ö ar Enarhnhranachehnen an anauhnanhanhnhrhnhnheanhnrh Leibbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. a Täglicher Leſepreis für ein deutſches— 1 Kr. 2„ p„ franz⸗ od. engl.„2„ Das Abonnement beträgt: für nücheheliih.—ℳ6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: — anf 6 Lue 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr, „„„ 7„ Iraraarrrnn rarr ananananananann aEhEALATAnAUAEANHREAEHREHEAIEAEREATAVAnAnAT aLnr * Geſammelte Schriften von Ludwig Kellstab. LAce Band. b Reue folge. Zmweiter Band. — 1 Algier und Paris. Zweiter Theil. —-————; Leipzig: F. A. Brockhaus. f 18 4 8. Algier und Paris im Jahre 183 F. Ludwig Rellstab. Neue Auflage. Zweiter Cheil. ———õ——— Leipzig: F. A., Brockhaus. 18 46. Die Juliustage. (Schluß.) ——— Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F II. 1 4 — * 1 8 . 4 8 * * 22 3 — Dreizehntes Capitel. Am nächſten Morgen ſchon wußte man, daß der Dey die Stadt übergeben habe. Um Mittag erwartete man das Einrücken der Franzoſen. Der alte Baruch war es, wel⸗ cher dieſe Nachricht brachte und ſich dabei dem Schutz ſeiner Gäſte dringend empfahl. „Ihr werdet deſſen nicht bedürfen,“ ſprach der Oberſt; „die Völker Europas verfahren mit beſiegten Feinden nie⸗ mals barbariſch. Im Gegentheil, Euer Loos wird ſich ver⸗ beſſern, denn hier, wo bis jetzt Willkür und Grauſamkeit herrſchten, wird von nun an das Geſetz walten und Ge⸗ rechtigkeit geübt werden. Geht getroſt hinab in Euer Ge⸗ wölbe. Niemand wird Euch das Eurige rauben. Sollten wir auch nicht mehr in Eurem Hauſe ſein, wenn die Fran⸗ ken einrücken, ſo werde ich doch Euer Wohlwollen gegen uns zu rühmen wiſſen und Ihr ſollt nicht unbelohnt für Euern Dienſt bleiben.“ Der Jude verbeugte ſich mit unterwürfiger Demuth und verließ ſeine Gäſte mit zufriedenem Geſicht. „Wollt Ihr, mein Oberſt,“ ſragte Giacomo,„dieſen ſichern Aufenthalt verlaſſen, bevor die franzöſiſchen Truppen 1* 4* eingerückt ſind? Ich glaube zwar, daß die Algierer uns jetzt nichts mehr anhaben werden, da ſie nun gewiß ſo in Furcht ſind, daß ſie allen gefangenen Franken eben ſo viel Ehre erweiſen, als zuvor Schmach; aber dennoch meine ich, es ſei beſſer, wir warten die wenigen Stunden noch ab.“ „Du haſt wol recht,“ entgegnete der Oberſt;„aber ich habe dringende Gründe, die Zuſammenkunft mit dem Befehlshaber des Landheeres zu vermeiden, und möchte wol verſuchen, ob es nicht möglich ſei, auf das Admiralſchiff zu gelangen, um dort den Admiral Duperre zu ſprechen.“ „Ich dächte, das müßte nicht gar ſo ſchwer ſein; denn wer ſollte uns hindern, mit einem Nachen hinüber zu fah⸗ ren? Ich meines Theils halte es für ein Spielwerk, Euch hinüber zu rudern.“ „Du würdeſt mir dadurch den wichtigſten von allen den Freundſchaftsdienſten erweiſen, die ich Dir bisher ver⸗ danke. „Aber wahrhaftig auch den leichteſten,“ erwiderte Gia⸗ como fröhlich;„denn ich wüßte nicht, was einem Matroſen leichter werden ſollte, als ein paar hundert Ruderſchläge auf glattem Hafenwaſſer. Ihr ſollt ſo raſch wie eine Meer⸗ ſchwalbe über die Wellen dahinſchießen; denn das kann ich Euch ohne Ruhm verſichern, für meinen Zug beim Ru⸗ dern war ich bekannt bei der ganzen Mannſchaft der Aven⸗ ture und meinen Schlag kannten ſie unter zehn andern heraus, wenn ich Nachts einen Offizier in der Golle an Bord zurückbrachte. Ich freue mich ordentlich darauf!“ Der Oberſt winkte dem geſchwätzigen Freunde wohl⸗ wollend zu und heitres Lächeln ſchwebte über ſein ernſtes Angeſicht hin. Man machte nun Anſtalten zur Abreiſe. Baruch hatte * — weiche Thränen der pana Kleidungsſtücken noch Dasjenige herbeizuſchaffen, was der Oberſt und Giacomo für eine Reiſe nach Frankreich be⸗ durften. Giacomo packte die Sachen ein, man war reiſe⸗ fertig. Nur das Einrücken der franzöſiſchen Truppen wollte man noch abwarten, um dann die Fahrt nach dem Admi⸗ ralſchiff zu beginnen. Der Oberſt ging, da alle Vorbereitungen zur Abreiſe vollendet waren, unruhig auf und nieder; in ſeiner Seele bewegten ſich Hoffnung und Sorge, Freude und tiefer Schmerz in fallenden und ſteigenden Wogen. Nach funf⸗ zehn Jahren unnennbaren Duldens war der Augenblick der Rettung endlich gekommen.— Horch! Welche Töne? Welch feierlich dumpfer Schall? Welch reizende Klänge, die einzelnen Strahlen gleich durch die Stille brechen? Es iſt der ferne Laut der Kriegsmuſik! Es iſt der Schall der Trommeln und Pauken, der liebliche Klang der Flöten und Hörner, unter denen Frankreichs Krieger in die eroberte Naubſtätte der Barbaren einziehen. Jetzt dringen die Töne deutlicher in mein Ohr! Es ſind die wohlbekannten Weiſen vaterländiſcher Tänze und Lieder, nach denen der raſche Schritt der Krieger ſich fortbewegt! O Gott, wie oft drangen ſie dem Jüngling, dem Manne muthig ins Herz, wenn ihr freudiger Ruf ihn auf das Feld der Ehre und des Sieges führte! Willkommen, ihr erſten, holden Grüße aus der Heimat! Willkommen! Der Oberſt hemmte ſeinen raſchen Schritt; er drückte die gefaltenen Hände gegen die Bruſt und ſah aufwärts gen Himmel, mit einem Blick der tiefſten Dankbarkeit. Es war ihm, als ſollte ſein eiſernes Heldenherz unter dieſen feierlich frohen Klängen zerſchmelzen und ſich aunläſen in den Auftrag erhalten, ein Felleiſen und an Wäſche und Plötzlich war es, als ob ein Schleier von den fernher gedämpft klingenden Tönen hinweg genommen würde; mit heller, freudiger Kraft ſchlugen ſie ans Ohr. Der Oberſt eilte an das Fenſter. Eben bog das Regiment aus einer Seitenſtraße herein und wurde auf dem Quai des Hafens ſichtbar. 8 Giacomo, der ebenfalls ans Fenſter geſprungen war, rief frohlockend, faſt überlaut:„Juchhe! Das iſt das achte Regiment. Es hat in Toulon geſtanden. Es ſind lauter gute Kameraden! O, nun wird es luſtig hier in Algier! Jetzt könnte mir's ſchon gefallen, hier zu bleiben!“ Das Negiment defilirte faſt unter dem Fenſter vorbei, den Quai entlang, nach der andern Seite der Stadt zu, wo es vorläufig einen Bivouac beziehen ſollte. Als es vorüber war, ſprach der Oberſt:„Freund! Jetzt wird es Zeit. Ich glaube der günſtige Augenblick iſt ge⸗ kommen, wo wir die Stadt verlaſſen müſſen.“ Giacomo warf ſogleich den Mantelſack auf die Schulter und Beide gingen hinab. Ehrfurchtvoll ſtand Baruch un⸗ ten an der Thür. Sein Gaſt hatte ihn für den kurzen Aufenthalt iu ſeinem Hauſe ſo reichlich bezahlt, daß er ihn nach Art dieſer Alles nach Gold abwägenden Gemüther jetzt mit ſolcher Demuth und Verehrung betrachtete wie den Oberrabbiner. Er beugte ſich bis zur Erde hinab und wollte den Saum von dem Ueberrock des Oberſten konnte. Auch Rebekka hatte ſich tief verneigt und ſprach Worte der knechtiſchen Unterwürfigkeit.—„Jehovah ſoll Euch ſegnen, großer Herr der Franken!“ rief Baruch mit gen Himmel gehobenen Armen aus.„Er ſoll Euch und Eure Kinder und Enkel mit ſeinen Gaben überſchütten! Meine Schwelle iſt geehrt durch Euern Fuß, mein Haus berühmt küſſen, welches dieſer nur mit Mühe und Ernſt verhindern — F* —— — 2— durch Euer Verweilen! Kehrt glücklich heim! Wohin. Ihr Euern Weg richtet——“ Seine Worte verhallten, denn ſchon waren die Abrei⸗ ſenden hinausgeſchritten, auf die Gaſſe, und verfolgten eilig ihren Weg nach dem Hafen. Giacomo lachte luſtig auf und ſprach;„Gelt, mein Oberſt, der Jude würde Euch neun und neunzig Mal verfluchen, wenn er wüßte, was er mit Eurem Oberrock für ein Kleinod aus dem Hauſe gege⸗ ben hat! Nun, der gute Engel ſei gelobt, der funfzehn Jahre lang bei Euerm Eigenthum Schildwacht geſtanden hat! Aber wahrlich, obgleich der Jude uns nützlich geweſen iſt, freilich nicht aus gutem Willen, ſondern nur aus Angſt und Eigennutz, ſo möchte ich ihm doch den Aerger gönnen, daß er erführe, was er für einen Handel gemacht hat.“ Unter dieſen Worten hatten ſie ſchon den nahen Quai erreicht und der Oberſt warf ſeine Blicke nach einer Barke umher, die ihn nach dem unweit des Molo vor Anker liegenden Admiralſchiff hinüberführen könnte. Während er ſich umſah, erblickte er von weitem einen Trupp Men⸗ ſcher, der eine Anzahl ſranzöſiſcher Soldaten begleitete, die langſam den Quai heraufkamen. Ein dunkles Gefühl, als habe auch er einen nahen Antheil an Dem, was die neu⸗ gierige Menge zu beſchäftigen ſchien, oder vielleicht der Wunſch, die erſten Landsleute wieder in der Nähe zu ſehen, bewog den Oberſten, das Herankommen des Zuges abzu⸗ warten. Bald gewahrte er, daß die Soldaten etwas tru⸗ gen; von einem ſeltſamen Gefühl des lebhafteſten Antheils angezogen, ſchritt er näher und näher, den Kommenden entgegen. Jetzt erkannte er, daß es ein Verwundeter war, den man auf einer Bahre langſam herbeitrug. Die Trä⸗ ger ſetzten dieſelbe nieder, um zu wechſeln. Dies erregte einen kleinen Aufenthalt, indem die Einen die Traghülfen 4 abnahmen und ſie den Andern zum Ueberhängen darreich⸗ ten, welche dieſelben erſt nach ihrer Körpergröße verlänger⸗ ten oder verkürzten. „Wer iſt der Kranke?“ fragte der Oberſt, indem er mit pochendem Herzen näher trat. „Ein Offizier vom achten Linien⸗ Regiment, we lcher einen ſtarken Hieb in die Stirn bekommen hat,“ antwortete ihm der Sergeant, der die Träger anführte. Indem lüftete der Wind das Tuch ein wenig, mit welchem das Geſicht des Verwundeten leicht bedeckt war, um ihn vor dem läſtigen Schwarm der Uferinſekten zu ſchützen. Es wurde ein bleiches, edles Antlitz ſichtbar; die Stirn war mit einer von Blutstropfen gerötheten Binde bedeckt. Der Kranke hatte die Augen geſchloſſen. Aus ſeinen Zügen ſprach Etwas, das dem Oberſten das Herz mit heftigem Pochen bewegte. „Wie heißt der Offizier!“ fragte er haſtig. „Das weiß ich in der That nicht zu ſagen,“ entgegnete der Sergeant,„er iſt nicht von unſerm Regiment. Der Ober⸗Chirurgus hat ihn uns ſo eben erſt übergeben, um ihn in die Stadt zu bringen, wo bereits eine bequeme Woh⸗ nung für ihn in Bereitſchaft geſetzt iſt. Doch da kommt der Unter⸗Chirurgus, der ihn verbunden hat, er wird den Namen vielleicht wiſſen.“— Der junge Mann, welchen der Sergeant bezeichnete, kam eben heran, wußte aber auf die Frage des Oberſten auch nicht Auskunft zu geben.„Den Namen,“ ſprach er, „kann ich auch nicht ſagen, aber ſo viel darf ich Ihnen verſichern, daß der junge Mann einer der bravſten Offi⸗ ziere im ganzen Heere iſt. Er iſt geſtern, wie man mir erzählt, der Erſte in den feindlichen Batterien geweſen und — — — 9— hat durch eine kühne Unternehmung viel zu der raſchen Entſcheidung beigetragen.“ „Meine Ahnung betrog mich nicht,“ ſprach der Oberſt zu Giacomo,„es iſt der wackere junge Mann, den wir geſtern ſiegen und fallen ſahen. Mein Herr,“ fuhr er ge— gen den jungen Wundarzt fort,„ich kann Ihnen die Ver⸗ ſicherung geben, daß dieſer junge Mann die Schlacht wirk⸗ lich entſchieden hat. Es wäre traurig, wenn er ein Opfer ſeiner Tapferkeit würde. Iſt die Wunde gefährlich?“ Dabei heftete er die Blicke unverwandt auf das Antlitz des ſtill, ohnmächtig auf der Bahre liegenden jungen Kriegers. „Zum Glück nein,“ antwortete der Wundarzt;„allein der ſtarke Blutverluſt hat den Kranken ſehr geſchwächt und ihm mehr eine große Ermattung als eine eigentliche Ohn⸗ macht zugezogen.“ Der Oberſt betrachtete, während die Soldaten noch be⸗ ſchäftigt waren, die Bahre wieder aufzunehmen, die Züge des Verwundeten noch immer unverwandten Blicks. Er las Etwas in denſelben, das ihn mit unbegreiflichen Banden zu ihm hinzog; Ahnungen ſtiegen in ihm auf, doch wagte er kaum ſie ſich ſelbſt zu geſtehen. Gewaltſam riß er ſich endlich los.„Leben Sie wohl, mein Herr, laſſen Sie ſich dieſen Kranken wohl angelegen ſein, das Vaterland würde, ſo ſcheint es mir, einen ausgezeichneten Mann in ihm ver⸗ lieren.“ Der Zug ſetzte ſeinen Weg fort, der Oberſt verfolgte den ſeinigen nach der andern Seite. Aber unwillkürlich ſtand er noch oftmals ſtill und ſah ſich lange nach der Bahre um, auf welcher der Verwundete hinweg getragen wurde. „Dort liegt eine artige Barke,“ ſprach Giacomo und zeigte auf einen leicht angeknüpften Nachen, in welchem ein 1 mauriſcher Knabe ſaß und gedankenlos in die Wellen blickte.„Der Burſch, das wett' ich, iſt glücklich, wenn wir ihm ein Dutzend Meſſonen Miethzins für ſeine Nuß⸗ ſchaale anbieten. Soll ich den Handel machen?“ Der Oberſt nickte; in wenigen Minuten ſchwamm das Schiffchen ſchon luſtig auf den Wellen, indem Giacomo und der Knabe die Ruder fröhlich bewegten. Es dauerte keine Viertelſtunde, ſo langten ſie an dem Admiralſchiff an. Ein Offizier fragte nach ihrem Begehr. „Ich wünſche den Admiral zu ſprechen,“ war die Ant⸗ wort des Oberſten, in einem Tone, der ſeine Berechtigung dazu mehr darthat, als irgend etwas Anderes. Der See⸗Offizier empfand, wie Jeder, das Ueberge⸗ wicht, welches in dem Adel der Geſtalt, des Benehmens und der Sprache des Oberſten lag. Faſt verlegen erwi⸗ derte er daher, daß es wol unmöglich ſein werde, in die⸗ ſem Augenblick das Begehr des Kommenden zu erfüllen, indem der Admiral ſo eben damit beſchäftigt ſei, die De⸗ peſchen für den Marineminiſter, in welchem die Eroberung Algiers berichtet werden ſollte, aufzuſetzen. „So erlauben Sie mir zu warten, bis dieſes dringende Geſchäft beendigt iſt. Alsdann erſuche ich den Admiral um ein Geſpräch von zwei Minuten in ſeiner Kajüte.“ Der Offizier lud den Oberſten ein, das Schiff zu be⸗ ſteigen; dieſer aber entgegnete, er ziehe es vor, in der Barke zu verweilen. Auf dieſen Beſcheid zog ſich der Offi⸗ zier beſcheiden zurück, um nicht durch ſein Bleiben dem Fremden läſtig zu werden. Als man ſo harrend in dem Nachen ſaß, fragte Gia⸗ como:„Verzeiht, mein Oberſt, aber was denkt Ihr zu thun, ſobald Ihr den Admiral geſprochen hahte 8* „ — 11— „Ich hoffe, ohne einen Fuß wieder ans Land zu ſetzen, nach Frankreich abreiſen zu können.“ Giacomo war höchſt betroffen über dieſe Antwort. Es entging dem Oberſten nicht. Er fragte ihn um die Urſache. „Ei, Herr, ich habe alle meine Kameraden, meinen guten Capitain Aſſigny, den wackern Capitain Brüat, kurz alle dieſe ſo plötzlich verlaſſen und weiß noch gar nicht, was aus ihnen geworden iſt. Und vielleicht haben ſie auch Sorge um mich. Denn das weiß ich gewiß, wenn mein Capitain die Geſchichte am Thor von den andern Matro⸗ ſen gehört hat, ſo ruht er nicht, bis er erfährt, was aus mir geworden iſt. Da halte ich's denn doch für Unrecht, ſo ganz heimlich davon zu gehen. Ich glaubte, Ihr woll⸗ tet den Admiral nur ſprechen und dann nach Algier, wo wir jetzt ja ganz ſicher ſind, zurückkehren. Auch weiß ich nicht einmal, ob ich nicht als Deſerteur betrachtet würde, wenn ich ſo ohne allen Urlaub davon ginge.