CaaaATATTATATAT aLAUhGanhEhAThRRGRUAUERNAEHAUHMTATATATATrnnmmn Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch ¹ Kr. „„„ franz. od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: —————— auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. 2:— 45„ „„ 1„ 5„„„„ „ 1„—„ 36„—.,,„„„ aranrhnüanhrehnann. Lararar MannnahahannhafahnEehnününhnnrhegrhnhnanänEnbrürhehnhes —yy ʒ— von Ludwig Kellstab. 3cgſebre Band. — Aneue folge. Dritler Band. Erzählungen. Erster Theil. Geſammelte Schriften Leipzig: F. A. Brockhaus. 1 8 4 6. * — Erzaͤhlungen. F. A. Brockhaus. Von Ludwig Kellstab. —õy—ℳ:——— Leipzig: 1 8 4 6. James Skey. Eine Erzählung............ Die Gemsjäger. Ein Bruchſtück aus meinem Reiſetagebuche 127 Die Gewerke. Eine Erzählung............ 181 Die Brüder. Eine Erzäͤhlung im Volkston....... 263 Reiſe durch's Rieſengebirge. In zerſtreuten Blaͤttern 297 — ———— James Skey. Eine Erzählung. Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. III. 1 auf einem anmuthigen Hügel ſtehen und blicke in die ſanfte 1* Erstes Capitel. Die Sonne neigte ſich zum Untergange. Ein röthlicher Schimmer verbreitete ſich über die grünen Fluren des rei⸗ chen engliſchen Dorfes, das ſich am Fuß eines Hügels, dem ſilbernen Band eines kleinen Flüßchens folgend, zwiſchen Gebüſchen, Gärten, Feldern und Wieſen dahinzog. Ein engliſches Dorf! Es ärgert mich, daß vielleicht mancher deutſcher Leſer ſich dabei eine Ortſchaft vorſtellt, die etwa wie ein märkiſches Landſtädtchen, oder gar wie ein Dorf derſelben ſchönen Provinz ausſieht! Er bildet ſich vielleicht ein, funfzehn bis zwanzig Lehmhäuſer zu ſehen, mit eben ſo vielen Ställen und Scheunen, in deren Mitte ſich ein dem Einfallen naher Kirchthurm befindet und, wenn's hoch kommt, ein Predigerhaus mit Schindeln gedeckt, oder gar ein maſſives, plumpes Gebäude, welches man Schloß zu nennen pflegt: Guter Leſer! Dir kann ich freilich nichts weiter rathen, als nimm, falls Du es haſt, ein Stück Geld in die Hand, reiſe nach London, laß Dich den Weg durch ganz Altengland nicht verdrießen, fahre mit der Sta⸗ gecoach bis gegen Schottland hinauf, halte dann in New⸗ Caſtle ſtill und ſpaziere endlich ungefähr ſechs bis ſieben engliſche Meilen nach der ſchottiſchen Grenze zu. Hier bleibe —— —— Thalſenkung vor Dir hinab; dann ſiehſt Du das engliſche Dorf von dem ich reden will, und wirſt die Bemerkung machen, daß Du auf Deinem Wege von Dower bis hie⸗ her ſchon beſſere, aber nicht viel ſchlechtere geſehen haſt. Ich brauche Dir's nun nicht mehr zu ſagen, daß Du Deine märkiſche Phantaſie ablohnen und dafür eine engliſche Wirk⸗ lichkeit in Dienſt nehmen kannſt, die Dir bei dem Namen Dorf nicht mehr Stroh⸗ und Lehmhütten, Miſthaufen, dürftige Krautgärten und magere Haferfelder vormalt, ſon⸗ dern reinliche, wohlgebaute Häuſer mit hellen Glasfenſtern in geordneten Reihen, Gärten, die Nutzen und Zierlichkeit ver⸗ binden, Mühlen, Werkſtätten, Fabrikgebäude, ſo anſehn⸗ lich, daß Du gern eines der ſchönen Wohnhäuſer gegen ein berliner Stadthaus vertauſchen möchteſt; kurz, lauter Wohlhabenheit, Ordnung, Reinlichkeit, Zierlichkeit, ja Schön⸗ heit. Iſt Dir das Glück günſtig, ſo haſt Du bei einem ſolchen Anblick vielleicht gar ein oder etliche Schlöſſer vor Dir, mit reizender engliſcher Parkumgebung, wo der Be⸗ ſitzr des Dorfes ſich dann und wann aufhält, um eine Jagd anzuſtellen, oder die ein reicher Einwohner zu ſeinem Vergnügen ſo ſtattlich erbaut hat.— Biſt Du auf dem Hügel angelangt, den ich meine, ſo ſiehſt Du indeſſen in dem vor Dir liegenden Dorfe nur ein Haus dieſer Art. Es kommt mir nicht darauf an, Dir jetzt oder nachher zu ſagen, wem es gehört und wer es bewohnt. Es iſt der reiche Sir Atwood— wenigſtens gilt er für ſehr reich— der außer dem Schloß und Park mehre Fabriken, viele Fel⸗ der, Wieſen und Wälder, und endlich auch einen Sohn beſitzt, um den ich ihn— aufrichtig geſtanden— zu aller⸗ letzt beneiden würde. Harry iſt ſein Name für die Nach⸗ welt. Aber dieſer Harry hat ein Mühmchen, oder eine Couſine, wie man ſich gebildet ausdrückt, ſeines Vaters . — 5— Brudertochter, Miß Eveline Atwood, die mit ihm in dem ſchönen Schloſſe wohnt. Für ſie gäbe ich— eben ſo aufrichtig geſtanden— gern Onkel und Vetter hin, ja, wenn man die beiden Squires in eine Wagſchaale und ihr Schloß, Park, Fabriken, Felder, Geld u. ſ. w. dazu legte, in die andere aber die ſanfte, freundliche Eveline mit ihren braunen, ſchönen Locken, und den treuen, guten Augen ſetzte... Doch was geht das meine Leſer anz ich habe ſie von anderen Dingen zu unterhalten. Wir ſtehen alſo auf dem vielgenannten Hügel vor un⸗ ſerm engliſchen Dorfe. Die Sonne will faſt untergehen. Da kommen zwei Leute zu Fuß von New⸗Caſtle her den Pfad herauf der ſich über den weichen Raſen dahin kühl durch das Birkengebüſch ſchlängelt. Auf dem Hügel, wo eine Raſenbank, von dichtem Buſchwerk umgeben, einen bequemen Ruheſitz gewährt, von dem man unſer engliſches Dorf und ſeine Felder überblickt, bleiben unſere beiden Leute ſtehen. Daß es Sonderlinge ſind, iſt ſchon von ſelbſt klar, denn ſonſt wären ſie nicht zu Fuße gegangen, da in England Jedermann fährt oder reitet, indem ihn ſonſt die Gaſtwirthe nicht aufnehmen, weil ſie kein Geld bei ihm ver⸗ muthen. Die Engländer haben daher die Sitte, häufig aus Altengland nach Boulogne, Calais oder Oſtende über⸗ zuſchiffen, um ſich auf dem Continent ein wenig die Füße zu vertreten. Sie laufen dann durch Europa hindurch und kehren, nachdem ſie ſich dieſe Bewegung, der Geſundheit wegen, gemacht haben, nach der lieben Inſel zurück. Unſere Sonderlinge aber gingen auf engliſchem Grund und Boden zu Fuß; gewiß hätten ſie ſogleich Aufſehen erregt, wenn nur Jemand da geweſen wäre, der ſie hätte ſehen können. So aber kamen ſie Beide allein auf der Spitze — 6— des Hügels an und machten, als ſie unſer Dorf vor ſich ausgebreitet liegen ſahen:„Halt!“ So rief nämlich der Vorangehende und berechtigt mich dadurch zu dem Schluß, daß der Nachfolgende, der ſogleich gehorchte, ihm unterge⸗ ben war, oder wenigſtens eine Stufe abwärts von ihm im Range ſtand.„Hier wollen wir Anker werfen, Thoms,“ ſetzte er hinzu, woraus ich abermals ſchließe, daß er ein Seemann, oder wenigſtens viel zur See gefahren war; doch das iſt bei einem Engländer ja nichts Abſonderliches. Der Andere dagegen ſchien nach ſeinem Begriff vom Anker⸗ werfen kein großer Seeheld zu ſein, denn er warf nichts aus, oder beſſer ab, als eine Reiſetaſche, die er wie eine Jagdtaſche an der Seite trug, und ſich ſelbſt, nämlich auf die Raſenbank. Der Erſtere ſprach weiter nichts; ſtützte ſich im Rücken auf ſeinen dornigen Stock und ſchaute ſo in die Gegend zu ſeinen Füßen hinab. Er ſchien ſie mit einem wärmeren Antheil zu betrachten, als der gewöhnlichen Auf⸗ merkſamkeit, die ein Reiſender dem Ueberblick einer an⸗ muthigen Landſchaft widmet. Denn auf den Stock gelehnt ſtand er unbeweglich, ſah in das Dorf hinein, wurde ern⸗ ſter und ernſter und wiſchte ſich endlich mit der Hand eine Thräne aus den Augen, von der ich nicht behaupten möchte, daß der ſchon matte Strahl der ſinkenden Sonne ſie ihm entlockt hätte.„Thoms!“ rief er endlich.— Patron— antwortete dieſer.„Siehſt Du das Dorf da unten?“— Was werd' ich nicht. Man braucht gerade nicht in den Maſtkorb zu klettern, um ſo weit zu ſehen. Mir däucht, wer nicht heiſer iſt, könnte die Leute in dem erſten Hauſe da unten ohne Sprachrohr anrufen. Jetzt merk' ich's. Der Kerl iſt auch ein Seemann, etwa ein Bootsmann, Steuermann oder dergleichen. Der Andere könnte leicht Capitain ſein. 8 „Thoms! Wie gefällt Dir das Dorf?“ Ein hübſcher Ankerplatz. Wenigſtens um einmal fri⸗ ſches Waſſer zu nehmen. „Mir daucht ſogar ein recht guter Hafen, um aus⸗ zuladen, oder die Haverei herzuſtellen.“ Kann ſein. Habt Ihr Luſt, Patron? „Luſt?“ Die Stimme des alten Seemannes klang faſt wehmüthig bei dieſem Worte. Er fuhr ſich wie⸗ der mit der Hand über die Augen; am Ende blendete ihn doch wol die Sonne.—„Luſt, Thoms?“— Er ſchwieg eine Weile.—„In dem Dorf, Thoms“— Gibt es ganz hübſche Leute, unterbrach ihn dieſer, da der Patron wie⸗ der ſtockte;— ſeht nur da kommen ihrer Etliche den Hü⸗ gel herauf. Sie ſteuern auf uns los. Das Mädchen, ſo däucht mir, iſt eine Art von Kaperſchiff, wenn ſie in der Nähe ſo ausſieht wie von hier. Sie iſt von einem gu⸗ ten Schiffszimmermann gebaut, ſchlank und leicht; gewiß ein flinker Segler.— Thoms war nicht mehr jung, etwa fünfundvierzig; aber wenn er ein Mädchen ſah, wurde er redſelig.„Sie kommen hieher,“ rief der Patron ohne auf ſeine Plauderei zu hören.„Ich möchte wol— Thoms!“ — und dabei hatte er den ſtützenden Knotenſtock ſchon weg⸗ gezogen und zwar mit einem raſchen Schritt ſeitwärts hin⸗ ter das Gebüſch getreten—„Thoms, dort kommen Leute. Ich glaube ſie haben uns noch nicht geſehen. Vielleicht ſetzen ſie ſich hier auf die Raſenbank. Ich möchte ihnen einmal ein wenig zuhören. Wir wollen uns hinter die Haſelbüſche in Hinterhalt legen.“ Thoms pflegte, wenn der Patron Etwas ſagte, das einem Geheiß glich, daſſelbe ohne weiteres auszuführen, daher hatte er ſofort ſeine Taſche hinter den Buſch geworfen und ſtand einen Augenblick dar⸗ auf ſelbſt dahinter.— Eine gute Bucht, Patron. Wir — 8— haben die ganze See offen vor uns und kein Menſch kann uns entdecken.— Der Andere winkte ihm zu ſchweigen und warf ſich nachläſſig auf den weichen Raſen, ſodaß er das Ohr gegen den Platz wendete, wo er vermuthete, daß die Ankommenden ſich vielleicht ſetzen möchten. Thoms that ein Gleiches, aber legte ſich bequem auf den Rücken und ſah in den blauen Himmel hinein. Zweites Capitel. Wir haben jetzt volle Freiheit, die Bewohner des Dorfs zu betrachten, welche ſich unſerm Hügel nähern. Es war ein ſchon alternder Mann, den ein jüngerer, welcher kaum fünfundzwanzig Jahre zählen mochte, und ein Mädchen be⸗ gleiteten, die ſicherlich die zweite böſe Null des Alters noch nicht geſchrieben hatte. Da die Abendſonne ſie alle Drei beſcheint, indem ſie langſam den Hügel hinaufſteigen, ſo hatte ich die ſchönſte Zeit, ſie getreulichſt abzumalen. Der ältliche Mann, nicht weit von dem ſechſten Stufenjahre des Lebens, trug das Zeichen deſſelben, nämlich ſpärlicher wer⸗ dendes Silberhaar, deutlich auf dem Haupt. Aus ſeinen Augen leuchtete aber noch Jugend, wenigſtens lebhafte Erinnerung daran. Seine Züge boten eine ſeltene Miſchung von Gegenſätzen dar; Ernſt und Heiterkeit, Frohſinn und Sorgen, Wohlwollen und Strenge, ja Offenheit und doch dabei etwas ſehr anziehend Geheimnißvolles, welches auf einen tief verhüllten Schmerz zu deuten ſchien. Man hätte faſt ſagen ſollen, die Natur habe dieſen Mann mit allen Gaben der Freude ausgeſtattet und ihm die empfänglichſte Seele für das Glück gegeben; aber die Schickſale ſeines Lebens mochten ſich dieſer freundlichen Abſicht oft rauh ge— nug widerſetzt haben. Sein Antlitz trug die Spuren dieſes Kampfes. Zum Theil auch ſeine Geſtalt; denn obwol nicht hoch, verrieth ſie doch Kraft und Adel, und das Alter hatte ſie zwar gebeugt, aber doch noch ſo wenig, daß ſein Sieg nicht enſchieden zu nennen war. Zur Rechten des Alten ging der junge Mann, den man auf den erſten Blick für ſeinen Sohn erkennen mußte, wiewol in ſeinen jüngern Zügen eine noch ernſtere Schrift des Lebens zu erblicken war, als in denen des Vaters. Man ſah ihm an, daß Stürme von der Art, wie ſie das Lebensſchiff ſeines Vaters vermuthlich oft erſchüttert und am Ende faſt ſcheiternd in die Rettungsbucht des ruhigeren Alters getrieben hatten, ihn eben jetzt auf hoher See über⸗ fallen mochten. Das Maädchen dagegen ſah friſch und blühend aus wie eine junge Roſe. Ein blaues Auge, klar wie der Himmel, der ſich über die Abendlandſchaft ſpannte, Locken, ſo golden wie die reifenden Felder, ein dunkler Purpurmund, das lieblichſte Oval des Geſichts, Fülle und Leichtigkeit der Geſtalt, Anmuth jeder Bewegung und über das Ganze ein freundliches, ſanftes Weſen verbreitet, beſon⸗ ders aber um die Lippen ein ſo mildes Lächeln, daß man es einem leicht hauchenden Lüftchen vergleichen möchte, wel⸗ ches die klare ruhige Oberfläche des Waſſerſpiegels bewegt. — Die Tracht aller Drei zeugte von der ſorgſamen Ord⸗ nung und Reinlichkeit, die mit ſpärlichen Mitteln oft ſo an⸗ muthig hauszuhalten weiß. Da man aber von den Leuten im Grunde doch wenig oder nichts weiß, wenn man ihren Namen nicht kennt, ſo ſage ich kurz: der Alte hieß James Skei, und die bei⸗ 1*. — 10— den jungen Leute waren ſeine Kinder, William und Jenny. Man wird es natürlich finden, daß die Drei, während ich ſie zu portraitiren ſuchte, bis auf die Spitze des Hügels gekommen waren.„Hier laßt uns ſitzen, Kinder,“ ſprach der Alte,„bis Georg mit dem Wagen um den Hügel herum kommtz; dann nehme ich Abſchied von Euch.“ Jenny ſchlang, nach Art weiblicher Zuthulichkeit, ſowie das Wort Abſchied ertönte, ihre Arme um den Hals des Vaters und küßte ihn mit liebevoller Zärtlichkeit. Er ſtreichelte das lieb⸗ liche Mädchen auf die Wangen und zog ſie neben ſich auf die Raſenbank nieder, während er halb ſcherzhaft tröſtend ſagte: „Nur ruhig, Kind, nur ruhig, wir ſehen uns ja oft und, will's Gott, fröhlich wieder. Miſtriß Goldſmith erlaubt Dir gewiß zu meinem Geburtstage herzukommen und der Bruder begleitet Dich.“— Ach!— rief Jenny— ich weiß es wohl, daß wir uns bald einmal wiederſehen, aber doch trenne ich mich immer ſo ungern! O könnte ich bei Dir bleiben, Vater! die Miſtriß iſt gut, recht herzlich gut, aber ich bin doch im fremden Hauſe.—„Sei nicht un⸗ dankbar, Jenny; dafür biſt Du in einem wohlhabenden Hauſe, wo Du viel Gutes und Nützliches erlernt haſt, während Du bei Deinem Vater hätteſt darben müſſen. Und darben iſt ſchwer.“— Guter Vater, rief Jenny mit⸗ leidig— wie gern würde ich kümmerlich mit Dir leben. Aber ich weiß, daß es Dir beſſer geht, wenn wir Dich von außen her unterſtützen können, und Du wirſt ja im⸗ mer älter, da bedarfſt Du doch mancher Bequemlichkeit.— derte der Alte;„und wahrlich ich ſchickte Dich und Wil⸗ liam auch nicht hinaus in die Welt, damit es mir gemäch⸗ licher ginge, ſondern zu Eurem Beſten, damit Ihr Euch „Am liebſten wäre ich freilich mit meinen Kindern“ erwi⸗ eine Zukunft bauen könntet, mäßig, klein, aber ruhig und ſorgenfrei. Vielleicht glückt es mir noch einmal, zu erleben, daß ich Euch Beide in einem frohen Hausſtande ſehe!“ Jenny wurde, als der Vater ſie bei dieſen Worten anſah, ein wenig roth; William, der die Zeit über ſtumm da⸗ geſeſſen, ſeufzte tief auf. Der Alte ſchien Beides nicht be⸗ merkt zu haben.„Ja, Kinder,“ fuhr er fort,„eine glück⸗ liche Ehe iſt das Schönſte, was es auf Erden gibt— aber wenn der Tod ſie trennt, oder gar andere böſe Schickſale zwiſchen die Liebenden treten, das iſt auch der bitterſte Schmerz, den wir ertragen können!“ William wurde im⸗ mer düſterer und ſtarrte ſtumm vor ſich hin.„Hörtet Ihr nichts,“ fragte James Skey und ſah ſich um;„oder warſt Du es William, der eben ſeufzte?“— Wol mög— lich, lieber Vater— erwiderte dieſer.„Ja, Kinder,“ fuhr der Alte fort,„eine ſolche Vereinigung iſt das höchſte Glück, die Trennung das härteſte Unglück. In unſerer Fa⸗ milie hat darin ein ſeltſames Schickſal gewaltet. Noch nie⸗ mals habe ich Euch die Geſchichte Eurer Aeltern erzählt; ich wollte es nicht eher thun, bis Ihr Beide ſie mit gereif⸗ terem Sinn zu vernehmen im Stande wäret. Aber ſeit vier Jahren hatte ich Euch Beide zugleich ja nicht bei mir geſehen und damals warſt Du noch zu jung, Jenny. Eure Mutter war mir lange durch harte, ſtrenge Verwandte, beſonders durch ihren Oheim, verſagt worden. Indeß ich hatte einen Bruder— doch von dem verlorenen Onkel John habe ich Euch ja oft erzählt— der wußte durch die weiſe und glückliche Benutzung eines Zufalls unſere Ver⸗ bindung zu Stande zu bringen. Er kannte unſere Liebe zu einander und, da er ein kecker Menſch war, dem es We⸗ nige an Muth und Gewandtheit nachthaten, ſo gelang es ihm bei einer Feuersbrunſt in dem Hauſe, wo meine 8 — 12— Molly bei ihrem Ohm und Vormund wohnte, einen Ka⸗ ſten mit wichtigen Papieren noch zu retten, den der Vor⸗ lich ſchon in Flammen, als es dem Alten einfiel, daß dro⸗ ben noch der Kaſten mit Documenten zurückgeblieben ſei. Die Gefahr war groß, Niemand mochte ſich hinaufwagen, da legte Euer Ohm die höchſte Leiter an, ſtieg zwiſchen Rauch und Flammen bis ins dritte Stockwerk hinein, er⸗ reichte den Kaſten glücklich und rief nun von der Höhe der Leiter dem Vormund zu, er möge auf der Stelle ſeine Einwilligung zu unſerer Verbindung geben, oder er werfe den Kaſten in die Flammen zurück. So bedrängt, verſtand ſich der Alte dazu und mein Bruder John brachte ihm nun den Kaſten unverſehrt mit herab. Er ſelbſt aber war es nicht, ſondern Haar und Bart waren ihm verſengt, die Kleider zum Theil in Brand gerathen und an den Händen hatte er große Brandwunden. Wir Beide, Molly und ich, herzten und küßten die treue Seele unter tauſend Thränen — ach! und es wurde ihm ſchlecht vergolten. Denn auch er faßte an jenem Abend eine heftige Neigung zu einem armen, aber engelſchönen Mädchen, das ſich in der allge⸗ meinen Verwirrung mit ihrem Vater auf die Straße ge⸗ rettet hatte. Aber Molly's Ohm, der trotz des Dienſtes, den ihm mein Bruder geleiſtet hatte, einen ewigen Haß auf ihn behielt, wußte den Vater dieſes Mädchens zu überreden, daß er meinem Bruder die Hand der Tochter ſtreng ab⸗ ſchlug. Sie mochten ſich aber doch wol gegenſeitig lange und innig geliebt haben, denn“— hier unterbrach ſich ſich glaubte. In der That ſteckte unſer Fremder dicht hin⸗ ter dem Buſch; die Erzählung hatte ihn ſo neugierig ge⸗ macht, daß er, um kein Wort zu verlieren, ganz nahe heran⸗ mund in der Beſtürzung vergeſſen hatte. Alles ſtand näm⸗ der Erzähler und ſah ſich um, als ob er Jemand hinter ———yÿ4— — 13— geſchlichen war und ſich daher durch die mindeſte Bewegung verrieth. Als James innehielt, blieb er daher lautlos, mit angehaltenem Athem halb vorwärts gebeugt ſtehen; denn be⸗ greiflicher Weiſe wäre es ihm fatal geweſen als Horcher entdeckt zu werden.——„Kurz, ich genoß das ſüße Glück der Vereinigung mit meiner Geliebten, mein guter Bruder aber mußte den Schmerz der Trennung ertragen. Was that ich nicht, um den Vater der reizenden Eveline zu bewegen.“— Eveline! rief William, der bisher in finſterem Schweigen geſeſſen hatte, hieß ſie Eveline?— „Ja, mein Sohn; und ich möchte faſt ſagen, Du kenneſt ſie. Denn Du kennſt ihre Tochter, Deine Jugendgeſpielin, die ſchöne Miß Eveline Atwood; dieſe gleicht ihr ſo, daß ich ihr oft wie im Traume nachſtaune, wenn ſie an meinem Hüttchen vorübergeht, weil ich mir einbilde, die ſchöne Ju⸗ gendzeit ſei zurückgekehrt und ich wandle wieder unter De⸗ nen, mit denen ich jung war. Ach ſie gleicht ihr an hold⸗ ſeliger Geſtalt wie an ſanftem Herzen!— Doch laßt mich fortfahren. Mein Bruder, ehrlich, aber heftig, beſchloß endlich dem trübſeligen Zuſtande ein Ende zu machen; er ſchrieb ſeiner Eveline einen Brief, wodurch er die ſüßen Banden löſte.„„Ich gehe,““ ſchrieb er,„„denn man muß den Schmerz enden; es wird Dir ſchwer werden, aber doch leichter, mich zu entbehren, wenn Du mich nie wieder ſiehſt, als wenn mein Bleiben dem Schmerz täglich neue Nahrung gewährt. Ich gehe; betrachte mich als einen Todten, denn Du wirſt mich nimmer mehr ſehen, nie mehr von mir hören.““ Dieſen Brief mußte ich überbringen; es war der bittere Gegendienſt für jene gefährliche Thut, durch die der Bruder mein Glück gegründet hatte. Ach, der Auftrag war ſchwer!— Der Bruder ging— er hat Wort gehalten, wir haben nie wieder durch ihn von ihm 5 — u— gehört. Nur ſo viel weiß ich, daß er Seedienſte genommen hat.— Wir wohnten damals Alle in New⸗Caſtle, wo wir von dem Vater ein kleines Geſchäft, das uns aber reichlich ernährte, geerbt hatten. Der Bruder hatte ſein Vermögen in Geld verwandelt und es mit ſich genommen. Eure Mutter, liebe Kinder, war wohlhabend; ich hatte zur Ge⸗ nüge und wir hätten daher ein ſorgenfreies Leben führen können. Doch der Haß, den die Verwandten meiner Molly gegen mich hatten, brach jetzt, da der Bruder fort war, vor dem ſie ſich ungemein fürchteten, weil ſie ihn je⸗ der kühnen, wenn auch unbeſonnenen That fähig hielten, mit immer wachſender Stärke aus. Nicht nur daß ſie jede Verbindung mit uns abbrachen, worüber ſich meine gute Molly im Stillen oftmals bitter härmte, ſondern ſie leg⸗ ten unſerem Glück alles irgend Mögliche in den Weg. Das Schlimmſte war, daß ihr Zorn einen Diener in einem höchſt gewandten aber völlig gewiſſenloſen Rechtsgelehrten fand, der mich wegen des Vermögens Eurer Mutter in einen langwierigen Proceß verwickelte. Dieſer wurde mit Abſicht ſo koſtſpielig eingeleitet, daß ich bald in Verlegen⸗ heit über die Mittel gerieth, wie ich die Vertheidigung des Unſerigen fortſetzen ſollte. Indeß liehen mir, wie ich meinte, gutwillige Leute Geld; aber das war eben die Falle, denn jener Advokat hatte, ſo erfuhr ich nachmals, die Leute ſelbſt zu dem Darlehn bewogen, kaufte darauf ihre Forderungen an ſich und trieb ſie nach einem ſchlau angelegten Plane. gerade zu einer Zeit ein, wo ich auch in meinem Handels⸗ geſchäft große Zahlungen zu leiſten hatte. Unſer Vermögen hätte vielleicht mehr als zehnmal ausgereicht, um die For⸗ derungen zu befriedigen, aber es fehlte uns an baarem Gelde und da der größte Theil unſeres Beſitzes durch meinen Pro⸗ 3 ceß angefochten war, ſo hielten ihn die Leute für unſicher, —ꝑ—ꝑC—ʒ—ę—C—C—C—L—Ki und ich konnte Niemand finden, der mir die nöthige Summe vorſtreckte. So wurden mir denn Wechſel vorgelegt, die ich nicht zahlen konnte; man brachte mich in Haft, belegte Alles, was ich beſaß, mit Beſchlag und trieb uns ſo auf's Aeußerſte. Daß dieſe Tage trüb' und hart für uns waren, könnt Ihr denken; es blieb mir zuletzt weiter nichts übrig als die Güte meiner Gläubiger anzuflehen. So erlangte ich denn meine Freiheit gegen die Aufopferung unſeres Vermögens wieder, denn ich mußte in einem Vergleiche alles Das abtreten, was man mir durch jenen Proceß, den ich doch nicht mehr fortführen konnte, abſtreiten wollte. Mein Geſchäft war durch die lange Störung zu Grunde gegangen, die Koſten des Proceſſes und der Haft hatten auch einen großen Theil des Meinigen verzehrt— ſo war ich denn frei, aber arm. Und dennoch vergeſſe ich die Se⸗ ligkeit des Augenblickes nicht, als ich, aus dem Gefängniß nach Hauſe kam und Molly mir mit unſerm Knaben, Du warſt es mein Sohn, entgegentrat und weinend ans Herz ſank.— O Kinder! Liebe tröſtet über jeden Verluſt! In New⸗Caſtle mochten wir nicht bleiben. Hier in unſerm Dörfchen beſaß ſchon mein Vater das kleine Haus und den Garten, in dem Ihr groß geworden ſeid; mein Bruder und ich waren in unſern Knabenjahren hier von dem Prediger erzogen worden und hatten ſpäterhin noch manchen ſchönen Tag hier zugebracht; kurz ich be⸗ ſchloß mit meiner Molly hierher zu ziehen. Es geſchah; Du warſt damals drei Jahre alt, William. Wohlwollende Leute verſchafften mir bei der Fabrik, die jetzt Herrn At⸗ wood gehört, wenn auch nicht eine ganz feſte Anſtellung, doch ſo viel zu thun, daß die Bezahlung dafür unſern ge⸗ ringen Bedürfniſſen genügte. Und ſo ſchien es, als ſolle ich endlich des lächelnden Glücks froher Tage genießen. — 16— Es dauerte nur zwei Jahre! Da wollte der Himmel, daß ich für eine Gattin eine Tochter eintauſchen ſollte; Du, meine Jenny, wurdeſt mir geſchenkt— aber Deine Mut⸗ ter verlor wenige Monate nachher in Folge Deiner Geburt das Leben.— Damals, und auch noch ſpäter, machte ein Ereigniß, das ich früher als eins der trübſeligſten betrachtet hatte, mein Glück und meine Rettung vor Verzweiflung aus. Drei Jahre nämlich nach dem Verſchwinden des Bruders zogen die beiden Herren Atwood in unſere Gegend, von denen der Aeltere noch lebt. Der Jüngere ſah meines Bruders Geliebte, die reizende Eveline, die in ihrer ſtillen Schwermuth nur ſchöner und ſchöner zu werden ſchien. Wie ich Euch ſchon geſagt habe, ſo war Eveline arm, Herr Atwood aber ſehr reich. Er bewarb ſich um ſie bei dem Vater, dieſer ſagte ſie ihm zu und nach langem Widerſtreben ging das unglückliche Mädchen mit blutendem Herzen zum Traualtar. Einige Tage vorher hatte ſie ſich heimlich aus dem Hauſe ihres Vaters zu uns begeben und erzählte mir und meiner Molly ihre traurige Geſchichte, wie ihr Vater ſie mit harten Worten ſchelte, daß ſie mit eigenſinnigem Trotze an einem entlaufenen Menſchen hänge, der ſie ver⸗ laſſen habe; wie Herr Atwood ſanft, aber täglich in ſie dringe und ſich dem Vater ſo gütig zeige, für ſein Alter zu ſorgen verſpreche—— ſodaß ſie endlich aus Kindes⸗ pflicht eingewilligt habe.„ Ach, aber“— rief ſie aus,„mein Herz kann ich nicht mit meiner Hand verleihen, das iſt weit von hier, in unbekannten Meeren!“ Wir tröſteten die Arme, ſo viel wir vermochten. Indeß ging die Hochzeit von ſtatten. Damals hatten die Herren Atwood die Fabrik hier unten gekauft und anſehnlich erweitert, ja auch ſchon das ſchöne Schloß faſt vollendet; die junge Frau zog mit ihrem Gemahl hier hinaus und wurde uns, die wir noch —— in New⸗Caſtle wohnten, ganz entrückt. Als nun auch wir, durch die harten Umſtände gedrängt, in das Dörfchen hinauszogen, fanden wir die ſchöne Eveline als Beſitzerin hier. Da habe ich ihr Herz kennen gelernt! Was ſie uns Liebes anzuthun vermochte, that ſie; und ſo hold, ſo gütig. Man muß aber auch ſagen, daß Sir Atwood ſehr wohl⸗ wollend war und ſich überhaupt als ein trefflicher Mann zeigte; ſein Bruder iſt ihm wenig ähnlich. Als nun der traurige Tag kam, wo meine Molly ſtarb, da wurde das trübe Geſchick Evelinens mein Heil. Denn ſie war der Engel, der in mein kleines, verödetes Haus trat; ſie war es, die Deiner hülfloſen Kindheit, liebſte Jenny, die zarteſte Pflege widmete; ſie war es, die Dir, mein Sohn, Mutter⸗ ſtelle vertrat, ſo viel es irgend möglich war; ſie war es, die meine Seele vor Verzweiflung rettete. Nicht lange dar⸗ nach ſchenkte der Himmel auch ihr eine Tochter, die liebliche Eveline, die Ihr Beide kennt. Aber, als wenn unſer Va⸗ ter dort oben die beſten Menſchen am liebſten früh zu ſich nähme, ſo hatte er auch meiner tröſtenden Freundin kein langes Daſein verliehen; ſie ſtarb, als ihr Töchterchen noch nicht zwei Jahr alt war. Spo pflückte das Schickſal Eurem Vater eine liebe Blume nach der andern aus dem Garten ſeines Lebens weg, bis er nun faſt verödet war. Doch ich behielt Euch Beide und, der Himmel ſei gelobt, Ihr habt mir meine Liebe reichlich vergolten. Der Herr wollte mir keinen ſchö⸗ nen Morgen des Lebens ſchenken, aber er macht mir Hoff⸗ nung zu einem heitern Abend, heiter wie der, deſſen holde Stille uns eben jetzt umfängt.“ Die Kinder ſaßen eine Zeit lang ſtumm neben dem Vater; in Jenny's ſchönen blauen Augen ſtanden ein paar große Thränen, die langſam in ihren Schoos fielen. — 18— Hätten wir hinter die Hecken ſehen können, ſo würden wir unſern Fremden, der der unwillkürliche Zuhörer dieſer Erzählung geweſen war, gleichfalls in einer tiefen Bewe⸗ gung gefunden haben. Denn die rührenden Begebenheiten, die er ſo einfach und treuherzig vortragen hörte, konnten auch auf den Fremdeſten ihres Eindrucks nicht verfehlen. In⸗ deß verwünſchte er ſeinen Vorwitz halb zu allen Teu⸗ feln, da er nun an den Platz gebannt war und nicht hinaus kommen konnte. Thoms lag auf dem Rücken, ſah in den blauen Himmel hinein und ſchien gar nichts gehört zu haben. Doch auf die wiederholten Winke des Patrons hielt er ſich ſtill und rührte ſich ſo wenig wie ein Baum⸗ ſtamm. Nach einer kurzen Zeit fuhr der alte Skey fort.„So lange der jüngere Sir Atwood lebte und der äaͤltere in New⸗Caſtle wohnte, wo er den Vertrieb der Fabrikwaaren beſorgte, ging es mir noch in mancher Art recht wohl. Denn wie ich Euch erzählt habe, ſo hatte ich mit dem Buchhaltergeſchäft auf der Fabrik Manches zu thunz auch brauchte man mich von Zeit zu Zeit, um kleine Reiſen in die Umgegend zu machen, wo ich dann die Schulden ein⸗ caſſirte, der Fabrik neue Verbindungen ſchaffte und der⸗ gleichen ähnliche Geſchäfte beſorgte. Gern hätte ich eine beſtimmte Anſtellung gehabt, allein man hatte immer den Plan, das ganze Geſchäft auszudehnen, und bis zur Aus⸗ führung deſſelben verſchob man es, gegen neue Beamte dauernde Verbindlichkeiten einzugehen. So verging ein Jahr nach dem andern; ich benutzte indeſſen die Zeit, mein kleines, zerrüttetes Vermoͤgen ein wenig wieder herzuſtellen, um in ſpätarn Jahren beſſer für Euch ſorgen zu können. Allein noch che mir dies gelungen war, ſtarb Sir Atwood der Jüngere, der mir ſtets wohlgewollt hat. Doch darauf — 19— müßt Ihr ſelbſt Euch ſehr gut beſinnen, da Du damals ſchon zehn Jahr alt warſt, Jenny, und William faſt funf⸗ zehn. Nun übernahm Sir Atwood der Aeltere die Fabrik, wie er ſie denn auch noch jetzt leitet, und dieſer war mir, ich weiß nicht weshalb, niemals gewogen. Die Erweite⸗ rung des Geſchäfts fand ſtatt— ich wurde nicht angeſtellt. Man gab mir wol dann und wann noch zu thun, aber immer weniger und ſpärlicher, und als ich gar drei Mo⸗ nate krank wurde und daher nicht arbeiten konnte, ſo wur⸗ den alle meine kleinen Geſchäfte an Andere vertheilt und von der Zeit an, Kinder, ging es mir freilich nur kümmer⸗ lich. Indeß habe ich die Freude gehabt, Euch nach beſten Kräften zu erziehen, und ich denke, es kommt nun auch wol einmal eine Zeit, wo Ihr mir Manches vergelten könnt.“ Drittes Capitel. James Skey hatte ſeine Erzählung geendet. Die Kin⸗ der lagen in ſeinen Armen. Jenny herzte den Vater mit tröſtenden, ſchmeichelnden Liebkoſungen. William ſaß, wie zuvor, ernſt und ſtill, indem er die Hand deſſelben mit ſanftem Druck in der ſeinigen hielt.„Georg bleibt lange aus,“ ſprach er endlich,„ich fürchte, es wird ein wenig ſpät werden. Wir werden erſt tief in der Nacht ankom⸗ men.“— Es ſcheint rathſam, dem Leſer klam zu ſagen, daß William ſeine Schweſter zum Beſuch bein Vater von der Miſtriß Goldſmith abgeholt hatte undeſie wieder da⸗ hin zurück begleiten wollte. Miſtriß Goldſmith, eine be⸗ — 20— jahrte Witwe von ſehr wohlwollendem Gemüth, deren Söhne in Staatsdienſten ſtanden, lebte den größten Theil des Jahres allein auf ihrem Landhauſe, zwanzig Meilen von unſerem Dorfe, aber nur zwanzig engliſche. Man fuhr alſo recht gut in drei Stunden dahin. Williams Wohnort war etwas weiter, im Hauſe eines reichen Kaufmannes, deſſen Söhnen er zum Führer und Lehrer gegeben war. Der erwartete Georg ſtand als Knecht in des Kaufmanns Dienſten und hatte unſere Freunde in einem Cabriolet zu ihrem Vater gefahren. Er ſollte nach der Verabredung bis jenſeit des Hügels, um den ſich die Landſtraße herumzog, fahren und dort halten, wo dann die jungen Leute einſtei⸗ gen wollten, die mit dem Vater vorausgegangen waren. Indeß Georg ließ nach Art der meiſten Fuhrleute auf ſich warten, entweder weil er im Dorfe eine Liebſchaft haben mochte, oder wahrſcheinlicher, weil er nicht ſo leicht vom Bierkruge fort konnte. Während nun William die Land⸗ ſtraße nach dem Dorfe hinaufſah, kam ein Wagen von der andern Seite her, auf den Jenny zuerſt aufmerkſam machte. Er hielt am Fuße des Hügels und die darin Sitzenden ſtiegen aus, um, während der Wagen um den weit hinaus⸗ gebogenen Saum des Abhangs herumfuhr und ſo der Krümmung der Straße folgte, ebenfalls ihren Weg über die anmuthige Höhe zu Fuß zu machen. Es waren Sir At⸗ wood, ſein Sohn Harry und die ſchöne Eveline, welche von einem Mittagsbeſuch, den ſie in New⸗Caſtle gemacht hatten, zurückkehrten. Jenny und Eveline hatten die Ju⸗ gendzeit als vertraute Geſpielinnen mit einander verlebt; doch nach dem Tode des jüngeren Sir Atwood waren ſie nur ſelten beiſammen geweſen und ſeit ihrem vierzehnten Jahre, wo Jenny zu Miß Goldſmith gezogen war, Eveline den größten Theil der Zeit zu ihrer feineren Ausbildung . — 21— nach dem Willen ihres Oheims in London zubrachte, hatten ſie ſich nicht geſehen. Auch William kannte Evelinen ſehr wohl, denn er war noch in ſpäteren Jahren, als ſie ſchon zur Jungfrau herangewachſen war, mehrmals mit ihr zu⸗ ſammengetroffen und hatte ſie zuletzt in London, wohin er ſeine Zöglinge im Winter begleiten mußte, öfters geſehen. Es läßt ſich begreifen, daß Jenny bei Evelinens Heran⸗ kommen jene beſorgliche Bangigkeit empfand, die uns ſtets ergreift, wenn wir Perſonen, die die Unſchuld der Kinder⸗ zeit vertraut an uns feſſelte, nach langem Zwiſchenraum, in einem bedeutenden Abſtande der Verhältniſſe wieder er⸗ blicken. In Williams Seele herrſchte noch ein anderes, tie⸗ feres Gefühl— er liebte Evelinen. Wie daher Beſorg⸗ niß und Freude in der Seele unſerer jungen Freunde wech⸗ ſelte und wie ſich zu beiden das Misbehagen geſellte, Eve⸗ linen in Begleitung ihres Oheims und Vetters zu erblicken, läßt ſich leicht begreifen.„Wird ſie dich kennen?“ dachte Jenny,„wird ſie dich fremd oder vertraut begrüßen? Sollſt du ſelbſt den Ton der alten Freundin, oder den der fremd⸗ gewordenen Bekannten aus der fernen Jugendzeit anneh⸗ men?“—— Sie fühlte wohl, daß ihr großer Schmerz und Demüthigung, oder eine unendliche Freude nahe ſei, und darum pochte ihr junges Herz laut in der Bruſt. Der Vater, dem Alter, Erfahrung und entſagende Faſſung eine Beſtimmtheit und Ruhe des Handelns und Empfindens verliehen hatten, welche er jetzt ſelbſt Denen gegenüber nicht mehr verlor, die ſich in ſo bedeutender Stellung über ihm befanden, war ruhig. Er hatte Sir Atwood nie geſucht, nie vermieden und, was er Uebles von ihm erfahren, längſt vergeben. Indeß waren die Drei den Hügel heraufgekommen, auf deſſen Spitze unſere Freunde ſaßen. Eveline ſchien ſie bis 2 — 22— dahin nicht bemerkt zu haben, weil ſie nach der eben in einem Purpurmeer verſinkenden Sonne blickte. Erſt als ihr Führer Harry auf den beſcheidenen Gruß des alten Skey ein kaltes„guten Abend“ erwiderte, indem er den Hut kaum lüftete, wandte ſie ſich, um Harry's Unart bei dem alten Mann, den ſie ſtets freundlich und zuvorkom⸗ mend grüßte, gut zu machen. Da ſah ſie ihn in Beglei⸗ tung. Jenny war aufgeſtanden und ſtand ſchüchtern neben dem Vater; die Thränen waren ihr nah.„Guten Abend“ hatte Eveline ſo eben mit ihrer wohltönenden, freundlichen Stimme geſagt, als ſie ihre Worte unterbrach—„Mein Gott!“ rief ſie,„iſt denn das Jenny?“ Und noch ehe ſie die Worte vollendet hatte, hing ſie an dem Halſe des Mädchens.„Jenny, meine liebe Jenny,“ rief ſie,„wie groß und ſchön Du geworden biſt! Aber biſt Du's denn wirklich?“ Jenny war ſo überraſcht, daß ſie nicht zu ſpre⸗ chen vermochte, ſondern in Thränen in den Armen der Freundin lag. Ich wünſchte, ein Maler hätte die Gruppe gezeichnet. James Skey, ein wahrer Patriarchenkopf, blickte mit ſtum⸗ mer Rührung auf ſeine Tochter und Evelinen hin; was mochte in ſeiner Seele vorgehen, da er in beiden das Eben⸗ bild ſeiner liebſten Hingeſchiedenen ſehen mußte! William ſtand mit dem ſtillen ernſten Ausdruck ſeines Geſichts einige Schritte davon, aber im Auge glänzte ihm eine Thräne, von der es ſchwer zu entſcheiden war, ob ſie dem Schmerz oder der Freude gehörte.— Der alte Atwood, der eben den Hügel hinaufgekeucht war, ſah 4 verdrießlich aus, als ob er ein längeres Debet als ebe in ſeinem Contobuch geſchrieben hätte, und Sir Harry ſchnitt ein Geſicht wie Einer, der in eine Citrone beißt.— Hinterm Buſch ſtand unſer Horcher, dem große Thränen über das tiefgefurchte ——. — 23— Antlitz rollten und doch zugleich ein Seemannsfluch auf der Zunge ſchwebte, über den Satan, der ihn in dieſe ver⸗ fluchte Poſition gebracht hatte, wo er nicht einmal das Schnupftuch herausnehmen konnte, um ſich die Augen zu wiſchen, ohne verrathen zu werden. Thoms lag, wie zuvor, regungslos auf dem Rücken, doch wer da wußte, was in ſeiner Seele vorging, der hätte es ihm angeſehen, daß er höchſt ernſthafte und verdrießliche Betrachtungen darüber anſtellte, in einer ſo bequemen Lage keine Pfeife rauchen zu dürfen. Halb und halb wünſchte er daher die halbe Stunde, in der er ſchon im Hinterhalt lag, ebenfalls zu allen Teufeln. Nachdem Sir Harry und ſein Vater mehre Minuten lang ihre Geſichter rein umſonſt geſchnitten hatten, da Niemand auf ſie Acht gab, unterbrach der alte Atwood endlich die Scene mit der kühlen Phraſe:„Miß Eveline, es wird kühl! Ich dächte, Sie folgten uns nach Hauſe!“— So⸗ gleich, lieber Oheim, antwortete ſie mit einem halben Seufzer; Jenny, ganz beglückten Herzens durch das Wie⸗ derſehen, trieb die Freundin mit feinfühlendem Sinn ſelbſt zum Gehen an. Eveline küßte das frohe Mädchen noch einmal recht von Herzen, reichte dem Vater aufs freund⸗ lichſte die Hand und wandte ſich deshalb ſchüchtern, halb unbefangen zu William, dem ſie eine glückliche Reiſe wünſchte. Sir Harry krümmte ſeinen rechten Arm zur Dohnenſchlinge, um Evelinens Hand darin aufzufangen. Allein dieſe dankte höflich und kalt und ging voran den Hügel hinab. Ohne Gruß, wenn man nicht etwa ein mehr grobes als höfliches Halblüften des Hutes ſo nennen will, folgten die beiden Sirs ihr nach. So kurz das Wiederſehen geweſen war, ſo hatte Eveline doch von Jenny gehört, daß dieſe ſogleich abreiſe, alſo die — 24— Hoffnung des andern Tages eine Stunde mit ihr zuzubrin⸗ gen vergeblich ſei. Recht aufrichtig hatte ſie es daher be⸗ klagt, daß ſie gerade den einzigen Tag abweſend war, wo ſie die Jugendfreundin nach ſo langer Zeit einmal ordentlich hätte ſprechen können. Beide Mädchen verhießen ſich da⸗ her gegenſeitig nächſtens einen Beſuch, ohne zu bedenken, wie Vieles denſelben hindre. 3 Als Miß Atwood und ihr Begleier ein Strecke hin⸗ weg waren, rief Jenny aus:„Ja ſie iſt noch dieſelbe gute Eveline wie ſonſt, ihr Glück, ihr Reichthum haben ſie nicht verdorben. Aber iſt Sir Harry ihr Bräutigam, lieber Va⸗ ter?“—„Es heißt allgemein, Sir Atwood wünſche ſeinen Sohn mit ſeiner Nichte zu verheirathen.“—„Vater“— fuhr William mit einem Tone auf, der ihn verrathen mußte, wenn er auch nichts hinzugeſetzt hätte—„Vater, iſt das wahr? Unmöglich!“— Der Alte ſah ihn ernſt an und ſprach:„Lieber Sohn, es iſt ſo und ſcheint mir na⸗ türlich. Du ſcheinſt tief davon getroffen zu werden!“ William ſchwieg einen Augenblick, dann ſprach er:„Und warum ſollte ich's meinem Vater, meiner Schweſter, die mir die Nächſten in der Welt ſind, nicht geſtehen, daß ich dieſes ſchönſte aller Herzen tief, unüberwindlich liebe? Ihr werdet es begreifen und, ſo unmöglich es mir iſt, ſie zu beſitzen, mich nicht mit der kalten Klugheit des Verſtandes für meine Thorheit ſchelten. Ich, der arme William, der kaum ſich ſelbſt ernährt, der aus Liebe zu den Wiſſenſchaf⸗ ten eine vielleicht zu äußerm Glück führende Bahn nicht zu betreten vermochte, der alſo weder dereinſt Schätze zu hoffen, noch jetzt in die Wagſchale zu legen hat, mit welcher Sir Atwood ſeine Nichte und ihren Werth abwägt— ich der ich— genug, ich weiß am beſten, wie wenig Hoffnung ich habe! Aber dennoch glaub' ich, Ihr werdet mich nur un⸗ glücklich, nicht thöricht nennen!“—„Dein Herz hat ſchön, aber unglücklich gewählt,“ ſprach der Vater mit tiefbewegter Stimme!— Jenny legte ihren weichen Arm um des Bruders Nacken und ſchmeichelte ihm mit der andern Hand. „Mein guter Bruder! Ach wüßte Eveline, daß Du ſie liebſt, gewiß würde ſie Dich wieder lieben. Sie iſt zu gut!“—„Ich glaube ſie weiß es,“ ſprach William; nſeit einigen Monaten, dächte ich, müßte ſie es wiſſen. In London, wo ich den Winter über mit meinen Zöglingen zubrachte, da Sir Blunt(ſo hieß der Kaufmann, bei deſſen Kindern William Hauslehrer war) ſeiner Verwandten und auch ſeiner Geſchäfte wegen ſtets zu dieſer Jahreszeit dort wohnt, trafen wir mehrmals in Geſellſchaften zuſammen, wo ich mich viel an ſie anſchloß. Die Zeit ihres dortigen Aufenthalts war damals ihrem Ende nahez ich wußte, daß ſie hieher zu Sir Atwood zurückkehren würde. Wenige Tage vor ihrer Reiſe fanden wir uns in einem kleinen, vertrauten Kreiſe; zufällig war Eveline an das Fenſter ge⸗ treten und blickte auf die geräuſchvolle Gaſſe hinaus. Ich trat zu ihr; wir ſtanden von der Geſellſchaft einen Augen⸗ blick abgeſondert und, da man eben Kupferſtiche beſah, völ⸗ lig unbeachtet. Ich fragte nach ihrer Reiſe, wir ſprachen von unſerm heimatlichen Dörfchen, unſerer Jugend— da übermannte mich das Gefühl, die Sprache verſagte mir, ich ergriff Evelinens Hand und bedeckte ſie mit heißen Küſſen. Sie zog ſie ſehr ſanft zurück und trat der Geſeell⸗ ſchaft wieder näher.“—— Indem erſchallte der Knall einer Peitſche; es war Georg, der ſchon längſt an der verabredeten Stelle hielt und un⸗ ſern Freunden das Zeichen gab. „Armer Bruder!“ rief Jenny;„ach das unglück⸗ ſelige Geld! Ich wünſchte Dir, daß plötzlich eine Nach⸗ Reliſtab, Geſ. Schr. Neue F. III. 2 er zog ſein Schnupftuch aus der Taſche. Wer es hätt — 26— richt von dem verlorenen Ohm käme und Du recht große Schätze von ihm geerbt hätteſt!“—„Jenny!“ ſprach der Vater ernſt,„wünſchteſt Du wirklich Deines Oheims Tod?“—„Gewiß nicht, beſter Vater,“ erwiderte dieſe, naber ich denke, er iſt längſt dahin; ich habe ihn ja nie ge⸗ kannt und ihn mir nur immer todt gedacht! ¶ũm—=„Es iſt freilich nicht anders zu glauben,“ ſprach der Vater be⸗ wegt,„aber ich träume doch noch immer von ſeiner Wie⸗ derkehr! Doch Ihr müßt eilen.“. Sie gingen zuſammen bis an das Cabriolet, nahmen Abſchied und James Skey kehrte auf der großen Straße, langſam fortwandelnd, in ſeine einſame Wohnung zurück. 3 „Viertes Capitel. 2* „Goddam! Ich laſſe mich kielholen, wenn ich noch einmal in meinem Leben eine ſo verfluchte Poſition nehme,“ rief unſer Fremder, als ihm James Skey und ſeine Kinder aus den Augen waren, und trat aus dem Buſch hervor. „Komm Thoms, die See iſt offen, lichte die Anker, wir ³ können auslaufen!“—„Gleich Patron,“ rief Thoms und ſtand ſo raſch auf ſeinen zwei Füßen, als ob die Erde auf 4 eine Sandbank gerathen wäre und der Stoß ihn aufge⸗ ſchnellt hätte. Als der Patron und Thoms in offener See waren, ſchauten ſie ſich um; Thoms in der ganzen Land ſchaft, der Patron nur nach der Seite, wo das Dörfchen 4 lag. Ich weiß nicht, wollte er eine Flagge aufziehen, aber 85 A „ 3 F — 27— zählen wollen, müßte bemerkt haben, daß er ſich wenigſtens ſechs mal über die Augen fuhr und ſie endlich zuhielt, aber, ſeltſam genug, doch noch nach dem Dorfe hinunter⸗ blickte. Endlich ſagte er:„Haſt Du gehört, Thoms, was hier erzählt worden iſt, und haſt Du geſehen, was vor⸗ ging?“—„Geſehen, Patron, habe ich faſt nichts als den blauen Himmel. Aber gehört habe ich ſo viel, als in meine zwei Ohren Engliſch hineingehen wollte; es war ja die ſchönſte Windſtille. Kein Fiſch hätte vorbeiſchwimmen kön⸗ nen, den man nicht gehört hätte.“—„Wie haben Dir die Geſchichten gefallen, Thoms?“—„So, daß ich gleich wieder zur See gehen möchte; denn es geht uns da nicht halb ſo ſchlecht als den Leuten auf dem Lande!“—„Du haſt recht, Thoms. Mir iſt auch ſo allerlei durch den Kopf gefahren! Höre, alter Seeräuber, wir wollen ein Re ſchlagen. Ich wüßte ſo nicht, was Lieutenant Mowbray und⸗Hawkins dazu ſagen würden, wenn wi ſie heut Abend den Grog in der Anker⸗Taverne zu New⸗Caſtle allein trinken ließen.“—„Meinethalben, rief Thoms, wenn Ihr die Fahrt ändern wollt, mir kanns recht ſein.“— „Halt einmal Thoms! Weißt Du noch, was Du zu thun hatteſt, als wir vor vier Jahren dem Algierer auf⸗ lauern wollten?“—„Was werd' ich's nicht wiſſen! Ich faſſe immer an meinen Hals, wenn ich dran denke, und fühle, ob eine Seidenſchnur darum liegt. Aber ehrlich ge⸗ ſagt, ich glaube, mit mir Chriſtenhund hätten ſie nicht ſo viel Umſtände gemacht, ſondern mich mit einem gewöhnli⸗ chen Strick aufgehängt. Denn ſeht, Patron, der Ali Mu⸗ ſtapha war Euch ein Filz ſonder Gleichen.“—„Baſta! Ich weiß das Thoms. Höre, ich habe Luſt, Deinen Hals noch einmal in Gefahr zu bringen!“—„Soll ich wieder den Spion machen? Hol's der Teufel, wenn man klug 2* iſt; man hat nichts davon als den Galgen!“—„Deſto ſicherer biſt Du vorm Erſaufen. Thoms! Ich habe den Plan zu einer ſchönen Fahrt gemacht. Ich will gegen et⸗ liche Kaper kreuzen, ein paar Sklavenhändler aufjagen und ihnen die verbotene Waare abnehmen, einen Hafen blocki⸗ ren und endlich einen Brander an ein feindliches Admi⸗ ralſchiff hängen, daß es mit Mann und Maus in die Luft ſoll.“— Thoms ſah den Patron verwundert an und nickte: „Meinethalben! und was ſoll ich dabei zu thun ha⸗ ben?“—„Dus Vielerlei. Erſtlich mußt Du mit einem Schnellſegler voraus, um mir auszukundſchaften, wo der Kaper liegt. Dann mußt Du an Bord und ſeine Fahrt ausſpioniren, dann“—„Patron, ich weiß ſchon, es ſind wieder die gewöhnlichen Aufträge. Aber wahrhaftig, ich glaube, Ihr achtet meine Gurgel nur deshalb ſo gering, weil nicht Hund noch Hahn darnach kräht, wenn ſie umge⸗ dreht wird. Schon längſt habe ich heirathen wollen, damit mein Hals nicht immer zur Probe beim Aufhängen ge⸗ braucht würde. Wenn ſechs Kinder hinter mir her nach Brot ſchrien und eine Frau um mich heulte, ſo könnt' ich mein Leben um die Hälfte in der Aſſecuranz herabſetzen laſſen. So ſteht es ſo hoch, wie Munition, die in den feindlichen Hafen geführt werden ſoll. Aber was ſoll nun werden? Meine Ladung habe ich(er meinte das Bündel auf der Schulter) ſoll die Fahrt losgehen; und wohin?“—„Alter Schwätzer! hab' ich Dir's nicht ſchon geſagt, daß wir unſere Lieutenants den Grog nicht allein in New⸗LCaſtle trinken laſſen dürfen?“—„Nun, Patron, wenn ich das verſtehe, ſo will ich mit vollen Segeln auf ein Korallenriff rennen. Wir laufen von New⸗Caſtle aus, Ihr ſagt nicht wohin, macht aber Anſtalten, als ſollt' es über die Südſee gehen, und noch eh' wir aus ſüßem — 29— Waſſer ſind, ſteuern wir wieder heim! Goddam! Ich habe Subordination und frage bei keiner Ordre warum, denn ich rieche den Braten gewöhnlich weit genug; aber weshalb wir vor dem Neſte gekreuzt haben, das“—„wirſt Du vielleicht auch einmal erfahren,“ unterbrach ihn der Patron. Sie ſegelten ab, gerade des Weges, den ſie gekommen waren.+ Schwerlich würde irgend einer der Leſer erfahren, wer die beiden närriſchen Tröpfe geweſen ſind, wenn ichs nicht erzählen wollte. Es gehört nur der Verſtand eines ſechsjäh⸗ rigen Kindes dazu, um zu merken, daß der Patron ein Schiffscapitain und Thoms ihm ſubordinirt war. Aber Thales von Milet hätte nicht errathen, daß unſer Capitain Sir John Loſt hieß und Thoms eigentlich nichts war als ſein Begleiter; außerdem war er jedoch Alles geweſen: Steuermann, Bootsmann, Schiffskoch, Schiffschirurgus, Schiffszimmermann, denn er verſtand dies Alles aus dem Grunde. Nebenbei hatten nicht drei Schiffsjungen auf der ganzen Flotte ſeiner großbritanniſchen Majeſtät ſo viel Ge⸗ wandtheit in allerlei Verſtellungskünſten, Kniffen und Pfiffen und doch dabei ſo viel Ehrlichkeit und Subordi⸗ nation als Thoms. Er war daher ein Mann, dem man einen ſchwierigen Auftrag wol anvertrauen konnte. Capi⸗ tain Loſt, der immer die ſeltſamſten Abenteuer ſuchte und fand, brauchte zu einem Plane, der ihm vor der Hand noch wie eine Schwalbe überm Waſſer kreuz und quer durch den Kopf ſchoß, gerade einen ſolchen vieleckigen, viel⸗ farbigen Helfershelfer, den er einflicken konnte, wo er wollte, ohne das Muſter des Ganzen zu ſehr zu ſtören. Eine Art Hauptſchlüſſel für die vielerlei Thüren, durch die er zu ſchleichen gedachte. Aber laßt ſie in Gottes Namen nach New⸗Caſtle in die Anker⸗Taverne wandern. Da der — 30— Mond bald aufgeht, hoffe ich, ſie werden auch ohne mich glücklich daſelbſt anlangen. Wir aber gehen ins Dorf hinunter. Es heißt— denn meine Leſer ſind längſt verdrießlich, daß ich ihnen noch nicht Gelegenheit gegeben habe zu unterſuchen, ob es auch auf ihrer Karte von England ſteht— Greenhill. Gleich vorn wohnt unſer alter Freund James Skey, in einem kleinen, ärmlichen, aber doch freundlichen Häuschen, das die künſtliche Felſeninſel in dem grünen Baſſin eines Gärtchens bildet, deſſen Frucht⸗, Gemüſe⸗, Kraut⸗, Buſch⸗ und Blumenpartieen ſich ringsumher ſchlängeln. Eine große Linde vor der Thüre ſpielt die Rolle der Hausmutter für die übrigen Gewächſe, denen ſie ſämmtlich, wie die Sonne hinter ihr herumrückt nach und nach ihren kühlen Schatten überwirft. Außerdem hauchen ihre blühenden Zweige ſüßen Duft aus und locken die ſummende Bienen⸗ ſchar an, deren Burg von drei Stockwerken unfern davon ſeitwärts am Häuschen aufgeſchlagen iſt. Zugleich iſt die Linde eine alte Hauschronik. Denn ſchon als Knabe hatte James ſeinen und ſeines Bruders John Namen darin einge⸗ ſchnitten, ſpäterhin den ſeiner Molly, nebſt ihrem Hochzeittage, das Datum der Flucht des Bruders, die Geburt Williams (alle drei Facta nachträglich, denn damals wohnte James noch in New⸗Caſtle), die Geburt Jenny's, Molly's Tod. Kurz Alles, was ihn in ſeinem Leben Nauhes und Mildes getroffen hatte, war auf dem Stamm des Baumes einge⸗ zeichnet und wuchs und verwuchs mit ihm, ſodaß ſich Ja⸗ mes freuen konnte, wenn die Wunden der Rinde vernarb⸗ ten, weil mit ihnen zugleich die ſeines Herzens heilten und verwuchſen. Von den Freuden ſeines Lebens bedeuteten da⸗ gegen die Merkzeichen im Baum vor der Thür nur die Saatzeit oder den erſten Durchbruch der Keime, die nach⸗ — 31— her im Baum des Lebens als friſche, blühende Zweige fort⸗ wuchſen und Früchte trugen, wie z. B. ſeine lieben Kinder, deren Geburtstag der Baum aufbewahrte. Daher war unſerm James der Baumſtamm lieber als ein Stamm⸗ baum. Indem ich eine genaue und ſauber colorirte Zeichnung von Skey's Landwohnung vor mir habe, ſo wäre mir nichts leichter als ſie dem Leſer noch viel ausführlicher ab⸗ zuſchattiren oder ihm durch den Druck eine Art Steindruck davon zu geben. Allein er ſchenkt mir's gewiß gern, zumal wenn ich ihm dagegen das Verſprechen gebe, einige nicht unwichtige Theile von dem ſchönen Wohnhauſe(ein Deut⸗ ſcher dürfte wol Palaſt ſagen) zu ſchildern, in dem Eveline, wenige Hundert Schritte davon, dem Patriarchen Skey ſchräg gegenüber⸗wohnte. Sie war mit ihren beiden Begleitern unlängſt daſelbſt angelangt, die hinter ihrem freundlichen Angeſicht herzogen wie der lange Kegelſchatten des Mondes hinter ſeinem glän⸗ zenden Haupt. Ich muß aber ſagen, wo ſie vorbeikamen. Zuerſt an Skey's Haus, welches Eveline mit froher Rüh⸗ rung betrachtete, weil ſie der Stunden der Kindheit, die ſie darin verlebt, gedachte, deren nachſchimmernde Farben eben durch Jenny's unvermutheten Anblick aufgefriſcht waren. Dann an der Schenke, einem ganz leidlich eingerichteten Wirthshauſe, in deſſen unteren Zimmern die Officianten der Fabrik und die ſonſtigen Honoratioren des Dorfes(den Fürſten Atwood ungerechnet) ihren Krug Porter zu trinken und die Zeitungen zu leſen pflegten, welche letztere beſon⸗ ders James Skey als eifriger Patriot mit herzlicher Wärme für das Vaterland ſtudirte. Hierauf führte ſie der Pfad über den Steg des Baches und jenſeit deſſelben quer über den durch das Dorf laufenden Weg nach dem Hauſe Sir — 32— Atwood's, deſſen Fronte ſich nach beiden Seiten durch ein glänzendes Gitter verlängerte, das die Käfigmauer um den ſchönſten Park und Blumengarten bildete. Längs dieſes Gitters waren die Beſitzer auf einem wohlgewalzten Kies⸗ wege bis an die Hauspforte gelangt, die auf einen ſteiner⸗ nen Perron, zu dem breite, ſchöne Treppen emporliefen, hinausging; der Thorweg war weiter hinunter am Ende des Gebäudes befindlich.— Der Leſer kennt nun den wich⸗ tigſten Theil des Dorfes und der Außenſeite des Schloſſes. Ich führe ihn daher jetzt gerade ins Geſellſchaftszimmer, wo Miß Eveline mit ihrem Oheim und Vetter eben angelangt war und an eins der Fenſter trat, die, über dem Perron gelegen, zwiſchen die hohen Pappeln vor dem Hauſe hin⸗ durch den Blick über die gegenüberſtehenden Häuſer und die Gärten des Dorfes gewährten, welche ſich in die Felder gegen die Hügelkette hinauf verliefen. Harry hatte ſich mis⸗ muthig und ungeſchickt auf ein Kanapee geworfen und ſpielte mit ſeiner Reitpeitſche. Sein Vater ſchritt auf und ab durch's Zimmer und ſchien eine Parlamentsrede einzu⸗ ſtudiren. Nach einigen Minuten forderte er den Sohn auf, in das Comptoir hinabzugehen, um zu ſehen, ob Briefe da wären; ein Wink der Augen commentirte die Phraſe dahin, daß er mit Evelinen allein zu ſein wünſche. Harry ging. Der Alte, der darauf gedacht hatte, ein Geſpräch mit der Nichte fein einzuleiten, fing es, wie er mit den rauhen und groben Fühlfäden ſeiner Seele gar keine leichte Bahn zu der Stimmung eines Andern zu ermitteln im Stande war, ſo ungeſchickt an als möglich. Er huſtete drei Mal, in der Erwartung, daß Eveline ſich umſehen möchte; allein ſie ſchien zu ahnen, was vorgehen ſollte, und halb aus Scheu, halb auch— wer vergäbe es ihr nicht?— aus dem edlen weiblichen Stolz, ihrem Oheim auf einem Wege, der die — 33— zarteſten Punkte der Weiblichkeit berühren ſollte, auch nicht einen Schritt entgegenzukommen, wandte ſie ſich nicht um, ſondern blickte nur um ſo ſtarrer in die dämmernde Abend⸗ landſchaft hinaus. Sir Atwood mußte daher wol den erſten Schuß thun und begann:„Miß Eveline, Sie ſind neun⸗ zehn Jahre alt; mir däucht daher, es wäre Zeit für Sie, auf eine ſchickliche Verbindung zu denken.“—„Mir daäucht, lieber Oheim,“ erwiderte ſie,„man müſſe dies der Fü⸗ gung der Umſtände überlaſſen.“—„Ganz meine Meinung; allein die Umſtände haben ſich ſchon gefügt.“—„Wie? Ohne daß ich es wiſſen ſollte,“ verſetzte Eveline lebhaft.—„Sie hätten es wenigſtens wiſſen können,“ erwiderte der Oheim. „Mit einem Wort, Sie müſſen bemerkt haben, daß mein Sohn Harry ſich mit aller Aufmerkſamkeit eines jungen Mannes von Bildung um ihre Gunſt bewirbt, und ich glaube dem Wunſche meines ſeligen Bruders nachzukommen, wenn ich meine Einwilligung zu dieſer Verbindung gebe.“— Eveline hatte es längſt geahnet, zum Theil auch durch die dritte Hand in London als gewiß erfahren, daß ihr Oheim den Plan habe, ſie mit ihrem Vetter zuſammenzuketten, nur um ihr Vermögen in das ſeinige hineinzuſchmelzen. Schon deshalb fühlte ſie daher ein edles inneres Widerſtre⸗ ben gegen dieſe Verbindung, wo zwei Herzen und Hände nur als Acceſſorium zu zwei Kiſten mit Gold in den Schmelztiegel des Lebens zuſammengeſchüttet werden ſollten; aber noch entſchiedener ſprach ihr Herz ein Nein zu dieſem Antrag, weil die flache Rohheit ihres Vetters ihr unleeidlich war; und am entſchiedenſten, weil ein edleres Bild in ihrem Herzen ruhte, wiewol in der tiefſten Tiefe deſſelben verbor⸗ gen, ſo daß ſie ſich ſelbſt ſein Daſein kaum zu geſtehen wagte. Es war William, den ſie mit jener jungfräulichen Scheu liebte, die weit mehr eine dunkle Ahnung, als das 2** 4 84... Bewußtſein ihrer Empfindung hat. Sie erröthete daher bei Sir Atwood's Worten faſt noch mehr aus Unwillen, als aus Scham, und, wiewol ſchüchtern, doch feſt antwortete ſie ihm:„Mein Vetter ſcheint faſt keine Neigung mit mir gemein zu haben, aber noch weniger eine für mich; ſoll ich's Ihnen offen geſtehen, ſo muß ich auch von mir ſagen, daß ich nur diejenige Liebe für ihn fühle, die unſer ver⸗ wandtſchaftliches Verhältniß mit ſich bringt.“— Sir Atwood, der jene innere Scheu gering denkender Seelen vor Eveli⸗ nens edlerem, ſelbſtändigem Geiſte hatte, war mit einiger Zaghaftigkeit an ſeinen Plan gegangen. Der Widerſtand aber erbitterte ihn, und nun trat die, gleichfalls gemeinen Seelen eigene, Feindſchaft gegen die edleren Empfindungen eines ſchönen Herzens hervor, die ſie haſſen, theils weil ſie ſich nicht dazu erheben können und doch insgeheim die höhere Natur derſelben anerkennen müſſen, theils weil ſie ſich da⸗ durch häufig in ihren gemeinen Abſichten gehindert ſehen. Hochroth vor Aerger, ein paar Windſtöße von Athem aus⸗ ſchnaufend und mit einigen tiefen Furchen auf dem un⸗ fruchtbaren Stoppelfelde ſeiner Stirn warf er in einem ſchneidenden Tone die Worte hin:„Ihr Vetter ſcheint Ihnen nicht gut genug, Miß! Sie achten das Andenken Ihres Vaters wenig, wenn Sie einem Vorſchlag, der ſeinen Lieb⸗ lingsplan ausſpricht, einen ſolchen Trotz entgegenſetzen! Frei⸗ lich, Harry ſchreibt weder Romane noch Sonette!“—„Lie⸗ ber Oheim, Sie kränken mich unverdient. Das Andenken meines Vaters iſt mir theuer, Plane, wie der ſeinige, ent⸗ wirft wol Jeder in der Hoffnung, daß ſie einſchlagen wer⸗ den. Allein wie ich mich meines theuern Vaters erinnere, ſo würde er niemals auf eine Verbindung blos deshalb ge⸗ drungen haben, weil ſich die äußern Verhältniſſe paſſend finden. Er hat mir in mein kindliches Herz unvergeßliche — 35— Lehren geprägt und mir Aufrichtigkeit der Geſinnung, Wahrhaftigkeit der Bekenntniſſe meines Herzens zur erſten Pflicht gemacht. Dieſer bin ich jetzt nachgekommen. Woll⸗ ten Sie es anders? Sollte ich eine Empfindung heucheln, die ich nicht habe? Nein, wahrlich, ich fürchte in dieſem Augenblick nicht, das Andenken meines Vaters entweiht zu haben. Mein Herz ſpricht mich völlig frei.“— Sir At⸗ wood ſchoß während dieſer Antwort ſeiner Nichte im Zim⸗ mer auf und ab und ärgerte ſich, daß er ſein Ohr und ſeine Vernunft der ſchlagenden Wahrheit dieſer Erwiderung nicht ſo unzugänglich machen konnte, wie ſein Herz es war, wenn man anders ein Ding ſo nennen kann, das mit an⸗ derer Leute Herzen nur die anatomiſche Aehnlichkeit hatte, eigentlich aber, beſonders jetzt, eine moraliſche Gallenblaſe war. Sein größter Verdruß war, daß er nichts zu erwi⸗ dern wußte, weil Eveline ihm ſo entſchieden und ganz ohne weibliche Aengſtlichkeit geantwortet hatte, auf die er, weil ſie ſie ſonſt überall zeigte, am ſtärkſten bei ſeiner Berennung gehofft hatte. Indeß hatte er Luft genug in ſeine Lunge gepumpt, um einige neue Brandraketen gegen den Feind zu ſchießen. Eben wollte er Feuer geben, als Harry mit zwei Briefen eintrat, die nicht nur ein ominöſes Citissime auf dem Couvert trugen, ſondern auch mit der wichtigeren For⸗ mel:„zu eigener Hand!“ verſehen waren.„Gib her,“ er⸗ widerte er heftig dem Bringenden und riß die eine De⸗ peſche auf. Allein nach der erſten Zeile ging eine merkliche Verwandlung auf ſeinem Geſichte vor. Der Anflug von calecuttiſchem Roth und Blau wurde durch einen Proceß in ſeinem Innern offenbar chemiſch zerſetzt und löſte ſich in eine blaßgelbgraue Gewitterwolkenfarbe auf, in der auch merkliche Blitze zuckten, beim Weiterleſen. Einige Abend⸗ rothſtreifen des Aergers hingen noch an dem fahlelt Hori⸗ — 36— zont, blaßten aber bald nach, beſonders als er auch den zweiten Brief durchlaufen hatte. Sogar Harry bemerkte, daß die Briefe wie ſcharfe Lauge ſeinem Vater die Farbe auszogen; wie viel mehr Eveline, die durch das Wiſſen von ſeinem vorigen Affect auf die Stärke des jetzigen ſchlie⸗ ßen konnte, der jenen völlig neutraliſirte und doch noch als eigene ſcharfwirkende Agens übrigblieb. In ihr wei⸗ ches Herz kehrte daher ſogleich die Theilnahme wieder ein; ſie trat näher zu und fragte:„Sie erhalten doch nicht un⸗ angenehme Nachrichten, lieber Oheim?“—„Nichts!“ erwiderte er mehr kleinlaut und haſtig als verdrießlich; nin ausgebreiteten Handelsgeſchäften fallen oft Unannehmlich⸗ keiten vor. Harry ſchicke mir doch Herrn Spring(es war der erſte Buchhalter) auf mein Zimmer.“— Mit dieſen Worten ging er ſelbſt dahin, Harry hinaus und Eveline in das ihrige. Als ſie dort vor die Bilder ihrer beiden Aeltern trat, deren Züge ihr nur noch unbeſtimmt aus dem Dämmerlicht entgegenſchimmerten, überfiel ſie der Gedanke, daß ſie eine Waiſe ſei und in ernſten Fällen des Lebens Niemand be⸗ ſitze, dem ſie ein Tochter⸗ oder Schweſterherz öffnen könnte, mit ſolcher Wehmuth, daß ſie in bittere Thränen ausbrach und in ſtilles Weinen verſunken auf dem Sopha ſitzen blieb, bis das Dunkel der Nacht tröſtend und ſtill ſich über ſie herabſenkte. — 3474— Fünktes Capitel. Ein Grandiſoniſcher Noman wäre mir zu kurz, wenn ich dem Leſer die Geſchichte meiner Perſonen Tag für Tag erzählen ſollte und nicht die literariſche Freiheit behielte, vom Ende eines Capitels bis zum Anfang eines andern unterweilen etliche Wochen Zeit in die Kluft der Ewigkeit zu ſchütten, ohne ſonderliche Rechenſchaft davon zu geben. Wer ſich daran ſtößt, daß er auf einer Breite von andert⸗ halb Fingern— wenn die Zwiſchenſatzſtücke in den Drucke⸗ reien dieſe wohlthätige Ausdehnung für einen Schriftſteller haben, der nach Bogen bezahlt wird— ſechs Wochen Zeit conſumiren ſoll, der bedenke, daß er mit denſelben Fingern auf einer Generalkarte unſerer Hemiſphäre das halbe ruſſiſche Reich zudeckt, das doch größer iſt als der Mond und das er in ſechs Wochen nicht einmal als Cou⸗ rier durchreiſen könnte. Er halte mir's alſo zu Gute, wenn es auf meiner Generalkarte von dem Leben, den Thaten und Geſinnungen meiner Helden, Heldinnen, zweiten Lieb⸗ haberinnen, Confidenten, ſpitzbübiſchen Bedienten, Charak⸗ terrollen, Nebenperſonen und Statiſten u. ſ. w. in dieſer Novelle ebenſo geht. Der Leſer denke ſich alſo meine ſämmtlichen Figuren und Facta jetzo um ſechs Wochen äl⸗ ter und freue ſich, daß er's nicht ſelber iſt. Mam wird ſich entſinnen, daß der Weg von James Skey's Hauſe zu dem Palaſt des Sir Atwood unfern der Skeyſchen Wohnung an dem Hötel des Princes oder des Quatres Saisons, oder dem Weidenbuſch unſeres Dörfchens Greenhill vorbeiführte; eine Namensparaphraſe, die Jeder verſtehen wird, der in Paris, Wiesbaden oder Frankfurt — 38— jemals geſchlafen oder an einer Table d'hoͤte gegeſſen hat. Das berühmte Hötel, zugleich Caſino und Reſſource von Greenhill, lag dem Palaſt Atwood ſchräg gegenüber, je⸗ doch ſo, daß deſſen verlängerte Gartenfronte ſich noch bis über die Thür des Hötels hinaus erſtreckte und man daher, wenn man aus dem Wirthshauſe zum Fenſter hinausſah, mit Bequemlichkeit Jemand bemerken konnte, der in At⸗ wood's Park nahe am Gitter ſpazieren ging. Es trat aber der umgekehrte Fall ein. Nämlich Herr Atwood ging am frühen Sommermorgen, mit einem indiſchen Schlaf⸗ rock drappirt, den wandelnden Schlott und das Geblaͤſe einer langen Meerſchaumpfeife zwiſchen Hand und Mund, die Allee auf und ab und ſah ziemlich verdrießlich aus, wie ihn denn ſeit ſechs Wochen, oder ſeit dem vorigen Ca⸗ pitel, noch Niemand recht heiter geſehen hatte. Er blieb oft vor einem Nelkenbeet ſtehen und putzte hie und da einen welken Trieb mit einem Gartenmeſſer heraus; mit jedem Schnitt in die Blumen ſchnitt er aber auch eine neue Falte über ſein Geſicht, ungefähr als ob er ſich ſelbſt jedesmal dabei ein Haar ausrupfte. Nach einiger Zeit warf er ſeinen Blick quer hinüber nach dem Hötel⸗de⸗Greenhill, wo Bloom, des Wirths ſeit drei Wochen neuangenommener Hausknecht, auf der Bank vor dem Fenſter ſaß und die Morgenpfeife rauchte. Als er bemerkte, daß Herr Atwood nach ihm herüberſah, ſtand er höflich auf und nahm ſeine grüne Ledermütze grüßend ab.„Guten Morgen, Bloom,“ rief Sir Atwood;„höre Freund, Du könnteſt mir einen Gefallen thun.“—„Mit Vergnügen, Sir,“ erwiderte Bloom,„wenn es in meinen geringen Kräften ſteht.“— „Gewiß. Du haſt mir neulich die Roſenbäume ſo gut ausgeputzt und angebunden; ſie ſtehen, daß es eine Pracht iſt. Aber hier die Nelken wollen nicht recht vorwärts. — 39— Mein Gärtner hat zu viel zu thun und ſeine Gehülfen ſind ungeſchickte Eſel. Jetzt iſt die Obſtzeit und ich laſſe hinten im Park eine neue Partie anlegen, darüber wird mir die ganze Blumenflur hier vorn verſäumt. Hätteſt Du wol ſo viel Zeit übrig, Dich ein wenig darum zu be⸗ kümmern? Es ſollte Dein Schaden nicht ſein.“—„Ei, Sir, mit Vergnügen; wer verdient nicht gern ein paar Schil⸗ linge?“— Bei dieſen Worten war Bloom mit ſeinen lan⸗ gen Beinen ſchon quer über die Straße geſchritten und ſtand dicht am Gitter. Sir Atwood öffnete eine kleine Pforte mit einem Schlüſſel und der Blumendoctor trat ein, ohne den Umweg durch das Haus und große Gartenthor ma⸗ chen zu dürfen.„Ei, Sir, Ihre Nelken ſind ſchlecht gehalten,“ ſprach Bloom, nachdem er einen Blick über das Beet gewor⸗ fen hatte.„Was ſind das für Schmarotzer da unten! Und wie viel Unkraut dazwiſchen! Und wie nachläſſig angebunden, daß die ſchönſten Knospen durch ihre eigene Schwere abbre⸗ chen! Indeß ich will bald Alles in Ordnung haben.“ Wäh⸗ rend er noch ſprach, machte er ſich ſchon dabei, um auszu⸗ gäten, abzurupfen, aufzurichten, zu binden u. ſ. w. Sir Atwood ſah ihm, die Pfeife rauchend, ſo wohlgefällig zu, als es bei dem trüben Wetter ſeines Angeſichts möglich war. Es entſpann ſich zwiſchen Beiden folgendes Geſpräch. Sir Atwood. Sage mir Freund, was biſt Du eigent⸗ lich Deines Handwerks? Mir däucht, Du ſollteſt mehr als Hausknecht ſein. Gleich am erſten Tage, als Du ankamſt, ich habe es wol geſehen, halfſt Du dem Glaſer die von dem großen Hagelwetter zerſchlagenen Scheiben einſetzen, als wenn Du ein ſtudirter Glaſer wärſt. Dann haſt Du den zierlichen Taubenſchlag da drüben gebaut, ſodaß Du ein Patent als Tiſchler⸗ und Zimmermeiſter löſen könnteſt. Hier verſtehſt Du mehr als mein Gärtner und doch ver⸗ — 40— ſiehſt Du Deinen Hausknechtsdienſt pünktlich und ordentlich, und Nascal(ſo hieß der Gaſtwirth) ſagt, kein Menſch verſtände ein Pferd beſſer zu behandeln, als Du, ja Du ſparteſt ihm den Viehdoctor durch Deine Tränke und Um⸗ ſchläge. Sag' mir nur, was biſt Du eigentlich? Bloom: Je nun, Sir, aufrichtig geſagt, Nichts und Alles. Aber ich habe zwei offene Augen und zehn flinke Finger; was ich ſehe, ſehe ich mir ordentlich an und dann kann ich's bald nachmachen. So habe ich mich von Jugend auf in allerlei Handgriffen geübt. Aber ich bitte Euch, Herr, ſeht wie dieſe Nelke gebunden iſt! So ungeſchickt hätt' ichs wahrhaftig beim erſten Male nicht gemacht(Sir Atwood ſagte nichts, als:„Hm, Hm,“ denn er hatte ſie ſelbſt gebunden))—— Ich bin auch viel in der Welt herumgekommen, habe in des Königs Landarmee und in Seiner Majeſtät Flotte gedient; bin verwundet und gefan⸗ gen geweſen und von zwanzig Völkerſchaften wenigſtens habe ich ſchon aufgehängt werden ſollen. Doch, wie Ihr ſeht, iſt mein Hanf noch nicht gewachſen. Sir Atwood. Aber ich dächte, Bloom, bei Euern Ge⸗ ſchicklichkeiten könntet Ihr mehr ſein als Hausknecht? Bloom: Ich bins auch nur ad interim. Der ehrliche Dummkopf, der vor mir hier bei Herrn Rascal im Hauſe war, iſt ein Gevattersmann von mir. Er iſt aus der Ge⸗ gend von Birmingham zu Haus und hat dort eine Erb⸗ ſchaft gethan, die er gern ſelbſt holen wollte; als ob ihn die Leute nicht noch mehr betrügen würden, wenn ſie ſehen, wie dumm er iſt! Indeß der Menſch will ſeinen Willen haben, und da bat er mich, der ich mit einem alten Lord, den ich auf Reiſen begleitet habe, eben in New⸗Caſtle angelangt war, doch auf ſechs Wochen ſeinen Dienſt zu übernehmen, damit er ihn wiederfände, wenn er zurückkäme.— Sehen 4 . — 41— Sie, Sir, wie jetzt die Nelken ſtehen? In zwei Tagen ſol⸗ len Sie Ihre Freude an dem Beet haben. Aber God⸗ dam! unſere Fremden ſind wach; da muß ich doch hinüber. Eben ziehen ſie die Gardine auf. Sir Atwood. Ja, das ſind ein Paar ſeltſame Käuze! Seit drei Tagen ſitzen ſie hier im Dorfe, als wenn es eine Stadt wie London wäre, wo man alle Tage was Neues zu ſehen bekäme. Ich dachte anfangs, ſie wollten meine Fabrik beſehen, wie es denn immer Spione dieſer Art gibt, allein ſie kümmern ſich gar nicht darum. Sie ſchleichen durch's Dorf, ſehen ſich ein Haus nach dem andern an und kriechen wieder in Euern Gaſthof zurück. Wie heißen ſie denn eigentlich? Bloom hatte während dieſer Worte ſeine Jacke, die er der Arbeit wegen ausgezogen, wieder angethan und ſich die Erde abgeklopft.„Ja, Sir,“ erwiderte er geheimniß⸗ voll,„der Name iſt wol hier das Wenigſte. Ich bin ihnen ſo ein bischen auf der Fährte.“—„Bloom!“ rief eine Stimme,„Bloom!“—„Aber der Teufel, wer ruft mich— (es war Rascal, der Wirth) Guten Morgen, Sir!“ Da⸗ mit ſprang er hinaus und hinüber, ohne auf die Schillings⸗ ſtücke zu warten, die Herr Atwood ſchon für ihn aus ſei⸗ ner grünen Börſe gezogen hatte. Dieſer ſetzte ſeinen Spaziergang fort; doch der blaue, heitere Himmel, die lieblichſten Sonnenblicke, die durch das Laub äugelten und lächelten, der von friſchen Morgenlüften getragene Blumenduft, die Perlenſaat des Thaus über die grünen Raſenſtücke im Park— Allees ſchien vergeblich für ihn da zu ſein, wenigſtens wurde die graue Wolke auf ſei⸗ nem Geſicht davon nicht zertheilt. Als aber gar aus einem Seitenwege Miß Eveline im leichten weißen Morgenüber⸗ rocke, einen Strohhut mit flatternden Bändern auf den dunkeln Locken, hervortrat, da war es, als blitze es etliche Male in der Wolke und donnere unterirdiſch dazu; dann aber zog das Gewitter ab, nämlich der ganze Mann ohne zu grüßen ins Haus hinein. Eveline wählte dieſe Zeit zu ihren Spaziergängen, weil der Oheim alsdann gewöhnlich, Harry gewiß noch ſchlief. Seit dem Geſpräche über ihre Verheirathung hatte das arme Mandeföſ üble Tage. Sir Atwood war ihr Vormund. Er behiente ſich dieſer Autorität jetzt, wie ge⸗ wöhnlich die Fürſten der ihrigen, um Das, was er nicht durch vernünftiges Recht und Billigkeit erwerben konnte, durch Gewalt zu ertrotzen. Nämlich durch indirecte. Zur Heirath mit Harry konnte er ſein Mündel freilich nicht zwingen, aber er belagerte und blockirte ſie wie eine Feſtung, indem er ihr jede frohe Minute, jede billige Freiheit ab⸗ ſchnitt, um ſie endlich zur Uebergabe und Capitulation auf ſeine Bedingungen zu nöthigen. So hatte er ihr jeden Beſuch, jedes Geſpräch mit dem würdigen James Skey unter dem Vorwande unterſagt, daß dieſer Mann einen unauslöſchlichen Haß gegen die Familie Atwood hege, weil er in ſeiner Eitelkeit wähne, man habe ihn nicht genug belohnt, ſondern kränkend zurückgeſetzt(das Letztere war frei⸗ lich wahr). Er ſuche daher dem Fabrikgeſchäfte durch jede Art der Verleumdung Abbruch zu thun. Dies war frei⸗ lich erlogen und Sir Atwood glaubte ſo wenig daran, wie irgend Jemand in der Welt; allein er kannte Evelinens Neigung zu dem alten Mann und folglich mußte er ſie durch das Verbot des Geſprächs(an Umgang wurde ja gar nicht gedacht) kränken. Sie gehorchte, obwol innerlich empört, weil ſie ihrem Oheim auch nicht den Schein des Unrechts als Vorwand gegen ſie in die Hand geben wollte.— Fragt Euch jetzt, liebe Leſerinnen, ob Eveline glücklich war. 4 * * — 43— Reich, ſchön, blühend an Geſundheit und Jugend, mit einer gebildeten Seele— aber an die ewig kränkende, rohe Ge⸗ meinſchaft mit ihren Verwandten gefeſſelt, die wie immer wiederkehrende Musquitos ſie fortwährend mit empfindlichen Stichen quälten und, was noch ſchlimmer war, jeden Tropfen der erquickenden Freude trübten, oder wie Son⸗ nenbrand aufzehrten, nach dem ihr ſehnendes Herz dürſtete! Harry war vom Vater unterrichtet; man kann ſich den⸗ ken, daß der rohe Menſch, durch die Verſchmähung gereizt, demſelben treulich im Quälen der Armen beiſtand.— Darum ſuchte Eveline dieſe frühen ſchönen Stunden, wo ihr Herz ſich mit heiteren Morgenträumen erquickte, die ihr eine hol⸗ dere Zukunft malten.— Doch von Sir Atwood's Verfah⸗ ren gegen ſie erhalten wir ſo eben ein Beiſpiel. Während die Miß am Nelkenbeet ſteht und ſich der neuen Ordnung erfreut, kommt ein Diener mit einem Blllet auf ſie zu. „Vom Herrn,“ ſagt er, indem er es ihr übergibt, und entfernt ſich wieder. Eveline erſtaunt. Sie öffnet und lieſt: „Mit unangenehmem Erſtaunen bemerke ich, daß Sie überfrühe Spaziergänge im Garten zu lieben ſcheinen. Dieſe ſind weder ſchicklich für ein junges Mädchen, noch kann die Morgenkühle und Feuchtigkeit Ihrer Geſundheit zuträglich ſein. Ich muß Sie alſo erſuchen, ſie zu unterlaſſen, da ich als Ihr Vormund in beiden Beziehungen über Sie zu wachen und die Pflicht habe, mein Betragen ſo einzurich⸗ ten, daß ich weder eigne, noch fremde Vorwürfe, noch am Ende ſpäterhin gar die Ihrigen verdiene. Ihr Oheim P. Atwood.“ Eveline las, ſeufzte und wollte ſchweigend ins Haus gehen, als eine Stimme ſie anredete:„Unterthänigſten gu⸗ ten Morgen, Miß! Gefallen Ihnen die Nelken ſo? Ich habe ſie heute ein wenig in Ordnung gebracht, aber ſie ſol⸗ — 414— len ſchon noch beſſer werden.“ Bloom, der unvermerkt ans Gitter gekommen war, ſtand mit tiefabgezogener Mütze vor dem ſchönen Mädchen. Sie war in der Stimmung, eine Thräne der tiefen Kränkung zu vergießen; allein ſie bezwang ſich und ſagte ſcheinbar heiter:„Sehr gut, lieber Bloom, auch die Noſen ſtehen recht ſchön.“ Dabei griff ſie in ihren Strickbeutel, in welchen ſie das ſo eben em⸗ pfangene Billet geſchoben hatte, um nach einem Stück Geld für den Gärtner aus dem Stegreife zu ſuchen. Sie wollte es ihm darreichen, allein er weigerte ſich und ſagte: ſo habe er es nicht gemeint. Sie mußte ihm die Gabe aufdringen und ging dann raſch hinweg. So ehrlich und wohlwollend ſich aber Bloom auch anſtellte, ſo war er doch ein Erz⸗ Spitzbube. Denn er hatte recht gut geſehen, daß, als Eve⸗ line die Hand aus dem Beutel zurückzog, ſie das Billet mit herausſchob und fallen ließ. Aber er ſagte kein Wört⸗ chen, ſondern erſt als ſie hinter den Geſträuchen verſchwun⸗ den war, ſpitzte er ſich eine lange Gerte zu und gabelte das Papier damit auf. Die Neugier erſcheint verzeihlicher, weil er bemerkt hatte, daß Eveline beim Leſen des Brie⸗ fes ſeufzte und tief betrübt ausſah. Denn ohne von ihr wahrgenommen zu werden, ſtand er längſt am Gitter. Er las, was auf dem Zettel ſtand, brummte in ſich hinein, ſteckte das Papier zu ſich und murmelte halb laut:„Wer weiß, wozu man's brauchen kann.“ Damit ging er gerade über die Straße in das Wirthshaus hinein. Sechstes Capitel. Am Abend des Tages, deſſen Morgenbegebenheiten ich ſo eben geſchildert, muß ſich der Leſer entſchließen— da es regneriſches Wetter iſt— mit in die Dorfreſſource und das cabinet de lecture in Maſter Rascals Hauſe zu gehen. Ein Deutſcher, etwa aus Polkwitz, darf nicht be⸗ fürchten, daß es dort ſo ärmlich ausgeſehen hätte, wie in ſeiner Stadtreſſource. Die Fabrik beſchäftigte wol einige dreißig Leute, die bei einem guten Auskommen auch Bil⸗ dung genug hatten, um Antheil an den Begebenheiten der Zeit zu nehmen und folglich die Zeitungen zu leſen. Maſter Rascal hielt daher ſowol Edinburgher Papers als die Haupt⸗ zeitungen Londons; das Tageblatt von New⸗Caſtle gar nicht zu rechnen. In ſeinem Gaſt- und Leſezimmer, zu⸗ gleich der Speiſeſaal, brannten Abends helle Gasflammen, die er leicht haben konnte, da die Fabrik auf dieſe Art be⸗ leuchtet wurde. Gegen die Zeit, wo dort die Geſchäfte ein Ende hatten, pflegten ſich denn nun die Officianten zu Herrn Rascal zu begeben, um die Zeitungen zu leſen, dar⸗ über zu ſchwatzen, einen Krug echten Porterbiers zu leeren und eine Havana⸗Cigarre dabei zu dampfen. Es war damals gerade die Zeit, wo im Parlament die katholiſche Emancipation verhandelt wurde. Unſere Freunde konnten daher die Ankunft der Poſt und der großen Zeitungsbogen kaum erwarten. So wie aber der eifrige Bloom ſie ins Zimmer brachte, ſtürzten gleich drei bis vier Begierige über jedes Blatt her. Es wurde entfaltet, Zwei hielten daran, zwei Andere ſahen dieſen über die Schulter, zwei Dritte ſuchten ſeitwärts hineinzuſchielen, noch Zwei endlich begnüg⸗ — 46— 1 ten ſich einſtweilen damit, die Rückſeite mit den Verkaufs⸗ anzeigen zu leſen. Bloom's Wort:„die Zeitungen!“ wirkte ungefähr wie das Commando„Gewehr auf!“ Denn vom Erſten bis zum Letzten fuhren dabei die Brillen aus allen Taſchen und ſchwangen ſich in den Sattel der Naſen, und die Phalanx neugieriger Politiker rückte gegen die viereckige Zeitungsredoute heran und belagerte ſie von allen Seiten. Wer den glücklichſten Platz dabei erwiſcht hatte, pflegte wol mit lauter Stimme die Phraſen zu citiren, die ihm am meiſten auffielen, und wo bei den Parlamentsreden das berühmte Wort hear, hear ſtand, da rief er es laut und alle Anweſenden wieherten es nach. Keine verächtliche Co⸗ pie des Unterhauſes, denn es waren oft drei oder vier Vor⸗ leſer zugleich in Thätigkeit, deren jeder wieder fünf bis ſechs Correpetitoren für dieſes bekannte Beifallsbezeigungs⸗ oder Aufmerkſamkeits⸗Erweckungs⸗Commando⸗Wort hatten. Mitten unter dieſen lauten Gäſten, die jedoch an Som⸗ merabenden wie der heutige, trotz dem herabfallenden Regen, bei offnen Fenſtern ihren Verkehr trieben und die Gas⸗ flammen vor der Hand noch durch das Sonnenlicht, wel⸗ ches durch den trüben Flor des Himmels fiel, gut genug erſetzt glaubten,— mitten unter dieſer Verſammlung pflegte Abends auch unſer Freund James Skey zu ſitzen, allein bei weitem ſtiller und beſcheidener. Sein beſchränktes Loos erlaubte ihm nicht, mit jenen Fabrikanten, die zumeiſt ſehr gut bezahlt waren, zu wetteifern; ſein einfacherer, auf eine Stille des äußern wie des innern Lebens gerichteter Sinn, hätte ihn auch ſchon von ſelbſt zurückgehalten. Aber eines Theils waren die älteren Männer ihm ſeit ſeinem erſten Aufenthalt in Greenhill bekannt und auch der jüngern hatte er ſo manchen von ſeinen früheſten Jahren an heraufwach⸗ ſen ſehen; andern Theils hatte er, wie faſt alle Bewohner * eines Landes, die das Glück haben, einer freien Verfaſſung zu genießen, die ihnen ſelbſt eine wirkende Thätigkeit beim Gang der Regierung geſtattet, ein warmes, aufrichtiges Intereſſe für die Angelegenheiten des Vaterlandes. End⸗ lich war er von allen Gegenwärtigen, nicht nur weil man ihn ſo lange kannte und mit ihm gelebt hatte, ſondern weil auch ſeine edle, wohlwollende Geſinnung dazu auffor⸗ derte, geachtet und geliebt. Dennoch hielt er ſich ſtill und wartete gewöhnlich ab, bis die Zeitungen von den Andern geleſen waren, worauf er ſich dann aufmerkſam mit den⸗ ſelben hinter einen Tiſch ſetzte— die Anderen pflegten in⸗ deß Whiſt zu ſpielen— und ſie ſorgfältig durchlas. Dazu trank er einen halben Krug Landbier; denn ſein beſcheidener Stolz verbot ihm in der Regel die Annahme jeder Einla⸗ dung eines Andern, mit ihm ein Glas Punſch oder Porter zu trinken, wie dies denn auch an einem Orte, wo er ſich faſt täglich befand, natürlich war. Wer alſo aus dieſer Gewohnheit, die Reſſource zu beſuchen, die Vermuthung entnehmen wollte, James Skey ſei ein wohlhabender Mann, der würde ſich um ſo mehr irren, als unſer ergrauter, dürf⸗ tiger Freund ſeine Zehrung nicht einmal baar zu entrichten pflegte, ſondern vermöge ſeiner kaufmänniſchen Kenntniſſe dem Wirth theils in der Führung ſeiner Bücher behülflich war, theils auch ihm Rath ertheilte, wie er eine aufge⸗ ſparte Summe Geldes, denn Maſter Rascal verdiente viel, am beſten anlegen könne. Auch heute ſaß unſer Freund und hatte den Rieſenbo⸗ gen der Times vor ſich, in deren Columnen(die langen, mit dichtem Gedränge gefüllten Straßen gleichen) er mit größeſtem Eifer die Verhandlungen über die katholiſche Emancipation ſtudirte und ſich im Stillen auf die Seite der unterdrückten Irländer ſchlug. Während er las, traten — 48— zwei Herren in zwar ſehr anſtändiger, man möchte ſagen, eleganter Tracht, aber doch in Reiſekleidern in das Zimmer. Beide trugen graue Pantalons, über denſelben einen kurzen, aber feinen Ueberrock, der bei dem einen grün, dem andern braun gefärbt war, als ſollte dieſer den Stamm, jener die Krone des Baums vorſtellenz um den Hals hatte der eine ein farbiges, der andere ein ſchwarzes Tuch, leicht geſchlun⸗ gen; ſehr weiße Wäſche, eine Sommerweſte vom feinſten Stoff, ein paar grüne Reiſemützen mit breiten Schir⸗ men— und unſere neuen Bekannten, oder beſſer Unbe⸗ kannten, ſind fertig. Unbekannt aber waren ſie allerdings. Ein eleganter Whisky, der noch im Hofe unter dem Schup⸗ pen ſtand, während die Pferde müßig nun ſchon den drit⸗ ten Tag im Stall blieben, hatte ſie nach Greenhill gebracht. Daß ſo ankommende Reiſende nicht zu Sir Atwood fuhren und ſich auch am andern Tage nicht dahin begaben, fiel ſchon allgemein auf. Daß ſie nun aber gar, ohne die Fabrik zu beſehen, ſchon den dritten Tag in Greenhill blie⸗ ben, daß ſie weder die Gegend malten noch aufnahmen, kurz daß ſie gar kein ſichtbares Geſchäft trieben, ſondern nur im Dorf dann und wann auf und ab ſpazierengingen und dabei nichts weiter fragten, als: Wer wohnt in die⸗ ſem Hauſe? Wie heißt jener Mann? Hat er Kinder? Sind ſie verheirathet? u. ſ. w. das konnten die ſcharfſinni⸗ gen Köpfe der Greenhiller ſich durch nichts erklären. So wie ſie daher ins Zimmer traten, wandten ſich Aller Augen zu ihnen hin, und als ſie Platz genommen, winkte Einer dem Andern zu und man ziſchelte einander ins Ohr. Sie hatten ſich an den entfernten Tiſch geſetzt, wo James Skey las; der Eine griff ebenfalls nach einem Zeitungsblatt, der Andere trommelte mit den Fingern auf dem Tiſch.