Dir viel⸗ leicht theuer zu ſtehen gekommen waͤre, wenn nicht die nachherigen Ereigniſſe Deiner blinden Treue den Anſchein einer guten Dienſtleiſtung gegeben haͤtten.“ „Ich verſtehe Euch nicht, gnaͤdigſter Herr,“ verſetzte Quentin;„nur ſo viel weiß ich, daß mein Gebieter, der Koͤnig Ludwig mich ſandte, dieſe Damen zu beſchuͤtzen, und daß ich es ſowohl auf der Reiſe nach Schoͤnwald, als auch in den nachherigen Scenen that. Die Inſtructionen des Koͤnigs waren ehrenvoll, und ich habe ſie ehrenvoll ausgefuͤhrt; waͤren ſie anderer Art geweſen, ſo wuͤrden ſie ſich nicht fuͤr einen Mann meines Namens und meiner 5 Nation geeignet haben.“ „Fiercomme un Ecossois,“ 10) ſprach Carl, 8 der, ſo mißvergnuͤgt er auch uͤber den Inhalt der Antwort Durwards war, nicht ſo ungerecht dachte, ſeine Kuͤhnheit zu tadeln. Aber hoͤre Bogenſchuͤtze, kraft welcher Inſtruc⸗ rionen durchliefſt Du, wie einige ungluͤckliche Fluͤchtlinge von Schoͤnwald uns berichtet haben, ſtolzirend die Straßen Luͤttichs an der Spitze jener Meuterer, die nachher ihren weltlichen Fuͤrſten und geiſtlichen Vater ſo grauſam er⸗ mordeten? Und wie kamſt Du dazu, nachdem der Mord vollbracht war, eine Rede zu halten, worinn Du Dich fuͤr einen Agenten Ludwigs ausgabſt, um Dir ein Anſehn un⸗ ter den Boͤſewichtern zu geben, die ſich ſo eben mit dieſem ſchrecklichen Verbrechen befleckt hatten?“ „Gnaͤdigſter Herr,“ erwiederte Quentin,„es ſind Zeu⸗ gen genug gegenwaͤrtig geweſen, deren Ausſagen beweiſen koͤnnen, daß ich mich in der Stadt Luͤttich keinesweges fuͤr einen franzoͤſiſchen Agenten ausgab, ſondern daß das be⸗ harrliche Geſchrei des Volks, welches mir trotz aller Pro⸗ reſtationen dieſe Eigenſchaft beilegte, alle meine Anſtren⸗ 197 gungen, um es aus den Irrthum zu reißen, nutzlos machte. Dieß erzaͤhlte ich den Hausbeamten des Biſchofs, als ich aus der Stadt entkommen war, und empfahl ihnen Auf⸗ merkſamkeit auf die Sicherheit des Schloſſes, eine War⸗ nung, durch deren Befolgung das Ungluͤck und die Schrecken der folgenden Nacht vermieden ſeyn wuͤrden. Allerdings hat es ſeine Richtigkeit, daß ich im Augenblick der groͤßten Gefahr, den Einfluß, welchen die mir ohne Grund beige⸗ legte Eigenſchaft zur Folge hatte, benutzte, um die Graͤ⸗ finn Iſabelle zu retten, mein Leben zu ſchuͤtzen, und ſo viel ich konnte, die Mordluſt zu zuͤgeln, die ſich bereits in einer ſo ſchrecklichen That an den Tag gelegt hatte. Ich wiederhole es, und will mein Leben fuͤr die Wahrheit mei⸗ ner Behauptung zum Pfande ſetzen, daß ich an die Luͤt⸗ ticher keine Sendung vom Koͤnig von Frankreich hatte, und daß ich endlich, als ich mich dieſer mir faͤlſchlich bei⸗ gelegten Eigenſchaft bediente, einem Manne zu vergleichen war, der in einem Augenblicke dringender Gefahr, einen Schild aufgreift, um ſich zu beſchuͤtzen, ohne erſt zu fra⸗ gen, ob er das Recht hat, ſich die darauf angebrachten Wappenbilder anzueignen.“ „Und hierin handelte mein junger Reiſegefaͤhrte und Gefangener, mit eben ſo viel Muth als Geiſtesgegenwart,“ ſprach Crevecoeur, unfaͤhig, laͤnger das Stillſchweigen zu beobachten;„und daß er es that, kann dem Koͤnig nicht zum Tadel gereichen.“. Ein allgemeines Beifallsgemurmel ließ ſich in der gan⸗ zen Verſammlung vernehmen;— ein erfreulicher Ton in Ludwigs Ohren, doch höoͤchſt widrig in denen des Herzogs; er warf zuͤrnende Blicke umher; und dieſe allgemein aus⸗ geſprochenen Geſinnungen ſeiner vornehmſten Vaſallen und weiſeſten Raͤthe wuͤrden ihn vielleicht nicht gehindert ha⸗ ben, ſich der ganzen Heftigkeit ſeines despotiſchen Charak⸗ ters zu uͤberlaſſen, haͤtte nicht Argenton, der das Unge⸗ witter herankommen ſah, es durch die ploͤtzliche Anmel⸗ dung eines von der Stadt Luͤttich geſendeten Herolds ab⸗ gewandt. „Ein Herold, geſchickt von Webern und Nagelſchmie⸗ den!“ rief der Herzog,—„man laſſe ihn ſogleich herein⸗ treten, bei unſrer lieben Frau, ich will von dieſem Herold etwas Naͤheres uͤber die Hofſnungen und Anſchlaͤge, ſeines Abſenders erfragen, als dieſer junge franzöſiſch⸗ſchottiſche Bogenſchuͤtz mir zu eroͤſſnen Luſt zu haben ſcheint!“ Zehntes Kapitel.. 1 Der Herold. Ariel.„Hoͤrſt Du ihr Bruͤllen? 2 Proſpero. Laßt ſie raſch verfolgen!“ Der Sturm. Man machte Platz in der Verſammlung, und die An⸗ weſenden zeigten eine nicht geringe Neugier, den Herold zu ſehen, den die aufruͤhreriſchen Luͤtticher einem ſo ſtolzen Fuͤrſten, wie der Herzog von Burgund, in einem Augen⸗ blick zuſandten, wo er in ſo hohem Grade von Zorn gegen ſie eutbrand war. Denn man muß ſich erinnern, daß in jenen Zeiten nur ſouveraine Fuͤrſten Herolde an einander —— —— abſchickten, und zwar nur bei feierlichen Gelegenheiten; der niedere Adel gebrauchte zu dergleichen Sendungen Ge⸗ wappnete von unterm Range oder Unterherolde. Auch mag im Vorbeigehen bemerkt werden, daß Ludwig XI.— ein beharrlicher Veraͤchter alles deſſen, was nicht wirkliche Macht oder weſentlichen Vortheil verſprach,— insbeſon⸗ dere die Herolde und die Wappenkunſt mit ihrem grellen Farbenabſtich gering ſchaͤtzte; wogegen der Stolz ſeines Nebenbuhler Carl, der eine ganz andere Tendenz hatte, auf dergleichen Foͤrmlichkeiten großes Gewicht legte. Der jetzt vor die beiden Fuͤrſten tretende Herold war gekleidet in einen Waſſenrock, geſtickt mit dem Wappen ſeines Gebieters, auf welchem der Eberkopf ein hervor⸗ ſtechendes Sinnbild war;— hervorſtechender, als nach der Meinung der Sachkundigen die Regeln der Heraldik ver⸗ ſtatteten. Sein uͤbriger Anzug war ſehr bundſcheckig und uͤberladen mit Borden, Stickereien und allerlei Zierathen; ſein Federbuſch war ſo hoch, als ſey er beſtimmt, die Decke des Zimmers damit abzukehren. Kurz, der gewoͤhnliche buntfaͤrbige Glanz der Heroldskleidung war hier durch Ueberladung zur Karrikatur geworden. Es war nicht nur der Eberkopf auf jedem Theile ſeines Anzuges zu ſehen, ſondern ſelbſt ſein Barett hatte die Form eines Eberkopfs, welcher mit blutigen Hauern, oder um in der Kunſtſprache der Heraldik zu xeden,„mit zuͤngelnden, gezahnten Rachen“ dargeſtellt war. In dem Aeußern des Herolds lag eine Miſchung von Kuͤhnheit und Furcht, als fuͤhle er, daß er eine gefahrvolle Sendung uͤbernommen habe, und nur Verwegenheit ihn aus der Sache ziehen koͤnne. Die naͤm⸗ liche Miſchung von Furcht und Unverſchaͤmtheit war in ſeiner Begruͤßungsweiſe bemerkbar; auch zeigte er ein gro⸗ teskes, linkiſches Weſen, welches bei denen, die gewohnt ſind, vor Fuͤrſten zu erſcheinen nicht gewoͤhnlich iſt. „Wer biſt Du ins Teufelsnahmen?“ Mit dieſer Frage begruͤßte Carl der Kuͤhne den ſeltſamen Sendling. „Ich bin Rouge Sanglier,“ 11) antwortete der Herold, „der Wappentraͤger Wilhelms von der Mark, von Gottes Gnaden und durch die Wahl des Capitels, Biſchofs von Luͤttich.“ „Ha,“ fuhr Carb ploͤtzlich auf; doch als unterdruͤcke er ſeinen Zorn, gab er dem Herold ein Zeichen, fortzufahren⸗ „Und kraft der Rechte ſeiner Gemahlinn, der hochge⸗ vornen Graͤfinn Hameline von Croye, Graf von Croye und Herr von Braquemont.“ Der Herzog verſtummte vor Erſtaunen uͤber die Verwegenheit, womit dieſe Titel in ſeiner Gegenwart verkuͤndigt wurden; der Herold, ohne Zweifel waͤhnend, er habe durch die Ankuͤndigung ſeiner Eigenſchaft den gehbrigen Eindruck gemacht, fuhr fort⸗ ſeine Botſchaft auszurichten. Annuncio vohis gaudium magnum. 12)„Ich thue Euch, Carl von Burgund und Graf von Flandern, in meines Herrn Namen kund und zu wiſſen, daß er kraft einer vom heiligen Vater in Rom unverzuͤglich zu erwartenden Dispenſation, und Ernen⸗ nung eines geeigneten Subſtituten ad sacra* ³) Willens iſt, zugleich das Amt als Fuͤrſt Biſchof zu verrichten, und ſeine Rechte als Graf von Eroye zu behaupten.“ Bei dieſer und andern Pauſen in der Rede des He⸗ rolds begnuͤgte der Herzog von Burgund ſich mit einem bloßen Ausruf, ohne irgend etwas zu antworten, als ob er, wiewohl erſtaunt und aufgebracht, gleichwohl Alles au⸗ 201 —— höͤren wolle, was man ihm ſagte, bevor er eine Antwort ertheilte. Zum großen Befremden aller Anweſenden ent⸗ hielt er ſich ſeiner gewoͤhnlichen rauhen und heftigen Ge⸗ verden, und horchte in ſeiner Lieblingsſtellung, den Nagel ſeines Daumens gegen die Zaͤhne gepreßt, und den Blick zu Boden geſenkt, gleichſam um nicht den in ſeinen Au⸗ gen blitzenden Zorn zu verrathen. Der Sendling fuhr daher kuͤhn und furchtlos in der Ausrichtung ſeiner Botſchaft fort:„Ich fordere daher Euch, Herzog Carl, im Namen des Fuͤrſt⸗Biſchofs von Luͤttich hiemit auf, von Euren Anſpruͤchen an die freie kaiſerliche Reichsſtadt Luͤttich und von den Eingriſſen, die Ihe Euch durch Nachſicht des verſtorbenen unwuͤrdigen Biſchofs, Ludwig von Bourbon, in ihre Gerechtſame er⸗ G laubt habt, gaͤnzlich abzuſtehen.“ „Ha!“ rief hier der Herzog nochmals aus. „Auch die Fahnen, ſechs und dreißig an der Zahl, jener freien Stadt zuruͤckzugeben, welche Ihr derſelben gewalt⸗ ſam abgenommen habt;— die in ihre Mauern gemachten Breſchen wieder herzuſtellen, die tyranniſch geſchleiften Fe⸗ ſtungswerke wieder aufzubauen, und meinem Gebieter, Wilhelm von der Mark, als Fuͤrſt⸗Biſchof, rechtmaͤßig er⸗ waͤhlt im freien Domcapiten, wovon Ihr hier das Proto⸗ 3 coll ſehen koͤnnt, anzuerkennen.“ „Habt Ihr geendet?“ fragte der Herzog. „Noch nicht,“ erwiederte der Sendling;„ich habe fer⸗ ner Ew. Gnaden von Seiten des wohlbeſagten, hochwuͤr⸗ digen und durchlauchtigen und hochgebornen Fuͤrſten, Bi⸗ ſchofs und Grafen aufzufordern, daß Ihr ſofort Eure Be⸗ ſatzungen von dem Schloſſe Pracauemont und andern zur s———:————— — ——;————— Grafſchaft Creye gehoͤrigen feſten Plaͤtzen abzichen laßt, moögen ſie im Namen Ew. Durchlaucht, oder im Namen Iſabellens von Croye, oder auch auf Veranlaſſung irgend eines Andern jene Pläͤtze beſetzt haben; indem zuvor vom Reichstage entſchieden werden muß, ob nicht beſagte Lehen der Schweſter des letztverſtorbenen Grafen, meiner gnaͤ⸗ digſten Gebieterinn, der Graͤfinn Hameline, mit Ausſchlie⸗ ßung ſeiner Tochter, kraft emphyteutiſchen Rechts, ge⸗ buͤhren. 14) „Euer Gebieter iſt ſehr gelehrt,“ fiel der Herzog ein. „Gleichwohl,“ fuhr der Herold fort,„iſt der durch⸗ lauchtige, hochwuͤrdige und hochgeborne Fuͤrſt und Graf geneigt, wenn alle andere Streitigkeiten zwiſchen Burgund und Luͤttich beigelegt ſind, der Graͤfinn Iſabelle eine ihrem Stande gemaͤße Appanage auszuſetzen.“ „Er iſt großmuͤthig und bedachtſam,“ fpraß der Her⸗ zog in dem naͤmlichen Tone. „Nun, bei dem Gewiſſen eines armen Narren,“ ſagte der Prahlhans dem Grafen Crevecoeur ins Ohr,„noͤcht' ich doch lieber in der Haut der elendeſten Kuh ſtecken, die jemals an der Viehſeuche ſtarb, als in dem bemahlten Rocke dieſes Menſchen. Der arme Kerl gleicht einem Be⸗ trunkenen, der einen Krug nach dem andern leert, ohne die zwanzig zu zaͤhlen, die der Wirth hinter ſeinem ver⸗ gitterten Schreibtiſch ankreidet.“ „Habt Ihr nun geendet?“ fragte der Herzog den Herold. „Noch ein Wort,“ verſetzte Rouge Sanglier,„von meinem vorbeſagten durchlauchtigen Herrn in Betreſſ ſei⸗ nes wuͤrdigen und getreuen Alliirten, des allerchriſtlichſten Koͤnigs— 3 — — „Ha!“ rief der Herzog, aufſpringend, und in einem heftigeren Tone als bisher; doch faßte er ſich ſogleich und hörte aufmerkſam zu. 2825 „Welcher allerchriſtlichſter Koͤnig, wie man verſichert, von Euch, Carl von Burgund, ganz gegen Eure Pflicht, als Vaſall der Krone Frankreich, und gegen alle, unter Fuͤrſten beobachtete Treue und Glauben, zwangsweiſe zu⸗ ruͤckgehalten wird. Deshalb befiehlt mein hoher Gebieter Euch durch meinen Mund, ſeinen Bundesgenoſſen, den allerchriſtlichſten Koͤnig, ſofort in Freiheit zu ſetzen, oder die Ausforderung, die ich Euch zu verkuͤndigen beauftragt bin, anzunehmen.“ 2 „Jetzt alſo habt Ihr nichts weiter zu ſagen?“ fragte der Herzog. „Ich habe geendet,“ antwortete der Herold,„und harre Eurer Gnaden Antwort, in der Hoſſnung, ſie werde von der Art ſeyn, daß kein Chriſtenblut vergoſſen wird.“ „Nun, bei Sanct Goͤrgen von Burgund—“ ſprach der Herzog;— bevor er aber fortfahren konnte, erhob ſich Ludwig und nahm das Wort mit ſo vieler Wuͤrde und Majeſtaͤt, daß Carl ihn nicht unterbrechen konnte. „Mit Eurem Wohlnehmen, lieber Vetter von Bur⸗ gund,“ ſagte der Koͤnig;„wir verlangen das erſte Wort, um dieſem unverſchaͤmten Menſchen zu antworten.— Du nichtswuͤrdiger Herold, oder wer Du ſonſt biſt, bringe dem eidbruͤchigen, geaͤchteten Moͤrder, Wilhelm von der Mark, die Botſchaft zuruͤck, daß der Koͤnig von Frankreich unver⸗ zuͤglich vor Luͤttich ſeyn werde, um den frevelhaften Moͤr⸗ der ſeines geliebten Verwandten, Ludwig von Bourbon, zu ſtrafen, und daß er ſich vorgenommen hat, den Wil⸗ — helm von der Mark lebendig in Ketten haͤngen zu laſſen, um ihn fuͤr die Kuͤhnheit zu beſtrafen, ſich des Koͤnigs Bundesgenoſſen genannt und deſſen koͤniglichen Namen ſeinem elenden Sendling in den Mund gelegt zu haben.“ „Und von meiner Seite,“ ſprach Carl,„ſollſt Du Al⸗ les hinzuſetzen, was ein Fuͤrſt einem Moͤrder und Raͤuber ſchicklicherweiſe zu ſagen haben kann.— Nun mach', daß Du fortkommſt!—“ „Doch weile noch, niemals verließ noch ein Herold den Hof von Burgund, ohne fuͤr eine Beſcheerung Dank zu ſagen. Man geißle ihn dis auf die Knochen!“ „Mit Ew. Gnaden Wohlnehmen,“ bemerkten Creve⸗ coeur und Hymbercourt zu gleicher Zeit,„er iſt ein He⸗ rold, und als ſolcher bevorrechtet.“ „Wie koͤnnt Ihr, meine Herren, ſo einfaͤltig ſeyn, zu glauben, daß der Waſſenrock Jemanden zum Herold macht. Ich ſehe, daß die Wappenkunde dieſes Menſchen bloße De⸗ truͤgerei iſt; laßt Toiſon d'Or vortreten und ihn in unſe⸗ rer Gegenwart examiniren.“ Bei dieſen Worten erblaßte der Sendling des Ebers der Ardennen, trotz ſeiner natuͤrlichen Unverſchaͤmtheit, und ungeachtet er ſein Geſicht geſchminkt hatte. Toiſon d'Or, der Oberherold des Herzogs und Wappenkoͤnig in ſeinen Staaten, ſchritt mit dem feierlichen Ernſte eines Mannes herbei, der da weiß, was ſeines Amts iſt, und fragte ſeinen vermeintlichen Amtsgenoſſen, auf welcher hohen Schule er ſeine Berufswiſſenſchaft ſtudirt habe?“ „Ich ward auf der hohen Schule der Heraldik in Re⸗ gensburg zum Wappenkoͤnig gebildet, und erhielt von die⸗ ſer gelehrten Bruͤderſchaft das Diplom als Ehreuhold.“ 205 „Ihr konntet es aus keiner wuͤrdigeren Quelle erhal⸗ ten,“ antwortete Toiſon d'Or mit einer tieferen Verbeu: gung als zuvor;„und wenn ich mir aumaße, mit Euch die Geheimniſſe unſrer erhabenen Wiſſenſchaft, nach dem Befehl meines gnaͤdigſten Herzogs, zu eroͤrtern, ſo geſchieht zes nicht in der Hoſſnung, zu belehren, ſondern belehrt zu werden.“ 8 „Zur Sache!“ rief der Herzog ungeduldig;„fort mit Complimenten, und lege ihm einige Fragen vor, wodurch ſeine Geſchicklichkeit erprobt werden kann.“ „Es waͤre Ungerechtigkeit, einen Schuͤler des hochacht⸗ baren Wappencollegiums zu Regensburg zu fragen, ob er die gewoͤhnlichen Kunſtausdruͤcke der Heraldik verſtaͤnde,“ ſprach Toiſon d'Or;„doch kann ich ohne Beleidigung den rothen Eber fragen, ob er in den geheimeren Kunſtaus⸗ druͤcken der Wiſſenſchaft bewandert iſt, wodurch die Ge⸗ lehrteren unſerer Bruͤderſchaft ſich emblematiſch und ſo zu ſagen parabaliſch unter einander uͤber Dinge verſtaͤndigen, die ſie gegen Andere in der gewoͤhnlichen Sprache aus⸗ druͤcken, welche ſchon in den Eleinentargrundſaͤtzen der Wappenkunde gelehrt wird.““ „Ich verſtehe die eine Gattung der Heraldik eben ſo wohl als die andere,“ antwortete Rouge Sanglier mit dreiſter Stirne;„doch vielleicht bedienen wir uns in Deutſch⸗ land anderer Ausdruͤcke, als Ihr hier in Flandern.“ „Wie koͤnnt Ihr ſo reden?“ rief Toiſon d-⸗Or;„unſre edle Wiſſenſchaft, das Panier des Adels und der Ruhm des Edelmuths, iſt eine und die naͤmliche in allen chriſtli⸗ chen Laͤndern,— ja, ſie wird ſelbſt von den Saracenen und Mauren anerkannt. Ich erſuche Euch daher, mir . -226. an der himmliſchen Weiſe, das heißt nach den Planeten, irgend ein Wappen zu beſchreiben, welches Ihr ſelbſt aus⸗ waͤhlen moͤgt.“ „Macht Ihr ſelbſt eine ſolche Veſchreibung, wenn Ihr es fuͤr gut findet,“ antwortete der rothe Eber;„ich will hier nicht auf Befehl Narrenspoſſen machen, wie ein Aſſe.“ „Zeig' ihm ein Wappen, und laß es ihn nach den Re⸗ geln der Wappenkunſt auf ſeine eigne Weiſe beſchreiben,“ ſprach der Herzog;„wenn es ihm aber nicht gelingt, ſo verſpreche ich ihm, daß ſein Ruͤcken rothe, blaue und ſchwarze Wappenfelder aufzuzeigen haben ſoll.“ „Auf dieſer Pergamentrolle,“ ſprach der burgundiſche Herold, ein Stuͤck Pergament aus der Taſche ziehend, habe ich ein altes Wappen, aus gewiſſen Ruͤckſichten, ſo gut als es meine geringen Talente vermochten, gezeichnet; ich erſuche meinen Amtsgenoſſen, wenn er in der That dem ehrenwerthen Wappencollegium zu Regensburg an⸗ gehoͤrt, mir ſolches mit den gehoͤrigen Kunſtausdruͤcken zu erlaͤutern.“ Der Großprahler, der an dieſer Croͤrterung großes Ver⸗ gnuͤgen zu fiuden ſchien, hatte ſich inzwiſchen zu den bei⸗ den Herolden herangedraͤngt.„Ich will Dir helfen, gu⸗ ter Menſch,“ ſprach er zum rothen Eber, als dieſer troſt⸗ los auf die Pergamentrolle blickte.