Lararararre “ aganananannnannnananngf —₰ für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: 1 5——— 2 auf 6 Monat 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr, 3.„ 30„ 1„ 12„„45„ i, 1„—„ 36„—,,„—„ 18„ Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. „„„„ franz. od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: Anununannnnnnhnhnhahnhnhnhnhnhnhed —— ͤr- 5 Geſammelte Schriften von Ludwig Kellstab. — Siebzehnter Band. neue folge. fünfter band. Erzählungen. Dritter Theil. Leipzig: 1 F. A. Brockhaus. 1847. Erzaͤhlungen. . Von 2 Ludwig Kellstab. 1 * Dritter Theil. 1 — 8 Leipzig: 5 F. A. Brockhaus.. 4 184 7. 8 Inhalt. Seite Die Venetianer. Eine Novelle............ 1 Die Strandbewohner. Eine Novelle.......... 147 Der Pflegeſohn. Frei nach dem Franzoͤſiſchen...... 305 V Die Venetianer. Ei n e N o v Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. V. e l le. 4*— ₰— ₰ Erstes Capitel. Seit zwei Monaten erregte in Venedig ein Mädchen eben ſo durch ihre unerklärten, ganz eigenthümlichen Lebensver⸗ hältniſſe, wie durch ihren Geiſt und ihre Schönheit allge⸗ meines Aufſehen. Sie nannte ſich Roſaura, war auf ei⸗ nem griechiſchen Schiffe aus Conſtantinopel gekommen und hatte ſich Venedig zum Wohnorte gewählt. In ihrer Be⸗ gleitung befand ſich eine Alte, die man, außer in der Frühmeſſe von San Marco, nirgends zu ſehen bekam, und eine artige Zofe, Namens Lucie, welche nicht abgeneigt war, ein Geſchenk anzunehmen, um den jungen reichen Nobili von Venedig, die von dem Reize Noſaurens gefeſſelt wa⸗ ren, den Zutritt zu ihrer Gebieterin zu verſchaffen. Dies war Alles, was man in der Stadt wußtez deſto mehr aber wollte man wiſſen, deſto ſeltſamere Gerüchte trugen ſich umher. Nach einigen war Noſaura eine griechiſche Für⸗ ſtin, die ihrem grauſamen Gemahl entflohen ſei; Andere behaupteten, ſie ſei nicht vermählt, ſondern habe nur die Flucht ergriffen, um einem verhaßten Ehebande zu entgehen, zu dem ihr Vater ſie zwingen wollte. Noch Andere hatten die Vermuthung aufgeſtellt, ſie ſei dem Harem des Großherrn entflohen, wohin ſie von Corſaren geraubt, verkauft gewe⸗ 1* — 14— ſen ſei.— Es ſchien ihr ſelbſt darum zu thun, dieſe Ge⸗ rüchte unbeſtimmt und dunkel zu laſſen, denn ſie wich jeder noch ſo entfernten Frage, welche ihre früheren Schickſale berührte, entſchieden, doch mit Gewandtheit aus und wollte die auffallende Erſcheinung, daß ein ſo junges, wahrſchein⸗ lich unvermähltes weibliches Weſen ganz als eigene Herrin ihres Thuns daſtehe und ſich eine Freiheit der Lebensver⸗ hältniſſe gebildet habe, auf die nur der Mann Anſprüche zu haben glaubt— durch Nichts erklären, als durch die Natur ihres Weſens, die oft noch räthſelhafter war als ihre äußerliche Lage. Von dem erſten Tage an, wo ſie luſtwandelnd auf dem Molo erſchien, hatte der ganz eigenthümliche Reiz ih⸗ rer Erſcheinung unzählige jüngere und ältere Nobili gefeſſelt. Alle hatten ſich ihr zu nähern verſucht, ſie aber hatte mit ungebundenſter Willkür Dieſen aufgenommen, Jenen zurück⸗ gewieſen, Jenem Freundliches geſagt, Dieſen verſpottet, mit Einem nur ernſt und, wie es ſchien, tief bewegt, geſprochen, mit dem Andern nie etwas Anderes gethan, als geſcherzt und gelacht. Doch hatte ihr Scherz oft etwas Bitteres, nicht gegen einzelne Perſonen, ſondern gegen die Welt über⸗ haupt. Auf jede Weiſe aber lockte und zog ſie unwider⸗ ſtehlich an, wen ſie wollte, und es war weniger ihre Schön⸗ heit, durch welche ſie ſo viele Verehrer feſſelte, als dieſes wunderbar phantaſtiſche Weſen, das ſich auch in ihrem ganzen äußern Erſcheinen, am zarteſten aber in den Zügen ihres Antlitzes, in dem wechſelnden Strahle ihres Auges ausſprach, welches bald lächelnden Glanz der Heiterkeit, bald zarten Schimmer der Wehmuth zurückſpiegelte, oft aber auch in dunkler, ſchwärmeriſcher Glut, ja im tiefbren⸗ nenden Feuer der Leidenſchaft aufflammte. So ſchien es Jedem, der mit ihr umging, als ſei Das, was man von 3 7 ihr hörte und ſah, nur ein einzelner, geringer Theil ihres Selbſt und als halte ſie noch viel holdere Zauber und wun⸗ derbarere Kräfte tief verſchleiert und in ſich verborgen. Von den Vielen, die ſie umringten, ihr ſchüchtern oder verwegen nahten, hatte keiner ihre Gunſt in dem Maße gewinnen können, daß er ſich mehr als einer leichten Höf⸗ lichkeit oder Freundlichkeit, die ſtets mit der feinſten Sitte in dem Einklange blieb, hätte rühmen dürfen. Weder die Glut zärtlicher Blicke und überredender Worte, noch die Pracht reicher Geſchenke gewannen ihr einen nähern Antheil ab. Auch war ſie hierin ſo willkürlich wie in Allem, denn oft wies ſie die reichſten Gaben wie beleidigt zurück; dann nahm ſie wieder die geringſte Kleinigkeit mit Freundlichkeit auf und wußte reicheren Bewerbern ſogar durch eine Art anmuthigen Zwanges große Geſchenke abzugewinnen, zumal wenn ſie bemerkte, daß der Geber zwar den Schein der Freigebigkeit hatte, aber es nicht wirklich war. Meiſt pflegte auch ein ſolcher Ritter, der ſich nun durch ein mit ſchlecht verhehltem Verdruß gebrachtes Opfer einen ſichern Platz in ihrer Gunſt und ihrem Beſuchzimmer erkauft zu haben meinte, von Stunde an ſchnöde behandelt, verſpottet, wol gar vor der Thür abgewieſen zu werden, als ſei Roſaura nicht zu Hauſe, bis er, auf's äußerſte gekränkt, ganz weg⸗ blieb. Daß die eigenwillige Schöne daher, trotz ihrer Reize und Liebenswürdigkeit, doch nachgerade eine Menge Feinde in Venedig hatte, daß namentlich die Frauen, die auf ihre Siege eiferſüchtig waren, ſolchen Anlaß eifrigſt benutzten, um die ſchmähendſten Gerüchte über ſie zu verbreiten, iſt begreiflich. Roſaura erfuhr es und auf ihre Weiſe ſpottete ſie bald darüber, bald fühlte ſie ſich tief beleidigt und ver⸗ goß Thränen; niemals aber kam es ihr in den Sinn, ihre Lebensweiſe auch nur im mindeſten zu ändern.— Dazu 7 — 6— wäre es aber auch zu ſpät geweſen; denn die ſtolzen Frauen der Nobili, welche ſie ſchon von Anfang an als eine un⸗ bekannte Abenteuerin über die Schulter angeſehen und die Sagen von ihrer fürſtlichen Geburt und Aehnliches ſpöt⸗ tiſch belächelt hatten, betrachteten ſie jetzt als eine öffentliche, aber ſchlaue und geiſtvolle Buhlerin, die ihr unwürdiges Gewerbe mit tauſend Künſten zu verſchleiern wiſſe und viel⸗ leicht nur aus Klugheit, um die Waare im Preiſe, die Luſt darnach rege zu erhalten, mehr verſagte, als ſie zu gewähren ſchien. Roſaura ſaß hinter großen Blumenſtöcken, die auf dem nach der See hinausgehenden Balcon ihres Saales ſtanden, und Lucie flocht ihr das Haar, weil ſie bald zum Abend⸗ ſpaziergange nach dem Molo fortwollte.— Das Meer in tiefſter Ruhe glich einem kryſtallenen See; der dunkle ita⸗ lieniſche Himmel und am außerſten Rande die Abendröthe ſpiegelten ſich darin ab. Kein Hauch des Windes bewegte die Fläche; nur der plätſchernde Ruderſchlag von den vor⸗ übergleitenden Gondeln brachte hier und da einen leichten Wellenſchlag hervor, deſſen dunklere Spuren ſich in lan⸗ gen Streifen durch die ruhige Flut zogen.— Roſaura hatte einige Male ungeduldig das Haupt bewegt, ein Zei⸗ chen, welches Lucie ſchon kannte, die ſich daher beeilte, mit ihrem Geſchäfte fertig zu werden.„Der Abend iſt ſchön,“ begann ſie, um ihre Gebieterin zu zerſtreuen;„der Molo wird ſehr beſucht ſein. Wol hundert Gondeln ſah ich ſchon hier vorbeikommen. Auch der junge, ſchöne Offizier,“ fuhr ſie ſcheinbar gleichgültig fort,„der die Nachricht von dem Siege der Flotte gebracht hat, fuhr eben vorüber. Habt Ihr ihn geſehen, Signora?“ „Nein! Wer kann nach allen den jungen Thoren ſehen?“ erwiderte Roſaura faſt unwillig. L—-⸗ „Er hat auch nicht nach dem Balcon heraufgeſehen,“ fuhr Lucie fort;„es iſt unhöflich von ihm, denn Ihr warfet ihm doch neulich einen ſo ſchönen Lorberkranz in die Gondel hinab, als er vorüberfuhr!“ Roſaura bewegte das Haupt noch ungeduldiger.„Schwaz⸗ zerei! Spute Dich, ſtatt zu plaudern!“— Dem Tone dieſer Worte gab Lucie eine ganz andere Erklärung, als darin zu liegen ſchien, beobachtete aber ihre Gebieterin genauer. Da ſah ſie einen Silbertropfen auf ihren ſchönen, nachläſſig im Schooſe liegenden weißen Arm fallen und gleich dar⸗ auf einen zweiten, die Roſaura beide haſtig mit dem Tuche verwiſchte. „Gewiß iſt Euch eine der unausſtehlichen Seemücken ins Auge geflogen,“ ſprach Lucie, indem ſie die letzte Nadel im Haare befeſtigte, mit dem angenommenen Tone der Un⸗ befangenheit;„ſie verleiden mir den Aufenthalt in Ve⸗ nedig ganz und gar!“ „Du biſt unerträglich, Mädchen!“ rief Roſaura und ſprang auf.„Du weißt recht gut, wie Du mich quälſt, aber Du haſt Deine Freude daran.“— Dabei brach ſie in Thränen aus, verhüllte ſich das Antlitz und ſank wie erſchöpft in einen Lehnſeſſel. „Signora!“ bat Lucie und näherte ſich ſchüchtern; „wie konnte ich glauben, daß ich Euch ſo tief verletzen würde? Daß Ihr den ſchönen, tapfern Jüngling gern geſehen, ließ ſich zwar errathen; Eure Thränen erkläre ich mir auch, aber nur aus Verdruß über ſeine unritterliche Gleichgultigkeit.“— Roſaura ſchwieg und ſeufzte. Lucie hatte durch den Schmerz ihrer Gebieterin ihre heitere Stimmung noch nicht verloren.—„Ich begreife nicht, was Ihr fürchtet, Signora,“ ſprach ſie;„wenn der junge Mann Euch auch ein oder zwei Mal unbemerkt — 8— gelaſſen hat, ſo iſt vielleicht daran nur der Zufall ſchuld. Ihr habt ihn einige Male im Gedränge auf dem Molo geſehen, ihn angelächelt und er hat Euch nicht begrüßt! Je nun, es iſt auch möglich, daß er zerſtreut war und Euch zwar zu ſehen ſchien, aber doch nicht ſah; denn wie oft heften wir unſer Auge ſtarr auf einen Punkt und ſe⸗ hen doch nicht, was daſelbſt vorgeht.“ „Weil unſere Seele und unſer Herz nicht bei dem Blicke ſind!“ ſeufzte Roſaura. „Nun freilich, weil ſie eben zufällig wo anders weilten, alſo auch durch das Auge nichts in ſie eingehen konnte? Wenn aber—“ 1 „Und vergiſſeſt Du den Kranz?“ „Ihr warfet ihn vom Balcon in ſeine Gondel, tratet aber viel zu raſch hinter die Blumenſtöcke zurück.— Ich ſah doch, daß er ſich oft nach dem Balcon umſchaute. Wie nun, wenn er Eure That für einen Zufall gehalten hätte und aus Beſcheidenheit nicht hinauf blickte, Euch nicht zu beſchämen?— Und wenn auch nicht! Wenn er auch ganz kalt und gleichgültig wäre, doch ſollte er mir nicht entge⸗ hen, wenn ich Eure Reize beſäße. Welcher Mann wider⸗ ſtände dem Reize der Jugend, der Schönheit und vollends ſeiner Eitelkeit? Ich würde mich getrauen, den Stolzen zu umgarnen, vollends Ihr! So viel wird den Män⸗ nern nicht geboten, daß ſie ſo ſchwierig in der Auswahl ſein ſollten!“ „O ja, wir vermögen Jeden zu feſſeln, mit dem wir ſpielen, der uns gleichgültig iſt; nur Den nicht, der uns ſchon gefeſſelt hat.“— Bei dieſen Worten füllten neue Thränen Roſaurens ſchönes Auge. „Wenn Ihr mir folgen wollt, Signora,“ ſprach Lucie lebhaft,„ſo will ich Euch meinen Kopf zum Pfande ſetzen, daß der junge Held in wenigen Tagen der Eu⸗ rige iſt.“ „Ja, zum flüchtigen Genuß des Augenblicks, um mich dann deſto kälter zu verſtoßen! Wenn ich mich ſo preis⸗ geben will, dann freilich auf ſolche Bedingung iſt er mein, wie Jeder in Venedig.“ „Führt ihn nur erſt ſo weit, ſo wird das Uebrige ſich leicht finden,“ fuhr Lucie dringender fort. „Ja, die Verachtung nach dem Genuſſe,“ ſprach Ro⸗ ſaura empört und ſtand aufz„ich will fort ins Freie, in das Gedränge des Molo.“ Lucie ließ die Gebieterin nicht ſo leicht davon.„In Eurer Stelle,“ ſprach ſie,„beſuchte ich morgen das Feſt, welches der Doge auf ſeiner Villa zur Feier des Sieges über die Türken gibt, denn ich weiß, Signor Ludovico wird dort ſein.“ „Du biſt eine Raſende,“ entgegnete Roſaura,„ich auf dem Feſte des Dogen! Ich, der die ſtolzen Frauen der Nobili ausweichen wie einer Verpeſteten.“ „Wer will Euch in der Maske erkennen?“ fiel Lucie raſch ein.„In Venedig geht Alles in Larven zum Feſte, eine Freiheit, die Euch ebenſo geſtattet iſt. Dort könnt Ihr Ludovico ſehen, ſprechen, ihn durch Geheimniß reizen, Euch endlich von ihm beſiegen laſſen, verſteht ſich, nur ſo, daß er ſelbſt ſich den Beſiegten glaubt und den Preis des Kampfes noch in unerreichter Ferne vor ſich ſieht.“ Roſaura hatte nachſinnend mit geſenktem Haupte dage⸗ ſtanden, dann ſprach ſie ſchon halb überredet:„Und vergiſ⸗ ſeſt Du, daß ich Foscari's Anerbieten, ſein kleines Land⸗ haus am Brenta zu beziehen, angenommen habe— daß ich morgen hinaus will?“ „Deſto beſſe⸗ die Villa des Dogen liegt noch über 1* 3 10 Meſtre hinaus. Um ſo weiter wird der Weg, auf dem Euch Ludovico in der Gondel begleiten darf, bevor Ihr ihn entlaßt; oder noch beſſer, Ihr beſcheidet ihn zu einem Frühbe⸗ ſuche, wenn Alles ſich dem Schlummer übergeben hat, und wan⸗ delt im Roſendufte des Morgens am Ufer des Brenta auf und nieder mit ihm. Vielleicht wählt Ihr auch die dunkle Laube—“ „Schweig!“ unterbrach Roſaura ſie heftig,„ſchweig; ich will nichts weiter von Deinen Vorſchlägen hören, ſie führen alle nur zum Verderben!“— Bei dieſen Worten hüllte ſie ſich in den dunkeln türkiſchen Shawl, den ſie aus Conſtantinopel mitgebracht, und trat ihren Weg nach dem Molo an. Kaum erſchien ſie daſelbſt, ſo verſammelten ſich wie ge⸗ wöhnlich die jungen Nobili um ſie her und umſchwärmten ſie von allen Seiten. Dieſer ſagte ihr etwas Schönes, Je⸗ ner überreichte ihr einen Strauß der ſeltenſten Blumen; Der warf ihr brennende Blicke zu, ein Vierter ſuchte ihre Gunſt durch einen koſtbaren Ring zu erwerben, den er ihr an den Finger ſteckte und es dabei wagte ihr die Hand leiſe zu drücken. Stolz und unwillig zog Roſaura ſie zu⸗ rück, ſtreifte raſch den Ning wieder ab und ſprach, zu Lucie gewandt:„Ich verſprach Dir geſtern ein Geſchenk; hier nimm es.“— Glühend vor Unwillen wandte ſich der Beleidigte ab und verlor ſich in der Menge. Da trat aus dem Gewühle ein Mann von hohem Wuchſe und ſtolzem Anſehen, doch ſchon in reiferem Alter, hervor. Es war der reiche, mächtige Marcheſe Foscari, der ebenfalls zu Denen gehörte, welche die Gunſt Roſaurens ſuchten. Doch that er es nicht demüthig, bittend, ſchmei⸗ chelnd, ſondern mit Würde, ja mit einem gewiſſen Adel; freigebig mit Gold, karg mit ſüßen Worten, dreiſt, aber geneſſen in Dem, was er that. Er war der Einzige, den Roſaura nicht mit Willkür behandelte, wiewol ſie ſich ſprö⸗ —— —— — 1— der gegen ihn zeigte, als gegen viele Andere; das machte, ihn fürchtete ſie, denn er kannte ſie— halb. Ein Zufall hatte ihn nämlich zu der Entdeckung geführt, daß Roſaura nicht reich war, ſo daß es ihr, ſo glänzend der Schein war, der ſie umgab, bisweilen an dem Nöthigſten fehlte. Zwar koſtbare Gewänder, indiſche und türkiſche Tücher, Schmuck beſaß ſie im Ueberfluß, weil ſie dergleichen Dinge als Geſchenk erhielt; doch gemünztes Gold fehlte ihr oft. In einer dringenden Verlegenheit dieſer Art hatte ſie die Alte in ihrer Begleitung zu einem jüdiſchen Wechsler ge⸗ ſchickt und ſich von dieſem auf ein Stirngeſchmeide eine Summe in ZJechinen geliehen. Nach Verlauf der Zeit löſte ſie es nicht ein und der Jude bot es Foscari zum Kauf an, der es einmal in einem rothen Sammetkäſtchen bei Roſaura geſehen hatte. Er zahlte die Dukaten und brachte es heim⸗ lich mit zu Roſauren, wo das Käſtchen noch immer, als enthalte es den Schmuck, auf dem Putzttiſche ſtand. Un⸗ bemerkt öffnete er es, fand es leer, that den Schmuck hin⸗ ein, der genau in die ausgezackten Räume paßte, und war nun ſeiner Sache völlig gewiß. Roſaura bemerkte, was geſchehen war, und eine dunkle Glut der Scham färbte ihr Angeſicht. Foscari war groß⸗ müthig genug, nicht eine Sylbe zu ſprechen, allein von dieſem Augenblicke an ſuchte er ſeinem Ziele durch Freigebigkeit näher zu kommen. Roſaura aber fühlte ſich durch ihn be⸗ ängſtigt und konnte nicht den freien, ſtolzen Uebermuth gegen ihn üben, den ſie gegen Andere geltend machte, ja ſie gewann nicht einmal in ſeiner Gegenwart den Muth dazu. So erſchrak ſie auch jetzt, da er ſo unvermuthet hinzutrat, als ſie eben eine jener Handlungen des Uebermuths und der Verſchwendung begangen hatte, die ihr Laune und Leicht⸗ ſinn ſo oft eingaben. Er hatte jedoch nichts bemerkt oder — 12— wollte nichts bemerkt haben, grüßte mit ritterlicher Feinheit, aber frei und ungezwungen, und nahm eben ſo den Platz an ihrer Seite ein, als ſei er dazu berechtigt. So verlo⸗ ren ſie ſich im Gedränge des Molo. Zweites Capitel. Das Feſt, welches der Doge Andrea Cornaro allen Edlen Venedigs zur Feier des Sieges gab, verſprach eins der glänzendſten zu werden, die man ſeit langer Zeit erlebt hatte. Die weitläufigen Gärten, welche die Villa Cornaro umgaben, waren zauberiſch beleuchtet. Blumenkränze zo⸗ gen ſich von Baum zu Baum; Muſik erſcholl aus den Tanzſälen und den Gebüſchen.— Bereits waren die La⸗ gunen mit unzähligen geſchmückten Gondeln bedeckt, die ihren Weg nach der Villa nahmen, den Fluß hinaufruder⸗ ten und dann an den Gärten Cornaro's anlegten, um die geſchmückten Edlen und Frauen ans Land zu ſetzen. Wie es die venetianiſche Sitte jener Zeit gebot, war es im Be⸗ lieben der Gäſte gelaſſen, ob ſie in Masken erſcheinen wollten oder nicht, ob ſie zu dem venetianiſchen Mantel eine ganze oder halbe Larve brauchten, oder eine eigen⸗ thümliche Tracht wählen mochten. Der allgemeine Sinn für die Maskenfreuden, das Geſchick, die Uebung der Ve⸗ netianer und Venetianerinnen, dieſe Art der Beluſtigung geiſtvoll zu erhöhen; endlich auch die Sicherheit, welche das ſtrenge Geſetz Venedigs gerade den Masken gewährt, be⸗ wirkten, daß bei dieſem Feſte, ſo wie bei allen ähnlichen, — 13— faſt Niemand in ſeiner gewöhnlichen Tracht erſchien, ſon⸗ dern Jeder wenigſtens auf kurze Zeit eine Maske wählte, um irgend einen Scherz auszuführen oder ein artiges Aben⸗ teuer anzuknüpfen. Ludovico Terno, der tapfere junge Krieger, den der Befehlshaber der Flotte, Marcheſe Dandolo, mit der Sie⸗ gesbotſchaft nach Venedig geſchickt hatte, um ihn dadurch für ſeine eigene Tapferkeit in der Schlacht zu ehren und ihn der Quelle der Belohnung näher zu führen, Ludovico war von dem Dogen zu dem Feſte geladen worden. Ludovico hatte indeſſen die Ehre nicht eben mit großer Freude angenommen; denn erſtlich war ihm das Gewühl glänzender Feſte an ſich zuwider und zweitens fühlte ſich der Jüngling, der weder Ahnen noch Gold beſaß, ſondern als ein früh verwaiſter und in die Welt verſtoß'ner Knabe, was er war, allein ſeinem wackern Schwerte zu danken hatte, unter den ſtolzen reichen Nobili von Venedig nicht frei und wohl. Mancher misgönnte ihm auch wol die Auszeichnung, die er ſo jung erfahren hatte, und ließ es ihn fühlen, zumal da er nicht einmal ein Citadino oder Bürger von Venedig, ja ſogar nicht in der Stadt ſelbſt geboren, ſondern der Sohn einer armen Gärtnersfrau zu Campo⸗alto, mithin von der geringgeſchätzteſten Herkunft war.— Mismuthig und ſtumm ging er daher zwiſchen den glänzenden Masken auf und ab und ſuchte, ſo oft es möglich war, dem Gedränge zu entkommen, um einen ein⸗ ſamen Platz im Garten zu wählen. Junge Paare, die ebenfalls gern die ſtilleren Lauben aufſuchten, verſcheuchten ihn jedoch oft wieder von einem ſolchen Zufluchtsorte und er mußte dann wider Willen unter das Drängen und Trei⸗ ben der Masken zurückkehren, das ihm um ſo verdrießlicher war, als er elbſt keine Larve trug und daher oft ſeinen 5 5 1 — — 11— Namen mit ſcherzenden Anſpielungen hören mußte, die er nicht erwidern konnte. Ein ähnliches Unglück dieſer Art ſchien ihm bevorzuſtehen, denn eine ſchlanke Schöne, in der Tracht einer Zigeunerin, heftete ihre ſchwarzen brennenden Augen auf ihn und fragte:„Signor, ſoll ich Euch wahr⸗ ſagen? Was gilt's, ich errathe den Grund Eures düſtern Ausſehens!“ „Leicht möglich, ſchöne Donna,“ antwortete Ludovico ge⸗ zwungen lächend;„er liegt weder ſo tief, noch iſt er ſo geheim.“ „Ich ſehe aber auch in.die Zukunft; wollt Ihr mir Eure Hand vertrauen?“ Ludovico reichte ſie lächelnd dar.„Hm!“ ſprach ſie, in⸗ dem ſie ſie aufmerkſam betrachtete und hin und wieder be⸗ fühlte;„eine Hand, die viele Abenteuer weiſſagt! Die Mitternachtsſtunde wird Euch auf die Probe ſetzen!— An der großen Cypreſſe dort dürftet Ihr leicht ein Kleinod fin⸗ den und verlieren!— Sucht nur dort, was Ihr verlo⸗ ren.— Pfeile und Schwerter ſchneiden vergeblich durch Eu⸗ ren Lebensfaden; wenn ihn nur die Flamme nicht ver⸗ zehrt!— Haltet feſt, was ich Euch in die Hand drücke!“ Ludovico fühlte einen ziemlich ſtarken Druck, als würde ihm eine kleine Münze in die Hand gepreßt, und die ar⸗ tige Prophetin ſuchte ihm die Finger zur geſchloſſenen Hand zuſammenzubeugen. Er leiſtete willig Folge, um Das, was er zu halten glaubte, nicht zu verlieren. Sie zog darauf ihre beiden weichen Hände zurück und ſprach:„Schließt das Auge, zählt zwölf nicht raſcher, als die Uhr auf dem Thurme von San Mareo ſchlägt, und dann betrachtet den Talisman, den ich Euch geſchenkt!“ Ludovico that, wie ihm geboten war; als er jedoch das Auge öffnete und zugleich nach der Zigeunerin und ſeiner — 5 — 15— Hand blickte, war jene verſchwunden und dieſe leer. Er war betroffen; eine röthliche Stelle in der Handfläche zeigte ihm, daß ihm zwar wirklich etwas hineingedrückt worden, aber nicht gelaſſen war. Mit Erſtaunen aber erblickte er, daß ſein eigner Siegelring ihm fehle. Er ſah ſich rings nach der Zigeunerin um— vergebens; er drängte ſich durch die Masken— eben ſo vergeblich. An der großen Cypreſſe, die am entlegenſten Theile des Gartens ſtand, hatte er zu⸗ vor, deſſen erinnerte er ſich ganz deutlich, in Gedanken verſunken, mit dem Ringe geſpielt. Die Worte der Wahr⸗ ſagerin:„Sucht nur dort, was ihr verloren,“ fielen ihm jetzt wieder ein. Er eilte dahin; es war Niemand zu ſehen, ſein Ning nicht zu finden.„Seltſam!“ rief er unwillkürlich aus; ſollteſt Du wirklich hier ein Abenteuer erleben?— „Um Mitternacht!“ hauchte eine Stimme neben ihm. Er ſah ſich um; die dunklen Taxusgebüſche rauſchten, ein weißes Gewand ſchimmerte durch das Laub und verſchwand im Dunkel der Nacht. Ludovico eilte nach, doch alle Bemü⸗ hung, die räthſelhafte Schöne zu finden, war umſonſt. Der Garten hatte ſo verſchlungene dunkle Irrgänge, daß man nur wenige Schritte vor ſich ſehen und durchaus nicht er⸗ rathen konnte, welchen der ſich kreuzenden Pfade ein flüch⸗ tiger Fuß genommen hatte. „Wunderliches Abenteuer!“ ſprach Ludovico für ſich und blieb ſinnend ſtehen.—„Je nun, vielleicht löſt die Mit⸗ ternachtsſtunde Dir das Räthſel!— Du mußt Dich bis dahin gedulden!“— Um ſich zu zerſtreuen, begab er ſich jetzt mitten in das Gewühl der Masken, entſchloſſen, Alles aufzubieten, um die geheimnißvolle Zigeunerin wieder auf⸗ zufinden. Allein wie er auch aus einem erhellten Laub⸗ gange in den andern ſchweifte, wie er die Tanzſäle und den Garten rings durchſpähete, er entdeckte die Verſchwun⸗ 16— dene nicht. Endlich, indem er eben aus einer dunklen Platanenwölbung auf einen freien Platz trat, den das Licht des Mondes beſtrahlte, ſah er zu ſeinem freudigen Erſtau⸗ nen jenſeit deſſelben das rothe goldgeſtickte Gewand des Zi⸗ geunermädchens leuchten, wie es eben in einem erhellten Laubgang, wo ſich viele Masken drängten, verſchwand. Haſtig wollte er nacheilen, doch in demſelben Augenblicke kam ihm zu ſeinem Verdruſſe der Doge, der mit Foscari Arm in Arm ging, in den Weg und redete ihn mit der freundlichen Höflichkeit des Wirthes und in jener herablaſ⸗ ſenden Weiſe an, welche dem milden, wohlwollenden Greiſe eigen war. Ludovico mußte Rede ſtehen; doch war er ſo zerſtreut und verwirrt, daß er kaum wußte, was Cornaro ihn gefragt und er ihm geantwortet hatte. Hinzutretende Nobili gaben ihm Gelegenheit ſich loszumachen und er ſetzte nun ſeine Nachforſchungen fort, aber nicht glücklicher als zuvor. Die ungeduldig erwartete Mitternachtsſtunde war end⸗ lich herangekommen, ein Theil der Gäſte hatte ſich ſchon entfernt, der Garten war einſamer geworden. Ludovico ſchlich mit pochendem Herzen auf Nebenwegen der großen Cypreſſe zu. Als er in den abgelegenern Theil des Gar⸗ tens gelangt war, hörte er, in einem dunkeln Gebüſch vor ſich, murmelnde Stimmen; er ſtand ſtill, horchte auf und blickte ſpähend durch die Zweige. Da ſah er im Dämmer⸗ ſcheine des Mondes einen Mann von hohem Wuchs, der ſeine glänzende Feſtkleidung eben abgelegt und ſich von ei⸗ nem Mohren einen weiten ſchwarzen Mantel überwerfen ließ. Hierauf zog er die Schuhe ab und ein Paar Neiter⸗ ſtiefeen an, die ihm der Mohr gleichfalls reichte; endlich üllergab er demſelben ſeinen zierlichen Degen und ließ ſich dafür ein gewichtiges Ritterſchwert umgürten.—„Iſt Dein — Bündel fertig?“ fragte er den Mohren, der die abge⸗ legten Kleidungsſtücke zuſammenpackte und in ein Tuch bane.“—„Ja, Herr!“—„So laß uns fort, ehe es zu ſpät wird. Du biſt doch aber aller Deiner Leute ſicher, und gewiß, daß der Alte fort iſt?“—„Pah!l fragt Ihr doch, gnädigſter Herr, als ob ich ein Schulbube wäre! Ich dächte doch, ich hätte Euch ſchon ſonſt gezeigt, daß man ſich auf mich verlaſſen kann!“——„Gib mir die Larve! Wir können ſie hier und dort brauchen!“— Der Mohr reichte ſeinem Herrn eine ſchwarze Larve, welche die⸗ ſer anlegte und dabei ſagte:„Alſo die Zigeunerin glaubſt Du erkannt zu haben?“— Ludovico lauſchte mit ange⸗ haltenem Athem—„So ſicher wie mich ſelbſt! Da wir einmal Verdacht hatten, ſchlich ich ihr ſo lange nach, bis ich Weiter konnte Ludovico nichts verſtehen, denn der No⸗ bile, wenigſtens mußte man ihn dafür halten, war eben mit dem Feſtbinden der Larve fertig geworden und drehte ſich abwärts, worauf der Diener ihm folgte und die letzten Worte ſo abgewendet ſprach, daß trotz der Stille der Nacht nicht zu hören war, was er ſagte. Behutſam ging Lu⸗ dovico nach, doch ſie nahmen ihren Weg gleich darauf völlig abwärts von der großen Cypreſſe, ſo daß ihm nur die Wahl blieb, ſie oder ſein Geheimniß weiter zu verfolgen, und da zog er denn natürlich das Letztere vor. Unter der Cypreſſe angelangt, fand er Alles rings um⸗ her einſam. Er wartete wol eine halbe Stunde. Mitter⸗ nacht war längſt vorüber; Niemand ließ ſich ſehen. Nur in der Ferne hörte er verworrene Stimmen, das Geräuſch der abſtoßenden Gondeln, das Rufen der Gondoliere, das Singen Anderer. Eben wollte er ungeduldig und mismu⸗ thig ſein Abenteuer aufgeben, überzeugt, daß nur Zufall, — 18— Scherz und Muthwille ihn getäuſcht hätten, als er im dich⸗ ten Buſchwerke flüſternde Laute hörte und bald auch ein ißes Gewand durch die Nacht ſchimmern ſah. Es waren uen, Beide trugen lange weiße Schleier, waren 1 aber ſo ſt in dunkle Mäntel gehüllt. „Du gehſt gewiß fehl,“ ſprach die Eine;„wir kommen ſo ganz von der Geſellſchaft ab.“ „Nein, nein, es iſt ſchon richtig,“ erwiderte die Zweite; „ich habe unſere Gondel hier weiter hinauf beſtellt, damit wir nicht ſo im allgemeinen Gedränge einzuſteigen nöthig haben.“ Ludovico glaubte in der Stimme der Letztern die ſeiner Zigeunerin erkannt zu haben. Doch hielt er ſich ſtill, um nichts Unvorſichtiges zu thun, was ſein Abenteuer ſtören könnte, zumal da er zwei Schönen ſtatt einer erblickte. Er —„ 3 5 drückte ſich hinter den Stamm der Cypreſſe und hielt den Athem an. Die Frauen traten auf dem dunklen Pfade auf den Platz vor der Cypreſſe hinaus.„Sieh, hier ſteht eine Bank,“ ſprach die Erſte, indem ſie umherblickte.„Ich bin müde, ich werde mich hier niederſetzen. Geh' Du indeſſen hinab und ſieh, ob die Gondel bereit iſt; ich werde Dich hier er⸗ warten.“— Sie ſetzte ſich, ihre Begleiterin ging.— Ludo⸗ vico wußte nicht, was er glauben ſollte, ob der Zufall die⸗ ſes Zuſammentreffen füge, oder ob es in Verbindung mit der Prophezeiung der Zigeunerin ſtehe. Daß die Letztere nicht zugegen war, davon hatte er ſich wenigſtens überzeugt. Er beſchloß, zu warten, bis die nach der Gondel Geſendete weit genug entfernt und Alles einſam wäre. Jetzt trat er hervor, ließ ſich leiſe auf ein Knie nieder und ergriff unvermuthet die Hand der Sitzenden. Dieſe ſchreckte auf und wollte flüchten. Er aber ließ ihre Hand —— — 19 nicht los und ſprach:„Fürchte mi chts, ſchöne Unbekannte; allein eine Prophezeiung ſag ,ich ſolle hier ein Kleinod finden und dieſe Stunde werde prüfen. Beides ſcheint ſich jetzo zu erfüllen und ei koler wäre Der, welcher olcher 8 Orakel ſpotten wollte.“ 54 „Signor, ich verſte he, ich begreife Euch nicht,“ ſprach die Dame;„laßt meifle Hand los und, ich bitte Euch, ſteht auf! Wenn uns Femand überraſchte!“ Der Ton dieſer Worte verrieth die Bewegung der Spre⸗ chenden. Ludovico ſtand auf, ließ aber ihre Hand nicht. „Sagt mir erſt, ſchöne Donna, ob Euch die Zigeunerin ähn⸗ lich prophezeit hat wie mir!“. „Ich weiß von keiner Zigeunerin,“ erwiderte ſie, doch ihre Stimme bebte und auch ihre Hand fühlte Ludovico in der ſeinigen zittern. Die Stille des Orts, das Seltſame des Abenteuers, die reizende Geſtalt der Verſchleierten und vor Allem der ſüße Ton ihrer Worte webten ein mächtiges Bündniß von Empfindungen, wodurch alle Ahnungen und wunderbaren Geheimniſſe der Liebe plötzlich in Ludovico's Bruſt geweckt wurden. Er preßte die ſchöne Hand, die in der ſeinigen ruhte, feurig an ſeine Lippen. „Mögen wunderbare Künſte und Prophezeiungen, oder mag der wunderbare Zufall uns hier zuſammengeführt ha⸗ ben,“ rief er aus,„ich fühle, daß eine höhere Beſtimmung darin waltet. Darf ich den Schleier, der mir die Lippe verbirgt, von der ein ſo ſüßer Klang in mein Herz gedrun⸗ gen iſt, nicht heben?“ Stumm ſchlug die Fremde den Schleier zurück und wandte ſich gegen den freundlich ſtrahlenden Mond. Doch nur ein halb ſchmerzliches Lächeln roſiger Lippen und den Glanz zweier ſchwermüthig dunklen Augen gewahrte Ludo⸗ vico, denn eine ſchwarze Larve bedeckte die obere Hälfte des Angeſichts. „Wie?“ rief Ludovico aus,„Ihr wolltet grauſam meiner ſpotten? Um Enthüllung flehte ich Euch und Euer Ent⸗ hüllen iſt nur ein tieferes Verſchleiern.“ „Fürchtet Ihr denn nicht,“ ſprach die Unbekannte lächelnd und halb ſcherzend,„daß Ihr Eure Hoffnungen getäuſcht findet? Wer kann ſo viel Neiz beſitzen, wie die ge⸗ ſpannte Einbildungskraft ſich zu malen weiß! Laßt mir die Larve!“ Ludovico war im Anſchauen der lieblichen Formen des Kinnes und des reizenden Spiels der Lippen verloren, das durch die ſchwarze Larve und das ſilberne, zauberiſche Halb⸗ licht des Mondes noch gehoben wurde. Es ergriff ihn eine unbegreifliche Sehnſucht, die Züge des ganzen Angeſichts zu erblicken. Mit einer Kühnheit, über die er ſelbſt er⸗ ſtaunte, löſte er das Band, welches die Larve feſthielt. Die Schöne wehrte ihm zwar, indem ſie ſeine Hand mit ihren beiden ergriff; doch nur ſanft, nicht heftig, wies ſie ihn zurück und ſprach bittend:„O, laßt es! Ich zittre wahrlich davor! Laßt es“— und das Lächeln ihrer Lippen war verſchwunden und verwandelte ſich in ein leiſes Be⸗ ben. Ludovico bat dringender.—„Nein, nein, flehte ſie.“— Er drückte einen brennenden Kuß auf ihre Pur⸗ purlippen und rief:„Ich erſticke dieſes Nein, bis ein Ja daraus wird.“ Seine ⸗Hand hatte das Band gelöſt, die Larve fiel, ein Antlitz voll der ſüßeſten Reize wurde ſichtbar, aber ſank ſchnell, verſchämt, auf Ludovico's Schulter hinab. Er drückte die Zitternde feſt an ſich und ſeine Lippen glühten auf ihrer Stirn. Plötzlich riß ſie ſich los, wandte ſich ab, bedeckte das — 21— Antlitz mit beiden Händen und rief:„O Gott, o Himmel, was ſoll aus mir werden!“ Ludovico umſchlang die ſüße Geſtalt auf's neue.„Mein ſollſt Du ſein, mein mußt Du ſein! Wer biſt Du, Lieb⸗ liche, mit welchem Namen nenne ich Dich?“ „So kennt Ihr mich nicht?“ ſprach ſie und ſtand mit geſenktem Haupte vor ihm.—„O, laßt mich ungekannt bleiben!“ rief ſie ſchmerzlich aus und verhüllte ſich in ihren Schleier. „Nimmermehr, Du Holde, Unwiderſtehliche!— Hier lege ich die Hand an mein Schwert und betheure Dir, nicht von Deiner Seite zu weichen, bis Du Dich mir ge⸗ nannt haſt!“ „Roſaura— nennen mich die Einwohner Venedigs—“ hauchte ſie mit verzagender Stimme, gleich als ſpräche ſie ihr eigenes Todesurtheil. „Roſaura— und— und weiter, ſchöne Roſaura?“ Sie ſchwieg; ein heftiger Kampf war in ihren Zügen zu leſen, große Thränen traten ihr ins Auge.„Roſaura,“ wiederholte ſie.—„Ihr kennt dieſen Namen nicht? Und ſeid doch ſchon fünf Tage in Venedig?— Ach, ſo ſoll ich Euch nicht nur ſagen, wer, ſondern auch was ich bin?— Wiſſet, keine edle Venetianerin reicht Euch mehr die Hand zum Tanze, wenn Ihr Roſaurens Freund ſein wollt!“ „Was kümmern mich alle die ſtolzen Thörinnen Vene⸗ digs!“ rief Ludovico unwillig.„Du, die köſtlichſte Perle dieſer Flut, ſollſt auch die Einzige ſein.“ „Verſprich nichts, bevor Du mich nicht kennſt!“ ſprach Roſaura und wandte den Blick zu Boden.—„Du ſollſt mich kennen lernen— ich will mich Dir ganz und wahr⸗ haft zeigen und Du wirſt milde ſein. Willſt Du?“ „Wer könnte Dir hart begegnen?“ ſprach Ludovico ſanft; -— 22— doch ſchlich ſich ein unerklärbares Ahnen und Fürchten in ſein Herz, als er das reizende Weſen ſo ſprechen hörte. Die reine Flamme, die ſich in ſeiner Bruſt an ihrer Schönheit entzündet hatte, loderte plötzlich verdunkelt, als habe eine feindſelige Macht giftige Stoffe hineingeworfen.— Beide ſchwiegen einige Augenblicke. Da rauſchten die Ge⸗ büſche; Lucie, denn ſie war die Begleiterin Roſaurens, kehrte zurück. „Morgen!“ ſprach Roſaura leiſe.„Morgen will ich Dir mein ganzes Innere voll Schmerz und Schuld enthül⸗ len. Nur laß mich heute, es hat mich zu tief erſchüttert! Willſt Du morgen?“ Ludovico drückte ſie ſtatt der Antwort ſtumm an ſein Herz.„Nur wenige Stunden will ich ja,“ ſprach ſie beru⸗ higter, aber doch noch mit dem Tone fürchtenden Bittens— „bis ich ſelbſt begriffen, was mit mir geſchehen iſt, bis ich weiß, was ich Dir bekennen muß, wenn Du mich lieben könnteſt!“ ſetzte ſie mit bebender Stimme hinzu.„Komm mit der Morgenröthe, wenn Alles ſtill iſt, nach der klei⸗ nen Villa an der Brenta, neben Foscari's Gärten— dort im kühlen Schatten der Ulmen und Reben— dort——, hier verſagten ihr die Worte und ſie ſchied mit einem ſtum⸗ men Gruße. Ludovico ſtand gefeſſelt, träumend, bebend vor Wonne und Ahnung. Er blickte ihr nach, er wollte ihr folgen, er zögerte— endlich verſchwand ihr weißer Schleier in den Gebüſchen des Gartens. Da war es ihm, als müſſe er ſie noch einmal ſehen; er eilte ihr nach, doch ſie war ver⸗ ſchwunden in den irren Gewinden der dunkeln Pfade. Auf verſchlungenen Wegen gerieth er nach langem Suchen an den Fluß, wo noch viele Gondeln lagen und der Gäſte harrten. Bald fand er einen Gondolier, der ſich erbot, —— — 28— ihn nach Venedig zurückzuführen; er ſetzte ſich in das Fahr⸗ zeug, das ihn ſanft gleitend über den Rücken des Kühlung athmenden Meeres dahintrug. Geſang der Gondoliere und munterer Ruderſchlag er⸗ tönte ringsumher; ein laues, leiſes Lüftchen ſpielte über die Wellen hin; Fackeln und bunte Lampen glänzten fern und nah' und ſpiegelten ſich in der Flut. Das ſüdliche Nachtleben entfaltete alle ſeine romantiſchen Schwingen und Farben und wiegte den Sinnenden in immer ſüßere Träume und Hoffnungen ein. Drittes Capitel. Die Morgenröthe dämmerte kaum am Rande des Mee⸗ res, als Ludovico nach einem kurzen unruhigen Schlum⸗ mer voll ſeliger Träume durch die ſtillen, dunklen Gaſſen Venedigs ſchritt, um ſich nach dem weſtlichen Ende der Stadt zu begeben, wo ein Gondolier wohnte, bei dem man die Ueberfahrt nach den Ufern der Brenta um ein Billii⸗ ges haben konnte, weil er die Marktleute hin⸗ und her⸗ wärts überzuſetzen pflegte, die ihm nur einen ganz gerin⸗ gen Fährlohn bieten konnten. Solche Vortheile mußte Lu⸗ dovico aufſuchen, da er nichts hatte als ſeinen ſpärlichen Sold und es nicht verſtand, wie ſeine Kameraden, im Kriege Beute zu machen. Und zumal jetzt befand er ℳũ in faſt drückender Lage, da die weite Reiſe und der wand, den er, des nothwendigen Anſtandes halb Venedig mit ſeiner Kleidung machen mußte, ſeine — 21— ſchaft erſchöpft hatten. Er beeilte ſich daher, das Häus⸗ chen des Gondoliers zu erreichen, weil er wußte, daß die⸗ ſer mit der erſten Dämmerung überzuſetzen pflegte, um die drüben am Ufer harrenden Landleute in den Nachen zu nehmen. Unweit von dem Häuschen kam er an einer klei⸗ nen Capelle vorbei, wo ein einziges Lämpchen flammte. Die heitere Stille des Morgens, der blaßrothe Schimmer des Lämpchens vor dem Muttergottesbilde, die milden Züge der Madonna, Alles drang plötzlich mit ſeltſam bewegender Kraft in ſein Herz. Es war ihm zu Muthe, als bedürfe er des Schutzes der Himmliſchen bei dem Abenteuer, dem er entgegenging; mit unwiderſtehlichen Banden zog es ihn in die Capelle. Er ließ ſich auf die Knie nieder und betete inbrünſtig. Als er das Auge wieder erhob, ſah er mit Erſtaunen, ja halb erſchreckend, im Halbdunkel einer Niſche eine Alte knien, deren ernſte, ſcharf gefurchte Züge, graue Locken und fremdartige Tracht einen ſeltſamen Eindruck auf ihn machten. Sie glich ſonſt einer alten Zauberdrude oder Zigeunermutter, wie Märchen und Erzählungen dieſe ſchildern. Ein blutrothes Tuch umwand ihr Haupt, einem Turban ähnlich; ein Paar dunkle Augen blickten alters⸗ matt, aber doch noch feurig genug zur heiligen Jungfrau auf; die gebogene Naſe, das ſcharfe Kinn deuteten auf orientaliſche Abkunft. Ludovico betrachtete ſie ſchweigend und ſtaunend; ſie ſchien ihn nicht zu bemerken, ſondern mur⸗ melte ihre Gebete vor ſich hin. „Was thuſt Du ſo früh hier, Alte?“ redete er ſie aufſtehend an. „Gott grüß' Euch, edler junger Ritter!“ erwiderte ſie; ſeht eine arme Alte vor Euch, die, von böſen Men⸗ rfolgt, zwanzig Jahre im Elende der Sklaverei der zugebracht hat und erſt vor wenigen Minuten nach — 25— Venedig zurückgekehrt iſt. Ich ging in dieſe Kapelle und betete zur heiligen Jungfrau um Schutz und Gnade. Sie hat mein Gebet erhört, denn ſie ſandte Euch zu ſo früher Stunde, wo noch Niemand wacht, hierher, und Ihr werdet einer armen Alten gewiß ein Almoſen nicht verſagen.“ Ludovico gab ihr ein kleines Geldſtück.„Nimm, alte Mutter; viel habe ich nicht, aber ich gebe Dir's gern.“ Die Alte wollte ſeine Hand küſſen und ſprach tauſend Segenswünſche über ihn aus. Ludovico entzog ſich ihrem Danke und eilte ſeinem Ziele zu. Noch nicht hundert Schritte war er gegangen, als er plötzlich einen lauten Angſtruf von weiblicher Stimme hörte. Er horchte auf. Wahrlich, er täuſchte ſich nicht. Eilends ſtürzte er der Gegend zu; das Rufen ſchien verſtummt, viel⸗ leicht war es nur erſtickt. Die Gaſſe ſchlug eine Ecke; als Ludo⸗ vico um dieſelbe herum war, ſah er auf einem freien Platze das Meer und die Hütte des Gondoliers vor ſich. Vor derſel⸗ ben rang ein Mädchen mit zwei Männern, die ſie ſchon auf den Boden geworfen hatten und binden zu wollen ſchie⸗ nen. Vollen Laufs, doch mit möglichſt leiſem Schritte ſtürzte Ludovico auf die Räuber zu, um ſie ſo unvermuthet wie möglich zu überraſchen. Doch war er bemerkt worden, denn plötzlich ſprang einer derſelben auf und rief:„Signor, ans Schwert! Wir ſind überfallen!“ Nicht Furcht, ſondern Staunen feſſelte Ludovico's Schritte einen Augenblick, denn er ſah denſelben Mohren vor ſich, den er im Garten des Dogen getroffen, und ein Blick auf den Gefährten deſſelben belehrte ihn, daß dieſer Niemand anders ſei, als jener No⸗ bile, der im Gebüſche die Kleider gewechſelt hatte. Doch blieb hier keine Muße zum Verwundern, denn der verlarvte Nobile war blitzſchnell aufgeſprungen und drang auch zu⸗ gleich mit dem Schwerte auf Ludovico ein. Er war kein Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. V. 2 — 26— verächtlicher Gegner, denn gleich ſein erſter Streich zeigte eine ſeltene Kraft und Gewandtheit des Armes; doch auch Ludovico wußte die Waffe zu führen und ſo zuckten ihre Klingen wie Blitze durch die Luft. Stürmend drang er auf den Räuber ein und drängte ihn rückwärts; ſchon glaubte er des Sieges ſicher zu ſein, als er ſich plötzlich von hinten gepackt und zu Boden geriſſen fühlte. Es war der Mohr, der ihn niederwarf. Des andern Räubers Schwert war ſchon zum Todesſtreich geſchwungen; Ludor llaubte ſich verloren. In dieſem Augenblicke warf ſi 4 eines reizenden Mädchens mit blondem, fliegendem Haare zwiſchen ihn und den Mörder, fiel dieſem in den Arm und hing ſich feſtgeklammert an ihn. „Schont ſeines Lebens!“ rief das Mädchen.„Er⸗ barmt Euch!“ Ludovico wollte ſich emporringen; doch der Mohr packte ihn mit beiden Händen an der Kehle, um ihn zu erdroſſeln. „Hund!“ rief er wüthend,„Du hätteſt ſchon aufgehört zu leben, wenn ich nur meinen Dolch zur Hand hätte; ſo will ich Dich denn halten, bis Du erſtickſt.“ Ludovico ſträubte ſich im Todeskampfe mit Händen und Füßen, doch vergeblich. Das junge Mädchen hemmte noch das Schwert des Nobile, doch ſchon ermatteten auch ihre Kräfte, da der Mörder ſie mit aller Gewalt zurückdrängte und rief:„Raſende, laß mich, oder ich muß Dich niederſto⸗ ßen!“— Dabei packte er ſie bei den fliegenden Locken, um ſie ſo zurückzureißen. In dieſem Augenblicke ertönte eine Stimme aus der Gaſſe.„Hierher! Hülfe, herbei! Leute, kommt heran!“ Bei dieſem Laute ſprang der Mohr auf. Er warf ei⸗ nen Falkenblick umher, dann rief er:„Signor, ich glaube die Häſcher kommen. Fort, es iſt keine Zeit zu verlieren!“ 3 + /òè—r SSͤ——+₰—-—»-„„—„ —— 3%&AH&⏑ᷣ— ⏑ — 27—— Ohne eine Antwort abzuwarten, rannte er in vollem Laufe dem Meeresbuſen zu am Quai entlang. Der Nobile riß ſich jetzt gleichfalls mit aller Anſtrengung ſeiner Kraft aus dem umklammernden Arme des Mädchens und ſchleuderte ſie rückwärts zu Boden, daß ſie über Ludovico, der noch halb betäubt war, hinſturzte. Eiligſt entfloh er hierauf und ehe ſich die beiden am Boden Liegenden aufraffen konnten, waren die Mörder verſchwunden. Doch hörte man Waffengeklirr und Tritte; es war eine Streifabtheilung des Dogen, die auf den Lärmen und Hül⸗ feruf eiligſt herbeikam, um dem Unheile zu wehren. Der Befehlshaber derſelben fragte, was vorgehe. Ludovico hatte noch nicht Athem genug, um antworten zu können. Das junge Mädchen, noch von dem Schrecken zitternd, aber da⸗ durch nur um ſo reizender, nahm daher das Wort.„Die⸗ ſer edle Herr iſt mein Retter,“ ſprach ſie,„ich heiße Bi⸗ ondina und bin die Enkelin des alten Vater Bernardo, des Gondoliers, der hier in dem Häuschen wohnt. In der Mor⸗ gendämmerung kamen zwei Männer an das Fenſter der Hütte und wollten meinen Großvater herauspochen, um ſie nach Fuſino überzuſetzen. Allein er war ſchon geſtern Abend ſpät von einigen Leuten zu einer Fahrt gemiethet worden, von der er noch nicht heimgekehrt iſt. Ich wollte die frem⸗ den Männer nicht überſetzen; ſie baten aber ſehr und ſag⸗ ten, es ſei ihnen dringend und boten mir auch einen vollen Beutel an. Ich ſchlug ihn aus, verſprach aber, ihnen Ru⸗ der zu bringen und eine Gondol von der Kette loszuſchlie⸗ ßen. Allein in dem Augenblicke, wo ich aus der Thüre trat, packten ſie mich, warfen mich zu Boden, verbanden mir den Mund und wollten mich knebeln. Da ſandte die heilige Jungfrau, zu der ich inbrünſtig betete, dieſen edlen 2* — 28— Herrn, der mich errettete, was er faſt ſelbſt mit dem Leben gebüßt hätte.“ Ludovico konnte ſich leicht als Offizier zu erkennen ge⸗ ben; der Führer der Wache hatte daher weiter keine Be⸗ denklichkeiten und ließ ſogleich durch einige Mannſchaft den Räubern nachforſchen, ob man ihrer vielleicht noch habhaft werden würde. 1 „Aber wo iſt die Alte, die uns herbeirief?“ fragte er und ſah ſich rings um. Sie weiß vielleicht etwas Näheres, das uns auf die Spur des Verbrechens bringt.“ Es war Niemand zu ſehen.„Hm! Wunderlich!“ ſprach der Kriegs⸗ mann.„Sie muß noch hier in der Nähe wo ſein; geht Ihr rechts am Strande hinauf, ich werde hier links durch die Gaſſe gehen, dann müſſen wir ſie treffen. Wenn Ihr ſie findet, muß ſie gleich nach dem Wachthauſe, denn es muß Anzeige gemacht und ſie verhört werden.“ Er ließ ſich hierauf Ludovico's Namen und Wohnung bezeichnen und ging mit ſeinen Leuten ab. Indeſſen hatte ſich Ludovico erholt und fühlte ſich wie— der ganz friſch und leicht. Sein Blick heftete ſich mit Rüh⸗ rung und Erſtaunen auf die gerettete Biondina, die ſich mit liebender Sorgfalt um ihn beſchäftigte, und mit ihrem Buſentuche das Blut einer Wunde in ſeinem linken Arme, die er bis jetzt noch nicht bemerkt hatte, zu ſtillen ſuchte. „Meine liebe Kleine,“ ſprach er freundlich,„willſt Du mein Wundarzt ſein?“— Sie erhob ihre reinen blauen Augen unſchuldig zu ihm und ſprach:„Ihr habt ja Euer Blut für mich vergoſſen! Soll ich es nicht ſtillen? Ich will Tag und Nacht zur gebenedeiten Jungfrau beten, daß ſie Euch allen Segen zuwende, mein edler Herr!“— Bei die⸗ ſen Worten richtete ſie den Blick ſo fromm und andächtig gen Himmel, daß man ſah, ihr ganzes Herz war in dem — 29— Gebete; das Auge glänzte unter der hervordringenden Thräne ſo rein, als ſei es der Spiegel des blauen Aethers, zu dem es gewendet war. Ludovico fühlte ſich wunderbar bewegt von der Schönheit des Mädchens. Kein irdiſch ſinnliches Verlangen drang in ſeine Bruſt; es war ihm, als ſtehe ein unſchuldiger Engel vor ihm, deſſen Nähe zugleich beſelige und heilige. „Ihr ſeid ſo ernſt, leidet Ihr Schmerzen?“ fragte ſie mit innerſter Theilnahme und ein Zug der Bangigkeit um⸗ ſchwebte ihre Lippen.„Nein, nein,“ erwiderte er,„ich bin ja kaum geritzt. Ich geſtatte Dir Deine Sorglichkeit nur, weil ſie mir ſo wohlthut.“— Ein Sonnenblick der Freude glänzte auf Biondinens Antlitz; das lieblichſte Roth über⸗ hauchte ihre Wangen, die vom Schrecken und der Beſorg⸗ niß noch bleich waren. „So mußt Du das nicht machen, mein Kind,“ tönte unvermuthet eine rauhe, heiſere Stimme, als Biondina das Tuch wieder auf das hervorquellende Blut drückte. Beide ſchreckten zuſammen. Es war die Alte aus der Kirche, die neben ihnen ſtand.„Ich will Euch verbinden helfen, Herr Ritter, und Eure Gabe von vorhin verdienen,“ fuhr ſie fort, „denn ich weiß mit Wunden umzugehen und kenne heilende Kräuter und Säfte. Wenn Ihr den Arm ſofort gebraucht, könnte er ſich leicht heftig entzünden und Ihr kämet darum, bevor Ihr es dächtet!“ „Nicht doch, Alte,“ ſprach Ludovico faſt unwillig, da er ſah, daß Biondina ſich erſchreckte,„die Wunde iſt nicht der Rede werth!“ „O, ſeid doch ja vorſichtig,“ bat Biondina angſtlich, „es könnte doch ſchlimm werden!“ „Gewiß! Hole eine Schale mit Waſſer, Kind! Das Wamms muß herunter; wir müſſen die Wunde auswaſchen.“ — 30— So ſprach die Alte faſt befehlend und machte auch ſo— gleich Anſtalt zur Ausführung. Biondina eilte in das Häuschen, um Waſſer zu holen; die Alte zog dem etwas verdrießlichen Ludovico den Aermel herunter und ſtreifte das Hemde auf. Plötlich fuhr ſie zurück, als erſchrecke ſie. „Nun, was iſt?“ fragte Ludovico verwundert.„Was haſt Du?“. „Nichts, nichts! Es durchbebte mich nur ſo ein Schauer,“ entgegnete ſie. „Komm raſch mit dem Waſſer her, Kind, und halte die Schale!“ rief ſie der eben aus dem Hauſe tretenden Bion⸗ dina zu und machte ſich dann eifrig daran, die Wunde zu waſchen und zu verbinden. „Herr,“ ſprach ſie,„da habt Ihr ja ſchon eine ältere böſe Narbe. Gewiß im Kriege erhalten?“ „Nein, Alte! Als kleiner Bube fiel ich einmal in Glas⸗ ſcherben, davon rührt das rothe Kreuz her!“ „Das muß ſchon lange her ſein,“ brummte die Alte. „Zwanzig Jahre, ich war damals fünf alt; es geſchah in einem Garten, wo meine Mutter für Tagelohn ar⸗ beitete.“ „Wie, Signor, um Tagelohn? Eure Mutter? Ihr ein Nobile“— „Nichts von Nobile, Alte, ein Tagelöhnersſohn, deſſen Mutter, eine Witwe, früh verſtarb und ihn ſich ſelbſt über⸗ ließ. Ein Schweſterchen von zwei Jahren, das ich hatte, nahm eine Baſe zu ſich; mich lehrte man betteln und ſingen. Ein Schiffscapitain, dem ich gefiel, nahm mich mit zur Seez ich lernte den Seedienſt, ging dann auf die Flotte, war brav und wurde Offizier. Das iſt mein ganzer Le⸗ benslauf.— Aber, biſt Du fertig?“ 4 „Gleich, Herr!“ erwiderte ſie.„Allein, ſagt mir doch, G8 — 31— wie hieß Eure Mutter? Ich habe zu Campo alto eine arme Frau mit zwei Kindern gekannt, ſie hieß Regina Terno“— „Ganz recht, das war ſie,“ fiel Ludovico erfreut ein. „Und Eure Baſe, wo Eure Schweſter lebt, war das nicht die Spinnerin Filippa?“ „Dieſelbe, Alte; ſo kennt Ihr wahrhaftig meine ganze Sippſchaft! Aber Ihr würdet nichts mehr davon antreffen, denn ſchon vor ſechzehn Jahren iſt die Baſe nach Trieſt ge⸗ zogen, aber dort ganz verſchollen, wahrſcheinlich geſtorben. Ich habe mich oft, wenn ich drüben war, nach ihr erkun⸗ digt, aber Niemand wußte von ihr zu ſagen. Dieſer meinte, ſie ſei todt, Jener, ſie ſei nach Deutſchland ausgewandert, ein Dritter wußte Dies, ein Vierter Das und das Ende vom Liede war— ſie ſei nicht wiedergekehrt. Mein Schwe⸗ ſterchen habe ich ſeit ihrem zweiten Jahre nicht mehr geſe⸗ hen und der Himmel weiß, ob ich ſie jemals wiederfinde! So bin ich denn vor der Hand allein auf der Erde und habe für Niemanden zu fürchten oder zu ſorgen als für mich ſelbſt. Unter dieſen Geſprächen war der Verband fertig gewor⸗ den. Biondina blickte Ludovico mit einiger Freude an; plötzlich aber wurde ſie traurig und ſagte:„Ihr werdet uns nun wol verlaſſen wollen, Signor? Möchtet Ihr nicht eine Schale Milch trinken und von den Pfirſichen koſten, die wir dort am Spalier ziehen?“ „Ich danke Dir, mein gütiges Kind,“ ſprach Ludovico, „aber einen großen Dienſt könnteſt Du mir leiſten. Ich muß nach der Villa Foscari an der Brenta.“ „Foscari?“ fragte die Alte ihn haſtig unterbrechend mit dem Tone des höchſten Erſtaunens. Zum Marcheſe Fos⸗ cari& „ 1 — 32— „Nun? Was befremdet Dich dabei ſo ſehr?“ „Das iſt ein ſtolzer Herr, der Marcheſe,“ brummte ſie kopfſchüttelnd und ſah Ludovico mit durchbohrenden Blicken an. „Du meinſt, weil ich kein Nobile bin, was ich bei ihm zu thun haben könnte?“ ſagte Ludovico. „Freilich wol!“ erwiderte die Alte verwirrt und ihre Züge drückten eine immer wachſende Spannung aus. Auch Biondina heftete ängſtliche Blicke auf ihn, weil ſie glaubte, es ſei vielleicht von einer gefährlichen Unternehmung die Rede. „Es hat nichts auf ſich!“ fuhr Ludovico fort,„mein Beſuch gilt nicht dem Marcheſe. Aber die Zeit verſtreicht. Könnteſt Du, liebſtes Mädchen, mir alſo wol eine Deiner Gondeln geben, damit ich mich hinüberfahre, da Dein Groß⸗ vater nicht daheim iſt?“ 3 „Ich ſelbſt will Euch hinüberfahren!“ rief Biondina mit“ dem Ausdrucke der innigſten Freude und ſprang auch ſchon flüchtig wie ein Reh nach dem Häuschen, um ein Ruder zu holen. Ludovico ſah dem reizenden Mädchen, in ſinnendes Träu⸗ men, verſenkt nach; das reine Heiligthum ihrer Jungfräu⸗ lichkeit und Unſchuld ergoß eine Reihe der Empfindungen* in ſeine Seele, die ihm neue unbekannte Wunder des Her zens eröffnete, ſo daß er ahnend in ihre geheimnißvolle Tiefe blickte. So in Betrachtungen verſenkt, merkte er nicht auf die Alte, welche indeſſen nachſinnend umherging; ihr ſpähender Bllick fiel dabei auf die Stätte des Kampfes. Etwas Glän⸗ zendes am Boden hinter der Thür des Hauſes, wo Bion⸗ dina wohnte, zog ihre Aufmerkſamkeit auf ſich; ſie ging da⸗ hin und fand einen Dolch. Aufmerkſam betrachtete ſie ihn; ein zuckendes Erſtaunen überflog plötzlich ihre Züge und ſchnell ſteckte ſie die Waffe zu ſich. — 33— Biondina trat jetzt, einen leichten Strohhut auf den Locken, mit dem Ruder in der Hand heraus und ſprach mit einem Tone und Antlitze, in dem die hellſte Freude lebte, zu Ludovico:„Jetzt, Signor, bin ich bereit!“ Er erwachte aus ſeinen Träumen. Wie eine Nymphe des Meeres ſtand das liebliche Weſen vor ihm.„Wollt Ihr nun?“ fragte ſie. Einige Augenblicke zögerte er ſtumm. In ſeiner Bruſt bewegte es ſich wie Zwieſpalt und Kampf, aber doch ſo ſüß! Es war ihm, als wenn unſichtbare Mächte ein zwiefaches Verlangen in ſeine Bruſt legten, um ihn nach zwei Seiten ſchmeichelnd zu verlocken. Aber in der Tiefe lauerten geheime Schrecken! Plötzlich raffte ſich Ludovico entſchloſſen zuſammen. „Komm denn, komm, liebe Biondina, ich habe Eile!“ Mit dieſen Worten wandte er ſich zum Ufer; ſie ſtiegen in den Nachen und ſchwebten über die Wellen dahin. Die Alte ſah ihnen lange nach.„Alſo wäre es mög⸗ lich,“ ſprach ſie für ſich.„Gleich der erſte Schritt an das Ufer führte Dich auf die Spuren alter und tiefverſchlunge⸗ ner Gewebe?— Dieſer Dolch trägt Foscari's Wappen!— Der junge Mann kennt ihn nicht, aber will hinüber nach ſeiner Villa!— Wie hängt das zuſammen? Sollte—— Behutſam, Priscilla! Du dachteſt Dich durch Deine al⸗ ten Künſte zu ernähren, wollteſt wieder Zaubertränke ma⸗ chen, wahrſagen, großen Herren ſchöne Mädchen gefällig machen—— hm! hm! Jetzt könnteſt Du aber das Garn nach einem Fiſchzuge auswerfen, der Dir mit Eins eine zehnfach reichere Beute brächte, als Du in den alten Jah⸗ ren Deines Lebens mühſam zuſammenraffen kannſt! Ge⸗ dacht habe ich wol daran, aber wer hätte die Möglichkeit der Ausführung ſo leicht und nahe geglaubt! Leicht? Wenn )** — 314— Priscilla! Je nun! Ich habe doch wol noch ein paar alte Freunde in Venedig, die mir wenigſtens näher auf die Spur helfen!“ Ein ſeltſames Lächeln überflog bei dieſem Gedanken ihr tiefgefurchtes, runzeliges Geſicht. Sie wiegte den Kopf mur⸗ melnd hin und her und ſchlich dann in eine enge Gaſſe hinein, wo ſie den Blicken bald entſchwand. 8 Viertes Capitel. Roſaura hatte eine unruhige Nacht gehabt. Kaum ei⸗ nige Stunden hatte ſie dem Drängen, ja dem Befehle Lu⸗ ciens nachgegeben und ſich auf das Ruhebett gelegt, um den Verſuch zum Schlaf zu machen, damit ſie Dem, der ſie, die Stolze, Alle Verſchmähende und Verſpottende, gefeſſelt hatte, nicht überwacht und krankhaft erſcheinen möchte. Ueber⸗ haupt hatte Lucie geſchmält. Die Gebieterin war ihr viel zu raſch, zu hingebend geweſen; ſie ſollte zum Kampfe rei⸗. zen, ſich belagern laſſen, aber ſie hatte ihr Herz nicht nur wie eine offene Stadt unvertheidigt preisgegeben, ſondern ſich unverzüglich der Großmuth des Feindes unterworfen. „Ich ſagte Dir's ja zuvor,“ erwiderte Noſaura,„ihm ge⸗ genüber werde ich alle meine weiblichen Künſte vergeſſen; ich übe ſie ſpielend an Jedem, den ich beſiegt habe, bei deſ⸗ ten Flehen oder Drohen ich jeder meiner Empfindungen Herr bleibe. Doch bei ihm, der mich beſiegte, verliere ich alle Kraft, anders zu ſcheinen, als ich bin. Ihn kann und will ich and nur durch meine Liebe gewinnen; jeder andere ½ — 35— künſtliche Sieg würde mir doch kein Glück, ſondern nur tödt⸗ liche Qualen der Angſt bereiten; denn ich wüßte, Alles ſei doch nur Schein, und ewig würde mir der Anbruch des Tages drohen, wo meine leeren Traumbilder an der Sonne der Wahrheit in ihr bleiches Nichts zurückſinken müßten!— Geh', laß mich gewähren! Kann ich nicht Seligkeit trinken, ſo will ich das herbſte Gift einſaugen und ſterben! Aber lege die Zigeunerkleidung dort weg, ich will nicht, daß er ahnen ſoll, Du ſeieſt die Zauberin geweſen, die ihn lockte.“ Lucie gehorchte lächelnd, fragte aber doch:„Und ſoll ich auch den Ring, den ich ihm vom Finger ſtreifte, behalten?“ „Gib her!“ rief Roſaura unwillig,„ich will ihn zum Andenken bewahren!“ Sie ſteckte den Ring ein und ging mit unruhigen Schritten in den Gartenſaal, deſſen Fenſter von dunklem Rebenlaub umſponnen waren, auf und nieder. Oft trat ſie hinaus auf den Altan, von dem ſie den ge⸗ krümmten Lauf der Brenta, die ſilbern zwiſchen den Gär⸗ ten hindurchblitzte, bis in das ferne blaue Meer verfolgen konnte. Die Morgenröthe flammte über den Wellen, die purpurn, blau und golden ſchimmerten; einzelne Segel zo⸗ gen wie Schwäne durch die Flut. Manche Barke wiegte ſich auf dem breiten Meeresſpiegel, oder auf der Silberbahn des Fluſſes; doch ſie waren zu entfernt und ſo oft durch das Laubgitter der Bäume bedeckt und verſteckt, daß man ſie nicht genau zu unterſcheiden, vollends Jemanden darauf zu erkennen vermocht hätte. Plötzlich rauſchte es in den Gebüſchen, welche das Ro⸗ ſenhalbrund vor dem Altan umſchloſſen; Ludovico trat her⸗ aus. Roſaura ſchreckte zuſammen; ſie blickte hin, ein lei⸗ ſes Ach! entfloh ihren Lippen, ſie fühlte, daß ſie zitterte, ſich kaum erhalten konnte. Roſen und Lilien wechſelten auf ih⸗ rer Wange; das ſchöne ſchwarze Auge ſtrahlte zwiſchen dem Glanze der Thräne und der Freude und ihre Lippe lächelte Schmerz und Luſt zugleich. „Willkommen,“ grüßte ſie mit ſanfttönender Stimme den Erwarteten,„willkommen. Es iſt ſchön, daß Ihr Wort gehalten habt.“ Ludovico grüßte befangen. Das aufgeregte Gefühl der Nacht war verflogen; ſonſt wäre er heftig, verlangend ihr entgegengeeilt, hätte ihrße Hand an ſeinen Mund gepreßt. Roſaura empfand oder errieth es und es drang ein kal⸗ ter, lähmender Hauch in ihre liebezitternde Bruſt. Doch faßte ſie ſich und ging dem Kommenden die Stufen hinab entgegen und bot ihm ſchüchtern, jedoch zutrauend die Hand dar. Er ergriff und küßte ſie; dann ſah er zärtlich zu ihr hinauf und ſein Herz ſchlug höher. Aber er fühlte, es war nicht die reine Glut der Liebe, die es läuternd erfüllte, ſon⸗ dern eine unruhig lodernde Flamme. Biondinens unſchul⸗ dige, heilige Schönheit hatte ihn mit himmliſchen Strahlen berührt; ihr Anblick, ihre milden Worten ebneten den ver⸗ worrenen Wogendrang der Begierden in ſeiner Bruſt zur klaren, himmelabſpiegelnden Fluth. Noſauren's brennende Lippe, ihr flammendes Auge durchſtrömte ihn mit heißer wallender Gluth und alle Wellen der Leidenſchaft ſchlugen hoch und brauſend empor. Sie zog ihn mächtig zu ſich hinan, wie eine Zauberin, eine ſüß feſſelnde Armida; Bion⸗ dinens reines Bild ſchwebte wie die Geſtalt eines Engels vor ihm, der ihm die Bruſt mit höheren Verheißungen er⸗ füllte. Sein kämpfendes Herz pochte heftig; plötzlich aber wurde der innere Sieg ihm gewiß.„Ja, zu ihr, zu der reinen, holden Unſchuld will ich mich wenden, ſie beut mir ein höheres Glück.“ So beſchloß er in ſich. Denn durch den Gegenſatz, in den Roſaura in ihrem ganzen Weſen und Treiben jetzt zu der kindlichen Biondina trat, keimte in ihm — 37— die Ahnung auf, daß ſie die Laſt einer ſchweren Schuld trage, die ſie reuig zu empfinden begann. Edelgeſinnt, wie er war, faßte er den Vorſatz, denn plötzlich blitzte dies wie ein höherer Beruf in ihm auf, ihr die Rückkehr zur reine⸗ ren Bahn des Lebens dringend ans Herz zu legen, ſie ſelbſt dahin zu führen, wenn ſie ihm ihr Vertrauen ſchenken wollte. Lucie war verſchwunden; Noſaura, die Unſicherheit ih⸗ res Sieges dunkel fühlend, von Liebe und Angſt gequält, ſtand ſtumm, geſenkten Hauptes vor ihm. Wie ermüdet lehnte ſie ſich ſanft gegen Ludovico an, ſenkte das Haupt und ihrem ſchönen Auge entfloſſen leiſe, aber reichſtrö⸗ mende Thränen. „Du weinſt?“ fragte Ludovico gerührt.„Warum? Was bewegt Dich ſo tief?“ „Daß ich liebe und der Liebe nicht würdig bin,“ ſprach ſie matt,„aber doch vergehen muß, ohne ſie! Ach, Ludo⸗ vico, liebſt Du mich denn, liebſt Du mich ganz und feu⸗ rig und groß, daß Du mir das Schwerſte vergeben kannſt? Liebſt Du mich, wie ich Dich liebe? O, wenn Du mir jetzt geſtändeſt, daß Du mit dem ſchwärzeſten Verbrechen bela⸗ den wäreſt, ich würde Dich dennoch lieben, mehr lieben als zuvor, Dich durch meine Liebe entſühnen!“ Ludovico gerieth in Verwirrung; dieſe Tiefe der Leiden⸗ ſchaft hatte er nicht in ihr geahnt, noch daß ſie ſeine Liebe ſo feſt vorausſetzte. Doch konnte er ſich nicht verhehlen, daß er ſelbſt in der Aufregung und Spannung dieſer Nacht die ganze Flamme heftiger Leidenſchaft empfunden und be⸗ kannt hatte, daß ſie jetzt noch höher auflodern würde, wenn in dieſen kurzen Raum der Stunden ſich nicht jenes andere, neue Ereigniß eingedrängt hätte. So fühlte er ſich im Un⸗ recht gegen Roſaura; er hatte ſie getäuſcht, hatte ihr, im — 38— ſtrengeren Sinne, die Treue gebrochen, die er ihr kaum ge⸗ lobt. Was ſollte er thun? Die feurig ausgeſprochenen Lie⸗ besworte dieſer Nacht kalt zurücknehmen? Und vermochte er es denn? Wanden nicht Roſaurens Reize, ihre räthſel⸗ hafte Erſcheinung, ihre Bekenntniſſe, ihre Reue und Liebe tauſend mächtige Banden um ſein Herz? Er ſprach da⸗ her mit Worten der Liebe zu ihr, doch mit ſanfteren, als in der Aufwallung der Nacht. Sie zog ihn liebend mit ſich und ging, auf ſeinen Arm geſtützt, durch die laubdunk⸗ len Gänge des Gartens, wo tiefſte Morgenſtille und Ein⸗ ſamkeit ſie umfing. Hier öffnete ſie ihm ihre ganze Seele; denn das erſte Bedürfniß wahrer, großer Liebe iſt das, dem geliebten Gegenſtande jedes Verſchulden der Bruſt reuig zu enthüllen und büßend ſeine Vergebung zu erhalten. Dies that Roſaura. Sie erzählte die Geſchichte ihres Lebens. Zu Trieſt war ſie geboren, aber von dort nach Livorno ge⸗ zogen, wo ihre Mutter einen Verwandten hatte. In Ar⸗ muth und Stille war ihre Kindheit vergangen, mitleidige Kloſterfrauen unterrichteten ſie in weiblichen Künſten. Als ſie zur Jungfrau herangeblüht war, ſuchte ihre Mutter die Schönheit der Tochter zu einem Mittel zu machen, ihrer dürftigen Lage abzuhelfen. Sie hatte ſie mit dem Tam⸗ bourin tanzen, die Zither ſpielen und artige Liederchen ſin⸗ gen gelehrt. Dieſe Künſte mußte Roſaura, wo reiche Leute bei feſtlichen Gelagen verſammelt waren, zeigen und erhielt dann anſehnliche Geſchenke, wenn ſie mit dem Tambourin herumging, um einzuſammeln. Doch die Mutter beobach⸗ tete ſcharf und nahm Alles, was die Tochter an Gold und Goldeswerth gewann, zu ſich; nur die kleinen Geſchenke ohne Werth ließ ſie ihr und ſorgte für einen reicheren Putz und beſſeren Tiſch des Mädchens. Damit war Roſaura ganz zufrieden und mit ihrer Lebensweiſe auch. Denn obwol ſie — 39— immer in Obhut gehalten wurde, ließ die Mutter es doch geſchehen, daß vornehme Leute ſie liebkoſeten, ja ihr auch ei⸗ nen Kuß von den friſchen Lippen raubten. Nur ſträuben ſollte ſie ſich dabei, hatte die Mutter ihr eingeſchärft, denn dies ſei ſo Sitte und man werde geringgeſchätzt, wenn man einer Liebkoſung entgegenkomme. Roſaura that arglos, was man ihr hieß; etwa wie ſie als Kind auf das Geheiß der Mutter ſich verneigt oder der Frau Abbatiſſin ihres Klo⸗ ſters den Saum des heiligen Gewandes geküßt hatte. Indeſſen war ihre habſüchtige Mutter keineswegs darauf bedacht, die Tugend der Tochter zu bewahren, ſondern ſie wollte die ſchöne Roſaura nur um einen möglichſt hohen Preis losſchlagen. Ein alter Duca aus Palermo ſah ſie bei einem Gaſtmahle tanzen. Er faßte eine ſolche Leiden⸗ ſchaft zu dem Mädchen, daß er eine bedeutende Summe an ihren Beſitz wenden wollte. Geübt in ſolchen Händeln, ſah er bald, daß er ſich an die Mutter wenden müſſe. Dieſe war erſtaunt über ſein hohes Gebot, aber doch beſonnen und ſchlau genug, um zu ſehen, daß ſie noch mehr gewin⸗ nen könne, wenn ſie ſcheinbar Schwierigkeiten mache. Des⸗ halb zögerte ſie, wollte ſich beſinnen, Antwort ſagen. Dies war Roſaurens Rettung, denn ein junger, aber armer Mal⸗ theſer, Namens Antonio, der eine edlere Neigung für ſie gefaßt hatte, belauſchte eiferſüchtig die Schritte des Duca und ſetzte Roſaura davon in Kenntniß. Als ſie in ihrer Erzählung ſo weit gekommen war, ſtockte ſie und unaufhaltſame Thränen hinderten ſie weiter zu ſprechen. Sie ſenkte das Haupt; lange verſuchte Ludovico es umſonſt, ſie zu beruhigen. Endlich blickte ſie mit dem rührenden Ausdrucke der Bitte zu ihm auf und ſprach: „Wirſt Du mir's vergeben können, Geliebter, wenn Ju⸗ gend, Dankbarkeit, Liebe, Schauder vor Dem, dem ich preis⸗ — 40— gegeben werden ſollte, mich beſiegten? Antonio gewann mein Herz, ich flüchtete mit ihm, wir lebten eine Zeit lang verborgen, bis es uns gelang, auf ein Schiff zu kommen, das nach Smyrna ſegelte. Er gab ſich für einen Kauf⸗ mann aus, der nach dem Orient reiſe, um Waaren einzu⸗ handeln; ich galt für Das, was ich vor dem Ewigen war — für ſeine Gattin.“ Ludovico trat einen Schritt zurück. Er empfand, trotz ſeines Mitleids und Schreckens bei dieſem Geſtändniſſe, doch zugleich ein Gefühl der Freude, weil er dadurch gewiſſer⸗ maßen ſeine Freiheit von Roſaura erhielt. Die Gefallene konnte nicht fordern, daß ſeine Liebe zu einer beſtändigen Feſſel werde. Indeſſen ſprach er ernſt, aber mild zu ihr, denn eine tiefe Rührung über das Geſchick und mehr noch über die Reue des reizenden Weſens erfüllte ſeine Bruſt. „Mir folgte eine bittere Strafe nach,“ fuhr ſie fort. „Das Schiff wurde von Corſaren angefallen; die Männer vertheidigten es tapfer, Antonio führte ſie zum Kampfe an, die Räuber mußten ablaſſen von der Beute, doch mein Ge⸗ liebter erkaufte unſre Rettung mit dem Leben. Er blutete aus vier tiefen Wunden; wenige Stunden nach dem Kampfe hauchte er an meiner Bruſt ſeine Seele aus. Ich glich ei⸗ ner Verzweifelnden. Einſam, von aller Welt verlaſſen, ohne Schutz, ohne Nath, mit geringer Baarſchaft wurde ich un⸗ bekannten Geſtaden zugeführt. Wir erreichten Smyrna; ich ſtieg ans Land, ohne zu wiſſen, was ich beginnen ſollte. Bei venetianiſchen Handelsleuten, die mit ihren Frauen in der Stadt wohnten, fand ich ein vorläufiges Unterkommen. Zwei Wochen blieb ich dort, als ſich eines Morgens die Thür meines Zimmers öffnete und— meine Mutter ein⸗ trat. Sie hatte die Art meiner Flucht entdeckt, war mir gefolgt. Ich erwartete Vorwürfe von ihr, ich zitterte vor — 4àa1— ihrer Strenge, ihrer Rache. Doch, ſie zeigte ſich gütig, ver⸗ gab mir Alles und wollte mich tröſten. Ich war glücklich, wieder Jemand zu beſitzen, dem ich zutraute, daß er für mich ſorgen würde, und verſprach ihr willig Folge zu lei⸗ ſten, nur nicht für den einen Fall, wo ſie mich dem Duca übergeben wolle. Sie verſprach mir volle Freiheit und ſo vereinigte ich mich wieder mit ihr. Die Nothwendigkeit drängte mich, zu meinen alten Künſten zu greifen. Ich ge⸗ wann vieles Gold. Nach und nach lernte ich, denn der unbeſorgte Sinn des Kindes war dahin, wie man reichere Gaben durch künſtliche Zurückhaltung herauslocke. Ich wurde vergnügungsſüchtig, eitel, ich lernte alle verführeriſche Künſte des Gefallens und ſie gelangen mir, weil ich ſelbſt kalt und gleichgültig gegen Alle blieb, die mir huldigten. Bald merkte ich, daß es des Tambourins und des Tanzes nicht mehr bedürfe, daß ich durch mich ſelbſt gelten könne. Ich änderte meine Lebensweiſe, nahm die vornehmerer Frauen an. Je höher ich mich ſtellte, je reicher floſſen die Gaben. Der Tänzerin mit dem Tambourin hatte man ein Silberſtück zugeworfen; die Dame mit Seide, Gold und Perlen ge⸗ ſchmückt erhielt für ein Lächeln koſtbare Juwelen. „O, wie ſchnell lernte ich es, Jedem Hoffnungen zu machen und ſie Keinem zu erfüllen; doch zu lange durfte ich nicht an demſelben Orte verweilen. Ich verließ Smyrna und ging nach Conſtantinopel, wo der gewühlvolle Markt des Orients alle reichen Europäer und Aſiaten zuſammen⸗ führt. Hier begann ich die Lebenseinrichtung, die ich jetzt führe. Meine Mutter wollte nicht mehr dafür gelten, weil ſie, ohne die Bildung der Sitten, die ich mir im Umgange mit Vornehmen leicht angeeignet hatte, meine niedrige Ab⸗ kunft leicht verrathen haben würde. Sie galt jetzt für meine alte Wärterin; dagegen nahm ich eine jüngere Begleiterin — 42— als Zofe zu mir. Sorgfältig wachten wir darüber, meinen Stand zu verhehlen, und ſuchten ſelbſt die ſeltſamſten Ge⸗ rüchte deshalb zu verbreiten. Ich wollte frei meiner Nei⸗ gung leben, aber doch für etwas Anderes gelten als ich war. Dieſe abenteuerliche Lebensweiſe verſchaffte mir den reichlichſten Unterhalt; nach und nach drängten die wech⸗ ſelnden Erſcheinungen des Lebens auch meinen Kummer um Antonio, der mich freilich in einſamen Stunden und Näch⸗ ten oft ſchwer heimgeſucht hatte, zurück und ich wäre glück⸗ lich geweſen, hätte ich nicht die innere Unzufriedenheit, die das Sträfliche meiner Lebensweiſe erzeugte, mit mir her⸗ umgetragen. „Meine Mutter ſchien ebenfalls bisweilen innere Vor⸗ würfe zu empfinden, die ſich freilich bei ihr auf eine an⸗ dere Weiſe äußerten. Sie hatte Gewiſſensbiſſe, daß wir ſo lange in einer unchriſtlichen Stadt zubrachten, wo ſie der Buße und Beichte entbehren mußte. So drang ſie alſo darauf, daß wir nach Italien zurückkehren ſollten, aber nicht nach einem Orte, wo man mich in meinen früheren Ver⸗ hältniſſen gekannt hatte. Wir hatten eine bedeutende Summe Goldes geſpart, die uns ein ſicheres Auskommen gewährt haben würde; mit dieſer wollte meine Mutter nach Neapel mit mir gehen, doch ich ſtimmte für das reichere Venedig, wogegen ſie einen Widerwillen zu haben ſchien. Ich beharrte indeſſen auf meinem Willen und der Tag unſerer Abreiſe war feſtgeſetzt; da fand ich, als wir eines Abends von ei⸗ ner Waſſerfahrt zurückkehrten, die mehrere junge reiche Kauf⸗ leute als eine Art Abſchiedsfeſt veranſtaltet hatten, die Schränke und Läden in unſerer Wohnung erbrochen, alles Gold und den koſtbarſten Schmuck geraubt. Ich gerieth in große Beſtürzung und fragte nach meiner Mutter, allein ſie war ausgegangen, um auf dem Bazar noch einige Ein⸗ 4 3 — 43— käufe zu beſorgen. Als ſie wiederkehrte, brach ſie in ein lautes Wehklagen aus, ſo daß ich meine Faſſung wieder⸗ fand, weil ich derſelben bedurfte, um ſie zu beruhigen. Der Diebſtahl mußte im Hauſe geſchehen ſein, denn ein Frem⸗ der hätte gerade nicht das Werthvollſte aus Vielem heraus⸗ finden können. Doch blieben unſere Nachforſchungen ver⸗ gebens und wir mußten endlich abreiſen, froh, noch ſo viel Geld zuſammenzubringen, um die Reiſe zu machen. „Auf das Drängen meiner Mutter gingen wir dennoch nach Neapel, denn ich hatte es ihr verſprochen, es wenig⸗ ſtens mit einem Aufenthalte daſelbſt zu verſuchen; doch es misbehagte mir dort ſo und eine innere Stimme(hier blickte ſie Ludovico zärtlich an) trieb mich ſo mächtig nach Vene⸗ dig, daß meine Mutter endlich nachgab. Hier——“ Roſaura hatte bisher mit geſenktem Haupte und ſchwa⸗ cher Stimme erzählt und Ludovico ihr aufmerkſam zuge⸗ hört. Jetzt verſagte ihr die Stimme; ſie ſchwieg, zitterte, blickte zur Erde. Ludovico zog ſie leiſe an ſich und fragte:„Nun, Ro⸗ ſaura? Hier?