— Ich habe dem Leſer bisher nur beſchrieben, was der — 49— Schneider für die beiden Fremden gethan hatte, nicht wie ſie von der Natur begabt waren, d. h. wie ſie rückſicht⸗ lich des Alters, des Wuchſes, der Geſichtszüge erſchienen. Ich will daher ihr Signalement jetzt, da ich ſie müßig betrachten kann, vervollſtändigen. Der Aeltere mochte vier⸗ zig, der Jüngere fünfunddreißig Jahre zählen; der Erſtere hatte ſchwarzes, der Andere braunes Haar, Beide ſanftgebo⸗ gene Naſen und weiße Zähne(wie alle Engländer); den⸗ noch ſahen ſie einander nicht ähnlich, wiewohl ſie auch von gleichem Wuchſe waren. Im Ganzen bot ihre Phyſiog⸗ nomie und ihr Uebriges nichts Auffallendes dar, ſondern ſie ſahen nur aus wie anſtändige, gebildete Leute, obwol ein Zug der Schlauheit nicht zu verkennen war. Sie mochten auch wol nicht gerade in der Stube groß gewor⸗ den ſein, denn ein bewegtes, angeſtrengtes Leben ließ ſich aus ihren tiefgefurchten Stirnen der gebräunten Haut und aus einem gewiſſen entſchiedenen Weſen entnehmen. Na⸗ mentlich ſah der Jüngere faſt militairiſch aus. Sie hießen — ja das war ja eben der Teufel! Herr Rascal, der Wirth, und ich glaube auch die meiſten ſeiner Gäſte hät⸗ ten viel darum gegeben, wenn ſie's gewußt hätten. Der Leſer wird daher wol ſo billig ſein, einzuſehen, daß ich's ihm hier nicht umſonſt ſagen kann, zumal da ich's ſelbſt noch nicht weiß. Zwar hielt Herr Nascal ein Fremdenbuch, hauptſächlich ſeiner eigenen Neugier wegen, und Bloom hatte es ihnen auch gleich am Abend der Ankunft vorge⸗ legt; allein ſie hatten ein paar Namenszüge auf das Pa⸗ pier geſetzt, die die geübteſten Leſer nicht nur in Verlegen⸗ heit ſetzten, ſondern ihre Mühe rein vereitelten*). Unter *) Sollte es nicht gut ſein, wenn man dieſe beiden Herren als Beamte in einem gewiſſen Staate anſtellte, wo es bisweilen Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. III. 3 die Rubrik:„In welchen Geſchäften ſie reiſen,“ ſtanden in gutem Engliſch die Worte:„In unſern eignen,“ wodurch man um ſo weniger über ihren eigentlichen geheimnißvollen Zweck aufgeklärt war, als die Phraſe ja auch erlogen ſein konnte. Sie ſaßen, wie geſagt, unſerm James Skey gegen⸗ über.— Schon geſtern, dies war aufgefallen, hatten ſie ihn von fern mehrmals ſcharf betrachtet, waren dann in der Stube auf⸗ und abgegangen, hatten heimliche Worte mit einander geſprochen, die Blicke immer wieder auf ihn ge⸗ richtet, den Entſchluß des Anredens, wie es ſchien, gefaßt, ihn aber ſogleich wieder aufgegeben und dergleichen mehr. Heute aber zielten ſie nicht nur, ſondern drückten auch los. —„Ihr ſeid ein ſehr eifriger Zeitungsleſer, Sir,“ hub der Aeltere an;„habt Ihr vielleicht Verwandte in London, im Parlament, oder im Auslande bei dem Heere, von de⸗ nen Ihr Neuigkeiten zu erfahren hofft?“—„O nein, Sir,“ erwiderte Skey lächelnd,„ſo angeſehene Verwandte, daß ſie im Parlement ſäßen, habe ich nicht. Beim Heere—— hier ſtockte er— doch auch von dort könnte ich ſchwerlich etwas erfahren, was meine Perſon anginge.“—„ Alſo Po⸗ litiker aus Leidenſchaft!“ entgegnete der Unbekannte.—„Die Sache der Emancipation, ich kann's nicht läugnen, nimmt meinen ganzen Antheil in Anſpruch.“—„Verzeiht den müßigen Fragen eines Reiſenden, Sir; aber Ihr könntet Eurer Neigung eine ſchnelle Befriedigung geben, wenn Ihr nicht auf dem Lande wohntet. Oder habt Ihr vielleicht hier ein Geſchäft?“—„Ich hatte eins; jetzt feſſelt mich die Haupteigenſchaft der Geheimeräthe, Präſidenten u. ſ. w. iſt, ihren Namen ſo undeutlich zu ſchreiben, daß Niemand ihn leſen kann? Gewiß beruht ein geheimes Verdienſt darin, weil ſich alle Beamte dieſer Kunſt ſo befleißigen. ein kleines Beſitzthum hier und der Hang zu alter Ge⸗ wohnheit.“— Bei dieſer Antwort warf der Frager ſeinem unbekannten jüngern Geſellſchafter einen Blick mit den Augen zu, den dieſer mit einem andern erwiderte, der etwa zu ſagen ſchien: Ganz recht, allerdingsl oder der⸗ gleichen.„Ihr lebt alſo ſeit langer Zeit hier, ſeid viel⸗ leicht gar hier geboren?“ fragte der Fremde im höflichſten Tone, muthmaßlich um die Zudringlichkeit ſeiner Neugier minder läſtig erſcheinen zu laſſen.—„Ich bin in New⸗ Caſtle geboren,“ erwiderte Skey gutmüthig,„aber ich brachte meine Kpabenzeit hier zu und wohne wieder hier ſeit meinem Mannsalter. So hoffe ich denn auch die we⸗ nigen Jahre, die mir noch übrig ſind, hier bleiben zu dür⸗ fen.“—„Ich wollte Euch noch viele wünſchen,“ ſagte der Unbekannte höflich,„es müßte denn ſein, Ihr ſtändet ganz einſam auf der Welt. Aber wenn Ihr eine Gattin, Kin⸗ der, Geſchwiſter habt..“—„Ich hatte die erſte,“ ent⸗ gegnete Skey mit bewegter Stimme,„ich verdanke ihr die zweiten und— Geſchwiſter habe ich nicht,“ ſetzte er nach einigem Zaudern hinzu.—„Ihr ſtocktet bei Euern letz⸗ ten Worten; verzeiht, wenn die Theilnahme eines Fremden faſt als unſchickliche Neugier erſcheint,“ bemerkte der Unbe⸗ kannte hierauf, ohne jedoch eine Frage zu thun. Seinem Reiſegefährten warf er aber noch bedeutendere Blicke zu, als vorher, und dieſer erwiderte ſie in gleicher Weiſe.— „Mein Stocken iſt natürlich,“ erwiderte Skey nach einiger Zeit,„denn ich hatte Geſchwiſter; ich hatte vielmehr einen Bruder, den ich ſehr liebte, aber— er iſt dahin.“— Skey ſchwieg ernſt, die Fremden gleichfalls; allein ſie ſahen einander höchſt ſeltſamlich an. Endlich bemerkte der Jüngere, der bisher geſchwiegen hatte:„Wie leicht iſt es doch, ſchmerzliche Saiten zu berühren! Selbſt wenn man ſich ꝛꝛ— 52— * über die natürlichſten Dinge zu unterhalten glaubt. Ihr vergebt es wol einem Fremden, daß er Euch an einen ge⸗ wiß traurigen Verluſt mahnte. Euer Weſen, Eure Abſon⸗ derung von der übrigen Geſellſchaft erregten jedoch in uns eine Theilnahme, die in der That mehr als müßige Neu⸗ gier war. Wäre es Euch gefäͤllig, Sir, uns durch Eure Geſellſchaft beim Abendeſſen zu erfreuen?“—„Ich danke Euch in doppeltem Sinne, Sir,“ erwiderte Skey,„für Euer freundliches Erbieten und indem ich es zugleich ausſchlage. Mein Alter hat ſich an frühe Nuhe und an Mäßigkeit, beſonders des Abends, gewöhnt. Es wird Zeit ſein, daß ich nach Hauſe aufbreche.“—„Aber ein Glas Punſch, oder Portwein?“—„Noch weniger, Sir. Ich danke Euch nochmals, und wünſche Euch von Herzen einen frohen Abend und eine gute Nacht.“— Bei dieſen Worten ſtand er auf und ging. Dabei ſtreifte er an Bloom vorbei, der unfern von dem Tiſch auf einem Stuhl in der Ecke ſaß und eingeſchlafen war. Dieſer ſprang, im Schlaf erſchreckend, raſch auf, grüßte unſern würdigen Freund verlegen und öffnete ihm die Thür.— Die Fremden ſetzten ſich wieder und ſprachen während des Abendeſſens, das ihnen aufgetragen wurde, ſo leiſe mit einander, daß ich dem Leſer von ihrer Unterhaltung nichts mitzutheilen im Stande bin. Vielleicht aber lauſchte ihnen Bloom etwas ab, denn er beſchnupperte ſie, wie ein Hund einen gefüllten Ranzen und machte ſich bald mit dieſer, bald mit jener Kleinigkeit in ihrer Nähe etwas zu thun. Denn er war nicht allein ſelbſt neugierig, ſondern wußte auch, daß er den andern Beſuchern des Hauſes keinen beſſern Dienſt leiſten konnte, als wenn er ihnen über die Verhältniſſe und Abſichten der beiden geheimnißvollen Frem⸗ den etwas mitzutheilen hätte. Aber— er hatte nichts. Siebentes Capitel. Er bekam aber etwas, indeß erſt am Abend des zwei⸗ ten Tages.— Andern Morgens in der Frühſtunde gingen beide Fremden aus; Bloom, der ſie nicht aus den Augen ließ, ſah ſie nach Skey's Wohnung gehen. Der Alte ſtand vor der Thür und putte ſeine jungen Bäumchen aus; die Fremden blieben ſtehen, grüßten ihn und ließen ſich in ein Geſpräch ein. Nicht lange danach verſchwanden ſie in Skey's Hütte. Bloom dachte: Ei, ei! Aber noch ein An⸗ derer als er dachte eben ſo, nämlich Sir Atwood. Dieſer hatte eigentlich mit mehr Unruhe, als irgend Einer, die Anweſenheit dieſer Fremden beobachtet. Die Urſache war die: Wir entſinnen uns, daß er vor einigen Wochen, gerade nach dem Geſpräch, in dem er Evelinen zu Harry's Braut erhe⸗ ben wollte, Briefe von Wichtigkeit bekommen hatte. Der Inhalt war nichts weniger als erfreulich geweſen, nämlich die Nachricht von mehren bedeutenden Verluſten, die Sir Atwood in ſeinen Handelsverbindungen erlitten hatte. Der Fall eines oſtindiſchen Hauſes zog den eines londoner nach ſich; beide hatten bedeutende Waarenverkäufe von Atwood's Fabrikaten auf Rechnung übernommen und konnten nun nicht Zahlung leiſten. Sir Atwood kam dadurch in große Verlegenheit und mußte ſich ſeitdem unglaublich winden und quälen, um ſeinen Credit aufrecht zu erhalten. Be⸗ deutende Summen hatte er vor kurzem in die Erweiterung ſeiner Fabrik geſteckt und mußte deshalb noch ſehr hohe Baurechnungen zahlen, ſo wie auch einen viel größeren Wochenlohn. Zu allen dieſen Ausgaben fehlte es ihm an baarem Gelde und ganz in der Stille hatte er daher an⸗ — 54— ſehnliche Summen aufgenommen und dagegen Stocks zum Unterpfande gegeben, die ſeiner Nichte Eveline gehörten und ihm nur ad depositum gegeben waren, da nach dem letzten Willen ihres Vaters er zwar der Vormund ſein, aber in der Anlage des Vermögens nichts verändern ſollte, ohne noch zwei andere bewährte redliche Männer aus New⸗ Caſtle zu Rathe zu ziehen, was er aber bei dieſer Opera⸗ tion wohlweislich unterlaſſen hatte. Obwol er daher nur ganz insgeheim durch nahe Handelsfreunde operirt hatte, ſo war er doch beſorgt, ſeine Lage möchte bekannt geworden ſein, und täglich lebte er in der Angſt, ſeinen Credit ge⸗ kündigt zu ſehen. Geſchah aber das, ſo war ſein Falliſſe⸗ ment unvermeidlich. Wie Jedem, der ein böſes Gewiſſen hat, war dieſem bei der Ankunft der Fremden ſogleich ängſt⸗ lich zu Muthe geworden. Denn was konnten ſie wollen? Greenhill war ein ganz hübſcher Aufenthalt, aber kein Ort, wo ein Fremder über ein paar Stunden der Befrie⸗ digung ſeiner Neugier hätte widmen können. Die Fabrik, die allerdings ein Palaſt ſein konnte, beſahen die Fremden nicht; Maler waren ſie auch nicht, die etwa die Gegend gezeichnet hätten. Kurz, ſie mußten irgend einen geheimen Zweck haben und welcher andere konnte das ſein, als der, ſich über Sir Atwood's Lage zu unterrichten? Wie ein Blitz war ihm dieſer Gedanke aufgeſchoſſen und er ſuchte mit argwöhniſchem Scharfſinn faſt alle Umſtände hervor, die ihm Wahrſcheinlichkeit gaben. Die Fremden hatten den Poſtbo⸗ ten anſehnlich beſchenkt; dies konnte eine Beſtechung ſein, um zu erfahren, von welchem Orte Briefe an Sir Atwood eingingen und wohin er deren verſendete. So wollte man hinter ſeine Verbindungen zu kommen ſuchen. Die Unbe⸗ kannten hatten ferner zweimal ihren Bedienten zu Pferde nach New⸗Caſtle geſchickt und nach ſeiner Rückkunft lange „ * 2 g — 5959— heimliche Unterredungen mit ihm gehabt. Sonnenklar, daß ſie ſich in New⸗Caſtle einen Spion hielten, der von dort aus, wo Sir Atwood gleichfalls viele Verbindungen und eine Niederlage hatte, berichtete. Mit Einem Wort, die Sache war klar; aber ſie wurde es vollends, als er die ge⸗ fährlichen Leute in Skey's Wohnung ſchleichen ſah. War dieſer nicht halb und halb Buchhalter in der Fabrik gewe⸗ ſen? Kannte er nicht die meiſten Verbindungen des Hau⸗ ſes? War er nicht als Commiſſionair und Reiſender oft in der Umgegend gereiſt? Stand er nicht noch jetzt in freund⸗ ſchaftlicher Verbindung mit allen Beamten auf der Fabrik? Konnte er ſie nicht hier und dort ausforſchen? Steckte er nicht vielleicht gar mit dem Hauptbuchhalter unter einer Decke? Und mehr als alles Dieſes, war er nicht Sir Atwood's Feind, d. h., ſagte dieſem nicht ſein böſes Gewiſſen, daß Skey ſich ſchwer über ihn zu beklagen habe? Und jetzt ſchleichen die Frem⸗ den in ſeine Hütte? Es iſt ſonnenklar, er ſteckt im Com⸗ plott, er ſoll den Spion machen, man wird hinter Sir Atwood's Lage kommen und er iſt verloren!— Mit die⸗ ſen Gedanken hatte der reiche Fabrikherr hinter ſeinem Nel⸗ kenbeet geſtanden und zwiſchen den Gitterſtäben hindurch den Weg der Fremden verfolgt. Es war beſchloſſen. Man mußte Gegenminen anlegen und ſich gegen die ge⸗ fährlichen Feinde nach Möglichkeit zu vertheidigen ſuchen. Aber wie? Da fiel Sir Atwood's Auge auf Bloom. Die Gewandtheit dieſes ſchlauen Menſchen, ſeine Leichtigkeit, mit Jedem zu verkehren, dabei dieſer Anſtrich von plumper Gut⸗ müthigkeit, die Jeden anfangs glauben machen konnte, Nie⸗ mand ſei leichter bei der Naſe herumzuführen als er, ſein Dienſt im Wirthshauſe, ja ſelbſt ſeine eigne Neugier machten ihn ſo geſchickt zu dem Geſchäft, welches Sir At⸗ wood ihm übergeben wollte, daß kein beſſerer Mann zu fin⸗ — 56— den war. Eben wollte er ihn rufen, als derſelbe, der über⸗ haupt die Eigenſchaft beſaß, immer gerade das ſchon halb gethan zu haben, was man ihm eben auftragen wollte, ſchon von ſelbſt mit wichtiger und geheimnißvoller Miene zu Herrn Atwood hinüber ging.„Sir,“ ſprach er,„mit den beiden Fremden hat es etwas zu bedeuten. Wer in der Welt bekümmert ſich wol um den alten Skey.“— „Ja, und ſoeben beſuchen ſie ihn,“ fiel Sir Atwood ein. —„Und geſtern haben ſie ſich,“ erzählte Bloom,„ſtatt mit irgend jemand von den anderen Herren in unſerem Club zu ſprechen, zu ihm an einen beſonderen Tiſch geſetzt, ihn weitläufig über alle ſeine Verhältniſſe befragt, ſich nach ſeinen Umſtänden erkundigt, ja ihn ſogar zum Nachteſſen eingeladen und, als er es ausſchlug, zu einem Punſch und Portwein.“—„Es iſt richtig!“ rief Sir Atwood unvorſichtig, der während der Worte Bloom's in ſteigender Angſt geweſen war, weil ſie ſeinen Argwohn faſt zur Ge⸗ wißheit machten.—„Was iſt richtig, Sir, wenn man fra⸗ gen darf?“ erwiderte Bloom.—„ Nichts,“ wollte Sir At⸗ wood gleichgültig ſagen, vermochte es aber nicht. Auch ſah er in Bloom's Zügen die deutlichſten Spuren, daß die⸗ ſer, überraſcht durch die Lebhaftigkeit, mit der ſeine Nach⸗ richten aufgenommen worden waren, mit ſeinem raſchen Verſtande ſofort erkannt hatte, daß es ſich hier um eine Sache von Wichtigkeit für Atwood handle. Denn die ge⸗ heimnißvolle Miene, mit der er ſeine Erzählung begann, hatte ſich in einen ſo ſcharf lauernden Blick verwandelt, als wenn er ſofort auf die Fährte eines viel beſſeren Wildprets für ſeine Neugier gerathen wäre. Er hatte des auch kei⸗ nen Hehl, ſondern fragte trocken:„Nichts, Sir? Ei, daß Nichts immer richtig iſt, weil es nie zu viel ſein kann, und, Goddam, auch nicht zu wenig— das iſt zu betannt, — um ſo aufzufallen, wie Euch, Sir.“ Hier ſchwieg und lächelte er. Atwood war roth*) geworden, wie ein ertapp⸗ ter Dieb; der ſchlaue Kerl hatte ihm, ſo war ihm zu Muthe, bis auf den Grund der Seele geſehen. Wie, wenn er gar ſelbſt im Spiele wäre? Oder wenn man ihn hinein zu ziehen ſuchte? Sir Atwood überſah ſchnell, daß er hier die Wahl zwiſchen einem Bundesgenoſſen und einem Feinde habe und entſchloß ſich daher ſchnell, indem er zugleich überlegte, daß ja Bloom vor der Hand in die Ur⸗ ſache, warum ihm jene Fremden wichtig ſeien, gar nicht eingeweiht zu werden brauche.„Ich will's nicht läugnen, guter Freund,“ fuhr er daher fort,„mir ſind die bei⸗ den Fremden ſehr verdächtig. Was wollen ſie hier? Ich glaube ſie zu kennen und es läge mir viel daran, Gewiß⸗ heit zu haben. Biſt du ſchlau und kannſt Du ſchweigen, ſo— Hier fiel ihm Bloom ins Wort:„Sir, ich möchte vor Freuden in die Luft ſpringen. Seht, ich ſchäme mich, nur aus bloßer Neugier den Spion zu machen. Aber wenn es gilt, ſo wollte ich ja meinen Verſtand zum Hirn⸗ kaſten hinauswerfen, wenn er nicht herausbringen könnte, wer die beiden Fremden ſind! Nichts in der Welt iſt mir lieber, als ſo ein kleiner Krieg, wo Liſt und Tapferkeit gel⸗ ten. Wollt Ihr mich in Dienſt nehmen, Sir, ſo bin ich Euer Freicorps, Eure Schleichpatrouille, Euer Aviſoſchiff, Eu erCaper, was Ihr wollt.“ Beiläufig wird man hier merken, daß Bloom zu Waſſer und zu Lande gedient hatte; vollends meine Leſer! Sir Atwood ſchlug ein, d. h. er zahlte eine Guinee * Vor Verlegenheit, guter Leſer; vor Scham, das wäre ihm ſo unmöglich geweſen, wie einem Neger. 3* — 58— auf den Kauf und ſetzte hinzu:„Kannſt Du mir aber mit Beſtimmtheit die Namen der Fremden ſchaffen, ſo ſind noch zehn Guineen Dein. Und zwanzig verſpreche ich Dir, wenn Du etwas über die Abſicht ihres Aufenthalts heraus⸗ bringſt!“ „Topp!“ rief Bloom.—„Bloom!“ rief Nascal, der Wirth, der ſich nach ſeinem Hausknecht umſah. Dieſer war daher mit drei Sätzen über die Straße und bei ſeinem Herrn. Indeß ging Sir Atwood zwar mit einem etwas er⸗ leichterten Herzen, aber doch voller Sorgen langſam die Allee hinunter und ins Haus hinein, wo er ſich an das Schreibpult begab, um immer neu die Möglichkeiten zu berechnen, die ſeiner ſchlimmen Lage eine andere Wendung geben könnten. Miß Eveline lauſchte hinter ihren Vor⸗ hängen ſo lange, bis ſie den Oheim den Garten verlaſ⸗ ſen ſah. Sofort ſchlüpfte ſie herunter und ging in den ſchattigen, ſtillen Gebüſchen auf und ab, indem ſie ſich ih⸗ ren Träumen und Hoffnungen überließ. Die feine, edle Geſtalt bewegte ſich mit ſanfter Grazie durch die grünen Laubgänge, deren flüſterndes, ſchattiges Dach den Sonnen⸗ ſtrahl nur gewiſſermaßen in einzelnen Tropfen durchließ und es ihr daher verſtattete, den leichten Hut an den Arm zu hängen. Bald band ſie ihn mit einer loſen Schleife gar an ein Gebüſch feſt, um ſich ganz ungehindert ergehen zu können, und ließ die lauhwehende Luft mit ihm und ihren Locken ſpielen. Der geſchlängelte Pfad führte ſie zwar von Zeit zu Zeit über offne Stellen, wo Raſenplätze oder Blumenbeete angelegt waren, allein die wenigen Schritte in der Sonne durfte ſie ſchon wagen, da ein leicht übergeworfener Schleier ſie vor den Strahlen derſelben be⸗ ſchützte. So verweilte ſie auch flüchtige Sekunden bei einer 4 ³ — 59— ſchönen Blume, der ſie den Kelch mit zarten Fingern ſtreiffte und den ſüßen Duft einſog, oder bei einem reich⸗ blühenden Roſenbaum, dem ſie einen Zweig abbrach, oder bei dem Springbrunnen, in deſſen Becken ſie gedankenvoll hineinblickte und Raſenblätter warf, die die Welle ſpielend ſchaukelte. Ach, in dieſem ſüßen, unbeſchäftigten Wan⸗ deln am ſtillen Vormittag, in ſanften Träumen, in holden und ſchmerzlichen Erinnerungen fand das gute, ſchöne Mädchen jetzt ihr einziges Glück! Sie lächelte, eine Thräne drang ihr ins Auge, ſie ſummte ein ſchottiſches Liedchen und ſeufzte dazwiſchen; ſie flog mit hüpfenden Schritten einer Blume zu, die ſie von fern erblickte, und weilte dann wieder träumeriſch ſinnend, indem ſie davorſtand. So glich ſie einem jener reizenden Tage, an denen ein blauer Him⸗ mel ſich über die Erde ſpannt, aber tief ſchwebendes Ge⸗ wölk weiß und grau hindurchzieht und trübe Schatten wirft, wo eben der Strahl der Sonne lächelte, wo bald ein hohes, rauſchendes Wehen durch die Wipfel der Bäume ſtreift, bald, nachdem es ſich in ein leiſes Flüſtern verloren, die tiefſte Stille herrſcht, die uns geſtattet, das ſummende Inſekt zu belauſchen. Der Garten dehnte ſich mit ſeiner Rückſeite längs des Feldes hin aus, wo nur eine Hecke von Schlehdornen, die man am Nande eines trocknen Grabens gezogen hatte, ſeine Grenze bezeichnete. Dieſen ganz einſam⸗ſtillen, buſchigen Theil wählte Eveline am liebſten zu ihren Spaziergängen; nicht nur, weil er ihr dieſer Eigenſchaften wegen zuſagte, ſondern auch, weil ſich im grünen Laubgewölbe daſelbſt ein ein einfaches Grabmal befand, das ihr Vater dem Anden⸗ ken ihrer Mutter, die ſie ja nie gekannt, gewidmet hatte. Die ſterbliche Hülle derſelben war zwar nicht dort beſtattet; allein im Leben hatte ſie dieſen ſchönen Platz beſonders ge⸗ ⁴ — 60— liebt und darum hatte der trauernde Gatte ihr daſelbſt ein Denkmal in Geſtalt eines Altars mit einem Aſchenkrug errichtet, den die lieblichen Sinnbilder ihres holden Lebens, Lilien, Roſen, Veilchen, duftend umgaben und über dem eine flüſternde Trauerbirke ihre Zweige ſanft herabſenkte. Hier weilte Eveline beſonders gern und fand einen ſüßen Troſt in ihrer betrübten Lage darin, ſich gleichſam in den Schutz der Mutter zu begeben, deren hingeſchiedener Geiſt ſie hier freundlich umſchweben mochte. Eben trat ſie aus dem dunkeln Laubgange auf den grünen Raſenplatz hinaus, als ihr ein kleines weißes Windſpiel munter ent⸗ gegenſprang. Das artige Thierchen hatte ſich ſchon geſtern gerade an dieſer Stelle zu ihr gefunden und begrüßte die Kommende daher heute als eine Bekannte.„Ei da biſt du ja wieder, keiner Wildfang,“ ſprach Eveline, indem ſie ihm den Kopf mit den klugen Augen drückte und ſtreichelte. „Aber haſt du denn keinen Herrn, daß ich dich immer allein treffe?“ Gleich als hätte das Thier die Frage ver⸗ ſtanden, ſah es das ſchöne Mädchen bedeutend an und ſprang dann nach dem Altar zu, ſah ſich um, ob ſie folge, that dann wieder einige leichte Sprünge und lockte ſie ſo, ohne daß ſie ſelbſt etwas dabei dachte, hinter ſich her. So war ſie bis dicht an den Altar gekommen, auf deſſen ent⸗ gegengeſetzter Seite ſich in einem in den Marmor gehaue⸗ nen Blumenkranz der Name Eveline, als der ihrer Mut⸗ ter, mit goldenen Buchſtaben befand. Sie bückte ſich nie⸗ der, um eine geſenkte Lilie ſanft aufzurichten, als ſie, indem ſie das Haupt wieder erhob, ſich von einer tiefen, ſchmerz⸗ lichen Stimme mit ihrem Namen„Eveline“ feierlich anre⸗ den hörte. Sie erſchrak, trat aber unwillkürlich noch einen Schritt weiter vor, ſodaß ſie hinter den Altar ſehen konnte, und erblickte einen Fremden mit grauem Haupte, der in — 61— den Anblick des Denkmals verſunken ſie im erſten Augen⸗ blick nicht bemerkte, ſondern ſein Auge ſtarr auf die In⸗ ſchrift geheftet hielt, während er mit der Linken das an ihm hinaufſpringende Windſpiel gedankenlos liebkoſte. Allein Evelinens Vortreten und der wiewol leiſe Laut der erſchrek⸗ kenden Verwunderung, den ſie unwillkürlich hören ließ, ſtörten den Fremden aus ſeiner ſtummen Verſunkenheit auf und er blickte empor. So wie ſein Auge auf die ſchöne, durch ihr ſchüchternes Hemmen des Schritts und das flat⸗ ternde Gewand und den Schleier faſt geiſterhaft erſcheinende Geſtalt unſerer Freundin traf, trat er mehr als verwun⸗ dert einen Schritt zurück und noch einmal ertönte von ſei⸗ nen Lippen der Name„Eveline,“ daß man zweifelhaft ſein mußte, ob er nur den eben geleſenen Namen unwill⸗ kürlich wiederhole, oder die Kommende anrede. Beide be⸗ fanden ſich in einer ſonderbaren Lage der Ueberraſchung, doch ſeltſamer Weiſe faßte ſich Eveline zuerſt.„Ich über⸗ raſchte Sie wol in tiefen Betrachtungen,“ ſprach ſie, von den ſchmerzlichen und doch überaus gütigen Zügen des Fremden ſeltſam bewegt,„doch ich konnte nicht vermu⸗ then..“— Jetzt war das Erſtaunen in den Zügen des Fremden in eine ſanfte Wehmuth und Freundlichkeit über⸗ gegangen; er unterbrach die Sprechende mit den Worten: „Sie konnten nicht vermuthen, daß ein Fremder hier Ein⸗ gang gefunden. Vergeben Sie die Unbeſcheidenheit. Mein Windſpiel war die Veranlaſſung; ſchon geſtern verlor es ſich hier auf meinem Spaziergange durch das Feld; heute ſchlüpfte es wieder durch die Hecken. Da es auf meinen Ruf nicht zurückkehrte, erlaubte ich mir es aufzuſuchen und gerieth hieher— an das Grabmal— er ſtockte, wie es ſchien, eine tiefe Rührung mühſam unterdrückend.„Sie ſehen kein Grabmal vor ſich,“ entgegnete Eveline mit . — 62— Freundlichkeit,„wiewol dieſe Stätte dem Gedächtniß einer Todten geweiht iſt. Sie ſelbſt aber ruht nicht hier; es war meine Mutter!“ Der Fremde ſah Evelinen mit ſicht⸗ lich tiefer Bewegung lange an, dann ſprach er:„Much Sie heißen Eveline, Miß?“—„Ich führe den Namen mei⸗ ner Mutter.“—„Sie gleichen ihr, faſt wie der Name,“ ſprach der Fremde mit innerſter Erſchütterung.„Ich kannte Ihre Mutter. In meiner Jugend war ich unfern von hier anſäſſig und damals habe ich ſie oft geſehen. Erklären Sie ſich daher meine Ueberraſchung, als ich durch Zufall hier an dieſe Urne gelangte, ihr Grab vor mir zu ſehen glaubte und tief in der Erinnerung damaliger Zeiten ver⸗ ſenkt plötzlich Sie hinter dem Altar hervortreten ſah. Ich wußte in der That im erſten Augenblick nicht, ob ich wache oder träume!“ Es lag in dem Weſen des Fremden, in ſeiner feſten, männlichen Geſtalt, in dem mehr vom Schickſal als von den Jahren gealterten Zügen und gebleichtem Haar etwas Ehrfurchtgebietendes und Liebeerweckendes zugleich. Eveline fühlte ſich ſeltſam bewegt, indeß ſie wußte nicht, was ſie erwidern ſollte; nach einiger Zeit ſprach ſie leiſe;„Sie kannten meine Mutter! Sie ſind glücklicher als ich, ich kannte ſie nicht. Nur als fern verdämmernde Erinnerung meiner früheſten Kindheit, kaum weiß ich ob aus Erzäh⸗ lungen Anderer oder aus eigener Erinnerung, ſchwebt mir das dunkle Bild der mütterlichen Geſtalt vor. Zwar be⸗ ſitze ich ein Bildniß derſelben, allein es iſt, wie man mir geſagt hat, nicht ähnlich, denn es wurde zu einer Zeit ge⸗ malt, wo ein tiefer Kummer, über deſſen Grund ich nicht unterrichtet bin, und eine ſchwere Krankheit die Züge meiner Mutter ſehr entſtellt hatten.“ Der Fremde ſchien ſich einen Augenbilck zu beſinnen; plötzlich griff er in den Buſen, 4 5 — 63— zog eine goldene, an einer gleichen Kette hängende Kapſel hervor, nahm ſie ab und indem er durch den Druck einer Feder den Deckel aufſprengte, reichte er ſie Evelinen hin und ſprach:„Dies iſt das Bild Ihrer Mutter; es iſt ſehr ähnlich, urtheilen Sie, ob es Ihnen gleicht.“ Eveline warf einen erſtaunten Blick auf das Bild, dann auf den Fremden.„Wie!“ rief ſie,„meiner Mutter Bild?“—„So iſt es und es iſt ſehr ähnlich.“ Eveline hielt die goldne Kapſel in der Hand und betrachtete mit inniger Rührung die ſanften Züge der Mutter. Eine Thräne drängte ſich zwiſchen die langen geſenkten Wimpern hindurch, ſie mußte ſich die Augen mit ihrem Tuch verhüllen. Wiederum ſah ſie lange und unverwandt das Bild an, wiederum bedeckte ſie die Augen. So mochten wol zwei Minuten vergangen ſein; erſt jetzt blickte ſie wieder nach dem Fremden empor— er war verſchwunden. Beſtürzt ſah ſie ſich um, da ſtand ihr Vetter Harry hinter ihr und verzog ſeine Miene zu einem höhniſchen Lächeln.„Ei, Couſine, ein Portrait? Laſſen Sie doch ſehen, wie der Glückliche ausſieht.“ Eveline fuhr beſtürzt und unwillig zuſammen und verbarg das Por⸗ trait.„Nun, darf man das nicht wiſſen?“ fragte Harry höhniſch grinſend.„Es iſt ein weibliches Portrait,“ ſprach Eveline mit Würde und wollte gehen.—„Das ſie jedoch von einem Mann empfangen haben, der nicht das beſte Gewiſſen zu haben ſcheint, da er ſich, ſo wie er meiner von fern anſichtig wurde, durch die Hecke flüchtete. Es iſt nicht eben rühmlich, wenn bei einem überraſchten Rendezvous der Liebhaber davon läuft.“—„Sie werden unverſchämt, Vetter,“ rief Eveline mit edler Entrüſtung und im Bewußtſein ihrer reinen Seele;„ich verſchmähe es jetzt, Ihnen Aufklärung über Das zu geben, was Sie halb geſehen oder behorcht * — 6— haben mögen, denn gegen Beſchuldigungen dieſer Art mich auch nur zu rechtfertigen, halte ich unter meiner Würde.“ Mit dieſen Worten entfernte ſie ſich, und Harry, wie jeder andere elende Menſch von der Macht einer reinen Seele beſiegt, blieb mit albernem Geſicht, aber heftig erbittert, ſtehen.„Solch einem Landſtreicher, der durch die Hecken in fremde Gärten bricht, ſollte man eine Ladung Schrot in die Beine ſchicken,“ rief er, um ſich eine Art Genugthuung zu geben, laut vor ſich hin, damit Eveline es noch hören ſollte. Aber ſie überhörte es mit gerech⸗ ter Verachtung der gemeinen Abſicht und ſetzte ihre Schritte fort, ohne umzublicken. Achtes Capitel. Am andern Tage, gegen ſieben Uhr des Morgens, traten unſere Fremden aus dem Wirthshauſe heraus und gingen das Dorf gegen Skey's Wohnung hin entlang. Bald aber bogen ſie zwiſchen zwei Gehöften hinein und verfolgten einen Fußpfad, der ſie auf das Feld hinter At⸗ wood's Garten hinauführte. Bloom hatte ſchon ſeit fünf Mi⸗ ten in der Hausthür des Gaſthofes geſtanden, den Fremden mit einem Adlerauge nachgeſpäht, und indeſſen Herrn At⸗ wood, der gegenüber im Garten auf und ab ging, mehr⸗ mals Zeichen gegeben, daß er ihm etwas Wichtiges zu be⸗ richten habe. Dieſer ſtand daher wie auf Kohlen, denn er fürchtete, ſein Todesurtheil zu hören. Allein nicht eher als bis die Fremden jenen Fußpfad nach dem Felde ein⸗ geſchlagen hatten, ſprang Bloom aus der Hausthür hervor und, behutſam ſeine Blicke rechts, links und hinter ſich werfend, ob ihn jemand wahrnehme, war er eilig über die Straße hinüber und in Atwood's Garten, man möchte ſa⸗ gen ſchleichend geſprungen, ſo leiſe trat er auf und ſo raſch war er am Ziel.„Nun, was bringſt Du?“ fragte Sir Atwood geſpannt. Bloom legte den Zeigefinger auf den Mund und winkte mit den Augen; dann ſprach er leiſe:„Geht, während ich mich hier mit den Nelken be⸗ ſchäftige, ein wenig ins Gebüſch, Sir, ich werde Euch dann mit der Gießkanne nachkommen, als ob ich Waſſer holen wollte.“ Hierauf wandte er ſich zu dem Blumenbeet, als wenn gar nichts weiter vorfallen ſollte. Atwood folgte in⸗ deß dem Wink. Einige Minuten darauf ſtieß Bloom die gefüllte Gießkanne wie aus Ungeſchicklichkeit um und er⸗ griff ſie darauf, um friſches Waſſer zu holen. Kaum war er aber damit hinter die Fliederbüſche gelangt, wo Sir At⸗ wood wartete, ſo warf er ſie weg und ſprach:„Sir! Ich bringe Euch eine Botſchaft mit, über die Ihr erſtaunen ſollt!“—„Nun, doch hoffentlich keine üble?“ fragte Atwood. —„Ich denke nein, aber es iſt keine Zeit zu verlieren.“ Dabei zog er ein elegantes Portefeuille aus der Taſche und nahm einen Brief heraus, den er Sir Atwood mit trium⸗ phirender Miene reichte. Dieſer ergriff das Papier und las wie folgt. An Sir Harry Malcolm, Esquire, zu London. Falmouth, den löten Juni. Beſter Vetter! „„Aus Ihrer Antwort vom dreizehnten erſehe ich, daß Sie mein Verſprechen einer Tonne Goldes für eine artige Fabel und einen Scherz ihres ergebenſten Freundes und 2 „* — 66— Vetters halten, womit er Sie an ſein Krankenbett locken will. Sie ſagen höflichſt, nur wichtige Geſchaͤfte könnten Sie hindern, mir den Beſuch zu verſagen, und verſichern, mehr als eine Tonne Goldes ſei Ihnen das Glück werth, mich wieder zu ſehen. Allein Beſter, ich ſchrieb nicht im Fieberwahn, wiewol im Fieber. Meine zurückgekehrten Kräfte erlauben mir heut ausführlicher zu ſein und Ihr Unglaube befiehlt es. Auf meiner letzten Reiſe von der Havana nach Kalkutta befand ich mich als Arzt auf der Brigg Hope; ſie wurde von dem Capitain Cool geführt, aber als Reiſender befand ſich auf derſelben ein anderer Seemann, der uns in mehren gefahrvollen Momenten durch ſeine Erfahrung und Kühnheit große Dienſte leiſtete. Wäh⸗ rend der Fahrt wurde er bedeutend krank; ich behandelte ihn, er genaß und ſchenkte mir ſeine ganze Neigung. So erfuhr ich aus ſeinen Erzählungen, daß er ſich ein anſehn⸗ liches Vermögen geſammelt und bedeutenden Antheil an einer Niederlage zu Kalkutta habe. Seltſamer Weiſe hatte ich ſeinen Namen noch nicht gehört, da ihn Jedermann im Schiffe Capitain nannte; ich fragte ihn unbefangen darnach, er lächelte und ſprach:„Was thut der Name zur Perſon?“ Indeß kamen wir nach Kalkutta; kaum dort an⸗ gelangt, traf den Capitain ein Rückfall ſeiner Krankheit. Er hatte Vertrauen zu mir, ich mußte in Kalkutta bleiben, woſelbſt ich ihn auf's neue behandelte. Hier erfuhr ich, daß er Smith heiße. Allein die Krankheit nahm eine ernſthafte Wendung, ich konnte ihm keine Hoffnung verſpre⸗ chen, er ſchickte ſich an, ſein Teſtament zu machen. Da ggeſtand er mir, daß er eigentlich John Skey heiße— „Skey?“ rief Sir Atwood aus!„Leſet nur eilig weiter,“ entgegnete ihm Bloom,— Skey heiße und aus New⸗ Caſtle in England gebürtig ſei, wegen unglücklicher Schick⸗ ** 67— ſale aber ſein Vaterland verlaſſen und unter wechſelndem Namen große Seereiſen gemacht habe, die ihm ein uner⸗ meßliches Vermögen eingebracht hätten. Es wurden die nöthigen Gerichtsperſonen herbeigeholt, ich diente als Zeuge. Der Capitain vermachte ſein ganzes Vermögen ſeinem Bru⸗ der James Skey zu New⸗Caſtle, falls er noch lebe, oder deſſen Kindern.“ Hier hielt ſich Sir Atwood nicht mehr„James Skey!“ rief er aus,„iſt's möglich! Ja, nun“—„um Gottes willen, Herr, leſet weiter,“ rief Bloom, wir haben keinen Augenblick Zeit zu verlieren!— oder deſſen Kindern, oder, im Fall dieſe geſtorben ſein ſollten, ſeinen Enkeln in gera⸗ der Abſtammung. Wäaͤren dieſe Erben, wie er nicht wußte, nicht mehr vorhanden, ſo ſollten andere Beſtimmungen ein⸗ treten, welche ich Ihnen jetzt nicht melden kann. Nachdem dies Teſtament, wodurch die Erben gegen eine Million Pfund erhalten—„Million!“ rief Sir Atwood— leſet weiter, ich bitte Euch,“ drängte Bloom— vollendet war und wir das Verſprechen gegeben hatten, über den Inhalt deſſelben, ſo lange der Teſtator noch lebe, zu ſchweigen, nahm dieſer eine Brieftaſche hervor, aus der er uns anſehnliche Geſchenke machte(mir 2000 Pfund Ster⸗ ling) und hierauf ſeine Dienerſchaft hereintreten ließ und ſie auf ähnliche Art bedachte. Ehe die teſtamentariſchen Legate ausgezahlt werden, ſprach er, vergeht zu viel Zeit; meine Leute ſollen ohne Umſtände zum Lohn ihrer Treue kommen.— Zwei Tage danach, am frühen Morgen, ſtarb der Capitain in meinem Beiſein.— Ich ging, als ich ihm die Augen zugedrückt hatte, hinaus und machte nach der angreifenden Nacht in der Morgenkühle einen Spaziergang am Hafen. Da ſtießen mir allerlei Gedanken auf. Wenn du der Erbe des Capitains werden könnteſt! Wenn der — 68— Bruder, um der Mühe eine Erbſchaft in Indien zu heben, überhoben zu ſein, dir dieſelbe gegen eine beſtimmte Summe abträte, wenn er eine Tochter hätte, oder gar keine Kin⸗ der und dich adoptirte! In dieſen Betrachtungen unterbrach mich ein Kanonenſchuß, der als Signal eines ſegelfertigen Schiffs, das eben abgehen wollte, durch die Stille des Morgens donnerte. Wie ein Blitz fuhr es mir durch den Sinn: Wie wenn das Schiff nach England ſegelte und du ſogleich mit, ſodaß kein Menſch in England von der Erbſchaft wiſſen könnte! Ich hatte in Kalkutta durchaus nichts mehr zu thun, alſo war mein Entſchluß alsbald ge⸗ faßt. Ich fliege zum Capitain, frage ihn, ob er mich mit⸗ nehmen will, der Handel iſt gemacht; in einer halben Stunde waren meine nöthigſten Sachen am Bord und eine Stunde darauf lag die Küſte von Indien ſchon blau dämmernd hinter mir.— Wir hatten den günſtigſten Wind, den ein Schiff nur haben kann. Die Fahrt ging unglaub⸗ lich ſchnell, kurz, wir trafen nach 97 Tagen hier ein. Der Bruder des Capitains iſt, wie ich durch Zufall hier erfah⸗ ren, noch am Leben. Wenn ich jetzt Sie und Ihre Ge⸗ ſchäftskenntniß, Ihre Gewandtheit in jeder Art für dieſe Speculation zu intereſſiren ſuche, halten Sie es noch für unmöglich, daß ſie gelinge? Außer mir weiß noch keine lebendige Seele in Alt⸗England etwas von dem Tode des Capitains und ſeinem Teſtament. Wir ſind ſo raſch und glücklich geſegelt, daß muthmaßlich in drei, vier Wochen, ja vielleicht in zwei Monaten erſt das nächſte Schiff ein: trifft. Aus den Schiffsliſten ſehe ich, daß der fünf Tage vor uns eingetroffene Oſtindienfahrer„Marlborough“ fünf volle Wochen vor uns abgeſegelt iſt. Laſſen Sie uns doch alſo ja dieſen Zeitraum benutzen! Das Schlimmſte, was wir dabei wagen, iſt am Ende doch nur eine vergebliche ‿ — 69— Reiſe nach New⸗Caſtle. In der Erwartung, Sie recht bald zu ſehen, Ihr Freund und Vetter John Malcolm.“ P. S. Ich hoffe in zwei Tagen wieder ausgehen, in drei bis vier die Reiſe wagen zu dürfen.““ Sir Atwood machte, nachdem er dieſen Brief geleſen, die ſeltſamſten Geſichter von der Welt, und colorirte ſich dabei wie eine Landkarte in den ſchönſten Farben, roth vor Freude, daß ſein Argwohn ungegründet war, gelb vor Neid und Aerger auf Skey und die Fremden, blaß vor erſchrecktem Erſtaunen über die ganze Sache— doch Bloom ließ ihm nicht lange Zeit.„Nicht wahr,“ rief er,„ich habe eine wichtige Entdeckung gemacht, die uns ſchon Früchte tragen ſoll. Aber jetzt, Sir, gebt mir eiligſt den Brief her, denn Ihr wißt, wer in unſerm ver⸗ dammten England ein fremdes Taſchenbuch öffnet, der ſpa⸗ zirt nicht gar weit vom Galgen umher. Dabei nahm er den Brief aus Sir Atwood's Hand, ſteckte ihn wieder in das Portefeuille, und war, ehe ſich Jener beſinnen und fra⸗ gen konnte, mit drei Sätzen wieder zum Garten hinaus. Ehe aber zwei Minuten vergingen, war er auch ſchon wie⸗ der zurück und riß Herrn Atwood aus ſeinen ſtummen Betrachtungen, indem er rief:„Gelt, Sir! Fetzt gilt's, die Füchſe zu prellen! Ich denke wir wollen ihrer ſchon Mei⸗ ſter werden!“—„Um des Himmels willen, Bloom,“ rief Sir Atwood,„wie biſt Du zu dieſem Briefe gekommen?“— „Hm,“ ſprach Bloom,„auf eine ganz einfache Art. Doch ich muß in der Ordnung erzählen. Geſtern Morgen, das wißt Ihr, machten unſere Fremden einen Beſuch beim alten Skey; hierauf ſchlichen ſie ins Feld hinaus, wohin ich ihnen gerne gefolgt wäre. Da das aber nicht anging, 4½ machte ich mir ein Geſchäft auf unſerm Hausboden und ſtieg zur Luke hinaus, gegen den Giebel hinan, weil man von dort das ganze Feld überſieht. meine Vögel bald, wie ſie am Hügel hinter Euerm Garten, Sir, hinaufgingen; nicht lange ſo erſcheint oben auf der Höhe ein Mann, der ſich rings umſieht und, wie er unſere beiden Gäſte erblickt, auf ſie zugeht. ſprachen wol über eine Viertelſtunde miteinander und dann, rechts und links um Kehrt, marſchirte jeder in ſeine Gar⸗ —„Sollten ſie alſo Mitwiſſer haben?“ rief Sir Atwood.—„Mitwiſſer, das möchte ich bezweifeln; aber Helfershelfer, Spione, ſo etwas.—— Ich ſtieg indeß von meiner Giebelſpitze, wo ich zum Schein etliche Dachſteine ausgehoben und wieder eingelegt hatte, hinunter; kaum ſtecke ich nach drei Minuten die Naſe zum Thorweg hinaus, als auch der Teufel ſchon unſere Gäſte wieder da hat, die unſerm Freund Skey den zweiten Beſuch machen. niſon zurück.“ — 70— Richtig gewahrte ich Sie kamen zuſammen, Das ſchoß mir auf! Den ganzen Nachmittag paſſe ich auf Ge⸗ legenheit, den alten auszuhorchen, vergeblich. Abends, als Herr Skey bei uns erſcheint, dieſelbe Komödie wie geſtern; ſie ſitzen zuſammen, ſprechen zuſammen, aber unſere Frem⸗ den ſchon mit allen Familienangelegenheiten vertraut!“—„O die Gauner und Spitzbuben,“ rief Sir Atwood nicht ſo⸗ wol erbittert, als voller Neid aus.—„Ich,“ fuhr Bloom fort,„war mit meinen langen Beinen ſo hurtig und leiſe wie eine Spinne und ging auch nicht an dem Tiſch vor⸗ über, wo ſie ſaßen, ohne, wie eine Schwalbe im Kreuzen, etwas aufzuſchnappen, was in meinen Kram dienen konnte. Und, Sir, Ihr mögt es glauben oder nicht, aber wahrhaf⸗ tig ich habe ſchon geſtern Abend ſo etwas gewittert, wie wir heut gewiß wiſſen; das muß ich meinem Scharfſinn ſchlafen zum Nuhme macſaden. Als unſere Gäſte endlich — 71— gingen, war ich auf den Zehen hinter ihnen drein, wie ein Bube, der einen Sperling greifen will. An der Thür horchend, wurde ich in meiner Meinung beſtätigt, daß es gelte, den alten Skey zu überliſten, oder etwas zu gewinnen, oder ſonſt dergleichen. Was es war, konnte ich freilich nicht ganz errathen. Da kam mir der mächtige Bundesgenoſſe Zufall zu Hülfe. Als ich heute früh die Kleider unſerer Herren zum Reinigen aus dem Zimmer nehme, ſehe ich, daß eine Brieftaſche auf der Kom⸗ mode liegt, die ſie ſonſt Abends und beim Ausgehen in ihre Schatulle zu verſchließen pflegten. Hm, dachte ich, vielleicht ſteckt Etwas darin, was man brauchen kann. Sie wegzuka⸗ pern, war zu gefährlich; ich erlauſche alſo den günſtigen Augenblick, ſie unbemerkt hinter die Kommode zu ſchieben, ſo⸗ daß ſie zwiſchen derſelben und der Wand hinunterfällt. Nun geh' ich und laſſe Alles gut ſein. Richtig, die Liſt war geglückt! Da ſie nichts liegen ſahen, mußte Jeder wol glauben, der Andere habe die Brieftaſche ſchon wegge⸗ legt; ſie gingen hinunter, frühſtückten unten, und ich hinauf um raſch auszuſpioniren, ob der Name in der Brieftaſche ſtünde. Das Erſte, was ich fand, war dieſer Brief, der uns über Alles Aufſchluß gibt. Ich ließ daher ſogleich Jalles Andere, wie es war, warf die Brieftaſche wieder hin⸗ ter die Kommode und paßte auf, bis der Feind abziehen würde. Das geſchah vor einer Viertelſtunde; jetzt ſteckt die Taſche wieder hinter der Kommode und das Uebrige wißt Ihr, Sir!“—„Du biſt ein Teufelsſpitzbube, Bloom,“ ſprach Sir Atwood vergnügt und fühlte ſich ordentlich zu dem Schubjack hingezogen.„Deine zwanzig Guineen hät⸗ teſt Du aber wol verdient;“ zugleich zog er die Börſe, um ſie ihm einzuhändigen. Bloom reckte die Hand aus, das Geld in Empfang zu nehmen, ergänzte aber die Rede Sir Atwood's folgendermaßen:„Sir, verdient gewiß, aber ich hoffe nur vorläufig. Denn daß wir jetzt Bundes⸗ genoſſen werden müſſen, das iſt doch bei Gott ſo klar wie die Sonne hier über uns. Auf der einen Seite können wir für unſer Spioniren gehängt werden, denn unſer gutes Vaterland, Altengland, hat ganz verfluchte Geſetze für Die, 6 welche in eine fremde Brieftaſche gucken, auf der andern gibt es eine reiche Erbſchaft zu erſchnappen. Die Wahl, dächte ich, wäre leicht. Wir gleichen zweien Spionen, die einander im feindlichen Lager begegnen, um den Schlacht⸗ plan auszuhorchen; wollen ſie eiferſüchtig auf einander ſein und Einer den Andern verrathen, ſo werden ſie Beide ge⸗ hängt, machen ſie aber gemeinſchaftliche Sache, ſo erwiſchen ſie den Preis, der auf die Kundſchaft geſetzt iſt.— Indeß, Sir, glaubt nicht etwa,“ fuhr er fort, als er ſah, daß Sir Atwodd über die vertrauliche Kameradſchaft, die ihm der Hausknecht zumuthete, ein verdrießliches Geſicht ſchnitt, „glaubt nicht etwa, daß ich ſo unverſchämt wäre, halbpart zu ſagen. Allein ſo wenig Verdienſt bei meiner Entdeckung iſt, ſo viel Glück iſt dabei und wem das Glück begegnet, der muß es doch, Goddam! beim Schopf greifen, oder er verdient, daß es ihn bei der Naſe umherführt. Ich weiß recht gut, daß ich allein mit meiner Nachricht auch noch nicht einen gebratenen Sperling in die Schüſſel bekomme; doch auf Euerm Acker, Sir, muß die Saat aufgehen, wie der Reis in Indien, drei Manneslängen hoch. Dabei, dächte ich, dürften für den Unterhändler Bloom doch wol etliche Pfund Sterling abfallen.“ „Ich ſehe nur noch gar nicht ein, was uns der ganze Fund helfen kann,“ entgegnete Sir Atwood.„Mir iſt es wol wichtig, daß ich beſtimmt weiß, wer die Fremden nicht ſind, allein das Geld da auf dem Papier iſt doch noch nicht il unſerer Taſche?“„Sir“, rief Bloom erſtaunt, in meiner freilich noch nicht, aber in Eurer, dächte ich. Doch alle Teufel, da ſind die Fremden zurück. Auf den Abend, Sir, wenn Alles ſchläft, bin ich wieder hier. In⸗ deß will ich den Plan, der mir wie ein Blitz in der Nacht ſogleich aufgeſchoſſen iſt, noch näher überlegen und aus⸗ arbeiten!“ In drei Sprüngen war der gewandte, lange Spitzbube drüben im Gaſthofe. Neuntes Capitel. Es iſt wol endlich einmal Zeit, daß ich mit dem Leſer eine kleine Ausflucht aus Greenhill nach andern Gegenden mache, um Perſonen mit ihm zu beſuchen, die wir gleich anfangs ziemlich nahe kennen lernten, aber ſeitdem faſt allen Umgang mit ihnen abgebrochen haben. Wenn ich's nicht in meinen Documenten nachſchlagen köunte(denn bei⸗ läufig muß ich bemerken, daß mir dieſe authentiſchen Data direct aus England zugeſchickt worden ſind), ſo wüßte ich's ſelbſt nicht mehr, daß James Skey's Sohn William heißt, ſeine Tochter Jenny und daß dieſe bei der reichen Miſtreß Goldſmith als Geſellſchafterin wohnt, jener den Söhnen des Sir Blunt die gelehrteſten Kenntniſſe beibringt. Ehe wir uns aber in die Studirſtube Williams begeben, wollen wir einige Abende im Theezimmer der Miſtreß zubringen. Ge⸗ wiß ſind die Leſer meiner Meinung und Neigung, das helle Gartenzimmer der Miſtreß mit der Terraſſe davor, von der man Gärten, Felder, Wieſen und den gekrümmten Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. III. 4 — 2a— blauen Strom überſchaut, dem engen düſtern Gemach un⸗ ſeres Gelehrten vorzuziehen, deſſen Fenſter gegen die Gie⸗ belwand einer Scheune liegen, die ſich als Bruſtwehr oder Traverſe vor die Ausſicht ſtellt. Auch gebe ich, wenn's dem bloßen Aufenthalt und dem Auge gilt, für eine Wandverzierung von franzöſiſchen Tapeten und engliſchen Kupferſtichen mehr als für die beſtäubte Bücher⸗Garnitur, mit der Williams Zimmer inwendig ausgemauert war. Wer mir aber vollends zwei am Cicero ſchwitzende Eleven und einen ſeufzenden Informator für eine feingebildete, äl⸗ tere, weiblich ruhige Hausfrau, wie Miſtreß Goldſmith, und eine blonde, blauäugige, blühende Theeeinſchenkerin wie Jenny, anbieten wollte, dem würde ich an den Puls faſſen und fragen:„Beſter, ſogar Fieber bei ſo wenig Phan⸗ faſte?“— Miſtreß Goldſmith ſaß am Theetiſch, mit einer Filet⸗ arbeit beſchäftigt, und Jenny hatte ihr ſoeben die erſte Taſſe gereicht, als der Diener eintrat und zwei Fremde meldete, die ſich der Fran vom Hauſe nur ſelbſt nennen wollten. Da der Alte dabei ein geheimnißvolles Lächeln nicht unterdrücken konnte, ſo ſchloß Miſtreß Goldſmith daraus auf nahe Bekannte und nahm die Fremden an. Dieſe traten ein und der Erſte flog ſogleich als der älteſte Sohn des Hauſes, der ſich meiſtentheils in London aufhielt, der Mut⸗ ter in die Arme; der Andere ſtand etwas entfernter und ſchien die erſte frohe Begrüßung abwarten zu wollen, ehe er ſich ſtörend zu nähern wagte. Doch bald fragte die Mut⸗ ter ſelbſt nach dem Gaſte.„Sollten Sie mich nicht ken⸗ nen,“ ſprach er, und ließ ſich, dicht vor die Fragende hin⸗ tretend, von oben bis unten betrachten. Auch Jenny rich tete nach dieſer Frage natürlich die Blicke auf den Gaſt und ihre Züge boten ein liebliches Gemiſch von Schüchtern) heit und unbefangener Neugier dar. Aber dieſer muſternde Blick, der die ganze ſchlanke, edle Geſtalt und das an der Sonne gebräunte kriegeriſche Antlitz des jungen Mannes traf, war ein gefährlicher für das junge Mädchen, denn im er⸗ ſten Augenblick empfand ſie jenen ſeltſamen, ſüßen Ein⸗ druck, deſſen Geheimniſſe uns oft zu ſpät enthüllt werden. Miſtreß Goldſmith hatte lange in den ihr ſo bekanut ſchei⸗ nenden Zügen geforſcht, endlich rief ſie:„Mein Gott, Ar⸗ chimbald, biſt Du es“— und der Neffe lag in ihren Ar⸗ men. Als funfzehnjähriger Knabe hatte er das Haus der Miſtreß— er war der Sohn ihrer früh verſtorbenen Schwe⸗ ſter— verlaſſen und war als Seecadet in Dienſte gegan⸗ gen; als achtundzwanzigjähriger junger Mann kehrte er jetzt als Schiffslieutenant zurück. Die ernſten Furchen eines angeſtrengten Lebens hatten ſich auf das blühende Geſicht des Knaben gelagert, das die Erzieherin zuletzt geſehen; ſo bedurfte es natürlich einiger Zeit, ehe ſie unter den ſtrengen Schattenſtrichen die jugendlichen Umriſſe der Züge wieder erkannte. Nun aber war die Freude groß und der An⸗ kommende wurde von Der, die ihm Mutterſtelle vertreten hatte, gleich einem Sohn mit Thränen und Küſſen bedeckt. Nachdem die erſte, wärmſte Aufwallung der Freude vorüber war, mußte Archimbald ſeine Schickſale erzählen. Wie es bei einem reichen Leben zu gehen pflegt, ſo wollte er zwar in der Ordnung beginnen, allein bald riß ihn dieſes oder jenes Abenteuer zu einer Abſchweifung hin, die ihn weit von dem Faden entfernte, bald hing er ſich mit Lebhaftig⸗ keit an die Gegenwart, an den Ort wo er ſich befand, wurde aus dem Erzähler ein Frager und Zuhörer, kam auf ſeine Kindheit zurück— kurz, ſtellte mehr ſich ſelbſt mit ſeinem warmen, feurigen Herzen, als ſein Leben dar. Indeſſen war auch mancher Zug ſeiner kriegeriſchen Lauf⸗ 4* — 76— bahn mit eingewebt worden, vorzüglich da Miſtreß Gold⸗ ſmith, die durch Briefe ſtets über ſeine Lage und Begeg⸗ niſſe in Kenntniß erhalten war, nach Manchem fragte und genaueren Bericht verlangte, als ihr aus ſeinen ſchriftlichen Mittheilungen erinnerlich geblieben war. Jenny hing mit jungfräulichem Erſtaunen an den Erzählungen des jungen Seemanns und jede neue Gefahr, jedes neue Abenteuer, das er, ohne ruhmredig von ſich ſelbſt zu ſprechen, mit Offenheit und Lebhaftigkeit ſchilderte, verlieh dem jungen Mann einen neuen Schimmer der Bedeutſamkeit. Wollt Ihr es meiner jungen, unſchuldigen Freundin verargen, wenn ihr Herz kühnen, kriegeriſchen Thaten ſolche Bewun⸗ derung zollte, daß es ſich Dem mit ſtiller Neigung zuwandte, der in Kämpfen und Gefahren männlich herangewachſen war und doch dabei die wohlwollende, unſchuldige Offenheit eines weichen Gemüths zeigte? Liebe, ſchöne Leſerinnen! Ihr müßt es ſchon eingeſtehen, daß Euer ſchüchterner Sinn im Manne den feſten, ſtarken Anhalt des Lebens ſucht und liebt und man daher die Beſten unter Euch im Harniſch und mit Waffen leichter erobert, als in der Tracht des arkadiſchen Schäfers. Ihr dagegen ſeid uns als Hirtinnen gewiß gefährlicher als im Amazonenkleide. Heldenthaten ſind Sturmanläufe auf ein weibliches Herz; ſelbſt der ſchwarze, furchtbare Mohr Othello gewann ja damit die zarte Desdemona und vor dem Glanz ſeines Ruhmes verſchwand die Nacht ſeiner Farbe. Warum ſoll mein junger, muthiger Archimbald, der die Jahre in Seeſtürmen und Schlachten thatenreich zugebracht hat, die andere Jünglinge in weichlichem Uebergenuß ver⸗ ſchwelgen, der durch Anſtrengen und Verſagen alle Kräfte ſeines Lebens in eben der Zeit geſtählt hat, wo Andere ſie durch das Gegentheil erſchöpfen— warum ſoll er meiner frohen, holden, verſchämten Jenny nicht das junge, leicht gewonnene Herz rauben?— wenngleich ſie, wüßte ſie's nämlich, daß ſie liebt, ſehen und fühlen müßte, daß ſie nach Träumen haſcht. Der reiche, edelgeborne Archimbald, auf der glanzvollen Laufbahn des Ruhms, und Jenny, die dürf⸗ tige, dienende! Daß Archimbald den Teufel danach fragen würde, glaube ich, nach meinen Acten und Documenten hiedurch verſichern zu dürfen; aber kommt es erſt zu etwas, ſo wird Jenny ernſt und traurig ihrer Wohlthäterin geden⸗ ken, wird aufopfernd verſtummen, die Liebe wie ein ſüßes, tödtliches Gift in der Bruſt verſchließen und ſo die ſchöne Roſe ihres Glückes von dem heimlichen Wurm zernagen laſſen— ja gewiß, ſie wird es tauſendmal lieber thun, als das ſchönſte Glück mit dem leiſeſten Unrecht kaufen. Ein Recenſent, der nicht darauf dränge, daß ich nach dieſer blaſſen Lilie einer ſentimentalen Abſchweifung, die ich hier in die Guirlande meiner Erzählung eingeflochten, etwas Kräftiges nachbrächte, etwa einen Lorberzweig aus Archim⸗ balds Thaten oder doch wenigſtens ein tüchtiges Dornge⸗ winde aus ſeinen Strapazen— ein ſolcher Recenſent würde nichts von ſeinem Fach verſtehen und daher zu den moder⸗ nen gehören. Wenn ich's aber auch nicht ſonſt gebrauchen könnte, ſo müßten doch ſchon des Contraſtes wegen hier etliche Kraftſtriche in das Bild. „Du ſchriebſt uns vor einigen Jahren, daß Du ſchwer verwundet worden, lieber Archimbald,“ fragte Miſtreß Gold⸗ ſmith,„aber ſo kurz, ſo unbeſtimmt; erzähle mir doch das Nähere davon.“—„Beſte Mutter,“— rief Archimbald, denn er nannte ſie, die ihm Mutterſtelle vertreten hatte, niemals anders—„wenn ich jemals unrecht hatte, kurz zu ſchrei⸗ ben, ſo war es hier. Denn damals habe ich Liebe und Treue erfahren, wie Ihr Armen auf der ruhigen Sandbank hier, wo faſt niemals eine höhere Welle des Lebens hinüber⸗ ſchlägt, ſie vielleicht nimmer kennen lernt. Wir lagen in Smyrna vor Anker. Als ich eines Morgens mit dem Capitain über den Markt ſchlenderte, fiel uns ein großes Getümmel von Menſchen auf. Wir traten näher und ſahen, ach es zerriß uns das Herz, friſch geraubte Griechinnen aus Chios, edle, hohe Geſtalten, wie Ihr ſie nur aus dem todten Marmor kennt, als Sklavinnen zum Verkauf aus⸗ geſtellt. Stumm, ohne Thränen, zitternd, ſtanden die Schlachtopfer da. Die geldgierigen Handelsleute, oder die lüſternen türkiſchen Reichen gingen die Reihen entlang und beſchauten ſie mit dem kalten Blick ſchlauer Kenner, die nur eine Waare vor ſich ſehen und einen Menſchen gleich⸗ gültiger kaufen, als ein Pferd. Denn wenn ſie das letzte erhandeln, ſo denken ſie doch darauf es edel zu halten, und ſind ſtolz auf den Beſitz. Kaufen ſie aber eine Sklavin, ſo überrechnen ſie nur, wie viel ſie beim Wiederverkauf ge⸗ winnen können, oder wie lange ſie für ihr Geld ſich des ſchnödeſten Beſitzes erfreuen mögen, um ſie dann gleichgül⸗ tig mit jeder Qual zu belaſten und ſie auf's vortheilhaf⸗ teſte zu verbrauchen im eigentlichſten Sinne. Ein altes Schlachtroß halten ſie in Ehren, eine alte Sklavin gibt es kaum, da ſie die Kräfte derſelben ſo erbarmungslos aus⸗ ſaugen, daß ſie früh hinwelken, oft fürchterlich verſchmach⸗ ten muß. Unter den Vielen, die uns das Herz im Inner⸗ ſten bewegten, waren zwei, von zartem Wuchs wie eine junge Myrthe, und einander ſo ähnlich, daß man ſie ſogleich als Schweſtern erkannte. Die Jüngere war aber faſt noch ein Kind, die Aeltere eine eben aufgebrochene Roſe. Ein alter Tuneſer, Corſar, Kenner wie irgend Einer, hatte den Juwel bald herausgefunden. Er trat auf die Aeltere zu, be⸗ ſchaute ſie kalt und ſcharf von der Scheitel bis zur Fuß⸗ — 79— ſpitze, während die Arme erblaßte und erröthete, und fragte dann den Verkäufer trocken:„Was gilt dieſe?“—„Tau⸗ ſend Piaſter.“—„Ich zahle neunhundert.“—„Tauſend.“— „Meinethalben,“ und der Handel war geſchloſſen; wir ſchau⸗ derten. Kaum war das Wort ausgeſprochen, als die jün⸗ gere beider Schweſtern ſich mit dem Ausdruck der Ver⸗ zweiflung dem Corſaren zu Füßen ſtürzte und in ihrer ſchönen helleniſchen Mundart ausrief:„Kaufe auch mich und reiße mich nicht von der Schweſter, oder ich muß vor Jam⸗ mer ſterben!“ Der Corſar deutete ſtatt der Antwort gleich⸗ gültig auf die heftig zitternde Schweſter und befahl ſeinen Begleitern ſie hinweg zu führen, während ein Anderer die Weiſung erhielt, dem Kaufmanne den Preis zu zahlen.— Das zerriß uns das Herz. Mein Capitain, Sir Loſt, trat vor und rief:„Ich kaufe Beide, was iſt der Preis?“ Der Corſar rief auf Italieniſch, das iſt die allgemeine Sprache des Mittelmeeres, dazwiſchen:„Nichts, Franke, der Han⸗ del iſt geſchloſſen!“ Allein der Verkäufer, der wohl ſah, daß er jetzt einen reichlicheren Gewinn erbeuten konnte, rief:„Halt! ich habe noch nicht Zahlung genommen!“— „Wollt Ihr für Beide dreitauſend Piaſter zahlen?“ Der Corſar ſchrie wüthend:„Nein! aber ich behalte Die, die ich gekauft habe. Was ſoll ich mit einem Kinde für zwei⸗ tauſend Piaſter?“ Capitain Loſt dagegen war ſogleich be⸗ reit die dreitauſend Piaſter zu zahlen. Die Umſtehenden, die Theil an dem Schickſal der Schweſtern nahmen, ſchlu⸗ gen ſich auf unſere Seite, der Corſar mußte abſtehen und verließ wüthend den Markt. Die Mädchen weinten vor Freude und warfen ſich dem Capitain zu Füßen, der ſie ſanft emporrichtete und mir den Auftrag gab, ſie auf unſer Schiff zu bringen. Er leiſtete indeß die Zahlung durch Wechſel und ich führte die beiden Griechinnen auf⸗ — 80— unſer Boot, das im Hafen lag. Wir ſetzten uns ſogleich ein und ruderten nach der Rhede hinüber; der Capitain wollte erſt in einigen Stunden abgeholt ſein.— Kaum hatten wir den Hafen verlaſſen und gleiteten ſanft über den blauen Meeresſpiegel dahin, als wir ganz dicht hinter uns eine anſehnliche Barke wahrnahmen, die mit aller Macht der Ruder und Segel uns nachkam. Nach einigen Minuten entdeckten wir, daß es Türken ſind, und bald erken⸗ nen wir, da er uns etwa auf hundert Schritte nahe kommt, den Corſaren. Mir ahnte ſogleich nichts Gutes. Wir wa⸗ ren ſechs Matroſen, mein Steuermann, eine redliche Seele und ſchlau wie Odyſſeus, und ich. Auf der Barke befanden ſich wenigſtens zwanzig bewaffnete Corſaren; wir waren unbewaffnet. Unter ſolchen Umſtänden hielt ich's für gut eiligſt zu flüchten, um ſo mehr, als ich unſere un⸗ glücklichen Griechinnen nicht preisgeben wollte. Allein die Barke war ſchon zu ſehr im Schuß und, da wir zu eilen begannen, verdoppelten jene ihre Anſtrengung. Man rief uns halt zu, wir hörten nicht; da fielen etliche Schüſſe, ein Matroſe ſtürzte getroffen zu Boden. Nun mußte ich natürlich, um Schlimmeres zu vermeiden, dem Feinde ſtehen. In zwei Minuten war er heran, enterte unſer Boot und erklärte, man werde uns die ältere Griechin nehmen, wolle aber tauſend Piaſter zahlen. Ich verwarf den Antrag und drohte dem Erſten den Kopf zu ſpalten, der ins Boot ſpringen werde. Meine Jungen, wüthend über die Verwundung ihres Kameraden, faßten Ruder und Stangen, es gab ein Handgemenge, aber natürlich— wir unterlagen bald, da unſere Gegner Feuergewehre hat⸗ ten. Ich bekam einen Schuß durch den Arm, einen Hieb in den Kopf und ſtürzte beſinnungslos zu Boden.— Als ich erwachte befand ich mich auf einem fremden Schiff, — 81— im Raum in einer Hangematte. Bald erkannte ich, daß uns der Corſar für gute Beute erklärt haben mußte, uns auf ſein Fahrzeug geſchleppt hatte und ſchon im vollen Davonſegeln war. Indem ich ſo über meine traurige Lage nachdenke, höre ich plötzlich einen Kanonenſchuß und und gleich darauf ſchmettert eine Kugel unfern von mir in das Schiff hinein; ich fahre auf, da höre ich einen zweiten, einen dritten Schuß, von denen ich aber nicht ſah, ob ſie getroffen haben mochten. Zugleich entſtand im Schiff ein Getümmel, welches mir keinen Zweifel mehr darüber ließ, daß es angegriffen würde. Eine Pauſe von wenigen Mi⸗ nuten und ich höre in viel größerer Nähe abermals einen Schuß, zwei, drei, eine ganze Ladung. Doch drang davon nur das Gepolter in meinen Schiffsraum. Jetzt ahnte ich, daß der Angriff unſere Rettung bedeuten mochte. Ich raffte alle meine Kräfte zuſammen und es gelang mir, mich an eine Schiffsluke zu ſchleppen, aus der ich einen Theil der See erblicken konnte. Da ſah ich plötzlich unſer Schiff mit vollen Segeln, majeſtätiſch, pfeilſchnell, brauſend durch die Wellen hinſchießen; zugleich blitzte es aus allen Schieß⸗ ſcharten, eine ſchwarze Rauchwolke ſchlug über dem Rumpf zuſammen, dann hallte der furchtbare Donner des Geſchützes in mein Ohr und gleich darauf praſſelte der Kugelregen gegen das Fahrzeug, auf dem ich mich befand. Ein Weh⸗ geſchrei belehrte mich, daß er furchtbare Verheerungen ange⸗ richtet haben mußte, ich hörte das Krachen ſtürzender Ma⸗ ſten und fühlte an dem ungeheuern Schwanken und der unregelmäßigen Bewegung des Schiffes, daß die Leitung deſſelben aufgehört hatte. Meines Capitains Fahrzeug war indeſſen aus dem Raum, den ich durch meine Luke überſah, verſchwunden; bald aber fühlte ich's an einem furchtbaren Stoß, daß es ſich an den Corſaren anlegte. Noch wenige 4** — 92— Minuten und ſchon ſtürzten die Freunde in den düſtern Raum meines Kerkers hinunter.— Der Augenblick war unbeſchreiblich; er überwältigte mich und erſt auf unſerm Schiff kam ich zu mir. Jetztt erfuhr ich den Hergang. Mein Steuermann im Boot hatte ſogleich richtig überſchla⸗ gen, was aus uns Allen werden würde, wenn Keiner ent⸗ rönne, um Hülfe zu ſchaffen. Bei den erſten Schüſſen da⸗ her warf er ſich ſofort ins Meer, als ob er getroffen wäre, ſchwamm aber mit Macht unter dem Waſſer hin, duckte dann und wann auf, um Luft zu ſchöpfen, und da er weit genug war, um nicht mehr bemerkt zu werden, ſteuerte er nach dem Kopf des Hafendamms. Der kühne, ausdauernde, ſchlaue Schwimmer erreichte ihn glücklich. Bald hatte er jetzt den Capitain gefunden, erzählte ihm den Hergang, und dieſer warf ſich mit ihm in einen Nachen, um nach ſeinem Schiff zu ſegeln und Hülfe zu ſchaffen. Als er daſelbſt anlangte, konnte man den Kaper, der mit allen Segeln davongegangen war, noch deutlich ſehen. Unſere gute Eng⸗ länderin hieß„Velocity“ und machte ihrem Namen Ehre. Wie ein Pfeil ſchoß ſie der Beute nach und noch vor Sonnenuntergang war der Naub eingeholt. Mein Capitain war der Erſte mit dem Säbel in der Fauſt auf dem Ka⸗ perſchiff; Thoms, der Steuermann, der Zweite; in fünf Minuten waren wir frei. Aber es hatte theures Blut ge⸗ koſtet! Zwar verloren wir von den Unſerigen zum Glück keinen, doch blutete der Capitain aus drei Wunden und Thoms hatte eine Kugel im Schenkel, die ihm faſt das Bein gekoſtet hätte.—„Beſte Mutter!“ rief Archimbald am Schluſſe dieſer Erzählung,„ſteht man ſich wol auf dem dürren Feſtlande ſo treu in Noth und Tod bei? Mein Capitain, mein Steuermann waren meine Schutzengel. Ihr träumt hier nur von rauher Dienſtunterwürfigkeit, aber — 838— wie verbrüdern uns Bedürfniß und Gefahren! Mein Vor⸗ geſetzter und mein Untergebener retteten mich und die Unſe⸗ rigen mit ſo treuer Liebe! Und nächſtens, beſte Mutter, führe ich Capitain Loſt hieher; er hält ſich jetzt auf dem Landſitze eines Freundes unweit von hier auf. Nicht wahr, Sie erlauben mir, ihn zu Ihnen einzuladen?“—„Von gan⸗ zem Herzen!“ entgegnete Miſtreß Goldſmith. Jenny hatte mit unverwandtem Auge an dem feurigen Erzähler gehangen und mit banger Seele war ſie ſeinen gefährlichen Schickſalen gefolgt. Jetzt ſchien ſie ihn mit prüfenden Blicken zu betrachten, ob er auch unverſehrt der Gefahr entronnen ſei. Archimbald wandte ſich zufällig um, und traf ihren auf ihm verweilenden Blick; ſie errö⸗ thete leicht.„Ach Miß,“ ſprach er,„Sie ſehen mich ſo forſchend an, gewiß glauben Sie, ich erzähle Mährchen.“— „O nein, ich glaube Ihnen recht gern;“ fuhr ſie etwas verlegen fort,„doch was iſt denn aus den beiden Griechin⸗ nen geworden? Die Theilnahme an Ihrem Schickſale ließ mich dieſe Unglücklichen in der That einen Augenblick ver⸗ geſſen.“—„Ja,“ fiel Miſtreß Goldſmith lebhaft ein, „Jenny hat recht, was wurde aus den armen Schwe⸗ ſtern?“ Archimbald fühlte ſich angenehm durch Jenny's un⸗ befangen ausgeſprochenes Wort getroffen, daß ſie über ihn die Unglücklichen vergeſſen habe; indeß genügte er ihrer Frage ſogleich.„Sie kamen Beide wohlbehalten wieder in un⸗ ſere Gewalt. Wir erfuhren, daß ſie, im Begriff nach Ita⸗ lien zu flüchten, in Gefangenſchaft gerathen waren, und ſetzten ſie daher ſpäter in Neapel ab, wo ſie in Erfahrung brachten, daß ihre troſtloſen Aeltern nach Ancona geflüchtet ſeien. Eine Landsmännin von uns, Lady Aſtley, über⸗ nahm es, beide Mädchen ſelbſt dorthin zu geleiten. Wir erhielten ſpäter einen Brief von ihrem Vater, Androgenes, der ſeinen gerührteſtrn Dank ausſprach, und Wechſel ent⸗ hielt, die dem Capitain die Kaufſumme erſetzten; denn der Grieche war ſehr reich.“—„Aber wirklich Miß,“ rief Archimbald, da er Jenny einen Augenblick aufmerkſam be⸗ trachtet hatte,„Sie ſehen der älteren jener Griechinnen auffallend ähnlich.“ Jenny lächelte. Archimbald, trotz ſeines ſeemänniſchen Verkehrs nicht ohne Gewandtheit im Umgang mit Frauen, fügte der Bemerkung eine Artig⸗ keit hinzu und dadurch erhielt das Geſpräch eine andere Richtung. Zehntes Capitel. Ich habe dem Leſer zu Gefallen eine ganze Zeit lang eine wahre Federzeichnung oder Miniaturmalerei meiner Geſchichte getrieben, er muß mir daher jetzt einige Deco⸗ rations⸗Malerſtriche nicht vorwerfen. Ich käme ſonſt in dieſem Säculo nicht ans Ende. Archimbald wohnte bei ſeiner Pflegemutter im Hauſe und bald bei deren Pflegetochter im Herzen. Er ſchien in⸗ deß einen Nebenbuhler zu bekommen am Capitain Loſt, den er eingeführt hatte, und der, ſo rauh er war, der natürlich anmuthigen Jenny gegenüber alle Segel der Seemanns⸗ Derbheit einſtrich und mit wahren Schmetterlingsflügeln eines Hofmannes umherflatterte. Jedoch nur des Gleich⸗ niſſes wegen; ſonſt glich er einem Vater oder Oheim, der mit einer Tochter oder Nichte ſcherzend ſchön thut. Miſtreß Goldſmith ſchien Archimbalds Neigung nicht zu bemerken; wohl aber Jenny, die ſcheu und ſcheuer flüchtete und — — 85— manche Thräne vergoß, weil ihr Herz ſchwächer war, als ihr Wille. So vergingen einige Wochen. Da kündigte der Gaſt ſeine Abreiſe an; allein er wußte, daß eine Abſchieds⸗ ſtunde eben ſo günſtig zum Sturm auf ein weibliches Herz ſei, als die Frühdämmerung zu einem Ueberfall, und ge⸗ wann dieſe richtig allein mit dem geängſteten Mädchen. Als er nun mit herzlicher Wärme zu ihr ſprach und noch wärmer ihre Hand ergriff, ſie drückte, dann die tief Be⸗ wegte näher und näher zu ſich hinan zog— welche ihrer Schweſtern wird es ihr jetzt verargen, daß ſie überwältigt einen Augenblick an die Bruſt des Freundes ſank, jedoch ſich im nächſten auch ſchon blutend, aber muthig wieder losriß, hinausflüchtete und rief:„Nein, Archimbald! Niemals! Nein! Nein!“ Aber der Seemann ſchwur ſich's, die Priſe nicht entſchlüpfen zu laſſen, ſondern zu entern oder ſelbſt in den Grund zu gehen; und er ſetzte alle Segel bei. Am andern Tage mußte er abreiſen. Wir auch; denn uns liegt es ob, den Bruder Jenny's in ſeiner pädago⸗ giſchen Zelle aufzuſuchen. Er hatte eben mit ſeinen Schülern das Buch de ofliciis durchgenommen und dabei für ſich gedacht, daß es leichter zu ſchreiben und zu leſen, als zu erfüllen ſei. Als die jungen Lateiner hinausgeſprungen waren und durch ihre Begierde nach der Freiſtunde nicht auf' ſchmeichelhafteſte dem feſſelnden Vortrag ihres Lehrers huldigten, ereignete ſich der casus rarus, daß ſie wieder zurückgeſprungen kamen, aber mit einem Brief, der für William abgegeben war. Nachdem ſie ihn in die Hand gelegt, die ihn öffnen ſollte, ſchoſſen ſie wieder hinaus, um zu ſchießen, nämlich mit Blaſeröhren nach der Scheibe. William kannte weder die Aufſchrift, noch das Siegel - 86— und fand kein Poſtzeichen. Er öffnete und las zu ſeinem Erſtaunen: „Ein reicher Bramin hatte eine wunderſchöne Tochter. Ein armer, aber ſchöner Jüngling liebte das Mädchen. Der Bramin hätte es gern geſehen, daß ſeine Tochter ſich mit ihm verbunden hätte, und auch dieſe liebte den Jüng⸗ ling. Aber er erwartete mit Recht, daß derſelbe die Wer⸗ bung beginnen ſolle. Um ihn zu erforſchen, verkleidete er ſich in die ärmliche Hülle eines alten Bettlers, legte einen falſchen Bart an, verband ſich das Haupt mit einem Tuche und ſetzte ſich jammernd an den Weg, den der Jüngling kom⸗ men mußte. Als dieſer nun vorüberging, redete er ihn an und ſprach:„Schenke einem Unglücklichen!“ Der Jüngling antwortete:„Was ich habez aber ich bin unglücklicher als Du!“—„Wie wäre das möglich“? rief der Greis,„Du biſt ſchön und geſund. Nur die Liebe könnte Dich unglücklich machen!“—„Das thut ſie,“ erwiderte der Jüngling.— „Verſchmäht Dich Deine Geliebte?“—„O nein, ich glaube ihr Herz iſt mir zugewandt. Aber ſie iſt reich und ich bin arm, darum wage ich nicht um ſie zu werben.“—„O Jüng⸗ ling,“ rief der Greis,„die Geliebte iſt viel unglücklicher als Du! Denn Du denkſt unedel von ihr und ihrem Va⸗ ter. Wehe ihr, wenn Du einſt reich würdeſt und ſie arm! Dann würdeſt Du dein Gold höher ſchätzen als ihre Liebe!“ Der Jüngling ſtand betroffen ſtill. Sofort aber kehrte er um und beſchloß um die Tochter des Braminen zu werben.“ Hiier ſchloß der Brief. William war auf's tieſte da⸗ durch getroffen; auf den Verfaſſer deſſelben wußte er durch⸗ aus nicht zu rathen, viel weniger ihn zu entdecken. Sein Vater? Seine Schweſter? Eveline ſelbſt? Mehr Perſonen, die ſeine Liebe kannten— und die letzte konnte ſie ja nur — — — — — 88— ahnen— waren nicht in der Welt, denn gegen Jeder⸗ mann hatte er geſchwiegen wie das Grab.—— Indeß empfand er, daß in gewiſſer Art der Vorwurf, der ihm gemacht wurde, gerecht ſei, wenngleich die anſpielende Er⸗ zählung ihn falſch ausdrückte. Aber er fühlte es jetzt plötz⸗ lich mit der Kraft eines großen Gemüths, daß, wo es die höchſten Wahrheiten unſeres Herzens gilt, wir auch dem Schein des Unedlen trotzen und nur im Bewußtſein des Rechten handeln ſollen. Wer wollte anſtehen, einen Für⸗ ſten, der in den Strom geſtürzt, aus demſelben zu retten, weil dieſer im Stande iſt, der That einen Lohn zu bieten, für den der Eigennutz noch mehr wagen würde! Darfſt du das Glück zweier Herzen hemmen, weil Unedle dir das Unedle zutrauen könnten? Ja, darfſt du den äußerſten Verſuch unterlaſſen, ſelbſt wenn eine Zurückweiſung dir gewiß wäre? Das wahrhafte Gefühl deiner Bruſt muß mächtiger ſein, als jeder Schein; der Mann darf das falſche Urtheil, er muß es über ſich ergehen laſſen, um ſich ſelbſt nicht verurtheilen zu müſſen. Der, deſſen Ge⸗ ſinnung und Handeln nicht einen falſchen Schein zu ver⸗ nichten vermöchte, wäre ein ſo ungeprüfter Held, wie ein Feldherr, der zu größeren Zwecken nicht eine rückgängige Bewegung zu machen wagen dürfte! Ja ſelbſt, wenn du dich in der Geliebten irrteſt, wenn ſie ihr Nein mit dem gemeinen Hochmuth niederer Seelen ausſprechen könnte, ſo müßteſt du es dulden, an deinem wahren Stolz ihren fal⸗ ſchen ohnmächtig abgleiten laſſen, leicht jedes unwürdige Band von dir werfen und dich wieder frei und ſtolz, ja glücklich fühlen, weil du dich ſelber ehren darfſt und weil dir eine Täuſchung zur Wahrheit wurde.— Dies war der epitomatiſche Inhalt der Gedanken Williams; man ſieht, — 88— daß er ſich raſch vom Verzagen bis zum philoſophiſchen Heroismus hinaufſchwang. Aber er machte ſeine Gedanken zu einer That und ſchrieb folgenden Brief: Theure Eveline! „Ich liebe Sie mit der ganzen Kraft meines Herzens! Ich habe gegen dieſe Liebe gekämpft, als wäre ſie meine Feindin. Doch mir ſinkt der Schleier von den Augen und ich erkenne in ihr mein höchſtes Glück, ſelbſt wenn ich mein Ziel nie erreiche.— Wollen Sie die Meine ſein?— Ich bin arm, meine Hoffnungen für das Leben ſind gering. Lange quälte mich der falſche Stolz, die falſche Scheu des⸗ wegen. Allein das Wort, das ich kühn geſprochen, zeigt Ihnen, daß ich einen muthigen Entſchluß gefaßt. Eveline, die Treffliche, die du liebſt, wird deine Hand ſanft zurück⸗ weiſen, wenn ſie dich nicht zu lieben vermag; ſie wird dir die ihrige reichen, wenn auch in ihrem Herzen die gött⸗ liche Stimme ſpricht. Sie wird nicht wiſſen, daß du arm biſt, ſie würde nicht wiſſen, ob du reich wäreſt; ſie wird nur wiſſen, ob ſie liebt. Eveline! Ein Wort entſcheidet jetzt mein Loos.— Die Verſagende wird mein nie vergeſſendes Herz als das theuerſte verlorene Gut betrachten; die Gewäh⸗ rende— wie könnte es dieſes Glück faſſen! Eveline, meine Bruſt ſchwankt auf den Wellen der Hoffnung zwi⸗ ſchen der Seligkeit des Himmels und den tiefſten Schmer⸗ zen der Erde! Darf ich Dich noch bitten: Ende dieſe Folter ſchnell? William.“ Er überlas, was er geſchrieben. Große, ſelige Thränen drangen in ſein verdunkeltes Auge; es richtete ſich gen Him⸗ — 89— mel und von dort drang eine tröſtende Kraft in ſein Herz wider Alles, was ihn treffen konnte. Er ſiegelte den Brief und ſandte ihn auf der Stelle ab; dann eilte er ins Freie, um an der einſamen Bruſt der hohen, mächtig redenden Mutter Natur das volle Herz zu erleichtern. Elktes Capitel. Ich wünſchte nicht, daß dem Leſer bei den vorigen Capiteln die Zeit ſo lang geworden wäre, als mir, da ich ſie ſchrieb(denn mir ſteckte die Erbſchaftsangelegenheit im Kopf und vor Ungeduld waren mir die Liebesgeſchichten eigentlich recht fatal; aber was kann ich dafür, da ſie ein⸗ mal in meinen Documenten ſtehen), und noch weniger wün⸗ ſche ich, daß ſie ihm ſo ſchneckenförmig dahin gekrochen ſein möchte, als dem ſpitzbübiſchen Bloom und unſerm würdigen Sir Atwood, die Beide die Nacht zu ihrem Diebesunter⸗ nehmen abwarten mußten. Endlich hatte der Zeitungs⸗ Club aus Maſter Rascal's Sälen den Rückzug in ſeine eigenen Schlafkammern angetreten! Endlich hatte Sir Ras⸗ cal ſich die Mütze und das Deckbett über's Ohr gezogen! Endlich konnte Bloom ſtill aus dem Thorweg und hinüber zu Sir Atwood ſchleichen! Dieſer ſtand im Garten auf dem Anſtand; es ſchlug elf Uhr, als die langen Beine des Haus⸗ knechts ihren Diebsgang antraten.—„Biſt Du's?“— „Ja!“— die kleine Pforte öffnete ſich. Hätte man nicht zwei Baßſtimmen gehört, ſo würde man geſchworen haben, — 90— Amor treibe ſein Spiel im Finſtern; aber es war diesmal Mercur. „Ich bin äußerſt neugierig, Deinen Plan zu hören,“ begann Sir Atwood.—„Horcht hier aber auch Niemand?“ erwiderte Bloom leiſe.„Wir wollen der vollſtändigen Si⸗ cherheit wegen ins Gartenhaus gehen.“— Sie riegelten ſich daſelbſt ein und nun begann Bloom:„Sir, es gibt nur ein Mittel für Euch, die Erbſchaft für Euch nützlich zu machen; ſie ſelbſt zu erwiſchen, könnt Ihr auf keine Art hoffen. Aber das Mittel, glaube ich, iſt bequem, leicht und ſicher. Der alte Skey hat zwei Kinder, die müßt Ihr mit Euerm Sohn und Eurer Nichte verheirathen.“—„Ja, das iſt raſch geſagt,“ erwiderte Sir Atwood,„aber ſchwer gethan. Der alte Skey iſt ein alter Narr, der mich nicht ausſtehen kann, und dabei halbe Quäkergrundſätze hat, die ihn eine Verbindung mit mir und meinem Sohne, die wir in keine Kirche gehen, für eine halbe Verſchreibung an den Teufel halten laſſen würden. Und geſetzt auch, er griffe gern zu; müßte er nicht dümmer als dumm ſein, wenn er nicht ahnen ſollte, daß hier etwas dahinter ſtecke? Wir ſehen ihn kaum an; meine Bedienten haben mehr zu leben als er— und plötzlich ſollte ich um ſeine beiden Kinder wer⸗ ben? Das Ding iſt ganz unmöglich! Und noch dazu, da wir die größte Eile haben!“—„Sir!“ rief Bloom,„Ihr beleidigt mich faſt, wenn Ihr glauben könntet, ich mache ſo abgeſchmackte Pläne. Allein mir ſcheint nichts leichter, als dieſe Heirath auszuführen; das macht aber, weil ich, ſo lange ich hier im Dorfe bin, Ohren und Augen offen ge⸗ habt habe und daher wahrſcheinlich dreißig Mal beſſer von Allem unterrichtet bin, als Ihr. Der alte Skey braucht um die ganze Heirath gar nicht gefragt zu werden, als bis Alles abgethan iſt. Die Verbindung ſeiner Tochter mit — 91— Euerm Sohn möchte er übrigens wol auch allein ungern ſe⸗ hen; die ſeines Sohnes mit der Miß Eveline aber gewiß nicht. Denn wenn die Miß heut mündig würde, ſo glaube ich, wäre ſie morgen ſchon die Frau des jungen Skey.“—„Wie ſo?“ fragte Atwood erſtaunt.—„Weil ſie in ihn verliebt iſt bis über beide Ohren und er desgleichen!“—„Unmög⸗ lich! Woher weißt Du das? Sie haben ſich ſeit Jahren nicht geſehen.“—„Und doch wollte ich meinen Kopf ge⸗ gen eine taube Nuß darauf verwetten. Ich habe ſchriftliche Gewißheit. Auch weiß ich, daß ſie einander in London recht oft und gern geſehen haben.“—„Aber wie kommſt Du zu dieſen Nachrichten?“—„Ihr wißt, daß das Poſt⸗ packet mit den Briefen ins Dorf bei uns abgegeben wird. Gleich in den erſten Tagen, als ich hier war, kam einer an den alten Skey an, den ich ihm hinüberbringen mußte. Da begegnete mir die Miß und fragte im Scherz:„Sind gute Neuigkeiten da?“ Ich zeigte ihr den Brief und ſo wie ſie die Handſchrift und das Poſtzeichen erblickte, rief ſie:„Ach, der iſt von ſeinem Sohn!“ ward aber zugleich über und über roth wegen der Uebereilung. Das ſchoß mir auf; aber ich ſagte kein Wörtchen. Doch kaum war ich zehn Schritte fort, als ich den Brief genauer an⸗ ſah und fand, daß man ihn an manchen Stellen recht gut durch's Licht leſen, auch an einigen hineinſehen konnte.“— „Verdammter Spitzbube!“ rief Sir Atwood mit einer Art von Begeiſterung für Bloom's Genie.—„Bitte gehorſamſt,“ antwortete dieſer, der recht gut wußte, daß man ihm ein Compliment ſagte,„und da las ich die ganze Beſcheerung: „Wie glücklich biſt Du, liebſter Vater, der Du die theuerſte Eveline täglich ſehen kannſt, der Du heiter, unbefangen mit ihr ſprichſt! Ich muß meine Liebe allein in mich ver⸗ ſchließen und doch will mir das Herz ſpringen vor Sehn⸗ 92— ſucht!“ Und ſolche und ähnliche Stellen fand ich ihrer recht viele.— Das Rothwerden der Miß überzeugte mich zwar ſchon von ihrer Liebe; allein ich wollte doch noch eine ſtär⸗ kere Probe haben. Als daher wieder ein Brief von dem jungen Skey ankam, wußte ich es ſo einzurichten, daß ich ihr wieder begegnete. Diesmal redete ich ſie an und ſprach: „„Vater und Sohn ſchreiben ſich jetzt recht oft; aber es dauert ſchwerlich noch lange, denn der Sohn iſt ſehr krank, die Briefe werden immer dünner, die Aufſchrift immer un⸗ leſerlicher!““ Darüber, Sir, wurde die Miß Euch plötz⸗ lich ſo blaß, daß ein Quäker aus Penſylvanien hätte erra⸗ then müſſen, wie es um ihr Herz ſtand. Das Paar alſo könnten wir verheirathen ohne ſonderliche Mühe, darauf ver⸗ laßt Euch. Aber natürlich muß Euch mehr daran liegen, Euern Sohn mit der Miß Jenny zu verbinden. Auch das ſoll nicht ſchwer werden.“—„Kerl,“ fuhr der alte Atwood auf,„ich glaube, Du ſtehſt mit dem Satan im Bunde. Mir fängt an bange zu werden.“—„Seid unbeſorgt, Sir, Euch gucke ich nicht ins Hauptbuch,“ antwortete Bloom unbefangen, aber es fuhr dem Alten durch Mark und Bein, denn er war jetzt von Bloom's ewig beobachtender und ſpä⸗ hender Schlauheit ſo überzeugt, daß er in der That nicht ſicher war, ob der Schalk nicht ſeine wichtigſten Geheimniſſe erſpäht habe. Doch nahm er ſich zuſammen und fragte blos:„Und wie ſoll die zweite Heirath zu Stande kom⸗ men?