„Dieß, meine gnaͤdi⸗ gen und hochgeneigten Herren, ſtellt die Katze vor, die nach dem Fenſter der Milchkammer ſchauet.“ Dieſer Einfall erregte ein Gelaͤchter, welches dem ro⸗ then Eber zu ſtatten kam, da es den burgundiſchen He⸗ rold, unwillig uͤber die Mißdeutung ſeiner Zeichnung, zu der Erklaͤrung bewog, es ſey das Wappen, welches Childe⸗ 207 bert, König von Frankreich, annahm, als er den König von Burgund, Gandamar, gefangen genommen hatte; es ſtellt eine Tigerkatze hinter einem Gitter vor, das Sinn⸗ bild des gefangenen Fuͤrſten, oder wie Toiſon d'Or es techniſch beſchrieb,„einen ſchreitenden Tiger im goldnen Felde.“ „Bei meiner Narrenkappe,“ rief der Prahlhaus,„wenn Burgund unter dieſer Katze vorgeſtellt wird, ſo muß es wenigſtens heut zu Tage an der oſſnen Seite des Gitters abgebildet werden.“ „Du haſt Recht,“ ſprach Ludwig lachend, waͤhrend die uͤbrigen Anweſenden und ſelbſt Carl bei dieſem plumpen Scherz verlegen zu ſeyn ſchienen.„Ich bin Dir ein Gold⸗ 8 ſtuͤck dafuͤr ſchuldig, daß Du eine Sache, die wie bittrer Ernſt ausſah, in einen Scherz verwandelt haſt, womit ſie hoſſentlich auch enden wird.“ „Schweig, Prahlhans!“ rief der Herzog;„und Ihr, Toiſon d'Or, ſeyd zu gelehrt, um verſtaͤndlich zu ſeyn; zieht Euch zuruͤck; man laſſe den Schuft vortreten! Hoͤrt, Schurke,„ſprach er mit dem rauheſten Tone,„kennſt Du den Unterſchied zwiſchen Silber und Gold?“ „Um Gotteswillen, gnaͤdigſter Herr, habt Erbarmen! Edler Koͤnig Ludwig, ſprecht fuͤr mich!“ „Sprich fur Dich ſeleſt,“ fiel der Herzog ein,—„mit einem Worte, biſt Du ein Herold, oder nicht?“ „Nur fuͤr den gegenwaͤrtigen Fall,“ erwiederte der Entdeckte.— „Nun, bei Sanct Goͤrgen!“ rief der Herzog, mit ei⸗ nem Seitenblick auf Ludwig;„wir kennen keinen Koͤnig, — keinen Edelmann,— einen ausgenommen, der die edle Wiſſenſchaft, worauf Koͤnigthum und Adel beruhen, ſo haͤtte herabwuͤrdigen moͤgen⸗ mit Ausnahme des Koͤ⸗ nigs, der einen als Herold verkleideten Lakaien an Eduard pon England abſandte.“ „Eine ſolche Kriegsliſt,“ ſprach Ludwig,„ließ ſich nur an einem Hofe rechtfertigen, wo es damals keine Herolde gab, und zu einer Zeit, wo die Sache dringlich war. Ob⸗ wohl aber ſo Etwas bei den ſchwerfaͤlligen, kurzſichtigen Inſulanern paſſiren mochte, ſo mußte man ſo dumm ſeyn, wie ein wilder Eber, um zu glauben, daß ein ſolcher Streich an dem gebildeten burgundiſchen Hofe unentdeckt bleiben wuͤrde.“ 3 „Komme er, woher er wolle,“ entgegnete der Herzog zornig,„er ſoll derb durchgegerbt heimkehren; man ſchleppe ihn auf den Marktplatz, geißele ihn mit Pferdezaͤumen und Hundepeitſchen, bis der Waſſenrock ihm in Fetzen vom Leibe faͤllt! Nun hetzt den rothen Eber tuͤchtig!“ Hier machte er einen Ton, wie bei der Sauhatze; dieſen vernahmen vier bis fuͤnf große Hatzhunde, ſo wie Rubens und Schneiders ſolche vereint in ihren Jagdſtücken mahl⸗ ten, und wohlbekannt mit dieſen Toͤnen des Herzogs, be⸗ gannen ſie zu heulen und zu bellen, als ob wirklich vor ihnen ein Eber aus dem Lager aufgeſcheucht waͤre. „Beim heiligen Kreuze!“ rief Koͤnig Ludwig, ſtre⸗ bend, in die Laune ſeines gefaͤhrlichen Vetters einzutre⸗ ten;„da einmal der Eſel die Haut des Ebers angelegt hat, ſo wollte ich an Eurer Stelle die Hunde auf ihn hetzen, um ihn herauszujagen.“ „Vortreſſlich, vortreſſlich!“ verſetzte der Herzog, mit deſſen Humor dieſer Gedanke in dem Augenblick ganz 6 209 uͤbereinſtimmte,„das ſoll geſchehen; man ſoll die Hunde loskoppeln! Hallo, Talbot, Beaumont!— wir wollen ihn vom Schloßthor bis zum Oſterthore hetzen.“ „Ich hoſſe doch, daß Ew. Gnaden mich wenigſtens wie ein jagdbares Thier behandeln, und mir das Waidrecht verſtatten wird,“ ſprach der vorgebliche Herold, indem er die beſtmoͤgliche Miene zum boͤſen Spiel machte. „Du biſt nur ein Gewuͤrm,“ entgegnete der Herzog, „und haſt kein Recht, die Waidmannsgeſetze in Anſpruch zu nehmen. Doch ſollſt Du einen Vorſprung von hundert und achtzig Fuß 1 5) haben, waͤre es auch nur wegen Dei⸗ ner Unyerſchaͤmtheit ohne Gleichen; kommt, kommt, mei⸗ ne Herren, die Hatze wollen wir mit anſehen.“ Die Geheimerathsſitzung ward auf dieſe Weiſe ploͤtzlich aufgehoben; Jeder eilte, und Niemand ſchneller als die beiden Fuͤrſten, um des von Ludwig angegebenen Zeitver⸗ treibes zu genießen. Der rothe Eber zeigte ſich als trefſliches jagdbares Wildpret; denn befluͤgelt von Schrecken und gehetzt von zehn gewaltigen Hunden, die, angetrieben durch Hoͤrner⸗ ſchall und Jagdruf, ihm auf den Ferſen folgten, eilte er mit Blitzesſchnelle davon; und haͤtte ihn ſein Waffenrock nicht belaͤſtigt,— allerdings die unguͤnſtigſte Kleidung fuͤr einen Wettläͤufer,— ſo waͤre er vielleicht wohlbehalten den Hunden entkommen. Auch wechſelte er mehr als einmal die Richtung ſeines Laufs auf eine ſehr gewandte Weiſe, zum großen Beifall der Zuſchauer. Keiner unter dieſen, ja ſelbſt nicht Carl, fand ſo großes Vergnuͤgen an dieſer Jagdluſt, als König Ludwig, der, zum Theil aus politi⸗ ſchen Ruͤckſichten, und theils aus einem ihm eigenthuͤmli⸗ D. III. 14 chen Wohlgefallen am Anblicke menſchlicher Leiden, wenn ſie irgend eine laͤcherliche Seite darboten, ſo herzlich lachte, daß ihm die Augen uͤbergingen und er im Ausbruch ſei⸗ nes Entzuͤckens den Herzog beim Hermelinmantel faßte, als ob er ſich auf ihn ſtuͤtzen wolle; waͤhrend der Herzog in der Freude ſeines Herzens den Arm um des Koͤnigs Schultern ſchlang, ſo daß ſie ſich ein wechſelſeitiges Ver⸗ trauen und eine Sympathie zeigten, die von den Verhaͤlt⸗ niſſen, worin ſie noch kuͤrzlich zu einander ſtanden, ſehr abwichen. Endlich vermochte den Pſeudo⸗Herold ſeine Schnell⸗ fußigkeit nicht laͤnger vor den Faͤngen ſeiner Verfolger zu retten; ſie packten ihn, warfen ihn zu Boden, und wuͤr⸗ den ihn wahrſcheinlich erwuͤrgt haben, wenn der Herzog nicht gerufen haͤtte:„Halt, halt! Ruft die Hunde zuruͤck! Wenn er gleich nicht gegen die Hunde Stand gehalten hat, ſo iſt er doch ſo gut gelaufen, daß er nicht das Leben laſſen ſoll.“ 3 Mehrere Hofofficianten eilten daher, die Hunde wieder zu koppeln und andere zu verfolgen, die mit den zerfetz⸗ ten Fragmenten des bemalten Waſſenrocks, den der Un⸗ gluͤckliche zur boͤſen Stunde angelegt hatte, dtrihaphirend durch die Straßen liefen. In dieſem Augenblick, und wihrend der Herzog mit dem, was unter ſeinen Augen vorging, noch zu ſehr be⸗ ſchaͤftigt war, um zu bemerken, was hinter ihm geſpro⸗ chen ward, ſchlich Oliver le Dain ſich hinter den Koͤnig und fliſterte ihm ins Ohr:„es iſt der Zigeuner Hayrad⸗ din Maugrabin; es waͤre nicht gut, wenn er mit dem Herzog ſpraͤche.“ 211 „Er muß ſterben,“ antwortete Ludwig in dem naͤmli⸗ chen Tone.„Die Todten plaudern nicht.“ Gleich nachher trat Triſtan l'Hermite, welchem Oliver einen Wink gegeben hatte, vor den Koͤnig und den Her⸗ zog, und ſprach in dem ihm eignen rauhen Tone:„mit Ew. Majeſtaͤt und Ew. Durchlaucht Wohlnehmen muß. ich dieß Wildpret in Anſpruch nehmen. Er iſt mit mei⸗ nem Stempel bezeichnet;— das Wappen der Lilie iſt ihm auf der Schulter eingebrannt, wie Jedermann ſehen kann, er iſt ein beruͤchtigter Boſewicht, hat koͤnigliche Untertha⸗ nen gemordet, Kirchen beraubt, Jungfrauen genothzuͤch⸗ tiget, in dem koͤniglichen Thiergarten gewilddiebt—“ „Genug, genug,“ fiel Herzog Carl ein,„mein koͤnig⸗ licher Vetter kann ihn, aus vielen guten Gruͤnden, als ſein Eigenthum in Anſpruch nehmen. Was will Ew. Majeſtaͤt mit ihm beginnen?“ „Wenn er zu meiner Verfuͤgung geſtellt wird,“ erwie⸗ derte der Koͤnig,„ſo will ich ihm bloß eine Lection in der Heraldik geben laſſen, worin er ſo unwiſſend iſt. Ich werde ihn bloß praktiſch kennen lehren, was ein Kruͤcken⸗ treuz mit einer haͤngenden Schlinge in der Wappenkunſt bedeutet.“ „Doch ſoll er nicht das Kruͤckenkreuz, ſondern das Kreuz ihn tragen,“ rief der Herzog, laut lachend uͤber ſeinen eignen Witz.„Laßt ihn den Doctorgrad unter Eurem Gevatter Triſtan nehmen, er iſt Meiſter in dieſer Wiſſen⸗ ſchaft.“. Ludwig ſtimmte ſo herzlich in des Herzogs Gelaͤchter ein, daß ſein Nebenbuhler ſich nicht enthalten konnte, mit einem freundlichen Blicke zu ihm zu ſagen: 212 3 „O Ludwig, Ludwig, wollte Gott, Du waͤreſt als Mo⸗ narch ein eben ſo treuer Bundesgenoſſe, als Du ein luſti⸗ ger Kumpan biſt! Unwillkuͤhrlich muß ich noch oft an die jovialen Zeiten denken, die wir mit einander verlebten.“ „Ihr koͤnnt ſie wieder zuruͤckbringen, wenn Ihr wollt,“ ſprach Ludwig;„ich will Euch ſo gute Bedingungen be⸗ willigen, als Ihr in meiner jetzigen Lage nur immer von mir verlangen koͤnnt, ohne Euch zur Fabel der Chriſten⸗ heit zu machen; und ich will ihre Erfuͤllung auf der Re⸗ liquie beſchwoͤren, die ich das Gluͤck habe, immer bei mir zu tragen; ſie iſt ein Fragment des wahren Kreuzes.“ Bei dieſen Worten zog er ein kleines goldnes Reli⸗ quienkaͤſtchen hervor, welches er uͤber dem Hemd an einer goldnen Kette um den Hals trug, und nachdem er es an⸗ daͤchtig gekuͤßt hatte, fuhr er fort:„nie ward auf dieſer geheiligtſten unter allen Reliquien ein falſcher Eid ge⸗ ſchworen, der nicht vor Ablauf eines Jahres ſeine Strafe fand.“ „Gleichwohl,“ entgegnete der Herzog,„war es die naͤmliche, auf welcher Ihr mir Freundſchaft ſchwurt, als Ihr Burgund verließet; und bald nachher ſchicktet Ihr den Baſtard von Rubempré ab, mich zu morden oder zu entfuͤhren.“ „Nun, lieber Vetter,“ verſetzte der Koͤnig,„da bringt Ihr ja alle die alten Beſchwerden wieder in Anregung; ich verſichere Euch, daß Ihr in dieſem Punkte im Irrthum waret. Ueberdieß ſchwur ich nicht auf dieſer Reliquie, ſondern auf einem andern Ueberbleibſel des wahren Kreu⸗ zes, welches ich vom Großherrn erhalten, und das ohne 243 Zweifel durch ſeinen langen Aufenthalt unter den Un⸗ glaͤubigen vieles von ſeiner Kraft verloren hatte. Und brach nicht auch innerhalb Jahresfriſt der Krieg des df⸗ fentlichen Wohls 16) aus? Und lagerte nicht ein bur⸗ gundiſches Heer, unterſtuͤtzt von allen großen Lehnstraͤgern Frankreichs, zu Saint Denis? Und ward ich nicht ge⸗ noͤthigt, meinem Bruder die Normandie abzutreten? H, Gott bewahre uns vor Meineid unter ſolcher Buͤrgſchaft, wie dieſe hier!“ „Wohl, Vetter,“ antwortete der Herzog;„ich glaube, es hat Euch zur Lehre gedient, ein andresmal Wort zu balten; und nun noch einmal, ohne Winkelzuͤge und Dop⸗ pelſinn, wollt Ihr Euer Verſprechen halten und mit mir ziehen, um den Moͤrder Wihelm von der Mark und die Luͤtticher zu beſtrafen?“ 3 „Ich will in ganz Frankreich den Heerbann aufbieten laſſen, und mit wehender Oriflamme gegen ſie anruͤcken.“ „Nein, nein,“ rief der Herzog;„das iſt mehr als no⸗ thig iſt, und rathſam ſeyn moͤchte. Die Gegenwart Eurer ſchottiſchen Garde und zweihundert auserleſene Lanzen werden hinreichend zeigen, daß Ihr frei handelt; eine große Armee moͤchte—“ „Mich in der That frei machen, wolltet Ihr ſagen, mein lieber Vetter?“ fragte der Koͤnig;„wohlan denn, Ihr ſelbſt habt die Truppenzahl zu beſtimmen, die mich begleiten ſoll.“ „Und um eine ſchoͤne Urſache des Unheils aus dem Wege zu raͤumen, willigt Ihr ein, daß die Graͤfinn von Croye ſich mit dem Herzog von Orleaus vermaͤhltà“ F 8 — „Schoͤner Vetter, Ihr ſetzt meine Nachgiebigkeit auf eine harte Probe; der Herzog iſt mit meiner Tochter Jo⸗ hanna verlobt. Seyd großmuͤthig, gebt dieſen Punkt auf und ſprechen wir lieber von den Staͤdten an der Somme,“ „Davon wird mein Staatsrath mit Ew. Majeſtaͤt ſpre⸗ chen,“ entgegnete Carl;„mir meinerſeits liegt nicht ſo⸗ wohl Gebietsvermehrung am Herzen, als Genugthuung fuͤr die mir widerfahrnen Unbilden; Ihr habt Euch mit meinen Vaſallen in Umtriebe eingelaſſen und fuͤhltet doch ein ſo großes Bedurfniß, uͤber die Hand einer burgundi⸗ ſchen Pupillinn zu verfuͤgen. Nun denn, ſo vermaͤhlt ſie an ein Mitglied Eurer eignen koͤniglichen Familie, da Ihr Euch doch einmal in die Sache gemiſcht habt;— wo nicht, ſo ſind unſere Conferenzen abgebrochen.“ „Wollt' ich ſagen, ich thaͤt' es bereitwillig,“ ſprach der Koͤnig,„ſo wuͤrde Niemand es mir glauben; urtheilt da⸗ her, lieber Vetter, wie ſehr es mir am Herzen liegt, Euch zu verbinden, wenn ich, wiewohl mit großem Widerſtre⸗ ben, erklaͤre, daß, wenn beide Theile einwilligen und der Papſt Dispenſation ertheilt, meine Wuͤnſche die von Euch vorgeſchlagene Vermaͤhlung nicht hemmen ſollen.“ „Alles Uebrige kann durch unſre Miniſter leicht in Ordnung gebracht werden,“ ſprach der Herzog;„und wir ſind alſo wieder Vettern und Freunde.“ „Danken wir,“ ſprach Ludwig,„dem Himmel, der, die Herzen der Fuͤrſten in ſeiner Hand haltend, ſie gnadenvoll 5 zum Frieden und zur Milde geneigt macht, und das Blut⸗ vergießen vom Menſchengeſchlechte abwendet.— Oliver,“ 215 ſprach er leiſe zu dieſem Guͤnſtling, der immer um ihn her ſchlich, wie ein dienſtbarer Geiſt um einen Zauberer, „hoͤre, ſage Triſtan, daß er ſchnell fortmacht mit dem Zi⸗ geuneryagabunden.“ Eilftes Kapitel. Die Hinrichtung. „Wohl in dem ſchönen gruͤnen Wald„ Waͤhlſt Du Dir ſelbſt den Baum.—— Aus einer alten Ballade. „Gelobt ſey Gott, der uns das Vermoͤgen gab, zu la⸗ chen und Anderen Lachluſt einzufloͤßen, und Schande dem Thoren, der das Amt eines Spaßmachers verachtet. Hier iſt ein Schwank,— und zwar: keiner von den beſten, ob⸗ wohl er zwei Fuͤrſten beluſtiget hat,— dem es beſſer ge⸗ gluͤckt iſt, als tauſend Staatsgruͤnden, einem Kriege zwi⸗ ſchen Frankreich und Burgund vorzubeugen.“ Dieſe Schlußfolge zog der Großprahler, als in Folge der Ausſoͤhnung, deren Einzelnheiten wir im letzten Ka⸗ pitel mittheilten, die burgundiſchen Wachen vom Schloſſe zu Peronne abzogen, die Wohnung des Koͤnigs aus dem verhaͤngnißvollen Herbertsthurme verlegt und, zur großen Freude der Franzoſen und Burgundier, Vertrauen und Freundſchaft, wenigſtens dem aͤußern Anſchein nach, zwi⸗ ſchen dem Herzog Carl und ſeinem Oberlehnsherrn wieder bergeſtellt wurden. Gleichwohl fuͤhlte der letztere, wenn gleich mit formeller Ehrerbietung behandelt, daß er fort⸗ 216 waͤhrend ein Gegenſtand des Argwohns war; doch beſaß. er zu viel Klugheit, um es ſich merken zu laſſen, und ſchien ſich als gaͤnzlich frei zu betrachten. 2 27 1. Waͤhrend aber die Hauptparteien ihre Streitigkeiten in ſo weit ausgeglichen hatten, erprobte, wie dieß haͤufig der Fall iſt, einer von den untergeordneten Agenten ihrer Raͤnke, zu ſeinem großen Schmerz, die Wahrheit der po⸗ litiſchen Maxime, daß die Großen, wenn ſie ſich oft nie⸗ driger Werkzeuge bedienen, ſie ihrem Schickſale uͤberlaſſen, ſobald ſie ihrer nicht mehr beduͤrfen, und dadurch⸗ der buͤr⸗ gerlichen Geſellſchaft Genugthuung leiſten. Dieſes Werkzeug war Hgyraddin Maugrabin, der, von den herzoglichen Beamten dem koͤniglichen Generalprofos ausgeliefert, von dieſem ſeinen beiden getreuen Adjutan⸗ ten, Trois Echelles und Petit André, uͤbergeben ward, mit dem Befehl, ihn ohne Zeitverluſt vom Leben zum Tode zu bringen. Zwiſchen dieſen beiden Ehrenmaͤnnern, deren Einer Allegro, der Andere Penſoroſo ſpielte, und denen einige Gardiſten nebſt einem ganzen Poͤbelhaufen folgté, ſchritt er,— um uns einer neuern Vergleichung zu ber dienen,— wie Garrick zwiſchen dem Trauerſpiel und dem Luſtſpiel, 17) dem nahen Walde zu, wo die Gebieter ſei⸗ nes Schickſals, um ſich die Muͤhe und Weitlaͤuftigkeit der Errichtung eines Galgens zu erſparen, ihn an den erſten dazu paßlichen Baum aufzuknuͤpfen beſchloſſen hatten. Bald fanden ſie eine Eiche, die, wie Petit André ſcherz⸗ haft ſagte, geeignet war, eine ſolche Eichel zu tragen; und als ſie den ungluͤcklichen Verbrecher unter ſicherm Ge⸗ wahrſam auf eine Bank geſetzt hatten, begannen ſie, aus dem Stegreif die noͤthigen Anſtalten zu der Schlußcata⸗ — ſtrophe zu machen. Als in dieſem Moment Hayraddin den Blick auf die umherſtehende Menge warf, begegnete er den Augen Quentin Durwards, der die Zuͤge ſeines treuloſen Wegweiſers in dem entlarvten Betruͤger zu er⸗ kennen geglaubt hatte, und der Menge zum Richtplatz ge⸗ folgt war, um die Identitäͤt der Perſonen zu vergewiſſern. Als die beiden Nachrichter dem Zigeuner anzeigten, daß Alles bereit ſey, erbat Hayraddin ſich mit vieler Ruhe von ihnen eine Gnade⸗. „Du darfſt Alles fordern, mein Sohn, was mit unſrer Aultspſticht vereinbar iſt,“ ſprach Trois Echelles. Das heißt, Alles,“ erwiederte Hayraddin,„nur nicht ⸗ mein Leben.“ Sn 1 G1n , Freilich,“ verſetzte Trols Echelles;„doch da Du ent⸗ ſchloſſen zu ſeyn ſcheinſt, unſerm Beruf Ehre zu machen und mannhaft zu ſterben, ohne Geſichter zu ſchneiden, ſo ſoll es mir nicht darauf ankommen, Dir zehn Minuten. Friſt zu bewilligen, wenn wir gleich Befehl haben, zu eilen. 21. 3 1 2 1 „Gar zu viel Großmuth, entgegnete Hayraddin. „„In der That koͤnnten wir uns Tadel dadurch zuzie⸗ hen,“ ſprach Petit Andre;„aber was thut's. Faſt koͤnnte ich mein Leben laſſen fuͤr einen ſolchen wackern, flinken, muntern Burſchen, der Willens iſt, den letzten Sprung mit Anſtand, wie es einem ehrlichen Kerl gebührt, zu thun.