A“ Ararnararararanaar ararrarrararrrhührananhrhrht Leihbibliothek Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. „„„ franz. od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: —— araar ananhnhuhnhr. auf 6 Monat 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr, fll „„ 3„., 30„ 1„ 12„„ 45„ II 2, 1„ 5,„ 27„—,„ u— Geſammelte Schriften von Ludwig Kellstab. : Sechzehnter Band. Keue folge. Vierter Band. Erzählungen. Zweiter Theil. —— Leipzig: F. A. Brockhaus. 1 8 4 6. 9. 4. ——— 8 2 8* — * Von Zweiter CTheil. — O—— Leipzig: F. A. Brockhaus. 1 8 4 6. Inhal t. Die Artilleriſten. Eine Novelle. Osraim der Suchäer. Frei nach orientaliſchen Mittheilungen 197 Die Kameraden. Eine Erzählung im Volkston 237 Die Artilleristen. Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. IV. 1 Erstes Capitel. Der Pfarrer Werdenberg in dem Dörfchen Altenlinden lag auf dem Krankenbett und war der letzten Minute nahe. Tiefe Stille herrſchte in der Pfarrſtube, denn es befand ſich eben Niemand bei dem ſchlummernden Kranken, als ſein blondlockiges, ſiebenjähriges Töchterchen, das ihm, wie der Bruder ihr geheißen, die Fliegen abwehrte, damit ſie den Greis nicht weckten. Doch jetzo ſchlug dieſer von ſelbſt die Augen wieder auf und blickte ſeine kleine Wächterin weh⸗ müthig freundlich an. „Iſt Dir wohl, Vater?“ fragte Annchen und nahm die matt herabhängende Hand des Kranken und ſtreichelte ſie freundlich. „Wohl und weh, wenn ich Dich ſehe, liebes Töchter⸗ chen!“ erwiderte der Vater mit einem ſchmerzlichen Lächeln und ſuchte das müde Haupt emporzurichten. Aber er ſank von ſchwerer Krankheit und ſchwerern Sorgen belaſtet wie⸗ der in die Kiſſen zurück.— Die Thür öffnete ſich und Ernſt trat ein; leiſe nahte der Knabe dem Bett des Kran⸗ ken und, erſt da er ihn wachend fand, ſprach er:„Guten Abend, lieber Vater! haſt du ein wenig geſchlummert?“ „Ein wenig, mein Sohn,“ erwiderte dieſer,„ein wenig, aber genug. Ich werde ja bald“—— er dachte das 1* — 4— Wort nur zu Ende und wollte es vor dem bewegten Kna⸗ ben nicht ausſprechen, daß er bald auf den langen, unge⸗ ſtörten Schlaf hoffe.„Es iſt ſchon ſpät am Nachmittage, nicht?“ fuhr er fort.„Ich ſehe die Sonne trifft ſchon unſere Fenſter; nun wird ſie bald freundlich zur guten Nacht hereinblicken.“ „Dann macht ſie Dir wieder ſchönes, goldnes Haar, Va⸗ ter,“ ſprach Annchen mit unſchuldiger Fröhlichkeit. „Ja, und rothe Wangen, ſo lange ſie mich beſcheint,“ erwiderte der Kranke und wollte recht freundlich ausſehen. „Die Sonne iſt kunſtreich und lieb, Töchterchen, aus blei⸗ chem Silberhaar macht ſie goldenes und gibt mir auch einen Heiligenſchein, wie dem Apoſtel auf dem Bilde drü⸗ ben in unſerer Kirche. Weißt Du?“ 3 „Wirſt Du auch am Sonntage wieder predigen, Vater?“ fragte das Kind, ſtatt die Frage des Vaters zu beantworten. „Nein Annchen, vielleicht an noch vielen Sonntagen nicht. Du mußt aber doch hübſch fromm in die Kirche gehen.“ „Mit Bruder Ernſt,“ antwortete die Kleine und ſah zu ihm hinauf;„die Mutter hat nicht Zeit.“ Der Kranke ſeufzte auf und erwiderte nichts.— So blieb es einige Minuten ſtill in der Pfarrſtube. Ernſt, der dreizehn Jahre alt war, vermochte den Zuſtand des Vaters zu beurtheilen; das ſiebenjährige Schweſterchen dachte freilich nicht an den Tod, und wenn es daran dachte, ſo wußte es doch nicht, was es damit zu bedeuten habe. Es war ihr nur ſo traurig, daß der Vater krank zu Bett lag und nicht mit ihr in den Garten gehen konnte, um die ſchönen Aſtern zu beſehen, und die Trauben, die nun ſchon reif wurden. Denn der Herbſt war gekommen und das Dörfchen ſchon rings von buntem Laub umſchimmert. — 5— „Es iſt wol ein ſchöner Tag heut, Ernſt, warſt Du auf dem Felde?“ fragte der Pfarrer. „Der Himmel iſt ganz blau und heiter, lieber Vater, aber es iſt kühl,“ antwortete Ernſt. „Der September geht zu Ende, der Tag iſt ſchon kürzer als die Nacht; was ſollen wir da anders erwarten!—— Saheſt Du nicht ob die Mutter kommt?“ „Ich war bis auf die Birkenhöhe gegangen, aber ich konnte noch keinen Wagen entdecken.“ „Und ſie wollte doch ſchon zu Mittag zurück ſein!“— Ein tiefer Schmerz wurde in den Zügen des Kranken ſicht⸗ bar; er wandte ſich ab. Ernſt fühlte zum Theil auch ſchon, was dieſer Kummer bedeutete; denn es war eine Stiefmutter für ihn und Annchen, die im Hauſe des Vaters waltete, und er wußte, daß ſie gegen dieſen ſo wenig lieb⸗ reich war, wie gegen die Kinder.—„Nimm die Bibel, mein Sohn, und lies mir vor,“ begann der Pfarrer nach einigen Augenblicken wieder;„lies weiter aus dem Buche Hiob.— Annchen ſetze Dich fromm und ſtill zu Füßen meines Bettes und höre zu.“ Annchen nahm ihre kleine Fußbank und that, wie der Vater geboten hatte. Ernſt nahm die Bibel.„Wir waren am vierten Capitel ſtehen geblieben,“ ſprach er und fing an zu leſen:„„Siehe, Du haſt Viele unterwieſen und laſſe Hände geſtärket. Deine Rede hat die Gefallenen aufgerichtet und die bebenden Knie haſt Du bekräftiget. Nun es aber an Dich kommt, wirſt Du weich; und nun es Dich trifft, erſchrickſt Du. Iſt das Deine Gottesfurcht, Dein Troſt, Deine Hoffnung und Deine Frömmigkeit? Lieber, gedenke, wo iſt ein Unſchuldi⸗ ger umgekommen, oder wo ſind die Gerechten je ver⸗ tilget?““ „Ja, dieſes Wortes gedenke, mein Sohn,“ unterbrach 6— der Pfarrer den leſenden Knaben.„Es iſt wahr und wahrhaftig, wie auch der Schein der Welt dawider ſei. Du wirſt es jetzt noch nicht ganz faſſen; wenn Du aber älter biſt, Ernſt, und traurige Tage kommen, dann wird es Dich aufrichten.„„Wo ſind die Gerechten je vertilget?““ Drum ſei gerecht, ſei gut, mein Sohn! Vor Allem bezähme Deinen ſtürmiſchen Sinn und werde geduldig! Dein Herz iſt gut, aber Du biſt oft aufbrauſend, heftig, ja trotzig!“ „Nimmermehr gegen Dich, mein liebſter Vater,“ rief Ernſt, und Thränen raubten ihm faſt die Stimme. „Sei es auch nicht gegen Deine Mutter!— Ach, da iſt ſie!“ Louiſe war eingetreten. „Du biſt lang geblieben, ſehr lang,“ liebe Louiſe, ſprach der Kranke mit mildem Vorwurf;„ich erwartete Dich ſchon ſeit Mittag zurück.“ „Es gab ſo Vieles zu beſorgen in der Stadt,“ entgegnete ſie mit empfindlichem Ton;„es läßt ſich nicht Alles auf die Minute beſchicken, wie man glaubt!“ „Du wäreſt faſt zu ſpät gekommen,“ ſprach der Pfar⸗ rer ernſt. „Zu ſpät? Wie das?“ „Annchen, geh' mit dem Bruder Ernſt noch ein halbes Stündchen in den Garten, bis die Sonne untergeht,“ ge⸗ bot der Vater freundlich;„ich habe mit der Mutter Man⸗ cherlei zu ſprechen.“ Sie waren allein. Louiſe ſtand halb verwirrt, halb zitternd, halb unwillig an dem Sterbelager ihres Gatten; denn ihr Herz fühlte ſich ſchuldig, aber ſie wähnte nicht, daß ihre Schuld ſo völlig gekannt ſei. Wol fühlte ſie, wie läſſig ſie die Pflichten des Hauſes verwaltete, wie wenig ſie den Kindern eine —— nicht jenſeits deshalb verklagen. Ich will Dich entſchuldi⸗ — 7— Mutter war, und ſie fürchtete daher die Wiederholung äl⸗ terer Vorwürfe dieſer Art. Doch auf Das, was geſchah, war ſie nicht gefaßt.„Du wollteſt mir etwas ſagen, Wer⸗ denberg,“ begann ſie endlich furchtſam und ſchlug vor den ernſten Zügen des Gatten, der nach Faſſung und Kraft zu ringen ſchien, das Auge nieder. „Ja, Louiſe,“ ſprach er endlich mühſam und richtete ſich auf dem Lager empor;„lies hier dieſen Brief.“ Sie nahm ihn, las, zitterte, wollte ſprechen— doch vermochte es nicht. Endlich mußte ſie ſich ſetzen. „Sieh, Louiſe, eine ſolche Laſt iſt die Schuld, daß ſie Dich, die geſund und jung vor dem kranken Greiſe ſteht, zu Boden drückt und Du ſchwächer auf Deinen Füßen biſt, als ich, der Sterbende! Louiſe! die Sonne, die ſich dort röthlich niederſenkt, iſt vielleicht die letzte, die uns ge⸗ meinſam beſcheint— morgen ſehe ich ſie ſchwerlich auf⸗ gehen. In dieſer Stunde will ich Dir nicht zürnen, ich will vergeben! Denn ich habe Dich geliebt und die Liebe iſt langmüthig und freundlich; ſie verträgt Alles, ſie hoffet Alles, ſie duldet Alles!“ „So glaubſt Du wirklich“— wollte Louiſe ihn unter⸗ brechen. „O mehre Deine Schuld nicht durch Verläugnen! Das Geſtändniß, was Deine Lippen verfälſchen wollen, liegt klar auf Deinen Wangen. Sei jetzt wenigſtens wahr, wenn Du mich einſt ehrteſt oder liebteſt, denn die Webe freuet ſich nicht der Ungerechtigkeit, aber ſie freuet ſich der Wahrheit.“ Die Schuldbewußte zerfloß jetzt in Thränen und drückte ihr vor Scham glühendes Antlitz in die Kiſſen des Bet⸗ tes.—„Du haſt,“ fuhr der Pfarrer milde fort,„die heilige Treue des Ehebundes gebrochen, aber ich will Dich — 8— gen. Es war unbedacht, es war vielleicht unrecht von mir, daß ich Dich, die ſo viel jüngere, an den ältern Mann zu feſſeln dachte. Ich hoffte, Du werdeſt meinen Kindern eine Mutter, mir gleich einer Tochter ſein; ich habe mich ge⸗ täuſcht— es war auch meine Schuld. Ich habe ſie gebüßt, denn die drei Jahre unſerer Ehe waren voller ſchwe⸗ rer Prüfungen, und mein Haar iſt darüber ergraut, mein Herz gebrochen. Doch Dich klage ich nicht an.— Jetzt aber, Louiſe, kommt die Stunde, die uns trennt, ich fühl' es, ſie iſt mir nah'. Du wirſt frei, aber meine Kinder werden rathloſe Waiſen. Wer ſoll ſich ihrer annehmen? Du weißt, ich habe keine Verwandte, keinen Freund, der mir ſo nahe ſtände, daß ich ihm die ſchwere, heilige Obhut übergeben dürfte! Du mußt ihre Beſchützerin ſein, Du— und der gnädige Vater dort oben.— Louiſe, die Schuld ſei ganz von Dir genommen, Alles ſei vergeſſen und vergeben, aber ſage Dich nun los von dem Böſen und verſprich mir, die Mutter meiner Kinder zu ſein. Nur eine Gute vermag es, darum werde gut. Verſprich mir auch ihnen keinen Stiefvater zu geben, bis Ernſt ſeine Schweſter beſchützen kann. Es ſind noch wenige Jahre— nur dieſe opfere mir. Hörſt Du, ich bitte Dich, gib ihnen keinen Stief⸗ vater— wenigſtens nicht Den, der Dich verführte!“— Hier brach die erſchöpfte Kraft des Kranken zuſammen, und die Hand, die er der Weinenden, ihr Antlitz Verbergenden hinreichen wollte, um ihr Verſprechen zu empfangen, ſank matt darnieder. Da er ſchwieg, richtete Louiſe ſich auf und ſah ihn betäubt, halb bewußtlos in die Kiſſen zurück⸗ geſunken. Sie ſchluchzte laut und rief:„Er ſtirbt, Euer Vater ſtirbt! Kinder, Kinder, kommt herein!“ Sie waren im Garten und hörten den Ruf der Mutter nicht. Sie öffnete das Fenſter und rief hinaus:„Ernſt, Annchen, F 9— kommt herein, ſchnell herein!“ Dann eilte ſie an das Bett des Kranken, und verſuchte ſein Haupt wieder aufzurichten und ihm Linderung zu verſchaffen von dem beklemmenden Krampf, der ſeine Bruſt zuſammenpreßte und den dieſe letzte gewalt⸗ ſame Zuſammenraffung der hinſinkenden Kräfte verdoppelt hatte. Sie war wirklich erſchüttert und angegriffen; ſchwer hatte ſie geſündigt, doch ihre Bruſt war noch nicht verhärtet im Böſen, ſie empfand noch Reue.— Die Kinder kamen eilig herein. Als Ernſt des Vaters ſchmerzverzogenes An⸗ geſicht erblickte und die Mutter weinend über ihn ge— beugt ſah, rief er laut im Schmerz aus:„Er iſt todt, er iſt todt!“ Annchen rief ihm kindiſch nach und weinte bitterlich und kniete an dem Bett des Vaters nieder. Die Thür war offen geblieben; die Dienſtleute hatten den Ruf gehört; alle eilten herein und umſtanden das Sterbelager. Sie weinten aufrichtige Thränen, denn der Scheidende war Allen ein Vater und redlicher Freund geweſen. Jetzt fielen die goldenen Strahlen der Sonne durch das Fenſter auf das Bett und roſiges Licht umfloß die Lagerſtätte und das Antlitz des Entſchlummernden. Da wurden ſeine krampf⸗ haft entſtellten Züge ruhiger, der Schmerz entließ ihn von ſeiner ſpannenden Folter und übergab ihn der Ermattung. Er athmete tief, öffnete die Augen, ſah irr und ſuchend umher, lächelte, winkte freundlich, leiſe mit dem Haupt zum Zeichen, als erkenne er die Umſtehenden, und ſank dann müde und träumend wieder in die Kiſſen zurück.— So blieb er. Kein Wort entfloh mehr ſeinen Lippen. Die finkende Sonne füllte das ganze Gemach mit purpurner Glut; ſie verſchwand endlich hinter dem dunkeln Wald⸗ ſaum und ließ nur eine graue, kalte Dämmerung zurück. Da entwich auch der letzte Lebenshauch aus der Bruſt des 1** — 10 Kranken, er ſeufzte noch einmal leiſe, dann ward es ſtill— er hatte geendet. In peinlicher Beklommenheit ſtanden die Angehörigen umher. Ernſt hielt ſein weinendes Schweſterchen in den Armen, küßte es und überſtrömte es mit ſeinen eigenen Thränen. Die Mutter wollte den Kindern nahen und ſie auch küſſen; doch Ernſt, dem ſchon ein tiefer Keim des Haſſes gegen ſie in der Bruſt ruhte, weil ihre Schuld gegen den Vater deſſen Tage verbittert und verkürzt hatte, wendete ſich unwillig heftig ab und zog auch die Schweſter mit ſich.„Laß uns!“ rief der ſtolze, im Schmerz trotzige Knabe,„laß uns doch nur ruhig weinen um den Va⸗ ter!“— Dieſe Zurückweiſung in Gegenwart der Hausge⸗ noſſen, am Sterbebett, ſchnitt tief in die Seele der Ge— kränkten ein. Sie fühlte ihre Verſchuldung, doch es fehlte ihrer Bruſt an Liebe, ſie durch Reue zu tilgen, um den Unwillen des Knaben durch liebreiche Milde zu überwinden. Daher rief ſie gereizt unter ihren Thränen:„Geh' Du un⸗ gerathener Sohn, der ſelbſt an ſeines Vaters Sterbebett nicht weich und gut wird. Geh'— aber verdirb das arme Kind nicht!“ Zugleich nahm ſie Annchen bei der Hand und zog ſie von ihm hinweg. Ein wilder Zorn und Schmerz zerriß die Bruſt des Knaben. Er warf ſich hef⸗ tig auf die Knie an dem Bett des Todten nieder, ergriff deſſen Hand und rief, von Schluchzen unterbrochen:„Ach Vater! bleibe bei uns! Nun ſind wir ganz verlaſſen! Nun kommt alles Elend über uns!“— Chriſtel, die alte Magd, die, ſelbſt oft hart behandelt und gekränkt, des Knaben Schmerz wohl verſtand, trat zu ihm, legte ihm die Hand auf die Schulter und ſprach ſanft:„Nein, Ernſt, jetzt mußt Du fromm ſein und beten. Die Todten ſind heilig, da darfſt Du nicht ſo wild rufen und weinen!”— — 11— Der vom Schmerz Betäubte lehnte ſeine heiße Stirn auf die Kiſſen, ließ ſeine Thränen rinnen, faltete dann die Hände und betete ſtill.— Allein die Mutter hatte das Ge⸗ mach verlaſſen, denn Gewiſſen und Schmerz, Angſt und Bitterkeit der Seele trieben ſie hinaus ins Freie. Es ward endlich dunkel. Die Maägde wuſchen die Leiche und kleideten ſie in das Todtengewand. Ernſt ging allein draußen im Felde umher und heftige Gedanken wallten in ſeiner jungen Bruſt. Er ſah die goldenen Sterne an und hörte den Herbſtwind ſauſend über Feld und Wald ziehen. Die friſche Nachtluft kühlte ihm die heißen Augen und Wangen. Da richtete ſich ſein muthiges Herz ſtolz und getröſtet auf. Warum ſoll ich mich verloren geben? dachte er, weil mein Vater geſtorben iſt! Soll ich mich vor mei⸗ ner Stiefmutter fürchten? Steht mir denn nicht die ganze Welt offen? Der große Vater, der dieſe tauſend Sterne geſchaffen hat und leitet, der wird mich ja auch behüten. Ich will nicht mehr ſorgen um die Zukunft. Weinen will ich um meinen guten Vater, weil er nun todt iſt und be⸗ graben wird, aber nicht weil er mich nicht mehr gegen die Mutter beſchützt. Ich will ihr gerade heraus ſagen, ſie ſoll gut gegen uns ſein, ſo werde ich ihr auch gehorchen, und Annchen auch.— So ging der Knabe wieder nach Haus und ſchlich ſich auf ſein Kämmerlein. Morgens wachte er mit Troſt und Hoffnung im Herzen auf und ging zur Mutter hinunter, die eben Annchen angekleidet hatte und ihr das Haar flocht.„Mutter!“ ſprach er redlich und treu zu ihr,„der Vater iſt nun dahin. Aber ſei Du gut zu uns, ſo wollen wir auch gut zu Dir ſein.“ Sie erwiderte lebhaft:„„Ich will gut ſein, Mutter, dann ſei auch gut zu mir““ hätteſt Du ſprechen ſollen, Du trotziger Knabe. Willſt Du denn deiner Mutter befehlen und vorſchreiben? ———— — 12— Annchen wird beſſer ſein, nicht wahr mein Kind?“—„Ja Mutterchen,“ ſprach dieſe unſchuldig, ohne den Bruder krän⸗ ken zu wollen.— Ernſt aber empfand es tief; er hatte es redlich gemeint, doch ſah er wol ein, daß er gefehlt hatte. Gern würde er's bekannt haben, aber der Mutter kaltes Auge und mismüthiges Angeſicht ſcheuchte ihn in ſich ſelbſt zurück und Annchens unſchuldiges Wort that ihm in der Seele weh. Er ſchwieg alſo und ſette ſich ſtill ans Fen⸗ ſter. Die Mutter nahm auch das für Trotz und ihr Wi⸗ derwille gegen ihn vergrößerte ſich. Sie gab dem kleinen Mädchen ein Zuckerbrot, ſtreichelte es und ſprach:„Sei immer hübſch artig, Annchen, dann habe ich Dich auch liebz niemals mußt Du ſo trotzig ſein wie Ernſt.“— Die⸗ ſem rollten große Thränen über die Wangen. Er ſah hin⸗ aus über den Garten nach der Kirche und dem Kirchhof zu, wo nun bald der Vater ruhen ſollte. Sein Muth ſank, ihm wurde gar zu bang und weh um das Herz.— Die Schweſter wird ſie dir auch abwendig machen, dachte er, denn die iſt noch ein Kind, und wer ihr etwas ſchenkt, den hat ſie lieb. Was ſoll ich ihr ſchenken?— Um ſeine Thränen zu verbergen, ſchlich er ſich jetzt ſtill hinaus und ging hinüber in des Vaters Zimmer, wo die Leiche lag. Dort weinte er recht herzlich, bis das Hinüberkommen der Mutter ihn wieder vertrieb. Er ſuchte ihr den Tag über auszuweichen und ſaß und beſchäftigte ſich mit ſeinen Bü⸗ chern, oder im Garten. Auch zu Annchen wagte er ſich nicht recht hinan, weil ſie ihm einmal, als er ſie küſſen wollte, offen und unſchuldig geſagt hatte:„Sei aber doch nicht ſo unartig, Ernſt. Du mußt die Mutter lieb haben!“ So verging dieſer Tag und der folgende. Am dritten wurde der Vater auf dem Kirchhofe beſtattet. In der Kirche, wo der Vicarius dem Hingeſchiedenen vor der gan⸗ —,——— — 13— zen verſammelten Gemeinde die ehrenvolle Gedächtnißrede hielt, ſowie auf dem Gottesacker, wo er nochmals ein rüh⸗ rendes Wort und Gebet ſprach, war Ernſt mit der Mut⸗ ter und Schweſter zugegen. Dieſe und alle Umſtehenden weinten, aber ſeine Thränen waren verſiegt; er ſah nur bleich und gramvoll aus, und die düſtere Beklemmung ſei⸗ ner Bruſt verſagte ihm den ſanft ſich löſenden und auswei⸗ nenden Schmerz. —,—— —-——. Am Nachmittage ſprengte ein Reiter vor das Pfarr⸗ haus; es war ein ſtattlicher Mann in beſten Jahren, wohl⸗ , gewachſen mit einem ſchwarzen Knebelbart, lebhaften Au⸗ gen und hoher Stirn. Ernſt, der am Fenſter ſtand, be⸗ trachtete ihn ſtaunend und mit Freude, denn der ſchöne Mann gefiel ihm wohl und das prächtige Pferd reizte ſeine muthige Knabenluſt. Der Fremde betrachtete das Haus mit prüfenden Blicken und fragte ihn dann:„Iſt dies das Pfarrhaus, mein Sohn?“—„Ja wol“ erwiderte Ernſt, und wollte hinzuſetzen, aber der Pfarrer iſt heut begraben, als der Reiter ihn ſchon mit den Worten unterbrach:„Ich möchte gern die Frau Pfarrerin ſprechen. Sie iſt doch zu Haus?“—„Ja wol,“ bejahte Ernſt,„aber im Garten.“— „So ſei ſo gut, mein Sohn, und ſage ihr, der Rittmeiſter von Schwarzeck wünſche ſie zu beſuchen. Kann mir in⸗ deſſen wol Jemand das Pferd abnehmen?“—„Ich ſelbſt,“ rief Ernſt und ſprang hinaus. Er nahm das Thier, um es in den Stall zu führen und dann die Mutter zu rufen. Der Gaſt trat indeſſen ins Haus. Louiſe erröthete und erblaßte, als Ernſt ihr die Bot⸗ ſchaft brachte. Denn es war Niemand anders als liebter, um deſſentwillen ſie die heiligen Pflichten d — — 1— tin gebrochen hatte. Zwar hatte ſie den Entſchluß gefaßt, ſich von ihm loszuſagen, nicht mehr nach der Stadt zu fahren, wo ſie ſonſt ihre Zuſammenkünfte mit ihm hielt, doch ſein plötzliches Erſcheinen brachte einen Eindruck auf ſie hervor, aus dem ſie wol erkannte, wie ſchwath ihre Kraft zum Entſchluß der Entſagung war.— Sie ging haſtig dem Hauſe zu. Ernſt, der ein ſo großes Wohlge⸗ fallen an dem Reiter gefunden hatte, wollte ſie begleiten; doch die Mutter gebot ihm, unnöthig ſtreng, weil das böſe Gewiſſen ihr die natürliche Ruhe geraubt hatte, er ſolle zurück bei Schweſter Annchen bleiben, denn ſie habe mit dem Fremden allein zu ſprechen. Der Knabe ſah und fühlte an der Art und Weiſe, wie ihm der Befehl gegeben wurde, wiederum nur die ſtiefmütterliche Willkür, welche ihm jede Freude verdarb; doch wandte er ſich um und ging mismuthig zurück, aber nicht zu Annchen, ſondern aus der Hinterthür des Gartens weit ins Feld hinaus. Mit klopfendem Herzen, beſchämt, verwirrt, näherte ſich Louiſe dem Hauſe; ſie zitterte, als ſie die Thür des Zim⸗ mers aufklinkte, in welchem ſie erwartet wurde.„Um Got⸗ tes willen, Karl, was willſt Du hier?“ rief ſie aus, als ſie den Verführer vor ſich ſtehen ſah,„weißt Du nicht, daß Du in das Haus einer Witwe trittſt?“ „Eben weil ich das weiß, bin ich gekommen,“ erwiderte er und nahm ſie in ſeine Arme und küßte ſie. Doch er⸗ ſchreckend wollte ſie ſich loswinden und rief aus:„Nein Karl, ſo nicht, von nun an nimmermehr! Ach Du weißt nicht, wie elend Du mich gemacht haſt!“ Er aber, ſeiner überlegenen Ueberredungskunſt wohl be⸗ wußt, ließ ſie dennoch nicht, ſondern umſchlang ſie nur um ſo inniger und küßte ſie mit dem Ausdrucke der zärt⸗ lichſten Liebe und Theilnahme.„Was willſt Du Dich L — 15— fürchten und vor mir fliehen, Louiſe,“ ſprach er überre⸗ dend,„die Feſſeln, die Dich armes junges Weſen ſo lange drückten, ſind ja nun zerriſſen und Du darfſt mein, ganz mein ſein. Nicht einen Gatten, ſondern einen ſtrengen, ungerechten Herrn haſt Du verloren, der Dich mit ſträf⸗ licher Ueberredungskraft, und die Unerfahrenheit Deiner Ju⸗ gend misbrauchend, in das duͤſtere Gefängniß einer unglück⸗ lichen Ehe gelockt hatte. Wahrlich, Du haſt ihm keine Treue gebrochen, denn Du warſt ihm keine ſchuldig.“ Wie ſehr ſich Louiſens Gewiſſen gegen die einſchmei⸗ chelnden Verlockungen ſträubte, ſo willkommen waren ſie ihrem ſträflich wünſchenden Herzen. Doch entdeckte ſie dem Geliebten unter Thränen, daß ihr Gatte ihre Schuld ge⸗ kannt und wie er ſie ihr vergeben habe. Zugleich zeigte ſie den Brief vor, durch den ſie verrathen war. Schwarzeck griff haſtig darnach; im Leſen verfinſterten ſich ſeine Züge, er rollte das Auge und ſtampfte wild mit dem Fuße. „Verdammt,“ rief er aus,„ich merke, wer mir den Streich geſpielt hat, aber wart' nur, guter Freund, Du dachteſt mir Gift und Galle in den Leib zu jagen, doch dafür ſollſt Du jetzt Eiſen oder Blei koſten, oder ich will mir meinen Degen zerbrochen vor die Füße werfen laſſen.“ Louiſe zitterte, denn einen ſolchen Ausbruch des Grimms und Zornes hatte ſie noch nie an ihm geſehen, da er ſie mit den gewandteſten Künſten liebenswürdigen Einſchmei⸗ chelns gewonnen hatte und beherrſchte. Es war ihr daher eine wahre Wohlthat, als in dieſem Augenblick Annchen eintrat und halb mismuthig und halb weinend ſprach: „Mutter, Ernſt hat mich ganz allein gelaſſen im Garten, aber ich fürchte mich vor dem Manne mit dem ſchwarzen Bart.“—„Du fürchteſt Dich vor mir, Kleine?“ ſprach Sch lächelnd und nahm ſie bei der Hand.—„Nein, — 16— vor Dir gar nicht,“ antwortete die Kleine und ſah ihn groß an; aber vor dem Mann unten im Garten.“ Dabei deu⸗ tete ſie mit dem Händchen nach dem Fenſter. Louiſe und Schwarzeck traten an daſſelbe und im Augenblick ſahen ſie wirklich einen wild ausſehenden Kerl mit ſtruppigem Bart aus der Gartenthür treten und über den Hof ſchleichen, während er ſpähend rings umherblickte.—„Der Kerl ſieht wahrhaftig wie ein Galgenvogel aus,“ rief Schwarzeck, „gehört er hierher?“—„Nein,“ ſprach Louiſe,„es iſt ein wildfremder Menſch, gar nicht aus dem Dorfe.“ Schwarzeck öffnete auf dieſe Antwort ſogleich das Fen⸗ ſter und rief hinaus:„He, Ihr da, was wollt Ihr hier? Was habt Ihr hier zu thun?“—„Der Angerufene wen⸗ dete ſich raſch um und bückte ſich mit widerwärtiger Unter⸗ würfigkeit bis tief an die Erde.„Ach, allergnädigſter Herr,“ rief er mit ſichtlich geheuchelter Demuth,„ich bin ein armer Wandersmann, der nach ſeiner Heimat will. Ich war Soldat, habe im vorigen Jahre den ſchleſiſchen Krieg mit⸗ gemacht, wurde verwundet, invalid und man hat mir nun den Abſchied gegeben. Nur um eine kleine Gabe wollt' ich bitten!“—„Die Hunde hinter Euch drein, Landſtreicher und Strauchdieb,“ rief Schwarzeck drohend,„Ihr und Sol⸗ dat geweſen! Wo haͤttet Ihr denn den Zopf gelaſſen! Macht, daß Ihr den Hof hinter Euch bekommt, oder Ihr bekommt mich hinter Euch!“— Der erſchrockene Bettler mußte nicht das beſte Gewiſſen haben, denn er ſprang in Windesſchnelle in drei Sätzen davon und nach wenigen Augenblicken war er verſchwunden. Louiſe erſchrack über den wilden Ton, den ſie nie an Schwarzeck gekannt, und noch mehr darü⸗ ber, daß er ſich ſo ohne Weiteres im Hauſe benahm, als ſei er der Herr, obgleich ſie einräumen mußte, er habe ent⸗ ſchloſſen und vernünftig gehandelt. Doch empfand ſie es 6 — 1— nur zu ſehr, wie ſie ihm nicht widerſprechen dürfte, noch Einhalt thun könnte, wenn er auch noch weiter gehen wollte; denn durch ihre ſtrafbare Schwäche hatte ſie ſich ihm unterworfen und er war ihr Gebieter geworden. Es war ihm läſtig, daß Anna ſein Geſpräch mit Loui⸗ ſen geſtört hatte. Er gab es ihr zu verſtehen; dieſe be⸗ ſchäftigte daher das Kind mit ihrem Spielzeuge und ſchlug Schwarzeck einen Spaziergang in den Garten vor, der eben noch von der ſinkenden Sonne auf's freundlichſte beleuchtet wurde. Dies nahm er an und ſie gingen hinaus. Indeſſen war Ernſt auf dem Felde umhergeſchweift. Er hatte ſeinen Lieblingsweg eingeſchlagen, nach dem Birken⸗ hügel hinauf, von wo er die Gegend weit überblicken konnte. Hatte ihn ſchon ſonſt, als der Vater noch lebte, die leb⸗ haften Knaben ſo eigenthümliche Sehnſucht in die Ferne oft mächtig ergriffen, ſo zog es ihn jetzt mit um ſo ſtär⸗ keren Banden hinaus, da die Heimat ihm keine Freude mehr darbot. Er ſah die beiden Thürme der nahegelegenen Stadt im Abendgolde aufſteigen; weiter darüber hinaus, in bläulich nebeliger Dämmerung konnte man Str alſund liegen ſehen und ein dunkelblauer ins Violette ſchimmern⸗ der Streifen, der ſich weit über den Horizont zog, bezeich⸗ nete die Oſtſee, die der Knabe noch niemals in der Nähe geſehen, wovon ihm aber der Vater ſchon ſo oft erzählt und das Verſprechen gegeben hatte, ſobald ſich's nur ſchicken laſſe, wolle er mit ihm dahin. Tauſend Bilder jener ver⸗ hüllten Herrlichkeiten, verborgenen Wunder und ſtaunens⸗ werthen Abenteuer, die ſeiner in der Welt harren möchten, ſtiegen vor ſeiner Seele auf. Er ſetzte ſich auf den Raſen und überließ ſich ſeinen Träumen, die ihn über die traurige Wirklichkeit täuſchten. Die Sonne ſank, lange ſtarrte er ihr nach in das dunkelglühende Herbſtabendroth, bis ſchwarz⸗ — ——ÿʒᷓ½ꝛõ· blaue, zu ſeltſamen Geſtalten verzogene Windwolken es düſter umſchatteten. Erſt nachdem es völlig verſchimmert war und die Sterne ſchon mit bleichen Strahlen durch das dämmernde Blau brachen, ſtand er auf und trat den Heim⸗ weg an. Als er das Dörfchen wieder erreichte und das Licht im Pfarrhauſe glänzen ſah, überkam ihn eine tiefe Wehmuth und es trieb ihn mit unbezwinglichem Gefühle nach dem Kirchhofe an die friſche Grabſtätte ſeines Vaters. Hier ſaß er lange und weinte und hing ſeinen trüben Ge— danken nach, bis völliges Dunkel ihn umgab. Es war eine milde Nacht, in welche die Wärme des heitern Herbſt⸗ tages wie in eine Juliusnacht hinüberwehte; daher erin⸗ nerte ihn auch nicht einmal die Abendkühle daran, daß es ſpäter und ſpäter wurde. Erſt als der Mond im Oſten aufſtieg und die dunkelrothen Strahlen unvermuthet durch die Taxusgebüſche warf, die die halb eingeſtürzte Kirchhofs⸗ mauer ſchwarz überrankten und überragten, erſt da fuhr er aus ſeiner tiefen Verſunkenheit empor und ſtand auf, um nach Hauſe zu gehen, wo er den Unwillen der Mutter über das ſpäte Ausbleiben fürchten mußte. Um unbemerkt ins Haus zu kommen, ſchlich er ſich leiſe an der hintern Gartenſeite herum. Da hörte er plötlich neben ſich, doch im Garten flüſternde Stimmen; unwill⸗ kürlich ſtand er ſtill und horchte auf. Es war ſeine Mut⸗ ter, die mit dem Fremden ſprach. „Du biſt ein thörichtes Kind, Louiſe,“ hörte er ihn leiſe, aber im vorwerfenden Tone zur Mutter ſagen;„wenn uns alles Das binden ſollte, was ein Thor auf dem Sterbebette von uns verlangt, ſo herrſchten die Todten in der Welt und nicht die Lebenden. Und grade im Sterben iſt der Menſch am ſchwächſten und verlangt, Andere ſollen für ihn thun und abbüßen, was er verſäumt hat. —— 4 Alſo — 4 — 19— weil er Dir die Bürde ſeiner beiden Kinder ſchon bei ſei⸗ nem Leben auflaſtete, glaubt' er ein Recht zu haben, Dich auch noch nach ſeinem Tode damit zu quälen? Und vollends mit einer ſo undankbaren Brut wie Du mir den Knaben ſchilderſt! Und das Mädchen wird nicht beſſer werden, denn Art läßt nicht von Art.“ Ernſt erſtarrte faſt vor Zorn und Schrecken, als er dieſe Worte hörte, und noch mehr, als er beim Licht des ſchon höher heraufgeſtiegenen Mondes durch die Spalten des Zaunes ſah, wie der Fremde ſeine Mutter auf eine Weiſe in den Armen hielt und küßte, die ſelbſt einem ſo jungen Knaben keinen Zweifel über die Sträflichkeit des Verhältniſſes laſſen konnte. Faſt wäre er in ſeiner Heftig⸗ keit wild aufgefahren, doch eine dunkle Ahnung, daß er hier noch wichtigere Entdeckungen machen könne, hielt ihn zurück.— „Ehe ich heure wegreite, mußt Du mir verſprechen, Herzchen,“ fuhr der Fremde fort,„daß Du mit mir ziehen willſt. Meine Anſtellung in Rußland iſt jetzt ſo gut als gewiß, denn ſie ſind recht froh, einen Offizier zu bekommen, der zwei Feldzüge unter dem Könige von Preußen gemacht hat. Die Schule iſt zu gut. Und ſitz' ich dort erſt feſt im Sattel, dann laſſen wir uns trauen und Alles iſt in der Ordnung. Oder ſoll ich allein fort, ſollen wir uns niemals wiederſehen?“ „Ach ich kann nicht von Dir laſſen!“ rief Louiſe.— „Wenn nur die Kinder nicht wären!“ „Die Kinder und immer die Kinder!“ rief Schwarzeck unwillig und ſtampfte mit dem Fuß auf den Boden.„Ich habe Dir's ja ſchon dreimal ſonnenklar gezeigt, daß ſie Dich nichts angehen. Das Vermögen haſt Du eingebracht, daran haben ſie keine Anſprüche; der Knabe iſt, wie Du — 20— ſelbſt ſagſt, ein Taugenichts, der durch andere Hände re⸗ giert werden muß, als die eines ſchwachen Weibes. Was ich mit ihm vorhabe, wird am Ende ſein Glück machen. Wir brauchen ihn ja nicht mit Gewalt aufs Schiff zu lie⸗ fern, ſondern ſpiegeln ihm das als ſein größtes Glück vor. Laß mich nur mit ihm reden. Ich weiß mit wilden Bur⸗ ſchen der Art umzugehen. Was willſt Du wetten, er fällt mir vor Freuden um den Hals, wenn ich ihm ſage, wir wollen nach Stralſund reiſen und Du kannſt dort Dein Glück als Seefahrer machen. Und iſt er erſt auf dem Schiff und in See, ſo wird er ſich ſchon fügen, weil er muß, und mein holländiſcher Capitain iſt der Mann, ihm den Seedienſt beizubringen, er mag wollen oder nicht. Wenn er erſt auf der holländiſchen Flotte und in der Co⸗ lonie iſt, wird er uns keine Sorge mehr machen. Wer weiß, iſt's ſein Glück; denn ſtrenge Zucht trägt gute Frucht, und wir erleben es vielleicht, daß er als Mann niit einer Million aus Java zurückkehrt.“ „Um den halsſtarrigen Knaben wollte ich mich nicht kümmern,“ entgegnete Louiſe,„denn der verdient eine derbe Züchtigung und muß ſtreng gehalten werden, aber von dem kleinen Mädchen trenne ich mich nicht.“ „Nun meinethalben, ſo nimm ſie mit,“ rief Schwarzeck verdrießlich,„wenn wir nicht eine gute Penſion irgendwo für ſie finden, was denn doch ſo überaus ſchwer nicht ſein kann. Sonſt dächte ich, wäre Deutſchland immer ein beſſe⸗ rer Aufenthalt für ſie, als daß wir ſie mit nach Rußland nähmen.— Nun aber gib mir dein feſtes Verſprechen, Louiſe. Es iſt zu ſpät, ich muß fort, willſt Du?’“ „Nun ja denn, ich muß ja wol,“ erwiderte ſie und warf ſich an ſeine Bruſt. Er tröſtete ſie, redete ihr mit —,— —— 1 — 2=n2— guten Worten zu und führte ſie im Sprechen langſam nach dem Hauſe zurück. Ernſt ſtand regungslos, wie ein Bild von Stein; es war ihm, als ſei er in den Boden gewurzelt und rings von Feſſeln umſchnürt, ſo bleiern ſchwer lag es ihm in den Füßen, ſo beängſtigend drückte es ihn auf's Herz.—„Nun gut denn!“ rief er plötzlich trotzig, und es wurde ihm zu Muth, als hätt' er nach langer Qual des Erſtickens plötzlich Athem geſchöpft.„Gut denn! Ich weiß jetzt, was ich zu thun habe! Verkaufen wollt Ihr mich in die Fremde, wie die Brüder Joſephs thaten, dem es doch zuletzt wohl er⸗ ging? Es wird mir auch wohl ergehen und ich brauche Euch nicht dazu. Guter Vater im Himmel, habe Dank, daß Du mich gewarnt haſt!“ Hier warf ſich der Knabe unter der lichten Sternen⸗ nacht auf die Knie, betete aus inbrünſtigem Herzen und vergoß bittere Thränen. Endlich faßte er ſich und ging nun ſtill ins Haus; aber ſein Entſchluß ſtand uner⸗ ſchütterlich feſt. Fort wollte er, fort, noch in dieſer Nacht. Die Mutter ſchalt nicht, daß er ſo ſpät komme, und fragte auch nicht, wo er ſo lange geweſen ſei. Sie hatte andere Sorgen und Gedanken in ihrer ſchuldigen Bruſt.— Ernſt verzehrte ſtill in einem Winkelchen ſein Abendbrot, das ihm die alte Chriſtel gab.— Annchen war ſchon zu Bett.— Er ging leiſe, während die Mutter einen Augen⸗ blick das Zimmer verließ, in die Kammer, wo ſein Schwe⸗ ſterchen ſchlief. Der Mond ſchien hell hinein und warf ſeine Strahlen auf das Angeſicht des kleinen ſchlummernden Blondköpfchens. Wie ein Engel lag es da und lächelte mit dem Roſenmunde; die Händchen ruhten, noch vom Nachtgebet gefaltet, auf der Decke. Lange betrachtete Ernſt die lieblichen Züge; dann ſprach er weinend, aber — 22— ganz leiſe, damit er das Kind nicht erwecke.„Gute Nacht, Annchen, nun für immer gute Nacht!— Nein, nicht für immer, allein auf lange, lange Zeit, denn wenn ich groß bin, kehre ich wieder, und dann ſoll dir's glücklich gehen, mein Schweſterchen. Nun aber leb wohl!“ Er küßte ſie auf Stirn und Mund, doch ſie erwachte nicht aus dem feſten, geſunden Schlaf der Jugend; ſie war daran gewöhnt, denn der Vater hatte ſie oft im Schlummer geküßt. Nur eine Thräne, die nun aus des Bruders Auge auf ihre Wange gefallen war, wiſchte ſie ſich im Schlaf mit den Händchen ab und legte dann den Kopf auf die Seite, daß Ernſt ihr Geſicht nicht mehr ſehen konnte. Auf den Zehen ſchlich er wieder hinaus und dann auf ſeine Kammer. Hier packte er Wäſche und Kleider in ein Bündel und ſteckte die ſilberne Uhr vom verſtorbenen Großvater, die er bisher nur Sonntags tragen durfte, ein; dann brach er ſeine Sparbüchſe, die der Vater ihm aus Vertrauen ſelbſt zur Verwahrung gelaſſen hatte, auf; ein Henkeldukaten, den ihm ſeine Pathe geſchenkt, zwei harte Thaler und einige kleine Silbermünzen waren ſeine Baarſchaft. So war er zur Wanderung fertig. Doch mußte er warten bis Alles im Hauſe zu Bett war. Dann ging er leiſe mit ausgezo⸗ genen Schuhen die Treppe hinab, ſchlich über den Hof, durch den Garten ,kletterte über den Zaun und war nun im Freien.— Es galt ihm gleich, wohin er den Weg rich⸗ tete, nur wollte er die Straße nach Stralſund vermeiden, weil er dort dem Verräther, vor dem er floh, zu begegnen fürchtete. Er ging daher quer über die Feldmark und durch den Wald fort, bis er einen Holzweg ttaf, dem er folgte. Erſt nach Mitternacht erreichte er das Freie wieder und gelangte auf den Rücken einer Anhöhe. Da ſah er hinter ſich, in der Richtung woher er kam, einen rothen Schein — & — 2— am Himmel, den er bald für eine Feuersbrunſt erkannte. Die tiefe Einſamkeit der Nacht, das ſchauerliche Ziehen des Herbſtwindes über die Waldwipfel, der blutige, flammende Widerſchein in der Ferne, alles Dies erfüllte ſeine Seele mit einem ahnungsvollen Grauen. Das Feuer ſchien ſehr weit zu ſein, viel weiter als ſein Geburtsdörfchen; aber doch war es ihm, als müßte er zu Hülfe eilen und ſein Schweſterchen retten. Er ſtand lange und blickte unver⸗ wandt hinüber. Endlich überfiel es ihn wie eine Art von Furcht und er eilte mit haſtigen Schritten weiter. In kurzem erreichte er abermals ein Gehölz und nun ward wieder Alles finſter um ihn her. Er ging langſamerv; jetzt begann er ſeine Müdigkeit zu fühlen. Er ſetzte ſich auf den Raſen unter einen Baum, doch da er keinen Mantel hatte, fing ihn bald an zu frieren. Um ſich eine wärmere Lagerſtätte zu bereiten, ſcharrte er mit Mühe das abge⸗ fallene Laub zuſammen, welches ſchon ziemlich reichlich auf dem Boden lag, doch dauerte es wol eine Stunde, bevor er einen ſo hohen Berg aufgethürmt hatte, daß er ſich ganz darin verhüllen und verſenken konnte. Uebermüdet von den Anſtrengungen des Körpers und den Erſchütterungen ſeiner Seele ſank er bald in einen feſten, völlig bewußtloſen Schlaf. Als er die Augen wieder öffnete, war es rings um ihn her ganz hell und die Sonne ſchien ſchon von oben her durch die Zweige. Im erſten Augenblick konnte er ſich gar nicht beſinnen, was mit ihm geſchehen ſei; plötzlich aber kehrte ihm das volle Bewußtſein zurück. Erſchreckt wollte er aufſpringen, weil er ſchon einen guten Theil des Tages verſchlafen haben mußte. Da hörte er dicht neben ſich eine männliche Stimme, welche rief:„Guten Morgen, Cbriſtoph, wo kommſt denn Du hierher?“—„Ich komme — 21— vom Landrath,“ antwortete ein Anderer,„und will noch nach Stralſund hinein. Dieſe Nacht iſt der Pfarrhof zu Altenlinden abgebrannt.“ Bei dieſem Wort war es Ernſt zu Muthe, als ſehe er plötzlich eine Otter neben ſich liegen. Der Athem war ihm in der Bruſt zurückgepreßt; kaum wagte er aus ſei⸗ nem dürren Laubberge hervor durch die Gebüſche zu blin⸗ zeln, hinter denen er ſein Lager aufgeſchlagen hatte. Doch konnte er jetzt die beiden Sprechenden zwiſchen den Zweigen eines dichten Haſelbuſches, deutlich, kaum ſechs Schritte von ihm entfernt, vor ſich ſehen. Es waren der Amtsbote und ein Förſter. „Was Ihr ſagt!“ rief dieſer,„in Altenlinden, wo ſie geſtern erſt ihren Pfarrer begraben haben?“ „Wie ich Euch ſage,“ erwiderte der Amtsbote,„und was das Aergſte dabei iſt, ſo hat ohne allen Zweifel der eigene Sohn des Pfarrers das Feuer angelegt, denn der iſt in der Nacht davon gelaufen und hat ſeine beſten Sachen und Geld mitgenommen. Deshalb kam heute in der Frühe die Mutter ſelbſt gleich zu„Herrn Landrath hinüber und er⸗ zählte ihm Alles, und der Bube ſchon bei Lebzeiten des Vaters, vollends aber in den letzten Tagen für ein trotziger Taugenichts geweſen ſei. Und doch iſt er erſt drei⸗ zehn Jahre alt! Der Landrath hat nun ſogleich einen Steck⸗ brief aufgeſetzt, und den will ich eben nach Stralſund aufs Polizei⸗Amt bringen, damit man des Buben noch habhaft wird, bevor er etwa die Meklenburgiſche Grenze erreicht.“ 4 Ernſt war erſtarrt vor Schrecken und Entſetzen; er wagte nicht, die Augenwimpern zu rühren, und doch war es ihm wieder zu Muthe, als müſſe er ſogleich hervorſtür⸗ zen und rufen:„Hier bin ich, ich bin unſchuldig!“ In dieſer Betäubung und Verwirrung hörte er kaum, was die — —— ———— 8 t 4 1 ₰ ——-— — 25— Beiden noch ferner ſprachen, und daß ſie einander einen „guten Morgen“ boten und gingen. Endlich kam er wieder zu ſich ſelbſt und ſah nun, daß er ganz allein war. Jetzo raffte er ſich auf und von ſeiner Angſt und von einem dunkeln Rettungstriebe geleitet, lief er, ſo raſch ihn ſeine Füße tragen wollten, immer tiefer und tiefer in den Wald hinein. Zweites Capitel. „Grützner!“ rief der Feuerwerker Vulpius in pathe⸗ tiſchem Tone aus und rückte ſeinen Rekruten an den Schultern zurecht,„Grützner, ſieht Er, ich bin die himmliſche Geduld ſelber, aber Er kann ein Lamm zur Wuth bringen, ſieht Er, ſo miſerabel dumm ſtellt Er ſich beim Exerciren an! Grützner! Ich wollte, ich wäre ein Spiegel, und Er könnte ſehen, was Er für ein Galgenvogelgeſicht ſchneidet. Grün und gelb müßte Ihm vor den Augen wer⸗ den. So ſehe Er doch dreiſt und mannhaftig militairiſch aus, zum Schwere—— Ich will nicht fluchen, denn es iſt morgen Sonntag. Aber, zum Donnerwetter, Kerl, Er könnte machen, daß man mitten im Vaterunſer ein Dutzend Kreuzhimmeltauſendſakerlot los würde. Grützner! Wie Ihm der Hut ſitzt und der Zopf! Bruſt heraus! Rechte Schulter vor!— Nun aufgepaßt! Compagnie! Marſch! Einundzwanzig Grützner— ver⸗ Zweiundzwanzig! fluchter Kerl, Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. IV. 2 Rechten, Linken, will Er wol Speck und Schinken! Tritt halten! Compagnie! Halt!“ 3 Jetzt nahm der alte Exercirmeiſter ſeinen Hut ab und wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn.„Uf! das iſt eine ſaure Arbeit!“ rief er aus.„Ich bin nun zwanzig Jahr Soldat, Grützner, denn anno 1736, noch unter dem hoch⸗ ſeligen Könige Sr. Majeſtät Friedrich Wilhelm trat ich ein, aber das kann ich Ihm ſagen, einen ſolchen Rekruten, wie Er iſt, Grützner, habe ich mein Tage nicht exercirt. Ich habe zwei Feldzüge gemacht, in Schleſien verſteht ſich, aber ſie haben mich nicht ſo angegriffen wie die drei Tage, ſeit ich Ihn exercire. Was ſoll aus Ihm werden, Grütz⸗ ner, wenn Er erſt ans Geſchütz kommt, da Er nicht einmal rechts um und links um und marſch begreifen kann! Nein, da habe ich andere Leute exercirt wie Er, ſo war zum Beiſpiel der Bombardier Tempelhof und unſer Lieutenant Wer⸗ den bei der Compagnie, die hatten mehr Griff und Ge⸗ ſchick im Zopf als Er im Kopf, Grützner! Aber Er ſollte einen andern Exercirmeiſter haben, zum Beiſpiel den Feuer⸗ werker Opitz. Der würde Ihm Verſtand in den Leib fuch⸗ teln! Verſteht Er? Verſtand, Grützner!“— Grützner nickte mit dem Kopf. „Rühr' Er ſich nicht im Gliede, Galgenſtrick, oder ich dreh' Ihm das Genick am Zopf um. Himmliſche Geduld, verlaß mich nicht!— Hat Er einen Schnaps bei ſich, * Grützner?“ Der Rekrut ſtand und ſchwieg wie ein Stock.. „Eichbaum! Ob Er einen Schluck bei ſich hat? frag ich Ihn.“ „Ach ja, Herr Feuerwerker,“ fing Grützner weinerlich an, naber ich ſoll ja im Gliede nicht ſprechen und mich nicht d e r — 27— rühren!“ Dabei reichte er ihm die Flaſche, die er aus dem Hut nahm. „Er iſt ein Einfaltsſimpel ohne Ende, Grützner, aber ein närriſcher, guter Teufel iſt Er doch! Der Trunk iſt gut. Doppelter Pommeranzen?— Er hat mehr Spiritus im Hut als im Kopf, Grützner. Nun, es wird ſchon gehen, Grütznerchen, nur den Muth nicht verloren. Compagnie! Stillgeſtanden! Rechts um! Compagnie! Marſch! Einundzwanzig, Zweiundzwanzig! Vulpius marſchirte den Kaſernenhof auf und nieder, wobei er es an kräftigen Reden nicht fehlen ließ.— Plötz⸗ lich ſchlug ihm eine Hand von hinten her auf die Schulter. Er fuhr herum und ſtand kerzengerade, denn ein Offizier der Compagnie, der Lieutenant Werden, ſtand vor ihm. „Es wird marſchirt, Feuerwerker Vulpius,“ ſprach die⸗ ſer mit leuchtenden Augen. „Ja wol, Herr Lieutenant, wie Sie ſehen, aber noch verflucht ſchlecht. Ja, ſo eine Genie wie Sie waren, Herr Lieutenant, iſt der Tropf der Grützner nicht. Ja, wir maarſchiren nun ſchon“— L „Vulpius! die Zunge läuft Euch wieder davon und nimmt die Ohren mit. Es wird marſchirt, ſage ich, das will heißen, wir marſchiren. Die Batterie wird mobil gemacht! Es gibt Krieg!“— Vulpius riß die Augen auf und das Wort blieb ihm im Munde hängen. Marſchirt? Krieg? Campagne? rief er endlich und drehte ſich dann, allen Reſpekt vergeſſend, auf dem Abſatz herum, riß den Hut ab und ſchrie laut, daß der ganze Kaſernenhof widerhallte:„Es lebe unſer Vater Fritze!— Grützner, Stockfiſch, will Er wol mit ſchreien: es lebe Se. Majeſtät der König! Das kann man ſogar im 2 †⁸ Kriegsmuthe wie Vulpius. Der Lieutenant Werden theilte Gliede ſchreien, wenn Vater Fritz die Front herunterreitet. Es lebe Se. Majeſtät unſer allergnädigſter König!“ Grützner brüllte mit und ſchwenkte ebenfalls den Hut. „Ich glaube, Vulpius,“ fing der Lieutenant Werden lächelnd an,„Ihr habt die Lunte auf Euer bischen Gehirn gehalten und es platzt auf wie Mehlpulver.“ „Ja, Herr Lieutenant,“ rief Vulpius,„ich glaube ſelbſt, ich werde verrückt vor Freude. Ich weiß nicht, wo ich hinaus ſoll, mir iſt zu Muthe, als ſollte eine Granate mir im Leibe crepiren und meine Seele nach allen vier Weltgegen⸗ den zugleich herausfahren vor Luſt und Vergnügen. Nun geht's wieder los wie bei Mollwitz, das war meine erſte Schlacht; aber, Herr Lieutenant, iſt es denn gewiß wahr?“ „So gewiß ich vor Euch ſtehe, denn eben iſt der Marſch⸗ befehl gekommen. Wir rücken morgen aus.“ „Morgen? Aha! Nun weiß ich, was unſere Arbeiten die letzten acht Tage zu bedeuten hatten! Es hieß immer, we⸗ gen des großen Manoeuvres würde Alles in Stand geſetzt, jetzt gibt's ein anderes Manoeuvre. Aber wohin marſchiren — wir denn, Herr Lieutenant?“ „Das werden wir morgen erfahren, wenn wir mit der beſpannten Batterie vor der Kaſerne halten. Für jetzt, Vulpius, laßt alſo nur Eure Rekruten ins Quartier gehen, denn nun haben wir nöthigere Dinge zu thun.“ „Das will ich meinen,“ rief Vulpius.„ Grützner, die Compagnie kann auseinandergehen. Marſch ins Quartier und putz' Er ſeine Sachen ordentlich.“ Indeſſen waren noch mehre Unteroffiziere und Bombar⸗ diere von verſchiedenen Seiten zuſammengetreten und ver⸗ nahmen die Botſchaft mit gleicher Freude und gleichem ſogleich die nöthigen Befehle aus. Feuerwerker Opitz mußte — 29— Munition empfangen, Vulpius wurde zur Uebernahme von Fourage nach dem Magazin geſchickt. Bombardier Feuer⸗ ſenger, eine rieſenhafte Geſtalt mit furchtbarem Knebelbart, erhielt den Auftrag, die Geſchütze putzen zu laſſen. Abends um ſechs Uhr ſollte die ganze Batterie mit Geſchützen und Munitionswagen auf dem Kaſernenhofe aufgefahren ſein, um bis in die kleinſten Details revidirt zu werden. Es war der 28. Auguſt des Jahres 1756, an welchem ſich dieſe Ereigniſſe, deren unermeßliche Bedeutung damals wol noch Niemand überſehen konnte, zutrugen. Am Tage darauf ſetzte ſich die preußiſche Armee ſchon nach Sachſen in Marſch und ſchon im October war der Feldzug des erſten Jahres glänzend entſchieden. Das folgende Jahr war vielleicht das reichſte des gan⸗ zen Krieges, was das wechſelnde Schickſal der Schlachten anlangt, und ſchloß mit dem glänzendſten Siege der preu⸗ ßiſchen Tapferkeit, der ewig denkwürdigen Schlacht bei Leuthen. Im naächſten Feldzuge bewieſen die Preußen, daß keine Nation ſie an Kriegsmuth übertraf. Denn wie ſie früher die Oeſtreicher zu verſchiedenen Malen, die Franzoſen bei Roßbach geſchlagen hatten, ſo beſiegten ſie jetzt die Ruſſen in der furchtbaren Schlacht bei Zorndorf. So weit war der verheerende Krieg, welcher die Kräfte von halb Europa gegen den ſchöpferiſchen Geiſt eines ein⸗ zigen großen Mannes ins Feld führte, gediehen. Ganze Provinzen waren verwüſtet, Dörfer und Städte lagen in Schutt und Aſche, das mit barbariſcher Grauſamkeit nie⸗ dergebrannte Küſtrin wurde noch von ſchwarzen Rauchwol⸗ ken, die ſich über ſeinen Trümmern lagerten, bedeckt. Der Herbſt des Jahres 1758 war unter dieſen furchtbaren — 30— Ereigniſſen herangekommen. Der große König ſtand mit ſeinem Heere im Lager bei Hochkirch. Eine trauliche Flamme, die in der kalten Herbſtnacht behaglich erwärmte, hatte eine Anzahl Kriegskameraden um ſich verſammelt. Ohne Unterſchied des Ranges, den die getreue Genoſſenſchaft im Feldlager vernichtet, ſodaß er nur für den ſtrengen Dienſt aufbewahrt bleibt, waren ſie zu einander gelagert und ſprachen über dies und jenes— „Ja, wenn ich uns ſo betrachte, Herr Lieutenant,“ be⸗ gann Vulpius,„wie wir damals vor dem ſächſiſchen Lager bei Pirna zuſammen an dem Feuer ſaßen, ſo ſind unſerer doch ein paar weniger geworden. Der Tag von Prag hat uns ſo Manchen gekoſtet!“ „Freilich,“ erwiderte Werden mit ernſt nachdenklicher Miene,„um den Heldengreis Schwerin liegt ſo mancher Tapfere gebettet!“ „Auch das gute Thier, der Grützner“ ſprach Vulpius mit mitleidigem Kopfſchütteln.„In meinem Leben hätte ich nicht geglaubt, daß er ſo gut auswiſchen lernen würde; aber das muß wahr ſein, Ehre dem Ehre gebührt, mit dem Wiſcher ging er um, wie mit einem Spazierſtock, und einen Schuß ſetzte er an, daß ich manchmal dachte, er ſtößt das Bodenſtück aus. Es iſt doch Schade um den Grütz⸗ ner, Feldmarſchall Schwerin unbenommen, denn Jeder hat ſeine Verdienſte, und Grützner führte immer die beſte Branntweinflaſche bei der ganzen Batterie. Jetzt, ſeit er todt iſt—“ „Zum Donnerwetter,“ rief der rothbärtige Feuerwerker Opitz dazwiſchen,„ſo halt doch Dein Maul, Du Schnatter⸗ gans, von dem breitmäuligen Grützkopf. Bei Prag und — Collin liegt wol mancher Andere, an den wir eher denken könnten. Es fehlte nicht viel, ſo läge ich ſelber bei Collin, 8 4 — 31— denn das muß ich ſagen, ſo wie damals habe ich die ver⸗ fluchten ſechslöthigen blauen Bohnen mein Lebtage nicht pfeifen hören.“ „Es ruht Mancher ohne Leichenſtein und wird Mancher ruhen,“ begann Werden;„wer weiß von wem unter uns wir morgen Abend ſagen können: Das war ein guter Kamerad!“ „Meinen der Herr Lieutenant, daß uns die da oben nicht in Ruhe laſſen werden?“ fragte Opitz und deutete nach den Anhöhen, wo das Lager der Oeſtreicher ſtand. „Den Spaß hätten ſie wenigſtens ſchon geſtern oder vor⸗ geſtern haben können.“—„Freilich wol,“ entgegnete Werden, nicht ohne Beſorglichkeit.—„Ich denke aber, unſer Vater Friedrich hat Recht,“ ſprach Opitz.—„Wie ſo? Was weißt Du davon?“ fragte Vulpius. „Als wir hie einrückten,“ erzählte Opitz,„mußte ich den⸗ ſelben Abend noch Lunte empfangen, und wie ich mit mei⸗ nen Leuten zurückkam, begegnete mir der König und rings herum die ganze Generalität. Ich trat ehrerbietig auf die Seite, um Platz zu machen, und dicht neben mir ſtanden eine Menge Herren Offiziere, die alle voller Ehrfurcht grüßten. Der König ſah uns aber nicht ſonderlich an“— „das glaub' ich wol,“ bemerkte Vulpius ſpottend.—„Bildeſt Du Dir etwa ein, er würde nach Deiner Naſe beſonders geguckt haben?“ erwiderte Opitz und lachte;„laß mich aber in Ruhe erzählen! Der König ſah ſich alſo nicht nach uns um, ſondern in der Gegend und nach den Höhen drüben hin— nun wie heißt denn das verfluchte Neſt, wo die Oeſt⸗ reicher ſtehen?“—„Kittlitz“ bemerkte Werden.—„Rich⸗ tig, nach Kittlitz. Da ſagte der Feldmarſchall Keith neben ihm etwas auf Franzöſiſch, was ich nicht verſtand, und der König antwortete eben ſo, und die ganze Generalität und 8 3 alle Herren Offiziere lachten neben mir laut auf. Einer davon — 32— aber mochte auch wol nicht Franzöſiſch verſtehen und der fragte, was es zu lachen gebe. Da antwortete ihm ſein Herr Kamerad, der Feldmarſchall Keith hat geſagt:„„Die Oeſtreicher verdienen gehangen zu werden, wenn ſie uns in dieſem Lager zufrieden laſſen,““ und der König ant⸗ wortete darauf:„„ſie fürchten ſich mehr vor uns als vor dem Galgen.““ ₰. Der ganze Kreis der Gelagerten unterbrach die Erzäh⸗ lung des Feuerwerkers ebenfalls mit Gelächter; doch Wer⸗ den ſetzte ernſthaft hinzu:„Wir müſſen das wenigſtens hoffen.“—„Ja, ja, es iſt wahr,“ ſagte Vulpius kopfſchüt⸗ telnd vor ſich hin,„die Oeſtreicher können uns gerade in die Fleiſchtöpfe gucken; wenn ſie uns die Brühe nur nicht mit Pulver verſalzen!“„So ſchmeißen wir ihnen Kartätſchklöße hinein,“ unterbrach Opitz trotzig,„daß ſie denken ſollen, es hagelt Wallnüſſe. In meinem Prozkaſten allein habe ich mehr, als ein Bataillon verdauen kann, die zwölfpfündigen Kürbiſſe nicht zu rechnen. Aber da kommt ja Unteroffizier Feuerſenger mit Depeſchen.“ Feuerſenger's coloſſale Geſtalt wurde plötzlich ſichtbar. Er trat wie ein Rieſe aus der Nacht in den hellen Kreis der Flamme ein und übergab in dienſtlicher Haltung dem Lieutenant Werden, welcher, da der Capitain verwundet im Lazareth lag, die Batterie commandirte, einen verſiegel⸗ ten Zettel. Werden laß ihn und ſchüttelte mit dem Kopf, weil derſelbe den Befehl enthielt, die Leute ruhig in den Zelten ſchlafen und die Geſchütze unangeſpannt zu laſſen, indem durchaus kein Angriff zu befürchten ſei.„Es iſt gut, Unteroffizier Feuerſenger,“ ſprach er,„ſetzt Euch nur hieher zu uns in den Kreis und erzählt uns, was es Neues im Hauptquartier gibt.“—„Nichts, Herr Lieute⸗ nant, aber hier vor dem Dorf könnte es eher etwas Neues — 33— geben.“—„Wie ſo?“—„Der Vater Ziethen führt et⸗ was im Schilde, denn ſeine Huſaren patroulliren hier überall herum und ſie haben Befehl, die ganze Nacht ihre Pferde geſattelt zu halten und jeden Augenblick zum Auf— ſitzen fertig zu ſein.“—„So?“ fragte Werden und ver⸗ ſank dann in tiefes Nachdenken.— Er hatte nämlich am Tage das Lager, in dem der König ſtand, genau beſichtigt und, da er gründliche Kriegskenntniſſe beſaß, die Gefährlich⸗ keit der Stellung in ihrem ganzen Umfange eingeſehen. Unbegreiflich waren ihm demnach alle dieſe offenbar vom Könige ſelbſt ausgehenden Befehle, welche beinahe auf die Unmöglichkeit eines Angriffes berechnet waren. Er ging daher nur mit ſich zu Rathe, ob er dieſelben ausführen oder gerade das Gegentheil davon thun laſſen ſollte, auf die Gefahr hin, wegen Inſubordination beſtraft zu werden. Endlich fiel ihm ein, daß er den Befehl umgehen könne. Er wußte, daß Vulpius ein zwar ſehr gutmüthiger und unerſchütterlich braver Kerl ſei, aber eine Plaudertaſche, die nichts bei ſich behalten konnte; daher nahm er ihn unter einem Vorwande bei Seite und vertraute ihm in der Stille, daß der ganze Befehl wegen der ruhigen Lagerung eigentlich nur eine Komödie ſei, indem er von guter Hand wiſſe, daß Nachts das Lager zum Schein allarmirt werden ſolle, damit man ſehe, welche Regimenter und Batterien am ſchnellſten bei der Hand ſein würden. Zugleich empfahl er ihm aber die tiefſte Verſchwiegenheit, weil ihm ſelbſt darum zu thun ſei, einmal zu ſehen, ob er mit ſeiner Bat⸗ terie Ehre einlegen werde. Hierauf befahl er den verſam⸗ melten Unteroffizieren, was er der Ordre aus dem Haupt⸗ quartier zufolge mußte, nämlich ruhig des Schlafs zu pfle⸗ gen und alle Pferde abzuſpannen und abzuſchirren. Mit heimlicher Freude bemerkte er, wie Vulpius bald darauf 31— leiſe mit ſeinem Freunde Opitz ſprach und ſich dann mit Feuerſenger davon ſchlich, wahrſcheinlich um dieſen auch in das Geheimniß einzuweihen. So war der Zweck erreicht und er durfte ruhiger ſein. Mit Heiterkeit ſetzte er ſich da⸗ her wieder in den Kreis und man brachte mit allerlei Ge⸗ ſprächen den Herbſtabend zu, bis die ſpäte Stunde zur Ruhe in den Zelten aufforderte. Von dunkeln Ahnungen bewegt lag Werden in ſeinem Zelt und kein Schlaf wollte über ſeine Augen kommen. Er hüllte ſich dichter und dichter in den Mantel, denn draußen ſtrich ein kalter Herbſtwind, der die Lagerſtätte be⸗ haglich genug erſcheinen ließ; dennoch blieb er wach und hörte mit ſeinem leiſen Ohr auf jede Bewegung, auf jeden Rondenruf ringsumher. Unwillig ſtand er endlich auf und trat vor das Zelt hinaus. Die Uhr im Dorfe Hochkirch, welches nur wenige hundert Schritte von ſeinem Lagerplatze entfernt war, ſchlug drei Viertel auf Vier. Es war jetzt ganz ſtill; auch der Wind ſchwieg. Man konnte das tiefe Schnarchen der Krieger in den Zelten hören. Werden ging die Reihe derſelben hinunter und nach dem Platz, wo die Batterie, welche er führte, aufgefahren war. Die Schildwacht that ihre Schuldigkeit, denn ſie rief ihn ſofort an. Er ging weiter und ſah nach den Pferden; mit heim⸗ licher Freude bemerkte er, daß ſie aufgeſchirrt waren und mehr Leute als zur Stallwache nothwendig, ſich dabei be⸗ ſchäftigten. Ehe man ihn geſehen hatte, ging er behutſam wieder zurück. Da begegnete ihm Jemand im Dunkeln und fragte halblaut:„Holla, Wer da?“— Werden erkannte ſogleich den Feuerwerker Vulpius und erwiderte:„Ei was macht Ihr denn mitten in der Nacht hier, Bulpius?“— .—— 1 — 35— „Ach, Herr Lieutenant, ſind Sie es?“ erwiderte der Feuer⸗ werker etwas betreten;„mir kam nur ſo eine Unruhe im Schlafe an. Ich hatte ganz lebendig geträumt, mir wäre mein Spitzpferd, die braune Lieſe gefallen und da mußte ich wahrhaftig einmal zuſehen, ob dem armen Thier was fehlte. Denn ſehen Sie, Herr Lieutenant, meine Pferde ſind meine Kinder, und wenn ich denke, daß einem ein Unglück — alle Wetter, was iſt das? Soll das denn Allarm be⸗ deuten?“ Die Uhr im Dorfe hatte eben den letzten Schlag der vierten Stunde gethan, als man eine dunkelrothe Flamme emporſteigen ſah. Gleich darauf brach das Feuer auch an zwei andern Punkten aus. Werden und Vulpius blickten erſtaunt hinüber und wußten nicht, was ſie davon denken ſollten, als plötzlich ein furchtbarer Kanonendonner die Luft erſchütterte und ein verworrenes Feldgeſchrei gehört wurde. „Wir ſind angegriffen!“ rief Werden.„Das iſt der Feind! Jetzt gilt es raſch ſein. Fort, Vulpius, die Pferde an die Kanonen, im Augenblick muß die Batterie marſch⸗ fertig ſein. Weckt die Leute hier rechts in den Zelten, ich will links hinunter!“— Sie eilten im vollen Lauf ausein⸗ ander.—„Wecken, wecken!“ murmelte Vulpius für ſich. „Hat ſich was zu wecken. Wer ſo auf dem Ohr liegt, daß er von der Muſik nicht aufwacht, den werde ich nicht mehr wach ſchreien. Aber meine Kanoniere ſind, Gott ſei Dank, ſchon auf den Beinen und wiſfen, wohin ſie gehö⸗ ren.“— Dennoch lief er von Zelt zu Zelt und ſchrie den ſchon Herausſtürzenden überall zu:„An die Pferde! Zur Batterie; Aus dem Spaß iſt Ernſt geworden! Der Teufel iſt los! Der Tanz fängt an!“. Jetzt war ſchon das ganze Lager lebendig. Verworrenes Geſchrei tönte rings her durcheinander. Alles ſtürzte zu — 36— 3 4 den Waffen. Halb angekleidet oder nur mit übergeworfe⸗ nem Mantel, ohne Hüte, die Grenadiere ohne Mützen, Viele mit dem Gewehr oder der Waffe, die ſie grade ergrif⸗ fen, rannten ſie den Sammelplätzen zu. Die Trommeln wirbelten, die Trompeten ſchmetterten, die Lagen der Ge⸗ ſchütze krachten furchtbar darein; Alles tobte, fluchte und ſchrie durcheinander. Adjutanten jagten mit verhängtem Zügel durch die Lagergaſſen; Generale und Oberoffiziere ſpregten herbei und ſammelten um ſich, was ſie an Truppen vorfanden. Die rothen Flammenſäulen des angezündeten Dorfes ſtiegen fürchterlich ſchön in den dunkeln Nachthim⸗ mel hinauf und warfen einen blutigen Widerſchein auf das Gemälde dieſes wilden Getümmels. Werden ſaß zu Pferde und hielt an der Spitze ſeiner Batterie marſch⸗ und ſchlachfertig. Ein General, den er in der Dunkelheit nicht erkannte, ſchrie ihm zu:„Vorwärts, Kamerad! Nehmen Sie Poſition bei Hochkirch! Dort hat der Feind das Lager im Rücken angegriffen. Gleich hier rechts über Feld, nach der Anhöhe hinauf!“ „Batterie! Marſch! Trab!“ commandirte Werden.„In Zügen rechts ſchwenkt! Grade aus!“ Mit furchtbarem Geraſſel ſtürmte die Batterie über Feld dem Flammenſcheine entgegen, dahin, wo der heftigſte Ka⸗ nonendonner ertönte. Doch plötzlich ſtieß ſie mitten im Felde auf eine heranbrauſende Cavaleriemaſſe, welche ihm in vollem Galopp entgegenſprengte. An Umkehren oder Davonjagen war nicht zu denken; man mußte verſuchen ob man es vielleicht mit einem kleineren Trupp zu thun hatte, der ſich in Schrecken jagen ließ.„Batterie halt!“ com⸗ mandirte daher Werden, als er die ſchwarze Wetterwolke auf ſich andringen ſah.„Holla, Artilleriſten, Wiſcher und Handſpeichen heraus!“ 1 — —3— „Schlagt den Hunden die Knochen entzwei,“ ſchrie Feuerſenger mit brüllender Stimme und riß zuerſt die Handſpeiche von ſeinem Kanone und ſtellte ſich damit in Poſitur wie ein Goliath, um den nächſten Reiter, der ihm in die Batterie kommen würde, wie mit einem Maſtbaum niederzuſchmettern. Da jagte der Wind eben die Flammen hell empor und mit freudigem Erſtaunen erkannte man, daß es preußiſche Dragoner vom Regiment Czetteriz waren, welche in der Dunkelheit die Batterie für eine öſtreichiſche gehalten hat⸗ ten. Aus den Feinden wurden alſo Freunde und aus dem Schrecken Rettung und Hülfe. Denn von dieſer Ca⸗ valerie gedeckt, führte Werden jetzt ſeine Kanonen im vol⸗ len Trabe auf die vorliegende Höhe hinan. Da ſah er unter und vor ſich beim Scheine der Flammen die ſchwar⸗ zen Maſſen der Oeſterreicher gegen das Dorf anrücken; in dieſem ſelbſt hörte man ſchon ein fürchterliches Artillerie⸗ feuer. „Batterie! halt! Protzt ab, Mit Kartätſchen geladen! Feuer!“ tönte das Commando. Die Lage krachte aus allen Geſchützen zugleich, daß der Boden rings umher zitterte. Im Augenblick war wieder geladen und die Batterie feuerte mit grauſenvoller Wirkung fort, da ſie dichte Maſſen höchſtens auf knfhunder Schritt vor ſich hatte. „Euch wollen wir das Allarmiren beſalzen,“ rief der Feuerwerker Opitz und ſtrich ſich vor Vergnügen ſeinen fuchsrothen Bart.„Erſte Haubitz, Feuer! Wart, wir wollen euch Erbſen auf die Ribben ſtreuen, ihr Bärenhäuter!“ „Gut, gut! Nur friſch fortgefahren Kinder,“ ermunterte Werden, der auf die Rüuͤckſeite der Batterie geſprengt war, um die Wirkung zu beobachten.„Wir ſind wie die Wölfe — 38 in einen vollen Schafſtall gebkochen, unſere Batterie räumt tüchtig auf. Seht nur, wie ſie reihenweis übereinander hin⸗ ſtürzen.“ „Ich wollte, wir hätten auf jedes Geſchütz zehntauſend Kartätſchſchuß, Herr Lieutenant,“ rief Vulpius vergnügt, nund könnten hier ſo ein paar Stunden fort muſiciren! Sie ſollten tanzen lernen da unten!— Haubitz, Feuer!“ Als der Feind die fürchterlichen Wirkungen der Bat⸗ terie erfuhr, welche ihm ſo plötzlich in der Flanke aufge⸗ fahren war, ſandte er ſogleich einige Bataillone die An⸗ höhen hinan, um ſie zu nehmen. Sie zogen ſſich rechts außerhalb der Schußlinie die Höhe hinauf, um von der Seite und halb im Rücken ihren Angriff zu machen. Doch unvermuthet warf ſich ihnen das tapfere Dragonerregiment entgegen und hieb mit blutigem Erfolg in die ſogleich aus⸗ einandergeſprengten Glieder ein.„Juchhe!“ rief Opit, „denen regnet es auch ins Dach! Kanoniere, Jungen, im⸗ mer friſch! Die Knochen gerührt! Solch ein Futter kommt unſern Geſchützen nicht alle Tage vor's Maul! Feuer!“ In dieſem Augenblick entdeckte der überall aufmerkſam umherblickende Werden, daß auch von der andern Seite ein öſtreichiſches Bataillon die Höhe erſtiegen hatte und ihn in der Flanke bedrohte; ohne den hellen Schein eines neu aufflackernden Strohdachs hätte er dieſen Feind un⸗ möglich ſehen können und wäre verloren geweſen. Jetzt konnte er die Batterie noch retten, mußte aber ſchleunigſt zurück.„Batterie, halt! Protzt auf! Marſch! Trab!“ commandirte er und die Geſchütze raſſelten über die Höhen hinweg, um weiter rückwärts eine neue wirkſame Stellung zu nehmen. 