“—„Auf die leichteſte Art. Sir Harry iſt ein leichter, gewandter, reicher Baronet. Miß Jenny ein jun⸗ ges, heirathsluſtiges Gänschen, die bei einer alten Miſtreß faſt ohne alle Aufſicht lebt. Wenn Euer Sohn ihr daher ein paar zierliche Billets ſchreibt, wenn er ihr vorlügt, ver⸗ liebt bis über beide Ohren zu ſein, ihr ſchwört, ſie zu hei⸗ rathen, ihr ein paar Diamanten um den Hals hängt, ſo — 93— zwette ich mein Gehirn gegen den Verſtand unſeres blödſin⸗ nigen Nachtwächters, der eben die zwölfte Stunde abruft, daß ſie ſeinen Vorſchlag einer heimlichen Vermählung an⸗ nimmt, wobei Ihr, Sir, natürlich die Vogelſcheuche vor⸗ ſtellen müßt, vor der der Sohn ſich zu fürchten vorgibt. Gretna⸗Green iſt zwei Haſenſprünge von dem Landhauſe der Miſtreß; der Schmied⸗Pfarrer traut das Paar für funfzehn Guineen, ſo gut wie jedes andere, und ehe eine Woche vergeht, können wir die Erbſchleicher da drüben ruhig auslachen und die nächſte Poſt aus Indien abwarten.“ „Wenn es glückte!“ rief Sir Atwood,„ſo wäre“— „ſo wäret Ihr um ein Betriebscapital von einer Million Pfund reicher, Sir; denn daß Ihr den Hauptnutzen davon ziehen würdet, das iſt wol ſonnenklar. Indeß, verzeiht, Sir, wie ſtünde es dann mit mir?“— Atwood war in Verlegenheit, was er antworten ſollte; Bloom ſchien es zu merken.—„Ich bin nicht habſüchtig, Sir, und gewohnt, mit Wenigem zufrieden zu ſein, will ich Euch meine Rech⸗ nung im voraus machen. Wollt Ihr mir für jede Hei⸗ rath tauſend Pfund ſchenken? Ihr dürft ſie mir erſt nach der Trauung zahlen— dann aber gleich, Sir, denn wer weiß, ob ich nicht am Ende noch Verdrießlichkeiten hätte, wenigſtens von unſern Fxemden drüben, die mir gewiß nicht ſonderlich für meine Mühe danken würden; deshalb möchte ich mich nach abgemachter Sache gern ein wenig verfinſtern.“—„Zugeſtanden!“ rief Sir Atwood;„und Du ſollſt die Anweiſung darauf morgen mit dem früheſten ſchriftlich haben; nach jeder Trauung zwiſchen den verabre⸗ deten Perſonen ſtelle ich Dir eine Note von tauſend Pfund zu und dann magſt Du das Weite ſuchen.“—„Topp, Sir! doch halt! der Schmied zu Gretna⸗Green muß beide Paare trauen, denn ein gewöhnlicher Pfarrer verlangt dazu — 94— Formalitäten, dieuns zu lange dauern dürften. Für einen Vorwand dazu will ich auch bei Miß Eveline ſchon ſor⸗ gen.“— Hiermit trennten ſie ſich, um ſich andern Mor⸗ gens früh wiederzuſehen. Man ſchenkt mir gewiß die weitläufige Darlegung ihres Operationsplanes und begnügt ſich außer dem bereits Ge⸗ gebenen mit den Hauptpunkten. Sie waren: Bloom ver⸗ ließ den Dienſt bei Maſter Rascal, unter dem Vorwande, daß Sir Atwood ihn in einem Geſchäft verſchicken wolle. Dies war auch zugleich eine Wahrheit, denn er übernahm es, die Intrigue mit Jenny für Sir Harry Atwood ein⸗ zuleiten, den man ins Geheimniß gezogen hatte, und der mit dem Gelde der Braut zufrieden war; ſie ſelbſt hatte er ſeit Jahren nur flüchtig oben auf dem Hügel in einem der erſten Capitel unſerer Erzählung geſehen, nämlich nur ihre ungefähre Geſtalt, da er aus guten Gründen damals möglichſt weit vorbei in die Landſchaft hinaus ſah. Indeß wußte er, ſie ſei ein ſchönes Mädchen, und daher machte er auch von dieſer Seite keine Einwendung.— Die Verei⸗ nigung Evelinens und Williams wollte Sir Atwood ein⸗ leiten. Das Schickſal machte es dieſem leicht; denn im Laufe dieſes Tages traf Williams Brief ein, den der Alles ausſpionirende Bloom erwittert hatte, noch ehe er in Eve⸗ linens Händen war. Er mußte wichtig ſein und mußte da⸗ her geleſen werden; das hatte der argloſe William dem Spitzbuben leicht genug gemacht, denn auch wer nicht im ſchwarzen Cabinet zu Paris geſeſſen hätte, würde die De⸗ peſche leicht aufgeblättert und geleſen haben, ohne ſie zu ver⸗ letzen. Der alte Atwood ſprang, als er den Inhalt erſah, vor Freuden in die Luft und hätte ſich beinahe plump ver⸗ rathen, wenn Bloom nicht vorgebeugt hätte. Dieſer aber machte wieder den Doppelheuchler und leitete die Sache ſo - † ——,— — 95— ein: Er ſchlich Evelinen in den Garten nach und redete ſie daſelbſt furchtſam an:„Miß,“ ſprach er,„ich habe Ihnen vielleicht, ohne es zu wollen, einen böſen Streich geſpielt, den ich nicht anders gut machen kann, als wenn ich ihn geſtehe.“—„Und der wäre?“ fragte ſie erſtaunt. —„Es iſt ein Brief an Sie gekommen und ich ſtand, da ich ſeit heute in Sir Atwood's Dienſte getreten bin, gerade dabei, als die ſämmtlichen Briefe im Comptoir ausgepackt wurden. Den an Sie legte man auf die Seite; ich ſah neugierig auf die Adreſſe und da ich die Handſchrift er⸗ kannte, ſprach ich ganz unbefangen: Der iſt von Sir Wil⸗ liam Skey.“—„Von Sir William Skey?“ fragte Eveline haſtig und hoch erröthend.—„Ja Miß,“ fuhr der ſchlaue Bloom fort, als habe er nichts bemerkt,„ich kenne die Hand, weil ich oft Briefe, die im Wirthshauſe abgegeben wurden, dem Vater hinzubringen habe, der mir jedesmal einen Schilling ſchenkt. Kaum aber hatte ich's heraus, als Sir Atwood, der dabei ſtand, gerade wie Sie ausrief:„Von Sir William Skey? Woher weißt Du das?“ Ich geſtand's ihm eben ſo ehrlich oder vielleicht dumm— und er ſteckte den Brief zu ſich und ging damit ins Nebenzimmer. Dies wollte ich Euch nur erzählen, Miß, weil ich beinahe glaube, Sir Atwood wird eher er⸗ fahren, was Sir Skey Euch geſchrieben, als Ihr.“— Eveline befand ſich in der heftigſten Bewegung; die Ah⸗ nungen der Liebe ſprachen zu deutlich in ihrem Herzen. Sie ging tiefer in den Garten hinein, um ihre Aufwallung zu verbergen.— Bloom ſah ihr mit einem Lächeln nach, als wollte er ſagen:„Maäuschen, Du biſt gefangen! Uebri⸗ gens wird's Dir gut thun.“ Nun rapportirte er den Effect an Sir Atwood, der die zweite Parallele gegen die Feſtung zu eröffnen hatte und die Sache ſogar bis zur — 96— dritten und zur Breſche treiben mußte. Indeß war ſchon ein Whisky angeſpannt worden, den Bloom mit Harry be⸗ ſtieg, um in der Nähe der Miſtreß Goldſmith aus dem Hinterhalt auf Jenny's Herz einige Kernſchüſſe zu thun. Sie fuhren ab. Sir Atwood ſuchte Evelinen in ihrem Zimmer auf und äbergab ihr ſelbſt den für ſie angekommenen Brief mit ſcheinbarer Gleichgültigkeit. Sie betrachtete ihn, um zu entdecken, ob er geöffnet worden ſei, fand jedoch nichts, und erbrach ihn daher in dieſer Hinſicht ruhiger, in jeder andern deſto bewegter. Wie aber hätte ſie es vermocht, ihr über⸗ quellendes, volles Herz zu bezwingen, da ſie las, was ihr William ſchrieb. Die Thränen ſtürzten ihr aus den Augen, ihre Bruſt hob ſich in heftiger Wallung— ſie mußte ſich ſetzen, ins Sopha lehnen. Sir Atwood begann, da ſie ſchwieg, zu ſprechen und fragte:„Sie müſſen ſehr wichtige Nachrichten erhalten haben, Miß; wollen Sie ihren Vor⸗ mund, Ihren Oheim nicht zum Vertrauten machen?“— „O, daß ich es könnte!“ rief die Gequälte aufſtehend und alle Vorſicht vergeſſend aus.— Sir Atwood aber war heut nicht der Mann, dieſen kleinen Stich empfinden zu wollen; er dachte an die Million und blieb des unerſchüt⸗ terten Entſchluſſes, den großmüthigen Oheim zu ſpielen. „Ich dürfte vielleicht Vertrauen und Aufrichtigkeit von Ih⸗ nen fordern, Eveline; gewiß aber wär' ich nicht unwerth, daß Sie mir freiwillig darböten, was meiner Stellung zu Ihnen geziemt. Sie verkennen mich. Gern will ich geſtehen, daß ich empfindlich darüber war, daß Sie eine Verbindung mit meinem Sohne ſo gut als beſtimmt aus⸗ geſchlagen haben; allein wußte ich denn die Urſache?“— „ und wiſſen Sie ſie jetzt?“ fragte Eveline faſt ſtolz ent⸗ rüſtet, da ſie Niemand ihr Herz verrathen hatte, ja ſich — 97— ihre Neigung kaum ſelbſt geſtand.—„Ich kann ſie ſo leicht errathen, wie aus der Richtung des Schattens den Stand der Sonne. Ich kenne die Handſchrift dieſes Cor⸗ reſpondenten. Würde Eveline Briefe mit einem jungen Mann wechſeln, dem ſie nicht theurere Rechte einzuräumen geſonnen wäre?“—„Ich habe mich gegen Niemand in der Welt erklärt, Niemanden eine Außerung gethan, die berechtigt“—„Leidenſchaften verrathen ſich unwillkürlich, liebe Miß,“ lächelte Sir Atwood und gedachte Deſſen, was ihm Bloom erzählt hatte, fand es aber nicht für gut, die Quelle zu erwähnen. Dies war auch ſehr gut, wie der Leſer ſeiner Seits ſchon erfahren wird, wenn er's noch nicht einſehen kann; denn bei Evelinens zarter Geſinnung konnte das Gebäude dadurch leicht einen Stoß erhalten.—„Sie betrachten mich noch immer mit Mistrauen,“ fuhr Sir Atwood fort,„liebe Nichte; und wahrlich, Niemand iſt entfernter, Ihrem Glück in den Weg zu treten, als ich.“ Es iſt wahrhaft verteufelt, daß der mittelmäßigſte Schurkenkopf jedes großſinnige Herz, das alle ſeine Thore offen läßt, weil es den Argwohn nicht beherbergt, für den Vaſallen eines beſchränkten Gehirns erklären darf, blos weil es nicht die niedrige Klugheit anwendet, die nur vom Ver⸗ dacht geweckt wird. So ſtärkte ſich auch eben Sir Atwood mit dieſer Idee und triumphirte über den Verſtand ſeiner Nichte, die nur zu edel war, um nicht ſogar ihm eine aufrichtige Milde eher zuzutrauen, als dieſe Heuchelei. Eveline glaubte daher, durch die gütigen Worte getäuſcht, an das Wohlwollen des Oheims, und nicht ihr Kopf, ſon⸗ dern ihr Herz vergaß alles Frühere, was ſie von ihm er⸗ fahren hatte und wodurch ſie freilich zur größten Vorſicht berechtigt geweſen wäre. Mit unbeſchreiblich rührenden, arg⸗ Rellſtah, Geſ. Schr. Neue F. III. 5 — 98— los erſtaunenden Blicken ſah ſie ihm daher ins Geſicht und fragte:„Kennen Sie denn den Inhalt dieſes Briefes, der wahrlich der erſte iſt, den mir Sir William ſchreibt?“ Es war in der That nicht der ſchlechteſte Weg, den Sir Atwood jetzt einſchlug, nämlich der, durch eine halbe Aufrichtigkeit ein ganzes Vertrauen zu gewinnen.—„Ich kenne ihn,“(den Inhalt des Briefes) antwortete er;„ ich will Ihnen geſtehen, daß ich ihn zum Theil geleſen. Meine Stellung zu Ihnen, Miß, verführte mich einen Augenblick zu glauben, daß ich ein Recht hätte, Briefe, die von ſo be⸗ fremdender Seite an Sie geſchrieben werden, denn ich wußte aus der Handſchrift, wer der Briefſteller ſei, zu eröffnen. Ich wollte es thun, aber die wenigen Blicke, die ich nur zwiſchen das Papier hineinwarf, gaben mir gleich ſo viel Licht, daß ich das Weitere nur von ihnen erwarten durfte. Darum erhalten Sie ihn unverſehrt.“ Jeder Leſer, der, ſo wie ich, weiß, daß ihn der alte Betrüger ganz geleſen, wird mir gern erlauben, daß ich ihm hier den nicht ganz unpaſſenden Beinamen gebe: „ſchurkiſcher Heuchler!“ Vielleicht ſchmeichle ich damit noch faſt zu ſehr. „So leſen Sie denn vollſtändig,“ ſprach Eveline leiſe, indem ſie ihm das Blatt reichte; er that es zum Schein. —„uUnd was werden ſie antworten? fragte er.— „Mein Herz, liebſter Oheim,“ ſprach Eveline, indem ſie ſeine Hand ergriff(welches mir, wenn ich dabei gewe⸗ ſen wäre, ebenſo durch die Seele geſchaudert haben würde, als wenn ſie eine Otter angefaßt hätte),„mein Herz ſagt das gerührteſte, heiligſte Ja!“—„Und ich ſetze das mei⸗ nige hinzu,“ ſprach er mit dem Ton der Gnade und hatte die Frechheit, Evelinens heißen Dank, wie ein Fürſt den — — 99— eines Unterthanen, gravitätiſch anzunehmen.— Galgenſtrick, daß dir der Satan nicht den Hals umdrehte! Lieber als tauſend Pfund iſt mir's, daß er ſich über die große Freude Evelinens doch in Harry's Namen einiger⸗ maßen erboſte und daher fragte:„Aber aufrichtig, Eveline, was würden Sie ohne meine Einwilligung, deren kleine Be⸗ dingungen ich Ihnen ſogleich mittheilen werde, geantwortet haben?“—„Daſſelbe,“ ſprach ſie mit edlem Freimuth. „Ich würde die Zeit meiner Minderjährigkeit mit Faſſung getragen und nachher mit Freiheit gehandelt haben, wie mein Herz mir gebot.“ Atwood lobte dieſe heldenmüthige Geſinnung mit einem unabmalbaren, aus Honig und Eſſig componirten Lächeln, ſchluckte aber den Aerger über wie Galle. Wir gönnen's ihm ſämmtlich! Jetzt rückte er mit den Bedingungen heraus. Es war nur die Trauung in Gretna⸗Green und das Geheimniß bis nach derſelben vor James Skey, dem der Vorwand einer Ueberraſchung zum ſechzigſten Geburtstag untergeſchoben wurde. Eveline verſprach dies William zu ſchreiben und gelobte ſich zu fügen, wenn er es ſo annehmen könne. Zwölktes Capitel. Ehe ich dem Leſer in dieſem Capitel Verſchiedenes von Belang aus meinen Documenten mittheile, muß ich eine drei⸗ bis ſechszeilige Abhandlung über den Unterſchied des Romans und der Novelle ſchreiben. Schriebe ich nämlich 5* hier den erſtern, ſo wüßte ich's nicht zu entſchuldigen, wenn ich Evelinens Brief nicht bis auf's Komma mittheilte; da ich aber nur eine Novelle verſprochen, ſo könnte ich kaum etwas Ungeſchickteres anſtellen, als den Brief⸗Abdruck. Dies iſt mein Grund und zugleich die Abhandlung; wer mich aber fragt, warum ich Williams Brief gegeben, der hat Beides noch nicht gefaßt, weil das Thun und das Laſſen ganz dieſelbe Urſache hat. Er denke nach und wenn er den Ausweg zu finden glaubt, daß ich ſelbſt mir nicht Rechen⸗ ſchaft zu geben wüßte, ſo mag er erwägen, daß er ohne mein Erinnern ſchwerlich auf den Umſtand gemerkt hätte, ich mich alſo durch mein gänzliches Schweigen leicht einer Kritik entziehen könnte, wenn ich nicht wüßte, daß ſie vor der Feſtung meiner Gründe umkehren und, ohne einen Dachziegel zu erobern, abziehen müßte. Nämlich nur was dieſen Umſtand anlangt; übrigens legt ſie mir gewiß an⸗ ſehnliche Breſchen. Eveline ſchrieb alſo, was ſie dem Oheim verſprochen; der Leſer mag ihr die Worte dazu ſelbſt borgen. William empfing den Brief, und da er wußte, wie ſein Vater ge— ſonnen war, und ſich nichts Freudigeres denken konnte, als ihn am nahen ſechzigſten Geburtsfeſte dadurch zu überraſchen, daß er ihm die geliebte Tochter zuführte, ſo willigte er in Alles und fand in ſeinem überwältigenden Entzücken kaum Worte, dies Evelinen zu melden.— Ich betrüge aber den Leſer auch um dieſen Brief, obwol er ad acta ge⸗ heftet iſt.. 4 Jedes theologiſche Bedenken(welches ſelten ein Denken involvirt) hebe ich wegen der ſeltſamen Heirath ſogleich da⸗ durch, daß das Copulationsrecht des Schmiedes zu Gretna⸗ Green in ganz England als gültig anerkannt iſt und ein — 101— Engländer vor einem Staatsgeſetz faſt noch mehr Reſpect hat, als vor dem moraliſchen, weshalb er oft genug mit ruhigſtem Gewiſſen dieſes verletzt, um jenem zu gehorchen. Der Leſer iſt jetzt über die Dornen dieſes Capitels hinweg und kann freudig mit mir in den Roſengarten der Fortſetzung der Geſchichte hineinwandeln, die nämlich von Bloom und Sir Harry theils als Mono⸗, theils als Duodrama, endlich aber als Terzettt mit weiblicher Ober⸗ ſtimme ausgeführt wird. Bloom, der Alles war, folglich auch ein guter Kutſcher, verrichtete dieſen Dienſt auf dem Whisky, der ihn zur Abendzeit in ein Häuschen brachte, das als eine Art von Wirthshaus beide Gäſte beherbergte und nicht beſſer ge⸗ wünſcht werden konnte, weil es kaum fünfhundert Schritt von dem Landhauſe der Miſtreß lag, ſo daß man aus deſſen Fenſtern recht wohl die Spatzen in ihrem Garten hätte ſchießen können. Aber Harry trieb ein anderes Vogelſtellen. Bloom war ſeine Leimruthe, ſein Dohnenſtrich, ſeine Fang⸗ ſchlinge und ſein Lerchennetz; er war aber auch kaum vom Wagen geſtiegen, als er auch ſchon zu operiren anfing. Mit einem Briefe von Harry bewaffnet ſchlich er nämlich um den Park herum, um Jenny's einſamen Abendſpaziergang zu nutzen und ihr das Blatt nebſt einigen bedeutſamen Win⸗ ken zuzuſtellen. Ich darf's dem Leſer mittheilen, ohne ein Novellengeſetz zu verletzen;z übrigens wird er es wol von ſelbſt ſogleich merken, daß es aus lauter Lügen Bloom's zu⸗ ſammengeſetzt war. Harry ſchrieb: „Verehrteſte Miß! Seit jenem Abend, wo ich Sie auf dem Hügel vor Greenhill am Arm Ihrer Freundin Eveline geſehen, ſteht Ihr Bild unauslöſchlich in meinem Herzen. Stets bin ich — 102— ſeit jener Zeit in Ihrer Nähe geweſen und habe, vergeben Sie dieſe ſchüchterne Kühnheit, Ihre Spaziergänge belauſcht, um den holden Anblick Ihrer lieblichen Geſtalt zu genießen.. Ich kann mich nicht länger bezähmen! Ich muß Ihnen mein Herz eröffnen! Gönnen Sie mir eine Minute der Unterre⸗ dung ohne Zeugen. So kühn meine Wünſche und Hoff⸗ nungen ſind, ſo glaube ich doch, daß, wenn Sie eine Ah⸗ nung von der Glut meiner Liebe haben, Sie mir Ihr Glück anvertrauen und die wunderbaren Pfade nicht ſcheuen wer⸗ den, die ich leider wandeln muß. Ihr treu verehrender Harry Atwood.“ So leicht jeder Leſer es ſelber kann, ſo laſſe ich mir doch die Freude nicht nehmen, Harry's Worte in ſeine Ge⸗ danken zu überſetzen. Dieſe lauteten: „Steinreiche Erbin!* An jenem Abend, wo Sie meiner Couſine Eveline ſo ſentimental um den Hals fielen, habe ich Sie aus Hoch⸗ muth gar nicht angeſehen, weil ich Sie für eine Bauerdirne achte. Natürlich habe ich mich auch ſeitdem gar nicht um Sie bekümmert, Sie ſind mir nicht eingefallen und ich habe mich nicht zum Schloß von Greenhill hinaus gerührt, es ſei denn zur Schnepfenjagd geweſen. Ich hätte mich alſo auch den Teufel um Ihre Spaziergänge geſchoren, aber die Sachen ſtehen anders. Sie haben viel Geld geerbt, deshalb will ich Sie heirathen, und es iſt mir für die Flitterwochen 4 recht lieb, daß Sie hübſch ſind. Nachher wird ſich's fin⸗ 3 den. So krumme Spitzbubenwege ich auch ſchleiche, um Ihr Geld zu erwiſchen, ſo iſt mir doch bang' dabei zu Muthe; indeß rechne ich darauf, daß Sie eitel genug ſind, mir, der ich reich bin(wenigſtens ſcheine) beim erſten Wink um den Hals zu fallen. Sind wir nur erſt getraut, —— 105— ſo iſt mein Glück gemacht und das Ihrige geht mich kei⸗ nen Pfifferling an. Baſta!“ Bloom, der Lockvogel und Falk zugleich, ſchoß mit dem Zettel ins Buſchwerk, um ihn der Taube Jenny gewiſſer⸗ maßen als Lockſpeiſe hinzuſtreuen oder als Schlinge um den Hals zu werfen. Harry blieb indeß in der Krähenhütte ſitzen und trank eine Flaſche des mitgenommenen Portweines. Er ließ ſich Zeit und war daher noch nicht ſo weit damit gekommen, daß die Sandbank, oder der Auſterfelſen des Bodens zum Vorſchein kam, der jeden Weintrinker durch ſein räuberiſches Eindringen in die Flaſche— ein wahrer Phalanx, der indeß umgekehrt wie der macedoniſche die Niederlage des Gegners nicht bewirkt, ſondern eher hindert, da er der Subtrahendus des Quanti spirituosi iſt— un⸗ chriſtlich ärgert, als Bloom ſchon mit einer Depeſche auf dem Geſicht ins Zimmer ſchoß, auf deren erſten Anblick ich hätte Victoria ſchießen laſſen, wenn ich Harry geweſen wäre. Und mit Recht. Denn er meldete, daß Jenny den Brief angenommen, geleſen, den Kopf hin und her gewiegt, end⸗ lich erröthend verſprochen habe, ſie wolle morgen Abend um dieſe Zeit wieder an der Grenze des Parks ſpazierengehen! Ich habe mich wahrhaftig in dem Mädchen geirrt! Aber der Teufel traue Weibern! Oder will ſie ſich damit etwa aus Selbſtgrauſamkeit jeden andern Weg verſperren und ſo gewiſſermaßen in Ketten legen, damit ihr zu weiches Herz nicht am Ende beſiegt werde und ſie thue, was ſie ſich ewig zu verſagen gelobk hat? Oder will ſie Harry in Perſon gebührend abführen? Ich geſtehe, ich bin un⸗ moraliſch genug das Letzte zu wünſchen. Bloom hatte jetzt keine kleine Aufgabe, da er dem rau⸗ hen Klotz Harry die ſentimentale Liebhaberrolle einſtudiren — 1014— und ihm eine zarte Wendung eintrommeln mußte, mit der er Jenny's Hals in die Schlinge eines reichen Halsbands mit Diamanten legen und ſie daran in die Ehefalle zie⸗ hen ſollte. Der Abend dämmerte; Harry rückte auf den Anſtand. Bloom kreiſte etwa als Wildtreiber in der Nähe umher.— Wollte der Teufel mitſpielen, wie es ihm denn bei dieſer ſaubern Partie nicht ganz zu verdenken war, oder hatte ſonſt ein Maſchinendirector das Zugſeil in der Hand und ließ aufmarſchiren, wen er wollte, aber unſer Harry wäre bei einem Haar irre geworden. Denn um die Dämmer⸗ ſtunde erſchienen von zwei verſchiedenen Seiten des Parks her zwei weibliche Geſtalten, beide weiß gekleidet und ver⸗ ſchleiert. Natürlich war der Teufel los, denn welcher ſollte er ſich jetzt nähern, welcher ein Zeichen zu geben ſuchen, da er die rechte nicht kannte? Die beiden Alleen, aus denen ſie kamen, convergirten auf einem kleinen Raſenplatz am Ende des Parks; es konnte nicht fehlen, ſo mußten beide Schönen ſogleich einander ſehen und dann war das Rendezvous verrathen. Wer aber rettete? Bloom. Der Schlaukopf mußte den rechten Vogel erkennen und ſcheuchte den andern weg, nämlich durch Pfeifen, aber ein ſo ver⸗ dächtiges, daß man außer ihm und Harry wahrhaftig noch andere Spitzbuben in der Nähe hätte vermuthen können. Die eine Schöne ſtockte daher, ſah ſich ängſtlich um, und kehrte auf einen zweiten Pfiff haſtig nach dem Hauſe zu⸗ rück. Indeß näherte ſich die andere Schöne; ſogleich war auch Bloom bei Harry und ſagte leiſe:„Sie iſt es!“ Harry trat vor. Die Schöne that erſchrocken und als wüßte ſie von nichts, ein Betragen, das Bloom vorausge⸗ ſagt hatte. Harry ließ ſich von Bloom das Stichwort ſei⸗ — 105— ner Rolle ſoufliren und ſchoß den erſten Pfeil auf Jenny's Herz ab, während Bloom ſich in die Couliſſen des Ge⸗ büſches zurückzog. Wenn der Leſer ſich jetzt auf ein Drama geſpitzt hat, ſo thut es mir leid, denn ich ſchreibe eine Novelle und muß nach meinem äſthetiſchen Polizeireglement gerade hier den Vorhang fallen laſſen. Doch gucke ich ſelbſt ein wenig da⸗ hinter, oder beſſer, erfahre aus der nächſten Scene die vor⸗ hergehende. Denn nach einer halben Stunde kam Harry ſchon mit einem ſo vergnügten Geſicht, als ein ſündhafter Schuft ſeiner Art nur haben kann, in die Krähenhütte zu⸗ rück, wohin Bloom ſich, als das Schauſpiel im Gange war, ſchon längſt aus ſeinem Soufleurloch gerettet hatte.— „Nun Sir, wie ſtehts?“ fragte er den Eintretenden.— „Ha, ha, ha!“ lachte dieſer,„Weiber ſind Weiber! Ich weiß, was man ihnen bieten kann, aber ſo leicht hätt' ich's mir doch nicht vorgeſtellt. Wenn ſie nur zwei von ihren fünf Sinnen richtig gebraucht hätte, ſo mußte ſie wiſſen, daß ich nichts von ihrer Exiſtenz wiſſen konnte, geſchweige in ſie verliebt ſein. Aber die Eitelkeit auf die Macht ihrer Reize macht ſie alle blind.“— Und zumal wenn man hin⸗ ter das Fanggarn des Liebesſchwurs noch den Speck einer Hochzeit aufhängt, ſetz' ich hinzu.„Sie willigt alſo ein?“ fragte Bloom.„Morgen Abend um dieſe Stunde geht ſie mit mir davon; die Sache war ſchneller abgemacht als ein Pferdehandel. Nur einige Anſtandsbedingungen hat ſie, um vor mir den Schein zu retten, gemacht. Sie will allein nach Gretna⸗Green fahren und wagt den Schleier nicht zu heben, bis die Trauung vollzogen iſt. Doch litt es dieſe ſchüchterne Jungfrau, daß ich, freilich war's finſter, den Schleier ſelber hob, um ihr etliche Küſſe auf den Mund 5** b 106— zu drücken, theils damit ich doch einige Thatproben von der Glut meiner Liebe gäbe, theils um doch den Wein zu koſten, der mir nun, Gott weiß wie lange, auf den Tiſch geſetzt werden wird. Die Schöne iſt etwas derb und hand⸗ feſt; es paßt ſich recht gut, daß ſie von einem Grobſchmied copulirt wird.— Aber Bloom, iſt der Mann auch gehö⸗ rig benachrichtigt? Da ich bisher nicht ans Heirathen ge⸗ dacht habe, am wenigſten ans heimliche, ſo weiß ich mich nicht recht dabei zu nehmen und kenne auch unſern Nach⸗ bar in Gretna⸗Green gar nicht, ja ich bin noch nicht ein⸗ mal in dem Spitzbubenneſt geweſen.“—„Ich deſto öfter,“ antwortete Bloom,„denn ehrlich geſtanden, Ihr ſeid ſchon der Vierte, den ich auf dieſem geſetzlichen Schleifwege in die Ehe führe. Es gibt etwas dabei zu verdienen. Aber Sir, ich wollte Euch nicht um Eure Erbſchaft beneiden, wenn ich einen eben ſolchen Weg zur Ehſtandsklauſe hinaus⸗ wüßte; denn gegen Einen, der ſeine funfzehn Guineen*) für das Zuſammenknüpfen des Ehebandes zahlt, wollte ich Euch Zwanzig bringen, die das Doppelte, ja das Drei⸗ und Zehnfache für's Losbinden gäben!“—„Es iſt alſo Alles in Ordnung?“ unterbrach Harry.—„Ja, Sir, ſchafft nur die Braut an.“ Nimmermehr hätte ich's von Jenny geglaubt, aber Harry führte es wirklich aus. Am andern Abend war er zur verabredeten Stunde auf dem Platz, brauchte nicht fünf Minuten auf die Schöne zu harren, die gegen ſein Erwar⸗ ten nur ein Geringes an Papp⸗ und Hutſchachteln und an anderem Reiſegepäck durch einen Bauerknaben ſich nachtra⸗ 2 *) Dies iſt die Heiraths⸗Sporteltaxe des Schmieds von Gretna⸗ Green. 107— gen ließ, wurde mit einer verſchämten Umarmung begrüßt und hatte ſie nach drei Sekunden an den Wagen geführt, in den er ſie hob und nebſt ſeinen Erbſchafts⸗ und ihren Heirathshoffnungen nach Gretna⸗Green zu fahren ließ. So fahrt ins Teufelsnamen!— Denn Harry und Bloom rutſchten hinterdrein auf ihrem Whisky. Dreizehntes Capitel. Ehe ich in der Geſchichte fortfahre, erlaube man mir einen Stoßſeufzer über die Weiber! Jeder Wind bläſt ihre Liebesflammen an und aus; ihre Unſchuld iſt zwar ſo weiß wie Schnee, ſchmilzt aber noch leichter; ihre Treue, blauer als der blaue Himmel, iſt nur etwas unbeſtändiger und bewölkt ſich ſchneller; ihr Herz, freilich ein unbezahlbares Gut, kann eben deshalb nur verſchenkt oder gewonnen wer⸗ den, daher aber auch deſto öfter!— Dieſe und ähnliche nicht ganz ohne Bitterkeit aus meiner Seele in die Feder gefloſſenen Bemerkungen oder beſſer Streckinterjectionen, nimmt mir wol Niemand, ſelbſt nicht eine Frau, übel, da ſchwerlich eine Jenny's Betragen begreift, viel weniger billigt. Irre ich mich nicht ganz, ſo muß ſie noch vor ihrer Abfahrt einen Brief ihres Bruders bekommen haben, in welchem dieſer ihr meldete, er könne ſie aus dringenden, aber für jetzt geheimen Urſachen nicht abholen, um mit ihr den Ge⸗ burtstagsbeſuch beim Vater— er fiel auf den andern Tag— zu machen. Doch werde ſie ihn dort treffen. Hat ſie das — 108— Billet erhalten, ſo wird ſie nicht ſonderlich verdrießlich darü⸗ ber geweſen ſein, da es in ihren Plan und Kram eben paßte. Denn ſie hatte ja auch dringende Urſachen; daß beide einander ſo überaus ähnlich waren, vermuthete frei⸗ lich Keines vom Andern, eben ſo wenig, daß ſie ihr bei⸗ derſeitiges geheimes Stelldichein in Gretna⸗Green hatten. Bloom, Sir Atwood und ſein Kaliban Harry waren die drei Schickſalsgöttinnen oder Parzen, die alle Fäden des Stücks ſpannen und ſchon zur rechten Zeit zuſammenknüpfen oder abſchneiden werden. Der Leſer kann es aus Obigem entnehmen, daß Wil⸗ liam den Brief Evelinens erhalten hat, der ihn mit der Feuertaufe des Entzückens durchſtrömte. Er war aus einer düſtern, trüben Nacht und dämmernden, unterirdiſchen Höhle des Lebens plötzlich auf einen Gipfel deſſelben gehoben, wo die ſchönſten Luſtgefilde und Freudenſtröme, die ſie durchſchnit⸗ ten, im Morgenroth feurig und warm vor ihm glänzten, blüh⸗ ten und ſchimmerten. Daß er daher zu allen Bedingungen freudig— nämlich gleichgültig gegen ſie— Ja ſagte, oder vielmehr ſchrieb, kann man mit einigem Grunde muthma⸗ ßen. Sie waren ja nur der Rahmen der Raphaels⸗Ma⸗ donna, der Einband des Homer, das Notenpapier zum Don Juan, der Paß, um in das Paradies der Liebe nicht nur zu reiſen, ſondern es als Grundherr in Beſitz zu nehmen. Uebrigens flog er gleich hinter ſeinem Zuſagebriefe her, ſo⸗ bald er nur einigermaßen gepackt hatte, damit er doch etwas anziehen könne als Bräutigam.— Der Verabredung ge⸗ mäß fuhr er mit dem ſinkenden Abend in das Dorf hinein, aber von der andern Seite deſſelben, und ging durch eine Nebenthür in Sir Atwood's Park, wo er Evelinen im Gartenhauſe finden ſollte. Mit einem Herzen voll Angſt — 109— der Wonne öffnete er die Thür und die Arme; denn Eve⸗ line ſtand vor ihm, lag an ſeinem Herzen. Gern ſchilderte ich dem Leſer dieſe ſelige Minute, allein es kommt mir eben daſſelbe dazwiſchen, was die Liebenden ſtörte; nämlich Sir Atwood, der im Ueberrock eintrat, mit höflicher Kaͤlte William willkommen hieß und ſich in arti⸗ gen Ausdrücken glücklich ſchätzte, daß die Wahl ſeiner Nichte auf ihn und die ſeinige auf ſie gefallen ſei. Zugleich be⸗ nachrichtigte er ſie, daß der Wagen vor der Hinterthür des Gartens ſtehe, um ſie Drei nach Gretna⸗Green zu führen. Da dieſes mit dem Landhauſe der Miſtreß und dem Schloß zu Greenhill einen gleichſchenkligen Triangel bildete, — Gretna⸗Green lag im Scheitelpunkt— auch das eine Brautpaar ziemlich um dieſelbe Minute abgefahren war als das andere, ſo iſt zu berechnen, daß ſie ziemlich zugleich ankommen mußten. Der berühmte Schmied hatte alſo in dieſer Nacht ein Doppeleheband zu ſchmieden.— Gegen zwei Uhr in der Nacht langte der Wagen aus Greenhill am Ziele an. Das Brautpaar ſtieg aus, trat in die Thür des kleinen Hauſes ſelig hinein und nach einer Viertel⸗ ſtunde noch ſeliger als ein ſo rechtsgültiges Ehepaar wie eines in England heraus. Um das Aufſehen zu vermei⸗ den, hatten ſie den Wagen kurz vor dem Dorfe halten laſſen.— Etwa drei Haͤuſer von dem des Heirathsſchmie⸗ des ſahen ſie einen Wagen und einen Whisky ſtehen und Eveline ſagte gerührt zu William:„Ob dies auch auf ein ſo glückliches Paar deutet wie wir, dem weder rauhe Hände noch Stürme die Blüten des Lebensbaumes herunterſchüt⸗ teln? Oder ob es ſich aus dem Ungewitter des Lebens hie⸗ her geflüchtet hat, um die wenigen Roſen zu retten, die der Sturm noch nicht entblätterte, oder die keine feindliche, — 110— rauhe Hand gebrochen hat?“ William drückte ihr die Hand, die beim Gehen in der ſeinigen ruhte, und zog ſie ſanft dichter an ſich. Beide ahneten nicht, wie nahe das Schick⸗ ſal dieſes unbekannten Paares dem ihrigen ſtand. Ich aber muß mich ärgern, daß der Teufel eine ſolche Diſtel in ihr blühendes Eden pflanzt! Der Commiſſionair und Muſterreiter Lucifers, der den Höllenbrei eingerührt, war dicht bei ihnen, nämlich Bloom. Eveline erſchrak vor der dunklen Geſtalt, die an ihr vorbeiſtrich, und ging eili⸗ ger mit William weiter, dem Wagen zu. Bloom aber wollte nichts, als den Rockſchoos Sir Atwood's haſchen, um ihn dabei und zugleich beim Wort zu halten, wegen der zweitauſend Pfund. Es war gewiß Klugheit von ihm, daß er ſeine Forderung zwiſchen den beiden Acten der Vermäh⸗ lung und zwar vor dem wichtigſten einreichte; denn Sir Atwood konnte billigerweiſe nicht zweifeln, daß das Stück ausgeſpielt werden würde; aber eben ſo mußte er beſorgen, daß Bloom, wenn er jetzt deſſen Wechſel proteſtirte, die ganze Maſchinerie ins Stocken brächte, durch Dazwiſchen⸗ fahren und einige Licht gebende Wahrheitsblitze. Ich wollte, er hätte es gethan und der Donner hätte eingeſchlagen auf Vater, Sohn und Knecht, dieſes verdammte Trio von falſchen Spielern, die unſerm redlichen James Skey nicht nur die Kinder, ſondern auch das Geld abzugewinnen ſuch⸗ ten, das er— noch nicht hatte! Allein Sir Atwood ſcheute die Koſten des Blitzableiters nicht, um ſeinen Minengang unter die fremde Rhampſinit⸗Schatzkammer vor dem Ein⸗ ſchlagen und Einſtürzen zu ſichern, und als Bloom fragte: „Nun, Sir, darf ich jetzt an Euer Verſprechen und mei⸗ nen Lohn erinnern? Denn Eure Schiffe ſind im Hafen und meins, das den Brander angelegt hat, muß davon, — — — u— was Ruder und Segel vermögen.“ Als er ſo fragte, erwiderte Sir Atwood:„Gern,“ zog die Brieftaſche und nahm aus ihr zwei Noten, von tauſend Pſund jede, heraus, die er dem Doppelkuppler als Doppelkuppelpelze zuſteckte, mit der Phraſe:„Mach' aber, daß Du fortkommſt, und ſchweig!“ Bloom that Beides, d. h. für den Augenblick, denn er verſchwand ſtill im Finſtern; übrigens hatte er Diebs⸗ Ehrlichkeit genug, erſt die Trauungs⸗Ceremonie ſeines zwei⸗ ten Paares abzuwarten.— Warum meine Documente über dieſen Actus ausführlicher lauten, den erſtern aber(bei Evelinens Verlobung) blos als geſchehen anmerken, iſt mir vor der Hand noch nicht klar. Indeß folge ich Ihnen und erzähle, was ſie berichten. Sollten Irrthümer dabei obwal⸗ ten, ſo bedenke man, daß ich ſie ſchwer entdecken kann, da ich mich noch nicht zu Gretna⸗Green verheirathet habe, ja überhaupt noch nicht. Lieſt aber irgend ein von dem be⸗ rühmten Schmied dieſes Dorfes getrautes Ehepaar meine Beſchreibung, ſo bitte ich daſſelbe recht ſehr, mir etwanige berichtigende Noten für eine zweite Ausgabe zukommen zu laſſen. G Bloom ſchlich in das Haus hinein, vor dem die Wa⸗ gen ſtanden und in dem das Brautpaar in einem kleinen Stübchen wartete; Jenny immer verſchleiert und ohne zu ſprechen, nur dann und wann ſeufzend, woraus man ab⸗ nehmen konnte, daß ſie doch wol nicht aus leichtſinnigem Wechſel der Neigung, ſondern aus einem falſch verſtande⸗ nen Edelmuth, mit dem ſie ihr Glück aufopfern wollte, vielleicht um ihrem Vater beſſere Tage zu ſchaffen, ſich zu dem Schritt entſchloſſen hatte. Bloom ſagte dem Braut⸗ führer Harry ins Ohr, daß das erſte Paar fertig ſei, und dieſer fordete darauf die Braut auf, zu folgen. Man ging zur Hinterthür hinaus, durch einen kleinen Garten, dann durch eine nachbarliche Zaunpforte und endlich wiederum in die Hinterthür eines andern Hauſes hinein. Als man über den Hof deſſelben kam, erblickte man links in einem düſtern Raum ein Kohlenfeuer; wahrſcheinlich war dies die Schmiede. Die Glut leuchtete ſeltſam durch die Nacht und machte einen faſt ſchauerlichen Eindruck, beſonders da einige⸗ mal ſchwarze Geſtalten wie böſe Geiſter vor dem Herde vorüber⸗ flogen. Bloom hatte Harry's, dieſer Jenny's Hand gefaßt, und ſo zog Eines das Andere ſchleichend und tappend vorwärts. Plötzlich trat ihnen eine große Geſtalt entgegen und fragte mit rauher Stimme:„Wer da!“ Harry und Jenny fuhren zuſammen, Bloom gab Antwort.—„Ihr habt mich ſchon warten laſſen,“ erwiderte die rauhe Stimme, die dem Schmied von Gretna⸗Green angehörte,„und gleich wird wieder ein Paar erſcheinen, denn dieſe Nacht iſt gar arg beſetzt. Nun kommt nur ſchnell herein.“ Dabei hakte er das Kettenglied ſeiner Hand in die Handöſe Bloom's und die ganze Kette wurde ins Haus und in ein kleines, dunkles, rauchiges Stübchen gezogen. Hier ſah man beim matten Schimmer einer düſter brennenden rothen Lampe eine Art von Altar, vor dem ſich unſer Paar ſtellen mußte und hinter welchem der Schmied Platz nahm. Jeto hielt er eine Rede voll geiſtlicher Salbung, die der Leſer mir ge⸗ wiß gern ſchenkt, ſo erbaulich ſie war. Nachdem dies überſtanden war, ſprach er allerlei wunderliche Formeln, faſt wie Zauberſprüche, während welcher er die Ringe wech⸗ ſelte. Dann mußten die Vermählten mit ihm niederknien und er murmelte ein Gebet, das den Actus beſchloß. Hierauf erklärte er ſie für Engliſch rechtsgültig und chriſtlich — 113— verheirathet und ſtellte jedem eine Art von Trauſchein mit ſeiner Namensunterſchrift zu, wofür Sir Harry den Preis von funfzehn Guineen, als tarmäßig, erlegen mußte. Der Schmied nahm keinen Schilling darüber noch darunter an. So waren ſie denn ein Paar und konnten miteinander abfahren. Jenny aber blieb noch ſo ſchüchtern wie anfangs und verbot Harry ſich ihr vertraulich zu nähern, bis ſie ſeinem Vater und dem ihrigen vorgeſtellt ſei und ſie die Einwilligung und Vergebung derſelben(denn ſie war ja der Meinung, auch Harry heirathe heimlich) erlangt hätten. Sie ſprach dies Alles mit einer ſo erſtickten, weinerlichen Stimme, daß man wol ſah, ſie hatte kein Freudenfeſt ge⸗ feiert. Da Bloom ſich jetzt aus dem Staube machen wollte und kein Diener weiter da war, als der Kutſcher des Wagens, in dem Jenny geſeſſen hatte, ſo mußte Harry ſich in den Whisky ſetzen, ſelbſt fahren und Jenny vor ihm her fahrend— aber er hielt ſich daran— im Wa⸗ gen allein ſitzen laſſen. Sie rollten, Bloom ſchlich davon; Jeder vergnügt, denn Jeder hatte ſeine Beute im Trocknen. So war alſo das verteufelte Complott, welches die arme Jenny gewiſſermaßen ans Meſſer lieferte, dagegen aber Evelinen und William glücklich machte(Beides freilich mit gleicher Antheilsloſigkeit an den Folgen und alſo gleich ſtraffällig), gelungen und meiſterhaft ausgeführt. Alles mußte nun zu Greenhill in der friedlichen Wohnung unſeres James Skey, der heute ſeinen ſechzigſten Geburtstag feierte, zu Tage kommen. Die Wagen mit den jungen Ehepaaren rollten munter dahinz der Morgen begann ſchon zu däm⸗ mern. Da hörte Harry eine Equipage dicht hinter ſich im vollſten Galopp heranfahren; das ſchnelle Fuhrwerk, mit ſechs Pferden beſpannt, überholte ihn bald und im Vor⸗ — 11— beifahren rief ihm vom Bock Jemand zu.„Ich gratulire Euch zu Eurer reichen Heirath, Sir Atwood,“ und ehe er ſich beſinnen konnte, rief dieſelbe Stimme auch ſchon in den vor ihm ſtehenden Wagen Jenny's hinein:„Viel Glück zum Eheſtand, Miſtreß Atwood“ und der Sechsſpänner rollte vorbei. Wer war's geweſen? Kein Anderer als Bloom, der muthmaßlich ſich ſogleich bei der Herrſchaft ver⸗ dungen hatte, die, wie wir hörten, ſich ebenfalls in dieſer Nacht zu Gretna⸗Green hatte trauen laſſen wollen.— Indeß ärgerte ſich Harry und merkte zuerſt, wie unange⸗ nehm es iſt, daß ein Spitzbube, der um die Streiche des Andern weiß, ſich ſo viel herausnehmen kann. Vierzehntes Capitel. Sir Atwood, Eveline und William kamen zuerſt am hellen Vormittag in Greenhill an. Es war zwiſchen dem Alten und ſeinem Sohn Harry ausgemacht, daß der Letz⸗ tere ſich nicht eher als Schwiegerſohn mit ſeiner Frau dem Vater Skey zeigen ſolle, bis Eveline und William ſich ihm vorgeſtellt hätten. Als der Wagen vor das Schloß rollte, ſah man gegenüber demſelben vor dem Wirthshauſe einen ungewöhnlichen Tumult, ein Gedränge von Menſchen, die in lebhafter Bewegung zu ſein ſchienen. Mitten unter ih⸗ nen ſtand Maſter Rascal. Als dieſer die herrſchaftliche Equipage erblickte, ſtürzte er wie beſeſſen über den Damm und rief dem alten Herrn, der nebſt dem Ehepaar ſoeben 4 — 11— ausgeſtiegen war, entgegen:„Sir, eine Neuigkeit! Ihr werdet erſtaunen!“—„Nun und was denn?“ fragte Sir Atwood, indem ihm ſchon nichts Gutes ahnte.„Unſer al⸗ ter James Skey iſt ein Millionair, er hat eine ungeheure Erbſchaft von ſeinem Bruder gethan,“ platzte Rascal heraus. Sir Atwood wurde blaß, denn die Sache war ihm zu früh bekannt; er wußte nicht, was er machen ſollte; endlich fiel ihm ein, daß er ſich verwundert und erfreut ſtellen müſſe. William, der Alles eben ſo gut gehört hatte als die Andern, war auf's wunderbarſte dadurch be⸗ wegt; er ſchwankte zwiſchen Glauben und Unglauben, er wußte im erſten Moment gar nichts zu ſagen. Allein Eveline, die mit einem Blitz der Ahnung den Zuſammen⸗ hang zu errathen ſchien, rief ſchmerzlich aus:„O Gott! Jetzt verſtehe ich Ihre Güte Oheim! William beim höchſten Himmel, ich bin unſchuldig, ich wlßte nichts!“ Und mit dieſen Worten ſank ſie weinend in die Arme des Gemahls. Dieſer begriff Alles zuſammen noch nicht, aber hätte er es auch, ſo würde doch keine Spur eines Verdachts auf ſeine theure Eveline gefallen ſein. Er nahm ſie daher in ſeinen Arm und führte ſie halb, halb trug er ſie, nicht ins Schloß, ſondern hinüber zu ſeinem Vater. Dieſen fand er zwiſchen zwei Fremden, es waren die aus dem Gaſthof— im Zimmer ſitzend— in Thränen!— Sie gingen, als das junge Paar eintrat. Es iſt nicht wol möglich zu beſchreiben, wie nach gegenſei⸗ tigem Erſtaunen und Verwundern endlich Vater und Sohn ihre Neuigkeiten auswechſelten, bis dieſer die liebe Schwie⸗ gertochter voller Wonne an ſeinem Herzen hielt; doch muß ich dem Leſer Folgendes erzählen: Gott weiß wie, allein die Fremden hatten Verdacht — 116— geſchöpft, daß ihr Geheimniß verrathen ſein möchte, und da⸗ her mit der Kundmachung deſſelben nicht mehr zögern wollen. Durch ihren Umgang mit dem alten Skey hatten ſie wohl, denn ſo feine Beobachter waren ſie, heraus gebracht, daß an dieſer redlichen Seele unredliche Liſt vergeblich ſein, ja daß der Reichthum nicht einmal großen Werth für ihn haben werde. Sie hatten daher kurz und gut beſchloſſen, eine andere Wendung, nämlich die der Uneigennützigkeit, Zartheit und Liebe zu nehmen. Sie begaben ſich zu ihm, erklärten, daß ſie Nachrichten aus Indien von ſeinem Bruder hät⸗ ten, theilten dieſe nach und nach mit Schonung mit und brachten ſo dem Alten den Tod des Bruders und die Erb⸗ ſchaft allmälig bei. Zugleich äußerte der Jüngere, daß es der letzte mündliche Wille des Verſtorbenen geweſen ſei, ihn mit der Tochter unſeres Skey zu verbinden, falls dieſer eine habe. Er ſelbſt ſei durch keine Bande gefeſſelt geweſen und habe ihm daher gern das Gelübde gethan, im Fall ſich nichts Wichtiges dagegen einzuwenden fände, ſeinem Wunſche gehorſam zu ſein. Um aber hierbei weder unredlich, noch un⸗ vorſichtig, noch ſcheinbar eigennützig zu handeln, habe er zuerſt die Bekanntſchaft des Mädchens im Hauſe der Miſtreß Goldſmith gemacht und ſei dann mit ſeinem älte⸗ ren Freunde hieher nach Greenhill gekommen, um auch ſei⸗ nen muthmaßlichen Schwiegervater kennen zu lernen. Da dies geſchehen ſei, wäre es der Ehre gemäß geweſen, dieſem zuerſt die Lage der Dinge, beſonders ſeinen Reichthum, offen bekannt zu machen und dann eben ſo freimüthig das Uebrige zu geſtehen. Dieſer Schein von Freimüthigkeit, Redlichkeit und Uneigennützigkeit bewegte den alten Skey ſo, daß er, da er Jenny's Herz noch frei wußte, unbedenk⸗ lich ſein Jawort gegeben hatte, im Fall Jenny nichts dage⸗ — — — mu— gegen habe. Ganz recht hatten die Fremden ihn uͤbrigens darin beurtheilt, daß ſie ſich mehr das Anſehen gaben, ihm eine traurige als eine fröhliche Botſchaft zu überbringen; denn in der That machte der plötzliche Reichthum auf das liebende Bruderherz gar keinen Eindruck, wohl aber der Tod des lang Vermißten, heiß Geliebten. Und daher fan⸗ den ihn William und Eveline in Thränen des aufrichtigſten Schmerzes. So hatten alſo dieſe Schelme ihren Zweck ſcheinbar ebenfalls erreicht; aber ach, wie arg wurden ſie getäuſcht! Williams Erzählung von ſeiner Vermählung jagte ihnen zuerſt einen Schreck ein; ſie muthmaßten ſogleich, daß viel⸗ leicht auch Jenny ſchon mit Netzen umſtrickt ſein möchte, und eilten daher fort, um wo möglich Gegenanſtalten zu treffen. Dazu hatten ſie die beſte Zeit, da der Vater, William und Eveline einander in den Armen lagen und der Alte nicht wußte, ob er zu großen Schmerz oder zu ſüße Freuden erlebe; denn der Tod des Bruders hatte ſein innerſtes Herz getroffen und mit tiefem Gram erfüllt. Sir Atwood hatte bis jetzt, vom böſen Gewiſſen ge⸗ plagt, noch nicht für gut gefunden, ſich zu zeigen.. Mitt⸗ lerweile war das zweite Brautpaar in Greenhill angelangt. Sir Atwod ſah daͤher ein, er müſſe nun wol zum Werke ſchreiten, und ging hinüber zu James Skey, während er Harry gebot, im Schloſſe mit ſeiner jungen, ſtets noch ver⸗ ſchleierten Gattin auf einen Wink von ihm zu warten.— In der Beſtürzung hatte er ſogar vergeſſen, daß er mit dem Sohne eine Verſöhnungsſcene zu ſpielen hatte. Jenny ſchien ſo betäubt von Allem, daß ihr das Einverſtändniß des Vaters und des Sohnes gar nicht auffiel. 3 Sir Atwood trat in Skey's Zimmer. Verlange der — 118— Leſer nur nicht etwa, daß ich ihn mit des Spitzbuben heuch⸗ leriſcher Rede unterhalte, in der er ſich mächtig über die Erbſchaft verwunderte und dieſelbe als einen böſen Zufall anklagte, welcher unreines Licht auf ſeine Abſichten werfen möchte; von der Ueberraſchung ſprach, die er dem alten Skey zu ſeinem ſechzigjährigen Geburtstage durch die Verei⸗ nigung zweier Liebenden habe machen wollen u. ſ. w. Skey konnte nicht recht an dieſen Edelmuth glauben, aber ſeine Redlichkeit verbot ihm zu zweifeln. Er reichte daher dem alten Schuft die Hand und ſprach:„Wenn die Unſerigen glücklich ſind, ſo wollen wir uns deſſen freuen und Gott danken.“ Jetzt kam Harry mit der bebenden Jenny, denn der Vater hatte ihm durch einen Bedienten, der vor dem Fen⸗ ſter harrte, einen Wink gegeben. Als Skey die Verſchleierte ſah, erſtaunte er über die ſeltſame Erſcheinung, ohne jedoch die Toͤchter zu erkennen, die zitternd an der Thür ſtehen blieb. Harry gab jetzt, ohne ſich ſonderlich viel Mühe mit ſeiner Rolle zu geben, beiden Vätern die verabredete Erklä⸗ rung, wodurch er behauptete, gegen Wiſſen und Willen Beider gehandelt und Jenny heimgeführt zu haben. Als der alte Skey vernahm, es ſei ſein Kind, das der rohe Wüſtling geheirathet habe, riß der Schmerz ihm tiefe Wun⸗ den in die Bruſt und er rief aus:„O Jenny! konnteſt Du das Deinem alten Vater thun! O William, mein Sohn, ſtütze mich alten, ſchwachen Mann, das raubt mir das Leben.“ Eveline, die auf das edle, weibliche Herz Jenny's darum feſt vertraute, weil ſie ſich ſelbſt edel, und die Entwürdigung tief fühlte, Gattin eines Harr) zu ſein, rief mit Feuer:„Nein, es iſt unmöglich, ſie iſt betrogen! Vielleicht ſind wir Alle die Opfer eines ſchändlichen Com⸗ — ——— — plotts! Jenny, rede, ſprich!“ Allein die Unglückliche wik⸗ kelte ſich tiefer in ihren Schleier und legte die Hände vor's Geſicht. Atwood, dem bange wurde, die Heirath könne eine Störung erfahren, vergaß die Heuchelei und Beſorg⸗ niß um ſeinen Tugendſchein wegen der Beſorgniß für die Erbſchaft. Er ſprach daher:„Seid Ihr vom Schmied zu Gretna⸗Green getraut, ſo iſt die Ehe rechtsgültig und Niemand kann ſie aufheben; zeige Deinen Trauſchein, Harry.“ Dieſer übergab ihn mit kalter Miene dem Vater, während der alte Skey auf ſeinen Sohn und Evelinen ge⸗ ſtützt ſein ſchwer beladenes Haupt auf Williams Schulter ſenkte. Sir Atwood wollte eben den Trauſchein leſen, als Maſter Rascal athemlos hereinſtürzte und rief: Um Got⸗ tes willen, Sir, wir ſind Alle betrogen. Eben ſind die bei⸗ den Fremden auf Verlangen eines reichen Herrn, der dieſen Augenblick bei mir vorgefahren iſt, als ein Paar ausge⸗ machte Betrüger und Spitzbuben, denen man ſe lange nachgeſetzt, ergriffen worden. Gewiß iſt's auch mit der Erbſchaft des Herrn Skey nichts. Sie werden gleich hier⸗ her gebracht werden!“—„So wäre mein Bruder nicht todt?“ rief der Greis aus, der von dem Sturm verſchie⸗ denartiger Gefühle ſo hin und herbewegt wurde, daß ihm Alles nur verworren und ſchwindelnd erſchien.„Ich weiß nicht, Sir, aber geerbt habt Ihr gewiß nichts.“ rief Ras⸗ cal und war wieder zum Zimmer hinaus. Ich wünſchte, ein guter Portraiteur hätte jetzt Sir At⸗ wood und ſeinen Sohn gemalt. Er würde eine ungemeine Quantität Grün, Gelb und Blau verbraucht haben, da dieſe Farben des Aergers und Schrecks lieblich in beiden Geſichtern hin und her ſchillerten.„Nichts mit der Erb⸗ ſchaft? So ſind wir ſchändlich betrogen!“ rief endlich der * — 120— Alte ſchamlos und Harry dazu:„So laß ich mich auf der Stelle ſcheiden.“ Unſern Freunden wurde nicht Zeit gelaſ⸗ ſen über dieſes neue Ereigniß und die ſaubere Enthüllung der Schurkenſtreiche, die Atwood und ſein Sohn begangen, lange nachzudenken; denn die Thür öffnete ſich leiſe und wer trat ein?— Jenny, die auf ihren Vater zuflog und, obwol ſie etwas bleich ausſah, mit innigſt froher Stimme rief:„Liebſter Vater, Deine Tochter wünſcht. Dir tauſend Glück zu Deinem ſechzigſten Geburtstage. Nicht wahr, ich überraſche Dich?— Aber was iſt hier geſchehen?“ ——— Dieſe drei Gedankenſtriche mögen dem Leſer den nöthigen Raum laſſen, ſich die Verwunderung, die Freude, die gänzliche Verworrenheit aller Vermuthungen in der Seele der Anweſenden vorzuſtellen und ſich das Ge⸗ ſchwirre von Fragen und Ausrufungen ein wenig auszu⸗ malen; der Leſer ſieht auch leicht ein, daß jetzt die Verwir⸗ rung auf den höchſten Grad geſtiegen war. Aber er irrt ſich, denn der nächſte Augenblick verwirrte noch mehr und zwar ſo ſchnell, daß man nicht einmal Zeit gehabt, die zweite Jenny, die ſich immer tiefer einſchleierte, zu ent⸗ ſchleiern. Die Thür öffnete ſich langſam. Ein hochgewach⸗ ſener, kräftiger Mann, mit braunem Antlitz, ergrautem Kopf, aber nicht ſpärlichem Haar, trat ein. Er ſah ſich in dem kleinen Zimmer rings um, endlich blieb ſein Blick auf James Skey hängen, der in den Armen Jenny's und Williams mit neuem Erſtaunen die neue Erſcheinung be⸗ trachtete. Aber nein, es war nicht Erſtaunen, ſondern die Augen des alten Mannes hingen mit einer Art von Angſt an dem Fremden, als fürchte er nur eine Erſcheinung, die wieder verſchwinden könnte, nicht die Wirklichkeit zu ſehen; das Herz in ſeinem Buſen pochte ſchneller und ſchneller, * 8 4 ——————ÿy ——— — 121— auf dem Antlitz ſchienen Erinnerung und Hoffnung, Schmerz und Entzücken mit einander zu kämpfen, ſeine Füße bebten — endlich, da der Fremde einen Schritt näher trat und mit unbeſchreiblicher Stimme, in der männliche Kraft mit der weichſten Rührung zitternd zuſammenklang, das eine Wort ſprach:„James!“ Da ſtürzte der erſchütterte Greis an das Herz des Bruders und„Bruder! Bruder!“ wa⸗ ren die einzigen Worte, welche die in Thränen der Wonne erſtickende Stimme Beider hervorzubringen vermochte! Nuntzehntes Capitel. Die Geſellſchaft in der Stube zerfällt jetzt in zwei Theile, in Diejenigen, welche vor Verwunderung die Maul⸗ ſperre hatten, nämlich Sir Atwood und Harry— ich wüßte wenigſtens nicht, weshalb ſie ſonſt mit offenem Maule ſo dumm dageſtanden hätten,— und Diejenigen, die einen zuſammenziehenden Krampf in den Armen bekamen, weil ſonſt ſchwerlich zu erklären geweſen, weshalb James Skey der verlorene Bruder oder Oheim John, Eveline, Jenny und William ſich nicht einmal losließen, ſondern fort und fort umarmten. Doch noch ein dritter neutraler Theil war in der Ver⸗ ſammlung, nämlich Harry's ſtumme, verſchleierte Braut, die aber dies bis jetzt geblieben war und noch blieb, da immer 3 noch Niemand, ſo viel hatte man zu thun und zu verwun⸗ dern, ihr den Schleier abgehoben hatte. Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. IlIl. 6 — 122— Endlich fing der Bruder John an:„Kinder! Ich muß ein paar Worte reden, oder wir werden Alle verrückt. Ihr müßt glauben, Ihr wäret von einem Wirbelwind und einer Waſſerhoſe gepackt, ſo verdreht muß es in Euerm Gehirne ausſehen. Aber jetzt, da ich Anker geworfen, wird bald klar Wetter werden. Laßt mich alſo reden.“— Alles umſtand ihn.—„Vor ſechs Wochen ſchon erſchien ich auf der Rhede vor Green⸗ hill, d. h. hier oben auf dem Birkenhügel. Da liefet Ihr Drei, der Bruder und die Kinder, gerade aus dem Hafen aus und mir ins Fahrwaſſer. Ich ging in die Bucht vor Anker, d. h. ins Gebüſch, und horchte. Gott fügte es ſelt⸗ ſam, aber ich lernte Euch und Eures Herzens Kummer dort wunderbar kennen. Ein Wort machte mich ſtutzig. Die Kleine hier(er ſtreichelte Jenny) ſchien ſich wenig aus mir altem Haifiſch zu machen und wünſchte, ich läge in der See, wo ſie am tiefſten iſt, aber mein Geldkaſten wäre von den Wellen ans Ufer geworfen worden. Still Kleine!(er hielt ihr den Mund zu) ich weiß jetzt, daß es nicht böſe gemeint war, aber ich dachte doch: Du mußt verſuchen, ob man auch wol den alten Onkel ſelbſt noch liebt; darum brachte ich einen kleinen Belagerungs⸗ und Minenkrieg in Gang' und ließ gegen Euch alle kreuzen. Du mußteſt erfahren, Bruder, daß ich todt ſei, aber unge⸗ heuere Reichthümer hinterlaſſen hätte, wovon nämlich kein Wort wahr iſt, denn ich bin, wie Du ſiehſt, lebendig und habe nichts“— Hier fuhr Atwood dazwiſchen und ſchrie:„So ſind wir betrogen und die Ehen uugültig!“—„Ja, Beſter, betrogen ſeid Ihr,“ entgegnete ruhig der Capitain,„aber auf die Ehen werde ich gleich kommen. Laßt mich nur ausreden. Ich habe alſo nichts hinterlaſſen, ſondern beſitze — — 123— zum Glück noch Alles, da ich lebe.— Nun ſollt Ihr meine Alliirten und meinen Belagerungspark und meine Kreuzer gegen die beiden Corſaren(er zeigte auf die At⸗ woods) kennen lernen. Thoms!“ Die Thür flog auf und Bloom trat herein und lächelte wohlgefällig.—„Hier,“ rief John,„ſeht Ihr meinen Hauptmaſchiniſten. Er hat Euch den Brief von der Erbſchaft, den ich ſelber geſchrie⸗ ben, recht gut in die Hände geſpielt, beſter Sir, und Ihr ginget in die Falle und verheirathetet Eure Nichte mit meinem Neffen, um die Erbſchaft zu erwiſchen, erwiſcht aber nichts. Denn ſeht, Beſter, dieſe Ehe iſt zwar gültig, denn der alte Schmied in Gretna⸗Green hat ſie geſchloſſen. Die andere aber, die, verzeiht, habe ich geſchloſſen und ſpielte Schmied und Geiſtlichen gar nicht übel. Wenn je⸗ doch Sir Harry ſeine Braut behalten will, ſo habe ich nichts dagegen; erſt muß er ſie aber doch anſehen. Nun friſch, Miß! Der Meiſter ruft! Entſchleiert Euch!“— Sofort warf die Miß in der Eile nicht nur den dichten Schleier weg, ſondern zum Schrecken der Mädchen auch ohne ſonderliche Umſtände das Kleid, indem ſie es nämlich von oben bis unten zerriß, und— mit lautem Lachen ſprang aus der geborſtenen Hülſe der friſche Kern eines allerliebſten funfzehnjährigen Knaben heraus, den Capitain John mit den Worten vorſtellte:„Mein Schiffsjunge, Ed⸗ ward, Seecadet, ein braver Knabe; er hat gut geſpielt, nicht wahr?“ Die beiden Atwoods fanden es jetzt für gut, das Zim⸗ mer zu räumen; im Abgehen wollte der Aeltere jedoch noch eine ſtolze Miene machen und die Drohung einer Klage verſuchen, allein Capitain John antwortete ruhig.„Nach Belieben, Sir! Aber erſtlich laſſ' ich Euch dabei hängen, 6* — 122— nach engliſchem, gutem Recht, weil Ihr eine fremde Brief⸗ taſche geplündert habt, und zweitens habe ich die Wechſel gewiſſer Häuſer in London angekauft und präſentire dieſel⸗ ben.“ Da war es, als übermauerte ſich des Alten Geſicht mit friſchem Kalk, ſo verlor ſich die blühende Farbe der Wuth und verlief ſich ins Blaß des Schreckens; denn die Worte des Capitains waren ſo gut als erklärter Bankerott. Dieſer ſetzte jedoch tröſtlich hinzu:„Auf Euer Betragen wird es ankommen, ob ich ſtreng im Eintreiben der Wech⸗ ſel bin!“ Die Atwoods gingen. Aber Bloom zupfte den Alten am Rock und ſagte den Fallſtaff parodirend:„Ich bin Euch tauſend Pfund ſchuldig, Sir; tauſend, denn die eine Ehe iſt ungültig; ich will Euch aber ſogar Eure zwei⸗ tauſend hiermit wieder zuſtellen.“ Und er that es. „Nun ſind wir unter uns, Kinder,“ fuhr John fort,„aber ich werde noch ein paar Freunde in unſeren Kreis führen müſſen. Meine liebe Miß Eveline erkennt mich wol jetzt leicht für Denſelben, der an ihrer Mutter Denkmal mit ihr geſprochen.„Eveline, Ebenbild Deiner Mutter! komm an mein Herz.“ Er drückte die ſanft und ſelig Weinende feſt an ſich und vergoß Thränen der ſchmerzlichen Erinne⸗ rung, aber auch der ſüßeſten Gegenwart. Die alten Her⸗ zenswunden bluteten, aber warm und erleichternd, und ſanfte Hände hatte die Zeit dem Getreuen bereitet, um ihn zu heilen.„Meine Jenny,“ fuhr er fort,„wird mich ge⸗ wiß auch als den Capitain Loſt wiedererkennen— denn ich kreuze ſtets um Euch alle her— wenn ich nur meine ſchwarze Perrücke aufſetze. Noch gewiſſer aber dieſen Herrn hier.“ Dabei öffnete er die Thür und die beiden räthſel⸗ haften Fremden traten ein, indem der Capitain ſagte: „Meine Schiffslieutenants und Helfershelfer im Complott, —125— die Herren Mowbray und Hawkins.“— Der Jüngere der⸗ ſelben war Sir Archimbald, deſſen Verhältniß zu Jenny wir kennen. Capitain John ſagte es dem Bruder, und freudig gab dieſer ſein Ja und der Capitain die Verſiche⸗ rung, daß die bereits unterrichtete Miſtreß Goldſmith das freudige ihrige auch geben und heut Abend in Greenhill erſcheinen werde. Die Liebespaare lagen einander in den Armen. Die Alten, die Jungen waren glücklich. Der Leſer iſt's auch, denn meine Geſchichte iſt zu Ende bis auf etliche Dinge, die ich in einer Nachſchrift ſagen will.— Daß Thoms auch derſelbe Steuermann war, der Sir Archimbald ſo kühn und ſchlau aus der Gewalt der Korſaren rettete, hat Jeder ſchon ſelbſt errathen. Er⸗ zählen muß ich aber noch: Daß erſtlich Abends der fröh⸗ lichſte Hochzeitsſchmaus gefeiert wurde. Daß zweitens dies binnen drei Wochen wieder geſchah, bei Miſtreß Goldſmith, als Jenny und Archimbald ſich verheiratheten. Daß drit⸗ tens Sir John nicht mehr zur See wollte, ſondern dem nahe am Bankerott ſtehenden Sir Atwood Schloß und Fabrik abkaufte. Daß viertens dieſer wegzog, nachdem zu⸗ vor ein anſtändiges Verhältniß zwiſchen ihm und ſeiner Nichte wieder hergeſtellt war, deſſen Peinlichkeit jedoch die Entfernung glücklich aufhob.— Daß fünftens Lieutenant Mowbray noch mehrmals zur See ging, trotz der jungen Gattin, bis er bei Navarin einen Schuß bekam, der ihn zum Dienſt untauglich machte, doch einen rüſtigen Ehe⸗ mann übrigließ, der in Greenhill zu brauchen war. Daß ſechſtens Thoms, oder Bloom, gleich daſelbſt blieb und die Gärtnerſtelle aus Wahl bekleidete, wozu ihm Capitain John — 126— auch die wohlverdienten zweitauſend Pfund ſchenkte. Daß endlich letztens die glücklichen Leute noch ſämmtlich in Glück und Frieden beiſammen wohnen, nur aber vor der Hand noch keine Documente zu haben ſind, um ihre Geſchichte weiter zu ſchreiben. Da jedoch die Dampfboote und Schnell⸗ poſten uns jetzt England ſo nahe an Berlin gerückt haben, wie ſonſt kaum das Elb-⸗Athen Dresden, ſo bin ich feſt entſchloſſen, nächſtens— etwa in den Feiertagen— ein⸗ mal nach Greenhill zu ſteuern und zu ſehen, ob etwas zu machen iſt, nämlich neue Geſchichten von den alten Bekannten. Die Gemsjäger. Ein Bruchſtuͤck aus meinem Reiſetagebuche. — 4 3 4 Endlich ließ der Regen nach und einzelne Stellen in dem grauen Wolkenſchleier lichteten ſich; doch der Bodenſee lag noch immer in nebliger, unabſehbarer Fläche da and ſeine Ufer wollten keine Geſtaltung gewinnen. Die ſmaragdgrü⸗ nen breiten Wogen trugen indeß unſern leichten Nachen raſch dahin, weil ein friſcher Wind das Segel ſchwellte. — Nach und nach zeichneten ſich die Umriſſe tiefeingeſchnit⸗ tener Gebirge an dem grauen Horizont, die von Minute zu Minute deutlicher wurden und als ſeltſame Rieſengebilde mit ſtolzen Häuptern ſich emporhoben. Es waren die Kup⸗ pen des Schwarzwaldes, die beſtimmter hervorzutreten be⸗ gannen. Bald glänzten auch am Fuß dieſer Höhen helle lichte Streifen, denn freundliche Städte, wie Mörsburg und Friedrichshafen, die das Ufer des reizenden Sees ſchmücken, wurden ſichtbar. Die graue Nebeldecke über uns riß end⸗ lich völlig entzwei, ein blauer, klarer Himmel zeigte ſich und goldnes Licht ſäumte die Ränder der fließenden Wellen. Die Ufer wurden grün und ſonnig; der See, wiewol von ſmaragdner Farbe zunächſt um uns her, verwandelte ſich in der Ferne in einen blauen, dunklen Spiegel des Azurs über ihm, die düſtere nordiſche Landſchaft hatte ſich in eine ait muthige ſüdliche umgeſtaltet. Nur auf der Seite der Schweiz wollten die Dünſte nicht verſchwinden; man ſah zwar die Umriſſe des Ufers, doch war nichts von deutlichen 6*ε*† *„ — 130— Geſtalten der Berge und noch weniger von Farben etwas zu erkennen. Seltſame kleine weißliche Wölkchen nur fielen dem Beobachter auf. Halb zufällig richtete ich das Fernrohr darauf. Welche Ueberraſchung! Es war der hellſte glän⸗ zendſte Schnee, den ich je geſehen; er lag auf und zwiſchen ſtarren, blaugrauen Felsmaſſen, die eine Mauer von uner⸗ meßlichen Thürmen zu bilden ſchienen, deren Zinnen über das noch in Nebel gehüllte niedrige Vorufer weit empor⸗ ragten. Welche zackige Häupter, tiefe Klüfte und gähnende Abgründe! Das waren die Alpen! Die deutſchen Gebirge, die zuvor ſo trotzig ſich hinſtellten, ſchienen verſchwunden, als ich nach ihnen umblickte. Nur der tiroler Vorarlberg, der jetzt ebenfalls nach und nach aus wogenden Nebelmaſſen auftauchte, behauptete ſich mit Würde dagegen; alles Uebrige ſank vor jenen koloſſalen Häuptern faſt zur unterſchiedsloſen Ebene herab. Es war der wilde, mit ewigem Schnee be⸗ deckte hohe Säntis im Canton Appenzell, den ich erblickt hatte; unter den Rieſen der Schweiz zwar nur einer der geringeren, aber als die erſte ausgeſtellte Vorhut des ge⸗ waltigen Geſchlechts pflegt er dem ungewohnten Beſchauer den ſtärkſten Eindruck zu machen. Wir trieben raſch über die Fläche des Sees dahin, nach dem Städtchen Arbon zu, das reinlich aus den Wellen emporſteigt und ſich an grüne Hügel lehnt. Hier iſt der majeſtätiſche See am breiteſten; nur mit Mühe entdeckt das Auge das jenſeitige Ufer. Die Sonne vergoldete ſinkend eben die Häupter der ſchäumenden Wellen und der blauen Berge des Schwarzwaldes, als wir ans Land ſtiegen.— Wir erwachten beim erſten Strahl des heitern Tages. Schnell iſt der Fußreiſende wanderfertig; bald hatten mir, das Ufer des Sees verfolgend, Rorſchach erreicht. Helle 131— reinliche Gaſſen, zierliche Häͤuſer mit ſpiegelklaren Fenſtern; meiſt durch Blumen, beſonders zahlloſe Hortenſien ge⸗ ſchmückt, boten den freundlichſten Anblick dar, zumal da jedes Quergäßchen die lieblichſte Ausſicht auf den See hin⸗ aus eröffnete. Indem wir den Fußpfad über einen Berg einſchlugen, ſchnitten wir ein bedeutendes Stück Weges ab, da eine Landzunge hier ziemlich weit in den See vorſpringt. Jenſeit der Höhe verfolgten wir wieder das Ufer; hier glich der See ſchon einem breiten Strom; nach und nach ver⸗ engte er ſich und bald befanden wir uns wieder an dem pfeilſchnell dahinſchießenden, klaren, tiefgrünen Rhein, der von den lieblichſten Ufern eingefaßt wird. Plötlich ſchlägt er eine Ecke, wir biegen ſüdlich ein und ſtehen nun in dem berühmten Thal, wodurch er die Grenze zwiſchen Tirol und der Schweiz bildet. Rechts begleiten uns hinter duftenden Wieſen aufſteigende Weinberge, in denen wir freundliche Landhäuſer, die auf den Reichthum der Einwohner deuten, erblicken; links, jenſeit des Fluſſes hebt ſich hinter einem hüglichten, grünen Vorland die majeſtätiſche Mauer des Vorarlbergs empor, die ſich in ſchroffe Klüfte ſpaltet und in hohen Felsſpitzen über die Wolken hinausragt. Die feuchten Nebel des geſtrigen Tages zogen in wunderbaren Geſtalten, vom Wind gejagt, an dem Gürtel des Gebirgs hin und erhöhten ſeine Schönheiten, indem ſie ſie bald ver⸗ hüllten, bald in veränderter Weiße erblicken ließen.—— Wir erreichten Altſtätten, ein in dieſem Thal gelegenes freundliches Städtchen, zu Mittag. Von dort zieht ſich die Straße über das Gebirg nach Hohegais in das Appenzel⸗ lerland hinein, deſſen weicher grüner Teppich ſich an dem Fuße des ſchneegekrönten Säntis ausbreitet. In Altſtätten ſaß an der Fremdentafel ein Mann von würdigem Aeußern, dem Anſchein nach etwa ſechzig Jahre — Bz— alt. In ſeinem Blick war Ernſt und Freundlichkeit aufs innigſte gepaart; in den bedeutungsvollen Zügen erblickte man die Spuren eines an froher und trauriger Erfahrung reichen Lebens. Und wer hätte die nicht machen müſſen, deſſen Tage das letzte Drittel des vorigen und das erſte des jetzigen Jahrhunderts umfaſſen! Der Mann zog mich gleich ſo an, daß ich ins Geſpräch mit ihm zu kommen ſuchte; es war nicht ſchwer, denn in einem von vielen Reiſenden beſuchten Lande ſpricht der Ein⸗ heimiſche eben ſo gern mit dem Fremden, der den Wechſel in die Gleichmäßigkeit ſeiner Tage bringt, als der Fremde wiederum den Eingebornen aufſucht, um durch ihn mit dem Lande, welches er aus Neu⸗ oder Wißbegier, oder aus einem von beiden Elementen gemiſchten Antriebe beſucht, ſchneller und beſſer bekannt zu werden. So erfuhr ich bald, daß mein Unbekannter der Geiſtliche eines benachbarten Pfarr⸗ orts ſei und ſeit 40 Jahren daſelbſt wohne. Wir wollen ihn Walter nennen. Zu meiner Freude wollte er, wie wir, nach Appenzell und ging, der einfachen Landesſitte getreu, aber auch der Oertlichkeit angemeſſen, gleich uns zu Fuß. Bald hinter der Stadt beginnt der Weg zu ſteigen; die hohe Sonne brannte heftig; man weiß, daß unter ſolchen Umſtänden das Geſpräch zu ſtocken pflegt. Dann und wann ſtanden wir ſtill und richteten unſere Blicke rückwärts auf das Thal, welches nunmehr ſchon tief unter uns lag. Eine Bergkuppe nach der andern konnten wir überblicken, anſehnliche Höhen ſchwanden zu Hügeln, kleinere Hügel miſchten ſich mit der Ebene; immer weiter konnten wir die Krümmung des Thales überſehen, immer ferner den Sil⸗ berfaden des Rheins verfolgen, der ſich blitzend, wie einge⸗ wirkt in den bunten Teppich ſeiner Umgebungen, zwiſchen Gärten, Wieſen und Feldern dahinzog. Jetzt nahm uns —— — 133— dunkle Fichtenwaldung in ihren kühlenden, ſtillen Schatten auf; die Landſchaft verſchwand nach und nach, nur der Fa⸗ den der weißen ſchimmernden Straße blieb uns eine Strecke aufwärts und abwärts ſichtbar. Endlich ſtanden wir auf der Höhe des Berges. Hinter uns das Rheinthal, das Ti⸗ rolergebirge, der in grauer Ferne blitzende Bodenſee; vor uns das grüne Appenzellerland, ein einziger meilenlanger Wieſenteppich mit zahlloſen Häuſergruppen beſäet und von rieſelnden Bächen und anmuthigem Gebüſch durchſchnitten. Rings um das freundliche Landchen her aber ſteigen die hohen Gebirgsgipfel als Grenzmauern auf, im ſiüdlichen Halbkreiſe der Säntis und der Kamor, ſchroff und ſchnee⸗ bedeckt, im nördlichen die waldigen grünen Berge, die das reiche St. Gallen von dem innern Appenzell trennen. Am unverwandteſten hingen unſere Blicke an Dem, was uns das Neueſte war, dem felſigen Hochgebirge. Ich rich⸗ tete das Fernrohr darauf und entdeckte auf einem ſteilen Vorſprung eine Gemſe; das ſchlanke, leichtfüßige Thierchen ſchien auf der Vorhut zu ſtehen, ſo vorſichtig ſchaute es umher und ſpitzte ſcharf aufhorchend das Ohr. Nichts hat für einen Schweizerreiſenden mehr romantiſchen und aben⸗ teuerlichen Reiz, als die Gefahren der Gemsjäger, ihre Kühn⸗ heit, Gewandtheit und unbezwingliche Jagdluſt. Der An⸗ blick jenes flüchtigen Wildes auf einer felſigen Höhe mußte natürlich die Erinnerung und Vorſtellung alles Deſſen, was wir von der Gemsjagd gehört hatten, lebhaft erwecken. Unſer Begleiter, Walter, war auch in dieſem Felde ſehr unterrichtet; in rüſtigeren Jahren hatte er ſelbſt manches gefährliche Abenteuer dieſer Art beſtanden; er kannte die Vortheile und verzweifelten Hülfsmittel der Gemsjäger durchaus und theilte uns manches Anziehende darüber mit. „Sind die Gemſen hier häufig?“ fragte ich.„Seit mehre⸗ ℳ 134 ren Jahren,“ entgegnete er,„verlieren ſie ſich mehr und mehr. Um ſo ſtärker aber ſcheint die Luſt in den Einwoh⸗ nern zu werden, dieſer Jagd obzuliegen, um ſo größere Wageſtücke unternehmen ſie, das flüchtige Wild bis in die ödeſten Felsgegenden zu verfolgen, wo der Tod auf jedem Schritte droht, wo den ewigen Schnee ſonſt nie ein menſch⸗ licher Fuß berührt hat. Erſt im vorigen Jahre hat ſich hier eine höchſt merkwürdige Geſchichte zugetragen, die von der erſtaunlichen, oft vermeſſenen Kühnheit der Jäger und den furchtbaren Gefahren, die ihnen drohen, ein ebenſo merkwürdiges Beiſpiel gibt, als ſie uns Gottes wunderbare Fügungen auf's ergreifendſte anſchaulich macht.“—„O er⸗ zählen Sie!“ riefen wir aus Einem Munde.„Recht gern,“ erwiderte der freundliche Greis;„wir haben noch Zeit, die Sonne ſteht noch ziemlich hoch und wir könnten noch ein gutes Weilchen hier ausruhen und doch bei guter Stunde in Appenzell eintreffen.“ Somit lagerten wir uns auf den ſchwellenden Raſen; ein Hollunderbuſch gab uns hinreichgn⸗ den Schatten, neben uns ſprudelte ein friſcher Quell aus einer in den Fels geklemmten hölzernen Röhre und rieſelte als ſilbernes Bächlein durch die Wieſen hinab; in der Ferne tönte das Geläut der Heerdenglocken und ausgebreitet lag vor uns die liebliche Landſchaft mit ihrem furchtbaren Hin⸗ tergrund, dem Schauplatz der Begebenheiten, die uns unſer freundlicher Begleiter mit ſo einfachen und herzlichen Wor⸗ ten mittheilte, daß ich nur wünſchte, ſie ebenſo wiedergeben zu können, um der Theilnahme meiner Leſer gewiß zu ſein. „Es wohnte,“ begann er,„hier unten im Lande ein reicher Mann, der ſtattliches Vieh auf die Senten trieb und ein ſchönes, geräumiges Haus beſaß. Er hatte eine Tochter, Elſi genannt, ein wackeres Mädchen und gewiß das ſchönſte weit und breit. Sie war ſchlank wie ein Reh —— V— — r —— —Vn— — —,— — 135— und hoch von Wuchs; die blonden Haarflechten hingen ihr bis in das Knie hinab und aus ihren großen blauen Au⸗ gen blickte ſie ſo treu und wohlwollend, ſo redlich und ge⸗ rade heraus, daß Jedermann ſehen konnte, es war kein Falſch in ihr. Dabei blühte ſie friſch wie eine Roſe und ſang mit heller Stimme unſere Lieder und den Kuhreigen, daß es eine Freude war, ihr zuzuhören. Aber ſie war auch fleißig am Spinnrocken und eine Hausfrau wie wenige, ſo daß ihr guter Ruf weit und breit bekannt war. Nicht weit von ihrem Vater wohnten zwei Brüder, Wälty hieß der älteſte, der jüngere Rudi, ein paar wackere Leute, wohlha⸗ bend, geſchickt, thätig und verwegen in der Gemsjagd, denn das gilt bei uns viel. Dieſe hatten Beide das Mädchen von ganzer Seele liebgewonnen. Wenn Sonntags in Ap⸗ penzell auf dem Bade Tanz war oder ſonſt ein Volksfeſt, ſo gingen ſie ihr nicht von der Seite und ich habe keinen leicht mit einer andern den Appenzeller tanzen ſehen als mit der Elſi. Der Appenzeller iſt bei uns ein Volkstanz, faſt wie der Walzer, nur daß man ſich ſchneller dabei dreht und zu Zeiten einzeln; wenn die Muſik dann umſpringt, greift Jeder ſein Mädchen wieder und tanzt weiter mit ihr. Doch zu meiner Erzählung zurück. Der Vater der Elſi merkte, daß jeder der Brüder damit umging, um die Toch⸗ ter zu freien; er hätte ſie jedem gern gegeben, aber er ſah wol, daß, wenn er ſie einem zuſagte, er dem andern ein tiefes Herzeleid zufügen würde. Daher ſprach er eines Ta⸗ ges zu Beiden:„Hört, Freunde, ich ſehe, daß Ihr meiner Elſi nachgeht, und ich möchte ſie Euch nicht weigern; aber Einer muß dem Andern weichen, oder Ihr müßt alsbald Beide abſtehen. Alſo ſprecht unter einander von der Sache und auf heut über acht Tage ſagt mir Beſcheid.“ Wie er ſo redete, ſahen die Brüder einander an, und ſahen ihn an, und keiner konnte ein Wort ſagen, und keiner hätte lachen können oder ein frohes Lied anſtimmen und wenn es das Leben gegolten hätte. Endlich ſprach der Aeltere:„Nachbar, Ihr habt recht, das wird aber all mein Tage nicht gut.“ Und darauf gingen ſie Beide von dannen. Unterwegs ſagte Keiner ein Wort zum Andern, aber nicht aus Feindſchaft, denn ſie hatten einander herzlich lieb und halfen und ſchaff⸗ ten einander wo und wie ſie konnten. Als ſie heim gekom⸗ men waren, ſetzten ſie ſich neben einander auf die Bank vorm Hauſe und ſchwiegen noch immer, denn Keiner wollte zuerſt reden. Endlich nahm Wälty Nudi's Hand und ſagte zu ihm:, Sieh, Bruder, es iſt Nacht geworden, aber am Himmel ſteht der Mond und viele Sterne und machen das Dunkel freundlich und über ein Weilchen iſt es wieder heller, froher Tag; mir iſt zu Muthe, als wäre es bei uns Beiden auch Nacht geworden, doch ich ſehe kein Sternchen, was uns leuchtete, auch wüßte ich nicht, wann es wieder hell und ſchön werden ſollte. Was wollen wir aber nun thun?“—„Höre Wälty,“ ſprach Rudi,„ſage dem Nach⸗ bar, er ſolle die Elſi fragen. Sie mag entſcheiden, wer um ſie freien ſoll, ſie iſt uns Beiden immer freundlich ge⸗ weſen, aber ob ſie Einen von uns lieber hat als den An⸗ dern, das weiß ich wahrhaftig nicht.“—„Ich auch nicht, Bruder, bei meiner Seele; doch Du haſt recht, die Elſi muß entſcheiden. Aber nicht über acht Tage, ſondern mor— gen mit dem Früheſten laß uns zum Nachbar gehen, denn wenn das ſo länger mit uns dauern ſoll, ſo halt ich's nicht aus.“ 5 Nach dieſem Geſpräch legten ſich die Brüder zu Bett. Am andern Tage waren ſie mit dem frühſten Morgenlicht auf und gingen zum Nachbar hinüber. Als ſie in ſein Gehäge traten, kam eben Elſi zur Thür heraus. Sie ſah Meathen welcher?“ Elſi ſah den Vater groß an, aber ſie — 137— friſch und holdſelig aus, wie eine Alpenroſe im Morgen⸗ thau.„Ei guten Morgen, liebe Nachbarsleute,“ grüßte ſie mit heller Stimme,„was habt Ihr denn ſo früh am Tage?“ —„Wir wollten gerne den Vater ſprechen, Elſi,“ erwi⸗ derte Wälty mit trauriger Stimme,„iſt er denn ſchon aufgeſtanden?“—„Eben jetzt, geht nur hinein; aber Ihr ſeht ja ſo traurig aus, es iſt Euch doch kein Unglück wi⸗ derfahren?“—„Nein, Elſi,“ antworteten Beide mit einer Stimme, die ſie Lügen ſtrafte, und traten in die Thür. Elſi wurde roth und blaß, denn ſie mochte wol ahnen, was die Bruder traurig machte; ſie ging daher ſtill in den Hof an ihre Arbeit und wagte nicht in das Haus nachzu⸗ gehen, was ſie bei unbefangenem Muth gewiß gethan hätte. Wälty trug dem Nachbar die Sache vor und dieſer fand ſie ganz vernünftig; er kannte aber ſeine Tochter zu gut, als daß er nicht hätte vorausſagen ſollen, es werde dadurch wenig gebeſſert werden. Daher antwortete er den Brüdern: „Herzliche Nachbarn, ich werde mit der Tochter ſprechen, aber das kann ich Euch ſagen, ich weiß nicht, ob ſie Einen von Euch wählen wird, denn ſie mag Euch wol gleich lieb⸗ haben und wird Keinem wehe thun wollen.“—„Es iſt eine betrübte Sache,“ ſprach Rudi,„aber ich hoffe zu Gott, er wird Alles wohl machen. Nun, gehabt Euch wohl, Nach⸗ bar; auf den Abend wollen wir uns den letzten Beſcheid holen.“ Sie ſtiegen auf ihre Senten; der Vater rief ſich die Elſi. Mit dem Spinnrocken in der Hand kam ſie zu ihm auf die Bank vor der Hausthür, wo er ſich hingeſetzt hatte.„Liebes Mädel,“ ſprach der Vater,„was meinſt Du wol, weshalb unſere Nachbarn hier geweſen ſind?“ Elſi ſchwieg und erröthete.„Ich will Dir's nur gerade heraus⸗ ſagen, einer von Beiden freit um Dich. Kannſt Du wol — 138— lächelte nicht, wie Mädchen in ſolchem Fall pflegen, ſondern es traten ihr die Thränen in die ſchönen, blauen Augen und ſie antwortete:„Vater, treibt nicht Euern Scherz mit mir, ich kann Euch ja doch auf dieſe Frage nicht antworten.“ —„Welcher von Beiden,“ fragte der Vater nach kurzem Schweigen weiter,„möchteſt Du denn aber wol, daß der Freier wäre, das ſage mir, mein Töchterchen?“ Elſi fing nun heftiger an zu weinen und erwiderte:„Das dürfte ich Dir gar nicht einmal ſagen, mein Vater; denn wenn ich nun Den nennte, der nicht um mich gefreit hat, ſo wäre ich ja ſehr beſchämt und mein Freier könnte mich nicht neh⸗ men, da er hörte, daß ich einen Andern lieber möchte, als ihn. Und träfe ich auch den rechten“— hier ſchwieg ſie, aber aus dieſer Antwort mochte der Vater wol ſehen, daß Elſi ahnete, ſie werde, wenn ſie Einen nennen wollte, dem Andern ſchweres Herzeleid bereiten. Er entſchloß ſich daher kurz, ihr die Wahrheit gerade heraus zu ſagen.„Elſi,“ ſprach er,„ich ſehe wol, daß Du nichts Gutes ahneſt; ich dachte Dich in Deiner Unbefangenheit zu erforſchen, aber es gelingt mir nicht. So wiſſe denn, beide Brüder haben Dich von ganzem Herzen lieb, Jeder möchte Dich zur Haus⸗ frau haben und meint ein trauriges Leben zu führen, wenn es nicht ſein ſollte. Du ſollſt nun ſelbſt ſagen, ob Du Kei⸗ nen von Beiden magſt, oder Welchen Du wählſt. Und wie Du entſcheideſt, dem wollen ſie ſich in Güte und Liebe fü⸗ gen.“ Als der Vater ſo geſprochen hatte, weinte Elſi ſo heftig, daß die Thränen ihr häufig in den Schoos und auf den Faden, an dem ſie ſpann, fielen, und es dauerte lange, ehe ſie ſich beruhigen konnte. Endlich ſprach ſie zum Va⸗ ter:„Lieber Vater, ich kann auch hier wieder nichts ſagen. Bedenke, Wälty und Rudi ſind Nachbarsſöhne, von klein an kenne ich ſie und Beide haben mir von Jugend auf — 139— Liebes und Gutes erzeugt. Seit ich größer bin, ſind ſie mir Beide ſtets aufrichtige Freunde geblieben und Beiden danke ich Vieles. Als ich im Herbſt oben auf der Sente ausglitt und mir den Fuß ſo ſchwer verletzte, daß ich nicht gehen konnte, trug mich Wälty zwei Stunden weit mit unſäglicher Mühe den ſteilen gefährlichen Berg hinab, und als im vorigen Winter der wüthende Wolf hier ins Thal brach und ich mit dem noch immer ſchwachen Fuß nicht ſo raſch flüchten konnte, als die Andern, da war es Rudi, der mir zu Hülfe ſprang und allein das wüthende Thier mit großer Gefahr niederſchlug. Du ſiehſt alſo wol, daß ich Beide ſo liebhabe, und wenn auch das nicht wäre, ihnen doch ſo dankbar ſein muß, daß ich um die Welt Keinen von ihnen betrüben könnte. Und wenn ich auch Einen viel lieber hätte, ſo würde ich doch dem Andern immer noch ſo von Herzen gut ſein, daß ich ihm unmöglich ſagen könnte, dich liebe ich weniger als deinen Bruder.“ Hier ſchwieg das gute Mädchen und trocknete ſich die Thränen von den Wangen. Der Vater ſah wol ein, daß ſie recht hatte, er küßte ſie daher auf die Stirne und ſprach:„Nun wol, mein Her⸗ zenskind, ſo müſſen wir es Gott überlaſſen, uns in dieſer Sache einen Ausweg zu zeigen.“ Darauf ging er den jungen Männern auf die Alpe nach, um ihnen gleich Alles zu erzählen. Er traf ſie hoch oben an ihrer Sennhütte, wo ſie die Sennen beſuchten und nach der Ordnung ſahen. Als ſie hörten, was Elſi geſagt hatte, ſprach Rudi:„Ich wußte das wol, Nachbar, die Elſi konnte nicht anders; Gott mag ans helfen.“ So ſchieden ſie traurig von einander. Drei Wochen verſtrichen auf dieſe betrübte Art; die Brüder beſorgten zwar fleißig ihre Geſchäfte, aber die Ar⸗ beit, die ſonſt ihre größte Freude war, machte ſie nicht froh. Zum Tanz ging Keiner von Beiden, noch nahm er an ſonſt einer Freude Theil. Auch Elſi hielt ſich ſtill zu Haus und man ſah es ihr an den blaſſen Wangen an, daß ſie ſich recht im innerſten Herzen abhärmte. Eines Morgens trat Wälty auf ſeinen Bruder zu und ſprach:„Rudi, das geht ſo nicht länger, wir müſſen die⸗ ſem Leben ein Ende machen. Du härmſt Dich ab, ich gräme mich zu Tode, und Eſſi iſt ſo traurig, daß die Nachbarn ſchon ſprechen, ſie ſei krank. Weiß Gott, ich habe ſie ſeit jener Zeit nicht geſehen, aber wo man hinkommt, reden ja die Leute ſchon davon und am Ende errathen ſie gar die Urſache. Elſi hat uns Beide lieb, hat uns viel⸗ leicht gleich lieb; wenn Keiner von uns um ſie freit, ſo lei⸗ den wir alle Drei Kummer; vielleicht aber, daß Zwei noch glücklich werden können. Als ich dieſe Nacht ſo ſchlaflos dalag, kam mir plötzlich der Gedanke: Wir müſſen Gottes Willen entſcheiden laſſen. Der Pfarrer ſagt uns oft, es gibt keinen Zufall, ſondern Alles ſteht in Gottes Hand. So wird er auch uns jetzt ein gutes Zeichen geben. Laß uns daher unſere Büchſen nehmen und auf das hohe Ge⸗ birg ſteigen, dort wollen wir, der Eine rechts, der Andere links klimmen und wer das erſte Thier erlegt und heim⸗ bringt, der ſoll um Elſi werben. Der Andere mag dann Haus und Hof verlaſſen und in die Fremde gehen. Willſt Du Bruder?“—„Ja, ſo will ich,“ rief Rudi und ſchüt⸗ telte des Bruders Hand;„aber wir müſſen's dem Nachbar anſagen.“— ,Freilich,“ entgegnete Wälty. Sie nahmen raſch die Büchſen von der Wand, warfen die Jagdtaſche um und machten ſich auf den Weg. Elſi ſah ſie von wei⸗ tem kommen und zeigte es dem Vater anz dieſer merkte, daß ſie etwas vorhaben müßten, und trat ihnen entgegen. — u1— Sie erzählten ihm, was ſie beſchloſſen hatten und er ſtimmte ihnen bei, wenn Elſi es gut heißen wolle. Er rief ſie; ſie kam ſchuchtern.„Elſi,“ fragte er,„wenn nun Einer von dieſen Beiden morgen um Dich werben wollte, würdeſt Du ihn abweiſen?