“ „Du haſt ſehr recht und denkſt ſehr wacker, mein guter Burſch,“ antwortete der Oberſt, gerührt durch den traurigen Ton, mit welchem Giacomo dieſe Worte geſpro⸗ chen hatte.„Du mußt zu den Deinigen zurück. Ich trenne mich mit Schmerz von Dir, aber es muß ſein. Ueberdies, guter Junge, wenn gleich für Dich keine Gefahr mehr iſt, ſo iſt mein Lebensweg doch noch lange nicht ge⸗ ebnet. Ich würde mir Vorwürfe machen, wenn ich Dich länger an mein unſicheres, trübes Schickſal feſſeln wollte. Du ſollſt nun die Früchte Deiner Abenteuer und Müh⸗ ſeligkeiten in Ruhe genießen können.“ Giacomo hatte den Oberſten während dieſer Worte ängſtlich betrachtet. Trennen ſoll ich mich von Euch, mein Oberſt? Unmöglich— „Es muß ſein, mein guter Burſch, mein Reber 5 — 12— Freund,“ unterbrach ihn der Oberſt;„je näher ich's i. lege, deſto mehr ſcheint es meine Pflicht gegen Dich zu for⸗ dern, daß ich darauf beſtehe. Aber ſei ruhig, ich denke, wir ſehen uns vielleicht bald wieder.“ Dabei bot er dem traurig Daſtehenden die Hand. Dieſer ergriff ſie und drückte heftige Küſſe darauf; über ſein redliches, rauhes, gebräuntes Italiener⸗Antlitz floſſen die aufrichtigſten Thrä⸗ nen, die je ein Auge geweint hat. „Ich werde Dich niemals vergeſſen,“ ſprach der Oberſt aus tiefſter Bruſt.„Du biſt mein treuer Freund geweſen, als ich in der äußerſten Noth war. Dein Herz iſt reines Gold, in ſiebenfachem Feuer geprüft! Was auch der Zufall für Unterſchiede zwiſchen uns geſtellt hat, die mächtige Hand eines Alles gleichmachenden Geſchicks hat ſie verwiſcht. Wir haben rein als Menſchen einander gegenüber geſtanden und Gefahr, Leid und Freude zuſammen getragen. Komm an mein Herz, wackerer Burſch! Du biſt, Du bleibſt mein Freund!“ Giacomo ſchluchzte und weinte laut. „Wie heißeſt Du? Ich habe Dich bisher nur bei Dei⸗ nem Vornamen genannt?“ „O mein Oberſt,“ antwortete er unter Thränen,„was ſeid Ihr für ein Mann!— Giacomo iſt eigentlich gar nicht mein Name; ich habe ihn nur auf dem Schiff be⸗ kommen und aus langer Gewohnheit beibehalten. Ich trat mit einem Vetter zugleich in Dienſt; er hieß, wie ich, Francesco Natale. Da man uns wegen der gleichen Na⸗ mmen öfters verwechſelte, wurde ich Giacomo genannt und habe ſeit funfzehn Jahren keinen andern Namen gehört. Denn Ihr wißt ja, bei Matroſen macht man nicht viel umſtände mit dem Namen. Jeder bekommt einen Schiffs⸗ namen und hat er den eine Zeit lang nur von ſeinen 2 — 13— Kameraden gehört, ſo nennen ihn die Offiziere auch ſo und am Ende iſt der Vatername vergeſſen. Nennt mich alſo immerfort Giacomo, oder auch Francesco Natale, wie Ihr wollt.“ „Ich werde Dich immer Freund nennen, wenn wir bei⸗ ſammen ſind, aber weil ich mich nach Dir erkundigen will, ſelbſt wenn ich in weite Ferne müßte, ſo fragte ich nach Deinem ganzen Namen.— Und nun komm her. Hier—“ „Nein, um Gottes willen! Nein, mein Oberſi das darf ich nicht annehmen.“ „Du ſollſt! Glaube nicht, daß ich mich dadurch irgend eines Dankes gegen Dich entledigen will. Wahrlich, nein! Aber Du ſollſt dieſe Börſe mit Goldſtücken nehmen, um damit nach Frankreich zu kommen, um Deine Kameraden zu unterſtützen, kurz um den Inhalt ſo gut zu verwenden, als Du willſt und kannſt. Es iſt, als gäbe ich's meinem Bruder! Hörſt Du?— Und kommſt Du nach Toulon, ſo geh' zu jener Frau von Clermont, von der wir geſpro⸗ chen haben. Du ſollſt dann weiter von mir hören.“ Giacomo hielt den Beutel in der Hand und ſchüttelte dabei immer mit dem Kopfe, als wolle er ſagen:„Es iſt doch nicht recht, daß ich ihn annehme!“ Da der Oberſt ihn lange betrachtete und ihm dabei die Hand vertraulich auf die Schulter legte, ſetzte er mehrmals zu einer Frage an, die ihm einige Ueberwindung zu koſten ſchien. Endlich begann er: „Mein Oberſt! Ihr habt mir Euern Namen noch nicht geſagt.“ Ein heftiger Kampf der Gefühle war in den Zügen des Oberſten ſichtbar, er ſeufzte tief auf.„Du haſt ein Recht, ihn zu erfahren, aber er ſei Dein Geheimniß— „Mein Herr!“ unterbrach den Oberſten die Stimme — 14— des Offiziers, der auf dem Deck an der Schiffstreppe ſtand. „Soeben hat der Admiral die Depeſchen vollendet; er er⸗ wartet Sie ſogleich in der Kajüte. Eilen Sie aber, da er im nächſten Augenblick ans Land gehen wird, um ſich mit dem General Bourmont zu beſprechen.“ Bei dieſen Worten war der Offizier die Schiffstreppe hinabgeſtiegen und bot dem Oberſten die Hand, um ihm beim Einſteigen behülflich zu ſein. Dieſer zog Giacomo an ſeine Bruſt, küßte ihn mit Wärme und Innigkeit und ſprach:„Laß es gut ſein! Du ſollſt Alles erfahren; es kann Dir jetzt gleichgültig ſein, da Du ſiehſt, daß ich das vollſte Vertrauen zu Dir habe. Melde Dich da, wo ich Dir geſagt habe. Und jetzt, leb' wohl, mein treuer, redlicher Freund!“ Er drückte den heftig weinenden Giacomo noch einmal ans Herz, riß ſich dann ſchnell von ihm los und ſtieg, während der Nachen jenen ans Ufer zurücktrug, eilig zum Deck hinan. Vierzehntes Capitel. Der Offizier führte ihn an die Kajüte des Admirals. Dieſer trat eben aus der Thür derſelben, als die Heran⸗ gekommenen ſie öffnen wollten. Er maß den Oberſten mit einem Blick des Erſtaunens und der Verwunderung; es ſchien, als erwache in ihm eine alte, dunkle Erinnerung, zu der er vergeblich einen aufklärenden Namen ſuchte. „Wenn Sie mich noch kennen, Admiral,“ ſprach der — 15—— Oberſt,„ſo weiß ich, daß Sie mich nicht verläugnen; doch erinnere ich Sie daran, daß ein zu raſches Wort—“ „Gott im Himmel, iſt's möglich!“ rief der Admiral jetzt aus und Beide lagen einander in den Armen. Der begleitende Offizier hatte ſich auf einen Wink des Auges, den der Admiral ihm gab, entfernt; dieſer zog den Oberſten mit ſich in die Kajüte. Eine gute Viertelſtunde blieben Beide daſelbſt, obgleich das Boot mit Offizieren, welche den Admiral ans Land begleiten ſollten, ſchon ſegelfertig lag und man nur noch der Ankunft deſſelben harrte. Jetzt ertönte ein Zeichen aus der Kajüte, welches die Ordonnanz herbeirief; dieſe erhielt den Auftrag, den jungen See⸗Offizier, der den Oberſten empfangen habe, zum Ad⸗ miral zu führen. Als derſelbe eilig in die Kajüte trat, fand er ſeinen verehrten Führer in augenſcheinlicher Ge⸗ müthsbewegung; der Oberſt ſchien gleichfalls heftig ergriffen zu ſein. „Herr von St. Leu,“ redete der Admiral Duperre den jungen Offizier an,„ich werde Ihnen einen Auftrag er⸗ theilen, der zwar nicht zu den ſtrengen Geſchäften des Dienſtes gehört, allein ich weiß, Sie erfüllen ihn ebenſo pünktlich und gern, wenn ich Ihnen ſage, daß es ein Dienſt der Freundſchaft iſt, den Sie mir erzeigen. Heut Abend um neun Uhr wird die Bellona nach Toulon abgehen; Sie werden ſo gut ſein, alsdann hier dieſen Herrn, meinen Freund, an Bord derſelben bringen zu laſſen und ihn be⸗ gleiten. Aber nicht früher, denn ich werde Ihnen zuvor noch Briefe ſenden, welche mein Freund mit nach Frank⸗ reich nehmen wird. Es iſt mir aber daran gelegen, daß der Auftrag möglichſt in der Stille vollzogen werde. Sie haben, da mich die übrigen Offiziere begleiten, den Befehl — 16— auf dem Schiff. Laſſen Sie daher um die Stunde, wo Sie mit dem kleinen Boot abgehen, die Mannſchaft auf der andern Seite des Schiffes zu irgend einer Beſchäfti⸗ gung zuſammentreten, mit Ausnahme zweier vertrauten Leute, die ſie zum Rudern gebrauchen. Dieſer ſchriftliche Befehl ſchirmt Sie vor jedem Anhalt und jeder Frage, die Ihnen eines der Wachtſchiffe thun könnte. Sie erwerben ſich meinen beſondern Dank durch die pünktliche Erfüllung dieſes Auftrags.“ Der junge Offizier verbeugte ſich mit einem unverkenn⸗ baren Ausdruck der Freude in ſeinen Zügen; er war ſtolz und froh zugleich, dem hochverehrten Seehelden und Füh⸗ rer dienſtbar und gefällig ſein zu können. Mit einem freu⸗ digen Erröthen antwortete er daher: „Sorgen Sie nicht, mein Admiralz; ich hoffe Alles zu Ihrer Zufriedenheit auszuführen.“ „Ich danke Ihnen zuvor!“—„Und nun theuerſter Freund,“ wandte ſich der Admiral zu dem Oberſten,„leben Sie wohl! Gott beſchütze Sie und erfülle die Wünſche Ih⸗ rer Seele. Sie ſollen heut noch von mir hören.“ Die beiden Männer, denen die Hoheit ihrer Seelen aus den feurigen Augen leuchtete, auf der edlen Stirn thronte, umarmten einander mit gerührter Herzlichkeit. Wie adelten die warmen, weichen Thränen der Freundſchaft den Seehelden, der ſoeben den glänzendſten Preis männli⸗ cher Kraft und Kühnheit errungen hatte! Sie ſchieden.— Herr von St. Leu begleitete den Ad⸗ miral bis an das Boot. In wenigen Minuten kehrte er jedoch zu dem Oberſten zurück, der in tiefer Bawegung in der Kajüte auf und nieder ging. „Mein Herr,“ ſprach der junge Offizier,„der Admi⸗ ral trägt mir noch einen Gruß an Sie auf. Zugleich läßt — — —— er Ihnen ſagen, daß Sie bis zu Ihrer Abreiſe der Herr ſeiner Wohnung ſind. Sie haben zu befehlen, ob ich Ih⸗ nen Geſellſchaft leiſten ſoll.“ „Wenn Ihnen Ihre Dienſtgeſchäfte Muße laſſen, ſo werden Sie mir der willkommenſte Geſellſchafter ſein.— Ich bin lange nicht in Frankreich geweſen, Sie können mir daher manches Neue erzählen.“ „In wenigen Minuten bin ich ganz zu Ihren Dien⸗ ſten,“ antwortete Herr v. St. Leu;„nur einige Anord⸗ nungen habe ich zu treffen.“ Er ging, kehrte bald zurück und blieb von nun an der Geſellſchafter des Oberſten, der durch ihn in einem Ge⸗ ſpräch, das mehre Stunden währte, über den jetzigen Zu⸗ ſtand Frankreichs die ausführlichſten Nachrichten erhielt. Gegen acht Uhr trafen die Briefe ein, welche der Ad⸗ miral zu ſenden verſprochen hatte. Sie waren an Herrn von St. Leu gerichtet, mit dem Auftrage, die Einlage dem Fremden einzuhändigen. Dies geſchah. Es waren mehre verſiegelte Briefe, unter Anderm aber auch ein offener Zettel folgenden Inhalts: „Theurer Freund! Alles iſt Ihretwegen auf der Bellona beſorgt. Sie finden einen trefflichen Capitain. Nochmals wünſche ich Ihnen alles Gute und Glückliche und die vollſte Erfüllung Ihrer Hoffnungen!“ Herr von St. Leu ließ jetzt das Boot in Bereitſchaft ſetzen; man ſtieg ein und in wenigen Minuten hatte man, ohne angehalten zu werden, die Bellona erreicht. Capitain Durocher, welcher dieſelbe führte, war bereits unterrichtet. Er empfing ſeinen Gaſt mit den Zeichen der größten Ach⸗ tung; dieſer nahm herzlichen Abſchied von ſeinem jungen Begleiter und ließ ſich hierauf durch den Capitain in ſeine neue Wohnung einführen. Kaum hatte er die Kajüte, — — 8— welche er mit dem Führer des Schiffes theilte, betreten, als auch ſchon der laute Ruf, unter dem die Anker aufge⸗ wunden werden, erſchallte. Bald waren ſie gelichtet; die Segel wurden aufgeſpannt, ein friſcher Wind begünſtigte die Abfahrt und in wenigen Minuten theilte die Fregatte ſchon die Fluten und flog im pfeilſchnellen Lauf den heimatlichen Küſten entgegen. Auf kurze Zeit hatte der Capitain ſeinen Gaſt verlaſſen, um die erſten nöthigen Befehle zur Führung des Schiffes zu geben. Jetzt, da es im vollen Segeln war, kehrte er in die Kajüte zu dem Oberſten zurück, der auf dem Sopha am Tiſch ſaß und das Haupt nachdenkend in die Hand geſtützt hatte. „Wir ſind allein, mein Oberſt,“ begann der Capitcain. „Damit Sie ſogleich wiſſen, wie wir zu einander ſtehen, darf ich Ihnen keine Minute lang verhehlen, daß ich von dem Admiral in das Geheimniß Ihres Namens eingeweiht bin. Es ſchien demſelben nothwendig, damit Sie ſich freier an mich wenden könnten, um in Betreff Ihrer Landung in Toulon meinen Rath zu erholen. Denn nur dadurch, daß ich Ihr Verhältniß ganz kenne, bin ich im Stande, Ihnen meine Dienſte ganz anzubieten. Ich bitte Sie nun um Ihr Vertrauen, Oberſt Clermont; ich wünſche nichts ſo dringend, als das Zutrauen, welches mein verehrter Führer mir ſchenkt, gegen Sie zu rechtfertigen!“ „O Capitain,“ rief der Oberſt,„Sie glauben nicht, wie mein Herz bewegt iſt, da ich jetzt endlich wieder unter den Meinigen bin, ſeit funfzehn Jahren wieder meinen Namen höre! Wie ſoll ich Ihnen danken! Ja, Frankreich zählt noch edle, uneigennützige, großmüthige Männer! Wiſſen Sie aber auch, was Sie wagen, wenn Sie einen Geäch⸗ teten in Schutz nehmen?“ — 19— „Höchſtens mein Leben, Oberſt Clermont, wahrſchein⸗ lich aber nur meinen Grad als Capitainz verlieren aber würde ich meine Ehre, wenn ich einem Manne, wie Sie ſind, nicht mit allen Kräften Beiſtand leiſtete, um ſein un⸗ glückliches Schickſal ändern zu helfen.“ „O daß alle Franzoſen gleich Ihnen dächten! Vieles wäre dann anders!— Frankreich iſt nicht glücklich!“ „Laſſen wir das jetzt, lieber Oberſt, beſchäftigen wir uns mit Ihrem Schickſal. In der That, ich kann an eine ſo rohe, grauſame Geſinnung, die durch Ihr Schickſal nicht gerührt würde, gar nicht glauben, kann mir nicht vorſtellen, daß es einen Haß gäbe, der nicht bezwungen da⸗ ſtände vor Ihrem funfzehnjährigen Dulden. Und wären Sie wirklich ſo ſchuldig, wie ein blutiges Geſetz Sie ſpricht, Ihr Geſchick hätte Alles ausgeſöhnt und kein Richter der Erde dürfte Sie noch vor ſeine Schranken fordern. Darum hoffen Sie das Beſte. Man wird den blutigen Befehl, der über Ihrem Haupte ſchwebt, vernichten; Sie werden wieder ein glücklicher Bürger Frankreichs ſein.“ „Ein glücklicher Bürger Frankreichs? Auch wenn ich erkläre, daß ich noch ganz derſelbe bin? Daß ich heut nicht anders denke, als vor funfzehn Jahren?— Nein, Capi⸗ tain, ſo entwürdigt hat mich mein hartes Schickſal noch nicht, daß ich den einzigen Troſt, der mir blieb, als ich Sklavenketten trug, feig hätte ſelbſt zertrümmern ſollen, den Troſt, daß ich ein Opfer ehrenvoller, ruhmwürdiger, vaterländiſcher Geſinnungen war. Nehmen Sie mir dies Gefühl und ich bin vernichtet. Der Gewalt kann ich wei⸗ ichen, ohne Schande; ich kann aus Frankreich verbannt leben, kann ein machtloſer Feind ſein. Aber Gunſt und Gnade von Dem erflehen, oder nur annehmen, dem ich keine Rechte über mich zugeſtehe— Capitain, das darf — 20— ich nicht!— Sie ſchenkten mir Ihr Vertrauen, ich habe Ihnen jetzt das meinige geſchenkt. Sie wiſſen nun, welche Waare Sie am Bord Ihres Schiffes führen.“. „Einen koſtbaren Edelſtein! Reines, unverfälſchtes Gold der Vaterlandsliebe und der Ehre, das wußte ich ſchon zuvor.“ —— Der Oberſt ſchien die Antwort nicht gehört zu haben. Er blickte düſter vor ſich hin.