Iran ATATArArATaTannarhnanananaranarananannanannn Tararaaararnar Leihbibliothek Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. 17 / franz. od. engl.„ 2„ „ Das Abonn ement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 2 Bücher: „ 1 auf 6 Monat: 3 3 2,. „ 36 „ „ „ „ „ „ — 1 fl. 12 Kr. 45 „ „ Taran achnhnanarhnArAnannananhnhnhr gegeseeeesegasasaesecaeeeedesacereedeseaceagecess — — Geſammelte Schriften von Ludwig Kellstab. 34 3 11 Achtzehnter Band. Reue folge. Sechster band. Erzählungen. 8 Vierter Theil. ——— Leipzig: F. A. Brockhaus. 1 8 4 7. Erzaͤhlungen. Von Ludwig Kellstab. . vierter Theil. — Leipzig: F. A. Brockhaus. 1 8 47. Inhalt. Seite Exwira. Eine Erzählung.............. 1 Miller und Müller. Eine aus den Acten gezogene Geſchichte. 163 Aus Heinrich's Denkwürdigkeiten.(Wahrheit, nicht Dichtung.) 231 Drei Tage an den Ufern des Orinoko.(Skizzirte Erzählung, frei nach dem Engliſchen.)......... 265 Eine Erzählung. Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. VI. 11 Waände der Felsſchlucht mit rothem Widerſchein beleuchtete. Erstes Capitel. „Laß das Feuer nicht ausgehen, Kaveria, das Schießen⸗ hört auf; ehe eine halbe Stunde vergeht, ſind ſie hier, dar⸗ auf will ich wetten. Sie werden hungrig ſein, alſo Feuer unter den Keſſel! Nachher kannſt Du mir den Arm wieder verbinden.“ Dieſe Worte ſprach ein alter Krieger, Nunnez, der mit verbundenem Kopf und Arm auf einer Schütte Reisſtroh neben dem Bivouacfeuer lag, innerlich ergrimmt, daß ſeine Wunden ihn hinderten, an dem Kampfe Theil zu nehmen, zu dem ſeine Kameraden, lauter tapfere Spanier einer na⸗ vareſiſchen Guerilla, ausgezogen waren. Kaveria, eine ſpa⸗ niſche Matrone, die aber alle Beſchwerden des Kampfes für die Freiheit ihres Vaterlandes mit den Mannern theilte, gehorchte ſeiner Ermahnung und ſteckte neue Holzſtücke un⸗ ter den Keſſel, daß das Feuer höher aufflackerte und die Dieſe Flamme war aber nicht die einzige; weithin in allen Einſprüngen der Felswand, wo ſich Schutz vor dem Winde fand, glühten die Wachtfeuer, die von Verwundeten, Grei⸗ ſen, Kindern, Krüppeln, Frauen und Mädchen unterhalten wurden, welche für die Männer ſorgten, während dieſe fur ſie fochten.. 1*½ „Bei St. Jago, das Schießen wird wieder heftiger!“ rief Nunnez nach einigen Minuten aus.„Gewiß haben die Schufte die Brücke noch einmal anzugreifen verſucht! Und daß ich hier liegen muß! Raſch, Kaveria, verbinde mir den Arm! Es geht nicht vorwärts mit der Heilung!“ xaveria ſchüttelte den Kopf und ſprach misbilligend: „Faſt ſiebenzig Jahre alt, Nunnez, und noch ſo ungedul⸗ dig! Es ſind gute Kräuterſäfte auf Deine Wunde gedrückt! Kein Arzt und hätte er zu Salamanca ſtudirt, könnte Dich beſſer heilen als averia! Laß denn ſehen! Der Verband iſt gut; ich rühre ihn mit keinem Finger an.“ „Es werden drei Wochen vergehen,“ murrte Nunnez unwillig,„bevor ich nur wieder den Hahn meiner Büchſe ſpannen kann. Indeſſen hätte meine Kugel ſich dreißig franzöſiſche Offiziershüte mitten aus dem Staub und Rauch herausgelangt, vielleicht ſogar einen Marſchallshut dabei!“ „Alter Schwätzer und Prahler!“ erwiderte Paveria, „Spanien hat mehr Männer und die friſcher auf den Fü⸗ ßen ſind als Du! Sie werden Deine Arbeit ſchon mit thun! Halte Dich ruhig, ſonſt wird es nicht drei Wochen, ſondern drei Monate dauern, bevor Du wieder hinterm Buſch kauern und anlegen kannſt. Aber horch! das waren Schüſſe diesſeits der Berge!“ „So ſind es Freudenſchüſſe, die uns ihre Rückkehr melden,“ rief Nunnez;„denn daß ſie keinen franzöſiſchen⸗ Gewehrlauf diesſeits der Berge laden laſſen, dafür ſteh' ich.“ Das Schießen nahm zu. Die Berge und Wälder hall⸗ ten es weithin wieder. Es folgte jedem Knall ein langes Brauſen und Dröhnen, dem fernen Zuge des Sturmwin⸗ des durch hohe Baumgipfel gleich. Wie Nunnez richtig vermuthete, waren es die Freudenſalven einer zurückkehren⸗ den, ſiegreichen Schar.„Spart doch Euer Pulver!“ rief 13 „ der Jubel, in den von Zeit zu Zeit noch einzelne Flinten⸗ er, den jetzt Alles verdroß, weil er nicht Theil daran hatte, voller Unmuth aus.„Als ob nicht genug Franzoſenköpfe ſich in Spanien auf den Schultern herumdrehten. Bei St. Jago, jeder unnütze Knall rettet einem das Leben! Car⸗ racho!“ „Schweig und läſtre nicht!“ verwies Kaveria,„bete lieber einen Roſenkranz und thue unſrer lieben Frau ein Gelübde, Du Gottloſer!“ 8 „Pah! Ein niedergeſtreckter Franzoſe iſt beſſer als ein Gelübde! Und das gelobe ich, der erſte Schuß, den ich aus dieſer meiner Büchſe abfeuere, ſoll eine dreifarbige Ko⸗ karde überflüſſig machen!“ „Haſt Du nie fehl geſchoſſen, Nunnez?“ fragte Paveria lächelnd. „O ja! Auf hundert Schritte fehlte ich unter dreimal einmal die Kaſtanie, um deren Stiel eine Schleife gebun⸗ den war, wenn wir zur Luſt danach ſchoſſen! Den Feind nimmt der alte Nunnez aber ſicherer auf das Korn, denn er tritt ihm ſo nahe, daß er nicht fehlen kann!“ Bei die⸗ ſen Worten warf er das Haupt ſtolz empor und blickte mit dem Selbſtgefühl des Spaniers umher. Indeſſen war der Zug näher gekommen. Auf den en⸗ gen Bergpfaden, die aus der Waldung den Fels hinablie⸗ fen, wurde es lebendig. Man ſah hier und da Fackeln ſchimmern und bei ihrem Schein einzelne Neiter auf Maul⸗ thieren zwiſchen dem zahlreichen Fußvolk; eine wehende Fahne, blitzende Waffen, Federbüſche. Das ganze Thal war in Aufregung. Die Kinder und Mädchen liefen den Ankommenden entgegen und kletterten halb die Berge hin⸗ an, um zuerſt die Ihrigen zu begrüßen, oder ihr Schickſal zu erfahren. Bald erhob ſich ein lauter, immer wachſen⸗ — 6— ſchüſſe ſchallten. Das Gefecht war ſehr glücklich geweſen. Die in einer Felsſchlucht, dicht bei der Brücke eines Ge⸗ birgsfluſſes, über welchen die große Straße von Bayonne nach Pampelona führt, verborgenen Söhne des Gebirgs hatten ein franzöſiſches Regiment, von dem die Kundſchaf⸗ ter Nachricht gebracht, auf dem Marſche überfallen und nach einem mörderiſchen Feuer aus den Felslöchern und hin⸗ ter Baumſtämmen hervor, wobei jeder Schuß ſeinen Mann traf, daſſelbe zum Weichen gebracht. Eine Anzahl Gefan⸗ gener und eine große Beute an Waffen und anderem Kriegs⸗ bedarf belohnte die Sieger. Die Gefangenen, bleich von Nachtfroſt, denn ſie waren halb nackt, blutig, der franzöſiſche Soldat ergab ſich nicht unverwundet, ſchleppten ſich mühſam zwiſchen den bewaff⸗ neten Männern hin. Einige waren muthlos, denn ſie dach⸗ ten an den martervollen Tod, der ihrer harre; Andere be⸗ hielten den Grundzug des franzöſiſchen Charakters und be⸗ wahrten einen trotzig kecken Leichtſinn; die Meiſten waren ernſt, aber gefaßt, denn ſie fühlten ſich von jener Begeiſte⸗ rung durchdrungen und gehalten, die die Krieger des ruhm⸗ gekrönten Kaiſers erfüllen mußte. Unter den Letztern war Einer, deſſen edles männliches Anſehn unwillkürlich zur Ehrfurcht zwang, wiewol man ihm die Hände ſchmachvoll auf den Rücken gebunden hatte und er, vom Blutverluſt geſchwächt, bleich und ſchwankend einherging. Er war Of⸗ fizier, Capitain der erſten Compagnie des Regiments, welche den Zug eröffnet hatte und durch den Ueberfall der Spa⸗ nier, die das Defile plötzlich ſperrten, abgeſchnitten worden war. Von allen Seiten umringt, ohne Hoffnung zu ſie— gen, hatte er ſich doch mit ſeinen Leuten auf's tapferſte vertheidigt, bis die Meiſten durch die Büchſenſchützen hin⸗ ter Buſch und Fels niedergeſtreckt waren und nur wenige Verwundete am Leben blieben, die als Gefangene in die Hände des an Zahl weit überlegenen Feindes fielen. Allein wie zuvor im Gefecht, ſo gab Capitain St. Val auch noch jetzt ſeinen Leuten das Beiſpiel der Faſſung und Uner⸗ ſchrockenheit und ſie blickten auf ihn als auf ihren letzten Troſt, ihre letzte Zuverſicht. Das Vertrauen zu dem Füh⸗ rer war ſo groß, daß ſie ſich noch nicht ganz verloren glaub⸗ ten, ſo lange er für ſie ſprechen und handeln konnte. „Laßt jetzt den Scherz,“ verwies St. Val ſanft, aber ernſt Denjenigen, die ihre Verzweiflung in dieſe Form hüllen wollten;„Keinem iſt Gefangenſchaft und Martertod eine Ehre oder ein Glück; der Beſchränkteſte ſieht das ein und glaubt daher Eurer Rede nicht, ſondern durchſchaut es, daß ſie nur Euer Verzagen mit trügeriſchem Schein bedecken ſoll. Ihr aber,“ hatte er ſich zu Denen gewandt, die ihre Verzweiflung zur Schau trugen,„Ihr, die Ihr den Muth verlieren wollt, bedenkt, daß ſich zu dem Haß Eurer Feinde auch Verachtung fügen wird. Der echte Mann, der wahr⸗ haft Tapfere trägt ein unglückliches Schickſal mit Ernſt, gibt ſich aber bis zum letzten Augenblick nicht ganz verlo⸗ ren, ſondern ſpäht umher, wo ſich noch ein Weg zur Ret⸗ tung aufthut. Und gibt es keinen, ſo ſteht Euch doch der der Ehre offen, männlich zu dulden und zu ſterben.“ Die Gefangenen bedurften dieſes Zuſpruchs, der ihnen freilich nicht in hochtönender, zuſammenhängender Rede, ſondern in leiſeren Worten ihrer Mutterſprache wurde, wenn gerade der höhnende Jubel ihrer Begleiter ſich wilder aus⸗ ließ und ſich mit den ſchrecklichſten Drohungen, ja ſelbſt Mishandlungen miſchte. Zum Glück verſtanden die Be⸗ jammernswerthen meiſtens nicht, was ihre erbitterten Feinde in der Mundart des Landes theils ihnen, um ſie zu ſchmä⸗ — 8— hen, theils ſich ſelber untereinander zuriefen, um ihren In⸗ grimm noch mehr zu reizen. 4 „Seht Ihr die Feuer dort? Ihr franzöſiſchen Blutſau⸗ ger; bald ſollen ſie Euch wärmen, daß Euch die Haut zu⸗ ſammenrunzelt und Ihr aufheult wie angeſchoſſene Wölfe! Jacquino, den magern Habichtshals wollen wir für uns nehmen! Der Kerl ſieht aus wie ein lebendiges Geripp, ich will ihm aber doch noch Fett ausröſten! Nur Holz ins Feuer, daß wir nicht Mangel an Kohlen haben und ſie langſam braten können! Ihr ſchneidet jetzt Geſichter, weil Ihr das Barfußgehn nicht gewohnt ſeid und Euch nun die ſcharfen Steine in die Fußſohlen ritzen! Wartet nur, wenn ich Euch meinen Namen mit dieſem Meſſer in die Sohlen ſchneiden werde! Gil iſt ein kurzer Name, aber er ſoll Euch vorkommen, als ſtecke neunmal das ganze Alphabet darin! Pedro, ſieh Dir den Hauptmann an! So ſah Der aus, der Deine Braut entehrt hat! Die arme Zerlinetta! Weißt Du noch, wie ſie bleich mit zerriſſenem Haar vor dem Muttergottesbilde kniete und ſich die Brüſte ſchlug? Aber die Heilige hat ihr Gebet erhört! Die Rache iſt da!“ „Sprich nicht länger davon, Joſe, mein Blut kocht. Ich ſtürze ſonſt wie ein Tiger über dieſen Franceſado her und zerfleiſche ihm das Herz mit den Zähnen! Aber er ſoll langſam büßen, daß die Sonne ſieben Mal über ſeinem Angſtgeheul untergeht!“ Und nicht die Männer allein freuten ſich dieſer fanati⸗ ſchen Grauſamkeit, die ein langer, alle Rechte der Men⸗ ſchen verhöhnender Druck, ein Verachten und Mishandeln des Heiligſten, was ein Volk kennt, erzeugt hatte; auch die Frauen waren und meiſtens noch in einem viel höheren Grade davon erfüllt. Matronen, junge Mädchen, zarte Kinder umſchwärmten den Zug und ihre ſprühenden ſchwar⸗ 8 .—“ 5 4 5 84 —— 84 —jjjÿj zen Augen blickten begierig nach den Opfern. Sie waren ſo ſchön, ſo lieblich; die lichten braunen oder reichen ſchwar⸗ zen Locken ſpielten ihnen um Hals und Nacken, ſie trugen ſich leicht geſchürzt, ihr)e Stirn war frei und ſchuldlos und doch erfüllte gährendes Gift des Haſſes ihre Bruſt! Sie waren Tauben mit Geierblicken und Krallen.„Nicht wahr, mein Pedro,“ bat ein ſchwarzäugiges baskiſches Mäd⸗ chen ihren Geliebten ſchmeichelnd, indem ſie die Mantille ganz zurückſchlug, um ihm recht liebevoll und freundlich ins Auge zu ſehen,„nicht wahr, Alonzo, dieſen Gefange⸗ nen bringſt Du mir mit? Ich will Spaniens Jungfrauen an ihm rächen, ich will meine arme geopferte Schweſter Isquierda rächen!“ „Das ſollſt Du, Guitteria,“ erwiderte ein junger Spa⸗ nier mit ſtolzem Gang und feurigem Auge.„Du ſollſt das Herz dieſes Gottesläſterers mit glühenden Zangen aus ſeiner Bruſt reißen, wenn Du willſt!“ Dabei ballte er die Fauſt und ſchlug betheuernd an ſeine eigene, freie, ſon⸗ nenverbrannte Bruſt, die einige noch friſche Narben zeigte. Guitteria ſprang ihm liebend an den Hals und küßte ihn für das jammervolle Geſchenk, als habe er ihr die ſchönſten goldenen Armſpangen und den feinſten Baſthut aus Pam⸗ pelona mitgebracht. Doch miſchte ſich in ihre Freude ein edler Ausdruck des Schmerzes und des Zorns; der Haß entſtellte ſie nicht, denn in jener Zeit war der ſtärkſte Haß gegen den Feind eins mit der glühendſten Liebe zum Va⸗ terlande und die echte Spanierin war eben ſo ſtolz auf ihre Erbitterung gegen die Söhne Frankreichs, als ſorgſam in der Bewahrung ihrer weiblichen Ehre. Der Prieſter ſelbſt, der geweihte Mann des Friedens, entflammte in glü⸗ hender, gotteingegebener Rede den Zorn gegen die Verächter und Zerſtörer der kirchlichen Heiligthümer! Wie die Ver⸗ — 10— tilgung der Ungläubigen im Zeitalter der Kreuzzüge die höchſte chriſtliche Pflicht war, ſo war die Vertilgung der Franzoſen jetzt des Spaniers höchſte, chriſtliche und vater⸗„ ländiſche Pflicht zugleich, und darum hieß der erſte Satz ſeines Glaubens:„Haß gegen Frankreich!“ und erſt der zweite:„liebe deinen Nächſten als dich ſelbſt.“ Denn zu den Schergen des Eroberers, der den jungen angeſtammten König verrätheriſch gefangen hielt, dem Volke einen andern, verachteten aufdrang und jedes Recht der Völker mit eher⸗ nem Fuß zertrat, zu den Sklaven ſeines Gebots, die jedem Wink ſeines frevelhaften Begehrs mit frecher Bereitwillig⸗ keit gehorchten, gab es für den Spanier keine chriſtliche Gemeinſchaft, keine Liebe, noch Nächſtenpflicht. Die ſeine Klöſter räuberiſch plünderten, die Heiligthümer entweihten, die Jungfrauen Spaniens entehrten, ſelbſt Derer nicht ſchon⸗ ten, welche ſich am Altar des Herrn zu himmliſchen Bräu⸗ ten gelobt hatten, ſie waren ihm nur Diener der Hölle und die Prieſter bezeichneten ſie als Verruchte, Verworfene, ih⸗ ren Führer aber als den Verworfenſten von Allen. Daher war ihre Vertilgung, ihre Peinigung ein frommes Werk, das den Eingang zum Himmel öffnete. Darum ergriff ſelbſt der Mönch die Waffe und ſchwang ſich zu Roß; die Stimme, die ſich bisher nur zum frommen Gebet am Altar des Herrn erhoben, ertheilte jetzt mächtig ſchallend kriegeriſche Befehle mitten im Getümmel der Schlacht und auf ihren Ruf ſtürzte der Spanier freudig in den Tod. 3 Erbarmen war das Wort, welches Niemand kannte in dieſem Kriege des Völkerhaſſes; ja ſelbſt in der Frauenbruſt war es ein fremder, unverſtandener Laut geworden, der wirkungslos verhallte. Darum konnte Guitteria, ein holdes, liebes Kind, das ihre Täubchen, ihre Kanarienvögel zärtlich liebte und hegte, es dennoch als ein Liebesgeſchenk erbitten, einen blutenden Gefangenen zu Tode zu martern, um ſich die Gnade der Kirche damit zu verdienen. Der Zug war nunmehr von den Bergen herab ins Thal gekommen, wo Raum genug blieb, die Scharen zu ver⸗ ſammeln. Der Führer der Guerilla, ein Mann in rüſtigen Jahren, Don Malleros, ein Edler der Nachbarſchaft, ließ einen Kreis ſchließen und die Gefangenen in die Mitte deſ⸗ ſelben treten. „Wer mit eigener Hand einen Gefangenen gemacht hat, trete hervor,“ hub Malleros an. Maſetto und einige An⸗ dere traten aus den Reihen in den Kreis. „Nehmt Die, welchen ihr die Waffen im Kampfe abge⸗ nommen habt, mit Euch,“ ſprach Malleros,„ſie ſind Euer rechtmäßiges Eigenthum; ſchaltet damit, wie Ihr möget. Die Andern ſind gemeinſchaftliches Gut und ſollen vor Al⸗ ler Augen einen qualvollen Tod ſterben.“ St. Val verſtand die Landesſprache. Er hörte, was der Führer ſagte, und fühlte die Pflicht, wie vergeblich das Unternehmen ihm auch ſcheinen mochte, die Rettung der ihm anvertrauten Krieger zu verſuchen. Er richtete ſich ſo ſtolz und kräftig auf, als ſeine Wunde und Erſchöpfung es zuließen, und ſprach: „Wir ſind Kriegsgefangene! Das Völkerrecht nimmt unſer Leben in Schutz; ich darf erwarten, Sennor, daß Ihr ebenſo wenig Gefangene ermorden werdet, wie dies von franzöſiſcher Seite geſchieht!“ Malleros blickte St. Val mit tiefer Verachtung an und ſchwieg. „Der Krieg hat Schrecken und Jammer genug,“ fuhr St. Val fort;„die Pflicht fodert es leider zu oft, daß wir — 12— 0 Blut vergießen, aber um ſo freudiger folgt ihr der Mann von Ehre, wenn ſie ihm Schonung gebietet.“ „Schonung! Euch!“ lachte Malleros ingrimmig auf. „Der Krieg iſt ehrend für die Völker,“ erwiderte St. Val mit Selbſtgefühl,„denn er führt Tapfere gegen Ta⸗ pfere, Waffen gegen Waffen, und Sieg oder Tod iſt ſein Ziel. Mit dem Beſiegten, dem Wehrloſen, dem Gefange⸗ nen aber gibt es keinen Krieg.“ „Auch nicht mit Räubern und Verräthern,“ brach Mal⸗ leros wüthend los.„Als Verräther hat Euer Kaiſer un⸗ ſern jungen König ins Garn gelockt, als Räuber ſeid Ihr in dieſes Land gefallen! Fort, Euer Loos iſt entſchieden, fort!“ „Auch wir haben Gefangene!“ rief St. Val entrüſtet. „Brecht. Ihr die ſchaudervolle Bahn des Mords, wol denn, ſo fodert Ihr die Vergeltung heraus! Man wird unſern Tod erfahren und blutig rächen!“ „Heil dem Sohne Spaniens, der den Märtyrertod für ſeinen König und ſeinen Glauben ſtirbt!“ rief Malleros mit erhobener Stimme aus.„Spanier, wie denket Ihr?“ „Heil dem Märtyrer für König und Glauben!“ riefen tauſend Stimmen zugleich und in glühender Begeiſterung warfen ſich die Tapfern auf die Knie und erhoben die Arme gläubig und betend zum Himmel. „Da ſeht, wie Eure Drohungen uns ſchrecken,“ rief Malleros mit Stolz, indem er das Haupt emporwarf und mit der Hand rings im Kreiſe deutete.„Fort zum Tode mit ihnen!“ 1 Und auf dieſes Wort ſtürzten die Spanier wuthent⸗ brannt auf die Unglücklichen ein. Wer einen eigenen Ge⸗ fangenen hatte, ſchleppte ihn mit Hülfe einiger Kameraden hinweg; die Andern wurden mit Blitzesſchnelle in die ein⸗— ſ — 13— zelnen Häuflein, wie ſie zu jedem Wachtfeuer gehörten, ver⸗ theilt und bei den Füßen und Haaren hinweggeſchleift, um der grauſen Opferwuth zu dienen. Ein tiefer Schmerz tobte in St. Val's Bruſt, als er die tapfern Gefährten, mit denen er in ſo mancher heißen Schlacht den Sieg erfochten, von der wilden Menge zu un⸗ würdiger Schmach, in Qual und Tod hinweggeriſſen ſah. Nicht das ehrwürdige Alter des Greiſes, nicht die kaum er⸗ blühte Jugend fand Mitleid. Der Grimm ſtachelte ſich nur noch mehr daran auf, denn das Alter traf der Vorwurf, ſeine Würde ſchon lange durch Mishandlung der Völker be⸗ fleckt zu haben, die Jugend der, ſchon ſo früh durch das Verbrechen verführt zu ſein. St. Val wurde zu dem Feuer hingeſchleppt, wo der alte Nunnez lag, denn Malleros hatte hier ſeine Lagerſtätte und ihm, als Führer der Schar, kam der höchſte Gefan⸗ gene zu. Nunnez's verdroſſenes Geſicht erheiterte ſich, als er das Opfer erblickte. Mit Freuden half er St. Val an einen nahe beim Feuer ſtehenden Baum binden, von wo der Un⸗ glückliche die Zubereitungen zu ſeinen Martern anzuſchauen gezwungen war, wenn er das Auge nicht gewaltſam ſchloß. Man riß ihm die Oberkleider ab und zwaͤngte ihm die nack⸗ ten Arme rückwärts um den Baumſtamm. Ein ſtarkes Baſtſeil wurde ihm feſt über die Bruſt geſchnürt. In die⸗ ſer qualvollen Stellung ließ man ihn und eilte dem Feuer zu, das ihm den ſchrecklichen Tod bereiten ſollte. Es war in dieſem Kriege leider das gewöhnliche Loos der Gefange⸗ nen, die in die rohen Hände einzelner Guerillas geriethen, daß ſie das Schickſal des heiligen Laurentius, den der Spa⸗ nier als einen ſeiner höchſten Schutzpatrone und den Be⸗ 7 — 14— ſchirmer der königlichen Gruft des Escurials verehrt, erdul⸗ den mußten. „Ein Glück iſt bei dieſem ſchmachvollen Unheil,“ rief— es in St. Val's Bruſt, während man die empörenden Zu⸗ bereitungen traf,„ich ſehe wenigſtens den Jammer meiner Gefährten nicht. Mir ſoll der Wille Kraft geben, die Mar⸗ ter ſtolz zu ertragen und zu verachten. Möge das Gefühl des Männerſtolzes und der Völkerehre meinen Gefährten gleichfalls die hinreichende Stärke geben, um dieſe Tiger nicht durch den Anblick des unterliegenden Jammers zu er⸗ quicken!“ In dieſen Gedanken fand der von Ruhm begei⸗ ſterte, in Beſchwerden und Mühen geſtählte Krieger, dem Gefahr und Tod vertraute Nachbarn geworden waren, eine Stütze und es blieb ihm Kraft genug, ſein entſetzliches Schickſal männlich auszudulden. 5 Zweites Capitel. Das Feuer flammte hoch auf; etwa dreißig ſpaniſche Soldaten und einige Frauen hatten ſich um daſſelbe gela⸗ gert. Die Glut ſtrahlte von den Felswänden zurück und färbte die übergewölbten Zweige der alten Kaſtanie mit 8 röthlichem Schein. Trotz des Kummers, der St. Val's Bruſt erfüllte, blieb die romantiſche Schönheit dieſes An⸗ blicks doch nicht ohne Wirkung auf ihn. Der Baum, an den man ihn gebunden, ſtand auf einer kleinen Anhöhe, ſo daß er von dort den ganzen Lagerplatz zum größten Theil überblicken konnte. Im naͤchſten Vordergrunde ſaß der alte 1“ ſilberhaarige Nunnez; er öffnete den Weinſchlauch, der zur Feier des Sieges angebrochen werden ſollte, und machte den 2 Schenken für ſeine Kameraden, die die ernſtere Arbeit des Gefechts gethan hatten. Dieſe lagen in maleriſchen Grup⸗ pen, mit der dem Spanier ſo eigenen, leichten und doch ſtolzen Grazie, auf dem Naſen umher. Dieſer putzte ſeine Büchſe und freute ſich, wie die Flamme ſich auf dem blan⸗ ken Lauf zurückſpiegelte; jener dort hatte die Mandoline er⸗ griffen und ſang einen fröhlichen Boleros, wobei eine ihm zur Seite gelagerte artige Kleine mit ſchwarzem Haar und Augen helltönend mit einſtimmte. Ein Jüngling, dem die dunkeln Locken in langen Ringen über den Nacken fielen, hatte das ſonnverbrannte Antlitz finſter in die Hand geſtützt und ſtarrte mit ſeinen tiefſchwarzen Augen wild unter den buſchigen Braunen hervor in die Flamme. Ihr voller Wi⸗ derſchein fiel auf ſein Antlitz; es war der edelſte Kopf, den man ſehen konnte. Als er ihn einen Augenblick erhob, glänzte ein feuchter Blitz in ſeinen Augen und rann in ei⸗ nen purpurgoldnen Tropfen zuſammen. Es war eine Thräne, die gewaltſam hervordrang, ſich an die langen Wimpern hing, im Feuerglanz ſtrahlte und dann erlöſchend nieder⸗ tropfte auf die Wange. Der Jüngling verwiſchte ſie hef⸗ tig mit der Hand, bevor einer der Kameraden ſie ſehen möchte. 1 St. Val betrachtete ihn mit einem Antheil, der ihn auf 8 Augenblicke ſeine eigene Lage vergeſſen ließ. Und doch war es gerade dieſer Jüngling, deſſen Schickſal das ſeinige un⸗ widerruflich machte Denn wenige Tage zuvor wax ein Trupp ſtreifender hranzoſen bis zu ſeiner Hütte ins Ge⸗ birge vorgedrangen, hatte ſie überfallen, geplündert, in Brand geſteckt, den alten Vater erſchlagen und die beiden Schweſtern des Jünglings mitgeſchleppt, um der wüthenden — 16— Luſt einer Stunde das ganze Lebensglück und Heil der Un⸗ glücklichen, vergeblich um Erbarmen Flehenden aufzuopfern. Als bleiche Jammergeſtalten, mit erloſchenen Augen, wil⸗ 4 dem Haar, zerriſſenen Kleidern, wahnſinnig vor Angſt und Schmerz, waren ſie zurückgeflüchtet in die Gebirgsſchluch⸗ ten, um den Bruder aufzuſuchen, der die Waffen ergriffen hatte. Ihr Bild ſtand jetzt vor ihm, darum arbeitete Zorn und Schmerz in ſeiner Seele und Keiner, bei deſſen Ge⸗ burt Frankreichs Sonne geleuchtet hatte, durfte auf Alon⸗ zo's Erbarmen hoffen. 3 Doch der Boleros ertönte fröhlich; die andern Krieger miſchten ihren Geſang darein. Eins der Mädchen tanzte den Fandango und der Reiz ihrer Bewegungen, wie ſie, angeſtrahlt vom Purpurhauch der Flamme, über den Ra⸗ ſen hin und her ſchwebte, war unbeſchreiblich ſelbſt für Den, 11 dem die ernſte Stimme der Gewißheit zurief: du ſiehſt dies zum letzten Male. Ebenſo lebhaft ging es bei den übrigen Feuern zu; die Geſtalten waren jedoch nur unbeſtimmt, im Halbdunkel ſicht⸗ bar, ausgenommen wenn ſich eine einmal dicht im vollen Feuerglanz zeigte. Ein röthlicher Nauch, mit Funken ge⸗ miſcht, zog über die Gruppen hin, an den Felshöhen hin⸗ auf und verlor in die Zweige, oder ſchwebte in dünnen Schleiern über den tiefblauen ſüdlichen Nachthimmel dahin, daß die Sterne nur einzeln und bleicher hindurchglänzten. Wandte der Blick ſich ihnen zu, ſo empfand die Bruſt die* hehre Stille der Nacht, die heilige Nähe der großen, ewi⸗ gen Natur. Auf der Erde aber miſchten ſich die Bilder des Lebens bunt durcheinander. Männer zu Fuß und zu Noß, ſtehend, Waffen prüfend, an Feuern gelagert, trin⸗ kend, tanzend, mit der Zither im Arm; gezäumte Maul⸗ thiere, Waffentrophäen, Kriegsgeräth, das im Widerſchein — 1— der Flamme leuchtete; Frauengeſtalten, die anmuthig, ver⸗ ſöhnend, verſüßend durch das rauhe Kriegsgetümmel ſchweb⸗ ten; das kriegeriſche Signalhorn auf der Spitze der Höhen, 4 das die fernen Wachen benachrichtigte, Klang der Caſtagnet⸗ ten, der Mandoline, der Geſänge, ein Trommelwirbel, ein⸗ zelne Schüſſe. Plötzlich drang ein Angſtruf, deſſen Ton das Herz zerriß, mitten durch die ſchwirrende Unruhe und Alles horchte auf. St. Val richtete ſeinen Blick nach der Gegend, woher der Laut kam, und ſah, das Entſetzen er⸗ ſtarrte ſeine Bruſt, den blutenden Körper eines halbnackten Jünglings, der, von vier wilden Spaniern gepackt, an ei⸗ ner alten Kaſtanie emporgehoben wurde, während zwei An⸗ dere ſeine übereinander gebundenen Hände mit einem eiſer⸗ nen Bolzen an den Stamm des Baumes nagelten. 4„Ihr verhöhnet den Gekreuzigten,“ erhob ein Prieſter ſeine Stimme, indem er ein Crueifix emporhielt,„ſo ſollt Ihr ſeine Martern dulden.“ Jetzt ließen die Henker den Unglückſeligen los, denn er hing an dem Eiſenbolzen und ſein Körper wand ſich in krampfhaften Zuckungen. Die Menge ringsumher fiel auf die Knie und ſtimmte, nach dem Vorbilde des fanatiſchen Mönchs, einen Lobgeſang an. „Grauenvoll, entſetzlich!“ rief St. Val aus; und er wußte ſelbſt kaum, ob das Bild des Gemarterten oder ſein eigenes Loos, welches er in dieſem furchtbaren Spiegel er⸗ 4 blickte, oder endlich der fanatiſche Wahnſinn, der den Gott der Gnade und des Erbarmens auf das entſetzlichſte läſterte, indem er ihn zu verherrlichen wähnte, ihm die Bruſt krampfe haft zuſammenpreßte. Es zuckte ihm unwillkürlich in den Händen, um ſich das Geſicht damit zu bedecken; da fühlte er ſich von ſeinen Banden gehemmt und dieſe körperliche Erinnerung ſtellte ihm ſeine eigene Lage und die furchtbare Zukunft, die ihn vielleicht in der nächſten Minute ereilte, mit erneuten Schrecken vor die Seele. Er fühlte, daß ſein männlicher Entſchluß wankte; feſt drückte er die Augen zu, um die qualvollen Zuckungen des gefolterten Kameraden nicht zu ſehen; doch die Jammertöne ſeines Angſtgeſchreies dran⸗ gen in ſeine Seele und das entſetzliche Bild blieb vor ſei⸗ nem innern Auge ſtehen. So riß es ihm gewaltſam die Blicke wieder nach dem Ort des Schreckens hin; doch ſchon hatte man dem Gepeinigten neue Martern bereitet, denn man ſtellte nun ein eiſernes Becken mit glühenden Kohlen unter ſeine Fußſohlen, daß er die gebundenen Füße krampf⸗ haft aufwärts zog, um der langſam verſengenden Hitze zu entgehen, die ſeine Sohlen verbrannte. Jetzt aber wich der Schrecken aus St. Val's Bruſt und ein wilder Grimm be⸗ mächtigte ſich ſeiner; er gab ihm die männliche Kraft zu⸗ rück. Knirſchend erhob er das Haupt gen Himmel und ſein Gebet war ein Ruf zum Allmächtigen um Nache. Ein laut aufſchallendes Jubelgeſchrei drang plötzlich an ſein Ohr. Er ſah die Mannſchaften aller Feuer in Bewe⸗ gung; ſie verließen dieſelben und ſtrömten der Mitte des Lagerplatzes zu, wo ſich die Menge zuſammendrängte. Auch von der ihm zunächſt gelegenen Feuerſtätte eilte Alles da⸗ hin und Malleros ſelbſt flog raſch von ſeinem Sitze auf und ſuchte ſich dem Strom voranzudrängen. St. Val konnte nur einige dunkle Geſtalten zu Roß erkennen, die in der Mitte des Volkes hielten; zufällig fielen gerade dichte Baum⸗ ſchatten auf dieſe Stelle. Doch hörte er den oft erneuten Ruf:„La Sennora! La Sennora! Viva la Sennora!“ Bald wurde ihm deutlich, wem dieſer Ausruf galt; denn die zu Pferd Sitzenden bewegten ſich im Gedränge langſam vorwärts und plötzllich beſtrahlte ſie ein heller Feuerſchein. Da ſah er zwiſchen zwei Reitern auf einem prächtig ge-e zäumten Maulthier eine hohe Frauengeſtalt, deren ganze kriegeriſche Kleidung und Haltung verriethen, daß ſie zu den muthigen Spanierinnen gehörte, die, begeiſtert für die Sache des Glaubens und des Vaterlandes, alle Gefahren und Be⸗ ſchwerden mit den Männern theilten. Ein helmartiger Hut, mit weißen Federn geſchmückt, zierte ihr Haupt; ſchwarzes Haar ringelte ſich in reichen Locken darunter hervor und fiel ihr in den Nacken herab, halb von dem breiten ſpani⸗ ſchen Kragen gehalten, deſſen weiße Falten den Nand ei⸗ nes dunklen Neitkleides begrenzten. Züge des Antlitzes konnte St. Val wegen der Entfer⸗ nung und der unſichern Beleuchtung durch Feuerglanz noch nicht unterſcheiden, entſprachen ſie jedoch nur irgend dem Adel der Geſtalt, der Majeſtät und Anmuth des ſchlanken Nackens und Halſes, deſſen Weiße ſich blendend durch das dunkle Haar hob, ſo mußte ſie von hinreißender Schönheit ſein. Dieſe Erſcheinung mitten unter der wilden Horde glich einem Wunder. Es war St. Val zu Muthe, als ſei plötz⸗ lich eine Göttin unter die Barbaren getreten und werde ſie mit edlerem Wiſſen erleuchten, durch ſanftere Gefühle be⸗ zwingen. Es ſchien ihm unmöglich, daß in der Gegenwart, in der Nähe einer ſo herrlichen Geſtalt die fanatiſche Bar⸗ barei ihre Abſcheulichkeiten ausüben dürfe. Der Schwung ſeiner jugendlichen Phantaſie ließ ihn in dieſer Unbekannten einen Engel der Rettung ſehen und ſeine Bruſt erfüllte ſich, je mehr er ſich in ihren Anblick verlor, mit unnennbaren Gefühlen ſeliger Beklommenheit und Hoffnung. Langſam ritt die kriegeriſche Schöne zwiſchen ihren Be⸗ gleitern näher; jetzt wurde ſie wieder von dem Schatten ei⸗ ner uralten Kaſtanie bedeckt, ſo daß kaum die Umriſſe der Geſtalt zu erkennen waren. Aber nun mußte ſie gleich in den hellen Lichtkreis des nächſten Wachtfeuers gelangen und dann auch ihr Antlitz völlig ſichtbar ſein. Zwei Momente und die Nacht, welche ſie umgab, zerfloß und ein röthlich ſchimmerndes Licht umſtrahlte ſie. Welch eine milde Ho⸗ heit des Antlitzes! Augen ſchwärmeriſch düſter, die unter langen dunkeln Wimpern glänzten, eine hohe Minerven⸗ ſtirn, Kinn und Wangen von zarter Wellenlinie der Ju⸗ gend umgrenzt, tiefer Purpur der Lippen, die zwar ernſt geſchloſſen, doch durch einen wehmüthigen Zug ſanft mil⸗ dernd umſpielt wurden. Sie hielt an; Malleros war ritterlich ſchnell bei der Hand, um ihr den Bügel zu halten und ihr aus dem Sat⸗ tel zu helfen. Doch ſie blieb ſitzen, obgleich ihre Begleiter abſtiegen. Es ſchien St. Val, als hefte ſie ihre Blicke mit ſtummer Aufmerkſamkeit auf ihn. Da war es ihm, als müſſe er jetzt ſprechen, als ſende ihm der Himmel in die⸗ ſem hehren und doch ſo milden Weſen einen Engel der Rettung, wenn er nur Kühnheit genug habe, das göttliche Zeichen zu verſtehen und nach ſeiner Deutung zu handeln. Ein muthiger Entſchluß gehörte dazu, denn wenngleich die Gefahr ſeiner Lage ſich für St. Val nicht vermehren konnte, ſo muß der Mann von Ehrgefühl und Hochſinn dennoch ei⸗ nen ſchweren Kampf in ſich beſtehen, um ein Wort der Bitte zu wagen, wo es mit Hohn zurückgewieſen werden, als ein Bekenntniß der Verzagtheit erſcheinen kann. Doch das Gefühl der Pflicht, für ſeine Gefährten zu handeln, und ein feſtes Vertrauen zu der edeln Geſtalt vor ſeinen Augen überwanden die Scheu und er begann mit ernſtem ſanften Ton der Stimme:„Edle Sennora! Ihr erſcheint wie das Bild der ewigen Gnade vor meinen Augen; Euer Wort muß Jedem, der es vernimmt, ein Gebot ſein. Er⸗ füllet den Beruf des Segens, den Eure holdſelige Geſtalt 4 verheißt, und rettet meine unglücklichen Gefährten von einem Schickſal, das kein Menſch dem Menſchen zu bereiten ein Recht hat.“ Staunend, aber ſchweigend richtete die Unbekannte ihre Blicke auf St. Val und ließ ſie dann im Kreiſe umher⸗ ſchweifen; plötzlich ſchauderte ſie zuſammen, die Zügel ent⸗ ſanken ihr und ſie bedeckte das Antlitz mit beiden Händen. Der Anblick des Bejammernswerthen erſchütterte ſie ſo, der am nächſten Wachtfeuer jene furchtbaren Qualen erlitt, deſ⸗ ſen Jammergeſchrei ſich aus Erſchöpfung ſchon in ein leich⸗ tes, hinſterbendes Aechzen verwandelt hatte. Doch der Kör⸗ per wand ſich, von der ſteigenden Folter des Brandes ge⸗ martert, noch in gewaltſamen Zuckungen hin und her! „Heilige Jungfrau!“ brach die Unbekannte mit lautem Ruf aus und der Ton klang wie ein Schrei aus zerriſſe⸗ ner Bruſt,„heilige Jungfrau! Dieſes Entſetzen muß ich ſehen!“ Dann richtete ſie ſich ſtolz empor und rief wie Jemand, der Rechenſchaft fodern darf:„Warum habt Ihr ſie nicht getödtet!“ Der Kreis der Männer rings umher ſtand ſchweigend, es malte ſich Verwirrung und Beſtürzung in ihren Zügen. St. Val ſah dieſem Auftritt mit einer nicht zu ſchil⸗ dernden Spannung entgegen; er wußte nicht, ob er ihn hoffend oder fürchtend deuten ſolle. „Malleros! Weshalb habt Ihr“— „Donna Elvira! Ihr fodert das Unmögliche! Die Rache des Spaniers läßt ſich nicht durch ein Wort bändigen. Die Feinde verbrennen ſeine Hütte, tödten ſeine greiſen Aeltern, entehren ſeine Töchter, das fodert Rache! Ich kann ſie nicht hemmen!“. „So ſeid denn verworfen vor meinem Angeſicht!“ rief Elvira mit edelm Zorn.„Eure eigene verruchte Grauſam⸗ — 22— keit könnt Ihr nicht bezwingen und letzt Euch wie der Ti⸗ ger an langſam ausgeſogenem Blut! Die Grauſamkeit iſt feig! Den feigen Spanier verachte ich!“ Malleros bezwang den Ingrimm ſeiner Bruſt, der fin⸗ ſtre Schatten über ſeine Stirn warf, und erwiderte:„Schöne Elvira, Ihr ſeid ſehr ungerecht! Ihr wißt nicht, wie weit die Macht des Führers reicht!“ „Vollends unwürdig,“ ſprach Elvira zuͤrnend,„daß Ihr Euch ſelbſt den Vorwurf feiger Schwäche aufbürdet, um dem der Grauſamkeit zu entgehen! Ihr vermöget dieſe Greuel nicht zu hindern? Wol denn, ſo verſinkt vor Scham, denn ich vermag es, ich, ein Weib!“ Bei dieſen Worten hatte ſie die Zügel ihres Maulthie⸗ res mit der Linken wieder ergriffen und zog mit der Rech⸗ ten einen Dolch aus dem Gürtel.„Spanier!“ rief ſie und deutete auf St. Val,„bindet den Gefangenen los! Ster⸗ ben ſoll er, ſterben müſſen ſie Alle, aber nicht wie der Cannibale mordet. Bindet ihn los!“ Alle ſchwiegen; keiner wollte ungehorſam ſein, aber auch keiner zuerſt gehorchen. Der Jüngling Alonzo aber ſprang auf. Seine Augen funkelten wie zwei Sterne; er bebte vor innerer Bewegung. Zitternd trat er vor Elvira hin, blickte zu ihr auf, erhob drohend ſeinen Dolch, ließ ihn ſinken, erhob ihn wieder und bebte ſtärker. Endlich brachte er mühſam die Worts hervor:„Sennora, meine beiden Schweſtern— Rache!“ „Gehorcht mir jetzt, augenblicklich,“ rief Elvira,„oder dieſer Dolch durchbohrt mich vor Euern Augen!“ Sie er⸗ hob dabei die im Widerſchein blitzende Waffe mit ſo ent⸗ ſchiedenem Willen gegen die Bruſt, daß Niemand zweifeln konnte, ſie werde ihren Entſchluß ausführen. St. Val, der . — 23— ſeine eigene Lage in der Spannung über dieſe wunderbare Erſcheinung vergaß, rief unwillkürlich:„o Himmel!“ Doch eben ſo ſchnell hatte ſich Alonzo der Heldenjung⸗ frau zu Füßen geworfen und rief:„Ich gehorche Dir und wenn meine Bruſt zerreißen ſoll!“ Dabei küßte er inbrün⸗ ſtig den Saum ihrer herabhängenden Gewänder, ſprang dann blitzſchnell auf St. Val zu, zerſchnitt in einem Au⸗ genblick deſſen Bande mit ſeinem Dolch, ſo daß der Gefan⸗ gene frei daſtand, und dann rief er in einer, einem fanati⸗ ſchen Wahnſinn ähnlichen Begeiſterung aus:„Viva la nue- stra Sennora!“ „Viva, viva!“ erhob der ganze Kreis die Stimmen und Elvira blickte ſtolz, mit leuchtenden Augen über die Männer hin. „Spanier! Brüder!“ rief ſie,„ich trage Eure Fahne voran in der Schlacht! Dieſe Bruſt ſei die erſte, die ſich den feindlichen Kugeln entgegenwirft!“ Die Spanier wollten fortſtürzen, um auch die übrigen Gefangenen zu entfeſſeln und ihre Martern zu hindern. Doch als habe Elvira's begeiſtertes Wort die Erfüllung deſſelben ſofort herbeigerufen, ertönte plötzlich ein dröhnen⸗ des Krachen von den Spitzen der Berge, als brächen die Felſen zuſammen. Es waren Kanonenſchüſſe, deren Don⸗ ner im Wiederhall der Felsſchluchten betäubend fortrollte. Alles ſtarrte umher, in den Lüften ziſchte es wie tauſend Schlangen, die Zweige der alten Kaſtanien ſchlugen ſchmet⸗ ternd gegen den Boden, Staub wirbelte in hohen Wolken auf und ein Schreckensruf niederſtürzender Krieger theilte die Lüfte. „Wir ſind uͤberfallen,“ rief Malleros,„Verrath! Auf, Bruͤder, gegen den Feind!“ — 21— „Mir folgt!“ gebot Elvira,„mir! Jetzt will ich Euch danken!“ 4 Mit dieſem Wort ſprengte ſie gegen eine Pyramide zu⸗ ſammengeſtellter Büchſen und Waffen heran, in deren Mitte eine Fahne mit dem Bilde der Mutter Gottes ſtand. Dieſe ergriff ſie, ſchwang ſie hoch über das Haupt und rief: „Mir nach! Ich trage ſie Euch voran!“ Ein unermeßlicher Jubelruf erhob ſich. Eine zweite Lage ſchmetternder Kartätſchen wurde von den begeiſterten Käm⸗ pfern kaum beachtet. Sie ergriffen ihre Büchſen, ihre Schwerter und ſtürzten ſich dem Angriff des Feindes ent⸗ gegen. Die Trompeten ertönten, Trommeln wirbelten; in einer Minute war das ganze Lager in Bewegung und er⸗ ſchallte vom Kriegsgetümmel und dem begeiſterten Vater⸗ landsgeſang der Spanier. St. Val ſah Alles vor ſich geſchehen wie ein Wunder. Doch der kampfgewohnte Krieger konnte nur einen Augen⸗ blick lang über dieſe Ereigniſſe die Beſonnenheit verlieren, deren er bedurfte, um ſie zu nutzen. Er warf ſein ſpähen⸗ des Auge umher und ſah, daß im erſten Augenblick der Be⸗ geiſterung und Beſtürzung Alle der Heldenjungfrau folgten. Seiner Bande war er entledigt, hinter ihm Gebüſch und tiefes Schattendunkel— ein Sprung und er konnte gerettet ſein. Der verwundete Nunnez hatte im Aufſpringen den Mantel liegen laſſen und ſeine Büchſe, die er nicht führen konnte, lehnte an dem Stamm der Kaſtanie. Beides ergriff St. Val und verſchwand in dem Dunkel des Gebüſches. Dort hüllte er ſich in den ſpaniſchen Mantel ein, unterſuchte die Büchſe, fand ſie geladen, ſpannte den Hahn und beſchloß nun ſein Schickſal ſelbſt zu bilden und zu beherrſchen, ſo weit es die Umſtände zuließen. * — 25— Drittes Capitel. Das Regiment, zu welchem St. Val gehörte und wel⸗ ches dem Ueberfall der Guerilla im erſten Augenblick wei⸗ chen mußte, weil das ungünſtige Terrain und die durch die Nacht erhöhte Verwirrung dem Feind zu Hülfe kamen, hatte ſich ſchnell wieder geſammelt. Der Oberſt fühlte, daß er die Schmach rächen müßte, oder ſeine und des Regiments krie⸗ geriſche Ehre verloren ſei. Er beſchloß daher einen Angriff auf die Guerilla in ihren Gebirgsſchlupfwinkeln, ſo unzu⸗ gänglich dieſelben auch zu ſein pflegten. Der Zufall führte ihm eine Verſtärkung durch einige Geſchütze zu, die, von einer Abtheilung leichter Truppen gedeckt, ebenfalls den Weg nach Pampelona nahmen. Unter den Soldaten be⸗ fand ſich einer, der lange Zeit als Schleichhändler mit den baskiſchen Provinzen verkehrt hatte; er erbot ſich zum Füh⸗ rer in die Gebirgsthäler, wohin ſich allem Vermuthen nach die Guerilla zurückgezogen haben würde. Der Oberſt ver⸗ ſprach ihm eine glänzende Belohnung. Der Zug begann. Das Glück war günſtig, man traf die rechte Spur. Es gelang zwei ausgeſtellte Vorpoſten ſo zu beſchleichen, daß man ſie niederſtoßen konnte, bevor ſie den Feind ahneten. Man ſchaffte jetzt zwei Kanonen mit großer Mühe auf ei⸗ nen Felsvorſprung, der das Thal beherrſchte, in weichem die Guerilla ihr Lager aufgeſchlagen hatte. Indeſſen beſetz⸗ ten die Franzoſen, durch den Schleichhändler auf's vortreff⸗ lichſte angeleitet, jeden Ausgang und nun begann auf ein gegebenes Zeichen das mörderiſche Kartätſchenfeuer, welches die, wie in einem Netz gefangenen Spanier furchtbar auf rieb und ſie nach allen Seiten den beſetzten Ausgingen ent⸗ Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. VI. 2 — 26— gegentrieb, auf denen die Franzoſen jetzt mit Getümmel vor⸗ drangen und die Vorpoſten überall angriffen und warfen. St. Val hatte kriegeriſchen Ueberblick genug, um den ungefähren Zuſammenhang der Dinge zu vermuthen. Er ſuchte daher eine Gegend des Thales zu erreichen, wo er hoffen durfte, bald auf die Angreifer zu ſtoßen. Dies wäre ihm leicht geworden, doch trieb ihn auf der andern Seite ein unwiderſtehlicher Zug, das Schickſal der Heldenjungfrau, der er die Rettung ſeines Lebens verdankte, im Auge zu behalten. Er ſah die von ihr hoch geſchwungene Fahne mitten im Thal im Glanz der widerſtrahlenden Wachtfeuer wehen und den Hauptſtrom der Menge ſich um ſie ſammeln, mit ihr vordringen; einige minder Tapfre und die Scharen der Frauen und Alten warfen ſich nach andern Richtungen, um Auswege zu ſuchen. Sie wußten nicht, daß ſie um⸗ ringt waren und ihnen keine Rettung blieb, als mit gan⸗ zer Macht auf einem Punkte durchzubrechen. Zwiſchen Felſenklippen, immer tief im Buſchwerk, ſtieg St. Val einen mühſamen Pfad hinan, der ihn verbarg, ohne ihm den Ueberblick zu rauben. Plötlich raſſelte es über ihm wie Steingeröll, ein Schuß krachte dicht über ſei⸗ nem Haupt und zugleich glitt ein Menſch halb fallend, halb ſpringend zwiſchen dem Felſen herab. St. Val ergriff die Büchſe und legte an; da erkannte er im dämmernden Glanz der entfernten Feuer die franzöſiſche Uniform. Doch bevor er ein Erkennungswort ausſprechen konnte, hatte der kühne Landsmann ihn ſchon unterlaufen, packte ihn und wollte ihn vom Felſen ſtürzen. Es wäre ihm gelungen, doch er glitt ſelbſt aus und St. Val hatte alle Mühe, ihn zu halten. „Sacre Dieu!“ rief der Soldat ingrimmig, indem er auf die Knie niederſtürzte. — 27— „Kamerad!“ redete ihn St. Val an.„Du irrſt Dich, ich bin kein Spanier!“ Er hatte aber kaum dieſes Wort ausgeſprochen, als er ſich noch heftiger umſchlungen fühlte als vorher. Aber dies⸗ mal war es der Ungeſtüm der Freundſchaft und der Freude, denn es war ein junger Sergeant ſeiner eigenen Compagnie, Verginois, auf den er geſtoßen war und der ihn beinahe mit ſeiner Umarmung erdrückte und in der Wallung der unvermutheten Freude die Worte:„Mein Capitain! Mein theurer Capitain! Und gerettet!“ kaum herausſtoßen konnte. „Aber Verginois, wie kommſt Du hierher?“ „Ah diable! Ich konnte die Zeit nicht erwarten. Ich weiß, wie es die Spanier machen! Mußte ich nicht eilen, wenn ich Euch noch ungebraten treffen wollte? Ma foi Ich kam nicht, um mitzueſſen an Euch.“ „Doch weshalb ſchoſſeſt Du?“ „Das war eben der Teufel! Der Spaziergang von dort oben herunter iſt faſt ſo ſteil wie die Hauptfronte von Nöͤtre⸗Dame zu Paris; ich glitt aus, mein Gewehr ging los, ich fiel Euch faſt auf den Kopf und dachte, das iſt einer vom Berge*).“ „Nein, nein, Verginois, Du weißt, ich bin ein Gi⸗ rondiſt!“ „Hol der Teufel den Berg und die Gironde, Ihr ſeid mein Capitain und es fehlten nicht zwei Fuß breit, ſo hätte ich Euch hier den Sprung abwärts machen laſſen! Aber was nun?“ St. Val fragte, Verginois desgleichen; in einer halben *) De la montagne, die bekannte blutdürſtige Partei im Na⸗ tionalconvent; die Guerillas wurden wegen ihrer Grauſamkeit und ihrer Schlupfwinkel in den Bergen eben ſo bezeichnet. 2* 28— Minute wußte Jeder vom Andern, was nöͤthig war und St. Val ſtieg mit Verginois wieder aufwärts, um einem Trupp von Landsleuten zu begegnen, der auf einem zwar ſchmalen und ſteilen Gebirgspfade, aber doch nicht auf ei⸗ nem ſo halsbrechenden Nebenwege, als Verginois gewählt hatte, herabkam. Kaum waren ſie hundert Fuß aufwärts geklimmt, als ſie ſchießen hörten. Die Vorpoſten waren handgemein geworden. Verginois hatte wieder geladen und gab auch St. Val Patronen. „Hier ſtehn wir auf dem Anſtand! Wenn ſie herun⸗ terkommen, hier wenigſtens ſoll weder ein Haſe, noch ein Eber durchgehn,“ murmelte der Sergeant leiſe und ſchärfte den Stein an ſeinem Hahn. „Aufgepaßt!“ winkte St. Val,„ſie kommen!“ Man hörte das Felsgeröll in dem engen Pfade raſſeln und raſche Schritte. „Ich nehme den Erſten, mein Capitain,“ flüſterte Ver⸗ ginois. Ein navareſiſcher Spitzhut wurde ſichtbar, Vergi⸗ nois drückte ab, der Spanier ſtürzte. „Heilige Jungfrau Maria!“ rief er aus, ſank in die Knie, kreuzte die Arme über die Bruſt und fiel, ohne ei⸗ nen Laut weiter zu ſprechen, auf das Angeſicht nieder. Die Unze Blei iſt bezahlt, triumphirte Verginois, war aber ſo⸗ gleich wieder beim Laden. St. Val blieb im Anſchlage, war jedoch vorſichtig, weil er nach der Stärke, wie die Spanier ihre Poſten auszuſtellen pflegten, nicht vermuthete, daß noch Einer den Felspfad herabkommen werde. Er hatte ſich nicht geirrt, denn gleich darauf ſah man franzö⸗ ſiſche Czakos und Verginois gab ein Freudenſignal durch den Ausruf:„Vive Pempereur!“ Jubelnd begrüßten die Soldaten von St. Val's Regiment ihren verloren geglaub⸗ ten Capitain und fragten nach dem Schickſal ihrer Kame⸗ raden. St. Val gab ihnen die Hoffnung, daß die meiſten noch gerettet werden könnten. Zugleich warf er Nunnez's Mantel ab und ließ ſich mit Waffen und Kleidungsſtücken aushelfen. Ein junger Offizier gab ihm den Ueberrock, den er über der Uniform trug, und den Degen erhielt er von einem Andern, der, in der Hand verwundet, ihn nicht füh⸗ ren konnte. Inzwiſchen hatten ſich die auf dem engen Pfade ein⸗ zeln Herabklimmenden zu einer anſehnlichen Schar geſam⸗ melt und St. Val führte ſie hinab ins Thal, um die Spanier, die ſich auf dem jenſeitigen Ende durchzuſchlagen verſuchten, im Rücken anzugreifen. Zuerſt blickte St. Val umher, ob er von den gefange⸗ nen Kameraden Niemand entdeckte; allein ſie mußten Alle entweder getödtet ſein, oder ſich verborgen haben, denn die ſämmtlichen Feuerſtellen waren verlaſſen und auch die ſpa⸗ niſchen Frauen und Greiſe geflüchtet. Nur zur Linken, an der uralten Kaſtanie, ſah er aus der Ferne noch den Kör⸗ per des Unglücklichen in erlöſchender Glut ſchimmern, der dort die grauſenvollen Martern erduldet hatte. Er befahl Verginois leiſe, mit einigen Leuten hinüberzueilen, um den Gequälten wo möglich noch zu retten. Es war zu ſpät, die Qual hatte ihn getödtet. Die erſtarrten Glieder hin⸗ gen unbeweglich herab; Blut aus der Wunde, wo man ihm den Bolzen durch die Arme geſchlagen hatte, ſtrömte ihm über Angeſicht, Bruſt und Leib; das Fleiſch um die Füße war verbrannt, verkohlt, blutig, die Haut weit hin⸗ auf geborſten und zuſammengerollt. Ein grauenvoller An⸗ blick! „Sacre Dieu!“ rief Verginois und biß ſich in die Lip⸗ pen,„alſo das iſt Kriegsrecht in Navarra?“ Die Kameraden wollten den Leichnam abnehmen. — 30— „Rührt ihn nicht an!“ rief Verginois wild.„Er ſoll hier hängen als unſer Altarbild. Wir werden den Platz wol behaupten, denke ich, und nicht alle dieſe kahlhälſigen, braungelben Zigeuner aus Navarra werden ehrliche Kugeln in den Wanſt bekommen. Die wir lebendig fangen, ſollen hier vor Gericht geſtellt werden! Laßt ihn hängen, ſage ich! Jetzt fort zum Capitain!“ St. Val rückte mit den Seinigen im Sturmſchritt an; ſie kamen der hochfliegenden Fahne der Spanier, die ſie beim Blitz der Musketen von Zeit zu Zeit aus dem Dun⸗ kel leuchten ſahen, immer näher. Der Kampf war ſchon lebhaft, die tapfern Navareſen wähnten nicht, daß ſie von allen Seiten umringt ſeien, und hielten ſich ſtark genug, um den Angriff von der einen Seite ſiegreich zurückzuweiſen. Am wenigſten ahnten ſie aber, daß bereits dicht in ihrem Rücken eige Feindesſchar anrücke. St. Val's Herz ſchlug, von einem unausſprechlichen Gefühl bewegt, bei dem Gedanken an die Heldin, die das Banner trug. Er ging zum erſten Mal mit Furcht dem Kampf entgegen. Wie ſollte er es möglich machen, die heldenmüthige Retterin zu erretten, die ihre Bruſt ſo kühn den Gefahren entgegenwarf! 1 Jetzt war man dem Feindestrupp auf bequeme Schuß⸗ weite nachgerückt. Der Angriff mußte nun geſchehen; auch Verginois war eben wieder eingetroffen und rief halblaut: „Gut, ich komme eben noch recht zum Anfang des Con⸗ tretanzes! Capitain, was habe ich geſehen! Die Navare⸗ ſen ſind ja boshaftere Teufel als die Mamelucken! Die Geier in den Pyrenäen ſind Lämmer dagegen! Aber jetzt laßt uns den Fandango aufſpielen! Ihr ſollt franzöſiſche Caſtagnetten kennen lernen!“ „In Zügen rechts marſchirt auf!“ ließ St. Val das — 31— Commando von Glied zu Glied gehen und die Bewegung vollführte ſich ſchnell und ſtill und ſo pünktlich, als es in der Nacht und bei dem unebnen Terrain möglich war. Die Front war hergeſtellt.„Laßt tief anſchlagen,“ ließ er den Wink durch die Glieder murmeln,„damit Ihr nicht über die Köpfe des Feindes hinwegſchießt und gar die Unſrigen trefft.“ Der Befehl war wol gut, doch St. Val's Hoff⸗ nung dabei eigentlich die, daß die hochſitzende Fahnenträge⸗ rin wo möglich verſchont bleiben möge. Jetzt war der Au⸗ genblick da! „Feuer!“ Die Salve krachte durch die Nacht. „Tambour! Sturmſchritt geſchlagen!“ Der Trommelwirbel rollte, daß er betäubend in den Bergen widerhallte. St. Val flog mit gezogenem Degen voran, die muthigen, erbitterten Krieger ihm nach, als ob eine Koppel Jagdhunde losgelaſſen ins Feld brauſte. Der unvermuthete Angriff hatte Schrecken in die Rei⸗ hen der Spanier gebracht. Dem Feinde vor ihnen gingen ſie trotzig entgegen, um ſich Stirn an Stirn mit ihm zu meſſen. Als ſie ihn aber hinter ſich ſpürten und ſo, daß ſeine erſte Salve gleich von der furchtbarſten Wirkung war, da vergrößerten Nacht und Ungewißheit über die Gefahr die Schrecken derſelben und ſie ſtanden beſtürzt, faſſungs⸗ los, wußten nicht, wohin ſie ſich wenden ſollten. Ehe ſie zu einem Entſchluß kommen konnten, wurde er ihnen auf⸗ gezwungen. Denn St. Val brach mit ſeinen Tapfern in die verworrenen Reihen ein und das wilde Handgemenge zwang jeden Einzelnen zum Kampfe oder zur Flucht. „Nach der Fahne, nach der Fahne!“ rief St. Val den Seinigen zu und drang, nicht rechts nicht links den Feind beachtend, gegen dieſe vor. Verginois war ihm zunächſt 2 4 — 32— mit einigen Verwegenen. Die entſchloſſenen Navareſen um⸗ ringten ihre Heldenführerin und machten die Bruſt zu ihrer Mauer. Nur einige Schüſſe krachten noch, wie Blitze aus einer Gewitterwolke, aus der Menge, da Niemand mehr Zeit zum Laden hatte; der flammende Lichtglanz beleuchtete auf Augenblicke Elvira's Geſtalt und das hoch von ihr ge⸗ ſchwungene Banner. St. Val's glühende Blicke verfolgten ihr erhabenes Bild, das ihm, von dem Pulverrauch halb umzogen, wie eine zürnende Schutzheilige in Gewitterwolken erſchien. Jetzt dachte er ſich zu ihr hinzukämpfen. Da plötzlich warf ſich ihm ein Jüngling wie ein junger Löwe entgegen und drang mit gezücktem Dolch auf ihn ein. St. Val packte ihn mit ſeiner Linken in das Handgelenk; doch daſſelbe that der Jüngling ihm und hemmte ſo den Streich ſeines Degens. Beide Kämpfer fühlten, daß die Waffe ih⸗ nen jetzt nur ein Hinderniß ſei, und ließen ſie gleichzeitig fallen, um mit einander zu ringen. Erſt jetzt erkannte St. Val ſeinen Gegner; es war der ſchöne, düſtre Alonzo, der vor wenigen Minuten mit dem Dolch ſeine Bande zer⸗ ſchnitten hatte. Die geſtählten Muskelkräfte des rauhen Gebirgsſohnes, den noch keine Wunde verletzt, wurden durch fanatiſchen Ingrimm verdreifacht; St. Val war durch Wun⸗ den, Blutverluſt und Pein der Seele erſchöpft. Er hätte ihm nicht Widerſtand geleiſtet, obgleich ſein brennendes Ver⸗ langen, ſich zu Elviren durchzukämpfen, auch ihm eine dop⸗ pelte Gewalt lieh, wenn nicht Verginois mit einem Kol⸗ benſchlag auf Nacken und Schultern Alonzo's dieſen plötz⸗ lich ſo getroffen hätte, daß er wankte und taumelte. Jetzt wollte St. Val auf Elviren eindringen und ſie hinab in ſeine Arme reißen. Da krachten einige Schüſſe dicht in der Nähe Beider, Elvira that einen Schrei, das Banner ſank aus ihrer Hand, ihr Maulthier bäumte ſich hoch auf ——— — 33— Dichter Pulverdampf hüllte ſie und St. Val ein; er konnte nicht ſehen, nicht athmen. Da fiel es aus der grauen Nacht mit niederdrückender Schwere wie ein Koloß auf ihn; er ſtürzte, von der Maſſe erdrückt, zu Boden und der ſchmetternde, dumpf dröhnende Fall raubte ihm völlig die Beſinnung. Viertes Capitel. „Gott ſei Dank, mein Capitain, daß Ihr endlich die Augen wieder aufſchlägt!“ rief Verginois und hielt dem wie aus einer andern Welt erwachenden und ſtaunend um ſich blickenden St. Val eine Flaſche mit Wein entgegen. „Trinkt, trinkt einen Schluck und Ihr werdet Eure Kräfte wiederhaben. Ich wußte es ja gleich, daß das nicht der Tod war, ſondern nur die Betäubung von dem Höllen⸗ ſchlage den Bergabſatz hinunter und das Maulthier über Euch hin!“ St. Val blickte umher. Er ſah ſich an einem Wacht⸗ feuer im Kreiſe ſeiner Kameraden. Verginois und ein Wund⸗ arzt waren um ihn beſchäftigt; ſein Oberſt trat freundlich auf ihn zu und redete ihn an: „Nun, Capitain St. Val! Wie geht’s? Es freut mich, daß wir Sie nicht verlieren in dieſem heißen Gefecht! Parbleu! Die Navareſen ſind Leute von Stahl und Eiſen! Was ließe ſich mit denen nicht anfangen! Den Mond wollte ich erobern mit ſolchen Teufeln! Kaum zwanzig — 3— Gefangene, alle Andern ließen ſich in Stücke hauen. Nur Etliche ſind, wie die Gemſen, zwiſchen den Felsſpalten ver⸗ ſchwunden. Ja ja, St. Val, ſehen Sie mich nur verwun⸗ dert an. Das Feld iſt unſer, die Guerilla ſo gut wie ver⸗ nichtet und hauptſächlich durch Ihren geſchickten Angriff. Das heißt eine Scharte auswetzen! Nicht wahr? Nun, Sie freuen ſich doch?“ Der Oberſt ſprach in einem fort, weil er glaubte, den noch erſchöpften und betäubten St. Val durch die Sieges⸗ nachrichten kräftigen und ermuntern zu müſſen. Dieſer hatte ſich indeſſen in ſeinen Zuſtand hineingefunden und blickte nur ängſtlich beſorgt umher, ob er Elviren entdeckte. „Wie komme ich hierher, was iſt mit mir geſchehen?“ fragte er endlich. 4 „Wie ich ſchon ſagte, Capitain,“ fiel Verginois ein, „das Maulthier der Fahnenträgerin überſchlug ſich und ſtürzte mit ihr und Euch den ſteilen Abhang hinunter.“ „Wo iſt ſie? lebt ſie?“ rief St. Val heftig. „Noch lebt ſie und ihr iſt kein Haar gekrümmt; doch ſie muß mit den Andern daran. Wir wollten nur abwar⸗ ten, daß Euch Eure fünf Sinne zurückgekehrt wären, um—„ „Was wollt Ihr thun?“ fragte St. Val und der Schrecken gab ihm Kraft aufzuſpringen. Er blickte wild umher, ſein Auge fiel zuerſt auf den gemishandelten Ka⸗ 4 meraden, deſſen Leichnam als eine furchtbare Auffoderung zur Rache noch an der Kaſtanie hing; doch hatte man zwei Ehrenwachen neben ihm aufgeſtellt und die Fahne des Regi⸗ ments davor aufgepflanzt. Daneben ſtanden die unglückli⸗ chen Gefangenen, Keiner ohne Wundez unter ihnen Elvira mit einigen anderen Frauen. Sie war bleich, doch ſchien ſie unerſchrocken, im Getümmel des Kampfes hatte ſie die 3 „ “ — 35 Kopfbedeckung verloren, das Haar ſich aufgelöſt; in langen herrlichen Locken floß es über die Schultern herab. Als ſie St. Val herantreten ſah, maß ſie ihn mit ei⸗ nem unbeſchreiblichen Blicke, als wolle ſie ſagen:„Es iſt nicht lange her, daß Du ſo vor mir ſtandeſt, wie ich jetzt vor Dir.“ Er näherte ſich ihr und ſprach leiſe ſpaniſch: „Fürchtet nichts, ſchöne Donna! Ich verbürge Euch Leben und Freiheit!“ Sie erwiderte raſch, daß es alle ihre Mitgefangenen hörten:„Ich fürchte Nichts für mich, nur für die Meini⸗ gen; ich theile ihr Schickſal!“. „Und ich das Eurige,“ rief St. Val plötzlich entſchloſ⸗ ſen und feurig. „Mein Oberſt! Kameraden! Was habt Ihr über dieſe Gefangenen beſtimmt?“ fragte er mit erhobener Stimme. „Den Tod, nieder mit ihnen!“ riefen hundert Stim⸗ men zugleich. „Sie werden ſämmtlich zur Sühne dieſes Gemarterten zu ſeinen Füßen erſchoſſen werden,“ ſprach der Oberſt mit feſter Stimme, als der Tumult ſich gelegt hatte. „So macht mit mir den Anfang, Kameraden!“ rief St. Val laut,„denn ich betheure Euch, ich werde dieſe nicht überleben!“ Alle ſtanden erſtaunt und aufhorchend. „Kriegsgefährten, Ihr ſeid Franzoſen!“ fuhr er mit er⸗ hobener Stimme fort.„Ihr wißt, was Großmuth, was ein Vaterland, was Dankbarkeit iſt! Auf Großmuth dür⸗ fen die gefangenen Frauen und Greiſe zählen, auf Achtung Die, welche für ihr Vaterland fechten, auf Dankbarkeit un⸗ ſre Retterin. Seht dieſe Jungfrau; ihrem kühnen Gebot, welches der Wuth aller Spanier trotzte, danken ich und niggg? 44, — 36— Alle, die Ihr von den Unſrigen wiedergefunden, Leben und Freiheit. Wollt Ihr ſie jetzt dafür erſchießen? Wohl! Aber Ihr fangt mit mir an! Capitain St. Val gibt Euch ſein Ehrenwort, das er noch nie gebrochen, er tritt vor die Bruſt Desjenigen hin, auf den Ihr zuerſt anlegt.“ Die ganze Schar brach in einen jubelnden Enthuſiasmus aus.„Nein! Nein!“ riefen in brauſender Verworrenheit tauſend Stimmen.„Sie ſollen leben! Laßt ſie frei! Un⸗ ſer Capitain hat den Sieg gewonnen! Es ſind ſeine Ge⸗ fangenen! Auf, laßt ſie frei!“ St. Val umarmte Verginois, der zuerſt den Jubelruf der Gnade erhoben hatte; er ſchüttelte Einzelnen die Hände; drückte Andere ans Herz, endlich drängte er ſich zu dem Oberſten heran und rief:„Mein Oberſt, habe ich zur Entſcheidung des Gefechtes beigetragen, ſo ſei das meine Belohnung, daß Sie meine Bitte gewähren!“ „Das Regiment hat ſchon entſchieden,“ entgegnete der Oberſt freudig gerührt!„Beim Teufel! Es that mir ſelbſt leid um dieſe ſchöne Jeanne d'Arc! Ihr waret ihr Ge⸗ fangener, Capitain; nehmt Euch in Acht, daß Ihr's nicht zum zweiten Male werdet,“ ſetzte er lächelnd hinzu. St. Val eilte zu den Gefangenen, die den Vorgang nur halb begriffen und in angſtvoller Spannung über Das, was dieſe Bewegung bedeuten ſollte, die Entſcheidung ihres Schickſals erwartet hatten. „Ihr ſeid frei, meine edle, muthige Retterin,“ ſprach St. Val zu Elviren. Durch dieſes Wort ſchien ſie plötz⸗ lich wieder Jungfrau geworden; ſie bebte, ihr Blick glänzte feucht und ein ſeelenvolles Lächeln ſchwebte um ihre Lippen. „Frei?“ fragte ſie kaum hörbar,„frei? und die Mei. 3,Sie theilen das Loos ihrer Führerin!“ — 37— Jetzt brach ſie in einen Strom von Thränen aus. Sie ergriff St. Val's Hand und hielt ſie mit heftigem Druck feſt in det ihrigenz nur mit Mühe ſprach ſie die abgebro⸗ chenen Worte:„und ich— wollte Sie— tödten laſſen!“ Dann wandte ſie ſich raſch zur Seite, warf ſich einem fin⸗ ſterblickenden Greiſe ans Herz und def.„O Vater, Dein Leben iſt gerettet!“ Die Trommeln des Regiments wirbelten. Die Solda⸗ ten traten ins Gewehr. Das enge Thal war nicht der Ort, um ein Lager aufzuſchlagen;z auch mußte Pampelona erreicht werden. Der Oberſt beſtimmte, um dem in der Begeiſterung durch die Krieger gefaßten großmüthigen Entſchluß Form und Sicherheit zu geben, daß die Gefangenen unter Be⸗ deckung bis Pampelona mitgeführt werden ſollten. Dort wollte er ſie entlaſſen, die kampffähigen Männer gegen das Verſprechen, die Waffen nicht wieder zu ergreifen. Elvira erhielt ihr Maulthier wieder, das, obgleich durch einen Schuß verwundet, doch noch brauchbar war. Ein anderes beſtieg St. Val, deſſen Wunde und Erſchöpfung dieſe Für⸗ ſorge für ihn nöthig machten. Er befehligte die Bedeckung der Gefangenen und blieb daher an Elvirens Seite. Dieſe ritt inmitten der Ihrigen, die traurig, mit düſterm Blick, ja Einige noch immer mit dem Ausdruck des Grimmes in den Zügen, den mühſamen Gebirgspfad wandelten. Unter dieſen befanden ſich der alte Nunnez und der Jüngling Alonzo. Die Züge des Letztern drückten außer dem müh⸗ ſam gebändigten Zorn gegen die Feinde noch eine heftige, blitzartig in ihnen zuckende Leidenſchaft aus, die ſich beſon⸗ ders in ſeinen bald irr umherſchweifenden, bald ſtarr auf Elviren gehefteten Blicken ausſprach. Wenn der Schein * Fackeln, welche die Führer trugen, leuchtend auf ſeine 4 — 38— Züge fiel, trugen ſie faſt den Ausdruck des Wahnſinns. St. Val, der Zeuge des Einfluſſes geweſen war, welchen Elvira auf den Jüngling übte, gab ſeinen Blicken eine ah⸗ nungsvolle Deutung, in der er nicht zu irren ſchien. Sie beſtätigte ſich auch dadurch, daß zwiſchen ihm und Alonzo ohne Worte noch Thaten ein gegenſeitiges Gefühl des Haſ⸗ ſes feſte Wurzeln ſchlug, das ſich in St. Val nur deswe⸗ gen minder klar ausſprach, weil er gegen den gefangenen, armen Jüngling in zu mächtigem Uebergewicht ſtand. Fünktes Capitel. Don Pedro Vallardos beſaß in der Nähe von Pampe⸗ lona ein im Gebirge etwa eine Stunde abſeit von der Straße nach Vittoria romantiſch gelegenes Schloß. Dorthin hatte Mer 8 auf das gegebene Wort, die Waffen nicht auf's neue zu ergreifen, mit ſeiner edeln Tochter Elvira zurückgezogen. Er war ein faſt ſiebenzigjähriger Greis, allein noch körper⸗ lich rüſtig und ſtand im höchſten Anſehen in der Umgegendd. Sein Beiſpiel vorzüglich hatte die Spanier in Waffen ge⸗ rufen; ſo lange er ruhig auf ſeinem Schloß blieb, durfte man hoffen, daß die Landleute der Gegend ſich ebenfalls friedlich verhalten würden. Dieſer Theil Spaniens war dem franzöſiſchen Heere wegen der Verbindung, die es ſtets mit Frankreich unterhalten mußte, ungemein wichtig. Er wurde daher ſtark mit Truppen beſetzt und außerdem hatten ſowol der Kaiſer, als der König Joſeph von Madrid aus befoh len, alle Mittel anzuwenden, um eine wohlwollende Stim⸗ — 39— mung der Einwohner zu erregen. Man hoffte ſo den erſt beginnenden Aufſtand in Spanien durch Milde im Fort⸗ gange zu hemmen und in dieſem Sinne waren die Maßre⸗ geln in Betreff der Gefangenen aus jenem Guerilllagefecht getroffen und höhererſeits gebilligt worden. Dennoch konnte man ſich bei dem unbeugſamen Sinn der meiſten Spanier und bei dem Einfluß der Mönche, die von jedem noch ſo heilig gegebenen Verſprechen entbanden, für jeden Frevel der entſetzlicſſten Art Abſolution ertheilten, durchaus nicht auf Diejenigen verlaſſen, welche die Waffen niedergelegt und ſie nicht wieder zu ergreifen verſprochen hatten. So war denn auch der alte Don Pedro Vallardos höchſt verdächtig, daß er, wenn er auch aus einem altritterlichen Gefühl für die Heiligkeit eines Ehrenwortes die Waffen nicht ſelbſt wie⸗ der ergriff, doch jede Unternehmung der Art begünſtigen möchte. Sein Schloß im Gebirge konnte den Guerillas ein zu willkommener Stützpunkt in vielfacher Hinſicht ſein. Ent⸗ weder begünſtigte es unter dem Vorwande gaſtlichen Be⸗ ſuchs geheime Zuſammenkünfte, wo gemeinſchaftlich Plane entworfen wurden; oder es diente Verſprengten zum Zu⸗ fluchtsort, oder bot Räume genug dar, um Waffen und ſonſtige Vorräthe aufzubewahren. Ja, es konnte im Noth⸗ fall ſogar ein hartnäckiger Punkt der Vertheidigung werden, da es aus der ritterlichen Zeit Navarras her noch Feſtungs⸗ werke beſaß, die man in der Eile hinlänglich in Stand ſetzen konnte, um den Gegner zu einem großen Opfer von Men⸗ ſchen oder Zeit zu zwingen. 