“ „Hier lebte ich, wie zu Conſtantinopel; ich hätte es aufgegeben, doch der Mangel, das Drängen meiner Mutter, meine eigenen Schwächen, die Gewohnheit üppiger Fülle, der ich plötzlich zu entſagen nicht die Kraft hatte, Alles hielt mich in dem Netze feſt. Da ſah ich Dich, mein Herz empfand wieder Liebe, nein, es empfand zum erſten Male Liebe, denn Antonio hatte mich durch Dankbarkeit, durch den mich damals blendenden höheren Lebensrang, durch mei⸗ nen kindlichen Glauben, ihm müſſe ich gehören, endlich durch die Verkettung der Verhältniſſe gewonnen. Du gewannſt mich nur durch Dich ſelbſt, durch Deine männliche Würde, Deine tapferen Kriegsthaten, von denen ich hörte, durch — 44— Schönheit und edle Worte. Willſt Du mich nun verſto⸗ ßen? Ich ſagte Dir Alles! Bei der Heiligen, ſchlimmer bin ich nicht, als ich mich Dir geſchildert! Aber wenn Du mich von Dir ſtießeſt? Wenn—— O, Ludovico, laß mich's nicht denken! Das Meer iſt nicht ſo tief, ſo uner⸗ meßlich, wie der Abgrund von Qualen und Schrecken, der ſich vor meinen Füßen öffnet!“ Mit krampfhafter Angſt ſank ſie an ſeine Bruſt, hielt ihn umfangen und vergoß einen Strom heißer Thränen. Ludovico war im Innerſten gerührt, doch erfüllte ihn zugleich eine peinliche Angſt und Unruhe. Seine Liebe zu ihr war ſo ſchnell verſchwunden als flüchtig entſtanden; eine warme Freundesneigung, eine brüderliche Theilnahme zog ihn zu ihr hin. Er erkannte, welch' ein ſeltenes Weſen ſie ſei, er fühlte, wie Großes und Edles in ihr gerettet werden könne. Doch den Preis, um den es allein möglich war, dieſen Preis vermochte er nicht einzuſetzen. Ihn ſelbſt, ſein eigenes Glück des Lebens forderte ſie ihm als Opfer ab— das war zu viel. Lange blieben Beide ſtumm. Endlich ſprach er:„No⸗ ſaura, Du haſt ſchwer gefehlt, biſt tief gefallen; aber ich will Dich emporrichten helfen. Kehre zur Tugend zurück, zu dem Guten, Schönen, Edlen, weil es das Gute, Schöne, Edle iſt, aber nicht um eines andern Preiſes willen. Nur dann wirſt Du wahrhaft geläutert ſein. Erringe Dir die Liebe zum Lohne, doch bedingen darfſt Du ſie nicht!“ „O, Du ſprichſt wahr, gut und wahr,“ erwiderte ſie hingebend,„ich muß ſie verdienen. Ich will ſie verdie⸗ nen aber Du mußt mich nicht verrathen— das ertrüg' ich nicht!“ 4 3 Ludovico preßte ſie ſtumm an ſein Herz; er ſtand im heftigen Kampfe mit ſich ſelbſt. Er war zweifelhaft, ob er — 45— ihr entdecken olle, was in dieſer Nacht mit ihm geſche⸗ hen ſei. denuen nen auch ſie fordern, mußte ihr wer⸗ ung erkauft, damit zu vergiften? Sollte er die aus tief⸗ ſter Herzwunde Blutende verwunden?“ Während er zweifelnd die aufgeſtürmten Gefühle ſeines Buſens abwägte, kam Lucie plötzlich eilend herbei und rief: „Signora, Marcheſe Foscari kommt den Cypreſſengang herauf.“ „Foscari!“ rief Roſaura auffahrend.„Was will er? Ich mag ihn nicht ſehen! Ich kann, ich will nicht— nie⸗ mals mehr!“ „Signora, bedenkt doch!“ erwiderte Lucie betreten. „Er würde ſich nicht abweiſen laſſen! Bedenkt, daß Ihr auf ſeinem Landſitze wohnt!“ „Schweig, Unglückſelige!“ rief Roſaura außer ſich.„Ich will fort von hier, dieſer Boden brennt unter meinen Füßen!“ Ludovico war zurückgetreten und hatte ſtaunende und fragende Blicke auf Beide geworfen.„Ihr wohnt auf des Marcheſes Villa?“ fragte er und betonte die Worte auf⸗ fallend. 1 „O, Ihr ſollt Alles wiſſen,“ entgegnete Roſaura. „Doch nicht jetzt,“ fiel Lucie ein,„in zwei Minuten iſt der Marcheſe hier. Geht, Signor, ich bitte Euch, Ihr wißt nicht, welchen Dienſt Ihr der Signora dadurch erweiſet!“ „Bleibt, bleibt, es iſt mir Alles jetzt gleich!“ erwiderte Roſaura.„Der Marcheſe ſoll—“ „Empfangt ihn, Donna! Ich gehe,“ ſprach Ludovico in einem Tone, der ſanft wie eine Bitte und doch feſt wie ein Befehl klang; dann beugte er ſich zu Roſaura und ſprach leiſe:„Thu' es, ich bitte Dich darum. Handle nicht unbeſonnen! Der Marcheſe iſt reich und ſtolz und Vene⸗ dig nicht der Ort, wo man einen Mächtigen reizen darf. Jetzt lebe wohl, Roſaura! Mit dem Abend kehre ich zu⸗ rück, denn ich habe noch Vieles auf dem Herzen, das ich Dir vertrauen muß.“ Fünktes Capitel. Er ging. Kaum war er verſchwunden, als Foscari aus einem Bosquet trat. Er ſah finſter aus, zwang ſich aber zu einem herablaſſenden Lächeln.„Ich komme, um zu fra⸗ gen, ſchöne Roſaura, wie Ihr die erſte Nacht auf meinem Landſitze zugebracht habt? Ihr ſeht ein wenig bleich aus; viel⸗ leicht etwas überwacht und dennoch ſchon ſo frühe auf?“ Dieſe Worte betonte er in einer Weiſe, die auffallen mußte. Roſaura, die ſich auf eine Gartenbank geſetzt und ihn anfangs freundlich anzulächeln verſucht hatte, zog ihre Stirn düſter zuſammen.„Guten Morgen, Marcheſe!“ er⸗ widerte ſie kalt.„Ihr ſeid ſehr eifrig im Dienſt der Höf⸗ lichkeit; ein ſo früher Beſuch muß mir ſo ſchmeichelhaft als unvermuthet ſein.“ „Und doch war er wol nicht der erſte,“ bemerkte Fos⸗ cari;„mich dünkt, ich hörte hier ſchon ſprechen!“ Roſaura ſchwieg. 1 „Nicht wahr, ich bin der erſte nicht, der Euch den Morgengruß bietet?“ fuhr der Marcheſe fort und man ſah, daß ein zürnendes Roth in ſeine Wangen ſtieg. „Ich bin nicht gewohnt, Rechenſchaft über die Beſuche — 47— zu geben, die ich empfange,“ ſprach Roſaura, die nicht mehr an ſich hielt.„Wenn Ihr wähnet, Eure Höflichkeit, mir dieſe Wohnung anzubieten, gäbe Euch ſolche Rechte, ſo ver⸗ laſſe ich ſie noch heute!“ Mit dieſen Worten ſtand ſie auf und ging. Doch Foscari ergriff ihre Hand und ſprach: „Ei, ſchöne Roſaura, ſo übel gelaunt? Darf ein theil⸗ nehmender Freund denn eine ſolche Frage nicht wagen? Gebt mir den Arm! Laßt uns einen Spaziergang machen. Ich wette, es gelingt mir, Euern Unmuth zu verſcheuchen, denn ich habe Euch von dem geſtrigen Feſte des Dogen Wunderdinge zu erzählen: von Tanz, Spiel, Muſik, wahr⸗ ſagenden Zigeunerinnen und tauſend andern Dingen.“ Bei dieſen letzten Worten warf er einen Blick auf Lu⸗ cien, die jedoch, ohne indeſſen die Faſſung zu verlieren, fröh⸗ lich ausrief:„O, laßt mich das auch mit anhören! Von Dergleichen höre ich gar zu gern.“ Doch Roſaura gab ihr einen Wink, ſich zu entfernen, und ging mit Foscari tiefer in den Garten hinein. Lucie, die nichts gewollt hatte, als den finſtern Ausbruch der Ei⸗ ferſucht Foscari's, der ſich durch ſeine Opfer für Roſaura ſchon zu ſolchem Gefühle berechtigt glaubte, abwenden, ſah Beiden eine Zeit lang nach und ſchüttelte misbilligend den Kopf. Dann ging ſie nach der andern Seite des Gartens gegen das Ufer der Brenta hinab, weil ſie Roſaurens Mut⸗ ter von Venedig erwartete, indem dieſe als Hüterin ihrer Wohnung in der Stadt zurückgeblieben war, aber mit dem früheſten auf das Land hinauskommen wollte. Als ſie ſich dem Fluſſe näherte, ſah ſie die weiße Feder von Ludovico's Hut noch durch die Gebüſche ſchimmern. Erfreut, ihn noch zu treffen, wollte ſie ihm nacheilen, um ihm einige nützliche Winke in Betreff Foscari's zu geben, als ſie plötzlich mit Erſtaunen entdeckte, daß er nicht allein ſei, ſondern Arm in Arm mit einem jungen Mädchen ging. Es war Biondina. „Das iſt ſeltſam!“ ſprach Lucie leiſe vor ſich,„wenn das meine Donna wüßte!“ Mit leiſen Schritten ſchlich ſie ſich näher heran; ein Grabſtein mit einer Urne unter dichtem Cypreſſengeſträuch konnte ſie verbergen, ſo daß ſie ſah und hörte, ohne bemerkt zu werden. Ludovico hatte Biondina traulich umſchlungen und fragte das Mädchen mit ſanfter Stimme:„Alſo könnteſt Du mich lieben? Recht von gan⸗ zer Seele lieben?“ Biondina hob die großen blauen Au⸗ gen zu ihm empor, ein leichter Silberſchleier überwebte plötz⸗ lich ihren reinen Blick, ſie ſenkte das Haupt, drückte ihr Antlitz zärtlich und verſchämt an ſeine Bruſt und umſchlang dann mit ihren weißen Armen ſeinen Nacken. Ludovico preßte ſie ſtumm ans Herz. Lucie traute ihren Augen kaum, bebte vor innerem Zorn, da ſie in der Seele der ſo verra⸗ thenen Roſaura empfand.„Wahrlich,“ murmelte ſie mit verhaltenem Unwillen,„höher konnte er die Verachtung nicht treiben, als daß er ſeine Buhlerin gleich in der Stunde der erſten Begegniß mit hieher brachte!“ Ganz erfüllt von der Unwürdigkeit dieſer Handlung ging ſie mit ſich ſelbſt zu Rathe, ob ſie auf der Stelle hervortreten und Ludo⸗ vico's Verrath enthüllen, oder noch ferner lauſchen ſolle. Sie wählte das Letztere. Indeſſen waren die Lie⸗ benden einige Schritte weiter gegangen und ſie konnte, was ſie eben flüſterten, nicht verſtehen. Doch als ſie ihnen leiſe hinter den Büſchen folgte, hörte ſie Biondina ſagen:„Ach, Du wirſt mich gewiß verlaſſen um ihretwillen! Ich will es dulden und weinen, denn ſie iſt ja ſo ſchön, wie Du ſagſt, und liebt Dich ſo feurig— und was bin ich Arme?“ „Du?“ fragte Ludovico und blickte ſie ſelig an.„Du? Du biſt das reine keuſche Licht des Mondes, ſie eine dun⸗ kel glühende Fackel, die mehr brennt als leuchtet! Ihr ſollte — 49— ich Dich aufopfern? Nein, nimmermehr! Sie iſt belaſtet von Schuld, hat ein Leben der Vergiftung geführt, ſie muß ſich erſt durch lange Buße läutern; Du biſt rein wie die Lilie und ſollſt es bleiben. Ernſt will ich zu ihr ſprechen; doch nicht mit Banden der Liebe ſollen mich ihre ſüßtrüge⸗ riſchen Worte umſpinnen. Auf Dich will ich deuten und ſagen:„So ſei, wenn Du des Edlen Liebe willſt!“ „Nein, nein, das nicht, Geliebter,“ erwiderte Biondina. „Schweige ganz von mir; ich will Dich lieben in der tief⸗ ſten Stille, Niemand als die heilige Jungfrau ſoll es wiſ⸗ ſen! O, gib mich ihr nicht preis. Du kennſt die italieni⸗ ſchen Frauen nicht, Du weißt nicht, wozu die Leidenſchaft ſie hinreißt! Vater Bernardo hat mir ſchreckliche Dinge davon erzählt! Weißt Du nicht, daß ſie mit Gift und Dolch—“ „Nein, Liebe, das fürchte nicht,“ entgegnete Ludovico lächelnd;„ich ſage Dir, ihr Herz iſt in meiner Hand und Macht!“ „Ach, ich fürchte ſie doch!“ rief Biondina weinend und bittend;„o, verrathe meine Liebe nicht! Du haſt mein Herz gewonnen, gib es keiner Andern preis. Kannſt Du mich nicht wieder lieben, ſo will ich ich ſtill vor Gram ſter⸗ ben; aber nur verrathe mich nicht. Wie würde die lä⸗ ſternde Zunge mich verfolgen! Und wenn ſie mich feindſe⸗ lig verſpottet! Nein, nein, Du wirſt mich gewiß nicht verrathen!“ „Du wunderliches, liebſtes Kind,“ ſprach Ludovico lächelnd,„welche thörichte Angſt erfüllt Dich! Was ſollte Dir geſchehen? Wer darf es uns verargen, daß wir uns lieben? Doch, Du willſt es; nun wol, es ſei! Unſere Liebe bleibe ein Geheimniß, bis Du ganz mein biſt, denn das ſollſt Du werden!“ Und hier drückte er ſie noch einmal feſt an ſich und ging langſam mit ihr zum Ufer hinab. Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. V. 3 — 350— Luciens Bruſt klopfte heftig. Sie liebte ihre Gebie⸗ terin; ſie war ſtolz darauf, daß ihr noch Niemand wider⸗ ſtanden; ſo empfand ſie auch die Kränkung der verſchmäh⸗ ten Liebe in tiefſter Seele mit. Vollends aber empörte ſie der Verrath, denn anders vermochte ſie es nicht zu nennen, den Ludovico an ihrer Gebieterin übte.„Abſcheulich iſt es,“ rief ſie heftig aus,„o des frevelhaften Geſchlechtes der Männer! Wir wären treulos, wir wären grauſam? Solch' ein Verrath ward noch nie geübt! Von einer verlaſſenen Geliebten hörte man ſchon, von keiner aber, der man, nur um ſie zu verhöhnen, verlockende Liebe ſchwört, bis ſie in Demuth ihr betrogenes Herz hingibt! Schon zuvor ſam⸗ melte er die Skorpionen, um ſie unter den Roſen der Liebe, die er erſt brechen wollte, zu verſtecken! O, dreifach ab⸗ ſcheulich! Aber ich will nicht ruhen, bis ich die ſchwer Be⸗ leidigte, die verachtend Gemishandelte zur glühenden Rache entflammt habe!“ Mit dieſen Gedanken eilte ſie den Garten hinauf, um die Gebieterin aufzuſuchen. Dieſe kam ihr entgegen, denn Foscari hatte ſie ſchnell verlaſſen. Noſaura hörte, was ihr Lucie erzählte, mit ſtarrem Schrecken an. Einer Bildſäule gleich, ſtand ſie vor ihr; ſie weinte weder, noch klagte ſie, ſie war wie ein tiefes Grab des Schmerzes. „Nein, Du lügſt, ich glaube Dir nicht!“ rief ſie end⸗ lich entſchloſſen.„Das hätte er mir geſagt; die Schmach, mich ſo tief vor ihm zu demüthigen, hätte er mir erſpart! Geh', Du lügſt!“ „Ich will gehen, auf ewig von Euch gehen!“ rief Lu⸗ cie,„wenn ich Euch nicht die Wahrheit ſagte. Vielleicht könnt Ihr Euch ſelbſt überzeugen. Noch kann er nicht weit entfernt ſein; folgt mir hier quer durch den Garten nach der anderen Seite, wohin der Fluß ſich herumwindet, ſo ſeht Ihr ihn wol noch auf ſeiner Gondel mit dem ſchönen Mädchen vorüberſchiffen. Roſaura lehnte ſich auf Luciens Arm und ließ ſich von ihr, ſo eilig ihre erſchöpften Kräfte und ihre pochende Bruſt es geſtatteten, nach der bezeichneten Gegend hinüber⸗ führen. Wirklich gelangten ſie in demſelben Augenblicke an das buſchige Ufer, wo Ludovico und Biondina auf der leichten, wiegenden Gondel ſich vorübertreiben ließen. Er ſaß am Steuerruder, ſie ihm zur Seite und hatte das blond⸗ umlockte Haupt an ſeine Bruſt gelegt; ſein linker Arm um— ſchlang die anmuthige Geſtalt und drückte ſie ſanft ans Herz, während er mit der Rechten dem Nachen die Rich⸗ tung gab, der leicht auf den klaren Wellen des Stromes dahinſchwamm. Die Flut ſpiegelte das reizende Bild zurück; die reinſte Seligkeit malte ſich in den Zügen der Liebenden. Sie ahn⸗ ten nicht, während der Himmel, der ſich über ſie wölbte, und die Flut, von der ſie getragen wurden, ihnen ſo mild zulächelten, daß eine düſtere Wolke der Schrecken ihnen zur Seite aufſtieg und die Sonne ihres Glücks zu verfinſtern begann, bevor ſie ihnen die ſüßen Früchte, die ſie verſprach, gereicht hatte. Roſaura blieb gefeſſelt ſtehen; zwei Mal drückte ſie die Hand auf Stirn und Auge, als traue ſie Dem nicht, was Blick und Gedanken ihr zeigten, dann aber, von der ſchreck⸗ lichen Wahrheit bis ins Innerſte getroffen, wandte ſie ſich erſchöpft zu ihrer Begleiterin um, ſank ihr lautlos an die Bruſt und gleitete ohnmächtig in ihren Armen nieder. Biondinens Nachen ſchwamm indeß, vom günſtigen Hauche des Windes getrieben, leichter über die Wellen da⸗ hin. Als er die Lagunen erreichte, nahm ſie das Nuder zur Hand, Ludovico ſpannte das kleine Segel auf und ſo ge⸗ 3* — 52— wannen ſie bald das Ufer wieder. Faſt zu gleicher Zeit mit ihnen legte der alte Bernardo, deſſen Enkelin Biondina war, die Barke an. Mit kindlicher Freude ſprang dieſe dem Greiſe entgegen und erzählte ihm den Ueberfall, den ſie in dieſer Nacht erfahren, und ihre Rettung durch Ludovico. Gerührt und zitternd ſchloß der Greis das liebliche Kind in die Arme; dann nahm er ſeinen breiten, mit Bändern geſchmückten Schifferhut ab und erhob das Auge andächtig gen Himmel.„Dank ſei der gebenedeiten Mutter Gottes, die Dir einen Retter aus ſolcher Gefahr geſandt hat!“ Hier⸗ auf ging er auf Ludovico zu und ſagte auch dieſem ſeinen herzlichen Dank, mit Blicken, in denen die Thränen der Rührung glänzten. „Aber welch' ein Bubenſtück!“ rief er aus, nachdem er ſeine Enkelin noch einmal umarmt hatte;„und ich ver⸗ muthe nur mit zu großer Wahrſcheinlichkeit, daß es von ei⸗ nem reichen, mächtigen Manne angelegt war. Denn die Leute, die mich geſtern Nacht plötzlich für zwei Zechinen ge⸗ dungen haben, ſind mir jetzt höchſt verdächtig. Sie boten mir ſo viel, weil ſie Eile hatten, und doch weiß ich, daß ſie ſich bei Meſtre faſt müßig umhergetrieben haben; und wes⸗ halb ließen ſie mich wol bis zwei Stunden nach Sonnen⸗ aufgang warten, wenn ſie doch nicht mit mir zurückfahren wollten?“ Ludovico befand ſich in einiger Verlegenheit, denn er war unſchlüſſig, ob er dem Greiſe ſogleich ſeine ſchnell ge⸗ faßte Liebe zu Biondina bekennen ſollte oder nicht. Zwar fühlke er ſein Herz ganz von ihr gefeſſelt; doch hatte er bisher noch nie daran gedacht, eine dauernde Verbindung zu knüpfen, und als Offizier auf der venetianiſchen Flotte war ihm dies auch kaum möglich. Was daher aus ſeiner Zukunft werden ſollte, lag noch dunkel und ſorgenſchwer vor — 33— ihm. Daher ſchwieg er für den Augenblick und ſprach nur zu Bernardo:„Beruhigt Euch, redlicher Vater, ich ſelbſt werde den Fall dem Dogen anzeigen, denn ich habe dieſen Morgen Geſchäfte bei ihm. Es wird gewiß die ſtrengſte Unterſuchung ſtattfinden und Ihr dürft der Beſtrafung der Frevler ſicher ſein, ſelbſt wenn ſie aus den höchſten Ständen ſind. Denn Ihr kennt Andrea Cornaro's Gerech⸗ tigkeitsliebe und wie er Milde und Strenge vereinigt. Er Ihr wißt, wie unbeſtechlich Venedigs Gerichte ſind. „Ach, mein edler Signor,“ erwiderte Bernardo,„ich will gar keine Beſtrafung verlangen. Lieber wäre mir's, wenn der Doge mir Schutz gewähren könnte. Denn ver⸗ folgen wir den Thäter, ſo reizen wir nur ſeine Rache und vielleicht wäre er gezwungen, uns ſeiner Sicherheit wegen zu opfern. Nein, edler Signor, führt keine Klage; der Arme, Schwache muß den Streit mit dem Mächtigen ver⸗ meiden, denn ſein Recht ſchützt ihn dabei nicht nur nicht, ſondern wird oft erſt ſein Verderben. Gott hört unſere Seufzer; auf ſeinen Schutz wollen wir bauen, ſeiner Ge⸗ rechtigkeit unſere Sache anheim ſtellen. Glaubt mir nur, mein edler Herr, wem der Schnee ſchon faſt zwanzig Jahre auf dem Haupte liegt, der hat Manches erfahren! Ja, ich habe Manches dulden müſſen in der Welt und vorzüglich von den Großen dieſer Erde!“. „Darum,“ fuhr Bernardo leiſe fort, indem er Ludo⸗ vico halb auf die Seite nahm,„zog ich mich ſo tief in die Verborgenheit zurück als ich vermochte. Aber doch muß man es ausgeſpäht haben, daß eine liebliche Blume in dem kleinen, dunklen Gärtchen blüht, und es trug irgend wer Verlangen darnach, ſie zu pflücken!“ Hier ſeufzte der Alte tief auf, erhob die Augen gen Himmel, faltete die Hände * — 354— und ſprach fromm:„Gebenedeite Jungfrau, Du weißt, wie viel Thränen dieſes Kind gekoſtet hat! Laß mir, was ich mit ſo bitterm Schmerze erkaufte! Gott ſegne Euch noch⸗ mals, edler Herr,“ fuhr er zu Ludovico gewendet fort,„daß Ihr mir ein liebes Kind erhalten habt, wißt Ihr, aber welch' ein liebes, das kann nur ich empfinden!“ Er zog Biondina auf's neue an ſein Herz; ſie um⸗ ſchmeichelte ihn ſanft und ſtreichelte koſend ſeine Wangen. „Mein Vater, mein liebſter Vater,“ ſprach ſie mit dem Tone der innigſten Liebe,„o, weint doch nicht, wir ſind ja ſo glücklich!“ Die Stunde, wo Ludovico den Dogen ſprechen ſollte, war nahe. Er mußte aber noch nach Hauſe, um ſeine feſt⸗ liche Uniform anzulegen. Daher nahm er eiligen Abſchied und verſprach nur, ſo bald als möglich zurückzukehren. Tauſend Gefühle wogten in ſeiner jungen Bruſt. Er, der die Liebe niemals gekannt hatte, lernte dieſe allmächtige Leidenſchaft jetzt beinahe in demſelben Augenblicke in ihren beiden eutgegengeſetzten Polen kennen. Die ſtürmiſche, aus der glühenden Macht der Sinne auflodernde Flamme und das heilige, reinſtrahlende Licht, womit ſie in ihrer edelſten Geſtalt das Herz erfüllt, hatten ſich faſt zugleich in ſeiner Bruſt entzündet. Seine beſſere, für alles Große und Schöne entglühende Seele gab der reineren Flamme den Sieg; und doch ſollte er es durch einen ſchweren Kampf büßen, daß er nur einen Augenblick ſich der Brandung des reißenden Stromes überlaſſen hatte, der Die, welche ſich in ſeine Wel⸗ len werfen, in ein wirbelndes, taumelndes Entzücken reißt, bis er ſie an ſeinen ſchroffen Felſenufern zerſchmettert. Sechstes Capitel. Um den ſcheinbar längſt verloren gegangenen Fäden ge⸗ heimer Thaten nachzuſpüren, die der wunderbarſte Zufall plötzlich wieder ans Licht und in die Hand der alten, einer zauberiſchen Drudenmutter gleichenden Priscilla geführt hatte, ließ ſich dieſelbe manchen ihren erlahmten und verkrummten Füßen ſehr ſauern Weg durch die dunklen Gaſſen Vene⸗ digs nicht verdrießen. Sie hatte früher mancherlei Gewerbe getrieben, durch die ſie mit allen Schlupfwinkeln des Ver⸗ brechens jeder Art bekannt geworden war. Dort konnte ſie jetzt am leichteſten alte Freunde und Bekannte entdecken, die ihr auf die Spur halfen. Aber freilich, es war ein mühſames Werk, denn zwanzig Jahre(ſo lange war ſie nun aus Venedig entfernt) räumen auf! An Stellen, wo ſonſt geheime Slupfwinkel von Dieben, Bettlern, Zigeu⸗ nern und andern Völkchen geweſen, fand ſie jetzt ſtattliche Häuſer; andere Spelunken waren zwar noch im Gange, allein Niemand kannte die Alte und ſie mußte auch vor⸗ ſichtig ſein, durfte ſich nicht zu leicht ſelbſt preisgeben. „Ja, ja,“ ſeufzte ſie,„der Galgen, den dieſe Schelme alle verdient haben, iſt ein ungeduldiger Gläubiger, er will be⸗ zahlt ſein! Er wird ihnen nicht zu lange Friſt gelaſſen haben. Wer weiß, wie es mir gegangen wäre, wenn mich die Wellen nicht nach Afrika verſchlagen hätten! Nun, die — — 56„ Sklavenpeitſche, die ich' genoſſen, hat wol Manches abge⸗ zahlt und ich habe noch zu Gute— ich will's nie fordern, was ich herausbekomme!“ Unter ſolchen Gedanken, die ſie halb in murmelnde Worte kleidete, kroch ſie eine dunkle Gaſſe hinunter, an de⸗ ren Ende die Haupthöhle ſich befand, die vor zwanzig Jah⸗ ren gute Freunde ihrer Art zu beherbergen pflegte. Noch ehe ſie dieſelbe erreicht hatte, kam ein Mohr aus der Thür des unterirdiſchen Gewölbes herauf, dem zwei Kerle folgten, die nicht das beſte Ausſehen hatten. Der eine war alt, hatte ſchon graues Haar, aber noch rüſtige Glieder; der an⸗ dere hatte kaum die Mannesjahre erreicht. Vorſichtig trat die Alte hinter einen Brunnen, um die Herankommenden von weitem zu beobachten, bevor ſie ſelbſt geſehen wurde. Denn in der Gegend dieſer Spelunke mußte man immer auf der Hut ſein, wenn man die Stichworte, die gerade üb⸗ lich waren, nicht kannte. „Wahrhaftig!“ rief die Alte erſtaunt aus, als ſich die Leute näherten,„hier finde ich ja endlich Bekannte. Denn wenn der ſchwarze Teufel nicht der hübſche Mohrenbube Battiſta iſt, der mir ſchon vor zwanzig Jahren in Fosca⸗ ri's Hauſe bisweilen zur Hand ging, ſo will ich in dieſem Leben keinen Schlaftrunk mehr miſchen! Und der Graukopf iſt bei der heiligen Jungfrau kein Anderer als Pietro, die Eiſenfauſt genannt! Daß dieſe Schelmengeſichter nicht um⸗ ſonſt die Naſen ſo dicht zuſammenſtecken, darauf will ich wetten.“ Sie lauſchte mit angehaltenem Athem, um das Geſpräch der Herankommenden zu behorchen. Dies gelang ihr zum Theil, denn ſie ſprachen, da ſie ſich in der nur den Geheim⸗ verbündeten verſtändlichen Sprache unterhielten, ganz laut. „Funfzig Zechinen?“ ſprach der Graukopf zum Moh⸗ Rren.„Dein Herr iſt wahrhaftig ein Geizhals geworden! Aber die Zeit iſt ſchlecht, man muß Alles mitnehmen. Lu⸗ dovico heißt er alſo?“ „Soll ich Dir's ſo oft wiederholen, wie die Glocken von St. Marcus läuten?“ antwortete der Mohr; ſtell' Dich nicht an, wie ein Rekrut von drei Tagen!“ „Rekrut! Rekrut! Sucht mir einen Veteranen wie ich! Foscari kann ſich auf mich verlaſſen, das ſagt ihm nur!“ „Und Du Dich auf ihn!“ „Ja, ja, er zahlt! Und mir muß er auch zahlen! Ich weiß ſo viel alte Geſchichten! Es iſt aber wol ein Teu⸗ felskerl von Haudegen, mit dem wir's zu thun haben?“ „Feiger Lump!“ erwiderte der Mohr,„Du willſt wol ziktern, wenn Du ihm den Dolch zwiſchen die Rippen klemmſt? Sonſt wüßte ich doch nicht, was es für einen unterſchied machte, ob ein gutgeführter Stoß einem löwen⸗ artigen Herkules oder einem bleichſüchtigen Mädchen die Herzkammern aufmacht.“ „Nun, Du haſt doch ſelbſt Deinen Dolch an ihn ver⸗ loren!“ warf Pietro halb hohnſprechend hin. „Tropf, weil wir auf nichts gefaßt waren und wir an⸗ gegriffen wurden!“ Mehr verſtand Priscilla nicht, aber es war genug. „Alſo Foscari,“ rief ſie aus,„war richtig der Lecker, dem es nach dem jungen blondlockigen Mädchen gelüſtete? Und jetzt ſollte—— Geduld, Signor Marcheſe, ich will das nicht und ich habe auch ein Wort mit zu ſprechen!“ Unter dieſen Gedanken kroch ſie in die Höhle hinab. Hier war ſie endlich am rechten Platze! Gleich auf den er⸗ ſten Blick erkannte ſie den Wirth, denn er hatte noch ge⸗ rade eine ſo glühende Kupfernaſe wie ſonſt und ſchielte unter dem weißen Haare ſo gut wie vor Jahren unter dem rothen. — 58— Es kam ordentlich eine Art Rührung über Priscilla beim Anblicke des alten Gewölbes und der wohlbekannten Seſſel, Bänke und Tiſche.„Kennt Ihr mich noch, Giu⸗ ſeppe?“ fragte ſie den Wirth,„oder habt Ihr die Mutter Priscilla vergeſſen?“ „Bei allen Heiligen! Kommt Ihr aus der Hölle, oder woher ſonſt?“ rief Giuſeppe;„ſeid Ihr's ſelbſt, oder ſpukt Ihr am lichten Tage?“ „Mit Fleiſch und Bein, ſo viel an dem alten Gerippe noch herumhängt,“ ſprach Priscilla mit grinſender Freund⸗ lichkeit.„Ich war zwanzig Jahre verreiſt! Nach Afrika, in Algier! Aber kommt Zeit, kommt Rath! Endlich bin ich doch heimgekehrt und ſehe mich nun nach alten Bekann⸗ ten um!“ „Werdet nicht mehr viel finden!“ antwortete Giuſeppe. „Der Teufel holt Einen nach dem Andern. Aber ſagt mir doch— „Was Ihr zu fragen habt, darauf antworte ich Euch ſchon bei gelegener Zeit. Jetzt ſagt mir raſch, kommt Pie⸗ tro, die Eiſenfauſt genannt, heut' noch wieder hieher?“ „In einer Stunde; er beſorgt nur Etwas mit einem guten Freunde in der Nähe.“ „So ſagt ihm, er ſolle ſich hüten, die fünfundzwanzig Zechinen von Foscari zu verdienen! Er wirft tauſend da⸗ bei in die See. Er ſoll die Henne nicht ſchlachten, die gol⸗ dene Eier legen kann! Verſteht Ihr? Ich hätte es Euch ſo aufgetragen; ich weiß, dann wird er gehorchen. Um Mit⸗ ternacht bin ich wieder hier!“ 4 „Gut,“ ſprach Giuſeppe.„Allein—“ „Ihr habt nichts zu fragen; doch, mir gebt weiter Auskunft. Wo ſteckt die ſchwarze Filippa, die Spinne hexe?“ — 59— „Bei St. Marco. Hättet Ihr mich vor einer Stunde gefragt, ich hätte kein Wort gewußt, denn ſie war ſeit vie⸗ len Jahren verſchollen; aber ich will nie aus dem Fege⸗ feuer entlaſſen werden, wenn ich ihr nicht vor einer Stunde am Rialto begegnet bin. Ich ſage Euch, ſtattlich, in Sammt und Seide! Ich ſah ſie an, ſie mich, ſie wollte mich nicht kennen, that vornehm! Aber der Schreck hatte ſie verra⸗ then und als ich ihr nachſchaute, erkannte ich ſie auch an dem linken Plumpfuß, weshalb wir ſie immer Jungfer Sa⸗ tan hießen.“ „Und habt Ihr keine nähere Spur?“ „Nein!“ „Aber welche Richtung nahm ſie?“ „Hinter dem großen Kanal herum, nach dem Palaſte Berberigo zu!“ „Gut! Um Mitternacht bin ich wieder hier.“ So eilig ihr Alter es zuließ, keuchte Priscilla die Treppe wieder hinauf und nahm ihren Weg nach dem Palaſte Berberigo.. Auf dem Wege dahin begegnete ihr Ludovico im Ge⸗ dränge, das vom Rialto herabflutete.„Ein Wort, Sig⸗ nor,“ raunte ſie ihm zu und zog ihn auf die Seite.„Ihr kommt wie gerufen! Nehmt Euch in Acht! Es gibt Leute, die eiferſüchtig auf Euch ſind, und die Eiferſucht ſchleift man⸗ chen Dolch in Venedig. Hütet Euch vor Foscari!“ Ludovico war auf's äußerſte beſtürzt, denn er mußte glauben, die Alte denke bei dieſer Warnung an Roſauren und das Verhältniß derſelben zu Foscari. Ganz unbegreif⸗ lich war es ihm daher, auf welche Weiſe ſie ſo ſchnell da⸗ von unterrichtet ſein konnte, da er ſelbſt ja kaum etwas da⸗ von ahnte.„Was weißt Du von Foscari und ſeinen Ge⸗ ſinnungen gegen mich?“ fragte er. Doch Priseilla ſchüt⸗ — 60— telte mit dem Kopfe und erwiderte:„Laßt mich jetzt, da⸗ von ein anderes Mal. Wo wohnt Ihr, Signor?“ „Beim kleinen Kanale am Arſenale!“ „So ſuche ich Euch dort auf, denn jetzt habe ich Eile.“ Noch bevor ſie geendet hatte, miſchte ſie ſich unter die Volksmenge, die ſich eben zwiſchen ihr und Ludovico durch⸗ drängte, und verſchwand bald ſeinen Blicken. Voller Gedan⸗ ken ſetzte er ſeinen Weg zum Dogen fort, zu dem er beſchie⸗ den war. Seine Uniform eröffnete ihm den Eingang in den Palaſt und er ſtieg ſogleich die breite ſteinerne Treppe hinan, nach dem Audienzſaale. Hier fand er eine große Verſammlung; viele Mitglieder des großen Rathes, Sena⸗ toren, Procuratoren von St. Marco, Avogadoren, die ſechs Räthe der Signoria; endlich viele Nobili, die Gehör ver⸗ langten. Gegen eine Stunde wartete er; da trat der Doge ein, in feſtlichem Schmucke, wie er den Geſetzen gemäß die Geſchäftsaudienzen geben muß. Andrea Cornaro war ein Mann von etwa ſechzig Jahren, unverheirathet wie die mei⸗ ſten Dogen Venedigs, freundlich, aber von männlicher Fe⸗ ſtigkeit, ſtreng gerecht, aber zugleich milde. Die Nobili haß⸗ ten ihn, weil er, ſo weit ſeine beſchränkte Macht es geſtat⸗ tete, ihren Zügelloſigkeiten Einhalt that. Man wollte von ihm wiſſen, daß er ſelbſt ſchon anklagende Zettel in den offenen Nachen des berüchtigten Löwen geworfen habe, um übermü⸗ thige Edle, die er nicht aus eigener Machtvollkommenheit ſtrafen konnte, vor das furchtbare, in ſchauerliches Dunkel gehüllte Gericht des Rathes der Zehn, oder gar vor die drei Staatsinquiſitoren zu führen. Dagegen war er der Beſchützer der Bürger in den niedrigſten Volksklaſſen und dieſe hingen ihm auch mit innigſter Liebe an. Oft hatten ihn daher ſeine Freunde auch ſchon gewarnt, den Haß der Patrizier nicht zu ſehr zu reizen, weil es leicht geſchehen — 61— könnte, daß man ihn anklagte, auf die Gunſt der Menge geſtützt, die Verfaſſung zu beeinträchtigen und ſeine perſön⸗ liche Macht als Doge über die Geſetze, die ſich freilich eng genug einſchränkten, auszudehnen. Die Geſchichte der Re⸗ publik bot manches Beiſpiel einer ſolchen Anklage und dar⸗ auf erfolgten Verurtheilung dar. Auf dieſe Geſinnung des Beherrſchers von Venedig gründete Ludovico, dem der Doge ſich überhaupt ſtets ſehr wohlwollend gezeigt hatte, die Hoffnung, ſeine Gunſt auch zu Biondinens Schutz zu gewinnen. Abſcchtlich hielt er ſich daher im Hintergrunde, bis die übrigen Anweſenden abge⸗ fertigt waren und die Geſchäfte nicht mehr ſo drängten. Als ob Cornaro es ahne, winkte er ihm im Vorübergehen und ſprach:„Nachher, junger Freund!“ Endlich waren alle vornehmen Nobili und Geſchäftsmän⸗ ner abgetreten und Ludovico allein noch in dem Saale übrig. 1 „Unſere Staatsgeſchäfte ſind kurz,“ begann der Doge, „die Antwort auf die Depeſchen, welche Ihr mitgebracht habt, iſt bereits ertheilt und die Galeere Aquila damit nach Cypern abgegangen. Ihr ſelbſt werdet noch einige Zeit hier verweilen, um die Ausrüſtung der Fahrzeuge, die im Arſe⸗ nale ſchon halb aufgetakelt liegen, zu betreiben.“ Nach dieſen feierlich geſprochenen Worten begann er freundlich und vertraulich:„Der Staat iſt Euch in vergan⸗ gener Nacht abermals Dank ſchuldig geworden; Ihr habt mit ritterlichem Muthe ein Bubenſtück verhindert.“ Ludo⸗ vico erſtaunte.„Ihr ſeht, daß ich bereits unterrichtet bin,“ fuhr der Doge fort; das Oberhaupt der Republik muß ſein ſpähendes Auge überall haben. Dennoch iſt mir noch Vie⸗ les dunkel in der Sache und ich erſuche Euch daher, mir Erklärungen zu geben. 8 — 62— Ludovico erzählte dem Herzoge. Sein Herz verführte ihn, bei der Schilderung von Biondinens Unſchuld und Schönheit ausführlicher zu werden, als es für einen dienſt⸗ lichen Bericht geeignet war. Der Doge lächelte, Ludovico merkte ſein Selbſtvergeſſen, erröthete und ſtockte. Doch An⸗ drea Cornaro war der Mann nicht, der dem Jüngling nicht das Eigenthümliche der Jugend vergeben hätte; im Gegen⸗ theil, er freute ſich deſſen und ermunterte Ludovico mit wohl⸗ wollenden Worten, in ſeiner Erzählung fortzufahren. Als derſelbe jedoch von ſeiner Ueberfahrt nach der Villa Foscari ſprach, gerieth er in neue Verlegenheit, weil er den wahren Grund dazu nicht entdecken wollte und noch nicht geübt genug in raſchen Erfindungen war. Zu ſeinem Glücke merkte der Doge nicht ſonderlich dar⸗ auf, ſondern erneuerte nur ſeine Fragen wegen Biondinens. Es fiel ihm auf, daß ſie blondes Haar habe.„Eine Sel⸗ tenheit bei uns in Italien,“ ſprach er,„aber eine große Schönheit; ich begreife, mein junger Held, daß dieſes holde Kind einen lebhaften Eindruck auf Euch gemacht hat. Aber nehmt Euch in Acht; der Soldat, der auf dem unbeſtändi⸗ gen ſchwankenden Nachen des Glücks und Zufalls umher⸗ treibt, darf nur die Göttin des Ruhms ſcharf ins Auge faſſen.“ Obwol Cornaro dieſen Worten einen ſcherzhaften Ton zu geben ſuchte, klangen ſie doch ernſthaft gemeint und Ludovico bemerkte in den Zügen des Sprechenden einen plötzlichen Anflug von Wehmuth, der tief aus dem Innern zu kommen ſchien. Auffallend war auch die Theilnahme, mit welcher der Doge ſich weiter nach Biondinen und dem alten Gondolier erkundigte. Je umſtändlicher Ludovico Beide ſchilderte, je ausführlicher er namentlich über Biondinens heiligen Reiz der Unſchuld und Sanftmuth wurde, deſto dunkler fielen die Schatten des Ernſtes und der Wehmuth ** — 63— auf die Züge des Hörenden. Und als Ludovico am Schluſſe ſeiner Erzählung der frommen Ergebung des greiſen Va⸗ ters und ſeiner Beſorgniſſe Erwähnung that, unterbrach er ihn mit den Worten:„Der Alte hat Recht! Es iſt ge⸗ fährlich, in Venedig Feinde zu haben! Aber ich will ihn und ſeine Tochter oder Enkelin in meinen beſondern Schutz nehmen und wir wollen doch ſehen, ob der Beſchützer der Republik Macht genug hat, zwei Hülfloſe gegen die Rache oder Begier eines Buben zu ſichern. Sagt das den beiden Bedrohten. Ich werde in der Stille der That weiter nach⸗ forſchen laſſen; habe ich erſt die Spuren, ſo finde ich auch den Thäter. Und wäre es der Reichſte, der Vornehmſte in Venedig, ſo ſoll er vor ein Tribunal geſtellt werden, vor dem noch kein Sterblicher ohne Zittern geſtanden hat! In dieſen nächſten Tagen halten mich zu dringende Staatsge⸗ ſchäfte abz allein in künftiger Woche, dies ſagt dem alten Bernardo, will ich ihn und ſein Kind ſelbſt ſehen. Ich kannte vor Jahren ſelbſt ein Mädchen, dem ſie nach Eurer Schil⸗ derung an ſchuldloſer Sanftmuth eben ſo gleich zu ſein ſcheint, wie an Anmuth der Geſtalt. Richtet das alſo aus, junger Freund!“ Bei dieſen Worten gab er Ludovico den Wink der Entlaſſung; dieſer zog ſich ehrfurchtsvoll nach der Thür des Saales zurück. Schon war er an der Schwelle, als Cornaro ihm nachrief:„Noch ein Wort!“ Ludovico trat wieder näher; der Doge blickte ihn lange an, dann ſprach er:„Junger Freund, ich hatte über meinem Eifer vergeſſen, Euch für die Thal zu loben; aber tragt Sorge, daß das Lob Euch ganz und voll gebühre. Ihr verſteht mich? Ich will ſagen, ſchont des Herzens und der Ehre eines unſchuldig vertrauenden Mädchens! Glaubt dem Worte des Vielerfahrenen, Vielgeprüften, der an der Schwelle des Greiſenalters, wenn nicht des Grabes ſteht. Dem flüchti⸗ gen Rauſche des Gewiſſens folgt ein herbes Erwachen und der Schuld ein ſchwer laſtendes Bewußtſein! Laßt nicht den Retter des Mädchens ihrem Glücke gefährlicher werden als den Räuber!“ Er ſprach dieſe Worte mit ſanftem, tiefeindringendem Ernſte; dann wandte er ſich raſch um und verließ den Saal. 5 Ludovico ſtand betroffen; er verlor ſich in ein tiefes Sinnen. Wol empfand er es, daß er auf gefährlichen Pfa⸗ den wandle. Dort Roſaura, hier Biondina! War er nicht bei Beiden ſchon zu weit gegangen? Und vermochte er es noch, die Schuld, vor der ihn das väterliche Wort des Do⸗ gen warnte, ganz fern von ſeinem Haupte und Herzen zu halten?. Siebentes Capitel. Die Sonne berührte faſt ſchon den Saum des Meeres und fing an, den mildernden Purpurſchleier über ihr blen⸗ dendes Angeſicht zu legen. Venedigs Thürme und Paläſte ſtiegen wie goldene Schlöſſer aus der dunklen kryſtallenen Flut; ein roſig blinkendes Netz aus flockigem Schaume warf ſich über die leicht gekräuſelte Fläche des Meeres; der ſanft abſpannende Hauch des Abend zog durch die Blätter und Blüten und trug ihre Düfte auf ſeinen Flügeln heran. Roſaura ſaß auf der Terraſſe ihres Landhauſes; Lucie war bemüht, ihre phantaſtiſch reizende Kleidung durch die letzten kleinen Nachhülfen zu vollenden. Hier ringelte ſie eine der ſchwermüthig herabfallenden Locken wieder auf, dort ſteckte —-— — ſie eine Roſe halb vergeßlich, nachläſſig in den Gürtel; hier enthüllte, dort entſchleierte ſie die lockenden Reize ihrer Ge⸗ bieterin. Dieſe ſaß matt, erſchöpft und duldete Alles ſtumm, als würde ſie zum Opfertode geſchmückt; ſie gab ſich nur einer langen alten Gewohnheit hin, bei der ſie kaum noch etwas dachte; und vollends jetzt, wo tief verſchloſſene Ge⸗ danken verſchmähter, erbitterter Liebe ihre Bruſt erfüllten! Deshalb blieb ihre Wange bleich und zeigte kein anderes Roth als das, womit der Abendglanz ſie anſtrahlte; aber es war kein lebendiges Erglühen der Freude oder Liebe, ſondern nur ein kalter Widerſchein, wie von einem Mar⸗ morantlitze. Das ſonſt ſo geheimnißvoll dunkel/ aus inner⸗ ſter Tiefe leuchtende Auge glimmte nur matt wie ein De⸗ mant unter einem Schleier und blitzte kaum hell auf, wenn es ſich der immer glühender verſinkenden Sonne entgegen⸗ wandte. Nur von Zeit zu Zeit ſchlug eine dunkle Flamme darin auf, wie der Flügelſchlag eines Blitzes am fernen Gewitterhimmel. „Meinſt Du, daß er kommen wird?“ fragte ſie nach langer ſtummer Pauſe und blickte Lucien ungewiß an. „So ſicher, wie die Sonne dort bald hinter die blauen Meereswellen verſinkt; ſeinen höchſten Triumph hat er ja noch nicht gefeiert!“ Sie ſprach dieſe Worte halb mit dem Tone des Scherzes, halb mit Erbitterung; aber es war ihr Ernſt damit, denn ſie liebte Roſauren und konnte die ver⸗ meinte Erniedrigung ihrer Gebieterin und den Verrath, der an ihr geübt wurde, faſt noch ſchwerer ertragen als dieſe ſelbſt. Dabei kam auch ihre Eitelkeit ins Spiel, da ſie es geweſen, welche Roſauren verleitet hatte, Ludovico an ſich zu ziehen, indem ſie ihr den Sieg als unfehlbar darſtellte. Freilich war Roſaura nicht den ſichern beſonnenen Weg ge⸗ gangen, den Lucie ihr angedeutet hatte, allein Ludovico's —— — 66— Verrath erſchien ſo angelegt, daß ſelbſt Roſaurens leiden⸗ ſchaftliches Selbſtvergeſſen keine Aenderung bewirkt haben konnte. Auf Luciens bitter klingende Antwort erwiderte ſie nichts. Sie ſtand unruhig auf und ging, würdig emporgerichtet, aber heftig, ſtumm auf und nieder. Die Flamme wilder Liebesglut ſchlägt, wird ſie getäuſcht, eben ſo leicht zur ver⸗ heerenden der Rache auf, als reiner Liebesſtrahl ſich in ſo bitterm Falle ſelbſtüberwindend in den Heiligenſchein wahr⸗ haften, tiefſten Vergebens verwandelt. Jene ſtraft die Schuld, vermeinte oder wirkliche, durch rächendes Vertilgen; dieſer verſöhnt ſie durch reuiges Erheben und Verklären. Durch Noſaurens Bruſt zogen düſtere Rachegeiſter und mit jedem Schlage ihres Herzens fiel ein finſtrer, nächtli⸗ cher Schatten in ihre Seele. Sie fühlte es in entſetzlicher Pein, wie die letzten guten, ſeligen Geiſter verjagt wurden aus dem innerſten Heiligthume, wo ſie tief verborgen, aber getreu gewohnt hatten, und ſchwarze Dämonen der Hölle ihre gifthauchende Lagerſtätte aufſchlugen.„Ach!“ rief ſie aus,„mußte es denn dahin kommen! Aber er hat mich vor ſich erniedrigt geſehen, ſo will ich mich Heßt d vor ihm aufrichten, daß er zittern ſoll!“ „Er kommt!“ rief Roſaura plötzlich und Ludovico trat aus dem Laubgange hervor. In demſelben Augenblicke be⸗ rührte das Haupt der Sonne die kühle Gruft des Meeres und warf einen langen blutigen Feuerſtrom über die Wo⸗ gen; der Abendwind rauſchte ſtärker auf, hob die Fluten und das glänzende Geſtirn war verſenkt und der graue Schleier unheimlicher Dämmerung legte ſich plötzlich über Meer und Land. Noſaurens Entſchluß war gefaßt; ſie wollte ihr Inner⸗ ſtes verbergen, die ringelnde Schlange ihres Haſſes tief un⸗ — 62— ter lächelnder Roſenfülle der Liebe begraben. Doch waren die gefeſſelten Stürme ſtärker als das Gefäß, das ſie ver⸗ ſchließen ſollte; denn ſie zitterte heftig, als ſie dem Kom⸗ menden entgegentrat und er einen ſanften Freundeskuß auf die willig dargebotenen Lippen drückte. Ludovico nahm es für das heilige Beben der Liebe und empfand tiefes Mit⸗ leid mit Der, die er zu täuſchen ſich gezwungen ſah; faſt be⸗ reute er das Verſprechen des Schweigens, welches er Bion⸗ dinen gegeben, doch ein unbeherrſchter Blick aus Noſaurens Flammenauge ſchreckte ſein Vertrauen wieder zurück und er⸗ füllte ihn ſelbſt mit dunkel geahnter Beſorgniß, daß dieſe Liebe leicht im italieniſchen Buſen zur geſchwungenen Fackel der Rache auflodern könne. Er nahm ſich daher vor, dop⸗ pelt ſanft und liebreich gegen Roſaura zu ſein, um ihr, da er ihr die Liebe ſelbſt nicht geben konnte, die ſchönſte Frucht derſelben zu reichen, die Läuterung und Weihe ihres Her⸗ zens zu einem reineren Wandel, als ſie ihn bisher geführt. Doch wo einmal die Dämonen des Irrthums und der Lei⸗ denſchaft ihre verwirrenden Netze und Schlingen auswerfen, da ſchießt ſelbſt die Saat der Liebe zu giftigem Unkraut des Haſſes empor. Roſaura nahm ſein mildes Anſchließen für die feinſte trügeriſche Kunſt, das Herz, deſſen Schwäche ſie ihm gezeigt hatte, zu umſpinnen und ſo den letzten ſchmach⸗ vollſten Triumph über ſie zu gewinnen, um ſie, je tiefer er⸗ niedrigt, deſto härter zu verlaſſen. Daher wurde jedes Wort ſeiner Liebe, wie rein es ſeinem Herzen entquoll, zum Gift⸗ tropfen in dem ihrigen. Einſam wandelten ſie in den dunklen Laubgängen auf und nieder. Ludovico ſchlang den Arm um Roſaura, die es willig geſchehen ließ und ihr wildſchlagendes Herz an das ſeine legte. Er war befangen, faſt beängſtigt; denn er ſuchte ein Mittel, ihre Leidenſchaft, deren Tiefe und Gewalt er er⸗ kannte und ſie an ſeiner eigenen maß, ſanft zu mildern, ohne ihr die bittere Kränkung des Verſchmähens zu berei⸗ ten. Auch wenn er der vertrauenden Biondina das Ver⸗ ſprechen zu ſchweigen nicht gegeben hätte, würde er ſeine Liebe jetzt, nach reiflicherem Erwägen, Roſauren nicht be⸗ kannt haben, weil er fhlte, daß er ſie zu ſchmerzlich da⸗ mit verwunden müſſe. Darum that er kein allgemeines Ge⸗ ſtändniß, ſondern verſuchte einen andern Weg zu gehen. „Roſaura,“ ſprach er ſanft,„Du liebſt mich zu irdiſch, mit zu ſtürmiſchem Sinne. Du biſt zu dem reinen Pfade der Tugend zurückgekehrt, Dein edles Bekenntniß, Deine Selbſtanklage ſind die Schritte, die Du zurückgethan zu dem verlorenen Paradieſe der Unſchuld. Allein der Wille muß noch zur ſtärkeren That wachſen; prüfe Dich zuerſt an mir und liebe mich ſchweſterlich, liebe mich mit der wärm⸗ ſten Freundſchaft des Herzens, doch verbanne die heftige, die glühende Geſtalt der Leidenſchaft. Sie darf dem Hei⸗ ligthume reiner Liebe nicht nahen!“ „O der Heuchler, der Unwürdige!“ dachte Roſaura; „iſt denn Deine Liebe zu einem blonden Schiffermädchen ein ſolches Heiligthum?“ Doch ſie erſtickte den gewaltſa⸗ men Ausbruch des Zornes in ihrer Bruſt.„So ſprachſt Du geſtern in der Nacht im Garten des Dogen nicht,“ erwiderte ſie mühſam gefaßt.„Iſt heute ſchon Deine Ge⸗ ſinnung eine andere?“— „Geſtern trieb ich ſelbſt auf dem unruhigen Strome der Leidenſchaft und wurde hinweggeriſſen ohne Kraft des Willens. Das Geſtern klage ich auch ſchwer an; glaube mir heute, Geliebte!“ Sie blickte ſtumm zur Erde und trat einen Schritt zu⸗ — 69— rück.„Ja wohl,“ dachte ſie,„heute weiß ich, was ich glau⸗ ben darf! O, ich Unglückſelige!“ „Willſt Du mich wie eine Schweſter lieben, Roſaura?“ fragte Ludovico weich,„ſo will ich Dein Bruder ſein!“ In dieſen Worten lag eine tiefe, innerſte Rührung, die ſelbſt Roſauren auf wunderbare Weiſe ergriff. Es kämpfte in ihr; ſie wollte mit der Anklage gegen ihn ausbrechen, ihm den vermeinten Verrath vorwerfen. Und jetzo hätten ſie ſich verſtanden und unabſehbares Unheil wäre abgewen⸗ det worden! Doch da trat das Geſchick finſter dazwiſchen; es wälzte einen Fels zwiſchen die beiden Ströme, die ſchon bereit waren, ihre Wellen zu miſchen. So wandten ſich ihre Bahnen wieder abwärts, um ſich unerreichbar weit von ein⸗ ander zu verlieren. Foscari war es, der unvermuthet und, wie es ſchien, ſelbſt überraſcht, ihnen aus einem Seitenwege entgegentrat. Zwar dunkelte es ſchon, doch war es noch hell genug, um, von ſo nahe, Geſichtszüge zu erkennen. Ludovico ſah daher, daß der Blitz des Erſtaunens, der ſich, als Foscari ihn er⸗ blickte, auf ſeinem Antlitze zeigte, plötzlich von einer finſtern Wolke des Zornes verſchlungen wurde. Eben ſo ſchnell aber verbannte die raſche Willenskraft auch dieſe und es kehrte der Schein der völligſten Ruhe und Gleichgültigkeit zurück. „Hm,“ dachte Ludovico, dem die Warnung der Alten einfiel,„ſollte ſie doch Recht haben? Dieſes Verbergen ſei⸗ ner Geſinnung zwingt mich, auf meiner Hut zu ſein.“ Roſaura hatte mit unglaublicher Gewandtheit den Ton ihres leichten, heitern Uebermuths wiedergewonnen.„Mar⸗ cheſe Foscari, Signor Ludovico Terno,“ ſprach ſie, Beide einander vorſtellend,„zwei tapfere Ritter, denen ich's zur Pflicht mache, in ihren Bewerbungen um meine Gunſt auf's äußerſte eiferſüchtig zu ſein.“ — 330— Ludovico, unwillig, ja unheimlich berührt, von dieſer Fertigkeit im Verſchleiern des Innerſten, vermochte nur, ſich kalt zu verbeugen; Foscari erwiderte den Gruß höflich, un⸗ gezwungen, doch in einer Weiſe, die beleidigen mußte, in⸗ dem er ſich gleich darauf ebenfalls ſchweigend zu Roſaura wandte und im Verfolge des Geſprächs gar nicht mehr zu wiſſen ſchien, daß Ludovico zugegen war. Dieſer fühlte bald das Drückende ſeiner Lage, zudem trieb es ihn, Biondinen noch zu ſehen, deshalb ſuchte er Gelegenheit, ſeinen Beſuch abzubrechen. Roſaura bemerkte ſeine Unruhe und verlor darüber faſt ihre Faſſung, denn der ſpähende Blick der Ei⸗ ferſucht entdeckte die Urſache derſelben; doch mit römiſcher Kraft bezwang ſie ſich ſelbſt und verrieth den Schmerz nicht, mit dem dieſer giftige Stachel ſich in ihre Bruſt drückte. Ludovico ging; doch indem er Roſaurens Hand küßte, drückte er ſie warm und fragte leiſe:„Darf ich wiederkeh⸗ ren, holde Noſaura?“ „Morgen um dieſe Stunde,“ erwiderte ſie eben ſo und er ging. „Ein tapferer Degen, dieſer junge Kriegsmann,“ ſprach Foscari mit kaltem Spotte; nur Schade, daß er den Tür⸗ ken wenig Beute abgenommen hat. Er iſt, wie ich höre, in Verlegenheit, wie er ſein Wamms bezahlen ſoll. Ein gu⸗ ter Freund von Euch, ſchöne Roſaura?“ Sie antwortete nicht; der lange innere Kampf hatte ihre Kräfte erſchöpft, ſie lehnte ſich an einen Baumſtamm, ihre Züge waren bleich, man hätte ſie für leblos halten müſ⸗ ſen, wenn nicht ein heftiges Zittern die furchtbare Be⸗ wegung ihres Innern verrathen hätte. Foscari trat ihr näher. 5 „Verzeihung, meine ſchöne Freundin,“ bat er mit ſanf⸗ —— 5— 21— ter Stimme,„hätte mein Scherz Euch gekränkt?“ Sie ſchüͤttelte ſtumm das Haupt. Einſchmeichelnd ergriff er ihre Hand und drückte ſie gegen die Lippen.„ Zürnt Roſaura oder leidet ſie?“ fragte er und ſuchte ſie an ſich zu ziehen. „Ihr Zorn findet in Foscari einen Rächer, ihr Kummer einen Tröſter. Wie? Eine Thräne, welche die ſchönen Wan⸗ gen netzt? Roſaura weint?“ Ihre Kraft war dahin; ſie ſank ermattet vom Schmerz und innern Kampf faſt in die Knie und willenlos gab ſie ſich Foscari hin, der ſie zu einer nahen, dicht von Gezweig und blühenden Nanken verhängten Grotte leitete, wo er ſie auf einen Nuheſitz niederließ. Der Mond ſtieg eben hinter den dunklen Kronen der Bäume herauf und warf ſeine Strahlen zwiſchen das Laubgitter hindurch, gerade in die Grotte hinein, welche ſich mit einem dämmernden Silberdufte zu erfüllen ſchien. Roſaura lag, das Haupt in die Hand geſtützt, auf dem Ruheſitze; ihr Haar fiel halb gelöſt über den Nacken und einen Theil der Wangen herab und die dunklen Locken hoben die Marmorbläſſe des Antlitzes und der Bruſt. Ihre ſo mächtig feſſelnde Schönheit erhielt durch Beleuchtung und Umgebung eine zauberiſche Verklärung; Foscari, der die Leidenſchaft für ſie ſtets nur mit Gewalt und um ſeines Sieges ſicherer zu ſein, gebändigt hatte, fühlte ſie jetzt mit verdoppelter Kraft in der Bruſt ſtürmen. „Schöne, büßende Magdalena,“ flüſterte er der Liegen⸗ den zu,„wahrlich, fielen blonde Locken über Eure Schul⸗ ter, ich wüßte nun, woher Correggio ſein Bild genommen.“ „Blonde Locken!“ ſeufzte ſie tief auf,„ja fielen blonde Locken über meine Schulter, dann freilich wäre ich unend⸗ lich ſchöner und glücklicher!“ Sie dachte dabei an Bion⸗ dina, deren Bild ſich ihrer Seele unvergeßlich eingeprägt hatte. „Ihr ſagt das, ſchöne Roſaura, nicht ich; Euch fehlt nicht das blonde Haar zu Magdalenens Schönheit, ſondern Ihr habt dieſe reichen, dunkeln Locken, dieſes brennende Auge vor ihr voraus.“ Er näherte ſich ihr, ließ ſich auf ein Knie nieder, nahm ihre herabhängende Nechte, die ſie ihm bewußtlos ließ, und blickte ihr in das aufgeſtützte Ant⸗ litz. Mit offenen Augen ſtarrte ſie ihn an, doch ohne ihn zu ſehen. Sie fühlte ſich wie krampfhaft beklemmt; ihr Bu⸗ ſen flog unter heftigen, raſchen Athemzügen; unwillkürlich fuhr ſie mit der Hand nach dem Gewande, um es zu lüf⸗ ten. In ihrer Heftigkeit zerriß ſie es bewußtlos; ſie ath⸗ mete immer tiefer, beklemmter. Foscari heftete glühende Blicke auf die reizenden Wellenhebungen ihrer Bruſt, denen der Knie⸗ ende mit ſeinem Antlitze ſo nahe war, daß er den Schlag des Herzens zu hören glaubte. Der Augenblick ſchien ihm gekommen, wo er lang verfolgte Zwecke erreichen könne. Plötzlich umſchlang er Roſauren, drückte ſein Antlitz gegen ihre ſtürmende Bruſt und bedeckte ſie mit Küſſen; ſie rang ſich los und ſtieß ihn zurück; ſeine männliche Kraft überwand den ſchwachen Widerſtand leicht, er zog ſie mächtig an ſich und preßte brennende Küſſe auf ihre bebenden Lippen. Da warf ſie ſich plötzlich groß empor, entrang ſich mit einer raſchen Bewegung ſeinem Arme, ſtand in zürnender Hoheit vor ihm und rief:„Was wollt Ihr! Was wagt Ihr! Zurück!“ Foscari ließ ſich nicht verſcheuchen.„Will denn Ro⸗ ſaura ewig grauſam bleiben? Will ſie mir ewig den ſüßen Lohn treuer Bewerbung verſagen?“ „Mir? Weshalb betont Ihr das? Euch verſagen?“ rief ſie heftig,„und wem hätte ich frevelnde Wünſche ge⸗ währt? Antwortet, Verleumder!“ „Ruhig, Roſaura, Faſſung!“ erwiderte er ernſt, halb „ —— — 73— unwillig;„wer klagt Euch an? Und doch könnte ich an⸗ klagen! Roſaura, theure Roſaura, Du biſt mir kein Ge⸗ heimniß mehr! Verſchleire Dich vor dem ganzen thörichten Venedig, aber nicht vor mir. Gold öffnet alle Thore, auch die des Herzens. Gold öffnet den Mund der Mutter über das Geheimniß der Tochter! Ich kenne Roſaura's Schick⸗ ſal von ihrer Flucht aus Italien bis zu ihrer Wiederkehr und jetzt iſt es in meiner Hand!“ „In Eurer? Wagt das zu wiederholen!“ ſprach ſie ſtolz. „Ich wage es,“ erwiderte er erbittert;„Du ſtehſt in meiner Hand! Es ſtrömen viele Gaben thörichter Bewer⸗ ber in Euern Schoos, Donna Noſaura, aber leichtſinnige Verſchwendung erſchöpft das Meer! Ihr vergeſſet wol, daß mehr Schiffe als das Eure den Weg von Conſtantinopel nach Venedig finden? Eins davon hat einen Kaufmann hergeführt, der uneingelöſte Wechſel mitbringt; ich habe ſie gekauft, ſie ſind verfallen!“ „Elender, Du täuſcheſt Dich!“ erwiderte ſie erglühend, „dreifach beſitze ich den Werth in Juwelen.“ 3 „Ihr beſaßet ſie vielleicht, ſchöne Donna,“ ſprach Fos⸗ cari lächelnd,„bevor Eure Mutter ſie verpfändete, die ech⸗ ten Steine mit falſchen vertauſchen ließ, jene verkaufte und dann den verfälſchten Schmuck für ein Geringes einlöſte, wie ich ſelbſt vor kurzem mit einem Diadem von Euch gethan!“ 7 Roſaura wurde zum Marmorbilde; ſie bebte, aber nicht aus Furcht, ſondern aus Unwillen. Denn was ſie ſo oft geahnt hatte, war eingetroffen, ſie ſah ſich durch ihre eigene Mutter getäuſcht, um das Ihrige betrogen! Foscari hatte die Habſucht der Alten ſchlau zu ſeinen Zwecken zu benutzen gewußt, jetzt war er dem Erreichen ſeiner Abſicht nahe. Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. V. — à— „Nun, ſchöne Roſaura,“ begann er nach einigen Au⸗ genblicken gegenſeitigen Schweigens, ſeid Ihr noch unerbitt⸗ lich? Doch Foscari iſt nicht ungroßmüthig! Nicht von Eu⸗ rer Noth will er Vortheil ziehen, Eure Gunſt will er er⸗ werben dadurch, daß er Euch davor bewahrt, ſie einem Un⸗ würdigen zu ſchenken. Nie hätte ich Euch Liebesbeweiſe ab⸗ getrotzt, doch ich mußte fürchten, daß jener thörichte Jüng⸗ ling Euch beſtrickte. Was Ihr ihm ſchenken durftet, das durfte auch Foscari begehren!“ „Es iſt zu viel!“ rief Roſaura, die Hände ringend, aus, und jetzt brach ein Strom von Thränen aus ihren Augen. Kühn umſchlang Foscari die holde Geſtalt und küßte ihr die Thränen von den Wangen. „Einen Diamanten für jede dieſer Silberperlen!“ rief er liebeswild und trunken und ſaugte die warmen Tropfen ein.„Roſaura! Nicht erkauft, nicht ertrotzt, durch die Macht der Liebe gewonnen, ſei mein!“ Sie lag machtlos hingegeben in ſeinem Armez; er wähnte, ſie ſei beſiegt. Doch plötzlich erwachten ihre Kräfte.„Laßt mich!“ rief ſie und war in einem Augenblicke frei von ſei⸗ ner Umarmung.„Hinweg von mir! Ihr habt Euch dennoch verrechnet, Marcheſe! Keine Macht der Erde ge⸗ winnt mir ab, was ich nur freiwillig ſelbſt verſchenken will. Doch es gibt einen Preis, für den Ihr mich erwerben könnt!“. „Nenne ihn, keiner in der Welt wäre mir zu hoch!“ „Behaltet Euer Gold!“ ſprach ſie mit verachtender Ho⸗ heit.„Wie jener Römer ſage ich Euch: Es lockt mich ſo wenig, wie Euer Drohen mich ſchreckt! Ich fordere etwas Anderes von Euch! Man hat mir,“ fuhr ſie bebend fort und ſenkte das ſtolz gehobene Antlitz gegen den Boden, „eine glühende Schmach angethan. Ihr ſollt ſie mir rä⸗ — 75 chen helfen. Stillt Ihr die Glut meiner Rache, ſo—— ſtille ich die Eurer Liebe, Eures ſchaudernden Verlangens!“ „Wer iſt der Frevler?“ rief Foscari glühend,„wer wagte es, Euch eine Schmach zu bereiten?“ „Eben jener Ludovico, der Eure Eiferſucht entflammt! Ich will Euch meine Erniedrigung bekennen, aber zuvor ſchwöret Ihr mir, meiner Rache zu dienen!“ „Ich ſchwöre es,“ erwiderte Foscari feſt,„bei meinem ritterlichen Schwerte, bei dem Adel meines Namens, wenn auch Roſaura ſchwört, ihr Verſprechen zu erfüllen!“ „Ich ſagte es, das iſt genug!“ entgegnete ſie ſtolz.„So hört denn!“ Doch ſie verſtummtez; ein heftiger Kampf ar⸗ beitete in ihrer Bruſt, endlich ſprach ſie haſtig abgebrochen unter Thränen und Zittern, mit fliegender Röthe auf den Wangen.„Dieſen Ludovico liebte ich, ich geſtand es ihm, er ſchwur mir Gegenliebe, er brach ſeinen Eid in derſelben Minute, wo er ihn leiſtete, nein, er ſchwor mir gleich einen Meineid, ſchmachvoll verrieth er mich, vollendete ſeine That durch Hohn— Ihr wißt genug— er darf nicht le— ben!“ „Nur das?“ fragte Foscari und ſeine Lippe lächelte, doch ſein Auge warf einen lächelnden Tigerblick;„ſo erringe ich den ſchönſten Preis noch heute, denn,“ fuhr er geheim⸗ nißvoll murmelnd fort,„dieſer Ludovico, ſo hoffe ich, erreicht ſeine Schwelle nicht lebend!“ „Ha!“ that Roſaura einen unwillkürlichen Schrei, „Eure Eiferſucht hat ſchon einen Mörderdolch gedungen?“ „Die Hand, der er empfohlen iſt, hat noch nie ge⸗ fehlt!“ erwiderte Foscari mit einem Lächeln, vor dem No⸗ ſaura's Herz zu Eis erſtarrte.„Darum, reizende Roſaura, zahlt den Preis ſogleich! Wenn Ihr morgen nach Son⸗ nenaufgang ſagen könnt, er ſei nicht verdient, ſo gebe ich 4* — — 276— Euch zur Sühnung und Buße, was ich beſitze, und Ihr ſeid die reichſte Bewohnerin der Republick Venedig!“ „Und damit, meint Ihr, hättet Ihr mich erkauft?“ ſprach ſie verächtlich. Ihr irrt Euch! Was Ihr thätet, iſt Eure Rache, Roſaura fordert eine andere. Weiß er denn, daß er durch mich, durch den Haß der ſchwer Beleidigten fällt, wenn ihn ein feiger Dolch im Finſtern rifft à Dazu bedurfte ich Eurer nicht! So viel Zechinen beſitze ich noch, um einen Banditendolch oder zehn Tropfen Gift in ſeinen Wein zu kaufen! Foscari, hört meinen Schwur! Fällt Ludovico in dieſer Nacht, fällt er anders, wie ich es be⸗ ſtimme, ſo habe ich nichts verſprochen und Ihr wagt es nie wieder, vor mir zu erſcheinen! Geht, hindert den Mord! Morgen früh ſollt Ihr erfahren, wie Roſaura ſich zu rä⸗ chen denkt.“ Sie verließ die Grotte. Foscari blickte ihr mit verbiſ⸗ ſenem Ingrimme nach.„Verdammt!“ rief er und ſtampfte mit dem Fuße. Venedig zittert, wenn ich mich auf meinem Sitze im Senate erhebe, und dieſes Weib verhöhnt mich, ich mag drohen, bitten oder handeln!“ Mit Erbitterung ſtieß er ſein Schwert, an welches er die Hand gelegt, gegen die Scheide, daß es klirrte, und verließ mit raſchen Schritten die Grotte und den Garten. Als Foscari am nächſten Morgen zu Roſaura kam, fand er ſie zwar bleich und ihr Antlitz trug die Spuren ſchweren Grames; doch ſprach ſich zugleich eine ſolche Fe⸗ ſtigkeit und unbedingte Entſchloſſenheit in ihren Zügen aus, daß ſelbſt er, der eine ähnliche Kraft des Charakters beſaß, darüber erſtaunte. Sie winkte ihm, ſich zu ſetzen.„Lebt Ludovico?“ war ihre erſte kalte Frage. Foscari bejahte. „Nun wol denn,“ fuhr ſie fort;„ich ziehe mein Ver⸗ ſprechen nicht zurück. Doch hört nun meine Bedingung. * 2 mir erſt— — 2— Ich weiß, Foscari, Ihr gehört zum furchtbaren Rath der Zehn! Lächelt nur und ſchüttelt mit dem Haupte; mögt Ihr Euer Geheimniß auch nicht über die Lippen laſſen, ich weiß es dennoch! Ich weiß noch mehr, Ihr ſeid Staats⸗ inquiſitor—“ Hier ſprang Foscari auf.„Unglückſelige, was wagt Ihr!“ rief er aus. Wenn ein Ohr in Venedig dies Wort vernimmt, ſo verſchlingen Euch die ſchauerlichen Kerker un⸗ ter dem Meere, oder die Marterkammern unter den glühen⸗ den Bleidächern! Wißt Ihr, daß mein höchſter Eid es er⸗ forderte, Euch ſofort vor das Gericht der fürchterlichen Drei zu ziehen, wenn ich einer der Drei wäre?“ Roſaura hörte ihn mit der Kälte einer Bildſäule an. „Ihr ſeid Staatsinquiſitor und als ſolcher ſollt Thr mir dienen. Hier leſet dieſes Blatt.“ Foscari nahm und las mit rollenden Augen und beben⸗ den Lippen. „Ludovico Terno iſt des Hochverraths ſchuldig! Er ſtrebt dem Dogen nach dem Leben und iſt gegen die Republik verſchworen, Ich klage ihn an.“ „Wollt Ihr dieſes Blatt unterſiegeln und unterzeich⸗ nen?“ fragte Roſaura kalt.„Ich ſelbſt werfe es in den Nachen des ſteinernen Löwen. Ihr behauptet die Anklage; iſt das angeklagte Urtheil vollzogen— dann gehöre ich Euch!“ Mit dieſen Worten ſtand ſie auf und wollte gehen. Foscari Hielt ſ ſie beſtürzt zurück.„Wohin, Roſaura, erklärt „Ihr wollt oder Ihr wollt nicht, Marcheſe Foscari; weiter habe ich kein Wort von Euch zu hören.“ „Ich will!“ erwiderte Foscari unwillig und drückte den Fuß, dumpf auftretend, gegen den Boden;„ich will, doch —,³ — 78— wie ſoll ich die raſende Anklage unterſtützen? Er wird frei⸗ geſprochen werden und mein Haupt fällt.“ „Schreibt und drückt Euern Siegelring dazu; dann ſollt Ihr Alles von mir hören,“ entgegnete Roſaura wie zuvor. Foscari that, was ſie forderte, doch hielt er das Blatt in ſeiner Hand. „Und nun?“ „Nun will ich dafür ſorgen, daß es Eurer Anklage nicht an Beweiſen fehle, die dem Gerichte der Zehn und vollends den drei Höllenrichtern Venedigs genügen!“ Sie maß Fos⸗ cari bei dieſen Worten mit einem furchtbaren Blicke und verließ das Gemach. Einige Augenblicke ſpäter ſandte ſie Lucien zu ihm und ließ ihn zu ſich rufen. Faſt eine Stunde blieb ſie mit ihm eingeſchloſſen. Als Beide aus dem Ge⸗ mache traten, war ſie unruhig; eine fliegende Röthe zeigte ſich auf ihren Wangen, in den Augen loderte ein dunkles, ſchauerliches Feuer. Foscari hatte tiefe Falten in der Stirn, er ſchien entſchloſſen, doch verſtört.„Wir ſpielen ein Spiel um hohen Preis, Donna Roſaura,“ ſprach er, indem er an ihrer Seite die Terraſſe hinabging. „Ich denke, ich habe den höchſten geſetzt,“ erwiderte ſie ſtolz;„noch iſt es Zeit, nehmt Euern Einſatz zurück und ich behalte meinen Gewinn.“ „Wie Ihr gleich auflodert, ſchöne feurige Freundin,“ fiel Foscari ein und ſuchte zu lächeln;„bin ich denn ſo ver⸗ zagt? Lebt wohl! Ihr ſollt von mir hören.“ Er reichte ihr die Hand zum Abſchiede und wagte es, was er zuvor nicht gedurft, ihr die Lippen zu küſſen. Sie duldete es re⸗ gungslos; er ging raſch hinweg. Sie blickte ihm nach; kalte Thräͤnen rollten über ihre Wangez ſie bemerkte es nicht. Da näherte ſich ihr Lucie mit ſanftem Blick und Wort. . 4 1 3 —— „Roſaura fiel ihr um den Hals, brach in Thränen aus und rief:„O, ich bin grenzenlos elend! Aber ich bin entſchloſ⸗ ſen, ich will den Giftbecher meiner Qualen leeren bis auf die Hefen und dann— dann wird es— genug ſein,“ ſetzte ſie mit erſterbender Stimme hinzu und ſchwankte, auf Lucien geſtützt, hinein. Achtes Capitel. Ludovico, den ganzen Tag über von einer innern Un⸗ ruhe getrieben, konnte den Anbruch der Nacht kaum er⸗ warten. Er empfand keine Liebe für Roſaura und doch trieb ihn eine unerklärliche Stimme des Herzens zu ihr hin. Es war ihm, als ſei ein höherer, offenbarender Ruf an ihn ergangen, der ihn auffordere, ſie zu retten und in den Schoos der Edlen und Reinen zurückzuführen. Den Nach⸗ mittag war er zum alten Gondolier gegangen und hatte ihm erzählt, was er mit dem Dogen geſprochen. Bernardo ſchüttelte misbilligend das greiſe Haupt und ſprach:„Edler Herr! Ich fürchte, es ziehen dunkle Unwetter gegen uns herauf! Denn was vermag die Macht des Dogen gegen die finſtern Wege der Bosheit, gegen die raubgierige Wol⸗ luſt, gegen den hinterrücks gezogenen Dolch der Rache? Ich bitte Euch, ſagt meiner Biondina nichts davon, ſondern laßt Ihr die Ruhe der Unſchuld ſo lange als möglich!“ Ludovico trat ins Haus. Heiliges Beben der Wonne durchzuckte ihn, als er die Pforte öffnete und in das kleine, von Weinlaub beſchattete Gemach blickte, wo Biondina's weibliches Schaffen und Thun aus tauſend Gegenſtäͤnden — 80— ſprach. Hier ein begonnenes Seidennetz für ihr goldenes Haar; dort Blumen, die ſie pflegte; ihr breiter Strohhut mit Blumen, fliegenden Bändern; ein Paar zierliche, gold⸗ geſtickte Schuhe, die ſie an Feiertagen in der Meſſe trug; ein Crucifix, über dem ein halb erloſchenes Bild der heiligen Jungfrau hing; ein Korb mit Früchten. Nur ſie ſelbſt fehlte. Da hörte er die reinen Glockentöne ihrer Stimme aus dem Gärtchen, wo ſie eben Pfirſiche brach. Sein Herz ſchlug; eine Thräne trat ihm ins Auge; er blickte durch das Weinlaubgitter heimlich nach ihr hinüber. Sie ſchwebte am Spalier auf und nieder; ihr klares Linnengewand flatterte im leichten Winde; das Haar hing lockig loſe um den Na⸗ cken; der weiße Arm war bis zur Schulter bloß, wenn ſie ihn bis zu einer höher hängenden Frucht erhob. Das Körb⸗ chen mit den Weinblättern und Pfirſichen am Arme, glich ſie einer jugendlichen Frühlingsgöttin, der der Sommer ſeine Gaben geſchenkt hat, weil ſie ſie anmuthiger vertheilt. Leiſe öffnete er die Pforte des Gartens und ſchlich näher.„Bi⸗ ondina!“ ſprach er, als er hinter ihr ſtand, und berührte ihre Hand. Sie erſchreckte leicht, wie ein ſcheues Reh, das Roth ihrer Wange erblaßte einen Augenblick, kehrte aber dann, durch den holdeſten Freudenſtrahl verklärt, wieder zu⸗ rück, als ſie den Geliebten erkannte.„Ach, Du biſt es, mein Ludovico,“ rief ſie aus und legte die freie rechte Hand um ſeinen Nacken und er drückte ſie zärtlich ans Herz. Sie gingen Arm in Arm nach der Laube an das Ende des Gartens. Dort ſetzte ſich Biondina traulich an des Freun⸗ des Seite und ergoß ihr frohes Herz in kindliches Geſpräch. „Wie flohen jetzt die Stunden, bis die Sonne ſich mit dem purpurnen Nebel des Abendduftes verſchleierte und ſo, ver⸗ hüllt wie eine erröthende Braut, ſich den offenen Armen des Meeres entgegenneigte. — 81— Die hereinſinkende Dämmerung, die einzeln blinkenden Sterne mahnten Ludovico an die Erfüllung ſeines Worts. Um Biondinens Herz auch nicht durch einen leiſen Wolken⸗ ſchatten der Beſorgniß zu erſchrecken, hatte er gegen ſie von Allem geſchwiegen, was ihm den Tag über begegnet war, zumal aber von der Warnung der Alten vor Foscari. Er wollte gehen, doch er zögerte immer wieder; endlich, da es ſchon dunkelte, nahm er Abſchied und entfernte ſich raſch, damit Biondina nicht erfahre, wohin er ſich wende. Er fand bald eine Gondel, die ihn zu Roſaurens Land⸗ ſitze führte. Mit wehmüthigem Ernſte betrat er das Ufer; er hatte ein dunkles Vorgefühl, daß dieſe Zuſammenkunft mit Roſaura eine heftige Erſchütterung für ſie und ihn her⸗ beiführen werde. Sinnend legte er ſich an den Stamm einer hohen ſchat⸗ tigen Ulme und überdachte, was er ihr ſagen könne. Einige Minuten ſtand er in dem tiefſten Schattendunkel, da weckte ihn das Geräuſch eines Fußtritts. Er blickte auf und ſah die vermummte Geſtalt einer Alten neben ſich vor⸗ beiſchleichen. Der Mond warf eben ſeinen Strahl zwiſchen Gewölk hindurch, ſo daß das Ufer hell beleuchtet wurde. Bei ſeinem Lichte erkannte er die alte Priscilla. Am Fluſſe ſtand ſie ſtill und rief mit heiſerer Stimme:„He, Pietro! Giuſeppe!“ Ludovico wurde aufmerkſam. Er hörte den Ruderſchlag von einem herannahenden Nachen. Indeſſen zählte die Alte Geld aus einer Hand in die andere und, wie man an dem hellen Glanze deſſelben im Mondſtrahle vermuthen konnte, waren es Goldſtücke. Ludovico's Neugier wurde lebhafter angeregt; er wollte die Alte anreden, doch die Gondel hatte ſich ſchon ſo ge⸗ nähert, daß die darin befindlichen Männer mit ihr ſprachen. Dieſer Umſtand and die Unruhe, welche ihn zu der Unter⸗ — 82— redung, die ihm bevorſtand, hintrieb, hielten ihn davon ab. Allein es war begreiflich, daß er die räthſelhafte Warnung, welche die Alte ihm geſtern ertheilt hatte, ihr Erſcheinen auf Foscari's Landſitze, den auffallenden Umſtand des Goldzäh⸗ lens, endlich die nichts Gutes verrathenden Maännergeſtalten in Verbindung mit einander brachte und ſo Gedanken und Vermuthungen aller Art in ihm aufſtiegen, die ihn in die unruhigſte Spannung verſetzen mußten. Indeſſen ſtieg die Alte ein und das Fahrzeug ſtieß wieder vom Ufer ab. Lu⸗ dovico ging nun entſchloſſenen Schritts dem Hauſe zu. Roſaura hatte ihn ſchon längſt erwartet. Den ganzen Tag über hatte ſie ſich Faſſung zu erringen geſucht zu ih⸗ rem Unternehmen; jetzt, wo ſie ſeinen Schritt hörte, verſagte ihr doch faſt die Kraft. Es war ein Glück für ſie, daß ſie unruhig, erſchüttert, ja erſchöpft ſcheinen durfte, auch ohne ihre geheimen Urſachen dazu. Ludovico trat ein; er erſchrak, als er ſie ſah, ſo bleich, ſo zerſtört fand er ſie. Staunend ſuchte er die blühenden Reize ihrer Wangen, das Feuer ihres dunklen Auges. Sie erſchien wie von einem matten Nebelflor eingehüllt, ſo ge⸗ dämpft waren Farbe und Glanz. „Roſaura,“ ſprach er bewegt,„Du biſt krank?“ Sie ſchwieg einige Augenblicke, dann erwiderte ſie: „Ich habe eine Todeswunde im Herzen, ſoll ſie mich nicht krank machen?“ „Und könnte ich dieſe Wunde nicht heilen?“ fragte er mit gerührter Theilnahme. Roſaura ſah in dieſen Worten einen neuen Verſuch, ſie durch ihre Liebe an ihn zu feſſeln, um ſich an ihrem demü⸗ thigen Opfer zu weiden. An dieſem Gedanken ſchlug die 1 Flamme ihrer Nache, die ſchon in Thränen der Wehmuth erſticken wollte, wieder auf. Wie es zerriſſenen Gemüthern — — 83— ergeht, ſo wurde ſie ſowol durch ſeine Kälte erbittert, weil ſie ſich dadurch ſo geringgeſchätzt fühlte, als durch die Aeu⸗ ßerungen ſeiner Theilnahme, weil ſie dabei den Gedanken faßte, er wolle ihre Schwäche benutzen, um ſie ganz zu ſeiner Sklavin zu machen, das Aeußerſte über ſie zu gewinnen und ſie dann zu verlaſſen und ihrer im Arm einer wirk⸗ lich Geliebten zu ſpotten. Sie erwiderte daher auf ſeine Fragen ein finſteres:„Nein!— Ich fühle, Ludovico,“ fuhr ſie mit Anſtrengung fort,„daß dieſe Zuſammenkunft die letzte zwiſchen uns ſein muß. Zu tief habe ich mich vor Euch erniedrigt, um mich je wieder frei vor Euch erheben zu können. Ihr drücktet mir einen ſcharfen Stachel ſcho⸗ nungslos ins Herz! Möge Euch Gott verzeihen!“ „Roſaura, welche Sprache!“ fragte Ludovico erſtaunt und trat zurück. Der Vorwurf, der in dem Tone ſeiner Worte und im Ausdrucke ſeiner Züge lag, fiel erbitternd in ihr Herz.„Er verrieth mich auf's abſcheulichſte,“ dachte ſie,„und jetzt will er noch die Larve des Beleidigten, Gekränkten vornehmen, im prahleriſchen Tone hochmüthiger Tugend reden, während er ſelbſt die Verbrechen begeht und vielleicht eine Schuld⸗ loſe dazu verführt, die er mir gleißneriſch vorhält? Nein, es iſt unwiderruflich beſchloſſen, er ſoll den Verrath ſchwer büßen!“ Auf dieſe Weiſe hoffte ſie die That, die ſie in der heftigſten Aufwallung beſchloſſen, vor ſich ſelbſt und den ſtummen innern Vorwürfen ihrer Bruſt dagegen zu rechtfertigen und neuen Muth dazu zu gewinnen, der ihr jetzt im Augenblicke der Ausführung faſt verſagte.„Es iſt die Sprache, die ich führen muß, Ludovico,“ erwiderte ſie noch herber,„dieſe Stunde trennt uns für ewig!— Auf dem Feſte des Dogen,“ fuhr ſie mit bebender Stimme fort, „entnahm ich Euch durch die Hand der ſcherzenden Zigeu⸗ —* 9— 8&G— N 3 nerin Euern Siegelring. Laßt ihn mir zum Angedenken und nehmt dafür dieſen.“ Hierbei zog ſie einen Ring vom Fin⸗ ger und übergab ihn Ludovico. Dieſer nahm ihn mit ſtum⸗ mem, wehmüthigem Erſtaunen und ſteckte ihn an. Roſaura wendete ſich ab und ſank in einen Seſſel. Es war, als kämpfe ein heftiger Entſchluß in ihr; ſie zitterte am ganzen Körper. Ludovico näherte ſich theilnehmend.„Noſaura,“ ſprach er ſanft,„Roſaura! Du biſt ſehr krank, Deine Kräfte verlaſſen Dich!“ „Es iſt Zeit, daß ich ſie wieder zuſammenraffe,“ unter⸗ brach ſie ihn und ſtand mit dem Ausdrucke des Stolzes auf.„Gebt mir Euer Taſchenbuch, Ludovico,“ ſprach ſie und nahm ein zuſammengefaltetes Papier aus dem Buſen. „Ich lege Euch dieſen Brief hinein! Er iſt an Euch ge⸗ richtet, doch gebt mir Eure Hand als Mann darauf, daß Ihr ihn nicht eher leſet, als in drei Tagen. Ich werde dann nicht mehr in Venedig ſein,“ ſetzte ſie zuſammenſchaudernd hinzu. Sie legte den Brief in das Taſchenbuch und nahm ſei⸗ nen Handſchlag. Sie wollte endlich ihre Hand zurückziehen, doch er ließ ſie nicht, ſondern er ſprach ſchmerzlich:„Ro⸗ ſaura! Iſt es unwiderruflich beſchloſſen? Müſſen wir ſcheiden?“ „Wir müſſen!“ rief ſie mit gewaltſamer Anſtrengung, entriß ihm heftig ihre Hand und verſchwand in ein anderes Gemach. Lange ſtand Ludovico in düſteres Sinnen verloren und betrachtete den Ring an ſeinem Finger.