„Ihr Verhältniß, Capitain,“ ſprach er nach einigen Augenblicken des tiefſten Schweigens,„Ihr Verhältniß, wenn Sie einen Reuigen, Geflüchteten nach Frankreich zurückbringen, der die Gnade des jetzigen Königs erfleht, iſt ein anderes, als wenn Sie einen Mann an das franzöſiſche Ufer ſetzen, der es ſo be⸗ tritt, wie er es vor funfzehn Jahren verließ. Ich komme nicht als offener Feind der Bourbons, weil ich nicht die Macht dazu habe; ich wäre wahnſinnig zu nennen, wenn ich dieſe Rolle ſpielen wollte. Ich komme nicht als ein heimlicher Feind, weil es meiner Ehre nicht geziemt, Meu⸗ chelmord oder Verrath zu üben, oder Gift zu miſchen. Ich komme als ein Geächteter, der heimlich den verbotenen Strand des Vaterlandes betreten will, der nicht reuig ſein Schickſal in die Hand Derer zu legen gedenkt, welche die Macht haben, ſondern der eben das Glück, was man ihm raubte, zu erwerben trachtet. Die theuern Seinigen will er wiederſehen und ſie bewegen, mit ihm zugleich die Hei⸗ mat auf ewig zu verlaſſen. Wird er entdeckt, ſo wird ein Verbrecher ergriffen; er würde keine ſeiner Geſinnun⸗ gen verhehlen— und Sie würden ſein Mitſchuldiger ſein! Wiſſen Sie, was es heißt, einen Feind um ſeine Rache betrügen? Man wollte meinen Kopf, ich habe ihn gerettet; ſo raubte man mir wenigſtens die Heimat, zerriß jedes theure Band, welches das Herz an den vaterländiſchen Bo⸗ den feſſelt. Sie laden den ganzen Zorn des Mächtigen — auf ſich, wenn Sie dem Geächteten beiſtehen, der den Blitz des Verderbens von ſich abzuwenden ſucht.— Das beden⸗ ken Sie wohl! Vielleicht haben Sie mich in anderer Ver⸗ muthung an Bord genommen! Ich wußte nicht, daß mein Freund Ihnen mein Geheimniß vertrauen würde; Sie aber wiſſen jetzt und ſind alſo ſchuldig!“ „Vor meinem Bewußtſein nicht, Oberſt Clermont,“ erwiderte Capitain Durocher feurig, aber feſt.„Ihr Han⸗ deln in Frankreich habe ich vor dem Geſetz nicht zu ver⸗ antworten; mein Vertrauen zu Ihnen bürgt mir, daß ich es vor meinem Gewiſſen kann. Wir finden uns öfter in dem Fall, nach einem höhern Geſetz in der Bruſt handeln zu müſſen, welches dem geſchriebenen Befehl widerſpricht. Sie haben ſich mir ganz gezeigt, wie Sie ſind; wol denn, eben ſo ganz nehme ich's auf meine Ehre und mein Ge⸗ wiſſen, die Bitte des Admirals in Betreff Ihrer dennoch zu vollziehen. Sehen Sie hier den falſchen Paß, vermit⸗ telſt deſſen ich Sie als Oberarzt in meine Schiffsliſte ein⸗ tragen kann. Thue ich's, ſo fällt die Verantwortung allein auf den Admiral zurück. Aber ich will meinen Antheil davon tragen und halte es für rühmlich.“ Bei dieſen Worten hielt er das Papier über die Flamme der Lampe und verbrannte es. Der Oberſt drückte ihm ſtumm die Hand. „Ich habe,“ fuhr Capitain Durocher halb ſcherzend fort,„gewiſſermaßen wie Cortez die Flotte verbrannt, in der ich über den Ocean zurückſchiffen könnte. Wir ſind nun einig, Oberſt; ich ſetze Sie jetzt als Oberarzt Bernard in meine Schiffspapiere und mein iſt die Verantwortung, mein aber auch der Ruhm und der Stolz, einem Ehren⸗ manne wie Sie einen kleinen Dienſt erwieſen zu haben!“ Das Auge des Oberſten leuchtete vor Freude.„Frank⸗ 48 reich!“ rief er, indem er die Hand des Capitains feurig ergriff.„Frankreich! Zählſt du noch viel ſolcher Ehren⸗ männer, ſo iſt dein Schickſal geſichert, die Wetter des Verderbens mögen auch noch ſo tief und düſter über dei⸗ nen blühenden Gefilden ſchweben!“ Der Capitain zog die Glocke. Es erſchien ein Schiffs⸗ junge. „Was befiehlt mein Capitain?“ „Eine Flaſche Burgunder!“ Der Knabe brachte die Flaſche und Gläſer. „„Es iſt ein feuriger Landsmann,“ ſprach Capitain Durocher;„erlauben Sie, daß wir auf das Wohl Frank⸗ reichs trinken!“ Sie ſtießen die Gläſer aneinander.„Iuutreic Freiheit! Geſetz!“ Die Männer reichten ſich die Hände; Sie ſpra⸗ chen nicht, aber ihre Herzen beſchworen einen heiligen Bund! Capitain Durocher ſtand auf und ging auf's Deck, um, wie er ſagte, das Betragen ſeiner Frau Bellon zu beobachten. „Hm!“ kam er nach einigen Minuten zurück,„wenn das ſo fort geht, ſind wir morgen Mittag bei guter Zeit in Mahon, wo wir vor Anker gehen. Die Bellona iſt ein raſches, rüſtiges, kriegeriſches Weib; ſie ſchießt durch die Wellen, daß ſie ordentlich furchtſam von der Seite prallen. Ich habe ſelbſt nach dem Log geſehen; wir machen faſt vierzehn Fuß in einer Secunde, das ſind doch gegen drei Seemeilen in der Stunde. Eine ſehr gute Fahrt; faſt ein wenig zu raſch. Doch die Bellona braucht ſich nicht zu fürchten, ſie hat ein vortreffliches Takelwerk und Rippen wie von Stahl und Eiſen.“ „Ich kann mich noch gar nicht überreden!“ rief der Oberſt aus,„daß zwiſchen uns und Frankreich nur noch einige Tage liegen ſollen. Noch ſcheint mir Alles ein Traum. Vor drei Tagen trug ich noch das Sklavengewand zu Belida und übermorgen lhon ſoll ich Frankreichs Erde wiederſehen!“ „Sie vergeſſen die Quarantaine, lieber Oberſt; zu Ma⸗ hon bleiben wir neun Tage. Sonſt müßten wir einund⸗ zwanzig Tage vor Toulon liegen. Ich habe außer Ihnen noch mehr Leute an Bord, die ans Land wollen und müſſen.“ „Und was iſt eigentlich Ihre Miſſion, Capitain?“ „Ich bilde den Convoi für zwei Transportſchiffe mit Verwundeten, Kranken und Geſchützen, die wir zurück⸗ ſenden. Die Verwundeten bleiben in dem Lazareth von Mahon.“ Der Wind hielt ſich friſch, die Bellona durchſchnitt die Wellen mit raſchem Kiel. Bei Tagesanbruch hatte man faſt ſchon die Hälfte des Weges zurückgelegt. Als der Oberſt in ſeiner Hangematte erwachte, ſtand die Sonne ſchon ziemlich hoch. Er ging auf das Deck, wo er den Capitain traf. „Guten Morgen!“ rief ihm dieſer zu.„Hat die Bel⸗ lona Sie gut in Schlaf gewiegt?“ „Vortrefflich. Und unſere Fahrt?“— „Iſt ſo glücklich geblieben, wie ſie begonnen hatte. Wenn Sie's nicht weiter ſagen wollen, denn Sie wiſſen, daß der Capitain den Paſſagieren dergleichen niemals vertraut, ſo will ich Ihnen nur geſtehen, daß ich ſchon Land ſehe. „Wirklich, Land? Wo?“ fragte der Oberſt ſehr bewegt. „Gerade vor uns im Norden, jenes kleine, dämmernde Wölkchen. Aber noch iſt es nicht Frankreichs Boden, ſon⸗ dern nur ein Vorgebirge von Mahon.“ „So iſt es doch europäiſcher Boden, wo Geſetz und hei⸗ lige Sitte herrſchen, wo es keine Sklaven gibt!“ „Wenigſtens tragen nur die Verbrecher Ketten,“ erwi⸗ dert Durocher.„ Der Oberſt blickte wehmüthig hinaus in das Meer, nach dem blauen Wölkchen hin; dann wandte er ſich zurück nach Afrika.„Glauben Sie wol,“ ſprach er,„daß ich 4 3 dennoch mit einiger Rührung von dem Lande ſcheide, wo 3 ich ſo lange ein unausſprechlich ſchweres Schickſal ertrug?“ „Fröhlich, freudig vorwärts!“ rief der Capitain.„Dort⸗ 3 hin blicken Sie, Oberſt. Laſſen Sie das Vergangene ver⸗ gangen ſein. Jetzt beginnt ein neues Leben!“ Und ein friſcher Windſtoß blähte die Segel der Bellona, daß ſie rauſchend vorwärts ſchoß. Funkzehntes Capitel. Eugenie, Betty und Victor hatten auf der Daphne die glücklichſte Ueberfahrt nach Mahon gehabt. Das reizende Eiland ſtieg ſchon am nächſten Vormittage über der hellen, ſilbernen Flut dunkelblau empor und mit dem Strahle der ſinkenden Sonne warf die Fregatte auf der Rhede ihre Anker aus.— Victor hatte ſich auf der Reiſe ſo wohl be⸗ funden, war ſo ſichtlich zu Kräften gekommen, daß man ihn faſt als einen völlig Hergeſtellten betrachten konnte. Da man auf Minorka neun Tage Quarantaine halten mußte, um in Toulon ungehindert ans Land ſteigen zu können, ſo kam dieſe Zeit ihm auf das beſte zu ſtatten, um vollends zu — 25— geſunden. Es gibt freilich insgemein keinen langweiligern und verdrießlichern Aufenthalt, als den im Qarantainege⸗ bäude; allein diesmal war er für Victor eine Zeit wahr⸗ haft paradieſiſcher Muße. Noch am Abend ihrer Ankunft ließ Capitain St. Clair, Victors genauer Freund, die drei Reiſenden durch ein Boot nach dem Quarantainegebäude hinüberführen; dort fand ihre Aufnahme keine Schwierig⸗ keit. Die Frauen bezogen ein Gemach mit einander, Victor wohnte auf demſelben Corridor ihnen gegenüber; den Gar⸗ ten, der, obgleich nicht groß, doch reizend am Meere gele⸗ gen war, benutzten alle geſunden Bewohner des Hauſes, die auf einem Schiffe mit gutem Geſundheitszeugniß an⸗ gelangt waren, zum gemeinſchaftlichen Spaziergange. Den⸗ noch war er nicht ſehr beſucht, weil kaum zehn Bewohner dieſer Klaſſe ſich im Quarantaingebäude befanden. Da⸗ her fehlte es an einſamen, traulichen Plätzen nicht, wo Eugenie und Victor das Glück ihrer reinen Liebe genoſſen und überſchwenglich ſüße Stunden mit einander zubrachten. Es war fortgeſetzt Victors Geſchäft, ſeine Geliebte in ihrer Mutterſprache zu unterrichten, ſie mit dem Gebrauch von tauſend europäiſchen Kleinigkeiten, die ihre Neugier, ihr Erſtaunen erregten, bekannt zu machen. So verſtrichen den Zärtlichen die Stunden wie Minuten und faſt mit Bedauern ſahen ſie die ruhige Zeit des gegenſeitigen Ge⸗ nießens enden. Die Frauen hatten dieſe Friſt auch benutzt, um ſich mit ſo Manchem auszuſtatten, deſſen ſie in Europa unumgänglich nö⸗ thig bedurften, wenn gleich in Afrika freilich alle Dinge dieſer Art Eugenien unbekannt geblieben waren und Betty gelernt hatte, ſie zu entbehren. Mit liebenswürdiger Beſchämung legte die holde Eugenie die europäiſche Tracht an; ſie erſchien ſich darin ſo fremd, ſo ſeltſam, daß ſie fortwährend wähnte, Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. II. 2 wißheit zurückgekehrt wäre. — 26— auch jedem Andern müſſe ſie den Eindruck machen. Mit glücklichem Sinn und Geſchick wußte ſie jedoch die fremde Sitte der Natur näher zu bringen, und ſo verlieh ihr die europäiſche Kleidung, von deren ſtrenger Vorſchrift ſie ab⸗ wich, wo ſie dieſelbe zu wunderlich fand, neue Anmuth, neue Reize. Am fünften Tage ihres Aufenthalts zu Mahon zeigte ſich Herr von St. Clair am Sprachgitter und ließ Victor zu ſich rufen. „Kommſt Du ſchon Abſchied zu nehmen, liebſter Freund?“ rief ihm dieſer entgegen.„Oder bringſt Du uns ſonſt etwas Gutes?“ „Beides,“ entgegnete der Gefragte,„doch den Abſchied laſſen wir einſtweilen. So eben iſt die Brigg la Belle⸗ Gabriele hier eingetroffen. Sie bringt eine Menge von Briefen mit, die nach Algier beſtimmt ſind. Da im Laza⸗ reth wie im Schiff Leute genug befindlich ſind, an die ſie gerichtet ſein dürften, ſo ließ ich mir das Verzeichniß geben. Unter denen, die wir zurückbehalten, um ſie hier zu ver⸗ theilen, iſt auch einer, bei dem es auf Dich ankommt, ob Du es auf Dich nehmen magſt, ihn hier zu öffnen. Er iſt an Eduard von Clermont gerichtet!“ „O gib!— Zwar weiß ich nicht, ob ich ihn öffnen ſoll. Dooch hätte ich um Vieles gern Nachricht aus Toulon.“ Der Capitain öffnete ſein Portefeuille, um den Brief herauszunehmen; Victors Verhältniß zu Eugenien war ihm, als einem vertrauten Freunde, mitgetheilt worden, wiewol Niemand ſonſt es kannte, indem man es noch geheim zu halten wünſchte, damit nicht etwa ein Gerücht die Mutter zu Toulon früher unterrichte, als ihre Tochter ihr mit Ge⸗ Victor empfing den Brief durch das Gitter. Als er 4 8 8—9———ãI: — 27— die Aufſchrift ſah, überflog das Roth der Freude und Ueberraſchung ſein Antlitz. 3 „Ja, ich täuſche mich nicht!“ rief er aus,„es iſt Adolphs, meines Bruders Handſchrift! O Gott, ſo iſt er denn ge⸗ rettet! Es kann nicht anders ſein! Jetzt muß ich den Brief öffnen!“ Haſtig riß er den Umſchlag herunter und durchflog das Papier, während er vor Freude bebte! „Gütiger Vater im Himmel! Dank! Dank dir, für deine wunderbaren Fügungen. St. Clair! Mein Bruder iſt gerettet! Höre, was er ſchreibt!“ „„Theurer Eduard! Obgleich erſt geſtern Briefe an Dich abgegangen ſind, ſo muß ich Dir dennoch gleich ſchreiben, um Dich über ſo Manches zu beruhigen! Daß wir Schiffbruch gelitten, weißt Du. Die Mannſchaft wurde gerettet. Aber von den Beduinen ſind verrätheriſcher Weiſe Viele gemordet worden. Ich ſelbſt rettete mich auf die wun⸗ derbarſte Weiſe. Viele Tage irrte ich mit einigen wackern Gefährten umher. Ich verlor ſie alle, auch unſern treuen Jean!““— Victor hielt einen Augenblick inne, ſchüttelte ſchmerzlich lächeSlnd das Haupt und ſprach leiſe:„Fahr' wohl!“—„„Es war eine traurige Zeit. Endlich erreichte ich die Küſte, fand einen Nachen, gewann damit das Dampfſchiff Sphinx, welches ſo eben die Nachricht von der Landung des Heeres in Afrika nach Frankreich brachte, und gelangte ſo nach Toulon. Leontine lag bald in mei⸗ nen Armen! Die Unglückliche hatte mich für todt gehalten Und jetzt ſind wir ſo glücklich, ſo ſelig! Nur Eins beun⸗ ruhigt mich noch. Victor lebt zwar, aber er iſt verwun⸗ det und weilt unter den wilden Horden der Beduinen. Wer dieſes verrätheriſche Volk kennen gelernt hat, weiß, daß dort trotz aller Schwüre und Bürgſchaften keine Sicher⸗ 2* heit zu finden iſt. Wenn Du es möglich machen kannſt, ihn zu erlöſen, ihn zu befreundeten Landsleuten zu brin⸗ gen, ſo beſchwöre ich Dich, thue es ja, mein Bruder! Du weißt, wie unſer Aller Herz an ihm hängt;— aber nicht das Deinige auch? Ich brauche Dich nur zu benachrichti⸗ gen, nicht anzutreiben.“““ „O Du guter, lieber Bruder!“ rief Victor aus.„Wüß⸗ teſt Du, wie nahe wir einander waren in jener Höhle!“ „„Dieſen Abend reiſe ich mit der Mutter und Leonti⸗ nen nach Paris. Ich bin in Dienſtgeſchäften dorthin ver⸗ ſetzt, die Mutter hat Vermögensangelegenheiten mit Deinem Oheim Deſormery dort zu ordnen. Schreibe uns alſo gleich nach Paris, lieber Bruder!““ Victor wollte den Brief ſchon wieder zuſammenlegen, als er einen Blick auf den Rand deſſelben warf und rief: „Hier ſind noch Zeilen von Leontinen!“ „„Theurer Bruder! Einige Worte muß Deine über⸗ glückliche Schweſter Dir doch auch ſchreiben, obwol die Reiſe ihr nur wenige Augenblicke gönnt. O Gott, welche Wunder hat mein Herz erlebt, welche Wechſel der tiefſten Schmerzen und des höchſten Entzückens!— Die arme Tony iſt todt! O Bruder, ſie hatte ein Herz und eine Seele ſo warm, ſo rein, ſo liebend!— Bald ſage ich Dir mehr. Die Mutter grüßt Dich tauſendmal.““ „Gibt es glücklichere Menſchen als wir ſind?“ r Victor von Freude bewegt aus;„mir wird faſt bang bei all dem Guten, das uns erblüht!“ „Du haſt nicht ganz unrecht,“ entgegnete St. Clair; „bei ſehr ſchönem Wetter muß man auf einen Umſchlag gefaßt ſein. Indeſſen geht man ja auch im ſchlimmſten Sturme noch nicht immer zu Grunde. Alſo muthig vor⸗ wärts!