1 Alle dieſe Gründe hatten die franzöſiſchen Oberbefehls⸗ haber beſtimmt, daſſelbe zu beſetzen. Unter dem Vorwande, daß man darin einen militairiſchen Punkt von Wichtigkeit ſehe, deſſen man ſich verſichern müſſe, war eine Infanterie⸗ . compagnie dahin abgeſandt worden; doch, um der Maßregel 4 — 40— möglichſt alles Gehäſſige zu nehmen, erhielt St. Val den Befehl, ſie auszuführen. Für ihn waren dies Tage des höchſten Glücks; denn das Bild der hohen und doch ſo reizenden Elvira war nicht von ihm gewichen, ſeit ſie ihn verlaſſen hatte. Das ganze Verhältniß zwiſchen ihm und Don Vallardos blieb dagegen ein unnatürlich geſpanntes, welches den Schein der Freund⸗ ſchaft und des Wohlwollens hatte, innerlich aber durch den tiefgewurzelten Haß des alten Spaniers gegen die Feinde des Vaterlandes vergiftet war. Vallardos betrachtete ſich, und im Grunde war er auch nichts anderes, nur als einen Gefangenen; die Freunde, die ihn beſuchten, waren einer ſteten geheimen Beaufſichtigung unterworfen; ebenſo Alles, was im Schloſſe vorging. Wenngleich ſich aber Vallardos auch bewußt war, daß die Feinde Urſache genug zur Vor⸗ ſicht, ja zum Argwohn hatten, wenngleich er geheime Ver⸗ bindungen unterhielt, kühne Plane in der Stille begünſtigte, ſo räumte er doch den Gegnern nicht das Necht ein, ſich gegen ihn zu verwahren, und empfand es nur wie eine Mis⸗ handlung, wie einen Druck. Deshalb vermied er es auch, ſo viel es ohne unmittelbare Beleidigung möglich war, mit St. Val zuſammenzukommen, und überließ Elviren die ge⸗ ſellige Pflicht, ihm den Aufenthalt im Schloſſe angenehm zu machen. St. Val ſah die Urſache dieſes Benehmens ſehr gut ein; doch dachte er theils zu billig, um dem ge⸗ kränkten Spanier ſeine Empfindung nicht zu vergeben, theils waren die Folgen ſeines Handelns zu angenehm für ihn. Auf Dankbarkeit machte er keine Anſprüche an Vallardos, denn ſeine eigene Rettung durch Elviren ſchien ihm dieſee Pflicht des alten Spaniers gegen ihn völlig aufzuheben; es war Dienſt für Dienſt geweſen. 3 Nicht ſo dachte Elvira. Sie wußte, daß ihr Einſchrei⸗ 8. 8 — 1— ten nicht St. Val's Leben gerettet habe, ſondern nur der fanatiſchen Grauſamkeit ihrer Landsleute Einhalt that. Sie hatte ihnen dadurch eine Abſcheulichkeit erſpart, die früher oder ſpäter, nachdem die Leidenſchaften beſänftigt waren, Jeder bereut haben müßte; deshalb glaubte ſie auch eher auf ihre als auf St. Val's Dankbarkeit ein Recht zu be⸗ ſitzen. Sie aber fühlte ſich ihm mit innerſtem Danke ver⸗ pflichtet; denn er rettete nicht nur ihr Leben, ſondern auch das ihres Vaters, und wendete ein Geſchick von ihr ab, vor dem ihre jungfräuliche Seele ſich mehr entſetzte, als vor dem Tode und allen Martern, durch welche die Unglückli⸗ chen, die in die Hände ihrer haßentflammten Landsleute fielen, ihr Daſein endeten. Ihr edles Herz war dankbar, um wie viel heißer aber mußte ihr Dank werden, wenn eine tiefere Empfindung ſich ihr unter dieſer Hülle verbarge Elvira liebtez ſie war glücklich, es nicht zu wiſſen, denn den Feind ihres Vaterlandes durfte ſie nicht lieben. Aber dankbar durfte ſie gegen ihren Retter ſein und ſo überließ ſie ſich dieſem edeln Gefühl mit ganzer Hingebung, in dem Wahne, nur davon erfüllt zu ſein. Ihr Herz unterlag, ehe ſie eine Gefahr, die Möglichkeit eines Kampfes ahnetel Das iſt die ſchöne Seele des Weibes! Pflicht und Gefühl miſchen ſich darin ſo, daß ſie Eins werden und bilden die innigſte Verſöhnung des Willens mit dem Beruf. „Vallardos zeigte ſich ſeinem, ihm durch die Umſtaͤnde aufgezwungenen Gaſt nur bei der Tafel. Dann zog er ſich zur Sieſta zurück und Abends ſah ihn St. Val nicht an⸗ ders wieder, als wenn er, wie er bisweilen pflegte, über die Terraſſe ſpazieren ging. Hier ſaß Elvira, die ſich aus einer kriegeriſchen Minerva in eine häusliche Penelope oder Nauſikaa verwandelt hatte, gemeiniglich am Stickrahmen. St. Val las ihr dabei abwechſelnd ſpaniſche oder franzöſiſche — 42— Dichterwerke vor, damit er ihre Sprache durch ſie, ſie die ſeinige durch ihn erlerne. Am liebſten war ihnen der Cid in der dichteriſchen Behandlung beider Nationen geworden und bald las St. Val die edeln ſpaniſchen Romanzen, bald Corneille's Schauſpiel mit gleicher Begeiſterung. Der Stoff dieſer Dichtungen mußte in Beider Herzen den mächtigſten Anklang finden, denn in der Liebe Ximenens zu dem Feinde, der ihren eigenen Vater erſchlug, fand Elvira halb unbe⸗ wußt eine Erklärung und Entſchuldigung ihres eigenen Ge⸗ fühls und St. Val ſchöpfte aus dem kühnen Werben und Gelingen des ritterlichen Cid Muth und Hoffnung für ſeine unausgeſprochenen, aber mit jedem Tage mächtiger werden⸗ den Winſche. „ Die Liebe Beider mußte durch tauſend Umſtände wach⸗ 1 ſen. Ihr erſtes Begegnen unter ſo wunderbaren Verhält⸗ niſſen, wo Grauen und Entſetzen dicht an die Seligkeit der erſten Liebesahnung hinſtreifte; die Erinnerung an dieſe Au⸗ genblicke, die ihnen, je ferner ſie in den Hintergrund rück⸗ ten, ein deſto reizenderes Licht verlieh; die tiefe Stille und Einſamkeit des jetzigen ländlichen Aufenthalts im Gegenſatz zu den wilden Kriegsſtürmen, die umher tobten und jeden Tag neu hereinbrechen konnten; der Reiz dieſer reichen Na⸗ tur, des vollen Frühlings, der duftenden Blütenmeere, der⸗ lauen, wehenden Lüfte, des Schattendunkels unter hohen Bäumen während der heißen Tageszeit und des zauberi⸗ ſchen Spiels, das der Mond in den milden Nächten mit Blüten und Blättern trieb, welches Herz hätte ſo vielen ſanft auflöſenden Mächten der Schönheit widerſtanden H Ja, ſelbſt der Widerſtand, den die finſtere Zeit den ſüßen Täuſchungen, Träumen und Hoffnungen entgegenſetzte, war nur ein dunkler Hintergrund, auf dem dieſe ſeligen Zu- * — 43— ſtände ſich als vorüberſchwebende Himmelsgeſtalten mit deſto holderem Reiz malten. Die Sonne hatte ſich eben hinter den Rand des Ge⸗ birges geſenkt, ſo daß die tief ausgezackte Mauerkrone, mit der es den Horizont umzog, ſich in dunklerem Blau färbte und goldene Ränder am Saum der Höhen und Wolken ſichtbar wurden. Die Schneegipfel der Pyrenäen glühten purpurn; davor lagerten ſich grüne dunklere Waldberge. Von der Terraſſe, auf der St. Val neben Elviren ſaß, überblickte man die anmuthige Windung des Thales, das, von blühenden Höhen umgeben, den Lauf eines Gebirgs⸗ fluſſes begrenzte, der in ſchlängelnden Krümmungen, bald dunkelblau, ruhig, den Himmel abſpiegelnd, bald ſilberweiß über Felsblöcke ſchäumend, die reichſten Triften durchſchnitt, in deren hohem, blumenreichem Graſe die Heerden lagerten. Dies reizende Bild war in den Rahmen zwei hochſtämmi⸗ ger Kaſtanien gefaßt, die ihre Zweige ſchattig über der Terraſſe kreuzten und zur gothiſchen Wölbung gegeneinan⸗ der beugten. Abwärts von hier, auf hügeligen Wellen bis zum Fluß nieder, ſenkte ſich der Garten, ein phantaſtiſches Gemiſch hoher Gruppen uralter Bäume, ſchattiger Laub⸗ gänge und Umbüſchungen, und der üppigſten ſüdlichen Blu⸗ menflor. Hier erhoben ſich dunkle Pinien, alte Kaſtanien, flüſternde Pappeln in mannichfaltiger Schattirung des Grüns; dort erblickte man einen Hain von Lorbern, Myrthen und Orangen, einer dunkeln Inſel gleich, auf dem friſch grü⸗ nen Raſenplan, den Beete von Roſen, Lilien, Narziſſen, „Jonquillen in tauſendfältigen Farben einfaßten und die Luft mit ſüßbetäubendem Duft erfüllten. Rebengelände umklei⸗ deten die alten Gartenmauern und wölbten Bogengänge von einer Baumgruppe, von einem buſchigen Wäldchen zum andern, ſo daß man den ganzen Garten durchſtreifen konnte, —— 41— ohne ſich dem glühenden Strahl der Sonne preiszugeben Breitäſtige Ulmen bedeckten mit ihren ſchützenden Zweigen abgerundete Blumenfelder, die des leichteren Schattens be⸗ durften. Ueber dieſen ganzen ſchwelgeriſchen Reichthum, den Na⸗ tur und pflegende Hand des Menſchen erzeugt hatten, ſchaute das alterthümliche, in mauriſchem Styl erbaute Schloß mit grauen Zinnen und Thürmen hinweg und gab dem Bilde auflöſender Weichheit und Ueppigkeit, welches der Garten und die Landſchaft darboten, die dunkleren kräftigen Grund⸗ ſtriche des Ernſtes. Die ſtarken Mauern mit allen Anſtal⸗ ten zur kriegeriſchen Vertheidigung waren gewiſſermaßen Bürgen und Zeugen von der männlichen Kraft, die ſich die Bewohner mitten in dieſem verführeriſch⸗ſchwelgeriſchen Pa⸗ radieſe, das jede Arbeit, jede Mühe hinwegzulächeln ſchien, erhalten hatten. St. Val war durch den ſüdlichen Abend, durch die an⸗ hauchenden Düfte, durch das Spiel des Lichts und der Far⸗ ben in einen ſelig träumeriſchen Zuſtand eingewiegt und alle dieſe ſüßanregenden Reize umfloſſen und umſpielten El⸗ vira's milde, hohe Schönheit, als wollten ſie ſich huldigend vor ihr beugen. Sie ſaß, ernſt betrachtend, den Blick ge⸗ gen die dunkeln Laubwölbungen über ihr erhoben, die Bruſt von Wehmuth und Glück im Innerſten bewegt. Plößlich glänzte es feucht ſi ſilbern ihren dunkeln Augen, ſie legte raſch die Hand bede darüber und St. Val ſah einen ſchmerzlichen Zug um tiefen Purpur ihrer Lippen ſpie⸗ len; als ſie die H inken ließ, hatte er ſich in einen mild lächelnden ve lt und ihr Auge blickte wieder heiterer. 4 „Und was bewegt d er ihre Hand ergriff. ie ſchöne Elvira?“ fragte er, indem * — 45— „Das Geſchick der Völker,“ erwiderte ſie ernſt;„ſo ſchön, wie es hier vor unſern Blicken liegt, iſt Spanien faſt überall, an vielen Punkten noch viel ſchöner. Welch eines edeln Glücks vermöchten wir zu genießen und jetzt, o St. Val, dieſe ſchöne Landſchaft iſt nur eine täuſchende Hülle! In allen dieſen lieblichen Hütten wohnt jetzt die Trauer, der Schmerz, der Haß, der Ingrimm, die Ver⸗ zweiflung, und das, St. Val, thatet Ihr uns an!“ Bewegt ſtand ſie auf und ging einige Male auf und nieder.„Und wie iſt es möglich,“ fuhr ſie nach einigen Minuten fort;„ich ſehe doch, daß Frankreich auch tapfre, großſinnige Männer erzeugt, und gewiß ſind, Haupt für Haupt gezählt, Eure Landsleute ſo edel, als die Bewohner Spaniens. Kein Einzelner haßt den Andern, warum denn fügen Alle Allen ſo namenloſes Elend und Unheil zu?“ „Weil die Zeit noch nicht da iſt, wo die Völker ihre Geſchicke ſelbſt führen;“ erwiderte St. Val.„Es ſind Könige, die wider Könige fechten und den Wahn des Vol⸗ kes für und wider ſich haben. Der Einſichtigen ſind zu wenige, um den Strom zu hindern, ſo ſchließen ſie ſich ihm an und Jeder ſucht beim allgemeinen Unheil wenigſtens den einzelnen Vortheil zu retten.“ „Und meinet Ihr, daß die Zeit jemals kommen werde— wie ſagtet Ihr?“ „Wo die Völker ihre Geſchicke ſelbſt führen!“ „Ob ſie kommen wird? So ſicher wie die Sonne nach der Nacht. Aber nicht ohne furchtbare Kämpfe. Frank⸗ reich war dem Ziele nah, aber es vermochte ſich nicht durch die Brandung in den Hafen zu arbeiten.“ „Und weshalb nicht? Wo der Vortheil ſo klar vor Augen lag, wie Ihr meint,“ fragte Elvira zweifelnd und bitter. — 46— „Weil das einzelne Volk nichts vermag; auch der Nachbar muß Vernünftiges wollen, wenn der Friede in und außer dem Hauſe herrſchen ſoll.“ 1 „So trügen wir am Ende noch die Schuld!“ ſprach Elvira ſtolz im Gefühl des Unwillens. „Nicht Spanien, aber Europa.“ „So wolltet Ihr wol, die Völker, in denen noch ein Herz der Treue, der Hingebung ſchlug, hätten Eure Blut⸗ tribunale anerkennen, ſie jauchzend bei ſich aufnehmen ſol⸗ len. Wolltet Ihr die Verruchtheit durch alle Länder und Nationen verpflanzt wiſſen? Hattet Ihr ſelbſt nicht genug daran zu tragen?“ „Auch dieſer Fluch, denn es war ein ſolcher für Frank⸗ reich, ward uns durch wahnſinnigen Widerſtand gegen Ver⸗ nunft und Recht aufgedrungen, Elvira! Er hat ſich ſchwer an uns gerächt, die wir die minder Schuldigen waren; jetzt rächt er ſich an Denen, die die größte Schuld dabei tru⸗ gen, das geſammte Europa büßt nun.“ Elvira ſtand abermals heftig auf; ihre Thränen floſſen. Ihr Herz wehrte ſich mit eingewohnten Gefühlen gegen die Kraft einer neuen Wahrheit. „Doch Elvira, warum ſollen wir, die Einzelnen, uns immer wieder die Schuld vorwerfen, der, ſie liege auf welcher Seite ſie wolle, Keiner von uns entgehen konnte? Iſt es nicht unſre Pflicht, durch Milde und Verſöhnlichkeit die einzelnen Tropfen, die uns aus dem herben Becher des Schickſals gereicht werden, zu verſüßen? Ein edler Trieb lehrte es Euch unwillkürlich ſo; ich ſäße nicht an Eurer Seite, wärt Ihr ihm nicht gefolgt. Und Ihr? Wie ſich Euer Loos“ „Laßt es, St. Val, Ihr habt Recht,“ unterbrach ihn Elvira weich und bittend.„Ich will auch nicht wieder auf ——= — 4— dieſes unſelige Geſpräch zurück! Mein Herz blutet zu tief dabei und doch zieht mich's ſo oft mit unwiderſtehlicher, dämoniſcher Macht, die eigne Wunde aufzureißen!“ St. Val trat zu der hohen trauernden Geſtalt; ſie blickte ihn groß, wehmüthig an, da zog es ihn mit unwiderſteh⸗ licher Macht, er ergriff ihre Hand, preßte ſie gegen ſeine Lippen und ſprach mit einem Ton, der das ganze Innere ſeines Herzens ohne Worte offenbarte:„Elvira.“ Sie ließ ihm die Hand und erwiderte nichts; ein ſüß mächtiges Schauern durchbebte ſie. Ihre Seele vernahm halb erwachend den erſten Wunderklang der zitternden Sai⸗ ten, die die Liebe in der Bruſt ausſpannt. Es war halb Wiſſen, halb Träumen, halb Ahnen, Schuld und Selig⸗ keit, Wonne und Schrecken. Plötzlich zog ſie die Hand zurück; ſie ſah die finſtre Geſtalt ihres Vaters aus den Gebüſchen treten und an ſei⸗ ner Seite ging Malleros. Es durchzuckte ſie wie die unvermuthete Berührung ei⸗ ner kalten Schlange; mit einſchnürenden Ringen legte ſie ſich um ihr Herz. Malleros war ihr verhaßt; Vallardos ſchätzte ſeine Vaterlandsliebe, ſeinen unverlöſchlichen Haß ge⸗ gen die Feinde Spaniens, ſeine kühne Tapferkeit. Doch Elvira ſah zu deutlich, daß er nicht von edeln Trieben geleitet würde, ſondern nur die Hoffnung ihn ſta⸗ chelte, durch den Beſitz ihrer Hand der Erbe des reichen Vallardos zu werden und ſo eine durch Geiſt und Schön⸗ heit ausgezeichnete Braut und ein unermeßliches Vermögen zugleich zu gewinnen. Er liebte Elviren nicht, nur ſinnlich entzündete ihn die ſchöne Jungfrau; zwiſchen ihren Seelen war kein Einklang denkbar, denn Malleros wurde von al⸗ len Leidenſchaften kleiner Seelen, gemeinem Stolz, Eigen⸗ nutz, Rachſucht beherrſcht, während Elvira groß fuͤhlte und ſelbſt den Haß in ihrer Bruſt adelte. Sie wußte, daß Malleros ſich im Schloß befand, daß er in der Nacht zuvor heimlich eingetroffen war. Sie hatte darüber geſchwiegen, obgleich ihre Bruſt von unruhi⸗ gen Vermuthungen erfüllt war; auch fühlte ſie ſich belei⸗ digt dadurch, daß man ihr das Vertrauen entzog. Jetzt war es, als entferne eine höhere Hand plötzlich den Schleier von ihrem Augez ſie warf einen Blick auf die Kommenden, auf St. Val, und blitzend leuchtete es vor ihr her, daß ſie die dunkeln Wege der Nacht erkannte. St. Val war be⸗ droht, ſchwebte in Gefahr. Darum zuckte ſie plötzlich erkaltet zuſammen und trat fremd zurück; St. Val, der die Herannahenden nicht ſah, wähnte, es ſei die Regung ihres alten Völkerhaſſes, die ſein warmes Annähern unwillig zurückweiſe. Er wollte den Weg zum Siege verfolgen, glühender in ſie dringen. Da flüſterte Elvira:„Mein Vater kommt“— und dieſes Wort bannte die ausbrechende Glut der Liebe in die verſchloſſene Bruſt zurück. Elvira ging den Kommenden entgegen. St. Val folgte ihr. Man begrüßte ſich ſtumm. Der Spanier iſt ſchon ſchweigſam an ſich, vollends wo unterdrückter Haß und Stolz ihn erfüllen. „Wir werden dieſen Abend einige Gäſte bei der Tafel haben, Sennor Malleros einer davon;“ begann endlich Val⸗ lardos, indem er einen leichten Wink mit der Hand gegen den Gaſt hin gab und auf dieſe Weiſe ihn vorſtellte. „Wir haben uns ſchon kennen gelernt,“ erwiderte St. Val und gab ſich Mühe, heiter dabei zu ſcheinen; doch mußte ihn ein innerlicher Zorn erfüllen, wenn er daran dachte, wie Malleros ſein und ſeiner Gefährten Schickſal — 4a49— in jener Nacht beſtimmte. Er war überdies nicht unter den Gefangenen geweſen, mit denen man durch den Act der Gnade eine Art Verzeihung geſchloſſen hatte; ihm war es gelungen, ſich in die Schlupfwinkel des Gebirges zu flüch⸗ ten und zu entkommen. Er war alſo kein Feind, der die Waffen niedergelegt hatte, und St. Val hatte ein Recht zu zürnen, daß Vallardos dieſen Mann als Gaſt in das Haus führte. Einen Augenblick ſchwankte er, ob er nicht als Of⸗ fizier des Heeres auftreten und den feindſelig Geſinnten ver⸗ haften ſolle; doch der Gedanke an Elviren entfernte dieſen vorübergehenden Beſchluß wieder und er nahm ſich vor, ge⸗ gen den einzelnen Unſchädlichen das Geſchehene zu ver⸗ geſſen. Malleros jedoch war der Charakter nicht, welcher einen großmüthigen Zug des Herzens zu ſchätzen wußte; er mis⸗ deutete St. Val's Lächeln, indem er es als ein höhniſches auffaßte, weil der Sieg zuletzt den Franzoſen geblieben war. Seine Antwort war kurz, kalt. Elvira duldete in ſtiller Qual. Mehr und mehr kam ihr eigenes Herz und damit ihr düſtres Schickſal ihr zum Be⸗ wußtſein. Man ging noch einige Male die Terraſſe auf und nie⸗ der; das Geſpräch blieb vereinzelt, abgebrochen. Endlich entfernte ſich Vallardos mit ſeinem Gaſt und Elvira, die längſt die Sehnſucht nach einer einſamen Stunde empfun⸗ den, ergriff dieſe Gelegenheit, ſich in ihr Zimmer zurück⸗ zuziehen. Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. VlI. 3 — 50— Sechstes Capitel. St. Val ging nachdenkend auf und nieder. Er war ſchnell auflodernd, leicht unternehmend, wie die Franzoſen überhaupt; Elvira's Bild erfüllte ſein Herz, ſeine Wünſche, die Beſiegung ihres Nationalſtolzes hielt er nicht für un⸗ möglich und liebte ſie ihn, ſo ſchreckte ihn ein ſtolzer, haſ⸗ ſender Vater noch weniger. So beſchäftigte er ſich mit Ent⸗ würfen, wie er dieſes wunderbare hohe Weſen für ſich ge⸗ winnen könne. Er ſah in ſeinem leichten Sinn nicht, daß er ihr zwar einen Augenblick lang ein täuſchendes Glück bereiten konnte, doch auf die Dauer, bei den Verhältniſſen, welche die übermächtige Hand der Zeit gefügt hatte, das Heil ihres Lebens im Innerſten zerſtören und mit einem ewigen, düſtern Schleier der Trauer, der Reue, des Zwie⸗ ſpalts verhüllen würde, wenn er ſie zu der Seinigen machte Das ſah er nicht, ſondern machte leichtſinnig kecke, ja frevelhafte Entwürfe, wobei eine überraſchende Entführung, die ihr den Rücktritt unmöglich machte, der Hauptgedanke war.* 8 In dieſen Betrachtungen wurde er durch Verginois un⸗ terbrochen. „Mein Capitain!“ „Was gibt's, Verginois?“ „Sehn Sie da drüben den ſteilen Fels mit der Fichte auf der Spitze?“ „Und?“ „Da kommt, wie mir Sanchetta, die kleine Gaͤrtners⸗ tochter, erzählt hat, ein Fußpfad vom Gebirge herab.“ „Weiter, weiter!“* — 51— „Auf dem Felſen habe ich zwei Kerle mit rothen Kap⸗ pen und Büchſen geſehen.“ „Unerhört, Verginois! Da werden wir wol auf den Rückzug denken müſſen!“ „Parbleu, mein Capitain! Daran denke der Teufel, nicht Verginois! Die Kerle verſchwanden wieder in dem dichten Hollundergebüſch, aus dem ſie gekommen waren; doch wo Zwei herauskommen und wieder verſchwinden, da können auch Zwanzig, können Hundert herauskommen und wieder unſichtbar werden.“ „Du haſt Recht. Wir wollen doppelte Wachtpoſten ausſtellen.“ „Hier im Schloß iſt's auch nicht recht geheuer, es ſtecken mehr Gäſte darin, als man glaubt. Sehn Sie dort den alten Thurm? er hat eine kleine Thür, die faſt ganz mit Epheu überwachſen iſt. Durch dieſes Pförtchen wurden geſtern um Mitternacht drei ſchwarz vermummte Spitzbuben eingelaſſen!“ „Hm! Woher haſt Du das erfahren?“ „Im Vertrauen, doch, mein Capitain, Ihr Ehrenwort, daß Sie ſchweigen, denn plaudern hieße meine Dame ver⸗ rathen, und das thut kein Franzoſe—“ St. Val nickte und gab die Hand. „Nun denn, die kleine Sanchetta, das hübſche ſchwarz⸗ äugige Kind, hat keinen ſo ſtarken Nationalhaß wie die andern Spanier, wenigſtens nicht gegen mich. Nachts, wenn ihre Baſe zu Bett gegangen iſt, haben wir uns auf dieſer Terraſſe einigemal geſprochen; und noch geſtern Abend ſaß ich mit ihr dort unter jener Kaſtanie!“ „Verginois, das iſt eine ſehr dunkle Stelle des Gar⸗ tens!“. „Eben darum, mein Capitain! Uns ſah kein Menſch, 3* aber ich ſah hinter Sanchetta's Rücken, wenn ich der klei⸗ nen Spröden einen Kuß raubte, das ganze Schloß und auch jenen Thurm. Drei vermummte Leute kamen, poch⸗. ten leiſe an, es wurde ihnen eben ſo leiſe aufgethan; dann ſah ich einen Lichtſchein dort in den ſchrägen Fenſtern, an welchen muthmaßlich eine Wendeltreppe hinaufführt, dann wurde es dunkel! Dazu fuͤhren die Bedienten im Schloſſe zuweilen wunderliche Neden, ſehen einander an, winken ſich zu, ſehen mich oder irgend einen unſerer Leute an, lächeln höhniſch und murmeln ein Carracho zwiſchen den Zähnen!“ „Ich habe das auch ſchon bemerkt, war aber argwöh⸗ niſch gegen meinen Argwohn. Du haſt die Augen offen gehabt, haſt gut berichtet, Verginois. Hier, Botenlohn!“ „Ach, mein Capitain!“ rief Verginois halb erfreut, halb ablehnend,„zu viel Güte!“ „Ich verlange auch Arbeit. Verſprich Deiner San⸗ chetta goldene Berge, wenn ſie Dir heut Nacht wieder ein Rendezvous geben will; frage ſie geſchickt aus, beobachte dabei das Schloß. Ihr Großvater iſt der alte Verwalter Nunnez, ein ſpaniſcher Eiſenfreſſer; iſt einer mit im Com⸗ plott, ſo muß er's ſein und ſeine Enkelin etwas wiſſen. Auch ihre Baſe, die braune Zigeunerin Xaveria, ſteckt ge⸗ wiß mit darunter; denn alle dieſe Leute gehören ja mit zur Guerilla. Kurz, Sanchetta weiß gewiß etwas, wenn ſie es auch nur zufällig erfahren hat, denn großes Vertrauen wird man ihr, die freundlich mit Dir und Andern von uns um⸗ geht, nicht ſchenken. Nun, ſei geſchickt! Und morgen früh rapportirſt Du!“ 4 St. Val ging. Verginois gruͤßte mit militairiſcher Hal⸗ tung. Als der Capitain im Schloß war, drehte er ſich lu⸗ — ſtig auf einem Beine herum und ſprang dann mit einem 8 Entrechat in die Höhe.„Das heiße ich doch noch einen 3 4 — 53— Auftrag! Eine nächtliche Schleichpatrouille mit einem huͤb⸗ ſchen Mädchen! Luſtig, Verginois! Deine Bäume blü⸗ hen, wer weiß, was für ſüße Früchte bald daran reif werden!“ Er eilte davon. St. Val war ins Schloß gegangen, um wo möglich Elviren aufzuſuchen; es mislang ihm. Die Zeit der Abend⸗ tafel kam heran, ohne daß er ſie geſprochen hätte. Als er in den Gartenſaal trat, wo man zu ſpeiſen pflegte, fand er den Tiſch für ſechs Perſonen gedeckt. Gleich darauf öffnete ſich das Nebenzimmer und Vallardos trat mit drei Begleitern, in ſpaniſcher Weiſe ganz ſchwarz ge⸗ kleidet, ein; unter ihnen befand ſich Malleros. Die beiden Andern ſtellte Vallardos nur als zwei Freunde des Hauſes vor, ohne ſie zu nennen; doch wollte es St. Val ſcheinen, als habe er ſie ſchon ſonſt geſehen. Er dachte an Vergi⸗ nois' Bericht, drei Fremde durch die Thurmpforte, drei Gäſte, und ſie und der Wirth zeigten gleich finſtre, kalte Mienen. St. Val verſprach ſich wenig Freude von dieſer Abend⸗ mahlzeit und wartete nur mit Ungeduld darauf, daß El⸗ vira eintreten ſolle. Endlich kam ſie; doch welch eine Ver⸗ anderung war mit ihr vorgegangen! Sie glich einem Mar⸗ morbilde, ihr Gang war unſicher, ſie hielt den Blick meiſt zur Erde gerichtet, die Spuren einer heftigen Gemüthsbe⸗ wegung drückten ſich in jedem Zuge aus. Verſchwunden war das liebliche Lächeln ihrer Lippen, die Anmuth ihres Blicks, ihrer Bewegungen; Alles düſter, ſtarr, gewiſſer⸗ maßen erſtorben. Nicht in jener Nacht, wo St. Val ſie zuerſt als eine zürnende Kriegsgöttin geſehen, war ſie ihm ſo ernſt, in dieſer ſtrengen Entäußerung alles weiblich Mil⸗ den erſchienen. Doch ſah ſie jetzt nicht feindſelig aus, wie — 54— damals, ſondern nur verödet an Freude und Glück, ver⸗ ſteinert durch einen, jede warme Herzensregung tödtenden Schmerz. Ihr Vater warf zwei flammende Blicke auf ſie; es ſchien ein Nachblitzen des Zorns zu ſein. Hier aber regte ſich Elvirens ſelbſtändige Kraft; ſie wies dieſe ſtumme Be⸗ ſchuldigung oder Beſtrafung durch eine würdevolle Haltung und Aufrichtung ſchweigend, aber ſiegreich, ja mit einem kö⸗ niglichen Uebergewicht zurück. Sie winkte; man ſetzte ſich. St. Val bot ihr, wie ſonſt, wenn er allein mit ihr und ihrem Vater zu Tiſch ging, den Arm und ſetzte ſich zu ihr, mit dem Gefühle und in dem Sinne, als habe er hier mehr zu herrſchen als zu gehorchen und wolle deshalb dieſen Ehrenplatz, auf den die andern Gäſte und vor Allen Vallardos in ihrem Na⸗ men Anſpruch zu machen ſchienen, nicht aufgeben. Das ſtumme, trotzige Weſen dieſer Spanier, welches ſichtlich zu⸗ nahm, je mehr St. Val ihre Lage als Nation mit freund⸗ licher Geſinnung ſchonte, hatte ihn in dieſem Augenblicke entrüſtet; denn außer dem Gefühle eigener Verletzung lei⸗ tete ihn dabei eine dunkle Ahnung, als habe Elvira irgend eine tiefe Kränkung erfahren. Man befand ſich im Frühling des Jahres 1808; jener Zeit, welche die übelſte war, um perſönliche Verhältniſſe zwiſchen Spaniern und Franzoſen ungereizt durch die öffent⸗ lichen zu erhalten. Seit langer Zeit hatten die Parteien in Spanien in ſtiller Gährung einander gegenüber geſtanden. Der allge⸗ mein gehaßte Günſtling des Königs Karl IV. und noch mehr der Königin, Emanuel Godoy, der Friedensfürſt ge⸗ nannt, hatte zuerſt die Spanier in zwei Hauptparteien ge ſpalten, deren eine dem Könige Karl IV., die andere ſei- M — 5 5— nem Sohne Ferdinand VII., von deſſen jugendlicher Kraft man ſich eine neue glückliche Zeit verſprach, anhing. Die erſten waren zugleich Anhänger der Franzoſen, weil Napo⸗ leon ſcheinbar die Rechte des Vaters gegen die Anſprüche des Sohnes in Schutz nahm; eine dritte Partei, welche zwiſchen beiden ſtand, wurde aus der damals noch gerin⸗ gen Zahl der Einſichtigen gebildet, welche, von den großen 1 Gedanken, die der Schluß des vorigen Jahrhunderts ent⸗ wickelt hatte, begeiſtert, die ſtreitigen Fragen nicht als per⸗ ſönliche betrachteten, die zwiſchen zwei zur Krone Berechtig⸗ eern ſchwebten, ſondern Das für Spanien wünſchten, was es ſich jetzt unter ſchweren Kämpfen endlich zu erringen ſcheint, einen geſetzlichen Zuſtand der Staatsverwaltung, der jeder Willkür für immer das Thor ſperrte. Eine Zeitlang hatte Napoleon die Anhänger Karl's IV. getäuſcht und zu den ſeinigen gemacht. Plötzlich aber war er mit ſeinen geheimen Planen, Spanien zu einer Provinz Frankreichs unter dem Scheinkönig Joſeph zu machen, her⸗ vorgerückt. Der alte, ſchwache König hatte zu Gunſten deſſelben heimlich abdanken müſſen. Ferdinand VII. half es wenig, daß er ſich in den Schutz des Kaiſers geſtellt und dieſen zum Richter bei den Streitigkeiten zwiſchen ihm und ſeinen Aeltern gemacht hatte. Er befand ſich jetzt in Bayonne, wo ihm nur die Wahl zwiſchen Tod und Abdankung ge⸗ laſſen wurde. Noch waren dieſe Ereigniſſe, dieſe Reſultate der Zuſammenkunft in Bayonne nicht allgemein bekannt; nur unter der Hand hatte Ferdinand durch ſeine Vertrau⸗ 1 ten Nachrichten an ſeine Anhänger gelangen laſſen, wie ſeine Sache ſtehe. Die Gährung brach in dem von Ah⸗ nungen und Befürchtungen geängſtigten Volke aus, als die letzten Mitglieder und Verwandten der alten Königsfamilie, die Königin von Etrurien und die Infanten Francisco de Paula und Antonio, die Hauptſtadt verließen. Am 2. Mai hatte das Volk in Madrid gegen ſeine Unterdrücker zuerſt die Waffen ergriffen und mit fürchterlicher Wuth lang zu⸗ rückgehaltenem Grimm Luft gemacht. Funfzehnhundert Feinde, unter ihnen ſechsundachtzig Offiziere, hatten ihr Leben dabei gelaſſen; Tauſende waren verwundet. Doch dieſen Triumph eines Augenblicks rächte der nur überraſchte, aber noch mächtigere Feind furchtbar. Das Pflaſter von Madrid wurde mit Leichen bedeckt. Das Blut, das in den Gaſſen der Hauptſtadt emporrauchte, gab das Feuerzeichen des Aufſtandes durch ganz Spanien. Zuerſt brachen die Flammen in Aſturien unter der Aſche hervor, dann leuch⸗ teten ſie in Sevilla, Badajoz, Aragonien und in den ge⸗ birgigen Provinzen, die daran grenzen. Die zuvor geſpaltenen Parteien ſchmolzen in dem glü⸗ henden Haß gegen Frankreich zu einer einzigen zuſammen; das ſpaniſche Volk wurde der Feind des franzöſiſchen Kai⸗ ſers. Zehn Millionen Herzen füllten ſich mit Muth und Erbitterung gegen ihn an; eine Nation war geſchändet, mit Füßen getreten, in eherne Bande geſchmiedet. Nationen ſind feſt ſchlafende Rieſen; ſie laſſen ſich treten, ſtacheln, peinigen, bevor ſie aus der ſchweren Ruhe erwachen. Re⸗ gen ſie aber erſt die Glieder, erheben ſie den gebeugten Nacken, dann gibt es keine Kette, ihre gigantiſche Kraft zu feſſeln. Hätte der Cäſar jener Zeit dieſe Lehre eingeſehen, ihm wäre eine härtere erſpart worden! Sähen die Fürſten des Heut ſie in voller Klarheit ein, ſie würden ihren Enkeln ein beſſeres Erbe einſammeln, als ſie jetzt für ſie ſparen. Spanien alſo erhob überall die Waffen, wo die fran⸗ zöſiſchen Heere nicht mit der Uebermacht gegenwärtig waren. Da, wo dieſe herrſchten, zeigte ſich der Aufſtand freilich nicht öffentlich, aber er ſprach aus jeder Miene, deutete ſich durch kecke Reden an. Wenn unter ſolchen Umſtänden Franzoſen und Spanier bei einander waren, lag der Zünd⸗ ſtoff der Zwietracht zu nahe, in zu gewaltigen Maſſen um⸗ her gehäuft, als daß nicht der leichteſte Funke ihn in helle Flammen ſetzen ſollte. Zumal aber an Vallardos' Tafel, wo der Wirth mit ſeinen drei finſtern Gäſten einzig darauf zu ſinnen ſchien, dem gegenwärtigen Offizier des Kaiſers den mit Verachtung gepaarten Haß fühlbar zu machen, den alle Spanier in ihrer Bruſt trugen. „Was habt Ihr Neues mitgebracht aus Caſtilien, Don Garcia,“ wandte er ſich zu dem Aelteſten der Gäſte;„denkt man dort wie hier?“ „In ganz Spanien, das wißt Ihr, Sennor, lebt nur ein Gedanke.“ „So wären alſo auch wol dort neue Bewegungen zu vermuthen?“ fragte Vallardos weiter. „Sie ſind zu hoffen, ſie ſind gewiß!“ entgegnete Garcia. Malleros erhob darauf das Glas, ſtieß mit ihm an und rief:„Den tapfern Spaniern!“ St. Val warf einen unerſchrockenen, zürnenden Blick auf die vier Männer, die mit ihm zu Tiſche ſaßen; ſie blickten einander höhniſch lächelnd an. Elvira zitterte; ſie wußte nicht, wie ihr geſchehen war. Noch vor wenig Wochen hätte ſie als glühende Spanierin die Empfindungen ihrer Landsleute getheilt, und jetzt?— So ändert ſelbſt unbewußte Liebe das weibliche Herz! „In unſrer nächſten Nähe,“ begann jetzt der dritte Gaſt, Don Antonio, der bisher völlig geſchwiegen hatte,„in un⸗ ſrer nächſten Nähe geſchieht jetzt das Wichtigſte. Ihr habt doch die Nachrichten aus Saragoſſa gehört?“ „Nein,“ rief Vallardos,„was gibt es dort?“ 0 3.. 3** „General Guillermi, der Commandant der Stadt, iſt abgeſetzt, ein Gefangener, vielleicht ſchon hingerichtet!“ „Guillermi, wie das? Ein verdienter alter Krieger.“ „Pahl! ein Anhänger der—“ hier wandte er ſich mit einer verächtlichen Geberde zur Seite; die Andern lächelten höhniſch freudig; St. Val's Blut kochte. „Das Volk hat ihn gerichtet; man ſchleppte ihn nach dem Schloſſe Aljaferia. General Mori übernahm das Com⸗ mando.“ „Wie, der Italiener?“ fragte Malleros. „Nicht lange; denn unſer König Ferdinand der Sie⸗ bente—“ „Euer König heißt Karl der Vierte, Sennor,“ erwiderte St. Val feſt;„oder auch vielleicht nicht mehr ſo, wenn ſich's beſtätigt, daß er zu Gunſten des Bruders unſeres großen Kaiſers der Krone entſagt hat; alsdann hieße Euer Kö⸗ nig Joſeph.“ „Wenn Karl der Vierte dem Thron entſagt hat, was er in ſeiner Schwäche längſt hätte thun ſollen, ſo iſt Fer⸗ dinand der Siebente König, nach allem göttlichen Recht,“ entgegneten die Spanier eben ſo feſt. „Er iſt als Uſurpator, der ſeinen eigenen Vater ent⸗ thronen wollte, enterbt und der königlichen Würde für ver⸗ luſtig erklärt. Ueberdies ſagt man, daß er ſich in Bayonne bereits den Folgen ſeiner Handlungen gefügt und die Ab⸗ dankungsacte unterzeichnet habe.“ „Die Unterzeichnung ward ihm erpreßt,“ rief Don Val⸗ lardos heftig,„ſie hat keine Gültigkeit für uns.“ „Ob er aus Feigheit oder freiem Willen unterzeichnet hat, weiß ich freilich nicht,“ entgegnete St. Val erbittert. Vallardos fuhr auf, von ſeznem Siß empor; Ely bebte zuſammen. 6 59— „Laſſen wir dieſen Streit jetzt, Sennor,“ unterbrach Antonio und nahm begütigend Vallardos Hand, indem er ihn zugleich mit einem bedeutenden Blicke anſah;„hört lie⸗ ber meine Nachrichten.“ „Unſer König Ferdinand der Siebente hat den Briga⸗ dier Palafor mit dem Oberbefehl in Saragoſſa beauftragt; ja, man ſagt ſogar, daß der geliebte Monarch zu Alfranca, dem Landhauſe des tapfern Palafox, eine Viertelſtunde von Saragoſſa, verborgen ſei.“ St. Val lächelte:„Der Prinz von Aſturien befindet ſich, während wir ſprechen, bereits in Frankreich zu Valencay auf dem Schloſſe des Fürſten Talleyrand.“ „So wäre er ein Gefangener?“ rief Vallardos heftig aus. St. Val ſchwieg einen Augenblick, dann erwiderte er: „Ich weiß nichts, als daß er ſich dort aufhält; ob mit ſei⸗ nem Willen oder nicht, iſt mir völlig gleichgültig.“ „Aber den Spaniern nicht,“ entgegnete Vallardos mit Stolz;„ſie werden ihren angebornen Fürſten zu ſchützen wiſſen.“ „Wir dagegen werden die Befehle unſers Kaiſers aus⸗ führen,“ ſprach St. Val kaltblütig. „Einem Volk von zehn Millionen Menſchen befiehlt ſich's nicht ſo leicht!“. „Entſchloſſener Wille macht viel möglich!“ erwiderte St. Val kaltblütig.— Elvira blieb während dieſes Geſprächs ſtumm und bleich wie ein Marmorbild. St. Val warf einen Blick auf ſie und beſchloß zu ſchweigen, da er ſah, wie ſie ſich beunru⸗ higte; doch Vallardos, der ſeine Tochter anders beurtheilte, oder kein Mitleiden mit ihr hatte, fuhr fort:„Es wird ſich ſeigen, weſſen Kopf härter, weſſen Wille entſchloſſener iſt. — 60— Wißt Ihr, mein Herr, wie man die Beharrlichkeit des Bis⸗ cayers darſtellt? Indem man ihn abbildet, wie er einen Nagel mit ſeinem Kopfe in die Wand treibt! Und alle übrigen Spanier gleichen ihm an eiſerner Willensdauer.“ „Dieſe Art von Willenskraft möge er nur in Ausübung bringen, ſie wird uns eher förderlich als hinderlich ſein,“ antwortete St. Val ironiſch. „Ihr haltet Euch an die buchſtäbliche Auslegung des Bildes und ſuchet darin einen ſchwachen Troſt. Wie wenig wir aber dergleichen ſcheuen, mögt Ihr daran bemerken, daß ich Euch ſelbſt die Waffen zum Spott noch bequemer in die Hand gebe, wenn ich Euch erzähle, wie ſich der Ara⸗ gonier abbilden läßt, um den Biscayer zu überbieten. Er drückt die Stirn gegen einen Nagel, deſſen Spitze ihm zugewandt iſt. Und ich bin ein Aragonier!“ Bei dieſen Worten richtete er ſich ſtolz empor. St. Val wollte eben erwidern, als Verginois die Thür öffnete und mit einem Briefe eintrat.„Mein Capitain, eine Ordonnanz zu Pferd aus Pampelona hat dieſen Brief überbracht.“ St. Val erbrach und las ihn ſofort. An ſei⸗ nen Zügen merkte man, daß er wichtige Nachrichten ent⸗ halte. Er zog ſeine Brieftaſche heraus, nahm ein Blatt, ſchrieb einige Worte mit Bleiſtift darauf, falzte den Zettel zuſammen und gab ihn Verginois mit den Worten:„Der Empfangſchein für die Ordonnanz, daß ich die Depeſche richtig erhalten.“ Verginois wollte gehen, doch St. Val rief ihm zu:„Halt, Freund! Das Wichtigſte! Wir mar⸗ ſchiren morgen früh! Beſtellt ſofort den Tambour, daß er Generalmarſch ſchlage, weil ich erſt die Leute verſammeln will.“ „Sehr wohl, mein Capitain,“ ſprach Verginois. Doch blieb er zögernd ſtehn und ſchien noch etwas ſagen zu wol⸗ ——— licher, der Bruch zwiſchen Spaniern und Franzoſen b — 61— len. St. Val verſtand ſeine Abſicht und ſagte mit einem bedeutſamen Wink:„Das Uebrige bleibt bei meinen Beſtim⸗ mungen.“ Jetzt erſt machte Verginois Kehrt und ging. Die Nachricht, daß St. Val mit ſeinen Leuten am 8 nächſten Morgen marſchiren werde, hatte einen tiefen, wie⸗ wol ganz verſchiedenen Eindruck auf alle Anweſende ge⸗ macht, den ſeltſamerweiſe Alle zu verbergen bemüht waren. St. Val ſelbſt dachte an ſeine Trennung von Elviren, die ihm, da ſie ihn ſo plötzlich überraſchte, faſt unerträglich ſchien. Doch beſaß er ſo viel millitairiſches Ehrgefühl, daß er einer Marſchordre keine andre ſichtbare Wirkung auf ſich geſtatten wollte als die, welcher jeder dienſtliche Befehl auf ihn gehabt haben würde, nämlich ernſtliche, aber ruhig kalte Sorge für die Ausführung derſelben. In ſeiner tief⸗ ſten Bruſt aber fühlte er ſich durch die Folgen, die ſich an dieſe Aenderung ſeiner Lage knüpften, beunruhigt, und um ſo mehr, als in dem ihm zugegangenen Schreiben die Nach⸗ richten, welche Sennor Antonio über Saragoſſa gegeben hatte, auf eine Weiſe beſtätigt wurden, die es als wichtig und nothwendig erſcheinen ließ, franzöſiſche Truppen dahin zu ſenden. Daher hatte General Lefevre⸗Desnouettes den Aufbruch des Armeecorps von Pampelona über Tudela nach Saragoſſa befohlen und St. Val ſollte ſich mit dem näch⸗ ſten Morgen ſeinem Regiment von Vallardos' Schloß aus anſchließen, welches die Straße nach Tudela ſchon eingeſchla⸗ gen hatte. Der Krieg wurde alſo allgemeiner, der Widerſtand völligſten Unheilbarkeit erweitert. Für Elvira wurde durch dieſe Nachricht plötzlich der Schleier zerriſſen, der ihr das eigene Innere verhüllte. Bis⸗ 9) her hatte ſie St. Val neben ſich geſehen, ihn zwar mit — 62— dem Verſtande als einen Feind des Vaterlandes betrachten müſſen, allein in ihrem Gefühl mußte die vertraute, frie⸗ liche Naͤhe dieſen Begriff mehr und mehr verwiſchen. Jetzt ſollte dies Verhältniß ſich löſen, eine herbe Trennung an die Stelle ihrer nahen Gemeinſchaftlichkeit treten und der Freund ihres Herzens wieder nur als der Feind ihres Va⸗ terlandes vor ihr ſtehn. Durch die unermeßliche Ferne, in die er dadurch von ihr geſchleudert wurde, fühlte ſie zum erſten Mal beſtimmt, was ſeine Nähe für ſie war. Sie erſchrak, ſie ſchauderte vor dem verbrecheriſchen Gedanken, durch den ſie ihr Vaterland ſchon verrathen zu haben glaubte; doch da drang wieder das ſüße Wunder der Liebe ſo mäch⸗ tig in ihr Herz ein, daß ein bebendes Entzücken ſie ſchauernd durchſtrömte. Die ganze Macht ſpaniſchen Stolzes, ſcheuer Jungfräulichkeit und töchterlich fürchtenden Gehorſams mußte ſie aufbieten, um die Empfindung ihrer Bruſt zu beherr⸗ ſchen. Zugleich durchſchlich ſie ein grauendes Ahnen, das ſie aus den finſtern, bedeutſamen Blicken ſchöpfte, welche ihr Vater mit ſeinen Gäſten wechſelte. In der That ſahen dieſe einander fragend an, als St. Val die Worte:„Morgen marſchiren wir,“ ausſprach, und es malte ſich eine unverkennbare Bewegung in ihren Ge⸗ ſichtszügen, aus der ſich ſchließen ließ, daß die Nachricht eine große Wichtigkeit für ſie habe. St. Val bemerkte es, doch erklärte er ſich die Wirkung aus der Urſache des Befehls, die er zwar nicht angegeben hatte, aber in dem Augenblicke vorausſetzte; wenigſtens konnte es den von den Vorfällen in Saragoſſa unterrichteten Spaniern nicht ſchwer fallen, dieſelbe zu deuten. Doch zu ſehr mit ſich ſelbſt und dem Beſtreben beſchäftigt, den Eindruck zu verbergen, den der Befehl auf ihn machte, achtete er nicht ſonderlich auf Val⸗ lardos' und ſeiner Gäſte Benehmen. Deſto ängſtlicher beob⸗ — ů—— — — 63— achtete es Elvira, zumal da ſie auch einige raſch und leiſe gemurmelte ſpaniſche Worte verſtand, die mit beziehenden Blicken begleitet waren:„Alſo morgen?“—„So haben wir hohe Zeit.“—„Still, geht, thut keine Frage, rührt keine Miene. Nachher!“ Allein die Männer befolgten dieſe ein⸗ ander gegebenen Winke nicht, ſondern blickten ſich ſo auf⸗ fallend ſcharf an, als wollte Jeder in den Zügen des An⸗ dern ſeine Geſinnung leſen und Malleros konnte ſogar die mit ſcheinbarer Gleichgültigkeit, aber doch haſtig herausge⸗ ſtoßene Frage nicht unterdrücken:„Morgen alſo brecht Ihr von hier auf? Und um welche Stunde und wohin?“ St. Val hatte zwar keinen beſtimmten Grund, dieſe Fragen nicht zu beantworten, allein theils fiel ihm die Art, wie ſie geſchahen, auf, theils leitete ihn die Stimmung des Haſſes, die müßige Neugier des Fragers, der ſich noch eben zuvor ſo beleidigend gegen ihn geäußert hatte, nicht zu be⸗ friedigen; theils fiel ihm aber ganz plötzlich, als er ſchon entſchloſſen war, nicht zu antworten, Verginois' Rapport und zugleich der Gedanke ein, dieſe Nacht könne wol zur Ausführung einer Unternehmung gegen ihn und die Seini⸗ gen beſtimmt ſein. So entgegnete er denn kurz:„Es iſt nicht Gebrauch, daß ein franzöſiſcher Offizier über ſeine Or⸗ dres ſpricht.⸗) „Der Wirth des Hauſes erfährt alſo nicht, wann ein Gaſt es verläßt?“ entgegnete Vallardos gereizt. St. Val wollte ebenſo antworten, doch ein Blick auf Elvira's geſpannte, ängſtliche Züge beſtimmte ihn anders und er entgegnete:„Was Euch und Euer Haus betrifft, Sennor, ſo erſuche ich Euch, dieſen Abend als die Stunde des Abſchieds zu betrachten.“ Elvira bebte zuſammen. So nahe war die Trennung, ſie geſchah vielleicht in dieſer Minute für das Leben! Dan⸗ — 64— kend empfand ſie es, daß ſie ſaß, denn ſie fühlte, ſie wuͤrde wanken und ſich nicht aufrecht zu erhalten vermögen, ſo * ſchwer ſank es ihr in die Knie. Vallardos und ſeine Gäſte maßen einander ſtumm mit den Augen.„So dächte ich, höben wir die Tafel auf,“ ſprach er nach einigen Sekunden laſtend ängſtlichen Schwei⸗ gens,„Ihr werdet Zeit zur Anordnung Eurer Angelegen⸗ heiten bedürfen.“ Damit ſtand er auf, in der ſtolzen Ge⸗ wohnheit, in ſeinem eigenen Hauſe die Geſetze der Geſellig⸗ keit zu geben. Alles folgte ihm; Elvira mit Mühe. Sie mußte ſich, ſcheinbar nachläſſig, aber aus innerer Entkräf⸗ tung an den Seſſel halten. Man verbeugte ſich ſtumm gegeneinander. Die Sitte wollte, daß die Frau das Ge⸗ mach zuerſt verlaſſe; ſo neigte ſich denn Elvira gegen die Männer, ſprach ein halblautes„Gute Nacht“ und ging zit⸗ ternd hinaus, ungewiß, ob ſie St. Val zum letzten Mal ſehe oder nicht. Doch ihre Beklemmung, die Angſt, ihr Innerſtes zu verrathen, die finſtere Gegenwart ihres Va⸗ ters und der übrigen Spanier raubten ihr den Muth, auch nur ein einziges Wort zu erwidern. St. Val ſah ſie gehn; ihr ſtummes Entfernen machte ihn ebenſo beſtürzt. Wären ſie allein geweſen, er hätte ihre Hand ergriffen, ſie zurückgehalten; ſo durfte er nicht. Die Möglichkeit, daß dieſer Augenblick der letzte ſei, konnte er ſo ſchnell kaum faſſen; erſt als ſich die Thüre hinter El⸗ vira geſchloſſen hatte, fiel der Gedanke faſt mit erdrücken⸗ der Gewalt auf ſein Herz. Aber es war der letzte Mo⸗ ment geweſen! Denn die Schranken der ſpaniſchen Sitte machten es zu einer Unmöglichkeit für ihn, Elvira in ihren Zimmern aufzuſuchen, zumal in dieſer ſpäten Stunde, und mit dem früheſten Morgen mußte er aufbrechen, um zu rechter Zeit an dem Punkte zu erſcheinen, wo er mit ſei⸗ 8 — 65— nen Leuten eintreffen ſollte. Er ſelbſt hatte dieſen Abend als den des Abſchieds bezeichnet, er ſollte ſich alſo von ihr— trennen, ohne ihr aus innerſter Seele ein Lebewohl zu ſa⸗ gen? An dieſem Gedanken fand er ebenſo wie Elvira erſt das Maß ſeiner Liebe und der Sturm der dadurch in ſei⸗ ner Bruſt aufgeregten Empfindungen überwältigte ihn faſt. Es drängte ihn fort aus der Nähe dieſer verhaßten Män⸗ ner, die ihm plötzlich zwiefach feindſelig erſchienen, da er in ihnen die entſchiedenſten Gegner ſeiner Hoffnungen erkannte. Naſch abbrechend empfahl er ſich Vallardos und man ſchied mit kalten Verbeugungen. Siebentes Capitel. „Habt Ihr gehört,“ rief Malleros mit gedämpfter Stimme, als St. Val hinaus war und die Diener ſich ent⸗ fernt hatten;„morgen früh iſt es zu ſpät! Heut muß der Streich ausgeführt werden!“ „Verdammt!“ ſtampfte Antonio mit dem Fuße auf, „es iſt noch Alles zu unvorbereitet. Erſt morgen treffen meine Leute ein.“ Vallardos ſtand finſter und ſah auf den Boden.„Was meint Ihr, Don Garcia!““ „Im Kriege herrſcht der Augenblick,“ begann der Greis, „morgen hätten wir das Unternehmen mit größerem Erfolg ausgeführt, heut wird es gewagter, aber es muß ſein.“ Vallardos kämpfte einige Sekunden mit ſich ſelbſt, dann ſprach er entſchloſſen:„Ihr habt Recht, es muß ſein. War⸗ teten wir bis morgen, ſo wäre mein Schloß zwar eine — 66— ſtarke Feſte der Freiheit geworden, beginnen wir heut, ſo kann es vielleicht ein flammendes Feuerzeichen werden, daß die Völker ſich mit Macht erheben. Auch das iſt ein Vor⸗ theil. Sechshundert Jahre beſitzen es meine Väter! Den⸗ noch frage ich nichts danach, ob es zerſtört wird. Alſo heute!“ Der erbitterte Spanier freute ſich faſt dieſes Opfers, weil der Feind immer gehäſſiger, die Sache des Vaterlan⸗ des immer gerechter und heiliger wurde, je ſchwerere Prü⸗ fungen und Duldungen ſie foderte. Daher ſprach er dieſe Worte mit erhobener Stimme, indem er, die Wahrhaftig⸗ keit ſeiner Geſinnung ſtärker betheuernd, die Hand auf die Bruſt legte und ſtolz umherblickte. „Still! Gemach, Sennor!“ fiel ihm Malleros mit dem Ausdruck der Furcht und Behutſamkeit ins Wort.„Nur nicht ſo laut! Wer weiß, wer uns hört! Mir däucht, ich hörte die Thür dort leiſe öffnen.“ Dabei blickte er ſcharf ſpähend in den Hintergrund der tiefen Halle, wo das ſchwache Licht, welches von den im Vurdergunhe auf dem Tiſche brennenden Kerzen dahin ſiel, Alles in Halbdunkel gehüllt ließ. „Hier im Schloſſe iſt kein Verräther,“ ſprach Vallar⸗ dos halb unwillig;„die Franzoſen liegen auf dem andern Flügel. Es war Niemand an der Thür!“ „Mir däuchte doch,“ antwortete Malleros,„jedenfalls kann Vorſicht nicht ſchaden.“ „Nun, ſo wollen wir die Thür abſchließen,“ entgegnete Vallardos, noch empfindlich, daß ſeine begeiſterte Stim⸗ mung ſo kleinlich unterbrochen war;„von den Dienern hat Niemand mehr etwas hier zu thun und dann gibt es nur dieſen Ausgang nach dem Garten.“ Mit dieſen Worten ging er in den Hintergrund und verſchloß die Thür. — — 67— Doch Malleros hatte ſich nicht geirrt, ſie war wirklich leiſe geöffnet geweſen durch Elvira. Von ahnungsvoller Angſt getrieben, denn ſie hatte die gemurmelten Worte und noch mehr die von Malleros und ihrem Vater über Tiſche gewechſelten Blicke verſtanden, war ſie aus ihrem Gemach nach dem Saal zurückgekehrt. Als ſie ſich der nur ange⸗ lehnten Thür näherte, hörte ſie, durch die tiefe Stille des Abends begünſtigt, das gedämpfte Sprechen der Männer und ſchöpfte aus dieſer Behutſamkeit neue Ahnungen. Leiſe öffnete ſie die Thür und trat ein in dem Augenblicke, wo Vallardos ſeinen Entſchluß ausſprach. Alles überzeugte ſie, daß hier eine geheime, furchtbare That im Werke ſei, die man ihr, da man ihren entſchiedenen Haß gegen alles Meuch⸗ leriſche und Grauſame kannte, verborgen halte. Ein plötz⸗ licher Schrecken ergriff und verwirrte ſie; ſo geſchah es bei⸗ nahe unwillkürlich, daß ſie, da Malleros ſich umwandte, ſeitwärts hinter eine der Säulen trat, die im Hintergrunde des Saales drei mauriſche Schwibbogen trugen, welche als architektoniſche Verzierungen dienten und mit ſchweren ſeide⸗ nen Draperien geſchmückt waren. In dieſem Augenblicke ſchritt auch ſchon ihr Vater der Thür zu, um ſie zu ſchlie⸗ ßen. So war ſie ungeſehen im Saale eingeſchloſſen, bevor ſie in der Ueberraſchung einen Entſchluß gefaßt hatte. Trat ſie jetzt hervor, ſo erregte ſie den Verdacht, ſchon früher als Lauſcherin gegenwärtig geweſen zu ſein; blieb ſie ver⸗ borgen, ſo war ihre Lage äußfrſt peinlich, bei der Entdeckung beſchämend, vielleicht ſogar gefahrvoll, wenn man ſie für eine ſo entſchiedene Gegnerin der Unternehmung hielt, daß ſie ſich derſelben beſtimmt widerſetzte. Doch es blieb ihr keine Entſcheidung, denn ſie wurde jetzt zu ſchnell mit den Abſichten ihrer Landsleute bekannt und dieſe ließen einer Seele wie die ihrige keine Wahl. — 68— „Nun alſo, wie führen wir's aus?“ ſprach Malleros, „denn daß es geſchehe, darüber ſind wir einig.“ „Ein ſicherer Bote muß ins Gebirge und die Leute, die in den nahen Felſenhöhlen liegen, ſogleich benachrichtigen. Bis Mitternacht können ſie hier ſein,“ ſprach Antonio. „Gut; dahin kann Nunnez, er iſt alt, aber rüſtig und zuverläſſig,“ entgegnete Vallardos. „Sobald ſie eintreffen, iſt mein Rath,“ fuhr Malleros fort,„beſetzen wir die Ausgänge des Schloſſes, damit uns von hier Niemand ins Dorf entkommt. Wir ſtoßen die Franzoſen auf dem Lager nieder; für den Capitain ſorgt mein Dolch.“ Bei dieſen Worten bebte Elvira zuſammen und ſank faſt in die Knie. Der ſie erfaſſende Schauder vor der Gräß⸗ lichkeit der That und der Schrecken darüber, an wem ſie verübt werden ſollte, preßten ihr einen unwillkürlichen Laut aus, der, wie ſie ihn auch im Entſtehen zurückdrängte, doch hörbar wurde. „Horch, was war das?“ fuhr Malleros auf und ſah ſich um. „Ich glaube, Ihr ſeht Geſpenſter!“ rief Vallardos un⸗ willig. „Ich ſehe ſie nicht, aber mich dünkt, ich hörte ſie!“ entgegnete Malleros und warf ſpähende Blicke rings im Saale umher. Elvira ſtand regungslos und hielt den Athem an. In ihrer Bruſt wogte der kühne Entſchluß, hervorzutreten und mit der ihr eigenen gebietenden Hoheit zu erklären, daß ſie Alles gehört habe, aber die Meuchel⸗ that nicht dulden werde. Doch ihr Vater entgegnete unge⸗ guldig:„Laßt die Thorheiten und kommt zur Sache. Wenn uns jedes Rauſchen in den Bäumen draußen unterbrechen ſoll, verſtreicht die Zeit und wir kommen nicht zum Zweck.“ 0 — 60— So wurde die Gefahr der Entdeckung von Elviren wie⸗ der abgewandt und ſie beſchloß nun die äußerſte Nothwen⸗ digkeit abzuwarten, bevor ſie zum Aeußerſten der That ſchritte. „Gut denn,“ fuhr Malleros fort, nachdem er noch ei⸗ nige unruhig ſpähende Blicke umhergeworfen hatte—„alſo St. Val nehme ich auf mich!“ „In ſeinem Vorzimmer ſchläft ſein Diener!“ wandte Vallardos ein. „Ich klopfe leiſe; wenn er öffnet, wird er niedergeſto⸗ ßen, bevor er einen Laut von ſich geben kann; ebenſo, hoffe ich, wird es mit dem Herrn gelingen. Dann überfallen wir mit dreißig entſchloſſenen Leuten die Franzoſen, welche im Schloſſe liegen, ebenfalls in ihren Zimmern.“ „Es ſtehen zwei Wachtpoſten aus,“ bemerkte Val⸗ lardos. „Sie fallen zuerſt.“ „Und wenn ſie Lärm machen, Feuer geben? Wenn ſo der Allarm ins Dorf kommt?“ „So ſind wir doch noch ſchnell genug dort,“ fiel Mal⸗ leros ein;„aber es wird nicht geſchehen, darüber ſeid un⸗ beſorgt. Ich hoffe, wir würgen ſie Alle im tiefſten Schlaf und ſie fahren ohne Beichte, ohne einen Gedanken an die Gnade Gottes zur Hölle!“ Elvira ſchauderte zuſammen. Sie kämpfte einen furcht⸗ baren Kampf, denn ſie mußte ihr Vaterland oder die ur⸗ ſprünglichſten Geſetze der Menſchlichkeit verrathen. Einen Entſchluß zu faſſen vermochte ſie nicht, ſie blieb ſtumm und erwartete bebend, was ferner vorgehen werde. „Wenn uns das auch im Schloſſe glückt,“ erwiderte Vallardos,„im Dorfe wird es doch unmöglich ſein. Erſt morgen ſollten die Bewohner unterrichtet werden; heut iſt — 70— es zu ſpät, ſie liegen ſchon im Schlaf. Werden ſie nicht glauben, daß man ſie ſelbſt überfällt?“ „Pah! Laßt mich ſorgen! Ich denke, auch aus dem Dorfe ſoll Niemand entkommen. Die Ausgange beſetzen wir mit ſtarken Abtheilungen; was einzeln flüchten will, wird dort aufgefangen und fällt.“ „Starke Abtheilungen!“ rief Vallardos ſpöttiſch,„wo habt Ihr denn ſtarke Abtheilungen? Wenn wir im Gan⸗ zen funfzig Leute zuſammenbringen, ſo iſt es das Höchſte. Morgen ließe ſich Euer Plan ausführen, denn wir wären dreihundert Mann ſtärker und hätten Artillerie!“ „Wenn wir ihn mit Muth angreifen,“ verſetzte Malle⸗ ros, indem er das Wort Muth beleidigend betonte,„ſo gelingt er auch heut!“ „Muth? Muth!“ rief Vallardos zweimal ingrimmig und richtete ſich empor wie ein alter Löwe.„Wer zweifelt an Vallardos' Muth?“ 3„Niemand, bei der heiligen Jungfrau!“ entgegnete Mal⸗ leros im entſchuldigenden Ton; doch Vallardos ſchien ihn nicht zu hören und fuhr fort:„Muth? Ich zähle fünfund⸗ ſechzig Jahre und war der Erſte in Navarra, der ſich zu Roß ſchwang und die Waffen ergriff. Wer hat Vallardos jemals zittern ſehen? Er hat keine Söhne, ſein Name er⸗ liſcht mit ihm, dennoch ging er überall voran, wo Männer dem Tode begegneten. Söhne werden ſeinen Namen nicht fortpflanzen, aber die Töchter Vallardos' haben mehr Muth als die Söhne der edelſten Heldengeſchlechter Spaniens! Auch die Töchter des Vallardos zittern nicht und ich— Muth? Muth!“ Vallardos ſprach die Unwahrheit; Elvira bebte bis ins innerſte Herz. — 7— „Wer hat an Euerm Muth gezweifelt?“ ſprach der Greis Antonio begütigend. „Laßt uns die koſtbare Zeit nicht durch einen Zwiſt über Misverſtändniſſe verlieren. Verfolgen wir unſre Pläne weiter!“ Malleros ſchwieg, auch Vallardos blieb einige Au⸗ genblicke ſtill, dann war er gefaßt und fuhr fort:„Wenn ich Euch Einwürfe mache, ſo geſchieht es nicht aus Muth⸗ loſigkeit, ſondern um uns des Erfolges möglichſt zu ver⸗ ſichern; nur ein Thor unternimmt Dinge, deren Wirkung und Ende er nicht abſehen kann. Was wollt Ihr mit funf⸗ zig oder ſechzig Leuten im Dorfe ausrichten, wo über zwei⸗ hundert Mann je zu zwölf und zwanzigen in den großen Gehöften liegen?“ Malleros erwiderte:„Ich werde die Mannſchaften theilen, mit der Hälfte die Hauptausgänge beſetzen, mit der andern die Bauerhöfe einzeln nacheinander umſtellen, die Wirthe durch leiſes Anpochen herausrufen und dann im Schlafe Alles morden laſſen.“ „So wähnt Ihr,“ entgegnete Vallardos,„daß die aus⸗ geſtellten Wachen der Feinde keine Lärmſchüſſe thun wer⸗ den, daß nicht beim Ueberfallen der erſten Hütte ein Ge⸗ tümmel entſtehen müſſe, welches Alles ringsum in Auf⸗ ruhr ſetzt? Und wenn alsdann die Feinde die Uebermacht gewinnen?“ „Beim unvermutheten nächtlichen Ueberfall ſind Funfzig eine Uebermacht gegen Zweihundert,“ antwortete Malleros. „Im freien Felde, im Lager, ja. Hier nicht. Ihr moͤgt ein Viertel, ein Drittel tödten, dann aber werden die Andern ſchon zu den Waffen gegriffen haben und ſich auf den Allarmplätzen ſammeln. Sie werden das Dorf in Brand ſtecken und bevor wir uns hier im Schloß verſtär⸗ ken, iſt die Nachricht in Pampelona und die Truppen hier. Das ſind die Folgen; ich kenne ſie. Allein ich habe Muth — 22— genug, ſie nicht zu ſcheuen, wenn Ihr glaubt, daß die Flammen dieſes Schloſſes das Feuerzeichen zum Völkerauf⸗ ſtande in ganz Navarra werden können. Wenn nicht, ſo iſt die Ermordung einiger Hundert Mann ein zu unbedeu⸗ tender Gewinn für das aufs Spiel geſetzte Ganze und ich rathe lieber dazu, das ganze Vorhaben aufzugeben und eine andere Gelegenheit zu einem entſchiedenen Schlage abzuwar⸗ ten. Nun alſo, was meint Ihr?“ „Ganz Navarra wird ſich waffnen, wenn ſolche Helden⸗ that die Bahn bricht,“ rief Malleros.„Ihr erwerbt Euch unſterblichen Ruhm!“ „Ich will nicht Ruhm, ich will nur Verdienſte um das Vaterland erwerben!“ ſprach Vallardos mit erhabener Ge⸗ ſinnung. Elvira ſchöpfte Hoffnung.„Allmächtige Jungfrau,“ be⸗ tete ſie ſtill,„wende ihren Vorſatz!“ Doch Malleros, dem vorzüglich die perſönliche Rache an St. Val, den er halb ahnend auch als ſeinen Nebenbuhler bei Elviren betrachtete, anſpornte, rief mit neuem Eifer zu der That auf. Antonio und Garcia erklärten auch, das Unternehmen ſcheine ihnen heilſam für das Vaterland. So hob denn Vallardos die Nechte feierlich empor und ſprach: „Wol dennz es iſt beſchloſſen! Bei meinen Vätern ſchwöre ich Euch, jetzt auch die äußerſte Kraft ans Werk zu ſetzen und vor keiner That noch Gefahr zurückzubeben. Schwoͤrt Ihr desgleichen!“ Sie reichten einander die Hände und ſchwuren.„Kein Mitleid, keine Milde! Tod jedem Feinde, Jedem, der es mit dem Feinde meint, jedem Verräther!“ Elvira ſchauderte zuſammen, es wurde Nacht vor ihren Sinnen; ermattet lehnte ſie das Haupt gegen die Säule, hinter der ſie ſtand. —— —— — 73— „So eilt jetzt zur That!“ befahl Vallardos.„Ich werde Nunnez abſenden; verſtändigt Ihr Euch mit den Eurigen.“ Nach dieſen Worten gingen ſie durch die Thür nach dem Garten hinaus und zerſtreuten ſich auf verſchiedenen Wegen. Elvira wankte hervor; ermattet ſank ſie in einen Seſſel. Hier brach ſie in brennend ſtrömende Thränen aus, denn jetzt erkannte ſie ihr Herz ganz, jetzt fühlte ſie die Ueber⸗ macht der Liebe! Wo war die haſſende Spanierin? Wo die heldenmüthige Freude über jede kühne Rachethat ihres Volkes? Nur ein Verbrechen, ein ſchwarzes, Abſcheu wek⸗ kendes Verbrechen ſah ſie in Malleros' Rath und Unterneh⸗ men! Unwürdig, feig, verächtlich ſchien es ihr. Es ſollte nicht vollzogen werden! Doch wie vermag ſie es zu hin⸗ dern, ohne ihren eigenen Vater der Rache preiszugeben? Und wird ſie nicht eine Verrätherin an ihrem Vaterlande, wenn ſie die Pläne zur Vernichtung des Feindes hemmt? Ach und endlich geſchehe die That, geſchehe ſie nicht, das Eine iſt unwiederbringlich wahr, ihr Herz iſt zerriſſen, zer⸗ malmt von der furchtbaren Hand des Geſchickes! Doch die Flügel der Minuten ſind pfeilgeſchwind, das Verderben bricht urplötzlich, mächtig herein; ihr Entſchluß fordert eine ſchleunige Vollführung. Elvira eilt in ihr Gemach. Es iſt unmöglich für ſie, St. Val noch zu ſprechen, ohne die Sitte Aufſehen erre⸗ gend zu verletzen, oder Alles auf ein gefährliches Spiel zu ſetzen. Sie beſchließt ihm zu ſchreiben; haſtig ergreift ſie die Feder: „Die Mitternacht droht Gefahr. Wachſamkeit entfernt ſie nicht. Der Lohn dieſer Warnung ſei Großmuth. Edler Sinn hindert die That, damit er ſie nicht zu rä⸗ Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. VI. 4 — 74— chen brauche. Dieſe Hoffnung bleibt der einzige Troſt ei⸗ nes im Zwieſpalt der Pflichten kämpfenden, tief zerriſſenen Herzens.“ Sie betrachtete das Blatt lange; es zitterte in ihrer Hand, Thränen umdunkelten ihr den Blick.„Ja, er wird mich verſtehen, ich kann nicht zweifeln,“ rief ſie aus;„er muß errathen, von wem die Warnung kommt! Mehr bedarf es nicht, um ihn zu beſtimmen, durch offenkundige Wachſamkeit das ganze Unternehmen im Vorſatz zu erſticken, ſo daß nur ſeine Rettung, nicht das Verderben irgend eines Andern daraus erfolgt.“ Sie wickelte das Blatt um ein kleines Alabaſtertäfel⸗ chen und ging nun in den Garten hinab, um es ſelbſt in St. Val' offenes Fenſter zu werfen. Ein tiefer Schatten bedeckte die Terraſſe; dennoch ſchien es ihr bei dem ſchwachen Sternenſchimmer, der durch die Kronen der uralten Kaſtanien blitzte, als ob zwei dunkle Geſtalten ſich unter den hohen Laubgewölben auf und nie— der bewegten. Sie täuſchte ſich nicht: es war Verginois mit der artigen Sanchetta, der hier luſtwandelte und das leichtſinnige Mädchen mit ſüßem Liebesgeſchwätz zu bethören ſuchte. Elvira meinte, es könne ihr Vater oder Malleros mit einem der andern Freunde ſein, und hielt ſich, um ſich ſelbſt nicht zu verrathen, in verborgener Entfernung. End⸗ lich hatte Verginois das Mädchen beredet, ſie auf einem Spaziergange tiefer in den Garten hinein, wo keine Ueber⸗ raſchung ſie ſtören könne, zu begleiten. Sie hatte lange gezaudert, denn ſie fühlte die Schwäche ihres Herzens, den lockenden Worten Virginois' gegenüber, und das Schloß er⸗ ſchien ihr wie ein ſtummer Wächter und Beſchützer ihrer Ehre, wie ein Zufluchtsort ihrer halbbeſiegten Tugend, wenngleich ſie andrerſeits ebenſo fürchtete, daß einer der — 75— Bewohner der plötliche Zeuge und Entdecker ihres Liebes⸗ handels werden könnte. Doch jetzt hatte die glatte franzö⸗ ſiſche Zunge der Ueberredung ihr bang lüſternes Herz zu ſchmeichelnd umſtrickt; ſie folgte halb unwillkürlich. Elvira hatte längſt auf die Entfernung beider Geſtalten geharrt, da ſie ſich nur in der Nähe von St. Val's Fen⸗ ſtern bewegten, was ihre Vermuthung feindſeliger Abſichten angſtvoll verſtärkte. Scheu umherblickend, doch haſtig, eilte ſie jetzt näher, tief in den dunkeln Schatten der Kaſtanien und der Lorbergebüſche geſchmiegt. Jetzt ſtand ſie unter St. Val's Fenſter, das in mäßiger Höhe über der Terraſſe lag. Es war Licht im Gemach; ſie ſah einen Schatten ſich hin und her bewegen, dann wurde Alles ruhig. Der Zeitpunkt war günſtig. Ein oberer Fenſterflügel ſtand offen; ſie warf den Brief hinein, hörte ihn auf den Boden fallen und eilte nun ſchnell in die Gebüſche zurück. Achtes Capitel. St. Val hatte durch die ſeltſamen Aeußerungen, Winke und Blicke, die er in Verbindung mit Verginois⸗ Beobach⸗ tungen brachte, aufmerkſam gemacht, für nöthig gehalten, allgemeine Vorſichtsmaßregeln zu treffen, wiewol er ſich ge⸗ gen nichts Beſtimmtes waffnen konnte. Unmittelbar von der Abendtafel war er ins Dorf gegangen, wo er die Leute zuſammentreten ließ, ihnen die Marſchordre bekannt machte, den ſchon durch Verginois geſandten Befehl zur Verdoppe⸗ 4* lung der Poſten wiederholte und überdies anordnete, daß in den einzelnen Quartieren immer ein Mann Wache hielte, die Uebrigen ſich nicht entkleiden, ſondern die Waffen gleich zur Hand haben ſollten. Um ſich von der Ausführung ſei⸗ ner Befehle zu überzeugen, machte er mit einer Patrouille von etlichen Mann die Runde und unterſuchte alle ausge⸗ ſtellten Poſten. An einer kleinen Pforte am äußerſten Ende des Gartens entließ er die Leute und ging allein durch die düſtern Cypreſſen⸗ und Kaſtaniengänge zurück.— Er hörte heftige Schritte in der Ferne, ahnend ſtand er hinter einen Baum gedrückt ſtill; es gingen drei in ſchwarze Män⸗ tel gehüllte Männer eilig vor ihm vorüber, die er zwar nicht erkannte, ſie jedoch nach den Verhältniſſen der Größe und Geſtalt für die drei Abendgäſte hielt.„Hm, hier hin⸗ aus? ſo ſpät?“ dachte er.„Das kann nicht ohne Be⸗ deutung ſein.“ Er überlegte noch, ob er ihnen leiſe nach⸗ gehen oder nach dem Schloſſe zurückkehren ſollte, als aber⸗ malige Schritte ihn aufmerkſam machten. Diesmal erkannte er ſeinen Mann an dem ſchweren Gang und Athem; es war der alte grimmige Haſſer der Franzoſen, Nunnez, der, ſoviel ſeine Jahre es zuließen, haſtig den dunkeln Pfad daher kam. Dieſem folgte St. Val in geringer Entfernung; Nunnez ging durch die kleine Gar⸗ tenpforte, durch welche St. Val eben hereingekommen war, wandte ſich aber alsdann nicht nach dem Dorfe, ſondern rechts den Bach hinauf, wo der Steg hinüberführte, der zu dem Felſen leitete, auf welchem Verginois am Morgen die navarreſiſchen Rothmützen geſehen hatte. . Es gehörte nur eine geringe kriegeriſche Combinations⸗ gabe dazu, um aus dieſen Anzeichen Vermuthungen zu bil⸗ den, die der Wahrheit ziemlich nahe kamen. Kein Zweifel mehr für St. Val, daß ein Ueberfall im Werke war. Dies — — 77— beſtimmte ihn auf der Stelle, noch andere, entſchiednere Maßregeln zu treffen. Er kehrte um, ging bis zu dem näch⸗ ſten Doppelpoſten und ſandte von dort aus einen Mann mit dem Befehl ins Dorf, daß die Mannſchaften ſogleich an⸗ treten und ganz in der Stille vor das Schloß rücken ſoll⸗ ten, wo ſie weitern Befehl empfangen würden. Jetzt kehrte er raſchen Schrittes zurück, um ſich ſelbſt und die Leute im Schloſſe auf alle Fälle bereit zu machen. Das drohende Kriegsabenteuer machte dem der Gefahr gewohnten, umſichtigen Führer indeſſen nur eine geringe Sorge gegen die Empfindungen, von denen ſein Herz im Tiefſten erfült war. Er dachte nur an Elviren! Die Hälfte ſeines Lebens hätte er darum gegeben, noch eine Stunde mit ihr allein zu ſein, ihr ſein ganzes Herz zu enthüllen. Ja, er dachte kühner; denn er wiegte ſich mit der Hoffnung, daß ſeine Liebe ſie beſiegen, daß er ſie zur Seinigen machen werde, mit wie feſten Banden tauſend andere Pflichten ſie umklammerten und von ihm zurückzo⸗ gen. Es war jene Zeit die des Außerordentlichen; kein Plan erſchien zu kühn, keine Größe unerreichbar. Im gro⸗ ßen Würfelſpiel des Krieges konnte Jeder in der nächſten Minute den entſcheidenden Glückswurf thun. St. Val fühlte etwas von dem kühnen Geiſte in ſich, der hoher Ziele im voraus gewiß iſt, wenn er gleich die Mittel und Pfade, ſie zu erreichen, noch nicht deutlich vor ſich ſieht. „Dein kann ſie, muß ſie werden,“ dachte er,„ergreife nur jetzt den Augenblick, ſie an dich zu ziehen, daß ſie nicht mehr zurückkann! Gewinne, erſtürme ihr Herz zu einem einzigen kühnen Schritt! Und wenn ſie unzählige Bande zerreißen muß, kann es denn lange währen? Dieſer Krieg, der die Kluft zwiſchen uns aufreißt, noch ehe die Ernte die⸗ ſes Sommers reift, iſt er beendet und Spanien fügt ſich 718— der Nothwendigkeit. Hat das ganze Land weichend nach⸗ gegeben, ſich dem Schickſal gebeugt, wie will dann der Einzelne noch Widerſtand leiſten? Die Flamme des Haſ⸗ ſes wird erlöſchen, ihr dunkler Nachrauch verweht werden im Sturm der Jahre; Vallardos wird der Tochter, deren Pfad er nicht mehr beſtimmen kann, folgen, Alles wird ſich ausgleichen, fügen, doch jetzt iſt der Augenblick, das Steuer meines Lebensglückes raſch und entſchloſſen einem kühnen Ziel zuzuwenden.