„Es iſt doch ein Weſen edlerer Art, wie tief ſie auch gefallen ſei,“ ſprach er ſeufzend.„Ich habe ein großes Unrecht gegen ſie began⸗ gen! Sollte ſie mir die Möglichkeit rauben, es zu vergü⸗ ten? Nein, ich will ihr Alles entdecken. So wilder Triebe, n — 85 7. als Biondina fürchtet, iſt ſie nicht fähig; ich werde das holde Weſen überzeugen, ſie gibt mir mein Verſprechen zurück und Roſaura wird unſere Freundin werden.“ Voll von dieſem Entſchluſſe verließ er raſch Haus uend Garten, um ſich noch jetzt, obwol es ſchon ſpät war, nach Bernardo's Haus hinüberſchiffen zu laſſen. Die Gondel gleitete ſchnell über die ebenen Wellen da⸗ hin. Haſtig ſprang Ludovico ans Ufer; er ging auf die Hütte zu; ſie war ſchon verſchloſſen. Dennoch wollte er po⸗ chen, weil es ihm zu dringend war, Biondina zu benach⸗ richtigen; da fühlte er ſeinen Arm von hinten feſtgehalten und eine rauhe Stimme ſprach:„Halt!“ Er ſah ſich um und legte die Hand ans Schwert. Es war ein tief in den Mantel gehüllter Bewaffneter, dem mehre Leute folgten, die eben aus einem Boote, das gleich nach Ludovico's Gon⸗ del am Ufer angelegt haben mußte, geſtiegen zu ſein ſchie⸗ nen; denn noch jetzt ſtiegen Bewaffnete aus und kamen nach. Auf den öden Gaſſen aber hatte ſich zuvor Niemand ge⸗ zeigt. Die Barke mußte ihm alſo wahrſcheinlich ſchon auf der See gefolgt ſein. „Was iſt Euer Begehr?“ fragte Ludovico. „Ich verhafte Euch im Namen der Republik!“ entgeg⸗ nete der Vermummte.„Uebergebt mir Euer Schwert.“ „Ihr ſeid im Irrthum, Freund,“ rief Ludovico, jedoch nicht ohne zu erſchrecken.„Wen ſollt Ihr verhaften?“ „Euch!“ „Mein Name iſt Ludovico Terno, Offizier der Flotte Venedigs!“ „Ganz recht! Euer Schwert!“ „Nicht eher,“ rief Ludovico und zog es aus der Scheide, „bis Ihr mir Eure Berechtigung beweiſt!“ „Mäßigt Euch,“ ſprach der Vermummte mit eiſerner —— — 86— Ruhe und Kälte,„einen Tropfen Blut der bewaffneten Diener der Republik bezahlt Ihr mit dem Tode in den Martergewölben der Staatsinquiſition. Wir ſind die Ueber⸗ zahl, ergebet Euch, folgt!“ „Nun dann, ſo führt mich hinweg,“ entgegnete Ludo⸗ vico nach kurzem Ueberlegen, daß jeder Widerſtand hier fruchtlos ſein und allein Folgen herbeiführen würde, die der Unſchuldige nicht zu fürchten brauche. Er übergab daher ſein Schwert dem Verhüllten und ſchickte ſich an, ihm zu folgen. Doch dieſer vertrat ihm den Weg und ſprach:„Mit Erlaubniß! Es iſt gebräuchlich, daß jeder Staatsgefangene Eurer Gattung auf der Stelle gefeſſelt werde.“ Jetzt regte ſich Unwille und Schreck zugleich in Ludovico's Bruſt. Eine finſtere Ahnung überfiel ihn, daß ſeine Verhaftung das Werk der Bosheit ſein könne. Foscari war eiferſüchtig, er war vor ihm gewarnt, der allgemeine Ruf nannte ihn jeder That fähig, wie, wenn er ſich des Nebenbuhlers auf dieſe Weiſe entledigen wollte? Plötzlich traten alle Schrecken vor ſeine Seele, mit denen man ihn ſchon in ſeiner Knabenzeit durch Erzählungen von den furchtbaren Richtern Venedigs erfüllt hatte. Er ſah ſich unter den ſchwarzen verlarvten Geſtal⸗ ten des Rathes der Zehn, denen noch nie ein Spruch der Milde über die Lippen gekommen war. Er ſtand im Geiſte vor den drei Inquiſitoren, vor deren geheimer, unumſchränk⸗ ter Gewalt ſelbſt der Doge zittern mußte, deſſen innerſtes Gemach nicht ſo heilig iſt, daß ſie nicht mitten in der Nacht zu ihm hätten eindringen können. Im dunkeln Hintergrunde dieſer Bilder ſah er die mit vergifteter Glut erfüllten Bleigefängniſſe, oder die feuchten, modernden Schlangenhöh⸗ len unter dem Spiegel des Meeres, wo den Gefangenen ewig vor Schauder und Kälte das Gebein zittert. Er ſah die grinſenden Schergen, gewohnt, ſich an den entſetzlichen — —&— Qualen der Opfer zu weihen, ſah die Folterkammern, die Marterwerkzeuge, welche ein erfinderiſcher Geiſt der Hölle mit teufliſchem Scharfſinne erdacht hatte, um von tauſend Geſtalten der Pein gerade die entſetzlichſte herbeizubeſchwö⸗ ren. Er erinnerte ſich, wie in dieſen Räumen des Schreck⸗ ens zehn Opfer der Rache und blutdürſtigen Staatsklug⸗ heit gegen eines der wirklichen Schuld unter zuckenden Qua⸗ len hinſchmachteten! Unter ſolchen Bildern und Gedanken, die mit betäuben⸗ der Schnelligkeit ſein ohnehin ſchon halb in Fieber glühen⸗ des Gehirn durchjagten, ließ er ſich widerſtandslos feſſeln. Männer, denen ſich unter Kampf und Gefahren die Wange gebräunt hatte, Feldherren, vor deren Blick und Wort das Meer zitterte, erbleichten, wenn ein Diener der Staatsin⸗ quiſitoren ihnen die ſtumme Vorforderung vor dieſes Tribu⸗ nal einhaͤndigte; wie ſollte der lebensfrohe Jüngling nicht ein kaltes Grauen durch ſeine Adern ſchleichen fühlen, bei dem Worte, das ihn aus der Fülle jugendlichen Lebens, aus den Armen einer Geliebten riß, um ihn vielleicht dem Henkerbeile zu überliefern, vielleicht— und dies warf noch finſterere Höllenſchatten in ſeine Bruſt— um ihn in ewige Nacht und Vergeſſenheit eines ſchaudervollen Kerkers zu ſtürzen? 1 Erſt der Schmerz der klemmenden Feſſel, welche ſeine Hände auf den Rücken gezwängt hatte, weckte ihn aus der Betäubung. Die rauhe Stimme des Vermummten gebot: „Vorwärts!“ und er ſchwankte durch die engen dunklen Gaſſen Vrnedigs dahin. Man erreichte bald einen kleinen Kanal, wo eine Gon⸗ del der Republik ſtand. Hier warfen die Führer Ludovi⸗ co's ihm eine ſchwarze Hülle über das Haupt, ſo daß er in dichte Finſterniß begraben war; hierauf leiteten ſie ihn in — 88— die Gondel und das Fahrzeug führte ihn, ohne daß er wußte wohin, den geheimnißvoll verſchleierten Schrecken ſei⸗ ner Zukunft entgegen. Neuntes Capitel. Die alte Priscilla hatte ſich, als ſie im Gedränge am Rialto auf Ludovico geſtoßen war, deshalb ſo ſchnell von ihm entfernt, weil ſie plötzlich in der Entfernung Diejenige zu entdecken glaubte, die ſie aufſuchen wollte, nämlich die ſchwarze Filippa. Sie ſah ſie nämlich an der Seite eines Geiſtlichen gehen, mit dem ſie eben aus einer Kapelle ge⸗ kommen war. Priscilla war zu vorſichtig, um ſich der al⸗ ten Genoſſin, die durch günſtige Schickſale eine ganz an⸗ dere Lebensſtellung erlangt zu haben ſchien, ſogleich zu ent⸗ decken. Sie begnügte ſich daher damit, ihr zu folgen, um zu erfahren, wo ſie bleibe. Indem ſie ihr ſo von Gaſſe zu Gaſſe nachfolgte, ſtieß ſie, als ſie eben um die Ecke nach San Marco einbiegen wollte, auf Pietro, die Eiſenfauſt. „Platz, Hexe,“ rief der rohe Kerl, indem er ſie auf die Seite ſtieß,„oder ich trete Dich in den republikaniſchen Boden!“ Doch die Alte nahm entſchloſſen ihren Krückſtock, den ſie, um die alternden Füße zu unterſtützen, bei ſich trug, ſchlug ihn damit auf die plumpen Finger und rief:„Platz? Vor Dir, Du Schuft? Ich will Dich lehren mir höflich begegnen! Haſt Du mein Geſicht vergeſſen?“ Pietro kehrte ſich auf den Schlag wild um und hätte V— 89— die kühne Alte zuverläſſig zu Boden geſchleudert, daß ſie ſchwerlich ohne Hülfe wieder aufgeſtanden wäre; doch als 6 ſie mit aufgehobenem Stocke drohend vor ihm ſtand und er ihr in das alte, gelbe Geſicht ſah, blieb er wie verſteinert ſtehen und rief:„Alle Heiligen, ſteht mir bei! Ich glaube, der Teufel ſchickt uns Geſpenſter aus der Hölle herauf! Mutter Priscilla, lebſt Du, oder bin ich behext?“ „Aha,“ erwiderte ſie,„ich wußte wohl, daß Dir der alte Reſpect wiederkehren würde, wenn Du mich erkannt hätteſt. Freilich bin ich Mutter Priscilla—“ Hier unterbrach Pietro ſie mit einem ſo kräftigen An⸗ packen ihrer beiden Schultern, indem er ſie dabei ſchüttelte und küßte, daß ihr der Athem faſt verging.„Alſo Du lebſt noch, Mutter! Aber beim heiligen Vater, ich glaube, — Du biſt die ewige Jüdin! Wo zum Teufel haſt Du ge⸗ ſteckt?“ „Davon hernach,“ erwiderte ſie,„jetzt richte mir ein⸗ mal flink einen Auftrag aus, wie ſonſt. Auf der Stelle lauf dort der alten Duenna neben dem Abbate nach und forſche mir aus, aber ſo, daß ſie es nicht merkt, wer ſie iſt, wo ſie wohnt, was ſie treibt, kurz Alles, was man wiſſen 4 muß. Ich werde Dich hier auf den Stufen der Kapelle erwarten. Aber ſei geſchwinder wie der Blitz und ſchlau wie der Fuchs, der in den Hühnerſtall will!“ Pietro war auf ſeinen raſchen Füßen der Bezeichneten bald nach; Priseilla ſetzte ſich indeſſen auf die breiten Stein⸗ ſtufen an dem Eingange einer Kapelle nieder. Nach zehn Minuten kehrte der Abgeſandte wieder und berichtete:„Die Alte dort iſt Duenna in dem Hauſe eines jungen ſchönen 4 Mädchens, das allen Leuten in Venedig den Kopf verrückt; doch Niemand weiß, wie und was ſie eigentlich iſt und creibt. Sie heißt Roſaura und wohnte bisher am großen * yv⸗- Kanale, ſeit zwei Tagen aber auf einer Villa, die dem Mar⸗ cheſe Foscari gehört.“ Priscilla hatte Flammen in den Augen.„Pietro!“ rief ſie,„hier hat der Teufel ſein Spiel, oder ich will nicht Priscilla heißen. Auf der Villa Foscari wohnt ſie?“ „Wie ich Dir ſagte!“ 3 „Unglaublich,“ murmelte Priscilla zwiſchen den Zähnen, „unglaublich, wenn er ſie kennt, und noch unglaublicher, wenn er ſie nicht kennt. Dahinter muß ich zu kommen ſu⸗ chen! Pietro, glaubſt Du, daß der alte Pater Benedetto von den Franziskanern aus der Beichte ſchwatzt?“ „Der?“ fuhr Pietro erſtaunt und misbilligend zurück. „Ich wollte lieber alle zwölf Apoſtel meineidig nennen, als den Heiligen!“ Dabei nahm er ehrfurchtsvoll die rothe Kappe ab und ſchlug ein Kreuz.„Mutter Priscilla, wo denkſt Du hin! Dem ſchenkt die ganze Republik Venedig und ſo viel Gold dazu, als ſie auf allen ihren Schiffen wegfahren kann— und er verräth nicht die Beichte eines Kindes. Gott verdamme mich! Aber vor dem behalte ich Ehrfurcht, ſo lange ich lebe, und ehe ich ihm ein Haar krümmte oder ein Sonnenſtäubchen Arges von ihm dächte, wollte ich lieber, daß in der ganzen Chriſtenheit Niemand auf zwei Beinen herumliefe, dem ich nicht Sonntags in der Meſſe den Beutel aus der Taſche geſtohlen hätte!“ „Das ſag' ich auch, Pietro!“ ſprach die Alte nachſin⸗ nend.„Aber ich muß wiſſen, woran ich bin. Komm mit nach Hauſe, der Giuſeppe ſoll uns helfen und unterwegs will ich Dir Geſchichten erzählen, daß Dir Hören und Se⸗ hen vergehen ſoll!“ Sie gingen. Im Gehen erzählte die Alte ihre Aben⸗ teuer ſeit den zwanzig Jahren, wo ſie Venedig verlaſſen hatte. Sie fing von hinten an, nämlich von dem Elende, b — 91— das ſie in der Türkenſklaverei ausgeſtanden, bis es ihr ge⸗ lungen war, auf ein ſpaniſches Schiff zu kommen, mit dem ſie in Genua landete. Von dort hatte ſie ſich bis Venedig durchgebettelt. „Aber zum Teufel, Mutter,“ fragte Pietro,„wie kamt Ihr denn nach Afrika hinüber?“ „Das war's eben, worauf ich kommen wollte,“ erwi⸗ dert die Alte.„Den Streich danke ich dem Spitzbuben Foscari, darauf will ich die Hoſtie küſſen! Aber ich denke, die Zeit iſt da, wo ich ihn bezahlen kann.“ „Was hätte denn Foscari gegen Euch haben ſollen?“ fiel Pietro ungläubig ein.„Glaubt Ihr, daß ſeitdem in Venedig ein Weib geweſen iſt, das ihm ſo viele und ſo ſüße Kirſchenmäulchen zugeführt hätte als Ihr? Und wahr⸗ haftig, Dingerchen, woran noch keine Fliege genaſcht hatte. Nicht einmal unſer einer durfte heran, obwol wir doch ſonſt immer das Vorkaufsrechts haben!“ „Gelt, Mutter Priscilla verſteht ihr Handwerk? Ich hatte ihm aber damals noch einen andern wichtigen Dienſt geleiſtet und da mochte ihm wol bange ſein, daß ich plau⸗ derte! Einen Dolch konnte er für mich nicht finden, denn wer in Venedig hätte der Mutter Priscilla ein Haar ge⸗ krümmt?“ „Keiner, bei meinem Dolche, Keiner,“ ſchwur Pietro. „Drum dingt er auch lumpige Schufte von Soldaten; die griffen mich Nachts auf, brachten mich mit einem Ru⸗ del andern Geſindels auf eine Galeere und ſegelten mit uns davon. Drei Tage waren wir in See, da ſtießen wir auf eine ſpaniſche Gallione; die nahm uns an Bord und wollte uns nach Ceuta bringen. Dort ſollten wir die geſchloſſene Geſellſchaft vermehren, das war ſchon zu Venedig abgekar⸗ tet; allein der Kaper von Tetuan legte ſich an uns, nahm — 92— das Schiff und führte uns nach Afrika. Dort habe ich, wie ich Dir erzählte, zwanzig Jahre zugebracht! Zwanzig Jahre Sklavenketten, Sklavenpeitſche, Sklavenkoſt! Pie⸗ tro, das will Rache! Aber ich denke: ich weiß, wie ich ſie nehme! Deshalb unterſtehſt Du Dich nicht, den Dolch ge⸗ gen Ludovico Terno aufzuheben,“ wandte ſie ſich gebietend zu ihrem Begleiter. „Was Teufel, wie wißt Ihr das?“ fuhr Pietro zu⸗ rück. „Ich weiß Alles! Ihr ſollt bald wieder merken, daß Priscilla zwanzig Jahre dieſelbe geblieben iſt. Haſt Du mich alſo verſtanden?“ „Freilich! Fünfundzwanzig Zechinen zum Teufel! Aber was hat der Gelbſchnabel von Officier mit Eurer Rache zu thun?“ „Das ſollſt Du ſeiner Zeit ſchon erfahren,“ antwortete Priscilla.„Jetzt gehorchſt Du blind!“ Unter dieſem Geſpräche waren ſie vor Giuſeppe's Spe⸗ lunke eingetroffen. Hier zog die Alte den Wirth Giuſeppe auf die Seite und ging mit ihm und Pietro in ſein gehei⸗ mes Hinterſtübchen, um ihnen ihre Pläne weitläufig aus⸗ einanderzuſetzen. Sie verrieth nichts von ihren Geheimniſ⸗ ſen, erklärte aber, daß ſie höchſt wichtig wären und viel Gold eintragen müßten. Doch ſei ihr vor allen Dingen viel daran gelegen, genauer mit Roſaura bekannt zu wer⸗ den, und ſie wolle deshalb zu ihr hinaus. Weil es aber höchſt wichtig ſei, zu vermeiden, daß irgend Jemand, am wenigſten aber Foscari oder ſein Spürhund, der Mohr Bat⸗ tiſta, dahinter komme, ſo könne ſie auf keinen Fremden da⸗ bei bauen. Deshalb müßten Pietro und Giuſeppe ſie be⸗ gleiten. Dieſe waren bereit; Giuſeppe kannte Roſaura dem Rufe nach und erzählte, was er von ihrem Lebenswandel wußte. ———— —,— — 93— „Gut, gut, das geht vortrefflich!“ rief Priscilla, als er geendet hatte;„alſo über dieſe Donna zerbrechen ſich die Venetianer die Köpfe? Ich thäte es nicht, denn ich will Alles darauf wetten, es iſt eine, die Meinesgleichen auf mancherlei Art gebrauchen kann und wäre es auch nur, um ein Fläſchchen Gift für eine Nebenbuhlerin zu kaufen. Wir wollen eins kochen, von der beſten Sorte, wo wir auch das Gegengift haben, wenn man uns den Preis verwei⸗ gert. Laßt Eure Mutter Priscilla nur ſorgen! Sie bringt wenigſtens eine Hand voll Zechinen mit nach Haus, wena ihr Gang auch ſonſt vergeblich wäre.“ Die Alte ſchickte ſich nun an, ihre Vorbereitungen zu treffen, um ſich bei Roſauren als eine gute Kundſchaft für mancherlei geheime Beſtellungen und Gewerbe empfehlen zu können. Gegen den ſpätern Nachmittag war ſie damit fer⸗ tig und beſtieg nun mit Pietro und Giuſeppe, welche ſich als Schiffer gekleidet hatten, eine Gondel,, die an der hin⸗ tern Seite des Hauſes, wo ein Kanal vorbeiführte, bereit lag. Sie landeten, als es ſchon zu dämmern begann, in dich⸗ tem Ufergebüſche, am Garten Foscari's und Priscilla begab ſich ins Haus. Sie erhielt ſogleich Zutritt zu Roſauren, die über ihren Racheplan gegen Ludovico brütete, den ſie vor einigen Stunden ſelbſt eingeleitet hatte— da ſie tief ver⸗ kleidet in Venedig geweſen war und die von Foscari unter⸗ zeichnete Anklage in den dazu beſtimmten Löwenrachen ge⸗ worfen hatte, der von den Venetianern ſo gefürchtet wurde, daß ſie im Sprichworte ſagten:„Ich will lieber meinen Kopf im Nachen eines lebendigen, als meinen Namen in dem des ſteinernen Löwen wiſſen!“ Unter ſolchen Umſtänden mußte eine Frau wie Priscilla, die ſich durch Lucien als eine„dienſt⸗ — 9— bare, verſchwiegene Dienerin für jede Noth, in die eine ſchöne Signora gerathen könne,“ anmelden ließ, ihr höchſt willkommen ſein. Ueber eine Stunde blieb dieſe bei ihr; 4 erſt bei völliger Dunkelheit kehrte ſie zu Pietro und Giu⸗ ſeppe zurück. Hier war es, wo Ludovico ſie unbemerkt am. Ufer belauſchte. So ſehr er ſich über ihre Gegenwart ver⸗ wunderte, ſo wenig ahnte er doch, in welchem Zuſammen⸗ hange ihr Beſuch bei Roſauren mit dem ſeinigen geſtanden hatte und daß die blanken Zechinen, die ſie zählte, der Preis für ein Giftfläſchchen waren, das ihm furchtbares Verderben bringen ſollte. Aber er ahnte auch nicht, daß die Alte, die, ohne es zu wiſſen, ſein Verderben bereiten half, jetzt auch das einzige lebende Weſen in ganz Venedig war, das von ſeinem 3 Schickſale wußte und ihm Rettung zu bringen vermochte. 2 Sie hatte nämlich ſowol bei Roſauren als mit Lucien das Geſpräch auf Ludovico zu bringen gewußt und Beiden allerlei ſcheinbar zufällige Fragen über ihn gethan, wobei ſie von der Letztern erfuhr, daß Ludovico noch den Abend erwartet würde. 5 Sie wollte ihn, daran war ihr viel gelegen, nach dem Beſuche noch ſprechen. Deshalb ſandte ſie ihre Begleiter nach der Spelunke zurück und erwartete ihn hinter den brei⸗ ten Thorpfeilern eines Hauſes, welches der Hütte Bernar⸗ 4 do's gegenüberſtand, denn ſie vermuthete mit Recht, daß er dort landen werde. Als ſie ihn kommen ſah, wollte ſie eben hervortreten; da verhaftete ihn der Bewaffnete der Inquiſi⸗ tion und ſo erfuhr ſie ſein Schickſal. In Todesangſt kau⸗ erte ſie ſich hinter dem Pfeiler zuſammen, denn ſie wußte, wie gefährlich es war, Mitwiſſer eines Geheimniſſes der Inquiſition zu ſein. Wurde ſie entdeckt, ſo wurde ſie auch die Begleiterin des Verhafteten und ſchwerlich hätte ſie dann ———— E — 95 jemals wieder einen Strahl des Tages erblickt. Daher hielt ſie jeden Athemzug an und regte nicht die Augenwimpern, bis die Tritte der Bewaffneten weit in der Entfernung ver⸗ hallten. Jetzt erſt wagte ſie ſich hervor und ſtahl ſich ſo heimlich, als es ihr irgend möglich war, nach Giuſeppe's Behauſung zurück, um dort Rath mit ihren Genoſſen zu pflegen. Zehntes Capitel. Nachdem Ludovico etwa eine Viertelſtunde in der Gon⸗ del geſeſſen, fühlte er, daß dieſelbe anhielt. Er wurde hinausgeführt. Seine Tritte klangen plötzlich hohl, ein Beweis, daß er in einen gewölbten Raum eingetreten war. Hier ſchritt er, eine lange Zeit geführt, vorwärts; dann mußte er eine hohe Treppe hinan, hierauf wieder lange Gänge hinab, dann wieder Stufen abwärts und aufwärts. Endlich machten ſeine Begleiter Halt und nahmen ihm die Hülle von den Augen.— Er ſtand im Hintergrunde ei⸗ nes langen gewölbten Saales, ringsumher verhangen wie ein Gruftgewölbe; nur von einer am andern Ende deſſel⸗ ben auf einem ſchwarzen Tiſche brennenden Fackel fiel ein düſterrother Schein auf die Wände, ſo daß ſie im tiefſten Halbdunkel blieben. Ludovico ſchauderte, als er die Au⸗ gen aufſchlug; es war ihm, als erwache er in einem un⸗ geheuern Sarge. Ringsum Todtenſtille. Seine Begleiter waren von dem Haupte bis zu den Zehen in ſchwarze Mäntel gehüllt und ſchwiegen wie das Grab. So harrte —— — 7 — 96— er eine qualvolle Viertelſtunde. Da öffnete ſich die Pforte am andern Ende des Saales, wo der ſchwarze Tiſch ſtand. Drei verlarvte Männer traten langſam, jeder mit einer Kerze in der Hand, herein; die beiden Erſten waren ſchwarz gekleidet, der Dritte blutroth. Bei dieſem Anblick gefror Ludovico das Mark in den Adern, denn jetzt wußte er es, er ſtand vor dem entſetzlichen Gericht der drei Staatsinqui⸗ ſitoren, vor deren unbeſchränkter Gewalt ſelbſt der Doge zitterte, weil ſein Palaſt ihnen ſo gut wie die ärmlichſte Hütte Venedigs zu jeder Stunde des Tages und des Nachts offen ſtand. Von dem Ausſpruche dieſer Drei gab es keine Zuflucht mehr und es war leichter, aus der Höhle des Löwen unverſehrt zurückzukehren, als von dieſem Rich⸗ terſtuhle den Weg ins Leben zurückzufinden. Kaum in je⸗ dem Menſchenalter wüßte man von Einem, den die eherne Strenge dieſer Richter, der der leiſeſte Verdacht zur Ver⸗ urtheilung genügte, entlaſſen hätte. Aber ſelbſt das Entlaſſen war einem furchtbaren Urtheile gleich, denn die Todesangſt der Gefängniſſe und Verhöre hatten oft Wahn⸗ ſinn zur Folge und das Entlaſſungswort ſelbſt lautete gleich einem Bannfluche:„Fort, Unglücklicher! Was haſt Du hier zu thun? Zittre, wenn unſer Auge Dich je wie⸗ der erblickt!“. Die drei Höllenrichter nahmen an der ſchwarzen Tafel Platz; der rothe in der Mitte, die beiden ſchwarzen rechts und links. Wie aus der ſchauerlichen Höhle der Ver⸗ dammniß herauf vernahm Ludovico plötzlich das Wort: „Tritt heran!“ Es klang wie Ruf aus dem Boden, mit hohlem Erzklange; ob einer der Richter die Lippe gerührt, war nicht zu entdecken. Er zögerte einen Augenblick, dem Worte, das finſtere Geiſter ihm aus der Luft. zugerufen zu haben ſchienen, zu gehorchen. Doch ein Stoß von der — 97— eiſernen Fauſt ſeiner Begleiter trieb ihn vorwärts. Jetzt hatten Gefahr und Schrecken das äußerſte Maß für ihn erreicht und jetzt fand er auch ſich ſelbſt wieder. Er ge⸗ wann Kraft zu dem Entſchluſſe, ſeiner Unſchuld bewußt, wenigſtens ſeine Manneswürde zu retten, wenn auch ſein Leben verloren war. Feſten Schrittes ging er daher gegen den Tiſch heran; drei Schritte vor demſelben gebot ihm eine wie zuvor geheimnißvoll aus den Wänden dringende Stimme:„Halt!“— Er ſtand.— Jetzt erſt erhob ſich der rothgekleidete der drei Inquiſitoren und fragte ihn, doch ohne die Larve abzunehmen:„Biſt Du Ludovico Terno?“— „Ja.“—„Haben Die, welche Dich verhafteten, Dir etwas von dem Deinigen genommen, oder Deine Kleider durch⸗ ſucht?“—„Nein!“—„So lege jetzt Alles, was Du bei Dir trägſt, auf dieſen Tiſch.“ Ludovico legte ſeine Börſe, ſein Taſchenbuch, einige Papiere und endlich, nach einem Winke des Fragenden, auch den von Roſaura zum Geſchenke erhaltenen Ning auf den Tiſch vor den Inquiſitor. Als er es gethan, begann dieſer:„Der Rachen des Lö⸗ wen hat ſich wider Dich aufgethan und klagt Dich an. Die Beſchuldigung lautet:„Ludovico Terno iſt des Hoch⸗ verraths ſchuldig!“ „Ich bin deſſen ſo unſchuldig, wie am Tage, wo ich ge⸗ boren wurde,“ erwiderte Ludovico feſt und freudig,„da er die Hoffnung ſchöpfte, daß es ihm leicht ſein werde, die Falſchheit der Anklage darzuthun. „Erkennſt Du dieſen Ring für Dein?“ „Jal⸗ „Wie haſt Du ihn erworben?“ „Das Geſchenk eines Freundes,“ erwiderte er raſch, weil er Roſaura nicht nennen wollte, theils aus eigener Scheu, Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. V. 4 5 — 98— ſein Verhältniß zu ihr zu entweihen, theils weil ihm eine dunkle Ahnung ſagte, daß Jeder in Gefahr ſchwebe, deſſen Name hier genannt werde. „Iſt dieſes Taſchenbuch Dein?“ 1 „Ja.“ „Alles, was darinnen, Dir zugehörig?“ „Ta.“ Der Inquiſitor nahm den Ring und betrachtete ihn ge nau. Auf einen Druck ſprang der Stein zurück und es entdeckte ſich eine flache goldene Kapſel unter demſelben. Der Inquiſitor öffnete ſie, zog aber ſchnell das Haupt zu⸗ rück, als ſteige ihm ein betäubender Dunſt entgegen.— Ludovico erſchrak, ein Grauen durchzitterte ſeine Bruſt, ohne daß er wußte, weshalb. „Was enthält dieſe Kapſel?“ fragte der Inquiſitor, und es war Ludovico, als ſähe er die Augen des Fragenden hinter den Oeffnungen der Larve furchtbar aufflammen. „Ich weiß es nicht, ich habe den Ring nie unterſucht.“) Der Inquiſitor zog eine Schelle. Auf der Stelle er⸗ ſchien, wie aus der Mauer ſpringend, eine vermummte Geſtalt; ſie erhielt einen ſtummen Wink, verſchwand wie⸗ der und kehrte gleich darauf mit einem kryſtallhellen, wie es ſchien, mit Waſſer gefüllten Gefäß zurück. Der Richter öffnete die Kapſel wieder und ließ daraus einen Tropfen in das Waſſer fallen; er verurſachte eine blutrothe Wolke. „Gift,“ ſprachen alle drei Richter, wie aus einem Munde, und Ludovico fühlte ſein Blut zu Eis erſtarren. Eine ent⸗ ſetzliche Ahnung dämmerte in ihm auf, doch wagte er ſie ſich ſelbſt noch nicht zu bekennen. Der Inquiſitor nahm während deſſen das auf dem Ti⸗ ſche liegende Taſchenbuch und durchſuchte es ſorgfältig. Meh⸗ rere Papiere legte er unbeachtet bei Seite. Einen Brief ☛ — 99— aber behielt er in der Hand, öffnete ihn, las und fragte dann mit unveränderter Stimme und Haltung:„Von wem i*ſt dieſer Brief?“ Ludovico erkannte, daß es das Blatt war, welches ihm Roſaura gegeben und das er ſelbſt noch nicht geleſen. G wußte nicht, was er ſagen ſollte. Mit zitternder Stimme ſprach er endlich:„Ich habe es noch nicht geleſen.“ „Leſ't es uns vor,“ ſprach der Richter mit unerſchütterter Kaltblütigkeit und reichte es ihm dar. Ludovico nahm es und las bebend und mit faſt ver⸗ dunkeltem Auge:„Alles iſt entdeckt. Deine geheimen Tha⸗ ten ſind bekannt. Flüchte auf der Stelle, oder Du biſt verloren!“. „Ich bin's!“ rief Ludovico mit einer im Entſetzen erſtar⸗ renden Stimme; er ließ das Blatt fallen, ſchwankte, drückte ſich beide Hände vor den verdunkelten Blick und ſank be⸗ täubt zu Boden. Als er wieder zu ſich ſelbſt kam, befand er ſich in ei⸗ nem dumpfen, feuchten Naume, ſo eng, daß er nach keiner Seite ausgeſtreckt liegen konnte, aber ſo hoch, daß er die Decke nicht ſah, ſondern ſich die Höhe über ihm in unbe⸗ ſtimmtes Dunkel verlor. Sein Auge war noch nicht an die ſchauerliche Dämmerung gewöhnt, denn obwol ihm zur Seite ein mattes Lämpchen flammte, ſo vermochte er doch die Gegenſtände an den Wänden ſeines entſetzlichen Kerkers nicht zu erkennen. Die Kraft der Beſinnung und der Sinne kehrte ihm erſt nach und nach zurück. Jetzt wurde es ihm zum vollen Bewußtſein, was ihn bis dahin nur mit dunkler Ahnung geängſtigt hatte, daß Roſaura's Ver⸗ rath ihn dieſem furchtbaren Geſchicke überliefert habe. Die Worte ihres Briefes traten noch einmal vor ſeine Seele. Die Anklage darin war ſo dunkel und unbeſtimmt gefaßt, 5 1* — 100— daß ſie auch aus der Seele einer eiferſüchtig Liebenden auf ſein Verhältniß zu ihr gedeutet werden konnte.„Ach, Bion⸗ dina!“ dachte er,„Du hatteſt wohl recht, daß Du die glän⸗ zende Schlange fürchteteſt; doch ihr argliſtiger Blick mußte durch die Schleier unſerer Verſchwiegenheit gedrungen ſein und jetzt hat mich ihr Giftzahn tödtlich verletzt! Wie— und weiß ich denn, ob nicht auch Du von ihren lauernden Ringen bedroht biſt? Greiſer Vater Bernardo, o, wie wahr haſt Du geſprochen! Wer will uns ſchützen gegen die Rache der Mächtigen? Ach, nur das Eine wende ab, o Himmel, laß ſie nicht in die Tigerklauen dieſer Blut⸗ richter fallen!“— Sein Auge irrte jetzt an den Wänden ſeines Kerkers umher; mit Grauſen ſah er ſich gegenüber allerlei ſeltſame Werkzeuge in der Mauer befeſtigt: eiſerne Zangen, Schrauben, Räder mit Stacheln. Er wollte auf⸗ ſpringen, ſie näher zu betrachten, doch da fühlte er erſt, daß centnerſchwere Ketten ihn an die Mauer feſſelten. Starr heftete er die Blicke auf die Wand gegenüber; plötzlich fiel ihm ein, es in ſeiner Jugend als dunkles Gerücht gehört zu haben, daß in den Kerkern der Inquiſition die Marter⸗ werkzeuge den Gefangenen gegenüberhängen. Jetzt verſtand er, was dieſe Stachelräder, dieſe ſcharfgezahnten Schrau⸗ ben, dieſe Eiſenklammern und Zangen bedeuten ſollten. Grauſend drückte er beide Augen feſt zu und der Schau⸗ der drang ihm in das innerſte Mark. Scheu, als fürchte er noch mehr gräßliche Entdeckungen zu machen, und doch vom unwiderſtehlichen Drange getrieben, die Geheimniſſe ſeines Aufenthaltsortes zu erforſchen, wandte er endlich den Blick zur Linken. Da ſah er in einer Niſche einen Schädel, der ihn widerlich angrinſte; beim matten Scheine der Lampe las er unter demſelben die ſchwarz eingegrabenen Worte: „Deine Erlöſung!“ Wie ſein Auge an den Wänden um⸗ — — 101— herirrte, traf er auch unter den Marterwerkzeugen auf eine Inſchrift. Sie lautete:„Deine Hoffnung!“ Bei dieſem zer⸗ malmenden Hohne fühlte er ein gichteriſches Zucken in allen ſeinen Gliedern und warf ſich unwillkürlich krampfhaft her⸗ um, das Auge nach der Lampe wendend, deren trübes Flämmchen das einzige Freundliche in dieſem Aufenthalte des Grauſens war. Da entdeckte er auch an dieſer Wand Worte und las mühſam:„Deine Sonne! Sie erliſcht bald.“ Und kaum hatte er dieſe Worte aus dem Halbdunkel enträthſelt, als die Flamme noch einmal trüb' aufflackerte und dann erloſch. So lag er begraben in undurchdring⸗ liche Schauer der Nacht und das dumpfe Raſſeln ſeiner Kette war der einzige Laut, den er in dieſer Gruft des Entſetzens vernahm. Elktes Capitel. Biondina harrte ſchon mit früheſtem Tagesanbruch vor ihrer Hütte auf Ludovico. Er hatte ihr noch geſtern Abend einen Beſuch halb verſprochen; doch er verweilte zu lange bei Roſauren, ſo daß der alte Vater Bernardo ſein Töch⸗ terchen mit freundlichen Worten und Liebkoſungen beredete, ſich zur Ruhe zu begeben, weil es zu ſpät geworden, um Ludovicd's Beſuch noch zu dulden. Sie fügte ſich, denn ſie war eben ſo ſittig als ſchuldlos; daher fand Ludovico das Haus des Gondoliers verſchloſſen, als er heimkehrte. 8 — 102— Biondina ſchlief freilich nicht, ſondern dachte ſeiner mit banger Unruhe, und darum trieb es ſie auch ſchon wieder hinaus, als der erſte Purpurſaum der Morgenröthe über das Meer heraufglänzte; denn falls er nicht mehr Abends ſpät komme, hatte er ja mit dem früheſten Morgen da zu ſein verſprochen. Aber er kam und kam nicht; ſchon wurde das Meer lebendig von den vielen Kähnen, die zu Markt fuhren, ſchon hatte Vater Bernardo zum zweiten Male die Landleute vom andern Ufer in ſeine Gondel aufgenommen und herübergeführt, und immer noch ſäumte Ludovico.„Du beunruhigſt Dich, Biondina? Du möchteſt weinen? Du zürnſt, daß Du nicht weißt, wo Dein Geliebter weilt? Thörichtes Kind, danke der heiligen Jungfrau, die es Dir verbarg! Ihr mitleidiges Herz ſandte Dir nur eine unruh⸗ volle Nacht ſtatt aller Furien der Angſt und des Entſetzens, die Dich vom Lager aufgejagt hätten, wenn ſie Dir die Wmahrheit nicht liebend verhüllte.“— Aber der Tag mußte den Schleier heben! Priscilla kam, ſo eilfertig die Laſt des Alters es ihr geſtattete, die Gaſſe herab.„Gott grüß' Dich, junges Blut,“ ſprach ſie zu Biondina,„ſchon ſo früh auf? Erwarteſt Du den jungen Ritter, der vor zwei Tagen ſo tapfer für Dich focht?“ Sie ſah bei dieſer Frage ſo befremdend aus, zeigte eine ſo ſeltſame Unruhe in ihren Zügen und in den wild rol⸗ lenden Augen, daß Biondina bis ins Innerſte erſchreckte. „Was habt Ihr? Ihr blickt mich ſo unheimlich an. Sagt mir, um der heiligen Jungfrau willen, iſt ein Unglück ge⸗ ſchehen?“. Die Alte runzelte die Brauen finſter und nahm Bion⸗ dinens Hand.„Armes Kind! Du thuſt mir leid! Gelt, Dein junges Herzchen blieb hängen bei dem ſchmucken Rit⸗ ter?—— Kind! Ich bin gerade nicht im Betſtuhle grau — —,— —,— — 103— geworden, aber glaube mir, es gibt Leute mit adeligen Geſichtern, prächtigen Kleidern, Federn auf dem Hute und Gold im Sacke, die im kleinen Finger mehr Teu⸗ fel beherbergen, als eine ganze Banditenzunft zuſammen⸗ genommen!“ „Ich beſchwöre Euch, redet!“ rief Biondina äangſtlich und erhob die Arme bittend gegen den gekrümmten Nacken der Alten, als wollte ſie ihr um den Hals fallen. Doch dieſe hielt ſie zurück, nahm ſie bei der Hand und ant⸗ wortete raſch, geheimnißvoll flüſternd:„Ich will lieber glü⸗ hendes Eiſen küſſen, als meine Lippen unzeitig öffnen. Nur ſo viel ſollſt Du wiſſen: Deinem Freunde geht es ſchlecht; Du wirſt ihn heut nicht ſehen! Aber die alte Priscilla hört Gras wachſen! Sie iſt Tag und Nacht auf den lahmen Beinen! Vielleicht bringt ſie Dir vor Mittag noch eine gute Nachricht, die eiſerne Thore und Riegel auf⸗ ſprengt.“ Biondina hatte die Worte der Alten lautlos, mit ſtok⸗ kendem Athem und wildklopfender Bruſt angehört. Sie verſtand ſie nur halb, aber es war ihr zu Muthe, als ließe die Alte ſie in einen Abgrund hinunterſchauen, deſſen Tiefe ihr Blick nicht erreichte; doch ſo weit ſie ſah, gähnte er bodenlos fürchterlich auf.— Priscilla wollte ſich los⸗ machen und forteilen, doch Biondina klammerte ſich mit krampfhafter Angſt um ihren Arm und warf ſich ihr halb zu Füßen.„Sprecht nur, nur ein einziges Wort, o ſeid barmherzig!“ rief ſie aus; ihr Körper flog wie im Fieber. „Ich habe ſchon zu viel geſagt,“ rief die Alte er⸗ ſchreckend und legte ihr die Hand auf den Mund, gleich⸗ ſam als wollte ſie die Gefahr ihrer Bitten abwehren. „Aber verlaßt Euch auf mich! Ich bleibe Euch getreu! — 104— Was es iſt, weiß ich nicht. Ich glaube aber, die heilige Jungfrau hat mir's im Traume befohlen, daß ich an Dir und zwei gewiſſen Andern gut machen ſoll, was ich 4 an Euch und hundert Anderen verſchuldet habe. Es iſt 11 mir ſo zu Muthe, als hätte ſie mir Erlaß vom Fege⸗ 6 feuer und Hölle dafür verſprochen. Das kann die alte Priscilla gebrauchen, ſie wird ſchon zur rechten Zeit wieder daſein!“ 6 Mit dieſen Worten riß ſie ſich los und, ſcheinbar ohne Mitleid, ohne innerlich von mildem Erbarmen bewegt, ließ ſie Biondina halb betäubt, in die Knie geſunken, am Bo⸗ den liegen, und eilte weiter, um das verwickelte Gewebe ih⸗ res Beginnens fortzuſpinnen. 3 Kaum war ſie fort, als Bernardo mit ſeinem Nachen von der Fahrt zurückkehrte und eine Anzahl von Land⸗ leuten, Männer, Frauen, Mädchen und Kinder, ans Land ſetzte, die Früchte und andere Dinge zu Markte brachten. Dieſe fanden Biondina auf dem Boden, mit dem Haupte betäubt gegen den Thorpfeiler eines Hauſes gelehnt. Sie hoben ſie auf; Bernardo ſah den Zuſammenlauf, trat hin⸗ zu, erkannte die Unglückliche, nahm ſie in ſeinen Arm und 5 führte ſie in die Hütte zurück. Es dauerte lange, bevor ſie ſich ſo weit erholte, daß ſie die Fragen ſeiner Liebe und Theilnahme zu beantworten vermochte. Dabei geſtand ſie mit kindlicher Offenheit, was ihr bisher ſelbſt halb unbe⸗ wußt geweſen war, welch ein Gefühl ihre Bruſt für ihren Retter hege. Bernardo blickte fromm, aber ſchmerzlich gen Himmel auf und ſprach ſeufzend:„Ich ahnete es wohl! O, mein Kind, welch eine Saat des Kummers und der Schmer⸗ zen haſt Du Dir hier geſtreut! Deine Mutter wurde un⸗ glücklich durch die unſelige Liebe zu einem jungen Nobile; denn ſeine Glut erloſch bald, nachdem er den Durſt ſeines 2 — “ — 105 Genuſſes in ihren Armen geſtillt hatte, und ſie wurde ver⸗ laſſen! Unter Thränen und Schmerzen gebar ſie Dich, das Kind ihrer Liebe, und nährte Dich ein Jahr an ihrer Bruſt— dann welkte ſie hin, als hätteſt Du die letzte Kraft und Luſt des Lebens aus ihrem Herzen geſogen. Soll es Dir nun eben ſo ergehen?— Ich habe Dich gehütet und gehegt wie eine Blume, die kein rauhes Lüftchen er⸗ tragen kann. Nie ließ ich Dich bei öffentlichen Feſten, Aufzügen oder Volksluſtbarkeiten hinzu, damit Dich die Blicke der Reichen, der übermüthigen Patricier nicht fän⸗ den, und nun—„ „O Vater,“ unterbrach ihn Biondina mit ſanfter Bitte,„o Vater, ſprich nicht ſo! Ludovico iſt nicht Denen gleich, die Du ſchilderſt, ſein edles Herz iſt fern von Verrath. Danke ich ihm nicht Ehre und Leben?“ „Liebſtes Kind!“ erwiderte Bernardo, das greiſe Haupt ſchüttelnd,„dieſe Bürgſchaft iſt nicht genug. Eine muthige That wagt der Jüngling leicht; ſie iſt ſein Stolz, ſein Ruhm und ſelbſt der Uebermüthigſte und Roheſte iſt oft tapfer. Auch der Geliebte Deiner Mutter war ein tapfe⸗ rer, ja vielleicht ein edler Mann, der ſie aus dringender Gefahr errettet hatte, als heimlich gelandete Corſaren unſer Dörfchen plünderten. Und dennoch verließ er ſie! Denn es iſt tauſendmal ſchwerer und ſeltener, ein dauerndes Le⸗ ben voll Gerechtigkeit, Treue und Sanftmuth zu führen, als eine glänzende That auszuüben, wäre ſie auch noch ſo groß und gefahrvoll!“ „Mein Vater,“ bat Biondina,„quäle mich doch nicht in meinem Schmerzt Du hörſt ja, der Edle, der uns rettete, hat mich nicht verlaſſen, ſondern er iſt in Gefahr, vielleicht in den Händen des Nobile, den er verjagte! — 196— Wenn wir nicht erforſchen, was ihn bedroht, ihm nicht zu Hülfe eilen, ſo verlaſſen wir ihn, ihn, dem ich Alles verdanke!“ Bernardo küßte die weinende, bittende Tochter und konnte ihr nicht Unrecht geben; dennoch betrachtete er ihre Liebe als ein tiefes Unglück, denn er ſah nicht, daß ſie zu einem Bunde des Glücks führen könnte. Um ſie zu trö⸗ ſten, verſprach er ihr, ſobald nur erſt die Marktleute, die er zurückbefördern mußte, wieder hinüber wären, ſelbſt aus⸗ zugehen, um von Ludovico und der Alten jede nur mög⸗ liche Kundſchaft einzuziehen. Während ſie ſo im Geſpräche ſaßen, klirrte plötzlich eine Fenſterſcheibe und ein Stein flog in das Gemach. Ber⸗ nardo fuhr auf und ans Fenſter, doch es war Niemand zu ſehen, dem er den Wurf hätte zuſchreiben können. Indeſ⸗ ſen ſuchte Biondina, die beim Klirren des Glaſes heftig emporſchreckte, den Stein auf und ſah mit Erſtaunen, daß er in ein Blatt Papier gewickelt war. Sie rief Ber⸗ nardo herbei, der das Blatt ſorgfältig aufwickelte und be⸗ trachtete. Es war beſchrieben, doch ſie konnten Beide nichts Geſchriebenes leſen. „O,“ ſprach Bernardo,„dieſer Zettel hat zuverläſſig etwas zu bedeuten; allein wem vertrauen wir uns an, daß er ihn uns leſe? Es könnte leicht ſein, daß es uns Ge⸗ fahr und Schaden brächte, wenn Jemand den Inhalt mis⸗ brauchte.“ Biondina hatte eine Ahnung, das Blatt werde von äu⸗ ßerſter Wichtigkeit ſein.„Vater,“ ſprach ſie daher,„gebt mir das Blatt, ich will damit zu meinem Beichtiger, dem frommen Vater Benedetto, gehen; dem müßte ich ja doch Alles ſagen und er wird uns gewiß nicht verrathen.“ Bernardo fand den Rath gut und ließ die Tochter 1— ———— — — — 107— allein gehen, da das Kloſter nur wenige Hundert Schritte von ſeinem Häauschen entfernt war. Glücklicherweiſe traf ſie den frommen Greis, der faſt achtzig Jahre zählte, ſo⸗ gleich in ſeiner Zelle an. Noch bevor er ſein Erſtaunen über ihren Beſuch ausdrücken konnte, kam ſie ihm zuvor, reichte ihm das Blatt und ſprach:„Ehrwürdiger Vater, dies Blatt iſt mir zugekommenz; es ſoll ein wichtiges Geheimniß für mich enthalten. Aber ich vermag es. nicht zu leſen und wage es Niemanden zu vertrauen als Euch. Wollt Ihr mich von dem Inhalt belehren?“ Pater Benedetto nahm das Blatt zur Hand, trat er⸗ ſtaunt und halb erſchreckt zurück und rief aus: Das iſt ſelt⸗ ſam, höchſt ſeltſam! Die Worte dieſes gefährlichen Blattes lauten ſo: „Ludovico Terno ſchmachtet im tiefſten Kerker. Er iſt des Hochverraths angeklagt. Nur Foscari vermag ihn zu retten, denn er iſt Staatsinquiſttor und Ludovico's Vater, ohne es zu wiſſen! Schweigt; es wird gehandelt werden!“ „Heiliger Gott,“ rief das Mädchen aus und rang die Hände,„im tiefſten Kerker! Er iſt unſchuldig, ſo wahr ich auf Erlöſung hoffe!“ „Wer iſt dieſer Ludovico?“ fragte Benedetto ſanft und ſuchte das weinende Kind zu beruhigen. Faſt athem⸗ los, von Schluchzen und Thränen unterbrochen, erzählte ſie, was ſie von ihm wußte. „Foscari's Sohn!“ murmelte Benedetto für ſich,„ſollte er es wirklich ſein? Foscari Staatsinquiſitor!“ „O, mein Vater, ſprecht, rathet mir, was kann ich für ihn thun?⸗ fragte Biondina und ſtand zitternd vor dem Greiſe. — 108— „Kind,“ erwiderte dieſer,„Du haſt ein gefährliches Spiel! Um aller Heiligen willen verrathe nicht, daß Du weißt, welches Amt Foscari bekleidet. Nicht Deinem eige⸗ nen Vater vertraue es, denn hier iſt Unwiſſenheit das größte Glück, weil Tod oder ewiges Gefängniß in furchtbaren Ker⸗ kern Den erwartet, welcher verräth, wer das geheime Amt eines Staatsinquiſitors bekleidet. Doch zu Foscari gehe, frage nach ihm in ſeinem Palaſte, verlange ihn insgeheim zu ſprechen, weil Du ihm etwas von Wichtigkeit zu ent⸗ decken habeſt; zwar Beweiſe haſt Du nicht, doch er ſelbſt, wenn er der Vater iſt, ahnt gewiß den Zuſammenhang und die Stimme der Natur wird reden! So entartet wird ſein Herz nicht ſein, daß er ſie ganz verleugnen ſollte!“— Es war in der Rede und dem Benehmen Pater Benedetto's eine ſolche Unruhe und Erſchütterung ſeines ſonſt ſo from⸗ men Weſens ſichtbar, daß dies Jeden, der nicht ſelbſt ſo von Angſt und Kummer aufgeregt geweſen wäre wie Bion⸗ dina, hätte in Erſtaunen ſetzen müſſen. So aber war dieſe nur mit ihrem Schmerze beſchäftigt, der ihr Alles ringsumher verſchleierte. Sie war entſchloſſen, ſofort zu Foscari zu eilen.„Ich will hin,“ rief ſie mit einem Feuer, das ihrem ſanften, hold unſchuldigen Weſen eine ganz neue Verklärung gab, nja, ich will hin! Will mich ihm zu Füßen werfen und ihn nicht eher verlaſſen, bis er ihn begnadigt hat. Der Vater kann ſeinen Sohn nicht morden.“— Sie kniete vor Benedetto nieder und bat:„Vater, gebt mir Euern Se⸗ gen! Er wird meinen Bitten Kraft geben, durch ihn wird mein Vorhaben gelingen!“ „Benedetto ſprach Worte des Segens über ſie und wiederholte die väterliche Ermahnung, das Geheimniß des Amtes, das Foscari bekleidete, mit keinem Worte zu be⸗ 8. —8—————— — — 109— rühren, ſondern ſich nur an ſeine Macht als Nobile und Senator zu wenden. Biondina küßte unter heißſtrömenden Thränen die Hand des Greiſes und eilte hinaus. Zwölktes Capitel. Foscari kam ſo eben aus der Morgenverſammlung des Senats zurück. Er w ar im aäußerſten Grade mismuthig, denn es ſetzten ſich der Erreichung ſeines Zieles unvermu⸗ thete Hinderniſſe entgegen. Er hatte gehofft, Ludovico's Verurtheilung zum Tode werde augenblicklich erfolgen; allein ſeine beiden Mitgenoſſen des furchtbaren Amtes waren durchaus nicht dahin zu ſtimmen geweſen. Der Eine Der⸗ ſelben, ein Greis von ſtrengen Grundſätzen, aber wohlwol⸗ lenden Geſinnungen, behauptete, es ſei möglich, daß der Jüngling unſchuldig ſei; der Andere, welcher zugleich zu den ſechs Räthen des Dogen, der Signora, gehörte, die Rechtswiſſenſchaft ſtudirt hatte und ſein Staatsamt nicht nur wegen ſeines Ranges als Nobile, ſondern auch wegen ſeiner trefflichen Staatskenntniſſe verwaltete, war ganz gegen die Verurtheilung.„Die Beweiſe,“ ſagte er,„welche wi⸗ der ihn zeugen, bekunden zugleich, daß er Mitſchuldige hat. Schleicht eine Verſchwörung im Marke des Staates umher, ſo müſſen wir auch alle Theilnehmer derſelben zu erfor⸗ durch Geſtändniſſe des Unterſuchungen gegen Verkehr geſtanden hat ———— ——y— ſchen ſuchen, und das kann nicht anders geſchehen, als Gefangenen. Zuvor müſſen alſo die Perſonen, mit denen er im eingeleitet werden; wenn dieſe 8 — 0— Nachforſchungen nichts ergeben, muß man die Folter an⸗ wenden.“ Foscari konnte gegen dieſe Gründe nichts Widerlegendes einwenden. Sein ſchuldiges Gewiſſen flößte ihm ſogar die Furcht ein, er ſelbſt könne noch auf das widerwärtigſte in dieſe Anklage verwickelt werden. Da die drei Inquiſitoren ſich nicht einigen konnten, mußte der Proceß im Rathe der Zehn, welchem der Doge mit ſeinen ſechs Räthen ſich anſchließen durfte, zum Vortrage gebracht werden und das ſollte an dieſem Nachmittage geſchehen. Aber nichts mußte Foscari ſo fürchten als dies; denn wenn Ludovico ſeine Faſſung jetzt völlig geſammelt hatte, wenn er angab, wie er zu dem Ringe gekommen war, was er im erſten Ver⸗ höre theils aus Schreck, theils weil er ſich ſelbſt davon noch nicht überreden konnte, theils endlich aus Großmuth unter⸗ laſſen hatte; wenn er die Vermuthung äußerte, die er über das Blatt in ſeiner Brieftaſche haben mußte, ſo war nichts wahrſcheinlicher, als Roſaura's Verhaftung. Und wer ſtand ihm alsdann dafür, daß ſie Entſchloſſenheit genug beſitzen werde, Alles zu leugnen? daß die Schrecken der Gefäng⸗ niſſe, der Foltern, oder die Reue der eigenen Bruſt, wenn ſie ſah, welchem Schickſale Ludovico preisgegeben wurde, ihr nicht das Geſtändniß entriſſen? Zwar beſaß er ſelbſt als Inquiſitor, und faſt der reichſte Nobile Venedigs, Macht genug, um eine Anklage wider ſich verſtummen zu machen; aber entging ihm denn nicht der heftig verlangte reizende Lohn, für den er ſo viel auf's Spiel ſetzte? Unruhig, mit finſtern Blicken ging er daher auf und nieder. Endlich fiel ihm ein Mittel ein. Ludovico mußte zum Geſtändniſſe ſeiner Schuld überredet, Roſaura getäuſcht und zur Flucht beſtimmt werden. Sein Anſehen als Staats⸗ inquiſitor öffnete ihm Tag und Nacht ſo wie jedes Gemach * 5 3. “ —y——,—ͤ — 111— der Bewohner Venedigs, auch jeden, ſelbſt den tiefſten Kerker. Wer den Kerkermeiſtern ein Zeichen ſeines Amtes 54 brachte, mußte Einlaß erhalten. Er ſetzte ſich daher auf der Stelle nieder und ſchrieb mit verſtellter Hand folgende b Worte auf einen Zettel:„Ludovico! Du haſt Freunde, die Dich retten werden, wenn Du ihnen folgſt. Geſtehe in dem nächſten Verhöre Alles, deſſen man Dich anklagt, da⸗ mit ſie Dich nicht auf die Folter bringen. Nenne Mit⸗ ſchuldige, die unerreichbar ſind, um Zeit zu gewinnen; ſo wird man Dich in nächſter Nacht erretten.“ Er ſchellte; ſein Vertrauter für alle Fälle dieſer Gattung, der Mohr Battiſta, trat ein. Er übergab ihm den Zettel und wies ihn an, auf welche Weiſe er ihn dem Gefange⸗ nen zukommen laſſen ſolle. Battiſta trat einen Schritt zurück und ſtarrte ihn mit rollenden Augen an.„Teufel, Herr!“ rief er aus, befehlt mir lieber, dem Dogen die Gurgel abzuſchneiden. Dem Drachenneſte, wo die Gefan⸗ genen in Ketten und auf Folterſtühlen, im Bauche der Erde und im Rachen der See ihr Leben ausheulen, komme ich nicht gern auf tauſend Meilen nahe! Geradehin ge⸗ ſagt, werft lieber Euern Ring in den Veſuv und heißt mich ihn herausholen, als daß Ihr mich über die Seufzer⸗ brücke und in die Gewölbe des Dogenpalaſtes ſchickt. Es ſind ihrer zu Wenige, die den Tag wiedergeſehen haben, wenn ſie es nach der Nacht dort unten gelüſtete.“ 1„Thor!“ rief Foscari,„befolge genau, was ich Dir he geſagt, ſo fliegen die Thüren vor Dir auf und—“ dabei warf er ihm einen vollen Beutel zu—„dieſe hundert Ze⸗ chinen ſind Dein. Oder meinſt Du, wenn ich Dich für immer in den Gewölben haben wollte, es koſtete mich nur ſo viel mehr als einen Wink?“ Battiſta ſann einen Augenblick nach, dann warf er 4 8 — — 112— trotzig entſchloſſen das Haupt empor und rief: Zum Teufel denn, ich will das Geld verdienen! Eine Laſt wälzte ſich nach dieſem Schritte von Foscari's Herzen. Er eilte jetzt, ſich auch des Lohnes ſeiner Frevel⸗ that zu verſichern, und ſchrieb an Roſaura: „Theure Roſaura! „In wenigen Stunden wird das ſchon beſchloſſene To⸗ desurtheil über Den, der ſo ſchwer an Dir gefrevelt, feier⸗ lich geſprochen. Dem Spruche des Rathes der Zehn folgt die Vollſtreckung ſchnellz denn das Geſetz verbietet, daß die Sonne darüber untergehe. Bevor ſie alſo ins Meer ſinkt, iſt er gerichtet, biſt Du gerächt.— Den⸗ noch iſt es möglich, daß er Deinen Namen den Nichtern nennt. So wenig ihn dies retten kann, ſo könnte es Dir doch Schrecken bereiten. Darum verlaß Dein Haus und kehre ſcheinbar nach Venedig zurück. Heimlich aber begib Dich in meine Villa, wo das ſchärfſte Späherauge Vene⸗ digs Dich nicht findet, und nur Dein Freund Dich auf⸗ ſucht, ſobald die Nacht dunkelt. Und dann, nicht wahr, Holdeſte? dann reichſt Du ihm den ſüßen Lohn für die gewagte That, durch welche er die Schmach, die man Dir angethan, rächte?“ Mit dieſem Briefe ſandte er einen andern Diener hin⸗ aus zu Roſauren und hoffte, ſich ſo endlich den Pfad zum Ziele geebnet zu haben. Denn das Urtheil mochte fallen wie es wollte, ſo war er feſt entſchloſſen, Roſauren die Nachricht, es ſei vollſtreckt, zu bringen; gleich viel, ob wahr oder falſch.— Abgeſpannt legte er ſich auf ein Ruhebett, um ſeine aufgeregten Gedanken durch Schlaf zu verſcheuchen; es gelang ihm aber nur halb. Indeſſen wurde er doch ru⸗ higer, gefaßter und ſah noch Auswege genug, um alle dro⸗ — 113— henden Ungewitter an ſeinem Haupte vorüber und ſich dem erſehnten Ziele entgegenzuführen. Nach einigen Stunden erhob er ſich wieder. Um friſche Luft zu ſchöpfen, öffnete er die Flügelthüren des Balcons, welcher nach dem großen Kanale hinausging und von dem er einen Theil des Meeres überblicken konnte. Eine Galeere der Republik, welche auf der Rhede lag, kam eben, vom leichten Hauche des Windes majeſtätiſch langſam bewegt, mit aufgeblähten Segeln heran. Sie legte ſich wenige Hundert Schritte von dem Marcus⸗ platze vor Anker. Foscari ſah es mit Freuden, denn es war dies ein Zeichen, daß der Nath der Zehn eine feier⸗ liche Sitzung halten werde, während welcher ſtets eine be⸗ waffnete Galeere ſich in die Nähe des Dogenpalaſtes legen mußte, um die Beſchlüſſe dieſes fürchterlichen Gerichtes mit den Waffen der Republik zu beſchützen.— Zur Bezeich⸗ nung ihrer Ankunft that ſie einen Kanonenſchuß. Foscari ſah den Blitz aufleuchten; gleich darauf donnerte der Schall über das Meer und das Echo rollte hin, weit hin, bis er ſich in ein fernes, dumpfes Sauſen verlor. Foscari wandte ſich um und wollte in ſein Gemach zu⸗ rücktreten; doch ein Diener trat ihm entgegen und berichtete, am Eingange des Palaſtes ſtehe ein junges, ſchönes, blond⸗ lockiges Mädchen, das in großer Angſt zu ſein ſcheine und ihn dringend zu ſprechen verlange. „Blondlockig?“ fragte Foscari und eine Ahnung tauchte in ihm auf;„was will ſie? wie heißt ſie?“ „Das hat ſie uns nicht geſagt,“ erwiderte der Diener, aber ich glaube, ſie iſt die Tochter des alten Gondoliers am kleinen Kanale bei der Kapelle von Santa Beatrice, wo Ew. Gnaden ſich öfters überſetzen ließen.. Foscari ſchreckte zuſammen.„Alſo dieſe?“ fragte er halb verwirrt.„Laßt ſie hereinkommen!“— Er wagte — 114— es nicht, ſich verleugnen zu laſſen, obwol ſein Gewiſſen ihm auch hier eine Schuld vorhielt, die ihn zwar ſonſt nicht aus ſeinem Gleichmuthe gebracht hätte, ihn jetzt aber, da er einmal angefangen hatte, die Schrecken des Bewußt⸗ ſeins zu empfinden, noch mehr ins Wanken brachte. Es war ihm, als bräche der Boden allmälig unter ihm zu⸗ ſammen und als müſſe er den Einſturz aller Gebäude fürchten. Wie tief dieſe jetzt erſchüttert werden ſollten, ahnte er freilich noch nicht. Die Thür öffnete ſich, Biondina trat ein. Foscari, der die äußere Faſſung ſchnell wieder gewann, begrüßte ſie vornehm freundlich.„Was willſt Du, ſchönes Mädchen?“ fragte er, ihr entgegengehend. Sie ſtand plötzlich ſtill; die Stimme des Sprechenden, ſeine Geſtalt, ſeine Haltung erweckten ihr unbeſtimmte, ängſtliche Erinnerungen. Zitternd begann ſie:„O, gna⸗ digſter Herr! Eine Bitte, eine dringende Bitte.“— Hier hemmten die Thränen ihre Sprache. „Sprich ſie aus,“ antwortete Foscari mit wohlwollen⸗ dem Tone, denn er fühlte ſich beruhigter. 4 „Ein Unglücklicher, ein Unſchuldiger ſoll die fürchter⸗ lichſte Strafe erdulden, Ihr allein könnt ihn retten—“ „Von wem ſprichſt Du, Mädchen?“ fragte Foscari finſter und rollte die Brauen, denn er ahnte, von wem die Nede ſei.—„Erbebe, wenn Du an Geheimniſſe rührſt, deren Enthüllung tödtlicher iſt als die Peſt.“ Biondina trat vor ſeinem drohenden Blick zitternd zu⸗ rück; doch raffte ſie ihren Muth wieder zuſammen und ſprach mit eindringenderer Kraft:„Ihr könnt ihn retten, Ihr werdet ihn retten—“ „Halt ein, Mädchen!“ rief Foscari drohend und packte — 115— ſie wild an,„rede nicht weiter, oder Du haſt den Tod in die Arme geſchloſſen!“ „Ich muß, ich muß,“ brach ſie, mit angeſtrengter Kraft ſich losringend und ihm zu Füßen geworfen, aus; ich muß, denn er war mein Retter aus ruchloſer Räuber⸗ hand, und Ihr müßt, denn—“ „Schweig, Unglückſelige!“ donnerte Foscari mit ſeiner Löwenſtimme und verſchloß ihr den Mund mit der Hand.— „Was Raäuberhand!“ fuhr er erbittert fort.„Wer hat einen Raub an Dir begehen wollen?“ 4 In dieſem Augenblicke war Battiſta von dem Auftrage, den ihm Foscari gegeben, zurückgekehrt; als er Biondina, die er ſogleich erkannte, in dieſer Art von Kampf mit dem Marcheſe ſahe, rief er überraſcht in ſeiner rohen Weiſe aus:„Was Teufel, was bedeutet das? Läuft uns das Reh ſelbſt ins Garn?“ Biondina, die ſich allein geglaubt hatte, wandte ſich um und erkannte auf der Stelle an Tracht und Stimme in Battiſta denſelben Mohren, der ſie an jenem Morgen mit überfallen hatte. Sie ſtieß einen lauten Schrei aus und da ihr erſt erſchreckt hinwegirrender Blick jetzt wieder auf Foscari fiel, ſo wurden ihr plötzlich auch die dunklen Erinnerungen klar, die ſich ihr bei ſeinem erſten Anblick aufgedrängt hatten.„Heilige Mutter Gottes, beſchütze mich!“ rief ſie angſtvoll aus, ſchwankte zurück und ſank kraftlos auf die Knie nieder;„allgnadenreiche Jungfrau, ſteh mir beil Wohin bin ich gerathen!“ Foscari erkannte mit einem Blicke, was Biondina's Schrecken veranlaßte; es lag alſo in ſeinem Vortheile, ſich völlig fremd zu ſtellen. Mit angenommenem Erſtaunen und möglichſt ruhigem Tone fragte er ſie daher:„Was iſt Dir, Kind? Was erſchreckt Dich ſo? Hier wird Dir — 116— Niemand etwas zu Leide thun. Doch,“ ſetzte er leiſe mit einem drohenden Blicke hinzu,„ſprich nicht wahnwitzig ſelbſt Dein Todesurtheil.“ Dann fuhr er laut fort:„Wen ſoll ich retten? Ich kann Niemand retten!“ Biondina hatte ſich indeſſen von ihrem plötzlichen Schrecken erholt und ihre Faſſung wiedergewonnen.„Doch, doch! Ihr müßt ihn retten,“ rief ſie mit erhobener Stimme,„denn er iſt Euer eigener Sohn!“— Bei dieſen Worten des Mädchens war es Foscari zu Mu⸗ the, als habe ſein Fuß plötzlich auf einen Baſilisken getre⸗ ten, der ſich giftig gegen ihn aufrichte. Die Furien des Gewiſſens, die ſich ſchon zuvor allmälig aus dem tiefen Schlafe in ſeiner Bruſt träumeriſch aufzurichten begonnen hatten, wurden jetzt völlig wach, ſprangen wild auf und ſchüttelten Schlangenhaar und Fackeln. Verbrecheriſche Tha⸗ ten, die lange Jahre unter dichter Hülle des Geheimniſſes verborgen geweſen und ſchon mit der Nacht ewiger Vergeſ⸗ ſenheit bedeckt ſchienen, richteten plötzlich die Meduſenhäupter empor und ſtarrten ihn höhniſch grinſend an. Erblaßt vor Schrecken und Zorn trat er zwei Schritte zurück und rief: „Wahnſinnige, was raſ't Deine Zunge! Ich habe keinen Sohn!“ „Bei allen Heiligen, er iſt es! Wollt Ihr Euer eige⸗ nes Kind ermorden? Das dürft Ihr nicht, das vermögt Ihr nicht!“ Dieſe Worte ſtrömten Biondinen flehend, dro⸗ hend, prophetiſch, mit der göttlichen Kraft feſt inwohnen⸗ der Ueberzeugung heraus. Es war, als wäre ſie von einem höhern Geiſte getrieben, der ſie, ihr ſelbſt unbewußt, zum Vollſtrecker ſeiner ewigen Gebote und Fügungen geweiht habe.— Ein Mann indeſſen, wie Foscari, der Kühnheit, Scharfblick, die Uebung der Gewohnheit und ſchnelle Gei⸗ ſtesgegenwart beſaß, war ſelbſt durch den heftigſten und — 117— unvermuthetſten Schlag nicht ſogleich zu beſiegen, ſondern blickte entſchloſſen nach Auswegen umher, um dem drohend⸗ ſten Verderben noch zu entgehen.„Battiſta,“ rief er wild dem Mohren zu,„ergreife dieſe Raſende! Pietro, Stef⸗ fano, herein! Packt hier dieſe Unſinnige! Werft ſie in ein ſicheres Gewölbe des Palaſtes, von wo aus ſie die Welt nicht mit den Raſereien ihrer Zunge zu erfüllen vermag!“ Battiſta ſprang ſogleich hinzu und packte ſie wie an jenem Morgen. Biondina entriß ſich ihm mit der Kraft der Todesangſt und ſchrie laut:„Räuber! Mörder! Hülfe!“ Allein es war vergeblich, den die beiden herbeigerufenen Diener, Steffano und Pietro, waren ebenfalls hinzuge⸗ ſprungen und überwältigten das ſchwache Mädchen leicht. Nur ihre innere Kraft war nicht zu beſiegen, denn ſie fühlte ſich ſtark durch Tugend, Recht und erhabene Liebe. Mit dem aufgelöſt fliegenden, goldenen Haar, mit dem ed⸗ len Purpur zürnender Erhebung auf den Wangen glich ſie einer ſchmachvoll gefeſſelten Königin, die zum Richtplatz geführt wird. Auch verzagte ſie nicht, ſondern richtete ſich mit Wort und Blick drohend auf gegen Foscari und rief: „Frevle nur an der Unſchuld und an jedem Heiligthume! Gottes Blitzſtrahl wird Dich doch finden und die heilige Jungfrau mich beſchirmen!“ Unter dieſen Worten und einem höhnenden Gelächter Foscari's, welches er ſich mühſam abzwang, wurde ſie hin⸗ ausgeführt. In wildeſter Bewegung ging Foscari heftig auf und nieder und ſuchte ſich zu faſſen. War es Zufall oder Er⸗ findung, um mich zu ſchrecken oder zu rühren, daß ſie be⸗ hauptete, er ſei mein Sohn? Wiel! Oder tauchen wirklich Geſpenſter aus dem Abgrunde der Vergangenheit auf: — 118— Werden meine halben Ahnungen und Träume zur Wirk⸗ lichkeit? Man hat Beiſpiele, daß gedungene Mörder die That nur als vollzogen angaben, ſie aber dennoch nicht vollbracht hatten! Thorheiten! Wahnwitzige Hirngeſpinnſte! Welches Grab ſollte denn nach zwanzig Jahren ſeinen Mund noch aufthun? Thorheiten! ſage ich nochmals. Sei ein Mann, Foscari, laß Dich nicht wie ein Knabe erſchrecken. Jetzt fort in den Blutrath! Und iſt das Urtheil geſprochen und vollzogen, ſo bleibt mir ja Zeit genug, die wahnſin⸗ nige Thörin zu hören und ihr, wenn es ſein muß, den Mund auf ewig zu verſchließen. Gib Acht, ſchönes Kind,“ ſetzte er mit bitterem Hohn und gewiſſermaßen um ſich ſelbſt durch erzwungenen Scherz zu ermuthigen, hinzu, „Du haſt ein ſchlechtes Spiel geſpielt! Vor drei Tagen gedachte ich Dir die ſüßen Lippen mit Küſſen zu verſiegeln, jetzt muß ich ein ehernes Schloß darauf drücken, das keine Hand dieſer Erde zu öffnen vermag.“ In dieſem Selbſtgeſpräche wurde er plötzlich durch den lauten Schrei einer weiblichen Stimme unterbrochen, der von der Seite des Kanals herkam; gleich darauf, und zum Theil damit vermiſcht, hörte er auch mehre verworrene Männerſtimmen und faſt in demſelben Augenblicke ein Geräuſch, wie wenn ein ſchwerer Körper ins Waſſer ſtürze. Er ſprang auf den Balcon. Da ſah er, und ſtand gefeſ⸗ ſelt vor Verwunderung, ein weibliches Weſen eben wieder aus der Tiefe der Wellen emportauchen und ſchwimmend die blaue ruhige Flut theilen. An dem langen blonden, auf den Wellen nachtreibenden Haar erkannte er auf der Stelle Biondina.„Teufel!“ rief er und ſchlug ſich heftig vor die Stirn.„Wie war das möglich!“— Mit ei⸗ nem raſch prüfenden Blicke maß er die Höhe von dem Balcon bis auf die Flut hinab, unentſchloſſen, ob er ſelbſt — 1— den Sprung wagen ſolle, die Flüchtende einzuholen. Doch ſchon ſah er Gondoliere in raſcher Fahrt auf die Schwim⸗ mende zueilen, die vermuthlich eine Verunglückte zu retten dachten.„Es iſt vergeblich!“ rief er und ſtampfte mit dem Fuße. Indem ſtand Battiſta athemlos hinter ihm und berichtete keuchend:„Eine Teufelsdirne das! Wir führ⸗ ten ſie über die untere Galerie, um ſie die Wendeltreppe hinab in das unterſte Gewölbe zu bringen. Auf dem ſchmalen Gange mußten wir ſie loslaſſen und zwiſchen uns nehmen. Ich voran, um die Eiſenthür zu öffnen, Pietro und Steffano hinter dem Mädchen. Da, wer war darauf gefaßt, ſchwingt ſie ſich raſcher, als ein Blitz zückt, über das Eiſengeländer die vierzig Fuß tief in den Kanal hinab! Mir ſtockte der Athem, als ich's ſah, und ich ſtand wie Loth's Weib zur Saͤule verſteinert!“ „Zum Klotz, zum plumpen Klotz!“ rief Foscari wild und drückte dem Mohren die Fauſt ins Geſicht. Ich hätte lieber meinen Palaſt in Flammen geſehen, als dieſes Mäd⸗ chen in Freiheit! Battiſta murrte unwillig wie ein getretener Hund, doch wagte er nicht, ſich offen aufzulehnen. Foscari wandte ſich nochmals nach dem Meere zu, da ſah er, wie die Fiſcher Biondina bereits in Empfang nah⸗ men und in ihre Gondel zogen. Er verließ hierauf den Balcon, warf ſich haſtig in ſeine Amtskleidung und eilte in den Dogenpalaſt zur Verſammlung des Nathes der Zehn, dem Ludovico's Sache jetzt anheimgefallen war. G— 420— Dreizehntes Capitel. Von dem Augenblicke an, wo Ludovico ſie verlaſſen hatte, genoß Roſaura keiner ruhigen Minute mehr. Sie warf ſich in ihrem Gemache auf das Ruhebett, ſtützte das Haupt in die Hand und eine erleichternde Thränenflut entſtrömte ihren ſchönen Augen. Lucie, die eine Zeit lang entfernt geſtanden hatte, ohne ihre Gegenwart bemerkbar zu machen, trat jetzt zu ihrer Gebieterin heran und redete ſie an:„Warum weint Ihr, Signora? Vergeßt den Falſchen, Treuloſen; verachtet ihn! Wer weiß, ob Ihr nicht gar bald den Triumph erlebt, ihn, von ſeinem Gondolierliebchen überſättigt, ihrer flachen Einfalt müde, zu Euern Füßen zurückkehren zu ſehen!“ „Was redeſt Du?“ unterbrach Roſaura ſie heftig; „wer wird zurückkehren? Ludovico nun und nimmermehr!“ „Und wer weiß, vielleicht doch,“ entgegnete Lucie;„und um ſo eher, möchte ich behaupten, je ſtrenger Ihr es ihm verboten, je ſchärfer Ihr Euch von ihm geſchieden habt. Gebt Acht, er empfindet Reue!“ „Reue! Ja, Reue wird er empfinden,“ rief Ro⸗ ſaura und erhob die Hand halb drohend, halb be⸗ theuernd;„Reue wird er empfinden, ich aber werde ſie nicht ſehen!“ „Was wollt Ihr damit ſagen, Signora, ich verſtehe Euch nicht?“ fragte Lucie befremdet über die ernſte, dro⸗ hende Geberde ihrer Herrin. „Er wird Reue empfinden,“ fuhr Roſaura fort, ohne auf Luciens Frage zu achten,„aber ich? Werde ich frei — 121— ſein von ihren Natterbiſſen? Hat ſie ſich ſchon jetzt mit ſcharfem, giftigem Zahn in mein innerſtes Herz hineinge⸗ nagt nnd ſich zu der Schar der Höllenqualen geſellt, die mich peinigen? Das Gift verſchmähter Liebe, der Stachel der Rache, der Pfeil des Schmerzes, die Glut der tiefſten Scham— foltern ſie dieſe Bruſt denn nicht genug? O, ich bin grenzenlos elend, erniedrigt, entwürdigt vor mir ſelbſt, tief in den Staub getreten; die einſt ſo ſtolze Ro⸗ ſaura—— ⸗ „Aber, Signora, ſagt mir um des Himmels willen, was iſt geſchehen?“ flehte Lucie, und zitterte, indem ſie deren Hand bittend ergriff.„Ihr wißt, daß ich Euch ge⸗ kreu bin! Sollte die alte Zauberdrude mit ihren geheim⸗ nißvollen Reden—“ „Geh', geh'! Was kümmert mich die alte Giftmi⸗ ſcherin! Und doch, ja ſie kümmert mich viel! Mehr als Du ahnſt und glaubſt, Lucie,“ erwiderte Roſaura. „Habt Ihr mit Eurer Mutter von ihr geſprochen?“ „Was, mit meiner Mutter! Nenne ſie nicht! Sie hat mich an Foscari verrathen, für ſchnödes Gold verrathen! Ohne ſie wäre es nie dahin gekommen! Die eigene Tochter verrathen! Sie iſt meine Mutter nicht— „Das war's, wovon ich ſprechen wollte,“ fiel Lucie ein.„Die Alte kennt Eure Mutter! Sie ſagte bedeut⸗ ſam, ohne Euch jedoch zu nennen: Sie hat einmal ein hübſches, vornehmes Kind geſtohlen, davon lebt ſie, glaube ich, noch. Wenn ſie— „Mag ſie mich geboren, gekauft oder geraubt haben, ſie hat mich verrathen, das iſt genug, ich will ſie nicht mehr ſehen,“ erwiderte Roſaura.„Nie, niemals ſoll Foscari— O, hätte Ludovico— Doch, was fülle ich die Luft mit Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. V. 6 — 122— hohlen Klagen! Es iſt Alles vorbei, Lucie, Alles!— Laß mich allein!“ 3 „Laßt mich bei Euch bleiben,“ bat Lucie, die ihre Ge⸗ 3 bieterin todtenbleich auf das Ruhebett zurückſinken ſah.„Ihr könnt der Hülfe bedürfen.“ „Ja wol bedarf ich der Hülfe,“ ſeufzte ſie ſchwer auf, „aber nicht Du vermagſt ſie mir zu geben, kein Sterbli⸗ cher, ja ſelbſt der Himmel nicht mehr, wenn er nicht die. entflohenen Stunden aus dem bodenloſen Abgrunde der Ewigkeit zurückſchöpfen kann! Geh', verlaß mich!“ befahl ſie noch viel ſtrenger, und Lucie ging, ohne ihr das Ge⸗ heimniß mittheilen zu können, das ſie entdeckt zu haben glaubte und welches darin beſtand, daß Roſaurens Mut⸗ ter ſie wahrſcheinlich ſchon zu Conſtantinopel betrogen und jenen Diebſtahl, durch welchen dieſelbe um den größten Theil ihrer Schätze kam, ſelbſt an der Tochter begangen hatte. Denn durch Zufall hatte Lucie im Laufe dieſes Ta⸗ ges einen koſtbaren Ring bei Roſaurens Mutter entdeckt, der damals mit unter den entwendeten Sachen befindlich war. Dies Geheimniß mußte ihr höchſt wichtig erſcheinen; dennoch würde ſie gefühlt haben, wie völlig unwichtig es ihrer Gebieterin in dieſem Augenblicke ſein konnte, wenn ſie gewußt hätte, was vorgegangen war. Allein Roſaura hatte Lucien nicht in ihr volles Vertrauen gezogen; Nie⸗ manden als Dem, der mit ihr handeln mußte, Foscari, hatte ſie ihren Plan vertraut. Lucie konnte alſo nur er⸗ rathen; aber ihre Ahnungen trafen, bei der Kenntniß, die ſie von dem Charakter ihrer Herrin hatte, ziemlich das Nichtige. Die ganze Nacht über hörte ſie ſie von Zeit zu Zeit auf⸗ und niedergehen, bald ſtumm in ein banges finſteres Schweigen gehüllt, bald weinend und einzelne Worte laut * — 123— mit ſich ſelbſt ſprechend. Erſt nachdem dieſe ganze Nacht des Schmerzes und der inneren Aufregung ſie faſt bis zur Ohnmacht erſchöpft hatte, ſank ſie in einen Schlaf der völligſten Kraftloſigkeit, der dem glich, in welchen ein Ge— folterter verfällt, wenn das äußerſte Maß aller Qualen ihm jeden Nerv bis zur Fühlloſigkeit abgeſtumpft hat. Es war ſpät, als ſie nach Lucien ſchellte. Dieſe traf ſie auf dem Bette ſitzend; ſie ſah bleich; ihr brennendes dunkles Auge ſchien hinſterbend zu erlöſchen; das feurige Roth der Lippen war zu dem der entwelkenden Roſe er⸗ erblaßt; das Haar hing ihr ſchwermüthig über Bruſt und Nacken herab. Dennoch war ſie ſchöner als jemals und Lucie, welche ihren Gewohnheiten als Zofe, trotz der ein⸗ getretenen düſtern Verhältniſſe, nicht ſo ſchnell entſagen konnte, vermochte es nicht, ihre Bemerkungen darüber zu⸗ rückzuhalten.„Ach, Signora,“ ſprach ſie halb im Scherz, halb betrübt,„wie ſchön ſeid Ihr heute! Ware ich ein Mann, gerade ſo möchte ich Euch am liebſten umarmen, denn es ſieht aus, als wenn es auch zugleich das letzte und einzige Mal wäre!“ „Mädchen,“ fuhr Roſaura auf,„was weißt Du davon! Behorchſt Du die geheimſten Gedanken meiner Bruſt?“ Lucie ſtand erſtaunt und ſah ſie mit fragenden Blicken an.„Ich weiß Euch ſeit geſtern Abend oft gar nicht zu verſtehen, Signora,“ ſprach ſie betreten. „Wüßteſt Du's, Du wüßteſt mehr, als ich ſelbſt bei mir vermag,“ ſeufzte Roſaura und ſtand auf.— Sie ſchien über etwas nachzuſinnen, über einem großen Ent⸗ ſchluß zu brüten. Lucie wagte nicht, die ſtumme Pauſe zu unterbrechen. „Lucie,“ begann Roſaura nach einigen Minuten mit „ 6* — 124— weicher Stimme, aber doch in entſchiedenem Tone,„Lucie, Du hatteſt Recht. Es wird das letzte, das einzige Mal ſein, wenn man mich ſo umarmt.— Ich habe gehan⸗ delt, ohne eines Sterblichen Hülfe und Vertrauen zu for⸗ dern. Jetzt will ich Dir's ſchenken, weil ich weiß, daß Du mit Treue an mir hängſt. Bleib mir nur heute noch getreu, morgen entlaſſe ich Dich jeder Pflicht!“ Bei dieſen Worten lehnte ſie das Haupt matt gegen des ſtaunenden Mädchens Bruſt und ihre Thränen floſſen leiſe. Bald aber richtete ſie ſich, ſtark durch innern Ent⸗ ſchluß, wieder empor und fuhr fort:„Du weißt, ich habe ein glühendes, italieniſches Herz; ich kann lieben und haſſen, ich kann für meine Liebe tödten und ſterben, aber Beides auch für meine Rache. Heut' werde ich's Dir beweiſen. Du weißt, welchen Verrath, welche Schmach Ludovico an mir geübt! Dafür mußte ich Rache nehmen; es wurde meinem ſchmachvoll liebenden Herzen ſchwer, doch meine Würde ſiegte über meine Schwäche. Ich faßte einen furcht⸗ baren Gedanken und führte ihn aus. Durch Foscari, die⸗ ſen Nichtswürdigen, beſchloß ich ihn zu verderben; er hatte ſchon Meuchelmörder gegen ihn gedungen, doch dieſe That der feigen Schande hinderte ich. Foscari ſelbſt, ſo beſchloß ich jetzt, ſollte an ſeiner Rache zu Grunde gehen, der Elende mußte, ohne es zu wiſſen, ſeine eigene Grube gra⸗ ben. Durch ſeinen Mohren wußte ich längſt, daß er für dieſes Jahr Staatsinquiſitor ſei—“ „Heiliger Gott!“ rief Lucie zurücktretend. „Erſchrick nicht!“ Wir haben nicht lange mehr von ihm zu fürchten!— Ich beſtimmte ihn, Ludovico des Hochverraths anzuklagen. Die Beweiſe ſeiner Schuld ver⸗ ſprach ich zu liefern. Der Zufall begünſtigte meinen Plan. Jene Alte, welche geſtern hier war, bot ſich mir mit vie⸗ — 15— ———— — 125 lerlei ihrer Künſte an, unter andern auch mit der Berei⸗ tung ſchnell wirkender Gifte.“ Hier hielt Noſaura einige Augenblicke inne; es war, als ob der lebendig werdende Gedanke an ihre That ihr die Kräfte raube. Nach einigen Augenblicken zog ſie ein Fläſchchen aus dem Buſen, in welchem ſich einige Tropfen einer kryſtallhellen Flüſſigkeit befanden.„Dieſes Gift kaufte ich von der Alten und füllte damit meinen Ring mit der kleinen Kapſel unter dem Steine, den Du kennſt. Ihn gab ich zum Abſchied an Ludovico; zugleich einen Brief, den ich ihn bat erſt nach drei Tagen zu leſen, der aber nicht, wie er wähnte, meine letzten Worte an ihn enthielt, ſondern ihn des Antheils an einer Verſchwörung gegen die Nepublik dringend verdächtig macht. Solche Zeichen, das weiß ich, ſind der Staatsinquiſition Venedigs mehr als genug. Ueberdies iſt Foscari, einer der drei Richter, ſelbſt ſein Ankläger, kurz, er kann dem Tode nicht ent⸗ rinnen und weiß, daß ich ihn verderbe!“ Vergebens hatte Roſaura bei dieſen letzten Worten ge⸗ ſucht, die Flamme der Rache in ſich anzufachen; ihr Zorn war jetzt ſchon eine Lüge geworden und ſie täuſchte ſich ſelbſt damit. Nur der tiefſte, hoffnungsloſeſte Schmerz ſprach aus ihren Zügen. „Du ſiehſt, ich habe ein italieniſches Herz,“ ſprach ſie zu Lucien. Doch dieſe erwiderte ihr:„Ach, Signora, habt Ihr es wirklich, habt Ihr Euern Schritt nicht bereut?“ „Höre mich zu Ende,“ fuhr ſie ermannter fort.„Fos⸗ cari ſchwur mir zu dienen, aber nur unter einer einzigen ſchmachvollen Bedingung! Erlaß es meiner Scham, ſie Dir zu nennen!“— Hier barg ſie das Haupt erglühend an Luciens Bruſt; dieſe fuͤhlte ihr ſtürmiſch ſchlagendes Herz an dem ihrigen. — 126— „Ach, Ihr werdet das nicht überleben, Signora!“ ſprach ſie leiſe und Thränen des Mitleids netzten ihre Wange. „Du ſagſt's!“ rief Roſaura ſtolz aufgerichtet.„Ich werde es nicht überleben, ich nicht und er nicht! Wenn Ludovico's Haupt gefallen iſt, will Foscari die Frucht ſei⸗ ner That pflücken! Aus meiner Folterqual und ewigen Verdammniß, aus dem Herzblute eines unſchuldig Ge⸗ mordeten, an dem er nicht einmal das Recht der Nache hatte, denkt das Ungeheuer Wolluſt zu ſaugen! Er ſoll den Tod umarmen, den Tod in zweifachem Sinne!— Meinen Eid halte ich ihm! Denn ſein Fall in das boden⸗ loſe Verderben iſt tiefer, gräßlicher, wenn er in trunke⸗ ner Betaͤubung das Maß der Frevel erſchöpft hat; mir lege ich die ſchaudernde Qual der Schmach und Erniedri⸗ gung als Buße auf. Aber noch in der wilden Glut ſeiner Umarmung erſtarre ich zur Leiche, denn,“ hier hielt ſie das Giftfläſchchen empor,„eher nicht berührt ſeine Lippe die meine, bis dieſe Tropfen ſie genetzt haben!“ „Signora!“ rief Lucie angſtvoll aus und wollte ihr das Fläſchchen entreißen;„Signora, um der heiligen Jung⸗ frau willen, Ihr werdet doch dieſen gräßlichen Entſchluß nicht ausführen?