— Nun auch zu meinem Abſchiede. Heut Abend 1 4 8 9—8 S’ ᷣ — 29— gehe ich wieder in See. Geſtern iſt aber eine Handels⸗ brigg aus Cette hier angekommen, mit Der Du vortrefflich nach Frankreich kommen kannſt. Da jetzt Frau von Cler⸗ mont nicht in Toulon iſt, ſo iſt es Dir vielleicht nicht eben wichtig, daß Du die Reiſe gerade über dieſen Hafen machſt. Du kannſt von Cette aus ja eben ſo gut nach Paris gehen. Willſt Du, ſo rede ich mit dem Capitain. Er hat ein hübſches Fahrzeug, eine gute Kajüte für die Damen, und Du wirſt ja wol als Seemann nicht allzu genau auf Dein Nachtlager ſehen!“ „Wahrlich nicht, liebſter Freund! Ich bitte Dich, dinge uns Plätze. Sogleich will ich diepewan benachrich⸗ tigen.“ Vaet „Gut. So bin ich in wenigen Minuten wieder hier, denn der Capitain ſitzt nicht zweihundert Schritt von, hier bei einem Limonadier.“ 8 St. Clair ging. Victor benachrichtigte die Frauen⸗⸗ und theilte ihnen Adolphs Brief mit, der neue Freude erregte, wiewol Victor ſich durch die Nachricht von dem Tode Jeans und Tony's ſchmerzlich bewegt fühlte. Er ſetzte ſich nieder, ſchrieb einige Zeilen an Eduard, denen Eugenie mit ungewohnter Hand— ſie übte ſich aber fleißig — einige franzöſiſche Worte an den Bruder hinzufügte; dann verſiegelte er den Brief auf's neue, um ihn mit der weiter ſegelnden Belle⸗Gabriele zur algieriſchen Armee zu befördern. Kaum hatte er das kleine Geſchäft vollendet, als St. Clair wieder am Sprachgitter erſchien. Er hatte Plätze auf der Brigg beſorgt, nahm Adolph's Brief zur Beſorgung zu ſich, und ſchied hierauf von Victor wie von den Frauen, indem man ſich gegenſeitig die herzlichſten Wünſche auf den Weg gab. — 30— Die nächſten vier Tage verfloſſen raſch; am Morgen⸗ des fünften erſchienen zwei Matroſen, die das Gepäck der Reiſenden abholten und in einer Stunde befanden auch dieſe ſich am Bord des kleinen, aber wohlgebauten und gut eingerichteten Fahrzeuges, um nach Frankreich abzuſegeln. Victor wurde durch den Namen deſſelben ſanft ſchmerzlich bewegt. Es hieß la Petite⸗Antoniette. Auf's neue theilten ſie nun die Wogen, welche ſie der Heimat näher und näher führten. Zwei Tage und zwei Nächte dauerte die Fahrt. Am Morgen des dritten Tages ſahen ſie die franzöſiſche Küſte deutlich vor ſich liegen.— Victor war zuerſt auf dem Deck geweſen. Mit einer Em⸗ pfindung, wie noch niemals, betrachtete er die Ufer ſeines Vaterlandes. Schon ſo oft war er von weiten Seereiſen heimgekehrt und der Anblick der vaterländiſchen Küſte nach langer Entbehrung, war ihm jedesmal bewegend ge⸗ weſen, die Gewohnheit des Scheidens hatte ihm nichts von der ſüßen Freude des Wiederſehens geraubt; aber mit ſo warmer Liebe und Anhänglichkeit als heute, hatte er ſein Vaterland noch niemals begrüßt. Allein war es ihm jetzt nicht auch theurer geworden? Schon Leontine, ſchon Eduard gaben der Heimat dadurch, daß auch ſie ihr angehörten, einen höhern Werth; jetzt aber ſah er in ihr auch die Ge⸗ burtsſtätte eines ihm unendlich theuern Weſens und be⸗ trachtete ſie heute als das unſchätzbare Geſchenk, welches er der Geliebten zum Angebinde geben wollte. Denn, ſo wie er ſich durch ſie gerettet fühlte und ihr mit gerührter Freude die holde Gabe des Lebens dankte, ſo fühlte er doch auch in ſeiner Bruſt die Berechtigung, ſich als ihren Retter zu betrachten, fühlte, daß auch er, wenn ſie die Heimat ihrer Jugend erreichte, einigen Dank ihres Herzens ver⸗ diene.— Am meiſten aber erhob ſich ſeine reine Seele zu —— 88˙— — 31— dem Lenker und Schöpfer alles Guten, deſſen wunderbare Fügung der Geſchicke er mit heiliger Ehrfurcht dankend er⸗ kannte. Eine holde Stimme rief ihm den frohen Gruß eines guten Morgens zu. Es war Eugenie, welche ſoeben auf das Deck trat und den Freund mit noch ungeübter Zunge in der heimatlichen Sprache anredete. Er wendete ſich ſchnell zu ihr um, zog ſie ſanft zu ſich, legte den Arm um ihren Nacken und, indem ſie kindlich, unſchuldvoll zu ihm hinaufſah, ſprach er mit bewegter Stimme: „Nicht zu mir auf, dorthin über's Meeer wende den Blick, Eugenie! Siehſt Du jenen blauen Streifen? Das iſt Frankreich, das iſt das ſchöne Frankreich, Deine Heimat!“ „O Gott!“ rief das bewegte Mädchen, indem ſie dank⸗ bar die Hände faltete,„alſo dort mein Vaterland, dort meine Muter!“ Das Schiff ſchwebte ſanft über die Wellen dahin, dem ſchönen Ziel entgegen. Auch Betty trat jetzt auf das Deck und ſah, was das Herz ihrer Tochter ſo mächtig bewegte. Auch ſie fühlte ſich tief erſchüttert und ihre weiche, von der rauhen Hand des Schickſals grauſam gebrochene, ſchwer verwundete Seele blutete an tauſend ſchmerzlichen Erinnerungen. Ach, ihre Heimat war noch fern und kaum wagte ſie daran zu den⸗ ken, dorthin zurückzukehren. Denn zwiſchen ihrem Schei⸗ den und ihrer Wiederkehr lag eine zu große Kluft der Jahre. Als ein blühendes Mädchen war ſie ausgewandert; als alternde Frau kehrte ſie zurück. Gerade in der Zeit des Lebens, wo ſich alle Bande zärtlich knüpfen, wo das Herz noch jung und vertrauend, die Seele ſchon gereift ge⸗ nug iſt, um die ſchönen Gaben der wechſelſeitigen Liebe und Freundſchaft zu empfangen und zu würdigen, gerade — 32— da hatte ihr trauriges Geſchick mit furchtbarer Strenge Alles zerriſſen, was ſie an die Welt und an das Leben feſſelte.— Dich werden ſie Alle vergeſſen haben, dachte ſie, aber du haſt Niemand vergeſſen! Du biſt eine längſt dem Gedächtniß entſchwundene Todte; über die Gruft der Erinnerung an dich ſind längſt Blumen der Freude ge⸗ wachſen. Sie haben dich vor langen Jahren vielleicht be— weint und bedauert, jetzt aber denkt deiner Niemand mehr! Dein Bild iſt aus ihrem Herzen verwiſcht; es gleicht einer verwitterten Grabſchrift. Man weiß, es ruht ein Todter dort unten, aber Niemand kennt ihn mehr. Du biſt Kei⸗ nem zu ſeinem Glücke nöthig, vielleicht nicht einmal den alten Aeltern— wenn ſie noch leben. Alles hat ſich von dir entwöhnt, doch du kehrſt wieder mit demſelben Her⸗ zen wie damals, du weißt, was du verlaſſen haſt und findeſt Alles verändert oder todt! Wer weiß, ob du nicht Vielen als eine Fremde gar läſtig ſein wirſt, wer weiß, ob die Genoſſen deiner Jugend dich nicht jetzt zurückweiſen, wenn du an die Pforte ihres Herzens klopfſt! Solche Gedanken bewegten Betty's Bruſt. Sie ſtand bekümmert mit weinenden Augen und blickte hinaus in das Meer. Eungenie ſchien ſie zu errathen.„O meine theure Mutter!“ rief ſie,„dieſes Land dort darf uns nicht trennen, Du darfſt Deine Tochter nicht verlaſſen! Lieber möchte ich niemals in die unbekannte Heimat zurückkehren, als daß ich Dich verlaſſen ſollte!“ Betty ſchloß das liebende Kind, an dem ihre ganze Seele hing, heftig an die Bruſt. Beide weinten; ob Thrä⸗ nen der Freude oder des Schmerzes, wer möchte es be⸗ ſtimmen? Doch in Betty's Bruſt wurden die Ahnungen und Gefühle nicht heitrer. Auf ihrer Stirn ſchwebte eine trübe — 33— Wolke, ihr ſanftes, wehmüthiges Lächeln zeigte an, daß ihre Seele ſtill dulde und leide. Zu tief hatte das Schwert/ des Schickſals in die Lebensfäden ihres Glückes geſchtütten. Jetzt, da die Mittel der Heilung, die ſie ſo lange entbehrt hatte, ihr geboten waren, fühlte ſie, daß ſie nicht mehr wirkten, daß es zu ſpät ſei. Ihr Blick erhob ſich über dieſe Erde hinaus; an die glücklichen Stexne des Jenſeits heftete ſie ihr Auge. Von dort. bher erff Frtete ſie für die todeswunde, ermattete Bruſt den heiken Zalſam, den die Erde nicht mehr für ſie zu tragkft ſchſent 1 Immer näher rückte das beae hh de Bild der Küſte. Aus einer grauen, nebligen, verſchwimmenden Maſſe war es jetzt ſchon einer Zeichnung auf dunklem Grunde ähnlich geworden, wo man ſcharfe Umriſſe, dunklere Theilungsli⸗ nien entdeckt. Bald wurde aus dem grau in grau gezeich⸗ neten Bilde ein mit leiſen Farben angehauchtes. Immer heller traten dieſe hervor, ſonderten ſich immer deutlicher; jetzt ſchimmerten ſie ſchon glänzend im Strahl der Mittags⸗ ſonne. Nun war man mit der waldigen Spitze eines Vor⸗ gebirges auf gleicher Höhe und das Schiff wurde von den weit ausgeſtreckten Armen der Bucht umfangen. Die Ort⸗ ſchaften glänzten hell wie Marmorbrüche auf dem dunklen Grunde der Wälder und Fluren, Bäͤche zogen ſich wie Silberfäden durch das grüne Gebiet der Auen und die Straßen ſchlängelten ſich in deutlichen Streifen am Abhang hinauf. Ein dichter Wald von Maſten vergitterte die Ge⸗ bäude am Hafen; die Wimpel der zahlreichen Schiffe, die in demſelben und auf der Rhede vor Anker lagen, flatter⸗ ten farbig in dem reinen Aether. Kleine Segelboote zo⸗ gen wie Schwäne durch die blaue, ruhig ſich hebende und ſinkende Flut.— Die begrüßenden Schüſſe ertönten am Bord des Fahrzeuges; das Wachtſchiff vor dem Hafenthore 2 ᷣ K — 34— erwiderte den Gruß. Mit vollen Segeln lief die Brigg ein— und in wenigen Minuten ſtanden die Heimkehren⸗ den auf dem glücklichen, geſegneten Boden Frankreichs. Sechzehntes Capitel. Es war ſchon ganz dunkel geworden, als der Wagen, welcher Frau von Clermont, Leontinen und Adolph nach Paris führte, die Barriere der ungeheuern Hauptſtadt er⸗ reichte. Er rollte jetzt durch die engen, von hohen Häuſern ummauerten Gaſſen dahin. Das faackernde, unſichere Licht der Straßenlaternen warf ſeinen bald hellen, bald düſtern Schein zwiſchen die Reiſenden; ein verworrenes Gebrauſe von Stimmen ſchallte an ihr Ohr; Wagen raſſelten vorü⸗ ber, Reiter, Fußgänger drängten ſich an ihnen vorbei; der Boulevard, über den ſie hinwegfuhren, wimmelte noch von Spaziergängern, welche die warme Juniusnacht durchſchwär⸗ men zu wollen ſchienen; die hell erleuchteten Kaffeehäuſer und glänzend aufgeputzten Läden waren noch mit Beſuchen⸗ den gefüllt; das Leben ſchien erſt jetzt recht zu erwachen. Leontine war noch niemals in der Hauptſtadt geweſen; ſie brachte das natürliche Gefühl Derjenigen, die nur in der Ferne von dem Reichthum, der Größe, den Wundern der⸗ ſelben gehört haben, mit, welches das Große vergrößert, das Schöne verſchönert. Alles glaubt man, müſſe hier be⸗ deutender, würdiger ſein; das Fremdartige nimmt den Schein des Wichtigen, Geheimnißvollen an. Weil man ein — 35— großes Leben im Ganzen ſich bewegen ſieht, glaubt man auch, in der Bruſt jedes Einzelnen müſſe der Geiſt ſich größer geſtalten und heben. Mit einer gewiſſen Aengſtlich⸗ keit, ja mit Demuth, betrachtet Der, welcher aus der entle⸗ genen Provinz kommt, den Bewohner der Hauptſtadt und erſcheint ſich gegen ihn gering, nur weil Jener mit einer Menge von Eindrücken vertraut iſt, welche Dieſen noch überraſchen. Erſt ein gewiſſer Zeitraum vermag es, den Schleier zu heben und uns den leeren Raum zu zeigen, der ſich meiſt hinter dem Schein verbirgt. Es ergeht uns dann wie Denjenigen, die zuerſt in die Geſellſchaft der ſo⸗ genannten Großen dieſer Erde treten. Weil alle äußerli⸗ chen Sitten derſelben geſchliffen ſind, weil ſich Alles in zierliche Formen geſtaltet und der Geiſt mit einer gewiſſen Sicherheit und Gewandtheit ſich an dem Bedeutendſten eben ſo ohne Erſtaunen hin bewegt, wie er über die Klei⸗ nigkeiten des Lebens ſich ſorglos verbreitet, deshalb glaubt der Neuling nur zu leicht, das Bedeutende ſei gering ge⸗ gen die reiche Kraft und das vielfache Umfaſſen des Gei⸗ ſtes auf den Gipfeln des Lebens ſtehender Menſchen. Allein wie ſchnell wird er erkennen, daß das Große von Jenen nur deshalb ſo leicht und gewiſſermaßen unbefangen aufgefaßt wird, weil der Spiegel ihrer kleinen Seele nur den geringſten Theil davon zurückwirft; daß ſie über keine Höhe erſtaunen, vor keiner Tiefe ſchwindeln, weil ihr blödes Auge gar kein Maß dafür ahnet und der Flug der Fle⸗ dermaus und des Adlers ihnen, wie dem Maulwurf in der Fabel, gleich unermeßlich hoch, oder gleich geringfügig er⸗ ſcheint, indem ſie beide nur noch bis zu der Höhe gemei⸗ ner Bäume mit dem Auge verfolgen können. Auf jeden Menſchen muß aber eine Zeit lang dieſer Schein der Größe, der Erhabenheit wirken und wohlthä⸗ — 36— thig wirken; denn er regt die Seele des tieferen Menſchen zu wirklich großen Gedanken, Empfindungen und Ent⸗ ſchlüſſen an. 3 Aehnlich erging es Leontinen, als ſie an der Seite ih⸗ rer Mutter durch die Straßen der ungeheuern, volkdurch⸗ brauſten Stadt dahinrollte. Da ihre edle, nach bedeuten⸗ den Erſcheinungen des Lebens hinſtrebende Seele durch Alles, was ſie um ſich her ſah, ſo plötzlich angeregt, geho⸗ ben und doch wieder demüthigend herabgedrückt wurde, wie groß mußten ihr alle Diejenigen erſcheinen, die täglich die⸗ ſes vielbewegte Lebensbild in ſich aufnahmen und ſich da⸗ ran veredelt und geſtärkt hatten! Das Gedächtniß des aufblühenden Mädchens war voll großer Namen; denn die Geſchichte ihres Vaterlandes, ſowie das tägliche Fortbauen derſelben in der lebendigen Gegen⸗ wart, zog auch die Jungfrau mächtig an. Sie las mit Eifer die Blätter des Tages. Sie fühlte, daß dort der Kampfplatz war, wo der Geiſt für das Geſchick Frank⸗ reichs und ſeiner Bewohner die leuchtenden Waffen führte. Der langjährige Friede hatte die Bilder der Helden, die auf den Schlachtfeldern ihr Denkmal des Ruhms erbaut hatten, aus der nächſten Vorſtellung zurückgedrängt. Aber die täglich durch ganz Frankreich widerhallenden Namen jener großen Helden der Rednerbühne, die mit den Waffen des Gedankens für den Gedanken fochten, klangen auch in ihrer weiblichen, aber feurigen Seele wider. Mit ihnen beſchäftigt, blickte ſie in das ſich an ihr vorbeidrängende und treibende Gewühl der Menſchen hinaus. Sah ſie im flüch⸗ tigen Schein der glänzend erleuchteten Spiegelſcheiben eines reichen Kaufgewölbes einen Greis mit gebleichtem Haar, von kleiner Geſtalt vorübergehen, aus deſſen hellen Augen und ſprechenden Zügen aber der Geiſt ſie lebhaft anſchaute, ſo dachte ſie mit hHanger Beklommelcheit„Sollte das viel⸗ 3 leicht Benjamin Conſtant ſein?“ Oder zeigte ihr der, flüchtige Schimmer des Laternenlichts eine Geſtalt von hohem Wuchs, und Züge, in denen man den edeln Muth des Helden und des Bürgers erkannte, ſo pochte ihr Herz, denn es konnte ja Lafayette ſein!— Jener würdige, biedere, auf der Grenze zwiſchen dem Alter des Mannes und des Greiſes ſtehende Mann, der ſo geiſtvoll umherblickt, woährend er zutraulich ernſt mit ſeinem jüngern Begleiter ſpricht— wäre er Royer Collard? „So in ernſte Betrachtungen verſunken, meine Leon⸗ tine?“ fragte Adolph, indem er ihre Hand ergriff und ſie 4 mit warmer Herzlichkeit anblickte. Loeontine lächelte.