“ „„Wenn Ihr alſo einen Beichtbater verlangt,—“ „Oder,“ fiel ſein ſcherzhafter Gefäͤhrte ein,„eine Pinte Wein— 1 4 rr— 4 Oder ſoll ich Euch einen Pfalmen ſingen,“ fragte die Tragoͤdie— anal und u ————————— „ Oder ein luſtiges Liedchen,“ ſchlug die Comoͤdie vor— „Keins von Beiden, meine guten, lieben, raſchen Freun⸗ de,“ entgegnete der Zigeuner;„ich bitte nur um Erlaub⸗ niß, einige Minuten mit jenem Bogenſchuͤgen bon der ſchottiſchen Garde zu reden.“ Die Nachrichter waren einen Augenblick unſchluͤſſig; als aber Trois Echelles ſich erinnerte, daß Quentin Dur⸗ ward, dem Vernehmen nach, in großer Gunſt beim Koͤs nige ſey, beſchloſſen ſie, den Zwieſprach zu verſtatten. Sie riefen Quentin herbei, der, dem Verurtheilten na⸗ hend, ſich des Mitleids nicht enthalten konnte, wenn er auch ſein Schickſal verdient haben moͤchte. Die Ueber⸗ bleibſel ſeiner Heroldskleidung, zerfetzt durch die Faͤnge der Doggen und durch die Haͤnde der zweibeinigen Ge⸗ ſchoͤpfe, die ihn ihrer Wuth entriſſen hatten, um ihn zum Tode zu fuͤhren, gaben ihm ein eben ſo groteskes als Mit⸗ leid erregendes Anſehen. Noch ſah wan auf ſeinem Ge⸗ ſichte einige Spuren der Schminke und eines falſchen Bar⸗ tes, wodurch er ſich zu entſtellen geſucht hatte, und Tod⸗ tenblaͤſſe bedeckte ſeine Wangen und Lippen; doch ſchien ſein lebhaftes, rund umher blickendes Auge und das Laͤ⸗ cheln ſeines verzerrten Mundes, auf die ſeinen Stamm⸗ genoſſen eigne Weiſe, mit leidentlichem Muthe dem Sods Trotz zu bieten. Schrecken und Mitleid ergriſſen den—— er dem Elenden nahte, und dieſe Empfindungen hielten ohne Zweifel ſeine Schritte zuruͤck, denn Petit André rief ihm zu:„ein Bißchen ſchneller, mein huͤbſcher Bogenſchütze; unſer Kunde kann nicht auf Euch warten, wenn Ihr geht⸗ — 2¹9 8 als ob die Kieſelſteine Eier waͤren und Ihr Euch fuͤrchte⸗ tet, ſie zu zerbrechen.“. „Ich muß insgeheim mit ihm reden,“ ſagte der Ver⸗ urtheilte, mit einer durch Verzweiflung gebrochenen Stimme.⸗ „Das wird ſchwerlich mit unſrer Amtspflicht beſtehen koͤnnen, mein munterer Leiterſpringer,“ entgegnete Petit André; wir wiſſen noch aus fruͤhern Zeiten, daß Ihr ſo ſchluͤpfrig ſeyd, wie ein Aal.“. 7 „Habt Ihr mir nicht Haͤnde und Fuͤße mit Pferdegur⸗ ten gebunden?“ entgegnete der Verbrecher;„Ihr koͤnnt mich rund umher bewachen, nur darf Niemand hoͤren, was ich dem Bogenſchuͤtzen ſage; und der iſt ja im Dienſte„ Eures Koͤnigs.— Und wenn ich Euch nun zehn Gulden gaͤbe?“ „Auf Seelmeſſen verwandt, koͤnnen ſie ſeiner armen Seele Heil bringen,“ ſagte Trois Echelles. „Auf Wein oder Brantwein verwandt, koͤnnen ſie mei⸗ nem armen Koͤrper Erquickung bringen„“ ſprach Petit André;„nun, ſo gieb her, mein kleiner Seiltaͤnzer.“ „Zahlt den Bluthunden ihren Lohn,“ ſprach Hayrad⸗ din zu Darward;„man raubte mir auch den letzten Stuͤ⸗ ver, als ich verhaftet ward; es wird Euch nicht unver⸗ golten bleiben.“ Quentin zahlte den Henkern ihre zehn Gulden, und, als Maͤnner von Wort, zogen ſie ſich weit genug zuruͤck, um nichts hoͤren zu koͤnnen; doch folgten ſie mit den Au⸗ gen jeder Bewegung ihres Schlachtopfers. Als Quentin einen Augenblick erwartet hatte, was der Ungluͤckliche ihm zu ſagen habe, und dieſer noch ſchwieg, ſprach er zu ihm;: „nun, dahin iſt es endlich mit Dir gekommen.“. 2²⁰ „Ja,“ antwortete Hayraddin,„man brauchte weder Sterndeuter noch Phyſiognomiker, noch Handwahrſager zu ſeyn, um zu prophezeihen, daß ich dem Schickſal mei⸗ ner Familie folgen wuͤrde.“ „Und dieß vorzeitige Ende iſt durch eine lange Folge⸗ reihe von Verbrechen und Verrath herbeigefuͤhrt?“ fragte der Schotte. 3 „Nein, beim glaͤnzenden Aldabaran und allen uͤbrigen Geſtirnen!“ antwortete der Zigeuner.„Einzig meine Thorheit hat mich hieher gebracht, weil ich glaubte, die blutduͤrſtige Grauſamkeit eines Franken, koͤnne durch das, was er ſelbſt am heiligſten haͤlt, gezuͤgelt werden. Ein Prieſterornat, ſo glaubte ich, wuͤrde mir keinen beſſeru Schutz gewaͤhren als der Waſſenrock eines Herolds; ſo große Ehrfurcht vor allem Ritterthuͤmlichen ſtellt Ihr zur Schau.“ 3— „Ein entlarvter Betrieger hat kein Recht die Privile⸗ gien erborgter Kleidung in Anſpruch zu nehmen,“ ent⸗. gegnete Durward. „Entlarvt?“ verſetzte der Zigeuner,„mein Geſchwaͤtz war eben ſo viel werth, als das, jenes alten, thoͤrigten Herolds; aber mag's d'rum ſeyn.— Eben ſo gut heut⸗ als morgen.“. „Ihr verſchwendet die Zeit,“ ſagte Quentin,„habt Ihr mir noch etwas zu ſagen, ſo eilt, und tragt dann Sorge fuͤr Eure Seele.“ 5 „Fur meine Seele?“ entgegnete der Zigeuner mit graͤßlichem Lachen.„Glaubt Ihr, daß ein zwanzigjäͤhris⸗ ger Ausſatz in einem Augenblick geheilt werden kann? 221 Wenn ich eine Seele habe, ſo iſt ſie ſeit meinem zehn⸗ ten Jahre, und ſelbſt ſeit meiner fruͤhern Kindheit, in einem ſolchen Zuſtande, daß ich einen ganzen Monat ge⸗ brauchen muͤßte, um mich meiner Verbrechen zu erinnern, und einen zweiten Monat, ſie einem Prieſter zu beichten;— und bewilligte man mir dieſen Zeitraum, ſo iſt fuͤnf ge⸗ gen eins zu wetten, daß ich ihn ganz anders anwenden wuͤrde.“ „ Verſtockter Suͤnder, keine Gotteslaͤſterung!“ ſprach Durward, mit einer Miſchung von Schauder und Mitleid, „ſage mir ſchnell, was Du mir mitzutheilen haſt, dann uͤberlaß' ich Dich Deinem Schickſal.“ „Ich habe eine Dienſtleiſtung von Euch zu erbitten; aber zuvor will ich ſie von Euch erkaufen, denn die Men⸗ ſchen Eures Stammes, geben trotz allen ihren Mildthaͤtig⸗ keitsverſicherungen, Nichts fuͤr Nichts.“ „Staͤndeſt Du nicht an den Pforten der Ewigkeit, ſo wuͤrde ich Dir ſagen: moͤgen Deine Gaben mit Dir ver⸗ gehen! Nenne mir die gewuͤnſchte Dienſtleiſtung und be⸗ halte die Vergeltung; ſie kann mir nicht frommen;— die Dienſte, die Du mir fruͤherhin leiſten wollteſt, ſind mir noch in friſchem Andenken.“ 1 „Dennoch liebte ich Euch, wegen Eurer Handlung an den Ufern des Cher; ich wollte Euch zu einer reichen Frau verhelfen, Ihr truget ihre Schaͤrpe, was mich irre fuͤhrte; auch glaubte ich, daß Hameline mit ihren tragba⸗ ren Schaͤtzen, Euch einen beß'ren Marktpfennig liefern wuͤrde, als jenes andre Kuͤchlein, mit ſeinem alten Huͤ⸗ nerhaus zu Bracquemont, welches Carl in den Klauen hat, und wahrſcheinlich behalten wird.“ — „Verliert nicht die Zeit mit unnuͤtzen Worten, Ungluͤck⸗ richer,“ unterbrach ihn Quentin,„die Maͤnner dort wer⸗ den ungeduldig.“ „Gebt ihnen noch zehn Gulden, um eine neue Friſt von zehn Minuten fuͤr mich zu erlangen,“ verſetzte der Verurtheilte, der, ungeachtet ſeiner Verſtockung, gleich den Meiſten in ſeiner Lage und vielleicht ohne es ſelbſt zu wiſſen, das Verlangen fuͤhlte, den verhaͤngnißvollen Au⸗ genblick zu entfernen;—„ich ſage Euch, es wird Euch großen Vortheil bringen.“ „Nun ſo wendet dann die erkauften Minuten wohl an,“ ſagte Durward, und machte mit leichter Muͤhe einen neuen Handel mit den Leuten des Generalprofos. Nachdem dieß geſchehen war, fuhr Hayraddin fort: „Ja ich verſichere Euch, ich hatte es gut mit Euch im Sinne; Hameline wuͤrde eine lenkſame Gattinn geweſen ſeyn, die gut fuͤr Euch gepaßt haͤtte, Ihr ſeht, daß ſie ſich ſogar in den Eber der Ardennen geſchickt hat, wenn er ihr gleich auf eine aͤußerſt rauhe Manier den Hof machte; ſpielt ſie doch in ſeiner Waldhole die Koͤniginn, als haͤtte ſie ſich ihr Lebelang von Eicheln und Buchmaſt genaͤhrt.“ „Halt ein mit dieſen rohen unzeitigen Spaͤßen,“ fiel Quentin ein,„oder, ich ſage es Dir noch einmal, ich uͤber⸗ laſſe Dich Deinem Schickſal.“ „Ihr habt Recht, ſagte Hayraddin nach einer augen⸗ blicklichen Pauſe,„dei Unvermeidlichen muß man die Stirn bieten!— Wohlan denn, ſo wißt, ich kam in jener verwuͤnſchten Kleidung bieher, in der Hofſnung, eine groſſe Belohnung von Wilhelm von der Mark und eine noch 223 gröͤßere vom Koͤnig Ludwig zu erhalten. Nicht allein um den Herzog die Botſchaft zu beſtellen, von der Ihr viel⸗ leicht gehört habt, ſondern auch um dem Koͤnige ein wich⸗ tiges Geheimniß zu eroͤſſnen.“ „Das war ein furchtbares Wagſtuͤck,“ ſprach Quentin⸗ „So hat es ſich gezeigt,“ autwortete der Zigeuner, „aber ich ward auch darnach bezahlt. Wilhelm von der Mark verſuchte zuvor durch Marthon mit Ludwig in Ver⸗ bindung zu kommen, aber es ſcheint, daß ſie nicht zu ihm gelangen konnte, und ſich deshalb begnuͤgen mußte, dem Sterndeuter alle Vorfaͤlle auf der Reiſe und zu Schoͤn⸗ wald mitzutheilen; aber es iſt ſehr zweifelhaft, ob Ludwig jemals ihre Nachrichten auf andere Weiſe erfaͤhrt, als in der Geſtalt einer Weiſſagung. Aber vernehmt mein Ge⸗ heimniß, welches wichtiger iſt, als Alles was ſie erzaͤhlen konnte. Wilhelm von der Mark hat eine ſtarke zahlreiche Truppenmacht in der Stadt Luͤttich zuſammengezogen, und vermehrt ſie taͤglich mit Huͤlfe der Schaͤtze des alten Prie⸗ ſters. Doch iſt er nicht Willens eine Feldſchlacht gegen die burgundiſche Ritterſchaft zu wagen, und noch weniger eine Belagerung in einer Stadt auszuhalten, deren Fe⸗ ſtungswerke zum Theil zerſtoͤrt ſind. Vernehmt ſeinen Plan: er will den hitzkopfigen Carl ohne Widerſtand die Stadt berennen laſſen, und in der Nacht mit ſeiner gan⸗ zen Truppenmacht, gegen die Belagerer einen Ausfall un⸗ ternehmen. Viele von ſeinen Kriegern ſollen mit franzd⸗ ſiſchen Ruͤſtungen angethan ſeyn, und mit dem Feldge⸗ ſchrei: Frankreich! der heilige Ludwig! und Montjoye Saint Denis! ausruͤcken, als ob ein ſtarker Heerhaufen frauzoͤſiſcher Huͤlfstruppen in der Stadt laͤge; dieß wuͤrde 224 — unfehlbar Verwirrung unter den Burgundern verbreiten; und wenn der König Ludwig mit ſeinen Garden und den Kriegern ſeines Gefolges die Anſtrengungen des Ebers der Ardennen unterſtuͤtzt, ſo zweifelt dieſer nicht an der gaͤnzlichen Niederlage des burgundiſchen Heeres.— Dieß iſt mein Geheimn s, und ich vermache es Euch. Befoͤrdert oder verhindert das Unternehmen,— verkauft meine Mit⸗ theilung dem Koͤnig Ludwig oder dem Herzog Earl; mir gilt es gleich; rettet oder vernichtet wen Ihr wollt; ich meines Theiles beklage nur, daß ich nicht beide Theile gleich einer Mine in die Luft ſprengen und ſie alle ver⸗ nichten kann.—“ „Es iſt in der That ein wichtiges Geheimniß,“ ſprach Quentin, der ſogleich einſah, wie leicht die Nationaleifer⸗ ſucht in einem, theils aus Franzoſen, theils aus Burgun⸗ dern beſtehenden Lager erweckt werden koͤnnte. 1 „Ja das iſt es,“ antwortete Hayraddin,„und nun da Ihr es beſitzt, wuͤnſchtet Ihr eiligſt von dannen zu gehen, und mich zu verlaſſen, ohne mir den Dienſt zu leiſten, den ich Euch in Voraus bezahlte.“ 131 „Sag' mir, was Du verlangſt,“ erwiederte Quentin, „wenn es in meiner Macht ſteht, will ich Dir es gewaͤhren.“ „Nun, das wird nicht ſehr ſchwer ſeyn,“ verſetzte Hay⸗ raddin,„es betriſſt nur meinen armen Klepper, mein Leibroß, das einzige lebende Weſen, das mich vermiſſen koͤnnte.— Eine Meile ſuͤdwaͤrts werdet Ihr ihn bei einer verlaſſenen Koͤhlerhuͤtte weidend finden, pfeift ſo, wie ich es Euch jetzt vormachen will,“ hiebei ließ er ein eigen⸗ thuͤmliches Pfeifen vernehmen,—„und ruft ihn mit dem 1 — —2 Worte Klepperz er wird ſogleich auf Euch zukommen. Hier iſt ſein Zaum, den ich unter meinen Kleidungsſtuͤcken verſteckt hatte;— es iſt ein Gluͤck, daß die Doggen ihn nicht packten, denn er leidet keinen andern. Nehmt den Klepper und ſorgt gut fuͤr ihn; nicht um ſeines Herrn willen, ſondern weil ich den Ausgang eines wichtigen Krieges zu Eurer Verfuͤgung geſtellt habe. Der Klepper wird Euch in der Noth nie im Stiche laſſen;— Nacht und Tag, rauhe und ebne Wege, gutes und ſchlechtes Wet⸗ ter, ein guter Stall oder der winterliche Himmel,— das Alles iſt ihm einerlei. Haͤtte ich nur das Thor von Pe⸗ ronne im Ruͤcken gehabt, und den Ort erreicht, wo ich ihn verließ, ſo wuͤrde ich nicht ſeyn, wo ich jetzt bin.— Nun wollt Ihr fuͤr den Klepper Sorge tragen? „Ich ſchwore Euch, daß ich es will,“ antwortete Quen⸗ tin, geruͤhrt durch dieſen Zug aufrichtiger Anhaͤnglichkeit, in dem Charakter eines ſo verhaͤrteten Menſchen. „Dann lebt wohl!— Doch noch einen Augenblick, ich moͤchte doch nicht gern noch im Sterben die Unhoͤflichkeit begehen, den Auftrag einer Dame unausgefuͤhrt zu laſſen. Dieß Briefchen koͤmmt von der gnaͤdigen und hoͤchſt albex⸗ nen Gemahlinn des wilden Ebers der Ardennen, und iſt an ihre ſchwarzaͤugige Nichte gerichtet. Ich leſe in Euren Blichen, daß ich einen bereitwilligen Boten auserſehen habe.— Und noch ein Wort: Ich vergaß Euch zu ſagen, daß Ihr in meinem Sattelkiſſen eine mit Goldſtuͤcken an⸗ gefuͤllte Boͤrſe finden werdet, um derentwillen ich mein Leben an ein Abenteuer wagte, daß mir ſo hoch zu ſtehen gekommen iſt. Nehmt das Geld⸗ welches Euch hundert⸗ O. III. 15 226 faͤltig die Gulden erſetzen wird, die Ihr dieſen ſelaviſchen Bluthunden gegeben habt. Ich ſetze Euch zu meinen Er⸗ ben ein.“ „Ich werde es zu milden Gaben und zu Meſſen fuͤr das Heil Deiner Seele anwenden,“ verſetzte Quentin. „ zennt mir dieß Wort nicht wieder,“ ſprach Hayrad⸗ din, mit einem ſchrecklichen. Ausdruck ſeiner Geſichtszuͤge; res giebt keine Seele, es kann, es ſoll kein ſolches Ding geben!— Es iſt ein Traum, erſonnen von Prieſterraͤnken!“ „Unglaͤckliches, unendlich ungluͤckliches Weſen! Faſſe beſſere Gedanken!— Laß mich eiligſt nach einen Prieſter ſenden, jene Leute werden Dir noch eine kurze Friſt ge⸗ ſtatten, ich will ſie von ihnen erkaufen,“ rief Quentin aus;„was kannſt Du hoffen, wenn Du in ſolchen Mei⸗ nungen unbußfertig ſtirbſt?“ „In die Elemente aufgeldſt zu werhern,, verſetzte der verſtockte Atheiſt, ſeine gefeſſelten Arme an die Bruſt druͤckend;„meine Hoſſnung, mein Glaube, mein Verlan⸗ gen iſt, daß die geheimnißvolle menſchliche Geſtalt, in die allgemeine Maſſe der Natur verſchmolzen wird, um in euder Geſtalten wieder hergeſtellt zu werden, wodurch ſie taglich diejenigen erſetzt, die taͤglich verſchwinden. Die Waffertheilchen in mir, werden die Stroͤme und Regen⸗ guͤſſe, die Erdtheilchen ihre M Nutter Erde bereichern; die Luftpartikelchen werden im Winde ſpielen, und die Feuer⸗ theilchen Aldabarans und ſeiner glaͤnzenden Nebengeſtirne Glutſtrahlen naͤhren.— In dieſem Glauben habe ich ge⸗ tlebt, und will ich ſterben!— Drum gehe von hinnen und beunruhige mich nicht weiter!— ich habe das letzte Wort C 227 geſprochen, das menſchliche Ohren von mir vernehmen werden!“ Ergriſſen von Schrecken uͤber ſeinen Seelenzuſtand, ſah Quentin Durward dennoch, daß es eine eitle Hofſnung ſeyn wuͤrde, ihn zum Gefuͤhl deſſelben zu erwecken; er ſagte ihm daher Lebewohl, worauf der Verurtheilte bloß mit einem verdrießlichen Kopfnicken antwortete, wie ein in Nachdenken Verſunkener, einen ihm ſioͤrenden Geſell⸗ ſchafter Lebewohl ſagt. Quentin ging in den Wald, und fand leicht den Ort wo der Klepper weilte. Das Thier kam auf ſeinen Ruf, doch anfangs wollte es ſich nicht fangen laſſen, ſondern fuhr ſchnaubend zuruͤck, wenn der Fremde ihn nahte; doch da Quentin mit Pferden umzugehen wußte, und vielleicht auch die Eigenthuͤmlichkeiten dieſes Kleppers, den er auf der mit Hayraddin gemachten Reiſe oft bewunderte, naͤher kennen gelernt hatte, ſo wußte er ſich endlich in den Beſitz des Vermaͤchtniſſes zu ſetzen. Als er nach Peronne zuruͤckkehrte, war der Ziegeuner laͤngſt ſchon dahin gegangen, wo die Eitelkeit ſeines furcht⸗ baren Glaubens ſchließlich erprobt werden ſollte;— eine ſchreckliche Probe, fuͤr einen Menſchen, der weder Reue uͤber das Vergangene noch Furcht vor der Zukunft geaͤu⸗ ßert hatte!— Zwoͤlftes Kapitel. Der Ehrenpreis. „Dem Tapferſten gebuͤhrt der Schoͤnheit Preis!“ Der Pfalzgraf. Als Quentin Durward Peronne erreichte, war der Staatsrath verſammelt, deſſen Beſchluͤſſe ihn weit naͤher angingen, als er vermuthen konnte; denn obwohl er aus Perſonen beſtand, deren Rang ihm nicht die Hofſnung ge⸗ ſtattete, daß ſie irgend ein Intereſſe mit ihm gemein ha⸗ ben koͤnnten, ſo hatte doch jene Verſammlung auf ſein Schickſal den außerordentlichſten Einfluß. Koͤnig Ludwig, der nach dem von Wilhelms Sendling zum Beſten gegebene Zwiſchenſpiel keine Gelegenheit vor⸗ beigelaſſen hatte, die durch jenen Umſtand herbeigefuͤhrte Wiederkehr des Wohlwollens ſeines Vetters zu foͤrdern, war damit beſchaͤftigt geweſen, ſich mit ihm zu verabre⸗ den oder vielmehr ſeine Meinung einzuholen, wie viele, und welche Gattungen von Truppen, er als Huͤlfsvoͤlker des Herzogs von Burgund, zu ihren gemeinſchaftlichen Zuge, gegen Luͤttich gebrauchen ſolle. Er ſah deutlich ein, daß Carl nur ſolche franzoͤſiſche Truppen in ſein Lager zu ziehen wuͤnſchte, die wegen ihrer geringen Anzahl und ihres hohen Ranges weniger zu Huͤlfsvoͤlkern als zu Gei⸗ ßeln dienen koͤnnten; doch folgend dem Rathe Crevecoeurs, gewaͤhrte er bereitwillig Alles was der Herzog vorſchlug, als waͤre es aus dem freien Antriebe ſeines Herzens her⸗ vorgegangen. Der Koͤnig ermangelte jedoch keinesweges, 229 ſich dadurch fuͤr dieſe Gefaͤlligkeit ſchadlos zu halten, daß er ſeiner Rachſucht gegen den Cardinal Balue, deſſen Rath⸗ ſchlaͤge ihn zu einem ſo uͤbermaͤßigen Vertrauen, auf den Herzog von Burgund bewogen hatten, freien Lauf ließ. Triſtan, der den Befehl zum Aufbruch ſeiner Huͤlfstrup⸗ pen uͤberbrachte, hatte auch noch den Auftrag, den Cardi⸗ nal nach dem Schloſſe Loches zu bringen, und ihn dort in einen jener eiſernen Kaͤfichte einzuſperren, welche er ſelbſt erfunden haben ſollte. 