3 Indeſſen war das Getümmel ringsum ſchon ganz all⸗ 4 gemein geworden. Ueberall hallte der Kampf; Kanonen⸗ — 39— donner und kleines Gewehrfeuer ertönte von allen Seiten; Cavalerie brauſte hin und wieder über die dunkeln Fel⸗ der, aber wer Feind, wer Freund ſei, war nicht zu un⸗ terſcheiden. Werden ließ die Batterie auf einer wellenförmigen Er⸗ höhung halten, theils um zu ſehen, ob er von hier etwas wirken könne, theils um ſeine Leute wieder zu ſammeln, die außer Athem und erſchöpft von der Arbeit nicht ſo raſch hatten nachkommen können. Es war ſein Plan, jetzt grade nach dem Eingang von Hochkirch zu marſchiren, wo, das wußte er, eine ſtarke preußiſche Batterie ſtand, deren don⸗ nerndes Feuer er ſchon vorher aus der Richtung zu erken⸗ nen geglaubt hatte und welches er noch jetzt fort hörte. Er ahnte nicht, daß dieſe Geſchütze ſchon von dem Feinde genommen waren, der ihre furchtbare Kraft jetzt gegen die Preußen richtete und mit dem brauſenden Eiſenſtrom der Kartätſchen Alles niederwarf, was ſich in der breiten Gaſſe des Dorfes ſammeln wollte. So rückte Werden ſeinem eigenen Verderben entge⸗ gen. Er mußte einen kleinen Abhang hinunter, in eine Senkung, wo mehre Thalvertiefungen zuſammenſtießen. Hier konnte er in der Dunkelheit nur mit größeſter Vor⸗ ſicht fahren, beſonders da die Flammen des brennenden Dorfes nur ein ganz ſchwaches ungewiſſes Licht hieher war⸗ fen. Plötzlich, als er eben die Tiefe erreicht hatte, ſprengte aus einer Seitenvertiefung eine Maſſe Cavalerie heraus, die ihm, noch ehe er es ahnte und dachte, mitten in der Batterie ſaß. An ihrem Schlachtgeſchrei erkannte er ſofort, daß es ungariſche Cavalerie ſei, und er diesmal alſo wirk⸗ lich einem Feinde, gegen den er faſt gar keine Waffen hatte, in die Hände gefallen war. Die Angreifer zögerten nicht, ſondern hieben ſogleich tapfer ein.—„Haut die — 30— Stränge ab, rettet die Pferde!“ ſchrie Werden aus voller Macht und war ſelbſt der Erſte heran, den Befehl bei dem Geſchütz, welches ihm zunächſt war, auszuführen. Doch in demſelben Augenblick ſprengten auch ſchon einige Reiter hinter ihm heran und ein Säbelhieb über den Kopf ſtürzte ihn bewußtlos zu Boden. Opitz war ihm am nächſten, er riß ſeinem Kanonier den Wiſcher aus der Hand und ſchlug damit den Reiter von hinten her auf den Schädel, daß dieſer gleich vorn über vom Sattel ſtürzte. Aber die Wiſcherſtange brach mitten entzwei. Mit der Wuth eines angeſchoſſenen Ebers ſtieß Opitz den Stumpf einem zweiten Reiter in die Rippen, ſodaß auch dieſer ſtürzte, und dann ſprang er“ mitten zwiſchen die Pferde hinein und ſchlug ſie über die Naſen, daß ſie ſich alle aufbäumten und ſcheu zurückprellten. Auf dieſe Art machte er ſich ſo viel Raum, als er brauchte, um den bewußtlos am Boden liegenden Werden zu packen und ihn unter das Geſchütz zu reißen, wo Beide gegen die Säbelhiebe der Reiter gedeckt waren. Dieſelbe Zuflucht ſuchten noch mehre Leute und retteten ſich ſo vor den in immer dichteren Maſſen einbrechenden Fein⸗ den, die ringsumher Alles niedermetzelten. Ein Glück für Werden war es zu nennen, daß er, durch ſeine Wunde betäubt, nicht ſehen konnte, was um ihn her vorging, denn der jammervolle Tod ſo vieler ſeiner braven Kameraden würde ihm das Herz zerriſſen haben. Wohl eine Viertel⸗ ſtunde währte der ungleiche Kampf und die wilden Ungarn ſchienen eine entſetzliche Luſt darin zu finden, die Wehrloſen, die ſich aufs äußerſte vertheidigten, mit gräßlichen Hieben verſtümmelnd nieder zu hauen. Doch die Nache blieb nicht. aus, denn mit einem lauten Angriffsgeſchrei brachen unver⸗ muthet neue Cavaleriemaſſen ſtürmend herein und verjag⸗ — 241— ten in wenig Augenblicken die zerſtreut umherſchwärmenden Oeſtreicher. „Das iſt Vater Ziethen,“ rief Opitz jubelnd unter ſeiner Haubitze;„jetzt hat es keine Noth mehr Kinder, nun wollen wir herauskriechen. He, Holla, Gutfreund, Bruder Heyrich,“ ſchrie er einigen Huſaren entgegen,„diesmal habt Ihr uns aus einem verfluchten Handel gerettet!“ So kroch er wieder hervor und alle Uebrigen folgten ſeinem Beiſpiel. Doch die Zahl der Geretteten war klein, und mancher Leichnam lag zwiſchen den Kanonen auf den Boden geſtreckt. Werden war ſchwer verwundet, ſeine beiden jüngeren Offi⸗ ziere niedergehauen, die Geſchütze ſtanden ohne Beſpan⸗ nung; wohin die fahrenden Artilleriſten mit den Pferden geflüchtet waren, wußte Niemand. Die Huſaren hatten die Batterie zwar vom Feinde ge⸗ reinigt, waren aber in ſeiner Verfolgung begriffen. „Was machen wir nun?“ fragte Opitz;„mir riecht das Ding verflucht brandig nach einer verlorenen Bataille, ob⸗ gleich in dieſer Spitzbubenfinſterniß kein Menſch den andern ſehen kann. Pferde haben wir nicht. In die Taſche ſtecken kann ich meine Haubitze nicht, ſo will ich ſie denn ins Teu⸗ fels Namen vernageln, und dann ſehen wo ich auf meinen Beinen ein Loch zum Unterducken finde.“— Vulpius zog ein bedenkliches Geſicht und ſprach:„Vernageln? verflucht! Wenn nun aber die Bataille gewonnen iſt?“ Ihr Geſpräch wurde durch einen langſam herankommen⸗ den Trupp unterbrochen, der ſich von dem Dorfe her die Anhöhe hinauf bewegte. 4 „ Was gibt's denn da wieder?“ fragte Opitz,„am Ende müſſen wir wieder in unſere Gitterloge kriechen. Doch nein, das ſind keine Feinde, die würden wol ſchneller herankommen; wahrſcheinlich Verwundete. Aber haſt Du nicht noch ein Tuch, ——————— — 422— Vulpius, dem Lieutenant den Kopf zu verbinden? Mein Lappen da iſt ſchon ganz vollgeſogen von Blut.“ Vulpius half ihm in der Eile noch ein Tuch um Wer⸗ den's blutende Stirn binden. Dann lehnten ſie ihn gegen die Räder der Haubitze und warteten nun, was jener dunkle Trupp bringen möge. Der Zug kam ſo langſam näher, daß man ſah, es ſei kein gewöhnlicher Marſch. Es waren in der That Preußen, die ſchwer Verwundete trugen. „He, Kamerad, was gibt's hier?“ fragte Opitz, als er einen Grenadier deutlich erkannte. 4„Was wird's geben,“ erwiderte dieſer.„Mord und Todt⸗ ſchlag. Das Dorf hat der Teufel. Wir ſind zerſchoſſen, daß wir kaum kriechen können, und die da hinten tragen den Prinzen Moritz von Deſſau, der ſich auch ſchwerlich wieder auf ſeine eigenen Beine ſtellt.“ Während Opitz dieſe Erkundigungen einzog, kamen mehre höhere Offiziere heran, welche zum Theil geführt, zum Theil getragen wurden, weil ſie Alle ſchwer verwundet waren. Vulpius erkannte einen Major von der Artillerie, ging zu ihm heran und fragte:„Was ſoll ich machen, Herr Oberſt⸗Wachtmeiſter? Ich bin vom Feuerwerker zum Batterie⸗Commandeur avan⸗ cirt; die Pferde ſind zu allen Teufeln, denn die ungariſchen Huſaren haben hier aufgeräumt, was ſoll ich nun mit den Geſchützen anfangen?“ „Vernagelt und verderbt, was Ihr könnt, Kinder,“ ant⸗ wortete der Befragte,„denn der Feind wird bald genug alle dieſe Höhen beſetzt haben und dann möchte es hier ſo gehen wie leider drüben im Dorf, wo ſie uns unſer eignes Eiſen in den Leib gejagt haben.“ Auf dieſen Befehl machte Opitz ſogleich Kehrt, rief Feuerſenger und Vulpius, und was noch von Leuten da war, zuſammen und befahl ihnen die Kanonen zu vernageln — 43— und alles Geräth, was ſie nicht fortſchaffen konnten, zu zerbrechen. Die ſämmtlichen Protz⸗ und Lafettenkaſten wur⸗ den geöffnet, Opitz verſtreute einige Schuß ſo, daß ſich eine Pulverſchlange von einem Geſchütz zum andern zog, und dann traten ſie ebenfalls ihren Rückzug an, wobei Vulpius und Feuerſenger, von zwei Kanonieren unterſtützt, den noch immer bewußtloſen Werden zurücktrugen. Opitz ſtreute wie⸗ derum eine Schlange, bis ſie etwa hundert Schritt von der Batterie entfernt waren, dann legte er ein Stück Lunte an, welches binnen wenigen Minuten zünden mußte, und nunmehr eilte er ſeinen Kameraden nach.„Jetzt wollte ich,“ rief er,„daß die ganze öſtreichiſche Armee ſammt Daun, Laudon und Lascy die Naſe in unſere Batterie ſteck⸗ ten! Ich wollte ihnen eine Priſe Schnupftabak präſentiren, wonach ihnen das Nieſen für ewige Zeiten vergehen ſollte!“ „Und wir wollten Proſit rufen,“ fiel Feuerſenger halb lachend, halb ingrimmig ein und ſchlug das Wort Proſit im tiefſten Grundton ſeines Contrabaß⸗Regiſters an. Selbſt Opitz verwunderte ſich darüber, ſo gut er ſei⸗ nes Kameraden furchtbare Stimme kannte, und rief aus: „Ja Du, Kerl, könnteſt Proſit rufen, daß es der Kaiſer in Wien hörte, denn ich glaube, Du haſt ſtatt der Gurgel die dicke Orgelpfeife aus der Garniſonkirche in Berlin im Halſe ſtecken!“ Während dieſer Worte flackerte es plötzlich hell auf. „Aha, es geht los,“ rief Opitz und ſah ſich um, doch er hatte das Wort nicht geſprochen, ſo erſcholl hinter ihnen ein dumpfes, donnerndes Krachen, der ganze Horizont ſchien in Feuer zu ſtehen und die flammende Lohe ſchlug praſ⸗ ſelnd himmelan. Dann war es plötzlich wieder ſtill und finſter und bald fühlten die Flüchtenden ſich in eine dichte Pulverdampfwolke gehüllt, die der Wind ihnen nachwälzte. — 44— Der Morgen dämmerte, doch ein dichter Herbſtnebel hatte ſich auf die Erde herabgeſenkt, ſo daß man eben ſo wenig von größeren Truppenbewegungen ſehen konnte als in der Nacht. Doch dauerte der Kampf noch immer fort und man hörte deutlich jeden Kanonenſchuß und das kleine Ge⸗ wehrfeuer. Opitz hatte mit ſeinen Leuten die Straße nach Bautzen eingeſchlagen und am Wege ein verlaſſenes Bauer⸗ haus getroffen, wo Werden eine Lagerſtatt, die wenigſtens gegen die rauhe Kälte der Herbſtnacht einigermaßen ſchützte, fand.. Es lagen viele Verwundete in der Hütte und mehre Chirurgen waren damit beſchäftigt, ſie zu verbinden. Die Landſtraße wurde immer lebhafter und zeigte immer mehr Spuren einer unglücklichen Schlacht. Verſprengte, Ver⸗ irrte, Flüchtige, Verwundete kamen an; hie und da auch Gefangene. Die Nachrichten, welche ſie mitbrachten, lau⸗ teten immer übler. Jene düſtere Niedergeſchlagenheit und Beſchämung, welche den Tapfern, der zur Flucht genöthigt worden iſt, befällt, hatte ſich auch der wackern Artilleriſten bemächtigt, die ihren Führer bis hierher gebracht und ſich vor der Hütte gelagert hatten. Die Meiſten waren, wenn auch nur leicht, verwundet. Vulpius und Feuerſenger ſuch⸗ ten noch immer mehr die Zerſtreuten und Flüchtlinge zu ſammeln und führten die Aufſicht.“ Opitz war an Werden's Lager beſchäftigt und leiſtete dem Chirurgus Hülfe, denn erſt jetzt wurde die Wunde ordentlich verbunden. Der Hieb hatte zwar den Schädel getroffen, indeß hielt ihn der Arzt ohne ſchlimme Zufälle nicht für gefährlich. Doch hatte der ſtarke Blutverluſt den Kranken ſehr ermattet. „ Sind wir geſchlagen?“ war die nächſte Frage, die er that, nachdem er einige Kraft geſammelt hatte. — 45— „Ich glaube, wir werden es noch,“ antwortete Opitz. „Aber draußen iſt ein Nebelz, in dem man noch weniger ſehen kann als mitten in der Nacht.“ „Wo ſteht die Batterie?“ „Noch auf demſelben Flecke, Herr Lieutenant, wo uns die ungariſchen Beſtien hineinritten, wenn nicht in der Luft ein paar Protzen hängen geblieben ſind.“ „Was redeſt Du, Opitz, ſprich vernünftig.“ „Ich hatte den ganzen Kram aufgeſprengt, damit ihn die Oeſtreicher nicht erwiſchten. Die Kanonen ſind verna⸗ gelt.“ „Alſo Alle verloren? Und die Pferde, die Leute, die Offiziere?“ Opitz zuckte die Achſeln.„Ja mein Herr Lieutenant, das iſt zu viel auf einmal gefragt. Von den Pferden habe ich nichts mehr geſehen. Ich will hoffen, daß unſere fahrenden Artilleriſten ſie ins Trockene gebracht haben. Die Leute— je nun, ein zwei Dutzend liegen draußen vor der Hütte und Vulpius und Feuerſenger haben die Hut übernommen, denn die Herren Lieutenants von Kraft und Hegewald“—— er hielt inne; Werden blickte ihn fragend an—„ja die haben freilich die Batterie nicht verlaſſen wollen.“ „Sie ſind geblieben?“ fragte Werden voller Schmerz. „Auf demſelben Fleck, wo die Andern liegen! Begra⸗ ben werden wir ſie wol nicht— aber was macht ſich der Soldat aus einem Haufen Erde über den Knochen? Ich denke immer“—— „Das thut mir weh! In innerſter Seele weh!“ unter⸗ terbrach Werden ihn mit einem ſchmerzlichen Ausruf.„Sie waren ja kaum dem Knabenalter entwachſen!“. „Freilich vor'm Jahre noch Cadetten, aber jetzt doch — 46— ſchon brave Offiziere. Vor Schweidnitz in der Schanze, bei der Windmühle, feuerte Lieutenant Hegewald ſeinen er⸗ ſten Schuß ab. Als wir darauf vor Ollmütz rückten“— „Laß das jetzt, Opitz,“ unterbrach ihn Werden,„erzähle mir lieber, wer ſonſt noch vermißt wird.“ Doch ihr Geſpräch wurde unterbrochen, denn Feuerwer⸗ ker Vulpius trat eilig ein.„Gott ſei gedankt, Herr Lieu⸗ tenant,“ rief er freudig aus,„daß Sie wieder die Augen auf⸗ gethan haben. Ich glaubte ſchon“— „Halt Dein Maul mit ſo dummen Reden,“ fiel Opitz ein,„oder glaube was Beſſeres.“ „Beſſeres? Ja, wo ſoll es herkommen!“ erwiderte Vulpius und ſchüttelte den Kopf,„die Bataille iſt ver⸗ loren, Alles retirirt. Der Feldmarſchall Keith iſt geblieben, dem Prinzen Franz von Braunſchweig hat eine Kanonen⸗ kugel den Kopf weggeriſſen, der General Geiſt hat den Geiſt aufgegeben, der Prinz Moritz“—. „Halt's Maul, ſag ich Dir!“ ſchrie Opitz wild.„Siehſt Du Unglücksrabe!“ geſtrengter Kraft und in äußerſter Spannung. Vulpius und nahm den Hut ab,„dem wird keine Kugel zu nahe kommen.“ Eine Röthe der Freude und Begeiſterund überflog Wer⸗ den's bleiche Wangen. ihn Dir Nachts mit dem Pferdefuß Sbgekreten. Kerl, wie ſiehſt Du aus!“ Vulpius griff beſtürzt auf den Rücken und drehte ſich Du nicht, daß der Herr Lieutenant blaß wird vor Aerger? „Und der König, der König?“ fragte Werden mit an⸗ „Oho, Seine Majeſtät der Vater Friedrich lebt,“ rief „Was Sakerment,“ rief plötzlich Opitz aus,„Du haſt 6 ja den Zopf verloren, Vulpius! Ich glaube, der Satan hat 3 1 . — 47— unwillkürlich nach ſeinem eignen Zopf um; er bekam end⸗ lich einen kurzen Stummel in die Hand.„Was Schwere — ich will nicht fluchen, es iſt ein Unglückstag, aber was zum Tauſend Donnerwetter kann denn—“ „Ha, ha, ha,“ lachte Opitz auf,„ich wette, der hat über's Nad hinausgehangen, als Du dieſe Nacht unter die Haubitze retirirteſt, und ein Ungar hat Dir den Sterz weg⸗ gehauen.“ 3 „Verflucht!“ rief Vulpius ingrimmig,„ſo wollte ich doch, er hätte den ganzen Schädel mit weggehauen, der Belialsdrache! Daß mir der Streich paſſiren muß! An die Unglücksbataille werde ich denken!“— Der Ingrimm verſchloß ihm den Mund. Er riß wüthend an dem Haar⸗ ſtutz hin und her, als wollte er ihn ausraufen.„Ein Soldat ohne Zopf iſt wie ein Hund ohne Schwanz!“ rief er und ſtampfte mit dem Fuße,„und vollends ein Feuer⸗ werker!“. „Laß gut ſein, Vulpius,“ tröſtete ihn Opitz!„Beſſer die Traube verlieren, als das Bodenſtück. Unter die Huſaren kannſt Du freilich nicht gut gehen mit Deinem Stutzſchwanz, aber in der Artillerie werden wir Dich doch noch gebrau⸗ chen können!“ Vulpius ſchwieg zwar und ſuchte ſich zu faſſen, aber man ſah, der lächerlich verloren gegangene Zopf kränkte ihn bis in die innerſte Seele. Mit dienſtlicher Haltung nahm er ſich indeſſe zuſammen und ſprach:„Herr Lieute⸗ nant, ich habe einen alten Bauerwagen und zwei Pferde erwiſcht. Das wollte ich Ihnen nur melden. Damit könn⸗ ten wir Sie und etliche unſerer verwundeten Kameraden weiter bringen, denn hier wird es immer voller und, Gott ſei's geklagt, die Retirade ſcheint alles Ernſtes anzufangen.“ „Das haſt Du klug gemacht,“ fiel Opitz ein,„Du ſiehſt * — 48— doch nun, daß Dein Verſtand nicht im Zopfbande geſeſſen hat. Faſſ' an; wir wollen den Herrn Lieutenant hinaus⸗ tragen, damit für Andere hier Platz wird. Es geſchah. Sie hoben Werden auf einen mit Stroh bedeckten Bauerwagen, einige ihrer am ſchwerſten verwun⸗ deten Kameraden fanden gleichfalls Platz darauf und ſo traten ſie ihren weiteren Rückzug an. Indeſſen war das Wetter hell geworden und der große König überſah die Unmöglichkeit, das Schlachtfeld noch län⸗ ger zu behaupten, zumal, da ihm, bis jetzt vom Nebel ge⸗ deckt, der Herzog von Ahremberg mit friſchen Truppen in die Flanke gekommen war. Doch in guter Ordnung, wenn gleich ohne Gepäck, ohne Gezelte und faſt ohne Kanonen, zogen Preußens tapfere Krieger ſich zurück. Opitz, Vulpius, Feuerſenger und die Kanoniere, die ſich wieder zuſammengefunden hatten, verließen den Wagen, auf welchem Werden lag, nicht, ſondern begleiteten ihn als Schutz und Ehrenwache. Die zurückziehenden Truppen hat⸗ ten ſchon einen Theil der Straße eingenommen und man ſah ſich bald von Cavalerie, bald von Infanterie abwech⸗ ſelnd umgeben. In der Nähe von Klein⸗Bautzen, links zur Seite des Weges, befand ſich⸗ eine Anhöhe. Dort ſtanden mehre Offiziere und überſahen den Rückzug. Plötzlich riß Vulpius den Hut ab und rief mit leuch⸗ tenden Blicken:„Da ſteht Se. Majeſtät Vater Friedrich! Geſund und friſch, und ſo gerade auf, wie ein neu gefloch⸗ tener Schanzkorb! Dafür ſei unſer Herrgott gelobt! Nun mögen die ungariſchen Himmelſakermenter nur kommen, und die Panduren und Kroaten, und wie das Geſindel 1 alles heißt! Jetzt ſollen ſie uns noch etwas anhaben! Da ſteht unſer Vater Fritz und die Sonne beſchein ihn ſo hel⸗ daß es eine Freude iſt!“ — 49— Thränen der Freude liefen dem wackern Vulpius aus den Augen; ſogar an den halben Zopf dachte er nicht mehr. Jetzt kamen ſie dicht unten am Hügel vorbei. Da fragte der König plötzlich in ſcherzender Laune, die ihm kein Unfall gebeugt hatte: „Kanoniere, wo habt Ihr Eure Kanonen ge⸗ laſſen?“ „Der Teufel hat ſie bei Nachtzeit geholt, Ew. Majeſtät,“ rief Opitz und ſah keck und wild empor. „So wollen wir ſie ihm bei Tage wieder ab⸗ nehmen,“ erwiderte der König mit einem Ton, der jedes Soldatenherz mit der vollſten Zuverſicht erfüllte. „Ja das wollen wir, und ſie ſollen uns noch Zinſen zahlen,“ rief Opitz keck, und alle Krieger rings umher ſtimmten in den Ruf ein:„Ja, das wollen wir!“ So durch das Eine Wort des Königs wunderbar ermu⸗ thigt, zogen die Scharen weiter und nicht mehr an die verlorene Schlacht dachten ſie, ſondern an die näͤchſte, die ſie gewinnen wollten. Drittes Capitel. Der junge Freiherr Ferdinand von Eichholm ſaß mit ſeiner Schweſter Eliſabeth auf der Terraſſe vor dem Schloß. Er ſchien zerſtreut, ſprach wenig und auch das Wenige ohne Antheil.„Du hätteſt gewiß beſſer gethan, lieber Bruder,“ begann Eliſabeth nach einer Pauſe von mehren Minuten,„den Vater nach Berlin zu begleiten, beſonders da er ſehr den Wunſch hatte Dich mit zu nehmen. Es Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. IV. 3 — 50— iſt unmöglich daß Dir unſer ſtilles Dörfchen jetzt behagen kann, ſo unmitelbar auf die großen Reiſen und den Aufent⸗ halt in Paris, London und andern unermeßlichen Städten. In Berlin—“ „Du ſcherzeſt, liebe Schweſter,“ unterbrach ſie Ferdi⸗ nand,„denn Du weißt recht gut, daß ich mich, und zu⸗ mal an ſo ſchönen Frühlingstagen, nicht nach jenen gro⸗ ßen Städten, und noch weniger nach Berlin ſehne, um etwa mit alten Baſen und Vettern Kaffee zu trinken oder langweilig zu Tiſch zu ſitzen.“ „Je nun,“ erwiderte Eliſabeth mit einem feinen an⸗ muthigen Lächeln,„ich gleiche zwar eben keiner alten Baſe, aber ſehr unterhaltend ſcheine ich auch nicht für Dich zu ſein, da Du mir ſeit einer Stunde nur die einſylbigſten Antworten gibſt. Es iſt kaum drei Wochen her, daß Du wieder bei uns biſt, und da Du fünf Jahre abweſend warſt, ſo ſollteſt Du doch jetzt noch nicht von Erzählungen er⸗ ſchöpft ſein.— Oder willſt Du mir etwas vorleſen? Anna hat mir Klopfſtock's Meſſiade geliehen und nur Deine An⸗ weſenheit iſt ſchuld, daß ich bisher noch ſo wenig darin geleſen habe. Lies mir daraus vor, lieber Bruder, denn ich muß hiet bei der Arbeit bleiben, damit ſie zu des Va⸗ ters Geburtstage fertig iſt; willſt Du?“ Der Anmuth und Bitte ſeiner achtzehnjährigen Schwe⸗ ſter konnte Ferdinand unmöglich widerſtehn; er holte das Buch und ſchlug es auf. Doch fragte er zuvor:„Aber ſollen wir denn unſern Spaziergang aufgeben, Schweſter? Wir wollten ja heut nach dem Wäldchen am See, wo Du mir die neuen Anlagen zu zeigen verſprochen haſt?“ „Freilich, Beſter,“ entgegnete Eliſabeth,„doch erſt um ſechs Uhr; und dann holen wir Anna ab, die auch nicht früher Zeit hat.“ 1 Ferdinand nahm das Buch und las. Aber ſelbſt die Schönheiten des Dichters, der damals ganz Deutſchland mit der edelſten Begeiſterung entflammte, vermochten ſeine Aufmerkſamkeit nicht zu feſſeln; denn ſein Herz war nicht bei dem Buche, ſondern es ſehnte ſich zu der ſchönen, ſanf⸗ ten Anna, der Tochter, oder richtiger Pflegetochter des Pfarrers Heimfried, der auch ſein alter Lehrer geweſen war, hinüber. So las er denn auch zerſtreut, verſprach ſich oft, ſchlug zwei Blätter zugleich um und fuhr im Leſen fort, als ſei der Zuſammenhang gar nicht unterbrochen geweſen, bis endlich Eliſabeth lächelnd aufſtand, ihm das Buch ſanft aus der Hand nahm und ſprach:„Nein, ich ſehe wol, Ferdinand, es geht nicht; ſo will ich Dich denn auch nicht länger quälen. Aber ſprich nur, womit ich Dir die böſe Laune vertreiben ſoll? Ich möchte Dich gar zu gern heiter bei uns wiſſen, denn wenn Du Dich jetzt ſchon ſo unbe⸗ haglich mit uns fühlſt, wo Du erſt wenige Wochen wieder bei uns biſt und die Heimat Dir etwas Neues ſein kann, was ſoll für künftige Jahre daraus werden?“ Sie blickte ihm dabei ſo freundlich und doch ſo beſorgt ins Geſicht, daß der Bruder ſie gerührt in die Arme nahm und ſie mit innigſter Liebe küßte. „Du beſtes Herz,“ ſprach er ſanft,„kannſt Du denn wirklich glauben, daß die Sehnſucht nach den Zerſtreuungen großer Städte oder fremder Länder mir dieſen traulich ſtillen Aufenthalt ungenügend macht? Ich wünſchte nichts mehr, als mich eben recht feſt und für immer hier einzu⸗ wohnen, und ich wollte, Alles könnte ſo bleiben, wie es jetzt, wie es heut iſt.“ „Aber was macht Dich denn mismuthig, liebſter Bru⸗ der?“ fragte Eliſabeth theilnehmend. „Ich bin nicht mismuthig, Schweſter,“ antwortete er 3* 4 * woch Jeder, der das Leben ernſt, ja der es nur aufmerk⸗ ſam anſieht, kann es nicht immer fröhlich betrachten.— Könnteſt Du mir helfen, glaubſt Du nicht, daß ich mich längſt an Dich gewandt hätte, weil ich weiß, daß es Dei⸗ nem Schmheſterherzen die größte Freude ſein würde? Ja, ſo viel Di mir helfen kannſt, hilfſt Du mir ſchon durch Deine Liebe und Theilnahme.— Iſt es aber nicht ſechs Uhr? Wollen wir unſern Spaziergang nicht antreten? Im Freien, im Gehen iſt mir immer am wohlſten zu Muth.“ „Gern, gleich, lieber Bruder,“ antwortete Eliſabeth und ſah ihn freundlich an, wandte ſich aber ſchnell um, um eine Thräne zu verbergen, welche ihr in das ſchoͤne dunkle Auge trat, weil ſie den Bruder gar ſo beküm⸗ mert ſah.. Sie gingen. Schräg dem Schloſſe gegenüber lag das Predigerhaus, freundlich, mitten in einem kleinen Gärtchen. Anna ſtand ſchon in der Thür und erwartete die Freundin. Als ſie Beide ſich nähern ſah, winkte ſie mit lächelndem Gruße hinüber und ſchritt leicht die Sinſen hina und ihnen ent⸗ gegen. „Wie gut ihr dieſe einfache Tracht ſteht,“ wandte ſich ſehen doch wie die Drahtpuppen dagegen aus. Sie iſt ſo leicht wie ein Reh, der Strohhut ſchwebt ihr nur ſo auf den Locken; recht wie eine Schäferin ſieht ſie aus.“ Indeſſen war Anna näher gekommen, küßte die Freun⸗ din, grüßte Ferdinand mit einem angenehmen Lächeln und ging dann zwiſchen Beiden.„Wir haben uns ſoeben wol eine Stunde mit Dir beſchäftigt, Anna,“ ſprach Eliſabeth, „denn Ferdinand hat mir aus Deinem Meſſis vorgeleſen. Es iſt doch gar ein herrliches Werk, das uns mit der edel⸗ Eliſabeth zum Bruder;„wir mit unſern Modekleidern — 53— 3 ſten Glut für den großen Mann, der es ſchrieb, erfüllen muß. Wenn es nur erſt ganz vollendet wäre!“ „Ja,“ ſprach Anna,„es iſt ein theures Geſchenk, welches mir der Vater gemacht hat; wie manche ſchöne und erhebende Stunde verdanke ich demſelben ſchon! Und wie tröſtet es mich oft in dieſen ſchweren Kriegs⸗ und Unglücks⸗ jahren, wo das allgemeine Elend ringsher uns mit Schau⸗ der erfüllt. Ach wer weiß, wie bald auch unſer ſtilles Dörfchen hier von den Kriegsſcharen überfallen und ver⸗ heert wird! Eben hat der Vater Briefe erhalten, daß die Ruſſen immer näher und näher heranziehen und überall ſchreckliche Verwuͤſtungen und Verheerungen anrichten.“ „Fürchten Sie nichts, liebe Anna,“ ſprach Ferdinand; unſer großer König wird den Feinden ſchon bei Zeiten zu begegnen wiſſen. Sie wiſſen doch, daß unſer Vater eben hauptſächlich deshalb in Berlin iſt, um dort den Verſuch zu machen, Verſtärkungen für unſere Gegend zu erhalten?“ „Ach,“ erwiderte Anna,„ich fürchte ja auch nicht ſo ſehr für mich und unſere nächſten Freunde, als im Allge⸗ meinen; denn wo der Krieg auch geführt werde, überall wird er viele Tauſend Unglückliche machen. Das Herz blu⸗ tet mir oft, wenn ich dem Vater die Zeitungen vorleſe und dieſe Schilderungen von Schlachten, Plünderungen und Elend aller Art darin treffe. Wie zum Beiſpiel Kü⸗ ſtrin im vorigen Jahre ſo entſetzlich zerſtört wurde!“ „Und doch,“ erwiderte Ferdinand,„gibt es wieder nichts ſo Großes, ſo Herrliches als den Krieg, und jeden Tag, ſeit ich in Deutſchland zurück bin, drängt es mich mehr und mehr die Waffen zu ergreifen, um unter dem großen Könige zu fechten. Und jetzt beſonders—“ „Bruder,“ rief Eliſabeth erſchreckt,„ich glaube, Du ſprichſt im Ernſt. Wollteſt Du wirklich— nein, nim⸗ — 54— mermehr, es iſt gewiß nur Dein Scherz, womit Du uns Maädchen angſtigen willſt!“ Ferdinand ſchwieg. Eliſabeth und Anna ſahen ängſt⸗ lich geſpannt zu ihm hinauf.„Wir wollen das jetzt laſ⸗ ſen, liebe Schweſter,“ begann er endlich mit weicherem Ton der Stimme,„noch haben wir ja Frieden hier in unſerm ländlichen Aufenthalt, noch iſt es Frühling und Alles ſchön rings umher; ſo wollen wir deſſen genießen, denn wir wiſſen ja nicht, ob uns dieſe Sonne morgen wie⸗ der ſo freundlich und milde ſtrahlen wird, wie jetzt eben, wo ſie die Goldblicke ſo lächelnd durch das Birkenlaub wirft.“ In dieſen Geſprächen hatten ſie das Wäͤldchen erreicht, welches ſich eine ſanfte Anhöhe hinanzog, die auf der an⸗ dern Seite, nur von niederen Gebüſchen und grünem Na⸗ ſenteppich bekleidet, ſich gegen den See hinabſenkte, deſſen blauen Spiegel man weithin überſehen konnte. Eliſabeth hatte auf dieſem Punkte eine Bank und einen Tiſch hin⸗ ſetzen und von hier aus allerlei anmuthig verſchlungene Pfade durch das Gehölz bahnen laſſen. Dies waren die neuen Anlagen, die freilich nur inſofern bemerkenswerth ſein konnten, als ſie die Neigung und den Lieblingsaufent⸗ halt der Schweſter bezeichneten. „Siehſt Du,“ ſprach ſie munter,„das iſt unſer Park. Weißt Du, als wir noch als Kinder hier ſpielten, da war Alles verwachſen und wild, und ich bekam oft Schelte von der Mutter, daß ich in das hohe, thauige Gras ge⸗ ſprungen war, oder mir das Kleid in den Brombeerſtraͤu⸗ chern zerriſſen hatte. Jetzt habe ich als vernünftigeres Mädchen dafür geſorgt, daß wir hübſch gebahnte Wege zum Umherſtreifen haben und nicht mehr durch hohes Gras und Geſtraͤuch müſſen.“ „Es war auch mein Lieblingsort hier,“ entgegnete Fer⸗ — 55— dinand;„gerade unter dieſer Eiche, deren dunkleres Grün ſo maleriſch gegen das helle Birkengebüſch abſticht, lag ich oft und las den halben Tag lang. Nun haſt Du mir's gemächlicher eingerichtet mit Tiſch und Bank.“ „Auf dem grünen Raſen ruht ſich's aber doch eigent⸗ lich beſſer,“ meinte Eliſabeth,„nur daß es, wenn es ge⸗ regnet hat oder feucht iſt, uns Mädchen beſonders oft gar ſchlecht bekommt. Darum iſt eine ſolche Bank aus Bir⸗ kenſtämmen doch etwas werth. Aber ſetzen wir uns. Du zwiſchen uns, Bruder Ferdinand, und nun ſollſt Du uns etwas von Deinen Reiſen erzählen.“ „Nein, das wollen wir für lange Winterabende ſparen,“ ſprach Ferdinand.„Hier laß uns lieber unſerer Jugend⸗ zeit gedenken. Weißt Du, Schweſter, als ich Euch hier am See das Feuerwerk abbrannte?“ „Wo Anna beim Nachhauſegehen im Dunkeln am Mühlenſtege fehl trat,“ fiel Eliſabeth raſch ein. „Und Sie mich aus dem Waſſer retteten,“ ſprach Anna lebhaft zu Ferdinand gewandt. „Damals nannten Sie mich noch Du,“ erwiderte er mit einem Tone, als wolle er ihr vorwerfen, daß ſie dies vertrauliche Verhältniß aufgehoben habe. „Das iſt nun ſechs Jahre her,“ erwiderte Anna lieb⸗ lich erröthend;„damals war ich dreizehn Jahre alt.“ „Und ich faſt neunzehn, ſo alt wie Sie jetzt. Es iſt zwar böſe, daß der Leib altert, aber noch viel ſchlimmer, daß die Seele nicht jung, unbefangen und arglos bleibt, wie in der ſchönen Kinderzeit.“ „Aber iſt's denn nothwendig,“ rief die lebhafte Eliſa⸗ beth, faſt ein wenig unwillig, daß man mit den Jahren ſchlechter werde? Ich dachte, ich ſei beſſer geworden!“ Anna ſah Ferdinand fragend an und ſprach unſchuldig: „Ich auch.“ Ferdinand war ein wenig verlegen, doch faßte er ſich ſchnell und antwortete:„Gewiß werden wir auch in Vie⸗ lem beſſer, Vieles aber müſſen wir auch für die Erkennt⸗ niß opfern. So iſt's ja überall; will eine Frucht reifen, muß eine Blüthe fallen, ſoll mir die Sonne ſcheinen, ſo muß ich den freundlichen Mond, die klaren Sterne ent⸗ behren.“ Man ſaß einige Augenblicke ſchweigend; Alle thaten einen Blick in die ſchöne Jugendzeit zurück und einen an⸗ dern in die durch ſtrenge Weltgeſchicke ungewiß bedrohte Zukunft hinaus. Und ſo drang jene ſüße Wehmuth in ihr Herz, die kaum weiß, ob ſie über Glück oder Kummer weinen möchte. 3„Ich will mein altes Spiel einmal verſuchen,“ unter⸗ brach Eliſabeth mit abſichtlich munterm Tone die Stille, weil ſie bewegter war, als ſie ſcheinen mochte; denn des Bruders ernſte Stimmung, die ſie ſchon ſeit mehren Tagen beobachtet hatte, bekümmerte ihr Herz.„Ich will mein altes Spiel wieder verſuchen und einen Blumenſtraus pflücken, den Du auslegen ſollſt, Ferdinand.“ Mit dieſen Worten war ſie leicht aufgeſtanden und hüpfte den nächſten Blumen zu. Anna und Ferdinand blieben ſitzen und ließen ſie lächelnd gewähren. Sie ging pflückend und wieder verwer⸗ fend, ſpähend und ſammelnd, tiefer in die Gebüſche hinein und war bald hinter dem grünen Laubgitter verſchwunden. Ferdinand und Anna ſaßen noch immer ſchweigend ne⸗ beneinander. „Die Sonne ſenkt ſich ſchon hinter die Waldſpitzen,“ ſprach Ferdinand endlich und hielt ſich die Hand über die geblendeten Augen. 1. 57— „Ihr Licht wird ſchon röthlich und ſpielt golden auf den Wellen des Sees,“ ſetzte Anna mit ſanft bewegtem Tone hinzu;„haben Sie wol geleſen, wie ſchön das in Kleiſt's Frühling geſchildert wird?“ „O gewiß!“ erwiderte er mit einem halben Seufzer. „Doch Sie haben das in fremden Ländern, und zu⸗ mal in Italien, gewiß Alles viel ſchöner geſehen, als wir's hier auf unſerer ſtillen Flur haben.“ „Nirgend ſchöner als hier, als heut, Anna,“ ſprach er bewegt und nahm ihre Hand, die ſie ihm aus traulicher Gewohnheit ließ.„Was uns die Fremde bieten mag, die Heimat bleibt doch das Schönſte.“ „O das iſt gut von Ihnen, daß Sie uns ſo treu ge⸗ blieben ſind,“ entgegnete Anna und ſah ihn mit ihren offenen, blauen Augen dankbar an. „Treu! Ja gewiß treu,“ ſprach Ferdinand innig,„denn der Jüngling, ich darf faſt ſagen der Mann, findet unver⸗ muthet das Herz des Knaben in ſeiner Bruſt wieder.“ „Des Knaben? Sie betonen das ja ſo ſeltſam?“ fragte Anna. „Ich weiß noch den Tag,“ fuhr er faſt mit bebender Stimme, aber mit erzwungenem Lächeln fort, wo mein alter Lehrer Heimfried die kleine blondlockige Anna mit⸗ brachte, die von der Stiefmutter verlaſſen, von aller Welt zurückgewieſen, bei einem alten, faſt vergeſſenen Freunde ihres Vaters ein neues Vaterhaus fand!“ „O gewiß, das hab' ich gefunden!“ rief Anna mit in⸗ nigſter Bewegung. „Damals ſagte mir mein guter Lehrer ſcherzend:„„Nun, Ferdinand, ſei fleißig, dann habe ich Dir zur Beloh⸗ nung auch eine kleine Braut mitgebracht““—— mit Kindern ſcherzt man, aber das Leben macht Ernſt!“ 3*ᷣ* — 38— Anna zog betreten ihre Hand zurück, ſie wußte nicht, was ſie denken ſollte; fragend ſah ſie ihn an, und erröthete dann und ſchlug das Auge nieder; ihre Bruſt pochte ängſt⸗ lich, faſt hätte ſie geweint. „Anna,“ ſprach er aus tiefſter Seele,„laß mir dieſe Hand! Laß ſie mir für ewig.“ „Um Gottes willen, was thun Sie,“ rief ſie er⸗ ſchrocken und ſprang auf, da Ferdinand ſie ans Herz ziehen wollte. Er ließ ſie nicht los. „Ich bitte Sie, laſſen Sie mich, Herr Baron,“ erwi⸗ derte Anna mit erſtickter Stimme und' wollte entfliehen; „Sie handeln nicht großmüthig.“ „Anna! Könnteſt Du mich lieben?“ fragte er dringen⸗ der.„Sag' nein und der Wind mag jedes Wort verwehen, das ich geſprochen habe!“ „Ich darf es nicht,“ rief ſie weinend und abgewendet. In dieſem Augenblick trat Eliſabeth mit erneuter Mun⸗ terkeit, einen vollen Blumenſtrauß in der Hand haltend, aus dem Gebüſch, ſodaß ſie der abgewendeten Anna plötz⸗ lich gegenüber ſtand.„Mein Gott, was iſt das?“ rief ſie 8 ſtillſtehend und der Ausdruck des Erſchreckens überflog ihre lebhaften, jede Regung der Seele ſogleich wiederſpiegeln⸗ den Züge. „ Ach, meine Eliſabeth!“ Mit dieſem Ruf warf ſich Anna, als ſie der Freundin anſichtig wurde, an die Bruſt derſelben. Denn Ferdinand hatte, ſowie die Schweſter hin⸗ zutrat, ihre Hand ſogleich losgelaſſen und blickte nun abge⸗ wendet finſter zur Erde. „O Bruder, was haſt Du gethan,“ ſprach Eliſabeth, die den Zuſammenhang leicht errieth, und ſah ihn halh bittend, halb vorwerfend an. — — 39— „Was ich längſt innerlich feſt und unwiderruflich be⸗ ſchloſſen hatte,“ entgegnete Ferdinand mit tiefbewegtem, aber beſtimmtem Ton.„Findeſt denn auch Du es ſo un⸗ begreiflich, Schweſter, daß ich bei meiner Liebe nach nichts weiter fragen will, als nach der Geliebten?“ Anna lag noch immer mit dem Angeſicht an das Herz der Freundin gedrückt; dieſe blickte wehmüthig über das ſchöne geſenkte Lockenhaupt den Bruder an und fand keine Worte, um ſeiner Frage zu begegnen. „Anna!“ wandte dieſer ſich jetzt wieder zur Geliebten, „bezwinge Deine Sorge und Deinen Schmerz. Dein heißes Weinen ſagt mir, daß Du mich lieben könnteſt, ſagt mir aber auch, daß Du eine Schuld daran zu knüpfen wähnſt. Dieſe nehme ich hier vor dem Angeſichte der Schweſter von Dir; Du biſt ſo ſchuldlos wie das Veilchen, nach dem ich mich bücke, um ſeinen Duft einzuathmen. Iſt eine Schuld dabei, doch meine innerſte Seele wehrt mir an eine ſolche zu glauben, ſo trage ich ſie doch allein. Ich will Dein ſchüchternes Herz, Deine zu heilig zarte Pflichttreue nicht beſtürmen, aber öffne Du es der Schweſter, denn ihr Auge ſagt mir, daß ſie mich im Tiefſten verſteht und daß ihre Seele hier keinen Fehltritt, ſondern nur ein küh⸗ nes Wagen ſieht, vor deſſen Folgen ihre Frauenbruſt wie die Deinige zittert. Ich will jetzo von Euch gehen; nicht ein Wort, nicht ein Blick, Anna, ſoll Dir entfliehen, den Du auf die Wange der Schuld legen könnteſt; aber zu der Schweſter ſei wahr, wie Du es vor Dir ſelbſt und vor dem Ewigen biſt.“ Mit dieſen Worten ging er haſtig in das Gebüſch wald⸗ einwärts, mit dem feſten Vorſatze, erſt mit der Nacht ins Schloß zurückzukehren. — 60— Die Morgenſonne ſchien hell in Eliſabeth's Zimmer, ſie ſtand im leichten Frühkleide vor ihren Blumen und pflegte ſie, als Ferdinand zu ihr eintrat. Er ſah ernſt, aber den⸗ noch heiter; nur ein wenig blaß. Dies war aber auch Eliſabeth nach der unruhig zugebrachten Nacht. „Die friſche Aufregung des Morgens, liebe Schweſter,“ begann Ferdinand,„wird uns ruhiger über Das ſprechen laſſen, was uns geſtern in der Wehmuth des ſinkenden Abends zu ſchmerzlich erſchütterte. Ich weiß, Du fürchteſt den Zorn des Vaters, ſein unabänderliches Hängen an den Vorurtheilen des Standes, welche er auch Deinem jugend⸗ lichen Herzen einzuprägen gedachte, die aber nie in Dein Inneres dringen wollten, ſondern machtlos abgleiteten. Noch weniger, Schweſter, konnten ſie bei mir Wurzel faſ⸗ ſen. Schon auf der Univerſität zerſtörten ſie ſich in dem gemeinſamen Jugendleben. Wie viel mehr aber noch bei meinen Reiſen, bei meinem Aufenthalte in dem freien England, wo allein der Geiſt lenkt und gebietet. Nicht, daß in dieſem Lande nicht ähnliche Vorurtheile herrſchten, wie bei uns, ja in mancher Hinſicht ſind ſie noch viel ſchroffer und engherziger; aber die öffentliche Meinung hat 3 ſie ſchon verurtheilt, die Beſſeren blicken mit Verachtung darauf hinab, und dieſe Meinung darf ſich frei und un⸗ gehindert ausſprechen, ſodaß Jedem die wahre Erkenntniß offen ſteht, der ſich ihr nicht verſchließen will. Dort, meine Schweſter, habe ich Belehrung genoſſen, bin zu Grund⸗ 3 ſätzen gelangt, von denen ohne Verbrechen kein Rückſchritt möglich iſt. Wie ich mit dem Vater zu ſprechen habe, weiß ich; ich hoffe, er wird der Wahrheit zugänglich ſein. Nur wie Anna denkt, nur das mußt Du mir ſagen. Denn die lebendige Ahnung, das innerſte Gefühl meines b — 61— Herzens genügen zwar meiner Liebe, aber nicht dem Han⸗ deln, zu dem ich vielleicht ſchreiten muß.“ Eliſabeth hatte ihres Bruders Worten ſchweigend und mit ſtill hervordringenden Thränen zugehört.„Ach, lieber Bruder,“ ſprach ſie, nich kann Dich nicht tadeln, ja ich fühle auch, daß Du wol Recht haſt; allein ein großes Un⸗ glück, das ſehe ich voraus, bereitet ſich vor und trifft unſer ſtilles, glückliches Leben. Bedenke, wie der Vater uns liebt, wie Du ihn liebſt und ehrſt, und frage nun Dich ſelbſt, wie Du ſeinem Willen ungehorſam ſein willſt.“ „Er wird den Gründen der Vernunft und Biligkeit Gehör geben,“ antwortete Ferdinand.„Sage mir nur, was Anna Dir geſagt.“ 3 „Es iſt in wenige Worte zu faſſen,“ ſprach Eliſabeth, „Sie liebt Dich mit ihrem ganzen ſchönen Herzen, aber ſie liebt kindliche Pflicht und Gehorſam noch mehr. Niemals wird ſie gegen des Vaters Willen die Deine.“ „Sagte ſie das?“ rief Ferdinand heftig. „Und ein Mädchen wie Anna hält es, ſollte auch ihr Herz darüber brechen,“ ſetzte Eliſabeth mit ſanfter Stimme hinzu.„Lieber Bruder,“ fuhr ſie fort und ſchlang den Arm bittend um ſeinen Nacken,„geh' nicht weiter; auf dieſem Pfade findeſt Du kein Glück, Du zerſtörſt es nur, eigenes und fremdes. Geh' nicht weiter— ach, hätteſt du gar nicht geſprochen, oder Dich nur mir vertraut, es wäre um Vieles beſſer. Unbewußt hätte die Liebe in Anna's Bruſt fortgeſchlummert; ſie wäre die der Schweſter und Ju⸗ gendgeſpielin geblieben. Jetzt haſt Du ſie durch ein einzi⸗ ges Wort geweckt und verwandelt, und was zuvor ein weh⸗ müthiges, ſanftes Verſagen und Entbehren geweſen wäre, wird nun ein herzzerreißender Verluſt für die Arme, den ſie aber ſtandhaft zu tragen beſchloſſen hat.“ — 2.¶— „Und verlangteſt Du, Schweſter,“ erwiderte Ferdinand feſt,„ich ſolle minder ſtandhaft ſein? Gewiß nicht. Moch⸗ teſt Du Recht haben, daß ich den erſten Schritt nicht hätte thun ſollen— der zweite muß geſchehen.“ Er ging raſch hinaus ins Freie. Draußen überlegte er noch einmal mit ſich ſelbſt, was er dem Vater ſagen, wie er handeln wolle. Er war mit ſich einig, der feſte Entſchluß gab ihm Faſſung und Kraft zurück; ſo erwar⸗ tete er mit Sehnſucht des Vaters Rückkehr. Dieſe erfolgte am nächſten Abend. Der Freiherr von Eichholm war ein Mann von ſech⸗ zig Jahren; redlich, ehrenfeſt, gutmüthig, aber allen Vor⸗ urtheilen ſeines Standes unbedingt ergeben. Ihm waren ſie Geſetze; er hätte jeden Bruch derſelben für Frevel ge⸗ halten. Welch einem ſchweren Stande ging Ferdinand da⸗ her mit ſeinen ganz entgegengeſetzten Grundſätzen entgegen! Eliſabeth wußte es und zitterte, und dieſes Gefühl über⸗ wältigte ſie ſo, daß ſie den Vater kaum mit Freundlichkeit bewillkommen konnte. Doch er, von ernſten vaterländiſchen Sorgen gedrückt, bemerkte die veränderte Stimmung ſeiner Kinder nicht. S „Es ſieht übel aus, Ferdinand,“ begann er, als er in ſeinem Zimmer Platz genommen hatte.„Am Ende wird unſer großer König dennoch unterliegen. Die Feinde wer⸗ den ihm zu mächtig, die Mittel reichen nicht mehr aus, die Provinzen ſind alle erſchöpft, meine Bitten waren ver⸗ geblich, und ich ſehe ein, daß man ſie nicht erfüllen konnte. Gott muß helfen! Uns Menſchen wird es ſchwer.“ „Und Gott wird helfen,“ ſetzte Ferdinand hinzu,„die⸗ ſes Vertrauen lebt unerſchütterlich in meiner Bruſt.— Beſter Vater,“ fuhr er nach einigen Augenblicken fort, . — 63— „ſchon längſt keimt ein Entſchluß in meiner Seele, aber ich habe Ihnen zwei Bitten deshalb zu thun.“ „Und die wären, mein Sohn?“ fragte der Vater auf⸗ merkſam.—— Eliſabeth ahnte, was erfolgen ſolle, und zog ſich leiſe in den Hintergrund des Gemachs zurück. „Sie ſcheinen entgegengeſetzt, aber ſie ſind es nicht,“ erwiderte Ferdinand.„Ich möchte in den Krieg ziehen und — eine Gattin nehmen.“ „Ich glaube, Du biſt toll, Junge,“ fuhr der Alte halb lachend auf,„oder Du treibſt Scherz mit mir; dazu ſind aber jetzt wahrlich nicht die Zeiten.“ „Nein, wahrhaftig nicht,“ rief Ferdinand,„ ich ſpreche im heiligſten Ernſt. Mein theurer Vater, ich will mir Ihre Einwilligung erbitten, in das Heer des Königs zu tre⸗ ten, und wenn ich mit Ehren heimkehre, dann ſoll die Hand Derjenigen, die ich gewählt und die Sie mir jetzt als Braut verloben ſollen, mein Lohn ſein!“ „Das läßt ſich freilich hören,“ ſprach der Vater,„und die erſte Bitte iſt Dir ohne Weiteres gewährt; aber bei der zweiten muß ich doch erſt wiſſen, wen Du gewählt haſt. 14 „Ein Mädchen, beſter Vater, dem Sie ſelbſt das Zeug⸗ niß geben, daß ſie gut, gebildet und ſchön iſt— die nur einen zufälligen Mangel hat, den ſie nicht verſchuldet.“ „Nun den Teufel, ſie wird doch kein Gebrechen haben? Was fehlt ihr denn—“ „Der Adelsbrief.“ „So heirathe ſie Einen, dem er auch fehlt!“ rief Eich⸗ holm ſtreng und heftig;„meine Schwiegertochter wird ſie nicht.“ b „Ich bin bereit, ihr den meinigen zu opfern, mein Va⸗ ter,“ ſprach Ferdinand beſcheiden, aber mit Feſtigkeit. „Was!“ rief der Alte und glühte vor Zorn,„das wie⸗ derhole mir noch einmal und ich läugne, daß Du mein Sohn biſt! Was haſt Du geſagt, Ferdinand! Deinen Adelsbrief willſt Du opfern, ehrlos werden um einer Dirne willen? Widerrufe das! Auf der Stelle widerrufe, oder Du biſt nicht mehr würdig, den Degen zu tragen!“ „Sie misverſtehen mich, beſter Vater,“ antwortete Ferdinand gemäßigt.„Einem Vorrecht freiwillig entſagen, iſt etwas Anderes, als es ſchimpflich verlieren oder auf⸗ geben.“ „Wer die Ehre verhandelt, iſt ein Schurke!“ rief Eich⸗ holm noch zorniger und ging heftig auf und ab.„Ich will nichts weiter hören! Geh! Werde Soldat! Denn das Blut von drei Wunden iſt nöthig, um Dir dieſe Schande abzuwaſchen. Von Deiner Heirath aber, von einer ſolchen Heirath ſprich mir keine Sylbe mehr, oder Du biſt enterbt!“ „Sie ſind erzürnt, mein Vater, hören Sie mich doch wenigſtens an,“ bat Ferdinand.„Ich weiß, Sie glauben es nicht, daß Ihr Sohn ehrlos denken oder handeln könnte.“ „Nein, das hätte ich auch nimmermehr geglaubt, wenn ich's nicht aus ſeinem eigenen Munde hören müßte! Ferdi⸗ nand, ſo wahr ich Baron Friedrich von Eichholm heiße, auf Piſtolen hätte ich Den gefordert, der ſich unterfangen hätte mir zu ſagen: Dein Sohn will ſeinen Adelsbrief zerreißen, um ein Bürgermädchen zu heirathen! Krieg und Peſt! Es iſt zum raſend werden!“ Ferdinand ſchwieg. Er ſah, daß über dieſen Punkt zwi⸗ ſſcchen ihm und dem Vater kein Verſtändniß möglich ſei. Düſter blickte er auf den Boden. „Ferdinand,“ begann der Baron nach einigen Minuten weicher,„gehe in Dich; ſiehe, ich bin alt und grau und habe Dich lieb. Thue mir dieſe Schmach nicht an. Soll —ꝑ — 65b— ich mich mit Gram niederlegen zu Deiner Mutter?— Wenn das Mädchen, von dem Du ſprechen wollteſt, wirklich gut i*ſt, ſie ſagte ſelber Nein!“ „So gut iſt ſie, mein Vater,“ ſprach Ferdinand mit tief bewegter Stimme;„um ſo heiliger wird meine Pflicht gegen ſie. Anna hat Nein geſagt und liebt mich doch!“ „Anna!“ rief Eichholm erſtaunt und mit halb ſchmerz⸗ lichem Tone.„Anna haſt Du gewählt? Des Pfarrers Tochter?— Sie iſt gut, ſehr gut, ihre Pflege hat mir und Eliſen, als hier im Hauſe Alles krank lag, das Leben gerettet. Das war Viel! Jetzt hat ſie Nein geſagt, das iſt mehr, denn ſie rettet meines Sohnes, meines Namens Ehre!“ „O Vater!“ rief Ferdinand ſchmerzlich aus,„kann Ihr edles Herz von unnatürlichen Vorartheilen ſo misleitet werden! Gibt es einen höhern Adel als den der Seele? Nach welchem Stammbaum fragt Gott Die, welche zu ihm eingehen?“ „Dort iſt Alles gleich, freilich; aber auf der Erde gibt es Hohe und Niedere und Jeder ſoll ſich zu den Seinen halten. Sonſt kann unſer Dorfhirt um des Königs Toch⸗ ter werben. Das wäre Eure Weltordnung, Ihr jungen Thoren, denen zwei hübſche Augen mehr gelten, als die rühmlich erworbene und pünktlich erhaltene Ehre aller Eurer Vorfahren. Aber Anna iſt beſſer und geſcheidter als Du. 4 Sie iſt ein braves Mädchen!— Wer weint denn da?— . Eliſabeth, Du biſt hier? Und Du haſt gehört, welches Herzeleid Dein Bruder ſeinem alten Vater anthun will? Komm her! Komm an mein Herz, Kind, Du wirſt mich ſo nicht kränken.“ Eliſabeth blieb in der Ferne ſtehen und trocknete die thränenden Augen mit ihrem Tuche.. Ferdinand kämpfte heftig mit ſich ſelbſt; dann wendete er ſich plötzlich um un ging hinaus. 3 -⸗Sein Entſchluß war nicht wankend geworden, er wurde ihm nur ſchwerer gemacht; denn es lag in ſeinem Charakter, da, wo er nach innerſter Ueberzeugung handelte, unbeugſam zu ſein. Nur über die Art, wie er ſeine Ent⸗ würfe ausführen ſollte, war er noch zweifelhaft, und um darüber mit ſich eins zu werden, ging er durch den Gar⸗ ten hinaus in das Feld dem einſamen Wäldchen zu, wo er vorgeſtern einen einzigen Augenblick ſo ſchmerzlich ſelig geweſen war.— O wie ſchön könnte die Welt ſein, dachte er für ſich, als er ſich auf die Bank geſetzt hatte, und der See wie bei jenem erſten Begegnen mit Anna's Herzen in goldenen Wellen ſchimmerte und der Abendhimmel ſich zu röthen begann; o wie ſchön könnte die Welt ſein, wenn der Menſch nicht ſelbſt ſo oft das Gute verblendet von ſich drängte, was ihm der himmliſche Vater zuweiſet! Aber das iſt der Fluch, der ihn aus dem Paradieſe getrieben hat, daß der Wahnſinn des Irrens ihn überall verfolgen muß. Das Höchſte in Glauben, Wiſſen und Lieben, was ihm geboten worden, hat er von je in ſeiner Raſerei verkannt und mit Füßen getreten, und die Wenigen verfolgt und mishandelt, denen die Wahrheit vor dem klaren Auge ſtand. So war es, ſo iſt es und ſo wird es ſein! Die erquickenden Him⸗ melsfrüchte, die der Lippe geboten werden, ſchleudert er von ſich, um aus prunkenden Gefäßen von kaltem Erz ſchleichendes Gift oder berauſchenden Wahnſinn zu trinken! Die Arme übereinander geſchlagen, ging Ferdinand fin⸗ ſter auf und ab; zu Zeiten blieb er wieder ſtehen und ſah der ſinkenden Sonne nach. Müde lehnte er ſich endlich gegen den Stamm der alten Eiche und hielt den Blick auf den Bo⸗ den geheftet, oder warf ihn verloren, gedankenlos ins Weite. 4 — 67— Plötzlich rauſchte es leiſe ſtreifend hinter ihm im Ge⸗ büſch; er wandte ſich betroffen um und Anna ſtand vor ihm. Noch heftiger erſchreckt als er, zitterte ſie zurück und erbleichte, und erröthete und erbleichte wieder; ſie ſtand ver⸗ zagend, unſchlüſſig, ob ſie bleiben oder gehen ſollte. Ferdi⸗ nand trat ihr entgegen und, da ſie heftig bebte, leitete er ſie unterſtützend bis zu der Bank. „Anna, Dich führt der Wink des Himmels her zu die⸗ ſer Stunde,“ ſprach Ferdinand, und drückte ihre Hand ſanft in der ſeinigen;„es ſah düſter aus in meiner Seele, doch Deine ſanfte Geſtalt tritt wie Mondlicht in das Dunkel.— Du haſt Nein geſprochen zu meiner Schweſter, Anna,“ fuhr er mit dem Tone des ſanften Vorwurfs fort,„war das wol recht und gut? Spracheſt Du nicht mehr in der Furcht vor menſchlichem Urtheil als vor dem des Ewigen, der in unſer tiefſtes Herz ſieht? Ach, Geliebte, haſt Du nicht an dem Heiligthum der Liebe gefrevelt, nicht das klare Geſicht der Verkündigung getrübt, welches vor Deine Seele getreten war? Als es in meinem Herzen plötzlich Tag wurde, Anna, als ich wußte, daß ich liebte, da wußte ich auch, daß ich nur der Liebe gehorchen ſollte!“ Anna brach in Thränen aus.„O Sie thun mir Un⸗ recht, bitteres Unrecht!“ rief ſie ſchmerzlich.„Iſt es denn ein Frevel, wenn man die theuerſten Wünſche der Pflicht zum Opfer bringt? Soll ich denn ſchuldig ſein, weil ich unglücklich bin?“ Bei dieſen Worten blickte ſie ihn mit frommen Augen wehmüthig an, als erwarte ſie Vergebung oder Belehrung von ihm. „Was nennſt Du Pflichten?“ begann er ſanft.„Wenn Dein Herz mit reinem Bewußtſein der Liebe gewählt hat, bleibt Dir dann noch eine höhere Pflicht als die, ihrem heiligen Geſetze zu gehorchen?“ — 68— Sie ſchwieg einen Augenblick wie nachſinnend, dann erwiderte ſie:„Ja, Ferdinand, es bleiben heiligere Pflich⸗ ten; ältere der Dankbarkeit, der kindlichen Liebe— ach und tauſend andere. Denn ich darf nicht fragen, warum ich meines Glückes nicht genießen ſollz mir muß es genü⸗ gen, daß Diejenigen, denen mein Herz Alles ſchuldig gewor— den, das harte Nein ſprechen. Denn auch mein Vater, dem ich, wie die Tochter mußte, Alles geſtanden habe, thut es, aus Dankbarkeit gegen ſeinen Wohlthäter und weil er ſich fromm in ſeinem Wirken beſcheidet, und am meiſten, weil er mein eigenes Glück will. Ach, er hat es mir mit ſo wahren und herzlichen Worten geſagt, daß ein Bund, unter dem Fluch und Haß der Aeltern geknüpft, und wäre dieſer Haß auch ungerecht, nie zum Glück führt.„„Der Segen des Friedens würde nie über Dein Haus kommen,““ ſprach er zu mir, und ſo fühle ich's auch, Ferdinand. Dein zürnender oder bekümmerter Vater müßte ſtets im Hintergrunde aller unſerer Freuden ſtehen und ſeine finſtere Geſtalt vor jeden Sonnenblick des Glücks treten.“ Ferdinand hatte ihren ſanften Worten ſtill zugehört. „Du haſt Recht, Anna,“ erwiderte er,„ich aber auch; denn von dem Mann wird das Handeln gefordert, von dem Weibe das Dulden. Wir ſollen ſchaffen und müſſen daher auch zerſtören, ihr ſollt nur ſanft bewahren und be⸗ hüten. So will ich denn kämpfen, meine Anna, und Du, armes Weſen, dulde demüthig und freundlich— Beide, bis wir geſiegt haben oder unterliegen. Ich entſage Dir nicht, Anna, trotz Deines Nein, denn ich würde eine heilige Pflicht gegen Dich ehrlos brechen.— Anna, wir ſehen uns in dieſer Stunde vielleicht zum letzten Malez ich ſcheide, doch noch einmal betheure ich Dir: Ich entſage Dir nicht. Liebſt Du mich, ſo wirſt Du mir auch in der — 69— Stille und Ferne Dein Herz bewahren, ohne daß ich Dich durch ein Gelübde feſſele. Nun leb' wohl!“ Er hielt ihre beiden Hände in den ſeinigen und blickte ihr in das von dem Silberſchleier der Thränen verhüllte Auge. Zitternd zog er ſie näher; ſie neigte ſich milde zu ihm und lehnte ihr müdes, betäubtes Haupt verbergend an ſeine Bruſt. Innig hielt er ſie umſchloſſen und dieſe ſelige Minute war Finden und Trennen zugleich für die lieben⸗ den Herzen. Stumm riß er ſich los und eilte den Hügel hinab und raſch durch den Wald nach Hauſe. Anna folgte langſam, mit erſchöpfter Kraft, aber doch beſeligt und ge⸗ tröſtet durch das innerſte heilige Verſtändniß; und ein ſüßer Glaube ſagte ihr, daß eine milde Hand dieſe bittern Thrä⸗ nen trocknen, dieſes heftige Wogen und Wallen des Schmer⸗ zes in der Bruſt lind beſänftigen werde. Ferdinand ſah den Vater an dieſem Abend nicht mehr. In der Stille ſchickte er ſich zur Abreiſe an. Seiner Schweſter hatte er flüchtig die Worte zugeflüſtert:„Ich beſuche Dich noch ſpät, Eliſabeth, bleib' wach.“ Auf ſeinem Zimmer ſchrieb er Briefe; um Mitternacht war er mit Allem fertig. Jetzt ging er hinab zu Eliſabeth, die in Angſt und Thränen ſeiner harrte. „Ich komme Abſchied zu nehmen, liebe Schweſter,“ ſprach er,„denn ich bin entſchloſſen, noch in dieſer Nacht mich zum Heere des Königs zu begeben. Weine nicht, beſtes Herz, ſiehe, es iſt ja noch tauſendmal beſſer als wenn ich bliebe; denn das Glück unſers Beiſammenſeins wäre ja doch nur unheilbar zerſtört.“ „Ach, daß es dahin kommen mußte, Bruder!“ rief Eliſabeth ſchmerzlich aus und lehnte ſich weinend gegen ſeine Bruſt.„Aber ich wußte und ahnte es zuvor— und nun ſehe ich des Unglücks keinen Ausweg. — 270— „Gottes Auge ſieht weiter, Eliſabeth. Es mußte ſo kommen! Bleiben, das ſiehſt Du wol, kann ich nicht, denn hier im Hauſe wäre jeder Augenblick des Glücks zer⸗ ſtört. Anna könnte dieſe Schwelle nicht betreten; mit wel⸗ chem Gefühl ſollte der Vater mich betrachten und wie ſollte ich ihm gegenüͤberſtehen? Du wiürdeſt inmitten dieſes Zwieſpalts ein angſtvoll gequältes Daſein haben— es darf nicht anders ſein, ich muß gehen. Bin ich fern, ſo werdet Ihr meiner vielleicht alle mit Wehmuth gedenken und könnt in alter trauter Einigkeit bei einander weilen. Du wirſt die Freundin lieber haben, um des Bruders willen, ſie Dich, weil der Schmerz uns immer tiefer und inniger lieben lehrt; ja, ihr ſtill getragener ſanfter Kummer erweicht vielleicht des Vaters Herz und lehrt ihn, daß er für ein todtes Glück der Täuſchung das innerſte der Wahr⸗ heit aufopfert. Denkt, meine Reiſe habe ein Jahr oder einige länger gedauert und ich hätte Euch inzwiſchen nur einen kurzen Beſuch gemacht.“ „Ach, Bruder,“ rief Eliſabeth und umſchlang ihn mit angſtvoller Innigkeit,„welche Zukunft bereiteſt Du uns! Mit welcher Angſt werden wir die Tage durchleben, wenn wir jeden Augenblick für Dich zittern müſſen!“ „Ob ich lebe, ſollt Ihr von mir hören; oft, vielleicht täglich; aber wo ich bin, was mir ſonſt begegnet, das muß Geheimniß bleiben bis— dieſer Brief an den Vater ſagt es Dir.“. „Und wohin ſollen wir Dir ſchreiben?“ fragte Eli⸗ ſabeth. „Das werde ich Dich noch wiſſen laſſen, liebſte Schwe⸗ ſter, denn Du kannſt wol denken, daß Briefe von Dir mein einziger Troſt ſein werden. Du ſollſt auch Antwort haben, nur fordere nicht zu wiſſen, was meinen Aufenthalt ——— und meine Kriegsſchickſale verrathen könnte. Jetzt lebe wohl. Mein Pferd iſt geſattelt, ich muß fort!“ Sie hing faſt bewußtlos in ſeiner Umarmung, denn ihr ſchweſterliches Herz liebte ihn unausſprechlich; ſeine Bruſt blutete, doch er riß ſich entſchloſſen los, eilte haſtig hinab, warf ſich zu Pferd und ſprengte raſch dahin, um das Dorf bald weit hinter ſich zu haben. Eliſabeth brachte die Nacht faſt ohne Schlaf zu. Am Morgen früh trat ſie mit verweinten Augen und bleichen Wangen in das Gemach des Vaters und gab ihm ſtumm den Brief, welchen der Bruder ihm zurückgelaſſen hatte. Eichholm ſah ſie mit verwunderten Blicken an:„Was iſt denn vorgefallen?“ fragte er erſtaunt;„Du ſiehſt ja ganz verſtört aus, und weshalb ſchreibt mir denn Ferdinand, ſtatt herunter zu kommen und ſelbſt mit mir zu ſprechen?“ Eliſabeth vermochte nicht zu antworten. Eichholm hatte indeſſen erbrochen und las. Anfangs überflog ihn eine Röthe des Unwillens; dann wurde er ernſt, dann bewegt und endlich hing eine Thräne an ſeinen grauen Wimpern. „Da lies,“ ſprach er mit erſtickter Stimme zu Eliſabeth und trat ans Fenſter und ſah ſtarr hinaus, um ſeine Thränen zu verbergen. Der Brief lautete: „Mein theuerſter Vater! Nicht unehrerbietiger Trotz iſt es, wenn ich mich jetzt freiwillig aus Ihrer Nähe verbanne. Aber könnten wir glücklich bei einander leben, nach Dem, was geſchehen iſt? Sie haben ein väterliches Recht, meine Wahl zu verwerfen, und ich will nicht gegen Ihren Wunſch handeln. Meine Ueberzeugung aber bleibt dieſelbe.— Ich ziehe jetzt in den Krieg, um mir den Tod oder die Ehre zu gewinnen. Mei⸗ nen Adelsbrief lege ich für dieſe Zeit ab, denn nicht ererben, ſondern ſelbſt verdienen will ich mir ihn. Beſitze ich ihn J — 22— dann aus eigener Kraft, nicht als das Erbtheil meiner Viäter, ſo will ich ihn dem Mädchen ſchenken, welches jetzt nur der höchſte Adel ſchmückt, den ich kenne, der der Seele, damit ſie auch einen edlen Namen führe. Alsdann will ich um ſie werben.. Bis dahin, mein theuerſter Vater, müſſen wir uns trennen! Sie werden in dieſer Zeit nichts von Ihrem Sohne hören, als daß er lebt. Wo und wie muß er verſchweigen. Falle ich, ſo dürfen Sie wenigſtens des Troſtes gewiß ſein, daß Sie einen Sohn verloren haben, der die wahre Ehre gekannt und nie verletzt hat. Mein Vater! Meine Schwe⸗ ſter! Lebt wohl— recht wohl und glücklich! Ferdinand von Eichholm. Viertes Capitel. Faſt drei Monate waren verſtrichen. Eine trübe Stim⸗ mung, durch unglückliche Kriegesnachrichten noch vermehrt, herrſchte in Eichholm's Hauſe. Die Ruſſen rückten mit jedem Tage weiter vor; man mußte befürchten, daß die Scenen der Verwüſtung auch bis in das trauliche Dörf⸗ chen dringen würden. Zwar lag es entfernt von jeder gro⸗ ßen Landſtraße, abſeits vom Kriegsſchauplatze, indeſſen bei den Streifzügen, welche die Koſaken zur Plünderung in das flache Land unternahmen, konnte ein verwegener Schwarm durch ſeine Gier nach Beute auch leicht bis ſo weit ge⸗ führt werden. Es war ſchon davon die Rede geweſen, daß Eichholm mit Eliſabeth und Anna, die ſeit Ferdinand's Ent⸗ fernung von dem alten Baron faſt wie ſeine zweite Toch⸗ ter betrachtet wurde, nach Berlin flüchten ſolle. Aber Anna wollte ihren Vater, dieſer ſeine Gemeinde nicht ver⸗ laſſen, und Eichholm trug gleichfalls Bedenken, die Land⸗ leute ohne Rath und Hülfe ihrem Schickſal zu überlaſſen. Man beſchloß daher auf alle Weiſe auf ſeiner Hut zu ſein und wenigſtens nicht eher an Flucht zu denken, als bis kein anderer Ausweg mehr mäglich ſei. Eichholm war zu einigen Nachbarn geritten, um mit ihnen gemeinſchaftlich gewiſſe Maßregeln zu verabreden, wo⸗ durch man einander in Zeiten durch Signale benachrichti⸗ gen könnte, falls der Feind anrücke. Zugleich wollte man eine Art von Landſturm bilden, um kleineren Scharen viel⸗ leicht mit Nachdruck entgegentreten zu können. Gegen eine größere Macht war freilich eine ſolche Hülfe zu ſchwach und würde im Gegentheil nur den Jorn der Feinde gereizt haben; allein vor regelmäßigen Truppen hatte man auch bei weitem weniger Beſorgniſſe, zumal wenn höhere Offiziere dabei waren, welche im Ganzen gute Mannszucht hielten. Dieſe Abweſenheit des Vaters konnte, da er auf ver⸗ ſchiedenen Gütern ſeiner Nachbarn Geſchäͤfte hatte, einige Tage dauern. Eliſabeth verwaltete indeſſen das Haus und es konnte in keiner beſſern Obhut ſein, da ſie in allen Ver⸗ hältniſſen Verſtändigkeit und Entſchloſſenheit zeigte und über⸗ dies die Liebe Aller im Hauſe ſo beſaß, daß Jeder auf den leiſe⸗ ſten Wink von ihr Gehorſam leiſtete. Es waren bisher zwei Briefe von Ferdinand eingetroffen, beide über Berlin; doch war weder der Ort angegeben, wo ſie geſchrieben waren, noch enthielten ſie irgend Angaben, aus denen ſich eine Vermuthung ſchöpfen ließ. Beide waren an den Vater gerichtet geweſen und hatten nur einen kurzen Gruß an Eliſabeth enthalten, Reuſtab, Geſ. Schr. Neue F. IV. 4 ————— — 21— wie ſie denn überhaupt nur aus wenigen Zeilen beſtanden. Jetzt, während der Abweſenheit des Vaters, faſt als hätte Ferdinand dieſe gekannt und die Gelegenheit, um vertrau⸗ lich mit der Schweſter zu ſprechen, benutzen wollen, em⸗ pfing Eliſabeth einen an ſie gerichteten, ausführlichen, mit innigbrüderlicher Liebe geſchriebenen Brief, der ihr zugleich das Mittel an die Hand gab, zu antworten, indem Ferdi⸗ nand ihr ein großes Kaufmannshaus in Berlin namhaft machte, an welches ſie die für ihn beſtimmten Briefe rich⸗ ten könne. Doch beſchwor er ſie, niemals den Verſuch zu machen, auf dieſem Wege etwas Näheres über ſeine jetzigen Verhältniſſe zu erfahren. Ferdinand fragte in ſeinem Briefe auch bei der Schweſter an, ob Anna Briefe von ihm an⸗ nehmen, oder vollends ſie beantworten würde. Eliſabeth, welche ſich innerlich durchaus für den Bruder erklärt hatte, wollte daher eben mit dem Briefe zu Anna hinüber eilen, als ſie auf dem Boden einen Zettel entdeckte, der ihr beim haſtigen Oeffnen entfallen ſein mußte. Es war eine Nach⸗ ſchrift, die folgendermaßen lautete: „Theure Schweſter! Es werden ſich ernſte Ereigniſſe nahen. Die Ruſſen haben den General Wedell in einem bedeutenden Gefecht bei Kai geſchlagen, in Folge deſſen ihnen die ganze Neu⸗ mark offen ſteht; ja ſie dringen vielleicht noch weiter vor. Ich habe die Schrecken des Krieges jetzt in der Nähe ge⸗ ſehen; ich will von Brand, Mord und Plünderung nicht ſprechen; aber die Barbarei geht noch weiter und achtet nicht das Heiligthum der Unſchuld und der jungfräulichen Sitte. Wenn ich denke, daß Du und Anna dieſem entſetzlichen Schickſal preisgegeben werden könnten!— Theuerſte Schweſter, berede den Vater, Euch Beide nach Berlin zu ſenden, oder ſonſt irgendwo zu verbergen! Im — 75— Kriege iſt die Gefahr oft plötzlich da, und wer weiß, ob Euch nicht ſchon unfälle betroffen haben, noch bevor mein Brief Dich warnen konnte. Liebſt Du Deinen Bruder, ſo gib ſeiner Bitte nach, und ſchreibe ihm auf's ſchnellſte, daß Du es gethan.“ Dieſe Nachricht bewog Eliſabeth um ſo mehr ſogleich zu ih— rer Freundin zu eilen und auch dem Pfarrer, welcher in Ab⸗ weſenheit ihres Vaters deſſen Stelle in ihrem Herzen vertrat, Alles mitzutheilen. Ernſte Beſorgniſſe erfüllten das Herz des alten Mannes, deſſen einziges Glück in der Liebe zu ſeiner holdſeligen Pflegetochter und ſeiner anmuthigen Schülerin beſtand. Er drang, wie er ſonſt ſchon gethan, in Anna, mit Eliſabeth zu flüchten, doch beide Mädchen weigerten ſich entſchieden ihre Väter zu verlaſſen. Eliſabeth, die über⸗ haupt entſchloſſenen Charakters war, zeigte ſogar kecken Muth und meinte, die Darſtellungen von der Roheit der Feinde möchten wol übertrieben ſein und ſie wollte ſich ſchon gegen ruchloſes Geſindel in. Anſehen ſetzen. Der Pfarrer ſchüttelte den Kopf und ſprach:„Kind, Du kennſt den Krieg nicht! Du weißt nicht, wie weit der Menſch entartet, wenn kein Geſetz mehr gilt, wenn er für ſeine rohe Begierde ſogar einen halben Vorwand hat, den, daß der Krieg es als eine Pflicht von ihm fordere, dem Feinde jedes Uebel zuzufügen. Und vollends wenn höhere Offtziere, wie es hier leider ſo oft geſchehen iſt, ſogar den Frevel ge⸗ bieten, dann iſt der Soldat nur zu geneigt, auch ſein Ge⸗ wiſſen unbedingt zu verkaufen und jede Verantwortung mit frechem Leichtſinn von ſich zu weiſen. Dann zeigt ſich der Menſch in jener entſetzlichen Entartung, die kein Geſetz mehr ehrt, kein Heiligthum unangetaſtet läßt, ja Gott ſelbſt nicht mehr ſcheut!“ G Die Mädchen ſtanden ſchweigend und ſahen einander 4*. — 76— ängſtlich und bekümmert an. Plötzlich rief Eliſabeth mit aufblitzender Freude in den Augen:„Ich habe ein Mittel gefunden! Wir kleiden uns als Knaben! Von den Klei⸗ dern meines Bruders ſind noch diejenigen hier, die er zu⸗ rückließ, ehe er die Univerſität bezog; damals war er ſieb⸗ zehn Jahr und ſie paſſen uns vielleicht ohne alle Aende⸗ rung. Und wenn auch nicht, ſo ſuñ doch bald nachge⸗ holfen ſein!“ „So recht, Eliſabeth,“ rief Anna lebhaft aus,„dieſen Vorſchlag gehe ich ein;“ dabei umarmte ſi e die Freundin mit Herzlichkeit. „ Gut, recht gut, Kinder,“ ſprach der Pfarrer lächelnd, „aber wird das ſo leicht ausgeführt ſein? Wird man Euch in der Verkleidung nicht erkennen? Müßte Euch nich Euer Haar ſchon verrathen, oder könnten Sie ſich entſchließen, liebe Eliſabeth, eine ſolche Schönheit zu opfern?“ „Mein Haar?“ fragte ſie lebhaft,„mein Haar ſollte mich abhalten? Die Sorge will ich Ihnen bald nehmen!“ Und bei dieſem Ausruf ergriff ſie ſchon die große Papier⸗ ſcheere, welche auf des Pfarrers Arbeitstiſch lag, faßte mit der Linken einen ſtarken Büſchel ihres weichen Haares, that einen raſchen Schnitt und ein ganzer Buſch der ſchön⸗ ſten kaſtanienbraunen Locken lag auf dem Boden. Anna that einen Schreckensruf und der Pfarrer wollte dem lebhaften Mädchen in die Arme fallen. Doch ſie rief mit anmuthigem Stolz:„Wer einen Entſchluß faßt, muß ihn ganz faſſen. Jetzt komm her, Anna, und ſchneide mir ordentlich alles Haar herunter! Nachher thu' ich Dir desglei⸗ chen. Wir wollen unſere Locken darum nicht verloren geben,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu,„ſondern ſie ſammeln und aufbe⸗ wahren. Dann kommen ſie uns vielleicht noch einmal zu Gute, wenn unſer Haar grau wird.