„Ich dachte und träumte ſo man⸗ cherlei Thörichtes, lieber Freund. Du wirſt das Mädchen, das Dir ihre Gedanken geſteht, vielleicht lächelnd verſpot⸗ Feen. In meiner Vorſtellung ſchweben jetzt nur die Geſtal⸗ ten aller der großen Männer, die hier in der Hauptſtadt weiden und von hier aus das Geſchick des Vaterlandes, vielleicht Europas, abwägen und leiten. Wo ich nur einen 1 Greis einen alten Mann mit bedenung ollen Zügen, 4 I einen hejahrten Krieger raſch beim Schimmer des Lampen⸗ Nichts an dem Wagen vorübergleiten ſehe, bilde ich mir ein, irgend einen Helden der Rednerbühne oder des Schlachtfel⸗ ddes zu erkennen. 44 „Ich werde Dich gewiß nicht verſpotten, meine beſte Leontine,“ entgegnete Adolph;„ſprichſt Du doch ganz mein Gefühl aus, als ich zum Erſtenmal dieſe Hauptſtadt betrat. Jeden, der mir begegnete und mir als ein Mann von geiſtvoller Bildung erſchien, verglich ich mit dem Bilde, das ich mir von irgend einem berühmten Mitbürger innerlich entworfen hatte, und in Jedem überredete ich mich einen — 38— derſelben anzutreffen. Ja bisweilen ſteigerte ich den Wunſch faſt eigenſinnig bis zu einem feſten Glauben und nicht ſel⸗ ten bin ich einem vielleicht ganz Unbedeutenden lange leiſe und unbemerkt nachgeſchritten, nur von dem Gedanken voll, er ſei etwa General Foy, oder Manuel, oder Chateau⸗ briand.“ In der engen Straße hatten ſich mehre Wagen ineinan⸗ der verfahren; man mußte eine Zeit lang ſtill halten, bis der verwickelte Knäuel des Gedränges gelöſt ſein würde. „In mir bewegen ſich andere Gefühle und Gedanken,“ entgegnete Frau von Clermont mit einem leiſen, halb un⸗ terdrückten Seufzer.„Mächtig treten die Bilder der Erin⸗ nerung auch in mir hervor, aber leider führen ſie meiſt nur Schattengeſtalten vor meine Seele.— Wie viele der gro⸗ ßen Männer, die ich noch gekannt, deren Ruhm ich wachſen ſah, ſind dahin! Als ich zum letzten Male in Paris war, weilte ich ich hier noch an der Seite Deines Vaters. Täg⸗ lich ſah ich damals noch jene großen Helden aus der Zeit der Freiheit und des Ruhms! Viele haben den Tod auf dem Schlachtfelde gefunden, viele ſind ſpäter, ſchon in Vergeſſenheit bei der flüchtigen, undankbaren Nachwelt, ein⸗ zeln dahingegangen und man hat ihr Scheiden vom Le⸗ ben kaum bemerkt. Ja nach etlichen Monden fragte man ſich wol, ob ſie noch lebten oder ſchon begraben ſeien; ſo gleichgültig wird der Menſch ſelbſt gegen Die, denen er einſt mit voller Begeiſterung der Seele anhing.— Auch den Kaiſer ſah ich zuletzt noch hier, als er eine große Heerſchau auf dem Marsfelde hielt. Damals empfand ich es, was ein Mann vermag. Es waren mehr denn funßzigtauſend Mann beiſammen, unter ihnen die tapferſten Führer und der Kern aller ſieggewohnten Krieger Frankreichs. Dennoch, das glaubt mir, Niemand dachte oder ſprach:„Dies Heer — 39— iſt die Macht Frankreichs!“ Der Kaiſer war es, der kleine, unſcheinbare Mann, im grauen Ueberrock, der nachläſſig auf dem arabiſchen Pferde ſaß, deſſen Adlerblick aber wie ein zündender Blitzſtrahl durch die Legionen drang und den Muth ihrer Bruſt begeiſternd entflammte. Glaubt mir, meine Kinder, hätte man damals, ſo nöthig dem Vater⸗ lande tapfre Arme waren, ſechs ſolcher Heere auf der einen Seite in die Wage des Kriegsglücks legen können, auf der andern aber den Kaiſer, Frankreichs Söhne würden jauch⸗ zend gerufen haben, nehmt Eure Heere, aber gebt uns un⸗ ſern Kaiſer! Denn ſein Gedanke war einer Welt in Waffen gleich zu achten!“ „Und doch muß Frankreich ſich jetzt glücklicher nennen,“ ſprach Adolph mit beſcheidenem Ton, aber mit dem Aus⸗ druck der feſten Ueberzeugung. „Ich gebe es zu; er aber legte den Grund, auf dem allein Frankreichs Glück gedeihen konnte. Unter ſeinen Königen war es entartet, verſunken in Schmach und Schande. Das Verbrechen galt für Ruhm, die Tugend war zur verſpottenden Thörin herabgewürdigt. Da kehrte plötzlich das urſprüngliche Bewußtſein dem Menſchen zurück; er richtete ſich auf in ſeiner Kraft und empörte ſich gegen Alles, was zu ſeiner Unterdrückung beigetragen hatte. Er bedurfte einer ganz neu geſchaffnen Welt, um darin ath⸗ men zu können. Das alte Band, was die Gemeinſamkeit Aller erhielt, war zerriſſen; Jeder war nur auf ſich ſelbſt angewieſen. Das war die Revolution! Der Kühnſte, der Verwegenſte, endlich der Frechſte, war Der, dem die Herr⸗ ſchaft zufallen mußte; denn die Guten erbebten. Es gab kein Geſetz mehr, denn jeder Einzelne gab Geſetze. Was hätte dieſe zerſprengten Völkermaſſen je wieder verbinden können, wenn es nicht der mächtige Wille eines Einzelnen — 40— geweſen wäre? Die Freiheit war zur Willkür entartet; die Gewalt mußte ſie jetzt feſſeln, bis ſie zum Gebrauch ihrer Kraft herangewachſen wäre. O, dankt dem Schöpfer, daß er Euch einen ſolchen Rieſen geſandt hat, der den tobenden Sturm zu bändigen vermochte! Das Gebäude der menſchli⸗ chen Geſellſchaft war zertümmert; es mußte Einer zuerſt den Bau eines neuen gewaltſam erzwingen, daß wir den Schrecken der Naturkräfte nicht preisgegeben blieben. Dann erſt, als die Sicherheit des Obdachs errungen war, konnte die Zeit kommen, wo wir für die Bequemlichkeit der Wohnung Sorge tragen durften.“ „Gewiß haben Sie recht, beſte Mutter,“ entgegnete Adolph.„Man darf nur, wie ich als Seemann öfters, in Südamerika geweſen ſein, um ſich zu überzeugen, daß die Freiheit, die ſich ihre Bahn gewaltſam brechen mußte, als⸗ dann der Gewalt eines feſten Einzelnwillens bedarf, um in das richtige Bett geleitet zu werden, von welchem aus ihr ſegensreicher Strom die Fluren, die er durchwallt, zu er⸗ quicken und zu befruchten vermag. Die zerſtreuten Kräfte verſammeln ſich nicht; jede zerſchlägt ſich ſpröde an der an⸗ dern. Was Dieſer baut, zertrümmert Jener, wo kaum ge⸗ ſäet werden kann, verlangt man ſchon zu ärnten. Da be⸗ darf es einer Kraft, der Alle vertrauen; aber dieſe muß ſo überwiegend groß ſein, daß ſie die andern alle aufwiegt. Wäre Bolivar ein Napoleon an Kraft des Geiſtes, ſo würde ſein Vaterland nicht ſo zerriſſen werden von den Stürmen, ſo zerwühlt von den Fluten, die, gebändigt und geleitet, es zu dem glücklichſten, Lande der Welt machen könnten.“ „Darum,“ ſetzte Leontine beſcheiden hinzu,„ſcheint es mir, ſollten gute, weiſe Fürſten den gefährlichen Strom zeitig, allmälig in die Bahn leiten, die er ſich früher oder — 41— ſpäter doch ſelbſt mit unbeſiegbarer Kraft bricht; dann frei⸗ lich ſtrömt er über ſein Ufer und verheert die Länder, die er ſegnen könnte!“ Unter dieſem Geſpräch, das ſich während des Haltens und des ganz langſamen Vorrückens in der geſperrten Straße lebhaft fortgeſponnen hatte, war man bis an den Pont neuf gekommen. Jenſeit der Seine, in der Straße Montmartre befand ſich das Hötel, wo Frau von Clermont ihre Wohnung nahm. Dicht neben derſelben lag das Haus ihres Oheims, des Herrn von Deſormery, in gewiſſer Hinſicht der Vor⸗ mund Leontinens und ihres Bruders, da er einen Theil ihres Vermögens, welches in Paris angelegt und nicht leicht anders zu verwenden war, verwaltet hatte. Jetzt war ein Zeitpunkt eingetreten, wo die Kapitalien großentheils frei wurden und über die fernere Beſtimmung derſelben ein Entſchluß gefaßt werden mußte. Da Eduard ſeiner Volljährigkeit nahe war, Leontine ſich verbinden wollte, wünſchte die Mutter, denſelben dieſen Theil ihres künftigen Beſitzes einhändigen zu können, und deshalb war ihr eine mündliche Beſprechung mit dem bisherigen Verwalter dieſer Kapitalien ſehr wichtig. Der Wunſch, zugleich ihn als einen nahen Verwandten wiederzuſehen und ſeine Familie kennen zu lernen, hatte ſie beſtimmt, den längſt gehegten Entſchluß, eine Reiſe nach Paris zu machen, ſo ſchnell aus⸗ zuführen. Herr von Deſormery war von ihrer Ankunft benach⸗ richtigt, hatte ihr eine Wohnung dicht neben der ſeinigen einrichten und ihr die Nachricht deshalb auf einer der letz⸗ ten Stationen vor Paris zukommen laſſen. Kaum hielt daher der Wagen vor dem Hauſe, als auch ſchon die Diener des Hötels und Herr von Deſormery mit — 42ñ— ſeinen Töchtern ſich zum Empfang der Reiſenden an dem⸗ ſelben einfanden. „Endlich, nach ſo langen Jahren ſehen wir uns wieder!“ rief Deſormery aus, indem er Frau von Clermont hülf⸗ reiche Hand beim Ausſteigen bot.„Endlich! Kaum hätte ich geglaubt, es noch zu erleben!“ Frau von Clermont war durch vielfache Erinnerungen tief bewegt und vermochte auf den herzlichen Gruß, den ihr Oheim mit einer Umarmung begleitete, im erſten Au⸗ genblick nichts zu erwidern. Ihre Thränen floſſen ſanft; ſie verhüllte ſich das Angeſicht mit ihrem Tuch. Nach eini⸗ gen Augenblicken ſprach ſie:„Lange Jahre liegen freilich zwiſchen heut und damals! Dennoch iſt mir jene vergangene Zeit ſo gegenwärtig, wie die Begebenheiten von heut und geſtern!—— Laſſen wir das. Sehen Sie hier meine Tochter Leontine und dort ihren Bräutigam, Herrn von Tracy.“—„Willkommen! herzlich willkommen!“ rief der wohlwollende alte Herr von Deſormery.„Doch gehen wir hinauf. Marie, Louiſon, helft ein wenig. Es ſind meine Töchter; oben in Ihrer Wohnung ſollen ſie Ihnen vorge⸗ ſtellt werden. Bei dieſen Worten führte er Frau von Clermont die Treppe hinauf, während die beiden jungen Mädchen, von denen die jüngſte kaum ſiebzehn Jahre zäh⸗ len mochte, Leontinen begrüßten und ſich thätig zeigten, ihr beim Ausräumen des Wagens behülflich zu ſein. In wenigen Minuten war man eingerichtet. Deſormery hatte ſeine Nichte in ihre Zimmer geführt und ließ ihr ſeine Töchter zur erſten Hülfsleiſtung. Hierauf nahm er Adolph bei der Hand und begleitete auch dieſen in die für ihn in Bereitſchaft gehaltene Woh⸗ nung, welche in demſelben Hötel ein Stockwerk höher lag. Eine kurze Zeit war hinreichend für die Frauen, um 8 — 43— ſich in Bereitſchaft zu ſetzen, der Einladung Deſormery's folgen zu können und den Ueberreſt des Abends in ſeinem Hauſe, nur mit ſeiner Familie zuzubringen. Er ſelbſt verweilte ſo lange bei Adolph, ſeine Töchter bei den weiblichen Reiſenden, bis man gemeinſchaftlich hinü⸗ bergehen konnte. Deſormery war ein Mann von mehr als ſechzig Jah⸗ ren. Er hatte die ganze Nevolution erlebt, war im An⸗ fange ein begeiſterter Anhänger derſelben geweſen, hatte ſich jedoch, als ihre entſetzlichen Ausſchweifungen begannen, mit ſeinen Aeltern nach England begeben. Dieſe waren dort geſtorben, der größte Theil ihres Vermögens verloren gegangen; doch hatte er ſo viel gerettet, um als einzelner Mann wenigſtens dem Sturm eine Zeit lang trotzen zu können. Unter Napoleons Regierung war er nach Frankreich zurückgekehrt und hatte, da Augenſchwäche, beſonders aber große Kurzſichtigkeit, ihn hinderte Soldat zu werden, eine kleine Anſtellung im Verwaltungsfach angenommen. Er war ein redlicher, fleißiger Arbeiter, wiewol ohne ausgezeichne⸗ tes Talent. Indeß ſeine große Rechtſchaffenheit und Pünkt⸗ lichkeit empfahlen ihn, er rückte nach und nach höher hinauf und bekleidete jetzt den Poſten eines Bureauchefs im Mi⸗ niſterium der Finanzen. Seine Stellung war nicht hoch genug, um ihn in die politiſchen Verhältniſſe zu verwickeln; die Stürme, die den Miniſtern drohten und dieſe ſtürzten, gingen über ſein Haupt hinweg. Ein erfahrnerer, zuver⸗ läſſigerer Arbeiter, als er, war nicht leicht zu finden, und ſo ſuchte jeder neue Vorgeſetzte ſich den nützlichen Unterge⸗ benen zu erhalten, der dann freilich auch manche Arbeit übernehmen mußte, von welcher ſeine Oberen die Früchte ärnteten. Er hatte überdies nicht genug eigenen Grundbe⸗ ſitz, um Wähler ſein zu können, und war daher in dieſer Beziehung den harten Maßregeln, durch welche die Beam⸗ ten gezwungen wurden, ihre Stimme nach der Anſicht der Regierung zu geben, nicht ausgeſetzt.— Erſt ſpät hatte er ſich vermählt, aber ſeine Gattin bald wieder verloren. Zwei Töchter, Marie, die ältere, noch nicht neunzehn Jahr, und Louiſon, die jüngere, eben ſiebzehn, waren ihm geblieben. Mit dieſen lebte er in der großen Hauptſtadt Paris ziemlich eingezogen, wiewol er es nicht abſichtlich vermied, in Ver⸗ bindung mit Denen zu treten, die ihm in ihrem Verhält⸗ niß ziemlich gleichſtanden. Marie war damit ſehr zufrie⸗ den; ſie hatte einen häuslichen Sinn, liebte die Muſik, hatte Talent dafür und belehrte ſich gern durch Leſen. Louiſon dagegen, obwol von gutem Herzen, wäre gern mehr in der zaßßn Welt geweſen, und beneidete manche ihrer Freun⸗ dinnen um die Geſellſchaften, die Bälle, die Opern und Schauſpiele, denen dieſe freilich weit häufiger beiwohnen durften als ſie.⸗ Zum Theil mochte ihre Jugend dieſe Nei⸗ gungen entſchuldigen, doch war Marie in demſelben Alter ſchon ernſter geweſen. Louiſon beſaß Geiſt, namentlich einen raſchen Verſtand, auch Witz, aber bei weitem weni⸗ ger Kenntniſſe als ihre Schweſter, noch jene Einſicht in tiefere, ernſtere Dinge, jene richtig abwägende Vernunft, die ſich ſo weit von den glänzenderen, jedoch oberflächlichen Gaben des Verſtandes unterſcheidet. Sie erkannte überall das Rechte, verſtand das Edle, begriff das Erhabene; Louiſon entdeckte ſchnell die ſchwachen Seiten der Dinge und Perſonen und wußte dieſe nicht ohne Geſchick anzu⸗ greifen. Marie empfand tief, Louiſon war leidenſchaftlich. Sie ergriff alle Dinge mit Heftigkeit, erkaltete aber bald in ihrem Eifer dafür, Marie blieb bei Dem, was ſie wählte, mit ſteter Wärme. Sie hatte eine wohlwollende Theilnahe me für Alle, Neigung für Wenige; Louiſon entſchied ſich 4 4 — 45— leicht für und gegen. Indeſſen waren Beide in den Grund⸗ ſätzen ſtrenger Sitte und Ehre erzogen und vereinigten ſich⸗ in herzlicher Liebe für ihren Vater. Daß dieſer nach dem Charakter ſeiner Töchter eine größere Neigung zu Marien hatte, war natürlich; allein er begünſtigte, aus Furcht, un⸗ gerecht zu ſein und Louiſon zu kränken, dieſe faſt mehr als Marien. Deſormery führte ſeine Gäſte mit einer Entſchuldigung ein, daß er ſie nicht ganz bei ſich aufnehmen könne.„Frü⸗ her,“ ſprach er,„war meine Wohnung völlig dazu ein⸗ gerichtet, Freunde aufzunehmen; doch ſeit einem halben Jahre habe ich mich überreden laſſen, einige Zimmer abzu⸗ treten, was mir in mancher Hinſicht leid thut““ Er warf dabei einen Blick auf Louiſon, die erröthend und zugleich ein wenig verdrießlich vor ſich niederſah.„Dies bekaubt mich des Vergnügens, meine Nichte und meine liebenswür⸗ dige Großnichte bei mir zu ſehen, verſchafft Ihnen jedoch vielleicht das Vergnügen und die Ehre, einen Offizier der Schweizergarde, Herrn Hauptmann von Lormeuil kennen zu lernen.“ Er ſprach dieſe letztern Worte in einem etwas ſatyriſchen Tone, hatte aber kaum die Lippe geſchloſſen, als ſchon der Diener eintrat und Herrn von Lormeuil an⸗ meldete.„Sagte ich's nicht?