“ In dieſem Gedanken ging er vor ſich hin und überlegte, wie er ſeinen Plan ausführen könnte; er dachte an ſtür⸗ mende Ueberredung, an Entführung, im äußerſten Fall an gewaltſamen Raub der Tochter als Geißel für die Unter⸗ nehmungen des Vaters. Doch Alles waren unbeſtimmte, dunkle Pläne ohne feſte Geſtalt, weil ihnen der Boden fehlte, um den Fuß zu einem erſten Schritt feſt aufzuſez⸗ zen, die Möglichkeit, Elvira zu ſehen und zuerſt ſich ihres Wollens geiſtig zu bemächtigen. Da rauſcht es neben ihm, er blickt auf, Elvira ſteht vor ihm. Beide ſtanden im erſten Augenblick, von Erſtaunen ge⸗ feſſelt, ſprachlos einander gegenüber. St. Val faßte ſich zuerſt und ſprach:„Elvira, darf ich meinen Blicken trauen? Sie hier in tiefer Nacht allein? Welche Pfade wandeln Sie?“ Er ergriff bei dieſen Worten ihre Hand und fühlte, daß ſie heftig zitterte. „Ich ging,“ begann ſie verwirrt,„um noch einige Au⸗ genblicke der lauen Sommernacht zu genießen; Alles blüht und duftet ſo überſchwenglich und zittert im magiſchen Sternenlicht.“ „Auch Elvira zittert,“ entgegnete St. Val, indem er ihre Hand ſanft und zärtlich drückte;„iſt meine unvermu⸗ — — 79— thete Begegnung ſchuld daran?— O wie ſüß iſt dieſes Zagen, mit welchem Entzücken durchſtrömt es mich! Ich glaubte nicht, daß Elvira, die Heldin, die ich bewunderte, ſo bewegt ſein könne; ſie ſteht bebend vor mir und ich liege beſiegt zu ihren Füßen, als ob die blitzende Waffe über meinem Haupte ſchwebte.“ Elvira fühlte ſich in der Schwäche ihres Geſchlechts; im Kampf hätte ſie, wie vor wenigen Wochen, ohne zu zagen, vor dem Gegner geſtanden, jetzt empfand ſie, daß der Mann Sieger des Weibes wurde. St. Val's an⸗ fangs faſt gekünſtelt ſchmeichelnde(weil er ſelbſt überraſcht und nicht ſogleich ſicher war, wie er handeln wollte), dann ſanft, aber immer tiefer in ihr Herz dringende Worte um⸗ woben ſie mit einem ſüßen, unzerreißbaren Geſpinnſt; ſie ahnte die Gefahr, doch die Kraft, ihr zu entfliehen, ver⸗ ſagte ihr. Ihm dagegen wuchſen, wie er aus dieſem ver⸗ ſtummenden Beben ſeine ſiegende Uebergewalt erkannte, die kühnen Schwingen der Hoffnung und Unternehmung. „O Elvira,“ begann er,„es iſt eine gütig leitende Hand des Schickſals, die uns heute noch auf dieſem dunkeln, einſamen Pfade zu einander führt! Sonſt hätten wir uns leicht niemals wiedergeſehen! Der dämmernde Morgen ruft mich von hier hinweg; nicht fern, aber doch unerreichbar weit. Und im Kriege wechſeln die Looſe raſch; jeder Tag würfelt um Siegesglück und Todesopfer, wer weiß, was mir zufällt, bevor dieſe Sterne wieder ſo ſanft und klar ſchimmern! Elvira! Eine göttliche Hand webte dieſe hei⸗ ligen Minuten des Scheidens in den Kreislauf unſers Lebens ein. O, ich erkenne dieſe Wohlthat und würde ſie doppelt fühlen, wenn auch Elvira ſich ihrer freute.“ Indem er fort dringend ſprach, im Feuer, welches die Liebe und der günſtige Augenblick anfachten, blieb Elvira — 80— ſtumm und ihr Herz verſchloß ſich immer tiefer in ihrer Bruſt. Er hielt ihre Hand in der ſeinigen; da fühlte er, daß heiße Tropfen ihrem Auge entſtrömten. Dieſes ſtumme Geſtändniß war mächtiger als alle Worte und ſein kühnes Wünſchen ſchwang ſich plötzlich auf die Gipfel des Gelingens. „Elvira!“ rief er aus und ſchlang ſeinen Arm um die hohe Geſtalt,„Dein banger Schmerz ſoll ſich in ſuͤße Se⸗ ligkeit verwandeln; hier iſt die Stelle, wo Deine Wunde heilt! Geliebte! Habe nur den Muth, es zu ſein und unſer Glück iſt unendlich!“ Alle Kräfte ihrer hohen Seele, ihres ſtarken, ſtolzen Sinnes, das edle Gold ihrer Vaterlandsliebe, der reine Diamant ihrer Jungfräulichkeit, Alles ſchmolz weich und ermattend zuſammen in den Feuerwogen der Liebe, die ihre Bruſt durchwallten. Sie fühlte das Verbrechen ihrer Glut, die Gefahr, das Unrecht des Augenblickes; allein ſie ver⸗ mochte dem übermächtig drängenden Strom der Gefühle keinen Damm des Entſchluſſes mehr entgegenzuſetzen. St. Val's Flamme war weder ſo gewaltig, noch ſo rein, doch ſtark genug, ihn zu kühneren Entſchlüſſen zu beſtimmen und, auch wider Willen, in einer gefährlichen Bahn fort⸗ zureißen. Er preßte die Lippen glühend auf Elvira's blei⸗ chen, geſchloſſenen Mund, der ihm nur ein leiſes Ach ſeuf⸗ zend entgegenhauchte. Sie bebte ſüß ſchauernd in ſeinen Armen, die Knie ſanken unter ihr ein, er mußte ſie faſt tragend zu einem nahen Raſenſitz an dem Stamm einer breitäſtigen, weithin überſchattenden Kaſtanie leiten. Dort lehnte ſie, neben ihm ſitzend, das Haupt müde mit ſeliger Innigkeit an ſeine Bruſt und dort erſt fand ſie mühſam wenige Worte, um die Tiefe ihres Herzens gegen ihn aus⸗ zuſprechen.„O Theurer,“ begann ſie, wohin reißt mich — 81— Dein verwegenes Thun! Welche Kluft ſprengen die Ge⸗ ſchicke der Völker zwiſchen uns auf! Keine Kraft eines Einzelnen trägt da hinüber!“ „Vergiß ſie!“ rief er kühn,„vergiß die Völker, ihre Kriege, die Welt der Feindſeligkeiten, wie ich ſie ver⸗ geſſen. Unerſchütterlich vertrauend, mit geſchloſſenem Auge wirf Dich mit mir in die gähnende Schlucht, dann wird ein mächtiger Gott uns auf ſeinen Schwingen hinüber⸗ tragen!“ Sie ſchwieg, ſchmiegte ſich aber dem Flammenſturm ſeiner Küſſe halb entgegen, als ob ſie durch dieſes ſtumme Zeichen das Ja zu ſeinen Worten ſprechen wolle. St. Val deutete es ſo. Er zog ſie feſt und feſter an ſich; ihr entſchwanden die Sinne in dem erſten ſeligen Rauſch der Liebeswonnen; trunken, betäubt hing ſie an ſeinem Arm und wie er ihren Leib umſchloß und trug, ſo fühlte ſie, daß jetzt ihr ganzes Geſchick in ſeiner Hand ruhe und er ſie mit ſich reiße— ins Paradies oder in den Abgrund.— Sie ſchloß das äußere Auge wie das innere; nichts zu ſehen und zu wiſſen als ſeine Liebe, war jetzt ihre einzige Rettung. Vergangenheit und Zukunft verſchleierten ſich dicht; es gab nur eine Gegenwart. Sich ihrer unbeſtimmten Dauer willen⸗ los hinzugeben, mit verhülltem Blick in der Umarmung des Geliebten über dem Abgrund zu ſchweben, ungewiß, ob ſie im nächſten Moment zerſchellt auf dem Grunde liegen werde, oder ob ſanfte Fittige eines wohlwollenden Geſchickes ſie hinübertrügen nach dem jenſeitigen ſchönen Ufer, hinauf zu den Räumen glückſeliger Geſtirne— das war der Traum ihrer Seligkeit! So hörte ſie es denn nicht, wie der finſtre Todten⸗ fluß des Unheils unter ihren Füßen grollend brauſte und den Boden unterhöhlte. Denn er wühlt ſich durch den 4** — 82— engſten Spalt der Schuld ſchnell hindurch und reißt das breite, ſchwarze Thor des Verderbens auf! Elvira empfand es nicht, ſelbſt St. Val ahnte es nur, wie ſich die reine Flamme der Liebe düſter und duͤ⸗ ſterer färbte, weil die ſchwarze Geſtalt der Verſuchung ſich dahinter verbarg und mit dämoniſcher Freude verdun⸗ kelnde Tropfen des ſüßen, unheilvollen Giftes in die Glut träufelte. Sie rollten wie geſchmolzenes Erz durch die Adern und jagten die ſchlummernden Mächte der Sinnenwelt auf! Sie flammten und blitzten, glühten und ſtürmten in Blut und Nerven! Du ſchöner tiefblauer Nachthimmel des Südens, voll reiner blinkender Sterne, geſchieht denn das Entſetzliche auch unter Deinem Gewölbe? Und ziehen nicht warnende, ſchwere Wetter herauf, die mit donnernder Mahnung das Herz emporſchrecken, bevor auf der Rieſenglocke der Schuld das„Zu ſpät“ mit zerſchmetterndem Schlag erdröhnt?— Ihr lächelt, o ihr Sterne? Lächelt ihr, weil alle Schuld zu tief unter euch liegt, oder weil die ſchwerſte endlich dro⸗ ben bei euch verſöhnt wird? Oder lächelt ihr höhnend?— Heuchelt ihr wie der laue, blütenſchwere Hauch der Lüfte, der ſich mit einwiegendem Koſen um Bruſt und Wange ſchmiegt, um mit ſeiner ſüßen Lockung zu vergiften?— Nachtigall, Verführerin in dem dunkeln Lorbergebüſch, halt ein mit deinen ſchmelzenden, weich auflöſenden Tönen!— Du einziger holder Warner, freundlicher Mond, reiner Freund des reinen Glücks, weshalb zögerſt du hinter dem ſchwarz aufgethürmten Gebirge? Hebe dein Haupt über die Felſen empor und richte das klare, keuſche Auge auf die Unſelige, ſie wird erbeben, erkennen——— „Wie heiß, wie glühen mir Stirn und Wangen, wie —+— — — 83— pocht meine ſchwellende Bruſt!“ ſeufzte Elvira erſchöpft auf.„O, nur ein kühles Lüftchen der Erquickung!“ Im Myrthenhain hinter ihnen rauſchte ein Springbrun⸗ nen, Elvira wankte, von St. Val geleitet, dahin. Ihr Fuß ſchritt auf weichem, ſchwellendem Raſen, eine dunkle Laubgrotte nahm ſie auf, tiefſte Stille und Abgeſchiedenheit ringsumher.— Das Waſſer des Springbrunnens ſammelte ſich in einem Marmorbecken; Elvira kniete an dem Rande nieder und netzte ſich mit der eingetauchten Hand die Schläfe und die Wangen! St. Val hatte den Arm um die Hinübergebeugte ge⸗ ſchlungen und hielt ſie zurück; er ſah ihr Bild einem Schatten gleich in dem dunkeln, ſtillen Spiegel des Waſ⸗ ſerbeckens von den herabflimmernden Sternen umglänzt. Sehnſüchtig zog er ſie wieder zu ſich empor und drückte ihr neue brennende Küſſe auf die eben erfriſchten Lippen und Wangen. Sie ſchwankte mit ihm weiter, tiefer durch die dunkeln Myrthenwölbungen, wo kaum der Strahl ein⸗ zelner Sterne ſich durch das dichtverſchlungene Laub ſtahl. Ein ſchwellender Moosteppich ſchmeichelte dem Fuß bei jedem Schritt, Nachtviolen dufteten herauf, immer dichter wob das Dunkel ſeine Schleier, der Springquell murmelte leiſe hinter ihnen, ein Nachthauch flüſterte durch die Wipfel und trug neue betäubende Blumendüfte auf ſeinen Schwingen heran. Eine überſelige Beklommenheit umdrängte die Bruſt, Elvira bebte wie das zitternde, bewegte Laub, plötzlich ſank ſie, überwältigt von den dunkeln Gewalten in ihrer Bruſt, halb ohnmächtig in die Knie, St. Val empfing ſie in ſei⸗ nen Armen, er mußte ſie leiſe auf das weiche Moos glei⸗ ten laſſen, er kniete neben ihr nieder, weinend ſchlang ſie beide Arme um ſeinen Nacken, drückte das Antlitz innig gegen ſeine Bruſt, er umfaßte ſie mit unausſprechlichem Gefuͤhl, ſeine Küſſe trockneten ihre Thränen, ſogen die Seufzer ihrer bebenden Lippen auf, in der ſtummen, un⸗ 6 auflöslichen Umarmung ſchwanden ihre Sinne in ſeliger Betäubung! Neuntes Capitel. 2 Verginois hatte die kleine ſchwarzäugige, ſchwarzlockige Sanchetta mit ſüßen flatternden Schmeichelworten und noch ſüßeren Liebkoſungen, die ſie nur verſtohlen duldete und nur ſcheinbar abwehrte, ganz umſponnen.„Parbleu,“ ſchwur er ſich,„dieſe Feſtung mußt Du einnehmen! Wie, keine Mauer, kein Wall widerſteht den Söhnen Frankreichs und ein ſpaniſches Mädchenherz wäre nicht zu erobern? Pah! Wir wollen ſehen! Wenn ich will, marſchirt die Kleine als Vivandiere mit und geht mit uns bis an den Südpol!“ 3 Doch über ſein verliebtes Abenteuer vergaß der Ser⸗ geant nicht ſeinen dieſtlichen Auftrag. Er war eben im beſten Zuge, die verliebte Sanchetta, faſt ohne daß ſie es merkte, über Das, was vorgehen ſollte, auszuforſchen, als Elvira's Erſcheinen auf der Terraſſe, um ihr warnendes Blatt in St. Val's Fenſter zu werfen, ihn ſtörte. Er er kannte ſie, die ſich im helleren Raum bewegte, ſehr gut und zog ſich deshalb mit Sanchetta, die anfangs flüchten wollte, immer tiefer unter das Dunkel der Bäume zurück. „Die Kleine ſah ſich auf dieſe Art immer mehr von ihrer — — — 85— Zuflucht, ihrem Schild, dem bewohnten Schloſſe, abge⸗ ſchnitten, konnte es aber nicht mehr hindern. Sie hatte einen unerlaubten Schritt gethan, der zweite wurde ihr aufgedrungen, um den erſten zu verbergen. Selbſt vor ih⸗ rer alten ſtrengen Baſe Xaveria, ja vor ihrem Großvater, dem Eiſenkopf Nunnez, hätte ſie ſich nicht ſo geſcheut wie vor der Donna Elvira, deren hohes, jungfräuliches Weſen der Schuldbewußten als ein viel ſtrengerer, unbeſtechlicher Richter erſcheinen mußte, wie der äußerliche Zorn, den ſie von der Baſe und dem Großvater zu erwarten hatte. Als Verginois ihr daher zuflüſterte:„Die Sennora, komm, mein holdes Täubchen, laß uns ihr aus dem Wege gehen, doort den ſchlängelnden Gang zwiſchen den Lorbergebüſchen hinab,“ da fühlte ſie zwar, wie ſie ihren Fehler vergrö⸗ ßere, die Gefahr vermehre, doch ſie wagte nicht zu wider⸗ ſtreben, wenngleich ſie ſich jeden Schritt abſchmeicheln und abdringen ließ, indem ſie immer hoffte, Elvira werde ſich entfernen und ſie könne dann in die Nähe des Schloſſes zurückkehren.— Sie umflatterte auf dieſe Weiſe ſchon ſeit mehren Tagen die verbotene ſüße Frucht der Liebe wie ein Nachtſchmetterling die Flamme, ſcheu, im Kreiſe, immer fliehend und immer wieder näher kreiſend, bei dem leiſeſten Verbrennen zurückzuckend, dennoch nicht im Stande der magiſchen Gewalt, den der Schein der Kerze übt, zu wi⸗ derſtehen, bis der kühne Verſuch das gefährliche Spiel trüb⸗ ſelig endigt. „Nein, Verginois,“ flüſterte ſie ängſtlich, als das dunkle Lorbergebüſch ſie umfing und er kühner den Arm um ihren ſchlanken Leib legte,„nein, Verginois, hierher nicht. Hier iſt der Garten ſo finſter, daß ich mich fürchte!“ Sie blieb ſtehen. „Kleines, ſchüchternes Vögelchen,“ antwortete Vergi⸗ — 86— nois und ſuchte ſie mit dem rechten, ſie umfaſſenden Arm weiter zu ziehen, während er ihr mit der linken das Kinn ſtreichelte.„Du fürchteſt Dich? Und ich bin bei Dir? Du wäreſt nicht ſo ſicher, wenn Sanct Jago an Deiner Seite ginge!“ 5 „Heilige Jungfrau!— Verginois! Du läſterſt den Hei⸗ ligen! Gleich geh' von mir!“ „Ich den Heiligen läſtern? Lieber wollte ich glühendes Blei in den Mund nehmen! Alle Ehrfurcht vor St. Jago! Es iſt ja mein Schutzpatron, denn ich heiße auch Jacques; aber ich wollte ihn nur als den tapferſten Heiligen in der Welt bezeichnen! Nun, fürchteſt Du Dich noch?“ Sanchetta ſchwieg. Sie zitterte ein wenig, aber es war nicht Furcht, ſondern eine ſüße Beklommenheit. Nur leiſe widerſtrebend duldete ſie es, daß Virginois den Arm feſter um ſie legte und ſie im Gehen außedie Wange küßte. So ſtreifte er wol eine Stunde mit ihr im Garten hin und her, bis ſie ſich allmälig weit vom Schloſſe entfernt hatten. Verginois, der nur auf dem Marſch munter zu Fuß war, im Garten aber lieber mit Sanchetta auf einem ſtillen Plätzchen geſeſſen hätte, ſuchte ſeinen Weg nach ei⸗ nem Sitz zu lenken. Da hörte er den Springbrunnen in ſeiner Nähe und ging darauf zu. „Ein artiger Platz! Hier müſſen wir ein wenig ſitzen, Sanchetta,“ rief er leiſe und ging auf einen Raſenſitz zu, der ſich an der Felswand hinzog.„Hier ſitzen? Auf dem außerſten Fleck des Gartens? Das würde ſich ſchik⸗ ken,“ antwortete Sanchetta. Wenn das die Baſe Faveria wüßte!“ „Die Baſe Kaveria?“ fragte Verginois.„Glaubſt Du, daß ſie in ihrer Jugend nicht gern im Monden⸗ ſchein auf dem Raſen geſeſſen hat? Komm, Sanchetta, — „ — — 87,— Dein Freund wird müde, er hat nur noch etliche Stun⸗ den vor ſich, ſo muß er aufbrechen! Du ſieheſt, er muß ruhen.“ „Gut denn, laß uns nach dem Schloſſe zurück! Ich ſchlüpfe hier rechts durch das Gebüſch, Du gehſt den gro⸗ ßen Weg!“ Dabei wollte ſie ſich aus ſeinen Armen los⸗ machen. „Mein Täubchen! Könnteſt Du ſo grauſam ſein? Nun erſt fällt mir Alles ein, was ich Dir zu ſagen hätte. Es ſind tauſend wichtige Dinge! Setze Dich her, Sanchetta! Nur ein Viertelſtündchen, fünf Minuten!“ „Nun, eine, aber auch nur eine einzige Minute,“ ſprach Sanchetta zögernd und ließ ſich an die Raſenbank geleiten. 4 Verginois kannte die tauſend kleinen Liſten des Wider⸗ ſtrebens und der Scheinvertheidigung, mit der die Frauen ſich Das gewaltſam abringen laſſen, was ſie zugeſtanden zu haben durchaus nicht einräumen wollen; ſie handeln da⸗ bei aus Naturtrieb, nicht nach Ueberlegung, ſuchen Aus⸗ flüchte vor ihrem eigenen Urtheilsſpruch. Sanchetta machte es ſo. Sie wehrte ſich gegen jeden Kuß, den Virginois ihr, als ſie auf dem Raſen neben ihm ſaß, auf die friſchen Lippen drückte, und doch durchdrang er ſie mit ſo ſüßer Empfindung!„Ich werde böſe,“ rief ſie mit zitterndem Stimmchen, als er kühner wurde und ſie auf ſeinen Schoos zog. Doch ſie wurde nicht nur nicht böſe, ſondern hinge⸗ bend zärtlicher; ſie blieb ſitzen und ſchloß unwillkürlich den ſanften Ring ihrer weißen Arme, womit ſie ihn umfangen hatte, immer dichter. „Süße Geliebte! Holde Braut! Ewig die Meine!“ rief Verginois, dem die Flamme ſeines Herzens jetzt ſelbſt über den Kopf ſchlug, ſo daß er in dieſem Augenblicke — 88— ſelbſt an ſeine Liebesſchwüre, an die Betheurungen ſeiner unverbrüchlichen Treue feſt glaubte. Er wurde kühner, wurde verwegen! Die tiefe Einſamkeit und dunkle Nacht umher, der laue Hauch der Lüfte, Sanchetta's im Ster⸗ nenlicht ſchimmerndes, ſchmachtend gebrochenes Auge, die Glut ihrer Küſſe, wer hätte widerſtanden! Sanchetta fühlte, daß der Augenblick gekommen ſei, wo ihre Vertheidigung aufhörte und ſie ſich der Gnade des Siegers zu ergeben habe. Sie flehte mit hinſterbender, zitternder Stimme:„Verginois, um der heiligen Jungfrau willen! Laß ab, ich bin verloren!“ „Du ſollſt ewig mein, ewig glücklich ſein, einziges Herz!“ rief er aus und umſchlang ſie in heißerer Umarmung. Sanchetta verlor Kraft, Sprache, Beſinnung; ſie weinte,„ach, Verginois, Verginois!“ war Alles, was ſie hervorzubringen vermochte; mit dieſen Worten ſank ſie, ſeinem ſtürmenden Andrange weichend, kraftlos zurück. In dieſem Augenblicke trat der Mond hinter einem Fel⸗ ſengipfel hervor und warf ſeine blaſſen Strahlen auf die Gebüſche hinter ihnen. Plötzlich rauſchten die Lorberzweige, ſi ſie theilten ſich und mit raſchem Schritt trat eine hohe Geſtalt hervor. San⸗ chetta that einen lauten Schrei und riß ſich empor. Ver⸗ ginois ſprang auf. Elvira ſtand vor ihnen. Ihr Blick war ſtarr und irr. Der Schleier hing zerriſſen, flatternd von ihrem Haupt herab; ſie ſchien Verginois und San⸗ chetta nicht geſehen zu haben, denn auch ſie fuhr vor Bei⸗ den erſchreckend zurück, Doch ein flüchtiger Blick lehrte ſie, was hiet geſchah.„Unſelige!“ rief ſie gegen Sanchetta gewandt aus,„flüchte, flüchte, bevor das Verderben Dich ereilt.“ Bei dieſen Worten erhdb ſie Auge und Arme gen * Himmel, rang die Hände wie eine Verzweifelte, drückte ——öiiile — 89— ſie gegen die Stirne und eilte dann, ohne eine Frage zu thun, ohne ein Wort ferner zu ſprechen, wie von Ent⸗ ſetzen gejagt, davon. Sanchetta war bleich, faſt leblos in die Knie geſunken; ſie bebte heftig am ganzen Körper. Ihre zuvor angſtvoll V fließenden Thränen ſchienen im Schrecken erſtarrt. Selbſt Verginois hatte bei der ungewöhnlichen Erſcheinung die Faſſung verloren und blickte lautlos der flüchtenden Elvira nach, deren Haar aufgelöſt herabhing und ihr, von dem aufrauſchenden Nachtwinde bewegt, um den Nacken flatterte. Doch es blieb ihm nicht lange Zeit, über die Erſcheinung zu grübeln, denn er hörte abermals haſtige Schritte im Gebüſch. Auch Sanchetta bemerkte, daß ſich Jemand nä⸗ here, und ſprang, um nicht auf's neue überraſcht zu wer⸗ 3 den, plötzlich Kraft und Beſinnung zuſammenraffend, ſchnell auf und floh dem Schloſſe zu. Verginois eilte ihr nach, doch da ihr jetzt erſt das Bewußtſein der Gefahr, in wel⸗ cher ſie geſchwebt hatte, gekommen und die ſchwindelnde Betäubung der heftigſten Leidenſchaften entflogen war, flüch⸗ tete ſie haſtig, wie ein geſcheuchtes Reh, vor ihm her und hörte weder auf den Ruf:„Sanchetta, Geliebte!“ noch auf den Schwur, daß ſie ganz ungefährdet bleiben ſolle. Verginois mußte alle Kraft aufbieten, um ſie zu erreichen.— . Zehntes Capitel. Malleros, Antonio und Garcia waren ſo ſchnell als . mmöglich von den verſchiedenen Punkten, wo ſie die Vorpo⸗ — 90— ſten ihrer im Gebirge verborgenen Leute angetroffen und ihnen die nöthigen Befehle gegeben hatten, zurückgekehrt. Sie beriethen ſich jetzt mit dem alten Vallardos über die ſicherſte Ausführung ihres Planes. G „Zuerſt falle der Führer,“ ſprach Malleros und Alle ſtimmten ihm bei.„Ich bin bei ſeinen Fenſtern vorüber⸗ geſchlichen und habe ſie völlig dunkel geſehen; ſowol er als ſein Diener müſſen ſchon im Schlaf liegen. Mein Rath iſt, die That gleich zu vollenden, bevor ein ſtörender Zufall ſie vereitelt.“— welche wir im Schloſſe haben, ſind hinreichend, die hier liegende Mannſchaft der Franzoſen zu überwältigen, wenn wir ſie unvermuthet überfallen. Nunnez iſt zurück. Ihm werde ich den Auftrag geben, mit den treuen, geprüften Dienern die Zugänge zu den Gemächern, wo die franzöſi⸗ ſchen Soldaten ſchlafen, zu beſetzen. Inzwiſchen übernehmen wir die Arbeit bei St. Val ſelbſt.“ „So recht!“ entgegnete Malleros. „Sind wir alſo einig?“ fragte Vallardos. „Ja!“ lautete die Antwort Aller. Nunnez wurde gerufen. Er erhielt Befehl, die zuver⸗ läſſigen Diener des Hauſes zu bewaffnen und herbeizurufen. Bevor eine Viertelſtunde verging, waren ſie beiſammen, zehn, Nunnez der elfte, als ihr Führer. Jeder hatte ei⸗ nen Dolch im Gürtel, trug eine Doppelbüchſe. Lauter Männer, denen der Muth und das brennende Gefühl der Nache aus den Augen blitzten. „Ihr beſetzt,“ redete Vallardos ſie an,„das Steinthor, welches in das Gebäude führt, wo die Franzoſen lagern. Zwei von Euch ſtellen ſich an die Hinterpforte unter dem „Gut! Ich bin bereit,“ ſprach Vallardos.„Die Leute, Bogengange auf, damit dort Niemand entwiſchen kann, —— . falls es etwa Lärm geben ſollte. Es wird Niemand ein⸗ und ausgelaſſen! Sobald ich Dir ein Zeichen durch eine im Fenſter über dem Mittelportal des Vorderſchloſſes ge⸗ ſchwungene Fackel gebe,“ wandte ſich Vallardos jetzt zu Nunnez,„dringſt Du mit den Leuten in den Corridor, der zu den Schlafzimmern der Franzoſen führt, ein und pochſt leiſe an, als brächteſt Du eine Botſchaft. Doch ſowie die Pforte ſich öffnet, dringt Ihr gewaltſam ein und ſtoßt Al⸗ les nieder. Es darf kein Mann entkommen, keiner geſchont werden!“ „Seid unbeſorgt!“ erwiderte Nunnez.„Des alten Nun⸗ nez grauer Kopf bürgt Euch dafür! Werft mich lebendig unſern Jagdhunden zum Fraß vor, wenn ich Einen am Leben laſſe, ſo lange ein Hauch des Lebens in mir iſt. Vorwärts, Kameraden! Kommt!“ In entſchloſſener Haltung verließen die mit dem ingrim⸗ migſten Haß erfüllten Männer das Gemach. „Nun iſt's an uns!“ ſprach Vallardos feierlich, als er wieder mit ſeinen Freunden allein war.„Hervor die Dolche! Nur fuͤr den äußerſten Nothfall die Terzerole gebraucht! Mir ziemt es, voranzugehen!“ „Ich bin der Jüngſte, Kräftigſte, mein Arm iſt der ſicherſte,“ fiel Malleros ein,„ich muß voran!“ „Nein, den Ruhm läßt ſich ein Vallardos nicht nehmen! Ueberdies, der Erſte iſt der Gefahr zunächſt ausgeſetzt und an mir verliert das Vaterland nur einen greiſen Arm; Ihr könnt ihm noch nützlicher dienen!“ „Laßt das Loos entſcheiden,“ unterbrach der Greis An⸗ tonio. 3 „Ja, das Loos,“ ſtimmte Garcia ein. Sie maßen ihre Dolche gegeneinander; wer den kürze⸗ ſten trug, ſollte der Vorderſte ſein Es war Malleros. — 92— Er erhob ſeinen Dolch und rief:„Alſo Tod, unerbitt⸗ licher Tod jedem Feinde, jedem Verräther, Jedem, der feig zurückbebt! Das iſt unſer Wahlſpruch und Schwur!“ „Unſer Schwur!“ riefen Alle und erhoben die gezück⸗ ten Dolche gen Himmel. Jetzt gingen ſie leiſe, wie ſchwarze Geſpenſter ſchleichend, den langen, gewölbten Bogengang hinab. Malleros trug in der Linken eine kleine Blendleuchte, in der Rechten den Dolch. Sie ſtanden vor dem Eingange in St. Val's Zimmer. Er pochte an die Thür; der Diener fragte:„Wer da?“ „Eine wichtige Botſchaft, öffnet eilig, Depeſchen!“ rief Malleros halblaut mit verſtellter Stimme. Man hörte den Diener ſich vom Lager aufraffen; er ſchob den Riegel zu⸗ rück, öffnete und fragte:„Seid Ihr's ſelbſt?“ Doch mit gewaltiger Kraft drängte Malleros die Thür, ſowie ſie halb offen war, zurück und ein feſter Dolchſtoß mitten in die Bruſt war die Antwort, die er dem Diener auf ſeine Frage gab. Mit einem erſtickten Schrei und Seufzer ſtürzte er rücklings nieder und fiel mit dumpfem Krachen auf den Fußboden des hohen, gewölbten Ganges. Malleros ſtieß die Thür vollends auf und ſtampfte dem Unglücklichen mit dem Fuße auf die Bruſt, damit er jede Möglichkeit eines ferneren Lautes verhindere. Das ſchau⸗ dervolle Mittel war ſicher, denn obwol der Getroffene ſich noch zuckend regte, ſo war ihm doch die Bruſt ſo zerſchmet⸗ tert, daß er nur tonlos ſeufzte und röchelte. Hierauf ſchritt er vorwärts durch das Vorgemach nach St. Val's Zimmer. Er ließ den Strahl der Blendleuchte auf die Stelle, wo das Bett ſtand, fallen und ſah es ge⸗ ordnet, die Vorhänge dicht geſchloſſen. Schnell leuchtete er durch das ganze Gemach; zwei Blicke überzeugten ihn, daß — 93— St. Val nicht darin war. Er mußte alſo doch im Bett liegen. Wild entſchloſſen ſchritt er darauf zu und theilte die Vorhänge; das Lager war unberührt. „Teufel!“ rief er aus und ſtampfte mit dem Fuße auf, indem er ſich nach Vallardos und den Uebrigen umſah, die ihm gefolgt waren.„Teufel, das Neſt iſt leer!“ „Unmöglich!“ rief Vallardos. Alle ſtanden ſie wie ver⸗ ſteinert. „Iſt das Zufall oder Verrath?“ rief Malleros mit ge⸗ dämpfter Stimme und mühſam gebändigtem Grimm. Tref⸗ fen wir das Haupt der Hyder nicht, ſo iſt ſie nicht zu töd⸗ ten, ſondern umſchlingt uns mit ihren Ringen. Fort! Wir müſſen ihn aufſuchen, die Leute ausforſchen.“ Mit dieſen Worten wandte er ſich raſch um, als er mit der Spitze des Fußes auf einen harten Körper, der am Boden lag, trat, ausglitt und auf ein Knie niederfiel. „Was iſt Euch?“ fragte Garcia und ſprang hinzu. „Ich trat auf einen Stein oder Scherben,“ entgegnete Malleros und griff mit der Hand nach dem Gegenſtande, über den ſein Fuß geſtrauchelt war. Er faßte ein zuſammen⸗ gefalztes Blatt Papier an einem der emporſtehenden Enden; indem er es aufhob, fiel ein ſchwerer Körper, wie es ſchien ein Stein, heraus.„Ein Brief mit einem Stein darin,“ rief Malleros erſtaunt,„laßt doch ſehen!“ Die Männer traten geſpannt näher; Maleros beleuch⸗ tete das Blatt und las die Aufſchrift:„Dem Hauptmann St. Val!“—„Hm, die Hand ſollte ich kennen!“ Er falzte den Brief auf; es war derſelbe, wodurch El⸗ vira ihren Geliebten gewarnt hatte. Sie hatte ſich nicht unterzeichnet, doch Malleros erkannte ihre Handſchrift.„Bei der Hölle!“ rief er wüthend aus, weil zugleich die ganze Flamme ſeiner Eiferſucht lodernd aufſchlug,„bei der Hölle, — 94— wir ſind verrathen! Verrathen durch Eure Tochter, Val⸗ lardos!“ „Das ſpricht ein lügenzüngiger Bube!“ rief Vallardos wild und riß dem Erbitterten das Blatt aus der Hand. Doch beim erſten Blick auf die Zeilen entfärbte er ſich; er ſtarrte bebend darauf hin, las bis zu Ende, ließ das Blatt fallen, drückte ſich beide Hände vor die Stirn und ſank be⸗ wußtlos nieder. „Heiliger Gott! Welch eine entſetzliche Entdeckung!“ rief der Greis Antonio aus, als er ſeinen ſtolzen, ſtarken Freund ſo zermalmt von dem Gewicht dieſer Kunde zuſam⸗ menſinken ſah. „Faßt an, Freunde, erweckt ihn, tragt ihn hinab!“ Garcia bückte ſich mit Antonio zu Vallardos nieder; Malleros dagegen achtete nicht auf die Aufforderung.„Car⸗ racho!“ rief er,„unſer Plan iſt verrathen, es iſt ſonnen⸗ klar! Der Vogel nicht daheim! Iſt er gewarnt, ſo wird er nicht allein hierher zurückkehren! Laßt uns auf Mittel denken, größerem Unheil vorzubeugen. Geben wir das Zei⸗ chen, daß die Leute unten ihre Arbeit thun und wir we⸗ nigſtens das Schloß rein von Feinden haben.“ In dieſem Augenblick ließ ſich ein ſtarker Trommelwir⸗ bel vor dem Schloſſe hören. Es war das Zeichen, daß die von St. Val heraufbefehligte Compagnie eingetroffen war und vor dem Portal ſtand. „Heiliger Jago, was ſoll das bedeuten?“ rief Antonio erblaſſend aus.„Wir ſind völlig verrathen!“ „Daran habt Ihr noch gezweifelt?“ knirrſchte Malleros und ſtampfte den am Boden liegenden Brief mit Füßen. „Hahaha! Das nenne ich frommgläubig ſein! Jetzt iſt hier unſeres Bleibens nicht mehr und Finſterniß der beſte Schild für uns. Gehabt Euch wohl!“ Mit dieſen Wor⸗ — 95— ten warf er die Blendleuchte in ſeiner Hand auf den Fußboden und eilte hinaus, um in der Dunkelheit und bei den vielen ſich kreuzenden Gängen des Schloſſes, die ihm ſämmtlich wohl bekannt waren, einen Weg der Flucht zu ſuchen. Garcia und Antonio konnten ſich nicht entſchließen, ih⸗ ren Freund ſo treulos im Augenblicke der höchſten Noth zu verlaſſen. Der ſchwache Strahl des über die Berge heraufkommenden Mondes leuchtete in die Fenſter und gab trotz der erloſchenen Lampe Licht genug. Sie rafften Val⸗ lardos' Dolch und Hut, die ihm entfallen waren, auf und den verhängnißvollen Brief, das einzige Zeugniß wider die Verrätherin. Dann verſuchten ſie, ſo raſch ihre Kräfte es vermochten, den ohnmächtigen Greis hinab in ſein Gemach zu tragen.. Auf halbem Corridor begegnete ihnen Nunnez, der in verſtörter Haſt herbeieilte.„Sennores,“ rief er aus, als er die Kommenden erkannte,„wir ſind verloren. Die ganze Mannſchaft der Franzoſen ſteht vor dem Schloß. Iſt das der todte Capitain?“ Nunnez wähnte in der Dunkelheit des nur von einer fernen Ampel her erhellten Corridors, der ohnmächtige Val⸗ lardos ſei St. Val's Leiche, die man hinübertrage. „Es iſt Sennor Vallardos,“ erwiderte Antonio,„er iſt ohnmächtig geworden, weil wir entdeckten, daß wir verrathen ſind. Der Capitain war gar nicht auf ſeinem Zimmer!“ „Um Chriſti Blut, ſo ſind wir Alle verloren! Dann weiß man, was geſchehen ſollte, und die Wege zur Flucht ſind geſperrt! Ich hielt das Anrücken der Mannſchaft nur für einen unglücklichen Zufall und hoffte noch zeitig genug zu kommen, um die That zu hindernz daher habe ich den à — 96— Dienern befohlen, ſich raſch im Schloß zu zerſtreuen und ihre Waffen zu verbergen, doch jetzt iſt Alles verloren! Wenn wir nur den Herrn retten können! Sennor, wacht auf! Sennor, ermuntert Euch!“ rief der redliche Alte und ſuchte den Ohnmächtigen ins Leben zurückzurufen. Es war vergeblich.„Nun denn, noch iſt vielleicht ein Mittel! Folgt mir hier die kleine Treppe hinab, den Corridor links hinunter, dort geht eine Seitenthür aus den Zimmern der Sennora nach dem Park hinaus. Wenn wir nur die nächſten Gebüſche erreichen, wollen wir uns ſchon verbergen.“— Er faßte mit an und alle Drei trugen den Ohnmächtigen leiſe, doch mit Haſt hinab dem bezeichneten Ausgange zu. Es ſchien ihnen, als öffneten ſich einige Thüren raſch vor ih⸗ nen und ſchlügen ebenſo ſchnell wieder zu. Gleich darauf hörten ſie den Ruf einer franzöſiſchen Schildwache, dann mehre verworrene Stimmen und plötlich krachten zwei Schüſſe dicht vor den Fenſtern, ſo daß der Blitz des Pul⸗ vers in die Gemächer leuchtete. Sie blieben ſtehen. Ein verworrenes Gemurmel, wie das des Erſtaunens über ein unvermuthetes Ereigniß, erhob ſich; der Tumult war grade vor dem Ausgange, den ſie ſuchten. Die Schüſſe hatten Vallardos erweckt. Sowie die kör⸗ perliche Ohnmacht vorüber war, hatte er auch ſeinen Muth, ſeine Faſſung wieder.„Freunde,“ rief er,„Dank Euch! Jetzt gilt es Flucht oder entſchloſſenen Tod!“ Er hatte dieſe Worte kaum ausgeſprochen, als die Thür, die vom Park her in das anſtoßende Zimmer führte, ſich öffnete und eine weibliche Geſtalt mit fliegendem Haar und Gewändern hereinſtürzte.„Mein Vater!“ rief ſie,„mein „Vater! Rettet Euch! O himmliſche Jungfrau Maria! Rettet Euch!“ Unter dieſen Ausrufungen ſtürzte ſie in das Gemach, wo ſich Vallardos und ſeine Freunde befanden, — 97— ohne dieſe wahrgenommen zu haben. Doch als der Vater die Tochter erblickte, ſchlug die Flamme eines unbezwingli⸗ chen Zornes in ihm auf, eine übermächtige Gewalt riß das Vaterherz aus ſeiner Bruſt und Haß füllte die leere Stelle aus:„Fluchwürdige,“ rief er und ſtürzte mit geſchwunge⸗ nem Dolche auf ſie ein,„ſchmachbedeckte Verrätherin, Du ſollſt die Erſte von meiner Hand ſterben!“ Er wollte auf ſie zuſtürzen, doch Antonio, Garcia und Nunnez fielen ihm in den Arm; Elvira ſank mit einem Schrei des Schreckens nieder, rang die Hände und rief: „Tödte mich! Durchbohre dieſes Herz! Es iſt nicht werth, länger zu ſchlagen! Erbarmen! Tödte mich!“ Alle ſtanden von Staunen gefeſſelt; doch noch bevor die Seele eine erklärende Ahnung dieſes Vorganges faſſen konnte, ſtand St. Val, der ebenfalls vom Garten her ein⸗ gedrungen war, im Gemach und warf ſich, da er Vallar⸗ dos' Zorn und ſeinen blinkenden Dolch ſah, mit gezogenem Säͤbel zwiſchen die Spanier und die Kniende, indem er rief:„Unglückſelige! Zurück! Ihr ſeid verloren, wenn Ihr ſie nur mit der Berührung eines Fingers kränkt.“ Vallardos rang wie ein gefeſſelter Löwe mit ſeinen Freunden. Elvira flehte:„Ich will den Tod! Durchbohre mich!“ St. Val beugte ſich mit Schmerz und Liebe zu ihr herab und wollte ſie emporheben:„Elvira,“ ſprach er leiſe, doch mit eindringendem Ton der Stimme,„Elvira! Theu⸗ res Leben! Faſſe Dich!“ „Hinweg von mir!“ rief ſie mit dem Ausdruck des Ent⸗ ſetzens in den Zügen, indem ſie ihm, wie von Abſcheu er⸗ griffen, beide Hände ſtarr entgegenſtreckte.„Zurück! Be⸗ 3 rühre mich nicht mit verbrecheriſcher Hand! Rette meinen Vuater, damit nicht unablösbarer Fluch mich zermalme!“ „Ja, Fluch! Fluch Dir!“ rief Vallardos aus und riß Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. VI. 5 — 98— ſich aus den Armen ſeiner Freunde. Er ließ den Dolch fallen und hob beide Hände wie beſchwörend gen Himmel. „Fluch Dir! Nicht der Tod! Ewiger Fluch der Verräthe⸗ rin des Vaterlandes!“ Elvira wand ſich, zuſammenſtuͤrzend, mit gerungenen Händen am Boden. „Elvira! Geliebte! Mein auf ewig!“ rief St. Val und wollte ſie in ſeine Arme ſchließen, doch ſie ſchauderte vor ihm und rief aus:„Hinweg! Hinweg! Ungeheuer, Du haſt mich vernichtet!“ Vallardos hielt die ſtarren Blicke rollend auf die Toch⸗ ter geheftet; als er dieſe Worte hörte, als er St. Val's liebende Bemühung, Elvira's Grauen ſah, durchblitzte ihn eine fürchterliche Ahnung! Als fiele plötzlich ein Schleier von ſeinem Auge, ſah er mit prophetiſchem Blick durch alle Hüllen tief in Nacht verborgener Geheimniſſe hindurch! Sein Blut erſtarrte! Krampfhaft zuckten ſeine Lippen, er bebte, flog wie in Fieberfroſt, verſuchte vergeblich zu ſpre⸗ chen, endlich entrang er ſich die Worte:„Mein Fluch war Segen! Dreifacher Fluch Dir! Schamentblödete! Schimpf Deines Stammes, Deines Vaterlandes!“ Eine grauenvolle Stille verſteinernden Schrecks herrſchte ringsumher während dieſer furchtbaren Worte des erhöhten Vaterfluches. Nur ein dumpfes Murmeln draußen im Garten vor den Fenſtern, das ſchnell zum brauſenden Ge⸗ tümmel anwuchs, unterbrach das ſtarre Schweigen. Plötz⸗ lich wurde die Thür von außen her aufgeriſſen und mehre Leute drangen eiligen Schrittes ein; es war Verginois, dem einige Kameraden folgten.. „Capitain!“ rief er entrüſtet,„dieſe Spanier ſind bübi⸗ ſche Verräther! Der Schuft, den wir vor zwei Minuten niederſchoſſen, war eben der Bandenführer Malleros, der — — 99— unſre Kameraden vor drei Wochen kreuzigen laſſen wollte. Er ſuchte hier aus dem Schloſſe zu flüchten. In ſeiner Taſche haben wir dieſe Papiere gefunden, aus denen her⸗ vorgeht, daß das Schloß voll Waffen ſteckt und man uns in dieſer Nacht überfallen und ermorden wollte. Unſre Leute halten ſchon Nachſuchung!“ „Schweig!“ rief St. Val erblaſſend;„wartet meinen Befehl ab!“ „Es iſt nichts mehr abzuändern! Ich habe nur die Meldung zu machen. Unſre Leute dringen ſchon von allen Seiten ein.“ Bei dieſer Botſchaft richtete Elvira ſich empor.„All⸗ gütige Mutter Gottes!“ rief ſie aus,„ſo bin ich die Mör⸗ derin meines Vaters!“ „Das biſt Du!“ rief Vallardos mit eiſerner Strenge, Haß und Verachtung in den Zügen. Doch Elvira wandte ſich zu St. Val. Sie blieb auf den Knien und erhob die Hände flehend zu ihm.„Ich vergebe Dir mein Elend! Rette meinen Vater!“ ſprach ſie und ihre Lippen bebten krampfhaft. „Ich will mit Euch ermordet werden, oder Euch ret⸗ ten!“ rief St. Val betheuernd aus und ſchritt auf der Stelle zur That, ohne ſich an Vallardos' Zuruf:„Ich verſchmähe Eure Gnade!“ zu kehren. F„Verginois!“ ſprach St. Val im Tone des Gebieters, „dieſe edle Spanierin war zweimal unſer rettender Engel!“ „Möge ſie Gott dafür vor ſeinem Antlitz verwerfen!“ rief Vallardos unterbrechend dazwiſchen. Elvira ließ Alles ſtumm und verzweifelnd über ſich ergehen; Garcia, Antonio und Nunnez bemühten ſich vergebens, Vallardos Grimm zu mildern. St. Val fuhr fort, ohne ſich unterbrechen zu laſſen, im 5* — 100— männlich entſchloſſenen Tone ſeine Befehle zu ertheilen: „Du beſetzeſt mit ſechs ausgeſuchten, unerſchütterlich treuen und tapfern Leuten dieſen Ausgang. Niemand darf ohne meinen Willen ein noch aus. Hörſt Du? Niemand! Du haſt den Kopf Deines Capitains auf Deinem Gewiſſen, Verginois, denn, hier gebe ich Dir mein Ehrenwort, wird Einem von Denen, die hier im Gemach ſind, ein Haar verletzt, ſo jage ich mir eine Kugel durch den Kopf!“ Verginois nickte.„Verlaßt Euch auf mich, Capitain!“ „Damit Du gewaltſames Eindringen abwendeſt, bringſt Du einen Befehl an die Andern, das Schloß zu plündern und in Brand zu ſtecken. Auf den erſten Trommelwirbel ſammelt ſich Alles wieder auf der Terraſſe.“ „Gut, gut! Wird aber kaum noch nöthig ſein!“ Verginois eilte ab. Er rief ſich in der Eile noch einige Kameraden heran, mit denen er die nach dem Park hin⸗ ausgehende Thür beſetzte. Dann lief er zu den Uebrigen, die noch in Gruppen auf der Terraſſe ſtanden, und brachte den Befehl des Capitains.„Kameraden, Ihr ſollt ins Schloß eilen, plündern und dann anzünden; nur nicht hier unten, denn hier hält der Capitain Kriegsrath über die Raädelsführer. Wenn Generalmarſch geſchlagen wird, ver⸗ ſammelt Ihr Euch wieder hier; wer fehlt, wird erſchoſſen!“ Jetzt eilte er zurück in die Gemächer, wo St. Val in⸗ deſſen mit einigen Leuten die Thuͤr nach dem innern Cor⸗ ridor verrammelt hatte, ſo daß er eine Belagerung von ei⸗ ner halben Stunde aushalten konnte. Einige ſeiner Mannſchaft verſuchten zwar, ſowol von der Gartenſeite her, als von innen einzudringen; allein da ſie hier durch St. Val's Befehl zurückgewieſen wurden, dort durch Verginois entſchloſſenen Widerſtand fanden, warfen ſie ſich, um keine Zeit beim Plündern zu verlieren, in an⸗ 1 — 101— dere Theile des geräumigen Schloſſes. Nach einer Viertel⸗ ſtunde war der Ausgang frei, die Flucht möglich. Elvira hatte indeſſen bewußtlos auf einem Divan gele⸗ gen, wohin St. Val und Nunnez ſie getragen hatten; Val⸗ lardos hatte ſich finſter, lautlos wie die Gruft, an einen Tiſch geſetzt und das Haupt verhüllt in die Hand geſtützt. Seine Freunde ſtanden neben ihm. Als Verginois meldete, daß man den Park ungefähr⸗ det erreichen könne, befahl St. Val:„Bewache dieſe Spa⸗ nier, bis ich zurückkehre.“ Dann nahm er die lebloſe El⸗ vira in ſeine Arme und trug ſie hinaus ins Freie. Val⸗ lardos ſah es, ohne eine Hand zu regen; er blickte ſtarr auf Elvira's Marmorbild hin. Plötzlich lachte er laut auf, doch riß der entſetzliche Ton eben ſo ſchroff ab, als ob ein Saitenſpiel mitten im Accord zerſchmettert auf den Boden geworfen würde. Im Freien ſchlug Elvira die Augen auf. St. Val hatte ſie auf einen Ruheſitz unter einer der Kaſtanien auf die Terraſſe getragen.„Elvira, erkenne mich, ſei die Meine!“ bat er ſanft. Ein Schauer durchzuckte ſie, als ſie St. Val's Stimme hörte. Sie raffte ihre Kräfte zuſammen, ſtand auf und ſprach mit Hoheit:„Ich haſſe Dich, ich verachte Dich!“ „Elvira,“ flehte er,„es iſt der einzige Weg, Deine Ehre, Dein Leben herzuſtellen!“ „Der einzige?“ erwiderte ſie ſtolz.„Ja, der einzige, Beides auf ewig unter der Laſt der Schande zu vernichten! Hinweg von mir! Eine Tochter Spaniens geht andere Wege!“ „Elvira! Die Deinen haſſen Dich, ſie werden Rache an Dir nehmen, Dein eigener Vater ſprach den Fluch über Dich!“ „Er hatte Recht!“ Sie ſtand unerbittlich, bleich wie ein Marmorbild, aber eben ſo feſt und unerſchüttert. Ein Entſchluß war in ih⸗ rer Seele reif geworden, ein großer Entſchluß, der ihr Würde und Kraft zu leben zurückgab. „Thu' Deine Pflicht!“ gebot ſie ihm ſtolz höhnend. „Zerſtöre jenes Schloß, tödte meinen Vater, erſt dann haſt Du den Stamm der Vallardos ganz vernichtet.“ „Elvira!“ rief er ſchmerzlich und wollte ſie an ſein Herz ziehen. Doch ſie trat zurück und ſprach kalt:„Ich will lieber eine Natter ſich um meine Bruſt ringeln ſehen, als daß mich Dein Arm jemals umfaſſe! Elvira rufſt Du mich? Es gibt keine Elvira mehr, Du haſt ſie ermordet, vernichtet. Ein fremdes Weib, eine ſtolze Spanierin ſteht vor Dir und heißt Dich ſie verlaſſen. Geh'!“ „Iſt das das letzte Wort, womit Du das Band unſe⸗ rer Liebe zerreißeſt, Elvira?“ „Liebe?“ rief ſie aus und es klang wie ein halbunter⸗ drückter Laut des Schmerzes; doch ſie richtete ſich ſtolz em⸗ por und wiederholte mit feſter Stimme:„Geh', oder laß mich gehen!“ „O Himmel!“ rief St. Val und legte die Hand be⸗ deckend über Auge und Stirn. Als er aufblickte, war Elvira verſchwunden. Er ſtarrte halb bewußtlos in die Nacht hinaus. Der Wind erhob ſich; er brauſte in den Kronen der Bäume und verdeckte das Nauſchen ihrer Schritte durch die Gebüſche. Finſter, die Arme gekreuzt, heftete St. Val des Auge auf den Boden. Wie ſein Kaiſer Spanien erniedrigt hatte und es dadurch beſiegt glaubte, ſo wähnte er, ſich Elvira's Loos durch ih⸗ ren Fall zu unterwerfen. Das ſtolze Land und ſeine ſtolze Tochter, Beide täuſchten ihre Eroberer, denn im Gefühl der —— — 103— Schmach erwachte ihnen das Gefühl der Kraft und ſie rich⸗ teten ſich empor und ſchwangen die Fackel der Vergeltung. Ein flammender Schein zuckte durch die Gebüſche. St. Val fuhr aus ſeiner Betäubung auf. Eine rothe Feuer⸗ ſäule brach durch die Giebel des Schloßdaches und leuch⸗ tete, eine furchtbare Fackel der Kriegsfurien, in die dunkle Nacht hinaus. Die Auffoderung der Pflicht gab ihm Beſonnenheit wie⸗ der; er ging raſchen Schrittes nach dem Schloß zurück. Verginois kam ihm ſchon auf halbem Wege entgegen. „Capitain!“ rief er ihn an,„was ſollen wir thun? Der Rauch dringt ſchon ein, wir werden uns nicht länger mehr in unſerer Feſtung halten können!“ „Ich werde ſelbſt die Befehle geben,“ erwiderte St. Val und verdoppelte ſeine Schritte. Als er in die Gemächer Elvira's trat, drang ihm ſchon der durch den Wind herab⸗ gedrückte Qualm entgegen. Es war die höchſte Zeit. Val⸗ lardos ſaß, wie zu Erz erſtarrt, noch immer in derſelben Stellung, auf demſelben Fleck. Die drei andern Gefange⸗ nen zeigten Beſorgniß und finſtern Unmuth in ihren Blicken. „Ihr ſeid frei,“ ſprach St. Val im ſtrenggebietenden Ton,„der Weg iſt offen, Ihr könnt den Garten ungehin⸗ dert verlaſſen. Geht!“ Antonio, Garcia, Nunnez ſchienen überraſcht; ſie woll⸗ ten ſogleich aufbrechen; Vallardos ſaß unbeweglich. „Graf Vallardos,“ wandte ſich St. Val zu dieſem,„ich ſage Euch, Ihr ſeid frei. Doch beeilt Euch, denn nach wenigen Minuten vermag ich Euch nicht mehr zu ſchuͤtzen.“ Vallardos ſaß wie verſteint. St. Val zitterte; er wußte ſelbſt nicht, ob vor Zorn oder innerſter Erſchütterung.„Ver⸗ ginois!“ rief er endlich,„Dir übergebe ich dieſe vier Ge⸗ fangenen. Du geleiteſt ſie bis an das Ende des Parks.“ Garcia und Antonio näherten ſich ihrem Freunde mit bittenden Mienen. Er blieb regungslos. Nunnez warf ſich ihm zu Füßen.„Um aller Heiligen willen, gnädigſter Herr, folgt uns! Das Schloß brennt, es ſtürzt über uns zu⸗ ſammen!“ Ein bitteres Lächeln, das ſich krampfhaft um Vallar⸗ dos' Lippen zog, war ſeine ganze Antwort. „Verginois, Du vollziehſt meine Befehle!“ rief St. Val heftig und ſtampfte mit dem Fuße.„Sobald der General⸗ marſch geſchlagen wird, kehrſt Du zurück und übergibſt dieſe ihrem weiteren Schickſal!“ Mit dieſen Worten eilte er hinaus auf die Terraſſe, um den Zuſtand des Schloſſes näher zu betrachten und ſeine Maßregeln darnach zu treffen. Verginois befahl kaltblütig:„Vorwärts, marſch!“ Da Vallardos ſich nicht regte, wollte er ihn ergreifen laſſen; da ſprang der alte Spanier mit gezücktem Dolch auf, um ſich zur Wehr zu ſetzen. Doch ſeine eigenen Freunde fielen ihm in den Arm und entwanden ihm die Waffe. Jetzt brach ſeine Kraft; er ſank ermattet zuſammen und ließ ſich hinaustragen. Verginois gab ihnen das Geleit bis ans Ende des Parks, wo eine kleine Pforte ins Thal führte. In dieſem Augenblick ertönte der dumpfe Klang der Trommel. St. Val ließ den Generalmarſch ſchlagen, um die Mann⸗ ſchaften wieder zu vereinigen. Zugleich zuckte ein hellerer Schein über die Landſchaft und ſtrahlte die hohen Wipfel der alten Pinien und Kaſtanien röthlich an. Alle wandten das Auge nach dem Schloſſe zurückz da ſchlugen die Flam⸗ men, die bisher nur an einer Stelle des Daches eine dü⸗ ſterrothe, mit Nauch gemiſchte Feuerſäule gebildet hatten, plötzlich von allen Seiten auf und loderten in den Nacht⸗ himmel empor. Die Gewalt des Elements hatte den Druck — — —— ——————— — 105— der Bedachung geſprengt. Die ſchwarze Rauchwolke, die ſich bisher dicht um die Zinne gelagert hatte, war zerriſſen und rothe Flammenzungen leckten hindurch. Die finſtern, wirbelnden Kreiſe wälzten ſich vor die klaren Sterne und zogen an dem Monde vorüber, der ſeine bleichen Strahlen in dies düſtre Gemiſch von Glut und Rauch warf, als wolle er es mit einem dämmernden Silbernebel verhüllen. „Gewehr auf! Marſch!“ commandirte Verginois; er kehrte nach dem Schloſſe zurück und überließ die Gefange⸗ nen ihrem traurigen Sichſelbſt. Dieſe ſtarrten mit finſtern Blicken der Verzweiflung nach dem Brande hinüber, wo die Flammen mit jedem Moment höher und höher emporloderten und die Rieſen⸗ ſchlange des Rauchs zuſammengewirbelt, dann aufbäumend ſich hoch in den Himmel emporreckend wie ein bewachender Drache auf der goldenen Glut laſtete. „Das iſt das Bild unſeres Vaterlandes!“ rief Antonio ſchmerzlich aus;„Flammen wüthen in ſeinem Innern und ein ſchwarzes Ungethüm der Hölle umſtrickt es mit ſeinen Ringen! Fort, fort, daß uns der Anblick nicht länger mar⸗ texe. Fort! Zu unſern Gefährten ins Gebirge! Sie wer⸗ den die Genoſſen unſerer Nache werden!“ „Rache! Rache!“ rief Garcia ingrimmig. Nunnez hob die geballte Fauſt drohend empor, während ſeine linke Hand den noch immer bewußtloſen Vallardos umfaßt hielt.„Rache! Unverſöhnliche Rache!“ rief er aus.„Bei dem grauen Haar, den bleichen Lippen dieſes edelſten Spaniers, ſchwöre ich es, Nache, unauslöſchliche Rache!“ Die drei Spanier erhoben die Hände zum Schwur über Vallardos' betäubtes Haupt; der Widerſchein der Flamme ſtrahlte ihnen ins Angeſicht, ſo daß ihre ſchwarzen Augen glühend funkelten. Der Nachtwind ſträubte das Haar auf— 5**½ ihrem ehrfurchtsvoll entblößten Haupt, die ſchwarzen Män⸗ tel umflatterten ſie. So glichen ſie finſtern Nachegeſtalten, die das Verderben über die Schuldigen heraufbeſchwören! Nach dem Schwur ſprach Keiner ein Wort. Ernſt und ſchweigend trugen ſie den noch immer bewußtloſen Vallardos hinaus aus ſeinem Wohnſitz in die wilden Schluchten des Gebirges, die ihnen vor jeder Verfolgung Schutz gewähr⸗ ten; der in Flammen auflodernde alte Sitz ſeiner Vä⸗ ter war die Fackel, die ihnen lange auf ihrem Pfade leuchtete. Als Verginois zum Schloß zurückkehrte und eben den Weg durch ein dunkles Gebüſch nahm, ſah er es wie eine weiße Geiſtergeſtalt neben ſich hinſchlüpfen.„Halt! Wer da?“ rief er der Erſcheinung zuz doch ſie flüchtete ſcheu wie ein Reh ſeitwärts. Verginois, der eine Ahnung hatte, wer es ſein möchte, war wie der Blitz dicht an ihr; ſeine Leute verrannten ihr den Seitenweg. So kam ſie nach wenigen Sekunden in ſeine Gewalt. „Bei der gebenedeiten Jungfrau, thue mir nichts zu Leide, Verginois!“ rief eine weibliche Stimme. Es war Sanchetta. 7 „Sanchetta! Du biſt's?“ fragte Verginois halb ſtau⸗ nend, halb freudig, daß ſeine Ahnung ſich erfüllt hatte. „Wo willſt Du in Nacht und Nebel hinaus?“ „Unſere Wohnung ſteht in Flammen, meine Baſe Ka⸗ veria iſt erſtochen, der Großvater verſchwunden,“ ſprach Sanchetta zitternd und weinend,„wo ſollt' ich bleiben? Und ſie glauben im Schloß, ich habe ſie verrathen!“ „Bleib' bei mir!“ ſprach Verginois gerührt und ehr⸗ lich;„hier vor Zeugen meine Hand, ich meine es redlich mit Dirz ſei mein Weib! Jetzt gleich ſage ich's dem Ca⸗ 5 —õ ——— —*ℳ— —— ——— — 107— pitain. Ich kann Dich doch nicht allein, eine Waiſe, ohne Schutz und Schirm in die weite Welt laufen laſſen?“ Sanchetta ſchluchzte und bebte, ſie antwortete nichts. Verginois nahm ihre Hand und zog ſie an ſich.„Nun, Herz⸗ chen, willſt Du? Faſſe Vertrauen zu mir!“ „Nein, Verginois,“ ſprach ſie plötzlich entſchloſſen,„es geht nicht. Ihr ſeid die Feinde meines Landes, Ihr mor⸗ det uns Väter, Mütter, Brüder— ſie hätten Recht, mich zu verfluchen, zu verachten. Verginois— und ich habe ſchwere Sünde abzubüßen, Du weißt, Verginois, ich war Dir gut, zu gut, die heilige Jungfrau ſandte mir einen Engel, Du verſtehſt mich; nun leb' wohl und denke an mich!“ „Sanchetta!“ bat Verginois immer unruhiger,„es geht nicht, Du kommſt mir zu Schaden in der Nacht, allein; wer weiß, rächen ſich die Deinigen an Dir—“ „Ich weiß Beſcheid, laß mich nur fort! Ich laufe in die Gebirge, da treffe ich gewiß auf welche von den Unſri⸗ gen und die nehmen mich in Obhut, bis ich die Sennora auffinde; denn an dem Unheil bin ich ja doch unſchuldig!“ „Die Sennora! Hm!“ murmelte Verginois;„meine Sanchetta, bleib', komm' mit mir!“ „So wahr mir meine Heilige helfe!“ rief ſie ſchluchzend und erhob flehend die Hände zu ihm,„es iſt unmöglich, Verginois!“ 1 Er blickte finſter zur Erde. Sein leichter, flatternder Sinn war dem Schmerz, der Angſt des Mädchens gegen⸗ über, das er mehr liebte, als er geglaubt hatte, plötzlich gelähmt. Seine Gedanken und Gefühle waren wie von ei⸗ ner bleiernen Decke belaſtet. Er fühlte Unrecht, Unmuth, Kummer. Da tönte der Trommelwirbel von neuem; der Ruf der Pflicht weckte ſeine Kraft.„Nun denn, Sanchetta, — 108— ſo leb' wohl, möge Deine Heilige Dich behüten; mußt Du dort hinaus, ſo muß ich hier hin, leb' wohl!“ Damit küßte er ſie noch einmal auf die friſchen Lippen; dann wandte er ſich rechts ab, commandirte„Marſch“ und ging voran, ohne nur noch einen Blick zurückzuwenden. Jetzt trat er aus dem Dunkel der Bäume und die volle Glut des brennenden Schloſſes ſtrahlte ihm entgegen. Die Hitze drang ſchon bis ſo weit; daher hatte St. Val ſich auch mit der Compagnie zurückgezogen und er ſah dieſelbe dicht vor ſich. In militairiſcher Haltung trat er zum Capitain heran und machte ſeinen Rapport. „Gut, gut!“ erwiderte dieſer finſter.„Und ſaheſt Du Elvira nicht?“ fragte er, als die dienſtliche Meldung vor⸗ über war. „Nein, mein Capitain! Die Sennora iſt ver⸗ ſchwunden!“ In St. Val's Zügen war ein Kampf ſichtbar, der ſelbſt Verginois nicht entgehen konnte.„Mein Capitain iſt traurig— kann ich ihm vielleicht noch einen Wunſch er⸗ füllen?“ „Nein, Verginois,“ lautete St. Val's Antwort;„hier in dieſem verteufelten Spanien habe ich keinen andern Wunſch mehr, als daß die nächſte Büchſenkugel eines Gue⸗ rilleros mich vor den Kopf trifft!“ „Parbleu! Mein Capitain!“ rief Verginois,„ich will auch nicht viel danach fragen. Je nun, morgen wird der Backofen wol geheizt werden, wer weiß, wem das Brot gebacken wird.“ „ Die Zeit wird's lehren. Auf Deinen Poſten, Ver⸗ ginois!“ „Verginois trat ein. St. Val raffte ſich männlich zu⸗ — 109— ſammen. Er trat in feſter, kriegeriſcher Haltung vor ſeine Leute und commandirte:„Gewehr auf! In Sectionen rechts ſchwenkt! Marſch!“ Die Trommeln wirbelten betäu⸗ bend; die Krieger nahmen ihren Weg an der brennenden Fronte des Schloſſes hinunter. Rauch und Funken wehten über ſie hin, die Flammen ſauſten und praſſelten; jetzt krachte das Gebälk und das Dach ſtürzte mit donnerndem Getöſe zuſammen. Ein Schauer fuhr durch St. Val's Bruſt; noch einmal wandte er das Haupt zurück, dann ſchritt er entſchloſſen vorwärts. Bald lag das brennende Schloß weit hinter ihm und die finſtern Schatten des Thales nahmen den ſchwei⸗ genden Zug der Krieger auf. Da löſte der ſtarre Schmerz ſeiner Bruſt ſich in weiche Wehmuth und das holde, nun zertrümmerte Bild ſchwebte wieder ſanft wie das Mondlicht herauf. Doch ach, er durfte den Blick nicht rein empor⸗ heben; in ſeiner Bruſt fühlte er die bittern Gifttropfen der Schuld und finſtere Geſtalten der Sorge und Reue gelei⸗ teten die holde Erſcheinung der Geliebten und bewegten ſich ihr zur Seite in ſeiner tief erſchütterten Seele! Eilktes Capitel. Das ſpaniſche Volk war in Maſſen aufgeſtanden. Der Sommer des Jahres 1808 rief Alles in Waffen; der Er⸗ folg krönte die Anſtrengungen, belohnte die Opfer. Pala⸗ for hatte Saragoſſa von der Mitte des Junius bis zur Mitte des Auguſt vertheidigt; das Beiſpiel ſeines unerſchüt⸗ — 110— terten Muthes und das Vertrauen in den Schutz der wun⸗ derthätigen Mutter Gottes del Pilar hatte das Volk zur höchſten Kühnheit, zu den heldenmüthigſten Entſagungen und Opfern entflammt. Die Wälle waren erſtürmt worden, der Feind in die Mauern eingedrungen; man kämpfte mit ihm, Haus für Haus, und begrub ſich zuletzt mit dem Gegner unter den einſtürzenden Trümmern, ehe man ihm den Raum als Sieger überließ. Zehn Tage kämpften die Krieger des Marſchall Lefevre um vier Häuſer! Nicht länger hatte Joſeph Buonaparte ſeine Hauptſtadt Madrid als König be⸗ haupten können. Er war geflüchtet! In ganz Spanien wehten die heiligen Banner des Unabhängigkeitskrieges, welche die Inſchrift führten:„Vencer o morir por patria por Fernando VII.!*).“ Unter dieſen Bannern hatte das Volk die Schlacht bei Baylen am 19. und 20. Junius *) Letzteres war freilich ein trauriger Zuſatz tiefſter Verblen⸗ dung, der die Unreife des ſpaniſchen Volks für den großen Ge⸗ danken der Zeit bekundete; hätten ſie ſtatt Fernando VII.„liber- tad“ geſetzt, ſie wären das größte, kühnſte Volk der Erdez ſo waren ſie für den denkenden Beobachter nur das vom glühendſten Fanatismus entzündetſte. Die Geſchichte hat jenem Fürſten ſeit⸗ dem das Urtheil geſprochen; den Spaniern aber bietet ſie jetzt Ge⸗ legenheit, die echten Kränze des Ruhms und Volksheldenthums zu gewinnen, die ſie damals noch, von blindem Wahn umfangen, ver⸗ ſchmaͤheten. Werden ſie aber dieſe Gelegenheit benutzen? Sind die finſtern Nebel, welche ihre Erkenntniß umhüllten, ſchon zerſtreut, die engen Bande und Kerker ihres Geiſtes ſchon geſprengt? Wir fürchten, nein! ſondern nur durch einzelne Mauerſpalten fällt bis jetzt das klare Licht der Wahrheit in die dumpfen Gefängniſſe des Wahns, die dieſes mit ſo herrlichen Anlagen zur Größe und zum Heldenthum begabte Volk umſchloſſen halten. Anmerk. des Verf. im Junius 1836. 9G 2— 4 — 111— gewonnen; die Franzoſen mußten, es waren die erſten Rück⸗ züge des Kaiſers, das Heldenland der alten Iberier räumen. Wo Sagunt und Numantia durch Zerſtörung Unver⸗ gänglichkeit gewannen, ſollte ein dritter heiliger Name tö⸗ nen: Saragoſſa. So tapfer wie beide, war es glücklicher; denn Grimm und Kraft der Feinde zerſchellten ſich an ſei⸗ nen Mauern. Am 14. Auguſt, nach ſechzig Tagen bluti⸗ ger Kämpfe, unermeßlicher Anſtrengungen und Entbehrun⸗ gen, ſchlug der Stadt die Stunde der Erlöſung. Das fran⸗ zöſiſche Heer brach auf, faſt in ſchmachvoller Eile, denn es vermochte nicht einmal alle ſeine Mund⸗ und Waffenvorrä⸗ Iithe fortzuſchaffen, ſondern ſie fielen zu Tudela nebſt vielen Gefangenen in die Hände der Spanier. Doppelt muthig durch Erfolg und Bewußtſein der Ta⸗ pferkeit, ſammelten ſich die entſchloſſenen Söhne des Vater⸗ landes in großen Scharen, um den Heeren, welche der franzöſiſche Kaiſer rüſtete, einen unbeſiegbaren Damm ent⸗ gegenzuſtellen. Doch jener erſte, mit Recht als rieſenmäßig angeſtaunte Kampf der Helden in Saragoſſa war nur das Vorſpiel des zweiten, größeren, furchtbareren geweſen, wo alle Mühen und Opfer vergeblich blieben und düſterer Fall das Loos der kühnſten Stadt auf ſpaniſchem Boden wurde. Zwar hatte Aragonien ein Heer von fünfunddreißig⸗ tauſend Mann geſandt und der eherne Held Caſtannos führte faſt eben ſo viele Tapfere aus dem Herzen Caſti⸗ liens heran. Dennoch wurden beide große Heere in den letzten Novembertagen durch den Marſchall Lannes beſiegt und zerſtreut. Nach Saragoſſa, ſeiner Hauptſtadt, noch ſtrahlend in der Glorie ihres vor wenigen Monden in Blut, Aſche und Flammen erkämpften Ruhms, flüchtete der Aragonier. — 112— Die Mutter Gottes vom Pfeiler, deren wunderthätiges Bild in der Kirche Nuestra Sennora del Pilar auf einer edeln Jaspisſäule ſtehend, Tauſenden von Betern und Pilgern ſchon Troſt und Hülfe verliehen, und der Held Palafor waren die Schutzgötter, denen er ſich freudig und zuver⸗ ſichtlich anvertraute. Aus allen Städten und Dörfern ſtrömte auf die Nach⸗ richt von dem anrückenden Feinde das Volk dahin; bald füllten mehr als Hunderttauſend das Innere der Stadt, die ſonſt nicht vierzigtauſend Bewohner zählte. Alle waren ſie bereit, den letzten Tropfen aragoniſchen Blutes an die Ver⸗ theidigung der heiligen Stadt, heilig, ſeit ſich die Gnade der Mutter Gottes ſo ſichtlich an ihr bewieſen hatte, zu ſetzen.. Am 24. Tage des Chriſtmonats, wo ſonſt die Zeit alle Gemüther mit Frieden und Stille erfüllt, zeigten ſich die franzöſiſchen Belagerungsheere vor der Stadt und ſperrten die Zugänge. 4 Kein ſpaniſches Herz erbebte bei dieſer Nachricht, ſon⸗ dern es glühte und flammte auf in kriegeriſchem Ungeſtüm. Doch die Tapferkeit hatte der Vorſicht nicht vergeſſen. Pa⸗ lafor war am erſten Tage des Rückzugs der Franzoſen nach der erſten, vergeblichen Belagerung darauf bedacht geweſen, die Feſtungswerke der Stadt aus allen Kräften zu verſtär⸗ ken und zu vermehren. Der königliche Ebro, gegen fünf⸗ hundert Schritte breit, ſcheidet die Hauptſtadt Saragoſſas von der Vorſtadt. Beide Theile waren nach Möglichkeit der Umſtände durch Verſchanzungen gedeckt. Vor dem obe⸗ ren Ebrothor, das Sanchothor genannt, liegt(dem Por⸗ tillothor noch näher) das Schloß von Aljaferia, eine feſte Citadelle für ſich; an dieſe zunächſt ſtößt das Kloſter der barfüßigen Kapuziner. Es war in eine Veſte umgewandelt — 113— und die Mönche ſelbſt hatten ihre Schanzen aufgeworfen und ſchloſſen ſich bewaffnet den Vertheidigern auf den Wäl⸗ len an. Von dort bis zum nächſten Kapuzinerkloſter zog ſich ein langer Wall und tiefer Graben, zu dem dieſes zweite Kloſter ein feſtes Bollwerk bildete. Hier krümmt ſich der Fluß Huerba bis dicht an die Stadt und umfließt dann ihre Mauern, bis er ſich unterhalb derſelben in den Ebro ergießt. Alle ſeine Brücken waren eben ſo viele Veſten ge⸗ worden und durch Mauern und Grüben zu einer Linie ver⸗ bunden. Ueberall bildeten die Klöſter mit ihren ſtarken Mauern, und unter ihnen beſonders das mächtige Gebäude des Kloſters Santa Engracia, die Baſteien der langen Be⸗ feſtigungslinie. Jenſeit des Ebro war die Vorſtadt ähnlich geſchützt und außerdem lag noch auf dem rechten Ufer das Fort Monte Torrero, welches, wenngleich es nur einer kur⸗ zen Vertheidigung fähig war, die ſich von der entfernten Stadt nicht unterſtützen ließ, doch dem Feinde anſehnliche Opfer koſten mußte und wirklich koſtete. Das waren die dem Auge ſichtbaren Schutzmittel; doch unter der Erde bargen ſich in zahlloſen Minengängen furcht⸗ barere Zerſtörungsmittel. Außerdem war Alles, was dem Feinde Schutz gewähren konnte, vernichtet. Der ganze Sü⸗ den Saragoſſas, in unmerklich ſanften Wellenformen an⸗ ſteigend, iſt mit Olivenhainen bedeckt. Dieſe ſchönen, ſchat⸗ tigen Räume waren unerbittlich zerſtört und nur nackte, kurz über der Erde weggehauene Stumpfe ragten, ein un⸗ überſehbares Paliſadenfeld, aus dem Boden hervor. Denn der Krieg iſt rauh und unerbittlich gegen die Schönheit wie gegen Recht und Schwäche. Dennoch zagte kein aragoniſches Herz; alle ſchlugen ſie voll Kampfluſt. Das erſte blutige Gefecht ſiel am Monte Torrero vor, — 114— der durch Sturm gewonnen, aber auf's tapferſte verthei⸗ digt, in die Hände der Feinde fiel. Am folgenden Tage hatte er auf dem jenſeitigen Ufer in der Vorſtadt mit dem hartnäckigen Muth der Aragonier und Schweizer zu käm⸗ pfen. Von beiden Seiten wurde mit äußerſter Erbitterung gefochten; der Kampf koſtete den Angreifern große Opfer und ſie kamen doch nicht näher zum Ziel. Belehrt, daß gewaltſame Angriffe, Erſtürmungsverſuche den gewöhnlichen Zweck, die Belagerten in Schrecken zu ſetzen, ſo ganz verfehlten, daß dieſe vielmehr um ſo ent⸗ ſchloſſener zum Widerſtande wurden, begannen die Franzo⸗ ſen jetzt die Belagerung auf regelmäßige Weiſe durch Er⸗ öffnung von Laufgräben und Anlegung von Batterien. Sie hatten eine furchtbare Maſſe von Geſchütz zuſammengebracht und verfuhren bei der Anlegung ihrer Belagerungsarbeiten eben ſo ſorgfältig als ſachverſtändig. Die erfahrenſten In⸗ genieure, unter ihnen der berühmte Oberſt Rogniat, die Artilleriegenerale Dedon und Lacoſte, boten Alles auf, was Kriegskunſt und Wiſſenſchaft bei den reichſten Mitteln ver⸗ mochten. Jeder Tag war Zeuge heldenmüthiger Kämpfe. Die Belagerten machten unermüdlich Ausfälle. Mehrmals drangen ſie bis in die feindlichen Batterien ein und verna⸗ gelten dort die Gäſchütze; aber jeder Sieg wurde auch mit edeln Heldenhäuptern aufgewogen und zahlloſe Leichen be⸗ deckten das Schlachtfeld und die Krankenhäuſer in der Stadt füllten ſich mit Verwundeten. Hier begann die Thätigkeit der Frauen, indem ſowol die Bürgerinnen als auch die Kloſterjungfrauen ſich der unermüdlichen Pflege widmeten. Am 10. Januar, früh um ſieben Uhr, wurden die Be⸗ lagerten durch ein donnerndes Krachen erweckt, als ob der feſte Grund des Erdbodens unter ihnen zuſammenbräche. Der Feind hatte acht Batterien mit zweiunddreißig Geſchützen — 115— vom ſchwerſten Kaliber errichtet und ſchleuderte ihre zermal⸗ menden Eiſenmaſſen gegen die Stadt. Er wollte in das Kloſter St. Joſeph, den feſten Brückenkopf an der Huerba, und in die Batterie Palafox Breſche legen. Zugleich trach⸗ tete er die Einwohner durch andere Schrecken zu bezwingen, indem er eine große Maſſe ſo gewaltiger Bomben in die Stadt warf, daß oft die ſtärkſten Gewölbe von ihnen zer⸗ ſchmettert wurden und die in dieſen ſo beſchützten Zufluchts⸗ orten Verborgenen unter Schutt und Trümmern begruben oder durch die Stücke der ſpringenden Bomben zerriſſen. Das Kloſter St. Joſeph, nur von Backſteinen erbaut, vermochte einer ſolchen Gewalt des Angriffs nicht zu trotzen. Bald ſtürzten die Mauern deſſelben zuſammen; die Ver⸗ theidiger konnten den Poſten nicht halten, ſchlugen ſich aber mit unbeſiegbarer Erbitterung noch in den zuſammenbrechen⸗ den Trümmern. Ja, ſie verſuchten noch um Mitternacht einen Ausfall. Im gedeckten Wege ſammelte ſich eine Schar von zweihundert Tapfern; urplötzlich ſtürzte ſich die⸗ ſelbe auf die erſte Batterie, um ſie mit dem Säbel in der Fauſt zu nehmen. Doch ſie wußten nicht, daß eine Sei⸗ tenbatterie dieſelbe beſtreichen konnte; unvermuthet brach da⸗ her ein Kartätſchenſtrom in ihre Reihen ein und in weni⸗ gen Minuten lagen zwei Drittheile dieſer Kühnen zerſchmet⸗ tert am Boden; der Ueberreſt mußte weichen. Jetzt erſt wurde das Kloſter St. Joſeph geräumt; der Feind rückte der Stadt näher und preßte ſie in enger Um⸗ ſchließung ein. Von nun an verlor der Krieg ſein ſtolzes triumphiren⸗ des Antlitz; er furchte die eherne Stirn jeden Tag finſterer und bald bot er nur den Anblick einer entſetzenden Schreckens⸗ geſtalt dar. Der Feind hatte die Beſetzung der Wälle mit zahlloſen Opfern ſeiner tapferſten Krieder erkauft. Der un⸗ — 116— gebeugte Muth der Belagerten verlangte denſelben Preis von ihm für jedes einzelne Haus. In allen Geſtalten tob⸗ ten die Furien des Verderbens. Sie ſchmetterten koloſſale Eiſenmaſſen herab, durchſtürmten die Gaſſen mit flammen⸗ der Brandfackel, ja ſie durchwühlten den Boden der heili⸗ gen Erde, würgten in unterirdiſcher Finſterniß und brachen ſich dann mit der zerſprengenden Gewalt der Minen die Bahn wieder aufwärts. Zu dieſen tobenden Ungethümen geſellten ſich die entſetziichen der Noth, des Hungers, der Seuchen. Wohin Du blickteſt, grinſte Dir ihr bleiches An⸗ tlitz verzerrt entgegen. Aus den hohlen Augen der Ver⸗ wundeten, die ſich ohne Hülle, ohne Lagerſtroh, in Froſt und Hitze fliegend, am Boden krümmten, ſo verwahrloſt, daß die leichteſten Wunden, am dritten Tage vom Brand ergriffen, zu tödtlichen wurden; aus den geſpenſtiſchen, wan⸗ kenden Geſtalten der hungernden Armen, aus dem matten Todesblick der hingewelkten Kranken, die das giftige Fieber ergriffen hatte, welches mit den ungeſunden, ekeln Dünſten die Luft verpeſtete und durch ſie Tauſende dahinraffte! Alle dieſe laſtenden Drangſale drückten den aragoniſchen Muth, den Stolz des Spaniers, ſein glühendes Gefühl für Vaterland und König nicht nieder. Gleich edeln Flammen brachen dieſe hochherzigen Gefühle durch die niederdrücken⸗ den Dunſtgewölke hindurch und leuchteten ſtolz empor in den Himmel des Vaterlandes. Und an der Spitze Aller ſtand Palafox der Unerſchrockene, Unbeſiegbare, deſſen Muth unter jeder neuen Prüfung nur wuchs. Wer verzagte, war verachtet, war ein Verräther; das Volk zerriß den Feigen, der den ſpaniſchen Namen ent⸗ ehrte. Trotz aller Drangſale, obgleich ſchon vierzigtauſend Leichen flüchtig verſcharrt waren und der Boden für die Todten zu mangeln begann, durfte Niemand von Uebergabe —- — 117— ſprechen. Auf alle Auffoderungen des Marſchalls Lannes hatte der heldenmüthige Palafor nur eine Antwort:„Ha- sta la ultima tapia“— bis auf die letzte Lehmwand verthei⸗ dige ich den mir anvertrauten Poſten. Doch, war auch die Seele des Helden unbezwinglich, ſein Körper war es nicht; der großmüthige, offene Kampf verſchonte ihn zwar und keine Kugel wagte ſich an ſein verehrtes, geheiligtes Le⸗ ben, aber die meuchelmörderiſche Giftmiſcherin, die Seuche, ſchlich ſich in ſeine Adern und warf ihn zu Boden. Seit Wochen lag er hinſterbend in einem engen Kellergewölbe; und doch wie er mit der Größe der That Allen vorange⸗ gangen war, ſo gab er jetzt auch das Vorbild ſtandhafte⸗ ſten Duldens und ſein edler, ſtolzer Geiſt wurde durch keine Härte des Geſchicks gebeugt. Den Oberbefehl hatte er ſeinem Freunde, dem General St. Marc, übertragen müſſen; doch galt ſein Wollen, ſein Rath, der aus der tie⸗ fen, dunkeln Krankengruft herauf überall gefodert wurde, wie eine göttliche, eine Orakelſtimme, und legte ſtets das mächtige Gewicht der Entſcheidung in die Wagſchale. Die tauſendfältigen kleinen Pflichten der Aufmerkſamkeit, Ein⸗ ſicht, Führung war er nicht mehr im Stande zu erfüllen; die eine, große aber, in welcher ſich alle in einer Spitze vereinigten, wo das Lebensmark ſeines Thuns und Wollens ſich zuſammendrängte, dieſe eine hielt er feſt und ſelbſt die bleiche, erſterbende Lippe ſprach nur ein unerſchütterliches „Nein“ zu jedem Vorſchlag eines ſinkenden Muthes. So ſtand es jetzt um das heldenmüthige, unglückſelige, aber doch preiswürdige Saragoſſa. * — 118— Zwölktes Capitel. „Don Vallardos! Don Vallardos!