“ — 77— Der Pfarrer ſtand erſtaunt; auch Anna betrachtete ihre Freundin noch immer mit einem ängſtlichen Zagen. Sie vermochte es nicht von einem fern liegenden Gedanken ſo ſchnell zur Wirklichkeit überzugehen.„Ach Dein ſchönes, reiches Haar, Eliſabeth!“ ſprach ſie und mußte faſt weinen, daß ſie die Freundin ſo entſtellt ſehen ſollte. „Was wollen wir uns grämen,“ tröſtete Eliſabeth ſie mit freundlichen Worten,„einen Winter über und es iſt viel⸗ leicht noch ſchöner als zuvor wieder gewachſen. Nimm nur getroſt die Scheere; Du ſollſt mein Schäfer ſein, und ich will ſtill halten wie ein Lamm.“ Dabei ſetzte ſie ſich in einen Armſeſſel und löſte ſchnell alle ihre Flechten. Anna nahm die Scheere und ſchnitt das ſchöne Haar der Freundin mit Sorgſamkeit herab. Doch ſie konnte es nicht ohne Thränen; aber ſie weinte nur der Freundin wegen und weil ihr Herz überhaupt von trauri⸗ gen Gedanken erfüllt war, denn als ſie das Werk vollendet hatte, ſetzte ſie ſich freundlich lächelnd geduldig nieder und Eliſabeth that nun ihren blonden Locken, wie Anna vorher ihren braunen gethan hatte, und mit eben dem Kummer. „Ach, dieſe eine ſchöne Locke möchte ich Dir gar zu gern laſſen,“ rief ſie einmal aus,„ ſie iſt wie von Goldſeide ge⸗ ſponnen. Um die iſt es faſt zu ſchade!“ Der Pfarrer aber ſah gerührt zu, wie die Mädchen ihre ſchönſte Zierde ſo freudig opferten, um die Tochterpflichten nicht aufgeben zu dürfen und das heilige Gut ihrer Ehre zu beſchirmen. „Ei wir ſehen noch ganz artig aus,“ ſprach Eliſabeth ſo munter als möglich;„laß uns nur erſt die Knabenklei⸗ der angelegt haben und die neue Tracht wird uns ſo gut ſtehen wie die alte. Komm. jetzt mit mir auf's Schloß hinüber, wir wollen verſuchen, was uns paßt.. Sie gingen. Doch beſchämt über ihr ſeltſames Aus⸗ — 8— ſehen, ſetzten ſie ſich die Sommerhüte tief in die Stirn, damit ſie im Dorfe nicht gleich ſo angeſtaunt würden. Mit einem eigenen Gefühl der Wehmuth betraten die beiden Mädchen Ferdinand's Zimmer, wo ſie aus deſſen Kleidern ihre neuen Trachten erwählen wollten. Eliſabeth verſcheuchte die trübe Stimmung durch muntere Thätigkeit. Sie holte ein Kleidungsſtück nach dem andern hervor und verſuchte es theils an der Freundin, theils legte ſie es ſelbſt an. Raſch machten ſich beide Mädchen daran zu bezeichnen, wo mit der Scheere, wo mit der Nadel nachgeholfen werden mußte, legten, was eine jede für ſich gewählt hatte, ſo⸗ gleich bei Seite und ſetzten ſich dann hin, um ihre Arbeit zu beginnen.„Es geht herrlich!“ rief Eliſabeth, nachdem einige Aenderungen ſich ganz leicht getroffen hatten.„Gib Achtung, noch vor Abend können wir Deinen Vater in der Knabentracht überraſchen. Denn auch für die Schuhe brauchen wir nicht zu ſorgen, weil unſere ſchweren Schuhe mit Schnallen für den hohen Schnee im Winter ganz wie Männerſchuhe ausſehen. Doch möchte ich mir wol ein Paar Stiefelchen beſtellen mit Sporen daran, um im Nothfall ein Roß tummeln zu können. Ach, Anna, ich bin ſo gu⸗ tes Muthes, was die drohenden Gefahren anlangt; wenn nur mein Herz eben ſo frei und ruhig über Ferdinand wäre! Wahrlich, man hat mir zwar von Jugend auf von Verwandten und Stammbäumen und Linien und Ahnen erzählt und ich kenne Urväter und Urmütter und Vettern und Baſen unſerer ganzen Familie, aber ich habe niemals gefunden, daß dieſe ganze Sippſchaft meinem Frohſinn das Miindeſte zugeſetzt, noch mich getröſtet hätte, wenn ich be⸗ trübt war. Im Gegentheil, recht läſtig wurden mir oft die langweiligen Beſuche der alten Tanten, wo man immer grade ſitzen und Franzöſiſch ſprechen mußte. Ich kann's „ F — 9— daher wahrlich nicht begreifen, Anna, was der Vater für ein Glück und einen Ruhm darin findet. Ach mir däucht, wir würden Alle viel glücklicher ſein, wenn Du meine liebe Schwägerin wäreſt!“ Dabei ſchlang ſie den Arm um den Hals der Freundin, die erröthend und ſanft verweiſend ſprach:„O laß doch, Eliſabeth, wie kannſt Du nur darüber noch ſcherzen?“— „Scherzen? Wahrlich nicht!“ rief Eliſabeth;„ich kenne keinen liebern Wunſch und, ich bin überzeugt, auch der Vater wäre glücklicher. Denn hat er Dich jetzt doch ſo lieb und nennt Dich ſein Töchterchen, und es fehlt ihm etwas, wenn Du nicht im Hauſe biſt. Wie ſollte er es nicht doppelt, wenn Du wirklich ſeine Tochter wäreſt und ſein Sohn glücklich durch Dich!“ Anna war bewegt ans Fenſter getreten und blickte hinaus in den Garten, um ihre Rührung zu verbergen. Eliſabeth trat zu ihr, ſchwieg einige Augenblicke und fragte dann, weil ſie fühlte, ſie müſſe des Bruders Andeutung in ſeinem Briefe zur Kenntniß Anna's bringen, mit gradem, herzlichem Wort:„Wenn Ferdinand Dir ſchriebe, Anna, würdeſt Du ſeine Briefe wol leſen und ihm antworten?“ Anna hielt ſich das Tuch vor die Augen und weinte heftiger.„Würdeſt Du?“ fragte Eliſabeth noch einmal dringender.—„O, Liebe, ich dürfte ja nicht!“ erwiderte die Gefragte mit in Wehmuth erſtickter Stimme.„Ich habe verſprochen, mich dem Willen meines und Deines Vaters zu fügen und ihm nur mit ihrer Einwilligung meine Hand zu reichen. Bräche ich da nicht ſchon mein Wort, wenn ich durch Erwidern ſeine Hoffnungen nährte? Heimlich vor meinem und Deinem Vater würde ich's nicht thun; und kannſt Du denken, daß ſie es billigen würden?“ „Freilich nicht,“ meinte Eliſabeth betrübt;„aber wird Ferdinand nicht glauben, Du liebſt ihn nicht, wenn er nun ein Jahr und länger fortbleibt und Du ihm kein Zeichen Deines Lebens gibſt? Wird er nicht glauben, Du habeſt einem Andern Dein Herz geſchenkt?“ „Nein, das wird er nicht!“ fiel Anna heftig ein;„und das denkſt Du auch nicht im Ernſt, Eliſabeth. Nein, ſo denkſt Du von Deiner Freundin nicht und wirſt niemals ſo von ihr 5 Deinem Bruder ſprechen. Er weiß ja durch Dich— Sie ſprach die Worte nicht aus, ſondern ließ den Schluß, der ihr Geſtändniß der ewigen Liebe und Treue enthalten ſollte, im Herzen zurück. Denn ſie wußte, daß die Freundin in das Tieſte ihres unverhüllten Innern blickte. Da es dunkel zu werden begann, legten ſie jetzt ver⸗ ſuchsweiſe die Knabentracht an, um dann zum Pfarrer hinüberzugehen, wo Eliſabeth, wenn ihr Vater abwe⸗ ſend war, jeden Abend zubrachte. Mit einem Licht in der Hand trat Eliſabeth vor den Spiegel.„Ich gefalle mir ordentlich!“ rief ſie aus;„und auch Du, Anna, ſiehſt ganz allerliebſt aus. Nur ein wenig dreiſter, übermüthiger mußt Du ſein, ſo wie ich.“ Anna lächelte. Sie gingen hierauf Arm in Arm hin⸗ über zum Pfarrer, der ſie freundlich willkommen hieß und ſie ſeine beiden Söhne nannte. Da gerade der Dorfſchulz bei ihm war, trug er ihm auf, die Verkleidung in der Ge⸗ meinde unter der Hand bekannt zu machen, theils damit ſie nicht Aufſehen erregte, theils damit bei eintretendem Ernſt Niemand das Geheimniß durch Zufall verriethe. In Geſprächen über die drohende und trübe Zukunft ſaßen der Pfarrer und die Mädchen noch in ſpäter Nacht beiſammen. Denn ein Zeitungsblatt, das mit derſelben —,&,— — 8— Poſt, die den Brief gebracht hatte, gekommen war, hatte die Nachrichten von der verlorenen Schlacht beſtätigt, und der Pfarrer verfolgte mit bedenklichen Zügen die Bewe⸗ gungen der Truppen auf der Landkarte, um die Gefahr, in der das Dörfchen ſchwebte, zu berechnen. Sie ſchien indeſſen, obwol in der ganzen Gegend kein Truppencorps vorhanden war, um einen Feind abzuwehren, nicht ſo dringend; doch war es freilich in dieſem Kriege ſchon vorge⸗ kommen, daß einzelne Streifcorps ſich unglaublich weit von den Hauptmaſſen entfernt und einen unvermutheten Streich ausgeführt hatten. Die Wanduhr in der Pfarrſtube ſchlug zwölf. Indem die bei einander Sitzenden noch das Nachſummen der Glocke hörten, ſprach Eliſabeth:„Wie todtenſtill iſt es nun im Dorf! Ach ich wollte nur, daß es jede Nacht ſo ruhig bliebe, allein jetzt eben iſt es mir doch faſt ſchauerlich.— Aber horch, iſt das nicht der Galopp eines Pferdes?“ „Gewiß!“ ſprach der Pfarrer und öffnete ein Fenſter. Man hörte deutlich einen einzelnen Reiter ſchnell heran⸗ ſprengen. „Wer kann das ſein? So ſpät würde doch auch der Vater nicht kommen,“ fragte Eliſabeth bang. Das Pferd war jetzt dicht am Hauſe zu hören.„Wer iſt da?“ rief der Pfarrer hinaus. 4 „Guten Abend, Herr Pfarrer,“ mutete die Antwort des Reiters, indem er ſein Pferd dicht vor dem Fenſter anhielt.„Ach, das iſt mir lieb, daß ich Sie noch wach finde!“ 4 Es war Chriſtian, des Barons Reitknecht.„Was iſt denn geſchehen?“ fragte der Pfarrer, der ihn jetzt erſt er⸗ kannte, beſorgt. 4**⅔ Ruſſen!“ „Gott im Himmel!“ rief Eliſabeth erſchreckt aus und ſtürzte an das Fenſter.„Chriſtian! Was ſagſt Du? In der Gewalt der Ruſſen? Gefangen? O komm doch herein und erzähle Alles ausführlich!“ Anna und der Pfarrer ſuchten das erſchreckte Mädchen zu beruhigen. Chriſtian ſprang von dem dampfenden Pferde, ſchleifte die Zügel durch das Gitter des kleinen Vorgartens und ging ins Haus.„Das habe ich ſchön gemacht,“ brummte er für ſich,„dem Fräulein wollte ich's gern auf geſchickte Art beibringen laſſen und nun muß ſie gerade hier ſein und Alles hören. Ja, nun werde ich frei⸗ lich mit der ganzen Sprache heraus müſſen.“— Voll Er⸗ ſtaunen ſah er, als er ins Zimmer trat, daß ſich zwei junge— Leute daſelbſt befanden, die er im erſten Augenblicke nicht einmal erkannt haben würde, wenn Eliſabeth ihm nicht ſo⸗ gleich entgegengeeilt wäre und ihn mit dem Ausdruck der höchſten Angſt nach dem Vater gefragt hätte. Chriſtian begann ſeine Erzählung.„Wir waren in Boßendorf bei der alten Frau von Wieſenberg und die Herren von der ganzen Umgegend, aus Loſſau, Radewitz, Oberbach, Hohen⸗ felde, Herrendorf und noch mehre andere waren beiſammen und hielten Rath. Mich aber ſchickte der gnädige Herr mit einem Briefe nach Buchenberg hinüber, wo ich ſogleich — 2— „Tauſend Unglück! Unſer Herr iſt in der Gewalt der 3 Antwort bekommen ſollte. Die erhielt ich denn auch und ritt wohlgemuth wieder zurück. Wie ich auf die Anhöhe bei Seefeld komme, ſehe ich hinter dem Walde einen ſelt⸗ ſamlichen Rauch aufſteigen. Ich dachte aufangs, es würde von der Ziegelhütte oder der Theerſchwelerei ſein, allein der Rauch war mir doch zu ſtark. Nun lag mir's ſchon ſo wie Unglück in den Gliedern und ich gab dem Gaul die — — 83— Sporen und ritt, was das Zeug halten wollte. Aber ich war noch nicht aus dem Walde heraus, als mir Männer, Weiber und Kinder mit Geheul entgegenkamen und mir zuriefen, ich ſollte umkehren, denn Boßendorf ſtehe in vollen Flammen und die Ruſſen plünderten Schloß und Dorf und mordeten Alles, was ihnen unter die Hände käme. Ich fragte gleich nach meinem gnädigſten Herrn, aber da hieß es, alle die Herren von der Landſchaft ſind im Schloß ge⸗ fangen worden und die Ruſſen haben ſie als Geißeln fort⸗ geſchleppt, damit ſie ſich hoch ranzioniren ſollen.“—„O Gott!“ rief Eliſabeth aus,„wenn ſie ihm nur kein Leids zufügen, ſo wollen wir ihn ja gern auslöſen.“— Chriſtian ſchwieg einen Augenblick und wiſchte ſich eine Thräne aus dem Auge, die er, als er Eliſabeth's bleiches, weinendes Angeſicht ſah, nicht zurückzuhalten vermochte; dann fuhr er fort:„Ich ritt vorwärts, denn ich wollte doch ſelbſt ſehen, ob die Sachen ſo ſchlimm ſtünden. So wie ich aus dem Walde kam, ſah ich denn freilich das ganze Dorf in Flammen, und rings umher ſchwärmten die Koſacken. Ich mußte mich daher ſo raſch als möglich aus dem Staube machen, ſonſt hätten ſie mich am Ende erwiſcht und ſie gehen nicht allzu ſäuberlich mit unſer einem um.“ „Und weißt Du nicht, mein Sohn,“ fragte der Pfar⸗ rer,„wie der General oder Befehlshaber der Ruſſen heißt, der die Edelleute gefangen genommen hat?“ „Nein, das weiß ich nicht zu ſagen. Aber ein Bauers⸗ mann erzählte mir, es ſei ein furchtbar wilder, großer Kerl mit ſchwarzem Knebelbart. Er hat ein Weibsbild bei ſich, für die gleich das Beſte herbeigeſchafft werden mußte.“ Eliſabeth warf ſich an den Hals des Pfarrers und bat weinend:„Ach, Sie helfen mir ihn aufſuchen! Er wird 3 ſich durch meine Thränen rühren laſſen.““ — 8— Der Pfarrer beugte ſich tröſtend über ſie und verſprach ihr ſeinen vollen Beiſtand, ſowie man nur nähere Erkun⸗ digungen eingezogen habe. Während dieſes Geſpräches hörte man plötzlich die Sturmglocke drüben vom Kirch⸗ thurm her. „Mein Gott, was bedeutet denn das wieder?“ rief Anna erſchreckt. Chriſtian ging hinaus. Der Pfarrer, Eliſabeth, Anna, Alle folgten. „Es iſt der Feuerwächter,“ rief Chriſtian,„es muß in der Nähe brennen. Ich will gleich hinauf, um zu ſehen.“ Indeſſen wurde das Dorf lebendig. Die Leute liefen mit ängſtlichen Geſichtern zuſammen, Einer fragte den An⸗ dern, Keiner wußte genauen Beſcheid zu geben. Der Pfar⸗ rer ermunterte ſie, Faſſung zu behalten, und Anna und— Eliſabeth, ſo voller Angſt und Gram Beide auch waren, vereinigten ihr Zureden mit dem ſeinigen. Jetzt kam Chriſtian wieder herab und berichtete voller Schrecken:„Ach, Herr Pfarrer, das Unheil rückt uns näher. Drei Dörfer ſtehen in Flammen, alle diesſeit Boßendorf, wahrſcheinlich Rackwitz, Herrendorf und Briesnitz, und eben ſchlug eine Flamme drüben in der Gegend von Schönholz auf. Gewiß iſt der Feind ſchon überall eingedrungen und verwüſtet Alles ringsumher.“ „Wir müſſen doch thun, was in der Ordnung iſt, und mit der Feuerſprütze hinaus,“ meinte der Pfarrer.„Wer weiß, ob wir unſern Nachbarn nicht Hülfe bringen können.“ Auf dieſe Anweiſung eilten eine Menge junger Leute 6 nach dem Sprützenhauſe, öffneten das Thor und machten Anſtalt, die Feuerſprütze anzuſpannen. Doch noch ehe ſied amit zu Stande waren, kamen flüchtige Leute in 13 ggroßer Zahl von Schönholz her ins Dorf, die ihre Woh: 5 — 85— nungen aus Furcht vor dem Feinde verlaſſen hatten. Sie brachten die Nachricht, daß alle Dörfer von den Ruſſen beſetzt, geplündert und niedergebrannt würden. Von Boßendorf waren Flüchtige nach Rackwitz, von dort nach Herrendorf und Briesnitz gekommen und hatten die Ein⸗ wohner gewarnt. Alle Dörfer waren verlaſſen worden und bald darauf ſah man die Flammen den Himmel röthen. Von Hab und Gut war nichts zu bergen, ſo wollte man wenigſtens das Leben retten. Auch die Bewohner von Eichholm machten ſich daher an die Flucht. Vergeblich ſuchte der Pfarrer ihnen Muth und Vertrauen einzuflößen und bat ſie, zuſammenzuhalten, um wenigſtens nähere Nach⸗ richt abzuwarten. Der Schrecken behielt die Oberhand. Alle ſtürzten ſie den Häuſern zu, um ihre beſten Habſelig⸗ keiten zuſammenzuraffen und zu flüchten. Nur wenige folg⸗ ten der Ermahnung des Pfarrers und blieben im Dorf. Wer Gold oder Silber, oder ſonſt etwas von Werth beſaß, hatte es ſchon längſt im Garten oder Keller vergraben. Es blieb alſo nur Das zu verlieren, was ſich nicht retten ließ. „Ich bleibe dieſe Nacht bei Euch,“ ſprach Eliſabeth zu Anna,„oder Ihr müßtet denn Alle zu mir auf's Schloß kommen wollen. Denn trennen kann ich mich unmöglich von Euch in dieſer Angſt und Gefahr. Ach, wenn jetzt mein Bruder hier wäre, der würde den Vater zu retten und uns zu ſchützen wiſſen!“ Anna ſchloß die Freundin an ihr Herz; der Pfarrer legte ſegnend die Hände auf Beider Haupt und ſprach: „Gott wird uns Alle behüten. Seid gefaßt und ruhig, Kinder, die Nacht vermehrt alle Schrecken; bei Tage wer⸗ den wir ſehen, das unſere Einbildungskraft uns die Dinge zu fürchterlich zeigt.“ So hatten ſie ſich denn wieder in das ſtille Pfarrhaus 2 — 86— zurückgezogen, und ſaßen bei trübem Lampenſchein und zählten die Minuten der angſtvollen Nacht. Hinten heraus über den Garten hinweg konnte man den gerötheten Him⸗ mel über Schönholz ſehen. Doch im Dorf war Alles düſter und ſtill.— Der Pfarrer hatte ſich in ſeinen Lehnſtuhl geſetzt und ſein altes, müdes Haupt ſank von Zeit zu Zeit auf wenige Minuten in Schlummer. Anna und Eliſabeth aber vermochten in ihrer Angſt und Sorge kein Auge zu ſchließen. Sie gingen meiſt Arm in Arm auf und nieder⸗ blickten oft hinaus, ob es noch nicht Tag werden wollte, und ſetzten ſich nur dann und wann nieder und ſtützten das Haupt müde und ſchmerzvoll in die Hand. Fünktes Capitel. Der Tag begann zu dämmern. Da hörte Eliſabeth plötzlich Geräuſch auf der ſtillen Dorfgaſſe und trat ge⸗ ſpannt hinaus, um zu ſehen, was es gebe. Mit Erſtau⸗ nen erkannte ſie, daß es umkehrende Flüchtlinge waren, die mit allen Zeichen des Schreckens und der Verzweiflung in das Dorf, welches ſie vor wenigen Stunden verlaſſen hat⸗ ten, zurückeilten. Sie rief einem alten Landmann, der mit verbundenem Kopf und am ganzen Körper mit Blut bedeckt von zwei jüngeren Leuten geführt wurde, entgegen: „Um Gottes willen, Vater Bertram, was führt Cuch denn wieder in das Dorf zurück?“ „Ach, gnädigſtes Fräulein,“ erwiderte der Alte,„uns iſt es ſchlecht genug ergangen! Als wir an den Wald kamen und den ſchmalen Damm durch die naſſen Wieſen —— — — —&— nach der Brücke zugingen, ſtießen wir plötzlich aaf ein feindliches Piket, welches den Durchgang ſchon beſetzt hatte. Sie hieben gleich unter uns ein und Mancher iſt, der von dort nicht wieder nach Haus gehen wird. Wir warfen Alles, was wir retten wollten, von uns und flüchteten ſo eilig wie möglich vom Damm herunter in das Elsgebüſch und durch die moorigen Wieſen, wohin ſie uns mit ihren Pferden nicht folgen konnten. Wußten wir nicht ſo gut Beſcheid, ſo wären wir Alle im Sumpf ſtecken geblieben, ſo hoch ſteht das Waſſer noch; in den Gräben reicht es uns bis an den Hals.— Das Dorf hätten wir nun glück⸗ lich wieder erreicht, aber was nun werden ſoll, wiſſen wir nicht, denn als wir draußen auf der Anhöhe waren, konn⸗ ten wir links über Feld ſehen, daß Die, welche nach Stern⸗ berg hinaus aus dem Dorfe geflüchtet ſind, auch wieder zurückkommen; ſie müſſen alſo wol die Brücke am Kanal ebenfalls beſetzt gefunden haben.“ „So wären wir alſo von allen Seiten vom Feinde um⸗ ringt!“ rief Eliſabeth voller Schrecken aus,„und müſſen unſer Schickſal in Ergebung erwarten!“ Sie hatte kaum das Wort geendet, als ſich verworrenes Geſchrei in der Ferne hören ließ und mehre Landleute in eiligſter Flucht herbeiſtürzten.„Der Feind! der Feind!“ und ſchlugen die Hände über dem Haupt zuſammen. Der Ruf verbreitete ſich ſogleich durch das ganze Dorf und von allen Seiten her liefen die Landleute herbei, ohne zu wiſ⸗ ſen, wohin ſie ſich wenden ſollten, nur Einer bei dem An⸗ dern Schutz ſuchend. Eliſabeth war zum Pfarrer hinein⸗ geeilt, hatte den Greis aus ſeiner Morgenruhe erweckt und ihm die neue Schreckenskunde mitgetheilt. Gefaßt, mit frommer Würde richtete er ſeinen Blick gen Himmel, fal⸗ tete die Hände über der Bruſt und betete mit zuverſichtli⸗ ——,—— — 88— cher Stimme:„Herr, was können alle Feinde wider mich, und wären ihrer wie Sand am Meere, ſo dein Arm nich ſchützet und dein Auge mich behütet.“ Die Mädchen neigten ſich demüthig und liebend gegen ihn hin und lehnten das geſenkte Haupt an ſein Herz. Er legte ſegnend die Hände auf ſie und ſprach:„Seid getroſt, meine Töchter, in ſeinen Schutz wollen wir uns begeben!“ Einem Patriarchen gleich, ſchritt er langſam, mit Würde hinaus und trat mitten unter die ſich verſammelnden Land⸗ leute, die bei ihm, wo ſie ſo oft Rath und Troſt gefunden, jetzo Schutz und Hülfe ſuchten. „Kommt näher, kommt Alle heran zu mir, meine Kin⸗ der,“ ſprach der Pfarrer, als ſich der Kreis um ihn bildete. „Ich kann Euch nicht beſchützen, aber wir Alle wollen uns in den Schutz des größeren Herrn begeben, der Keinen verläßt, der ihm getreu bleibt. Folgt mir in die Kirche, verſammelt um den Altar des Herrn wollen wir den Feind erwarten und ſehen, ob er Frevelmuth oder Macht genug beſitzt, die heilige Stätte des Friedens durch die Greuel des Krieges zu entweihen.“ So ſchritt er voran, die beiden als Knaben gekleideten Mädchen ihm zur Seite. Was noch nicht verſammelt war aus dem Dorf, das ſtrömte jetzt herbei und ſchloß ſich dem frommen Zuge an. Der Glöckner eilte, wie zum feſttägli⸗ chen Gottesdienſt, die Glocke zu ziehen, und auch die an⸗ dern Diener der Kirche thaten das gewohnte Amt. Der Pfarrer ſtellte ſich an den Altar, auf dem die Lichter brannten. Die Gemeinde hatte nicht auf den Kirchenſtüh⸗ len Platz genommen, ſondern ſtand im engeren Kreiſe dicht umher gedrängt; dem Diener Gottes zunächſt ſeine beiden holden Pfleglinge. Es herrſchte feierliche Stille.— Da hörte man plötzlich draußen Kriegsgeſchrei und Schüſſe fal⸗ — 89— len, doch mit unerſchütterlicher Ruhe ſtimmte der Pfarrer, während Alle angſtvoll das Haupt umwendeten, das Lied an: „Eine feſte Burg iſt unſer Gott!“ und ſenkte ſich vor dem Altar auf die Knie und erhob die Hände flehend zum Allmächtigen; mit ihm die ganze Gemeinde. Auch die Orgel erklang, denn ſelbſt der ſiebzigjährige Greis, dem dieſes Amt oblag, wollte es, vielleicht zum letzten Male, verwalten. Aber draußen erhob ſich das Getöſe des Krieges, Schüſſe, wildes Geſchrei, Flüche, Geraſſel der Pferde und Waffen, und ſchmetterte in die frommen Klänge des Friedens und der Frömmigkeit hinein. Da donnerte es plötzlich wie mit furchtbaren Schlägen gegen die Kirchthür, als ob ſie mit Keulen zertrümmert würde. Alle wandten entſetzt den Blick dahin, doch von unheimlichem Grauſen befaßt, fuhren ſie empor, als ſie ſahen, daß zwei wilde, bärtige Reiter im fre⸗ velnden Uebermuth zu Pferde in das Gotteshaus ſprengten. Der Geſang brach ab, und die erſchreckten Landleute drängten ſich in haſtiger Flucht um den Altar. Nur der Pfarrer ſtand unerſchrocken und aufgerichtet, und rief den wilden Frevlern, die mit höhniſch grinſenden Geſichtern den Schrecken, den ſie verurſacht hatten, zu belachen ſchienen, ein drohendes„Zurück!“ entgegen. Doch es waren Koſacken, die zwar ſeine Worte nicht verſtanden, allein doch wiſſen konnten, was ſeine drohende Miene und Stellung ſagen wollten, wenn ihr Herz nicht gegen das Beſſere verhärtet geweſen wäre. So erhoben ſie die Piken und machten Miene, den frommen Geiſtlichen, der ſeines Amtes mit Treue waltete, niederzuſtoßen. Mit einem Schrei des Entſetzens fiel Anna dem näch⸗ ſten in den Arm und hing ſich an ihn, um ihn vom Pferde herabzureißen; Eliſabeth hatte, vom erſten Schrecken — 90— überwältigt, den Greis umſchlungen, um ihn hinwegzuziehen, oder ihn durch den eigenen Körper gegen die gezückte Waffe zu decken. Die beiden Frevler wären verloren geweſen, denn in jenem Zorn und Schreck, der nicht mehr überlegt, ſondern nur handelt, waren auch ſchon alle Männer aufgeſprungen, um ih⸗ rem Pfarrer Beiſtand zu leiſten. Da aber hörte man plötzich eine donnernde Stimme aus dem Hintergrunde der Kirche, die mit ſtarkem Ruf das Getümmel übertönte und auf deren Laut die beiden Reiter ſich ſogleich erſchreckend und voller Ehrfurcht umwandten und ſich demüthig neigten. Aller Blicke wandten ſich dahin und man ſah einen hochgewachſenen, ſtattlichen Mann mit wildem Auge und Bart, der eine kriegeriſche Mütze, mit Federn geſchmückt, auf dem Haupte trug, einen weiten blauen, reich mit Gold und Pelz verbrämten Mantel um die Schultern geſchlagen hatte, und in der Rechten den gezogenen Säbel drohend empor⸗ hielt. Mit ſchnellen Schritten ging er durch die Kirche auf den Altar zu.„Fürchtet Euch nicht,“ rief er ſchon inmitten des Weges dem Pfarrer und den verſammelten Leuten in deutſcher Sprache zu.„Euch ſoll kein Leid geſchehen, aber verlaßt ſogleich die Kirche und begebt Euch in Eure Häu⸗ ſer, denn Ihr müßt meine Leute und Pferde pflegen, weil wir hier länger zu bleiben und Standquartier zu halten ge⸗ denken. Wo iſt der Gutshern?“ Auf dieſe Frage wollte Eliſabeth ſogleich hervorſtürzen, um das Schickſal ihres Vaters zu erzählen und Hülfe für ihn zu erbitten. Doch der Pfarrer, der es bemerkte und fürchtete, daß ſie ſich unvorſichtig entdecken möchte, hielt ſie zurück und flüſterte ihr leiſe zuC„Laß mich reden!“ Hierauf trat er vor und ſprach mit Beſcheidenheit, aber würdig:„Dieſes Dorf iſt jetzt ohne Herrn; der Beſitzer, Baron von Eichholm, iſt geſtern zu Boßendorf in ruſſiſche 7 —2 — à1— Gefangenſchaft gerathen; der Sohn befindet ſich im Kriege. Mir, dem Pfarrer des Ortes, liegt es ob— „Schon gut,“ unterbrach ihn der fremde Offizier,„er i*ſt alſo unter den Vögeln, die ich geſtern eingefangen habe. Ich weiß, daß die Gutsbeſitzer einen boshaften Plan gehabt haben, um unſern Truppen, falls ſie dieſe Gegend beſetzten, jeden möglichen Schaden zuzufügen und ſie meuchelmör⸗ deriſch zu überfallen, wo es aus dem Hinterhalt geſchehen könnte, doch dergleichen wird nicht zweimal verſucht werden, dafür ſtehe ich Euch. Ehe mir und meinem Corps nicht hunderttauſend Ducaten bezahlt ſind, kommt mir keiner wieder aus dem Netz. Und bis dahin genießt er ruſſiſche Gefangenkoſt!“ Eliſabeth war bei dieſen Worten erblaßt und lehnte ſich zitternd gegen Anna's Seite. Der Offizier fragte rauh: „Wer iſt der junge Menſch?“ Der Pfarrer antwortete raſch, damit Eliſabeth weder ihr Geſchlecht noch ihre Abkunft verriethe:„Mein Pfleg⸗ ling, der aber dem Baron von Eichholm unendlich viel Gutes verdankt.“ „Es ſcheint ein ſehr weichherziger Burſch zu ſein; es würde ihm gut thun, wenn ich ihn unter meine Rekruten nähme, damit er etwas Männliches bekommt. Wir brau⸗ zchen überdies Leute!“ Bei dieſen Worten, welche in dem Munde eines feind⸗ lichen Offiziers faſt ſchon wie ein grauſamer Beſchluß klangen, dem nicht mehr zu entweichen ſei, erſtarrte das Blut in Eliſabeth's Adern. Doch in dieſem Augenblick der höchſten Angſt gab ihr ihre Sittlichkeit auch ſogleich einen feſten Entſchluß ein. Wenn das Drohwort ſich erfüllte, wenn dadurch ihr Geſchlecht verrathen und das Heiligthum ihrer Ehre preisgegeben würde, ſo wollte ſie gleich einer — 92— römiſchen Lucretia den Tod wählen. Die Entſchiedenheit, welche dieſer Entſchluß ihrem Schickſal im äußerſten Falle gab, führte ihr auch ſogleich die ſchon ſinkenden Kräfte und das klare Bewußtſein des Geiſtes zurück. Sie ſtand gefaßt, blickte Dem, in deſſen Gewalt jetzt ihrer Aller Gluͤck und Leben ſich befand, feſt ins Auge und ſprach kein Wort. „Wie heißt Du, Burſch?“ fragte der fremde Offizier plötlliich. Auf dieſe Frage war Eliſabeth nicht vorbereitet, denn ſie hatte wol daran gedacht, ſich ein Knabenkleid, nicht aber einen männlichen Namen zu geben. „Ferdinand,“ erwiderte ſie mit zitternder Stimme und ſuchte in der Haſt nach einem Zunamen. Doch ein günſti⸗ ger Umſtand rettete ſie aus der Verlegenheit, denn in die⸗ ſem Augenblick waren zwei andere Offiziere in die Kirche getreten und redeten ihren Führer an, ſodaß er ſich von ihr abwendete. Nachdem er einige Worte in ruſſiſcher Sprache mit dieſen geredet, wandte er ſich um und ſprach zum Pfarrer:„Ich nehme jetzt mein Quartier auf dem Schloß. In einer Stunde meldet Euch bei mir, um meine Befehle zu empfangen.“ Hierauf verließ er mit raſchen Schritten die Kirche und befahl noch im Gehen den ver⸗ ſammelten Landleuten, ſich nach Haus zu begeben und für die Verpflegung ſeiner Truppen aufs beſte zu ſorgen. Auch der Pfarrer und ſeine beiden Pfleglinge begaben ſich in ihre ſtille Wohnung zurück. Doch ſie war nicht mehr ſo zu nennen, denn ſchon hatten die Koſacken ſich der Hofgebäude bemächtigt, die Pferde und Rinder aus den Ställen gejagt und dagegen ihre Roſſe hineingezogen. Roh⸗ heit und Verwüſtung zeigten ſich ſchon überall, denn die ſchönſten Blumenbeete des Gartens waren zertreten, Stroh und Heu wurde unordentlich von den Böden herabgeriſſen —xè — 93— und in den Hof geworfen, kurz der Krieg herrſchte in ſei⸗ ner ganzen Wildheit. „Wenn dieſe Leute wenigſtens Deutſch ſprächen, wie der Offizier,“ ſeufzte Anna;„aber wie wird man ſich ſo mit ihnen verſtändigen können?“ „Wir müſſen ſie gewähren laſſen,“ entgegnete der Pfarrer;„mögen ſie unſer Zeitliches verheeren, wenn der Herr nur unſere edlern Güter in Schutz nimmt und ſich der unglücklichen Landleute erbarmt, über die das Elend noch furchtbarer hereinbricht als über uns!“ Der Pfarrer gebot, als er ins Haus trat, dem Knecht und der alten Haushälterin, den Leuten Alles, was ſie für ſich und ihre Pferde gebrauchten, in reichem Maßfe entgegen⸗ zubringen und nicht abzuwarten, bis ſie forderten oder näh⸗ men, weil dann ihr Ungeſtüm immer dringender und ruch⸗ loſer ſei. Den beiden Mädchen rieth er an, ſich in Anna's oberes Stübchen einzuſchließen und wo möglich gar nicht blicken zu laſſen. Er ſelbſt, ſeiner Pflicht als Hirt der Gemeinde folgend, ging weiter durch das Dorf, um den Unterthanen durch Lehre und Zuſpruch hülfreich zu ſein. Hier mußte er ſchon entſetzliche Dinge mit anſehen, denn unter Toben und Fluchen wurden die Männer gemishandelt und ein Greis, den ein Ruchloſer mit der Lanze durchſtochen hatte, lag in ſeinem Blute. Dennoch ſchienen dieſe wilden Horden vor der Würde des geiſtlichen Amtes einige Scheu und Ehrfurcht zu beſitzen, denn bei Heimfried's Annähe⸗ rung ließen ſie von Unthaten, bei denen er ſie betraf, oft plötzlich ab und entfernten ſich ſtill, obwol ſie ſeine Worte des Friedens nicht verſtanden. Vielleicht war es auch das ehrwürdig patriarchaliſche Antlitz des Greiſes und die Ehr⸗ furcht, die ſie ihm von den Landleuten widmen ſahen, wo⸗ durch die Rohen ſich bezwungen fühlten. — 94— Indeſſen war die Stunde vergangen, binnen welcher der Pfarrer auf's Schloß kommen ſollte. Schweren Her⸗ zens ging er dahin. Zu ſeinem Erſtaunen ſah er am Fenſter des Wohnzimmers eine reich gekleidete Dame ſitzen; dies gab ihm die Hoffnung, daß er durch weibliche Milde etwas für ſeine Wünſche erreichen werde, wenigſtens weib⸗ lichen Schutz für Anna und Eliſabeth, wenn das Geheim⸗ niß ihrer Verkleidung verrathen werden ſollte. Auch die Fremde ſchien ihn mit beſonderer Aufmerkſamkeit zu betrach⸗ ten und, als er ſie ehrerbietig grüßte, dankte ſie mit Freund⸗ lichkeit.— Chriſtian begegnete ihm in der Hausflur; dieſen fragte er nach dem Anführer des Corps. „Das iſt derſelbe wilde Kerl,“ antwortete Chriſtian leiſe,„der geſtern Boßendorf überfallen hat. Sie müſſen ihn Herr Oberſt nennen. Oben ſitzt auch ſeine Frau oder Liebſte, oder was ſie ſonſt ſein mag.“ Der Pfarrer ſtieg die Stufen hinan und überdachte für ſich, wie er ſeine Worte ſetzen ſollte, um das Herz des rauhen Mannes zu rühren, und ob vielleicht die ſchöne Frau milderen Sinnes ſein möchte. Er ſtand jetzt an der Saalthür; es war Niemand zugegen, der ihn dem Ober⸗ ſten hätte melden können. Behutſam pochte er daher an die Thür und faſt freudig ſchreckte er zuſammen, als eine angenehme weibliche Stimme Deutſch das Wort„herein“ rief. Als der Pfarrer eintrat, ſah er die ſchöne Frau vor ſich, welche ihn mit einer Miene grüßte, die indeſſen mehr Herablaſſung, als anſpruchloſe Freundlichkeit ausdrückte. „Ich wünſchte zu dem Herrn Oberſten,“ begann der Pfarrer;„er hat befohlen“— „Er wird ſogleich hier ſein,“ unterbrach ihn die Dame. „Es iſt mir indeſſen lieb, Sie zu ſprechen, Herr Pfarrer, da ich Ihnen allerlei Fragen zu thun habe. Sagen Sie mir doch, ſind gar keine weiblichen Weſen in dieſem Schloß?“ „Der Baron beſitzt allerdings eine Tochter,“ antwor⸗ tete der Pfarrer verlegen,„allein bei Annäherung der Feinde“— „Hat ſie ſich muthmaßlich geflüchtet,“ fiel die Fremde ein;„aber es muß ſehr eilig geſchehen ſein, oder ſie muß ſehr viele Mäntel und Reiſekleider beſitzen, da ſie der⸗ gleichen noch hier in der Garderobe ſo viel zurückgelaſſen hat, wie eine Dame von ihrem Stande eben gebraucht.“ „Die Annäherung der Feinde war ſo eilig, daß für die Flucht keine große Wahl blieb,“ antwortete der Pfarrer und wurde ſichtlich immer verlegener, da ſeinem redlichen Sinne, mit dem er ſeit vierzig Jahren die Wahrheit ge⸗ ſprochen und gelehrt, ſelbſt unter dieſen Verhältniſſen ein halbes Verläugnen derſelben eine ſchwere Aufgabe war. „Nun ſie hat mir eine recht hübſche Garderobe zur Erb⸗ ſchaft gelaſſen,“ entgegnete die Dame lächelnd,„aber war denn die Flucht ſo eilig, daß ſie ſogar ihren Schmuck mit⸗ zunehmen vergaß? Ein ſolches Halsband von ächten Per⸗ len(ſie nahm hierbei eins, das ſie ſelbſt um den Hals trug, ſpielend zwiſchen die Finger) läßt man denn doch nicht gern zurück. Sagen Sie mir die Wahrheit, Herr Pfarrer, die Dame oder die Damen ſind noch im Hauſe oder im Dorfe, denn entfliehen konnten ſie unmöglich, weil ich weiß, daß alle Ausgänge ringsherum nach Berlin zu von unſeren Truppen beſetzt worden ſind, indem man eben eine Menge angeſehener Bewohner als Geißeln mitzuneh⸗ men wünſchte.“ „Auf junge Mädchen würde ſich dieſe Maßregel« doch nicht erſtrecken?“ rief der Pfarrer beſtürzt.„Der Krieg wird ja doch nur unter Männern geführt!“ In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thür und der Oberſt trat ein.„Ah, ſieh da, Herr Pfarrer,“ rief er; „eben recht, Sie können mit uns frühſtücken, dabei wollen wir unſere Geſchäfte abmachen. Iſt der Thee beſorgt, Luiſe?“ „Ich darf nur klingeln,“ erwiderte dieſe und that es zugleich; einige Augenblicke nachher brachte ein Diener in ruſſiſcher Tracht das Frühſtück herein. Indeſſen hatte der Oberſt ſchon dem Pfarrer allerlei Fragen über die Größe des Dorfes, über die Zahl der Bauern, des Viehſtandes u. ſ. w. gethan und ſich die Antworten aufgeſchrieben. Es war eine ſeltſame Lage zwiſchen freundlicher und feind⸗ licher Behandlung, denn indem zur Linken des Pfarrers die junge Frau ihm nicht ohne Artigkeit den Thee anbot, begann der Oberſt zu ſeiner Rechten:„Hören Sie jetzt, was ich verlange. Das Dorf ſtellt mir ſogleich funfzig ſtarke Zugpferde, achtzig Stück Rindvieh, fünfhundert Schafe und Fourage ſo viel ich fortſchaffen kann, wobei natürlich die funfzig Pferde helfen müſſen, weshalb Sie fünfund⸗ zwanzig große Leiterwagen anzuſchaffen haben. Außerdem brauche ich tauſend Thaler baares Geld; dies Alles muß binnen drei Stunden beiſammen ſein, denn ich kann nicht wiſſen, ob ich Zeit habe, mich länger aufzuhalten.“ Der Pfarrer ſtand erblaßt auf und rang die Hände. „Um Gottes willen ſeien Sie barmherzig Herr Oberſt, ſo 6 viel vermag das Dorf nicht aufzubringen!“ „Hahaha, das iſt die gewöhnliche Redensart; an die bin ich ſchon ſo gewöhnt wie an den gehorſamen Diener beim Grüßen. Sind in drei Stunden,“ fuhr der Oberſt mit eiſerner Strenge fort,„die verlangten Dinge nicht herbeige⸗ ſchafft, ſo laſſe ich das Dorf an allen Ecken anzünden, von den Männern, was zum Kriegsdienſt taugt, zuſammenkoppeln und mitnehmen, und die Weiber gehören meinen Koſacken. Danach * —,— — 9— habt Ihr Euch zu richten! Drei Stunden lang halte ich noch ſtrenge Mannszucht, aber merkt Euch das, ſo wie die Glocke neun ſchlägt, iſt die Friſt abgelaufen. Für das Geld will ich allenfalls eine längere Zeit geſtatten, denn das habt Ihr vielleicht nicht in Bereitſchaft. Iſt es aber nicht herbeigeſchafft, bis ich abmarſchire, ſo nehme ich die beiden jungen Leute, die ich in der Kirche geſehen habe, als Geißeln mit, und löſt Ihr ſie nicht in Zeiten durch einen gültigen Wechſel auf Königsberg oder Riga aus, ſo erfahren ſie, wie es einem ruſſiſchen Rekruten ergeht. Da⸗ für ſtehe ich Euch mit meinem Ehrenwort.“ Hierauf verließ er den Saal mit raſchen Schritten, ohne eine Antwort abzuwarten. Der Pfarrer ſtand zitternd und Thränen der Beſorg⸗ niß traten ihm in die Augen. Er wandte ſich mit bitten⸗ der Miene zu der auf dem Sopha ſitzen gebliebenen Ge⸗ mahlin des Oberſten.„Ach, gnädigſte Frau,“ ſprach er,„ret⸗ ten Sie uns durch Ihre milde Fürſprache; was der Herr Oberſt verlangt, vermag das Dorf nicht zu leiſten; er nimmt den armen Leuten Alles und wird dennoch nicht ſo viel erhalten als er fordert. Ach, gnädigſte Frau, Sie wiſſen vielleicht nicht, wie wenig Reichthum ein deut⸗ ſches Dorf beſitzt, wie gering die Stellung eines Landpfar⸗ rers iſt.“ „O doch,“ erwiderte die junge Frau in einer ſeltſamen Bewegung und halb ſeufzend.„O doch, ich weiß das, aber ich kann Ihnen nicht helfen, denn was der Oberſt ausge ſprochen hat, dabei bleibt es.“ „Heiliger Gott!“ rief der Pfarrer aus,„ſo ſoll ich die beiden kaum erwachſenen Knaben— nein das wird der Himmel nicht zulaſſen. Ach ich kam mit anderen Hoff⸗ nungen hieher! Ich dachte über die Auslöſung des Barons Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. IV. 5 zu unterhandeln, wenn Sie deshalb zum Herrn Oberſten ein Wort ſagen wollten— zu Ihrer Großmuth muß ich meine Zuflucht nehmen.“ Dabei ergriff der alte Mann ehrfurchtsvoll die Hand der Oberſtin, um ſie zu küſſen. Doch ſie zog ſie zurück und ſprach:„Wenn der Baron zu den geſtern in Boßendorf gefangen genommenen Edel⸗ leuten gehört, ſo iſt die Bedingung ſeiner Auslöſung ſchon feſtgeſetzt. Für alle ſollen hunderttauſend Dukaten gezahlt werden. Einzeln wird keiner frei gegeben; Alles, was Sie daher für den Baron thäten, würde vergeblich ſeinz man würde, dies ſei Ihnen unter dem Siegel der Verſchwiegen⸗ heit geſagt, Ihr Geld nehmen und doch von der allgemeinen Bedingung nicht ablaſſen. Gehen Sie aber jetzt, Herr Pfar⸗ rer, damit Sie ſelbſt nicht Schuld an der Verzögerung werden.“ Der Greis zitterte und kämpfte mit ſich ſelbſt; Eliſabeth und Anna's Schickſal belaſtete ihn mit der ſchwerſten Sorge; er war unſchlüſſig, ob er der Frau entdecken ſollte, daß weibliche Weſen ihren Schutz begehrten. Da er keinen an⸗ dern Weg der Rettung mehr ſahe, entſchloß er ſich endlich dazu.„Ich muß Ihr weibliches Mitgefühl für Weſen Ihres Gleichen in Anſpruch nehmen,“ ſprach er mit fle⸗ hender Stimme.„Sie werden Ihr Geſchlecht nicht ver⸗ läugnen und werden es nicht verrathen. Die beiden jun⸗ gen Leute, welche der Obriſt in der Kirche geſehen hat, ſind nicht meine Söhne— es ſind keine Knaben, es ſind Jungfrauen—“ 15 „Um Gottes willen ſtill!“ fiel die Oberſtin mit ängſtli⸗ cher Haſt ein,„wenn das bekannt wird, ſind ſie vollends verloren und ich vermag ſie vor meinem eigenen Gemahl nicht zu ſchützen. Sind es etwa gar die Töchter des Barons?“ ——-— 4 — 99— „Nur die eine davon; die andere iſt die meinige.“ „Sind Sie verheirathet?“ „Nein, gnädigſte Frau; es iſt nur ein Pflegekind, das ich aber ſchon elf Jahre bei mir habe und liebe wie ein eigenes; die Tochter eines alten Univerſitätsfreundes und Amtsbruders, die von ihrer Stiefmutter gänzlich verlaſſen worden war und deren ich mich annahm.“ „Wie heißt ſie?“ fragte die Oberſtin heftig und Röthe und Bläͤſſe wechſelten auf ihrem Angeſicht.“ „Anna Werdenberg,“ erwiderte der Pfarrer und ſetzte, da er in ſeiner tiefen Bewegung auch die ihrige für eine der Theilnahme halten mußte, mit gerührter Stimme hinzu:„aber ſie iſt gut und ſchön geworden und liebt mich wie eine Tochter. Ach, gnädigſte Frau, wenn das ſchreckliche Schickſal ſie treffen ſollte“—— er hielt inne, weil die Thränen ihn hinderten weiter zu ſprechen. Fromm erhob er den Blick gen Himmel, mit dem Ausdruck der vertrauenden Bitte: Nein, das wirſt du nicht zulaſſen, Allgütiger! Die Oberſtin war bleich geworden; ihr Buſen hob ſich in heftiger Wallung, große Thränen rollten ihr über die Wangen, ſie vermochte nicht zu ſprechen. „O, Sie ſind gerührt,“ ſprach der Pfarrer und beugte ſich über ihre Hand, um ſie zu küſſen. Sie ließ ſie ihm, er fühlte, daß ſie heftig zitterte. „Laſſen Sie mich jetzt,“ ſprach ſie nach einigen Augen⸗ blicken, ich muß Athem ſchöpfen.“— Sie erhob ſich und ging gerührt und das Angeſicht mit dem Tuch bedeckt ei⸗ nigemal auf und nieder; dann öffnete ſie das Fenſter und that einige tiefe Athemzüge in der freien Morgenluft.— „Warten Sie hier einige Minuten,“ ſprach ſie endlich,„ich will zum Oberſten hinein und ſehen, was ich für Sie thun — 5* — 100— kann. Aber um Gottes willen verrathen Sie Niemanden das Geheimniß, das Sie mir anvertrauten!“ Sie verließ den Saal. Im Nebenzimmer hörte der Pfarrer bald darauf lebhaft ſprechen, doch konnte er dem Gang der Unterredung nicht folgen, obwol ſie deutſch ge⸗ führt wurde. Sie dauerte gegen zehn Minuten. Dieſe verſtrichen ihm unter der Marter der äußerſten Spannung und Angſt. Endlich öffnete ſich die Thür wieder und die ſchöne Frau trat mit verweinten Augen wieder herein. „Es iſt mir gelungen,“ begann ſie,„etwas für Sie zu thun, obwol nicht ſo viel, als ich wünſchte. Der Oberſt begnügt ſich mit der Hälfte des Geldes und gibt Ihnen Friſt bis heut Abend, falls die andern Forderungen raſch erfüllt werden. Nur wenn ein unvermuthetes Ereigniß die Truppen zwänge, würde er gleich ſeine Maßregeln der Strenge eintreten laſſen.— Es iſt die grauſame Noth⸗ wendigkeit des Krieges, die ihn ſo zu handeln zwingt,“ ſetzte ſie mit dem Ton begütigender Entſchuldigung hinzu, als ſie des alten Mannes Schmerz und Schrecken ſahe. „Gerechter Gott,“ ſprach dieſer,„wie ſoll ich bis Abend dieſe Summe ſchaffen! Und wenn mir drei, wenn mir acht Tage gelaſſen würden, vermöchte ich es nicht. Nur durch den Baron Eichholm ſelbſt wäre es möglich; doch auch im Schloß iſt nicht ſo viel baares Geld, denn ich weiß, daß Alles ſo viel als möglich nach Berlin geſchafft worden iſt.“. „ Der Baron iſt zu weit, um benachrichtigt zu wer⸗ den,“ unterbrach ihn die Oberſtin;„ſeien Sie froh, daß Zeit gewonnen iſt. Gehen Sie jetzt und beeilen Sie das Aebrige.— Sie ſollen noch von mir hören!“ ſetzte ſie leiſe, aber bedeutſam hinzu, indem ſie ihn bis an die Thür begleitete. — 101— Heimfried ging. Indeß gedachte er ſeiner Pflicht als Rathgeber der Gemeinde. Er begab ſich zu den älteſten Landleuten und kündigte ihnen die Forderungen des Ober⸗ ſten an. Sie hörten ſie mit ſtummem Schrecken, denn alles das Ihrige wurde ihnen mit einem Schlage geraubt, und vielleicht reichten die Kräfte des Dorfes dennoch nicht hin, das Verlangen zu befriedigen. Doch belehrte ſie ein Blick auf die rauchenden Stätten am Horizont, daß ihr Schickſal noch glücklich gegen das ihrer Nachbarn zu nen⸗ nen ſei. Sie machten alſo ſchleunigſt Anſtalt, die Befehle des Feindes auszuführen, ſagten ſie im ganzen Dorfe an und beſtimmten den Platz, wo Pferde, Schafe, Rindvieh und was ſonſt gefordert war, zuſammengebracht werden ſollte. Während deſſen ging der Pfarrer nach Hauſe, wo Anna und Eliſabeth ſeiner in ſtummer Angſt harrten. Sie nahmen die Kuünde, welche er ihnen brachte, mit mehr Faſſung und Ruhe auf, als er erwarten durfte. Viel⸗ leicht lag dies daran, daß es ihnen unmöglich fiel ſich das Aeußerſte vorzuſtellen, oder daß der Schutz eines weiblichen Weſens ihnen als Frauen den beſten Troſt gewährte, oder die zuverläſſigſte Hülfe darzubieten ſchien. Nur um das Schickſal ihres Vaters bekümmerte Eliſabeth ſich tief und ſelbſt der Troſt des Pfarrers und ſeine Vorſtellungen, daß man Männer, für die man einen ſo hohen Preis der Aus⸗ löſung fordere, gewiß mit Sorgfalt für ihr Leben behan⸗ deln werde, konnte die gebeugte Tochter nicht aufrichten. So verging die Zeit bis Mittag. Da kam Chriſtian mit einem Zettel vom Schloß und gab ihn dem Pfarrer mit geheimnißvoller Miene. Er lautete: „Der Oberſt iſt ſehr zornig, denn die Landleute brin⸗ gen nicht ſo viel zuſammen, als er fordert; nur meine Bit⸗ ten haben ihn noch beſchwichtigt. Die Gefahr iſt dringend. Die Knaben müſſen fliehen. Liſt muß uns zu Hülfe kommen. Suchen Sie die Leute, die auf Ihrem Hofe lie⸗ gen, gegen Abend durch eine reichliche Spende von Brannt⸗ wein beim Trinkgelage zu feſſeln. Ich werde daſſelbe bei den Vorpoſten des Dorfes nach dem Walde zu und auch bei der Wache an der Brücke veranſtalten. Auf dieſe Weiſe kann, wenn es dunkel wird, eine Flucht gelingen; es iſt der einzige Weg der Rettung, den ich ſehe. Ver⸗ brennen Sie den Zettel. Ihre Freundin.“ Neue Sorgen und Schrecken bemächtigten ſich des Pfar⸗ rers und ſeiner beiden Lieblinge; doch zugleich ein Gefühl der innigſten Dankbarkeit gegen Die, welche ſo viel that, um ihre Wohlthäterin zu werden. Trotz der Beſorgniſſe um ihr eignes Geſchick empfanden die edlen Herzen doch eine tiefe Wehmuth darüber, daß ſie den Dank für die rettende Wohlthäterin nicht frei ausſprechen konnten. In⸗ deſſen verſäumten ſie mit umſichtiger Faſſung nichts, was zur Vorbereitung des gewagten Planes dienen konnte, ſo ſchwer es dieſen in der Verſtellung ungeübten Men⸗ ſchen auch wurde, die Wege der Liſt zu wandeln, auf welche die Argliſt der Feinde ſie nöthigte. Chriſtian half getreulich. Nachmittags gegen ſieben Uhr hatte er aus dem Schloß ein Fäßchen Branntwein herbeigebracht und zapfte es im Pfarrhofe an. Bald waren die Koſacken um ihn verſammelt, die trotz des ſtrengen Befehls ihres ge⸗ fürchteten Führers der Anlockung des Lieblingsgeträͤnkes nicht widerſtehen konnten. Sogar zwei Offiziere, die ver⸗ muthlich den beſondern Auftrag hatten, den Pfarrhof nicht außer Acht zu laſſen, begaben ſich mit in den Kreis der Zechenden und Schmauſenden, als ihnen Chriſtian geſagt hatte, die Frau Oberſtin habe das Getränk geſchenkt. 4 7 * — 103— Mit aängſtlicher Hoffnung ſahen Eliſabeth und Anna hinter den Vorhängen ihrer Fenſter dem wilder und wilder werdenden Gelag zu und beobachteten zugleich die allmälig tiefer ſinkende Sonne. Der Vater Heimfried ging indeſſen in ſchweren Gedanken und Sorgen in ſeiner Studirſtube auf und nieder und hielt Rath mit ſich ſelbſt, was ſeine Pflicht fordere, ob er als treuer Hirt ſeiner Gemeinde blei⸗ ben oder die ſeinem beſondern Schutz überantworteten Jungfrauen geleiten ſolle. Endlich entſchied er ſich für das Letztere, in der Erwägung, daß ein Andrer ſeine Stelle bei der Gemeinde vertreten könne, bei den Mädchen aber nicht; deshalb wollte er aber zuvor dem Schulzen des Dorfs, einem redlichen Landmanne, das Geheimniß an⸗ vertrauen, ihm die Fürſorge für die Gemeinde ans Herz legen, und ihm anrathen, ſich in den äußerſten Fällen an die Oberſtin zu wenden. Dazu ſuchte er ihn auf und fand den Redlichen ganz damit einverſtanden, daß die Tochter des Gutsherrn vor allen Dingen gerettet werden müßte. „Es wird uns auch nicht gereuen, wenn es gelingt,“ ſprach er,„denn der Herr Baron vergilt uns zehnfach, was wir verlieren, wenn wir ihm ſein Kind retten. Gott ge⸗ leite Ihre Flucht.“ So beruhigt kehrte Heimfried in ſein Haus zurück. Jetzt begann es zu dunkeln; allmälig durfte man an die Ausführung des Planes denken. Da trat Chriſtian, der indeſſen wieder einmal auf das Schloß geſchlichen war, um hinzuhorchen, was vorgehe, plötzlich außer Athem, mit einem Brief in der Hand zu dem Pfarrer ins Zimmer. „Etwas ſehr Eiliges von der Frau Oberſtin,“ rief er und übergab das Schreiben. Es enthielt folgende Zeilen: „Flüchten Sie augenblicklich, es iſt keine Zeit zu ver⸗ lieren. Der Oberſt hat Depeſchen erhalten, die Alles än⸗ dern und wahrſcheinlich einen ſchleunigen Aufbruch veran⸗ laſſen. Eine Viertelſtunde Zögerung und ich kann nichts mehr für Sie thun. Gelangen Sie an den Waldpoſten und gelingt es Ihnen nicht unbemerkt vorbei zu kommen, ſo machen Sie, aber nur im höchſten Nothfall, von dem einliegenden Zettel Gebrauch, indem Sie ihn dem Commandeur der Vorpoſten vorzeigen; denn ich wage da⸗ bei das Aeußerſte. Keinen Dank! Mich zwingt die Pflicht ſo zu handeln, eine Pflicht, deren Tiefe und Bedeutung Sie nicht ahnen können!“— Der eingeſchloſſene Zettel enthielt einige ruſſiſche Zeilen, die mit dem Namen Swar⸗ zewski unterzeichnet waren. Der Pfarrer eilte mit demſelben und dem Briefe, über deſſen ſeltſamen Schluß nachzuſinnen, ihm der Drang der Ereigniſſe nicht erlaubte, zu den Mädchen hinauf. Dieſe waren bereit. Eine jede mit einem Stabe und einem leich⸗ ten Bündel verſehen, worin Eliſabeth Kloppſtock's Meſſias, Anna die Bibel eingepackt hatte, traten ſie ihre Wander⸗ ſchaft an. Auf dem Hofe zechten und jubelten die Ruſſen; Chriſtian führte ſie zur Vorderthür heraus, dann am Hauſe entlang und hinter der Scheuer herum unbemerkt bis in den Garten. Von dort gewannen ſie das freie Feld und nach einer halben Stunde auf allerlei Schleichwegen die Wieſen, durch welche der Damm führte. Die Schwierig⸗ keit war jetzt nur die, über die Dammbrücke zu kommen. Noch ehe ſie dieſelbe erreicht, hörten ſie hinter ſich vom Dorf her mehre Schüſſe und bald darauf drang der durch die Ferne zwar geſchwächte, aber doch deutlich vernehmbare Laut eines verworrenen Getümmels in ihr Ohr. Auf eine kleine, freiere Höhe gelangt, ſchauten ſie ſich um und ſa⸗ hen eine Feuerſäule aufſteigen. Alſo war auch ihrem Dörf⸗ chen das Schreckensloos gefallen! Von Angſt und Schmerz * — 1905— überwältigt, ſanken ſich die beiden Freundinnen einander in die Arme und weinten bittere Thränen, die ſelbſt der Troſt des Pfarrers nicht zu ſtillen vermochte. Doch Chriſtian drängte vorwärts. Jetzt war man der Brücke nahe und wollte nun, weil hier das Waſſer zu tief wurde, auf den Damm hinauf. Da ſprengten zwei Reiter, es waren Koſacken, denſelben vom Dorfe her ent⸗ lang.„Still!“ gebot Chriſtian und die Wanderer duck⸗ ten ſich an dem Seitenabhang des Dammes auf den Bo⸗ den.„Jetzt müſſen wir abwarten, was geſchieht,“ ſprach er leiſe,„mir ſcheint es, als würde dort der Poſten ab⸗ berufen, oder die ganze Schar aus dem Dorf kommt hier durch. In beiden Fällen iſt es das Beſte, daß wir uns unter die Elsbüſche dort ducken, bis es ruhig wird.“ Man folgte dieſem Rath.— Chriſtian hatte recht gehabt. Nach wenigen Minuten ſprengte ein ganzer Trupp Reiter von der Brücke her nach dem Dorfe zu. Als ſie vorüber waren, gingen unſere Wanderer vorſichtig weiter; ſie fan⸗ den die Brücke unbeſetzt. Jenſeits, im Walde waren ſie geborgen; ſie erreichten ihn glücklich und konnten ſich fuͤr gerettet halten. Mit einem heißen Dankgebet ſanken ſie auf die Knie. Dann ſetzten ſie ihre Wanderung eilig fort. Aber rückwärts durften ſie nicht ſchauen, denn dort ſahen ſie den ganzen Himmel vom Brande ihres lieben Dörf⸗ chens geröthet, der ihren Pfad noch weit in das Dunkel des Waldes hinein blutig beleuchtete. — 106— Sechstes Capitel. Opitz und Feuerſenger ſaßen am Bivouaksfeuer und plauderten, während bald dieſer bald jener nach dem Koch⸗ geſchirr ſah, damit die treffliche Suppe, die ſie ſich zur Nacht bereiteten, nicht überliefe. Es war ein heißer Au⸗ guſttag geweſen; nach und nach aber fing die Glut des Tages an ſich zu verkühlen und ein erfriſchender Abend⸗ wind erhob ſich. „Kommt dort nicht Vulpius?“ fragte Opitz.„Wahr⸗ haftig er iſt es! Was Teufel mag ihm denn zugeſtoßen ſein, daß er ſeine Beine ſo in Quickmarſch gebracht hat? Sonſt pflegt er ja ſo langſam zu gehen, als marſchirte er immer hinter einem Vierundzwanzigpfünder im Sande.“ „Wahrhaftig, er läuft, als wollte er eine Kanonenkugel einholen,“ bemerkte Feuerſenger beifällig und ſtrich ſich den ſchwarzen Knebelbart.„Das hat etwas zu bedeuten. Vielleicht marſchiren wir, oder dergleichen.“ Während deſſen war Vulpius mehr ſpringend als ge⸗ hend herangekommen und nahte ſich mit einem vor Freude glühenden Geſicht, aber faſt außer Athem. „Was gibt's denn, Vulpius,“ fragte Opitz, als er auf zehn Schritte heran war.„Dein Geſicht glänzt ja wie eine Leuchtkugel und Du ſpringſt in Bogenſätzen wie eine Granate auf dem Steinpflaſter. Was haſt Du denn. Neues?“ und ſchöpfte tief Athem;„ja freilich, Ihr könnt's noch nicht wiſſen! Uf!“ „Wißt Ihr's noch nicht?“ rief Vulpius und ſtand ſtill —*— 9 — 107— „Nun, verſchnaufe Dich nur erſt,“ brummte Feuerſen⸗ ger und rührte in ſeinem Topf,„ſo lange werden wir wol Zeit haben.“ „Das iſt doch noch eine Freude!“ jubelte Vulpius, und ſchlug mit dem Stock an ſeine Stiefeletten,„das iſt doch noch ein Rekrut, der einem wieder Ehre macht! Das iſt doch“— „Mohren Element Donnerwetter,“ fluchte Feuerſenger, der leicht die Geduld verlor,„ſo mach' das Maul auf und ſag' es heraus, was es iſt. Rekruten hin und her! Gewiß willſt Du wieder etwas vom ſeligen Grützner ſchnattern.“ „Grützner! Was Grützner!“ unterbrach Vulpius hoch⸗ müthig.„Hier iſt von andern Leuten die Rede, als von allen Grütznern und Feuerſengern in der ganzen preußiſchen Monarchie.“ G „Nun ſo iſt's Bombardier Holm, wenn's doch ein Re⸗ krut ſein ſoll,“ fiel Opitz ein. „Bombardier Holm!“ rief Vulpius,„Bombar⸗ dier?“ Da ſteckt's eben, daß Ihr Nichts wißt, Bombar⸗ dier Holm? Junker Holm müßt Ihr jetzt ſagen!“ 8 „Junker?“ fuhren Opitz und Feuerſenger zugleich auf —„Du haſt wol ein paar Gläſer Krambambuli zuviel hinter die Rabatten gegoſſen.“ „Junker Holm, ſage ich Euch,“ beharrte Vulpius ſtolz und nahm einen hochmüthig belehrenden Ton an.„Junker Holm, eben ſo gut als es jetzt heißt Capitain Werden, und nicht mehr Lieutenant wie noch vorige Woche. Jun⸗ ker Holm! Und wenn's nicht wahr iſt, will ich Zeitlebens Kartuſchbeutel nähen oder Zünder raspeln, oder Salpeter brechen, kurz im Laboratorium verfaulen, wenn Ihr drau⸗ ßen zur Bataille geht!“ — 108— 1„Schon gut,“ lachte Opitz,„wir kennen Deine Schwüre, aber wie wäre denn das zugegangen?“ „Habt Ihr heute Vormittag nicht ſchießen gehört?“ „Freilich, drüben an der Waldſpitze, wo Lieutnant von Walbeck mit den beiden Kanonen detachirt ſteht,“ antwor⸗ tete Opitz. „Geſtanden hat,“ verbeſſerte Vulpius.„Es ſteht kein Lieutenant von Walbeck mehr, der liegt, ſo gut wie Lieut⸗ nant Kraft und Hegewald bei Hochkirch.“ „Er iſt geblieben?“ fragte Opitz erſtaunt und theilneh⸗ mend. Auch Feuerſenger trat jetzt näher heran.„Geblie⸗ ben,“ fuhr Vulpius fort,„geblieben, doch mit Ehren! Aber auf eine hundsföttiſche Art. Ein Tirailleur, der in einer breiten Furche auf dem Bauch herangekrochen war, hat ihn weggeblitzt. So fing das Gefecht an. Donner und Wet⸗ ter! Angriff von drei Seiten und kein Offizier beim Zuge. Unteroffizier Warnicke führte das erſte Geſchütz, Bombardier— damals noch— Holm das zweite. Sie chargiren, daß Alles rings umher kracht. Da kommt ſo ein verfluchter blauer Kohlkopf von ſechs Pfund und will dem Warnicke gerade ins Maul. Zum Verſchlucken war er freilich zu groß und ſo lag denn unſer Kamerad ohne Kopf und Zopf unterm Rade.“—„Verteufelt,“ rief Feuerſenger dazwiſchen und ſtampfte mit dem Fuß.„Und gerade jetzt kommt eine Escadron Cavalerie hinter'm Buſch herum und denkt die Geſchütze zu nehmen. Bombardier Holm ſieht es noch zur rechten Zeit und wie der Teufel iſt er auf des Lieutenants Pferd.„„Batterie,““ commandirt er,„„protzt auf! Marſch, Trab!““ Sie gehorchten ihm, als wäre er General! Indeſſen kommen zwei Escadrons Hu⸗ ſaren zur Deckung heran und zauſen ſich mit den Ruſſen. Holm faßt dreihundert Schritt rückwärts wieder Poſition. — — 4 — — 109— Ein Stand wie eine Feſtung, daß die Geſchütze halb ge⸗ deckt ſind und grade mit dem Rohr über den Höhenrand ſtreifen. Von hier nimmt er die Infanterie auf's Korn. Batterie, Feuer! Raſſaſſaſſah! knattern die Kartätſchen. Sechs Schuß und die Kerle laufen wie bei Roßbach! Raſſaſſaſſah! Er immer hinterdrein„„Tau an! Avan⸗ cirt““ immer nach!— Was red' ich viel. Der Rapport geht gerade an Se. Majeſtät unſern allergnädigſten Kö⸗ nig und der ſchreibt darunter:„der Bombardier Holm iſt Junker mit Equipage!“ Seht Ihr! Das heißt ein Re⸗ krut! Den hab' ich exercirt! Und es iſt kaum drei Monat her! Das wird ein Artilleriſt!“ „Vulpius!“ ſchrie Feuerſenger und hielt ihn mit ſei⸗ nen Rieſenfäuſten an den Schultern feſt,„Vulpius! O Du funfzigpfündiger Hans Narr! Werde uns nur hier nicht verrückt und taumle etwa unſer Kochgeſchirr um; denn läuft mir die Suppe in die Kohlen, ſo haue ich Dir drei Handſpeichen auf dem Schädel entzwei. O Du Stroh⸗ wiſch! Ich glaube wahrhaftig, Dich plagt der lebendige Satanas! Alſo weil er Dein Nekrut geweſen iſt und Du ihm zuerſt„„Wiſcht aus““ in die Ohren geſchrien haſt, davon, meinſt Du, habe er ſeinen Artilleriſtenverſtand? Vulpius, wärſt Du nicht ſonſt ein guter Kamerad, ſo ließe ich Dich nicht los, bis Du eine Elle Lunte gefreſſen hätteſt, zur Strafe für Deine Narrheit, und eine Schüſ⸗ ſel Mehlpulver als Zucker dazu!“ „Kerl, laß mir die Fäuſte von den Schultern,“ rief Vulpius endlich, als er ſich von der Ueberraſchung über Feuerſenger's Rede erholte;„ſo ein Goliath wie Du iſt freilich nicht Jeder, hat aber doch ſeinen Reſpekt bei Freund und Feind. Haſt Du etwa ſolch einen Rekruten aufzu⸗ weiſen? Und biſt Du nicht ſelbſt mein Rekrut geweſen?“ „Dafür biſt Du auch Batterieſchulmeiſter!“ erwiderte Feuerſenger lachend,„und wir, Deine Jungens, machen's nicht beſſer mit Dir, als wir's mit dem Dorfſchulmeiſter gemacht haben.“ „Da kommt der Capitain mit dem neuen Junker,“ rief Opitz und trennte ſo die Streitenden.— Alle Drei ſtellten ſich ehrerbietig auf die Seite und begrüßten ihren Capitain ſo wie den eben erſt ernannten Junker Holm. „Habt Ihr von meinem Glück gehört, Kamera⸗ den?“ ſprach dieſer freudig und reicht' ihnen die Hände. „Jetzt bin ich Euch einen Schmaus ſchuldig! Heut Abend ſind alle Avancirte der Batterie meine Gäſte vorm Zelt des Herrn Hauptmann, der mir's auch verſprochen hat.“ kommt doch?“ 3 „Wenn der Herr Junker erlauben,“ antwortete Vulpius und lächelte wohlgefällig über ſich ſelbſt, daß er ſo ſchnell die Gelegenheit zu nutzen gewußt hatte den neuen Titel an⸗ zubringen. „Auf Wiederſehen denn bis dahin,“ ſprach Holm raſch und freudig,„für jetzt habe ich noch andere Geſchäfte.“ Er ging mit Werden weiter im Lager hinunter. Unter einer Eiche, die ihre breiten Aeſte ſchattig über einen Hügel ausſtreckte, warf ſich Werden auf den Raſen und Holm ſetzte ſich zu ihm. Sie hatten hier das bewegte Bild des Krie⸗ ges zu ihren Füßen, hörten das Geräuſch der Waffen, der Trommeln in der Ferne, ſahen den Rauch der Kochherde zwiſchen den Zeltenreihen aufſteigen und erblickten die ganze bunte Welt des Krieges durch die Entfernung wie durch einen leichten Schleier gedämpft. Dieſes vielgeſtaltige Lebensbild erhöhte das Gefühl behaglicher Vertraulichkeit und Einſamkeit auf dem ſtillen ſchönen Platz. 3 4 Werden nickte beiſtimmend.„Schlag neun Uhr, Ihr 4 — — 111— „Nun, lieber Baron,“ begann Werden friſchen Muths, „der erſte Schritt iſt gelungen, Sie tragen das Porteepee. „. Ihre Erzählung hat mich überraſcht und gerührt zugleich. Ich achte übrigens Ihr Geheimniß und forſche, darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, nicht nach Ihrem wahren Na⸗ men. In dieſen Tagen muß es zur Schlacht kommen. Da findet ſich vielleicht eine zweite Gelegenheit für Sie. Ich möchte behaupten, daß ſie immer da iſt, wenn man ſie nur zu nutzen weiß. Daß Sie es verſtehen, haben Sie heut bewieſen.— Doch erlauben Sie mir eine vielleicht ſeltſam klingende Frage. Weshalb erwählten Sie gerade die Waffe der Artillerie, um Ihren Plan auszuführen. Ge⸗ rade dieſe, wo man ſo mancher Kenntniſſe bedarf, die ſich . nur langſam erwerben, wo die Gelegenheit zu nazeinn 3 Auszeichnungen ſo ſelten iſt?“ „Der Urſachen ſind manche,“ entgegnete Holm;„in der Infanterie und ſchweren Cavalerie iſt das Vorurtheil des Adels zu feſt gewurzelt. Dort hätte man meine Bildung, meine Kenntniſſe nicht in Anſchlag gebracht; ich würde mich vielleicht ausgezeichnet haben und belohnt worden ſein, allein ſtets nur in der Weiſe, wie man der Verdienſte des gemeinen Mannes gedenkt. Nun wären mir zwar die Freicorps, oder die leichte Cavalerie geblieben, allein ich geſtehe, daß mir der dort herrſchende Geiſt völlig wider⸗ ſtrebt. Dieſe Truppen haben zu häufig mit Raub und „. Plünderung zu thun, als daß nicht die Rohheit ſich dort in einem Grade einbürgern ſollte, der mir bis zur Empö⸗ rung zuwider iſt.“ „Vielleicht hätten Sie aber eben manches Uebel abwen⸗ den können,“ warf Werden ein. „Vielleicht! Aber von tauſend Uebeln, Mishandlun⸗ gen, Verbrechen wäre ich auch Zeuge geweſen, ohne ſie — — 112— hindern zu können, und am Ende hätte mein heftiger Cha⸗ rakter in einem ſolchen Falle mein Unglück herbeigeführt. Alſo dies Alles beſtimmte meine Entſcheidung für Ihre Waffe, Herr Hauptmann. Aber noch ein ganz beſonderer Grund waren— Sie ſelbſt.“ „Ich? Wie ſo das?“ fragte Werden verwundert. „Mein Freund und Nathgeber in Berlin kennt Sie. Er hat mir von Ihren Schickſalen erzählt, wie Sie, früh elternlos, auf's Gerathewohl in die weite Welt gegangen ſind und im Drang der manrichfaltigſten Lebensereigniſſe erzogen wurden.“ „Alſo wiſſen Sie von meinen Schickſalen?“ fragte Werden. „Nur ganz allgemein; aber was ich hörte, gab mir die Ueberzeugung, daß Sie der Mann ſeien, deſſen ich bedurfte. Ich hatte Vertrauen zu Ihnen, ehe ich Sie jemals geſehen und geſprochen, ja— Sie lächeln vielleicht— ſogar Ihr Name Werden hat für mich einen Anklang, der mir aus ganz eigenthümlichen Gründen von guter Vorbedeutung ſchien.“ „Sie meinen, weil er mit„„werden““ gleich lautet?“ fragte Werden. „Nein! hierauf machen Sie mich wahrlich zuerſt auf⸗ merkſam,“ entgegnete Holm lebhaft,„aber auch das in ein gutes Omen.“ „Sie ſcheinen abergläubig, lieber Freund,“ ſprach Wer⸗ den lächelnd. „Ein wenig iſt es jeder Menſch, nur Jeder auf ſeine Weiſe.— Doch wir ſind von meinen Gründen abgekom⸗ men, Ich wählte alſo die Artillerie aus Achtung vor der Waffe und dieſe Batterie aus Achtung vor Ihrem Cha⸗ rakter, von dem mir mein Freund mehr zu erzählen wußte, als von Ihren Schickſalen, weil Sie mit den Mittheilun⸗ gen darüber etwas karg ſind.“ * — 113— Werden ſchwieg. Er ſah nachdenklich vor ſich hin; über die kleine Schmeichelei, die ihm Holm ſagte, lächelte er einen Augenblick, ſonſt nahm er deſſen Worte in ernſte Erwägung.„Lieber Freund!“ begann er,„ich habe von meinen Schickſalen mehr deshalb geſchwiegen, weil ich Nie⸗ manden fand, der mir den Antheil daran zu nehmen ſchien, deſſen ich bedurfte, als weil ich Urſache hätte, ſie zu ver⸗ ſchweigen; nur meinen Namen habe ich aus Gründen än⸗ dern müſſen, die vielleicht, ſo lange ich lebe, fortdauern.— Könnten Sie mich wol für einen Verbrecher halten?“ fragte er nach einigen Augenblicken, indem er Holm's Hand nahm und ihm herzlich ins Auge blickte. Dieſer war einen Augenblick betroffen, dann erwiderte er:„Mir bliebe nur eine Wahl; entweder müßte ich Sie für den Nichtswürdigſten, den je die Erde getragen hat, oder für den Redlichſten und Edelſten halten. Ich wähle das Letztere und beantworte Ihre Frage mit einem entſchie⸗ denen Nimmermehr!“ Werden drückte ihm warm die Hand.„Wir werden, nach den Anſtalten, die der König zum Uebergange über die Oder bereits getroffen hat, wahrſcheinlich noch in die⸗ ſen Tagen den Ruſſen eine große Schlacht liefern,“ begann er nach einigen Augenblicken.„Wer kann wiſſen, wie das Loos fällt— auf dieſen Fall habe ich mein Vermächtniß gemacht.“ Hierbei zog er ein verſiegeltes Päckchen aus dem Buſen und zeigte es Holm.„Dieſe Papiere enthalten meine Lebensgeſchichte, und manche Beſtimmungen, von denen es mir am Herzen liegt, ſie nach meinem Tode aus⸗ geführt zu ſehen. Ich werde ſie in die Hand des Feldpre⸗ digers legen. Aber wollen Sie der Vollſtrecker meines klei⸗ nen Vermächtniſſes fein?