“ rief Deſormery,„ſehr will⸗ kommen!“ Der Capitain, ein Mann von etwa zweiunddreißig Jah⸗ ren, trat ein. Er hatte ein einnehmendes Aeußere und gefällige Sitten; mit Anſtand und Gewandtheit begrüßte er die Angekommenen und nahm hierauf ſeinen Platz neben Louiſon ein, der er große Aufmerkſamkeit widmete. Die Worte des Vaters waren dadurch ziemlich deutlich erklärt; es ſchien, er ſehe die Annäherungen des Hauptmannes an ſeine Tochter nicht gern. Der Grund war nicht aus dem perſönlichen Charakter deſſelben geſchöpft, ſondern ein allge⸗ meiner. Die Schweizergarde war allen Franzoſen verhaßt; ſie ſahen in ihr die Erneuerung einer Sitte, welche ſchon vor der Revolution Uuzufriedenheit erregt hatte. Natürlicher Weiſe konnte der Anblick dieſer Truppen, welche beſoldet waren, um den König von Frankreich gegen die Franzoſen zu beſchützen, oder wie Andere es auslegten, um die Frei⸗ heiten derſelben unterdrücken zu helfen, Allen, welche die Tage der Revolution geſehen hatten, keine angenehme Er⸗ innerung erwecken. Und da Paris eben jetzt. ſich in einer Gährung befand, die ernſte Kämpfe vorzubereiten ſchien, ſo mußte es einem Manne von Deſormery's Geſinnung dop⸗ pelt unangenehm ſein, in ſeiner Tochter eine Neigung für einen Mann zu entdecken, in dem er einen Feind des Va⸗ terlandes ſah. Obgleich Deſormery ſich ungern über poli⸗ tiſche Meinungen ausſprach, weil er in ſeiner Stellung viele Verhältniſſe zu ſchonen hatte, ſo that er dies doch gerade gegen den Hauptmann, und ſchärfer als vielleicht ſeine Anſicht war, um demſelben begreiflich zu machen, daß ern in ein näheres Verhältniß zu ihm trete. Dieſer its hatte Ehre genug, ſeine Anſicht wenn gleich Mäßigung zu verfechten und namentlich ſeine feſte nhänglichkeit an die Pflichten ſeiner beſondern Stellung auszuſprechen, durch die er freilich nur dem Könige von Frankreich, nicht den Inſtitutionen dieſes Landes verpflich⸗ tet war. „Was bringen Sie Neues mit, Herr Hauptmann?“ fragte Deſormery.„Wie gehen die Wahlen?“ „Nach den ſo eben eingetroffenen Nachrichten bleibt das Verhältniß derſelben ganz ſo wie dieſen Mittag.“ . — 4— „Alſo werden die Zweihunderteinundzwanzig dennoch triumphiren?“ „Es ſcheint ſo.“ „Herrlich!“ rief Adolph raſch aus.„Frankreich zeigt ſich ſeiner würdig! So lange ein ſolcher Geiſt unſere Bür⸗ ger belebt, haben wir weder den Irrthum des Königs, noch den böſen Willen ſeiner heimlichen Rathgeber zu fürchten.“ Der Hauptmann ſchwieg und maß Adolph mit einem ernſten Blick. Dieſer, nicht gewohnt, ſeine freie Geſinnung dem Tadel eines Andern unterworfen zu ſehen, am wenig⸗ ſten aber geſtimmt, von einem Fremden, der ſich nach der Anſicht der Franzoſen der Tyrannei verhandelt hatte, einen Vorwurf deshalb zu ertragen, blickte den Hauptmann gleich⸗ falls unbeweglich an, in der Erwartung, daß derſelbe ſei⸗ nem Mienenſpiel Worte geben werde. Deſormery, dem ein Zwiſt, und namentlich über dieſen Gegenſtand, ſehr unwill⸗ kommen geweſen wäre, ſuchte dem Ausbruch deſſelben vor⸗ zubeugen.„Wir wollen die Spaltungen, welche ſich leider im öffentlichen Leben finden und uns in unſern allerſeitigen Geſchäften ſo manche Sorge bereiten, nicht auch in das Innere eines traulichen Familienkreiſes dringen laſſe. Das Schickſal Frankreichs werde nur auf der Tribune, Ca⸗ binet, in den Journalen erwogenz in freundſchaftli her Ver⸗ ſammlung unter gemeinſamem Dache laſſe man den Zwie⸗ ſpalt öffentlicher Meinungen ruhen. Sie ſind Beide Sol⸗ daten, meine Herren, Sie werden wiſſen, wie oft es ja ſelbſt im Kriege vorgekommen iſt, daß nach erbitterter, ent⸗ ſchiedener Schlacht ſich Freund und Feind kameradſchaftlich vn einem und demſelben Feuer gewärmt haben. Nur im Ganzen, in den Maſſen ſei der Krieg, die Feindſchaft ge⸗ ſtattet; der Einzelne gehorche dem milden Geſetz der Sitt⸗ 3 lichkeit, oder, wenn man will, auch nur der Geſelligkeit. — 48— Herr von Lormeuil und ich, wir haben nur bisweilen un⸗ ſeren Scherz mit einander, weil er die Wiederwahl der Zweihunderteinundzwanzig nicht glaubt, ich aber ſie pro⸗ phezeit habe.“ Der Hauptmann mochte nicht gewohnt ſein, Herrn von Deſormery in dieſem verſöhnlichen Tone über politiſche Ge⸗ genſtände ſprechen zu hören; es war ihm daher angenehm, deſſen Geſinnung ein wenig beugſamer zu finden, als er erwartete. Um ſo leichter verſöhnte er ſich in Gedanken mit Adolph, zumal da überdies jeder Schritt, der die Spal⸗ tung zwiſchen ihm und Deſormery erweitern konnte, ihm in Hinſicht auf ſein Verhältniß zu Louiſon mehr als unange⸗ nehm war. Als der Aeltere von Beiden ſuchte er daher einzulenken.„Vielleicht wäre ich der Anſichten Ihres Gaſtes, wenn ich ein geborner Franzoſe wäre. Unſere Stellung übt aber einen mächtigen Einfluß auf unſere ganze Denkungs⸗ art; denn Jeder empfindet zunächſt die Verhältniſſe als be⸗ quem, wohlthätig, ſegensreich, in ſo fern ſie zu ſeiner be⸗ ſondern Lage ſich ſchicken. Der Irrthum muß ſehr augen⸗ ſcheinlich ſein, wenn er in der Erkenntniß eines Jeden vor⸗ walten ſo Ein Krieg z. B. mag noch ſo unbegründet ſein, ſo würde doch ſchwerlich ein Landmann, deſſen Felder er verwüſtet, deſſen Gehöft er plündert, von dem Wunſche des Friedens abzubringen ſein.“ 1— „Im Fall Sie, Herr Hauptmann 5 entgegnete Adolph noch immer warm und gereizt,„die Frage, welche wir vor⸗ hin berührten, nicht im Namen Frankreichs, ſondern im Namen der Schweizergarde des Königs beantworten wollten ſo gebe ich Ihnen zu, daß Sie die Wiederwahl der zwei 4 wird ſchwer halten, daß ein junger Offizier ſich darüber betrübe;;z auf der andern Seite möchte derſelbe der politiſchen Exiſtenz, der Volksehre unumgänglich nöthig ſein, 1 ——— — 49— hunderteinundzwanzig Patrioten, deren in ganz Europa be⸗ wunderte Energie und Freimüthigkeit vielleicht unſer Vater⸗ land vor der Rückkehr der alten Herrſchaft der Willkür rettet, nicht wünſchen können.“ Man ſah dem Hauptmann an, daß er ſeinen Verdruß bekämpfen wollte; ein ängſtlicher Blick Louiſon's ſchien ihm den Muth zu dieſem Entſchluſſe zu geben.„Ich kann Ihnen Recht geben, erwiderte er, indem ich die Schwei⸗ zergarde als einen Theil der königlichen Macht, als eine Stütze des Thrones betrachte, der doch auch zu den drei zuſammenwirkenden Staatsgewalten gehört. Eine Abnei⸗ gung gegen Perſonen verführt die meiſten Einwohner die⸗ ſes Landes zu einem Miskennen der Verhältniſſe. Ich kann das Verfahren der Deputirten nicht billigen; ſie ſind aus dem Kreiſe ihrer Befugniſſe herausgetreten. Wie ſie dieſel⸗ ben daher als die Schutzwehr Frankreichs anſehen, ſo muß ich die Freiheit des königlichen Willens als das Wehr ge⸗ gen die Anarchie betrachten.“ „Es iſt die Pflicht der Kammer, die Rechte der Nation zu vertreten.“ „Ja wol, ſobald dieſelben angegriffen ſind.“ 8 2 „Das geſchah ſchon durch die offenkundige Abſicht bei der Einſetzung eines Miniſteriums, welches aus lauter ver⸗ haßten Namen zuſammengeſetzt iſt. So wählt man nicht aus Irrthum oder Täuſchung, ſondern aus verſchleierten, dennoch aber Niemanden verborgenen Abſichten.“ „Man darf gegen Vermuthungen nur durch Vermu⸗ thungen auftreten; ein ausgeſprochenes Urtheil der Kammer über die Miniſter aber iſt eine Thatſache. Db man dem Syſtem des Herrn von Polignas ſich hätte anſchließen dürfen hätte man erſt aus deſſen Handlungen beurtheilen ſollen. Ich würde der Kammer Alles zugeſtehen; ſie hätte jedes Geſetz 3 Reuſtab, Geſ. Schr. Neue F. II. — 50— verwerfen, ja ſogar das Budget verweigern mögen. Man hätte dieſe Schritte tadeln können, aber die Berechtigung dafür einräumen müſſen. Die Initiative jener Erklärung aber ſtellte dem Könige nur die Wahl zwiſchen entſchloſſener Feſtigkeit oder einem ſchimpflichen Zurücktreten.“ „Zwiſchen dieſe Scylla und Charybdis hatten ihn Dieje⸗ nigen geſtellt, welche ihm riethen, das Miniſterium Martig⸗ nac zu entlaſſen. Uebrigens ſcheint es mir niemals ſchimpf⸗ lich, einen Irrthum einzuſehen, oder ſelbſt ein ungerechtes Vorhaben aufzugeben. Und hat der König etwas dadurch gewonnen? Welche Wahl bleibt ihm denn jetzt?“ Der Hauptmann ſchwieg. „Sie ſchweigen. Ich will für Sie antworten. Es bleibt ihm nur die Wahl zwiſchen dem jetzt viel kränkenderen Nachgeben, da es nicht mehr aus freier Erkenntniß des Ver⸗ nünftigen und Rechten geſchieht, ſondern als ein erzwunge⸗ ner Schritt erſcheint, den er höchſt ungern thut; oder er hat freilich noch einen Ausweg, den er aber ohne das Corps, zu dem Sie gehören, Herr Hauptmann, nicht ein⸗ zuſchlagen wagen dürfte.“ „Mein Herr,“ erwiderte der Hauptmann gereizt,„Sie ſind im Dienſte des Königs, gleich mir.“ reichs, und meine Pflicht als Soldat kann mich nie berech⸗ tigen, meine Pflichten als Bürger zu vergeſſen, noch zwin⸗ gen, meine Rechte als ſolcher aufzugeben, oder gar ſelbſt zu zerſtören. Das iſt der Unterſchied zwiſchen uns, Herr Hauptmann. Sie dienen dem Könige als einer Perſon, ich diene demſelben als Oberhaupt des Staates. Wenn Karl der Zehnte heut ſeine Krone dem Dauphin überträgt, ſo iſt mein Verhältniß in Nichts geändert; denn Frankreich bleibt 4 daſſelbe, behält dieſelben Geſetze. Sie aber haben mit einem „Nicht gleich Ihnen, denn ich bin auch Bürger Frank⸗ — 51— neuen Beherrſcher vielleicht ganz neue Pflichten zu erfüllen.“ „Der Soldat kennt und ſoll nur die eine des Gehor⸗ ſams kennen.“ Adolph wollte erwidern, doch er fühlte ſeine Hand ſanft ergriffen. Es war Leontine, die ihn mit dieſem leiſen Druck der Liebe bat, ein Geſpräch abzubrechen, in welchem noch Niemand ſich ſo viel vergeben hatte, daß Fortfahren ein Geſetz der Ehre für ihn geworden wäre. Alle Winke der Liebe werden leicht verſtanden und gern befolgt; Adolph ſchwieg daher, obwol ſeine ganze Bruſt noch mit Gründen für ſeine Meinung erfüllt war. Deſormery, der ſich innerlich die bitterſten Vorwürfe machte, den Apfel der Eris muthwillig hingeworfen zu ha⸗ ben, war ſchon lange unruhig auf und nieder gegangen. Als ein wahrer Freudenbote erſchien ihm daher der Diener, welcher meldete, daß das Abendeſſen aufgetragen ſei. Er bot Frau von Clermont den Arm, der Hauptmann führte Louiſon, Adolph Leontinen und Marie. Der Gang in den Salon, die geſellige Pflicht, der Dame, die man führte, einige Worte der Höflichkeit zu ſagen, dazu das Beſtreben mehrer Perſonen, das ſo leb⸗ haft angefangene Geſpräch vergeſſen zu machen, bewirk⸗ ten dies leicht. Deſormery gab ſich alle Mühe, den zuvorkommenden Wirth zu machen, die Töchter des Hauſes unterſtützten den Vater und ſo waren nach wenigen Minuten die Falten verſchwunden, welche ſich ſchon auf mancher Stirn gela⸗ gert hatten. Ueber Tiſche erwähnte Deſormery ganz zufällig des Si⸗ len und der Aventure und warf eine Frage deshalb auf. Frau von Clermont bemerkte erſt in dieſem Augenblick, daß 3* —— —— — 52— von Adolph's Verhältniß zu dieſem Schiff noch gar nichts im Hauſe bekannt war. Sie ergriff daher gern die Gele⸗ genheit, ihren künftigen Eidam unter einer ſehr günſtigen Bedeutſamkeit vorzuſtellen.„Niemand, lieber Oheim, wird Ihnen,“ ſprach ſie,„beſſere Auskunft darüber geben kön⸗ nen, als unſer junger, lebhafter Politiker.“ „Freilich, er iſt ein Seemann,“ fiel Deſormery ein. „Und noch dazu Schiffslieutenant auf der Aventure ge⸗ weſen,“ ſetzte Frau von Clermont lächelnd hinzu. „Wie,“ rief Deſormery.„Da haben Sie von Glück zu ſagen, daß Sie jene unglückliche Fahrt nicht mitgemacht haben!“ Adolph erwiderte faſt erröthend:„Verzeihen Sie, ich habe ſie mitgemacht und nenne vielleicht eben das ein Glück, wiewol es manches ſchmerzliche Opfer gekoſtet hat!“ Jetzt brach Deſormery in ein faſt übermäßiges Erſtau⸗ nen aus. Ein Ereigniß, das mitten in den großen politi⸗ ſchen Bewegungen Bedeutung genug behalten hatte, um das fortwährende Geſpräch des Tages zu bilden, mußte einem Theilnehmer an demſelben ein lebhaftes Intereſſe leihen. Wie ein Blitzſtrahl fiel daher die Entdeckung, daß Adolph jene Abenteuer erlebt hatte, in die Gemüther der Geſellſchaft. Jeder wollte hören, wollte belehrt ſein, ſogar der Hauptmann vergaß über den Antheil an den Schick⸗ ſalen des jungen Mannes, daß er ihm faſt feindlich gegenüberſtehe. Adolph mußte erzählen, von Anfang bis zu Ende. Deſormery war ganz Ohr. Die Töchter des Hauſes hörten mit geſpannter Aengſtlichkeit den abenteuer⸗ lichen Berichten zu. Nichts war ihnen ausführlich genug, alle, auch die kleinſten Umſtände wollten ſie erfahren. Leon⸗ tine glühte vor freudigem Stolz, daß ihr Geliebter gewiſſer⸗ — 53— maßen als der Held des Tages daſtand und aus dem Dunkel der Gefahren und Schickſale in ſo leuchtendem Glanz hervorging. Eine wahrhafte Rührung aber empfand ſie dabei, wenn Adolph mit edler Beſcheidenheit ſo Manches, wo er ſelbſt durch Muth und Einſicht ſich hervorgethan hatte, überging oder nur leiſe andeutete. So viel Wun⸗ derbares er auch mitzutheilen hatte, ſo hörte man es doch der Erzählung an, daß er völlig aufrichtig und eher mil⸗ dernd als vergößernd berichte. So gewann ſich Adolph Aller Achtung und Liebe. Mit tiefer Rührung hörte man ſeinen Bericht von dem Tode des redlichen Jean. Leontine nahm auch das Wort und erzählte Tony's rührendes Ende; Louiſon und Marie vergoſſen bittere Thränen dabei, ſelbſt der alte Deſormery mußte ſich das Auge trocknen. So hatte ſich das Geſpräch auf einen Gegenſtand ge⸗ wendet, der Alle vereinigte, und keinen Zwieſpalt mehr aufkommen ließ. Die Stunden flohen raſch dahin, es war Mitternacht, ehe man es ahnte, und man mußte endlich auseinander gehen. „Siebzehntes Capitel. Am andern Tage ging Jeder ſeinen Geſchäften nach. Frau von Clermont fuhr mit Deſormery zu mehren Perſo⸗ nen, die in ihre Geldangelegenheit verwickelt waren, Adolph meldete ſich im Bureau des Marineminiſteriums, Leontine und die Fräulein Deſormery machten in der Stadt einige Einkäufe. Erſt zum Mittagseſſen kamen alle Mitglieder — 54— dieſes vertrauten Kreiſes wieder zuſammen; Hauptmann Lormeuil fehlte jedoch, da er nur gegen Abend, und auch da nicht immer, der Familie 8 heſormery ſeinen Beſuch zu machen pflegte. Für den kühlern Nachmittag beſchloß man eine Spazier⸗ fahrt auf einige der belebteſten Promenaden. Dieſe nahm den Abend bis zu einer ziemlich ſpäten Stunde weg. Die Damen, etwas ermüdet von den man⸗ cherlei Unternehmungen des Tages, zogen ſich früher zurück. Deſormery aber bat Adolph, noch eine Stunde zu bleiben und ihm noch Einiges von ſeinen Erlebniſſen bei einem Glaſe Wein mitzutheilen. Als ſie allein waren, begann der Wirth:„Zwar, lieb⸗ ſter Freund, nehme ich einen großen Antheil an Ihren Schickſalen, indeſſen habe ich doch noch einen andern Grund, mit Ihnen zu ſprechen. Ohne Umſchweife will ich zur Sache kommen. Der Hauptmann Lormeuil hat eine Nei⸗ gung für meine Tochter Louiſon gefaßt, die nicht unerwi⸗ dert geblieben iſt. Gegen den perſönlichen Charakter des Hauptmanns kann ich durchaus nichts einwenden. Er iſt ernſt, ruhig entſchloſſen, tapfer, wie er in vielen Fällen be⸗ wieſen hat, ehrliebend, ohne Leidenſchaften, die ihn in ver⸗ derbliche Verhältniſſe ſtürzen könnten, ja er hat auch ein edles, großmüthiges Herz— kurz, er iſt ein Mann, wie ein Vater ihn ſeiner Tochter nur wünſchen könnte. Allein dennoch würde ich äußerſt ungern in eine Verbindung willi⸗ gen, denn in allen Grundſätzen über das öffentliche Leben iſt er durchaus der Gegenſatz von Dem, was ich denke, und von Dem, was in ganz Frankreich als die Meinung der Beſſeren gilt. Ohne ein eigentliches Vaterland(denn ein kleiner Canton der Schweiz, der ſich nicht ſelbſtändig zu behaupten vermag und die Kraft ſeiner Bewohner nach 55— 2 außen ſendet, da er deren nicht bedarf, kann höchſtens ein Geburtsland genannt werden) iſt er faſt ganz ohne das⸗ jenige Gefühl, welches in neuerer Zeit allen Völkern, zu⸗ meiſt aber uns zum lebendigen Bewußtſein gekommen iſt. Von Jugend auf Soldat, kennt er nur die engherzigen Pflichten dieſes Standes, und kann ſich zu dem Gedanken, daß jedes Heer zunächſt ein Theil des Volkes und die we⸗ ſentlichſte Stütze deſſelben ſein ſoll, durchaus nicht erheben. Da er nicht das Gefühl hat, für ein Vaterland zu fechten, fehlt ihm auch ganz der Begriff, was es heiße, gegen daſſelbe zu kämpfen. Dies wären ganz vortreffliche Geſinnungen für die Zeit des Mittelalters, wo man nur Rechte von der einen und Pflich⸗ ten von der andern Seite kannte; es wären bequeme Ge⸗ ſinnungen für alle diejenigen Staaten, wo man, wie man ſich auch heuchelnd verſtelle, dieſe Feudalanſichten factiſch durchaus nicht loslaſſen will.