“ rief Garcia ſeinem Freunde zu, der im obern Stockwerk eines kleinen ſteiner⸗ nen Hauſes am Fenſter ſtand,„Don Vallardos! Der Feind greift die Häuſer am Coſſo*) an; auf, kommt her⸗ ab, ſie zu vertheidigen!“ Vallardos winkte bejahend und war trotz ſeiner Jahre im Augenblick unten auf der Gaſſe, um an dem Kampfe Theil zu nehmen. Beide Freunde ſchritten haſtig die Straße Portillo hin⸗ ab, die ſie am nächſten nach dem Coſſo führte. Doch als ſie die nächſte Ecke erreicht hatten, ſprach Garcia:„Laßt uns hier einbiegen und dann durch die Straße Miſericordia gehen. Dort wohnen noch einige Freunde, die man auf⸗ rufen kann! Es beginnt ſehr an Mannſchaften zu fehlen.“ „Die Kräfte des Kühnſten erſchöpfen ſich; nicht Jeder hofft auf den Tod als ſeinen Befreier aus den finſtern Banden der Qual, von der Folterbank des Lebens!“ „Vallardos!“ bat Garcia,„überwindet dieſe düſtre Stim⸗ mung; es iſt auch ein Raub an dem Vaterlande, wenn Ihr Eure Kraft ſo unterhöhlt. Rufen Euch dieſe Leichen, die unbegraben auf der Straße liegen, weil der Boden kei⸗ nen Raum mehr für ſie hat, nicht zum Leben und zur Rache auf?“ 8. „Wo ſahet Ihr jemals, daß meine That zuͦgerte? ſprach *) Ein länglicher Platz(ähnlich dem Graben in Wien) zu Saragoſſa, wo der Häuſerkrieg am furchtbarſten tobte. — — 119 Vallardos ſtreng;„eben deshalb, weil ich nur Rache, nicht Rettung will, bleibt meine Kraft unerſchöpft!“ „Sie iſt es nicht, Ihr täuſcht Euch und uns,“ ſprach Garcia;„mehr Lebenshoffnung würde Euch mehr Lebens⸗ friſche geben.“ „Was bei Euch die Hoffnung thut, thut bei mir der zürnende Schmerz. Oder glaubt Ihr nicht, daß wahnſin⸗ nig wilde Kräfte in mir erwachen, wenn ich die tauſend verzerrten Larven des Elends und des Todes um mich ſehe und dabei denke: deine Tochter, aus dem edelſten ſpaniſchen Blut, iſt die Metze eines dieſer Tiger, die ſolche Schmach, ſolchen Jammer auf unſer Vaterland häufen! Garcia! Mit dieſen altersſchwachen Händen würge ich Löwen, wenn dieſer Gedanke meine Sehnen und Muskeln mit ingrimmi⸗ 3 gem Lodern durchflammt!“ „Vallardos, denkt nicht ſo unwürdig von Eurer edeln Tochter!“ „Meine edle Tochter! Wollt Ihr mich verhöhnen, Gar⸗ ciaz Bei St. Jago, ſpaniſches Blut iſt theuer und das Vaterland hat jetzt auf jeden Tropfen ein Recht, aber den⸗ noch— Statt der Antwort drückte Garcia ihm ſanft die Hand. „Ihr wißt beſſer, Freund, wie ich geſinnt bin. Doch es iſt mein feſter Glaube, daß Ihr Euch mit Wahngebilden foltert. Irren mochte Elvira, einen Fehltritt thun, viel⸗ leicht, denn wer weiß es?— aber ſo tief in Schmach ſin⸗ ken, das vermochte ſie nicht!“ „Und wo bürge ſie ſich, wenn ſie nicht dem Verführer gefolgt wäre? Sie weilt vielleicht im Lager der Franzoſen draußen und verkürzt ſich die Nacht mit ihrem Buhlen, während wir—“ „Haltet ein, läſtert nicht!“ unterbrach ihn Garcia ernſt. „ 8 — 120— „Es wäre doch ſchön,“ fuhr Vallardos heftiger fort, „wenn ich etwa verwundet oder gefangen würde, ſie mich ins Lager ſchleppten und ich ſähe dabei mein Töch⸗ terchen wieder, auf dem Schoos ihres Verführers, oder bei Andern, denn ſie wird wol den Wechſel lieben. Sie könnte dann auch vielleicht ein gutes Wort für mich einlegen, wenn ſie mich mit Neſſeln todtpeitſchen wollten, wie die letzten Gefangenen; ſie könnte ſagen:„Hängt ihn doch lieber gleich hier an den Olivenbaum; was wollt Ihr den alten Mann quälen!“ Garcia fühlte Schmerz und Unwillen zugleich, doch er ließ Vallardos ſeiner Qual Worte geben, weeil er ſie ſonſt tief im Innern verſchloß und ſie dann deſto ſchärfer an ſei⸗ ner Seele nagte! Doch plötzlich unterbrach ein furchtbares Getöſe das Geſpräch. Ein dröhnendes Krachen ſchlug be⸗ täubend an das Ohr und zugleich fühlten ſich beide Män⸗ ner von einem allſeitigen Stoß und Druck erſchüttert und die Bruſt zuſammengepreßt, wie wenn eine haushohe Welle plötzlich über ſie hingeſchlagen wäre; der Erdboden bebte, die Häuſer umher wankten, in einem derſelben, wo ſich Glasſcheiben befanden, borſten ſie und fielen klirrend auf das Pflaſter.„Heilige Jungfrau vom Pfeiler!“ rief Gar⸗ cia,„verleihe uns deinen Schutz, was war das?“ „Eine Mine;“ ſprach Vallardos, der ſich ſchnell wieder gefaßt hatte;„ſie muß am Coſſo geſprengt ſein. Doch von ſo furchtbarer Kraft war noch keine, ſo lange wir hier fech⸗ ten. Gebe der Himmel, daß der Schaden zu ertragen ſei!“ Sie eilten vorwärts. Aus allen Häuſern ſtürzten die erſchreckten Einwohner heraus, denn Alle mußten glauben, daß die Exploſion in ihrer nächſten Nachbarſchaft geſchehen ſei, ſo heftig war ihre Wirkung. Doch nur wenige Män⸗ ner zeigten ſich vor den Thüren, denn die waffenfähigen — 121— waren auf den Wällen; in den Häuſern gab es nur Kranke, Verwundete, Greiſe, Weiber und Kinder. Doch auch die Wenigen waren jetzt nothwendig, denn es ſchien ein ent⸗ ſcheidender Kampf bevorzuſtehen. Vallardos rief Alle auf, deren er anſichtig wurde.„Folgt mir! Nach dem Coſſo! Der Feind dringt ein! Helft abwehren!“ So erſchallte ſein Ruf durch die Gaſſen und wurde von Weibern, Greiſen und Verwundeten wie ein Hülfsge⸗ ſchrei wiederholt. Wer noch Kräfte hatte, waffnete ſich und ſtürmte herbei, denn die Ungewißheit vergrößerte die Be⸗ ſorgniß. Auf dem Coſſo angelangt, war dieſer ganze breite platz⸗ artige Stadttheil in dichten Rauch gehüllt. Ein lebhaftes, aber einzelnes Gewehrfeuer diente den Herbeieilenden zum Richtungspunkt ihrer Schritte. Der Platz war mit aufge⸗ worfenen Querwällen durchſchnitten, hinter denen Geſchütze ſtanden, um im Nothfall dem eindringenden Feinde nach⸗ drücklichen Widerſtand zu leiſten. Die nothwendigſte Mann⸗ ſchaft ſtand bei den Kanonen, die Andern waren vorwärts dem Kampfplatze zugeeilt. „Wo wird gefochten? Was iſt geſchehen?“ fragten Vallardos und Garcia aus einem Munde. „Der Feind,“ antwortete ein auf der Laffette ſitzender alter Krieger,„hat wahrſcheinlich vom Krankenhauſe aus, wo er ſeit drei Tagen in den Kellern einlogirt iſt, eine Mine unter das Franziskanerkloſter getrieben und das ganze Gebäude in die Luft geſprengt!“ „Madonna del Pilar!“ rief Garcia,„das hat dein Schutz nicht abgewendet?“ Vallardos fuhr ſich mit der Hand durch das weiße Haar; in ſeinen Zügen ſah man den Kampf ſeines Zorns. „Sind viele Leute verunglückt?“ fragte Garcia. Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. VI. 6 — 122— „Die Luft war ſchwarz von aufgeſchleuderten zerriſſenen Leibern und Gliedern und jetzt iſt der Boden damit beſäet. Sie hatten einen Scheinangriff gegen die Straße Engracia gemacht and als die Unſern dicht geſchart ihnen entgegen⸗ drangen, riß ſich plötzlich donnernd und feuerſpeiend der Bo⸗ den unter ihnen auf und ſchleuderte ſie gegen die Wolken oder verſchlang ſie. Eine ganze Compagnie vom Regiment Valencia ſtand auf dem Minentrichter. Jetzt wird um das Kloſter gefochten. Wir warten nur Befehl ab, ſo wollen wir von hier aus noch Lanralſczen in das Getümmel ſenden!“ „Rache! Rache!“ rief Vallardos laut, der mit wuth⸗ blaſſem Angeſicht und feſt in die Zähne eingebiſſenen Lip⸗ pen den Bericht mit angehört hatte. Sein Nuf fiel zün⸗ dend wie ein Wetterſtrahl in die Bruſt der Kämpfer, die ihm folgten; ſie ſtürmten unter der Führung des Helden⸗ greiſes vorwärts dem Getümmel des Kampfes entgegen. Bald waren ſie in den dichten Pulverdampf und den Rauch der flammenden Gebäude eingehüllt; eine erſtickende Glut wehte von allen Seiten, ſelbſt aus der Erde herauf. Der Fuß trat auf heiße Aſche und glimmende Balken und ſtrau⸗ chelte oft über zerriſſene menſchliche Körper und einzelne Gliedmaßen, die ſich mit dem grauſen Chaos brennender Trüͤmmer vermiſchten. Es war, als werde die Schlacht in einem ſpeienden Krater geliefert, denn auch die Flammen ſchlugen an vielen Stellen hochlodernd aus dem Boden hervor. „Wer ſieht hier Freund und Feind!“ rief Garcia. „Nur näher! Unterſcheiden wir ſie nicht auf Piſtolen⸗ ſchußweite, ſo doch auf Dolchlänge,“ ertönte Vallardos Antwort. Und er ſelbſt drang vor, in die Aſchen⸗ und Staubwolken, über Leichname und brennende Balken hinweg. — 122 Jetzt verwehte ein ſtarker Windſtoß die dichten Staub⸗ und Rauchwirbel und geſtattete einen freiern Blick. Aber nur ein furchtbareres Schauſpiel bot ſich dem Auge dar. Das Franziskanerkloſter war zwar durch die Mine nicht aufgeſprengt, aber doch ein Theil ſeiner Mauern eingeſtürzt und vor demſelben alle Gebäude in Trümmer zerſchmettert, die halb einen tiefen Krater füllten, den die Exploſion auf⸗ gewühlt hatte. Gegenüber demſelben, jenſeit der Straße Engracia, lag das vom Feinde beſetzte Krankenhaus, von deſſen Kellern aus er ſeine Minengänge getrieben hatte. Hier ertönten jetzt betäubende Trommelwirbel und ein furcht⸗ bares Kampfgeſchrei. Es waren die Sapeure mit ihren langen Bärten und blanken Aexten, unter der Führung des Major Valazè, die, vereinigt mit dem 115. Infante⸗ rieregiment unter dem tapfern Oberſt Duperoux, mit wir⸗ belnden Trommeln, fliegenden Fahnen und eingeſenktem Ba⸗ jonet im Sturmſchritt andrangen, um das Franziskaner⸗ kloſter zu nehmen. Doch die Spanier verloren keinen gün⸗ ſtigen Augenblick. Die zuvor müßig zuſchauenden Artille⸗ riſten erhielten durch Zeichen einen Befehl und ſandten nun einen furchtbaren Hagel von Kartätſchen gegen die An⸗ rückenden. Dieſe, wie ihre Reihen auch gelichtet wurden, brauſten vorwärts und gewannen eine Stelle der Straße Engracia, wo ihnen ein von den Spaniern verlaſſener Querwall Schutz gegen die mörderiſchen Kartätſchenſchüſſe gewährte. Von hier aus drangen ſie mit Ungeſtüm gegen das halbzerſtörte Franziskanerkloſter vor, wo die Spanier ihnen mit einer Hartnäckigkeit Stand hielten, die dem wuthentflammten An⸗ griff nicht nachſtand.— Vallardos und die ihn begleiteten, hatten ſich ſeitwärts, außerhalb der Richtung der Geſchütze, befunden. Jetzt konn⸗ 6* à — 124— ten ſie dem Feinde in die Flanken fallen und Vallardos war der Erſte, der durch einen noch glühenden Aſchenhau⸗ fen vordrang und mit geſchwungenem Degen die Seinigen auffoderte, ihm zu folgen. Doch ſie waren nicht unbe⸗ merkt geblieben. Ein Capitain des Regiments ließ ſogleich eine Compagnie Front gegen ſie machen und empfing ſie mit einer Musketenſalve auf funfzig Schritt. Ein Drit⸗ theil ſtürzte zu Boden, aber die Uebrigen nur deſto rachbe⸗ gieriger gegen die Feinde. Hier begann ein entſetzliches Würgen und Ringen, Mann gegen Mann, Fauſt gegen Fauſt. Im wirbelnden Rauch und Staub, auf einem Bo⸗ den, der ſelbſt ſchon ein Schlund des Todes war, unter auflodernden Flammen wurde dieſer Kampf der Wuth ge⸗ kämpft. Dazwiſchen ſchmetterte in krachenden Lagen das Kartätſchenfeuer der Spanier, die ihre eigenen, an Zahl geringeren Brüder nicht ſchonen konnten, um dem in Maſ⸗ ſen andringenden Feind verhältnißmäßig größern Abbruch zu thun. Der Tod ſchwebte wie ein ungeheurer Raubvo⸗ gel über der Kampfſtätte, bedeckte ſie rings mit ſeinen ſchwarzen Rieſenflügeln, und jeder geſchwungene Schlag der⸗ ſelben raffte blühendes Leben hinweg. Vallardos ſuchte den Führer; ihn mit dem Dolch nie⸗ derzuſtrecken, war ſeine Abſicht. Mit der energiſchen Kraft, die den Greis in begeiſterten Momenten beſeelte, kämpfte er ſich zu ihm hinan und eben wollte er ihm, der halb abge⸗ wendet ſtand und ſich eines jungen wüthenden Spaniers kraftvoll erwehrte, den Dolch in die Seite ſtoßen, als ſich der Offizier raſch gegen ihn umwandte und ein Piſtol auf ihn abdrückte. „Heilige Mutter Gottes!“ rief Vallardos aus und tau⸗ melte rückwärts; aber nicht von dem Schuß, der ihn in der Schulter getroffen hatte, ſondern von einer unſichtba⸗ — 125— ren, mächtigen Gewalt erſchüttert. Denn St. Val ſtand vor ihm. Nur einen Augenblick hatte der Schrecken wirken kön⸗ nen; jetzt entzügelte ſich die Wuth deſto gewaltſamer. Mit blitzendem Dolch und den Worten:„Ehrloſer Bube!“ ſturzte Vallardos auf St. Val ein. Dieſer wich, nicht aus Furcht, ſondern aus höherer Scheu vor dem Greiſe, der plötzlich, nach zehn Monden, wie ein Geiſt der Rache vor ihm unter Qualm und Flammen aus dem Boden ſtieg, zurück. „Heran, heran, Sennor!“ rief der junge Spanier dem andringenden Vallardos zu, und dieſer erkannte jetzt in ihm jenen fanatiſchen Jüngling Alonzo, der vormals in blinder Ergebenheit gegen Elvira der Erſte war, welcher St. Val's Bande in der Nacht ſeiner Gefangenſchaft durch Malleros löſte und deſſen düſtre Schwermuth um die fürchterlich ge⸗ opferten Seinigen ſich jetzt in einen finſter brütenden, dem Wahnſinn nahen Zuſtand verwandelt hatte, in welchem ihm nur Ein Wollen und Denken klar blieb, der unbezwing⸗ lichſte Haß gegen die Feinde des Vaterlandes. „Heran, heran!“ rief er aus und ſein dunkles Auge flammte wie das eines Löwen unter den buſchigen Brauen auf,„wir wollen ihn zerreißen!“ Und wirklich warf er die Waffe, mit der er bisher gefochten hatte, weit von ſich, ſtürzte ſich mit einer Wuth, der nichts zu vergleichen war, auf St. Val und umſchlang ihn mit beiden Armen, um ihn zur Erde zu ringen. Doch in demſelben Augenblicke ſah Vallardos drei Schritt davon ein Gewehr auf den Un⸗ glücklichen abfeuern und ihn, da das Band ſeiner Arme plötzlich wie zerſchmettert losließ, rückwärts zu Boden ſtürzen. Dies Alles war ſo das Werk eines Augenblicks, daß Vallardos bis dahin noch nicht die wenigen Schritte zwi⸗ ſchen ihm und St. Val zurückgelegt hatte, um ihn mit 4 — 126— dem Dolch anzugreifen. St. Val taumelte zwei Schritt zurück nach dem wüthenden Anfall Alonzo's; doch Val⸗ lardos drang ihm nach, packte den Wankenden mit der Lin⸗ ken an der Schulter und mit der Rechten führte er einen furchtbaren Stoß gegen ſein Herz. Doch eben wo ſeine Dolchſpitze Widerſtand in der Bruſt des Gegners fand, fühlte Vallardos einen ſchmetternden Schlag, der ihm durch den ganzen Körper dröhnte, gleichſam als habe er ſich elek⸗ triſch durch die Berührung erzeugt. Er wankte, ſeine Knie brachen ein, es wurde Nacht um ihn, er ſank und hörte noch im Fallen ein krachendes Donnern dicht an ſeinem Ohr, als ſtürze der Boden praſſelnd unter ihm zuſammen. In dieſem Augenblicke ertönte ein lautes Kampf⸗ und Siegsgeſchrei; die Franzoſen hatten die Spanier zurückge⸗ drängt und ſtürmten ſiegreich in das Franziskanerkloſter ein. Noch einmal ſandten die ſpaniſchen Kanonen eine doppelte Kartätſchenlage in die kämpfenden Maſſen, daß Rauch, Staub und Aſche hoch in die Lüfte wirbelten, und dann ſchwiegen ſie, weil die eigenen Leute ſie vernageln und flüch⸗ ten mußten.. Ein Windſtoß drückte ein Gebirge von Rauch auf den Schauplatz des gräßlichen Kampfes herab. Im Augenblick war er allen menſchlichen Blicken entzogen und nur ein dumpfes Wuth⸗ und Weheſchrei tönte ſchauerlich aus den ſchwarzen, wolkig ſich wälzenden Wirbeln wie aus einem tiefen, undurchdringlichen Meeresſchlund herauf und erfüllte die Seele mit Schauder und Entſetzen. Dreizehntes Capitel. Als Vallardos von ſeiner Betäubung erwachte, fand er ſich in einem dunkeln Gewölbe auf einer Lagerſtätte, ſo gut die an Allem Mangel leidende Stadt ſie ſchaffen konnte. Es war ihm, als erwache er aus einem ſchweren Traume, und es dauerte lange, bis er ſich den Verlauf der Ereig⸗ niſſe wieder ins Gedächtniß zurückrief. Er richtete ſich em⸗ por und blickte forſchend um ſich. Sein Kopf ſchmerzte ihn, er fühlte darnach und fand ihn mit einem Tuch verbunden. Auch auf ſeine, vom Schuß geſtreifte Schulter war ein Verband gelegt. Nach und nach gewöhnte ſich ſein Auge an das Halb⸗ dunkel und er erkannte alle Gegenſtände um ſich her. Das Gewölbe war groß; mehre Lagerſtätten ſtanden neben ein⸗ ander; auf der nächſten erblickte er einen Mann halb auf⸗ recht ſitzend, halb zurückgelehnt. Vallardos betrachtete ihn noch, als derſelbe ihm das Geſicht zuwandte und ihn mit ſeltſamem, aber rührendem Ton der Stimme fragte:„Nun, Sennor! Seid Ihr auch wieder auferſtanden?“ Es war Alonzo.. „Alonzo!“ rief Vallardos ſtaunend. Doch dieſer legte raſch die Fingerſpitzen auf den Mund und winkte ihm ge⸗ heimnißvoll und ſchweigend:„Die ſchwarze Madonna ſitzt und ſchläft! Weckt ſie nicht auf, ſie möchte zürnen; und jetzt iſt ſie doch ſo ſanft!“ Vallardos folgte verwundert mit den Augen der Bewe⸗ gung, die Alonzo mit der Hand machte, und gewahrte jetzt, was ihm zuvor entgangen war, in der Ecke des Gemachs, an einem Tiſch ſitzend, auf dem eine mattbrennende Lampe * — 128— ſtand, eine ganz in ſchwarze Florgewänder gehüllte weib⸗ liche Geſtalt, welche das Haupt in die Hand geſtützt hatte und zu ſchlummern ſchien:„Wer iſt das?“ fragte er leiſe. „Eine Heilige, die uns pflegt,“ erwiderte Alonzo noch leiſer mit dem Ausdruck der Ehrfurcht;„ich glaube, es iſt die heilige Mutter Gottes vom Pfeiler ſelber, ſo ſüß klingt ihre Stimme und ſo ſanft ſind ihre Hände. Ich wünſchte, ich hätte tauſend Wunden, wenn ſie ſie nur verbinden wollte! Ja, wo ſie die Hand anlegt, ſpürt Ihr es wie Balſam! Ich war ja mitten durch's Herz geſchoſſen, wie hätte ich alſo ohne die Heilige leben können!“ 2 Vallardos blickte Alonzo immer befremdeter an. Es wurde ihm mit jedem Augenblick gewiſſer, daß er irre rede, doch wußte er nicht, hatte der verſchloſſene Wahnſinn des Jünglings Sprache gewonnen, oder waren es nur Fieber⸗ phantaſien, die ihn aufregten. „Still! Rührt Euch nicht! Sie erwacht! Sie kommt!“ flüſterte Alonzo und legte ſich ſcheu zurück, als ſei es ein Vergehen geweſen, daß er ſich halb emporgerichtet hatte. Vallardos blieb aufrecht. Es nahte ſich dem Lager der Kranken eine hohe Geſtalt, doch in tiefe dunkle Schleier gehüllt. Ihr Schritt war ſchwankend, ſie hielt die Lampe in der Hand; zwar war es bei der Dunkelheit des Gemachs unmöglich, ihre Züge zu erkennen, aber ein gewiſſes uner⸗ klärliches Etwas, ein über die ganze Geſtalt ſich verbreiten des Weſen milder Erhabenheit, gab die Ueberzeugung, daß ſich unter dieſen Hüllen eine wunderbare Schönheit verberge. Ihr beklommenes Athmen, ihr ſchwankender Schritt, die zitternde Bewegung der Hand, in welcher ſie die Lampe trug, ſchien eine tiefe Aufregung des Gemüths zu verra⸗ then. Freilich konnte dieſelbe an dieſem Ort und unter die⸗ ſen Verhältniſſen Niemanden auffallen; denn welches weib⸗ — 129— liche Weſen hätte nicht beben ſollen unter einer ſolchen Zahl ſchwer verwundeter, halb ſterbender Helden, die für das Vaterland bluteten, während draußen ſchon wieder der dumpfe Donner des Geſchützes krachte, weil der Kampf auch in der Nacht fortgeſetzt wurde? In eben dieſem Au⸗ genblicke rang die unbeſiegbare Kühnheit der Belagerer auf's neue mit den Feinden um den Beſitz des Franziskanerklo⸗ ſters ſo hartnäckig, daß das Würgen und Morden bis in die höchſten Räume des Glockenthurmes hinaufdrang, wäh⸗ rend unabläſſig, ſelbſt von dem jenſeitigen Ufer des Ebro her, zahlloſe Bomben auf die Stadt geſchleudert wurden, deren dröhnendes Niederſchlagen und Springen man bis in die tiefſten Gewölbe hinab vernahm, wo die Verwundeten gepflegt wurden. Es war augenſcheinlich, daß die Verſchleierte das Amt der Pflegerin übte; ſie näherte ſich Vallardos' Lager und fragte ihn mit einer kaum hörbaren, bebenden Stimme: „Wie iſt Euch, Sennor, Ihr habt lange betäubt gelegen! Kehren Euch die Kräfte zurück?“ Vallardos fühlte ſich durch den leiſen, zitternden Ton dieſer Stimme wunderbar gerührt; es war eine unbegreif⸗ liche Empfindung der Liebe und der Trauer, die ihn über⸗ ſchlich. Einige Sekunden dauerte es, bevor er antworten konnte:„Ja, dieſe wohlthätige Pflege, die ich hier empfan⸗ gen, hat mir das Leben zurückgegeben. Allein wo ſind wir hier?“ „Im Kloſter der Sepulchriner,“ erwiderte die Pflegerin bebend,„ſie haben den barmherzigen Schweſtern ihre bom⸗ benfeſten Gewölbe zur Pflege der Kranken eingeräumt.“ „Es iſt aber nicht die Ordenstracht der barmherzigen Schweſtern, in der ich Euch ſehe, fromme Jungfrau. Ge⸗ hört Ihr nicht zu dem Orden?“ fragte Vallardos. 6* ꝓ* — 130— Nach einigen Augenblicken entgegnete die Fremde:„Nein, ich bin nur eine Koſtgängerin des Kloſters; die Bedräng⸗ niß des Vaterlandes beſtimmte mich, meine Kräfte der Krankenpflege zu widmen.“ „Liegt es in den Regeln des Ordens, daß Ihr Euch ſo tief verſchleierte Ich möchte Euer Antlitz ſehen, denn der Ton Eurer Stimme erweckt mir unbegreifliche Empfin⸗ dungen.“ „Es iſt ein beſonderes Gelübde, das mich zwingt, dieſe Schleier zu tragen und, vergebt mir, Sennor, doch, auch Schweigſamkeit gehört zu meinen Pflichten und verbietet mir, länger mit Euch zu ſprechen, als Euer Zuſtand es fodert.“ Nach dieſen Worten, die ſie, ſowie die ganze Unterre⸗ dung, mit unterdrückter, mehr lispelnder als tönender Stimme ſprach, trat ſie ſchweigend zurück, um einen Verband für Vallardos' verwundete Stirn zu bereiten. Während deſſen richtete ſich Alonzo wie heimlich auf und flüſterte:„Ihr habt die Heilige erzürnt; ſie will nicht, daß man viel zu ihr ſchwatzt; ſtill zu ihr beten müßt Ihr.“ Die Pflegerin kehrte zurück und legte Vallardos ſchwei⸗ gend einen kühlenden Umſchlag auf die Stirn. „Vergebt, edle Jungfrau, wenn ich Euer heiliges Ge⸗ lübde nochmals ſtöre,“ ſprach dieſer;„allein mir iſt, als ſei ich gar nicht krank oder verwundet. Ich fühle, däucht mir, Kräfte, mich aufzurichten!“ „Eure Wunde iſt nicht gefährlich, Dank ſei es der hei⸗ ligen Sennora del Pilar!“ entgegnete die Jungfrau;„der Hieb iſt nicht tief eingedrungen, doch er muß Euch betäubt haben.“ Während ſie dieſe Worte ſprach, öffnete ſich eine Thür im Hintergrunde des Gewölbes und, mit einer Ampel in der — 431— Hand, trat eine andere Pflegerin, die ihrer Ordenstracht nach wirklich zu den barmherzigen Schweſtern gehörte, ein. Sie ging auf die Verſchleierte zu und ſprach:„Fromme Frau, es iſt Mitternacht; die Stunde der Ablöſung von Eurer mühſamen Pflicht hat geſchlagen.“ Die Unbekannte wollte gehn, doch ſie ſchien in einem heftigen innern Kampf begriffen, der ihr die Kräfte raubte; ſie mußte die Lampe aus der Hand ſetzen und ſchwankte ei⸗ nem Seſſel zu. Jetzt erhob Alonzo, der die Worte der frommen Kloſterſchweſter gehört hatte, ſeine klagende Stim⸗ me:„Ach, dunkle Heilige! Geh' noch nicht von hier! Du haſt mein Gebet noch nicht erhört! Sage mir, kehrt Donna Elvira nicht wieder, lebt ſie oder iſt ſie eine Heilige wie Du?“ Die Unbekannte machte eine zuckende Bewegung und winkte ihm mit der Hand Stille zu. Vallardos rief heftig:„Donna Elvira? Welche Donna Elvira?“ „Eure Tochter, Sennor!“ rief Alonzo,„ſie iſt eine Heilige! Ich habe ſie geſehn, ſie ſtand an meinem Lager, von himmliſchem Glanz umfloſſen, und bot mir die Märter⸗ krone!“ „Schweig, Unglückſeliger!“ rief Vallardos,„Dein Fie⸗ berwahnſinn läſtert frevelhaft!“ „Ja, es ſind Fieberträume, die Euch foltern, armer Kranker!“ ſprach die barmherzige Schweſter und näherte ſich ihm:„Wir wollen Euch wieder kühlende Arznei reichen.“ Die Verſchleierte, deren innerſte Bewegung nur an ih⸗ rem tiefen und beklemmten Athem zu erkennen war, erhob ſich jetzt mit angeſtrengter Kraft, winkte mit der Hand rück⸗ wärts zum ſtummen Abſchiede und entfernte ſich aus dem — 132— Gemach, ohne das Haupt zurückzuwenden, obwol Alonzo ihr flehend nachrief:„Bleib, dunkle Heilige, bleib!“ Die Thür hatte ſich hinter ihr geſchloſſen, Alonzo drückte das Haupt verzweiflungsvoll in ſeine Kiſſen zurück. Val⸗ lardos ſaß aufgerichtet ſchweigend und blickte ſtarr vor ſich hin.„Wer iſt dieſe Sennora?“ fragte er nach einigen Augenblicken die vor ihm ſtehende Kloſterſchweſter. „Ein räthſelhaftes, aber wunderbar ſchönes und hehres Weſen; ſie nennt ſich die Marquiſe von Santo Vallos— allein wir haben Urſache zu glauben, daß ſie ihren wahren Namen verbirgt, weil ein ebenſo unglückſeliges als rauhes Schickſal ſie verfolgt. Kurz vor der erſten Belagerung kam ſie in Männertracht nach Saragoſſa, angeblich ein Jüng⸗ ling aus edelm Hauſe, der ſich den muthigen Vertheidigern des Vaterlandes anſchließen wollte. Niemand ahnte ihr Ge⸗ ſchlecht. Mit Heldenmuth focht ſie in den Reihen der Ta⸗ pferſten und wich nicht von Palafox' Seite, wo ihm Ge⸗ fahr drohte. Oftmals ſtürzte ſie ſich mit ſo erbitterter Hef⸗ tigkeit in die Feinde, daß die eigenen Gefährten ſie zurück⸗ halten mußten. Doch ein Engel Gottes, oder vielleicht un⸗ ſere heilige Jungfrau del Pilar ſelbſt, nahm ſie in Schutz, denn keine Waffe ritzte ihr nur die Haut, keine Kugel er⸗ reichte ſie, bis in den letzten Tagen der Belagerung; da ſtreckte ſie ein Schuß zu Boden. Ihre Gefährten trugen ſie bewußtlos aus dem Kampfgetümmel. Doch die Beſin⸗ nung war ihr ſchon nach wenigen Minuten zurückgekehrt und da erflehte ſie es, als die einzige Belohnung ihrer ta⸗ pfern Thaten, daß man ſie in unſer Kloſter zur Verpfle⸗ gung bringe. Hier entdeckte ſie ihr Geſchlecht und ihren Stand; ſie wurde darauf ſogleich in meine Zelle gebracht und ich blieb ihre Pflegerin. Wol darf ich ſagen, edler Sennor, daß dieſe kühne Heldin die ſanfteſte weibliche Seele — — — — 133— beſitzt, die ich jemals kennen lernte. Noch als ſie die männ⸗ liche Kleidung trug, hatte Jedermann Theil an der ſtillen Schwermuth des vermeinten Jünglings genommen und man hieß ihn nur den trauernden Heldenjüngling. Jetzt entdeckte mir die Arme den Grund ihres Kummers und ihres Haſ⸗ ſes. Sie war die Gattin eines edeln Spaniers, den die Grauſamkeit des einbrechenden Feindes in den erſten Tagen ihrer Verbindung, da er an der Spitze einer Schar tapfe⸗ rer Vaterlandsvertheidiger ſtand, erſchlug. In ihrem Schmerz gelobte ſie jede Kraft ihres Lebens dem Vaterlande und der Nache an den Feinden unſeres Landes und unſerer heiligen Religion zu widmen. Darum legte ſie die weiblichen Ge⸗ wande ab, ergriff das Schwert und warf ſich in Saragoſ⸗ ſas Mauern. Nachdem die Belagerung vorüber war, fühlte ſie ſich Mutter, und bat, in der Obhut des Kloſters blei⸗ ben zu dürfen. So iſt ſie auch mit uns hier herüber in die Gewölbe der Sepulchrinermönche gezogen, hat vor we⸗ nigen Wochen einen holden Knaben geboren und theilt jetzt ihr Leben zwiſchen Mutterſorge und der Pflege der Ver⸗ wundeten.“ „Und weshalb hat ſie das Gelübde gethan, ſich zu ver⸗ ſchleiern und zu ſchweigen?“ fragte Vallardos. „Weil ſie in ihrem Schmerz jeder Freude entſagt hat und nur für ihre Trauer und ihre Rache leben will.“ Vallardos hatte dieſe Erzählung mit einer Theilnahme gehört, deren Stärke ihn ſelbſt überraſchte. Er fragte nach einigen Augenblicken des Schweigens, ob jene unglückliche Frau ſo bemittelt ſei, als ihr Stand es vermuthen laſſe. Die Kloſterſchweſter erwiderte:„Im Anfang ihres Aufent⸗ haltes ſcheine die Fremde durch keine äußere Sorge gedrückt geweſen zu ſein, jetzt aber trete ſichtlich auch dieſe ein und vergrößere ihre Schwermuth.“ — 131— „Ihren gefallenen Gatten kann ich ihr nicht zurückge⸗ ben,“ ſprach Vallardos,„aber gegen die andern Beſorg⸗ niſſe weiß ich, dem Himmel ſei Dank! noch Mittel. Zwar habe ich den größten Theil meiner Beſitzthümer auf den Altar des Vaterlandes niedergelegt, Manches indeſſen wird ſich aus dieſem allgemeinen Schiffbruch doch erretten laſſen. Ich habe keine Erben; eine Tochter hatte ich, doch ſie iſt todt! Sagt der Unglücklichen, daß es mein Stolz ſein werde, eine ſo edle Tochter Spaniens zur meinigen zu ma⸗ chen und ihr mein Vermögen und ihrem Sohne meinen Namen zu hinterlaſſen.“ „O edler Sennor,“ erwiderte die barmherzige Schweſter gerührt,„Ihr habt durch dieſes Wort gewiß den ſüßeſten Balſam des Troſtes in das Herz dieſer erhabenen Unglück⸗ lichen geflößt. Wollt Ihr mir geſtatten, daß ich ihr ſo⸗ gleich dieſe Kunde bringe?“ Vallardos hatte nichts dawider einzuwenden und die Pflegerin ging hinaus, um dieſe freudige Pflicht zu er⸗ füllen. Nach wenigen Minuten kehrte ſie zurück, begleitet von der Unbekannten, die zitternden, ſchwankenden Schrittes ne⸗ ben ihr ging und ein ſchlummerndes Knäblein von wenigen Wochen im Arme trug. Sie blieb verſchleiert, kniete ſtumm an Vallardos' Lager nieder und ergriff ſeine Hand, die ſie mit Küſſen und Thränen benetzte. Die barmherzige Schwe⸗ ſter ſprach:„Eure großmüthige Wohlthat hat dieſe edle Unglückliche auf's tiefſte gerührt, nur ihr Gelübde, das ſie ſchon zu ſehr gebrochen zu haben ſich vorwirft, hindert ſie, Euch den Dank auszuſprechen, den ihr Herz empfindet. Denn da, wo es ihr am ſchwerſten wird, iſt es die ſtrengſte Pflicht, es zu erfüllen. Sie bittet Euch, dieſen Knaben zu ſegnen.“ * — 135 Die Kniende hielt das Knäblein empor zu Vallardos. Dieſer legte ihm ſegnend die Hand auf das Haupt und ſprach:„Du ſollſt mein Sohn und Erbe ſein, ſollſt den Namen der Vallardos führen; hier beſchwöre ich's bei un⸗ ſerm Herrn, deſſen Blut für uns gefloſſen iſt.“ Die Mutter, welche das Kind emporhielt, wurde durch dieſe Worte ſichtlich ſo ergriffen, daß ihre Kräfte ſie verlie⸗ ßen. Die barmherzige Schweſter mußte den Knaben zu ſich nehmen, damit er nicht den Händen der Zitternden und Schwankenden entfiele. Jetzt ergriff ſie aber Vallardos' Hand mit ihren beiden und weinte einen Strom ſo heißer Thraͤnen darauf, daß ſelbſt der ſtarre, eherne Greis, von der Gewalt der Wehmuth ergriffen, Thränen über ſeine Wange rollen fühlte. Es waren die erſten wohlthuenden, ſüßſchmerzenden Augenblicke ſeit der ſtarren Erbitterung, von der ſein ganzes Weſen ſeit Elvira's Verbrechen ergriffen war. Worte gab er ſeinen Gefühlen nicht, doch in ſeinem Herzen lebte nur der eine Gedanke: O, hätteſt du eine Tochter, dieſer Edeln gleich, die hier von allen höchſten Pflichten ganz erfüllt und durchdrungen an deinem Lager kniet! Eine heldenmüthige Spanierin, eine keuſche Gattin, welch ein Glück, der Vater einer ſolchen Tochter zu ſein! Er wollte die Kniende an ſein Herz ziehen, doch ſie wider⸗ ſtrebte ſanft und wandte auch das Haupt verneinend zurück, als der Greis ihr die Hände auflegte und die Worte ſprach: „Segen, Segen! Jeder milde Vaterſegen über Dich!“ Ihre Kräfte zuſammenraffend, ſtand ſie auf und wollte das Kind wieder nehmen und ſich entfernen. In dieſem Augenblicke fühlte ſie ſich von einer fremden Hand heftig berührt; ſie wandte ſich um und der bleiche, irrblickende Alonzo ſtand neben ihr und heftete ſeine rollenden, wahn⸗ ſinnigen Augen auf ſie.„Dunkle Heilige,“ rief er,„gib — 136— mir meine Geliebte, ich laſſe Dich nicht los!“ Erſchreckt bebte ſie zurück und ſtieß einen unwillkürlichen Schrei aus. Der Wahnſinnige wollte ſie feſthalten, ergriff aber nur ih⸗ ren Schleier und riß ihn mit einer heftigen Bewegung her⸗ ab. Der Zufall wollte, daß grade der Schein der Lampe, welche die Kloſterſchweſter auf einen Seſſel geſetzt hatte, ihr ins Geſicht ſtrahlte, als die Schleier fielen. Alonzo rief laut aus:„Du biſt es, Du biſt es!“ und ſtürzte auf ſie zu; ſie aber entfloh ihm, wie außer ſich vor Schrecken, drückte beide Hände vor das gegen ihr Gelübde entſchleierte Antlitz und eilte mit haſtigen Schritten dem Ausgange zu. Der Unglückliche, dem ſchon zuvor nur eine Anſpannung des äußerſten Fieberwahnſinns ſo viel Kräfte verleihen konnte, um ſich von ſeinem Lager zu erheben, taumelte ihr nach. Doch ſchon nach wenigen Schritten ſanken die ermatteten Knie unter ihm ein und er fiel mit dem ſeufzenden Aus⸗ ruf:„Du biſt es!“ auf den Boden des Gewölbes nieder. Die barmherzige Schweſter eilte ihm zu Hülfe; doch es war zu ſpät, das Leben war von ſeiner bleichen Lippe entflohn. Aber Vallardos war von dem Vorfall im Tiefſten ſei⸗ ner Bruſt erſchüttert; nach einigen Augenblicken ſchauerli⸗ cher Todesſtille ſprach er finſter:„Ihm iſt wohl, wäre mir doch ebenſo! Ich weiß, was den Unglückſeligen gequält hat! Er liebte ein Mädchen, die zu hoch für ihn ſtand, doch ſie erniedrigte ſich ſo, daß ſie viel zu tief unter ihn ſank! Ja, es kam dahin!“ Trotz der Aufregungen, welche alle dieſe Vorfälle her⸗ beiführen mußten, fühlte er ſich doch wohler, ja gewiſſer⸗ maßen beruhigt. Denn das ſtarre Erz ſeines finſtern Brü⸗ tens war gebrochen und es gab wieder weichere Stellen ſei⸗ — 137— nes Herzens, durch welche die geſegneten Gefühle der Liebe gleich milden Quellen hervorbrachen. Er verlangte das Lager zu verlaſſen, weil er ſich kräf⸗ tig genug dazu fühlte. Nur Eins belaſtete ſein Herz mit ſchweren Gewichten: es war der Gram um das Vaterland: denn leider folgten die niederſchlagenden Nachrichten immer drängender aufeinander. Vallardos verlangte nach ſeinem Freunde Garcia; er war nicht mehr! Er fragte nach die⸗ ſem und jenem tapfern Führer, alle hatte der Tod hin⸗ weggerafft, ſo daß er endlich ſchwieg, um nicht durch jede Frage das Maß der Trauer noch höher zu häufen. Die Feinde bedrängten die Stadt von Stunde zu Stunde härter. Ein Drittheil der Häuſer hatten ſie im furchtbar⸗ ſten Einzelnkampf erobert. Jetzt wurde der ganze Coſſo mit Minen unterhöhlt; noch wenige Tage und dieſe unter⸗ irdiſchen Arbeiten des Verderbens waren vollendet. Dann ſtand die Stadt auf einem Krater, der ſich jeden Augen⸗ blick furchtbar zu entladen und Alles in Flammen, Schutt und Aſche zu begraben drohte. Sechzehntauſend Bomben waren auf die Stadt gefallen, vierzigtauſend Spanier hatten ihr Leben für die heilige Sache geopfert, zwanzigtauſend lagen an Wunden und tödtlichen Fiebern darnieder, in verpeſteten Keller⸗ und Mauerhöhlen zuſammengehäuft, ſechstauſend Leichen bedeckten Straßen und Plätze, weil der Raum zur Beerdigung fehite!! Dazu dieſen unterirdiſchen, gähnenden Schlund des Ver⸗ derbens! Es war dahin gekommen, daß längerer Muth zur Vertheidigung nur noch Frevel am Elend wurde, und ſelbſt der eherne Palafor ſtimmte düſter in den Rath Der⸗ jenigen ein, die ihr Geſchick der Großmuth des Feindes übergeben wollten, der, ſelbſt tapfer, ſo hohe Tapferkeit a ch⸗ ten mußte, wenn er nicht Verachtung verdienen wollte. — 438— So ſtanden die Verhältniſſe. Deshalb beſchloß Vallar⸗ dos, am nächſten Tage das Kloſter zu verlaſſen und die letzten Schickſale ſeiner Vaterlandsgenoſſen zu theilen, wozu er ſich, obgleich durch die Wunde geſchwächt, doch kräftig genug fühlte. Ein Schlummer von mehren Stunden ſtärkte ihn vol⸗ lends. Mit dem anbrechenden Tage erhob er ſich vom La⸗ ger und ſchickte ſich, mit noch verbundenem Haupte, an, es den Gefahren des Kampfes auf's neue preiszugeben. Er fragte die pflegende Schweſter nach der Unbekann⸗ ten. Dieſe erwiderte nicht ohne einige Betroffenheit, die⸗ ſelbe habe noch geſtern in der Nacht das Kloſter heimlich verlaſſen und ſei bis jetzt noch nicht zurückgekehrt. Dieſen Brief habe man, augenſcheinlich für Vallardos beſtimmt, gefunden. Dabei reichte ſie ihm ein verſiegeltes Blatt. Es führte die Aufſchrift:„Meinem großmüthigen Wohlthäter!“ Vallardos öffnete und las mit Staunen:„Mein un⸗ glückliches Kind durfte nur eine Mutter haben, ſo lange es keinen Vater hatte; es hat dieſen gefunden, ſo muß es die Mutter verlieren. Mit verblutendem Schmerz reißt ſie ſich los, doch ihr Weg iſt ein anderer! O liebt, liebt das arme, unglückliche Kind!“ Eine Thräne drängte ſich in das Auge des Greiſes und benetzte die ſichtlich mit bebender Hand geſchriebenen Worte. Er wandte ſich zu der Pflegerin:„Ich bin ein Mann, mich fodert der Krieg, was kann ich für das hülfloſe kleine We⸗ ſen thun? Ihr, fromme Schweſter, müßt mir zu Hülfe kommen. Ich laſſe Euch Gold zurück, es gilt freilich jetzt wenig in dieſen Mauern, wo ein edleres Metall, das koſt⸗ bare Blut der Spanier, ſo verſchwenderiſch gemünzt wird; doch noch wenige Tage und es wird wieder gelten, mehr als jemals zuvor. Ich muß das Kloſter verlaſſen; gebt mir — 4139— einen ſichern Begleiter mit, ſo werde ich Euch ſogleich tau⸗ ſend Dublonen ſenden, zur erſten Sicherſtellung der Zukunft dieſes Kindes, wenn der Tod mich hinwegraffte, bevor ich weiter ſorgen kann. Denn jetzt muß man jeden Augenblick auf den letzten gefaßt ſein.“ Vallardos ging; ein alter Sepulchrinermönch geleitete ihn nach ſeiner Wohnung und nahm die vorläufig für das Kind beſtimmte Summe mit zurück ins Kloſter. Er aber war entſchloſſen, auf's neue die Arbeit ſeiner Gefährten zu theilen. Vierzehntes Capitel. Es war eine rauhe Februarnacht geweſen, die ſelbſt das ſüdliche Klima des ſchönen Spaniens nicht mildern konnte. Kaum brach der Tag an und ein röthlicher Streifen zeigte ſich am Himmel hinter den mit Obſtbäumen bedeckten Hö⸗ hen, die ſich jenſeit des Ebro hinzogen. Saragoſſa ſtand finſter, grau, von Nebeln umwölkt, in der noch tief um⸗ ſchattenden Morgendämmerung da. Der Anblick machte keinen Eindruck, denn man war es ſo gewohnt, Staub⸗ und Rauchwolken um die Dächer und Kirchthürme der Stadt ziehn zu ſehn, daß jetzt die gelagerten Nebel eben⸗ falls dafür gelten konnten. In ſeinen Mantel gehüllt, die — uo— ſtaben und Kreiſe in den Sand, während neben ihm ein helles Feuer unter dem Keſſel loderte. „Guten Morgen, mein Capitain!“ ließ ſich eine Stimme vernohrnen. Es war Verginois, der St. Val anredete; die⸗ ſer fuhr wie aus tiefen Träumen auf.„Was gibt'’s?“ „Hm! Eben nichts Neues!“ erwiderte Verginois.„Ich ſehe nur zu, wie Ihr dort auf den Erdboden ſchreibt, im⸗ mer ein großes E, immer wieder, das iſt ſo in Eurer Art!“ „Es müßte des Teufels Art ſein, wenn's anders wäre,“ erwiderte St. Val und legte die Hand an die gefurchte Stirn.„Seit dem Anblick von vorgeſtern, wo der finſtere Graukopf plötzlich wie aus der Erde gewachſen vor mir ſtand, kann ich keinen andern Gedanken mehr haben, als ihn und ſie— und ſie— und immer nur ſie!“ „Ich dächte, mein Capitain,“ erwiderte Verginois,„Ihr hättet zuvor auch eben nicht viel andere Gedanken gehabt! Aber es iſt wahr! Wir Franzoſen haben ein zu treues Herz! Ich kann die kleine Sanchetta auch noch nicht ver⸗ geſſen.“ „Wohin ſie nur geflüchtet ſein mag,“ ſprach St. Val halb mit ſich ſelbſt, halb zu Verginois und unterbrach deſ⸗ ſen muntern Redefluß;„alle meine Erkundigungen vergeb⸗ lich, keine Spur von ihr zu entdecken!“ „Ja ja, es iſt ſeltſam genug,“ fiel Verginois ein,„die Sennora und die kleine Sanchetta, alle Beide ſind ver⸗ ſchwunden! Und wenn man nur wüßte, weshalb ſie uns nicht nachgekommen ſind, wenn ſie ſich vor ihren Landsleu⸗ ten ſo gewaltig zu fürchten haben, weil ſie ein wenig ſchön mit uns thaten! Ich dächte—“ Ein finſterer Blick St. Val's machte dem Geſchwätz erginois ein Ende; doch was er nicht ſagte, dachte er und träl erte ſich dabei die Marſeillaiſe. — 141— „Vaterfluch hat ſie getroffen! Der Fluch ihres Landes laſtet auf ihr!“ ſprach St. Val, der aufgeſtanden war und einſam auf⸗ und niederging.„Ich hatte ſo lange gezwei⸗ felt! Jetzt, ſeit ich den ergrimmten Greis vor mir geſehn, weiß ich, daß es Wahrheit iſt! O, wer weiß, in welcher tiefen Kloſtergruft die Unſelige begraben iſt, um eine Mi⸗ nute zu ſchwacher Liebe abzubüßen! Um es unter ewigen Folterqualen zu bereuen, daß ſie einen Augenblick ganz ein i Weib war, ganz liebte, mit unbegrenztem Vertrauen ſich dem Geliebten hingab! O, ich war ein Ungeheuer, daß ich in dem Augenblick als ein elender Schwächling unterlag, wo ſie ſich ſo groß unterwarf und blind glaubte!“ „Teufel, mein Capitain!“ unterbrach ihn Verginois her⸗ beieilend,„habt Ihr gehört?“ „Die zwei Schüſſe? Iſt dieſe Muſik Dir neu?“ „Pah! Ich weiß ſie freilich auswendig! Aber das Stück ſpielt bei unſerm Poſten drüben an der Garten⸗ mauer!“ „Nun, was wird's ſein! Irgend ein vorwitziger Spa⸗ nier, der ſich unterm Schutz der Dämmerung aus oder in die Feſtung ſchleichen möchte, wie es täglich geſchieht.“ „Wenn er nur nicht wieder entwiſcht, wie vor acht Ta⸗ gen, als ich den Vorpoſten commandirte. Es war ein Streich zum Raſendwerden!“ „Diesmal wird vielleicht ein geſchickterer Commandeur auf dem Platze ſein,“ ſprach St. Val lächelnd. „ Ach, ſpottet nur, Capitain!“ erwiderte Verginois. „Ihr wißt ſelbſt recht gut, Glück gehört zu Allem. Iſt der Spitzbube heut ſo flink wie der von damals, verſteht er es ebenſo, ſich auf der Erde wegzudrücken und hinter einem welken Grashalm zu verſtecken und dann ſchneller als ein Reh über Feld zu laufen, ſo werden ſie ihn ſchwerlich faſ⸗ — n?— ſen. Aber peste! Da bringen ſie Jemand! Wahrhaftig, und, alle Teufel! ich will nicht Verginois heißen, oder es iſt dieſelbe Rothmütze, die mir vor acht Tagen ent⸗ wiſchte.“ „Du ſiehſt nun, wer geſchickter iſt, Verginois,“ ſpot⸗ tete St. Val, der ſich alle Mühe gab, ſeine düſtre Stim⸗ mung wegzuſcherzen. Verginois drehte ſich unwillig um. Drei Mann vom äußerſten Vorpoſten führten einen jun⸗ gen ſpaniſchen Bauer in brauner, kurzer Jacke und Bein⸗ kleidern mit bunten Schnüren beſetzt, eine rothe, netzartige Mütze auf dem Kopfe, heran; er hatte ſich vom Felde hin⸗ ein in die Feſtung ſchleichen wollen, wie es oftmals zu ge⸗ ſchehen pflegte, da die Spanier immer noch Verbindungen außerhalb hatten, theils um die Landleute aufzuwiegeln und zu allerlei Unternehmungen anzureizen, die dem franzöſiſchen Lager Abbruch thun ſollten, theils um zu erfahren, ob ſich kein glückliches Ereigniß zugetragen habe, das ihnen Hoff⸗ nung auf Entſatz gewähren könnte. Je näher der Gefangene kam, deſto ſicherer wurde Ver⸗ ginois, daß es derſelbe ſei, der ihm vor acht Tagen ent⸗ ſchlüpfte.„Wart!“ rief er,„diesmal haben wir Dich feſt! Laß ſehn, ob Du Dich vor ſechs Gewehrläufen unſichtbar machen kannſt, wenn Viſir und Korn Dir auf der Bruſt ſitzen. Ein junges Blut! Schade faſt! Aber die Spa⸗ nier ſind ein zu tückiſches Geſchlecht, man muß ſie vertil⸗ gen wie die Rabenbrut!“ Der junge Menſch wurde näher geführt; er ging zwar feſten Schrittes, aber tief geſenkten Hauptes, ſo daß man ſein Angeſicht nicht recht ſehen konnte. Doch bemerkte Ver⸗ ginois, als er ganz nahe war, daß ihm Thränen über die Wangen rollten, und dieſer Anblick rührte ihn faſt, denn der junge Burſch war kaum den Knabenjahren entwachſen — 8 — 143— und man konnte ihm daher dieſes Zeichen der Angſt und des Verzagens wol verzeihen. Jetzt ſtand der Gefangene vor dem Capitain; dieſer fragte ihn:„Wer biſt Du? In welcher Abſicht kamſt Du durch die Vorpoſten?“ Da der Gefangene ſchwieg und das Haupt immer tiefer ſenkte, hob ihm einer der Solda⸗ ten ziemlich unſanft das Kinn in die Höhe und ſprach rauh: „Seht dem Capitain ins Geſicht! Man muß Den anſehen, der da fragt.“ Kaum aber hatte der Knabe das Antlitz erhoben, als er einen lauten Schrei that; in demſelben Augenblick rief auch Verginois aus:„Teufel, das iſt Sanchetta, oder ich bin behext!“ „Sanchetta!“ rief auch St. Val aus und trat betroffen einen Schritt zurück. Sie war es! Schweigend räumte ſie es ein und ſah nur ängſtlich bittend bald nach dem Ei⸗ nen, bald nach dem Andern. „Sanchetta, Unglückskind, wie kommſt Du hieher, was willſt Du hier?“ rief Verginois und vergaß vorlaut ſeine Dienſtpflicht. St. Val hatte inzwiſchen einen Entſchluß gefaßt und ſprach zu den Soldaten, die den Gefangenen gebracht hat⸗ ten:„Geht zurück; ich werde das Weitere in dieſer Sache verfügen. Verginois mag bleiben!“ Als die Soldaten fort waren, that St. Val dieſelben Fragen, wie zuvor Vergi⸗ nois, an Sanchetta.„Ach, Sennor,“ erwiderte ſie halb weinend,„laßt mich doch zuruͤck in die Stadt! Ich habe wahrlich nichts Feindſeliges unternommen, Alles, was ich that, geſchah aus Liebe zu meiner Gebieterin, Donna El⸗ vira“— „Elvira!“ rief St. Val,„alſo lebt ſie— und wo? O, entdecke mir!“ * 8 — 11— „O, Sennor,“ bat Sanchetta,„fodert mich nicht auf, zu reden; ich habe einen Eid geleiſtet, den Aufenthalt mei⸗ ner unglücklichen Gebieterin nie zu verrathen, nichts von ihrem Schickſal zu entdecken—“ „Iſt ſie unglücklich, Sanchetta, nur das ſage mir!“ Ein Blick gen Himmel und die vollen Thräuen, die dem Mädchen ins Auge traten, waren eine hinlängliche Antwort. „Du willſt in die Stadt! In dieſe Höhle des Ent⸗ ſetzens und des Elends; ſage mir, ich beſchwöre Dich, iſt Elvira dort oder kommſt Du jetzt von ihr, um ihren Va⸗ ter aufzuſuchen?“ „Ihren Vater!“ rief Sanchetta,„iſt er in Saragoſſa?“ „Du weißt es nicht?“ fragte St. Val erſtaunt. Er blieb einige Augenblicke ſtill.„Kannſt Du mir nichts über Elvira's Schickſal ſagen?“ nahm er das Wort wieder auf; doch Sanchetta ſchwieg abermals, allein ihre Züge drückten einen heftigen innern Kampf aus, endlich bat ſie von neuem: „Ach, Sennor, ſeid edelmüthig, laßt mich in die Stadt, es iſt der größte Dienſt, den Ihr meiner unglückſeligen Gebie⸗ terin erzeigen könnt!“ „Unglückſelig!“ rief St. Val ſchmerzlich.„O, konnte ich es anders erwarten! Du haſt Recht, Sanchetta, Dei⸗ nem Schwur treu zu ſein, und ich habe die Anſprüche auf Vertrauen verloren. Geh', Verginois, begleite ſie auf un⸗ ſern äußerſten Poſten!“ Er wandte ſich ab und ging mit raſchen Schritten hinweg. „Nun, Sanchetta,“ ſprach Verginois,„willſt Du wirk⸗ lich fort, in den brennenden Schutthaufen hinein?“ „Ja, Verginois, ich muß.“ „Sei nicht thöricht! Da drin iſt die Peſt, die Hölle, der Teufel und bald wir auch! Hier im Lager freilich — 145— fehlt's an Mancherlei, aber es läßt ſich doch noch erträglich leben. Bleib' hier!“ Sanchetta ſchüttelte mit dem Kopf. „Ich gehe auf der Stelle zum Capitain und bitte ihn um die Heirathserlaubniß; er ſoll ſich bei Dir für mich ver⸗ bürgen!“ Das Mädchen weinte. Sie hatte um ihrer leichtſinni⸗ gen Liebe willen den Haß aller der Ihrigen auf ſich gela⸗ den, denn ihre Zuſammenkunft mit Verginois in jener Schreckensnacht war entdeckt worden und ſie galt für eine Verrätherin. Jetzt war ſie eine Flüchtige, Verſtoßene, wie Elvira. Seit jener Nacht, wo der Zufall die beiden um⸗ herirrenden Unglücklichen zuſammenführte, hatten ſie ihr Schickſal nicht mehr von einander getrennt. Jetzt lockte ſie die Verſuchung, ach, ſie kehrte mit bebendem Herzen in die grauenvolle Stätte des Todes und Jammers zurück, wo ſie ihre blühenden Tage begraben ſollte! Dennoch, ſie erkämpfte den Sieg über ſich ſelbſt und ſprach ſanft, aber feſt:„Nein, Verginois, es geht nicht, ich darf nicht; das iſt jetzt die Buße meiner Schuld und ſo wird die heilige Jungfrau mir vergeben.“ Verginois ſchwieg nunmehr auch und ging traurig ne⸗ ben ihr her. Sie kamen an die eroberten, zerſtörten Häu⸗ ſer Saragoſſas, wo ſich die Franzoſen verſchanzt hatten; ohne ſein Geleit wäre es unmöglich für Sanchetta geweſen, in die Feſtung zurückzukehren. Er durfte jetzt nur ſagen: „Ich führe Dich nicht weiter!“ ſo war Sanchetta gezwun⸗ gen, zu bleiben; doch er hatte den Stolz der Pflicht, ſei⸗ nes Hauptmanns Gebot zu vollführen und dann fühlte er wohl, daß in Sanchetta's Entſchluß eine Größe lag, die er achten mußte. Sie kletterten über Schutthaufen, Mauer⸗ trümmer, verbrannte Gebeine und Leichen hinweg, mußten Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. VI. 7 — 146— an Schanzen und Kanonen vorbei, mitten durch das Ge⸗ tümmel des Kriegs hindurch. Doch Verginois' raſche, feſte Antwort auf jeden Anruf:„Ich habe Auftrag, dieſen jun⸗ gen Menſchen an die ſpaniſchen Vorpoſten zu führen,“ da⸗ zu ſein kriegeriſch entſchloſſenes, finſteres Geſicht und das Kreuz der Ehrenlegion auf der Bruſt machten ihnen überall Bahn. So kamen ſie bis an den Coſſo. Hier ſtanden ſich die erbitterten Kämpfer oft ſo nahe gegenüber, daß Jeder das Weiße im Auge des Gegners erblicken konnte; während der Pauſen des Gefechts maßen ſie einander mit ſtolzen Blicken. Als Sanchetta die ſpaniſche Uniform ſo nahe ſah, winkte ſie und rief einige ſpaniſche Worte hinüber. Sofort hieß man ſie näher treten. Sie wandte ſich zu Verginois zurück und ſagte leiſe, indem ſie halb ſcheu die Hand ein wenig erhob, um ſie ihm zum Abſchiede zu reichen:„Lebt wohl!“ Verginois nahm die Hand, drückte ſie ans Herz und ſprach: „Sanchetta! Weiß Gott, Du biſt ein braves Mädchen! Du ſollteſt eine Franzöſin ſein. Leb' wohl! Vorwärts, marſch!“ So commandirte er rauh, um ſeine Rührung zu ver⸗ bergen, wandte ſich dann ſchnell um und ging ins Lager zurück, ohne ihr auch nur mit einem Blick nachzuſehn. Sanchetta war nach wenigen Minuten bei den befreundeten Ihrigen in Sicherheit, ſoweit die am Abgrund des Unter⸗ gangs hängende Stadt dieſe überhaupt gewähren konnte. Verginois hatte St. Val's Feldwacht noch nicht wieder erreicht, als plötzlich von allen Seiten her Trommelwirbel hörbar wurden.„Parbleu! Generalmarſch!“ rief er ſtutzig. „Was ſoll das bedeuten? Gewiß gibt es eine Hauptaffaire! Eile denn, daß du an deinen Poſten kommſt.“ Das ganze Lager wurde lebendig. Es war ein großer — 147— Sturm gegen die Hauptgebäude des Coſſo befohlen. Die Truppen wurden verſammelt. Compagnien traten anz Ad⸗ jutanten ſprengten hin und her, die Trommeln wirbelten, die Kriegsmuſik ließ ſich hören. Die Batterien eröffneten ſchon das vorbereitende Feuer, um den Feind zu erſchüttern. Donner brüllte durch die Lüfte, Rauchwolken zogen über das Feld. Verginois fand die Compagnie ſchon verſammelt und St. Val an ihrer Spitze. Er hatte eben nur noch Zeit, ſich den Torniſter von einem Kameraden auf den Rücken werfen zu laſſen und an ſeinen Poſten zu treten.„Ge⸗ wehr auf! Marſch!“ befahl St. Val und marſchirte unter Trommel⸗ und Pfeifenklang ab, um ſich dem Regiment, das zum Sturm beordert war, anzuſchließen. Funkzehntes Capitel. Sanchetta hatte das Innere der Stadt glücklich erreicht. Das arme Mädchen glaubte die Kämpfe mit ihrem Herzen längſt überſtanden und in der langen Buße ihre Schuld geſühnt zu haben; jetzt lehrte ſie die Erfahrung, wie nahe ſie einem Rückfall ſtand. Doch hatte ſich die Gnade ihrer beſchützenden Heiligen wunderbar an ihr bewährt; denn nur der göttlichen Fügung und Hülfe konnte ſie es zuſchreiben, daß ſie ihr gefährliches Wagſtück, die Stadt heimlich zu verlaſſen und wieder dahin zurückzukehren, nicht, wie viele Andere, mit dem Tode gebüßt hatte. Und vielleicht würde noch ein ſchlimmeres Schickſal ſie getroffen haben, wenn ſie, als verkleidetes Mädchen, in andere Hände als die St. 7* à 148— Val's gefallen wäre. In dieſem Gefühl der Dankbarkeit war ihr erſter Weg der in die Kirche der heiligen Jung— frau vom Pfeiler, la nuestra Sennora del Pilar, wie ſie der Spanier nennt, der die erſte Rettung Saragoſſas haupt⸗ ſächlich der wunderthätigen Beſchirmung dieſes Heiligenbil⸗ des zuſchrieb.. Als ſie ſich der Kirche näherte, ſah ſie ſchon vor der⸗ ſelben, wie ſtets in dieſer Zeit, eine Schar von Frommen verſammelt, die ſich drängten, um vor dem Heiligenbilde ihre Andacht zu verrichten und deſſen Hülfe und Schutz in irgend einer ſchrecklichen Noth, wie ſie in dieſer Zeit Jeden bedrohte, anzuflehen. Denn Dem lag ein Bruder, ein Va⸗ Al ter an ſchweren Wunden und ſchleichenden Fiebern darnie⸗ der, deſſen Rettung er nur noch von der heiligen Jungfrau hoffen konnte; jene Braut flehte für den Bräutigam, der dieſen Tag die Wache auf dem gefährlichſten Poſten hatte, wo von Zehn oft kaum Einer wiederkehrte; dieſe Mutter wollte das Haupt ihrer Söhne im Kampf von der Allgna⸗ denreichen geſchirmt wiſſen. Und Alle flehten ſie für die Erhaltung der Stadt, um Schutz vor der Wuth des Fein⸗ des, wenn keine menſchliche Kraft ihr mehr Grenzen ſetzen konnte, um Rettung vor den Greueln einer Plünderung und Niederbrennung der noch bewohnten Räume. Hunderte von Jungfrauen, Kindern und Greiſen lagen ſich die Knie wund auf den Stufen vor der Kirche, auf dem Steinboden in derſelben, um durch brünſtige Gebete und Gelübde dieſes entſetzliche Aeußerſte abzuwenden. Die Edleren, die weniger an ſich ſelbſt dachten, ſandten auch ihre Bitte um die Herſtellung des kranken Helden Pa⸗ lafor gen Himmel, der von Fieberſchauern abgezehrt, matt und entkräftet, daß er kaum eine Hand bewegen konnte, doch noch den kühnen Trotz gegen den Feind in der Seele — — 149— feſthielt und von keinem Leiden ſo gebeugt wurde, als von dem, daß er ſah, es wäre fruchtlos, längern Widerſtand zu leiſten, ja, es wäre frevelhaft, da auch nicht der ent⸗ fernteſte Schein der Hoffnung dazu auffoderte. Sanchetta miſchte ſich unter die gedrängten Gläubigen. Mit Mühe erreichte ſie das Portal der Kirche und fand ſich nun in den hohen dunkeln Wölbungen, die das heilige Bild bewahrten. Auf einer koſtbaren Jaspisſäule ſtand es im Hintergrunde des Schiffes in dämmernd beleuchteter Ka⸗ pelle, umgeben von der höchſten Pracht, dem glänzendſten Reichthum koſtbarer Geſchenke. Geſchmeide, Ketten, Per⸗ len, Demanten, Kleiderſtoffe, Alles hatten fromme Opfernde auf den Altar der Heiligen weihend niedergelegt; und ſelbſt in dieſer Zeit der drängendſten Noth würde keine frevelnde Hand es gewagt haben an dieſe Schätze zu rühren. Hier wollte Sanchetta, ehe ſie irgend etwas Anderes unternahm, die Dankgebete für ihre Rettung darbringen und neuen Troſt und Kraft für die Kämpfe erflehen, die ſie jetzt wiederum im Innerſten ihrer Bruſt und mit dem Drange der Ereigniſſe zu beſtehen hatte. Denn von allen Seiten kreuzten ſich die Schickungen, um jeden Schritt, jede Hoffnung des Lebens mit dem ſchwerſten Druck zu belaſten. Und dieſe, in dumpfer Todesſtille angſtvoll kniende Menge, die ſchon den ſchwarzen Fittig der Vernichtung über ſich ausgebreitet ſah, dieſe in Trümmer ſinkende, rauchende Stadt, dieſe finſteren Züge der kühnſten Männer, auch eine ſtärkere Seele hätte an ſich verzweifelt und ſich dem Troſt des Glaubens, des himmliſchen Schutzes in die Arme ge⸗ worfen. Im brünſtigen Gebet kniete Sanchetta an den Stufen der Kapelle. Ihr Blick war fromm auf die Madonna ge⸗ richtet; ſie bemerkte nicht, was um ſie her vorging. Ver⸗ — 150— dunkelnde Thränen füllten ihr das Auge und rieſelten auf die gefalteten Hände nieder; es überkam ſie eine Angſt, eine Beklemmung, als ſolle ſich hier der Kampf des Le— bens entſcheiden. Endlich ertrug ſie es nicht länger, ſie mußte hinaus ins Freie; haſtig ſtand ſie auf. Da ſah ſie zur Seite eine ganz in Trauerflor gehüllte weibliche Geſtalt ſich erheben; der Anblick überraſchte ſie, ſie blieb ſtehen, die Fremde wandte ſich zu ihr um, es war Elvira. Nur die Heiligkeit des Ortes und die tiefe Stille der Betenden rings⸗ um vermochten es, den gegenſeitigen Ausruf der Freude und des Erſtaunens, als Beide einander erkannten, zu dämpfen. Doch ſchloſſen ſie ſich, von unwiderſtehlichen Ge⸗ fühlen angetrieben, feſt in die Arme und ihre ſtrömenden Thränen miſchten ſich. Das Volk umher mochte ſie für ein Geſchwiſterpaar halten; daß die Kleidung einen ſchein⸗ baren Unterſchied der Geſchlechter erzeugte, hatte in dieſem Augenblick Keine zu bedenken vermocht.„Ach, Sanchetta,“ flüſterte Elvira,„was habe ich Dir zu berichten!“—„Und ich, Sennora, aber laſſen Sie uns aus dem Gedränge eilen.“ Sie kämpften ſich durch die Menge aus der Kirche bis zu einem freieren Platze. Hier rief Elvira, als wälze ſich damit eine ſchwere Laſt von ihrer Bruſt:„Sanchetta, ich habe meinen Vater geſehen, er hat mich unerkannt geſeg⸗ net und mein Kind zum Erben ſeines Namens gemacht!“ Nach dieſen Worten ſank ſie der treuen Gefährtin erſchöpft in die Arme und konnte ſich nicht faſſen in ihren Thränen. Sanchetta wollte ihr eben erzählen, was ihr begegnet ſei, als ein plötzlicher Donner die Lüfte erſchütterte, daß der Boden dröhnend nachbebte. Die Frauen fuhren empor, ringsum malte ſich der Schrecken und das Staunen in den Zügen Aller, die man auf der Straße erblickte. Es waren — 151— die Donner der franzöſiſchen Batterien, die auf Befehl des Marſchalls Lannes nach einem verabredeten Zeichen gleichzei⸗ tig ihre Eiſen⸗ und Feuermaſſen auf die Stadt ſchleuderten, um den großen Sturm vorzubereiten und zu unterſtützen, der gegen den Coſſo unternommen werden ſollte. Elvira fuhr empor, als dieſes Krachen ihr Ohr traf, aber es war nicht die Furcht, die ſie aufſchreckte, ſondern ein anderes, erhebendes Gefühl:„Sanchetta,“ rief ſie,„was Du mir auch berichten möchteſt, jetzt hab' ich nicht Zeit, Dich zu vernehmen. Auf, folge mir; jetzt rufen andere Pflichten, ich muß eilen, bevor es zu ſpät wird, ſie zu erfüllen.“ Mit dieſen Worten ergriff ſie Sanchetta's Hand und zog ſie mit ſich fort durch die Gaſſen der Stadt. Die Bewohner Saragoſſas waren zwar ſeit zwei Mon⸗ den jede Minute auf Tod und Untergang alles des Ihrigen gefaßt, doch wenn der Kampf einen ſo gewaltigen Anlauf nahm, wie eben jetzt, dann ſpannten ſich auch ihre Kräfte zu neuen außergewöhnlichen Anſtrengungen an. So ſtürz⸗ ten ſie auch jetzt von allen Seiten aus den Häuſern zuſam⸗ men und ringsumher erſchallte der Ruf:„Zu den Waffen.“ Die Führer, ſowol die höhern Offiziere, als diejenigen Män⸗ ner, welche ein beſonderes Vertrauen genoſſen, ſammelten und ordneten die Scharen und vertheilten ſie auf die wich⸗ tigſten Punkte. Die Fieberkranken ſchleppten ſich auf die Wälle und an die Poſten, wo zwar die Schlacht nicht tobte, aber doch Wachen nothwendig waren, und löſten dort ihre geſunden Waffengefährten ab, damit ſie ins Gefecht gehen könnten. Sitzend zu Dreien und zu Vieren, falls Einen die Ermattung überwältigte, warteten ſie dieſes Dienſtes und Mancher ſtarb, von Erſchöpfung hinweggerafft, den letzten Athemzug und Blick des Auges dem Vaterlande weihend. 4 Es war die letzte großartige Anſtrengung aller gemein⸗ ſamen Kräfte; wie es ſich auch Jeder verbarg, ſo hatte doch Jeder das Gefühl, es ſei nunmehr ein Vergebliches, woran man Leben und Blut ſetzte. Doch würdig zu fallen, erhebt die Seele heldenmüthiger Naturen noch in edlerer Weiſe, als der Gedanke, mit Glanz zu ſiegen. Darum ſah man die ſtolzen, ernſten Geſtalten der Spanier, mit dem Strahl einer höheren Weihe im Auge, zum Kampfe herbeieilen. Vor Palafox' Hauſe, wo er im düſtern Keller krank lag und von Sehnſucht gequält wurde, die Kämpfe der Seinigen zu theilen, hatte ſich eine dichte Schar geſam⸗ melt. Einige Offiziere, unter ihnen der tapfere Caballero, und mehrere Volksführer waren hinabgegangen zu dem Kran⸗ ken, um ſeinen letzten Rath zu vernehmen. In der Volks⸗ maſſe herrſchte eine ernſte Todesſtille; nur der immer wech⸗ ſelnde Donner der Kanonen unterbrach ſie mit einzelnen furchtbaren Schlägen. Plötzlich aber hörte man ein dum⸗ pfes Murmeln, das ſich durch die Menge wälzte; es wuchs mächtig und brach endlich in ein lautes Rufen und Jubeln aus, das im unbegreiflichen Gegenſatz zu der früheren Stille und dem ſchweren Ernſt des Moments ſtand. Begierig drängte ſich Alles nach der Gegend hin, wo der Freuden⸗ ruf, ſeit zwei Monden ein ungekannter Laut in dieſer Stadt, erſcholl. Da gewahrte man mitten in der Volksmenge ei⸗ nen gewaffneten Jüngling, ſchwarz gekleidet, ein Barett mit Federn auf dem Haupt, die hohe Stirn durch eine ſchwarze Binde tief bedeckt; er hatte Mühe, ſich durch das Gedränge zu kämpfen. Man umringte ihn jubelnd und rings hörte man verworrene Ausrufungen:„Alvarez iſt erſtanden! Al⸗ varez, der Held der Madonna del Pilar, iſt wieder unter uns! Jetzt werden wir ſiegen, denn ihn trifft keine Kugel kein Schwert! So erſchien er uns in der erſten Belage, — 153— rung und wir ſiegten! Schafft ihm Raum, macht ihm Bahn, er will zu Palafor hinab! Er war ſein guter En⸗ gel! Er ſtand ihm in der Schlacht zur Seite! Gebt Acht, er wird ihn jetzt durch Wunderkraft von ſeiner Krank⸗ heit heilen und ihn geſund vom Lager aufſtehen heißen!“ Unter dieſen Ausrufungen, Betheuerungen und Ver⸗ muthungen, die von allen Seiten ertönten, war der Jüng⸗ ling bis an die Pforte des Hauſes gelangt, wo Palafor lag. Jedem, außer den höchſten Führern, war der Zutritt verſagt; ihm wurde er ſogleich gewährt. Er verſchwand und die erwartungsvolle Menge harrte ungeduldig ſeiner Rückkehr. Da trat einer der obern Offiziere aus dem Hauſe. Er rief:„Spanier, unſer großer Befehlshaber Palafox ge⸗ bietet Euch jetzt zum Kampfe zu eilen. Auf, nach dem Coſſo! Folgt meiner Führung!“ Die Schar, wiewol getäuſcht, folgte dem edeln Führer, der das Zutrauen des Volks faſt in ſo hohem Grade beſaß als Palafox ſelbſt. Er nahm ſeinen Weg gerade nach dem Coſſo, wo ſchon ſeit ſo langer Zeit mit wuthendſter Erbit⸗ terung um jeden Zollbreit Erde gefochten wurde. Hier gab es keinen Quadratſchuh Boden mehr, den nicht ein Spa⸗ nier mit ſeinem Lebensblut bezahlt hätte; alle Monarchen Europas wären nicht reich genug geweſen, dieſen köſtlichen Boden zu bezahlen! 