“ „Mit Freuden,“ rief Holm,„wenn ich ſelbſt lebe. — 114— Allein wie verdiene ich das Vertrauen, welches Sie mir, den Sie erſt ſo wenige Monate kennen, ſchenken?“ „Es gibt Leute, mit denen wir uns in Minuten näher verſtändigen als mit andern in Jahren,“ entgegnete Wer⸗ den;„ich gewann Sie im erſten Augenblick Ihrer Erſchei⸗ nung lieb und ich denke, Sie haben es empfunden.“ „Wahrlich,“ rief Holm lebhaft aus und Thränen der Rührung traten ihm ins Auge,„wahrlich, ich fand einen Bruder in Ihnen!“ „Gut denn,“ ſprach Werden faſt rauh, um ſeine Weh⸗ muth zu beſiegen,„ſo wollen wir denn Brüder ſein. Komm an mein Herz, Bruder, willſt Du?“ Sie hielten ſich lange in ſprachloſer Umarmung. Es war eine heilige Minute, wo die Jugendblüte der Treue und der Freundſchaft ihnen den Kelch öffnete und mit wehendem Duft ihr Innerſtes durchzog, daß ihre Bruſt in Rührung und Erhebung wallend ſchlug. „Da ertönte durch die ſchauerliche Stille plötzlich der ernſte, dumpfe Laut eines fernen Kanonenſchuſſes. Werden horchte auf.— Es war nur der Retraite⸗Schuß, mit dem der Tag im Lager ſich beſchließt. Er ſah dem ziehen⸗ den Rauch nach, der ſich in wallendem Gewölk weißlich an der Waldhöhe verbreitete. Lange ſtand er in wehmüthiges Sinnen verloren. „Ich verlor früh eine Schweſter,“ ſprach er endlich weich, ich habe nun einen Bruder dafür gefunden. Auf meinem Namen laſtet der Verdacht eines ſchweren Verbre⸗ chens— ich bin wie geächtet— doch ich habe nun einen Freund gefunden, der dennoch an mich glauben und durch ſein Zeugniß meine Ehre herſtellen wird, wenn ich fallen ſollte. Denn ſiehe, mein Bruder, in dieſer Stunde, die mir heiliger iſt als die erſte Beichte, bei dieſer verſinkenden — u⸗ 3 Sonne, die ich morgen vielleicht zum letzten Male wieder aufſteigen ſebe, betheure ich Dir, ich beging das Verbre⸗ chen nicht, deſſen ich, wie dieſe Papiere Dich lehren wer⸗ den, angeklagt bin.— Laß uns aber jetzt zum Feldpre⸗ diger gehen,“ brach er den feierlichen Ton plötzlich raſch ab,„dann wollen wir zu unſern Kameraden zurück. Ich ſehne mich nach ihnen, denn ſie ſind alle redlich und treu und würden alle freudig ihr Leben für das meinige einſetzen.“ „Weil Du täglich das Deinige für ſie wagſt und in unzähligen Beſchwerden und Mühen opferſt,“ fiel Holm lebhaft ein. „Es iſt meine Pflicht und ſie wird mir leicht, denn mein Herz übt ſie von ſelbſt.— Nun noch eins; unſer Vertrauen iſt frei, gegenſeitig nur unſerm Selbſt geſchenkt. Dabei laß uns bleiben; wir haben einander unſre wahren Namen nicht genannt; es iſt ein Zeichen mehr für unſre Freundſchaft, daß wir einander etwas verſchweigen kön⸗ nen, und dennoch unſer Vertrauen nicht verletzen. Es bleibe denn ſo!“ „Und es muß ſo bleiben!“ ſprach Holm bekräftigend, „weil mich das feſteſte Geſetz bindet. Doch ruht auch mein Geheimniß in Papieren, und ich will Sorge tragen, daß ſie in Deine Hände gelangen, wenn mir das Loos des Todes beſtimmt iſt, obwol ich für mein Vermächtniß einen andern Vollſtrecker wählen mußte.“— Werden blickte ihn freundlich lächelnd an und legte ihm den Arm vertraulich um den Nacken. So gingen ſie ins Lager zu den Kameraden zurück. Das Feuer vor dem Zelt des Hauptmanns loderte hoch auf; ringsum ſaßen die Feuerwerker, Unteroffiziere und Bombardiere der Batterie und ſangen muthige Kriegslieder. Die Feldbecher mit Wein gefüllt, erklangen bald fröhlich, bald feierlich; denn einem Soldaten, zumal im Kriege, ſtreift der ſtrenge Ernſt nahe an den ſorgloſen Scherz, und die Lebensquelle ſteigt und fällt raſcher, als in den fried⸗ lichen Kreiſen des bürgerlichen Verkehrs und Gewerbes. Ueber den bewegten Kreis der Gelagerten ſpannte ſich das prächtige Sternenzelt ſtill, groß und ruhig aus, gleichſam die Verheißung eines ewigen, heiligen Friedens, die mitten in das Getümmel des Krieges hineinleuchtete und das Herz zu Größerem emporſchwellte, als was dieſe Erde bieten und rauben kann. Werden blickte hinauf, nahm ſtill Holm's Hand, der neben ihm ſaß, und ſprach leiſe, indem er empordeutete: „Bis dahin ſchallt unſer Kriegsgetümmel nicht hinauf; dort bleibt es ewig ſtill und friedlich, ſelbſt wenn hier unten der Boden unter dem Donner der Schlacht erzittert.“ „Und doch dringt der leiſeſte Seufzer unſeres Herzens dahin empor,“ antwortete Holm,„und der Allgütige hört ſelbſt die ſtumme Bitte!“ „Ich bin heute ſo weich,“ entgegnete Werden,„ſeit den Tagen meiner Jugend war mir nicht ſo wehmüthig, und doch ſo glückſelig zu Sinne. Es iſt mir, als müßte eben jetzt dort oben mein Geſchick gewogen und entſchieden wer⸗ den, ſo feierlich bang, ſo hoffend und ſo fürchtend zugleich blicke ich in die Zukunft.“ „Sollte es nicht die Nähe des großen Ereigniſſes ſein, das uns vielleicht morgen ſchon bevorſteht?“ fragte Holm. „Die Schlacht? Nein, deſſen wird man zu gewohnt in der Dauer des Krieges.“ 2, — 117— „Meine Bruſt iſt doch viel damit beſchäftigt,“ verſetzte Holm;„das läßt mich recht empfinden, wie hoch Du noch an wahrer Männlichkeit über mir ſtehſt.“ „Liegt hier der Hauptmann Werden,“ ließ ſich plötzlich eine tiefe Stimme vernehmen, die aus dem Schoos der Nacht zu dringen ſchien, da man, vom Feuer geblendet, den von außen an den Kreis getretenen Frager nicht ſehen konnte. „Allerdings, hier bin ich, was gibt's?“ fragte Werden und ſtand auf. Eine Ordonnanz brachte ihm einen verſiegelten Zettel. Werden durchflog ihn, man ſah an ſeinen Zügen, daß er etwas Wichtiges enthalte, denn ſein Blick belebte ſich mit kriegeriſchem Feuer.„Schon gut; meldet dem Oberſten, ich würde pünktlich zur Stelle ſein,“ erwiderte er und winkte der Ordonnanz ſich zu entfernen.„Nun, Kinder!“ ſprach er freudig und mit muthigem Angeſicht zu den im Kreiſe Gelagerten;„jetzt haben wir, was wir wünſchen. Es iſt Marſchordre gekommen. In dieſer Nacht um drei Uhr brechen wir auf und gehen bei Reitwein über die Oder. Morgen werden wir wol das ruſſiſche Lager in der Nähe beſehen. Jetzt ſingt Eure beſten Kriegslieder, denn nun müßt Ihr zeigen, daß Ihr König Friedrich's Soldaten, daß Ihr preußiſche Artilleriſten ſeid! Wir ſingen Alle mit. Wer ſtimmt das ſchönſte Lied an?“ „Holla, Kameraden,“ rief Feuerſenger,„jetzt wird ſich's zeigen, wer ein gutes Lied und eine gute Kehle dazu hat. Wie wir in der Reihe ſitzen, fange Jeder eins an; taugk's nichts, ſo ſchreien wir gleich pereat, aber das beſte ſingen wir Alle zuſammen bis ans Ende. Vulpius, Du biſt der Erſte, fange an.“ Vulpius räuſperte ſich, nahm eine gravitätiſche Po⸗ — 118— ſition an und intonirte, obwol nicht mit der beſten Stimme: „Es lebe die preußiſche Artillerie, „Kanoniere und Bombardiere—“ „Nichts da,“ rief Opitz,„das Lied ſtichelt auf Infan⸗ terie und Cavalerie und ich bin doch ſelber Huſar geweſen, das iſt kein rechtes Kameradenlied, wir brauchen morgen Einer den Andern, pereat das Lied!“ „Pereat!“ rief der ganze Kreis. „Meinethalben pereat,“ rief Vulpius ärgerlich.„Ihr habt's aber oft genug gegröhlt und es macht Euch wenig Ehre, daß Ihr Euern Stand nicht zu ſchätzen wißt. So wollen wir denn meinethalben ſingen: „Bei Roßbach iſt ein Haufen Franzoſen fortgelaufen, Falleri, Fallera, Hopp, hopp, ſa, ſa, Sie muͤſſen ſich verſchnaufen.“ „Silentium!“ donnerte Feuerſenger im Contra C zwei und dreißig Fuß,„Deine Reihe iſt vorbei und überdies haſt Du eine Stimme zum Vorſingen wie die alten Wei⸗ ber in Berlin in der Spittelkirche. Opitz muß jetzt ein Lied anfangen.“ 3 „Ja, anfangen will ich wol,“ rief Opitz,„aber es iſt eine ſchlimme Geſchichte, ich habe lauter andere Lieder wie Ihr, die Ihr nicht ordentlich könnet, und ich ſitze auch gleich beim dritten Vers feſt und muß mich beſinnen. Wie wär' es aber mit dem Liede:“ „Ihr Preußen laßt die Fahne wehn Und Eure Waffen blitzen! Seht Ihr am Wald die Feinde ſtehn“— — — 119— „Das iſt mein' Seel' ein prächtig Lied,“ unterbrach Feuerſenger,„aber es kann es Keiner von uns bis ans Ende und ein Lied muß ausgeſungen werden.“ „Freilich, aber ich habe es Euch ja ſelbſt geſagt,“ be⸗ merkte Opitz und zuckte die Achſeln;„das hat mir meine Großmutter ſchon prophezeiht, denn die ſagte: Junge, Du bekömmſt einen rothen Bart, aber die Rothbärte ſind ſchlechte Sangvögel, Dir werden die Lieder ſtets in der Kehle ſtecken bleiben.— Nun, Feuerſenger, jetzt ſtimme Du ein Kernlied an.“ Feuerſenger ſtand auf und reckte ſeine Rieſengeſtalt, die von der Flamme ſeltſam beleuchtet wurde, hoch empor; dann erhob er ſeine Löwenſtimme und begann mit einem Tone, der über das ganze Lager hinſchallte: „Wer nicht bei Prag gefochten hat, Der weiß von keiner Schlacht. Da trank das Feld in Blut ſich ſatt, Der Tag war gleich der Nacht. Die Sonne ſchwand in Rauch und Dampf, Bald hin bald her waͤlzt ſich der Kampf, Kanonendonner, Trommelſchall Und rings ein grauſer Leichenwall. Den Bravſten war der Tag zu heiß, Sie hielten nicht mehr Stand. Da nahm der edle Loͤwengreis Die Fahne ſelbſt zur Hand—“ „Nein, nein, Kinder,“ unterbrach Werden den Geſang. „Das Lied iſt wunderſchön, aber zu traurig! Heute brau⸗ chen wir etwas Friſcheres. Nichts von Prag, wo unſer Vater Schwerin fiel. „Und Grützner!“ murmelte Vulpius halb ſeufzend vor ſich hin. — — 120— „Ich will Euch ſelbſt ein Lied vorſchlagen. Wollt Ihr? 2 ten. „Ein lauter Jubel erhob ſich im Kreiſe der Solda⸗ „Es lebe unſer Herr Hauptmann!“ rief Feuerſenger, und Alles ſtimmte mit lautem Rufe ein, ſodaß es lange dauerte, bis die Nuhe endlich hergeſtellt war. Jetzo be⸗ gann Werden mit muthig funkelndem Blick, indem er ſich höher emporrichtete und den Becher gefüllt in der Re chten hielt: „Die Erde erdroͤhnet vom Waffenklang, Zum Kampfe ſtroͤmen die Scharen; Doch uns wird das treue Herz nicht bang Im Sturm und Drang der Gefahren; Uns ſtrahlt eines ewigen Sternbilds Pracht unerloͤſchlich in dunkelſter Wetternacht. Von der Donau her wallt der Voͤlker Troß, Der Kroat, der Pandur wird geworben; Der ſtolze Ungar zaͤumet das Roß, Ihr waͤhnt uns vertilgt und verdorben. Ihr Thoren, Ihr kennet den Lowen nicht, Erzittert, wenn er in die Heerde Euch bricht. Es kamen die Franken wol uͤber den Rhein, Sie traͤumten von luſtigen Siegen; Da bricht's wie ein tobendes Wetter herein, Daß die Scharen zerſtieben und fliegen. MNiichts half Euch der glatte, der zuͤngelnde Witz, Bei Roßbach traf Euch des Rächenden Blitz. Aus Aſiens Steppen, vom Kaukaſus, Vom ſchwarzen und weißen Meere; Vom Don und Onieper und Wolgafluß Da nahen die wimmelnden Heere. Zuruͤck! Eh' der Strom Euch entgegen dringt, Mit brauſender Wog' Euch Alle verſchlingt. — 121— Wer raubt die Geſtirne vom Himmelszelt? Wer wirft den Loͤwen in Ketten? Wer vermag's, wenn er zuͤrnend niederfaͤllt, Vor dem flammenden Blitz ſich zu retten? Wer ſchmiedet das Band um die tobende Flut, Wenn ſie uͤberbrauſt mit verheerender Wuth? Ihr ſchreckt uns nicht, Ihr beſiegt uns nicht, Ihr zahlloſen Feindesheere; Denn droben im guͤldenen Sternenlicht Unvergaͤnglich ſtrahlt Friedrich's Ehre*). Dort prangt im funkelnden Sonnenglanz Des Ruhmes ewiger Lorberkranz. Der Adler dringt durch der Luͤfte Bahn Auf maͤchtig gebreiteten Schwingen, Zur Sonne ſtuͤrmt er verwegen hinan, Den goldenen Preis zu erringen. Ihn ſchrecken nicht Tiefen, ihn ſchrecken nicht Hoͤhn, Das unſterbliche Ziel nur vermag er zu ſehn. Deer ganze Kreis hatte mit Begeiſterung bis zum Schluß mitgeſungen und konnte den Augenblick kaum erwarten, wo Werden bei der letzten Zeile aufſtand, den Becher hoch emporhielt und mit lauter, erhobener Stimme rief:„Es lebe unſer großer König!“ Alle ſprangen mit auf, und des Jubels und Vivatrufens war kein Ende. Werden aber gebot endlich Ruhe und ſprach:„Nun, Freunde, laßt uns an den Schlaf denken. Nachdem wir unſern Kö⸗ nig leben laſſen, gibt es keinen höheren Trinkſpruch mehr für uns; drum wollen wir enden, damit wir morgen, wenn es gefordert wird, auch Kräfte haben etwas für *) Bekanntlich fuͤhrt ein Sternbild dieſen Namen. Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. IV. 6 — 122— Den zu thun, den wir ſo hoch verehren. Gute Nacht. Gehe jetzt Jeder in ſein Gezelt, um drei Uhr wird aufge⸗ brochen.“ So trennten ſich die Kameraden nach einer freudig ver⸗ lebten Stunde und ſahen, durch die Freude erquickt, dem Ernſt der kommenden Tage heiter entgegen. Siebentes Capitel. Der König war in der Nacht vom 10ten zum ten Auguſt bei den Dörfern Reitwein und Oetſcher über die Oder gegangen. Am llten Mittags bezog er ſein Lager bei Biſchofsſee. Am folgenden Morgen beſchloß er den Feind in ſeiner verſchanzten Stellung auf den Höhen bei Kunersdorf anzugreifen. Noch vor Tagesanbruch marſchirte er mit dem Hauptheere treffenweiſe links ab und ließ nur die Generale Fink und Schorlemmer auf dem rechten Flü⸗ gel ſtehen, welche den Auftrag erhielten durch Scheinanſtal⸗ ten zum Angriff dem Feinde die Vermuthung beizubringen, man werde ihn von dieſer Seite angreifen, während der König beabſichtige, ſich durch den vor Biſchofsſee gele⸗ genen Wald und dann durch die Walchhaide und die Kunersdorfer Haide in verdeckten Märſchen bis in die Flanke und den Rücken des ruſſiſchen Lagers heranzuziehen, umm dort den wahren und hauptſächlichſten Angriff zu un⸗ ternehmen. Als der Tag anbrach, befand ſich Werden mit ſeiner Batterie ſchon auf dem Marſche im Walde; des dichten — 123— Gehölzes und tiefen Sandes wegen rückte man, zumal da eine zwölfpfündige Batterie voranmarſchirte, nur äu⸗ ßerſt langſam vorwärts. Plötzlich ſtockte der Zug; die Spitze deſſelben mußte an ein unvorhergeſehenes Hinderniß geſtoßen ſein. Ein Adjutant ſprengte an der Seite ent⸗ lang, um vor zu kommen. Im Vorüberreiten rief ihm Werden, der ihn kannte, einen guten Morgen zu.„Gu⸗ ten Tag, Hauptmann Werden,“ erwiderte dieſer; es iſt mir lieb, daß ich Sie ſehe. Haben Sie ſchon die Briefe für Ihre Batterie erhalten, die geſtern Abend aus Berlin gekommen ſind?“ „Nein.“ „So bitte ich Sie, ſchicken Sie nur einen Unteroffizier zum Oberſten, dort ſind ſie; er hält nicht zweihundert Schritt von hier, da wo die Schonung anfängt.“ „Das will ich,“ rief Werden dem weiter Reitenden nach. „Es iſt immer gut, daß wir ſie heute leſen. Morgen möchte es für Manchen zu ſpät ſein,“ ſetzte er gegen Holm ge— wandt hinzu. Feuerſenger erhielt den Auftrag die Briefe zu holen. Er brachte ſie nach wenigen Minuten, da die Batterie noch immer halten mußte. Es war einer für Holm dabei, den dieſer ſogleich las. Auch Werden hatte zwei Briefe, die, jedoch nicht eben wichtigen Inhalts zu ſein ſchienen. Nach⸗ dem er ſie durchflogen, wendete er ſich zu Holm mit der. Frage:„Nun, was erfährſt Du Neues?“— Aber das letzte Wort ſtockte ihm auf der Lippe, als er den Freund ins Auge faßte, ihn leichenblaß und große Thränen über ſeine Wangen rollen ſah.„Gott im Himmel, was iſt Dir?“ rief er beſtürzt und griff nach ſeiner Hand.„Haſt Du eine Unglücksnachricht empfangen?“ Holm zitterte heftig, ſeine Bruſt flog, er vermochte 8 6* 5 — 124— nicht zu antworten. Plötzlich ließ er die Zügel ſeines Pfer⸗ des ſinken und faßte den Freund mit beiden Händen krampf⸗ haft an, indem er das Haupt gegen ſeine Bruſt drückte. „Alles, Alles hat eine Minute mir geraubt, rief er endlich tief aufathmend; dann richtete er ſich empor und drückte die Hände vor die Stirn, daß ihm der Hut auf den Bo⸗ den fiel. Vulpius ſprang darnach und hob ihn auf, be⸗ hielt ihn jedoch ſchweigend, und ehrerbietig in der Hand, da er ſah, daß Holm nicht daran dachte ihn wieder zu ver⸗ langen.—„Ich denke, ich bin ein Mann,“ ſprach er nach einigen Sekunden,„aber das iſt zu viel. O Werden! Warum fängt die Schlacht mit den Ruſſen nicht in dieſer Minute an! O Gott, o Gott!“ Hier rang er verzweiflungs⸗ voll die Hände und neue Thränen benetzten ſein bleiches Angeſicht. „Lieber, faſſe Dich,“ bat Werden bewegt, theile Dei⸗ nen Schmerz mit Deinem Freunde, erleichtere Deine Bruſt durch ein Wort des Vertrauens.“ „Da lies den Brief,“ rief Holm und reichte ihm den⸗ ſelben, den er noch immer heftig in der Hand zuſammenge⸗ drückt hielt, hin, zog aber plötzlich wieder zurück und ſprach: „Nein, Du ſollſt ihn nicht leſen, ich will Dir's ſelbſt ſagen; ich will ſehen, ob ich Mannes genug bin, ſolche Worte über meine Zunge zu bringen. Ein Streifcorps der Ruſſen hat meines Vaters Gut beſetzt, er ſelbſt iſt als Geißel weggeführt; das Schloß und Dorf ein Aſchenhau⸗ fen, mein alter Lehrer, meine Schweſter— und— und— meine Geliebte! Verſchwunden— getödtet— gemishandelt— was weiß ich!— O warum riißt nicht jetzt eine Kanonen⸗ kugel auch Dich von meiner Seite, damit ich ausrufen kann: ich habe nichts— nichts— nichts mehr auf der Welt!“ Die letzten Worte ſtieß Holm mit der gewaltſamſten 4— 125— 4 Anſtrengung heraus, dann ſank er kraftlos zuſammen, ſchlug die Arme um den Nacken des Freundes und barg das Angeſicht an ſeiner Bruſt. Werden war im Tiefſten erſchüttert; er hatte keine Worte, keine Thränen, das Ge⸗ ſchick des Freundes hatte ihn mit einem ſchauerlichen Grauen durchdrungen. Nur feſter und feſter drückte er ihn an ſich und küßte ſeine Stirn. „Die Batterien ſollen Kehrt machen, es iſt im Walde nicht durchzukommen,“ rief der zurückſprengende Adjutant mit lauter Stimme,„ſogleich Kehrt und denſelben Weg zurück marſchiren.“ Dieſer Befehl riß die Freunde auseinander, denn das unbeugſame Geſetz des Dienſtes machte ſich geltend. Es war eine unerkannte Wohlthat für ſie, denn in der ſtren⸗ gen Uebung der Pflichten, im kräftigen Reich der That findet der Mann ſich ſelbſt wieder und aus ſeiner fördern⸗ den Wirkſamkeit quillt ihm ein unſichtbarer Troſt. Werden nahm ſogleich die dienſtliche Haltung an und ritt die Batterie entlang, um zu überſehen, auf welche Weiſe er am beſten umkehren könne. Vulpius gab dem ſich wieder emporgerichteten Holm den Hut zurück und ſprach gutmüthig zuredend:„Nur Muth gefaßt, Herr Junker, Got⸗ tes Troſt und Schutz ſind uns überall nahe.“ Holm glaubte in ſeiner halben Betäubung, Vulpius wollte ihm Muth zur Schlacht einſprechen, und nahm daher eine trotzige Haltung an, indem er ſich den Hut feſt in die Stirn drückte.„Muth!“ rief er halb fragend;„was denkt Ihr, Vulpius! Wir haben Nuſſen gegenüber,“ ſprach er mit knirſchender Erbitterung,„und Muth, Muth! Jetzo reut mich's, daß ich nicht Huſar geworden bin, wo ich ihnen ſel⸗ ber mit dem Säbel in der Fauſt nahe kommen könnte!— An Euer Geſchütz, Feuerwerker Vulpius!“ — 126— Werden kam zurückgejagt und rief: Junker Holm, laſ⸗ ſen Sie Ihre Geſchütze einzeln Kehrt machen, rechts oder links, wie es das Terrain erlaubt. Es iſt nicht überall herum zu kommen.“ Holm befolgte den Befehl. Das erſte Geſchütz konnte eben noch wenden, aber das zweite hatte rechts einen Erd⸗ abſturz und links war das Holz ſo dicht, daß die Protze nicht herumfahren konnte.„Wir werden die Pferde los⸗ hängen müſſen, Herr Junker,“ rief Opitz;„dort vor uns, bei der zwölfpfündigen Batterie, machen ſie es ebenſo, und dann wird es doch noch Kunſt koſten die Protze her⸗ umzuſchaffen.“—„Ihr habt recht, Opitz,“ entgegnete Holm und gab den Befehl zur Ausführung.„Angepackt, Jun⸗ gens!“ ſchrie Opitz,„protzt ab! Hier ſind wir auf dem Exercierplatz, alſo vergeßt mir nicht ordentlich in die Räder zu packen, wie ſich's beim Abprotzen zum Avanciren gehört. Greift die Knochen an, hier iſt der Sand beinahe ſo tief, wie auf unſerm Wedding vor dem Oranienburger Thore. Holla he, zoppt mir mit der Protze weiter zurück, Ihr bringt ſonſt die Deichſel nicht durch die Fichten! Stellt Euch doch nicht an wie die Rekruten, die nicht eher etwas merken, als bis ihnen ein Mortierklotz auf die Naſe fällt.“ Der Befehl zum Umkehren hatte in einem Augenblick eine ſcheinbare Verwirrung in der ganzen Colonne erzeugt, denn ringsher hörte man ſchreien und fluchen, das Schnau⸗ ben der Pferde, das Krachen umgebrochener junger Bäume und das Raſſeln und Klirren der Ketten und ſonſtigen Eiſenge⸗ räthe an den Geſchützen, dazu ritten Adjutanten hin und wieder und brachten Befehle her und zurück. Auch der König ſprengte durch den Wald vor, um ſich von den Hin⸗ 4 derniſſen, die den Marſch ſtörten, näher zu unterichten. „Das iſt ein unangenehmer Vorfall,“ ſprach Werden — 127— leiſe zu Holm,„der uns um eine gute Stunde aufhalten kann, des Umweges nicht zu gedenken. Wie ich höre, iſt die Tete des linken Flügels an mehre Seen im Walde ge⸗ rathen, wo man nicht weiter vorrücken kann. Es iſt ſchlimm, daß man das Terrain nicht genauer gekannt hat. Der Tag wird heiß werden, und in dem tiefen Sande er⸗ ſchöpfen ſich Pferde und Leute ohne Noth, bevor wir den Feind zu ſehen bekommen.“ Es war indeſſen ſo weit gekommen, daß man die rück⸗ gängige Bewegung antreten konnte. Endlich nahm der noch eine Zeitlang ſchwankende Marſch wieder eine feſte Richtung an; doch war es zehn Uhr Vormittags geworden, bis die Armee im Walde völlig aufmarſchirt ſtand. Jetzt trat ein feierlicher Moment der Stille ein, denn Jeder ahnte, die Schlacht müſſe in der nächſten Stunde beginnen. Die Sonne brannte heiß herab; ein harziger Geruch erfüllte die Luft; man hätte glauben ſollen, die dürren Kiefern und Fichten würden ſich in dieſer glühenden Hitze von ſelbſt in Brand ſtecken. Fünf Stunden hatte der Marſch bereits gewährt; der Schweiß ſtand in ſchweren Tropfen auf dem gebräunten Antlitz der Krieger; doch blickten ſie noch mit muthig funkelnden Augen ihren großen König an, der von vielen Generalen umgeben, an der Fronte hinunter und dann gegen den Ausgang des Waldes vorritt, muthmaßlich um die Stellung des Feindes, den man von dem Wald⸗ ſaume aus entdecken mußte, zu überſehen. Jetzt kam der Befehl, in gerader Front vorzurücken, was das lichter ge⸗ wordene Gebüſch ohne erhebliche Hinderniſſe geſtattete. Al⸗ len ſchlug das Herz unruhiger in der Bruſt; denn dieſer Befehl bewies, daß man binnen kurzem den Feind von Angeſicht zu Angeſicht gegenüberſehen würde. Unfern von dem Saume des Gehölzes wurde wieder Halt gemacht und man harrte in geſpannter Erwartung abermals faſt eine Stunde. Da tönten endlich vom rechten Flügel her durch die feierliche Vormittagsſtille mehre Kanonenſchüſſe, deren Widerhall ſich ſauſend durch den Wald fortpflanzte. Alles horchte auf; ein dumpfes Gemurmel lief durch die Glieder; unwillkürlich nahm der Soldat eine ſtrengere Haltung an, fühlte nach ſeiner Waffe und warf ſpähend forſchende Blicke nach der Gegend, woher das Signal zum Kampfe ertönt war. „Siehſt Du, wo dort der Rauch ſo weiß durch die Fichten zieht?“ fragte Vulpius und wandte ſich zu ſeinem Nachbar Opitz, indem er mit der Hand hinüber deutete. „Freilich ſeh' ich's,“ erwiderte dieſer;„ich wollte nur der Tanz ginge erſt bei uns los! Doch was iſt denn das, ſie halten ja ſchon wieder das Maul? Sollten ſie zur Unzeit geplaudert haben? Aber horch, jetzt kommt die Antwort.“ Wirklich hörte man aus der Gegend, wo man den Feind vermuthete, einige dumpfe Schüſſe. „Aha!“ rief Opitz,„die ſingen einen andern Baß, zu dem eine weitere Gurgel gehört! Was meinſt Du, Vulpius, was für eine Art van Vogelflinten die da drüben führen? Ich glaube immer, das Mundloch der Flöte, worauf ſie blaſen, hat zwiſchen ſechs und ſieben Zoll im Durchmeſſer.“ „Du haſt recht, erwiderte Vulpius,„der Kohlkopf, der in dem Keſſel gekocht wird, wiegt wenigſtens vierund⸗ zwanzig Pfund. Sieh, ſieh, ſieh! ich glaube wahrhaftig, ſie ſchicken uns eine Probe bis hieher.“ Dabei zeigte er mit der Hand vorwärts in den Wald hinein, wo das geübte Auge des Artilleriſten ſogleich eine in matten Sprün⸗ gen herankommende Granate erkannte, die einige Baum⸗ zweige herunterſchlug und dann etwa hundert Schritt vor M 129— der Batterie liegen blieb, während der Zünder noch brannte und rauchte. „Der Zünderſatz iſt zu faul,“ bemerkte Opitzz„wenn wir uns vor der Pille fürchteten, hätten wir Zeit, uns alle zu Bett zu legen, ehe ſie krepirte. Können die ruſſiſchen Oberfeuerwerker keine beſſern Zünder ſchlagen, ſo thäten ſie wohl daran, ihr Laboratorium zum Branntweinsladen zu vermiethen; das Geſchäft verſtehen ſie aus dem Grunde.“ „Was willſt Du vom Zünderſatz?“ rief Vulpius,„er iſt ja ſchon ausgebrannt; das ſiehſt Du an dem dünnen Rauch. Der ganze Farſch taugt den Teufel nicht. Ich will nicht Vulpius heißen, wenn ich die Granate nicht ohne Furcht unter dem Hut forttrage wie meine Tabaksdoſe. Ich glaube, ſie iſt mit Mandeln und Roſinen gefüllt, ſtatt mit Pulver und geſchmolzenem Zeug.“ „Du kannſt ja einmal koſten!“ lachte Opitz. „Wir wollen ihnen lieber von unſern Speckklößen zu koſten geben, die ſollen ihnen anders im Magen liegen,“ antwortete Vulpius und deutete auf ſeinen Laffettenkaſten; „da in der Schachtel habe ich eine Probe.“ „Stillgeſtanden! Richtet Euch! Gewehr auf!“ tönte das Commando durch den Wald; die Infanterie ſtand wie eine Mauer und der Glanz der Gewehrläufe und Bajonnette zuckte wie ein ſilberner Blitz durch den Wald hin, als ſie ſich auf das Commando: Marſch! in Bewegung ſetzte. „Batterie— Marſch!“ commandirte auch Werden. Man rückte in geſchloſſener Linie vor. Ein Adjutant ſprengte vom rechten Flügel herbei.„Herr Kamerad,“ rief er Werden an,„ich bringe Ihnen den Befehl des Oberſt Moller, mit Ihrer Batterie ſchleunigſt auf der Anhöhe hier an der Waldecke zur Rechten aufzufahren, von wo Sie das 6**† A ———————-—— — 130— feindliche Lager ſehen und in der Flanke beſchießen können. Sie werden dort bis auf Weiteres Poſition nehmen.“ „Sehr wohl! Batterie— Marſch! Trab!“ Die Kanonen raſſelten durch den Wald. In wenigen Minuten erreichten ſie die freie Anhöhe, von der man das ganze Feld und das Lager der Ruſſen überblickte. Es hielt bereits eine andere Batterie, die ſchon abge⸗ protzt hatte, auf dem rechten Flügel der Höhe.„Bat⸗ terie— halt! Protzt ab! Mit Kugeln geladen!“ comman⸗ dirte Werden. Man hatte den Feind vor ſich. Doch waren ſeine be⸗ feſtigten Linien über ſechszehnhundert Schritt, ſo ſchien es, ent⸗ fernt.„Es ſoll nicht eher gefeuert werden, bis Befehl dazu kommt,“ meldete der Atjutant. Die Kanonen wurden indeſſen genau gerichtet, und Aufſatz auf ſiebzehnhundert Schritt genommen; die Leute ſtanden am Gehölz, gewärtig jeden Augenblick die furchtbare Thätigkeit zu beginnen. Holm hielt ernſt, blaß, aber trotzigen Angeſichts zwiſchen ſeinen Kanonen.— Werden war nach der Windſeite der Batterie vorgeritten, um einen freiern Ueberblick zu haben. Er ſah, daß etwa achtzehnhundert Schritt zur Rechten auf einer Anhöhe, es war der Trettiner Spitzberg, ebenfalls eine Batterie aufgefahren wurde, die zum Corps des Gene⸗ ral Fink gehörte; zur Linken war daſſelbe in gleicher Weite der Fall. Von drei Seiten alſo wollte man die durch Schanzen gedeckten Batterien auf dem linken Flügel des ruſſiſchen Lagers beſchießen. Die Anſtalten waren furchtbar; doch hatte der Feind eine Maſſe von Kanonen und Hau⸗ bitzen aufgefahren, die noch um das Doppelte ſtärker war. Jetzt kam der Befehl des Königs, das Feuer zu eröffnen. Ein Augenblick lautloſer Stille trat ein, der in jeder, auch der tapferſten Bruſt den Athem verſetzte. Es war jene — BI— Schwüle, jener ängſtliche Druck vor dem Gewitter, bevor Sturm, Blitz und Donner ausbrechen. Batterie! Feuer! Ein donnerndes Krachen zerriß die Lüfte: der er⸗ fchütterte Boden bebte unter den Füßen, dichtes Dampf⸗ gewölk verſchlang die Sonne; der Widerhall ſauſte hohl in den weiten ſtillen Räumen des Waldes nach. Einen Augenblick darnach ſchienen auch die beſetzten Hügel zur Rechten und Linken gleich Vulkanen aufzuberſten und Rauch und Flammen zu ſpeien, und der rollende Donner wälzte ſich mächtig durch die glühende, ſtille Mittagsluft herüber. „Das iſt der Klang, mit dem die ehernen Würfel der Schlacht gerüttelt werden,“ ſprach Werden zu Holm. „Das Herz wird mir leichter dabei,“ erwiderte dieſer finſter;„der Feind iſt mir zu weit. Ich wollte nur wir wären erſt mitten im Getümmel!“ In dieſem Augenblick flammte es ihnen gegenüber im feindlichen Lager hell auf und urplötzlich lag ein graues Wol⸗ kengebirge auf den Höhen, aus dem hundert Blitze zugleich zuckten; drei Sekunden ſpäter brachen die rollenden Donner durch die Lüfte herein und wenige Augenblicke darauf wurde der Boden mit Kugeln und Granaten bedeckt, daß er wie durch ein Erdbeben ſchwankte. Staub und Erdſchollen wurden hoch emporgeſchleudert, die Zweige krachend von den Bäumen geriſſen, junge Fichtenſtämme lötzlich wie Meiſig geknickt und zerſplittert. „Holla!“ rief Opitz,„ſie verſtehen unſere Sprache und antworten deutlich!“ „Sapperment,“ ſtimmte Vulpius ‚ein,„das Sprich⸗ wort wird wahr, wie man in den Wald hineinſchreit, ſchallt es wieder heraus!“ „Verlangſt Du, die Ruſſen ſollen mit Caviar laden?“ 8 — 132— ſprach Opitz lachend;„wir werfen ſie juſt auch nicht mit Zuckerwerk.“ „Preußiſche warme Pfannkuchen!“ rief Peuerſenger vom dritten Geſchütz lachend mit lauter Baßſtimme und alle ſeine Leute ſtimmten mit ein. „Batterie! Feuer!“ commandirte Werden ruhig und die zweite wohl gerichtete Lage ſauſte durch die Lüfte. Ein friſcher Wind erhob ſich und jagte den Rauch ſeit⸗ wärts, ſodaß man die Wirkung der Geſchütze ſehen konnte. „Ihr habt gut gerichtet,“ rief Werden freudig,„ſie ſtürzen, daß man den blauen Himmel hinter ihren Colonnen ſieht. Da geht eine Protze in die Luft!“ Seine Worte wurden durch eine zweite Lage der ruſſi⸗ ſchen Batterie unterbrochen.— Von nun an folgte Schlag auf Schlag. Der Donner ließ nicht mehr ab, die Kugeln und Granaten ſchlugen mit zerſchmetternder Kraft ein. Räder und Achſen ſplitterten, Todte und Verwundete ſtürzten nieder, überall Getümmel, Geſchrei und gewaltige Arbeit des Kampfes.— Holm hielt finſter und ſtill wie das Grab in dem tobenden Gewühle. Sein Auge war nur auf den Feind geſpannt, die Verwüſtung um ſich her bemerkte er nicht. Doch leitete er kaltblütig das Feuer ſeines Zuges. Plötzlich krachte es hinter ihm; er wandte das Pferd raſch herum. Eine Kugel war in einen Protz⸗ kaſten geſchlagen und dieſer flog auf wie eine ſpringende Mine; das zerſplitterte Holz und die Kugeln praſſelten auf allen Seiten auseinander und durchfuhren die Luft mit Ziſchen und Sauſen. Die Stangenpferde lagen zerriſſen am Boden, von dem Reiter war nichts mehr zu ſehen, das Mittelpferd wälzte ſich zuckend in den verworrenen Strängen und über ſeinen Reiter hin. Die Vorderpferde 2 auf den Mühlbergen mit Sturm zu nehmen. Unter Trom⸗ — 133— bäumten ſich wild empor, ſodaß ihr Führer ſie kaum zu bändigen vermochte. „ Schirrt die gefallenen Pferde ab, ordnet die Stränge!“ befahl Holm. Opitz, der das Geſchütz befehligte, machte ſich mit ſeiner Reſervemannſchaft ſogleich an die Arbeit und riß den Mittelreiter unter ſeinem verwundeten, ſich wälzen⸗ den Pferde heraus.„Lebſt Du, Wermann? Biſt Du verwundet?“— „Die Knochen ſinh mir ein bischen gequetſcht von meiner armen Lieſe,“ antwortete der Artilleriſt und rüttelte ſich zurecht.„Ja, die werd' ich ſchwerlich wieder reiten.“ „Lauf ſo raſch Du kannſt und ſetz' Dich auf ein Re⸗ ſervepferd, das wollen wir hier einſpannen, denn die Achſe und die Räder ſind zum Glück noch haltbar,“ erwiderte Opitz.„Laß anziehen, Dietrich, daß wir von dem Gaul wegkommen,“ rief er dem Spitzreiter zu,„ſonſt reißt er uns noch Alle nieder.“— Das Thier überſchlug ſich noch einmal in krampfhafter Zuckung, dann lag es ſtill. Während das Geſpann wieder in Ordnung gebracht wurde, dauerte das Feuer fort und wurde mit jeder Mi⸗ nute heftiger. Die Ruſſen bemühten ſich vorzüglich einen Verhau in Brand zu ſetzen, der ſich am Fuße des Hügels, auf dem die preußiſchen Batterien ſtanden, befand. Sie warfen einen Hagel von Granaten hinein, bis das dürre Gezweig endlich in hellen Flammen aufpraſſelte. In dieſem Augenblick zeigte ſich der König zu Pferde auf der Höhe; er warf ſein Feldherrn⸗Auge in das Ge⸗ tümmel der Schlacht und ertheilte den Generalen, die ihm zunächſt waren, Befehle. Gleich darauf gingen der Gene⸗ ral Schenkendorf und der General Lindſtädt, jeder mit vier Bataillonen vor, um die feindlichen Batterien gegenüber — 134.— melwirbel mit Staub und Dampf umgeben, eilten die tapfern Preußen von der Höhe in den Grund hinab, um die Anhöhen jenſeits zu erſteigen.— Die Batterien ver⸗ doppelten jetzt die Schnelligkeit ihres Feuers; die feindli⸗ chen, um die Stürmenden zurückzuwerfen, die preußiſchen, um ihnen den Angriff zu erleichtern. ſprach Werden zu Holm, „Der Sturm wird gelinge „die ruſſiſche Verſchanzung iſt ſe den Grund nicht beſtreichen. ind unſere Leute ſchon unterm Schuß und wir können immer feuern, ohne ihnen Schaden zu thun,/,.“ „ Daß ich unter den Stürmenden wäre!“ rief Holm ſchmerzlich wild und drückte die Zähne zuſammen. „Huſſaſſah! Brave Jungens!“ ſchrie Feuerſenger ju⸗ belnd auf, als er die Infanterie ſo muthig gegen die Höhen zueilen ſah.„Die kehren nicht um drüben, wenn die Haubitzen ihnen den Rachen auch noch ſo weit aufſperren. Geſchütz— Feuer! Rührt die Knochen, Kameraden! Wir müſſen die ruſſiſche Infanterie erſt noch etwas dünner machen!“ Jetzt hatten die Bataillone den Fuß des Hügels erreicht. Man konnte nicht mehr ohne Gefahr für ſie feuern.„Bat⸗ terie Halt!“— erſcholl das Commando. Die Artilleriſten auf ihrer Anhöhe waren nunmehr müßige Zuſchauer des furcht⸗ baren Schauſpiels vor ihnen. Ein lauter Schlachtruf, den die Stürmenden erhoben, theilte die Lüfte und im gleichen Augenblicke ſah man ſie im ſchwärzlichen Gewimmel die Höhen hinanfliegen. So wie ihre Köpfe nur über dem Nande derſelben ſichtbar wurden, begrüßten die ruſſiſchen Geſchütze ſie mit einer Lage von Kartätſchen. gt angelegt, ſie können Hunderte ſtürzten in einem Augenblick, 4 3 doch die Tapfern drangen über die Leichen ihrer Brüder vorwärts. Jetzt feuerte auch die ruſſiſche Infanterie, allein die preußiſche erwiderte das Feuer ſo wirkſam und drang mit ſo unaufhaltſamer Kühnheit immer weiter vor, daß die feindlichen Linien bald ins Schwanken geriethen und end⸗ lich zu weichen begannen. Die Grenadiere ſprangen in die Gräben und Verſchanzungen und trieben den Feind mit Kolbenſchlägen und Bajonnetſtichen heraus; nach einigen Minuten war der ganze linke Flügel der Ruſſen in ver⸗ worrener Flucht aufgelöſt und bedeckte das Gefilde von den Mühlbergen bis nach Kunersdorf. „Victoria!“ rief Opitz,„jetzt iſt die Hauptarbeit ge⸗ than. Wenn wir nun da drüben wären und den Kehraus machen könnten!“ Er hatte kaum ausgeſprochen, als auch ſchon der Be⸗ fehl zum Avanciren kam und die Batterien, ſo raſch ſie es vermochten, der Infanterie folgten, die ſich nunmehr auch mit ihren Hauptmaſſen in Bewegung geſetzt hatte, um den Sieg jener erſten ſtürmenden Bataillone zu unterſtützen. Doch in dem tiefen Sande, zum Theil bergan und bei den durch einen neunſtündigen Marſch bereits erſchöpften Pferden, konnten die Geſchütze nur äußerſt langſam vor⸗ wärts und waren nicht im Stande, dem raſchen Schritt der Infanterie zu folgen. Werden ſprengte voran auf die Höhen der Mühlberge, um im voraus einen Punkt aus⸗ zumitteln, auf welchem er die vortheilhafteſte Stellung mit der Batterie nehmen könne. Welch ein Anblick bot ſich hier ſeinem Auge dar. Die Ruſſen hatten unzählige Ka⸗ nonen ſtehen laſſen, welche in die Hände der Stürmenden gefallen waren. Ihre Leute bedeckten in unordentlichen Maſſen, oft in Haufen, deren Tiefe hundert Mann betra⸗ gen mochte, zuſammengedrängt, die ganze Ebene, die ſich — 136— 8 von den Mühlbergen bis nach Kunersdorf hinunterſenkt. Ein blinder Schrecken ſchien ſich dieſer Krieger bemächtigt zu haben, denn alle Verſuche der Offiziere ſie zu ordnen und zum Stehen zu bringen, waren vergeblich. Die Ba⸗ taillone, welche die ruſſiſchen Batterien geſtürmt hatten, muß⸗ ten ſich jetzt erſt wieder ſammeln, da die feindlichen Kartätſchen ihre Reihen ſchrecklich gelichtet hatten. So entſtand eine augenblickliche Pauſe in der Arbeit des Kampfes, welche die ruſſiſchen Generale benutzten, um Geſchütze und Truppen von ihrem rechten Flügel heranzuziehen und die Schlacht wieder herzuſtellen. Jetzt erſchien Preußens König auf den Anhöhen und ordnete ſelbſt den ferneren Angriff der In⸗ fanterie, welche, da ſie das Angeſicht ihres Heldenführers erblickte, trotz der Erſchöpfung mit neuem Muth vorging und zurückwarf, was ihr der Feind entgegenſtellte. Nur vier Kanonen, wobei Werden einen alten Freund und Kamerad ſeiner frühern Dienſtzeit, den Feuerwerker Tem⸗ pelhof, erkannte, waren herangekommen und unterſtützten 3 den Angriff, indem ſie auf der Höhe Poſition nahmen. „Tempelhof!“ rief Werden aus,„was wäre aus den 4 Ruſſen geworden, wenn jetzt die Cavallerie zur Hand ge⸗ weſen wäre!“ „Oder wenigſtens gehörige Artillerie, wenn auch nur etliche Batterien Dreipfünder,“ erwiderte Tempelhof. Doch ihr Geſpräch wurde durch das Commando: „Feuer!“ unterbrochen, und Werden, der ſeinen Zweck be⸗ reits erreicht hatte, ſprengte zurück, um ſich wieder zu ſeiner Batterie zu begeben. Es begann jetzt der zweite Act des ſchreckenvollen Schauſpiels. Der Feind hatte ſeine Linien wieder herge⸗ ſtellt; ſeine Verluſte an Geſchütz und Leuten konnte er bei ſeiner Ueberlegenheit in der Stärke leicht verſchmerzen. Das — 137— zweite Bollwerk, hinter dem er ſich verſchanzte, war ſtärker als das erſte; denn er hielt die Anhöhen hinter dem nie⸗ dergebrannten Dorfe Kunersdorf beſetzt, und auf einer derſelben, dem Kunersdorfer Spitzberge, im Mittelpunkt ſeiner Stellung befand ſich ein ganzes Arſenal ſchwerer Ar⸗ tillerie, welche durch Wälle und Gräben gedeckt war. Ein etwa ſechzig Schritt breiter Grund, der aber von beiden Seiten äußerſt ſteile Thalränder von doppelter bis dreifacher Mannshöhe hat, der Kuhgrund genannt, beſchirmte die feindliche Stellung der Infanterie gewiſſermaßen wie ein breiter trockner Graben. In der Verlängerung deſſelben nach Kunersdorf und dem Walde hin lag eine Kette von Teichen, die nur ſchmale Durchgänge geſtatteten, ſodaß man daſelbſt nicht in der Front vorrücken konnte. Der König ſprengt von einem Ende des Schlachtfeldes zum andern und ermahnt die Truppen zur Tapferkeit; ſein blitzendes Auge entzündet die Flamme des Muthes in jeder Bruſt. Auf allen Punkten zugleich wird der Angriff un⸗ ternommen. Auf dem rechten Flügel rückt das Fink'ſche Corps im Elsbruch vor, auf dem linken zieht ſich die Infanterie in Colonnen gegen die Teiche und Kunersdorf hinan; doch in der Mitte, an dem tief eingeſchnittenen Grunde, droht der heftigſte Kampf zu entbrennen. Trommeln wirbeln, Trom⸗ peten ſchmettern, der Donner der Kanonen ertönt aufs neue, Rauch und Staub wallen umher und ziehen mit wogendem Gewölk in das Feld. Das preußiſche Fußvolk ſtürzt ſich muthvoll in den Grund hinunter und ſucht den jenſeitigen ſteilen Rand zu erklimmen; doch der Feind hält unerſchrocken Stand und wirft die Heranklimmenden immer wieder in die Tiefe zurück. Dieſe ſetzten die letzten Kräfte daran, allein die furchtbare Arbeit wird noch durch die glühende Nachmittagsſonne des Auguſt erſchwert, deren — 138— verſängende Macht alle Kräfte lähmt. Ein entſeßtliches Würgen beginnt in dieſem Schlund des Todes, den die Stürmenden drängend erfüllen und auf deſſen beiden er⸗ höhten Rändern die Linien der Infanterie, kaum eine halbe Schußweite auseinander, ein mörderiſches Feuer über die Häupter der im Grunde Zuſammengedrängten hinweg gegen einander richten; ganze Reihen ſtürzen, von dem jenſeitigen Thalrande niedergeſchmettert, in die Tiefe der Schlucht hinab, die allmälig zum Bette eines blutigen, unter Feuer und Qualm hinwallenden Stromes wird. Eben ſo vergeb⸗ lich arbeiten ſich die Scharen des rechten Flügels gegen die mit ehernen Feuerſchlünden geharniſchten Anhöhen hinan, welche ihnen den Tod aus hundert brüllenden Rachen ent⸗ gegenſpeien. Auf dem linken Flügel verſucht es die Infan⸗ terie jetzt durch das enge Gewinde der Wege zwiſchen den Teichen beim Dorf hindurchzugehen; doch die Batterien von der Höhe des Spitzberges ſchleudern ſolche Maſſen Eiſen in ihre Glieder, daß ſie endlich dem überwältigenden Schrecken weicht. Der König ſprengt gleich dem lenkenden Gott der Schlachten mitten durch Rauch und Staub und feuert ſeine Getreuen zu erneuertem Muthe an. Er gebietet der Ca⸗ valerie zwiſchen den Teichen hindurch zu gehen, ſich, jenſeits zu ordnen und den Feind im Rücken anzugreifen. Der tapfere Seidlitz und der Prinz von Würtemberg ſprengen mit ihren Reitern hindurch. Sie müſſen ſich durch einen brauſenden Höllenſtrom von Kugeln und Kartätſchen arbei⸗ ten; dennoch gewinnen die Verwegenen das jenſeitige Ufer. Doch hier erneuert ſich die herkuliſche Arbeit und die eherne Woge wälzt mit verdoppelter Wuth gegen ſie heran und droht ſie zu verſchlingen. Da tritt der in dampfendes Ge⸗ wölk gehüllte Gott des Schreckens plötzlich unter ſie und zeigt ihnen ſein entſetzliches Antlitzz ein nie gekanntes — — — 139— Grauen durchzittert das Mark dieſer kühnen Krieger; blin⸗ der Wahnſinn ergreift ſie, ſie ſtürzen hinweg in verworre⸗ ner Flucht! Werden hielt mit ſeiner Batterie auf einem Hügel, jenem furchtbaren Berge gegenüber, der die Werkſtätte der Hölle zu ſein ſchien. Die Hälfte ſeiner Geſchütze war zerſchmet⸗ tert, ſeine Leute und Pferde um ein Drittheil geſchmolzen, Holm durch eine Kartätſchenkugel am linken Arm verwundet, Opitz blutete; doch Keiner wollte aus dem Gefecht weichen. Mit einem ahnungsvollen Grauen warf Werden den Blick in dieſes Gewoge des Todes und des Entſetzens hinein. Da endlich gelang es der Kühnheit des Fußvolks, die blutge⸗ tränkte Schlucht mit ſtürmender Gewalt zu nehmen und den Feind zu werfen. Unaufhaltſam brauſen jetzt die Scha⸗ ren über das Schlachtfeld hinweg; das Gefühl des Sieges gibt den Erſchöpften neue Kraft. Die Cavalerie ordnet ſich wieder, die Artillerie rückt vor, das Feuer des Feindes ſchweigt, ſeine Batterien werden genommen. Der König, dem römiſchen Cäſar gleich, reitet ſtolz und freudeblickend durch die Reihen und ſendet die Sieges⸗ boten nach der Hauptſtadt ab, die die Nachricht von hun⸗ dert erbeuteten Kanonen und zahlloſen Fahnen und Tro⸗ phäen verkünden ſollen. Nur noch eine leichte Arbeit iſt übrig, den verworrenen, zur Flucht gewandten Feind völlig zu zerſprengen, und ſeine fliehenden Ueberreſte in das Bett des Stromes, der ihm die Rettung ſperrt, zu jagen. Mit den letzten Kräften dringen die preußiſchen Scharen vor⸗ wärts, als plötzlich ein neuer tiefer Thalgrund ſich vor ihnen öffnet, deſſen jenſeitige Höhen, als wüchſen Waffen und Mannſchaften aus der Erde, mit Kanonen und unüberſeh⸗ baren Scharen gepanzert ſind. Doch ſie ſind nicht furcht⸗ bar; der Schrecken zittert ſchon durch ihre Glieder; die un⸗ — 140— widerſtehliche Heldenkraft des Sieges hat ſie ſchon erſchüt⸗ tert, ehe der dritte Kampf beginnt. Alleein der erbitterte Ehrgeiz ihrer Feldherren zwingt ſie zum Widerſtande; ein neues Morden beginnt, noch blutiger als zuvor. Die preu⸗ ßiſchen Helden ſind durch die gigantiſche Arbeit erſchöpft; kaum haben ſie noch die Kräfte, die ſteilen Anhöhen hin⸗ anzuklimmen. Dennoch verſuchen ſie es mit unüberwind⸗ licher Kühnheit. Da aber ſchlug ihnen plötzlich die Stunde des Verder⸗ bens. Denn gleich einer Gewitterwolke wälzte ſich ein ſchwarzes Gewimmel neuer Scharen durch den Grund her⸗ an. Es waren Oeſtreichs Krieger von Loudon's Liſt und Kühnheit geführt. Sie hatten im kühlen Schatten des Wal⸗ des geruht, während ihre Gegner funfzehn lange Stunden in der Glut des Kampfes und der brennenden Sonne die Kraft ihres Markes erſchöpften. Dieſer neuen Arbeit wa⸗ ren ſie nicht mehr gewachſen. Noch verſuchen es die Kühn⸗ ſten, ſich dem heranbrauſenden Strom entgegenzuſtemmen und ihn wenigſtens zu brechen, wenn ſie ihn nicht zurück⸗ drängen und beſiegen können. Es iſt vergebens. Die Flut überwallt ſie, reißt ſie zurück. Die Vordern ſtürzen ſich auf die Nachfolgenden, die Flucht wächſt reißend wie eine Lawine. Plötzlich, unvermuthet wird das Banner des Sie⸗ ges, das der große König ſchon in ſeinen Händen ſchwingt, ihm von feindſeligen Mächten wieder entriſſen. Wie ein zür⸗ nender Löwe kämpfte er mit dem tückiſchen Gott der Schlachten um den Sieg. Selbſt wirft er ſich den Fliehenden entge⸗ gen, hält ſie auf, ſucht ſie zu ſammeln und greift an der Spitze der kleinen Schar, die ſein Wort erreichen kann, den Feind mit vermeſſener Kühnheit an. Die Getreuen fallen um ihn her; nur ein ſchützender Gott, der ihn mit ſeinem Schilde deckt, vermag den Tod von ſeinem heiligen Haupte — 141— abzuwehren. Seine tapferſten Führer beſchwören ihn auf ſeine Rettung zu denken.„Wir müſſen das Letzte verſuchen, um die Schlacht zu gewinnen, und ich muß hier ſo gut wie Ihr meine Schuldigkeit thun,“ lautet die Antwort des Heldenkönigs und aufs neue wirft er ſich in den Strudel des Kampfes. Zwei Pferde ſtürzen unter ihm; er beſteigt neue Roſſe. Noch einmal iſt es ihm gelungen, eine tapfere Schar zu ſammeln, die er gerade gegen die feindlichen Bat⸗ terien führt, während der unverzagte Seidlitz mit ſeinen Reitern in der Flanke einen letzten Angriff verſucht. Doch dieſer Feldherr wird verwundet und die Seinen, da ſie ihn ſinken ſehen, verlieren die Hoffnung des Sieges und wenden ſich zur Flucht. Der König ſieht Preußens Ruhm und Geſchick am Rande des Abgrundes; entſchloſſen beides zu theilen, reitet er ſtolz gegen den Feind hinan, mögen ſeine Truppen ihm folgen oder nicht. Da wirft eine Kugel ihn nieder; der Schreckensruf:„Der König iſt gefallen!“ ertönt; Offiziere und Krieger ſtürzen herbei; doch ſchon rich⸗ tet ſich der Held wieder empor. Eine Kartätſchenkugel hatte ſeine Bruſt getroffen, aber ein goldenes Beſteck— wol ein goldenes, einzig unſchätzbares Kleinod für Preußen!— brach die Kraft der ermatteten Kugel, ſodaß ſie an der Heldenbruſt, die ſie durchbohren ſollte, liegen blieb. Jetzt erſt entſchloß ſich der ſieggewohnte Friedrich un⸗ willig zur Flucht. Aber faſt war es zu ſpät, denn ſchon hatten die Flügel des feindlichen Heeres ihn auf beiden Seiten überholt, ſchon ſchwärmten die Koſackenhorden wild zerſtreut über das Feld und Laudon's geordnete Reiterei brach in Maſſen in das flüchtige Fußvolk der Preußen ein und begann ein furchtbares Gemetzel. Der König mußte durch einen Hohlweg; wurde ihm dieſer abgeſchnitten, ſo war er in der Gewalt des Feindes. Kaum ſchien es mög⸗ lich ihn zu erreichen, doch der Rittmeiſter von Prittwitz ſchloß ſich mit hundert Huſaren ſeinem Könige an und, da dieſer bei der ſcheinbaren Unmöglichkeit der Rettung und im tiefſten Schmerz über das Unheil des Vaterlandes aus⸗ rief:„Prittwitz, ich bin verloren!“ erwiderte er aus preu⸗ ßiſcher Heldenſeele:„Nein, Ew. Majeſtät, ſo lange noch ein Athemzug in uns iſt, nimmermehr!“ Mit lebensverach⸗ tender Kühnheit ſtürzte dieſe kleine Schar ſich angreifend der feindlichen Uebermacht entgegen und warf ſie zurück, jetzo rechts vom Wege, jetzo links, bald hier, bald dort, wie im Vogelflug das Gefilde kreuzend. So brach ſie dem Könige Bahn und ihr bleibt der ewig unbeſtreitbare Ruhm: Preußens großen Beherrſcher aus dieſer Drangſal gerettet zu haben. 98 Achtes Capitel. Alle Schrecken des Rückzuges, Erſchöpfung, Verwir⸗ rung, falſch verſtandene Befehle, ungünſtige Auswege, tra⸗ fen das ſonſt ſo tapfere, geordnete Heer. Ein Bach, das Hühnerfließ genannt, nimmt ſeinen Lauf durch den Wald, wohin die Flucht ſich wandte. Drei Mühlen, die Reetſch⸗ mühle, die Beckermühle und die große Mühle, werden von dem Gewäſſer getrieben. Hier waren drei ſchmale Brücken geſchlagen, die ſchon das vorrückende Heer lange aufgehalten hatten, vollends aber das in Maſſen zurück⸗ ſtrömende hemmten. Alles drängte dorthin, weil Jeder, da das Ganze verloren war, wenigſtens ſein einzelnes Haupt aus dem Schiffbruch retten wollte. —43 Werden marſchirte mit der Batterie zurück; er hoffte ſie zu retten, doch es war anders beſchloſſen. Eine düſtere Stimmung hatte ſich der ſonſt ſo fröhlichen Leute bemäch⸗ tigt. Holm ritt ſchweigend wie das Grab vor ſich hin; der redliche Opitz ging traurig neben den Geſchützen, denn ſeine beſten Leute waren geblieben und ſeine Haubitze lag völlig demontirt bei Kunersdorf; Vulpius war erſchöpft bis zum Umſinken; ſelbſt der Rieſe Feuerſenger fühlte ſeine Kräfte gebrochen und ſchlich matt einher. Wer noch rüſtig geweſen wäre, den drückte das Gefühl, beſiegt auf der Flucht zu ſein, nieder.— Jetzt kam man über die blutgedüngten Felder, wo Tauſende von Kameraden gefallen waren. Noch lagen eine Menge hülflos verwundeter umher und erfüll⸗ ten die Lüfte mit ihrem Klaggeſchrei; den wenigſten hatte man Hülfe leiſten können. Das Gedränge vermehrte ſich, weil Alles nach der zunächſt gelegenen Beckermühle ſtrebte, um dort über die Brücke zu gelangen. Werden glaubte mit der Batterie beſſer bei der etwas abwärts gelegenen großen Mühle durchkommen zu können und ſchlug daher dieſen Weg ein. Doch bald war er auch hier von Flüch⸗ tenden aller Truppengattungen ſo umringt, daß er kaum vorwärtskommen konnte. Dabei ſtürzten die übermüdeten Pferde und brachten die Geſchütze nicht mehr borwärts. Er ließ die Haubitze, die er noch hatte, vernageln und die Pferde derſelben vor die drei Kanonen legen, die ihm noch übrig und minder zerſchoſſen waren als die Haubitze. Doch während er damit beſchäftigt war, erſcholl ringsumher 6 ein lautes Geſchrei und plötzlich ſtürzte Alles in verworre⸗ nem Getümmel übereinander hin. Es war öſterreichiſche Cavalerie, die in die Flüchtenden einhieb. An Widerſtand war nicht mehr zu denken; die Stränge wurden daher wie bei Hochkirch abgehauen und Feuerſenger, Vulpius und 1 — 444— Opitz warfen ſich nur noch eben raſch auf die Geſchütze, um ſie zu vernageln. Doch die Cavalerie brach früher durch. Feuerſenger ergriff wüthend ſeinen Spazierſtock, wie er die mächtige Handſpeiche ſeines Geſchützes nannte, und trat abwehrend vor daſſelbe.„Nagel ins Zündloch, Kano⸗ niere!“ brüllte er,„ich will indeſſen den Hunden die Köpfe vernageln.“ Sofort ſtreckte er durch einen furchtbaren Schlag mit dem Hebebaum den nächſten Reiter nieder; aber zu gleicher Zeit führte ein anderer einen mächtigen Säbelhieb auf ſeinen Kopf, daß ihm der Hut herunter⸗ ſtürzte und das Blut über Stirn und Backen lief. Einen Augenblick taumelte er, doch dann verſetzte er dem Pferde ſeines Gegners einen ſolchen Schlag über das Stirnbein, daß das Thier hoch aufbäumte, den Reiter abſchleuderte und vor Schmerz wüthend in tollen Sätzen umherſprang und ſich dann auf dem Boden wälzte. Dabei aber riß es den Cyklopen Feuerſenger ſammt ſeinem Baumſtamme nie⸗ der und rollte ſich über ihn hin. Er war wie an allen Gliedern zerſchmettert; dennoch raffte er ſich wieder auf, doch ein dritter Reiter gab ihm einen Säbelhieb, der ihm den Schädel tief aufſpaltete. So ſtürzte er, auf den Tod verwundet, neben ſeinem Geſchütz nieder, das er als ein ihm anvertrautes Heiligthum bis auf den letzten Augenblick ver⸗ theidigt hatte. Holm hatte es geſehen und von Schmerz und Grimm gefoltert warf er ſich in die Feinde, um ihn zu rächen. Er wollte zu ihm hinandringen, doch es war unmöglich. Von einem gewaltigen Hiebe betäubt, ſtürzte er vom Pferde. Ein Strom von Reitern drängte ſich zwiſchen ihn und Werden, ſodaß dieſer ihm nicht zu Hülfe konnte. Wenige Augenblicke und die Freunde waren getrennt, ohne die Möglichkeit zu ſehen, wieder zuſammenkommen zu kön⸗ nen. Auch Opitz und Vulpius hatten Feuerſenger zu Hülfe ſpringen wollen. Doch war Opitz zu matt von ſeiner Wunde, um mit der Wiſcherſtange, die er gepackt hatte, etwas zu vermögen, und Vulpius hatte gar keine Waffe. Er mußte daher, als er die Säbel der Reiter über ſeinem Haupte ſchweben ſah, froh ſein, daß er ſich wieder unter ſein Kanon retten konnte, wie bei Hochkirch. Indeſſen brauſte die Maſſe vorüber und nach einiger Zeit wurde es ganz einſam. Man ſah nur in der Ferne einzelne Trupps von Reitern hin und her ſchwärmen. Jetzt wagte ſich Vulpius hervor, um nach ſeinem Kameraden zu ſchauen; da er ſah, daß neben ihm einer den Kopf in die Höhe reckte. Es war Opitz.„Lebſt Du, Bruder?“ fragte er freudig.„Wie ſteht es mit Dir?“ „Wie es kann, noch leidlich genug!“ antwortete Opitz. „Einen Hieb über's Ohr habe ich gefangen, da warf ich mich aber glatt nieder, daß der Flegel, ſo lang er war, mich nicht mehr erreichen konnte. Matt bin ich wie ein gehetzter Hirſch; aber wie mag es unſerm armen Junker und Feuer⸗ ſenger ergangen ſein?“ „Sie müſſen da drüben liegen,“ antwortete Vulpius, indem er dem blutenden Opitz aufhalf. „Wie,“ rief dieſer erſchrocken,„haſt Du ſie fallen ſehen? Ich hoffte, ſie wären davon gekommen.“ „Ich glaube es ſchwerlich! Den Feuerſenger ſah ich hinſtürzen, wie eine umgehauene Fichte fällt, und Junker Holm— aber da liegt er ja vor uns!“ Holm lag bewußtlos am Boden. Er war nicht ſchwer verwundet, ſondern hatte nur einen leichten Hieb in der Stirn; ſeine ⸗Betäubung mußte durch einen dröhnenden flachen Schlag erfolgt, oder vielleicht die Wirkung ſeines bis zur äußerſten Anſpannung aufgeregten Innern fein, Relſſtab, Geſ. Schr. Neue F. IV. der nach der langen, qualvollen Arbeit um ſo leichter die gänzliche Erſchöpfung folgen konnte. Vulpius ſetzte ihn mit dem Rücken gegen das Rad eines Kanons und rieb ihm die Schläfe mit Branntwein. Opitz ging einige Schritte weiter; da ſah er ſeinen alten Kameraden Feuerſenger im Blute ſchwimmend, leblos am Boden liegen. An Hülfe war nicht mehr zu denken, denn der Schädel, bis auf die Naſenwurzel geſpalten, klafte weit auf und ſchon war die Erſtarrung des Todes in die Glieder gedrungen. Dennoch bückte ſich Opitz mit beklommener Bruſt über den Freund und Kameraden hinab, und ſuchte ihn emporzurichten. „Es iſt vorbei!“ ſprach er endlich mit bewegter Stimme, und die Thränen traten dem alten Kriegsmanne in die Augen und rollten ihm in den rothen Bart hinunter; „es iſt vorbei, wir werden an keinem Lagerfeuer mehr zu⸗ ſammenſitzen! Vulpius, höre doch, hier liegt Feuerſenger, aber er wird ſich nicht wieder aufrichten.“ Vulpius trat beſtürzt heran.„Wahrhaftig,“ rief er aus,„da liegt er ſtill nicht die Haut war ihm geritzt; und nun liegt er da und regt keinen Finger mehr! Ja, es war ein guter Kame⸗ rad! Und ſein Geſchütz hat er geführt, wie ſich's gehört, und nun muß er es doch hier ſtehen laſſen! Er war ja mein Rekrut, was ſollte er nicht ein Geſchütz führen gelernt haben!“ 4 Opitz war indeſſen bei dem Leichnam niedergekniet und hatte ihm das blutige Haar aus dem Geſicht geſtrichen. „Komm, Vulpius,“ ſprach er und konnte vor Thränen nigſtens dort auf die Seite in den Buſch tragen, daß die und kalt. Wie raſch hat ſich das geändert! Vor einer Viertelſtunde war er noch der Stärkſte von uns Allen und faſt keinen Laut hervorbringen,„komm, Vulpius; begraben können wir ihn freilich nicht, aber wir wollen ihn we⸗ — —— — 147— Koſacken ihn nicht ausplündern; auch müſſen wir ſeine Brieftaſche und Uhr und Geld an uns nehmen, für ſeinen alten Vater in Berlin.“ Sie faßten Beide an, hoben den Todten empor und trugen ihn dem Gebüſch zu. Doch in demſelben Augenblicke rauſchte es in den Zweigen und zwei öſtreichiſche Reiter ſprengten hervor. „Ihr ſeid unſere Gefangene!“ ſchrie der erſte und hielt ſein Piſtol auf Vulpius geſpannt. Opitz war nicht ge⸗ meint ſich zu ergeben; er dachte Zwei zu Zweien, wenn die Gegner auch zu Pferde und bewaffnet ſind, iſt immer noch keine verlorene Schlacht. Er ließ Feuerſenger's Leichnam fallen, ſprang zurück und blickte ſcharf und haſtig umher, ob er nicht eine Waffe raſch ergreifen könne. Vulpius aber ſtand zitternd, mit ſchlotternden Knien und rief:„Alle guten Geiſter loben ihren Meiſter.“ Aber auch dem Oeſtreicher ſank die Piſtole mit der Hand matt herab und er rief ſtammelnd:„He— He— Herr— Feu— Feuerwerker!!“ „Grü— Grü— Gritzner!“ ſchrie Vulpius endlich heraus und plötzlich lagen Beide einander in den Ar⸗ men.„Du biſt nicht todt, Du Satansbraten?“ rief Vul⸗ pius aus. „Nein doch, Herr Feuerwerker, ich lag nur für todt da, nachher fand mich ein Bauer, der pflegte mich heran, und dann wurde ich gezwungen bei den Oeſtreichern Dienſte zu nehmen.“ „Du verfluchter Deſerteur,“ hub Vulpius jetzo an,„und Du willſt Deinen Feuerwerker gefangen nehmen? Dich ſoll ja die tauſend Schock Peſtilenz— halt! ich will nicht fluchen, aber zum Donner und Wetter, Grützner, das wäre ein malhonnetter Streich! Weißt Du was, komm lieber mit unns und nimm wieder preußiſche Dienſte!“ — 148— „Ich hab's lange gewollt, und hier mein Kamerad auch, und heute hätten wir es ausgeführt, wenn Ihr nicht die Bataille verloren hättet. Aber bei einem geſchlagenen Feinde dienen, das mag ich keinem Hund wünſchen!“ „Geſchlagenen Feinde?“ rief Vulpius erbittert,„glaubſt Du, daß mein König, Vater Fritz, Euch nicht noch ſieben und ſiebenzig Male ſchlagen wird, wenn es ihm auch heute contrair gegangen iſt? Da kennt Ihr ihn ſchlecht, wer weiß, was Ihr morgen ſchon für ein Lied zu pfeifen habt. Ihr mußtet heute ſchon jämmerlich genug Miserere ſingen und ſo gut, wie uns das Kriegsglück umſchlug, kann's Euch morgen wieder ſo gehen!“ Grützner wurde wankend.„Nun topp!“ rief er end⸗ lich;„wir kommen dieſe Nacht, aber jetzt müſſen wir zu unſerem Corps, denn hier iſt keine Deſertion möglich.“ Somit ſprengten Beide davon und Vulpius murmelte noch lange vor ſich hin: Grützner, Grützner, Grützner. Indeſſen hatte Holm ſich erholt. Feuerſenger's Körper wurde in einen dichten Elsbuſch verborgen und dann ſuch⸗ ten die Drei unter dem Schutz der herabſinkenden Dämme⸗ rung ihre Flucht fortzuſetzen. Doch dies geſchah nur mit der äußerſten Gefahr, denn noch immer ſchwärmten Neiter hin und her und wo ſie verſprengte Leute fanden, hieben ſie ſie nieder oder machten ſie zu Gefangenen. Auch wa⸗ ren Opitz und Holm durch ihre Wunden ſo matt, daß 5. deſſen höheres Alter ihn ſchon faſt untauglich zum Kriege ſich kaum auf den Füßen halten konnten, und Vulpius, 1 machte, war durch die achtzehnſtündige Anſtrengung faſt eben ſo erſchöpft. Da ſie endlich nicht mehr vorwärts konnten und ein dichteres Gebüſch erreichten, beſchloſſen ſie ſich dort zu verbergen und die Nacht zuzubringen, ſo gut es gehen wollte. Noch war es nicht ganz dunkel ge⸗ — 440— worden, als plötzlich ein Schwarm von etwa zehn bis zwölf Koſacken herangeritten kam und dicht an dem Gebüſch vor⸗ beiſtreifte. „Duck' Dich wie eine Ente, Opitz,“ rief Vulpius, „Dein rother Bart leuchtet ſonſt durch die Zweige wie Krammetsvogelbeeren;„zugleich warf er ſelbſt ſich platt auf den Bauch und kroch vorwärts tief in das Gebüſch hinein. Opitz und Holm kauerten ſich dicht nebeneinander hin; ſie ſpähten durch die Zweige nach jeder Bewegung des Feindes, um zu erfahren, ob man ſie wol geſehen habe. Doch die Reiter wandten ſich mehr rechts gegen ei⸗ nen Graben zu, wo Holm, als er ſcharf hinblickte, die Rabatten einer Infanterie⸗Uniform ſchimmern ſah, es war ein todter oder verwundeter Offizier, der am Rande des Grabens lag. Drei Koſacken ſprangen vom Pferde und machten ſich daran, ihn zu plündern. Holm ſchauderte, denn er hörte ins Herz ſchneidende Laute der Bitte; da die Reiter den Unglücklichen emporriſſen, erkannte er, daß es ein Major ſei, deſſen von Blut überſtrömtes, ſanftes, ed⸗ les Angeſicht ihn mit einem unbeſchreiblichen Gefühl der Rührung und Theilnahme erfüllte. Es regte ſich mächtig in ihm, dem Unglücklichen Hülfe zu leiſten, doch das Un⸗ ternehmen wäre ein wahnwitziges geweſen, wodurch er nichts erreicht haben würde, als für ſich und ſeine Kameraden daſſelbe Schickſal, ohne den Beklagenswerthen retten zu können. Auch drückte ihn der redliche Opitz leiſe am Arm und flüſterte:„Nur ſtill, Herr Junker, ſo etwas muß man aushalten, wir können vielleicht nachher helfen.“ Holm bekämpfte ſeinen Schmerz. Aber es war ihm, als zerſchnitte ein ſcharfer Dolch ſeine Bruſt und er müſſe dazu ſchweigen und lächeln. Er zitterte vor Ingrimm und doch traten ihm zugleich die Thränen in die Augen, als er — 150— ſah, wie die Barbaren den Hülfloſen, Blutenden mit uner⸗ ſättlicher Raubgier völlig nackt auszogen und ihn dann in den ſumpfigen Graben hinabſtießen.— Er ſank tod⸗„ matt, einen Buſch am Ufer erfaſſend, nieder mit dem Haupt in den ſchilfigen Raſen und ſeufzte nur ſchwer auf. „Ewiger Gott!“ dachte Holm,„zwingt mich Dein Rath⸗ ſchluß ſolchen Jammer zu ſehen und verſagſt Du mir die Macht, ihn zu hindern! Und wenn ich denke, daß mein Vater, meine Schweſter, meine Braut von gleichem Schick⸗ ſal getroffen werden! Gott, Gott, woher nehme ich den Muth, das zu tragen!“ Indeſſen theilten die Koſacken die Beute und ſprengten weiter, dicht an den im Verſteck Liegenden vorüber, ohne ſie zu bemerken. Holm lauſchte, bis ihr Hufſchlag verhallte; dann wollte er ſich vorſichtig hervorwagen, um dem Hülf⸗„ loſen, deſſen tiefes Seufzen noch immer herübertönte, bei⸗ zuſpringen. Doch indem er das Gebüſch verlaſſen wollte, riß ihn Opitz am Schoos der Uniform zurück und rief: „Halt! Still! Um Gottes willen! Da kommen wieder welche.“ Wirklich hörten ſie die Gebüſche hinter ſich rau- ſchen und gleich darauf ſprengten mehre Reiter durch das Elsbruch. Ein glücklicher Zufall bewirkte es, daß ſie ſich rechts wendeten, ſonſt hätten ihre Pferde über die im Ge⸗ büſch Verſteckten hinwegſprengen müſſen. „Das ſind Oeſtreicher,“ ziſchelte Opitz,„ich habe ſie Deutſch reden hören.“— Er hatte ſich nicht geirrt. Es* waren ihrer acht. Sie wollten über den Graben ſpringen, wo der Verwundete lag. Als dieſer das Roß des Vorderſten auf ſich zukommen ſah, richtete er ſich mit äußerſter Anſtrengung empor und rief:„Reitet mich nicht nieder, Freund, ich bitte Euch!“ „He, Holla, wer ſeid Ihr,“ fragte der Reiter und — 151— hielt ſein Pferd an.„Freund oder Feind, Ihr liegt ſo nackt unter dem Himmel, daß man Euch nicht unterſchei⸗ den kann.“ „Ich bin preußiſcher Offizier,“ ſprach der Verwun⸗ dete matt,„Major von Kleiſt— Euer Gefangener; aber ſeid menſchlich, gebt mir Kleidung, laßt mich nicht nackt in der kalten Nacht auf dem Sumpf liegen. Ihr ſeid Deutſche, es ſind die Koſacken, die mich ſo geplündert haben!“ „Zum Teufel vorwärts,“ rief eine Stimme aus der Schar,„was halten wir uns hier auf bei dem Halbtod⸗ ten! Darüber entgeht uns die Beute, die wir machen könnten. Was ſoll uns ein ſolcher Gefangener? Der Hen⸗ ker kann wiſſen, ob er Major iſt oder nicht!“ „Schweig, Du roher Kerl,“ erwiderte der Erſte,„Du würdeſt anders reden, wenn Du ſo nackt im Grahen lä⸗ geſt! Weißt Du denn, was Dir morgen geſchieht? Ich hab's bei Prag erfahren, was es heißt, elend und ohne Hülfe auf dem Schlachtfelde liegen.