“ „Ich werde,“ ſprach Roſaura,„die jetzt Kraft und Würde wiedergefunden hatte, ich werde, ſo wahr ich meine Rache ausführte! Träte ich auch auf halbem Wege zurück, ſo wäre ich nichts als eine feige Meuchelmörderin, eine erkaufte Buhlerin, des Staubes nicht werth, in den man ſie tritt! So bin ich furchtbare, aber ſtolze Rächerin ei⸗ nes im Tiefſten beleidigten Herzens und der unwürdigſten Schmach, denn auch Foscari fällt, das Opfer meiner Nache! Das iſt Dein Vermächtniß, Lucie!“ — Sie trat hierauf an einen Tiſch, öffnete ein geheimes Fach und übergab Lucien ein verſiegeltes Packet. „An Andreas Cornaro, Doge der Republik Venedig!“ las dieſe mit Erſtaunen.„Was ſoll mir das?“ „Am Tage, nachdem ich erblaßt bin,“ ſprach Roſaura feierlich,„übergibſt Du dieſen Brief Dem, an den er ge⸗ richtet iſt. Er enthält das Geſtändniß meiner Schuld, die Anklage Foscari's und die Beweiſe wider ihn. Der Thor wähnte, ich werde ſeine echte Unterſchrift in den Rachen des Löwen werfen? Das Blatt, das er wirklich unter⸗ zeichnete, unter das er ſein Wappen drückte, liegt bei die⸗ ſen Briefen; ich ſchnitt das aufgedrückte Siegel fein heraus und klebte es auf ein anderes Blatt, wo ich ſeine Unter⸗ ſchrift nachahmte. Nach dem falſchen Blatte, das zu⸗ verläſſig Niemand zu prüfen gedacht hat, weil Foscari es anerkannte, wird Ludovico verurtheilt. Nach dem echten fällt Foscaril Erkennſt Du mich jetzt wieder?“ Bei dieſen Worten richtete ſich Noſaura mit der Würde einer Königin empor und das alte dunkle Feuer leuchtete in ihren Augen.— Lucie vermochte nichts, als ihr ſtumm zu Füßen zu ſinken und das weinende Angeſicht in ihren Schoos zu drücken. Ein Diener trat ein und brachte ein verſiegeltes Blatt. Roſaura erbrach es raſch, denn es war von Foscari. Sie las es, ihre Hände zitterten, der Buſen wogte bebend, die Knie wankten.„Lies,“ ſprach ſie und reichte es Lu⸗ cien hinüber. Es war der Brief Foscari's, in welchem er ihr Ludo⸗ vico's Verurtheilung für den Nachmittag ankündigte und ſie aufforderte, ſich in ſeiner Villa zu verbergen. Lucie ſchau⸗ derte zuſammen, als ſie las. Sie hatte Ludovico tödtlich gehaßt, jetzt, da ſie ihn verloren ſah, drang ihr ſein — 128— Schickſal in die Seele. Noſaura fühlte wie ſie; doch ſie betrog die beſſeren Gefühle der Bruſt durch den ſtarren Ei⸗ genſinn, mit dem die Gedanken der Nache und der Selbſt⸗ fühne ſich gleich Vampyren darin feſtgeſaugt hatten. „Alſo vor Sonnenuntergang!“ ſprach ſie langſam.— „Und ich kenne Foscari, er wird nicht lange ausbleiben, ſeinen Lohn zu fordern!— Mittag iſt vorüber! Vielleicht ſitzen ſie eben jetzt zu Gericht; es iſt Zeit, daß auch ich Gericht halte über mich!— Sieben Stunden braucht das Gift,“ ſagte mir die Alte,„dann ſchläfert es ſtill be⸗ täubend zu ſtarrem Tode ein. Ich darf die Mitternacht nicht überleben!“— Verſtohlen hatte die Unglückliche das Fläſchchen an die Lippen geſetzt und raſch geleert. Lucie blickte zu ihr auf, ſah die That, ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus, fiel der Trinkenden in die Arme, riß ihr die Hand zurück, doch es war zu ſpät. Weinend umklam⸗ merte ſie die Gebieterin und rief unter erſtickenden Thrä⸗ nen der Angſt:„Nein, es iſt unmöglich! Mein Auge hat mir gelogen!“ „Was willſt Du?“ ſprach Noſaura ernſt, doch ſanft; jetzt iſt mir wohl! Misgönnſt Du mir den Labetrunk?“ Und ſo nahm ſie ſie ſtumm in die Arme und hielt ſie als die treueſte Freundin am Herzen. Plötzlich zuckte ſie zuſam⸗ men und trat erſchreckt einen Schritt zurück.„Die Alte!“ rief ſie erſtaunt und deutete auf die Thür. Wirklich ſtand Priscilla hinter der Glasthür, die nach dem Garten führte. Schon bei ihrem erſten Beſuche hatte das unheimliche Weſen der Alten einen ſchauerlichen Ein⸗ druck auf Roſauren gemacht; ihre Erſcheinung jetzt, in die⸗ ſem entſetzlichen Augenblicke, als ſei ſie eben aus dem Bo⸗ den gewachſen und trete als das ſchauerliche Geſpenſt der Vergeltung heran, um Rechenſchaft zu fordern von den ———p. „ — 129— vollendeten Thaten des Frevels; ihr Hinzutreten jetzt faßte Noſauren mit einem zwiefachen eiskalten Schauder an. Sie ließ Lucie los und blickte ſtarr auf die Kommende, ohne Kraft und Muth zu der Frage zu gewinnen:„Was willſt Du?“ Priscilla aber pochte an die verſchloſſene Thür und winkte mit deutungsvollen Blicken und Geberden, daß man ihr öffnen möge. Lucie that es; Roſaura rief ihr haſtig leiſe nach:„Verſchweige, was hier geſchehen iſt.“— Die Alte trat ein, verbeugte ſich tief vor Roſaura, ergriff den Saum ihres Kleides, küßte ihn mit Demuth und ſprach: „Die heilige Jungfrau grüße Euch, gnädige Gräfin, und gebe Euch Glück und Segen!“ „Was wollt Ihr,“ entgegnete RNoſaura halb zit⸗ ternd, halb unwillig,„habt Ihr etwas in meinem Hauſe vergeſſen, oder habe ich Euch nicht reichlich genug be⸗ lohnt? Sprecht ſchnell, denn meine Augenblicke ſind ge⸗ zählt!“ Ihr habt mich Eures Standes würdig belohnt, denn Ihr ſchenktet wie die edelſte Dame von Venedig; man ſieht, Ihr ſeid fürſtlich geboren!“ ſagte die Alte demüthig. „Schweigt mit Eurer Thorheit. Sprecht, was Ihr wollt, oder wenn Ihr nichts wollt, ſo geht!“ „Ei, ſchöne Signora,“ erwiderte Priscilla mit bedeut⸗ ſamem Laͤcheln,„Ihr ſolltet nicht ſo zornig ſein, denn wahr⸗ lich, ich bringe Euch gute und wichtige Zeitungen. Nur laßt mich doch zuvor wiſſen, tragt Ihr nicht ein kleines Muttermaal, nur zwei braune Fleckchen unter der linken Bruſt?“ „Wer hat Euch das geſagt?“ rief Roſaura erſtaunt aus, und trat einen Schritt zurück. „O, ich weiß noch mehr von Euern verborgenen Schön⸗ heiten,“ fuhr die Alte freudig fort.„Ich darf Euch nur . 6** — 130— das Ohrläppchen aufheben, um ein gleiches braunes Fleck⸗ chen zu entdecken, und wenn ich—“ „Iſt das wahr, Lucie?“ fragte Roſaura erſtaunend und blickte die Alte mit rollenden Augen an, da Lucie es bejahte. „Nun denn, wenn es wahr iſt, ſo iſt es auch genug,“ ſprach Priscilla,„und ich bin meiner Sache gewiß. Was gebt Ihr mir, Signora, wenn ich Euch in drei Worten eine nichtsnutzige Mutter nehme und einen vornehmen Va⸗ ter und einen edlen Bruder gebe? Daß ich Euch zur edelſten Dame in Venedig mache, will ich nicht einmal rechnen.“ 3 „Weib, öffne Deine Lippen und foltere mich nicht,“ ſprach Roſaura ahnungsvoll grauend,„wiſſe aber, daß es mir gleich gilt, ob Du mir den Kaiſer zum Vater gibſt oder den ärmſten Bettler Venedigs. Denn kein Kaiſer, kein Gott vermag es, mir nun noch zu helfen!“ Priscilla ſchüttelte das Haupt.„Nicht zu helfen,“ ſprach ſie für ſich,„was ſoll das bedeuten? So hört denn,“ fuhr ſie laut fort,„Eure Duenna, die Ihr, wie ich weiß, für Eure Mutter haltet, iſt nur Die, die Euch in zarter Jugend geraubt hat. Eure Mutter war die Gräfin Berberigo; ſie wurde frühzeitig Witwe und ererbte für ihre beiden Kinder, einen Sohn und Euch, ein unermeßliches Vermögen. Dies lockte einen ehrgeizigen Nobile Venedigs zu einer Verbin⸗ dung mit ihr. Kaum ein Jahr ſpäter fing ſie an zu krän⸗ keln und es dauerte nicht lange, ſo ſtarb ſie hin. Bald darauf auch ihre beiden Kinder, ſo hieß es damals wenig⸗ ſtens. Ich aber trug Sorge, daß der Wille des Vaters, der ihre reiche Erbſchaft zu ſeiner ehrgeizigen Laufbahn benutzen wollte, nicht in Erfüllung ging. Die Kinder lebenz die Tochter ſeid Ihr; Bruder und Vater ſind Euch wohl be⸗ —— ☛&ꝙ — 131— kannt, denn ſie nennen ſich Ludovico Terno und Mar⸗ cheſe Foscari!“ „Allmächtiger Himmel!“ rief Roſaura aus, als ſie dieſes Wort vernahm, und ſank, wie von zermalmenden Donnern des Gerichts getroffen, leblos in Luciens Arme. „Was bedeutet das?“ fragte Priscilla erſchrocken, in⸗ dem ſie hinzuſprang. Lucie konnte den Zuſtand ihrer Ge⸗ bieterin freilich begreifen, doch wagte ſie nicht, der Alten Aufklärung darüber zu geben. Sie war daher nur be⸗ ſchäftigt, Roſauren wieder zum Bewußtſein zu erwecken. Auch hierbei. zeigte Priscilla ihre viel erfahrene Gewandt⸗ heit und brachte mittels eines ſtärkenden Kräuteröls, das ſie bei ſich trug und Roſauren ſogleich in Stirn und Schläfe einrieb, dieſelbe bald wieder zum Bewußtſein zu⸗ rück. Iſt es wahr, oder habe ich geträumt, das ſagt mir auf der Stelle,“ fragte ſie, als ſie die Augen aufſchlug; „iſt Ludovico mein Bruder und Foscari mein Vater?“ „Es iſt ſo und ich kann es beweiſen!“ erwiderte die Alte.„Es leben auch noch Zeugen in Venedig!“ „Allwiſſender Lenker der Geſchicke!“ rief Roſaura aus und warf ſich mit gen Himmel erhobenen Händen auf die Knie,„Dank Dir, daß Du mich nur bis an den Nand des entſetzenvollen Abgrunds führteſt! Dank Dir, daß Du mir den Schleier vom Auge riſſeſt, bevor ich hinabſtürzte in die Tiefe ewiger Verdammniß! Was noch zu ſühnen möglich iſt, will ich mit raſcher That vollbringen. Nur ſo viel Augenblicke vergönne mir!“ 3 Priscilla und Lucie blickten ſie mit ehrfurchtsvollem Staunen an. Ihre eben noch ſo marmorbleiche Wange er⸗ glühte, ihr erloſchenes Auge flammte blitzend auf. Sie ſtand edel emporgerichtet und jeder Blick war ein Gebot.„Wir müſſen auf der Stelle nach Venedig und Ihr begleitet mich,“ ——— — 132 befahl ſie.„Gib mir den Brief an den Dogen zurück, den ich Dir anvertraute. Ich ſelbſt will ihn überbringen, denn Ludovico muß gerettet ſein, oder Venedig ſoll in Flammen aufgehen!“ „Ihr wißt alſo auch—,“ begann Priscilla. „Unſelige, ich weiß Alles, denn ich that Alles ſelbſt!“ unterbrach Roſaura ihre Worte.„Folgt mir jetzt! Kannſt Du beweiſen, was Du behauptet, ſo will ich Dich mit Gold überſchütten!“ So gebietend, ihrem mächtigen Willen Alles ſtumm un⸗ terwerfend, ſchritt ſie voran zum Strande hinunter und be⸗ ſtieg dort mit Priscilla und Lucien eine Gondel, um nach Venedig überzuſchiffen und dem Dogen Alles zu entdecken. — Vierzehntes Capitel. Ludovico lag von Fieberſchauern und düſterm Grauſen geſchüttelt in der undurchdringlichen Nacht ſeines Gefäng⸗ 4 niſſes. Kein Strahl des Lichtes drang zu ihm hinab, kei⸗ nen Laut vernahm er, keine Thür, keinen Riegel hörte er klirren. Es war, als ſei er in dem Bauche der Erde be⸗ graben. Wie viele Stunden er in dieſer Gruft zugebracht, wußte er nicht; gleich anfänglich hatte ihm ſeine erſte Be⸗ täubung die Berechnung aller Zeit geraubt und dann ver⸗ zehnfältigten Grauen und Qualen die Dauer der Secunden. Es wurde ihm keine Nahrung, kein Trunk gereicht und doch fühlte er ſchon lange die Pein des Hungers und des Dur⸗ ſtes. Die heimliche Botſchaft Foscari's war ihm nicht zu⸗ — ——Q—— 5 — [-— — 133— gekommen. Denn der Mohr Battiſta, obgleich er Kühn⸗ heit genug beſaß, um jeden Frevel zu wagen, zitterte doch vor den Schrecken der Bleidächer und Schlangengewölbe. Er wußte zu gut, daß ein Mitwiſſen der Geheimniſſe der Staatsinquiſition, wie gering es ſei, doch das Schwert über ſeinem Haar aufhänge; deshalb hatte er nicht gewagt, den Befehl ſeines Herrn auszuführen, ſondern war zu Pietro Eiſenfauſt gegangen und hatte dieſem funfzig Zechinen ver⸗ ſprochen, wenn er dem Gefangenen den Zettel zuſtellen wolle. Pietro verſprach es, um das Gold zu erhaſchen, doch hielt er eben ſo wenig Wort, wie Battiſta, ſondern entdeckte ſich der alten Priscilla. So erfuhr dieſe, durch wen Ludovico verhaftet ſei, und gab Biondinen durch den ins Fenſter ge⸗ worfenen Zettel Nachricht davon. Waährend Biondina den unſeligen Verſuch der Rettung Ludovico's bei Foscari machte, war die Alte in der ganzen Stadt umhergeſchlichen, um die Perſonen aufzuſuchen, die ihr zum Beweiſe ihrer Ausſage über Ludovico's und Ro⸗ ſaura's Geburt dienen konnten. So kam die Stunde heran, wo der Nath der Zehn ſich im Dogenpalaſte ver⸗ ſammelte. Andreas Cornaro hatte einen ſchmerzlichen Antheil an che im Spiele ſein dürfte, doch bei den Grundſätzen, nach welchen der Nath der Zehn die Sicherheit der Republik in Schutz nehmen zu müſſen glaubte, ſah er keine Rettung für den Angeklagten. Die vierte Nachmittagsſtunde ſchlug. Jetzt verſammelte ſich der Nath der Zehn in ſeinem Sitzungsſaale und auch der Doge, der mit ſeiner Signoria das Recht hat, demſel⸗ — 1344— ben beizuwohnen, warf ſich daher in ſeinen Ornat und be⸗ gab ſich dahin. Bis zu dieſer Zeit hatte Ludovico ſeit dem geſtrigen Abende im Gefängniſſe geſchmachtet, allen Schrecken der Gegenwart und der unbeſtimmten Zukunft preisgegeben. Da hörte er in der Ferne einen Riegel klirren. Nach der langen Grabesſtille klang ihm dieſer ſchauerliche Laut wie ſüße Muſik. Dumpfe Schritte kamen näher; der Schall derſelben verſtummte vor ſeinem Gefängniſſe. Schwere Schlüſſel drehten ſich im Schloſſe, die Thür wurde geöffnet, zwei Vermummte, deren einer eine trübe brennende Lampe trug, traten ein. Ohne eine Sylbe zu ſprechen, ſchloſſen ſie ihn von dem Boden los, an den er gekettet war, riſſen ihn rauh empor, nahmen ihn in ihre Mitte und führten ihn mit ſich fort. Die Hände wurden ihm auf den Rücken ge⸗ ſchloſſen; ſeine Begleiter verharrten ſtumm wie zuvor. Müh⸗ ſamen Schrittes ſchleppte ſich Ludovico fort; er wußte kaum, ob er der Furcht oder Hoffnung entgegengehe, doch regte ſich die letztere mehr, denn gegen die ſchauerliche Qual ſeines Kerkers erſchien ihm jetzt ſelbſt die Folterkammer eine Erlöſung. Dort durfte er doch hoffen, von den wil⸗ den, zuckenden Schmerzen betäubt oder getödtet zu werden; hier blieb das Geſpenſt des Bewußtſeins ſeines Zuſtandes unbeweglich vor ihm ſitzen und ſenkte das Eis des Grau⸗ ens langſam in ſeine Bruſt. Durch lange Gänge führte der Weg, wie es ſchien, in unterirdiſchen Räumen hin; dann ſtieg er aufwärts in nicht ſteilen langſamen Windun⸗ gen. Verſchloſſene Thüren, Treppen, lange Corridors folg⸗ ten auf einander. Endlich erreichte man einen freieren Bo⸗ gengang, an deſſen Ende eine Lampe brannte. Auf dieſe führten Ludovico's Begleiter ihn zu; zwei Flügelthüren öff⸗ neten ſich und er ſtand in einem hochgewölbten, von Fackeln — 135— düſter erleuchteten Saale, deſſen Waͤnde ringsumher ſchwarz behangen waren und an deſſen Ende zehn Maͤnner in ſchwarzen Mänteln und Larven an einer Tafel ſaßen. Der Saal glich dem, in welchen Ludovico geſtern geführt wor⸗ den war, es war aber dennoch nicht derſelbe. Ein Blick auf dieſe Verſammlung belehrte ihn, daß er vor dem Na⸗ the der Zehn ſtehe, von deſſen furchtbarer Gewalt und Strenge jeder Venetianer nur mit ſcheuem Zittern ſprach. „Mein Tod iſt beſchloſſen,“ dachte Ludovico;„ich werde mich nicht retten, ſo will ich wenigſtens würdig ſterben.“ Er wurde bis wenige Schritte vor den Tiſch geführt; dort verließen ihn ſeine beiden Begleiter und traten in den Hintergrund zurück. Das tiefſte Schweigen herrſchte im Saale. Jetzt öffnete ſich eine Flügelthür hinter der Tafel, Ludovico gegenüber. Bei Fackelſchein trat der Doge im Ornate, begleitet von ſeinen ſechs Räthen, ein. Andreas Cornaro heftete einen Blick der Trauer und des Mitleids auf Ludovico; dieſes erſte Menſchenantlitz, welches Ludovico erblickte und das Theil an ihm zu nehmen ſchien, lächelte ihm wie ein Sonnenſtrahl, der in ein Grabgewölbe fällt. Er fühlte ſich erquickt, ermuthigt, getröſtet. Stumm nahm der Doge in der Mitte der Tafel Platz. Ihm zu beiden Seiten ſaßen, der Länge nach, je fünf der Vermummten; die ſechs Raͤthe der Signoria, als ſolche durch ihre rothe Amtstracht kenntlich, auch nicht verlarvt, nahmen zu je Dreien getheilt, das obere und untere Ende der Tafel ein. Das Verhör begann wie geſtern. Einer der vermumm⸗ ten Nichter legte Ludovico die erſte Frage vor:„Heißeſt Du Ludovico Terno?“ In dem Augenblicke aber, wo er antworten wollte, ertönte ganz in der Nähe ein Kanonen⸗ ſchuß, daß das Gebäude erzitterte und die Fenſter klirrten. — 136— „Was iſt das?“ fragte der Doge und Alle fuhren von ihren Sitzen auf. Ludovico ſchwebte zwiſchen Furcht und Hoffnung; zu begreifen vermochte er es zwar nicht, dennoch war es ihm zu Sinn, als könnte dieſer Schuß ein Sig⸗ nal zu ſeiner Befreiung ſein. Indeſſen war der Doge der Seitenwand des Saales zugeeilt, ergriff eine an einer Schnur herabhängende Quaſte, zog daran, die ſchwarzen Vorhänge flogen zurück, ein hohes Bogenfenſter wurde ſichtbar und das volle blendende Licht des Tages drang in den Saal. Als dringe ein rettender Gott auf den Wellen des Licht⸗ ſtroms ein und ſtelle ſich beſchirmend vor Ludovico, ſo er⸗ hob ſich dieſem der Muth in der Bruſt, als er plötzlich die grauſenvolle Scene der Nacht in den leuchtenden klaren Tag verwandelt ſah. Das blaue Meer lag glänzend vor ihm, er ſah eine majeſtätiſche Galeere auf den Wellen liegen und an dem ziehenden Rauche erkannte er, daß von dieſer der Schuß gefallen ſein mußte. Unwillkürlich trat er dem Fenſter, als ſei es eine Rettungspforte, durch die er flüch⸗ ten könne, einige Schritte näher. Da ſah er eine Barke auf den Wellen, die ein Mädchen in weißem Gewande mit raſchem Ruderſchlage dem Ufer näher trieb. Sein ahnen⸗ des Herz ſchlug hoch auf; wie ein Blitzſtrahl durchzuckte ihn der Gedanke:„Es iſt Biondina! Sie wird Deine Retterin! Der Engel der Liebe naht auf glänzendem Fit⸗ tig und entreißt Dich dem finſtern Engel des Todes, der ſchon die ſchwarzen Flügel über Dich gebreitet hat!“ „Beim höchſten Gott, das iſt kühn!“ rief Cornaro aus, indem er die Gondel erblickte;„dieſes Mädchen trotzt dem Warnungsſchuſſe der Galeere und wagt es hier zu landen! Die Unglückliche ſtürzt ſich ins Verderben!“ Ludovico bebte, als er dieſe Worte hörte! Seine Seele ſandte ein beflügeltes Gebet für Biondina zum Himmel. — 137— Indeſſen waren die Richter ſämmtlich den Fenſtern des Saales zugeeilt und hatten noch mehrere Vorhänge aufge⸗ zogen, um das ſeltſame Schauſpiel zu beobachten. Nur das eine Fenſter, wo der Doge ſtand, blieb faſt ganz frei, ſo daß Ludovico, obgleich er ſich ſcheute, dicht hinzuzutreten, damit man ihn nicht ganz entferne, doch die Barke im Auge behielt. Pfeilſchnell theilte ſie die Wellen; aber noch ſchneller folgte ihr jetzt ein Boot mit ſechs Ruderern, welche die Galeere ausgeſetzt hatte. Es war wirklich Biondina. Durch den Sprung aus Foscari's Palaſt in den Kanal hinab hatte ſie ſich aus ſei⸗ ner Gewalt gerettet; die Schiffer, welche ſie aufnahmen, brachten ſie ans jenſeitige Ufer. Sie eilte halb betäubt ih⸗ rer Wohnung zu. Da begegnete ſie dem wilden Pietro Eiſenfauſt und dieſer gab ihr, von der Alles auskundſchaf⸗ tenden Priscilla beauftragt, die Nachricht, daß um vier Uhr Ludovico's Urtheil geſprochen werden ſolle. Die einzige Hoff⸗ nung ſtehe auf der Gnade des Dogen, wenn dieſer Auf⸗ ſchub des Urtheils bewirken wolle. Jetzt dachte Biondina auf nichts Anderes, als ſich dem Dogen zu Füßen zu wer⸗ fen. Sie eilte nach dem Dogenpalaſte, doch die von dem Böſes muthmaßenden Foscari angewieſenen Wachtpoſten verwehrten ihr den Eingang. Sie rang die Hände, warf ſich ihnen zu Füßen, vergeblich! Da zeigte ihr Pietro, denn ſelbſt dieſem Verbrecher rührte ihr Jammer das Herz, die Möglichkeit, in den Palaſt zu dringen, wenn ſie es wage, mit einer kleinen Gondel der wachhabenden Galeere zu trotzen und unter der Seußzerbrücke, hinter dem Palaſte hindurch, den kleinen Kanal zu gewinnen, von dem ein Auf⸗ gang nach dem innern Hofe des Palaſtes führte. Dies Wagſtück unternahm Biondina. Ein Kanonenſchuß der Ga⸗ leere warnte ſie; ſie ruderte unerſchüttert vorwärts, da ſandte — 13³s— man ihr das in Bereitſchaft gehaltene Galeerenboote nach. Es hatte die dreifache Schnelligkeit ihrer Gondel, doch ihr Vorſprung war groß. Die Soldaten riefen ihr zu, ſie hörte nicht. Da legton ſie auf ſie an, gaben Feuer. Vier Schüſſe krachten; die Kugeln ſauſten dicht an Biondinens Ohr vor⸗ bei, doch ſie ſelbſt war unverletzt. Allein eine Kugel hatte ihr Ruder getroffen und ſo wurde ihr dieſes mit einem hef⸗ tigen Schlage aus der Hand geſchleudert. Jetzt konnte nichts mehr retten, als daß ſie ſich ſelbſt ins Meer warf. Eine geübte Schwimmerin, wie ſie war, ſchreckte ſie die Tiefe der See nicht. Sie ſtürzte ſich in die Flut und theilte mit ihren Armen die Wellen. Dieſen Augenblick ſah Ludovico noch und jetzt war ſie auch ſchon ſo nahe gekommen, daß er ſie wirklich erkannt hatte. Alle Anweſende waren von dem Schauſpiele ergrif⸗ fen und fühlten, daß es etwas Außerordentliches bedeuten mußte. Zumal aber war der Doge erſchüttert.„Heiliger Gott!“ riefser aus,„ſoll ich meinen Augen trauen!“ Mit dieſen Worten zog er eine Glocke und befahl den herbei⸗ ſpringenden verhüllten Dienern, auf der Stelle Sorge zu tragen, daß das Mädchen glücklich ans Ufer geſchafft und heraufgeführt werde. Zugleich öffnete er raſch das Fenſter und winkte mit ſeinem Tuche hinaus, daß die Soldaten auf dem Galeerenboote nicht weiter feuerten oder verfolgten. „Senatoren Venedigs! Ihr ehrt meinen Namen, Ihr wißt, was ich für die Republik gethan,“ ſprach er zu den Richtern umgewandt.„Hört jetzt Cornaro's Bitte: Gebie⸗ tet dem Gerichte Ställſtand, bis ich dieſes Mädchen ge⸗ ſprochen!“ 3 Mit dieſen Worten eilte er hinaus. „Der Wunſch des Dogen werde gehört,“ ſprach der älteſte der verlarvten Richter;„doch ſchließt die Vorhänge — 13o— wieder, daß das Licht des Tages nicht länger in den Saal des Todesgerichts dringe, und nehmet ſchweigend Eure Plätze ein.“ Es geſchah. Die vorige Grabesſtille ringsumher. Doch Ludovico's Pulſe flogen; die Seligkeit der Nettung war jetzt ſo nahe an die Schrecken des Verderbens gerückt, daß ihre ſchnellen Fittige ſich in derſelben Secunde berührten; nur der Gedanke an ſolch' einen Wechſel der Geſchicke hätte das welkabſterbende Herz eines Greiſes in ſtürmiſchen Flug gebracht, wie viel mehr die Wirklichkeit das des le⸗ benskräftigen, liebeglühenden und brauſenden Jünglings. Die Pulsſchläge wurden zu Ewigkeiten. Es dünkte ihn, die Zeit ſtehe ſtill und ihr brauſender Sturmfittig hänge zerſchmet⸗ tert herab. Endlich öffnete ſich die Pforte wieder und der Doge trat ein, Biondina am Arme, ja im Arme haltend, deren thränenſchwimmendes Auge mit Liebe an ſeinem Haupte hing. Ludovico war ſeiner nicht mehr Herr.„Biondina!“ rief er und wollte die Arme ausbreiten, doch die eherne Feſſel hemmte ſeine Kraft.„Biondina, kommſt Du, mich zu retten?“ Sie that einen Ruf der Freude und wollte ihm an die Bruſt eilen, doch der Doge hielt ſie ſanft, aber feſt zurück und ſprach:„Noch bezwinge Dich, meine Tochter, noch iſt er nicht Dein! Wol bringt ſie Dir Rettung, wenn Du ſchuldlos biſt,“ fuhr er gegen Ludovico und die Richter ge⸗ wendet fort.„Ihr Edlen Venedigs, Richter des Raths der Zehn, Euer Doge, Andreas Cornaro, führt dieſe Jung⸗ frau als Zeugin und Klägerin in den Saal. Sie iſt meine Toſchter!“ Alle drückten ihr Erſtaunen aus.„Ja, meine Tochter, die Frucht einer jugendlichen Verbindung, die zwar der Leichtſinn der Jugend knüpfte, nicht aber zerriß, — 140— wie ein dunkel verwebtes Geſchick mich ſcheinbar anklagte. Ich erkannte dieſe Jungfrau an der Aehnlichkeit mit ihrer Mutter. Wenige Fragen nach ihrem Schickſale gaben mir Gewißheit. Jetzt aber führe ich ſie in Eure ſtrenge Mitte und bei der Heiligkeit des Vatergefühls beſchwöre ich Euch, vernehmt ihr Zeugniß und hört die Anklage, die ſie durch meinen Mund ausſpricht. Sie betheuerte die Schuldloſig— keit Ludovico Terno's und behauptet, Marcheſe Foscari habe ihn fälſchlich angeklagt, um Nache zu üben, weil der Jüng⸗ ling vor drei Nächten ihn mit dem Schwerte in der Hand hinderte, eine Schandthat zu vollführen, eine Schandthat, bei der mein väterliches Herz ſich empört. Denn dieſe holde Blüte, dieſe vom gütigen Lenker der Dinge mir aufge⸗ ſparte Freude meines Alters wollte der Frevler raubend entführen, zur Sättigung wilder Luſt.“ Ein dumpfes Murmeln entſtand im Saale. Selbſt die eherne Bruſt der Blutrichter der Inquiſition, denen nie der Schrei des Jammers, den die Folterqual erpreßte, das Herz erſchüttert hatte, ſelbſt dieſe war bewegt durch eine ſolche Wendung der Schickſale und durch den holden Reiz des heldenmüthigen Mädchens, das aus Liebe und Dankbarkeit ſo namenloſe That wagte. „Noch mehr,“ fuhr der Doge fort,„durch geheimniß⸗ vollen Wink belehrt, behauptet dieſe meine Tochter, jener anget agte Jüngling ſei der Sohn Foscari's.“ „Ha!“ rief hier die Stimme eines Vermummten und der Laut verrieth Foscari ſelbſt. Die erſte Beſchuldigung wird ſie durch Zeugen erweiſen. ts gab ich ſelbſt Befehl zur Verhaftung ſeines Hel⸗ zweite Anklage ruht noch im Dunkel; einſtwei⸗ aber meine Tochter darauf an, den würdigen Pa⸗ Worten:„Gnädigſter Herr! Dieſen Brief überbrachte eine 8 — 141— ter Benedetto zu vernehmen, deſſen Rath ſie geleitet hat. Auch zweifle ich nicht, daß, wenn ich in Venedig nachfor⸗ ſchen laſſe, Diejenigen, welche den geheimnißvollen Wink ga⸗ ben, aus ihrer Verborgenheit hervortreten werden. Denn, daß Marcheſe Foscari ſein unermeßliches, ſelbſt der Repu⸗ blik gefährliches Vermögen nur durch den unbegreif⸗ lich plötzlichen Tod ſeiner Gemahlin Agneſe Berberigo und ihrer beiden Kinder erſter Ehe, welche ihre Erben waren, erwarb, das iſt uns Allen noch erinnerlich. Wenn nun dieſe Kinder noch am Leben wären? Darum erbitte ich von dem Gerichte drei Tage Aufſchub ſeines Spruches und verbürge mich mit meinem Haupte in dieſer Zeit für den Ange⸗ klagten!“ Ludovico hatte bis dahin mit dem unausſprechlichen Ge⸗ fühl der höchſten Spannung aller Kräfte ſeines Herzens zu⸗ gehört. Jetzt ſank er in die Knie und erhob, da er ſeine gefeſſelten Hände nicht zu regen vermochte, den Blick gen Himmel und rief:„Dank Dir, Allgütiger, Deine Hand war über mir im Dunkel des Abgrundes und Du retteſt mich aus den Tiefen der Hölle!“ Dann begegnete ſein Auge dem Biondinens, die, ſanft und ſchüchtern an ihren Vater geſchmiegt, mit dem Blicke ſeliger Liebe zu ihm hin⸗ überſchaute. „Wir wollen ſtimmen über die Forderung Andrea Cor⸗ naro's, des Dogen der depublik Venedig;“ ſprach der äl⸗ teſte Richter und Alle erhoben ſich von ihren Stühlen, nur Foscari blieb trotzig ſitzen. 4 Ein donnernder Schlag an die Thür, das Zeichen, daß ein Diener des Gerichts Einlaß begehre, unterbrach die Stille. Es wurde geöffnet und ein vermummter Bote trat ein. Er überbrachte dem Dogen ein Schreihen mit den 5 ——,—— 4 — u.— fürſtliche, edle Frau nebſt zwei Begleiterinnen. Sie ſchwur bei San Marco, das Schreiben ſei von äußerſter Wichtig⸗ keit für Euch und für Venedig, und drohte mit der An⸗ klage auf Hochverrath, wenn wir eine Minute ſäumten, es Euch zu übergeben. Auch begehrt ſie, mit ihren Begleiter⸗ innen vor Euch gelaſſen zu werden.“ Der Doge erbrach den Brief. Es war Roſaura's An⸗ klage gegen Foscari. Kaum hatte er ſie durchflogen, als er ausrief:„Senatoren der Republik! Die Unſchuld die⸗ ſes Angeklagten iſt erwieſen! Dort, jenen verhaftet, ich ſelbſt trete jetzt als ſein Ankläger auf. Diener des Raths der Zehn! Im Namen der Republik! Verhaftet den Marcheſe Foscari!“ 2 Wild ſprang dieſer mit den Worten auf:„Wer wagt es, einen Staatsinquiſitor zu verhaften?“ „Wir!“ ertönten zwei Stimmen zu gleicher Zeit. Es waren die ſeiner beiden Genoſſen in dem furchtbaren Amte. „Wir, auf das Wort des Dogen der Republik,“ fuhr der Rothgekleidete der beiden Aufgeſtandenen fort, der zu den Räthen des Dogen gehörte,„wir wagen es. Kraft unſeres Amtes wählen wir Zwei einen Dritten, um dann Recht über Euch zu ſprechen!“ Foscari knirſchte vor Zorn. Der Doge legte beiden Inquiſitoren ſogleich die Beweiſe, welche Roſaura eingeſandt hatte, vor, die echte Unterſchrift Foscari's und die Anzeige, daß auf der Anklage das Sie⸗ gel derſelben nicht aufgedrückt, ſondern nur aufgeklebt ſei. Das Blatt wurde geholt und die Angabe richtig erfun⸗ den. Sofort waren auf einen Wink der beiden Inquiſito⸗ ren zwei Vermummte an Foscari's Seite und führten ihn von ſeinem Nichterſitze auf den Platz der Angeklagten, wo Ludovico ſtand.— — — 143— Der Doge trug jetzt darauf an, die Anklägerin einfüh⸗ ren zu dürfen. Es geſchah. Roſaura trat, bleichen Ange⸗ ſichts, doch mit königlicher Haltung, gefolgt von Lucien und der alten Priscilla, ein. „Richter Venedigs!“ ſprach ſie mit Hoheit,„ich trete vor Euer gefürchtetes Gericht, ohne zu zittern, denn ich habe keine ſterbliche Macht mehr zu fürchten. Binnen wenigen Stunden ſtehe ich vor dem Richter, vor dem auch Ihr er⸗ zittert. Darum ſchenkt meinen Worten Glauben. Dieſer Jüngling iſt unſchuldig, wie das reine Licht der Sterne. Ich ward ſeine Ankläͤgerin aus blinder Rachſucht getäuſch⸗ ten Liebeswahns. Doch vernehmt zuerſt, was dieſe Euch zu verkünden hat.“ Sie deutete auf Priscilla, welche vor⸗ trat und ſprach: „Ich behaupte und beſchwöre, jener Jüngling und dieſe edle Donna ſind die Kinder der Gräfin Agneſe Berberigo, der Gemahlin des Marcheſe Foscari. Mir übergab er ſie zur— Vergiftung. Ich wußte, daß ſie durch andere Hand umkommen würden, wenn ich mich weigerte, darum gab ich ihnen einen Schlaftrunk, daß ſie todt ſchienen. Heimlich aber ließ ich ſie auferziehen. Ich kann meine Be⸗ hauptung beweiſen. Zuerſt mögt Ihr die beiden kleinen Särge in der Familiengruft der Foscari öffnen; ſie ſind leer. Keine Spur von menſchlichem Gebein findet ſich darin, wol aber in jedem eine Haarlocke der Kinder. Dann befragt den heiligen Pater Benedetto, dem ich die That in der Beichte geſtanden. Ich entbinde ihn von dem Eide, der ſeine Zunge feſſelt; er mag zeugen. Endlich lebt noch die Wehmutter, die der Gräfin bei der Geburt beider Kinder beiſtand, und die alte Waͤrterin derſelben. Beide werden ſie die Kinder an den Maalen, die ich angeben kann, erkennen!“ * Es herrſchte Grabesſtille ringsumher. Foscari ſtampfte dumpf mit dem Fuße auf. Jetzt trat auch Roſaura wieder vor.„Ihr wißt nun, Richter Venedigs, daß ich die Schweſter des Angeklagten, die Tochter des Anklägers bin. Warum ich jenen Jüng— ling Eurer Rache überliefern wollte, das bleibt mein Ge⸗ heimniß. Es ſtirbt mit mir in wenigen Stunden. Den un⸗ natürlichen Vater aber mußte ich jetzt anklagen, um den ed⸗ len, unſchuldigen Bruder zu retten. Nun richtet!“ Der älteſte der Richter ſtand wiederum auf und ſprach: „Löſet Ludovico Terno's Feſſeln. Feſſelt Foscari. Er iſt den drei Staatsinquiſitoren zum Gericht übergeben.“ „Dem Teufel, aber nicht Euch,“ ſchnaubte Foscari und in demſelben Augenblicke zuckte ein Dolch in ſeiner Hand, mit dem er ſich das Herz durchſtieß. Ohne einen Laut ſank er entſeelt zu Boden. Ein Schauer zitterte in jeder Bruſt bei dem Falle des Frevlers. Auf einen Wink des Aelteſten wurde er hinaus⸗ getragen.„Richter des Raths der Zehn,“ begann er,„werft Eure Kugeln in die Schale, ob dieſer Angeklagte freizuſpre⸗ chen iſt. Es geſchah. Man fand keine ſchwarze Kugel in der Urne. „Fort, Unglücklicher! Du haſt hier nichts zu thun!“ rief der Aelteſte Ludovico finſter an.„Zittere, wenn Dich unſer Auge je wieder hier erblickt!“ In den Gemächern des Dogen fanden ſich wenige Au⸗ genblicke nachher Ludovico, Biondina, Roſaura, Priscilla und Lucie beiſammen. Roſaura war die Letzte, die bleich und ſchwankend, auf Lucie und Priseilla geſtützt, eintrat. — 145— Stumm ſank ſie an Ludovico's Herz, der ſich aus den Armen Biondina's zu ihr wandte.„Bruder, kannſt Du mir vergeben?“ ſprach ſie endlich mit hinſterbender Stim⸗ me.„Ich gehe hinüber! Laß mich nicht mit Deinem Zür⸗ nen belaſtet vor den Ewigen treten.“ „Dir vergeben? Nur vergeben? Vergiſſeſt Du denn, Schweſter, wie ſchwer ich gegen Dich gefehlt? Du, vergib mir! Doch ſprich, wie deute ich Deine Worte? Was haſt Du Fürchterliches gethan? O, rede, Schweſter!“ „Das Gift,“ ſprach ſie ſchwach, aber entſchieden,„wel⸗ ches Dich verderben ſollte, richtet meine Schuld. Ich hatte getheilt. Es reichte hin für Zwei. Um Mitternacht trete ich vor den Richter jenſeit der Geſtirne!“ „Gnadenreicher Gott! So ſoll ich denn Vater und Schweſter nur gefunden haben, um Beide hier und dort ewig zu verlieren!“ „Hier— ja. Dort? Gott wird barmherzig ſein!“ „Nicht gegen die Selbſtmörderin!“ rief Ludovico und rang die Hände. Jetzt trat Priscilla, die bisher aufmerkſam gehorcht hatte, näher und ſprach:„Signora! Habt Ihr von dem Gifte getrunken, das ich Euch verkaufte?“ Sie nickte ſtumm. „ Dank allen Heiligen!“ rief die Alte aus,„ſo ſeid Ihr gerettet! Es iſt nur ein ſtarker Schlaftrunk. Da ich ſchon vermuthete, mit wem ich zu thun hatte, wollte ich Euch nicht die Mittel in die Hand geben, die Euch vielleicht ge⸗ reut hätten, wenn Ihr das Geheimniß Eurer Geburt erfuh⸗ ret. O, die alte Priscilla iſt ſchlau und vorſichtig!“ Mit einem Ausrufe der Freude drückte Ludovico die ge⸗ rettete Schweſter an ſeine Bruſt; ſie zerfloß in Thänen, die ſchmerzlich⸗ſüßeſten, die ihr Auge je geweint.„Allguͤtiger,“ Rellſttab, Geſ. Schr. Neue F. V. 7 H — 146 ſprach ſie endlich, indem ſie, in Ludovico's Arm ruhend, das Auge andächtig gen Himmel erhob,„Deine Wege ſind unerforſch⸗ lich, Deine Gnade unerſchöpflich! Alſo auch noch Zeit zu Reue und Büße willſt Du mir geben? Nun wohl denn, Du ſollſt eine zerknirſchte Büßerin finden. Ich wollte aus dieſer irdiſchen Welt ſcheiden. Ich will es noch. Aber nicht der Schleier des Todes, ſondern der klöſterliche verhülle mir die Erde! Dich, ſo wandte ſie ſich zu Biondinen und nahm ſie in ihre Arme, Dich, Du holde, reine Tochter der Natur, will ich noch mit dem Brautſchleier für den Bruder ſchmücken; dann decke der Nonnenſchleier mein Antlitz auf ewig und verberge meine ſchwere Schuld, bis ich ſie reuig in Thrä⸗ nen und Gebeten abgebüßt!“ Und ſie erfuͤllte ihren Vorſatz. Dem Feſte, das Bion⸗ dina und Ludovico vereinte, wohnte ſie noch bei und war die Brautführerin für den Bruder. Dann nahm ſie Ab⸗ ſchied von Beiden und barg den Glanz ihrer Schönheit, ihren reichen, hohen Geiſt in die dunkle Stille klöſterlicher Mauern. Doch ſchon, als der nächſte Lenz keimte und alle Blü⸗ ten zum himmliſchen Lichte drängten, brach auch die Sehn⸗ ſucht ihrer Seele durch die Feſſeln des Körpers. Der ewige Vater ſandte ihr den ſanften Engel der Erlöſung; ſie ent⸗ ſchlief und der Friede des Jenſeits, der ſchon in ihrer Bruſt wohnte, lächelte auf den Lippen und in dem verklär⸗ ten Auge der Sterbenden.— Die Strandbewohner. E in e Noyell a. Erstes Capitel. „Nun komm, Helga, ſteig' mit hinauf und hilf mir die Lampen anzünden!“ ſprach der Leuchtthurmwärter Halland zu ſeiner Pflegetochter, die, feſtlich geſchmückt, in einem wei⸗ ßen Kleide, mit Blumen an der Bruſt und im Haar, eben mit dem Vater aus der Kirche nach Hauſe zurückgekehrt war, wo ſie die Weihe der Einſegnung empfangen hatte. Sie ſtand noch unter einigen jüngern Geſpielinnen aus der Nachbarſchaft an der Thür des Thürmerhäuschens und ſprach freundlich mit ihnen, die gekommen waren, um den Putz der älteren Freundin zu beſchauen. „Gleich, Vater,“ erwiderte die anmuthige Helga,„ich will nur erſt den Kranz aus den Locken nehmen und ein anderes Kleid anthun; aber in wenigen Augenblickeu bin ich bei Euch!“ Mit dieſen Worten wollte ſie ins Haus eilen, doch der Vater ſprach:„Ei, heut iſt ein Feſt⸗ und Ehren⸗ tag für Dich, da kannſt Du im Schmuck bleiben; wer weiß, es ſpricht noch ein oder der andere Nachbar mit an, um Dich in Deinem Staat zu ſehen und Dir Glück zu wünſchen. Komm nur ſo mit hinauf.“ Helga folgte willig; ſie nahm dem Vater die Schlüſſel zur Pforte des Leuchtthurms aus der Hand, hüpfte leicht wie — 150— ein Reh voran, ſchloß auf und verſchwand. Es dauerte nicht lang, ſo wurde ſie oben auf der Gallerie des Thur⸗ mes ſichtbar. Die Abendſonne warf eben die letzten glü⸗ henden Strahlen über das Meer gegen die Thurmzinnen, die wie vom Widerſchein einer Feuerbrunſt geröthet ſchie— nen. Helga's weißes Gewand flatterte roſig angeſtrahlt im leichten Hauch des Abendwindes; die blonden Locken fielen ihr frei gelöſt um den Nacken; ſie ſtand auf der Thurm⸗ zinne wie ein Engelsbild, wie eine holdſelige Meerfee. Die Kinder ſchauten hinauf und riefen fröhlich:„Seht doch, ſeht, wie ſchön Helga ausſieht! Sie ſchwebt in goldenem Duft! Wenn ſie fliegen könnte, wäre ſie ein Engel und flöge gen Himmel! Ach, wie ſchön ſie ausſieht!“ „Ja wol wie ſchön, wie unbeſchreiblich reizend!“ ſprach leiſe eine ſanfte männliche Stimme, die Worte der Kinder gewiſſermaßen wiederholend, doch nicht, daß ſie ihn hörten. Es war William, der Sohn des alten Schullehrers John, der unweit vom Leuchtthurm in einem Häuschen am Strande wohnte. Die Kinder ſahen ſich um, da ſie ſeine Schritte vernahmen; als ſie ihn erkannten, begrüßten ſie ihn mit Freude und Ehrfurcht. Denn er war ihr und Helga's Leh⸗ rer geweſen, da er ſeinem Vater in deſſen Geſchäften klug zur Hand ging. William kam ebenfalls aus der Kirche, wo er der Einſegnung Helga's beigewohnt hatte. Jetzt wollte er ihr noch einen Abendgruß bringen. Sie ſtand droben und hatte das Antlitz der ſinkenden Sonne zugewendet. Ihre Geſtalt zeichnete ſich gegen das reine Blau der Lüfte ſo klar ab, daß ſie wie im Aether zu ſchweben ſchien. Die Züge waren in dieſer Höhe nicht genau zu erkennen, doch die An⸗ muth der ganzen Erſcheinung hätte ſie auch bei Demjenigen für ſchön gelten laſſen, der ſie nicht gekannt. William er⸗ gänzte ſich daher leicht, was die Ferne ihm entrückte, und — 151— er ſah das Bild des reizenden, eben aufblühenden Mäd⸗ chens, vom goldenen Abendduft wie von einem Heiligenſchein umfloſſen, ſo klar vor ſich, als ſtehe ſie ihm zur Seite. Jetzt warf ſie einen Blick hinab und rief:„Guten Abend, William! O kommt herauf, die Sonne vergoldet das ganze Meer!“ Sie begleitete ihre Worte durch Winke, weil ſie beſorgte, daß der Wind den Schall verwehen möchte. William aber hatte ſie verſtanden und flog hinauf. Es war einer der mildeſten Sommerabende, die uns das ganze Jahr bringt. Die Lüfte zogen, den roſig gold⸗ nen Wölkchen gleich, nur langſam, ſpielend durch den Raum des Aethers, das Meer hauchte Kühlung aus, die Fluren dufteten und ſchimmerten im Anhauch der Abendglut. Als William die letzten Thurmſtufen hinauf war, ſtand er in der heißen, von der Sonne durchglühten Glasglocke des Leuchtthurms, wo der alte Graukopf Halland eben die Lam⸗ pen anzündete. Der Dampf des Oels und die glühende Hitze der Sonne, die den ganzen Tag darauf geſtanden, er⸗ zeugten einen ſchweren, faſt erſtickenden Dunſt. William ſtand tief athmend einen Augenblick ſtill. Draußen lag der weite freie Raum, von fächelnden Lüften durchſpielt, und an der Pforte hinter den Glasſcheiben ſtand Helga und winkte ihm freundlich zu. Es war ihm einen Augenblick zu Muth, als befinde er ſich in einer ſchwülen Hölle, aber ſehe durch die dünnen Aetherflammen den Himmel, die Seligen und den reinen Engel der Gnade vor ſich, im wei⸗ ßen Gewande, mit den goldenen Locken und blauen Augen der ewigen Liebe. Haſtig öffnete er, von der Beklemmung des Körpers und des Geiſtes getrieben, die Thür nach der Gallerie und eilte hinaus. Als habe ihn ein laſtender Alp verlaſſen, ſo fühlte er ſich frei und leicht, als er den Abend⸗ hauch an Bruſt und Wange ſpürte und den Blick über — 152— das Rundgemälde der Erde, des Meeres und des Himmels ſchweifen ließ, das in blendendem Reichthum vor ihm aus⸗ gebreitet lag. Helga nahm freundlich ſeine Hand und redete ihn an:„Guten Abend, William!— Schön, daß Ihr noch kommt. Ich ſah Euch wol in der Kirche und wäre gern nachher zu Euch gekommen, um den alten Vater John zu umarmen, aber meine Freundinnen und meine Pathen drängten ſich um mich her und wünſchten mir Glück. Thut Ihr es auch, William?“ „Von ganzem Herzen, liebe Helga,“ erwiderte Wil⸗ liam.„Möge ſich Dir Alles erfüllen, was unſer Pfarrer den Frommen Segensreiches verheißen hat. Ich kam hieher, um Dir das noch zu ſagen!“ „Das iſt ſchön von Euch, William,“ erwiderte Helga. „Ihr ſeid ſo gut. Ich verdanke Euch ſo viel. Ihr habt mich ſo viel Gutes und Schönes gelehrt und Euer Vater auch—“ dabei blinkten dem bewegten Mädchen zwei große Thränen in dem blauen Auge.„Ihr unterrichtet mich doch noch ferner, William? Der Sommer wird ja bald vor⸗ über ſein; wann die Schifffahrt eingeht und die langen Abende kommen, nicht wahr, William, dann kommt Ihr wieder mit Euren ſchönen Büchern?“ „Ich glaube nicht, liebe Helga,“ ſprach William be⸗ wegt.„Das Kind durfte ich wol unterrichten, nun biſt Du eine Jungfrau—“ „Und— und warum nun nicht?“ fragte ſie mit betrof⸗ fener Stimme und blickte ihn unſchuldig erſtaunt an.. „Ich bin vielleicht den Winter gar nicht mehr hier,“ erwiderte William mit ſichtlich bekämpfter Wehmuth. Helga ſah ihn nur fortwährend fragend an und er fühlte, daß ihre Hand, die er gefaßt hatte, in der ſeinigen zitterte. „Der Vater hat mir ſchon öfter angedeutet, daß eine Zeit — 153— kommen werde, wo ich von hier fort muß, um weit in die Ferne zu reiſen!“ Helga war traurig geworden.„Aber Ihr kommt doch wieder?“ fragte ſie kaum hörbar. „Ich hoffe es gewiß,“ antwortete er;„doch ſieh,“ fuhr er fort, um ſich zu etwas Anderem zu wenden,„ſieh, wie die Sonne eben ins Meer ſinkt. Als ob eine Goldſtufe zerſchmoͤlze und in dem blauen Silber der Wellen glühend zerrönne.“ Der wolkenloſe Himmel lag wie eine bläulich klare Kry⸗ ſtallſchale auf tief dunklem Meeresſpiegel. Im Weſten färbte ſich der Aether allmälig lichter, als ob ein blaſſer Purpurduft hindurchſchimmere, der immer glühender wurde, bis er um den Feuerball der Sonne zu leuchtenden Flam⸗ men aufſchlug, weit am Himmel emporloderte und in den Wellen dunkler widerſtrahlte. Ein Schiff, das alle Segel aufgeſpannt hatte, um den unmerklichen Strom der Lüfte ſo voll als möglich aufzufangen, zog ſtolz durch den brennenden Aether. Erſt glühte es im ſchräg auffallenden letzten Sonnenſtrahl, dann dämpften ſich die Farben ab und nur die Segel ſchimmerten purpurn im Abglanz der Abendröthe; dann dunkelten ſie tiefer nach, bis das Fahr⸗ zeug, einem ſchwarzen Raubvogel mit hundert breiten Fit⸗ tigen ähnlich, den feurigen, faſt ſchon verſunkenen Schild⸗ rand der Sonne bedeckte. Noch einmal blitzte er zwiſchen den Segeln hindurch, dann tauchte er ſich hinab und der Schatten der Nacht fiel weit über die Meeresfläche. Die Glut des Weſtens milderte ſich zu einem ſanften Roſen⸗ ſchimmer, der Himmel und Wellen weit überhauchte; über die ganze Landſchaft war mit dem Verſchwinden der Sonne plötzlich der erſte durchſichtige Schleier der Nacht geſunken, der noch nichts verdeckte als den Glanz und die Pracht der — 151— Farben.— In langſamen, breiten, ruhigen Wellen rauſchte das Meer an das Ufer und kränzte den Strand mit den leichten Perlenſchnüren ſeines Schaums. Ein Fiſcherboot wiegte ſich auf der ruhigen Fläche. „Soll ich Dich noch ein wenig hinausfahren auf das Meer, Helga?“ fragte William das in ſtilles Nachdenken verſunkene Mädchen;„unſere Barke liegt dort unten in der Umpfählung des Hafens. Der ganze Sommer bringt uns vielleicht keinen ſchönern Abend. Ich rudere Dich bis an die Spitze des Vorgebirges, daß wir den ſchönen Blick nach Oſten genießen, und dann laſſen wir uns leiſe von den Wellen und dem Nachthauch zurückwiegen.“ „Wenn der Vater mein nicht bedarf, gern,“ antwortete Helga und pochte an die Glasſcheiben, hinter denen Hal⸗ land noch mit Anzündung der Lampen beſchäftigt war. Dieſer nickte auf ihre Anfrage und warnte nur, ſich nicht zu verſpäten. „So kommt denn, William,“ ſprach ſie heiter,„nun wollen wir auch eilen, daß wir noch recht lange den An⸗ blick des Abendhimmels haben.“ Sie ſchritt leicht und an⸗ muthig voran, die Stufen hinab. William folgte ihr. Der Leuchtthurm ſtand auf einer vorſpringenden Land⸗ zunge, die auf der einen Seite das Ufer der Mündung eines breiten Stromes bildete, auf der andern von der off⸗ nen See beſpült wurde. Das Feuer ſollte den Schiffen zur Auffindung der richtigen Einfahrt in den Strom die⸗ nen. Die nächſte Strandgegend war nur mit einzelnen Schiffer⸗ und Fiſcherhütten bedeckt und auch die Kirche, eine Viertelſtunde landeinwärts, gehörte nur zu einem klei⸗ nen, faſt nur von Schiffern bewohnten Oertchen, Leuten, die ſich meiſt vom Fiſchfang und den kleinen Küſtenfahrten ernährten. Doch war die Schifffahrt des Stromes nicht 4 unbelebt, da wenige Meilen aufwärts ſchon anſehnliche Städte lagen; engliſche, holländiſche, däniſche, ſchwediſche und norwegiſche Flaggen waren faſt immer in der Strom⸗ bahn zu erblicken. Von dem Leuchtthurm aus pflegten ſich nicht ſelten Reiſende, die aus dem Innern des Landes ka⸗ men, nach den regelmäßig durchgehenden Poſtſchiffen und Packetbooten überſetzen zu laſſen, auch wurden hier öfters welche in Boten ans Land geſetzt, um dann ihren Weg ins Innere zu nehmen. Der Thurmwärter hatte daher ſein Häuschen am Thurm zu einer kleinen Gaſtwirthſchaft eingerichtet, wo im Sommer mancher Fremde einſprach. Wenigſtens tranken die Schiffer und Matroſen gern ihren Grog oder Rum in der großen Schenkſtube unten im Hauſe und ließen ſich am liebſten das Glas von der an⸗ muthigen Helga darbringen, die ſeit einigen Monden, wo die alte Baſe des Thurmwärters faſt immer krank darnie⸗ derlag, der Wirthſchaft des Hauſes vorſtand. Jetzt war Helga jedoch nicht mehr ſo eng durch dieſe Pflicht gebunden, denn ſchon ſeit acht Tagen wohnte eine ältere Schweſter Hallands im Hauſe, welche bei der zu⸗ nehmenden Kränklichkeit der Baſe dereinſt an die Stelle derſelben treten ſollte, indeſſen ſchon jetzt eingezogen war, damit Helga in ihrer Einſegnung durch die häuslichen Ge⸗ ſchäfte nicht geſtört werde.— Halland, deſſen Einſicht und Charakter ſich nicht über die Gewöhnlichkeit erhob, hätte dergleichen Maßregeln ſchwerlich getroffen, wenn nicht Wil⸗ liam's Vater, der ſehr nahen Antheil an Helga nahm, dieſelben einzuleiten gewußt und überhaupt für die feinere Erziehung des Mädchens Sorge getragen hätte. Deshalb hatte ſie auch vielfältigen Unterricht von ihm und William erhalten und ſogar das Engliſche, die Landesſprache Bei⸗ der, von ihnen geläufig erlernt. Es war dadurch in der — 156— Seele des Mädchens ein edler Funke zur ſtill leuchtenden Flamme geweckt worden. Und faſt waren ihr die langen Winter dieſer rauhen nordiſchen Küſte, wo bei der ſtocken⸗ den Schifffahrt der Strand faſt ganz verödete, die liebſte Zeit des Jahres geweſen, weil dann William gewöhnlich jeden Abend mit ſeinem Vater herüberkam und, während die Alten behaglich rauchten und ſchwatzten, mit Helga die ſchönſten Bücher las, oder ſich ſonſt unterrichtend und be⸗ lehrend mit ihr beſchäftigte. Beide gingen jetzt vertraut wie Geſchwiſter den Strand hinab, bis zu dem eingepfählten Hafen, wo ſie ſich in die Barke ſetzten. William nahm das Ruder und trieb mit kräftigem Schlage das leichte Fahrzeug über den Waſſer⸗ ſpiegel dahin. Helga ſaß ihm gegenüber. Sie war ſehr nachdenklich geworden, durch Das, was ihr William von ſeiner bevorſtehenden Abreiſe geſagt hatte; in ihrem kind⸗ lichen Herzen wohnte die natürlichſte ſchweſterliche Liebe zu ihm. Wie tiefe Wurzeln dieſes Gefühl in ihr geſchlagen hatte, welch andrer Natur es war, oder vielleicht erſt durch das Heranreifen des Kindes zur Jungfrau und durch den Gedanken der Trennung wurde, deſſen war ſie ſich nicht bewußt. Die Trennung von William erſchien ihr nur als ein Scheiden von den liebſten Gewohnheiten und Freuden ihres Lebens, von denen es ihr geweſen war, als wenn ſie ewig ſo fortdauern müßten. An eine andere Geſtaltung ihrer Zukunft durch William hatte ſie noch niemals ge⸗ dacht, wol aber er. Denn unvermerkt hatte ſich die lieb⸗ liche Knospe des Kindes, die er mit höherer Bildung und Leitung gepflegt, zur jungfräulichen Blüte aufgeſchloſſen, um ſo reizender, je weniger ein Bewußtſein des neuen Zu⸗ ſtandes in ihr erwacht war. 3 So ſaß Helga jetzt vor ihm, das ſinnende Köpfchen — * — 157— halb geneigt, mit der Hand an ihrem Blumenſtrauß ſpie⸗ lend; oftmals blickte ſie zu ihm hinüber, aber ſenkte das Auge ſchnell wieder. Es ſchien William, als wenn ſie zum erſten Mal in ihrem Leben ihm gegenüber Scheu und Be⸗ fangenheit fühlte. Sie war noch geſchmückt für das Feſt, das den Schritt aus der heitern überall offenen Welt des Kindes in das enger durch Sitte und Bewußtſein begrenzte Gebiet der SJungfrau bezeichnete. Sollte ſchon ſo raſch das Gefühl einer Umänderung der alten Verhältniſſe ſich kundgeben?— Sie bewegte mehrmals die Lippen, als wollte ſie eine Frage thun, ſchwieg aber immer wieder. Endlich überwand ſie ſich ſichtlich zu dem Wort:„Iſt es denn aber durchaus nothwendig, daß Ihr uns verlaßt, William? Was wollt Ihr denn in der Frenide und Ferne ſuchen? Iſt es denn bei uns nicht ſchön? Sind wir nicht fröhlich und glücklich? Doch gewiß fröhlicher und glücklicher als alle die Leute, die von fernher auf den großen Schiffen kommen und bisweilen bei uns vor Anker liegen. Ich habe ſie meiſt wild, rauh oder mismuthig ge⸗ funden, warum wollt Ihr alſo nicht hier bleiben, wo wir ſo viel glücklicher leben? Sagk das doch dem Vater John!— Ich will's ihm ſelber ſagen, ja, William? Geht nicht von uns!“ Sie bat ſo ſanft, ſo vertraulich, daß es in des Jüng⸗ lings bewegtes Herz drang.„O Du liebes, ſchuldloſes Kind,“ ſprach er, indem er das Ruder fortlegte und ihre Hand ergriff,„was weißt Du von der Welt da draußen! Und doch haſt Du in Deinem kindlichen Sinn vielleicht das höchſte Recht!“ „Wenn ich Recht habe, dann bleibt Ihr, nicht wahr, William?“ ſprach ſie fröhlicher ſchmeichelnd!„Es iſt ja ſo wunderſchön bei uns, im Sommer und im Winter. Seht — 158— nur um Euch, das ſchöne, ſpiegelhelle Meer in der Abend⸗ röthe, dort die Felſen und Waldhöhen, hinter uns die Hüt⸗ ten an dem grünen Strande herauf! Und bei den Herbſt⸗ und Winterſtürmen, wenn die See brauſt und donnert und die Wellen hoch am Leuchtthurm hinaufſprützen, wie vertraulich ſitzt ſich's dann in unſerm ſichern Hauſe! Ja, William, der Winter kam mir oft noch ſchöner vor wie der Sommer. Solch ein Abend wie heut— freilich!“ „O ich werde ihn nie vergeſſen,“ ſprach William innig und drückte Helga's Hand. Sie erröthete, ihr Herz klopfte. ſtärker. Es war das Erſtemal, daß dieſes ſelig bange Ge⸗ fühl ſie überdrang. „Fort muß ich, Helga,“ begann William nach einer ſtummen Pauſe von einigen Minuten,„wirſt Du aber auch in der Ferne meiner gedenken? Wirſt Du mich nicht vergeſſen haben, wenn ich wiederkehre?“ Helga brach in Thränen aus; ſie wußte nicht, wie ihr geſchah, ſo ſüß, ſo bang, ſo weh wurde ihr zugleich. William zog ſie mit ſanfter Hand zu ſich hinüber auf die Bank und ſprach aus tiefſter Bruſt:„Helga, ich liebe Dich!“ Sie weinte heftiger und lehnte das Haupt an ſein Herz, während er den Arm ſanft um ſie gelegt hatte; doch ver⸗ mochte ſie nichts zu erwidern. Sie hatte William immer geliebt, es ihm tauſendmal geſagt, es war ja nichts An⸗ deres geworden und doch fühlte ſie jetzt eben etwas ganz Anderes. Er ließ ihre Thränen ſtill fließen; dann richtete er ihr das Haupt leiſe in die Höhe, blickte ihr in das große blaue Auge und fragte ſie:„Liebſt Du mich wieder, Helga? So, um für das ganze Leben mein zu ſein?“ Faſt unwillkürlich öffnete er die Arme, ſie barg ſich an 5 — — 159— ſeiner Bruſt, umfaßte ihn ſanft und hauchte kaum hörbar: „Ewig— ewig! William!“ Jetzt blinkten die erſten Sterne durch den verduftenden Roſenſchimmer des Himmels; im friſcheren Luftzug kräu⸗ ſelten ſich die Wellen und wiegten den Nachen tiefer in das Meer hinein; die Liebenden ſaßen in dem erſten Ge⸗ fühl der Seligkeit verloren und ſahen nicht und fühlten nicht, wie mild und groß die Natur und der Abend um ſie her waren, denn größer und holdſeliger war das unſichtbare und ungekannte Glück, das ihnen aus der Tiefe ihrer eige⸗ nen Bruſt aufſtieg. Zweites Capitel. Ein ſtärkerer, faſt rauher Hauch des Windes weckte William aus der Seligkeit, in die er ſich ganz verloren hatte. Der Nachen war von dem Abendhauch allmälig bis vor die äußerſte Gebirgsſpitze getrieben worden, wo ihm die Küſte keinen Schutz mehr vor dem Winde gewährte. Des⸗ halb faßte ihn dieſer auch jetzt mit ſtärkerer Strömung; die Wellen gingen höher, die Nacht fing an zu dunkeln; Wil⸗ liam wollte nach dem Ruder greifen, doch er erblaßte, denn er ſah es nicht mehr. Es hatte muthmaßlich ein Uebergewicht nach dem Waſſer bekommen, war anfangs leicht auf demſelben aufgelegen, nachgeglitten und ſo allmä⸗ lig geräuſchlos in die Flut geſunken. Mit ſchweifend ſpä⸗ hendem Blick ſah William ringsumher, ob er es irgend wo noch treiben ſähe und es etwa ſchwimmend abreichen — 160— könnte. Vergeblich! In dieſem Augenblicke flog ein leich⸗ ter Schein über den Horizont; es blitzte ſüdöſtlich von der Küſte her und bald darauf ließ ſich ein fernes Donnern ſchauerlich vernehmen. „Hier bleibt keine Wahl, Helga,“ rief er,„ich muß das Segel aufſpannen, und wir müſſen ſehen, ob wir gegen den Wind ſo laviren können, daß wir dort die Spitze des Vorgebirges erreichen. Nach dem Leuchtthurm zurück iſt's unmöglich zu kommen.“ Raſch war er dabei, die Se⸗ gelſtange aufzurichten und das Segel hinaufzuziehen; doch hatte er die geheime Beſorgniß, daß das herannahende Ge⸗ witter, deſſen Aufziehen ihnen theils von dem gebirgigen Strich der Küſte bedeckt, theils, weil es hinter ihnen ge⸗ ſchah, verborgen geblieben war, den Wind verſtärken und die Landung unmöglich machen werde. Wirklich erhob ſich auch eben ein zweiter rauherer Stoß als jener erſte, ganz ſo wie er einem Gewitter vorherzugehen pflegt. Die Wel⸗ len wurden wie von einem laufenden Schatten dunkler ge— färbt, wo der Wind darüberſtrich und ſie in kräuſelnde Be⸗ wegung ſetzte. Helga, die das Meer kannte, ſah dieſe An⸗ zeichen mit Aengſtlichkeit, denn ſie empfand die vorhandene Gefahr. Doch ſprach ſie freundlich und ermuthigend zu William:„Ich beſorge nichts, wir werden unter der Felsſpitze landen;z wenn wir auch ein wenig durch das Waſſer waten müſſen, es iſt ja ſo milde Luft und das Bad erfriſchend.“—„Das macht mir keine Sorge, meine Helga,“ entgegnete William,„ich will Dich ſchon bis auf den trockenen Strand tragen. Aber daß ich ſo fahrläͤſſig war! Ich möchte mich—“ „Sei ruhig, William,“ fiel ihm Helga ins Wort; „Du ſiehſt, der Wind iſt ſtät und mäßig, in einer halben Stunde können wir an dem Landungsplat ſein.“ — — 161— „Ja, wenn das Wetter nicht heftiger heraufkommt,“ dachte William, ſchwieg aber und ſetzte ſich pochenden Herzens, denn er zitterte für die Geliebte, ans Steuer und blickte mit ſcharfem Auge nach dem Segel, dem Winde und dem Punkte, wohin er halten mußte. Es blitzte zum zweiten Mal, viel heller; der Donner folgte raſcher und ſtärker. Das Wetter zog herauf. William, der See gewohnt und ein geübter Schiffer, fühlte in ſich, wenn das Ziel zu erreichen war, die Kräfte dazu. Er ſchnitt den Wind, ſo ſcharf es möglich war, um die Küſte ſchneller zu gewinnen; jetzt ſchlug er das erſte Ree, wie der Schiffer es nennt, und kreuzte nun die Windlinie nach der entgegengeſetzten Richtung. Er kam ſchneller vorwärts, als er erwartet hatte, und gab jetzt der Hoffnung Naum, das Land zu gewinnen. Doch plötzlich ſah er es finſter gekräuſelt von fern her über die Wellen heranlaufen. Das war ein einzelner ſtar⸗ ker Windſtoß! Kaum hatte er's gedacht, als das Boot ſchon davon ergriffen und ſo gewaltig auf die Seite ge⸗ beugt wurde, daß es faſt Waſſer ſchöpfte. Er mußte den Strich ändern, um dem Winde nicht zu viel Segel preis⸗ zugeben, doch dieſe Aenderung führte ihn beinahen mehr abwärts als der Küſte zu. Und dennoch konnte er nur we⸗ nige Minuten ſo halten; der Wind wurde ſtärker, prallte in abgebrochenen, unregelmäßigen Stößen an, die Wellen ſchäumten auf, die See fing an hohl zu gehen. Abermals ein Blitz; das halbe öſtliche Himmelsgewölbe ſtand in Feuer, es folgte ein ſtarker, anhaltender Donner. Phs⸗ die ſich auf der Bank am Steuer neben William eſetzt hatte, ſchmiegte ſich unwillkürlich an ihn, ſprach aber dabei, als fühle ſie ein Unrecht in dieſer Aeußerung der — 162— Furcht:„Ich bin nicht bang, William. Wie oft ſind unſere Fiſcher in ſolchem Wetter auf der See!“ William ſagte nichts, ſondern drückte das Steuer kräf⸗ tig herum, um Wind und Wellen das Gleichgewicht zu halten. Der Nachen ſchwebte einer Schaale gleich auf den breiter und höher ſchwellenden Wogen, die ſchon ſo ſtiegen, daß man auf dem Gipfel weit über die See blik⸗ ken konnte. „Gerade hier bricht ſich beim Abendwind die See am ſtärkſten,“ ſprach William beruhigend,„weil der Windſtoß vom Gebirge abprallt und die Strömung hier herüber wirft. Nur hundert Faden landwärts und wir haben das Schwerſte überſtanden.“ Er mußte abermals ein Ree ſchlagen und hatte jetzt den Gewitterhimmel vor ſich. Unglaublich ſchnell waren die ſchweren Wolken heraufgezogen; ſchon verhingen ſie den halben Horizont mit ihren düſtergrauen Schleiern, die nur der Widerſchein des noch immer im tiefſten Purpur nach⸗ glühenden Abendhimmels blaßröthlich ſäumte. Dazwiſchen zog es wie ſchwefelgelber Rauch, bald wolkig, bald zackig und geſtreift durch die ſchwarzen Maſſen, als ſeien ſie durch und durch mit Feuer geſchwängert. Helga betrachtete das drohende Antlitz des Himmels mit bangen Schauern, aber zugleich mit ſtaunendem Bewun⸗ dern; es lag ein majeſtätiſcher Zorn auf dieſer finſter ge⸗ furchten Stirn des Ewigen.„Es iſt doch ein prachtvolles Schauſpiel, ein ſolches Gewitter,“ ſprach ſie, halb Wil⸗ liam, halb ſich beruhigend, leiſe zu dieſem. Aber der nächſte Moment entriß ihr einen unwillkürlichen Schrei. Denn plötzlich zerriß ein ungeheurer Blitz die ſchwarzen Wolkenthore, fuhr zackig herab gegen die See und ſchlug die breiten Feuerſchwingen über den Himmel auf, daß das — 163— Meer wie in bleichem Entſetzen das Schreckensbild wider⸗ ſpiegelte und die Fluten bebend zurückrauſchten. Zwei kra⸗ chende Donnerſchläge folgten nach und löſten ſich in einen hohlen Wirbel auf, der über Himmel und Fluten daher⸗ rollte. Dann ſchauerliche, tiefe Stille. „Gott ſchütze uns!“ betete Helga und faltete die Hände. Es zog ſauſend durch die Lüfte heran; das Meer vor ihnen überdeckte ſich wie mit einem ſchwarzen Schuppen⸗ panzer, auf dem die ſchäumenden Wellenhäupter wie Glanz⸗ blicke des Metalls leuchteten und drohend gegen das ſchwan⸗ kende Fahrzeug heran liefen. „Dieſer Stoß wird gewaltig,“ rief William beſorgt und faßte das Steuer mit aller Kraft an, um den Nachen herumzuwerfen;„wir müſſen ihm nachgeben, ſonſt reißt uns der Windſtrom auf die Seite.“ 4 Kaum hatte er das Wort ausgeſprochen, als das Se⸗ gel ſtraff bis zum Berſten aufſchwoll und die, Segelſtange ſich wie ein ſchwaches Rohr überbeugte. Der Nachen ſchoß eine Rieſenwelle hinauf, dann jählings abwärts; hoch ging der weiße Schaum überhin und ſchüttete eine naſſe Wolke über die Schiffenden aus. Helga in ihrem leichten Gewande ſchauerte zuſammen vor der unfreundlichen Begrüßung des Meeres; William preßte ſie mit dem linken Arm ſchmerzlich an ſich, um ihr Schutz und Wärme zu bieten. Mit flehendem Auge blickte er gen Himmel:„Ach, es wäre ſüß und doch namenlos grauſam, ſo in dieſer erſten Stunde liebender Seligkeit zu ſterben!“ William durfte ſich nicht mehr täuſchen. Es war un⸗ möglich, bei dieſer Gewalt und Richtung des Windes die Küſte zu gewinnen. Das Segel brachte nur Gefahr. Er — 164— zog es daher ein und ließ das Boot auf den Wellen treiben, deren Gewalt zu brechen und zu mindern er noch immer ſeine ganze Kraft und Aufmerkſamkeit aufbieten mußte. Das Gewitter war jetzt vollends herauf und hatte ſeine ſchwere Wolkendecke über den ganzen Himmel gewälzt. Nur im Nordweſten glühte noch der See des Abendroths im tiefſten Purpur unter dem Erdball herauf und warf ſei⸗ nen Widerſchein gegen die gehobenen Wellen, daß ſie im blutigen Violett ſchimmerten, während ſie auf der andern Seite, vom Blitz angeleuchtet, einen matten Schwefelglanz zurückſtrahlten. Die Nacht ſank tiefer und tiefer herab und begrub Himmel und Meer. Die Luft drückte beäng⸗ ſtigend. Noch einmal flammte der Horizont in gelber Lohe auf und der Donner krachte in derſelben Sekunde im Zenith des Wolkengewölbes. Es zerriß; einige ſchwere Tropfen fielen, dann plötzlich praſſelten die vollen Himmels⸗ ſtröme nach; ein undurchdringliches Dunkel verſchlang den Raum zwiſchen See und Gewölk. Helga, vom Schrecken überwältigt, warf ſich auf die Knie und barg das Haupt in William's Schoos. Dieſer ſah eine Rieſenwelle ſich vor dem Nachen aufthürmen und mit äußerſter Kraft verſuchte er es, das Fahrzeug in eine günſtige Lage dagegen zu brin⸗ gen. Doch die Gewalt des Waſſers warf ſich auf das Steuerruder; es brach ſplitternd in ſeiner Hand und ſo war das Boot der vollen Willkür des Elements preis⸗ gegeben. Der peitſchende Sturm ergriff es mit furchtbarer Ge⸗ walt und jagte es, bald auf den Gipfeln, bald im tiefen Schlunde der Wogen, in die weite Meereswüſte hinaus. Finſterniß rings umher, kein Stern, keine Landſpitze mehr zu erkennen; nur die Feuer des Leuchtthurms glühten hin⸗ — 165— ter ihnen, düſter, halb verſchleiert, durch die Nacht und an ihrem immer ferner verglimmenden Schein konnten die Unglücklichen allein wahrnehmen, wie viel weiter ſie jeder Augenblick von rettender Hülfe hinweg in die Unermeßlich⸗ keit der hohen See hinausführte. Ergeben in ihr Geſchick, hielten ſie einander am Herzen und Sturmes⸗ und Wellen⸗ brauſen ſang ihnen das ſchauerliche Brautlied. Drittes Capitel. Als, etwa eine Stunde nachdem Helga und William den Leuchtthurm verlaſſen hatten, das Ungewitter ſchon hoch heraufgezogen war, wurde Halland beſorgt um ſie. Seine Leuchtfeuer brannten in vollem Glanze; er konnte ſich da⸗ her abmüßigen und hinunter nach dem Hauſe gehen, ſich zu erkundigen, ob Helga ſchon zurückgekehrt ſei. Er fand aber Niemand unten als den alten John, der eben ſo nach ſeinem Sohn zu fragen beabſichtigte, als Halland nach ſei⸗ ner Tochter. „Guten Abend, Herr Nachbar,“ grüßte Halland den Gaſt in ſeinem Hauſe,„was bringt Ihr mir Neues? Ich will hoffen, unſre jungen Leute ſind zurück von ihrer Spa⸗ zierfahrt. Die See ſchneidet ein mürriſches Geſicht, die Wetterwolken ziehen raſch herauf und mit Eins hat ſich ein rauher Oſtwind erhoben, der ihnen das Landen ſchwer machen könnte.“ „Ich ſelbſt bin beſorgt, Nachbar,“ erwiderte John; naber mein Sohn kennt ja die See und verſteht ſich auf . — 166— Wetterzeichen; er wird doch hoffentlich vorſichtig geweſen ſein?“ „Freilich, er iſt ein guter Schiffer, aber ein kecker Schiffer! Wenn er nur nicht zu viel gewagt, oder das Wetter ihn überraſcht hat. Es iſt gar ſchnell heraufgekom⸗ men; ich wohne doch nun ſchon fünfundzwanzig Jahre an der See und habe Wind und Wolken Tag und Nacht beobachtet, allein ich wüßte mich nicht zu erinnern, daß je⸗ mals aus einem ſo klaren Abend ſo raſch ein ſolches Wet⸗ ter geworden wäre. Je nun, es droht vielleicht nur ſcharf, und zieht vorüber— Heiland Jeſu Chriſt! Was war das für ein Blitz! Der fuhr ja im Zickzack durch die ſchwar⸗ zen Wolken wie eine Nakete!“ John ſtand nachdenkend.„Laßt uns an den Hafen hinuntergehen, Nachbar, ob das Boot da iſt; vielleicht ſind ſie ſchon herein, ohne d ß wir's wiſſen, und haben bei irgend einem Nachbar rnaden⸗ Sie gingen miteinander hinab. John ſah einem Greiſe ähnlich, wiewol er erſt im hö⸗ heren Mannesalter ſtand; er zählte dreiundfunfzig Jahre. Seit ſechzehn Jahren wohnte er an dieſer Küſte, wohin er ſich mit ſeiner Frau und ſeinem Sohne von einem ſtran⸗ denden Schiffe gerettet hatte.— Eine Krankheit ſeiner jun⸗ gen Frau, Folge der ausgeſtandenen Angſt und Beſchwer⸗ den, nöthigte ihn, ein Häuschen am Strande zu ſeinem Zufluchtsort zu nehmen. Nach wenigen Wochen ſtarb die liebliche junge Frau und wurde auf dem Kirchhofe des Fiſcherdorfes, wenn man die einzelnen Hütten, die nicht einmal einen beſtimmten Namen führten, ſo nennen will, beſtattet. Der tiefſte Schmerz bemächtigte ſich des un⸗ gluͤcklichen John; er konnte ſich nicht entſchließen den Ort zu verlaſſen, wo Diejenige ruhte, in der er ſein ganzes * vb ——— — — — 167— Lebensglück gefunden hatte. Da überdies ſeine tiefe Trauer und ſein Hang zur Schwermuth in der Einſamkeit einen Troſt fand, mußte ihm dieſes ſtille Fleckchen der Erde, welches, ſo nahe der Verkehr der Welt ſich auf Meer und Strom an ihm vorübertrieb, doch faſt ganz entfernt davon lag, eine Zuflucht dünken, die ſich ganz für ihn eignete. Nach einiger Zeit fand er aber, daß eine für Andere nützliche Thätigkeit etwas Unentbehrliches ſei, um das Leben zu ertragen. Bisher hatte er ſich nur mit der Erziehung ſeines beim Tode der Mutter achtjährigen Knaben, William, und mit eigenen Studien beſchäftigt. Jetzt ſtieg ihm der Gedanke auf, ſich dem Orte, wo er wohnte, dem er ſich als Bürger gewiſſermaßen angeſchloſſen hatte, heilſam zu erzeigen, indem er die des Unterrichts faſt ganz entbehrende Jugend um ſich verſammelte. Er beſaß ein kleines Ver⸗ mögen, deshalb ließ er ſich für die Mühe des Lehreramtes nur geringfügig entſchädigen, und die ärmeren fleißigen Kin⸗ der unterrichtete er ganz unentgeltlich. Seinem Sohn Wil⸗ liam gab er eine ſo ſorgfältige Erziehung, als es an dieſem Orte nur möglich war. Er lehrte ihn aber nicht nur ältere und neuere Sprachen und brachte ihm die ſonſt üblichen Schulkenntniſſe in einem ungewöhnlichen Grade bei, ſon⸗ dern bildete ihn auch zu einem praktiſch tüchtigen Men⸗ ſchen aus. Indeſſen trieb die Neigung William viel mehr zu den. Buchern hin und er hatte darin ſeines Vaters Sinn, wie überhaupt deſſen ſtille, friedliche, zu ruhigen Lebensbeſchäf⸗ tigungen ſich hinneigende Gemüuthsart ererbt.— Durch dieſe Eigenſchaften des Charakters hatte ſich aber der alte John (ſo nannte man ihn ſeines früh ergrauten Haares wegen und weil er die guten Züge des Alters, Ruhe und Milde, in hohem Grade beſaß) auch die Liebe aller Nachbarn in — 168— reichem Maße erworben. Ja, man ehrte ihn wie einen— Vater und Vorſitzer im Rath; die Jünglinge und Mäd⸗ chen des Dörfchens waren ſeine Zöglinge geweſen und ihm daher mit Dank und Liebe zugethan, die Aeltern, weil ihre Einſicht ſie ſeine Verdienſte ſchätzen lehrte und weil⸗ ſie ihm Dank für Das wußten, was er ihren Kindern ge⸗ than und that.— Jetzt war der Augenblick, wo John Früchte von dieſen Geſinnungen ernten konnte. Denn während er mit Hal⸗ land nach dem Hafen herunterging, kam das Gewitter hef⸗ tiger und heftiger herauf. Der Nachen, mit dem William in die See gefahren war, war nicht zurückgekehrt, die Ge⸗ fahr augenſcheinlich. Als die Schiffer, die ſich im Hafen befanden, von John's Beſorgniß hörten, umringten ſie ihn und ſprachen ihm Muth ein. Einige Lootſen erboten ſich ſogleich mit etlichen Booten ein Stück in die See hinaus⸗ zugehen, ob man ihm, der allein und nur mit einem Ruder verſehen war, Hülfe bringen könne.— John hielt die Leute zurück, da ſie eigene Gefahr zu fürchten hätten. Doch ſie ließen ſich nicht abhalten und alsbald gingen zwei Boote in See, jedes mit ſechs tüchtigen Leuten be⸗ mannt. So lange ſie ſich unter dem Winde der Küſte hiel⸗ ten, war die Gefahr nicht ſo groß, zumal bei den vorhan⸗ denen Mitteln, der See Widerſtand zu leiſten. William's Unglück war es hauptſächlich geweſen, daß er ſchon zu hoch in See war, als er an die Rückkehr dachte. Mit dankbarem, aber doch ängſtlich klopfendem Herzen ſah John die Boote abſtoßen. Er ging hierauf mit Hal⸗ land nach dem Hauſe, auf dem der Lecchtthurm ſtand, zu⸗ rück, um ihnen weiter nachſehen zu können. Am Thurn blieben ſie ſtehen. Die See war ſchon ſehr unruhig und ſpiegelte den grauen, drohenden Himmel ab; die Boote 169— 4 tanzten hoch auf den Wellenſpitzen und waren bald ſicht⸗ bar, bald verſchwanden ſie. Von einem Nachen, wie er William trug, war keine Spur zu entdecken. „Welche Erinnerungen werden in mir wach, Nachbar „Halland,“ ſprach John,„wenn ich die See in dieſer Ge⸗ ſtalt ſehe! So ſah ſie aus in der Nacht, die mich an die⸗ ſen Strand führte!“ „Etwas wilder doch, Nachbar John!“ erwiderte Hal⸗ land.„Und wir hatten rauhes Octoberwetter! Heiliger Gott, was war das für ein Sturm! Noch ſehe ich das Schiff, aus dem Ihr ins Boot geſprungen waret vor mir, wie es mit einem Maſt und zerriſſenen Segeln, die im Winde flatterten, auf und nieder ſchwankte. Es glich einem blaſſen Geſpenſt in zerlumpten Leichentüchern, wenn der Mond es durch die zerriſſenen Wolken beleuchtete. Aber ſeht! Sind das unſre Leute dort bei der Felſenſpitze drü⸗ ben? Sie ſind ſchon weit hinaus!“ Der Himmel flammte in Feuer, gleich nach, der Sturm jagte die der Wellen vor ſich her. John ging unruhig auf und nieder. Sein Auge ſpähte unverwandt in die weite See hinaus, die ſich immer dunk⸗ ler einhüllte. „Es iſt nichts zu erkennen,“ ſprach er nach einigen Au⸗ genblicken ſchmerzlich.„Menſchliche Hülfe vermag jetzt nichts mehr— Gott allein kann ſie ſe hützen. Wenn nur anſre Nachbarn und braven Freunde nicht Schaden nehmen!“ „Ich muß hinauf nach den Lampen ſehen,“ ſprach Hal⸗ land,„wollt Ihr mit?“ John ſtieg mit auf den Leuchtthurm. Der Regen ziſchte jetzt in dichten Strömen herab. Dennoch trat der beküm⸗ merte Vater auf die Gallerie und ließ ſeine grauen Locken Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. V. 8 der Donner krachte ſo⸗ ziſchenden Schaumhäupter — 170— von Wind und Regen peitſchen und ſtarrte hinaus in die finſtere, unwirthbare Oede. Schwere Gedanken erfüllten ſein Herz; große Thränen drängten ſich ihm ins Auge. „So,“ ſeufzte er tief,„ſo ſah mein Leben aus, ſo ſchwarz, ſo ſtürmiſch, ſo ohne Hoffnungsſtern! Ich hatte ein Eiland gefunden! Es war ein Kirchhof; eine Grabſtätte war mein ſtiller Friedensherd, ein Bäumchen, das daraus empor⸗ wuchs, meine Seligkeit, ſein Schatten die Hoffnung meines Alters! Gnädiger Gott, wollen Deine Stürme auch das entwurzeln?