— Aber mir däucht, in Frankreich kann ein Mann mit ſolchen Anſichten nicht mehr lange dauern, und ein Vater, der ihm ſeine Tochter ver⸗ lobt, verheirathet ſie gewiſſermaßen an einen bankerotten Raufmann, deſſen Anſehen nächſtens zuſammenbrechen und völlig erlöſchen wird.—— Aus ihrem geſtrigen Geſpräch mit Lormeuil habe ich Ihre Anſichten erkannt; aus einer Unterredung, die ich heut mit Ihrem Widerſacher hatte, erſehen, daß er Sie, nach Dem, was er ſpäter von Ih⸗ nen erfahren, ungemein hochſchätzt und liebgewonnen hat. Darauf gründe ich meinen Plan. Sie ſind Soldat, er iſt es auch; durch ſie kann er vielleicht am beſten begreifen lernen, daß die kriegeriſche Pflicht ſich mit der bürgerlichen vereinigen läßt. Wie wäre es, wenn wir jetzt bei einem Glaſe Wein Beide freundſchaftlich, aber warm und eifrig, . auf ſeine Grundſätze eindrängen und ihn zu gewinnen * 4— 1 6 —y———— — 56— ſuchten? Dazu wünſche ich Ihre Mitwirkung, das iſt die Abſicht, die ich habe, indem ich Sie hier zurückhalte. Wol⸗ len Sie, Freund?“ Adolph ſchlug mit Feuer in die dargebotene Hand ein. Der guten Sache einen ehrenhaften Vertheiger zu gewin⸗ nen, ſchien ihm ein rühmlicheres Unternehmen, als zehn Widerſacher derſelben zu entwaffnen. Deſormery ſchickte daher hinüber zum Hauptmann und ließ fragen, ob es ihm gefällig ſei, noch eine Stunde bei ihm zuzubringen. Die Antwort lautete bejahend, in weni⸗ gen Minuten erſchien der Hauptmann ſelbſt. Er begrüßte Adolph mehr als freundlich, Herrn von Deſormery mit Achtung und Höflichkeit. Man ſezte ſich, Deſormerie ſchenkte ein und begann das Geſpräch:„Sie ſind geſtern bei ihrer erſten Bekanntſchaft ein wenig in Zwiſt über öffentliche Gegenſtände gerathen. Da ich zwei Männer, die ich ſo achte, die mir in meinem Hauſe ſo angenehm ſind, nicht blos als Gäſte deſſelben gegeneinander höflich, ſondern wirklich befreundet ſehen möchte, ſo konnte ich nicht umhin, die nächſte Gelegenheit zu ergreifen, Sie näher mit einander bekannt zu machen. Ich habe die Ueberzeugung, daß Sie einander achten müſſen, hoffe und denke, Sie können Freunde werden. Vielleicht geben Sie Beide etwas von der Strenge Ihrer Anſichten nach und nähern ſich ſo einander. Es geſchieht nur zu häuſig im lebhaften Streit, daß man, wenn ein Gegner auftritt, ſeine eigenen Anſichten und Grundſätze noch viel ſchroffer hin⸗ ſtellt und hartnäckiger vertheidigt, als man es eigentlich damit meint und gegen ſich ſelbſt zu thun gewohnt iſt. Denn gemeiniglich wird der Streit geführt, um Recht zu behalten, nicht um ſich zu vereinigen; verſuchen wir einmal heut das Letztere. Es gelingt gewiß, wenn wir allerſeits — — — 57— das Vertrauen faſſen, daß wir Dasjenige wollen, was nach unſerer Ueberzeugung das Rechte, was das Beſte iſt. Füllen Sie Ihre Gläſer! Laſſen Sie uns anſtoßen und den erſten Trunk der Aufrichtigkeit und dem Wohlwollen des Herzens bringen!“ Alle Drei ergriffen die Gläſer, der Hauptmann mit freundlichem Ernſt. Deſormery blickte ſeine beiden Gäſte an und ſchien zu erwarten, daß ſie ſich erklären ſollten; Adolph ſchwieg, um Lormeuil, als dem Aelteren, das Wort zu laſſen. Dieſer nahm es endlich in der Weiſe einer Abbitte und ſchien ſo den erſten Schritt zur Annäherung zu thun. „Wenn ich geſtern in der Heftigkeit des Geſprächs Ihnen mit irgend einem Wort zu viel gethan habe, ſo bitte ich Sie herzlich um Vergebung; ich hatte und habe ſtets nur die Vertheidigung meiner Sache d dabei im Geſicht, vergeſſe aber ganz die Perſon.“ „Ich habe Ihnen nicht zu vergeben,“ entgegnete Adolph, „ich habe nur zu wünſchen, daß wir über manche Dinge einer ähnlicheren Anſicht werden möchten. Indeß, mir däucht, ich finde Ihre Entſchuldigung leicht. Sie ſind kein Bürger Frankreichs, es kann Ihnen daher unmöglich jenes lebendige Gefühl für die Heiligkeit der Landesverfaſſung innewohnen, welches mich beſeelt.“ „Und Sie, lieber Freund,“ erwiderte der Hauptmann mit entgegenkommendem Wohlgefallen,„Sie ſind vielleicht zu ſehr, durch zwar allgemein verbreitete, aber doch nicht allgemein begründete Anſichten der Zeit geleitet, deren glän⸗ zende Außenſeite uns oft von einer näheren Prüfung der⸗ ſelben abhält, um ſo lebendig wie ich, das Recht, welches auf meiner Seite wohnt, zu empfinden. Namentlich ſcheint es mir, als könnten Sie unmöglich die Natur ihres Stan⸗ 3** — 58— des, die weſentliche Bedingung deſſelben richtig betrachten, wenn Sie dabei zugleich den Anſichten folgen zu dürfen glauben, die Sie geſtern ausſprachen.“ „Und was verlangen Sie für Anſichten von dem Sol⸗ daten?“ fragte Deſormery.„Mich dünkt, um ins Klare zu kommen, müßte erſt einer der Herren ſein völliges Glau⸗ bensbekenntniß ablegen.“ „Ich ſcheue mich nicht, dies zu thun,“ ſprach der Haupt⸗ mann.„Ich habe dem Könige meinen Eid geleiſtet. Das Heer bildet zunächſt die Stütze der königlichen Würde, des Thrones. Dem Könige allein gehört das Recht, Krieg zu erklären, Frieden zu ſchließen. Ich bin ein Theil der Mit⸗ tel, durch welche er dieſes Recht ausübt und habe mich ihm wiſſentlich dazu verpflichtet. Seine Anſicht, ſein Wille wird daher durchaus der meinige; meine Verantwortlichkeit iſt nur in den Grenzen meiner Dienſtpflichten als Soldat. Der König beſtimmt, wie ich die Kräfte verwenden ſoll, die ich ihm durch meinen Eid verpflichtete. Daher fordert mich auch meine Pflicht auf, mich gegen jede Anſicht oder Macht im Staate zu erklären, durch welche die königliche Würde verletzt oder bedroht wird. Dies iſt durch die De⸗ putirten geſchehen, welche dem Monarchen die Entlaſſung ſeiner Miniſter auf ungeſetzlichem Wege eigenmächtig vor⸗ ſchreiben wollten. Dadurch iſt der König in die Nothwen⸗ digkeit getrieben worden, ſich und die Ehre ſeines Wortes und ſeiner Entſchlüſſe gewaltſam zu behaupten. Die jetzige, durch, meiner Anſicht nach, unzählige geheime Umtriebe völ⸗ lig irregeführte Geſinnung der Wähler macht einen äußer⸗ ſten Schritt dieſer Art wahrſcheinlich. Und in dieſem Falle werde ich für die Sache des Königs thun, was der Dienſt von mir fordert.“ Der Hauptmann ſprach dieſe Worte in einem ruhigen, 4 —.— — 59— würdevollen, aber ſo entſchiedenen Tone, daß man nicht zweifeln konnte, er habe dieſe Anſichten nach reiflicher Ueber⸗ legung gefaßt und die Wurzel derſelben dringe in die in⸗ nerſte Tiefe ſeines Daſeins ein und umklammere ihn mit unerſchütterlicher Feſtigkeit. Adolph konnte einige Erbitterung über ein ſo blindes, unfreies Denken, über ein ſolches Verkaufen aller eigenen Entſcheidungsrechte in den höchſten Angelegenheiten des Menſchen kaum bezwingen. Da er jedoch dazu das männ⸗ liche, redliche Antlitz Lormeuil's ſah, auf deſſen Stirn ſo⸗ gar eine düſtere Wolke der Schwermuth ſich gelagert hatte, die wol ahnen ließ, er wiſſe, welches Opfer er vielleicht der Pflicht bringe, ſo wurde er gerührt über deſſen Ver⸗ blendung, etwa wie beim Anblick einer unfreien, düſtern Frömmigkeit, die das höchſte Geſchenk der Gottheit, das des ſelbſtbewußten, denkenden Geiſtes verkennt, in dieſem irrenden Gefühl aber Alles opfert und mit Selbſtverleug⸗ nung hingibt, wodurch der Menſch ſich beglückt und erhei⸗ tert fühlt. Er nahm ſich daher feſt vor, ohne kränkende Beimiſchung auch ſein Glaubensbekenntniß abzulegen. „Ich bin ein Bürger Frankreichs,“ ſprach er;„Gehor⸗ ſam gegen die Geſetze meines Vaterlandes, warme, vereh⸗. rende Anhänglichkeit für die Verfaſſung, welche die edelſten Rechte der Menſchen in Schutz gegen die Willkür nimmt, ſind die Gefühle, die ich zuerſt eingeſogen habe. Jeder muß ſeinem Vaterlande nach beſten Kräften nützlich zu ſein ſtreben; dies iſt eine Verpflichtung, von der ihn, ſo ſcheint es mir, keine äußerlich glückliche Lage losſpricht. Man tritt nicht in den Dienſt des Staates, um dadurch den äußern Unterhalt zu gewinnen, ſondern um ſich des Antheils am Schutz der Geſetze würdig zu machen. Ich glaubte — vielleicht hat mich jugendlicher Sinn und der Ruhm — 60— einer glänzenden Zeit für mein Vaterland irregeleitet— dies am beſten als Soldat zu können. Darum nahm ich Dienſte auf der Flotte. Niemals aber habe ich, indem ich mich dem Heere des Königs zugeſellte, geglaubt, mich von meinem Vaterlande zu trennen, meine Rechte als Bürger aufzugeben, oder gar die Verpflichtung zu übernehmen, die⸗ ſelben nach dem Willen eines durch falſche Rathgeber irre⸗ geleiteten Monarchen meinen Mitbürgern zu rauben. Das Heer beſitzt der König, um damit das Vaterland gegen äußere Feinde zu vertheidigen, niemals aber, um es gegen ſein eigenes Volk zu führen. Wenn alſo der Fall einträte, den Sie zuvor andeuteten, Herr von Lormeuil, daß die Miniſter den König zu einem äußerſten Schritt trieben, das heißt, zu einem Staatsſtreich drängten, ſo würde ich keine Verpflichtung fühlen, gegen den Willen meiner Mit⸗ bürger den Schritt zu unterſtützen. Denn die herrſchende Gewalt hätte den Grundvertrag gebrochen, und damit alle Bande zerriſſen, die zwiſchen ihr und dem Volke ſich an⸗ knüpfen.“ Lormeuil fühlte ſich ſeinerſeits ebenfalls gekränkt durch dieſe Antwort Adolphs, welche ihm die größte Gering⸗ ſchätzung gegen die Pflichten ſeines Standes, die vollkom⸗ menſte Gleichgültigkeit gegen das Heiligthum des Eides vorauszuſetzen ſchien.— Nach wenigen Augenblicken des Schweigens, während welcher Deſormery bald den Einen bald den Andern unruhig anblickte, um ihn dadurch zur Antwort oder zur Fortſetzung ſeiner Rede aufzufordern, be⸗ gann der Hauptmann wieder:„Ich ſehe keinen Mittelweg, der uns vereinigen könnte; bei ſo völlig einander entgegen⸗ geſetzten Grundſätzen können die ſtrebenden Kräfte niemals eine gemeinſame Richtung annehmen, ſondern nur ſich ge⸗ genſeitig vernichten.— Sie glauben alſo das Recht zu ha⸗ — — 61— ben, lieber Freund, eigenmächtig zu entſcheiden, wann und wie der König die Erfüllung Ihres Eides fordern dürfte?“ „Ich glaube nur, niemals die Verpflichtung zu haben, gegen die Geſetze, gegen die Rechte meiner Mitbürger als gewaltſames Zerſtörungsmittel zu dienen.“ „Die Verantwortlichkeit dafür iſt nicht die Ihrige, ſon⸗ dern die des Königs; wol aber ſind Sie zur Rechenſchaft zu ziehen, wenn Sie Ihre beſondern Pflichten, zu denen Sie ſich durch einen heiligen Eid verbunden haben, ver⸗ letzen.“ „Es gibt ältere, frühere, heiligere Pflichten, zu denen ich nicht minder verbunden bin. Kein Eid könnte mich zwingen, gegen meine Mitbürger die Waffen zu ziehen, um dieſe ihrer Rechte zu berauben.“ „Wie aber, wenn Ihre Mitbürger die Rechte des Kö⸗ nigs antaſten; ſind Sie alsdann nicht durch Ihr Gewiſſen gezwungen, ihn zu vertheidigen?“ „Gewiß. Allein der Fall, welcher unſer Geſpräch her⸗ beiführte, iſt der umgekehrte. „Das eben beſtreite ich; die Deputirten haben zuerſt die Rechte des Königs gekränkt.“ „ Sie haben nur ihre Pflicht erfüllt und ihm aus wahr⸗ hafter Ueberzeugung den Eindruck, die Stimmung der Ge⸗ müther enthüllt, welche die Ernennung des Miniſteriums er⸗ zeugt hat. Sie haben den König nicht einmal getadelt, das Recht, ſeine Miniſter zu wählen, in keiner Art bezwei⸗ felt. Allein wie die königliche Botſchaft an die Kammer die Beſtimmung hat, ein treues Bild von dem Zuſtande des Landes, von den Wünſchen und Hoffnungen der Re⸗ gierung zu geben, ſo hat die Antwort darauf natürlich den Zweck, die Richtigkeit der Umriſſe zu prüfen und auf die Irrthümer derſelben hinzudeuten. Daß dadurch der Eigen⸗ liebe eines völlig unbeliebten Miniſteriums nicht geſchmei⸗ chelt wurde, war kein Verbrechen. Aber ein gefahrvolles Wagſtück muß ich es nennen, daß eben dieſe Miniſter dem Könige anriethen, in ſeiner Antwort eine Geſinnung aus⸗ zudrücken, die nothwendig zu einem Kampfe der Anſichten herausforderte. Nicht die Adreſſe der Deputirten, ſondern die Antwort, welche das Miniſterium darauf gegeben hat, die Antwort, durch welche es, wenn man die parlamenta⸗ riſchen Formen beſeitigt, nichts Anderes ausdrückt, als: „„Ihr habt ſchwer gefrevelt, daß Ihr uns kein Zutrauen ſchenkt, aber Ihr ſollt uns vertrauen, oder wir werden Euch beſtrafen.““ Dieſe Antwort war es, welche den Zu⸗ ſtand der Dinge auf die äußerſte Spitze trieb und nun dem Könige, nachdem er einmal gedroht hat, freilich keine Wahl läßt, als der Drohung Folge zu geben, oder ſie un⸗ ter dem an das Lächerliche ſtreifenden Eindruck, den jede ohnmächtige Drohung herbeiführt, zurückzunehmen.“ „Wie?