7* — 151— Sechzehntes Capitel. Der Sepulchrinermönch, welcher Vallardos geleitete und dem er nebſt den tauſend Dublonen auch ſeine wichtigſten Papiere zur Verwahrung mitgegeben hatte, war kaum auf dem Rückwege, als das Feuer der franzöſiſchen Batterien begann und Alles zum Kampf ſtrömte. Der alte getreue Nunnez, der in Vallardos' Wohnung zurückgeblieben und vor wenigen Stunden erſt von einer nächtlichen Wache auf einem der gefährlichſten Poſten heimgekehrt war, lag auf einer Strohmatte am Boden und ſchlief. Er hatte ſeinen Herrn nicht zurückkommen hören, aber der Kanonendonner weckte ihn. Jetzt traute er ſeinen Augen kaum, als er den ſo raſch Geneſenen vor ſich und ſchon wieder bereit ſah, die Gefahren der Schlacht zu theilen. Es war nicht viel Zeit zu Erzählungen übrig, denn ſchon ſtrömten die Bürger von allen Seiten zuſammen; doch erfragte Nunnez, indem Beide ſich waffneten und rüſteten, wenigſtens die Hauptumſtände und Ereigniſſe der verwichenen Nacht. Als ſie die Gaſſe erreichten, zog der Strom der Menge ſie mit ſich fort; bald befanden ſie ſich am Coſſo. Hier tobte ein furchtbares Handgemenge; wie wenige Tage zuvor war das Schlachtfeld zwiſchen Flammen und ſtürzenden Trümmern. Die Franzoſen waren mit geſchloſſenen Rei⸗ hen unter Trommelſchlag bis dicht an den Coſſo gerückt und von hier aus liefen ſie Sturm auf alle Wälle und befeſtig⸗ ten Häuſer, die den Naum vertheidigten. Ein weißes Haus an einer Ecke war der Schauplatz des erbittertſten Kam⸗ pfes. Es zählte vier Stockwerke; das unterſte hatten die Franzoſen erobert; im zweiten rangen ſie Mann an Mann 27 mit den Spaniern, die es vertheidigten. Im dritten und vierten waren dieſe noch Herren und ſchoſſen aus den Fen⸗ ſtern und vom Dache auf die unten Andringenden, oder warfen auf die im untern Geſchoß befindlichen Feinde Hand⸗ granaten durch Löcher, die ſie mit Aexten in den Fußboden hieben, hinab.„Dorthin!“ rief Vallardos und deutete auf das Haus,„wir müſſen unſere Brüder wieder befreien!“ Mit dieſen Worten warf er ſich, von Nunnez und et⸗ lichen Wenigen gefolgt, in das dichte Getümmel der Fran⸗ zoſen, welche die untern Seiten des Hauſes umdrängten. Das heroiſche Vorbild gab andern Spaniern, die hier die Uebermacht für zu groß gehalten hatten, neuen Muth und auch ſie fielen in die Maſſen ein. Es entſtand ein mörde⸗ riſcher Kampf, wo der Einzelne den Einzelnen mit Ingrimm und Wuth zu vernichten ſtrebte. Jedes Gewehr wurde nur einmal abgefeuert, denn zum Laden war nicht Zeit; als⸗ dann diente es mit dem Bajonet oder Kolben. Dennoch umwirbelte ein dichter Rauch und Staub die Kämpfenden, welche der Wind von den rings in Brand ſtehenden Häu⸗ ſern und den eingeſtürzten Trümmern und Aſchenhaufen herübertrieb. Die brennenden Häuſer, von deren mit Theer beſtrichenen Wänden ſich ein dicker, erſtickender Qualm über die Fechtenden wälzte, waren von den Spaniern ſelbſt in Flammen geſetzt, weil ſie die Gebäude, die ſie den Fran⸗ zoſen überlaſſen mußten, vernichten wollten. An drei an⸗ dern Stellen dicht dabei wurde mit Schießwaffen gekämpft und einzelne Schüſſe aus den obern Stockwerken fielen in dieſe Maſſen und trafen Freund und Feind gleichzeitig. Der Greis Vallardos fühlte ſich von Jugendkraft durch⸗ glüht; es war ihm dadurch, daß er nach ſeinem Tode für ein edles Weſen Sorge getragen hatte, wie zu einem Glück geworden, zu fallen; denn aus ſeinem Dahinſcheiden blühte ja nur Segen für Andere auf! Deshalb warf er ſich mit Jünglingsmuth und Kraft in die Feinde und wohin er drang, wichen ſie vor ihm. Doch plötzlich rückte eine andere franzöſiſche Schar, von einem Offizier geführt, heran. Die⸗ ſer ſtürmte wild, wie ein ergrimmter Löwe in den Kampf; ſein geſchwungener Säbel fällte wie ein zuckender Blitz mit jedem Hieb einen Spanier; die Maſſen drängten nach, die Aragonier wankten, wichen! Vallardos, außer ſich geſetzt, denn faſt war die Befreiung der Brüder ſchon erreicht ge⸗ weſen, ſtellte ſich an die Mauer neben den Eingang des weißen Hauſes und rief:„Hier iſt mein Grab, Aragonier!“ „Und meines,“ fiel der tapfere Nunnez ein und trat neben ihn; noch eine kleine Schar ähnlich Begeiſterter, bereit, jetzt zu fallen, ſchloß ſich ihnen an. Die Franzoſen drangen mit der Uebermacht vor; die Spanier waren verloren. Da erſcholl plötzlich ein Jubelgeſchrei:„Alvarez! Alvarez! Der Held der Madonna! Sieg, Sieg!“ Der Feind ſtutzte ei⸗ nen Augenblick und Vallardos gewann Zeit, einen Blick nach der Gegend, woher der Ruf kam, zu wenden. Da ſah er jenen Heldenjüngling, ganz in ſchwarzer Kleidung vom ſpaniſchen Mantel umwallt, mit entblößtem, lockigem Haupt, die Stirn, als ſei ſie verwundet, mit einer breiten Binde gedeckt, den Scharen voranſchreiten. In der Linken ſchwang er eine weiße Fahne mit dem Bilde der Madonna del Pilar, in der Rechten ein gehobenes Schwert; dem En⸗ gel Michael gleich ſtürmte er daher. Jetzt trieb der Wind eine ſchwarze Rauchwolke über ihn; er war dem Blick ent⸗ ſchwunden, doch hoch über dem wirbelnden Gewölk flatterte das wehende Banner. Als führe er nur zum Siege, nicht zum Tode, ſtürz⸗ ten ſich die Spanier begeiſtert ihm nach und in einem Au⸗ genblick war das Schickſal des Kampfes gewendet. — 155— Auch Vallardos hatte neue Kraft aus dieſem Anblick, der in ſeinem flüchtigen Vorübergehen einer Wundererſchei⸗ nung glich, geſchöpft.„Vorwärts!“ rief er und warf ſich dem Bajonettenwald der Feinde entgegen, die auf ihn an⸗ rückten. Er packte Zwei mit übermächtiger Kraft der Begeiſte⸗ rung; in einem Augenblick hatte er die Reihen durchbrochen und war mitten im Getümmel; Nunnez wich keinen Fuß⸗ breit von ſeiner Seite. Vallardos kämpfte ſich zu dem Of⸗ fizier hinan, der auf den Eingang des Hauſes eindrang, er⸗ reichte ihn halb ſeitwärts und führte einen gewaltigen Hieb nach ihm, der das Haupt des Feindes traf, daß ihm der Federhut herabſtürzte. Da wandte ſich der Getroffene ſchnell um gegen den neuen Gegner und St. Val ſtand vor Val⸗ lardos!„Fort, ich will gegen Euch nicht fechten!“ rief er und ſprang zwei Schritt zurück.„Ich aber gegen Euch!“ brach Vallardos entflammt aus und ſchwang den blitzenden Stahl hoch in der Rechten. „Nun denn,“ rief St. Val,„ſo vertheidigt Euer Haupt, jetz gilt mir Alles gleich!“ Und entſchloſſen ſprang er auf ihn ein, um ihn zu entwaffnen. Es gelang ſeiner ſchnel⸗ len Jugendkraft, das Handgelenk des Greiſes zu faſſen und jetzt wäre Vallardos verloren, er wäre St. Val's Gefange⸗ ner geweſen, hätte nicht Nunnez, ſchnell hinzuſpringend, die⸗ ſen im Nacken gepackt. Doch auch für St. Val war ein Retter nahe, Verginois, der wie ein Pfeil herzuſprang und mit ſicherem Bajonetſtoß Nunnez' Bruſt traf, daß er zu⸗ rücktaumelnd auf den Boden ſank. Vallardos hatte den Augenblick genutzt und ſeinen Dolch aus dem Gürtel geriſ⸗ ſen, um ihn St. Val ins Herz zu ſtoßen; doch dieſer, der die kaltblütige Entſchloſſenheit im wildeſten Kampfe nicht verlor, hatte auch jede Bewegung ſeines Gegners mit ſicherem — 15è8— Blick verfolgt und wich dem Stoße aus. Verginois aber, der nur die Gefahr, nicht die Rettung ſeines Capitains ſah, rannte im vollen Anlauf mit dem Bajonet gegen Vallardos an. Da tönte ein lauter Schrei und zugleich mit ihm traf ein Schwertſchlag, wie ein Blitz Verginois“ Haupt, daß er niedergeſchmettert zu Boden ſank und wie ein rächender To⸗ desengel ſtand der wunderbare Jüngling mitten unter den Kämpfenden und ſchützte den Greis mit ſeiner Bruſt. Als St. Val den treuſten Gefährten fallen ſah, ergriff ihn Wuth und Schmerz; mit geſchwungenem Säbel ſtürzte er auf den Heldenjüngling ein, entriß ihm mit der Linken die Fahne, ſchlug ihm das Schwert ſplitternd aus der Hand, als habe er es mit einer Cyklopenkeule getroffen, und rannte ihn dann durchbohrend nieder, daß der Strahl des Pur⸗ purblutes hoch aus der Bruſt des Getroffenen aufſprützte und er die Waffe nicht zurückzuziehen vermochte. Im Sturz entfiel dem Jüngling das Barett und die Binde des Haup⸗ tes und ein ſchmerzlicher Ausruf entquoll ſeiner Lippe. Kaum hatte St. Val einen Blick auf das enthüllte Antlitz geworfen, als er mit wankenden Knien wie gelähmt und zerſchmettert zurücktaumelte, ſich die Augen mit beiden Hän⸗ den bedeckte und ausrief:„Elvira!“ Ein Blick auf die Geſunkene und der Laut dieſes Na⸗ mens verwandelten den wuthentbrannt wieder andringenden Vallardos, der den Gefallenen rächen wollte, in eine eherne Bildſäule. Erſtarrt, den Leib vorwärts gebeugt, den Dolch in krampfhaft geſchloſſener Hand, Lippen und Wangen geiſter⸗ bleich, ſtand er vor dem ſterbenden Antlitz und wußte nicht, ob das Entſetzen der Wirklichkeit oder ein grauenvoller Traum ihn verſteinerte. In ihrer Erbitterung hatten die Kämpfenden es ſchon * — 159— längſt überhört, daß von beiden Seiten Signale des Waf⸗ fenſtillſtandes gegeben wurden. Noch vor Beginn des Ge⸗ fechts waren nach dem Beſchluß der Junta Parlamentaire ins Lager zum Marſchall Lannes gegangen; und eben jetzt hatte er in ſeinem Zelte die vorläufigen Punkte der Capi⸗ tulation feſtgeſtellt. Der Kampf mußte augenblicklich ge⸗ hemmt werden, denn ſonſt war Saragoſſa verloren, weil die furchtbaren Minen, mit welchen die Franzoſen unter dem Coſſo hindurch die Stadt unterhöhlt hatten, jeden Au⸗ genblick zum Sprengen reif ſein konnten, und dann war es zu ſpät zur Uebergabe. Daher plötzlich das Gebot des Still⸗ ſtandes von beiden Seiten. Ringsum hatte das Gefecht ſchon aufgehört, der Donner der Feuerröhre war verſtummt; nur dieſe wenigen, von den glühendſten Flammen der Lei⸗ denſchaft getriebenen Kämpfer hatten den Friedensruf über⸗ hört und das Geſchick mußte ſie durch eine andere, jeden Le⸗ benspuls feſſelnde Gewalt bändigen. Es war Elvira, die ihre Schuld an Vaterland und Ehre ſo geſühnt hatte. Schrecken, Mitleid, Kummer hatte die Menge von allen Seiten herangeführt; man hob die blutende Bewußtloſe empor und trug ſie mit den andern auf dieſer Stelle Gefallenen, in denen ſich noch Lebensſpu⸗ ren regten, in die nächſte Kirche, damit ſie noch das Sa⸗ krament empfingen. Vallardos folgte, St. Val ſchwankte nach; ſein Fuß ſtrauchelte; es war Verginois, an den er ſtieß. Der getreue Kamerad blickte noch einmal zu dem Führer auf, dann brach ſein Auge; er hauchte die Worte:„Lebt wohl, Capitain— Sanchetta!“ und ver⸗ ſuchte ein Taſchenbuch, was er auf der Bruſt unter der Uniform trug, hervorzuziehen, vermochte es aber nicht mehr. St. Val errieth ihn, trotz ſeiner Betäubung, nahm das Taſchenbuch und ſagte:„Dein Vermächtniß, Vergi⸗ — 160— nois?“ Er winkte nur noch mit dem Auge, dann erloſch ſein Blick. St. Val gebot einigen Soldaten, die Leiche fortzutra⸗ gen und wankte dem dunkeln Zuge nach, der Elvira und Nunnez begleitete. Sie wurden in die Kirche gebracht; St. Val drang mit dem Volk ein. Am Altar legte man die Sterbenden auf Matten, ſie empfingen die letzte Oelung. Vallardos war von dunkeln Ahnungen und durch eine mächtige Stimme der Natur, die ſelbſt ſeinen ehernen Zorn bezwang, getrieben, Schritt vor Schritt gefolgt. Jetzt ſtand er finſter vor ihr, deren Auge geſchloſſen war, und St. Val ihm zur Seite. Es mußte ſich in den Zügen Beider das Heiligthum eines unnennbaren Wehs ausſprechen, das ſelbſt die rohe Menge in Ehrfurcht hielt; denn dieſe blieb ſcheu zurück und, obwol St. Val als ein Feind des Vaterlandes kenntlich war, ſo blieben ſeine und Vallardos' ſichtlich furcht⸗ bare Erſchütterung doch jetzt das Einzige, was der Umge⸗ bung Geſetze gab. Die heilige Handlung war vollendet; Elvira athmete noch; auf Nunnez' greiſen Zügen lagerte ſich der Tod. St. Val wagte nicht, die dem Tode Entgegenſchlummernde zu be⸗ rühren; doch in Vallardos' Bruſt hatte Ahnung und Natur jetzt das Eis gebrochen, er nahm die Hand der Sterbenden und ſprach:„Tochter!“ Da zuckte es leiſe auf ihren Lip⸗ pen, ein Lächeln ſchwebte überhin, ſie ſchlug das Auge auf. In des Vaters Blick las ſie ſeine Seele.„Vater, Verge⸗ bung!“ lispelte ſie;„Du haſt mich dieſe Nacht geſegnet, haſt mein Kind geſegnet, ſegne mich jetzt!“ Vallardos wußte nun, wer die Verſchleierte war. Er erkannte Fehl und Buße der Tochter zugleich; eine göttliche Macht hatte ſchon Milde in ſeine Seele geflößt. Er legte die Hand ſegnend — 161— auf das Haupt ſeines Kindes und ſprach:„Scheide ge⸗ tröſtet!“ Jetzt bezwang ſich St. Val nicht länger; er warf ſich der Sterbenden zu Füßen und flehte mit zerknirſchter Seele: „Elvira, vergib mir, ich bin Dein Mörder!“ „Du warſt es an etwas Edlerem als meinem Leben!“ ſprach ſie mühſam.„Jetzt warſt Du mein Erlöſer und voll⸗ zogeſt die Sühne meiner Schuld!“ „Elvira, haſt Du mir vergeben?“ bat St. Val noch einmal. „Ich ſtehe an den Pforten des Todes— ja!“ ſprach ſie und reichte ihm die Hand.„Doch die Schuld will ver⸗ ſöhnt ſein, Dein Sohn iſt ganz ein Spanier; dieſer ſei ſein Vater, nicht Du!“ Sie deutete auf Vallardos und ſank matt zurück. Da drängte ſich eine weibliche Geſtalt durch die Menge und Sanchetta lag mit weinendem Ausruf des Schmerzes zu Elvira's Füßen. „Vater, ſorge für ſie!“ hauchte Elvira, ſie iſt rein— treu.“ Hier erſtarb ihr das Wort und der letzte Lebenshauch entfloh ihrer Lippe. Vallardos warf einen furchtbaren Blick auf St. Val, dann fiel ſein Auge auf Elvira; ein heiliges Lächeln ver⸗ klärte ihr Antlitz. Da wurden auch ſeine ehernen Züge weich, eine Thräne drang in ſein trocknes Auge, er reichte St. Val halb abgewendet die Hand und ſprach:„Der Tod verſöhnt, doch unſer Weg geht auseinander!“ So verließ er die Kirche. Sanchetta ſchwankte ihm nach, St. Val hielt ſie zurück, er gab ihr Verginois' Taſchenbuch und ſprach:„Er iſt ge⸗ fallen, das ſein Vermächtniß—. Da ſtürzten Thränen aus den Augen des erſchütter⸗ — 162— ten Mädchens, ſie hüllte ſich tief in ihre Schleier und eilte hinweg. St. Val ſtand einige Augenblicke in ſtarres Sinnen verloren, dann kniete er neben der Leiche nieder, drückte ei⸗ nen Kuß auf Elvira's Stirn und ſchwankte hinaus. Nach wenigen Wochen las man in den franzöſiſchen Ar⸗ meeberichten unter den Gebliebenen den Namen:„Capitain St. Val.“ Miller und Müller. (Eine aus den Akten gezogene Geſchichte.) Erstes Capitel. Es iſt ein Unglück Müller zu heißen! Man hat eigent⸗ lich gar keinen Namen(es ſei denn, daß man Johannes Müller hieße), weil mancher Vorname, z. B. Baltha⸗ ſar, ſeltener iſt, als der unglückliche Müller⸗Geſchlechts⸗ name. Ein Müller(von Namen, nicht von Stand) kann ſich höchſtens getröſtet fühlen, wenn er einem Schmidt oder Schulz begegnet, denen es nicht beſſer ergeht als ihm, wogegen ſich ein Meier oder Mayer wieder an jenen auf⸗ richten kann, weil ſie noch etwas ſchlechter vom Schickſal bedacht ſind als er. Iſt es aber ein Unglück, Muller zu heißen, ſo iſt es vollends ein ſehr großes, einen Nachbar zu haben, der ſich Miller nennt(es muß wol ein Vetter oder Verwandter des Stadtmuſikanten aus Kabale und Liebe ſein) und mit dem man ewig verwechſelt wird. Dieſes große Unglück traf nicht ſowol zwei Bürger einer kleinen Stadt in Deutſch⸗ land, als deren Söhne. Der Ort liegt auf der Landkarte genau eine Spanne weit vom Rande und ſo wird ihn Je⸗ der leicht finden, wenn ich ihn auch nicht nenne. Anton Müller, ein Schreiner, wohnte dicht neben ei⸗ nem Krämer Namens Jakob Millerz jeder hatte einen — 166— Sohn und, damit das Elend ganz vollkommen würde, hatte jeder den ſeinigen Auguſt genannt; beide Knaben waren gleichen Alters, gleichen Haares, gleicher Größe an Leibern und ſchlechten Sitten, ſo daß, wenn ſie auch einander nicht täuſchend ähnlich ſahen, doch des Verwechſelns kein Ende war und beide Jungen oft von ihren Vätern mit dem Knie⸗ riemen blos deshalb tüchtig beſalzen wurden, weil ein Be⸗ ſchwerde führender Nachbar nicht wußte, ob Auguſt Mül⸗ ler oder Auguſt Miller ihm den beſagten Schabernack zugefügt habe. Iſt das aber nicht zum Haarausraufen? Inzwiſchen wurden die Auguſte es gewohnt, mit und für einander zu leiden, gewannen ſich aber deshalb nicht eben lieber, ſondern im Gegentheil, rauften ſich zu Zeiten tüch⸗ tig wegen zu großer Gemeinſchaft der Lebensgüter, als Name, Prügel u. ſ. w. Die Sache ſollte aber anders wer⸗ den. Auguſt Müller fühlte das Unglück ſeines Namens ſehr tief, beſonders jedesmal wenn des Vaters Stock dieſe Empfindung aufgeregt hatte. Der Vortheil, den Auguſt Miller in der Welt hatte, durch ſein eines Strichlein und Pünktlein weniger im Namen, ſchien ihm zu über⸗ ſchwänglich.„Sind wir einmal nicht mehr beiſammen,“ dachte er,„er dort, ich hier, ſo iſt ſein Name eine wahre Narität und wie ich heißt Hans und Kunz und wer weiß, ob nicht einmal ein Auguſt Müller irgendwo ſtiehlt und ich an ſeiner Statt gehangen werde! Denn in Akten, hab' ich gehört, wird Alles buchſtäblich genau genommen und Auguſt Miller hat alſo dergleichen nicht zu fürchten. Die Sache ſollte, wie geſagt, anders kommen, aber ſchlimmer! Wie es bei Nachbarsſöhnen und Fürſten geht, ſo war nicht immer Krieg, ſondern öfters beſchloſſen ſie einen ewi⸗ gen Frieden, So hatte eines Tages Auguſt Müller von eln ſeinem Namens⸗Concurrenten einen concedirt — — 167— und nun war die Freundſchaft ſehr groß, ja unguflöslich. Als ſie wie Pylades und Oreſtes mit einander untergefaßt vor's Thor ſchlenderten, trafen ſie auf eine alte braune Bettlerin, die freilich nicht ſchön ausſah, ſondern im Ge⸗ gentheil wie eine halbe Hexe und Zigeunerin. Sie ſprach die Knaben an, doch da ſie nichts zu geben hatten, gingen ſie vorüber. Aber Auguſt Müller, der überhaupt gut⸗ müthig war, fiel es plötzlich ein, daß er einen Kreuzer be⸗ ſitze; er griff in die Taſche und holte ihn heraus. Weil gerade Freundſchaftstag war, gab er ihn an Auguſt Mil⸗ ler und ſprach:„Da, being' ihn der Alten nach.“ Dieſer ſprang hin und verdiente ſich das freundlichſte Gotteslohn, ſagte aber nicht, daß er nur der Ueberbringer, nicht der Geber ſei. Der Letztere hatte inzwiſchen ſeinen vierten Apfel verzehrt und wollte den fünften anbeißen. Da dachte er: „Ei was, du haſt genug, gib ihn an Auguſt Miller.“ „Fang'!“ rief er ihm zu und warf, aber wie Knaben pfle⸗ gen, mehr um ihm das Fangen zu erſchweren, als zu er⸗ leichtern, nämlich mit voller Gewalt. Das Geſchoß ſauſte durch die Lüfte und wie der Speer Achill's über Hektor's Haupt, ſo über Auguſt Millers hinweg, fuhr aber der Alten, die inzwiſchen weiter ſchlich, gerade in den Nacken und ſo heftig, daß die braune Hexenmutter vorn überſtürzte und lang darniederfiel. Auguſt Müller erſchrak und wollte hinzueilen ihr aufzuhelfen. Doch ſie war rüſtiger auf den Fußen, als man geglaubt hätte. Heftig ſprang ſie auf und herum, erhob ihren Stab gegen den herbeilaufenden Kna⸗ ben und ſchrie wüthend:„Du Range! Du Teufelsei! Du Drachenbrut! Das ſoll Dich gereuen!“ Der arme Auguſt Müller ſtand vor Schrecken über das wüthende Weib ſprachlos ſtill. Sie aber fuhr mit einer Art von propheti⸗ ſchem Ton, ſtolz aufgerichtet und mit drohendem Stab, fort: * ⁴ — 168— „Du ſollſt erfahren, wie belohnt und beſtraft wird, Du Kuckucksei! Was dieſer hier(dabei zeigte ſie auf Auguſt Miller), der wie Dein Bruder ausſieht, auch Schlimmes thut, Du ſollſt den Lohn davon haben, und was Du Gu⸗ tes thuſt, es wird freilich wenig genug ſein, das ſoll ihm zu Statten kommen! Und ſo ſoll es Dir ergehen bis zum Sarge! Und nun lauf, daß Du fortkommſt, ſonſt tanzt Dir meine Krücke auf dem Schädel, Du Schlangenbrut!“ Auguſt Müller war wie vom Donner gerührt! Doch als die Alte gleich einer wüthenden Megäre auf ihn zu⸗ ſtürzte, lief er davon, blind querfeld ein, bis ihm der Athem ausging. Zweites Capitel. 2 Ich bin gar nicht abergläubig und aus den vor mir lie⸗ genden Akten der Geſchichte geht auch gar kein directer Be⸗ weis hervor, daß die Alte eine Hexe war; inzwiſchen denke ich das Meinige und jeder Leſer gewiß das Seinige. Es bleibt jedenfalls eine gute praktiſche Lebensregel, dergleichen alten verdachtigen Bettlerinnen aus dem Wege zu gehen; denn daß ſie Einem etwas geben, iſt ſchwer zu vermuthen, alſo was iſt dabei zu gewinnen? Ich denke hier ungefähr ſo wie beim geſelligen Kartenſpiel, wenn Jemand aus Zer⸗ ſtreuung in meine Markenſchachtel greift, was ich mir ſtets mit der höflichen Wendung verhitte:„Bleiben Sie mir aus den Marken! Der Ehrlichſte legt nichts zu!“ Was man aber durch eine ſolche Hexenbekanntſchaft znſefetann, d da⸗ — 169— von gibt Auguſt Müller einen ſchlagenden Beweis. Mit dem einen Apfelwurf hatte er ſein Glück auf Jahre lang verſchleudert; man wird's gleich ſehen. Was haben Aepfel nicht ſchon für ein Unglück angerichtet! Der Apfel im Paradies, der Apfel des Paris, die Granatäpfel, welche Proſerpina naſchte, die goldenen Aepfel der Atalante, die Aepfel jenes perſiſchen Bauers, der an den Hof damit ging, der Apfel, nach dem Tell ſchoß, der Reichsapfel, die ſauern Aepfel, in die wir Alle ſchon beißen mußten, und endlich Auguſt Müller's Apfel, der vielleicht der ſauerſte für die Leſer wird! Wahrhaftig, man ſollte Apfelzucht wie Unzucht ſtrafen, an jedem Zweig des ſechstauſend⸗ jährigen Baumes der Weltgeſchichte hängt irgend ſo ein Unglücksapfel, und wer weiß denn, wie viele noch reif werden? 4 Während ich dieſe Betrachtungen anſtellte, iſt Auguſt Müller ſehr weit gelaufen, ſo weit, daß er ſich endlich von ſeinem Schreck erholte und nach Hauſe zuging. Zwar ſah er ſich noch ein wenig rechts und links ſcheu um, ob die Krücke der Alten nicht irgendwoher wie ein Blitzſtrahl aus heiterer Höhe auf ihn herabfallen könne, indeſſen er verlor dieſe Furcht bald und dachte nun ruhig über den Fluch nach, den ſie über ihn ausgeſprochen. — Anfangs vermehrten ſeine Betrachtungen ſeinen Trüb⸗ ſinn über den Unglücksnamen ſehr, doch ſpäter gewann er mehr philoſophiſchen Gleichmuth und rief endlich cus:„Je nun! Iſt mir's denn bisher anders gegangen? Habe ich nicht alle Suppen mit auseſſen müſſen, die mir Auguſt Miller eingebrockt hatte? Nur das wäre freilich ärger⸗ lich, wenn ich allein Alles verſchlucken müßte, was er einrührt! Wenigſtens wollte ich ihm dann das Fell da⸗ für gerben“ Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. VI. 8 Armer Auguſt Müller, du wußteſt nicht, daß die Suppe ſchon in vollem Kochen war, die dir Auguſt Mil⸗ ler am Feuer des Fluchs der Alten aufgeſetzt hatte! Ich erzähle es aber beſſer ohne Umſchweife noch Seußzer. Auguſt Miller war bei dem böſen Handel vorm Thor um den Apfel gekommen, den ihm ſein Namens⸗Facſimile zugedacht hatte. Er beſchloß, dieſe Ungerechtigkeit des Schick⸗ ſals wieder gut zu machen, und ſtieg deshalb über einen niedrigen Gartenzaun, innerhalb deſſen er mehre Aepfel⸗ bäume mit den ſchönſten Früchten wahrnahm. Dieſe Ent⸗ deckung ſah er für eine auf ihn girirte rechtsgültige An⸗ weiſung zu einer billigen Entſchädigung an und machte Anſtalt, ſie einzucaſſiren. Doch kaum hatte er ſich auf einen Aſt geſchwungen und langte nach den ſchönſten rothen Wangen der Borsdorfer, als ein Paar andere rothe Wan⸗ gen, faſt noch röther, aus dem Fenſterchen eines Garten⸗ häuschens herausguckten. Sie gehörten der Hausbeſitzerin. Als ſie die überzählige Frucht auf dem Baum erblickte, welche nicht dort gewachſen war, trachtete ſie ſofort, ſie herabzuſchütteln. Ein Zephyr ihrer Lippen, der einige zarte Laute darüber hinwehte, ſchien ihr das Zweckmäßigſte dazu: „Teufelsjunge,“ hauchte ſie vielleicht etwas unzart,„Sa⸗ tansbraten, Spitzbube! Plagt Dich der Lebendige! Willſt Du vom Apfelbaum herunter!“ Sie hatte richtig gerech⸗ net. Der Apfeljäger ſiel, als würde der Baum vom Sturm geſchüttelt, wie ein Kürbiß, der vom Stengel bricht, in das Kartoffelkraut unter ihm. Doch er blieb nicht lie⸗ gen wie ein Kürbiß, ſondern ſprang auf wie eine geſcheuchte Katze und war ſo raſch wie ſie über den Zaun. Da erſt erkannte die Hauswirthin, daß es Auguſt Miller, das liebe Stadtkind ſei, der an ihren Aepfeln mehr Geſchmack fand als an ihr. Ich halte es daher blos für eine Folge — — 171— gekränkter Eitelkeit, daß ſie jetzt ihrem achtzehnjährigen, im Hofe die Gaule ausſpannenden Sohne zurief:„Jürgen, greif die Peitſche, Auguſt Miller, der Höllenbrand, hat uns einen Scheffel Aepfel gefreſſen; ſpring gleich in die Hausthür, ſo kannſt Du ihn erwiſchen.“ Jürgen war gerecht wie Ariſtides; deshalb erquickte ein ſolcher Auftrag der Rechtspflege ſeine innerſte Seele. Er hatte die Peitſche mit einem Griff, die Hausthürklinke mit dem andern weg und ſchnellte ſich wie ein Bolzen auf die Gaſſe. Auguſt Miller war aber ſchon vorbeigeſauſ't und hatte im Laufen ſeinen Kameraden Auguſt Müller, der ganz arglos daher ging, faſt übergerannt. Als dieſer erſtaunt nach der Urſache des Stoßes gegen ſeine Schulter forſchte, der ſeinen rechten Flügel plötzlich durch ein unwill⸗ kürliches„Kehrt“ in ſeinen linken verwandelte, ſah er erſt, daß es der unreine Reim auf ſeinen Namen war, der ihn ſo aus dem Rhythmus geſchnellt hatte. Erfreut, wieder mit ihm zuſammenzutreffen, rief und lief er ihm nach: „He, Auguſt, was läufſt Du denn wid eine Spinne!“ Auguſt Miller ſchoß aber eben um die Ecke einer Gaſſe, als Jürgen, der Peitſchenführer, aus der Hausthür debou⸗ chirte. Dieſer ſah alſo nur den laufenden Auguſt Müller und, da ſein Ohr ſo wenig wie die Ausſprache ſeiner Mut⸗ ter einen ſubtilen, höchſt unnützen Unterſchied zwiſchen i und ü machte, ſo galt's ihm für ſo ſicher wie der elfte Grundſatz des Euklides, daß Auguſt Müller die Peitſchen⸗ hiebe haben müſſe. Keine Execution ohne Urtheilsſpruch! war ſein höchſt gerechter Grundſatz. Er ſchickte ſich daher an, dem laufenden Delinquenten das Urtheil von hinten her vorzuleſen, zwar nicht in der ſtrengſten Rechtsform, aber doch gründlich gefaßt, ungefähr ſo:„Du Cujon, lauf Du nur!“ Nein halt, das wäre ja ganz falſch, der Name 8* — 172— des Maleficanten mußte ja im Urtheil ſtehen! Es fing daher ſo an:„Auguſt Müller, Du Cujon! Lauf Du nur mit Deinen Spillerbeinen, Du Galgenvogel! Ich hole Dich doch ein und dann ſollſt Du ſo viel Dutzend Peit⸗ ſchenhiebe haben, als Du Aepfel gefreſſen haſt, Du Hal⸗ lunke!“ Zweierlei Dinge in dem Urtheilsſpruch mußte der lau⸗ fende Auguſt Müller trotz des beſten Gewiſſens für wahr erkennen, erſtlich, daß er ſo heiße, zweitens daß er Aepfel gegeſſen, und zwar vier, mithin auf richtige 48 Peitſchen⸗ hiebe zählen konnte. Den logiſchen und richtigen Zuſam⸗ menhang zwiſchen ſeinem Aepfeleſſen und dieſer Bußübung konnte er zwar in der Schnelligkeit nicht einſehen: ſo viel aber rechnete er heraus, und rechnete richtig, er werde, wenn ihn Jürgen erwiſche, das ſtipulirte Averſionalquantum zwei⸗ felsohne erhalten. Obwol ihm daher eine dunkle Ahnung aufdämmerte, daß die Hiebe beſſer auf Auguſt Miller's Rücken paſſen würden, als auf den ſeinigen, ſo fühlte er doch, daß dieſer Verſuch, den man mit ihm anſtellen wollte, nur durch einen gehindert werden könne, den er ſelbſt an⸗ ſtellte, nämlich den, ob er mit ſeinen langen Spillerbeinen — wie Jürgen ſie ohne alle Rückſicht auf die etwaige In⸗ jurie vorhin genannt hatte— der Peitſchenlänge entlaufen könne. Er verordnete ſich daher ein Piu stretto, dann ein Presto, ein Prestissimo und— erreichte glücklich die Ecke früher als Jürgen ihn.. Sein unreiner Reim lief dicht vor ihm; als dieſer den eeinigen hinter ſich hörte, fing er auch ein Piu mosso an, und blieb im Accelerando. Jürgen fluchte und keuchte; noch zwanzig Schritte, ſo konnten die⸗ Flüchtenden ihre Haus⸗ thüren erreichen und ſie dem Verfolger vor der Naſe zu⸗ 4 werfen, womit wenigſtens Zeit gewonnen war. Da aber — 173— wurde das Schickſal, ich darf's wol ausſprechen, recht ma⸗ litiss. Es legte ſich in Geſtalt eines großen, zottigen Pu⸗ dels quer über den Bürgerſteig und ſtreckte den Schwanz weit hinter ſich bis dicht an Auguſt Miller's Hausthür. Dieſer ſchlug dort einen Haken wie ein Haſe, um ſich links ab ins Thor ſeiner Feſtung und dieſes zuzuwerfen, bevor der Feind ihm über die niedergelaſſene Zugbrücke nachkäme. Dazu aber mußte er ſeinen linken Fuß zum Pivot machen und hatte kein anderes Terrain dazu, als den ſchwarzen Pudelſchwanz. Dieſen klemmte er nun zwiſchen ſeine Sohle und das Steinpflaſter, ſo feſt wie Paganini die Saite zwiſchen Finger und Griffbret. Allein für Phylar(des Pudels Familienname) war der Schwanz eine ſehr zarte Saite, die, wenn ſie unzart berührt wurde, nicht nur ei⸗ nen höchſt gellenden Ton angab, ſondern das Nervenſyſtem Phylaxens(man iſt mit dem Genitiv dieſes Wortes wahr⸗ haftig recht in Verlegenheit) überhaupt ſehr irritirte, ſo daß er ſich alterirte bis zum Beißen. So geſchah's, zer heulte und bellte auf, that einen Angſtſprung hoch in die Luft und ſchoß dann herum wie ein umſpringender Gei⸗ genwirbel, um dem Spielmann, der das unberufene Pizzi⸗ catoſolo auf ſeinem Schwanz executirt hatte, ſeine wahre Meinung darüber unverholen auszudrücken, durch Zubei⸗ ßen, ganz recenſentenhaft. Es war aber nicht Zufall, ſondern Reſultat des ge⸗ naueſten mechaniſchen Calcüls, daß die Bewegungen dreier Körper hier folgendermaßen in einander griffen. Während Auguſt Miller ſich um den Angel ſeines linken Beines drehte und links ins Haus pirouettirte, hatte ſich Phylax auf dem rechten Hinterbein rechts herumgeſchwenkt und, indem der Spielmann die Thür zudonnerte, hatte das Sai teninſtrument Phylax ſeinen Luftſprung executirt. Gerade * — 174— in dieſem Moment zog der Planet oder Schweifſtern(von nνοσμαα umherſchweifen) Auguſt Müller ſeine elliptiſche Bahn genau durch den Punkt, aus dem Phylax und Miller ihre Schwenkungskreiſe beſchrieben hatten, und ſo mußte, wie geſagt, nicht zufällig, ſondern nach mathemati⸗ ſcher Nothwendigkeit Auguſt Müller's Wade ſich in des Pudels Schnauze genau einfügen, ſo daß dieſer ein paar regelrechte Secanten und Coſſecanten mit ſeinem Ge⸗ biß durch den Wadenkreis zog, oder beſſer einige Kegel⸗ ſchnitte in dem Wadenkegel beſchrieb. Wahrhaftig, der arme Auguſt Müller konnte binnen zwei Secunden Pa⸗ rabel, Hyperbel und Ellipſe aufweiſen und hätte ſein Bein als Demonſtrirkegel an eine mathematiſche Claſſe ab⸗ laſſen können. Grauſam war es freilich, allein nicht minder mathema⸗ tiſch unvermeidlich, daß Jürgen gerade auf dieſen vielfälti⸗ gen Kreuzpunkt complicirter geometriſcher Conſtructionen ei⸗ nen Perpendikel fällte, nämlich ſeinen Peitſchenſtock, mit dem er auf's ſchleunigſte verſchiedene Ebenen durch die Luftſäule legte, die er alle perpendiculair in Auguſt's Rük⸗ ken einſchneiden ließ. Hm! Bei ſolchen mathematiſch genauen Fügungen und Zu⸗ ſammenfügungen wäre es lächerlich, an Hexerei zu den⸗ ken, und ganz unphiloſophiſch, ſich nur darüber zu bekla⸗ gen. Doch kann ich's(denn Wahrheitsliebe iſt die erſte Erzählerpflicht) dem Leſer nicht verſchweigen, daß Auguſt Müller beide Fehler beging, wiewol einen nach dem an⸗ dern, und letzten zuerſt, indem er ſich auf ordentlich rohe Weiſe ſchreiend und jammernd gegen ſein doch ſo richtig berechnetes Verhängniß ſträubte. Zu dem andern nahm er ſich erſt nachher Zeit, als er, windelweich geprügelt, ſich nach Hauſe ſchleppte und dabei nicht allein dachte, ſondern — 175— es überlaut herausheulte:„Daran iſt gewiß die Höllenhere 1 ſchuld!“ In dieſem Augenblick ſah er die braune Alte dicht an ſich vorüber hinken und im Vorbeiſtreichen grinſ'te ſie ihn hohnlachend an und ſprach heiſer:„Guten Abend, Auguſt Müller!“ Da aber ſeine Augen ſo voll Thränen ſtanden, daß er wie durch einen Nebel ſah, und ſeine Seele eben ſo voll Schreckenbilder war, ſo kann ſich der Leſer, der wie ich nun einmal an die Hexerei nicht glauben will, auch denken, dies ſei ein Spiel der Phantaſie des armen geprügelten Auguſt geweſen. Inzwiſchen blieb das wahr und wirklich, die Hiebe hatte er für ſeines Halbnamensvetters Aepfelmauſe⸗ reien glücklich weg. Drittes Capitel. Ich hätte jetzt ein herrliches Feld für das Wunderbare und könnte meine Geſchichte ungemein ſchauerlich machen, wenn ich Datum und Stunde der erſten Hexenerſcheinung recht genau angegeben hätte und nun meinen Freund Au⸗ guſt Müller immer an demſelben Tage und in derſelben Minute, wo ihn die Hexe verflucht hatte, recht teufelmäßig durchprügeln ließe, daß es ihm braun und blau über den Rücken liefe und dem Leſer eiskalt. Wie geſagt, es wäre ſchauerlich ſchrecklich. Aber die Wahrheit iſt, däucht mir, noch ſchrecklicher, daß Auguſt Müller nicht an dem Jah⸗ rrestage, in der ominöſen Stunde, ſondern alle Tage des — 176— Jahres und zu jeder Stunde, bald Hiebe emfing, bald an⸗ deres Elend ausſtehen mußte, was eigentlich auf Auguſt Miller's Contobuch gehörte. Ueberdies liegen die Acten vor mir und falsa könnten mir übel bekommen, wenn etwa ein Recenſent in die Regiſtratur liefe und mir öffentlich nachwieſe, daß ich Erfindung gehabt hätte. Ich müßte aber einen Folianten ſchreiben, wenn ich Alles genau erzählen wollte, und die Novelle iſt nur auf zwei bis drittehalb Bo⸗ gen beſtellt, ſo daß ich mich am Ende nicht blos durch ihre Langweiligkeit mit dem Leſer, ſondern auch durch ihre Länge mit dem Verleger erzürnte. Ich will alſo hier nur einen kleinen Auszug von den Unfällen machen, die meinem mi⸗ ſerablen Helden begegneten und alle weitläufig in den Acten beſchrieben ſind. Doch ich darf nicht mehr als das Regi⸗ ſter geben; nur Das, was von entſcheidendem Einfluß auf Auguſt's Schickſal geworden iſt, erzähle ich nachher mit Pathos und Accurateſſe. Hier aber das Regiſter: A.(Vide August. Müll. rer. gest. et advers. Index fol. VII.) Auguſt Miller ſchlägt einem Knaben das Butterbrot aus der Hand. Der Teufel(oder die Hexe) läßt's gegen Auguſt Müller's neue Weſte fliegen. Sein Vater con⸗ trebalancirt die Fettflecke auf der Bruſt durch blaue auf dem Rücken. B.(Vide Index fol. XIV.) Auguſt Miller läßt einen Schiebkarren in der halb⸗ dunkeln Hausthür ſtehen; ſein Namens⸗Halbzwilling ſtolpert darüber, zerſchlägt ſich die Schienbeine, ſeinem Va⸗ ter die Meerſchaumpfeife und dieſer ihm alle Knochen. — 177— C.(Conf. Index fol. XXIII.) Auguſt Miller malt den Conrector mit ſeiner großen Naſe an die Wand und ſetzt darunter:„A. M. fecit“. Die boshaften Schüler expliciren dem erboſten Conrector den Lapidarſtil der Inſchrift und erklärten das A. M. nicht durch Ancus Martius oder Aulus Manlius, ſondern durch „Auguſt Müller“ und der Conrector rächt ſich durch eine Hieroglyphenſchrift auf den unſchuldigen Müllerrük⸗ ken, die ſo viel Kreuz⸗ und Querſtriche zeigte, als die In⸗ ſchrift einer chineſiſchen Theebüchſe. D.(Vide Index fol. XXX.) Demſelben Conrector gräbt Auguſt Miller vor deſſen Gartenthür eine tiefe Fallgrube, die er unten weich(aber weder ſauber noch wohlriechend) auspolſtert; oben mit dün⸗ nen Holzſtäbchen, Stroh und Erde bedeckt. Auguſt Mül⸗ ler geht mit dem Conrector arglos in den Garten und weigert ſich aus ſchuldigem Reſpect voran in die Thür zu treten. Doch der Conrector iſt guter Laune und ſagt: „Spring' Er voran, Burſche, mach' Er nur keine Um⸗ ſtände!“ Auguſt Müller hält es jetzt für den feinſten Ton, deſto mehr zu machen, bis ihn der Conrector endlich halb gewaltſam voranſchiebt. Da plumpt der arme Auguſtin bis an den Hals in die Fallgrube und in den Dr... und der Conrector bringt's, ſcharfſinnig wie Thales, in einer halben Secunde heraus, daß der Schalk die Grube ſelbſt gegraben hat und nur deshalb nicht zuerſt durch die Thür wollte. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß er ihn bei den Haaren herauszauſt und das ſpaniſche Rohr in ſo verwünſchten, ängſtigenden Zauberkreiſen über ihm ſchwingt, daß Auguſt „ das weiche Grubenpolſter beinahe noch aus eignen Mitteln vermehrt hätte.“ 8*έ* — 138— E.(Conf. Index fol. LX. sqq.) Auguſt Miller verliebt ſich in eine hübſche dreizehn⸗ jährige Nachbarstochter und ſchreibt ihr die zärtlichſten Liebes⸗ briafe. Eine Depeſche wird aber vom Vater des Mädchens aufgefangen, der den ewig getreuen Auguſt Miller unter den holdſeligen Zeilen in der Wuth und aus Eile für einen ewig getreuen Auguſt Müller hält. Das Stell⸗ dichein, welches der Brief fordert, ſoll um vier Uhr(nach der Schule) im Garten ſtattfinden. Der Vater paßt in der Hausthür auf und da Auguſt Müller Schlag vier Uhr langſam, völlig arglos am Hauſe vorbeiſchlendert und den ſchuldloſeſten Blick hineinwirft, den je ein Tertianer ſich in einen offenen Thorweg, hinter dem ein Garten mit Obſt⸗ bäumen grünt, geſtattet hat, greift plötzlich die grimmige Hand des Schickſals(die diesmal an dem Arm des erbo⸗ ſten Schwiegervaters ſaß) aus dem Höllenthor heraus und ballt ſich zur Fauſt, aber erſt nachdem ſie vorher ein an⸗ ſehnliches Quantum Haar des Tertianers mit gerichtlichem Beſchlag belegt hat. Wie ein armer geangelter Gründling zappelt er an dem Enterhaken der väterlichen Hand, die ihn in ein tiefes Burgverließ hinunterſchleudert, nämlich in den Keller, wo er ſeine Liebe abkühlen ſoll. Wahrlich ein Jam⸗ mer, wenn man nichts abzukühlen hat, als den durchge⸗ wammſeten Leib, und ein noch größerer, wenn man durch's Kellerloch den Unheilsvogel Auguſt Miller mit ſeinem Lieb⸗ chen ganz ungeſtört im Garten ſpazieren und ſelig ſein ſieht, weil der Vater jetzt eher den Teufel im Hauſe vermuthet, als den Liebhaber der Tochter außerhalb des Kellers! F.(Conf. Index fol. LXX. seqq.) Der allergrößte Jammer aber war der, daß Müller in der Stille ein Nebenbuhler Miller's war, wiewol nur 2 8* 8 . 4 8 8 4 — — 179— ganz heimlich. Doch wollte er's einmal mit heroiſchem Auf⸗ ſchwung zu Etwas treiben, und pflückte einen halben Cent⸗ ner Vergißmeinnicht auf der ſumpfigen Wieſe hinter dem Stadtgraben. Als er aber die ſchönſten langen will, um den Strauß zu vollenden, den ſeine Geliebte auch als Laube hätte brauchen können, zieht ihm die Hexe(denn wie wäre es ſonſt möglich geweſen) beide Beine tückiſch unten weg und er fährt damit in den Sumpfgraben hinein, bis über den Hoſenlatz. Während er ſich mühſam herausarbeitet und dabei den Strauß aus der Hand legt, kommt ſein überſeliger Halbſchatten(Miller heißt er in den Acten) über die Wieſe, ſieht den Vergißmeinnichtleſer und ruft: „Auguſt, den Strauß muß ich haben, nachher helfe ich Dir aus dem Graben!“ Damit iſt er wie der Wind da⸗ von und bringt den Strauß dem angebeteten Backfiſch, während der geprellte Nebenbuhler lieber im Grabe ſteckte als im Graben. Die Halbtrauer ſeiner ſchwarzen, moorigen, untern Körperhälfte drückte den Zuſtand ſeines Gemüths wahrlich nur halb aus, als er in dieſem Aufzuge vor dem Liebespaar vorbeimußte und ſie ihm nachſpottete: „O du armer ſchwarzer Peter!“ 3 83 ½ Jetzt glaube ich doch beinahe ſelbſt an die Hexe. Es iſt ein Glück, daß das Capitel hier aus iſt lich könnte aus dem Regiſter noch ſieben Alphabete Unheil excerpiren), denn noch drei ſolcher Fatalitäten und ich glaube, ich for⸗ derte Jeden auf Piſtolen, der noch einen Zweifel hegen könnte, daß hier übernatürliche Mächte ihr Spiel treiben, vielleicht gar der Schwarze ſelber! — 180— Viertes Capitel. Es iſt nichts weniger als luſtig, geſchweige komiſch, aber höchſt wichtig. Die ganze Geſchichte iſt aber, hoffe ich zur Ehre meiner Leſer, oder ich müßte ihr Herz ganz verkennen, nichts weniger als beluſtigend, ſondern echt rüh⸗ rend und tragiſch. Es müßte einer ja gar keinen Rücken, und was daran hängt, haben, wenn er ſich nicht in Auguſt Müller's Lage denken könnte. Recht ſyſtematiſch martert ihn aber die Hexe! Erſt lauter Körperſchmerz, dann immer ſtärkere Doſen Seelenſchmerz, als Pfeffer und Salz des Elends, und jetzt, man wird's gleich leſen, die ausgeſuch⸗ teſten Seelenqualen. Der Henker leſe die Acten, ohne zu weinen, vollends ſoll ſie Einer excerpiren. Ich ſetze einen kieſelſteinernen Kerl hierher an meinen Arbeitstiſch und wette, binnen fünf Minuten ſchmilzt er wie Märzſchnee. Ein ganzes Vierteljahr hatte die Hexe, denn ich glaube jetzt ſo feſt an ſie wie Einer, den armen Auguſt in Ruhe gelaſſen; er kam ordentlich zu Athem und heiler Rücken⸗ haut und ſetzte beinahe etwas Fleiſch an auf ſeine mageren Glieder, ſo erquickte ihn die Hoffnung, daß der verfluchte Spuk nun zu Ende ſei. Der arme Schelm wußte nichts von Windſtille vor Gewittern und Sonnenuntergang. Die Ruhe gab ihm einen geiſtigen Aufſchwung zu einem— kalligraphiſchen Werk. Er ſetzte ſich in einer Woche hin und malte zum Geburtstag des verſöhnten Conrector einen Raphael der Schreibekunſt, einen Glückwunſch in Fractur nämlich, wie ihn ſeit Erbauung der Stadt(wo er wohnte, nicht Roms; ſeine Vaterſtadt war aber dem Aus⸗ — 181— ſehn nach, älter) kein Conrertor bekommen hatte. Dar⸗ unter ſetzte er mit kleiner demüthig, beſcheidener Schrift die Worte:„Auguſt Müller scripsit.“ Auf dieſes Scripsit, was (wiewol er richtiger pimrit ſchreiben ſollte) auch ſeine Stärke in der Latinität bewies, war er beſonders ſtolz. Der Con⸗ rector war gerührt, er weinte Thränen, ja er bat ihn zum Kaffee. Auguſt Müller's Glück kannte keine Grenzen; aber es wurde doch noch höher getrieben, denn der Con⸗ rector beſchloß den Glückwunſch gewiſſermaßen in den Adel⸗ ſtand zu erheben, d. h. ihn unter Glas und Nahmen brin⸗ gen und in der Claſſe aufhängen zu laſſen, als ein exem- plum imitandum, wie ein Schüler ſich erſtlich der Schreibe⸗ kunſt, zweitens der Liebe zu ſeinem Lehrer befleißigen ſolle. Auguſt Müller ging jetzt mit einer Glorie herum, die durch das ganze Städtchen ſtrahlte; der Ruhm war doch wenigſtens ein Glück, welches ihm der Fluch der Zigeune⸗ rin nicht entriß, um es Auguſt Millern in den Schoos zu werfen. Den Ruhm ſelber nicht, freilich, aber die Früchte davon. Man wird's gleich ſehen. Die Kneifzange, deren ſich der Schwarze bediente, um den Unglücksſohn Auguſt zu zwicken, war der Buchbinder loci. Er hatte den geſchriebenen Raphael in Rahmen zu bringen. An einigen Orten richtet man Glas und Rahmen nach dem Bilde oder Kupferſtich ein, nicht ſo in unſerm Städtchen, wo ſich das Bild nach dem Glaſe richten mußte. Der Buchbinder hatte nämlich noch eine Glasſcheibe liegen, die vielleicht bis an den jüngſten Tag gelegen hätte; dieſe mußte alſo dem Glückwunſch angepaßt werden. Der Wunſch hatte auch vortrefflich Platz darunter, nur der Wiünſchende nicht, nämlich Auguſt Müller und ſein 5 Scripsit. Dies ſchnitt die Buchbinderſcheere alſo kalt⸗ blütig weg und damit alles Immergrün des Lorberzweiges, — 182— der ſich um Auguſt's Haupt winden ſollte. Wahrlich, es war um ſeine Unſterblichkeit geſchehen, wenn er jetzt zu⸗ fällig ſtarb, bevor er zum zweiten Mal auf eine Namens⸗ Verewigung Sturm laufen konnte. Und wie ſelten glückt das! Wir wiſſen das, wir Autoren! Von Auguſt's Schmerz, aſs er ſo, nicht ſowol um ſeinen guten, als um ſeinen berühmten Namen gekom⸗ men war und anonym in Tertia aufgehangen wurde, ſage ich der Welt nichts; ich verhülle ihn wie der athenienſiſche Seydelmann, der den Agamemnon hinterm Schleier ſpielte, weil er der Phantaſie der Athenienſer mehr Kraft als ſich ſelber zutraute, ſich den Schmerz vorzuſtellen. Ganz dieſes feine Compliment mache ich hier meinen Leſern. Die Ge⸗ ſchichte verlangt aber(nach den Acten folio 197), daß ich's hier anmelde, wie wenige Wochen nach dieſer Kata⸗ ſtrophe eine zweite eintrat, nämlich der Superintendent in die Schulſtube, der zugleich Schulrath war. Es wurde ein examen rigorosum und tentamen quasi diabolicum mit allen Schülern angeſtellt, die nicht ſowol ihre Vorzüge, als die ihrer Lehrer ins rechte Licht ſtellen ſollten, wozu man die Funken mit manchem Rippenſtoß aus ihnen ſchlug. Das Schulrathsauge ergötzte ſich auch an der Bildergalerie der Schule, das heißt dem einzigen Stück derſelben, Au⸗ guſt's kalligraphiſchem Raphael.„Hm, Hm!“ ſagte der Superintendent auf Lateiniſch oder gar auf Griechiſch zum Conrector,„ein opusculum, welches Fleiß und ingenium ge⸗ wiſſermaßen andeuten zu wollen ſcheinen möchte!*) Et no- men auctoris?“ Phraſe bilden konnte, um den Aoriſtus und Optativus fein anzu⸗ wenden. 3 *) Ich merke hiermit muthmaßlich an, daß er keine ſchoͤnere — 183— „Auguſt Müller,“ flüſterte der Conrector. Jetzt entſteht eine äußerſt ſchwierige Frage, über die ich wol die Scholiaſten des Mittelalters conſultiren möchte. Wirkte die Verwünſchung der mehrgedachten und jetzt ganz unzweifelhaften Hexe auf die Zunge des Conrectors, daß er das ü wie ein i ſprach(war er ein Berliner, was aus den Acten aber nicht zu erſehen, ſo bedürfte es dazu gar keiner Hexerei) oder reagirte ſie auf das Ohr des Schulraths, daß er Miller für Müller hörte? Eine dritte Annahme nehme ich deshalb nicht an, weil ſie zu proſaiſch iſt und viel zu nahe liegt. Nämlich die, daß der Schulrath ſich darum auf den Namen Miller feſtſetzte, weil er bei Auguſt Miller's Vater, der(wie gleich anfangs actenmäßig beſcheinigt worden) einen klei⸗ nen Kramladen hatte, kurz vorher eine Priſe Schnupftabak kaufen wollte, ſie aber geſchenkt bekam, wobei der Vater ſeines Söhnchens als eines wohlbegabten Schülers väterlich rührend gedachte und unter Anderm ſagte:„Wahrhaftig, Ew. Hochehrwürden, das iſt ein Junge wie ein Daus, er declinirt Ihnen ſein Verbum Klipp Klapp wie die Waſ⸗ ſermühle und conjugirt Tage lang cornu das Horn, cornu des Hornes u. ſ. w., und macht im ganzen Singularis auch nicht einen einzigen Fehler.(Uf! Ich muß erſt Athem holen wegen des langen Satzes!) Dabei ſchreibt Ihnen der Teufelsjunge eine Klaue, mit Verlaub, beinahe beſſer als meine eigene und ich könnte ihn alle Tage als Buchführer im Comptoir anſtellen! Wahrhaftig, das könnte ich!“ Dieſen Umſtand, ſowie daß der Tabakshändler dem Herrn Superintendenten ein Päckchen extra feine Cöllniſche Carot⸗ ten mitgab, auf deſſen Etikette ſeine Firma Auguſt Mil⸗ ler ſtand, und S. Ehrwürden deshalb den Namen mit dieſer Orthographie ſo feſt ins Gedächtniß prägten— dieſen — 184— Umſtand bringe ich, wie geſagt, gar nicht in Anſchlag, weil er zu gewöhnlich und gar nichts Wunderbares da⸗ bei wäre. Doch die Sache hatte ihre höchſt wichtigen Folgen, ſelbſt wenn ſie unentſchieden bleibt. Der Conrector mußte etwas davon geahnt und gewittert haben, denn er ſagte einmal zu Auguſt Müller:„Gib wohl Achtung, mein Söhnchen! Du warſt zwar ehedem ein Galgenſtrick(er dachte an die Fallgrube), aber Du haſt Dich zum Guten gewendet. Es wird belohnt werden; gib Achtung, eheſtens kommt ein Brief vom Schulcollegium aus der Reſidenz an, der bringt etwas Neues von Wichtigkeit.“ Auguſt horchte auf! Ein anderes Mal ließ der Conrector ein Wort von einer Frei⸗ ſtelle im Gymnaſium fallen. Auguſt zitterte vor Wonne. Des Conrectors Ahnungen oder Weiſſagungen gingen in Erfüllung. Vierzehn Tage nach der Durchreiſe des Su⸗ perintendenten kam wirklich ein Brief an die Schulanſtalt an, mit der Anzeige:„Daß der durch ſeinen Fleiß und ſeine Talente ausgezeichnete Schüler Auguſt Miller durch Gegenwärtiges eine Freiſtelle als Alumnus auf dem Gym⸗ naſium der Reſi idenz und bei fortgeſetztem Fleiß eine An⸗ wartſchaft auf ein dreijähriges Stipendium fur die Univer⸗ ſität erhalte.“ Auguſt Miller fiel aus den Wolken, Auguſ Mül⸗ ler aus dem Himmel, der Conrector beinahe vom Katheder bei der Nachricht. Es blieb aber dabei, denn, „geſchrieben Wort— gültig Wort!“ Auguſt Miller ſchnürte ſein Bündel, zog auf's Gymnaſium und — 185— Das künkte Capitel. ſpielte daſelbſt. Auguſt Müller war nämlich ein halbes Jahr ſpäter, nachdem der Conrector eine Amtsreiſe in die Reſidenz gemacht und ſich amicabiliter mit dem Superin⸗ tendenten verſtändigt hatte, nachgekommen. Das halte ich für den Meiſterſtreich der Zigeunerin! Denn nachdem ihre Verwünſchung ſo gewirkt hatte, daß die Unglücks⸗Verwechslung gar nicht mehr möglich war, iſt es ein wahrhaft geſchicktes Manöver dieſer Hexe, dem armen Schlucker ein Glück zu gönnen, blos damit ſie ihm noch recht viel Unglück auf den Pelz ſchicken könne. Sie fing es aber ſo an. Ein volles Luſtruut ließ ſie ihn ganz in Ruhe. Im vierten Jahre aber ſpielte ſie ihm nach folio 289 der Acten einen fatalen Streich. Miller und Müller waren mit Hülfe der Zeit Primaner gewor⸗ den und ſollten mit den nächſten Oſtern das Abiturienten⸗ Examen machen. Dabei wurde ihnen zugleich eine Preis⸗ aufgabe geſtellt:„Ueber den Nutzen der Prügel bei der Erziehung,“ von deren Löſung der Genuß eines dreijährigen Stipendiums während der Univerſitätszeit abhängig gemacht wurde. Auguſt Müller hatte die Aufgabe bis in ſein jetzt angetretenes neunzehntes Jahr eigentlich immerfort prak⸗ tiſch gelöſt. Er kam daher auf eine ſeltſame, aber ſcharf⸗ ſinnige Eintheilung ſeiner Diſſertation(natürlich wurde ſie Lateiniſch geſchrieben) und handelte im erſten Theil:„Von dem Nutzen der Prügel, die man verdientermaßen be⸗ kommt, und im zweiten, von dem noch größeren derjenigen, die man unverdienter Weiſe bekommt.“ — 186— Auguſt Müller hatte von der letzten Gattung ſo viel erwiſcht, daß Niemand beſſer über den Nutzen derſelben ur⸗ theilen konnte, als er. Und in der That wurde ſeine Ab⸗ handlung ein Meiſterſtück. Recht weh thut es mir daher, daß ich dem geneigten Leſer nicht einige Excerpte daraus mittheilen kann, obgleich die ganze Diſſertation in die Acten geheftet iſt und vor mir liegt. Aber ich darf's nicht, denn ſonſt wird dieſe Geſchichte, die mir noch einen unermeßli⸗ chen Stoff darbietet, wahrhaftig zu lang. Ich darf's aber den Leſern verſichern, die Abhandlung iſt ſo ſchön, daß Niemand, der ſie lieſt, ſicher iſt, ſich nicht ſofort ſelbſt ei⸗ nige Trachten unverdienter Hiebe recht gefliſſentlich zu ver⸗ ſchaffen, weil Einem die Segnungen derſelben gar zu an⸗ ſchaulich gemacht werden. Deshalb iſt's bedenklich, den Trac⸗ tat zu leſen. Ich breche mir's gewaltſam ab, daß ich ihn nicht mit⸗ theile; das verdient aber wahrhaftig eine Belohnung und die verſchaffe ich mir mit einer ganz kleinen Abſchweifung über die Gefahren dieſes Tractats. Wird nicht, frage ich, bei dem allgemein verbreiteten Triebe, Gutes zu thun, die Welt, wenn ſie Auguſt Müller's beredte Abhandlung geleſen hat, ganz des Teufels ſein vor Begierde, Andern nützlich und wohlthätig zu werden durch unverdientes Aus⸗ prügeln? Ich beſorge, der Drang zum Guten iſt nur zu lebhaft in Vielen! Doch mache ich einſtweilen den Vor⸗ ſchlag, ſich ad interim mit dem erſten Theil der Abhand⸗ lung zu begnügen, worin der geringere Nutzen verdienter Prügel nachgewieſen wird, und vorläufig alle Diejenigen zu befriedigen, die gerechte Anſprüche auf Prügel haben, zu⸗ verläſſig Anſprüche, die ſo groß ſind, daß ſie ſchwerer zu befriedigen ſein werden als die Gläubiger der ſpaniſchen Regierung. Wenn alle verdienten Hiebe ausgetheilt ſind — 187— und Niemand mehr gerechter Weiſe auch nur auf eine Ohrfeige Anſpruch machen kann(ich fürchte nur, das dauert lange), dann iſt's wol Zeit, an die unverdienten Prügel zu gehen, deren Ertheilung mehr eine Wohlthat als Erfüllung eines Rechtsanſpruchs iſt. Und die Regel lautet ja:„Erſt tilge deine Schulden, dann ſchenke!“ Ich beſorge faſt, ich habe durch dieſe Abſchweifung das Schuldcapital, welches die Welt an verdienten Streichen ab⸗ zutragen hat(die wahre Nationalſchuld der Menſchheit) noch um ein Beträchtliches vergrößert. Ich kehre alſo zur Geſchichte zurück. Wie geſagt, Auguſt Müller's Abhandlung war ein Meiſterſtück, ein claſſiſches Werk. Kalligraphiſch und orthogra⸗ phiſch makellos, vollends was andere Kleinigkeiten anlangt. Sie wurde im consilio aller Lehrer geleſen und bewundert. Gern hätte in der erſten Begeiſterung ein College dem an⸗ dern ſogleich hundert unverdiente Hiebe aufgezählt, aber es war gar nicht zu machen, weil jeder noch viel mehr verdient hätte. Der Rector, der erſt ganz neu zur Schule gekommen war und ſeine anvertraute Heerde noch nicht kannte, glühte ordentlich vor Entzücken über dieſen echten Merino, den er in der Schar ſehr ordinairer Schafe, die er geiſtig (nicht geiſtlich) weidete, ſo unvermuthet vorfand.„Ein Capital⸗Menſch dieſer Auguſt, wie heißt er doch gleich?“ „Müller“ half man ihm ein, ja dieſer Auguſt Mül⸗ ler! Ein wahrer primarius aller Primaner; er ſollte pri⸗ mus omnium aller Schüler des Continents ſein! Ja, Küſſe verdiente dieſes lumen gymnasii für ſeine un⸗ verdienten Streiche.(Er freute ſich des Wort⸗ ſcherzes.) Wahrhaftig, meine Herren Collegen, er muß das große Prämium— nam honor praemium virtutis— und das — 188— Stipendium dazu haben.„Wie votiren Sie, Herr Collega Conrector?“ „Ganz wie der Herr Rector!“ Hierauf votirten Alle und Alle gleich. Auguſt Müller war ſomit ein gemachter Mann und ich faſſe es wahrhaftig nicht, wie die Hexe ihm hier noch einen Querſtrich machen will. Blos durch einen Querſtrich! Der Rector notirte ſich die Namen Derjenigen, die das Examen beſtanden hatten, Prämien erhalten ſollten u. ſ. w., auf ein beſonderes Blatt. Er war noch ſo Neuling im Gymnaſio, daß er nicht einmal die Primaner kannte, ge⸗ ſchweige die Sextaner. Auguſt Müller war der erſte Name, den er ſauber mit lateiniſchen Lettern aufſchrieb, dann folgten die Andern nach. Nun kam der Querſtrich, den ihm die Hexe machte; ſie ſtieß ihm nämlich, da er mit der Feder an den Namen hinauf tippte, um ſie noch einmal rückwärts, von unten auf zu zählen, ob ſie auch richtig ſeien, mit berechneter Bosheit gegen die Hand, als er eben am letzten war, nämlich am erſten, an Auguſt Müller. Die Feder fuhr ihm, ohne daß er's beachtete, quer durch das mit zwei Tippelchen verſehene ü und machte durch dieſes unwillkürliche deleatur der zweiten Hälfte des uͤ, ein klares i daraus. (Ich müßte es dem Leſer, wie ich's dem Herrn Setzer auf dem Manuſcript gethan, eigentlich abmalen und in ei⸗ ner lithographirten Beilage mitgeben, damit er's recht faßte; allein da ich ihm zutraue, daß er ein X für ein U machen kann, darf ich ihm auch wol zutrauen, ein i für ein ü zu machen). Philiſter, unpoetiſche Strohköpfe, Recenſenten, kurz, — 189— wahre Haſenfüße werden mir hier wieder mit der aller⸗ trivialſten Auslegung des Wunders kommen(ich habe ſo die Rationaliſten nie leiden können) und behaupten, dem Nector ſei einfach die Feder ausgeglitten und das Wunder beſtehe eigentlich nur darin, daß kein Dinten⸗ klecks auf Auguſt Müller's Namen gefallen ſei. Doch in der That, es wäre zu natürlich und abgeſchmackt. Auch kann ich's aus den Acten beweiſen, daß einer der Lehrer zu Protokoll gegeben hat, er habe eine alte braune Hexe in einer Art Nebelwolke, wie die alten Götter ſich einhüllten, hinter dem Rector ſtehen ſehen. Eine Er⸗ ſcheinung, worauf er indeſſen nicht viel gab, da es ihm ſogar begegnet war, den Rector ſelbſt für ein altes Weib zu halten. Der Leſer iſt aber, hoffe ich, äußerſt geſpannt auf den Verlauf der Sache. Er war ſo. Der Rector ließ den Namenzettel durch einen gewandten Quartaner(ſeinen Leib⸗ ſecretair) mundiren. Dieſer konnte ſich nachmals durch das Originalmanuſcript völlig rechtfertigen, daß er Auguſt Miller ſchrieb, wo Auguſt Müller geſtanden hatte. So ging der Rector andern Morgens mit dem Verzeichniß in den Hörſal und der Actus begann, vor dem ganzen Publico und allen hohen Gönnern und Patronen des Gymnaſü. Ich könnte die Schulfeierlichkeit herrlich beſchreiben, wie zuerſt die Sextaner gehudelt wurden, dann die Quintaner gepeinigt, hiernächſt die Quartaner ſehr moleſtirt, dann die Tertianer wahrhaft torturirt, die Secundaner beinahe ſtrangulirt und zuletzt die Primaner decimirt, aber nicht zum Erſchießen, ſondern um gekrönt zu werden mit Schul⸗ lorberen wahrhaftig, ich könnte das Alles, durch die dop⸗ pelten Flügeldecken der Jugenderinnerung und Phantaſie getragen, im höchſten Grade zu meiner Luſt ſchildern, aber ich verſage mir Alles, um zur Hauptſache zu kommen. Der kurzſichtige Rector konnte ſich zwar das Verzeichniß der Laureaten ſo dicht an die Naſe halten, daß er jeden Namen richtig las, aber doch nicht die Laureaten ſelber, ſo, daß er ſie erkannt hätte, falls er ſie als homo novus auch gekannt haben ſollte. Er fing alſo mit den Sexta⸗ nern an, denn in Gymnaſien und bei votirenden Richter⸗ collegien wird ſtets von unten auf gerädert, und gab Je⸗ dem ſeinen richtigen Sermon und ſein Prämium. Endlich ſchloß er mit dem Gipfel aller Primaner, mit Auguſt Mil⸗ ler, den er laut hervorrief. Dieſer trat, von Ueberraſchung ſtrahlend, vor die Front. Im Rücken hatte er, wie längſt aus den Acten bekannt, die größte Aehnlichkeit mit Auguſt Müller(weshalb Beider Rücken auch ſo oft ihre Soſias⸗ ſtreiche gegen einander geſpielt hatten) und daher hielten ihn auch jetzt alle hinter der Front aufmarſchirten Lehrer für dieſen und zollten der begeiſterten Rede des Rectors Beifall. Dieſer überreichte ihm am Schluß derſelben das Praemium, eine Prachtausgabe des corpus juris, weil hier gerade ein Act der Gerechtigkeit vollzogen wurde, und die Anweiſung auf das dreijährige Stipendium. Beides ſtimmte vortrefflich, denn der gedachte gebildete Quartaner⸗Geheim⸗ ſecretair hatte nach völlig richtiger Analogie des Verzeich⸗ niſſes auch in das Buch und die Stipendienanweiſung den Namen Auguſt Miller eingetragen. Genug, Miller hatte Prämium und Stipendium weg. Auguſt Müller fiel vor Schreck in Ohnmacht; viel⸗ leicht auch nur ſtatt Auguſt Miller's, der's hätte vor Freuden thun ſollen. Mehr als zwanzig Augenzeugen haben in dieſem Mo⸗ ment die Hexe auf einem Beſen quer über des Rectors — 191— Perrücke und das Katheder hinweg in den Kaminſchlott fah⸗ ren ſehen.(Conf. Acta fol. 304.) Sechstes Capitel. Ich bin nun gerade ſo weit gekommen, daß der Leſer ſich auf äußerſt erſchütternde Dinge vorbereiten kann. Viel wird geſchehen, ſo viel weiß ich; was, das iſt mir noch nicht ſo ganz klar. Ich ſehe aber in den Wolken der Zu⸗ kunft Liebesſcenen, Todesqual dabei, Gefahren, Hohn, Ver⸗ achtung, Geſpött, blinkende Degen, Duelle, Glückstöpfe, Särge und zwiſchen Allem die braune Hexe auf dem Be⸗ ſen hin⸗ und herreitend und ihn tummelnd wie ein Adju⸗ tant ſeinen neuen Gaul beim erſten Manöver! Den Teu⸗ fel, meine Leſer, es iſt keine Kleinigkeit, aus dem Höllen⸗ ſpectakel und Larventanz von Geſtalten und Erſcheinungen die echten und rechten geſchickt herauszugreifen, ſie hiſtoriſch in Reihe und Glied zu ſtellen und den Geſchichtsfaden klar abzuſpinnen! Die Sache will bearbeitet ſein, behaupte ich, aus dem koloſſalen Stoff heraus. Die Univerſitätsjahre ſind nämlich in vollem Gange, Mauleſel, Fuchs, Brandfuchs ſind Stufen der akademi⸗ ſchen Würde, die Müller und Miller längſt hinter ſich haben. Als alte Burſche floriren und renommiren ſie be⸗ deutend. Nur daß Auguſt Müller ſtets bei ſehr ſchmäch⸗ tigem Geldbeutel war und mithin oft eine klägliche Neben⸗ rolle ſpielen mußte, während, Dank ſei es der Hexe! Au⸗ — 192— guſt Miller bei ſeinem fetten Stipendium den beſten Ta⸗ back rauchen konnte und überhaupt leben wie ein rei⸗ cher Lord. Auf der Univerſität— da zu viel noch lebende Per⸗ ſonen mithandeln und in den Acten vorkommen, darf ich die Stadt nicht bei dem Namen nennen, der auf der Land⸗ karte ſteht, ſondern taufe ſie(den romantiſchen Namen kann man mir zu Gute halten) Löwenburg— auf der Univerſität Löwenburg alſo gab es ſehr ſchöne Löwin⸗ nen, wollt' ich ſagen Löwenburgerinnen, für die manches Studentenherz ſchlug. Die beiden Auguſts, die ſich ſchon auf Liebespfaden gekreuzt hatten, thaten's hier wieder und liebten, der Zufall nimmt ſich ordentlich komiſch aus in den Acten, eine Auguſte. Müller oder Miller hätte ſie noch heißen ſollen, um den Spaß vollkommen und die Acten noch verworrener zu machen; ſie hieß aber Schulze. Auguſte Schulze war ein himmliſches Weſen; ſiebzehn Jahre alt, goldlockig(faſt etwas zu rothgülden würde ich ſagen, wenn Rothgüldenerz nicht ein Silbererz wäre), ſehr wenige Sommerſproſſen, ein Frühlingshimmelauge(nur et⸗ was grau bezogen, was ja auch dann und wann im Lenz vorkommt) und äußerſt gebildet und beleſen. Sie machte ſehr raſch Filet, häkelte Börſen, buk(ich brauche das ir⸗ regulaire Imperfectum gern) vorzügliche Spritzkuchen, kurz, war das Weib wie es ſein ſollte. Doch zwiſchen Müller's und Miller's Liebe zu die⸗ ſer Huldin war ein Unterſchied; Müller liebte unerhört, da er ſeine Liebe nicht geſtanden hatte, Miller ſchien der begünſtigtſte Muſenſohn der ganzen Univerſität. Voll Ei⸗ ferſucht und Gram ſchlich der arme behexte Auguſt(jetzt nenne ich ihn gewiß mit Recht ſo, da zwei Zauberinnen 3 ſich über ſein bischen Lebensglück hergemacht hatten) bald — 193— an den Fenſtern der Geliebten, bald am Gartenzaun vor⸗ bei und blinzte durch die Spalten, um ſie irgendwo zu er⸗ ſpähen. So lag er eines Tages und viſirte durch ein Aſt⸗ loch, als ſich ihm urplötzlich ein blauer Rücken oder Frack vor das Object ſeines Sehrohrs ſchob. Müller hatte eine Art ſympathetiſchen Schauders auf ſeinem eigenen Rücken beim Anblick dieſes Fremden, den er ſich nicht erklären konnte. Jetzt aber ſage mir Jemand noch ein Wort gegen Ahnungen, denn es war Auguſt Miller's Rücken, deſſen magnetiſche Influenz und unheilvolle Conſtellation unſer ar⸗ mer Auguſt zu oft empfunden hatte. Schon fühlte er, wie Heinrich IV. Ravaillac's Meſſer, das Geſpenſt irgend eines ſpaniſchen Rohrs auf ſeiner Rückgratwirbelſäule und klap⸗ perte vor Schauer. Das Alles empfand er, wie die AWcten ergeben, ohne den Rücken⸗Inhaber zu erkennen, da der⸗ ſelbe ihm auch nicht das Sechzehntheil⸗Profil des Antlitzes zuwendete. Jetzt beugte ſich der blaue Rücken langſam im⸗ mer tiefer und tiefer nieder, und plötzlich ging hinter ihm, wie hinter einem Bergrücken, eine Sonne auf, Auguſte Schulzens Antlitz. Die Sonne ſtieg höher, Hals und Bruſt wurden ſichtbar, der Rücken krümmte ſich wie eine Schlange und jetzt, Auguſt biß vor eiferſüchtigem Liebes⸗ ſchmerz die Zähne zuſammen, drückte der unſichtbare Mund, der am unſichtbaren Kopf des ſichtbaren Rückens ſitzen mußte, einen glühenden Kuß auf die Hand der Schulzin. „Au! Sacrament! Donnerwetter!“ ſchrie Auguſt Mül⸗ ler in der ſeltſamſten Scala der Affecte von Schmerz zu Wuth in dieſem Augenblick auf, nicht über den Handkuß, ſondern weil er, in dem nämlichen Moment, wo der un⸗ erkannte Miller die Lippe auf die Hand des Mädchens preßte, als ſchnelle derſelbe eine Springfeder damit los, einen dermaßenen Hieb über den hinterwärts am weiteſten Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. VI. 9 — 191— hervorragenden Theil ſeines zum Viſiren durch's Aſtloch ge⸗ krümmten Körpers erhielt, daß er aufprallte und einen Luft⸗ ſprung that wie ein ſchnalzender Karpfen im Teich:„Cu⸗ jon!“ hörte man's nach dieſem Blitzſtrahl donnern, wäh⸗ rend Müller in der Luft zappelte,„Spitzbube, Galgen⸗ vogel! Was ſpionirt Er hier! Iſt Er's, der uns Nachts die Weintrauben ſtiehlt?“ Es war der Gärtner, der dieſe ſchöne demoſtheniſche Anrede hielt und ſein Rednerſcepter, einen Haſelſtock, ſo energiſch ſchwang, wie Odyſſeus gegen Therſites. Zu Al⸗ lem braucht der Menſch etwas Zeit, ſogar um wüthend zu werden. Müller brauchte drei Secunden, um ſeinen Zu⸗ ſtand zu begreifen, drei, um darüber in die höchſte Wuth zu gerathen, und drei, um ſich zu entſchließen, wie er ſeine Wuth auslaſſen wolle. Eben war er mit ſich auf's Reine gekommen, daß er den Gärtner packen, zu Boden werfen und ihm ſeinerſeits mit dem Haſelſtock den Rücken aus⸗ meſſen wollte, als der Kerl ihm dieſen ſchon zeigte, aber bereits zehn Schritt entfernt und mit dem Ausruf:„Noch ein Spitzbube! Dich ſoll ja das Kreuzdonnerwetter regie⸗ ren!