“ Viertes Capitel. Vor naſſer Kälte ſchauernd, von Angſt erſchöpft, lag Helga in William's Armen, der ſie an ſeinem Herzen zu erwärmen ſuchte. Finſter ſtarrte ſein Blick hinaus in die Meereswogen, ohne Hoffnung, ohne Troſt. Denn nur ein Wunder hatte das gebrechliche Fahrzeug bisher behütet, daß es die Wellen nicht zerſchmetterten oder verſchlangen, nur ein Wunder konnte es ferner behüten! Zwar legte ſich das Ungewitter, der Regen hörte auf, die Wolken fingen an ſich zu zertheilen; auch ſtieg der Mond trübroth am äußerſten Meeresrande auf und erſchien trotz ſeiner nebligen Um⸗ ſchleierung wie ein Zeichen der ewigen Gnade; doch dem kundigen William war dadurch die Gefahr nicht gehoben. Helga aber erhob das bange Hauptv; ſie ſchaute nach dem ſanften Geſtirn hinüber, das ihrem Geſchick wehmüthig zu lächeln ſchien, und ſprach flüſternd:„William, das iſt ein — — — 141— Zeichen von Gott, ich habe wieder Hoffnung!“—„Auch ich,“ erwiderte er und küßte ihren lieblichen Mund. Doch er ſprach anders, als er dachte. Das Meer hob ſich noch in grimmigen Wellen und der Sturm hatte ſich nicht ge⸗ legt. Wie konnte er hoffen, daß von ſo vielen tauſend Wogen, die den Nachen hin und herſchleuderten, nicht eine über ihn wegſtürzen und ihn begraben ſollte? Wie konnte er hoffen, daß das ſchwache Fahrzeug noch lange die furcht— baren Stöße der Wellen ertragen werde, da es ſchon ſeit dem Bruch des Steuers kleine Beſchädigungen erlitten hatte, die unter dieſen Umſtänden ſchnell zu Pforten der gänzlichen Zertrümmerung werden mußten! Auch die Hoffnung, einem größeren Schiffe zu begegnen, war äußerſt ſchwach, denn William konnte berechnen, daß der Sturm ſie längſt weit über die Bahnlinie der Schiffe, die aus dem Strom aus⸗ oder einlaufen, hinausgetrieben habe. So bereitete er ſich denn düſter, aber ergeben, auf den Tod mit Helga und an ihrer Bruſt vor. Er würde ihn leichter getragen haben, wenn er ſich jetzt nicht mit dem ſchweren Vorwurf belaſtet gefühlt hätte, daß allein ſeine Unachtſamkeit auf das Ruder und auf die Wetterzeichen ſie in dieſe Gefahr gebracht habe! Zwei Minuten früher durfte er um ſich blicken und er hatte noch die Möglichkeit, die Spitze des Vorgebirgs zu er⸗ reichen, ſo ſchmal war die Grenze zwiſchen dem ſeligſten Glück und unermeßlichem Unglück. „Helga!“ rief er mit unausſprechlichem Schmerz und preßte die Lippen auf die erblaßte Roſenknospe ihres Mun⸗ des.„Helga, Du biſt mein! Dieſes Glück iſt die köſtliche Perle, welche ich in dem Abgrunde dieſer Meereswüſte ge⸗ funden habe! O! ich wollte gern verſinken, wenn ich Dich nicht mit hinabzöge!“ „Mit Dir vereinigt ſterbe ich glücklich,“ erwiderte Helga 8* — 12— zitternd und in Thränen;„aus dem unermeßlichen, bittern Meer rings um uns quellen uns doch noch ſüße Tropfen!“ So ſaßen ſie bei einander und Minute auf Minute verging;— der Mond ſtieg höher, es wurde heller, der Sturm ließ nach, doch hatte er ſich in einen ſcharfen, ſtäti⸗ gen Oſtwind verwandelt, bei dem die See ſobald nicht ru⸗ higer werden konnte. „Heiliger Gott, was war das!“ rief William aus, als der Nachen eben auf der Spitze einer hohen Welle ſchwebte, aber in demſelben Augenblick auch ſchon wieder in die tiefe Waſſerfurche hinabſchoß. „Was iſt Dir?“ fragte Helga erſchreckt. „Laß mich! Bevor ich's nicht gewiß weiß, darf ich's nicht ausſprechen!“ Damit rang er ſich aus ihren Armen los und ſprang zum Maſt hinan, an dem er ſich, um auf⸗ recht zu ſtehen, feſt anklammerte. Er ſah mit ſeinem ſchar⸗ fen Falkenauge ſpähend umher.„Es war gewiß ſo, ich habe mich nicht getäuſcht, der Augenblick muß wiederkom⸗ men,“ ſprach er halb andeutend zu Helga, nachdem das Boot einigemal auf der Höhe der Wellen geſchwebt hatte, ohne daß er den Gegenſtand entdeckt zu haben ſchien, wor⸗ nach er ſpähte. Plötzlich rief er:„Ein Segel! Gott im Himmel! Jetzt iſt Rettung möglich! Helga, reiner Engel, bete Du, es wird wirkſamer ſein, als Das, was ich zu thun vermag.“ Helga ſank auf die Knie; ſie wendete das gläubige Ant⸗ litz nach der Mondſcheibe, als wenn in ihr das Auge Got⸗ tes lächle, und faltete fromm die Hände. William aber klimmte den kurzen Maſt hinan, zog ſein Tuch heraus und band es um die Spitze, daß es als Noth⸗ zeichen im Winde flattere; dann ſtellte er ſich wieder feſt und hoch aufgerichtet an den Fuß des Maſtes. Wenige — 273— Sekunden darauf tönte durch den Sturm der durch ein Sprachrohr geſandte Schifferruf„Hallah, he Hallahl“ wodurch nach dem Brauch der Gegend ein Geſpräch zwi⸗ ſchen den Fiſcherkähnen und Küſtenbooten eingeleitet wurde. William hatte kein Sprachrohr; doch beide Hände hohl an den Mund legend, ließ er einen gellenden Schrei ertö⸗ nen, der ſchrillend durch Windes⸗ und Wellenbrauſen drang. Dieſes Zeichens bedienten ſich die Schiffer der Gegend als Hülfsruf. Eine ähnliche Antwort durch das Sprachrohr ſagte ihm, daß er gehört und verſtanden worden ſei. Sein Auge glänzte, der reine Strahl der Hoffnung ſpiegelte ſich darin ab. Er blickte mit einem ſeligen Gefühl auf Helga. „Dein Gebet iſt erhört,“ ſprach er zu ihr und richtete den Blick dankbar gen Himmel. Das Schiff unfern von ihnen hatte ſeinen Cours ge⸗ wandt. Es kam ihnen näher, obwol es ſchwer mit Wind und Wellen zu kämpfen hatte. Bald war es im Waſſer⸗ ſchlund verſchwunden, bald erſchien es auf der Höhe der Wellen, jetzt näher, dann wieder ferner. William er⸗ kannte, daß es ebenfalls nur ein kleines, aber doch wenig⸗ ſtens doppelt ſo großes Fiſcherboot ſei, als das, worauf ſie ſich befanden. An der Art, wie es Wind und Wellen ſchnitt, konnte er ſehen, daß ein höchſt gewandter, aber faſt tollküh⸗ ner Steuermann es leiten mußte. Indeſſen verlor er keine Zeit, die Rettung auch von ſeiner Seite vorzubereiten. Er wickelte zwei Seile auf und ſchlang ſie um den Maſt. Das eine gab er Helga, das andere nahm er ſelbſt, um es gegen das fremde Schiff auszuwerfen. Dies ſchwankte her⸗ anz ſchon ſah man es auf den nächſten Wellen. Mit Er⸗ ſtaunen bemerkte William nur einen einzigen und wie es ſchien ganz jungen Menſchen, der am Steuerruder ſtand. Jetzt hob eine Welle das rettende Fahrzeug hoch empor, daß — 174— es faſt über William's und Helga's Häupten ſchwebte und auf ſie hinabzuſtürzen drohte. Da that der junge Steuermann einen hellen Pfiff, es war das Zeichen zum Auswerfen der Seile. Mit geſchicktem Wurf ſchleuderte er von ſeiner Seite, eben ſo gewandt William von der an⸗ dern. Im gleichen Augenblick hatten Beide die Seilenden gefaßt und im nächſten waren die Boote dicht an einan⸗ der. William hielt mit der linken Hand kräftig feſt, mit der rechten faßte er Helga's Arm unterſtützend und half ihr hinüber. Leicht wie ein Reh war ſie in dem rettenden Boot, wo der junge Schiffer ſie mit gewandter Schnellig⸗ keit auffing und ſanft niederließ. Jetzt ſchwang ſich auch William mit einem Satz hinüber. Dann wurden die Seile losgelaſſen und das verlaſſene Boot den Wellen preis⸗ gegeben. „Eure Nußſchale erbt die graue Mutter See,“ rief der junge Retter in einem fröhlich wilden Ton des Scherzes. „Laßt's Euch nicht kümmern! Das Beſte war ja ſchon heruntergeſchlagen, ich glaube nicht, daß Ihr noch tauſend Faden damit geſchwommen wäret. Da ſeht, ſie liegt ſchon auf dem Angeſicht! Nun, ſie hat ihre Pflicht bis auf den letzten Augenblick gethan, ſo weit ſie vermochte!“ Wirklich war das Boot wenige Sekunden, nachdem Wil⸗ liam und Helga gerettet waren, umgeſchlagen und die Wellen begruben es in einem Augenblick ſo, daß nichts mehr da von zu entdecken war. Helga's Kräfte und Muth hatten gedauert, ſo lange ſie deren bedurfte; jetzt war es das Gefühl der Rettung, was die angeſpannten Nerven löſte, bewußtlos ſank ſie nie⸗ der. In William, dem im erſten Augenblick Dankbar⸗ keit gegen den Retter und gegen Gott, Freudengefühl über die eigne Rettung und das Uebermaß der Seligkeit, die — Geliebte gerettet zu ſehen, zugleich das Herz erfüllten, wurden alle dieſe Empfindungen durch das eine Gefühl des tödtlichſten Schreckens erlöſcht, als er Helga erbleichen und niederſinken ſah.„Helga, Du ſtirbſt, Helga,“ rief er, kniete zu ihr nieder, umſchlang ſie mit beiden Armen und legte ihr zurückgeſunkenes Haupt an ſeine Bruſt. „Das iſt die Angſt, Freund, glaubt mir, nichts wei⸗ ter,“ rief der junge Schiffer, der ſchon wieder feſt am Steuerruder ſtand.„Ich wollte Euch wol helfen, doch hier gilt's die Augen auf die See, die Hand am Steuer haben. Mein Boot ſegelt gut und der Wind iſt, wie man ihn brauchen kann, aber die See iſt noch zu wild, um acht⸗ los zu ſein.— Die Nacht iſt rauh! Das arme Kind wird frieren. In die Kajüte könnt Ihr ſie nicht bringen, die Luft in dem niedrigen Loch iſt zu ſchwül, da möchte ſie ſeekrank werden. Aberges liegen Matten drinnen, die holt heraus und macht dem armen Kinde ein trocknes, warmes Lager. Sie iſt wol Eure Schweſter?“ 1 In der Ueberraſchung und weil er nicht wußte, wie er ſeine Sorgen um Helga, ſeine einſame Fahrt mit ihr beſ⸗ ſer erklären konnte, antwortete William:„Ja, Freund! O welchen Dank ſind wir Euch ſchuldig!“ Der junge Menſch ſprach fröhlich:„Dank? Wofür? Daß ich Euch ein Endchen Seil zuwarf? Welcher Fiſcher ginge wol noch auf die See, wenn ſich einer vom andern nicht ſolches Dienſtes gewiß wäre? Aber Gott könnt Ihr dan⸗ ken, daß er Euch auf Eurm dürftigen Wrack bei der See ſo lange über Waſſer gehalten und endlich gerade in mei⸗ nen Fahrſtrich getrieben hat. Hier könntet Ihr drei Wo⸗ chen kreuzen und würdet wenig Segel zu ſehen bekommen, zumal in der Nacht! Aber es geht auch kein Fiſcher vom —u6— Eiderholm ſo weit in die See als Rollo, der jüngſte auf der ganzen Inſel, der ein eignes Boot beſitzt!“ Der Knabe, ſo mußte man ihn nennen, denn er konnte kaum ſechzehn Jahre zählen, ſprach dieſe Worte, wodurch er ſeinen Namen und Wohnort zugleich kundgab, mit ei⸗ nem Selbſtgefühl, ja Stolz, der ihm ein edles Anſehen gab. Er warf das Haupt mit den langen Locken, die im Winde flatterten, keck empor und nickte William zu, als wollte er ſagen:„Hab' ich nicht Recht?“ „Rollo iſt Euer Name, und von Eiderholm ſeid Ihr, mein wackrer Freund?“ erwiderte William, indem er die Matten ausbreitete, auf denen Helga ruhen ſollte. „Wie weit ſind wir von der Inſel entfernt?“ 3 „Hm!“ meinte Rollo,„genau kann ich's Euch nicht jagen, denn der Sturm hat mich wol drei Stunden kreuz und quer über die See gejagt; aber ich denke wol, wir wer⸗ den, wenn es gegen Morgen klar wird und das Boot ſo fort vor dem Winde läuft, bei Sonnenaufgang den Fels, auf dem das Kirchlein ſteht, bläulich dämmern ſehen. Zwanzig Stunden weit ſchätze ich die Entfernung; ſchneiden wir aber die See wie jetzt, ſo ſind wir in ſieben Stunden im Hafen.— Doch hört, hier iſt eine Flaſche! Trinkt ein⸗ mal, das Wetter hat Euch auch durchnäßt, und gebt dem Kinde da ein paar Tropfen. Es iſt zwar Rum und das Püppchen ſieht mir gar zart aus, aber es wird ihr doch gut thun. Im Korbe dort unter der Matte am Maſt iſt auch Brot.“ William nahm die Erquickung mit Dank an und flößte auch einige Tropfen auf Helga's Lippen und rieb ihr die Schläfe damit. Nach wenigen Minuten kam ſie zu ſich, ſchlug die Augen auf, richtete ſich empor und ſprach 17— noch halb irr':„Wach' ich, oder träum' ich! Führt nicht ein Engel mit ſchönem, goldnem Haar das Schiff?“ Wirklich hatte eben der kühne Fiſcherknabe ein wunder⸗ bares Anſehen. Der Mond war durch zerriſſenes Gewölk gebrochen und warf ſeine hellen Strahlen auf das Schiff. Rollo ſtand aufrecht, ſchlank, ſtolz da; ſeine langen blonden Locken fielen ihm um den Nacken. Er hatte den Hut ne⸗ ben ſich gelegt, um ungehinderter zu ſehen, und ſein Schif⸗ ferkleid abgeworfen, weil es naß war und er das flatternde Hemd im Winde trocknen laſſen wollte; auch die offne Bruſt war dem freien Spiel der Lüfte preisgegeben.— Die ſchlanke Geſtalt in der weißen Linnentracht, vom Mondlicht umfloſſen, ſchien, wie ſie der ſchwankenden Bewegung des Schiffes folgte, faſt zu ſchweben und doch war der Strahl des Mondes hell genug, um die edlen Züge des Angeſichts, das große blaue Auge wahrnehmen zu laſſen. Dies heftete er aufmerkſam auf Helga, während ſie ſprach Rine kecke, trotzige Miene wurde ſanfter, er lächelte, doch das Lächeln ſchwebte nur ſo eben hin, über die friſchen Lippen, wie ein Lufthauch über den Wellenſpiegel, und verlor ſich wieder. Sinnend, ſchweigend blieb er im träumeriſchen Anſchauen des lieblichen Mädchens verloren. „Wenn ich Euch nur beſſer erquicken könnte,“ ſprach er endlich mit herzlichem Ton,„Ihr armes, geängſtetes Kind; und wie naß Eure dünnen Kleiderchen ſind!— Hüllt Euch doch ja dicht in die warmen Matten; zu Haus ſoll meine Mutter Euch pflegen!“ Während dieſer Worte kam Helga erſt ganz zu ſich. In ihrer freundlichen, dankbaren Sinnesart richtete ſie ſich empor, reichte Rollo die Hand hinüber und ſprach:„O habt Dank, Ihr Retter unſres Lebens! Habt Dank!“ „Schweigt doch! Schweigt doch!“ rief Rollo ehrlich und 8 ◻*⁸ halb böſe, während er ihr die Hand bieder ſchüttelte.„Als ob Ihr mich nicht in Euer Boot genommen hättet, wenn meins ein Wrack geweſen wäre! Aber zum Glück iſt's noch nicht ſo weit. Seht nur, wie es ſegelt und ſich unter den Wind ſchmiegt! Wie ein Vogel fliegt es mit uns über das Meer! Die Wellen könnten noch einmal ſo hoch gehen und es ſollte doch wie ein Seeſchwan hindurch gleiten!“ „Unſer Freund iſt von Eiderholm, der kleinen Inſel nach Nordweſt, vierzig Stunden von unſrer Küſte,“ ſprach Wil⸗ liam zu Helga; gegen zwanzig Stunden Hant⸗ uns das Wet⸗ ter in die See gejagt.“ „Wo wohnt Ihr?“ fragte Rollo. „Am Leuchtthurm auf der Weſterſpitze. Seid Ihr nie⸗ mals dort geweſen?“ erwiderte William. „Niemals! Ich gehe nur in die See; von anderm Land als von unſrer Inſel mag ich nichts wiſſen! Ihr wohnt ja ſchon auf dem Feſtlande, da würde mir gedrückt und bang werden.“ .„O, wir können von unſerm Strand aus ſo weit in die See gehen wie Ihr Eiderholmer!“ entgegnete William lächelnd. „Wir aber gehen frei nach allen Seiten!“ rief Rollo feurig.„Uns hindert kein Windſtrich am Auslaufen. Iſt's nicht Nord, ſo iſt's Süd; mit ein paar hundert Nuder⸗ ſchlägen bin ich von der Küſte weg im vollen Winde und kann nach der ganzen Windroſe in die weite See hinaus.— Nur bei Windſtille, da iſt's freilich, als müßte die See fau⸗ len wie die Sumpfwaſſer im Binnenland. Dann klettre ich auf unſre Felſen und jage Eidervögel, da kann ich doch wenigſtens meilenweit hinausſehen in das blaue Meer!“ Während dieſer Geſpräche, denen William und Helga mit Freude und Staunen über die eigenthümliche, kecke Na⸗ —— tur des Knaben zuhörten, behielt er den ſchärfſten Blick für Alles, was er zu merken hatte, ſchien jede Welle genau dar⸗ auf anzuſehen, wie er ſie ſchneiden müſſe, ſtellte das Segel, bog das Steuer, wendete das Fahrzeug, Alles, ſtets wie es am günſtigſten war. Ein Knabe an Jahren, zeigte er bei ſeinem Gewerbe die Erfahrung und Sicherheit des längſten Lebensalters. William, der ſelbſt geübter Schiffer, die Kunſt des Ge⸗ fährten zu ſchätzen wußte, fragte ihn halb ſcherzend:„Wie haſt Du es angefangen, Du junger lieber Freund, in ſo frühen Jahren ſchon ſo ein erfahrner Steuermann zu ſein? Ich verſtehe die Kunſt auch, deshalb weiß ich Dein großes Geſchick wohl zu ſchätzen!“ „Meint Ihr?“ fragte Rollo freudig und richtete ſich ſtolzer auf.„Pah! Die Eiderholmer ſind alle geborene See⸗ fiſche,“ ſetzte er lächelnd hinzu.„Ich aber bin mitten in der See geboren,“ fuhr er ernſter fort.„Wir haben eine Klippe, eine Viertelſtunde von der Inſel, vom Meer leicht überſpült, eine gefährliche Stelle mit furchtbarer Brandung. Da gebar mich meine Mutter auf einem im Sturm geſchei⸗ terten Wrack und die Eiderholmer holten mich erſt zur Taufe ans Ufer. So haben Sturm und See zu meiner Geburt gebrauſt, mir das erſte Wiegenlied geſungen, und meine Wiege waren die brandenden Fluten. Mir iſt's angeboren und ich habe es mit der erſten Milch eingeſaugt, auf dem Meere zu leben; ja am liebſten lebte ich bis⸗ weilen im Meere ſelber. Wann ich in ſtillen Nächten mein Boot über die Flut gleiten laſſe und unter mir die Sterne flimmern und der Mond in der Tiefe ſchwimmt, da hat mich's oft wie mit unſichtbaren Händen gezogen, hinab zu tauchen nach den ſchönen goldenen Lichtern, die wir über uns nicht erreichen können. Und an blauen Frühlings⸗ — 180— tagen, wenn die See ſtill lag wie ein ſchlafendes Kind mit offnen dunkelblauen Augen, dann habe ich ſchon hinunter⸗ ſpringen wollen, weil ich meinte, unten lauſche die ſüße Waſ⸗ ſerfee, von der die Alten erzählen und meine irre Mutter ſingt! Lacht nur, aber ich habe ſchon geweint, daß ich nicht in der tiefen See im kryſtallenen Schloß wohnen kann! Am wohlſten wird mir, wenn ſie mich ſo wiegt wie heut Nacht, hui! bergauf, bergab! daß Rollo's Haar im Sturm flat⸗ tert, und der kühle Meerſchaum ihn flockig beſpritzt!“ Der Knabe fuhr ſich dabei mit der Hand über die Stirn und, als wolle er ſeine kecken Worte bewähren, warf er wie im Uebermuth der Kraft das leichte Boot quer in den Schaum einer ſich überſtürzenden Welle hinein, daß es in eine weiße, blitzende Wolke gehüllt wurde, dann auf der Spitze der Woge tanzte und im nächſten Augenblick ſteil hinabſchoß in den aufklaffenden Abgrund. Helga richtete ſich erſchreckt auf und ſchlang den Arm um William. Doch Rollo rief wie beſtürzt:„Hab' ich Euch erſchreckt, zartes Goldköpfchen? Fürchtet Euch nicht! Aber ich bin auch ein rechter Thor! Nun, habt nur Geduld mit dem wilden Rollo, ſo nennen ſie mich immer, aber ich bin doch ſanft und herzensgut! Seid nur nicht mehr bös und bang, jetzt will ich Euch das Schifflein führen, daß es über die Wellen ſchweben ſoll wie eine badende Meer— jungfrau. Seid mir nur nicht böſe!“ Wer hätte dem ſeltſamen, warmen, guten, trotzigen Kna⸗ ben bös ſein können! Das Schiff ſchwebte leicht auf und nieder; es ſchien Flügel zu haben; Rollo wandte kein Auge mehr von den Wellen.— Die See wurde nun ruhiger, der Wind blies friſch, aber gleichmäßig wie ein ruhiger, ſtarker Strom. Allmälig fing Helga an, ſich in den Matten zu er⸗ — 11— wärmenz die Angſt, die Anſtrengung hatte ihre Kraft er⸗ ſchöpft, ſie ſank in Schlummer. Der Mond, der jetzt ſchon in einem kleinen blauen Weiher, der ſich zwiſchen dem Ge⸗ wölk aufgethan hatte, ruhig ſchwamm, beſtrahlte ihr holdes jungfräuliches Antlitz. William beobachtete ſie mit unbe⸗ ſchreiblicher Rührung. Als er einen Blick auf Rollo warf, ſah er, daß der Knabe ſich wie lauſchend und ſpähend vorn hinüber gebeugt hatte, um Helga's mondbeglänztes Antlitz zu ſehen.„Sie ſchläft wie ein Engel,“ ſprach William leiſe und machte ſeinem ſelig überdrängten Herzen durch dieſe Worte Luft. Doch Rollo legte den Zeigefinger auf den Mund und winkte zu ſchweigen. Die See rauſchte milder; das Schiff durchſchnitt ſie mit pfeilſchneller Bahn; die Wolken zogen mitſegelnd über den Nachthimmel voller Sterne, der Mond verſilberte die Wel⸗ len;— erhabnes Schweigen herrſchte ringsum und die Ein⸗ ſamkeit des kleinen Nachens auf dem unermeßlichen, tiefen Meer weckte in der tieferen, unermeßlicheren Menſchen⸗ bruſt alle geheimen Wunder der Gedanken, Gefühle und Ahnungen auf. Fünktes Capitel. Endlich war auch William in einen leiſen Schlaf ge⸗ ſunken, nachdem er es Rollo vergeblich angeboten, an ſei⸗ ner Statt das Steuer zu führen, während er der Ruhe pflege.„Das Schiff iſt meine Braut, die darf mit keinem — 182— Andern tanzen,“ hatte der Knabe erwidert und blieb un⸗ ermüdlich und wachſam auf ſeiner Stelle. Der Morgen dämmerte; in Nordoſt war der Himmel ſchon purpurn gefärbt und der nach Weſten geſenkte Halb⸗ mond ſchimmerte bleich, aber freundlich wie ein ſterbendes ſchönes Antlitz. Die Sterne waren in dem lichten Ocean uͤber ihnen verſchwunden; die See ſchwoll in breiten, hohen, aber regelmäßigen Wellen. William hatte Kopf und Rücken an die innere Wand des Schiffes gelehnt, Helga lag mit dem tiefmüden Antlitz halb ihm zur Seite, halb auf ſei⸗ nem Schoß. „Ich möchte auch eine Schweſter haben!“ ſprach Rollo unwillkürlich halblaut und wandte das Auge auf die Schlum⸗ mernde.„Ich wollte ſie eben ſo lieb halten!“ Nachdenk⸗ lich ſaß er neben dem Steuerruder, auf das er wenig Auf⸗ merkſamkeit mehr zu verwenden hatte, da der Wind das Boot gerade dem Ziele zutrieb und die See keine Gefahr mehr bot. Schon ſtieg der zackige Felsgipfel des Eiderholms mit dem Kirchlein darauf, blaͤulich in Duft und dämmernde Morgenſchleier gehüllt, aus dem Meere auf. Gerade dar⸗ auf richtete Rollo die Fahrt. Der Oſten glühte ſtärker; jetzt zitterten die erſten Strahlen der Sonne über den Mee⸗ resrand und alle Wellen brannten. Das Gewitter hatte die Luft bis zur durchſichtigſten Klarheit gereinigt; der Himmel wölbte ſich wie eine tiefblaue Kryſtallglocke über das gold⸗ funkelnde Meer. Die Morgenröthe ſchimmerte in Rollo's Haar, auf ſeiner blühenden friſchen Wange. Jetzt erwachte Helga; noch halb von den Bildern des Schlafs und Traums umſchwebt, miſchte ſie die Eindrücke der Wirklichkeit noch verworren damit. Ihr Auge haftete ſtaunend auf dem ſchö⸗ nen Knaben, der jetzt, von der Glorie des Morgens umfloſ⸗ ſen, in ernſtes Sinnen verloren noch mehr einem fremdarti⸗ 1 — 183— gen, kühnen Weſen glich als geſtern, da ihn Helga zuerſt im Mondenſchimmer erblickte. Unverwandt ſchaute ſie ihn an und es war ihr, als müſſe ſie ihn betend verehren. Er hatte ihr das Geſicht nur halb zugewendet; die Rechte ruhte nachläſſig über dem Steuerruder, die Linke hatte er mit dem Ellenbogen auf das erhobene Knie geſtützt und lehnte das Haupt, in Betrachtungen verſenkt, hinein. Da ſah Helga eine große Thräne über ſeine Wangen rollen, die unbe⸗ merkt und ungetrocknet herabtropfte. Dies Zeichen ſeiner menſchlichen Natur brachte ihr freundliches Herz in vertraute Nähe zu ihm. Mit ſanfter Stimme fragte ſie:„Ihr weint?“ Rollo fuhr empor; er ſah trotzig, faſt zürnend aus, wie Jemand, der ſich von einem Unberufenen überraſcht oder be⸗ horcht findet. Doch als er Helga's ſanftes Antlitz und die Theilnahme darauf ſah, flog der Zorn wie ein eilender Wolkenſchatten über ſeine Stirn und der Glanz des freu⸗ digen Sonnenlichts folgte nach. Er wiſchte haſtig die Thräne aus dem Auge und ſprach ſchnell:„Die helle Morgenſonne blendet mich; Du biſt wol auch davon erwacht? Haſt Du geruht und ſanft geſchlummert auf Rollo's Boot?“ Helga erhob ſich leiſe, um William nicht zu erwecken. Sie ſtrich ſich das blonde Haar aus der Stirn und glättete das zerdrückte weiße Gewand; die Blumen von geſtern prangten noch an ihrer Bruſt, aber welk. Es lag etwas Rührendes in der Zerſtörung ihres einfachen Schmucks, welche die rauhe Nacht geübt hatte; ſie war zwar noch nicht ſo vollſtändig, daß alle Spuren der Schönheit und zierlichen Sittigkeit dadurch vertilgt geweſen wären, aber doch ſo, daß man die Heftigkeit und Gewaltſamkeit erkannte. So glich Helga einem Blumenbeet nach einem ſtarken Gewitterregen; herabgeſchlagene Knospen, Verwirrung, aber nicht ohne Neiz, ggeſenkte Blüthen, geknickte Halme. Von einem unaus⸗ — 184— ſprechlichen Gefühl des Danks, der Liebe, der Rührung er⸗ griffen, reichte ſie Rollo die Hand hinüber, ohne ein Wort zu ſprechen. Dann ſank ſie auf die Knie nieder und, das Anngeſicht der aufſteigenden Sonne zugewendet, verſenkte ſie ihre fromme Seele in ein brünſtiges, ſtummes Dankgebet. Auch William erwachte. Er ſah, was Helga that; mit ſtiller Ehrfurcht betrachtete er ſie, ohne ſie zu ſtören. Als ſie ſich wieder erhob, ſtand auch er auf, zog ſie ſanft an ſein Herz und rief:„Helga, der Himmel hat uns errettet— für einander gerettet!“ ſetzte er leiſer hinzu und ſie ſchmiegte ſich erröthend, bebend, ſelig an die Bruſt des Geliebten. Von ihr wandte ſich William zum dankenden Morgen⸗ gruß an Rollo; treuherzig, derb reichte dieſer ihm die rauhe Hand. Mit der andern zeigte er über das Meer:„Dort ſeht Ihr den blauen zackigen Fels! Jetzt auch ſchon die niedrigeren Höhen ringsumher! Das iſt der Eiderholm. In drei Stunden landen wir, wenn der Wind ſo anhält!“ Immer höher ſtieg die felſige Inſel aus den Fluten empor, immer klarer wurden die Umriſſe. Das duftige Blau verlor ſich und wandelte ſich in abwechſelnde Farben; man erblickte im Glanz der Morgenſonne die weißen Fi⸗ ſcherhütten an den Höhen als leuchtende Punkte; bald wa⸗ ren auch Wald und Feld zu unterſcheiden; ſchon wurde man am Horizont mehrere Segel von Fiſcherbooten gewahr, An⸗ zeichen, daß man der Küſte nahe; immer deutlicher zeichnete ſich das Land ab, immer näher rückte der wirthliche Strand, auf dem die Rettung feſten Fuß faſſen ſollte. Rollo hißte eine Freudenflagge auf; er ſetzte ſeinen breiten Fiſcherhut auf und zog ſich das Wamms an. Schon grüßten Schif⸗ fer durch Zeichen rechts und links, bald hörte man auch ih⸗ ren Ruf über das Waſſer erſchallen. Jetzt zählte man die Häuſer und ihre Fenſter, unterſchied die Gärtchen und —— — 185 Zäune; noch in der Morgenfriſche endlich lief Rollo's Boot in den Hafen ein und freudig fühlten die Geretteten das Ufer unter ihren Füßen. „Kommt nur gleich mit mir hinauf nach dem Häus⸗ chen,“ ſprach der Knabe.„Ihr ſollt Euch erquicken, und meine Mutter wird Dich pflegen, armes Kind. Du mußt auch andre Kleider haben. Meine Mutter iſt ſchwermüthig, ſtill, oft irr— aber immer gut. Laß ſie nur gewähren und ſtöre ſie nicht, wenn ſie ihren leiſen Geſang anſtimmt.“ Sie ſtiegen einen ſteilen Pfad die Anhöhe hinan. Zwi⸗ ſchen Gärten hinter freundlichen Fiſcherhäuſern, unter Ge⸗ büſch, an Felſenabſtürzen dahin, wandte man ſich die Hö⸗ hen aufwärts. Bald erreichten ſie ein kleines, einſames Häuschen, aber maleriſch am jähen Abgrund gelegen und mit dem Blick über das weite Meer hinaus.„Das iſt un⸗ ſre Wohnung,“ ſprach Rollo,„und dort ſteht meine Mutter!“ Sie gewahrten eine weibliche Geſtalt, nicht in der übli⸗ chen Fiſchertracht der Eingebornen, ſondern in einem grauen, unter der Bruſt gegürteten Gewande, welches zwar faltig den Körper umfloß, doch ſo, daß es den feinen Wuchs er⸗ kennen ließ. Die Tracht war klöſterlich zu nennen, zumal da ein weißes Tuch, ſauber gefaltet, unter dem Kinn ge⸗ knüpft, Haupt und Wangen bedeckte. „Mutter,“ rief Rollo von weitem,„ich bringe Dir Gäſte; mein Boot nahm Verunglückte auf hohem Meere auf.“ Helga ging ein wenig zagend näher. Doch ihre Scheu verwandelte ſich in Theilnahme, als ſie das Angeſicht der wunderſamen Frau erblickte. Es war blaß, kränklich, von Gram gefurcht, doch mild und freundlich; ein großes, aber erloſchenes Auge ſah leidend und ſanft unter langen Wim⸗ pern hervor. Die Stirn frei und weiß, um die Lippen ein ſchmerzliches Lächeln. Sie ſprach nicht, aber ging den An⸗ — 186— kommenden entgegen. Rollo nahm begrüßend ihre Rechte; ſie küßte ihm die Stirn und legte ihre Hand ſegnend auf ſein Haupt. Dann reichte ſie der ſchüchtern herantretenden Helga beide Hände, die zart und lilienweiß waren, als ob ſie nie⸗ mals rauhe Arbeit angerührt hätten. Unruhig, tief forſchend blickte ſie in Helga's Auge, ſprach aber kein Wort. Plötz⸗ lich ſchlang ſie die Arme um ihren Hals, zog ſie ans Herz, ihr Buſen flog, ſie weinte und zitterte. Dann ließ ſie die Hände matt herabſinken und man vernahm einen leiſen, ſum⸗ menden Ton, eine Melodie ohne Worte, und geſenkten Hauptes ging die arme, ſchwermüthige Dulderin in die Hütte voran. Sechstes Capitel. Das Innere des Hauſes bot einen eigenthümlichen An⸗ blick dar. Ueberall Zierlichkeit und größte Ordnung; die Einrichtung war nicht die einer gewöhnlichen Fiſcherfamilie. Es mußte ein gewiſſer Wohlſtand ſie gegründet, ein feine⸗ rer Sinn dabei gewaltet haben. William bemerkte engliſche Bücher, Helga ſah eine Laute hangen. Eine freundliche, noch kräftige Alte trat ins Gemach, grüßte Rollo mit herz⸗ lichen Worten und ſprach zu den Gäſten:„Seid willkom⸗ men! Es ſoll gleich für Eure Erquickung geſorgt werden. Rollo, was ſtehſt Du und ſinnſt, gib dem Gaſt ein trock⸗ nes Kleid, ich werde für das arme Kind ſorgen!“ „Freilich, Du haſt Recht, Selgard,“ rief der Knabe, mkommt mit mir.“ Er zog bei dieſen Worten William mit — 187— ſich durch die Thür in ein Gemach jenſeit der Hausflur was man ſogleich als das ſeinige erkannte, denn allerhand Fiſchergeräthe, feingeſtrickte Netze, Angelruthen, befanden ſich darin, aber eben ſo wohl geordnet, als die Gegenſtände weiblicher Bedürfniſſe und eines feineren Lebensgenuſſes im Gemach gegenüber. Tauſend Fragen ſchwebten auf William's Lippe, allein er unterdrückte ſie, weil es ihn unbeſcheiden dünkte, ſeinen wohlwollenden Retter über Das auszuforſchen, was die Ei⸗ genthümlichkeit, vielleicht das Geheimniß ſeiner nächſten Um⸗ gebungen betraf. Rollo zog ſaubere Laden auf und ver⸗ ſorgte William reichlich mit Kleidungsſtücken. Als dieſer ſein Erſtaunen über bei Fiſchern ſo ungewöhnlichen Reich⸗ thum des Beſitzes ausdrückte, ſprach Rollo:„O meine Mut⸗ ter iſt nicht arm, nur ſehr traurig; faſt immer liegt eine Wolke auf ihrem edlen Geiſt! Zuweilen indeß zieht ſie vorüber, und dann wird es ſtill und hell wie eine Mond⸗ nacht in ihrer Seele.“ „Bedrückt ſie ein Kummer?“ fragte William geſpannt. „Freilich! Aber ſie entdeckt ihn Niemandem. In hellen Stunden ſpricht ſie zu mir: Rollo, ich werde früh ſterben; mein Tod löſt das Siegel von meinen Geheimniſſen!— So möchte ich ſie denn nimmermehr erfahren!— Deshalb iſt mir auch immer ſo ſchwer und düſter und trübſelig hier zu Muth, und nur auf der ſchönen See, wenn die Wellen mich ſchaukeln, wird mir wohl, und am wohlſten, wenn der Sturm mich auf⸗ und niederſchleudert, wie in dieſer Nacht. Käme nur ein Unwetter! Gleich ſtäche ich wieder hinaus! Gerade heut!“ Ein Unmuth, eine finſtre Unruhe hatte ſich des ſchönen Knaben bemächtigt. Er ging heftig im kleinen Gemach auf und ab und ſtampfte einmal unwillig den Boden. 4* — 188— William ſah wol, daß ein weiteres Fragen und Nach⸗ forſchen hier nicht am Orte ſei. Er faßte des Knaben Hand, drückte ſie warm und ſprach:„Lieber Nollo! Es iſt der Ungeſtüm der Jugend, der in Dir tobt, Dein Herz auf und niederjagt, Dich ſelbſt hinaustreibt! Der Mann will und muß hinaus! Auch mir war es ſo, noch ganz vor kurzem— die Jahre werden Dich heilen!“ „Das ſpricht meine Amme und Pflegerin Selgard auch! Aber oft kann ich's kaum eine Stunde tragen, wie ſoll ich auf die langſamen Jahre warten! Wer weiß, wirft mich bald ein Sturm an irgend eine Klippe! Aber kommt hinaus!“ Er öffnete die Thür, um in den Garten zu gehen; aus ſeiner Mutter Gemach trat in demſelben Augenblick Helga heraus, von Selgard in weiße Linnen ſauber gekleidet, das Haar geordnet, eine friſche Roſe an der Bruſt. Rollo blieb wie gefeſſelt, ſtaunend auf der Schwelle ſtehen, ein frohes Lächeln ſchwebte über ſeine ſchönen Züge. Auch Helga lächelte nach Mädchenart im Gefühl der Umwand⸗ lung durch die neue Tracht. Unbefangen bot ſie Nollo Hand und Gruß, der Beides verwirrt erwiderte. Sie traten in den Garten, wo Rollo's Mutter in einer Laube ſaß. Sie ging den Eintretenden entgegen; als ſie Helga erblickte, über⸗ flog die blaſſen ſtillen Züge ein Roſenſchimmer der Freude, ſie ſtellte ſich ſtaunend und betrachtend vor das ſchöne Mäd⸗ cchen hin und lächelte und weinte und lächelte wieder ſie ſie noch niemals in der Bruſt empfunden hatte. Es miſchte ſich dem Gefühl der Zuneigung freilich auch eins der Scheu und Bangigkeit bei, was nicht allein in dem ſeltſa⸗ und ſtreichelte ihr Kinn und Wange; endlich ſagte ſie: „Meine ſüße Tochter, küſſe mich doch!“ Helga wußte nicht, wie ihr geſchah; ſie fühlte eine Rüh⸗ rung, eine Liebe zu der ſtillen, geheimnißvollen Frau, wie —— — — ſ men, zwiſchen irrem Träumen und bewußtem Handeln ſchwankenden Weſen der Mutter Rollo's begründet war, ſondern auch aus einer gewiſſen Ehrfurcht vor derſelben ent⸗ ſtand, die Helga bis dahin noch nicht in dieſer Weiſe vor andern ihres Geſchlechts empfunden hatte. Selgard hatte ein Frühmahl in der Gartenlaube berei⸗ tet, welches Denen, die die Nacht auf dem Meere zugebracht hatten, ſehr willkommen war. Nach einiger Zeit begann William von der Heimfahrt zu ſprechen.„Helga's Vater und der meinige werden in gro⸗ ßen Sorgen um uns ſein,“ begann er,„Du haſt uns vom Untergange gerettet, Freund, vollende nun Dein Werk und gib uns den Weg an, wie wir nach unſrer Heimat zurück⸗ kehren können.“ „Ich ſelbſt werde Euch hinüberführen,“ rief Rollo freudig;„der Wind war uns günſtig her, er iſt uns nicht ungünſtig zurück, denn wir haben ihn zur Seite. Etwas nordöſtlich muß ich halten; aber ich denke doch, wir ſind, wenn wir zu Mittag abfahren, morgen früh im Angeſicht der Weſterſpitze.“. „Aber Ihr müßt auch einige Zeit bei uns bleiben,“ fiel Helga bittend ein, während die Freude über die nahe Rückkehr aus ihren Augen leuchtete. „Gern, recht lange!“ rief Rollo. „Willſt Du Deine Mutter veriaſſen,“ ſprach dieſe, die bisher ſtill geſchwiegen und nur Helga mit wehmüthigen Blicken der Liebe betrachtet hatte,„und ihr Alles mitneh⸗ men, auch ihre liebe Tochter hier? Das iſt bös, Rollo!“ Und nach dieſen Worten fing ſie einen traurigen Geſang an, von dem ſie diesmal die Worte hören ließ: „Wenn der Herbſtwind weht, Wenn die Blume vergeht, — 190— In Feldern und Wald So rauh und ſo kalt! So oͤde das Herz, So bitter der Schmerz!— Ade!“ Dann ſtand ſie auf und ging langſam den Garten hinauf. Helga wollte ihr nachgehen, doch Rollo hielt ſie zurück und ſprach:„Thu' das nicht! Es iſt nicht gut, ihr zu na⸗ hen, wenn ſie ihre Geſänge anfängt. Ach dann wird ſie bitter und hart, und ſie iſt doch ſo gut! Dann aber löſcht das Licht ihres Geiſtes langſam aus und ſie ſtarrt in tie⸗ fer Finſterniß vor ſich hin! Der Sturm dieſer Nacht hat ſo auf ihren Geiſt gewirkt. Bei ſchönem, heiterm Wetter wird ſie ſo klar und lieblich, wie der blaue Himmel. Doch vor der Herbſtzeit fürchte ich mich ſchon jetzt, dann wird es am ſchlimmſten. Dann und bei den Frühjahrsſtürmen im März und April.“ Rollo kämpfte mit ſeinem Schmerz. Plötlich raffte er ſich zuſammen und ſprach in ſeiner trotzigen Weiſe:„Was hilft alles Kümmern? Fort müſſen wir doch! Ich muß aber mein Boot beſichtigen, meine Segel in Stand ſehen. Zu Mittag bin ich wieder da!“ Mit dieſen Worten ging er haſtig durch die offne Gar⸗ tenthür und den Bergpfad nach dem Hafen hinunter. Die alte Selgard näherte ſich Helga und ſprach:„Kommt, lie⸗ bes Töchterchen, kommt ins Haus, pflegt der Ruhe! Die rauhe Nacht habt Ihr noch nicht verwunden und wenn Ihr zu Mittag wieder in See wollt, müßt Ihr Kräfte ſammeln, denn in Rollo's Boot iſt nur für die rauhe Fi⸗ ſcherbequemlichkeit geſorgt, nicht für ein zartes Kind wie Ihr ſeid.“ Helga folgte der freundlichen Alten in das Haus. — 191— William wollte anfangs Rollo nachgehen, um ihm bei ſeinem Geſchäft Hülfe zu leiſten, doch ein feineres Gefühl ſagte ihm, daß der eigenthümliche Knabe jetzt am liebſten allein ſein möchte. Er folgte daher der erwachten Neigung, die Inſel näher zu betrachten und einen Spaziergang nach den ſteilen, zackigen Kalk⸗ und Kreidefelſen zu machen, auf deren höchſtem das Kirchlein prangte. Die Hinterthür des Gartens führte ihn ſogleich auf einen Pfad, der ſich höher bergan ſchlängelte. Nach einer Viertelſtunde hatte er den Gipfel des nächſten Berges erklimmt und von dort aus ging der Weg eine Strecke über die ſteinige Kuppe hin, bis er die höheren und ſteileren Felſen erreichte. Das Kirch⸗ lein war etwa noch eine halbe Stunde entfernt. Immer höher ſteigend gelangte William bald an den Rand der Klippen; auf dem nackten Geſtein zwiſchen Brombeerge⸗ ſträuch und Dornengebüſchen verſchwand der Pfad. Eine überhängende Klippe, auf der ein Pfahl ſichtbar war, lockte den Wanderer an. Er ging näher. Der Pfahl ſtand dicht am Rande des Abgrunds; ein Seil war um ihn ge⸗ ſchlungen.„Ein Eiderfänger!“ dachte William und ging näher; denn er kannte dieſe gefährliche Jagd gleichfalls, da ſie unfern von dem Leuchtthurm an einigen Stellen des Ufers auch, wiewol mit weniger Ertrag, mithin ſeltener ge⸗ trieben wurde. Am Pfahl angelangt, beugte er ſich über den Abgrund hinaus. Unwillkürlich ſchauerte er zurück; ſo furchtbar hatte er ſich die Höhe, auf die er allmälig hinan⸗ geklommen war, nicht gedacht. Die Klippe hing weit über die See hinaus, ſo daß er das Ufer zunächſt unter ſich nicht ſah. Ein Fiſcherboot, das eben vorbeiſegelte, glich einer Nußſchale; der Blick fand gar keinen Boden; die ganze Wand hinunter nichts als ſteile, ſchroffe Zacken und Klippen, die unmittelbar aus der grünen See aufzuſteigen — 192 ſchienen. Unten im Luftraum ſchwärmten zahlloſe Vögel, L dem Auge eben ſo nach der Tiefe zu verloren, als ſie ſonſt in der blauen Höhe des Aethers verſchwinden. Und doch war es meiſt größeres Meergeflügel, Eidergänſe, Seeraben, Fiſchreiher, das hier kreuzte und krächzte. 8 William ſchwindelte, er hielt den Pfahl beinahe krampf⸗ haft feſt, um ſich über die Tiefe beugen zu können. Das Seil, deſſen Ende er noch nicht erblickte, fing jetzt an ſich zu bewegen; der Eiderfänger, der drunten hing, mußte eben eins ſeiner gefährlichen Wageſtücke ausführen. Es überlief William kalt, als er den Pfahl, der in den Fels getrieben war, ſich beugen und in ſeinem ſteinigen Lager ſich merk⸗ lich rütteln ſah; ein geringer Zug der unten befeſtigten Laſt zu viel und der verwegene Eiderfänger ſtürzte zerſchmettert in die Tiefe! Um ihn zu entdecken, legte ſich William auf den Boden und blickte mit dem Kopf über den Nand hin⸗ aus. In endloſer Länge konnte er das Seil verfolgen, dann zog es ſich einwärts der Felswand zu; ein Beweis, daß der Jäger unter dem überhängenden Dach der Kuppe in den Felslöchern und Höhlen beſchäftigt war, die Federn und Eier aus den Neſtern der brütenden Eidergänſe zu neh⸗ men. Plötzlich bekam das Seil einen ſtarken Ruck und William ſah in demſelben Augenblick in ſchauerlicher Tiefe einen ſchwarzen Punkt hervorſpringen, der an dem Ende des Seils über dem Abgrund hin und wieder ſchwebte. Der Schwindel übermannte ihn; es war ſein Glück, daß er auf dem flachen Boden lag, denn ſonſt wäre er unfehl⸗ bar hinuntergeſtürzt, ſo drang ihm das Blut gegen Herz und Gehirn und benahm ihm die Beſinnung. Er ſchloß 1 die Augen vor dem Anblick. Da hörte er ein gellendes Pfeifen von unten herauf, das ihm ſchauernd ins Ohr ſchnitt. Mit Mühe zog er ſich zurück aus ſeiner Lage — 1— ſchöpfte tief Athem. Das Pfeifen ertönte noch einmal lau⸗ ter und wiederholte ſich nochmals. Ohne Zweifel war es ein Signal, daß der unten Haͤngende heraufgezogen wer⸗ den wolle. Diejenigen, auf die er ſich verließ, mußten aber hinweggegangen ſein, denn Niemand ließ ſich blicken auf der öden Höhe. Da ſchien der unten ſchwebende Eiderfän⸗ ger ungeduldig zu werden und ruckte ſtark und ſtärker an dem Seil. William blickte auf den Pfahl und erblaßte, denn er rüttelte ſich ſo locker in ſeinem Steinlager, daß er ſich ſchon ganz nach vorn überbog, und die ſichtlichſte Ge⸗ fahr drohte. Mit der Schnelligkeit der Angſt ſprang er hinzu, packte den Pfahl mit kräftigen Händen, hielt ihn feſt und rief was er vermochte um Hülfe. Anfangs hörte ihn niemand; doch nach einigen Augenblicken kamen mehre Leute aus dem nahen Buchenwalde, der weiter nach dem Innern zu die Höhen bedeckte. Auf William's Rufen und Winken ſtürzten ſie eiligſt herbei. Näher heran gekommen erkannten ſie die Gefahr; doch waren ihrer jetzt vier Mann und ſie konnten das Seil auch ohne die Handwinde her⸗ aufziehen, die ſonſt dazu gebraucht wird.„Wer Teufel mag daran hängen?“ rief einer der Männer;„wer läßt ſich wol ſo verwegen allein hinab? Oder haben ihn die Kameraden vergeſſen?“ Nachdem ſie alle Vier etwa eine halbe Viertelſtunde gearbeitet hatten, ließ ſich eine helle, wohllautende Stimme näher unterm Felsabhang vernehmen: „Nur raſch, nur raſch, Freunde!“ rief es. Die Stimme kam William bekannt vor. Eine Minute ſpäter blickte Rol⸗ lo's Lockenkopf über den Felsrand herauf. William war ſo überraſcht, daß er keine Worte fand. Auch Rollo war es, da er ganz andre Leute erblickte, als er erwartet hatte. „Rollo!“ riefen die Andern.„Was Teufel machſt Du tol⸗ ler Knabe für Streiche? Weißt Du, daß Du ohne dieſen Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. V 9 e — 1— jungen Fremden hier jetzt zerſchmettert in der See lägeſt? Sieh Dir hier den Pfahl an!“ Rollo erſtaunte, aber es malte ſich mehr Verwunderung als Schrecken in ſeinen muthigen Zügen.„Ich ging mit Alward und Erichſon herauf,“ ſprach er,„ſie wollten die —õ— ———— Kopf über dem Felſen hervorragen und glaubte, ſie waren zurück. Da ſie mich aber auf mein Pfeifen nicht herauf⸗ zogen, dachte ich, ſie wollten mich necken, und ruͤttelte ſo ungeduldig. Das mag dem ſchwachen Holz wol zu viel gethan haben. Aber ich danke Euch, Nachbarn, Ihr habt mir da einen guten Dienſt geleiſtet!“ „Nicht wir! Wir halfen nur dabei, hier dem Frem⸗ den biſt Du Dein Leben ſchuldig!“ 3 „O, wir ſind einander nicht fremd,“ ſprach Rollo und reichte William die Hand;„aber herzlichen Dank ſag' ich Euch. Wahrlich, jetzt ſehe ich's erſt, es hätte ſchlimm wer⸗ den können! Nun laß uns aber eilig hinab, ſonſt bring ich bis Mittag mein Fahrzeug nicht in Stand.“ Hände und ſie freuten ſich des friſchen, muthvollen Kna⸗ ben, der raſchen Schrittes, wie ein junges feuriges Füllen, den Berg hinabeilte. Im Herabſteigen erzählte er William, der ihn verwun⸗ dert fragte, wie er dorthin gekommen ſei.„Ei, ich traf zwei Freunde und da fiel mir ein, ich könnte wol etwas Schönes für Helga ſuchen, damit ſie ein Andenken an die Inſel mitnähme. So lief ich mit meinen Kameraden nach dem Felſen auf den Vogelfang. Sieh her(dabei zeigte er ein großes zuſammengebundenes Tuch, das er in der linken Rollo ſchüttelte Allen, die ihm emporgeholfen, derb die Winde holen, indeß ich mich hinab ließ. Ich ſah einen Hand trug), lauter Eiderdaunen und ein Dutzend Eier dazu! Das ſoll uns ein Nachteſſen im Schiff geben und die Daunen ein weiches Lager für die blonde Helga!“ So eilten ſie hinab. Beide gingen, bevor ſie nach Haus zurückkehrten, noch an den Hafen und ſetzten das Schiff in Stand, Zu Haus harrte ihrer das Mittagbrot ſchon. Helga hörte die Vorfälle des Morgens, die William ihr er⸗ zählte, mit klopfendem Herzen; um ſo freundlicher war der Dank, den ſie dem kühnen Rollo ſagte. Hier wurde Wil⸗ liam zum Erſtenmale unruhig darüber, ob der ſchöne Knabe nicht ſein Bild aus Helga's Herzen verdrängen könne. Doch er bekämpfte den Gedanken, da er ihren offnen, freien Blick der Liebe ſah, der auf ihm haftete. Die Stunde der Abfahrt rückte heran. Rollo's Mut⸗ ter wurde unruhig; ſie ſchien beängſtigt, ſchwer beklommen. Als Helga ihr die Hand zum Abſchied reichen wollte, ſank ſie kraftlos gegen die Bruſt des Mädchens und ihre Stimme erſtickte in Thränen. „Hilf ihr, Selgard!“ rief Rollo unruhig.„Leb wohl, Mutter! Kommt, kommt eilig fort, es tödtet mich!“ So trieb er die Andern an und eilte ſelbſt den Bergpfad haſtig abwärts. Aber hinter ihnen her trug der Wind die trau⸗ rige Melodie des Liedes, das die Arme zuvor geſungen, und deutlich verſtand man die Worte: „So öde das Herz! So bitter der Schmerz! Ade—“ Siebentes Capitel. John hatte mehre Stunden auf dem Leuchtthurm bei Halland zugebracht. Mit dem ſteigenden Gewitter ſtieg auch ſeine Angſt; er fügte zu ihr noch die Beſorgniß um die wackeren Freunde und Nachbarn, die ihm ſo edelmüthig als Helfer beigeſprungen waren. So verſtrich die Nacht unter dem ſchweren, bangen Druck einer faſt hoffnungsloſen Sorge. Halland war, als ein roherer Menſch überhaupt und weil er doch für das angenommene Pflegekind nicht die von der Natur ſo mächtig eingepflanzte Liebe empfand, viel weniger von dem Ereigniß ergriffen. Doch trat auch ihn mitunter die Sorge ernſtlich an.„Wenn mein hübſches blondes Kind da in der grauen See ein Ende nehmen ſollte,“ mur⸗ melte er,„dann möchte meinethalben der Leuchtthurm auch von ihr verſchlungen werden. Nein! Um Seeffiſche ſatt zu machen, dafür iſt ſie d zu gut! Nicht wahr, Nachbar, das könnt Ihr von unſerm Herrgott nicht glauben, daß er ſein beſtes Ebenbild hier auf dem ganzen Strand ſo zu Grunde gehen laſſen würde. Auch war ſie ja ein frommes Kind! Nun, Nachbar John, ſprecht doch ein Wort— ich kann'’s nicht glauben!“ — „Seine Wege ſind dunkel,“ ſeufzte John, der in Hal⸗ land's Vorausſetzungen über die Güte des Ewigen freilich keine Bürgſchaft für die Rettung der Geliebten ſah;„doch ich hoffe wie Ihr, Nachbar Halland!“ Dann ging er auf und nieder.„Alles habe ich verlo⸗ ren,“ ſprach er finſter,„Vaterland, Gattin, Verwandte, war der Stern meiner Hoffnung in ſechzehn nächtlich dü⸗ 3 Reichthum— nichts rettete ich als den einen Sohn. Er — 197— ſtern Jahren! Und nun mein altes Herz endlich vernarbt, nun es ruhiger zu ſchlagen anfängt, nachdem die Lebens⸗ ſtürme ſeine höchſten Wogen aufgeregt, nun da endlich eine ſpäte Abendſonne durch den grauen Himmel brechen und meine letzten Tage ſanft erwärmen und beleuchten will, nun— Er faltete die Hände über die Bruſt, hob das ergraute Haupt gegen die ſchwarzen, ſtürmiſch gejagten Wolken und Thränen rollten über ſeine gefurchten Wangen. So verſtrich die Nacht. 1 Mit dem dämmernden Morgen kehrten die beiden Fi⸗ ſcherboote der Nachbarn zurück. Sie waren der Vermißten nicht anſichtig geworden, doch hatten ſie auch keine Spur aufgefunden, die ein Verunglücken nachgewieſen hätte. John hörte die Berichte mit ſtummer Trauer an. Dann ſprach er:„Nachbarn, ich kann Eure Liebe nicht vergelten. Jetzt aber iſt die Gefahr vorüber und für Eure Mühe vermag ich Euch zu entſchädigen. Wollt Ihr noch eine Fahrt wagen? Nun iſt es Tag, das Meer ruhiger, man kann weiter um ſich ſchauen. Gerade jetzt ſind ſie vielleicht auf der hohen See und ihr Boot hat ſchwere Haverei ge⸗ litten. Sie müſſen untergehen, wenn ihnen nicht Freun⸗ deshülfe kommt, aber ſie ſind gerettet, wenn wir ihnen ent⸗ gegenfahren. Nachbarn! Was ich beſitze, will ich noch daran wagen, leiht mir noch einmal Eure Hülfe.“ Haland vereinte ſeine Bitten mit denen John’s; die wackern Leute waren bereit. Die ermüdete Bemannung wurde durch andre erſetzt, und, da man jetzt die See nicht 4 zu fürchten hatte, vertheilte man ſich auf ſechs kleine Kähne, mit der Verabredung, ſich ſo weit von einander zu halten, daß man ſich immer ſehn und Zeichen geben könne. So in eine breite Beobachtungslinie vertheilt, gingen die Fahrzeuge — 198— in See und John, den die Unruhe doch zu Haus nicht geduldet hätte, beſtieg eine der Barken mit den Fiſchern. Der Wind trug ſie leicht auf das offne Meer hinaus. Sie folgten verabredeterweiſe der Richtung, in die der Sturm geſtern das Boot verſchlagen haben mußte, und ihr Weg führte ſie ſomit dem Eiderholm entgegen. Da ihnen der Wind ſehr gut ſtand, hatten ſie mit dem ſinkenden Abend gute zwei Drittheile der Entfernung bis zur Inſel zurück⸗ gelegt, ohne jedoch etwas entdecken zu können. Sie hielten jetzt Rath, ob ſie umkehren oder bis an den Holm fahren ſollten, um Erkundigungen einzuziehen. John bat dringend um das Letzte; denn konnten ſie ſich ret⸗ ten, ſo mußte es dorthin geweſen ſein. So nahmen ſie ih⸗ ren Strich gerade nach der Inſel. Kaum waren ſie einige Minuten geſegelt, als John ausrief:„Was iſt das dort? Seht Ihr, Freunde? Auf dem Rücken der hohen Welle! Jetzt verſchwindet's wieder, da taucht es wieder auf! Seht Ihr 2“ „Ja, ja, da ſchimmert etwas, ein Holz, oder eine Planke,“ beſtätigte einer der Schiffer.„Halt einmal drauf hin, Gorno.“ Der Mann am Steuer gab die Wendung. Sie kamen näher. Es war der Kiel eines umgekehrten Boots, der über dem Waſſer herausragte. „Oho, ein Wrack!“ rief einer der Schiffer.„Das müſ⸗ ſen wir näher beſehen.“ John's Herz ſchlug heftig. „So wahr ich Gorno heiße,“ rief der Steuermann, „das iſt ein Boot, was der Sturm auf die Naſe gelegt hat! Holla, werft doch einen Haken darnach aus!“ Die Fiſcher zogen das ſchwimmende Wrack heran.„Hm,“ murmelte Gorno, der am Steuer aufſtand, um beſſer zuzu⸗ ſchauen.„Der Kiel iſt ganz ſo geſtreckt, wie es bei uns auf dem Werft Gebrauch iſt. Ich möchte wol wetten, das wäre -— 199— ein Boot von der Weſterſpitze.“ Er ſprach nicht weiter, allein er hatte es ſchon ſo gut an der Form und Bauart erkannt, wie die Andern auch, die, um des alten John zu ſchonen, ſich ganz ſtill verhielten. Dieſer ſelbſt zweifelte kaum; er ſtand bebend, den angſtvollen Blick auf das auf⸗ und niedertauchende Wrack gerichtet, um ein gewiſſes Zei⸗ chen daran zu erſpähen. Jetzt drückte einer der Schiffer mit der Ruderſtange auf das Hintertheil des Wracks; es hob ſich vorn aus den Wellen und der Name William und die Jahreszahl darunter wurden einen Augenblick ſichtbar, aber doch gerade lange genug, daß Jeder die Buchſtaben, wiewol ſie verkehrt ſtanden, geleſen hatte. „Allmächtiger Gott!“ rief John und druückte ſich die Hände vor die Stirn, dann ſank er kraftlos zurück. Alle ſchwiegen; es war ein furchtbarer Augenblick. Das Unglück ſchien nun beſtätigt; Gorno wandte da⸗ her ſein Steuerruder, um den Rückweg anzutreten.„Wenn der Wind anders geſtanden hätte,“ murmelte er,„ſo fän⸗ den wir zu Haus vielleicht ſchon die beiden Körper von der See auf den Strand geworfen!“ Bei der Wendung, die das Boot jetzt nahm, blickte Gorno umher, ob er die andern Nachen noch ſähe, um ih⸗ nen das Zeichen der Rückkehr zu geben. Da erkannte er auf eine Viertel⸗Seemeile ein ausgeſpanntes Segel, das im Abendroth glänzte und ein Fahrzeug mit friſchem Winde heranführte. Er ſah ſcharf hin.„Holla!“ rief er,„das iſt ein Eiderholmer, ſo weit ich ſehen kann. In fünf Mi⸗ nuten muß er heran ſein, den ſollen wir doch noch abwar⸗ ten und befragen!“ Auf Jedes Mund lag die Frage„wozu?“ John al⸗ lein ſprach ſie mit dem Ton des tiefſten, bitterſten Schmer⸗ zes aus. Doch, um ihn zu tröſten, erwiderten mehre:„Ei, 200— Vater John, wer weiß, wie die Dinge ſtehn! Manches Wrack treibt auf der See und die Leute, die darauf gewe⸗ ſen, ſitzen friſch und geſund am Strande.“ „Was Teufel!“ rief Gorno und ſchaute ſcharf nach dem Eiderholmer.„Seht einmal, was die aufhiſſen! Ich glaube wahrhaftig— gebt mir einmal das Fernrohr!“ Er ließ das Steuer los, ließ ſich das Fernrohr geben, was keinem ordentlichen Segler an Bord fehlt, und rich⸗ tete es auf das Schiff. „So wahr ich Gorno heiße und auf meinen zwei Bei⸗ nen ſtehe!“ rief er,„die haben die Eiderholmer Jubelflagge aufgehißt.“ „Die Jubelflagge?“ fragte John aufhorchend.„Nun,“ belehrte ihn Gorno,„wer etwas Gutes an Bord hat, oder wer ein Feſt feiert, eine gute Nachricht bringt, der hißt die Freudenflagge auf. Die Eiderholmer haben die Sitte, bei recht frohen Ereigniſſen eine doppelte Flagge vom Maſt wehen zu laſſen, und das nennen ſie Jubelflagge.“ John zitterte; die Kluft zwiſchen Hoffnungsloſigkeit und unausſprechlichem Glück war zu groß, um ſie ſo raſch zu überfliegen. Er zwang ſich faſt, ſich keiner Hoffnung hin⸗ zugeben. Jetzt war das fremd Fahrzeug auf einige Hun⸗ dert Schritte heran. Man ſah, daß ſich drei Geſtalten, darunter eine weibliche, auf demſelben befanden. „Allgnädiger Gott, zerreiße mein Herz nicht ſo fürch⸗ terlich!“ flehte John,„halte mir nicht den Spiegel der Täuſchung vor, wenn die Wahrheit dahinter ein zu furcht⸗ bares Antlitz trägt.“ Doch die Geſtalten auf dem Schiff winkten und grüß⸗ ten mit Tüchern, die ſie hoch in die Luft ſchwenkten; jetzt rief Gorno, der das Fernrohr darauf richtete:„Vater John, 7 — — 201 ſie ſind's! Werft mich mit einem Mühlſtein um den Hals in die See, wenn ich lüge!“ Da wankte John; von Freude überwältigt ſank er in die Arme der Schiffer zurück; aber ſchon nach wenigen Mi⸗ nuten lag er in denen ſeines Sohns und Helga's. Am andern Morgen landete man an der Weſſterſpitze. Rollo war wieder die ganze Nacht munter geweſen; die Natur dieſes Knaben ſchien ganz unermüdlich. Jetzt da man ans Ufer ſprang, eilte Halland von der Felshöhe, auf der der Leuchtthurm ſtand, herab und ſeine Tochter hing an ſeinem Halſe.„Wer iſt jener Mann?“ fragte Rollo William erſtaunt.„Helga's Vater,“ erwiderte dieſer, der ſich in dem Augenblick nicht daran erinnerte, daß er Helga für ſeine Schweſter ausgegeben hatte, woher John, den ſie ebenfalls Vater nannte, auch von Rollo für dieſen gehal⸗ ten worden war. „Helga's Vater,“ wiederholte Rollo langſam und ſicht⸗ lich betroffen,„und das iſt der Eurige? Sie iſt alſo nicht Eure Schweſter? Ihr habt mich belogen!“ ſchloß er ſeine Rede wild und trotzig und wandte ſich um. William überwand ſeine Aufwallung und ſagte:„Wir ſind ſo als Geſchwiſter aufgewachſen, daß wir wol dafür gelten konnten. Im erſten Augenblick wußte ich Dir unſer nahes Verhältniß nicht kürzer anzudeuten und ſpäterhin ge⸗ dachte ich deſſen nicht mehr.“ William erröthete bei dieſen Worten, weil ſie eine Un⸗ wahrheit enthielten; es war ihm aber peinlich geweſen, da⸗ von zu beginnen, und da Niemand darnach fragte, ſchwieg auch er. Rollo ſtand noch immer trotzig und finſter da. „Wie kann Dich der kleine Umſtand kränken!“ begann William wieder;„ſei freundlich, lieber Rollo, und komm nun mit in unſer Haus und ſei unſer Gaſt!“ 3 9** — 202— Helga hörte die letzten Worte, die William ſprach, weil ſie ſich eben aus der Umarmung ihres Vaters wieder zu⸗ rückgewendet hatte, um dieſem ihren Retter zu zeigen. Sie rief lebhaft:„Nein, William, bei uns muß Rollo wohnen, aber Ihr und der Vater John, Ihr ſeid nun alle unſre Gäſte; unſer Haus iſt ja größer!“ „Beſänftige Rollo nur erſt wieder,“ ſprach William, „er iſt bös auf mich.“ „Bös? Nimmermehr!“ rief das lebhafte, anmuthige Mädchen, das erſt jetzt ſeine volle Heiterkeit wieder gewon⸗ nen hatte;„Rollo kann nicht böſe ſein!“ 4 „Nein, ich bin's auch nicht,“ rief er ſchnell,„aber laßt 4 mich nur gleich wieder zurück auf die See! Mir wird hier ſo ſchwül und bang am Lande! Und meine Mutter wird auf mich warten. Laßt mich nur gleich wieder zurück!“ Eine Unruhe hatte ſich des Knaben bemeiſtert, die man in jedem ſeiner lebendigen, ſchönen Züge las. Es drückte Etwas auf ſeinem Herzen, was er ſich ſelbſt nicht erklären. konnte. Doch Helga umſchmeichelte ihn ſo hold und mit ſo aufrichtig liebender Geſinnung, daß er endlich rief:„Nun ja, ich bleibe, aber nur bis morgen!“ „Und Ihr, William, und Vater John,“ fragte Helga mit einem leichten anmuthigen Erröthen, kommt Ihr nicht mit zu uns hinauf?“ 4 Sie verſprachen es in kurzer Zeit zu thun und hielten Wort. Der Tag verſtrich unter der Erzählung aller Er⸗ gebniſſe, der Schilderung aller Gefühle, welche in dem kur⸗ 4 zen Zeitraum weniger Tage die Herzen dieſer guten, einan⸗ der ſo nahe befreundeten Menſchen bewegt hatten. 3 Ein frohes Mittagsmahl, ein Spaziergang füllten die 4 übrigen Tagesräume bis zum Abend aus, wo John und Viilliam in ihre Wohnung heimkehrten, während Rollo im — 203— beſten Gemach übernachtete, welches Hallande gaſtliches Haus darbot. Ohne Verabredung, ja ſelbſt ohne einander ein Zeichen, einen Wink gegeben zu haben, hatten Helga und William das Geheimniß ihrer Liebe bewahrt. Die Knospe war noch zu jung, brach zu zart durch die Hülle, um nicht jede Be⸗ rührung der Außenwelt rauh zu empfinden. Jedes Liebes⸗ paar wünſcht in den erſten ſüßen Augenblicken ſeines Glücks einſam auf der weiten Erde zu ſein, damit es nur ſeiner Liebe gehöre, nichts Fremdes und Niederes dieſen reinen Himmel der Seligkeit trübe. Darum ſchieden Beide auch nur mit leiſem Händedruck und innigem Blick, der aus tiefſter Seele ſtammend allein Denjenigen verſtändlich war, die verwandte Gefühle hegten. Achtes Capitel. Doch in John's Herzen waren Gefühle dieſer Art keine Fremdlinge; er hatte ſeinen Sohn ſchon ſeit einiger Zeit beobachtet und entdeckt, er werde ſich des Uebergangs, den Helga vom Kinde zur Jungfrau machte, täglich mehr be⸗ wußt. Ihm war das holde Weſen ſo lieb wie eine Toch⸗ ter; dennoch ſah er mit ernſter Bekümmerniß dieſe Bande ſich feſter und feſter ſchlingen, weil er wußte, daß manches Hinderniß ſich dazwiſchenwerfe. Sein Vaterherz, noch er⸗ füllt von dem Schmerz, den der drohende Verluſt des Soh⸗ nes ihm bereitet hatte, drängte ihn jetzt, ihm die innerſten Tiefen ſeiner Bruſt zu öffnen. Nach langem Schweigen ſprach er daher zu ihm:„William, ich blicke in Dein Herz, — 204— Du liebſt Helga; ſie verdient Deine Liebe. Es kann nicht anders ſein, als daß Eure gemeinſam beſtandene Gefahr den vielleicht noch ſchlummernden Funken Eurer Gefühle zur Flamme angefacht hat. Iſt dem ſo? Sgprich, mein William!“ „Du haſt mein Herz ganz durchſchaut, mein Vater,“ erwiderte dieſer;„warum ſollte Dir auch etwas darin ver⸗ borgen ſein? Ich ſelbſt wollte Dir's offnen, doch mich hielt ein Gefühl der bangen Scheu zurück— „Das ich begreife und ehre,“ erwiderte John, indem er dem Sohn die Hand drückte;„es liegt in der Natur der erwachenden Liebesgefühle, ſich mit dem Schleier der Verſchwiegenheit zu verhüllen. Nicht Mangel an Liebe oder Vertrauen hätte Dich gehindert, Dich deinem Vater zu ent⸗ decken; ſpäter würdeſt Du es gethan haben. Mich aber, William, beſtimmt dieſe Wendung Deines Lebens, Dir Entdeckungen früher zu machen, die ich Dir ſchon angedeu⸗ tet habe, deren völlige Enthüllung ich mir aber bis zu Dei⸗ ner Volljährigkeit verſparte. Biſt Du jetzt nicht zu müde, ſo laß uns in die Gartenlaube gehn und ich will Dir mit der Geſchichte meines Lebens die nächſten Pflichten und Beſtimmungen des Deinigen übergeben.“ William folgte dem Vater geſpannt. Sie ließen ſich in der Laube nieder und nach einigen Augenblicken des Schwei⸗ gens, während welcher John ſeine innerſte Bewegung be⸗ kämpfte, begann er:„Du weißt, mein Sohn, daß wir durch einen Schiffbruch an dieſe Küſte geführt ſind, weißt auch aus Deiner eigenen Erinnerung noch, daß wir früher in England lebten. Aber weder die Gründe unſerer Aus⸗ wanderung, noch manche Umſtände, die bei dem ſchrecklichen Ereigniſſe vorfielen, das uns an dieſes Ufer führte, ſind Dir bekannt und ich habe ſie Dir mit Abſicht bis jetzt — 205— verſchwiegen. Du ſollteſt ſie mit Deiner Volljährigkeit, die Dich zum Handeln berechtigt, überkommen; Deine aus⸗ geſprochene Liebe zu Helga reift die Frucht um einige Monate früher. „Mein Name iſt John Stamfieldz ich bin zu Man⸗ cheſter geboren. Meine Aeltern ſtarben früh; ich erbte als einziger Sohn, doch nicht als einziges Kind, denn ich hatte noch eine acht Jahr jüngere Schweſter, Margarethe, ein Vermögen, das mir Wohlſtand ſicherte. Es wurde, da ich keine näheren Verwandte beſaß, von gerichtlich eingeſetzten Vormündern gut verwaltet; ſo wuchs es noch bis zu mei⸗ ner Großjährigkeit, wo ich es in die Hände bekam. Für meine Schweſter, die in einer Penſion auf dem Lande bei einer Pfarrerin erzogen wurde, hatten die Aeltern außer einem kleinen Capital, das ihr Heirathsgut ſein ſollte, eine Rente bis zu ihrer Verheirathung ausgeſetzt, die ich jetzt verdoppeln konnte, ohne meine Gewohnheiten und Bedürf⸗ niſſe zu beſchränken. Ich hatte mich, weniger aus Nei⸗ gung und Talent, als weil mein Vater Kaufmann gewe⸗ ſen war, dieſem Stande gewidmet. Mit meinen Capita⸗ lien ging ich nach London und fing daſelbſt ein Handels⸗ geſchäft an, welches ſich, obwol es nicht eben glänzende und raſche Vortheile bot, doch in geordnetem Zuſtande er⸗ hielt. Es brachte mich in Verbindung mit einem Manne, der große Beſitzungen in Amerika beſaß und darauf dachte, ſich ganz dort anzuſiedeln. Er hatte eine einzige Tochter, Eveline, ſie wurde Deine Mutter, mein William!“ Bei dieſen Worten traten Thränen in John's Augen; er hatte ſeine Gattin ſo geliebt, daß jede Erinnerung daran ihn tief bewegte, vollends eine ſo ernſte, unter ſolchen Um⸗ ſtänden. „ mein Sohn,“ fuhr er nach einigen Momenten mit — 206— weicher Stimme fort,„wie ſoll ich Dir Deine Mutter ſchildern!“ „Sie ſteht noch lebhaft vor meiner Seele,“ ſprach William,„das ſanfte dunkle Auge, die ſchönen braunen Locken!—“ „Du haſt ſie,“ unterbrach ihn der Vater,„nur in Er⸗ innerung, nachdem die Stürme des Kummers, der Sorgen und namenloſer Erſchütterungen der Angſt den zarten Blü⸗ tenſtaub ihrer Reize rauh verweht hatten. Du ſahſt nur eine abgehärmte, erloſchene Wange, ein mühſames Lächeln, mit dem ſie die tiefer eingeſchnittenen Linien des Schmer⸗ zes zu verhüllen ſuchte, um meine Bekuͤmmerniß zu heilen. Freilich, ihre Seele war ſchöner, ihr Herz größer gewor⸗ den, als Du ſie kannteſt, doch die körperliche Hülle glich einem verblichenen Gemälde, welches nur Der wieder er⸗ kennt, der es in der Friſche ſeiner Farben in ſich aufge⸗ nommen! Ja, Deine Mutter war ſchön, ſie war das hol⸗ deſte Bild zarter Weiblichkeit, das ich jemals geſehen, und ihre Seele hauchte dieſen ſchönen Formen jenen verklären⸗ den Reiz ein, den die Blüte durch den Duft erhält oder den der leiſe Wellenſchlag dem Spiegel der Gewäͤſſer leiht. Mein ganzes Weſen wurde umgewandelt durch den Ein⸗ fluß, den die Erſcheinung Deiner Mutter auf mich übte. Ich war bis dahin nicht gut, nicht böſe geweſen, das Schick⸗ ſal hatte es mir vollkommen bequem im Leben gemachtz ich war auf der ebenſten Bahn fortgeſchritten. Jetzt fühlte ich plötzlich, daß ein ſolches Leben auf keine höhere Belohnung Anſprüche habe, und ein ſchwerer Vorwurf druckte mich nieder, aber ſpornte zugleich meine Kräfte an, mich zum Edleren zu erheben.— Doch laß mich in der äußeren Schilderung meines Lebens fortfahren, die innere wirſt Du 297— ſpäter in Briefen und Tagebüchern finden, die 45 Dir über⸗ geben werde. „Sir Burton, ſo nannte ſich Evelinens Vater, lud mich oft in ſein Haus ein; als der Sommer kam, miethete er nicht weit von der Stadt einen Landſitz, auf welchem ich häufig die Sonntage zubrachte. Dort hatte ich Gele⸗ genheit bei Spaziergängen, in der zwangloſeren Weiſe des Lebens auf dem Lande, näher mit Evelinen bekannt zu wer⸗ den, die ich bis dahin nur im Geräuſch größerer Umgebun⸗ gen geſehen und geſprochen hatte. Dieſes Hinderniß, mich ihr zu nähern, hatte meine ſtill gehegte Liebe aber nur verſtärkt. So ſchüchtern ich war, glaubte ich dennoch zu bemerken, daß meine Neigung nicht unerwidert blieb, ob⸗ wol Eveline ſich kein Wort, kein Zeichen geſtattete, was den ſtrengen Geboten jungfräulicher Rückhaltung zuwider geweſen wäre. Ich ſchwankte in dem Entſchluß, mich zu er⸗ klären. Zwar hatte ich Hoffnungen, allein möglich war es dennoch, daß ich mich täuſchte, und ich konnte nicht ſobald den Muth gewinnen, die Hand entſchieden nach meinem Glücke auszuſtrecken, auf die Gefahr hin, es ganz zu ver⸗ lieren. Hätte ich gewußt, was dieſe Unentſchloſſenheit mich koſten würde! „Um dieſe Zeit traf ich eines Tages einen jungen Mann auf Sir Burton's Landſitz, der ſich Sir Ralph nannte. Er war ſchlank, ziemlich hoch gewachſen, hatte ein ſcharf ausgedrücktes Geſicht, eine Adlernaſe, blitzende Augen, die ewig umherſpähten, und ein entſchiedenes, keckes Weſen. Von dem erſten Augenblick an, wo ich ihn ſah, war er mir zuwider, vorzüglich wol deshalb, weil rin dem leich⸗ ten Ton vornehmer oder reicher Leute mit Evelinen um⸗ ging, der gegenüber ich nur das Gefühl der Ehrerbietung kannte. Sein Geſpräch war lebhaft, witzig, geiſtvoll; doch — 208— Tiefe oder Gefühl verrieth er niemals. Ich bemerkte, daß Burton ihm ſehr gewogen war und auch gegen Evelinen viel von ſeinen guten Eigenſchaften, ſeinem Reichthum, ſei⸗ nem ſcharfſinnigen Unternehmungsgeiſt in kaufmänniſchen Angelegenheiten ſprach. „Voller Unruhe und misvergnügt mit mir ſelbſt, aber ganz unentſchloſſen, was ich thun ſolle, ritt ich nach Hauſe. Allein es ließ mir nur wenige Tage Ruhe; eines ſchönen Abends ſetzte ich mich abermals zu Pferde und ſprengte nach Burton's Landſitz hinaus. Ich ſchellte am Thor; ein Diener kam heraus und berichtete mir, Herr Burton ſei nicht zu Haus, ſondern mit Sir Ralph, nachdem ſie zu Mittag hier geſpeiſt, nach London zurückgefahren. Im er⸗ ſten Augenblick war ich mismüthig, vergeblich gekommen zu ſein. Doch plötzlich fiel es mir bei, jetzt ſei der günſtige Augenblick, mich Evelinen zu entdecken; zwar war es den gewöhnlichen Geſetzen der Schicklichkeit zuwider, nach der Tochter des Hauſes zu fragen und ihr während der Ab⸗ weſenheit des Vaters einen Beſuch aufzudrängen; doch ich wollte ja in ein Verhältniß zu Evelinen treten, was mir noch nähere und vertrautere Rechte geſtatten ſollte. Daher überwand ich meine Schüchternheit und fragte nach Miß Eveline, indem ich vorgab, ich hätte eine ſehr dringende Angelegenheit ihr oder ihrem Vater mitzutheilen. „Miß Eveline iſt ſehr unwohl, ſie hat ſich ſoeben in ihr Zimmer zurückgezogen und befohlen, daß Niemand ſie ſtören ſolle, war die Antwort. „Dies fiel mir ſchwer auf's Herz; doch hielt ich es für unmöglich, jetzt noch einen weiteren Verſuch zu machen. Ich werde in einer Stunde wieder anfragen, erwiderte ich, ob Sir Burton vielleicht zurückgekehrt iſt; denn die Sache iſt ſehr wichtig! Damit gab ich meinem Pferde — 209— die Sporen und ritt auf's Gerathewohl in die Felder hin⸗ aus. Jeden Augenblick ſah ich nach der Uhr, ob die Stunde ſchon vorüber ſein möchte; ſie ſchien mir eine Ewigkeit zu dauern. Die Sonne rückte nicht von der Stelle; jede Ent⸗ fernung kam mir unendlich weit, mein Pferd unerträglich langſam vor. Endlich war es ſo weit, daß ich zurückſpren⸗ gen konnte; ich wählte einen Weg über die Felder und Wieſen, der mich von hinten her an Burton's Garten füh⸗ ren mußte. Es war eine dunkle Ahnung, die mich antrieb den Verſuch zu machen, ob ich über den Zaun durch die Gebüſche ſehen könne. Langſam ließ ich, als ich den Gar⸗ ten erreicht hatte, mein Pferd längs der Gartenmauer hin⸗ gehn. Ich konnte aber über dieſelbe hinwegblicken, doch hinderten dichte Gebüſche und Rankengewächſe, die man an der Mauer gezogen hatte, oft den Blick. Endlich traf ich auf eine Oeffnung, durch die ich den Raſenplatz dicht hin⸗ ter dem Hauſe ſehen konnte, und in einer Laube gewahrte ich Eveline. Sie ſaß in einem leichten weißen Sommer⸗ kleide, das Haupt nachdenklich in die Hand geſtützt; das Geſicht konnte ich nicht ſehen, denn es war halb fortge⸗ wandt, halb niedergebeugt. Eine lange Weile betrachtete ich die ſchöne Geſtalt ſo; endlich richtete ſie das Haupt auf. Ich ſah, daß ſie ganz verweinte Augen hatte und ſich die Thränen trocknete, die über ihre bleiche Wange floſſen!“ John hielt inne, die Erinnerung überwältigte ihn; er lehnte ſich an die Bruſt ſeines Sohnes und ſeine Thränen floſſen ſtill. „Mein Sohn,“ fuhr er fort,„ſolche Augenblicke erhal⸗ ten ſich für das ganze Leben in der Kraft ihres erſten Ein⸗ drucks; laß Jahre und Glück und Unglück und Gräber dazwiſchen liegen, das alternde, greiſe Herz fühlt, wenn der Zauberſtab der Erinnerung es berührt, doch noch wie das — 210— des Jünglings!— Ich wagte nicht durch einen Laut die heilige Einſamkeit Evelinens zu unterbrechen; leiſe bog ich das Haupt nieder und lenkte mein Pferd zur Seite, um ganz unbemerkt bis an das Ende des Gartens nach dem Wohnhauſe zu gelangen. Hier ſchellte ich noch einmal. Als der Diener mir öffnen wollte, berichtete er mir ſchon von weitem, daß Herr Burton noch nicht zurückgekehrt ſei. Das eben war es, was ich wünſchte. Ich trug ihm jetzt auf, in den Garten zu gehen, wo ich über die Mauer hinweg die Miß geſehn habe, und ihr zu ſagen, ich wünſche in drin⸗ gender Angelegenheit einige Worte mit ihr zu ſprechen. Während ich auf die Antwort wartete, verzehrte die Angſt mich faſt. Endlich erſchien der Diener wieder, hieß mich eintreten, nahm mir das Pferd ab und führte mich in das Empfangzimmer. Bald darauf trat Eveline ein; ſie be⸗ grüßte mich mit ſanfter Freundlichkeit. Was mir jetzt die Lippe löſte, meinem Herzen Muth gab— noch heut weiß ich es nicht. Doch es waren nur wenige Worte zwiſchen uns gewechſelt, als ich plötzlich ihre Hand ergriff, ſie feſt⸗ hielt und, als ſie ſie zurückziehen wollte, mit bebender Stimme ſprach:„Eveline, ich möchte ſie auf ewig behalten!“ „O Gott!“ rief ſie aus und entzog mir die Hand mit ängſtlicher Haſt;„o Gott, was haben Sie geſprochen! Es iſt unmöglich. Ich darf, ich kann— ich darf niemals die Ihrige ſein!“ Mit dieſen Worten, die ſie unter dem hef⸗ tigſten Kampf ihres Innern ſprach, wollte ſie hinwegeilen. Doch ihre Knie verſagten ihr, ſie ſchwankte, ich ſprang hin⸗ zu, fing ſie in meinen Armen auf; ſie lag bewußtlos an meiner Bruſt. Noch war ich unentſchloſſen, ob ich Hülfe rufen ſollte oder nicht, als ſich plötzlich die Thür öffnete und Sir Nalph raſch eintrat. „Er ſtutzte, das war natürlich, denn der Anblick mußte — — 211— ihn überraſchen; allein der Ton, in welchem er ſagte:„Was geht hier vor?“ war ſo, daß er mich beleidigen mußte. Mein alter Widerwille gegen dieſen Menſchen, ſein Beneh⸗ men, eine dunkle Ahnung, die mir das Herz zuſchnürte, das Alles zugleich wirkte ſo auf mich ein, daß ich in rau⸗ herer Weiſe, als ich geſollt hätte, entgegnete:„Sie ſehen, Miß Eveline iſt unwohl; ich werde Sie bitten Hülfe zu leiſten oder zu rufen!“ „Es ſcheint, Sir,“ erwiderte er, ohne daß Evelinens Zuſtand einen Eindruck auf ihn machte,„Sie ſind Hülfe zu leiſten ſehr thätig! Es muß mir auffallen, daß Sie ſich hier befinden!“. „Hätte Sir Burton ſich ſo geäußert, der ein Recht hatte, eine Aufklärung über mein Erſcheinen zu fodern, ſo würde ich ihm die Form, in der es geſchah, vergeben haben. Ralph hatte darauf keinen Anſpruch. Mein Jorn ſchwoll auf; ich hatte Evelinen halb führend, halb ſie tragend an ein Sopha gebracht, wo ich ſie niederließ. Dann wandte ich mich um, maß Ralph mit einem verachtenden Blick und ſprach keine Sylbe, ſondern ging nach der Schelle, um ſie zu ziehen. Dieſes Betragen, was ich nicht rechtfertigen will, was Du, mein Sohn, Dir aber aus der aufgeregten Leidenſchaft, in der ich mich befand, erklären wirſt, erbit⸗ terte ihn natürlich auf's Aeußerſte. Er trat mit funkeln⸗ den Augen an mich heran und ſprach:„Ich ehre die Gaſt⸗ lichkeit eines fremden Daches und den Zuſtand dieſer Dame, ſonſt würde ich ſogleich Rechenſchaft von Ihrem Betragen fodern. Aber ich werde Sie in London ſehen!