“ Während dieſer Worte hatte er angefangen ſeinen vorn über dem Sattel⸗ knopf befeſtigten Mantel loszuſchnallen und ſprach:„Wir haben nicht Zeit, Sie fortzuſchaffen, Herr Major; wenn Sie gehen könnten, würden wir Sie als Gefangenen zu⸗ rückbringen laſſen. Aber vor Froſt ſollen Sie doch hier nicht umkommen; hier nehmen Sie meinen Mantel, ich will mich die Nacht wol warm reiten und morgen einen andern finden.’“ Damit warf er ihn dem Hülfloſen zu und rief dann:„Nun vorwärts, Kinder!“ ſprengte über den Graben und verſchwand bald wieder im Gebüſch. Die Andern folgten! Einer war noch ſo mitleidig, dem Ver⸗ ſchmachtenden ein Stück Brot und Geld zuzuwerfen, in⸗ dem er halb ſcherzend ſagte:„Das iſt ein Gefangener, der — 152— uns nicht mehr davon läuft; wenn er ſich ranzionirt, gibt er's uns wieder.“ Holm war von dem Augenblick an, wo er den Namen Kleiſt gehört, in einer nicht zu ſchildernden Bewegung, denn er wußte jetzt, daß jener Unglückliche der ſanfte, lieb⸗ liche Dichter Ewald von Kleiſt war, der den Frühling ſo lieblich beſungen hatte. Tauſenden war er ein Wohl— thäter der innerſten Seele geworden, denn Tauſenden hatte ſein Wort das Herz beſeligt und ſüß gerührt, die Liebe von Tauſenden wurde ſein Dank—— und jetzo mit all' dieſem reichen Schatz von Liebe, war er hülflos und verlaſſen, und nur Qualen folterten ihn, der Andern nur die ſanfteſten Freuden bereitet hatte. Welch' ein harter Be⸗ ſchluß der ewigen Schickung! Das Herz ſchlug laut in Holm's Bruſt, ſeine Thränen floſſen unaufhaltſam herab, er bebte und konnte faſt dem Drange nicht widerſtehen hervorzuſtürzen und ſich an die Bruſt eines Mannes zu werfen, dem er ſich ſo mit inner⸗ ſter Ehrfurcht beugte. Opitz bemerkte ſeine Bewegung und ſprach leiſe:„Um's Himmels willen ruhig, Herr Junker, bis Alles wieder ſtill i*ſt, ſonſt erwiſchen ſie uns. Mit uns würden ſie ſo viele Umſtände nicht machen, wir würden zurücktransportirt.“ Endlich war der letzte Reiter verſchwunden und nun wollte Holm zum zweiten Mal aus ſeinem Verſteck hervor; aber in demſelben Augenblicke hörte er ganz nahe einen Piſtolenſchuß und gleich darauf noch einen. Faſt zugleich ſprengte ein einzelner Huſar durch das Gebüſch, ſetzte über den Graben und jagte in geſtrecktem Lauf davon.„Kopf nieder,“ raunte Opitz dem ungeduldigen Holm zu und riß ihn faſt mit Gewalt wieder hinab; das war ein preußi⸗ ſcher Huſar, der reitet nicht umſonſt ſo ſchnell. —— Er hatte kaum die Worte geſprochen, als ein Koſack mit eingelegter Lanze vorüber und dem Flüchtigen nach⸗ ſprengte; ihm folgten zwei andere, dann noch mehre, endlich ſammelte ſich ein ganzer Trupp, der anhielt und der Jagd, die auf den Huſaren gemacht wurde, zuzuſehen ſchien. „Jetzt möchte ich doch, daß wir hier fort wären,“ mur⸗ melte Opitz,„ſie können uns gar zu leicht entdecken; im außerſten Fall müſſen wir nur gleich hier hinter uns durch dichtes Gebüſch ſpringen. Mit den Pferden können ſie uns ſo raſch nicht nachkommen und dann gelingt es uns, da es ſchon dunkel wird, doch wol noch im Finſtern zu entwiſchen. So lange mein Kopf zwiſchen beiden Schultern ſitzt, gebe ich ihn nicht auf.“ „O ſieh, ſieh die Ungeheuer,“ rief Holm mit verbiſſe⸗ nem Ingrimme, als er zwei Koſacken vom Pferde ſprin⸗ gen und dem Sterbenden am Rande des Grabens die Gabe des Erbarmens wieder rauben ſah, welche ihm der mitleidige Kriegsgefährte dargereicht hatte. Sie riſſen ihm den Mantel herunter und gaben den an ſeinen Wunden faſt Verbluteten, vor Fieberfroſt Zitternden in nackter Blöße der einbrechenden Nacht preis. Unwillkürlich drängte ſich ein halblauter Seufzer des Zornes und Schreckens aus Holm's edler Bruſt— und verrieth ihn und ſeine Gefähr⸗ ten. Denn plötzlich wandte ein Koſack ſein Pferd herum und ritt mit vorgerecktem Halſe und ſpähenden Blicken auf das Gebüſch zu, woher er den Laut vernommen hatte. Der ſcharf umherblickende Opitz hatte es bemerkt. Schnell riß er Holm und den ſich tief am Boden gedrückten Vul⸗ pius beim Arm auf und rief:„Jetzt hilft uns nur noch die Flucht ins Gebüſch!“ Zugleich war er mit einem Satz in dem Geſträuch hinter ihm verſchwunden; Holm flog ihm faſt ohne zu wiſſen, was er that, nach und Vulpius nahm ſeinen Weg zwiſchen einigen andern Gebüſchen hindurch, aber in derſelben Richtung. Der Koſack ſtutzte einen Au⸗ genblick, dann aber ſprengte er den Fliehenden mit ſeinem kleinen behenden Pferde nach, während er ſeinen Kamera⸗ den einige unverſtändliche Worte zurief. Dieſe ſpornten ſo⸗ gleich ihre Pferde und folgten ihm in den Wald. Sie erhoben ein lautes Geſchrei, das weit durch die ſtille Abend⸗ luft tönte, und unter dem verhallenden Getöſe dieſes bar⸗ bariſchen Kriegsrufes und dem dröhnenden Hufſchlag ihrer Roſſe verſchwanden ſie in dem dichten Gebüſch, wo ſie Jagd auf die Flüchtigen machen wollten. Neuntes Capitel. Werden war theils von den fliehenden Reiterſcharen mit fortgeriſſen, theils von dem nachſtürmenden Feinde ge⸗ drängt, bei jenem ungeordneten Kampfe mitten im Ge⸗ tümmel des Rückzuges, von den Seinigen getrennt wor⸗ den. Eine Escadron öſtreichiſcher Cavalerie brach bald darauf ſo in die verworrenen flüchtenden Maſſen ein, daß es kein Heil mehr gab, als welches jeder Einzelne ſich zu erkämpfen wußte. Werden ſah ſich genöthigt, da er mit dem Pferde nicht ſo gut im Gebüſch fortkommen konnte, ſeitwärts über offeneres Feld zu ſprengen; doch hier um⸗ ſchwärniten ihn bald feindliche Reitertrupps von allen Sei⸗ ten und er machte ſich darauf gefaßt, das traurige Loos der Gefangenſchaft zu erfahren. Doch beſchloß er das Aeu⸗ ßerſte zu verſuchen, um ſich durch verwegene Vertheidigung oder Flucht zu retten. Er bedurfte faſt keines Muthes da⸗ zu, denn in dieſem Augenblicke war ihm das Leben ver⸗ haßt; ein finſtrer Unmuth hatte ſich ſeiner edlen Seele be⸗ mächtigt. Die Schlacht, die das Vaterland, das Königs⸗ haus retten ſollte, war verloren; noch keine war ſo blutig geweſen, hatte ſo viele Tauſende von Opfern gefordert. Die glänzende Sonne des Sieges, die ſchon über dem Heere leuchtete, hatte ſich plötzlich verfinſtert und blickte wie ein drohendes Blutauge durch die Gewölke düſtrer Verhängniſſe. Ein zürnender Gott verfolgte den großen König mit ſchwe⸗ rem, unerbittlichem Haß; alle Hoffnungen, die in der Mit⸗ tagsſonne golden aufgeblüht waren, lagen beim ſinkenden Abendlicht vernichtet. Zu dieſem edlen Schmerz über das Unheil des Ganzen fügte ſich das niederbeugende Gefühl unwürdiger Flucht und Schmach; er gedachte der getreuen Genoſſen, von denen die übermächtige Gewalt ihn hinweg⸗ geriſſen hatte, die vielleicht wähnten, er habe ſie ehrlos ver⸗ laſſen, als er ſie noch beſchützen konnte. Darüber ſchwoll ihm ſeine Bruſt zürnend empor und es war ihm lieber unter den Todten gebettet auf dem blutigen Felde zu ru⸗ hen, als zu entkommen. Darum ritt er trotzig den Ein⸗ zelnen entgegen und wagte den Kampf und gewann ſich den Sieg; und wollte ſich eine Bahn brechen, nicht einen verſtohlenen Ausweg furchtſam flüchtend erreichen. Zwei Koſacken eilten ihm entgegen und riefen ihm drohend zu, ſich zu ergeben. Er ſtreckte den Vorderſten mit dem Piſtol nieder, den Andern traf ſein Säbelhieb, daß er vom Roß ſtürzte; zwiſchen Beiden hindurch ſprengte er weiter. Ein öſtreichiſcher Dragonertrupp galoppirte an ihn heran; er warf ſich mitten in die Schar hinein und hieb ſich durch die Stutzenden, Erſtaunten hindurch. Es erhob die geſun⸗ — —jjy — 156— kenen Fittige ſeiner Seele wieder, daß ihm noch eine tapfere That gelang. Doch ſein ſchaumbedecktes Roß ermattete unter ihm. Er erreichte einen Graben; trug ihn der Sprung des Pferdes nicht hinüber, ſo war er der Gefan⸗ gene der Oeſtreicher. Heftig ſetzte er beide Sporen ein; das edle Roß ſtrengte die letzte Kraft der Sehnen an und vollbrachte den gewaltigen Sprung. Jenſeit aber ſtürzte es zuſammen und vermochte nicht mehr ſich zu erheben. Die Verfolger wagten den Sprung gleichfalls, doch ſie erreich⸗ ten das Ufer nicht und verſanken in dem Schlamm des Grabens. Werden warf einen wehmüthigen Blick auf ſein treues Thier, das ihn in ſo mancher Schlacht getragen, und eilte dann zu Fuß weiter. Einen hohen Zaun über⸗ kletterte er leicht und ſah ſich jenſeit faſt in Sicherheit auf einem verlaſſenen, halb zerſtörten Gehöft. Hier war⸗ tete er, erſchöpft bis auf den Tod, in die Ecke einer gro⸗ ßen Scheuer hingeſtreckt, das einbrechende Dunkel ab.— Eine Stunde mochte er in jenem Zuſtande des halben Wa⸗ chens und Schlafens gelegen haben, der ſich erzeugt, wenn der Kampf zwiſchen höchſter Aufregung des Geiſtes und abſpannendſter Anſtrengung des Körpers eintritt. Doch da geſtatteten die ſchweren Sorgen um das Schickſal ſeines Vaterlandes, um das Loos ſeiner Freunde ihm keine län⸗ gere Ruhe. Er beſchloß das Gehöft zu verlaſſen, um zu verſuchen, ob es ihm während der Nacht gelingen würde, wieder zu der großen Maſſe des königlichen Heeres zu ge⸗ 2 langen. Doch war er durchaus unſchlüſſig, welchen Weg er zu nehmen hatte; denn auch eine beſtimmte Richtung nach Süden oder Weſten, wohin der Rückzug des Königs ſich gewendet hatte, konnte er nicht einſchlagen, da der Himmel völlig von Gewölk bedeckt und ſonſt kein Zeichen in der Nähe aufzufinden war, wonach er die Weltgegend — 157— hätte beſtimmen können. Er ging alſo nach Gutdünken voorwärts und folgte nur ſeinem ſonſt ſo geübten und ge⸗ wiſſermaßen errathenden Ortsſinne. Der Weg führte ihn durch eine Niederung über Wieſen und Elsbruch. Mehre Male mußte er über Gräben ſpringen und auch ein brei⸗ teres Fließ durchwaten; jenſeit deſſelben traf er wieder auf eine Wieſe und bald darnach auf einen Feldweg, dem er zu folgen beſchloß. Innerhalb einer Viertelſtunde kam er hier über drei kleine Feldbrücken, deren ſorgfältiger Bau anzudeuten ſchien, daß der Weg nach einem größern Ort führen müſſe. Nicht lange darauf ſah er ein Licht durch die Nacht ſchimmern, bald ein zweites, ein drittes und endlich mehre; zugleich hörte er Hundegebell und durfte nun nicht mehr zweifeln, daß er ſich in der Nähe eines Dorfes befand. Mit Vorſicht beſchloß er näher zu gehen, damit er nicht unvermuthet in die Nähe einer Vedette oder Feldwacht gerathen möchte, bevor er abzulauſchen verſucht hätte, zu welchem Heere ſie gehöre. Unvermuthet aber ging der Feldweg, dem er folgte, eine kleine Anhöhe hinauf und als er oben ſtand, ſah er zu ſeinem Erſtaunen die Oder vor ſich und dieſſeit und jenſeit derſelben ſo viele Lichtpunkte, daß er nicht zweifeln konnte, er ſei in der Nähe von Frankfurt und ſtehe auf dem Oderdamme. Als er noch zweifelnd umherblickte, hörte er etwas rauſchen, und ſah dicht am Ufer einen kleinen Nachen, welchen ein Schif⸗ fer den Strom hinaufruderte. „He, Freund!“ rief er dieſen halblaut an,„iſt das dort drüben Frankfurt?“ „Ja wol, mein Herr,“ antwortete der Fährmann und ließ das Ruder einen Augenblick müßig. „Kannſt Du mir ſagen,“ fragte Werden weiter,„ob die Stadt von den Preußen oder Ruſſen beſetzt iſt?“ —õ—õy———= — 15— „Von den Preußen,“ erwiderte der Schiffer;„ſie ſind heute Nachmittag unter dem General Wunſch eingerückt, davon bin ich ſelbſt Zeuge geweſen. Wollt Ihr hinüber, mein Herr, ſo ſetzt Euch hier ein, denn ich rudere ſo eben zurück. Der Weg über die Brücke iſt weit um.“ Wie Troſt des Himmels klangen Werden dieſe Worte; er ſagte freudig ja und ſtieg in den Nachen. In weni⸗ gen Minuten hatte er das jenſeitige Ufer erreicht und be⸗ fand ſich am Ausgang einer Gaſſe, die auf die Oder aus⸗ lief. Der Schiffer wies ihn zurecht, wie er nach dem— Quartier des Generals in der Odergaſſe kommen könne, und nahm dann herzlichen Abſchied von ihm. Werden war auch durch den Umſtand innerlich glücklich, daß die Preu⸗ ßen Frankfurt, welches am Tage zuvor noch in den Hän⸗ den der Ruſſen geweſen war, beſetzt hielten, denn er ſchloß daraus, daß noch nicht alle Vortheile auf Seiten des Fein⸗ des ſeien, ſondern an dieſem Ufer der Oder noch unge⸗ ſchwächte Truppencorps ſtanden, mit denen ſich binnen kurzem der Kampf vielleicht vortheilhaft erneuern laſſe. In der Erwartung, unverzüglich auf preußiſche Soldaten zu ſtoßen, ging er vorwärts. Da hörte er plötzlich Trommeln; der Schall kam aus einer Gaſſe, um deren Ecke er ſo eben bog. Ein Negiment, deſſen Front grade die Breite der Straße einnahm, marſchirte ihm entgegen. Eben kam der vorderſte Zug in den Lichtkreis einer Straßenlaterne; da erkannte er voll Schrecken und Erſtaunen, daß es Ruſ⸗ ſen waren. Er wollte ſeinen Augen nicht trauen; aber noch bevor er ſich beſinnen konnte, was er zu thun habe, hörte er hinter ſich Pferde, blickte um und ſah einen Trupp Koſacken, der die Gaſſe von der andern Seite herabkam. So hatte er den Feind vor und hinter ſich; an ein Entweichen war nicht mehr zu denken und an ſeiner Uniform mußte — .——— — 159— man ihn im Augenblick erkennen. Er verſuchte daher ins nächſte Haus zu ſpringen, allein die Thür war verſchloſſen; haſtig eilte er nach dem Nachbarhauſe, drückte die Klinke raſch auf und drängte mit voller Gewalt gegen die kleine Mittelpforte des Thorweges; auch ſie war verſchloſſen, aber nur durch ein Springſchloß; daher gab ſie dem heftigen Stoß nach und Werden ſtand in der dunklen Hausflur. Schnell warf er die Pforte wieder hinter ſich zu und ſchob den großen Riegel, der ſich an derſelben befand, vor. So war er für den Augenblick gerettet, konnte aber freeilich nicht wiſſen, ob ſich nicht ſchon Ruſſen im Hauſe befän⸗ den. Vorſichtig fühlte er ſich im Dunkeln die Wand ent⸗ lang und dann eine Treppe hinauf. Er gerieth an eine „ Thür, dieſe öffnete er und entdeckte darauf Licht, welches „ durch die ſchmalen Spalten einer zweiten Thür ſchimmerte. Auch dieſe öffnete er, doch leiſe mit äußerſter Vorſicht, da⸗ mit ihm Zeit bliebe, ſich zurückzuziehen, wenn etwa ruſſiſche Soldaten in dem Gemach wären; doch plötzlich ſtand er wie gefeſſelt vor dem Anblick, der ſich ihm darbot. Ein junges Mädchen von ſanfter lieblicher Schönheit ſaß hinter einem Tiſche am Fenſter und las. Sie hatte die Stirn ſchwermüthig in die Hand geſtützt und die braunen Locken wallten ſchattig an dem weißen Arm hinab. Das Antlitz war ſanft geſenkt, ſo daß man von dem Auge nichts ge⸗ wahr wurde, doch blieb die holde Lieblichkeit der Wangen . und der roſige Mund ſichtbar. Werden hielt das Auge 1 unverwandt auf die holde unvermuthete Erſcheinung ge⸗ richtet; er wagte ſich nicht zu regen, keinen Athemzug zu thun, damit ihm das liebliche Bild nicht wieder ent⸗ ſchwinden möchte. Da erhob das ſchöne Mädchen langſam das Haupt und zeigte ein großes, dunkelblaues Auge, deſſen Blick ſich ſchwermüthig gen Himmel aufſchlug, wäh⸗ — 160— rend ein tiefer Seufzer ihre Bruſt hob. Im Lichtſchimmer, der jetzt auf das ſchöne Augenpaar fiel, ſah Werden es feucht in Thränen ſchwimmen, deren goldener Glanz wie zwei zitternde Sterne zu ihm herüberſtrahlte. War es das Unvermuthete des Anblicks nach dem langen, im wü⸗ ſten Getümmel des Kampfes verlebten Tage, oder der Wechſel von dem Gefühl erſchreckter Flucht zu dem einer ſo holden Rettung, oder endlich die Gewalt der traurenden Schönheit an ſich, die den jungen Krieger ſo mächtig er⸗ griff; allein er empfand, daß das Herz in ſeiner Bruſt auf eine Weiſe bebe und ſchlage, wie es die ahnungsvollen Donner einer beginnenden Schlacht ihn noch nicht gelehrt hatten. Ein zufälliges Geräuſch bewirkte, daß das junge Mäd⸗ chen leicht zuſammenſchreckte und den Blick nach der Thür richtete. Da ſie Werden's im Halbdunkel daſtehende Ge⸗ ſtalt erblickte, überflog ein Gemiſch von Staunen und Aengſtlichkeit ihre Züge und ſie fragte halblaut:„Iſt Je⸗ mand da?“ „Vergeben Sie mir mein kühnes Eindringen,“ ant⸗ wortete Werden,„die Noth und der Zufall führten mich hieher.“ „Mein Gott, und wer ſind Sie?“ fragte das junge Mädchen befremdet und noch immer ein wenig ängſtlich. „Ich bin preußiſcher Offizier,“ erwiderte Werden; aus der leider verlorenen Schlacht verſprengt, gelang es mir, mich bis hieher zu flüchten; ich wähnte die Stadt von Preußen beſetzt, aber ſo eben ſtieß ich auf Ruſſen.“— Hier unterbrach ihn das junge Mädchen, die bisher von ——— den heftigſten Gefühlen der Angſt erſchüttert zu ſein ſchien, mit dem Ausruf:„Was ſagen Sie! Die Schlacht iſt verloren? Ruſſen beſetzen dieſe Stadt? Großer Gott, —x2— — 161— ſeit heut wähnten wir uns von ihnen befreit. Erſt dieſen Augenblick kann—“ Ein donnerndes Pochen am Thor des Hauſes unter⸗ brach ihre Worte. Es war, als ob Kolbenſtöße gegen den Thorweg geſchähen; dergleichen Getümmel konnte nur durch feindliche Truppen verurſacht werden. Werden ſah ſich da⸗ her betroffen um und das ſchöne Mädchen erblaßte und rief:„Gott im Himmel, da ſind ſie ſchon!“ Man hörte den Riegel zurückſchieben, die Thür öffnen und verworrene Tritte und Stimmen drangen näher. „Heiliger Gott!“ rief das junge Mädchen verzweifelnd aus und rang die Hände,„es iſt zu ſpät, Sie zu retten, die⸗ ſes Gemach hat keinen andern Ausgang. Doch halt,“ rief ſie plötzlich, und ein Anflug der Freude wurde in ihrem Auge ſichtbar.„Treten Sie hier hinein, Gott wird es gelingen laſſen.“ Dabei drehte ſie raſch den kleinen Schlüſſel eines Tapetenſchranks um, ließ Werden hineintreten, ſchloß hinter ihm ab, nahm den Schlüſſel zu ſich, eilte dann nach der Thür, drückte dieſelbe ſchnell, aber leiſe ins Schloß und ſetzte ſich wieder leſend, als ſei nichts vorgefallen, an den Tiſch. Kaum hatte ſie indeſſen ihren Platz wieder gewon⸗ nen, als die Thür ungeſtüm aufgeriſſen wurde und mehre ruſſiſche Offiziere und Soldaten eindrangen. Werden konnte durch die Spal ten ſeines Verſtecks faſt das ganze Zimmer überſehen und hörte jedes Wort, das geſprochen wurde. Einer der Offiziere wandte ſich in franzöſiſcher Sprache zu dem jungen Mädchen und wollte wiſſen, ob nicht ein preußiſcher Offizier hier ins Haus geflüchtet ſei; ſie erwi⸗ derte ihm in derſelben Sprache, die ſie gewandt redete, mit einem Schein der Unbefangenheit, worüber Werden er⸗ ſtaunte, daß ſie eben erſt durch das Eindringen der Krieger in ihrer Einſamkeit unterbrochen worden ſei. Zugleich for⸗ * — 162— derte ſie den Offizier auf, ihr den Schutz zu gewähren, den ein junges Mädchen von einem edlen und gebildeten Manne fordern dürfe. Der Offtzier, ſichtlich durch ihre Anmuth gewonnen, erwiderte, ſie habe nichts zu befürch⸗ ten. Hierauf erkundigte er ſich nach den Verhältniſſen des Hauſes und erhielt die Antwort:„Ich bin fremd hier, erſt ſeit wenigen Tagen befinde ich mich mit meinem Pflegevater zum Beſuch hieſelbſt und kann Ihnen daher keine Auskunft geben. Doch bin ich bereit, Sie zu un⸗ ſerm Wirth hinabzuführen.“ Mit dieſen Worten ergriff ſie eines der auf dem Tiſch ſtehenden Lichter und leuchtete dem Offizier voran zum Zimmer hinaus; alle Uebrigen folgten. Von außen hörte Werden die Thür abſchließen. Unbeſchreibliche Gedanken und Gefühle wogten in ſeiner Bruſt auf und nieder, während er ſich in dieſem engen dunklen Verſteck befand, in welchen nur ein matter Strahl des zurück gebliebenen Lichtes durch die Spalte hineinſchim⸗ merte. Wol eine halbe Stunde mochte er harrend zuge⸗ bracht haben, da hörte er den Schlüſſel wieder am Schloß der Zimmerthür, ſeine Retterin ſchwebte herein, öffnete ſein Verſteck und ſtand in ſchüchterner Anmuth vor ihm. „Erſt jetzt konnte ich Sie erlöſen,“ ſprach ſie ſchnell und leiſe,„aber noch müſſen Sie Gefangener hier auf die⸗ ſem Zimmer bleiben, denn um kein Aufſehen zu erregen, muß ich augenblicklich wieder hinunter. Verzeihen Sie nur, daß ich mir erlaube, Ihnen hier eine kleine Erquickung zu bringen, aber ich dachte mir, ſie würde Ihnen nothwendig ſein, denn ich weiß jetzt durch die Feinde ſelbſt, wie fürch⸗ terlich die blutige Arbeit der Schlacht war.“ Mit dieſen Worten ſetzte ſie, hold erröthend, ein Körbchen, das ſie am Arm trug, auf den Tiſch. Werden ergriff mit einem 2— — — 163— unbeſchreiblichen Gefühl ihre Hand und drückte ſie an die Lippen.„Ich bitte Sie um Alles in der Welt,“ ſprach er,„ſetzen Sie ſich keiner Gefahr aus um meinetwillen; kann es denn nicht anders ſein, ſo ergebe ich mich in das für den Soldaten freilich härteſte Loos, Kriegsgefangener zu ſein.“ „Nimmermehr!“ rief das junge Mädchen,„ich bin eine Preußin und es wird mein höchſter Stolz ſein, dem Vaterlande einen Krieger gerettet zu haben. Doch jetzt vergeben Sie mir, aber ich muß eiligſt wieder fort, damit man nicht auf meine Spur kommt; ich werde beide Thüren, die dieſes Zimmers und des Vorzimmers, verſchließen, damit Sie Zeit behalten, ſich in Ihren Verſteck zu retten, wenn Sie Jemand kommen hören. Von dieſem laſſe ich Ihnen den Schlüſſel hier.“ Hierbei übergab ſie ihm den kleinen Schlüſſel des Wandſchrankes und wollte eiligſt hinweg. Werden ergriff ſie bei der Hand und rief:„Edles, ſchönes Weſen, wie ſoll ich Ihnen danken!“ Doch ſie entzog ſich ihm mit einer raſchen Wendung und verſchwand mit flüch⸗ tigen, kaum hörbaren Schritten. Zehntes Capitel. In ſo vielfacher Weiſe die innere Welt der Gefühle in Werden's Bruſt aufgeregt war, ſo hatten doch auch die äußerlichen Geſetze des Daſeins ſich in ihrer vollen Uner⸗ bittlichkeit gellend gemacht. Ein in der glühendſten Hitze des Auguſts unter der Arbeit der Schlacht zugebrachter — 164— Tag mußte die Kräfte des ſtärkſten Körpers gewaltig an⸗ ſpannen; Durſt und Hunger waren im natürlichen Gefolge ſolcher Anſtrengungen. Und jetzo, beim Anblick von Speiſe und Trank, durch die Hände des holdeſten Mädchens ge⸗ reicht, erwachte beides in verdoppelter Stärke bei dem geſun⸗ den, kräftig blühenden Manne. Wie Lebensbalſam benetzte der Wein ſeine trockenen Lippen und goß neue Stärkung durch ſeine Adern; auch auf den Geiſt übte er unwiderſteh⸗ lichen Einfluß und gab dem Niedergeſchlagenen neu ermu⸗ thigte Hoffnungen zurück. Aber auch eine ſüße Wehmuth bemächtigte ſich ſeiner. Das holde Bild ſeiner Retterin wich nicht aus ſeiner Seele.„Ja,“ ſprach er zu ſich ſelbſt, „dieſe liebliche Erſcheinung ſoll mir ein Zeichen ſein, daß der Himmel mit ſeinem freundlichen Blau die düſteren Ge⸗ wölke, die jetzt mein Leben verhüllen, wieder durchbrechen werde. Wie wunderbar hat das Geſchick mich bisher ge⸗ führt, wie oft hat es mir aus tiefſter Bekümmerniß die Blüte der Freude und des Glücks erwachſen laſſen! Und ſollte ich jetzt keinen Glauben haben, wenn es mich eben durch den tobenden Sturm der Schlacht auf den brauſend gehobenen Wogen des Kampfes an ein ſicheres Ufer getrieben hat, wo mich der holdſeligſte Gruß empfängt?“— Wer⸗ den kannte die Liebe noch nicht; ſeine in ernſten Schickſalen geſtählte Bruſt war dem heiligen Strahl bisher verſchloſ⸗ ſen geblieben. Wol manche anmuthige Erſcheinung hatte ihm lieblich entgegengelächelt, ſein Verlangen geweckt, ſeine Wünſche gereizt; aber nur flüchtig, wie das fliegende Licht zwiſchen Wolkenſchatten, ſtreifte dieſer milde Glanz an ſei⸗ ner Bruſt dahin. Bis in die innerſten Tiefen hatte ihn das ſüße Geheimniß noch nicht durchzittert. Aber jetzt, wo ihm die lieblichſte Geſtalt aus dem Gewölk der Schlacht, aus dem nächtlichen Dunkel eines unheilſchweren Schickſals — 165— als Engel der Rettung entgegentrat, jetzt empfand er es plötzlich, daß in ſeiner Bruſt der goldene Schatz eines Glückes verborgen liege, den er nicht gekannt, von dem er kaum bisweilen ahnend geträumt, den er aber jetzo heben mußte, wenn er nicht in ewiger Sehnſucht danach alle Freuden, alle Hoffnungen ſeines Lebens erblaſſen und in die dunkle Tiefe, wo ihm das höchſte Kleinod verſchwand, nachſinken ſehen wollte. Er ging in banger Erwartung, daß die Holde wieder⸗ kehren werde, im Gemach auf und nieder. Da fiel ſein Blick auf das Buch, in welchem ſie geleſen hatte. Ihr erſtes Bild, wie er ſie ſchmerzlich, in ſich ſelbſt verſenkt, einer Betenden gleich, das feuchte Auge emporgehoben ſah, ſtand wieder vor ihm. Es war ihm, als müſſe er in ihrer Seele leſen, wenn er in demſelben Buche leſe, was ſie ſo tief bewegt zu haben ſchien. Mit einem ahnungs⸗ vollen Schauer ergriff er daſſelbe; nach dem ſchwarzen, mit Gold verzierten Einbande ſchien es ihm ein Gebetbuch zu ſein. Er ſchlug den Titel auf und las:„Der Meſſias, ein Gedicht von Klopſtock.“ Zugleich aber fiel ſein Blick auf einige durchſchimmernde geſchriebene Worte, die auf dem weißen Blatt vor dem Titel ſtanden; mit einem freu⸗ digen Erſchrecken durchzuckte ihn plötzlich der Gedanke, daß er hier den Namen der ſchönen Unbekannten finden werde. Haſtig ſchlug er daher das Blatt um und las mit erblei⸗ chendem Erſtarren die Worte: „Seiner geliebten Pflegetochter Anna Werdenberg, zu ihrem achtzehnten Geburtstage, ihr treuer Vater Karl Heim⸗ fried.“ „Allmächtiger Gott! Meine Schweſter!“ rief er un⸗ willkürlich aus und ſank erſchöpft und wie zerſchmettert von dem plötzlichen Schlage, wo Freude und Schmerz — 966— gleich zwei elektriſchen Funken in dem nämlichen Augenblick ſeine Bruſt trafen, in den Seſſel nieder.„Alſo meine Schwe⸗ ſter!“ rief er aus, deren Spur ich verloren glaubte, die ich im fernen Rußland wähnte mit ihrer treuloſen verführten Mut⸗ ter, alſo meine blondlockige kleine Anna iſt meine Retterin! O gütiger Vater im Himmel, muß es denn alſo ſein, daß ſo wie ein Glück uns ſeine Blüten öffnet, ein ſchöneres ſogleich welkend ſinkt!“ Schmerz und Wehmuth, weiche Rührung und die Jugenderinnerung der Liebe zur kleinen Schweſter bedrängten ſein Herz zugleich. Da fiel es ihm plötzlich ein: könnte es denn nicht eine Andere ſein? Und haſtig nahm er das Buch wieder und blickte nach dem Datum der geſchriebenen Worte:„Am 12ten Auguſt 1758 las er und erblaßte auf's neue.„Ja, ja ſie iſt es ſelbſt,“ rief er aus; der zwölfte Auguſt war ihr Geburtstag und — wie— mein Gott, das iſt ja heut, heut hat ſie das neunzehnte Jahr erreicht, alſo war dieſer furchtbare Schlacht⸗ tag ihre Geburtstagsfeier!—— O Du holdes, holdes Weſen,“ ſetzte er weich hinzu,„möge Dir der Himmel künftig friedlichere Feſte verleihen! Möge alles Glück Dei⸗ nen Pfad umblühen, mein ganzes Bruderherz ſoll Dir ge⸗ hören und nur Wünſche für Dich hegen!“ Er ging, in tiefes Sinnen verloren, auf und nieder im Gemach und hörte es nicht, daß verworrene Stimmen und Tritte, Geraſſel von Pferden und Waffen im Hauſe und Hofe laut wurden.„Und wer iſt dieſer Heimfried, der ſich ihren Pflegevater nennt?“ fragte er vor ſich hin und betrachtete die geſchriebenen Worte noch einmal. „Sollte es jener unwürdige Buhle meiner Stiefmutter ſein? Nimmermehr! Aus ſeiner Hand konnte ein ſolches Geſchenk nicht kommen!“— Er verſank wieder in unruhiges Nach⸗ ſinnen.. ——— x — 16— „Das alſo war Deine Geburtstagsfeier, arme Schwe⸗ ſter,“ begann er nach einiger Zeit von neuem, indem er ſich auf den Stuhl ſetzte, wo ſie geſeſſen hatte, und unwill⸗ kürlich gleich ihr das Haupt in die Hand ſtützte und die feuchten Blicke auf das Buch heftete—„das alſo war Deine Geburtstagsfeier! Du ſaßeſt in Thränen und laſeſt und Deine Seele betete voll heiliger Wehmuth! Biſt Du denn unglücklich? Schön und edel biſt Du gewiß,“ ſetzte er, ſich tröſtend, hinzu,„das haben mich die wenigen Se⸗ kunden gelehrt, wo ich Dich unerkannt und unerkennend kannte! Ich will auch ſo dem Himmel dankbar ſein! Zwar hatte ich mir ein anderes ſüßeres Glück geträumt— es war eben ein Traum! Biſt Du denn nicht Mannes ge⸗ nug, Werdenberg, beim Erwachen einem ſchönen fliehen⸗ den Traumgeſicht lächelnd nachzurufen: Fahre wohl? Und zumal, wenn auch die Wirklichkeit Dir eine ſo holde Hand darreicht.“ Doch was er ſich auch ſagen, wie er ſein wallendes Herz beſchwichtigen mochte, er fühlte es tief ſchmerzlich zer⸗ riſſen, und ſein Schmerz wuchs, je mehr er ihn als ein thörichtes Wahngebild verſcheuchen wollte. Indeſſen hatte das Getümmel in Hof und Haus zugenommen, ſo daß es auch Werdenberg auffiel. Behutſam ſah er zum Fen⸗ ſter hinaus und fand, daß im Hofe viele Pferde ſtanden und ein unruhiges Treiben von Leuten ſtattfand, die er im Halbdunkel der Sommernacht für Koſacken halten mußte. Lauſchend legte er das Ohr gegen die Thür; plötzlich drang ein Getöſe lauter Stimmen in ſein Ohr. Es ſchienen ſtreitende oder hadernde Männer zu ſein; dazwiſchen aber vernahm er auch einzelne weibliche Laute. Jetzt hörte er ganz deutlich den Angſtruf einer weiblichen Stimme und gleich darauf übertäubendes Rufen von Männern. Im — 168— Hofe erſchallte der Befehl zum Aufſitzen; Alles ſchwang ſich auf und drängte gegen das Hausthor hin. Im Getöſe der Pferde, Waffen, Ausrufungen, in dem der durch die Hausflur dröhnenden Hufſchläge ging jeder andere Laut verloren. Werdenberg horchte mit einer unbeſchreiblichen Spannung der Angſt, allein es war ihm unmöglich auch nur irgend eine Vermuthung über die Vorfälle im Hauſe zu gewinnen. Nur ſo viel hörte er, daß die Ruſſen, we⸗ nigſtens die Koſacken, daſſelbe verließen. Allmälig wurde es ſtiller und endlich war das Haus wie ausgeſtorben. Werdenberg hoffte nun in jedem Augenblick, daß ſeine Schweſter zurückkehren werde, doch Minute an Minute ver⸗ ging, ohne daß ſich Jemand zeigte. Jetzt bemeiſterte ſich eine unerklärliche Angſt ſeiner Seele. Er verſuchte die„ Thür des Zimmers zu öffnen, allein das ſtarke Schloß wi⸗„ derſtand ſeiner Kraft. Er hätte es lärmend ſprengen müſ⸗ ſen und davon hielt ihn wieder der Gedanke ab, daß doch wol noch Feinde im Hauſe ſein könnten und er nicht nur ſein eigenes, ſondern auch das Loos ſeiner Schweſter aufs Spiel ſetzen würde, wenn man entdeckte, daß ſie einen feindlichen Offizier in ihrem Zimmer verborgen gehalten hatte. So wartete er in tödtlichſter Unruhe abermals eine Viertelſtunde, in der ſich kein Laut vernehmen ließ, als der ferne, dumpfe Anruf der Wachtpoſten und Patrouillen auf den Gaſſen der Stadt. Jetzt vermochte er es nicht länger zu ertragen; er beſchloß den Verſuch zu machen,. aus dem Fenſter in den Hof zu ſteigen und dann mit Behutſamkeit im Hauſe nachzuforſchen. Weil es ihm aber doch leicht möglich ſchien, daß er in die Gefangenſchaft der Ruſſen geriethe, bevor er ſeine Schweſter gefunden oder geſprochen hätte, ſo ſetzte er ſich zuvor an ihrem Tiſche nie⸗ der und ſchrieb ihr folgenden Brief: ——— — 169— „Meine geliebte Schweſter Anna! Erinnerſt Du Dich wol aus den Jahren Deiner frühe⸗ ſten Kindheit, daß Du einen wilden, trotzigen, aber treuen Bruder Ernſt hatteſt, der nach dem Tode des Vaters halb aus Furcht, halb aus Haß gegen die Stiefmutter entfloh? In derſelben Nacht brannte unſer Haus nieder und der Entflohene galt für den Brandſtifter. Aber bei dem all⸗ mächtigen Gott, Anna, heute, nach zwölf Jahren betheure ich Dir, daß ich unſchuldig war, und wenn man Dich ſeit jener Zeit Deinen verruchten Bruder haſſen gelehrt hat, ſo nimm den Haß zurück und vergilt ihm nun mit doppelter Schweſterliebe. Aber Du haſt ihm vergolten; Du warſt heute, ohne es zu wiſſen, ſeine Retterin und ich erkannte es zu ſpät, erſt als ich Deinen Namen und Geburtstag in dieſem Buche eingeſchrieben ſah. An Deinem Geburtstage haben wir uns wieder gefunden; vielleicht reißt uns dieſer ſelbe Tag wieder auseinander! Dann aber wollen wir ein⸗ ander ſuchen, Anna, und wir werden uns finden. Sollte ich in die Hand des Feindes gerathen, ſo wird man den⸗ noch einen gefangenen Offizier wieder auswechſeln; gelingt es mir zu den Meinen zu gelangen, ſo richte Deine Zei⸗ len an den Hauptmann Werden, denn ſo nannte ich mich, ſeit ein fürchterlicher Verdacht meinen redlichen Namen be⸗ fleckte. Anna, ſeit jener Herbſtnacht vor zwölf Jahren, wo ich Dich zum letzten Male küßte, als Du ein liebliches, blondlockiges Kind ſchlummernd in Deinem Bettchen lageſt, habe ich Dich nicht geſehen und alle meine Nachforſchun⸗ gen nach Dir waren vergebens. Heute führten uns die wunderbarſten Wege Gottes zuſammen; das ſoll uns ein Reuſtab, Geſ. Schr. Neue F. IV. 8 — 170— Zeichen ſein, daß des Himmels Walten über uns iſt und uns einander in die Arme führen wird, auch wenn es uns jetzt noch einmal ſchmerzlich trennt. 4 Dein getreuer Bruder Ernſt Werdenberg.“ Er faltete den Brief zuſammen, überſchrieb ihn an ſeine Schweſter und legte ihn auf den Meſſias von Klop⸗ ſtock; dann rückte er den Tiſch vom Fenſter weg und ver⸗ ſuchte nun, ob er in den Hof hinabkommen könne. Es ſchien ihm ganz leicht, denn die Höhe war nicht beträcht. lich und eine Pappel ſtand ſo nahe am Fenſter, daß er ſie ſpringend erreichen konnte. So ſchwang er ſich denn auf die Brüſtung und von da in die Zweige des Baumes; zwar zerritzte er ſich Hände und Geſicht ein wenig, doch faßte er glücklich einen ſtarken Zweig und gleitete nun am 4 Stamm hinunter. Es blieb Alles ſtill im Hofe; er trat in die Hausflur, kein Laut regte ſich; behutſam öffnete er das Thor nach 4 der Straße, wo er die Thür nur angelehnt fand, und blickte hinaus. Doch zog er ſich raſch wieder zurück, denn dicht neben dem Hauſe ſtand eine ruſſiſche Schildwacht und vom Markte her, wo ein Bivouak aufgeſchlagen war, glänzte der Schein großer Wachtfeuer ſo hell herüber, daß Niemand ſich im Dunkeln durchzuſchleichen vermocht hätte. Faſt überzeugt, daß von feindlichen Soldaten Niemand mehr im Hauſe ſei, ſuchte er ſich gegen einen plötzlichen Ueberfall dadurch zu decken, daß er das Thor von innen verriegelte. Jetzt forſchte er im Hauſe nach, ob er keinen von den Bewohnern auffinden möchte. Im unteren Ge⸗ ſchoß ſtanden die Thüren offen und die Zimmer, in welche — — 11— von außen her das flackernde Licht der Wachtfeuer ſchim⸗ merte, waren leer; und doch erinnerte er ſich ganz deutlich gehört zu haben, wie Anna zu den Offtzieren ſagte, ſie wolle ſie hinab zum Wirth führen. Im Umhergehen trat er auf etwas Weiches und zugleich hörte er ein Geräuſch, wie wenn eine Schale unter ſeinem Fuß zerbräche. Er bückte ſich und faßte ein ſeidenes Tuch, unter welchem ein Kamm gelegen hatte. Als er beide am Fenſter gegen das Licht hielt, erkannte er das Tuch für eines, was er um den Hals ſeiner Schweſter geknüpft geſehen hatte, und auch der Kamm ſchien ihm derſelbe, den ſie getragen, obgleich er dies nicht mit Beſtimmtheit zu behaupten wagte. Dieſer Umſtand, verbunden mit den verlaſſenen Zimmern und der Erinnerung an die ſeltſame Vermiſchung weiblicher Stim⸗ men mit denen der Männer, das nicht Wiederkehren der Schweſter in ihr Gemach, Alles zuſammen erfüllte ihn mit den fürchterlichſten Vermuthungen. Er ſtand einige Augen⸗ blicke wie betäubt und dann packte ihn wieder eine in⸗ grimmige Wuth.„Nein, nein!“ rief er endlich ſich ſelbſt tröſtend und die Hände gefaltet zum Himmel erhebend, aus, „nein, ſo höhniſch grauſam kannſt du nicht mit uns ſpie⸗ len, allmächtiger Lenker des Schickſals! Ich will nicht ver⸗ gweifeln, ich darf es nicht. Du wirſt Licht in dieſes fürch⸗ terliche Dunkel werfen. Ich will dir vertrauen, ich muß es oder ich bin vernichtet.“ Noch einmal eilte er haſtig die kleine Treppe hinauf, die zum Gemach ſeiner Schweſter führte. Auch von au⸗ ßen ſteckte kein Schlüſſel in der Thür. Ein anderer Ein⸗ gang zu Zimmern, die nach vorn hinaus gingen, war offen, doch waren auch dieſe leer und weitere bewohnbare Räume bot das kleine Haus nicht dar. 8* — 172— Er ſah nun wohl, daß es verlaſſen war, daß die Be⸗ wohner von den Koſacken, ſei es als Geißel, ſei es aus Habſucht oder vielleicht noch zu andern ſchrecklichern Zwecken, die er ſich nur bebend vorzuſtellen wagte, hinweggeführt waren. Ein düſteres Brüten und Sinnen bemächtigte ſich ſeiner Seele; er war von Schmerz und Angſt wie betäubt; ſo handelte er denn mehr nach einem dunklen unwillkürli⸗ chen Triebe, als nach Ueberlegung, da er durch den Hof, der an die Oder ſtieß, hinaus ging und am Ufer entlang einen Weg aus der Stadt ſuchte. Es gab nur noch ein Gefühl, für das er zu leben und zu handeln Beruf fühlte, die kriegeriſche Ehre. An den Pflichten, die das Vater⸗ land ihm gebot, hielt er ſich in dieſem Sturm der Gefühle, der ihn in das wüſte Meer der Verzweiflung hinausgetrie⸗ ben haben würde, wie an einem ſichern Anker feſt. Und für die Zwecke, die damit zuſammenhingen, kehrten ihm all⸗ mälig Bewußtſein und Klarheit des Handelns zurück. So gelang es ihm denn, eine ganze Strecke am Fluſſe hinabe zukommen, ohne von den aufgeſtellten ruſſiſchen Schildwa⸗ chen angehalten zu werden. Er war ſo glücklich einen Na⸗ chen zu finden, der am Ufer angekettet lag; nach einem leichten Verſuch zog er den Pfahl, um welchen die Kette geſchlungen war, heraus. Bei dem niedrigen Waſſerſtande der Oder glaubte er damit das Fahrzeug für ſeine Abſicht hinlänglich ſteuern zu können, da es ihm nur darum zu thun war, bis auf eine Strecke vor die Stadt hinauszu⸗ kommen, deren Ausgänge er für wohlbeſetzt halten mußte. So ließ er ſich denn leiſe den Strom hinabtreiben und gab dem Nachen nur ſo viel Nachhülfe, daß er ſich nicht zu raſch wieder ans Ufer legte. Als er allmälig die Häuſer mit ihren hie und da erleuchteten Fenſtern verſchwinden ſaohh — 173— und auch das Anrufen der ruſſiſchen Runden immer mehr in der Ferne verhallte, näherte er ſich dem Ufer wieder. Er war unſchlüſſig, ob er am linken oder rechten den Landungsverſuch machen ſollte, beſchloß aber endlich das Erſte zu wählen, indem er vorausſetzen durfte, daß, wenn⸗ gleich der König ſich mit ſeinen geſammelten Truppen noch auf der anderen Seite befand, er doch gewiß in der Nacht oder am nächſten Morgen über die Oder zurückgehen und ſein altes Lager bei Boßen beziehen werde. Auch war zu fürchten, daß mehr Ruſſen und Oeſtreicher am rechten als am linken Ufer des Stromes ſchwärmen würden. An einer buſchbewachſenen Stelle ſchien ihm der Landungspunkt günſtig; er legte an und ſprang aus dem Nachen; doch konnte er ſich der Rettung nicht erfreuen, ſondern ſeine Seele wünſchte ſich eine erneuerte Schlacht.„Ach, armer Holm,“ dachte er,„dieſen Morgen wähnte ich treues Mit⸗ gefühl für dich zu haben, als die Unglücksnachricht dich traf; aber jetzt verſtehe ich dich erſt ganz mit deinem Schmerz! Wer hätte geglaubt, daß ich, der ich ſeit zwölf Jahren die Wehmuth um eine verlorne Schweſter in mir trage, erſt heute fühlen lernen ſollte, was es heißt, ein ſo holdes Weſen verlieren! Ach, und werde ich denn glücklich ſein?“ dachte er weiter,„wenn ich ſie wiederfinde? Es war etwas Andres als Schweſterliebe, das in mir erwachte, als ich das liebliche Mädchen zuerſt erblickte!— Warum muß denn eben ſie meine Schweſter ſein!—— Sei kein Thor und Träumer, Werdenberg! Das überlaſſe De⸗ nen, die vom Leben überhaupt nur geträumt haben und lauter ſchöne Nebelbilder ſehen ſtatt der rauhen Wirklich⸗ keit. Du biſt auf dem feſten Boden der That aufge⸗ wachſen; du wirſt ergreifen, was vorhanden iſt, nicht u— nach leeren Luftgebilden vergeblich deine Arme ausſtrecken. Sie iſt deine Schweſter, und ſo wirſt du ſie als Schwe⸗ ſter lieben, wenngleich du ſie eine Minute lang mit andern Augen erblickteſt! Ach, es war eine ſchöne Minute! Fort damit, es war ein Traumbild und das darf dich nicht wie ein Irrlicht von dem rechten Pfade der Wirklich⸗ keit verlocken.“ Elktes Capitel. Soſ dachte er und dennoch blieb ein anderes Gefühl in ſeiner Seele zurück, ein Gefühl der Wehmuth, das ſtärker war als ſelbſt das der Beſorgniß um das Schickſal der Schweſter; wenigſtens wollte eines vor dem andern nicht wei⸗ chen, denn beide rangen wechſelnd und mit gleicher Kraft um die Herrſchaft ſeiner Seele. Sein eigenes Loos war ihm hierbei gleichgültiger ge⸗ worden, doch die kriegeriſche Gewohnheit hatte ihm das richtige Benehmen in ſolchen Lagen, wie die ſeinige war, zur andern Natur gemacht. Sein Schritt war leiſe, ſein 1 Ohr horchte aufmerkſam voraus, ſein Auge ſpähte mit der Schärfe des Falken in die Nacht hinaus und heftete ſich auf die undeutlichen Umriſſe jedes Buſches oder Baum⸗ ſtammes, der einen Menſchen verbergen oder für einen gehalten werden konnte. Jetzt ſchlich er ſich durch eine Wieſe, auf der hier und da zerſtreute Elsbüſche ſtanden. — n— Plötzlich ſtand er lauſchend ſtil, denn auf etwa dreißig Schritt vor ſich ſah er etwas Schwarzes, das entweder ein einzelner abgeſtorbener Weidenſtamm ohne Laub oder ein Menſch ſein mußte. Er blickte forſchend hin, ob ſich die Geſtalt bewege; es ließ ſich nichts entdecken. Vorſichtig ging er einige Schritte näher; die Geſtalt ſchien ſich zu regen, doch wußte er nicht, ob es nicht die Täuſchung war, die ſeine eigene Bewegung hervorbrachte. Abermals ſtand er ſtill, mit zurückgehaltenem Athem. Da ſah er über den ſchwarzen Stumpf weg die hellen Strahlen eines Sternes zittern und dieſe allmälig, aber doch viel zu raſch ſichtbar werden und aufſteigen. Jetzt war es unfehlbar, er hatte ein lebendiges Weſen vor ſich, das vor ihm etwa ſo auf der Hut zu ſein ſchien, als er es ſelbſt war. Die Geſtalt wurde kleiner und kleiner, als ſänke ſie in die Erde. Werdenberg blieb unbeweglich ſtehen, um zu beobachten, doch da er die Umriſſe jetzt nicht mehr auf dem helleren Himmelsgrunde wahrnehmen konnte, ſah er nur das un⸗ terſchiedloſe Dunkel des Bodens vor ſich. Einige Augen⸗ blicke war er unentſchloſſen, was er thun ſollte; doch da er ziemlich ſicher war, nur einen Gegner vor ſich zu haben, der ſich vor ihm eben ſo und noch mehr ſcheute, als er vor dieſem, ſo beſchloß er raſchen Schrittes auf ihn zuzu⸗ gehen und ihn anzurufen. Er zog den Säbel, ging vorwärts und rief, als er et⸗ was Dunkles auf den Boden gekauert ſah:„Wer da? Gebt Antwort! Wer da?“. Sogleich ſchoß die Geſtalt in die Höhe und eine tiefe Stimme fragte:„Was iſt Eure Parole? Holla! Wie heißt Euer Feldgeſchrei?“ „Mein Feldgeſchrei heißt: Es lebe der König von — 176— Preußen!“ erwiderte Werdenberg,„und wer es nicht nach⸗ ruft, dem gibt mein Säbel die Antwort!“ Aber er hatte kaum die Worte ausgeſprochen, als der Unbekannte vor ihm wie jauchzend ausrief:„Victoria! Vic⸗ toria! Herr Hauptmann, Sie ſind es!“ Und in dem⸗ ſelben Augenblick fühlte er ſich auch ſchon von zwei kräfti⸗ gen Armen umſchlungen und eine bärtige Lippe bedeckte ihm das Angeſicht mit ſtürmiſchen Küſſen. Es war Opitz, der redliche Soldat, das treuſte Herz, deſſen Liebe durch alle Schranken der Ehrfurcht und Subordination brach, als er den verloren geglaubten Hauptmann ſo unvermuthet wie⸗ derfand. „Opitz! Du biſt es! Du lebſt?“ rief Werdenberg gleich erſtaunt und gerührt.„Wie kommſt Du hierher? Biſt Du allein? Wo ſind unſere Kameraden?“ Die Fragen überſtürzten einander, bevor Opitz, der vor Freude nicht Worte finden konnte, eine Antwort gab. End⸗ lich aber machte er ſich Luft durch einen tiefen Athemzug und antwortete dann:„Junker Holm, Vulpius und ich haben Kameradſchaft gemacht. Die Koſacken hätten uns bald erwiſcht, aber wir flüchteten in einen Elsbuſch, wo ihre Pferde im Moraſt ſtecken blieben. Als die Nacht an⸗ brach, ſchlichen wir weiter; die Oeſtreicher ſchwärmten aber ſtark über das Feld hin. So konnte uns denn nichts Glücklicheres begegnen, als die Oder zu erreichen und ei⸗ nen ehrlichen Kerl von Fiſcher zu treffen, der uns über⸗ ſetzte. Aber mein Herr Hauptmann, nun war der Pro⸗ viant zu Ende, das heißt die Kräfte. Junker Holm iſt verwundet und konnte vor Mattigkeit nicht weiter, Vul⸗ pius iſt auch ſchon ein Rad, wo die Speichen loſe gewor⸗ den ſind und weder im Kranz, noch in der Nabe mehr — 177— halten wollen; ich war der Einzige, der ſich noch ein wenig gehalten hat.“ „Aber wo ſind Holm und Vulpius?“ fragte Werden⸗ berg haſtig. „Sie ſtecken dreihundert Schritt von hier in einem Heu⸗ ſchober und ſchlafen vermuthlich wie die Ratzen,“ antwortete Opitz.„Ich bin nur ein wenig patrouilliren und recognos⸗ ciren gegangen, um zu wiſſen, wo wir hinaus ſollen. Wir möchten gern nach Frankfurt hinein, wenn der General Wunſch noch in der Stadt iſt.“ „Dort ſtehen die Ruſſen,“ unterbrach Werdenberg,„ich komme ebendaher. Wir müſſen einen andern Weg neh⸗ men, entweder nach Reitwein oder Boßen zu.“ „Ja, wenn dort hinaus nicht die verfluchten Koſacken 12 ſo ſtark ſchwärmten;“ erwiderte Opitz,„da wäre mir das Recognosciren aber beinahe ſchlecht bekommen.“ „Wagen und gewinnen! heißt es hier,“ antwortete Werden,„ſo thun wir am beſten, uns abwärts von der Oder zu ziehen, um vielleicht auf das Corps des Gene⸗ ral Wunſch zu ſtoßen. Laß uns jetzo nur die Kameraden aufſuchen; dann wollen wir unſere Schleichpatrouillen be⸗ ginnen.“ Sie gingen. Opitz murmelte unterwegs:„Nein, es iſt 1 doch ein miſerabler Dienſt bei den Füſelieren oder Huſaren. 4 Lauter Spionsweſen, keine Kraft, kein Saft! Das ſchleicht 5 4 immer um den Feind wie der Marder um den Tauben⸗ ſchlag. Da lobe ich mir die Artillerie, die bricht doch noch wie der Wolf in den Schafſtall! Ich wollte, ich hätte erſt wieder einen Zwölfpfünder neben mir, da weiß man doch, was man iſt und hat. Aber ſo ein verwünſchtes Kriechen und Lauern und Biegen und Schmiegen! Da möchte man 8*ᷣ* — us— wahrhaftig lieber Schlagröhren ſchlagen und Zünder ras⸗ peln, wozu ein altes Weib abgerichtet werden kann!— Hier links, Herr Hauptmann, durch den Graben, dann den Rain hinunter, da ſteht jetzt unſere Batterie.“ „Und weißt Du nichts vom Schickſal unſerer Kameraden?“ fragte Werdenberg jetzt, der lange ſtumm geblieben war. „Nichts Gutes, mein Herr Hauptmann,“ antwortete Opitz und ſchüttelte den Kopf;„oben an der Buſchecke, wo uns die Cavalerie in die Kanonen ritt, da liegen wol die meiſten. Ich zählte wol ein funfzehn bis zwanzig, als Kanonier Klempert, Gabriel, Schwarz, Geſchke, Schulz der Dritte, Bombardier Goddath, der immer ſein Leder⸗ zeug ſo gut im Stande hatte, Bombardier Vließ, unſer alter Feuerſenger—“ „Wie? auch Feuerſenger?“ unterbrach Werdenberg und faßte Opitz heftig an. „Ja, der ſingt und ſengt nicht mehr; er liegt da in guter Geſellſchaft, alle Kameraden ringsherum; aber auch Oeſtreicher genug, denn ein Paar faßte er noch mit der Handſpeiche und traf ſie, daß ihnen der Schädel crepirte wie eine Granate und das Gehirn herausfuhr wie ge⸗ ſchmolzen Zeug. So Einen finden wir nicht wieder, der zur Noth einen Zwölfpfünder allein abprotzte!“ „Feuerſenger todt!“ ſprach Werdenberg vor ſich hin. „Es war ein braver Soldat.“ „Das will ich meinen! Der Satan war eine feige Memme dagegen. Er hätte eine brennende Granate aus dem Pulvermagazin herausgeholt, wenn's Befehl geweſen wäre, wie man eine Fliege aus der Buttermilch fiſcht.— Aber hier, Herr Hauptmann, hier ſchnarcht unſere Mann⸗ ſchaft.“ 8 — — 179— Sie ſtanden vor einem Heuſchober, in den ſich Vul⸗ pius und Holm tief verborgen hatten. Beide ſchliefen durch Anſtrengung und Wunden erſchöpft.—„Jetzt kann ich ſie getroſt wecken,“ ſprach Opitz,„denn meine Wachtzeit iſt um und ſie werden Augen machen!“ Opitz weckte Holm. Dieſer lag ſogleich in Werdenberg's Armen. Vulpius tanzte wie närriſch vor Freude und ver⸗ gaß Schwäche und Alter. Die Treue in Noth und Tod verband ſie Alle mit einem heiligen Bande, das ſich um Jugend und Alter, Verſchiedenheit in Rang und Bildung, ohne Unterſchied unauflöslich feſt ſchlang. Erſt erzählte man einander mit flüchtiger Haſt ſeine Erlebniſſe; dann wurde Kriegsrath über Das, was zu thun ſei, gehalten. Nach vielfacher Ueberlegung beſchloß man landeinwärts zu gehen, um die Straße nach Fürſtenwalde zu gewinnen, weil allem Vermuthen nach der General Wunſch ſich dorthin zurückgezogen hatte. Eine Stunde wurde noch zur Raſt angewendet, dann machten die ge⸗ treuen Schickſalsgenoſſen ſich auf den Weg und gingen der vorgeſetzten Richtung behutſam nach. Der Tag fing all⸗ mälig an zu grauen, als ſie in ein mit dunklem Gebüſch bedecktes hüglichtes Terrain geriethen. Da ſie beſtändig mit Aug' und Ohr umherſpähten, entging es ihnen auch nicht, daß ihnen Reiter nachfolgten. Dieſelben mußten, dem Schall der Tritte nach zu urtheilen, ziemlich nahe ſein, doch waren ſie, theils wegen des Gebüſches, theils wegen der Krümmung des Weges, zwiſchen den Hügeln noch nicht zu ſehen. Werdenberg äußerte gegen ſeine Begleiter:„Es iſt zweifelhaft, ob wir hier auf Freunde oder Feinde ſto⸗ ßen; daher halte ich's für das Beſte, wenn wir uns, bis wir ihrer anſichtig werden, hier in der dichten Schonung — 180— verbergen, aus der wir Alles ſehen können, ohne geſehen zu werden. Wenn ſie nicht Spürhunde bei ſich haben, ſol⸗ len ſie uns hier nicht auswittern.“ „Wir ſtellen uns alſo in verdeckter Batterie auf,“ ſprach Opitz, und war der Erſte, der über den zur Seite des Weges gezogenen Graben ſprang und in dem dichten jun⸗ gen Tannengebüſch verſchwand; die Anderen folgten. Es war aber auch die höchſte Zeit geweſen, denn kaum befanden ſie ſich in dem Schlupfwinkel, als hinter der Hü⸗ gelſpitze einige Lanzen ſichtbar wurden, woran man ſogleich einen Trupp Koſacken erkannte, dem man, da es ſchon faſt heller Tag war, zwei Minuten ſpäter ſchwerlich entgangen ſein würde. „Koſacken,“ flüſterte Opitz,„Spitzbuben,“ murmelte Vul⸗ pius; doch Holm und Werdenberg legten den Zeigefinger auf die Lippen und geboten durch den Wink des Auges tiefſte Stille, wohlbedenkend, daß in der Morgenfrühe auch der leiſeſte Schall ſich weithin verpflanze. Es waren etwa ſechs, acht einzelne Leute, die des Weges daher kamen; ſie ritten arglos vorüber, ohne etwas von den Verſteckten zu bemerken. Schon wollte Vulpius wieder hervor, doch der Hauptmann hielt ihn zurück, weil er vermuthete, die Haupt⸗ maſſe werde dieſer kleinen Vorhut noch folgen. Er hatte ſich nicht geirrt, denn wenige Minuten ſpäter wurde ein Trupp ſichtbar, den man auf ſechzig bis achtzig Mann berechnen konnte. Sie ritten, wie Koſacken pflegen, nicht in geordneten Gliedern, ſondern in einem wilden Haufen durcheinander. Als ſie näher kamen, wurde man gewahr, daß ſie in der Mitte Gefangene führten, denn man ſah mehre Leute zu Fuß gehen. Werdenberg glaubte auch Frauenzimmer darunter zu erkennen und eine dunkle Ah⸗ — 181— nung ſchärfte ſeine geſpannte Aufmerkſamkeit. Da fühlte er ſich plötzlich durch Holm, der neben ihm ſtand, krampf⸗ haft angefaßt und er ſah den Freund zitternd mit ſtarren Blicken, wie er vergeblich nach Worten ſuchte, um ſeiner gewaltſamen Empfindung Luft zu machen. Faſt mit dem nämlichen Blick des Auges entdeckte Werdenberg aber auch, daß wirklich gefangene Jungfrauen vorübergeführt wurden, und die erſte derſelben war ſeine eigene Schweſter! Faſt hätte ihn jetzo die Gewalt der Ueberraſchung zu einer Unvorſichtigkeit hingeriſſen, durch welche Alles verloren ge⸗ hen mußte; doch ſchon im nächſten untheilbaren Augenblick erkannte er, daß die einzige Möglichkeit der Rettung hier in der Faſſung beruhe. Mit einem Alles ausdrückenden Blick und einem Zeichen der Hand beſchwor er Holm, ſich männlich zuſammenzuraffen, denn er ſah aus deſſen furchtbarer Bewegung, daß etwas Aehnliches, Namenloſes in dieſem vorging als in ihm ſelber. Holm verſtand ihn, doch ſeufzte er, wie ſchwer beklemmt, auf und lehnte ſich matt gegen des Freundes Schulter. Dieſer verfolgte mit unverwandtem Blick die Gefangenen. Es waren zwei ältere Männer, anſcheinend Geiſtliche, und die drei Jungfrauen; nämlich Werdenberg's ſchöne Schweſter, neben ihr eine ſchöne, blondlockige Geſtalt, welche die fromme Ergebung einer Heiligen in ihren Zügen trug, und eine dritte, faſt noch ein Kind, kaum vierzehn Jahre alt.— Dieſer ſtrömten die Thränen unaufhaltſam über die Wangen, während jene anderen beiden bleich und ſtumm wie Marmorbilder, ohne zu weinen, einherſchritten. Was in Werdenberg in dieſem Augenblick vorging, war unbeſchreiblich; alle Stürme und wilden Ereigniſſe ſeines ganzen bewegten Lebens glichen ei⸗ nem lächelnden Weiher gegen dieſes wild emporbrandende — 182— Meer. Doch verlor er die Beherrſchung und Faſſung nicht, ſondern behielt ſogar noch den Freund und die Gefährten im Auge. Endlich waren dieſe qualvollſten Minuten ſeines Lebens vorüber und er wollte ſich nun zu Holm wenden, als dieſer, wie von Kräften und Beſinnung zugleich ver⸗ laſſen, ihm an die Bruſt ſank und mit ſchmerzpoll erſtick⸗ ter Stimme ausrief:„O Freund, unter den Gefangenen waren meine Braut, meine Schweſter und mein väterlicher Lehrer!“ „Heiliger Gott, auch Deine Schweſter!“ rief Werden⸗ berg aus—„und Deine Braut!“ ſetzte er plötzlich mit ſinkender Stimme hinzu, denn es fiel ihm ſelbſt mitten in dieſem Augenblick des Schmerzes wie ein neuer dumpf zer⸗ malmender Donnerſchlag auf die Bruſt, daß keine andere als ſeine Schweſter die Braut des Freundes ſein konnte. O warum mußte denn gerade Das ſeinem Herzen zum bit⸗ terſten Schmerz werden, was ſeiner Erkenntniß als die ſchönſte Fügung des Glückes erſcheinen mußte! Aber, wenn er es auch in ſich überwunden hatte, jenes holde Weſen nur als Schweſter zu lieben, ſo überwand er es doch nicht, ſie von einem Andern mit jener tieferen Liebe, die zum einzi⸗ gen und ewigen Bündniß des Lebens führt, geliebt zu ſe⸗ hen und ſie einen Andern ſo lieben zu wiſſen.—— ——— —, — 183— Zwölktes Capitel. Auf dem brauſenden Strome aufgeregter Gefühle heben ſich in einem Augenblicke tauſend Wellen zugleich, die wir alle wahrnehmen, ohne uns das Rätßhſel dieſes ſchnellen Wechſelns und Vorüberrauſchens erklären zu können. So zeigten ſich jetzo auch bei Werdenberg Empfindungen und Gedanken in brauſender Eile. Holm hatte in der Betäubung ſeines Schmerzes die Be⸗ tonung, die Werdenberg auf die Worte:„Alſo auch Deine Schweſter,“ legte, nicht bemerkt; er hörte nur die Namen Schweſter, Braut. Werdenberg nahm es ſogleich wahr, daß nichts von ſeinem Geheimniß verrathen ſei, und beſchloß nunmehr, es unverbrüchlich zu bewahren, bis die Rettung der Unglückſeligen gelungen ſei und er den Streit in ſei⸗ ner Bruſt verſöhnt habe. Durch den innerſten Drang höchſter Pflichten zum Handeln berufen, fand er ſeine glückliche Klarheit der That ſchnell wieder und ſchritt da⸗ her zum Werk. „Jetzt hier müßig zu verweilen,“ begann er,„wäre eben ſo feig und ſchimpflich, wie es vorher raſend geweſen wäre, blind hervorzuſtürzen und das Unheil unvermeidlich zu ma⸗ chen. Nunmehr aber gilt es raſch und entſchloſſen zu han⸗ deln. Zuerſt müſſen wir wiſſen, wohin dieſe Gefangenen geführt werden, alſo laßt uns der Spur folgen; dann wollen wir ſehen, ob eine Rettung durch Liſt oder Gewalt möglich iſt.“ Sie machten ſich ſämmtlich auf und ſchlichen an der — 184— Seite des Weges, immer halb im Gebüſch, den friſchen Hufſpuren nach. Etwa nach einer Viertelſtunde erreichte der Weg einen Hügelgipfel und ſenkte ſich von dort in ein engeres Waldthal, von mäßigen buſchbewachſenen Hö⸗ hen umgeben. Hier lag ein Pulk Koſacken im Bivouac, zu denen die Abtheilung, welche die Gefangenen führte, eben geſtoßen war. Sie ſchienen ganz ſorglos, in der Ge⸗ wißheit, daß in der Nähe an keinen Feind zu denken ſei. Die Pferde waren meiſt abgeſattelt, nur die des eben an⸗ gekommenen Trupps nicht; doch fingen die einzelnen Reiter auch dieſe ſchon abzuzäumen an. Der größte Theil der Mannſchaft lag entweder ſchlafend oder betrunken an den Feuern! Unordnung, Sorgloſigkeit, Vernachläſſigung jeder Vorſicht herrſchte überall.“ „Ha, die Elenden!“ rief Werdenberg aus;„nur funfzig, nur dreißig entſchloſſene Reiter und dieſer ganze Bivouac iſt auseinandergeſprengt und die Gefangenen ſind gerettet.“ „Entdeckſt Du ſie?“ fragte Holm. „Muthmaßlich ſind ſie jetzt dort in der Laubhütte, wo das Quartier des Führers zu ſein ſcheint,“ entgegnete Wer⸗ denberg, denn dort haben ſich ſo viele Neugierige zuſam⸗ mengedrängt.“ 1 „O daß ich hinunter könnte!“ rief Holm und zitterte vor Schmerz und Zorn.. „Pſt! Pſt! Herr Hauptmann,“ zupfte Vulpius die⸗ ſen am Arm,„ich habe dort oben auch recognoscirt.“ Da⸗ bei deutete er mit der Hand nach einem höheren Gipfel, etwa funfzig Schritt zur Seite, von wo man augenſchein⸗ lich die Landſchaft auch nach der andern Seite überſehen mußte.„Ich habe etwas geſehen,“ fuhr Vulpius fort,„aber ich traue meinen dnnumen Augen nicht genug; da muß ☚ — 185— mein Capitain ſelbſt kommen. Drum will ich lieber vor⸗ her gar nichts ſagen.“ Werdenberg folgte dem geheimnißvollen Führer eilig, denn er wußte wohl, daß der erfahrene Alte ihn nicht un⸗ nütz bemühen würde. Auf der Höhe angelangt, ſah man einen Theil des freien Feldes, jenſeit des Waldes.„Was meinen der Herr Hauptmann,“ fragte Vulpius, was ſind das für Leute, die dort marſchiren? Dort am Abhang, wo ich hinzeige.“ „Das iſt ein Kanon! Und Cavalerie, gegen dreißig bis vierzig Mann!“ rief Werdenberg. „Daß es keine reitende Artillerie iſt, darauf wollte ich wetten,“ meinte Vulpius, und Opitz, der mitgegangen war, ſetzte raſch hinzu:„Und ich wette, es iſt ein preußi⸗ ſches Kanon, oder ich müßte unſere Laffetten nicht mehr kennen. So ſieht kein Oeſtreicher noch Ruſſe aus! Alle Wetter, wenn wir den Brummbaß hier hätten, dann woll⸗ ten wir den Ruſſen da unten einen Tanz aufſpielen!“ „Ihr habt Recht, habt wahrlich Recht,“ rief Werden⸗ berg;„es ſind preußiſche Huſaren, ſoeben, als die Sonne ſo hell darauf ſchien, ließ ſich's deutlich erkennen. Wir müſſen ſie erreichen! Sie ſind zwar wenigſtens zwölfhun⸗ dert Schrit von uns und marſchiren abwärts, aber es gilt, wir holen ſie ein.“ Ueber Holm's bleiches Angeſicht zuckte ein Strahl der Freude.„Ich muß ſie erreichen und hierherholen, oder ich falle todt zu Boden,“ rief er aus und brach gleich gerade durch die Gebüſche. „Ueberſtürze Dich nur nicht, Bruder,“ warnte Wer⸗ denberg,„ſonſt wird es trotz des mächtigſten Willens un⸗ möglich.“ „ — 186— Doch eilten Alle mit haſtigen Schritten dem Ziele zu. Plötzlich blieb Opitz ſtehen und lauſchte.„Horch! das ſind Pferde! Zwei! So wahr ich lebe! Sie kommen hier unter'm Buſch herum!“ Alle ſtutzten. „Es ſind Oeſtreicher, ich ſehe die rothen Hoſen und wei⸗ ßen Collets durch die Büſche leuchten,“ flüſterte Opitz dem Hauptmann zu.— Er hatte Recht. Jetzt bogen ſie um eine Waldecke und wurden ganz ſichtbar. „Die ſollen uns nicht freſſen,“ murmelte Opitz vor ſich hin,„aber wie wäre es, wenn wir ihre Pferde erwiſchen könnten!“ Noch ehe er das Wort herausgeſagt hatte, rief Vul⸗ pius, indem er aus dem Gebüſch hervorſprang:„Victoria! Grützner! Victoria! Holla, heda, Herr Hauptmann, nun iſt uns geholfen! Das iſt ja Grützner, unſer alter Kano⸗ nier!— Aber ich weiß ſchon, wo Du hin willſt, Freund, zu uns, zu den Preußen! Wir wollen Dir den Weg zeigen!“ Werdenberg, der über dieſe Wendung der Dinge nicht wenig erſtaunt war, wurde durch einige Worte bald ins Klare geſetzt. Grützner war richtig, wie er geſtern vor⸗ ausgeſagt hatte, nebſt ſeinem Kameraden in der Deſertion begriffen.—„Das Volk dort prügelt mir zu viel,“ er⸗ zählte er,„und unter'm König Friedrich dient ſich's doch ganz anders als unter General Laudon. Drum ſind wir bei Nacht und Nebel weggeritten und ſtatt auf Ordonnanz „nach Frankfurt, hier hinaus, um ein preußiſches Corps aufzuſuchen.“ Und hätte auch Holm nicht jetzo beiden Reitern die volle Börſe für ihre Pferde geboten, ſo würde ſie Grützner doch aus Ehrfurcht vor Werdenberg, ſeinem alten Offizier, abgetreten haben. —— — 187— Dieſer und Holm ſchwangen ſich auf.„Ihr erwartet uns jetzt ruhig im Gebüſch,“ befahl Werdenberg;„wir kommen ſchleunigſt zurück und ich denke nicht allein.“ So ſprengten ſie fort. In wenigen Minuten hatten ſie den kleinen Trupp, den ſie von oben geſehen hatten, er⸗ reicht. Es waren verſprengte preußiſche Huſaren, die mit ihren Pferden durch die Oder geſchwommen waren und, während ſie ein Corps ſuchten, dem ſie ſich anſchließen könnten, eine vom Feinde erbeutete preußiſche Kanone und etliche gefangene Artilleriſten, die von wenigen ruſſiſchen Reitern escortirt wurden, denſelben wieder abgenommen hatten und nun ihren Marſch auf's Gerathewohl fortſetzten. Ein Fähnrich von noch nicht ſechzehn Jahren befehligte die Leute. Dieſer war außer ſich vor Freude, als Werdenberg ihm die Gelegenheit zu einem verwegenen und glücklichen Streich zeigte. Augenblicks war er bereit, das Unternehmen zu unterſtützen, und ſtellte ſich unter Werdenberg's Befehl. Dieſer führte den Zug ſo eilig es möglich war in den Wald; Vulpius und Opitz nebſt den beiden Deſerteuren ſchloſſen ſich an. „Jetzt wollen wir den Sechspfünder ſchon bedienen,“ rief Opitz,„Du nimmſt Nummer vier und ich Nummer drei. Die Lunte und Handſpeiche her. Da haſt Du die Schlag⸗ röhrtaſche.“ So war man marſchfertig und nach weniger als zehn Minuten hielt man auf der buſchigen Anhöhe, von wo der ganze feindliche Bivouak zu überſehen war. Werdenberg ſtellte das Kanon hinter dem dichteſten Gebüſch auf, doch ſo, daß es den ganzen Lagerplatz mit vollen Kartätſchlagen überſäen konnte.„Junker Holm, Sie bleiben beim Ge⸗ ſchütz,“ befahl er in dienſtlichem Ton,„während ich mit — 18 den Reitern hier oben am Saum der Hügel herumreite. So wie Sie uns dort bei der Schlucht ſehen, fangen Sie an zu feuern, ſo raſch Sie vermögen. Hier wird uns kein Schuß verloren gehen. Ich werde dann ſchon aus der Wirkung den rechten Augenblick entnehmen, wo ich mit meinen Reitern einhauen muß; ſo wie wir aber unten er⸗ ſcheinen, ſtellen Sie Ihr Feuer ein, oder richten es we⸗ nigſtens dahin, wo der Feind flieht und wir nicht ſelbſt dadurch leiden.“ „Nun leb' wohl, Bruder,“ ſprach er jetzt im Tone der Freundſchaft, mit einem herzlichen Händedruck; in einer Viertelſtunde, denke ich, ſehen wir uns fröhlicher wieder.— Und hüte Dich,“ ſetzte er leiſe hinzu,„dort nach der Laub⸗ hütte zu feuern. Den Punkt will ich ſchon ins Auge faſſen, denn dort hoffe ich Die zu finden, die wir befreien wollen.“ Er ritt davon; Alles ging auf's glücklichſte. Jetzt hiel⸗ ten die Reiter in der Schlucht.„Geſchütz, Feuer!“ tönte Holm's Commando und der furchtbare Donner krachte durch die Morgenſtille.„Feuer!— Feuer!“— Drei Schuß folgten einander in derſelben Minute. Die Wirkung war entſetzlich. Die vollen Kartätſchenladungen hatten Pferde und Menſchen zugleich in Maſſe niedergeworfen. In blin⸗ dem Getümmel ſtürzte Alles durcheinander; die Pferde riſ⸗ ſen ſich los und flüchteten in den Wald. Die Koſacken ſuchten jeder das nächſte Thier zu erhaſchen und ſich hinauf⸗ zuſchwingen.— Holm ſetzte ſein Feuern unaufhaltſam fort.„Tapfer dran gehalten, Kinder,“ rief Opitz den Leuten zu, denen der Schweiß von der Stirn träufte, „jetzt müſſen wir die Knochen rühren, denn wenn wir uns lange beſinnen, kommen ſie uns am Ende über's Fell.— Feuer!“ —— —.