3 „Er mag ſeine eigenen Erfindungen verſuchen,“ ſagte der Koͤnig,„er iſt ein Mann der heiligen Kirche, wir wol⸗ len ſein Blut nicht vergießen; aber Pasques Dien, ſein Bißthum, ſoll in den naͤchſten zehn Jahren eine unbe⸗ zwingliche Grenze fuͤr feinen kleinen Umfang erhalten. Und laß die Truppen augenblicklich aufbrechen.“ Vielleicht hofſte Ludwig durch dieſe ſchnelle Bereitwil⸗ ligkeit der unangenehmen Bedingung zu entgehen, an welche der Herzog ihre Verſoͤhnung gebunden hatte. Allein, wenn er dieß hoſſte, verkannte er die Denkungsart ſeines Vetters gaͤnzlich, denn es konnte wohl kein Menſch feſter auf ſeinem Vorſatze beſtehen, als Carl von Burgund, er war gerade am wenigſten geneigt eine Bedingung nachzu⸗ laſſen, die er aus Haß, Rache oder wegen vermeintlichen Unrechts gemacht hatte. Kaum waren die nothigen Boten abgeſandt, um die Truppen herbeizurufen, welche als Huͤlfsvolker wirken ſollten, als Ludwig durch ſeinen Wirth aufgefordert ward, ſeine dfſentliche Einwilligung zu der Vermaͤhlung des Her⸗ zogs von Orleans mit Iſabellen von Eroye zu geben. Mit einem ſchweren Seufzer erfuͤllte der König dies Be⸗ 230 gehren, und fuͤgte ſogleich eine kleine Erdrterung hinzu, gegruͤndet auf die Nothwendigkeit der Wuͤnſche des Her⸗ zogs ſelbſt zu beachten. „Dieſe hat man nicht uͤbergangen,“ ſagte der Herzog von Burgund,„Crevecoeur hat ſich mit Monſeigneur von Orleans berathen, und findet denſelben, ſeltſamer Weiſe ſo unempfindlich gegen die Ehre, eine koͤnigliche Braut heim⸗ zufuͤhren, daß er ſich den Vorſchlag wohl gefallen ließ, die Graͤfinn von Eroye zu heirathen, und zwar als den mil⸗ deſten Vorſchlag der ihm gemacht werden konnte. „Er iſt höchſt unfuͤrſtlich und undankbar,“ ſagte Lud⸗ wig,„aber Alles ſey, wie Ihr wuͤnſcht, mein Vetter, wenn Ihr es mit Zuſtimmung der Partheien ſelbſt zu Stande bringen koͤnnt.“ „Darum ſeyd unbeſorgt,“ ſagte der Herzog, und wenig Minuten nach dem die Sache in Vorſchlag gekommen war, wurden auch der Herzog von Orleans und die Graͤ⸗ finn von Croye, letztere wie bei der vorigen Gelegenheit, von der Graͤfinn von Crevecoeur und der Aebtiſſinn der Urſulinerinnen begleitet, vor die Fuͤrſten geladen, und hier vernahmen ſie aus dem Munde des Herzogs von Burgund, ohne daß Ludwig widerſprach, der ſchweigend und verdruͤß⸗ lich im Gefuͤhl ſeines verminderten Einfluſſes da ſaß, daß ihre Vermaͤhlung durch die Weisheit beider Prinzen be⸗ ſchloſſen ſey, um die immerwaͤhrende Allianz zu beſtaͤti⸗ gen, welche von nun an zwiſchen Frankreich und Burgund Statt finden ſolle.—. Der Herzog von Orleanus konnte nur mit Muͤhe die Freude unterdruͤcken, die er uͤber dieſen Vorſchlag empfand, deren Aeußerung aber in Ludwigs Gegenwart, ihm ſein -L Zartgefuͤhl nicht erlaubte⸗ Die ihm natuͤrliche Achtung vor dieſem Monarchen machte, daß er ſich ſo weit wenig⸗ ſteus beherrſchen konnte, bloß zu erwiedern:„ſeine Pflicht noͤthige ihn, ſein Wohl ganz der Verfuͤgung ſeines Sou⸗ verains unterzuordnen.“ ut. „Lieber Vetter von Orleans,“ ſagte Ludwig mit duͤſterm Eruſte,„da ich einmal bei einer ſo unangenehmen Gele⸗ genheit ſprechen muß, ſo iſt es nothwendig fuͤr mich, Euch zu erinnern, daß meine Anerkennung Eurer Verdienſte mich veranlaßt hat, Euch eine eheliche Verbindung in mei⸗ ner eigenen Familie zu beſtimmen. Weil aber mein Vet⸗ ter von Burgund der Meinung iſt, daß eine andere Ver⸗ fuͤgung uͤber Eure Hand das ſicherſte Pfand der Freund⸗ ſchaft zwiſchen ſeinen Staaten und den meinigen ſey, ſo liebe ich beide zu ſehr, um ihnen nicht meine eigenen Hoſſnungen und Wuͤnſche aufzuopfern.“ Der Herzog von Orleans warf ſich ihm zu Fuͤßen, und kuͤßte— dießmal mit aufrichtiger Zuneigung die Hand, welche der Koͤnig, ihm mit abgewandten Geſichte hinhielt. In der That erblickte er, ſo wie die meiſten Anweſenden in der widerſtrebenden Einwilligung dieſes vollendeten Heuchlers, der eben in dieſer Abſicht ſein Widerſtreben hatte ſichtbar werden laſfen, einen Koͤnig, der ſeinen Lieb⸗ lingsplan aufgiebt, und ſein Vatergefuͤhl der Staatspolitik und dem Intereſſe des Landes aufopfert. Selbſt Burgund wurde geruͤhrt, und Orleaus Herz klopfte vor unwillkuͤhr⸗ licher Freude daruͤber, daß er ſich nun von der Verbindung mit der Prinzeſſinn Johanna befreit ſahe. Haͤtte er gewußt, wie tief der Koͤnig ihn in ſeiner Seele verwuͤnſchte, und welche Gedanken kuͤnftiger Rache ſich in ihm regten, ſo — 232 wuͤrde ſein eigenes Zartgefuͤhl bei dieſer Gelegenheit Bohi nicht ſo ſtark verletzt worden ſeyn. Carl wandte ſich hierauf zu der jungen Graͤfinn, und kuͤndigte ihr die vorgeſchlagene Vermaͤhlung ziemlich derb, als eine Sache an, welche weder Aufſchub noch Zoͤgerung geſtatte, indem er hinzuſetzte, daß dieß eine nur zu guͤn⸗ ſtige Folge ihrer Unbeugſamkeit bei einer fruͤhern Wele⸗ genheit ſey. „Mein Herr Herzog ünd Oberherr,“ ſagte Ffabelle, all ihren Muth zuſammennehmend,„ich werde Ew. Ho⸗ heit Befehle befolgen, und unterwerfe mich ihnen.“ n „Genug! genug!“ ſagte der Herzog, ſie unterbrechend, „wir werden das Uebrige ſchon beſorgen. Ew. Majeſtaͤt,“ fuhr er zu dem Koͤnig Ludwig ſich wendend fort,„haben dieſen Morgen eine Eberjagd gehabt, was ſagt Ihr dazu, einen Wolf bis Nachmittags zu jagen?“ Die junge Graͤfinn erkannte die Nothwendigkeit⸗ der Entſcheidung.„Ew. Gnaden mißverſtehen mich,“ ſagte ſie zwar furchſam, doch laut und entſchieden genug, um des Herzogs Aufmerkſamkeit zu erregen, welche er, ihm be⸗ kannter Gruͤnde wegen, ihr ſonſt gern verweigert haben wuͤrde.„Meine Unterwerfung,“ ſagte ſie,„bezieht ſich bloß auf diejenigen Laͤndereien und Beſitzungen, welche Ew. Gnaden Vorfahren den meinigen verliehen, und die ich dem Hauſe Burgund zuruͤckgebe, wenn mein Oberherr glaubt, mein Ungehorſam in dieſem Punkte amache ꝛnich unwerth, dieſelben forthin zu behalten.“. „Ha, heiliger Georg!“ ſagte der Herzog mit dem Fuße ſtampfend,—„weiß die Thoͤrinn wo ſie iſt? und mit wem ſie ſpricht?“ 5 ☛ —— 23 „Herr,“ verſetzte ſie, ohne den Muth zu verlieren,„ich ſtehe vor meinem Souverain, und ich hoſſe vor einem gerechten. Wenn Ihr mich meiner Beſitzungen heraubt, ſo nehmt Ihr mir Alles wieder, was die Großmuth Eurer Vorfahren verliehen hat, und Ihr zerreißt dann das ein⸗ zige Band, welches uns verknuͤpft. Ihr gabt mir nicht dieſe arme und verfolgte Geſtalt, noch weniger den Geiſt der ſie beſeelt, und dieſe iſt mein Vorſatz dem Himmel zu weihen, in dem Kloſter der Urſulinerinnen unter der Lei⸗ tung der heiligen Mutter Aebtiſſin,//. Die Wuth und das Erſtaunen des Herzogs laͤßt ſich kaum denten. Es glich dem eines Falken, gegen den eine Taube zur Vertheidigung ihre Fluͤgel erheben wollte. „Wird denn die heilige Mutter Euch aufnehmen ohne Mitgift?“ ſagte er mit zorniger Stimme. „Wenn ſie auch Anfangs ihrem Kloſter dieß Unrecht zufügen ſoulte,“ ſagte die Dame Iſabelle,„ſo bin ich doch dverzeugt, daß noch Milde genug unter den edlen Freun⸗ den meines Hauſes herrſcht, um der Walſe von Croye Kinige Unterſtützung angedeihen zu laſſen.⸗ Das iſt falſch!“ ſagte der Herzog,„es iſt ein elender Vorwand, um irgend eine geheime, und unwuͤrdige Lei⸗ denſchaft zu verbergen. Herzog von Orleans! ſie ſoll die Eurige werden, und muͤßte ich ſie mit meinen eigenen Haͤnden zum Altare ſchleppen.“ 4 Die Graͤfinn von Crevecoeur, ein ſtolzes Weib, und voller BVertrauen auf die Verdienſte ihres Gemahls, und deſſen Gunſt beym Herzoge, konnte jetzt nicht laͤnger ſchweigen. „Herr!“ ſagte ſie,„Enre Leidenſchaften reißen Euch zu eiuer ganz unwürdigen Sprache hin. Ueber die Hand eines edelgebornen Whdes⸗ kann Aict mit ewal Ger⸗ fuͤgt werden.“ 3 „uUnd es goziemt ih nicht fuͤrseinen rialichen gar⸗ ſten,“ ſetzte die Aebtiſſinn hinzu,„den Wuͤnſchen einer frommen Seele zu widerſtreben, welche, der Sorgen und Verfolgungen der Welt muͤde, eine Braut des Hicamels zu werden wuͤnſcht.“. 4„Auch kaun mein Vetter von Orleans,“ ſagte Dunols, „mit Ehren keinen Vorſchlag annehmen, gegen den die Dame ſo ſſentlich ihre Abneigung erklaͤrt hat.“ 21 G23 „Wenn es mir erlaubt waͤre,“ ſagte Orleans, auf deſ⸗ ſen leicht entzuͤndbares Herz, Iſabellens Schoͤnheit einen tiefen Eindruck gemacht hatte, neinige Zeit zu verſuchen, meine Anſpruͤche der Graͤfinn in einem guͤnſtigern Licht darzulegen... „Herr,“ ſagte Iſahelle, deren Eniſchlſenheit durch die Ermuthigung, die ſie von Allen um ſich her empfing, einen großen Zuwachs erhielt,—„das wuͤrde doch zu Nichts⸗ fuͤhren, denn ich bin einmal feſt. beſtimmt dieſe Verbin⸗ dung abzulehnen, ob⸗ ſie gleich hoͤher iſt als inein Verdienſt. 7⸗ „Auch habe ich nicht Zeit,“ ſagte der Herzog,„zu war⸗ ten, bis dieſe Grillen mit der naͤchſten Mondsveraͤnderung ſich aͤndern werden.— Monſeigneur von Orleans, ſie ſoll noch in dieſer Stunde lernen, daß Dehagfam ine, Sache der Nothwendigkeit wird.“ 1 „Nur nicht etwa treigetrheget, Sire verſetto der Prinz, der wohl fuͤhlte, daß ek mit einigen Schein von „Ehre, von der hartnaͤckigen Entſchließung des Herzogs für ſich keinen Vortheil ziehen konnte;—„einmal oſſen und 235 beſtimmt abgewieſen zu werden, iſt genug fuͤr einen Sohn Frankreichs. Er kann ſeine Bewerbungen nun nicht wei⸗ ter fortſetzen.“ Der Herzog warf einen wuͤthenden Blick auf Orleaus und einen andern auf Ludwig; und da er in dem Geſichte des Letztern, trotz der Anſtrengung deſſelben, ſeine Gefuͤhle zu unterdruͤcken, einen Ausdruck geheimen Triumphes fand, wurde er beleidigend. 1 „Schreibt,“ ſagte er zu ſeinem Secretair,„unſer Ur⸗ theil der Verwirkung der Lehen und Einkerkerung gegen dieſe ungehorſame und freche Perſon. Sie ſoll ins Zucht⸗ haus, um bei denen zu hauſen, deren Leben ſie zu ihren Nebenbuhlern an Frechheit gemacht hat.“ 3 Hier entſtand ein allgemeines Murren. „Herr Herzog!“ ſagte der Graf von Crevecveur, in⸗ dem er fuͤr die Andern das Wort nahm,—„das muß reiflicher bedacht werden. Wir, Eure treuen Baſallen, koͤnnen eine ſolche Entehrung des Adels und Ritterthums in Burgund nicht dulden. Hat die Graͤfinn unrecht ge⸗ handelt, ſo laßt ſie beſtraft werden, aber nur auf eine ſolche Art, die ſich fuͤr ihren Rang und den unſrigen ge⸗ ziemt, die wir mit ihrem Hauſe durch Blut und Ehe ver⸗ wandt ſind.“ 3 1 8 Der Herzog ſchwieg einen Augenblick und ſahe ſeinem Rathe mit dem Blicke eines Stieres ins Geſicht, der, von dem Hirten abgetrieben von dem Wege, den er gehen will, bei ſich uͤberlegt, ob er ihm folgen, oder auf ſeinen Trei⸗ ber losgehen und ihn in die Luft ſchleudern ſoll.6 Die Klugheit ſiegte indeſſen uͤber die Wuth;— er ſah, daß in ſeinem Rathe eine allgemeine Stimmung herrſchte, 236 und fuͤrchtete die Vortheile, welche Ludwig daraus ziehen moͤchte, wenn er Uneinigkeit unter ſeinen Vaſallen be⸗ merkte;— wahrſcheinlich aber,— denn er war mehr roh und gewaltthaͤtig, als boͤsartig von Natur,— ſchaͤmte er ſich ſeines eigenen entehrenden Vorſchlages. „Ihr habt Recht, Crevecoeur!“ ſagte er;„ich ſprach zu vorſchnell. Ihr Schickſal ſoll nach den Regeln des Rit⸗ terthums entſchieden werden. Ihre Flucht nach Luͤttich hat das Zeichen zu des Biſchofs Ermordung gegeben. Derjenige, der dieſe That am beſten raͤcht und uns das „Haupt des wilden Ebers der Ardennen bringt, ſoll ihre Hand von uns fordern duͤrfen; und wenn ſie dieſe ihm verweigert, ſo koͤnnen wir ihm wenigſtens ihre Lehen zu⸗ ſichern, indem wir es ſeinem Edelmuthe uͤberlaſſen, ihr ſo viel er will, davon zu bewilligen, um ſich in ein Kloſter begeben zu koͤnnen. „Aber,“ ſagte die Graͤfinn,„bedenkt, daß ich die Toch⸗ ter des Grafen Reinold bin, Eures Vaters alten, tapfern, treuen Dieners. Wollt Ihr mich denn als einen Preis fuͤr den beſten Schwerdtfuͤhrer ausſetzen?“ „Eure Ahnfrau,“ ſagte der Herzog,„wurde in einem Turniere gewonnen; um Euch ſoll in einem wirklichen melée gefochten werden. Nur ſo viel gebe ich, um Graf Reinolds willen, nach, der gluͤckliche Preisbewerber muß ein Edelmann ſeyn, von untadelicher Geburt und unbe⸗ flecktem Betragen; aber iſt er dieß, und waͤre er ſonſt der Aermſte, der je die Zunge einer Schnalle durch den Rie⸗ men eines Wehrgehaͤnges zog, er ſoll wenigſtens das Recht haben, um Eure Hand zu werben. Das ſchwore ich bei dem heiligen Georg, bei meiner herzoglichen Krone und 237 —— bei dem Orden, den ich trage. Ha, Meſſires,“ ſetzte er hinzu, ſich zu den anweſenden Edlen wendend,—„dieß iſt, denk' ich, wenigſtens den Regeln des Ritterthums an⸗ gemeſſen.“ Iſabellens Vorſtellungen dagegen wurden durch einen allgemeinen, jubelnden Beifallsruf uͤbertaͤubt, durch den man bloß die Stimme des alten Lord Crawford vernahm, der bedauerte, daß ihn das Gewicht der Jahre hindere, um einen ſo ſchoͤnen Preis zu kaͤmpfen. Dem Herzoge gefiel der allgemeine Beifall, und das Blut in ſeinen Adern begann ſanfter zu fließen, einem angeſchwellten Bache gleich, wenn er wieder in ſeine natuͤrlichen Gren⸗ zen zuruͤckgetreten iſt. „Sollen denn aber wir, denen das Schickſal ſchon Frauen gegeben hat,“ ſagte Erevecveur,„dieſem ſchoͤnen Spiele bloß zuſchauen? Das vertraͤgt ſich nicht mit mei⸗ ner Ehre; denn ich ſelbſt habe ein Geluͤbde gethan, das ich auf Koſten dieſes bezahnten und borſtigen Thieres, des von der Mark, loͤſen muß.“ „Kuͤhn zugeſchlagen, Erevecoeur„“ ſagte der Herzog; „gewinne ſie, und wenn Du ſie nicht ſelbſt behalten kannſt, ſo gieb ſie, wenn Du willſt, dem Grafen Stephan, Dei⸗ nem Neſſen!“ 3 „Großen Dank, Herr!“ ſagte Crevecveur;„ich werde thun, was ich kann in der Schlacht, und ſollte ich ſo gluͤck⸗ lich ſeyn, der erſte zu bleiben, ſo mag Stephan ſeine Be⸗ redtſamkeit gegen die der Aebtiſſinn verſuchen.“ „Ich denke doch,“ ſagte Dunois,„die franzoſiſche Rit⸗ terſchaft wird von dieſem ſchoͤnen Kampfe nicht ausge⸗ ſchloſſen ſeyn.“ 238 „Behuͤte der Himmel, tapferer Dunois,“ verſetzte der Herzog;„waͤre es auch nur, um zu ſehen, wie Ihr das Aeußerſte wagen werdet. Aber,“ ſetzte er hinzu,„wenn man auch nichts dawider haben kann, daß Dame FJſabelle einem Franzoſen ſich permaͤhlt, ſo iſt es doch nothwendig, daß der Graf von Eroye ein burgundiſcher Unterthan werde.“ „Genug, genug!“ ſagte Dunois;„ſo moͤge denn uͤber meinen ſchiefen Balken nie ſich die Krone der Grafen von Croye zeigen;— ich will als Franzos leben und ſterben. Aber, wenn ich auch die Beſitzungen verlieren ſoll, ſo will ich doch mein Schwerdt ziehen fuͤr die Dame.“ Der Benarbte wagte es nicht, laut zu ſprechen in ſol⸗ cher Gegenwart, ſondern murmelte nur fuͤr ſich ſelbſt: „Nun! Saunders Souplejaw, nimm Dich der Deinen anz Du haſt ja immer geſagt, das Gluͤck unſers Hauſes muͤ ſſe durch Heirath gewonnen werden, und nie hatteſt Du eine ſo gute Gelegenbeit, Dein Wort gegen uns zu halten!“. „Niemand denkt an mich!“ ſagte le Glorieuxz„und doch bin ich ſicher, vor Euch Allen den Preis davon zu tragen.“ „Wohl wahr, mein kluger Freund,“ ſagte Ludwig; wenn ein Weib mit im Spiele iſt, dann iſt der groͤßte Narr immer der beguͤnſtigteſte.“ Indeß die Fuͤrſten und ihr Adel ſo uͤber Iſabellens Schickſal ſcherzten, verſuchten es die Aebtiſſinn und die Graͤfinn von Crevecoeur umſonſt, die Arme zu troͤſten, welche ſich mit ihnen aus dem geheimen Rathe entfernt hatte.. 5 Die erſte verſicherte ſie, die heilige Jungfrau wuͤrde 239: üͤber jeden Verſuch zuͤrnen, eine treue Geweihte dem Klo⸗ ſter der beiligen Urſula zu entziehen; indeß die Graͤfinn von Crevecoeur ihr den weltlichen Troſt zuliſpelte, daß kein aͤchter Ritter, den das Gluͤck bei dem vorgeſchlagenen Unternehmen beguͤnſtigen moͤchte, ſich gegen ihre Neigung der Erlaubniß des Herzogs bedienen wuͤrde, und daß viel⸗ leicht der gluͤckliche Bewerber ein ſolcher ſeyn koͤnnte, der vor ihren Augen ſo, viel Gnade finden moͤchte, um ſie mit ihrem Gehorſame zu verſoͤhnen, Die Liebe greift, wie die Verzweiflung, nach einem Strohhalme, und ſo unbeſtimmt auch die Hoſſnung war, welche dieſer Wink erweckte, ſo floſſen doch Iſabellens Thraͤnen milder, ſo lange ſie auf ihn verweilte, 5 unte Dreizehntes Kapitel. Der Ausfall. Der Arme, der das Leben verlaſſen ſoll, Noch immer der Hoſſnung lebt; Und jeder Gram, des das Herz iſt voll, — Die Erwartung von Neuem erhebt. Die Hoſſnung, wie der glimmenden Fackel Licht, Den Pfad Dir erheiternd bekraͤnzt; Und je tiefer das Dunkel der Nacht einbricht, Deſto heller ihr Schimmer erglaͤnzt. Goldſchmidt. Wenige Tage waren vergangen, als Ludwig mit dem Laͤcheln befriedigter Rachgier die Nachricht erhielt, daß ſein Guͤnſtling und Rath, der Cardinal Balue, in dem eiſer⸗ neu Kaͤfig ſeufzte, der ſo gemacht war, daß er ihm kaum erlaubte, in einer andern Stellung, als auf dem Ruͤcken liegend, der Ruhe zu genießen, und hierinnen mußte er, um es im Vorbeigehen zu bemnerben, mnitlekplos faſt zwoͤlf ganzer Jahre verweilen. Die Huͤlfstruppen, welche der Gerzog in Bewegung zu ſetzen befoͤhlen hatte, waren ebenfalls erſchienen, und Lud⸗ wig troͤſte te ſich damit, daß ihre Anzahl hinreichend ſey, ſeine Perſon gegen Gewaltthaͤtigkeit zu ſchuͤtzen, obgleich zu klein, um ſich, wie es ſein Plan geweſen war, mit der großen burgundiſchen Armee im Gefechte zu meſſen. Er ſahe ſich auch nun in der Moͤglichkeit, wenn es die Zeit⸗ umſtaͤnde geſtatten ſollten, ſeinen Plan einer Vermaͤhlung zwiſchen ſeiner Tochter und dem Herzoge von Orleans wie⸗ der anzuknuͤpfen; und ob er gleich das Unwuͤrdige fuͤhlte, das darinnen lag, wenn er mit ſeinen edelſten Pairs un⸗ ter den Fahnen ſeines eigenen Vaſallen dienen ſollte, und zwar gegen ein Volk, deſſen Sache er unterſtuͤtzt hatte, ſo ließ er ſich doch vor der Hand durch dieſe Umſtaͤnde nicht in Verlegenheit ſetzen, in dem Vertrauen, daß die Zukunft ihm ſchon Erſatz dafuͤr bringen werde.