“ Auguſt Müller ſah dem Windſtrich dieſes Fluchs nach und entdeckte den unerkannten blauen Rücken ſeines Nebenbuhlers und Unglücksſterns, der eben in einem ſchö⸗ nen Bogen über dem Gartenzaun aufging, nämlich ſich hin⸗ überſchwang, um Reißaus zu nehmen. Müller's und des Gärtners Duett hinterm Zaun hatte das Liebespaar, das im Garten verbotene Früchte, wenn auch mehr unter als von den Bäumen naſchte, auf⸗ geſchreckt und Auguſt Miller, der über den Zaun gekom⸗ men war, flüchtete denſelben Weg zurück, während Auguſte durch den Laubengang nach dem Hauſe zu entflatterte. Au⸗ guſt Müller, außerhalb des Gartens, empfand bei der — 195— ganzen Geſchichte vorläufig nichts, als den Ingrimm, daß der Gärtner ſchon weiter von ihm weg war, als ſeine Fauſt langen konnte. Mit echt ſpartaniſcher Tapferkeit verlän⸗ gerte er ſeine kurze Waffe dadurch, daß er dem Feinde nä⸗ her rückte, d. h. nachfolgte, wie ein Windhund einem Ha⸗ ſen. Wer niemals im Herbſt quer durch einen Sturzacker Wette gelaufen iſt, kann über eine ſolche Rennbahn mei⸗ nes Erachtens nur ein ſchiefes Urtheil haben und mag es der Hexe zuſchreiben(die ich aber nach Lage der Akten für unſchuldig halte), daß Auguſt Müller nach richtigen me⸗ chaniſchen Geſetzen des Stoßes und Widerſtandes bei Be⸗ wegung der Körper ſich in einen Winkel zur Erdachſe ſtellte, wobei ſeine Schwerpunkts⸗Verticale außerhalb der Grundfläche ſeiner Stiefelſohlen in den Fußboden ſchnitt. Dies hatte nach eben ſo richtigen Grundſätzen die Folge, daß eine Secunde darauf ſein Schwerpunkt vortrefflich un⸗ terſtützt wurde, aber durch ſeine Bauchfläche und in unmit⸗ telbarem Contact mit dem Sturzacker, auf dem er ar⸗ beitete. Kurz und gut, unwiſſenſchaftlich ausgedrückt, fiel er ſo lang er war in den naſſen Lehmboden und ſprengte ſich beide— Hoſenträger. Wenn ſchon Soldaten einen triftigen Grund haben, den Feind nicht weiter zu ver⸗ folgen, weil ihre Schuhe nicht mehr halten wollen, ſo hat ein Studioſus meines Erachtens einen eben ſo guten, wenn er ſeine Hoſen nicht halten kann, außer mit den Händen. Ich brauche kaum hinzuzuſetzen, daß Auguſt Müller jetzt in die Stadt zurückging, denn daß er in ſolcher Lage eine Landpartie gemacht habe, wird Niemand vermuthen. Hier iſt noch in marginem ad acta vermerkt, daß Au⸗ guſt Miller und der Gärtner hinter der Zaunecke ver⸗ ſchwanden, ohne daß Jemand etwas Näheres von ihrem— 9* beiderſeitigen Schickſal erfuhr. Ich daͤchte das Capitel könnte gar nicht beſſer ſchließen. Siebentes Capitel. Auguſt Müller ſaß am andern Vormittage nachden⸗ kend und trübſelig auf einem dreibeinigen Lehnſeſſel, dem Prachtſopha ſeiner Studierſtube, und ſah, wie Gretchen im Fauſt, die Wolken ziehn, nämlich die Tabakswolken, die er vor ſich hinblies. Es klopfte. „Herein!“ Eine weibliche Geſtalt trat ein. Auguſt Müller mußte dadurch lebhaft an die braune Schickſalsgöttin ſeiner Kna⸗ benjahre, die ihn noch immer mit ihren böſen Sternen ver⸗ folgte, erinnert werden, denn er fuhr auf und zurück. „Was gibt's, was ſoll's, was iſt's, was bringt man, was will man, was hat man?“ fragte er ein wenig zu raſch und zu viel, wie mich dünkt. „Sind Sie der Herr Studioſus Auguſt Müller?“ fragte die Papagena(vor der Verwandlung). „Ja freilich, leider!“ ſeufzte Auguſt. „Ich habe hier ein Briefchen an Sie!“ „Von wem? Unglückliche, von wem? declamirte Mül⸗ ler in tragiſcher Spannung. „Ei, wie ſich die Herren ſtellen! Habe ich Sie nicht ſelbſt oft genug unter den Fenſtern der Mamſell Schulz vorbeiflunkern und ſiebenmal in einem Nachmittag grüͤßen ſehn?(Müller war wirklich in ſeiner Liebesblödigkeit ſo 8 ——— —,— — 197— 2 ein Tropf geweſen. Nun, die Mamſell ſcheint das nicht un⸗ gern geſehn zu haben.“ 4 In Müller's Seele gingen mehrere Sonnen der Hoff⸗ nung auf. Er nahm den Brief, ſchenkte der Alten einen Zwanzigkreuzer(ſeinen letzten, wovon er noch dreimal Abend⸗ brot eſſen wollte), durchflog die Zeilen, wurde blaß, roth, erſtarrte, taumelte, ſprang deckenhoch, pfiff, ſang, fluchte, jubelte; kurz, wurde völlig verrückt. Endlich trieb er die Alte zur Stube hinaus mit den Worten:„Geht nur, geht, geht, geht! Es iſt Alles gut, es bedarf keiner Antwort.“ Die Alte war fort. Jetzt las er den Brief noch einmal. „„Ich erkannte Ihre ſtille Liebe längſt! Schüchternheit gewinnt das Herz der Jungfrau! Wie tief bedaure ich die Schändlichkeit, die Ihnen geſtern vor unſerm Gartenzaun widerfuhr. Ohne dieſe Abſcheulichkeit wären wir einander näher gekommen! O ich hatte Sie längſt geſehen! Vorü⸗ bergehend am Hauſe, die Mauer umſchleichend, durch die Spalten lauſchend. Sie Böſer, iſt das recht? Darf man ſchüchterner Jungfräulichkeit ſolche Gefahren bereiten? Aber wir müſſen den verlorenen Augenblick wieder gewinnen. Dieſen Nachmittag um drei Uhr gehe ich mit einer ver⸗ ſchwiegenen Freundin in den Erbſengarten*); im Gar⸗ tenhäuschen trinken wir den Kaffee, wenn Sie zufällig dort⸗ hin kämen! O Auguſt!. Ihre Auguſte Schulze.““ Jetzt fiel es Auguſt Müller wie Schuppen von den Augen. Er war der Geliebte! Wahrhaftig, ſie hatte ihn mehrmals vom Fenſter aus gegrüßt, wenn auch nicht alle ſieben Mal, wo er den Hut abzog. Aber der Kerl geſtern *) Ein Luſtort. Das Tivoli, das Vauxhall von H.... der Teufel, beinahe hätte ich die Univerſität wirklich Pernat — 198— im Garten? Nun wer wird's geweſen ſein? Irgend einer der im Hauſe Zutritt hat und frech genug iſt, einer Huld⸗ göttin mir nichts dir nichts die Hand zu küſſen. Aber ich, ich bin der Auserwählte. O Schwerenoth, daß ich meinen ſchwarzen Frack verſetzt habe! Ich miſerabler Pickelhering, ich Jammermann! Aber es ſei darum! Sie ſieht auf's Herz, nicht auf die lumpige Jacke! O Auguſte Schulze! Mein Ideal! Ich gehe im Flaus! Der Geier hole die Bedenklichkeit!“ Er ging wirklich.— Unterweges memorirte er eine ganze Reihe Zärtlichkeits⸗ Phraſen und galanter Wendungen, die er anbringen wollte. Ich habe es früher zu bemerken vergeſſen, kann's aber hier geſchickt nachholen, daß mein Held die Gewohnheit hatte, ſeine Gedanken, wenn ſie lebhaft wurden, laut werden zu laſſen. Das that er auch hier zu ſeinem Unglück. Denn der Teufel führte ihm zwei Brüder Studioſos, fidele Kerle, in grünem und gelbem Flaus nach, die ihn anfangs ein⸗ holen und anreden wollten, aber plötzlich ganz ſtill und auf den Zehen hinter ihm drein ſchlichen, als ſie ihn declamiren und geſticuliren ſahen und einzelne Reden vernahmen, wie: „Angebetete Seele! Stern meines Lebens! Wie erfüllt mich die Sonne trunkener Seligkeit.“ „Auf Cerevis!“ betheuerte Torfholm, ſo hieß der eine grünflauſige Student, leiſe,„dieſes Kameel hat eine Pouſ⸗ ſade auf dem Zug! Das müſſen wir näher unterſuchen!“ „Ich verwette meinen Meerſchaumkopf gegen eine abge⸗ brochene Nappirklinge, Du haſt Recht, Herr Bruder!“ ant⸗ wortete Splüchteritz, der Gelbflauſige und ſchlug mit dem Zigenhainer an ſeine Kanonen. „Donner, das gibt eine Hauptſuite,“ rief Torfholm. 64 F. t —— — 199— Aber ſei nicht ſo laut, Splüchteritz! Wir müſſen den Kerl obſerviren!“ „Wenn das ſtille Waſſer tief wäre und wir würfen das Senkblei hinein!“ flüſterte Splüchteritz,„ich ſetze auf Ehre ein Dutzend Flaſchen Champagner, falls ſie der Knei⸗ pier pumpen wlll, verſteht ſich.“ „Heraus haben müſſen wir's, was er vor hat, darauf gebe ich mein Cerevis! Laß uns leiſe nachſchleichen!“ (Ich will kein Schriftſteller von Fach ſein, wenn das verdammte Hexenweib hier nicht wieder im Spiel iſt und in einem oder dem andern Flausrock ſteckt. Ich bin or⸗ dentlich gierig auf die Akten.) Vorläufig aber läßt ſich nicht mehr ermitteln, als daß Torfholm und Splüchteritz ſich an Auguſt Müller's Soh⸗ len hefteten und, als er zwei junge Mädchen, die am Fenſter des Gartenhäuschens im Erbſengarten Kaffee tranken, ſüß⸗ blickend grüßte, geſchwind in die nächſte Hecke fuhren, um das Theater, wo vermuthlich jetzt das Schauſpiel beginnen ſollte, ruhig im Auge haben zu können. Wirklich ſaß die holdſelige Auguſte Schulze mit dem Strickſtrumpf am Gartenhausfenſter und ließ häufige Ma⸗ ſchen fallen, weil ſie immer die Augen nach der Straße von der Stadt her hatte. Auguſt conſtruirte eine Kome⸗ tenbahn; er zog in einer langen Ellipſe von weitem heran, um dann ſcharf an ſeiner Sonne vorüberzuſtreifen. Es gelang; er grüßte, wie er hoffte, mit Anſtand und Liebes⸗ blick; der Gruß ward lächelnd erwidert. Auguſt erklärte das lächelnd wie zulächelnd und plätſcherte in Seligkeit. Jetzt ſtand er ſtill und überlegte. Hm! Sollſt du es denn wagen ins Gartenhaus zu treten? Einen Wink könnte man dir doch geben! Einen Wink! Eſel! Haſt du nicht einen ſchriftlichen Befehl, einen wahren Miniſterialpaß, ei⸗ — 290— nen ordentlichen Ferman? Und du Tropf verlangſt noch Winke!“ Nach dieſer feurigen Anrede an ſich ſelbſt ging er, doch nur ſcheu, in einer endloſen Spirallinie um das Gartenhaus herum und ſuchte ſich unvermerkt näher heran⸗ zuſpinnen. Torfholm und Splüchteritz lugten aus der Gartenhecke hervor.„Der Kerl hat die beiden Florbeſen auf der Fährte! Eine miſerable Pouſſade, auf Cerevis!“ flüſterte Splüch⸗ teritz. „Wer ſind ſie denn?“ fragte Torfholm. „Kennſt Du denn den Philiſter Schulze nicht?“ erwi⸗ derte Splüchteritz.„Den Band⸗ und Roſinenkrämer? Ein Kerl, bei dem Du nicht einmal einen Pump von drei Gulden riskiren kannſt! Seine fade morgenrothblonde, ſom⸗ mergezeichnete, ſtrickſtrumpfende, eierkuchenbackende Tochter, ein Mädchen wie ungezuckerter Eierſchaum ſo nüchtern, anf Cerevis“— „Halt, Herr Bruder!“ unterbrach ihn Torfholm.„Ich beſinne mich jetzt, Du biſt aus dem Hauſe abgeſchnappt we⸗ gen eines etwas eichenholzenen Pumps beim Alten; Du mußt mir auf die arme Philiſtäerin nicht zu viel ſagen! Aber laß uns aufpaſſen. Sieh, unſer Müller zieht ſich, wie eine Aſymptote zu der Parabel, der Gartenhausthür, immer näher und doch kommt er nicht heran! Der Schlüſ⸗ ſel ſteckt von außen! Weißt Du was? So wie der Ha⸗ ſenfuß hinein iſt, drehen wir den Schlüſſel um und ziehen ab, dann muß das Liebespaar zum Fenſter heraus!“ „Bon, auf Cerevis!“ bekräftigte Splüchteritz. Sie ſchlichen hinter der Hecke hervor. Auguſt hatte in⸗ zwiſchen einen kühnen Entſchluß gefaßt; er wollte ſich wie ein Curtius in den offenen Schlund der Abenteuer ſtürzen: Daher klopfte er Leie an die Thür. — 201— Ich müßte wirklich ein Cretin ſein und den Leſer dafüͤr halten, wenn ich's hier erſt lange erklären wollte, wie Al⸗ les zuſammenhing, daß Auguſte Schulze an Auguſt Mil⸗ ler, der geſtern auch mit dem Gärtner jenſeit des Zauns handgemein geworden war, geſchrieben hatte, in ihrer Frauen⸗ orthographie aber gar nicht darauf kam, ihn anders als Müller zu buchſtabiren, daß ſie den wahren Auguſt Mül⸗ ler nur von Anſehn kannte, nur über ſein ewiges Grüßen gelacht und geſpöttelt hatte; daß ſie aus demſelben Grunde auch zuvor lächelte und ihr gar keine Ahnung kam, dieſer blöde, eckige, verlegene Adonis werde ſich zu ihr ins Gar⸗ tenhaus wagen; daß ſie endlich noch jetzt beim Anklopfen dachte:„Es iſt der rechte; er hat discret und vorſichtig den Fußpfad hinten um den Garten herum gewählt. Sie rief alſo ſo ſilbern und zäértlich, als ſie vermochte:„Herein!“ Auguſt Müller's Herz hing ſüß verblutend am An⸗ gelhaken, als er dieſe Stimme hörte; ſein Kopf ſchwindelte, er drehte zagend die Thür auf und gelangte mit einer ſo tiefen ehrfurchtsvollen Verbeugung hinein, daß er anfangs gar nicht ſah, wer darin war. Die beiden lauernden Schnapphähne ſchoſſen aber heran wie Stoßvögel, als er in die Mausfalle guckte; mit einem leiſen, raſchen Zug ſchloſſen ſie die Thür hinter ihm(Müller hielt's für Zug⸗ wind) und in einer Achtelstertie war auch der Schlüſſel umgedreht. „Je nun,“ denkt der Leſer,„wem bei einem ſolchen Abenteuer der Rückzug abgeſchnitten wird, der braucht nicht über ſeinen Unſtern zu klagen. Der Feind iſt in der Fe⸗ ſtung, ſie muß capituliren! Gut, erſtlich darnach der Feind iſt; und zweitens: Wenn ihm nun auch der Marſch vor⸗ wärts durch einen unvermutheten Verhack geſperrt iſt? Wenn er gewiſſermaßen zwiſchen Wall und Graben, oder eigent⸗ ◻ — 202— lich im Graben ſteckt, wie Auguſt Müller? Mich ver⸗ ſteht Keiner, ich muß deutlicher werden.“ „Was zum Geier,“ rief Splüchteritz, als die Thür zu und der Schlüſſel in ſeiner Taſche war,„iſt das ein Eſels⸗ ohr?“ Er zeigte auf einen leeren Zipfel, der in der Thür ſteckte und herausguckte.„Ich glaube auf Cerevis, wir haben der Ratze den Schwanz in die Falle geklemmt und ſie zappelt drinnen erbärmlich und kann keinen Schritt vor⸗ wärts!“ Torfholm beguckte und befühlte das grüne Dreieck und erklärte es nach langer chemiſcher Analyſe für den Mül⸗ ler'ſchen Flausrockzipfel, denn es enthielt im richtigſten Mi⸗ ſchungsverhältniß 0,10 Flausſtoff, 0,30 Staub, 0,30 Fett, 0,30 Dinte, mithin ein Studentenflauszipfel ohne Wider⸗ rede. Beide lachten jetzt eine lange Cadence und ſchwuren, der Spaß ſei himmliſch und der Zufall der beſte Luſtſpieldich⸗ ter.„Hier meinen Zigenhainer gäbe ich für einen Spiegel, in dem ich das Kameel da drinnen ſeine Geſichter ſchneiden ſähe!“ rief Splüchteritz. 4 „Ei was,“ jubelte Torfholm,„laß uns vorn an die Fen⸗ ſterloge treten, haben wir den Brei ſo weit eingerührt, müſ⸗ ſen wir auch den Zucker nicht daran ſparen. Was kann denn daraus entſtehen? Höchſtens eine Paukerei! Ich kann das Müller⸗Kameel ſo nicht ausſtehn; man zieht ihm eine Quarte über den Schnabel und damit Punktum.“ Die beiden Raubmörder an Müller's Liebe gingen im Sturmſchritt um's Luſthaus, um von vorn hineinzugucken. Ich erzähle jetzt erſt, wie es darin ausſah. Der Lie⸗ bende, wie geſagt, trat mit einer Verbeugung ein, die ſei⸗ nen Kopf der Erde faſt ſo nahe brachte, als ſein Herz ſich dem Himmel fühlte. Auguſte und ihre Couſine, die Tu⸗ — 203— gendwächterin, ſtanden erſtaunt, halb lachend, halb verlegen auf und betrachteten den Gekrümmten. Er erhob ſich ſcheu, verbeugte ſich wieder, ſuchte Worte, fand keine, gab ſtatt deſſen noch einige Verbeugungen und trieb endlich den Muth ſo weit, leiſe zu huſten und einen Fuß unmerklich vorwärts zu ſchieben. „Um Vergebung, mein Herr,“ fragte endlich die Tu⸗ gendwächterin,„was ſtände zu Ihren Dienſten?“ Müller hatte ſich eigentlich folgende Rede ausgedacht. Er wollte den Einladungsbrief hervorziehn, ihn wie eine Einlaßkarte überreichen und gefühlvoll ſagen:„O Auguſte Schulze!“ Das Andere hätte ſich gefunden. Es war jetzt fatal für ihn, daß ihn nicht dieſe, ſondern ihre Begleiterin anredete. Inzwiſchen verlor er den Kopf nicht ſo, daß er nicht einen kühnen Schritt von ſechs Zollen vorwärts ge⸗ wagt hätte. Da fühlte er ſich von hinten her gehalten; Alles, was ihm in ſeinem Leben in den Rücken gekommen war, hatte ihm Unlheil gebracht, deshalb lief auch jetzt bei dieſem hinterrücks Feſthalten ein Fieberfroſt durch ſein Rücken⸗ mark. Er ruckte und zupfte; die unſichtbare Hand hielt ihn feſt; ſein Blut wurde Eis, dann glühendes Eiſen, dann wieder Eis und ſo declinirte es immer fort Eis Eiſen, Eis Eiſen, als wäre eins der Genitiv des andern. Seine Knie wankten, ihm war zu Muthe wie jenem Verwegenen, der um Mitternacht ein Meſſer in einen Sargdeckel zu ſtechen verſprochen hatte, zum Zeichen, daß er den Muth gehabt, ins Gewölbe zu ſteigen, aber im Geſpenſtergrauſen ſeinen eigenen Rockſchoos anſpießte und ſich nun von den Todten feſtgehalten glaubte. Der Angſtſchweiß trat auf Müller's Stirn; er wollte ſich aufrichten, um zu ſeufzen und, ver⸗ mochte er's, etwa zu lächeln, doch er verbeugte ſich ge⸗ ſchwind wieder vor Schamglut; er zerrte und zupfte wie —ᷣ—ÿ—ÿ—ꝑ—ÿ———— — 204— ein mit dem Schwanz an die Bracke gebundenes Pferd, der Zipfel hielt feſt, als wäre er von Eiſen; eine Anſtren⸗ gung muß helfen, dachte er entſchloſſen und ruckte gewalt⸗ ſam; er hörte etwas reißen, Himmel, wenn ihm gar der rechte Flügel abriſſe, der Lappen lächerlich in der Thür hängen bliebe und er ſelbſt noch lächerlicher daſtände mit einem Rock, dem ein Viertel ausgehauen wäre, wie eine Kalbskeule! Und vollends ſein Aufzug beim Umdrehen, denn er mußte doch wieder hinaus— nein, es war gar nicht zu machen, alſo Geduld haben, bis an den jüngſten Tag. O, Auguſt Müller, Unglücksſohn, wäreſt du nie geboren! Dieſe Gedanken jagten ſich durch ſein Gehirn wie Sterne in der Milchſtraße vor Herſchel's Teleſkop, Tauſende in ei⸗ ner Sekunde; er drückte ſeit einer Ewigkeit mit der linken — Hand rückwärts heimlich auf die Klinke, um den gefange⸗ 3 nen Zipfel aus dem Arreſt zu ſchaffen, doch vergeblich, die Thür klemmte ſich, ſo glaubte er, noch feſter als das Rock⸗ ohr; ſieben Höllen empfand er in einer Minute; der Mund wäſſerte ihm nach der Geliebten und das Schickſal hielt ihh ſo nichtswürdig boshaft am Schopf und Zopf zurück; Tan⸗ talus war ein Glückspilz gegen ihn, denn er machte ſich doch nicht lächerlich in ſeiner Qual; er wünſchte ſich hun⸗ dert Stockprügel als Ablöſungsquantum,„ſteckte wenigſtens ein Bein mit zerſchlagenem Knochen im Fuchseiſen,“ flehte er ingrimmig,„daß es der Mühe werth wäre, mich zu be⸗ mitleiden, oder holte mich doch nur auf der Stelle der Hen⸗ kev, oder hinge ich, ſtatt in der Thür, am Galgen, ich wäre ja ſelig! Oder wollte wenigſtens das Gartenhaus ab⸗ brennen“— 4 Aber es geſchah nichts, ſondern die beiden Mädchen gingen nur ruhig folgende Gemüthszuſtände durch: Ver⸗ wunderung, Aerger, größere Verwunderung, daß der Ge⸗ — 295— bückte ſich nicht aufrichtete, noch größere Verlegenheit, heim⸗ liches Lachen, heftigeres, Verlegenheit darüber, kitzelnde Scha⸗ denfreude, noch ein Grad Lachluſt, durchſickerndes Kichern, ſtärkerer Durchbruch des Gelächters, Exploſion deſſelben, plötzlicher Schreck und Erſtarren, denn Torfholm und Splüch⸗ teritz treten ans Fenſter und intoniren im Baßregiſter:„Er⸗ gebener Diener, meine Damen, wie geht's Ihnen? Ei, wer ſteckt denn da hinten im Gartenhauſe? Am Ende ein Liebhaber!“ Jetzt riß Alles zugleich an Müller, der Lebensfaden, der Hoffnungsfaden, der Geduldsfaden, der Flausrock. Durch einen verzweifelten Ruck war er frei und wollte nun zur Thür hinausſtürmen ins nächſte Waſſer. Da fühlte er, daß ſie verſchloſſen war! Ich könnte noch Vieles aus den Akten über die nach⸗ folgenden Zuſtände und Vorfälle referiren, aber der Capi⸗ telsfaden muß doch auch einmal abreißen. Achtes Capitel. Ein Hiſtoriker darf nicht ſpringen. Ich will daher alle wichtigen Momente, die ſich inzwiſchen ereigneten, zuſam⸗ mendrängen. Die Studenten ließen die beiden Mädchen blos zum Spaß, zum Fenſter hinaushüpfen; Auguſt Mül⸗ ler ſetzte nach langer Pauſe hinterher; es verdroß ihn nur, daß es Parterre war, nicht vom Strasburger Münſter her⸗ ab. Da er jetzt herausgewittert hatte, daß man ihm einen Streich geſpielt, ſprach er ein keckes Wort von„dummen Jungen.“ Dies führte ihn zwar nicht auf den Rabenſtein, — 206— X aber doch auf die Menſur und zu einer Schmarre durch die Oberlippe und rechte Backe. Nach drei Wochen war die Wunde auf der Backe zu⸗ genäht und zugeheilt; nur die im Herzen klaffte noch furcht⸗ bar. Ich muß es aber ſagen, das Abenteuer hatte ihn et⸗ was intereſſant für Auguſte Schulze gemacht und ſie hatte ſogar ein klein wenig Mitleid mit ihm, umſomehr als Au⸗ guſt Miller nach der Garten⸗Retirade ziemlich kühl und ferne blieb. Die Intervention des Gärtners in ſeine Liebe war ihm, weil ſie ſo hinterrücks geſchah, äußerſt zuwider geweſen. In Löwenburg hatte aber die Sache einiges Aufſehn gemacht und die Stadt ſprach viel von den Liebhabern der Jungfrau Schulze, warf jedoch Miller und Müller ſo untereinander, daß die Einwohner bald ſo weit waren, wie vielleicht die meiſten meiner Leſer, nämlich gar nicht mehr recht wußten, wer der rechte ſei. Der größte Theil hielt ſogar dafür, es gäbe nur einen, Müller nämlich, und daß man bald den mit dem i, bald den mit dem ü für dieſen Einen hielt. Dies diente, wie man gleich ſehen wird, der Hexe, die, man mag ſagen, was man will, aus dem Hin⸗ tergrunde doch die ganze Maſchine lenkt, zu den verwickelt⸗ ſten Streichen. Der Kaufmann Schulze, der Vater der Huldgöttin aus dem Gartenhauſe, beſaß einen Freund, Spürvogel genannt, der eigentlich Das, was man einen Allerweltsfreund nennt, war, d. h. aller Welt, die ihn einlud, mit der er über Land fuhr, wo er zu Mittag oder Abend aß, ein Glas Wein, oder auch(denn beſcheiden war er), wenn's nicht anders ging, ein Glas Bier trank; kurz, ein Freund der ganzen gebildeten Welt. Spürvogel(ſeinen Namen führte er nicht ganz mit Unrecht, denn er hatte ſeinen Charakter x — 207— danach eingerichtet), Spürvogel, wollte ich erzählen, reiſte nach der Reſidenz, etwa funfzehn Meilen weit. Es wurde nämlich mit nächſtem dort das Lotto gezogen und er dachte, es hülfe ihm, wenn er dabei wäre. Ein großer Lotterie⸗ Collecteur daſelbſt hatte einen kleinen Juden, Hirſch heißt er in den Akten, zum Agenten, der die Landſtädte bereiſte und auch nach Löwenburg zu kommen pflegte, um den Stu⸗ denten Looſe zu verkaufen. Mit dieſem ſchloß Spürvogel eine innige Freundſchaft, denn er dachte: Connexionen hel⸗ fen überall, warum nicht zum großen Looſe? Die Zie⸗ hungstage begannen; zweien Ziehungen wohnte Spürvogel ſelbſt bei, am dritten Tage aber war er's müde, in der Hitze des Saales zu ſtehen und doch nicht zu gewinnen. Er blieb aber bei obgedachtem Collecteur auf dem Anſtande, um gleich nach dem Schluß der Ziehung das Wichtigſte zu erfahren. Plötzlich, bevor ſie noch halb vorbei ſein konnte, kam der Jude Hirſch ſchneller wie ein Hirſch die Gaſſe her⸗ abgeſetzt. Ueber das höchſte Jagdnetz wäre er geſprungen, ſolche Bogenſchüſſe that er mit ſich ſelber.„Das bedeutet etwas,“ rief der Collecteur ahnungsvoll,„das bedeutet et⸗ was,“ rief Spürvogel noch ahnungsvoller nach und nahm ſich ſogleich vor, nicht ohnmächtig zu werden, falls er das große Loos gewonnen hätte; aber noch ehe er ſeinen Vor⸗ ſatz recht feſt ins Auge faſſen konnte, war Hirſch ſchon im Laden. Er kochte, glühte, zitterte, flog—„Uf!“ rief er, „Herr Collecteur! Wohs hab' ich geſagt? S' grauße Loos is gfallen zu uns, s'is gfallen ßu mir, s'is gfallen ßu Lö⸗ wenburg“(hier wollte Spürvogel ſein Gelübde brechen und ſich ohnmächtig auf den Ladentiſch werfen), s'is gfallen ßu 'n Studenten, er heißt Herr Miller!“ Hier brach Spür⸗ vogel wirklich ſein Gelübde und fiel in Ohnmacht, aber un⸗ ter den Ladentiſch. — 208— „Gott's Wunder, Herr Spürvogel,“ rief Hirſch,„wohs fallen Sie in de Omacht? Se hoben's nich nöthig, Se hob'n ja nichts gewonnen!“ Spürvogel fand eben deshalb ſeine Ohnmacht nöthig und blieb mit gutem Gewiſſen wol noch zwanzig Secunden ohnmächtig, weil ihm die reservatio mentalis einfiel, daß er ja dadurch ſein Gelübde gar nicht breche, indem er ſich nur vorgenommen, nicht in Ohnmacht zu fallen, wenn er gewonnen hätte. 3 Er ſchnappte Luft; er that fuüͤnfundzwanzig Fragen in einem Satz ohne Komma und Punktum, ja ohne Frage⸗ zeichen. Alles reſumirte ſich endlich auf folgendes Bulletin, welches Hirſch ausgab. „Die Nr. 24,523 hat gewonnen die 100,000 Gulden Conventionsgeld! Sie gehört Herrn Auguſt Miller! Gott's Wunder! Herr Spürvogel, Se müſſen'n kennen! Der Liebhaber von unſren Handelsfreind, wollt' ich ſogen, von de Tochter, de Mamſell Schulze! Der Papa hat nich gewollt wiſſen von de Sache, jetzt wird er ßugreifen mit beide Händche ßu de Sache, Gott's Wunder!“ „Aber Freund Hirſch, Häschen, Goldmann,“ rief Spür⸗ vogel halb weinend vor Aerger, halb glückſelig, daß er eine ſo wichtige Neuigkeit zuerſt erfuhr,„woher wiſſen Sie denn, daß der— „Daß der Herr Miller hat g'wonnen s' grauße Loos? Au waih! Was denkt der Herr Spürvogel? Werd' ich niſcht hoben meine Papiere im Kopf? Hat der Herr Spür⸗ vogel nicht die Nummer 62,7222 „Leider ja, zum Teufel, hab' ich nicht die rechte,“ rief Spürvogel und balancirte ſehr über eine neue Ohnmacht. „Alle meine Kunden weiß ich auswendig per coeur, was ſe hoben vor an Nummer. Herr Collecteur, Gott's —,—— — 209— Wunder, wollen wir nicht gleich ſchreiben ein Brief, oder ſchicken'ne Stafette?“ „Einen Brief,“ ſprach der Collecteur und ſah nach der Uhr, dazu iſt's ſchon zu ſpät, die Poſt geht in einer Vier⸗ telſtunde ab. Eine Staffette? Nein, dazu müſſen wir die Liſten abwarten und die erſcheinen erſt morgen Mittag. Sie könnten ſich verhört haben, Herr Hirſch.“ „Ich, verhört? Gott's Wunder, ich will meinen Kopf verwetten, ich habe mich nicht verhört,“ rief Hirſch. Inzwiſchen bekam Spürvogel einen köſtlichen Einfall, den er aber keinem Menſchen vertraute.„Ich bin zu alte⸗ rirt,“ rief er plötzlich aus,„ich muß etwas Luft ſchöpfen!“ Damit lief er zum Laden hingus und ſtracks auf die Poſt. Sie war eben abgefahren. Er beſtellte ſogleich Ex⸗ trapoſt, fuhr bis auf die nächſte Station nach, holte die Schnellpoſt ein, fuhr damit auf den Punkt, wo die Sei⸗ tenpoſt nach Löwenburg abgeht(denn es liegt nicht an der Hauptſtraße), nahm wieder Extrapoſt und war um Mitter⸗ nacht dort. Sein ganzer Plan war, ſich von Auguſt Mil⸗ ler, wenn er ihm die Braut verſchaffte, einen guten Kup⸗ pelpelz und eine Art quota litis vom großen Loos zu be⸗ dingen. Um Mitternacht war das indeſſen ohne Aufſehen nicht möglich. Die Staffette mit den Liſten konnte vor morgen Abends nicht ankommen, alſo bezähmte ſich Spür⸗ vogel bis zum andern Morgen. Ich muß hier aus den Akten anführen, daß er nur ei⸗ nen Liebhaber Auguſtens kannte und zwar Auguſt Miller, mithin zu der Majorität der Löwenbürger gehörte, die die ganze Gartenhaus⸗ und Liebesgeſchichte auf eine Perſon übertrugen und zwar auf die falſche. Das war natürlich, denn er hatte nur Auguſt Miller, der etliche Mal Zu⸗ — 210— tritt im Schulze'ſchen Hauſe gehabt, dort geſehen. Auch hatte der Jude ihm ja dieſen Miller deutlich genannt. Um 6 Uhr Morgens ſtand Spürvogel in Auguſt Mil⸗ ler's Zimmer und ſchreckte dieſen ſo plötzlich aus dem Bett, daß er im Hemd aufſprang. „Herr Miller,“ hub er an,„ich bin Ihr wahrer Freund! Sie lieben die Mamſell Auguſte Schulze, es iſt mir bekannt(Miller fuhr in den Schlafrock). Der Va⸗ ter iſt mein Freund, aber er iſt ein Filz, er will ſie einem ſo charmanten jungen Manne nicht geben(Miller ſtampfte ſich in ein Paar Morgenſtiefeln). Was geben Sie mir, wenn ich Ihnen heut noch das Jawort verſchaffe und 20,000 Gulden Mitgift? He, geben Sie mir die Hälfte ab?(Miller ſtrangulirte ſich eben beinahe mit der Hals⸗ binde.) Sagen Sie, Herr Miller, wie?“ „Mit tauſend Freuden,“ ſchrie Miller und ſprang hoch in die Luft.„Heut das Jawort? Und die Einwilli⸗ gung des Vaters?“ „Beides!“ rief Spürvogel ſtolz.„Aber eine Zeile ſchrift⸗ lich, Herr Miller!“ „Von Herzen gern.“ Er ſetzte ſich an den Schreibtiſch und verpflichtete ſich ſchriftlich. Mit dieſem Primawechſel am Hochzeittage zahlbar, reiſte Spürvogel ſofort mit Cou⸗ rierpferden ab, aber nur bis vor Schulze's Hausthür. Ganz kurz geb' ich's nun aus den Akten, daß er ſich von dieſem auch 10,000 Gulden verſchreiben ließ, wenn er ihm einen Schwiegerſohn ſchaffe mit 100,000. Auch ſti⸗ pulirte er Auguſt's Mitgift auf 30,000, wodurch ſein Gut⸗ haben bei Auguſt Miller um 5,000 wuchs. „Heute Vormittag noch haben Sie den Eidam, Herr Schulze,“ rief Spürvogel, glücklich wie ein König. „Nun, zum Teufel, Herr, ſo packen Sie ſich doch und — 211— ſchaffen Sie den Kerl gleich her; wer iſt er denn?“ ant⸗ wortete Schulze mehr grob als dankbar.) Spürvogel nannte ihn. Papa Schulze zog ſein Geſicht in ein Oblongum von unendlich ſchmaler Breite und un⸗ endlich langer Länge.„Was? Der unbefiederte Bruder Studio? Den Theologen von Habenichts wollen Sie mir aufſchwatzen?“ „Pſt, pft!“ ziſchte Spürvogel und legte geheimnißvoll beide Finger auf die Lippen;„reinen Mund, auf Ehren⸗ wort, Herr Schulze, ich will Ihnen das Geheimniß löſen, aber ſchwören Sie mir Verſchwiegenheit bis morgen früh!“ Schulze ſchwur! „Der Theologe von Habenichts hat etwas, ein Lotterie⸗ Loos und zwar das große!“ raunte er ihm ins Ohr. Schulze hätte Spürvogeln faſt zermalmt vor Freude; ich glaube, er hielte ihn noch in den Armen, wenn ich hier nicht das Capitel mit Gewalt ſchlöſſe. Neuntes Capitel. Inzwiſchen war Hirſch auch nicht unthätig geweſen. Er dachte, ein Brief mit einer Zeile iſt bald geſchrieben und vielleicht ſchaffſt du ihn noch fort; für eine ſolche Nachricht gibt Jedermann ein Douceurchen, vollends ein Student. Er ſprang alſo, um es den Collecteur nicht wiſſen zu laſ⸗ ſen, unter dem Vorwande, daß er ins Lotto zurückwolle, zum Nachbar, richtete den Brief an Herrn Studioſus Au⸗ guſt Müller(denn ſo ſtand der Name in ſeiner Brief⸗ taſche, obgleich er jüdiſch Miller ſprach), ſchrieb die Num⸗ — 212— mer dazu und lief nicht auf die Poſt, ſondern vor's Thor, wodurch er eine Viertelſtunde erſparte. Daher traf er den Wagen noch und der Conducteur verſprach ihm, gegen ein Trinkgeld, den wichtigen Brief ſelbſt mitzunehmen und, wo die Seitenpoſt nach Löwenburg abgehe, ihn auf's Büreau zu geben. Dann, rechnete Hirſch aus, war er wenigſtens am andern Vormittag dort, aber die Staffette mit den Li⸗ ſten konnte erſt Abends eintreffen. Er war zu ſicher, ſich nicht verhört zu haben, denn eine Zahl und hätte ſie ſo viele Ziffern gehabt, wie nur in einer Zeile Platz haben, behielt er ſieben Jahre auswendig, wenn er ſie nur einmal gehört hatte. Es iſt das eine ziemlich allgemeine hebräiſche Eigenſchaft. 3 Das waren Hirſch's Mitwirkungen in der jetzt wahrlich äußerſt verwickelten Geſchichte. Wir müſſen uns aber um Spürvogel und Auguſt Miller bekümmern; jener lief zu dieſem, unmittelbar von Schulze, dem Erzeuger der hold⸗ lächelnden Auguſte. Auguſt Miller war von einem Gar⸗ derobeſtück ins andere geſprungen, aus den Morgenſtiefeln in Abendſchuh, aus der Morgenhoſe in die Feſthoſe, aus dem Schlafrock in den Bratenrock. Er wußte zwar eigent⸗ lich nicht, warum, allein ſeine Ahnungen ſagten ihm doch, wenn Spürvogel ihm die Braut auch verſchaffe, ſo werde .er ſie ihm doch nicht bringen, ſondern er müſſe hingehn. So wurde es auch; die Thür ſchnellte auf und Spürvogel mit einem pas de Zephyr herein.„Alles iſt richtig, Theu⸗ rer!“ rief er aus.„Der Schwiegerpapa brennt vor Be⸗ gierde, Sie ans Herz zu drücken.“ „Und ich vor Begierde, die Tochter zu umarmen!“ rief Auguſt feurig; aber ſagen Sie mir nur, wie war es möglich!“ „Dort, dort, dort!“ rief Spürvogel begeiſtert,„ſollen — 213— Sie Alles erfahren!“ Damit zog er ihn fort und marſchirte im Sturmſchritt mit ihm zu Schulze hinaus. Daß er ihm vom großen Looſe nichts ſagte, hatte ſei⸗ nen guten Grund. Der arme Studioſus, dachte er, greift mit beiden Händen nach Schulzens Guſtchen mit 30,000 Gulden; aber der reiche Rentier mit 100,000 könnte wol zurückziehen, beſonders wenn es ohne allen Skandal an⸗ ginge. Alſo erſt Verlobung, dann Eröffnung der geheimen Depeſche. In Schulzen's Hauſe harrte ſchon Alles geſpannt auf den Bräutigam. Endlich kam er; Papa legte ihm die ſchwarzen Armſcheeren um den Hals und küßte ihn väte lich; dann wurde er in Mama Schulze's Arm wie in ei⸗ nen warmen Backofen geſchoben und mußte einen mütter⸗ lichen Kuß aushalten, nebſt manchen Thränen, dann— etwa in die Arme der Tochter? Nun, das wiürde ſich ſchicken! Es war ja nicht heimlich, im Garten! O nein, Auguſte ſtand ſittig wie eine Nonne im tiefſten Hintergrunde und that Alles, was ſie vermochte, um beim Niederſchlagen der Augen roth zu werden. Nun, der Himmel nimmt den Willen für die That und Auguſt Miller fragte wenig danach, ſondern rief emphatiſch:„O Mamſell!“ Das An⸗ dere war wie bei jeder Liebeserklärung. Jetzt rückte Spürvogel mit der ſchweren Artillerie vor, mit dem 100,000 Pfünder, und feuerte ihn im Kernſchuß auf Miller's Herz ab. Den will ich ſehen, der von ei⸗ nem ſolchen Knall nicht betäubt wird! Miller wurde es; der Fußboden wankte unter ihm, die Decke drehte ſich, er fiel in Ohnmacht, das heißt, Au⸗ guſte Schulze fürchtete es und fing ihn in ihren Armen auf. Unbeſchreiblicher Augenblick! Halt! Ich habe eine Stelle in den Akten überſehen, — 214— ohne die das Folgende unverſtändlich wäre. Spürvogel hatte nämlich mit Papa verabredet, daß dieſer ſich eben ſo überraſcht ſtellen ſolle, als Miller war. Wo blieb ich doch ſtehen? Ja ſo: Unbeſchreiblicher Augenblick! Er wird aber doch beſchrieben. Pater familias Schulze rief nämlich wankend aus:„Spürvogel! Ernſt oder Scherz! Nicht die⸗ ſes Höllenſpiel mit mir geſpielt!“ Mater familias Schulze hatte es leicht; ſie brauchte blos ohnmächtig zu werden, wes⸗ halb ſie ſich auch ſchon vorher auf dem Kanapee dazu zu⸗ recht geſetzt hatte; filia familias(ich kümmre mich den Hen⸗ 5 eer um die Philologen, die mir den Ausdruck tadeln) mußte in Liebe ſchmelzen und dem Geliebten ſo am Halſe hängen, daß er an nichts Anderes denken konnte, als an ſie. Nur Spürvogel hatte es ſchlimm. Er mußte unter Thränen mit gebrochener Stimme eine Rede halten. Ich excerpire örtlich aus den Akten:„Freude— Kinder— Ge⸗ liebte—(jeder Gedankenſtrich bedeutet einen Seufzer und kinntiches Schluchzen), Ihr ſeid gerührt! Ich bin es auch;— Ihr d in Thränen! Verzeiht das Spiel, das ich getrieben Miller, edler Freund———(er ſchluchzt dreimal), ich gewann dieſes Ehrenmannes uneigen⸗ niͤtziges Herz für Sie, weil ich ihm ſchon längſt von Ih⸗ rer Tugend und von Ihrer treuen Liebe(er deutete auf Auguſten) erzählte!“(Die Mutter ſtieß ſie heimlich mit der Fauſt in die Seite und rief flüſternd:„Werde roth— weine!“—„Ich ſagte ihm nur(fuhr Spürvogel fort), Sie heätten jetzt ihr Auskommen, eine Pfarre.“—„Ja, und wünſch⸗ ten ſich nach dem Sprichwort eine Quarre,“ rief Mama Schulze aus der Ohnmacht, die ihr zu lange dauerte.—„So ſagte ich auch, und Ja und Amen und dabei bleibt's,“ fiel Papa Schulze ein.„Aber wo iſt Ihr Loos, welche Num⸗ mer haben Sie denn?“ 5 — 215 „Wetter Element,“ fluchte Spürvogel,„die Nummer habe ich vergeſſen! Aber Sie wiſſen ſie auswendig, nicht wahr, Freundchen?“ „Nein, wahrhaftig nicht,“ antwortete Miller,„aber es thut nichts, ich kann gleich nachſehen.“ „Haben Sie das Loos bei ſich, Goldſohn?“ fragte Schulze. „Das nicht, theurer Schwiegervater, aber“— Und jetzt merke man darauf, auf welch einem feinen Wendepunkt des Schickſals die Ereigniſſe ſich hier drehen. Bei einem Haar hätte es Miller unwillkürlich verrathen, daß er das große Loos, natürlich nicht gewonnen hätte (denn für ſo bornirt halte ich keinen meiner Leſer, daß er es etwa geglaubt hätte), indem er ſagen wollte:„Ich kann gleich nachſehen, denn ich habe ein Loos zwei Häuſer von hier beim Kaufmann Hinze*) genommen und der muß es in den Büchern haben.“ Allein die Thür that ſich raſcher auf, als ſein Mund und die Hausgenoſſen, bei denen das Ereigniß(die Verlobung, nicht das große Loos) ruchbar ge⸗ worden war, drängten ſich jubelnd, glückwünſchend, lär⸗ mend herein. Kurz die Sache wurde mit Einemmal publik. Zehntes Capitel. Das vorige war ſehr kurz; dies kann vielleicht noch kürzer ausfallen, denn die Akten werden ſchon auffallend *) Kommen nicht recht ſchöne, romantiſche Namen in ſo einer Aktengeſchichte vor, wo der Hauptheld Müller heißt? — 216— dünner und klarer. Nun bin ich auf die Entwickelung recht begierig. Aha! Hier ſtoße ich auf etwas. Auguſt Müller war an dieſem Tage zum Erſtenmal nach ſeinem trübſeligen Gartenhaus⸗Abenteuer vor dem Hauſe ſeiner Auguſte vorübergegangen und hatte ſchwer ge⸗ ſeufzt. Plötzlich erſcholl Jubel und Lärmen auf der Haus⸗ flur, im Laden, auf der Straße. Die Sache war auf⸗ fallend, er fragte:„Nun was gibt's denn, Leute?“—„Ei,“ rief eine alte Kinderwärterin,„unſere Mamſell iſt Braut!“ „Braut?“ rief Auguſt mit erblaſſender Lippe,„Braut und weſſen?“ Man ſieht, er fragte im Pathos, recht in claſſiſchem Stil. Die Alte antwortete:„Mit einem ſcharmanten jungen Mann, mit einem Mann, der das große Loos gewonnen hat, Rit einem Studenten, mit Herrn Auguſt Miller!“ Da war es, als öffne ſich der Schlund der Erde vor unſerm trübſeligen Auguſt und als ſtarre er in eine boden⸗ loſe Tiefe. Unten aber grinſte das Angeſicht der Hexe, die ihn verflucht hatte und ihm mit gellender Stimme zurief: „He, Herr Auguſt Müller? Habe ich Wort gehalten? Du wirſt bald am Sarge ſein!“ Dem armen Schelm ſchwindelte es; es ward ihm fin⸗ ſter vor den Augen, er ſtürzte ſinnlos fort und rannte wie toll und blind durch die Straßen. Immer ſchallte ihm der höhniſche Ruf der Hexe ins Ohr:„He, Herr Auguſt Mül⸗ ler!“ Es war zum wahnſinnig werden! Eine halbe Stunde mochte er gelaufen ſein und die ſchrecklichen Phan⸗ taſien ſeiner Seele fingen an ſich matt abzudämpfen, als er plötzlich wieder den höhniſchen Ruf hörte:„He, Herr Auguſt Müller!“ Diesmal war's mehr als Phantaſie! Die grauſen Worte tönten ihm von hinten her, durch das Straßengetümmel in die Ohren. Es war, als packe ihn — 217— T eine eiskalte Hand am Schopf, ſein Haar ſträubte ſich, die Hacken wurden ihm lang und ſchwer, er machte Schritte wie Pierrot; beim Himmel, es war keine Täuſchung, da rief es wieder näher und fürchterlicher:„He, Herr Mül⸗ ler!“ Jetzt verlor er die Faſſung, er nahm die Nock⸗ ſchöße unter den Arm und fing an die Beine zu bewegen wie der Vogel Strauß. Je mehr er aber lief, je eiliger raſſelte und ſchrie das Ungethüm hinter ihm her:„Herr Auguſt Müller, Herr Müller, Herr Müller!“ Er lief wie beſeſſen. Seit der Sündflut, dieſe Theſis ſtelle ich zur öffent⸗ lichen Vertheidigung hin, iſt niemals ein Menſch, dem man die Nachricht bringen wollte, daß er das große Loos ge⸗ wonnen habe, ſo davor gelaufen, wie Auguſt Müller, hinter dem Niemand anders als der Briefträger herlerf und ſchrie, um ihm Hirſch's Brief mit dem citissime darauf einzuhändigen. Müller lief, wie geſagt, mörderiſch; doch der ſpechtbeinige Poſtmerkur konnte es von Amtswegen noch beſſer und hakte ihm endlich mit dem krummen Stockgriff in den Kragen und rief:„So hören Sie doch, Herr, zum Schw......, und ſtehen Sie! Glauben Sie, daß meine Lunge ſechs Flügel hat? Hier iſt ein Brief citissime an Sie.“ Müller brach beinahe zuſammen vor Mattigkeit und Angſtſchweiß, allein er hatte doch noch ſo viel Kräͤfte übrig, zu fühlen, daß ihm ein Mühlſtein vom Herzen ge⸗ rollt war. Er gab ein Achtgroſchenſtück für das Porto und öffnete den Brief, während der Briefträger Geld hervor⸗ ſuchte, um ihm herauszugeben.„Herr, ſind Sie ganz ver⸗ rückt,“ ſchrie der Poſtbote plötzlich und ſprang ſechs Ellen weit zurück, weil ihm Müller um den Hals fallen wollte. Aber er konnte es doch nicht hindern, ſondern mußte ſich Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. VI. 10 — 218— halb erwürgen und halb auffreſſen laſſen, mit Küſſen. „Briefträger, goldener Mann, Engel, Einziger, ganz Un⸗ ausſprechlicher, dieſen Brief haſt Du mir gebracht! O ich Glückskind, ich Cröſus, ich“— „Verrückter Tollwurm,“ coupirte ihm der Briefträger den Redefaden äußerſt unhöflich, warf ihm die Kreuzer, die er herausgeben ſollte, ins Geſicht und ſchoß davon wie der Wind. 5 Auguſt Müller kehrte ſich an nichts; er umarmte den Nächſten, der vorüber kam, einen Packträger, handelte aber einen Schafskopf dafür ein und zum Agio einen Rippen⸗ ſtoß, der ihm doch wieder etwas Beſinnung brachte. Das große Loos hatte er weg, das war richtig. Aber plötzlich überlief es ihn eiskalt.„Himmel und Erde! Wenn es wieder eine Verwechslung, ein Streich der Hexe wäre!“ Hatte ihm denn nicht eben die alte Kinderfrau, vielleicht war es gar die Hexe geweſen, geſagt, Auguſt Miller habe das große Loos und die Braut dazu? Mit fliegen⸗ den Händen öffnete er ſeinen Brief noch einmal und ver⸗ glich die Nummer. Nr. 24523, richtig! Es war die ſei⸗ nige! Er trug das Loos in der Brieftaſche bei ſich, holte es heraus, collationirte es, 2— 2, 4— 4, 5— 5, 2— 2, 3— 3, ja es war richtig und Müller ſelig. Endlich einmal war die Verwechslung(denn eine ſolche mußte doch obwalten) zum Nachtheil Auguſt Miller's ausgefallen. Daß dieſer die Braut nur wegen des muthmaßlichen gro⸗ ßen Looſes erhalten hatte, war klarer als die Sonne, die über Löwenburg leuchtete; noch klarer alſo war es, daß Auguſt Müller ſofort zu Vater Schulze lief, um entwe⸗ der mit ihm und ſeinem falſchen Namenszwilling über's — 219— Schnupftuch ein Paar Kugeln, oder mit ſeiner Auguſte den Verlobungsring zu wechſeln. Ein wahres Glück muß man's nennen, denn es wäre zu den heftigſten Scenen gekommen, daß in Schulze's Haus Niemand zu Hauſe war, weil Spürvogel, der jedes Freu⸗ denereigniß auch fröhlich begangen wiſſen wollte, darauf ge⸗ drungen hatte, daß man ſofort mit einem halben Dutzend Flaſchen Champagner bewaffnet über Land führe. Den Wagen hatte er geholt, weggefahren war Alles, doch Nie⸗ mand wußte wohin und Auguſt Müller raſete, halb ſelig rechts(wo ſein Geldbeutel ſteckte), halb in Verzweiflung links(wo ſein Herz ſaß), für ſich in aller Stille umher. Mir iſt es, redlich geſtanden, recht angenehm, weil ich durchaus jetzt einen Abſtecher nach der Reſidenz machen muß, wo das Wichtigſte vorgeht, Druck und Ausgabe der Zie⸗ hungsliſten. Hirſch erwiſchte die erſte, die aus der Drucke⸗ rei kam; er riß ſie auseinander und— fiel zuſammen. Denn da ſtand's, er hatte ſich dennoch verhört! Nicht 24523, ſondern 24522 hatte das große Loos gewonnen! Hirſch lag eine gute Minute wahrhaft wie ein Hirſch, d. h. ein geſchoſſener, leblos auf der Schwelle der Druckerei. End⸗ lich raffte er ſich wieder empor, lief zum Collecteur und geſtand, was er geſtern gethan.„Daß Dich das Wetter! Dachte ich's nicht?“ rief dieſer.„Jetzt kann der Mann wahnſinnig werden vor Aerger und Schreck! Und mich ſieht man am Ende für die Sache an. O Hirſch, o an⸗ deres Vieh mit Hörnern hätte ich beinahe geſagt! Hier bleibt nichts übrig, wir müſſen auf der Stelle eine Staf⸗ fette ſchicken, aber auf Seine Koſten, Hirſch, um den Feh⸗ ler ſo raſch als möglich zu verbeſſern.“ Aus den Akten erſehe ich, daß dies geſchah. Armer 10*† — 220— Auguſt Müller! Du haſt's nun der ganzen Stadt er⸗ zählt, daß Du das große Loos gewonnen, nur der halben, denn der andern Hälfte erzählten Schulzens Hausleute, daß Auguſt Miller es gewonnen, und Du hatteſt nichts und er nichts, als die Braut. Endlich kamen die Verlobten nebſt Zubehör, von Liebe und Champagner ſelig, nach Hauſe. Da ſchlug Donner ein! Wie ſo? Weil Papa Schulze ein Billet von Au⸗ guſt Müller vorfand, welches ihm die Verwechslung no⸗ tificirte, die vorgegangen war. Im erſten Augenblick ſchrie und wüthete der Alte wie beſeſſen und rief:„Ich bin ver⸗ loren, ich bin maſſacrirt!“ Doch als er noch einen Blick in den Brief gethan und am Schluß ſah, daß der wahre Gewinner der 100,000 ſich noch eine Null daran hängen wollte, ſeine Tochter nämlich(die Wendung iſt nicht unga⸗ lant, meine Damen, er wollte ſein hunderttauſendfaches Glück zu einem millionfältigen erheben), da wurde Papa wieder ganz heiter und rief:„Gott Lob, Kinder, es iſt nichts! Nur aus Eurer Heirath wird nichts und Sie, mein Herr, ſind und bleiben der Theologe von Habenichts und können ſich zum Teufel ſcheeren, und Sie hinterdrein, Herr Spür⸗ vogel, denn Sie haben falſch geſpürt und aus Ihren 10,000 Gulden wird ſo viel wie aus des Herrn Vermögen, näm⸗ lich ein Quark, das will ſagen, gar nichts, verſtehen Sie mich Beide, und nun gute Nacht!“ Mit dieſer moraliſchen Betrachtung ſchob Herr Schulze die beiden erſtarrten corpora zur Thür hinaus und die Sache hatte ein Ende. Aber nicht das Capitel, ſondern nigſte zu Auguſt Müller komme. Er kam auch in der Papa lief ſtracks hinter Beiden drein, doch nicht um ſie ein⸗, ſondern um ſie zu überholen, damit er auf's ſchleu⸗ That eine Secunde früher an als eine blaſende Staffette, die von einem ſchaumbedeckten Poſtklepper und die Treppe hinauf ſprang, um Herrn Auguſt Müller eine Depeſche einzuhändigen. Schulze, der wohl wußte, daß nur an hun⸗ derttauſendgulden Manner, nicht an arme Schlucker von Studenten Staffetten kommen, hatte jetzt eine mit eichenen Wurzeln feſtgeklammerte Ueberzeugung im Herzen, daß Au⸗ guſt Müller der echte Gewinner und Schwiegerſohn ſei. Daher ließ er's auch nicht zu, daß dieſer vor Freude tau⸗ melnde Liebende, dem Hirſch's Brief ſchon die Staffette mit der officiellen Beſtätigung angemeldet hatte, die Depeſche eher aufriß, als bis er(Schulze) ihn ans Herz geriſſen und dreimal Goldſohn und Schwiegerſohn genannt hatte. Jetzt erſt öffneten ſie die Depeſche und fanden— den aufgeklärten Irrthum. Wäre der Poſtillon in Ohnmacht gefallen, ſo hätten ſie Alle in Ohnmacht gelegen(es kommen überhaupt jetzt ſchreck⸗ lich viel Ohnmachten in den Akten vor), denn unter ſol⸗ chen Umſtänden hört freilich Alles auf, ſogar ein Capitel. Eilktes Capitel. Fällt aus, damit die Geſchichte ſich beſſer abrundet und mit dem vollen Dutzend, alſo mit dem — 222— Zwölkten Capitel regelmäßig und kunſtgerecht ſchließt. Denn eine Geſchichte in eilf Capiteln wäre wahrhaftig etwas Miſerables, ein Staatswagen mit ſieben Pferden beſpannt, eine Balltoilette und Pantoffeln an den Füßen, ein Reiter, dem ein Sporn, ein Pferd, dem ein Huf oder gar ein Bein fehlte, kurz, ein lahmes, ſchiefes, jammervolles Ding. So aber, wie jetzt, mit zwölf Capiteln, nimmt ſich die Hiſtorie aihedtiich claſ⸗ ſiſch und recht charmant aus. Ich gehe wieder an meine Akten. Diesmal habe ich die Hexe wahrlich in Verdacht, daß ſie ihren Grund⸗Irr⸗ thum, Auguſt Müller's Unſchuld an dem Apfelwurf im erſten Capitel, eingeſehen hat, aber, wie alle eigenſinnigen Alten, ihn nicht eingeſtehn will, ſondern jetzt lieber Beide quält, als zu Einem ſagt:„Ich bitte um Verzeihung.“ Denn daß Auguſt Miller auch nicht auf Roſen lag, nachdem ihm das Schickſal die Maske abgeriſſen, unter der er Liebe und Reichthum zu beſitzen wähnte, kann man ſich vorſtellen. Er war wie vom Schlage gerührt; denn die Champagner⸗ und Liebesglut hatte ſich auf's Gehirn ge⸗ worfen. Es wurde nach einem Arzt geſchickt, der verord⸗ nete ſogleich Aderläſſe und verſchrieb ihm, doch ich kann ja das Recept aus den Akten copiren. Hier ſteht's: B Colloquint. Drachmas sex Jalap. a. a Gumm. gutt. Uncias septem Aloes, Drachmas octo Aquae purae Unc. quatuor M. D. S.(Alle halbe Stunden drei Eßlöffel.) — — 223—— Auguſt Müller ſeinerſeits litt an umgekehrten Zu⸗ ſtänden, namlich an der völligſten Abſpannung aller ſei⸗ ner Nerven und Muskeln, er war ein ſchmelzender Schnee⸗ mann. Ihm verſchrieb der Doctor ſogleich eine Stärkung des ganzen Menſchen, nämlich: B Tinctur. aromat. Tinctur. aurant. compos. Liquor. Hofmann. Aether. acet. Decoct. Chinae— Aquae purae destill. 3 ⸗ M. D. S.(Alle Stunden ein Bierglas voll zu trinken.) 2 o—— c u Ich überlaſſe es einem Medicinalcollegio, die Wirkſam⸗ keit dieſer Recepte zu prüfen. Die meiſten Leſer werden es lächerlich finden, allein ich kann einmal nichts wider die aktenmäßige Wahrheit und dieſe ſpricht ſonnenklar dafür, daß die Hexe jetzo nicht nur in die Apotheke lief und den Proviſor vom Teufel reiten ließ, daß er die Etiketten verſchriebb und Müller's Medi⸗ cin an Miller erpedirte(jeder Arzt kann ſich die Folgen denken), ſondern daß ſie(die Hexe; die Perioden ſind lang, mit bloßen Fürwörtern langt man da nicht aus) auch den Bader irre führte, der mit dem Schnepper zu Müller ſtatt zu Miller ging, um dem armen Schlucker noch das letzte bischen Blut abzuzapfen. Doch ich muß das weit⸗ läufiger erzählen. Ganz kurz mache ich's inzwiſchen mit Auguſt Miller ab.(Ich verwette meinen Kopf, ein Leſer, der nicht hin⸗ ter den Vorhang der letzten Seiten geſehn hat, iſt hier noch ohne alle Ahnung vom Schluß der Geſchichte. Er findet — 224— ihn vielleicht ſehr abgeſchmackt; ich auch, aber er iſt akten⸗ mäßig.) Ich bin bei Auguſt Miller. Wenn Einer, den der Schlag ſchon rühren will, das Recept verſchluckt, was Doctor Saul(ſo hieß er) für Auguſt Müller verſchrieben hat, ſo muß er, ich fodere alle Aerzte zu Zeugen auf, falls er nicht eine Katzennatur hat, daran erwürgen. Das that denn Miller auch; er verlor alle Beſinnung und lag todt und erſtarrt da. Die Geſchichte bekommt hier einen ſchwarzen, tragiſchen Flecken, den ich nicht auswaſchen kann. Da es überdies Sommer war und der vollblütige Körper ſchon vor dem Tode blau und grün genug ausſah, ſo lief ſeine Wirthin auf der Stelle ins Sargmagazin und beſtellte den Sarg für den andern Morgen. Auguſt Müller inzwiſchen hatte es ungleich ſchlimmer. Er ſchluckte einen Eßlöffel von Saul's Wundertrank und hoffte dadurch auf die Beine zu kommen, doch wie erging's ihm! In den Akten iſt's ausführlich beſchrieben(und hat dort beinah ſo viel Papier gekoſtet als in der Wirklichkeit), aber hier darf ich's aus Gründen nicht ausmalen. Mehr ſage ich nicht, als daß Müller zu der Ueberzeugung kam, die Seele könne den Leib auf jedem Wege verlaſſen, der aber, den die ſeinige nehmen wollte, war faſt zu unange⸗ nehm. Da kam der Bader, der nach Herrn Studioſus Miller gefragt hatte und zu dem abſterbenden Müller gewieſen war. Hätte der unſelige Menſch nur ein einziges Capitel vom Blutlaſſen geleſen, ſtatt nur auf Befehl Blut zu laſſen, ſo würde er es hier, an einem halben Leichnam unmöglich noch gethan haben. So aber blieb er beim Handwerk und handelte nach Vorſchrift. Viel war indeſſen nicht verloren, ſondern er that nur der armen Müllerſeele — 225 noch einen andern Ausweg mit dem Schnepper auf, wo ſie im Grunde bequemer und ſchicklicher aus dem Körper kommen konnte, als durch den sphincter ani. Eben war's ſo weit, als, der Henker hole aber die Wiederholungen in den Akten, die zu den unäſthetiſchſten Wiederholungen in der Geſchichte zwingen, wiederum eine Staffette vor Mül⸗ ler's Thür blies und hielt. Um's kurz zu machen, brachte ſie folgende Depeſche. „Mein Herr!“ „Nicht wir hatten uns geirrt, nicht der wackre Hirſch ſich verhört, ſondern nur der Setzer in der Druckerei ſich vergriffen und eine 2 ſtatt einer 3 aus dem Zahlenkaſten genommen. Wirklich hat Nummer 24523, Ihr Loos, nicht Nr. 24522, das große Loos gewonnen. Die erſten Abzüge der Liſten waren fehlerhaft, aber der Irrthum wurde ſo⸗ gleich entdeckt, in den andern Exemplaren verbeſſert und wird überdies durch alle Zeitungen angekündigt werden. In der Eile vermögen wir nichts, als Ihnen von Herzen Glück zu wünſchen. Wir verharren u. ſ. w.“ Ich wette nochmals, wenn ein ehrlicher Leſer mein Buch vor der Naſe hat, daß er auf dieſen Ausgang nicht gerech⸗ net hatte. Ich auch nicht, überhaupt Niemand und Au⸗ guſt Müller am wenigſten, denn er rief jämmerlich: „Nun habe ich's große Loos doch gewonnen und nun muß ich ſterben!“ Wiirrklich fühlte er ſich unter dem hin⸗ ſtrömenden Blut ſeines Arms wie ein Sterbender. In dem Augenblick pochte es an und eine derbe Stimme fragte:„Iſt's hier recht bei Herrn Auguſt Müller?“ „Ja,“ antwortete der Barbier. „Dann vorwärts, Kinder, nur herein!“ Und hereinge⸗ tragen wurde ein Sarg, der, den Auguſt Miller' Wir⸗ 10* -— 226— thin für dieſen beſtellt hatte. Es iſt ordentlich teufliſch von der Zigeunerdrude, auch jetzt noch ſolchen Spuk zu treiben! Pfui! Alles, was recht iſt, aber das iſt zu viel! So urtheilte auch der Kranke.„Was?“ rief er,„ſoll ich le⸗ bendig begraben werden?“ „Um Vergebung,“ fragte der Tiſchlermeiſter,„ſind Sie Herr Auguſt Müller?“ „Ja freilich!“ „Nun ſo iſt der Sarg für Sie! Ein charmantes Stück eit!“ „Ich will ihn aber nicht, ſchrie Müller und gewann vor Wuth Kräfte.„Ich bin ja nicht todt!“ „Was, Herr?“ rief der getäuſchte Tiſchlermeiſter,„Sie wollen ihn nicht? Sie wollen jetzt nicht todt ſein, nun es ans Bezahlen geht? Oho, mein Herr, der Polizeicommiſ⸗ ſair hat Sie ſogar als todt angemeldet, folglich ſind Sie von Amtswegen todt!“ „Der Henker iſt todt!“ rief Müller und wurde im⸗ mer geſunder vor Wuth;„ſcheer' er ſich auf den Raben⸗ ſtein, er Winkelmaßphiliſter, er Hobelknecht, er Leimtiegel!“ „Donner!“ explodirte der Sargmacher,„Das ſoll ich mir gefallen laſſen, Herr? Sie ſind todt und ſollen todt ſein und der Sarg iſt für Sie und dabei bleibt es! Glau⸗ ben Sie, Herr, ich wäre ein Schaf? Seht doch! Ich bin nicht todt! So könnte Jeder ſagen, der bezahlen ſoll! Hier, Jungens, der Sarg für den Herrn hier herein, marſch! Todt oder lebendig, iſt mir ganz gleich: Sein iſt der Sarg und ihm gehört er zu!“ Eben war die Aderlaßbinde angelegt und Müller konnte ſich regen. Jetzt hätte er, obgleich faſt eine Leiche, geradezu mit dem Sargmacher einen Zweikampf angefan⸗ — 227— gen, wenn nicht die Thür aufgeriſſen worden und eine Weibsperſon mit einer Trompetenſtimme eingetreten wäre. Sie trompetete aber ſo: „Meiſter, Er hat ſich geirrt! Der Sarg war nicht für Herrn Müller, ſondern für Herrn Miller hier ge⸗ genüber von mir beſtellt. Der kann ihn aber auch nicht brauchen, denn er iſt ſchon wieder lebendig geworden, es war blos eine Ohnmacht.“ „Was!“ rief der Tiſchler,„Keiner will den Sarg ha⸗ ben? Das wellen wir ſehn! Einer muß hinein und Mnn ich einen dazu todt ſchlagen ſoll!“ „So hängt Euch ſelber an den Galgen mit dem Sarg,“ ſchrie die Schöne,„denn wir wollen ihn nicht! Mein Herr Miller hat zehntauſend Gulden in der Lotterie gewonnen. Eben war der Collecteur bei ihm und hat's ihm geſagt. Darauf iſt er lebendig geworden, denn von ſo etwas ſtirbt man nicht!“ „Nein,“ ſchrie Müller,„das ſage ich auch, denn ich habe hunderttauſend gewonnen!“ „Hunderttauſend?“ ſtieß Miller's Wirthin in die Trompete.„Das große Loos? Und das weiß noch Nie⸗ mand! Ach du gerechter—“ Weiter hörte man nichts, denn ihre Trompetenſtöße ver⸗ hallten auf der Treppe. Da pochte es leiſe an der Thür. Eine krumme graue Alte trat ein und bat demüthig:„Ach, Herr, eben hör' ich an der Treppe, Ihr habt das große Loos gewonnen; er⸗ barmt Euch einer alten kranken Frau.“ Müller wurde zu Marmor, zu Eis, zu einem gefror⸗ nen Schauder, diesmal war's keine Täuſchung, die Hexe ſtand lebendig vor ihm! 1 — 228— „Weib, nimm alles Geld, was ich habe,“ rief er und warf ihr ſeinen Beutel zu,„aber hebe Dich weg und löſe den Fluch!“ „Ach mein charmanter junger Herr,“ ſprach die Alte mit zitternder Stimme,„die Freude macht Euch wol ver⸗ wirrt, ach ich danke Euch für Eure Gabe!“ Es wäaͤre aber mehr als langweilig, wenn ich hier ganz am Nande und äußerſten Horizonte der Geſchichte die Akten noch lang und breit excerpiren und erzählen wollte, wie ſich Auguſt Müller mit der Alten endlich erkannte und ver⸗ ſtändigte. Der Schluß war aber, daß das Mütterchen ſagte:„Freilich, ich war damals heftig; aber Alter und Kummer machen zahm! Alſo unſchuldig waret Ihr; nun, mein junger Herr, wenn ich Euch auch verflucht habe bis zum Sarge, hier ſteht ja der Sarg und nun hätte es ein Ende.“ Bee „Ja, hier ſteht der Sarg und nun muß es ein Ende haben, das will ſagen, ich mein Geld,“ fiel der Tiſchler⸗ meiſter ein, denn der Sarg iſt beſtellt und todt oder leben⸗ dig bleibt mir einerlei.“ „Ihr ſollt Euer Geld haben,“ ſprach Müller,„und den Sarg ſchenke ich hier der Alten, damit ſie ſich daran erinnere, daß ihr Fluch nun ein Ende hat. Dafür will ich ſie auch verpflegen bis an ihr Ende.“ Alle jauchzten;z am meiſten der Leſer, dem das Wort Ende ſchon mehrmals lieblich ins Ohr gelautet hat. Es iſt aber noch nicht ganz ſo weit. Denn zuerſt muß Schulze, der Brautvater, eintreten und ſeine holde Auguſte mit ſich führen, die er(er hatte die Trompetenſtimme der Wirthin Miller's vernommen) nach ſo aufgeklärten Misverſtändniſſen trotz ihrer jungfräu⸗ — 229— lichen Verſchämtheit(ſie war ganz verſchleiert) Dem ſelber zuführe, der ſie begehrt habe. „Aber nicht mehr begehrt,“ erwiderte Müller, deſſen Liebe entweder durch die Medicin, oder durch das Blut⸗ laſſen, oder durch die Liebes⸗ und Trennungsgeſchichte mit ſeinem Namenshalbvetter, die er inzwiſchen ausführlich ver⸗ nommen hatte, merklich abgekühlt war. „Wie? Warum?“ ſtotterte Schulze mit zitterndem Grimme. „Das will ich Ihnen erklären, Beſter!“ ſprach Mül⸗ ler kalt.„Auf mir laſtet ein Fluch, der, daß ich immer zu meinem Nachtheil mit meinem Landsmanne Herrn Au⸗ guſt Miller verwechſelt werde, wovon Sie hier ſelbſt ein ſchlagendes Beiſpiel vor Augen gehabt haben. Nun ſoll zwar der Fluch gehoben ſein, aber ich bin doch noch nicht ganz gewiß. Und da Mademoiſelle Schulze mich ſchon jetzt ſo auffallend nicht nur mit ihm verwechſelt, ſondern auch uns Beide ſo raſch gewechſelt hat, ſo beſorge ich, der Fluch könnte doch noch nachwirken. Und ich geſtehe, eine Fortſetzung mit mir und Herrn Miller, oder ſonſt wem, nach der Hochzeit, würde mir zu ſchmerzlich ſein. Ueber⸗ dies, der Henker traue den Hexen, wer weiß, ob es nicht gerade der ſchlimmſte Streich wäre, den der Fluch mir ſpielte, daß ich die Frau bekäme, die mein Namensgeſpons ſich ausgeſucht hatte.“ Hierauf folgte eine ſtumme Verbeugung; das Zimmer wurde leer, Vater Schulze und ſeine Auguſte zogen zu⸗ erſt ab, ohne zu grüßen, der Tiſchler mit ſeinem Sarge und der dazu paſſenden Alten auch, und Auguſt Müller blieb allein übrig. So mag es ihm denn auch allein überlaſſen bleiben, 8⁵ — 290—- der Welt ſeine fernere Geſchichte, ſeine Anwendung des großen Looſes und die etwanigen Nachwirkungen des Fluchs zu erzählen. Ich aber halte ihn für ſo gut gelöſt, als meine Auf⸗ gabe: wie gut das iſt, entſcheide der Leſer, aber freundlich. r Aus Heinrich's Denkwürdigkeiten. 2 (Wahrheit, nicht Dichtung.) — — Unſer Freund Heinrich hat Vielerlei erlebt! Seht nur ſeine ſchwarzen Augen an, welch ein kecker Geiſt und welch ein ehrliches Herz daraus hervorleuchtet. Mit ſolchen Ei⸗ genſchaften kommt man leicht zu Abenteuern, zumal wenn man ſein Jünglingsalter in einer kriegsbewegten Zeit durch⸗ lebt. Sollte man es ihm anſehen, daß er aus eigener Machtvollkommenheit Feuer auf die engliſchen Kriegsſchiffe geben ließ? Daß er, bei einem Aufruhr in Antwerpen, drei Tage als zwanzigjähriger Jüngling die aufgeregte Stadt befehligte, daß er ſpäter, auf Leben und Tod angeklagt, ein ganzes Kriegsgericht außer Faſſung brachte durch ſeine feurig trotzige Rede? Und dabei ein ſo ehrliches, redliches Gemüth! Im Mannesalter noch ein Kind— Ich könnte Euch Tage lang erzählen von ſeinen wunderbaren Erleb⸗ niſſen! Er hat uns ſelbſt oft auf unſere Bitten die lan⸗ gen Herbſtabende damit verkürzt, wenn wir in dem trauli⸗ chen Gartenſaal ſaßen, das Kaminfeuer munter loderte, der Herbſtwind draußen in den Bäumen rauſchte und in der Ferne die See das dumpfe Toſen der Brandung hoͤren ließ. Soll ich Euch ſolch ein holländiſches Stillleben ſchildern? Stillleben ſage ich und es wird doch ſchauerlich genug da⸗ bei hergehn. Auch zur See hat unſer Freund Heinrich Abenteuer genug verſucht und diesmal möchten wir ihn da⸗ hin begleiten. Es iſt herbſtlich kalt; bringt uns das Koh⸗ 234— lenbecken und ſetzt den Punſchnapf darauf! Unter dem Er⸗ zählen wollen wir uns dann und wann das Glas füllen. Nehmt Eure Arbeit, Ihr jungen anmuthigen Frauen, und ſetzt Euch zu uns an den Tiſch. Ihr hört ja auch gern zu. Und nun, Heinrich, fange an. Heinrich ſah uns freundlich an, trank einen Schluck aus ſeinem Glaſe, nahm einen Zug aus ſeiner weißen Thon⸗ pfeife, ohne die ein holländiſcher Soldat und Seemann, ja überhaupt ein Holländer gar nicht zu denken iſt, und begann: „Wenn Ihr wollt, ſo will ich Euch eine merkwürdige Fahrt erzählen, die ich als ganz junger Menſch beſtand, an die ich mich aber wol noch erinnern werde, wenn ich ſchon ein ganz alter bin. Es war im December des Jahres 18.., als ich zu Arnheim in Garniſon ſtand, dem freund⸗ lichen Arnheim am Rhein, zwei Meilen von der preußi⸗ ſchen Grenze, wo Ihr erſt vor einigen Tagen durchgekom⸗ men ſeid. Ich bekam nebſt mehreren andern Offizieren den Auftrag, einen Transport Verwundeter und Kranker nebſt einer Anzahl Montirungsſtücken, Bekleidungsmaterial und Waffen von Arnheim zu Waſſer nach Antwerpen zu füh⸗ ren. Die Fahrt ſieht ſo leicht und winzig aus, daß Ihr darüber lachen möchtet. Aber fragt nur die Schiffer nach den ſewiſchen Strömen und den Ausmündungen in die Nordſee und ſie werden Euch ſchon erzählen, wie viele ih⸗ rer Väter und Brüder dort auf Sandbänke geworfen wur⸗ den und den Tod in den Wellen fanden. Bei böſem Wet⸗ ter lieber die offne See, als dieſe breiten Halbmeere, wo die Gefahren des Waſſers und der Küſte immer beiſam⸗ men ſind. Indeſſen rede ich jetzt ſo. Damals dachte ich nicht daran und wir ſchifften uns bei heiterem Wetter fröh⸗ lich und wohlgemuth ein. Mein Fahrzeug war ein ſoge⸗ — 235— nannter Turftjalk, oder eins von den Schiffen, welche mit Torfladung zu fahren pflegen; geräumig genug, aber nicht ſonderlich geſchickt noch feſt gebaut. Meine Kameraden hat⸗ ten ähnliche Schiffe und unſere Flotte beſtand, wenn ich mich recht erinnere, aus fünf Fahrzeugen dieſer Gattung. Ich meinestheils hatte an Bord zehn Mann, vierzig Kranke, einen Doctor, einen Unteroffizier, einen Tambour und den Schiffer nebſt Frau und Knecht. Weimann ⁵) hieß mein Schiffspatron; ich werde den Namen Zeit meines Lebens nicht vergeſſen. Anfangs ging Alles vortrefflich. Wir hat⸗ ten gut zu leben auf dem Schiff, hielten gute Kamerad⸗ ſchaft, die Schiffe blieben beiſammen, das Wetter war ſchön. So kamen wir bis nach Dortrecht, paſſirten glück⸗ lich die dortrechter Kille und gelangten ſo an das ſoge⸗ nannte Berger⸗Feld, wo die ſewiſchen Ströme ſchon die 2 Breite von Meeresarmen haben. Hier anderte ſich die Scene. Der Himmel hatte ſich ſchwarz bezogen, die Wel⸗ len gingen hoch, ein eiſiger Wind fegte über die Flut und trieb uns halb Regen, halb Schneegeſtöber ins Geſicht. Die Nacht brach an. Es war gefährlich vorauszufahren, allein Einer mußte die Vorfahrt oder Wacht übernehmen. Die Reihe traf einen jüngeren Kameraden, einen ſonſt wackern und muthigen Füngling. Aber diesmal ſchien ihn eine düſtre, nicht ungegründete Ahnung um ſeinen kecken Muth zu bringen, denn er ſah blaß und niedergeſchlagen aus. In ſeinen Zügen las man, daß er mit einem Ent⸗ ſchluſſe kämpfte. Endlich trat er auf mich zu und ſprach: „Heinrich, thu mir einen Freundſchaftsdienſt, übernimm Du die Wache für mich. Ich weiß nicht, ich muß mich ſchämen, aber ich gehe ungern an dieſen Dienſt. Ich bin *) Ich gebe dem Leſer abſichtlich den Namen nicht ganz richtig. — 236— zu unerfahren, ich weiß mich in meinem Commando nicht zu nehmen.“ Ich ließ ihn nicht weiter reden, ſondern ant⸗ wortete:„Du weißt, Friedrich, ich übernehme ſo etwas nicht aus freiem Entſchluß. Es mag ein Aberglaube ſein, aber ich thue es einmal nicht. Laß uns denn um die Wache abermals looſen.“ Wir thaten es, das Loos traf ihn wie⸗ der. Ich ſah, wie ein ſorgender Schmerz ſein jugendlich liebes Geſicht dunkel beſchattete; mir fiel ein, daß er eine Braut in Arnheim hatte, da konnte ich's nicht über's Herz bringen, ſondern ſprach zu ihm:„Muth gefaßt, Friedrich, wir looſen noch einmal.“ Er ſah mich mit einem unbe⸗ ſchreiblichen Blick der Dankbarkeit an, ſprach aber doch: „Nein, laß es gut ſein, der Himmel hat ja entſchieden.“ „Ei was!“ rief ich,„iſt es ſein Wille, ſo kann er zwei⸗ mal entſcheiden.“ Wir Woiſten abermals und diesmal traf es mich.