— —.,— — 189— Etwa zehn Schuß hatte das Kanon gethan, als Holm Halt rief, weil er Werdenberg mit den Huſaren durch die offene Schlucht brechen ſah. Dieſer neue Ueberfall brachte den Feind vollends in Verwirrung und er nahm ſich nicht die Zeit die Angreifenden zu zählen. In blinder Flucht ſtürzte Alles durcheinander nach der entgegengeſetzten Seite des Waldes hin und bald konnte man dem flüchtenden Troß neue Schüſſe nachſenden, ohne die Freunde zu gefährden. Werdenberg hatte, mit dem Fähnrich vorwärts haltend, die Wirkung des Feuers aufmerkſam beobachtet und hielt die Huſaren hinter der Anhöhe zurück, bis es ihm Zeit zum Angriff dünkte. Dann brach er hervor; im Galopp ritt er die ſanft abwärts gewundene Schlucht hinab und drang dann in geſchloſſenen Gliedern unter die zerſtreuten Koſacken ein, ſeinen Weg gerade auf die Laubhütte richtend, wo er den Führer vermuthete. Dieſer, tapfrer als die Seinigen, hatte ſich beim erſten Schuß zu Pferde geſchwungen und die Leute zu verſammeln geſucht. Doch brachte er nur Wenige dazu, Stand zu halten. Mit ihnen aber warf er ſich Werdenberg's Huſaren entſchloſſen entgegen. Doch nach kurzem Kampf war er umringt; Werdenberg ſelbſt, auf den er mit dem Piſtol geſchoſſen, ihn aber gefehlt hatte, ſchlug ihm den Säbel aus der Hand und warf ihn mit überle⸗ gener jugendlicher Kraft vom Pferde.— Der Kampf war ſo entſchieden, daß es Unſinn geweſen wäre, länger Wi⸗ derſtand zu leiſten. „Ich bin Ihr Kriegsgefangener,“ ſprach der Offizier zu Werdenberg's Verwunderung Deutſch,„ich hoffe, Sie kennen die Geſetze der Ehre!“ „Ich kenne ſie und werde ſie achten, wie ſie von Ih⸗ nen geachtet worden ſind,“ entgegnete Werdenberg;„wo ſind die gefangenen Frauen, die Ihnen vor einer Stunde zugeführt wurden? Iſt dieſen ein Leid widerfahren, ſo kenne ich keine Menſchlichkeit!“ „Wenn ſie in der Verwirrung nicht geflüchtet ſind, ſo müſſen ſie ſich dort bei den Bagagewagen befinden. Es iſt Niemanden ein Leid geſchehen, aber dies verdanken ſie hauptſächlich einer Frau, meiner Frau, Herr Hauptmann, die nunmehr Ihre Gefangene iſt und für die ich auf Schonung Anſpruch mache. Dort in der Laubhütte werden Sie ſie antreffen.“ „Frauen haben unter keinen Umſtänden etwas von mir zu fürchten,“ antwortete Werdenberg.„Führt dieſen Offi⸗ zier nach der Hütte und bewacht ihn wohl,“ befahl er ſei⸗ nen Leuten und ſprengte dann raſch jener Stelle zu, die ihm die Gefangenen als den Ort bezeichnet hatten, wo er das Theuerſte, was er jetzt auf Erden beſaß, finden ſollte.— „Ja, ja, ſie iſt es,“ rief er laut und außer ſich vor Freude, als er ſeine Schweſter neben jenen beiden andern Jung⸗ frauen und umgeben von mehrern gefangenen Männern, denen ſämmtlich die Hände auf den Rücken gebunden wa⸗ ren, zwiſchen den Wagen auf dem Boden ſitzend erblickte, wo ſich die Mädchen, von dem Getöſe des Kampfes noch erſchreckt und zitternd, bleich aneinander gedrängt hatten. 4„Schweſter, Schweſter, Anna,“ rief Werdenberg, in⸗ dem er ſich vom Pferde ſchwang,„Du biſt gerettet! Durch Deinen Bruder gerettet, rief er mit Heftigkeit, indem er auf die von plötzlicher Freude faſt überwältigte losſtürzte und ſie an ſein Herz ſchließen wollte; doch ſcheu erbebend trat ſie zurück und rief ängſtlich:„Sie ſind mein Retter, aber ich bin Ihre Schweſter nicht; ich habe nur einen Bruder, aber der“—„bin ich!“ unterbrach ſie Werden⸗ — 191— berg,„ja, ich bin es, Du liebes Mädchen! Ich bin Ernſt Werdenberg, Dein entflohener, aber unſchuldiger Bruder!“ In dieſem Augenblick vernahm er einen lauten Ausruf der Freude neben ſich und jenes blondgelockte, reizende We⸗ ſen ſtürzte auf ihn zu, umſchlang ihn mit ihren weißen Armen und rief in Thränen:„Ernſt! Ernſt! Mein Bru⸗ der! Ich bin Deine Schweſter Anna!“ Werdenberg wußte nicht, ob er wache oder träume; nur ſo viel war ihm klar, daß ein ganzer Himmel der Se⸗ ligkeit ſeine Bruſt überdrängte und die wallende Freude in einem Strom milder Thränen aus ſeinen männlichen Au⸗ gen drang. Jetzt ſprengte ein Reiter mit verhängtem Zügel von der Höhe herab; es war Holm. Er ſchwang ſich vom Pferde und eilte auf die Frauen zu.„Schweſter Eliſabeth,“ rief er ſchon von weitem und eilte mit ausgebreiteten Armen auf Die zu, welche Werdenberg bisher für ſeine Schweſter gehalten hatte. „O Bruder,“ rief Eliſabeth außer ſich,„theuerſter Bru⸗ der! Auch Du biſt unſer Retter! Und Du haſt den Vater gerettet! O nun iſt unſer Glück überſchwenglich!“ Einer der Gefangenen, ein Greis, aber ſtolz und hoch⸗ gewachſen, trat hervor. Es war der Freiherr von Eichholm, der in ſeinem Retter ſeinen Sohn fand.„Drücke mich ans Herz, Ferdinand,“ rief er begeiſtert,„meine Arme ſind gefeſſelt.“ Ferdinand küßte ihm Stirn und Lippe mit der Liebe und Ehrfurcht des Sohnes; dann zerſchnitt er mit edlem Unwillen die Bande, die den Vater feſſelten; als die Arme des Greiſes befreit waren, drückte er den Sohn zum zwei⸗ ten Male und mit innigſter Zärtlichkeit ans Herz. fe war es, auf welche Werdenberg bei ſeiner Flucht geſto⸗ ßen war, nicht zu ihrem Schützling zurückkehren und er — 192— So ſehr Freude, Erſtaunen, Thränen und Glück und Schmerz der Liebe in allen Herzen überfluteten, ſo ſchnell erklärten ſich die äußerlichen Verhältniſſe, deren vielfach verſchlungener Knoten ſich hier ſo wunderbar löſte. Der Pfarrer Heimfried, Anna und Eliſabeth waren auf ihrer Flucht nach mannichfaltigen Gefahren nach Frank⸗ furt gelangt, wo ſie bei einem Amtsgenoſſen Heimfried's für den Augenblick Schutz fanden, obgleich die Stadt von den Ruſſen beſetzt war. Während der Schlacht nahmen die Preußen den Ort in Beſitz, mußten ihn aber, da dieſe verloren ging, am Abend ſchleunigſt wieder räumen. Jetzt drangen viele ruſſiſche Truͤppen ein und unter ihnen auch derſelbe Oberſt mit ſeinen Koſacken, vor dem Heimfried ſich geflüchtet hatte. Das Unglück wollte, daß ein Trupp dieſer Barbaren, unter einem der Offiziere, die im Pfarr⸗ hauſe gelegen hatten, auch in dieſe Wohnung drang; die⸗ ſer befahl theils aus Rache, weil er damals von dem Oberſten heftige Vorwürfe erlitten hatte, theils aus eignem Trieb zur Grauſamkeit, daß alle Bewohner des Hauſes als Gefangene fortgeführt werden ſollten; auch der gaſtfreund⸗ liche Wirth und ſeine vierzehnjährige Tochter theilten dieſes Loos. Daher die beiden Geiſtlichen und die drei Mäd⸗ chen im Zuge der Gefangenen. So konnte Eliſabeth, denn blieb in der Täuſchung, daß ſie ſeine Schweſter ſei, weil 4 er Anna's Buch in ihrer Hand gefunden hatte. 4 Der alte Eichholm war des ruſſiſchen Oberſten Gefan. gener, weil dieſer noch immer auf das unerſchwingliche Löſes geld hoffte. Man hatte ſich die damals überfallenen Guts⸗ beſitzer endlich doch getheilt und Jeder führte einen als A — 193— Beute mit ſich; Eichholm aber war auf des Oberſten An⸗ theil gefallen. Nach dieſen gegenſeitigen Verſtändigungen begab man ſich zu dem Gefangenen, nicht ahnend, daß ſich dort neue Verkettungen menſchlicher Schickſale enthüllen würden. Wer⸗ denberg ging voran. Schon zuvor hatte er in den Zügen dieſes Mannes etwas Bekanntes gefunden, doch war ihm der Gedanke durch die ſein ganzes Herz in Anſpruch neh⸗ menden Ereigniſſe bald wieder verdrängt worden. Jetzt aber, als er in die Hütte zu ihm trat und auch ſeine Gattin erblickte, wurde er durch eine plötzliche Erinne⸗ rung, der er jedoch nicht ſogleich Beſtimmtheit zu geben wußte und wagte, auf's heftigſte erſchüttert.„Wie iſt Ihr Name, mein Herr?“ fragte er den Oberſten,„da Sie mein Gefangener ſind, habe ich ein Recht, Sie darum zu fragen.“ „Ich bin von deutſcher Abkunft. Mein Name iſt von Schwarzeck!“ erwiderte der Oberſt. „Gott der Vergeltung!“ rief Werdenberg, dem plötzlich das Gedächtniß auch für dieſen Namen wiederkehrte/ aus und heftete ſprachloſe Blicke bald auf den Oberſten, bald auf deſſen Gattin.„So ſind Sie Derſelbe, der mich aus meinem Vaterhauſe vertrieben hat,“ fuhr er endlich mit Strenge fort,„und dort ſteht meine ſchuldbeladene Stief⸗ mutter!— Ich bin Ernſt Werdenberg!“ Die Erſchütterte that einen lauten Schrei und ſank in einen Feldſeſſel. In demſelben Augenblicke traten Anna und die Uebrigen hinzu.„Dort ſiehſt Du Deine Stief⸗ mutter, Anna,“ ſprach Werdenberg,„ſie, die Dich ver⸗ ließ und dem Zufall preisgab, nachdem ſie Deinen Bru⸗ der vertrieben hatte, durch die Du vielleicht in das J tieſſte Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. IV. 9 15 — 194— Elend des Lebens gerathen wäreſt, wenn jener würdige Ju⸗ gendfreund Deines Vaters Dich nicht gerettet hätte!“ Louiſe ſchluchzte und bedeckte ſich das Antlitz; Schwarzeck ſtand finſter und abgewendet. Hier trat Heimfried gerührt hervor und ſprach:„Gott ließ ihr Herz nicht böſe, denn ihr verdanken wir unſere erſte Rettung, ihr danken auch heute die Jungfrauen den Schutz vor unwürdiger Mishandlung. Mein iſt die Rache, ſpricht der Herr, wir ſollen verſöhnlich ſein!“ „Es iſt keine Rache in meinem Herzen,“ entgegnete Werdenberg ſanft;„die Schuld rächt ſich ſelbſt. Doch Eines iſt mir nothwendig. Der Verdacht eines ſchweren Verbrechens iſt mir durch dieſe meine Mutter aufgewälzt worden, hat mich flüchtig durch die Welt getrieben und bis heute meines redlichen Namens beraubt. Ich ſollte mit verruchter Hand die Brandfackel in meines Vaters Haus geſchleudert haben. Bei dem allmächtigen Lenker der Dinge, deſſen dunkle Wege uns hier zuſammengeführt ha⸗ ben, beſchwöre ich es, ich bin unſchuldig an dieſer That.“ Louiſe vermochte nicht zu ſprechen. Schwarzeck aber nahm das Wort.„Der Schein war wider Sie, doch er⸗ fuhren wir Ihre Unſchuld erſt vor einigen Jahren, als wir in Polen von Räubern angefallen wurden, deren einer je⸗ doch in unſere Hand gerieth und, da er zum Tode ver⸗ urtheilt war, auch dieſe That bekannte. Er ſtreifte damals als Landſtreicher in Pommern umher und ich entſann mich nach ſeinem Geſtändniß, daß wir an dem Tage Ihrer Flucht einen verdächtigen Menſchen vom Pfarrhofe gewieſen hatten. Ich kann Ihnen die gerichtliche Beſtätigung dieſes Zeug⸗ niſſes ſchaffen.“ „Dieſe fodere ich,“ ſprach Werdenberg froh und feſt. „Zwiſchen uns wäre nun nichts mehr auszugleichen. Sie ſind — 195— mein Kriegsgefangener, Herr Oberſt; aber ich gebe Ihnen die Freiheit gegen Ihr Ehrenwort, daß Ihre Leute uns nicht mehr angreifen, bis wir das Corps des General Wunſch erreicht haben.“ „Ich wäre nicht im Stande es zu halten,“ ſprach Schwarzeck,„da meine Leute zerſtreut ſind. Darum ziehe ich es vor, Sie zu begleiten und werde bei jedem Ueber⸗ fall, den wir unterwegs erfahren ſollten, meine Autorität gebrauchen, um Sie zu ſichern, ſo beſchämend es mir ſein muß, eine Niederlage durch ſo geringe Mannſchaft erlitten zu haben.“ Dieſer Vertrag wurde angenommen und man brach auf.— Ohne Unfall erreichte Werdenberg gegen Mittag das Corps des Generals, wo er geſichert war und die Frauen und waffenloſen Männer allen Schutz, der im Kriege möglich iſt, fanden. Am folgenden Tage gingen ſie nach Berlin, das durch des Königs entſchloſſene Maßregeln bereits wieder gegen jeden feindlichen Angriff gedeckt war. Wo ſolche Schickſale und göttliche Fügungen gewaltet haben, da beugt ſich der Menſch und erkennt ein Grö⸗ ßeres an, als ſeine kleinen Beſtrebungen, ſeinen Stolz, ſeinen Werth. So auch der alte würdige Eichholm. Er wurde doppelt beſiegt, oder beſſer, er erkämpfte einen dop⸗ pelten Sieg über ſich ſelbſt. Denn er willigte in Ferdi⸗ nand's Verlöbniß mit Anna und in Eliſabeth's mit dem edlen Werdenberg. Der Krieg mit ſeinen ſchwankenden Geſchicken dauerte noch über drei Jahre und reichte bei⸗ den tapfern Jünglingen die Lorbere des Nuhms und des Glückes. Doch ein ſchöneres, grünendes Reis flocht ſi ch 9 -— 196— ihnen in den Oelzweig des Friedens; es war die bräutliche Myrthe, die die Locken Anna's und Eliſabeth's umwand. Die getreuen Kampfgenoſſen Vulpius und Opitz, ja ſelbſt Grützner, fanden eine Zuflucht des Alters bei ihren Offizieren und ſchwatzten noch manchen vertraulichen Win⸗ terabend von ihren Kriegsthaten. So erlebten ſie denn auch noch, aber nur als Zuſchauer, den einjährigen Krieg. Wenn ſie aber die mageren Zeitungsnachrichten darüber la⸗ ſen, dann ſchlug Vulpius oftmals unwillig auf den Tiſch und rief:„Lumperei! Als wir noch dabei waren, Opitz, da ging es doch anders her! Weißt Du, wie bei Hoch⸗ kirch und Kunersdorf und Torgau? Keinen ausgebrann⸗ ten Zünder iſt der ganze Quark von Krieg heut zu Tage werth.“ Wie man zwanzig und dreißig Jahre ſpäter Krieg führte, das erlebten die wackeren Artilleriſten freilich nicht! — Osraim der Huchäer. Frei nach orientaliſchen Mittheilungen. Erstes Capitel. Der mächtige Emir Ali Saradin zu Mekka zog mit vie⸗ len Frauen und Dienern nach ſeinem Sommerſchloß in den Gebirgen. Ihn trug der Hengſt Elhammor, ſchwarz wie Ebenholz, aus dem edelſten Geblüt, das nie unrein ge⸗ miſcht worden. Das königliche Thier ſchritt leicht und ſtolz unter ſeinem Gebieter hin und ließ kaum eine Spur ſeines Hufes zurück in dem Flugſand der Steppe, durch welche die Karawane zog. „Kommen da nicht Wanderer zu Fuß?“ fragte Ali Saradin ſeinen Waffenträger Haſſan, indem er die Hand über das von der Sonne geblendete Auge hielt.—„Beim Propheten, wenigſtens zwanzig! Sollten ſie um Buße zu thun, die glühende Barr Arab durchwandern? Und ſie kommen von Südoſt her, wo der giftige Samum weht und auch viele Tagereiſen keine Oaſis den lechzenden Wan⸗ derer aufnimmt.— Laß uns gemächlich reiten, Haſſan, ſo kreuzt ſich unſer Weg mit dem der Pilger und wir hö⸗ ren, was ſie uns Neues bringen aus den Ländern, woher die Sonne kommt!“ „Treibt die Kameele nicht an,“ rief Haſſan, dem Wink ſeines Gebieters gehorſam, den Kameelführern zu, unſer 8 —, 200— mächtiger Gebieter will mit jenen Pilgrimen ſprechen, die dort in die Staubwolke gehüllt herbeiziehen.“ Auf dieſen Wink mäßigten die Führer den Schritt der Kameele, auf deren Rücken unter kühlen, dicht verhüllten Palankinen die ſchönſten Frauen aus Ali Saradin's Harem ſaßen, die, ſeit ihr Gebieter ſie zuerſt berührte, nie einem männlichen Blick entſchleiert waren. „Bei Allah!“ rief Ali Saradin nach einiger Zeit,„die Pilger müſſen auf's äußerſte erſchöpft ſein, denn ſie nä⸗ hern ſich uns kaum bemerkbar; wer weiß, bedürfen ſie der Hülfe. Laß uns hinüber reiten!“ Er drückte dem flüchtigen Elhammor den Sporn leicht in die Seite; das edle Thier flog, ohne ſich anzuſtrengen, pfeilſchnell mit ihm über den gekräuſelten Sand. Zwei Mi⸗ nuten waren noch nicht verronnen und der Emir hielt vor den Pilgern, die ſich gebeugten Hauptes mühſelig durch den Sand ſchleppten. „Woher kommt Ihr, Pilgrime? Ihr ſeid erſchöpft! Eure Füße bluten! Habt Ihr keine Kameele, nicht einmal ein Saumroß? Wer ſeid Ihr?“ „Mächtiger Fürſt!“ begann einer der Pilger und war ſich kniend in den Sand, indem er die Arme als Bitten⸗ der erhob.„Wir ſind Kaufleute aus Bagdad und waren in großer Karawane nach Derajah, der mächtigen Haupt⸗ ſtadt der Wechhabi, gezogen, wo wir für Elfenbein und Myrrhen Edelſteine, feine Wolle und indiſche Purpurge⸗ webe einhandelten, die wir nach der Stadt des Propheten, nach der heiligen Medina bringen wollten. Da überfiel uns geſtern eine räuberiſche Suchäerſchar, von dem furcht⸗ baren Osraim geführt. Wie der Wirbelwind der Wüſte ſtürmten ſie auf uns ein, entführten unſere reichbeladenen Roſſe und Kameele, raubten die Frauen und Jungfrauen, — 201— die in unſerm Geleit nach Mekka pilgerten, und ſchleppten unſere Jünglinge gefeſſelt mit ſich fort. Wir ſelbſt, ermü⸗ det, gegeißelt, mishandelt, der Schuhe und Mäntel beraubt, ſchleppten uns am Tage mühſelig durch die glühende Wüſte und erſtarrten in der Nacht faſt unter dem kalten Thau des Himmels. Ohne Schuhe wandern wir nun ſchon den zweiten Tag, in der Hoffnung, bald die Grenzen der Pil⸗ ger ſchreckenden Barr Arab zu erreichen; aber unſere Kräfte ſchwinden und, wenn die Mittagsſonne heraufkommt, be⸗ vor wir Labung oder den Schatten und die Quelle einer Oaſis finden, müſſen wir verſchmachten. Darum, o Herr, erbarme dich unſer und gönne uns Schutz und Hülfe.“ „Der Prophet war Euch gnädig, Pilgrime, daß Ihr auf Ali Saradin ſtießet, deſſen Großmuth ſeine Freunde eben ſo rühmen, wie ſeine Feinde vor ſeinem Grimm zit⸗ tern. Den verwegnen Räuber ſoll die Gewalt meines zornigen Armes treffen, Ihr aber ſollt die Milde meines Herzens erfahren. Dort drüben ziehen meine Kameele, reich mit Früchten und Brot beladen. Haſſan, ſprenge eilig zurück und gebiete Halt, damit dieſe Unglücklichen ge⸗ labt werden.“ „Allah ſegne Dich, Großmüthiger!“ riefen die Pil⸗ grime, und die friſch belebte Hoffnung durchſtrömte die Erſchöpften mit neuer Kraft. Bald erreichten ſie, dem Roſſe Ali Saradin's folgend, ſeine Kameele und empfingen die verheißenen Erfriſchungen. Auf des Emirs Stirne hatten ſich finſtre Furchen ge⸗ zogen. Sein Zorn gegen den kühnen Räuber wuchs, je mehr er an die That deſſelben dachte.— Er ſann nach, wie er den Kampf mit dem Räuberhäuptling am geſchick⸗ teſten begönne und am rühmlichſten vollführte! — 202— „Wie ſtark war die Schar, mit welcher Osraim Euch überfiel?“ fragte er die beraubten Kaufleute. „Mit zwölf Reitern flog er, dem Schatten der Sturm⸗ wolke gleich, über den gelben Sand der Wüſte daher.“ „Wie, mit zwölf Reitern? Und Ihr ſeid Eurer drei⸗ ßig noch jetzt?“ „Wir waren mehr als funfzig; aber Osraim bricht wie der Tiger in die Heerde ein. Vor ihm entlaufen die Un⸗ erſchrockenen und flüchten die Kühnen! Sein Arm—“ „Schweig, Unwürdiger!“ rief Ali Saradin mit zorn⸗ funkelndem Auge.„Gazellen drängen ſich bebend aneinan⸗ der, wenn ſie das Gebrüll des Tigers hören, der Löwe ſpringt frohlockend auf und erſpäht ſeinen Raub.— Es iſt beſchloſſen! Ich will den Verwegnen angreifen! Wohin wandte er ſich mit ſeinem Raub?“ „Er zog ſüdweſtlich nach dem blauen Gebirge am Rande der Wüſte!“ „Wie? In meines Schloſſes Nähe wagt ſich der Frev⸗ ler, der bisher nur in den wilden Klüften des ſteinigen Ara⸗ biens hauſte?— Gut denn, er ſoll es bereuen!“— Ali Saradin ſandte die Reiſenden, die er vom Ver⸗ ſchmachten in der Wüſte gerettet, nach Mekka und gab ihnen einen Geleitsmann und Speiſe und Getränke mit. Er ſelbſt ſetzte den Weg durch die Wüſte fort nach ſeinem Sommerſchloß, das in den Gebirgen lag, gerade da, wo ein Zweig derſelben weit in die Wüſte vorſprang, ſo daß der Emir den Weg dahin, der ſich auch durch die Thäler zog, ſtets quer über das Sandmeer nahm, wie wenn er über einen Meerbuſen ſteuerte, ſtatt längs des Ufers zu zie⸗ hen. Denn er machte ſo ſtatt dreier Tagereiſen eine. Als die Sonne ſank, näherte er ſich dem Saume des Gebirges, deſſen Gipfel purpurn und violett hoch in die — 2903— Lüfte ragten, während der Fuß ſich mit dem dunklen Grün hoher Palmen und breiter Fächergewächſe bekleidete. Ein kühler Hauch wehte aus den Thälern herüber in die trockene Glut der Wüſte hinein. Die lechzenden Roſſe und Kameele ſpitzten lauſchend das Ohr und beſchleunigten ihren Schritt. Jetzt wehten ſchon laue Düfte herüber von den Roſen und Lilien und tauſend gewürzigen Kräutern, die auf den Wie⸗ ſenabhängen der Berge ſproßten. Horch! Hörſt Du nicht ſchon den murmelnden Waſſer⸗ fall? Elhammor, Ali Saradin's edler Hengſt, ſtreckt das Haupt weit vor und öffnet die Nüſtern bei dem friſchen Duft und dem Erquickung verheißenden Geräuſch. Er wie⸗ hert. Stolz hebt er den Nacken und ſchüttelt die wallenden Mähnen! Es bedarf keines Sporns mehr. Raſcher als die fliehende Gazelle ſchwebt er über den Flugſand dahin, bis ſein Huf die erſten grünen Halmen berührt; dann fliegt er über den Wieſenteppich, dem Bache zu, um ſich aus den kühlenden Wellen zu tränken. Ali Saradin ſchwang ſich, obgleich ſchon in vollen Mannesjahren, doch mit der Leichtigkeit des Jünglings vom Sattel, ſtreifte dem edlen Thier die Zügel ab und ſprach: „Auf, Elhammor, letze Dich frei am kühlen Trunk und an der friſchen Weide!“ So ließ er das dem Winke und Ruf des Gebieters ſicher folgende Roß frei durch die Flur ſtreifen und warf ſich in dem Schatten einer Palme auf den Raſen.—— Seine Gedanken waren auf Thaten des Ruhmes und der Rache gerichtet.„Schon längſt er⸗ bittert es mich, daß die Pilger aus Weſten und Oſten nur von dem kühnen Suchäer Osraim erzählen! Wer iſt er denn? Ein dunkler Name, den niemals Jemand gehört! Von keinem Häuptling, keinem Scheik ſtammt er ab!—— Doch was ſpitzt Elhammor das Ohr? Er wiehert!— 4 — 204— Kluges Thier! Du gibſt Deinem achtloſen Herrn war⸗ nende Zeichen!— So thuſt Du, wenn ein edles Mutter⸗ roß Dir nahe iſt!— Sollten wol Wanderer unfern von hier raſten?“ Er rief den Hengſt; folgſam nahete ſich das Thier und ließ ſich zäumen. Ali Saradin ſchwang ſich auf.— Spä⸗ hend blickte er rings umher.„Wahrlich auf dieſem Raſen haben ſich mehr Roſſe getummelt! Im feuchten Kiesſand dort, das iſt nicht Elhammors Huf! Sei auf der Hut, Ali! Wer weiß, ob nicht Osraim in der Nähe lagert.— Halt! Was iſt das dort oben an der Felsecke? Ein Lanzenſchaft ragt aus dem Palmengebüſch hervor!— Stände dort vielleicht eine Wacht aus?—— Beim Propheten, ſo iſt es! Freue Dich, Ali Saradin! Die Gelegenheit zu einer kühnen und ſchlauen That iſt da!“ Mit dieſen Worten ſprengte er zurück zu der Kara⸗ wane, die eben im langſamen Zuge ſich dem Saum der Wüſte näherte.— In ſeiner Seele war ein verwegener Plan gereift.. „Haſſan!“ rief er. „Hoher Gebieter!“ „Du geleiteſt meine Frauen und die Hälfte der bela⸗ denen Kameele ſeitwärts durch das Felſenthal nach meinem Schloß hinauf. Die Hälfte der Reiter nimmſt Du zur Beſchützung mit Dir. Noch ehe die Sterne blinken, wirſt Du dort ſein. Dann beſteige mit allen Deinen Gefährten friſche Roſſe, kehre auf der Stelle zurück und noch vor Mitternacht erwarteſt Du mich in der tiefſten Felſenſchlucht am heiligen Brunnen!“— Haſſan, obwol erſtaunt, befolgte dennoch ſtumm die Be⸗ fehle ſeines Herrn; er theilte die Karawane, wie ihm gebo⸗ ten war, und zog das Thal zur Rechten entlang.— Ver⸗ — 205— wundert ſahen es die Uebrigen, doch wagte Keiner zu ſpre⸗ chen, noch zu fragen. Hierauf winkte Ali einem andern ſei⸗ ner jungen Bewaffneten.„Abdul! Deine Gefährten nen⸗ nen Dich den Kühnen und Schlauen zugleich. Du reiteſt ein windſchnelles Roß, das ich Dir ſelbſt geſchenkt; Deinen Dolch und Yatagan habe ich einſt ſelbſt geführt. Du biſt hoch von mir geehrt worden, Abdul! Jetzt ſollſt Du mir zum Dank eine kühne That vollbringen helfen.“ „Befiehl mein Haupt, ſo liegt es Dir zu Füßen, Ge⸗ bieter! Fordre mein Herz und mein Dolch hat es durch⸗ bohrt.“ „Dein Leben, Abdul, wird in Gefahr kommen. Doch Du kannſt Ruhm erwerben.“ „Abdul, Achmet's Sohn, iſt geboren, um zu ſterben. Er lebt nur, um einen rühmlichen Tod zu ſuchen.“ Bei dieſer Antwort warf der Jüngling das Haupt ſtolz empor, zog den Zügel ſeines Roſſes an, daß es muthig aufſtieg, und ſchwang den Yatagan mit der Schnelle des Blitzes durch die Lüfte. „So erfreueſt Du Ali Saradin's Herz! Jüngling, jetzt höre, was Du vollführen ſollſt.“— Hierauf ritt Sa⸗ radin abwärts von den Gefährten mit ihm und ſie ſpra⸗ chen leiſe mit einander.——„Du haſt mich alſo ver⸗ ſtanden?“ „Wohl,“ mein Gebieter,“ entgegnete Abdul mit fun⸗ kelndem Auge.„Sorge nicht, ich werde es muthig und be⸗ ſonnen vollführen.“ „Medul! Nurreddin! Esra! Hameth!“ rief Ali Sa⸗ radin jetzo, Ihr folgt mir!— Doch Ihr Uebrigen alle ge⸗ horcht dem Befehl Abdul's!“— Er ſprengte dahin, die vier aufgerufenen Gefährten folgten ihm; bald verſchwan⸗ den ſie in dem gewundenen Felsthal, das in die Wüſte 2906— ausmündete, und nur der Staub ihrer Roſſe blieb, eine goldene Wolke, von der ſinkenden Sonne geröthet, noch lange ſichtbar. Abdul lenkte ſein Roß das Wieſenthal aufwärts, nach der Stelle, wo Ali Saradin zuvor geruht hatte. Neben ihm ritt Tamahor, ein ergrauter Krieger, der hundert Schlachten mit dem Naubſtamm der Suchäer gefochten hatte. Dieſer begann:„Abdul! Ich errathe, was hier vor⸗ geht; es gibt einen Kampf. Sei vorſichtig, denn täuſcht mich nicht Alles, ſo werden wir es mit Osraim, dem Su⸗ chäer, einem furchtbaren Gegner, zu thun haben. Darum verſchmähe nicht erfahrenen Rath des Alters.— Haſt Du Deine Blicke auf die Erde gerichtet?— Haſt Du im Graſe die Hufſpuren geſehen?— Und ſaheſt Du zuvor im letzten Blick der Sonne nicht dort oben am Fels etwas Rothes ſchimmern? „Das war ein flatternder Papagei, deſſen rothe Bruſt im Sonnenglanz ſtrahlte!“ „Abdul, Du irrſt! Tamahor's Auge entdeckt den Strauß eine Stunde weit, wenn er durch die Wüſte ſchwirrt; es unterſcheidet den Tiger vom Leopard im flüchtigſten Lauf, wenn er in der Dämmerung, einem Schattenbilde gleich, pfeilſchnell über die Sandſteppe dahinſchießt. Tamahor irrt ſich nicht. Was er ſah, war ein rothes Gewand!“ „Das eines Hirten vielleicht, der auf dem Felſen hei⸗ lende Kräuter ſucht für ſeine kranken Lämmer.“ „In dieſen Bergſchluchten wohnt kein Hirtenſtamm. Dort aber jener Fels iſt die beſte Hochwacht, um weit in die Wüſte und in die Thäler zu ſchauen. Ich habe ihn oft erſtiegen und kenne jede Schlucht dieſes Gebirges!“ „Deſto beſſer, Tamahor! So ſollſt Du uns führen, wenn es nöthig wird.— Aber jetzo laß uns hier am — 207— Bach lagern. Ali Saradin will, daß Roſſe und Kameele getränkt werden. Wir erwarten hier ſeine Rückkehr.“— Abdul gab Befehl zum Raſten. Tamahor aber ſchüttelte be⸗ denklich das Haupt, und ſah oftmals nach der drohenden Felsſpitze über ihnen hinauf. Die Kameele und Roſſe wurden abgezäumt und gefüt⸗ tert. Abdul ließ ein Feuer anzünden und die Araber la⸗ gerten ſich rings umher. Nur Tamahor wollte nicht lagern, noch ſein Roß abzäumen, ſondern blieb aufrecht und ging, ohne die Waffen abzulegen, auf und nieder.„Wer er⸗ zählt das ſchönſte Mährchen oder wer die tapferſten Tha⸗ ten?“ rief Abdul fragend.„Tamahor! Du haſt die mei⸗ ſten Tage geſehen, Du kannſt von den meiſten erzählen. Komm, ſetze Dich zu uns! Laß die Sorgen! Jüngere als Du mögen wachen! Du ſollſt uns erfreuen, denn Du beſitzeſt Weisheit und verſtehſt ſie anmuthig zu leh⸗ ren.— Komm, erzähle uns!“ Der Alte war ſchwatzhaft und ſtolz auf ſeine weitge⸗ rühmte Gabe, merkwürdige Thaten zu erzählen. Darum ließ er ſich überreden, ſetzte ſich in den Kreis und war's zufrieden, daß ein jüngerer Krieger, Ibrahim, der willig und wachſam war, ſeinen Poſten übernahm.—„Ihr habt heute,“ begann er,„von Osraim dem Suchäer und ſeinen Thaten gehört; Ihr hört vielleicht noch mehr von ihm! Aber ich will Euch von einem Jüngling er⸗ zählen, der, wäre er nicht verſchwunden von der Erde, den leuchtenden Stern Osraim's verdunkeln würde durch den Glanz ſeiner Tapferkeit. Abdallah hieß er, Harun's Sohn, der Löwenbezwinger. Von Abdallah's verwegenen Thaten könnte ich erzählen vom Untergang der Sonne, bis der Morgenſtern erbleicht, und Ihr würdet nicht an Schlaf denken. Wenn wir einſam durch die Wüſte reiten und — 208— den Löwen auf der Sandſcholle lauernd liegen ſehen, lenken wir das Roß abwärts und flüchten pfeilſchnell dahin. Ab⸗ dallah aber legte die Büchſe an, ſandte eine ſichere Kugel gegen die Stirn des Thieres und, wenn es dann voll Wuth und Schmerz auf ihn einſtürzte, ſchwang er ſich blitzesſchnell vom Sattel und erlegte es mit ſeinem Jagd⸗ ſpeer. Zwei Tiger erſchreckten den Muthigen nicht; denn er war gelenker, ſchneller und ſtärker als beide. Die Ga⸗ zelle holte er im Laufe ein, ja den Strauß jagte er ohne Roß mitten im glühenden Sande Barr Arabs, wo wir An⸗ dern matt hinſinken, wenn wir einen halben Tag langſam gewandert ſind.—— Sechzigmal habe ich jetzt die Dat⸗ teln reifen und die Regen bringenden Sterne kommen und verſchwinden ſehen. Aber nie auf dieſer langen Reiſe ſah ich einen ſchönern und kühnern Mann als Abdallah, nie ein ſchöneres Mädchen als Suleika, ſeine Geliebte. Die Palme war nicht ſchlanker, die Gazelle blickte nicht frommer als ſie; ihre Locken wallten ſchwarz um den Nacken von ſchimmerndem Elfenbein und Moſchuls Roſen blühten auf ihren Wangen. Funfzehnmal reifte ſeitdem der Mais und Ihr alle waret noch Knaben, als Abdallah ſie als Braut aus ihres Vaters Salem Hauſe heimholen wollte. Doch unſer mächtiger Emir Ali Saradin hatte die ſchöne Suleika geſehen, und ſein Herz entbrannte in Liebe zu ihr. Er bot dem Vater Gold und Edelſteine, Salem war habſüchtig und zugleich unſerm Herrn zinspflichtig. Gewinn lockte, Dro⸗ hung ſchreckte ihn;z an dem Morgen, wo Abdallah erſcheinen ſollte, die Braut zu empfangen, übergab der Vater die wei⸗ nende Tochter dem liebenden Ali Saradin. Als Abdallah mit dem Zuge der Verwandten und ſchönen Brautgeſchenken vor Salem's Hütte erſchien, war ſie verſchloſſen und leer, denn in Angſt vor dem Unbeſiegbaren war er entflohen. — 209— Vergeblich tönten die Becken und Zimbeln, vergeblich rief Abdallah ſeine Suleika! Das ſchöne ſchwarzlockige Mädchen antwortete nicht. Sein ſtarker Fuß ſprengte endlich die Thür des Hauſes, er durchſuchte Gemächer und Garten. Da er⸗ zählte ihm Aiſchra, die alte Sklavin, die weinend herbei⸗ kam, was geſchehen war.— Habt Ihr je die Löwin ge⸗ ſehen, der die Jungen vom Lager geraubt ſind? Sahet Ihr jemals den Tiger auf die Hyäne ſtürzen, die ihm die Beute entreißen wollte? So funkelte der Zorn in Abdallah's Blicken. Er ſchwang ſich zu Roß. Sein Säbel blitzte. Allein, den Gefährten voran, ſtürmte er der Entführten nach. Er ſprengte die Thore des Schloſſes zu Mekka auf, fand aber Suleika nicht. Da warf er die Feuerbrände des Herdes nach allen Seiten aus, daß die erſchreckten Sklaven und Weiber flüch⸗ teten und die praſſelnde Flamme himmelan ſchlug. Dann ſtürmte er weiter, der Geraubten nach, die nach dem Luſt⸗ ſchloß in dieſe Berge gebracht wurde. Mitten in der Wüſte ereilte er die Karawane. Dreißig Reiter begleiteten ſie; dazu noch die Treiber der Kameele unde die ſchwarzen Verſchnit⸗ tenen mit Dolchen bewaffnet.„Halt!“ rief er dem Zuge zu——„doch was willſt Du, Ibrahim, weshalb trittſt Du hier an den Kreis der Gelagerten und bleibſt nicht auf der Wacht?“ „Vater! Es iſt Alles ſtill und todt ringsum. Deine Worte tönen durch die laue Nacht und locken mich. Auch ich bin Arabiens Sohn und durchwache nach der Arbeit des härteſten Tages die längſte Nacht, um einem Mährchen zu lauſchen. Du aber erzählſt Wahrheit, die wunderbarer als Mährchen klingt.“ Der Alte lächelte ſelbſtzufrieden. Dann fuhr er fort: „So horche nur, was Abdallah vollbrachte.—„„Halt,““ rief er,„„wer einen Finger erhebt, iſt des Todes. Su⸗ — 210— leika! Meine Suleika! Dein Abdallah ruft Dich, biſt Du hier?““— Da ertönte eine Stimme aus dem Palankin: „„Abdallah, befreie mich! Rette Deine Suleika!““ „Schlagt den Verwegenen nieder,“ rief Ali Saradin. Aber Niemand von uns wagte ſich an ihn, weil wir ihn kann⸗ ten und bewunderten; nur zwei Neulinge wagten es auf ihn zu ſchießen. Zwei Blitze ſeines Säbels zuckten und Beide lagen todt am Boden. Wüthend ſtürzte Ali Sara⸗ din auf ihn ein, doch wir warfen uns vor ihn, um den Gebieter zu retten. Abdallah ſtürmte durch unſere Schwer⸗ ter und Kugeln, wie der Sturm über die Wüſte brauſt und Alles niederſtreckt ins Bett des Todes. Der Ergrimmte erreichte Ali Saradin! Sein Yatagan flammte über des Gebieters Haupt. Ich ſtürzte mich da⸗ zwiſchen und fing den Streich auf, der mir durch den Tur⸗ ban in die Stirn drang, daß Blut mein Antlitz über⸗ ſtrömte. Da bebte Abdallah zurück und rief:„„Vater, Dich wollte ich nicht tödten!““—„„Du tödteſt mich, wenn Du den Gebieter tödteſt,““ entgegnete ich.„„So flüchte mit dem Verhaßten,““ ſprach er großmüthig, aber voll Ingrimm, und ich riß Ali Saradin's Roß gewaltſam herum und trieb es mit Säbelhieben zur Flucht, daß es ihn brauſend über die glühende Fläche dahintrug. Abdallah nahm die vor Freude weinende Suleika in den Arm, ſetzte ſie vor ſich auf das Roß und ſprengte mit ihr nach Mekka zu.— Doch hat ihn ſeitdem kein Sterblicher wieder geſehen. Iſt er in der Wüſte umgekommen, vom giftigen Samum angehaucht, von hungrigen Schakals verzehrt; entfloh er in die Gebirge, oder über das Meer in ferne Länder; lebt er verborgen in tief⸗ ſter Felskluft— wer weiß es? Aber zu Mekka ſah ihn Niemand wieder, denn dort ſchwebte das Beil des Todes über ihm, weil er Geſetz und Mächtige ſchwer beleidigt. — 211— So ging der kühnſte Sohn Arabiens uns verloren und kein Ohr hat wieder von ihm gehört.“ Der Erzähler ſchwieg; die Hörer ſaßen ſtaunend und lautlos, als wollten ſie ſelbſt den Nachhall der Worte, die im Nachtwinde verrauſchten, noch erhaſchen und feſſeln. Da blitzte es plötzlich leuchtend auf, wie ein flammender⸗ Widerſchein, und gleich darauf krachte es laut von praſ⸗ ſelnden Schüſſen und das Felsthal hallte ſie in tauſend⸗ fachem Echo wider. „Beim Propheten! Ein Ueberfall des Suchäers“, rief Tamahor, und ſchon pfiffen die Kugeln über die Häupter der Aufgeſprungenen dahin. „Zu den Waffen! Auf die Roſſe!“ gebot Abdul und Alles ſtürzte dahin, wo die Kameele und Roſſe lagerten. Zweites Capitel. Abdul war der Erſte zu Roß und der Yatagan flammte blutigroth vom Widerſchein des Lagerfeuers in ſeiner Hand. Doch die Räuberſchar ſtürmte auf brauſenden Roſſen ſchon von allen Seiten heran.„Hieher, Freunde!“ rief Abdul. „Hieher! Zu mir!“ Doch plötzlich faßte ihn ein Arm aus der Finſterniß und er fühlte ſeine Rechte wie von einer Ei⸗ ſenklammer umſchloſſen. „Du biſt mein Gefangener! Ergib Dich! Jeder Wi⸗ derſtand iſt vergeblich, denn noch nie hat ſich ein Sterb⸗ licher Osraim's unbeſiegbarer Kraft entrungen.“ Abdul zuckte ergrimmt, doch vergeblich. Die Hand mit — 212— dem Yatagan war ihm wie eingeſchmiedet in des furchtba⸗ ren Osraim's Fauſt.„Mir zu Hülfe, Tamahor, uns Zweien widerſteht er nicht!“ Osraim lachte.— Tamahor war ſchon zu Boden ge⸗ worfen und der Dolch eines Räubers ſchwebte über ihm. Die flackernde Flamme des Lagerfeuers leuchtete ſo hell, daß Abdul den grimmigen Zorn auf dem Antlitz des grei⸗ ſen Kriegers ſehen konnte, der vergebens, wie er, mit der überlegenen Kraft ſeines Feindes rang. Dieſer hatte ihm die Kehle gepackt und das Haupt an den Boden gedrückt; eben zückte er den Dolch, um ihm die ſcharfe Spitze ins Herz zu bohren. Da rief Osraim mit eherner Stimme: „Halt, tödte ihn nicht! Ich will, daß er lebe.“ Gehor⸗ ſam ließ der Raͤuber den Dolch ſinken, hielt jedoch ſeinen beſiegten Feind mit ſtarker Fauſt an den Boden gedrückt. Abdul knirſchte mit den Zähnen! Thränen des In⸗ grimms brachen aus ſeinen Augen und erſtickten ſeine Sprache. „Dein verwegenes Beginnen, Knabe,“ ſprach Osraim ruhig, aber ohne ihn aus den Eiſenbanden ſeiner Fauſt zu entlaſſen,„hätte den Tod verdient, denn Du wollteſt noch feindſelig gegen mich handeln, nachdem ich Dir ſchon Gnade verheißen. Doch ich liebe den Muth des Jünglings. Tapfre Feinde macht Osraim gern zu tapferen Freunden und alle die Seinigen hat er ſo erworben. Willſt Du zu ihnen gehören?“ Abdul blieb einen Augenblick ſtumm, dann ſprach er finſter:„Ja!“ „Schande und Schmach und der Zorn des Propheten über Dich!“ rief Tamahor.„Willſt Du Deinen Gebieter, dem Du Treue geſchworen, verrathen?“ Abdul ſchwieg. Osraim ſprach ruhig:„Schont des — 213— Greiſes! Das Alter hat ein freies Wort. Feſſelt ihn und führt ihn zu den übrigen Gefangenen.— Du,“ ſprach er zu Abdul,„gib Deine Waffen ab; Dein Roß magſt Du behalten.“ Abdul warf den Yatagan zu Boden, riß ſeinen Dolch aus dem Gürtel, die Piſtolen aus dem Sattel und ſchleu⸗ derte Alles weit von ſich. Dann bedeckte er ſich mit bei⸗ den Händen das ſchamglühende Antlitz und neigte das Haupt finſter auf die Bruſt.— Osraim betrachtete ihn mit Antheil, doch dann wandte er ſich zu Tamahor, der mit zürnendem Blick und gekreuzten Armen an den Stamm einer Palme gelehnt ſtand. „Weißt Du, Alter,“ fragte Osraim,„wer Dir das Leben gerettet hat? Die Narbe auf Deiner Stirn. Wo haſt Du ſie erhalten?“ „In einem rühmlicheren Kampfe als dieſer,“ antwortete der Greis unwillig, wo leichtſinnige Diener ihren Gebieter verrathen!“ „Wer iſt Dein Gebieter?“ „Du wirſt es erfahren, wenn er Dich züchtigt!“ Osraim lächelte.„Trägſt Du die Narbe lange an der Stirn?“ „Sie iſt noch unter braunem Haar gewachſen!“ erwi⸗ derte Tamahor kurz und mürriſch. „Du kümmerſt Dich wol um den Schnee, Freund, der Hauf Dein Haupt gefallen iſt. Ja, mein Guter, der ver⸗ ſchont nur die warme Erde und die warme Jugend. Der Norden, die hohen Berghäupter und das Alter müſſen ihn tragen!“ „Der ſilberne Schnee, der auf meinen Locken liegt, ehrt das Haupt Tamahor's; darum kümmert er mich nicht, wol aber die Scham, die ſich pupurn auf meiner Stirn — 214— lagert, wenn der Verrath mir frech unter das Angeſicht treten darf. Ich wollte, meine Narbe bräche auf und dun⸗ kelrothes Blut verhüllte die brennende Röthe der Schande.“ „Sei getroſt, Tamahor,“ ſprach Osraim freundlich und legte ihm die Hand auf die Schulter. Die Röthe der Freude wird auch wiederkehren. Des Menſchen Leben iſt Zeit und die Zeit wechſelt mit Tag und Nacht.— Gebt dieſem würdigen Alten ſein Roß zurück, er ſoll wie ein rühmlicher Kriegsgefangener, nicht wie ein ergriffener Ver⸗ brecher gehalten werden. Gebt ihm ſein Roß und laßt ihn mit jenem Jüngling in unſerer Mitte reiten.“ Damit ſprengte er fort und miſchte ſich unter ſeine Leute, denen er anordnende Befehle gab, um die Gefan⸗ genen und die erbeuteten Kameele, Pferde und Waffen fortzuſchaffen. Dieſe wurden wohlbewacht vorausgeſendet auf den Pfad tiefer ins Gebirg hinein; dann folgten die Gefangenen zu Fuß, mit gebundenen Händen. Hierauf die Hälfte der Reiter Osraim's, dieſen Tamahor und Abdul, ihnen der Ueberreſt der Feinde. Tamahor blickte Abdul nicht an, ſondern that, als be⸗ merke er ihn nicht, ſo hatte ihn deſſen Bereitwilligkeit, als Räuber in Osraim's Dienſte zu treten, erzürnt.—„Kennt mich Tamahor nicht?“ fragte Abdul leiſe.— Tamahor ſchwieg.—„Tamahor hat ſechzig Jahre geſehen, daß der Schein trügt; doch vertraut er dem Schein.“— Der Alte erhob den Kopf und richtete einen verwunderten Blick auf Abdul.—„unſer Gebieter wird zufriedener mit mir ſein als Du!“ flüſterte dieſer und Tamahor öffnete ſein ſtau⸗ nendes Auge noch weiter.„Was ſagſt Du, Abdul?“ fragte er laut.—„Still, man könnte uns belauſchen!“ Sie ritten ſchweigend am Ufer des Baches entlang. Jetzt bogen die Vorderen ein und die Roſſe durchſchritten eine —— —— — — 215— breite Furth.„Hm,“ dachte Tamahor,„Osraim iſt auch ſchlau; wer ihm folgen wollte, würde Mühe haben, denn bisher ſind wir auf dem kurzen Raſen geritten, jetzt wendet er ſeine Pferde gerade bei der Steinplatte in den Bach, daß man nicht ſehen könnte, wo der Uebergang geſchehen iſt.“—„Du haſt Dein Meſſer im Gürtel behalten, Ta⸗ mahor,“ begann Abdul nach einigen Augenblicken. Gib es mir heimlich!“—„Wozu?“—„Gib, Alter, und glaube, daß Abdul weiß, was er thut.“ Tamahor gab es. Abdul fuhr ſich raſch damit am rechten Schenkel hinab, ohne daß Tamahor ſah, was er that.„Hier, nimm Dein Meſſer wieder, Alter,“ ſprach Abdul und gab es ihm zurück.—„Die Klinge iſt ja naß; iſt das Blut?“ fragte Tamahor erſtaunt.—„Still!“ erwiderte Abdul leiſe.— So kamen ſie bis an den Fluß und ſetzten durch die Furth, aber nicht quer hinüber, ſondern erſt, nachdem ſie eine lange Strecke im ſeichten Bach entlang geritten paren und ſich am Ufer wieder eine ſteinige Stelle zeigte, wo man den Huf der Roſſe nicht hätte bemerken können.—„Ein ſchlauer Geſell, dieſer küͤhne Osraim,“ dachte Tamahor;„er ver⸗ ſteht den Krieg, das ehrt ihn. Tapfer und ſtark iſt er auch und gegen mich war er milde und großmüthig. Beim Pro⸗ pheten, es iſt zu bedauern, daß er ein Räuber iſt.“ Sie waren jetzt an eine Stelle gekommen, wo ſich das Felſenthal dreifach ſpaltete. ,„Was reißeſt Du Dir den gol⸗ denen Gürtelknopf vom Kaftan?“ fragte Tamahor erſtaunt. „Kaftan und Gürtel ſind mir längſt zu eng geworden,“ er⸗ widerte Abdul gleichgültig und riß auch den Gurtel ab, der den Kaftan knüpfte, behielt ihn aber in der Hand. Sie ritten in das Felſenthal zur Linken hinein. Abdul zerrte unwillig an ſeinem Gürtel und nahm ihn zwiſchen die Zähne. Er zerriß ihn in zwei, in vier, in acht Stücke. — 216— Tamahor betrachtete ſein Beginnen verwundert, doch ſchwei⸗ gend. Dann ſprach er leiſe:„Wähnſt Du, Tamahor ſei ein blöder Neuling im Kriege? Ich that Dir Unrecht, Ab⸗ dul! Jetzt ahne ich, was Du willſt und ſollſt. Reich mir die Hand, Jüngling! Du biſt wacker und ſchlau. Strafe immerhin den Greis, der Dich ſo leicht beſchuldigte, durch Schweigen. Er erräth doch, was Du thun ſollſt, und wird Dir hülfreich ſein, ſo viel er vermag. Doch höre vorſichtigen Rath des Alters. Osraim iſt ſchlau, geübt, er⸗ fahren. Errege keinen Verdacht, ſonſt biſt Du verloren und Ali Saradin ſtürzt vielleicht in ſein Verderben.“ Abdul nickte freundlich.„Sei nicht bange, Alter, ich werde nicht meinen Kaftan oder Turban auf den Weg werfen, den wir nehmen; denn ich weiß, wer nach Zeichen ſpähet, dem braucht man nicht Mühlſteine oder Kürbiſſe an den Pfad zu ſtreuen, er achtet auch auf Dattelkörner und findet ſie bei mattem Mondenſchimmer.“ Eben zitterten die erſten Strahlen des heraufſteigenden Mondes zwiſchen den tiefgeſpaltenen Felſen hindurch; Ta⸗ mahor blickte hinüber, freute ſich deſſen und wurde wie⸗ der frohen Herzens.— Noch eine Stunde weit zogen ſien durch wildes Felsgeklüft und düſtre Waldung auf unweg⸗ ſamen Pfaden dahin. Da leuchtete ihnen der röthliche Glanz von Lagerfeuern entgegen. Zelte waren aufgeſchla⸗ gen, Weiber bereiteten Speiſen an den Feuern, Knaben und Mädchen ſpielten umher, es war Osraim's Lager, das ſie erreicht hatten. Die Gefangenen wurden auf die Seite geführt, Osraim und ſeine Krieger lagerten ſich um die Feuer. Nach einiger Zeit ließ er Abdul rufen. Er führte ihn aus dem Kreiſe der Genoſſen hinweg in ſein Zelt.„Du haſt Dich bereit erklärt, in meine Dienſte zu treten,“ begann er dort,„doch — 217— Osraim weiß, daß das Geſchlecht der Menſchen falſch und treulos iſt. Worte genügen ihm daher nicht, ſondern er fordert Thaten, er wird Bürgſchaft für Deine Treue ver⸗ langen; gib ſie jetzt zuerſt durch wahrhaften Bericht.— Weshalb theilte ſich Eure Karawane und wohin zog die Hälfte, welche weiter wanderte?“ „Unſer Gebieter hatte uns befohlen, wegen der Ermü⸗ dung der Roſſe und Kameele zu raſten, während er ſelbſt mit den kräftigeren weiterzog.“ „Und wohin zog er?“ „Auf ſein Schloß El Suhammit, wo er ſtets den hei⸗ ßen Theil des Jahres zubringt.“ „Es iſt gut. Du haſt Wahrheit geſprochen. Ich kenne Deinen bisherigen Gebieter Ali Saradin und ich denke, er wird mich auch wiedererkennen, wenn wir aufeinandertref⸗ fen. Jetzt gehe zu Deinen Gefährten zurück. Die Tüch⸗ tigen können in Osraim's Dienſt Ruhm und Geld gewin⸗ nen, die Untüchtigen müſſen ſich durch Gold löſen. Mor⸗ gen werde ich weitere Bürgſchaft in Thaten von Dir 1 fodern.“ Mitternacht war nahe. Die Krieger ermüdet. Alles ſank in Schlaf. Auch Osraim hüllte ſich in den Mantel und ſchlief in ſeinem Zelte. Ali Saradin hatte am heiligen Brunnen geharrt. Noch vor Mitternacht kehrte Haſſan mit ſeinen Begleitern dahin zurück. Er fand den Gebieter bereits von mehr als hun⸗ dert Männern, mit Dolchen und Büchſen bewaffnet, umge⸗ ben, denn Ali hatte drei ſeiner Begleiter nach allen Ort⸗ ſchaften und einzelnen Hütten geſendet, um die wehrhaften Männer aufzubieten, während der vierte auf andere Kund⸗ ſchaft geſendet war. Mit dieſer Schar zog er bei hellem Schein des Mondes aus, um Osraim aufzuſuchen, den er Riellſtab, Geſ. Schr. Neue F. IV. 10 — 218— in ſeinem eigenen Lager überfallen wollte, um ſeiner und al⸗ ler von ihm geraubten Schätze habhaft zu werden. Eine Stunde waren ſie ſtill durch's Gebirg gezogen, als ihnen im wilden Felsgeklüft ein Mann haſtigen Schrittes entgegenkam. Es war Nureddin.„Herr,“ begann er, als er Ali Saradin erkannte,„Dein Diener hat Dir trau⸗ rige Kunde zu bringen. Unſere Freunde ſind von den Räu⸗ bern überfallen worden, aber ſie blieben nicht Sieger, wie Du hoffteſt, ſondern wurden alle gefangen hinweggeführt. Von dem Felsgipfel, den ich, wie Du mir geheißen, beſtie⸗ gen hatte, ſah ich ihren kurzen Kampf bei den Lagerfeuern und wie ſie ſammt Deinen Kameelen und Roſſen eine Beute der Räuber wurden.“ Ein Schrei des Zorns und Schrecks ertönte, als die Gefährten Ali's dieſe Botſchaft vernahmen. Er aber läch⸗ elte und ſprach:„Ich wußte, was geſchehen würde, und hoffe, es ſoll uns zum Ruhm gedeihen.“— So zog er wei⸗ ter. Nach einer Stunde, als der erſte Schimmer des Mor⸗ genroths ſchon den Rand der Wüſte zu ſäumen begann, erreichten die Krieger Abdul's Lagerplatz. Aufmerkſam blickte Ali umher und zog dann den Bach entlang. Er heftete ſeine ſcharfen Blicke auf den Boden.„Sieh, Haſ⸗ ſan,“ ſprach er,„hier entdecke ich eine Blutſpur. Gewiß die eines unſerer Gefährten, der im Kampfe verwundet wor⸗ den. Laßt uns dieſem Zeichen folgen, ſo viel Dämmerung und Mondlicht geſtatten.— Halt! hier hört die Spur auf; aber die Tropfen wenden ſich nach dem Fluß. Hier wird Osraim hinübergezogen ſein.“— Er ritt quer durch die Flut. Jenſeit fand er die Spur nicht mehr. Aber er dachte ſich wohl, daß ein ſchlauer Räuber wie Osraim, der ſtets die verfolgenden Feinde zu täuſchen wußte, nicht quer durch den Fluß ſetzen würde. Darum ritt er ſpähend am Ufer —˖—ÿ—ÿ— — 219— entlang.—„Was blinkt dort im Schimmer der Morgen⸗ röthe und des Mondes?“—„Es iſt der Sporn eines Krie⸗ gers. Haſſan, lange ihn mir herauf.— Beim Propheten, es iſt Abdul's Sporn, den ich ihm ſelbſt geſchenkt zum Lohn für den erlegten Leopard auf der Jagd nach dem Bairam⸗ feſte!— Hier finde ich wieder Blutſpuren. Jetzt, Haſſan, laß unſere Freunde durch den Fluß gehen.“ Der Tag wurde lichter, wenngleich die Sonne noch tief unterm Horizont ſtand.— Ali Saradin eilte, um vor Sonnenaufgang am Ziel zu ſein. Er entdeckte den blitzen⸗ den Gürtelknopf Abdul's auf dem Raſen, fand die Stücke ſeines Gürtels, die ihm den Pfad weiter bezeichneten.„Al⸗ lah ſei mein Zeuge,“ rief er fröhlich aus,„daß ich den Wackeren würdig belohnen will. Die ſchönſte Sklavin mei⸗ nes Harems und das beſte Roß nächſt meinem Elhammor ſei ſein Eigenthum!— Doch von jetzt an laßt uns leiſe und behutſam vorwärtsſchleichen, wie der Jäger, der den ſchlafenden Leopard im Lager überfallen will.“ In Osraim's Lager hatte der tiefe, ſicher gewähnte Schlaf Alles in ſeine Bande gehüllt, auch die ausgeſtellten Wachen hatte die Müdigkeit, die kurz vor Tagesanbruch im⸗ mer am ſtärkſten iſt, überwältigt, denn ſie wähnten, Alles ſei ſicher und die Bewachung des Lagers geſchehe nur der hergebrachten Gewohnheit halber. Nur Abdul wachte und harrte auf ein Zeichen. Da ſah er von der Waldhöhe ei⸗ nen Falken aufſteigen, der bald über dem Lager ſchwebte und ſich in weiten Kreiſen in der bläulich durchſichtigen Luft der Morgendämmerung bewegte. Das war Ali Sa⸗ radin's Falke! Das kluge Thier ſenkte ſich herab und flog auf Abdul's Schulter, der ihn oft gewartet. Er riß eine goldene Schnur von ſeinem Kaftan und gab ſie dem Falken in den Schnabel, der mit dem Zeichen zu ſeinem Herrn 10* — 220— zurückkehrte. Jetzt weckte Abdul leiſe ſeinen Nachbar Tama⸗ hor und erzählte ihm, was geſchehen war. Nach wenigen Minuten wurden Roſſe auf den Höhen ſichtbar. Abdul riß den Turban ab und warf ihn hoch in die Lüfte. Mit der Eile des brauſenden Sturmwindes flogen jetzt die Freunde vom Hügel herab und der Schall der Hufe auf dem Fels⸗ boden weckte die Schläfer in Osraim's Lager. Sie fuhren empor, griffen zu den Waffen, eilten nach den Roſſen. Doch die wenigſten konnten ſich noch aufſchwingen, ſo ſchnell brach Ali Saradin ſchon in ihre verworrenen Reihen ein. Abdul ſtieß Tamahor's Meſſer dem Krieger, der die Gefan⸗ genen bewachte, in das Herz und zerſchnitt darauf die Bande ſeiner Genoſſen. Dieſe warfen Feuerbrände in die Zelte und erſchreckten die Kameele und die Roſſe. Alles ſtürzte im wilden Getümmel durch einander. Doch flohen die kampfgewohnten Suchäer nicht, ſondern fochten Mann gegen Mann mit Ali Saradin's überlegener Schar. Nur die Weiber und Kinder flüchteten in die Bergſchluchten und an den Felſen hinauf, wohin die Krieger zu Roß nicht drin⸗ gen konnten. Schüſſe krachten, Dampf und Staub wallte auf, Säbel blitzten durch die wolkige Nacht, wildes Kriegs⸗ geſchrei der Männer ſchallte durch einander. Auf den erſten Ruf war Osraim aus ſeinem Zelt ge⸗ ſprungen. Sein ſchönes Weib mit fliegenden ſchwarzen Locken und ſeine zwei Knaben folgten ihm.„Sendor, birg mir Weib und Kind!“ rief er einem ſeiner Getreuen zu, denn ſein Falkenblick erkannte ſogleich die Gefahr. Dann warf er ſich mit raſchem Schwunge auf den ungeſattelten und ungezäumten Hengſt, den er nur durch die Kraft ſei⸗ ner Schenkel lenkte, und ſtürzte ſich mitten in die dichteſte Reiterſchar. Vier Piſtolen im Gürtel, eine Büchſe über dem Rücken, in der Rechten den Säbel, in der Linken en — 221— Jagdſpeer; ſo focht Osraim, der furchtbare Führer der Su⸗ chäer, um ſein Leben und ſeine Freiheit. Wie eine ſcheue Heerde der Berggemſen ſtoben die Kämpfer Ali Saradin's auseinander, als er in ihre Rei⸗ hen einbrach. Den erſten Feind durchbohrte Osraim mit ſeinem Jagdſpeer; mit einem Schuß aus dem Piſtol, das er raſch aus dem Gürtel riß, ſtreckte er den zweiten nieder und ſchleuderte dann die Waffe ſo gewaltig nach einem dritten, daß dieſer, am Schädel getroffen, betäubt, als hätte ihn der Blitz erſchlagen, vom Pferde ſtürzte. Jetzt ſchwang er den funkelnden Säbel in ſeiner Rechten über das Haupt der Flüchtigen und drang ihnen nach.„Hieher zu mir! Zu Osraim!“ rief er mit eherner Löwenſtimme den Sei⸗ nigen zu.„Heran! Beim Propheten, ich verheiße Euch Sieg!“ Dieſe Worte hörte Ali Saradin und ſtürzte mit ge⸗ ſchwungenem Säbel auf den Gegner ein, um Ruhm an ihm zu erwerben. Doch ein Hieb Osraim's ſchlug ihm die Waffe aus der Fauſt, und der Blitz ſeiner Klinge zuckte über des Feindes Haupt. Ali Saradin war verloren. Da traf eine Kugel Osraim's Roß in die Stirn, daß es ſich wüthend emporbäumte und mit dem Reiter überwarf. In wilden Zuckungen des Todes wälzte ſich das edle Thier über ſeinen am Boden liegenden Herrn hin; die Getreuen Ali's ſprangen hinzu, warfen ſich über ihn her und packten ihn an Händen und Füßen, ſo viel ihrer Raum um ihn fan⸗ den. Der Gewaltige rang mit Allen und gab ſich noch nicht beſiegt. Da warf ihm einer der Schergen eine Schlinge um den Hals und zog ſie zuſammen. Jetzt erſt, als er halb erſtickend das Bewußtſein verlor, verließen ihn die Kräfte und die Arme ſanken ihm matt herab. Sieben Dolchſpitzen zuckten gegen ſeine Bruſt. Doch Ali Saradin — 222— rief:„Tödtet ihn nicht! Feſſelt ihn! Er muß den Räu⸗ bertod ſterben.“ So banden ſie dem Starken Hände und Füße mit Sei⸗ len und Ketten und löſten dann die erſtickende Schnur. Als er die Augen wieder aufſchlug, blickte er voll Ingrimm und Verachtung umher. „Weißt Du, wer Dich beſiegt hat, Du übermüthiger Suchäer?“ fragte ihn Ali Saradin. „Verrath und Misgeſchick!“ antwortete Osraim ſtolz. „Elender! Ali Saradin's Kühnheit vernichtete Dich; doch ſeine Klinge iſt zu edel, ſich mit Deinem Blut zu be⸗ flecken. Du ſtirbſt den Martertod der Verbrecher am Pfahl.“ Osraim zuckte ergrimmt zuſammen und rüttelte wild in ſeinen Ketten und Banden, daß Alle ringsumher vor dem Gefeſſelten erbebten. Dann lachte er ingrimmig auf.—— Andere Gefangene wurden herbeigeführt. Unter ihnen war ein blondgelockter Jüngling. Dieſer warf ſich flehend zu Ali Saradin's Füßen und rief:„Herr, ſchenke mir das Le⸗ ben! Ich verſchaffe Dir Osraim's Schätze dafür.“ Osraim ſah ſich mit einem verächtlichen Blick nach dem Flehenden um.„Ich rettete Dein Leben dreimal, Achmet,“ ſprach er,„Du verräthſt mich nur einmal dafür, das iſt löblich. Aber was weißt Du, Knabe, von meinen Schätzen?“ „Ach, vergib mir!“ rief der Jüngling,„Dein Leben hätte ich nie verrathen, doch mit Deinen Schätzen rette ich mich für meine Fatime, die um meinen Tod verzweifeln würde.“ Osraim ſchwieg verachtend.—„Rede, Jüngling,“ ſprach Ali Saradin,„Dein Leben ſoll Dir geſchenkt ſein.“ 5„Osraim würde Dir niemals verrathen, wo er ſeine Schätze verborgen hat. Keine Marter beſiegt ihn. Doch Du kannſt ſein Weib noch erreichen. Sie flüchtete durch * — 223— das Felsgeklüft dort bei jenen Palmen. Sie entdeckt Dir Alles. Osraim erblaßte und zitterte. „Wie erkenne ich ſein Weib, an welchem Zeichen—“ „Es gibt keinen edleren Wuchs, kein ſchwärzeres Locken⸗ haar in Arabien als Suleika's.“ „Suleika?“ rief Ali Saradin und erbebte ahnungs⸗ voll. „Suleika, Osraim's Weib,“ erwiderte der Jüng⸗ ling. „Ibrahim's Weib!“ rief Osraim und knirſchte in ſeinen Banden. Mit jeder Muskel arbeitete er, ſie zu ſpren⸗ gen. Doch vergeblich, ſie umſchmiedeten ihn zu feſt. Da verließ ihn die Kraft und beſinnungslos ſank der Gewal⸗ zige zu Boden. Drittes Capitel. Osraim lag ſiebenfach mit Ketten umwunden im tie⸗ fen, dunkeln Gefängniß. Zehn bewaffnete Männer, unter ihnen Haſſan, Abdul und Tamahor, bewachten ihn, vor dem verriegelten Thor des Kerkers gelagert. Alle waren ſie trau⸗ rig, denn Osraim's Loos bewegte ſie; zumal aber Tamahor, der ihn einſt als Freund geliebt, und Abdul, der Großmuth von ihm erfahren hatte. Und anſtaunen mußten ſie ihn alle, den Tapfern, Kühnen, Gewaltigen! Nur ſcheu blickten ſie durch das Eiſengitter des Fenſters in die ſchwarze Höhle zu ihm hinunter. Er lag ſtumm und ſtarr, wie verſteinert. Keinen Laut hatte er von ſich gegeben, keine Silbe geſpro⸗ chen, ſeit ihn die Feinde als Gefangenen hinwegführten und auf Ali Saradin's Schloß brachten. Denn ihm nagten Grimm und ſorgender Schmerz an der Seele, weil er noch keine Kunde von dem Schickſal ſeines Weibes Suleika und ſeiner Kinder hatte, welche Ali Saradin, von dem Verräther Achmet geführt, verfolgte. Die Krieger ſprachen leiſe untereinander, damit er ſie nicht hörte; denn ſie wußten, was Ali Saradin beſchloſſen hatte, und wollten's ihm verbergen. An dem Pfahl geſpießt ſollte er den langſamen Tod der Marter des Hungerns und Verſchmachtens ſterben, wie gemeine Räuber ihn erleiden. Das empörte Abdul's und Tamahor's Seele, denn ſie wa— 4 3 — 225— ren als Kriegsgefangene edel von Osraim behandelt worden. Und gehörte er gleich zum Räuberſtamm der Suchäer, ſo galten dieſe doch nicht für Entehrte, Nichtswürdige, ſondern für ein kriegeriſches Volk, das mit der Lanze ſein Daſein gewinnt und vertheidigt und von den Vätern her nur wie eins betrachtet wurde, das im offnen Kriege mit den Nach⸗ barn lebte. Deshalb hätten ſie Osraim's Geſchick gern ab⸗ gewendet, wenn ſie es vermocht hätten, ohne ihrem Herrn untreu zu werden. Indem ſie ſo gelagert untereinander ſprachen, kam ein Derwiſch des Weges daher, den Koran in der Hand, bald leſend, bald für ſich Gebete murmelnd. Ein langer weißer Bart hing ihm bis auf den Gürtel hinab und wei⸗ ßes Haar bedeckte ſein Haupt. Doch war er noch nicht im Greiſenalter, ſondern ſein Antlitz zeigte kräftig männliche Züge. „Allah behüte Euch!“ ſprach der fromme Vater, als er näher trat, und machte das Zeichen des Segens. Die Krieger kreuzten die Arme auf der Bruſt und neigten de⸗ muthsvoll das Haupt. „Reichet einem ermüdeten Wanderer einen Becher Waſ⸗ ſers, Freunde,“ ſprach der Derwiſch und blieb ſtehen.„Ich bin durch die Wüſte gekommen, meine Füße brennen und meine Zunge lechzet.“ „Setze Dich zu uns, frommer Vater,“ ſprach Abdul freundlich,„und theile unſer Frühmahl. Aber wie kamſt Du zu Fuß durch die ſchreckensvolle Barr Arab?“ „Der Diener Allah's wird durch Gelübde gebunden,“ ſprach der Derwiſch fromm,„ich darf mich nicht von dem Rücken des Kameels tragen laſſen.— Aber ſprecht, Freunde! Weshalb liegt ihr in Waffen vor dieſem Thumm Erwartet Ihr Eure Feinde?“ 226— „Wir bewachen ſie. Osraim der Suchäer liegt gefan⸗ gen in dieſem Thurm!“ „Allah ſei gelobt!“ rief der Derwiſch freudig aus,„ſo iſt es möglich, daß ich meine Gelübde löſe! Ihn wollte ich aufſuchen in den Klüften des Gebirges und die Milde des Furchtbaren erflehen!— Ein reicher Mann hatte, als er ſtarb, große Schätze beſtimmt, um ein Haus zur Pflege kranker Waiſen und Witwen anzulegen. Dieſe Schätze ſollten nach der heiligen Medina geführt werden, allein Os⸗ raim überfiel die Karawane und raubte ſie. Jetzt ſchmach⸗ ten viele Unglückliche ohne Hülfe in bitterſter Noth, die ſchon Hoffnung auf die ſichere Ruheſtätte für Kummer und Alter hatten. Deshalb that ich das heilige Gelübde, ſo lange zu wallfahrten, bis ich auf Osraim ſtieße, um ſein Herz zu rühren; denn er ſoll auch großmüthig ſein und hat niemals arme Pilger beraubt, die nach der heiligen Stadt wallfahrteten, ſondern nur die Reichen und Mächtigen ge⸗ brandſchatzt. Jetzt iſt er zwar gefangen und ſeine Aus⸗ löſung wird er gewiß theuer bezahlen müſſen; dennoch hoffe ich, mein Flehen werde ihm das Herz ſo rühren, daß er meine Bitte gewährt!“ „Du irrſt, frommer Derwiſch,“ ſprach Abdul,„Osraim bedarf nicht des Goldes zu ſeiner Auslöſung. Denn ſein Tod iſt unwiderruflich. So wie Ali Saradin, unſer Ge⸗ bieter, hier auf dem Schloſſe eintrifft, wird er auf den Pfahl geſteckt!“ „Beim Propheten!“ rief der Derwiſch,„das wäre ein ſchweres Verbrechen, denn heut' iſt ja ein heiliger Tag, an dem ſelbſt der ſchwerſte Verbrecher nicht gerichtet werden darf!“ „Wahrlich,“ rief Tamahor,„ſo iſt es; heute bmf Nie⸗ mand die Hand an Osraim legen!“ — 227— „Sind denn auch ſeine Schätze in Eurer Gewalt?“ fragte der Derwiſch.„Osraim beſitzt unermeßlichen Reich⸗ thum, aber er pflegt ihn tief zu verbergen und zu ver⸗ graben.“ „Unſer Gebieter hofft ſein Weib Suleika noch zu er⸗ reichen, und ſie ſoll ihm verrathen, wo ihres Gatten Schätze liegen,“ verſetzte Abdul. „Das vermag ſie nicht,“ ſprach der Derwiſch,„denn ſelbſt ſeinem Weibe vertraute Osraim niemals, wo er ſeine Reichthümer verbarg. Dies weiß ich von einem Waffenge⸗ fährten des kühnen Suchäers, der auf den Tod verwundet in der Wüſte liegen blieb und den ich wallfahrtend auf⸗ fand, ihn erquickte und heilte.— Aber hört mich, führt mich zu dem Gefangenen hinab! Die Seele des Verbre⸗ chers iſt reuig, wenn er den Tod nahe ſieht; ich werde ſein Herz mit frommen Reden bewegen. Vielleicht daß er mir entdeckt, wo ſeine Schätze verborgen ſind; Ihr werdet ein heiliges Werk thun, wenn Ihr mir beiſteht, den Dürftigen, Beraubten ihre fromme Spende wieder zuzuwenden.“ „Das wollen wir thun,“ ſprach Tamahor,„aber es wird Dir nichts helfen, denn Osraim, der niemand Anderes iſt als der ſtarke Ibrahim von Mekka, iſt ſo voll Ingrimm, daß er Niemanden Antwort gibt.“ „Laßt mich es verſuchen,“ antwortete der Derwiſch, viel⸗ leicht daß es mir dennoch gelingt; denn auch der finſterſte Böſewicht hört in der Stunde des Todes ein frommes Wort gern.“ Sie öffneten die Thür des Kerkers und führten den Derwiſch hinab. Tamahor und Abdul beglei⸗ teten ihn. Osraim lag ſtarr wie von Erz und heftete das glühende Auge auf die Eintretenden. Der Derwiſch ging bis zu ſeinem Lager heran und machte das Zeichen des Segens über ſeinem Haupt, während er zugleich ein leiſes Ge⸗ — 228 bet unverſtändlich murmelnd ſprach. Da wurden Osraim's Züge plötzlich mild und er blickte den frommen Vater wehmüthig an. „Siehe,“ ſprach Tamahor zu Abdul,„wie der Anblick des heiligen Mannes den Gewaltigen erſchüttert! Mein Herz wehrt ſich, ihn zu tödten, ihn, den tapferſten Sohn Arabiens.“ Abdul nickte ſtumm mit dem Haupt. „Ich bin Sendor, Derwiſch von Medina, der einſt Deinen Waffengefährten pflegte und heilte. Ich komme Dir eine Bitte zu thun—“ Osraim hatte ſich bei den erſten Worten emporgerafft und aufrecht ſitzend blickte er dem Derwiſch ſtarr ins Ant⸗ litz. Man ſah, daß ſeine Bruſt im Tiefſten erſchüttert war.— Der Greis legte ihm jetzo ſeine Wünſche ans Herz. Osraim horchte ſo ſcharf auf, wie der Wanderer in der Wüſte, der einen verborgenen Quell rauſchen zu hören glaubt; ſeine Blicke hafteten an den Zügen des Derwiſches wie das Auge des Sperbers an der Bergtaube, auf die er ſtoßen will. Als der Greis geendet hatte, ſagte Osraim: „Nun? Und was ſoll ich thun, um Euch das Gold zu⸗ rückzugeben, das ich geraubt? Soll ich dieſe Felſen in Dia⸗ mmanten verwandeln? Dieſe Eiſenbanden zu glühendem Gold zerſchmelzen?— Was ſpotteſt Du meiner, da ich in Banden liege und nicht Herr bin einer verdorrten Dattel!“ „Ich weiß, Osraim, daß Du Deine Schätze vergräbſt— zeige mir an, wo ſie liegen.“ Osraim warf einen furchtbaren Blick auf Tamahor und Abdul. Dann rief er hohnlachend:„Rufe doch auch Ali Saradin herbei; dann braucht er mein Weib und meine Kinder nicht foltern zu laſſen, um zu erfahren, in welche Höhle der Löwe der Suchäer ſeine Beute trug. Fort!“ Mit dieſen Worten wandte er ſich finſter ab und warf ſich auf's Antlitz nieder. — 229— Der Derwiſch ſchüttelte misbilligend und betrübt das Haupt und ſtand eine Zeitlang in tiefes Nachſinnen ver⸗ loren da. Endlich wendete er ſich zu Abdul und Tama⸗ hor und ſprach leiſe:„Ihr ſeht, er mistraut uns! Den⸗ noch hoffe ich, durch ſanfte Worte und heilige Sprüche des Korans das ſtarre Herz des Verbrechers zu wenden und ihn zu überzeugen, daß kein arges Trachten, einer verborge⸗ nen Giftpflanze gleich, in meinem Buſen keimt. Aber ſchon die Gegenwart des Fremden, noch vielmehr die des Gehaß⸗ ten, und vollends die eines frohlockenden Siegers erſchwert dem Schuldigen die Rückkehr auf den Weg der Reue, denn er ſcheut die Beſchämung. Laſſet mich daher allein mit Osraim und Ihr werdet erfahren, daß der Spruch wahr iſt:„„Mildes Wort dringt tiefer als ſcharfes Schwert.““ Tamahor und Abdul ſahen einander forſchend an. Ab⸗ dul's Jünglingsauge ſagte:„Hier ſehe ich nur Gutes,“ der greiſe Blick Tamahor's erwiderte:„Hier fürchte ich nichts Arges.“ So gingen ſie und ließen den Derwiſch mit dem Gefangenen allein. Die Schatten der Palmen waren kaum um ein Merk⸗ liches gerückt, als der Derwiſch aus dem Gefängniß zuric kehrte. Sein Auge leuchtete freudig;z er zog Abduxl und Tamahor auf die Seite und ſprach:„Es iſt geglückt! Der ſtarre Grimm Osraim's hat ſich, da der Tod unvermeidlich vor ihm ſteht, zur milden Verſöhnung geneigt. Er will uns anzeigen, was er an Schätzen hier am nächſten ver⸗ borgen hat und was wir bis zum Anbruch des morgenden Tages ausgraben können. Kommt denn eilig mit mir hin⸗ ab und hört ſeine eigenen Worte.“— Sie ſtiegen wieder in den Kerker zu Osraim hinunter. Osraim ſaß aufrecht an einem Pfeiler und blickte umher wie ein König. „Ich will,“ ſprach er,„thun, was der fromme Der⸗ — 230— wiſch von mir begehrt. Zwar ſollte ich Dich ewig haſſen, Abdul, denn Du haſt Verrath an Dem geübt, der Groß⸗ muth an Dir übte; allein Du haſt es aus Treue gegen Deinen Gebieter gethan und ſo vergebe ich Dir. Und auch Dich müßte ich haſſen, Tamahor, denn Du haſt Den, der Dir viele Jahre ein Freund war, nicht gewarnt, als der Verrath auf ihn lauerte. Doch Du haſt es nur aus Treue gegen Deinen Gebieter gethan und ſo vergebe ich auch Dir. Denn nahe über mir ſchwebt der gewiſſe Tod und ihm beugt ſich das ſtolzeſte Herz, welches ſein gefährlich⸗ ſtes Drohen verachtete. Darum iſt Sanftmuth in mei⸗ ner Bruſt, nicht Ingrimm, und ſo will ich Euch zu Wil⸗ len handeln. Doch Dreierlei bedinge ich mir aus. Was ich von dem für Witwen und Waiſen beſtimmten Gute ge⸗ raubt, gebt Ihr dieſen ganz zurück. Mein Weib erhält die Hälfte des Uebrigen, was Ihr ausgrabet, und es wird viel ſein. Den Ueberreſt mögt Ihr Drei Euch theilen, doch unter der Bedingung, daß ihr mir ein giftiges Kraut, eine Frucht oder eine Schlange zuſteckt, damit ich nicht die Schmach des Todes am Pfahl erlebe. Zu der Qual hätte ich ge⸗ lacht, doch meines Feindes Frohlocken, wenn Schimpf und Martern auf mir laſten, will ich nicht ſehen. Dies müßt Ihr mir mit dem Schwur beim heiligen Barte des Pro⸗ pheten betheuern. Wollt Ihr?