“ „Ich verbeugte mich ſtumm und ging hinaus, da weib⸗ liche Dienerſchaft eingetreten war, um Evelinen auf ihr Zimmer zu bringen. Draußen fragte ich, ob Herr Burton zurückgekehrt ſei? Nein. Das verwunderte mich in hohem — 212— Grade. Ralph allein, mit dieſem Auftreten, eine ſchreck⸗ liche Ahnung belaſtete mein Herz! Es war unmöglich, jetzt noch zu Evelinen zu gelangen. Ich beſchloß daher, Sir Burton noch dieſen Abend in London aufzuſuchen und mit ihm zu ſprechen. Eilig warf ich mich auf's Pferd und ritt nach ſeinem Hauſe. Er war nicht dort; erſt wenige Minu⸗ ten zuvor hatte er es verlaſſen. Niemand wußte wohin. Bis Mitternacht erwartete ich ſeine Rückkehr; er kam nicht, denn er war, wie ich am andern Tage erfuhr, wieder hin⸗ aus nach ſeinem Landhauſe gefahren. Erſchöpft begab ich mich endlich nach Hauſe und ſchrieb ſogleich einen Brief an Burton, worin ich um Evelinen warb und meine Hoff⸗ nung, ihre Neigung gewonnen zu haben, ausdrückte. Ich erbat mir zugleich die Erlaubniß, unmittelbar nach meinem Briefe ſelbſt auf ſeinem Comptoir erſcheinen zu dürfen. Dieſes Schreiben ließ ich mit der Bemerkung„wichtige An⸗ gelegenheiten“ in der frühſten Stunde bei ſeinem Portier abgeben, damit dieſer, im Fall er wußte, wo Herr Bur⸗ ton zu treffen ſei, es dorthin ſenden ſolle. Um die Zeit, wo er ſein Comptoir zu öffnen pflegte, wollte ich dort ſein. Ich war ſchon angekleidet, als mir der Briefträger der lon⸗ doner Stadtpoſt ein verſiegeltes Billet brachte. Ich öffnete es,— und ſank bleich in einen Seſſel, denn es enthielt die mir von Burton gemachte höfliche Anzeige der Verlo⸗ bung ſeiner Tochter Eveline mit Sir Ralph! „Einige Minuten war ich wie betäubt. Meine Stirn wurde kalt und feucht, es ſchien mir, als habe man mich lebendig in die Gruft gelegt. In dieſem Augenblick trat ein Diener ein und brachte mir einen zweiten Brief, eine Ausfoderung von Ralph für den nächſten Morgen. „Was ſollte ich jetzt thun! Meinen Brief an Burton zurücknehmen? Es war zu ſpät! Auch kannte ja Eveline meine Liebe! Ihre Thränen, ehe ich ſprach, ſolche Thrä⸗ nen an ihrem Verlobungstage, ihr bleiches Antlitz voller Gram, ihr Hinſinken, als ich ihre Hand foderte, Alles über⸗ zeugte mich jetzt, daß ihr Herz für mich entſchieden habe. Dieſes unendliche Glück diente jetzt nur, ihr und mein Un⸗ glück zu ſteigern. O Gott, mein William! Nur einen Tag früher hätte ich die zögernde Lippe öffnen ſollen und wir entgingen jener unabreißbaren Kette von Unheil und Trübſal, die uns jetzt umwand und uns zwang, jede Mi⸗ nute unſres Glücks mit Tagen, Monden, Jahren ſchweren Kummers zu erkaufen! Dennoch war es nur das Gefühl, daß Eveline mich liebe, welches mir Kraft gab, mich wie ein Schild bedeckte bei dieſen anſtürmenden Ereigniſſen. In größter Eile begab ich mich zu Burton; er war ſchon in ſeinem Hauſe, über eine Stunde früher als gewöhnlich. Als ich zu ihm eintrat, ging er mir entgegen und ſprach mit einer kalten Freundlichkeit, die mich erſtarren machte: „Ich war im Begriff Ihnen zu antworten, lieber Stam⸗ field, doch wenn ich mich nicht ganz verrechne, müſſen Sie ſchon durch die Stadtpoſt eine Erwiderung auf Ihren ehrenvollen Antrag erhalten haben.“ „So iſt es,“ ſprach ich bleich und zitternd.„Doch ich glaube nicht, daß Sie dieſe Angelegenheit damit für been⸗ digt halten werden, wenn Sie mich anhören.“ „Ich wüßte nicht,“ antwortete Burton erſtaunend,„was nach einem Schritt, der ſchon öffentlich geworden iſt, ſich alſo nicht zurückthun läßt, ohne Rechts⸗ und Ehrenkrän⸗ kung noch irgend geſchehen könnte?“ „William, William! Noch heut fühle ich mein Herz erſtarren, dieſer freundlichen Kälte gegenüber! In welchem Wahn irren wir über die Menſchen dahin! Wir glauben u ſie zu kennen, weil wir ſie in einigen oberflächlichen Bezie⸗ — 214— hungen geſehen haben, wir urtheilen, verurtheilen! Dieſer Burton, den ich als einen ehrenhaften Geſchäftsmann, als geſelligen, gaſtlichen Wirth ſeines Hauſes, als freundlich zu Jedem, wohlthuend, freigebig gegen Arme gekannt hatte und mich nicht betrog, was wußte ich von ihm? Nicht viel mehr als wie er gekleidet ging! Für meinen Schmerz, für Evelinens, denn ſie ſuchte ihn zu überzeugen, daß ſie mich liebe, hatte er nicht nur kein Herz, nein, gar kein Organ, keine Möglichkeit der Empfindung. Er blieb ſo kalt und freundlich, als ob wir uns nur nicht über die un⸗ bedeutendſte Handelsunternehmung einigen könnten. Er be⸗ griff gar nicht, daß, wenn man nach wie vor angenehm wohnen, ſich gut kleiden, Geſellſchaft ſehen könne, irgend etwas im Leben fehlen ſolle, daß Eveline unglücklich ſein könne, weil ſie Miſtreß Ralph heißen ſolle, ſtatt Miſtreß Stamfield! Nur an dem Geſetz der Ehre, des äußeren Wortes, zumal aber an den Foderungen des Anſtandes, die er von Jugend auf erlernt hatte, hielt er mit eiſerner Un⸗ erbittlichkeit feſt. Seine Kälte brachte mich außer mir, ich zitterte vor Wuth, doch der Gedanke, daß ich vor Eveli⸗ nens Vater ſtehe, half mir mich bezwingen. Ich ſtürzte endlich fort, warf mich ſogleich zu Pferde und ritt zu Eve⸗ linen hinaus. Der Diener wollte mich zu der ungewohn⸗ ten Stunde nicht melden; einige Guineen vermochten ihn endlich dazu. Doch Eveline ſandte mir ſtatt der Erlaubniß ſie zu ſprechen ein Billet heraus, welches die Worte enthielt: „ Sie wiſſen jetzt, was geſtern geſchehen war, als Sie mir Ihr Herz eröffneten! Ich darf Sie nicht mehr ſe⸗ hen, nicht in dem Sinne ſehen, wie Sie kommen wollen. O, ſein Sie mitleidig, zerreißen Sie mein Herz nicht! Auch mehr ſagen darf ich Ihnen ja jetzt nicht. Leben Sie wohl— Ihre Eveline.“ — 25— „Ich hatte geleſen. Tiefſte Rührung, unausſprechlicher Schmerz, dann wieder wilde Erbitterung füllten mein Herz. Sie liebte mich. Ja, dieſe Zeilen ſagten es. Die zit⸗ ternde Hand, mit der ſie geſchrieben, die Thränen, die dar⸗ auf gefallen waren, bezeugten es mehr als die Andeutung in den Worten. Lange ſtand ich ſprachlos, ohne zu wiſſen, was ich thun ſollte. Endlich kam ich zu einem Entſchluß. Ich mußte Evelinen ſprechen; dieſe Gunſt wollte ich als einzige, als letzte von ihr erflehen. „Der Diener Burton's, der ſich auf dem Landhauſe be⸗ fand, war gutmüthig und mir wohlgeſinnt. Ich bat ihn in einer halben Stunde nach einem wenige Hundert Schritte entfernten Gaſthauſe zu kommen, wo ich ihm einen Auf⸗ trag geben wolle. Dorthin begab ich mich, foderte ein Frühſtück auf einem beſondern Zimmer und Feder und Pa⸗ pier; hier ſchrieb ich an Eveline und beſchwor ſie, mich zu ſehen, wann, wo, wie ſie wolle. Der Brief gelangte zu ihr; ſie antwortete:„Kommen Sie ſogleich!“ „Laß mich von dieſer Unterredung ſchweigen; es genüge Dir zu wiſſen, William, daß Eveline mir ihr Herz ganz enthüllte und es verſuchen wollte, ihres Vaters Güte oder Ralph's Edelmuth anzuflehen. Was ich von Beidem erwar⸗ tete, kannſt Du Dir vorſtellen. Von Ralph's Ausfoderung ſchwieg ich. Am andern Morgen war ich der Erſte auf dem Platz; ich kam abſichtlich ohne Sekundanten. Als Ralph erſchien, erſuchte ich ihn um einige Worte ohne Zeugen. Ich überwand um Evelinens Willen meine Abneigung, meinen Stolz und ſagte ihm Alles; ich foderte ſeinen männlichen Edelmuth auf, ein Weſen nicht unglücklich zu machen, das ihn unmöglich glücklich machen könne. Zugleich bat ich ihn um Entſchuldigung wegen der Beleidigung, die ich ihm ge⸗ ſtern in der Aufregung meiner Gefühle zugefügt. —mnſſMN M c ſ˖¶UBTCbd Dbldeſden — 216— „Seine Antwort war ein Lächeln, das ich niemals ver⸗ geſſen werde. O William! Du weißt, ob mein Herz liebend und wohlwollend iſt! Aber an Nalph kann ich noch heut nach fünfundzwanzig Jahren nicht ohne Erbitterung denken. Laß mich darüber hinaus. Wir ſchoſſen uns; ich fehlte, denn ich war ganz ungeübt in den Waffen, ſein Schuß ſtreckte mich zu Boden. Bewußtlos wurde ich hinwegge⸗ tragen. „Nun erfahre die rührendſte Handlung weiblicher Auf⸗ opferung und Hingebung, erfahre, weſſen das reine liebende Herz eines Mädchens fähig iſt! Eveline hatte noch an dem⸗ ſelben Tage mit ihrem Vater geſprochen; er war gegen ſie ſo freundlich und unerbittlich geweſen, wie gegen mich. Nalph hatte ſich hinter leere Formen verſchanzt; die Ehre, die öffentliche Meinung, endlich kalte Betheuerungen ſeiner Liebe vorgeſchützt. Da fühlte Eveline die heiligſten Nechte der menſchlichen Bruſt in ſich erwachen; ſie beſchloß den Zorn des Vaters zu tragen und Ralph ihre Hand zu ver⸗ weigern. Am andern Tage erfuhr ſie, ich ſei von Nalph's Kugel gefallen, ſei todt. Der Schmerz warf ſie beſinnungs⸗ los zu Boden. Sei es nun, daß ein vergrößerndes Gerücht dieſen Irrthum herbeigeführt, ſei es, daß man ſie abſicht⸗ lich getäuſcht hatte, um ihren Entſchluß zu beugen; allein zwei Tage lang beweinte ſie mich als todt. Am dritten erſt erfuhr ſie, daß ich noch lebe, aber in größter Gefahr ſchwebe. Und jetzt, William! Eveline, das zarte, in jeder Schranke und Zurückgezogenheit der Sitte erzogene Mädchen, erhob ſich mit ihrem großen Gefühl über jede Folge und Gefahr und kam Nachts, allein nach London und trat wie ein ver⸗ klärter Geiſt an mein Krankenlager, um Abſchied von dem Sterbenden zu nehmen. Ich lag in Fieberträumenz ſie wähnte, man verwahrloſe meine Pflege— William— ——— +H co—k4 S-+ ,⸗——2— — 2f— Hier brach dem Erzähler wiederum die Stimme und es dauerte lang, bevor er unter Thränen der ſchmerzlich⸗ ſüße⸗ ſten Erinnerung fortfahren konnte. „Ich werde kurz ſein, mein Sohn,“ begann er end⸗ lich.„Dieſe Geſchichte iſt ausführlich in den Tagebüchern, die ich über mein Leben geführt, und in den Briefen Dei⸗ ner Mutter berichtet. Ich will Dir nur die Thatſachen nennen. Eveline blieb an meinem Lager und ward meine Pflegerin. Sie wagte den Zorn, den Fluch ihres Vaters, dem ſie am nächſten Morgen ihre That und ihren Ent⸗ ſchluß entdeckte. Jetzt erſt endete Burton's kalte Freund⸗ lichkeit. Er brauchte nicht ſeine väterliche Gewalt gegen Evelinen; dazu ſchien es ihm bei ſeiner Sinnesart zu ſpät. Denn die äußere Ehre ihres Namens war verletzt, es konnte ſie der gemeine Verdacht der Welt treffen; darum ſagte er ſich von der Tochter los und gab ſie durch eine öffentliche Anzeige in den londoner Zeitungen dem Hohn, der Verachtung der Welt preis. „Dies geſchah gegen Ralph's Willen; der, da er aus eigennützigen Gründen die Verbindung mit Evelinen nach⸗ geſucht hatte, dieſelbe auch jetzt noch nicht aufgeben wollte. Er entzweite ſich darüber völlig mit Burton. Dieſer be— vollmächtigte den älteſten Comptoirbeamten ſeines Geſchäfts zur Anordnung aller ſeiner Verhältniſſe und ſchiffte ſich drei Tage darauf nach Neuyork ein, wo er, wie ich Dir geſagt habe, große Beſitzungen hatte und daher ſchon längſt auf eine Ueberſiedelung bedacht war.“ Reuſtab, Geſ. Schr. Neue F. V. 10 — 218— Ueuntes Capitel. John mußte, er war zu erſchüttert von der Erzählung ſeiner Lebensſchickſale, inne halten. Er ſtand auf und bat William, ihn einige Male durch den Garten zu begleiten. „Du ſiehſt,“ ſprach er im Gehen,„ich weiß, was Liebe für Seligkeit und Schmerzen bereitet. Am fernſten von allen Gedanken und Handlungen in der Welt läge mir der, um nichtiger Vortheile oder Rückſichten willen das Liebes⸗ band zu zerreißen, welches ſich zwiſchen Dir und der lieb⸗ lichen Helga angeſponnen hat. Daß reine Gefühle es ge⸗ webt haben, die das Glück des Lebens dauernd gründen können, weiß ich; es müſſen alſo ſtarke Gründe ſein, die ich Dir, wenn nicht als unbedingte Hinderniſſe, doch als Erſchwerungen und Hemmungen für den Augenblick entge⸗ genſtelle. Du haſt Vertrauen zu Deinem Vater; er kennt die Welt und weiß, auf welchen Grundlagen allein, bei der Bildung, die Du durch mich erhalten, der Bau des Lebens ſicher und beglückend aufzuführen iſt. Verſprich mir daher, William, meinen Anordnungen Folge zu lei⸗ ſten, nicht durch unbeſonnene, unerfahrene Heftigkeit des Jünglings, dem Augenblick allein das Recht zu gönnen, der Zukunft nichts einzuräumen.“ William gab dem Vater Wort und Hand; er durfte es ſicher, denn er wußte ja, welcher Obhut der Liebe er. ſein Geſchick anvertraute. „Laß mich jetzt fortfahren. „Von dem Augenblick an, wo ich mein Bewußtſein wie⸗ 4 der erhielt, wo ich erfuhr, was Eveline für mich gethan, — 219— galt ſie mir natürlich für meine Gattin. Wir verbanden uns nach meiner Geneſung, aber nur zu Gretna⸗Green, da wir die ſonſt nothwendigen Förmlichkeiten nicht erfüllen konnten. „Nun häͤtte eine glückliche Zeit für uns eintreten kön⸗ nen; allein, ſei deſſen wohl gedenk, mein Sohn, ein Lie⸗ besgkück, das man nur durch ein ſo gewaltſames Zerreißen anderer heiliger Bande erkaufen kann, iſt niemals ein ganz ungetrübtes. Die Liebe wird dann nicht eine freie Beglük⸗ kerin der Tage, ſondern nur eine Tröſterin, eine⸗ ſanfte Pflegerin tiefer Wunden. Was wir auch gethan hatten, um Burton zu verſöhnen, Alles war vergeblich geweſen; kein Brief war beantwortet, jeder Verſuch einer Vermitte⸗ lung abgewieſen worden. Eveline zeigte ihm Deine Geburt an; ſie hat niemals erfahren, ob ihr Vater gewußt, daß ſie des Mutterglücks genieße. Er gab kein Zeichen des Le⸗ bens von ſich. Doch ich erfuhr täglich, daß er lebe und wie tief und unerlöſchlich ſein Haß gegen mich war; ich erfuhr es in einer Weiſe, die ich Evelinen verſchwieg, um ihr nicht neue Sorgen zu dem ſtillen Gram zu fügen, der ihre Wangen täglich mehr bleichte. Ich hatte in Handels⸗ verbindungen mit Burton geſtanden; die Verhältniſſe wa⸗ ren von der Art, daß mir nur dann ein Segen daraus entſprießen konnte, wenn gegenſeitiges Wohlwollen obwal⸗ tete. Burton's Bevollmächtigter aber ſchien angewieſen, ſelbſt mit eigenen Aufopferungen meinen Schaden zu ſu⸗ chen. Es trafen mich Verluſte auf Verluſte; Burton wußte, daß ich nur wohlhabend, nicht reich war; er war ſehr reich und gab einen kleinen Theil ſeines Vermögens mit Luſt hin, um mich wo möglich ganz zu Grunde zu richten. Nur mit der äußerſten Anſtrengung brachte ich es dahin, den Bankerott zu vermeiden und das Vermögen 10* — 220— meiner Schweſter, die inzwiſchen mehr und mehr heran⸗ wuchs, ſicher zu ſtellen. „RNalph war einige Monate nach Burton's Abreiſe ge⸗ zwungen geweſen, nach Oſtindien zu gehen. Er hatte dort Beſitzungen, die die Veranlaſſung ſeiner Verbindung und ſeines Bruchs mit Burton geweſen waren. Da er eigent⸗ lich nicht Kaufmann war, machten jene Laͤndereien ſein Vermögen aus. Er hatte ſchon längſt die Abſicht gehabt, dieſe Grundſtücke zu veräußern; doch um es ohne großen Nachtheil zu können, bedurfte er einer anſehnlichen Summe baaren Geldes, um erſt einige Anſprüche an ihn, für die zwei Beſitzungen als Pfänder hafteten, zu tilgen. Bei ſei⸗ ner Verbindung mit Evelinen, die ſchon von dem Tage ſeiner Einführung in Bourton's Haus heimlich im Werke war, hatte er deſſen Unterſtützung in ſeinen Vermögensan⸗ gelegenheiten hauptſächlich im Auge. Daß dieſe mit ſeinem Heirathsplane zugleich vereitelt wurde, brachte ihn ſo heftig mit Bourton aneinander, von dem er die Erfüllung des nur bedingungsweiſe gegebenen Wortes forderte. Bourton wäre ihm, bei ſeinem kaufmänniſch auf's äußerſte pünktli⸗ chen und ehrenhaften Charakter, vielleicht doch gefällig ge⸗ weſen, hätte Ralph ſich weniger ungeſtüm in ſeinen For⸗ derungen gezeigt; doch aus ſeinem Betragen ging offenbar hervor, daß er bei ſeiner Verbindung mit Evelinen nichts im Auge gehabt hatte, als die Befriedigung dieſer eigen⸗ nützigen Abſichten. Dieſe rohe Enthüllung einer gemeinen Denkweiſe mußte Burton, der ſich auch als Vater verletzt fühlte und ſtolz auf ſeine Tochter geweſen war, bis ſie, wie er meinte, die Ehre ſeines Namens verrathen hatte, empören. Es war der Grund, weshalb er eben ſo bitter und entſchieden mit Ralph brach, als mit uns. Dies zwang Ralph, wie ich Dir ſagte, ſich ſelbſt nach Indien 3 —4.ä— 221— zu begeben. Er ſchied unter den Aeußerungen des bitter⸗ ſten Haſſes gegen mich, den er als den Jerſtörer ſeines zeitlichen Glücks anklagte.— Fünf Jahre waren ſeitdem vergangen. Ich hatte meine Häuslichkeit ſehr beſchränken müſſen; wir lebten ſtill und in unſerer Zurückgezogenheit ſehr glücklich. Nur daß Eveline ſich doch im Innerſten ſtets durch den Kummer um ihren Vater gedrückt fühlte, ich mit andern Sorgen zu kämpfen hatte. Denn, wie red⸗ lich ich mich mühte, meine Geſchäfte wollten nicht glücken; ſeit Burton's Entfernung war mein Credit untergraben; ein Kaufmann, der klein beginnt, breitet ſich wol nach und nach aus, doch einer, der von einer höheren Stufe herab⸗ ſteigen muß, hat, dies erfuhr ich zu meinem Schaden, das Vertrauen verloren. Inzwiſchen war meine Schweſter der Penſion entwach⸗ ſen; ſie zog zu uns und wurde uns in ihrer lieblichen Ent⸗ faltung— ich möchte behaupten, Helga habe einige Aehn⸗ lichkeit mit ihr— eine liebe Hausgenoſſin. Sie zählte da⸗ mals funfzehn Jahre. Etwa ein Jahr mochte ſie bei uns zugebracht haben, als ſie eines Abends aus dem Schau⸗ ſpiel, wo ſie mit einer älteren Freundin geweſen war, zu⸗ rückkehrte und uns erzählte, ſie habe die Bekanntſchaft ei⸗ nes ſehr einnehmenden, geiſtvollen Mannes gemacht, der um die Erlaubniß gebeten habe, mich beſuchen zu dürfen. Er ſei ein alter Bekannter von mir und wünſche, vergan⸗ gene Verhältniſſe wieder anzuknüpfen. Ich war natürlich ſehr geſpannt auf den Namen, doch dieſen wußte mir Mar⸗ garethe, ſo hieß meine Schweſter, nicht zu ſagen. Ihre Beſchreibung konnte ich durchaus keinem meiner Bekannten anpaſſen, deſſen Beſuch ich etwa erwarten durfte. Des andern Nachmittags öffnete ſich zu der Zeit, wo der Fremde ſich angekündigt hatte, die Thür und— Nalph ſtand im 1 — 22— Zimmer. Daß dieſe Ueberraſchung keine erfreuliche war, kannſt Du Dir vorſtellen. Doch er ging auf mich zu, bot mir die Hand, bat, wir möchten alle Zwiſtigkeiten ver— geſſen ſein laſſen, und ging dann auf Evelinen, die bleich in einen Seſſel geſunken war, zu und küßte ihre Hand. Er war ſo freundlich, ſo wohlwollend als möglich, dennoch konnte ich kein Zutrauen zu ihm gewinnen. Indeſſen wollte ich der von ihm angetragenen Verſöhnung nicht widerſtre⸗ ben und ſomit erſuchte ich ihn auch von meiner Seite, unſer Haus öfter zu betreten. Ich bemerkte bald, daß ſeine Verſöhnung ein anderes Motiv hatte, es war meine Schwe⸗ ſter Margarethe, deren aufblühende Jugend ihm gefiel. Ich begriff jetzt, was ihn zu uns führte, konnte daher zwar ſeine Bereitwilligkeit zur Ausſöhnung nicht hoch an⸗ ſchlagen, fand indeſſen ſein Benehmen wenigſtens erklärt. Nur beunruhigten mich die Abſichten, die er auf Marga⸗ rethen hatte. Sein früherer Charakter war mehr als ta⸗ delnswerth; zwar ſchien er ſich ſehr geändert zu haben, doch wer bürgte mir dafür? Anderſeits ſchien ſeine Nei⸗ gung zu meiner Schweſter wenigſtens uneigennützig, denn ich hatte Sorge getragen, ihn mit ihren Umſtänden genau bekannt zu machen. Er wußte, daß ſie nicht reich, alſo keine Gattin für ihn in dem Sinne war, wie er früher Evelinen gewählt hatte. Dieſe behielt einen unüberwindli⸗ chen Widerwillen gegen ihn, ließ ihn ſich aber aus Liebe zu Margarethen nicht merken.— Meine Stellung, das be⸗ greifſt Du, William, war ſchwierig. Sollte ich einen Mann, der ſich beſſeren Grundſätzen zugewendet zu haben ſchien, der wohlhabend, ja reich war, den Margarethe offenbar liebte, von ihr abwendig machen? Sollte ich es auf der andern Seite dem erfahrungsloſen, leicht hingegebenen ſech⸗ zehnjährigen Mäͤdchen ſelbſt überlaſſen, ihr Leben vielleicht — 233— durch einen einzigen unbeſonnenen Schritt für ewig zu ver⸗ giften? Ich beſchloß endlich offen mit Margarethen zu ſprechen. Es geſchah. Sie war kindlich und gut. Ich nahm ihr das Verſprechen ab, ſich vor ihrem achtzehnten Jahre nicht zu binden, wenn Jemand, ich nannte Nalph abſichtlich nicht, um ſie werben ſollte. Es ſei überhaupt nicht gut, ſich zu früh zu verheirathen, und ſie werde dann Zeit haben, ihre Wahl mit Beſonnenheit zu prü⸗ fen. Dieſe Worte betonte ich; ſie ſchien mich zu verſtehen, aber etwas empfindlich darüber. So verging faſt ein Jahr; Nalph kam oft, er zeigte ſich ſtets aufmerkſam gegen Mar⸗ garethen, aber erklärte ſich nicht näher. Offenbar war es indeſſen, daß ihre Neigung zu ihm wuchs. „Da traf mich ein harter Schlag; der plötzliche Fall eines für ganz ſicher gehaltenen Handlungshauſes brachte mich um eine große Summe. Es wurde bekannt, mein ſchon geringer Credit war vernichtet; Jedermann verlangte, was ich ihm ſchuldete, es liefen ſtarke Wechſel auf mich ein, ich vermochte ſie endlich nicht mehr zu decken. Jetzt mußte ich den Meinigen den Zuſtand der Dinge entdecken; ich mußte mit ihnen berathen, welche Mittel zu ergreifen ſeien. Hätte ich ein Jahr Friſt gehabt, ſo würde ich allen meinen Verbindlichkeiten nachgekommen ſein und auch für mich noch etwas gerettet haben; ſo plötzlichen Anforderungen aber war ich nicht gewachſen. Ich wußte, daß Margarethens Schweſterliebe alles das Ihrige für mich geopfert haben würde; dies würde aber nur die Folge gehabt haben, daß auch ſie verloren hätte, was ſie beſaß. Bevor ich daher meinen Zuſtand entdeckte, beredete ich ſie, ihr kleines Ver⸗ mögen in eine Leibrente zu verwandeln; gewohnt, meinem Nath in allen Dingen dieſer Art zu gehorchen, that ſie es. Darauf erklärte ich mich. Sie ahnte jetzt, was ich beab⸗ — 222— ſichtigt hatte, und überhäufte mich mit liebevollen Vorwür⸗ fen. Ich aber erwiderte ihr, es ſei der einzige Weg ge⸗ weſen, wodurch es ihr möglich werde, jetzt auch für Eve⸗ linen und Dich Sorge zu tragen. Ich wollte mich mei— nem Unglück unterwerfen und auf den Continent flüchten, wozu ich in der Stille ſchon die Vorbereitungen getroffen hatte. Doch am andern Tage früh kam Ralph zu mir auf's Comptoir. Er zog mich bei Seite, erklärte, daß er meine Lage theils ahne, theils kenne, brachte mir die Summe, deren ich benöthigt war, und erklärte ſich bereit, ſie mir auf ein ganzes Jahr vorzuſtrecken, ſich auch eine theilweiſe Rückzahlung gefallen zu laſſen. Ich war er⸗ ſtaunt, beſchämt, doch er bot ſo dringend und ſo wohlwol⸗ lend an, daß ich ſein Erbieten endlich annahm. Ich ahnte wohl, daß ich Margarethen dieſen Dienſt zu danken hatte, doch ich wußte damals nicht, auf welche Weiſe. Auffal⸗ lend war mir indeſſen ihr kurze Zeit darauf eintretendes ganz verändertes Weſen. Sie wurde nachdenklich, ſuchte ihr einſames Zimmer auf, hatte oft verweinte Augen. Ralph kam ſeltener; aber wenn er erſchien, war er kühler und doch gewiſſermaßen vertraulicher gegen Margarethen als früher. Doch ſeine Vertraulichkeit hatte etwas beinahe die Achtung Verletzendes. „So verſtrichen ſechs Monate, in denen Margarethe immer unruhiger wurde und ſich ſichtlich abhärmte. Eines Morgens erſchien ſie nicht zum Frühſtück. Wir warteten einige Zeit; dann ging Eveline in ihr Zimmer hinüber und kehrte blaß und zitternd zurück. Das Zimmer war leer, Margarethens Lager unberührt. Ein Brief, an mich gerichtet, hatte auf dem Tiſch gelegen; Eveline hatte ihn nicht zu entſiegeln gewagt. Ich brach auf und las, erſtarrend und bebend zugleich, die Worte: — — — 225 „Mein Bruder! Vergib mir, ich bin eine Getäuſchte, Gefallene, Unwürdige! Gott der Allmächtige weiß, mein Wollen war gut!— Hüte Dich vor Ralph! Nehmt dies ewige Lebewohl von Eurer Margarethe.“ „Unmöglich kann ich Dir, William, alle die Zuſtände der Zerriſſenheit, der Angſt, ja ich möchte ſagen der Ver⸗ zweiflung ſchildern, die wir durchkämpfen mußten!— Nach⸗ dem ich mich von dem lähmenden Schrecken, der mich er⸗ griffen, erholt hatte, war es mein erſtes Werk, Ralph auf⸗ zuſuchen. Er war am Tage zuvor abgereiſt, hatte nicht geſagt wohin, aber Befehle zurückgelaſſen, die auf eine lange Abweſenheit ſchließen ließen. Jetzt ſetzte ich alle Kräfte in Bewegung, um eine Spur der unglücklichen Margarethe aufzufinden. Vergeblich! Wir mühten unſer Gedächtniß ab, ihr Schickſal zu errathen. Ach, ich glaube, wir trafen es nur zu wahr! Einige hingeworfene Worte Margarethens, daß man ein gegebenes Verſprechen doch wol zur Rettung Deſſen, dem man es gegeben, brechen dürfe, einige andere Aeußerungen, die uns im Augenblick, wo ſie geſchehen, theils dunkel waren, theils beziehungslos erſchienen, wurden uns jetzt verſtändlich. Es war nur zu klar, Ralph hatte mir die Vorſchüſſe nur auf Margare⸗ thens Bitte gethan und dagegen von ihr ein Opfer gefor⸗ dert, deſſen Größe ich nur ahne. Doch glaube ich bei dem Cheratde eneine Schweſter, daß er die Erfüllung ſeiner nichtswürdigen Wünſche nur durch eine geheime, vielleicht ungeſetzliche Vermählung, durch welche er die Arme täuſchte, erlangt hat. Darin beſtärkte mich ein Umſtand, der ſich ſpäter entdeckte, daß nämlich Margarethe unter dem Vor wande, eine Zeichenſchule für Frauen zu beſuchen, in dem 10** — 226— letzen halben Jahre oft vier bis fünf Stunden den Tag ausging, eine Zeit, die ſie muthmaßlich zu Zuſammenkünf⸗ ten mit Ralph benutzte. Wie ſie endlich enttäuſcht worden war, das vermochte ich freilich nicht zu errathen. Doch bald erfuhr ich, was ihre Warnung vor Ralph bedeutet hatte. Etwa zwei Monate nach dem unſeligen Ereigniß hatte ich einen anſehnlichen Wechſel zu zahlen. Ich war im Stande, einen Theil zu decken, jedoch durch das Aus⸗ bleiben einiger Poſten, auf die ich ſicher gezählt hatte, konnte ich den Ueberreſt erſt eine Woche ſpäter zahlen. Da⸗ her begab ich mich zu meinem Gläubiger, der ein billiger Mann war, wollte ihm drei Viertheile des Betrages acht Tage vorauszahlen und ihn dagegen bitten, mir den an⸗ dern Theil des Wechſels noch um vierzehn Tage zu ver⸗ längern. Mit Erſtaunen hörte ich aber, daß der Wechſel bei ihm ſchon eingelöſt und auf Verlangen an Ralph, der von mir beauftragt zu ſein erklärt hatte, übergegangen ſei. Jetzt erkannte ich den Plan dieſes Böſewichts! Rache, die er mir vor vielen Jahren geſchworen, war ſeine Abſicht. Er allein wollte mein Gläubiger werden, um unerbittlich zu ſein; ewiges Gefängniß wäre mein Loos geweſen, wenn ich auch nur einen Schilling nicht hätte zahlen kön⸗ nen! In dieſer Noth ergriff ich ein Auskunftsmittel, das Du mir vergeben mußt, William. Ich raffte den kleinen Reſt meines Vermögens zuſammen; jener wohlwollende Gläubiger kam mir freundlich zu Hülfe und kaufte mir ei⸗ nige Forderungen ab, die ich ſpäter zu machen hatte. Er miethete mir unter fremdem Namen Plätze auf einem Schiff und an einem dunkeln Herbſtabend ſollte ich mich mit Dir und Evelinen an Bord begeben.“ „Ich weiß mich noch des Tages zu erinnern,“ ſprach William. —— — 227— „Eine Stunde vor meiner Flucht,“ fuhr John nach ei⸗ ner kleinen Pauſe fort,„bekam ich einen Brief durch die londoner Stadtpoſt. Ich öffnete ihn, er war von Mar⸗ garethen! Hier lies den Brief, ich habe ihn für Dich hervorgeſucht,“ ſprach John mit verſagender Stimme und reichte William ein Blatt dar. Dieſer las: „Theurer Bruder! Du wirſt mir vielleicht nicht vergeben, aber mich bemitleiden. Ralph iſt der unwürdigſte Böſewicht, den die Erde trägt. Er hat mich betrogen, in den Ab⸗ grund des Elends und der Schande geſtürzt. Ich kann es nicht ertragen, Dir und Evelinen vor die Au⸗ gen zu treten. Laß wenigſtens Jahre vergehen, be⸗ vor Du wieder von mir hörſt; dann iſt vielleicht Dein Zorn gebrochen, und mein Herz hat wieder Muth ge⸗ wonnen. Forſche mir nicht nach! Wenn Du dieſen Brief er⸗ hältſt, bin ich nicht mehr in England. Ich werde nicht Noth leiden, ich habe dafür geſorgt, ich mußte dafür ſorgen, denn— o vergib Deiner ſchuldigen Schweſter, mein Bruder— denn es gibt vielleicht dereinſt ein We⸗ ſen, das Anſprüche auf meine Fürſorge auch in dieſer Beziehung hat.— Noch einmal, hüte Dich vor Ralph; ihn ſelbſt wirſt Du nicht wieder ſehen, aber ſeine Tücke doch erfahren. Verſuche das Möglichſte, ſeine Forderun⸗ gen an Dich zu tilgen. Lebe wohl, küſſe Deine Eveline, o mein Gott, welch' ein Augenblick! 7 1 Deine Margarethe.“ — 228— William ſchwieg; der Vater hatte ſein graues Haupt ſchwermüthig in die Hand geſtützt; beim Schimmer der Sterne blinkte eine Thräne darin. „Laß mich vollenden,“ ſprach er,„es iſt nur wenig, was ich Dir noch zu ſagen habe. „Was ich von meinem Vermögen retten konnte, waren etwa drei Tauſend Pfund, die nur Ralph an mir verlor. Sie reichten hin, in einer wohlfeilen Gegend des Continents eingezogen zu leben, ach, und mehr verlangte unſer müdes Herz nicht. Glücklich gelangten wir auf das Schiff, das uns nach Hamburg bringen ſollte. Ich hatte meine Baar⸗ ſchaft in Banknoten und Gold bei mir, theils in einer Brieftaſche, theils in einem Käſtchen. Um nicht erkannt zu werden, blieb Eveline dicht verſchleiert; ich hatte mich durch falſches Haar und veränderte Tracht möglichſt un⸗ kenntlich gemacht. Die Paſſagiere des Schiffs hatten auch wenig Acht auf uns und wir hielten uns ganz zurückge⸗ zogen in einem Theil der Kajüte; eine verſchleierte Dame in Trauerkleidern, die ſich mit uns auf dem Schiffe be⸗ fand, ſchien ſich in ihrem tiefen Gram noch mehr abſon⸗ dern zu wollen. Denn als der Tag anbrach, wo wir uns auf das Verdeck begaben, zog ſie ſich in die Kajüte des Capitains zurück, dem ſie beſonders empfohlen zu ſein ſchien. Wir hatten eine gute Fahrt den ganzen erſten Tag und die Nacht hindurch. Am zweiten Abends hofften wir die Mündung der Elbe zu erreichen. Doch gegen Mittag wurde das Wetter ſehr rauh; der Himmel bezog ſich, ſchwere Regenwolken gingen über uns hin, es erhob ſich ein heftiger Nordweſtſturm.— Wir wurden beſorgt, doch der Capitain, ein tüchtiger Seemann, blieb in ruhiger Haltung. Er ſandte uns in die Kajüte hinab, daß wir ihn auf dem Deck nicht hinderten. Schon in der verwiche⸗ ———— — 229— nen Nacht hatten die Dame in Trauerkleidern und eine jüngere Perſon, die ihre Zofe zu ſein ſchien, ſich aber eben ſo zurückgezogen hielt, nicht in den für die weiblichen Paſ⸗ ſagiere beſtimmten Räumen geſchlafen; ſie mußten ſich in der Kajüte des Capitains aufgehalten haben, was zu man⸗ cherlei Vermuthungen Anlaß gab. Jetzt waren ſie wie⸗ der nicht unter den Reiſenden, ſondern blieben in des Ca⸗ pitains Kajüte, die für Jedermann ſonſt verſchloſſen war. Nur ich bemerkte, wie es ſchien, den Umſtand und theilte ihn Eveline mit; die Andern hatten zu viel mit ſich ſelbſt und der Angſt vor dem Sturm zu thun, der bald ſo wuchs, daß auch wir jede andere Empfindung vergaßen und nur die gegenſeitige Sorge für uns und Dich uns be⸗ ſchäftigte. Plötzlich kam der Capitain mit ſichtlichen Zei⸗ chen der Beſtürzung in den Raum hinab.„Iſt ein Arzt unter den Paſſagieren?“ fragte er haſtig. Ein junger Mann meldete ſich als ſolcher.„O ſo bitte ich Sie mich einen Augenblick zu begleiten!“ Der Arzt folgte dem Ca⸗ pitain; Beide kehrten nicht wieder. Auch dies fiel nur we⸗ nige Augenblicke auf, denn der Sturm wurde immer hef⸗ tiger, die See jeden Augenblick wilder. Auf dem Deck war ein gewaltiges Getöſe, wie wenn Alles durcheinander klappere und bräche. So raſſelte es in Seilen, Segeln und Holzwerk und von den mächtig über das Schiff ſchla⸗ genden Wellen.— Es war ſchon lange Nacht geworden, als der Capitain abermals heftig in den Raum ſtürzte. Diesmal wandte er ſich zu mir und Deiner Mutter.„My⸗ lady,“ ſprach er,„Sie werden mir eine Bitte nicht ver⸗ ſagen. Eine Leidende Ihres Geſchlechts bedarf Ihrer Hülfe, wollen Sie mir in meine Kajüte folgen?“ Eveline zö⸗ gerte, ſie blickte auf mich, der Capitain verſtand ihre Be⸗ ſorgniß, ſich gerade jetzt von mir und ihrem⸗Kinde zu tren⸗ — 230— nen.„Unter gewiſſen Bedingungen,“ ſprach er leiſe zu mir, nkönnen Sie Ihre Gattin begleiten. Die Dame in Trauer, die Sie geſehen haben, iſt ſo eben von einer Tochter ent⸗ bunden worden; eine zu frühzeitige Niederkunft durch die Erſchütterungen des Sturms veranlaßt. Der junge Arzt iſt um die Mutter beſchäftigt, deren Leiden, ſo ſcheint es, noch nicht vorüber ſind. Er bittet um weibliche Hülfe für das Kind. Meine Kajüte iſt groß genug, daß Sie ſich der Mutter nicht zu nähern brauchen.“ Auf dieſe Mitthei⸗ lung konnte ich natürlich Evelinens Hülfe nicht verweigern. „Es iſt nothwendig,“ ſprach ich zu ihr,„wir müſſen hin⸗ auf, doch ich begleite Dich mit William.“ So gingen wir hinauf. Jetzt erſt, da wir über das freie Deck mußten, erkannten wir die ganze Gewalt des Ungewitters. Kaum vermochten wir unter Sturm und ſprützendem Wellenſchaum die Kajüte zu erreichen.„Hat es Gefahr mit uns?“ fragte ich den Capitain leiſe.„Ich glaube nicht!“ erwiderte er in einem Ton, der mich das Gegentheil fürchten ließ. Wir traten in die Kajüte. Im Hintergrunde war der Arzt um die ſchwer, aber leiſe ächzende Kranke beſchäftigt. Eve⸗ line wollte mitleidig, eingedenk der Stunde ,„ wo ſie Deine Mutter wurde, näher treten, doch der Arzt winkte ihr zu⸗ rück und die Zofe der Kranken, ein junges, unerfahrenes Mädchen, trug uns auch ſchon das neugeborne Weſen, ein kleines Mädchen, entgegen. Eveline widmete ihm alle Sorg⸗ falt, die unter den Umſtänden möglich war, und hüllte es ein, ſo gut ſich's thun ließ.— Noch war ſie damit be⸗ ſchäftigt, als ein furchtbares Krachen ſich vernehmen ließ und das Schiff einen Stoß gegen den Boden bekam, als ſei es durch einen Blitz aus der Tiefe des Meeres herauf zerſchmettert. Eveline ſchrie laut auf. Ich ſtürzte hinaus. Auf dem Deck herrſchte die größte Beſtürzung; Alles lief ——— — 231— durcheinander. Die Paſſagiere ſtürzten aus dem Raum herauf. Plötzlich bäumte ſich eine ungeheure Welle über das Schiff, ſchlug mit aller Gewalt krachend nieder und überſprützte Alles ſo mit ihrem Giſcht und Schaum, daß ich nicht das Mindeſte mehr ſah, ſondern nur fühlte, wie ich von einer übermächtigen Gewalt zu Boden geſchleudert wurde. Ein lautes Angſtgeſchrei und erneutes Krachen und Praſſeln theilte, während ich am Boden lag, die Lüfte und betäubte mich faſt. Der Beſahnmaſt war, durch die Gewalt der Welle und des Stoßes auf den Grund, gebrochen und mit ſeinem ganzen Gewicht über das Deck hingeſchlagen. Jetzt war das Getümmel unbeſchreiblich.„Das Schiff iſt leck! Boote herunter! Rettet Euch!“ ſchrie Alles durchein⸗ ander. Ich ſtürzte nach der Kajüte; Eveline kam mir ſchon, den Säugling im Arm, Dich an der Hand, entgegenge⸗ eilt, bleich vor Schrecken. Als ſie mich ſah, um deſſen Leben ſie einen Augenblick Todesangſt empfunden, ſtürzte ſie mir ans Herz und ſank beinahe bewußtlos an mir nie⸗ der. Ich raffte mich empor und eilte mit ihr und Dir dem Hintertheil des Schiffes zu, wo ſchon eine Menge dienſtfertiger Hände das eine Boot herabließen, weil das Schiff einen ſolchen Leck bekommen hatte, daß das Waſſer ſchon in den Raum drang. Im Augenblick war das Boot hinunter; wir wurden faſt hineingeſchleudert von der drän⸗ genden Menge, die jede Beſinnung verloren hatte. Zwei Minuten ſpäter wurde das Fahrzeug von den Fluten wie ein Spielball auf und nieder geworfen und wir ſchienen jetzt in größerer Gefahr als zuvor.— So war es auch; denn das zweite, größere Boot, das uns unmittelbar folgte, ſchlug vor unſern Auge um und Alle, die ſich darin befan⸗ den, wurden von den Wellen verſchlungen. Doch Gott war mit uns; die furchtbaren Wogen trieben uns hier auf — 232— dieſen Strand. Die wackern Bewohner deſſelben leiſteten uns Hülfe durch Seile, die ſie uns mit eigener Lebensge⸗ fahr zuwarfen, und ſo gelangten wir ans Ufer und wurden unter gaſtlichem Dach empfangen.“ John hielt inne. William nahm jetzt den innerſten Antheil an der Er⸗ zählung, da ſie ihm die Eindrücke ſeiner eigenen Jugend auffriſchte, dieſelben jedoch in einen viel näheren Zuſam⸗ menhang mit ſeinem Leben brachte, als er ſie bisher ge⸗ dacht hatte. „Du wirſt nun wol ſchon einſehen, William,“ fuhr John, nachdem er ſich geſammelt hatte, fort,„daß dieſe meine Lebensgeſchichte nicht ohne Einfluß auf Dein künfti⸗ ges Leben ſein kann. Doch einige Umſtände, die ich Dir noch mitzutheilen habe, ſollen Dich noch mehr davon über⸗ zeugen. Daß Deine mir ewig unvergeßliche Mutter nach kurzer Zeit, von Gram, Angſt und körperlichen Anſtren⸗ gungen erſchöpft, ſtarb, daß ſie unweit von hier unter der Erde ruht, auf der ihr wenig Freude geblüht, weißt Du!— Unter den Geretteten befanden ſich einige mir fremde Reiſende, die ſogleich ihren Weg von hier aus weiter fort⸗ ſetzten; die Andern waren Matroſen, die am Bord des nächſten engliſchen Schiſſes ein Obdach fanden. Das lecke Wrack, auf dem wir uns befunden hatten, wurde von den Winden weiter in die See getrieben. Ob der Capitain ge⸗ rettet oder mit dem zweiten Boot verunglückt war, was aus Helga's(denn ſie iſt die kleine Gerettete) bejammerns⸗ werther Mutter geworden, das Alles habe ich niemals er⸗ fahren. Nach einigen Tagen warf die See noch mehre Leichname ans Ufer, doch ich kannte keinen derſelben. Hal⸗ land behauptet, es ſeien noch Menſchen auf dem Schiff ge⸗ weſen, als die Fluten es weiter fort an der Waldſpitze des — 233— Vorgebirges vorbeitrieben; dort faßte es der gebrochene Wind und jagte es in die offene See hinaus.— Dies Al⸗ les würde Dich weniger berühren, aber drei Dinge ſind es, die jetzt Deine jugendlichen Kräfte auffordern. Ich verlor nämlich im Sturm denjenigen Theil meines Vermö⸗ gens, der in dem Käſtchen enthalten war. Was ich bei mir trug waren etwa ſechshundert Pfund; dieſe verwandte ich zum Theil, um dieſes Häuschen mit dem Garten anzu⸗ kaufen; von dem Uebrigen mußte ich mehr als die Zinſen angreifen, um Deine Erziehung ſo zu vollenden, wie es geſchehen iſt. Du biſt mit denjenigen Kenntniſſen ausge⸗ rüſtet, die die Welt von einem gebildeten Manne erwartet. Denn ſtets dachte ich darauf, Dich dereinſt in Dein Va⸗ terland zurückzuſenden, um wichtige Aufträge zu vollführen. Du mußt Deinen Großvater Burton aufſuchen, in Eng⸗ land oder, was wahrſcheinlicher iſt, in Amerika. Eine heilige Pflicht für Dich iſt ferner, nach meiner unglückli⸗ chen Schweſter zu forſchen. Endlich, William, darfſt Du Helga zu Deiner Gattin machen, ohne zu wiſſen, ob ihre Mutter noch lebt, wenigſtens ohne den Verſuch zu machen, es zu erforſchen? Für dieſe ernſten Aufgaben Deines Lebens habe ich Jahre lang gearbeitet. Ich habe von dem Meinigen eine unantaſtbare Summe zurückgelegt, um dieſe Pläne möglich zu machen. Hundert und funfzig Pfuünd werde ich Dir übergeben, William. Sie ſollen dazu dienen, wenn es möglich iſt, Deinem Vater ſeinen redlichen Na⸗ men und vielleicht das einzige Weſen aus ſeiner früheren Erinnerung zurückzugeben, das ihm noch theuer wäre. Endlich, William, ſollſt Du Deinen Fuß in die Welt ſez⸗ zen, der Du dereinſt Deine Kräfte zu widmen beſtimmt biſt. Nicht als Lehrer kleiner Knaben und Mädchen, nicht als ein geübter Fiſcher und Strandſchiffer ſollſt du Deine — 234— Tage hinbringen; Du wirſt das Leben nach einem größe⸗ Maßſtabe kennen und würdigen lernen und ihm in dieſem Sinne Deine Kräfte widmen.— Frage Dich jetzt ſelbſt, ob ich willkürlich, grauſam, ja nur ungerecht an Dir handle, wenn ich Dir ſage, noch liegen breite Klüfte zwi⸗ ſchen Dir und Deiner Vereinigung mit Helga. Sie ſoll mir eine liebe Tochter ſein, ſie wird, ich bin es überzeugt, Deines Hauſes Glück und Segen werden, allein, William, die Pflichten des Mannes ſind, das Glück, das er gefun⸗ den, zu verdienen und ihm einen dauernden Grund zu legen. Das iſt's, was ich von Dir fordre!“ Hier reichte der treue Vater dem wackern, geliebten Sohn die Hand. Dieſer war zu erfüllt, zu bewegt, um zu ſprechen; gerührt und ſchweigend ſank er an die väterliche Bruſt und ſein Entſchluß war gefaßt. Zehntes Capitel. Seit Rollo erfahren hatte, daß Helga nicht William's Schweſter ſei, war eine Unruhe, eine Bangigkeit mit einer Art von Erbitterung gemiſcht, für welche er keinen rechten Gegenſtand kannte, über ihn gekommen; ſelbſt die herzliche und unbefangene Freundlichkeit Helga's, für die ſich ein dunkles, aber mächtiges Gefühl, dem er keinen Namen zu geben wußte, in ihm regte, vermochte nicht es zu beſeiti⸗ gen. Als er Abends allein in ſeinem Schlafgemach war, der Mond hineinleuchtete und die See vor ihm mit tauſend Silberlichtern funkelte, ſetzte er ſich, das Haupt ——O—O—-ʒ—ʒʒʒʒx — 235— auf die Hand geſtützt, an das offene Fenſter. Seine junge Bruſt wogte ungeſtüm. Er hatte geſehen, wie Helga die Wange an William's Bruſt gelehnt, wie ſie ſein ſanftes Umfangen, ſeinen Kuß geduldet hatte; der Bruderkuß hatte ihm keine Unruhe verurſacht, jetzt regte die Erinnerung daran ihn heftig auf.„Warum,“ dachte er,„iſt ſie Dir denn nicht ſo gut wie ihm, wenn er doch nicht ihr Bruder iſt? Warum zieht ſie denn die Hand zurück, wenn Du ſie gern drücken und küſſen möchteſt, und gönnt ſie ihm! Habe ich ſie nicht gerettet aus der Gefahr, in die er ſie geſtürzt?“ Hier überzog die Röthe eines edlen Scham⸗ gefühls über einen ſo ungroßmüthigen Gedanken das Antlitz des Knaben.„Pfui, Nollo!“ rief er aufſpringend,„wenn Jemand wüßte, wie unwürdig Du jetzt gedacht haſt! Dich führte der Zufall zu ihrer Rettung herbei und, ſtatt dem guten Gott dafür zu danken, willſt Du Dich damit brüſten! Und hat Dich nicht William auch aus der Ge⸗ fahr errettet? Ach, ich wollte, ich wäre hinabgeſtürzt in die Brandung!“ rief er unwillig und ſprang auf; helle Thränen ſtrömten aus ſeinen großen, blauen Augen.„Ich will fort, ſo wie der Tag graut! Ich kann hier nicht länger bleiben, ich ſehne mich nach meiner armen Mut⸗ ter, nach meiner Inſel, nach der offenen See, nach einem brauſenden Sturm!“ Doch der Himmel lag ruhig, nur mit leichtem gekräu⸗ ſelten Gewölk bedeckt, über dem Meere, deſſen Wellen ſich ebenmäßig am Strande brachen und den Silberſchaum her⸗ anrollten. Da ffiel Rollo's Blick auf die Feuer des Leucht⸗ thurms.„Ha,“ dachte er,„dort oben wacht der Vater Halland bei den Lampen, geh' hinauf, ſag' ihm Lebewohl und dann ſpringe in Dein Boot und eile fort!“ Schon hatte er die Thür in der Hand, als er ſtillſtand 6—— —— — 236— und langſam ſagte:„Nur einmal will ich ſie noch wieder⸗ ſehen, dann aber niemals, niemals mehr!“ Von dieſen unruhigen Gedanken gequält, warf er ſich auf's Lager. Der Morgen brach an. Ein Feuermeer im Oſten überdampfte den ganzen Himmel mit roſigem Rauch; die Wellen ſpiegelten ihn dunkler zurück.— Rollo war aufge⸗ ſtanden; er ließ ſich die friſchen Lüfte um Bruſt und Wan⸗ gen ſpielen. Es war ihm wieder leichter zu Sinn. Im Hafen ſah er ſein Boot liegen, von den bewegten Wellen hin und her geſchaukelt.„Du ſollſt mich bald wieder ein⸗ wiegen in glückliche Tage und Träume, du ſchlankes, zier⸗ liches Schiffchen. Ja, du meine Wiege!“ rief er aus. „Der Wind iſt mir gewogen! Ha, wie ein Pfeil will ich durch den blauen Naum der Waſſer ſchießen!— Wenn ich nur erſt meine dämmernden Felſen mit dem Kirchlein auftauchen ſähe!“ Schnell war er gekleidet, zum Abſchied bereit. Er ſah nach dem Leuchtthurme hinauf, wo Halland eben beſchäf⸗ tigt war die letzten Lampen zu löſchen. Siehe, da flat⸗ terte es weiß um die Rundung des Thurms; Rollo blickte ſcharf hin. Im nächſten Augenblick wurde Helga ſichtbar, die dem Vater das Frühſtück hinaufgetragen hatte und deren weißes Halstuch im Winde flatterte. Mit einem Sprunge war Rollo vor dem Hauſe und hinauf nach dem Thurm. „Gott grüße Dich, Helga!“ rief er der Erſtaunten entgegen.„Ich komme Dir Lebewohl zu ſagen! Der Wind iſt gut, ich will fort,“ ſetzte er raſch und rauh hinzu, als bei dem Worte Lebewohl ſeine Stimme wei⸗ cher wurde. 4 „Wie? Du wilſt ſchon fort?“ fragte ſie verwundert. — 237— „Nein, Rollo, bleib doch, William wird gewiß bald herauf⸗ kommen, und—“ „Ich mag ihn nicht ſehen,“ unterbrach Rollo ſie heftig, der bei der Bitte zu bleiben ſchon das Ja auf den Lip⸗ pen hatte, aber ſo wie er William's Namen hörte, ſich wie von einem Stachel verletzt fühlte. Raſch und trotzig wandte er ſich um und ſprang die Stufen des Thurms hinab. Helga rief erſchrocken:„Rollo, wohin willſt Du!“ Er hörte nicht; ſie eilte ihm beſtürzt nach. An der untern Pforte des Thurmes holte ſie ihn endlich ein und ergriff ihn mit ängſtlicher Heftigkeit an der Hand:„Rollo, ſo bleib doch, ſo höre doch! Was habe ich Dir denn zu Leide gethan, daß Du ſo bös biſt?“ Der Knabe heftete den finſtern Blick auf den Boden und wollte die brennende Wange nicht erheben. Doch Helga faßte ihn unſchuldig freundlich unter's Kinn und ſprach noch einmal ſanft:„Lieber Rollo, was hab' ich Dir zu Leide gethan?“ Er erhob das Auge, er blickte in das ſanfte, freund⸗ lich demüthige Geſicht Helga's, die erſchrocken, leiſe zitternd vor ihm ſtand; da brach er heftig aus:„Du mir zu Leide gethan? Nichts, Helga, nichts! Aber laß mich, ich muß fort, ich muß!“ Und wiederum wandte er ſich von ihr, um raſch nach dem Hafen hinabzueilen. Doch ſie faßte ſeine Hand noch einmal und ſprach halb unwillig, halb mit Thränen kämpfend:„Nun, wenn Du denn fort mußt und bös zu uns thun, ſo wirſt Du doch wieder freundlich wer⸗ den; und wann kommſt Du denn wieder?“ Da riß der Knabe die beiden Hände des erſchrockenen Mädchens heftig an ſich und drückte ſeine Lippen und ſeine heißen, weinenden Augen darauf und rief:„Niemals, — 238— Helga! Niemals! Weit, in das offne Meer ſoll mich mein Boot tragen, aber niemals mehr an Eure Küſte!“ Und nun rang er ſich los und ließ ſie zitternd und ſtaunend allein. Schnell wie ein Reh flog er ans Ufer hinab und, als Helga traurig und beklommen die Stu⸗ fen des Leuchtthurms wieder zu ihrem Vater hinangeſtie⸗ gen war, ſah ſie Rollo's weißes Segel ſchon mitten auf der Flut leuchten; der Morgenwind füllte es mit ſeinem friſchen Anhauch und einem Vogel gleich ſchwebte das Boot, die Wellen kaum berührend, über den Meeresſpie⸗ gel dahin. In ganz eigner Weiſe bewegt, ohne doch gerade trau⸗ rig zu ſein, ſtieg Helga mit ihrem Vater, der ſein Ge⸗ ſchäft droben vollendet hatte, von dem Leuchtthurm herab.— „Ein wunderlicher Burſch, dieſer Rollo,“ ſprach Halland im Gehen,„bald fröhlich, als habe er noch nie ein Unglück erlebt, bald ſo wild und ingrimmig, als gebe es auf der ganzen See und Erde kein Menſchengeſicht, das er ausſte⸗ hen könne. Bei alle Dem gefällt er mir gut und ich glaube, es wäre ſeine Sache, einen kecken Streich auszuführen. Er könnte einmal reich werden, wenn er die Lootſenkunſt hier erlernen wollte, wo die Schiffe nicht darohne fortkom⸗ men können.“. Helga ſprach nichts. Sie hatte ihr Auge auf einen Fremden gerichtet, der vom Hafen herauf und auf das Haus zukam. Zwei Schiffer trugen ihm ſein Gepäck nach.„Das ſcheint ein Gaſt für uns zu ſein, Vater, der Herr im Regenmantel dort. Gewiß will er von hier aus ins Land hinein, er ſieht mir nicht ſo aus, als ſei er von hier.“ „Mir auch nicht,“ antwortete Halland und ſah ſich den Unbekannten genauer an. — 239— Es war eine lange, hagere Geſtalt; über die Schultern hatte er einen blauen Regenmantel nachläſſig gehängt, den er offenbar nur auf der See gegen die Morgenkühle um⸗ genommen hatte, denn jetzt ſchien er ihm bei dem kurzen Wege vom Hafen nach dem Leuchtthurm herauf läſtig zu werden. Eine fremdartige Reiſemütze bedeckte den Kopf, ein hohes, ſchwarzes Halstuch das halbe Kinn. Unter dem Mantel trug er einen grauen bequemen Reiſe⸗Oberrock und Bein⸗ kleider von gleicher Farbe, deren Schnitt und Stoff einen wohlhabenden Mann verriethen. Als er näher kam, be⸗ merkte man, daß in ſein dunkles Haar ſich ſchon man⸗ ches graue eingemiſcht hatte; dennoch ſah er mannskräf⸗ tig aus und ſchien nicht weit über funfzig Jahre hinaus zu ſein. „Kann ich hier einige Stunden bequem ausruhen?“ fragte er von weitem, als ſeine Begleiter ihm angedeutet hatten, Halland und Helga ſeien die Wirthe dieſes Hau⸗ ſes. Der Ausſprache der Worte merkte man den Frem⸗ den an. „So lange der Herr befehlen,“ erwiderte Helga freund⸗ lich und ging ihm einige Schritte näher. Er heftete ſein ſchwarzes, unruhiges Auge ſcharf auf die Sprechende und ein Lächeln zog ſich um ſeine Lippen, das mehr boshaft als freundlich war.„Wenn Du hübſches Kind mich be⸗ herbergen willſt, bleibe ich recht lange,“ ſprach er und wollte Helga's Wangen ſtreicheln. Sie trat indeſſen, nicht unfreundlich, doch entſchieden, einen Schritt zurück und ant⸗ woortete:„Ich werde vorangehen ins Haus und das Zimmer in Ordnung bringen!“— Mit flüchtigen Schritten eilte ſie hinweg. „Ein hübſches Kind,“ bemerkte der Fremde zu Halland, indem er dem leichten Wuchs des Maädchens wohlgefällig — 240— nachſah.„Man ſucht ſolche Blumen nicht auf dieſem kah⸗ len Strand. Wie alt iſt die Kleine?⁰ „Sechzehn Jahr im Herbſt,“ antwortete Halland. „Ein ſo artiges Mädchen,“ fuhr der Fremde fort,„iſt vielleicht ein beſſeres Kapital als Euer Haus dort, mein Freund. Jetzt iſt's Zeit, darauf zu denken, es gut anzule gen.“— Bei dieſen Worten ſah er Halland ſcharf und durchdringend an und das unangenehme Lächeln um ſeinen ſchmalen, ſcharfen Mund zog noch tiefere Linien in ſeine Wangen als zuvor. „Kommt Zeit, kommt Rath,“ erwiderte Halland,„die Gelegenheit iſt nicht immer da.“ „Man muß ſie nur zu ergreifen wiſſen,“ verſetzte der Fremde und ſuchte mit ſeinen bohrenden Augen in Hal⸗ land's Zügen zu forſchen. Wie zufällig zog er dabei eine ſchwere Börſe aus der Taſche und ſpielte mit derſelben, in⸗ dem er ſie aus einer Hand in die andere warf, ſo daß b Halland an dem Glitzern durch das netzartige Gewebe ſehen konnte, daß ſie mit Gold gefüllt war. „Teufel, der Kerl hat Geld,“ dachte er und der An⸗ blick des glänzenden Metalls brachte plötzlich ſeine Wünſche, die ſich ſonſt ſelten aus ihrem engen Kreiſe bewegten, in eine wallende Aufregung. Der Fremde ſchien ihn nicht zu beobe achten, hatte aber doch ein wachſames Auge auf ihn. Ein 9 geübter Kenner der Menſchen, überzeugte er ſich, daß der Thurmwächter der Macht des Goldes nicht unüberwindlich ſein werde. Er warf ſeine ſpähenden Blicke bald auf ihn, bald richtete er ſie auf Helga, die eben die Stufen des 4 Hauſes hinabſtieg und dabei, indem der Morgenwind ihre leichten Kleider ſeitwärts wehte, den zierlichſten Fuß wahr⸗ nehmen ließ, wie denn überhaupt der verrätheriſche Wind durch das Spiel, welches er mit den Gewändern trieb, die — — 241— ſchlanke Geſtalt ſo deutlich zeichnete, daß ſie jedem, zu— mal einem ſo ſpähenden Auge, wie das des Fremden, auf⸗ fallen mußte. Sie gingen ins Haus. Der Fremde nahm ſein Zim⸗ mer ein, ließ das Gepäck hinaufbringen und beſtellte das Frühſtück. Da noch Niemand im Hauſe wach war, brachte Helga es nach einigen Minuten ſelbſt. Noch niemals hatte ſie eine Befangenheit in Gegenwart eines Gaſtes gefühlt; doch dieſem Fremden und ſeinen Blicken gegenüber empfand ſie eine Unruhe, die faſt zur Beklommenheit wurde. Sie wollte ſich daher, ſo wie ſie das Taſſenbret auf den Tiſch geſetzt hatte, faſt verlegen eilig wieder entfernen, doch der Fremde nahm ſie bei der Hand und ſprach mit ſeinem wi⸗ derwärtigen Lächeln:„So furchtſam, mein hübſches Kind? Biſt Du bang vor mir?“ „ nein,“ ſprach Helga unwahr, denn das Herz ſchlug ihr laut;„allein ich habe unten im Hauſe zu thun.“ „Einen Augenblick wirſt Du mir doch ſchenken können,“ erwiderte der Gaſt und drückte ihre Hand; Helga wandte den ſonſt ſo offnen Blick zur Erde und ſuchte ſich, wenn auch nicht haſtig, doch entſchieden loszumachen, indem ſie ihre Hand der ſeinigen mehr entwinden als entziehen wollte. Er aber hielt ſie feſt und fuhr fort:„Allzu ſpröde läßt nicht ſchön, mein ſüßes Kind! Ich habe es nicht bös mit Dir im Sinn. Tritt einmal an dieſen Tiſch.“ Helga wollte bei einem ſo unbedeutenden Anſinnen nicht Widerſtand leiſten, ſondern trat heran. Der Fremde nahm ein Käſtchen, was auf demſelben ſtand, öffnete es ſo, daß Helga nicht ſah, was darin war, ſetzte es wieder nieder und näherte ſich mit einer goldenen Buſennadel, in der ein blitzender Stein prangte.„Nicht? Dieſe Nadel würde die⸗ Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. V. 11 5 — — 212— ſes Halstuch geſchickt zuſammenhalten und nicht übel an Deiner Bruſt prangen.“ „Ei wie prächtig!“ rief Helga unſchuldig überraſcht. „Komm her,“ ſprach der Fremde und mit geſchickter Hand hatte er ſchon Helga's leicht übergeworfenes Tuch ge⸗ faßt und befeſtigte die Nadel daran. Sie wollte abwehren, widerſtreben, doch in dem Verfahren des ſeltſamen Man⸗ nes lag ſo etwas Entſchiedenes, daß ſie ihm faſt unwill⸗ kürlich Gehorſam leiſtete. Allein trotz ihres argloſen Her⸗ zens empfand ſie eine Unruhe, eine ahnungsvolle Beklem⸗ mung, der ſie, obwol ſie ihr unerklärlich war, durch einen ebenſo unerklärten aber beſtimmten Antrieb, durch Entflie⸗ hen, entgehen wollte. Der Fremde aber hielt ſie, während er mit der Rechten die Nadel befeſtigte, mit der Linken halb umfaßt. Er fühlte, wie das Herz des Mädchens ſchlug, wie ſie zitterte; er ſah das Blut wechſelnd ihre Wangen füllen und zurückweichen, hörte ihren beklemmten Athemzug. Ihr Beben, das zitternde Wallen ihrer Bruſt, das er an⸗ ders deutete, goß einen Blutſtrom durch ſeine Adern; wie mit elektriſchem Blitze durchzuckte ihn die Berührung Hel⸗ ga's und in der Aufſtürmung aller ſeiner Nerven zitterte auch er. Plötzlich preßte er, von dem Ueberwallen der Sinne unvorſichtig hingeriſſen, das ſchöne Mädchen an ſeine Bruſt und tödtete den Angſtausruf der Erſchrockenen durch einen wild brennenden Kuß, mit dem er ihre Lippen ge⸗ waltſam ſchloß. Doch ſo wie der Blitz des Schrecks vorüe ber war, gab ihr die Angſt verdoppelte Kräfte, ſie entrang ſich ſeinen Armen wie den Ringen einer Schlange und flüch⸗ tete in halb bewußtloſer Beſtürzung hinaus. Ihre Unbefangenheit würde in dem Kuß, in der Umar⸗ mung eines älteren freundlichen Mannes, der ſie beſchenkt hatte, zumal bei den natürlichen freien Sitten dieſer Strand⸗ — —— —— —— —— ————— -— 243— bewohner, nicht das mindeſte Arge empfunden haben; doch neben der bewußtloſen Unſchuld ſteht ein unſichtbarer, ſchir⸗ mender Engel, der ſie vor der ungekannten Gefahr warnt, indem er ſie ihre Schrecken in ahnender Bruſt empfinden läßt. Erſt als das geängſtigte Mädchen wieder unten bei den Ihrigen war, athmete ſie frei und lächelte jetzt über ihr Erſchrecken, das ihr plötzlich ganz grundlos ſchien. Ein Be⸗ weis, daß von der ſträflichen Glut auch nicht ein Funke in die reine Blüte ihrer Bruſt gefallen war. Sie mußte ſo⸗ gar auf ſich ſchelten, daß ſie, als werde ſie von einem Geſpenſt verfolgt, ſo haſtig die Thür des unteren Zimmers aufgeriſſen hatte. „Was iſt Dir, Helga?“ fragte der Vater, als ſie hin⸗ einflog. Sie ſtockte einige Augenblicke, um Athem zu ſchöpfen; dann ſagte ſie:„Ach, ich habe mich wol recht kindiſch be⸗ tragen, aber ich war, der Himmel weiß wie, plötzlich ſo erſchreckt.“ Und jetzt erzählte ſie ohne Arg was geſchehen war und gab dem Vater die Nadel mit den Worten, die ihr eine richtige Empfindung eingab:„Es ziemt ſich aber doch wol nicht, daß ich das Geſchenk behalte; das ſieht ja auch viel zu koſtbar für mich aus.“ Halland ſah freilich den Zuſammenhang der Begeben⸗ heit klarer; doch in ſeiner Seele hatten die Aeußerungen des Fremden, ſein Gold und das Geſchenk, was ihm über alle Maßen koſtbar erſchien, Gedanken, Triebe und Plane ge⸗ weckt, denen er ſofort zu entſagen zögerte. „Hm!“ ſprach er,„Du haſt Dich freilich unnütz ge⸗ ängſtigt. Was iſt's denn um einen Kuß! Das iſt ein gar reicher, vornehmer Herr, der Dir ein theures Geſchenk gemacht hat; dem darf man nicht ungebührlich begegnen. Es würde unziemlich ſein, eine ſolche Gabe abzuweiſen! 8 11* — 244— Und iſt's zu prächtig, ſo können wir's ja verkaufen! Ich leide gerade nicht Noth, aber zum Ueberfluß haben wir's wahrhaftig auch nicht. Nein, die Nadel müſſen wir behal⸗ ten und wenn der Herr abreiſt, mußt Du Dich beſtens bei ihm bedanken.“ Helga misfiel dieſe Abſicht des Vaters, doch wußte ſie eben nichts dagegen zu erinnern. Nur ſagte ſie:„Ja, be⸗ haltet Ihr nur die Nadel, Vater, ich mag ſo etwas Glän⸗ zendes nicht tragen. Und dann dankt Ihr wol dem frem⸗ den Herrn, ich möchte mich lieber gar nicht mehr vor ihm ſehen laſſen.“ Mit dieſen Worten ging ſie hinaus, von Unruhe und Betrübniß mancher Art gequält. Der Fremde ging indeſſen ebenſo unruhig in ſeinem Zimmer auf und ab.„Verwünſcht! Ich war ſo ermattet von der Fahrt die ganze Nacht hindurch; ich dachte hier drei oder vier Stunden zu ruhen und nun hat mir die kleine Hexe das Blut ſo aufgejagt, daß ich kein Auge zu⸗ thun könnte! Hübſch iſt ſie und ſo allerliebſt ſpröde! Aber ich merkte an ihrem Zittern und fliegenden Rothwerden wol, wie der Puls ſchlug! Bei alle Dem! Es ſcheint mir doch nicht leicht mit ihr fertig zu werden, jetzt wo ich Eile habe, in keinem Fall. Solche Mädchen haben entweder zu viel pfäffiſchen Aberglauben, oder irgend einen jungen Burſchen im Herzen. Ja, wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre! Damals gelangen mir ſchwierigere Unternehmungen! Der Alte iſt zu fangen. Ein Stück Geld baar, um ſeine Luſt zu reizen, ein großes Verſprechen im Hintergrund als Lockſpeiſe, für das Mädchen ein Vorwand, ſie ausbilden laſſen, ihr eine Stelle verſchaffen, der Sache einen Mantel umgehangen, ſo ſchön er ſie kleiden will! Es wird möglich ſein! Nur Geduld, Geduld! Was wäre das auch für ein — — 215— Gewinn ſo gleich auf der Stelle, ſo was muß man ſich in meinen Jahren ſorgfältig aufſparen; nur ruhiger Genuß gibt uns Freude, das Sturmlaufen, im Fluge Schießen iſt Jüng⸗ lingsſache! Hm! Ja, ſo geht's!“ Während dieſer Gedanken trank er ſeinen Thee in kur⸗ zen Abſätzen und ging im Zimmer auf und nieder. End⸗ lich ſchellte er. Halland kam ſelbſt herauf, nicht ohne Abſicht. „Ich wollte anfänglich einige Stunden hier verweilen,“ redete der Fremde ihn an,„um mich von einer langen, mühſeligen Seereiſe zu erholen, denn das Lootſenboot, von dem ich kam, hat mich nur von einem engliſchen Dreima⸗ ſter abgeholt und hiehergeführt. Doch wie ich mir meine Zeit berechne, ſo habe ich Eile. Kann ich hier einen Wa⸗ gen haben bis zur nächſten Poſtſtation?“ „In einer Viertelſtunde kann ein Fuhrwerk vom Dorf hier ſein,“ antwortete Halland;„ich habe mich auch noch für das ſchöne Geſchenk zu bedanken—“ „Pah,“ unterbrach ihn der Fremde,„eine Kleinigkeit, Spielzeug! Eure Tochter wollte ja nicht einmal einen Kuß dafür geben, ſonſt,“ ſetzte er mit Nachdruck hinzu,„wäre es wol reicher ausgefallen!“ „Das Kind iſt noch ſehr jung und blöde,“ antwortete Halland. „Ihr meint, das werde ſich legen? Je nun, das denke ich auch; die Jugend gewiß und die Blödigkeit noch gewiſ⸗ ſer. Es iſt Schade um das Mädchen! Sie iſt hübſch; eine gute Erziehung würde etwas aus ihr machen!“ „O, was das anlangt, mein Herr,“ fiel Halland mit einigem Stolz ein,„ſo iſt ſie wol ſo ſorgfältig erzogen wie ein Mädchen in der ganzen Gegend und ban Kenntniſſe mehr als ſie braucht.“ „Und die ſie braucht, vielleicht nicht,“ ſprach der Fremde — 246— trocken, indem er die Taſſe an den Mund ſetzte. Nun ich habe einige Monate im Lande zu thun, zum Herbſt komme ich zurück, da könnten wir ein vernünftig Wort mit einan⸗ der ſprechen, was meint Ihr?“ Bei dieſen Worten heftete er durchdringende Blicke auf Halland. Dieſer gerieth in Verwirrung. Sein Gewiſſen ſagte ihm, daß hier etwas Böſes im Werke ſei, doch ſein Eigennutz wollte ihn bereden, es ſei etwas Gutes. Die volle Goldbörſe des Fremden, mehr aber noch deſſen ſeltſames Weſen hatten ihn, der freilich nie einer Verſuchung ausgeſetzt geweſen war, plötz⸗ lich in ein Schwanken gebracht, das er zuvor kaum für möglich geachtet hätte. Er hatte Helga bis dahin wirklich lieb gehabt und ſorgfältig behütet; und jetzt, er ſagte ſich innerlich immer die Lüge vor:„Hier kann ihr Glück ge⸗ macht werden.“ Der Fremde blieb indeſſen ganz unbefan⸗ gen und gleichgültig. Er trieb Halland an, den Wagen ſchnell zu beſorgen, und ſchickte ſich, während dieſer ging, zur Rückreiſe an. In kurzem ſtand das Fuhrwerk, freilich nicht das beſte, vor der Thür; Leute kamen herauf und holten das Gepäck, der Fremde verließ das Zimmer. Im Gehen warf er ſeine Blicke ſpähend überall umher, doch er entdeckte Helga, nach der er ſich umſah, nicht. Schon ſaß er im Wagen, als er Halland noch einmal heranwinkte. Er ſprach leiſe mit ihm, doch an Beider Zügen bemerkte man, daß es nichts Gleichgültiges war. Endlich reichte er ihm die Hand und man konnte ſehen, daß Halland in ein freu⸗ diges Erſtaunen dabei gerieth.„Nun vorwärts,“ rief der Fremde,„und was uns anlangt, ſo ſehen wir uns wol zum Herbſt wieder.“ Helga hatte dies Alles hinter dem Fen⸗ ſtervorhang mit angeſehen; in ihrer jungen Bruſt ſtiegen eigene Gefühle und ängſtliche Ahnungen auf, denen es je⸗ doch an Beſtimmtheit fehlte, um ſich zu Gedanken zu ge⸗ — — 2u— ſtalten. Das Bild des Fremden ließ einen unheimlichen Eindruck in ihrer Seele zurück und vor ihrem Vater hatte ſie zum Erſtenmale in ihrem Leben eine Scheu, die ihr ſonſt ſo offnes, argloſes Vertrauen mit einem ſchweren Druck belaſtete. Eilktes Capitel. Daß William nach den Eröffnungen, die ihm ſein Va⸗ ter gemacht hatte, eine faſt ſchlafloſe Nacht zubrachte, war natürlich; denn nicht gerechnet, daß ſie ihm wichtige Auf⸗ ſchlüſſe über ſeine jetzige Lage und Diejenigen, mit denen er in den nächſten Beziehungen ſtand, gegeben hatten, ſondern ſie geſtalteten auch ſeine ganze Zukunft anders. Der fruhe Morgen führte ihn ſchon wieder mit dem Vater zuſammen, mit dem er nun ruhig und ausführlich Alles beſprach, was geſchehen mußte. Er erſah aus den näheren Mittheilungen John's, daß dieſer, falls es ihm nicht um eine abgeſchiedene Verborgenheit zu thun geweſen wäre, noch manche Verbin⸗ dung hätte anknüpfen können, um Nachforſchungen zu hal⸗ ten. Wenigſtens war Burton's Leben oder Tod mit Ge⸗ wißheit zu erkunden und ein Vierteljahrhundert, das über ſeinem Zorn verfloſſen war, ließ annehmen, daß er ſich be⸗ ſänftigt haben werde. Denn welches menſchliche Herz wider⸗ ſteht der Allmacht der Jahre und des Alters! John nannte ſeinem Sohn noch das Schiff, auf dem er geſcheitert war, es hieß Fair Sally(Schön⸗Särrchen), den Namen des Ca⸗ pitains, Sir Richard Blunt, und gab ihm die Adreſſe der —— — 248— Compagnie, auf welche Margarethen's Rente bezogen wurde. Mit dieſen Notizen ausgerüſtet, waren wenigſtens Nachfor⸗ ſchungen anzuknüpfen. Jetzt hatte William nur einen Wunſch, den, ſeine Abreiſe zu beſchleunigen. Er wußte durch die Schiffer, die ſteten Verkehr ſtromauf, landeinwärts trieben, daß binnen einigen Tagen mehre Kauffartheiſchiffe nach England aus dem Strom auslaufen würden, und wollte ſich daher bereit halten, mit dem nächſten abzuſegeln, das ihn an Bord auf⸗ nehmen könne. Als er mit dieſem Entſchluß im Reinen war, ging er hinauf nach Halland's Haus, um Helga da⸗ von in Kenntniß zu ſetzen. Er traf eben ein, als der Wa⸗ gen mit dem Fremden um die Wegecke bog, und ſah dieſen darin ſitzen. Nach der Sitte des kleinen Oertchens grüßte er ihn, was jener mit einem nachläſſigen Kopfnicken erwiderte. Die Phyſiognomie fiel ihm äußerſt unangenehm auf; es war ihm etwas Bekanntes darin, nicht gerade, als habe er ſie ſchon irgendwo geſehen, aber doch als paſſe ſie zu beſtimm⸗ ten, in ihm angeregten Vorſtellungen. Indeſſen achtete er nicht weiter darauf und ging der Hausthür zu; Helga hatte ihn geſehen und eilte ihm freundlich entgegen. Ihre ganze Seele war beruhigt und von den unheimlichen Schauern geheilt, als ſie den Geliebten erblickte, dem ſie ihr Glück und Leben vertrauensvoll übergeben wollte. Sie erzählte ihm Alles, was geſchehen war, Rollo's ungeſtümes, ſeltſa⸗ mes Scheiden, die Begegnung mit dem Fremden und ſein Betragen gegen ſie. Schon bei dem erſten Theil ihrer Er⸗ zählung hatte ſich eine Wolke auf William's Stirn gelegt, jetzt wurde ſie ganz düſter. Eben wollte er antworten, als ihn Helga mit dem Ruf unterbrach:„Siehſt Du dort? Links von der Waldſpitze, das iſt Rollo's Segel!“ ——— — — 210— Er blickte hinüber und der Blick über die weite Mee⸗ resfläche, die ihn nun bald von der Geliebten und von dem Schauplatz aller ſeiner Freuden und Erinnerungen trennen ſollte, ſchmolz den Unmuth, die Sorge, die er eben empfun⸗ den hatte, in ſanfte Wehmuth um. Er nahm Helga's Hand und ſagte:„Würdeſt Du ſehr betrübt ſein, wenn wir uns trennen müßten?“—„Auf immer?“ rief ſie erſchreckt und erblaßte zu einer weißen Lilie.„Nein, mein Herz, mein Leben,“ ſprach William warm,„aber doch auf längere Zeit, auf Monate, vielleicht auf Jahre.“—„O angſtige mich nicht,“ bat ihn Helga,„ſage mir, treibſt Du Scherz oder iſt es Dein Ernſt?“ Er erzählte ihr jetzt, ohne jedoch die einzelnen Umſtände anzugeben, daß er auf ſeines Vaters Geheiß in ſehr wich⸗ tigen Angelegenheiten eine weite Reiſe thun müſſe und ent⸗ ſchloſſen ſei, dieſe ſo bald als möglich anzutreten. Da wuchs bei dem Gedanken der Trennung in Helga's Herzen die junge knoſpende Pflanze ihrer Liebe plötzlich zur vollen Blüte und ſie fühlte ihr ganzes Weſen von den wunderbaren Kräf⸗ ten, Schmerzen und Seligkeiten dieſes alles Göttliche und Ewige beglaubigenden Gefühls durchdrungen, ſie war nichts als eine Liebende. Mit der Angſt, als entreiße ſchon der nächſte Augenblick ihr den Tröſter und Freund, ſtreckte ſie die Hände nach ihm aus, umſchlang ihn und brach in ei⸗ nen Strom von Thränen aus, der ihr lange Sprache und Athem hemmte. Endlich bat ſie kaum hörbar:„Ach, Wil⸗ liam, nicht ſo ſchnell trenne Dich von mir, gerade jetzt, wo ich ſo geängſtigt bin von tauſend Gefühlen, die ich nie zu⸗ vor kannte, wo unſre Liebe ſo jung iſt; o William, nur noch eine Woche bleibe hier!“ Wie hätte er dieſes Verſprechen verſagen können, wobei nur er, Niemand anders ein Opfer brachte, das ſeiner Un⸗ 11** — 250— geduld, den Zuſtand der Spannung abzukürzen und vom Wollen zur That zu ſchreiten. Helga blickte ihn mit den hellen blauen Augen durch Thränen freundlich an, wie der heiter gewordene Himmel nach einem Gewitterregen, wo noch die Tropfen blitzend auf allen Fluren ſtehen und im Sonnenſtrahl glänzen. Sanft drückte ſie ſeine Hand, lehnte ſich an ihn und ſie gingen in bitter ſeligen Schmerzen ſtumm am Meeresgeſtade auf und nieder. William erzählte jetzt dem ſtaunend lauſchenden Mädchen Alles, was ſein Vater ihm von ihrer Geburt und Rettung geſagt hatte; ſie wußte bis dahin nur das Allgemeine, daß ſie bei einem Schiff⸗ bruch gerettet und von Halland und ſeiner Frau, die in kinderloſer Ehe ſchon fünf Jahre lebten, aufgenommen wor⸗ den und ſo im Hauſe aufgewachſen ſei, obwol ihre Pflege⸗ mutter wenige Jahre ſpäter ſtarb. Was eine Mutter iſt, hatte ſie niemals erfahren. Eine unbeſchreibliche Sehnſucht erwachte daher nach Wil⸗ liam's Erzählung in ihr, ihre unbekannte Mutter aufzufin⸗ den, wiewol dazu faſt gar keine Hoffnung war, da dieſe ſchwerlich die Geburt des Kindes um länger als einige Stun⸗ den überlebt hatte. Indeſſen ſind die Träume eines Mäd⸗ chens von Helga's unerfahrner Jugend nicht wol durch Gründe zu vernichten und ſie bat ihn mit ſchmeichelnder Liebe, bei ſeinen Erkundigungen doch ja nach ihrer Mutter zu forſchen. Wie gern verſprach er es! Eins hatten die Liebenden jetzt noch zu beſprechen; ob William mit Halland reden, ihm frei ſagen ſolle: ich werbe um Deine Tochter. Helga ſchwieg dazu und ſah zur Erde. Sie fühlte das Unrecht, ihrem Vater ihre Liebe nicht an⸗ zuvertrauen; noch geſtern hätte ſie es vielleicht unbefangen vermocht, wiewol der tiefliegende Naturtrieb der Liebe ſie auch ſchon da auf ein ſchüchternes Verhüllen angewieſen — hatte. Seit dieſem Morgen aber hielt ſie noch ein anderes, ihr unerklärtes, doch freilich leicht begreifliches Gefühl zurück. Noch ein Drittes kam dazu, daß die edlere Bildung des Geiſtes, die ſie durch William's und John's Unterricht er⸗ halten hatte, allmälig in ihr Bewußtſein überzugehen an⸗ fing und ihr das Gefühl des Unterſchieds zwiſchen Hal⸗ land's Gefühlen und Anſchauungen und den ihrigen auf⸗ drang. Sie wurden endlich darüber einig, zu ſchweigen, bis William über die Ergebniſſe ſeiner Reiſe und die muth⸗ maßliche Dauer derſelben Einiges beſtimmen könne. Bis da⸗ hin ſollte der redliche, wohlwollende John, zu dem ſich Helga in dieſer Angelegenheit viel näher verwandt fühlte, ihr al⸗ leiniger Vertrauter bleiben, und im Nothfall, wenn Um⸗ ſtände es foderten, ſprechen und handeln. Da Helga ſtets in ſeiner Nähe, William immer mit ihm in Verbindung blieb, ſchien dies Auskunftsmittel genügend. Die acht Tage verſtrichen ſchnell. William erhielt eines Mittags durch einen Lootſen, der ein Schiff mehre Meilen weit den Strom aufwärts begleitet hatte, wo die Fahrt ge⸗ fährlich war, die Nachricht, daß am nächſten Tage ein eng⸗ liſches Kauffartheiſchiff,„William Pitt“ genannt, am Leucht⸗ thurm durchgehen werde. Denn von Binnenſchiffern hatte der Lootſe erfahren, daß der Pitt im Begriff ſei, ſeine La⸗ dung zu vervollſtändigen und nur noch auf eine kleine Sendung und auf die Briefe an ſeine Rheder warte, um am nächſten Morgen die Anker zu lichten. Alsdann war es zu erwarten, daß er Nachmittags bei Zeiten die hohe See erreiche. Mit dieſem Schiff beſchloß William die Fahrt 4 zu machen, wenn es ihn aufnehmen könne. Gegen den ſpaͤtern Nachmittag brachte er Helga dieſe Nachricht, die ſie mit zitterndem Erblaſſen vernahm. Es war ein ſchöner, ruhiger Abend; um ſich zum Letz⸗ — 252— tenmal innig und ungeſtört zu ſouechen, ſchlug William vor, einen Spaziergang das Ufer hinauf zu machen. Eine halbe Stunde von dem Leuchtthurm ſpaltete ſich die Küſte in fel⸗ ſige Zacken, zwiſchen denen ſich waldbedeckte Kuppen erho⸗ ben; es war der einſamſte, romantiſchſte Theil der Gegend. Die Klippen ragten oft übergebogen hinaus in die See oder ſenkten ſich doch in ſchroffen Abſtürzen hinab; Seevö⸗ gel niſteten in den Felsritzen, Möven und Fiſchreiher um⸗ ſchwärmten die einſamen Gipfel und dunkle, alte Waldung umnachtete die Höhen mit ſchauerlichem Schweigen. Es war der einzige Theil der Küſte, wo auch bisweilen Jagd auf Eidergänſe gemacht wurde, doch waren dieſelben nur ſelten und daher auch die Jäger nicht häufig, ſo daß dieſe Land⸗ ſchaft faſt niemals von Menſchen betreten wurde, obwol ſie dem Anbau der Hauſer nicht entfernt lag. Dahin gingen Helga und William. In Stimmungen wie die ihrige verſagen ſich der überdrängten Bruſt die Wortez ſo wandelten auch die Liebenden faſt ſchweigend ne⸗ ben einander hin und überließen ſich mehr ihren Empfin⸗ dungen, als ſie einen Ausdruck derſelben ſuchten. Aeußere Gegenſtände beachteten ſie wenig, nur daß Helga einmal auf ein Segel deutete und William fragte:„Siehſt Du das Boot unter den Klippen? Dort iſt eine gefährliche Fahrt, wer mag ſich dahin wagen?