“ Heinrich hielt ein wenig inne. Sein offenes, freund⸗ liches Geſicht zeigte wehmüthige Rührung. Kunigunde, die älteſte der Frauen, aber dennoch jugendlich blühend, hatte einen ſanften Vorwurf der Liebe in ihren Zügen; aber doch ſah ſie ihn liebreich an. Heinrich hatte ſich das Glas gefüllt und erzählte wei⸗ ter:„Die Fahrt ſchien freilich nicht die beſte. Die Nacht brach nz der Himmel war in Wolken und Nebel gehüllt, „ die Wellen gingen hoch. Indeſſen ſegelte ich getroſt vor⸗ wärts, entſchloſſen, meine Leute nichts von merken zu laſſen, daß die Fahrt gefährlich ſein könne. Es war ſchwer im Dunkeln und bei dem ſtärker werdenden Winde ſo bei⸗ ſammen zu bleiben, daß man ſich anrufen konnte. Des⸗ halb ließ ich Laternen an den Maſten außziehn, ein Zei⸗ chen, welches auch die übrigen Fahrzeuge nachahmten. Gleich von Anfang an hatte mir unſer Fahrzeug nicht gefallen; — 237— es war eine plumpe und dabei gebrechliche Badewanne. Doch da ſich der Schiffer, dem es gehörte, demſelben an⸗ vertraute, dachte ich, es wird wol noch haltbar genug ſein, und fragte weiter nicht viel danach. Nunmehr aber, wo die See anfing hoch zu gehn, wo ſtarke Wellen das Schiff hin⸗ und herwarfen und wir Wind und Brandung kreu⸗ zen mußten, wurde dem Schiffer ſelbſt bange und der Tropf rief ein paar Mal aus:„Ach, mein Schiff, mein Schiff wird das nicht aushalten!“ Ich hieß ihn unwillig ſtill ſein, damit er mir die Leute nicht bange mache, und be⸗ fahl ihm an's Steuer zu treten und ſcharf aufzupaſſen, während ich ſelbſt in den übrigen Theilen des Schiffes Ordnung erhielt. Es war nun völlig finſter geworden, der Sturm wurde ſtärker, die Wellen ſchaukelten uns auf und nieder und nicht ſelten ſchlug eine über den Hintertheil des Schiffes hinweg, ſo daß ſich Weimann mit einem Strick an das Steuerruder gebunden hatte. Doch plötzlich krümmte ſich ein Wellenrücken ſo unter unſer Fahrzeug, daß wir hoch emporgehoben wurden, im nächſten Augenblick aber auch mit dem Bogſpriet voran ſenkrecht in den grauen ſchäumenden Waſſerſchlund hinab und an der andern Seite eben ſo ſteilrecht wieder hinaufſchoſſen, wie auf einer ruſſi⸗ ſchen Eisbahn. Aber als das Steuer in der Tiefe war, leckte eine Welle mit ſo ſcharfem Stoß darüber hin, daß der Strick, mit dem ſich Weimann angebunden hatte, riß und er über Bord geſchleudert wurde. Zum Glüͤck ſah ich's im rechten Moment, ſprang hinzu und war ſo glüͤck⸗ lich, ihn noch bei den Beinen zu erhaſchen und feſtzuhal⸗ ten. Er ſchrie nicht, ſondern brüllte förmlich. Mein Un⸗ teroffizier und der Schiffs⸗Chirurgus griffen mit zu und ſo holten wir ihn wieder ins Schiff hinein. Von dieſem Au⸗ genblick an aber hatte er ganz den Kopf verloren. Ich — 238— wollte, daß er ſich wieder ans Steuer ſtellte, allein er war nicht fähig dazu. Jung und ungeſtüͤm wie ich war, gerieth ich in förmliche Wuth über ſeine Verzagtheit, warf ihn vom Verdeck hinunter, verbot ihm ſich wieder oben ſehn zu laſſen, und ſtellte mich ſelbſt an's Steuer. Ich ver⸗ langte den Compaß, aber es war keiner auf dem Schiff! Jetzt war unſere Lage in der That ſchwierig. Die Nacht rabenſchwarz; dazu die Luft voller eiſiger Nebel und ſchar⸗ fen, feinen Schnees, der uns das Geſicht zerriß, und die See ſo unruhig wie im Sturm. Ich ſah mich nach un⸗ ſern andern Schiffen um; aber trotz der aufgehißten Later⸗ nen war auch keine Spur mehr von ihnen zu erblicken. Was blieb mir nun übrig? Ich mußte auf gut Glück in die Nacht hinausſteuern und richtete mich nach dem Winde, indem ich fortfuhr, denſelben ungefähr eben ſo zu ſchneiden, wie wir es bisher gethan hatten. Er erhob ſich immer brauſender und wilder. Jeden Augenblick ſchlugen Wellen über das Deck. Oft waren wir ganz wie in Schaum ge⸗ hüllt. Im Schiff rollte Alles durcheinander, denn unſre Waſſerfäſſer hatten ſich losgerüttelt und machten ein furcht⸗ bares Getöſe, indem ſie wie das Fahrzeug ſtieg, fiel und ſchwankte, vor⸗, rück⸗ und ſeitwärts rollten. In dieſes Ge⸗ töſe, in das Sauſen des Sturms und Brauſen des Mee⸗ res miſchte ſich das ängſtliche Rufen und Beten einiger Verzagten, unter denen mein Schiffer der Verzagteſte war. Er lag faſt beſtändig auf den Knien und klagte und heulte und was mich am meiſten verdroß, ſo ſchien ihn unſer Schickſal, das Loos von vierzig Kranken und zehn Geſun⸗ den, gar nicht zu kümmern, ſondern er jammerte nur um ſein Schiff, dieſen elenden Kaſten, der unſer Aller Leben auf's Spiel ſetzte. So kam Mitternacht faſt heran und Jammer und Elend wuchſen mit dem ſteigenden Grimm — 239— des Wetters. Alle meine Leute waren bis auf die Knochen durchnäßt und klapperten vor Froſt. Daher konnte ich's denn auch nicht hindern, daß ſie die Kiſten aufſchlugen, in welchen ſich große Stücke Tuch befanden; dieſe riſſen ſie heraus und zerſchnitten ſie, um ſie als Mäntel umzunehmen. „Gerade um Mitternacht war es, als ein furchtbarer Stoß des Sturmes uns mit voller Gewalt packte, das Schiff ganz auf die Seite warf, ſo daß es unfehlbar völlig um⸗ geſchlagen und wir Alle zu Grunde gegangen wären, wenn nicht unſer Maſt brach und krachend über das Deck hin⸗ ſchlug, ſo daß Alle, die darunter befindlich waren, glaub⸗ ten, ein plötzlicher Donner habe das ganze Schiff zerſchmet⸗ tert. Es diente aber zu unſerm Glück, denn das Ueber⸗ gewicht des Maſtes, welches uns umzureißen drohte, war dadurch aufgehoben. Die Gewalt der See war aber nun ſo groß, daß alles Steuern vergeblich wurde und wir uns willenlos in der ungeheuern Wüſte von ſchwarzen Wellen, Schaum und kaltem Nebelgerieſel treiben laſſen mußten. Nach zwei Stunden legte ſich der Sturm und wir trieben nun ruhiger, aber doch unter beſtändigem Auf⸗ und Nie⸗ derſchwanken und Umherrollen der Fäſſer und anderer Ge⸗ räthe im Schiff, welche einigen Unglücklichen die Füße zer⸗ malmt hatten, in Angſt und Verzweiflung dahin. „Endlich dämmerte der Tag und wir konnten nun we⸗ nigſtens ſehen, in welcher traurigen Lage wir uns befan⸗ den. Von den Kranken im Schiff waren in Folge der Angſt und der Anſtrengungen ſechs über Nacht geſtorben. Ein großer Theil der Uebrigen lag hoffnungslos da. Von den zuvor Geſunden waren zweien durch rollende Fäſſer die Füße zerſchmettert. Die Andern, ganz durchnäßt und halb erſtarrt, flogen wie im Fieberfroſt. Das Schiff war bei⸗ nahe einen Fuß hoch voller Waſſer und trotz des unaufhör⸗ — 240— lichen Pumpens wollte ſich daſſelbe nicht mindern, weil beim ſchlechten Bau des Fahrzeuges jede neue Welle es wieder mit Waſſer füllte. Unſere Vorräthe an Zwieback, Kartoffeln, Reiß u. ſ. w. waren ganz durcheinander geſchüt⸗ tet und zum größten Theil im Waſſer unbrauchbar gewor⸗ den. Meine erſte Sorge beſtand nun darin, einige Ord⸗ nung und die dazu unumgänglich nothwendige Disciplin wieder herzuſtellen. Ich ließ, was an Vorräthen irgend brauchbar war, ſammeln und theilte es dann ſorgfältig ein, weil ich zu befürchten anfing, wir möchten viel länger in See gehalten werden, als wir anfangs vermutheten, und dann Mangel leiden. Es war leider kaum noch für drei Tage hinreichender Mundvorrath da, ſelbſt bei der allerſpärlichſten Eintheilung; doch that ich den Leuten gegenüber, um ihren Muth wieder zu wecken, als genüge das für unſere Fahrt vollkommen. Jetzt ging es an ein trauriges Geſchäft. Wir mußten die Todten ins Meer werfen! Es geſchah, weiß Gott, mit ſchwerem Herzen und ganz beſonders ging es mir an die Seele, da ich die Angſt und Verzweiflung auf den Geſichtern meiner Kameraden ſah, denen eine innere Stimme ſagen mochte, morgen früh geſchieht dir vielleicht eben ſo!“ Heinrich hielt von der Lebhaftigkeit der Erinnerung über⸗ wältigt inne; er vermochte in dieſem Augenblick nicht wei⸗ ter zu ſprechen. Ich füllte mein Glas und hielt es ihm zum Anſtoßen hin. Auch die Frauen thaten ſo und der Klang ohne ausgebrachten Trinkſpruch galt unſern Dahin⸗ gegangenen, deren Jeder ja ſo manchen zu betrauern hatte. Heinrich gedachte der Kameraden und ſein Herz füllte ſich 2 jetzt, nach langen Jahren, vielleicht mit tieferer Wehmuth, als damals, wo der Drang der Gefahren und die Noth⸗ „wendigkeit, thätig zu ſein, dem ſtillen Gefühl der Trauer keinen Raum ließ. Nach einigen Minuten fuhr er fort: 241— Ihr müßt nämlich wiſſen, daß zwar ein Matroſe daran gewöhnt iſt, die Leichen über Bord werfen zu ſehen, meine Leute aber Landſoldaten waren, denen dies als das Grau⸗ ſenhafteſte, ja als etwas Ruchloſes erſchien. Doch die Nothwendigkeit gebot es und wir konnten dem nicht weh⸗ ren. Ich ſprach jetzt mit dem Schiffer. Denn in ſolcher Noth, Freunde, währen gegenſeitiger Zorn und Unwille nicht lange; ſo hatte ich ihm denn ſeine geſtrige Faſſungsloſig⸗ keit und er mir meine rauhe Strenge vergeben. Ueberdies blieb er doch bei alledem der Erfahrenſte von uns und ich ſah ein, daß ich ihn zu unſerer Aller Beſten bei gutem Muth erhalten müſſe, damit ihm die Verwirrung nicht die Fähigkeit raube, uns mit ſeinem Rath an die Hand zu gehen. Indeſſen hätte ein Cook auf dem Schiff ſein kön⸗ nen, ſo würden wir doch nicht um Vieles gebeſſert gewe⸗ ſen ſein, denn was war zu machen ohne Compaß im dich⸗ teſten Nebel, der uns hinderte, zwanzig Schritt weit zu ſehen, ohne Maſten, auf einem wahren Wrack von Schiff und bei einem Steuerruder, welches jeden Augenblick morſch zu zerbrechen drohte? Wir wußten uns wohl oder übel den Wellen und Winden überlaſſen und unſere Hoffnung auf den Himmel ſetzen. Plötzlich gab es einen ſtarken Ruck und das Schiff ſaß feſt. Im erſten Augenblick glaubten wir, es werde Alles auseinander geborſten ſein. Allein der Stoß war nicht ſo heftig geweſen; auch lagen wir nicht un⸗ beweglich auf der Sandbank, ſondern das Fahrzeug ſchob ſich hin und her und dabei gab es einen Laut, wie wenn durch friſches Holz geſägt wird. Ich konnte mir keinen rechten Begriff von unſerer Lage machen und lief daher, weil ich eben im Raume bei den Kranken zu thun hatte, hinauf zum Schiffer, welcher auf dem Deck beim Steuer Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. VI. 11 — 242— war, um mich von ihm über die Natur dieſes neuen Un⸗ glücks unterrichten zu laſſen. Aber wie fand ich ihn! Heu⸗ lend, händeringend und betend lag er auf den Knien, von Angſt ſo überwältigt, daß kein vernünftiges Wort aus ihm herauszubringen war. Endlich nach langem Forſchen und Fragen brachte ich ſo viel von ihm heraus, daß nun Alles verloren ſei. Das Schiff liege in einer lockern Kies⸗ und Sandbank, von der man es gar nicht losmachen könne; bei dieſem Hin⸗ und Herwiegen werde es ſich in kurzer Zeit durchgeſcheuert haben und dann in tauſend Trümmer gehen; wenn uns alſo nicht bald ein anderes Fahrzeug zu Huͤlfe komme, müßten wir Alle hier umkommen! Ihr könnt Euch denken, meine Lieben, daß das ein ſchlechter Troſt für uns war. Denn bei dem Nebel und Sturm auf die Hülfe eines andern Schiffes zu hoffen, was einen Compaß hatte und folglich wol dieſe Kiesbänke, die auf den Seekarten genau angezeichnet ſind, möglichſt weit um⸗ ſegeln würde, dazu war nicht mehr Hoffnung, als auf ei⸗ nen Schuß ins Schwarze, wenn man in die blinde Fin⸗ ſterniß hinaushält. Um den Muth der Leute zu erhalten, mußte ich ihnen die Gefahr verſchweigen und beſchwor den Schiffer bei Allem, was mir einfallen wollte, ſich eben⸗ falls zu faſſen. Doch wiederum hätte es mich faſt aus der Beſonnenheit gebracht, daß der verwünſchte Kerl auch jetzt nur an ſein zertrümmertes Schiff dachte und weder ſein, noch unſer Leben ſonderlich zu berückſichtigen ſchien. Er war aber wirklich halb wahnſinnig vor Angſt. Da ich ſahe, daß durchaus nichts mit ihm anzufangen war, ließ ich ihn gewähren und beſchloß ganz allein zu handeln. Der Schiffschirurgus war ein vernünftiger, entſchloſſener Mann, welcher auch dachte, man muß den Kopf ſo lange als mög⸗ — 243— lich über Waſſer halten, und auch mein Unteroffizier zeigte ſich als ein braver Soldat. Beide gingen mir mit Rath und That an die Hand, aber leider war nicht viel zu rathen, noch zu thun. Das Nächſte war die Sorge, daß uns das Waſſer im Schiff nicht höher ſteige; daher pump⸗ ten wir aus Leibeskräften, ſoweit es die ſchwache Zahl der Geſunden— denn wir waren, Alle zuſammengerechnet, der Schiffer, ſein Knecht und Weib mit eingeſchloſſen, nur eilf— zuließ. Dennoch blieb uns das Waſſer über einen Fuß hoch im Schiff ſtehen. Dies beharrte indeſſen bei ſei⸗ ner Bewegung auf der Kiesbank, wodurch oft ein gewal⸗ tiges Krachen der Planken entſtand, ſo daß wir zuſammen⸗ ſchraken und glaubten, es ſei unſere letzte Stunde gekom⸗ men. Natürlich hatte ich gleich von dem Augenblick an, wo wir feſt lagen, eine neue Eintheilung der Speiſen vor⸗ genommen, die auf fünf Tage berechnet war, aber weni⸗ ger konnte ich den Leuten nicht geben. Ueberdies mußte ich, da uns ſo viele Fäſſer zerſchlagen waren, viel mehr Mangel an Waſſer fürchten. Wir gingen daher mit dem, was uns übriggeblieben war, auf's ſparſamſte um. Ach, Freunde, wie oft trat ich an dieſen Tagen, wo unſere Hoffnungen noch friſcher waren, hinaus auf das Deck und ſah mich um, ob der Nebel noch nicht fallen wollte! Ich blickte in die dichten, wogenden Dünſte hinein, daß ich bis⸗ weilen glaubte, ich müſſe ſie mit den Augen durchbohren! Und wie oft ließ ich mich täuſchen, wenn die Nebel ſich an irgend einer Stelle dichter zuſammenballten, daß es ausſah, als verhüllten ſie einen dunklen, feſten Gegenſtand! Immer glaubte ich ein Schiff zu ſehen und vermeinte, es komme näher, ach und immer verſchwand das trügeriſche Scheinbild wieder! 11* —— — 244— In dieſer Angſt und Sorge vergingen zwölf lange Stunden. Da hörte das Schiff auf, die Bewegung hin und her zu machen, und lag im Kies feſt. So brach denn die zweite Nacht für uns in dieſer troſtloſen Lage an. Von den Schiffen, auf welchen ſich unſere Kameraden befanden, hatten wir auch keine Spur weiter entdeckt. Jetzt mußten ſie, wenn ſie bei regelmäßiger Fahrt geblieben waren, ſchon weit von uns ſein, oder war es ihnen ergangen wie uns, ſo konnten wir vollends nicht auf ihre Hülfe rechnen. Dieſe Hoffnung, die uns geſtern noch einigermaßen aufrecht er⸗ halten hatte, war alſo verſchwunden und wir fingen all⸗ gemach an, uns darein zu ergeben, daß wir das Ende un⸗ ſeres Lebens auf dieſer Stelle im Meere erreicht haben ſoll⸗ ten. Um jedoch nichts zu vernachläſſigen, zündete ich eine Laterne an und befeſtigte eine Hülfsflagge darüber an den Stumpf unſeres Maſtes. Dann kroch ich gleich den Uebri⸗ gen in den Raum hinab und unter Froſtſchauern und Halbſchlaf, umgeben von dem Wimmern der Kranken, dem bangen Seufzen der Geſunden, brachten wir die Nacht zu. Nur abwechſelnd hielten wir die Wache und pumpten, und das waren noch die beſten Stunden, weil dabei die ange⸗ ſtrengte Thätigkeit des Körpers unſere Seele von ihren dü⸗ ſteren Betrachtungen abzog.“ „Aber laß Dir das Glas füllen, Heinrich!“ unterbrach ich ihn, der mit trüber Stirn vor mir ſaß, als habe ſich dieſe Unglückszeit erneuert. Wir tranken und ſtie⸗ ßen an und freuten uns, daß wir ſo traulich, behaglich beiſammen ſaßen, während draußen der Herbſtwind durch die Bäume fuhr und die ferne See hohl gegen die Küſte brandete. Nach einigen Minuten hob Heinrich wieder an:„Der — 245— Morgen des dritten Tages war angebrochen. Grau, ſchauer⸗ lich, naßkalt wie der geſtrige. Bei ſeinem bleichen Schim⸗ mer zählten wir zuerſt wieder die Todten auf den Lager⸗ matten; es waren ihrer ſieben. Sie wurden ins Meer geworfen. Dagegen aber waren drei von meiner bisher geſunden Mannſchaft erkrankt; der Fieberfroſt ſchüttelte ſie, daß ihnen die Zähne gegen einander klapperten. Doch da⸗ mit hatte unſere Noth, unſer Jammer den Gipfel noch nicht erreicht. Ich unterſuchte die Vorräthe und ſonſtigen Einrichtungen und fand, daß das Trinkwaſſer völlig aus⸗ gelaufen war, indem faſt alle Tonnen durch das ſtarke Rütteln ſo gelitten hatten, daß ſie das Waſſer nicht mehr hielten. Nur eine einzige Waſſertonne war uns geblieben und ein großes altes Eſſigfaß, das in einem Winkel des Schiffs durch ſeine Schwere unbeweglich lag. Dieſe beiden Gefäße mußte ich als Schätze hüten und ſtellte daher eine eigene Schildwacht dabei, die weder ſelbſt außer der Zeit trinken, noch irgend Jemand trinken laſſen durfte. Damit ihr die Verſuchung nicht zu groß wurde, ließ ich alle Stun⸗ den ablöſen. Die Eſſigtonne war unſchätzbar für uns we⸗ gen der Fieberkranken; der Arzt ſetzte ſeine ganze Hoffnung darauf, dadurch einige der Kränkſten zu erhalten. So we⸗ nig Wahrſcheinlichkeit vorhanden war, daß man uns zu Hülfe kommen würde, da man uns wegen des ſteten Ne⸗ bels und Dunſtes noch immer nicht in der Ferne wahrneh⸗ men konnte, ſo mußten wir doch alle mögliche Mittel ver⸗ ſuchen, uns bemerkbar zu machen. Ich ließ daher von Zeit zu Zeit laden und mehrere Gewehre zugleich abfeuern; doch unſer geringer Vorrath an Patronen zwang uns, auch da⸗ bei ſparſam zu ſein. Alle Viertelſtunden mußte der Tam⸗ bour einen Wirbel ſchlagen; allein theils hatte die Näſſe — 246— die Felle ſo durchzogen, daß der Klang ganz dumpf und hohl war, theils hinderte unſer unverſöhnlichſter Feind, der Nebel, die Verbreitung des Schalles faſt eben ſo wie die des ichts. Endlich fertigten wir noch aus einem Stück Segel eine große Fahne an, die wir aufſteckten und mit Theer und Holzkohlen, woraus ich eine ſchwarze Farbe be⸗ reitete, ſchrieb ich die Worte:„Help., help!“ mit ellen⸗ hoher Schrift darauf. So verging der dritte Tag in ſchau⸗ dervoller Einförmigkeit, die nur von Zeit zu Zeit dadurch unterbrochen wurde, daß der Doctor zu mir kam und die hohlen Worte ſprach:„Ich melde Ihnen, Herr Lieutnant, daß ſo eben der N. N. geſtorben iſt.“ Die Empfindung war unbeſchreiblich, Freunde, wenn ich auf dem Deck ſtand, wo ich ſehnſuchtsvoll nach Hülfe umherblickte und dann plötzlich dieſen Unheilsboten ſahe, wie er langſam, mit bleichem Angeſicht, dem Geiſt eines Abgeſchiedenen ähnlich, aus dem Raume emporſtieg und mit ſtarren Zü⸗ gen der Verzweiflung auf mich zuſchritt. Sein Erſcheinen war wie der Schlag einer Todtenglocke! So wie er es ausgeſprochen hatte, ergriff ich ſeine Hand, dann drehten wir uns um, wiſchten uns die Augen, ſahen uns wieder an, umarmten uns und ich ſprach mit gepreßter Stimme: „So wollen wir unſere Pflicht vollends thun!“ Das hieß, wir nahmen ein altes Leintuch, wickelten ihn ein, trugen ihn nach dem Hintertheil des Schiffes am Steuer, welches der vornehmſte Platz iſt, ſenkten die Leiche in die Wellen, ſahen ihr nach, wie die Flut ſie ſchäumend hinwegſpülte, und verrichteten dann unſer ſtummes Gebet, ob für den Todten oder für uns ſelbſt, das mochte allein Gott wiſſen in dieſem Augenblick!“ Heinrich ſaß einige Augenblicke in ſtummes Nachdenken — 247— verſunken da; die Erinnerungen an dieſe ſchrecklichen Tage ergrifſen ihn zu lebhaft. So geſpannt wir waren, weiter zu hören, wagte doch Keiner die tiefe Stille durch eine Frage zu unterbrechen. Bald begann er auch von ſelbſt wieder: „Der ganze Tag verſtrich, die vierte Nacht brach an, es änderte ſich nichts in unſerer Schreckenslage. Doch in der Nacht ſelbſt ging eine Veränderung mit uns vor. Das Schiff ſtellte ſich vorn hoch und ſenkte ſich mit dem Hinterheil tiefer und tiefer herab. Dadurch ſammelte ſich in dem untern Naume das Waſſer ſtark an und war durch Pumpen nicht mehr zu bewältigen. Um nicht bis an den Hals in Seewaſſer zu ſitzen, mußten wir Planken und Bretter, wo es nur ging, losbrechen und uns Brücken bauen, auf denen wir uns ſetzten und lagerten, ſo gut wir vermochten. Wir hatten geglaubt, unſere Lage könne nicht trauriger werden, jetzt aber ſahen wir, wie ſich das Elend ſteigern ließ. Denn als der Morgen wiederum anbrach, ſahen wir erſt, wie groß das Unheil geworden war. Un⸗ ſere Eſſigtonne war halb unter Waſſer geſetzt, ein Theil unſerer Vorräthe gleichfalls völlig verdorben. Was noch übrig war, reichte eben noch hin, Jedem eine ſpärliche Mahlzeit für dieſen Tag zu gewähren. Es war zu wenig, um damit noch im Ganzen hauszuhalten. Ich vertheilte daher Alles in ganz gleiche Portionen und empfahl Jedem an, dem ſein Leben lieb ſei, ſparſam damit umzugehen. Doch die meiſten, von wüthigem, durch die Seeluft geſtei⸗ gertem Hunger getrieben und zugleich durch die Verzweif⸗ lung über die Gegenwart gleichgültig gegen die Zukunft gemacht, verzehrten ihren Antheil auf der Stelle. Ich machte noch einen Verſuch, wenigſtens die Eſſigtonne zu — 248— retten, allein er war vergeblich. Ihr Gewicht widerſtand den vereinigten Kräften der Leute und da ſie an mehrern Stellen ſchadhaft war, konnte es uns auch nichts helfen, falls das Seewaſſer ſo hoch ſtieg, daß ſie darin ſchwimmen mußte. Denn alsdann wäre dieſes doch eingedrungen und hätte den Inhalt ungenießbar gemacht. So verging der Tag wie der geſtrige. Die fünfte Nacht ſenkte ſich herab.é Von den Wenigſten hoffte ich, daß ſie ſie überleben würden; ſo elend waren ſie durch Mangel, Froſt, Näſſe und Angſt geworden. Doch welche Wunderkraft die Natur beſitzt, Freunde, und wie dieſe gegen alle menſchliche Erwartung und Berechnung ſich geltend macht, davon erlebten wir jetzt merkwürdige Bei⸗ ſpiele. Denn während die ſtärkſten Naturen und geſunde⸗ ſten Körper dieſen Anſtrengungen unterlagen, genaſen einige von Denen, die wir als Schwererkrankte von Arnheim mitgenommen hatten. Allein ich habe meiner Erzählung vorausgegriffen, denn freilich in dieſer Nacht war es nicht, wo unſere Kranken beſſer wurden. Sie brachte uns einen Troſt, wenigſtens eine Hoffnung, aber in fürchterlicher Ge⸗ ſtalt. Es wurde ſternenklar und ſcharfer Froſt trat ein. Dies gab uns die Hoffnung einzufrieren und dann viel⸗ leicht über's Eis einen Weg nach der Küſte zu finden. Zugleich fühlten wir, daß das Schiff ſich gerade ſtelle und den Punkt, wo wir ſo lange gelegen, zu verlaſſen anfange. Aber mit dieſem Troſt kam auch das Unheil. Denn es wurde ſo ſtreng kalt, daß wir uns durchaus nicht zu er⸗ wärmen wußten, und Viele, beſonders unter den Kranken, wimmerten vor Froſt. Wir hörten das Eis anfangs in kleinen Schollen kniſtern, ſpäter in größeren, mit heftige⸗ — — 249— rem Geräuſch um unſer Schiff treiben. Bald legten ſich, wie es zu geſchehen pflegt, Eisſchollen an und hoben uns höher über die Waſſerfläche hinaus. So trieben wir, in die Eisſchollen geklemmt, auf dem Meere fort. Einige Stunden nach Mitternacht dröhnte plötzlich ein furchtbares Krachen über unſerm Haupt, ſo daß wir Alle aus unſerem Taumel von Halbſchlaf auffuhren und nicht begriffen, was geſchehen war. Mit Mühe erkannten wir es endlich in der Dunkelheit, daß eine mächtige Eisſcholle den ganzen obern und Vordertheil des Schiffes weggeſchlagen hatte und ſich nun mit ihrer Wucht über uns hinwegſchob. Als der Morgen anbrach, ſahen wir uns wie in einer Eishöhle, in deren kaltem, feuchten Grunde wir in ſtumpfer Verzweif⸗ lung hauſten. Die Luft wurde ſo ſcharf, daß den Kran⸗ ken Hände und Füße erfroren und im eigentlichſten Sinne des Wortes ringsum nichts als Heulen und Zähnklappen war. Das Schiff richtete ſich, durch die Eisſchollen gepreßt, gerade. Es war uns ſo zu Muthe, als bewegten wir uns vorwärts, doch konnten wir nicht unterſcheiden, ob wir trieben, oder ob die Wolken über uns hinjagten. Es hatte jetzt Niemand von uns mehr etwas zu eſſen oder zu trin⸗ ken. Wir ſaßen ſtumm neben einander gekauert, um uns zu wärmen, auf unſern Bretterbänken; Keiner mochte den Andern anſehen, weil er ſich ſcheute, in dem verzweifelten Geſicht des Kameraden das Antlitz des Elendes zu erblik⸗ ken, das er ſelbſt fürchtete, aber ſich zu verſchleiern ſtrebte. So verging der ſechste Tag und die ſechste Nacht völlig ohne Unterſchied und Abſchnitt. Denn ſelbſt die Todten konnten wir, von den Eisſchollen ummauert, nicht mehr hinauswerfen und Lebende und Leichen lagerten in ſtumpf gleichgültiger Nachbarſchaft durcheinander. 11*ᷣ* — 250— In dieſer ſechsten Nacht ließ die Kälte wiederum nach und wir hörten den Wind hohl ſchnauben. Dichte Nebellagen wälzten ſich über uns her, ſo daß wir, ſelbſt als der Tag anbrach, immer noch in einem ſchaurigen eiſigen Halbdunkel ſaßen. Indeß achteten wir nicht einmal ſonderlich darauf, was draußen vorging; unſer Tod ſchien uns ſo gewiß, daß wir ihn in Ergebung erwarteten und das Wo und Wie uns bereits gleichgültig zu werden anfing. Nur der Schif⸗ fer Weimann, der bisher ganz verkümmert und in ſich verſunken, unbeachtet und unbemerkt von uns Andern in einer Ecke gelegen hatte, richtete jetzt das Haupt auf und horchte mit halbgeöffnetem Munde, wie in äußerſter Erwar⸗ tung, auf den Ton des heulenden Windes. Zufällig hatte ich ihn ins Auge gefaßt und ſah an der Veränderung und den Eindrücken ſeiner bisher faſt lebloſen Phyſiognomie, daß etwas Wichtiges vorgehe. Ich ließ ihn daher nicht aus dem Auge, ſondern beobachtete jede ſeiner Bewegungen. Er horchte immer geſpannter, immer ſchärfer; ja es ſchien mir, als ob ein Zug der Freude und der Hoffnung in ſei⸗ nem Geſicht erkennbar werde. Plötzlich, als habe er nun Gewißheit erlangt, raffte er ſich auf, kletterte aus dem Schiff heraus ins Freie, d. h. auf eine Stelle deſſelben, wo uns oben weder die Eisſcholle, noch ſonſt ein Dach be⸗ deckte. Ich folgte ihm nach und fand ihn mit zurückgebo⸗ genem Kopfe ſtehend und die Zunge herausſtreckend, wie Einer, den brennender Durſt plagt und der die Feuchtig⸗ keit der Luft einſaugen will. Mehrmals leckte er gegen ſeine Lippen und endlich wandte er ſich zu mir und rief: „Het regent“(es regnet).„Woher wißt Ihr das?“ fragte ich erſtaunt, da ich keine andere Näſſe fühlte, als die der dichten Nebel und ihres durch den Wind verurſachten ſtäu⸗ 1 — 251— benden Spritzens, was freilich dem Regen ähnlich war. Er aber wiederholte die Worte:„Het regent Mynerr,“ mit ſichtlicher Freude und erklärte mir dann, er habe ſüße Waſſertropfen auf der Zunge geſchmeckt und nun ſei noch Hoffnung zur Rettung. Zwar durchzuckte mich ein freudi⸗ ger Schauer, doch konnte ich noch nicht begreifen, was uns eigentlich retten ſollte, bis mir Weimann die Sache fol⸗ gendermaßen auseinanderſetzte. An dem eigenthümlichen Ton des Windſauſens hatte der erfahrene Schiffer gehört, daß es Weſtwind ſein müſſe, der draußen wehe; der Re⸗ gen beſtätigte ſeine Vermuthung und dieſer Wind mußte uns gegen die Küſte treiben, von der wir nicht ſo gar entfernt ſein konnten. Von den Eisſchollen getragen, konnte unſer ſchlechtes Wrack eine ſolche Seereiſe auch noch aus⸗ halten, kurz endlich dämmerte nach unſern langen Leiden ein Strahl der Hoffnung auf. Ich eilte ſogleich, meinen Leuten dieſe Nachricht mitzutheilen, allein nur Wenige ver⸗ mochten noch, ſie mit Freude zu hören. Bei den Andern war die Kraft des Lebens nicht mehr groß genug zur Kraft der Hoffnung.“ Wir ſahen uns, ſo ſicher wir in unſerm kleinen häus⸗ lichen Heiligthume waren, gewiſſermaßen wie Selbſtgerettete fröhlich an, als Heinrich ſo weit in ſeiner Erzählung ge⸗ kommen warz; ich ergriff das Glas und trank ihm athem⸗ ſchöpfend freudig zu. Doch in ſeinen Zügen war Weh⸗ muth bemerkbar, weil er ſich der verlornen Gefährten, wie der ganzen furchtbar ernſten Vergangenheit doch nicht ohne Schmerz erinnern konnte. Die Rettung der Wenigen, zu denen er gehörte, hatte zu große Opfer gekoſtet! Doch reichten wir uns einander froh die Hände und drückten ſie dem Redlichen, den wir nach ſo ſchwer überſtandenen — 252— Gefahren mit verdoppeltem Gefühl der Liebe unter uns ſahen. „Wir waren aber noch nicht gerettet,“ fuhr Heinrich fort,„ſondern hatten noch manchen Kampf zu kämpfen, mußten uns durch manche rauhe Stunde ſchlagen. Den Tag über trieben wir ſo fort auf der See und dachten mit Sehnſucht daran, ob wir wol endlich die Küſte erreichen möchten; allein die Nacht kam, ohne daß unſere Hoffnung in Erfüllung gegangen wäre. Hunger, Froſt und die Schmerzen der erfrornen Gliedmaßen quälten uns mehr als in der Nacht vorher, theils, weil die Uebel wirklich ärger geworden waren, theils weil mit der neuerweckten Hoff⸗ nungs⸗ und Lebenskraft auch die Fähigkeit des Körpers, Schmerzen, Leiden und Angſt zu empfinden, wieder geſtie⸗ gen war. Die Nacht zuvor hatte uns ſtumpfer gegen Al⸗ les gefunden. Aengſtlich lauſchte ich, faſt ganz ſchlaflos, auf den Ton des Windes, ob er ſich nicht vielleicht ändere und uns wieder in die See hinausführe. Denn der Re⸗ gen hatte aufgehört, es war wieder kälter geworden und der dichte Nebel ließ keinen Stern erblicken, der uns hätte ſagen können, in welcher Richtung wir trieben. Oder viel⸗ leicht nicht trieben, denn bei der Maſſe von Eisſchollen, die mit uns zuſammenhing, war keine Bewegung zu ſpüren und ſo blieb es, wie ſchon einmal zuvor, ungewiß, ob wir uns bewegten, oder das Nebelgewölk über uns. Endlich dämmerte der Morgen herauf. Muthlos, erſchöpft ſaßen wir in unſerer Höhle. Da aber das Fahrzeug ſo gar ſtill lag, kamen wir doch auf den Gedanken, daß wir vielleicht ſchon im Ufereiſe feſt lägen, und Einige verſuchten, vom Hunger getrieben, ob ſie wol über unſern Schollenberg hin⸗ wegklettern könnten. Es glückte. Nach einigen Minuten hörte ich den Ruf: Muſcheln! Muſcheln! Muſcheln! von voerſchiedenen Stimmen. Ich hatte zu wenig Erfahrung, gleich zu wiſſen, was dieſer Ruf bedeuten könnte, doch auf dem Geſicht des Schiffers Weimann las ich die Erklärung⸗ „Muſcheln, Muſcheln!“ rief er, als das gierige Echo die⸗ ſes Schalles, nach und verſuchte nun auch hinauszuklettern. Es dauerte nicht lange, ſo waren wir Alle auf dem Eiſe, wo wir bald unſere vorausgekletterten Kameraden auffan⸗ den, wie ſie mit dem beſten Appetit an einer Muſchelbank ihren ſeit achtundvierzig Stunden unbefriedigten Hunger ſtillten. Wie ſchnell der Menſch vergeſſen kann, was ihn noch ſo ſehr bedrängt hat und noch bedrängt, davon ſahe ich jetzt ein Beiſpiel. Denn als ob ſie gar keine Leiden erfahren oder nichts weiter zu fürchten hätten, waren meine Leute jetzt nur von der Freude erfüllt, daß ſie endlich den grimmigſten aller Feinde, den Hunger aus dem Felde ſchla⸗ gen konnten. Doch gedachten ſie auch ihrer kranken Ka⸗ meraden und brachten von dem aufgefundenen Vorrath nach dem Schiff. „Nachdem wir uns ſo Alle geſättigt hatten, waren wir mit ganz neuen Hoffnungen erfüllt. Unſere Lage war jetzt folgende. Wir waren mit unſerer Scholle an eine Mu⸗ ſchelbank getrieben, an welche ſich weit umher die Eisſchol⸗ len angelagert hatten. Wie weit ſich dieſe erſtreckte, konn⸗ ten wir nicht ahnen, da es uns nicht möglich war, überall hin vorzudringen, indem ſich uns die Schollen oft wie Gi⸗ ganten entgegendämmten. Indeſſen hatten meine Leute ſo viel Muth, daß ſie zu jedem Wageſtück bereit waren. So ließ ich ſie denn nun auch damit beſchäftigt, alle möglichen Hülfsmittel, die unſere Lage geſtattete, zu erſinnen, um über die Eisſchollen hinweg zu klettern. Doch eine Mühe — 254— nach der andern war vergeblich, denn wenn man auch mit Stricken und Strickleitern einen der nächſten Eisberge über⸗ klimmt hatte, ſo war man doch dort nicht weiter wie vor⸗ her, denn andere Eisblöcke und der dichte Nebel hinderten die Ausſicht dort ſo gut wie hier. Der Nebel blieb alſo unſer Erbfeind. Ich ließ ein Signal aufrichten, in der Hoffnung, daß der Wind doch einmal das Gewölk theilen und uns ſo einen Blick in die Weite verſchaffen, oder ent⸗ ferntere ſichtber machen werde. Doch verſtrich der Tag und die nächſte Nacht ohne ein Zeichen der Hülfe. Deſſen⸗ ungeachtet, dies darf ich ſagen, blieben meine Leute voller Muth und es fehlte ſogar nicht an Scherz, was freilich nur Demjenigen begreiflich ſein kann, welcher Zuſtände unſerer Art ſelbſt erlebt hat, ſie nicht blos aus Beſchreibungen kennt. Denn das Gefühl ſtumpft ſich zuletzt gegen Alles ab und zum wahren Glück des Menſchen muß jedes Uebermaß von Angſt, Schmerz und Qual zuletzt daran ſcheitern, daß das Gefäß des menſchlichen Gefühls über ein gewiſſes Quan⸗ tum hinaus nicht mehr aufzunehmen vermag. So ſcherz⸗ ten denn auch wir mitten im Schlunde dieſes erſtarrenden Eisgrabes und die öfters vergeblichen Verſuche, eine Eis⸗ ſcholle zu erklimmen, erregten in ihrer komiſchen Geſtalt mitunter lautes Gelächter. So brach denn wiederum die Nacht an und verging in todter Einförmigkeit. Zum Glück, daß der Wind ſtet blieb, die Kälte weder wuchs noch fiel und wir durch die Kleidungsſtücke der Todten und deren verlaſſene Lagerſtätten in den Stand geſetzt waren, uns gegen den Froſt ziemlich zu ſchützen. „Der neunte Tag begann. Ein Wallen und Wogen im Nebel ließ uns hoffen, daß derſelbe ſich theilen werde. Beſtändig hatten wir auf einem der höchſten Eisberge eine — 25 5½— Wacht auszuſtehen. Diesmal war es der Unteroffizier, der ſich oben befand. Plötzlich, es war Nachmittags um zwei Uhr, rief er, wie außer ſich vor Freude:„Ich ſehe eine Mühle! Wir ſind gerettet! Wir ſind keine Stunde weit vom Lande!“ Auf dieſen Ruf erhob ſich ein allgemeines Jauchzen und Jubeln. Die Freudenthränen entſtürzten un⸗ ſern Augen, Einer umarmte den Andern wie einen wie⸗ dergefundenen Bruder. Unſere Kräfte ſchienen durch dieſe Nachricht verdreifacht und Alles ſchrie jetzt:„Wir müſſen über's Eis wandern, bis wir die Mühle erreichen!“ So⸗ gar die Kranken, die im Fieber lagen, trauten ſich die Kraft dazu zu und es koſtete mich jetzt Mühe, dieſem Ver⸗ ſuch nur ſo viel Ordnung zu geben, daß er nicht auf's Neue fehlſchlüge. Wir mußten Strickleitern haben, um über die Eisberge wegzuklimmen; wir mußten uns mit Bei⸗ len und anderm Handwerkszeuge, auch mit Vorräthen an Kleidungsſtücken aus dem Schiff verſehen. Dazu fing der Tag an ſich zu ſenken und die Nacht konnte uns mitten im Eiſe überraſchen. Dies ſahen meine Leute mühſam, aber doch endlich ein nnd wir beſchloſſen daher, noch die eine Nacht auszuharren, morgen aber mit dem Früheſten den Weg anzutreten. Indeſſen gaben wir noch alle mögliche Zeichen, damit man uns am Lande bemerken mögez allein es ſah uns Niemand. „Mit dem Anbruch des zehnten Tages machten wir uns mit unbeſchreiblicher Mühe auf den Weg. Einer mußte immer zuerſt einen Eisberg hinan, wobei wir ihm mit Stangen und Seilen jede mögliche Hülfe leiſteten. War er eine Strecke hinauf, ſo mußte er ſich mit Hülfe des Beils einen ſichern Standpunkt ſchaffen, wo ihm zwei An⸗ dere nachfolgen konnten, die ihm dann wieder weiter in die Höhe halfen, bis er den Gipfel erreichte, wo er Pflöcke ins Eis trieb, um die Seile oder Strickleitern anzuhän⸗ gen, an denen die Uebrigen ſich hinaufarbeiteten. Die meiſte Mühe machten uns dabei die entkräfteten Kranken, die ſich wol einen Augenblick lang über das Maß ihrer Kräfte täuſchen und Unglaubliches leiſten konnten, aber doch nicht anhaltend. Nach drei ſtarken Stunden hatten wir vielleicht fünfhundert Schritt zurückgelegt. Jetzt ſahen meine Leute wohl ein, wie gut es war, daß wir unſere Reiſe nicht ſo⸗ gleich begonnen hatten. Allein von nun an wurde ſie min⸗ der beſchwerlich und das Eis ebener. Endlich Nachmittags um zwei Uhr kamen wir ganz ins Freie, ſahen vor uns einen ſchwarzen Meeresarm und jenſeit deſſelben Land, rau⸗ chende Schornſteine und die Mühle, welche der Unteroffi⸗ zier entdeckt hatte. Was wir nur erſinnen konnten, gaben wir an Zeichen von uns. Wir ſteckten eine Fahne auf ei⸗ ner unſerer Stangen aus; von Zeit zu Zeit erhoben wir Alle zu gleicher Zeit, wenn gerade der Wind ſtill war, ein lautes, heulendes Geſchrei; endlich zündeten wir auch einige entbehrliche Kleidungsſtücke und ein paar alte Stroh⸗ wiſche an, um eine hohe Rauchſäule hervorzubringen. Ich hatte mein Fernrohr mitgenommen und beobachtete beſtän⸗ dig die Mühle, als den nächſten bewohnten Punkt. Eine Viertelſtunde, eine halbe Stunde, eine ganze verging, es zeigte ſich Niemand. Schon überfiel uns die Angſt, daß es wieder dunkel werden möchte, bevor man uns wahr⸗ nähme, da endlich entdeckte ich auf der beſchneiten Anhöhe einen Menſchen, welcher nach der Mühle hinauf ging. Jetzt ſchrien wir Alle auf aus Leibeskräften; Einige ſchwenk⸗ ten die Fahne hin und her und in unſer verglimmendes Feuer warfen wir hinein, was wir nur irgend wußten, um — 257— Qualm zu erzeugen. Ich ſah durch's Fernrohr, daß der Menſch ſtill ſtand, dann ging er wieder einige Schritte, dann ſtand er wieder ſtill, endlich verſchwand er in der Muͤhle. Zwei Minuten des bängſten Herzklopfens! Da erſchien er wieder und hinter ihm her folgten mehrere An⸗ dere. Sie traten zuſammen an den Rand des Hügels und gaben Zeichen mit ihren Hüten. Doch nur durch das Fernrohr waren ſie ſichtbar; mit bloßen Augen konnte man nichts entdecken. Indeß litt es keinen Zweifel, daß ſie uns geſehen hatten, denn nach einigen Minuten ſahen wir eine dichte Rauchſäule als Gegenſignal der unſrigen auf dem Schneehügel emporſteigen. Jetzt dauerte es keine Viertel⸗ ſtunde mehr, ſo ſahen wir, wie ſich eine Menge Leute auf einer Strandſpitze verſammelten, die höchſtens tauſend Schritt von unſerm Standpunkt entfernt war. Wir zit⸗ terten vor Freude und doch auch vor Angſt, daß uns die nahe Rettung wieder entrinnen möchte, weil wir noch keine Fahrzeuge zum Ueberſetzen erblickten. Indeſſen näherte ſich nach wenigen Minuten ein einzelner Kahn mit drei Rude⸗ rern; als er ſo weit war, daß wir mit einander ſprechen konnten, rief ich ihnen zu, ſie möchten uns abholen. Sie entgegneten, es müßten erſt Schiffe von einem entfernteren Ort geholt werden, aber es ſeien ſchon Leute danach hin. Darauf ſagte ich ihnen, ſie möchten uns einſtweilen Brot und etwas Warmes bringen, weil wir verhungert und er⸗ froren wären. Da winkten ſie mit den Händen, zum Zei⸗ chen, daß ſie das ſchon im Kahn hätten. Nun waren wir außer uns vor Freude. Doch ich beſorgte, die Leute möch⸗ ten ſich den Tod holen, wenn ſie zu begierig äßen; daher ließ ich ſie in Reihe und Glied treten und ſprach, bevor noch der Kahn heran war:„Freunde! Bringt Euch nicht — 258— jetzt ſelbſt ins Verderben durch Das, was Euch retten kann. Ueberlaßt es mir, Alles zu vertheilen und anzuordnen.“ Da ſie großes Vertrauen in mich ſetzten und ich auch ihre Liebe gewonnen hatte bei dieſen gemeinſamen Leiden, ſo verſprachen ſie mir, Jeder durch einen Handſchlag, zu gehorchen. Ich theilte ſie nun in drei Sectionen und dabei ſahe ich, daß wir außer dem Schiffer mit Frau und Sohn in Allem noch achtzehn übrig waren. Den Ueberreſt hatten Krankheit, Elend, Hunger und Froſt ſchon getödtet. Es war mir ein urbeſchreiblich wehmüthiges Gefühl, jetzt, wo die Rettung gewonnen war! Ich gab die erſte Section in Aufſicht des Doctors, eines ſehr wackern Man⸗ nes, die zweite in die eines ſehr tüchtigen Unteroffiziers, die dritte übernahm ich ſelbſt. Nunmehr landeten die Men⸗ ſchen und brachten Brot und warmes Getränk mit, eine Miſchung von Rum, Bier und Zucker, wie ſie von den dortigen Seeleuten bei der Kälte genoſſen wird und die et⸗ was ſehr Magenſtärkendes hat. Meine erſte Frage war: „Wo ſind wir?“—„Bei der Inſel St. Philippsland.“— Ich erſtaunte ſehr, denn dieſe kleine Inſel liegt noch in Holland ſelbſt, mitten in den ſewiſchen Strömungen. Wir waren alſo nicht in hoher See, doch es war möglich, daß wir ſchon weit in derſelben geweſen, aber durch den glück⸗ lichen Weſtwind zurück in die Strömungen getrieben waren. Wie oft konnten wir wenige hundert Schritt vom Ufer ge⸗ weſen ſein und nur an einem Zufall, an einem Windſtoß, der den Nebel getheilt hätte, hing es, daß wir Alle ge⸗ rettet worden wären! Ich will Euch nicht lange erzählen, wie wir Brot und Getränk vertheilten, wie unbeſchreiblich die Empfindung war, nun wieder dem Leben anzugehö⸗ ren, neue Hoffnungen haben zu können und einer baldi⸗ gen Erlöſung von der Marter entgegenzuſehen. Genug, nach einiger Zeit kamen auch größere Kähne und man ſetzte uns über. Der ſchauerlichſte Theil unſeres Unheils iſt freilich nun vorüber, allein es war damit noch nicht geendet!“ „Wie? Noch nicht zu Ende? Und eben wollte ich auf Eure Rettung das Glas ergreifen!“ „Unſere?“ ſprach Heinrich wehmüthig;„hört nur wei⸗ ter, wie es kam. Als wir in St. Philippsland ans Ufer geſetzt waren, entſtand die Frage, was mit uns anzufan⸗ gen ſei. Niemand wollte uns aufnehmen! Das klingt un⸗ glaublich, von Leuten, die uns ſo wacker gerettet hatten. Aber es war doch erklärlich. Dieſe Menſchen leben faſt wirklich außer allem Zuſammenhang mit der Welt; von ihrer Unwiſſenheit über alle Dinge des täglichen Lebensver⸗ kehrs könnt Ihr Euch keinen Begriff machen. So hatten Sie denn kurz zuvor zum Erſtenmale Einquartierung gehabt, und zwar von Truppen, die nach Indien beſtimmt wa⸗ ren, wobei ſich viel nichtsnutziges Geſindel befand. Dieſe hatten, den Zuſtand der Inſel, wo Jeder faſt nur für ſich lebte, keine eigentliche Behörde oder Verwaltung war, benutzend, ſich ſehr ſchlecht betragen, die Leute geplün⸗ dert, geprügelt, ja zum Theil ihren Frauen und Mäd⸗ chen Gewalt angethan. Wir waren auch Soldaten! Theils hielten ſie uns anfangs für Leute dieſes Corps, die Schiff⸗ bruch gelitten hätten, und daher erklärte ſich mir erſt ſpäter das Weſen des Mismuths, mit dem ſie Barm⸗ herzigkeit an uns übten. Sie thaten ihre chriſtliche Pflicht, mochten aber weiter nichts mit uns zu ſchaffen haben. Als ihnen endlich dieſer Irrthum genommen war, glaub⸗ — 260— ten ſie wenigſtens, Soldaten ſeien ſich überall gleich, und zeigten, wenn auch keinen Haß mehr, doch Widerwillen und das höchſte Mistrauen in uns. So ward uns denn endlich ein leeres Predigerhaus angewieſen, um unſer Nachtlager aufzuſchlagen, denn die Inſel hat nur im Sommer einen Prediger, der vom Feſtlande Sonntags herüberkommt und dann in dem Gebäude wohnt. Im Winter iſt gar keine Communication und da ſorgt Jeder ſelbſt für ſeinen Gottesdienſt. Obdach hatten wir nun, aber ernähren wollte uns Niemand. Ich erklärte zwar, daß wir Alles bezahlen wollten, und bot ihnen unſre Baarſchaft vor⸗ läufig dar; allein dieſe war äußerſt gering und zum Theil in franzöſiſchem Gelde, was ſie gar nicht kannten. Ich wollte ihnen daher Quittungen geben und betheuerte ihnen, die Regierung würde ſie bezahlen, allein über meine Papierbezahlung lachten ſie förmlich. Der Bürgermeiſter, mit dem ich unterhandelte, war zwar ein ſo weit gebildeter Mann, daß er einſah, der König werde ſeine Leute nicht verhungern laſſen wollen, allein er ſagte mir gerade heraus, es ſei ihm unmöglich, die übrigen Bewohner der Inſel zu bewegen, ſolche Bezahlung anzunehmen, und er ſelbſt könne uns nicht auf ſeine Gefahr und Koſten ernähren. Mit größter Mühe erhielt ich denn endlich für einige Tage trockne Fiſche und Kartoffeln und das Verſprechen ferne⸗ rer Lieferungen. Somit richteten wir uns denn, Stroh hatte man uns gegeben, in dem elenden Hauſe ein, ſo gut wir konnten. Doch ſtanden wir Froſt und Noth ge⸗ nug aus, beſonders die Kranken, aber es ließ ſich Nie⸗ mand bewegen, einen von uns ins Haus zu nehmen, ſo hatte die böſe Erfahrung die Leute abgeſchreckt. Als die Vorräthe zu Ende waren, wollte ich neue Lebens⸗ 4 — 261— mittel. Aber ich fand die größten Schwierigkeiten; Kei⸗ ner wollte Der ſein, der ſie gäbe, und eine Gewalt beſaß der Bürgermeiſter nicht, der übrigens ſelbſt nur ein armer Fiſcher war. Mit Mühe erhielt ich das Noth⸗ dürftigſte und auch das nicht hinreichendd. So war un⸗ ſere Exiſtenz hier faſt noch elender als auf dem Schiff; mit jedem Tage wurde ſie unerträglicher, wir aber auch den Leuten mit jedem Tage läſtiger. Die Noth trieb uns endlich zu Dem, was man anfangs mit Ungrund von uns fürchtete. Wir mußten unſern Unterhalt förm⸗ lich rauben. Nachts gingen wir aus, gruben Kartoffeln auf, ſtahlen Fiſche, auch wol Federvieh, einen Hammel, ein Schwein, je nachdem wir ankommen konnten. Da man uns nicht einmal Feuerzeug gab, mußten wir die morſchen Dammpfähle ausbrechen, welche die Deiche der Inſel, deren ſie gegen Sturmfluten bedurfte, unterſtütz⸗ ten. So erſchienen wir auch hier als Zerſtörer. Zwar hatte man uns noch nicht ertappt, oder wir waren wenigſtens an den einzelnen Orten, wo wir ſtahlen, die Mehrzahl geweſen, ſo daß man uns nichts anhaben konnte. Daß man uns aber als Gäſte nicht gern ſah, könnt Ihr denken, und bald merkten wir, daß man uns mit Gewalt vertreiben wollte. Wir mußten daher nur Alle beiſammen bleiben, um gegen einen Ueberfall ge⸗ ſichert zu ſein. Dieſer Zuſtand dauerte drei volle Wo⸗ chen und während derſelben ſtarb noch Mancher von uns wegen der harten Entbehrungen, die er erdulden mußte, und weil den Kranken gar keine Pflege werden konnte. Endlich wurde uns dieſes Leben unerträglich. Wir be⸗ ſchloſſen der Sache ein Ende zu machen, koſte es, was es wolle, denn wir ſahen voraus, daß es uns den gan⸗ — 262— , zen Winter über ſo elend ergehen müſſe, bis die Com⸗ munication mit dem Feſtlande wieder offen wäre. Daher beſchloſſen wir Alles zu wagen, uns eines der beſſern Schiffe auf der Inſel zu bemächtigen und dann in Got⸗ tes Namen wieder auf die offene See hinaus zu ſteuern. Zu dieſem verzweifelten Entſchluß bereiteten wir uns drei Tage vor, indem wir ſo viel Lebensmittel als möglich zuſammenraubten. Dann gingen wir in der Nacht an den Strand, nahmen das beſte Schiff, richteten uns ein und wollten fort. Doch wir wurden von dem Eigen⸗ thümer entdeckt, der aus ſeiner Hütte herablief und nun ein furchtbares Lärmen und Schreien anfing. Es blieb uns kein Mittel übrig, wir mußten ihn packen und, damit er nicht die ganze Inſel gegen uns in Aufruhr brächte, mitnehmen. Jetzt ſchrie und jammerte er und meinte, es ſei ein raſendes Unternehmen, in ſolchen Fahr⸗ zeugen auf die offene See gehen zu wollen und nach Antwerpen zu fahren; es würde uns eben ſo gehen wie zuvor. Allein wir waren entſchloſſen; unſre Verzweif⸗ lung hatte den höchſten Grad erreicht und ſo ſteuerten wir denn, trotz des erlebten Elendes und Schreckens, auf's neue, ohne Compaß, aber bei hellem, Dauer verſprechendem Wetter wieder in die See hinaus. Die Fahrt war gewagter als die erſte, aber wir hatten Glück. Bald erreichten wir das offene Meer und, durch Weimann's Schiffer⸗Erfahrung geleitet, auch die Mün⸗ dung der Schelde, ſo daß wir endlich wohlbehalten in Antwerpen ankamen. Es war Nacht. Beim Fort Lillo legten wir an. Ich ſtieg eine kleine Treppe gegen den Wall hinan, wo eben die Schildwacht ſtand, die uns ihr„Zurück!“ entgegenrief, weil Niemand dort anle⸗ — 263— gen darf. Doch gleich an der Stimme erkannte ich, daß es ein Mann von meiner Compagnie war(denn unſer Regiment war unterdeſſen nach Antwerpen mar⸗ ſchirt), und rief ihm zu:„Ich bin der Lieutenant u*.“ Kaum hörte er dieſe Worte, als er ein Freudengeſchrei ausſtieß und rief:„Herr Lieutenant, Sie leben? Iſt's möglich? Wir haben Sie Alle verloren geglaubt!“ Durch dieſe Schildwacht erfuhr ich die Wohnung des Oberſten und, obgleich es Abends nach Eilf war, ging ich doch ſogleich zu ihm. Auch er empfing mich mit herzlicher Umarmung und begrüßte mich als einen von den Tod⸗ ten Auferſtandenen. Ich erzählte ihm, daß wir noch unſerer eilf am Leben ſeien! Da, Freunde, da vergoß der alte Kriegsmann Thränen und ich ſchämte mich auch nicht zu weinen!“ Virr ſaßen ſtill und die Thränen der Rührung wa⸗ ren uns auch nahe. Die Frauen vergoſſen ſie reichlich; doch die anmuthige Kunigunde ſchlang den Arm um ihres Heinrich's Nacken, küßte ihn herzlich und ſprach:„Aber unter dieſen Eilf warſt Du!“ „Gottes Gnade war größer, liebſtes Herz,“ ſprach Heinrich wehmüthig.„Denn zwei Monat nach dem Tage unſerer Rettung lebten nur noch drei von uns, mein Burſche, der Doctor und ich. Alle Uebrigen hatten die Nachwehen der furchtbaren Leiden und Anſtrengungen, trotz der beſſeren Pflege, die ihnen natürlich jetzt wurde, hinweggerafft!— Doch es iſt ſpät! Leert das Glas und laßt uns zur Ruhe gehen.— Wie mir während dieſer Unglücksfahrt die Stelle eines Capitains entging, zu der ich vorgeſchlagen war, die aber, da man mich verloren glaubte, ein anderer Kamerad erhielt, ſo daß ich — 264— fͤnf Jahre ſpäter noch als Lieutenant meinen Ab⸗ ſchied nahm, dieſen Nebenquerſtrich meines höhern Schick⸗ ſals erzähle ich Euch ein ander Mal, ſowie auch noch manches meiner ſeltſamen Abenteuer, wenn Ihr mir zu⸗ zuhören Geduld habt!“ Drei Tage an den Altern des Orinoko. (Skizzirte Erzählung, frei nach dem Engliſchen.) Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. VI. 12 Das weltgeſchichtliche Schauſpiel, welches ſich im Jahre 1789 in Paris zu entwickeln begann, ſich aber bald ganz Europa zur Schaubühne machte, hatte einen jungen Schot⸗ ten, Namens William, nach den Ufern der Seine gelockt. Er war reich, ohne Verwandte oder Freunde zu haben, denn er ſtammte nicht aus einer geſetzlichen Ehe, ſondern war der Sohn eines engliſchen Lords und eines armen, verführten ſchottiſchen Mädchens, das ſich nach ihrem Fehl⸗ tritt mit tiefſter Reue und Beſchämung in ländliche Ein⸗ ſamkeit zurückzog, wo ſie von einem ſpärlichen Jahrgehalte lebte, den ihr der Verführer ihrer Jugend ausgeſetzt hatte. Hier beſchäftigte ſie ſich nur mit der Erziehung ihres Soh⸗ nes, wobei ihr ein alter Geiſtlicher treu und hülfreich zur Seite ſtand, der früher als Miſſionair in Oſt⸗ und Weſt⸗ indien geweſen war und daher trot ſeines friedlichen Stan⸗ des und ſeiner ſtillen religiöſen Richtung die Welt auch in ihrem äußerlichen Treiben vielfach kennen gelernt und ſich in Thaten verſucht hatte. Auf eine ſolche Weiſe war Wil⸗ liam eben ſo zu einem innerlich tiefen, als äußerlich that⸗ kräftigen und gewandten Jüngling herangereift. Ein glück⸗ licher Zufall verſchaffte ihm in ſeinem zwanzigſten Jahre einen kleinen Dienſt als Forſtaufſeher, der ihn in den Stand ſetzte, ſeine nunmehr alternde Mutter zu unterſtützen. 4 12* 3 3 — 268— Allein er ſollte dieſe nicht lange genießen, denn ſie ſtarb einige Jahre ſpäter und ſein alter Freund, der Geſſtliche, folgte ihr wenige Monden darauf nach. Jetzo mußte ſich William durchaus verlaſſen fühlen und des ſonſt ſo hei⸗ tern, lebenskräftigen Jünglings fing eine düſtere Schwer⸗ muth an ſich zu bemächtigen. Gewiß waren es auch noch andere Triebe, die ſich in ſeinem Herzen regten; er fühlte, daß er nicht allein bleiben ſolle auf der Welt, aber ſeine dürftigen Umgebungen boten nichts dar, was in dieſer Hin⸗ ſicht auch nur entfernt den Träumen und Hoffnungen ſei— ner Seele hätte entſprechen können. Da ereignete ſich ein Fall, der ihm plötzlich den Weg zu tauſend neuen Hoff⸗ nungen und Verſuchen öffnete. Sein Vater ſtarb und hatte in einem Anfall von Reue die ſchwere Schuld gegen den Sohn, welchen er das ganze Leben hindurch verlaſſen hatte, gut zu machen geſucht, indem er ihm einen beträcht⸗ lichen Theil ſeines Vermögens vermachte. Dies ſetzte Wil⸗ liam in den Stand, ſeinen Dienſt aufzugeben und ſich aufzumachen in die Welt, die er nur durch Erzählungen ſeines Lehrers kannte und die, ſo wenig ſie ihm ein trü⸗ geriſches Bild von dem Glücke, welches er daſelbſt zu fin⸗ den hoffen dürfte, vorgeſpiegelt hatten, doch wenigſtens ſei⸗ ner Neu⸗ und Wißbegier und manchen andern äußerlichen Wünſchen Befriedigung verſprachen. Er ging zuerſt nach London, wo ihn jedoch trotz allen Wundern dieſer Welt⸗ ſtadt die gänzliche Sittenverderbniß der männlichen Jugend, mit der er als Einzelner, Unabhängiger in Berührung kam, ſo anwiderte, daß er nach ſechs Monaten dieſe Stadt wieder verließ und eine Reiſe durch Frankreich und Italien machte, Länder, die ihn ſchon in ſeiner Jugend lebhaft an⸗ zogen und deren Sprache er auch von ſeinem Lehrer er⸗ 4 lernt hatte. In Rom machte er die Bekanntſchaft eines — 269— jungen franzöſiſchen Vicomte, Alfred, der ſich vor den meiſten ſeines Standes in jener Zeit ſehr vortheilhaft aus⸗ zeichnete. Eben hatten die Bewegungen des Jahres 1789 begonnen und der junge Alfred ergriff dieſe neue Richtung ſeines Vaterlandes mit dem glühendſten Enthuſi jasmus. So wurde auch William lebhaft dafür in Anſpruch ge⸗ nommen und, da mit jedem Poſttage das Intereſſe der Kämpfe wuchs, da Mirabeau's Wort mit jedem Tage mächtiger erſchallte, da der Boden des entfernteſten Euro⸗ pas zu zittern begann, wenn ſeine Stimme auf der Red⸗ nerbühne ertönte, konnten es die beiden Jünglinge nicht mehr ertragen, ſo entfernte Zuſchauer dieſer gewaltigen Er⸗ eigniſſe zu ſein. Sie eilten nach Paris, Alfred, um thä⸗ tigen Antheil an den Angelegenheiten ſeines Vaterlandes zu nehmen, William, um ſich mitten in das brauſende Treiben dieſes großartigen Schauſpiels zu werfen.— Wir haben hier nicht die Abſicht, auf Dasjenige näher einzu⸗ gehen, womit die Ereigniſſe dieſer Tage, deren Wendun⸗ gen ſich Jeder anders vorſtellte, ſo viele Hoffnungen und Erwartungen täuſchten oder überflügelten. Genug, die Monden, die Jahre verſchwanden und mit ihnen in Wil⸗ liam's Bruſt täglich mehr die Hoffnung, daß er hier ein Zeuge erhebender und veredelnder Begebenheiten werden könne. Die Sonne des Lichts war in einen Blutſtrom untergetaucht und leuchtete bald als die Fackel der Furien. Die hohe Geſtalt der Freiheit wurde von dem Ungeheuer der Willkür verſchlungen, das ſich mit tauſend Krallen in den Buſen der Menſchheit einwühlte und die Rachen des tauſendfachen Hauptes gegen alles Große und Würdige öff⸗ nete, um es mit ſeinem blutigen Giftſchaum zu beſudeln. Schon längſt wäre William in ſeine heimatlichen Berge zurückgekehrt, wenn ihn nicht ein anderes Band mit ſüß⸗ — 270— ſchmerzlicher Feſſel gehemmt hätte; es war die Liebe zu Al⸗ fred's Schweſter, Eſtelle, einem reizenden jungen Weſen, welche erſt ſeit einem Jahre aus dem Kloſter, wo ſie er⸗ zogen worden, in das elterliche Haus zurückgekehrt war. Auch ſie theilte dieſe Neigung, obgleich ſie ſie mit jungfräu⸗ licher Scheu in der Tiefe ihres Herzens verborgen hielt, wie eine Lilie die köſtliche Thauperle im innerſten Kelch be⸗ wahrt. William hatte ſeine Leidenſchaft nur ſeinem Freunde Alfred vertraut, der dieſes Verhältniß von ganzer Seele begünſtigte; allein ſo wenig die Zeit geeignet war, Vorur⸗ theile geltend zu machen, die zehn Jahre früher ganz un⸗ überwindlich erſchienen ſein würden, ſo hatte Alfred's Va⸗ ter gerade in der Auflehnung gegen die Richtung der Zeit eine Stellung zu nehmen geſucht und er, der ſonſt milde, verſöhnend, Vorurtheile gegen Wahrheiten aufopfernd ge⸗ weſen war und dieſe Grundſätze ſeinen Kindern eingeflößt hatte, verhärtete ſich jetzt im ſtarren Widerſtande, weil die Zeit jede billige Foderung weit überſchritt. So hatte er denn auch mit Beziehung auf William mehrfach geäußert, er werde jetzt, wo man alles Ehrwürdige und Alte beſudle, nie in eine andere Verbindung ſeiner Tochter willigen, als in die mit einem Manne vom reinſten, unbefleckteſten Adel. Indeſſen wuchſen die Ereigniſſe der Revolution mit jedem Tage gewaltiger empor; zwar ſahen Millionen mit Schau⸗ dern, wohin ſie führten, indeſſen ſchöpfte William doch für ſein eigenes Glück Hoffnungen daraus. Endlich war das Haupt des Königs gefallen. Bis dahin hatte der Vicomte, wie viele Gefahren ihn auch, obwol er ſich von jeder thä⸗ tigen Theilnahme an den Welthändeln zurückhielt, bedroh⸗ ten, durchaus Frankreich nicht verlaſſen wollen, obgleich William in ihn drang, eine Zuflucht in England aufzuſu⸗ chen. Jet wollte er auswandern, denn es gab keinen —— — 271— König mehr, dem er ſeine Treue widmen konnte. Allein es war zu ſpät, die Gefahren zu groß. Dennoch wollte er verſuchen, in einer Verkleidung zu entkommen, da es ihm gelungen war, durch einen Freund einen großen Theil ſeines Vermögens nach Amerika zu ſchaffen. William wußte durch Alfred um die Flucht. Er war in der höch⸗ ſten Angſt, denn in dieſer Nacht mußte es ſich entſcheiden, ob Eſtelle die Seinige werden könne. Er beſchloß mit ihr und dann mit dem Vater zu ſprechen. Alfred veranſtaltete die Zuſammenkunft. Eſtelle war ſchon in der Verkleidung als Savoyardin, in welcher ſie flüchten ſollte.„Ach, daß ſie wäre was ſie ſcheint, ein armes, hülfloſes Kind der Berge,“ dachte William, als er das reizende Mädchen ſah. „Sie kommen, um Abſchied zu nehmen?“ fragte ſie mit beklemmter Stimme und eine Thräne glänzte in ihrem Auge. William ergriff ihre Hand, preßte ſie an die Lip⸗ pen und ſprach mit einem entſchiedenen Wort:„Nein, nicht ein Verhältniß zu trennen, komme ich, ſondern eins für ewig zu krüpfen, wenn Eſtella ſich entſchließen kann, mir dieſe Hand zu laſſen.“ Sie zitterte und ſchwieg, aber ließ ihm die Hand; er drückte ſie, ſie erwiderte den Druck ſchüchtern, aber innig. Er wollte ſie an ſein Herz ziehen, da neigte ſie ſich hinweg und ſprach unter Thränen:„nur wenn mein Vater es geſtattet!“ In dieſem Augenblick trat der Vicomte ein; ein Blick ſagte ihm, was geſchehen ſei, er kam William's Worten zuvor:„Ich achte Sie, ja ich liebe Sie,“ ſprach er;„allein höher achte ich das Heiligthum ererbter Ehre, würdiger Geſetze. Vielleicht hätte mein freier Wille ſich ein Abweichen erlaubt. Jetzt, da man uns Alles ab⸗ trotzen will, kann ich den ſchimpflichen Verdacht, unwürdi⸗ ger Gewalt zu weichen, nicht auf mich laden. Leben Sie wohl und, hegen Sie Freundſchaft für uns, ſo bikti Sie — 232— den Himmel, daß er unſere Flucht beſchirme.“ Der Vicomte ſprach dieſe Worte ſo ohne Leidenſchaft, ſo als das be⸗ ſtimmte Reſultat des reiflichſten Beſchluſſes, daß die Hoff⸗ nung, ſeinen Sinn zu wenden, vergeblich erſchien. Eſtelle war an das Herz ihres Bruders geſunken und verbarg ihr bleiches, in Thränen überſtrömendes Antlitz an ſeiner Bruſt. Der erſchütterte Vicomte verließ das Gemach; William blickte finſter zur Erde, als ſtarre er allen ſchönen Bildern der Hoffnung nach, welche plötzlich ein unermeßlicher Ab⸗ grund vor ihm verſchlungen hatte.„Lebe wohl, Eſtelle,“ ſprach er endlich und ergriff ihre herabhängende Hand; und jetzt wandte ſich die Liebende zu ihm, ſank an ſein Herz und ihr erſter Kuß war der des ewigen Abſchieds. Die Thränen der Liebe und der Freundſchaft miſchten ſich un⸗ nennbar ſchmerzlich und ſüß, doch der eherne, brauſende Strom des Schickſals wälzte ſich zwiſchen die liebenden Her⸗ zen hindurch und riß ſie auseinander. Viele Tage ging William wie im Traum umher. Selbſt die Blut ausſpeienden Vulkane und Erdbeben der Revolu⸗ tion rings um ihn her weckten ihn nicht aus ſeinem dü⸗ ſtern Brüten. Erſt die langſame, aber beharrliche Zeit that es. Er öffnete die Augen und ſah mit Schaudern, wie das Unkraut der Drachenzähne, das man unter die edle Saat der Freiheit geſtreut hatte, zu einem unabſehbaren Walde grauenhafter Giftgewächſe emporgeſchoſſen war, die Alles ringsum mit ihrem tödtlichen Hauch verpeſteten. Er ſah, wie die heiligen Geſtalten des Rechts, der Treue, der Unſchuld in den Wellen eines Blut⸗Oceans vergeblich nach Hülfe und Rettung rangen. Da ergriff ihn ein tiefer Widerwille und er beſchloß Paris zu verlaſſen. Es war hohe Zeit, denn bereits war auch er verdächtig geworden und hätte er nicht eine ſchnelle Warnung erhalten, ſo würde er, wie ſo viele andere Fremde, den Tod auf dem Schaffot gefunden haben. Indeſſen gelang es ihm, nach Havre zu entkommen und dort auf ein ſpaniſches Fahrzeug zu gelangen, welches nach Veracruz ſegelte. Der Capi⸗ tain, Perez mit Namen, der ſeinen tiefen Trübſinn ſahe, ſuchte ihn auf alle Weiſe zu erheitern.„Ihr werdet viele Landsleute in Veracruz finden,“ ſprach er zu ihm;„ein Landsmann, der mir vor ſechs Wochen auf der Höhe von Teneriffa begegnete, hatte dreizehn Franzoſen am Bord, die er dahin führte.“—„Ich bin kein Franzoſe, ich bin ein Schotte,“ erwiderte William düſter.—„Ja, da wird Euer Weg nach Hauſe freilich ein Umweg ſein, denn in Eng⸗ land kann ich nicht landen, weil meine Geſchäfte eilig ſind und der Wind mir günſtig ſteht. Indeſſen ſeid gutes Muths, Amerika iſt ein merkwürdiges Land und Ihr wer⸗ det es nicht bereuen, dort geweſen zu ſein. Ich habe jetzt Geſchäfte auf dem Deck, wenn Ihr Euch aber zerſtreuen wollt, ſo geht in meine Kajüte und nehmt Euch ein Buch oder die neueſten Zeitungen, die wir aus Frankreich mitge⸗ nommen haben.“ William ging hinab und nahm, da er in der letzten Zeit gar keine Zeitungen geleſen hatte, einige Blätter des Moniteur zur Hand. Plötzlich erblaßte er, denn er las in der in dem neueſten Moniteur enthaltenen Liſte der zur Guillotine Verurtheilten die Namen des Vicomte, Al⸗ fred's und Eſtelle's. Es wurde ihm finſter vor den Au⸗ gen; er ſtarrte noch einmal hin, in der zitternden Hoff⸗ 12** — 24— nung, ſich getäuſcht zu haben; allein vergeblich, ſein Auge hatte nicht geirrt, was er ſah, war entſetzliche Wahrheit. So hatte denn in einem fürchterlichen Schlage den Freund und die Geliebte verloren, welche er dereinſt zu be⸗ ſitzen noch immer die ſtille Hoffnung genährt und durch dieſe ſchwache Flamme ſeinem dunklen Daſein Licht gegeben hatte. Es war erloſchen und das Leben lag vor ihm wie eine nachtbedeckte Wüſte. Die drei Monden der einförmigſten Fahrt, die er jetzt zu überdauern hatte, würden vielleicht die Feſtigkeit ſeines Geiſtes erſchüttert haben, wenn der wackere Perez ſich ihm nicht mit ſo biederer Herzlichkeit genähert hätte, daß er in ihm einen wahrhaften, wenn gleich älteren, mehr väterli⸗ chen Freund erwarb. Auf alle Weiſe ſuchte er ihn zu zer⸗ ſtreuen und, da er bemerkt hatte, daß William Intereſſe für die Naturwunder des ſüdlichen Amerikas zeigte, hörte er nicht auf, ihm von dieſen und namentlich von den er⸗ habenen Wildniſſen am Orinoko, die er genau kannte, zu erzählen. So ſetzte ſich nach und nach in William's Seele der Gedanke feſt, ſeine Zeit und ſeine Geldmittel dazu zu verwenden, dieſe Gegenden genauer zu durchforſchen.„Wer iſt dazu geeigneter als Du,“ dachte er,„dem alles Das zu Gebot ſteht, was Andere ſich mühſam zu erringen ha⸗ ben? Dein früherer Beruf hat die Kräfte Deines Körpers ausgebildet und zu jeder Art der Anſtrengung geſchickt ge⸗ macht. Du biſt des Feuergewehrs als ſicherer Schütze Herr. Unter der Leitung Deines alten, würdigen Lehrers haſt Du Dir Kenntniſſe in der Pflanzenkunde geſammelt, die Du durch ſpätere Studien und Beobachtungen auf Deinen Reiſen erweitert haſt, Du biſt alſo in einem Theile der Wiſſenſchaft nicht ganz unvorbereieet. Endlich die Ge⸗ fahren, die ein anderer Reiſender ſcheut, fürchteſt Du — 275 nicht, denn das Leben iſt Dir nicht ſo theuer, um es nicht an jedes Unternehmen zu ſetzen, das einige Ausbeute gewähren kann.“— Dieſe Gedanken befeſtigten ſich mehr und mehr in ſeiner Seele, und er fand einen kräftig hei⸗ lenden Troſt darin, ſein Leben zu einem Beruf, der auch Andern fruchten könnte, erhalten zu ſehen. Eines Morgens weckte Perez ſeinen Freund mit den Worten:„Wir ſehen Land! Dauert der günſtige Wind ſo fort, ſo ſind wir um Mittag im Hafen von Vera⸗ cruz!“ William eilte auf's Verdeck. Er grüßte die blauen Gebirgshöhen von Veracruz mit freudiger Rührung.„Jetzt, Perez,“ rief er, jetzt ſoll ein Leben der That begin⸗ nen. Aus einem Seefahrer wirſt Du ein Landwanderer, der mich begleitet! Morgen ſchon verkaufſt Du Dein Schiff und nimmſt künftig Deinen Capitainsgehalt von mir.