“ „Ja,“ ſprachen ſie alle Drei und ſchwuren dieſen höch⸗ ſten Eid der Moslemim. „So hört! Schon ſeit drei Wochen hauſe ich in dieſen Bergen, die ſonſt meinen Namen niemals gehört, ſeit ich das Raubſchwert des Suchäers führe. Ich wollte Ali Sa⸗ radin, meinen Todfeind, überfallen; funfzehn Jahre ſparte ich meine Rache auf für den Raub und die Entehrung Suleika's; denn jetzt erſt wähnte ich mich ſtark genug, ſeine * — 231— Macht zu bezwingen. Des Propheten Gunſt wandte ſich von mir, ich fiel in die Hand meines Feindes und Su⸗ leika bleibt ungerächt!“ „Wie?“ fragte zitternd Tamahor,„ſo entriſſeſt Du die Jungfrau nicht unberührt der Hand Ali Saradin's?“ Osraim's Auge funkelte wild.„Die Blüte war vergif⸗ tet! Ein Jahr harrte ich, ob eine Frucht des Fluches reifen würde aus der Saat des Verbrechens! Allah hat es ver⸗ hütet! Da erſt nahm ich Suleika zum Weibe.— Doch was ſchwatze ich thöricht zu Euch, die Ihr meine Rache hemmtet! Ich wollte Ali Saradin's Schloß El Suhammit zerſtören, alle ſeine Frauen verbrennen! Darum hauſe ich hier, und verbarg die Schätze, die ich mit hergeführt, oder hier gewonnen, rings umher in Klüften des Gebirges oder im Sand der Wüſte. Drei Orte ſind ſo nahe, daß Ihr ſie erreichen könnt. Am heiligen Brunnen unter den Wurzeln der großen Palme liegen tauſend Goldſtücke. Kennt Ihr die Schlangenhöhle im ſchwarzen Felsthal? Dort in tiefſter Spalte verbarg ich ein Granat⸗Geſchmeide, drei⸗ tauſend Goldſtücke an Werth. Noch einen dritten Ort könnt Ihr erreichen in der Wüſte, wo das ſcharfe Felsriff hinein⸗ läuft. Dort liegt, aber tief unterm Sande, an Perlen und Diamanten ein Schatz, dreimal Das werth, was den Wit⸗ wen zu Medina beſtimmt war. Ich habe mit äußerſter Anſtrengung der Kraft einen Stein unweit davon hinge⸗ wälzt, den keines andern Menſchen Arm zu bewegen ver⸗ mag, damit ich die Stelle wiederfinde; oſtwärts davon, zehn Mäannerſchritte entfernt, iſt der Ort, wo Ihr nachgraben müßt. Gehet denn hin, ſobald die Sonne ſinkt und holet die Schätze. Dann aber gedenkt Eures Schwurs!“ So ſprach Osraim der Suchäer. Abdul und Tamahor hörten es begierig, denn Ihr Herz 232— war lüſtern nach den Schätzen. Der Derwiſch hob das Auge zum Himmel auf und ſprach fromm:„Dank ſei dem Propheten, mein Gelübde iſt erfüllt.“ Mit Sonnenuntergang kehrte Ali Saradin zurück, die Bruſt voll Grimm und Nachſucht. Denn Achmet, der Ver⸗ räther Osraim's, hatte ihn nicht zu Osraim's Weib Suleika geführt, ſondern die Reue war in ſeine Bruſt zurückgekehrt und ſo leitete er den Verfolger in die öde Wildniß. Ali Saradin aber erkannte den Verrath und ließ den Jüng⸗ ling vom höchſten Felſen in den Abgrund ſtürzen; ſo büßte er das Unrecht, das er ſchon in tiefſter Seele bereut hatte. Ali Saradin's zürnender Grimm wollte Osraim's Leben ſogleich opfern, nur des Derwiſches ermahnendes Wort, daß er nicht frevle an dem heiligen Tage, hielt ihn zurück. Doch befahl er Schlangen und Molche in Osraim's Kerker zu werfen, damit Schauder und Grauſen ihn die Nacht hin⸗ durch quäle. Abdul und Tamahor aber tödteten die Thiere, preßten ihnen das Gift aus, um es Osraim heimlich zu geben, und warfen ſie dann in tiefe Felsſpalten. Als es Nacht wurde, machten ſie ſich auf, um die Schätze zu heben; den Gefährten ſagten ſie, ſie gingen hin, um mit dem Derwiſch am heiligen Brunnen zu beten, weil ſie es ſo gelobt, wenn ſie aus Osraim's Gefangenſchaft er⸗ rettet würden.„Bewahrt ihn indeſſen wohl,“ ermahnte Tamahor,„und laſſet Niemand mit ihm ſprechen.“ Am heiligen Brunnen angelangt, gruben ſie unter den Wurzeln der großen Palme eines Mannesarmes Lange tief. Da ſtießen ſie auf einen wohlverwahrten Beutel, der die Goldſtücke enthielt.„Osraim hat redlich geſprochen,“ rief der Derwiſch aus;„er ſei geprieſen!“— Sie gingen wei⸗ ter zur Schlangenhöhle. In den tiefſten Spalt der Kluft ——— — — — 233— leuchteten ſie mit der Fackel hinein und fanden das koſt⸗ bare Geſchmeide!— Jetzt eilten ſie froh der Wüſte zu. Tamahor kannte das Felsriff, das in das Sandmeer hinein ſpringt; er fand den ſchweren Stein. Zehn Schritte maß er oſtwärts und begann mit Abdul rüſtig zu graben. Der lockere, glühende Sand aber ſtürzte immer wieder hinab. Auch der Derwiſch nahm eine Schaufel zur Hand und half; doch gruben ſie eine Stunde und fanden nichts. „Wehe uns!“ rief der Derwiſch aus,„Osraim hat uns getäuſcht, oder wir ſind nicht am rechten Platz!“ „Die Nacht verfliegt, wir müſſen eilig zurück zu ihm,“ rief Abdul.— Sein Rath war der beſte, er wurde be⸗ folgt. Nach Mitternacht waren ſie wieder zu El Suham⸗ mit und ſtiegen in den Kerker hinab. „O Ihr Thoren! Ihr Raſenden!“ rief Osraim und knirſchte mit den Zähnen.„So habt Ihr Weichlinge mit ſechs Armen nicht einmal die Tiefe aufgraben können, die ich in einer halben Nacht allein ausgrub! Wähnt Ihr, man beſtreue einen ſolchen Schatz mit leichtem Flugſand, daß ihn der nächſte Hauch des Samum zu Tage bringt? Fort! Grabt, daß Euch die Sehnen reißen! Fort und eilt, denn der nächſte Wanderer, der die kühle Nacht wählt, um den Weg durch die Wüſte zu machen, wird die aufgegrabene Stelle finden und Euch den Schatz rauben, den Ihr ver⸗ ließet, als Eure Hand ihn ſchon berührte.“ Alle Drei ſchwiegen betroffen. Osraim wandte ſein Ant⸗ litz gegen die Kerkermauer und verſtummte. „Aber waren wir auch auf der rechten Stelle?“ fragte der Derwiſch und beſchrieb den Ort, wo ſie gegraben, ge⸗ nauer. Da lachte Osraim höhnend hell auf und rief: „O Ihr Schatzgräber! Ihr blöden Schwächlinge! Den Stein, der dort lag, hieltet Ihr für den ächten? Den ſollte Osraim “ 8 4. — 234— mit Mühe gewälzt haben? Mit ſolchen Steinen würfelt er zur Kurzweil!“ Damit wandte er ſich zürnend wieder abwärts. Der Derwiſch ſprach leiſe mit beiden Gefährten. Sie ſchüttelten das Harpt zu Dem, was er ſagte.„So geht alle Zehn mit,“ ſprach der Derwiſch;„dann werdet Ihr doch den gefeſſelten Mann nicht mehr fürchten. Es iſt doch beſ⸗ ſer, daß wir unſerer Zehn theilen, als daß Keiner etwas bekommt.“ „Es ſei,“ ſprach Abdul! Wir nehmen alle Wächter mit. Vor Sonnenaufgang können wir zurück ſein. Sind wir Alle dabei geweſen, ſo verräth uns Keiner an Ali Saradin, dem unſere That nicht ſchadet, während ſie uns reich macht und dürftigen Witwen und Waiſen zum Segen gereicht.— Wir haben einen Beſchluß gefaßt, Osraim! Du ſelbſt ſollſt uns führen. Wir löſen die Feſſeln Deiner Füße ſo, daß Du gehen kannſt. Zeige uns die Stelle, wo Dein Schatz liegt.“ Osraim ſchwieg.„Nun wohl denn, ich will's,“ ſprach er nach langem Zaudern;„ich will's um meiner trauernden Witwe Suleika willen. Kommt denn!“ Sie löſten ihm die Feſſeln der Füße. Tamahor ver⸗ traute das Geheimniß den übrigen Wächtern und verhieß ihnen reichen Antheil an dem Schatze. So machten ſie ſich auf; die Bewaffneten mit geladenen Büchſen blieben dicht um und hinter Osraim, der ſtolz wie ein gefeſſelter Löwe dahin ſchritt. Sie erreichten die Wüſte auf dem nächſten Pfade; Osraim blickte auf den leuchtenden Sirius und ſchritt dann quer durch das Sandmeer. An einem mächtigen Fels⸗ block, den vier Männer nicht gewälzt hätten, ſtand er ſtill. „Hier,“ ſprach er,„grabt; aber wacker, denn der Schatz liegt tief!“ Die Männer begannen. Sie arbeiteten mit aller Kraft — —— — 235— der Muskeln, doch der trockene, durchglühte Sand ſtürzte faſt reichlicher in die Tiefe nach, als ſie ihn herausſchafften. Jetzt leuchtete das erſte Morgenroth am Rand der Wüſte. Osraim ſtampfte ungeduldig mit dem Fuße auf.„Die Hyäne hätte ein Aas tiefer ausgeſcharrt als Eurer Zehn den Schatz; aber der Morgen kommt herauf und er fällt. in Saradin's Hände!“— Die Männer arbeiteten mit ver⸗ doppelter Kraft. Einer ſank erſchöpft hin, dann ein zwei⸗ ter, ein dritter, endlich auch Tamahor.„Hoher Prophet,“ rief Osraim gegen die erblaſſenden Sterne hinauf,„gönne meinem Feinde nicht dieſen höhnenden Sieg über mich!— Löſet mir nur einen Arm,“ rief er heftiger,„und ich wälze Euch den Schatz herauf, ehe dort der ſinkende Fomahand an den Rand der Wüſte ſtreift.“ 1 „Ja, löſet ſeine Feſſeln, daß er uns helfe!“ riefen die Krieger erhitzt von Begierde durch einander.„Unſere gela⸗ denen Büchſen bürgen dafür, daß er uns nicht entkommt!“ — Tamahor wollte bedenklich einreden. Doch Abdul rief:„Was fürchteſt Du? Es iſt das einzige Mittel! Wird der Wehrloſe zehn Bewaffneten ent⸗ rinnen?“ Zugleich trat er zu Osraim heran und löſte ihm die ſchwere Eiſenkette, die über den neuen Seilen, mit de⸗ nen Osraim's Hände gebunden waren, beide Arme um⸗ ſchnürte.. Kaum aber ſank die Kette, da zerriß Osraim, ſtark und ergrimmt wie Simſon, die Seile wie Fäden eines Spinn⸗ gewebes. Schneller als Abdul's Gedanken hatte er dieſen mit grimmigen Fäuſten gepackt und ſchleuderte ihn unter die Uebrigen, daß vier, wie von einem herabrollenden Fels⸗ block niedergeriſſen, zu Boden ſtürzten. Zugleich hatte der Derwiſch den weißen Bart und das Faltengewalt weggewor⸗ fen und ſchmetterte mit der Linken Tamahor auf's Antlitz — 236— in den Sand, während er mit der Rechten den Dolch in ſeines Nachbars Nacken ſtieß. Da ergriff grauſendes Ent⸗ ſetzen die drei Letzten und ſie flüchteten wie geſcheuchtes Wild den Bergen zu. Osraim aber brauſte, dem Tiger gleich, in die dämmernde Nacht der Wüſte hinein und bevor ei⸗ ner der Niedergeſchmetterten das Haupt erhob, waren er und ſein getreuer Retter Sendor verſchwunden. Aber ſie blieben nicht lange verborgen, denn in der nächſten Mitternacht ſchlugen die praſſelnden Flammen hoch aus dem prächtigen Schloß El Suhammit auf und Os⸗ raim des Suchäers Rache leuchtete weit durch die Nacht in die Wüſte und in die Berge hinein. Die Kameraden. Eine Erzählung im Volkston. 4 3 . B 2 2* Erstes Capitel. Es war im Herbſt des Jahres 1745. Der zweite ſchleſi⸗ ſche Krieg dauerte nun ſchon anderthalb Jahr. Die Kriegs⸗ völker durchſtreiften das Land. Aus vielen Dörfern Schle⸗ ſiens und Böhmens waren die Einwohner geflüchtet; in an⸗ deren herrſchte Noth und Angſt, denn bald wurden ſie von Preußen, bald von Oeſtreichern beſetzt, je nachdem ſich die Heere zogen; und jeder Wechſel der Truppen war mit Bedrückungen, Gewaltthaten, oft mit Plünderung, Brand und Mord verknüpft. In einem Dorfe an der böhmiſch⸗ſchleſiſchen Grenze wohnte der Unterförſter Leberecht mit ſeiner jungen Frau, Gertrud, und drei Kindern, zwei Knaben von drei und vier Jahren, und einem Mägdelein, das noch die Bruſt der Mutter trank. Leberecht lebte aber nicht nach ſeinem Na⸗ men. Er war ein wilder Geſell. Würfelſpiel und Gelage gingen ihm vor Aber und Häuslichkeit und nur den Kriegszeiten, in denen Manches mitunter lief, was in Frie⸗ denszeiten ſtreng beſtraft worden wäre, hatte er es zu dan⸗ ken, daß er noch nicht von der Förſterei entfernt war. Denn es ſtand, heimlichen Holz⸗ und Wildpretverkaufs nicht zu gedenken, wie man ſagte, auch mit ſeinen Forſtrechnungen ſehr ſchlecht, weil ſeine wilde Lebensweiſe mehr auftehrit, als der kleine Dienſt einbrachte. — 240— Gertrud ertrug ihr herbes Loos ſanft, ſtill duldend; ſie übte die heiligen Pflichten der Gattin und Mutter um ſo getreuer, da ſie eine Schuld, die jetzt ſchwer auf ihr la⸗ ſtete, zu verſöhnen hatte. Sie war wider des alten Vaters Willen, von Liebe zu Leberecht verblendet, mit demſelben geflüchtet und ihr Bund nicht prieſterlich eingeſegnet. Der Kummer hatte den Greis auf's Krankenlager geworfen, ſeine erſchöpfte Natur unterlag bald. Mit innigſten Bitten hatte ſie ſeitdem Leberecht zu bewegen geſucht, ihre Ehe vor dem Altar einſegnen zu laſſen. Anfangs brauchte er Ausflüchte und Vorwände: erſt fehlte es ihm an ſeinem Taufſchein— dann mußte er die Einwilligung ſeiner Eltern einholen, die, wie er ſagte, weit von ſeinem Geburtsort hinweg, ins Reich hinaus gezogen waren, und die er erſt beſuchen müſſe— dann brach der Krieg aus— zuletzt, als Gertrud gerade deshalb in ihn drang, ihr und der Kinder Loos für die Zukunft in Ehren zu ſtellen, tobte er ungottesfürchtig auf die kirchliche Weihe der Ehe und rief:„Was thut der Pfarrer dazu! Wenn ich ſage, Du biſt mein Weib, ſo biſt Du's, und damit gut!“ 1 Gertrud härmte ſich bitter; ſie ſah wohl von Tag zu Tag mehr, wie ſehr ſie ſich in Leberecht getäuſcht hatte, doch ſie trug, ihrer Schuld bewußt und in Sorge für die Kinder, alle Härten und Unbill des ees mit ſtiller De⸗ muth. Um die Erfüllung ihrer Bitte wagte ſie ſchon ſeit Jahr und Tag nicht mehr ihn anzugehen. Denn wie ſich ihres Mannes zügelloſe Leidenſchaften immer mehr entwickel⸗ ten, mußte ſie gar fürchten, daß er Weib und Kind ver⸗ laſſe, wenn wiederholtes Dringen in ihn, ſich unauflöslich an ſie zu binden, ihn erbitterte. So ſtand ſie an dem dämmernden Herbſtabend, mit dem kleinen Töchterchen an der Bruſt, traurig in der Thür — 241— der Hütte und ſah die ſtille Nacht heraufkommen, die hol⸗ den Sterne matt blinkend aus den blauen Tiefen des Him⸗ mels aufleuchten. Die Knaben ſpielten vor ihr auf dem Raſen; ihr ſchuldloſes Herz ahnte nichts von dem Unheil, das über ihnen ſchwebte. Weder der Drang der Zeiten, noch die Sorgen der Mutter berührten das Heiligthum ih⸗ rer kindlichen Seligkeit!— Alles war ſo ſanft, ſo ſtill weh⸗ 94 müthig in der Natur, Gertrud's Herz löſte ſich in Thrä⸗ nen und Gebet.„Du willſt dir Muth faſſen,“ dachte ſie, „heute willſt du ihn bitten, innig, unterwürfig, mit aller Demuth, nur das Eine ſoll er dir gewähren, die Sünde von deinem Lager, die Schmach von den Kindern zu neh⸗ men— nur das Eine! Ach für alles Andere will ich ja ſelbſt ſorgen! Arbeiten für die Kinder, Tag und Nacht, ſie lehren, pflegen, aufziehen— er ſoll keine Mühe davon haben, keine Sorge, er ſoll nicht für ſie erwerben und ſam⸗ meln— nur einen ehrlichen Namen ſoll er ihnen laſſen, wenn er ſtirbt!“ Aus dieſen Gedanken ſchreckte ſie plötzlich der entfernte Knall mehrerer Flintenſchüſſe auf, die faſt gleichzeitig fielen. Sie lauſchte; das Feuer erneuerte ſich wieder lebhaft, dau⸗ erte einige Minuten, dann fielen noch einzelne Schüſſe, hier⸗ auf wurde es ſtill.„Das war ein Gefecht,“ dachte Ger⸗ trud bang,„geſtern en wir fernen Kanonendonner faſt den ganzen Tag, nun kommt es uns näher. Gott bewahre uns vor Unheil!— Kommt, Kinder,“ ſprach ſie freund⸗ lich zu den beiden Knaben,„es wird Nacht, ich will Euch zu Bett bringen. Gelt, Ihr ſeid müde! Ach wenn doch der Vater käme!“ Sie nahm die Kleinen an die Hand; doch indem ſie über die Schwelle des Hauſes trat, fielen neue Schüſſe von einer andern Seite. Aengſtlich horchend blieb ſie ſtehen. Der Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. IV. 11 8 „ — 242— Verlauf war wie zuvor, ein kurz abgebrochenes Gefecht, dann tiefe Stille. Da tönte ein Kanonenſchuß majeſtätiſch von den Bergen herüber. Selbſt die kleinen Knaben lauſch⸗ ten betroffen dem machtvollen Schall und hohlen, donner⸗ ähnlichen Sauſen, das nachhallend durch den Wald zog, und ſahen die erblaſſende Mutter fragend an.„Ach meine Kinder,“ rief Gertrud, als ſie ſich an ſie ſchmiegten,„wie ſoll ich Euch beſchützen, wenn dieſe Schrecken näher drin⸗ gen!“ Und überwältigt ſank ſie, bebend, in die Knie. In dieſem Augenblick trat Leberecht raſch in die Thür und ſtand unvermuthet vor ihr; ſie erſchreckte, er rief rauh: „Was ſoll das Heulen und Beten! Das wird was helfen! Der Feind iſt da! Das Neſt wird in Flammen auf⸗ gehen! Schnell zuſammengerafft, zuſammengepackt, fort, in den Wald! Fort, fort!“ Gertrud war faſt erſtarrt vor Schrecken; nicht ſowol über die drohenden Gefahren, denn dieſe hatte ſie ſchon ſelbſt gefürchtet und ſie waren in der letzten Zeit öfters nahe genug geweſen, ſondern über Leberecht's ruchloſen, wilden Ton und noch mehr über ſein verſtörtes Anſehen. „Leberecht, was iſt Dir, was iſt vorgegangen?“ rief ſie zitternd. „Ach, was!“ rief er und ſtampfte mit dem Fuß auf. „Wirthshausärger! Hol' der Teufel Karten und Würfel! Aber pack' auf, ſage ich, fort, gleich auf der Stelle, in den Wald, wo er am dichteſten iſt, mach' Anſtalt!“ „O ja, ja,“ ſtammelte Gertrud,„aber hilf mir doch, gib mir Rath— ich weiß nicht“— „RNath, Nath! Zugreifen, das iſt der beſte Rath!“ rief Leberecht wild!„Ich helfen? Ich habe mir ſelbſt zu helfen! Ich kann nicht mit Euch, mein Weg geht nder 4. 3 — 213— 4 „Wie,“ rief Gertrud,„wir ſollen allein flüchten? Va⸗ ter, willſt Du Deine Kinder nicht beſchützen?“ „Ich muß dem Feind entgegen,“ rief er trotzig und griff nach der Büchſe,„ſoll ich wie ein Hundsfott davon⸗ laufen?“ „Wird denn das Dorf vertheidigt werden?“ unterbrach ihn Gertrud—„o Gott!— und wenn Du fällſt, Le⸗ berecht! Ach die Kinder— ich— wir haben ja nicht einmal Deinen Namen!“ „Hölle und Teufel!“ rief Leberecht und ſtieß den Büchſenkolben auf den Boden, daß das Haus dröhnte und die Kinder erſchreckt zuſammenfuhren,„jetzt kommſt Du mir noch mit Altar und Pfaffen! Iſkt's jetzt Zeit, in die Kirche zu laufen und einen Sermon zu hören und Lieder zu plärren? Das Prieſtergeſchmeiß ſoll mir mein Tage nicht zu Leibe! Nein, gewiß nicht! Ob der Pfaff ſeinen Segen ſpricht oder nicht, darum wächſt den Würmern kein Haar anders! Mag mich der Teufel holen, heut' oder morgen!“ „Ach Leberecht, Leberecht,“ brach Gertrud in Thränen aus,„ich habe einen alten Vater verlaſſen um Deinetwillen und er iſt mit Kummer dahin gegangen— ach, verſöhne ſeinen Geiſt, erfülle meine Bitte! Der Pfarrer,“ rief ſie von unausſprechlicher Angſt ergriffen haſtiger, halb verwirrt, „der Pfarrer wohnt ja ſo nah— ich will ihn erbitten— in ſolcher Noth gibt er uns gleich zuſammen— er ſpricht nur den Segen, ſo iſt Alles gut— der Fluch gelöſt— ach, Leberecht!“ Von Angſt getrieben ſank ſie ihm zu Füßen. Doch Le⸗ berecht ſtieß ſie zurück und brach wüthend aus:„Das mußte noch kommen! Ein wahnſinniges Weib noch dazu! Haus und Hof verwürfelt, vom Dienſt gejagt und, wenn morgen der Feind nicht hier hauſt, übermorgen ins Zuchthaus ge⸗ 11* 8 — 2414 ſchleppt und— jetzt ſoll ich mich mit Weib und Kindern be⸗ hängen! Fort, ſag' ich, wir haben uns zum Letztenmale ge⸗ ſehen! Ich nehme Dienſte!“ „Leberecht,“ rang Gertrud am Boden liegend, verzwei⸗ felnd die Hände,„Du willſt uns verlaſſen— nein, ich klammre mich an Dich, Du ſollſt mich zertreten, die Kin⸗ der zertreten, aber Dein ſind wir, anerkennen muß Du uns! Kinder, Euer Vater will Euch hinausſtoßen, bittet— weint!“— Sie war außer ſich, ſie preßte das Kleine an die Bruſt, ihr Auge war von Thränen verdunkelt, ſie griff hin und her nach den Knaben— endlich ſank ſie bewußt⸗ los zurück, nur den Säugling ſelbſt. in der Ohnmacht müt⸗ terlich an ſich drückend. Leberecht ſtand erſchüttert. Er ſpielte mit der Büchſe in ſeiner Hand und erwog, ob er ſich ſogleich eine Kugel durch den Kopf jagen ſollte; die Knaben hatten ſich ver⸗ ſchüchtert aneinander gedrängt und ſahen ihn ängſtlich an. Draußen ertönte ein zweiter Kanonenſchuß. „Es iſt keine Zeit zu verlieren!“ rief Leberecht auffah⸗ rend.„Was kann ich thun? Bei ihnen bleiben, geht nicht! Der Teufel hol' das Würfelſpiel! Der Vater ſäße doch in den Eiſen! Wie ſoll er die Würmer ernähren? Nein! Es iſt ſo beſſer! Zum Feinde hinüber! Ich zeige ihnen Weg und Steg! Das macht mir Bahn! Das wird gut belohnt! Ich ſchieße auf hundert Schritt die Pflaume vom Baum— ich tauge zum Kriegshandwerk! Ein paar Ba⸗ taillen! Im Kriege kann man Alles werden! Und dann iſt's immer noch Zeit, Euch wieder aufzuſuchen! Erkennen will ich Euch wol an meinen Zeichen! Alſo friſch drauf los! Ein Lumpenhund, der die Courage verliert, ſo lange er noch ein Glied rühren kann!“ Unter dieſen Selbſtbetrachtungen hatte er den Hieſge 4 — 245— fänger und die Jagdtaſche umgeworfen, ſtopfte eilig Pulver, Blei, Wäſche hinein, nahm aus einem Schrank einen Reſt Geld, warf ſich den Mantel über und wollte hinaus. In der Thür ergriff ihn eine menſchliche Rührung, ſein Va⸗ terherz ſchlug, er wandte ſich um, er ſah die holden Kna⸗ ben, wie ſie um die Mutter beſchäftigt waren, und ihr zu⸗ riefen:„Mutter, ſteh' auf!“— Er dachte an Gertrud's Flucht mit ihm— ſchon wollte er umkehren— doch mit dem Fuß aufſtampfend rief er:„Nein! Es iſt zu ſpät, es geht nicht mehr anders! Nun auch kein Abſchied, was hilft ein Kuß und eine Thräne! Nun keine Zeit verloren!“ Mit dieſen Worten eilte er hinaus und ging in der hereinbre⸗ chenden Dämmerung die wohlbekannten Stege durch Wald und Gebirg, wo er den anrückenden Feind zu treffen dachte. Zweites Capitel. Die Stimmen der Knaben weckten endlich die Mutter aus ihrer Ohnmacht.„Hab' ich geträumt,“ fragte ſie und blickte ſuchend irre umher,„war Leberecht— ja, ja, er war hier! Wo iſt er? Wir ſind allein— es iſt dunkel!“ Sie raffte ſich auf und wollte nach der Thür. Ein blitzen⸗ der Schein durchflog auf einen Augenblick das Gemach und beleuchtete es flüchtig. Gleich darauf folgte der Don⸗ ner eines Kanonenſchuſſes, viel näher als zuvor. Erſt jetzt ſtellte ſich das Bewußtſein in Gertrud's Seele wieder her. Die Worte:„Flüchtet, flüchtet in den Wald!“ tönten ihr noch im Ohr. Der nahe Kanonendonner, der ſich ſchnell — 246— wiederholte, zeigte ihr, daß die Rettung nicht Weile habe. Das Haus lag eine Strecke vom Dorf, kaum hundert Schritte vom Walde. Ein Nachbar war nicht zu erru⸗ fen; Gertrud blieb auf ſich allein angewieſen. Sie legte das Kind in die Wiege, raffte unter Angſt und Beben das Nöthigſte für ſich und die Kleinen zuſammen, ſchnürte ein Bündel, band es über den Nacken, nahm den Säugling an die Bruſt, reichte dem jüngſten Knaben, dem dreijährigen blonden Ernſt, die Hand und rief dem älteſten„Komm Franz, faſſe den Bruder an, kommt, kommt, meine Kinder!“ und ſchwankte zur dunkeln Hütte hinaus. „Gehen wir nicht ſchlafen, Mutter?“ fragte Franz,„ich bin müde!“— „Ja, mein Söhnchen, mein Kind, ja, bald, draußen im ſchönen Walde, auf weichem Mooſe, der Himmel über uns“ — hier brachen die erſtickenden Thränen ihre Worte.„Der Himmel über Euch,“ wiederholte ſie mit frommer Stimme und kniete an der Schwelle des Hauſes betend nieder:„All⸗ gütiger Vater, ſtrafe mein Vergehen nicht an ihrem un⸗ ſchuldigen Haupt. Ohne Vaterſegen betrat ich dieſe Schwelle — ach und wie verlaſſe ich ſie! Herr, meine Sünde war groß, aber meine Strafe iſt ſchwer— Vater, ſei barmher⸗ zig!“ Ihr Gebet wurde von dem Donnern des Geſchützes übertäubt. Sie raffte ſich wieder auf und ſchritt eilig vor⸗ wärts, dem Walde zu. Bald hatten ſie die erſten Gebü⸗ ſche erreicht und es wurde dunkel um ſie her. Da glühte ein heller Schein die Baumſtämme an, ſie wandte ſich zu⸗ rück und ſah Flammen aus den Dächern des Dorfs drun⸗ ten im Thal aufſteigen. Verworrenes Getöſe drang in ihr Ohr; die Kanonen ſchwiegen, aber Flintenſchüſſe praſſelten noch einzeln und in kleinen Salven; Geſchrei und Waffen⸗ klirren miſchte ſich damit; das Dorf wurde mit Sturm ge⸗ — 247— nommen. Die Feuerſäulen beleuchteten den Pfad der Flüch⸗ tenden; von Schauern bewegt, die ſelbſt die Kindesbruſt er⸗ griffen, drangen ſie vorwärts. Doch die Knaben wurden bald müde; des Schlafs um dieſe Stunde gewohnt, ver⸗ mochten ſie nicht weiter zu gehen.„Mutter, ich will mich ſchlafen legen,“ verlangte der kleine Ernſt und Franz blieb gleichfalls ſtehen und ſprach:„Ja, Mutter, ich bin ſo müde!“ Gertrud wurde von namenloſer Angſt ergriffen. Noch leuchteten die Feuerzeichen in die Büſche, ſie war dem Ge⸗ tümmel noch zu nahe; erſt der dichtere Wald jenſeit der nächſten Anhöhen konnte zuverläſſigen Schutz geben. Sie nahm den dreijährigen Knaben auch noch auf den Arm und ſprach ſanft zu dem älteren:„Noch ein wenig komm' mit, dann trage ich Dich; erſt den kleineren Bruder.“ So ſchritt ſie weiter vorwärts; die Mutterliebe gab ihr Kräfte; dennoch ermattete ſie bald unter der doppelten Laſt und mußte ſtillſtehen, um Athem zu ſchöpfen.„Es ſind böſe Menſchen hinter uns, Franz,“ ſprach ſie zu dem Kleinen, komm' ja mit der Mutter, daß ſie uns nicht einholen.“ Die Furcht gab auch dem Kinde noch neue Kräfte; doch nur für Minuten. Sie mußten endlich alle raſten. Der Ort ſchien ziemlich ſicher; es war dunkel und der Schall des Kampfgetümmels hatte ſich faſt verloren. Die müden Kna⸗ ben entſchliefen nach wenigen Augenblicken auf dem wei⸗ chen Mooſe. Gertrud hüllte ſie ſorglich ein; die Kleine an ihrer Bruſt ſchlief ebenfalls ſüß. So ſaß ſie, ganz allein, dicht umgeben von ihrem einzigen Glück, doch einen Schritt darüber hinaus umringte ſie ein Meer des Elends, der Schrecken, der Hoffnungsloſigkeit. Ihre Thränen floſſen leiſe; ſie wandte das Auge zurück auf die entflohenen Jahre. Ach, aus dieſer finſtern Dede — 2— ein Blick auf die unſchuldsvollen heiteren Auen der Ju⸗ gend— wie mußte er das Herz in Sehnſucht, Reue und Wehmuth auflöſen! Sie ſah ſich, ſechzehn Jahre alt, die treue Begleiterin des alten Vaters, ſeinen Liebling, ſein einziges Glück! Ihr Arm führte und ſtützte ihn beim Abend⸗ ſpaziergang durch die Felder des Dorfs— ſie las ihm vor dem Schlafengehn aus der Bibel vor— Morgens brachte ſie ihm den erſten Gruß— im ganzen Heimats⸗ dorfe hieß ſie die beſte Tochter— die holde, die frohe Gertrud! Ein ewig klarer Himmel der Schuldloſigkeit ſtand über jenen Tagen! Das reine Herz blühte voller Hoff⸗ nungen, voll Glauben und Vertrauen, und jetzt? Fünf Jahre kaum verfloſſen und Alles zerſtört, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft! Eine Bruſt, belaſtet von Schuld — Reue— die Zukunft ein düſterer Abgrund— viel⸗ leicht gebiert die nächſte Stunde ſchon wieder neue Schrecken, neuen Jammer! Ihr Blick hob ſich zu den Sternen, die droben ſo ſanft im dunklen Blau ſchimmerten. Ein Gebet war in ihrer Bruſt:„Laß mich vergelten durch Liebg an meinen Kin⸗ dern, was ich verbrach an meinem alten Vater!“ Es ſollte nicht erhört werden! Im Walde wird's laut: Verworrene Stimmen nähern ſich! Es fallen Schüſſe durch die Büſche!„Auf, auf!“ ruft Gertrud voller Angſt und reißt die Kinder aus dem Schlaf empor. Sie taumeln auf, weinend, kaum vermö⸗ gend auf den Füßen zu ſtehen. Doch das Getümmel dringt heran. Sinnlos rafft die Mutter die beiden Kleinſten auf und ruft:„Franz, halte Dich feſt an mir, halte Dich feſt, liebes Söhnchen!“ Das geängſtigte Kind ergreift weinend den Rock der Mutter; ſie eilt haſtig vorwärts, ohne zu wiſ⸗ ſen wohin. Doch das Ungethüm des Krieges folgt ihr auf — 249— dem Fuße! Alle Büſche rauſchen, flüchtige Soldaten eilen durch den Wald. Jetzt ſind ſie dicht heran, Verfolger ih⸗ nen auf dem Fuße. Die Flintenſchüſſe krachen, das Auf⸗ blitzen der Gewehre wirft einen flüchtigen Lichtſchein auf die Gebüſche. Der Strom der Flucht geht vorwärts, dicht an Gertrud's Ferſen. Der geängſtigte Knabe vergißt ſeine Mü⸗ digkeit und folgt der athemloſen Mutter, vor den unbe— kannten Schrecken hinter ihm flüchtend. Schwarze Geſtal⸗ ten ſtreifen an ihnen vorbei. Keiner achtet auf den An⸗ dern, Alles ſucht ſein Heil in der Schnelligkeit. Die Schüſſe fallen dicht neben ihnen; bei jedem Knall drückt Gertrud die Kinder krampfhaft an ſich und wirft einen angſtvollen Blick auf den Kleinen ihr zur Seite, ob er getroffen ſei. Plötzlich thut ſie einen Schrei, ſchwankt, ihre Knie brechen ein, die Arme löſen ſich, die Kinder entfallen ihr, ſie ſeufzt noch einmal auf, dann verlaſſen ſie die Sinne. Leblos hin⸗ geſtreckt, mit dem Antlitz in das abgefallene Laub geſunken liegt ſie da. Unbekümmert um ſie und die weinenden Kin⸗ der ſtreift der Schwarm der Flüchtigen an ihr vorüber, bis er ſich allmälig verliert und tiefe Stille ſich rings umher breitet. Nur die Kinder weinen und die Knaben rufen vergeblich ihre Mutter, die den holden Laut nicht mehr vernimmt! Drittes Capitel. Der Morgen dämmerte herauf. Es ließ ſich Hufſchlag hören. Zwei Reiter, ein Huſar und ein Dragoner, ſpreng⸗ ten durch den Wald„Hier müſſen wir an dem Bach hin⸗ 11*½* — 250— unter, Chriſtian, und erreichen ſo die Furth,“ ſprach der Dragoner;„das war noch einmal glücklich dem Tode ent⸗ ronnen!“ „Beim Element, Veit,“ rief der Huſar Chriſtian Ham⸗ mer,„ich gab keinen Heller für unſer Leben! Und noch ſieht's verteufelt aus!“ „Ei was, ſie ſind ſo müde wie wir! Wäre es nicht um den Hals zu retten, für keine tauſend Thaler rührte ich ein Glied. Vor Sonnenaufgang ſind wir über dem Bach und dann kenne ich Weg und Steg. Aber halt, da ſind Leute! Vorſichtig, Bruder Chriſtian!“ „Weiber und Kinder! Es hat keine Gefahr,“ antwor⸗ tete der Huſar,„laß uns vorwärtsreiten. Wahrſcheinlich geflüchtete Landleute, die uns noch Auskunft geben können. — Was zum Teufel, das iſt ja die Kathy— das Blitz⸗ weib! Hier im Wald hat ſie geſteckt!“ Sie ritten näher; eine Marketenderin, ihren mit einem Eſel beſpannten zerbrochenen Karren neben ſich, hielt am Wege. „Guten Morgen, Kathy!“ rief Chriſtian ſie an,„biſt Du lebendig geblieben? Aber was Teufel haſt Du da?“ Die Marketenderin wiſchte ſich die Augen mit der Schürze aus.„Da ſeht,“ ſprach ſie,„hier iſt Kriegs⸗ elend! Seht da, die drei Würmchen halb erfroren in der Nacht und da liegt die Mutter, hat einen Schuß durch den Leib, rührt kein Glied mehr! Sollten die Dingerchen im Walde verhungern?“ „Hm!“ ſprach Chriſtian,„ja, ſuche einer nur das Kriegs⸗ unglück im Lager! Da wird er's nicht finden! Geht's auch einmal bunt her— es bleibt doch luſtig! Aber das erbarmt das Herz! Da, Kathy, ich gebe Dir einen Thaler Beu⸗ tegeld; aber Du mußt für die Würmer ſorgen, ſie ſind ge⸗ ———— ————;y wiß aus dem Dorfe drunten. Warſt Du ihr Rabe, der ſie ſpeiſte dieſen Morgen?“ „Sie ſind faſt verklammt vor Kälte— die Nacht war zu friſch— und ſie hungerten und durſteten. Seht nur die friſchen Jungen, wie ihnen das ſchwarze Brot ſchmeckt! Für das kleine Würmchen hatte ich zum Glück noch ein Reſtchen Milch, die ich hier am Feuer wärmen konnte.— Aber was nun? Was hilft mir Euer Geld? Mein Kar⸗ ren muß ſtehen bleiben, denn mein Eſel iſt lahm geſchoſſen. Für die Kinder ſorgen— freilich wollt' ich das. Aber wie? Das Dorf unten iſt weggebrannt! Meilenweit Alles ge⸗ flüchtet! Das Mädchen brächte ich wol fort, aber die Jun⸗ gen— und zu Laufen ſind ſie zu matt.“ „Höre, Kamerad,“ ſprach der Dragoner Veit,„unſer Herrgott hat uns beſchützt geſtern! Es ging uns nahe am Schopf vorbei! Was meinſt Du, wir nehmen jeder einen von den Jungen auf den Sattel! Es wird uns Segen bringen. Ein Dorf werden wir doch wol treffen, wo wir ſie abgeben können, daß ſie wieder unter Menſchen kommen, die ſie pflegen. Gib mir den Blonden herauf!“— „Und mir den Braunen mit dem Schelmenauge!“ rief der Huſar. Sie nahmen die Kinder auf's Pferd.„Nun noch einen Schluck Branntwein, gegen den kühlen Früh⸗ nebel, Kathh! So! Du nimmſt aber das kleine Engelchen mit. Wir reiten nach der Grenze zu, Du wirſt unſre Spur ſchon finden. Frage nur in den nächſten Dörfern nach, ſo bringſt Du die Kinder wol wieder zuſammen. Adjes!“ Sie gaben den Pferden die Sporen und ritten davon. Bald kamen ſie an den Bach. Doch er war angeſchwollen vom Regen und die Waſſer ſtrömten reißend zwiſchen den Ufern. „Holla! Hier wird's ſchwer zu paſſiren ſein,“ rief Veit, — 252— „wir müſſen eine beſſere Furth ſuchen. Reite Du links, ich will rechts reiten, und haſt Du etwas gefunden, ſo gib mir Nachricht.“ Sie trennten ſich. „Ein verfluchtes Waſſer das!“ ſchimpfte der Huſar Chriſtian.„Reißend und tief wie der Teufel, die Ufer jen⸗ ſeit ſteill— Wird ſchwer über zu kommen ſein!— Piff! — Alle Teufel! Eine Büchſenkugel mir dicht am Ohr vor⸗ bei!— Donnerwetter! Tirailleurs oben im Buſch! Die Tauſendſackermenter! Da gilt's kein Feiern! Nun, was hängen ſoll, erſäuft nicht! Halt Dich feſt, mein Jungchen, jetzt mußt Du baden!“ Mit einem Satz war er im Waſſer. Doch der Wir⸗ bel riß ihn gewaltig mit ſich fort. Das Pferd tauchte un⸗ ter, arbeitete ſich wieder herauf und tauchte wieder unter. Es konnte das jenſeitige Ufer nicht gewinnen.„Gott helf' uns!“ rief der Reiter,„wir müſſen anders verſuchen! Halt Dich an den Mähnen feſt, Söhnchen!“ Damit ſchwang er ſich vom Sattel, machte es dem Pferde leichter und ſchwamm mit dem Thiere, die Zügel feſthaltend. Der Knabe blieb, ſich ängſtlich anklammernd, ſitzen. Die Flut trieb ſie fort! Da fügte es der Himmel, daß ein Baumſtamm, ent⸗ wurzelt, quer über das Waſſer geſtürzt war, der gab einen Halt. Die Uferſtelle war weniger ſteil. Der Gaul faßte Grund; wie der Blitz war der Reiter wieder droben und in zwei Sätzen auf dem jenſeitigen Ufer. Drei Kugeln pfiffen hinter ihm drein, aber ſie trafen ihn nicht. Im ge⸗ ſtreckten Galopp ſprengte er vorwärts, erreichte einen Feld⸗ weg, der durch ein dichtes Gebüſch führte, und war in we⸗ nigen Sekunden den Blicken der Feinde entzogen.„Gott hat geholfen!“ rief er aus,„ich glaube um deinetwillen, mein Jungchen! So ſollſt Du Gotthelf heißen und ich 3 — 253— will ein Hundsfott ſein, wenn ich Dich verlaſſe. Nun lu— ſtig, Gotthelf! Hopp, hopp!“— So trabte er erleichter⸗ ten Herzens und dankbar für die Rettung weiter. Viertes Capitel. Der ſchnurrbärtige Stelzfuß Chriſtian Hammer ſaß ver⸗ drießlich im ledernen Lehnſtuhl hinterm Ofen und las die Zeitung.„Verflucht!“ brummte er vor ſich hin—„ſchon als Bube konnte ich den Schulmeiſter nicht leiden, wegen des Leſens und Schreibens, das er mir einprügelte, und jetzt verwünſche ich den vertracten Schwarzrock erſt recht! Was hab ich davon, daß ich leſen kann? Nur täglich neuen Aerger! Heut ein Vorpoſtengefecht, Cavallerie, Mann für Mann, ich nicht dabei geweſen!— Morgen eine Schanze geſtürmt— ich ſitze auf dem Großvaterſtuhl! Und vollends wenn Vater Fritz eine große Bataille gewonnen hat, wenn er die Franzoſen vom Schlachtfeld gefegt hat, wie Sturm⸗ wind die Spreu— die tauſendſackerment' ſche Schlacht bei Roßbach liegt mir noch in allen Gliedern! Hol der Teu⸗ fel die Zeitungen!“ Damit warf der alte Kriegsmann das Blatt auf die Erde und ſtampfte dreimal mit dem hölzer⸗ nen Fuß darauf. „Nun was habt Ihr denn heute wieder, Chriſtian,“ fing ein altes Mütterchen vom Spinnrad hinterm Ofen an, „ſchmeckt die Pfeife nicht? Oder ſpürt Ihr das Wetter im Fuß?“ „Ich wollte, das Donnerwetter ſäße drin!“ fluchte der * Knebelbart,„ich ärgere mich üͤber die Zeitungen! Nun dauert der Krieg ſchon ins ſechſte Jahr und fünf Jahre liege ich ſchon auf der Faulbank! Konnte denn die Sa⸗ tanskugel nicht ein paar Jahre warten, ehe ſie mir das Bein abriß? Nun muß ich alle Tage in den Zeitungen leſen von Bataillen, die ohne mich gewonnen werden. Hol' die Peſt die Zeitungen ſage ich noch einmal! Ich wollte ich könnte Seiltanzen ſtatt Leſen und Schreiben!“ „Schimpft doch nicht auf unſre Zeitung!“ begütigte die Alte.„Würdet Ihr denn nichts vom Kriege hören, wenn Ihr ſie nicht leſen könntet? Alle Welt erzählt ja davon! Wenn ich Morgens die Milch aus dem Keller hole, iſt im⸗ mer eine Bataille geweſen, meine Gevatterinn in der Apfel⸗ bude weiß auch alle Tag eine Neuigkeit, und Vieles, was gar nicht einmal in die Zeitungen kommt! Da drinnen ſteht ja nur das Wenigſte! Und will man nichts leſen und hören, ſo muß man's ja erleben! Waren nicht die Oeſt⸗ reicher und Ruſſen hier in Berlin?“ „Ja, Teufel Element! Und ich ſaß auch hier auf dem Lehnſtuhl!— Mach' mich nicht wild, Alte, ich ſage Dir, hätte ich damals noch meine zwei geſunden Beine gehabt, ich hätte die Ruſſen und Oeſtreicher zur Stadt hinausge⸗ jagt, wie ein Donnerwetter! Nicht Mann noch Maus wä⸗ ren mir davon gekommen! Da hättet Ihr ſollen den al⸗ ten Huſaren ſehen! Bei Keſſelsdorf“— „Na, Vaterchen, Ihr habt doch auch die Bataille nicht allein gewonnen“— „Was Vaterchen, hol' der Teufel das„Vaterchen“, bin ich denn ſo ein alter morſcher Großvater, wie der ver⸗ fluchte Stuhl hier?“ „Nun, wenn Ihr auch das gerade nicht ſeid, ſo ſeid Ihr doch nicht mehr ſo rüſtig wie Euer Gotthelf, 4 —y — 255— und der thut jetzt Eure Arbeit, damit müßt Ihr zufrie⸗ den ſein!“ „Ja das iſt ein wackrer Junge!“ rief der Alte mit leuchtenden Augen,„der— holla! Klopft Jemand? herein!“ Die Thür öffnete ſich und ein ſtattlicher Ziethen'ſcher Huſar, mit Bärenmütze und Knebelbart, trat kerzengerade ein und heftete ſeine freundlichen blauen Augen ſtarr auf den Invaliden. „Herr Jeſus Chriſtus!“ ſchrie die Alte hinter dem Spinnrade auf—„unſer Sohn Gotthelf!“ „Gotthelf!“ rief der Invalide und ließ die Krücke fal⸗ len, und der Sohn lag in den Armen des Vaters! Gotthelf war halb auf Urlaub, halb im Dienſt. Sein Rittmeiſter hatte Aufträge in Berlin, Gotthelf durfte ihn begleiten. Sein erſter Schritt führte ihn zu dem alten Pflegevater und der noch älteren Pflegemutter, die als eine getreue Baſe für Beide ſtets ſo redlich geſorgt hatte, als ihre Armuth und die ſchlimmen Zeiten es zuließen.— Nun mußte er erzählen. Doch wie viel er auch von ſeinen Kriegsabenteuern ſprach, immer fuhr ihm der Stellfuß wieder mit einer Frage dazwiſchen.„Warſt Du bei Roßbach?— Haſt Du in Schweidnitz geſtanden?— Junge, haſt Du den Nachtmarſch durch die Oeſtreicher mitgemacht, wo der alte Ziethen ſie ſo capital anführte?— Es lebe Vater Ziethen! Das iſt ein Huſarenkönig!— Element! Die Schmarre da über dem Auge, bis— zeig' einmal— ja bis hinter's linke Ohr— Spaß hat der nicht gemacht, der Dich ſo gezeichnet hat!“ „Ich machte aber auch nicht Spaß, Vater,“ rief Gott⸗ helf.„Wir trafen uns zu gleicher Zeit und lagen Beide unterm Pferde; ſie ließen uns für todt liegen und das 4 — 256— Gefecht zog ſich in die Berge. Nach etlicher Zeit aber ka⸗ men wir wieder zu uns und da“— „Und da ſchlugt Ihr noch einmal auf einander los?“ rief die Alte dazwiſchen,„daß Gott erbarm!“ „Nein, Mutter, das thaten wir nicht!“ ſprach Gotthelf. „Wir halfen Einer dem Andern die Wunden verbinden. Der Soldat thut ſeine Pflicht vor dem Feind, aber auch der Feind bleibt ein Kamerad, und iſt die Bataille vorbei, ſo reicht man ſich die Hand!“ „So iſt's recht! So brav, Junge!“ rief Chriſtian. „So hielten wir's auch! Du warſt ja auch vielleicht ein Kind aus Feindes Land, habe Dich aber doch aufgeleſen, daß Dich Wölfe und Füchſe nicht fraßen. Aber weiter!“ „Vater, ich thue keinem Menſchen gern weh, aber dem da am wenigſten. Es war ein öſtreichiſcher Huſar, allein, weiß es Gott, ein braver Kerl! Er wachte zuerſt auf, ſah mich liegen und merkte, daß ich noch Leben hatte. Da gab her mir Branntwein aus ſeiner Feldflaſche; zog ein Tuch aus der Bärenmütze, wuſch mir das Blut ab und verband mich. Nachher leiſtete ich's ihm. Darüber war's Nacht geworden und wir ſchlichen uns zuſammen ins Dickicht, denn keiner wußte ja, ob Freund oder Feind nahe ſei. Bei Tagesanbruch ſchieden wir, er ging nach den öſtreichiſchen Feldwachen zu, ich nach den preußiſchen. Wir gaben uns die Hand darauf, uns Pardon zu geben, wenn wir uns wieder träfen!“ „Wie hieß er denn, der brave Menſch?“ fragte die Alte und weinte vor Rührung. „Hans Waldmann, Unteroffizier im Regiment Kolow⸗ rath; ſollte ich einmal, was Gott verhüte, in Gefangen⸗ ſchaft gerathen, dann ſoll ich nach ihm fragen.“ „Das thu'! Und wenn er in Captivität kommt, wird —— —9— —— — 257— er ſchon nach Gotthelf Bach, Huſar im Regiment Ziethen, fragen“— „Unteroffizier, Vater,“ verbeſſerte Gotthelf lächelnd— „Unter— Unteroffizier! Blitz und Donner! Avance⸗ ment! Und das ſagſt Du mir erſt jetzt, Du verfluchter— Herr Unteroffizier wollte ich ſagen! Allen Reſpect!“ Da⸗ bei nahm er die alte Feldmütze ab und fühlte die militai⸗ riſche Ehrfurcht einen Augenblick lang ſtärker, als die Va⸗ terwürde. Doch das Vaterherz ſchlug hoch auf und ſprengte ſchnell die Feſſeln der eiſernen Subordination, an die zwan⸗ zigjähriger Dienſt ihn gewöhnt hatte.„Mutter,“ ſchalt er, „und Du haſt noch kein Frühſtück gebracht für unſe⸗ ren Jungen, den Unteroffizier! Schinken heran! Doppel⸗ ten Pomeranzen! Speck, Brot! Was das Zeug halten will! Unteroffizier, Junge, laß Dich küſſen!“— Und er nahm ihn abermals beim Kopf und küßte ihn mit wahrer Herzensluſt. In ſeligem Geplauder von Kriegsthaten und Abenteu⸗ ern ſchwanden dem Invaliden die Stunden hin! Er rief wol zehnmal aus:„Es war doch ein kluger Streich von mir, daß ich Dich damals auf's Pferd nahm, mit Dir durch's Waſſer ſchwamm(davon hatte er ihn Bach ge⸗ nannt) und Dich bei mir behielt!— Ich hatte es auch geſchworen! Ein Hundsſfott, ſagte ich, wenn ich Dich ver⸗ laſſe! Nun iſt ein Unteroffizier im Regiment Ziethen aus dem kleinen braunlockigen Schelm geworden! Laß Dich küſ⸗ ſen, Herzensjunge! Ja mir iſt's beſſer gegangen, als mei⸗ nem Kameraden, dem Dragoner Veit, der mußte ſeinen Jungen im Stich laſſen, denn ſie ſchoſſen ihm den Rappen unterm Leibe todt! Was hätt' es ihm aber auch geholfen — ſeit anno 48 liegt er ja ſchon auf dem Garniſonkirchhof! Und wer weiß, wo Dein Bruder liegt, Gotthelf!— Aber — 258— laß das! Wir leben, wir wollen fröhlich ſein! Unſer Va⸗ ter Fritz, der Soldatenkönig, ſoll leben! Denn der hat Dich zum Unteroffizier gemacht!“ Dabei nahm er die Mütze ehrfurchtsvoll ab und Thränen rollten ihm in den grauen Knebelbart.„Nun erzähle, Junge, erzähle!“ Gotthelf erzählte und erzählte den ganzen Abend und am folgenden Tage, und ſo ging es tagtäglich. Die Ur⸗ laubszeit war raſch dahin. Gotthelf mußte wieder ins Feld. Von Segenswünſchen begleitet verließ er das väter⸗ liche Haus; doch nicht ohne tiefe Bewegung, denn die enge kleine Stube, in der er groß geworden war(die Muhme hatte ihn aufgezogen, während Chriſtian im Kriege war), bewahrte für ihn die ganze ſelige Welt der Jugenderinne⸗ rungen. Erſt als er mit ſeinem Rittmeiſter wieder im La⸗ ger eintraf und das bewegte Leben des Krieges ihn auf s neue in ſeine Wirbel riß, verlor ſich die wehmüthige Stim⸗ mung, in welche der Beſuch des Vaterhauſes ihn geſetzt hatte. Fünktes Capitel. Der Krieg wollte immer noch kein Ende nehmen, ob⸗ gleich man ſchon lange vom baldigen Frieden geſprochen hatte. Kleine Gefechte fielen faſt täglich vor. Gotthelf's Rittmeiſter hatte einem Proviant⸗Transport aufgelauert und nahm ihn glücklich weg. Doch auf dem Rückmarſch zum Lager, wohin er die Wagen führte, ſtieß er ganz unvermu⸗ thet auf eine Schwadron öſtreichiſcher Cavallerie. So⸗ gleich begann das Gefecht von beiden Seiten mit aller Hef⸗ — 259— tigkeit. Der Feind war doppelt ſo ſtark, der Kampf wurde hitzig. Ein Schuß ſtürzte den Rittmeiſter vom Pferde. Der Lieutenant beim Commando wurde gleichfalls herunter ge⸗ hauen. Da kamen die Huſaren in Unordnung. Gotthelf, der älteſte Unteroffizier, ſammelte die Leute und ſie wehr⸗ ten ſich wie die Löwen. Doch bald waren ſie von der Ueber⸗ macht umringt, und der Anführer rief ihnen zu, ſich auf Gnade oder Ungnade zu ergeben. Da Gotthelf ſah, daß der Sieg unmöglich ſei, beſchloß er, ſich wenigſtens mit den Leuten durchzuſchlagen, wenn er auch die Wagen im Stich laſſen müßte.„Mir nach, Kameraden!“ rief er, warf ſich voran in die Feinde, hieb rechts und links um ſich und ſah bald freies Feld. Seine Huſaren hielten dicht an ihm. Sie erreichten das Blach⸗ feld und flogen darüber hin; der Feind verfolgte. Es kam ungleiches Terrain, Gräben, dann wieder Elsgebüſch; die Reiter mußten ſich vereinzeln; Gotthelf gerieth an einen brei⸗ ten Sumpfgraben. Er zweifelte, daß ſein Pferd hinüber⸗ kommen würde, doch die Feinde waren dicht an ihm— er ſetzte und— ſtürzte! Allein ſo glücklich, daß er durch ei⸗ nen raſchen Schwung, den er ſelbſt ſich gab, doch noch das Ufer erreichte, während ſein Pferd im tiefen Moorgrund ſtecken blieb. Die öſtreichiſchen Reiter ſchoſſen ihre Pi⸗ ſtolen auf ihn ab, eine Kugel ſtreifte ihm den linken Arm, die andere pfiff am Ohr vorbei. Doch in zwei Sekunden war er im dichten Elsbuſch, wohin ihm zu Pferde Niemand folgen konnte. Er drang haſtig, ohne ſich umzuſehen, durch das Gebüſch, immer vorwärts. Nach wenigen Minuten ſah er ſich in vollkommener Sicherheit, hielt nun an und über⸗ legte, was zu thun ſei. Ein Soldat, der ſich beſiegt ſieht,“ der weiß, daß er ſeinen geliebten, tapfern Führer als Leiche oder Gefangenen in Feindes Hand laſſen mußte, der für - 260— jeden ſeiner Kameraden das Gleiche zu fürchten hat, iſt in finſterer Stimmung. Gotthelf wünſchte, daß die Kugel, die ihn ſtreifte, beſſer getroffen haben möchte. Das Blut floß aus der offenen Fleiſchwunde. Er zog den Dollman aus, ſtreifte das Hemd auf, wuſch den Arm in dem Waſ⸗ ſer der Bruchlache und verband ihn mit ſeinem Taſchen⸗ tuch. Dann unterſuchte er vorſichtig die Gegend. Er klet⸗ terte einen höheren Elsbuſch hinan, um ſich durch den freie⸗ ren Ueberblick der Landſchaft zurechtzufinden. Es gelang ihm; er ſah von weitem die Thurmſpitze eines Dorfes, über das er ſeinen Weg ins Lager zu nehmen hatte, und ent⸗ deckte, daß kaum tauſend Schritt von ihm hohe Waldung begann, unter deren Schutz er bis zum Anbruch der Nacht vorwärts gehen konnte. So machte er ſich denn, beküm⸗ merten Herzens, auf den Weg. Doch es war nicht ſo leicht den Wald zu erreichen, wie er gehofft hatte, denn das Els⸗ bruch wurde immer ſumpfiger, breite Lachen, tiefe Gräben ſperrten ihm oft den Weg, er mußte bis an die Knie in den Sumpf und war oft beſorgt, noch tiefer zu verſinken. Nach anderthalb Stunden endlich, als die Sonne ſchon tief am Horizont ſtand, hob ſich der Boden wieder und er erreichte den Wald und feſtes Terrain. Raſcher ging es jetzt wol eine halbe Stunde vorwärts. Eine uralte Eiche, die er nicht weit vor ſich bemerkte, lud ihn zum Ausruhen auf dem Raſen in ihrem Schatten ein, denn er fühlte ſich doch end⸗ lich müde. Als er ſich dem Baume näherte, ſah er, daß ein wenig befahrener Holzweg, faſt ſchon zu einem Fußſteige über⸗ wachſen, daran vorbeiführte. Dies machte ihn bedenklich, hier ſeinen Ruheſitz zu wählen und etwa einzuſchlafen; denn hier konnte der Zufall doch leicht Feinde vorbeiführen. Er wollte daher weitergehen, aber den Weg ſelbſt doch eine — 261— Zeitlang verfolgen, weil er ihm gerade die Richtung nach dem nächſten Dorf zu nehmen ſchien. Als er ihn betrat, ſich durch das dichtere Gebüſch an der Seite drängend, ſah er, daß an den Wurzeln des Eich⸗ ſtammes eine arme Frau halb lag, halb ſaß. Der Anblick überraſchte ihn, er trat näher. Sie ſchlief. Ihre Züge wa⸗ ren mehr kummervoll, als krank oder alt, ihre Tracht, ob⸗ wol ärmlich, nur halb die einer Bäuerin. Eine äußerſte Er⸗ mattung ſchien ſie überfallen zu haben, ſo daß der Schlaf, in den ſie geſunken war, vielleicht ihr letzter ſein konnte. Eine eigenthümliche Rührung ergriff Gotthelf, als er ſie betrachtete, und er vergaß darüber faſt ſeine eigene Lage. Er bemerkte, daß ſie um den Hals eine Haarſchnur trug, an der ein goldenes, kleines Crucifix hing. Der Anblick dieſes Kleinods brachte eine unerklärliche Bewegung in ihm hervor. Es war ihm, als kenne er es, und doch erinnerte er ſich nicht, es jemals in ſeinem Leben geſehen zu haben. Sein Blick glitt an der Schlafenden nieder; da ſah er auf dem einen Finger ihrer rechten Hand einen goldenen Reifen. Seltſam, dachte er, dieſe Frau ſcheint ſo äußerſt arm, geht in bloßen Füßen, in dürftiger Kleidung und hat ein golde⸗ nes Kreuz und Ring. Indem er noch betrachtend vor ihr ſtand, hörte er plötzlich ganz in der Nähe Stimmen und Geräuſch von Pferden.„Hier,“ rief es.„Nur rechts! Folgt mir nur!“ Der Wind,der in den Kronen der Bäume rauſchte, hatte ihn gehindert, den Hufſchlag früher zu hö⸗ ren. Jetzt waren die Reiter ganz nahe; Gotthelf blickte ſcharf nach allen Richtungen, da der Schall im Walde ſo leicht täuſcht. Da ſah er, kaum hundert Schritt von ſich, Waffen durch die Büſche blitzen; raſch ſprang er vom Wege ab und warf ſich unter das Gebüſch hinter der alten Eiche nieder, doch ſo, daß er zwiſchen den Blättern hindurch den — 262— Pfad im Auge behielt. Kaum war er in dieſem Verſteck, als fünf oder ſechs Reiter, einer ſcharfen Biegung des Holz⸗ weges folgend, auf die Eiche anſprengten. „Holla! Was ſitzt da?“ rief der Vorderſte.„Alte Hexe! Gib Beſcheid, wo führt der Weg hin?“— Die Schlafende fuhr empor:„Jeſus Chriſtus!“ rief ſie erſtaunt, als ſie die Reiter ſah.„Was wollt Ihr von mir?“ Gotthelf ſchlug das Herz in der Bruſt, nicht aus Angſt für ſich, ſondern vor Mitgefühl um die Arme, die er der rohen Mishandlung preisgegeben ſah. Denn die Reiter wa⸗ ren raſch vom Pferde geſprungen, ergriffen die Unglückliche und wollten ihr das goldne Kreuz, das ſie bemerkt hatten, und den Ring abreißen. Mit herzergreifendem Angſtruf flehte ſie:„Ach, laßt mir das Kreuz und meinen Ring— es iſt mein einziges Hab' und Gut!“ Einer der Krieger fühlte menſchlicher und nahm ſich der Unglücklichen an.„Laßt ihr das,“ ſprach er halb bit⸗ tend, halb befehlend,„Was kann es Euch viel helfen! Ihr habt ja Beute genug! Doch ſchon hatten die Habgierigen der Armen das Kreuz abgeriſſen, wobei ſie dieſelbe faſt mit der Schnur erwürgten und dieſe doch zuletzt mit dem Säbel durchſchneiden mußten. Der Ring aber ſaß ſo feſt an dem Finger, daß er trotz des heftigſten Zerrens nicht herab wollte. „Haut den Finger herunter!“ rief ein roher Kerl.„Was iſt an dem vertrockneten Gerippe gelegen!“ Die Bedrohte that einen lauten Schrei.„Nein, das leid' ich nicht!“ rief Der, welcher ſich ſchon zuvor ihrer angenommen hatte, ſchwang ſich vom Pferde und trat, die wilden Kerle zurückſtoßend, vor ſie hin.„Das iſt nichtswürdig und gottlos! boi ſag' ich!“ Gotthelf konnte ſich kaum halten vor Spannung; er lauſchte faſt zu dreiſt aus ſeinem Verſteck hervor. Da er⸗ — — 263— kannte er in dem wackern Retter denſelben Hans Waldmann, mit dem er ſchon früher ſo herzlich und kameradſchaftlich zuſammengetroffen war und ſich Freundſchaft und Hülfe angelobt hatte. Allein ſeine Freude ging eben ſo raſch in Beſorgniß über, als er ſah, wie die erbitterten, beutegieri⸗ gen Kameraden deſſelben ſich mit drohenden Säbeln gegen ihn wandten und ſchwuren, ihn niederzuhauen, wenn er ſie nicht gewähren ließe. Waldmann fürchtete ſich aber nicht, ſondern hob auch ſeinerſeits den Säbel und rief:„Der Erſte, der der armen Frau etwas zu Leide thut, dem haue ich über den Kopf, daß er ſtürzt!“=„Biſt Du verrückt, Wald⸗ mann?“ rief einer,„willſt Du Kameradenblut vergießen für die Bettelhexe?“ So erhob ſich ein Schreien, Toben, Drohen und Fluchen durcheinander; doch der wackere Wald⸗ mann blieb entſchloſſenen Sinnes. Da ſah Gotthelf mit angſtvoll pochendem Herzen, wie einer der abgeſprungenen Reiter, während die andern tobten und ſchrien, ſich rück⸗ lings hinter ihn ſchlich, um ihn von hinten niederzuhauen oder zu ſtoßen. Auf einmal zuckte ihm ein kühner Ge⸗ danke durch die Seele, den nur ſeine kameradſchaftliche Liebe, ſein Mitleid mit der armen Frau, deren Anblick ihn ſo ei⸗ genthümlich bewegt hatte, und die inwohnende kecke Tapfer⸗ keit eines Ziethen'ſchen Huſaren erzeugen konnten. Er ſprang nämlich plötzlich mit einem lauten Kriegsgeſchrei und dem Ruf:„Vorwärts, Kameraden, mir nach!“ aus dem Ver⸗ ſteck hervor und hieb Den, der ſich eben in Waldmann's Rücken ſchleichen wollte, nieder, bevor er ſich noch nach dem Geſchrei umſehen konnte. Dann ſtürzte er auf den zwei⸗ ten Kerl ein, der eben die Frau gepackt hatte, um einen erneuten Verſuch zu machen, ihr den Ring zu entreißen, und ſchlug ihm mit dem Säbelgefäß ſo vor die Stirn, daß er betäubt niederfiel. Die zu Pferde gebliebenen Reiter wa⸗ — 264— ren ſo überraſcht von dem Vorfall, daß ſie, ohne ſich Zeit zum Umſehen zu laſſen, ob noch mehr Preußen aus dem Buſch kämen, ſogleich ihren Roſſen die Sporen gaben und in geſtreckter Carriere davonritten. Ehe eine Minute verging, ſahen ſich Gotthelf, Waldmann und die arme Frau allein und der Erſte rief: Kamerad, erkennſt Du mich?“ Da fiel ihm der vor Verwunderung bisher ſprachlos Ge⸗ bliebene freudig in den Arm und rief:„Ja, ich erkenne Dich, Gotthelf Bach!“ 3 Nun gab ſchnell ein Wort das andere. Waldmann rief:„Ich hätte Dich beinahe ſelbſt niedergehauen, denn ich dachte, es wären Feinde; ein Glück, daß ich in der Be⸗ ſtürzung nicht wußte, was ich zuerſt thun ſollte.“ Gotthelf erklärte, wie Alles zugegangen ſei, und gab der geretteten Frau ihr Kreuz zurück, das einem der Niedergehauenen ent⸗ fallen war. Sie vermochte kein Wort hervorzubringen, ſon⸗ dern weinte nur und küßte das Kreuz und wollte Gotthelf's Hände küſſen. Doch dieſer ſprach:„Laßt es gut ſein, liebe Frau! Ich ſah Euch vorher ſchlafen! Und ſeht, da hat⸗ ten mir Eure kummervollen Züge ſo das Herz bewegt, daß ich gar nicht anders handeln konnte.— Nun aber iſt zum Schwatzen keine Zeit! Wir müſſen uns retten! Wenn die Rothmützen(ſo nannte er die öſtreichiſchen Huſaren) ſich beſinnen, ſo kehren ſie um und dann könnt' es mir übel er⸗ gehen!“—„Und mir auch!“ fiel Waldmann ein.„Aber wo ſoll ich hin?“ „Höre,“ ſprach Gotthelf treuherzig,„komm' mit mir! Es iſt, als ob eine Stimme unſers Herrgotts mir ſagte: „Ihr Beide müßt Kameraden ſein! Siehſt Du, zweimal hat uns nun ſchon Gottes Wille zuſammengeführt, daß wir, obgleich Feinde, einander doch nur Liebes gethan haben. Komm' mit! Sei mein Kamerad und Bruder! Komm' zu — 265— uns! Wir haben einen König und Herrn, einen Vater, ſage ich Dir! Unſer Vater Fritz und unſer Vater Ziethen! Denen zu dienen, das iſt eine Freude.— Kamerad, komm mit!“ Waldmann ſtand und blickte düſter vor ſich hin.„De⸗ ſerteur!“ ſprach er finſter und die Thränen rollten ihm über die Wangen in den Bart. Doch Gotthelf ſchlang den Arm um ſeinen Nacken und rief:„Kamerad, Du kommſt! Es wird Dich nicht gereuen, ſag' ich Dir!“ Da war es in Waldmann's Seele, als heiße Gott ſelbſt ihn zu thun, wie Gotthelf ihm rieth.„Gehe die Wege, ſo Dir mein Finger zeigt,“ rief es in ihm. Und obwol er wußte, was er that, obwol er als wack⸗ rer, redlicher Soldat den Ueberläufer haßte und verach⸗ tete, er mußte mit Gotthelf fort, denn ein höherer Wille als der ſeinige gebot ihm alſo und ihm war zu Muthe, wie noch nie in ſeinem ganzen Leben. Lange hielten die beiden Kameraden ſich umfaßt. Dann ſchwang ſich Waldmann auf ſein Pferd, deſſen Zü⸗ gel er um den Arm geſchlungen hatte, und Gotthelf nahm das des einen am Boden liegenden Reiters, das ſich, wäh⸗ rend das andere den Fortſprengenden gefolgt war, getreu zu Häupten ſeines für todt daliegenden Herren gehalten hatte. Sie ſchüttelten der armen alten Frau, die noch im⸗ mer da ſtand und ohne ein Wort zu ſprechen in ſtillen Thränen ihrem Thun zugeſchaut hatte, die Hände und woll⸗ ten ihr Lebewohl ſagen. Da rief ſie und riß ſich mit äu⸗ ßerſter Gewalt den Ring vom Finger herab:„Nehmt das! Du mein Kreuz— Du meinen Ring! Ihr habt an mir gehandelt wie Söhne! Und ſo reichte ſie Gotthelf das Kreuz, Waldmann den Ning hin. 5 Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. WV. 12 „Da ſei Gott vor, gute Frau,“ ſprach Gotthelf,„daß wir Euch rauben ſollen, was Euer einziges Gut iſt! Nim⸗ mermehr!“ Doch ſie ſtreckte die Hände flehend zu den Reitern em— por und rief weinend:„Nehmt, nehmt— oder es bricht mir das Herz!“ 4 Und es war Etwas in ihrer Stimme, in ihrem Blick, dem Beide nicht widerſtehen konnten; ſie nahmen ſtumm das Dargebotene hin. „Aber wo werdet Ihr bleiben, gute Frau, wer ſoll Euch beſchützen? Wollt Ihr mit uns?“ fragte Gotthelf. „Ich brauche keinen Schutz!“ erwiderte ſie.„Mir kön⸗ nen ſie nun nichts mehr nehmen, als das Leben— und darin mag Gottes Wille geſchehen!— Reitet nur hier links durch den Wald, dann kommt Ihr an einen großen Weg, ſeid in einer Viertelſtunde im Dorf, und bei den Preu⸗ ßen. Ich will hier durch die Büſche; dort drüben im Wald ſteht ein Marienbild. Da will ich für Euch beten!“ So nahm Jeder ſeinen Weg und ſchnell waren ſie ein⸗ ander aus dem Geſicht. Vielleicht für immer! Denn ſo ſind die Schickſale der Menſchen. Die uns in einem Augenblick unvergeßlich werden, die ſehen wir oft auf un⸗ ſerer ganzen Lebensbahn niemals wieder! Sechstes Capitel. Gotthelf und Waldmann trugen von nun an Leid und Frreud', Gefahr und Hoffnung unverbrüchlich zuſammen. Ihr — 267— Rittmeiſter zeigte den beiden getreuen Kameraden alles mög⸗ liche Wohlwollen. Auch Waldmann war als Unteroffizier eingetreten; deshalb ſchliefen ſie nicht in einem Zelt, aber wo nur der Dienſt es geſtattete, daß ſie zuſammenkamen, da ſah man ſie bei einander. Im Gefecht verloren ſie ein⸗ ander nicht aus dem Geſicht und drohte Einem Gefahr, ſo war der Andre gewiß in der Nähe. Der Rittmeiſter warnte Waldmann nur ſtets:„Laß Dich nicht gefangen nehmen; denn greifen ſie Dich, ſo wirſt Du gehangen. Nimm alſo keinen Pardon, denn ein ehrlicher Soldatentod iſt ſüß!“ Waldmann war dabei fröhlichen Muthes und rief:„Ich habe keine Sorge! Mir iſt jetzt ſo wohl und freudig zu Muthe, wie noch niemals, ſo lange ich drüben im Dienſt war.“ „Nun denn, friſch drauf!“ ſprach der Rittmeiſter; „Morgen wollen wir recognosciren, da kann's etwas ſetzen, denn wir müſſen weit vor.“ In der Nacht brach die Schwadron auf. Mit der Früh⸗ dämmerung erreichte ſie die Spitzen der Waldhöhen, von wo aus die Stellung des Feindes in Augenſchein genom⸗ men werden ſollte. Es lag ein ſtarker Nebel im Thale, unter deſſen Schutz man ſich zwar weit vorwagen konnte, aber auch ſo gut als nichts entdeckte. Waldmann wurde mit einigen Leuten vorgeſchickt, um den Lauf eines Baches zu unterſuchen. Gotthelf bekam denſelben Auftrag eine Strecke weiter hinauf. Sie ritten ab.— Beide vollführten, was ihnen oblag, mit Pünktlichkeit und ſtießen auf kein Hinderniß. Nur wurde der Nebel immer dichter, ſo daß man oft ganz irre war, welchen Weg man einzuſchlagen hatte. Waldmann wollte ſich jetzt mit ſeinen Leuten wieder zur Schwadron 12* — 268— zurückziehen und nahm ſeine Richtung am Ufer des Baches entlang.„Kommen dort nicht Reiter?“ fragte er den ne⸗ ben ihm reitenden Huſaren,„der Nebel iſt ſo dick, daß man nicht hört, noch ſieht.“—„Ja,“ war die Antwort des Hu⸗ ſaren,„es werden unſere Kameraden ſein, die oberhalb des Dorfes recognoscirt haben.“ „Hm!“ ſprach Waldmann.„Sie müßten ſich ſehr durch den Nebel haben täuſchen laſſen, denn hier geht doch ihr Weg nicht zurück. Wir wollen ſie doch anrufen, ehe wir zu nahe an einander kommen.—„Wer da? Gebt Parole!“ Es erfolgte keine Antwort; die Reiter, die etwa funf⸗ zig Schritt entfernt waren, ſchienen zu ſtutzen. „Noch eimal: Wer da?“ rief Waldmann.—„Der Teufel, das ſind nicht unſere Leute! Das ſind ſechsmal mehr! Seht nur, wie viel Geſtalten in dem Nebel ſichtbar werden. Huſaren, macht Eure Piſtolen fertig! Mir ahnt nichts Gutes!“— Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als auch ſchon die unbekannten Reiter im vollen Galopp aus dem Nebel hervorſprengten; bevor eine halbe Minute verging, ſah ſich das kleine Piquet dicht von Feinden umringt. Der Anfüh⸗ rer rief ihm zu, ſich zu ergeben; doch Waldmann, der ſich durchzuſchlagen und unter dem Schutz des Nebels zu den Seinigen zu entkommen hoffte, rief:„Huſaren, Feuer! Vor⸗ wärts!“ Er ſchoß und ſprengte entſchloſſen in den Feind! Seine Kameraden, lauter echte Preußen, die Tod und Teu⸗ fel nicht fürchteten, ſetzten hinter ihm drein.— Doch dies⸗ mal war die Uebermacht zu groß. Im Augenblick waren die Braven heruntergehauen und Waldmann lag betäubt unter ſeinem Pferde, das einen Schuß bekommen und ſich mit ihm überſchlagen hatte. —:——— 4 — 269— Gotthelf hörte die Schüſſe. Ihm ahnte nichts Gutes. Er ſprengte raſch mit ſeinen Leuten dem Schalle nach und ſtieß in wenigen Minuten gleichfalls auf das feindliche De⸗ taſchement. Doch die überlegene Zahl, die auch er, durch den Nebel getäuſcht, zu ſpät erkannte, führte ſeinen Ver⸗ ſuch, den Kameraden zu Hülfe zu kommen, zu einem eben ſo unglücklichen Ausgange. Bald war Alles entſchieden und Gotthelf wie Waldmann ſahen ſich zu Fuß, umringt von einer Schwadron feindlicher Huſaren, nebſt einigen Ka⸗ meraden als Gefangene fortgeführt. Freilich war es ihr Troſt, daß das Schickſal ſie auch hier wieder vereinigte; doch für Gotthelf war es auch zu⸗ gleich eine Urſache der gegründetſten Angſt um ſeinen treuen Herzensfreund.„Wenn ſie Dich erkennen,“ ſprach er leiſe im Gehen,„ach, Bruder, was wird Dein Schickſal ſein?“ „Hm,“ murmelte Waldmann,„dann— doch laß uns das nicht fürchten! Ich habe mir Bart und Haar anders wachſen laſſen— dieſe Leute ſind nicht von unſerm Regi⸗ ment— wir ſind vielleicht ſchon morgen ins Innere des Landes nach einer Feſtung abgeführt, wo uns keiner meiner ehemaligen Kameraden zu Geſicht bekommt. Auf alle Fälle aber will ich mir einen andern Namen geben. Weißt Du was? Ich werde mich nennen wie Du, Johannes Bach, und ſagen, ich ſei Dein Bruder.“—„Ach, das iſt mir lieb,“ erwiderte Gotthelf leiſe und drückte ihm die Hand;„das iſt mir lieb, daß Du ſagen willſt, Du ſeieſt mein Bruder.“ Vergiß nur nicht, daß wir Beide aus Berlin ſind. Unſer Pfle⸗ gevater, Huſar Chriſtian Hammer,“ raunte er ihm leiſe zu. „Ich will Alles wie ein Bruder mit Dir theilen, ſelbſt den Tod, wenn's ſo hart kommen ſollte!“ „Gotthelf— Bruder!“ erwiderte Waldmann leiſe, mit vor Rührung bebender Stimme.„Ich denke, es ſoll 8 — 270— ſo ſchlimm nicht werden,“ ſetzte er nach einigen Augen⸗ blicken hinzu.. So ſuchten ſie ſich ihres Schickſals zu getröſten. Sie wurden ins nächſte Landſtädtchen transportirt, wo ein Ma⸗ jor als Commandant befehligte, der die Gefangenen in Empfang nahm. Sie waren ihrer ſechs; ihre anderen Kameraden muß⸗ ten ſchwer verwundet oder todt auf dem Kampfplatz ge⸗ blieben ſein. Man ſtellte ſie in Front vor dem Hauſe des Commandanten auf. Dieſer trat nach einigen Minuten, eine Pfeife rauchend, im Ueberrock ans Fenſter und warf einen Blick hinab. So wie ihn Waldmann erblickte, ſprach er leiſe:„Bruder, das iſt ſchlimm! Das iſt der Major Förſter! Er kam oft zu unſerm Rittmeiſter und kennt mich genau, denn er faßte mich ein paar Mal ganz beſonders ſcharf ins Auge und fragte mich über Mancherlei aus. Der kennt mich gewiß wieder, ſo durchforſchend ſah er mich ſchon damals immer an. Ach, Gotthelf, von dem iſt kein Er⸗ barmen zu erwarten, das iſt der ſtrengſte und grauſam⸗ ſte Commandeur in der ganzen Armee. Der läßt alle De⸗ ſerteure mit Spießruthen zu Tode peitſchen!“ Gotthelf zitterte noch mehr als Waldmann, doch er ſprach ihm Muth zu und flüſterte:„Bleibe nur dabei, daß wir Brüder ſind; unſere Kameraden verrathen uns nicht, dafür ſtehe ich Dir!“ Der Major kam herunter. Ein wildes, finſteres Geſicht, ſtarker Knebelbart, rollende Augen. Eine eigene Scheu durchzuckte Gotthelf, als er ihn erblickte. Langſam ging der Major an den Gefangenen hinunter und ſah jeden einzel⸗ nen ſcharf an.