“ Sie ſah zur Erde und ſchwieg.„Sie haben beſchloſſen, Elſi,“ fuhr der Vater fort,„ein Zeichen des Himmels entſcheiden zu laſſen. Wer heut zuerſt glück⸗ lich auf der Gemsjagd iſt, der kommt morgen und wirbt um Dich; aber, das Loos falle, wie Gott es fügen mag, kannſt Du verſprechen, daß Du Dem in ſein Haus folgen willſt, der Dich fordert?“ Elſi ſchien einen ſchweren Kampf des Herzens zu beſtehen; nach einigen Augenblicken aber ſprach ſie entſchloſſen:„Ja, das verſpreche ich, ſo wahr ich auf die Gnade Gottes hoffe!“ Dabei ſah ſie fromm gen Himmel und reichte darauf jedem der Brüder eine Hand.— Es war Allen, als ſollte das Herz ihnen ſprin⸗ gen; Keiner vermochte zu reden. Wälty und Rudi hiel⸗ ten Elſi's Hände feſt und drückten ſie herzinnig. Endlich ſprach dieſe zuerſt.„Ich will Euch Beiden auch den Hut zur Jagd ſchmücken.“ Sie zog die Hände ſanft zurück, brach zwei ſchöne Roſen vom Stock und ſteckte eine an eines Je⸗ den Hut. Drauf reichte ſie zum Abſthied Jedem die treue Rechte; ſie ſahen einander an wie ſelten Menſchen ſich an⸗ ſehen. Wälty ging zuerſt, nachdem er den Vater umarmt hatte; Rudi hielt noch immer Elſi's Hand; er konnte ſie nicht laſſen. Da ſtürzten ihm plötzlich die Thränen un⸗ aufhaltſam aus den Augen, Elſi bebte und ſank in die Knie, er fing ſie auf, legte die Ohnmächtige in des Vaters Arme und ſtürzte fort. Schweigend klimmten die beiden Brüder das Gebirg hinan. Als ſie über die grünen Höhen hinaus waren und an den Fuß der eigentlichen Felſen kamen, hatten ſie den Punkt erreicht, wo ſie ſich trennen mußten. Hier hielt unſer begleitender Erzähler inne.„Sehen Sie dort drüben,“ ſprach er zu mir,„eine kleine Oeffnung in dem Felſen?“ und deutete mit der Hand hin.„Ja wol,“ erwiderte ich,„ſie gleicht einem Thore.“—„Richtig; es iſt dort ein Gang und eine kleine Kapelle in den Stein ge⸗ hauen, die wir das Wildkirchli nennen. Sie wird von vie⸗ len Fremden beſucht. Wenn ſie jetzt der Richtung meines Fingers folgen wollen, ſo kann ich Ihnen die Stelle zeigen, wo die Brüder ſich trennten. Von dem Wildkirchli rechts ſehen Sie eine Schneeſpalte, dann eine zweite und eine dritte. Jetzt erblicken ſie eine ſchwarze Schlucht. Dies iſt die Oeffnung der Felſen, in welchen der Säntisſee liegt, deſſen Becken von himmelhohen Klippen umſtarrt, mit ewig eiskaltem, ſthwarzem Waſſer gefüllt iſt, das nie ſteigt und nie fällt. Jenſeit der Schlucht, wo die furchtbaren Felſen⸗ thürme emporſtarren, die alle ſchon zum eigentlichen Stock des Säntis gehören, bemerken Sie eine grüne Matte, die ſich hoch zwiſchen die Felſen hinaufzieht und zuletzt unmit⸗ telbar an den Schnee grenzt, der dort in der Schlucht vom Winde zuſammengetrieben iſt.“—„Die Matte ſehe ich ganz deutlich mit dem Fernrohr; ich kann die Windſtriche auf dem Schnee unterſcheiden; rechts in der obern Ecke liegen zwei ſchwarze Felsblöcke.“—„Ganz recht,“ rief mein Be⸗ gleiter,„eben an dieſen Felsſtücken ſtanden unſere Freunde, denn dort iſt der Punkt, wo die Pfade, die ſie nahmen, auseinandergehen. Ich fahre nun fort zu erzählen: „Nun Rudi,“ ſprach Wälty,„iſt der Augenblick da, wo wir unſer Schickſal in Gottes Hand ſtellen. Einer von uns muß links, der Andere rechts um den Berg gehen; wenn wir kein Thier antreffen, ſo finden wir uns jenſeit an —,— — 143— dem Gemsbrunnen beim großen Stein wieder. Wer aber etwas antrifft, je nun der mag ſeinen Schuß thun und die Beute nach Haus tragen; der ſpäter Kommende wird dann ſeinen Unſtern ſchon von weitem ſehen. Jetzt aber laß uns looſen, wer rechts und wer links am See herumgeht.“ Das Loos entſchied, Wälty ſoll ſich links, Rudi rechts wenden. Schon hatten Beide einige Schritte gethan, als ſie ſich un⸗ willkürlich noch einmal nach einander umſahen. Da war es ihnen, als wenn eine Stimme Gottes ihnen zuriefe; ſie mußten einander wieder entgegeneilen und umarmten ſich ſo herzinnig, als hätten ſie gewußt, daß es das letzte Mal ſein ſollte. So war es aber. Nach wenigen Schritten konnten ſie einander nicht mehr erblicken, auch war nun an kein nochmaliges Umſehen mehr zu denken, denn, ungerechnet, daß der Jäger ein ſcharfes Auge auf alle Gegenſtände haben muß, um die Gelegenheit einer Beute nicht zu verſäumen, ſo befanden ſie ſich jetzt auch ſchon auf dem Gebiet des Gebirges, wo jeder Fehltritt Gefahr droht. Rudi's Pfad wand ſich höher und höher, denn er ſuchte den Stellen, wo die Gemſen ſich aufzuhalten pflegen, ſo ſchnell als möglich nahe zu kommen. Im Som⸗ mer aber ſuchen dieſe die höchſten Gipfel des Gebirgs, um den Menſchen ſo weit als möglich auszuweichen. Nur ſo tief ſteigen ſie nieder, als ſie müſſen, um ihre Weideplätze aufzuſuchen; und auch nur deshalb, nicht weil ſie die grim⸗ mige Kälte der ſturmumbrauſenden Gipfel ſcheuen, kommen ſie im Winter tiefer herab, da die Kräuter, von denen ſie ſich nähren, droben auf den Bergen zu hoch mit Schnee überdeckt ſind, als daß ſie ſie ausſcharren könnten. In den tiefer gelegenen Wäldern dagegen findet das genügſame Thier noch immer ſo viele grüne Halmen unter der Schneedecke heraus, als es zur Friſtung ſeines Lebens bedarf. Hoch — 144— hinauf alſo muß der verwegene Gemsjäger klimmen, wenn er ſeine Beute erreichen will. Nicht vor dem Schrecken des Abgrundes darf er zittern, nicht die ſtürzende Sturmlawine ſcheuen; ihm darf nicht bangen, wenn finſtere Wolken ihm den Anblick der lieblichen Erde grau verhüllen und ihm rings umher jeden Pfad verbergen, ſo daß der Geübteſte oft nicht weiß, wohin er ſich wenden ſoll, um wieder zurück zu bewohnba⸗ ren Gegenden zu gelangen. Nur in ſchrecklichen Geſtalten droht ihm der Tod; entweder begräbt ihn die Lawine in ewige Nacht, oft ohne ihn gleich zu erdrücken, oder er ſtürzt in eine leicht mit Schnee überdeckte Eisſpalte, wo ihn zwi⸗ ſchen den kalten Wänden Verſchmachtung und Erſtarrung langſam tödtet; oder er verſteigt ſich auf eine Höhe, von der kein Rückweg iſt, wo ihn der folternde Hunger aufreibt. Das Leichteſte, was ihn trifft, iſt Zerſchmetterung in der ſchwindelnden Tiefe des Abgrunds, wo kein ſterbliches Auge ihn wieder entdeckt, keine freundliche Hand ihm ein Grab bereitet. Aber in der Bruſt des Mannes iſt die Kühnheit eingepflanzt und mit der Gefahr wächſt ihm die Luſt; leicht⸗ ſinnig hält er ſich an den ſchwächſten Ranken der Hoffnung empor und gibt Nichts verloren, ehe nicht Alles verlo⸗ ren iſt. Rudi's Pfad war keiner der leichteren, es gehörte ein ſo geübter, gewandter Jäger dazu, als er war, um dort das gefährliche Spiel zu verſuchen. Mit einem Auge muß er die windſchnelle, ſcheue Gemſe verfolgen können und mit dem andern doch ſicher und ſcharf den Pfad betrachten, der ihn am Nande des Abgrundes über Felsſtücke, Steingerüll und ſchlüpfriges Moos oder Gras immer höher und ſteiler em⸗ porleitet. Vor ihm klafft der Fels in breiten, thurmtiefen Spalten auf; er muß ſichern Sprungs hinüber, wenngleich — 145— er jenſeit nur eben ſo viel feſten Boden findet, daß die Spitze des Fußes Raum hat. Der bröckelnde Fels rollt unter ihm hinab; er muß nun um ſo viel ſchneller vor⸗ wärts, um nicht mit zu ſinken. Und was er ſieht und hört, wenn er den Boden auch morſch und wankend unter ſich fühlt, kein Wölkchen darf ihm den Blick trüben, denn faßt ihn der leiſeſte Schwindel, ſo iſt er verloren.— Auf ſo gefahrvoller Bahn war Rudi etwa eine halbe Stunde auf⸗ wärts geklimmt. Jetzt näherte er ſich einem Weideplatz der Gemſen, wo ſie ſich häufig zu halten pflegten. „Man kann die Stelle von hier aus ſehen,“ rief hier unſer Erzähler und blickte ſcharf hinüber nach dem Säntis, „dort, wo eben die Wolke an dem Fels hinſtreicht. Es iſt ein graues Fleckchen, in Geſtalt eines Dreiecks. Aber ſe⸗ hen Sie nur, wie es gefährlich an dem äußerſten Rande der Felſen hängt und welchen Pfad man dort hinauf hat; denn die Steinwände, die von hier mäßig hohen Mauern gleichen, haben dort dreifache Thurmhöhe und ſpalten ſich ſteil bis auf den Grund.“ Wir ſchauerten unwillkürlich zuſammen, als wir hin⸗ überblickten. „Leiſe, um die ſcheuen Thiere nicht aufzuſcheuchen, ſchlich Rudi, an die Felſen geſchmiegt, einher; er wußte, daß dort eine Klippe ſei, auf der die Gemſen ihre Vorhut auszuſtel⸗ len pflegen, die mit den hellen Augen, dem ſcharfen Geruch und leiſem Ohr weit umherſpäht, ob ſich ein gefährliches We⸗ ſen naht. Sowie ſie etwas der Art bemerkt, pfeift ſie gel⸗ lend auf, daß es weit durch die Berge ſchallt, und dann flüchtet das ganze Rudel windſchnell auf die hohen Gipfel und in die Felsſpalten, wohin ihnen Niemand nachfolgen kann. Um die Witterung des Thiers zu täuſchen, zerrieb Rudi Alpenkräuter, damit der Wind den friſchen Geruch Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. III. 7 — nu6 derſelben der Gemſe entgegenführe. Dabei wird ſie eher vorwärts gelockt als verſcheucht. Die Liſt gelang; nach we⸗ nigen Augenblicken ſah er eine Gemſe das kluge Köpfchen mit den gekrümmten Hörnern über den Fels hervorſtrecken; bald ſprang das ganze ſchlanke Thierchen herauf und ſchien umherzuſpähen, wo die fruchtbare Alpe wol liegen möge, von der der duftige Geruch herüberwehte. Rudi ſtand hin⸗ ter den Fels geſchmiegt, unbeweglich. Er wollte die Gemſe noch etwas näher kommen laſſen, da die Schußweite ſelbſt für den geübteſten Schützen noch unſicher war und ein ein⸗ ziger unvorſichtiger Schuß ihm das ganze Nudel verjagt, ihm vielleicht die Hoffnung der Beute für den ganzen Tag entzogen hätte. Vorſichtig hüpfte das Thierchen in kleinen Pauſen, während welcher es immer aufhorchend ſtutzte und die Nüſtern witternd dem Winde entgegenſtreckte, von einem Felsſtück zum andern ſorglos am gähnenden Abgrund da⸗ hin. Jetzt war ſie ihm nahe genug, er legte an; das Herz ſchlug ihm laut, denn welchen Schuß war er im Begriff zu thun! Da dachte er ſeines Bruders, es trat ihm ſchwarz vor's Auge, die Hand zitterte ihm; der nie fehlende Schütz mit dem ſcharfen Adlerblick ſah ſein Ziel unbeſtimmt vor ſich flimmern. Eben wollte er abdrücken— als ein ferner Schuß erdröhnte und ſich mit vielfachem Echo gegen die Felſen brach. Das war Wälty's Büchſe! Die Gemſe ſprang ſcheu zurück und verſchwand, Rudi ließ matt den Arm ſinken.— Thränen ſtürzten aus ſeinen Augen, der Bruder hatte ſchon getroffen,— denn er fehlte nie, das wußte er— Elſi war verloren! Eine Zeit lang ſtand er, auf die Büchſe geſtützt, ſtumm und ſtarr, wie ein Steinbild, an die Felswand gelehnt und überlegte, ob er ſich die Kugel durch die Bruſt jagen oder einen Schritt vorwärts thun ſollte, um dem unermeßlichen 6 — 147— Schmerzgefühl in ſeiner Bruſt mit Einemmale ein Ende zu machen. Endlich ermannte er ſich.„Vorwärts will ich und weiter jagen,“ rief er,„bis ich todesmatt niederſinke, oder ein Gratthier auf die Schuldern laden und nach Haus tragen kann; dann habe ich doch das Meinige gethan.“ Kaum hatte er dieſen Entſchluß gefaßt und klimmte wieder auf⸗ wärts, als er ein dumpfes Krachen vernahm. Sein geüb⸗ tes Ohr erkannte ſogleich, daß es eine Lawine ſei, und ſchnell blickte er rings umher, um zu ſehen, von welcher Seite ſie herabkomme. Der erſte Blick war aufwärts; da ſah er gerade über ſeinem Haupte den blitzenden Staub in der Schneeſpalte aufſprühen. So traurig ihm das Leben ſchien, ſo natürlich war es doch, daß der plötzlich drohende Tod ihm einen heftigen Schreck bereitete; die Natur trat in ihre alten Rechte wieder ein. Zugleich aber verließen ihn die Beſinnung und Gewandtheit des geübten Hochjägers nicht. Naſch beurtheilte er, nach Welcher Seite die ſchnellſte Ret⸗ tung ſei, und ſprang nun mit gewandter Schnelligkeit den gefährlichen Pfad aufwärts bis an einen ſtarken Felsblock, der ſich über den Pfad hinausbog und ſo Schutz gewähren mußte. Kaum aber hatte er dieſen erreicht, als hinter ihm mit furchtbarem Gepraſſel die Staublawine niederdonnerte. — Es iſt dies eins der ſchönſten Schauſpiele unſeres Hoch⸗ landes. Eine geringfügige Veranlaſſung reicht hin, im Sommer eine mit dünner Eisdecke überzogene Schneemaſſe in Bewegung zu ſetzen. Am Tage nämlich, ſo lange die Sonne den Schnee beſcheint, ſchmilzt die Oberfläche deſſel⸗ ben, aus der ſich Nachts eine Eisrinde bildet. Wenn dieſe nun auf einem ſteilen Abhang liegt, wird ſie leicht zu ſchwer; ein Raubvogel, der ſich darauf ſetzt, ein Donner⸗ ſchlag, hier aber vermuthlich der Büchſenſchuß, reicht hin, die Maſſe in Bewegung zu ſetzen. Ein kleines Stück löſt 7 — 18— ſich, verſchiebt ein größeres und dieſes reißt ſchon eine bedeu⸗ tende Maſſe Schnee nach ſich. So wächſt die Lawine von Felſen⸗ zu Felſenabſatz immer gewaltiger. Zuerſt warnt uns ein dumpfes Krachen in der Höhe der Berge; dann ſehen wir blitzenden Staub aufſteigen; jetzt ſcheint ein im⸗ mer breiter werdender ſilberner Waſſerfall von Felſen her⸗ abzuſtürzen, denn das zerſplitterte Eis und der lockere Schnee bilden einen dichten Staubregen von blitzenden Kryſtallen und Schneeflocken. Die Caseade wird immer mächtiger, ſie reißt Steine und Erde, ja bisweilen große Felsſtücke und Bäume mit ſich herab. Schießt ſie in unſerer Nähe vor⸗ üͤber, ſo betäubt ein furchtbarer Donner das Ohr, wir ſehen in eine blitzende, wirbelnde Wolke von Schneeflocken und Eisſpitzen hinein und fühlen uns von einem kalten Staub⸗ regen benetzt, der als die äußerſte, feinſte Hülle das Ganze der ſtürzenden Maſſe umgibt und vom Zuge der Luft ſeit⸗ wärts getragen wird.— So ging es Rudi. Dicht an ihm vorbei und zum Theil noch über ihn hinweg ſchoß und ſprühte der ſilberne, glänzende Strom; in wenig Augen⸗ blicken aber war die Gefahr vorüber und er ſah nur noch die nachrollenden Steine und hörte das ſchollernde, donnernde Getöſe der ſtürzenden Maſſe, welches dumpf aus dem Ab⸗ grund neben ihm heraufſchallte. Er trat jetzt wieder hervor. Aus einer Gefahr, die unvermeidlich den Tod zu bringen ſchien, war er eben auf die glücklichſte Art gerettet worden; das gab ihm das lebendige Gefühl, Gott wolle ihn noch zu Freude und Nutzen erhalten wiſſen, und ſo ſchritt er mu⸗ thig vorwärts, entſchloſſen mit allen Kräften noch jetzt das Aeußerſte zu wagen, um den Preis zu erringen, wiewol er wenig Hoffnung dazu hatte. Mehrere Stunden durchklet⸗ terte er das felſige Gebiet des Gebirgs und wanderte über die gefährlichen Schnee⸗ und Eisfelder hinweg, aber ohne — — n9— etwas zu entdecken. Die ſcheugewordenen Gemſen hatten ſich zu tief in die kühlen Klüfte verborgen. Jetzt brannte der Mittag mit verſengender Hitze gegen die nackten Fels⸗ klippen; denn ſelbſt in dieſer Höhe iſt an den der Sonne ausgeſetzten ſteilen Wänden um die Mittagszeit oft eine un⸗ erträgliche Hitze. Er ſetzte ſich im Schatten eines Felsſtücks nieder und genoß die Koſt, die der Gemsjäger ſtets bei ſich führen muß, weil ein einfallendes böſes Wetter ihn oft zwingt, ſich einen Schlupfwinkel zu ſuchen, um die Nacht auf der unwirthbaren Höhe auszuhalten. Als er über die Gegend hinabſchaute und die Zahl der im tiefen Thal zer⸗ ſtreuten Hütten überblickte, unter denen er auch die erkennen konnte, wo Elſi wohnte, wurde ihm das Herz ſo ſchwer, ſo ſehnſüchtig, daß er ſich kaum zu faſſen vermochte.„Ach,“ dachte er,„wie fügt Gott doch ſo traurige Dinge! Wir haben uns Alle lieb und wollen Alle unſer Beſtes und doch können wir nicht glücklich werden. Denn meinen Wälty kenne ich: wenn er meinen Schmerz ſieht, kann er nicht froh ſein und wenn ihn Elſi noch ſo ſehr liebt!“ So trauri⸗ ger Gedanken voll blickte er in die weite Ferne hinaus. Es ſtiegen leichte Wölkchen am Horizont auf; zwar war es windſtill, doch wehte aus Abend her ein ganz leiſer Luft⸗ zug, der das Gewölk heraufführen konnte. Die Schwüle des Tages ließ ein Gewitter vermuthen, auch hatte die Luft, ſelbſt in dieſer Höhe, wo ſie ſonſt ſo rein und erfriſchend weht, etwas Beklemmendes, ſo daß kein Vogel ſich ſehen ließ und Alles in tiefſter, einſamer Stille ruhte. Die glän⸗ zenden, blendendweißen Schneegipfel ragten ſtarr und ſtumm in die dunkelblaue Luft empor, die Felſen ſtanden ſchroff, rauh und unwirthbar rings umher, kein Hälmchen grünte hier, kein Baum bewegte die Zweige mit lispelndem Ge⸗ räuſch, kein Inſect ſummte; Alles war unbeweglich und — 150— ſchwieg. Noch nie hatte Rudi die wunderbare Gewalt dieſer regungsloſen Stille in den hohen Regionen des Ge⸗ birges ſo gefühlt, als in dieſem Augenblick; es war ihm, als könne Gott hier oben jeden leiſen Wunſch der Bruſt, jeden pochenden Schlag des Herzens vernehmen. Er fühlte, daß ihm der Allgütige nahe war und dadurch kam ein fe⸗ ſtes, frommes Vertrauen in ſeine Seele, das ihn mit Kraft durchdrang, Alles zu ertragen, was Gott auch ſenden möge. — Nach kurzer Ruhe brach er auf und klimmte noch hö⸗ her in die Felſen hinauf; wiederum vergingen zwei Stun⸗ den, ohne daß er etwas antraf. Endlich nahte er dem höch⸗ ſten Weideplatze; mit aller Behutſamkeit und Vorſicht ſchlich er näher. Durch ein verwegenes Klettern wußte er den Punkt, auf welchem die Vorhut ſtehen mußte, zu umgehen, ſo daß er dieſe von oben herab durch eine Felfenſpalte er⸗ blicken konnte. Der Schuß war ſchwer, aber möglich; Zeit hatte er nicht mehr zu verlieren, da die Sonne ſich ſchon zu neigen begann. Jene erſte Beklemmung konnte jetzt, da Rudi bereits Wälty's Schuß gehört hatte, nicht mehr ſtattfinden, daher zitterte ihm die Hand nicht, das Auge blieb hell, er legte an, zielte ſcharf, ein Druck— und das Thier ſtürzte. Pfeilſchnell floh jetzt die erſchreckte Heerde der übri⸗ gen Gemſen über das Schneefeld dahin und hallend dröhnte der Schuß durch die Felsklüfte. Nudi aber ſtieg vorſichtiz die gefahrvollen Klippen hinab bis zu der Stelle hin, wo das erlegte Wild lag. Er erreichte ſie glücklich, band dem Thier die Füße zuſammen und lud es auf die Schulter, um es heimzutragen. Es war aber auch die höchſte Zeit zur Rückkehr, denn die Wolken im Weſten waren heraufgekommen und ein ſchweres Gewitter ſchien im Anzuge. Noch hatte Rudi den Punkt nicht erreicht, wo er am Morgen den er⸗ ſten Schuß thun wollte, als er in der Ferne ſchon das — 151— dumpfe Rollen des Donners vernahm, welches ſich ſchauer⸗ lich murmelnd durch die weiten Thäler fortpflanzte. Die Sonne trat hinter die ſchwarze Wand der Gewitterwolken und vergoldete majeſtätiſch den Rand derſelben; ein breiter, dunkler Schatten fiel jetzt auf die Felswand und bedeckte bald das ganze Gebirg. Rudi verdoppelte ſeine Schritte, denn er kannte die Gefahr, die es bringt, in dieſen Schluch⸗ ten von einem Ungewitter überfallen zu werden. Doch lie⸗ ßen die drohenden Schrecken des Weges, die bei'm Abwärts⸗ ſteigen ſich verdoppeln, und die Laſt, die er trug, ihn nur langſam fortkommen. Nach einer Stunde endlich war er dem Punkte nahe, wo er ſich von ſeinem Bruder getrennt hatte, aber ſchon fielen große Tropfen herab und ein gewal⸗ tiger Sturmwind erhob ſich. Es wurde immer dunkler, die Wolken wälzten ſich dicht um die Felſen her, der Donner blieb in einem unaufhörlichen Rollen und rothe Blitze flamm⸗ ten durch das ſchwarze wogende Nebelmeer. Jetzt war die Gefahr groß, denn noch immer klaffte dicht neben dem Pfade der Abgrund und der Sturm wirbelte ſo gewaltig, daß es Mühe koſtete, ſich aufrecht zu erhalten. Mit einem Male ſchienen alle Thore des Himmels ſich zu öffnen und goſſen einen furchtbar mit Hagel untermiſchten Platzregen herab; wenn Rudi nunmehr nicht in wenigen Minuten die Matte erreichte, ſo war er verloren, denn bei ſolchem Wetter ſtürzen bald die zuſammenrinnenden Waſſerſtröme von allen Seiten durch die Felſenſchluchten und ſchwemmen Erde und Steine, ja oft ganze Blöcke mit ſich herab, ſo daß ein Wanderer, den ſie treffen, unfehlbar weit hinabge⸗ riſſen wird. Rudi eilte daher mit übermäßiger Anſtren⸗ gung und kühner Gewandtheit vorwärts und wagte die ge⸗ fährlichſten Sprünge; ſo erreichte er endlich athemlos die — 152— ſichere Matte und ſank erſchöpft von der gewaltigen Arbeit zu Boden. Seine Seele war in der wunderbarſten Bewe⸗ gung, er wußte nicht, ſolle er Gott danken, der ihn ſo ſicht⸗ lich beſchirmt und errettet hatte, oder ſolle er die Rettung nur für eine Verlängerung ſeiner bittern Schmerzen halten. Doch er hatte während des ganzen Weges immer einen dunkeln Drang in ſich gefühlt, zu leben und ſich mit aͤußer⸗ ſter Anſtrengung aus der Gefahr zu retten; erſt jetzt ward es ihm klar weshalb. Er mußte Elſi noch einmal wieder⸗ ſehen, einen herzlichen, ewigen Abſchied von ihr nehmen und dann wollte er gern ſterben. Das Gewitter ließ indeß nicht nach und Rudi mußte eilen, ſeine Wohnung zu erreichen; in einer Stunde war er dort. Mit ſchwerem Herzen ging er auf die Hütte zu, denn wie mußte ihm zu Muthe ſein, wenn er Wälty ſchon mit der Beute daheim traf! Still trat er in die Hausthür, ſetzte die Büchſe leiſe ab, legte die Gemſe dane⸗ ben und ging ſo ohne Zeichen der Jagd in die Stube. Er verwunderte ſich, Wälty nicht zu finden;„ach, gewiß,“ ſprach er leiſe,„iſt er ſchon drüben bei Elſi und hat ihr das Zeichen gebracht. O daß ich doch in dieſer Nacht ſter⸗ ben könnte!“ So ſetzte er ſich troſtlos in den alten Lehn⸗ ſtuhl ſeines Vaters und ſah ſtarr vor ſich hin. Das Un⸗ gewitter draußen dauerte fort; allgemach ward es völlig Nacht und die hellen Blitze erleuchteten bisweilen die in Wolken und Nebel gehüllte Landſchaft. Es war zehn Uhr und Wälty kam noch nicht nach Hauſe.„Sie können ſich nicht von einander trennen,“ dachte Rudi, und ſeufzte ſchwer auf.— Es ſchlug drüben in Appenzell elf Uhr. Da konnte er es in ſeiner Einſamkeit nicht länger ertragen.„Das iſt hart vom Bruder,“ dachte er,„daß er dich heut ſo ganz — 153— vergißt.’ Dabei ſtand er auf und ging hinaus nach El⸗ ſi's Hütte zu, um zu ſehen, ob noch Licht dorten ſei. Von weitem ſah er es trübe durch die Fenſter ſchimmern und ging darauf zu. Da kam ihm Jemand entgegen.„Wälty, biſt Du es?“ rief Nudi.„Rudi,“ antwortete eine Stimme, „ſeid Ihr endlich heimgekehrt?“ Es war Elſi's Vater, „Wir hatten rechte Sorge um Euch wegen des fürchterli⸗ chen Wetters,“ fuhr er fort; ſchon dreimal war ich an Eurer Hütte, aber da ich kein Licht ſah, glaubte ich Euch immer noch nicht daheim.„Iſt denn Wälty nicht bei Euch?“ fragte Rudi erſtaunt.„Mit keinem Schritt geweſen,“ ant⸗ wortete der Nachbar.„So wollte Gott ihm gnädig ſein, daß er ein Obdach gefunden hat, denn daheim iſt er auch noch nicht,“ rief Rudi, und vergaß im erſten Augenblick dee Schreckens, daß nunmehr das Loos für ihn entſchieden hatte.„Er wird in einer Sennhütte Obdach geſucht ha⸗ ben,“ antwortete der Vater; aber haſt Du denn etwas ge⸗ ſchoſſen?“ Jetzt traf es Rudi wie ein Blitzſtrahl, daß er, der ſich ganz verloren gegeben hatte, der Glückliche ſein ſollte.„Ja,“ rief er,„das hab ich“— aber plötzlich ſtockte ihm die Stimme, denn er dachte an Wälty und fühlte an dem eigenen Schmerz, den er erlitten, wie tief des Bruders Herz verwundet ſein müßte.„Geſchoſſen habe ich einen Gemsbock,“ fuhr er langſam fort.„Aber laßt uns davon nicht eher ſprechen als morgen; erſt muß Wälty heimge⸗ kehrt ſein.— Iſt denn Elſi noch wach?“—„Sie ſitzt und ſpinnt, aber ſpricht kein Wörtchen,“ ſagte der Vater;„ach, ich glaube, die wird auch nie wieder froh.“—„Grüßt ſie doch herzlich von mir,“ ſprach Rudi,„und ſagt ihr, ſie möge ſich ſchlafen legen, daß ſie nicht krank wird. Gute Nacht, Vater!“ — 154— Die Landleute kehrten ein Jeder in ſeine Wohnung zu⸗ rück. Nudi hatte das Herz voll tauſend Sorgen und die um den Bruder war nicht die kleinſte. Denn er hatte die Schrecken des Wetters ſelbſt droben erfahren und wußte, wie gefährlich es Dem war, der davon überfallen wurde. Nur konnte er nicht begreifen, daß Wälty nicht gleich nach ſeinem Schuß heimgekehrt ſein ſollte; denn daß er, der geübteſte Schütze weit und breit, gefehlt oder zur Unzeit geſchoſſen haben ſollte, konnte er ſich durchaus nicht vorſtel⸗ len, ſo groß war ſein Vertrauen auf die Umſicht und Ge⸗ ſchicklichkeit ſeines Bruders, der noch ſelbſt zum Theil ſein Lehrer in dem gefährlichen Waidwerk geweſen war. Er konnte ſich daher nicht entſchließen, ſich zu Bette zu legen, ſondern blieb in dem Lehnſtuhl ſitzend die ganze Nacht auf. Durch die große Anſtrengung des Tages, verbunden mit der heftigen Bewegung ſeines Gemüths, war er jedoch ſo erſchöpft, daß er, von Zeit zu Zeit wenigſtens, in einen un⸗ ruhigen Schlummer verſank, aus dem ihn das unaufhör⸗ liche Rollen des Donners indeß oftmals erweckte. Endlich graute der Tag; aber der Himmel wollte ſich noch nicht aufhellen, ſondern ein dichter Regen ſtrömte noch immer herab und die Berge waren in undurchdringliche Wolken tief eingehüllt. Rudi ging zum Nachbar hinüber und fragte ihn, was er thun ſolle, da Wälty noch nicht zu Haus ſei. Dieſer rieth ihm, noch einige Stunden zu war⸗ ten, ob der Bruder nicht jetzt käme, da ihn das Wetter ge⸗ zwungen haben werde, die Nacht in einer Sennhütte zuzu⸗ bringen. Alsdann aber wollten ſie mitſammen auf die Berge ſteigen und nachfragen.— Es wurde 8 Uhr Mor⸗ gens, Wälty kam nicht, der Regen ließ auch nicht nach. Jetzt hielt es Rudi nicht länger aus; ohne Elſi zu ſpre⸗ — 155—— chen, vor der er ſich faſt ſcheute, holte er ihren Vater ab und Beide ſtiegen auf die Berge. Oben theilten ſie ſich und Jeglicher durchforſchte auf ſeiner Seite alle Sennhütten, fragte alle Geishüter und andere Gebirgsbewohner, ob ſie nichts von Wälty wüßten. Keiner aber hatte ihn geſehen und Niemand konnte auch nur die leiſeſte Auskunft geben. Jetzt wurde Rudi ernſtlich bange.„Um Gottes willen,“ rief er,„wenn ihn das Wetter auf den Felſen überfallen hat und er nicht ſo glücklich geweſen iſt, dort ſchnell eine Höhle zu treffen, ſo iſt das Aeußerſte zu fürchten. Ich be⸗ greife nur nicht, warum er nicht in Zeiten heimgekehrt iſt!“ Die beiden Landleute wollten nun den Verſuch machen, die Felſen zu erklettern, wo Wälty ſeine Jagd unternommen hatte, und forderten einige Sennen auf, ſie zu begleiten. Doch alle erklärten, es ſei in ſolchem Wetter unmöglich, et⸗ was zu unternehmen; höchſtens Zeichen zu geben könne man verſuchen. Sie nahmen daher ihre Büchſen vor und ſchloſ⸗ ſen ſich an die Suchenden an. Als ſie an das Felsrevier gekommen waren, luden ſie und gaben kurz hinter einander drei Salven, daß rings die Berge davon widerhallten. „Dieſe Schüſſe,“ meinte Rudi,„kann man bis ins äu⸗ zerſte Thal hören; wenn er hier und in Noth iſt, wird er uns gewiß antworten.“ Sie lauſchten eine Minute nach der andern, es blieb ſtill. Nur den Regen und die Berg⸗ waſſer hörte man rauſchen.„Hier iſt Niemand,“ ſagte end⸗ lich ein Hirt,„aber laßt uns noch einmal verſuchen.“ Sie luden zum zweiten Mal und ſtärker; doch Alles blieb ſtill. Ebenſo bei der dritten Salve.„Auf dem ganzen Stock iſt gewiß und wahrhaftig keine lebendige Seele aufzufinden,“ ſprach einer der Hirten,„denn ſonſt müßten wir Antwort haben. Wer in Noth ſteckt, hält den Büchſenſchuß eines — 156— andern Jägers für ein Hülfszeichen und antwortet; ſolche Signale, wie die unſrigen aber verſteht ein Kind, geſchweige ein Gemsjäger, wie der Wälty. Er iſt nicht hier!“— „Wie aber,“ ſprach ein Anderer,„wenn ihm das Pulver naß geworden iſt, oder die Büchſe?“—„Das glaub' ich nicht,“ erwiderte der Erſte,„denn dafür ſorgt ein Jäger zu gut; er weiß, daß dies ſein einziges Hülfsmittel iſt.“— „Vielleicht aber,“ ſprach Rudi,„hört er uns doch nicht. Wer weiß, wie ſich der Schall nach der andern Seite des Berges in dem Regenwetter verliert, oder ob Wälty nicht gerade an einem donnernden Wildbach liegt. Ich dächte, Freunde, wir verſuchten es und klimmten eine Strecke wei⸗ ter.“—„Hier weiter, in dem Wetter? Biſt Du toll, Nudi? und gerade über die Felſen am See hinaus, wo die Bahn noch viel gefährlicher iſt, als auf der andern Seite? Du kannſt ja keine funfzig Schritt ſteigen, ohne über ein Wildwaſſer zu müſſen, was Dich hinabreißt, und dazu ein Sturmwind, daß man kaum ſtehen kann. Ueber⸗ dies ſind höher hinauf die Felſen gewiß verſchneit und dann iſt vollends nicht fortzukommen.“ Rudi ſah wol ein, daß der erfahrene Gebirgsbewohner recht hatte, aber er beſchloß dennoch, einen Verſuch zu machen„Ich gehe,“ rief erz „eine Stunde weit kann man wol noch an die Wände hin⸗ ankommen; bis es unmöglich iſt, weiter vorwärts zu drin⸗ gen, ſo lange muß ich es verſuchen. Wer will mit?“ Au⸗ ßer Elſi's Vater fand ſich noch ein junger Hirt, der Muth genug hatte, das Wageſtück zu beſtehen. Sie nahmen alle Drei Büchſen mit und ſchritten vorwärts. Doch wie der Senn es geſagt hatte, ſo fanden ſie es; kaum waren ſie eine Viertelſtunde hinein in die Felsſchluchten, als ſie an Wildwaſſer kamen, worüber ſie nicht hinwegkonnten. Sie — 14757— kletterten wol eine ſtarke Viertelſtunde aufwärts daran em⸗ por, jedoch es war vergeblich, einen Uebergangspunkt zu fin⸗ den. Sie mußten daher ihr Vorhaben aufgeben; da ſie aber wenigſtens einige tauſend Schritte tiefer in die Berge gedrungen waren, ſo gaben ſie nochmals drei Salven, die aber, wie die erſten, unbeantwortet blieben. So mußten ſie denn unverrichteter Sache zu den Gefährten zurückkehren, und es blieb nichts übrig, als abzuwarten, bis der Regen ſich gelegt haben würde, weil alsdann einige Stunden nach⸗ her ſich die Wildwaſſer wieder zu verlaufen pflegen. Um zur Hülfe in der Nähe zu ſein, blieb Rudi in der Senn⸗ hütte, während Elſi's Vater wieder zu ſeiner Tochter hin⸗ abſtieg, da er dieſe nicht ſo lange einſam und ohne Troſt und Nachricht im Hauſe laſſen wollte. Rudi begleitete ihn ein Stück Wegs und ging dann traurigen Herzens zu den Sennen zurück, die wieder an ihr Geſchäft gegangen waren. Dort ſetzte er ſich in den Vorbau der Hütte, von wo aus er das Gebirg und den Himmel immer im Auge behielt, ob er ſich nicht aufheitere. Es wurde ein Feuer angezün⸗ det, an welchem die bis auf die Haut durchnäßten Männer ihre Kleider trockneten, und dann ſetzten ſie ſich rings um⸗ her, indem Jeder ſeine Geſchäfte betrieb, wobei Rudi ihnen eifrigſt zur Hand ging, damit ein Stück Arbeit gethan wäre, wenn man neue Nachſuchungen anſtellen wollte. In⸗ deß blieb das Wetter regnicht und trübe, wie zuvor, und es wurde überdies ſo ſchwül, daß man vorausſehen konnte, die Waſſer müßten immer mehr wachſen, da der warme Regen den hochgelegenen Schnee am ſchnellſten ſchmilzt und ſo gewaltige Wildfluten herabbringt. Endlich, gegen Son⸗ nenuntergang, theilte ſich das Gewölk ein wenig und ver⸗ gönnte es den letzten Abendſtrahlen, die Hütte mit ſchim⸗ — 158— merndem Roth zu beleuchten. Nun aber war wieder die Nacht ein unüberſteigliches Hinderniß, die Nachforſchungen zu erneuern; jedoch wurde es hell und heller, die Sterne traten blinkend hervor und ſo durfte man für den andern Tag heiteres Wetter hoffen. Der Morgen brach auch wirk⸗ lich hell an; ſogleich machten ſich die Sennen mit Rudi auf den Weg. Alllein bald ſahen ſie, daß die Wildwaſſer noch ſo ſtark waren wie geſtern; die Maſſe des Regens und geſchmolzenen Schnees war zu groß geweſen; erſt in eini⸗ gen Stunden durfte man hoffen, daß die Ströme verſiegt ſein würden. Indeß ſtieg die Sonne höher und höher und brannte ſo heiß, daß man beſorgt werden mußte, ein neues Gewitter werde heraufkommen. Und in der That, noch be⸗ vor die Folgen des erſtern verſchwunden waren, hörte man ſchon den grollenden Donner des zweiten und die Wolken umzogen den ganzen Himmel. Mit derſelben Wuth, wie das Erſtemal, brach der Sturm aus den Schlünden des Gebirgs hervor, ein wahrer Wolkenbruch ſtürzte herab und die Blitze umflammten den ganzen Horizont. Es war un⸗ möglich, irgend eine Nachforſchung zu unternehmen. Dem „Ungewitter folgte ein noch anhaltenderer Regen als der erſte.— Drei Tage hindurch dauerte das Wetter! Kaum daß kurze Zwiſchenräume eintraten, wo zwar der Regen auf⸗ hörte, aber doch der Himmel nicht hell wurde. Rudi ver⸗ ließ die Sennhütte nicht und brachte die Zeit in düſterem Jammer hin, denn er liebte ſeinen Bruder aus dem treue⸗ ſten Herzen. Als endlich am ſechſten Tag die Sonne hei⸗ ter emporſtieg und ein kühler Oſtwind, die Dünſte auftrock⸗ nend, wohlthätig wehte, da brach unſer Freund in heiße Thränen aus, denn er wußte wol, dieſe ſchöne Sonne könne ſein Bruder nicht mehr ſehen. Es blieb jetzt nichts mehr V. — 159— üͤbrig, als den Leichnam des Unglücklichen aufzuſuchen. Darin ſehen die Bewohner des Hochgebirgs eine heilige Pflicht; mit unermüdlicher Anſtrengung widmen ſie ſich derſelben, denn ſie fühlen wol, daß es der letzte Troſt für die Hinterbliebenen eines Verunglückten iſt, wenn ſie ſeine Ueberreſte den furchtbaren Felsſchlünden entreißen und mit chriſtlicher Feier beſtatten können, damit die Kinder und Verwandten doch in künftigen Tagen wenigſtens durch das Grab eines theuern Menſchen an ihn erinnert und durch dieſe fromme, ernſte Mahnung zum Guten und Beſten ge⸗ lenkt werden.“ Es wurden daher dreißig Gebirgsleute ver⸗ ſammelt, an deren Spitze Rudi und Elſi's Vater die traurige Nachforſchung unternahmen. Sie verfolgten den Pfad, den Wälty genommen haben mußte; ſpäterhin war zwar die Bahn, die er einſchlagen konnte, unbeſtimmt, aber im Allgemeinen wußte man doch die Richtung, in der er gejagt hatte. Die Männer theilten ſich alſo und durchſuch⸗ ten das Gebirg in drei verſchiedenen Höhen, mit der Ver⸗ abredung, einander, falls ſie irgend etwas aufgefunden hät⸗ ten, durch einen Schuß ein Zeichen zu geben und zuletzt ſich am Gemsbrunnen bei dem großen Stein zu treffen, wo ſich Rudi und Wälty damals wiederfinden wollten. Der Gemsbrunn aber iſt ein klarer Gebirgsquell, der auf der Nordſeite des hohen Säntis aus dem Schnee entſpringt und ſpäterhin einen anmuthigen Waſſerfall bildet; nahe bei demſelben liegt ein gewaltiger Granitblock vereinzelt da, der unter dem Namen des großen Steins bekannt iſt. Den ganzen Tag über ſuchten die Männer mit unermüdlichem Eifer; doch als ſie Abends an dem verabredeten Punkt zu⸗ ſammentrafen, hatte Keiner auch nur die mindeſte Entdeckung gemacht, die auf die Spur des Verunglückten hätte leiten 160 köunen. Am nächſten Tage wurden die Nachſuchungen noch in mehreren Richtungen wiederholt; wieder vergeblich. End⸗ lich am dritten Tage bot Rudi die doppelte Anzahl von Männern aufv; die ganze Seite des Berges wurde, ſo hoch man ohne die dringendſte Gefahr kommen konnte, durch⸗ ſucht, und in der Tiefe durchforſchte man ſogar die Ufer des Säntisſees auf das genauſte, um zu ſehen. ob der Un⸗ glückliche etwa hinabgeſtürzt ſei und ſein zerſchmetterter Leich⸗ nam auf irgend einer Klippe liege. Doch Alles war um⸗ ſonſt, Wälty blieb verſchwunden und Rudi mußte trau⸗ rigen Herzens heimkehren. Erſt jetzt ſah er ſeine Elſi zum Erſtenmale wieder. Sie trat ihm mit wehmüthiger Freundlichkeit entgegen; doch ſie wußte nicht, was ſie ſpre⸗ chen ſollte, noch fand Rudi Worte, um die tiefen Bewe⸗ gungen in ſeiner Bruſt auszudrücken. Sie ſaßen lange bei einander und blieben ſtumm, endlich brach Rudi das Schwei⸗ gen.„Wer hätte das gedacht, Elſi, daß ich Dich ſo wie⸗ derſehen ſollte! Ach, wenn ich gewußt hätte, daß ſo der Ausgang ſein würde, lieber wäre ich droben vom Säntis in den See hinabgeſtürzt, als daß ich Wälty's Vorſchlag angenommen hätte. Wie jammervoll mag der Unglückliche umgekommen ſein!“—„Gott wird ihm in ſeiner letzten Stunde beigeſtanden haben,“ ſprach Elſi fromm;„er wird im Himmel ſein und ſich des Lohnes freuen, den uns der Herr verheißen hat. Er hatte ein gutes, liebes Herz— er war“— hier brach ſie in heftige Thränen aus und konnte nicht weiter ſprechen. Auch Rudi weinte bitterlich und gedachte des Todten, wie er gut und treu und redlich war und kein Falſch in ſeiner Seele hatte. Nach einer Pauſe ſprach Elſi weiter:„Was habe ich ihm nicht zu danken! Als ich droben den Fall that und Niemand in der Nähe — 161— war, ſo daß ich vielleicht auf dem einſamen Berge die Nacht hätte in Schmerzen liegen, ja verſchmachten müſſen, wenn ſolch ein Wetter mich betraf, als ihn dort oben überfallen hat,— da war er mein Retter! Kein Auge hatte mich geſehen; nur er, von der fernen Alpe herüber, ſah mich fal⸗ len und eilte herbei. Und jedes ſeiner Worte war ein ſanf⸗ tes Heilmittel, ſo kamen ſie aus einer guten Seele! Gott mög' es ihm ewig lohnen; wir aber wollen für ihn beten,“ —„Das wollen wir,“ ſprach der Vater,„und Gott wird uns erhören.“— So ſaßen ſie und gedachten des Verlor⸗ nen und weilten bei ihrem Kummer.— Indeß vergingen Wochen und Monden. Der Herbſt kam heran und entfloh; die Heerden wurden zu Thal ge⸗ trieben und der traurige, einſame Winter begann. Rudi und Elſi hatten ſich indeſſen täglich geſehen, doch konnte er ſich nicht entſchließen, zu ihr von ſeiner Liebe zu ſprechen. Es war ihm, als beginge er eine Sünde, wenn er um ihre Hand freite und ſich ſo gewiſſermaßen aus dem Tode des Bruders ſeinen theuerſten Lebensfrieden bereitete. Mehr aber noch quälte ihn der Gedanke, daß Elſi vielleicht den Bruder geliebt habe und ihm nur die Hand reichen werde, um ihr Verſprechen zu erfüllen und dann, von Gram langſam und heimlich gequält, verblühen und ins Grab ſinken werde. Nun war der Winter da, ſein Haus war öde; aus der Ferne konnte er Elſi's Lämpchen flimmern ſehen; wie oft, wenn er Abends allein und traurig da ſaß, dachte er: „Wie anders würde es ſein, wenn ſie an deiner Seite ſäße und mit traulichem Geſpräch und herzlicher Liebe dir die trüben, bangen Abende verſüßte!“— Dieſe Qual wurde, je länger ſie dauerte, um ſo heftiger; endlich konnte er ſie — 162— nicht mehr ertragen; er mußte mit Elſi ſprechen, mußte Wahrheit von ihr fordern und, was er auch hören mochte, das wußte er, ſchlimmer konnte es nicht mit ihm werden, als jetzt, wo er ſich in bangen Zweifeln und quälender Un⸗ gewißheit aufrieb. Er faßte daher den feſten Entſchluß, auf den Sonntag nach der Kirche mit ihr zu reden. Jeden Tag des Herrn nämlich ging ſie mit ihrem Vater nach Ap⸗ penzell zum Gottesdienſt und auch Rudi fehlte nie dabei. Auf dem Rückweg gingen ſie dann immer zuſammen und dort wollte er ſeinem gepreßten Herzen Luft machen.— Der Sonntag kam heran; es war ein ſchöner, heiterer Win⸗ tertag; der Schnee blitzte im Strahl der Sonne auf den Bergen und der Rauch ſtieg gerade in den blauen Himmel empor. Während des Gottesdienſtes hatte Rudi recht aus vollem Herzen gebetet, daß der Herr ihn vor jedem Unrecht hüten, endlich aber ſeiner Qual ein Ende machen möge. Dadurch war Vertrauen in ſeine Seele gekommen; in die⸗ ſer Stimmung wollte er jetzt mit Elſi ſprechen und bat den Vater, dem er ſeinen Vorſatz mitgetheilt hatte, daß er ſie ungeſtört laſſen möge. Dieſer beſorgte daher noch einige Geſchäfte in dem Flecken und hieß Elſi und Rudi immer voran nach Haus gehen. Schweigend gingen ſie neben einander hin, bis ſie ſich von den begleitenden Kirchgängern entfernt ſahen; dann begann Rudi:„Elſi, ich muß mit Dir ſprechen und wenn der Tod darauf ſtünde. Sieh, ſeit Wälty's Tod härme ich mich ab, um ihn und um Dich. Ich habe mich nicht getraut, um Dich zu freien, weil ich immer dachte, es ſei gottlos, daß mir aus des Bru⸗ ders Unglück eine Freude erwachſen ſollte. Und dann— dann...“ Hier faßte er Elſi's Hände, die ſie ihm zitternd ließ;„Elſi! ſieh mich an. Haſt Du mich auch -— 163— lieb, ſo lieb— Du weißt, was ich meine! Gott der Va⸗ ter iſt über uns, bei ſeiner Gnade bitte ich Dich, ſage mir die Wahrheit, iſt Dein Herz bei mir, oder weilt es droben bei dem Bruder?“ Das Mädchen zitterte heftig, ſie ſah ihn aus thränenfeuchten Blicken an, ſchlug das Auge errö⸗ thend nieder, hob es ſchüchtern wieder empor, neigte ſich ihm entgegen, gab nur leiſe widerſtrebend dem Zuge ſeiner Hand nach und ſank ſprachlos an ſein Herz. So hielt er ſie lange, lange umfaßt und Beide konnten nicht reden, ſie aber war in der heftigſten Bewegung. Endlich brach ſie das Schweigen.„So hab ich's denn nun geſtanden, was ich ſo lange in tiefſter Bruſt verbarg! Ach Rudi, ich habe viel bitteren Kummer gelitten. Recht müde wurde meine Seele und mein Herz wollte jeden Tag brechen. Ach, und jetzt laſtet noch das bängſte Gefühl auf meiner Seele! Lie— ber Rudi, wir werden nie des Glücks genießen dürfen,“ — hier brach ſie ab und verhüllte ſich das Geſicht mit ih⸗ rem Tuch. Rudi ſtand bang und fragend vor ihr. End⸗ lich ſprach ſie:„Ich bin zu erſchöpft, leite mich bis an unſere Wohnung, dort will ich Dir mein ganzes Herz aus⸗ ſchütten.“ Langſam gingen die Liebenden bis nach Hauſe. Elſi lud ihren Freund ein, zu ihr hineinzutreten; ſie ſetzten ſich ſodann an das Fenſter, wo das weißbeſchneite Gebirg prachtvoll vor ihnen lag, und nun begann Elſi, deren Hand Rudi gefaßt hatte, mit beruhigterem Herzen ſo zu ihm:„Ich weiß nicht, wie es kommen mag, daß, wenn zwei Menſchen uns ganz gleich freundlich thun und wir von einem ſoviel Gutes genießen als von dem andern, daß wir doch den einen viel lieber haben können, daß wir ihn auf ganz andere Art lieben, als den andern. So ging es mir mit Dir und Wälty; ſo lange ich ein Kind war, bemerkte 11— ich nicht, daß ich Dich lieber hatte; als ich aber heranwuchs, fühlte ich es oft deutlich, daß Du mir am liebſten wäreſt. Denn wenn ich von Euch Beiden entfernt war, dachte ich immer nur an Dich, und mir wurde oft ganz ſeltſam ſehn⸗ ſüchtig, bis ich Dich wieder ſah; Wälty ſah ich immer mit Freude, aber ich bemerkte es nicht, wenn ich ihn einen ganzen Tag lang nicht geſehen hatte. Doch von dem Au⸗ genblick an, wo ich dieſen Unterſchied gewahr worden war, fühlte ich, daß ich meine Empfindungen in tiefſter Seele geheim halten müſſe, wenn ich nicht Wälty ſchwer krän⸗ ken wollte. Und ich hatte ihm ſo viel zu danken, er liebte mich ſo herzlich und hatte mir nie anders als Gutes ge⸗ than! Ich war daher gleich freundlich zu Euch Beiden und hütete mich ängſtlich, einem mehr Freundſchaft zu zei⸗ gen als dem andern; denn nur zu gut wußte ich, daß Ihr Beide mich auf dieſelbe Art liebtet, wie ich Dich; und nur Einem konnt' ich's doch erwidern. Welchen Gram ich da⸗ her erduldet habe, als Ihr endlich Euer Schweigen brachet, davon mögen die tauſend Thränen zeugen, die ich in den langen einſamen Nächten geweint habe. Als Ihr nun die unglückliche Jagd unternahmet, da war vollends meine Angſt auf's höchſte geſtiegen. Die ganze Nacht betete ich zu Gott, daß er mir Ruhe verleihen möge, denn was auch geſchehen mochte, mein Herz mußte bluten; aber ich war entſchloſſen, mich dem Willen Gottes ſtill zu fügen. Als Ihr nun Abſchied nahmet und Du mir zuletzt die Hand reichteſt, ich aber dachte, morgen haſt Du ihn vielleicht auf ewig verloren— da, verzeihe mir's Gott, war ich meiner nicht mehr mächtig, meine zitternde Hand, meine wankenden Knie verriethen mich— mein Vorſatz war gebrochen— indem ich niederſank, ſah ich mit verdunkelten Augen nur — 165— nach Wälty, wie er ſich beide Hände vor die Stirne drückte und fortſtürzte— er hatte die Wahrheit errathen — er iſt nicht wiedergekehrt! Gott ſei mir gnädig, denn meine Bruſt iſt voll Angſt, ich habe ſchwere Vorwürfe des Gewiſſens zu tragen. Ich glaube, er hat den Tod geſucht und ich bin ſchuldig daran!——— Du ſiehſt nun, Rudi, wir können nie glücklich werden. Nun kennſt Du mein ganzes Herz, kennſt meine Liebe, mein Leid, mein Ver⸗ gehen! Ich bereue es tief; aber die Reue wäre nicht red⸗ lich, Gott könne mir nie vergeben, wenn ich nicht entſchloſ— ſen wäre, zu büßen und mir den Preis meines Fehls für ewig zu verſagen! Zürne mir nur nicht, mein guter, lieb⸗ ſter Rudi, Du weißt ja nun, wie herzlich ich Dich liebe; gib mir die Hand und ſieh mich freundlich an, denn wir werden uns nun lange nicht wiederſehen.“ Sie bat ſo ſanft, ſie ſah ſo demüthig fromm und duldend aus, daß Rudi's ſtarrer Schmerz ſich löſen mußte. Er ſank ihr ans Herz, hielt ſie feſt umſchloſſen, wollte ſie nicht laſſen, konnte ſich nicht losreißen von ihr; es war ihm, als müſſe jetzt ſein ſchlagendes Herz die Bruſt ſprengen! Endlich wand ſie ſich ſanft aus ſeinen Armen.„Lebe wohl, Nudi,“ ſprach ſie mit erſtickter Stimme,„lebe auf ewig wohl.“ Abgewendet reichte ſie ihm die Hand, er hielt ſie lange mit feſtem Druck in der ſeinigen; endlich ließ er ſie ſanft los, wandte ſich und ging ſtill hinaus. Hier hielt unſer Begleiter inne, die Geſchichte hatte ihn ſelbſt tief erſchüttert; aus ſeinen Zügen ſprach eine mehr als gewöhnliche Theilnahme. Wir alle ſaßen und ſchwiegen. Indeß war die Sonne tiefer und tiefer geſunken und be⸗ leuchtete mit ſanftem röthlichen Strahl die friedlichen Mat⸗ ten. In den maleriſch darauf zerſtreuten, mit Gebüſch um⸗ — 166— kränzten Hütten ſchimmerten die hellen Fenſter im Gold der Abendſonne; die Heerden hingen an den Triften und das Geläut ihrer Glocken erklang mit friedlichen Tönen durch die abendliche Ruhe. Auf überhängendem Fels ſpielten die munteren Ziegen und in der Ferne ließ ſich eine angenehme Männerſtimme vernehmen, die den Kuhreigen ſang, deſſen weiche Melodie verhallend in den weiten Windungen der Thäler erſtarb. Alles, was wir je von der Lieblichkeit der ſchweizeriſchen Landſchaften gehört hatten, wodurch uns in der Ferne und in der Jugend das Herz ſehnſüchtig ge⸗ hoben und der mächtige Drang erweckt worden war, jenes paradieſiſche Land kennen zu lernen, belebte ſich jetzt in uns mit der Friſche der Gegenwart. Wir waren im Anſchauen des lieblichen Bildes, das der Himmel mit dem reinſten Blau umſpannte, verloren, und der wehmüthige Anklang, den die Erzählung in uns geweckt hatte, wurde durch die friedliche, beruhigende Natur um uns her ſanft gemildert. Nach einer Pauſe, in der Niemand geſprochen hatte, fuhr der Erzähler fort: „Nudi verlebte nun den traurigſten Winter; er ſehnte ſich nach dem Frühling, nicht weil er ſich ſeiner Lieblichkeit zu freuen hoffte, ſondern weil alsdann die erhöhte Thätig⸗ keit des Landmanns ihn hinaus ins Freie, auf die Senten rief, wo er bei dem eifrigen Wirken und Schaffen nicht mehr ſtarr nur ſeinem ſtummen Schmerz; nachhängen konnte. Auch empfand er einen unbezwinglichen Drang, wieder die höchſten Felſen zu erklimmen und das gefahrvolle Waidwerk zu üben, als wenn ſeine Seele jener ſtarken Erſchütterungen bedürfte, um neben ihrem Schmerz noch andere Empfindun⸗ gen zu hegen. Endlich kehrte der Lenz zurück. Neues Grün umkleidete die Matten, der Schnee ſchmolz von den Bergen 5 — 167— und ſtürzte in brauſenden Wildbächen und donnernden La⸗ winen herab. Die Höhen wurden nun wieder lebendig, der Senne fuhr zu Berg und trieb die freudigbrüllenden Heer⸗ den gegen die Alpen hinauf; die Hütten droben öffneten ſich und die frohe Thätigkeit darin begann auf's neue. Rudi brachte die meiſte Zeit droben zu; nur ſelten kam er herab, um ſein reiches Erbe drunten in Ordnung zu erhal⸗ ten. Aber nicht wie ſonſt, führte ihn ſein Weg an El⸗ ſi's Fenſter vorüber oder an der Alpe hin, wo ſie oft in ihres Vaters Sennhütte weilte und Mägde und Knechte mit freundlicher Aufmunterung in Arbeit erhielt; ſondern er wählte einen weiten Umweg und ſtieg am ſteilſten Abhang hinauf und hinab, um ihr nicht zu begegnen. Nur aus wei⸗ ter Ferne blickte er dann und wann von der Höhe ſeines Berges hinunter ins Thal nach ihrem Garten, oder hinüber nach der Matte, wo ſie bei des Vaters Heerde weilte. Aber die Entfernung war ſo groß, daß er nur ihre Geſtalt an der Kleidung unterſcheiden, nicht ihre lieblichen, jetzt blaſſen und traurigen Züge erkennen konnte; ja ſelbſt der Schall der Stimme vermochte nicht herüberzudringen. Auch das hohe Gebirg war nunmehr wieder offen. Rudi nahm die Büchſe auf die Schulter und brachte ganze Tage in jenen unwirthbaren Höhen zu. Am liebſten ging er denſelben Weg, den er am Tage jener Jagd genommen hatte, ſetzte ſich auf demſelben Ruhepunkt nieder und ließ die traurigen Bilder der vergangenen Zeit an ſich vorüber⸗ gehen. Ach, er fand leider nur, daß ſie, je näher ſie der Gegenwart kamen, immer düſterer wurden; dieſe ſelbſt aber ſchien ihm am traurigſten von allen zu ſein und jeder kom⸗ mende Tag ſchwerer zu ertragen, als es der fliehende gewe⸗ ſen war.— Eines Morgens verließ er mit der dämmernden 7* — 168— Frühe die Sennhütte. Er ging bis auf jene Matte zu den Felsblöcken hinan, wo er Wälty zum Letztenmale geſehen hatte. Jetzt wollte er den gewöhnlichen Weg rechts ein⸗ ſchlagen, als er auf einmal ſtillſtand, ſich beſann und dann ſich links wendete. Ein dunkler Trieb des Lebensüberdruſſes mochte ihn bewegen, die Seite zu wählen, wo Wälty ver⸗ ſchwunden war.„Vielleicht,“ dachte er,„kehrſt auch Du nicht wieder zurück; mag es ſein, denn was ſoll ich im Le⸗ ben?“ So nahm er den Weg über die furchtbaren Felſen, die den ſchwarzen Säntisſee himmelhoch umſtarren. Als er etwa dreiviertel Stunden größtentheils aufwärts geklimmt war, befand er ſich gerade über dem See. Zu ſeiner Rech⸗ ten ſtieg eine ſo ſteile Felswand empor, daß ſie faſt über⸗ zuhängen ſchien; zur Linken gähnte die ſchwindelnde Tiefe des Abgrundes, auf deſſen Grunde der kalte, ſchwarze See ſein felſiges Bett hatte. Der Pfad war ſo ſchmal, daß zwei einander Begegnende ſich unmöglich hätten ausweichen können; die Stelle ſchien Rudi fremdartig; er entſann ſich nicht, jemals hier vorbeigekommen zu ſein. Auf die Büchſe gelehnt, beugte er ſich über den Rand des Abſturzes hinaus und blickte in die Tiefe. Senkrecht unter ſeinen Füßen lag der See, ſo ruhig, daß die Felswände ſich darin ſpiegelten und unter ihnen der Widerſchein des Himmels zu ſehen war. Es ſchien, als ſei hier ein Felſenthor mitten durch den Erdboden geſprengt und jenſeits erblicke man ſchon wie⸗ der den fernen Schimmer eines neuen Lichtes. Selbſt der gefahrgewohnte, lebensüberdrüſſige Gemſenjäger ſchauderte un⸗ willkürlich, als er in dieſen Abgrund hinabſah. Nicht der Tod, aber die Geſtalt des Todes kann den Muthigſten er⸗ ſchüttern. Hier hinabzuſtürzen, von Klippe zu Klippe zer⸗ ſchellend, in grauſer Verſtümmelung und Zerſchmetterung den — 169— Boden zu erreichen, vom See verſchlungen zu werden! Oder auf den ſchroffen Felszacken zerriſſen hier und dort hängen zu bleiben, den Adlern des Gebirgs zur eklen Beute, ſo daß auch keine Spur von unſern irdiſchen Ueberreſten zu entdecken iſt, die trauernde Angehörige beſtatten und ihnen einen Grabſtein oder ein ſchwarzes Kreuz ſetzen könnten, damit es unſern Freunden oder Kindern ein Gedächtniß wäre, daß auch wir dereinſt lebten, uns mit ihnen freuten, ihnen wohlthaten!— Von ſolchen Vorſtellungen muß auch das muthigſte Herz erſchüttert werden. Alle dieſe Bilder gingen an Rudi's Seele vorüber, als er, über die ſchauer⸗ liche Kluft gebeugt, in die Tiefe hinunterſtarrte. Und doch mit einem Schritt vorwärts allem herzzerreißenden Gram ein Ende machen zu können!— Noch mehr als vor dem Abgrund bebte ſeine fromme, chriſtliche Seele vor dieſem Gedanken zurück. Er richtete ſich auf und verfolgte ſeinen Weg weiter; jeder Schritt vorwärts überzeugte ihn, daß er ihn noch nie gewandelt ſei, doch konnte er ſich nicht entſin⸗ nen, wo er von den bekannten und gewöhnlichen Pfaden abgewichen ſein mochte, was wiſſentlich ſo leicht kein Jäger wagt, da es ſelten frommt und auf's mindeſte einen vergeb⸗ lichen Weg verurſacht, indem man bald nicht weiter vor⸗ dringen kann und nun Schritt vor Schritt zurück muß. Indeß beſchloß Rudi den Pfad zu verfolgen, ſo lange es ginge. Er zog ſich immer dicht am Rande des Abgrundes hin, hob ſich aber ſteil und ſteiler in die Höhe. Plötzlich wandte er ſich um einen Felsvorſprung und ſtieg von dort an beinahe ſenkrecht aufwärts, ſo daß es Rudi bedenklich wurde, ihn zu verfolgen, indem er befürchtete, nicht zurück⸗ kommen zu können, da das Abwärtsſteigen immer viel ſchwie⸗ riger und gefährlicher iſt, als das Aufwärtsklimmen; einige Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. III. 8 — 170— Zeit glaubte er indeß noch weiter vordringen zu dürfen, da er viel dorniges Geſtrüpp ſah, an welchem er ſich, im Fall er umkehren müßte, halten könnte; auch ſchien es ihm, als nehme der Pfad höher eine viel ebenere Richtung. Er ſetzte daher den gefahrvollen, beſchwerlichen Weg fort. Bald hatte er einen Felsabſatz erreicht, auf dem er ausruhte. Von hier überſchätzte er noch einmal die Höhe vor ſich und blickte dann zurück. Es war ſchon jetzt ſehr gefährlich, hinabzu⸗ klimmen. Indem er ſo ſtand und die Augen ſpähend bald auf⸗, bald abwärts ſchickte, bemerkte er noch etwa eine Thurm⸗ höhe über ſich auf einem vorſpringenden Felszacken eine Gemſe, die als Vorhut dazuſtehen ſchien. Hier mußte alſo ein Weideplatz in der Nähe ſein, den er zwar nicht kannte, jedoch hatte er Urſache zu glauben, daß derſelbe mit einem andern auf dem jenſeitigen Rücken des Berges zuſammen⸗ hängen werde, von wo aus ſichere Pfade abwärts führten. Die Platte zu erreichen, wo die Gemſe ſtand, ſchien ihm leichter, als den gefährlichen Weg zurück zu machen; er ſchwang ſich daher kletternd höher empor, das Thier nicht aus dem Auge laſſend, indem er, näher herangeklimmt, es zu erlegen hoffte. Jetzt ſah er etwa zwanzig Fuß über ſich wieder einen Felsabſatz, von dem er einen bequemen Schieß⸗ ſtand hatte. Dahin arbeitete er ſich alſo empor. Schon hatte er ihn mit der rechten Hand erreicht und wollte ſich eben hinaufſchwingen, als plötzlich unter ſeinem feſtaufgeſtämmten Fuß der Fels wich und er ſich vom Hinabſturze nur da⸗ durch rettete, daß er ſchnell mit der Linken einen dürren Dornſtrauch ergriff. Unter ihm aber löſten ſich mehrere Steine, riſſen andere nach ſich und ſtürzten mit donnerndem Ge⸗ praſſel in die entſetzliche Tiefe hinab. Rudi hing jetzt nur mit den Händen angeklammert am Felſen über dem Ab⸗ — 1— grund; ein kalter Schauer fuhr ihm durch alle Glieder. Doch verlor er die Beſonnenheit des Jägers nicht, ſondern hielt ſich mit allen Kräften feſt, bis er wieder in einer Lücke feſten Fuß faſſen konnte. Dann zog er ſich mühſam auf⸗ wärts und mit einem gewandten Schwunge war er auf der Felſenplatte, die einen geräumigen Standpunkt darbot. Wer aber beſchreibt ſeine Empfindung, als er an den Fels ge⸗ lehnt eine Jagdtaſche und eine Büchſe erblickte, die er auf den erſten Blick für Wälty's erkannte.„Heiliger Gott!“ rief er aus,„alſo von hier hat er ſich hinabgeſtürzt!“ Es wurde ihm ſchwarz vor den Augen, indem er mit dieſem Gedanken in den furchtbaren Schlund hinabſah; er mußte ſich gegen die Felswand lehnen, um nicht niederzuſinken. Nach wenigen Minuten aber kehrte ihm die Beſinnung zu⸗ rück; er durchſuchte die Jagdtaſche, um zu ſehen, ob er et⸗ was finden könne, was ihm nähere Auskunft über das Schick⸗ ſal ſeines unglücklichen Bruders geben könnte. Doch fand er nichts als das Jagdmeſſer, Pulverhorn, Blei, ein Seil, welches Gemsjäger für gefährliche Fälle immer mitnehmen, und einen Spitzhammer, für den Fall, daß ſie in einen glatten Abſatz ein Loch ſchlagen müſſen, um Fuß faſſen zu können. Er unterſuchte die Büchſe; ſie war zwar ſtark ver⸗ roſtet, doch hatte das Zündloch noch ſo viel Luft, daß man ſehen konnte, ſie war abgeſchoſſen; auch ſtand die Pfanne noch offen Und der Hahn war abgeſpannt, wie der Jäger das Gewehr unmittelbar nach dem Schuſſe einige Augen⸗ blicke zu laſſen pflegt, bis der Rauch ſich verzogen hat. Dies führte Rudi auf die Vermuthung, daß ſein Bruder von hier aus den Schuß gethan haben mußte, den er ge⸗ hört hakte, und wenn er die Zeit, in welcher er dieſen Punkt erreicht haben konnte, berechnete, ſo ſtimmte auch dieſer Um⸗ 8* — 112 ſtand dazu. Was konnte aber hier anders ſein Ziel gewe⸗ ſen ſein, als eben jene Vorhut, auf der auch jetzt wieder eine Gemſe ſtand und lauſchte? Indem Rudi nach dem Thiere hinaufblickte, glaubte er etwas Weißes ſich bewegen zu ſehen; es erhob ſich gerade ein friſcher Luftzug und in der That wurde durch ihn ein weißes Tuch flatternd hin und her bewegt. Jetzt fiel es wie ein Lichtſtrahl in Ru⸗ di's Seele:„Er hat von hier aus geſchoſſen, ſein Ziel getroffen, die Beute holen wollen, die Büchſe und Jagd⸗ taſche, um leichter zu klettern, zurückgelaſſen und iſt dort verunglückt, oder hat keinen Ausweg finden können.“ Der Gedanke, daß Wälty ſich abſichtlich das Leben genommen habe, verſchwand mit Einemmal aus ſeiner Seele. Das aufgeſteckte Tuch war ein Nothzeichen, die zurückgelaſſene Büchſe erklärte es mit einem Mal, weshalb er nicht auf die Signale geantwortet hatte, kurz alle Umſtände waren ſo au⸗ genſcheinlich, daß Rudi nicht den geringſten Zweifel mehr haben konnte. Einen Augenblick ſtand er an, was er thun ſolle; dann aber war es ihm klar, daß er hinauf müſſe, um Gewißheit, um Beweiſe zu haben. Der Gedanke an die Gefahr ſchreckte ihn zwar einen Augenblick; ſein eigener Bruder hatte ohne Zweifel auf jener Stelle den Tod gefun⸗ den; doch die dunkle Vorſtellung, daß Elſi's Beſitz von dieſem Wageſtück abhänge, die beſonnene Erwägung, daß er alle Vortheile bei ſich habe, von denen der Bruder ſich nur zu leichtſinnig entblößt hatte, überwogen ſogleich jede Be— denklichkeit. Allein mit größeſter Vorſicht unternahm er das gefährliche Wagniß. Zuerſt ſchoß er nach der Gemſe auf dem Felſen, verfehlt ſie jedoch abſichtlich, um zu ſehen, wo⸗ hin ſie flüchten würde. Sie verſchwand in der Granitwand, ſo daß es augenſcheinlich war, ſie rette ſich durch eine Fels⸗ — 13— ſpalte. Hierauf nahm Rudi aus der Jagdtaſche des Bru⸗ ders das Meſſer, das Seil, den Spitzhammer und das noch brauchbare Pulver, um mit allen dieſen Gegenſtänden reich⸗ licher verſehen zu ſein, band ſich hierauf die Büchſe und ſeine eigene Jagtaſche ſo feſt, daß ſie ihm am Klettern nicht hinderlich ſein konnte, und machte ſich nun auf den Weg. Dieſer war aber in der That gefährlicher, als er ſchien, denn das Geſtein war ſo verwittert, daß man faſt nirgends mit Sicherheit feſten Fuß faſſen konnte und ſtellenweiſe mußte man ſo hohe ſteile Abſätze hinauf, daß Rudi voraus⸗ ſah, das Hinunterſteigen werde von der äußerſten Gefahr ſein. Doch faßte er Muth und klimmte höher und höher, allein je weiter er aufwärts kam, je gefahrvoller wurde die Unternehmung. Bald ſah er ein, daß, wenn ſein Bruder hier hinaufgeſtiegen war, er es nur in der Hoffnung gethan haben könnte, von der Platte oben einen beſſeren Weg vor⸗ wärts zu finden, denn hier war an eine Rückkehr nicht mehr zu denken. Nicht einmal umzublicken, wagte Rudi jetzt, weil er wußte, wie ſehr trotz der Uebung und Gewohnheit des Gemsjägers der unmittelbare Blick in den Abgrund den Muth auch des Kühnſten erſchüttert.— Noch eine kurze Mühe und das Ziel war erreicht; das Tuch flatterte über ſeinem Haupte, die Hoffnung erfüllte ſein Herz mit wun⸗ derbarer Kraft. Mit unſäglicher Anſtrengung arbeitete er⸗ ſich an der immer ſchroffer werdenden Wand empor; jetzt erreichte er die Felſenplatte mit der Hand; noch einmal kühn aufgeſchwungen und Fuß gefaßt und er war droben. Es gelang. Erſchöpft ſank er halb bewußtlos zuſammen und athmete ſchwer auf; erſt nach einer Minute fand er die Kräfte wieder, ſich aufzurichten und umherzublicken. Der erſte Blick richtete ſich auf das in eine Felsritze geklemmte — 174— Tuch; es war Wälty's. Wo aber konnte er ſelbſt ſein? Die Granitplatte, auf der Rudi ſtand, war etwa drei Schritte lang und breit, übrigens aber ganz nackt und un⸗ wirthbar. Nach keiner Seite führte ein Pfad weiter, ſon⸗ dern die Wand hob ſich glatt und ſchroff himmelhoch dahinter empor. Nur eine Felsſpalte öffnete ſich darin, in die ein Menſch nur eben ſich hineinzwängen konnte; jenſeit derſel⸗ ben ſchimmerte aber zu ſeiner Freude das Tageslicht hin⸗ durch. Sogleich ſchmiegte er ſich hinein; da ſtieß er im Dunkel an einen weichen Körper. Er zog ihn hervor— es war Wälty! Nicht nur an der Kleidung erkannte er ihn, ſondern in der ſcharfen, reinen, kalten Luft der Höhe war auch der Körper unverweſet geblieben. Mit tauſend Thränen, der eigenen Gefahr vergeſſend, denn auch ihm ſtand ja das gleiche Loos bevor, auf der furchtbaren Höhe zu verſchmachten, warf ſich Rudi neben dem Leichnam nieder und betrachtete die ſtillen, leidenden Züge des Bruders. Er ſchien nicht durch die entſtellende Qual des Hungers, ſondern mit ruhiger Ergebung in ſein Schickſal und mit der Hoff⸗ nung auf das beſſere Jenſeits geſtorben zu ſein. Nudi erinnerte ſich, daß er immer ein kleines Gebetbuch, mit wel⸗ chem zugleich eine Schreibtafel verbunden war, bei ſich ge⸗ tragen habe, und ſuchte darnach; er fand es in dem Sei⸗ tentäſchchen ſeines kurzen Jagdeollets, der gewöhnlichen Tracht der Gemsjäger. Voller Ahnungen öffnete und durchblät⸗ terte er es und fand endlich auf einem der leeren Perga⸗ mentblätter am Ende deſſelben folgende Worte: An meinen theuern Bruder Rudi! „Gott hat entſchieden zwiſchen uns, aber anders als wir dachten! Jetzt iſt keine Rettung mehr für mich. Eure — 175 Zeichen hörte ich, aber ich konnte nicht antworten; ich weiß, daß Ihr mich getreulich geſucht habt. Möget Ihr meinen Körper finden und, wenn es möglich iſt, beſtatten. Ich er⸗ warte jetzt geduldig meinen Tod; mit einem Sprunge könnte ich ihn raſch herbeiführen, aber ich wilt nicht als Selbſt⸗ mörder enden. Ich fühle keine Qual; nur matt bin ich und werde bald entſchlummern. Die furchtbaren Wetter machen meine Rettung durch Euch unmöglich; Gott hat ſie ge⸗ ſandt!— Lebe nun wohl! Tauſendmal grüße ſie— ſie — an die ich im Tode denke! Bruder, ſei glücklich mit ihr, dies iſt mein letztes Wort an Dich, mein letzter Wunſch, mein letztes Gebet. Dein Wälty.“ Als Nudi die Zeilen geleſen hatte, brach er in heiße, erleichternde Thränen aus; mit unausſprechlicher Rührung blickte er in das ſtille, blaſſe Antlitz des Bruders und faßte ſeine kalte Hand. Lange war ſein Herz ſo bewegt, daß er ſogar ſeine eigene Lage vergaß. Ein zufälliger Blick in den furchtbaren Abgrund neben ihm erinnerte ihn erſt wieder daran. Da durchbebte ihn ein Schauer des Todesz; zurück, das ſah er wohl, konnte nur ein Wunder ihn führen. Er verſuchte daher jetzt weiter in die Felsſpalte hineinzukriechen, hinter der er das Licht ſchimmern ſah. Da ſtieß ſein Fuß wieder an etwas; er zog es ins Freie; es war ein todter Gemsbock, mit einer Schußwunde mitten in der Bruſt. Unfehlbar hatte dieſen Wälty's Schuß erlegt. Mit wah⸗ rem Troſt ſah Rudi, daß dieſes Thier übrigens unverſehrt war, denn es diente ihm zum Zeichen, daß Wälty nicht den furchtbaren Qualen des Hungertodes unterlag, ſondern an der langſamen Ermattung verſchieden war, die in dieſer — 176— Höhe einen erſchöpften, ermüdeten Menſchen bald überfällt und langſam einſchläfert. Hätte ihn der Hunger gequält, ſo würde er ſich von dem Fleiſch der Gemſe das Leben ge⸗ friſtet haben. Ohne auf einen andern bemerkenswerthen Gegenſtand zu ſtoßen, drang Rudi jetzt bis ans Ende der Felsſpalte vor; ſie verengte ſich zuletzt ſo, daß nur eine Gemſe, aber unmöglich ein Menſch hindurch konnte. Heili⸗ ger Gott, jetzt ſah er erſt, wie leicht Wälty zu retten ge⸗ weſen wäre! Ein ſtarker Spitzhammer reichte hin, den ſprö⸗ den Stein ſo weit herauszuarbeiten, daß man durch die Spalte kommen konnte, und jenſeits ſchien der Fels erſteig⸗ bar. Sogleich machte ſich Rudi ans Werk. Er arbeitete mit eifriger Anſtrengung mit dem Hammer ein Loch in den Stein, hierauf füllte er es mit Pulver, trennte einen Faden aus ſeinem Strumpf aus, den er mit zerdrücktem Pulver einrieb und ihn als Zündfaden einhing, legte ſodann glim⸗ menden Schwamm an und entfernte ſich aus der Spalte. In weniger als einer Minute entzündete ſich die Mine mit furchtbarem Krachen. Als der Staub und Rauch ſich ver— zogen hatten, fand Rudi die Spalte ſoweit ausgeſprengt, daß er ungehindert hindurch konnte. Jetzt ſah er, daß er ſich auf einem vorſpringenden Felſen befunden hatte, hinter welchem ſich eine weder tiefe, noch ſteile Kluft einſenkte, aus der er zum höheren Gebirgsſtock aufklimmen und ſo über das Joch des Berges hinüber, an die andere Seite deſſel⸗ ben kommen konnte. In weniger als einer Stunde war er hinüber und auf einem Weideplatz jenſeits, derſelbe, in deſſen Nähe er bei der verhängnißvollen Jagd des vorigen Jahres den erſten Schuß verſuchen wollte. Auf Pfaden, die einem Gemsjäger bei gutem Wetter durchaus nicht ge⸗ fährlich ſcheinen, war er jetzt ſchnell wieder auf der grünen — 17— Matte, wo er den Bruder zum letzten Male geſehen hatte, und von dort eilte er, keine Ermüdung fühlend, in aller Haſt auf die Senten, wo Elſi's Vater ſeine Sennhütte hatte. Schon von weitem entdeckte er Elſi und verdoppelte ſeine Eile; auch ſie erkannte ihn und, da ſie ſeine Haſt ſah, ging ſie ihm, ein Unglück befürchtend, ſchnell entgegen. Als Rudi ſie erreicht hatte, konnte er anfangs kein Wort her⸗ voorbringen, endlich rief er:„Elſil Gott leitet uns wun⸗ bare Wege! Ich habe Wälty's Leiche und bei ihm ſein Gebetbuch gefunden! Hier lies, was er ſelbſt im Tode ge⸗ ſchrieben.“ Dabei reichte er ihr das offene Büchlein hin. — Elſi las und ſank weinend in ſeine Arme.— Der Vater, welcher auf der Sente war und Beide geſehen hatte, trat hinzu; er ſegnete den Bund, den ſie nun mit reinem Herzen ſchließen konnten.— Und wenn gleich eine trübe Stimmung ſich daran knüpfte, ſo wiſſen wir ja Alle, wie Gott es ſo weiſe geordnet hat, daß aus Leid endlich Freude wird, daß ein überwundener Schmerz in der Stimmung zuletzt ein Labſal werden kann. Und troſtreich und völlig beruhigend mußte ihnen der Gedanke ſein, daß Gottes Huld ſtets auch da Segen verleiht, wo wir nur Leid und Schmerz erblicken; das Vertrauen auf den Vater alſo ſtärkte ſie, denn ſie hofften und glaubten feſt, daß er Wälty's Leid ihm jenſeits tauſendfach vergütet haben werde. Am nächſten Tage ging Rudi mit vielen Bewohnern des Gebirgs hinauf zu dem Felſen und holte Wälty's Leiche. Mit unſäglicher, aber unverdroſſener Mühe trugen die ſtarken, kühnen Gebirgsleute ſie den ſteilen Fels hinauf und hinab bis ins Thal. Dort wurde ſie feierlich und un⸗ ter großem Zulauf des Volkes beſtattet, denn die wunder⸗ bare Geſchichte war überall bekannt geworden.— Zwei 8** ¹ — 8— Monden ſpäter, an dem Tage, wo Wälty und Rudi jene ihr Geſchick ſo merkwürdig entſcheidende Jagd unternommen hatten, wurden Nudi und Elſi durch das Sakrament der Ehe verbunden.“— Hier ſchwieg unſer Begleiter und auch wir ſaßen ſtumm. — Die Sonne war nahe am Untergehen; ſchon glänzten die Häupter der Berge in feurigem Purpur und die Schnee⸗ gipfel umſchimmerte ein roſiger Hauch. Wir brachen auf. Kaum eine halbe Stunde und wir befanden uns im Thal. Da ſahen wir an einem ſtattlichen, aber einfach ländlichen Hauſe links am Wege eine junge Frau ſitzen, die einen Säugling auf dem Arm trug. Als ſie uns erblickte, ging ſie uns entgegen. Der ſchlanke Wuchs, das große blaue Auge und reiche blonde Haar, der edle und doch ſo herzliche Ausdruck der Züge überraſchten uns; es war nicht möglich, ſie nicht zu erkennen.„Gott grüß' Euch, Herr Pfarrer,“ ſprach ſie mit anmuthiger Freundlichkeit und erquickendem Wohllaut der Stimme, indem ſie unſerem Begleiter die Hand reichte.„Schön Dank, meine Elſi,“ antwortete er und wir ſtan⸗ den ſtill und betrachteten die holde Erſcheinung mit einer wun⸗ derbaren Miſchung der Gefühle.„Dies iſt Elſi, mein Beicht⸗ kind,“ ſprach der Pfarrer;„ich habe ihre Ehe eingeſegnet. — Die Herren ſind fremd, gute Elſi, ſie kommen, unſere Berge zu ſehen; wir haben einen weiten Weg gemacht. Erquickteſt Du uns wol mit einer Schale Milch?“— „Herzlich gern,“ antwortete ſie und eilte ins Haus. Indem trat ihr Mann aus der Thür; eine kräftige, hohe Geſtalt, ein Geſicht voll Ausdruck der Biederkeit und des Muthes. Auch er hieß uns mit einfacher ſchweizeriſcher Herzlichkeit willkommen und lud uns zum Sitzen auf die Hausbank ein. Elſi brachte bald in einem großen Deckelglaſe friſche Milch — — 479— und kredenzte ſie, da Rudi ſie dazu aufforderte, aufs freund⸗ lichſte nach Schweizer Art, indem ſie einige Tropfen trank und mir dann das Glas mit einem anmuthigen:„Wohl bekomm's dem Herrn!“ reichte. Nie erfriſchte mich ein Trunk mehr als dieſer.—— Wir mußten leider bald von dem traulichen Ort, den wohlwollenden, herzlichen Leuten, die uns, ohne daß ſie es ahneten, durch ihr Geſchick ſo tief bewegt hatten, ſcheiden; denn nur zu ſelten hat ein Reiſender Muße genug, um zufälligen, das heißt, nicht im ſogenannten Rei⸗ ſeplan berechneten Ereigniſſen Zeit zu widmen, wären ſie auch noch ſo anziehend. Es iſt eine Thorheit, daß man nicht wenigſtens bisweilen anders, mit unbeſtimmten Vor⸗ ſätzen reiſt und dem glücklichen Zufall eine Hand bietet, die er ergreifen könnte. Freilich aber eben wenn man ſie bietet und auf ihn wartet, zeigt er ſich nicht, um ſie zu faſſen. Wir ſchieden mit einem herzlichen Händedruck und die wohlwollendſten Wünſche für unſer Beſtes begleiteten uns. Indem wir gingen, ſagte uns der Pfarrer leiſe:„Dort ſteht der Roſenſtrauch, von welchem Elſi damals den Brü⸗ dern die Abſchiedsroſen pflückte, denn ſie wohnt hier mit Rudi in ihres Vaters Hauſe.“ Da wandte ich mich um und bat um die Erlaubniß, mir eine Roſe pflücken zu dür⸗ fen. Eſſi aber ſagte:„O, ich will dem Herrn die aller⸗ ſchönſte brechen,“ gab den Säugling ihrem Manne und eilte mit anmuthig leichten Schritten an den Strauch, von dem ſie eine liebliche Roſe brach und mir darauf den Hut ab⸗ forderte, um ſie daran zu befeſtigen. Während ſie mit freundlicher Aemſigkeit damit beſchäftigt war, ſah ſie ſo glück⸗ lich und ſo holdſelig aus, daß ich mich einer freudigen Rüh⸗ rung, ja einer Thräne nicht erwehren konnte, indem ich daran dachte, mit wie ſchmerzlichen Empfindungen dies reine Herz 2*— 180— noch vor kurzer Zeit hier zwei Roſen gebrochen hatte. Welch ein Segen ruht auf einer ſchuldloſen Seele!— Elſi war as reichte mir noch einmal die Hand— ich ging. Die Roſe prangte drei Tage auf meinem Hut; erſt als ſie ganz welk geworden war, nahm ich ſie ab und legte ſie in die Schreibtafel. Gute Elſi! Sei ſo lange glücklich, als dieſe liebe Roſe mir ein unſchätzbares Andenken bleiben wird! Die Gewerke. Eine Erzählung. Die Gewerbefreiheit iſt gewiß eine köſtliche Sache; allein es läßt ſich nichts Neues auf einen Boden pflanzen, wo man nicht vorher das Alte ausgerottet hat. Wie mancher zwar nur noch ſparſam belaubte, aber doch noch würdig in ſeinem hohen Alter daſtehende Eichenſtamm muß gefällt werden, damit der neuen, jungen Pflanzung Raum zum Blühen und Gedeihen werde! Ein ſolcher alter, zwar halb vermoderter, aber doch dem Anblick nach ſtarker, kühn em⸗ porgewachſener Baum, dem der grüne Schmuck allmälig entſunken war und der freilich auch dem Vortheil wenig mehr verſprach, waren vor kurzer Zeit noch die alten deut⸗ ſchen Zünfte mit ihren Rechten und Vorrechten, Gewohn⸗ heiten und Gebräuchen, ihrem ehrenhaften Stolz, rühmlichen Wetteifer, unerſchütterlichen Gemeinſinn in ſich ſelbſt— aber auch hochmüthigen Dünkel, erhitzter Nebenbuhlerſchaft und ſtarrſinniger Abgeſchloſſenheit gegen Bruderzünfte, Ne⸗ bengewerke. Gleich den Aegyptern den Stand meiſtens vererbend, war es ſelten, daß eine Ehe aus zwei verſchiedenen Zünf⸗ ten geſchloſſen wurde. Selten aber auch hatte ein Zim⸗ merer mit einem Maurer, ein Schloſſer mit einem Schmied einzelnen Streit; das ganze Gewerk ſtand für Einen, Einer für Alle. Wo ein Einzelner durch Neigung oder beſondere Umſtände ſich aus der angeborenen Zunft heraus ſehnte oder — 1— in nähere Verbindung mit einer andern trat, da pflegten gewöhnlich heftige Reibungen zu entſtehen und der Einzelne gegen das Ganze wie natürlich, vielleicht auch gewiſſermaßen wie billig, einen ſchweren Stand zu haben. Die höchſte Ehre des Handwerks war die, in ſeinem Gewerke geſchickt, eifrig und für den Ruhm deſſelben thätig und unternehmend zu ſein; die größte Schande, die Ehre der Zunft nicht zu empfinden.. Doch die Anſprüche der einzelnen Zünfte waren auch nicht ſo ſchroff geſpalten, daß ſie ſich einem gemeinſamen Beſſeren nicht untergeordnet hätten; wo viele kunſtreiche Hände zur Vollendung eines größeren Werkes nöthig waren, da ehrte die gemeinſame, vereinte Wirkung und nur der Wettſtreit trat ein, wer in ſeiner Weiſe das Trefflichſte lei⸗ ſten werde. Da fühlte man ſich als Bürger, beſonders in den freien Städten, und der Ruhm der Stadt überwog doch den des Gewerkes. Man ſieht leicht ein, daß Pflichten, Nei⸗ gungen, Beſtrebungen, Wünſche und Rechte ſich hier man⸗ nichfaltig kreuzen mußten. Manches Eigenthümliche, Cha⸗ rakteriſtiſche für Herz und Sinn trat dabei hervor. Wir wollen eine Geſchichte erzählen, die ihren innern Grund in den gedachten Verhältniſſen hatte. Die Ueberlieferung der Grundzüge iſt über das Oertliche nicht ganz genau, wie es denn oft zu kommen pflegt, daß eine hervorſtechende Bege⸗ benheit von vielen Orten erzählt wird und ein Streit der Städte um die Geburt des Homeros entſteht. Wo der Richter nicht entſcheiden kann, da überlaſſe man es dem Dichter zu wählen; er wählt Freiburg im Breisgau, jene lieblich gelegene Stadt, mit dem herrlichen Dom, und hat ſeine Gründe dazu, nämlich eben jenes ſtattliche Gotteshaus. Erstes Capitel. Die Sonne war im Sinken und röthete ſchon die grü⸗ nen Berggipfel, welche die Stadt Freiburg hoch überragen, als Evchen, die muntere hübſche Tochter des Altmeiſters vom Mauergewerke, Johann Erbach, mit einem Körb⸗ chen über den Markt kam, um dem Vater das Abendeſſen zu bringen. Denn er war bei dem Bau des Thurmes be⸗ ſchäftigt, an den heut die letzte Hand gelegt werden ſollte. Es fehlte nichts mehr als einige Zierrathen an der höchſten Spitze, mit den die Einwohner von Freiburg überraſcht werden ſollten. Daher war das Gerüſt, welches noch um die äußerſte Spitze des Thurms befeſtigt war, verhüllt und nur die Altmeiſter arbeiteten droben; kein anderer wurde zugelaſſen. Aber man hatte noch vollauf zu thun und des⸗ halb konnte Evchens Vater nicht nach Hauſe kommen, ſondern ſie mußte ihm den Imbiß an die Arbeitsſtätte tra⸗ gen. Jedoch durfte ſie darum keineswegs etwa in den Thurm hinaufſteigen, um vielleicht die Geheimniſſe zu er⸗ lauſchen, welche die Altmeiſter droben verbargen; ſondern an einem Seile hing ein Korb herab, in den ſie die Speiſen that, damit ſie hinaufgewunden würden. Dieſe Art, den Arbeitern auf dem Dom etwas zukommen zu laſſen, war ſeit Jahren gewöhnlich, da die fleißigen Leute ſich nicht ſo viel Zeit abmüßigen wollten, um jeder Mahlzeit wegen herab⸗ zuſteigen und nach Hauſe zu gehen. Als Evchen auf den Marktplatz kam, fand ſie viele Bürger mit Frauen und Kindern verſammelt, welche die Mußeſtunden des Sommer⸗ abends benutzten, um den prächtigen Bau mit Stolz und Freude zu betrachten. Morgen endlich, am erſten Pfingſt⸗ — 186— tage, ſollte er eingeweiht werden; ſo oft auch ſchon Gottes⸗ dienſt darin gehalten worden war, ſo war doch das Ganze noch nicht vollendet geweſen und hatte ſich, nur allmälich wachſend, von Vätern auf Söhne vererbt, bis denn endlich doch der Tag gekommen war, wo die letzte Hand angelegt wurde. Mit Wohlgefallen ſtaunten daher die Bürger der Stadt das längſt bekannte herrliche Gebäude an, welches, obgleich gewiſſermaßen mit ihnen aufgewachſen, ſie doch jetzt durch ſeine Würde und Schönheit überraſchte. Auch Ev⸗ chen richtete ihre hellen blauen Augen hinauf gegen die Spitze und ſah äußerſt vergnügt aus. Denn außer dem Stolz, daß ihr Vater ein wichtiger Mann bei der Vollen⸗ dung des Baues war, dachte ſie auch noch an ſo manches andere Freudige, was ſich für ſie daran knüpfte. Morgen eine große feierliche Meſſe, eine Prozeſſion und Nachmittags auf dem Stadthauſe ein prächtiges Feſt mit Tanz, Muſik und Feuerwerk. Das Herz ſchlug ihr vor Freuden, denn ſie wußte ſchon, wer den Reihen mit ihr aufführen würde; nämlich ihr Vetter Berthold Brunner, der kunſtreiche Sohn des Schloſſer⸗Altmeiſters; Berthold, der ſchöne, ſchlanke, junge Mann, um den ſie alle Mädchen des Ortes beneideten, weil er ihr Vetter und noch viel mehr als das, ihr Liebhaber, ja ſchon ſo gut als ihr Bräutigam war. Freilich hätte ihr Vater es lieber geſehen, wenn ſie einen Mann aus ſeinem Gewerk geheirathet hätte, allein er und Bertholds Vater waren Verwandte, alte Freunde und der Sohn verſtand ſeine Kunſt meiſterlich. So hatten ſie der Liebſchaft der jungen Leute kein Hinderniß in den Weg gelegt, nur ſollte von der Hochzeit nicht eher die Rede ſein, bis der Thurmbau vollendet wäre. Darin waren beide Vä⸗ ter einer Meinung und unabänderlichen Sinnes. Mit Un⸗ geduld hatten die Liebenden daher dem langſamen Fortſchrei⸗ — 187— ten des Werks zugeſehen; endlich war der letzte Tag da, die Sonne deſſelben ſchon faſt verſunken und Evchen hüpfte, munter wie ein junges Reh, in der ſüßen Er⸗ wartung des Morgen und der nächſten Zukunft dahin. Sie ſtand jetzt unter dem Thurme an dem Korbe und ſtellte ihre Speiſen und die Flaſchen alten Markgräfler's, den der Vater ſo gern trank und womit er heute ſeine Arbeitsge⸗ noſſen droben bewirthen wollte, vorſichtig hinein. Indem ſie ſo, halb gebückt, ſtand und anordnete, redete eine wohlbe⸗ kannte Stimme ſie an:„Evchen! Guten Abend!“ Es war Berthold. Biſt Du's? fragte ſie. Sie erröthete freu⸗ dig und ſah ſich munter um.„Ei, Berthold, Du darfſt wol auch nicht hinauf?“—„Ei bewahre,“ antwortete er, „es iſt Niemand oben als mein Vater, der Deinige“— „und der meinige,“ unterbrach ſie die Stimme eines Drit⸗ ten, der hinzugekommen war. Beide ſahen ſich etwas be⸗ troffen um, denn ſie hatten Niemand in der Nähe vermu⸗ thet; aber noch verlegener wurden ſie, als ſie Den erkann⸗ ten, der geſprochen hatte. Es war Wilhelm, der Sohn des Altmeiſters vom Zimmergewerk, Johann Hagenbach, der Evchen ſtill und heimlich liebte; d. h. er hatte es niemals geſagt, aber ſie wußte es nur zu gut und hatte es Berthold nicht verſchwiegen. Jetzt ſtand er blaß und ſchwermüthig vor den beiden ſeelensfrohen Liebesleuten, und guthmüthig, wie ſie waren, drang ihnen ſein düſterer Blick tief ins Herz.„Sei doch nicht ſo traurig, Wilhelm,“ ſprach endlich wohlmeinend Berthold.„Sieh, die ganze Stadt iſt voller Freuden und Du haſt ja Deinen Antheil an der Ehre und dem Vergnügen auch!“—„An der Ehre wol,“ ſprach Wilhelm mit einem unterdrückten Seufzer, naber an der Freude nicht. Mir iſt zu Muth, als ſollte ich auf den Thurm ſteigen und morgen, wenn Alles jauchzt — 188— und jubelt, mit dem Kopfe voran mich hinabſtürzen; da wäre mir wohl!“—„O ſprecht nicht ſo gottlos,“ ſagte Ev⸗ chen, und wollte einen Tadel in die Worte legen; aber ihre Stimme wurde ſo weich, daß es nur wie ein tiefes inniges Bedauern klang, um ſo mehr, als ſie ihm zugleich treuherzig und freundlich die Hand bot. Wlihelm ergriff ſie heftig und rief:„Gott möge Dir Gutes beſcheeren!