—„Der Zufall,“— ſagte er zu ſeinem getreuen Oliver,—„mag wohl zu einem einzelnen gluͤcklichen Wurfenhelfen; allein nur Geduld und Weisheit gewinnen das Spiel zuletzt.“ Mit ſolchen Geſinnungen beſtieg, an einem ſchoͤnen Tage gegen das Ende der Erndte, der Koͤnig ſein Pferd, und gleichguͤltig dagegen, daß er eher ausſahe, wie zu dem Triumphzuge eines Siegers gehoͤrig, als wie ein unab⸗ haͤngiger Herrſcher, umgeben von ſeinen Garden und ſei⸗ nen Rittern, ritt Köͤnig Ludwig aus dem gothiſchen Thore von Peronne, um zu dem burgundiſchen Heere zu ſtoßen, welches zur naͤmlichen Zeit ſeinen Zug gegen Luͤttich begann. Viele der vornehmſten Damen in dem Orte erſchienen in ihrem beſten Anzuge auf den Waͤllen und den Baſtio⸗ nen des Thores, um den Zug tapferer Krieger zu betrach⸗ ten, der ſich zu der Unternehmung in Bewegung ſetzte. Hierher hatte denn die Graͤfinn von Crevecoeur auch die Graͤfinn Iſabelle gebracht. Die Letztere erſchien zwar ſehr ungern; allein es war Carls ausdruͤcklicher Befehl geweſen, daß Diejenige, welche dem Sieger in dem Tur⸗ niere die Palme reichen ſollte, auch von den Rittern geſe⸗ hen wuͤrde, welche in die Schranken zu reiten im Begriff waren. Als ſie ſo unter dem Bogen des Thores hervorkamen, erblickte man manches Faͤhnlein und manchen Schild mit neuen Inſchriften bezeichnet, welche des Traͤgers Entſchluß ausſprachen, ein Mitbewerber um ſo ſchoͤnen Preis zu werden. Hier ſahe man einen nach einem Ziel laufenden Renner, dort einen nach demſelben abgeſchoſſenen Pfeil; ein Ritter trug ein blutendes Herz, zum Zeichen ſeiner Leidenſchaft, ein anderer einen Schaͤdel und einen Lorbeer⸗ kranz, den Entſchluß andeutend, zu ſterben oder zu ſiegen. So ſahe man auch eine Menge anderer, von denen einige ſo verwickelt und dunkel waren, daß ſie auch den ſcharf⸗ ſinnigſten Entziſſerer ermuͤdet haben wuͤrden. Jeder Rit⸗ ter, das laͤßt ſich ſchon vorausſetzen, nahm ſeinen Renner aufs Beſte zuſammen, und ſuchte aufs Zierlichſte im Sat⸗ tel zu ſitzen in dem Augenblicke, wo er vor den ſchoͤnen Frauen und Jungfrauen vorbeiritt, und dieſe belebten ih⸗ ren Muth durch gefaͤlliges Laͤcheln und durch Schwenkung D. III. 16 242 von Tuͤchern und Schleiern. Die Bogenſchuͤtzengarde, ausgewaͤhlt aus der Bluͤthe der ſchottiſchen Nation, ge⸗ wann allgemeinen Beifall wegen des Glaͤnzenden und Ritterlichen in ihrem Aeußern. Unter dieſen Fremden befand ſich ein Einziger, der es wagte, ſeine Bekanntſchaft mit Dame Iſabelle zu verra⸗ then, was ſelbſt von den Edelſten der franzöſiſchen Ritter⸗ ſchaft nicht unternommen worden war. Dieß war naͤm⸗ lich Quentin Durward, der, ſo wie er bei den Damen voruͤber ritt, der Graͤfinn von Croye auf der Spitze ſeiner Lanze den Brief ihrer Tante uͤberreichte. „Nun, bei meiner Ehre!“ ſagte der Graf von Creve⸗ coeur,„das iſt ſehr frech von einem ſo unbedeutenden Abenteurer!“ „Nennt ihn nicht ſo, Crevecoeur!“ ſagte Dunois; „ich habe gute Gruͤnde, ſeine Tapferkeit und Ritterlichkeit zu verbuͤrgen, beſonders in Beziehung auf dieſe Dame.“ „Ihr macht viel Worte um Nichts!“ ſagte Iſabelle, zum Theil vor Scham, zum Theil vor Zorn erroͤthend; „es iſt ein Brief von meiner ungluͤcklichen Tante; ſie ſchreibt ſehr liebevoll, obgleich ihre Lage ſchrecklich ſeyn muß.“ „Laßt uns doch hoͤren, was die Braut des Ebers ſchreibt,“ ſagte Crevecveur. Die Graͤfinn Iſabelle las den Brief, worinnen ihre Tante entſchloſſen ſchien, eine gute Miene zum boͤſen Spiele zu machen, und ſich fuͤr das Unanſtaͤndige ihrer eiligen Vermaͤhlung durch das Gluͤck zu troͤſten, die Ge⸗ mahlinn eines der tapferſten Maͤnner ſeiner Zeit zu ſeyn, der ſo eben durch ſeine Tapferkeit ein Fuͤrſtenthum erwor⸗ 243 ben habe. Sie beſchwor ihre Nichte, ihren Wilhelm, wie ſie ihn nannte, nicht nach den Berichten Anderer zu be⸗ urtheilen, ſondern zu warten, bis ſie ihn perſoͤnlich wuͤrde kennen lernen. Er habe vielleicht ſeine Fehler; allein es waͤren doch nur ſolche, wie ſie bei Charakteren ſich faͤnden, die ſie ſtets verehrt habe. Wilhelm war dem Weine ziem⸗ lich ergeben, allein das war ja auch der tapfere Gottfried, ihr Großvater, geweſen;— er war zuweilen uͤbereilt und blutgierig, allein das war ihr Bruder Reinold, geſegneten Andenkens, auch geweſen;— er war unbeholfen in der Sprache, aber wenige Deutſche waren es nicht;— dabei etwas eigenwillig und durchgreifend, allein alle Maͤnner, glaube ſie, liebten zu herrſchen. Sie fuͤhrte noch Mehre⸗ res in gleicher Abſicht an, und endlich ſchloß ſie mit der Hoſſnung und Bitte, Iſabelle moͤchte durch Huͤlfe Ueber⸗ bringers dieſes Schreibens, dem Tyrannen von Burgund zu entfliehen ſuchen, um bei ihr, der liebenden Verwand⸗ tinn, an dem Hofe zu Luͤttich zu leben, wo die kleinen Mißverſtaͤndniſſe, in Anſehung ihrer gegenſeitigen Erb⸗ folgsrechte auf die Grafſchaft, leicht dadurch beigelegt wer⸗ den koͤnnten, wenn ſie den Carl Eberſon heirathete.— einen Braͤutigam, der zwar juͤnger als ſeine Braut ſey; allein das ſey denn doch, wie ſie(die Dame Hameline) vielleicht aus Erfahrung behaupten koͤnne, eine Ungleich⸗ heit, die viel leichter zu ertragen ſey, als Iſabelle ſich es vorſtellen moͤge. Hier hielt die Graͤfinn Iſabelle inne, da die Aebtiſſinn bemerkte, daß ſie ſchon genug von dergleichen Eitelkeiten der Welt geleſen habe, und der⸗Graf von Crevecoeur in die Worte ausbrach:„Ei, uber die verfuͤhreriſche Hexe! * 244 der Rath riecht ja gerade ſo ranzig, wie der geroſtete Kaͤſe in einer Rattenfalle!— Pfuy! pfui, uͤber die alte Lock⸗ ente!—“ Die Graͤfinn von Crevecoeur tadelte ihren Gemahl we⸗ gen dieſer harten Aeußerungen;—„die Dame Hameline,“ ſagte ſie,„muß von Wilhelm von der Mark durch einen Anſtrich von Artigkeit verfuͤhrt worden ſeyn.“ „Er, und Artigkeit!“ ſagte der Graf;—„von aller ſolcher Verſtellung ſpreche ich ihn frei. Da moͤchtet Ihr eher Artigkeit von einem wirklichen wilden Eber erwarten, oder alte roſtige Eiſenſtaͤbe zu vergolden verſuchen. Nein! nein! ſo dumm ſie ſonſt iſt, ſo iſt ſie doch nicht Gans genug, um in den Fuchs verliebt zu ſeyn, der ſie erſchnappt hat, und noch obendrein in ſeiner Grube ſelbſt. Aber Ihr Weiber ſeyd Euch doch Alle gleich; ſchoͤne Worte verfuͤh⸗ ren Euch, und ich behaupte, meine ſchoͤne Couſine hier kann es kaum erwarten, ihre Tante in dem Narrenpara⸗ dieſe aufzuſuchen und die junge Ebersbrut zu ehelichen.“ „Ich bin von ſolcher Thorheit ſo weit entfernt,“ ver⸗ ſetzte Iſabelle,„daß ich vielmehr doppeltes Verlangen nach Rache an den Moͤrdern des treſſlichen Biſchofs fuͤhle, weil dadurch zu gleicher Zeit meine Tante aus der Gewalt des Elenden befreit wird.“ „Das iſt die rechte Sprache der Croye!“ rief der Graf, und ſo wurde des Briefes nicht weiter gedacht. Allein indem Iſabelle den Brief der Tante ihren Freun⸗ den vorlas, muß bemerkt werden, daß ſie es nicht fuͤr noͤ⸗ thig hielt, auch ein Poſtſcript mit zu leſen, worinnen die Graͤfinn Hameline, nach Weiber Art, uͤber ihre Beſchaͤf⸗ tigungen ſprach und ihrer Nichte meldete, daß ſie fuͤr jetzt 245 ein Uebergewand bei Seite gelegt habe, das ſie fuͤr ihren Gemahl verfertige, und welches das Wappen von Croye und des von der Mark in ehelicher Form darſtelle, weil ihr Wilhelm aus Klugheit beſchloſſen habe, in dem erſten Gefechte Andere in ſeinen Waſſenrock zu kleiden und fuͤr ſich ſelbſt das Wappen von Orleans mit dem ſchiefen Bal⸗ ken,— oder mit andern Worten, das Wappen von Du⸗ nois anzunehmen. Ein kleines Streifchen Papier behielt ſie noch in der andern Hand, deſſen Inhalt ſie gleichfalls nicht mittheilen zu duͤrfen glaubte, da es bloß dieſe Worte enthielt:„Wenn Ihr nicht bald Etwas von mir höͤrt, und zwar durch die Trompete der Fama, ſo glaubt, ich ſey geſtorben, aber nicht unwuͤrdig!“ Ein Gedanke, den ſie bisher als ganz undenkbar ver⸗ worfen hatte, draͤngte ſich jetzt mit doppelter Kuͤhnheit in ihre Seele. Da es den Frauen ſelten an Mitteln fehlt, ſo veranſtaltete ſie es, daß, ehe die Truppen ganz auf dem Marſche waͤren, Quentin Durward von unbekannter Hand das Schreiben der Graͤfinn Hameline erhielte, bezeichnet mit drei Kreuzen dem Poſtſcripte gegenuͤber, worunter dieſe Worte ſtanden:„der, welcher Orleans Wappen nicht fuͤrchtete, als es ſich auf der Bruſt ſeines wahren Beſitzers befand, kann es auch nicht fuͤrchten, wenn er es auf der Bruſt eines Tyrannen und Moͤrders erblickt.“ Der junge Schotte druͤckte dieſe Nachricht tauſend und aber tauſend Male an ſeine Bruſt und kuͤßte ſie; denn ſie fuͤhrte ihn auf den Pfad, wo Ehre und Liebe ihm ihren Lohn ent⸗ gegen hielt, und ſetzte ihn in den Beſitz eines Andern un⸗ bekannten Geheimniſſes, wodurch er den erkennen konnte, deſſen Tod allein ſeinen Hoſſnungen Leben zu verleihen 246 vermochte, und dieſes beſchloß er denn ſorgfaͤltig in ſeiner eigenen Bruſt zu verſchließen. Allein Durward erkannte die Nothwendigkeit in Hin⸗ ſicht der ihm von Hayraddin mitgetheilten Nachricht, an⸗ ders zu handeln, da der von Wilhelm von der Mark be⸗ abſichtigte Ausfall, wenn man dagegen nicht ſehr auf ſei⸗ ner Hut ſey, leicht den voͤlligen Untergang des Belage⸗ rungsheeres herbeifuͤhren konnte; ſo ſchwer war es bei der unordentlichen Art der Fuͤhrung des Krieges in jenen Zei⸗ ten, ſich von einem naͤchtlichen Ueberfalle zu erholen. Nachdem er uͤber die Sache reiflich nachgedacht, entſchloß er ſich ferner noch, nur perſoͤnlich, und auch nur den bei⸗ den Fuͤrſten, wenn ſie bei einander waͤren, davon Kunde zu geben; vielleicht weil er fuͤhlte, daß, wenn er einen ſo wohl erſonnenen, gluͤcklichen Plan Ludwigen beſonders mittheilte, dieß fuͤr die wankende Treue dieſes Monarchen eine zu ſtarke Verſuchung ſeyn und ihn verleiten moͤchte, den beabſichtigten Ausfall eher zu unterſtuͤtzen, als zuruͤck⸗ zutreiben. Er beſchloß daher, eine guͤnſtige Gelegenheit abzuwarten, das Geheimniß bei einer Zuſammenkunft zwiſchen Ludwig und Carln zu enthuͤllen, welche jedoch ſo bald ſich nicht zeigen durfte, da ſie eben nicht beſonders an dem Zwange Gefallen fanden, der Jedem durch des Andern Geſellſchaft auferlegt wurde. Unterdeſſen wurde der Marſch fortgeſetzt, und das ver⸗ bündete Heer betrat bald das Gebiet von Luͤttich. Hier 1 zeigten die burgundiſchen Truppen, wenigſtens ein Theil derſelben, der aus jenen Banden beſtand, welche den Na⸗ men Ecorcheurs, oder Schinder, bekommen hatten, durch die uͤble Behandlung, die ſie unter dem Vorwande, des 4 Biſchofs Tod zu raͤchen, den Einwohnern wiederfahren lie⸗ ßen, daß ſie dieſen Ehrennamen wohl verdienten. Ihr Betragen war aber der Sache Carls ſehr nachtheilig; denn die gedruͤckten Einwohner, welche ſonſt in dem Kam⸗ pfe ſich leidend verhalten haben wuͤrden, ergriſſen jetzt die Waſſen zu ihrer Selbſtvertheidigung und hielten den Zug des Heeres auf, indem ſie kleine Truppe abſchnitten und ſich im Angeſichte des Hauptheeres in die Stadt ſelbſt zu⸗ ruͤckzogen, und ſo die Zahl und Verzweiflung derer ver⸗ mehrten, welche entſchloſſen waren, ſie zu vertheidigen. Die Franzoſen, wenig an Zahl, aber ausgewaͤhlte Trup⸗ pen des Landes, hielten ſich, dem Befehle des Koͤnigs zu Folge, immer zu ihren Fahnen und beobachteten die ſtrengſte Mannszucht, ein Contraſt, welcher Carls Ver⸗ dacht vermehrte, der nicht umhin konnte zu bemerken, daß ſich Ludwigs Truppen mehr ſo benaͤhmen, als wenn ſie Freunde der Luͤtticher, nicht aber Bundesgenoſſen der Bur⸗ gunder waͤren. Endlich kam das Heer, ohne einen ernſthaften Wider⸗ ſtand zu erfahren, in das reiche Thal der Maas und ins Angeſicht der großen und volkreichen Stadt Luͤttich. Das Schloß Schoͤnwald fanden ſie gaͤnzlich zerſtoͤrt und hoͤrten, daß Wilhelm von der Mark, deſſen glaͤnzende Eigenſchaf⸗ ten bloß militairiſcher Art waren, ſich mit ſeiner ganzen Macht in die Stadt geworfen hatte und entſchloſſen ſey, S. ein Zuſammentreſſen mit der franzoͤſiſchen und burgundi⸗ ſchen Reiterei im ofſenen Felde zu vermeiden. Allein die Anruͤckenden erfuhren ſehr bald die Gefahr, die mit dem Angriffe einer großen, wenn auch oſſnen Stadt ſtets ver⸗ . 248. bunden iſt, wenn die Einwohner entſchloſſen ſind, ſie hart⸗ naͤckig zu vertheidigen. Ein Theil des burgundiſchen Vortrabs, welcher ſich ein⸗ dildete, daß er bei dem Zuſtande der durchlöcherten und zum Theil zerſtoͤrten Stadtmauern, nur nach Belieben in Luͤttich einziehen duͤrfe, drang in eine der Vorſtädte, mit dem lauten Rufe:„Burgund! Burgund! Toͤdtet, toͤdtet! es iſt Alles unſer! Gedenkt an Ludwig von Bourbon!“ Allein als ſie ſo in Unordnung durch die engen Gaſſen zogen, und ſich zum Theil, der Pluͤnderung wegen, zer⸗ ſtreut hatten, brach ploͤtzlich ein großer Trupp Einwohner aus der Stadt hervor, fiel wuͤthend uͤber ſie her und rich⸗ tete eine bedeutende Niederlage an. Wilhelm von der Mark benutzte ſelbſt die Breſchen in den Mauern, welche den Vertheidigern erlaubten, auf verſchiedenen Punkten auszufallen, und indem ſie mehrere beſondere Pfade nach der Vorſtadt nahmen, um die man kaͤmpfte, die Angrei⸗ fenden wieder von vorn, in den Seiten und im Ruͤcken auf einmal anzugreifen, ſo daß dieſe, durch den wuͤthens den, unerwarteten und vermehrten Widerſtand aus der Faſſung gebracht, kaum bei ihren Fahnen ſich halten konn⸗ ten. Der hereinbrechende Abend vermehrte noch die Ver⸗ wirrung. Als man dieſe Nachrichten dem Herzog Carl hinter⸗ brachte, gerieth er vor Wuth außer ſich, und ließ ſich nicht durch das Anerbieten Ludwigs beſaͤnftigen, die franzoͤſi⸗ ſchen Waſſenleute in die Vorſtaͤdte zu ſenden, um die bur⸗ gundiſche Avantgarde zu befreien und zuruͤck zu bringen. Nachdem er dieſes Anerbieten mit kurzen Worten verwor⸗ fen, wollte er ſich ſelbſt an die Spitze ſeiner eigenen Gar⸗ 249 den ſtellen; allein Hymbereourt und Crevecoeur erſuchten ihn dringend, dieß Geſchaͤft ihnen zu uͤberlaſſen, und in⸗ deß ſie ſich ſo auf zwei Punkten aufs Schlachtfeld bega⸗ ben, nachdem ſie zweckmaͤßigere Veranſtaltung zu gegen⸗ ſeitiger Unterſtuͤtzung getroffen, gelang es dieſen beiden beruͤhmten Anfuͤhrern, die Luͤtticher zuruͤck zu treiben und die Avantgarde zu befreien, welche außer den Gefange⸗ nen nicht weniger als acht Hundert Mann verlor, unter denen ungefaͤhr Hundert ſogenannte Waſſenleute waren. Die Gefangenen waren indeſſen nicht zahlreich, da die meiſten von Hymbercourt waren befreit worden, der nun Anſtalt traf, die beſtrirtene Vorſtadt zu beſetzen und der Stadt gegenuͤber Wachen aufzuſtellen, von welcher jene durch einen oſſenen Raum oder Eſplanade von fuͤnf bis ſechs Hundert Schritten getrennt war, auf dem der Ver⸗ theidigung wegen keine Gebaͤude ſtanden. Auch war zwi⸗ ſchen Stadt und Vorſtadt kein Graben, denn der Boden war hier ſehr felſigt. Ein Thor befand ſich im Angeſichte der Vorſtadt, aus dem ſich leichtlich Ausfäͤlle machen lie⸗ ßen, und die Mauer war durch zwei bis drei ſolcher Bre⸗ ſchen durchbrochen, welche Herzog Carl nach der Schlacht von Saint Tron hatte machen laſſen, und die in der Eil bloß durch Barricaden von Zimmerholz wieder ausgebeſ⸗ ſert worden waren. Hymbercourt richtete zwei Stuͤcke Geſchuͤtz auf das Thor, und zwei andere ſtellte er der Bre⸗ ſche gegenuͤber auf, um jeden Ausfall aus der Stadt zu⸗ ruͤck zu treiben; dann kehrte er zur burgundiſchen Armes zuruͤck, die er in großer Unordnung fand. In der That war auch das Hauptcorps und der Nach⸗ trab der zahlreichen Armee des Herzogs immerfort vorge⸗ 2⁵⁰ ruͤckt, indeß der zuruͤckgetriebene geſchlagene Vortrab im Ruͤckzuge begriſſen war, und ſo trafen denn Beide auf einander, zu großer Verwirrung von Beiden. Hymber⸗ courts nothwendige Abweſenheit, der alle Geſchaͤfte des Feldmarſchalls, oder, wie wir ſagen wuͤrden, des General⸗ Quartiermeiſters zu beſorgen hatte, vermehrte die Unord⸗ nung, und um das Ganze vollkommen zu machen, ſank eine Nacht herab, ſo dunkel wie ein Wolfsrachen. Zu⸗ gleich fiel ein ſtarker, heftiger Regen, und der Boden, auf dem die Belagerungsarmee Poſto faſſen mußte, war ſum⸗ pfig und von vielen Kanaͤlen durchſchnitten. Es iſt kaum moͤglich, ſich eine Vorſtellung zu machen von der Verwir⸗ rung, welche unter dem burgundiſchen Heere herrſchte, wo Fuͤhrer von ihren Soldaten, und Soldaten von ihren Fah⸗ nen und Offizieren getrennt wurden, wo Jeder, von dem Höchſten bis zum Niedrigſten, Zuflucht und Bequemlich⸗ keit ſuchte, wo er ſie finden konnte, wo der Ermattete und Verwundete, der in der Schlacht geweſen war, umſonſt ſich nach Obdach und Erquickung ſehnte; dahingegen dies jenigen, welche nichts von dem Ungluͤcke wußten, vorwaͤrts draͤngten, um auch an der Pluͤnderung des Ortes Antheil zu nehmen, die, wie ſie glaubten, bereits luſtig von Stat⸗ ten ging. Als Hymbercourt zuruͤckkehrte, hatte er ein Geſchaͤft von unglaublicher Schwierigkeit zu vollenden, und da ihu die Vorwuͤrfe ſeines Herrn kraͤnkten, der keine Ruͤckſicht nahm auf die weit noͤthigere Pflicht, die ihn beſchaͤftigt hatte, konnte der tapfere Offizier bei dieſen ungegruͤnde⸗ ten Vorwuͤrfen ſich endlich nicht laͤnger beherrſchen, ſon⸗ dern ſagte:„SIch wollte einige. Ordnung in der Avant⸗ 251 garde wieder herſtellen, und ließ das Hauptcorps unter Euer Gnaden eigener Fuͤhrung, und jetzt bei meiner Ruͤck⸗ kehr muß ich finden, daß wir weder Fronte, noch Flanke, noch Nachtrab mehr haben; ſo groß iſt die Verwirrung.