„Was Teufel!“ rief er, als er an Wald⸗ mann kam,„Dich kenne ich, Burſche! Du biſt deſer⸗ tirt!, — 271— Waldmann war wie vom Donner gerührt; in den wil⸗ den Blicken, in der gerunzelten Stirn des Majors las er ſein fürchterliches Todesurtheil. Doch Gotthelf faßte ſich. „Der deſertirt,“ ſprach er mit erzwungenem Lächeln,„dann bin ich auch deſertirt. Wir ſind ja Brüder, Gotthelf und Johannes Bach und ſtehen ſeit fünf Jahren zuſammen beim Regiment Ziethen.“ Der Major ſah ihn mit ſcharfen Blicken an.„Brü⸗ der?“ ſprach er mit einem Tone, der halb Erſtaunen, halb Glauben ausdrückte.„Ihr Brüder? Kerl!“ fuhr er plötzlich wild auf,„ich laſſe Euch Beide vier Wochen lang alle Tage Spießruthen laufen, bis Euch die letzte Fleiſchfaſer auf dem Rücken verfault iſt, wenn Ihr mich belügt! Kerl, Du ſtan⸗ deſt im Regiment Kolowrath! Tod und Teufel, willſt Du leugnen?“ Dabei faßte er nach ſeiner rohen Weiſe Wald⸗ mann vorn beim Kragen und ſchüttelte ihn; dieſer verlor die Faſſung, wurde todesbleich, wollte in ſeinem Schrecken die Wahrheit einräumen und um Gnade, bitten. Da ret⸗ tete Gott ihn wunderbar. Denn währen der Major ihn vorn beim Doliman faßte und ſchüttelte, riß ein Knopf aus und die Hand fuhr ihm auf die Bruſt hinab, ſo daß ſich ein Finger in die Schnur verfing, an der Waldmann den goldenen Ring der armen Frau wie ein Amulet um den Hals trug.„Was iſt das?“ fragte der Major und zog Schnur und Ring hervor. Dieſen Umſtand benutzte Gotthelf gewand und fiel ein: „Da ſehen Sie, Herr Oberſtwachtmeiſter, daß wir Brü⸗ der ſind. Das war ſein mütterliches Erbtheil, und das hier iſt meins! Dabei zog er das goldene Kreuz hervor und hielt es dem Major dar. Dieſer warf einen Blick darauf, ſtutzte, wurde blaß, be⸗ trachtete das Kreuz näher, dann auch den Ring genauer, — 272— rollte die Augen wild im Kopf und ſprach endlich kurz herausgeworfen:„Gut, ich will's glauben!“— Fort mit den Gefangenen! Sie können gleich weiter transportirt werden!“ Sie wurden abgeführt. Doch kaum waren ſie funfzig Schritte fort, als der Major, der indeß heftig auf und ab gegangen war, ihnen nachrief:„Halt!“ Er kam heran.„Die Sache mit den beiden Brüdern will ich noch näher unterſuchen!“— Wie Eis fuhr es in das Blut der beiden Unglücklichen. Sie ſahen einander an und ihre Blicke ſagten:„Nun ſind wir verloren!“ Der Major ſprach einige Worte leiſe mit ſeiner Ordon⸗ nanz; dieſe gebot Gotthelf und Waldmann, ihr zu folgen. Ihre Kameraden wurden abgeführt, um weiter transportirt zu werden, ſie ſelbſt aber wurden in die Wache gebracht, wo man ihnen ein dunkles Loch mit einem kleinen vergitterten Fenſter zum Gefängniß anwies. Siebentes Capitel. Der Major ging mit haſtigen Schritten in ſeinem Zim⸗ mer auf und ab; er hatte die Hände auf dem Rücken zu⸗ ſammengefalten und warf finſtere Blicke rings umher. „Ordonnanz!“— Die Ordonnanz trat ein.—„Der Feldwebel ſoll kommen!“— Er ſtand nach fünf Minuten im Zimmer.—„Sind die Gefangenen fort?“—„Zu Be⸗ fehl, Herr Oberſtwachtmeiſter. Nur die beiden Brüder ſitzen noch auf der Wache.“—„Führt einen her. Gleichviel wel⸗ chen!“— Der Feldwebel wählte Gotthelf aus und führte —— — — 273— ihn dem Major zu.—„Woher biſt Du gebürtig?“—„Von Berlin.“—, Dein Name?“—„Gotthelf Bach.“—„Was war Dein Vater?“—„Huſar im Regiment Ziethen.“—„Lebt Deine Mutter noch?“—„Nein. Sie ſtarb, als ich noch klein war.“—„Und das Kreuz, was Du trägſt, haſt Du von ihr?“—„Jaz ſo hat mir mein Vater ſtets erzählt!“ Gotthelf ſchlug das Herz hörbar bei dieſen Unwahrhei⸗ ten, doch er blieb ſtandhaft, denn es galt ja, ſeinen Her⸗ zensbruder zu retten. Der Major nahm das Kreuz noch einmal in die Hand und betrachtete es mit größter Auf⸗ merkſamkeit. „Zieh Deinen Dolimann aus; ſtreife das Hemd von den Schultern!“ befahl er. Gotthelf gehorchte zitternd, denn er wußte, daß jetzt die Tortur der Fuchtel beginnen werde; er las ſein Schickſal in den finſtern Mienen des Majors. Der Feldwebel ſchien daſſelbe zu denken, denn er ſtellte ſich mit ſeinem Stocke in Bereitſchaft. Waldmann hatte noch im Gefängniß von des Majors unerbittlicher Grauſamkeit erzählt, der unzählige ſeiner Leute bis auf den Tod hatte ſchlagen laſſen. Daher empfahl Gotthelf ſeine Seele dem Himmel und richtete einen betenden Blick nach oben. Er flehte um Standhaftigkeit, daß die Qualen ihn nicht zum Verräther an Waldmann machen möchten.— Mit entblöß⸗ tem Rücken und Schultern ſtand er jetzt da; aber der Major befahl weder dem Feldwebel ſeinen Stock zu brauchen, noch zog er ſelbſt die gefürchtete Klinge, ſondern er ſtand ab⸗ gewendet am Fenſter und blickte auf die Gaſſe hinaus. Endlich wandte er ſich, wie durch einen plötzlichen Entſchluß getrieben, raſch um; er ſah noch finſterer und bleicher aus als zuvor und ein verbiſſener Ingrimm ſchien ſeine Lippen krampfhaft zuſammenzupreſſen. Dies war die Miene, vor welcher ſelbſt der an ſeine Grauſamkeit gewöhnte Feldwebel 12** — 274— zitterte. Langſam ſchritt der Major näher; es herrſchte To⸗ desſtille im Gemach; Gotthelf's Knie ſchlotterten, das Po⸗ chen ſeines Herzens war zu vernehmen. Jetzt ſtand der Major dicht neben dem Geängſtigten; er ergriff ihn beim Arm, drehte ihn halb um, betrachtete ihn ſcharf, ſchien über etwas innerlich zuſammenzuſchrecken und warf dann die Worte heraus:„Es iſt gut! Zieh Dich an!“ Gotthelf athmete auf. Die Thränen der Freude, des Danks gegen den Himmel traten ihm ins Auge. Er war nur dem nächſten ſchrecklichen Schickſal entgangen, noch Schlimmeres konnte ihm drohen; doch wem die Angſt ſo nahe ans Herz getreten iſt, der fühlt nur die Freude, wenn die Laſt abgewälzt iſt, und denkt nicht, was kom⸗ men kann. Der Major ging auf und nieder. Er murmelte unver⸗ ſtändliche Worte vor ſich hin. Der Feldwebel ſtand wie eine Kerze und ſtarrte ihn an; er wußte nicht, was er aus ſeinem Commandeur machen ſollte, denn ſo ſeltſam hatte er ihn noch nie geſehen. Die Uniform ſchon herunter, der Rücken ſchon bloß, und dennoch nicht einmal armſelige hun⸗ dert Fuchtel— das war ihm unbegreiflich! „Feldwebel!“ „Herr Oberſtwachtmeiſter!“ „Fort mit dem, zurück in die Wache! Den andern her! Aber“— jetzt verzog ſich ſein Geſicht zu einem teuf— liſchen Ausdruck der Wuth— ich laſſe Ihn krumm wie ein Taſchenmeſſer in die Eiſen legen und hungern, daß er an ſeinen eigenen Knochen freſſen ſoll, wenn die beiden Kerle nur eine Silbe mit einander, oder mit irgend Jemand ſonſt über Das ſprechen, was hier vorgegangen iſt, ja wenn ſie ſich durch einen Blick, eine Miene zuwinken! Pat Er mich verſtanden?“ — —— — 25— Dem Feldwebel lief es eiskalt über den Rücken; er ſprach ſein„Zu Befehl“ mit zitternder Stimme und comman⸗ dirte:„Marſch!“ Nach wenigen Minuten ſtand Waldmann vor dem Ma⸗ jor, der Feldwebel hinter ihm. „Deſerteur! Wie lange hat Er im Regiment Kolow⸗ rath gedient?“ fragte der Major und rollte die Augen furchtbar. Waldmann erſtarrte. Alſo hatte ihn Gotthelf doch ver⸗ rathen! Faſt ſank er in die Knie vor Schrecken und Be⸗ trübniß. Plötzlich aber kam ihm, wie von Gott eingegeben, der Gedanke:„Wenn das ein Fallſtrick wäre!“— Schlim⸗ mer konnte es nicht werden, denn war er entdeckt, ſo war der fürchterliche Spießruthentod unvermeidlich ſein Loos und kein Geſtändniß, kein Flehen konnte ihn erretten. Er erwiderte daher mit einem Muth, einer Unbefangenheit, über die er ſelbſt erſtaunte, die ihm von wo anders her, als von ſeiner eigenen Kraft zu kommen ſchien:„Im Regiment Ziethen habe ich gedient; fünf Jahre, immer mit meinem Bruder zuſammen!“ Der Major ſtampfte mit dem Fuß auf.„Alle Teufel und Donnerwetter! Verrückt könnte ich darüber werden— ich kenne den Kerl wie mein Bild im Spiegel! Herunter den Doliman, das Hemd herunter!“ „Aha!“ dachte der Feldwebel,„der wird das Bad be⸗ zahlen!“ In der That zog der Major ſeine furchtbare Fuch⸗ telklinge heraus und ſchwang ſie ingrimmig durch die Lüfte. Waldmann ſtand entblößt wie zuvor Gotthelf. Der Major trat näher, riß ihn eben ſo heftig am Arm herum wie jenen, fuhr zuſammen, zuckte einigemal, dann ließ er beide Arme, den linken, womit er Waldmann gefaßt hatte, — 276— und den rechten, in dem er die Klinge erhoben hielt, matt herunterſinken und wandte ſich ab. „Anziehen!“ befahl er nach einigen Minuten der tief⸗ ſten Stille barſch. Der Feldwebel wollte in die Erde ſin⸗ ken vor Staunen.— Waldmann gehorchte, wußte aber nicht, ob er ſich freuen oder zittern ſollte. Der Major winkte jetzt dem Feldwebel und zog ihn in eine Ecke des Zimmers. Hier ſprach er lange leiſe mit ihm, bald mit finſterer Miene, bald freundlich, bald ſchien er zu drohen, bald kameradſchaftlich zuzureden. Endlich fragte er:„Hat Er mich verſtanden?“ „Ganz wohl, Herr Oberſtwachtmeiſter.“ „Fort denn! Marſch!“ Waldmann wurde abgeführt und wieder in das dunkle Loch im Wachtgebäude gebracht, wo er Gotthelf ſchon vor⸗ fand. Sie fielen einander in die Arme und küßten ſich, und die Thränen liefen ihnen die Wangen herunter. „Ach, Gotthelf!“ rief Waldmann, als ſie einander er⸗ zählt hatten, wie es ihnen ergangen war,„und wäreſt Du dreimal mein Bruder, Du könnteſt doch nicht brüderlicher an mir gehandelt haben, als Du jetzt gethan haſt.— Aber was wird nun aus uns werden? Ach, Gotthelf, wer weiß, es nimmt noch ein ſchreckliches Ende!“ „Nein,“ rief dieſer, ich habe Vertrauen!„Gott hat uns ſichtbarlich beſchirmt. Es wird Alles gut werden. Gib Acht, Vater Ziethen läßt uns nicht ſi nken, wir werden aus⸗ gewechſelt und in ein paar Monaten ſi nd wir vielleicht ſchon wieder friſch zu Pferde!“ So tröſtete er den Niedergeſchlagenen und ihre Liebe machte ihnen ihr dunkles Gefängniß licht und traulich. Dooch verging eine Stunde nach der andern, ohne daß man ſich um ſie bekümmerte. Schon war es ſpäter Abend geworden und noch hatte man ihnen kein Brot, keinen Trunk Waſſer gereicht. Sie fingen an, heftigen Hunger und Durſt zu ſpüren, und mit dieſem ſtellte ſich auch wie⸗ der die Beſorgniß über ihre Lage überhaupt ein. Da raſſelte ein Schlüſſel. Die Thür wurde leiſe ge⸗ öffnet. Eine lange vermummte Geſtalt, mit einer kleinen Blendlaterne, trat ein; man wußte nicht, war es ein Rei⸗ ter im Mantel, oder ein Mönch in der Kutte. Beide Ge⸗ fangene erſchraken vor dem ſeltſamen Weſen. Mit tiefer Stimme ſprach es:„Wollt Ihr Euch retten, ſo folgt mir ſchnell!“ Solche Worte läßt ein Gefangener ſich nicht zweimal ſagen. Die Thür war offen, der Fremde ſchritt voran, Gotthelf und Waldmann folgten, vor Freude und Erwar⸗ tung bebend, dem Schein der Laterne. Sie tappten leiſe die Hausflur des Wachtgebäudes, die in einem ſchmalen Gange beſtand, nach dem Hofe zu hinunter. Deutlich hör⸗ ten ſie vorn in der Wachtſtube Geſang, Lärmen und Glä⸗ ſerklang; Alles war im luſtigen Zechen begriffen.„Halt,“ dachte Gotthelf,„das Gelag da hängt mit unſerer Flucht zuſammen, die ſind nicht umſonſt ſo überluſtig, ſie ſollen uns nicht ſtören.“ Jetzt öffnete der Führer eine kleine Pforte; ſie ſtanden im finſteren Hofe.„Hier, mir nach, die Leiter hinauf,“ ſprach der Führer. Er ſtieg eine Leiter hinan, die an das Fenſter eines Nachbarhauſes angeſetzt ſchienz das Fenſter war offen, er kletterte hinein.„Gebt mir die Hand!“ ſprach er und blies die Laterne aus. Sie tappten einige Schritte vorwärts, eine Thür öffnete ſich und ſie ſtanden in einem kleinen Zimmer, wo auf einem Tiſch in der Ecke ein ſpärliches Talglicht mit langer Schnuppe brannte.„Hier zieht Euch dieſe Kleider an,“ ſprach der noch immer ver⸗ mummte Führer und wies auf zwei Stühle, auf deren je⸗ — 278— dem ein Bauernanzug lag.„Die Sporen herunter von den Stiefeln, Bauern tragen dergleichen nicht hier zu Lande! Schnell! In wenigen Minuten waren ſie von Kopf bis Fuß um⸗ gekleidet und hatten auch ihre Knebelbärte abgeſchoren.„So, nun folgt mir weiter!“ Sie verließen das Zimmer, gingen eine kleine Treppe hinab, durch eine Hausflur, und— ſtan⸗ den auf der Straße. Dicht neben der Wache traten ſie heraus und ſahen den Poſten vorm Gewehr, der ſchulternd auf und ab ging. Es fuhr ihnen doch ein wenig in die Glieder. Doch unbefangen ſchritt ihr Führer an demſelben vorüber, ſagte:„Guten Abend, Schildwacht!“ und erhielt ſein„Schön Dank.“ Als ſie hundert Schritte vorüberwaren, bogen ſie um eine Ecke und waren bald am Thor des Städtchens.„Wenn die Schildwacht anruft,“ flüſterte der Führer,„ſo haltet Ihr das Maul, ich werde antworten.“ „Wer da?“ donnerte der Ruf der Schildwacht,„Feld⸗ geſchreil!“—„Maria Thereſia! Fourage⸗Commando!“ war die Antwort. Sie paſſirten. „Unſer Führer iſt ein Soldat,“ murmelte Waldmann zu Gotthelf. Sie waren etwa funfzig Schritt vor'm Thor. Jetzt ſtand der Führer ſtill und ſprach:„Nun packt Euch ins Teufels Namen weiter! Ihr geht immer gerad' auf der Straße fort. Wenn Euch ein Reiter begegnet, der Euch anruft, ſo antwortet nur:„Gute Brüderſchaft!“ hört Ihr? Auf das Wort werdet Ihr Weiteres erfahren.“ Er ging. Gotthelf und Waldmann wollten ihm um den Hals fallen, ihm tauſend Dank ſagen; doch er ſprach rauh:„Schert Euch zum Teufel! Dazu iſt hier nicht Zeit 4 — Im Duntkel war er verſchwunden. Nach wenigen Minuten hörten die Flüchtlinge ein Pferd. —— —— ——— — 279— Es war ein Reiter in einen weiten Mantel gehüllt; er hielt ſein Roß an und fragte barſch,„Wer da?“ „Gute Brüderſchaft!“ antworteten Beide. „So ſteht! Ihr habt nichts von mir zu fürchten.— Wenn Ihr dort an die Waldecke kommt, ſo ſeht Ihr eine große Fichte; da bleibt ſtehen und pfeifet. Man wird Euch antworten; dann wartet, bis Jemand kommtv; der führt Euch bis an die Grenze, wo Ihr ſicher ſeid und das Wacht⸗ feuer des erſten preußiſchen Poſtens ſeht. Da erſt verläßt Euch Euer Führer und dann gebt Ihr ihm dies Blatt; dann, nicht eher, hört Ihr?“ Dabei reichte er Gotthelf einen Brief dar.—„Und nun, Ihr werdet Reiſezehrung brauchen, theilt das!“ Er warf ihm eine ſchwere Börſe zu.„Glückliche Reiſe!“ Hierauf gab er dem Pferde die Sporen, ſprengte im geſtreckten Galop davon und war in der finſteren Nacht verſchwunden, bevor die Erſtaunten ihm ein Wort erwi⸗ dern konnten. „Was ſoll das Alles bedeuten!“ rief Gotthelf aus. „Herzensbruder, kannſt Du das begreifen? Dieſe Börſe iſt ſo ſchwer— in meinem Leben habe ich nicht ſo viel Geld gehabtl“ „Bruder Gotthelf,“ rief Waldmann,„behalte das Geld! Ich habe meine Freiheit, mein Leben wieder! Du biſt nicht mit mir ins Verderben gerathen! Der Vater im Him⸗ mel hat uns beſchützt. Ihm ſei Dank!“ Und von ihren Gefühlen überwältigt ſanken ſie Beide auf die Knie und dankten Dem, der droben, hoch über dem funkelnden Prachtgewölbe des Sternenhimmels waltet und dennoch Alles in ſo treue Obhut nimmt, was auf der klei⸗ nen, armen Erde vorgeht.— Dann umfaßten ſie einander in heißer Umarmung und gelobten ſich auf's neue unver⸗ brüchliche Freundſchaft und Treue in Noth und Tod. — 280— Sie gingen haſtig vorwärts dem Walde zu. An der großen Tanne pfiffen ſie, wie ihnen geheißen war. Der Ton wurde erwidert. Er kam näher, eine Geſtalt trat aus den Gebüſchen und— eine Frauenſtimme fragte:„Wollt Ihr hier Vogelſtellen, oder ſeid Ihr Vögel, die aus dem Käfig entwiſcht ſind?“ „Getroffen!“ rief Gotthelf fröhlich, da er an dieſen Worten erkannte, daß dies der Führer ſein werde. Es war eine Marketenderin; eine rüſtige Frau in den Vierzigen.„Nun,“ ſprach ſie, ſo will ich Euch erſt Atzung geben, denn Ihr werdet wol lang gefaſtet haben.“ Bei dieſen Worten deckte ſie ihren Speiſekorb auf, der den Hung⸗ rigen die willkommenſte Erquickung bot. „Sagt uns, liebe Frau,“ fragte Gotthelf nach einiger Zeit, wie ſind wir denn eigentlich hieher gekommen?“ „Pſt!“ erwiderte ſie und legte den Finger auf den Mund.„Schweigen bringt weniger Schaden als Schwatzen, eine Hand wäſcht die andere; mir iſt einmal ein Dienſt ge⸗ ſchehen, der mir ungefähr ſo viel rettete als mein bischen Leben, Hab' und Gut, und ein kleines dreizehnjähriges Töch⸗ terchen, was ich beſaß— jetzt iſt ſie achtzehn— dazu. Darum dien' ich wieder! Im Kriege wechſelt das Glück; man muß es mit beiden Parteien halten. Ich habe auch lange bei den Preußen geſtanden und denke ſogar bald wie⸗ der überzutreten. Denn Handel und Wandel iſt frei und wer nichts thut, als ehrlich die Koſt liefern, und Spionwe⸗ ſen meidet, der wird ſo leicht nicht gehangen, denn er thut Freund und Feind Gutes.— Doch wir müſſen uns jetzt auf den Marſch machen.“ Sie ging voran und führte die dun gringe auf ſicherem Fußpfade durch Wald und Berge immer näher zu den preußiſchen Vorpoſten. Endlich traten ſie auf einer Anhöhe — — 281— aus dem Saum des Waldes heraus. Vor ihnen brannten, etwa eine Viertelſtunde entfernt, einige Lagerfeuer.„Hier,“ ſprach ſie,„ſind wir an Ort und Stelle. Dort unten bei der Scheune, wo die beiden Feuer brennen, iſt eine preußi⸗ ſche Feldwacht. Nun gebt mir meine Quittung, daß ich Euch richtig abgeliefert habe!“ „Was meinſt Du?“ fragte Gotthelf verwundert. „Je nun, das Blatt, das Euch der Major gegeben hat—⸗. „Der Major? Der Major Förſter?“ rief Waldmann. „Er hat uns—“ „O, über meine verwünſchte Zunge,“ unterbrach ihn ſcheltend die Marketenderin und ſchlug ſich auf den Mund, ich wollte— verdammt!— Hört, Kinder, wenn Ihr mir gut ſeid, ſo vergeßt das eine Wort, das mir herausgefah⸗ ren. Gott weiß, ich meine es ehrlich und verrathe mit Wiſſen und Willen keines Chriſtenmenſchen Geheimniß; aber ein Wort iſt heraus, unverſehens, wie eine Nuß vom Baum fällt! Und dann iſt's wie die Kugel aus dem Lauf, unſer Herrgott ſelbſt bringt ſie nicht wieder zurück. Hört, ſeid ehrlich, ſeid brav, gebt mir Eure Hand darauf, nicht weiter daran zu denken, fragt mich auch nicht weiter! Weiß Gott, die Kathy wird es Euch nicht vergeſſen und ſie hat viel⸗ leicht bald Gelegenheit es zu zeigen, wenn ſie wieder in preußiſche Dienſte geht!“ Die Marketenderin ſprach ſo treuherzig, ſo grundehrlich, daß Beide ohne Weiteres ihr die Hand darauf gaben und ihre auf's höchſte geſpannte Neugier unterdrückten. Sie ließ ſich nun noch den Brief geben, wodurch der Major die Ge⸗ wißheit haben wollte, daß die Beiden glücklich die Grenze erreicht hatten, und ſchied dann unter herzlichem Hände⸗ druck..* — 22— Gotthelf und Waldmann ſchritten eilig vorwärts. Nach einigen Minuten rief eine rauhe Stimme:„Wer da? Feld⸗ geſchrei!“ 3 „Halloh, Juchheiſſaſſah!“ ſchrie Gotthelf fröhlich auf. „Das iſt Hans Lüdicke von meiner Corporalſchaft!“ „Herr Unteroffizier! Iſt Er es? Wetter Element! So müſſen tauſend Donnerwetter einſchlagen!“ Und die Kameraden herzten und küßten einander wie Brüder; bald lagerten ſie im Kreiſe der Uebrigen um das fröhlich lodernde Wachtfeuer und erzählten freudig und be⸗ wegt ihr Abenteuer. Achtes Capitel. Die Mächte Europas waren des langen Kampfes end⸗ lich müde geworden. Rußland und Schweden hatten ſchon Frieden mit Preußen geſchloſſen, England und Frankreich ſich auch ausgeglichen. Nur Oeſtreich und Preußen ſtan— den noch in Waffen und wie ſich auch in dem Herzen je⸗ des Einzelnen der Wunſch der Ruhe nach dem langen, wil⸗ den Kriegstanze regte hielten doch Ehre und Liebe zu Va⸗ terland und König den kriegeriſchen Geiſt noch mächtig auf⸗ wärts in den Preußen. Am 29. October ſchlug der tapfere Prinz Heinrich die öſterreichiſchen Truppen noch einmal bei Freiberg; nun war die Kaiſerin endlich des Haders ſatt und neigte ſich, vor dem Ausgang beſorgt, zum Frieden. Es wurde Waf⸗ fenſtillſtand geſchloſſen. Mit jubelnder Freude empfingen die Heere die Nachricht, die, ſo herzlichen Sinnes iſt der Deutſche, aus erbitterten Feinden ſchnell brüderliche Kamera⸗ den machte. Denn alle waren doch Söhne eines Landes und redeten eine Sprache, und ſchon oftmals war es ih⸗ nen ſchwer zu Herzen gegangen, daß ſie ſo mit den Waf⸗ fen gegen einander wütheten. Oeſtreicher und Preußen ſtanden nun in Sachſen und Schleſien dicht bei einander und verkehrten hin⸗ und her⸗ über. Es war ein neutraler Boden zwiſchen beiden Heeren feſtgeſetzt und auf dieſem kamen die Einzelnen freundlich, zum Austauſch ihrer Bedürfniſſe, ja auch zum kamerad⸗ ſchaftlichen Geſpräch beim Glaſe, ohne Störung zuſammen. Die Grenzlinie des Zwiſchengebietes durfte jedoch Keiner, nach feindlicher Seite zu, überſchreiten. Am erſten Sonntag, nachdem der Waffenſtillſtand be⸗ gonnen hatte, nahmen Gotthelf und Waldmann auf einige Stunden Urlaub und wandelten einem einladenden Wirths⸗ hauſe zu, welches wenige hundert Schritte vor einem Dorf auf dem neutralen Grund und Boden ſtand, wo eine Mar⸗ ketenderin eine von Offizieren und Soldaten vielfach be⸗ ſuchte und allgemein gerühmte Schenkwirthſchaft eingerich⸗ tet hatte. Das Haus ſah ſtattlich und ſauber; die Fenſter ſpiegel⸗ blank; Alles rein gefegt, vor den Thüren Bänke und Tiſche, um die wenigen warmen Stunden am Tage noch im Freien genießen zu können; drinnen rechts ein Saal für die Offi⸗ ziere, links die Gaſtſtube für die Unteroffiziere und Solda⸗ ten. Die November⸗Nachmittagsſonne— es war etwa zwei Uhr— ſchien noch recht warm und freundlich und die beiden getreuen Kameraden waren herzlich frohen Sinnes. „Nicht, Waldmann?“ begann Gotthelf,„wenn der Friede geſchloſſen wird, wie es allgemein heißt, ſo bitten wir — 21— um unſern Abſchied, den man uns herzlich gern geben wird, und Du gehſt mit nach Berlin zu meinem alten Pflege⸗ vater; dort fangen wir ein bürgerliches Gewerbe zu⸗ ſammen an. Du haſt das Schmiedehandwerk gelernt, ich war beim Sattler— das paßt zuſammen, da wollen wir ſchon gute Geſchäfte machen und haben unſer Lebtag noch immer mit der Cavalerie zu thun. Denn ein Pferd— das gehört zu meinem Leben! Ja, wenn ich meinen Rap⸗ pen mitnehmen könnte! Nun, Du ſagſt ja nichts? Willſt Du?“ „Das verſteht ſich!“ antwortete Waldmann und ſchlug in die dargebotene Hand, aber nicht ſo herzlich und fröh⸗ lich, als es Gotthelf erwartet hatte. „Nun, was haſt Du? Du biſt ja ſo betrübt bei ſo frohen Ausſichten?“ fragte Gotthelf erſtaunt. „Ja, Gotthelf,“ ſprach Waldmann langſam,„Du kannſt wol froh ſein. Aber ich habe Urſache zum Kummer. Du haſt einen Vater, den Du liebſt, eine treue Mutter— wenn auch nur Pflegeeltern— ich habe keinen Menſchen auf der ganzen Welt!“ „Darum mußt Du um ſo mehr mit mir kommen! Haſt Du mich nicht? Und mein Vater wird Dein Vater auch! Der iſt ſo gut; wenn er könnte, ſo wäre er der Vater für alle brave Huſaren in der ganzen Welt!“ „Das iſt ſchon recht,“ fuhr Waldmann traurig fort, „allein— ich muß Dir's nur ſagen, mit dem Gewerbe— das wird nichts.“ „Nichts! Und warum nicht?“. „Weil— weil ich, Dir, mein Herzensbruder, kann ich Alles ſagen und es müßte ja doch einmal zur Sprache kommen— weil ich keinen Taufſchein habe und gar nicht beweiſen kann, wie und warum ich Waldmann heiße.“ — 285— „Hm!“ meinte Gotthelf,„über den Stein des Anſto— ßes wird man doch auch wol wegkommen! Aber Du ſag⸗ teſt mir ja, Du ſeieſt eine Waiſe aus einem böhmiſchen Dorfe.“ „Ja, aber nur eine Waiſe von Pflegeeltern.— Es war eine Traincolonne durch das Dorf gekommen, ſie wurde an⸗ gegriffen, die Führer hieben die Stränge durch und jagten mit den Pferden davon, die Wagen wurden geplündert. Auf dem einen ſaß ich im Stroh. Um mich nicht verhun⸗ gern zu laſſen, nahmen mich ein Paar alte Landleute in ihre Hütte. Doch ſie ſtarben bald und darauf kam ich zum Hirten;z als der ſtarb, zum Schmied und mußte ihm bei der Arbeit helfen. So lernte ich das Handwerk. Wie ich groß wurde, mußte ich Soldat werden; da fragte auch Keiner nach dem Taufſchein, nur nach dem Namen. Den hatte ich, denn ſie hatten mich Waldmann genannt, weil die Wagen aus dem Walde gekommen waren.“ „Nun, und iſt das nicht genug? Was brauchſt Du mehr?“ rief Gotthelf aus. „O ja, Bruder, ich brauche mehr! Ich muß, wenn ich ein Gewerbe anfangen will, einen Taufſchein haben, daß ich — ehelich geboren bin. Der Schmied ſchlug mich einmal heftig und ſchalt mich öffentlich:„Du Baſtard einer lie⸗ derlichen Marketenderin!“ Das hab' ich mein Lebtag nicht vergeſſen und die Leute in unſerm Dorf auch nicht, denn ſie wollten mich ſeitdem gar nicht mehr recht bei ſich dul⸗ den und vollends, daß ich einem Mädchen zu nahe hätte kommen dürfen! So war ich denn froh, als ich unter die 3 Soldaten gehen konnte, und mag auch in meinem Leben nicht zurück in mein Dorf!“ „Nun alſo,“ verſetzte Gotthelf,„um ſo mehr kommſt Du mit mir!“ — 286— „Aber wie ſollte ich, als ein uneheliches Kind, bei Euch Bürger werden?“ „Da ſieht man's,“ rief Gotthelf aus,„daß Du noch nicht lange genug bei den Preußen dienſt. Unſer Vater Friedrich, der fragt darnach nicht! Iſt Einer brav und tüch⸗ tig, ſo mag er vom Himmel gefallen ſein, er kann bei uns Alles werden, Geheimerath und meinethalben Superinten⸗ dent! Noch neulich erzählte uns der Rittmeiſter von einem Candidaten in Magdeburg, den das Conſiſtorium nicht zur Pfarre laſſen wollte, weil er ein unehelicher Sohn war. Der Mann aber war brav und geſcheit und ſagte es dem König grad heraus; da ſchrieb er den Herren:„das Conſiſtorium ſind Eſels, ſie wiſſen ſelbſt nicht— Himmel, Element, Waldmann!“ ſchrie Gotthelf plötzlich auf und flog der Marketenderin, die die Wirthſchaft im Hauſe hatte und eben aus der Thür trat, entgegen und rief: „Seid Ihr's, oder nicht? Wahrhaftig, ja!“ Und da⸗ bei ſchüttelte er ihr von Herzen beide Hände und hätte ſie faſt umarmt vor Freuden, denn es war niemand Anderes als Kathy, ihre Führerin durch den Wald, aus der Ge⸗ fangenſchaft. 1 „Das heißt ein glückliches Zuſammentreffen!“ rief dieſe und begrüßte ſich auch mit Waldmann.„Nun ſeid willkom⸗ men, Ihr Herren, ſetzt Euch! Geſchwind, eine Flaſche ſüßen Ungar! Heute müßt Ihr meine Gäſte ſein, das laſſe ich mir nicht nehmen. Doch hört ein Wort,“ ſprach ſie leiſer. 3 „Der Major— Ihr verſteht mich wol— hat ſein Quar⸗ tier da drüben in dem Dorf an den Bergen auf öſtreichi⸗ ſchem Grund und Boden. Er ſpricht oft hier ein, aber gar nicht zu meiner Freude— doch das gehört nicht hieher. Wenn er aber kommt, ſo, verſteht Ihr, kennt Keiner den Andern, ich weder Euch, noch Ihr mich und vollends ihn!“ — 287— Unter dieſen Worten hatten ſie vergnügt Platz genom⸗ men und Annchen, nach der Kathy gerufen, kam mit einer Flaſche und Gläſern, verneigte ſich ſittſam und freundlich und ſetzte das Verlangte auf den Tiſch. Beide ſahen das Mädchen groß an. Sie war ſchlank wie ein Reh, die hell⸗ braunen Locken fielen ihr lang über den Nacken und ſie hatte ein Paar Augen, blauer, leuchtender als ein Bach, in dem ſich der Frühlingshimmel abſpiegelt. Als Kathy ihre ſtaunenden Blicke ſah, ſprach ſie:„Gelt, das iſt ein Mädel! Meine Tochter! Bin ſtolz darauf! Aber daß Keiner ſie mit einem Wort oder Scherz kränke, denn ſie iſt ſittſam wie eine Nonne und ſoll es bleiben!“ „Nun,“ ſprach Gotthelf lebhaft,„dazu iſt doch hier das Wirthshaus wol nicht die beſte Schule!“ „Freilich,“ rief Waldmann eben ſo raſch,„wo die jun⸗ gen reichen Offiziere, die ſo dreiſt zu den Mädchen ſind, einkehren, da ſolltet Ihr ſie doch nicht laſſen!“ „Soll auch nicht hier bleiben,“ verſicherte Kathy,„ich habe ſie nur für jetzt bei mir, bis ich ein ſicheres Unter⸗ kommen für ſie weiß, oder bis der Friede, den wir, Gott Lob! ja bald hoffen, Alles ändert. Seht, ich hatte ſie bisher, während der ganzen Kriegszeit, im Böhmiſchen, bei einem Landgeiſtlichen, einem braven alten Mann, wo wir vor ſechs Jahren einmal im Quartier gelegen. Der iſt aber vor vier⸗ zehn Tagen geſtorben und da mußte ſie zu mir. Ich denke überhaupt aus dem Oeſtreichiſchen weg in's Preußiſche zu ziehen, wenn wir nur erſt wiſſen werden, was Oeſtreichiſch und Preußfiſch iſt.— Aber trinkt doch einmal, Ihr Herren!“ Die beiden Freunde waren ſehr zerſtreut; ſie ließen ihre Blicke nicht von der Thür, in der Hoffnung, Annchen werde wieder heraustreten. So hatten ſie denn auch wenig von der Erzählung der Wirthin gehört und erſchraken faſt, als — 288— dieſe ſie zum Trinken aufforderte. Annchen erſchien wieder und brachte Brot, friſche Butter und Schinken und nö⸗ thigte die Gäſte freundlich zuzulangen. „So recht, Annchen,“ ſprach die Mutter,„das ſind ein Paar ſehr gute Freunde von mir, die mußt Du gut pflegen.“ „O von ganzem Herzen,“ erwiderte das Mädchen herz⸗ lich,„wenn ſie nur recht oft zuſprechen.“ „So oft wir können,“ rief Gotthelf und Waldmann ſetzte ſein„gewiß“ hinzu. Es entſpann ſich nun raſch ein Geſpräch, an dem auch Annchen Theil nahm, die ſich, da wenig Gäſte mehr zu be⸗ dienen waren, mit dem Strickſtrumpf zu ihnen ſetzte. So verfloſſen die Nachmittagsſtunden unbeſchreiblich raſch und hätte nicht Kathy endlich geſagt:„Aber die Sonne ſinkt unter, es wird doch zu kalt hier draußen,“ die jungen Leute hätten nichts von dem kühlen Novemberabend, der trotz des ſchönen warmen Tages jetzt doch begann, bemerkt. Da aber der Urlaub noch nicht um war, ſo gingen ſie noch ein Stünd⸗ chen mit in die Gaſtſtube hinein und ſetzten das Geſpräch drinnen noch traulicher fort, bis die Zeit zum Aufbruch herankam. Nie waren Beide ſo ſtumm neben einander hingegan⸗ gen, als auf dieſem Heimwege ins Lager. Jeder hing ſei⸗ nen Gedanken nach und wie herzlich ihre Freundſchaft war, ſo mochten ſie ſie diesmal nicht austauſchen. Am andern Tage, als Mittags die Pferde beſorgt wa⸗ ren und es eben nichts mehr zu thun gab, zog ſich Gott⸗ helf die Paradeuniform an und ging zum Rittmeiſter, um ihn wieder um Urlaub zu bitten. Auf dem Wege dahin begegnete ihm Waldmann, der ſchon dort geweſen war und dieſelbe Bitte gethan hatte. Gotthelf errieth es halb und — 289— fragte; nicht ohne einige Verlegenheit geſtand es Wald⸗ mann ein. Es erſchien ihm wie ein halber Verrath, daß er einen Spaziergang ohne ſeinen Freund, mit dem er ſonſt Alles theilte, hatte machen wollen. Doch hatte Gotthelf dieſelbe kleine Untreue in der Freundſchaft begangen.—„Und wohin willſt Du?“ fragte dieſer. „Hm! Ich wollte nur— ein wenig umherſchlendern, vielleicht nach dem Wirthshauſe der Kathy.“ „So!“ Beide ſchwiegen einige Augenblicke. Endlich ſprach Gott⸗ helf:„Ich wollte auch dahin— laß uns doch zuſammen gehen!“ „Ja, Herzensbruder,“ rief Waldmann mit Wärme und ergriff ſeine Hand,„das wollen wir!“ So war der kleine Misklang, der erſte in ihrer innigen Freundſchaft, ſchnell vorüber. Gotthelf erhielt auch ſeinerſeits Urlaub und nach liner Stunde ſaßen ſie bei Kathy in der Gaſtſtube, denn das Wetter war rauher als geſtern und im Freien befand ſich kein Gaſt mehr. Anfangs war es ihnen ſehr unbehaglich, nicht nur weil noch viele andere Gäſte dort waren, die theils rauchten, theils würfelten, ſondern vorzüglich, weil Annchen nicht zum Vorſchein kam. Doch hatten ſie Beide nicht den Muth, darnach zu fragen. Endlich ſtand Gotthelf auf und ging hinaus, in der Hoffnung, ſie vielleicht in der Küche, oder auf der Hausflur anzutreffen und ihr wenigſtens guten Abend zu bieten. Vergeblich, er ſchlich dreimal um das ganze Haus herum, aber bekam ſie nicht zu ſehen. Eben wollte er wieder eintreten, als er aus der Offizierſtube ei⸗ nen großen Mann im Mantel mit einem Federbuſch auf dem Hut heraustreten ſah, der die Kathy nach ſich zog. Halb die Ehrfurcht vor dem Offizier, halb ein dunkler Trieb be⸗ Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. IV. 13 — 290— wog ihn, ſtill auf die Seite außen hinter die Hausthür zu treten. Da hörte er von einer ihm bekannt klingenden Stimme die Worte:„Sei doch nicht des Teufels, Weib! Sind hundert Louisd'or ein Pappenſtiel? Nimm Vernunft an, Hexe!“ „Und nicht für tauſend, nicht für zehntauſend thäte ich das!“ ſprach Kathy entſchloſſen und mit faſt unwilligem Ton.„Ein für allemal, die Sache iſt abgethan!“ Der Offizier ſtampfte mit dem Fuß und fluchte halb⸗ laut:„Mord Element! Nun wart! Du wirſt es bereuen!“ Mit dieſen Worten trat er raſch zur Thür hinaus und pfiff. Eine Stimme rief:„Zu Befehl!“ und ein Reit⸗ knecht ſprengte mit einem Handpferde heran. Er ſaß ab, hielt dem Offizier den Bügel und dieſer ſchwang ſich in den Sattel. Gotthelf ſah dies, in die Ecke der Hausthür ge⸗ drückt, mit an, ohne bemerkt zu werden, da ihm der Offi⸗ zier fortdauernd den Rücken zugekehrt hatte. Jetzt ſprengte er davon. Indem er das Pferd in Galop ſetzte, ſchoß es Gotthelf, an der Geſtalt und Gangart des Thieres, wie ein Blitzſtrahl auf:„Das iſt derſelbe Reiter, der uns in der Nacht unſerer Flucht den Beutel gegeben hat!“ Dann, ein echter Cavaleriſt, ſah er jedes Pferd mit einem Adlerauge an und kannte es auf der Stelle wieder. Den Rappen hätte er nach zwanzig Jahren an ſeiner muthigen, ſtolzen Haltung und dem echten Galopſprung wiedererkannt. Er konnte nun wol ahnen, wer der Reiter ſei, doch ging er ſtill wieder ins Zimmer zurück, ohne ſich gegen irgend Je⸗ mand merken zu laſſen, was er gehört hatte. Jeetzt verloren ſich allgemach auch die übrigen Gäſte. chen trat ein. Sie grüßte ſo freundlich wie geſtern, war aber etwas blaß. Ohne Scheu nahm ſie am Tiſch Platz, * —— Als das Zimmer leer war, öffnete ſich die Thür und Ann⸗ — 291— und auch Kathy ſetzte ſich mit dem Spinnrade zu ihnen. So verplauderten ſie Stunde an Stunde und ſchienen ein⸗ ander immer lieber zu haben. Nur daß Gotthelf und Wald⸗ mann einander faſt jedes Wort, jeden Blick des holden Annchen's vorwegnehmen wollten und einer immer in die ſichtlichſte, unbehaglichſte Unruhe gerieth, wenn ſie ſich ge⸗ rade zu dem andern wandte. Es pochte leiſe. Annchen rief:„Herein!“ Eine arme Frau, ein Bündelchen in der Hand, mit ver⸗ bundenem Haupt trat ſchüchtern ein. „Was wollt Ihr, gute Frau?“ fragte Annchen ſie freundlich. „Ach,“ ſprach ſie und blieb in der Thüre ſtehen,„ich muß Euer Mitleid anſprechen. Ich bin müde, hungrig, mich friert“— „Ihr ſeid wol weit gewandert, liebe Frau?“ unterbrach Annchen die Stockende bewegt, deren Stimme ihr ganz ei⸗ genthümlich rührend klang;„ſetzt Euch, Ihr ſollt gleich et⸗ was zu eſſen haben.“ Die Arme nahm beſcheiden an der Thür auf der Sei⸗ tenbank, im dunkelſten Theil der Stube Platz.— Es war Gotthelf und Waldmann, als komme ihnen die Stimme be⸗ kannt vor, und ſie dachten eben darüber nach, an wen ſie dieſelbe wol erinnerte, als ihnen ferne Trompetentöne ins Ohr klangen. Beide fuhren von ihren Sitzen auf. Es ward zum Abendfüttern der Pferde geblaſen. Sie hatten die Urlaubsfriſt überſchritten! Aus Pflicht- und Ehrgefühl ſonſt ſtets die Pünktlichſten im Dienſt, traf ſie dies wie ein Donnerſchlag. Sie griffen nach Säbel und Bärenmütze und ſtürzten ſo eilig fort, daß ſie ſich kaum zu einer flüchtig zugerufenen„Gute Nacht“ Zeit nahmen und ſelbſt von Annchen ohne andern Gruß ſchieden. 13* — 292— In überſtürzender Eile erreichten ſie das Lager. Als ſie bei ihren Leuten eintrafen, fanden ſie den Rittmeiſter ſchon dort, der ſie mit ſtrengen Blicken empfing.„Woher ſo ſpät?“ rief er ſie an. Beide ſchwiegen; ſie hatten keine Entſchuldigung für ihre Verſäumniß.„Der Unteroffizier ſoll den Huſaren das Beiſpiel der Pünktlichkeit geben,“ fuhr der Rittmeiſter ſtreng fort,„wäret Ihr nicht ſonſt ſo tüchtig im Dienſt, ſo müßte ein jeder von Euch funfzig Fuchtel haben. So mag's mit acht Tagen Arreſt abge⸗ than ſein!“ Sie wurden abgeführt, Beide bald bleich, bald roth vor Verdruß und Scham. „Ja,“ ſprach Gotthelf bitter zu Waldmann,„das war zu denken! Wenn Einer ſich ſo mit einem Mädchen ver⸗ ſchwatzt, wie Du, da vergißt er Alles darüber und erin⸗ nert einen Kameraden nicht einmal an die Stunde!“ Waldmann antwortete gereizt:„Das willſt Du mir ſagen? Du haſt wol vergeſſen, daß Du eine Uhr haſt und ich nicht? Aber freilich, wenn man mit den Augen gar nicht von einem Mädchengeſicht wegkommen kann, ſo kann man nicht auf ein Zifferblatt ſehen.“ „Und wem der Mund nicht ſtill ſteht, einer Dirne vor⸗ zuſchwaßen,“ fuhr Gotthelf durch Waldmann’'s Antwort nooch erbitterter fort,„der hat freilich keine Zeit übrig, um zu fragen: Was iſt die Uhr?“ Waldmann fuhr auf, doch faßte er ſich, biß die Lippen zuſammen und ſprach kein Wort. In dieſer Stimmung betraten ſie das Gefängniß. Die Strafe war leicht. Wie bald gehen nicht acht Tage vor⸗ über! Doch erſchien ihnen der Aufenthalt duſterer, als der bei dem Feinde, wo ein martervoller Tod ſie bedrohte. Denn dorthin brachten ſie die Gefühle innigſter Freund⸗ 8 —Bᷣ⏑⏑—-— * v — 293— ſchaft und Liebe und jetzt war ihr Herz mit Erbitterung erfüllt, die ſie um ſo ſchwerer drückte, als ſie von beiden Theilen ungerecht war. Denn nicht aus der gemeinſamen Strafe, die ſie duldeten, entſprang das Gefühl, auch nicht aus den kränkenden Worten, die ſie gewechſelt, denn ſie lieb⸗ ten ſich zu ſehr, als daß eine ſo vorübergehende Urſache nicht auch eine vorübergehende Wirkung hätte haben ſollen. Al⸗ lein die Urſache ihres gegenſeitigen Grolls war eine dauernde, es war Eiferſucht, ohne daß ſie ſich deſſen klar bewußt wa⸗ ren; ſie konnten es nicht, da ihre Liebe ihnen nur noch als ein unbeſtimmtes, unausgeſprochenes Gefühl im Herzen lag. Aber dieſe Urſache wirkte fort und deshalb währte auch ihre gereizte Stimmung länger. Sie ſprachen den ganzen Tag kein Wort mehr miteinander. Die Nacht verging Jedem unruhig und düſter. Erſt andern Morgens, als die Sonne ihnen hell in das Gitterfenſter ſchien und ſie auf ihrem 4 Strohlager einander in die treuherzigen Züge blickten, da fühlten ſie Beide einen heißen inneren Drang und mit dem Wort:„Herzensbruder!“ umarmten ſie einander und ge⸗ lobten ſich auf's neue unerſchütterliche Treue. Ueuntes Capitel. Kathy's Haus war leer von Gäſten geworden. Sie ſaß aber noch mit Annchen fleißig am Spinnrocken, nahe am Ofen.„Setzt Euch doch zu uns, gute Frau,“ ſprach Annchen zu der Fremden, die beſcheiden an der Thür ge⸗ blieben war,„hier iſt es wärmer!“ — 294— „Ach, Eure freundlichen Worte thun mir ſo wohl,“ erwi⸗ derte dieſe,„Ihr ſeid ein herzensgutes Kind, ich kann Euch nicht anſehen, ohne zu weinen.“ „Ei, Frau, weint nicht,“ ſprach Kathy rauh, aber ehr⸗ lich,„hier ſoll es Euch gut gehen. Erzählt uns doch, wo kommt Ihr her, wo wollt Ihr hin? Was bewegt Euch zu reiſen in ſo rauher Zeit und Jahreszeit? Denn iſt gleich Waffenſtillſtand, ſo hat der Einzelne doch vom Kriegsvolk immer zu fürchten und zu leiden und der November, ſei er noch ſo mild, iſt auch kein Wandermonat!“ Die Fremde war näher gekommen; beim Lichtſchein ſah man, daß ſie nicht alt, kaum funfzig, aber vom Kummer ſcharf gezeichnet war. Dennoch ſah ſie freundlich aus und aus ihren Augen glänzte, halb erloſchen zwar, doch klar, ein ſanftes Licht. Ihre Tracht, ihre Sprache, ihre Haltung zeigten, daß ſie mehr als eine Bäuerin ſei, wiewol ärmer, denn die dünnen, groben Kleider wollten kaum noch zu⸗ ſammenhalten. „Ich ſoll Euch erzählen!“ ſprach ſie.„Ach ich könnte Euch drei Tage und drei Nächte erzählen von dem Leid meines Lebens! Doch das iſt viel zu Kesinia⸗ ich kann nicht davon ſprechen!“ „Wohin wollt Ihr aber wandern zu dieſer Winters⸗ zeit?“ fragte Annchen und die Thränen ſtanden ihr in den ſchönen blauen Augen. „Nach meiner Heimat— wo ich meine Jugendjahre verlebte— da möchte ich“—— ſie ſtockte; aber Jeder fühlte, daß ſie ſagen wollte:„da möchte ich begraben ſein!“ „Das Dorf, wo ich zuletzt wohnte, iſt niedergebrannt,“ fuhr ſie fort.„Ich hatte es recht gut dort! Ich war als kranke, halb geiſteszerrüttete Bettlerin bungeronmen⸗ aber 3 ſie hakken mich aufgenommen und gepflegt. Da ich herge⸗ — — 295— ſtellt und ruhiger geworden war, wurden die Kinder des Dorfes mein Troſt und Glück. Ich lehrte ſie ſtricken, ſpin⸗ nen, nähen, beten— auch einige leſen und ſchreiben. Nun haben die armen Leute alle ſelbſt flüchten müſſen! Ich habe keine Kinder mehr— da bin ich ausgewandert, um nach meiner Heimat zu gehen, wo ich ſeit fünfund⸗ zwanzig Jahren nicht geweſen!— Ob mich noch einer kennen wird, ich weiß es nicht!— Aber doch, in meiner Jugend habe ich dort Manchem Gutes gethan! Kranke gepflegt und Wöchnerinnen und Kinder behütet und belehrt. Sie werden nun herangewachſen ſein, deſſen gedenken und mir ihre Kinder wieder anvertrauen, damit ich ein ſtil⸗ les Wohnplätzchen finde, bis an mein Ende!“ „Aber Ihr ſeid ohne Geld,“ ſprach Annchen ängſtlich, „wie weit habt Ihr denn noch?“ „Zwanzig Meilen! Und darüber! O ich hätte den Weg zurücklegen können, denn ich beſaß ſo viel— allein die Kroaten haben mich vorgeſtern ausgeplündert und mir die wenigen Sparpfennige genommen!“ „Und Ihr wollt dennoch weiter gehen, jetzt, da die Win⸗ terkälte täglich beginnen, hoher Schnee fallen kann?“ fragte Annchen ängſtlich. „Ja, gute Frau,“ ſprach Kathy kopfſchüttelnd,„das iſt be⸗ denklich! Ich weiß auch, was zu Fuß wandern heißt. Aber”— „Ich muß wol!“ unterbrach die Fremde ſie ſeufzend. „Nein, nein, Ihr müßt nicht!“ rief Annchen bewegt aus.„Ach Mutter, liebe Mutter“— ſie fiel Kathy um den Hals—„ich will doppelt fleißig ſein, ach, laßt die arme Frau hier bleiben! Ich bitte Euch, Mutter!“ „Ja, ja doch, herzlich gern!“ erwiderte Kathy gut⸗ müthig. „Gottes Segen über Dich, Du Engelskind!“ ſprach — 296— die Fremde, und die Thränen drangen aus ihren Augen. „Ach ſolche Kinder ſind ein Segen! Eine ſolche Toch— ter!“—— nund zitternd ſank ſie in den Stahl zurück, von dem ſie ſich erhoben hatte, und weinte bitterlich. So blieb die Fremde denn im Hauſe. Sie nannte ſich Frau Werner. Kathy und Annchen ſtatteten ſie mit beſ⸗ ſeren Kleidungsſtücken und Wäſche aus; ſie ging ihnen in der Wirthſchaft zur Hand, ſpann, nähte, wuſch, verrichtete Alles ſo geſchickt, ſauber und fleißig, ſprach ſtets ſo ſanft und verſtändig, daß ſie bald von Allen geliebt und geachtet wurde. Sie aber hing ſich mit einer Liebe, Sorge und Zärtlichkeit an Annchen, der ſie das neue friedlich ſichere Loos verdankte, daß dieſe dadurch eine zweite Mutter ge⸗ wonnen zu haben ſchien. Es verging ein Monat nach dem andern. Kathy wunderte ſich, daß weder Gotthelf noch Wald⸗ mann ſich zeigten; es war aber ſehr natürlich, denn als ſie nach ihrem Arreſt um Urlaub baten, ſchlug ihn der Ritt⸗ meiſter ſtreng ab, da ſie ihn überſchritten hatten. Sie wagten es nun nicht, ſo bald wieder ihn von neuem zu bitten.— Das Nichterſcheinen dieſer Gäſte that Kathy leid, doch freute ſie ſich dafür, daß ein anderer Gaſt, der Major, ebenfalls wegblieb, und ſie dachte öfters, beſſer, daß ſie Beide fehlen, als Beide kommen.— Der Major hatte ein Commando erhalten, das ihn ſeit mehren Wochen aus ſeinem Standquartier entfernte; allein er wurde zu⸗ rückerwartet und der größte Theil ſeiner Leute ſtand noch im Dorf. So war die Weihnachtszeit herangekommen. Da er⸗ ſchienen am erſten Chriſtfeſttage Nachmittags Gotthelf und Waldmann zur Freude Kathy's und Annchen's, die Beide auf's herzlichſte begrüßten. Frau Werner war eben im — 292— Nebengemach beſchäftigt geweſen und trat ein.„ Ach!“ rief ſie aus, als ſie die Fremden erblickte.„Ja ſie ſind es wahrhaftig! Ach, kennt Ihr mich noch, Ihr meine Retter?“ Beide erkannten ſogleich die arme Frau, der ſie im Walde das Leben gerettet, und die Freude dieſes Ereigniſ⸗ ſes ſteigerte die des Beiſammenſeins noch höher. Frau Werner mußte erzählen, wie es ihr ergangen ſei. Sie be⸗ richtete, daß ſie, durch ein herzliches Gebet zu dem Mut⸗ tergottesbilde im Walde geſtärkt, mit wahrem Troſt und wahrer Erhebung nach Hauſe gekommen ſei. Es ſei ihr zu Muthe geweſen, als habe eine tröſtende Stimme zu ihr geſagt:„Du haſt Dein Letztes weggegeben, von nun an muß es beſſer mit Dir gehen!“— ,Freilich kam es an— fangs noch trauriger, denn der Feind überfiel unſer Dorf und brannte es nieder. Ich wanderte aus, fand hier und dort nur flüchtige Aufnahme, wollte endlich nach meiner Heimat, wurde geplündert, kam hierher— und geht es nun nicht beſſer?“— Unter ſolchen Geſprächen ging der Nachmittag hin. Doch ſo ſchnell die Stunden verflogen, verſäumten diesmal die pflichtgetreuen Soldaten doch die Stunde der Rückkehr nicht, ſondern waren zu rechter Zeit wieder im Lager. Sie kamen nun, ſo oft es der Dienſt zuließ, und es verſtrich Woche auf Woche. Inzwiſchen wurde die Hoff⸗ nung zum Frieden wieder größer; von allen Seiten hörte man, daß die Mächte Europas geſonnen ſeien, dem ſieben⸗ jährigen Unheil ein Ziel zu ſetzen, und daß zu Hubertus⸗ burg Alles ins Reine gebracht werden ſolle. Frau Kathy hatte ſich durch ihr Geſchäft im Kriege ein hübſches Stück Geld erworben; ſie dachte daran, ſich, ſo⸗ bald es nur Friede ſei, anzukaufen, und war auch nicht* 13* * — 298— abgeneigt, nach Berlin zu ziehen, wozu Gotthelf ihr niit dem geheimen Wunſche, daß ſie Annchen dahin führen möchte, durch ſeine Erzählungen mehr und mehr Luſt zu machen ſuchte. Während er eines Tages eifrig über dieſen Gegenſtand mit ihr ſprach, war Waldmann ſtill hinausgegangen; ihn drückte Unmuth und Trauer, ſein Herz hing an Annchen und er ſah nicht, wie er ſie gewinnen könne, da er arm und fremd im Lande war und auch Gotthelf ſeit den letz⸗ ten Wochen nicht mehr davon ſprach, daß ſie in Berlin ein Gewerbe anfangen wollten. Die Liebe war zwiſchen ihre Freundſchaft getreten. Jeder wünſchte den Andern ent⸗ fernt, damit er ihm auf dieſem Pfade nicht hinderlich ſei. So ſtand Waldmann traurig in der Thüre des Hauſes und ſah die funkelnden Sterne an. Plößlich fühlte er eine Hand auf ſeiner Schulter und eine freundliche Stimme ſprach:„So in Gedanken?“— Es war Annchen. Er erſchrak faſt, ſo unvermuthet war ſie zu ihm getreten. Doch ergriff es ihn mit unwiderſtehlicher Macht, er faßte des Mädchens Hand, drückte ſie innig und ſprach mit weicher Stimme:„Ja, ja, in bangen, traurigen Gedanken!“ Da fühlte er den leiſen Gegendruck des Mädchens und nun faßte er Muth zu der Frage:„Annchen, biſt Du mir gut?“—„O, recht von Herzen!“ erwiderte ſie unſchul⸗ dig und drückte ihm nochmals die Hand. Jetzt war es ihm, als müſſe er ſie an ſeine Bruſt ziehen, doch ſie entzog ſich leicht ſeiner Hand und ſprach freundlich:„Seid nur wie⸗ der gutes Muths, Gott macht Alles wohl!“ Mit dieſen Worten ging ſie ins Gaſtzimmer. Waldmann aber war es, als müſſe ihm die Bruſt zer⸗ ſpringen, ſo wallte ſein Blut; er wußte nicht, ſollte er wei⸗ nen oder beten oder jauchzen und er mußte Alles zugleich. — 290 Gotthelf hatte indeſſen mit Kathy ein langes Geſpräch geführt, ſie beredet nach Berlin zu ziehen und endlich ge⸗ radezu um Annchen geworben. Darauf erwiderte die Mut⸗ ter:„Ich habe nichts wider Euch, aber Ihr müßt mit dem Mädchen reden; daß ſie Euch herzlich gut iſt, glaube ich, doch davon bis zum Heirathen iſt noch weit. Und be⸗ vor nicht Friede iſt, Ihr den Abſchied und Euer rechtliches Geſchäft habt, wird doch nichts aus der Sache!“ Gotthelf wollte ſogleich mit Annchen ſprechen, denn dieſe trat eben nach dem Geſpräch mit Waldmann in die Thür. Da ſchlug die Stubenuhr ſechs, und es war die höchſte Zeit, ins Lager zurückzukehren. Darum reichte er ihr die Hand, ſprach:„Gute Nacht, Annchen!“ und drückte ſie ihr warm und zärtlich; ſie erwiderte ihm den Druck eben ſo wie Waldmann in reiner Unſchuld ihres getreuen, wohlwollenden Herzens. Denn ſie hatte auch wirklich Beide ſehr lieb. Zehntes Capitel. In dieſer Nacht wurde Beider Vorſatz reif. Jeder für ſich faßte den Beſchluß, um Annchen zu werben. Keiner vertraute ihn dem Andern, denn obwol ſie ſich's verbargen, ſo hatte doch das Feuer der Eiferſucht unter der Aſche fort⸗ geglüht und den feſten Grund ihrer Freundſchaft untergra⸗ ben. Sie hätten Alles für einander gelaſſen, Leben und Gut, doch hier gerade wollte Jeder des Anderen höchſtes Glück für ſich und die Liebe war ſtärker als das Freundſchafts⸗ — 300— band.— Es gelang einem Jeden, den nachgeſuchten Ur⸗ laub zu erhalten. Zum Erſtenmale verſtellten ſie ſich gegen einander und ſuchten ihre Abſichten durch Täuſchung zu verſtecken. Gotthelf behauptete zum General commandirt zu ſein, Waldmann gab vor, für einen Kameraden auf Feldwacht ziehen zu wollen. Sie waren der Täuſchung zu ungewohnt, als daß nicht Jeder leicht des Anderen Verle⸗ genheit bemerkt haben würde, wenn nicht auch Jedem die Furcht, ſelbſt entdeckt zu ſein, den freien Blick geraubt hätte. Waldmann erinnerte Gotthelf noch daran, ſeine Piſtolen nicht zu vergeſſen, falls er für den General wegreiten müſſe; er ſelbſt hätte aber beinahe nicht bedacht, daß er auf der Feldwacht der Patrontaſche und der Piſtolen eben ſo gut bedürfe. So wenig geläufig waren ihnen die Künſte des Truges. Endlich gingen ſie, der Eine rechts, der Andere links, Jeder unter einem Vorwand einen Umweg nehmend. Die gegenſeitige Täuſchung wurde nur dadurch mäglich, daß FJeder auf das bereitwilligſte annahm, was der An⸗ dere ihm ſagte, um nur Glauben für ſein eigenes Vorge⸗ ben zu erhalten.— Die Dämmerung war eingetreten, denn der Dienſt hatte ſie bis zum ſpäten Nachmittag gefeſ⸗ ſelt, daher dauerte ihr Urlaub auch bis zum Zapfenſtreich. Das hereinbrechende Dunkel begünſtigte ſie Beide, ſo daß ſie von einander unbemerkt dem Hauſe Kathy's nahe ka⸗ men. Gotthelf ging erſt nachſinnend vor ſich hin. Er machte ſich innerlich Vorwürfe, daß er Waldmann täuſche, deſſen Liebe er kannte, jedoch ſich beſchwichtigend dachte er: „Alles will ich ihm geben, nur das nicht! Wir können ſie ja doch nicht Beide beſitzen und mir iſt ſie gut, das hat ſie uns erſt geſtern gezeigt! Warum ſoll ich unglück⸗ lich werden, wo er doch nicht glücklich werden kann!“— Dabei trat er aus dem niederen Gebüſch hinaus ins Freie, —— — 301— 3 wo er ſchon die Fenſter von Kathy's Haus wenige hundert Schritte vor ſich glänzen ſah. „Halt, wer da!“ rief ihn eine Stimme an. Einen Augenblick erſchreckte Gotthelf; doch als Huſar nicht leicht aus der Faſſung gebracht bei ſolchem unvermu⸗ theten Begegniß auf einer Nachtpatrouille, hielt er raſch eine der gezwungener Weiſe, jetzt aber, wie er dachte, doch zu ſeinem Glück mitgenommenen Piſtolen in der Rechten und hielt ſie dem Anrufer vor.„Was wollt Ihr?“ In dieſem Augenblicke erkannte er Waldmann und die⸗ ſer ihn. „Alſo hier biſt Du zu treffen?“ fragte Waldmann finſter.„Du Lügner!“ ſetzte er Alles durchſchauend hef⸗ tig hinzu. „Selbſt Lügner!“ fuhr Gotthelf auf.„Iſt hier Deine Feldwacht?“ Die gegenſeitige Beſchämung erhöhte den gegenſeitigen Groll. „Was haſt Du hier zu thun? Was willſt Du hier?“ fragte Waldmann und bebte vor Zorn. „Hab' ich Dir darauf Antwort zu geben, der Du hier wie ein Dieb in der Nacht umherſchleichſt?“ rief Gotthelf erbittert. „Umherſchleichſt!“ fuhr Waldmann im äußerſten Zorn auf.„Ich werde nicht läugnen, was ich hier will! Ich will um Annchen's Hand werben und wer mich daran hindern will, den“—— er brach ab, denn was er dachte, „den ſchieße ich nieder!“ wollte ſeine Zunge doch nicht aus⸗ ſprechen. Doch ſagte er:„Ein Schurke, der mich einen ſchleichenden Dieb heißt!“ Gotthelf's Blut kochte:„Was ich geſagt habe, bleibt geſagt! Ich fürchte mich auch nicht vor der Wahrheit. — 302— Ich gehe zu Annchen, um ſie zu freien. Die Mutter gab mir ihr Wort und das Mädchen hat mich lieb, denn ſie hat mir die Hand darauf gedrückt. Für Dich iſt hier nichts zu thun, als den Schurken abzubitten!“ „Doppelt Schurke,“ rief Waldmann, denn Du verleum⸗ deſt das Mädchen! Mir drückte ſie die Hand und geſtand mir, daß ſie mich liebe. Ja denn, doppelt Schurke!“ „Du Ehrenräuber und Verleumder!“ fuhr Gotthelf jetzt maßlos heftig auf. Du ſollſt es bereuen, das Mädchen zu verleumden! Der preußiſche Unteroffizier hat ſo viel Ehrgefühl wie ſein General! Das koſtet Blut! Du ſchie⸗ ßeſt Dich mit mir, hier auf der Stelle!“ „Das iſt mir gerade recht,“ rief Waldmann.„Die Sterne ſcheinen hell, das Mondlicht dämmert auch eben über die Berge. Auf ſechs Schritt können wir uns genug ſehen!“ Damit maß er raſch ſechs Schritte und ſtellte ſich ſtarr aufrecht hin, die Piſtole in der Hand. Gotthelf that desgleichen. Ohne Furcht, aber nicht ohne Zittern vor in⸗ nerer ſtürmender Bewegung ſtanden ſie einander gegenüber unnd maßen ſich mit den Blicken. Nun ſo ſchieß doch!“ fuhr Gotthelf endlich heraus. .„Nein! Du magſt den erſten Schuß thun!“ .„Ich will nicht!“ erwiderte Gotthelf und ſchauerte zu⸗ ſammen, denn jetzt, da er im nächſten Augenblick der Mörder ſeines Herzensbruders ſein konnte, ſtand plötzlich wieder alles Liebe und Gute vor ſeiner Seele, was ſie ein⸗ ander gethan. „Die Hand ſoll man mir abhauen,“ ſagte Waldmann mit einer Stimme, der er mühſam Feſtigkeit zu geben ſuchte,„mit der ich zuerſt auf Dich ſchieße! Triff nur, was frage ich nach dem Leben!“ Dabei trat er einen —— — — 303— Schritt näher und ſtellte ſich mit ganz dargebotener Bruſt vor Gotthelf hin. Dieſer war unentſchloſſen. Das Wort Schurke brannte ihm noch in der Bruſt, doch wie Waldmann jetzt ſprach, war es, als ob eine milde Hand, Alles ſanft ausgleichend, über ſein Herz ſtreife. „Wir wollen zugleich ſchießen,“ ſprach er endlich und erhob die Piſtole: Commandire Du Eins, Zwei, Drei!“ Sie zielten auf einander— in ihren Augen ſchwamm es.—„Eins!“ ſprach Waldmann mühſam,„Zwei!“ kaum hörbar— ſtatt der Drei aber rief er:„Bruder! Ich kann nicht und ſollte es mir das ewige Leben koſten!“ Da lagen ſie einander am Herzen und preßten ſich in die Arme und alles Andere verging vor ihren Sinnen. Endlich drang in die wallende Betäubung ein fremder Laut ein.„Hülfe, Hülfe!“ rief eine weibliche Stimme ſie von ganz nahe her an. Sie wandten ſich und eine Frau, die ihre dunklen Geſtalten ſchon von weitem bemerkt hatte, rief:„Hülfe! Sind dort Menſchen?— Hülfe!“ „Was gibt's?“ riefen Beide aus einem Munde und ſprangen der Kommenden entgegen. Es war Frau Werner. „Das iſt des Himmels Rettungshand!“ rief ſie, als auch ſie Beide erkannte; kommt mit mir,“ ſtammelte ſie athem⸗ los,„zu Hülfe, der Major,— Annchen— entführt—“ Sie wußten genug. Im Augenblick hatten ſie die Pi⸗ ſtolen, die ſie fallen gelaſſen, wieder aufgerafft und ſtürz⸗ ten durch die Nacht fort, auf die matterleuchteten Fenſter von Kathy's Haus zu.„Hund!“ ſchrie Gotthelf und ſchoß einen Kerl, der Wache ſtand und ſie anrief, zu Boden, einen zweiten hieb Waldmann mit dem Säbel nieder. In⸗ dem öffnete ſich die Hausthür, vier Mann trugen die ge⸗ bundene Anna hinaus und ihnen nach ging ein Mann — 301— im Mantel, den Beide ſogleich für den Major erkannten. Waldmann ſchoß den erſten der Kerle nieder, Gotthelf ſprang mit vorgehaltener Piſtole auf den Major zu. Die⸗ ſer rief:„Hölle und Teufel! Ueberfall! Wehrt Euch, Kerle!“ Der Kampf ward hitzig; die zwei Schuß, die Gotthelf und Waldmann noch hatten, gingen in der Finſterniß und Verwirrung fehl. Annchen wurde ins Haus zurückgeſchleppt. Der Major war in die Stube geflüchtet und hatte ſich gegen die Angreifer mit ſeinen Piſtolen in Poſitur geſetzt. In der Hausflur ſchlugen ſich ſeine Leute noch mit den bei⸗ den Rettern. Endlich ſtürmten dieſe in die Thür ein, um Annchen zu befreien. Da ſtand der Major, ein Schütz, der nie fehlte, im erleuchteten Zimmer, die beiden Piſtolen vorgeſtreckt und rief:„Zu Boden, Hunde! Jetzt iſt's am Ende mit Euch!“ Doch als hätte Gott ihn geſchlagen, erbleichte er plötz⸗ lich wie die Wand, ließ die Arme ſinken und die Waffen fielen zu Boden. Gotthelf und Waldmann, die ſein Erblaſſen für Furcht hielten, ſprangen mit geſchwungenen Säbeln auf ihn ein. Da rief er mit einer furchtbaren Stimme, die ihnen durch Mark und Bein drang:„Halt! Ihr ermordet Euern Vater!“ Und als rollten Gottes Donner des Gerichts über den Häuptern Aller, verſtummten und erſtarrten ſie urplötlich und eine Todesſtille des Entſetzens herrſchte im Gemach. Einen Augenblick darauf aber wurde ſie durch einen lauten Schrei unterbrochen.„Leberecht! Allmächtiger Himmel!“ rief eine Frauenſtimme und Frau Werner, die eben durch die offene Thür hereinflog, ſank in die Knie und hielt die Hände empor, halb flehend, halb betend, halb zitternd,— ihrer Sinne kaum mächtig. —— — — 395— Der Major aber ſtand wie ein Steinbild; ſein Haar ſträubte ſich empor, Schweiß trat in großen Tropfen auf ſeine Stirn und Blut von einer Streifwunde, die er durch eine Piſtolenkugel am Haupt erhalten und bis jetzt noch nicht beachtet, ja kaum bemerkt hatte, rieſelte ihm über die blaſſe Wange. 2 „Gertrud!“ begann er endlich mit hohler Stimme,„Du — lebſt noch? Willſt Du mich umbringen laſſen durch Deine Söhne?“ „Meine Söhne— meine Söhne— wo, wer?“ ſtam⸗ melte ſie und blickte irr umher. „Du kennſt ſie nicht!— Allmächtiger Gott!“ ſprach er erſchüttert.„Ja, ja, Ihr Beide, die Ihr vor wenigen Mo⸗ naten in meiner Gewalt waret, Ihr ſeid meine Söhne, ich erkannte Euch an Eures Namens Buchſtaben, die ich Euch mit dem Tag Eurer Geburt ſelbſt in den Arm geätzt und mit Pulver eingerieben. Gertrud wird's bezeugen!“ Sie konnte nur ſtumm weinen und zitterte, erblaſſend, am ganzen Körper. „Was? Wir ſind Brüder? Brüder!“ ſtammelten dieſe und ſahen einander bebend an. Gotthelf warf den Mantel zu Boden, riß ſich den Pelz ab und ſtreifte den Aermel auf:„Haſt Du ſolch' Zeichen auf dem Arm, Waldmann?“ rief er und deutete auf die Buchſtaben. „Ja, ja!“ rief Waldmann in Jubel und Thränen, „E. L. den 23. October 1742.“—„Und ich F. L. den 5. Auguſt 1741.“ fiel Gotthelf ein. „Mein Ernſt, mein Franz“ weinte Gertrud,„Eure Geburtstage, ja, Ihr ſeid meine Söhne, mein Mutterherz erkannte Euch!“ Jetzt war auch Kathy eingetreten und ſah, was vor⸗ ging. Sie war bleich und zitterte, denn mit gebundenen Händen hatte man ſie in eine Ecke der Hausflur geworfen und erſt jetzt, da das Getümmel nachließ, hatte ſie ſich hervorgewagt und ihrer Bande entledigt. Sie kam nun, nach ihrem Kinde, dem holdſeligen Annchen, zu ſehen, die halb ohnmächtig zurückgeſunken in dem Lehnſeſſel ſaß. „Was thut Ihr hier?“ fragte ſie ſtaunend, als ſie die Zeichen auf den entblößten Schultern, und was zwiſchen den Brüdern vorging, ſah.„Erkennt Ihr Euch an dieſen Buchſtaben?— Ja, es iſt ſo, es iſt nicht anders mög⸗ lich,“ rief ſie, indem ſie die Zeichen näher betrachtete! „Gottes Wege ſind wunderbar! Ich will Euch auch Eine zeigen, die ſolche Erkennungsbuchſtaben trägt,“ und da— mit entblößte ſie Annchen's weiße Schulter, indem ſie das halbzerriſſene Kleid vollends abſtreifte.„Stimmt das?“ fragte ſie. „Heilige Mutter Gottes!“ rief Gertrud.„Es iſt das Kind meines Herzens! Stirb mir nicht!“ Und mit Küſ⸗ ſen und Thränen drückte ſie die Ohnmächtige ans Herz. „Alſo Ihr wäret die Frau im Walde an der böhmi⸗ ſchen Grenze geweſen?“ fragte Kathy ſtaunend,„nimmer⸗ mehr, die hatte kein Lebenszeichen mehr!“ „Ja, ich bin's— das ſind meine drei Kinder, Nie⸗ mand darf ſie mir nehmen!“ rief Gertrud.„Ein Schuß hatte mich niedergeſtreckt; ich lag lange bewußtlos und, als ich aufwachte in einer dunkeln Köhlerhütte, da waren meine Kinder fort und Niemand wußte mir zu ſagen, wo⸗ Ach ich bin gewandert von Haus zu Haus, von zu Dorf! Alles war zerſtört, geplündert, niederge⸗ rannt! Jahrelang habe ich geſucht und keine Spur ge⸗ funden! Ach, nehmt mir meine Kinder nicht!“ Der Major hatte während dieſer Erkennungsſcene lei⸗ chenblaß mit rollenden Augen dageſtanden. Plötzlich rief —] — —— 307— er aus:„Gott ſei mir gnädig!“ und ſank bewußtlos nieder. Gotthelf und Waldmann ſprangen ihm zu Hülfe, tief erſchüttert, daß er ihr Vater ſein ſollte. Während im Hauſe Alles todtenſtill war, wurde es draußen lebendig. Man hörte Pferde, es raſſelten öſtrei⸗ chiſche Reiter heran. Der Major hatte ſeine Leute, mit denen er an dieſem Abende abmarſchiren ſollte, in der Nähe gehabt. Dieſe hatten die Schüſſe gehört und kamen nun herbei, um Hülfe zu leiſten. Sie umzingelten das Haus, etliche ſaßen ab und drangen ein. Als ſie den Ma⸗ jor, die preußiſchen Unteroffiziere, die Verwirrung ſahen, glaubten ſie, er ſei überfallen worden, und wollten ihn be⸗ freien und die Preußen gefanigen nehmen. Gertrud rang die Hände in Todesangſt. Da ertönte ein Geraſſel von Pferden und lauter Trompetenſtoß. Gleich darauf draußen ein Tumult und Geſchrei, das Niemand erklären konnte. Bevor man ſich beſinnen konnte, was geſchehen war, ſtürz⸗ ten preußiſche Offiziere, einen Feldprediger in ihrer Mitte, ins Gemach. Dieſer rief:„Im Namen Gottes haltet ein! Es iſt Friede! Friede!“ Als habe Gott ſelbſt nach dem langen ſiebenjährigen Elende das Wort der Gnade gerufen, ſo ſchlug es mit überzeugender Gewalt, dem Blitze gleich, in die Herzen ein und jauchzend riefen Alle:„Friede! Friede!“ und fielen einander, Feinde und Freunde, in heißer Umarmung ans Herz.. Eben war die Nachricht durch einen Eilboten aus Hu⸗ bertsburg ins preußiſche Lager gekommen und wurde allen Truppen jubelnd verkündet. Da hörte man die Schüſſe, glaubte, es ſei ein Gefecht vorgefallen, und ſogleich wurden, um nun anch jeden Tropfen unnütz vergoſſenen Bluts zu — 308— ſchonen, Offiziere und Reiter, ein Feldprediger zur feſteren Beglaubigung in ihrer Mitte, als Parlamentaire abgeſandt, um den Kampf zu ſchlichten und ſich zu Gefangenen dar⸗ zubieten, falls die Nachricht eine Täuſchung ſei. Da entblößte der Feldprediger ſein Haupt und ſprach: „Laßt uns dem Allmächtigen danken!“ und Alle ſanken ſtumm auf die Knie. 3 In dieſem Augenblick erwachte der Major aus ſeiner DOhnmacht. Sein ſtarres Sünderherz war gebrochen. Er ſah den Pfarrer, ſah Gertrud, ſah ſeine Kinder, hörte den Friedensgruß, der Millionen Herzen Glück und Ruhe wie⸗ dergeben ſollte— da trat er bewegt hervor, nahm Ger⸗ trud's Hand und ſprach:„Herr Pfarrer, ſegnet unſern Ehebund; mein Ende iſt nahe, ich will ſchweres Un⸗ recht gut machen, meinen Kindern meinen Namen geben!“ Und ſo ward Getrud's Ehe eingeſegnet, nach fünfund⸗ zwanzig Jahren in dieſer feierlichen Stunde. Wie ſchlug der alte wackere Huſar Chriſtian Hammer die Hände über den Kopf zuſammen, als Gotthelf's Brief ihm Alles meldete! „Sie haben ſich wiedergefunden! Der Eiſenfreſſer von Major iſt fromm und glücklich verſchieden! Da ſieht man, ein Soldat trifft immer noch die rechte Zeit zur Bekeh⸗ rung!— Nun wollen ſie herziehen!— Daß mein alter Kamerad, der Dragoner Veit, auch die Freude nicht erleben konnte! Ja, ja, mir iſt's belohnt worden! Ihm nicht— er hat mir's oft geklagt, wenn er meinen friſchen Buben ſah, wie leid es ihm that, daß er ſeinen blonden Fünd⸗ ling im Stich laſſen mußte! Und nun hat er ſchon ſo Sr — 309— lange ins Gras beißen müſſen. Ja, ich griff glücklicher, ich faßte den braunen!— Und die Kathy, das Teufels⸗ weib!— Was die herumgeweſen iſt!“ So rief der alte Knabe. Da raſſelte ein Wagen vor die Thür. Sie kamen an— Alle, Alle! Der Sohn ſtürzte dem Pflegevater ans Herz,— und die Mutter dem Retter!— Und Freude weilte in dem kleinen Gemach und Freude noch lange unter den Glücklichen, als ſie den Segen des Friedens genoſſen, bis der Tod langſam einen* nach dem andern aus dem traulichen Kieiſr abrief. Oruck von F. A. Prochbauz in n Leipzig. 5— . ₰ ◻ 8 . “——— th. 8* ſifiſſſfff 9 10 ſſſn ſſſ 11 9 1 18 1 ſſſnſſnſſſſſſſſſnfſſinſün 12 13 14 15 16 1 2 8 * * —— 1 — 8