“ — Aber laßt mich hier mein Päckchen in den Korb legen. Er that es und ging raſch hinweg, indem er ein halb lautes„Guten Abend!“ ſagte. Evchen und Berthold ſahen ſich lange an und wußten nichts zu ſagen; ſie fanden eine Art Unrecht darin, ſo glücklich zu ſein, da gerade ihre Freude einem Andern ſo viel Leid verurſachte; aber ſie konn⸗ ten doch nicht anders, ſie waren überglücklich! Um von etwas Anderem zu reden, fragte endlich Ev⸗ chen:„Aber was trägſt Du denn hier, Berthold?“ Dieſer wickelte einen von hellglänzendem Meſſing gearbeite⸗ ten viereckigen Reifen aus einem Tuch und zeigte ihm Ev⸗ chen.„Wozu ſoll denn das?“ fragte dieſe.—„Ja, das weiß ich ſelbſt eigentlich nicht, entgegnete Berthold, aber wahrſcheinlich iſt es ein Beſchlag zu einem Balken. Dein Vater hat ihn bei mir beſtellt; ich habe ihn heimlich, ſo daß auch mein Vater nichts davon weiß, auf's genauſte nach einem gegebenen Maße verfertigen müſſen. Hier ſind die Löcher gebort, um ihn anzunageln, und hier an der Seite die beiden Oeſen dienen vermuthlich, um eine Fahne einzuſtecken.“—„Jetzt habe ich's,“ rief Evchen aus.— „Und was denn?“ fragte Berthod.„ Ei,“ erwiderte ſie,„es iſt eigentlich ein Geheimniß, aber da es mir ſo ent⸗ fahren iſt, kann ich es Dir jetzt wol ſagen. Schon ſeit langer Zeit habe ich dem Vater eine prächtige Fahne ſticken müſſſen; ſie iſt hier mit eingepackt. Gewiß gehört es mit zu den Feierlichkeiten für morgen, daß die Fahne auf dem Thurme aufgeſteckt werden ſoll.“—„Ganz gewiß,“ rief Berthold,„obwol ich noch nicht recht weiß, wo mein Be⸗ ſchlag angebracht werden ſoll. Indeß was kümmert das uns! Das Feſt wird herrlich werden! Und auf den Abend Evchen— Du bleibſt doch meine Tänzerin?“—„Ei frei⸗ lich,“ entgegnete ſie;„aber wir verſchwatzen die Zeit; laß uns jetzt das Zeichen geben, daß ſie den Korb aufwinden.“ Berthold zog die Schnur einer Schelle und alsbald ſtieg der beladene Korb langſam am Thurm in die Höhe. Zweites Capitel. Eine Zeit lang ſah das Liebespaar dem aufſteigenden Korbe nach, um einen Vorwand zu haben, noch länger beiſammen zu bleiben; endlich dachte Evchen an die Heim⸗ kehr. Der Vetter hätte ſie gern begleitet, aber er wußte wohl, das duldete ſie nicht. So gern er daher die ſchönen Stunden eines milden Frühlingsabends mit ihr zugebracht hätte, die ſchönen, ungeſtörten Stunden, während beide Vä⸗ ter hoch auf dem Thurme arbeiteten: ſo trieb ihn doch das ſittſame Evchen dringend, aber ſchmeichelnd und ſanft, nach Hauſe und ging ihren Weg allein, damit die Nachbarsleute nicht übel von ihr reden ſollten. Sie hätte ſich jetzt getroſt zur Ruhe begeben können, denn das Haus war beſorgt und der Vater hatte für die ſpäte Heimkehr den Schlüſſel zu ſich geſteckt. Aber Hexz⸗ chen und Köpfchen waren ihr zu voll von dem ſchönen, ſeli⸗ 4 — 190— gen Morgen, dem ſie entgegenſah. Unruhig ging ſie da⸗ her bald im Hauſe auf und ab, bald ſetzte ſie ſich träu⸗ meriſch und ſinnend ans Fenſter und ſah in den blauen Abendhimmel hinaus, über den der aufſteigende Mond einen lichten Schimmer ausgoß. Ihre Blicke hefteten ſich end⸗ lich auf den herrlichen Bau des würdigen, ſtolzen und doch ſo leicht und ſchlank aufſteigenden Thurmes, der un⸗ fern über die Giebeldächer emporragte. Dort oben arbeite⸗ ten ihr Vater und Der, den ſie bald auch Vater zu nen⸗ nen hoffte, an der Vollendung ihres Glücks. Die Stille der Nacht, die Hoffnung, die Liebe, das unbeſtimmte Seh⸗ nen, das Frühling und Glück in der Bruſt erwecken, Alles drang auf ihr junges Herz ein und bewegte ihr das tieſte Innere. Voll wahrer Frömmigkeit und Andacht richtete ſie an ihre Schutzpatronin ein ſtilles Gebet.— Armes Evchen! Du dachteſt wol nicht, daß zwiſchen jetzt und dem nabe geträumten Ziel deines Glückes noch ſo viel Angſt und Schmerzen liegen ſollten! Auf der Spitze des Thurmes wurden jetzt Lichtfünkchen ſichtbar; es waren die Laternen, bei denen die fleißigen Alt⸗ meiſter noch droben arbeiteten. Evchen ſah hinauf, träumte und dachte dann vor ſich hin, ſah wieder hinauf, ſummte ein altes Liedchen, ſah auf's neue in die Höhe— ſo ver⸗ gingen wol zwei Stunden. Es ſchlug elf Uhr; die Gaſſen des Städtchens waren ſchon ganz öde geworden. Da ſchien es ihr, als bewege ſich eine Geſtalt in dem dunklen Schat⸗ ten, den das gegenüberſtehende Haus warfy; hinter ihren Blumen verborgen lauſchte ſie. Es war kein Zweifel, ein Mann ging vor ihren Fenſtern auf und ab; oftmals ſtand er ſtill und blickte hinauf und, wenn gerade kein Lüftchen in der alten Linde vor dem Hauſe ſich regte, glaubte Evchen einen leiſen Seufzer zu hören. Während ſie ihre eigenen — 191— Muthmaßungen über dieſe Geſtalt hatte, kamen zwei andere mit einer Laterne die Straße herab. Dabei wird der Va⸗ ter ſein, dachte Evchen und freute ſich ſchon im voraus darauf, ihn in der Hausthür zu überraſchen. Aber bald erkannte ſie an dem Geſpräch jener Beiden, welches man durch die ſtille Nacht weit hörte, daß es Wilhelms und Bertholds Vater waren.„Ein wunderlicher Kauz, der alte Erbach,“ ſprach Wilhelms Vater, der Zimmermanns⸗Alt⸗ meiſter;„was er nur droben allein noch aushecken mag?“— „Wenn er nur nichts im Schilde führt, was Zank ſetzen könnte, antwortete der Schloſſermeiſter; der Alte iſt verteufelt ſtolz auf ſein Handwerk und könnte uns am Ende einen fatalen Streich ſpielen. Aber obgleich er mein Vetter und Gevattersmann iſt, ſo etwas laſſe ich mir nicht gefallen!“— Evchens Herz pochte ängſtlich bei dieſen Worten, denn ſie hatte halb und halb eine Ahnung, daß des Schloſſermei⸗ ſters Vermuthung nicht ganz unrichtig ſein möchte. Die Geſtalt, die drüben im Schatten des Hauſes ſtand, ſchien das Geſpräch auch aufmerkſam mit angehört zu haben und ſuchte ſich jetzt ſtill wegzuſchleichen. Allein es mislang; im Mondenſchein wurde ſie den beiden Meiſtern ſichtbar, und da um dieſe Stunde in damaliger Zeit ein Menſch auf der Gaſſe ſehr ſelten, ohne Laterne aber gewiß verdächtig war, rief der Zimmermeiſter, der wie alle wackeren Bürger im⸗ mer um das Wohl der Stadt beſorgt war, ſogleich:„Wer da! Wohin? Was treibt Ihr Euch ſo ſpät umher?“ Da wendete der Angerufene ſich um und ſagte:„Ich bins, Vater!“ Es war Wilhelm.„Ei was thuſt Du denn noch ſo ſpät auf der Gaſſe?“ fragte der Vater verwundert. Wilhelm ſchwieg und ſeufzte; Evchen hinter ihren Blumen wurde es recht bange.„Ich glaube,“ fuhr der Zimmer⸗ meiſter fort,„Du gehſt auf Liebesabenteuer aus? Wilhelm — 192— ich rathe Dir Ordnung!“—„Ja hört einmal, Freund,“ fiel der Schloſſermeiſter ein,„Ihr ſchleicht hier gerade un⸗ ter den Fenſtern meines Gevatters umher. Das muß ich Euch unterſagen. Hier oben wohnt Evchen, ein ſittſames Mädchen und meines Sohnes ſo gut wie verlobte Braut. Wenn aber Nachts junge Leute unter ihren Fenſtern her⸗ umſtreichen, das würde ihr einen ſchlechten Ruf bringen. Wenn ſie's wüßte, möchte ſie Euch wol raſch genug von der Thür fortbringen. Alſo laßt das, verſteht Ihr mich?“— Evchen glühte im Geſicht, als ſie dieſe Worte hörte; bei Tage müßte ſie feuerroth ausgeſehen haben. Wilhelm hatte einen Augenblick geſchwiegen, dann ſagte er:„Meiſter, was zürnet Ihr doch! Morgen wird vielleicht Evchens Verlobung ſein und wer weiß, ob nicht in drei Wochen ſchon ihre Hochzeit. Ich werde dem Rufe ihrer Sittſamkeit nicht ſchaden, wenn ich Nachts hier in der Straße auf und ab⸗ gehe. Laßt mir das immerhin, wer weiß, wo ich bin, ehe der Wein blüht!“—„Aber was haſt Du denn hier zu thun?“ fragte der Schloſſermeiſter ſanfter, durch Wilhelms traurige Stimme bewegt.—„Alles und Nichts! ſo viel wie in der ganzen Welt! Ich habe meinen Schmerz lange genug ſtill in mir getragen. Jetzt mag es wiſſen, wer da will. Ich liebe Evchen, und an dem Tage, wo ſie hei- rathet, ſpring' ich in den Rhein, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen.“ Mit dieſen Worten drehete er ſich um und ging eilig die Straße hinunter. Evchen hatte Mühe ihr Schluch⸗ zen zu unterdrücken; die beiden Meiſter ſtanden ſchweigend einander gegenüber, bis Wilhelms Vater endlich ſprach: „Es iſt ein böſer Handel; ich fürchte, der Junge hält Wort!“ Dabei ſchüttelte er das ehrwürdige, ſchon halb ergraute Haupt und fuhr ſich mit der Hand über die Augen. Dann ergriff er des Schloſſers Hand, ſagte„gute Nacht, Gevatter!“ — 193— und ging dem Sohne langſam nach.„Gute Nacht,“ erwi⸗ derte Meiſter Berthold und wandte ſich dann nach der andern Seite der Straße, um in ein Quergäßchen einzu⸗ biegen. Evchen weinte frei und herzlich, als ſie die Straße leer ſah. Das gutmüthige Kind dachte ſich lebhaft in Wil⸗ helms Lage.„Wenn du nun deinen Geliebten verlieren müßteſt?“ fragte ſie ſich und dieſer Gedanke erfüllte ſie mit ſolchem Schmerz, mit ſo tiefem Mitleid, daß ſie ſich mit Gewalt an ihr Liebesglück erinnern mußte, um wieder Faſ⸗ ſung zu gewinnen.— Sie legte ſich endlich, da der Vater noch immer ſäumte, zu Bett; doch hörte ſie ihn noch heim⸗ kommen, denn Schlaf kam nicht in ihre Augen bis gegen den erſten Hahnenruf, wo die Miüdigkeit ſie überwältigte und ſüßer, tiefer Schlummer ſie einwiegte. Drittes Capitel. Der erſte Pfingſttag war mit dem heiterſten Maien⸗ morgen angebrochen. Mit dem Glockenſchlage fünf ſtand Evchen im ſchmucken Sonntagsputze vor dem Vater, der ſich bereits in die feierliche Gewerkstracht geworfen hatte. Auf den Straßen wurde es ſchon lebendig, denn mit der Frühmeſſe, um ſechs Uhr, ſollte die Feſtlichkeit beginnen. Nach einer Viertelſtunde erklang Muſik. Es waren die Bergleute, die an der Spitze des Maurergewerks heranzo⸗ gen, um den Altmeiſter abzuholen. Vorauf wurde die Gewerksfahne getragen, dann folgten die Meiſter, Altge⸗ ſellen, Geſellen und Burſchen paarweiſe, feſtlich geſchmückt, Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. III. 9 — 194— die blank geputzen Handwerkszeichen an der Seite, Sträu⸗ ßer an der Bruſt und Sträußer und Bänder auf dem Hute. Die Bergleute blieſen einen fröhlichen Marſch; das Volk in dichtgedrängter Schar zog jubelnd nebenher. Vor des Altmeiſters Hauſe hielt der Zug. Dreimal erſcholl ein lautes Vivat vor ſeiner Thüre; zwei Meiſter, zwei Altge⸗ ſellen und zwei Burſchen kamen darauf ins Haus und hol⸗ ten ihren Altmeiſter mit feierlichen Ceremonien ab. Ev⸗ chens junges Herz klopfte vor Freude und ſtolz über den Vater, aber noch höher ſchlug es in ſeliger Hoffnung. Nachdem jetzt der Meiſter an die Spitze des Zuges getreten war, nahm dieſer ſeinen Weg, die blaſenden Spielleute im⸗ mer vorauf, nach der Kirche. Dahin begab ſich nun auch Evchen, von einigen Freundinnen begleitet. Wie verabre⸗ determaßen trafen die drei Aufzüge der Maurer, Schloſſer und Zimmerleute in einem Augenblick aus drei verſchiede⸗ nen Straßen auf dem Platz vor dem Dome zuſammen, wo ſich eine unüberſehbare Volksmenge geſammelt hatte, die mit Mühe den Gewerkszügen Platz machte. Dieſe begrüß⸗ ten einander mit den Fahnen und ſtellten ſich dann in einen Halbkreis gegen den Thurm zu. Die Spitze deſſel⸗ ben war noch durch eine leinene Hülle bedeckt, die erſt im Augenblick der prieſterlichen Einweihung fallen durfte. Jetzt begannen alle Glocken zu läuten, die Pforten der Kirche wurden geöffnet und feierlich langſam, während ein from⸗ mer Choral von der Orgel herab ertönte, zogen die Ge⸗ werke, zuerſt die Maurer, dann die Schloſſer, dann die Zimmerer(ſo ordnete es die Sitte) in den Dom ein. Ih⸗ nen folgte das nachdringende, ſtrömende Volk. Zuerſt wurde die heilige Meſſe in hergebrachter Ordnung geleſen. Am Schluſſe derſelben aber betrat der Biſchof von Speier, der beſonders zu dieſer Feierlichkeit herüber nach Freiburg —= e gekommen war, die Kanzel und ſprach eine Rede auf die hochfeſtliche Veranlaſſung dieſes Gottesdienſtes. Er bewegte Aller Herzen, beſonders aber am Schluß, als er die wei⸗ henden Worte ausſprach:„Und ſo ſtehe denn dieſer herrliche Bau, den wir mit Gottes gnädigem Beiſtand vollendet haben, als ein Denkmal frommer Vereinigung unſerer Kräfte da und bleibe der ſpäteſten Nachwelt ein Zeichen unſeres heiligſten Eifers. Eintracht allein konnte ihn vollenden. Möge er nun doch durch ſeine heilige Bedeutung Aller Herzen für immer zu Eintracht und gottſeligem Frieden ſtimmen. Dieſen Segen verleihe ihm und Euch Gott, der Allmächtige, der Allgnädige! Darum flehet ihn an, kniend, brünſtig, in frommer Demuth!“ Dabei ſank der würdige Geiſtliche auf die ſchon vor Alter zitternden Knie und er⸗ hob ſeine Hände zum Gebet; die ganze Gemeinde folgte ihm.— O, wären alle Gebete, die in dieſer heiligen, nur vom feierlichen Geläute aller Glocken unterbrochenen Stille zum Himmel aufſtiegen, aus reinem frommen Herzen ent⸗ quollen, vielleicht hätte der Herr ſie erhört und den Se⸗ gen über die Bittenden ergoſſen, den der fromme Biſchof im Namen Aller erfleht hatte. Leider aber ſollte ſchon die nächſte Minute den Zwiſt gebähren. Während die Gemeinde in der Kirche auf den Knien lag, wurden die Schnüre, die die leinene Umhüllung der Thurmſpitze hielten, zerſchnitten und flatternd und wehend flogen die leuchtenden, blendend weißen Tücher durch die Lüfte auf die unten verſammelte Menge herab, die ſie mit jubelndem Rufe empfing, zerſtückte, zerriß und theilte, da⸗ mit Jeder ein Angedenken mit nach Hauſe nehmen könne. Jetzt erblickte man endlich den erhabenen Bau ganz voll⸗ ſtändig. Jeder erfreute ſich der ſchön gebildeten Thurmſpitze, des glänzenden Knopfes und leuchtenden Kreuzes, und be⸗ 9*½ — 196— wunderte das ſinnvolle Geſchick der Meiſter, die das Werk vollendet. Indeſſen kamen dieſe an der Spitze ihrer Ge⸗ werke im feierlichen Zuge aus der Kirche zurück und bilde⸗ ten, wie vorher, auf dem Domplatz einen Halbkreis. Der alten eingeführten Sitte gemäß hatten die Zimmerleute von dem höchſten Gerüſte einen in der Mauer eingefugten Balken ſtehen laſſen, zum Andenken, wie hoch und gefähr⸗ lich auch ihre Arbeit getrieben worden ſei. Dies war ein billiges Recht, denn das Werk des Schloſſers und Mau⸗ rers ließ ſein Gedächtniß in dieſer Höhe von ſelbſt zurück, von der Arbeit des Zimmermanns aber wäre ſo hoch ohne⸗ dies keine Spur geblieben. Darum galt dieſe Sitte bei jedem Thurmbau. Mit Stolz zeigte der Altmeiſter des Zimmergewerks, unſeres unglücklichen Wilhelms Vater, hinauf nach dieſem Balkenkopf und erklärte den unkundi⸗ gen Bürgern das Wahrzeichen.„Der Balken,“ ſprach er, „iſt heilig;z den darf Niemand herunternehmen, bis er nach und nach in Wind und Wetter verfault. Aber was iſt das! Was glänzt denn daran wie ein goldener Beſchlag?“ Kaum hatte er dieſe Worte geſagt, als ſein und der gan⸗ zen Volksmaſſe Erſtaunen noch durch eine andere Erſchei⸗ nung erregt wurde.. In dem höchſten offenen Raum des Thurmes nämlich, dicht unter dem Knopf, wurde ein Menſch ſichtbar, der, zum Entſetzen der verſammelten Menge, das furchtbare Wagſtück unternahm, auf den her⸗ vorragenden Balkenkopf, den er, aus der Oeffnung an den Händen herabgelaſſen, nur eben mit den Füßen erreichen konnte, hinaus zu ſteigen, ſich auf dem ſchmalen, kaum einen Fuß breiten Standpunkte umzudrehen und zum Zei⸗ chen, daß er durch nichts gehalten ſei, beide Arme weit auszubreiten. Die Frauen ſchrien laut auf und hielten ſich die Hand vor die Augen, ja ſelbſt die Maͤnner fühlten 8 35 einen bangen, kalten Schauer und wagten kaum hinaufzu⸗ blicken. Der Waghals aber hatte indeſſen eine Stange in die Hand genommen, die ihm aus der Oeffnung hinabge⸗ reicht wurde. Dieſe ſchwang er über dem Haupte jetzt und ſiehe, eine lange, flatternde Fahne wehte von ihrer Spitze herab. Evchen erkannte ſie ſogleich für dieſelbe, die ſie ge⸗ ſtickt hatte. Als das Volk dies neue Schauſpiel ſah, jauchzte es laut auf und klatſchte in die Hände. Der Wagehals aber, den man jetzt an ſeiner Kleidung für einen Maurergeſellen erkannt hatte, ſteckte die Fahne mit ihrem eiſernen Stiel in die Oeſen des Balkenbeſchlags, ſodaß ſie ſtolz daſtand, und prächtig im Winde flatterte und ihre Far⸗ ben, es waren die der Gewerkstracht, hell im Sonnenſchein ſtrahlten. Sich an die Fahne haltend, griff der Geſell noch einmal nach der Oeffnung hinauf, aus der ihm ein Päck⸗ chen hinausgelangt wurde, welches er auf ſeinem gefährli⸗ chen Standpunkte öffnete. Als er aus demſelben einzelne Blätter nahm und auswarf, die bald wie eine Schar weißer Tauben in der Luft flatterten, merkte man wohl, daß er Gedichte, oder eine Rede ausſtreue. Ehe aber noch ein einziges Blättchen zur Erde gekommen war, hatte er ſich mit Hülfe des im Thurm ſtehenden Mannes ſchon wie⸗ der an die Oeffnung hinauf und hinein geſchwungen. Jetzt erſt athmeten die Bürger wieder frei auf, denn ſie ſahen, daß das gefährliche Wageſtück glücklich vollbracht war. 3* — 198— Viertes Capitel. Auf die Mitglieder der drei Gewerke aber hatte dieſes Ereigniß den ſeltſamſten und verſchiedenſten Eindruck ge⸗ macht. Keiner hatte davon gewußt; die Maurer waren ſo überraſcht wie die Schloſſer und Zimmerleute, nur daß ſie ſich dieſer beſondern Feierlichkeit ſtolz erfreuten, jene ſcheel dazu ſahen, weil es ihnen, und nicht mit Unrecht, bedünkte, daß die Fahne auch ihre Farben hätte tragen ſollen. Am verdrießlichſten aber waren die Zimmerer, denn ſie glaubten gewiſſermaßen ihr Balkenrecht verletzt und herabgewürdigt, weil künftig Niemand nach dem Balkenkopf zeigen werde, ſondern nur nach der Fahne, die darauf ſtand. Die beiden Altmeiſter traten zuerſt zuſammen und beſprachen ſich; dann gingen ſie auf Johann Erbach zu und theilten ihm unver⸗ holen ihre Unzufriedenheit mit. Dieſer aber in ſelbſtgefälli⸗ ger Freude uͤber den, ſo ſchien es ihm, vollkommenen Triumph antwortete in einem ſcherzenden Tone, der aber den Verletzten faſt wie Spott vorkommen mußte:„Was ſchwatzt Ihr doch, Gevattern; wenn dereinſt ein Fremder durch Freiburg kommt, ſo fragt er: Wer hat den Dom gebaut? und nicht, wer hat ihn gezimmert oder die Schloſſerarbeit gemacht. Darum gebührt es auch dem Maurergewerke, ſeine Fahne hoch an der Spitze aufzu⸗ ſtecken. Und wie Ihr Zimmerleute den Dachſtuhl zim⸗ mern müßt, damit wir darauf decken und weiter bauen und Ihr Schloſſer und Schmiede uns Eiſenwerk liefert, womit wir unſere Arbeit verklammern und feſt verbinden: ſo war es auch billig, daß wir unſere Fahne auf den Zim⸗ mermannsbalken aufſteckten und daß ein Schloſſer uns den Beſchlag lieferte, der ſie hält. Und damit gebt Euch zu⸗ — 109— frieden, denn zu ändern iſt doch nichts mehr.“ Noch ehe Erbach ausgeſprochen hatte, war der Schloſſer⸗Altmeiſter vor Zorn roth geworden wie ein Stück Eiſen in der Glut. Eben wollte er losbrechen wie ein Feuer ſpeiender Berg, als ein ganzer Regen jener vom Thurme herabfallenden Blätter ſie überſchüttete und das Volk, um dieſe zu er⸗ haſchen, ſich ſo zwiſchen ſie drängte, daß die drei ſtreitenden Männer auseinander kamen. Unſerem Schloſſermeiſter flog ein ſolches Blatt faſt unvermeidlich in die Hand, danach zu greifen war er zu erbittert. So packte er es aber ganz unwillkürlich und drückte es in ſeiner Wuth zu einer Kugel zuſammen. Da fiel ihm ein, daß der Inhalt deſſelben ihm vielleicht neue Urſache zum Zorn geben dürfte; er faltete es daher wieder auf und begann, obwol er nicht der größte Gelehrte ſeiner Zeit war, es zu leſen, eine Kunſt, die er, wie damals Jeder, faſt ſo hoch ſtellte als die ſchwarze. Er hatte Verſe vor ſich, die folgendermaßen lauteten: Da flattert jetzt die Fahn' und weht, Daß Ihr ſie alle leuchten ſeht; Ich aber, der ſie aufgeſteckt, Mir bleibt ringsum nichts unentdeckt. Es liegt der Markt zu Füßen mir, Von vielem Volke wimmelt's hier: Die Gaſſen ſeh' ich kreuz und quer, Doch ſie ſind alle ſtill und leer. Und weiter grüner Felder Schein, Fern, drüben dort, der alte Rhein; Dahinter liegt der Berge Grau, Das all' umſpannt des Himmels Blau. Und lieblich ſcheint der Sonnenſtrahl, Beleuchtet Alles hell zumal; Er ſegnet unſrer Berge Pracht, Die Wein uns für und für gebracht. Sie liegen hinter mir, zur Seit', — 200— Voll grüner Reben weit und breit.— Und wenn ich denk', wie ich hier ſteh', Rings Alles deutlich überſeh', So denk' ich auch, aus jedem Ort, So fern ſie liegen hier und dort, Sieht man auch dieſes Baues Pracht, Den unſre Kunſt zu Stand' gebracht, Und wundert ſich und ruft: Fürwahr, „Wie iſt die Kunſt ſo wunderbar! uUnd wer's nicht ſieht, hört weit und breit Von dieſer Pracht und Herrlichkeit. Ja, noch nach manchem Hundert Jahr' Steht unſre Arbeit immerdar. Wer ſie beſieht und recht beſchaut, Der wird gottſelig auferbaut Und denkt: Es lebten jener Zeit Doch viele fromme, wackre Leut', Und in der Maurerkunſt, fürwahr, Da thät man große Wunder gar. Dann rühmet man die gute Stadt, Die ſolch ein Werk vollführet hat, Und wünſcht ihr Segen, Glück und Heil Für jetzt und alle künft'ge Weil'; Doch rühmt man mehr des Meiſters Hand, Der ſolch ein Wunderwerk erfand. Drum haltet hoch in Eurer Gunſt Die edle, ſchöne Maurerkunſt; Denn ihr, nächſt Gottes Segen, dankt Ihr dieſes Werk, das herrlich prangt Und Eurer Stadt wird weit und breit Ruhm bringen jetzt und allezeit, So daß, wenn Freiburg wird genannt, Der Münſter Jedem iſt bekannt. Drum alleſammt, Ihr Bürgersleut', Seid ſtolz und jubiliret heut. „Die Mauren leben!“ rufet laut, „Die uns den Münſter aufgebaut!“ —— * „—— - — 201— Unſer Schloſſermeiſter hatte noch kaum die letzte Zeile geleſen, als ſchon das Volk jubelnd rief:„Die Maurer leben! Hoch! Meiſter Erbach und ſein Gewerk ſoll leben! Hoch! Und abermals Hoch!“ So erſchallte der Ruf auf dem Markt, denn die Menge, von einigen Vorſchreiern zur übermüthigen Fröhlichkeit gereizt, überdies noch durch das ganze Schauſpiel freudig überraſcht, konnte ſich nun an dem Getümmel, welches ſie ſelbſt veranlaßte, gar nicht ſättigen. Man umringte den Meiſter Erbach und das ganze Gewerk und da dieſes ſich zum Heimzuge anſchickte, folgte die drängende Maſſe ihm durch die Straßen und ließ fortwäh⸗ rend ihr ſchallendes Lebehoch ertönen.— Dieſer ganz unge⸗ meine, über alle Erwartung glückliche Erfolg ſeiner Ueber⸗ raſchung wiegte den Altmeiſter in eine Art von Rauſch ein, welchem er ſich nur zu gerne überließ. Sein Anſehen, ſeine Würde, ſein Ruhm kamen ihm ſelbſt ganz unbegreif⸗ lich und unermeßlich vor, und ſeinen taumelnden Träumen nach waren Kaiſer und Reich in dieſem Augenblick ein Ge⸗ ringes gegen ſeine eigene Bedeutung. Auf dem Markt hatte ſich Evchen zu ihm gefunden und ging jetzt an ſeiner Seite. So hoch ihr das Herzchen vor Stolz und Freude über die Ehre, die dem Vater widerfuhr, ſchlug, ſo manche Gedanken von Größe und vornehmer Pracht ihr durch das kleine Köpfchen gingen, ſo blieb ihre Hauptempfindung doch dem Glücke geweiht, das ſich für ſie an dieſe Feſtlichkeit knüpfte. Bei jedem Lebehoch, das ſie hörte, dachte ſie an die ſchallenden Geſundheiten, die man bald an der Hoch⸗ zeitstafel ausbringen würde, wo ſie als Braut nicht nur . die geehrteſte, ſondern auch die glücklichſte, die ſeligſte auf dem ganzen Feſte ſein würde.— Das arme Kind ahnte freilich nicht, daß jedes Vivat für ihren Vater ein Pereat 4 ihres Glückes war. * 9*†* — 202— Endlich war der Zug vor des Altmeiſters Hauſe ange⸗ langt; die Bergleute ſpielten noch einige luſtige Stückchen, das Gewerk brachte noch ein dreimaliges Lebehoch aus und dann zog man weiter nach dem Gewerkshauſe, um ſich dort zu vertheilen. Nicht lange dauerte es, ſo hatte ſich auch die Menge verloren und die Straße war ſo ſtill wie gewöhnlich. Evchen hatte eine Küchenſchürze vorgebunden und ſorgte für das Mittagseſſen, das ſie mit dem Vater ganz allein einnahm. Als ſie ſich Beide dazu niederſetzen woll⸗ ten, mußte die Tochter den Vater daran erinnern, daß das Tiſchgebet noch nicht geſprochen ſei. Da nahm der Alte ſein Käpplein vom Haupte und ſprach demüthig:„Ich bin ein großer Sünder! Gott hat mir heute Freude und Ehre im reichen Maße beſcheert und ich ſollte ſein vergeſſen?“ Dabei traten ihm die Thränen tiefer Rührung ins Auge. Jetzt empfand er die erſte reine Freude; Alles zuvor war Täuſchung und irdiſcher Schein geweſen.„Bete, mein Kind,“ ſprach er zu Evchen,„bete recht aus frommem Her⸗ zen; Gott hat uns Vieles gegeben; wir wollen daraus ler⸗ nen, wie groß ſeine Macht iſt und wie tief er, der uns erhöht hat, uns ſtürzen kann. Bete, mein Kind, bete recht fromm!“ So faltete er die Hände und ſenkte das ſchon alternde Haupt demüthig zur Erde. Evchen aber betete: „Herr Gott! laß deine Hand das Glück ſegnen, daß es unſer Herz nicht hochmüthig mache, und erhalte uns Deine Gnade in alle Wege!“ Darauf ſank ſie dem Vater an die Bruſt, der ſie herz⸗ lich küßte und ſprach:„Evchen, wäre Deine Mutter bei uns!“ * ſs — 2032— Füntktes Capitel. Als das Maurergewerk den Domplatz verlaſſen hatte, zogen auch die beiden anderen Gewerke ab, aber nur von wenigem Volk begleitet. Die beiden Altmeiſter hatten ſchon zuvor eine Zuſammenkunft nach Beendigung der Feierlichkeit verabredet, an der die übrigen Meiſter Theil nehmen woll⸗ ten. Denn die Ehre der Gewerke ſchien ihnen zu tief ge⸗ kränkt und nach der Anſicht, die zu jener Zeit in dieſen Ständen herrſchte, mußte nothwendig etwas geſchehen, um den erlittenen Schimpf auszulöſchen. Sie verſammelten ſich daher in Meiſter Brunner's Hauſe.„Freunde,“ begann die⸗ ſer,„uns iſt eine Kränkung widerfahren, die wir nicht auf uns ſitzen laſſen dürfen, die ganze Stadt wird uns ſonſt mit Hohn und Spott verfolgen. Nicht daß der Hochmuth des alten Erbach mich ſo erbittert hätte; aber ich habe hö⸗ ren müſſen, daß die Bürger riefen, als der Wagehals auf dem Zimmermannsbalken ſtand:„„Da ſieht man's! Maurer haben doch noch Muth. Dahin wagte ſich kein Zimmergeſell noch Schloſſer. Sie denken Wunder, was ſie gethan haben, daß ſie ſo hoch am Thurm noch arbeiteten, und die Zimmerleute laſſen gar einen Balken zum Gedächtniß ſtehen. Aber auf dem Gerüſte da oben hätte Jeder von uns ohne Schwindel gearbeitet; doch den Balken zu betre⸗ ten, ſich aus der Luke darauf hinabzulaſſen, ſich auf dem Dinge, wo man kaum die Füße zu ſetzen Platz hat, gar umzudrehen und die Fahne einzuſtecken, das nennt man etwas wagen. So etwas unternehmen auch nur die Mau⸗ rergeſellen. Davon wird man ſprechen, ſo lange der Thurm ſteht.““ Seht Freunde, das iſt die Rede der Leute, die * — 204— uns bis ins Herz kränken und beſchimpfen muß. Und was wollen wir anfangen? Steigt einer von uns hinauf, ſo heißt es doch nur, daß wir's nachäffen. Wer aber wollte etwas Verwegneres ausſinnen? Jetzt gebt guten Rath, denn der iſt wahrlich theuer!“ Die Meiſter ſtanden umher und zuckten die Achſeln. Keiner wußte etwas zu ſagen. End⸗ lich begann Johann Hagenbach:„Hört, Freunde, ſonſt iſt es immer die Sache der Meiſter, der Aelteſten, die Ehre des Gewerks zu vertreten. Hier aber hat ſich ein ſo ſelt⸗ ſamer Fall begeben, daß diesmal das alte Geſetz wol eine Ausnahme erdulden möchte. Kommt es darauf an, ein Werk auszuführen, das mehr Kunſt, Einſicht und Erfah⸗ rung zeigt, ſo müſſen freilich die Alten voranz hier ſoll aber Muth und Gelenkigkeit einen kecken Streich ausüben und das iſt, ich geſtehe es gern, mehr die Sache der Ju⸗ gend. Ich ſchlage daher vor, daß wir die keckſten und geſchickteſten Geſellen beider Gewerke zuſammenrufen; die ſollen einen Rath unter ſich halten, was ſich wol am beſten ſchicken möchte, um die Ehre des Gewerkes zu retten. Denn ein Anſehn muß die Sache auch haben; mit einem bloßen tollen Streiche würde uns ſchlecht gedient ſein, wenn ſich auch Einer fände, der allenfalls auf dem Kopf da ſtehen wollte, wo der Geſell mit ſeinen geſunden Füßen geſtanden hat. Was die Geſellen ausſinnen, ſollen ſie uns, den Mei⸗ ſtern, dann vortragen und wir wollen die Entſcheidung ge⸗ ben, ob es gehen kann oder nicht. Was meint Ihr dazu?“ Da Keiner etwas Beſſeres wußte, waren ſie Alle damit zufrieden.„Noch Eins!“ rief der Schloſſer⸗Altmeiſter, als ſie eben ſchon fortgehen wollten;„ich für mein Theil gehe nach dieſer Geſchichte heut Nachmittag nicht auf das Feſt im Schießhauſe. Ehe mein Gewerk nicht Genugthuung hat, laſſ' ich mir keine Ehre erweiſen. So denk ich. Wie Ihr — 205— Andern denket, weiß ich nicht; gut wäre es aber, Ihr hiel⸗ tet zu meiner Meinung.“—„Das wollen wir!“ riefen Alle wie mit Einer Stimme. So ging die Verſammlung auseinander, indem ſie ſchon darin eine Art von Triumph ſah, wenigſtens eine Gelegenheit gefunden zu haben, ihren Zorn öffentlich und entſchieden auszuſprechen.— Kaum wa⸗ ren die Meiſter fort, als Berthold zu ſeinem Vater herauf⸗ kam. Der arme Junge, der längſt gemerkt, was in des Alten Seele vorging, hatte in der peinlichſten Erwartung geharrt, bis die Verſammlung zu Ende war. Schon in der Hausflur hörte er, daß die Gewerke das Feſt auf dem Schießhauſe nicht zu beſuchen verabredet hatten. Für ihn war alſo Freude und Hoffnung dieſes Tages gewiß dahin, vielleicht aber gar für immer. Er wagte es daher nicht, mit dem Vater, gegen den er ſonſt ganz unbefangen war, von Dem zu ſprechen, was ihn ſo ſchwer drückte. Doch die⸗ ſer begann ſelbſt.„Berthold,“ ſprach er,„Du liebſt doch Deinen Stand?“—„Gewiß,“ antwortete er.—„Lieber Sohn, was man liebt, das muß auch achten. Unſer Stand iſt unſere Ehre. An dieſe wahre Bürgerehre müſſen wir Alles ſetzen. Kurz, aus Deiner Verlobung kann nichts werden.“—„Vater!“—„Wenigſtens vord er Hand nicht; erſt muß die Ehre unſeres Gewerks auf das glän⸗ zendſte hergeſtellt ſein. Der alte Erbach muß uns Genug⸗ thuung geben!“—„O das wird er nimmermehr,“ rief Bert⸗ hold, dazu kenn' ich ihn zu gut.—„So wird er auch nimmermehr Dein Schwiegervater,“ entgegnete der Schloſ⸗ ſermeiſter heftig.—„So werde ich nimmermehr glücklich, antwortete Berthold und mußte ſeine ganze Kraft zuſam⸗ men nehmen, um die traurigen Worte über die Lippe zu bringen. Beide ſchwiegen eine Zeit lang. Berthold ſtellte ſich — 206— ans Fenſter und ſah gedankenvoll bald in die Gaſſe hinein, bald nach dem Thurm hinauf, während große Thränen ihm über die Wangen rollten. Der Alte ging im Gemach auf und ab; wohl war's ihm auch nicht um's Herz, denn er ſtörte das Glück ſeines Sohnes nicht gerne. Aber es ſchien ihm nothwendig, wenn er ſelbſt und das Gewerk nicht ganz beſchimpft und unwürdig daſtehen ſollten; der Gedanke aber war ihm unerträglich. Nach einer Pauſe be⸗ gann er daher.„Mein Sohn, gib die Hoffnung nicht verloren. Wir Meiſter haben hier Rath gehalten und aus⸗ gemacht, daß irgend ein kühner, aber doch nicht unſinniger Streich durch das Gewerk ausgeführt werden muß, mit dem wir die Maurer überbieten. Sie haben ihre Fahne an einem Orte aufgeſteckt, wohin, wie die Bürger ſagen, kein anderer Handwerksmann ſich zu ſteigen getraut. Da⸗ rin liegt der Hauptſchimpf. Ihr jüngeren Burſche ſollt dies⸗ mal die Ehre des Handwerks retten. Du biſt gewandt, keck und kühn, vielleicht ſinnſt Du etwas Anſtändiges und doch Kühnes aus. Ich weiß, daß es gefährlich iſt, höchſt gefährlich ſogar. Aber ich will Dich lieber vor meinen Augen vom Thurm herabſtürzen und zerſchmettert vor der Kirchthüre liegen ſehen, als daß länger zu unſerer Schande die Fahne dort oben wehe und jeder Bürger noch unſern Kindeskindern ſagen dürfe:„Seht, die Fahne hat ein Maurergeſell aufgeſteckt, als der Thurm geweiht wurde, und dahin hat ſich ſeitdem kein Menſchenkind auf freien Füßen gewagt. Ja die Schloſſer⸗ und Zimmergeſellen haben's niederſchlucken müſſen; ſo groß ſie ſonſt auch den Mund aufzuthun pflegen, damals blieben ſie mäuschenſtill und ſchlichen am Thurme vorbei, ohne hinaufzuſehen. Und noch jetzt macht jeder Schloſſer und Zimmermann lieber einen weiten Umweg, als daß er über den Domplatz geht; denn — 207— da rufen ihm gleich die Kinder nach, holt doch die Mau⸗ rerfahne herab, wenn Ihr's Herz habt!— Berthold! Soll man uns das nach funfzig Jahren noch ſagen dürfen, ja länger, ſo lange der Thurm ſteht, ſo lange man die Stadt Freiburg nennt, ſo lange man in ihrer alten Chronik leſen muß, daß damals kein Schloſſer und kein Zimmerer zu fin⸗ den geweſen ſei, der ſolch ein Wageſtück unternommen hätte, als die Maurer?“ Während dieſer Worte des Vaters ſchien Berthold einen Entſchluß gefaßt zu haben.—„Vater,“ rief er,„gebt Ihr mir Euren Handſchlag, daß Ihr meinem Glücke durch nichts im Wege ſein wollt, wenn etwas zur Ehre unſeres Gewerkes geſchieht, worüber unſere Bürger noch mehr erſtaunen ſollen, als über den dreiſten Geſellen, der die Fahne aufgeſteckt hat?“—„Ja, mein Sohn,“ rief der Altmeiſter,„darauf haſt Du mein Wort. Und am liebſten halte ich's Dir, wenn Du ſelbſt Das ausführſt, was unſere Gewerksehre rettet.“—„Nun, ſo bin ich wieder froh,“ jubelte Berthold, denn das ſage ich Euch, ſie ſoll nicht bloß gerettet werden, ſondern Meilen weit in der Runde ſoll man davon ſprechen, und ich denke, was ich thun will, wird ſich in der Chronik noch beſſer ausnehmen, als was die Maurer gethan, wenn es mir gelingt, ſetzte er doch etwas ernſthaft hinzu. Der Zuſatz machte auch den Alten bedenklich, denn er ſah wohl ein, daß hier von einer leichten Aufgabe nicht die Rede ſei. Er ſah daher den Sohn lange an, dann ſchloß er ihn heftig an ſeine Bruſt und ſagte:„Gott wird Dir helfen; ich will lieber mit Kummer, als mit Schande um meinen Sohn in die Grube fahren!“ — 206— Sechstes Capitel. Evchen trat noch einmal vor den Spiegel und ſah wie ihr der neue Anzug ſtand. Sie rückte den goldenen Pfeil zurecht, der ihr das in Flechten aufgewundene Haar zu⸗ ſammenhielt, zupfte noch ein wenig an der Halskrauſe, ſtrich mit der Hand noch einmal über die Falten ihres Bu⸗ ſentuchs hin, damit ſie in der rechten Lage blieben, drehte ſich dann raſch und vergnügt um und rief:„Nun bin ich fertig, Vater!“—„Gut, ſo komm,“ antwortete dieſer, und ſie gingen nach dem Schießhauſe. Das muntere, raſche Evchen, die ſchon ſonſt immer leicht wie ein Reh über die Straße hüpfte, fühlte jetzt ſchon den Tanz in beiden Füß⸗ chen und konnte ſich gar nicht an des Vaters ſchweren, langſamen Schritt gewöhnen. Jetzt bogen ſie in die Quer⸗ gaſſe ein, die nach der Straße führte, wo Berthold im Hauſe ſeines Vaters wohnte. Evchen wußte ſchon ſo gut wie gewiß, daß er vor der Thür ſtehen, oder wie von un⸗ gefähr in demſelben Augenblicke heraustreten würde, wo ſie mit dem Vater vorbeikam, denn noch keinen Sonntag hatte er's anders gemacht; und nun vollends heut! Jetzt hatten ſie die Ecke erreicht; des Schloſſers Haus war zu ſehen, aber Berthold ſtand nicht vor der Thür.— O, dachte Ev⸗ chen, der Schalk lauſcht hinter dem Fenſtervorhang und, ſo wie wir an der Thür ſind, tritt er heraus und thut gar im erſten Augenblick, als ſäh' er mich nicht. Den kenn' ich beſſer!—„Aus dem Hofgebäude des Gevatters ſteigt ja ein dicker Rauch auf, als ob er arbeite?“ ſprach der Vater.„Er wird doch nicht heut am Feſttage, und vollends an einem ſolchen, in der Werkſtätte ſtehen?“ — 209— Evchen hatte den Nauch ebenfalls mit Verwunderung be⸗ merkt. Sie waren jetzt bis an die Thür gekommen, aber kein Berthold ließ ſich ſehen. Plötzlich ging ihr der Vater viel zu raſch; ſie konnte ihm gar nicht folgen, ſie kam außer Athem, der Fuß that ihr weh, der Schuh drückte ſie, ſie mußte ſtill ſtehen und eine Falte in dem netten weißen Strümpfchen zurecht ziehen, kurz, ſie hatte unglaub⸗ liche Unglücksfälle. Trotz dem blieb das Haus des Schloſ⸗ ſers immer weiter hinter ihnen zurück, ohne daß Berthold ihr folgte.— Der böſe Menſch! Gerade heut muß er mich vergeſſen? So will ich ihn auch nicht mit einem freundlichen Blick anſehen, wenn er mich zum Tanz auf⸗ fordern will! Er ſoll lange um Vergebung bitten. Da kommt Jemand eilig hinter uns her! Das iſt eer gewiß! Wenn ich mich nur umſehen könnte, ohne daß es dem Vater auffiele!— Verſtohlen, halb nach unten gebückt, als beſehe ſie etwas an ihrem Kleide, war das Köpfchen ſo weit herum, daß ſie ſehen konnte, wer ihnen nachkam. Viele Leute, nur nicht Berthold.— Sie gingen durch's Thor; noch Niemand da.— Das iſt doch zu arg! Ich ſollte gar nicht mit ihm tanzen! Der Abſcheuliche, mir ſo die Freude zu verderben!— Draußen ſah man ſchon viele Bürgerfamilien, die, feſtlich geputzt, den ſchönen, ſchattigen Gang von alten Nuß⸗ und echten Kaſtanienbäumen nach dem Schießhauſe hinuntergingen. Alles ſah heiter und freundlich aus; nur Evchen zeigte ein mismüthiges, faſt betrübtes Geſicht. Aber ſelbſt dem kleinen Unmuth verlieh ſie Anmuth. Bekannte grüßten, ſprachen an, geſellten ſich zu ihnen. Gutz; denn jetzt war es leichter für Evchen, ſich öfter umzuſehen, ob nicht andere Freunde und Bekannte ihnen nachkämen: in Menge; nur der Eine, auf den ſie mit aller Ungeduld des Herzens harrte, wollte ſich nicht zei⸗ — 210— gen. Endlich lag das Schießhaus am Nande eines grünen Angers vor ihnen. Aus allen Fenſtern deſſelben guckten geputzte Frauen und Mädchen, vor der Thür ſtanden die jungen Männer, aber Berthold fehlte unter ihnen. In⸗ dem Evchen und ihr Vater unter die dichtere Menge ka⸗ men, trat ein Maurermeiſter zu ihnen heran.—„Nun, wißt Ihr ſchon die große Neuigkeit, Meiſter Erbach?“ fragte er.—„Kein Wort. Was denn? Sind die Türken“— „Was Türken! die wohnen weit in der Türkei. Aber in unſerer Stadt!“—„Nun was gibts denn da?“—„Stellt Euch nicht unwiſſend. Solltet Ihr wirklich nichts von der Verſchwörung gehört haben, die die Schloſſer und Zimmer⸗ leute gegen uns anſtiften wollen, weil wir ſie durch unſere Fahne ausgeſtochen haben?“—„Keine Sylbe,“ ſprach Er⸗ bach höchſt erſtaunt, und Evchen hing mit ängſtlichen Blicken an dem Munde des Erzählers; denn Liebende haben gar feine Ahnungen; ſie merkte ſchon, daß Bertholds Aus⸗ bleiben mit der Geſchichte, die ſie vernehmen ſollte, im Zu⸗ ſammenhange ſtehe. Der Meiſter erzählte nun, was wir wiſſen.—„Sie ſind Narren, und nicht recht geſcheidt,“ er⸗ widerte der alte Erbach am Schluß der Erzählung.„Das wird nicht ſo lange dauern, wie der Schnee im März. Gebt Acht, künftigen Sonntag ſteht Alles wieder beim Alten. Man muß über die Geſchichte lachen, das iſt das Beſte.“ Wie gern hätte Evchen gelacht! Aber es war ihr anders zu Muthe, denn, wie geſagt, Liebende ahnen zu richtig.— Was hatte indeſſen Berthold gethan? Er war ſogleich nach dem Mittagseſſen hinabgegangen in die Werk⸗ ſtätte, um dort, trotz des Sonntags, zu arbeiten. Als der Vater ihn fragte, was er denn eigentlich vorhabe, ſagte er: „Vater, ich will es allein ausführen, aber es muß auch mein Geheimniß bleiben; Ihr wißt, wie wichtig mir die — 211— Sache iſt, daher werde ich nichts Thörichtes unternehmen. Nun aber laßt mich auch ganz allein machen und wartet alles Uebrige ab. Morgen um dieſe Zeit, dafür ſtehe ich Euch, iſt die Sache entweder glücklich beendet oder— nun, Gott wird helfen! Jetzt habe ich jedoch keinen Augenblick Zeit zu verlieren.“ Er verſchloß ſich nun in der Werk⸗ ſtätte, zündete die Kohlen an, ſetzte die Bälge in Bewe⸗ gung und hämmerte und feilte, daß es durch das ganze Haus ſchallte. Von ſeiner Arbeit ſtieg der ſchwarze Rauch auf, den Evchen und ihr Vater geſehen hatten; was er aber machte, wußte Niemand. Das Feſt war für unſer getäuſchtes Evchen ein ſehr betrübtes geweſen. Am liebſten wäre ſie nach Hauſe ge⸗ gangen und hätte ſich recht ſatt geweint; ſo aber mußte ſie nach des Vaters Willen bleiben und tanzen und fröhlich thun. Als es endlich neun Uhr geſchlagen hatte, hörte der Tanz nach bürgerlicher Sitte auf. Aber aus dem Garten, von der großen Wieſe her, ertönte es wie der Donner eines Kanonenſchuſſes. Das war das Zeichen zum Feuerwerk. Die Bürger ſtrömten auf die Wieſe hinaus und ſtanden dicht gedrängt beiſammen. Jetzt praſſelten die Raketen in die Luft und die Leuchtkugeln ſtiegen ſanft mit bläulichem Silberſchein in den reinen Aether hinauf. Alles jauchzte und jubelte. Evchen aber dachte, das menſchliche Glück iſt wie eine Rakete oder Leuchtkugel. Sie glänzt ſo prächtig, leuchtet ſo lieblich und ſteigt raſch immer höher und höher, daß man denken ſollte; ſie werde den Himmel errei⸗ chen; plötzlich aber erliſcht ſie und Alles iſt finſter und traurig. Unter dieſen betrübten Gedanken ſchlichen ihr die Minuten dahin. Endlich dachte der Vater an den Heim⸗ weg und nahm dadurch die drückende Laſt der Verheim⸗ lichung und Verſtellung von Evchens Herzen, die ſie leider — 212— hatte üben müſſen, ſo daß ihr oft ganz angſtlich dabei zu Muthe geworden war.— Als ſie wieder durch's Thor ge⸗ kommen waren und die Gaſſe hinunterſehen konnten bis an des alten Brunner's Haus, erblickte Evchen zu ihrem Erſtaunen wieder die hohe Rauchſäule, die aus dem Schlott des Hofgebäudes in ſchwarzen Wirbeln, mit ſprühenden Funken untermiſcht, emporſtieg und ſich in einer langen düſtern Wolke an dem lichten, vom Monde ſchon däm— mernd beglänzten Himmel dahinzog.„Was der Teufel mag der alte Eiſenfreſſer denn vorhaben,“ ſprach Meiſter Erbach zu ſeiner Tochter,„daß er am Sonntage bis ſpät in die Nacht hinein arbeitet! Ich wette, dahinter ſteckt etwas. Ge⸗ wiß wollen die Schloſſer durch irgend einen Streich ihre Scharte auswetzen. Nur zu! Ich fürchte mich nicht, denn ich möchte ſehen, wie ſie mir's nachthun wollten.— Es koſtet mich vieles Geld,“ fuhr er nach einer Weile zu Evchen fort, die ſchweigend neben ihm ging,„daß unſere Fahne dort oben vom Thurme herunterweht. Von unten ſah es freilich gefährlich aus, als ſie aufgeſteckt wurde; wer's aber nicht oben genau beſchaut hat, der weiß doch nicht, was dahinter ſteckt. Weil ich ſeit lange her auf die Sache dachte, hatte ich mir meine Leute im Gewerk ſchon auser⸗ ſehen; wir haben viele dreiſte Burſche, aber ſie beſtanden bei minder gefährlichen Proben nicht. Der Verwegenſte blieb immer der Martin, der geſtern die Fahne auch aufgeſteckt hat, und dem habe ich, jetzt kann ich's Dir wol ſagen, Evchen, hundert Gulden gegeben. Aber doch hat er mir heute Abend geſagt:— Meiſter, und wenn Ihr mir jetzt tauſend Gulden bötet und Eure ſchöne Tochter dazu(Ev⸗ chen fuhr zuſammen), ſo ſtiege ich doch nicht wieder ſo frei zum Thurme hinaus. Die Fahne wird Euch Kei⸗ ner herunterholen, der nicht fliegen kann, das verſichere ich — 213— Euch. Sie ſteht ohne Wächter, ſicher für ewige Zeiten da.— Ja, ſo ſprach der Martin heut Abend, während Du tanzteſt. Aber dafür iſt es auch mein und des ganzen Gewerkes Triumph geworden!“— Evochen dachte bei ſich: Wollte Gott, es wäre nicht ſo und der Martin hätte früher ſo gedacht wie jetzt; dann ſtände es glücklicher um uns.— Aber ſie wagte kein Wort zu äußern, weil ſie wußte, der Vater war ſeines Ruhmes zu froh, als daß er nicht ſehr böſe geworden wäre, wenn man ihm jetzt widerſprochen hätte. So erreichte ſie denn das Haus und ging zu Bett. Als Evchen nun auf ihrer Kammer allein war, da mußte ſie das bange, gepreßte Herz erleichtern und brach in recht bitterliche Thränen aus. Denn ſie fühlte wohl, welche Gefahr ihrem Glücke drohte und daß der Groll der Alten in acht Tagen nicht verraucht ſein würde. Ein Wort aber hätte mir Berthold doch ſagen, einen Wink hätte er mir geben können! Wenn er mich ſo liebte wie ich ihn! Aber ſo ſind die Männer, iſt ihr Stolz beleidigt, dann mag einem armen Mädchen das Herz brechen, ſie kümmern ſich nicht darum.— In dieſen Gedanken ſaß ſie noch lange auf ihrem Bette. Da hörte ſie durch die Stille der Nacht plötzlich den Ton einer ſanften Stimme und erkannte bald an der Weiſe ein Lied, das Berthold oft ge⸗ ſungen und von dem die Worte ſo lauteten: Haſt Du gewacht Bei ſtiller Nacht Und bang' gedacht: Er iſt nicht treu!— Und wenn Du weinſt Und wenn Du meinſt,. Er war es einſt, Als Liebe neu! — 214— Schnell iſt er da Und iſt Dir nah'! Nicht Liebchen? Ja, Du fühleſt Reu'. Wie tröſtend drangen dieſe Töne in ihr Ohr! Ich habe ihm Unrecht gethan, dachte ſie, ich muß es gut machen. So ſchlich ſie verſtohlen ans Fenſter, öffnete es und ſchaute durch die Blumen auf die Straße hinab; Berthold ſtand, ſie erkannte ihn ſogleich, unter ihrem Fenſter. Schnell pflückte ſie eine Roſe ab und warf ſie mit einem ganz leiſe hingehauchten„Gute Nacht“ hinab. Dann ſchlüpfte ſie, wie erſchrocken über die That, raſch wieder zurück und verhüllte ſich in ihr weiches Lager, wo ſie von ſüßen und bangen Träumen eingewiegt endlich in Schlummer ſank. Siebentes Capitel. Früh am andern Morgen, dem zweiten Pfingſtfeiertage, hatten ſich die jungen Zimmerleute und Schloſſer auf die Aufforderung der Meiſter verſammelt. Hier wurden die ſeltſamſten Vorſchläge zur Herſtellung der Gewerksehre gemacht. Einige wollten die Fahne der Maurer hinabwer⸗ fen und eine doppelte dagegen aufſtecken, welche die Zeichen der Schloſſer und Zimmerer tragen ſollte; Andere verlang⸗ ten, daß man auf den Knopf des Thurmes ſelber eine Fahne aufſtecken ſolle, und dergleichen Vorſchläge mehr. Alles aber war entweder gar nicht ausführbar, oder es war die un⸗ geſteigerte Nachahmung Deſſen, was die Maurer gethan hat⸗ — e — 215— ten, oder vollends ganz thöricht und lächerlich. Berthold trat endlich auf und ſprach:„Was hilft alles Schwatzen; man muß etwas thun. Ich unternehme es, unſer Gewerk heut nach der Kirche wieder zu Ehren zu bringen. Aber ich ſage nicht, was ich vorhabe. Da Ihr es nicht beſchloſ⸗ ſen habt, ſo fällt der Tadel nicht auf Euch, wenn es übel ausſchlägt; dafür muß aber auch der Vortheil für mich bleiben. Für das Gewerk iſt es immer eine Ehrenſache, die nur Einer vertreten kann; ich will es thun. Habt Ihr was dawider?“—„Nein!“ erſcholl es wie aus Einem Munde.—„Nun, ſo iſt die Sache für uns abgethan. Ihr Zimmerleute mögt für Euch handeln, wie's Euch gut dünkt.“ Damit hatte die Verſammlung ein Ende, denn die Zimmerer hielten es für klug, erſt abzuwarten, was die Schloſſer thun würden, weil es ihnen dann leichter ſchien, auch das noch zu überbieten, als vielleicht vorher auf's Ge⸗ rathewohl etwas minder Schickliches und Kühnes auszu⸗ führen. Die Gewerke zogen, weil die Feier der Einweihung auch am zweiten Tage noch fortgeſetzt wurde, wie geſtern, im feierlichen Aufzuge in die Kirche und verließen ſie eben ſo nach geendetem Gottesdienſt. Jetzt ſtellten ſich, ſo hatte es Berthold geboten, die Schloſſer wiederum auf derſelben Stelle auf wie geſtern; daſſelbe thaten die Zimmerleute. Die Maurer hatten anfangs den Weg nach des Meiſter Erbach's Wohnung angetreten, weil ſie nicht glaubten, daß etwas auf dem Thurm vorgehen würde; jetzt, da ſie merk⸗ ten, daß in der That etwas im Werke war, faßten auch ſie auf derſelben Stelle, wo ſie geſtern geſtanden hatten, Poſten. Das Volk, aufmerkſam gemacht durch dieſe Vor⸗ bereitungen, blieb auf dem Markte verſammelt. Da ſtieg aus derſelben Oeffnung des Thurmes, wo geſtern der Mau⸗ — 216— rergeſell hinausgeſtiegen war, ein Mann in der Tracht des Schloſſergewerkes hinaus. Der unwillkürliche Laut des Schreckens, als er ſich, mit den Händen an die eiſerne Querſtange des Fenſters geklammert, aus demſelben hinaus⸗ ließ und mit den Fußſpitzen den Balkenkopf ſuchte, erſcholl auch diesmal wieder aus dem Munde der verſammelten Menge. Dann wurde es todesſtill und der bange Blick Aller hing an Dem, der das Wageſtück unternahm. Vor⸗ ſichtig drehte er ſich auf dem ſchmalen Standpunkte um und breitete dann beide Arme aus, zum Zeichen, daß er ganz frei ſtehe. Hierauf nahm er, ſo ſchien es, eine metallene, goldfarbige Kette, die ihm um den Hals hing, ab und zeigte ſie dem Volke. An der Kette hing etwas, was man nicht recht erkennen konnte. Aber man erfuhr es bald; denn wie geſtern der Maurergeſell, ſo ſtreute auch heut der Schloſ⸗ ſer gedruckte Zettel herab, die auf den Marktplatz und in die umliegenden Gaſſen herabflatterten. Eine ganze Zeit lang ſtand hierauf der kühne Geſell droben unbeweglich, bis er ſah, daß viele ſeiner Zettel ſchon bis hinab gekommen waren, nach denen Jedermann, wie geſtern, haſchte. Auch Meiſter Erbach fing einen derſelben aus der Luft. Zu ſei⸗ nem Erſtaunen las er darauf: Hier ſteh' ich feſt und ſeh' hinab, Zu meinen Fuüßen gähnt das Grab. Die Kette halt' ich in der Hand, Ein Schlüſſel hängt an ihrem Band und auch ein Haken, doppelt ſpitz; Den ſchlage ich von dieſem Sitz Vorn in die Stirn des Balkens ein. Dann hängt mit blinkend goldnem Schein Das Schloſſerzeichen hier herab. und wer, das frag' ich, nimmt es ab? — 217— Mit dem Meiſter zugleich hatten viele Leute voller Grauſen geleſen, welch ein Abenteuer der allzukühne Schloſſergeſell unternehmen wollte.„Das koſtet ihm das Leben!“— riefen ſie,„er ſtürzt hinab! Wie will er ſich über die Spitze des Balkens herausbeugen und vorne den Haken einſchlagen?“ Indeß hatte Evchen, die Vormittag zu Hauſe geweſen war, das Gerücht von Dem, was vorgehen ſollte, vernom⸗ men. Eine lebendige, ſchreckliche Ahnung trieb ſie nach dem Markte. Sie drängte ſich durch die Menge und rief athemlos:„Laßt mich— zu meinem Vater, zu meinem Vater!“ Die Bürger machten ihr gutwillig Naum. Jetzt war ſie ſo weit vorgedrungen, daß ſie den Verwegenen auf dem Thurme ſehen konnte. War es Berthold, war er es nicht, ſie konnte es nicht erkennen. Ihre Angſt wurde durch die Ungewißheit immer größer; heftiger drängte ſie fort und fort, und kam eben bei dem Vater an, als dieſer den ⸗Zettel ge⸗ leſen hatte.—„Um Gottes willen, Vater,“ rief ſie,„wer ſteht droben?“—„Ich weiß es nicht,“ antwortete der Alte, naber laß uns für ſeine Seele beten, denn ich glaube nicht, daß er glücklich herabkommt.“— Kaum hatte Evchen dieſe Worte gehört, ſo ſtürzte ſie, ohne nach dem Verwundern der Umſtehenden zu fragen, ſich durch die Menge drängend über den Markt fort, dahin, wo die Schloſſer ſtanden.— „Berthold!“ rief ſie athemlos,„biſt Du hier? Berthold!“ Keine Antwort. Alle wußten nur zu gut, daß er es ſei, der droben ſtehe, aber Keiner wagte es dem auf den Tod geängſteten Mädchen zu bejahen. Da erblickte ſie Berthold's Vater, der blaß und erſchüttert daſtand.—„Vater, wo iſt Berthold?“ rief Evchen und ſtand zitternd, die Arme halb emporgehoben, vor ihm. Der Alte, tief ge⸗ rührt, ergriff ihre Hand, zog das bebende Mädchen zu ſich Rellſtab, Gef. Schr. Neue F. III. 10 — 218— und ſprach: Töchterchen, faſſe Muth, Gott wird ihn be⸗ ſchützen!— Bei dieſen Worten deutete er mit der Hand nach dem Thurm hinauf; Eochen aber that einen lauten Schrei und ſank in Ohnmacht. Indeß hatte Berthold, wie geſagt, unbeweglich auf der grauſenvollen Spitze geſtanden und nur die Kette mit dem großen Schlüſſel wieder um den Nacken gehängt. Schon war ihm der furchtbare Blick in die Tiefe gewohnter ge⸗ worden, und er fühlte, daß er jetzt ſein gefährliches Werk beginnen könne. Da ſah er Evchen, denn wie hätte er ſie in der gewohnten Tracht nicht erkannt, ſich durch die Menge drängen, er ſah ſie mit ihrem Vater ſprechen, dann ver⸗ zweifelt hinüber zu dem ſeinigen eilen und endlich nieder⸗ ſinken— und jetzt verließ ihn die ruhige Beſinnung. Es ſchwindelt ihm vor den Augen, der Thurm ſcheint ſich zu drehen, den Stiel der flatternden Fahne vor ſich ſieht er doppelt, er fühlt daß er ſchwankt, greift danach, faßt das ihm vor den Augen flimmernde Scheinbild deſſelben, erhält ſich nicht mehr auf den Füßen, ſie verſagen ihm den Dienſt, die Kniee brechen unter ihm, er ſtürzt! Aber Gott war ihm nahe, denn im Fallen hatte er noch den wirklichen Fah⸗ nenſtiel ergriffen, und da er nicht mit beiden Füßen nach einer Seite abgeglitten war, kam er reitend auf den Balken zu ſitzen. Das unten verſammelte Volk hielt ſeinen Fall für eine kühne mit Abſicht unternommene Bewegung, um in die Stellung zu gelangen, die er jetzt eingenommen hatte, daher erhob es ein lautes Jubel⸗ und Beifallsgeſchrei, klatſchte in die Hände, warf Hüte und Mitzen in die Luft, und wurde von einem begeiſteren Schwindel über die ver⸗ wegene That ergriffen. Wirklich aber war Bertholds Fall ſein Glück geweſen. Denn anfangs hatte er gedacht, ſtehend, nur mit der Schulter gegen die Fahne gelehnt, —.— — 219— vorn hinüber gebückt ſein Werk zu vollenden; jetzt, ſitzend, war es ihm viel leichter. So wie er, nach dem Sturz, ſich wieder feſt auf ſeinem gefährlichen Standpunkte fühlte, hatte er ſogleich ſeine volle, klare Beſonnenheit wieder. Er dankte Gott mit einem kurzen, innigen Gebet für ſeine wunderbare Rettung und ging nun getroſt ans Werk. Zuerſt nahm er die Kette mit dem Schlüſſel von den Schultern, dann zog er einen Haken mit zwei Spitzen aus der Taſche, in deſſen innerer Krümmung er die Kette einhing, und nun langte er einen Hammer aus dem Wamms hervor, um das Werk des Einſchlagens zu beginnen. Er ſetzte, weit übergebückt, die beiden gleich langen Hakenſpitzen mitten auf die Stirn des Balkens auf, ließ aber die Kette mit dem Schlüſſel noch nicht herabhangen, ſondern legte ſie auf den kleinen Raum des Balkens, den er vor ſich hatte. Mit anfangs ſchwächern, dann immer ſtärkeren Schlägen trieb er nun den Haken in das Holz ein und nach weni⸗ gen Minuten war das Werk vollendet. Jetzt faßte er den Schlüſſel und warf ihn hinab. Er hing nun an der Kette wol drei Ellen lang vom Balken herab, und ſchau⸗ kelte hin und her; in dem Augenblick trat die Sonne, die bisher hinter einer Wolke geſtanden hatte, hervor und Kette und Schlüſſel funkelten mit prächtigem Glanz. So wie das Volk dies ſah, erſcholl ein unermeßliches Jubelge⸗ ſchrei, das gar kein Ende nehmen wollte. Der alte Schloſſermeiſter hielt Evchen noch immer in den Armen; jetzt ſchlug ſie, durch das Getöſe erweckt, die Augen auf. Sie wagte aber nicht, nach dem Thurm hinaufzuſehen, ſon⸗ dern fragte nur den Alten:—„Iſt Alles vollbracht?“— „Bald, mein Herz,“ antwortete der Meiſter,„nur noch ei⸗ nige Minuten; bis hieher hat Gott Alles gnädig geleitet!”“— Evchen wollte nicht hinaufſehen, aber verlangte zu ihrem 10* 220— Vater gebracht zu werden. In dem großen Gedränge war dies jedoch für den Augenblick kaum möglich; ſie mußte alſo, von vielen Freundinnen und Bürgern umgeben, noch bei dem künftigen Schwiegervater bleiben. Berthold hatte indeß noch das Schwerſte vor ſich. Er mußte aufſtehen und zurückkehren. Das Erſte ſchien ihm faſt unmöglich, ohne hinabzuſtürzen; denn wie ſollte er es machen, ohne auf dem ſchmalen Balken das Gleichgewicht zu verlieren? Darauf hatte er anfangs nicht gedacht, weil er das Wage⸗ ſtück ſtehend vollenden wollte. Jetzt fiel ihm ein freilich furchtbares, aber doch ein Rettungsmittel ein. Er zog die Kette, an der der Schlüſſel hing, herauf und ſchlang ſie ſich, was er, da ſie doppelt war, leicht thun konnte, um den linken Arm. Fiel er jetzt, ſo mußte er wenigſtens in der Kette hängen bleiben und konnte ſich von dort dann wieder auf den Balken ſchwingen. Dieſes verzweifelte Sicherheitsmittel gab ihm Muth; vorſichtig arbeitete er ſich, mit der rechten Hand die Fahne faſſend, auf den Balken, indem er zuerſt darauf kniete und dann ſich erhob. Jetzt aber ereignete ſich ein neues Unglück; indem er ſich aufrich⸗ ten wollte, verſäumte er es, die Hand raſch genug von der Fanhne loszulaſſen, und hob dieſe ein wenig in den beiden Oeſen, in die der Stiel geſteckt war, ſodaß derſelbe aus der untern Oeſe herausfuhr und dadurch in eine ſchiefe Lage kam. In demſelben Augenblick ſetzte ſich ein Wind⸗ ſtoß in die Fahne und zog Berthold ſo gewaltſam nach einer Seite, daß er, um nicht hinabgeſtürzt zu werden, ſie raſch loslaſſen mußte. Dies geſchah, bei der Bewegung, in der der ganze Körper durch das Aufſtehen von dem Knien war, mit einem etwas gewaltſamen Nuck nach oben, ſodaß die Fahne ſofort das Uebergewicht bekam, der Stiel auch aus der obern Oeſe ausglitt und ſie ſo, flat⸗ 5* 221— ternd, langſam auf den Markt hinunterfiel. Berthold aber war ſo aus dem Gleichgewicht gekommen, daß er ſich nur noch rettete, indem er ſich ſchnell ſeitwärts mit der Schul⸗ ter gegen die Mauer drückte und dann mit der freien Rechten raſch nach dem eiſernen Querſtab in der Thurm⸗ öffnung griff, den er glücklich erreichte. Nun endlich war das gefahrvolle Wageſtück zu Ende. Er wand jetzt die Kette von dem linken Arme los, warf ſie hinab und mit dem innigſten Dankgefühl gegen Gott im Herzen ſchwang er ſich zu dem Fenſter hinauf und hinein. Dann eilte er im vollen Lauf hinab, um die Frucht ſeiner That, Evchens holden Dank und Freude, zu genießen. Ein unermeßlicher Jubel ſchallte von dem Markt herauf, mährend er ſich in das Thurmfenſter ſchwang. Achtes Capitel. Aber der böſe Dämon, der die Liebe unſerer Freunde verfolgte, war ſchon aufs neue geſchäftig geworden, ihr Glück zu zerſtören. So lange Berthold nur beſchäftigt ge⸗ weſen war, das Zeichen ſeines Gewerkes aufzuhängen, hat⸗ ten ſelbſt die Maurer, und vor Allen Johann Erbach, mit Theilnahme, ja mit Freuden der That zugeſehen. Denn die Kühnheit mußte auch an dem Gegner Bewunderung erregen, und ſo beſiegt zu werden, ſchien ſogar dem Ge⸗ werbeſtolz nicht unrühmlich. Als aber jetzt, ſo ſchien es von unten, Berthold die Fahne des Gewerks hinabſchleu⸗ derte und ſo das Zeichen des fremden Tnumphed w mit ver⸗ — 222— achtendem Hohn behandelte— da ergriff die Maurer eine grimmige Wuth und der alte Erbach ſchwur voͤr allem Volke, die That wolle er dem Burſchen nie vergeben. Noch größer wurde das Unheil dadurch, daß die Fahne dicht vor dem Schloſſergewerk niederſtürzte, welches im trunkenen Uebermuth des Sieges über dieſelbe herfiel und, weil Jeder eine Reliquie von der, wie ſie meinten, eroberten Trophäe haben wollte, ſie in tauſend Stücken zerriß, die die Burſche triumphirend auf ihre Hüte ſteckten. Evchen lag indeſſen in den Armen ihres künftigen Schwiegervaters, dem die Thränen aus den alten Augen ſtürzten. Sie konnte ſich noch immer nicht beruhigen, ſondern ſah bleich und zitternd aus, und war, von der Angſt erſchöpft, noch nicht mäch⸗ tig, ihr Glück zu faſſen. Da tönte lauter Jubelruf von der Kirchthür her. Drängend wogte das Volk heran, aber aus ſeiner ſtrömenden Mitte ragte Berthold hervor, den die Bürger triumphirend auf ihren Schultern trugen. Als er Evchen anſichtig ward, warf er ſich hinab, theilte heftig vorſtürzend die Menge und nach wenigen Augenblicken lag die Geliebte zum erſten Mal auf offenem Markte, vor allen Bürgern ihrer Vaterſtadt in ſeinen Armen. Jetzt, als ſie das treue Auge ihres Freundes wiederſah, den warmen Kuß ſeiner Lippe fühlte— jetzt waren Angſt und Schmerz gebrochen und ein Strom heißer Freudenthränen erleich⸗ terte ihr das überdrängte Herz. Als ſie wieder Faſſung gewonnen hatte, verlangte ſie zu ihrem Vater geführt zu werden. Berthold nahm ſie in den Arm und leitete ſie dahin; eine große Menge der theilnehmenden, tiefgerührten Bürger begleitete ſie. Der alte Erbach, voller Zorn, war ſchon mit dem Gewerke nach ſeiner Wohnung aufgebrochen und eben vor ſeiner Thür — angelangt, als Berthold und Evchen ihn erreichten. Kaum — — 323— aber hatte er ſie erblickt, als er rief:„Auseinander! Du wagſt es,“ ſchrie er Berthold heftig an,„hier an meiner Tochter Seite vor mir zu erſcheinen? Du, der Du des Va⸗ ters Ehre gemishandelt, die Ehre ſeines Standes beſchimpft haſt?“—„Vater, um Gottes willen“— rief Berthold— „Schweig,“ entgegnete ihm der aufgebrachte Alte,„und nenne mich nicht Vater! Das iſt vorbei und hiermit be⸗ ſchwöre ich es—“ Evchen fiel dem Vater in den zum Schwur aufgehobenen Arm und bat ihn flehend, abzulaſ⸗ ſen; er aber ſtieß ſie zurück und rief heftiger:„Und hier⸗ mit beſchwöre ich es, nur Der ſoll meine Tochter ſein nen⸗ nen, der Euer Gewerkzeichen Euch zum Schimpf ſo auf den Markt hinabwirft, wie Du jetzt unſere Ehrenfahne hinabgeworfen haſt. Wer aber Das vollbringt, dem gebe ich ſie mit voller Mitgift zu eigen, und wäre er der ärmſte Geſelle oder Lehrburſch. Und wenn ich meinen Eid breche, ſo komme Schande über mein graues Haupt und Fluch über mein ganzes Haus!“ Alle ſtanden erſtarrt rings um⸗ her, als ſie des Meiſters Schwur hörten; Berthold aber faßte ſeine vor Schrecken ſtumme und bleiche Geliebte in den Arm, küßte ſie heftig auf den erblaßten Mund und rief:—„So leb' denn wohl auf ewig! Wir ſind verlo⸗ ren!“ Hierauf legte er die Arme, die ſich nicht mehr auf den Füßen halten konnte, an des Vaters Bruſt, wandte ſich und ſtürzte mit verſtörtem Antlitz fort.— Alles rings umher war todtenſtill; der alte Erbach führte ſeine Tochter ins Haus; die Meiſter und Geſellen zogen davon, aber nicht mit fröhlicher Muſik wie geſtern, ſondern lautlos wie das Grab; das Volk verlief ſich und man hörte nur hie und da von Einzelnen leiſe die Worte murmeln: Er hat ſich ſchwer verſündigt an einem Manne, mit dem Gott wun⸗ — 2242— derbar geweſen! Das arme Kind! Der brave Burſch! Es iſt ein großes Unglück! Unter den Umſtehenden war auch Wilhelm, der Zim⸗ merer, geweſen. Auf den hatte das ſchreckliche Ereigniß einen ſeltſamen Eindruck gemacht. Evchen war nun nicht mehr die Braut eines Andern. Ein kühner Menſch konnte ihre Hand gewinnen.„Aber auch ihr Herz?“ fragte er ſich leiſe und ſeufzte.„Auf den Thurm zu ſteigen, den Haken aus dem Balken zu ziehen, das bischen Leben daran zu wagen, das Alles kommt mir leicht vor, ſo leicht, daß ich es faſt verächtlich betrachte. Denn was kann ich ver⸗ lieren, wenn ich hinunterſtürze? Ein Leben, das mir zur Laſt iſt. Sie aber zu erringen? Das iſt mir ganz unbe⸗ greiflich, das kann ich mir gar nicht vorſtellen! Und wenn es nun aber doch wahr würde! Wiel du wollteſt ihre Liebe zu Berthold nicht achten und ſie unglücklich machen hel⸗ fen? Aber Berthold iſt ja doch nun einmal unwiederbring⸗ lich für ſie verloren, denn wie kann ein Eid zurückgenom⸗ men werden! Evchen aber wird dich nicht lieben! Sie kann dich nicht lieben! Und wenn ich nun Alles für ſie wagte, wenn ich des Vaters Forderung erfüllte und zu ihr träte und ſpräche: Evchen! So wie ich liebt dich doch keine Seele in der Welt. Sollte ihr das nicht das Herz rüh⸗ ren? Aber wenn wir dann ein Paar würden und gingen Arm in Arm durch das grüne, einſame Feld und Berthold begegnete uns, blaß, ſtumm— könnte dann Evchen glück⸗ lich ſein, könnte ich ſelbſt glücklich ſein? Nein, es iſt Alles vergebens. Ich werde niemals glücklich und ſie Beide auch nicht mehr.— Aber ja! Das geht, das wäre möglich— o guter Gott, wenn das gelänge! Wenn ich nun hinauf ſtiege auf den Thurm und riſſe den Haken glücklich her⸗ aus, würfe Kette und Schlüſſel hinunter auf den Markt 8 2 — unter das Volk und käme dann zu Meiſter Erbach und ſpräche:„Vater, jetzt haltet Euer Wort und gebt mir Ev⸗ chen, wie Ihr geſchworen habt.“ Sie würde weinen und nicht gehorchen wollen; ich aber könnte ſprechen: Evchen! Ich habe Dich geliebt als Du noch ein Kind warſt. Nie in meinem Leben habe ich Dir Leides zugefügt, glaubſt Du, daß ich Dich jetzt unglücklich machen werde? Und— nicht aus Liebe, aber vielleicht aus Mitleid, und aus kindlichem Gehorſam, und weil doch Alles verloren wäre, träte ſie dann zu mir und reichte mir ſtumm die Hand und ſpräche zitternd: Ich will Dir folgen und Dein ſein!— Dann werden ihr die Thränen aus den Augen ſtürzen, ich aber drücke ſie an mein Herz und rufe:„Evchen! biſt Du mein?“ —„Ja!“—„Vater, iſt ſie ganz mein eigen?“—„Ja!“ —„Nun, mein Eigenthum kann ich verſchenken,“ und dann werde ich rufen:„Berthold, komm her, hier nimm Dein Mädchen, ich führe ſie Dir zu!“—„Ja, das will ich thun,“ rief Wilhelm, der in dieſen Gedanken die Straße hinunter gegangen war.„Das will ich thun, ſo wahr mir Gott helfe, und dann werde ich glücklich ſein!“ Bei dieſen Worten ſtand er auf dem Marktplatz und ſah hinauf zu der Höhe des Thurmes.„Und jetzt muß es geſchehen! Gleich! So ſchnell als möglich!“— Raſch, ganz dieſes Entſchluſſes voll, eilte er nach Hauſe. Neuntes Capitel. Faſt athemlos, ſo eifrig war er, ſeinen Entſchluß aus⸗ zuführen, kam er daſelbſt an. Mit Freude leuchtenden Augen 10 4u — 226— prach er zum Vater:„O Vater, ſieh mich nicht ſcheel an— jetzt verdiene ich Dein Schmälen nicht— ich bin glück⸗ lich, mir iſt geholfen!“—„Und wie denn?“ fragte der Alte erſtaunt, indem ihn eine ungewohnte Rührung über das freudig erröthende Antlitz des Sohnes, das er ſeit vielen Monden nur bleich geſehen hatte, erfaßte.„Wie? lieber Vater, ja das weiß ich ſelbſt ſo recht noch nicht und dürfte es Euch auch jetzt noch nicht ſagen. Aber ich habe ein Werk vor, das wird der Herr nicht tadeln; darum muß ich Euern Segen haben, Vater, gebt mir Euern Segen!“ Der Alte ſtand auf; erſchüttert und verwundert betrachtete er den Sohn; eine dunkle Ahnung des großen Entſchluſ⸗ ſes, der in Wilhelms Seele gereift war, ſchien auch ihn zu durchdringen und verklärte die alten ehrwürdigen, von ſchlichtem Silberhaar umkränzten Züge.„Gott ſegne Dich, mein Sohn!“ ſprach er mit bewegter Stimme, indem er die Hand auf Wilhelms herabgebeugtes Haupt legte; dann ſchloß er ihn an ſeine Bruſt und ließ ihn ſtumm von ſich gehen. Wilhelm ging hinab auf den Werkplatz hinter dem Hauſe, wo vieles Bauholz in der Arbeit lag, und unter einem Schuppen ſich allerlei Werkzeug befand. Zum erſten Male wurde er jetzt zweifelhaft, wie er das Unternehmen vollfüh⸗ ren ſollte. Der Haken befand ſich auf dem vorderen Quer⸗ ſchnitt des Balkens; ihn von dort herauszureißen war eine ſchwere Aufgabe, ſelbſt wenn der Balken nicht ſo gefährlich und hoch auf dem Thurm geweſen wäre. Den Haken durchzufeilen ging nicht wol an, weil man ſich ohne über⸗ zuſtürzen nicht ſo tief herabbeugen konnte; auch ſchien die Aufgabe dadurch nur unvollkommen gelöſt, weil dann der Haken, als Zeichen der That des Schloſſers, noch im Bal⸗ ken ſtecken geblieben wäre. Wenn man das dulden wollte, — 227— ſo war es das Leichteſte, die Kette ein wenig empor zu ziehen und ein Glied derſelben durchzufeilen. Dieſe Art der Löſung mußte alſo verworfen werden. Es blieb nichts übrig, als den Haken durch Hebelkraft herauszubrechen. Dazu aber war keine geringe Gewalt erforderlich; indeß mußte der Verſuch gemacht werden. Um ihn zu erleichtern, dachte Wilhelm darauf, den Haken zuvor etwas loſe zu machen, nämlich durch Abſtämmen des Holzes rings umher. Er nahm alſo außer einem ſtarken Brecheiſen noch ein Stemmeiſen und einen hölzernen Schlägel zu ſich. Mit dieſen Werkzeugen bewaffnet, wollte er fort. Da fiel ihm erſt ein, daß er ja auch gewiſſermaßen im Namen des Ge⸗ werkes handele und daher feierlich dazu angethan ſein müſſe. Er ging alſo auf ſeine Kammer und that die Feſtkleider des Gewerkes an. Als er hier ſtill und allein war, über⸗ kam ihn eine ſolche Wehmuth, daß er in heiße Thränen ausbrach. Zufällig traf ſein Blick auf eine kleine Brief⸗ taſche von ſauberem Leder mit feinen Pergamentblättchen darin, die er einmal an einem Jahrmarktfeſte von Evchen zum Geſchenk erhalten hatte, als ſie kaum dreizehn Jahre zählte. Es ſchien ihm jetzt, als werde dies einzige kleine Unterpfand freundlicher Anhänglichkeit, welches er von ihr beſaß, ihm zu Schutz und Schirm dienen. Er wollte ſie zu ſich ſtecken, da öffnete er ſie erſt. Ein Veilchen lag darin, welk, farb⸗ und duftlos— und doch ſchien es ihm, als hauche es ihn mit dem Blütenduft des Frühlings an, der ihm damals ſo ſchön lächelte.„Das ſind nun vier Jahre her,“ ſprach er,„und damals war ich ſo ohne Leid, ſo heiter, ſo glücklich. Seitdem bin ich drei Jahre ge⸗ wandert, habe in der Fremde Manches erfahren, bin aber doch immer guten Muthes geweſen. Und als ich zurück⸗ kam, froh und glücklich war, meine Vaterſtadt wiederzuſehen, — 228— da wußte ich nicht, daß mich hier alles Leid und aller Schmerz treffen ſollte! Nun Gott helfe mir! Es wird ſich vielleicht noch Alles geben!“— Er zog den kleinen Bleiſtift hervor, ſetzte ſich nieder und ſchrieb einige Worte, die erſten, auf das Pergamentblättchen. Dabei weinte er oft und hielt ſich die Hand vor die Augenz endlich ſtand er entſchloſſen auf, ſteckte das Brieftäſchchen zu ſich, nahm das Hand⸗ werkszeug und ging. Unterweges begegneten ihm einige Kameraden; ſie frag⸗ ten ihn anſtaunend:„Wohin gehſt Du, Wilhelm? So im Putz und mit dem Handwerkszeug?“— Ich habe ein kleines Geſchäft, erwiderte er ausweichend, es wird bald ab⸗ gethan ſein.— Die Geſellen gingen vorüber. Wilhelm ſtand vor der Kirche. Da überfiel ihn noch ein⸗ mal der Gedanke mit ſeinem ganzen Ernſte, daß er vielleicht von ſeinem Vorhaben nicht zurückkehren werde. Er fürchtete den Tod nicht, aber betrachtete ihn doch mit tief bewegtem, erſchüttertem, ernſt geſtimmtem Herzen. Daher trat er in das Gotteshaus, legte das Handwerkszeug zur Seite hinter einen Pfeiler, kniete dann in einem Beichtſtuhl nieder, beichtete mit gewiſſenhafter Seele und ließ ſich den prieſterlichen Segen für ein gefährliches Unternehmen geben. Jetzt nahm er ſein Handwerkszeug wieder, befeſtigte es ſo, daß er es beim Hin⸗ ausſteigen aus der Oeffnung des Thurmes nicht mit den Hän⸗ den zu halten brauchte, und ſtieg nunmehr getroſten Muthes die kleine ſchmale Wendeltreppe hinan. Mit jedem Schritt höher hinauf lag die reiche Landſchaft weiter ausgebreitet vor ſeinen Augen. Er ſah zwar nur einzelne Bilder da⸗ von, die in den Rahmen der offenen Fenſter gefaßt waren, aber bei den verſchiedenen Wendungen der Treppe wurden ihm immer andere reizende Gegenſtände enthüllt. O, dachte er, wie reich und ſchön ſieht doch dieſe Welt aus und —— —,— — 229— wenn man ſie näher kennt, wie viel Kummer und Leid wohnen darin! So viele Leute würden ſich glücklich ſchätzen, wenn ſie nur das von der Landſchaft gewinnen könnten, was ich hier mit meinem Finger bedecken kann; andere be⸗ ſitzen mehr, als ich weithin überſehe, und ſind doch nicht glücklich. Und mir dürfte Einer alles Land ſchenken, was der Rhein durchſtrömt, ich wüßte nicht, was ich damit an⸗ fangen ſollte ohne Evchens Liebe, und die kann ſelbſt der Himmel mir ja nicht geben!— Unter dieſen Gedanken war er bis in die Spitze des Thurms hinaufgeklimmt und ſah ſich nun von derſelben rings in der Landſchaft um. Nah und fern kannte er die Städte, Oerter und Dörfer, deren zahlloſe Thurmſpitzen er erblickte. In allen hatte er fröh⸗ liche Tage verlebt! Jeder Hügel um die Stadt, jede Fels⸗ ſpitze, jede grüne ſchimmernde Wieſe war der Zeuge einer frohen Jugendluſt geweſen. Er ſah mit beſonderer Bewe⸗ gung in die kleinen Gaͤrtchen der Stadt hinein und ver⸗ folgte den Lauf der Gaſſen, wo dort jedes Bäumchen, hier jeder Stein eine Erinnerung in ihm erweckte. Jetzt ver⸗ weilte ſein Blick auf des Schloſſermeiſters Haus.„Wem,“ dachte er,„iſt bänger zu Muthe, ihm dort, oder mir?“— Von der Wohnung ſeines Vaters konnte er nur die Schorn⸗ ſteine entdecken; aber mit ſeinem Herzen ſah er bis in die innerſte Tiefe des Gebäudes hinein, erkannte jede Stelle, wo er geſpielt, jedes Stück Hausgeräth, das er als Knabe verehrt hatte und wozu ihn jetzt eine neue Liebe wunder⸗ bar zu ergreifen ſchien. Er ſah ſeinen alten Vater mit be⸗ kümmerten Zügen—„ Hinweg von dieſem Bilde, es taugt nicht, um Muth zu machen!“— Da fiel ſein Auge auf Evchens Fenſter. Deutlich konnte er ihre Blumentöpfe er⸗ kennen; eben wurde einer derſelben hineingenommen. Er ſah nicht, wer es that, aber er wußte, ſie war es, denn — 230— Niemand anders wartete und pflegte ihrer Stöcke. Wollte ſie mit dem ſtillen Geſchäft jetzt eben die Trauer ihres Her⸗ zens beſchwichtigen? Das ganze reizende Bild des holden Mädchens ſtand vor ihm. Thränen verdunkelten ſein Auge, die Landſchaft lag verworren vor ſeinem Blick, die Tiefe wurde unbeſtimmt, unergründlich.—„Raffe dich zuſam⸗ men“ rief er ſich innerlich zu,„in ſolcher Bewegung voll⸗ führſt du nicht, was du unternommen haſt. Dazu ge⸗ hört des Mannes kalte, feſte Beſonnenheit.“— So, von ſeinen Gefühlen ſich gewaltſam losreißend, faßte er den Eiſenſtab, der die Oeffnung des Thurmes in der Mitte theilte, ließ ſich unter demſelben hindurch ins Freie hinaus und ſuchte mit den Füßen den Balken. Er fühlte ihn und ſtand nun mit dem Geſicht gegen die Mauer des Thurmes gewendet; vorſichtig drehte er ſich um; er vermied es, den Blick auf die ſchwindelnde Tiefe unter ihm zu wer⸗ fen, ſondern heftete das Auge mit feſter Willenskraft nur auf den ſchmalen Raum, auf welchem er ſtand, und über⸗ legte, wie er ſitzen müſſe, um die Arbeit am beſten zu voll⸗ enden. Bertholds Stellung, der auf dem Holze reitend ſein kühnes Wageſtück ausgeführt hatte, ſchien ihm die beſte; behutſam, mit den Händen den Balken feſt ergreifend, ließ er ſich daher in dieſe hinab. Jetzt ſuchte er ſein Hand⸗ werkszeug hervor und ſchickte ſich an, die Arbeit zu be⸗ ginnen. Indeß hatte man ihn von unten bemerkt. Die Kame⸗ raden, die ihm zuvor in der Straße begegneten, waren, müſſig durch die Stadt ſtreifend, durch eine andere Gaſſe eben auf den Markt gekommen, als Wilhelm oben aus der Oeffnung des Thurms ſich hinabließ. Zwar hätten ſie ihn bis ſo hoch hinauf nicht zu erkennen vermocht, allein die feſtliche Gewerkskleidung und der Umſtand, daß ſie ihm kurz zuvor mit Handwerkszeug begegnet waren, mußten ſie augenblicklich auf die richtige Vermuthung leiten, die ſie auch unbedenklich für Gewißheit annahmen. Voller Jubel, daß etwas geſchehe, um nun auch die Ehre des Zimmerge⸗ werks zu vertreten, erhoben ſie ſogleich einen lauten Freu⸗ denruf und eilten, es in der Stadt zu verkünden. Einer ſtürzte zum alten Hagenbach, der Andere zu einigen andern Meiſtern, um ſie herbeizurufen; ein Dritter rief die Ge⸗ ſellen an, ein Vierter forderte alle Bürger, die ihm begeg⸗ neten, auf, nach dem Markt zu eilen. Es bedurfte kaum einiger Minuten, um den Marktplatz mit Leuten aller Art zu füllen, und raſcher als eine Schneelawine wuchs der anfangs kleine Knäuel von müſſigen Zuſchauern an, die ſich unter dem Thurme verſammelten. Die Zimmerleute, von denen die meiſten noch vom Morgen her in die Ge⸗ werkstracht gekleidet waren, ſchloſſen ſich ſofort aneinander und ſtellten ſich feierlich auf, wie am Vormittage. Einige junge Burſchen mußten unter der Führung eines Meiſters ſogar die Fahne herbeiholen. An der Spitze des Gewerks ſtand der alte Hagenbach, wunderbar freudig und bang zu⸗ gleich bewegt. Er empfand es mit Stolz, daß gerade ſein Sohn es übernommen hatte, den Ruhm der Genoſſenſchaft zu vertheidigen. Doch konnte er die Erinnerung an die wehmüthige Minute des Abſchieds und des geforderten Se⸗ gens nicht aus dem Herzen verdrängen; der feierliche Ernſt, der zwiſchen Vater und Sohn dabei geherrſcht hatte, mach⸗ ten es ihm wol fühlbar, daß das Unternehmen nicht leicht zu vollbringen ſei. Er war alt, Wilhelm ſein einziger Sohn und Hausgenoſſe; die Ehre des Gewerks war ihm freilich nicht gleichgültig, doch ſuchte ſein ſtillerer Sinn, die ernſtere Richtung, die ihm das hohe Alter gab, ſie nicht ſo ſehr in äußerlichem Prunken, als in der innern Tüchtig⸗ — 232— keit. Dies zuſammengenommen machte, daß er die Freude eines glücklichen Erfolges nicht ſo hoch anſchlagen konnte, um die Angſt des Vaters zu vergeſſen; mit bangem, ſchla⸗ gendem Herzen ſah er daher hinauf zum Thurm und folgte jeder Bewegung des geliebten Sohnes mit ängſtlichen, un⸗ verwandten Blicken. Wilhelm hatte indeß zu arbeiten begonnen; eine Zeit lang hatte er abſichtlich unthätig zugebracht, um ſich an den Anblick der unter ihm gähnenden Tiefe zu gewöhnen. Jetzt verſuchte er zuerſt mit dem Brecheiſen, welches er durch den Haken ſteckte, ob er denſelben damit würde aus dem Holze herausheben können. Allein der Balken war von einem friſch gefällten ſaftigen Eichenſtamme, ſodaß die zähen Faſern die Hakenſpitze unglaublich feſt umklammer⸗ ten. Dazu mußte der Arbeitende eine zu angeſtrengte Be⸗ wegung ſcheuen, weil er ſonſt leicht das Gleichgewicht hätte verlieren können. Er griff daher jetzt nach dem Stemmei⸗ ſen und ſuchte das Holz an den Seiten des Hakens weg⸗ zuarbeiten; hieran aber hinderte ihn wieder der Umſtand, daß er ſich nicht weit genug nach vorn überbeugen konnte, ohne Gefahr, hinabzuſtürzen. Daher gleitete das Eiſen mehrmals ab, ſodaß Wilhelm Mühe hatte, ſich noch mit aller Gewalt zurückwerfend, auf dem Balken ſitzen zu blei⸗ ben. Während er ſo mit banger Beſorgniß wahrnahm, daß ſein kühnes Wageſtück wahrſcheinlich vergeblich ſein und er nicht nur ſeinen Zweck nicht erreichen, ſondern vielleicht ſo⸗ gar verſpottet werden könnte, bot ſich plötzlich ſeinen Augen ein Schauſpiel dar, das ihn auf's tiefſte erſchütterte. Er hatte eben den Blick betrübt nach Evchens Fenſtern gewen⸗ det, als er dieſe wie eine Verzweifelte aus der Thür des Hauſes ſtürzen ſah. Die Nachbarinnen hielten ſie auf; hän⸗ deringend ſtand ſie vor ihnen und zeigte nach dem Thurm — ——. — 233— hinauf. Dann theilte ſie die zurückhaltenden Frauen und ſtürzte fort nach dem Markte zu.— Das Ereigniß war leicht zu erklären. Die That Wilhelms hatte ſich wie ein Lauf⸗ feuer durch die Stadt verbreitet; eine Nachbarin, die die Liebe des jungen Mannes zu Evchen kannte und die am Vormittage den Schwur des erzürnten Vaters gehört hatte, lief, von der Begierde geſtachelt, etwas Neues zu verkün⸗ den, ſogleich zu dem trauernden Madchen hinauf und rief ſie an:„Evchen, Kind! Was haſt Du für Glück! Kaum haſt Du den einen Bräutigam verloren, ſo iſt auch ſchon ein anderer da. Wilhelm ſitzt ſchon oben auf dem Thurme und reißt die Kette der Schloſſer los! Ja, den hat die Liebe verwegen gemacht! In einer halben Stunde iſt er vielleicht Dein Bräutigam!“ Sprachlos, mit dumpfem Schrecken hatte das arme Kind die Nachricht vernommen. Noch brannte der erſte heftigſte Schmerz der Wunde ihres Verluſtes ihr im Her⸗ zen(die Leiden waren noch ſo jung, daß ſie ſich noch kaum hatte überreden können, daß ſie wirklich da waren, denn ein plötzlicher, ungemeſſener Verluſt bleibt eine Zeit lang unglaublich) und ſchon drohte ihr ein neues, zerreißendes Geſchick! Sie wollte aufſpringen, die Kraft verſagte ihr; ſie riß ſich doch empor und wollte zum Vater ſtürzen, da brachen die Knie unter ihr zuſammen. Die Angſt raubte und gab ihr wechſelnd Kräfte. Auf's neue beſiegte ſie ſich gewaltſam und rief, hinabeilend, nach dem Vater. Er war nicht daheim. Auf dem Markte mußte er ſein; dahin ſtürzte ſie jetzt, durch die Menge drängend, unaufhaltſam fortgetrieben von der unausſprechlichen Angſt. Als Wilhelm von ſeiner einſamen, ſchauerlichen Höhe herab die Verzweifelnde ſah, verdunkelten ſich ſeine Blicke. Er verſtand nur zu gut, was ſich in ihrer Seele regen mußte; denn wie er ſein Unternehmen zu beſchließen dachte, das wußte ſie ja nicht. Jetzt galt es Alles, den Zuſtand ihrer furchtbaren Angſt zu verkürzen. Ohne die Gefahr nur zu empfinden, begann er gewaltſam mit dem Stemm⸗ eiſen zu arbeiten und riß auch große Splitter des Holzes glücklich aus. Nun verſuchte er das Brecheiſen wieder, er hob mit der ganzen Anſtrengung ſeiner rüſtigen Mannes⸗ kraft. Vergebens! Jetzt ſah er Evchen, wie ſie eben auf den Markt ſtürzte; auf's äußerſte ſpannte er ſeine Kräfte an und gab dem Brecheiſen einen gewaltſamen Druck. Doch der Haken widerſtand, aber das Eiſen— brach, Wil⸗ helm ſtürzte ſeitwärts über,„Gott erbarme Dich!