“ „Wir haben viel Aehnlichkeit von einem Faͤßchen mit Heeringen,“ verſetzte le Glorieux;„es laͤßt ſich keine na⸗ tuͤrlichere fuͤr eine flamaͤndiſche Armee denken.“ Die Rede des Narren machte den Herzog zu lachen, und verhinderte vielleicht einen weitern Streit zwiſchen dieſem und ſeinem General. Mit großer Anſtrengung wurde ein kleines Luſthaus oder die Villa eines reichen Luͤtticher Buͤrgers von denen geſaͤubert, die ſie ſchon in Beſitz genommen hatten, und zur Bequemlichkeit des Herzogs und ſeines unmittelbaren Gefolges eingerichtet; Hymbercourts und Crevpecveurs⸗An⸗ ſehen gelang es endlich, auch eine Wache von ohngefaͤhr vierzig Waſſenleuten in der Naͤhe aufzuſtellen, welche ein großes Feuer anzuͤndeten, genaͤhrt mit dem Zimmerholze der Wirthſchaftsgebaͤude, die ſie zu dem Ende niederriſſen. Ein wenig links von dieſer Villa, und zwiſchen dieſer und der Vorſtadt, die, wie wir bemerkt haben, dem Stadt⸗ thore entgegen ſtand, und von dem burgundiſchen Vortrabe beſetzt gehalten wurde, lag ein anderes Luſthaus von einem Garten und Hofe umgeben, welches noch zwei bis drei kleine Stuͤcke Landes in ſeiner Umzaͤunung hinter ſich hatte. In dieſem ſchlug der Konig von Frankreich ſein Hauptquartier auf. Er ſelbſt machte auf den Namen eines Soldaten keinen weitern Anſpruch, als in ſo fern ihn eine angeborne Gleichguͤltigkeit gegen die Gefahr und viel Scharfblick dazu berechtigte, allein er war ſtets darauf be⸗ 252 dacht, die Geſchickteſten in dieſem Fache anzuſtellen, und ſetzte auf ſie ganz das Vertrauen, daß ſie verdienten. Ludr wig und ſein unmittelbares Gefolge nahmen dieſes Haus ein, ein Theil ſeiner ſchottiſchen Garde wurde in den Hof gelegt, wo es Nebengebaͤude und Schuppen gab, um ſie vor dem Wetter zu ſchuͤtzen, die uͤbrigen hatte man in den Garten untergebracht, der Reſt der franzoͤſiſchen Trup⸗ pen lagen dicht und in guter Ordnung bei einander, mit ausgeſtellten Laͤrmpoſten im Fall ſie etwa einen Angriff zu beſtehen haben ſollten. 1 Dunois und Erawford, unterſtuͤtzt von einigen Offizie⸗ ren und Soldaten, unter denen ſich der Benarbte durch ſeine Thaͤtigkeit vorzuͤglich auszeichnete, kamen auf den Einfall, durch Niederreißen von Mauern, durch Ausfuͤllung von Graͤben, durch Anbringung von Oefſnungen in den Zaͤunen u. ſ. w. die Verbindung der Truppen unter ſich ſelbſt, und das ordentliche Zuſammenziehen des Ganzen, im Fall der Nothwendigkeit zu erleichtern. Unterdeſſen hielt es der Koͤnig fuͤr gerathen, ohne wei⸗ tere Ceremonie ſich in das Hauptquartier des Herzogs von Burgund zu begeben, um zu erfahren, was fuͤr einen Operationsplan man befolgen wolle, und welche Mitwir⸗ kung dazu von ihm ſelbſt erwartet werde. Seine Anwe⸗ ſenheit war die Urſache, daß eine Art von Kriegsrath ge⸗ halten wurde, wovon ſich ſonſt Carl wohl Nichts wuͤrde haben traͤumen laſſen. Jetzt nun bat Quentin Durward dringend, vorgelaſſen zu werden, weil er Etwas von gro⸗ ßer Wichtigkeit den beiden Fuͤrſten mitzutheilen habe. Er erhielt dieß ohne große Schwierigkeit, und Ludwig erſtaunte nicht wenig, als er ihn ruhig und genau Wilhelms von der Mark Plan entwickeln hoͤrte, unter franzoͤſiſcher Ver⸗ kleidung und Fahne einen Ausfall auf das Lager der die Stadt Einſchließenden zu machen. Ludwig wuͤrde freilich gern dieſe ſo wichtige Nachricht fuͤr ſich allein vernommen haben, allein da die ganze Geſchichte oͤſſentlich ſchon er⸗ zaͤhlt war, bemerkte er bloß: daß eine ſolche Nachricht, ſey ſie nun wahr oder falſch, ſie ganz weſentlich angehe. „Ganz und gar nicht! ganz und gar nicht!“ ſagte der Herzog ſorglos;„haͤtte ein ſolcher Plan, wie ihn der junge Menſch beſchreibt, wirklich Statt gefungen, ſo wuͤrde er mir nicht durch einen Bogenſchuͤtzen der ſchottiſchen Garda mitgetheilt worden ſeyn.“ „Das mag ſeyn wie es will,“ verſetzte Ludwig, nich bitte Euch, lieber Vetter, Euch, und Euren Feldherrn, darauf zu achten, daß ich, um die unangenehmen Folgen eines ſolchen Angriſſs, wenn er unerwartet Statt finden ſollte, zu verhindern, meinen Soldaten weiße Feldbinden uͤber ihrer Ruͤſtung werde tragen laſſen.— Dunois be⸗ ſorgt, daß dergleichen ſogleich ausgetheilt werden moͤgen— nehmlich,“ ſetzte er hinzu,„wenn unſer Bruder und Feld⸗ berr es billigt.“— „Ich habe Nichts dagegen,“ erwiederte der Herzog⸗ „wenn die franzoſiſche Reiterei ſich der Gefahr ausſetzen will, den Namen der Ritter vom Weiberermel zu tragen, der ihnen dann in Zukunft beigelegt werden moͤchte.“ „Nun das wuͤrde doch auch ein recht paſſender Bei⸗ name ſeyn, Freund Carl,“ ſagte le Glorieux,„denn ein Weib ſoll ja die Belohnung des Tapferſten ausmachen.“ „Wohl geſprochen, Ew. Weisheit,“ ſagte Ludwig,— „gute? Nacht, Better, ich gehe nun mich wappnen zu laſſen. 254 Aber, hoͤrt doch! wenn ich nun die Graͤfinn durch meinen eigenen Arm gewinne?“ „Ew. Majeſtaͤt,“ ſagte der Herzog mit einem veraͤn⸗ derten Tone der Stimme,„muͤſſen dann ein treuer Fla⸗ maͤnder werden!“ „Ich kann,“ verſetzte Ludwig in dem Tone des aufrich⸗ tigſten Vertrauens,„dieß nicht mehr werden, als ich es ſchon bin, koͤnnte ich Euch, mein theurer Vetter, nur da⸗ hin bringen, es zu glauben.“ Der Herzog wuͤnſchte dem Koͤnige bloß eine gute Nacht darauf, und zwar in dem Tone, der dem Schnauben eines Roſſes glich, wenn es vor den Liebkoßungen des Reiters zuruͤckbebt, der ſich eben aufſetzen will, und es zum Still⸗ ſtehen zu bringen ſucht. „Ich kann alle ſeine Zweideutigkeit vergeben,“ ſagte der Herzog zum Graf Crevecoeur,„aber das kann ich ihm nicht verzeihen, daß er mich fuͤr ſo thoͤricht haͤlt, mich durch ſeine Betheurungen taͤuſchen zu laſſen.“ Als Ludwig in ſein eigenes Quartier zuruͤckgekehrt war, hatte er noch eine vertrauliche Unterredung mit Oliver le Dain.—„Dieſer Schotte,“ ſagte er,„iſt ein ſolches Gemiſch von Verſchlagenheit und Einfalt, daß ich gar nicht weiß, was ich aus ihm machen ſoll. Pasques Dieu!? bedenke nur die unverzeihliche Thorheit, des ehrlichen Wil⸗ helms von der Mark Plan eines Ausfalls, im Angeſichte Burgunds, Crevecoeur's, und aller dieſer Leute zu erzaͤh⸗ len, anſtatt ihn mir ins Ohr zu raunen, und ſo die Wahl zu laſſen, ob 3 ihn unterſtuͤtzen oder zu nichte machen wollte.“ 2⁵⁵ „Es iſt beſſer, ſo wie es iſt, Sire,“ ſagte Oliver,„denn es ſind gewiß Viele unter Eurem jetzigen Gefolge, welche Bedenken tragen moͤchten, uͤber den Herzog von Burgund ohne alle Ausforderung herzufallen, oder ſich mit dem von der Mark zu verbinden.“ „Du haſt Recht! Oliver,“ ſprach der Koͤnig;„ſolche Thoren giebt es in der Welt, und wir haben jetzt nicht Zeit, ihre Bedenklichkeiten durch eine kleine Doſis Eigen⸗ nutz zu verſoͤhnen. Wir muͤſſen ſchon treu ſeyn, und gute Bundesgenoſſen Burgunds, wenigſtens fuͤr dieſe Nacht,— mit der Zeit koͤnnen wir vielleicht ein beſſeres Spiel ſpie⸗ len. Geh! Laß Niemanden ſich entwaſſnen, und im Noth⸗ fall ſollen ſie eben ſo ſcharf auf die ſchießen, welche rufen: Frankreich und St. Denis, als wenn ſie riefen: Holle und Satanas! Ich ſelbſt will in meiner Ruͤſtung ſchlafen. Laß Crawford den Quentin Durward auf den aͤußerſten Punkt unſerer Schildwachenlinie ſtellen, zunaͤchſt an der Stadt. Er mag die erſte Wohlthat des Ausfalles genie⸗ ßen, den er uns gemeldet hat! Kommt er gluͤcklich da⸗ von, deſto beſſer fuͤr ihn! Aber den Martius Galeotti laß Dir ganz beſonders empfohlen ſeyn, er muß bei dem Nachtrabe bleiben, da, wo er in der groͤßten Sicherheit iſt; er iſt ein wenig keck, und moͤchte, wie ein Thor, ein Krieger und Philoſoph zugleich ſeyn. Alle dieſe Dinge lege ich Dir ans Herz, Oliver; und nun gute Nacht! Un⸗ ſere Frau von Clery und Monſeigneur Saint Martin von Tours, moͤgen meinem Schlummer gnaͤdig ſeyn. Vierzehntes Kapitel. Der Ausfall. „Er blickte hin, und ſah' zahlloſe Zahlen Aus den Stadtthoren dringen.“ Wieder gewonnenes Paradies. Ein tiefes Schweigen herrſchte bald uͤber dem großen Heere, welches in dem Lager vor Luͤttich ſtand. Lange Zeit toͤnte das Geſchrei der Soldaten, welche ihre Signale wiederholten, und zu ihren verſchiedenen Fahnen zu ſtoßen ſuchten, wie das Geheul verirrter Hunde, welche ihre Her⸗ ren ſuchen. Allein endlich durch die Anſtrengungen des Tages an Kraft erſchoͤpft, draͤngten ſich die zerſtreuten Soldaten unter ſolchen Zufluchtsorten zuſammen, welche ſie eben auffinden konnten, und Diejenigen, die dieß nicht zu erreichen vermochten, ſanken zwiſchen Mauern, Zaͤunen und dergleichen augenblichlichen Schutzorten nieder, um bier den Morgen zu erwarten, einen Morgen, den viele von ihnen nie erblicken ſollten. Ein Todtenſchlaf befiel faſt Alle, ausgenommen Diejenigen, welche eine beſchwer⸗ liche Wache bei den Wohnungen des Koͤnigs und des Her⸗ zogs halten mußten. Die Gefahren und Hoſſnungen des morgenden Tages, ſelbſt die Plane der Ehrſucht, welche viele von dem jungen Adel auf dem glaͤnzenden Preis ge⸗ gruͤndet hatten, der Denjenigen zu Theil werden ſollte, der den Tod des Biſchofs von Luͤttich raͤchen wuͤrde, ent⸗ ſchwanden aus ihrer Erinnerung, wie ſie ſo von Ermuͤ⸗ dung und Schlaf uͤberwaͤltigt lagen. Allein ſo war es 257 keinesweges mit Quentin Durward. Das Bewußtſcyn daß er allein im Beſitz der Mittel ſey, den von der Mark in dem Gefechte zu unterſcheiden,— die Erinnerung, durch wen er jene Kenntniß erhalten hatte, und die ſchoͤne Vor⸗ bedeutung die er daraus zog, daß ſie ihm eben durch ſie mitgetheilt worden,— der Gedanke, daß ihn ſein Geſchick zwar zu einer höͤchſt gefaͤhrlichen und ungewiſſen Criſis gefuͤhrt hatte, allein doch zu einer ſolchen, wo ihm wenig⸗ ſtens die Hoſſnung blieb, als Sieger daraus hervorzuge⸗ hen, vertrieben jede Neigung zum Schlafe, und ſtaͤhlten ſeine Nerven mit Kraft, welche der Ermuͤdung ſpottete. Auf des Koͤnigs ausdruͤcklichen Befehl auf den außer⸗ ſten Punkt zwiſchen den franzoͤſiſchen Quartieren, und der Stadt geſtellt, ein gutes Stuͤck rechts von der Vorſtadt, die wir erwaͤhnt haben, ſchaͤrfte er ſein Auge, um die Maſſe zu durchdringen, welche vor ihm lag, und ſpitzte ſeine Ohren, um den leiſeſten Ton zu vernehmen, der ihm irgend eine Bewegung in der belagerten Stadt andeuten koͤnnte. Allein ihre großen Glocken hatten ſchon nach und nach drei Uhr nach Mitternacht verkuͤndet, und Alles blieb ſtill und ſchweigend, wie das Grab. Endlich, als er ſchon glaubte, der Angriff werde bis zu Anbruch des Tages verſchoben werden, und ſich freute, daß es dann hell genug ſeyn wuͤrde, um das falſche Band uͤber den Lilien von Orleaus unterſcheiden zu koͤnnen, meinte er in der Stadt ein dumpfes Getoͤſe zu vernehmen, dem aͤhnlich, wenn aufgeſtoͤrte Bienen zu Vertheidigung ihrer Koͤrbe ſich regen. Er horchte,— das Geraͤuſch dauerte fort, allein es ließ ſich dabei ſo wenig ein beſonderer Ton D. III. 17 — und Klang unterſcheiden, daß es mehr dem Gemurmel des Windes glich, wenn er durch die Aeſte einer fernen Wal⸗ dung ſtreicht, oder dem eines Stromes den ein Regen kuͤrz⸗ lich aufgeſchwellt hat, und der ſich mit mehr als gewoͤhn⸗ lichen Geräͤuſch in die traͤg fließende Maas ergoß. Quen⸗ rin wurde durch dieſe Betrachtungen abgehalten, nicht au⸗ geublicklich Lerm zu machen, welches, wenn es unbedacht⸗ ſam geſchehen waͤre, viel Unheil haͤtte ſtiften können. Allein als das Geraͤuſch lauter wurde, und zugleich die Richtung nach ſeinen Poſten und der Vorſtadt zu nehmen ſchien, hielt er es fur ſeine Schuldigkeit, ſich ſo leiſe als möglich zuruͤckzuziehen, und ſeinen Onkel zu rufen, der das kleine Corps von Bogenſchuͤtzen befehligte, das zu ſeiner Unterſtuͤtzung beſtimmt war. Alles war in einem Augenblicke auf den Beinen, und zwar mit dem moͤglich kleinſten Geraͤuſche. In weniger denn einer Sekunde ſtand Lord Crawford an der Spitze, und nachdem er einen Bo⸗ genſchuͤtzen abgeſandt hatte, um den Koͤnig und ſein Ge⸗ folge in Bewegung zu bringen, zog er ſeinen kleinen Trupp in einige Entfernung hinter die Wachtfeuer zuruͤck, ſo daß ſie von dem Lichte derſelben nicht beſchienen wurden. Die rauſchenden Töne, welche ſich ihnen ſehr genaͤhert hatten, ſchienen jetzt auf einmal zu ſchweigen, allein ſie hoͤrten doch immer ſehr deutlich den entfernten ſchweren Tritt von einem ziemlichen Corps, das ſich der Vorſtadt naͤ⸗ herte. 4 „Die faulen Burgunder ſchlafen,“ liſpelte Crawford, „begieb Dich in die Vorſtadt Cunningham, und wecke die dummen Ochſen auf.“ „Gebt nur recht auf den Nachtrab Acht,“ ſagte Dur⸗ 259 ward,„wenn ich mich anders auf den Tritt von ſterblichen Menſchen verſtehe, ſo hat ſich ein bedeutendes Corps zwi⸗ ſchen uns und die Vorſtadt geſchoben.“ „Haſt Recht! wackerer Quentin!“ ſagte Crawford, „Du biſt ein Soldat uͤber Deine Jahre. Sie machen bloß Halt, bis die andern herankommen; ich wuͤnſchte wohl zu erfahren, wo ſie ſich eigentlich befaͤnden?“ „Ich will mich vorwaͤrts ſchleichen, Herr,“ ſagte Quen⸗ tin,„und verſuchen Euch Nachricht zu bringen.“ „Das thue, liebes Kind,“ ſagte Crawford,„Du haſt ſcharfe Ohren und Augen und guten Willen,— aber nimm Dich in Acht, denn ich mochte Dich nicht gern um zwei andere verlieren.“ Quentin ſetzte ſchnell ſeine Flinte in Stand, ſtahl ſich vorwaͤrts auf dem Boden, den er in dem Zwielicht des vorigen Abends hinlaͤnglich erkundet hatte, bis er nicht nur gewiß war, daß er ſich in der Naͤhe eines großen Corps befaͤnde, das zwiſchen des Koͤnigs Quartieren und den Vorſtaͤdten Poſto gefaßt hatte, ſondern daß auch ein kleinerer Theil deſſelben noch weiter vorgeruͤckt ſey, und dicht neben ihm ſtehe. Sie ſchienen leiſe zuſammen zu fluͤſtern, gleich als wuͤßten ſie nicht, was ſie zuerſt thun ſollten. Endlich kamen die Schritte von zwei bis drei enſans perdus, die ſich von dem kleinern Theil getrennt hatten, ihm auf eine doppelte Pikenlaͤnge nahe. Da Quen⸗ tin ſahe, daß er nicht unentdeckt entkommen konnte, ſo rief er laut: Qui vive? und erhielt die Antwort; Vive Li- Lir ege, c'est à dire cfuͤgte der Sprechende ſich 260 ſelbſt verbeſſernd hinzu) vive la France! Quentin feuerte Augenblicks ſeine Flinte ab; ein Mann ſioͤhnte und fiel, und er ſelbſt zog ſich, unter dem augenblicklichen aber un⸗ ſichern Abfeuern von einer Menge von Stuͤcken, welches auf eine unregelmaͤßige Art die ganze Colonne hinunter tief, und auf eine ziemlich bedeutende Truppenzahl ſchlie⸗ ßen ließ, auf die Hauptwacht zuruͤck. „Gut gemacht! ſehr gut! mein braver Burſch!“ ſagte Crawford;„jetzt zieht Euch innerhalb des Hofes zuruͤck, es ſind ihrer zu viel, um euch mit ihnen im oſſenen Felde zu meſſen.“ Sie zogen ſich dem zu Folge in den Hof und Garten, wo ſie Alles in der groͤßten Ordnung fanden, und den Koͤnig ſelbſt bereit, zu Pferde zu ſteigen. 4 „Wohin, Sire?“ fragte Crawford,„Ihr ſeyd am ſicherſten hier unter Euren eigenen Leuten.