“ Doch eine Felsſpitze entzog das Fahrzeug, noch indem ſie ſprach, ihren Blicken und bald darauf führte der Pfad ſie in das tiefe Dunkel eines aus Buchen und Schwarztannen gemiſchten Waldes, der bis auf eine der Felsklippen hinanlief, von wo man, beſchattet von den Kronen der alten Bäume, einen weiten Blick über die See und einen ſchwindelnden in die Klüfte hinunter hatte. Es war nicht die höchſte Spitze, ſondern zur Seite ragten noch einige Felſen thurmhoch empor. Schwarze Fichten umklammerten ſie mit ihren Wurzeln; Seeadler kreiſten darüber hin. Der Wind, hier oben im⸗ mer geſchäftig, beugte die Wipfel der einſamen Tannen und zog mit ſchauerlichem Rauſchen durch die Zweige der Buchen. Auf einem mit Moos weichbedeckten Stein nahmen die Liebenden ihren Sitz.„Wenn Du meiner gedenken willſt, Helga,“ ſprach William,„geh' hieher; dieſer einſame Platz war mir von früher Jugend an der liebſte in wehmüthigen Stunden. Oft ſaß ich auch bei Mondenlicht hier, wenn ſich die Schatten dieſer alten Bäume rieſenhaft an den Fel⸗ ſen malten und die Nebel von der See dazwiſchen wie blaſſe Geſpenſter heraufſtiegen. Dann ſchimmerte das Licht vom Leuchtthurm drüben ſo freundlich durch die Nacht; ich wußte, daß Du unweit davon weilteſt, und Deine liebliche Kindes⸗ geſtalt trat wie ein Engel der Unſchuld und des Friedens vor die bewegte Seele. Das hohle Brauſen der See und das Windsgeräuſch ſchlug wol unheimlich an mein Ohr, es weckte aber auch tauſend Ahnungen und Stimmen in der Bruſt, die mich mit einer wunderſamen Seligkeit durch⸗ ſchauerten. Ich ſah Dich größer, ſchöner, holder, ſo wie Du jetzt biſt, und du ſankeſt mir ans Herz und erfüllteſt es mit unausſprechlichem Glück.“ „O wenn ich das könnte, William,“ ſprach Helga be⸗ wegt.„Horch! Was war das? Hörteſt Du nichts? Es klang wie der Ruf eines Menſchen hier zwiſchen den Fel⸗ ſen herauf!“ „Es iſt der Wind, der hier ſo wunderliche Töne hervor⸗ bringt,“ ſprach William.„Ich kenne das!— Alſo, Helga, hieher geh',; wenn Du Muße haſt und an mich gedenken willſt!“ — 251— „D ich werde überall Deiner gedenken,“ ſprach ſie mit herzlichem Ton. „Und ich Deiner!“ erwiderte William.„Doch gibt es ein höher geweihtes, innigeres Gedenken, was nicht immer möglich iſt. Von dieſem rede ich. Du darfſt auch nicht in einſam ſchauerlicher Nacht hieher gehen, ſondern wenn es ſo ſchön iſt, wie heut! Sieh, wie die See ſchon im Abendgolde blinkt! Und der Leuchtthurm ſteht in Flammen von dem rothen Sonnenſtrahl! Jetzt fallen die Schatten der Felſen lang über die Flut. Siehſt Du hier unter uns?“ „Die Tiefe iſt ſchauerlich,“ ſprach Helga und ſchmiegte ſich näher an William. „Wie die Möven flattern, als ob ſie Jemand ſcheuchte,“ bemerkte dieſer und ſah dem Spiel des ſcheuen Geflügels, das den Felſen auf halber Höhe umkreiſte, zu. Indem praſſelte es von rollenden Steinen, die in die Schlucht hin⸗ abſtürzten. Helga bebte zuſammen, die Vögel flatterten ſeewärts. „Was war das?“ fragte ſie ängſtlich aufblickend. „Ein Stein, vom Regen gelockert, wird ſich gelöſt ha⸗ ben,“ erwiderte William ruhig. „Komm zurück, Lieber,“ bat ihn Helga,„der einſame Ort macht mir bang. Ich bin ſo ängſtlich heut! Nein, es iſt die nahe Trennung auf ſo lange Zeit!“ rief ſie plötzlich überwältigt und hing in ſeinen Armen. William umſchloß ſie mit Inbrunſt und bedeckte ihren ſüßen Mund mit Küſſen. Lange hielten ſie ſich umfaßt; da ſchreckten ſie plötzlich auf aus ihrer ſchmerzlichen Verſunkenheit, denn es raſchelte in dem Gebüſch, dicht hinter ihnen und klang wie menſch⸗ licher Fußtritt. Doch bevor ſie ſich umgewendet und dem Blick eine beſtimmte Richtung gegeben hatten, that Helga einen lauten Schrei des Erſchreckens, denn ſie fühlte ſich —— — —j—— — 255— von kräftiger Hand an der Schulter gefaßt und, als ſie den Kopf umwandte, ſtand Rollo vor ihr. Er war bleich, die Kleider zerriſſen, Blut rann ihm von den Wangen und den Händen, ein wildes, trotziges Lachen zuckte über ſein Geſicht. „Ihr ſteht hier ſo ſchön am Abgrunde,“ hub er finſter an, bevor William vor Erſtaunen eine Anrede gefunden hatte,„mit einem Stoß konnte ich Euch Beide in die See ſtürzen— und mich hinterdrein!“ „Rollo!“ ſprach Helga jetzt zuerſt, tief aufathmend, „Rollo, Du hier! Wie kommſt Du hieher?“ „Es wundert mich ſelbſt, daß ich nicht zerſchmettert dort unten liege,“ ſprach er und deutete mit dem Finger in die Tiefe.„Einmal glitt ich aus und wenn ich nicht im Fal⸗ len einen Zweig ergriffen hätte, lag ich unten; ſo hing ich an der linken Hand über dem Abgrund. Und nachher bra⸗ chen die Steine unter mir und rollten in die Tiefe; ich wollte, ich wäre mitgeſtürzt!“ Helga erinnerte ſich jetzt des Lauts, den ſie vernommen, und der herabpraſſelnden Steine; ein Schauer ergriff ſie, da ſie dachte, daß Rollo beide Male in dieſem Augenblick dem Tode nahe geweſen war. Ihr Herz hatte eine ſanfte Neigung zu dem wilden Knaben gefaßt. Sie nahm das Tuch und ohne zu ſprechen wiſchte ſie ihm das Blut von der Wange und den zerriſſenen Händen. William war durch ſo widerſprechende Gefühle aufgeregt, daß er keine Worte finden konnte. „Das thut nicht weh!“ rief Rollo mit ſchmerzlichem Ton, als Helga ſo um ihn beſchäftigt war, und ſeine Stimme wie ſeine Züge drückten es aus, daß er einen andern tiefe⸗ ren Schmerz empfinde. William hatte ſich jetzt gefaßt und wollte ſanft zu dem heftigen Knaben reden. „Du haſt mich ſo in Erſtaunen geſetzt,“ ſprach er, — 256— „durch Dein plötzliches Erſcheinen und durch Dein verſtör⸗ tes Anſehn, daß ich erſt jetzt Worte finde, Dich herzlich zu begrüßen. Doch ſprich, wie kommſt Du an dieſer Fels⸗ mauer herauf, wo Dich der Tod hundertmal hätte ereilen können!“ „Mag er doch! Mein Boot liegt drunten. Ich ſah Euch hier hinaufgehen und ſuchte den nächſten Weg.“ „Rollo,“ ſprach Helga ſanft,„iſt das wol Recht, was Du thuſt? Denkſt Du nicht an Deine arme Mutter, wenn Du Dich in ſolche Gefahr begibſt? Und glaubſt Du nicht, daß wir bitter trauern würden, wenn wir Dich zerſchellt, zerſchmettert zwiſchen den Klippen an der Küſte gefunden hätten?“ Wie ſie ſo milde und herzlich redete, war es, als ob die ſtarren, finſtern Züge des Knaben durch eine Verklärung ſeines Innern ſanft gelöſt und verſchmolzen würden. Eine liebliche Röthe der Scham überzog ſein ſchönes Geſicht, er ſenkte das lockige Haupt und, da Helga ihm tröſtend die Hand reichte, fielen zwei heiße Thränen darauf herab. Wil⸗ liam las klar in der Seele des Knabenz; er hegte ein tiefes Mitgefühl für ihn. „Rollo,“ ſprach er mild,„Du haſſeſt mich; was habe ich Dir gethan? Wir ſind Dir unerſchöpflichen Dank ſchuldig, nur Liebe kann ihn abtragenz; liebe mich wie ei⸗ nen Bruder und Helga wie eine Schweſter!“ Mit dieſen Worten nahm er faſt gewaltſam die Hände des Knaben und zog ihn zu ſich; dieſer weinte krampfhaft heftig an ſei⸗ ner Bruſt.— „Ja, Rollo, ich will Dich wie eine Schweſter liebha⸗ ben,“ ſprach Helga;„ſei nur gut und ruhig! Niemand von uns will Dich ſo kränken, wie Du ſtets argwöhneſt! Reiche mir die Hand, verſprich mir, daß Du ſanft und gut ₰ wr — 257— ſein willſt. William verläßt mich morgen für lange, lange Zeit. Sollte ich mich denn fürchten Dir zu begegnen, wäh⸗ rend er fern iſt?“ Unter dieſen Worten wurde Rollo ruhiger.„Du gehſt fort? Nimm mich mit!“ rief er lebhaft zu William. „Und Deine Mutter?“ fragte dieſer. Da ließ der Knabe die wie zum Empfang des Verſpre⸗ chens dargebotene Hand langſam ſinken und ſagte:„Nein, es geht nicht! Alſo deshalb ſeid Ihr ſo viel bei einander, weil Ihr Euch trennen ſollt?“ fragte Rollo. „Woher weißt Du, daß wir viel beiſammen ſind?“ fiel William ein. „Mein Boot kreuzt ſchon ſeit drei Tagen hier in der Bucht, auf dem Strom, überall wo ich die hellen Fenſter— wo ich die Feuer des Leuchtthurms ſehen kann,“ änderte er die Worte. „Und weshalb landeteſt Du nicht?“ fragte Helga. „O frage mich nichts mehr! Darf ich denn zu Dir kommen, wenn William fort iſt?“ „Du ſollſt ſtets willkommen ſein,“ erwiderte Helga of⸗ fen und gab ihm als Zeichen ihrer redlichen Meinung die Hand. William beſtätigte ihre Worte durch freundliches Zuwinken. Der leichte Anflug von Unruhe, Eiferſucht durfte man es nicht nennen, den er gehabt hatte, war ver⸗ ſchwunden, ſeit, er die Art, wie Helga ihn und wie ſie Rollo liebte, näher kennen gelernt hatte. Die Sonne war untergeſunken; alle Drei gingen hinab. Doch Rollo weigerte ſich feſt mit in Halland's Haus zu kommen, ſondern eilte in ſein Boot. Bald ſahen ſie ſein Segel vom Nachglanz der Abendröthe purpurn angehaucht, durch die duftigen Wellen ziehn. 3 Am folgenden Mittag ſchaute Helga, die mit William, — 258s— John und Halland auf der Zinne des Leuchtthurms ſtand, mit ängſtlichem Blick die Richtung des Stroms aufwärts und ſpähte nach den Segeln, die ſich von dorther blicken ließen. Halland hatte das Fernrohr angelegt.„Ja, das dort iſt es,“ rief er,„ich ſetze meinen Kopf!“ Helga er⸗ blaßte.„Fünf Segel auf, die Hauptſegel, Top, Bogſpriet und Schönfahr! Eine ſtattliche Galeaſſe! Ihr werdet eine gute Fahrt haben!“ Halland ließ ſeiner Rede freien Lauf, während die an⸗ dern Drei ſich ſtillen, wehmüthigen Gefühlen hingaben. Eine Stimme, die von unten herauftönte, weckte ſie aus dieſen Betrachtungen.„Halloh, Herr! Jetzt wird's Zeit! Dort kommt der„William Pitt“ eben um die Stromecke! Nun müſſen wir fort, denn er hat guten Wind!“ Es war der Lootſe, der William an Bord des engliſchen Schiffeere bringen ſollte.„Vater, leb' wohl!“ ſprach er bewegt, nich hoffe, Du ſollſt glückliche Nachrichten von mir haben!“ „Wir wollen Dich auf dem Boot bis ans Schiff gelei⸗ ten,“ erwiderte John. „Ja, wir geleiten Euch,“ fiel Helga ein. Doch William entgegnete:„Nein, Vater, dieſe kurze Ver ängerung des Beiſammenſeins iſt nur eine Verlänge⸗ rung des Schmerzes unſrer Trennung. Dort am Schiff, unter dem Zurufen der Matroſen, gedrängt, übereilt, wie tönnte ich dort einen reinen herzlichen Abſchied von Euch nehmen? Hier, wo ich Alle um mich ſehe, die mir theuer find, wo ich den ganzen Schauplatz meiner glücklichen Ju⸗ hahue überblicke, hier ſagt mir das Lebewohl!“ Damit ſchüttelte er Halland kräftig die Hand, umarmte 4 den Vater noch einmal und zog dann die ſchüchterne, wei⸗ nende und bebende Geliebte, die er hier nicht mit der In⸗ brunſt ſeiner Liebe ans Herz preſſen durfte, ſanft zu ſich, 259— küßte ihr die reine Stirne, die blühenden Lippen und hauchte leiſe:„Ich liebe Dich ewig, Helga!“ Dann wandte er ſich ſchnell um und eilte die Stufen hinab. Die grüßenden Tüͤ⸗ cher auf dem Thurm wehten ihm noch weit im hellen Son⸗ nenglanze nach, als er ſchon auf den Wellen ſchwamm. Der Engländer nahm ihn, da er die Landesſprache wie ein Eingeborner redete, freudig an Bord auf und bald ſah er ſich in hoher See und die Küſte, auf der er ſeine Jugend zugebracht, ſchimmerte hinter ihm nur noch wie ein däm⸗ mernder Wolkenſtreif. Der Abend ſenkte ſich herab; ein Boot, ſchnell wie Vo⸗ gelflug, kreuzte die Wellen; es ſtreifte dicht an„William Pitt“ vorüber. William hörte ſeinen Namen; er blickte auf, es war Rollo, der ſich auf dem flüchtigen Elemente, das ihm die liebſte Heimat war, wiegte.„Lebt wohl,“ rief er an Bord hinauf,„lebt wohl!“ Dabei ſtellte der ſchöne Knabe ſich aufrecht an ſein Steuer und grüßte mit keckem Schifferanſtand, ſo daß er der ganzen Mannſchaft auffiel. William erwiderte den Gruß und rief ihm zu: Beinge meine letzten Grüße, Du weißt, an wen!“ „Ich weiß!“ rief Rollo und die Stimme verwehte im Winde, und vorüber war das leichte Boot an dem mäch⸗ tig ſegelnden Schiff, dem die Wellen hoch die Bruſt um⸗ ſchäumten. Dies war für lange Zeit der letzte heimatliche Laut und Gruß, den William vernahm. ₰ Zwölktes Capitel. Es wurde Vieles anders in Halland's Hauſe, nachdem William fort war. Für Helga ſchlichen die Tage trüb' und gedrückt dahin, zumal da ihr Vater von Zeit zu Zeit ſelt⸗ ſame Anſpielungen machte und 2 Aeußerungen vernehmen ließ, die ſie ängſtigten. Er frazte, ob ſie noch an den fremden Reiſenden gedächte, wie er ihr gefallen habe, lobte ihn als einen würdigen Mann, deſſen Schutz man ſich anvertrauen könne. Zum Erſtenmale deutete Halland mit Beziehungen darauf hin, daß Helga nicht ſeine Tochter ſei, daß ſie vor⸗ nehmere Aeltern beſitze und, wenn künftig Jemand anderes Sorge für ſie tragen und ihm ſeine Mühe vergelten wolle, ſo müſſe man ſich darin ſchicken. Dies Alles, zu der ban⸗ gen Sehnſucht nach William gefügt, nahm ihr ganz die Heiterkeit und das lieblich unbefangene Weſen, das ſie frü⸗ her gehabt hatte. Am glücklichſten war ſie, wenn ſie auf eine kleine Friſt zu dem alten John hinüberkonnte, der die Tage der Einſamkeit in der dem Alter eigenen leichte⸗ ren Ergebung mit dem Unterricht der Kinder und mit dem Anbau ſeines Gärtchens zubrachte. Eines Tages kehrte Helga von einem Beſuch dieſer Art zurück;z es war gegen Abend, die Zeit, wo der Vater es gern ſah, wenn ſie ihm beim Anzünden der Lampen be⸗ hülflich war. Zufällig war ſie durch das Gärtchen und die Hinterthür des Hauſes gegangen und trat durch ein andres Gemach in die Wohnſtube. Halland ſtand vor einem Schrank, den er ſeit einiger Zeit ſehr ſorgfältig verſchloß und wozu er Helga nicht wie ſonſt den Schlüſſel gab. Er hielt ei⸗ nen Brief in der Hand, den er emſig zu leſen ſchien; darü⸗ — 261— ber bemerkte er die Eintretende nicht und, als ſie ihn be⸗ grüßte, ſchreckte er zuſammen, ſteckte den Brief eiligſt fort und war eben ſo eilig bemüht, den Schrank zu verſchließen, in den er Etwas hineinlegte. Zu ihrem Erſtaunen hörte Helga an dem Klingen, daß es Geld ſei, und da ſie, bis⸗ her arglos, den Blick darauf wandte, ſah ſie ganz deutlich Goldſtücke in dem Schubfach ſchimmern, das der Vater ſo haſtig zuſchob. Das fiel ihr wie ein Stein auf's Herz; ſie erſchrak, ohne zu wiſſen warum, ſo heftig, daß ſie es bis in die Knie hinab fühlte und kein Wort zu ſprechen vermochte. Hal⸗ land hätte ihre Verwirrung ohne Zweifel bemerkt, wäre er nicht ſelber durch ihr plötzliches Eintreten ganz verwirrt worden. Und er hatte wol Urſache, denn er fing an ſehr böſe Wege zu gehen, verlockt durch die Gelegenheit und die Kunſt einer übertünchenden Darſtellung der Dinge. Der Brief war von jenem Fremden, der ſeine Rückkehr auf den Herbſt angeſagt hatte. Schon damals hatten einige nicht miszudeutende Worte und ein ſehr reiches Geſchenk, das Halland ſorgfältig verbarg, ihm über die Abſichten dieſes Mannes in Betreff Helga's keine Zweifel gelaſſen. Jetzt ſandte ihm derſelbe wieder eine Summe Geldes und ſchrieb ihm dabei, ſeine Geſchäfte hinderten ihn im Herbſte des BVeges zurückzukommen, es dürfe leicht bis zum Frühjahr oder noch ſpäter währen, er wolle aber, wie er einmal ge⸗ ſagt, für Helga Sorge tragen, wenn der Vater ſie ihm zu übergeben geneigt ſei; deshalb betrachte er ſich von jetzt an ſchon als Denjenigen, der die Ausgaben für ſie tragen müſſe, und ſende Halland dazu eine Summe unter der Bedingung jedoch, daß er die Tochter nicht aus dem Hauſe laſſe und vollends nicht verheirathe, bis zu ſeiner Zurückkunft. Er wolle ſie dann mit nach England nehmen, woher ſie offen⸗ — 262— bar ſtamme, und für die Auffindung ihrer Aeltern ſorgen. Halland konnte ſich leicht denken, daß das Alles nur Vorwände für ihn und ſie waren; indeſſen der Fremde kannte Welt und Menſchen zu gut, um nicht zu wiſſen, daß man eben durch ſolche Vorwände, die man Denjenigen, die Uebles thun wollen, in die Hand gebe, ſie am leichte⸗ ſten gewinne, weil ſie ſich und Andere damit beſchwichtigen. Deshalb fragte er ſich auch ſtets: Handle ich denn unrecht, wenn ich für Mühe und Koſten bei der Erziehung des Mäd⸗ chens jetzt auch eine Entſchädigung annehme? Und mache ich nicht ihr Glück, wenn ich ſie einem reichen, wohlwollen⸗ den Manne überlaſſe, der für ſie ſorgen, ihre wahren Ael⸗ tern aufſuchen will? Ich wäre ja zuletzt noch ſchwer ver⸗ antwortlich, wenn ich das hindern wollte! Mit ſolchen Gründen beruhigte er ſein Gewiſſen; daß er aber im In⸗ nerſten wußte, wie ſträflich er handle und wie er nur der Lockung des Goldes nachgebe, davon war ſein ſorgfältiges Verbergen der Sache vor Helga und das Gefühl der Angſt und Reue, welches ihn bisweilen antrat, der ſicherſte Beweis. Wochen waren vergangen; John und Helga harrten gleich ungeduldig auf einen Brief von William, der aber noch immer ausblieb. Der Herbſt näherte ſich; Helga war verwundert, daß Rollo ſich nicht ein einziges Mal gezeigt habe, da ſie bei ſeinem ſeltſamen Weſen geglaubt hatte, er werde häufig und ſchon in den nächſten Tagen wiederkommen. Die Blätter begannen ſich zu färben, das Laub fiel, die Abende wurden länger, die Seewinde rauher; in Hel⸗ ga's Seele kehrte, was ſie bisher nie gekannt hatte, eine Stimmung der Trauer und Wehmuth ein, die weder die Geſchäfte des Tages, noch die ſtilleren Abende zerſtreuen konnten. Selbſt dieſe nicht, obgleich der alte John faſt — 2065— immer freundlich herüberkam, um ſein Töchterchen zu be⸗ grüßen und mit ihr zu plaudern. Endlich traf ein Brief von William an ſeinen Vater ein. Er meldete zwar noch nichts Näheres über die Ergeb⸗ niſſe ſeiner Reiſe, denn er war erſt einige Tage nach ſei⸗ ner Ankunft in London geſchrieben und nur, weil das Dorf ſo weit abſeits der großen Landſtraße lag und weil er durch Schiffergelegenheit ging, verſpätet angekommen. Doch glaubte William bereits Spuren aufgefunden zu haben, die ihn weiter leiten könnten. Er bat den Vater indeſſen, ihm nicht eher darüber etwas ſchreiben zu dürfen, bis er Ge⸗ wißheit ſtatt der Vermuthungen geben könne. Außerdem berichtete der Brief nur von der Reiſe, von dem Eindruck, den das ungeheure London mit dem Gebrauſe ſeines Ver⸗ kehrs und Völkertreibens auf den im einſamen Schooſe der Natur erwachſenen Jüngling gemacht, und von andern Er⸗ lebniſſen. Zwei Einlagen an Helga bat er den Vater die⸗ ſer ſelbſt zu übergeben; die eine mochte ſie Jedem zeigen, die andre war für ſie allein beſtimmt. Erfreut durch dieſe Botſchaften und durch das Gefühl, der Ueberbringer einer Freude zu ſein, begab ſich John zu ſeinem Nachbar hinauf. Es war die Stunde der Dämmerung; die Septemberſonne hatte ſich ſchon in die Meereswellen verſenkt; violette, mit Streifen glühenden Roths durchzogene Wolkengebirge lagen am Horizont. Der Wind geſtaltete die ſeltſamſten Formen in den Gewölken; zerriſſen, verweht, mit aufwärts ge⸗ krümmten ſcharfen Spitzen zogen ſie ſich über den Himmel hin und erhöhten das ſchauerliche Herbſtgefühl. Helga war ihrem Vater auf den Thurm gefolgt, um ihm wie gewöhnlich beim Anzünden der Lampen behülflich zu ſein. So gewohnt ſie des Schauſpiels war, welches das weit vor ihr ausgebreitete Meer darbot, erfüllte es ſie doch — 264— immer wieder mit dem Gefühl ſeiner ſchaurigen Erhaben⸗ heit. Beſonders aber jetzt, wo es halb in die Glut des Abends getaucht, halb mit düſtrem Grau der Wellen und aufſteigendem Nebel bedeckt, unruhig, Unheil brütend, fin⸗ ſter und blutig aufſchäumend um die Küſten brauſte. Dieſe zackten ſich ſchwarz gegen die lichten Grenzen des Himmels aus; wie Rieſenarme griffen ſie in die Flut hinein; das ſtarre Erdreich ſchien mit der wogenden See zu grollen und beide einander finſter zu beſchauen. „Jetzt kommen die Nächte, wo man dieſe hier braucht,“ ſprach Halland, indem er zu Helga, die in den Anblick und ihre Träume verſunken auf der Gallerie ſtand, hinaus⸗ trat und rückwärts auf die Lampen deutete.„Der Sep⸗ tember hat begonnen. Die Nachtgleichenwinde laſſen ſich ſpüren; mir däucht, wir werden dieſer Tage Sturm be⸗ kommen.“ „Wenn nur kein Unglück geſchieht!“ antwortete Helga. „Unglück für Andre iſt oft Glück für uns; der Strand muß auch geſegnet werden,“ erwiderte Halland roh.„Doch ſieh einmal dort das Boot, das kommt noch gerade zu gu⸗ ter Zeit bis in den Hafen. Ein guter Segler! Aber die Nacht draußen auf dem Meer hätte ihm doch gefährlich werden können. Hm! Ein ſtattliches Schiff. Wird ſich wol hier bergen vor den böſen Windzeichen dort unten. Horch, er geht wahrlich ſchon hohl!“ Ein langes unheimliches Sauſen zog durch die Lüfte; der Herbſtwind bewegte die grauen Flügel und ſtreifte über die See, daß ſie weiß aufſchäumte. Das Boot ſchoß pfeil⸗ ſchnell dem Hafen zu. Der Luftſtrom brauſte rauh um die Thurmſpitze; Helga mußte ſich Tuch und Schürze feſthalten. „Komm herein,“ ſprach Halland,„und geh' hinab; es taugt Dir nicht mehr draußen zu ſein. In einer Stunde komme — 265— ich auch hinunter. Geh nur, Du wirſt den Nachbar John drunten finden; ich ſah ihn ſchon zuvor ins Haus gehn.“ Helga eilte hinab. Sie trat vom herbſtlichen Froſt durchſchauert, blaß und mit trüber Miene ein.„Guten Abend, Vater,“ ſprach ſie freundlich, doch mit dem Aus⸗ druck der Trauer,„was bringt Ihr uns Gutes und Neues?“ „Dir zwei Briefe, Töchterchen,“ erwiderte John und hielt ſie ihr dar. Wie ein verklärender Schimmer überflog das Roth der Freude Helga's Wangen und ſie rief zweifelnd: „von William? Vater, ſprecht, ich bitte Euch, von Wil⸗ liam?“ „Freilich, Töchterchen,“ erwiderte der gutmüthige John und die Freude hauchte auch über ſein von Gram gefurch⸗ tes Antlitz ein heiteres Lächeln;„freilich, von wem ſonſt, da nimm. Der eine iſt für Dich ganz allein.“ „Ach gebt, gebt,“ bat Helga mit liebender Haſt und nahm die Briefe;„o Vater, laßt ſie mich auf meinem Stüb⸗ chen allein leſen!“ John nickte, ſie zündete die Lampe an und eilte mit fliegenden Schritten und vor Ungeduld laut pochendem Herzen hinaus. John blickte ihr nach.„Welch ein liebendes, unſchuldi⸗ ges, kindliches, großes Herz!“ ſprach er im Innerſten be⸗ wegt.„O ja, an dieſer reinen Bruſt wird William ſein Glück finden! Möge ihm der Himmel die köſtliche Gabe bewahren! Möge er ihrer länger, glücklicher genießen als ich, möge er—“ Seine Gedanken wurden von ſeinen Gefühlen überwallt; er ſetzte ſich in den Lehnſeſſel, ſtützte das Haupt in die Hand und eine Thräne glänzte in den grauen Wimpern. Es war ganz ſtill und einſam um ihn her; die Wand⸗ uhr gab das gleichförmige Maß der Ruhe; tiefe, graue Dämmerung lag in dem Gemach; nur von außen ſchim⸗ Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. V. 12 — 266— merten die violett verrauchenden Abendwolken herein. Doch von Zeit zu Zeit ließ der heranziehende Sturm ſeine lan⸗ gen, hohlſauſenden Athemzüge vernehmen und unterbrach damit das noch gedämpfte Grollen der See, die mit zurück⸗ gehaltenem Zorn eintönig gegen die Ufer brandete. „Vater!“ vernahm der in ſeine Erinnerungen tief Ver⸗ ſunkene eine ſanft tönende Stimme; es war Helga, die, die Lampe in der Hand, mit von ſüßem Glück glänzenden Au⸗ gen vor ihm ſtand.„Vater!“ wiederholte ſie und reichte ihm die Hand,„wie lieb hat mich William!“ Sie ſetzte die Lampe auf den Tiſch neben dem Seſſel, ohne John's Hand loszulaſſen. So blieben ſie lange ein⸗ ander mit innigſter Liebe anſchauend und John ſtrich mit der Hand über Helga's Stirn und Wange.„Liebes Kind! Sei recht glücklich! Erhalte Dir der Himmel dieſes Antlitz lange ohne Spuren von der ſcharfen Hand des Kummers! Sie drücken ſich tief ein! Bleibe glücklich!“ „Ach, wenn nur William erſt zurückgekehrt wäre,“ ſprach ſie liſpelnd,„jetzt ängſtigt mich ſo Vieles!“ „Geduld, mein Herz,“ erwiderte John,„er kann ja bald wieder daheim ſein! Setze Dich jetzt zu mir, laß uns recht heiter und glücklich ſchwatzen; ich habe ja auch heut einen frohen Tag und die Abendſonne ſcheint freundlich auf den abblühenden Baum meines Lebens. Setze Dich!“ Sie that es und nahm das Spinnrad. Doch das Ge⸗ ſpräch ſtockte oft, weil das Herz zu überfüllt mit Gedanken war. Helga wollte eben ihr Herz darüber öffnen, daß ſie jetzt nicht mehr das Vertrauen zu ihrem Vater habe, wie früher, daß er ſo oft anders als ſie und hart oder roh denke(es war der Zwieſpalt, der natürlich zwiſchen einer verwahrloſeten und einer veredelten Bildung eintreten und mit den Jahren der Erkenntniß zum Bewußtſein kommen ——— — 262— muß), endlich daß ſie von gewiſſen Geheimniſſen, die er habe, beängſtigt werde: als die Thür ſich öffnete und Hal⸗ land eintrat. „Guten Abend, Nachbar,“ ſprach er,„das wird eine rauhe Nacht. Gebt Achtung, der Wind wird uns ein Lied ſingen; die Wolken hat er zerzauſt, daß ſie wie wildes Ge⸗ ſtrüpp über den Himmel hängen; jetzt fängt er die See ſchon an zu kitzeln. Er wird ſie bald aus ihrem ruhigen Bette jagen. Horcht einmal auf!“ Ein lang gehaltener Ton, der von einem tiefen Grollen bis zum pfeifenden Kreiſchen aufſtieg, zog durch die Lüfte und rauſchte über die klirrenden Fenſterſcheiben. „Es ſtürmt ſchwer,“ ſprach John ernſt. „Faſt wie in der Nacht, wo Ihr hier eintrafet,“ be⸗ merkte Halland. Alle ſchwiegen. Jetzt fing auch die See an ſich ver⸗ nehmlicher hören zu laſſen und ſchlug mit dumpf donnern⸗ dem Hall gegen die ſteilen Ufer. Ein erneuter ſtarker Wind⸗ ſtoß heulte um das Haus und packte es mit wildem Rüt⸗ teln, daß die Thüren raſſelten. So gewohnt ſie ſolcher Abende war, ſchauerte Helga doch zuſammen. Plötlich warf es die Hausthür krachend zu und eben ſo raſch ſprang die Stubenthür auf und eine in einen Mantel verhüllte Ge⸗ ſtalt herein; Helga that einen lauten Schrei und flog von ihrem Seſſel auf. „Grüß' Euch Gott,“ rief eine wohltönende Stimme, „der Sturm ſchleuderte mich faſt herein!“ Es war Rollo, dem die Locken verweht um den Nacken flogen und der jetzt den Mantel wegwarf und freudig auf Helga zueilte.„Rollo!“ rief dieſe und erholte ſich von ih⸗ rem Schreck. Alle hießen ihn willkommen. „Nicht wahr, ich bin lange geblieben?“ fragte er,„aber 12* — 268— nun bleibe ich noch länger hier, bleibe ganz.“ Die Anweſen⸗ den ſahen ſich verwundert an.„Auf dem Eiderholm hält mich kein Anker mehr, ich war die enge Inſel längſt ſatt. Haus und Hof ſind verkauft! Ich wohne nun hier, droben am Berg im Häuschen des Fiſchers Hävenborg, das haben wir zur See beim Fiſchfang abgemacht. Eben ſind wir eingezogen.“ „Seht einmal an!“ rief Halland verwundert,„ein Ein⸗ wohner mehr auf der Weſterſpitze und ein tuchtiger Schif⸗ fer, glaube ich. Das große prächtige Boot, was vor an⸗ derthalb Stunden in den Hafen einlief, gehört alſo Dir?“ Rollo bejahete es. „Und Deine arme Mutter?“ fragte Helga,„haſt Du ſie verlaſſen?“ „Was denkſt Du, Helga,“ antwortete Rollo unwillig; „ſie iſt die Einzige in der Welt, die mich lieb hat! Aber ſie war eben ſchuld! Nun kommt der Herbſt, da wird ſie kränker und kränker und oft kennt ſie ſelbſt mich nicht mehr. Wie ein Geſpenſt wankt ſie im Hauſe herum und ſpricht nicht und verbirgt ſich ſcheu vor Jedermann und jammert einſam leiſe; am beſten iſt ſie noch, wenn ſie ihre alten Lieder ſingt. Nun denkt Euch aber die langen Herbſt⸗ abende, die See nicht mehr zu befahren, ich ganz allein mit ihr und der alten Selgard, keinen Menſchen auf der ganzen Inſel, den ich mag und der mich mag—“ „Wie,“ fiel Helga ein,„Keinen, den Du lieb hätteſt oder er Dich?“ „Nein, jetzt nicht mehr,“ ſprach Rollo trotzig.„Es iſt aus mit Allen! Die Vogeljagd macht mir lange Weile, der See bin ich überdrüſſig und der Menſchen zumal! Hier aber gefällt mir's! Laßt mich doch hier wohnen!“ fuhr er bittend fort.„Ich will Euch ja nichts zu Leide thun! Ihr ſollt immer das Beſte von meinem Fiſchfang haben und — — 269— den Winter hindurch will ich Euch Netze ſtricken und Ge⸗ räthe ſchnitzen. Auch Bücher weiß ich zu leſen, die Mut— ter hat mir's gelehrt, als ſie noch nicht ſo krank war; ich mag ſie zwar nicht und mir iſt das Leben auf Meer und Felſen lieber als das Sitzen in der Stube. Wennss aber zum Winter geht, ſoll's mich doch freuen mit Dir, Helga!“ Der neue Gaſt, der ſich ſo offen und ehrlich mit Allem, was er wollte und nicht wollte, kundgab, wurde nochmals willkommen geheißen. Es war unmöglich, dem ſchönen, red⸗ lichen Trotzkopf jemals böſe zu werden, ſo ungeſtüm er ſich auch oft gezeigt hatte. Nur Helga fuͤhlte ſich ein wenig beunruhigt, beſchloß aber, ihn gleich von vornherein zum Guten zu ſtimmen. Sie war daher ſehr freundlich zu ihm und während John mit Halland im Geſpräch war und ihm von William's Brief erzählte, wandte ſie ſich zu Rollo und ſprach leiſe:„Du ſollſt mir ſehr willkommen ſein hier, lie⸗ ber Rollo, ich will mein Verſprechen halten, Dich wie eine Schweſter lieben. Sei aber Du auch gut und freundlich; laß Dich's nicht kränken, daß ich William auch in der Ferne ſo innig liebe, als ob er hier wäre. Er war mir ja Leh⸗ rer und Freund, ehe ich Dich kannte. Reich mir die Hand, Rollo, daß Du gut ſein willſt!“ „Ich will Dir Alles zu Liebe thun, Helga,“ ſprach er leiſe,„meine Füße wund laufen, meine Hände blutig arbei⸗ ten, bleib' aber Du auch freundlich zu mir und ſei meine Schweſter.“ „Das bin ich,“ lächelte ſie ihm zu und drückte ſeine Hand. Jetzt wurde der Knabe froh; flog auch noch bisweilen ein Wolkenſchatten des Unmuths über ſeine edle Stirn, ein Blick Helga's verſcheuchte ihn ſchnell. Draußen raſten Sturm und See 36ber in dem kleinen Gemach war es traulich und — 270— hold. John ſprach väterlich belehrend, Rollo erzählte mit allem Feuer der Jugend von den Abenteuern und Gefah⸗ ren, die er ſchon beſtanden in ſo junger Zeit. Um Alle ſchlang ſich ein Band der Liebe.„Ich wollte, Du wäreſt mein Vater,“ ſprach Rollo zu John, deſſen freundliche Milde volle Herrſchaft über ihn gewonnen hatte;„Dir würde ich immer gehorſam ſein!“ „Ich will Dir das Gute nicht befehlen, ſondern rathen,“ erwiderte John lächelnd,„beſuche mich oft in meiner Hütte, ſo will ich Dir auch manches Nützliche lehren!“ Rollo's Augen leuchteten. Endlich ſchlug die Stunde der Trennung. Der Sturm ſchüttelte das Haus, das Meer donnerte gegen den Boden, daß er erbebte; kein freundliches Geleit für die Heimkehren⸗ den! Doch die Elemente haben Denen nichts an, die den Frieden des Guten im Herzen tragen. John, Rollo und Helga ſchlummerten ſüß, wenn gleich von vielen Traumge⸗ ſtalten umſchwebt. Dreizehntes Capitel. Die rauher werdenden Herbſttage verſtrichen in dieſem wohlthuenden Beiſammenſein. Rollo blieb zwar leidenſchaft⸗ lich, aufgeregt, wurde oft ungeſtüm, doch Helga lernte es, ihn mit einem Blick, einem Wort zu lenken. Es war ei⸗ genthümlich, wie der Zauber ihrer Lieblichkeit und Sanft⸗ muth wirkte; denn nicht nur daß ſie die Einzige war, die den wilden Knaben zu frommem Gehorchen brachte, ſo war — — 29— ſie es auch von allen Bewohnern des Oertchens allein, welche ſich Rollo's Mutter nähern durfte, die ſich vor jedem An⸗ dern ſcheu verbarg. Dieſelbe galt daher allgemein für völ⸗ lig irren Geiſtes; doch Helga ſprach oft:„Nein, ſie iſt nicht irre; nur eine tiefe, tödtliche Trauer umſchleiert oft ihren hellen, weiblich ſanften Sinn. Dann treten finſtere Stun⸗ den ein; aber dazwiſchen, glaubt mir, iſt ſie ſo gut und verſtändig, beſſer als wir Alle. Rollo ſagt aber auch, ſie ſei nur zu mir ſo; ja ſelbſt gegen ihn ſcheine ſie ihm nicht ſo herzlich vertrauend wie zu mir. Ach, ich habe ſie auch ſo lieb!“ Mit Verlangen ſah John ferneren Briefen von Wil⸗ liam entgegen; ſie trafen endlich ein, brachten aber nicht ganz die erwünſchten Nachrichten, ſondern miſchten zu ge⸗ ringen Hoffnungen, die ſie erregten, neue Prüfungen.„Von Deiner unglücklichen Schweſter, beſter Vater,“ ſo ſchrieb er, „iſt es mir unmöglich geweſen, irgend eine Spur zu ent⸗ decken. Ihre Rente hatte ſie, wie ſich aus den Büchern der Geſellſchaft ergibt, ſchon um die Zeit ihres Verſchwin⸗ dens aufgegeben und mit einem nicht unbedeutenden Verluſt das Kapital wieder dagegen eingetauſcht. Nach Ralph habe ich geforſcht. Seit vielen Jahren hat er den Wohnſitz in London aufgegeben, iſt lange in Indien, lange in Amerika geweſen; vor Kurzem iſt er öfters, aber nur auf flüchtigen Durchreiſen, hier geſehen worden. Man flüſtert, er habe wegen einer unredlichen Spekulation, wobei er jedoch viel gewonnen haben ſoll, ſich aus Indien geflüchtet, um einer Unterſuchung auszuweichen, und könne auch in England nicht bleiben. So viel glaubt man zu wiſſen, daß er hier Agenten habe, die ſeine Gelder in der Stille aus allen Verbindungen, in denen er ſtand, herauszuziehen und ihm zuzuſenden beauftragt ſind. Vielleicht gelänge es mir durch „* — 272— weitere Forſchungen etwas Beſtimmtes über ihn zu ermit⸗ teln, allein für den Augenblick kann ich dieſe nicht fort⸗ ſetzen, ſondern muß mich nach Newyork einſchiffen. Ge⸗ ſtatte es mir, mein Vater, Dir über die Gründe dazu jetzt noch nichts Näheres anzugeben. Dir wird es ganz begreif⸗ lich erſcheinen, daß ich den Wohnort meines Großvaters beſuche, um nähere Auskunſt über ihn zu erhalten. In wenigen Monaten kann ich Dir vielleicht nicht nur dieſe geben, ſondern auch ſchon meine Rückkehr mit, ſo hoffe ich, glücklichen Nebenumſtänden melden. Sei nicht in Sorge wegen meiner Geldmittel; ich bin ſparſam und ſie reichen aus, weil ich es übernommen habe für einige Kaufleute, die ich hier kennen gelernt, Aufträge in Amerika zu beſor⸗ gen, deren Proviſion meine Reiſe faſt bezahlt macht.“— Der übrige Theil des Briefes war nur der des Sohnes zum Vater; und eine Einlage an Helga enthielt für dieſe ſo viel ſüßes Weh, daß man mehre Tage nicht wiſſen konnte, ob Freude oder Schmerz ihren blauen Augen den feucht glänzenden Silberblick gaben, der oft, wenn ſie ſich unbelauſcht glaubte, darüber hinflog. So gingen auch die Wintermonate vorüber. So rauh die Stürme waren, ſo nackt und kahl die Küſte, im tiefen Schnee begraben, ſtarrte, ſo ſchwarz die Felſen und düſtern Tannenwäaͤlder ſich thürmten und trotzig auf die finſtergrol⸗ lende See hinabſchauten, dem freundlichen Stern des Leucht⸗ thurms nahe, verfloß manch traulicher Abend. Es war ein anmuthiges Bild, wenn John mit ſeinen tiefgefurchten, aber doch ſtill⸗friedlichen Zügen im Lehnſeſſel zunächſt dem Ofen ſaß und vorlas, während Helga am Spinnrade die weißen Hände fleißig bewegte und Rollo, von Streifzügen in die Felſen zur Eiderjagd heimgekehrt, mit ſeinen von Jugend und Winterluft gerötheten Wangen ſich zu ihr ſetzte und . — 273— ſeine Fiſchernetze mit anmuthigem Geſchick ſtrickte. Die alte Schweſter Halland's pflegte dann hinter dem Ofen einzu⸗ nicken und Halland ſelbſt war oft, in finſtern Gedanken grübelnd, nicht ſo aufmerkſam, wie er ſonſt pflegte. Es war der unruhige Keim des Böſen, das Sinnen über ſträf⸗ liche That, wodurch er gequält wurde, während alle Uebri⸗ gen bei manchem wirklichen Leid den köſtlichen Frieden des Bewußtſeins genoſſen. Manchen Abend brachte Helga aber auch in Rollo's Hauſe bei ſeiner Mutter zu; doch kränklich wie dieſe war, pflegte ſie fruͤh zur Ruhe zu gehen, henn nur vor Mitter⸗ nacht genoß ſie eines geſunden Schlafs, mit jeder Stunde ſpäter wurde er unruhiger. Daher trat ſelten ein Tag ein, wo der trauliche Verein in Halland's Wohnung, ie im Winter bei ſtockender Schifffahrt kaum dann und wann am Tage einen Gaſt ſah, geſchweige Abends, nicht wergſtens auf einige Stunden beiſammen geweſen wäre. 4 Der März nahte heran; Halland hatte inzwiſchen mehr⸗ mals Briefe bekommen, die er geheim hielt. Helga würde davon nicht beunruhigt worden ſein, wenn nicht einige Aeu⸗ ßerungen, die er hinwarf, es außer Zweifel geſetzt hätten, daß er noch mit jenem Fremden in Verbindung ſtand, und wenn er ſelbſt nicht ſeine Unruhe und innere Aufregung durch vielfache Zeichen bekundet hätte. Er war, was er ſonſt nie geweſen, häufig finſter, brütend, unwillig; er äu⸗ ßerte ſich, obwol er über funfzig Jahre zufrieden gelebt, oft mismuthig über ſeine Lage, ſein mühſeliges Amt und ſpär⸗ liches Einkommen. Auch ſchalt und grollte er nicht ſelten ohne alle Urſache, beſonders auf Helga. Wenn dieſe durch verdoppelte Freundlichkeit ſeinen Unmuth zu verſcheuchen ſuchte, dann war es bisweilen, als werde er in ſeiner ro⸗ hen Weiſe gerührt und reuig; doch er vermochte nicht, dies 12** — a— frei zu bekennen, ſondern ging nur erzürnt auf ſich ſelbſt hinaus und ließ ſich mehre Stunden lang nicht blicken. Helga ertrug das ſtill, ohne Jemand in ihr Vertrauen zu ziehen, was ſie um ſo weniger wagte, da ſie ſelbſt nur von unbeſtimmten Sorgen geängſtigt wurde. In dieſer Zeit kam John eines Abends wie gewöhnlich in das Gaſtzimmer Halland's und ſetzte ſich zu Helga an den Tiſch, die nebſt ihrer Baſe damit beſchäftigt war, einige Vorräthe auszupacken, die in einer Kiſte aus der nächſten Stadt gekommen waren. Halland war oben auf dem Leucht⸗ thurm und auch ſonſt Niemand zugegen. John nahm ein halb durchgeriſſenes Zeitungsblatt, in welchem etwas einge⸗ wickelt geweſen war, in die Hand und warf einen gleich⸗ gültigen Blick darauf. Plötzlich wurde er aufmerkſamer, las mit ſichtlich geſpannten Zügen, wechſelte die Farbe und zitterte. Helga hatte ſeine Bewegung bemerkt und wollte ſoeben fragen, was ihm fehle, als er ihr zuvorkam und ſie fragte, ob ſie ihm die andere Hälfte des Blattes nicht ge⸗ ben könne. Sie betrachtete das, welches John in der Hand hielt, und ſuchte, unter den mancherlei Papieren, in welche die Gegenſtände aus der Kiſte gewickelt waren, nach, fand jedoch nichts. John wollte gern wiſſen, welch eine Zeitung er leſe und von welchem Datum ſie ſei. Da ſich die Er⸗ gänzung nicht fand, las er aufmerkſam das Blatt weiter, um aus anderen Merkmalen den Druckort und das Alter deſſelben zu erſehen. Aus den Nachrichten, die es enthielt, und aus mehren Datumsangaben konnte er erſehen, daß es zu einer norddeutſchen Zeitung gehöre und etwa drei Jahre alt ſein müſſe. Die Nachricht, welche ihn ſo in Aufregung gebracht hatte, lautete ſo: „In einer engliſchen Zeitung finden wir folgende merkwürdige Anzeige, deren Verbreitung auf dem Con⸗ — 275— tinent vielleicht ihrem Zweck entſprechen könnte: An meine Kinder. Die Zeit verwiſcht, verſöhnt und heilt. Sie hat die Erinnerung an Euern Fehler verwiſcht, meinen Zorn darüber verſöhnt, meinen Schmerz über Eure That geheilt. Ich werde alt, neige mich dem Grabe zu, möchte nicht gern einſam ſterben. E...... und J... St...... d, die Nachforſchungen, welche ich ſchon längſt im Stillen nach Euerm Aufenthalt angeſtellt habe, ſind vergeblich geweſen. Wohin Ihr Euch nach Eurer Flucht aus Lon⸗ don vor dreizehn Jahren begeben habt, habe ich nicht er⸗ mitteln können, Seid Ihr noch am Leben, ſo gebt mir Nachricht, oder kommt lieber ſogleich nach N.. B... in Eures Vaters Arme zurück, der Euch von Herzen ver⸗ geben und ſeinen Reichthum mit Euch theilen will. Euer H.. B...n.“ „Den betreffenden Perſonen kann dieſe Anzeige, ſo⸗ bald ſie ſie leſen, nicht undeutlich ſein. Sie haben ſich nur an mich zu wenden, um ſogleich nähere Auskunft und ſobald ſie ſich als die Bezeichneten erweiſen, jede Art der Unterſtützung zu erwarten, die ſie zur Ausfüh⸗ rung obiger Pläne etwa bedürfen. James Darlington, Advokat zu London.“ Es konnte bei John kein Zweifel obwalten, wer ge⸗ meint ſei. Doch über drei Jahre waren verſtrichen, ohne daß er Kenntniß von dieſer offenbar von Sir Henry Burton herrüh⸗ renden Auffoderung erhalten hatte. Derſelbe mußte ſehr alt ſein, er hatte die Annäherung des Todes gefühlt, war er noch am Leben?— Seine Tochter wiederzuſehen, war es zu ſpät. Würde er John allein, den faſt zum Greiſe Gewordenen, Kränklichen, Lebensmüden, als Sohn in ſeine Arme aufgenommen haben? Aber William, ſein Enkel, jetzt durchfuhr es John mit dem Blitz der Ahnung. Zu⸗ — 276— verläſſig hatte William Kenntniß von der Anzeige erhalten und war deshalb nach Newyork gegangen! Gewiß hatte ihm Burton's Bevollmächtigter, Darlington, die Mittel dazu gegeben, und nur um dem Vater nicht eine vielleicht vergebliche Spannung zu erregen, hatte er die Mittheilung näherer Umſtände unterlaſſen. Das waren die Gedanken in John's Seele, der das Blatt ſorgfältig zu ſich ſteckte, doch über Das, was er jetzt thun ſolle, noch nicht mit ſich einig werden konnte. Jeden⸗ falls ſchien es ihm unerläßlich an den Advokaten Darling⸗ ton zu ſchreiben. Seine Seele war im Innerſten erſchüttert; die Bilder ſeines Lebens traten aus den Nebeln der Vergangenheit mit friſchen Farben hervor, ſie zogen ihn noch einmal zurück auf die unruhvolle Bahn, die er ſeit langer Zeit verlaſſen. Ach, das Glück, nach welchem er damals auf derſelben ſtrebte, war heut keins mehr für ihn; doch er dachte an Helga, an William und Freudenthränen traten in ſein er⸗ loſchenes Auge, über dieſen warmen Abendſonnenblick des Schickſals auf den ſinkenden Tag ſeines Lebens. Ein Brief nach London ließ ſich jetzt ſchon wieder leich⸗ ter befördern; die Schifffahrt war bereits ſeit einigen Wo⸗ chen wieder eröffnet und obwol die Aequinoctialſtürme eben jetzt eine unruhige Zeit bereiteten, war John doch ſicher, daß in den nächſten Tagen ein Schiff nach England durch⸗ gehn und vielleicht ſogar ſich vor Anker legen werde. Doch ſchon am nächſten Morgen brachte ihm Helga ſelbſt mit freudig glühenden Wangen einen Brief von Wil⸗ liam. Ein beſonderer Bote hatte von der nächſten Station einen Brief an Halland gebracht, der offenbar von jenem Fremden herrührte. Durch dieſe Gelegenheit war auch Wil⸗ liam's Brief gekommen und bei Halland abgegeben worden. — 277— Mit klopfendem Herzen öffnete ihn John; er ahnte, daß er etwas Wichtiges leſen werde, denn der Brief war aus London, mithin mußte William aus Amerika zurückgekehrt ſein. Dieſer ſchrieb: „Theurer Vater! Noch iſt mir Alles wie ein Traum! Soeben kehre ich aus Amerika zurück und übermorgen. hoffe ich mich auf der Kauffahrtei⸗Fregatte„Georg der Dritte“ einzu⸗ ſchiffen; dann kann ich bei günſtigem Winde binnen drei Tagen die Feuer unſres Leuchtthurms ſehen! Vater, ich kehre mit glücklichen Botſchaften wieder! Ich war in Newyork, am Sterbebette meines Großvaters; ich bringe Dir ſeine Vergebung, meiner Mutter den Segen des ſterbenden Vaters für das Grab ſeiner Tochter und mir alle Mittel, Dir ein behagliches Alter zu gründen, meiner theuren Helga ihren Lebenspfad mit den heiter⸗ ſten Gaben zu ſchmücken. Der Großvater hat mich zum Erben eingeſetzt, ich kehre reich, ſehr reich an Gold, aber noch unendlich reicher an Glück wieder. Denn das ſchönſte Ergebniß meiner Reiſe melde ich Dir jetzt erſt. Auch von Deiner Schweſter, mein theurer Vater, habe ich Spu⸗ ren gefunden, Spuren, die vielleicht die wunderbar⸗ ſten Verkettungen der Geſchicke ans Licht bringen. Mir iſt dieſes Vielleicht faſt ſchon unbedingte Gewißheit, doch laß mich mit der Enthüllung dieſer Geheimniſſe zögern, bis ich ſelbſt zurückgekehrt bin; denn noch einen Zeu⸗ gen muß ich hören, bis ich ſprechen kann:„Es iſt ſo, ſie iſt gefunden!“— Nicht die tauſendfältigen Geſchäfte allein, mein theurer Vater, die ich jetzt noch zu beſor⸗ gen habe, ſondern auch die Eile, mit der dieſer Brief fort muß, um das Packetboot nicht zu verſäumen, zwin⸗ gen mich hier zu ſchließen. Nur ſo iſt es möglich, daß — 278— er früher zu Dir kommt als ich; und ich habe nicht ein⸗ mal die Rückkehr meines Boten, den ich, um Eure wäh⸗ rend meiner Abweſenheit etwa eingetroffenen Briefe ab⸗ zuholen, auf die Poſt geſendet habe, abwarten können. So bin ich denn ſeit länger als vier Monaten ohne Nach⸗ richt von Euch, hoffe aber zu Gott, daß er Denen, die er ſo großer Freude aufſpart, auch die friſche Lebens⸗ kraft, ſie zu genießen, erhalten haben werde. Tauſend Grüße meiner Helga. Dein William.“ John zitterte vor Freude, nein, vor Wehmuth, Erinne⸗ rung, Hoffnung, Liebe, Glück, Schmerz, denn in allen die⸗ ſen Empfindungen wogte ſeine Seele auf und nieder. Thrä⸗ nen drangen in ſein Auge; ein heiliges Gefühl überwältigte ihn.„Meine Tochter,“ ſprach er zu der erwartungsvoll vor ihm ſtehenden Helga,„laß uns zu dem himmliſchen Vater beten, ſeine Güte iſt unerſchöpflich!“ Er ſenkte die wan⸗ kenden Knie und die fromme Helga kniete an ſeiner Seite; ein Gebet ohne Worte, doch dem Herzen des Ewigen das nächſte, entquoll ihrer Bruſt. Erſt nach langer Pauſe wagte Helga die Frage:„Was ſchreibt Dir William?“ John ſchwieg einen Augenblick, dann betrachtete er den Brief, verglich das Datum und rief: „William kommt, vielleicht ſchon recht bald!“ „Recht bald?“ rief Helga und flog an John's Hals, „o ſagt mir wann? Laßt mich ſeinen Brief ſehen, lieber Vater!“ bat ſie ſchmeichelnd. „Glaube diesmal nur mir,“ erwiderte John freundlich und hielt den Brief zurück, denn er wollte ſie Das noch nicht wiſſen laſſen, was William von ſeinen Verhältniſſen geſchrieben hatte, damit dieſem ſelbſt die Freude der Ueber⸗ raſchung würde; ſich ſelbſt ſparte er es auf, Helga durch — 279— William's unvermuthete Ankunft zu überraſchen, da es dem Briefe nach möglich war, daß er noch heute komme. So vermochte denn auch das freundliche Koſen des Mädchens nichts über ihn, ſondern er blieb bei ſeinem lächelnden Nein und ließ ſie ſogar noch das Verſchweigen der ganzen Nach⸗ richt verſprechen; ſie beruhigte ſich endlich dabei, gewiß, daß John ſie über William's baldiges Kommen nicht täuſche. Voll von dieſer Nachricht eilte ſie nach Haus zurück. Vor der Thür ſtand ein Wagen mit Poſtpferden; es durch⸗ flog ſie ein halb freudiger, halb ernſter Schreck, denn je⸗ der Reiſende konnte ja auch William ſein. Doch bedachte ſie bald wieder, daß dieſer wol ſchwerlich vor einer andern Thür als der ſeines Vaters halten werde. Indeſſen beflü⸗ gelte ſie ihre Schritte und trat faſt außer Athem ins Gaſt⸗ zimmer. Ein unwillkürlicher Ausruf des Erſchreckens über⸗ raſchte ſie, als ſie jenen Fremden vor ſich ſah, mit dem Halland ſeinen geheimnißvollen Verkehr trieb. Mit ſeinem unheimlichen Lächeln begrüßte er das be⸗ ſtürzte Mädchen.„Kennſt Du mich noch, meine Kleine?“ fragte er;„wahrhaftig, Du haſt Dich recht hübſch ausge⸗ wachſen! Biſt Du noch immer ſo ſpröde?“ Auf Helga's Wangen wechſelten Röthe und Bläſſe; ſie vermochte nichts zu antworten. Endlich fragte ſie verwirrt, was dem Herrn zu Befehl ſtehe. „Ein Zimmer, mein Kind, daſſelbe, was ich letzthin be⸗ wohnte, ich werde vielleicht die Nacht bleiben, denn ich will die Ankunft eines Schiffes erwarten, an deſſen Bord ich muß.“ Helga eilte auf dieſe Antwort ſogleich hinaus, um das Nöthige zu beſorgen, damit ſie nur ſchneller aus dem Be⸗ reich des Fremden komme. Dieſer bekümmerte ſich auch weiter nicht viel um ſie, ſondern begab ſich auf ſein Zim⸗ mer, wo er ſich mit Schreiben beſchäftigte; Halland kam * — 280— im Lauf des Vormittags zweimal zu ihm, doch ſchien es, als habe er nur Briefe zur Beſtellung erhalten, denn er fertigte jedesmal darauf einen Boten damit nach verſchiede⸗ nen Orten ab. So verſtrich der Vormittag. Nachmittags ſtand Helga, deren Herz in freudiger Bewegung ſchlug, am Fenſter und ſah über die See hinaus; ſie lag grau und bewegte ſich in regelmäßigen, aber ſchweren Wellen. In den Wolken zeig⸗ ten ſich Windſtreifen; die Segel der Fiſcherkahne waren alle einwärts gerichtet. Auch Rollo lief eben mit ſeinem Boot in den Hafen ein. Wenige Minuten darauf ſtand er vor Helga, die ſein Kommen nicht bemerkt hatte, am Fenſter. Er pochte an; ſie, deren Blicke auf dem fernen Rande der See weilten, ſchreckte zuſammen, doch wurde ſie ſogleich freundlich, als ſie den ſchönen, wilden Knaben in ſeinen ſchwarzgrauen faltigen Regenmantel gehüllt vor ſich ſah. Auch dieſe Tracht ſtand ihm wohl und ſein Lockenhaupt auf dem ſchlanken, freien Nacken erhob ſich trotzig keck aus dem weiten Gewande. „Grüß' Dich Gott, Helga,“ begann er;„heut Nacht werdet Ihr's wieder unruhig haben. Es zieht ein ſchwerer Sturm herauf, ſo viel ich die Wetterzeichen kenne, wenn er auch langſam kommt. Um Mitternacht denke ich, wer⸗ den wir ihn ſpüren. Darum bin ich herangekommen, denn Eure Küſte hier kenne ich doch noch nicht ſo genau wie meinen Eiderholm.“ Rollo ahnte nicht, mit welcher Beſorgniß er Helga's Bruſt durch dieſe Worte erfüllte; ſie dachte an William, der vielleicht ſchon auf dem Meere ſein möchte, und aus dem Innerſten ihres Herzens ſandte ſie ein Gebet zum Himmel für ihn.„Kommſt Du heut Abend?“ fragte ſie und wünſchte ſehr ein Ja zu hören, denn ſeit Rollo täglich — 281— um ſie war, hatte er jene Heftigkeit ſeiner auf William ei⸗ ferſüchtigen, von ihm ſelbſt kaum verſtandenen Leidenſchaft abgelegt und hielt den Vertrag eines brüderlichen Verhält⸗ niſſes mit aller Treue. „Nein, Helga, heute nicht,“ erwiderte er:„ich weiß, die Mutter wird ſehr krank und unruhig ſein; ich kenne ſie bei ſolchem Wetter. Deshalb wollte ich Dir jetzt guten Abend wünſchen.“ Sie reichten ſich die Hände; Rollo ging. Es wurde dunkel. Halland, der den Nachmittag gegen ſeine Gewohnheit lange ausgegangen war, kehrte zurück, zündete die Lampen auf dem Leuchtthurm an und kam dann hinunter. Er ging zu dem Fremden auf's Zimmer, blieb eine Zeitlang oben und ſchickte dann den Hausknecht mit einem Briefe nach der nächſten Poſt fort, von wo derſelbe vor Mitternacht nicht zurück ſein konnte. Niemand war jetzt im Hauſe als die alte Baſe, welche ſeit drei Tagen kränkelte, und eine Magd. Auch kein Gaſt ſtellte ſich ein. Helga blieb daher ganz einſam und horchte ängſtlich auf den ziehenden Wind und den einförmigen Schlag der Wand⸗ uhr. Ihr Vater war länger auf dem Leuchtthurm als ge⸗ wöhnlich um dieſe Zeit; auch John, nach dem ſie ſich ſo ſehr ſehnte, kam nicht. Der Fremde oben in ſeinem Zim⸗ mer ging auf und ab; ſie hörte jeden ſeiner Schritte. Eine Bangigkeit, die ſie ſich nicht zu erklären wußte, überkam ſie; die höchſte Freude, William's Rückkehr, war ihr nahe, doch nur traurige und beklemmende Gedanken füllten ihre Bruſt. Sie war ſo ganz allein; eine Furcht, die ſie nie gekannt hatte, überfiel ſie. Sie wollte zu der alten Baſe gehen, ſich an deren Bett ſetzen, doch dieſe ſchlief. Die Magd mußte ſich auch entfernt haben, denn ſie war nicht in der Küche und im Hofe nicht zu errufen. — 282— „Wenn doch Vater John käme!“ dachte Helga. Da glaubte ſie die Hausthür ſich leiſe öffnen zu hören und er⸗ wartete jeden Augenblick, auch die Stubenthür werde ſich aufthun und der freundliche Greis eintreten. Doch verge⸗ bens. Plötzlich kam es ihr vor, als würden die Schritte des Fremden über ihr leiſer, unregelmäßiger; bald unter⸗ ſchied ſie deutlich zwei Gehende. Eine angſtvolle Ahnung, dieſe Warnungsſtimme Derer, die nicht ſchuldig genug ſind, um fremde Schuld zu durchſchauen, überfiel ſie. Ein dunk⸗ ler Trieb führte ſie hinauf an die Thür des Gaſtes. Auf den Zehen ſchlich ſie näher und blieb zitternd ſtehen, als ſie ſchon auf dem Gange Halland's Stimme erkannte, der mit dem Fremden im lebhaften Geſpräch war.„Ihr ſeid ein Thor!“ ſprach dieſer,„bedenkt die Summe und laßt Eure andern Bedenklichkeiten. Was habt Ihr Euch vor⸗ zuwerfen? Ihr habt ſiebzehn Jahre für das Mädchen ge⸗ ſorgt, jetzt iſt die Zeit, wo ſie das vergelten kann, und nun will ich die Sorge übernehmen.“ „Ich weiß gewiß, ſie wird nicht fortwollen,“ antwortete Halland mit unentſchloſſenem Ton. Dieſe Worte warfen ein eiſiges Erſtarren in Helga's Bruſt. Mit angehaltenem Athem und vor Schreck faſt ge⸗ lähmten Knien wankte ſie leiſe näher und blieb an der Thür ſtehen. „Sie wird ſchon,“ erwiderte der Fremde.„Wir erzäh⸗ len ihr die Fabel von ihrer Geburt, ihrer geretteten Mut⸗ ter, zu der ich ſie bringen will, von dem Reichthum ihrer Aeltern, von— weiß der Teufel was ſonſt noch, aber ich werde ſchon ſprechen. Glaubt Ihr, ich hätte nicht ganz andre Mädchen als ſie zu überreden gewußt? Laßt das meine Sorge ſein. Und will ſie nicht, nun dann gebraucht Euer Anſehn und ſie wird gehorchen!“ — 283— „Wenn ich nur wüßte, daß es ihr gut ginge,“ ſprach Halland unentſchloſſen. „Wie könnt Ihr zweifeln! Wenn ich ſo viel Geld gebe für das Mädchen, werde ich ſie, die ich liebhaben will wie meinen Augapfel, kümmerlich halten? Sie ſoll in Sammt und Seide gehn, wie eine Prinzeſſin! Sie wird im erſten Augenblick weinen, das kenne ich ſchon an den Mädchen. Aengſtlichkeit, Verſtellung— Kindereien! Aber wartet nur ihren erſten Brief ab! Doch nun zum Ent⸗ ſchluß! In dieſer Nacht, wo möglich in dieſer Stunde, müſſen wir fort, denn ſonſt könnten wir den„Georg den Dritten“ verfehlen, trotz der Laternen, die der Capitain aushängen will, wie er mir ſchreibt. Aber auf das Schiff muß ich, denn daran hängt mein ganzes Vermögen. Sind die Schiffsleute beſtellt?“ „Ja.“ „Und willig und verſchwiegen? Ihr habt doch Jedem funfzig Dukaten verſprochen, wenn ſie vernünftig ſind und im Nothfall helfen?“ „Ja,“ ſeufzte Halland mehr als er ſprach. „Nun ſo eilt, laßt das Boot in Stand ſetzen und die Sachen abholen. Helga braucht auch nicht einen Strumpf mitzunehmen, denn wie geſagt, in dem Koffer dort iſt Al⸗ les, was ſie nöthig hat. Als eine Dame von Stande könnte ſie auch von ihren bisherigen Kleidern nichts gebrauchen!“ Bis dahin hatte ſich Helga mühſam auf den Füßen er⸗ halten, jeder Entſchluß war durch den plötzlichen Schrecken in ihr gelähmt. Jetzt fühlte ſie, daß es zu handeln gelte, daß ſie nur wenige Augenblicke für ſich habe. Leiſe, aber mit der Schnelligkeit des Rehes, flog ſie Gang und Stu⸗ fen hinab in das Gaſtzimmer. Ein dunkler Trieb ſagte ihr, daß Flucht für jetzt das Beſte ſei; ſie warf alſo, ohne — 284— einen Augenblick zu verlieren, ihren Mantel um und ver⸗ ließ, ſo rauh die Nacht war, das Haus. Zu John zu ei⸗ len, dieſem Alles zu entdecken, ſeinen Rath, ſeine Hülfe anzuſprechen, war ihr erſter Gedanke. Mehr haſtig lau⸗ fend, als gehend, mit dem ſtärker gewordenen Winde käm⸗ pfend, erreichte ſie athemlos ſein Häuschen. Sie fand die Thür verſchloſſen; ſeltſam und ungewöhnlich! Sie klopfte, Niemand öffnete; ſie umkreiſte das Haus und pochte an die Läden, Alles wie erſtorben darin! Ein ſtarrer Schrecken lähmte ihre Glieder, es durchfuhr ſie der Gedanke, daß John vielleicht um Das wiſſe, was man gegen ſie unterneh⸗ men wolle, und einverſtanden ſei; doch ſie verwarf ihn un⸗ willig. Und mit Recht, denn nur deswegen fand ſie das Haus leer, weil John mit zwei Lootſen auf einem Boot in See gegangen war, um„Georg dem Dritten,“ auf welchem William nach der Berechnung aus dem Stande des Windes ſchon dieſen Abend eintreffen konnte, entgegen zu fahren und ihn ſo um einige Stunden früher zu begrü⸗ ßen. Zu verfehlen war er ſchwerlich, da es bräuchlich war, daß ein Schiff, welches einen Paſſagier ausſetzen, oder Loot⸗ ſen am Bord haben wollte, wenn es im Dunkeln kam, La⸗ ternen an den Maſten aufzog, was ja auch der Fremde erwartete, der ſich auf eben das Schiff zu begeben beab⸗ ſichtigte, welches William verlaſſen wollte. Helga ſtand un⸗ ſchlüſſig, ſie zitterte; allein, in der Nacht, in dieſer Noth, ohne Freund— da fiel ihr Rollo, fiel ihr ſeine Mutter ein. Zu ihr, von der ſie oft wie eine Tochter begrüßt worden war, wollte ſie flüchten. Wenigſtens ein Obdach für dieſe Nacht war ſie zu finden gewiß. Auf rauhen, ſteilen Pfa⸗ den, zwiſchen Sträuchern mit abgewelktem Lauh, klimmte ſie den Strandhügel hinan, auf welchem das Häuschen ſtand, in dem Rollo wohnte. Die Fenſter waren noch — 285— erleuchtet, aber dichte Vorhänge machten es unmöglich, hin⸗ einzuſehn. Drinnen ging es wunderbar zu. Die alte Selgard ſaß am Spinnrocken und manche Thräne entfiel ihren treuen Augen. Rollo hatte ſich dem Kaminfeuer gegenüber geſetzt und ſtützte ſein trotzig ſchönes Geſicht in die Hand. Auf einer Art von Ruhebett aus Matten und Decken lag ſeine Mutter bleich und matt; ſie ſchien wie im Traum zu ſpre⸗ chen und zu ſingen, doch verſtand man nur ſelten die Worte. Es waren aber ihre alten Lieder. „Heut iſt es einmal wieder recht arg mit ihr,“ begann Selgard halblaut.„Das Wetter wird ſchwer werden!“ „Ich wußte es ſchon draußen auf der See,“ ſprach Rollo,„die weißen Windwolken ſagten mir's, daß hier die ſchwarzen Trauerwolken aufziehn würden! Horch, pochte es nicht?“ „Der Wind mag an der Thür geraſſelt haben,“ erwi⸗ derte Selgard. Die Kranke richtete ſich empor und ſang: „Laßt ein die arme, Die zitternde Maid! Verſtoßt ſie nicht grauſam, Ihr Weg ach war weit! Ihr Fuß iſt ſo müde, Zerriſſen die Hand Vom Dornengebuͤſch An der Felſenwand!“ „Wahrlich es pocht, Selgard; horch, es ruft draußen!“ ſprach Rollo und ſtand auf. „Nichts, nichts, mein Sohn, Windsgeräuſch, nichts weiter!“ erwiderte Selgard und ſpann weiter. Doch die Kranke, die in dieſem Zuſtande ein leiſeres Ohr hatte, ſprach, ihre Phantaſien mit der Wirklichkeit — 286— miſchend, mit geſchloſſenen Augen vor ſich hin:„Oeffnet doch, laßt die Verirrte ein, ſie iſt ja ſo müde!“ Jetzt pochte es am Fenſter; Rollo ſprang hinzu und zog den Vorhang in die Höhe, um es zu öffnen und hin⸗ auszuſchauen. Da fiel das helle Licht aus der Stube auf Helga's blaſſes, zitterndes Antlitz, die draußen ſtand; der Knabe ſprang erſchreckt zurück und rief:„Iſt das ihr Geiſt?“ Die Kranke ſtarrte hin, lächelnd und weinend ſtreckte ſie die Arme aus und ſagte irren Geiſtes:„Komm herein, Töchterchen! Denkſt Du, ich kenne Dich nicht? Ich ſuche Dich ja ſchon ſo lang!“ Helga nickte und gab Zeichen; Rollo hatte ſich ſchon gefaßt und war hinausgeeilt, um die Thür zu öffnen. An Helga's Seite trat er wieder ein.„Komm, komm!“ bat die Kranke mit weicher Stimme und ſtreckte die Arme ver⸗ langend nach ihr aus. Helga ſchwankte erſchöpft näher. Selgard, die ihr entgegengeeilt war, rief erſchreckt:„Um des Heilands Erbarmen! Kind, wie ſiehſt Du ſo bleich! Was iſt geſchehn, ſprich doch!“ „Ach nur eine Bitte,“ erwiderte Helga,„laßt mich dieſe Nacht bei Euch, dieſe eine Nacht, und wenn ſie mich ſuchen, verrathet mich nicht!“ „Wer will Dir etwas zu Leide thun?“ rief Rollo hef⸗ tig und der Muth funkelte aus ſeinem Auge. „Komm, verbirg Dich an meiner Bruſt,“ bat die Kranke gleichzeitig.„Du biſt ja meine ſüße holde Tochter, Di ſollſt mich ins Grab legen!“ Helga ging zu ihr, kniete an ihrem Lager und duldete es in ſüß ſchmerzlichem Gefühl, daß die Arme ſie umſchlang und das Haupt an ihre Bruſt zog, um es zu liebkoſen und zu küſſen. Endlich fragte Selgard, da Helga ruhiger geworden war, was ſie her⸗ führe. Ein zartes Gefühl jungfräulicher und kindlicher Scheu hielt ſie ab die Urſache ihrer Flucht anzugeben; ſie wollte ihren Vater nicht preisgeben, deſſen Schuld ſie mehr vermuthete als kannte. „O bitte, laßt mich's verſchweigen,“ bat ſie daher,„nur verrathet mich nicht, wenn man mich aufſucht.“ Alle verſprachen es. Nollo in einer Wallung, die ihm alles feurige Blut in die Adern jagte. Vierzehntes Capitel. Der Wind war heftiger geworden; er ſteigerte ſich zum Sturm. Heulend umſauſte er den Leuchtthurm und jagte die brandenden Wellen hoch gegen das Ufer hinauf. Hal⸗ land, der das ganze Haus nach ſeiner Tochter vergeblich durchſucht hatte, kam eben auch von der Thurmhöhe herab, wo er zur Beſorgung der Lampen und in der letzten mög⸗ lichen Vermuthung geweſen war, Helga möge dort hinauf⸗ gegangen ſein. Regen und Waſſerdunſt ſtäubten in der Luft, es war finſter wie im Grabe, der Wind ſchnitt ſo ſcharf, daß Hände und Geſicht eiſig erſtarrten und die dich⸗ teſte Kleidung keinen Schutz mehr dagegen gewährte. In den Mantel gewickelt, ſich vor Froſt und innerm Unmuth ſchüttelnd, trat Halland in das Gaſtzimmer des Hauſes, wo der Fremde unruhig auf und nieder ging. „Nun?“ fragte er bei Halland's Eintritt.„Sie iſt nicht zu finden!“ erwiderte dieſer.„Es wäre auch heut Alles vergeblich, denn in dem Wetter geht kein Lootſe in — 288— See und wenn Ihr ihm eine Schiffsladung voll Dukaten geben wolltet!“ 32 Der Fremde ſchoß einen wilden, erbitterten Blick auf Halland, er glaubte ſich getäuſcht; doch ſchwieg er. Im Hintergrunde des Gemachs ſaßen am Ofen zwei Schiffer; es waren durch Trunk und wüſte Lebensweiſe herunterge⸗ kommene Leute, die Einzigen des ganzen Ortes, die Hal⸗ land für fähig hielt, für eine gute Bezahlung zu ſchweigen, falls Helga's Entführung Gewalt nöthig gemacht hätte. Der Fremde hatte ihnen Branntwein geben laſſen ſo viel ſie mochten; vor einer Stunde waren ſie auch noch zu der Fahrt bereit geweſen. Jetzt aber, obwol halb trunken, ſtan⸗ den ſie auf und ſagten:„Nein, Herr, Halland hat Recht! Bei dem Wind kann der Teufel nicht halten!“ „Wie!“ rief der Fremde mit einem von Schrecken und Ingrimm verzerrten Geſicht,„nicht bis an das Schiff wollt Ihr mich bringen, wenn es hier in die Strommündung einläuft?“ „Nicht einen Strohhalm breit aus dem Hafen, bis der Wind umſetzt; dann nach Spitzbergen, wenn Ihr Luſt habt,“ grunzte der eine Schiffer mehr als er ſprach. „Memmen!“ brach der Fremde wüthend aus und ſtampfte mit dem Fuß;„iſt Euer hündiſches Leben mehr werth als das meinige? Und ich ſetze mich ein, wenn der Sturm noch ſieben Mal ſtärker wüthet!“ In dieſem Augenblick packte ein ſo furchtbarer Wind⸗ ſtoß das Haus, daß es in allen Grundfeſten zitterte; die Hausthür flog krachend auf, die Fenſter klirrten und ein donnerähnliches Sauſen betäubte das Ohr. „Auch bei dem Lüftchen, Herr?“ fragten die Schiffer lachend und ſtreckten ſich gemächlich auf der Ofenbank aus. Der Fremde ſtand bleich wie Marmor da; ſeine Augen — —&⏑ — — 289— rollten, er ſprach kein Wort.„Ja,“ ſagte er nach einer Pauſe der tiefſten Stille, die auf den Windſtoß gefolgt war; ſich frage nichts darnach. Ich muß auf den„Georg“ oder die See mag mich verſchlingen. Wollt Ihr für tauſend Pfund fahren?“ Dabei hielt er ſein Taſchenbuch in die Höhe. Eine wilde Geldgier zuckte über das Antlitz der Trun⸗ kenen; der Preis war ihnen ſo etwas Unglaubliches, wie die Fahrt unmöglich. Sie ſchwankten zwiſchen Beidem. „Wollt Ihr?“ wiederholte der Fremde und da ſie im Wahn⸗ ſinn ihrer Trunkenheit entſchloſſen ſchienen, wandte er ſich haſtig, doch heimlich zu Halland, packte ihn an der Schul⸗ ter und raunte ihm ins Ohr:„Und Ihr müßt das Mäd⸗ chen herbeiſchaffen!“ „So geht und ſucht ſie ſelbſt,“ antwortete Halland wild, „ich weiß nicht, wo ſie ſteckt!“ „Schurke, ſo iſt unſer Handel null und nichtig und Du zahlſt mir heraus, was ich Dir darauf gegeben!“ ſprach der Fremde mit verbiſſener Wuth und Halland trat bleich vor Zorn und Schreck einen Schritt zurück. In dieſem Augenblick donnerte ein Kanonenſchuß mit mächtigem Hall über Sturm und Wogenbrauſen hinweg durch die Nacht. „Teufel, was iſt das! Ein Schiff in Noth!“ riefen die Lootſen und ſprangen nach der Thür. Alle folgten ſchnell, denn Jeder ahnte, es werde der„Georg“ ſein, der den Nothſchuß gethan, welchem bald darauf ein zweiter und dritter folgte. Sie waren die Erſten am Strande, blieben aber nicht die Einzigen. Mit Fackeln, Laternen, Seilen, Rettungs⸗ werkzeugen eilten die Schiffer und Fiſcher aus allen Hüt⸗ ten herbei und verſammelten ſich am Ufer. Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. V. 13 — 290— Auch in Helga's ſtille abgeſchiedene Zuflucht, wo ſie jetzt traulich an der Seite der Kranken ſaß, die durch ſie ganz ruhig und mild geworden war, denn Helga übte eine Art von Wundergewalt über ſie aus, auch dahin drang der Donner der Nothſchüſſe. Rollo kannte dieſe Signale und ſprang ſogleich auf, um bei der Hülfe thätig zu ſein. Doch Helga, deren Herz ihr mit richtiger Ahnung ſagte, dies könne das Schiff ſein, auf dem William erwartet wurde, „ſank bleich und bebend nieder. Sie faltete die Hände und auf ihren erblaßten Lippen ſchwebte ein ſtummes Gebet. Die Kranke war wild emporgeſchreckt; die Schüſſe hatten ihr plötzlich die ſanfte Ruhe wieder entriſſen, in die Hel⸗ ga'’s freundliches Weſen und Geſpräch ſie eingewiegt. Sie ſprang vom Lager auf, richtete ſich empor, ſah ſcheu und verſtört umher, legte die Hand auf Helga's Haupt und rief:„Bete, ſüßes Herz! Bete für die dort im Höllen⸗ ſchlund der ergrimmten See! O, wenn Alles Tod und Schrecken rings umher iſt und auf der Bruſt die Schuld wie ein Felſen laſtet, und Gottes Antlitz verborgen hinter ſchwarzen Donnerwolken und Stürmen, o die Todespein, der Schmerz, die Mutterangſt— „Mutter, Mutter!“ unterbrach ſie Rollo mit heftigem Ausruf und ſchlang die Arme um ſie und weinte laut und ermattet ſank die irre Mutter an ihm zuſammen und er ließ ſie auf das Lager zurückgleiten. Dann ſtürzte er wild hinaus in die Stürme der Nacht. Am Ufer fand er ſchon Hunderte von Menſchen ver⸗ ſammelt; ein dumpfes Murmeln lief durch die Reihen der Männer, die Frauen weinten, einige beteten. Das Schiff, welches die Hülfszeichen gegeben hatte, war nicht zu ſehen, nur an dem Schimmer einiger trüben Laternen, die durch Schaum und Nebel glänzten, erkannte man, daß es zwi⸗ — 291— ſchen den Klippen und Sandbänken außerhalb der Fahr⸗ bahn, wohin es der Sturm geſchleudert hatte, feſtliege. Rollo empfand wie die Andern das Gefühl der Ohnmacht, hier Hülfe zu leiſten, mit tiefem Schmerz. Plötlich be⸗ merkte er unter dem Halbdunkel des Fackel⸗ und Laternen⸗ lichts durcheinanderirrende Geſtalten, eine Gruppe, wo mehre Frauen und Männer um einen wie es ſchien Ohnmächti⸗ gen oder Kranken verſammelt waren. Er trat näher und erkannte den alten John, der mit bleichen Zügen und ge⸗. ſchloſſenen Lippen auf dem Strande ſaß. Er war in See geweſen, um William an Bord zu nehmen, doch der ſich erhebende Sturm hatte die Schiffer gezwungen wieder ein⸗ zulaufen, obwol ſie das Schiff, das ſie ſuchten, in der Ferne auf hoher See geſehn hatten. John konnte nicht zweifeln, es war der„Georg,“ der dort zwiſchen den Klip⸗ pen auf derſelben Stelle lag, wo er ſelbſt vor ſiebzehn Jah⸗ ren geſcheitert war. Jeder brauſende Anlauf des Sturms, jede aufgebäumte überſtürzende Welle drohte dem Leben ſei⸗ naes einzigen Sohnes, der in dem Augenblick untergehn ſollte, wo er in den Hafen des ſeligſten Glücks einzulaufen, ſeinen Vater in den des friedlichen Alters einzuführen hoffte. Während Rollo ihn theilnehmend betrachtete, drängten ſich zwei Manner ſchnell an ihm vorbei; in dem einen er⸗ kannte er an dem wolligen braunen Sturmkittel und über⸗ gekrämpten breiten Hut Halland, obwol er das Geſicht naicht geſehen hatte; der andere war der Fremde, bis an ddie Zahne in ſeinen Mantel gewickelt.„Hier iſt nichts zu maachen und ſie iſt auch nicht hier,“ ſprach er murmelnd im Vorübergehn.„Laßt uns auf den Leuchtthurm. Ich mag hier nicht bleiben; bevor der Tag nicht graut, iſt nicht an Hülfe zu denken.“ John wurde in ſein Haus getragen; Rollo blieb mit 13* 8 — 292— den Uebrigen am Ufer. Sie beobachteten unausgeſetzt Meer und Wind, ob ſich vielleicht eine Möglichkeit zeigen werde, aus dem Hafen und an das Schiff zu kommen. Doch es ſchien nicht zu hoffen. Verwundert aber waren die Strand⸗ bewohner, daß die Mannſchaft nicht den Verſuch machte ſich auf den Booten zu retten. Einige meinten, es müſſe noch nicht ſo große Noth ſein, das Schiff noch den Wellen trotzen, weshalb ſie den Tag abwarten wollten; Andere fürch⸗ teten, man werde in der erſten Beſtürzung, wie es ſo oft geſchieht, die Rettung durch die Boote zu ſchnell verſucht haben und ſie möchte verunglückt ſein. So verſtrich die Nacht. Der erſte Dämmerſchein des Morgens zeigte ſich am äußerſten Himmel; der Sturm hatte nachgelaſſen, wiewol er noch heftig genug war; das Meer hob ſich in mächtigen, grauſchwarzen Bergen, die jeden Au⸗ genblick einſtürzten und ſich neu emporthürmten. Jetzt ſah man das Schiff im Zwielicht liegen. Ein Dreimaſter, doch der große Maſt und der Fockmaſt waren weggebrochen; an den andern flatterten nur einzelne losgeriſſene Segelſtreifen; die äußerſte Nothflagge war aufgehißt. Einige Lootſen, die den Strand hinabgegangen waren, um ihn zu unterſuchen, berichteten, daß Trümmer eines zerſchellten Bootes ausge⸗ worfen ſeien; aller Wahrſcheinlichkeit nach war ein Ret⸗ tungsverſuch, den die Mannſchaft gemacht hatte, verunglückt. Der Fremde kam jetzt von dem Leuchtthurm herab. Er trat unter die Schiffer, hielt eine ſchwere Börſe hoch em⸗ por und rief mit lauter Stimme:„Tauſend Guineen Dem⸗ jenigen, der dieſen Brief an Bord des„Georg der Dritte“ ſchafft und mir das Käſtchen mit Dokumenten unverſehrt bringt, welches ich dem Capitain bezeichnet habe. Hundert Guineen für den Verſuch, ſelbſt wenn er misglückt!”“ Die Schiffer ſahen einander anz ſie betrachteten das wü⸗ ——- — 293— thende Meer, den ſcharfen Wind, der gerade auf den Ha⸗ fen ſtieß, es ſchien unausführbar, ſo lockend das ſchim⸗ mernde Gold Einigen ins Auge blitzte. „Es iſt unmöglich!“ ſprach endlich ein alter Lootſe. „Es iſt gefährlich, aber nicht unmöglich!“ rief Rollo feurig,„aber für das Gold des Menſchen da rühre ich kein Ruder an!“ Nollo's Kühnheit und Gewandtheit zur See hatte ſich auch bei den Schiffern der Weſterſpitze ſchon in Anſehen geſetzt. Einer jener Trunkenen von geſtern Abend ſagte daher: „Wartet noch eine Stunde, dann wollen wir ſehn, was zu thun iſt!“ „Wartet noch eine Stunde!“ rief der Fremde und ſtampfte mit dem Fuß,„wartet, bis die See das Wrack in Splitter geſchlagen hat. Warten Sturm und Wellen, bis es Euch gefällig iſt? Wollt Ihr, junger Menſch?“ wandte er ſich zu Rollo. Doch dieſer, den ein geheimer Wider⸗ willen gegen den Fremden ergriffen hatte, welcher vielleicht von einer dunkeln Ahnung herrührte, daß ſein Hierſein mit Helga's Flucht und Kummer zuſammenhänge, kehrte ihm ſtolz den Rücken. „Zwei tauſend Guineen, wer ſogleich in See geht!