“ rief er aus— ein furchtbarer Angſtruf der ganzen verſammelten Menge ſcholl von unten herauf zerreißend durch die Lüfte— zerſchmettert lag er am Boden vor der Pforte des Gottes⸗ hauſes. Zehntes Capitel. Auf den Schrei des Entſetzens, der, unwillkürlich von Jedem ausgeſtoßen, die Lüfte mit ſchneidendem Ton durch⸗ drungen hatte, folgte die tiefſte, furchtbarſte Stille. Kaum zu athmen vermochte die ganze verſammelte Menge, ſo be⸗ klommen war Jeder von dem Schauder, der die Bruſt durchdrang. Diejenigen, die der Kirchthür zunächſt ſtanden, blickten ſtarr nach dem blutigen, zerſchmetterten Leichnam hin. Niemand ſprang herbei, denn Jeder fühlte, wie an Hülfe und Rettung gar nicht mehr zu denken ſei. Auch — 235— lag der Körper des Herabgeſtürzten lautlos, ohne Regung da; kein Zucken des kleinſten Gliedes verrieth noch eine Spur des Lebens. Wie erſchüttert aber auch jede Bruſt ſein mußte, ſo waren doch Einige unter den Vielen, die noch viel gewaltſamer durch das Ereigniß ergriffen und be⸗ täubt werden mußten. Der alte Vater, der mit thränen⸗ ſchweren Augen unverwandt hinaufgeblickt hatte nach der ſchwindelnden Höhe, wo ſein einziger, innig geliebter Sohn das gefährliche Unternehmen ausführte, war mit einem dumpfen Schrei zuſammengeſunken, als er ihn ſtürzen ſah. Leblos, ſtarr, wie jener, lag er in den Armen der Umſte⸗ henden. Eben ſo wurden Evchens auf's äußerſte erregten Empfindungen und angeſpannten Kräfte durch dieſen furcht⸗ baren Schlag plötzlich gleichſam geſprengt und zerriſſen; das überwallende Gefäß der Leidenſchaften war in einem Augenblick erſchöpft und leer. Bewußtlos mußte man ſie nach Hauſe tragen. Auch Berthold war aus ſeiner einſamen Kammer durch das Geſchrei und Getümmel in der Stadt aufgeregt nach dem Markte gekommen. Er ſah Wilhelm droben, und da er ſelbſt dort geſtanden hatte, fühlte er bei jeder Bewegung, die jener machte, alle die Schrecken nach, die ſich in ſei⸗ ner Seele bewegen mußten. Er ahnte gewiſſermaßen ſchon deſſen Schickſal, als er ſah, wie mit unvorſichtiger, unge⸗ zügelter Heftigkeit er zu arbeiten begann. Ihm ſchwindelte; er lehnte ſich gegen die Mauer eines Hauſes, ſchloß die Augen— da tönte der furchtbare Schreckensruf und Bert⸗ hold wußte, ohne zu ſehen, was geſchehen war. In dumpfer Betäubung ſtand er einige Zeit faſt ohne alles Bewußtſein daz ein Schwindel umflorte ihm den Blick, ſo daß er trotz der ſtarr geöffneten Augen nicht ſah, was um ihn her vor⸗ ging. Endlich kehrte ihm die Beſinnung zurück. In die⸗ — 236— ſem Augenblick drängte ſich ein Haufen von Menſchen an ihm vorüber; er ſah, daß Jemand getragen wurde, und ver⸗ muthete, es ſei der Herabgeſtürzte. Tief bewegt trat er näher, da erblickte er Evchen, die bleich wie der Tod, mit herabhängendem Haar, geſchloſſenen Augen, entfärbten Lip⸗ pen, aber doch mit ſanften, rührend ſchönen Zügen auf einer Bahre lag, die von mitleidigen Bürgern getragen wurde. Sie glich einem Marmorbilde, über das ein blaß⸗ rother Schimmer der Morgenröthe fällt. „Evchen! O barmherziger Gott, iſt ſie todt?“ So rief Berthold voller Schmerz und Schrecken und ſtand gefeſſelt da.—„Sie iſt nur in Ohnmacht geſunken, vor Schrecken,“ ſagte ihm tröſtend ein Nachbar und ergriff ihn beim Arm, um ihn mit ſich fortzuziehen. Berthold ließ es geſchehen; er hatte kein Wollen, kein Wünſchen mehr, nur ein tief unendliches Gefühl der Schmerzen laſtete auf ſeiner Bruſt. So ließ er ſich ſtill nach Hauſe geleiten. Der alte Meiſter Hagenbach, eine rauhe, kräftige, red⸗ liche Seele, hatte ſich bald aus ſeiner Betaubung erholt. Die Gewerksgenoſſen umſtanden ihn mitleidig, doch Keiner wagte zu ſprechen.„Führt mich zu ihm,“ ſprach der Alte endlich mit tiefer Stimme, der man die gewaltſame Be⸗ kämpfung ſeiner Gefühle anhörte. Es geſchah. Man hatte den Leichnam in das nächſte Haus getragen, wo eine fromme Geſinnung, die vor der entſtellten menſchlichen Form ſcheu zurückbebte, ſogleich die entſetzlichen Spuren des Falles, be⸗ ſonders das Blut, womit der ganze Körper bedeckt war, zu vertilgen geſucht hatte. So wurde dem Vater der Anblick der Gräßlichkeit geſpart; Haar und Antlitz des lieben Soh⸗ nes waren gereinigt, die zerſchmetterten Glieder durch ein weites dunkles Tuch verhüllt. Rührend, nicht mehr ſchau⸗ derhaft, war er zu betrachten; denn die blaſſen Züge hat⸗ „ „ — 237— ten ſich zwar etwas verzogen, aber doch trugen ſie nur den Ausdruck ſchmerzlicher Wehmuth; keine grauenhafte Ver⸗ zerrung verhöhnte die edle menſchliche Bildung. Der Va⸗ ter ſtand ſtumm vor der Bahre; große Thränen rollten ihm aus den Augen in den ſilberweißen Bart hinunter. End⸗ lich legte er ſeine Rechte auf das Haupt des Todten und ſprach:„Er war ein guter Sohn! Er iſt mit meinem Segen aus der Welt gegangen. Gott ſchenke ihm jenſeits ſeine Gnade.“— Niemand konnte den Schmerz bezwin⸗ gen, als man den Greis ſo tief bewegt und doch ſo fromm gefaßt ſah. Die älteſten Meiſter begleiteten ihn endlich in ſeine Wohnung; der Leichnam wurde von den Gewerksge⸗ noſſen mit ſtiller Feierlichkeit nachgetragen. Der alte Erbach war nicht Zeuge dieſes ſchrecklichen Ereigniſſes geweſen. Misvergnügt über ſich ſelbſt, voller Verdruß über die geſcheiterten Plane, ſchon mit ſtiller Reue im Herzen über den unwiderruflichen Schritt, den er durch den feierlichen, im Angeſicht ſo vieler Bürger ausgeſproche⸗ nen Eid gethan, hatte er es im Hauſe nicht aushalten können. Er konnte den Anblick ſeiner Tochter, die geſtern noch ſo ganz Freude und Glück geweſen war und jetzt ſtill, blaß, mit mühſam bezwungenen Thränen, ohne einen Biſſen genießen zu können, ihm am häuslichen Tiſche gegen⸗ üͤberſaß— er konnte dieſen Anblick nicht ertragen. Daher war er von der Mahlzeit aufgeſtanden, noch ehe ſie geen⸗ det war, und hinaus vor's Thor gegangen, um auf einem Spaziergange ins Freie, auf die Berge, welche die Stadt ſo reizend umgeben, wieder einige Beruhigung zu gewinnen. Es war, wie Jeder einſieht, ein vergebliches Hoffen; denn nach ſo übereilter, leidenſchaftlicher That, die das Glück zweier ihm ſo nahe ſtehenden Menſchen unheilbar zerſtörte, konnte das Gemüth unmöglich mit ſo leichter Mühe beruhigt — 238— werden. Misvergnügt, unſtät, ſtreifte er durch die Gegend umher; wenn ihm Leute entgegenkamen, wich er aus, ins Gebüſch hinein, weil er ihren Anblick, ſie mochten ihm fremd ſein oder nicht, ſcheute. Endlich begann die Sonne ſich zu neigen und der hereinbrechende Abend nöthigte ihn das Haus zu ſuchen, das er fürchtete.— Hätte er gewußt, was ihn dort erwartete! Mit der Dämmerung trat er ein; eine alte Magd, die Evchens Kindheit ſchon gepflegt hatte, kam ihm entgegen. „Iſt Evchen droben?“ fragte er.—„Wo ſollte ſie anders ſein können,“ erwiderte die Magd;„wenn ſie nur nicht bald drüben ſein wird.“—„Wie ſo?“—„Ach Herr! ſie i*ſt ſchwer krank!“—„Krank?“ rief Erbach, und die Laſt ſei⸗ nes Bewußtſeins wurde plötzlich ſo ſchwer, daß er ſie kaum tragen zu können meinte.„Was fehlt ihr?“ fragte er end⸗ lich.—„Sie liegt im hitzigen Fieber, lieber Herr. Daß Gott erbarm! Der Wilhelm will ihr gar nicht aus den Au⸗ gen. Er ſtürzt, er ſtürzt! ſo ruft ſie immerfort, ringt die Hände und iſt gar nicht zu beruhigen.“— Dem Vater waren dies Alles Räthſel. Endlich erfuhr er nach langem Fragen von der Alten, die ſtets vorausſetzte, er wiſſe Alles, den Hergang der Sache. Starr und leblos ſtand er da und ſchauderte vor den Folgen ſeines Handelns. Die erſte That geſchah aus Eitelkeit, aus Uebermuth. Das Korn des Unrechts war geſtreut, die Saat des Böſen ſchoß auf, ſie trug Früchte des Frevels und der Sünde und mit Hihnen kehrte das Verderben ein. So furchthar weiß der böſe Feind den kleinſten Funken aus ſeiner Hölle zur ver⸗ heerenden Flamme anzufachen! Der Vater trat an das Bett der Tochter; ſie glühte in heftiger Fieberhitze. Sanft ergriff er ihre Hand, aber ſie erkannte ihn nicht. Vergeblich ſetzte er ſich vor ihrem Lager nieder und fragte ſie unaufhörlich:„Evchen, meine Tochter, mein liebſtes Kind, erkennſt Du Deinen Vater nicht mehr?“ Sie ſah ihn ſtarr an, aber in ihren Augen war nur ein unbeſtimmtes, wildes Träumen, kein bewußter Blick, der das Geheimniß der Seele verkündet hätte, zu leſen. So blieb das Auge doch ein treuer Spiegel des Innern, denn verworren wie ihr Blick, war ihr ſie wurde von Schmerzen zerriſſen, von Angſt g Schreckbildern verfolgt, ohne es zu wiſſen. Der Vater wich die Nacht über nicht vom Bette; erſt gegen Morgen verfiel die Kranke in einen matten Schlum⸗ mer der äußerſten Abſpannung. Pater Bernhard, ein from⸗ mer Mönch des zum Dom gehörigen Kloſters, beſuchte ſie, die ſein Beichtkind war, zugleich als leiblicher Arzt: er galt für hocherfahren in ſeiner Kunſt. Aegſtlich hing des Va⸗ ters Auge an ſeinen Zügen und ſuchte den Ausſpruch ſei⸗ ner Wiſſenſchaft darin zu leſen. Der Pater ſchüttelte end⸗ lich langſam das Haupt und ſprach:„Die Gefahr ſcheint vorüber; doch fürchte ich, es wird lange dauern, bis ſie ſich erholt. Die beſte Arznei wird der Troſt ſein, den der Himmel ihrer Seele gewährt.“ Elktes Capitel.* und ſo war es. Wochen vergingen, der Sommer war zur vollen Hohe gediehen; da erſt erhob ſich Evchen zum er⸗ ſten Mal wieder von ihrem Lager. Noch hatte der Vater nicht den Muth gehabt, mit ihr über die ſchrecklichen Begebenhei⸗ — 240— ten zu ſprechen, die ſich in ſo wenigen Stunden zugetragen hatten. Jetzt erſt begann er davon zu reden.„O mein Töchterchen,“ ſprach der Vater bewegt,„wirſt Du es Dei⸗ nem Vater vergeben können, daß er Dich ſo nahe an den Nand des Grabes gebracht hat?“—„Mein beſter Va⸗ ter,“ antwortete ihm Evchen,„ich ſehe ja, wie Iyr mich liebt. Das Unglück iſt nun einmal geſchehen und nicht mehr zittindern. Gott wird mich tröſten, wie er mir bis⸗ her geholfen hat.“—„O könnte ich meinen Eid zurückneh⸗ men, könnte ich die Worte wieder ergreifen und ewig ver⸗ nichten, die ich damals im Zorn ausſtieß! Evchen, mein Haß iſt vorüber. Hätte ich nicht Schande und Fluch über uns herbeigerufen, ich ſähe Dich doch noch glücklich.“— „Nein, Vater,“ ſprach Evchen traurig aber ſanft, indem ſie ihm wehmüthig ins Geſicht ſah und den Arm ſchmei⸗ chelnd um ſeinen Nacken legte,„das iſt nun Alles vor⸗ bei. Gott hörte den Eid und ich fürchte noch ſchlimmeres Unheil, wenn Du ihn brichſt. Wir wollen uns darein erge⸗ ben. Unſere Schuld iſt jetzt geſtraft, laß uns keine neue begehen!“—„Schuld? warſt Du denn jemals ſchuldig, ar⸗ mes Kind? Ich, Dein Vater, bin es allein, der geſündigt hat! Gott hat mich ſchwer geſtraft, denn ich ſehe Dich lei⸗ den. Aber die Kirche kann meinen Eid löſen. Nach Rom will ich wallfahrten, den heiligen Vater anflehen.“— „Nein, Vater, nein,“ rief Evchen heftig;„Blut iſt ge⸗ floſſen, das verſöhnt nur Opfer und Reue. Wenn auch der heilige Vater Dich löſet, Wilhelms blutiges Geſpenſt wird mir erſcheinen, wenn ich mit Berthold vor den Altar trete. Nein, mein Vater, ich pflege Dich bis an Deinen Tod und dann gehe ich ins Kloſter!,, So ſprachen ſie, herzlich betrübt, und wußten ihres ——— — 241— Kummers und ihrer Sorgen keinen Rath und keinen Troſt, als die duldende Ergebung. Berthold war häufig an Evchens Krankenbett gekom⸗ men, aber geſprochen hatte ſie ihn noch nicht, denn ſeit ſie beſſer wurde, blieb er traurig und bang zurück. Jetzt aber for⸗ derte ſie es vom Vater, ihn zu ſehen; ſie wollte Abſchied von ihm nehmen. Nicht heimlich, offen, aber ſanft und trö⸗ ſtend wollte ſie die Bande löſen, die ihre Herzen ver⸗ einigten. Der Vater hatte ſie gebeten, noch eine Woche zu war⸗ ten, bis ſie wieder kräftiger geworden ſei, um die bittere Stunde ohne Gefahr überſtehen zu können. Sie gab nach, obwol ſie fühlte, daß ſie den Kampf ſchon überwunden habe. Indeß benachrichtigte der Vater, der längſt mit dem alten Schloſſermeiſter verſöhnt war, den Sohn von Evchens Ent⸗ ſchluß.—„So mußte es freilich kommen,“ antwortete Berthold,„ich habe das längſt vorausgeſehen! Schönen Dank, Vater Erbach. Ich werde Tag und Stunde nicht verſäumen.“ Die geſunde Kraft der Jugend ſiegte, wie immer, mit unzerſtörbarer Gewalt. Evchen, das zarte Kind, die ſo furchtbar erſchüttert worden war, blühte trotz des Grams von Stunde zu Stunde lieblicher auf und jeder Morgen fand ſie ſtärker, ſchöner, friſcher. Sie ging jetzt täglich in die Meſſe; der fromme Troſt der Religion richtete ſie mit ſegnender Kraft auf.— Als ſie an dem Tage zuvor, der für ihren Abſchied von Berthold angeſetzt war, aus der Kirche zurückkehrte, ſah ſie zwei fremde Geſellen auf dem Domplatz ſtehen, die hinauf nach dem Schloſſerwahrzeichen am Thurme guckten, das ſo verhängnißvoll für Evchen ge⸗ worden war. Indem ſie vorüberging, hörte ſie den Einen ſagen:„Höre, ich getraue mich, das Ding herunterzuholen Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. III. 11 * — 242— Der Geſell hat es nur ſchlecht angefangen!“—„Da wärſt Du ein gemachter Mann,“ erwiderte der Andere,„denn wie der Wirth in der Herberge erzählte, ſo iſt's. Wer Schlüſſel, Kette und Haken zum Schimpf der Schloſſer auf den Markt hinabwirft, der bekommt die ſchöne Meiſterstoch⸗ ter und ihre reiche Ausſteuer. Das iſt heilig beſchworen!“ Evchens Knie bebten bei dieſen Worten; ſcheu ſah ſie nach den beiden Geſellen hin. Indem drehte der Erſte ſich um, ſo daß er ſie gewahr wurde.„Der Daus, ſieh, ein ſchmuckes Mädel, was hier vorbeigeht. Wenn das die Meiſterstochter wäre, ich ſtiege, hol mich der Geier, hinauf und verſuchte das Kunſtſtück!“—„Still,“ rief der Andere leiſe und hielt ihm den Mund zu,„freilich iſt ſie's; geſtern hat ſie mir der Wirth am Fenſter gezeigt, als ſie in die Meſſe ging!“ Evchen hatte dieſe Worte noch halb gehört; mit haſti⸗ gen Schritten eilte ſie fort, damit der Fremde ſie nur nicht mehr erblicken möge. Eine neue unbeſchreibliche Angſt über⸗ fiel ihr Herz, denn der Vater hatte ja geſchworen, die Tochter Dem zu geben, der den Schlüſſel herabholen würde. Dieſen Theil des Eides hatten Beide faſt vergeſſen, da ſie gar nicht mehr daran dachten, daß Jemand das Wageſtück un⸗ ternehmen könnte.— Faſt athemlos kam ſie nach Hauſe. Der junge Geſell hatte indeß den Gedanken, ein ſo rei⸗ zendes Glück ſo raſch zu erringen, noch nicht aufgegeben. Er betrachtete den Thurm, maß die Höhe, ſah Evchen nach und rief endlich:„Weg mit der Furcht, ich verſuche das Ding; ſchlägts fehl— nun wer weiß, wo der Tod mich ſonſt raſch getroffen hätte. Arm bin ich, ein hübſches Mä⸗ del wünſche ich mir ſchon lange, was hilft mir's, kümmer⸗ lich zu leben! Jetzt kann ich glücklich werden, oder Alles iſt mit Einemmale vorbei. Und muß man denn gleich den Hals brechen? Vielleicht kann man doch mit heiler Haut 4 ——— —— — 243— wieder hineinklettern, wenn man auch den verdammten Ha⸗ ken nicht herausſchafft, und dann bleibt's immer ein dreiſter Streich, der keine Schande bringt! Genug, ich verſuche es; auf dem Fleck will ich zum Altmeiſter hin.“ Gedacht, ge⸗ than. Vergeblich bemühte ſich der Andere, ihm den tollküh⸗ nen Plan auszureden. Jener wurde nur um ſo eifriger und trat ſofort ſeinen Weg zum Altmeiſter an. Bald ſtand er vor dem Hauſe. Er pochte, man that ihm auf und wies ihn auf ſeine Frage zu dem Altmeiſter hinein. Ehe der Geſell in die Stube trat, guckte er durch ein kleines Thürfenſter hinein und ſiehe, in dem engen Rah⸗ men erblickte er gerade Evchens holdes Köpfchen. Die Au⸗ gen gingen ihm faſt über, als er das allerliebſte Kind ſah, die in dem Wiederaufblühen der Geneſung einem blaſſen, zarten Röschen glich. Jetzt reifte ſein Entſchluß zur uner⸗ ſchütterlichſten Feſtigkeit, denn die Gewalt der Liebe fiel wie ein Blitzſtrahl in ſein Herz und zündete. Zuvor hatte er kecken Muth in der Bruſt gehabt; nun aber überfiel ihn ein ſchüchternes Zagen und er fuühlte mehr Kraft, ſeinen Vorſatz auszuführen, als ihn dem Meiſter anzukündigen. Endlich faßte er ein Herz und klopfte.„Herein!“ rief des Meiſters Stimme. Er trat ein. Epochen erblickte ihn kaum, als ſie blaß wurde, wie der Tod; ſchnell aber nahm ſie alle ihre Kräfte zuſammen und eilte hinaus in die Kam⸗ mer neben der Stube.„Was iſt Euer Begehr?“ fragte der Meiſter, dem Evchens Benehmen nicht auffiel, weil er es für eine natürliche Scheu hielt, in ihrer jetzigen Stimmung Fremde zu ſehen.„Sucht Ihr Arbeit bei mir?“—„Wie Ihr's nehmen wollt, lieber Meiſter,“ entgegnete der junge Geſell, der durch Evchens Flüchten muthiger geworden war, —„Arbeit, und nicht Arbeit. Ich habe ein Anliegen.“— „Sprecht frei.“—„Meiſter, Ihr nennt mich vielleicht vor⸗ 11* — 244— witzig;z aber ich kann mir nicht helfen. Ich habe einen kecken Entſchluß gefaßt. Die Leute erzählen, Ihr wolltet Eure Tochter nur Dem geben, der das Wahrzeichen der Schloſſer von dem...“—„Haltet ein, um Gottes willen,“ rief der Meiſter;„ja, ſo habe ich geſchworen, zu meinem und meines Kindes Unheil.“—„Zu Euerm Unheil?“ fragte der Geſell.„Ja, mein Sohn! Höre,“ fuhr Er⸗ bach fort,„höre den Rath eines alten, erfahrenen Mannes. Holſt Du das Wahrzeichen herab, ſo muß ich Dir freilich meine Tochter geben, denn ſo habe ich geſchworen. Aber, mein Sohn! das Wageſtuck iſt gefährlich, viel gefährlicher, als es ſcheint. Schon Einer hat das Leben dabei eingebüßt und das laſtet ſchwer auf unſerer Seele. Steh ab dapon, mein Sohn, vermehre unſer Unglück nicht, denn wir haben ſchon an der einen Blutſchuld ſchwer genug zu tragen.“ —„Meiſter,“ begann nach einer Pauſe der junge Geſell, nich kann und will nicht abſtehen. Mein Blut ſoll nicht auf Euch kommen; ich glaube aber auch, daß ich das Werk glücklich vollführ)e. Der arme Wilhelm hat es nur falſch angefangen. Brecheiſen, Stemmeiſen! Das geht freilich nicht. Ich habe einen andern Einfall; nichts als eine kleine Säge nehme ich mit hinauf, ſowie ſie draußen auf der Haus⸗ flur in der Ecke ſteht. Damit denke ich mir ſchon zu hel⸗ fen.“— Dem Meiſter wurde immer bänger; er hatte die Folgen ſeines Schwurs, daß er dabei ſich nicht nur gegen ſich ſelbſt, ſondern auch gegen Andere verpflichtet hatte, noch nicht bedacht, fühlte aber wohl, welch ein Jammer für ſeine arme Tochter daraus entſtehen würde. Darum ſprach er:„Lieber Sohn! noch einmal bitte ich Dich, laß ab von Deinem Vorhaben. Ich will Dir tauſend Gulden ſchenken, aber laß ab davon.“—„Nein, Meiſter,“ entgeg⸗ netebe ſcheiden aber feſt der Geſell,„das ann ich nicht. Vor — 245— einer Stunde hätte ich geglaubt, mit tauſend Gulden mein Glück zu machen; jetzt nicht mehr. Gerade heraus: ich habe Eure holde Tochter geſehen und mein Herz hat eine ſolche Liebe zu ihr gefaßt, daß ich mein Leben daran ſetzen will, ſie zu gewinnen. Mit Gold könnt Ihr mir das nicht abkaufen. Und, bedenkt nur, was würden die Leute ſagen? Der Geſell, würde es heißen, iſt zum Altmeiſter hingegan⸗ gen, hat gedroht, das Wageſtück zu unternehmen, und ſo dem Vater Geld abgepreßt. Das wäre nicht rühmlich für mich und wahrlich auch nicht gut für Euch. Denn es ſollte nicht ſo bald im Lande bekannt werden, ſo käme Jung und Alt gelaufen und begehrte auf den Thurm zu ſteigen oder tauſend Gulden. In drei Tagen wäret Ihr, ſo reich Ihr ſeid, ein armer Mann. Alſo, gebt mir Gottes Geleit, und laßt mich's verſuchen.“—„Ach,“ rief Erbach aus, ndaß doch die Blattern meines Kindes Wangen zerriſſen hätten und ſie häßlicher wäre als der Tod!“—„Welch ein gottloſer Wunſch!“ ſprach der junge Geſell.—„So geht denn in Euer Unglück,“ rief der Alte,„aber das Eine verſprecht mir, beſinnt Euch bis morgen früh und betrachtet heut erſt die Gefahr in der Nähe.“—„Am lieb⸗ ſten hätte ich's gleich vollführt, lieber Meiſter,“ entgegnete der Geſell,„allein da Ihr's wünſcht, ſo ſoll es bis morgen bleiben. Mit dem Schlag fünf Uhr aber beginne ich's. Lebt indeß wohl!“— Er ging.— Eochen hatte im Neben⸗ gemach Alles mit angehört. Sie war mehr todt als leben⸗ dig. Woher in der Welt ſollte ſie nun Rettung erwarten! Am nächſten Morgen war ihr Geſchick für ewig entſchie⸗ den; heute mußte ſie gerettet werden, oder ſie war verloren. Voller Inbrunſt warf ſie ſich auf die Knie nieder und betete aus tiefſter Herzensangſt zu Gott um Troſt und Rath in dieſer Drangſal. Mit erleichterter Bruſt ſtand — 246— ſie auf; ſie fühlte ſich ſo von Angſt befreit, daß ſie faſt an ihre Rettung glaubte, obwol ſie noch nicht ſah, wie ſie möglich ſein würde. Plötzlich blitzte ihr ein Gedanke durch die Seele; ihr Auge leuchtete, ſie zitterte, ſank wiederum auf die Knie und rief:„Dank dir allmächtiger Vater, wir ſind gerettet!“ Haſtig ſprang ſie dann auf und rief nach der Magd.„Geſchwind,“ ſprach ſie,„liebes Mütterchen, geh' hinüber zu Berthold und ruf' ihn her. Sag' ihm, ich müſſe ihn heut ſprechen, aber heut, und gleich, ſo ſchnell als möglich!“— Die verwunderte Alte ſah ihr liebes Töchterchen mit erſtaunten Augen an; doch nahm ſie ſich nicht die Zeit zu fragen, ſondern eilte mit aller Schnelligkeit, die ihren Jahren möglich war, hinuͤher zu Berthold. Dieſer vernahm kaum die Botſchaft, als er die Arbeit, bei der er ſtand, liegen ließ und ſchleunigſt dem Rufe der Geliebten gehorchte. Evchen aber eilte hinein zu dem Vater, der noch nicht den Muth gefaßt hatte, der Tochter das neue Unglück zu erzählen; denn er wähnte, ſie wiſſe noch nichts davon. Betrübt ſah er ihr ins Geſicht, als ſie mit ſanfter Heiterkeit vor ihm hintrat; ſie errieth ſeine Gedanken und ſprach:„Vater, bekümmere Dich nicht; ich weiß Alles und bin gefaßt auf Alles; aber ich habe zu Gott gebetet und der hat mir wunderbaren Troſt und Muth ins Herz geſenkt. Nicht wahr, mein Vater, Du fühlſt es auch, daß es mein größtes Leid wäre, wenn ich einem andern Manne folgen müßte? Das könnte ich nicht überwinden, das ertrügeſt Du nicht, das würde Bert⸗ hold in Verzweiflung ſtürzen. Das Loos, dem ich mich ſtill ergeben habe, Dich bis zu Deinem Tode zu pflegen und dann in einem Kloſter Troſt und Heil für mein er⸗ müdetes Herz zu ſuchen, ſcheint mir jetzt, ſo traurig es mir durch den Verluſt meiner Liebe war, ein hohes Glück. — — 247— Wenn wir das retten, ſo iſt uns die ſchwerſte Sorge von der Seele genommen; nicht wahr?“—„Ja gewiß,“ ant⸗ wortete der Vater mit trauriger Stimme;—„aber..“—„Ich weiß, was Du ſagen willſt, ich weiß, was geſchehen iſt,“ entgegnete ſie,„aber ich hoffe zu Gott, das ſoll uns keinen Schmerz machen. Gib mir nur zu Dem, was ich vorhabe, Deinen beſten Segen, mein Vater! Willſt Du?“ Er ſchloß ſie in die Arme, ſein Herz ſprach tauſendfachen Segen über die ſanfte, duldende Tochter, der noch nie ein Vorwurf über die Lippe, ja nicht einmal aus dem Blick der from⸗ men Augen hervorgegangen war. Es ſchellte am Hauſe.„Das iſt Berthold,“ rief Ev⸗ chen,„mit ihm muß ich allein ſein.“ Berthold trat ein. Evchen ging ihm entgegen, er breitete die Arme aus, ſie ſank an ſein Herz; denn das große Leid, das trennend zwi⸗ ſchen ſie getreten war, hatte alle diejenigen Rückſichten und Bedenklichkeiten, die das tägliche Leben uns entgegenſtellt, vernichtet. Ihr Leiden, ihr Schmerz war ſo groß, daß ſie ſich über die kleinen Verhältniſſe des Lebens weit hinwegge⸗ hoben fühlten. Lange blieb Evchen ſtumm in ſeiner Umar⸗ mung; dann ſprach ſie ſanft:„Folge mir!“— Sie gingen hinab in den Garten. Hier erzählte das liebende Mädchen dem Geliebten Alles, was ſie ſeit ihrer Trennung erſahren, gelobt, gelitten hatte. Berthold konnte den ungeheuern Schmerz nicht faſſen, der ſich bitter und immer bitterer in ſeine Bruſt drängte, der ihm mit jedem Worte, in dem ſich das treue, fromme Herz der Liebſten rührend offen⸗ barte, ihren Verluſt ſchmerzhafter machte. Er mußte ſeine ganze Manneskraft aufbieten, um ſich nicht körperlich über⸗ wältigen zu laſſen. Doch fühlte er ſelbſt zu klar, daß ſich, nachdem ſolche Schritte vorwärts gethan waren, der NRuͤck⸗ weg nicht mehr antreten laſſe. In ſeiner, wie in Evchens — 248— Seele herrſchte das unvertilgbare Gefühl, daß Wilhelms fürchterlicher Tod eine Kluft zwiſchen ihnen befeſtigt habe, die ſie ewig trennte und auf Erfüllung des unheilvollen Eides, dem ein ſolches Opfer gefallen war, drang. Wer eine edle, das Große und Schöne empfindende Seele hat, der wird ihnen das nachfühlen. Freilich der leichtſinnige Verſtand iſt ſchnell mit Auswegen jeder Art zur Hand; aber ein tiefes Gemüth, in dem die hohen Bilder des Göttlichen ſich abſpiegeln, läßt ſich durch keine liſtige Ueber⸗ redung leiten. So unſere Freunde. Ja, hätten ſie ge⸗ wußt, hätten ſie ahnen können, welch eine Abſicht die That des unglücklichen Freundes zu erreichen ſtrebte! Endlich erzählte Evchen, was ihr am Morgen begegnet war und was ihr bevorſtand. Hatte vorher der zerrei⸗ ßendſte, aber doch erhebende Schmerz Bertholds Bruſt erfüllt, ſo durchdrang ihn jetzt ein ſtarres, kaltes Entſetzen, das ihm alle Faſſung und Beſonnenheit zu rauben drohte. Evchen ſah, wie er erſchüttert wurde, und eilte daher mit der Erzählung zum Schluß. Dann ſprach ſie:„Fürchte aber das nicht, mein liebſter Freund! Habe Vertrauen zu mir, wie ich's zu Gott habe. Ich ſage Dir, es wird nie geſchehen, daß ich mit einem Andern vor den Altar trete. Dein Eigenthum bin ich und bleibe ich, und kann ich Dir auch nicht frei gehören, ſo ſoll doch nie ein Anderer auch nur den geringſten Theil meiner Liebe und Treue beſitzen. Gott hat mir Troſt und Nath geſchenkt. Wie, das laß mich verſchweigen; was aber auch morgen früh geſchehen möge, betrachte Alles mit der feſten Zuverſicht, daß Dir Deine treue Geliebte nicht mehr geraubt werden wird, als ſie es jetzt iſt. Nicht wahr? Du ſieheſt mich auch lieber im weißen Todtenkleide mit dem Myrthenkranz im Sarge liegen, als ebenſo geſchmückt mit einem Andern zum Al⸗ tare treten?“—„Evchen! Welches Entſetzliche haſt Du vor,“ rief Berthold,„und unterſtützte ſie, die mit ausbre⸗ chenden Thränen an ihm zuſammenſank.— Um Gottes willen ſprich!“ Sie richtete ſich auf.„Was ich vor⸗ habe? Nichts Sträfliches, das beſchwöre ich Dir. Mein Thun wird in Gott ſein— vielleicht aber trennt es uns für dieſe Welt auf immer. Und darum hieß ich Dich kommen, weil ich Abſchied von Dir nehmen will.“ Bert⸗ hold ſtand blaß und ſtumm vor ihr; ſie aber ſah ihm mit wehmüthiger Freundlichkeit ins Geſicht und fuhr dann fort mit ſanftem aber entſchloſſenem Tone zu reden, indem ſie dabei ſeine Hand ergriff.—„In der letzten Minute, die wir uns ſehen, wollte ich Dir ganz zeigen, wie heiß ich Dich geliebt habe. Und ſo mußt Du ewig an mich denken, wie wir uns jetzt verlaſſen, damit Du noch ſpät im Alter empfinden kannſt, was wir uns geweſen. Früher war meine Liebe ſchüchtern und verbarg ſich beſchämt; jetzt hat ihr Unglück ſie kühn gemacht. Sie tritt hervor, denn ſie kann es nicht ertragen, ungekannt zu verblühen. Das i*ſt ja unſer letzter Troſt, daß wir wenigſtens einen Augen⸗ blick die Größe unſeres Glückes ganz genießen. Glaube mir, mein theuerſter Freund, die Erinnerung an dieſe Stunde wird uns durch unſer ganzes dunkles Leben be⸗ gleiten, wie der Schimmer eines freundlichen Sternes aus der Ferne. Unſere Nacht erhellt er nicht, aber doch blicken wir mit ſanftem Troſt nach ihm hin und, ſo fern er ſei, dringen doch ſeine Strahlen zu uns und erhalten die Hoffnung aufrecht.“— Und nun lag ſie in ſeinen Ar⸗ men und hing an ſeinen Lippen; und ſie fühlten die Seligkeit der Liebe neben dem zerreißenden Schmerz der ewigen Trennung! Doch mußten ſie udli ſcheiden. — 250— 3 Noch einmal rief Evchen dem Geliebten die Worte nach: „Was auch geſchehen möge, deine treue Geliebte gehört Dir morgen und ewig noch eben ſo an, wie heute!“ Zwölktes Capitel. Indeß hatte der junge Burſch, den wir Heinrich nen⸗ nen wollen, ſeinen Kameraden wieder aufgeſucht und er⸗ zählte ihm, was er mit dem alten Erbach geſprochen habe. —„Thor,“ rief dieſer aus,„doppelter und dreifacher Thor,. daß Du die tauſend Gulden nicht angenommen haſt! Da wärſt Du ein gemachter Mann und ſo muß ich vielleicht morgen das Kreuzlein für Dein Grab zimmern.“— „Schäme Dich, Franz,“ erwiderte Heinrich,„wie hätte ich das Geld nehmen können! Und dann das Maͤdchen! Franz! Ein paar Augen! Der tiefblaue Frühlingshim⸗ mel ſieht matt dagegen aus. Ein Haar, ein Nacken, ein reizendes Lächeln um den dunkelrothen Mund und blaſſe Röschen auf den Wangen— Franz, ich ſpränge vom Thurm auf den Markt hinunter, wenn ich ſie damit ge⸗ winnen könnte.“—„Du brennſt bei jeder Dirne lichter⸗ loh. War's nicht eben ſo mit der hübſchen Seppel beim Bäcker Barth zu Heidelberg? Als Du nach Manheim 4 zogſt, wollteſt Du auch in den Neckar ſpringen; aber es bedurfte ſeiner Wellen nicht, um Deine Liebe abzuküh⸗ len.“—„Spotte nur,“ rief Heinrich,„aber jetzt fühle ich anders. Laß uns nun daran denken, den Plan aus⸗ — 251— zuführen. Ich will den verwünſchten Haken herausſägen, wenn's möglich iſt. Wir wollen uns daher eine leichte Handſäge anſchaffen und dann auf den Thurm ſteigen, um die Sache näher in Augenſchein zu nehmen.“— Sie gingen; die Säge war bald angeſchafft und der Weg auf den Thurm wurde angetreten. Es war indeſſen ſpäter Nachmittag geworden und die Sonne neigte ſich bedeu⸗ tend gegen den Untergang, ſodaß ihre Strahlen ſchon röth⸗ lich auf die Spitze des Thurmes zu fallen begannen. Die Landſchaft lag in dem warmen Duft des Abendlichtes, der Rhein blinkte wie flüſſiges Gold durch die hellgrünen, ſchimmernden Wieſen an ſeinem Ufer. Dunkelblau ſchnit⸗ ten ſich die Gipfel der zackigen Vogeſen jenſeit des Stro⸗ mes gegen den lichten Abendhimmel ab; die Rebenhügel und Waldhöhen, welche Freiburg zunächſt umkränzen, lagen ſaftig grün, mit leiſem Goldanflug des Sonnenſtrahles da. Jetzt traten unſere beiden Geſellen in die Spitze des Thurmes, die rings eine freie Ausſicht darbot. Sie ergötz⸗ ten ſich wahrhaft an dem reichen Anblick.—„Heinrich,“ begann Franz,„ſieh Dir's noch einmal recht an, wie ſchön die Welt iſt. Beſinne Dich wohl! Laß uns heut die Stadt in der Stille verlaſſen und wage Deinen Hals nicht daran!“ Heinrich beugte ſich über die eiſerne Quer⸗ ſtange, die das Fenſter des Thurmes theilte, und ſah auf den Balkenkopf hinab.—„Eine fürchterliche Tiefe,“ ſprach er,„und der Raum zum Stehen iſt äußerſt ſchmal. Es wird mit der Säge auch ein böſes Hantiren ſein, denn der Meſſingbeſchlag hat ſo lange Schenkel, daß ich noch nicht recht begreife, wie ich den Haken herausſägen will, wenn ich nicht den Kopf des Balkens ganz abſäge, und dann habe ich nicht mehr Raum genug zum Stehen. Hm! Ich müßte— doch was ſchimmert da für ein * — 252—— rothes Blättchen in dem Schlüſſel? Siehſt Du, Franz?“ —„Freilich; es mag ein Stück rothes Leder ſein, was zwiſchen die breiten, tief eingeſchnittenen Schlüſſelbärte ge⸗ klemmt iſt. Aber wozu? Von unten kann man's nicht bemerken, dazu iſt es zu klein. Was ſoll es alſo?“— „Ich weiß es auch nicht,“ antwortete Heinrich,„aber laß es gut ſein, es kümmert uns ja nicht. Wenn Schlüſſel und Kette auf den Markt hinabfallen, werden wir ja ſchon ſehen, was es bedeutet. Indeß muß ich doch einmal verſuchen hinauszuſteigen, damit ich morgen nicht ganz unvorbereitet bin.“— Franz wollte den kecken Kameraden zurückhalten, allein dieſer ließ ſich nicht wehren. Er bückte ſich unter die eiſerne Stange hindurch, faßte dieſe mit beiden Händen an und ließ ſich nun auf den Balken hinunter. Selbſt wer weniger als mittlerer Größe war, konnte ihn bequem erreichen, ohne die Hände von der Eiſenſtange loszulaſſen. Der Geſell behielt daher die linke Hand feſt daran und drehte ſich nun ſo, daß er ſeitwärts ſtand. Als er jetzt die ſteile glatte Thurmwand hinunter⸗ ſah, überfiel ihn ein ſolcher Schwindel, daß er ganz bleich wurde. Sein Kamerad faßte ihn daher feſt an dem er⸗ hobenen Arm, um ihn vor dem Sturz zu ſichern. Nun ſtand der Geſell eine Zeit lang ſtill, ohne ein Glied zu rühren, er ſuchte ſich nur an den furchtbaren Blick in die Tiefe zu gewöhnen. Deutlich ſah er es jetzt ein, daß er mit der Handſäge den Balken nicht neben ſich ab⸗ ſchneiden könne, weil die Schenkel des Beſchlags, der die Fahne getragen hatte, zu weit an dem Holze hinaufgin⸗ gen. Er mußte alſo dieſe erſt durchfeilen oder zwiſchen ſeinen Füßen hindurchſägen, was die Sache äußerſt gefähr⸗ lich machte, da er alsdann nur den linken Fuß behielt, um feſt zu ſtehen. Es ſchauerte ihn bis in die innerſte — —— ——, — 253— Mark hinein, wenn er dachte, daß er, der jetzt, wo er ſich mit einer Hand noch feſthielt, doch ſchon erblaßte und bebte, morgen nicht nur frei ſtehen, ſondern noch überdies arbeiten und ſich den ſchmalen Standpunkt ſeiner Füße noch verringern müſſe. Leicht, das ſah er jetzt wohl, war der ſchöne Preis nicht zu gewinnen, und er hatte nur noch wenig Hoffnung in ſeiner Seele. Hätte er nur allein, für ſich ſelbſt den Entſchluß gefaßt, jetzt wäre er wankend ge⸗ worden und hätte ſich anders bedacht; da er aber ſchon mit Andern davon geſprochen, hielt ihn die Scham und er beſchloß das Abenteuer zu wagen, es möge ausfallen wie es wolle. Er ſtieg hinein. Als er wieder in dem offenen Thürmchen ſtand, ſah Franz ihn theilnehmend an und ſprach:„Gereut Dich Dein Entſchluß nicht, guter Bruder?“—„Was hilft die Reue,“ entgegnete Heinrich, „jetzt muß er ausgeführt werden.“— So ſtiegen ſie vom Thurme hinab. Als ſie auf einer der untern Treppen waren, begegnete ihnen ein junger Burſch mit braunem lockigen Haar und einem kleinen Stutzbärtchen, deſſen Kopf eine durch eine weiße Feder verzierte Mütze bedeckte. Er war übrigens zierlich gekleidet, denn er trug ein grü⸗ nes Wamms, weiß geſchlitzt, ein ſeidenes Beinkleid von heller Farbe und blanke Stiefeln. Da er in dem halb⸗ dunklen Thurm, durch deſſen Fenſter nur das röthliche Abendlicht fiel, in dem die Sonnenſtäubchen wirbelten, raſch, ja, wie es ſchien, ſogar etwas ſcheu, an ihnen vor⸗ überging, konnten ſie ihn nicht recht ſcharf ins Auge faſſen; doch ſchien er noch ſehr jung zu ſein. Er ſtieg den Thurm hinauf. Sie würden ſich weiter nicht um ihn gekümmert haben, wenn ſie ihn nicht, als ſie nachher über den Markt gingen, von unten noch bemerkt hätten, wie er oben in dem offenen Thürmchen ſtand und ſich aus der Oeffnung — 2234— hinauslehnte, um den Balken ſcharf zu betrachten.—„Der wird Dich nicht von Deinem Abenteuer erlöſen,“ ſprach Franz zu Heinrich,„das ſcheint mir ein reiſender Junker aus einem hochadeligen Hauſe zu ſein, der von der Ge⸗ ſchichte gehört hat und das Wahrzeichen gerne in der Nähe betrachten möchte. Freilich ſo ein junges Milchbärtchen kann auch nicht unternehmen, was alte, geübte Zimmer⸗ leute ſich nicht zu wagen getrauen.“— Heinrich blieb ſtill. Nach einiger Zeit ſprach er:„Höre, Franz, heut iſt entweder der letzte Abend, an dem wir uns ſehen, oder es ſteht mir ein großes Glück bevor. Beides fordert uns auf, noch ein Glas mit guten Freunden zu leeren und noch einmal herzlich froh miteinander zu ſein. Ich ſetze meinen Reiſepfennig daran, denn in einer oder der andern Art habe ich ihn morgen gewiß nicht mehr nöthig.“—„Das heiß' ich wacker denken,“ rief Franz;„komm' hinaus auf das Schießhaus. Dort treffen wir noch Freunde an. Fort heute mit den Sorgen! Noch einmal fröhlich und dann mit einem frommen Spruche zum Werk, wie der Soldat in die Schlacht.“ So wanderten ſie zum Thore hinaus. Dreizehntes Capitel. Am andern Morgen waren die Bewohner des Städt⸗ chens ſchon früh in Bewegung. Denn das Gerücht, daß ein neuer Abenteurer das gefährliche Wageſtück beſtehen wolle, hatte ſich ſchnell wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt verbreitet. Um fünf Uhr, wußte man, ſollte die That aus⸗ 4 —— — 255— geführt werden; um halb fünf Uhr war daher ſchon der ganze Markt mit Menſchen wimmelnd bedeckt. Meiſter Erbach hatte keinen Augenblick der Ruhe die ganze Nacht hindurch genoſſen; hätte er gegen Morgen etwas geſchlum⸗ mert, ſo würde ihn ſchon das Getümmel der Menge auf den Straßen geweckt haben, die ſeit der Dämmerung ſich unter ſeinen Fenſtern vorbeitrieb. Endlich ſtand er auf. Sein erſter Schritt war nach Evchens Kammer; er pochte leiſe an, doch ſie erwachte nicht. Er klopfte ſtärker; ſie ſchien ihn nicht zu hören. Nun fing er an bange zu wer⸗ den; er rief ſie beim Namen, ſchlug ſtark an die Thür— keine Antwort. Jetzt verſuchte er zu öffnen und fand zu ſeinem Erſtaunen, daß der Riegel gar nicht vorgeſchoben war. Aber Evchen hatte ihr Lager ſchon verlaſſen; er fragte hierauf im Hauſe, fragte die Mägde, den Knecht— Nie⸗ mand hatte ſie geſehen.„Sollte,“ dachte er,„die Unruhe ſie gar nach dem Markte getrieben haben? Nein, unmöglich! Das ſchreckliche Schauſpiel wird ſie ſich wenigſtens erſpa⸗ ren wollen.“ Er ging noch einmal in ihre Kammer und fand auf einem Stuhl ihre gewöhnliche Kleidung liegen. Jetzt wurde er betroffen, ja bang. Ihr Abſchied fiel ihm ſchwer auf's Herz.„Wie! Wenn ſie ſich ein Leid's ange⸗ than hätte! Wenn die Verzweiflung— Nein, ſie iſt zu fromm und gut. So böſen Vorſatz konnte ſie nicht in ihrer Seele tragen!“ Die Unruhe trieb jedoch den Alten hinaus nach dem Markt. Die fünfte Stunde war nahe; er ſahe alles Volk verſammelt; in wenigen Minuten mußte das Schickſal ſeiner unglücklichen Tochter entſchieden ſein; doch wie er auch bei Nachbarn und Freunden forſchte und fragte, ſie war nirgend zu entdecken. Indem entſtand ein Jubel auf der Gaſſe. Es waren die Zimmergeſellen, die den Aben⸗ teurer, der das gefährliche Wageſtück ausführen ſollte, be⸗ — 256— gleiteten und ihn nach dem Markt führten. Im Volke ent⸗ ſtand ein dumpfes Murmeln. Aller Augen wandten ſich nach der Seite, woher der Geſell kam. Allein kaum hatte man dieſen, der ſtill beſcheiden einherging, einige Augenblicke betrachtet, als die Aufmerkſamkeit durch etwas ganz Anderes abgelenkt wurde. Der Geſell nämlich erhob ſeine Blicke nach der Spitze des Thurmes, ſtand plötzlich ſtill und rief:„Hilf Himmel, was iſt das!“ Seine Begleiter ſahen in die Höhe, das Volk gleichfalls, und ein Ausruf des Erſtaunens erſcholl wie aus Einem Munde. Hoch auf dem Thurme nämlich be⸗ merkte man einen Mann, der ſo eben aus der Oeffnung hin⸗ aus auf den Balken ſtieg, wo die gefährliche Unternehmung vor ſich gehen ſollte.„Das iſt der junge Burſch von geſtern Abend!“ rief Heinrich;„ich erkenne ihn an der weißen Feder auf dem Hut! Alſo iſt mir Einer zuvorgekommen?“ Dieſe Worte hatte der Geſell kaum geſprochen, als man auch ſchon ſah, daß es des jungen Mannes, der droben auf der gefährlichen Höhe ſtand, Abſicht allerdings zu ſein ſchien, die That, die ſich jener vorgeſetzt hatte, ſelbſt aus⸗ zuführen. Denn er nahm ein blankes Werkzeug, welches ihm um die Schulter hing und in der Morgenſonne hell funkelte, herabz es ließ ſich faſt erkennen, daß es eine Säge war. Jetzt ſtellte der junge, verwegene Burſch ſich ſeitwärts, lehnte ſich mit der linken Schulter gegen den Thurm, und begann nun zum Entſetzen Aller, die unten ſtanden, den Balken, auf dem er ſtand, zwiſchen ſeinen eigenen Füßen hindurch mit der Säge zu zerſchneiden.— Der alte Erbach, den dieſe Wendung der Sache auf's neue äußerſt beſtürzt machen mußte, ſtarrte mit unver⸗ wandtem Blick nach der Spitze des Thurms hinauf. Dieſe Verwegenheit des Fremden überſtieg alle Grenzen. Die Augen der verſammelten, lautloſen Menge hingen gleich⸗ ſÿꝑ— falls mit wachſender Angſt an dem furchtbaren Schauſpiel. Mit jedem Zuge der Säge, wo ſie tiefer ins Holz ſchnitt, vermehrte ſich die Gefahr; in jedem Augenblick glaubte man den Balken brechen und den Verwegenen eben ſo hinabſtürzen zu ſehen, wie vor wenigen Monden den un— glücklichen Wilhelm. Eine Todesſtille herrſchte auf dem mit Menſchen überdrängten Markt; man las in den blaſ⸗ ſen Zügen die Angſt, die Jeder im Namen Deſſen em⸗ pfand, der droben noch furchtbarer bewegt ſein mußte. Jetzt war das Holz mehr als zur Hälfte durchſchnitten; der arbeitende junge Mann mußte daher etwas zurücktreten, ſo daß er, es war entſetzlich zu ſehen, nicht mehr ganz mit den Füßen auf dem Balken ſtand, ſondern nur noch mit dem vorderen Theil derſelben. Nur in dieſer Stellung konnte der Schnitt ganz durch das Holz hindurchgeführt werden. Schon durfte es der kühne Abenteurer nicht mehr wagen, dem rechten Fuße die Laſt ſeines Körpers anzuver⸗ trauen, weil die vordere Scheibe des Balkens jeden Augen⸗ blick herabbrechen konnte. Er ſtand alſo nur auf der Ze⸗ henſpitze des linken Fußes, in dieſer furchtbaren Höhe auf einem Raum, wo das leiſeſte Wanken den unvermeidlichen Tod brachte. Der Eindruck, den dieſer Anblick machte, war der Erſcheinung zu vergleichen, wenn kleine Vögel von dem Scheuſal der Klapperſchlangs ſo mit Entſetzen gebannt ſind, daß ſie ſtarr in ihren offenen Rachen blicken und es nicht mehr vermögen davonzuflattern, was ihnen doch ſo leicht Rettung brächte. Jedes Auge entſetzte ſich hinauf zu ſchauen und doch hatte Niemand die Kraft, den Blick abzuwenden. So in ſtarrer, geſpannter Erwartung harrte die beklommene Menge. Da draͤngte ſich plötzlich ein Mann die Gaſſe hinab und rief:„Rettet ſie! Rettet ſie! Sie iſt verloren! Ums Himmels willen, rettet ſie! Ich muß mich — 258— vom Thurm hinunterſtürzen!“— Der Raſende war Bert⸗ hold, der unter dieſen Ausrufungen das Volk theilte und auf den alten Erbach zuſtürzte.„Vater!“ rief er und faßte ihn wild an den Schultern,„Deine Tochter iſt ver⸗ loren, Evchen iſt hin! O Gott, zu ſpät verſteh' ich ihre Meinung!“ Der Alte, wie betäubt, wußte nicht, was ihm geſchah. Er wollte fragen, da ertönte plötzlich ein furchtbares Geſchrei der ganzen verſammelten Menge in ſein Ohr. Er blickte auf, ſah den Balken mit Kette und Schlüſſel ſchon im Sturz auf halber Höhe des Thurms und, mit dem linken Arm an die Eiſenſtange geklammert, hing der kühne junge Mann droben an der Spitze. Der linke Fuß war ihm von dem Ballenſtumpf abgeglitten, allein die Todesangſt ſchien ihm Rieſenkräfte zu geben. Er zog ſich empor, faßte den Eiſenſtab noch mit der Rechten und ſchwang ſich glücklich in das Fenſter hinein. Jetzt erſchallte die Luft von unermeßlichem Jubelgeſchrei. Bert⸗ hold ſtürzte dem alten Erbach um den Hals, ſeine Thrä⸗ nen ſtrömten, er konnte kein Wort hervorbringen, als: „Gerettet, gerettet!“ Darauf riß er den Alten mit ſich fort nach dem Thurme hin; dieſer ließ ſich fortziehen und folgte, ohne zu wiſſen, weshalb. Mit Mühe kämpften ſie ſich durch das ungeheure Gedränge von Menſchen, welche den herabgeſtürzten Balken umgaben und ihn be⸗ trachteten. Berthold riß den Vater in die offene Thür der Thurmtreppe hinein. Da trat dieſer auf etwas, ſah hinab und fand die Säge, die der junge Menſch hatte fallen laſſen; mit höchſtem Erſtaunen erkannte er ſie als die ſei⸗ nige, die er oft im Hauſe gebrauchte. Jetzt fiel es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen, nun verſtand er auch Bertholdts Ausrufungen und folgte ihm mit verdop⸗ pelten Kräften.— Als die Bürger ſahen, daß die Beiden — ꝑſ — 259— die Treppe hinauf nach dem Thurm ſtiegen, folgten viele von ihnen, um den ſiegreichen Abenteurer jubelnd zu em⸗ pfangen. Während deſſen verſammelten ſich immer mehr Menſchen vor der Pforte und das merkwürdige Balken⸗ ſtück mit dem Wahrzeichen der Schloſſer ging aus Hand in Hand. Unter Denen, die nach und nach herangedrängt wurden, war auch der alte Hagenbach, Wilhelms Vater, der, ſo tief er den erneuten großen Schmerz empfand, ſich doch eingefunden hatte, da er der Meinung war, es gelte die Ehre des Gewerks. Dieſer wurde zuerſt darauf auf⸗ merkſam, daß in dem Schlüſſel, zwiſchen den Bärten deſ⸗ ſelben, eine kleine Brieftaſche eingeklemmt war. Er nahm ſie heraus und erkannte ſie mit gerührter Bewegung für die ſeines Sohnes. Durch welchen Zufall ſie gerade dort hän⸗. gen geblieben war, iſt ſchwer zu ſagen; hatte ſie Wilhelm, weil ſie ihn in der Arbeit hinderte und er ſie weder ver⸗ lieren, noch hinabwerfen wollte, ehe er hinabſtürzte, ſelbſt eingeklemmt, indem er den Schlüſſel an der Kette hinauf⸗ zog, wie Berthold that, oder war ſie beim Sturz des Un⸗ glücklichen auf ſo höchſt ſeltſame Weiſe hängen geblieben— das wußte Niemand zu beſtimmen. Genug, ſie war da, und der Vater betrachtete ſie mit tiefer Rührung, weil er wußte, wie werth das kleine Andenken dem Sohne gewe⸗ ſen war. Halb zufällig öffnete er ſie, da fiel ſein Blick auf einige Worte, die auf dem erſten Pergamentblättchen geſchrieben ſtanden. Er las ſie und große Thränen einer erhabenen Wehmuth drangen ihm ins Auge. Die Bürger umſtanden den alten Mann mit ſtiller Theilnahme und wagten es nicht durch eine Frage ihn in ſeinem Schmerz zu ſtören. Jetzt öffnete ſich die Thür des Thurmes; eine große Menge von Bürgern drang zuerſt daraus hervor, in deren Zügen man Freude und Erſtaunen las. Hierauf kamen — 260— Berthold und der alte Erbach; ſie trugen, von Mehrern un⸗ terſtützt, den jungen Mann, der das Abenteuer ſo kühn und glücklich beſtanden hatte, in den Armen. Er war, ſo ſchien es, ohnmächtig. Als er ins Freie gebracht wurde, ſchlug er die Augen auf, man richtete ihn empor, das Haar wallte in langen Locken herab— es war Evchen ſelbſt, die mit dem Heldenmuth der Liebe das Unglaubliche vollbracht hatte. Bis zum letzten Augenblick hatte die un— geheure Anſtrengung der Kraft angehalten, als ſie ſich aber an den Ort der Sicherheit wieder hinaufgeſchwungen hatte und der Kraft nicht mehr augenblicklich bedurfte, da ver⸗ ließ ſie dieſelbe auch ganz und es war auf den erſten Stufen der hinabführenden Treppe, wo Berthold ſie ohn⸗ mächtig liegen fand, ſie dem Vater entgegen⸗ und dann mit Hülfe deſſelben und der herbeieilenden Bürger hinab⸗ trug. Jetzt öffnete ſie die Augen wieder zum Licht, und ſank aus den Umarmungen ihres Geliebten in die des Va⸗ ters. Mit ſtiller Ehrfurcht umſtanden ſie die Bürger und Bürgerinnen, und konnten ihren Thränen nicht gebieten; ſie betrachteten ſie faſt als heilig, da Gottes Schutz ſich ſo herrlich und wunderbar an ihr verkündigt hatte. Auch Bertholds Vater war hinzugetreten, und der junge Zim⸗ mergeſell, deſſen Abenteuer zu ſeinem Glück oder Unglück vereitelt war, ſtand tief bewegt in der Thür. Ihm winkte der alte Erbach in der größten Freude ſeines von der Angſt befreiten Herzens und ſprach leiſe:„Du biſt ein wackerer Burſch, mein Sohn, die tauſend Gulden, die Du geſtern ausſchlugſt, ſind heute Dein. Es iſt ein Geſchenk, das ich mit Freuden der glücklichen Wendung unſeres Geſchickes darbringe. Aber, mein Sohn, verlaß dieſe Stadt und ſiedle Dich anderwärts an, ehe Deine Liebe tiefere Wur⸗ zeln ſchlägt, denn weder Dir, noch leider irgend einem Andern —— — 261—. blühet dieſe Roſe.“— Der junge Geſell ging. Er wußte nicht, ſollte er ſich freuen oder trauern; weinen aber mußte er recht von Herzen. Evchen hatte ſich erholt, Berthold hielt ſie im Arm, die drei Väter ſtanden vor ihr. Mit tiefer Trauer ſah ſie zu dem alten Hagenbach auf und ſprach:„Ach, Vater! Euch habe ich einen Sohn geraubt.“—„Mein Kind,“ ſprach der Greis,„Gott iſt allmächtig, er verſüßt auch die bitterſten Schmerzen, er heilt die tieſten Wunden. Heut hat er mir einen Troſt gegeben, der mein Herz wie Ver⸗ jüngung erquickt.“ Er zog die Brieftaſche Wilhelms aus dem Buſen.„Sieh,“ ſprach er,„dies kleine An⸗ denken meines Sohnes, das er von Dir beſaß, haben wir hier ſo eben auf das wunderbarſte aufgefunden. Es ent⸗ hält etwas für Dich, meine Tochter. Höre zu, hört mir zu, Ihr Alle.“ Er las:„Liebſtes Evchen! Ich wage mein Leben mit Freuden für Dich; aber nicht, um Dich für mich zu erringen, denn ich weiß, Du kannſt nicht mein ſein. Wer könnte Liebe erzwingen? Aber ich will Deines Vaters Eid löſen, Dich mir gewinnen und Dich dann an Deſſen Herz legen, den Du am meiſten liebſt. Vielleicht vollbring' ich's nicht! Koſtet es mein Leben, ſo bedenke, daß meine Seele nur Ruhe haben kann, wenn mein höch⸗ ſter Wunſch erfüllt iſt, der, daß Du glücklich biſt. Sei es in Bertholds Armen und nimm meinen letzten Segens⸗ wunſch für Dein Heil.“ Evchen lag an der Bruſt des kinderloſen Greiſes und rief:„Ich will auch Deine Tochter ſein!“ Der Eid war gelöſt. Keine Blutſchuld haftete mehr daran. — 262— Als der Herbſt kam, traten Evchen und Berthold vor den Altar. Und nicht als blutiges Geſpenſt trat Wilhelms abgeſchiedener Geiſt zwiſchen die Liebenden; nein, die Er⸗ innerung an ihn war ſanft ſchmerzlich, aber wohlthuend und ſegensreich, und die Glücklichen gedachten ſeiner wie eines zu früh dahingegangenen theuren Bruders.— So begann der erſte Winter ihres ſchönen Lebens und ihre treue, viel⸗ geprüfte Liebe verwandelte ihn und alle kommenden Jahre in einen roſenfarbigen, unvergänglichen Frühling. Die Brüder. Eine Erzählung im Volkston. 7 — Erstes Capitel. In einem märkiſchen Dorfe, das wir Friedheim nennen wollen, welches unweit Berlin und in der Nachbarſchaft des nachmals wegen der furchtbaren Schlacht ſo berühmt gewor⸗ denen Großbeeren liegt, lebte ein alter, wohlhabender Land⸗ mann, Namens Friedrich Wartnerz; ſchlicht, vernünftig und wohlwollend, und für ſeinen Stand vor Andern unter⸗ richtet und gebildet. Seine Familie glich ihm darin; ſie beſtand aus ſeiner Frau, Gertrud, die ihm an Jahren faſt gleich war, nämlich über die ſiebenzig hinaus, und aus zwei Söhnen, Karl und Friedrich, deren älteſter eben das zweiundzwanzigſte, der andere das einundzwanzigſte Jahr erreicht hatte. Sie lebten in einer ſchweren Zeit, denn die Franzoſen bedrückten das Land und ſtanden eben jetzt wie⸗ der ſiegesübermüthig in der ſchönen Hauptſtadt des preußi⸗ ſchen Staates, in Berlin. Der alte Wartner ſeufzte oft⸗ mals tief auf, wenn er bedachte, daß ſein und ſeiner Söhne durch mühſame Arbeit gewonnener, redlich verdienter Lohn nicht ihnen ſelbſt und dem Vaterlande zu Gute kam, ſon⸗ dern daß das Meiſte davon diente, fremde, übermüthige Feinde des Landes üppig zu ernähren. Doch ſprach er oft⸗ Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. III.. 12 — 266— mals aus tiefer, chriſtlicher Ueberzeugung, wenn er mit den Seinigen aus der Kirche kam, wo der Pfarrer wieder ſo eindringlich Hoffnung und Muth in alle Herzen geſprochen hatte:„Kinder, es wird anders werden, es muß; Gott iſt gnädig und gerecht; eine beſſere Zeit kann nicht ausblei⸗ ben!“ Und ſie kam! Kam, wie ein furchtbares Gericht der Gottheit, um die ſtolzen Frevler zu ſtürzen; ſie war ſchreckensvoll und ſegensreich, wie ein Gewitter. Eines Tages war der Pfarrer in Berlin geweſen; der alte Wartner ſtand eben, in den Pelz gehüllt, die Winter⸗ mütze dicht über's Ohr gezogen, vor der Hausthür und be⸗ ſah das ſchadhafte Dach, das den rauhen Winterſtürmen nicht mehr recht trotzen wollte, als der ehrwürdige Geiſtliche ins Dorf fuhr. Schon von weitem winkte der Prediger ihm; Wartner trat daher an den Wagen, der Knecht mußte anhalten und der ſilberhaarige Diener des Herrn reichte dem greiſen Landmanne mit thränenden Augen die Hand hinaus, indem er mit bewegter Stimme ſprach:„Gott hat geholfen! Er hat furchtbar Gericht gehalten. Dieſer grimmige Winter, über den wir uns in unſerer Thorheit beſchwerten, iſt unſer Retter geworden! Das ſtolze Heer der Franzoſen hat er vernichtet, der ſieggewohnte Kaiſer iſt auf der Flucht, alle deutſche Herzen ſchwellen vor Freude, wir ſind befreit— befreit!“ Hier rollten dem greiſen Manne die Thränen über das tiefgefurchte, würdige Antlitz; er konnte nicht wei⸗ ter ſprechen, aber ſein gen Himmel gehobener Blick ſagte deutlicher, als alle Worte:„Gott ſei die Ehre!“— Wart⸗ ner konnte noch nicht deutlich faſſen, was der Pfarrer ihm ſagte; er folgte ihm daher heftig bewegt in deſſen Wohnung und hier erfuhr er ausführlicher, welche Botſchaften in der Stadt bereits von Mund zu Munde gingen, eine Kunde, die bald durch ganz Europa mit erſchütternder Wirkſamkeit — 267— ſich verbreitete.„Das iſt Gottes Macht!“ rief er endlich ſtaunend aus;„jetzt wird es an uns kommen, mit ſeiner Hülfe das Werk zu vollenden. Ach, daß ich alt und krank bin! Aber, ich habe Söhne!—— Herr Pfarrer! Mei⸗ ner Frau, meinen Kindern, dem ganzen Dorfe muß ich's erzählen!“ Mit dieſen Worten ſtürzte der Greis, vor Freude zitternd, hinaus in das winterlich öde, einſame, beſchneite Dorf und verbreitete die Botſchaft der Errettung. Zweites Capitel. Jetzt kam eine Nachricht nach der andern an, wodurch man umſtändlicher erfuhr, auf welche Art das ungeheuere franzöſiſche Heer ſo gänzlich vernichtet worden war. In die Freude über die nahe Erlöſung von dem langen, ſchmählichen Druck miſchte ſich die ernſte, chriſtliche Trauer, eine tiefe Bewegung der Seele, wenn man vernahm, wie furchtbar die Hand Gottes die leichtgeſinnten Franken geſchlagen hatte. Noch nie, ſeit Krieg auf Erden gewüthet hat, war er mit ſo gren⸗ zenloſem Elend und Jammer verbunden geweſen, noch nie hatte er ſich in ſo entſetzlicher Geſtalt gezeigÄt. Doch auch der Menſch wächſt in großen Schickſalen zu größerer Stärke der Seele heran; und ſo vernahm man denn mit Erſtaunen auch manchen Zug kühnen Heldenmuthes und gewaltiger Aus⸗ dauer kraftvoller Seelen, die ſich in dem allgemeinen Unheil entwickelt hatten. Man konnte dem Volke, das ſo bedrängt und ſo geſchlagen, doch ein ſo ſtolzes Nationalgefühl, einen ſo ruhmbegeiſterten Sinn gezeigt hatte, große Achtung, ja 12* — 268— ſelbſt Bewunderung nicht verſagen, wenn man gleich auch bedachte, daß es nicht die edelſten Zwecke waren, für die dieſe hohen Kräfte ſich regten, dieſe lodernden Flammen em⸗ porſchlugen. Der Menſch in ſeiner Kraft iſt immer etwas Großes, wenn er ſie auch in ſeiner Verblendung nicht auf Das richtet, was allein noth iſt. So dachten, ſo fühlten alle Diejenigen, und ſelbſt die begeiſtertſten Söhne des Va⸗ terlandes, denen nicht ein hoher Sinn für hohe Erſcheinun⸗ gen ganz fehlte; und auch nur dieſe vermochten es, den ge⸗ waltigen Feind nachmals zu beſiegen. Denn wer ihn nicht bewundern konnte, der konnte es auch nicht würdigen, wel⸗ cher Anſtrengungen, welcher Kraft der Seele, welcher mu⸗ thigen Arme und Herzen es bedürfen würde, ſich kämpfend mit ihm zu meſſen, ihn zu Boden zu werfen. Eine erſchütternde Nachricht nach der andern traf in un⸗ ſerem Dorfe ein. Jeder, der in der Stadt geweſen war, brachte etwas Neues von Wichtigkeit mit hinaus. Bald langten auch die Trümmer des gewaltigen Heeres an. Kaum vor einem Jahr war es noch ſtolz durch die Hauptſtadt ge⸗ zogen und jetzt gedemüthigt, belaſtet mit Elend und Jam⸗ mer, kehrte es heim! Selbſt bei den Wenigen, die aus dem allgemeinen Unheil ſich gerettet hatten und geſunden Leibes die wirthbare Erde Deutſchlands wieder betraten, bemerkte man in dem finſtern, niedergeſchlagenen Blick, in der tiefgefurchten, ſorgenſchweren Miene, daß auch ſie die ſchwere Hand des Geſchicks gefühlt hatten. Kameraden, Freunde, Brüder, Väter waren um ſie her gefallen, im furchtbaren Elend verſchmachtet; der Ruhm des Heeres hatte ſich ver⸗ dunkelt, ja das Vaterland ſelbſt war in ſeinen Grundfeſten erſchüttert— konnten ſie froh blicken, konnten ſie Freude empfinden, unter ſo vielen Tauſenden die einzigen Geretteten zu ſein? Wer außer dem Leben Alles verloren hat, der — 269— erkennt erſt, daß es nicht nur nicht das höchſte der Güter, ſondern vielleicht das geringſte iſt. Anders ſah es mit den Bewohnern unſeres Dorfes, mit allen Preußen, allen Deutſchen aus. Jahre lang hatten ſie das Auge geſenkt und den Schmerz in ſtiller Verborgenheit getragen. Jetzt röthete ſich der Himmel im fernen Oſten jenſeit ewiger Schneegefilde und verbreitete eine neue Sonne. Aus blutigen Wolken ſtieg ſie empor, noch manches blutige Gefilde ſollte ſie beleuchten, aber doch herrliche Früchte und Saaten des künftigen Heils aus den ſchlummernden Keimen erwecken. Der Tag aber, an dem ſie für Preußens Be⸗ wohner aufging, war der neunte Februar des Jahres ein⸗ tauſendachthundertunddreizehn! Der Preuße, der dieſen Tag vergeſſen kann, verdient nicht, daß irgend Jemand ſeiner ge⸗ denke, ſei's in Glück oder Leid! Drittes Capitel. Am Mittage dieſes Tages war es, als der Pfarrer die Zeitung aus Berlin erhielt, in welcher der berühmte Aufruf des Königs an ſein Volk enthalten war. Sogleich eilte er, mit dem Blatte in der Hand, zu den Aelteſten der Ge⸗ meinde und theilte ihnen die Nachricht mit; bald war das ganze Dorf in Bewegung und verſammelte ſich vor dem Pfarrhofe, damit der Pfarrer dort das Blatt vorleſen könne. Dies geſchah; eine feierliche Stille herrſchte rings umher, wie in der Kirche; nur unwillkürliche Laute der begeiſterten Rührung ließen ſich hier und da vernehmen.„Kinder,“ — 270— rief der Pfarrer am Schluſſe,„jetzt gilt es für Gott, König und Vaterland das Leben zu wagen. Welche Feinde wir zu bekämpfen haben, iſt zwar nicht geſagt, aber in welcher Bruſt würde dies nicht empfunden? Es iſt Mancher un⸗ ter Euch, der jetzt berufen iſt, ſtatt des friedlichen Pfluges die Waffen des Streites zu führen; Mancher wird dahin⸗ ziehen, Mancher vielleicht nicht wiederkehren! Alle aber wird Gottes Segen begleiten und ſtärken in Drangſal, Ge⸗ fahr und Tod!— Gehet jetzt heim und berathe ſich Jeder mit den Seinigen, was er zu thun gedenkt; wer aber mei⸗ nes Nathes bedarf, der komme zu mir und ich werde ihm helfen nach beſter Kraft und nach beſtem Gewiſſen.“— Die Gemeinde ging in tiefer Bewegung auseinander. Als der alte Wartner mit den Seinigen die Wohnung erreicht hatte, brachen ſeine Söhne faſt wie mit Einem Worre los:„Vater, wir müſſen fort, wir müſſen fort ins Feld, für unſern König zu fechten!“ Der Alte drückte Beiden die Hand und ſprach:„Kinder, Euer Eifer iſt rühmlich und Gott weiß, ich will Euch nicht zurückhalten, wüßte ich auch, daß Ihr Beide nicht wiederkehrtet. Auch Eure Mutter denkt wie ich; über ein Kleines wären wir ja doch wieder beiſam⸗ men, denn unſer Haupt iſt reif zur Ernte! Aber— ich glaube nicht, daß Ihr recht thut, wenn Ihr Beide geht. Aus vielen Gründen, die Ihr leicht ſelbſt ermeſſen könnt, denn Ihr ſeid ja verſtändig, Kinder, halte ich's für beſſer, wenn nur einer von Euch uns verläßt. Doch will ich nichts entſcheiden; berathet Euch erſt mit Euch ſelbſt und dann geht zu unſerem würdigen Pfarrer, damit der Euch mit guten Worten beiſtehe; denn gute Worte ſind köſtlicher als Gold.“— Damit überließ er die Brüder ſich ſelbſt. Abends gingen ſie mit voller Seele zum Pfarrer und trugen ihm ihr Vorhaben vor. Dieſer ſagte:„Kinder, es A — 271— iſt rühmlich, daß Ihr Beide für Euer Vaterland fechten wollt. Allein bedenkt, daß der Staat auch noch andere Arme bedarf, als Derer, wleche die Waffen führen. Wenn jede Wirthſchaft nur Einen erwachſenen Sohn zurückbehielte, ſo würde ſchon das zu wenig ſein, um für den Ackerbau zu ſorgen. Ihr wollt aber gar keinen zurücklaſſen; denn nicht nur, daß Euer Vater alt und ſchwach iſt, ſo könnte er auch, Gott verhüte es, unvermuthet abgerufen werden; denn er ſteht in den Jahren, wo er dies ſtündlich erwarten muß. Sollte nun der ſchöne Beſitz, mit dem der Himmel Euch reichlich geſegnet hat, unbebauet liegen? Glaubt mir, dies wäre dem Vaterlande ſchädlicher, als daß ein Mann im Heere weniger iſt. Wollten Alle Eurem Beiſpiele folgen, dürfte jetzt kein einziger waffenfähiger Mann zurückbleiben. Nicht zu geden⸗ ken, daß der Staat ſo viele Krieger gar nicht erhalten könnte, ſo würde er auch daheim zu Grunde gehen. Euer Eifer iſt daher löblich, aber es wäre nicht gut, ja es wäre unrecht an Euch und am Vaterlande gehandelt, wenn Euer Wille geſchehen könnte. Nein, meine Söhne, ſteht ab da⸗ von. Es ziehe Einer von Euch ins Feld; der Andere ſorge für die alten Eltern und für den Acker, damit das Vater⸗ land nicht Das, was es auf der einen Seite gewinnt, auf der andern dreifach verliere. Wohl begreife ich, daß Ihr Beide gern die Waffen wähltet und daß der Zurückbleibende dem Fortziehenden mit Sehnſucht nachblicken wird; allein das Opfer der Entſagung wird Gott eben ſo hoch anneh⸗ men. Euer Alter, Eure Kraft rufen Euch Beide mit glei⸗ chem Recht ins Feld, laßt alſo, ſo iſt mein Rath, das Loos entſcheiden.“ Die Brüder ſahen ſich lange an und ſchwie⸗ gen, endlich ſprach Karl, der ältere:„Herr Pfarrer, es ſei, wie Sie ſagen; das Loos mag entſcheiden, denn weder Va⸗ ter, noch Mutter, noch Sie, Herr Pfarrer, noch wir ſelbſt — 272— möchten Einen auswählen. So laß uns denn looſen, Bru⸗ der.“— Es geſchah; der Pfarrer ſchrieb Jedes Namen auf einen Zettel, falzte ſie zuſammen, ſchüttelte ſie wohl durch⸗ einander und ließ dann Karl die Wahl. Der gezogene Name ſollte Deſſen ſein, der zu Felde ginge. Das Loos traf Friedrich! *1 Viertes Capitel. Der Pfarrer umarmte ihn und ſprach:„Gott ſchütze Dich, mein junger, braver Soldat!“ Dann wandte er ſich zum Bruder Karl, ſchloß auch ihn in die Arme und ſagte: „Und Dich tröſte der Herr, denn ich weiß, Du mußt jetzt einen bittern Schmerz der Entſagung überwinden.“ Beide Brüder hatten Thränen in den Augen; ſie ſahen einander lange an, dann fielen ſie ſich heftig ans Herz und drückten und küßten einander mit inniger, brüderlicher Zärtlichkeit. Sie kamen nach Hauſe und erzählten den Eltern, wie Alles geſchehen ſei; dieſe konnten es nur gut heißen. Von nun an aber hatte der alte Wartner keine Nuhe. „Man muß nicht blos wollen,“ ſagte er,„man muß auch handeln. Gott hat mich ſelbſt in ſchweren Zeiten geſegnet, ſo daß ich einen Nothpfennig zurücklegen konnte. Beſſer kann ich ihn nicht brauchen, als jetzt; der Krieg iſt eine theuere Sache, das Land iſt erſchöpft, der König muß viele Soldaten ſtellen, die ſchweres Geld koſten. Meinen Sohn ſoll er gewaffnet und gerüſtet haben.“ Mit dieſen Worten holte er ſein Erſpartes hervor, theilte es und ſagte:„Die — — 273— eine Hälfte iſt Dein, ſie reicht hin, Dich auszurüſten; die andere wollen wir zurückbehalten, denn wer weiß, wo und wie wir's nützlich brauchen können. Zu morgen aber mach' Dich fertig, wir wollen nach Berlin.“ So geſchah es. Am an⸗ dern Tag zeitig war man bei der Hand. Der Knecht mußte die beſten Pferde anſpannen und Vater und Sohn fuhren in die Stadt. Dort gingen ſie zu einem alten tapfern Major, den Wartner von früher her kannte, weil er auf einem Gute deſſelben einen Pacht gehabt hatte, den er erſt abgab, als das Gut verkauft wurde. Zu ihm hatte er gerechtes Vertrauen und trug ihm daher die Sache vor. „Kinder,“ ſprach dieſer,„Ihr handelt brav, Gott wird's lohnen. Der König braucht Leute in allen Waffen, habt Ihr aber ein gutes Pferd im Stall, das Ihr entbehren könnt, ſo gebt es her und ſtellt dem Könige einen Reiter, denn deren wird's doppelt noth thun. Wer weiß denn, ob Euch die Franzoſen nicht doch in kurzem alles Vieh aus dem Stall ziehen? So erhaltet Ihr's doch für das Land.“ —„Das iſt auch wahr,“ erwiderte der Alteè,„das ſoll geſchehen.“—„Gut denn,“ ſprach der Major,„ſo ſchickt mir Euern Sohn in drei Tagen zu Pferde hierher. Indeß will ich für Waffen, Montirung und Sattelzeug ſelbſt ſorgen, daß er nicht bevortheilt werde, und auch veranſtalten, daß er wohlbehalten von hier fort nach Breslau komme.“ Die Landleute ſchieden mit Dank und voller Freude. Zu Hauſe wurde jetzt Alles zu Friedrichs Abreiſe ge⸗ ordnet, Wäſche genäht und was dergleichen mehr iſt. Pfeil⸗ ſchnell kam der dritte Tag heran. Friedrich nahm zuerſt Abſchied vom Pfarrer, der ihm nichts ſagen konnte, als: „Gott ſei mit Dir und helfe auch durch Dich der gerechten Sache!“ Was Vater und Mutter fühlten, das läßt ſich nicht ſchildern, aber Jeder wird es in ſeinem eigenen Herzen 12 ½α* — 224— empfinden können. Karl war tief bewegt, aber gefaßt, wie ein Mann ſein ſoll. Friedrich ſchloß ihn feſt in ſeine Arme und rief:„Gott wird uns wieder zuſammenführen in Freu⸗ den; ſorge für unſern Vater, unſere Mutter, und ſollte ich nicht wiederkehren, ſo denke, daß ich geſtorben bin, während ich an Dich, an die Eltern und an die gerechte Sache dachte, alſo ſelig und glücklich.“”“ So ſchied er von dannen. Fünktes Capitel. Wir müſſen ihn jetzt mit den andern tapfern Söh⸗ nen Preußens dahinziehen laſſen und können uns auch nicht um den großen Gang des Krieges kümmern. Jeder Preuße wird ihn kennen. Nur in ſoweit er unſere Freunde betrifft, wollen wir ſeiner erwähnen.— Karl war freilich mit trübem Herzen zurückgeblieben, doch, fromm und chriſt⸗ lich geſinnt, wie er war, ergab er ſich darein und ſuchte Troſt und Beruhigung dadurch zu finden, daß er ſeine Pflichten auf's ſtrengſte erfüllte. Er bebaute das Feld eifrig und ſorgſam; er war ſeiner alten Eltern Troſt und Stütze, und wo es galt, für das gemeine Beſte etwas zu thun, da war er gewiß der Erſte. Friedrich war indeß glücklich bei einem Huſarenregimente eingeſtellt worden und bereits ins Feld gerückt. Die Franzoſen hatten bekanntlich durch ihren an Mitteln unerſchöpflichen Kaiſer mit ſtau⸗ nenswerther Schnelle wieder eine große Macht aufgebracht und ſtanden in Deutſchlands Herzen furchtbar gerüſtet; die Schlachten bei Lützen und Bautzen gingen, wiewol ehrenvoll, — 25— doch verloren und der Feind bedrohte ſogar die Hauptſtadt näher und näher. Jetzt kam die Reihe auch an unſere Dorfbewohner, ſich thätig zu zeigen; der Landſturm wurde gebildet und that wichtige Dienſte, indem er alle diejenigen Pflichten übernahm, die zwar nur weniger geübte Soldaten erforderten, aber doch von entſchloſſenen Männern ausgeübt werden mußten. Vor allen Bewohnern unſeres Dorfes zeichnete ſich Karl aus. Ueberall, wo es galt, war er der Erſte; hatte er am Tage ſeine Haus⸗ und Feldarbeit be⸗ ſorgt, ſo war er Nachts thätig, indem er entweder Gefan⸗ gene transportiren half, oder Schanzarbeiten verrichtete, oder eine Botſchaft, die einen gewandten Menſchen erforderte, ausrichtete, und dergleichen mehr. Der Waffenſtillſtand wurde geſchloſſen; dieſe Zeit mußte genutzt werden, um alle Kräfte des Heeres und des Volkes zu vereinigen, um endlich mit der letzten Anſtrengung die Früchte der unermeßlichen Müh⸗ ſeligkeiten und Gefahren ernten zu können. Was im Gro⸗ ßen gethan werden mußte, hatte auch jeder Einzelne zu thun. So dachte Karl, und mit Recht; er wußte ſich beſſer zu bewaffnen, als bisher, er übte ſich mit ſeinen waffenfähigen Gefährten mehr im regelmäßigen Dienſt und traf andere kriegeriſche Vorkehrungen.— Von Friedrich waren indeß lange keine Nachrichten angekommen; er hatte bei Lützen und Bautzen mitgefochten; in einem ſpätern Gefechte war er verwundet worden, wie er ſelbſt aber geſchrieben, nur leicht; dies hatte wenige Tage vor dem Waffeenſtillſtand ſtattgefunden und ſeitdem hatte er nichts von ſich hören laſſen. Die Zeit der Waffenruhe war mit dem 17. Auguſt abgelaufen und der furchtbare Kampf begann nun von neuem. Näher und näher drangen die Franzoſen auf die Hauptſtadt ein; endlich brachen ſie bei Trebbin durch und — 276— die gewaltige, blutige Schlacht vor Großbeeren entwickelte ſich. Schon immer hatte Karl ſeinen Eltern angelegen, daß ſie, gleich andern Landleuten der Umgegend, doch nach Ber⸗ lin flüchten möchten; allein der alte Wartner war ſtets da⸗ gegen.„Du, mein Sohn,“ ſagte er,„kannſt und darfſt nicht hier fort; es wäre ein ſchlechtes Beiſpiel für die An⸗ dern. Und ſoll ich Dich zurücklaſſen und mit der Mutter in ſteter Angſt der Ungewißheit um Dich bleiben? Was wird man uns alten Leuten thun? Und ſollten wir. ein Unglück haben, ſo ſterben wir lieber in Deinen Armen, als unter Fremden; ebenſo, wenn Dich ein betrübtes Ereigniß träfe, drücken wir Dir lieber die Augen, zuse als daß wir, in ſteter Ungewißheit um Dein Schickſaßzſchwebend, endlich das traurige Loos durch Andere erfahren. Ueberdies fürch⸗ ten wir Alten den Tod nicht ſo ſehr, da und ein Zufall ja nur eine kurze Zeit unſeres, jetzt überdies ſchon faſt ganz nutzloſen Lebens rauben könnte. Und ſolkte ich unſern wak⸗ kern Pfarrer verlaſſen, der hier ausharxt, weil er nicht von ſeiner Gemeinde weichen will? Das wolle Gott vicht!“ Mit dieſen Worten entgegnete der alte Wartner der oft wiederholten Bitte des Sohnes, ſich mit, der Mutter in Si⸗ cherheit zu begeben, und die Mutter dachte gleich ihm. Jetzt aber war der Augenblick gekommen, wo aus der dro⸗ henden Gefahr eine wirkliche wurde. 8— N 8 — 277— Sechstes Capitel. Wie der Ruf einer Sturmglocke kam am 22. Auguſt die Nachricht ins Dorf, daß die Franzoſen die Preußen von Trebbin zurückgetrieben hätten und das ganze Heer im An⸗ marſch ſei., Obgleich ſchon lange durch ernſte Kriegsereig⸗ niſſe bedroht, ſetzte die Wirklichkeit doch unſere Dorfbewoh⸗ ner in nicht gexinges Schrecken. Man verſteckte und ver⸗ grub, was Werth hatte, und beſchloß, ſich beim Anrücken der Franzoſen gemieinſchaftlich zu retten. Jetzt hörte man von fern her die dumpfe, immer ſtärker werdende Kanonade; deutlich unterſchied man bald auch das Kleingewehrfeuer, ſo daß Fein Zwelfel blieb, die Franzoſen rückten näher und nä⸗ her. Karl unternahm es, mit einigen gewandten Burſchen ein Stück vorzugehen, um genauere Nachrichten einzuſam⸗ meln. Nach einigen Stunden kam er zuruͤck und aus Al⸗ lem, was! er gehört und geſehen hatte, ging hervor, daß am nächſten Tage eine große Schlacht ſtattfinden werde, die über das Schickſal der Hauptſtadt entſcheiden mußte. Bis gegen den ſpäten Abend dauerte die Kanonade. Wartner, ſein Sohn und noch. einige Landleute ſaßen die Nacht hindurch beim Pfarrer und bedachten theils, was zu thun ſei, im Fall der Kampf auch bei ihrem Dorfe entbrennen ſollte, theils⸗brachten ſie die ernſte, verhängnißvolle Zeit mit brün⸗ ſtigem Gebete hin, daß Gott Alles zum Beſten des Vater⸗ landes und des theuern Königs wenden möge. Der Mor⸗ gen brach an: der ganze Himmel war in Grau gehüllt; der Regen ſtrömte herab, es ſchien, als wolle Gott ſeine Sonne zu dem blutigen Schauſpiel, das ſich nun begeben ſollte, nicht leuchten laſſen. Wie ferne Gewitterſchläge hörte — 279— man die erſten Kanonenſchüſſe; bald wurde das Gefecht all⸗ gemein und der Donner der Kanonen hallte rings umher wider. Der Kampf ſchien ſich indeß zum Glück für un⸗ ſere Dorfbewohner, die jeden Augenblick zur Flucht bereit waren, von dem Dörfchen abwärts zu ziehen. In der Ge⸗ gend von Blankenfelde, wo der tapfere General Tauen⸗ zien befehligte, und bei Großbeeren ſchien er am heftigſten zu entbrennen. Eine Abtheilung leichter, preußiſcher Trup⸗ pen, die unſer Dorf beſetzt hatte, erhielt Befehl zum Auf⸗ bruch und zog ſich dorthin. Kaum war ſie auf dem Mar⸗ ſche, als auch eine Batterie Artillerie ſich anſchloß, die von der Reſerve herbeigeholt war. Karl ſtand mit einigen Ge⸗ fäͤhrten auf einer Anhöhe vor dem Dorfe und ſah, welchen Weg die Truppen nahmenz da er die Gegend genau kannte und wußte, wo der Kampf vor ſich ging, konnte er zauch genau wiſſen, welchen Weg die Truppen zu nehmen hatten. Da fiel es ihm plötzlich wie ein Stein auf's Herz, daß ſie eine Niederung mit Elſengebüſch würden paſſiren müſſen, wo bei ſo naſſer Witterung die ſchweren Fahrzeuge der Ar⸗ tillerie leicht ſtecken bleiben konnten, wenn ſie nicht von Je⸗ mand geführt würden, der die Gegend ſo genau kannte, daß er die feſteſten Stellen des Bodens auszuſuchen und zur rechten Zeit von dem Wege abzuweiſen wußte. Kaum hatte er dieſen Gedanken gefaßt, als er beſchloß, ſelbſt auf die Gefahr, als vorwitzig ausgelacht zu werden, dem Führer der Truppen dieſen Umſtand mitzutheilen. Indeß hatten dieſe ſchon einen weiten Vorſprung und es war ſchwer, ſie einzuholen; Pferde gab es, einige alte, faſt unbrauchbare Zugthiere ausgenommen, im ganzen Dorfe nicht mehr. Daher beſchloß der wackere Junge zu laufen, was er ver⸗ mochte; er bat einen Bekannten, daß dieſer ſeinen Eltern ſagen möchte, er ſei den Truppen nach und werde ſobald — 239— als möglich zurückkommen, und machte ſich hierauf ſporn⸗ ſtreichs auf den Weg. Hart an dem gedachten Elſengebüſch erreichte er die Batterie, die den Schluß des Zuges bildete. Aus der Richtung der Infanterie ſah er ſchon, daß dieſe den Weg gerade über die ſchlimmſten Stellen genommen hatte, der freilich der nächſte zu ſein ſchien. Für Wagen und Pferde aber war er an einem Tage, wie der heutige, gänzlich unbrauchbar. Außer Athem fragte Karl nach dem Capitain der Batterie.„Er iſt vorgeritten, um das Ter⸗ rain zu recognosciren,“ war die Antwort.„Was aber wollt Ihr, mein Freund?“—„O Herr Officier,“ ſprach Karl, „Sie werden mich vielleicht auslachen, aber bei dem heu⸗ tigen Wetter können Sie auf dem Wege, den Sie einſchlagen wollen, unmöglich mit Ihren Kanonen durch den Buſch kommen.“—„Davor iſt uns auch ſchon bange geweſen,“ ſagte der Officier,„und deshalb eben iſt der Capitain vor⸗ ausgeritten; aber da kommt er zurück.“ In dieſem Augen⸗ blick ſprengte der Hauptmann heran und rief:„Ich ſehe keine Möglichkeit, hier durchzukommen; der Boden iſt ſo weich und tief, daß man faſt nicht durchreiten, geſchweige fahren kann.“ Jetzt trat Karl muthiger vor und ſprach: „Herr Hauptmann, wenn Sie mir folgen wollen, ſo getraue ich mich doch, Sie durchzuführen, ſogar ohne einen großen Umweg zu machen.“—„Thu' das, mein Sohn, wenn es möglich iſt,“ rief der Hauptmann,„Du leiſteſt Deinem Kö⸗ nige einen wichtigen Dienſt. He! gebt dem Burſchen eins von meinen Pferden.“ Karl ſaß auf und ritt neben dem Hauptmann an dee Spitze der Batterie hin. Er bog bald rechts von der Straße ab und ſuchte ſo einen Weg über höher liegende oder feſtere Stellen, der wirklich ſelbſt Einem, der genau bekannt war, ſchwer zu finden geweſen wäre. Doch glücklicherweiſe traf Karl die beſten Stellen ſo gut, — 280— daß auch nicht der mindeſte Aufenthalt entſtand.— Indeß wurde die Kanonade ſtärker und ſtärker und zog ſich immer näher zu dem marſchierenden Truppentheil hin.„Du kannſt noch in Gefahr kommen für Deinen guten Rath, mein Sohn,“ ſprach der Hauptmann. Doch Karl antwortete mit leuchtenden Augen:„O Herr, das thut nichts, ich fürchte mich nicht.“ In demſelben Augenblick donnerte ein Kano⸗ nenſchuß in geringer Entfernung von ihnen und plötlich fuhr eine Kugel ſauſend durch die Luft über die Köpfe der Soldaten hin.„Was Teufel,“ rief der Hauptmann,„ſie ſind uns ſchon auf dem Pelz und müſſen uns entdeckt ha⸗ ben.“—„Wir müſſen gleich auf einen freien Platz kommen, wo wir uns umſehen können,“ rief Karl,„wenn ich mich nicht irre, ſo kommt der Schuß dort halb links her, denn da liegen einige Anhöhen hinter dem Buſch.“— „Batterie Trab!“ commandirte der Hauptmann. Eins, zwei, drei Schüſſe! und die Kugeln fuhren ſauſend durch die Elsbüſche, aber hoch über die Köpfe der Leute weg.— „Jetzt hier einen kleinen Schlag links gemacht und dann ge⸗ rade aus,“ ſprach Karl, der neben dem Hauptmann hin⸗ trabte;„dann ſind wir aus dem tiefen Boden heraus und kommen gleich auf freies Feld.“— So geſchah es. So wie die Batterie aus dem Gebüſch war, ſah man auf etwa 1200 Schritte den Feind vor ſich, der mit ſeinen Kugeln die bereits aus dem Gebüſch debouchirende Infanterie em⸗ pfangen hatte. Der Hauptmann wollte eben die Batterie auffahren laſſen, deren erſtes Geſchütz kaum im Freien war, als ihm ein Adjutant entgegenſprengte, ihm zu halten winkte.„Herr Kamerad,“ rief dieſer,„mich ſchickt der Ge⸗ neral Tauenzienz ich bringe Ihnen den Befehl, den Ver⸗ ſuch zu machen, dort oben jene Batterie in die Flanke zu nehmen. Sie werden dazu hier links durch den Elsbuſch — 21— fahren müſſen und können ſo noch eine gute Weile gedeckt bleiben. Es iſt ſächſiſche Artillerie dort oben, die uns einen furchtbaren Schaden thut und, wie es ſcheint, auch dieſer Infanterie hart zuſetzen dürfte.“ Damit war der Adjutant wie der Blitz wieder verſchwunden.„Jetzt, mein Freund,“ rief der Hauptmann,„kann ich Dich nicht entlaſſen, ſo ge⸗ fährlich auch die Sache zu werden anfängt, denn vermuth⸗ lich iſt das Stück Elsbuſch hier zur Linken ebenſo ſchwer zu paſſiren, als dieſes hier. Getrauſt Du Dich, uns durch⸗ zuführen?“—„Ja Herr, mit Gottes Hülfe,“ rief Karl, „und ohne daß wir geſehen werden; wir müſſen aber auf dem Wege, den wir gemacht haben, ein Stückchen zurück, ſonſt iſt nicht durchzukommen.“—„Batterie kehrt!“ com⸗ mandirte der Hauptmann und ritt in vollem Galopp, wäh⸗ rend die einzelnen Geſchütze umkehrten, mit Karl an denſel⸗ ben hinunter, um ſich nun von der andern Seite an die Spitze zu ſetzen.„Jetzt Freund,“ rief er,„keine Zeit ver⸗ loren, denn wir müſſen raſch an Ort und Stelle ſein.“ Karl vorauf; ſein Herz war voller Freude, daß er ſo glück⸗ lich war, einen nicht unwichtigen Dienſt leiſten zu können. In weniger als zehn Minuten war man durch das Gebüſch; der Hauptmann ſah jetzt erſt recht, wie es ihm unmöglich geweſen ſein würde, ohne Karls treffliche Führung durchzu⸗ kommen. Gleich hinter dem Buſche zog ſich das Feld zwi⸗ ſchen zwei Hügeln ſanft bergan.„Sehen Sie, Herr Haupt⸗ mann,“ rief Karl,„wenn wir jetzt hier hinauffahren, ſo will ich Sie, ohne daß Sie geſehen werden, bis auf einen Feldrücken führen, von wo Sie Denen, die vorhin auf uns ſchoſſen, gerade in die Seite kommen müſſen.“ „Batterie Trab!“ Die Geſchütze raſſelten die Anhöhe hinan; Karl ſprengte mit dem Hauptman weit voran und führte ihn auf den bezeichneten Fleck.„Bei Gott!“ rief der Ca⸗ — 282— pitain,„eine beſſere Stelle hätte mir der alte Friedrich ſelbſt nicht anweiſen können. Hier will ich ihnen in die Flanken brummen, daß ſie angſt und bange werden ſollen. Batterie links um!“ In einer Front raſſelten die Geſchütze jetzt ge⸗ gen den Hügelrücken hinan, auf dem Karl mit dem Haupt⸗ mann hielt. Als ſie ſo hoch waren, daß die Mündung der Röhre gerade über den Rücken wegſah, hieß es:„Batterie halt! Feuer!“ Im Nu war abgeprotzt und die acht Schlünde donnerten auf die feindlichen Batterien los, die ſie gerade in der Flanke gefaßt hatten. Augenblicks ſahe man auch die Wirkung, denn der erſte Schuß hatte einen Protzkaſten getroffen, der in die Luft flog und eine Menge Pferde ſtürzte, ſo daß die ganze Batterie in die größte Verwirrung gerieth. Indeß richtete man doch auch einige Geſchütze ge⸗ gen unſere Freunde, ſo daß etliche Kugeln und Granaten herüberkamen, deren Wirkung jedoch ſchon durch den unmit⸗ telbar vor der preußiſchen Artillerie befindlichen weichen Bo⸗ den ſehr geſchwächt wurde.„Freund,“ wandte ſich jetzt der Hauptmann zu Karl,„es wird jetzt hier bedenklich; Du haſt uns wackere Dienſte geleiſtet, die ich nicht vergeſſen werde. Wie iſt Dein Name?