“ „Ich muß mich Augenblicks zum Herzoge begeben,“ ſagte Ludwig;„er muß von unſerer Treue in dieſem be⸗ denklichen Augenblicke uͤberzeugt werden, oder wir werden die Luͤtticher und Burgunder zugleich auf dem Halſe ha⸗ ben. So ſchwang er ſich aufs Pferd und bat Dunbis die franzoͤſiſchen Truppen außerhalb des Hauſes zu befehligen, ſo wie Crawford die Bogenſchuͤtzen⸗Garde und andere zu ſeinem Hausweſen gehörige Truppen innerhalb des Luſt⸗ hauſes und ſeiner Umgrenzung. Er befahl ihnen, noch zwei groͤßere und zwei kleinere Stuͤcke Geſchuͤtzes(Falco⸗ nets) herbei zu ſchaſſen, welche wohl eine halbe Meile zu⸗ ruͤckgeblieben waren, unterdeſſen aber ihre Poſten zu be⸗ 261 haupten, keinesweges jedoch vorzudringen, ſo gluͤcklich auch das Gefecht ſich fuͤr ſie wenden moͤchte. Nachdem er dieſe Befehle ertheilt, begab er ſich in das Hauptquartier des Herzogs. Die Zeit, innerhalb welcher alle dieſe Anordnungen aus⸗ gefuͤhrt werden konnten, verdankte man bloß dem Gluͤcks⸗ falle, daß Quentin den Eigenthuͤmer des Hauſes erſchoſſen hatte, der der Colonne zum Fuͤhrer diente, die es angrei⸗ fen ſollte, und deren Angriff auch, wenn er augenblicklich unternommen worden waͤre, jetzt gegluͤckt ſeyn wuͤrde. Durward, der auf Befehl des Koͤnigs, ihn zum Haupt⸗ quartiere des Herzogs begleitet hatte, fand den Letztern in einem Zuſtande von Zorn und Mißvergnuͤgen, wodurch er außer Stand geſetzt ward, die Pflichten des Feldherrn zu erfuͤllen, welches doch nie nothwendiger war, als eben jetzt, denn außer dem Geraͤuſche eines wuͤthenden Gefechtes, welches ſich nun in der Vorſtadt auf dem linken Fluͤgel ihrer ganzen Armee entſponnen hatte,— außer dem An⸗ griſſe auf des Koͤnigs Quartier, welches in dem Mittel⸗ punkte ſtandhaft behauptet wurde,— war eine dritte Co⸗ lonne Luͤtticher noch zahlreicher als jene, aus einer ent⸗ ferntern Breſche hervorgebrochen, und durch Weingaͤrten und ihnen bekannte Paͤſſe auf die rechte Flanke der bur⸗ gundiſchen Armee gefallen, die dann, beſtuͤrzt uͤber ihren Ruf: Vive la France! und Denis Mentjoie, der ſich mit dem: Liege und Rouge Sanglier! vermiſchte, und den daraus entſtehenden Gedanken eines Verrathes von Seiten ihrer Verbuͤndeten, der Franzoſen, nur einen unordent⸗ lichen und unvollkommenen Widerſtand leiſtete; indeß der 262 Herzog, ſchaͤumend vor Wuth, ſeinen Lehnsherrn, und Alles zu ihm Gehoͤrende verwuͤnſchend, laut befahl, mit Bogen und Geſchuͤtz auf alles was franzöſiſch ſey, ſchwarz oder weiß,— er ſpielte hier auf die Schaͤrpen an, womit ſich Ludwigs Soldaten bezeichnet hatten,— zu ſchießen. Die Ankunft des Koͤnigs, der bloß von dem Benarbten und Quentin begleitet war, und von noch einem halben Dutzend Bogenſchuͤtzen, ſtellte das Vertrauen wieder her. Hymbercourt, Erevecoeur, und andere burgundiſche An⸗ fuͤhrer, deren Namen damals der Stolz und das Schrecken der Krieger waren, eilten bereitwillig zum Kampfe, und indeß einige ſich beeilten, mehr entfernte Truppen heran⸗ zuziehen, bis zu welchen der paniſche Schrecken noch nicht gedrungen war, warfen ſich andere ſelbſt in das Getuͤm⸗ inel, belebren die Mannszucht von neuem, und ſtellten, in⸗ deß der Herzog im Vordertreſſen wie ein gewoͤhnlicher Waffenmann arbeitete, ihre Leute in Ordnung, indem ſie die Angreifenden durch den Gebrauch ihres Geſchuͤtzes ent⸗ muthigten. Ludwigs Benehmen war dagegen das, eines ruhigen, gefaßten, ſcharfſichtigen Anfuͤhrers, der die Ge⸗ fahr weder aufſuchte noch vermied, ſondern ſo viel Selbſt⸗ beherrſchung und Scharfblick verrieth, daß die burgundi⸗ ſchen Anfuͤhrer gern den von ihm ertheilten Befehlen ge⸗ horchten. Die Scene war nun im hoöchſten Grade belebt und furchtbar geworden. Auf der linken Seite war die Vor⸗ ſtadt, nach einem heftigen Kampfe in Brand geſteckt wor⸗ den, und eine furchtbare Feuersbrunſt hinderte nicht, daß man ſich noch um die brennenden Ruinen ſtritt. Im 263 Mittelpunkte unterhielten die franzoſiſchen Truppen, ob⸗ gleich durch eine ungeheure Uebermacht gedraͤngt, ein dich⸗ tes und fortwaͤhrendes Feuer, ſo daß das kleine Luſthaus durch die immer aufblitzenden Schuͤſſe einen Schein um ſich verbreitete, als wenn es von einer flammenden Maͤr⸗ tyrerkrone umgeben geweſen waͤre. Auf dem linken Fluͤ⸗ gel ſchwankte die Schlacht mit ungewiſſem Erfolge bald vor⸗ bald ruͤckwaͤrts, ſo wie entweder neue Verſtaͤrkungen aus der Stadt hervordrangen, oder von dem Nachtrabe des burgundiſchen Heeres ins Treſſen gefuͤhrt wurden. Drei Stunden lang dauerte ſo mit gleicher Wuth der Kampf, bis endlich der Tag aubrach, der den Belagerern ſo erwuͤnſcht war. Der Feind ſchien um dieſe Zeit in ſei⸗ nen Anſtrengungen auf dem rechten Fluͤgel und im Cen⸗ trum nachzulaſſen, und man höͤrte verſchiedene Kanonen⸗ ſalven von dem Luſthauſe her. „Geh!“ ſagte der Koͤnig zum Benarbten und Quentin in dem Augenblicke, wo er dieſen Ton vernahm,—„ſie haben die Falconets und Feldſchlangen aufgepflanzt! Das Luſthaus iſt gerettet, geſegnet ſey die heilige Jungfrau. Sage dem Dunois, er ſoll auf dieſem Wege heranruͤcken, aber naͤher der Stadt mit all' unſern Waſſenleuten, aus⸗ genommen was er zur Vertheidigung des Luſthauſes fuͤr noͤthig haͤlt, und dann ſoll er zwiſchen dieſe dickkoͤpfigen Luͤtticher auf der rechten Seite und die Stadt ſich werfen, denn von ihr werden ſie mit neuer Mannſchaft verſehen. Onkel und Neſſe ſprengten fort zu Dunois und Craw⸗ ford, die, des Vertheidigungskrieges muͤde, dem Befehle freudig Folge leiſteten, und an der Spitze eines tapfein 26½ Corps von ohngefaͤhr Zweihundert franzoͤſiſchen Edelleu⸗ ten, außer den Knappen und dem groͤßten Theile der Bo⸗ genſchuͤtzen aufbrachen, quer uͤbers Feld zogen, uͤber die Verwundeten hinweg, bis ſie die Flanke des großen Luͤt⸗ tichſchen Corps erreichten, durch welches die rechte der Bur⸗ gunder ſo heftig angefallen worden war. Das wachſende Tageslicht zeigte, daß der Feind noch immer aus der Stadt vordrang, entweder in der Abſicht die Schlacht auf dieſem Punkte fortzuſetzen, oder die Streitkraͤfte, welche bereits in Thaͤtigkeit waren, gluͤcklich herauszuziehen. „Beim Himmel!“ ſagte der alte Crawford zum Du⸗ nois,„wenn ich nicht gewiß wuͤßte, daß Du es biſt, der mir zur Seite reitet, ſo moͤchte ich behaupten, ich ſaͤhe Dich dort unter den Banditen und Buͤrgern, ſie mit dem Streit⸗ kolben anfuͤhrend und ordnend,— biſt Du wirklich der dort druͤben, ſo biſt Du bloß dicker als gewoͤhnlich. Weißt Du denn gewiß, daß jener bewaſſnete Fuͤhrer nicht Dein Doppelgaͤnger iſt, wie die Flamaͤnder ſagen?“ „Mein Doppelgaͤnger?“ ſagte Dunois,„ich weiß nicht was Du meinſt.— Jener Kerl iſt ein Schurke, der mein Wappen auf Helm und Schilde fuͤhrt, und den ich fuͤr ſeine Frechheit ſogleich zuͤchtigen werde.“ „Im Namen Alles deſſen was Edel iſt, laßt mir die Rache,“ ſagte Quentin. „Dir, junger Mann?“ ſagte Dunois,„eine beſchei⸗ dene Bitte! Nein! ſolche Dinge erlauben keine Stellver⸗ tretung.“ Dann drehte er ſich im Sattel um, und rief denen, die ihn umgaben, mit lauter Stimme zu:„Edel⸗ leute Frankreichs! bildet eure Linie! Legt eure Lanzen ein! 265 Laßt die Strahlen der aufgehenden Sonne durch die Ba⸗ taillone jener Luͤtticher und Ardenner Schweine ſcheinen, jener Nachaͤſſer unſerer alten Waſſenkleidung.“ Die Waſſenleute antworteten mit dem lauten Rufe: „Dunois! Dunois! lang' lebe der kuͤhne Baſtard! Orleans zur Huͤlfe!“— Und mit dem Fuͤhrer in ihrer Mitte ſprengten ſie in vollem Roſſeslauf zum Angriſſ. Sie tra⸗ fen auf keinen furchtſamen Feind. Das große Corps, auf welches ſie den Angriff machten, beſtand, einige berittene Offiziere ausgenommen, ganz aus Fußvolk, welches, den Schaft der Lanzen gegen den Fuß geſtemmt, die vorderſte Reihe knieend, die zweite ſich buͤckend, und die hinterſte ihre Speere uͤber die Haͤupter der vordern haltend, dem reißenden Angriſſe der Waſſenleute einen Widerſtand ent⸗ gegenſetzten, wie der Igel ſeinem Feinde. Wenige nur waren im Stande, ſich durch dieſe Eiſenmauer Bahn zu machen, aber unter dieſen Wenigen befand ſich Dunois, der ſeinem Pferde die Sporen gab, ſo daß es einen Satz von faſt zwoͤlf Fuß machte, und ſo in die Mitte dieſes Phalanx einbrach und auf den Gegenſtand ſeines Haſſes losging. Wie groß aber war ſein Erſtaunen, Quentin Durward ſtets an ſeiner Seite und mit ihm in gleicher Linie fechtend zu ſehen. Jugend, verzweifelter Muth und der Entſchluß, zu ſiegen oder zu ſterben, hatten ihn immer bei dem beſten Ritter Europens, denn fuͤr ſolchen erkannte man Dunois und zwar mit vollem Rechte zu jener Zeit, Bruſt an Bruſt gehalten. 1 4 Ihre Speere waren bald zerbrochen, allein die Lanzen⸗ kuechte vermochten den Hieben ihrer langen gewichtigen 266 Schwerdter nicht zu widerſtehen, indeß die Pferde und Reiter, ganz mit Stahl gewappnet, nur wenig von den Lanzen derſelben zu leiden hatten. Immer beſtrebten ſie ſich im lebhafteſten Wetteifer, nach dem Orte vorzudrin⸗ gen, wo Derjenige, der das Wappen Dunois angerom⸗ men hatte, die Pflicht eines guten und tapfern Anfuͤhrers erfuͤllte; da bemerkte Dunois auf einem andern Punkte des Gefechts den Eberkopf mit den Fangzaͤhnen, und ſo⸗ gleich rief er dem Quentin zu:„Du biſt wuͤrdig, Orleans Wappen zu raͤchen, ich uberlaſſe Dir dieſes Geſchaͤft. Leslie, unterſtuͤtzt Euren Neſſen, aber laßt Niemanden ſich in Dunois' Eberjagd miſchen. Daß Quentin Durward ſich mit Freuden dieſe Thei⸗ lung der Arbeit gefallen ließ, kann nicht bezweifelt wer⸗ den, und Jeder draͤngte ſich vorwaͤrts zu ſeinem beſondern Gegenſtande, gefolgt und vertheidigt im Ruücken von De⸗ nen, die es vermochten, gleichen Schritt mit hnen zu halten. Allein in dieſem Augenblicke hatte die Kolonne, welche Wilhelm von der Mark hatte unterſtuͤtzen wollen, als ſein Lauf durch Dunois Angriff war aufgehalten worden, alle die Vortheile wieder eingebuͤßt, welche ſie waͤhrend der Nacht errungen hatte; indeß die Burgunder mit dem ruͤck⸗ kehrenden Tage die wieder gewannen, welche der hoͤheru Manuszucht gebuͤhren. Die große Maſſe der Luütticher wurde zum Ruͤckzug gendthigt, und endlich gar zur Flucht, und da ſie ſich auf diejenigen warf, welche mit den fran⸗ zöſiſchen Waſſenleuten handgemein waren, ſo gerieth Alles in einen großen Strom von Fliehenden, Fechtenden und . 267 8 Verfolgenden, welche ſaͤmmtlich nach den Stadtmauern zu ſtroͤmten und endlich in die große unvertheidigte Breſche gedraͤngt wurden, wodurch die Luͤtticher den Anefan ge⸗ macht hatten. Quentin machte faſt übermenſchliche Anſtrengungen, um den beſondern Gegenſtand ſeines Strebens zu errei⸗ chen, der ihm ſiets im Geſichte blieb und durch Stimme und Beiſpiel die Schlacht zu erneuern ſuchte, tapfer un⸗ terſtuͤtzt durch eine auserleſene Anzahl von Lanzenknechten. Der Benarbte und mehrere ſeiner Kameraden hielten ſi ſich zu Quentin, nicht wenig verwundert uͤber die außeror⸗ dentliche Tapferkeit, die von einem ſo jungen Krieger ent⸗ wickelt wurde. Auf der Kante der Breſche ſelbſt gelang es dem von der Mark,— denn er war es ſelbſt,— einen augenblicklichen Stillſtand hervorzubringen und einige der Vorderſten von den Nachſetzenden zuruͤck zu treiben. Er hielt in der Hand einen eiſernen Streitkolben, vor dem Alles zu Grunde zu gehen ſchien, und war ſo mit Blut bedeckt, daß man kaum noch das Wappen auf dem Schilde unterſcheiden konnte, welches D Dunois ſo in Wuth geſetzt atte. Quentin fand nicht viel Schwierigkeit, den Gegner zuin Zweikampfe zu bringen, denn die gebietende Stel⸗ lung, worein er ſich geſetzt hatte, und der Gebrauch, den er von ſeinem furchtbaren Streitkolben machte, veranlaßte mehrere der Stuͤrmenden ‚ſich ſicherere Angriſſspunkte zu ſuchen, als der war, wo ſich ein ſo verzweifelter Verthei⸗ diger zeigte. Allein Quentin, der die Wichtigkeit des Sieges uͤber ſeinen furchtbaren Gegner beſſer kannte, 268 ſprang an der Breſche vom Pferde, und indem er das edle Thier, ein Geſchenk des Herzogs von Orleans, ledig durch das Getuͤmmel laufen ließ, ſtieg er die Truͤmmer hinauf, um ſich im Schwerdtkampfe mit dem wilden Eber der Ardennen zu meſſen. Der letztere, gleich als haͤtte er des Gegners Abſicht errathen, wandte ſich mit erhobenem Streitkolben gegen Durward, und eben waren ſie auf dem Punkte, zuſammenzutreſſen, als ein furchtbares Geſchrei von Sieg, Tumult und V Verzweiflung ankuͤndigte, daß die Belagerer auf einem andern Punkte in die Stadt ein⸗ drangen, und zwar im Ruͤcken derer, welche die Breſche vertheidigten. Durch Stimme und Horn die verzweifelten Gefaͤhrten ſeines verzweifelten Schickſals um ſich ſam⸗ melnd, verließ Wilhelm von der Mark bei dieſen ſchrek⸗ kenden Toͤnen die Breſche, und verſuchte ſeinen Ruͤckzug gegen einen Theil der Stadt zu bewerkſtelligen, aus dem er leicht auf die andere Seite der Maas entkommen moͤchte. Seine unmittelbaren Begleiter bildeten eine dichte Maſſe wohl diſciplinirter Streiter, die, da ſie nie Quartier gegeben hatte, auch jetzt entſchloſſen waren, um keines zu bitten, und die in dieſer Stunde der Verzweif⸗ lung ſich in ſolcher Ordnung fortbewegten, daß ihre Fronte die ganze Breite der Straße einnahm, durch welche ſie ſich langſam zuruͤckzogen, indem ſie von Zeit zu Zeit den Ver⸗ folgern die Spitze boten, von denen manche eine ſicherere Beſchaͤftigung ſuchten, indem ſie, um zu pluͤndern, in die Haͤuſer brachen. Es iſt daher ſehr wahrſcheinlich, daß Wilhelm von der Mark gluͤcklich entkommen ſeyn wuͤrde, da ihn ſeine Verkleidung vor denen verbarg, welche ſich's vorgenommen hatten, Ehre und Groͤße mit ſeinem Kopfe 269 zu verdienen, wenn ihm nicht Quentin, ſein Onkel, der Benarbte, und einige der Kameraden deſſelben ſo ſiark zugeſetzt haͤtten. Bei jeder Pauſe, welche die Lanzenknechte machten, fand ein wuͤthendes Gefecht Statt zwiſchen ih⸗ nen und den Bogenſchuͤtzen, und in jedem meélée ſuchte Quentin immer den Wilhelm von der Mark auf; allein der letztere, der jetzt nur an den Ruͤckzug dachte, ſchien der Abſicht von jenem, ihn zum Zweikampfe zu bringen, zu entſchlüpfen. Die Verwirrung war allgemein in jeder Richtung; das Geſchrei und Geheul der Weiber, das Ge⸗ jammer der erſchrockenen Einwohner, die ſich nun allen Schreckniſſen kriegeriſcher Zuͤgelloſigkeit Preis gegeben ſa⸗ yen, toͤnte furchtbar durch das Getoͤſe der Schlacht,— gleich der Stimme des Elends und der Verzweiflung, im Kampfe mit der der Wuth und Gewaltthaͤtigkeit, welche eigentlich am weiteſten und lauteſten gehoͤrt werden ſollte, Gerade in dem Augenblicke, wo Wilhelm von der Mark beim Ruͤckzuge durch dieſe hoͤlliſche Scene in die Thuͤre einer kleinen Kapelle von beſonderer Heiligkeit trat, lehrte ihn der Ruf: Frankreich! 8 Frankreich! Burgund! Bur⸗ gund! daß ein Theil der, Velagerer am außerſten Ende der Straße, die eine der engſten wax, eindrang, und daß ihm ſo der Ruͤckzug gbgeſchnitten ward.„Conrad!“ ſagte er,„mimm alle Mannſchaft mit Dir und greif jene Bur⸗ ſche geradezu an, durchbrich ſie, wenn Du kannſt⸗ und rette Dich;— mit mir iſt es vorbei. Ich bin M Nanns genug, jetzt, da ich aufs Aeußerſte mich gebracht ſehe, ei⸗ nige dieſer ſhat ſchan Pandſirzicher, vor mir zur Hoͤlle zu ſenden.n 1 t 3 1 ———————n— —2 Sein Lieutenant gehorchte ihm, und mit den meiſten der wenigen Lanzenknechte, welche am Leben blieben, ſtuͤrzte er ſich nach dem aͤußerſten Ende der Straße, mit dem Vorſatze, die Burgunder anzugreifen, welche eben vorruͤckten, und ſich ſo einen Weg zu bahnen. Ohngefaͤhr ſechs der beſten Leute Wilhelms von der Mark blieben bel ihm, mit ihrem Herrn zu fallen, und boten den Bogen⸗ ſchuͤtzen die Spitze, welche nicht viel mehr an Zahl waren. —„Sanglier! Sanglier! Holla! Ihr ſchottiſchen Edel⸗ leute!“ rief er, ſeine Keule ſchwingend,„wem geluͤſtet's, eine Grafenkrone zu gewinnen? wer fuͤhrt den Hieb auf des Ebers Haupt? Ihr, junger Mann, ſcheint eine große Luſt dazu zu haben; allein Ihr muͤßt ſie erſt gewinnen, ehe Ihr ſie tragen koͤnnt!—“ Quentin hoͤrte dieſe Worte nur unvollkommen, da ſie zum Theil in dem hohlen Heline verklangen; allein die Bewegung konnte nicht mißverſtanden werden, und er hatte nur Zeit, ſeinen Onkel und ſeine Kameraden zu bit⸗ ten, zuruͤckzutreten, da ſprang auch ſchon Wilhelm von der Mark wie ein Tiger auf ihn los, mit der Keule einen Streich nach ihm fuͤhrend, ſo daß er Hand und Fuß zu⸗ gleich in Bewegung ſetzte, um ſeinem Streich die volle Kraft des Niederfalles zu ſichern; allein, leicht zu Fuß und ſcharf von Blick, ſprang Quentin zur Seite, und ent⸗ ging ſo gluͤcklich dem Streiche, der, wenn er ihn in voller Staͤrke getroſſen haͤtte, ihn zuverlaͤſſig getoͤdtet haben wuͤrde. Sie waren nun dicht an einander, wie„e Wolf und der Wolfshund, indeß ihre Kameraden auf jeder Seite unthaͤtige Zuſchauer blieben; denn der Benarbte aͤußerte nur bruͤllend ſeine Freude uͤber den ſchoͤnen Kampf, indem er hinzufuͤgte: er wuͤrde ſeinen Neſſen aun ihn wagen, und waͤre er auch ein Kerl wie Wallace. Sein Zutrauen blieb auch nicht ungerechtfertigt; denn ob auch gleich die Streiche des verzweifelten Raͤubers wie die Schlaͤge des Hammers auf den Ambos fielen, machten doch die ſchnellen Bewegungen und die geſchickte Fuͤhrung des Schwerdtes es dem jungen Bogenſchuͤtzen moͤglich, ihe⸗ nen zu entgehen und ſie mit der Spitze ſeiner minder ge⸗ raͤuſchvollen, wenn auch toͤdtlicheren Waſſe zu vergelten, und dieß that er ſo oft und ſo wirkſam, daß die ungeheure Staͤrke ſeines Gegners ſchon zu ermatten begann, indeß der Boden, auf dem er ſtand, mit einer Blutkruſte bedeckt ward. Allein an Muth und Zorn immer derſelbe, focht er mit eben ſo viel Geiſteskraft wie zuvor, und Quentins Sieg ſchien zweifelhaft und entfernt, als eine weibliche Stimme hinter ihm ſeinen Namen nannte, mit dem Rufe: „Huͤlfe! Huͤlfe! um der heiligen Jungfrau willen!— Er wandte ſich um, und mit einem einzigen Blicke er⸗ kannte er Gertrude Pavillon, welche mit von den Schul⸗ tern geriſſenem Mantel von einem franzoͤſiſchen Soldaten fortgeſchleppt wurde. Dieß war einer von denen, welche in die nahe Kapelle gebrochen waren, und der erſchrocke⸗ nen Frauen, die hier eine Zuſucht ſuchten, ſich als einer guten Beute bemaͤchtigt hatten. „Wartet einen Augenblick auf mich!“ rief Quentin dem Wilhelm von der Mark zu und ſprang fort, um ſeine 272 4 Wohlthaͤterinn aus einer Lage zu befreien, deren Gefah⸗ ren er ſich in ihrem ganzen Umfange vorſtellen konnte. „Ich warte auf Niemand,“ ſagte Wilhelm von der Mark, ſeine Keule ſchwingend und ſich zuruͤckziehend, da er vermuthlich ſehr froh war, eines ſo furchtbaren Ges⸗ ners entledigt zu ſeyn. „Mit Eurer Erlaubniß,“ ſagte der Benarbte; he ſollt doch wohl warten, denn ich laſſe meinen Neſſen in ſeiner Hofſnung nicht getaͤuſcht werden.