“ Perez hatte dies auf ein Jahr verſprochen; doch er⸗ innerte er William, nicht zu haſtig zu ſein, ſondern ſich erſt an das Klima und an die Lebensweiſe der Südameri⸗ kaner zu gewöhnen, ſich in die Nationaltracht zu kleiden und ſowol das Spaniſche noch genauer zu erlernen, als auch ſich wenigſtens nothdürftig mit der Sprache der Eingebornen an den Theilen des Orinoko, die ſie zuerſt durchwandern wollten, bekannt zu machen. William ging Alles ein. Man landete. Perez beſorgte ſeine Geſchäfte mit den Kaufleuten, für die er geladen hatte, und verkaufte dann ſein Schiff. William trieb unterdeſſen das Spaniſche, wel⸗ ches er ſchon unterwegs halb erlernt hatte, und nahm ſogleich zwei ſogenannte Zambos, Männer aus einem der wilden am Orinoko wohnenden Stämme, zu Dienern, theils um die Sprache von ihnen zu erlernen, theils um ſie als Begleiter und Dollmetſcher mitzunehmen. Mitten in dieſen — 276— Studien wurde er jedoch durch ein Fieber, wie es in jenen Gegenden herrſcht und Fremde zumal befällt, unterbrochen, das ſeinen Körper gewaltig erſchütterte. Der getreue Perez verließ in dieſer Zeit ſein Lager nicht und wurde ſo ſein Lebensretter. Drei Monate waren nun vergangen, Wil⸗ liam's Kräfte hatten ſich wieder eingefunden, ſeine Vorbe⸗ reitungen waren geſchehen und ſo machte er ſich denn auf den Weg. Mit Perez und ſeinen beiden Zambos begab er ſich zuerſt nach einem Landhauſe, welches auf einem der Plateaux der Cordilleren reizend gelegen war und das er für einige Wochen gemiethet hatte, um ſeine Geſundheit in der reinen Bergluft völlig wieder herzuſtellen. Er würde vielleicht noch länger in dieſem ſchönen Aufenthalt zuge⸗ bracht haben, allein das Haus war für die heiße Jahres⸗ zeit von einer franzöſiſchen Familie gemiethet, der er wei⸗ chen mußte. Da ihm jede Berührung mit geflüchteten Franzoſen ſchmerzliche Erinnerungen erwecken mußte, be⸗ eilte er ſeine Abreiſe und verließ dieſen Aufenthalt wieder, einige Tage, bevor die neuen Bewohner eintrafen. Nach dem Reiſeplan, welchen Perez gemacht hatte, ſchifften ſie ſich nach Cumana ein, dort nahmen ſie noch einige zuver⸗ läſſige Leute und Führer an und traten dann mit einer Karawane von funfzehn Maulthieren den Weg über die Gebirge an, die ſie noch von den Llanos von Cumana trennten. Als ſie den einſamen Pfad über den Rücken dieſer Felſenkette zurückgelegt hatten und den Rand derſel⸗ ben an der andern Seite erreichten, lagen die unermeßlichen Sawanen vor ihnen, die durch ihre völlige Gleichförmigkeit und unbegrenzte Ausdehnung den Anblick einer traurig mo⸗ notonen Erhabenheit gewähren. Man befand ſich mitten in der heißen Jahreszeit. Alle Vegetation war erſtorben; kleine Aſchenhäufchen zeigten die Stelle an, wo vorher üp⸗ — 277— pige Pflanzen der heißen Zone geblüht hatten. Der Wind regte ſich nicht; nur von Zeit zu Zeit zog ein heißer leich⸗ ter Luftſtrom über den Boden dahin und regte den Staub der zerfallenen Pflanzen auf, ſo daß er ſich in einer grau⸗ lichen Wolke erhob und die Neiſenden überſchüttete; nur einzelne Palmen ragten hie und da hervor und bezeichneten das ehemalige Bett eines jetzt verſiegten Baches. Die Hitze drückte auf die Augen; der Pflanzenſtaub, mit ſcharfen und beißenden Theilen erfüllt, fiel ätzend auf die Haut und ver⸗ urſachte einen empfindlichen Schmerz. Mit einem inneren Schauer, aber doch von erhabenen Gefühlen bewegt, be⸗ trachtete William dieſe todte Oede der Natur, welche ein grauendes Bild von den ausgeſtorbenen Freuden ſeines Le⸗ bens darbot. Perez näherte ſich ihm und ſprach:„Nur Muth, Freund! Wir werden nicht ewig ain dieſer Wüſte von glühender Aſche wandern; um ſo reizender wird Dir die Kühle des Abends in dem Grün dur von den Flüſſen erquickten Landſchaften erſcheinen.“ Inzeſſen erſchöpfte der Weg, den man zurücklegte, die ausdauerndſten Kräfte; ohne die mit Erfriſchungen beladenen Maulthiere wäre es unmöglich geweſen, ihn zu vollbringen, zumal da die Seele oft durch vergebliche Hoffnungen niedergeſchlagen wurde. Denn der Boden iſt dort überall mit einer harten Rinde überdeckt, die nicht ſelt ſo feſt und glänzend wird, daß ſie angelaufenem Stahl Reicht und in dem glühenden Son⸗ nenſtrahl wirkliche Zurückſpiegelung erzeugt. Auf dieſe Art bilden ſich vor dem getäuſchten Auge, dem eine ſehnſüchtige Einbildungskraft zu Hülfe kommt, aus den Wolkengeſtal⸗ ten des gekräuſelten Staubes in den Blendlichtern des ſenk⸗ recht auffallenden Sonnenſtrahles und in der halbſpiegeln⸗ den Fläche des Bodens Erſcheinungen, die der Fata Mor⸗ gana gleichen. Man glaubt flüſſige Springſäulen kühler — 28— Waſſer vor ſich aufſteigen zu ſehen; hohe Bäaume wölben ihre ſchattigen Kronen, ganze Haine wachſen aus der Ebene auf. Der Wanderer eilt angeſtrengteren Schrittes dieſen erſehnten Punkten der Raſt und der Erquickung zu, doch wehe, es erhebt ſich ein glühender Windzug und alle jene Herrlichkeiten ſind plötzlich verſchwunden!— Die Strahlen der Sonne prallen mit verdoppelter Kraft von dem glän⸗ zenden Boden zurück; die Lüfte werden ſo durchglüht, daß ſie dem Strom, der aus der Mündung eines Hochofens dringt, gleichen; jetzt iſt auch nicht ein dürftiger Palmen⸗ ſtamm mehr zu erſehen, auf der unterſchiedsloſen Ebene. Da endlich erblickt man am Horizont einen dunkeln Streifen, der ſeine Geſtalt nicht verändert. Die matten Blicke der Eingebornen glänzen voll Hoffnung und Freude, denn ſie erkennen, daß es ein Gebüſch iſt, wo ſie ein küh⸗ les Nachtlager zu finden hoffen dürfen. Die erſchöpfenden Kräfte beleben ſich wieder an dieſer Ausſicht; ſelbſt die Maulthiere erkennen durch ihren Inſtinkt die nahende Er⸗ löſung, denn ſie ſtrecken die Köpfe weit vor und ſaugen mit geöffneten Nüſtern die Lüfte ein, welche von dort her herüberwehen und mit feuchten Dünſten erfüllt ſind, die den verdorrenden Gaumen wohlthuend berühren. Nach ei⸗ ner halben Stunde erhoben die Zambos einen Freudenruf. William fragte, was es gebez; ſie zeigten ihm ein einzelnes grünes Hälmchen, welches ſo kümmerlich war, daß ohne die ſchärfſte Beobachtung kein Auge es entdeckt haben würde; dennoch war es ein ſicheres Zeichen, daß der Bo⸗ den wieder nährende Kräfte habe. Bald ſproßten auch der Halme mehr; nach wenigen tauſend Schritten ſchimmerte es ſchon leicht grünlich an manchen Stellen des Bodens; ein kleiner Strauch wurde ſichtbar; jetzt ſah man einen wieſenähnlichen Streifen; nun ſproßken auch ſchon andere — 279— würzige Kräuter; endlich nach zwei Stunden erreichte man ein dunkles, halbkreisförmiges Gebüſch, daſſelbe, welches man ſchon lange am fernen Horizont entdeckt hatte. William war zwar nicht völlig erſchöpft, aber ſo durch⸗ glüht, daß ihm die Haut von dem Sonnenbrande geſprun⸗ gen war; während daher Perez mit den Zambos und an⸗ dern Begleitern die Maulthiere befeſtigten und die nöthigen Vorkehrungen zur Nachtlagerſtatt trafen, ging er von der innern Glut getrieben inſtinktartig dem dichtern Schatten des Gebüſches nach. Plötzlich entdeckte er, und wurde da⸗ bei wie von einem elektriſchen Freudenſchlage durchzuckt, hin⸗ ter dunklem Gebüſch einen kleinen Teich, deſſen Grund aus hellem Kies beſtand. Die reizendſten Marmorbäder des Orients hätten ihn nicht ſo locken können, wie der Anblick dieſes kühlen Weihers; mit wilder Haſt drängte er ſich durch die Gebüſche, warf die Kleider ab und tauchte ſich in die Wellen. Einige Augenblicke genoß er einer unbe⸗ ſchreiblichen Erquickung. Plötzlich aber fühlte er einen Schlag, der ihm von den Ferſen die Knie herauf über den Rücken durch alle Gelenke und Muskeln zuckte. Unwill⸗ kürlich that er einen lauten Schrei und taumelte zurück. Ein zweiter ſtärkerer Schlag traf ſein Knie, als ob eine matte Kugel dagegen ſchlüge. Er ruft laut um Hülfe, von dem Schauder unbekannter Schreckniſſe erfüllt will er flüch⸗ ten, doch die zuckenden Schläge wiederholen ſich und be⸗ täuben und lähmen ihn. Da fühlt er ſich wie von feuch⸗ ten Schlingen umſtrickt und wirklich ſieht er mit erſtarren⸗ dem Grauſen eine ſchwarzblaue Schlange ſich um ſeine Glieder winden. Ein Entſetzen ergreift ihn bei dieſem Anblick, ſein Auge verdunkelt ſich, er glaubt ſich von einer Rieſenſchlange umringelt, von der er nur den Kopf und die oberen Theile — 280— des Leibes ſieht, während ſich der Ueberreſt noch in der Tiefe des Gewäſſers verbirgt. Bei den zuckenden Schlä⸗ gen, die er empfindet, wähnt er, es ſei die Gewalt der Umſchlingungen, welche ſeine Gebeine zermalme. Mehr dunkler Naturtrieb und Angſt der Verzweiflung, als eigne Willenskraft treiben ihn an, mit äußerſter letzter Anſtren⸗ gung dem Ufer zuzueilen und nach Hülfe zu rufen. Sein ſtöhnender Angſtruf dringt durch das Gebüſch, in welchem Perez und die Diener beim Gepäck beſchäftigt ſind. Ver⸗ traut mit den mancherlei Gefahren, welche dem Neu⸗ ling in dieſen Landſchaften begegnen können, greifen alle ſogleich nach den nächſten Waffen und ſpringen, ohne ſich zu beſinnen, durch das Dickicht der Stimme William's nach. Sie erblicken ihn mit Nacken und Armen aus dem Waſſer hervorragend, aber eben im Begriff, bewußtlos nie⸗ derzuſinken. Schnell wirft einer der Zambos ſeinen Laſſo, eine Art von Fangſchlinge, deren ſich dieſe Völker zur Jagd und, um ſich einander auf den ſteilen Gebirgshöhen von Fels zu Fels zu helfen, bedienen, nach William aus, und ſo glücklich, daß man ihn ſogleich ans Ufer ziehen kann. Bei dieſer Bewegung und dem Anblick ſo vieler Menſchen läßt das Thier, geſcheucht, ſeine Beute los, ringelt ſich ab und ſchießt in einem Bogenſprung in den See zurück. Als William erwachte(denn das Grauſen hatte ihm auf einige Augenblicke die Beſinnung geraubt), fand er ſich auf dem ſchattigen Raſen liegen, umgeben von Perez und ſeinen getreuen Zambos. Obwol ſeine Beſinnung zurüickgekehnt war, ſo empfand er doch einen heftigen Schmerz und eine ſolche Lähmung in ſeinen Gliedern, zumal in den Füßen, daß ihm kein Zweifel bleiben konnte, ob dieſer Zuſtand des Schreckens, in dem er ſich befunden hatte, auf einen wirk⸗ — — 281— lichen Vorfall gegründet ſei oder nicht.„Du warſt in einer großen Gefahr,“ ſprach Perez mit dem Tone der Theil⸗ nahme und des ſanften Vorwurfs;„aber weshalb entfernteſt Du Dich auch von Deinen Freunden? Ein Zitteraal und zwar einer der größten und ſtärkſten, die ich jemals geſehen, hatte Dich umſtrickt; wären wir nicht zum Glück noch ſo zeitig gekommen, daß wir ihn hinderten, die Ringe um Deine Bruſt zu ſchlagen, ſo hätteſt Du Deine Unvorſichtig⸗ keit mit dem Leben büßen müſſen.“ Indeſſen waren Schreck und Folgen bedeutend genug geweſen, denn außer dem Entſetzen, welches William empfun⸗ den, waren auch ſeine Glieder ſo gelähmt und ſein Körper ſo erſchöpft, daß er weder gehen noch ſtehen, ja ſelbſt ſich nicht auf einem Maulthier erhalten konnte. Man mußte daher in dieſem kühlen Gebüſch zwei volle Tage raſten; da erſt fand William ſeine Kräfte wieder und fühlte ſich im Stande, den Weg fortzuſetzen. Es war jetzt nicht mehr jene ſchreckenvolle Wanderung durch eine Aſchenwüſte, ſon⸗ dern die Landſchaft wurde grün und zeigte ſich bald hüge⸗ lig, bald von Gebüſchen und klaren Bächen durchſchnitten. Hie und da gewahrte man einzelne Gehöfte, welche den Beſitzern der großen Lamaheerden zugehörten; ſie waren meiſt an hohe Palmenſtämme gelehnt und neben Quellen erbaut, welche aus dem Dunkel reichtragender Brombeer⸗ ſträucher hervorſprudelten, ſich aber dann wieder bald im Sande verloren. Die Karawane näherte ſich jetzt den grü⸗ nen Höhen, welche den Rio Pao begleiten und ſich an ſeinen Ufern hin bis zum Orinoko erſtrecken. Von hier an war die Landſchaft ſtets mit einem ſammetnen Teppich des ſchönſten Wieſengrüns, mit ſchattigen Gebüſchen und hohen Bäumen bedeckt. In William's Bruſt kehrte das Gefühl einer Glückſeligkeit ein, wie nur der reine Genuß * — 282— der Natur ſie zu gewähren vermag; daß ſeine Gedanken dabei den Charakter einer ſanften Schwermuth annahmen, darf Niemand verwundern, aber es war jene Wehmuth, die gern bei dem Gegenſtand ihres Schmerzes weilt und ſich in der Beſchäftigung mit demſelben täglich mehr der innern Geneſung entgegenführt. Jetzt hatte man den Orinoko ſelbſt erreicht. Die Maul⸗ thiere waren nicht mehr zu gebrauchen, weil man die Fahrt nun zu Waſſer machen mußte. In einem Nachen ließ man ſich nach Muitaca überſetzen und dort miethete Perez ein größeres Fahrzeug, um den Strom eine Strecke weiter auf⸗ wärts zu fahren, wo ſeine Ufer weniger bewohnt ſind und daher die Wildheit der Natur dem Reiſenden eine reichere Ausbeute gibt. Noch war dies möglich, obwol die äu⸗ ßerſte Zeit, wo es geſchehen konnte, denn die heiße Periode des Jahres nahete ihrem Ende und man erwartete daher die Regenzeit, wo der Strom ſo anſchwillt, daß es un⸗ möglich iſt, gegen ſeinen Andrang zu kämpfen. Dieſe Fahrt dauerte mehrere Wochen und William lernte dabei Sitten und Sprache der Eingebornen genauer kennen, in⸗ dem man, um die großen Unkoſten des Unternehmens zum Theil zu decken, einen Vorrath von Fabrikwaaren einge⸗ kauft hatte, die man an den verſchiedenen bewohnten Punkten des Ufers gegen andere Bedürfniſſe, deren man ſelbſt benöthigt war, und zum Theil auch gegen baares Geld austauſchte. Die Naturſchauſpiele auf dieſer Fahrt waren äußerſt mannichfaltig. Obwol jetzt am Schluß der heißen Jahreszeit die Waſſer am ſeichteſten waren, ſo bil⸗ dete der Strom doch oft einen unermeßlichen See, der nur durch blinkende Felſenplatten, von denen der glühende Strahl der Sonne zurückprallte, hie und da unterbrochen wurde. Dichte Waldungen zogen ſich am Ufer hin, oft △ — 283— mit ſo verwachſenem Geſtrüpp, daß es nur mit der Art in 8 der Hand möglich geweſen wäre ſich eine Bahn zu bre⸗ chen. Von Zeit zu Zeit erblickte man jedoch durchgebro⸗ chene Stellen und eine Art von Fußſteigen; dies waren die Punkte, welche den größeren Raubthieren dieſer Wälder zu Ausgängen gegen den Strom dienten, um ihren Durſt zu löſchen oder ihn zu durchſchwimmen, um der Beute am jenſeitigen Ufer nachzugehen. An beiden Ufern lager⸗ ten ungeheure Krokodille, oft in unüberſehlicher Anzahl, unbeweglich im Uferſande ausgeſtreckt. William fragte, ob ſie den Eingebornen ſehr gefährlich ſeien.„Allerdings,“ erwiderte Perez,„und ſobald ſie einmal Menſchenfleiſch ge⸗ koſtet haben, wird ihnen dies der liebſte Fraß, dem ſie mit fürchterlicher Begierde nachgehen. Am meiſten haben daher die Dörfer davon zu leiden, welche in der Regenzeit den Ueberſchwemmungen des Stroms ausgeſetzt ſind. In dieſe brechen die Ungeheuer alsdann in ganzen Scharen ein, reißen oft die leichtgebauten Häuſer nieder, indem ſie die Pfoſten mit ihrem gewaltigen Gebiß durchnagen, und ſuchen dann unter den Trümmern die Bewohner auf und verſchlingen ſie in wenigen ungeſchlachten Biſſen. Die Ge⸗ walt der Kiefern der Krokodille iſt ſo ſtark, daß ſie einem Büffel oder einem Maulthiere mit eins den Schenkel ab⸗ zureißen vermögen, wobei ſie den ſtarken Röhrknochen gleich einem dünnen Stäbchen zermalmen. Indeſſen ſind Men⸗ ſchen doch nur ihre ſeltnere Beute und ſo ernähren ſie ſich denn auch von den Fiſchen und den Thieren des Wal⸗ des. Von dieſen fürchten ſie keines, ſelbſt nicht die reißende Tigerart, den Jaguar, der oft fürchterliche, aber vergebliche Kämpfe mit ihnen zu beſtehen hat.“ — 284— Eines Tages erblickte man am ſpäteren Nachmittag mitten im Strom einen hervorragenden Granitfelſen, auf welchem ein ungeheurer Baum von der Gattung, welche die Eingebornen Manguar nennen, ſtand, deſſen breite zahlloſe Zweige in horizontaler Richtung vom Stamm ab⸗ wärts getrieben den ganzen Felſen beſchatteten und ſie an einigen Stellen noch über denſelben hinaus gegen den Waſ⸗ ſerſpiegel zu ſenkten. William hatte Luſt, dieſen Fels zu beſteigen. Er hatte, von den Inſekten gequält, die letzte Nacht faſt gar nicht geſchlafen. In den Zweigen dieſes Baumes ließ ſich die lederne Hangematte, der ſogenannte Hamac, vortrefflich befeſtigen, und ſo hoch, daß die Musquitos und andere Inſekten, die ſich immer nur bis zu einer gewiſſen Höhe über den Boden erheben, ſie nicht erreichen konnten. Dort wollte er in der kühlen grünen Laube beim ſanften Murmeln des Stromes eine köſtliche Nacht zubringen. Perez billigte ſeinen Plan, ſetzte ihn mit dem Fahrzeuge auf den Felſen aus, ließ ihm den Ha⸗ mac durch zwei Zambos, die ſchnell in den Gipfel des Baumes kletterten, befeſtigen und ſchiffte dann zurück an das fünfhundert Schritt entfernte Ufer, um dort Anker zu werfen und dann auf die Jagd nach wildem Geflügel zu gehen, deſſen man bedurfte, da die Vorräthe, die man be⸗ ſaß, auszugehen anfingen. William ſtand betrachtend und mehr und mehr erſtau⸗ nend unter dem grünen Laubgewölbe, das ſich ſo wunder⸗ bar über ihm ausbreitete. Er gewahrte, daß der Stamm bis zu den unterſten Zweigen, die er trieb, gegen dreißig Fuß hoch glatt emporſtieg, er würde daher ſein Lager in den grünen Wipfeln gar nicht haben ſenen können, wenn die aufmerkſamen Zambos nicht ein Seil um den unterſten Aſt gebunden hätten, mit deſſen Hülfe er ſich 8 — 285— leicht hinaufarbeiten konnte. Er that es und beſichtigte, von Aſt zu Aſt weiter ſteigend, ſein neues Schlafgemach. Es war ſo ſchattig und kühl, daß es ein indiſcher Fürſt nicht beſſer hätte wünſchen können; wenige Zweigſtufen hö⸗ her hinauf hatte William die ſchönſte Ausſicht, denn hier war eine breite Oeffnung im Laube und er konnte auf einem weit hervorragenden Zweige Platz nehmen, der ihm den freien Ueberblick des Stroms und ſeiner Ufer ver⸗ ſchaffte. Nach dem ſüdlichen Ufer hin ſtreifte das Auge über ein wogendes Meer von Wäldern und Gebüſchen, die ſich unabſehbar weit erſtreckten und nur durch eine Hügel⸗ reihe, die ſich am Horizont erhob, begrenzt wurden; auf der andern Seite ſah man die prächtige Mündung des Rio Capanaparo, eines Nebenfluſſes des Orinoko, der ſich hier mit dieſem vereinigte. An dieſer Stelle erhob ſich eine quaderartig gethürmte Granitmaſſe, auf deren Gipfel, gleich einem prächtigen Helmbuſch, ein Dom der ſtolzeſten Pal⸗ men und Manguars die ſchwankenden Wölbungen wiegte. Dem Strich des Meeres folgend ſah das Auge über die endloſe Waſſerfläche und die zahlloſen Granitklippen hin, die der, auf welcher William ſeinen Ruheſitz genommen hatte, oft ganz ähnlich waren, indem die üppige Natur überall, wo ſie Raum fand, einen ſo reichen Baumwuchs emportrieb. Unter ihm murmelte der Strom und brach ſeine Wellen gegen den granitnen Felſendamm, ſo daß ſie breit ſchäumend weiterzogen. Dieſes großartige Gemälde war fortwährend belebt. Nah über der Erde wirbelten dichte Schwärme von tropiſchen Inſekten, deren Geſumſe ſich mit dem eintönigen Rauſchen der Wellen vermiſchte; hoch in den Luften wiegten ſich Scharen großer Vögel, Papageien, Reiher, wilde Schwäne, die theils in breiten, dunkeln Geſchwadern quer über den Strom zogen, theils — 286— in weiten Ringen einzeln kreiſten, um ihre Beute im Waſ⸗ ſer zu erſpähen oder ihre Neſter zu ſuchen. Die Sonne ſenkte ſich jetzt allmälig tiefer gegen den Horizont und die Atmoſphäre verhüllte ſich mit grauen, nebelartigen Dün⸗ ſten, die die Vorboten der Regenzeit ſind. Im ſchrägen Strahl der Sonne nahmen dieſe aber einen purpurnen oder violetten Schimmer an und verbreiteten einen zauberiſchen Duft über die Landſchaft. Das großartige Schauſpiel ließ William ſogar ſeine Müdigkeit vergeſſen und entfernte den Schlaf von ſeinem entkräfteten Körper. In eine ſüß ſchwer⸗ müthige Wolluſt verſenkt, ſaß er auf den leicht wiegenden Zweigen und ſeine Seele vertiefte ſich in den Bildern der Vergangenheit. Die Sonne ſank hinter die Wälder; die Atmoſphäre wurde dunſtiger, es ſchwebte wie leichte graue Schleier durch die Lüfte. Von Zeit zu Zeit hörte er in der Ferne ein dumpfes Murmeln, das aus der Tiefe der ringsum verbreiteten Urwälder zu dringen ſchien. Er horchte auf. Bald wurde das ſchauerliche Gemurmel lauter und lief, wie das Echo des Donners im Gebirg, rings am Horizont um. Plötlich zuckt ein Blitz durch die Lüfte und einen Augenblick lang iſt die ganze Landſchaft wie mit ſchwefligem Licht überſtrahlt. Ein Gewitter! Ein Gewitter, die majeſtätiſchſte Erſcheinung der Natur ſchon in unſern Gegenden, vollends aber zwiſchen den Wende⸗ kreiſen, wo alle Naturkräfte ins Gigantiſche wachſen und ihr Ringen dem Kampf der alten Titanen, dem gährenden Brauſen und Arbeiten des Chaos gleicht! Wenige Sekun⸗ den nach dem Blitz tönte es vom ſüdlichen Horizont her wie ein dumpfer Kanonenſchuß, ein, zwei„ drei Mal! Dann erwachten alle Echoſtimmen der Wälder und Hügel und rings über die weite Fläche hin lief ein ſchauerliches Rollen, das von Sekunde zu Sekunde wuchs. Der Strom — — 287— wogte finſter zu William's Füßen hin, die Nebeldünſte brauten ſich zu dichten Wolken zuſammen; von Süden her zog es ſchwefelgrau, wetterſchwer heran, wie ein langſam heraufwachſendes, ſich über die Erde hinwälzendes Gebirg. William war im höchſten Grade aufgeregt; er konnte ſich nicht bergen, daß, ſo großartig das ſich vor ihm bereitende Schauſpiel auch war und ihn mit Staunen erfüllte, doch auch zugleich ein unheimlicher Schauer ſich in ſeine Bruſt ſchlich und er ſich wie verloren in dieſer Einſamkeit mitten in dem Kampf der Elemente, der ſich zu entwickeln begann, fühlte. Das Rollen des Donners verſtummte von Zeit zu Zeit und begann dann nach einigen Minuten wieder und jedesmal ſtärker. In den Zwiſchenräumen herrſchte jene be⸗ klemmende Stille, die allen Gewittern vorangeht, und hier nur durch einzelne Laute, wie das gellende Aufſchreien einer Affenſchar oder das weitſchallende Gebrüll eines Jaguars, aus den Urwäldern herüber unterbrochen wurde. Die Vögel zogen mit geſenktem Flug ſtill über die Waſſerfläche hin; Fiſche ſchnellten ſich empor; hier und da erhoben einzelne Krokodille den ſcheußlichen Kopf aus der Flut und ſperrten den Rachen gähnend auf, um Luft zu ſchöpfen. So wie aber der Donner ſich von neuem hören ließ, tauchten ſie erſchreckt raſch wieder unter. Die Abenddämmerung vereinigte ſich mit dem Dunkel des Gewitters und bald hüllte ſich Alles ringsumher in Nacht. William verzehrte die Abendkoſt, die er ſich mit auf ſein Lager genommen hatte, aber ließ zur Vorſicht noch einen Theil übrig, der ihm zum Frühſtück dienen ſollte, falls die Gefährten ihn morgen nicht zeitig genug abholen ſollten. Einige große Regentropfen fielen, doch ſchien das Gewitter in dieſer Beziehung nicht recht zum Ausbruch zu kommen, ſondern begnügte ſich mit dem unaufhörlichen 3— 288— 1 Getöſe des Donners und einzelnen gewaltigen Blitzen, die auf Augenblicke Alles erhellten. Doch hatten ſich ſchwere, erſtickende Dünſte ſo dicht über der Waſſerfläche gelagert, daß man ſelbſt dann nicht mehr die Ufer wahrnahm, ſon⸗ dern nur in ein ziehendes, nebliges Gewoge hineinblickte, das, vom Blitz erleuchtet, einem über Feuer hinwegziehen⸗ den, glänzenden Rauch glich. Allmälig fühlte William jetzt ſeine Ermüdung und ſtieg daher von ſeinem freien Sitze in die dunkle Laubwöl⸗ bung zurück, wo ſein Hamac hing. In dieſen ſtreckte er ſich nieder, bedeckte ſich mit ſeinem Mantel und ſah nun der Erquickung des Schlafes entgegen. Der Strom rauſchte unter ihm hin, der Donner murmelte bald ferner, bald näher; die Blätter in den Zweigen flüſterten, vom leichten Luftzuge bewegt. Durch dieſe eintönige Muſik eingewiegt, ſank er bald in Schlaf und vergaß ſo der Beſorgniſſe, die ſeine Lage ihm allerdings machen konnte, falls das Gewit⸗ ter anhielt. Wie lange er geſchlafen haben mochte, wußte er nicht. Plötzlich aber ſchreckte er von einem furchtbaren Getöſe ge⸗ weckt empor und wollte, da er nicht ſogleich das Bewußt⸗ ſein ſeiner Lage hatte, raſch aufſpringen. Er ſtieß mit dem Kopf gegen den ſtarken Aſt, an welchen das obere Ende des Hamacs geknüpft war, und taumelte mit einem ſchmerzlichen Zucken und, indem er die Hand gegen die ge⸗ troffene Stelle der Stirn legte, zurück. Durch dieſen ſchmerzenden Schlag war er indeſſen völlig aus ſeinem tie⸗ fen Schlafe geweckt und entſann ſich nun, wo er ſei. Das Getöſe, das ihn aus dem Schlaf geſchreckt hatte, war ein gewaltiger Donnerſchlag geweſen, der dicht über ſeinem Haupt krachte. Gleich darauf hörte er es ziſchen „und ſauſen um ſich her, als ob ſich ein Waſſerfall von 1 ſ — 280— oben herab durch den Baum ſtürze, und ehe eine Minute verging, drangen die Ströme des Gewitterregens mit voll⸗ ſter Heftigkeit durch das dichte Laubdach über ihm und rie⸗ ſelten auf ihn herab. Faſt ſo raſch, als hätte er ſich in einen Bach geſtürzt, war William bis auf die Haut durch⸗ näßt und ſein lederner Hamac weichte ſo auf und dehnte ſich ſo, daß er ſich faſt ganz über ihm zuſammenzog und William wie in einem naſſen Schlauch eingenäht war. Das Peinliche dieſer Lage konnte er nicht länger ertra⸗ gen; er arbeitete ſich daher aus ſeinem Gefängniſſe em⸗ por, ergriff den Zweig über ihm und ſchwang ſich hinauf. Es war ſo finſter um ihn her, daß er nicht die nächſten Gegenſtände unterſcheiden konnte, ſondern ſich nur durch Fühlen zurechtfand. Indeſſen boten ihm die breiten Aeſte einen leidlichen Sitz; er ſchlang den Arm um einen Aſt, und, um nicht herab zu ſtürzen, band er ſich mit ſeinem Schnupftuch daran feſt.— Es war eine wüſte, ſchauer⸗ liche Lage, in der er ſich befand. Auf Tagereiſen weit keine Wohnſtätte; die einzigen menſchlichen, ihm befreundeten Weſen durch einen breiten Strom von ihm getrennt, der bei einem ſolchen Unwetter mit ihrem gebrechlichen Fahrzeuge gar nicht zu beſchiffen war. Sonſt nur die öde Wildniß um ihn her, zwar bevölkert mit Tauſenden von Geſchöpfen, unter denen ſich aber ſo viele beutegierige, blutdürſtige be⸗ fanden, daß das Bewußtſein ihrer Nähe das Grauſen der völligſten Einſamkeit nur erhöhen mußte. Und nur zu oft wurde William an dieſe unheimlichen Nachbarn erinnert durch den ſchauerlichen Laut eines aufbrüllenden Jaguars oder das rauſchende Auftauchen eines Krokodills, das ſich mitten in dem Gebrauſe des Regens und des Stromes ver⸗ nehmen ließ. Seine Beſorgniſſe wuchſen mit jeder Minute, weil ihm mit jedem Augenblick des fortdauernden Unge⸗ Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. VI. 3 13 — 290— witters die Unmöglichkeit klarer wurde, daß ſeine Freunde ihn aus ſeinem Felſengefängniß zu erlöſen vermöchten. All⸗ mälich fing auch die Näſſe an ihm beſchwerlich zu fallen, denn der Regen hatte ſich endlich auch durch die dichteſten Stellen des Laubgewölbes Bahn gemacht und ſchoß nun in gewaltigen Strömen herab. Bald war es kaum noch ein Unterſchied, ob William in ſeinem aufgeweichten, halb mit Waſſer gefüllten Hamac, oder in dem naſſen Bette des Stromes ſelbſt lag. Er zitterte vor Kälte wie im Fie⸗ berfroſt; ſeine Stimmung war nicht geeignet, dieſe körper⸗ liche Empfindung zu beſiegen. So hatte die Nacht eine endloſe Dauer für ihn und er ſehnte mit ſteigender Angſt den Morgen heran. Endlich begann es ein wenig zu däm⸗ mern, ſo daß er zwiſchen den Lauböffnungen des Baumes das Durchſchimmern der Luft, wenn auch nur noch unbe⸗ ſtimmt und unſicher, zu erkennen vermochte. In dieſem ſchauerlichen Halbdunkel, wo ihm alle Formen verſchwim⸗ mend und rieſig erſchienen, ſah er zwei leuchtende Punkte, die ſich hin und her bewegten. Bald erkannte er, daß es die blitzenden Augen irgend eines Thieres waren, welches auf einem der benachbarten Zweige ſaß. Er ſchreckte zu⸗ ſammen über dieſen grabesſtillen unheimlichen Nachbar, denn er wußte nicht, war es ein Vogel, vielleicht ein Geier, oder irgend ein anderes Raubthier, das mit der Gewandtheit des Katzengeſchlechts an dem glatten Stamm hinaufge⸗ klimmt war. Da rauſchte es plötzlich unter ihm und zu⸗ gleich hörte er das Aufbrüllen eines Tigers oder Jaguars, der durch den Strom geſchwommen war, ſich unten auf der Felsplatte ſchnaubend das naſſe Fell abſchüttelte und, bald brüllend, bald heulend, den Baum umkreiſte, auf welchem ſeine raubgierige Witterung ihn eine Beute ent⸗ decken ließ. William erſtarrte faſt in plötzlicher Lähmung — 291— des Schreckens, als er dieſe neue Gefahr erkannte; auch das unſichtbare Thier in ſeiner Nachbarſchaft mußte den Feind zu fürchten haben. Denn an dem plötzlichen Ver⸗ ſchwinden der beiden hellen Augenſterne, die wie erlöſchende Funken in der Dunkelheit verflogen, konnte man wahrneh⸗ men, daß es eiligſt in einen ſicheren Verſteck entſchlüpft war. Indeſſen that der Tiger unten einige gewaltſame Sprünge, durch die er endlich einen der überhängenden Zweige erreicht haben mußte, denn ſie beugten ſich knickend und rauſchend unter ſeiner Laſt und man hörte, wie er ſich in das Laub hinaufſchwang und ſich hierauf von Aſt zu Aſt weiter kämpfte. Sehen konnte William das Unthier, welches ihm Verderben drohte, nicht, doch hatte er es zu deutlich an dem Gebrüll als einen Jaguar erkannt, um auch nur einen Augenblick daran zweifeln zu können. So ſah er denn ſeinen gräßlichen Tod in tiefer Einſamkeit der Wüſte, fern von ſeinen Freunden, die vielleicht nie wieder eine Spur von ihm auffanden, unerreichbar weit von den geſitteten, gewohnten Zonen der Erde vor Augen. Dieſer Gedanke hatte etwas tödlich Lähmendes für die Kraft ſeines Geiſtes; das Leben hatte zwar wenig Neize für ihn, allein er fühlte doch, daß es zu Thaten beſtimmt ſei und daß der letzte Werth deſſelben in unwürdiger Spurloſigkeit verſchwinde, wenn er es ſo unter der zermalmenden Hand des roheſten Zufalls aushauchen ſollte. Doch es ſchien unwiderruflich beſchloſſen; denn immer näher kämpfte ſich das Ungethüm durch rauſchendes Laub und knickende und brechende Zweige heran; da plötzlich krachte ein ſtärkerer Aſt, die Blätter rauſchten laut auf, man hörte einen Körper dumpf fal⸗ len und plötzlich war Alles todtenſtill. William lauſchte vorgebeugt in banger Beklemmung; die Stille, welche nur durch den rauſchenden Regen unterbrochen wurde, erhöhte . 13* — 292— das Grauen noch, weil er nun nicht mehr wußte, ob die Gefahr vorüber ſei oder das Verderben nur dicht an ſeiner Seite ſchlummere, um unvermuthet neu auf ihn einzubrechen. In dieſer, jede Secunde, jeden Pulsſchlag zählenden Spannung brachte er jetzt den Ueberreſt der Nacht hin. Endlich wich ſie und mit ihr ließ auch die Heftigkeit des Regens nach. Etwa eine Stunde war vergangen, da wurde es ſo hell, daß William ſich wieder in ſeinem Auf⸗ enthalte zu orientiren vermochte. Er fühlte, wie ſehr Näſſe und Angſt der Nacht ſeine Kräfte erſchöpft hatten. Nur mit großer Mühe vermochte er es, ſich auf den freien Sitz im Gipfel des Baumes hinaufzuarbeiten, von wel⸗ chem er eine Ueberſicht der Gegend hatte. Doch welch ein entmuthigendes Schauſpiel bot ſich ſeinen Augen dar! So weit er ſpähte, waren keine Ufer zu erkennen; er erblickte nichts als ein wolkiges, wogiges Nebelmeer und ſelbſt den Strom, den er zu ſeinen Füßen rauſchen hörte, konnte er nicht ſehen. Wie ſollten jetzt ſeine Freunde ihn auf dem einzelnen Punkte aufzufinden vermögen, ſelbſt wenn ſie es möglich machten, der Gewalt des Stromes und des Ungewitters zu trotzen! Jede Hoffnung entſank ihm; er ſah, daß er das Maß der Schrecken noch nicht erſchöpft hatte, daß es ſich auf eine Weiſe ſteigern konnte, die er ſich nicht näher auszumalen wagte. Dieſe Muthloſigkeit mußte ſich durch ſeinen erſchöpften Körperzuſtand ſteigern; er fühlte heftigen Hunger und eilte daher den Vorrath der Speiſen aufzuſuchen, die er von ſeiner geſtrigen Abendkoſt, durch ein dunkles Vorgefühl geleitet, für heute aufbewahrt hatte. Allein das Maisbrod, welches er bei ſich führte, war durch den heftigen Regen ſo aufgeweicht, daß man es faſt aufgelöſt nennen mußte, und das Fleiſch, ein Stück — 293— wilden Geflügels, faſt faulig geworden. Nur die Flaſche mit Arrak hatte ſich unverdorben erhalten und wurde jetzt zu einem unſchätzbaren Mittel der Stärkung für Wil⸗ liam; er warf jedoch auch die Speiſen nicht leichtſinnig weg, ſondern genoß einige Biſſen davon und hob das Uebrige ſorgfältig auf. Seine erſte Sorge war jetzt, ſich einen bequemeren Sitz aufzuſuchen, denn in den Hamac konnte er unmöglich zu⸗ rück. Zum Glück fand er noch einen trocken gebliebenen Raum, nahe an den erſten Zweigen, welche der Stamm trieb, indem ſich hier zwei Aeſte von der Stärke eines Mannes ſo abzweigten, daß ihr unteres Ende ein dichtes Dach bildete. Durch die genoſſene Speiſe und die mehr und mehr zurückkehrende Helle des Tages einigermaßen er⸗ muthigt, dachte William darauf, ſich auch ein Vertheidi⸗ gungsmittel, womit er einen Feind, wenn nicht beſiegen, doch wenigſtens verſcheuchen konnte, zu verſchaffen. Er hatte ein ziemlich großes Taſchenmeſſer bei ſich, mit wel⸗ chem er einen jungen Zweig abſchnitt, den er an dem einen Ende ſcharf zuſpitzte, am andern einen etwa eine halbe Fauſt ſtarken Kopf ſtehen ließ, ſo daß er die Waffe als Speer und als Keule zugleich gebrauchen konnte. Ueber dieſer Be⸗ ſchäftigung war einige Zeit vergangen und ſchon das war ein großer Gewinn für ihn, denn in dem tödtenden Einer⸗ lei der Erwartung ſchlichen ihm die Stunden unerträglich langſam dahin. Dazu kam, daß draußen der Regen noch immer fortdauerte und die wehenden Schleier der Nebel den Baum ſo dicht umzogen, daß er nicht im Stande war, den äußerſten Rand der Zweige zu erkennen. Der naſſe Froſt ſchüttelte ihn unangenehm, es war ihm, als kehrten ſeine alten Fieberanfälle jetzt zurück; und wahrlich wäre es unter dieſen Umſtänden nicht zu verwundern geweſen. Um — 294— ſich zu erwärmen, kletterte er den Baum wieder etwas auf⸗ wärts; auch hatte er die ſchwache Hoffnung, daß er von dem Gipfel aus, wenn die Nebeldünſte vielleicht durch ei— nen Windſtoß getheilt würden, das Ufer erblicken und ſeinen Freunden ein Zeichen geben könnte. Mit ſeinen ſchon erſchöpften Kräften machte es ihm in⸗ deſſen große Mühe den Gipfel wieder zu erreichen und vergeblich ſaß er eine Stunde droben; es war dort nicht mehr zu ſehen als hier. Endlich wollte er ſich wieder ab⸗ wärts wenden, als ihm ein neuer Schrecken bereitet wurde. Er war nämlich, auf einem breiten Zweige reitend, weit hinausgerückt und drehte ſich jetzt um, um den Weg zurück zu machen. Da ſah er auf dem Aſt vor ſich unter dem dichten verſchlungenen Grün zwei funkelnde Sterne, die wie ein paar Topaſe unter den Blättern blitzten. Sogleich erkannte er, daß dies die Augen deſſelben Thieres ſein müßten, welches ihn in der Nacht erſchreckt hatte, doch ſah er jetzt nichts als die beiden funkelnden Augenſterne. Der Schreck, welcher ihn überfiel, mußte ſich dadurch ver⸗ doppeln, daß er gar keine Waffe zur Hand hatte, denn ſeinen zugeſpitzten Stab hatte er, weil er ihn am Klettern hinderte, für den Augenblick in den Hamac gelegt. Ohne ſich zu regen, nur daß er zitterte, blieb er auf dem Aſt ſitzen; da raſchelte es im Laub, die beiden goldgrünen Au⸗ gen rückten näher und der halbe Leib eines Iguana, einer Eidechſenart von ungeheurer Größe, wurde ſichtbar. Von Jugend auf war die Eidechſe dasjenige Thier, vor wel⸗ chem William einen unüberwindlichen Schauder gehabt hatte. Man kann begreifen, wie ſich dieſer vermehren mußte beim Anblick eines, gegen die Mauereidechſe ſeiner Heimat ſo koloſſalen Thieres, deſſen Kopf dem eines mittleren Hun⸗ des an Größe glich. Es ſchien ſich vorſichtig umzublicken, —.,— — 295— dann kam es mit raſch trippelnden Schritten näher und ſtand dann wieder ſtill. Als das glatte, ſchlüpfrige, von eigenem Schleim und dem Regen glänzende, halb grün, halb blau ſchimmernde Thier ſich auf dieſe Weiſe näherte und vor der Gegenwart eines Menſchen gar nicht zu er⸗ ſchrecken ſchien, hätte William vor innerem Schauder und Grauſen faſt die Beſinnung verloren und wäre von ſei⸗ nem Sitz hinabgeſtürzt. Nur ein Gefühl der Scham, daß er, der hier durch wirkliche Gefahren auf die Probe geſtellt wurde, nicht vor eingebildeten zittern dürfe, hielt ihn aufrecht; denn daß die Iguanas unſchädliche Thiere ſeien, wußte er. So ſaß er denn dieſem durch ſeine Einbildung ſtärkeren Feinde als der Jaguar, der ihn in der Nacht bedroht hatte, regungslos gegenüber und wagte es nicht, weiter auf dem Zweige vorzurücken, aus Beſorg⸗ niß, daß das Thier doch nicht flüchten, ſondern gereizt und keck ihn vielleicht anſpringen, mit dem kalten ſchlammigen Körper über ihn hinwegſchlüpfen werde. Er fühlte, daß ſeine Nerven dieſem Schauder nicht gewachſen waren; die Beſinnung würde ihn verlaſſen haben und er hinabgeſtürzt ſein. Er kam daher auf den Gedanken, noch weiter nach der Spitze des Zweiges hinzurücken, ihn herabzudrücken und ſo einen untern Zweig zu erreichen, auf dem er ſeine Flucht bewerkſtelligen könnte. Allein wer malt ſein Ent⸗ ſetzen, als er, da er ſich vorſichtig umdrehen wollte, dicht hinter ſeinem Rücken einen zweiten Iguana, noch größer und widerwärtiger als den erſten, entdeckte, der ihn mit ſeinen grellen, metallenen Augen verwundert anſah und mit dem ſchillernden, grüngelben Schweif ſchlängelnde Ninge ſchlug. Erſtarrt vor Grauen, im Fieberfroſt, ſaß William da und war wie gebannt durch die beiden Feinde, die ihn von vorn und im Rücken belagerten. Durch Mattigkeit, — 296— Krankheit, das Gefühl der tiefſten Einſamkeit und Verlaſ⸗ ſenheit ganz niedergedrückt, vermochte er es nicht, einen muthigen Entſchluß zu faſſen, ſondern ſaß, das Aeußerſte erwartend, unbeweglich und beobachtete mit ſtarren Augen jede Bewegung, welche die Thiere machten. Da er ſie aber nicht Beide zugleich ſehen konnte, wurde er, wenn er ſich nach dem einen hingewendet hatte, von dem leiſeſten Raſcheln der Blätter ſo erſchreckt, daß der kalte Schau⸗ der ihm das innerſte Mark durchrieſelte, weil er wähnte, das Thier hinter ihm ſchnelle ſich jetzt heran und werde ihm ſogleich auf dem Nacken ſitzen. In dieſer alle Fibern und Nerven auf's äußerſte aufregenden Pein brachte er über eine Stunde zu. Indeſſen war der Tag immer höher hinaufgekommen und die Sonne fing an ſelbſt auf die Nebel zu wirken und ſie ein wenig zu lichten. Der Baum war nunmehr ganz ſichtbar; auch der Strom unter ihm und zunächſt. Mit Erſtaunen ſah William, wie ungemein derſelbe ge⸗ wachſen war, denn der Granitblock, der geſtern noch weit aus den Wellen hervorragte, wurde jetzt ſchon an einigen Stellen vom Waſſer bedeckt, das reißend und ſchäumend an beiden Seiten hinſchoß. Es war ein hoffnungsloſer Anblick; denn gegen dieſe flutende Strömung, das ſah William wohl ein, vermochten ſeine Begleiter nicht anzu⸗ kämpfen, und ſo verſchwand ihm denn die Ausſicht zur Rettung mehr und mehr. Allein, es iſt eine oft wieder⸗ holte, wenngleich nicht erklärte Erſcheinung, je tiefer die Glücksſchaale des Menſchen ſinkt, je mächtiger ſteigt die ſeiner Hoffnungen und läßt ihn Zuſtände ertragen, denen er ohne dieſe wachſende Kraft ſchon bei der Hälfte des Maßes und der Dauer erlegen ſein würde. So wuchs auch in William's Bruſt die Sehnſucht, dieſer grauſenvol⸗ 1 — 297— len Lage entriſſen zu werden, und mit ihr wuchs die Kraft, ſie bis auf den äußerſten Grad zu ertragen. Die Nebel waren jetzt in dem Grade lichter geworden, daß die dunklen Umriſſe der Ufer am Horizont ſichtbar wurden; doch dauerte der Regen, wenngleich nicht in ſo heftigen Strömen, fort. Es wurde Mittag; ein leichter Luftzug erhob ſich und ver⸗ wehte die Nebelgewölke ſo, daß William einen großen Theil der Landſchaft erblicken konnte. Dies war der erſte Strahl der Freude, der ihm ſeit ſeinem Erwachen in der verwichenen Nacht lächelte. Aber es knüpfte ſich auch ſo⸗ gleich ein neuer Schrecken daran. Denn die ganze Gegend glich einem ungeheuern See; alle Felsblöcke, die geſtern aus dem Strom hervorragten, waren überſchwemmt; der Vereinigungspunkt des Rio Capanaparo mit dem Orinoko war verſchwunden; die graue Flut bedeckte die Landſpitze zwiſchen beiden ſo weit, bis ſie ſich im Nebel verlor. Die Stelle, wo Perez das Schiff vor Anker gelegt hatte, war, ſo wie das Fahrzeug ſelbſt, nicht mehr zu entdecken. Der brauſende Strom, der angeſchwollen aus den Gebirgen, wo die Regenzeit ſchon begonnen haben mußte, herabgekommen war, hatte das leichte Boot hinwegreißen müſſen. Wie ſollten die wenigen Männer jetzt gegen dieſe Flut anzu⸗ kämpfen vermögen, um den verlaſſenen Freund zu retten, zumal da ſie ſchon eine ſtarke Strecke unterhalb des Bau⸗ mes, auf dem William ſaß, geankert hatten, weil der Strom ſie bereits geſtern bei der Rückfahrt um ſo viel ſtromabwärts trieb! Die Hoffnung auf Rettung war alſo dahin; nur ein Wunder konnte ſie erfüllen. Aber weshalb ſollte ein ſolches Wunder ſich nicht erfüllen, da ihm ſo eben ein Ereigniß begegnete, das ganz den Charakter des Wunders an ſich trug? Er ſaß nämlich noch immer mit zitterndem Grauen zwiſchen den beiden Iguanas, obgleich 13 R — 298— die lange Dauer dieſer Pein den erſten heftigſten Schauder abgeſtumpft und ihm ſchon wieder Naum zu andern Be⸗ trachtungen gelaſſen hatte. Da rauſchte es plötzlich über ihm in den höchſten Zweigen und ein Fiſchadler von un⸗ gemeiner Größe ſchoß herab und ſtieß auf den einen der Iguanas, den er als Beute fortzuſchleppen gedachte. Wie ein Blitzſtrahl ſchoß der andere davon und der ergriffene wurde von dem Vogel in die Lüfte geführt. Er ſträubte ſich indeſſen ſo mit Macht gegen den Schnabel und die Fänge des Raubvogels, daß dieſer ihn fallen laſſen mußte. Dicht an William ſtürzte das blutende Thier herab und er ſah, wie es unten in das ſeichte Waſſer auf dem Gra⸗ nitfelſen fiel und dann pfeilgeſchwind in den Wellen ver⸗ ſchwand. 8 Jetzt wurde die Scene auch dort unten belebter. Eine Menge von Reihern, Flamingos und andern Waſſer⸗ vögeln ſpielten in dem ſeichten Waſſer unter dem Baume; ganze Heerden von Schildkröten ſchwammen auf dem Ori⸗ noko und man ſah ihre ſchwarzen Rücken über die Flut hervorragen. Selbſt das düſtere Wetter, bei dem in an⸗ dern Gegenden des Erdkreiſes die lebendigen Weſen zu verſchwinden pflegen, lockte in dieſer gigantiſchen und über⸗ ſprudelnd reich ſchaffenden Natur immer neue Geſchöpfe her⸗ vor. So ſchwebten denn auch ſchattige Wolken von Geiern in den Lüften hin und Fledermäuſe umſchwirrten mit wi⸗ derlichem Geſchrei den Gipfel des Baumes. Ganze Heer⸗ den von Lamas und anderm ſchlanken Wild warfen ſich von dem grünen Ufer her badend in den Strom und zogen ſchwimmend nach dem andern Ufer hinüber. Sie weckten die ſchlafenden Krokodille, die raſch emporſchoſſen und dann ihrer Beute in der Flut nachjagten. Aber ſie ſelbſt wur⸗ den von raubgierigen Jaguars angefallen und dann ent⸗ gie g —, 299— ſpann ſich zwiſchen den an Kräften und Grimm gleichen Gegnern ein furchtbarer Kampf, indem bald der Eine, bald der Andere unterlag. Allein Beide wurden oft durch das ſchwarze Ungethüm einer Phoka verjagt, die zwi⸗ ſchen den Felſen im Fluß auftauchte und ſich gegen ſie hinwälzte. Trotz der gefährlichen, ja verzweiflungsvollen Lage, in welcher ſich William befand, ſpannte ihn doch der eigen⸗ thümlich ſchauerliche Anblick dieſes tauſendfältig bewegten Naturlebens auf eine ſolche Weiſe, daß er, auf Augen⸗ blicke wenigſtens, ſeinen Zuſtand darüber vergaß. So weit ihm Perez von den Erſcheinungen und dem Verkehr der Thierwelt in dieſen Gegenden erzählt, ſo viel er darüber geleſen hatte, ſo übertraf dieſe Wirklichkeit, doch noch jede Vorſtellung. Doch um ſo grauenhafter fühlte ſich die Ein— ſamkeit der menſchlichen Bruſt in dieſem chaotiſchen Gewim⸗ mel lebendiger, aber unbeſeelter Geſtalten; das Alleinſein des Geiſtes ſtand zu dieſer überfüllten Welt lebender Körper im ſchroffſten Gegenſatz und mußte daher doppelt ſchauerlich werden. Es war ein Aufenthalt unter ſcheußlichen Geſpen⸗ ſtern und Kobolden, die das Leben der menſchlichen Natur in der äußerſten Verzerrung nachzuahmen und mit gräßli⸗ chem Hohn zu verſpotten ſchienen. Bald hatte ſich daher der Reiz der Neuheit der dieſem Schauſpiele inwohnte, verloren und es blieb nur ſein ſchaurig widerwärtiger Ein⸗ druck zurück, der ſich in der monotonen Wiederholung aller Erſcheinungen noch ſteigerte. So verſank denn auch Wil⸗ liam wieder in ſein düſteres, melancholiſches Sinnen, in jene tiefe Niedergeſchlagenheit, die unter ſolchen Umſtänden ſelbſt den ſtärkſten Geiſt entmannt. Plötzlich riß ihn ein dumpfes Gebrüll aus ſeiner Ver⸗ ſunkenheit empor, der Ton kam ganz aus der Nähe, dicht „ — 300— unter ihm her. Spaähend blickte er hinab und entdeckte zu ſeinem Schrecken einen Jaguar, der aus dem Strom auf⸗ tauchend am Fuße des Baumes feſten Boden ſuchte. Noch war ein Theil des Granitblockes von den noch immer wach⸗ ſenden Wellen unbedeckt. Hier nahm das beutehungrige Thier ſeinen Platz, ſtreckte die Vordertatzen weit aus, legte ſich, die Bruſt herabdrückend, auf dieſelben, erhob den Rücken, ſchlug gewaltige Ringe mit dem ſchöngetigerten Schweif und reckte das Haupt ſpähend und brüllend gegen den Baum hinauf. Es war augenſcheinlich, der ſcharfe Geruch des Tigers hatte die Beute auf dem Baume ge⸗ wittert und er ſuchte jetzt nur zu erlauern, wie er ihr am beſten beikommen könne. Gleichſam als ſinne er einen Angriffsplan aus, beſchaute er mit ſeinen funkelnden Blik⸗ ken den Baum von unten nach oben, ging in ſcheuen Kreiſen mit ſeltſam eingekrümmtem Rücken herum, ſetzte ſich dann auf den Schweif und die Hintertatzen und ſteifte ſich trotzig auf die vordern, als wolle er ſeinen Gegner zum Kampfe aufmuntern. Er erhob ſich wieder, that ei⸗ nige Sätze, wälzte ſich zweimal um und um, als mache er ſich recht kampfwollüſtig, und blieb endlich mit gierig fun⸗ kelndem Blick, wild ſchlagender Bruſt und lechzender Zunge vor dem Stamme ſtehen. William erblickte dieſen neuen Feind zwar mit Schrecken, doch erregte er ihm nicht jenen nervenquälenden Schauder, welchen er den Iguanas gegenüber empfunden hatte. Er fühlte, daß dieſer zwar ein gefährlicher Gegner, doch aber einer ſei, mit dem er den Kampf un⸗ ternehmen und bis auf's äußerſte zu treiben Muth hatte; ja, wäre er bei Kräften geweſen, er würde ſich vielleicht darauf gefreut haben. Indeſſen hielt er ſich ſtill, griff nur nach ſeinem keulenartigen Stabe und erſah ſich einen vor⸗ theilhaften Sitz, um den Gegner verſchanzt und doch mit — 301— freiem Arm zu Stoß und Hieb empfangen zu können. Daher nahm er ſeinen Platz auf einer breiten Veräſtung, von welcher aus er bequem den glatten Pfeiler des Stam⸗ mes erreichen konnte und doch ſelbſt einigermaßen durch das dichte Geflecht der Zweige gegen die plötzlich zupacken⸗ den Tatzen des Unthiers gedeckt war. Unverwandt hing ſein Auge nunmehr an dem von Beuecegier ſichtlich mehr und mehr entflammten Gegner, deſſen ſmaragdgrüne Au⸗ genteller ſich blitzend in ihren Kreiſen hin und her rollten. William konnte nicht zweifeln, daß ihn der Tiger ſchon er⸗ blicke, nur die Unentſchlo enheit, wie er die Beute angrei⸗ fen ſolle, da ſie ihm nicht ſprunggerecht war und er ſie doch nicht durch einen verfehlten Angriff verſcheuchen wollte, hielt ihn noch zurück; jetzt aber krümmte und reckte er den ſchlanken Leib gewaltig, er ſtemmte ſich auf die Vorder⸗ tatzen, zog die hintern eng ein, peitſchte mit dem Schweif den Boden und that dann plötzlich einen ungeheuern Satz gegen den Stamm hinan. Unwillkürlich zuckte William doch zuſammen, denn die gelenkige Kraft des Jaguars er⸗ ſchien bei dieſem Sprunge ſo gewaltig, daß er im erſten Augenblick wähnte, das Thier werde ihn in einem Satz erreichen. Doch nur etwa bis zu einem Drittheil der Stammhöhe hatte der Sprung es getragen; hier hatte es die ſcharfen Klauen feſt in die Rinde geſchlagen und kletterte nun langſam, liſtig, lauernd, nach der Beute lechzend und ſchnaubend, näher und näher an William's Sitz hinan. William ſah das Verderben auf dieſe Weiſe Schritt vor Schritt näher kommen. Indeſſen ſchöpfte er noch einige Hoffnung aus dem Vortheil, den ſeine Stellung ihm ge⸗ gen den andringenden Gegner gab. Dieſer ſetzte die Tatzen leiſe, gewiſſermaßen prüfend vorwärts, ſchlug aber die Klauen tief in die glatte Rinde des Baumes ein und zog — 302— ſich daran in die Höhe; jetzt war er ſo nahe, daß William deutlich das mit dem Zucken und Fliegen ſeiner Bruſt ver⸗ bundene Geräuſch des kurzen, gierigen Athemſchöpfens ver⸗ nahm. Ein warmer Dampf ſtieg aus dem geöffneten Ra⸗ chen auf und verflog wie eine leichte Wolke. Verſichtig bog William einen Zweig zurück, damit er frei zu einem Hiebe ausholen könne; ſein Taſchenmeſſer, deſſen er ſich als äußerſte Hülfswaffe wie eines Dolches zu bedienen dachte, hatte er ſchon zuvor mit der Spitze in die Rinde des Baumes eingeſteckt, um den Gebrauch beider Hände bul⸗ frei zu haben. Jetzt war der Jagugr) ſo nahe, daß er ihn fuſor erreichen konnte. Aus aller Kraft holte er mit dem keu⸗ 12. 9Lenartigen Stock aus und ſchlug das Thier grade über den r Schäͤdel. Er traf es mit voller Gewalt, kräftiger und ſicherer, als er es irgend gehofft hätte. Es war ein Schlag, der einen Stier hätte betäuben können, denn das Waun maᷓ lige Gebot der äußerſten Nothwendigkeit erſetzte an Wil⸗ veen Kräften, was ihnen durch die Anſtrengungen und die wiederholten Zuſtände der Angſt geraubt war. Der WTiger zuckte zurück und krümmte ſich mit dem gelenkigen Körper ſeitwärts um den Baum herumz; doch wich er kei⸗ nen Zoll breit abwärts und verrieth ſeinen Schmerz nur durch ein dumpfes ſchauriges Aufheulen. William holte zu einem zweiten, ſchmetternden Schlage aus, doch ſein ge⸗ wandter Gegner war ſchon durch eine geſchickte Biegung ausgewichen und ſaß an der entgegengeſetzten Seite des Baumes, wo er ihn nicht erreichen konnte, ohne erſt ſelbſt eine andere Stellung einzunehmen. Dieſe Zeit hatte das liſtige, beutehungrige Thier benutzt, ſich einen vortheilhaf⸗ teren Angriffspunkt auszuſuchen. Es hatte ſeine dampfende Schnauze unter einen Aſt geſchmiegt, ſo daß William es nicht auf den Kopf treffen konnte, und reckte eine Tatze — 303— weit hinaus, um einen höheren, dünneren Zweig zu er⸗ langen, durch den es ſich in das Gezweig des Baumes überhaupt hineinſchwingen könnte. Durch Keulenſchläge war dem Feinde nicht mehr beizukommen; die andere Art des Angriffs foderte eine andere Art der Vertheidigung. Wil⸗ liam kehrte daher ſeinen Stab um, nahm das zugeſpitzte Ende vorn und verſuchte ihn als Lanze zu gebrauchen. Er bemerkte, daß er zwiſchen dem Gegitter der Zweige, die ihm gewiſſermaßen zum Schilde dienten, hindurch, den Kopf des Thiers durch einen Stoß treffen könnte; vorſichtig, um ja nicht zu fehlen und ſich dann etwa die Waffe von den Tatzen des Jaguars entwinden zu laſſen, erſah er den gün⸗ ſtigen Augenblick, wo das Thier ſich eben dicht heranzog, um ſich auf die Zweige zu ſchwingen, und ſtieß ihm das ſcharf zugeſpitzte Ende des Stabes in den Schlund. Er hatte glücklich getroffen, denn er fühlte, wie der Stab ſich in das Fleiſch einbohrte, und der Tigey ſtieß ein furchtba⸗ res Gebrüll aus. Einen Augenblick verſuchte er den Wi⸗ derſtand, den ihm das ſpitze Werkzeug leiſtete, durch An⸗ dringen zu überwinden; da es jedoch auf dieſe Weiſe tiefer eindrang, indem William, der ſeinen Vortheil nicht unbe⸗ nutzt laſſen durfte, ſich jetzt mit aller Kraft darauf ſtützte, wich er um einige Fuß den Stamm abwärts. So wie er ſich aber von dem ſchmerzenden Stachel in dem Schlunde frei fühlte, ſann er auch wieder auf neue Angriffe und die Gier nach der Beute überwog ſeine Scheu vor den Waffen des Gegners. Er reckte den Kopf weit rückwärts und ver⸗ längerte den Hals durch krampfhafte Windungen und Zuk⸗ kungen, bei denen er ein wiederholtes Geheul ausſtieß, gleichſam als wolle er, wie es auch der Menſch pflegt, den ſtechenden Schmerz durch Bewegung der getroffenen Mus⸗ keln und durch ausgeſtoßenes Geſchrei lindern. Dann aber 83 — 31— rückte er plötzlich ſeinen ganzen Körper zuſammen, zog ſich in einander, wie er es vor dem Sprunge zu thun pflegte, und ſchnellte ſich mit gewaltiger Kraft aufwärts, indem er mit der rechten Tatze einen Aſt packte und ſich daran vol⸗ lends aufwärtszog. Auf einen ſo plötzlichen und ſo nahen Angriff war William nicht gefaßt geweſen. Hier nutzte ihm ſein Stab nichts mehr; zum Glück verlor er die Geiſtesgegenwart nicht und dachte ſchnell auf ein Mittel, ſich zu vertheidigen. Jetzt kam ihm die Gewohnheit und Uebung ſeines früheren Berufs als Jäger, wo er oft mit erbitterten Thieren, es mochten biſſige Hunde oder ein an⸗ geſchoſſener Eber oder Wolf geweſen ſein, zu kämpfen Ge⸗ legenheit gehabt hatte, trefflich zu ſtatten. Er riß raſch das Meſſer aus dem Stamm und mit dieſem griff er den Gegner an. Der Tiger hatte ſeine rechte Tatze einwaͤrts um den Aſt geſchlungen, den Kopf drückte er ebenfalls an der innern Seite deſſelben Zweiges dicht neben der Klaue empor, um ſich ſo mit dem ganzen gelenkigen Körper durch die ſchmale Oeffnung hinaufzuſchwingen. Doch dieſelbe war ſo eng, daß er es nicht im raſchen Schwunge, ſon⸗ dern nur allmälig vermochte. Dieſen Augenblick ſeiner be⸗ engten Lage nutzte William, bohrte ihm das Meſſer mit raſchem, feſtem Stich in das linke Auge ein und drängte es mit aller Kraft bis ans Heft nach. Der entſezliche Schmerz preßte dem Thier ein fürchterliches Gebrüll aus; es riß die Tatze zurück und ſchlug wild zuckend und in⸗ grimmig mit derſelben von außen um den Zweig herum, um ſeinen Gegner zu packen. William aber wich gewandt aus und das ohnmächtig wüthende Thier taumelte rück⸗ wärts. Mit Mühe hielt es ſich an dem glatten Stamm feſt und wand ſich um denſelben herum, um abermals einen neuen Angriffspunkt zu ſuchen. Von Schmerz, — — 305— Wuth und Hunger geſtachelt, kehrte es zum dritten Male zurück. Doch der Grimm ließ es ſchon die, die ſer Gattung ſonſt ſo eigenthümliche Vorſicht und Klug⸗ heit vergeſſen und es verſuchte gewaltſam zwiſchen zwei Aeſten durchzubrechen, wo die dichtverwachſenen kleinen Querzweige ein raſches Emporſchwingen unmöglich machten, ſo daß es ſich gewiſſermaßen im Garn derſelben gefangen ſah. Hier hatte William den ganzen Vortheil für ſich; er nahm ſeinen Stab, drückte die Spitze deſſelben in den blutenden Augenteller des Thiers und lehnte ſich mit der ganzen Kraft ſeines Körpers auf, um es zurückzudrücken. Es brüllte fürchterlich auf, peitſchte in der Angſt des Schmerzes den Stamm mit ſeinem Schweif und ſchlug wild mit den Tatzen um ſich. Ein Schlag ſtreifte Wil⸗ liam's Arm und glitt auf dem Knie abz ein Glück für ihn, daß es nur ganz leicht geſchah, dennoch aber hatte das Thier ihn blutig und einen Theil ſeines Aermels her⸗ abgeriſſen. Der Schlag durfte um ein Geringes anders treffen, ſo faßten die ſcharfen Klauen tief ins Fleiſch, hätten ihm daſſelbe bis auf den Knochen herabgeriſſen und er würde trotz ſeiner tapfern und geſchickten Vertheidigung dem Thier zur Beute geworden, wenigſtens unter den Schmerzen und Verblutungen umgekommen ſein.— Zum dritten Male mußte der Jaguar der kühnen Gewandtheit und entſchloſſenen Kraft William's weichen. Er taumelte betäubt zurück und fiel auf den Boden des Felſen hinab; hier umkreiſte er den Baum in wilden Sprüngen, mit entſetzlichem Gebrüll. Seine Wuth ſchien auf's äußerſte geſteigert; er reckte ſich oft auf den Hinterfüßen empor, gleichſam als verſuche er ſo den Feind, der ihm ſolche Qualen zugefügt hatte, zu erreichen. Nicht mehr der Hun⸗ ger, die Gier nach Beute allein war es, ſondern eine Art — 306— Nache, die ihn ſtachelte. Sein Geheul hatte alle ſchwä⸗ chern, waffenloſen Thiere rings umher erſchreckt und ver⸗ ſcheucht und der kurz zuvor noch von Waſſervögeln und anderm Geflügel rings umkreiſte Fels war ganz verödet. Nur einige Krokodile, dieſe mächtigen Feinde des Jaguars, reckten die weitgähnenden Rachen mit den ſcharfen Zahn⸗ reihen aus der Flut und ſchienen darauf zu lauern, daß ſich der Ciger in die Wellen ſtürzen ſolle, um alsdann in dem ihnen vortheilhafteren Element den Kampf mit ihm zu beginnen. Doch der Jaguar bemerkte in ſeinem Grimm die Nähe dieſer Feinde nicht; er hatte ſein ganzes Beſtreben nur auf den ein en Feind, die eine Beute gerichtet, die ihm unerreichbar ſchien. Da gerieth er unter einen über⸗ hängenden Zweig, den er im Sprunge erreichen konnte; er krümmte ſich wie eine Kugel ineinander und ſchnellte dann mit der Kraft des Blitzes die Glieder auseinander und zum ungeheuern Sprunge empor. Es gelang. Er erreichte den Baumzweig und ſchwang ſich hinauf! Jetzt wäre William verloren geweſen, denn einem Angriff von dieſer Seite vermochte er nichts entgegenzuſetzen; doch der Zweig bog ſich, von der Schwere des Thiers herabgezogen, ſo tief mit der Laſt nieder, daß er in den Strom hinab⸗ tauchte. Dieſen Augenblick nutzten zwei lauernde Kroko⸗ dile, welche längſt auf den Ausgang des Kampfes gewartet zu haben ſchienen. Das eine der beiden Ungeheuer ſchnellte ſich aus der Flut empor und packte mit den Zähnen Schweif und Hinterfüße des Tigers, der ſich nicht ſchnell genug an dem Zweige hatte feſthalten können, um ihn katzenartig hinaufzulaufen, und riß ihn ſo vollends in die Flut hinab. Zu gleicher Zeit ſchoß auch das zweite Kro⸗ kodil auf die Beute zu und begrub den Kopf des Jaguars in ſeinem Rachen. In einem Augenblick waren beide Un⸗ — 307— geheuer mit dem Tiger unter der Flut verſchwunden und William ſah ſich, mit einem Gefühl, das aus Schauder und Freude gemiſcht war, von dem furchtbaren Feinde be⸗ freit. Nur ein unruhiges Aufwogen des Stromes verrieth, daß der Kampf noch einige Minuten fortdauerte; doch bald wurde er ſtill und eine trübe, blutige Wolke, die die grauen Wellen färbte, war die einzige ſchauerliche Spur, die ſich von den Ungeheuern wahrnehmen ließ. William holte Athem! So lange die Anſpannung ſei⸗ ner Kräfte gedauert hatte, fühlte er nicht, bis zu welchem Grade ſie angeſtrengt worden waren; jetzt, da die Urſache, die alle ſeine Willensthätigkeit auffoderte, vorüber war, empfand er das Maß der Erſchöpfung. Matt ſanken ihm die Glieder herab, ein kalter Angſtſchweiß brach ihm im Nacken und auf der Stirn aus; er fühlte, daß die ganze Gewalt des Fiebers ihn wieder anpacke und ſchüttle. In wenigen Minuten ging er aus dem Zuſtande des energi⸗ ſchen Gefühls ſeiner Manneskraft und Ehre in den der völligſten Erſchlaffung und Fühlloſigkeit über. Nur Nuhe war es, was er jetzt noch ſuchte, und er klimmte daher mühſam nach ſeinem Hamac hinauf, um ſich in dieſem den Armen des betäubenden Schlafs zu übergeben und ſich ſo denen des Todes allmälig zu überliefern. Der Baum⸗ baſt, mit welchem die Hangematte angeknüpft war, hatte ſich gelöſt; ſie hing auf der einen Seite ganz herab, auf der andern nur noch an lockeren Schlingen. William zog ſie daher vollends herab und befeſtigte ſie weiter unten im Baum, da, wo deſſen erſte Zweige begannen, weil er hier beſſer vor dem Regen gedeckt war. Auf den Tod ermattet legte er ſich in die naſſe Lagerſtätte hinein und verſank bald in einen dumpfen Zuſtand halber Betäubung, der durch die große Erſchöpfung und das wirklich rückkehrende — 308— Fieber erzeugt wurde. Er hatte nicht mehr die Kraft zu boffen, ſondern ergab ſich darein, hier einſam, fern von allen menſchlichen Weſen ſein Ende zu finden.— Die Ne⸗ belwolken zogen grau und kalt um den Baum; die eintö⸗ nig ſchauerlichen, näheren oder ferneren Stimmen wilder Thiere, das hohle Brauſen des Stromes, der einſchläfernd rauſchende Regen unterbrachen allein die öde Stille; zwei Geier mit kahlem, aſchfarbigem Hals und Kopf ſetzten ſich wie Todtenvögel ihm gegenüber auf einen Zweig und ließen dann und wann einen heiſeren Ruf hören, der wie der Ausbruch der Ungeduld klang, daß ihnen ihre Beute ſo lange vorenthalten werde. Das Ganze glich den Vor⸗ bereitungen zu einer düſtern Todtenfeier, wie ſie der im Starrkrampf Liegende mit anhört; er wünſcht nur, daß die Qual bald vollendet ſein möge, denn einen Rettungsweg ſieht er nicht mehr. So William. Ju ſeinen geiſti⸗ gen Leiden geſellten ſich körperliche; ein ſchmerzliches gich⸗ teriſches Ziehen in allen Gliedern, welches die Feuchtig⸗ keit verurſachte, und der immer heftiger werdende Hun⸗ ger, zu deſſen Beſänftigung er nur noch einige Brocken aufgeweichten Brotes beſaß, die er mit Arrak anfeuchtete; doch genügte dies nicht ſeine Qual zu ſtillen und er ver⸗ ſchlang daher Baumblätter, um wenigſtens den Schmerz 4 in den Eingeweiden zu lindern. So kam die zweite Nacht heran. Sie ſchien ihm endlos. Wilde Träume jagten ſich durch ſein fieberhaft aufgeregtes Gehirn. Er ſah bald ſeine Mutter, bald ſeine Geliebte; doch ſie ſtanden auf einem andern Ufer und winkten ihm vergebens, zu ihnen herüber⸗ zukommen, denn der Strom tobte brauſend zwiſchen ihm und ihnen hin. Waren es ſchon die Geſtalten des Jenſeits, die ſeine ahnende Seele erblickte?— Von Zeit zu Zeit er⸗ wachte er durch den Hunger und die immer heftiger wer⸗ — 311— „O, ſo bin ich erlöſt und unter den Verklärten!“ rief er und heftete das Auge in ſeliger Verzückung auf die Ge⸗ ſtalten um ihn her. Denn er ſah Perez, den treuen Freund, vor ſich knien, und ihm zur Seite noch zwei hol⸗ dere Geſtalten.—„Leben ſie oder ſind es Vollendete!— Lebe ich oder bin ich im Jenſeits erwacht!— Alfred! Eſtella!“ —— Er lag in ihren Armen! Bald war William ganz wieder zu Kräften gekommen. Die Freude heilte ſchnell, was Angſt und Grauen zerſtört und erſchüttert hatten. Perez erzählte: „Ich war mit unſern Zambos auf der Jagd nach wil⸗ dem Geflügel und vertiefte mich zu weit in die Berge. So hatte ich das heraufkommende Gewitter, den Vorboten der Regenzeit, nicht früh genug bemerkt. Erſt der rollende Donner benachrichtigte mich. Es war zu ſpät, unſere Scha⸗ luppe noch zu ſichern. Der ſchnell wachſende Strom hatte ſie hinweggeriſſen, es war uns unmöglich, Dich von Deinem Baum zu erretten. Eiligſt gingen wir am Strom abwärts, um unſer Fahrzeug oder ein anderes aufzufinden. Nachdem wir die ganze Nacht gewandert, fanden wir am nächſten Morgen dieſe.“ Er zeigte auf Alfred und Eſtella.— Alfred nahm das Wort:„Wir folgten Deiner Spur ſeit mehren Wochen.“—„Wie?“ rief William,„und wo⸗ her wußtet Ihr von mir? Wie iſt es möglich, daß Ihr ſelbſt lebt, da ich mit dieſen meinen Augen im Moniteur Eure Hinrichtung durch die Guillotine geleſen?“—„Die Nachricht war falſch! Durch große Summen, die verei⸗ nigte Freunde unſers Hauſes aufbrachten, wurden die Auf⸗ ſeher im Kerker beſtochen. Es gelang ihnen, die Beam⸗ ten, die uns zur Hinrichtung führten, zu täuſchen und uns im Augenblick, wo wir ſchon den Karren beſteigen „ 3412— ſollten, einen Weg zur Flucht zu öffnen. So galten wir für Todte, während wir aus Paris flüchten.“—„uUnd Dein Vater?“ rief William.—„Ihm— mislang die Flucht, wir erfuhren ſeinen Tod in unſerm Verſteck.“ Ein feierliches Schweigen unterbrach die Erzählung. Eſtella vergoß, an den Bruder gelehnt, ſanfte Thränen. „Im Gefängniß,“ fuhr Alfred fort,„hatte ſich ſein Sinn gewendet. Oftmals ſprach er gegen mich ſeine Trauer aus, Deine Anerbietungen zurückgewieſen zu haben!“ Eſtella blickte erröthend zur Erde; William ſah ſie mit dem Blick der Liebe an; er ergriff ihre Hand, zog ſie zu ſich, ſie ſank an ſeine Bruſt. „Doch vollendet, vollendet, theure Freunde, die Ge⸗ ſchichte meiner Rettung; denn noch weiß ich nicht, wie ich dem tauſendfachen Schlunde des Todes, der ſich mir geöff⸗ net hatte, entronnen bin.“ „Wir hörten,“ nahm Alfred das Wort wieder,„daß Du geflüchtet warſt, und folgten Deiner Spur. Unſere Forſchungen brachten uns Dir zwar näher, doch blieben ſie lange vergeblich. Da führte uns der Zufall in das Landhaus, das Du bewohnt hatteſt. Wir ahnten nicht, wer vor unſerer Ankunft das Haus verlaſſen hatte. Doch eines Morgens, da Eſtella das Schubfach eines Schreib⸗ tiſches aufzieht, thut ſie einen lauten Schrei, ſpringt auf, ſtürzt zu mir ins Zimmer und bringt mir Dein Ta⸗ ſchenbuch. Jetzt wußten wir, wo wir Dich ſuchen ſollten. Unermüdlich folgten wir Deiner Spur und ſo führten uns Freundſchaft und— warum ſoll ich es ver⸗ ſchweigen— und Liebe hier in dieſe Einöde.“ „Und es war ein Glück,“ fiel Perez ein,„denn ſonſt wärſt Du verloren geweſen, Freund. Unſere Schaluppe mag vielleicht ſchon auf dem atlantiſchen Meere treiben! ———