“ Karl nannte ſich; der Hauptmann notirte es ſich in der Brieftaſche, reichte ihm die Hand und ſprach:„Nun aber leb' wohl und mach, daß Du aus dem Feuer kommſt, damit Du nicht noch, ein Unglück haſt.“ Karl ſaß ab und gab das Pferd weg; der Hauptmann ſchüt⸗ telte ihm nochmals die Hand und ritt dann dahin, wo die Pflicht ihn rief, während unſer braver Landmann, der hin⸗ ter dem Hügel ſogleich in Sicherheit war, eiligſt nach ſei⸗ nem Dorfe zurückging. —y— — 283— Siebentes Capitel. Doch welch ein Anblick, als er aus dem Gebüſch trat! Das Dorf ſtand in Flammen! Wer ſchildert ſeinen Schreck, wer ſeine Beſorgniſſe um die Eltern, die er ſich jetzt faſt vorwarf allzu leichtſinnig verlaſſen zu haben. In beſtürzter Haſt lief er mit eiligſter Schnelligkeit auf die brennenden Gebäude zu. Als er näher kam, ſah er, daß Soldaten im Dorfe waren, und da er vorſichtig durch hohes Korn hinan⸗ ſchlich, bemerkte er, daß es Franzoſen ſeien. Zugleich wurde er gewahr, daß auf den Höhen, nach Trebbin zu, ſich im⸗ mer mehr Truppen zuſammenzogen und er daher mit Recht vermuthen mußte, ein feindliches Streifcorps habe ſich un⸗ mittelbar nach dem Abmarſch der Preußen hierher geworfen. Unter dieſen Umſtänden war es nicht thunlich, ins Dorf zurückzugehen, beſonders da er als gewiß vorausſetzen durfte, daß von den Bewohnern Niemand mehr darin ſein werde. Was ſollte er nun thun? Mit ſcharfen Augen blickte er umher; der Donner der Schlacht rückte immer näher, denn der Kampf breitete ſich mehr und mehr aus; er mußte da⸗ her darauf bedacht ſein, ſein Heil rückwärts, nach der Stadt zu, zu ſuchen. Indem er die Gegend dorthin überblickte, glaubte er in weiter Entfernung einen Zug von Menſchen und einige Wagen zu bemerken. Franzoſen konnten dies nicht ſein; er beſchloß alſo, ſich zu dieſen zu begeben, um dort entweder Gefährten oder Gelegenheit zu irgend einer nützlichen That zu finden. Gedacht, gethan! Auf Richt⸗ wegen, Fußſtegen, querfeldein laufend, kam er dem Zuge bald nahe; er bewegte ſich nach Berlin zu. Wie, wenn das die Flüchtigen ſeines Dorfes wären? Dieſe Vermu⸗ 281— thung verdoppelte ſeine Kräfte; er hatte die Wandernden ſchon faſt erreicht, als ſie einem kleinen Tannengehölze nahe⸗ kamen. Jetzt erkannte er es deutlich, es waren ſeine Dorf⸗ bewohner, und voller freudiger Hoffnung eilte er auf ſie zu. Da, wer ſchildert ſeinen Schrecken, brechen plötzlich aus dem Gebüſch franzöſiſche Marodeurs hervor, thun einige Schüſſe auf die Landleute und fallen über ſie her, um ſie zu plün⸗ dern. Ein Glück, daß Karl nicht ganz unbewaffnet war; er hatte einen Säbel und ein Piſtol bei ſich. Voll Muth und Zorn ſtürzt er heran. Er erblickt einen franzöſiſchen Soldaten, der eben ſeinen alten Vater niedergeworfen hat und ihm den Kopf ſpalten will, um ihn bequemer ausplün⸗ dern zu können.„Zurück,“ ruft er ihm zu und zugleich drückt er ſein Piſtol ab; der Frevler iſt getroffen, aber nur leicht verwundet und ſieht ſich erbittert nach ſeinem unver⸗ mutheten Gegner um. Mit gezogenem Sisſ dieſer heran und im Nu ſind Beide im Kampf; der aanzoſe fällt, von Karls wüthenden Hieben getroffen. Indeß hat ſich der Vater emporgerafft und mit der alten, noch kräftigen Fauſt dem gefallenen Franzoſen den Säbel entriſſen. Sohn und Vater ſchließen ſich jetzt Rücken an Rücken und vertheidigen ſich gegen die auf ſie eindringenden, zur höchſten Wuth ge⸗ reizten Gegner. Sie ſind ihnen an Anzahl überlegen, doch nicht an Muth und Kraft. So halten die beiden tapfern deutſchen Landleute den Angriff eine Zeitlang ab. Doch endlich ſchwindet ihre Kraft; die übrigen Dorfbewohner ſind indeß theils geflohen, theils überwältigt und die ganze Maſſe der Feinde richtet ſich nun gegen ſie; ein Glück, daß dieſel⸗ ben zuvor die Gewehre weggeworfen hatten, um bequemer plündern zu können, und jetzt in der Hitze derſelben nicht gedachten, ſonſt wären unſere Freunde ſchon längſt zu Bo⸗ den geſtreckt geweſen. Doch plößlich fiel einem der Maro⸗ — 285— deurs dies ein.„Aux fusils!“ rief er und ſprang nach einer Flinte; da ertönt ein Trompetenſignal von preußiſcher Cavalerie und ſchon ſprengen einige Huſaren aus dem Buſch hervor. Einige der Marodeurs fliehen in der erſten Beſtür⸗ zung, die andern aber, die wegen ihres heftigen Angriffs auf Karl und den alten Wartner den andringenden Feind nicht bemerkten, werden überraſcht. Eben erhob ſich ein Arm mit ſcharfem Säbel in der Fauſt über dem Haupte des Alten, als ein junger Huſar hervorſprengt, den Maro⸗ deur niederhaut und nach einem raſchen Sprunge vom Pferde dem noch halbbetäubten Greiſe um den Hals fällt, indem er mit von Freudenthränen erſtickter Stimme„Va⸗ ter! Vater!“ ruft. Es war Friedrich. Welch ein Wie⸗ derſehen, welch eine Freude! Wie lagen die Brüder, wie lagen Vater und Söhne ſich in dieſem Augenblick an der Bruſt! Achtes Capitel. Die Marodeurs waren entflohen. Der gerettete Greis lag in den Armen ſeiner Söhne; die andern Bewohner des Dorfes ſammelten ſich nach und nach wieder, Niemand war verletzt, Keiner verſchwunden; Karl allein hatte mehrere Wunden und der alte Wartner war leicht von einem Sä⸗ belhiebe getroffen. Die Mutter dieſer wackern Brüder, die anfangs vom Schrecken betäubt, ſich jetzt wieder erholt hatte, trug ſogleich geſchäftige Sorge, daß die Verwundeten Hülfe erhielten. Die Huſaren, außer Friedrich, waren indeß da⸗ -— 286— mit beſchäftigt, die gefangenen Franzoſen zu entwaffnen und zu binden. Der Officier des Zuges, denn ſtärker war das Commando nicht, rief:„Unterofficier Wartner! Ich ſehe, Sie haben hier ſogleich die unvermuthete Belohnung einer tapfern That gefunden; doch der wichtige Augenblick erlaubt uns nicht, hier zu verweilen. Wir müſſen vorwärts! Dieſe Gefangenen wollen wir unter der Leitung der Landleute nach Berlin ſchicken. Wenn die Schlacht vorbei iſt und es irgend möglich, ſollen Sie Urlaub haben. Aber jetzt zu Pferde!“ Bei dem Wort Unterofficier hatte der alte Wart⸗ ner hoch aufgehorcht; aber noch erſtaunter war er, als er jetzt ſeinen Sohn näher betrachtete und das eiſerne Kreuz, dieſes hochehrenvolle Zeichen der Tapferkeit an ſeiner Bruſt ſchimmern ſah. Mit freudigen Thränen ſchloß er ihn in ſeine Arme und rief:„Ziehe hin, mein Sohn, und mache Dich der großen Zierde, die Dich ſchmückt, würdig! Haus und Hof ſind mir abgebrannt, aber ich bin ein reicher Mann, denn ich habe zwei brave Söhne!“ Friedrich riß ſich aus den Armen des Vaters, der Mutter und des Bruͤders, ſchwang ſich zu Pferde und ſprengte dahin. Alle Umſtehenden hatten Thränen in den Augen, auch der Officier der Huſaren; er reichte dem greiſen Landmanne die Hand, ſchüttelte ſie und ſprach:„Ihr habt recht! Gott hat Euch große Vater⸗ freuden gegeben, denn auch dieſer Euer anderer Sohn hat, wie ich geſehen habe, ein tapferes preußiſches Soldatenherz, wenn gleich er keine Uniform trägt. Ihm übergebe ich den Transport dieſer Gefangenen. Melde Dich damit in Ber⸗ lin, mein Freund, und zeige an, daß ſie von euch Landleu⸗ ten und Huſaren gemeinſam gemacht, Dir aber von mir übergeben ſind!“ Dabei ſagte er ihm ſeinen Namen, reichte ihm die Hand und ſprengte dann mit ſeinen Leuten davon, gegen den Feind zu— Karl vertheilte ſogleich die den — Franzoſen abgenommenen Waffen an die muthigſten Be⸗ wohner des Dorfes, ordnete dann die Gefangenen und ge⸗ leitete den Transport, an den er die wenigen Wagen mit den beſten Sachen der Landleute ſich anſchließen ließ. Un⸗ terwegs hatte er Muße genug, den Eltern und dem Pfar⸗ rer, der die Gemeinde treulich überall begleitet hatte, ſeine Begegniſſe zu erzählen. Wie freute ſich der alte Vater, die fromme Mutter! Wie ſegnete ihn der wackere Geiſt⸗ liche! Wie prieſen ſie alle die Gnade der Vorſehung und erſtaunten über die wunderbaren Fügungen derſelben, durch die gerade im Augenblick der höchſten Noth dem Vater ſeine beiden Söhne zur Rettung geſandt wurden, von denen der Eine weit entfernt geglaubt, ja vielleicht todt gefürchtet wurde! Indeß langte man zu Berlin an. Karl übergab ſeine Gefangenen dem General N., der ſich ſeinen Namen, wie den des Huſarenofficiers notirte und ihn überdies nach Al⸗ lem, was er wußte, fragte. Auch hier erzählte er ſeilt Abenteuer während der Schlacht, jedoch ſo beſcheiden, daß der General mehr errathen mußte, wie viel Verdienſte der junge Menſch gehabt hatte, als daß dieſer es ihm geſagt hätte. Nachdem das Geſchäft abgemacht war, begab er ſich zu ſeinen Eltern zurück, um ihnen nach einem Zufluchtsort ſuchen zu helfen. Der Abend war faſt herangekommen; die armen Landleute wußten noch nicht wohin. Ein freund⸗ licher Bürger nahm ſich jedoch endlich ihrer an und räumte ihnen ein Stübchen in ſeinem Hauſe ein. Indeß tönte draußen noch immer der dumpfe Donner der Kanonen zund das Schickſal der Hauptſtadt ſchien noch nicht entſchie⸗ den zu ſein. Aengſtlich traten die Leute auf den Straßen zuſammen und fragten einander nach Neuigkeiten. Dieſe wurden indeß von Stunde zu Stunde heſſer und es hieß — 288— endlich allgemein, der Feind ſei im Weichen. Welche Freude unter den Einwohnern der Stadt! Welche Laſt der Angſt und Sorge wurde ihnen mehr und mehr entnommen! Doch verging die Nacht noch unter zweifelhaften Beſorgniſſſen. Schlacht gewonnen war. Allgemein ſagte man, der Kampf habe lange geſchwankt und beſonders bei Großbeeren und Blankenfeldt ſei er höchſt erbittert geweſen. Da aber habe bei dieſem letztern Dorfe die preußiſche Artillerie den Feind in die Flanke genommen und ſeine Reihen durch ein furcht⸗ bares Feuer ſo erſchüttert, daß er gewichen ſei. Die tapfere Infanterie konnte nunmehr nachdringen und vollendete den Sieg durch die Gewalt der Kolbe und des Bajonnets. Karl, der umherging, Berichte zu ſammeln, hörte dieſe Um⸗ ſtände mit Entzücken. Wenn Jemand die Worte ſprach: „die Artillerie iſt den Franzoſen in die Flanke gekommen,“ ſo ſchlug ihm das Herz hoch auf vor Freude. Wenngleich er auch nicht gerade dachte, daß nur die Bewegung, die er hatte ausführen helfen, die entſcheidende geweſen ſei, ſo dachte er doch, und mit Recht, ſie habe mit eingewirkt, und pries ſich glücklich, daß ihm die Gelegenheit geworden war, dem Vaterlande einen ſolchen Dienſt zu leiſten. Am andern Morgen endlich war es entſchieden, daß die ——O— Ueuntes Capitel. Nach und nach wurde die Freude jedoch durch den ern⸗ ſten Anblick der ſchrecklichen Spuren und Folgen der Schlacht gemildert und in einen wehmuthsvollen Ernſt verwandelt. Gefangene, die von Elend und Wunden umzukammen ſchie⸗ nen, und ganze Wagenreihen mit verwundeten Vertheidigern des Vaterlandes kamen in der Hauptſtadt an. Der Anblick war für die Bewohner derſelben um ſo erſchütternder, je neuer er war, da das Getümmel des Krieges bisher immer nur fern von den Mauern Berlins ſtattgefunden hatte und die Einwohner in dem behaglichen Genuß großſtädtiſcher Freuden kaum geſtört worden waren. Jetzt erblickten ſie das furchtbare Antlitz des Krieges zum Erſtenmal in der Nähe und wurden mächtig dadurch erſchüttert. Man darf es ihnen aber zum Ruhm nachſagen, daß ſie ein ſcheues Zurückbeben doch überwanden und mit entſchloſſenem Sinn dem Jammer und Elend nähertraten, um hülfreiche Hand zu leiſten. Tauſende von Bürgern ſtrömten, mit Wein und erquickenden Speiſen verſehen, nach der Gegend des Schlacht⸗ feldes hinaus, um die von dort eingebrachten Verwundeten ſogleich in ſtärkende Pflege zu nehmen. Wer Pferde hatte, ließ anſpannen, um das Fortſchaffen der Kranßan zu er⸗ leichtern, oder wenigſtens bequemer für Diejenigen zu machen, die am ſchwerſten verletzt waren. Bei allgemeinen Leiden erſcheinen die Züge des menſchlichen Charakters größer; dem Einzelnen wird Gelegenheit, ſeine Kraft zu zeigen. Wie manchen ſtandhaften Krieger mußte man hier bewundern, der eine ſchwere tödtliche Wunde mit lächelnbem Angeſicht ertrug, noch einen letzten Tropfen der Erquickung auf die Rellſtab, Geſ. Schr. uu III. 13 — 299— ſchmachtenden Lippen nahm und mit Segenswünſchen für ſein Vaterland, für ſeinen König als Held von dieſer Erde ſchied! Wie mancher Vater traf auf ſeinen Sohn, in dem Augenblick, wo der Tod ihn auf immer entriß; er war nur gekommen, ihm das Auge zuzudrücken! Wie manche Braut erblickte das ſchöne, blühende Antlitz des Geliebten hier bleich, blu⸗ tig, entſtellt von furchtbaren Säbelhieben, den ehrenvollen Zeichen kühner Tapferkeit! Aber ein Gefühl der Größe durchdrang auch die Bruſt des zarteſten Mädchens, vor dem ſelbſt die mächtige Empfindung der Liebe zurücktrat. Der Geliebte erſchien ſchöner, männlicher, würdiger in dieſer Ent⸗ ſtellung;z das Bündniß der Treue ward durch das Feuer dieſer Prüfung für ewig gehärtet und manche Neigung, die vielleicht, einem flüchtigen Rauſche gleich, bei nur glücklichen Tagen verflogen wäre, gewann hier eine ewige Dauer, weil ſie auf ein höheres Erkennen der Seelen gegründet wurde. Wir wollen von dieſen Gemälden ſcheiden, obwol nur ein ſchwaches Herz ungern dabei verweilt; ein edles ſtärkt und nährt ſich daran. Die Opfer wurden einer großen Sache gebracht; das fühlten Fürſten und Völker, und wehe Dem, hier und jenſeits, der ſie jemals vergeſſen kann; für ihn iſt kein Heil zu hoffen, denn im Leben trifft ihn Ver⸗ achtung der Edleren und dort hat er wahrlich auch keinen Lohn ſeines irdiſchen Daſeins zu hoffen.— Zu unſern Freunden zurück! Da die Eltern in Sicherheit waren, ſäumte auch Karl nicht, für ſeinen Theil Dienſte zu leiſten, ſo viel er vermochte. Noch eine andere dunkele Ahnur trieb ihn hinaus, allen Denen entgegen, die von dem Schlacl felde hereinkamen. Er ließ die Wagen langſam an ſich 4 vorüberziehen und betrachtete die darauf gelagerten Krieger, — ob ihm einer ſo nahe ſtände, daß er ihm beſonders ſeine Khätigkeit widmen möchte. Da rief ihn plötzlich eine matte * 4 1 — 291 Stimme beim Namen; er blickte hin und gewahrte einen Mann mit verbundenem Haupt, aus deſſen Zügen der nahe Tod ſprach. Anfangs war er ungewiß, wer es ſei, doch plötzlich erkannte er ihn; es war der Artilleriehauptmann, den er geführt hatte. Freudig erſchreckt ſprang er hinzu; die ſchöne, freie, muthige Stirn des tapfern Mannes war von einem Säbelhiebe geſpalten und, o Schrecken! eine Ku⸗ gel hatte ihm den rechten Fuß genommen Karl hielt die Thränen kaum zurück; er nahm die Hand des Verwunde⸗ ten, die dieſer mit ſchwachen Kräften drückte, ſprechen konn⸗ ten Beide nicht. Unverwandt begleitete Karl jetzt den Wagen des Hauptmanns, der ſich zu einem Verwandten in der Stadt bringen ließ. Mit brüderlicher Sorgfalt half er ihm alle Dienſte leiſten, die der ſchwer Verwundete bedurfte, und trug ihn, von dem alten treuen Reitknecht unterſtützt, bis auf das ihm beſtimmte Krankenbett, wo er ihn verließ, um ihn am nächſten Morgen wieder zu beſuchen. Wehmüthiger Gedanken voll, kam er nach Hauſe. Zu ſeiner Verwunderung hörte er mehrere fremde Stimmen im Zimmer und, als er die Thüre öffnete, ſah er den Pfarrer am Bette ſitzen, auf dem ein Kranker lag, der ſich bei ſei⸗ nem Eintritt aufrichtete. Es war Friedrich!— Welche Freude, welche Beſorgniß in Einem Augenblicke! Er war da, aber drohte ihm Gefahr, oder war er gar ſchon ohne Hoffnung des Lebens? Glücklicherweiſe nicht, zwar hatte er mehrere Wunden, einen Hieb in der Stirn, einen Stich durch den Arm und einen leichten Streifſchuß, doch gefähr⸗ lich war keine dieſer Verletzungen. Nach den erſten Umar⸗ mungen fragte Karl, wie Friedrich die Wohnung der Eltern in dem großen Berlin habe auffinden können. Der Pfarrer antwortete ſtatt ſeiner, indem er erzählte, daß er ans Hal⸗ liſche Thor gegangen ſei, um Hülfe zu leiſten, wo er könnte, 13* — 292— und dort, wie Karl den Hauptmann, ſo den verwundeten Friedrich angetroffen und veranſtaltet habe, daß er zu den Eltern gebracht werde. Karl berichtete nun auch ſeinerſeits, was ihm begegnet war, und Alle waren tief bewegt von dem Schickſal des wackern Hauptmanns. Zehntes Capitel. Nun kam die Reihe des Erzählens auch an Friedrich. Von ſeinen mannichfaltigen Abenteuern wollen wir nur das eine mittheilen, wofür er das Kreuz an der Bruſt trug. Er hatte es für das Gefecht erhalten, in welchem er kurz vor dem Waffenſtillſtande, wie wir früher ſchon erzählt ha⸗ ben, verwundet worden war. Die Sache trug ſich ſo zu. Der Oberſt ſeines Regiments ritt eines Nachmittags recog⸗ nosciren, indem er nur von einigen Officieren und ſehr we⸗ nigen Leuten begleitet war. Eine franzöſiſche Schleichpa⸗ trouille hatte ihn dabei geſehen und machte ſich mit der Meldung zum naächſten Poſten zurück, daß etwa zwanzig Ghrſchloſſene Mann hier einen guten Fang thun könnten, indem die Recognoscirung ſich auch vermuthlich in die Nähe eines Wäldchens erſtrecken werde, wo man ſich leicht in Hinterhalt lagern könnte. Die zwanzig Leute wurden aus⸗ gewählt und von der Patrouille durch hohes Korn, bald auf dem Bauche kriechend, bald geduckt und gebückt bis in das Gebüſch gebracht. Am Saum deſſelben legten ſie ſich im dichten Buſchwerk in Hinterhalt. Nicht lange, ſo kam auch der Oberſt geritten; ein Huſar trabte voran am Rand des Waldes hin; dieſen ließen die verſteckten Franzoſen ru⸗ hbig vorbei, um ihres beſſern Fanges gewiß zu ſein. In * — 293— dem Augenblick aber, als der Oberſt mit den ihn begleiten⸗ den Officieren etwa auf vierzig Schritte an ihnen vorbeiritt, gaben ſie Feuer und ſtürzten darauf aus dem Hinterhalte hervor, um die Angegriffenen zu Gefangenen zu machen. Mehrere Officiere waren verwundet vom Pferde geſtürzt und konnten ſo ihrem Schickſal nicht entgehen; der Oberſt, zwar ebenfalls getroffen, ſaß jedoch noch feſt im Sattel und wollte die Kameraden nicht im Stich laſſen; einige Huſaren, die zurück waren, ſprengten muthig herbei und es kam zu einem kleinen Gefecht, wo die Cavaleriſten aber unfehlbar den Kürzeren ziehen mußten, da die Infanteriſten ihnen an Zahl überlegen waren und zum Theil ſchon friſch geladen hatten, während ſich die anderen des Bajonnets bedienten. Hier galt es, ſich der Haut zu wehren und die Huſaren fochten auch wie die Löwen. Da kam, zu ſeinem und ihrem Glück, Friedrich eben mit mehren Kameraden vom Foura⸗ giren zurück. Schon von weitem hatte er den Oberſten an ſeinem Pferde, einem Schimmel, erkannt, den er freilich eigentlich beim Recognosciren nicht hätte reiten ſollen. Die Schüſſe hören und den Angriff ſehen, die Fourage wegwer⸗ fen und mit verhängtem Zügel zu Hülfe ſprengen, war eins. Seine Kameraden folgten dem muthigen Beiſpiel. Wie Wölfe in eine Heerde brechen, fielen ſie über die Franzoſen her. Das machte Luft, die Infanteriſten mußten ſich in den Wald zurückziehen und froh ſein, daß ſie noch mit heiler Haut davonkamen. Dieſe kecke That, wobei Fried⸗ rich noch ganz beſonders ſeinem Oberſten das Leben gerettet hatte, brachte ihm ſogleich die Beförderung zum Unteroffizier und ſpäter das eiſerne Kreuz ein.— Von der ſchleſiſchen Armee war das Regiment während des Waffenſtillſtandes zu der märkiſchen commandirt worden, und ſo geſchah es, daß es noch Theil an der Schlacht von Großbeeren nahm. — 294— Mit wahrer Freude hatte Karl die Erzählung des Bru⸗ ders angehört; ohne neidiſch auf ihn zu ſein, pries er das Loos deſſelben glücklich und wünſchte es zu theilen. Wer möchte ihm dieſen Wunſch nicht verzeihen? Am naächſten Tage war es ſein erſtes Geſchäft, den Hauptmann zu beſuchen, den er etwas beſſer fand. Mit großer Theilnahme hörte derſelbe Karls Erzählung mit an, wie er ſeinen Bruder gefunden, und welche Schickſale derſelbe gehabt habe. Als er damit zu Ende war, ſagte ihm der Hauptmann:„Ich habe geſtern noch an Dich gedacht, mein Freund, und ich hoffe, Du ſollſt bald von mir hören.“ So verſtrichen einige Wochen, während welcher ſich für unſere Freunde nichts eben von Bedeutung ereignete; die Geſunden brachten die Zeit mit der Pflege der Verwun⸗ deten zu. Friedrich wurde zuſehends beſſer, doch der Haupt⸗ mann täglich ſchwäͤcher.„Ich ſterbe gern,“ ſprach dieſer eines Tages;„nur Eins möchte ich in der Welt noch erle⸗ ben, daß die Franzoſen über den Rhein gejagt ſind!“ Die kürzlich ankommenden Nachrichten von den ſiegreichen Fort⸗ ſchritten der erbündeten Heere belebten dieſe Hoffnung mehr und mehr. K vergingen faſt zwei Monate; Friedrich war ſo weit hergeſtellt, daß er ſich wieder zum Dienſt melden konnte. Zuvor führte ihn Karl noch zum Hauptmann hin, der ihn kennen zu lernen wünſchte. Sie waren eine ganze Stunde bei ihm und verließen ihn dann, weil langer Be⸗ ſuch ihn ermattete und er noch immer nicht zu Kräften kommen zu können ſchien. Kaum aber waren ſie in ihrer Wohnung angekommen, als der Reitknecht des Hauptmanns eintrat, und ſie und ihre Eltern eiligſt zu demſelben beſchied. Als ſie zu ihm kamen, ſaß er mit freudigem Geſicht auf⸗ recht im Bette und hatte mehre Briefe vor ſich, er ſtreckte Karl beide Hände entgegen, ſchüttelte ſie und ſprach mit — 295— bewegter Stimme:„Gott macht mir vor meinem Ende noch eine große Freude. Ich hatte dem General gemelder, welch einen wichtigen Dienſt Du mir geleiſtet haſt, mein Sohn, und ihn um eine Belohnung für Dich erſucht. Hier(damit überreichte er ihm ein Packet) ſchickt Dir un⸗ ſer theurer König das eiſerne Kreuz am weißen Bande; nimm es hin, mein Sohn, und lies, was der General dazu ſchreibt!“— Karl wußte nicht, was er thun ſollte; er zitterte vor Freude und vermochte kein Wort hervorzu— bringen; endlich küßte er die Hände des Hauptmanns unter tauſend Thränen und warf ſich ſeinen tiefgerührten Eltern an die Bruſt. Lange waren Alle ſtill und fühlten die Nähe eines gerechten, gütigen Gottes. Der Vater wollte endlich den Brief ſehen. Er lautete ſo: „Mein lieber Hauptmann und Kamerad! Auf Ihren Bericht über den wackern jungen Mann, der Ihnen bei Großbeeren ſo wichtige Dienſte geleiſtet hat, ſchlug ich den⸗ ſelben ſogleich zum eiſernen Kreuz am weißen Bande vor, welches ihm auch ohne weiteres bewilligt worden iſt. Ihrem Wunſche gemäß ſende ich es Ihnen, damit, Sie es dem jungen Manne übergeben. Er verdient es boppelt, denn wie mir der Lieutenant L. meldet, hat er an demſelben Tage noch bei einem andern Vorfalle ſich ſehr wacker be⸗ nommen. Indem ich Sie daher bitte, ihm das Kreuz ein⸗ zuhändigen, erſuche ich Sie zugleich, ihm zu ſagen, daß Seine Majeſtät ihm für ſein wackeres Betragen insbeſon⸗ dere Dank wiſſen läßt. Auch meinen Dank ſtatten Sie dem wackern jungen Manne ab. Möchte Ihnen dieſer Auf⸗ trag bei Ihrem ſchmerzlichen Krankenlager eine angenehme Linderung gewähren. Ich bin und bleibe Ihr ergebenſter g N.“ Wir erſparen es uns, zu ſchildern, wie ſich die Freude — 296— Friedrich kehrte glücklich heim.— Den Feldzug im Jahre 1815 machten beide Brüder mit, denn der Vater Wartner fand es billig, daß Karl für ſeine große Aus⸗ zeichnung noch mehr thun müſſe. Ueberdies drängte der Feind ja nicht mehr im Lande, und Herd und Hof konn⸗ ten daheim eher gepflegt werden, als in den Jahren zuvor. Beide Brüder kehrten glücklich heim und ſahen ihre Eltern, die ſie noch lange ehrend ſelben erblickt man das Zeichen des eiſernen Kreuzes. Jetzt leben ſie als wohlhabende, verſtändige Landleute und Je⸗ der, der ſie kennt, nennt ſie nur:„die wackern Brüder.“ In zerſtreuten Blättern. Vorerinnerung. 2 Der Leſer erhält nachſtehende Auszüge aus den Tagebü⸗ chern zweier Reiſenden, Namens Schepphäuſer und Hya⸗ cinth, die gewiß Beide berühmt geworden wären als Yo⸗ riks, und Anti⸗Yoriks, wenn ich ſie nicht um ihren Ruhm gebracht hätte. Ich muß es dem Leſer nur gerade Kugeſiohen, ich habe die Manunſcripte, die ich ihm hiermit publicire— geerbt, näm⸗ lich nachdem ich die Verfaſſer derſelben(warum ſoll ich den kleinen Genieſtreich nicht eingeſtehen?) vielleicht einige Monden oder Jahre früher unter die Seligen verſetzte, als die auf natürlichen Wegen erfolgte Auflöſung ihres Orga⸗ nismus ſie dahin geführt haben würde. Iſt dem Leſer dieſe Wendung noch nicht deutlich genug, ſo muß ich ihm kurz ſagen, ich ſchlug beide Reiſende maustodt und nahm die Manuſcripte, denen ich ſchon lange nachgeſpürt, aus ihrem Schnappſack. Sollte mich irgend Jemand etwa deshalb eines Verbrechens zeihen wollen, ſo bin ich bereit, ihm aus allen möglichen Standpunkten der Lebensanſicht darzuthun, daß er völlig unrecht habe. Einmal nämlich bin ich Pietiſt und dann wird die That lobenswerth. Denn zwei Fälle ſind nur möglich: Entweder Schepphäuſer und Hyacinth fuhren in die Hölle oder in den Himmel, je nachdem ſie es verdient. Waren ſie Candidaten des Teufels, ſo ſehe ich nicht ein, — 300— weshalb ich dieſen nicht zur möglichſt ſchnellen Befriedigung ſeiner gerechten Anſprüche verhelfen ſollte. Waren ſie dem Himmel beſtimmt, ſo wird mich jeder chriſtlich Denkende loben, daß ich ihnen den ewigen Lohn ſo raſch zuwandte, als möglich. Ein Pietiſt alſo darf mich gar nicht deshalb tadeln. Wie aber ein Materialiſt? Ich dachte gar! Weil ich etlichen Stoff der Natur in eine andere Arbeitsſtätte för⸗ derte? Als ob es in der ewigen Ordnung des Weltbaues nicht völlig gleich wäre, ob das Blut zweier Menſchen in ihren Adern herumläuft und 270 Reéaumur temperirt iſt, oder ob es ausfließt, einige Quadratſchuh Erde düngt, ein paar tauſend Würmer ernährt u. dgl. Da die Natur ewig im Schaffen und Vernichten begriffen iſt, ſo macht man ihr zu ſchaffen, wenn man ſelbſt vernichtet, nimmt ihr alſo einen Theil ihrer Arbeit ab, wobei nichts Unrech⸗ tes ſein kann. Hätte ich die Macht dazu und waͤre ich ein Materialiſt, ſo würde ich täglich ein halbes Dutzend Sonnenſyſteme zu Pulver reiben, damit die Natur etwas zu ſchaffen hätte. Wenn aber ein Moraliſt mich zur Verantwortung zöge? So würde ich ihm mit Fiesco antworten:„Es iſt gemein, einen vollen Beutel zu leeren, es iſt frech, eine Million zu verun⸗ treuen, aber es iſt namenlos groß, eine Krone zu rauben.“ Wie edel daher die Entwendung eines Manuſcripts, eines Schatzes von Gedanken iſt, dafür würde ſelbſt Schiller keine Worte zu finden gewußt haben. Denn der Adel der That ſteigt mit dem Preis derſelben; und da, wie ein He⸗ gelianer in das Buch der Schneekoppe ſehr ſinnig einſchrieb, „der ſchlechteſte Gedanke eines Kotzebue tauſendmal mehr werth iſt, als alle dieſe Berge, Felſen und Waſſerfälle,“ — 3Z0l— ſo hoffe ich, mein geſtohlenes Tagebuch ſei wenigſtens eine Krone werth, folglich meine That namenlos groß. Doch was will ich mich noch länger vertheidigen? Es iſt ſonnenklar, daß ich recht habe. Ich wollte das Tagebuch beſitzen und ſchlug Die todt, die mir's anders nicht geben wollten, und damit Punktum. Das Recht des Stärkern und das Naturrecht ſind ſogar auch für mich! Ich über⸗ laſſe es alſo dem Leſer, meine Vertheidigung gegen Pie⸗ tiſten, Moraliſten, Materialiſten, Idealiſten, Juriſten u. ſ. w. ſelbſt näher auszuführen, und erzähle ihm lieber, wie ich meine That anſtellte. Es war mir, aufrichtig geſtanden, in Berlin nachgerade etwas langweilig zu Muthe geworden. Vorzüglich hatte ich einen Widerwillen gegen gewiſſe Phyſiognomien gefaßt, die ich aber nicht näher bezeichnen kann, ohne dem Galgen zu nahe zu kommen. Die fatalen Geſichter hatten ſo übel auf meine Sehnerven gewirkt, daß ich heftige Augenſchmer⸗ zen bekam. Dieſe zu heilen und dem Ueberdruß zu ent⸗ gehen, reiſte ich nach Schleſien, um in dem grünen, fri⸗ ſchen Gebirg die ſtaubige, vertrocknete Reſidenz zu vergeſſen. Ich hatte im Sinn, ſelbſt eine Reiſebeſchreibung zu liefern. Im Poſtwagen aber bemerkte ich zwei Individuen vor mir, deren Aeußeres deutlich zu erkennen gab, daß ſie Literatoren waren. Der Eine war blond, ſchmächtig, ſprach lispelnd und mit Wahl, kleidete ſich ſauber, ging in Schuhen und Stiefeletten und trug eine Lorgnette um den Hals. Der Andere ſtrich ſich häufig ſeinen Knebelbart, ſchlug mit einem nicht allzu zierlichen Reiſeſtock oft an ſeine Stiefeln, fuhr Männer und alte Weiber grob an, that dreiſt zärtlich mit jungen hübſchen Mädchen, rauchte Tabak, daß es über ſei⸗ nem Haupte aufdampfte, wie über dem Veſuv, fuhr ſich oft mit der Hand durch das ſtruppige ſchwarze Haar, fluchte — 302— mitunter blos zu ſeinem Privatvergnügen, ſchalt auf jeden Poſtillon, daß er zu langſam fahre, ſchnarchte aber auf jeder Station, ſo oft er die Pfeife ausgehen ließ. Der dümmſte Menſch, ich glaube ſogar mancher deutſche Polizeipräſident oder franzöſiſche Kammerherr hätte es mer⸗ ken können, daß dieſe Reiſenden zwei eminente Genies waren. Ich beſchloß ſofort ſie zu beobachten, auszuforſchen, zu benutzen. Da ſie ins Gebirg wollten und gleich mir den Weg durch die Lauſitz über Guben und nachmals über Sagan und Bunzlau nahmen, ſo brauchte ich meiner Ab⸗ ſicht wegen nichts von meinem Reiſeplan aufzuopfern. Ich gab mich für einen Naturforſcher aus, damit ſie mich verachten und ſomit nicht in Verdacht nehmen ſollten; denn bekanntlich verachten alle Genies die Männer von Wiſſenſchaft. Vollends aber zwei poetiſche Reiſende, die vor jedem Felſen, jedem Waſſerfall jauchzen, vor jeder Blu⸗ me, Nachtigall, Wieſe, Bauerhütte idylliſch ſeufzen, vollends zwei ſolche Reiſende halten ſich für berechtigt etwa einen Mineralogen, der von jedem Felſen eine Ecke abſchlägt, oder einen Entomologen, der Käfer und Schmetterlinge bar⸗ bariſch ſpießt, oder gar einen Botaniker, der eine Alpen⸗ roſe preßt, um ſie ins Herbarium zu legen, für den wahr⸗ haften Antichriſten zu erklären und ihn aus dem Verband der Menſchheit zu excommuniciren, oder vollends wie den Teufel zu exorciren. Sind ſie trotz des Genies milde geſon⸗ nen, ſo verachten ſie einen dergleichen Natur⸗Sykophan⸗ ten, der ſich ſo ſchändlich in ihre Geheimniſſe ſchleicht und drängt, blos ſo, daß ſie gar keine Notiz von ihm nehmen. Arme Teufel! Wie wart ihr diesmal geprellt! Ihr muß⸗ tet das bischen Leben daran geben, denn ich trat vor euch und rief:„a bourse ou la vie,“ nahm euch aber Beides, wobei ich unter der Börſe jedoch das Tagebuch verſtehe. ——— — 303— Denn Geld hattet ihr nicht, was ich kaum zu ſagen brauche, da ihr Genies waret. Meine Rolle gelang mir vollkommen. Ich ſchloß mich demüthig den genialen Wanderern an und ſie erlaubten mir, hinter ihnen her zu gehen. In Geſprächen genirten ſie ſich gar nicht vor mir, da ſie annahmen, ich könne doch nicht faſſen, was ſie ſagten. Anderweitig belauſchte ich ſie überall. Legte ſich der Blonde unter einen Baum und begann ein Sonnet, ſo kletterte ich hinauf, um Holz⸗ würmer zu fangen und in meine Spiritusflaſche zu logiren, guckte ihm aber dabei über die Schulter auf das Perga⸗ mentblättchen und behorchte jeden leiſen Seufzer ſeiner Bruſt. Warf der Bärtige ſeinen Torniſter an einer Fels⸗ wand nieder und legte ſich der Länge nach auf den Bauch davor hin, um auf demſelben, wie auf einem Schreibpult ſeine Ideen in die Brieftaſche zu ſpeichern; huſch ſaß ich auf dem Felſen, um Verſteinerungen zu ſammeln, las aber mittelſt meines Uzſchneiderſchen Fernrohrs von oben herab genau nach, was er unten ſchrieb, und copirte es. Für jeden Fluch machte ich ein beſonderes Zeichen, das man nicht für eine neue Interpunktionsmanier halten muß. Hielten Beide ihre Geſpräche miteinander, ſo notirte ich hinter ihnen her, was der Wind mir zutrug, unter dem Vorgeben, ich berechnete die Barometerhöhe unſerer Land⸗ ſtraße. Allein das Alles war ſehr mühſam; überdies ent⸗ gingen mir die Hauptſachen, die Jeder Abends im Wirths⸗ hauſe in ſein Tagebuch ſchrieb, wobei ich ſie nicht beobachten konnte; kurz, ich beſchloß, den Knoten zu zerhauen. Nach⸗ dem wir die Hauptpartien des Gebirges geſehen hatten, wußte ich ſie zu bereden, mir auf eine Felsſpitze zu folgen, die der Wanderer genau drei Meilen weſtlich von der Kapelle der Schneekoppe, vierzen Meilen nördlichvon dem Wetterhahn der — 304— Metropolitankirche zu Prag, und 2371 rheinländiſche Fuß über dem Spiegel des mittelländiſchen Meeres antrifft. Nach dieſen drei Beſtimmungen kann ihm der mathematiſche Punkt, auf den ich ihn führen will, gar nicht entgehen, falls er nur einen einzigen trigonometriſchen Satz beweiſen kann, denn er iſt, jeder Mathematiker wird es bezeugen, haar⸗ ſcharf bezeichnet. Dorthin lockte ich die Genies, führte ſie an den Rand des Abgrunds, in den ſie ſchwindelnd hinun⸗ terblickten, und gab ihnen hierauf eine ganz gelinde Nach⸗ hülfe, welche ſie kopfüber hinabſtürzte. Ich ſelbſt hatte vor, den bequemen Fußpfad hinunterzugehen und unten ihre Papiere in Beſchlag zu nehmen. Aber der Teufel wollte, daß ſich beim Häuptlingshinunterſtürzen die Deckel der Torniſter öffneten, in denen die Tagebücher ſteckten. Dieſe waren nicht geheftet, der Wind faßte die Blätter und huſch flatterten ſie wie Tauben durch die Luft. Ich ſetzte mich in Lauf und haſchte, was zu erreichen war; dennoch bin ich nicht im Stande geweſen, ſo viel aufzutreiben, als zu einer ordentlichen Beſchreibung der Reiſe gehört. Der Leſer muß alſo mit einigen aphoriſtiſchen Gerichten aus der genialen Doppelküche zufrieden ſein. Uebrigens erſuche ich Jeden, der in das Rieſengebirge reiſ't, auf zerſtreute, im Winde flatternde Papierblätter ein aufmerkſames Auge zu haben und, falls ſie aus obigen Tagebüchern, die ich mir rechtlich erworben habe, ſtammen ſollten, mir dieſelben poſt⸗ frei zuzuſenden. Ich verſpreche, ſie dann der eleganten Welt nachträglich zukommen zu laſſen. Als ich an Blättern beiſammen hatte, was ich erraffen konnte, begab ich mich an den Platz, wo die beiden Ver⸗ faſſer lagen. Sie waren todt, wie natürlich, denn die Kraft des Falles, die, wie bekannt, von 15 zu 45, 75 Fuß u. ſ. w. in jeder reſpertiven Secunde wächſt, war anſehnlich — — 305— genug geweſen, um beide Hirnſchädel zu zerſchmettern, da die Höhe des Sturzes 651 Fuß betrug. Ich maß nämlich den Felſen ſogleich trigonometriſch und berechnete die Fall⸗ kraft der letzten Secunde; das Reſultat iſt gleichgültig, ge⸗ nug, daß ſelbſt der ſtärkſte Schädel nicht widerſtanden hätte. Mehr aus Gutmüthigkeit als aus Pflicht begrub Schrei⸗ ber dieſes die beiden Genies: Und mit ſeinem Raub zufrieden Zieht er fröhlich fort und gießt Aus der unerſchöpften Feder Seinen Strom, der ewig fließt. Nämlich bis er ſich in die elegante Zeitung ausmündet, wo er dann natürlich im großen Weltmeer der Gedanken ver⸗ ſchwindet. Apropos! Wem es etwa von den Verwandten oder Gläubigern der beiden Todten zu wiſſen lieb ſein ſollte— der blonde Erſchlagene hieß Hyacinth, der ſchwarze Schepphäuſer. Oben habe ich ihre Namen nur als die Compagniefirma ihrer Gedankenhandlung angegeben. Zur Sache! Aus Hyacinth's Tagebuch. Kloſterzelle. Der Weg von Frankfurt bis hierher iſt für den Sin⸗ nigen ſehr romantiſch. Dem Meer der Wüſte gleich dehnt ſich der Sand dahin. Im Geiſte ſah ich Araber, Strauße, Leoparden, Gazellen. Neuzelle liegt wie eine Oaſis in die⸗ ſer Wüſte. Es iſt, als ob der Born des Chriſtenthums, das hier ſeinen heiligen Sitz aufgeſchlagen hat, Alles rings⸗ umher zum Grünen und Blühen gebracht hätte.— Die — 306— Kirche iſt reich; nichts war dem Glauben köſtlich genug, um das Haus ſeines Gottes zu ſchmücken.— Der heilige Sinn der würdigen Väter, welche dieſe Stiftung bewohn⸗ ten, hat ſich auf die Einwohner verbreitet. Eine zierliche Wohnlichkeit macht die netten, in Gärten liegenden Häuſer ſehr einladend; die Frauen beſonders, der Religion am em⸗ pfänglichſten, ſind durch Anmuth und Sittigkeit ausgezeich⸗ net. Kinder wie die Engel ſpielen auf der Gaſſe umher, wenn man die mit Gärten und Gebüſchen umgrünte Land⸗ ſtraße ſo nennen kann.— Schade, daß wir nicht länger in dieſem der Ruhe, der Beſchauung ganz geweihten ſtillen Zufluchtsort verweilen konnten. Aus Schepphäuſer's Tagebuch. Neuzelle. Das iſt ein Teufelsweg von Frankfurt hierher! Der Exercierplatz bei Berlin iſt ein Paradies dagegen. Die Nä⸗ der gehen bis an die Achſen durch den Sand; man kommt durch Kienwälder, die nicht fünfundzwanzig grüne Nadeln haben. Als die Sonne einen Augenblick hinter den Wol⸗ ken hervortrat, war mir bange, Alles würde an zu bren⸗ nen fangen. Aber die Peſt über die Pfaffen! In dieſer Molochsgegend, wo die Raupen verhungern, wo ein Bund Peterſilie mit einem Morgen Land bezahlt wird, wo ſelbſt dem Poſtillon die Kehle ſo dürr wurde, daß er nicht mehr fluchen konnte, in dieſer Wüſte Sahara haben die Jeſui⸗ ten doch eine Achtelsquadratmeile herausgewittert, wo ſich etliche Funfzig bis Hundert auf die Maſt legen konnten. Daß Neuzelle ein Pfaffenloch ſei, hätte ich im Mittags⸗ — 307— ſchlaf errathen, denn das Erſte, was man ſieht, ſind Wein⸗ berge.— Ja freilich,„der Abt wählt ſich den edlen Firne⸗ wein.“ Hier wird er zwar ſchwerlich gebaut worden ſein, aber— Wein iſt Wein und der Landkrätzer war wenig⸗ ſtens gut, um die Laien zu bewirthen, oder gab doch den Vorwand, die Keller mit Rheinwein zu füllen.— Man braucht nur funfzig Schritte ins Neſt hineinzufahren, um aus einem anderen untrüglichen Zeichen zu wiſſen, daß hier Pfaffen hauſen. Es lebe das Coelibat! Jedes Haus ſteckt voll hübſch geweſener Weiber und alle Kinder bis zu zehn Jahren, die herumlaufen, ſind derb und friſch, und hübſch, einen gewiſſen geiſtlichen Heuchelzug, den ſie alle geerbt ha⸗ ben, ausgenommen. Ja das Coelibat! O goldne Zeit! Wie gewährte das ſelige Verbot alle Freuden der Ehe ohne ihre Leiden! Wo waren die Nahrungsſorgen, Ehezwiſte, Ehe⸗Langeweile und die tödtende Daſſelbigkeit des Vergnü⸗ gens! Der Mann ſchaffte, der Pfaff verzehrte; der Mann wurde aus dem Hauſe gekeift, der Pfaff küßte die hübſche Frau; der Mann mußte durſten, der Pfaff leerte die Flaſche; der Mann war angeſchmiedet an ſeine alternde Ehehälfte, wie Prometheus an den Kaukaſus, der Pfaff wechſelte nach Herzensluſt; der Pfaff verſchwand mit der Jugend und Schönheit, der Mann mußte um ſo zärtlicher werden, je älter ſeine antippe wurde! O ihr Biſchöfe von Mainz und Conſtanz, die ihr euch Gregor's VII. weiſen Be⸗ ſtimmungen ſo thöricht widerſetztet! Ihr wußtet nicht, welche Wohlthat ihr verſchmähtet!— Wir beſahen auch die Kirche, weil's ſo Mode iſt. Eine Rumpelkammer voll geſchmack⸗ loſer altmodiſcher Zierrathen; übrigens ein wahres Arſenal der Pfaffenunerſättlichkeit. Alles geſtopft voller Geräthe, Gemälde, Sculpturen; aber nicht einen Nußknacker an Schönheit werth.— Die Orgel iſt gut; ich griff etliche — 308— Male darauf herum, daß der Küſter oder Schulmeiſter, der uns führte, ſich verwunderte. Hyacinth trug Beden⸗ ken(aus dummem Zartgefühl), ihm Geld anzubieten, und ſagte ihm viel Höfliches; ich ſprach praktiſcher, durch einen Handgriff und hatte recht! Ich verdenk's den armen Teufeln nicht; warum bezahlt man ſie ſo, daß ſie ihr Amt für die Höllenſtrafe auf Erden anſehen müſſen? Wenigſtens glaube ich, daß der Geruch im Schwefelpfuhl gegen den in der Schulſtube ein wahrer Duft aus einem Treibhauſe voll Orangenblüten iſt.— Den Wirth im Gaſthofe hätte ich gern geprügelt, weil er uns einen Gänſebraten vorſetzte, der vermuthlich noch aus der Mönchszeit im Jahr 1814 ſtammte. Würden die Gänſe ins Kirchenbuch geſchrieben oder würde eine Stammtafel über ſie geführt, wie über die arabi⸗ ſchen Pferde, ſo wollte ich den Beweis führen, daß unſer Braten im Freiheitskriege mindeſtens geboren war; er hatte auch ſo etwas Hartnäckiges und Widerſpenſtiges gegen un⸗ ſere Zähne, was ihn ganz als einen Zögling jener Zeit der Auflehnung gegen Tyrannengewalt bezeichnete.— Nach⸗ mittags kamen wir nach Guben. Die Bewohner dieſer Stadt rechtfertigen die Lehrſätze des alten Teſtaments, denn es werden die Sünden ihrer Urväter an ihnen heimgeſucht; indem ſie da wohnen müſſen, wo ſich jene angebaut haben. Die Tortur ſcheint noch üblich in Guben ,wenigſtens wüßte ich nicht, wie man das Bier, welches man mir dort vor⸗ ſetzte, beſſer anwenden könnte, als um Verſtockte zum Ge⸗ ſtändniß zu bringen. Ich halte es zwar für eben ſo ſchwer, von Guben aus nach Neuzelle zu kommen, als vom Cap der guten Hoffnung durch die Wüſte nach Tombuktu, aber dennoch wollte ich wetten, daß der Schweinsbraten, den utan uns in Guben auf den Tiſch brachte, auf das ge⸗ naueſte verwandt mit der Gans in Neu⸗Zelle war. Eine — 309— ſolche Aehnlichkeit in den abnormſten Eigenſchaften iſt ohne Blutsverwandtſchaft ein zu unglaubliches Naturſpiel. Aus Hyacinth's Tagebuch. Guben in der Niederlauſitz. Ein ländlich einfaches Mahl erquickte uns in Zelle. Dieſelbe romantiſche Oede, dieſelbe erhabene, ſchauerlich ſtille Wüſte, die ſich zwiſchen Frankfurt und Zelle ausdehnt, erſtreckt ſich noch weiter hin nach Guben. Ein freundliches, gewerbthätiges Städtchen, voll genügſamer Einwohner, wie ich an der ſchlichten Koſt, die uns gereicht wurde, erfreu⸗ lich bemerken konnte. Wie glücklich kann man in ſo einem traulichen Orte ſein, wenn man einen Gegenſtand des Her⸗ zens hat, mit dem man Alles gemeinſam genießt.— Ach!— Bei der Kloſtermühle vor Guben ſetzten wir ein artiges, ſanftes, ſchwarzäugiges Mädchen ab, das bis dahin mit uns auf der Poſt gefahren. Welch einen Reiz gewährt doch eine ſo unſchuldige Seele, die noch nicht durch die giftigen Verhältniſſe des geſelligen Lebens verdor⸗ ben iſt. Und dabei war ſie gar nicht ohne Sinn für Kenntniſſe und Wiſſenſchaft; wie reizend naiv ſuchte ſie ſich uͤberall zu belehren, wie verſtändig fragte, wie aufmerkſam beſichtigte ſie Alles! Der Kleinen war die Ausflucht von Berlin bis Guben von der höchſten Wichtigkeit; denn es war ihre erſte Reiſe. Was erſchien ihr da nicht Alles neu und wunderbar! Den Namen jedes Dörfchens wollte ſie wiſſen. Ich muß geſtehen, es hat mich etwas verdroſſen, daß Schepphäuſer ihr ſo oft falſche Namen ſagte. Allein da wir durch ein Dorf gefahren waren, welches in der That den unſchönen Namen Krebsjauche füͤhrt, ſo modelte — 310— er andern Namen danach und ſchwur hoch und theuer, es habe einſt ein Markgraf über das Land geherrſcht, der allen Dörfern die abſcheulichſten Namen gegeben habe, nur um ſeine Vaſallen, die dieſelben Namen führen mußten, zu ärgern, wenn er ſie in den Adelſtand erhob und ihnen Herrſchaften zu Lehen gab. So kamen wir denn, Schepp⸗ häuſer zufolge, durch Saubügel, das er aus dem Titan entlehnt, durch Schnauzenhauſen, welches wirklich der Name eines Dorfes im Reich iſt, durch Dreckfelde, das am Harz liegt, und durch ähnliche Orte, die ich vergeſſen. Wie ſinnig das Mädchen war, konnte man daran ſehen, daß ſie in Zelle das Anerbieten Schepphäuſer's, ihr den Mechanismus der Orgel zu erklären, ſogleich annahm und mit ihm in das dunkle, winklige Gehäuſe hineinkletterte, welches mir eigentlich nicht lieb war, da ich mich auf das andere Ende der Kirche begeben hatte, um Schepphäuſer ſpielen zu hören. Indeß freute mich's doch, daß es meine Meinung von dem lieben Mädchen ſo hübſch beſtätigte.— Hier in Guben gefällt es mir ungemein. Es iſt gerade Markt, das Städtchen regt ſich im lebhafteſten Verkehr; vor dem Thore wird an einer großen Schleuſe gebaut; wie ſchade, daß ich nicht Zeit hatte, das rüſtige Treiben beim Bau näher zu betrachten. In den Gaſſen ſahen aus jedem Fenſter freundliche Augen heraus. Die Stadt iſt ſo voll unſchuldiger, offenherziger Liebenswürdigkeit, daß faſt alle Mädchen freundlich lachten, wenn Schepphäuſer ihnen Küſſe zuwarf.— Ich hätte dieſe Dreiſtigkeit nicht; aber, ich glaube faſt, ſeine Gedanken dabei ſind nicht ganz die eines reinen Herzens. Es iſt wahr, es gibt anmuthiger gelegene Städte als Guben, allein—— - — 311— Hier hat der Wind eine Lücke in Hyacinth's Tagebuch geriſſen, nämlich ein Blatt entführt, aber zum Glück erſetzt uns ſein mitreiſender Freund Schepphäuſer den Verluſt eini⸗ germaßen, indem er heimlicherweiſe einen Blick in Hyacinth's Scripturen gethan haben muß. Denn es heißt in Schepphäuſer's Tagebuch: Sommerfeld d. 6. Sept. Nun, das muß ich ſagen, Hyacinth iſt ein completter Eſel. Er hat in ſein Tagebuch eine Idylle über die Reſi⸗, denz Guben geſchrieben, die man, wäre ſie griechiſch abge⸗ faßt, für ein Machwerk des Theokrit halten könnte. Daß dich die Peſt! Ich glaube dieſer Mondſcheinmenſch beneidet einen Wollkratzer in den Gubenſchen Tuchfabriken, der täg⸗ lich vier bis fünf Silbergroſchen verdient! Er ſoll mir daran wiederzukäuen haben.— Und der gutmüthige Ben⸗ jamin! Wenn er wüßte, weshalb die kleine Schwarzäugige die Orgel inwendig beſehen wollte! Der Spaß war ſo übel nicht. Das Mädchen, eine empfindſame Stickermamſell, die mütterlicherſeits von einer Wäſcherin, väterlicher viel⸗ leicht von ſehr ungewiſſer Abſtammung war, hatte mehre Lieder auf der Guitarre und drei Walzer auf dem Klavier klimpern gelernt. Ich redete ihr zu, die Orgel zu ſpielen. Sie meinte, mit dem Pedal wiſſe ſie nicht Beſcheid. Ich verſprach ihr die Füßchen zu ſetzen, ſchob ſie auf die Orgel⸗ bank, ſetzte mich dahinter auf die Erde und regierte ihr die beiden gar nicht übeln Strümpfchen, indem ich ſie bei beiden Knöcheln ſäuberlich anfaßte. Sie ſperrte ſich dage⸗ gen, doch ſo, daß ich ſo ein Tropf, wie Hyacinth, hätte ſein müſſen, um nicht zu merken, wie gern ſie's mochte. Ich ſetzte es alſo mit Gewalt durch. Sie ſpielte„Ach, du lieber Auguſtin!“ auf dem Rohrwerk. Ich regierte ihr lin⸗ — 3122— kes Füßchen auf das zweiunddreißigfüßige C; ſie erſchrak or⸗ dentlich, als der Ton ſein Donnergebrüll anfing. Schnell ließ ich ſie denſelben durch die Octave dubliren. Das Orgel⸗ ſpiel fing an ihr zu gefallen, ſie lachte und ließ mich das Pedal mit meinen Händen und ihren Zehenſpitzen weiter dirigiren. Jetzt ſetzte ich ihr den Fuß auf ein fürchterlich diſſonirendes Es, denn ſie ſpielte C dur; ihr Gehör war nicht ſonderlich fein, davor aber erſchrak ſie denn doch und zuckte zurück mit dem Fuß. Ich fing ihn wieder, etwa eine halbe Spanne über dem Knöchel.„Pfui doch!“ rief ſie.„Hübſch gehorſam!“ antwortete ich und zwang das Füßchen auf einen conſonirenden Ton, indem ich es mit beiden Händen feſt darauf niederdrückte.— Das Hocken hinter der Orgelbank wurde mir endlich doch zu unbequem, obwol ich, weshalb ſollte ich's nicht geſtehen, das Pedal noch niemals mit ſo vielem Vergnügen geſpielt.— Endlich ſchlug ich ihr vor, in die Orgel hinein zu kriegen. Der Calcant war halb blind, halb taub; ich ſchrie ihm zu, er ſollte die Bälge wacker treten, denn der Herr Schulmeiſter wolle eine Fuge ſpielen. So hielt ich ihn in der Beſchäfti⸗ gung und trat mit meiner kleinen ſchwarzäugigen Schüle⸗ rin in die Orgel hinein an. Ich reichte ihr die Hand, und ſtieg die ſchmale, dunkle Treppe voran hinauf.„Mein Gott, wie finſter iſt es hier,“ ſprach ſie ängſtlich.—„Fin⸗ ſter, aber durchaus nicht gefährlich,“ erwiderte ich und zog ſie auf die erſte Etage hinauf.— Die große Glocke auf dem Dom zu Erfurt iſt, wie man mir erzählt hat, beſon⸗ ders dadurch berühmt geworden, daß der Pförtner des Doms eine allerliebſte junge Frau hatte, die die Fremden hinauf führte. Die Treppen ſind auch nicht ſonderlich hell und es gibt manchen vertraulich dunkeln Ruhepunkt daſelbſt. Die Frau Pförtnerin erhielt ſo gute Trinkgelder, wenn ſie — ʒyÿ— — 313— führte, der Herr Pförtner dagegen ſo ſchlechte, daß er endlich ein Einſehens gewann und die Fremden ſeiner Frau oder ſeine Frau den Fremden überließ. Und da Niemand an die große Glocke ſchlug, was in ihrer Nähe vorgegangen ſein mochte, ſo wurde auch von der ganzen Sache nichts bekannt, als die Glocke ſelber, die freilich Vieles bedecken konnte und Stimme genug hatte, um jede üble Nachrede zu übertönen. Indeß blieb die Glocke ſo ziemlich dieſelbe; die hübſche Pförtnerin aber leider nicht. Daher nahm auch der Ruf der Erfurter Merkwürdigkeit mehr und mehr ab, bis er endlich zu einer zweiten Auflage kam— durch die herangewachſene Tochter der Pförtnerin. Ob dieſe Auflage eine verbeſſerte, oder gar vermehrte geworden, das iſt weder im Kirchen⸗ buche noch in der Chronik von Erfurt verzeichnet. Jeder der da weiß, wie ein hübſches Mädchen ausſieht, und das wiſſen Viele; ferner Jeder, der da weiß, wie es im Innern einer Orgel ausſieht(das wiſſen freilich Wenige), wird ohne Mühe begreifen, daß ſich die Geſchichte von der gro⸗ ßen Glocke zu Erfurt ſehr leicht auf die Orgel in Neuzelle an⸗ wenden läßt.— Aber der Teufel hatte ſein Spiel auf die verwünſchteſte Weiſe dabei. Wenn Jemand ſchon einmal auf einen Thurm geſtiegen iſt und plötzlich den Glocken⸗ ſchlag, den er ſonſt immer nur aus hohen Lüften herab vernahm, dicht neben ſich hörte, ſo iſt er zuſammenge⸗ fahren, das will ich wetten, oder falls er gerade eine ſchöne Pförtnerin küßte und die große Glocke anſchlug, ſo fuhr das Paar auseinander; das will ich auch wetten. Ich frage aber, wie Einem zu Muthe werden muß, wenn man mit ei⸗ nem hübſchen Mädchen in der dunklen Orgel ſitzt, und plötz⸗ lich das zweiunddreißigfüßige C an zu brüllen fängt, daß nicht nur das Mädchen, ſondern der ganze Bau ins Zittern und Beben geräth. Hol' der Teufel den Schulmeiſter, der, da Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. III. 14 — 314— ich nicht Orgel ſpielte, auf Hyacinths Bitten, der's von weitem hören wollte, heraufkfam und mit dem verfluchten C den Grundſtein zu einem Orgelpunkt legte, auf dem er nachher eine Fuge, wie der Thurm zu Babel(es ging auch ebenſo verwirrt dabei zu), aufbaute. Der Kerl ſchoß mir wahrhaftig die Kirſche vom Maule weg! Denn natürlich, das Mädchen glaubte, als der donnernde Spektakel anfing, wenigſtens das jüngſte Gericht bräche herein, wobei es frei⸗ lich ſehr zweifelhaft blieb, ob über ihre Schuld oder Un— ſchuld. Mirabeau fand zwar in einem Gewitter bei einem ähnlichen Falle einen Allirten, mittelſt deſſen er den er⸗ ſchreckten Feind völlig beſiegte; mir aber richtete das Orgel⸗ Donnerwetter einen verdammten Hagelſchaden an und zer⸗ ſchlug die Ernte gerade, als die Saat reif war. Ich will's aber dem Schulmeiſter gedenken! Vielleicht wäre es beſſer geglückt, wenn der ſelige Abt Vogler(er war ſchon bei Lebzeiten häufig ſelig vom Wein) auf der Orgelbank ge⸗ ſeſſen hätte. Denn, da er in Königsberg ein ſo täuſchen⸗ des Orgel⸗Gewitter heraufziehen, abblitzen und nachdonnern ließ, daß ſogar die Milch in den Kellern der Hausfrauen dadurch angeführt und daher ſauer wurde, wobei die vice versa angeführten Hausfrauen ſauer ſahen— ſo weiß ich nicht, weshalb die Mirabeau'ſche Wirkung ganz hätte aus⸗ bleiben ſollen. Es müßte ſie denn der rothnaſige Abbate ſelber neutraliſirt haben;— indeſſen Mirabeau war auch kein Adonis, aber ein guter Redner, nicht nur in der De⸗ putirtenkammer, ſondern auch in den Kammern der Mäd⸗ chen. Er wußte Könige von dem Polſter des Throns herab und Frauen auf— Henker und Satan! Aber jetzt reißt mir die Geduld!— Der Leſer weiß nicht weshalb, denn er hat vergeſſen, daß ich hier in Sommerfeld in der Poſtmeiſterſtube ſitze und — — — 315— ſchreibe, während er ſich einbildet, ich ſtecke noch mit der kleinen Stickerin in der Orgel hinter dem Contra-C. Wenn er aber einen ſo verwünſchten Durſt und Hunger hätte wie ich und ſchon ſeit drei Viertelſtunden auf das Abendeſſen wartete, ſo würde ihm mein Fluch aus der Seele kommen.— Da iſt die Schüſſel: Der Leſer mag nun ſehen, wie er aus der Orgel herauskommt, ich muß eſſen. —— Tantalus war ohne Zweifel lange nicht ſo hart verdammt, als ein Reiſender in der Lauſitz. Denn er hatte doch zu ſeinem Hunger und Durſt wenigſtens den Duft und Anblick leckerer Speiſen; ein Poſtwagen⸗Reiſen⸗ der in Sommerfeld iſt ſchlimmer daran. Er hungert wie ein Wolf; man reizt ihn, wie den Löwen durch Blut lecken, durch Warten, und er bekommt doch nichts. Er legt ſich den nach der Poſtordnung an die Thür gehängten„Spei⸗ ſen⸗ und Weintarif“ auf den Tiſch und lieſt:„Suppe, Fleiſch und Gemüſe fünf Silbergroſchen. Hm! das läßt ſich hören. Dito nebſt Braten ſieben und ein halb Silber⸗ groſchen. Das wird immer annehmlicher. Vier Schüſſeln zehn Silbergroſchen. Sechs Schüſſeln funfzehn Silbergro⸗ ſchen.!“—„Halt! Nicht mehr als ſechs Schüſſeln. Biſt Du's zufrieden, Hyacinth, ſo wenden wir jeder einen hal⸗ ben Thaler an unſern Magen. Sechs Schüſſeln, Jungfer!“ —„Ja, was befehlen denn die Herren eigentlich?“— „Nun zum Teufel, ſechs Schüſſeln, was da iſt. Sie wer⸗ den doch nicht alle ſechs erſt zubereitet werden ſollen? Bringt uns Bouillon, Bouilli, Entremet, Entree, Gemüſe Fiſche, Mehlſpeiſe, Braten— was die Küche vermag!“ Das Mädchen ſah mich an, wie der Thürſteher des Her⸗ zogs von Autun den gelehrten Satyricus Rabelais, der ihn lateiniſch anredete, um nicht auf eine franzöſiſche An⸗ 14* — 316— frage, ob der Herzog zu ſprechen ſei, eine franzöſiſche ab⸗ ſchlägige Antwort zu erhalten.— Da die Leckerbiſſen in Sommerfeld nicht verderben, ſo erzähle ich lieber erſt meine Anekdote von Rabelais zu Ende. Wie geſagt, der Thür⸗ ſteher ſtaunte den Satyriker an, wie die Magd in Som⸗ merfeld mich, als ich ihr die Hofordnung eines guten Sou⸗ pers vorführte, und rief nach dem Maitre d' Hötel. Der Haushofmeiſter rückte an. Dieſer hätte vielleicht die barba— riſche Sprache erkannt, wenn auch nicht verſtanden, daher fing Rabelais an:„alge! d„*οα Gέκ r⁰⁶ν u. ſ. w. Der Haushofmeiſter, der noch etwas weniger Griechiſch verſtand als ich, ſah den Wundermann noch dummer an als der Portier.—„Ich werde den Kaplan rufen,“ ſprach er, „der wird wol mit ihm fertig werden.“ Der Kaplan rückte heran und warf ſich in die Bruſt, indem er auf den RNapport, daß der Fremde eine ganz unerhörte Sprache rede, ihn lateiniſch anherrſchte. Nabelais aber gab ein hebräiſches Echo von ſich. Nunmehr, da auch der gelehrte Kaplan den ſchwarz gekleideten wunderſamen Mann nicht verſtand, war die leibliche und geiſtliche Dienerſchaft des Herzogs von Autun vor Erſtaunen außer ſich. Der Unbe⸗ kannte wurde merkwürdig, man mußte ihn zu dem Herzog führen, daß auch er das Wunder beſchauen möge. Durch Zeichen verſtändigt man ſich, Rabelais folgt dem Kaplan in das Kabinet Sr. Durchlaucht. Hier trug er ſein Be⸗ gehren ganz ruhig Franzöſiſch vor und erklärte ſeinen Kriegs⸗ plan dadurch, daß er von Anfang an nichts beabſichtigte, als mit Waffen zu fechten, die der Gegner nicht führen könnte. Er hatte bei ſeinen bittſtellenden Beſuchen die Er⸗ fahrung gemacht, daß alle Portiers, Kammerdiener und ähnliche Schufte ihn fortwährend abwieſen, und ſuchte ih⸗ nen daher dieſe Möglichkeit abzuſchneiden. So kam er zum ——— — — 301— Zweck.— Ich aber in Sommerfeld nicht; denn unſer Sou⸗ per litt grauſamen Schiffbruch. Ich habe mich in mein Schickſal ergeben. Wenn ich nur wenigſtens den Aerger los wäre, daß Hiacynth Alles vortrefflich, idylliſch, unſchuldig, paradieſiſch findet! Aus Hyacinths Tagebuch. Bunzlau. Welch reiche Genüſſe hat uns die kurze Fahrt gewährt, die wir von Frankfurt bis hieher gehabt.— Ich muß noch Einiges nachtragen. In einem Dorfe vor Sommerfeld, deſſen Namen ich vergeſſen*), trafen wir Alle zur Kirmes ein. Welch ein anmuthiges Bildchen im echten Genreſtyl bekamen wir hier zu ſehen! Drei kleine Krambuden mit Bändern, Schnallen, Glasperlen, Kämmen, und auch mit einigen nützlichen Gegenſtänden, als Linnen, Strümpfen u. ſ. w., bildeten den ganzen Jahrmarkt des Oertchens. Doch muſterten Mütter und Töchter, beſonders die aller⸗ liebſten kleinen Kinder die Herrlichkeiten mit ſcharfſichtigem Auge. Der Jahrmarkt und einige Wagen, die vor dem Wirthshauſe hielten, hatten uns die Straße geſperrt. Ich überredete den Schirrmeiſter, hier ein wenig zu halten*3), *) Es heißt Hanſenhauſen.(Die Note ſcheint von Schepp⸗ häuſer herzurühren.) 3 *.) War nicht nöthig; der Kerl witterte Bier und Schnapps im Wirthshauſe und wollte die Bauern etwas anzapfen.(Schepp⸗ häuſer muß Hyacinth's Tagebuch einmal entwendet und gloſſirt ha⸗ ben, denn dieſe und die folgenden Noten ſind alle von ſeiner Hand auf den breiten Rand geſchrieben.) — 318— damit wir die Kirmes mit anſehen könnten. Der gefällige Mann that es. Ich wandelte mit Schepphäuſer und un⸗ ſern übrigen Reiſegefährten, recht wackern Leuten, unter dem fröhlichen Gewühl der Menge umher. Mir gefiel der Putz der Mädchen und Frauen, ganz beſonders aber der der kleinen Mädchen von ſechs bis zwoͤlf Jahren, außer⸗ ordentlich. Die kurzen rothen Röckchen, die netten Mieder mit dem goldbeſetzten Latz und die allerliebſten weißen, brei⸗ ten Flügelhauben, die ſie aufhatten, kleideten ſie gar zu hübſch*). Ich wollte ein kleines Mädchen, das gar zu zierlich ausſah, liebkoſen und klopfte ihm den weißen Nacken. Erſchrocken ſah es ſich um, und da wir in dieſer Kinderwelt ſo fremde Geſtalten waren, wie Columbus und ſeine Gefähr⸗ ten unter den Indianern, ſo betrachtete mich das Kind, indem es ſich ängſtlich an die Mutter drängte, mit ſeinen ſchwarzen Augen ſo beſorglich und ſchüchtern, aber doch ſo neugierig erſtaunt, daß ich nie etwas Lieblicheres geſehen habe.— „Der Herr thut Dir nichts,“ ſprach die Mutter in ihrer angenehmen Provinzial⸗Mundart. Ich zog eine Düte mit Bonbons aus der Taſche und reichte dem Kinde eines in buntes Papier gewickelt. Das bunte Ding gefiel dem klei⸗ nen Weſen und ſogleich drängten ſich etwa fünf bis ſechs Geſpielinnen hinzu, um das Geſchenk neugierig zu betrach⸗ ten und zu fragen, was es ſei.„Du mußt es eſſen!“ ſprach ich. Die Kleine ſah mich ungläubig und dann ihre Mutter fragend an. Dieſe wandte ſich zu mir und ſprachh *) Diesmal haſt Du recht, Hyacinth. Die Maͤdchen alle ſahen ſo reinlich aus, wie aus dem Ei geſchalt. Ueberaus weiße Linnen! Uebrigens hatten die Flügelhauben nur kleine Schmetter⸗ lingsflügel gegen die breiten Gänſefittige unſerer modernen Hauben, die ich in der Oper und im Ballet oft zu allen Teufeln wünſche. — 319— „Wirklich, Herr?“ Dieſe unſchuldige Unwiſſenheit bei einem Gegenſtande, der in den Kreiſen unſeres Lebens ſo ganz gewöhnlich iſt, und zugleich die große Freude, die das Kind über ein Nichts empfand, eine Freude, die die Mutter theilte, rührte mich, warum ſollte ich es nicht geſtehen, in innerſter Seele*).—„Du mußt es aufwickeln, Kind,“ ſprach ich. Die ſchon ganz vertraulich gewordene Kleine gehorchte und fand einen Kirſchbonbon in der Hülſe. Die Mutter und wenigſtens ſechs kleine Mädchen, die rund herum ſtanden, waren erſtaunt über den wunderbaren In⸗ halt.„Nun, iß doch!“ Vorſichtig, oder beſſer, um zu verſuchen, auf welche Weiſe das harte Ding, das faſt wie ein Kieſelſtein ausſah, zu genießen ſei, ſetzte das Kind die kleinen weißen Zähnchen an und ſchabte etwas herunter. „Das iſt ſchwarzer Zucker!“ rief ſie vergnügt, ſteckte das Ganze in den kleinen Roſenmund, wollte mir nun das ſchöne bunte Papier gewiſſenhaft zurückgeben. Da ich lächelnd ſagte:„Das gehört Dir auch!“ ſo wußte das kleine Mädchen kaum, welcher Theil des Geſchenks der koſt⸗ bare war.— Ich langte nun in die Taſche und gab auch den andern Mädchen. Jetzt entſtand ein förmlicher Auf⸗ lauf, ein Drängen um mich her; der Vorrath war bald erſchöpft, aber es machte mich ordentlich traurig, daß ich noch ſo manche Hand leer ſah**). *) Curios! Aber Hyacinth hat recht. Er iſt meiſtentheils ein Narr, denn er ſieht Alles in die Dinge hinein, was nicht darin ſteckt, ſtecken kann und nie geſteckt hat. Aber er iſt doch ein gu⸗ ter Kerl und wo das Leben wirklich noch unſchuldig iſt, da iſt er mit ganzem Herzen dabei. Die Kirmes war ganz artig. *e⸗) Das Beſte war, daß keines der drolligen kleinen Dinger zweimal forderte oder griff; ihre Phantaſie wagte es gar nicht, „— 320— Wir gingen nun durch die fröhliche Menge hin, wie hohe Fürſten. Alles betrachtete uns mit Staunen und Ver⸗ wunderung. Die Kinder aber liefen uns nach und wollten alle geliebkoſt ſein.— Einige Zeit darauf bemerkte ich zwei Damen, wenigſtens hielt ich ſie dafür, die wirklich nicht unſchön zu nennen waren. Schepphäuſer iſt in dieſen Din⸗ gen erfahrener als ich*) und rief ſogleich:„Das ſind ge⸗ wiß die Kammerkätzchen vom nächſten Schloſſe.“ Und er hatte Recht! Die Mädchen, obwol ſtädtiſcher gekleidet, wa⸗ ren doch auch ganz unſchuldig und natürlich. Sie fanden gar nichts Arges darin, daß Schepphäuſer ſie bei der weißen Hand nahm, ihnen das Kinn ſtreichelte und die Wangen kneipte, welches ich ſelbſt gern gethan hätte, aber doch nicht wagte**). Es iſt ein verwünſchter Streich, aber ich kann es nicht über das Maß von einem Bonbon hinaus zu denken. Ich dachte bei der ganzen Geſchichte an den Negerhandel. Füͤr einen Bon⸗ bon hätte hier jedes Kind ſein Erſtgeburtsrecht verhandelt; für ein rothes Läppchen, ein Taſchenmeſſer, oder ſolch eine Lumperei verhandelt dort ein Vater nicht nur das Erſtgeburtsrecht, ſondern das ganze Geburtsrecht(worunter ich die Menſchenrechte verſtehe) aller ſeiner Söhne und Töchter.. *) Der Ruhm will nicht ſonderlich viel bedeuten. mun) Weil Du ein blöder Eſel biſt und ich glaube auch gar zu tugendhaft.— Uebrigens kannte ich die eine der beiden Mädchen, das hätteſt Du daran merken müſſen, daß ſie feuerroth wurde, als ſie mich ſah. Sie heißt Luiſe und war in Berlin bei einer adligen Dame Kammermädchen. Ich wurde dort häufig zum äſthetiſchen Thee eingeladen, wohin ich gewiß nicht gekommen wäre, wenn ich nicht gewußt hätte, daß Luischen, die mich am Klingeln kannte, mir jedesmal geöffnet hätte, ehe der Bediente vom Abtrocknen der Glaͤſer wegſpringen konnte. — —— — 321— ändern, daß eben hier Hyacinths Tagebuch aufhört, ſo daß wir weder ein Wort weiter von der Kirmes, noch von Luischen, noch von der ganzen Reiſe bis Bunzlau hören, es ſeien denn ein paar Notizen aus Schepphäuſer's Tage⸗ buch, die ich auf einem kleinen Zettel fand und die ihm vermuthlich zur weiteren Ausarbeitung ſeines Reiſejournals dienen ſollten. Sie lauteten: „Sagan iſt ein artiges Städtchen; aber ſo ſtill wie ein Kirchhof.— Poſtmeiſterhaus ſchöne Blumen.— Oedes Kaffeehaus.— Kein hübſches Geſicht an allen Fenſtern der Stadt. „Bunzlau.— Hyacinth ärgerte ſich, daß wir mit der Abenddämmerung einfuhren, er hätte gern die große Kaffee⸗ kanne geſehen, aber dazu war's zu ſpät, denn ſonſt hätten wir am Ende nichts zu eſſen bekommen.— Der Kuß von der Blondine.— Die Ohrfeige des Schirrmeiſters.—er. Kapaun auf der Erde.— Hyacinth vom Ungarwein etwas angeſpitzt.— Unſer dicker naturforſchender Reiſegefährte ver⸗ liert die Brille*).— Der Poſtillon⸗Paganini.— Der Barbier in Verlegenheit.“— Es thut mir ſehr leid, daß ich dem deutſchen Publi⸗ kum nicht den Roman zu dieſem Verzeichniß ſeiner Capitel geben kann. Allein ich gebe die Hoffnung dazu noch nicht ganz auf. Denn in dem Augenblick, wo ich ſchreibe, erhalte ich mit der Poſt aus Schleſien durch einen Freund, den ich mündlich zu Nachforſchungen beauftragt hatte, drei Blät⸗ ter aus den Tagebüchern unſerer Reiſenden, von denen das eine die Fortſetzung der Geſchichte mit Luischen enthält. *) Damit bin ich gemeint. I4 a — 322— Da ich aber dieſelbe einmal abgebrochen habe, ſo fahre ich in der jetzigen Reiſeroute fort und gebe die Geſchichte viel⸗ leicht im Anhang. Die andern beiden mir zugeſandten Blätter enthalten nichts ſonderlich Intereſſantes. Sie wer⸗ den an Ort und Stelle eingeheftet werden. Indeß ergreife ich die Gelegenheit nochmals, um Alle, die in dem bevor⸗ ſtehenden Sommer ins Rieſengebirge reiſen, recht dringend zu bitten, mir ja zukommen zu laſſen, was ſie irgend auffinden. Aus Hyacinth's Tagebuch. Warmbrunn am 8. Sept. Schepphäuſer hat ſich hier von mir getrennt; in einem Badeort, meint er, müſſe Jeder ſeine eignen Abenteuer auf⸗ ſuchen. Immerhin! Die meinigen ſind einfach, werden mir aber doch unvergeßlich bleiben.— Als wir mit dem grauenden Morgen aus dem Dorfe, wo wir kurz vor Hirſch⸗ berg gefrühſtückt, wegfuhren, begann der romantiſche Reiz unſerer Reiſe. Denn hinter wallenden Nebelſchleiern lag das Rieſengebirge majeſtätiſch vor uns und ragte mit ſchwarzen Gipfeln aus dem grauen, tief ziehenden Gewölk hervor.— Der Wagen klimmte mühſam einen ſteilen Berg⸗ abhang hinan; jeder Schritt, den unſere keuchenden Roſſe vorwärts thaten, enthüllte uns die Landſchaft weiter und weiter.— Wir waren nur drei Perſonen im Wagen; unſer unbekannter Reiſegefährte, der ſich mit todter Gelehrſamkeit vollgepfropft hat, ſchlief in der Ecke neben mir. Schepp⸗ häuſer hatte ſich in ganzer Länge auf den Rückſitz hinge⸗ ſtreckt, den Mantel über's Geſicht gezogen, und ſchnarchte — 323— widerlich.— Der Schirrmeiſter ſaß vorn und ſchlief gleich⸗ falls. Nur der Poſtillon und ich wachten in der hehren, feierlichen Morgenſtille, wo der Purpur Aurorens durch die ſilbergrauen Nebelſchleier der fliehenden Nacht ſchimmerte. Ich wollte wenigſtens den Freund dieſe wunderbar feierliche Stunde nicht verſäumen laſſen und weckte ihn mit den Worten:„Sieh! Wie am Gebirg der Morgen ſich ent⸗ zündet!“ Er aber antwortete mir faſt roh:„Hol' der Teufel das Gebirg, und den Morgen, und die Entzündung dazu, mich friert!“ Dabei wickelte er ſich gähnend tiefer in den Mantel und ſchlief fort.— Mir iſt dieſe Natur unbe⸗ greiflich. Er iſt Schriftſteller, Dichter, ja er hat großes Talent, und doch iſt er oft ſo fühllos gegen die reinſten Schönheiten der Natur! Wir waren auf dem Gipfel angelangt; das hirſchber⸗ ger Thal lag im herbſtlichen Schmucke vor uns. Das bunte Laub, das falber werdende Grün der Auen, der feuchtaufſteigende Nebel, die fernen Thurmſpitzen von Hirſch⸗ berg, im Hintergrunde die düſtere, himmelhohe Natur des Gebirgs— ich konnte es nicht länger im Wagen aushal⸗ ten. Ich ſprang hinaus, denn der Schwager hatte eben angehalten, um den Hemmſchuh anzulegen, weil wir auf der andern Seite einen ſteilen Abhang hinunter mußten. Da ſah ich die ganze Kette des Hochgebirges vor mir. Der Schwager, welcher Sinn für die ſchöne Natur zu haben ſchien, erklärte mir Manches, wonach ich fragte, und nannte mir die Namen der merkwürdigſten Punkte.—„Dort ſind die Schneegruben, jenſeits, weiter rechts, der Reifträger, weiter links das große Rad, die Sturmhaube, die kleine Koppe, die Schneekoppe!“ Die letzte lag halb in eine Wolke gehüllt.„Es iſt ein Schwerenothsberg,“ rief der Schwa⸗ ger in ſeiner Volksſprache, die ich ohne Anſtoß wiedergeben — 324— zu dürfen glaube,„es ein Schwerenothsberg, das, die Schneekuppe. Sie thut das ganze Jahr die Mütze nicht ab! Im Winter hat's die weiße Nachtmütze auf, im Summer die Nebelkappe.“— Nichts thut mir wohler als dieſe volksthümliche Anſchauung der Naturſchönheiten. Gern hätte ich noch eine Zeit lang in dem Anblicke ver⸗ ſunken dageſtanden, wenn Schepphäuſer nicht aus dem Wagen herausgeguckt und geſchrien hätte:„Daß Euch die Peſtilenz! Was halten wir denn hier ſchon ſeit ei⸗ ner Stunde auf dem verfluchten Buckel, wo der Wind aus allen vier Weltgegenden zugleich pfeift? Das macht, der Herr Schirrmeiſter ſchnarcht wie ein Ratz, und Du ſtehſt gar und ſchwatzeſt mit dem Kerl da. Fahr zu, Schwager, oder Du bekommſt ein ruſſiſches Trinkgeld!“— „Willſt Du nicht den göttlichen Anblick genießen,“ ſagte ich; er aber ſchnob mich an:„Komm in den Wagen und damit baſta! Noch iſt's zu früh zum Genuß der Natur. Erſt muß ich ein gediegenes Frühſtück im Magen haben; mir iſt noch ganz ſchlimm von dem verfluchten Kaffee in der letzten Kneipe; ich glaube der ganze Zacken⸗ und Kochel⸗ fall war in die Kanne geſtrömt und hatte das ſchale Ge⸗ ſöff verdünnt. Wenn ich's über ein weißes Tiſchtuch ge⸗ goſſen hätte, ich wette, es waͤre kein Fleck zu ſehen gewe⸗ ſen.“— Ich notire mir oft Schepphaͤuſer's ungeſtüme Aeuße⸗ rungen, denn ſie ſind immer charakteriſtiſch und im Ganzen meint er es doch gut.— In Hirſchberg fuhr zu unſerm Unglück, als wir eben über den Markt kamen, die Dili⸗ gence nach Warmbrunn ab. Schepphäuſer, der niemals raſch genug vorwärts kam, rief halt! Auf ſein Dringen mußten wir uns gleich einſetzen und, ohne von Hirſchberg mehr geſehen zu haben, als drei krumme Gaſſen, fuhren wir nach Warmbrunn ab. ——— — 325— Hier iſt es reizend! Nachdem wir gefrühſtückt, ging ich, ein wenig ordentlicher angekleidet, hinaus auf die Prome⸗ nade. Schepphäuſer wollte nicht mit; er meinte, wir kä⸗ men Abends im Theater noch immer zeitig genug zuſam⸗ men. Auf Reiſen müſſe Jeder auch dann und wann allein ſein, man ſei ohnedies zu viel in derſelben Geſellſchaft. Ich finde das nicht ganz unwahr. Es iſt ein reizender Spaziergang, die ſchöne Allee von Warmbrunn. Auf beiden Seiten das friſcheſte Grün der Wieſen, weiterhin Kornfelder, Dörfer, die ſich in unabſeh⸗ baren Reihen dazwiſchen hindurchziehen, ſanft gehobene Hügel mit Gebüſch gekrönt. Und dann das prächtige Am⸗ phitheater des hohen Gebirgs, das die coloſſale Mauer gen Süden aufthürmt. Dort hinüber, wo der ſteile Waldberg ſchwarz hervortritt, liegt der Kynaſt. Wie die weißen Mauern und Zinnen auf dem ſchwarzen Hintergrunde glänzen! Ich war bis an die Spitze der Allee gegangen und ſtand in den ſchönen Anblick ganz verſunken da wie ich glaubte, einſam. Plötzlich hörte ich neben mir eine Silber⸗ ſtimme flüſtern:„Erlauben Sie wol?“ Erſchrocken fuhr ich auf und ſah ein reizendes weibliches Weſen vor mir. Jetzt bemerkte ich's erſt, daß ich an dem Eingang der Pro⸗ menade ſtand, wo ein bewegliches Kreuz auf einem Pfahl das Durchreiten verhinderte. Um nicht durch das thauige Gras gehen zu müſſen, mußte die holde Fremde mich wol anreden, wiewol ſie es mit zarter Blödigkeit that. Ich glaube, ich erröthete, als ich auf die Seite trat; denn ich fühlte, wie mir die Glut ins Geſicht ſtieg.„Verzeihen Sie,“ ſtotterte ich,„ich war ſo in den Anblick dieſer ſchönen Gegend verſunken.“—„Ja, ſie überraſcht Jeden, der ſie zum Erſtenmale ſieht,“ ſprach die Fremde mit einem — 326— reizenden Lächeln indem ſie leicht grüßte, und an mir vorüberging. Unverwandten Blickes ſah ich ihr nach. Ueber ein weißes Kleid hatte ſie einen leichten ſilbergrauen Mor— genmantel geworfen, ein italieniſcher Strohhut, von dem Bänder anmuthig herabflatterten, ſchmückte das Haupt. Leichten Schrittes ging ſie mit ihrem kleinen zierlichen Fuß die noch ganz einſame Promenade hinunter und wandte ſich dann rechts in das Gebüſch des Gartens hinein. Erſt jetzt, da ich ſie aus dem Geſichte verloren hatte, bemerkte ich, daß vor meinen Füßen ihr Tuch lag, welches ſie im Vorbeigehen verloren haben mußte. Schnell nahm ich es auf, um es ihr nachzubringen. In wenigen Minuten hatte ich ſie erreicht. Der freundliche Blick, mit dem ſie mir dankte— nie werde ich ihn vergeſſen. Ihr blaues, ſägftes Auge ſah ſo wohlwollend aus, ſie lächelte ſo anmuthig, und wie ihr die leicht gekräuſelten blonden Locken lieblich um Stirn und Wange ſpielten! Ihr Bild wird ewig in meinem Herzen ſtehen.— Ich habe mir die Buchſtaben, welche in das Tuch gezeichnet waren, abgeſchrieben: P. C. F., von einem gekreuzten Zweige umgeben. Dieh Promenade wurde nachgerade lebhafter. Doch ſah ich faſt nur Männer und alte Damen auf derſelben; meine Seele beſchäftigte ſich nur mit dem reizenden Bilde meiner Unbekannten. Ich beſuchte den Geſellſchaftsſaal, dann die Bäder(denn man muß Alles betrachten) und beſah endlich das Schloß, aber nur von außen. Geſtehen muß ich, daß mir dieſe Gegenſtände wenig merkwürdig vor⸗ gekommen ſind. Nachdem ich noch eine halbe Stunde im Dorfe auf und niedergegangen, aber nicht weiter als bis an die Brücke, war es Zeit zum Mittagseſſen. Dort traf ich Schepphäuſer, der mich ſogleich fragte:„Was haſt Du denn für Abenteuer mit niedlichen Blondinen, Hyacinth! —— · — 327— Glaubſt Du, man erfahre dergleichen nicht?“— Ich wurde verlegen, denn er that die Frage in Gegenwart vieler Tiſch⸗ gäſte, doch antwortete ich möglichſt gleichgültig:„Es war nichts, als daß ich einer Dame, die das Schnupftuch verlor, daſſelbe zurückbrachte.“—„Hm,“ erwiderte Schepp⸗ häuſer mit ſeiner, mich ſo oft in meinen ſchönſten Gefüh⸗ len verletzenden Satyre,„das Schnupftuch fiel Dir ſo dicht vor die Füße, daß es faſt ausſah, als wäre es Dir zuge⸗ worfen worden. Mir daäucht, die Schöne hätte die Sitten des Serals umgekehrt— es war zuverläſſig mit dem Tuche auf etwas abgeſehen.“— Ich ſchwieg und freute mich nur darüber, daß die am Tiſch ſitzenden Damen zu entfernt waren, um den zweideutigen Scherz zu hören.— Man war lebhaft bei Tiſche. Schepphäuſer misfiel mir in ſeinen bur⸗ ſchikoſen Geſprächen; doch ſchien er Andern zu gefallen. Seltſamerweiſe nahmen auch die Frauen wenig Anſtoß an ſeiner derben Weiſe. Und er fluchte doch ſogar mehrmals! Es wäre mir unmöglich, in Gegenwart einer Dame ,Schock⸗ ſchwerenoth“ zu ſagen. Ich ſchreibe das Wort ſchon mit einer Art von Schamröthe.— Da das Theater erſt um ſieben Uhr anfängt, ging ich nach Tiſch auf das Zimmer und ſchrieb.— Wir wären nach dem Kynaſt gefahren, allein das Wetter wurde trübe. Aus Schepphäuſer's Tagebuch. Am 9. September. Hyacinth liegt noch im Bette und ſchnarcht; der jung— fräuliche Kerl, glaube ich, ſtürbe vor Verdruß und Scham, wenn er ſich ſo unzart brüllen hörte.— Guter Schläfer! Du ahneſt nicht, was ich hier in mein Notizenbuch ein⸗ — 328— trage, während Du vielleicht von Deiner blonden Lucretia träumſt. Sie erſcheint Dir, ich wollte meinen neuen Meer⸗ ſchaumkopf verwetten, ſehr idealiſch, als lebe ſie nur von Duft und Mondſchein, von Gedichten, zu Zeiten von Re⸗ ligion, vielleicht auch etwas Myſtik, Du hältſt ſie für eine Heilige, einen Engel; ich habe ſie menſchlicher kennen ge⸗ lernt, menſchlicher, aber doch vielleicht beſſer, als Du ſie denkſt, und es reut mich auch gar nicht. In der That aber, ich frevle eben arg, da ich ſcherze, wo mir eigentlich ernſthaft, vielleicht wehmüthig zu Sinne iſt.— Nichts war mir erwünſchter, als daß wir die Diligence in Hirſchberg nach Warmbrunn ſo antrafen, daß wir keine Viertelſtunde in der langweiligen Leinwandſtadt geblieben ſind, wo Alles todt iſt und jetzt auch der Leinwandhandel. Ein Badeort iſt doch etwas; es iſt eine Aſſemblee auf dem Lande. Mein Schutzpatron bewahre mich davor, etwa den Badegäſten ſonderliche Reize, Geiſt, Tugend, Unterhaltungsgabe oder dergleichen zuzugeſtehen; aber es ſind doch bunte Puppen, mit denen man ein Weilchen ſpielen kann; Caricaturen, die man lachend betrachtet und dann vergißt. Aber zum Geier! ich fange ja gar an ſentimental, ma⸗ nierlich, artig, decent zu ſchreiben, als hätte ich meinen Styl nach Knigge's Umgang mit Menſchen gebildet.— Warmbrunn, ein langes Dorf mit wenigen hübſchen Häu⸗ ſern, aber deſto mehr Baracken, zieht ſich faſt wie Gummi⸗ Elaſticum an der Chauſſee hin. Die Hinterräder des Poſt⸗ wagens raſſelten noch auf dem holprigen Steinpflaſter im Thore von Hirſchberg, als unſere Spitzpferde ſchon die Na⸗ ſen in die Gaſſen oder Gaſſe von Warmbrunn hineinſteck⸗ ten; aber doch fuhren wir eine Stunde bis an das Wirths⸗ haus, unfern des Schloſſes. Aus Schonung verſchweige ich den Namen des Wirths und ſeines Schildes, denn wir — 329— frühſtückten verdammt ſchlecht. Der Ungar war leidlich; Hyacinth prallte ſcheu vor dem eingeſchenkten Glaſe zurück. Er hat ſeit ſeinem bunzlauer Abenteuer Angſt vor dem Wein bekommen, wie eine Katze, die ſich die Pfoten ver⸗ brannt hat, vor dem Kamin.— Ich ſchlenderte durch die Gaſſen. Unſer dicker naturhiſtoriſcher Reiſe⸗Appendix mit mir. Das Erſte, was uns aufſtieß, waren die Bäder. Ich wollte ſie beſehen; eine Badefrau, der man's anſah, daß ſie, weil ſie ſo viele Andere baden mußte, nicht Zeit hatte, es an ſich ſelbſt kommen zu laſſen, antwortete uns, es ginge jetzt nicht, da die Damen eben badeten. Der Tribun Clodius hatte meinen Geſchmack, als er ſich zu einer Opferfeierlichkeit der Weiber verkleidet einſchwärzte; ich hätte mich gern auf dieſe Art ins Baſſin eingeſchmug⸗ gelt, wenn man ſich dabei nicht allzu ſehr demaskiren müßte. So hatte die Sache ihre Schwierigkeiten. Da ich indeß das Bad nicht in ſeinem intereſſanteſten Moment ſehen konnte, ſo ſchwur ich einen Eid, es gar nicht zu be⸗ ſehen. Der Naturforſcher aber wollte das Thermometer ins Waſſer hängen, um ſelber zu ſehen, was in zwanzig Be⸗ ſchreibungen des Orts ſteht, wie viel Grad Wärme näm⸗ lich das Waſſer halte. Er ließ ſich daher das Warten nicht verdrießen, und ich war froh, daß ich ihn los wurde. Nunmehr durchſchoß ich den Ort hin und her, wie eine Schwalbe, die über einem Teich kreuzt, und ſuchte mir, wie dieſe Mücken, einige Abenteuer zu erſchnappen. Ich ging die Allee hinunter. Die Schneekoppe hatte einen ſo grauen Bademantel um die Schultern geworfen, wie die beiden dicken alten Herren, die die einzigen Spaziergänger waren, welche ich antraf. Als ich am Ende der Allee auf dem Felde ſtand, bemerkte ich eine Verſchwörung in dem innerſten Conclave meines Territoriums und angeſtammten — 330— Grundbeſitzes, nämlich der Fläche meiner Fußſohlen, die ich hoffentlich mein nennen darf. Kurz geſagt, mich drückte ein ſcharfer Stein, als ein wahrer Pfahl im Fleiſche, faſt ſo ſarg, wie Karl den Zehnten die Preßfreiheit. Ich be⸗ ſchloß den Stiefel auszuziehen und ſo dem Uebel vielleicht mit mehr Glück abzuhelfen, als der gedachte Ex⸗Monarch. „Die Gelegenheit iſt günſtig! Dort der Holunderſtrauch verbirgt mich jedem Blicke,“ declamirte ich mit Wilhelm Tell und ging den Rain entlang, zwiſchen die Gebüſche hinein. Ich kannte einen Kerl beim Ballet in Berlin, einen alten Tänzer, der noch zu Friedrichs des Großen Zeiten hapeaubas, mit langem Haarzopf oder Haarbeutel und geſticktem Treſſenkleide die Menuett getanzt hatte und Augenzeuge des merkwürdigen Vorfalles geweſen war, wo der Kammergerichtsrath Cocceji einen kleinen Juden, ſeinen Nebenbuhler bei der ſchönen Tänzerin Barberini, aus der Loge auf's Proſcenium warf, ſo daß dieſer ſich wegen des dadurch unterbrochenen Ballets demüthigſt vor der könig⸗ lichen Loge entſchuldigte und zugleich die lebendige Causa dieſes Falls und Unfalls denuncirte. Der gedachte Cocceji, ein Sohn des Kanzlers, wurde für dieſen Genieſtreich Prä⸗ ſident in Glogau.