“ Mit dieſen Worten griff er augenblicklich den Withelm von der Mark mit ſeinem zweihaͤndigen Schwerdte an. Quentin fand indeſſen, daß Gertrudens Befreiung ein ſchwierigeres Unternehmen war, als daß es in einem Au⸗ genblicke haͤtte ausgefuͤhrt werden koͤnnen. Ihr Raͤuber, von ſeinen Kameraden unterſtuͤtzt, wollte ſeinen Raub nicht fahren laſſen, und indeß Durward durch Huͤlfe von ein Paar ſeiner Landsleute jenen dazu zu zwingen ver⸗ ſuchte, erſah ſich der erſte den Vortheil, den ihm das Gluͤck zur Rettung darbot, und entſchluͤpfte aus dem Bereich Quentins, ſo daß, als er endlich mit der befreiten Ger⸗ trud allein auf der Straße ſtand, kein Menſch weiter in ſeiner Naͤhe ſich zeigte, Der huͤlfloſen Lage ſeiner Ge⸗ faͤhrtinn gaͤnzlich vergeſſend, war er eben im Begrifſe, fortzuſpringen und den Eber der Ardennen zu verfolgen, ohngefaͤhr wie ein Jagdhund der Spur des Wildes nach⸗ eilt, da hing ſich jene in Verzweiflung an ſeinen Arm und rief:„Bei der Ehre Eurer Mutter beſchwoͤre ich Euch, laßt mich hier nicht allein! So wahr Ihr ein Edelmann ſehd, leitet mich ſicher nach dem Hauſe meines Vaters⸗ 223 welches einſt Euch und Dame Iſabellen Schutz und Zu⸗ flucht gewaͤhrte. Um ihretwillen verlaßt mich nicht!—“ Ihr Ruf war zwar ſchwach, wie der einer Sterbenden, aber unwiderſtehlich; und mit einem unausſprechlich bit⸗ teren Gefuͤhle im Geiſte Abſchied nehmend von all den ſchoͤnen Hoſſnungen, die ihn an dieſem blutigen Tage be⸗ gleitet hatten, und deren Erfuͤllung gerade in dieſem Au⸗ genblicke ſich zu naͤhern ſchien, leitete Quentin, wie ein widerſtrebender Geiſt, der einem Zauber gehorcht, dem er nicht zu widerſtehen vermag, Gertruden zu Pavillons Hauſe, und kam hier eben zu rechter Zeit an, um dieſes, ſo wie den Syndicus ſelbſt, gegen die Wuth der ausſchwei⸗ fenden Soldaten zu ſchuͤtzen. Unterdeſſen zog der Koͤnig und der Herzog von Bur⸗ gund zu Pferde in die Stadt, und zwar durch eine der Breſchen. Sie waren Beide vollſtaͤndig gewappnet; allein der letztere, mit Blut bedeckt von der Feder bis zum Sporn, trieb ſein Roß wuͤthend nach der Breſche hinauf, welche Ludwig mit dem gemeſſenen Schritte eines Man⸗ nes beſtieg, der eine Prozeſſion anfuͤhrt. Sie ließen Be⸗ fehle ergehen, mit der Pluͤnderung der Stadt, welche ſchon begonnen hatte, inne zu halten, und die zerſireuten Truppen zu ſammeln. Die Fuͤrſten ſelbſt begaben ſich nach der Hauptkirche, ſowohl um die vornehmern Ein⸗ wohner zu ſchüͤtzen, welche hier ihre Zuftucht geſucht hat⸗ ten, als auch um nach Anhoͤrung der hohen Meſſe eine Art von Kriegsrath zu halten.*½ 4 Beſchaͤftigt, wie andere Offiziere ſeines Ranges, die unter ſeinen Befehlen ſtehenden Truppen zu ſammeln, D. III.— 18* * begegnete Lord Crawford, als er um die Ecke einer Straße bog, die nach der Maas zu fuͤhrte, dem Benarbten, wie er ganz ruhig dem Fluſſe zu ſchlenderte, in ſeiner Hand bei den verwirrten Haaren ein Menſchenhaupt haltend, mit eben ſolcher Gleichguͤltigkeit, als truͤge er eine Jagd⸗ taſche. „Nun, Ludwig!“ ſagte ſein Befehlshaber, was willſt Du denn mit dem Aaſe da anfangen?“ „Ja! das iſt Alles, was von dem Stuͤck Arbeit übrig geblieben, das mein Neſſe ſich ausgeſucht und auch faſt zu Stande gebracht hatte; ich habe nur die letzte Hand an⸗ gelegt!“ ſagte der Benarbte,—„ein tuͤchtiger Burſch, der, den ich nach Jenſeits befoͤrdert habe, und der mich vorher bat, ſeinen Kopf in die Maas zu werfen. Die Menſchen haben oft wunderliche Einfaͤlle, wenn ſie von dem alten Klapperbein gepackt werden; aber wir muͤſſen doch Alle, wenn die Zeit kommt, den Tanz mit ihm ver⸗— ſuchen.“ „Und Ihr wollt alſo den Kopf in die Maas werfen?“ ſagte Crawford, indeß er aufmerkſamer den grauſenden Erinnerer an die Sterblichkeit betrachtete. „Ja, ja,“ ſagte Ludwig Leslie,„wenn Ihr einem Sterbenden die letzte Bitte abſchlagt, ſo werdet Ihr von ſeinem Geiſte geplagt, und ich ſchlafe gern des Nachts recht gut. „Ei, Ihr muͤßt es ſchon mit dem Geiſte aufnehmen,“ ſacte Crawford; denn, bei meiner Seele, an dem Ueber⸗ reſee des Todten iſt mehr gelegen, als Ihr Euch einbild dek. 275 Komm mit mir! verliere kein Wort weiter! Komm nur, komm!—. „Nun!“ ſagte der Benarbte,„verſprochen habe ich's ihm eigentlich nicht; denn, um die Wahrheit zu ſagen, ich hatte ſchon den Kopf herunter, ehe die Zunge ſich noch be⸗ wegen konnte. Im Leben habe ich mich nicht vor ihm ge⸗ fuͤrchtet, beim heiligen Martin von Tours, und nach dem Tode werde ich eben ſo wenig Furcht haben. Ueberdieß wird mir mein Gevatter, der Bruder von St. Martin, einen ganzen Topf voll Weihwaſſer geben.“ Als die hohe Meſſe voruͤber war, welche in der Kathe⸗ dralkirche von Luͤttich gehalten wurde, ſo kam die geaͤng⸗ ſtete Stadt wieder in einen gewiſſen Zuſtand von Ord⸗ nung. Ludwig und Carl ſchickten ſich an, die Anſpruͤche derer zu vernehmen, welche waͤhrend der Schlacht einen ausgezeichneten Dienſt geleiſtet hatten. Diejenigen, welche ſich auf die Grafſchaft von Croye und ihre ſchoͤne Herrinn bezogen, wurden zuerſt vorgenommen, und zum großen Mißvergnuͤgen verſchiedener Bewerber, welche ſchon den ſchoͤnen Preis errungen zu haben meinten, ſchienen ihre Anſpruͤche großem Zweifel und vieler Ungewißheit zu un⸗ terliegen. Crevecoeur wies die Haut von einem Eberkopf auf, dergleichen Wilhelm von der Mark gewoͤhnlich zu tragen pflegte; Dunois brachte einen zerſpaltenen Schild vor, mit ſeinem Wappen bezeichnet; und ſo gab es noch Andere, welche auf das Verdienſt Anſpruch machten, den Moͤrder des Biſchofs in die andere Welt befoͤrdert zu ha⸗ ben, indem ſie zugleich ein aͤhnliches Zeichen darlegten; deun der hohe Preis, der auf Wilhelms Kopfe ſtand, hatte 276 allen den Tod gebracht, welche nur einigermaßen ſo wie er gewaſſnet geweſen waren. Es entſtand ein aͤußerſt heftiger Laͤrm und Streit un⸗ ter den Bewerbern, und Carl C(innerlich das raſche Ver⸗ ſprechen bereuend, welches die Hand und das Vermoͤgen ſeiner ſchoͤnen Vaſallinn von ſolch einem Zufalle abhaͤngig gemacht hatte) hoſſte noch ein Mittel ausfindig zu machen, allen dieſen widerſtreitenden Anſpruͤchen zu entgehen, da draͤngte ſich Crawford in den Kreis, den Benarbten hinter ſich drein ziehend, der ſcheu und niedergeſchlagen folgte, gleich einem großen Jagdhunde, welcher in einer Koppel widerſtrebend fortgezogen wird:„Weg mit Euren Eber⸗ köpfen und Klauen und Eurem gefaͤrbtem Eiſen! Kei⸗ ner, als wer den Eber ſelbſt erſchlagen hat, kann ſeine Fangzäͤhne aufzeigen.“ Mit dieſen Worten warf er das blutige Haupt auf den Boden hin, welches leicht fuͤr das Wilhelms von der Mark erkannt wurde, beſonders an der beſondern Geſtalt der Kinnbacken, welche in der That einige Aehnlichkeit hatten mit denen des Thieres, deſſen Namen er trug, und die denn auch ſogleich von Allen, welche ihn geſehen hat⸗ ten, anerkannt wurden. „Crawford!“ ſagte Ludwig, indeß Carl in duͤſterer, unangenehmer Ueberraſchung da ſaß,—„ich glaube, es iſt einer meiner brayen Schotten, der den Preis gewon⸗ nen hat.“ 3 „Es iſt Ludwig Leslie, Sire! den wir den Benarbten neunen,“ yerſetzte der alte Krieger. 277. „Aber iſt er von Adel?“ fragte der Herzog,„ſtammt er aus edlem Blute? Außerdem iſt unſer Verſprechen unguͤltig!“ „Er iſt freilich wohl ein ziemlich unfuͤgſames Stuͤck Holz,“ ſagte Crawford, indem er auf die große und un⸗ beholfene Geſtalt des Bogenſchuͤtzen deutete;—„allein ich wette, er iſt ein Zweig von dem Baume von Rothes,— und die ſind denn eben ſo edel g als irgend ſonſt ein Haus in Frankreich oder B irg eitdem von ihrem Stifter geſagt worden iſt:— Zwiſchen dem Leſſ⸗ler und dem ſun 1 Ort Erſchlug er den Koͤnig und ließ ihn dort.“ „Nun, ſo hilft es denn Nichts,“ ſagte der Herzog, „die ſchoͤnſte und reichſte Erbinn Burgunds muß das Weib eines gemeinen Miethſoldaten werden, wie dieſer da, oder ſie muß in einem Kloſter ſierben; und doch iſt ſie das einzige Kind unſers getreuen Reginald von Croye! ich bin doch zu vorſchnell geweſen.“* Eine Wolke ließ ſich auf ſeiner Stirn nieder, zum großen Erſtaunen ſeiner Pairs, welche ſelten bemerkt hat⸗ ten, daß er auch nur das geringſte Zeichen von Reue uͤber einen gefaßten Entſchluß ſich hatte merken laſſen. „Halt! halt! noch einen Augenblick!“ ſagte Lord Crawford;„es mag wohl Alles beſſer ſeyn, als Ew. Gnaden vermuthen. Hoͤrt nur, was dieſer Reiter zu ſa⸗ gen hat! Sprich, Mann! und es ſoll Dein Schade nicht ſeyn,“ ſagte er fuͤr ſich zum Benarbten.— Allein dieſer rohe Soldat, ob er gleich eine Auskunft 278 fand, ſich dem Koͤnig Ludwig, an deſſen Vertraulichkeit er gewohnt war, hinlaͤnglich verſtaͤndlich zu machen, ſahe ſich doch nicht im Stande, ſeinen Entſchluß vor einer ſo glaͤn⸗ zenden Verſammlung auszuſprechen, als die war, vor welcher er jetzt ſtand; und nachdem er ſeine Schulter ge⸗ gen die Fuͤrſten gewandt und mit einem wunderlichen La⸗ chen den Eingang gemacht hatte, wobei er furchtbare Ge⸗ ſichter ſchnitt, war er bloß im Stande die Worte heryor zu bringen:„Saunders Souplejaw“— weiter ging es nicht. ö „Mit Erlaubniß Eurer Majeſtaͤt und Eurer Gnaden,“ i Lanfezin ich fuͤr meinen Landsmann und Kameraden das t fuͤhren. Ihr muͤßt wiſſen, daß ihm durch einen Seher ſeines Vaterlandes prophezeihet worden iſt, daß das Gluͤckh ſeines Hauſes durch Heirath gemacht werden wuͤrde; da er aber ziemlich ſo beſchaſſen iſt, wie ich, und das Weinhaus mehr liebt, als einer Dame Som⸗ mercloſet, und im Allgemeinen ſo wunderliche Eigenhei⸗ ten und Neigungen beſitzt, welche ihm die Hoheit in ſei⸗ ner eigenen Perſon nur zur Laſt machen muͤßten, ſo hat er ſich meinem guten Rathe gefuͤgt und die Anſpruͤche, welche er durch Erlegung des Wilhelm von der Mark ſich erworben, dem abgetreten, durch den der wilde Eber eigent⸗ lich zum Falle gebracht worden iſt, und das iſt denn ſein Neſſe muͤtterlicher Seite.“ „Ich kann den guten Dienſten und dor Klugheit des Juͤnglings das Wort reden;“ ſagte Koͤnig Ludwig, außer ſich vor Freude, daß ein ſo ſchoͤner Preis Jemandem zu Theil geworden war, uͤber den er) einigen Einfluß beſaß. * ‿ —„Ohne ſeine Klugheit Wachſamkeit waͤren wir gewiß zu Grunde gegangen. Er war es ja, der uns auf den naͤchtlichen Ausfall aufmerkſam machte.“ 9ch bin ihm alſo,“ ſagte der Herzog,„einen Erſatz ſchuldig dafuͤr, daß ich an ſeiner Wahrhaftigkeit gezwei⸗ felt habe.“ „Ich kann ſeine Brapheit eßeude als ein Wrnßen⸗ 3 mann!“ ſagte Dunois. „Aber,“ unterbrach ſie Ere „Obeim ſo ein Stuͤck ſchottiſchen „wenn auch der iſt, ſo macht „Er iſt aus dem Hauſe Durwat „und ſtammt gerade von dem Allan Großſteward von Schottland war.“ „Ja, wenn es der junge Durward iſt,“ ſagte Creve⸗ coeur,„ſo ſage ich Nichts mehr. Das Gluͤck hat ſich zu deutlich fuͤr ihn erklaͤrt, als daß ich mich nicht ſeinen Lau⸗ anen willig fuͤgen ſollte.“ „Wir haben jetzt nur noch zu unterſuchen,“ ſagte Carl nachdenklich,„wie die ſchoͤne Dame gegen ihren begluͤckten Abenteurer geſinnt ſeyn mag.“ „Bei allen Heiligen,“ ſagte Ctevecdeuk,„ich habe nur zu viel Grund, zu glauben, Ew. Gnaden wird ſie dieß⸗ nal weit williger finden, ſich Eurem Anſehen zu unter⸗ fagte Crawford, ward ab, der werfen, als bei fruͤheren Gelegenheiten. Aber warum ſollte ich dem jungen Manne ſeinen Vorzug nicht goͤnnen, da, nach Allem zu urtheilen, Verſtand, Feſtigkeit und Tapferkeit ihn in den Beſitz von Reichthum, Rang und Schoͤnheit verſetzt habene“ Ich hatte dieſe Blitter hon in die Druckerei geſandt, nachdem ich, wie ich glaubte, mit einer Moral geſchloſſen, treſſlich berechnet zur Ermunterung aller ſchoͤnlockigen, blauaͤugigen, lang gewachſenen Emigranten aus meinem Vaterlande, welche vielleicht geneigt ſeyn moͤchten, in ſtuͤrmiſchen Zeiten das ehrenvolle Gewerbe der Gluͤcksritter wieder in Aufgahmenzu bringen. Allein ein freundlicher Warner, einer d der ſich auf velche dem Zucherſatze gleichen, einer Theetaſſe zu finden pflegt, inwendung gemacht und behauptet, ich muͤßte nu einen ganz genauen und umſtaͤndli⸗ chen Bericht von der Hochzeit des jungen Erben von Glen⸗Hot akin und der liebenswuͤrdigen flamaͤndi⸗ ſchen Graͤfinn, und erzaͤhlen, was fuͤr Turniere bei einer ſo intereſſanten Gelegenheit waͤren gehalten, und wie viel Lanzen dabei gebrochen worden; auch haͤtte ich dem wiß⸗ begierigen Leſer die Zahl der derben Knaben, welche die Tapferkeit Quentins geerbt haͤtten, und der ſchoͤnen Maͤd⸗ ſcchen, in denen ſich die Reize Iſabellens von Croye er⸗ neuert, nicht vorenthalten ſollen. Ich antwortete ihm aber mit umgehender Poſt, daß ſich die Zeiten ſehr geän⸗ dert haͤtten und oͤſſentliche Hochzeiten ganz aus der Mode gekommen waͤren. In Zeiten, deren ich mich ſelbſt noch erinnern kann, wurden nicht nur die„funfzehnten Freun⸗ de“ des gluͤcklichen Paares als Zeugen der Verbindung eingeladen, ſondern der Brautgeſang fuhr fort, wie in dem„alten Seemanne,“ ihnen den Kopf zu betaͤuben, bis ſie der Morgen beſchien. Das Sackposset(eine Art ſchottiſcher Milchſpeiſe) wurde in der Brautkammer ver⸗ — — 8 — — 281 zehrt,— der Strumpf wurde ausgezogen— und um das Strumpfband der Braut ſtritt man ſich in Gegenwart des gluͤcklichen Paares, aus dem Hymen ein Fleiſch gemacht hatte. Die Schriftſteller jener Zeit waren lobenswuͤrdig genau in Befolgung ihrer Sitten. Sie erſparten auch kein Erroͤthen der Braut, keinen gierigen Blick des Braͤu⸗ tigams, keinen Diamant in ihrem H zar, keinen Knopf an ſeinem Wammſe; bisüſte ſiene gebracht hatten. Allein wi dieß zu der be⸗ ſcheidenen Verſchwiegenheit, n Braͤute— ſuͤße verſchaͤmte Din ich dem Pompe und Prunke, der Bewit und Schmei⸗ chelei entziehen, und gleich dem edle ſtone „in einem Gaſthauſe ihre Zuflucht ſuchen.“ Dieſen wuͤrde ohne allem Zweifel eine unnſtaͤndlichere Auseinanderſetzung der Oeſſentlichkeit, womit eine Hoch⸗ zeit im funfzehnten Jahrhundert gefeiert wurde, hoͤchſt empoͤrend vorgekommen ſeyn. Iſabelle von Croye wuͤrde, ihrer Anſicht nach, wohl noch tief unter einer Viehmagd ſtehen, denn auch dieſe moͤchte leicht, und ſollte es in der Kirche ſelbſt ſeyn, die Hand ihres Schuhmachergeſellen ausſchlagen, wenn er es ſich einfallen ließe, ihr den Vor⸗ ſchlag zu thun:„faire des noces!“— wie es in Paris heißt,— ſtatt auf der Stelle mit der ordinairen Poſt ab⸗ zufahren, um den Honigmonat incognito zu Deptford oder Greenwich zuzubringen. Ich erwaͤbne daher auch nichts weiter von der Sache, ſondern ſtehle mich weg von dieſer Hochzeit, wie Arioſt von der der Angelika, Jedem uͤberlaſſend, ſich die Umſtaͤnde ſelbſt nach Gefallen und Geſchmack auszumalen. Ein beß'rer Barde wird im Lehensſtaate beſingen, Wie zu Schloß Bracquemont die gothiſchen Thor' auf⸗ gingen, Als dem irrenden Schotten die Herrinn ſein Ihre Schoͤnheit ſchenkt' und die Grafſchaft obenein!*) *) E come a ritornare in sua contrada Trovassg glio e miglior tempo or desse lo scettro ,— 4 4 — 2 Anmerkungen des Ueberſetzers zum 2 Dritten Theile des AQuentin Durward. lang ſeyn.. 2) Ob die unverkennbare in dieſer Zweideutigkeit abſichtlich iſt oder nich muß der Ueber⸗ ſetzer dem geneigten Leſer ſelbſt zu beurtheilen uͤberlaſſen, um ſo mehr, da der Herzog von Wellington die damalige Beſatzung von Peronne, welche keinen der Erwaͤhnung werthen Widerſtand leiſtete, ſchwerlich unter ſeine Hel⸗ denthaten zaͤhlen duͤrfte. 3) Die im Original ſtehenden Worte ſair und straight, bieten ein feines Wortſpiel dar, welches ſich im Deutſchen nicht volkommen wiedergeben laͤßt. 4) Worte der Schrift. 5) Dante's bekanntes: Lasciate ogni speranza.— 6) Das Ende kroͤnet das Werk, das Wortſpiel zwiſchen nis das Ende, und funus die Leiche, erklaͤrt ſich von ſelbſt. 2) Eine Trinkſtube heißt eigentlich in flaͤmiſcher oder flammlaͤndiſcher Sprache: Stove. 8) Nach Philipp von Comines(Th. I. B. VI.) liegt dieſem Charakterzuge folgende geſchichtliche Thatſache zum Grunde. Niemand,— ſagt dieſer Geſchichtſchreiber,— fuͤrchtete ſo ſehr, als Ludwig, den Tod, zu deſſen Abwen⸗ dung er ſich zu den niedrigſten Huͤlfsmitteln herabließ. Sein Leibarzt hatte ihm mit einem Schwur verſichert, daß⸗ wuͤrde er entlaſſen, der Koͤnig nicht laͤnger als eine Woche merkung liegende * 4 8 284 leben werde; und Ludwig, ſchwachſinnig durch Krankheit und Schrecken, ertrug die haͤrteſte Behandlung von dieſem Manne, und ſtrebte, ſich deſſen Dienſte durch uͤbermaͤßige Belohnungen zu ſichern. 9)„Wehe den Beſiegten.“ 10)„Stolz wie ein Schotte.“ 11) Der rothe Eber. 4 12) Ich verkuͤndige Euch große Freude. 13) Ein Stellpertreter, der Namens des nicht conſe⸗ crirten Beſitzers einer Pfruͤnde, die mit derſelben verbun⸗ denen prieſterlichen tionen verrichtet. 14) Erbzinsrecht, rbbeſtand. 15) Im Original werden ſechzig Yard angegeben, der Pard haͤlt drei Fuß. 16) Krieg des öſſentlichen Wohls. 12) Ein treſſliches allegoriſches Gemaͤlde des beruͤhm⸗ ten Malers Reynolds, zeigt den unſterblichen Kuͤnſtler in jener Stellung. Tin.nnninnnnſinnyppFfſſinſſſſſſſſnſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſt 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16