“ rief der Fremde laut. Zwei tauſend Guineen! Das goldbegierige Herz ſchlug den beiden Schiffern.„Topp, wir wagen es!“ riefen ſie aus einem Munde und ſtürzten dem Hafen zu; der Fremde ihnen nach. Bald ſah man die Verwegenen, denen Keiner ſich anſchließen mochte, in See. Das Boot ſchwankte aus dem Hafen, jetzt hing es auf der Spitze einer Woge, jetzt ſank es in den Abgrund und ward mehre Sekunden nicht geſehn. Rollo glühte vor innerer Theilnahme an der ver⸗ — 294— wegenen That.„Sie halten gut!“ rief er von einem Stein herab, auf den er geſprungen war;„ſie halten gut! Erſt müſſen ſie unter dem Winde der Felſenkette ſein, dann laſ⸗ ſen ſie ſich von dem Rückſtoß in die Flut jagen und kön⸗ nen ſo von oben herab an das Wrack. Halt, das iſt zu früh! Sie wenden zu früh, es wird ſchlecht gehn!“ „Es wird gut gehn,“ antwortete ein Lootſe,„der Wind jagt ſie jetzt ſchnurſtraks hinüber.“ „Ich ſage Euch, er iſt zu ſcharf geſchnitten,“ rief Rollo, „ſie müſſen nicht gerade heran, ſondern landwärts! Doch ſeht, jetzt wird es auf dem Wrack lebendig! Es ſind noch Leute oben; ſie bemerken, daß das Boot heran will!“ „Iſt es möglich? Iſt Rettung möglich?“ tönte eine Stimme hinter Rollo. Es war John. „Es war möglich!“ antwortete Rollo und blickte blaß, finſter und beſorgt in die See. Plötzlich zerriß ein lauter Schrei von hundert Stimmen die Lüfte; der Sturm hatte das Boot gepackt und umgeſtürzt; Kiel oben trieb es auf den Wellen.„Ich ſagte es zuvor,“ ſprach Rollo abge⸗ wandt zu John;„ſie ſchnitten die Sturmlinie zu ſcharf, ſonſt hätten ſie herankommen können!“. Mit bittenden Augen ſchaute John zu dem Jünglinge auf; ſeine Lippe wagte den Wunſch ſeines Herzens nicht auszuſprechen. In Rollo kämpfte ein großer Entſchluß! Er wußte jetzt, daß William auf dem„Georg“ war! Da fühlte er ſeine Hand heftig ergriffen und als er umblickte, ſank ihm Helga athemlos in die Arme. Er hielt ſie im Rauſch einer betäubenden Seligkeit umſchlungen; ſein Herz loderte auf in den flammenden Wundern unbegriffner Liebe. Ein Glück, das ihn überdrang wie ein Meer, zu groß für ſein, für ein Herz in der Welt, um es zu faſſen. Die Wogen ſchlugen über ihm zuſammen, um ihn, in ihm war nur das Eine, alles Andre war verſchwunden. Helga wußte Alles, Rollo errieth Alles, er blickte auf ſie, auf ihr bleiches Antlitz, ihre Thränen, er ſah den zit⸗ ternden Vater neben ihr. Plößlich riß er ſich entſchloſſen los, ſein veredeltes Empfinden drängte ſich wie die elektri⸗ ſche Kraft der Wolke zum plötzlichen Blitz der That zu⸗ ſammen.„Ich gehe in See,“ rief er,„und allein, wenn Niemand mich begleiten will!“ Er wollte fortſtürzen, doch Helga's umſchlingende Arme hielten ihn feſt; ſie drückte ihr weinendes Antlitz gegen das ſeinige, bedeckte ſeinen Mund mit heißen Küſſen und rief zwiſchen Schluchzen und Beben, mit halb erſtickter Stimme: „Bruder, ewig mein Bruder! Mein ganzes Leben ſei Dein! Ich will Dich nie verlaſſen!“ John vermochte nichts zu ſprechen; er entblößte ſein Haupt, richtete das fromme Auge zum Allmächtigen, faltete die Hände betend und große Thränen rollten über ſeine Wangen. Die Strandbewohner ſtanden ſchweigend im Kreiſe um die Gruppe; auch der Fremde heftete ſein ſtarres Auge auf Helga und den Jüngling, wagte aber kein Wort von ſei⸗ nem Auftrag zu ſagen, weil er wohl fühlte, er habe kein Anrecht an dieſer aufopfernden That. Auch Halland ſah ſeine Tochter, doch vom böſen Gewiſſen zurückgehalten, wagte er nicht einmal zu fragen, wo ſie die Nacht zuge⸗ bracht habe. Endlich entwand ſich Rollo den Armen Helga's; indem er einen Blick nach ſeinem Hauſe hinaufwarf, rief er plötz⸗ lich:„Fort jetzt, geſchwind, haltet mich nicht auf, ſonſt iſt's zu ſpät!“ Mit dieſen Worten theilte er haſtig die Menge, denn er ſah ſeine Mutter kommen! Ihr Jammer, — 296— 7 fühlte er, werde ihn zurückhalten, darum entfloh er in flie⸗ gender Eile. Die Unglückliche war, wie es in ihrem gereizten Zu⸗ ſtande nicht ſelten iſt, nur durch die Ahnungen ihres Mut⸗ terherzens, nicht durch ihr Wiſſen herbeigetrieben. Nollo hätte ſich ihren umklammernden Armen nicht zu entreißen vermocht, wäre er nicht entflohen geweſen, als ſie den Strand erreichte. Sie lief mit fliegendem Haar und irren Blicken auf Helga zu und rief:„Tochter, wo iſt mein Rollo?“ Helga war noch zu betäubt, um antworten zu können. Da hörte die angſtvolle Mutter den Ruf des Fremden, der durch ein unerklärliches Gefühl der Ehrfurcht vor Rollo's erhabenem Wollen zurückgehalten, ihm ſelbſt den Auftrag und Lohn anzubieten, den er jenen Schiffern verſprochen, jetzt mit lauter Stimme Andere zur Hülfsleiſtung auffoderte. „Tauſend Dukaten für Jeden,“ rief er aus,„der auf dem Boot mit in See geht und mir meine Papiere vom Schiff bringt. Fodert nur das rothe Käſtchen aus London! Wie?“ rief er, da Alle verſtummten,„hat nicht Einer unter Euch den Muth jenen Knaben zu begleiten?“ Rollo's Mutter hatte mit ſtarren Blicken an dem Spre⸗ chenden, der ihr halb mit dem Rücken zugewendet war, ge⸗ hangen, weil ſie durch ihn zu hören glaubte, was ſie von Rollo wiſſen wollte.„Iſt mein Rollo auf der tobenden See?“ rief ſie jetzt und ſchritt bebend vor Spannung auf den Fremden zu. Er wandte ſich um, da fuhr ſie zurück, als ſähe ſie ein Geſpenſt; erſtarrt, mit aufgehobenen Hän⸗ den ſtand ſie da, einer Bildſäule gleich; plötzlich rief ſie aus:„Ralph!“ und ſank leblos zuſammen. John, der die Arme zum erſten Mal ſah, ſeit ſie den Strand betreten hatte, war mit Helga zu ihr geeilt, um — 297— ihr Hülfe zu leiſten. Als ſie dieſen Schrei that, war es ihm, als zerreiße ein Gott plötzlich die Schleier, die ſein Auge umhüllten, ſein Blick flog von ihm zu ihr und er erkannte mit gleicher Blitzesſchnelle Ralph und ſeine verlo⸗ rene unglückliche Schweſter Margarethe. Einen Augenblick lähmte die Plötzlichkeit dieſer Enthüllung jede Kraft des Denkens und Empfindens in ſeiner Seele. Dann aber ſiegte in ſeinem milden Herzen der warme Strahl der Liebe und, in Wehmuth ſchmelzend, ſank er neben der in Helga's Armen niedergleitenden Margarethe auf die Knie. Hätte ſein Bruderherz ſie nicht an Stimme und Zügen, wie er⸗ loſchen ſie auch im langen Kummer waren, erkannt, jetzt hatte er tauſend Zeichen! Sie trug ein Kreuz an einer Perlenſchnur, das er ihr ſelbſt geſchenkt; er fand ein klei⸗ nes Maal auf ihrer Stirn wieder, eine leichte Narbe an ihrer linken Hand. Da lebte in ſeiner Seele eine Kraft des Glaubens auf, die ihn emporrichtete. In dieſem Au⸗ genblick, ſo fühlte er tief und lebendig, führt der Himmel die Schweſter nicht in Deine Arme zurück, damit er das wunder⸗ bare Gewebe ſeiner Fügungen gewaltſam gerade da zerreiße, wo es das herrlichſte Zeugniß ſeines Waltens werden ſoll. Die wiedergefundene Schweſter verbürgt Dir und der troſt⸗ loſen Mutter die Rettung der edlen Söhne. Mit Helga um die Ohnmächtige beſchäftigt, achtete er gar nicht auf Ralph. Sein Herz war durch Prüfungen zu geläutert, um für das niedrige, nur auf der Erde gif⸗ tig wuchernde Gefühl des Haſſes oder der Rache einen Bo⸗ den darzubieten. Da weckte ihn der hundertſtimmige Ruf der verſammel⸗ ten Strandbewohner, der halb wie Schrecken, halb wie Ju⸗ bel und Erſtaunen klang. Er blickte auf und ſiehe, eben ſtieg Rollo's pfeilgeſchwindes Boot auf dem Gipfel einer .. 13** — 298— hoch aufgethürmten Welle empor, mit ihm und vier Ge⸗ hülfen, die ſeine Begeiſterung gewonnen hatte, bemannt. Er ſaß am Steuer, denn ſeiner Gewandtheit trauten die älteſten Schiffer mehr, als ihrer Erfahrung. Mit Kraft warf er das Boot herum und ließ es durch den am Ufer gebrochenen Wind abwärts von ſeinem Ziel jagen, um dann unter dem Schutz der höheren Berge ſo weit hinauszuru⸗ dern, bis er mit dem freien Strom des Windes auf das Wrack halten konnte. Gerade ſo hatten es die erſten Loot⸗ ſen verſucht, aber nicht beſonnen genug ausgeführt. In athemloſer Spannung folgten die Verſammelten mit unver⸗ wandtem Auge dem in der ſchäumenden Brandung auf den höchſten Wellenſpitzen gefährlich hangenden Fahrzeug, das von der ungeheuren Kraft der Elemente wie ein leichter Kork ſpielend hin und her geſchleudert wurde. Ein Glück für Margarethens Mutterherz, daß ſie dieſe Folter der To⸗ desangſt in den Armen einer tiefen, gnädig über ſie ver⸗ hängten Bewußtloſigkeit verſchlief. Helga mußte mit jün⸗ gerer Kraft des Herzens den Sturm überdauern; doch wandte ſie die Blicke ab und beſchäftigte ſich mit kleinen Hülfsdienſten um die Lebloſe. Ralph war ſeit dem Aus⸗ ruf Margarethens wie ein gerichteter Miſſethäͤter kraft⸗ und willenlos zuſammengeſunken; bleich wie der Schaum, den das Meer über die Küſte warf, ſaß er auf einem Felsſtück und ſtarrte ſprachlos, mit erlöſchendem Auge in die tobende See hinaus, als töne in ihren Donnern ſein Urtheilsſpruch. Jetzt hatte Rollo den gefährlichen Punkt erreicht, wo er ſich aus dem Schutz der Küſte in die hohe See wenden und ſich der ganzen Gewalt des Sturms und der Wellen preis⸗ geben mußte. Mit dem ſichern Blick des Adlers hatte er die Windlinie gemeſſen, ein Moment zu früh oder zu ſpät galt das Leben. Entſchieden warf er das Boot herum; — 299— Alle ruderten mit verdoppelter Kraft; jetzt faßte ſie der Strom des freien Windes, blitzſchnell ſchoß das Fahrzeug durch die ſchäumende Flut, bald ſichtbar, hoch auf dem Gipfel der Wellen triumphirend, bald in den tiefen Waſ⸗ ſerſchlünden verſchwunden. Der kühne Steuermann ſtand aufrecht und leitete das Boot ſo ſicher, daß die Schiffer am Ufer in lauten Jubel ausbrachen und ſchon frohlockend und jauchzend Tücher und Hüte ſchwenkten, weil es ſchien, als ſei dem kaltblütig verwegenen Knaben das Element blind zu Dienſten. Jetzt kam er in die Brandung des Wracks; hier begann die furchtbarſte Gefahr, wo nicht menſchliches Geſchick, ſon⸗ dern nur Glück, nur die Obhut des Himmels helfen konnte. Auf dem Deck des geſtrandeten Schiffes war es ſchon le⸗ bendig; man warf Seile mit Haken und Tonnen aus. Die Flut ſpritzte und ſchäumte hoch auf, das Boot verſchwand in den Wirbeln; tiefe angſtvolle Stille am Ufer; Helga be⸗ tete mit bleichen Lippen, John legte ſeine Hand ſegnend auf ihr Haupt und hing unbeweglichen Auges an der See. Jetzt tauchte das ſchon verloren geglaubte Boot wieder auf; es hing auf einer übergebeugten Wellenſpitze ſo ſcharf vor⸗ wärts gegen den Grund geneigt, daß mehre der Lootſen am Ufer unwillkürlich ausriefen:„Herr Gott, ſie ſind verloren! Sie ſchlagen um!“ Steilrecht ſchoß das Boot in den ſchwarzen Schlund herab; Alles war in der ſchäumenden Brandung begraben; auch über das Wrack hinweg ſchlugen die zermalmenden Wellen; es ſchien als habe ſich der Ab⸗ grund geöffnetzund alles Lebende verſchlungen. Todesſtille ſchloß die Lippen aller Zuſchauenden, Todes⸗ bläſſe deckte ihre Wangen; jetzt ſank auch John's Kraft zu⸗ ſammen und es wurde Nacht um ſeine Augen. Da zerriß der Sturm die Nebel im Oſten und die kaum — 300— über den Nand des Horizonts erhobene Sonne ſtand in blutiger Glut zwiſchen zwei grauen Wolkengeſpenſtern. Ihre Strahlen fielen gerade auf das Schaum- und Wogenge⸗ wühl um das Wrack und warfen einen röthlichen Gold⸗ ſchimmer darüber; einen Augenblick ſchien es, als ob feurige Wogen dort gegen einander tobten. Da tauchte ein ſchwar⸗ zer Punkt aus dem glutſchimmernden Chaos auf und in demfelben Augenblick überſchallte der Jubelruf der Menge Sturm und See:„Sie ſind gerettet!“ Jetzt wehten unzählige Tücher in den Lüften, die Hüte wurden freudig geſchwenkt; Jedem war es, als ſei er ſelbſt geerettet durch die allmächtige Hand Gottes. Helga aber ſank an John’s Bruſt und ſie miſchten ſelige Thränen. Funtzehntes Capitel. Erſt auf dem Lager in ihrer Wohnung erwachte Mar⸗ garethe aus der langen Ohnmacht wieder und ſah ſich um⸗ geben von Nollo, Helga, William und John; lange dauerte es, bevor ſie wußte, ob ſie mit wirklichen Sinnen dieſe Ge⸗ ſtalten der Liebe ſehe und faſſe, oder ob es nur Traumge⸗ bilde waren, die ſie umſchwebten. Dann aber wurde ihr Geiſt auch ganz hell und klar und es war ihr als ſei die Hülle, die ihn oft ſchauerlich bedeckte, für ewig verſchwun⸗ den. Nun konnte ſie die Wahrheit ver en, die alle Herzen, die ſie umgaben, mit ſeligem Glück erfüllte. William hatte den Knoten der verſchlungenen Geſchicke gelöſt; nicht nur die Schweſter Margarethe war dem Bru⸗ der John zurückgegeben ‚ſondern auch Rollo fand in Helga. — 301— ſeine wirkliche, ſeine Zwillingsſchweſter. Ein Fremder von edlem Anſehn ſtand im Hintergrunde der Gruppe; er hatte die Fäden entwirren helfen. Auf ſeiner Rückkehr von Newyork fand ſich William mit demſelben zufällig auf dem Schiff zuſammen. Da er einſt im Geſpräch ſeines Wohn⸗ ortes erwähnte, wurde der Fremde aufmerkſam, und es er⸗ gab ſich, daß er ſich auf demſelben Schiff befunden hatte, auf welchem John mit den Seinigen ſtrandete. Es war jener junge Arzt geweſen, welcher der Unbekannten bei der Entbindung von Helga Hülfe geleiſtet hatte; ſein Name war Hullborn. Als das Boot den Rettungsweg verſuchte, hatte die ärztliche Pflicht ihn zu lange zurückgehalten, er kam zu ſpät. Doch zu ſeinem Heil, denn das letzte Boot ſchlug um und Alle, die es beſtiegen hatten, fanden den Tod in den Wellen. Er glaubte, durch Nacht und Ver⸗ wirrung getäuſcht, John und deſſen Gattin mit dem geret⸗ teten Kinde auf dieſem Boot. Beſtürzt kehrte er zu der Mutter zurück, deren ſchwere Stunde noch nicht überſtan⸗ den war, ſondern die ein zweites Kind gebar, Rollo. Das Wrack wurde von den Stuürmen wieder in die See hinaus getrieben; Niemand als der Capitain, ein alter kranker Matroſe, der ſich nicht hatte retten können, Hull⸗ born und die Kranke waren an Bord. Sie trieben bis auf die Klippen vor dem Eiderholm. Der Matroſe war inzwi⸗ ſchen geſtorben und der Capitain, im Glauben, das Wrack könne nicht mehr halten, wagte den Verſuch, bevor er ganz die Kräfte verlöre, ſich in die Brandung zu werfen und ſchwimmend das Ufer zu erreichen; doch vergeblich. Hull⸗ born, der nicht ſchwimmen konnte, blieb bei der Wöchnerin und wurde dadurch mit ihr gerettet; denn obgleich die Wel⸗ len das Wrack faſt ganz zertrümmerten, ſo kamen die Boote der Eiderholmer doch noch zur rechten Zeit. — 302— In dieſer Stunde der Noth hatte Margarethe den men⸗ ſchenfreundlichen Hullborn zum Vertrauten ihres Schickſals gemacht. Ein Käſtchen, das ihre Papiere enthielt, wurde mit ihr gerettet; Hullborn ſorgte mit den Aelteſten der In⸗ ſelbewohner für die Sicherheit des kleinen Vermögens und gründete ſo das ruhige Daſein Margarethens auf Eider⸗ holm, wo ſie in tiefſter Verborgenheit lebte, da Hullborn ſtrenges Verſchweigen ihres Namens und Aufenthalts ver⸗ ſprochen hatte. Sie wußte wohl, daß ſie zwei Kinder ge⸗ boren hatte, doch Hullborn verbarg ihr das Schickſal des erſten, indem er ihr ſagte, es ſei gleich nach der Geburt geſtorben. Nachdem Margarethens Verhältniſſe geordnet waren und die treue Selgard ſich ihr als Pflegerin beige⸗ ſellt hatte, verließ Hullborn die Inſel. Nach langem Um⸗ herſchweifen ſetzte er ſich in Amerika feſt, wo er ein an⸗ ſehnliches Vermögen erwarb und gerade mit dieſem nach Europa zurückkehrte, als eben William dieſelbe Reiſe machte. Da Beide ihre Schickſale, die ſich an einem ſo merk⸗ würdigen Punkt gekreuzt hatten, gegen einander austauſch⸗ ten, ergab es ſich als Gewißheit, daß Margarethe, ohne es zu wiſſen, auf demſelben Schiff mit ihrem Bruder John aus England flüchtete und als höchſte Wahrſcheinlichkeit, daß Helga und Rollo Geſchwiſter ſeien. Es kam nur noch darauf an, zu ermitteln, ob William und Hullborn dieſelbe Bewohnerin des Eiderholms meinten. Da William wegen ſeiner Reiſe nach Newyork die Briefe der Seinigen nicht erhalten hatte, wußte er noch nicht, daß Rollo und deſſen Mutter Bewohner ſeiner Heimat ge⸗ worden waren, ſonſt hätte er dem Vater ſogleich ſeine Ent⸗ deckungen geſchrieben, ſo aber hielt er es für gerathener, erſt den letzten Punkt der Ungewißheit genau zu prüfen. Dies war jetzt geſchehen, dadurch, daß Rollo ſelbſt als Ret⸗ ——— — 303— ter Derjenigen erſchien, die auf dem Georg dem Dritten aus⸗ geharrt hatten. Freilich nur Wenige, denn gleich bei dem Stranden ſtürzte ſich Alles, wie gewöhnlich, wild und ver⸗ zweifelnd in die Boote; ſie wurden überladen, ſchlugen um und ſanken. William, der Kühnheit und Redlichkeit ſeiner heimatlichen Schiffer vertrauend, hielt es für ſicherer auf dem noch haltbaren Wrack den Tag zu erwarten; Hullborn, der ſchon einmal dadurch gerettet worden war, zog dies ebenfalls vor. Mit ihnen noch einige Andere. So brach Denen, die die Verlornen ſchienen, der Rettungsmorgen an und die Strahlen ſeiner Sonne leuchteten in das dunkle Gewebe wunderbar verketteter Verhängniſſe hinein, denn mit wenigen Fragen an Rollo über den Tag ſeiner Geburt war es entſchieden, daß Margarethe ſeine und Helga's Mut⸗ ter ſei. Nun ſchwieg der unruhige, wilde Drang in des Kna⸗ ben Bruſt; nun gewann er an Helga ganz, wornach ſein Herz ſich ſehnte, eine Schweſter! Margarethens langes Mutterſehnen war geſtillt, die Jahre ihrer Buße geendet, Vergebung, Verſöhnung überall! Dieſe ſeligen Strahlen theilten auch die Gewölke der Krank⸗ heit, welche bis dahin ihre Seele ſo oft umſchattete. Ein ſanfter Lebensabend mit milden Lüften der Liebe und des Friedens brach für ſie und John an; ihr Glück war um ſo ſüßer, je ſchwerer ſie es erkauft hatten! Nach Nalph forſchte Niemand; doch man wußte, er lag in Halland's Hauſe in ſchweren, düſtern Krankheitsbanden. Das Einzige drückte ſtörend auf den glücklichen Kreis, daß Helga und Rollo ihn Vater nennen ſollten, der ihre Mut⸗ ter ſo grauſam verrathen hatte. Denn er hatte ihr gelobt, weenn ſie heimlich die Seinige würde, ihren Bruder zu ret⸗ ten; doch er wollte nur ſeine entbrannte Luſt an dem jun⸗ —— — 304— gen Weſen und ſeine verheimlichte Rache an John kühlen. So erfuhr Margarethe bald, daß ſie getäuſcht war, daß kein wirklicher Prieſter, ſondern ein erkaufter Betrüger ihren Bund eingeſegnet hatte, und darum flüchtete ſie, um ihre Schande zu begraben, erſt aus dem Hauſe ihres Bruders, dann aus dem Vaterlande. Nach einigen Tagen kam Halland, der im Gefühl ſei⸗ nes Unrechts, über welches Helga milde ſchwieg, ſie, ohne Anſprüche irgend einer Art an ſie zu machen, bei der Mut⸗ ter gelaſſen hatte, in das Haus derſelben und brachte Helga und Rollo die Bitte des ſterbenden Nalph(dem Alles kund geworden war), durch ihr Erſcheinen an ſeinem Lager ſeine letzte Stunde zu erleichtern. Sie kamen, Margarethe, John, William mit ihnen; Herz, Lippe und dargereichte Hand vergaben dem Sterbenden, doch ſein Gewiſſen vergab ihm nicht und mit kalten Schauern blickte er zumal Helga an, ſeine Tochter! Dieſes Gefühl des letzten, an der Schwelle des Lebens verſuchten Frevels drang mit giftigem Stachel in ſeine Todesſtunde ein. Als er geendet hatte und beſtattet war, fiel kein düſtrer Schatten mehr in das Glück der liebend vereinigten Herzen. Noch bevor A Jahr, nach dem Tage, wo die hellen Glocken des nahen Kirchleins die liebliche Helga zur Chriſtin einſegneten, verſtrichen war, tönten ſie der Braut William's am Altare. Doch dieſem ſchönen Feſte folgten nicht ſo rauhe Stürme, wie jenem, ſondern ein heiterer Himmel wölbte ſich über ihr Daſein, wie die Heiterkeit eines un⸗ ſchuldigen Sinnes ihr Herz mit ſeinen reinen Segnungen erfüllte. ᷑ — —— ᷑— Der Ptlegesohn. Frei nach dem Franzöſiſchen. An einem Winterabende ritt Claude Ratinel den Weg von Chateau⸗Thierry nach ſeiner Wohnung. Er trieb ſein Pferd an wie Jemand, der Eile hat; nicht, daß er etwa noch einen weiten Weg gehabt hätte, allein der Wind war rauh und er ſehnte ſich danach, ſich am Kaminfeuer in der Meierei von Lagoneterie, die er von den ehrwürdigen Vätern von Valſecret zur Pacht hatte, niederzuſetzen und behaglich auszuruhen. Ueberdies wußte er, daß es nicht gut ſei, ſich zur Nachtzeit außerm Hauſe zu befinden; denn der unglückliche Krieg, welcher Frankreich in die Parteien von Burgund und Armagnac geſpalten hielt, führte unter andern Uebeln auch das herbei, daß ſich das liederliche Ge⸗ ſindel auf den Straßen ſehr vermehrt hatte und einzelne Häuſer häufig räuberiſch anfiel. Ueberdies brachte der Päch⸗ ter das Geld für das Getreide, welches er auf dem Markte von Oulchi le Chateau verkauft hatte, mit und eine Geld⸗ katze um den Leib zu haben, war auch gerade kein Schild gegen raubſüchtiges Geſindel.— Obwol er im Trabe da⸗ hin ritt, hatte er doch Muße genug, ſeine Einnahmen und die Verwendung derſelben im Kopf zu überſchlagen. Was er von ſeinem Hühnerhofe gelöſt hatte, war beinahe genug, um die Pacht zu bezahlen; der Verkauf der Wolle von ſeiner Heerde deckte recht gut die Koſten, welche er auf die Verbeſſerung ſeines Gütchens gewandt hatte; der Erlös für ——— — — 308— das Getreide blieb ihm, um einen Nothpfennig davon zu ſammeln, den er dereinſt zur Ausſtattung ſeines Töchter⸗ chens, der ſanften, freundlichen Louiſon, zu verwenden ge⸗ dachte. Froh über den kleinen Schatz, dachte er ſchon darauf, wie er ihn über's Jahr noch mehren wolle, dadurch, daß er ſeine Meierei verbeſſerte und noch höhere Einkünfte daraus zog. Man darf wegen ſolcher Gedanken nicht glauben, daß Claude Ratinel ein Geizhals war, ſondern im Gegentheil er hatte das beſte Herz und war mitleidig und wohlthätig wie irgend Einer. Kein Unglücklicher verließ ſeine Thür, ohne irgend eine Unterſtützung erhalten zu haben; nur, wie ſich in alle menſchlichen Handlungen, auch in die löblichſten, ein leiſer Gedanke der Selbſtliebe einſchleicht, ſo dachte auch Claude wol dabei:„Die Wohlthat bringt Dir Segen!“ und gab dann doppelt. So erwartete er ſtets einen kleinen Nutzen von ſeiner Güte und wußte ſich Alles, was ihm Erfreu⸗ liches aufſtieß, durch irgend eine gute Handlung zu erklä⸗ ren, die er kurz zuvor begangen hatte. Daher kam es denn aber auch, daß er nicht ſelten Einem, der es nicht verdiente, ſelbſt wiederholt gab, denn er kam immer auf ſeine Lieblingsphraſe zurück:„Eine gute Handlung bleibt nicht unbelohnt, die Wohlthat wird Dir Segen bringen.“ Indem er ſo ſein Pferd austraben ließ, hörte er plötz⸗ lich am Wege eine klägliche Stimme. Er ſah einen Kna⸗ ben am Fuße eines Baumes ſitzen, welcher die Hände rang und weinend rief:„O mein Gott, mein Gott! Es wird ſich Niemand meiner erbarmen!“—„Was haſt Du?“ fragte Ratinel und hielt ſein Pferd an.—„Ach lieber Herr,“ erwiderte der Knabe,„ich bin ohne Eltern und ohne Obdach und weiß nicht, wo ich dieſen Abend etwas zu eſſen hernehmen, noch wo ich ſchlafen ſall.“—„Wie, — 309— Du haſt keine Eltern?“—„Jetzt habe ich keine mehr,“ erwiderte der Knabe und weinte fort,„und mich friert und hungert.“—„Armer Schelm!“ erwiderte der Pach⸗ ter,„nun, ſteh nur auf und folge mir, aber ſpute Dich. Ich habe keine Zeit, mich aufzuhalten; Du kannſt mir Dein Unglück unterwegs erzählen; Du magſt die Nacht in meinem Hauſe bleiben. Wie heißt Du denn?“—„Ich heiße Jacques,“ erwiderte der Knabe, indem er neben dem Pferde herging,„und bin der Sohn des Pachters Jacques zu la Fourbetterie. Geſtern ſind die Schurken, die Ar⸗ magnacs, durch den Monſieur Etienne de Vignolles auf un— ſern Hof gekommen, haben Alles ausgeplündert und das Haus angezündet. Meinen armen Vater haben ſie gehan⸗ gen, meine Mutter iſt in den Flammen umgekommen. Ich weiß nun nicht, wo ich hin ſoll.“—„Alſo war Dein Vater,“ erwiderte Ratinel, indem er die Stirn runzelte, „einer von den verfluchten Bourguignons, welche die Frem⸗ den nach Frankreich gerufen und ihnen die gute Stadt Chateau⸗Thierry überliefert haben?“ Indeſſen wurde ihm dieſes raſche Wort gleich wieder leid und er ſetzte gutmü⸗ thig hinzu:„Nun, Du kannſt nicht dafür, armer Schelm, wenn Deine Eltern auch ſehr ſchlecht gehandelt haben; Du biſt unglücklich, ich will mich Deiner annehmen. Ueberdies,“ ſetzte er bei ſich ſelbſt hinzu, indem er ſei⸗ nen Lieblingsgrundſatz ſtill wiederholte:„Eine gute Hand⸗ lung bleibt nicht unbelohnt, die Wohlthat wird mir Segen bringen.“ „Aber Herr,“ ſchrie der Knabe, der ein wenig zurück⸗ geblieben war, außer Athem,„wenn Ihr ſo ſchnell reitet, kann ich nicht mitkommen.“—„Du haſt Recht,“ antwortete der Pachter,„ſetze Dich auf die Kruppe meines Pferdes.“— Der Knabe ſchwang ſich auf, aber ſo raſch und keck, daß —— — 310— das Pferd ſich erſchreckte, einige Sprünge machte und ſich bäumte. Um ſich zu halten, ſchlug Jacques beide Arme um den Pächter, dieſer verlor das Gleichgewicht und beide Reiter fielen herab. Ratinel hatte ſich die Hand verſtaucht; Jacques kam mit einer leichten Quetſchung davon, aber er ſchrie laut auf.„Hm!“ ſagte der Pachter, indem er ſich aufraffte,„das iſt ein ſchlechter Anfang zu einer belohnten Wohlthat; Du hätteſt leiſer aufſteigen ſollen.“ Indeſſen da Jacques weinte, war er ihm nicht weiter böſe, ſondern half ihm auf's Pferd, ſtieg dann ſelbſt auf und Beide ka⸗ men ohne weiteres Unglück in der Pachterwohnung an. An einem guten Feuer von lockerem Reiſig, welches im Kamin loderte, wärmte ſich Jacques die erſtarrten Hände; hierauf aß er mit der Familie des Pachters zu Nacht und dankte nach dem Abendeſſen ſo geſchickt und artig für die Wohlthat, die er empfangen hatte, daß der Pachter ge⸗ neigt war, mehr für ihn zu thun. Am andern Morgen konnte er es nicht über ſich gewinnen, den armen verwai⸗ ſten Knaben wegzuſchicken, ſondern beſchloß kurz und gut, ihn bei ſich zu behalten. Anfangs zeigte ſich Jacques ſanft und ruhig, allein je mehr er ſich im Hauſe einniſtete und merkte, daß der wackere Ratinel der gutmüthigſte Mann in der Welt ſei, der ihn doch ſo leicht nicht wieder ver⸗ ſtoßen werde, je mehr kam ſein trotziger und innerlich bos⸗ hafter Charakter zum Vorſchein. Kein Tag verging, daß er nicht aus bloßer Luſt am Böſen irgend einen Streich ausübte. Bald ſchlug er einer brütenden Henne die Eier entzwei, bald ſtieß er in der Milchkammer wo möglich den größten Topf mit Sahne um, daß der ganze Gewinn auf die Erde floß. Doch meiſt immer wußte er ſeine boshaf⸗ ten Streiche auf das geſchickteſte zu verbergen. Nie war er froher, als wenn er es ſo anlegen konnte, daß ein Knecht * 1 — 4 — 311— f oder eine Magd geſcholten wurde, oder wenn ſeine Zwiſchen⸗ traͤger en und ſein Ausſchwatzen einen Streit zwiſchen den Diezaſtboten erregte. / Nach und nach trieb er es ſo arg, daß es ſelbſt dem Putmüthigen Ratinel bisweilen leid wurde, wohlthätig ge⸗ gen ihn geweſen zu ſein; indeſſen tröſtete er ſich und dachte, /indem er ſeinen Lieblingsgrundſatz im Sinne hatte: Irgend etwas Gutes wird mir doch noch daraus erwachſen, denn man ſagt ja immer: Thue Recht und Du wirſt die guten Folgen ſehen. Ueberdies iſt Jacques ja noch jung, ſeine Fehler ſind nur Schalksſtreiche; einen klugen Kopf hat er, das kann ihm Niemand abſprechen, mit der Zeit wird er ſich beſſern. Indeſſen wurde Jacques groß und beſſerte ſich nicht. Nur immer geſchickter wurde er, ſeine Streiche zu verber⸗ gen und ſein bösartiges Gemüth zu verſtellen. Eines Ta⸗ ges daher, als er eben wieder einen recht tückiſchen Streich ausgeübt hatte, nahm ihn der bekümmerte Ratinel, der ſich über ſeine ſchlechte Aufführung wie ein Vater härmte, vor und ſprach zu ihm:„Was ſoll aus Dir werden, Jacques? Du biſt zu nichts gut, Du willſt nichts thun, Deine Aufführung wird mit jedem Tage ſchlechter. Dennoch weißt Du, daß Du auf alles Das, was ich beſitze und ſammle, keine Anſprüche zu machen haſt, ſondern es, wenn ich ſterbe, allein meiner Louiſon bleibt, die gerade ſo fleißig und gut iſt, wie Du träge und tkückiſch; was willſt Du aſo anfangen in dieſer Welt?“— Jacques ſtand ſchwei⸗ gend vor dem Pflegevater und ſchien in ſich zu gehen. Nach einigem Beſinnen fing er an:„Vater, zum Land⸗ mann habe ich kein Geſchick, das ſehe ich wol ſelbſt und wozu man kein Geſchick hat, dazu hat man auch keine Luſt. Aber laßt mich ſtudiren und Ihr werdet Eure Freude an — 312— mir erleben. In kurzer Zeit will ich der beſte Schreiber in der ganzen Gegend ſein und Niemand ſoll ein Häligen⸗ buch beſſer ausmalen können als ich.“ Jacques hatte gicht Unrecht; zu dergleichen Arbeiten beſaß er Geſchick genug und hatte es ſchon zu Zeiten gezeigt, wenn einer der wür⸗ digen Väter aus Valſecret auf den Pachthof kam, oder gar der Vater ihn mit einer Beſtellung auf das Kloſter geſendet hatte. Natinel dachte: Haſt Du ſo viel an ihm gethan, ſo willſt Du auch das noch thun und es wird ſich gewiß endlich belohnen. Zwar Geld genug wird es koſten, allein ich darf ihn doch auch nicht auf der Landſtraße auf⸗ gerafft haben, ohne ihn in den Stand zu ſetzen, dereinſt ſein Brot ſelbſt zu verdienen. Am andern Morgen gingen ſie daher zuſammen nach der Stadt, wo ſie den beſten Leh⸗ rer im Schreiben aufſuchten, der es übernehmen wollte, Jacques in der Kunſt zu unterrichten, Meß⸗ und Heiligen⸗ bücher abzuſchreiben, Vignetten dazu zu zeichnen und ſie mit dem ſchönen Blau, Noth und Gold auszumalen, wel⸗ ches für ewige Zeiten Glanz und Farbe behält. Sie fan⸗ den einen Meiſter auf, der vortreffliche Bücher abgeſchrie⸗ ben hatte; allein der Preis, welchen er für ſeinen Unter⸗ richt forderte, war hoch. Dennoch entſchloß ſich Ratinel, das Geld daran zu wenden, und wurde mit dem Meiſter Handels eins. Jacques ging nun alle Morgen nach der Stadt, um zu lernen, und Abends kam er nach der Päch⸗ terei zurück, um daſelbſt zu ſchlafen. So kurze Zeit er im Ganzen hier zubrachte, ſo fand er doch noch immer Zeit genug, um boshafte Streiche in Menge auszuüben. In⸗ deſſen waren die Berichte ſeines Lehrers ſehr günſtig, er machte reißende Fortſchritte; ſo war denn Natinel weniger ſtreng gegen ihn und tröſtete ſich damit, daß er einen gelehrten Pflegeſohn haben werde. Nach und nach, da — 313— Jacques immer eifriger und geſchickter wurde, fing dieſer Gedanke an, ſeinem Stolz zu ſchmeicheln; er baute Luft⸗ ſchlöſſer darauf.„Ich merke doch,“ dachte er für ſich, wann er bei der Arbeit auf dem Felde war,„eine gute Handlung bleibt nicht unbelohnt, die Wohlthat wird mir Segen bringen! Jetzt fängt meine Mühe und Sorge um Jacques an, ihre Früchte zu tragen. Er wird ein großer Gelehrter werden! Noch etliche Jahre und er kann meine Louiſon heirathen und ſie braucht nicht die Frau eines ein⸗ fachen Landmanns zu werden. Sie ſind faſt gleichen Al⸗ ters. Zuſammen erzogen, werden ſie einander lieben. Und wer ſollte denn meine Louiſon nicht lieben? Sie, die ſo hübſch iſt, deren große ſchwarze Augen von ſo langen Wimpern beſchattet werden, ſie mit ihren friſchen Lippen und Wangen, ihren weißen weichen Armen! O gewiß werden ſie ſich lieben! Und ich, nun ich bin ein Mann, der etwas erſpart hat! Und ich werde noch mehr ſparen, Alles für ſie, für meine Kinder! Wenn ſie mir dann der⸗ einſt die Augen ſchließen, werde ich ihnen Vermögen und Glück zum Erbtheil laſſen und ſie werden mein Andenken ſegnen!“ Solche Träume machten Natinel's Glück aus, wenn man bitter getäuſchte Hoffnungen Glück nennen kann! Es verging faſt ein Jahr. Da brach zu Chateau Thierry die giftige Seuche der Blattern aus und richtete große Verheerungen an. Vielleicht waͤre Ratinel in ſeiner einſam gelegenen Wohnung von dem Uebel nicht heimgeſucht worden, wenn Jacques nicht täglich in die Stadt gegangen wäre. Allein um ſeine Lehrzeit bald zu beendigen, ging er nach wie vor zu ſeinem Lehrer nach Chateau Thierry. Es dauerte auch nicht lange, ſo erkrankte er und theilte der Tochter ſeines Wohlthäters das gefährliche Gift mit. Dies veranlaßte große Unruhen und Wehklagen in der ſtillen Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. V. — 314— Pächterei, denn in jenen Zeiten der Rohheit und Unſicher⸗ heit war ein Arzt gar eine ſeltene Sache. Und was ver⸗ mochte auch die Wiſſenſchaft der damaligen Aerzte gegen die Macht einer ſolchen Krankheit? Ratinel zog Alles zu Rathe, was ſich nur in der Nachbarſchaft auf die Heil⸗ kunde verſtand, mit der zu jener Zeit die Aſtrologie faſt immer verbunden war. Allein Alle gaben ſie Mittel, die nichts fruchteten, die einander widerſprachen, oder beantwor⸗ teten die ihnen vorgelegten Fragen auf ſo dunkle Weiſe, daß der Sinn der Antwort durchaus nicht zu enträthſeln war. Nur in einem Punkt waren ſie Alle derſelben Meinung, indem ſie nämlich, falls ihre eigenen Mittel die Krankheit nicht bezwingen ſollten, ſämmtlich eine und dieſelbe Frau bezeichneten, die ihnen an Erfahrung und Kunſt weit über⸗ legen ſei. Dies war eine Alte, welche man die Gytana, das heißt die Aegypterin oder Zigeunerin, nannte. Allgemein im Volk galt ſie für eine Frau, die mit den tiefſten Ge⸗ heimniſſen der Natur vertraut ſei; von der Unfehlbarkeit ihrer Prophezeiungen wußte man viel zu rühmen. Sie hatte eine olivenbraune Geſichtsfarbe, dunkel flammende Au⸗ gen, langes, ſchwarzes Haar. Wenn ſie ihre Künſte be⸗ gonn, ihre Sprüche ertheilte, gerieth ſie in eine von Art pro⸗ phetiſcher Begeiſterung. Es erhöhte ihren Ruf, daß Nie⸗ mand ihre Herkunft, ihren Namen kannte. Man wußte nur ſo viel, daß ſie lange Zeit in den Pyrenäen umherge⸗ ſtreift und dann mit dem Heer des Connetable nach dem Innern Frankreichs gezogen war. In der letzten Zeit hatte ſie ſich dem Glücksſtern des berühmten Ritters La Hire zu⸗ geſellt, der im Namen des Dauphins Gouverneur von La Ferté Milon war, und heilte in ſeinem Lager die Krieger, welche Wunden vor dem Feinde erhalten hatten. Man— wußte merkwürdige Geſchichten davon zu erzählen, welche ——— 2 Kraft ihre Worte hatten; ein Blick reichte hin, das Blut zu ſtillen, und wenn ſie die ſchwerſte Wunde nur mit ihren Händen drückte und ſtrich, ſo heilte ſie in wenigen Tagen zu, ſo daß keine Spur mehr davon zu ſehen war. Zu ihr begab ſich Ratinel mit klopfendem Herzen, denn er fürchtete die Zaubermutter ein wenig und glaubte faſt ſeinen chriſtlichen Pflichten Eintrag zu thun, wenn er ihre Hülfe nachſuchte, die vielleicht ſelbſt vom Teufel Beiſtand empfing. Er fand ſie in einer Höhle am Ufer der Loire, wo ſie unter allerlei ſeltſamen Zeichen und Geberden in einem Keſſel, der auf Kohlen ſtand, einen Trank bereitete. Natinel wollte eintreten. Doch ſie erhob die Hand drohend gegen ihn und wies ihn zurück; er wollte gehen, allein ſie winkte ihm zu bleiben. Er wollte ſprechen, ſie hieß ihn ſchweigen.— So ſtand er unentſchloſſen und wußte nicht, was er thun ſollte. Die Gytana aber kümmerte ſich nicht darum, ſon⸗ dern ſetzte ihre Beſchäftigung fort. Nach etwa einer hal⸗ ben Stunde ſtand ſie vom Feuer auf, trat vor die Höhle und ſprach:„Was willſt Du, Ratinel?“ Er erſtaunte, daß ſie ihn kenne; doch trug er ihr ſein Anliegen vor. „Dazu habe ich eben den Trank gekocht,“ ſprach ſie im gleichgültigſten Tone und Ratinel trat vor Staunen einen Schritt zurück. Sie aber fuhr fort:„Ich weiß nicht, ob ich Deinen Kindern helfen kann; aber ich weiß noch weniger, ob Du es willſt, denn ich fordere bisweilen ſeltſamen und hohen Lohn.“—„Ich gebe Dir was ich vermag,“ ant⸗ wortete Ratinel und zog ſeine mit Silberſtücken wohlge⸗ füllte Börſe hervor. Doch die Alte lachte und ſprach: „Dein Geld behalte, ich kann's nicht brauchen; das mache ich mir ſelbſt, ſo viel ich davon haben will. Laß uns zu⸗ ſammen gehen; erſt wenn ich Deine Kinder ſehe, ſage ich Dir, was ich verlange.’“—— Ratinel war erfreut, ſie ſo 14* — 316— bereitwillig zu finden.„Doch,“ ſetzte er ſcheu hinzu,„wer⸗ det Ihr mir folgen wollen, weiſe Gytana, da ich nahe an einer Stadt wohne, die die Engländer beſetzt halten? Und man weiß doch, daß Ihr des Meſſire La Hire's Leuten gute Dienſte leiſtet.“— Die Alte erwiderte nichts darauf, ſon⸗ dern nahm ihren Stab zur Hand und ſprach:„Komm!“— Sie gingen. Es wurde dunkel, ehe ſie die Wohnung Ra⸗ tinel's erreichten, doch war der Himmel ſternenhell. Die Gytana trat an Louiſon's Lager, betrachtete ſie lange und rach dann:„Arme Chipi! Arme Chipi!“—„Was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte Ratinel und heftete ſeine Blicke bang auf die gefurchte Stirn der Alten.„Mein Freund,“ ſagte dieſe,„Chipi heißt ſo viel als ein Kind in der Sprache, wie wir ſie in den Bergen mit den Basken re⸗ den. Aber es wundert mich nicht, daß Du das nicht ver⸗ ſtehſt. Denn Du weißt doch, der Teufel ſelbſt iſt ſieben Jahre in Biscaya geweſen, aber hat die Sprache nicht ler⸗ nen können.— Arme Chipi! Es waͤre beſſer, ſie ſtürbe! Aber ſie wird nicht ſterben, Vater! Arme Chipi, ſie iſt recht unglücklich!“— Ratinel führte ſie jetzt zu Jacques' Bett. Als ſie ihn erblickte, ſchauderte ſie zurück und rief aus:„Du Rabe! Es! Es!(Nein! Nein!) Den heile ich nicht! Es bringt Unheil, einem Böſen Gutes zu thun! Er hat ein ſchlechtes Herz! Es! Es! Du Rabe!“ Natinel bat. Er bot ſeinen ganzen Beutel mit Silber⸗ ſtücken! Die Gytana blieb unerbittlich. Endlich ſagte ſie: „Gut, Du bitteſt mich um Dein Unheil! Ich will Dir willfahren! Aber höre, was ich von Dir fordere. Du mußt der heiligen Sache der Armagnacs, der Du im Her⸗ zen längſt zugethan biſt, dienen. Jedesmal, wo die Eng⸗ länder Chateau Thierry verlaſſen, mußt Du die Truppen an der Loire davon benachrichtigen, daß dieſelben nicht un⸗ —— —,.— —— —. 317— vermuthet überfallen werden. Gehſt Du die Bedingung ein?“— Ratinel zögerte. Es ging an ſein Leben! Rings umher lagerten Engländer und wohnten engliſch Ge⸗ ſinnte. Kam es heraus, daß er den Feind warnte, ſo hing man ihn auf. Indeſſen er betrachtete Jacques, der von ſchwarzen Blattern bedeckt, entſtellt, ächzend und wim⸗ mernd vor ihm lag. Die Gytana ſchwur, ihm nicht einen Tropfen Waſſer zu reichen, als unter der geſtellten Bedin⸗ gung— ſo gab er nach und gelobte mit einem feierlichen Eide auf's Crucifix, was die Alte von ihm verlangt hatte. Sie reichte jetzt beiden Kranken den bereiteten Trank und ging. Schon am andern Tage, als ſie wieder kam, befanden ſie ſich viel beſſer. Die Gytana betrachtete Louiſon ſtets freundlich und wiederholte ihr:„Arme Chipi!“ Jacques gewährte ſie aber ihre Hülfe nur mit Widerwillen, trotz Dem, was ihr Ratinel verſprochen hatte, und oftmals murmelte ſie ein bas⸗ kiſches Sprichwort vor ſich hin, welches lautete: „Erroya has eçac 3 Beguiac dedezac!“ Ratinel hörte es ſo oft, daß er es endlich auswendig be⸗ hielt. Er ſprach es abſichtlich in Gegenwart der Gytana laut aus. Sie ſah ihn mit einem furchtbaren Blick an und ſprach:„Ich wollte, Du verſtändeſt es! Aber auch, wenn ich's Dir deutlich mache, wirſt Du's nicht verſtehen. Es heißt:„Fütt're einen Raben, ſo hackt er Dir die Au⸗ gen aus!“— Damit verließ ſie die Huͤtte und kehrte nicht mehr wieder, denn die Kranken waren nun ſo weit gene⸗ ſen, daß ſie ihrer Hülfe nicht mehr bedurften. Allein welche Trauer überfiel den armen Ratinel, als er ſah, daß ſeine liebe, ſanfte, huͤbſche Louiſon völlig unkenntlich gewor⸗ den war! Die Augenlider blieben roth, die Wimpern waren ausgefallen. Tiefe Furchen hatten ihr das freund⸗ — 318— liche Geſicht zerriſſen; ihre Bruſt war durch die Gewalt des Uebels geſchwächt, daß ſie nur mühſam ging und Athem holte. Jacques dagegen zeigte faſt keine Spur von der Krankheit auf ſeinem Geſicht. So ungleich war das Schick⸗ ſal in ſeinem Urtheil! Die arme Louiſon hätte es vielleicht nie erfahren, wie häßlich ſie geworden war, denn zu jener Zeit waren die Spiegel ein noch unbekannter Luxus, zumal in einer Pachterwohnung. Allein Jacques fand eine Freude daran, es ihr täglich vorzuſagen, ſie immer wieder daran zu erinnern. Endlich ſchenkte er ihr ſogar einen Spiegel von Stahl, den er in der Stadt aufgetrieben hatte; dies war das einzige Geſchenk, welches er ſeiner Schweſter je⸗ mals gemacht hatte. Louiſon blickte hinein und trat er⸗ blaſſend und vor ſich ſelbſt erſchreckend einen Schritt zu⸗ rück; dann floſſen ihre Thränen leiſe, ſie ſeufzte auf, ſprach aber kein Wort. Jacques lachte höhniſch und fragte: „Nicht wahr, Du ſiehſt gut aus? Es iſt ein ſchönes Ding um einen Spiegel!“ Von jener Zeit an war Natinel ſehr traurig. Zwar dachte er wol noch zuweilen an ſeine Luftſchlöſſer und wenn er ſein eigenes Herz fragte, ſo konnte das Unglück, wel⸗ ches ſeine Louiſon betroffen hatte, Jacques' Liebe zu ihr nur vergrößern. Wenn er aber auf der andern Seite ſahe, wie ſein ſonſt ſo hübſches Kind oft einen unwillkürlichen Schrek⸗ ken bei Denen erregte, die ſie unvermuthet erblickten; wenn er ſahe, wie wenig Mitleiden Jacques mit ihr zu haben ſchien: dann ſtiegen doch düſtere Beſorgniſſe in ihm auf, daß die Zukunft ſeiner Louiſon eine unglückliche werden könne. Heirathen, dachte er, wird er ſie wol, wenn er dadurch der Erbe meines hübſchen Gütchens wird, allein ob er ſie liebhaben, ob er ſie ſanft und freundlich ſein Lebelang behandeln wird, wer will mir dafür ſtehen? — —, — — 319— Je nun, man muß abwarten, was geſchieht, tröſtete ſich Natinel weiter; wenn er die geſetzten Jahre erlangt haben wird, wo man heirathet, ſo, denke ich, wird er auch wol ſo viel Vernunft und Liebe bekommen haben, daß er ein⸗ ſieht, er dürfe mein armes Kind ſein Unglück nicht entgel⸗ ten laſſen, ſondern müſſe doppelt freundlich und wohlwol⸗ lend zu ihm ſein, um es zu tröſten. Ich werde ihm im⸗ mer mehr Gutes thun und täglich freundlicher zu ihm wer⸗ den, das wird er mir ſchon vergelten;z was ich an ihm thue, thue ich meiner Louiſon. Ich will alſo weder Koſten noch Mühe ſparen, daß etwas Tüchtiges aus ihm werden ſoll. Der Faſtnachtsabend kommt heran, da halten die Schüler von Chateau Thierry ihren Hahnenwettkampf. Mein Jacques ſoll auch dabei ſein und er ſoll nicht den ſchlechteſten Hahn haben, dafür ſtehe ich! Ich will nur gleich meinen großen ſpaniſchen auf gute Fütterung ſetzen, damit ich Jacques überraſchen kann, wenn er zu mir kommt und mich bittet, denn das, weiß ich gewiß, wird er thun. Die Faſtenzeit war herangekommen. Am Tage vor dem Faſtnachtsabend ging es beim Vater Guibal, der zum Burgundiſchen Kreuz in Chateau Thierry einen Wein⸗ ſchank hielt, ſo luſtig her, daß es ſelbſt dem Wirth faſt zu bunt wurde. Der Carneval mußte über die Gebühr durſtig gemacht haben, denn die Schüler von Chateau Thierry, welche den Vorabend ihres Königsfeſtes feierten, ſaßen auf der einen Seite der großen Trinkſtube, engliſche Soldaten in einer andern Ecke und den übrigen Raum er⸗ füllten eine Menge anderer abenteuerlicher Masken. Man ſchrie, lachte, zankte und jubelte durch einander; die Kriegs⸗ knechte ſangen ein Lied, was ſchwerlich aus dem Geſang⸗ buche genommen war, im Nebenſaal erſchallte der gellende — 320— Klang einer Schalmei und eines Dudelſacks und die hüb⸗ ſcheſten Jungfern von Chateau Thierry drehten ſich im Tanze mit den Soldaten. Vater Guibal ſchenkte den Wein in vollen Kannen aus und konnte doch den Durſt ſeiner Gäſte nicht raſch genug ſtillen, denn bald hier bald dort klingte man mit dem zinnernen Becher an die Kannen und rief:„Hier Wein her, Jungfer Roſette, Wein her!“ und das ſchmucke Schenkmädchen mit den ſchwarzen Locken und Augen mußte geſchwind wie ein Reh auf den Füßen ſein, um allen Gäſten ſchnell zu genügen, die da verlangten, daß ſie ihnen den Trunk mit ihren friſchen Lippen kreden⸗ zen ſollte. Der Einzige in der ganzen Verſammlung, der nicht aufgeweckt ſchien, war Jacques, er ſaß an der Ecke des Tiſches in Nachdenken verſunken da und nur von Zeit zu Zeit wendete er ſich an ſeinen neben ihm ſitzenden Leh⸗ rer und ſprach leiſe aber ſehr ernſthaft mit ihm. „Beim heiligen Crispinus, dem Schutzpatron diefer Stadt!“ rief ein Schüler,„ich verwette meine morgende Königskrone, oder, wenn Einer lieber will, ein Maaß vom beſten Wein, den Vater Guibal im Keller hat, daß Jac⸗ ques da unten auf irgend einen Teufelsſtreich denkt, ſo et⸗ was wie neulich, wo er dem alten Hauswart ſo geſchickt eine Fallgrube gegraben hatte, daß der arme Schuft bis über den Hals hineinfiel und faſt die alten Gliedmaßen ge⸗ brochen hätte. Nun, wer will wetten?“ „Ha, ha, ha,“ entgegnete ein anderer Schüler,„Deine Königskrone von morgen früh iſt auch wol des Wettens werth. Du denkſt doch wol nicht daran, unſer Monarch zu werden?“—„Kein Streit,“ riefen andere dazwiſchen, laßt uns lieber unſer Königslied ſingen. Vielleicht ärgern wir ſogar die Schufte, die Engländer, damit.“ Und ſofort ſtimmte der volle Chor der Schüler an: — 321— „Quand li roi fut couronné A la sainct Jéhan d'été, ⸗ Vive! En France La reigne Blanche!“ „Was Teufel!“ rief einer der Engländer aus, der ſich vom Wein erwas erhitzt hatte,„ich glaube, die Irrwiſche da wollen uns necken! Es gibt keine andere Königin in Frankreich, als Madame Iſabeau!— Schweigt, ihr Zwerge, ihr Milchbärte, ihr Gelbſchnäbel! Es lebe Madame Iſa⸗ beau!“— Die Schüler, auch durch den Wein muthiger als gewöhnlich, ſangen deſto lauter: K „Vive! En France La reigne Blanche!“ und hatten ihre Freude daran, zu ſehen, wie die Englän⸗ der vor Zorn ſo roth wurden wie die rothen Hahnenbüſche auf ihren Helmen.„Was meint Ihr,“ fing der Erſte wie⸗ der an,„ſoll ich einmal den Schulmeiſter der Burſchen da machen? Die flache Klinge oder Karbatſche, das kommt auf eins heraus! Ich dächte, wir zögen ſie hier einzeln über die Schemel und ließen ſie rathen, womit ſie ihre funfzig bekommen!“ Dabei ſtand er zugleich auf, zog ſei⸗ nen breiten Haudegen heraus und wollte nach dem Tiſch der Schüler gehen. Ein Theil ſeiner Kameraden wollte ihm nach, ein Anderer hielt die Erbitterten zurück. Die Schü⸗ ler dagegen ergriffen tüchtige Knittel und dachten darauf, die Schemel zu ihren Schilden zu machen; und zugleich rief der übermüthige junge Vorſitzer, ein Burſch von noch nicht ſechzehn Jahren, herausfordernd aus:„Nur näher, Ihr langer engliſcher Trunkenbold, wir wollen Euch auf franzöſiſche Art zum Ritter ſchlagen, daß Ihr in Eurem Leben nicht wieder unſere Königin Blanche zu verunglim⸗ pfen wagt!“ — 322— Auf die trotzig übermüthige Rede ſprangen die ſämmtli⸗ chen Engländer auf, und im gleichen Augenblicke auch ſämmt⸗ liche Schüler, indem ſie die Schemel, auf denen ſie geſeſſen hat⸗ ten, hoch in die Luft ſchwangen. Und jetzo wäre es zu einer vielleicht blutigen Faſtnachtsſchlacht gekommen, wenn nicht auf der einen Seite Meiſter Laurentius, Jacques' Lehrer und der Aufſeher der ganzen Schule, und auf der andern der alte Vater Guibal mit einer mächtigen zinnernen Weinkanne in der Fauſt dazwiſchen geſprungen wäre und den Frieden vermit⸗ telt hätte.„In nomine Dei, patris et filii! Quid agitis!“ rief Meiſter Laurentius und runzelte die ſchwarzen finſtern Augenbraunen.„Holla, ho! Beim St. Crispin! Ruhig in meinem Hauſe, Ihr Herren!“ rief Guibal und hielt die Kanne wie einen Bollwerksthurm der andringenden Schar entgegen.„Wollt Ihr eine Schlacht liefern, ſo geht hin⸗ aus vor den Wall oder marſchirt nach Remont⸗Voiſin, wo die Vorpoſten des Meſſire La Hire ſtehen; aber hier in mei⸗ ner Trinkſtube muß Ordnung ſein, oder ich rufe die Schar⸗ wache herbei!“—„Pax vobiscum!“ intonirte Meiſter Lau⸗ rentius und machte das Zeichen des Segens.„Ihr ereifert Euch zur Unzeit, werthe Herren! Die Königin Blanche, müßt Ihr wiſſen, gehört zum Feſte morgen; wenn Ihr wollt, werde ich Euch das mit Ruhe erklären! Aber gebt mir dazu erſt ein Maaß Wein,“ wandte er ſich zum Va⸗ ter Guibal, ohne weiter zu fragen, ob man ſeine Erklä⸗ rung anhören wollte, denn er war es gewohnt, ſich ein gewichtiges Anſehen zu geben, wo es galt, eine Rede zu halten. Da ſeine Schüler ehrerbietig daſaßen, ſo meinten die Kriegsknechte ihrerſeits auch, es zieme ſich für ſie und werde ihnen Anſehen geben, wenn ſie dem gelehrten Manne ehrerbietig zuhörten. Er ſetzte ſich, that einen tiefen Trunk und hub an: —,— — „Hier iſt nur von einer Faſtnachtskrone die Rede. Se⸗ het, morgen wird hier der König der Neude, roy de la Neude nannten ihn unſere Voreltern ſchon ſeit undenkli⸗ chen Zeiten, gekrönt. Was die Sache iſt, wißt Ihr; näm⸗ lich jeder Schüler von Chateau Thierry bringt am Faſt⸗ nachtsdienſtage einen Hahn herbei, alle dieſe Hähne läßt man nacheinander zuſammenkämpfen und der Schüler, deſſen Hahn ſiegreich bleibt, heißt der König der Neude. Aber der Name! Der Name iſt ſchwer zu deuten! Einige wollen ihn ableiten von dem alten Wort neu, was ſo viel bedeutet als neuf oder nouveau, ſo daß es dann hieße, der König der Jugend, nämlich der jungen Leute; allein dieſe Herleitung bleibt zweifelhaft und eine andere kennt Nie⸗ mand, ſogar ich ſelbſt nicht. Eben ſo wenig kann man mit Gewißheit ſagen, wer den Gebrauch ſelbſt eingeſetzt hat. Einige meinen, es ſei die Königin Bianca von Ca⸗ ſtilien geweſen, die Mutter des heiligen Ludwig's; aber der Rundreim, den die jungen Leute dabei ſingen, paßt keines⸗ wegs zu dieſer Ableitung, obwol er uns von unſern Urvä⸗ tern her überliefert worden iſt. Denn, hört einmal auf⸗ merkſam zu, wie heißt es in dieſem Liede? „Quand li Roy fut couronné A la sainct Jéhan d'été,“ etc. etc. Dies paßt aber weder auf den Mann, noch auf den Sohn der Königin Bianca von Caſtilien; denn bei Gelegenheit der Krönung Ludwig's des Achten wurden zwar die Schu⸗ len geſchloſſen, wie der berühmte Dichter Nicolas de Braia, der die Thaten dieſes Königs beſungen hat, in folgenden Verſen berichtet: „Tunc labor et studium logicorum lisque quiescit, Cessat Aristoteles, neo Plato problemata ponit.“ — 321— allein von einer neuen Inſtitution zu Gunſten der Schüler und Studenten erzählt kein Chroniker jener Zeit!“ Die Engländer ſaßen da und hörten mit halb offnem Munde und ſtarren Augen der gelehrten Rede zu, von der ſie jedoch nichts verſtanden; es ſtand ihnen aber, meinten ſie, ſelbſt höchſt gelehrt, wenn ſie mäuschenſtill aufhorchten und dann und wann beifällig nickten. „Ueberdies,“ fuhr Laurentius fort und warf ſich in die Bruſt, da er ſah, welchen Eindruck ſeine Gelehrſamkeit machte,„iſt weder Ludwig der Achte, noch Ludwig der Neunte am St. Johannistage im Sommer gekrönt worden, ſondern Ludwig der Achte wurde im Auguſt am Tage des heiligen Sixtus gekrönt und von Ludwig dem Neunten weiß man es ganz genau, denn es heißt in der gelehrten Chronika von Wilhelm von Nangis:„„Der gebenedeite Herr Sanct Looys empfing die heilige Salbung am Sonn⸗ tage Adventus unſeres Herrn durch die Hand des gnädig⸗ ſten Monſeigneur Jacques, Biſchof von Soiſſons, weil zur Zeit der Sitz des Erzbiſchofs zur alten Stadt Rheims er⸗ lediget war.““ Seht Ihr, ſo heißt es wörtlich. Andere ſind daher der gelehrten Meinung, daß dieſe Einrichtung von Blanca von Artois herſtamme, welche die Nichte des heiligen Ludwig war. Ich ſelbſt, muß ich Euch ſagen, glaube, daß dieſe Hahnenkämpfe eigentlich britanniſchen Ur⸗ ſprungs waren—„Ja, ja! So wird es ſein!“ riefen die Engländer unterbrechend und freuten ſich, daß ihrer Nation die Ehre derſelben zukommen ſollte,—„denn,“ fuhr Lau⸗ rentius fort, ohne ſich ſtören zu laſſen,„Blanca von Ar⸗ tois heirathete in zweiter Ehe den Grafen Edmund von Lancaſter und daher—— „So iſt's!“ rief der Vorſitzer am engliſchen riſch„Von den Engländern ſtammt der Hahnenkampf! Ihr ſeid ein —— — — —,— — 325— grundgelehrter Mann, Ihr ſollt leben! Hoch!“— Im Grunde hatten Alle des Redens ſatt und waren froh, daß es wieder ans Trinken ging. So verſöhnten ſich die Ge⸗ müther raſch und ſtießen mit den großen Humpen wacker an. Laurentius aber, der noch gern eine Weile fortgeredet hätte, rief in den Lärmen hinein:„So ſeht Ihr wol, Ihr Herren Engländer, daß unſere Lieder Euch keinen An⸗ laß zum Zorn zu geben brauchen. Wir feiern morgen ein Feſt, das Euren Ruhm ſo gut auf die Nachwelt bringt als unſern. Alſo ſtellt Euch hübſch bei dem Kampfe als Zuſchauer ein und bewegt auch den Herrn Commandanten, daß er den Triumph des Siegers verherrlichen hilft! Alſo morgen, auf Wiederſehen!“ Damit leerte er ſeinen Hum⸗ pen und ging hinaus. Die Schüler folgten ihm, denn es war ſchon ſpät in der Nacht und mancher hätte auch trotz der Finſterniß auf den Gaſſen von Chateau Thierry Noth gehabt, ſeine Wohnung aufzufinden. Am andern Morgen lange vor Tagesanbruch war Jac⸗ ques ſchon auf und pochte an Ratinel's Schlafkammerthür. „Wer iſt da? Was gibt's?“ fragte dieſer; Jacques nannte ſeinen Namen und trat ein.„Guten Morgen, mein Junge,“ redete ihn Ratinel, der einen ſehr guten Traum gehabt hatte, an;„was bringſt Du? Faſt möchte ich wetten, ich weiß es ſchon vorher!“—„Ich hätte wol eine Bitte an Euch, Vater Ratinel!“ erwiderte jener.„Siehſt Du, da habe ich Dich!“ rief Ratinel und ſprang aus dem Bett.„Aber meinſt Du, ich hätte nicht ſchon im Voraus an Dich ge⸗ dacht? Meinſt Du, ich würde es vergeſſen, daß Du heut gern König der Neude würdeſt? Aber ſieh einmal her,“ dabei ſchlug er ein über einen Käfig gebreitetes Tuch zurück, „ſieh her, ob Du auf zehn Lieues in der Umgegend ſolch einen Kampfhahn findeſt, wie hier in meinem hölzernen —— — 320— Guckkaſten zu ſehen iſt. Sieh nur die breite Bruſt, die er hat, und wie er den Kopf trägt. Und da, das glänzende, feurige Auge, den harten Schnabel und was er für feſtes Fleiſch hat und die ſcharfen Sporen! Ich ſage Dir, das iſt ein Kerl, der ſiegen muß! Seit drei Monaten habe ich mich aber auch auf allen Märkten umgeſehen, damit Du einen tüchtigen Ritter im Hahnenturnier ſtellen könn⸗ teſt. Nun, was meinſt Du?“ „Ich danke Euch, Vater Natinel, ich danke Euch be⸗ ſtens,“ entgegnete Jacques;„ich glaube ſelbſt, Ihr habt durch Eure Wahl meinen Sieg geſichert.“ „Ja, mein Junge, ich verwette ein feiſtes Kalb darauf, Du biſt morgen König der Neude. Ich höre ſie ſchon im Geiſte rufen:„Vive le roy de la Neude!“—„Ich glaube es auch,“ erwiderte Jacques,„und freue mich von ganzem Herzen dazu, allein—“ „Junge, was denkſt Du von mir?“ fiel ihm Natinel ins Wort; glaubſt Du etwa, ich weiß nicht, was es hei⸗ ßen will, König ſein? Die Krone iſt und bleibt eine Laſt, ſelbſt im Scherz, das weiß Niemand ſo gut als ich. Aber ich werde Dich nicht ohne Schatz laſſen; denn das war es doch, was Du noch auf dem Herzen haſt. Die Carnevals⸗ Luſtbarkeiten werden Deinen Säckel auch geleert haben; ich weiß, was Bänder und Näſchereien koſten und daß der alte Graubart, der Guibal, ſeinen Wein nicht umſonſt aus⸗ ſchenkt, ſondern einen Sous für das Maaß verlangt, der alte Wucherer! Aber ſein Wein iſt gut und Du, als Kö⸗ nig, ſollſt vom beſten trinken und geben. Du mußt frei⸗ gebig ſein, ich weiß es, darum bin ich es auch. Hier nimm!“ Dabei drückte er ihm ſechs halbe Francs in die Hand, eine Summe, die zu jener Zeit ausreichte, um das luſtigſte Gelag zu beſtreiten. — — 327— „Wahrhaftig,“ rief Jacques, Ihr ſeid ſehr gut, Vater Ratinel! Dieſe Eure Güte gibt mir Muth, Euch eine Bitte vorzutragen, die ernſterer Art iſt, als jene Kindereien.“ Ratinel horchte hoch auf; das Wort gefiel ihm nicht, das Jacques gebrauchte, und überhaupt freute er ſich nicht herzlich genug und er ſelbſt hatte ſich doch ſchon ſo lange auf den Tag gefreut, wo er ihn mit dieſen Geſchenken er⸗ freuen wollte, die ſeiner Meinung nach die Wünſche eines ſo jungen Menſchen über alle Erwartung befriedigen muß⸗ ten.„Indeſſen,“ dachte er,„jeder Menſch hat ſeine Weiſe und Jacques iſt nun einmal ſo. Du thuſt ihm Liebes an und er wird deſſen gedenken. Eine gute Handlung bleibt nicht unbelohnt; jedenfalls wird Dir die Wohlthat Segen bringen!“—„Nun, was wäre denn das?“ fragte er Jac⸗ ques recht freundlich. „Seht,“ entgegnete dieſer,„die Bücher, die ich ab⸗ ſchreibe, ſind jetzt ſo gut und beſſer, wie die der geſchick⸗ teſten Schreiber. Aber ich darf mich noch nicht Meiſter nennen; ich gelte nur für einen Lehrling, einen Schüler und kann mein Brot nicht damit gewinnen, weil ich we⸗ der einen Laden noch eine Kundſchaft habe. Nun habe ich geſtern Abend mit meinem Lehrer, dem Meiſter Laurentius, beim Vater Guibal ausführlich geſprochen und er iſt be⸗ reit, mir ſeinen Meiſtertitel und die ganze Kundſchaft ab⸗ zutreten, wenn ich ihm zweihundert Livres bezahle. Der Preis iſt freilich etwas hoch, aber er will einmal nicht anders und läßt keinen Sous, keinen Heller davon ab. Nun habe ich darauf gerechnet, Vater, daß Ihr mir das Geld gebt!“ „ Jacques, wo denkſt Du hin,“ rief Ratinel erſtaunt und trat einen Schritt rückwärts;„das iſt ja eine unge⸗ heure Summe! Es iſt mehr als ich für meine arme Loui⸗ ſon aufgeſpart habe, um ſie auszuſteuern! Und ſie braucht eine reiche Ausſteuer, ſeit ſie das Unglück mit der Krank⸗ heit gehabt hat. Ich kann ihr doch nicht Deinetwegen Al⸗ les nehmen?“ „So weiß ich nicht, was ich in der Welt anfangen ſoll,“ rief Jacques und drehte ſich im Verdruß trotzig um. „Ich könnte Euch ja das Geld mit der Zeit zurückgeben,“ fuhr er nach einigen Augenblicken ſanfter fort.„Ich werde ſchon etwas damit gewinnen.“ „Jacques, Du kennſt mich, ich bin Dir gut, aber das iſt zu viel für meine Kräfte. Mein leibliches Kind geht vor! Ueberdies habe ich ſo viel Geld gar nicht.“ „Die ehrwürdigen Herren Patres von Valſecret ſchießen Euch gewiß vor,“ antwortete Jacques. „Ja, nur, wenn ich ihnen die Meierei in Pfand gebe, die ſie mir gern wieder abnehmen möchten; aber das geht nicht. Ich könnte ſterben, ehe ich ſie ausgelöſt hätte, und was würde dann aus Louiſon! Nein, Jacques, nimm Ver⸗ nunft an, ſo gern ich etwas für Dich thäte, es geht nicht! Schlag Dir's aus dem Sinn! Vieleeicht findet ſich bald eine andere, wohlfeilere Gelegenheit!“ „Wenn ſie nicht vom Himmel fällt,“ rief Jacques mit Thränen des Verdruſſes im Auge, ſo wüßte ich nicht, wo ſie herkommen ſollte!— Aber ich wußte es wol voraus, daß Ihr mir nichts geben würdet,“ fuhr er fort, indem er ſich mehr und mehr erhitzte,„denn Ihr geltet in der gan⸗ zen Gegend für einen Geizhals und habt niemals etwas für mich thun wollen!“ „Jacques! Jacques! Biſt Du es wirklich, der ſo zu mir ſpricht?“ rief Ratinel aus und ſchlug die Hände über dem Haupt zuſammen;„ich habe Dich halb verhungert von der Landſtraße aufgerafft und in mein Haus gebracht, . — 329— ich habe Dich ernaͤhrt und gekleidet und etwas lernen laſ⸗ ſen und Du wagſt mir zu ſagen, ich häͤtte nichts für Dich gethan? Schäme Dich, Du Undankbarer!“ „Ja, Ihr habt mich als Knaben ernährt und wollt mich, da ich erwachſen bin, verhungern laſſen! Das iſt's, was Ihr für mich thut,“ erwiderte Jacques erbittert.„Aber ſeht zu, was Ihr thut! Wollt Ihr mir das Geld nicht geben, ſo weiß ich, was ich zu thun habe. Ich werde mir's ſchon auf andere Weiſe zu verſchaffen wiſſen! Es gibt Dinge, die, wenn ſie der engliſche Commandant in Chateau Thierry hört, gut bezahlt werden! Ich weiß—“ „Unglücklicher, halt ein!“ rief Ratinel und drückte ihm die Hand auf den Mund.„Was weißt Du? Was darfſt Du wiſſen! Womit darfſt Du mir drohen?“ „Ich weiß, wer auf die hohe Buche im Buſch hinterm Hanſe allemal eine Stange mit einem weißen Tuch auf⸗ fleckt, wenn die Engländer aus Chateau Thierry gegen die Leute des Meſſire La Hire ausrücken, und wer Nachts ein Bund Stroh anzündet, daß es die erſten Poſten zu Ne⸗ mont⸗Voiſin ſehen können! Ich weiß, wer das thut und kann es verrathen!“ „Jetzt brach Ratinel's Langmuth.„Nichtswürdiger! Elender!“ rief er und packte Jacques bei den Schultern, „Du weißt aber auch, warum ich das thue! Du weißt, daß ich Dein Leben gerettet habe durch dieſes gefährliche Verſprechen! Weißt, daß die Gytana, die Dich heilte, dies zum Lohn verlangte! Längſt begraben wäreſt Du, wenn ich das nicht gethan hätte. Und das willſt Du ver⸗ rathen? Wage es, Du Nichtswürdiger, das noch einmal zu ſagen!“ „Es wäre mir lieber, Ihr häͤttet mich damals ſterben laſſen, als daß Ihr mich jetzt verhungern laßt,“ war Jac⸗ — 330— ques' trotzige Antwort, indem er ſich losriß;„entweder thut, was ich verlange, oder ich ſorge für mich, wie ich Euch geſagt habe. Wer weiß, wie viel Euch die Schurken, die Armagnacs, die mir mein Erbtheil genommen und mei⸗ nen Vater gehangen haben, dafür bezahlen, daß Ihr ihr Spion ſeid!“. „O hätten ſie Dich mitgehangen, Du Drachenbrut!“ rief Ratinel, der ſich vor Zorn nicht mehr kannte; und zu⸗ gleich ergriff er in der Wuth die Feuerzange, die auf dem Kamin lag, packte Jacques im Genick, ſchleuderte ihn mit überlegener Kraft zu Boden und ſchwang das glühende Ei⸗ ſen über dem Haupt des Undankbaren. Und jetzt hätte er ihm den verdienten Lohn gegeben, als plötzlich Louiſon, die den Lärmen der Streitenden gehört hatte, dazwiſchenſprang und ihrem Vater in den Arm fiel und ſich weinend und flehend ſo feſt daran hing, daß Jacques Zeit gewann, auf⸗ zuſpringen und ſich bleich und bebend in eine Ecke des Ge⸗ machs zu drücken. Ratinel ließ ermattet die Hand ſinken. Er warf die Zange wieder in den Kamin und ſprach ſeufzend, indem er ſeine Tochter ans Herz drückte:„Und Du retteſt ihm noch das Leben, mein armes Kind! Sieh zu, was Dir für Unheil daraus erwachſen wird. Er iſt ein Ungeheuer, ein Baſilisk! Ja, ja, das Sprichwort hat Recht: Brüte ein Hahnenei aus, ſo wird eine Schlange herauskriechen! Weißt Du, was er thun will? Brandſchatzen will er mich wie einen Gefangenen! Mich überliefern, mich den Engländern verrathen!“ „O das wird er nicht thun, nimmermehr, mein Vater!“ ſprach Louiſon weinend und begütigend. Jacques ſtand in der Ecke und die Knie ſchlotterten ihm vor Angſt; er wagte ſich nicht hervor, um aus der Stube zu f 4 — 331— flüchten, denn es war ihm bange, Natinel würde ihn packen und ihm den verdienten Lohn geben. Doch dieſer ſprach: „Fort, mir aus den Augen, Elender! Nimmermehr laß Dich hier wieder im Hauſe ſehen! Sonſt thue ich, was mich vergeblich reuen würde!“ Er winkte, Jacques ſchlich, noch an allen Gliedern vor Schrecken zitternd, hinaus. Louiſon ging ihm nach. Vor der Thür holte ſie ihn ein und faßte ſeine Hand.„Lieber Jacques, gib nicht die Hoffnung auf! Der Vater wird ſich verſöhnen laſſen, Du wirſt wiederkommen dürfen. Bleib nur heut in der Stadt, morgen wird ſich Alles gut machen.— Aber Du haſt ja Deinen Hahn nicht mitgenommen? Wart nur einen Augenblick hier, ich werde ihn gleich holen.“— Sie lief zurück und brachte ihm den Käfig mit dem Hahn.„Ge⸗ wiß, Du wirſt bald zurückkommen!“ rief ſie ihm noch ein⸗ mal nach, indem er ging.„Ja bald, recht bald,“ ant⸗ wortete er und ging haſtig der Stadt zu. Er kam eben noch zur rechten Zeit in Chateau Thierry an, um dem Kampfe beizuwohnen, den die Hähne der Schüler anſtellten. Ratinel's Hahn bewährte ſich noch über Erwartung; er ſchlug Alle, die ihm entgegentraten, in die Flucht oder zu Boden und nach wenigen Stunden wurde Jacques zum Könige ausgerufen. Er hielt an der Spitze ſeiner Mitkämpfer, die nun für dieſen Tag ſeine Vaſallen waren, einen Umzug unter den verſammelten Zuſchauern und kam ſo auch zu dem engliſchen Commandanten, der ihn freundlich begrüßte. Jacques nahm die Gelegenheit wahr, ihm zu ſagen, daß er ihm etwas Wichtiges zu ver⸗ trauen habe. Dieſer zog ihn nach beendigtem Umzuge bei Seite und ſie hielten ein langes Geſpräch miteinander. Mit vergnügten Augen kam Jacques von da in den Kreis ſei⸗ ner Mitſchüler zurück und ging ſogleich zu ſeinem Lehrer, — 332— um ihm den Antrag zu machen, daß er ſein Geſchäft kau⸗ fen wolle. Er zeigte dabei eine Börſe mit Gold vor, die den Kaufpreis wenigſtens zwiefach enthielt! Ratinel ſaß am Kamin und ſchnitzt zierliche Holzſtäbe zurecht, die er auf dem Markt zu verkaufen pflegte; ſein Zorn war halb verraucht.„Es iſt ein Wort,“ dachte er, „das dem Gereizten in der Hitze entfahren iſt; er wird ſo ſchändlich nicht handeln, das vermag kein Menſch!“ In⸗ dem kam Louiſon ängſtlich herein und berichtete, draußen ſtünden engliſche Soldaten in großer Menge und beſetzten den Pachthof. Natinel ſchreckte zuſammen, ſeine Lippen er⸗ blaßten; er fuhr ſich mit der Hand über die Stirn, aus der ein kalter Angſtſchweiß plötzlich ausbrach.„Kind, wir ſind verloren!“ rief er aus;„Jacques, die giftige Natter, hat uns verrathen! Komm, gleich zur Hinterthür hinaus, durch den Wald, wir wollen ſehen, ob wir die Loire er⸗ reichen können.“ Er zog die beſtürzte Tochter haſtig mit ſich fort, doch als ſie in den Hof kamen, traten ihnen ſchon engliſche Lanzenknechte entgegen.„Da iſt der Spion! Greift ihn! Ihn und ſeine Tochter!“ rief der Anführer, und auf der Stelle wurden ſie Beide gepackt und in das Gemach geſchleppt. Ratinel wollte ſich entſchuldigen, wollte läugnen; doch vergeblich, Jacques hatte zu viel verrathen, die Beweiſe lagen offenkundig da. Louiſon vermochte nichts als zu weinen und ſich an ihren Vater anzuklammern. Doch als jetzt der Offizier das Schreckenswort ausſprach:„Schnei⸗ det dem Hunde die Ohren ab, reißt ihm die Zunge aus, blendet ihn und hängt ihn dann an Händen und Füßen auf, bis er im Dampf ſeines brennenden Hauſes erſtickt,“ da that ſie einen lauten Schrei der Angſt, ſtürzte ſich dem Offizier zu Füßen und rief:„Er iſt unſchuldig! Ich war es, die den Feind benachrichtigte! Bringt mich um!“ 4 — 333— Doch der rohe Barbar ſtieß ſie mit dem Fuß zurück und rief:„Fort, Du widerliches Scheuſal! Du magſt Dich dazu hängen, wenn Du Luſt haſt. Macht mit ihr, was Ihr wollt, Leute! Plündert den Hof und ſteckt ihn in Brand!“— So wand er ſich von ihr los, riß ihr dabei mit dem Sporn in den Arm und ging hinaus!— Ratinel ballte krampfhaft die Fäuſte, ſchlug um ſich wie ein Ra⸗ ſender und ſchleuderte drei Kriegsknechte zu Boden. Doch bald hatte man ihn überwältigt, band ihm Hände und Füße uͤber den Rücken zuſammen und fing an die grauſame Mar⸗ ter an ihm zu vollziehen, indem man ihn an einem Seil in die Höhe zog. Da ſah er, während Einer der Henkers⸗ knechte ihm das Ohr herunterſchnitt, daß die Andern über ſeine arme Tochter herfielen und ſie zu wildem Misbrauch, ein Schickſal, vor dem ſelbſt die grauſame Krankheit, die ihre Schönheit zerſtört hatte, ſie jetzt nicht ſchützte, auf den Boden warfen. Bei dieſem Anblick und dem Angſtgeſchrei Louiſon's ſchrie Ratinel laut auf wie ein Raſender:„Blen⸗ det mich gleich, daß ich's nicht ſehe, habt Barmherzigkeit, blendet mich!“ Doch ehe der Stahl in ſeine Augen drang, war das Aeußerſte geſchehen und Ratinel rief jammernd und verzweifelnd aus:„Warum habe ich geglaubt, daß eine gute That ſich belohnt, daß eine Wohlthat Segen brin⸗ gen muß!“— Da ſchlugen ſchon die Flammen aus dem Dache auf und die Soldaten mußten flüchten. Höhnend und mit Peitſchenhieben trieben ſie die arme Louiſon vor ſich her zum Gehöft hinaus, bis ſie für todt auf den Bo⸗ den niederſank. Dort ließen ſie ſie liegen, ſchwangen ſich auf die Pferde und ritten nach Chateau Thierry zurück. Als Louiſon erwachte, wälzte ſich eine dichte Rauch⸗ wolke über ſie hin. Das Haus ihres Vaters war ſchon zuſammengeſtürzt. Vergeblich rief ſie händeringend ſeinen ———— — 334— Namen in die Glut hinein, vergeblich lief ſie rings um das Haus und den Hof herum, von allen Seiten nur Rauch und Flammen. Er konnte nicht mehr am Leben ſein! Weinend ſetzte ſie ſich endlich vor dem dampfenden Gehoöft auf den Boden, wo die Glut ſie wenigſtens vor der Kälte ſchützte; denn ſie war beinahe unbekleidet, da Die, welche ſie mishandel⸗ ten, ihre Kleidungsſtücke faſt ganz herabgeriſſen hatten. So brachte ſie den Tag, ſo brachte ſie die Nacht zu. Am an⸗ dern Morgen quälte ſie der Hunger, ſie ging in die nächſte Hütte und bettelte um Brot. Doch alle Bewohner der Ge— gend waren Anhänger der Engländer, oder fürchteten ſich, die Tochter des Spions aufzunehmen. Mitleidslos wurde ſie zurückgewieſen; ſo ging es ihr an der zweiten, an der dritten Hütte, überall wo ſie anklopfte. Endlich ſank ſie erſchöpft unter einem Baum in den Schnee nieder. Es war derſelbe, wo ihr Vater vor ſieben Jahren Jacques am Wege gefunden hatte. Da hörte ſie von weitem fröhliches Geräuſch, Geſang und Schallmeien. Es waren die Schüler von Chateau Thierry, die, wie es Gebrauch iſt, nach Val⸗ ſecret zogen, um, ihren König an der Spitze, den from⸗ men Vätern ihre Huldigung darzubringen, denen der König eine Anrede halten mußte. Sie hatten ihre Hüte, wie es Sitte war, mit Stechpalmen geſchmückt und waren fröhlich und guter Dinge, denn es erwartete ſie im Kloſter eine reichliche Mahlzeit und zum Abend hatte der König der Neude, Jacques, der plötzlich reich geworden war, ihnen beim Vater Guibal ein großes Trinkgelag verſprochen. Es ſollte zugleich zum Abſchiedsſchmaus ſein, denn er war ja nun nicht mehr Schüler, ſondern konnte ſich Meiſter Jacques nennen, ein Titel, unter dem er lange Zeit als der beſte Copiſt der ganzen Gegend bekannt blieb.— Als ſie an dem Baum vorüber kamen, unterbrach eine klagende 1 † — — 335— Stimme ihren froͤhlichen Geſang; ſie hielten inne. Da rief Louiſon:„Jacques, Jacques! Was haſt Du gethan! Er⸗ barme Dich meiner, mich hungert und friert!“ Die Schü⸗ ler wandten ſich um, doch Jacques rief grinſend:„Laßt ſie; Das iſt die Tochter des Spions, ſeht, wie der Teufel ihr Geſicht gezeichnet hat!“ Damit wandte er ſich ab. Die Knaben, in unwiſſender Rohheit, machten Schneebälle und warfen höhnend nach Louiſon damit. Sie wollte ſich aufraffen und flüchten, doch ihre erſtarrten, erſchöpften Glieder verſagten ihr den Dienſt und ſie ſank wieder in den Schnee zurück. Der Zug ging vorüber.—„Ach,“ ſeufzte Louiſon matt, als ſie allein war,„alſo das iſt der Segen der Wohlthat! Wo ſoll denn der Gute ſeinen Lohn bekommen!“—„Dort oben, arme Chipi,“ ſprach eine Stimme neben ihr und eine Hand deutete gen Himmel. Es war die Gytana, die eben des Weges kam. Sie beugte ſich nieder, um der Ar⸗ men zu helfen; doch es war zu ſpät. Matt öffnete ſie nur noch einmal die Augen, blickte nach dem Himmel, auf den die Zigeunerin zeigte, ſeufzte und verſchied.—„Arme Chipi,“ wiederholte die Zigeunerin und betrachtete ſie geruhrt. „Aber ich wußte ja voraus, wie es kommen mußte.“ „Erroya has egac Beguiac dedezac!“ —— ruck von F. A. Brockhaus in Leipzig. D —— — ſnſſſnſſnnſnſſinſnſiniſſ 8 9 11 12 13 14 ſiſſſſſſſſſſi 15 16 17 18 19