— Doch auf gedachten Ballettänzer zu⸗ rück. Der Arme hatte einen Todfeind in einem ſeiner Col⸗ legen und dieſer ſpielte ihm folgenden Streich. Es wurde eine pantomimiſche Scene gegeben, in welcher mein Tänzer ſeiner Schönen mit einem pas de Zéphyr aus der Couliſſe entgegeneilen und ſie ans Herz drücken ſollte, indem ſie ihm von der andern Seite der Bühne bis vor den Souf⸗ fleurkaſten entgegenhüpft. Dieſe Scene erſah ſich der Tod⸗ feind, um den Collegen gänzlich zu ruiniren. Er ſtellte ſich hinter ihn, als derſelbe in der Couliſſe auf den Taktſtrich —— — 331— harrte, der ſein Signal zum Zephyrpas war; künſtlich fädelte er ein nicht zu kurzes Band durch die Schleife ſei⸗ nes Haarbeutels und knüpfte daſſelbe mit der Taſchenſpie⸗ lergeſchicklichkeit eines Pinetti an den Nagel einer Lampen⸗ latte feſt. Das Signal ertönt, mein Tänzer hüpft heraus; aber wehe ihm, denn kaum iſt er zwei Schritte vor die Cauliſſe hinaus, ſo, daß das ganze Publicum ihn erblicken kann, als er ſich von unſichtbarer Hand am Schopf er⸗ griffen fühlt und vergeblich mit den vorwärts geſtreckten Beinen geſticulirt, um ſeiner Barberini näher zu kommen. Denkt man ſich, daß er, vermöge des Hamens, mit dem man ſeinen Haarbeutel geangelt hatte, etwa in einem Win⸗ kel von fünfundvierzig Graden rücklings geneigt war und trotz des Trillers beider Beine nicht einen Schritt vorwärts kommen konnte, ſo begreift man, daß ſeine Situation ſich merklich beſſerte, als die Lampenlatte umſchlug und wie eine Fliegenklappe auf ihn fiel. Daß ſein Treſſenkleid da⸗ bei ſtark in Oel getränkt wurde, kommt wenig in Betracht. Ein ſolcher Liebhaber, der ſeiner Geliebten entgegen will aber plötzlich am Schopf oder Zopf feſtſitzt und kein Sim⸗ ſon iſt, um den Nagel ſammt einem Centner Kalk aus der Wand zu reißen, war ich. Ich frage nämlich jeden Feinfühlenden und Gebildeten, der mit ausgezogenem Stie⸗ fel hinterm Buſch ſitzt, wie ich, und durch die offenen Lücken zwiſchen den Zweigen die hübſcheſte Blondine nicht ſechs Schritte von ihm vorbeigehen ſieht, ob er nicht gelind des Teufels werden möchte, daß, nachdem er zwei Stunden nach einem niedlichen Abenteuer dieſer Art auf die Fährte geweſen iſt, ihm gerade das Pulver abblitzen muß, als das Wild ihm in den Schuß läuft. Ich fluchte und raiſo⸗ nirte innerlich gegen mein Geſchick, aber was ſollte ich an⸗ fangen? Und nun muß gar der Teufel den Hyacinth her⸗ — 332— beiführen, daß er die Price, die mir entwiſcht, auffängt!— Doch audaces fortuna juvat. Daß ihm die Blondine das Schnupftuch nicht abſichtslos vor die Füße fallen ließ, ſah ich auf achtzig Schritte, als ers nicht aufhob, wollte ich fuchswild werden, weil ich noch immer mit meinem Revo⸗ lutionskrieg nicht ganz zu Ende war, obwol ich eben den Rückmarſch in den Stiefel antrat. Doch die Prüfung war zu arg; ich ſaß feſt, wie ein Affe mit der Pfote in der Maisflaſche. Ich ruckte, ſtampfte, fluchte vergeblich. Eine Minute, und ich ſchnappte ihm den Biſſen vor dem Munde weg, den er noch nicht genoſſen hätte. Da bückt er ſich, und verſchwindet wie ein Haſe im Buſch. Endlich fahre ich in den ledernen Hemmſchuh hinein und nun dem Verſchwundenen nach— aber vergeblich; denn als ich in die Allee komme, ſehe ich nichts mehr. Ich pürſche durch das Buſchwerk, fahre wie ein Wirbelwind nach Oſten, Weſten, Norden und Süden zugleich, entere jede Schürze, die ich von wei⸗ tem ſehe— Alles vergeblich!— Ein Glück war's, daß mir Hyacinth nicht in den Weg kam, denn auf dieſen Glücks⸗ pilz war ich ſo grimmig, daß ich ihn ſammt der Wurzel ausgeriſſen hätte. Noch ganz roth vor Aerger, rennne ich die Gaſſe hinunter; da kommt eben der Naturforſcher aus dem Badehauſe.„Zöllner's, Struve's und Sinzhei⸗ mer's Angaben ſind durchaus ungenau,“ ruft mir der Kerl entgegen.„Das Waſſer hat nicht 37°, ſondern”“...— Meinethalben mag es kochen, wie ſiedendes Oel, laßt mich mit Eurer Quackſalbergelehrſamkeit ungeſchoren, ſchnaufte ich ihn an und fuhr ſeitwärts in ein Quergäßchen hinein. — Allen Muſen, allen Grazien, allen Horen, Nymphen (beſonders der Brunnennymphe des Orts), allen Amoret⸗ ten, Driaden, Hamadryaden, Oreaden, allen Göttinnen, die je der Liebe hold geweſen, allen Göttern desgleichen, — 333— bringe ich Trankopfer, Sühnopfer, Monatsopfer, äskula⸗ piſche Hähne(an einem Badeort kein ungeziemendes Op⸗ fer), Spenden, Libationen, Hekatomben dar, daß ſie mir den naturforſchenden Bileamseſel in den Weg ſchickten, vor dem ich den Seitenſprung that, der mich mit Raſe und Augen in die Quergaſſe führte. Denn ſie ſtand vor mir und verſchwand eben ſo ſchnell in ein Häuschen hinein, das unter den ſchlechten Collegen in der Nachbarſchaft aller⸗ liebſt zu nennen war. Ich nach; ſie will eben den Fuß auf die erſte Stufe der Treppe ſetzen, als ich in die Haus⸗ thür trete. Mit einem ſchelmiſchen Geſichtchen zum Mah⸗ len ſieht ſie ſich nach mir um; ich werfe ihr einen prüfen⸗ den und winkenden Blick zu, wir verſtehen uns wie Stahl und Stein, der Funke ſprüht! Ich müßte ein ſolcher Haſenfuß ſein, wie Hyacinth, wenn ich um eine Anrede verlegen geweſen wäre. Ich ſuchte eine Wohnung. Sie erwiderte mit mehr Geſchick, als ich mir ſelbſt zutraute, ſogleich, daß ich doch die ihrige beſehen möge, die ſie in einigen Tagen zu verlaſſen gedenke, um nach Breslau zurückzukehren. Die Wirthin kommt uns entgegen, die Kleine theilt derſelben meinen Plan ſo unbefangen mit, daß ich ſelbſt ſie faſt für unſchuldig wie ein Lamm, gehalten hätte. Indeſſen kommt es zu einem Geſpräch unter vier Augen mit uns, ich erfahre, daß ſie die erſte Liebhaberin beim Theater iſt; ich raube den ſü⸗ ßeſten Kuß von zwei friſchen Lippen, werde geſcholten, er⸗ halte Vergebung, endlich Erlaubniß, ſie in die Probe zu begleiten, die ſoeben beginnen ſoll. In aller Eile miethe ich noch die Wohnung auf eine Woche, wie ich vorgebe, um Excurſionen ins Gebirg von hier aus zu machen— kurz, die Geſchäfte gehen ſo raſch, wie Napoleon's Siege.— O guter Hyacinth, wie lächelte ich innerlich über Dein Er⸗ — 3344— ſtaunen, als Du Deine Göttin urplötzlich als Minna von Barnhelm aus der Couliſſe treten ſaheſt und faſt vergehen wollteſt vor Rührung, Liebe und zarter Verehrung! Und wenn Du vollends den Epilog des Stückes kennteſt, wo ich Tellheim's Rolle weiter ſpielte!— Ich ging vor dem Schluß weg, um verabredetermaßen an der Hinterthür des Theaters zu warten. Denn die allerliebſte Kleine hatte mir ja erlaubt, Abends bei ihr zu ſoupiren. Das Stück war aus. Die Zuſchauer zerſtreuten ſich; endlich erſchien ſie. Ich hielt mich in einer dunklen Ecke auf dem An⸗ ſtand.—„Sind Sie's?“ flüſtert ſie mit einem Engel⸗ ſtimmchen. Ein Kuß auf ihre Hand war meine Antwort. Als wir in ihr Zimmer traten, fand ich den Tiſch ſchon ſer⸗ virt; wir ſetzten uns vertraulich zu einander auf das kleine Sopha.—„Ich bin ganz beſchämt,“ fing ſie lieblich an, „daß ich mich Ihnen ſo vertraulich gegenüber ſehe, da ich ſie doch erſt ſeit Stunden, ja eigentlich nur ſeit Minuten kenne. Ich werde recht ſtreng gegen Sie ſein müſſen, um“ — Ich unterbrach die liebenswürdige kleine Aufrichtigkeit mit den Worten:„Ich verſtehe Sie, meine allerliebſte Wirthin. Aber ſoll mein Glück mein Unglück, mein Ge⸗ ſchick mein Misgeſchick, mein Sturmlaufen meine Nieder⸗ lage werden? Gerad' und offen liebe ich's. Wenn wir uns gern mögen, warum es drei Tage läugnen?—„Weil Sie glauben dürften,“ antwortete Pauline,„daß ich Jedem ſo viel geſtatte, als Ihnen. Weil Sie glauben könnten,“ ſetzte ſie mit einer halb weinerlichen Stimme hinzu,„daß ich“— ſie ſtockte und weinte wirklich. Weshalb mich gerade ein halb verlorenes Kind, mit einem gewiſſen edlen Reſiduum in der Seele, zwanzigmal mehr rührt und gewinnt, als eine vollkommene Tugend; weshalb ich z. B. zwanzigmal lieber Goethe's Bajadere lie— —— — ÿ,. — 335— ben, ja heirathen möchte, als ſeine Iphigenia— weshalb ich ein Mädchen, das leichtſinnig aber liebenswürdig zugleich iſt, aber bei vieler Schuld doch noch ſo viel Gutes in ſich trägt, daß ſie nicht unwürdig von ſich ſelbſt zu denken braucht, weshalb ich dieſe oft höher achte, als eine wohlerzogene Geſellſchaftsdame, die nur mit Blicken frevelt, mit Talen⸗ ten Abgötterei treibt und treiben läßt;— weshalb ich ſo denke, das weiß ich recht gut, bin aber viel zu faul, hier meine Gründe dafür auseinanderzuſetzen. Weshalb ich fer⸗ ner gewiſſe ſtark ſündhafte Schauſpielerinnen ungemein verehre und andere ungemein verachte, obwol ein todtes Regiſter über ihre Vergehen gegen die Geſetze der Keuſch⸗ heit vielleicht den erſten noch dreimal mehr nachweiſen dürfte, als den letzten, das weiß ich wahrhaftig eben ſo gut. Ich weiß es gerade ſo genau, als die Gründe, warum ich Religion habe und doch nicht in die Kirche gehe und die Theologie beinahe mehr als haſſe. Aus allen dieſen Urſachen weiß ich auch, warum die anmuthige Pauline nicht auf der Stufenleiter meiner Werthſchätzung der Frauen⸗ zimmer fallen konnte. Ich wäre aber ein Kerl, der keinen Schuß Pulver taugte, wenn ich ſo ſüße Geheimniſſe ſelbſt nur dem Papier roh enthüllen wollte. Sie bleiben in mei⸗ ner Bruſt. Weiß der Satan, aber ich bin der weichherzigſte, em⸗ pfindſamſte, mondſcheinartigſte Kerl, der je auf zwei Bei⸗ nen herumgegangen iſt. Ich mußte wahrhaftig eine Thräne vergießen, aufſpringen, mich hinausſchleichen und unter ihre Blumenfenſter eilen. Es war noch Alles ganz ſtill. Ihre Vorhänge waren herabgelaſſen; ich glaubte ſie ſchlummere noch. Ein Fenſterflügel ſtand offen; plötzlich wird der Vor⸗ hang aufgezogen, ihr liebliches Köpfchen guckt hervor, aber ſie hat ganz verweinte Augen! Als ſie mich erblickte, lächelte — 336— ſie ſo holdſelig, wie die Morgenſonne ſelber, die eben zwi⸗ ſchen ſtill ſchwebendem Gewölke durchbrach.„Du weinſt, Pauline?“ fragte ich.—„Lieber, Guter,“ antwortete ſie und warf mir zwei Küſſe zu.—„Ich weine viel!— Aber um des Himmels willen bitte ich, gehen Sie!“ Sie trat raſch vom Fenſter zurück und ich hörte ſie mit der Wir⸗ thin ſprechen, die eben eingetreten war und heftig zu zanken ſchien. Sollte das vielleicht mir und meinem ſpäten Be⸗ ſuch gelten?— Hyacinth wacht auf. Ich muß enden. Das Maädchen iſt wahrhaftig ein Engel! Jetzt wird mir Manches klar. Ihre Verlegenheit, einige Blicke der Wir⸗ thin, die uns aufwartete. Armes Kind, alſo wollteſt Du lieber das rohe Keifen dieſes Drachen, die Polizer, Pfän⸗ dung, Gefängniß, kurz Alles aushalten, als den Schein haben, Das zu verkaufen, was Du wegſchenkteſt? Ein Glück, daß ich noch dahinter kam. Lumpige vierzig Tha⸗ ler! Hyacinth muß mir durchhelfen, wenn mein Reiſegeld nicht ausreicht.— In Breslau ſehen wir uns wieder. Deine Goldzeilchen ſtecke ich hier mit der Nadel in mein Tagebuch feſt und Dein Tuch will ich als Amulet tragen. Auf dieſem Blatte des Tagebuches findet man folgen⸗ des Damenbillet mit einer Stecknadel befeſtigt, welches Schepphäuſer unfehlbar von Pauline erhalten, nachdem er durch die Wirthin hinter die Verlegenheit gekommen war, die das hübſche Mädchen drängte und die ſie aus Scham gerade ihm nicht geſtehen wollte. „Gütiger, zu gütiger Freund! Ich glühe vor Beſchämung. Die abſcheuliche Wirthin! Niemals hätte ich ſo niedrig denken können, um—— Beſter Freund! Ich bin noch etwas werth, das fühle ich. In dieſer Minute reiſe ich ab, denn lieber möchte ich ſter⸗ ——— — 337— ben, als länger das ſüßlich⸗höfliche, ſpottende Lächeln der Wirthin ertragen! Mit weinenden Augen nehme ich Ab⸗ ſchied—— Pauline.“ Aus Hyacinth's Tagebuch. Ich weiß nicht, ſoll ich meinen Augen trauen oder nicht, aber ich habe heute Mittag in Schepphäuſer's Hän⸗ den daſſelbe Tuch geſehen, das ich geſtern der reizenden Schauſpielerin zurückbrachte. Er verſchwand nach dem Theater von uns, iſt erſt ſehr ſpät nach Hauſe gekommen. Sollte er ſie kennen, ſollte ſie ihm das Tuch geſchenkt ha⸗ ben?— Ich will es ihm gern gönnen; er hätte mich aber wol mit ihr bekannt machen können. Das reizende Weſen! Wie ſchön ſie ſpielte! Natürlich, keine ſtudirte Kunſt; Alles war Liebe und Grazie an ihr.— Gern wollte ich Schepp⸗ häuſer nach ihr fragen, aber ich glaube, er antwortet erzürnt. Ich finde ihn verſchloſſen, viel ernſthafter als ſonſt. Sollte der wilde Menſch wirklich der Liebe empfänglich ſein? Doch da höre ich ihn. Er tobt und ſchreit nach dem Führer, der uns auf den Kynaſt bringen ſoll. Ich will mich nur eilig bereit machen. Ruine Kynaſt. Eben geht die Sonne hinter die Berge; für uns iſt ſie verſchwunden, doch noch nicht für die Erde. Die langen Bergſchatten fallen majeſtätiſch über die weiten Thäler hin⸗ über; die Ebene unten glänzt noch im hellſten Sonnenlicht. Auch die Zinnen des Thurmes, auf dem wir eben geſtan⸗ Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. III. 15 — 338— den und die herrliche Ausſicht genoſſen, iſt noch von freund⸗ lichen Strahlen beſchienen. Hier aber, wo ich ſitze, beginnt nun ſchon die Nacht, denn nun trifft kein Sonnenſtrahl mehr hierher. Ich will in der Ordnung erzählen, was wir geſehen. Wir ſtiegen, nachdem wir freundliche Wieſen⸗ pfade bis Hermsdorf durchwandelt waren, von dieſem Orte auf einem bequemen, ſchattigen, ſehr romantiſchen Wege hier herauf. Nach einer Stunde waren wir dem Gipfel nahe. Die Trommel ertönte zur Begrüßung, wie bei allen Reiſenden, die den Berg beſuchen. Dergleichen kleine Feier⸗ lichkeiten haben für mich auf der Reiſe einen großen Neiz. Es bedeutet wenig, regt aber unſere Stimmung an. Wir ſchritten, ſo begrüßt, durch die Zugbrücke ins Thor ein und befanden uns nun auf einem mit herrlichen Bäumen beſetzten Raume, dem alten Burggarten, von dem man der ſchönſten Ausſicht genießt. Die langen, reinlichen Dör⸗ fer und Städte ziehen ſich gleichſam an den Fäden ſilber⸗ ner Bäche aufgereiht durch die grüne Hügelfläche hin, die wir überſehen. Der Groditzberg, die Falkenberge mit dem freundlichen Schloſſe Fiſchbach, der Prudelberg bei Stons⸗ dorf, ragen mit ihren ausgezeichneten Gipfeln als die be⸗ deutenderen Punkte hervor. Grüne Waldhöhen, zum Theil wild, ſteil, felſig, ſteigen neben uns auf. Lange war ich in den ſchönen Anblick verſunken.— Schepphäuſer beküm⸗ merte ſich wenig um die Gegend, ſondern verfolgte mit dem Fernrohr einen Reiſewagen, den er auf der Landſtraße nach Schmiedeberg entdeckt hatte. Ich warf ihm dieſe Beſon⸗ derheit vor. Er antwortete:„Ich träume und dichte beim Anblick eines ſolchen Reiſewagens mir beſſere Dinge vor, als Deine Landſchaft. Z. B. ſtelle ich mir vor, es ſitze das ſchönſte Mädchen darin, die etwa eben auch hier nach dem alten Eulenneſt auf dem Kynaſt herüberſchaut und denkt, ———— — 330— hier oben weile der ſchönſte Ritter, ihr dereinſt zum hol⸗ den Gatten beſtimmt!“— Ich geſtehe, dieſe Antwort gab dem Reiſewagen für mich nun auch ein romantiſches Intereſſe. Ließ er mir aber wol einen Augenblick das Fernrohr, um ihn zu betrachten? Endlich gingen wir, auf wiederholtes Mahnen des Führers, um das Innere der Burg und ihre Merkwürdigkeiten, nebſt den herrlichen Sa⸗ gen, die ſich daran knüpfen, kennen zu lernen. Beſonders ſchauerlich hat mich die weniger bekannte von—— Hier hat der Wind uns wieder die Fortſetzung entführt. Einigen Erſatz gewährt uns folgendes Blättchen Schepphäuſer's Tagebuch. —— keit abdarben wollen. Bilde ſich aber nur kein Ver⸗ leger ein, der etwa auf meine Reiſebeſchreibung ſpeculirt, daß ich ihm hier ein ſolides Verzeichniß und eine exacte Specification aller der Merkwürdigkeiten geben werde, die wir in dem alten Eulenneſt in den Kauf nehmen mußten. Burgverließ, Weinkeller, Kapelle, Pulvermagazin und des Teufels Großmutter wurden uns gezeigt. Ich meines Theils hätte aber lieber den Lammsbraten geſehen(denn mich hun⸗ gerte kirgiſiſch), welchen der zahme Wolf fraß, eine Mahl⸗ zeit, die der gute Graf Schafgotſch für ſeine eigne Henkers⸗ mahlzeit ausgeben konnte, ohne zu lügen; ich hätte item lieber die ſchöne Kunigunde ſelber geſehen, als das roth⸗ borſtige Fratzenbild, das man uns vorſetzte, um uns von dem Kuſſe mit etlichen Silberlingen loszukaufen; auch hätte ich mir in der That mehr und Beſſeres dabei gedacht, wenn mir die Hochzeitkammern gezeigt worden wären, als mir bei den Marterkammern des Verließes einfallen wollte, wo man arme Teufel oder arme Ritter einſperrte, bis ihnen das Fleiſch von den Knochen dorrte vor Hunger oder faulte 15 — 340— vor Krankheit, Gicht und feuchter Moderluft. Peſtillenz und Hölle! Der Feudalismus iſt ſelbſt gegen den Vanda⸗ lismus wahrhaftig noch ein Satan.— Es machte mich ver⸗ flucht irre, daß ich zwiſchen jeder Mauerluke hindurch im⸗ mer wieder die hirſchberger und ſchmiedeberger Landſtraße ſah, wo ihr Wagen rollte. So gern ich in einen liberalen Grimm gegen den höhniſchen, kalten, blutluſtigen Ariſtokra⸗ tismus des Mittelalters gerathen wäre, ich konnte es nicht recht vor Wehmuth. Im Ganzen habe ich gegen die Burg und ihre Naritäten nichts, auch ſind die Geſchichten ganz drollig und mitunter nicht übel, die man davon er⸗ zählt. Doch eine zierlich eingerichtete, ſaubere, an verfalle⸗ nen Stellen gut ausgemauerte Ruine, die ſowol zum Ge⸗ brauch bequemer Reiſenden mit Treppen, Ruhebänken, Pa⸗ villons, Ausſichtsplätzthen und des Teufels Kram mehr verſorgt iſt, iſt immer ein ärgerliches Ding. Die abge⸗ ſchmackte Welt, unter welcher ich vornehmlich die vornehme verſtehe, iſt ganz des Satans auf Ruinen, oder vielmehr auf Ruinchen. Entweder bauen ſie ſich verfallene Thürm⸗ chen in ihren engliſchen Gärten, oder umgekehrt engliſche Gärten in und um die verfallenen Schlöſſer. Ich möchte es gelten laſſen mit dem heidelberger Schloß, das dicht an der Stadt liegt und auch ohne Anlagen bald ſeine ſchöne grüne Wildniß verloren haben würde, weil jeder Student oben eine Pfeife rauchen, ein Maß Bier ſaufen, ein Commerslied brüllen, ein Mädchen pouſſiren müßte. Allein den Gipfel des Kynaſt ſähe ich zehnmal lieber in ſeiner natürlichen üppigen Pflanzendecke, als mit der halben Gar⸗ tenſchaberacke geputzt; und vollends die Ruine mit ihren hölzernen Treppen ſieht aus, wie in Holland die Gärten, wo man die Stämme der Bäume weiß anſtreicht. Ein großer Gewinn wäre es ſchon, daß, wenn dieſer moderne — 341— Bequemlichkeitsapparat fehlte, nicht ſo viele Gelbſchnäbel aus Warmbrunn, mit eben ſo vielen Gänschen heraufſtei⸗ gen und ihre Bewunderung der ſchönen Natur in das Fremdenbuch einregiſtriren würden.— Im gedachten Jour⸗ nal über die Empfindſamkeit der Badegäſte fand ich aber einen Namen*), der mich mit Allem ausſöhnte. Noch eine infernaliſche Gewohnheit iſt die, daß man alle Merkwürdigkeiten hier gewiſſermaßen im Aufſtreich, oder in der Detail⸗Veräußerung, wie bei einem Dütchenkrämer erſtehen muß. Denn ohne ein Schmier⸗ oder Trinkgeld als Judenzoll bezahlen zu müſſen, darf man hier oben kein al⸗ tes Kellerloch anſehen. Man bezahlt für den Eingang, für den Ausgang, für's Einſchreiben, kurz für den Teufel und ſeine Großmutter. Dieſe lumpige Betteltaxe, die den Rei⸗ ſenden auferlegt wird, iſt ärger als die engliſche Fenſtertaxe, als der altdeutſche Judengroſchen, ja als die niederländiſche Mahl⸗ und Schlachtſteuer, um welcher willen man ſich ſoeben in Brüſſel rauft(September 1830).— Hätte ich nur vor Aerger zu einem guten Humor kommen können, ſo würde ich ein ſyſtematiſches Zollſyſtem für Naturſchönheiten nach den beſten ſtatiſtiſchen Grundſätzen ausgearbeitet haben. Z. B. ſehe ich gar nicht ein, weshalb ein Reiſender, der Felſen, Waſſerfälle, Ruinen, ja Echos(in Adersbach) baar bezahlen muß, nicht, was ihm viel wichtiger iſt, ſchö⸗ nes Wetter und Sonnenſchein zu verſteuern hat. Wenn ich König——— Hier findet ſich abermals eine Lücke. Das nächſte Blatt iſt erſt aus der neuen ſchleſiſchen Baude vom 11. Sept. *) Vermuthlich Paulinens. — 342— datirt. Ich entſinne mich ſehr wohl, wie Schepphäuſer und Hyacinth, während wir dort auf das Frühſtück warte⸗ ten, zu beiden Seiten von mir ſaßen und emſig ſchrieben. Da ich die Reiſe mitgemacht, ſo kann ich aber dem Leſer erzählen, wie wir in die ſchleſiſche Baude gelangt ſind. Nachdem wir den Kynaſt hinlänglich betrachtet hatten, ſtiegen wir durch den romantiſchen Habichtsgrund hinab und nah⸗ men unſern Weg nach dem Vitriolwerk von Schreibershau, wo mitten im romantiſchen Gebirg ein ländliches Gaſthaus uns aufnahm. Das Vitriolwerk iſt längſt in Verfall ge⸗ rathen. Es befindet ſich jetzt eine Glasniederlage daſelbſt, die viele Käufer anlockt. Da zugleich die Gegend ſehr ſchön iſt und man von dieſem Punkte aus die meiſten Gebirgspartien am beſten erreicht, z. B. den Kochelfall, den Zackenfall, die Schneegruben u. ſ. w., ſo pflegt das Gaſthaus ſehr beſucht zu ſein. Schepphäuſer's Notizen über⸗ gehen dieſen ganzen Tag; er beginnt erſt mit der Fußwan⸗ derung, die wir am andern Morgen auf das Gebirg an⸗ traten. Von Hyacinth's Tagebuche iſt gar ſehr wenig aus dieſer Zeit vorhanden. Ich muß daher jetzt die Auszüge durch meine eignen Berichte ergänzen, welches mir um ſo leichter werden wird, als ich auf den engen Gebirgspfaden der ſtete Augen- und Ohrenzeuge beider Reiſenden war und ihre Geſpräche bisweilen mehr enthielten, als die Blät⸗ ter ihrer Tagebücher, die ich beſitze. Wir waren gegen Abend im Vitriolwerk angelangt, wo wir muntere Geſellſchaft antrafen, die theils aus Warm⸗ brunn, theils aus dem Gebirg herabgekommen war. Es mochten im Ganzen etwa zwölf Perſonen ſein, unter denen mir folgende die merkwürdigſten waren. Eine dicke Gräfin aus Prag, mit ihrer keineswegs ſchönen Tochter, die ſich's aber in dem rauhen Gebirg doch gefallen ließ, daß die Ro⸗ * — — 343— türiers der Geſellſchaft ihr den Hof machten. Hyacinth war nicht der Letzte darunter, denn er glaubte einen ſehr fein gebildeten äſthetiſchen Sinn an ihr zu entdecken, weil ſie viel von Walter Scott und Lord Byron ſprach.— Die beiden Damen hatten nur einen Bedienten und ein Kam⸗ mermädchen, welche Letztere Schepphäuſer's Blicke und Auf⸗ merkſamkeit anzuziehen ſchien, bei ſich. Nächſt ihnen trat ein Elegant aus Berlin, mit einer älteren und einer jünge⸗ ren Dame, mit ziemlicher Keckheit auf. Beide Frauenzim⸗ mer ſprachen mit großer Geläufigkeit das gezierte berliner Deutſch, deſſen ſich die Nähmädchen, Stickerinnen, Putz⸗ macherinnen und andere ihres Gleichen zu bedienen pflegen, wenn ſie vornehme Damen ſpielen wollen, welches ſie faſt jeden Sonntag Nachmittag unternehmen. Ich habe an⸗ fangs lange nicht herausbringen können, welcher Art und Standes dieſe drei Perſonen eigentlich waren, da die wirk⸗ liche Eleganz ihrer Toilette und ihr ungebildetes Beneh⸗ men im ſtärkſten Widerſpruche ſtanden. Wohlhabenheit verrieth ſich übrigens durch viele Umſtände, wurde auch deutlich genug affichirt. Durch Zufall erfuhr ich nachmals, daß der Reiſende ein reicher Schneidermeiſter von Bildung war, der ſeine junge Gattin und ſeine alte Schwiegermut⸗ ter ins Bad und ins Gebirg geführt hatte. Außer dieſen ſind höchſtens noch zwei Offiziere zu nennen, deren einer, ſchon ein älterer Mann, ſehr leidend zu ſein ſchien und dem der jüngere verwandt war. Beide verhielten ſich ſtill und ſprachen, wenn ſie ſich äußerten, ſehr vernünftig. Da der Kochelfall nicht ſehr entfernt iſt und der Abend ſchön war, beſchloß die ganze Geſellſchaft den klei⸗ nen Spaziergang dahin zu machen. Nur die alte Gräfin blieb zurück. Schepphäuſer gab der hübſchen jungen Schnei⸗ dermeiſterin den Arm und führte es fortwährend durch, — 344— ihre Sprachweiſe durch eine gleiche, mit nicht unwitzigen Sprachfehlern zu parodiren. Die Gute merkte nicht das Mindeſte davon, doch einige Perſonen der Geſellſchaft, die zuvor den drolligen Kauz ganz anders hatten reden hören, verſtanden den Spaß. Hyacinth fand ihn ſehr ungroßmü⸗ thig, doch die Comteſſe Lina, die er führte, nannte ihn drollig. Sie ahnte nicht, daß der Schalk es mit ihr noch viel ſchlimmer vorhatte!— Der Schneider führte ſeine Schwiegermama, die beim Hinanſteigen des kleinſten Hü⸗ gels ungemein keuchte und das krummlinige Bergland ver⸗ wünſchte. Der Schwiegerſohn bemühte ſich, ihr zu bewei⸗ ſen, daß die Berge ja eben die Schönheit des Landes bil⸗ deten, doch ſie widerlegte ihn mit Schepphäuſer's Hülfe ſchlagend dadurch, daß ein ſchlanker, geradgewachſener Menſch viel ſchöner ſei, als ein krummer. Es ſträubt ſich etwas in mir, den berliner Jargon aufzuſchreiben, ſonſt würde ich Schepphäuſer's, in dieſem Dialekt vorgetragene Gründe auch in demſelben nachahmen. Die Subſtanz der⸗ ſelben war:„Ich muß der Frau Schwiegermama durchaus Recht geben! Weshalb iſt Berlin als eine ſchöne Stadt berühmt? Wegen ſeiner geraden, ebenen Gaſſen.“— „Freilich,“ ſtimmte die Schwiegermama ein.„Was wür⸗ den Sie dazu ſagen,“ fuhr Schepphäuſer fort,„wenn ſich z. B. unter den Linden ein ſolcher krummer Buckel befände, wie der, über den wir ſoeben klettern? Würde er nicht die ganze Promenade verderben? Oder denken Sie ſich die Friedrichsſtraße einmal ſo krumm, wie das Zackenthal hier, wäre es nicht abſcheulich, darin zu wohnen? Wie viel ſchö⸗ ner dagegen, das müſſen Sie mir einräumen, würde das Gebirge hier ſein, wenn alle Thäler ſchnurgerade wären und der Boden ſo eben, wie auf dem Luſtgarten!“ Indeſſen war man beim Kochelfall angelangt und be⸗ ——— — 345— gaffte ihn von oben und von unten. Hyacinth ſagte eini⸗ ges Gefühlte über den ſchäumenden Silberſtrom, den ſchauer⸗ lichen Felſenkeſſel, die geheimnißvolle Nacht der Waldung und dergleichen äſthetiſch⸗romantiſche Objecte mehr. Die Comteſſe ſtimmte, jemehr ihr der blonde, zarte Jüngling die Cour machte, in dieſen poetiſchen Ton mit ein. Wir Alle wußten nicht recht, was Schepphäuſer wollte, der ſeine niedliche Schneidermeiſterin verlaſſen hatte, immer um das äſthetiſche Paar her ſchlich und ſie bald hier, bald dort in Klüfte und Gebüſche führte. Plötzlich hörten wir einen lauten Schrei und zugleich ein ſchallendes Ge⸗ lächter der Führer und einiger derben Gebirgsleute, die an dem Waſſerfalle eine kleine Reſtauration aufgeſchlagen hat⸗ ten. Wir ſahen uns um und ſiehe, eine reiche Tour des ſchönſten braunen Haares flatterte in den Lüften und der Wind trug ſie ſanft bis auf den Spiegel der Kochel, die den ſchönen Lockenſchmuck ſogleich in ihre braufenden Ge⸗ wäſſer hinabſtürzte. Der Gang der Sache war der gewe⸗ ſen. Die Comteſſe kokettirte nicht wenig mit ihrem reichen ſeidenen Haar und hatte ſich ſowol von Hyacinth, als von Schepphäuſer ſchon manches Schmeichelhafte deshalb ſagen laſſen. Wie der Letztere es herausgebracht haben mochte, daß Locken, Chignon, kurz Alles falſch ſei, wußten wir nicht, denn in der That, der Bau war ſo künſtlich con⸗ ſtruirt, daß Niemand es ahnte. Ich vermuthe, die Kam⸗ merjungfer hat die Herrin verrathen. Schepphäuſer's gan⸗ zer Kriegsplan ging jetzt dahin, die verdeckte Stellung der Gräfin zu demaskiren, doch wollte er ſelbſt dabei völlig unſchuldig erſcheinen. Er paßte daher ſo lange, bis er einen elaſtiſchen Baumzweig fand, der, wäre er ſcharf wie ein Schwert geweſen, gerade in der rechten Höhe gewachſen war, um einer darunter weg paſſirenden Schönen den — 346— Schmuck der Locken, wie mit einer Senſe abzumähen. Un⸗ ter dem Vorwande, das äͤſthetiſche Paar auf einen recht romantiſchen Standpunkt zu führen, um Thal und Waſſer⸗ fall zu überſchauen, lockte er den Vogel an die Stelle, wo die Leimruthe oder das Fanggarn aufgeſtellt war. Er bog, indem er voranging, den Zweig höflich zurück. So wie aber die Comteſſe in die Falle gegangen war, ließ er ſie zuſchnappen und traf ſo glücklich das Ziel, daß auch in demſelben Augenblick die Haartour, die, wie Abſolon's Schopf, wol nur in dem Zweige hängen bleiben ſollte, ihre Luft⸗ und Waſſerfahrt zugleich antrat. Meines Erachtens benei⸗ dete Comteß Lina den Sohn Davids nicht nur deshalb, weil er natürliches Haar trug, ſondern auch, weil er zu⸗ gleich mit demſelben im Baume hängen blieb und das Glück hatte, von Joab's Speer durchbohrt zu werden, ſo daß man eher über ihn weinte als lachte. Die ſchallenden Echos belehrten aber die Comteſſe, daß ihr das entgegenge⸗ ſetzte Schickſal beſtimmt ſei; zur Compenſation fing ſie ſel⸗ ber an zu weinen, nachdem ſie ſich von der Ohnmacht, in die ſie ſogleich ſank, erholt hatte. Die kleine Schneider⸗ meiſterin und ihre Mama kicherten ſich halb todt über den Vorfall, ohne zu ahnen, daß eine Abſicht dabei im Spiel geweſen wäre. Hyacinth hatte auch kein Arges, aber aus den Mienen der Kammerjungfer und aus Schepphäuſer's übermäßigem Eifer, die Perücke wieder aufzufiſchen, die er am Ende auch glücklich aus den Wellen angelte, mußten wir gleich damals ſchließen, daß nicht der Zufall allein ſein boshaftes Spiel getrieben habe, wenn wir auch nicht gleich aus dem Tagebuche das Nähere erfuhren.— Die Com⸗ teſſe ſpielte die Kranke, ließ ſich halb von der Zofe, halb von Hyacinth tragen und wankte ſo, in Thränen, weit hinter den Uebrigen zurückbleibend, der Geſellſchaft nach.— — 37— Weder ſie, noch ihre Mutter erſchienen bei Tiſch. Am andern Morgen waren ſie ſchon nach Warmbrunn zurück⸗ gefahren, als wir uns eben aufmachten, um die Gebirgs⸗ reiſe anzutreten. Sie wollten anfangs wenigſtens einen Theil derſelben mit uns machen, allein der Plan war auf⸗ gegeben. Ich kann nunmehr wieder Einiges aus Schepp⸗ häuſer's Tagebuch mittheilen. Neue ſchleſiſche Baude am II. Sept. Wie Schlangen die Haut, ſo haben wir nunmehr glück⸗ lich eine langweilige Reiſegeſellſchaft nach der andern abge⸗ ſtreift. Selbdrei(denn der Naturforſcher hockt uns noch auf wie ein zu ſchwerer Torniſter) ſind wir hier in dieſer ſileſiſchen Sennhütte angelangt und warten auf das Früh⸗ ſtück. Aus dem Fenſter ſehen wir den Reifträger(der aber nach dem 11. September getauft ſein muß, da er noch nichts von einem Reifrocke an ſich hat), über den wir nachher klettern müſſen, und in der Tiefe das Zackenthal, wo jetzt meine kleine Berlinerin*) wandert und ihr anmu⸗ thiges mir und mich Verwechſel das Pfählchen ſpielen läßt. Ich hätte die Kleine gern mit auf das Gebirg ge⸗ nommen, denn ſo albern und dumm ſie war, ſie war hübſch, wenn ich nur ein Mittel gewußt hätte, ihren Haſenfuß von Ehegemahl und ihre Knochenbeilage von Mama im Thale zu laſſen. Hätte ich dieſe Beide erſt bis an den Rand der Schneegruben gehabt, ſo wäre mir nicht weiter bange ge⸗ weſen: Ein Stoß— und die Sache war abgemacht**). *) Er meint die Schneidermeiſterin, deren Stand er nicht kennt. **) Ei Herr Schepphäuſer, das ſieht ja faſt aus wie eine Ahnung! Wenigſtens kann Ihre erbauliche Betrachtung mir zur Gewiſſenserleichterung dienen. — 348— Indeſſen bin ich doch zu einem frommen Gebet, zu einem Te Deum laudamus ungemein geſtimmt, weil es mir mit Gottes Hülfe gelungen iſt, der prager Comteſſe nebſt gnä⸗ digen Mama andere Gedanken zu machen und ihnen die Gebirgsreiſe zu verleiden. Wenn ich dieſe hochadlige Ge⸗ ſellſchaft mit in die reinen Höhen des Gebirges hätte ſchleppen müſſen, wo ich einmal endlich frei Athem zu holen und mir die rauhe Bruſt friſch auszulüften hoffe, ſo wäre ich, gelind ausgedrückt, ganz des Teufels geweſen. Guter, leichtgläu⸗ biger Tropf, Hyacinth, der Du hier neben mir ſitzeſt und wahrſcheinlich eine Elegie über die Dulderin am Kochelfall ſchreibſt, wahrhaftig Du biſt ein ehrlicher Kerl; aber durch ſieben empfindſame Weiberworte kann Dich ſelbſt die häß⸗ lichſte Schöne ſo feſſeln und binden, daß Du ohnmächtiger wirſt als Simſon, den Delila mit eben ſo vielen Seilen band!— Ich glaube, der Kerl waͤre ehrlich genug, mich förmlich abzuſchwören, und wie den Teufel zu exorciren (welches der Prediger C.... in Berlin jüngſt mit Erfolg gethan haben ſoll, wie die neueſten Nachrichten vom Sa⸗ tan oder vom himmlichen Reiche melden), wenn er wüßte, wie es mit der Mauſerung der Comteſſe zugegangen iſt.— Außer meinem Dankſagungsgebet wegen der Befreiung von dieſer Landplage richte ich noch ein zweites an den Herrn der Heerſcharen wegen des ſchönen Wetters, das er uns zum Spaziergang auf die Berge zu geben ſcheint. Es iſt ſehr ärgerlich, daß man ſchönes Wetter nur als ein Lehn⸗ gut, nicht als ein Allodium beſitzt und immer von dem Lehnsherrn abhängig bleibt; wenigſtens möchte ich auf eine Quadratmeile um meinen Leichnam her die Witterung in Erbpacht nehmen— denn es iſt, bei Sct. Jago(mein Schutzpatron, weil er den Wein liebte)! äußerſt verdrieß⸗ lich, vor Staub und Hitze zu erſticken oder vor naſſem — — 349— Froſt zu klappern oder auf einer Bergſpitze mit weiter Ausſicht, wie der Berg ſelbſt, eine Nebelkappe aufſetzen zu müſſen, die nicht uns, ſondern Alles um uns her unſichtbar macht.— Aber die Sonne ſchien, der Himmel war blau, die Bäume grün, die Luft erquickend, die Bäche glänzten ſilbern und wir erreichten die Glashütte zwiſchen dem Kochel⸗ und Zackenfall beim ſchönſten Wetter. Dieſe Phraſe hätte auch Hyacinth ſchreiben können. In der Glashütte beſtellte meine Berlinerin Vielerlei und lud mich ein, ſie in Berlin zu beſuchen, um aus allen den neuen Gläſern zu trinken; ich fragte ſie aber abſichtlich nicht nach Namen und Wohnung, weil ich ſie um ihrer beiden unangeneh⸗ men Acceſſorien willen zu vermeiden gedenke. Es blüht mein Waizen ja wol noch anderwärts. Ich beſtellte in der Hütte eine Bowle mit Inſchriften auf die Juliusrevo⸗ lution und ein Dutzend Gläſer dazu mit Lafitte's, Con⸗ ſtant's, Perier's und Anderer großen Namen. Komme ich nach Haus, ſo gebe ich Feſtins wie ein Geſandter und lade mir lauter Abſolutiſten ein, daß ſie erwürgen vor Aerger, wenn ſie aus meinen Gläſern trinken und ihnen der beſte Wein zu Gift wird, weil der Name eines Ehrenmannes darin funkelt. Der Zackenfall iſt kein Niagara, aber doch leidlich zu betrachten. Hyacinth gerieth in Extaſe. Mir ging's nicht nicht ſo gut; das berliner Gewäſch klang mir wie eine klappernde Mühle in das Brauſen des Falles und be⸗ täubte mir das Ohr. Wenn man dieſe widerliche Sprache aus dem Munde eines ſchönen Mädchens hört, ſo wird ſie Einem noch verhaßter; ich kann es auch beſſer ertragen, daß ein alter Drache ſchmutzig ausſieht, als ein hübſches Kind. Mein Bedauern, daß wir am Zackenfall von einander ſchie⸗ den, war daher gering, und es geſchah mehr, um der klei⸗ — 350— nen Plaudertaſche den Mund zu verſiegeln, daß ich ihr hinter einem Felsſtücke einen Kuß raubte, als aus Nei⸗ gung. Das eine freute mich an ihr, ſie wurde feuerroth bei meiner dreiſten Ueberraſchung; denn es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich Sturm lief. Mädchen ſind Feſtungen, die man am beſten durch einen Ueberfall einnimmt; mit einer weitläufig angeſtellten Belagerung erlangt man(wenn die Feſtung nicht ſchon zu einer offenen Stadt geworden iſt, wo Jeder einpaſſiren darf, der den Thorzoll entrichten will) ſelten mehr, als daß man den Feind aufmerkſam macht. Ueber dieſe ganze Art der Kriegführung denke ich nächſtens ein Werk zu ſchreiben, das, hoffe ich, von Nutzen ſein wird. Ich ſchreibe es aber griechiſch, damit der Feind es nicht verſtehe, denn ſonſt würde ja die Wirkung umgekehrt. — Holla, das Frühſtück!— Nun Sack auf die Schulter, Stock in die Hand, Marſch! Hier hört Schepphäuſer's Tagebuch abermals auf. Hya⸗ cinth's bietet nichts Merkwürdiges dar, da er ſich in ſenti⸗ mentalen Ergießungen über das ſchöne Geſchlecht und die ſchöne Natur erſchöpft. Ich gebe daher wieder meinen eig⸗ nen Bericht als Ergänzung. Wir ſtiegen den Reifträger hinan und befanden uns bald auf der Höhe des Rieſen⸗ kammes. Schepphäuſer wurde ungemein fröhlich, doch miſchte ſich in ſeinen Frohſinn eine Wehmuth, die mir faſt wie Rührung über die Schönheit der Natur ausſah. Hya⸗ cinth dagegen gewann durch die Bergreiſe, die Anſtrengung, durch die Eindrücke der kühnen, wilden Natur etwas mehr Maännlichkeit, ſodaß beide Charaktere ſich einander mehr an⸗ näherten und es mir begreiflich wurde, wie ſie, ſo verſchie⸗ den, doch ſo nahe Freunde ſein konnten.— Wir wander⸗ ten vergnügt auf der Höhe hin, die von dem heiterſten — ——— — 351— blauen Himmel überglänzt wurde; von beiden Seiten ſchweifte der Blick weit in das Land hinein, wo ſich Schle⸗ ſiens und Böhmens Berge ausdehnen. Die Luft war ſo rein, ſo erquickend, ſo klar und durchſichtig auf dieſer gro⸗ ßen Höhe(denn wir marſchirten 3500 Fuß über dem Meeresſpiegel), daß uns die nächſten und die fernſten Ge⸗ genſtände in ungemeiner Deutlichkeit erſchienen. Dieſe be⸗ ſtimmte Zeichnung aller Bilder gibt der Landſchaft einen Reiz, den man in der dichtern Luft der Ebene nicht kennt. — Wir wanderten nach dem Elbfall hinunter, wohin der Weg uͤber grüne Wieſen führt. Hyacinth ſchildert ihn in ſeinem Tagebuche folgendermaßen: Ein entferntes Rauſchen und Brauſen kündigte uns die Nähe des romantiſchen Elbfalls an. An der Höhe, von der er niederſtürzt, iſt eine ärmliche Erdhütte gebaut, aus der wir ſchon von weitem Rauch aufſteigen ſahen. So nahe an Böhmen, in deſſen kühne Wald⸗ und Felsthäler wir hineinſchauten, erweckte dies die Erinnerung an die Jugenderzählungen von den wandernden Zigeunern, deren ſich ja auch in den böhmiſchen Wäldern ſo viele gefunden haben ſollen. Jetzt hatten wir die Hütte erreicht. Schauer⸗ lich ſtürzt ſich der Strom in die Tiefe hinunter! Um ihn ganz zu überſehen, klimmten wir einen ſteilen, nicht gefahr⸗ loſen Pfad hinab. Da ſchäumte er plötzlich(denn oben war die Waſſermenge geſpannt) in brauſenden, donnernden Wellen über die Felſen herab.— Ein eignes Gefühl ergriff mich, wenn ich dachte, daß dies der herrliche Strom ſei, der ſeine Wogen ſo weit durch die Gauen Deutſchlands dahin⸗ rollt. In tiefer Stille des Gebirgs, zwiſchen einſamen Fel⸗ ſenmauern bereitet die Natur in ihrer wunderbaren Werk⸗ ſtätte das Element, welches nachher den blühenden Verkehr der Städte beleben ſoll. Mein Auge verfolgte die Bahn — 3522— des ſchäumenden Flüßchens, ſo weit ſie in dem ſchroffen Felſenthal ſichtbar war. Ich warf eine Blume hinein und dachte mir: wird ſie das Weltmeer erreichen?— Wie un⸗ ſcheinbar beginnt nicht alles Große! Wer in die Zukunft ſehen, wer die Krone des Baums erblicken könnte, die ſchon der zarte Keim in ſich trägt! Wer in der Wiege Napo⸗ leon's die Diademen ſchimmern ſehen könnte, die er einſt auf ſeinem mächtigen Haupte tragen, die er mächtigen Häup⸗ tern rauben würde!— Als wir zu der Hütte zurückkehrten, brachte uns Jedem eine bräunliche Alte einen Strauß von der reichen Flora des Rieſengebirges. Ich ſteckte den mei⸗ nen auf den Hut und wanderte fröhlich weiter nach den Schneegruben hinauf. (Anmerkung Schepphäuſer's.) Alles ganz gut; ich aber warf den meinigen, nachdem ich ihn mit einem Geldſtücke ausgelöſt, in die Elbe und der Naturforſcher brachte ihn unter die Loupe. Wir hatten beide Recht; anders wär's geweſen, hätte nicht ein alter Drache, ſondern ein hübſches Mädchen ihn uns gereicht. Mich ärgert die Dummheit des Volks. Um dem Reiſenden Geld abzunehmen, hocken ſie den ganzen Tag bei dem Waſſerfall und bewachen die Naturſchönheit wie Cerberus die Proſerpina. Und dann wiſſen ſie nicht einmal, wie ſie's anſtellen ſollen! Wäre ich ein hübſches, junges Mädchen, ich wollte wahrlich nicht um⸗ ſonſt am Elbfall ſtehen und Straͤußchen binden. Wer ſchenkt einem hübſchen Kinde nicht gern, da es ſelbſt mit Grazie und Anmuth beſchenkt, und wer nimmt ein ſolches Anden⸗ ken nicht gern mit? Aber in die Elbe mit dem Blumen⸗ ſtrauß, den mir eine alte, rußige Vettel aus bettelndem Eigennutz reicht. —— — 353— (Anmerkung Hyacinth's.) Ganz unrecht haſt Du nicht. Aber die Bemerkung iſt zu rauh. Ich denke auch bei mei⸗ nem Strauß nicht an die Alte, ſondern an die ſchöne Mi⸗ nute, die ich auf der Stelle genoß, wo er wuchs. (Anmerkung Schepphäuſer's.) Meinethalben! Als wir bei den ſteilen, furchtbaren Rändern der Schnee⸗ gruben, die ſich in ſchwindelnder Tiefe ſchroff hinabſenken, angelangt waren, ſchien das Wetter ſich ändern zu wollen; von Norden her zogen trübe, ſchwere Wolken heran. Wir raſteten hier einen Augenblick an den Felſen, die den Na⸗ men„Rübezahl's Kanzel“ führen. Ich kam auf den Einfall, die beiden wunderlichen Leute zu einer Rede von Rübezahl's Kanzel herab aufzufordern. Sie ergriffen den Gedanken mit Begierde. Hyacinth trat zuerſt hinauf. Er ſchien ſich darauf zu freuen, daß ich ihm andächtig zuhören ſollte, und begann mit Emphaſe: „Erhabener Gebieter dieſes Gebirges, wunderbarer Berg⸗ geiſt! Ein Sterblicher betritt hier den Felſenſtuhl, von dem Du Deine Geiſter anredeteſt, um zu Sterblichen zu reden. Aber er fleht Deine Wunderkraft an, er begibt ſich in Dei⸗ nen zauberiſchen Schutz. Erfülle mir, großer Berggeiſt, eine Bitte! So weit mein Auge von hier aus über die Erde ſchweift, ſo weit möge meine Stimme in das Herz der Menſchen dringen.“ Ein anſehnliches Auditorium, bemerkte Schepphäuſer. „Von der alten Hauptſtadt Schleſiens, von dem Sitze Wratislaw's, bis dahin, wo Libuſſa ihr prachtvolles Schloß gebaut; von den Ebenen, die der Strom der Oder durch⸗ — 354— zieht, bis an die Kette der böhmiſch-ſächſiſchen Berge, welche die brauſende Flut der Elbe in den Zeiten des Chaos wild durchbrach; von dem ſchauerlichen Glätzergebirg bis an den in ſanften Hügeln verlaufenden Kamm dieſer Rieſenberge ſende ich meine Augen und erblicke in Thälern und auf Hö⸗ hen, in Städten und Dörfern das Geſchlecht der Menſchen in ſeiner dunkeln Beſchränktheit hinlebend von einer Stunde, von einem Tage zum andern. Ihr Alle horcht auf und verneh⸗ met das Gebot göttlicher Lehren. Ich bin gekommen, Ihr Sterblichen, um Euch Eure Thorheiten zu zeigen, um Euch darzuthun, daß Ihr die Zerſtörer Eures eignen Glückes ſeid. Früh, wenn der Morgen graut, ergreift Ihr den Spaten, ſpannet die Stiere vor den Pflug, ſchwingt den Hammer über den Ambos, führt die Feder oder das Schwert und mühet Euch ab im Schweiße Eures Angeſichts, bis der ſinkende Abend Euch ermattet auf's Lager wirft. Und ge⸗ nießet Ihr dann der Ruhe? Nein, das finſtere Geſpenſt der Sorgen tritt an Euer Lager und verſcheucht den Schlaf von Euern Augenlidern. Dieſe ewige Qual zerſtört Euern Leib, Eure Seele; das Gift der Krankheiten, der Unzufriedenheit und Schwermuth durchſchleicht Euch nagend und folternd. Ihr ſinkt dahin in ein frühes Grab, ohne je die Freuden des Lebens gekoſtet zu haben. Und warum das Alles? Nur weil Euch die Gier nach den dreifach ver⸗ wünſchten Schätzen des Gebirgs, nach den Silber⸗ und Goldſtufen in der tiefen Kluft der Felſen verzehrt.„Auri sacra fames!“ So heißt der Drache, der vor der Pforte Eures Lebensglückes ſitzt und Euch mit ſeinen goldglühen⸗ den Augen anſtarrt und den Goldfeuer ſprühenden Rachen gegen Euch öffnet, um Euch den Eingang zu verwehren.“ Umgekehrt, Hyacinth! Mit Gold öffnen wir jede Pforte — 355— zum Glücke, ſelbſt die des Paradieſes. Du verſtehſt Dich ſchlecht auf die Exegeſe. Aber weiter im Text! „Nicht umſonſt verbarg die vorſorgende Mutter Natur das Gold in den tiefſten Schlünden rauher Gebirge! Nicht umſonſt verſchloß ſie dieſes Erzeugniß der Hölle in neun⸗ fache Felſengefängniſſe, wohin nie ein Strahl der Sonne oder der Geſtirne gedrungen. Der Erbfeind war es ſelbſt, der Euch die Pforte zu dieſen Grüften zuerſt aufthat. Wie aus Pandorens geöffneter Büchſe, ſo ſtürmten jetzt die Furien des Verderbens über die friedliche Erde dahin. Der Peſthauch verbreitete ſich bis in die fernſte, niedrigſte Hütte und vergiftet war das ganze Daſein.— Habt Ihr nicht von der goldnen Zeit gehört? Iſt ſie Euch nicht in den frühe⸗ ſten Tagen der Jugend, noch ehe das Gift Euern Körper von der Seele aus verderbte, ſelbſt wie in dunkeln Träu⸗ men erſchienen? Trugt Ihr nicht die Sehnſucht danach in Eurer Bruſt, wie Platon's Menſchen die nach ihrer ver⸗ lornen Göttlichkeite Wann ſchimmerte der Glanz dieſer ſeligen Tage über dem Haupte der Sterblichen? Damals als Ihr kein Gold hattet, als“— Als Ihr vielmehr keins brauchtet, rief Schepphäuſer gegen die Kanzel hinauf. Probirt es einmal jetzt mit dieſer Seligkeit, ſie wird Euch bekommen, wie dem Hund das Grasfreſſen! Hyacinth in ſeinem Pathos geſtört, warf einen unwilli⸗ gen Blick auf Schepphäuſer; dieſer zog ſein Geſicht wieder in ehrbare Falten und hörte geduldig die Schlußcadenz der hyacinthiſchen Philippica gegen die Louisd'ore an. „Kehrt, Ihr Sterblichen, kehrt zurück in die goldne Zeit der Unſchuld, des Glückes, der Seligkeit! Reißt den Mammon aus Euern Truhen, ſchleudert ihn in die Tiefe der Ströme, ſenkt ihn in dieſe Klüfte des Gebirgs! Seine verderbliche Natur wird Euch hier erſt klar werden. Wo er ruht in ſeinem Lager, da erſtarrt und verdorrt Alles um ihn her. Nur der nackte, kalte Stein umgibt ihn und dient dem winterlichen Schnee zum Lager. Hier grünt kein Baum, hier blüht keine Blume, kaum daß armes Moos den Felſen dürftig umſpinnt! Kommt alſo heran, Ihr Sterblichen, nahet Euch von Oſten, Weſten, Mittag und Mitternacht. Die letzte Qual, die Euch der verräthe⸗ riſche Mammon bereiten ſoll, ſei die, daß Ihr ihn mühſam und keuchend hierher ſchleppt und dann niederſtürzt in dieſe furchtbare Kluft, die ſich hier vor Euch öffnet. Dort möge nie ein Strahl des Tages ihn berühren, nie ein menſchli⸗ ches Auge ſeinen Blick auf ihn werfen! Dann kehrt zurück in Eure friedlichen Thäler; der Bach wird Euch tränken, die Frucht des Baumes und des Feldes Euch erquicken, das wollige Lamm Euch kleiden. Die Sorge wird flüchten, wie jene ſchwarze Wolke vor uns, die der Sturm dahinjagt, und ewig heiter und blau wird der Himmel über Euch lächeln.“ Amen, Amen! rief Schepphäuſer; Hyacinth ſtieg von der Felſenkanzel herab.— Bravo Freund! redete ihn der College an, Du haſt Dich aus der Affaire ge⸗ zogen, wie Demoſthenes! Jedem Finanzminiſter würde Deine Rede Thranen der Freude entlockt haben. Gebt mir Euer Geld, damit es Euch nicht weiter beunruhige und ich allein den Satan im Kaſten habe! Wie geſagt, vor⸗ trefflich! Haſt Du im Namen des Berggeiſtes geſprochen, dem hier das Revier gehört, ſo muß ich Dir nachſagen, daß Du viel Anlage zu einem conſtitutionellen Monarchen haſt:„Gebt mir Alles, was Ihr habt, und nun regiert Euch ſelber!,, Das iſt die große Lehre Deiner Rede für alle Völker. Komm her, Junge, küſſe mich! Ich hätte — 357— nimmer geglaubt, daß Du ein ſolcher Publiciſt wäreſt, ſo viel Anlage zur Kabinetspolitik hätteſt. Aber nun laß mich auf die Kanzel. Ich will meine Rede raſch abhas⸗ peln, damit wir nicht zu ſpät zum Mittagbrot in die Spindlerbaude kommen.— Er ſchwang ſich auf den Felſen. „Verehrtes Auditorium! „Der Gegenſtand meiner Rede von dieſer Felſenkanzel herab, wird noch viel umfaſſender ſein, als der Schauplatz, den ich von hier überſehe, ſonſt doch ein ziemlich artiges Kirchenſchiff. Ich werde von der Menſchheit ſprechen, d. h. von allen Menſchen zuſammen. Wenn ich Sie zwei geehr⸗ teſte Zuhörer, die da vor mir auf dem Moosblock ſitzen, dabei als Deputirte des Erdkreiſes betrachte und Alles an Sie richte, ad referendum an Ihre Mandanten, ſo werden Sie hoffentlich nichts dawider haben. Meine Rede wird in drei Abtheilungen zerfallen. Im erſten Theile werde ich darthun, daß die Menſchen ſämmtlich Narren ſind, und die Hauptnarrheiten derſelben durchgehen. Im zweiten führe ich den Beweis, daß ſie ſämmtlich Schurken ſind; im dritten, vielleicht mit der geringſten Mühe, den, daß man ſie zu den Eſeln rechnen muß. Ich hoffe, geehrteſte Zu⸗ hörer, Sie haben gegen meine Eintheilung nichts einzu⸗ wenden und verſtatten mir ad rem zu ſchreiten. „Da ich Männer von Gründlichkeit vor mir habe, ſo ſehe ich voraus, daß Sie an mich die Forderung dreier De⸗ finitionen ſtellen werden, nämlich die der Narrheit, der Schurkerei und der Dummheit. Ich halte etwas auf De⸗ finitionen, Andächtige, wiewol ich Sie hier lieber mit Bei⸗ ſpielen abſpeiſen möchte. Es wäre z. B. Narrheit, wenn ich eine Definition derſelben verſuchte, Schurkerei, wenn ich Ihnen eine ſolche hohle Nuß für einen ſaftigen Kern — 358— unterſchöbe, Dummheit, wenn ich dies nicht vermöchte. Da ich jedoch gegen dieſe letztere Eigenſchaft der Menſchen am ſtärkſten eifern werde(und geſchähe es auch nur des Klimax wegen), ſo möchte ich mir dieſelbe am wenigſten zu Schulden kommen laſſen und wage es auf eine De⸗ finition: Narrheit, meine Herren, iſt der Glaube an eigne Weisheit! „Nicht ohne Abſicht, meine Herren, zog ich eben mein Sacktuch hervor, um mich zu ſchneuzen; denn ich gewährte Ihnen dadurch eine ſchickliche Muße, um meine Definition zu prüfen. Glaubten Sie, meine Geehrteſten, daß Sie Weiſe wären, ſo wiſſen Sie nun, vielleicht aber erſt ſeit zwei Minuten, daß Sie Narren ſind.„„Erkenne Dich ſelbſt,““ rief der Gott zu Delphi Denjenigen zu, die an ſeine Tempelpforte klopften, weil ſie von ſeiner Weisheit etwas zu erfahren dachten. Der tiefe Sinn des Spruchs iſt Ihnen vielleicht erſt jetzt klar geworden. Denn heißt er etwas Anderes, als: Begreife, daß Du ein Narr biſt, Menſch, und folglich meiner Weisheit bedarfſt, weil die eigene Dir fehlt?— So lange die Leute ſich für weiſe halten, brauchen ſie nicht zu Latona's Sohn zu wandern; ſobald ſie aber durch das αινπτιον νν̈υω herausgebracht ha⸗ ben, daß ſie Narren ſind, wird ihnen natürlich etwas Weis⸗ heit Goldes werth. Doch, meine Herren, Sie bemerken, daß ich hier auf einen cornutus ſtoße, der mir die Arbeit ſchwer machen kann. Halten Sie ſich für weiſe, ſo ſind Sie närriſch; erkennen Sie ſich für närriſch, ſo haben Sie entweder recht, und dann ſind Sie gewiß närriſch, oder unrecht, und dann iſt wieder dies eine Narrheit. Glauben Sie, dieſes Dilemma erſchrecke mich? Keinesweges, denn es führt ja auf's glücklichſte den Beweis für mich, daß der Menſch ein Narr iſt und ſein muß. Da ich, Treff⸗ — 3599— lichſte, dieſen Lehrſatz faſt als ein Axiom betrachten darf, ſo erlaſſen Sie mir weitere und umſtändlichere Beweiſe. Doch des rhetoriſchen Schmuckes wegen erlauben Sie mir einige Lieblingsnarrheiten unſeres Jahrhunderts zu ſpecifici⸗ ren. Sie ſind: Der Pietismus, der Adelsſtolz, die Lieb⸗ haberei zum Ballet, zur Jagd und noch einige tauſend Dutzend andere, die ich discurſive abzuhandeln denke. Ehe ich aber auf die Einzelheiten eingehe, muß ich Ihnen be⸗ merken, daß ich im zweiten Theile darzuthun beabſichtige, wie eben dieſe Narrheiten auch die Lieblingsſchurkereien un⸗ ſerer Brüder ſind; und im dritten, daß auch ihre Haupt⸗ dummheiten, weshalb ich das Menſchengeſchlecht zu dem der Eſel claſſificire, darin beſtehen. Die große Schlußfolge meiner Rede wird die ſein, daß ich die wahre Dreieinigkeit der vollkommenen menſchlichen Seele, aus obigen drei Ele⸗ menten conſtruire, mithin, daß ſie in ihren höchſten Gra⸗ den identiſch ſind. Alſo zur Sache. Doch halt, Geehreeſte, wenden Sie ſich gefälligſt um und ſehen Sie die Wolke, welche auf uns anrückt. Ich glaube, andächtige Zuhörer, der Satan ſteckt darin, oder mindeſtens ein Cenſor, der meiner Rede das Mark ausſaugen will, unter dem Vor⸗ wande, es ſei giftiger Eiter. Allein, Spaß bei Seite, wir werden naß, wenn wir nicht unterducken; der Teufel, An⸗ dächtigſte, hole das Predigtamt im Freien. Bei ſchönem Wetter bin ich der Mann zu Uferpredigten ſo gut wie Koſe⸗ garten, aber“—— Hier fing in der That der Wind dermaßen zu heulen an, daß Schepphäuſer ſich nicht mehr verſtändlich machen konnte. Eine dichte Nebelſchicht wälzte ſich gegen das Ge⸗ birg heran und in wenigen Minuten waren wir, die wir ſo eben noch vom Mühliſchau bei Teplitz bis zum Gröͤditz⸗ berg klar ſehen konnten, ſo in die Wolken gehüllt, daß wir — 360— uns nicht fuͤnf Schritte von einander entfernen durften, ohne uns zu verlieren. „Brrr! Wir haben uns den Berggeiſt mit unſern Pre⸗ digten auf den Hals gelockt!“ rief Schepphäuſer.„Jam⸗ mer und Schade, daß ſeine Gewalt ſich nicht über die Kir⸗ chen Berlins erſtreckt! Was würde er da für Wolken hin⸗ einjagen, welch ein Windsgeheul anfangen, um die ſchlech⸗ ten Reden in der Geburt zu erſticken.— Aber das Wet⸗ ter wird hundemäßig ſchlecht; laßt uns hier in dem Felſen⸗ loche bei dem Traiteur Very, der ſich dort angeſiedelt hat, eine Taſſe Kaffee trinken gegen das böſe Uebel.“ Mit dieſen Worten kroch er in eine Felsſpalte, wo ſich ein induſtriöſer Gebirgsbewohner als Kaffeewirth anſäſſig ge⸗ macht hatte. Wir folgten ihm, um das böſe Wetter ab⸗ zuwarten. Aus Schepphäuſer's Tagebuch. Auf der Schneekoppe. Der Teufel ſchreibe, wenn Einem die Finger ſo ver⸗ klammt ſind, daß man kein Weinglas mehr feſthalten kann, geſchweige eine Feder.— Wir ſitzen in der Kapelle, die der Fortſchritt des Jahrhunderts zu einer ſchlechten Kneipe avancirt hat.— Vom Schluß meiner Kanzelrede an, bis zum Anfange dieſer Zeilen, oder von den Schneegruben bis zur Schneekoppe haben wir eine Reiſe gemacht, unge⸗ fähr ſo intereſſant, als ob man mit einem ledernen Sack über dem Kopf in einem finſtern feuchten Keller ſpazieren ginge. Denn die Wolken lagerten ſich ſo dicht um uns her und der Wind trieb uns den naſſen Nebel ſo ins Ge⸗ ſicht, daß wir nicht drei Schritte vorwärts ſehen konnten . —-— — 361— Was ſoll ich dem Leſer meiner Memoiren hier erſt erzäh⸗ len, was er auf jeder Landcharte ſehen kann, nämlich daß wir über die große und kleine Sturmhaube, über die Mä⸗ delwieſe, die ſchwarze Koppe am großen Teich vorbei und ſo weiter marſchiren mußten. Ich darf ihn verſichern, daß er Nachts im Bette, mit verſchloſſenen Augen, mehr davon gewahr werden wird, als ich ihm zu erzählen vermag.— Wir frühſtückten in der Spindlerbaude. Der Ort iſt doch reinlich, iſt menſchlich zu nennen. Forellen und Ungarwein! Es läßt ſich leidlich dabei leben. In der Nebenſtube trug ein böhmiſcher Schullehrer den Kindern des Hauſes und etlichen aus der Nachbarſchaft die Leidensgeſchichte Chriſti vor; unter dem Collegio verkaufte der Vater Schnaps an etliche Contrebandiers und reichte auch dem Präceptor ein Glas Anis. Dieſer escamotirte die Flüſſigkeit gewandt und fuhr dann in ſeinem Vortrage fort. Es war übrigens die erſte Schule, in der ich den Lehrer gehen ſah; denn die Kinder blieben zu Haus, er aber ſtieg aus dem Elbgrunde herauf und brachte ihnen das Weihwaſſer ſtatt des reinen Bergquells, der ihnen oben in Gottes freier Natur ſpringt. Nach Tiſch begegneten wir etlichen zweibeinigen Heuwa⸗ gen, oder Kerlen, die eine wahrhafte Wagenlaſt Heu auf dem Kopfe vom Gebirg herab in die Tiefe trugen. Wenn es mir auch nicht gelungen wäre, in meiner Kanzelrede zu beweiſen, daß der Menſch ein Eſel ſei, ein Laſtthier iſt er gewiß. Der arme Schlucker, der ſeine drei Centner Heu auf der Schulter haben mochte, hätte mir dieſe Be⸗ hauptung ohne Beweis zugegeben.— Auf dem Koppen⸗ plan hätte uns ein Plan deſſelben Dienſte geleiſtet. Denn wir verloren im Nebel nicht blos den Weg, ſondern auch die Himmelsgegend, die Sonne, ja die Zeit, da Hyacinth's Uhr ſtillſtand. Ohne einen Holzhauer, der uns als Bouſſole Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. III. 16 — 362— diente, hätten wir den Koppenkegel ſchwerlich gefunden. Wir ſtiegen bei ſchon grauender Dämmerung hinauf. Die Stürme fuhren ſauſend um den alten Felskoloß her und wollten ihm den grauen Wettermantel abreißen; er hüllte ſich nur deſto feſter ein. Wir thatens auch.— Auf der flachen Ebene weiß man nicht, was Sturm iſt. Ich bin kein Flederwiſch, aber ich gedachte doch jeden Augenblick wie Ikaros wegzufliegen und eben ſo auf die Naſe herunter zu fallen, wie er, entweder rechts in den Rieſengrund, oder links in den Wolfsgrund, denn der Wind kreiſte rings um den Berg und kehrte ſich nicht an die Windroſe, ſondern kam aus allen Weltgegenden zugleich. Wir keuchten die Felsſtufen hinan. Hyacinth wollte Alles romantiſch finden, aber der Wind verſetzte ihm den Athem.— Wir waren auch müde, denn von dem Vitriol⸗ werk bis hier oben hinauf iſt kein Katzenſprung, zumal, wenn man ſo gegen den Sturm und Regen laviren muß. Wir waren nicht nur bis auf die Haut, ſondern bis auf die Knochen naß. Ich hatte das Wandern herzlich ſatt.— Endlich ſahen wir den alten grauen Thurm des Kegels vor uns und aus ſeinem Gitterfenſter ſchimmerte uns ein mattes Licht entgegen. Er ſah aus, wie ein Leuchtthurm in einem Wol⸗ kenmeer. Der Führer öffnete die Thür, der Wind ſchlug ſie, erbittert, daß wir ihm endlich entkamen, hinter uns wieder zu. Jetzt ſaßen wir in der Falle; wir tappten uns mühſam durch die Finſterniß— eine zweite Thür öffnete ſich und das Innere des Heiligthums war unſern Blicken preisgegeben. Ich will's beſchreiben. Von einem kreisförmigen innern Raum der Rotunde iſt auf der einen Ecke durch eine Breterwand ein Segment abgeſchieden; der Reſt ſieht alſo aus, wie ein angeſchnittener Apfel. An der — 363— Schnittſeite zog ſich eine Bank hin, vor derſelben ſtand ein langer Tiſch und daran ſaßen zwei Reiſende, naß und ausgefroren, wie wir. Mit Vergnügen weilten ihre Blicke auf dem mächtigen eiſernen Ofen, in dem immer einer ih— rer Führer eine lodernde Flamme unterhielt. Etliche Un⸗ ſchlittlichte und jene erhellten den Raum gerade genug, um einander nicht umzurennen. Auf dem Boden lagen Ran⸗ zen und Torniſter und daneben der zweite Führer hinge⸗ ſtreckt; einen großen Hund nicht zu vergeſſen. Allerlei Ge— ſchirr ſtand anf den Wandgeſimſen umher. Ueber einer Art von Schenktiſch neben dem Ofen prangte eine große Tafel, auf der ich die Worte Champagner, Ungerwein, Rüdesheimer, Hochheimer u. ſ. w. mit Vergnügen las; parallel damit war die Speiſecharte angebracht. Ich geſtehe, das ſchönſte Raphaeliſche Altargemälde hätte jetzt auf mich nicht den Eindruck gemacht, als dieſe tabula scripta über dem Schenktiſchaltar.— Wir ſetzten uns. Mich fror, ich ſah Hyacinth und unſern Naturforſcher bedeutſam an, deu⸗ tete nach der magna Charta der Schneekoppe, ſie nickten und ich rief:„Champagner!“ Der Wirth flog, d. h. er kroch wie eine Schnecke davon, in den Verſchlag hinein und brachte nach langem Ausbleiben endlich eine Quart⸗ flaſche herbei. Ich machte Augen, als ob die Sonne um Mitternacht aufginge, oder das hagere Geſpenſt meiner Großmutter mir erſchiene. Es war nicht Champagner, ſondern Ungarwein, wenn der Krätzer mich nicht verklagt, daß ich ihm dieſen Namen gebe. Der Champagner war geſtern ausgetrunken worden.„Fort mit dem Ungarn!“ rief ich,„Rüdesheimer her, oder Hochheimer, oder Bur⸗ gunder!“ denn dieſe ſtanden alle auf der Rangliſte.— „Alles geſtern aufgegangen,“ ſprach der Wirth achſel⸗ zuckend.—„Peſt und Cholera,“ rief ich wild,„ hat denn 16* — 364 geſtern das wüthende Heer hier gezecht oder Kerxes mit ſeiner Armee hier gelagert!— Nun, ſo ſchenkt Euern Krätzer ein, aber das rath' ich Euch, ſtreicht mir die Ma— juskelſchrift aus, die es Euch dort oben ſchwarz auf weiß darthut, das Eure Kneipe ein lumpiges Winkelneſt iſt, wenngleich ſie alle Gaſthöfe in Schleſien, ja in dem gan⸗ zen Norddeutſchland überragt, an Höhe. Krätzer her! Das Zeug wird doch wenigſtens gut ſein, einen naſſen Leichnam mit ſeinem Sprit zu wärmen!“ Demoſthenes iſt ein Schulknabe in der Beredtſamkeit gegen mich, wenn es einen heiligen Eifer gegen ſolche Haupt⸗ und Cardinalverbrechen gilt.— Die beiden Frem⸗ den und unſer Trio bildeten jetzt ein irregulaires Fünfeck an dem langen Tiſch, in dem wir die Angelpunkte mit Weingläſern markirten.— Draußen tobte der Sturm, und heulte um das Gebäude her, wie ein hungriger Wolf um einen Schaafſtall; er rüttelte an dem alten Gemäuer und dem vergitterten Fenſter, als wolle er den ganzen Bettel zuſammenſtürzen. Meinethalben! Der Regen, oder vielmehr der naſſe Waſſerſtaub, ziſchte gegen die Scheiben. Die Flamme im Ofen loderte heller auf und brachte nach⸗ gerade etwas Wärme in unſere erſtarrten Glieder. Im flackernden rothgelben Schein des Feuers lagen die Führer auf den Boden hingeſtreckt wie eine Zigeunerbande; der Wolfshund ſchnupperte umher, die Uhr an der Wand ſchlug den einförmigen Tact zu dem Concert, das Sturm und Regen aufführten. In der Jugend hatte mich eine ſolche abenteuerliche Nacht ordentlich in eine phantaſtiſche Stimmung gebracht; eine kleine Anregung miſchte ſich auch jetzt in meine ſar⸗ kaſtiſche Laune; ich verſpürte einen ganz geringen Beige⸗ ſchmack von Wehmuth— ich dachte an Paulinen— hol's —.—-r—— — 365— der Teufel, aber mir kam ſogar eine Thräne ins Auge. Es wollte etwas in mir ſpuken und ſagen:„Du wirſt ſie nicht wiederſehen! Der Satan ſpielt Dir einen Schabernack, und dreht Dir das Genick um, ehe Du nach Breslau kommſt!“*) Ich ſoff aber ein tüchtiges Glas Wein und ließ den Plunder von Sentimentalität fahren.„Kerle,“ rief ich den Führern zu,„ſtimmt ein Lied an! Wir wol⸗ len dem Sturmwind draußen zeigen, daß wir auch einen Baß in der Gurgel haben. Gröhlt, jodelt, pfeift— luſtig! Ich gebe Euch eine Flaſche Branntwein zum beſten!“— Jetzt war die Beſtialität losgelaſſen. Der Eine fing an: „Als Rinaldo, Rinaldini,“ der Andere:„Es iſt ein Jude ins Waſſer gefallen,“ der Dritte:„Heil'ger Nepomuk auf der Prager Bruck!“ Der Naturforſcher pfiff die friſch aus Paris angekommene Pariſienne, der Offizier intonirte den Deſſauer Marſch mit dem bekannten Text über Licht und Finſterniß.— Hyacinth lächelte, der Köter heulte, der Wirth fluchte— und mir war doch wehmüthig zu Sinn! Ich will aber Baugefangener in Silberberg werden und zwanzig Jahre Raſen aus dem Thal auf den Felſen hinauf⸗ karren, wenn ich mir's noch einmal merken laſſe. Von den Schlafkameraden iſt's gewiß Niemand gewahr worden, denn ich blies eine Tabakswolke vor mich hin, in der Ju⸗ piter die Jo hätte umarmen können; warum ſollten mir alſo meine beiden Thränen nicht unbemerkt in den Bart rollen? 4 Als der Spectakel im beſten Gange war, polterte es im Vorſaal, wie ich den zwei Fuß breiten, ſechs Fuß lan⸗ gen finſtern Vorſtoß, der die Thür mit der Doppelthür verbindet, im Verhältniß zu dem Saal im innern Gebäude *) Nun läugne einer die Ahnungen. — 366— nicht ungeſchickt benenne. Es polterte, ſtolperte, fiel, die Thür ſprang auf, ein Kerl ſtreckte ſich mit dem Rücken voran ins Gemach und lag wie ein umgehauener Baum auf dem Boden, eine weibliche Stimme ließ ein Ach des Erſchreckens hören und gleich darauf kam auch die obere Hälfte eines Frauenzimmers zum Vorſchein, die mit dem Antlitz voran über den langen Goliath niederſank, doch mit Grazie. Ein grobes, aus ächter Branntweins⸗ und Biergurgel hervorbrechendes„Donner und's Wetter!“ fuhr hinter den Beiden drein; es war der Führer, der es ihnen, die ihn nicht vorangelaſſen hatten und nun die Schuld ihres Vorwitzes büßten, nachſchickte. Der Wirth, der Hund und ich, wir Drei ſprangen gleichzeitig auf die am Boden liegende Gruppe zu. Ich reſtituirte das Frauenbild, deſſen Antlitz mit einer Haube und einem dichten Schleier verdeckt war, in integrum auf ihre Füße; der Goliath raffte ſich mit Hülfe des Wirths empor; der Führer, ein kleiner, buck⸗ liger Kerl, der faſt wie ein Gnom ausſah, bekam nun Platz, um ins Gemach zu treten. Ich führte meine Schöne an den Tiſch und ſie ſchlug den Schleier, den ſie des Windes wegen mit einem Bande um ihre ſchlanke Tallle befeſtigt hatte, zurück.— Wenn die Schneekoppe nebſt der Kapelle, und uns Allen darin, plötzlich übergekippt und mit der Naſe auf dem Markt zu Schmiedeberg ange⸗ kommen wäre, ſo hätten die Leute dort ſich nicht ſo ver⸗ wundern können, als ich, da ich der holdſeligen Fremden ins Antlitz ſchaute und ſie erkannte, es war——„ Hier fehlt leider ein Blatt aus dem Tagebuche; es iſt mir daher unmöglich, dem Leſer das Geheimniß zu ent⸗ hüllen und ihm den anſcheinend ſehr intereſſanten Zuſam⸗ — 2 öͤ 4. — 367— menhang der Verhältniſſe auseinanderzuſetzen. Doch ließen einige mündliche Aeußerungen Schepphäuſer's, die ich erſt ſpäter verſtand, mich gleich damals auf eine höchſt ſetſame Verknüpfung der Umſtände ſchließen. Da die Unbekannte, welche wunderſchön, aber bleich wie Marmor war(ra⸗ benſchwarzes Haar ringelte ſich ihr um den glänzenden Nacken) nach Prag reiſte, ſo habe ich jedoch Hoffnung, ihr noch einmal auf die Spur zu kommen. Niemanden konnte es entgehen, daß ſowol Schepphäuſer als Hyacinth durch ihren Anblick auf das heftigſte erſchüttert wurden. Eine Zeit lang blieb Schepphäuſer ſtill und finſter, wie ein düſterer Fels; Hyacinth dagegen ſprach ſehr hewegt mit der wunderſchönen Frau und dieſe ſchien ihm gern zuzuhören. Ihr Begleiter, ein wahrer Coloß von einem Mann, ſaß ernſt, ohne eine Silbe zu ſprechen, am obern Ende des Tiſches, zunächſt dem Feuer. Plötzlich brach Schepphäuſer ſein ſtarres Schweigen und ging in eine ausgelaſſene Luſtigkeit über. Beſonders neckte er Hyacinth auf alle Weiſe und ſchien faſt die Abſicht zu haben, ihn bei der ſchönen Frau lächerlich darzuſtellen. Es wurde uns ordent⸗ lich angſt dabei. Von allen Wunderlichkeiten und Tollhei⸗ ten, welche er in Gang brachte, iſt mir jedoch ein Geſpräch oder eine Art Streit zwiſchen ihm und Hyacinth unvergeß⸗ lich geblieben, ich ſetze es her, wie ich es im Gedächtniß behalten habe! Hyacinth hatte ſich in einen warmen Pathos hineinge⸗ ſprochen und viel tief Empfundenes, mitunter nicht ganz Uebles über die Seltſamkeiten und den abenteuerlichen Cha⸗ rakter der Gebirgsgegenden und Gebirgsbewohner geſagt. Er äußerte unter Anderm mehr zu der Schönen, als zu Schepphäuſer:„Die poetiſche Natur des Menſchen wird durch die Wunder des Gebirgs mächtig angeregt; dies be⸗ — 368— kundet ſich in Sitten, Trachten, in der Sprache, vorzüglich aber in den Namen. Schon in meiner Jugend erfüllten mich die tönenden Namen des Schweizergebirges mit wun⸗ derbar ſchauerlichen Ahnungen. So z. B. Finſteraarhorn, Jungfrau, Mönch, Teufelsbrücke und viele andere. Iſt dies nicht ein Beweis, daß ſelbſt in der früheſten Zeit der an die Schrecken und Wunder der Natur gewöhnte Gebirgs⸗ einwohner doch die ſchauerliche Majeſtät der erhabenſten Punkte tief empfand? Und wiederholt ſich nicht dieſe Er⸗ ſcheinung in allen Gebirgsgegenden? Hüllt ſich nicht jeder auffallende Punkt in den geheimnißvollen Schleier einer Sage? Umziehn die Volksmärchen nicht die Gipfel der Felſen wie Nebelgebilde der Wolken und verleihen ihnen ſo einen romantiſchen Reiz, der ſich ewig erneut? Und faſſen ſich nicht in den Namen, die aus dem Schooſe der Volksſagen ſtammen, alle jene ſchauerlichen, heilig ehrwür⸗ digen Anklänge zuſammen? Man reiſe den Rhein hinunter; wie bewegen uns die Namen: Drachenfels, Löwenburg, Wolkenburg(„Und Katz' und Maus bei St. Goar,“ murmelte Schepphäuſer für ſich), Lurleifels, Falkenſtein, Rolandseck und unzählige andere! Was haben nicht der Schwarzwald, der Odenwald, der Thüringerwald, der Harz für ähnliche Klänge aus der grauen romantiſchen Vorzeit mit herübergebracht? Und nun vollends hier das Rieſengebirg, in deſſen Bann ein eigner Geiſt als Beherrſcher gebietet, wo jeder Stein, jeder Bach uns an eine wunderbare Sage erinnert, die aus dem dichteriſchen Leben des Volkes ent⸗ ſprang! Mich entzücken ſo hochtönende, tauſend Gefühle und Vorſtellungen erweckende Namen, wie Schneekoppe, Sturmkoppe— Schepphäuſer. Oder Katzenberg, Hummelberg— — —— R — 369— Hyacinth(ohrne ſich irre machen zu laſſen). Silberberg, Höllengrund, Wolfsgrund, Dreiſteine— Schepphäuſer. Oder Sauſteine, Seifenlehne, Seifen⸗ waſſer, Schmutzſeifen*)— Hyacinth([etwas verdrießlich). Rieſengrund, Mittags⸗ ſtein, Reifträger, Sturmhaube— Schepphäuſer. Oder Prudelberg, Pelzgrätſcher, Ochſengram, Wimmerberg, Mummelwaſſer, Kratzörfel, Sieh⸗Dich⸗für. Er ſprach dieſe Worte mit einer ungemeinen Schnellig⸗ keit hintereinander, ſodaß Hyacinth gar nicht zu Athem kommen konnte. Dieſer ſuchte ſich indeſſen zu faſſen und fuhr mit Ernſt, indem er ſich zu der Schönen wandte, fol⸗ gendermaßen fort: „Und wer möchte wol behaupten, daß der poetiſche Sinn, der das Volk dieſe Wege führte, untergegangen ſei? Ich nicht. Noch in den neuern Anlagen, bei neuern Ge⸗ bäuden finden wir die Spuren davon. Wie eigenthümlich ſind nicht zum Beiſpiel die Namen der neuern Anbauten auf dem Gebirg! Der beſte Dichter würde ſie nicht beſſer erfinden, als z. B. Forſtbaude, Grenzbaude oder das idylliſche Wieſenbaude“— — Oder Hampelsbaude, Schlingelbaude, fiel Schepphäuſer raſch ein und erregte dadurch das ſchallende Gelächter der Umſtehenden, die, durch ſeine ſchlagende Re— pik überraſcht, die Geſetze der Schicklichkeit einen Augen⸗ blick vergaßen. Hyacinth war, man ſah es, tief gekränkt. Schepp⸗ *) Smotſeifen auf der Landcharte. Uebrigens ſtehen ſowol Schepphäuſer's als Hyacinth's Namen alle auf derſelben. — 370— häuſer wollte es gut machen und begann:„Du haſt recht, Herzbruder, vollkommen recht; ich aber auch. Denn ich ſagte dies bei Gott nicht, um Dich mit Deiner Be⸗ 4 hauptung, die einem Schlegel und Leſſing Ehre machen würde, auf den Sand zu ſetzen, ſondern vielmehr um ſie zu beſtätigen. Denn iſt der Humor etwa nicht eine von den Proteusgeſtalten der Poeſie? Schon Homer hatte Hu⸗ mor, und ſein Therſites iſt mir faſt lieber als ſein Achill, auch Sophokles hat in der Antigone geſcherzt, warum alſo nicht die ſlaviſchen Urbewohner dieſer Sudetenmauer? Glaubſt Du, ich halte den Kerl für ſchlechter, der die Schlingel⸗— baude getauft hat, als den, der bei der Wieſenbaude Ge⸗ vatter ſtand? Ich gebe mich auch für einen Poeten aus und ſchicke jede Oſtern meinen Wechſel auf Unſterblichkeit ſo gut auf die Leipziger Meſſe, als andere Literatoren; die 84 Donna, Deine ſchöne, holdlächelnde Nachbarin weiß es ja ſo gut, wie Du. Denkſt Du aber, ich würde ein Gebirg ſo durchweg pompös taufen, wie ein Artllleriſt ſeine Toch⸗ ter, die er Bombardine Granate Kaſematte benannte? Wenn ich ein Weltumſegler wäre und irgendwo eine ro⸗ mantiſche Gegend neu entdeckte, z. E. das Mondgebirge in Afrika, ſo müßte mir das Namenregiſter ausſehen wie ein Shakſpearſches Trauerſpiel, wo Ihr auf einer Seite vor Lachen weint, auf der andern unter Thränen ingrimmig 4 lacht. Des Geiers will ich ſein, wenn ich nicht neben das Finſteraarhorn einen Prudelberg ſetze, neben den brauſen⸗ den Fällen an der Teufelsbrücke eine Piſſevache herabſtüär-a zen, in den Niagara ein Seifwaſſer einfallen laſe. Ich wollte mich in der Wolkenburg einniſten, oder auf dem Drachenfels hauſen, aber wenn ich eine Braut hätte, ſie müßte mir in der Katze oder Maus gegenüber wohnen, 4. — —.= — 1——— — 371— oder gar eine Bürgerstochter in Ochſengram oder Schmut⸗ ſeifen ſein. So denke ich; verſtehſt du mich nun?— Da⸗ bei reichte er ihm die Hand über den Tiſch hin und ſah ihn freundlich an. Hyacinth ſchien gerührt. Das Geſpräch hätte vielleicht noch eine ganz andere Wendung genommen, wenn der Wirth nicht mit dem Abendeſſen erſchienen wäre. Da wir Alle ſehr ermüdet waren, gingen wir bald her⸗ nach zur Ruhe, das heißt, wir lagerten uns auf die har⸗ ten und ſchmutzigen Matratzen, die zum Theil auf dem Verſchlage, zum Theil unten auf dem Fußboden ausgebrei⸗ tet wurden. Schepphäuſer allein blieb auf, ſetzte ſich an den Tiſch und ſchrieb an ſeinem Tagebuche. Als ich in der Nacht aufwachte und von dem Verſchlage, auf dem ich lag, niederblinzelte, ſah ich ihn mit aufgeſtütztem Haupte in düſtre Trauer verſenkt vor dem trübe brennen⸗ den Lichte ſitzen. Dann ſtand er auf, ſtellte ſich mit ver⸗ ſchränkten Armen gegen die Mauer und ſah ſtarr vor ſich hin. Plötzlich ergriff er das Licht, ſchlich auf den Zehen bis an eine Stelle im Gemach, wo die Fremde, abgeſondert von den Uebrigen, in einer Ecke lag und ſchlummerte; ihr ſeltſamer Begleiter lag davor, wie ein Rieſe, der ſie bewa— chen ſollte. Schepphäuſer ſchritt über ihn hinweg und trat vor die mit dem Schleier bedeckte Unbekannte. Ich mußte mich leiſe aufraffen, um ihn noch ferner beobachten zu kön⸗ nen; ich kauerte daher hinter dem Geländer nieder, mit dem unſere Lagerſtatt umgeben war, und beobachtete mit angehaltenem Athem, was vorging. Schepphäuſer hatte die Kühnheit, den Schleier, der das Antlitz der Schlum⸗ mernden bedeckte, emporzuheben. Sie lag reizend, wie ein Marmorbild, mit geſchloſſenen Augen da, die dunklen Locken — 322— ringelten ſich um den blendend weißen Hals bis auf die ſchwellend wogende Bruſt herab. Schepphäuſer ſtand wie feſtgebannt vor dem Wunderreiz dieſes himmliſchen Weſens; ich wagte keinen Finger zu bewegen, damit mich nicht ein Geräuſch verrathen ſollte. Plötlich ſchlug die Schlum⸗ mernde die großen dunklen Augen auf; als ſie Schepphäu⸗ ſer gewahr wurde, zuckte ſie zuſammen und ein heftiger Schrecken malte ſich in ihren Zügen. Er hatte das Licht auf einen Seſſel geſtellt, legte jetzt die linke Hand auf die Bruſt und den Zeigefinger der rechten gegen ſeine Lip⸗ pen. Die Unbekannte faltete die Hände und beſchwor ihn mit ängſtlichen Blicken zurückzuweichen; zugleich deutete ſie auf ihren Begleiter hin. Schepphäuſer wandte ſich gegen ihn, indem er die Fauſt grimmig ballte und die Stirn in finſtere Falten zog. Die Unbekannte fuhr fort, mit flehen⸗ den Geberden zu ihm zu ſprechen; er kniete zu ihr nieder, beugte ſich gegen ſie, ergriff ihre beiden Hände und be⸗ deckte ſie mit Küſſen.— Die Unbekannte richtete ſich ein wenig empor, er zog ſie näher und näher, drückte ſie feſt an ſich und preßte glühende Küſſe auf ihre Lippen. Sie zitterte an ſeiner Bruſt, als würde ſie zum Tode geführt; doch umſchlang ſie ihn in unauflöslicher Umarmung. End⸗ lich ſank ſie ermattet wieder zurück; Schepphäuſer ſtand leiſe auf und ging behutſam auf den Zehenſpitzen wieder an ſeinen Platz zurück. Dort löſchte er das Licht und dichte Finſterniß erfüllte jetzt den innern Raum der Kapelle; nur ein bleicher dämmernder Schimmer fiel von außen her herein. Der Sturm tobte und raſte noch wie zuvor. Zwar legte ich mich wieder zum Schlummer nieder; doch erfüllte Das, was ich geſehen, meine Phantaſie ſo, daß ich wach blieb, bis der Schein des Tages die Uebrigen weckte. —— 24 — 3738— — Der Sturm hatte ſich gelegt; doch war es draußen noch neblig. Hier und da riß der Wind eine Lücke in das Gewöolk und wir konnten einen Blick in die grüne, ſon⸗ nige Tiefe werfen. Schepphäuſer war ſehr ſtill; er ſchien die Kraft zur Fröhlichkeit verloren zu haben. Hyacinth ſah bleich aus; er ſprach keine Sylbe. Ob er etwas von Dem, was in der Nacht geſchehen war, wiſſen mochte?— Ich glaube faſt. Die Unbekannte und ihr Begleiter brachen auf, Schepphäuſer wäre nicht länger zu halten geweſen. Wir gingen daher Alle zugleich; eine Stunde lang ließ uns der Weg auf dem Kamm zuſammen. Es wurde wenig oder gar nichts geſprochen. Nur die Führer ſchwatzten mit⸗ einander. Jetzt ſchieden ſich die Wege. Die Unbekannte und ihr Begleiter gingen nach der böhmiſchen Seite hinun⸗ ter, wir nach der ſchleſiſchen. Man nahm nur durch einen höflichen Gruß von einander Abſchied. Als die Unbekannte den ſteilen Pfad abwärtsſtieg, ſahen Schepphäuſer und Hyacinth ihr Beide lange unverwandt nach; plötzlich wälzte ſich eine Nebelſchicht heran und verhüllte ſie ihren Blicken. Dennoch ſtarrten ſie noch lange in die trüben Wolken hin—⸗ ein. Der Wind zerriß das Gewölk noch einmal, es ent⸗ ſtand ein kleiner lichter Raum, den die Sonne beſtrahlte; gerade in dieſem wurde die Schöne ſichtbar, wie eine En⸗ gelsgeſtalt in Wolken. Sie hatte den Schleier zurückge⸗ ſchlagen und ſah nach oben; als ſie die beiden Freunde am Rande des Felſen erblickte, legte ſie die Hand auf's Herz, grüßte mit einer leiſen Bewegung des Hauptes hin⸗ auf, verſchleierte ſich dann raſch wieder und wandte ſich ab⸗ wärts. In dieſem Augenblick floſſen aber auch ſchon die Wolken wieder hinter ihr zuſammen. Es war eine Erſchei⸗ nung, als ſehe man ſeine Geliebte ins Meer ſtürzen; noch — 374— einmal taucht ſie aus den grauen Wogen auf, lächelt uns ſchmerzlich an und verſinkt dann auf ewig wieder. Als ich den Blick auf meine Begleiter zurückwandte, hielten ſie einander in innigſter Umarmung umfaßt. Endlich fuhr Schepphäuſer auf.„Es iſt nun gut, Bruder, und Alles vorbei, vergeſſen und vergeben. Laß uns denn weiter ins Teufels Namen!“ Wir gingen. Den ganzen Tag über bot unſere Wan⸗ derung nichts Merkwürdiges dar. Am nächſten Morgen führte ich die beiden ſeltſamen Abenteurer an den Rand der ſchroffen Felswand, von der ich ſie, um dem Leſer die obigen Blätter ihrer Tagebücher mittheilen zu können, be— kanntlich hinabſtürzte.— Ich habe, was der Wind nicht entführte, geſammelt und der Leſewelt übergeben. Möge ſie nicht unzufrieden deshalb ſein. 65 Post Scriptum. Das Manuſcript der obigen Mithei⸗ lungen hatte ich, bevor es in die Druckerei wanderte, meh⸗ ren Freunden gegeben. Unvermuthet erhielt ich, nachdem ich es ſchon nach Leipzig abgeſandt, folgenden Brief, von einem Wohlbekannten, aber Ungenannten, den ich der Zeitung für die elegante Welt ſogleich mittheile, damit ich einer Criminalunterſuchung entgehe. „Geehrter Herr! Durch Zufall bin ich mit der Arbeit bekannt geworden, die ſie aus den Papieren Ihrer beiden Begleiter auf der Reiſe durch's Rieſengebirge zuſammengeſtellt haben. Ich danke Ihnen für die einkleidende Wendung, die Sie dem traurigen Schickſal der unglücklichen, aber trefflichen Freunde, gegeben haben. Sie ſtanden mir ſehr nahe! Zur ſchär⸗ 4 —.——— — 375— feren Zeichnung beider ſeltenen Menſchen, die eine heftige Leidenſchaft zu der unſeligen Beendigung ihres Daſeins trieb, könnte ich Ihnen noch manche Data liefern.— Die ſchöne Pauline habe ich vor zwei Monden geſprochen; ihr Herz iſt zerriſſen, ſie wird nicht mehr lange leben. Ein Brief, den ihr Schepphäuſer(um ihn bei dem Namen zu nennen, den Sie ihm gaben) geſandt hat, worin er ihr ſein ganzes Herz enthüllt, ſein Verhältniß zu der Unbe⸗ kannten aufdeckt— iſt in der That kaum ohne Thränen zu leſen. Wollen Sie die Documente benutzen, ſo ſtehen ſie Ihnen zu Dienſten. Denn ich ſehe, daß Ihre Freund⸗ ſchaft, wenn gleich kurz, doch eine ſehr innige geweſen iſt. Ich kannte die Jünglinge von ihrem zarteſten Alter an. Urtheilen Sie daher über meinen Schmerz! Mit nochmali⸗ gem Dank, der Ihrige. I⸗ In der That ſind auf dieſe Art ſehr intereſſante Papiere in meine Hände gekommen; doch nur intereſſant, in ſo fern man Antheil an den Perſonen, die ſie betreffen, genommen hat.— Iſt dies daher bei dem Leſer der Fall, ſo kann ich ihm jetzt noch manche nachträgliche Documente liefern. Er wird mir's übrigens wol vergeben, daß ich, um die Perſonen nicht kenntlich zu machen, nicht blos die Namen verwechſelt habe, ſondern auch ihr Weſen, ihre Charaktere etwas ſtark gefärbt auftrug. Ich gab dem Leſer nur die höchſten Spitzen, die ſchärfſten Lichtreflexe derſelben, zumal da ich ſelbſt gerade nur mit Hauptmomenten bekannt wurde. Jetzt, da ich auch einige Mitteltinten kenne, Einiges von den Urſachen weiß, die die Wirkungen hervorbrachten, von denen ich Zeuge war, jetzt würden die Umriſſe nicht mehr ſo ſcharf ausfallen.— Es kommt auf die Leſer an, ob ich — 376— ihnen das Bild ausführen ſoll. Denn in der Literatur muß man in gewiſſer Beziehung durchaus die Volksſouve⸗ rainetät anerkennen und nicht ſchreiben, was Niemand leſen will— freilich aber auch nicht, was Jedermann leſen mag. Ich erwarte demnach mein Mandat. 4 Der Redakteur der Tagebücher, L. Rellſtab. F. A. Brockhaus in Leipzig. 4 „ 90 8 4 1 —ÿõ= “ 1 1 1 4 4. X Miinmſffnnſſſfſſſinſſſinſtünſſn nfnſemnſſſſſſffſſſſſſſſſſnſſnſſſnſſſſſſſſiſſſſ 8 9 10 11 12 3 14 15 16 17 18