“ rief der Hauptmann heftig,„Sie wollen alſo Ihrem Könige eine unerträgliche Schmach bereiten helfen?“ „Ungern, gewiß; aber doch lieber ſehen, daß er einen voreiligen Schritt zurückthut, als auf einer dem Lande ver⸗ derblichen Bahn ungeſetzlich weiter vordringt.“ „Was nennen Sie ungeſetzlich? Wenn er mit Nach⸗ druck verfährt, ſeinem Anſehen durch das Heer Gewicht gibt und ſo die Rechte mit Gewalt behauptet, die eine Zahl misleiteter Eiferer ihm rauben will? Die Charte ſelbſt be⸗ rechtigt ihn dazu durch den vierzehnten Artikel, der ihm nach verfaſſungsmäßigem Vertrage alle Maßregeln zur Sicherheit des Staats und zur Vollziehung der Geſetze ge⸗ ſtattet.” 4 „Ich ſehe wohl,“ erwiderte Adolph,„Sie wollen damit die Staatsſtreiche, welche man beabſichtigt, vertheidigen, ———— — — — 63— und etwa eine Aufhebung der Preßffreiheit oder einen ge⸗ waltſamen Umſturz des Wahlgeſetzes rechtfertigen.“ „Welcher Art die zu treffenden Maßregeln ſind, das kann uns einerlei ſein.“ „Verzeihen Sie, das eben nicht. Hier gerade tritt die Entſcheidung dr Vernunft ein. Der König beſitzt durch den vierzehnten Artikel der Charte allerdings gewiſſe Rechte, die, wenn man ſie gewaltſam deuten will, die ganze Charte illuſoriſch machen. Denn jeden Tag kann man behaupten, der Staat ſei in Gefahr, jeden Tag die äußerſte Willkür zur geheuchelten Sicherung deſſelben und zur Vollziehung der Geſetze in Kraft treten laſſen. Ein Recht kann ſtets auch den Misbrauch deſſelben mit ſich führen.“ „Und wollen Sie es auf ſich nehmen, in Ihrer unter⸗ geordneten Stellung im Staate die Entſcheidung auszuſpre⸗ chen, wann das Recht gemisbraucht wird? Heute iſt es vielleicht nicht nöthig, die Preßfrechheit, vergeben Sie mir den Ausdruck, den mein innerſtes Gefühl mir abzwingt, zu zügeln; aber morgen, oder in einem Monat. Wollen Sie heute erklären, ich gehorche nicht, in einem Monat aber gehorſam ſein, wenn der König Sie zur Ausführung ſeines Willens beauftragt?“ Adolph ſchwieg eine Zeit lang; dann ſprach er:„Wer⸗ den Sie, wenn ſie den Befehl dazu erhalten, auf die Bür⸗ ger von Paris feuern?“ „Im Fall— „Ich bitte diesmal nur um die ſtrenge Beantwortung meiner Frage,“ unterbrach Adolph den Hauptmann lebhaft. „Wol denn; ja, ich werde.“ „Werden Sie Paris anzünden laſſen, wenn Sie den Befehl dazu erhalten?“ „Sie nehmen Fälle an—“ — 64— „Ich bitte, anders können wir uns durchaus nicht vereinigen, ich bitte Sie, mir dieſe und noch einige Fragen mit der Kürze zu beantworten, als wenn Ihr Befehlshaber Ihnen dieſelben dienſtlich vorlegte und ſogleich Entſcheidung verlangte.— Werden Sie Paris in Brand ſtecken?“ „Wenn es des Königs Wille iſt, ja auch das.“ „Werden Sie nachher die flüchtenden Weiber und Kin⸗ der ermorden?“ „Nein! Denn kein Krieg wird gegen Wehrloſe geführt.“ „So? Vertheidigen ſich denn etwa die Häuſer, die Sie in Brand ſtecken?“ „Ich vernichte ſie nur als das Eigenthum des Feindes, durch deſſen gefürchteten Verluſt er vielleicht zum Gehorſam, zur Unterwerfung gebracht wird.“ „Wie? Und denken Sie ſo unwürdig von dem Feinde, daß er nicht lieber ſein Haus, ſeine Habe verlieren, als ſein Weib und Kind ermorden ſehen wollte? Auch dieſe ſind ſein Eigenthum. Wer Haus und Hof dahingibt für ſeine Meinung, der wird vielleicht durch die Gefahr, durch den Mord der Seinigen beſiegt. Und überdies, der König befiehlt! Sie haben nur Gehorſam zu leiſten.“ Der Hauptmann erwiderte ſichtlich gereizt:„Jede ver⸗ nünftige Geſinnung ſcheitert an der Annahme unmöglicher Fälle. Freilich, wenn der König uns befiehlt, zu fliegen, ſo werde ich ihm ebenfalls ungehorſam ſein. Hier verhin⸗ dert mich eine phyſiſche, dort eine ſittliche Unmöglichkeit. Es liegt im Begriff des Soldaten, daß e er nur gegen be⸗ waffnete Gegner fechten kann.“ „Ganz waffenlos ſind auch Frauen nicht; dieſer Grund rettet alſo nicht, fällt alſo völlig weg,“ ſprach Adolph mit einer Ruhe, die den Hauptmann mehr verdrießen mußte, als der heftigſte Eifer.—„Sie ſind von falſchen Grundſätzen — — ausgegangen und müſſen daher zuletzt ohne alle Auswege in das Chaos des Unmöglichen gerathen. Das Anſinnen, Weiber und Kinder zu morden, iſt noch lange nicht das Letzte, was ich Ihnen machen würde. Ihr Grundſätze wür⸗ den Sie verpflichten, mir als Ihrem Könige zu gehorchen, wenn ich Meuchelmord, Giftmiſcherei, ja, wenn ich Feig⸗ heit und ehrloſe Flucht von Ihnen verlangte. Setzen Sie nur den Fall, daß ein feiger Monarch ein Heer mitten in der Schlacht auf halben Siege zur ſchimpflichſten Flucht be⸗ fehligte, weil er ſelbſt weder Einſicht noch Muth genug hat, den Kampf, der ſchon halb für ihn entſchieden iſt, fortzuſetzen. Setzen Sie den Fall, daß Sie im Sturm auf eine Schanze ſchon den Wall erſtiegen haben, daß der Feind ſchon um Gnade fleht und dennoch der Ruf:„„Rette ſich, wer kann!““ ertönt. O, wie ſchön würde den tapfern Sol⸗ daten der Gehorſam kleiden, bei dem Weiber und Kinder ihm nachſpotten müßten!“ „Gerade dieſer Fall, mein Herr, zeugt wider Sie; denn Sie müſſen einräumen, daß häufig genug der ſicht⸗ lichſte einzelne Vortheil aufgegeben werden muß, um das Ganze zu retten. Mitten im Siegeslauf muß der Soldat ſich oft bezähmen und vielleicht gar den Rückzug antreten; in ſolchen Fällen wird freilich die Pflicht des Gehorſams ihm am ſchwerſten werden, dennoch entbindet ihn nichts davon.“ „Sie denken ſich die Sache nur anders als ich,“ ent⸗ gegnete Adolph.„Nicht der weiſen Klugheit des Feldherrn, ſondern der ehrloſen Feigheit eines entarteten Monarchen, deren die Geſchichte doch einige Beiſpiele aufſtellt, ſollen Sie gehorchen. Ich nehme an, daß Heliogabalus der Monarch und meinethalben Cäſar oder Alexander ſein Feldherr iſt. Der Sieg iſt erfochten; allein es können neue Schlachten — 66— nöthi werden und Heliogabalus bedenkt, daß von auf⸗ gehäuften Schätzen mit Weibern zu leben doch angeneh⸗ mer ſei, als einen längeren Krieg zu führen. Deshalb be⸗ fiehlt er dem ſiegenden Cäſar, feig zu flüchten, und dieſer befiehlt es dem Heere. Das halbe Neich geht verloren, Schimpf bedeckt die unter Narben ergrauten Krieger; allein was thut's, Heliogabalus hat Muße zu ſchwelgen und der Soldat iſt dem Eide getreu, iſt gehorſam geweſen.“ „Ich habe Sie ausſprechen laſſen, ſo völlig falſch Ihre Argumente ſind. Mit wenigen Worten will ich Sie nach Ihren Grundſätzen auf dieſelben Unmöglichkeiten führen. Epaminondas iſt Feldherr der Thebaner; er will die Schlacht, ſie rettet das Vaterland. Doch jeder einzelne Soldat klü⸗ gelt und dünkt ſich weiſer als der Feldherr;„„heute nicht, heute regnet es,““ ſagt er, oder„„unſere Stellung iſt un⸗ günſtig.““— Der Staat iſt verloren!“— Der Haupt⸗ mann lächelte bitter nach dieſen Worten. Adolph wurde ſehr ernſt.„Nein, Herr von Lormeuil,“ ſprach er nach einigen Augenblicken des Schweigens,„Sie haben mich durch Ihren Scheinbeweis nicht geſchlagen. Ich habe erklärt, den beſtehenden Geſetzen, dem Feldherrn, dem Monarchen, ſo weit er ſelbſt dieſen gehorcht, Gehorſam zu leiſten. Ich erkläre meinen guten Willen, dies zu thun, ſo lange ich nicht die Ueberzeugung vom Gegentheil habe. Ich nehme zur Baſis meines Handelns den guten Willen, die Vernunft; Sie erklären ſelbſt, daß Sie Ihr Urtheil unbedingt, merken Sie wohl, unbedingt gefangen neh⸗ men. Das iſt gut in allen Dingen, wo der Verſtand ent⸗ ſcheidet; aber nicht da, wo das höhere Geſetz der Pflichten eintritt. Da entſcheidet die Nothwendigkeit das Rechte. Es gibt Fälle, wo ich vor der Wahrheit nicht flüchten kann, wo ich ihr gehorchen, ihr als Duftr fallen muß. — 66— Bei jedem Gehorſam, den ich gelobe, bei jedem Eide liegt die ältere, ewige Berechtigung, die ich als denkendes, ſitt⸗ liches, vernünftiges Weſen habe, zum Grunde, oder wenn Sie es anders ausdrücken wollen, der Eid, den ich der Tu⸗ gend, dem Recht, der Wahrheit, den ich Gott geſchworen habe, dadurch, daß ich überhaupt lebe. Auch Sie, Herr Hauptmann, fühlen dies und können ſich ſelbſt nicht da⸗ von entbinden; es kommt nur auf die Fälle an, wo der Gegenſatz anſchaulich hervortritt. Dieſes ältere, heiligere Geſetz aber ſagt mir, daß ich bei einem Gewaltſtreich gegen mein Vaterland, gegen die Rechte meiner Mitbürger mich nicht zum Werkzeug gebrauchen laſſen darf. Vielleicht muß ich den Ungehorſam mit dem Tode büßen; wohl denn, aber meine Pflicht fordert dieſes Opfer und ich verſöhne auf dieſe Art das Geſetz, das ich zu brechen gezwungen bin, um einem höheren zu gehorchen. Feierlich erkläre ich es hiermit, daß ich bei keinem gewaltſamen Schritt gegen die Verfaſſung Frankreichs die Waffen ziehe.“ „Und ich erkläre eben ſo feierlich,“ erwiderte der Haupt⸗ mann, indem er aufſtand,„daß ich, es trete ein, was da wolle, in der Pflicht, auf dem Poſten ſterbe, wohin mich der König ſtellt.“ „Sie mögen damit Ihrem Gewiſſen Genüge thun,“ ſprach Adolph mit ſanftem Ernſt der Wehmuth; denn er ſah die tiefe Bewegung Lormeuil's, der durch dieſe Worte ſeinen theuerſten Hoffnungen, dem Beſitz Louiſon's, faſt unbedingt entſagte.„Und vielleicht,“ fuhr er fort,„darf ich Ihnen hohe Achtung dennoch nicht verſagen, ſo ſchmerz⸗ lich ich Ihren Irrthum empfinde.“ Der Hauptmann ſtand ſchweigend, ernſt, ſchlug die Arme übereinander und heftete den Blick ſtarr auf den Boden. Deſormery, der ſchon mehrmals unruhig aufgeſtanden — 68— war, da Alles eine ſo völlig verſchiedene Wendung nahm von der, die er hoffte, fühlte wohl, daß der Verſuch, ge⸗ ſellige Heiterkeit zurückzuführen, vergeblich und unzeitig ſein würde. Um jedoch eine Ausgleichung wenigſtens ſcheinbar vorzubereiten, ſprach er:„Es iſt immer viel gewonnen, wenn Männer von Ehre, bei ganz verſchiedenen Geſinnun⸗ gen ſich gegenſeitige Achtung nicht verſagen können. Der Hauptgrund Ihrer Meinungsverſchiedenheit liegt wol in Ihrer verſchiedenen Stellung. Wären auch Sie ein Bür⸗ ger Frankreichs, lieber Lormeuil, ſo würden Sie vielleicht anders denken.“ „Vielleicht! So aber iſt es unmöglich. Was bin ich, wenn ich dem Könige nicht unbedingt getreu bin? Uns hat er ſeine Perſon anvertraut. Ich will nicht unterſuchen, ob Frankreichs gährende Elemente es nothwendig machten, eine neutrale Kraft um den Thron zu verſammeln, die im zwei⸗ felhaften Falle den Ausſchlag geben könnte. Es iſt aber einmal ſo. Der Schweizer hat viele überflüſſige Kräfte in ſeinem von der Natur vertheidigten Vaterlande. Der Mann ſucht Beſchäftigung, ſucht Gefahr. Tapferkeit erbten wir von unſern Vätern her; darum ziehen wir aus und ſchlie⸗ ßen uns bald Dieſem, bald Jenem an. Dem Könige von Frankreich verſprachen wir Treue; die Geſchichte hat die Feſtigkeit unſeres Wortes, die Unverbrüchlichkeit unſerer An⸗ hänglichkeit berühmt gemacht. Kein Schweizer hat ſeinen Eid gebrochen, hat Den verlaſſen, dem er Dienſte gelobt. Wir haben auf Italiens Schlachtfeldern die ſchwerſten Prü⸗ fungen beſtanden; Schweizer gegen Schweizer fochten wir, Bruder gegen Bruder, dennoch mit gleicher, alter Tapfer⸗ keit. Und nie hat es uns in unſerem Vaterlande zum Schimpf gereicht, daß wir, das Leben nichts achtend, an die Ehre, an die Treue Alles ſetzten und auch mit blutendem Her⸗ 8* —— — 69— zen die Pflicht erfüllten. Sollten wir jetzt das edle Bei⸗ ſpiel unſerer Väter entehren? Sollen wir die zum heiligen Sprichwort gewordene Schweizertreue um ihren durch Jahr⸗ hunderte mit theuerm Blute erkauften, reinen, unbeſcholte⸗ nen Ruf bringen?— Wo wir auch fechten, wir kämpfen für unſer Vaterland, denn wir tragen die Waffen für den Ruhm ſchweizeriſcher Tapferkeit, Ehre, Treue. Wir fallen auf fremdem Boden, für eine fremde Sache, aber der Gewinn des Ruhmes bleibt unſerer Heimat.— Mag ſein, daß Eure Pflicht eine andere iſt. Wir kennen die unſere; hier das Herz in der Bruſt verkündet ſie uns. Je mehr mir die Gewandtheit der Worte fehlt, ſie zu vertheidigen, deſto ſtärker wird die mächtig rufende Stimme in meiner Bruſt. Ich könnte die Stunde nicht überleben, wo ich meinen Eid treulos gebrochen, die Fahne verlaſſen hätte, mit der ich in den Kampf ziehe. Das iſt meine Geſinnung; ſo habe ich gedacht von Jugend auf, ſo habe ich zu leben verſucht nach dem Beiſpiel unſerer Vorfahren. Glaubt nicht, mich zu erſchüttern. In meinem Herzen ſpricht ein ſtärkerer Verſucher— ich widerſtehe ihm doch.“ Mit dieſen Worten griff er nach ſeinem Helm. Adolph reichte ihm die Hand und drückte ſie mit Herzlichkeit. Auch Deſormery ergriff ſie und ſah ihm gerührt in das männliche Angeſicht, in die treuen Augen, deren Blick die tiefſte Wehmuth ausſtrahlte. „Lieber Lormeuil,“ ſprach der gerührte Vater, der des Glücks ſeiner Tochter gedachte, nach einigen Augenblicken, niſt es denn aber nöthig, daß Sie Ihre ſchönen Kräfte und Geſinnungen einem fremden Staate, einem fremden Herr⸗ ſcher widmen? Finden Sie in Ihrer Heimat, in dem ſchö⸗ nen, freien Genf gar keinen Kreis der Wirkſamkeit? Kön⸗ — 70— nen Sie das unſelige Bündniß mit fremder Gewalt nicht auflöſen, jetzt da es noch Zeit iſt?“ „Es iſt nicht mehr Zeit,“ ſprach Lormeuil ernſt und feſt;„meine Ueberzeugung ſagt mir, daß gerade jetzt der Augenblick gekommen iſt, wo der König auf uns zählt. Und eben jetzt ſollte ich zurücktreten, ein Beiſpiel geben, das, wenn es nachgeahmt würde— nein, nimmermehr! Geht der entſcheidende Augenblick ruhig vorüber, ſo iſt meine Neigung dem Rücktritt nicht entgegen. Allein, ich ſehe keinen Ausweg; man iſt ſo weit vorgegangen, daß man nicht mehr zurückkann. Dies iſt meine wahrhafte Ueberzeugung und ich kann nicht gegen ſie handeln.— Es iſt ſpät. Ich ſcheide von Ihnen. Mir iſt es ein Troſt, zu ſagen, ich gehe zufriedener, als ich gekommen bin; denn wenigſtens habe ich den Gewinn gehabt, zu zei⸗ gen, weshalb ich ſo handle, wie es die Zukunft vielleicht fordert, und entehrenden Misdeutungen hoffe ich bei Ihnen nicht mehr ausgeſetzt zu ſein.“ Er ging.— An der Thür wandte er ſich noch einmal um, blickte Adolph an und ſprach:„Dürfen Sie mich um⸗ armen? Mein Herz liebt und achtet Sie.“ Adolph lag an ſeiner Bruſt.„Wer weiß,“ rief Lormeuil im ſchmerz⸗ lichſten Ton,„ob wir uns morgen noch umarmen können! Vielleicht treten wir nur noch mit den Waffen einander gegenüber. Ich wollte den Augenblick nicht für ewig ver⸗ lieren, wo ich Dir noch mit aller Seele ſagen dürfte, daß ich Dich liebe.— Sei mein Bruder!“ Adolph ſchloß den Bruderbund mit feuriger Seele, obwol er fühlte, daß ſtärkere Mächte ihn zerreißen würden. Der Hauptmann ging. Deſormery maß das Zimmer mit langſamen, ernſten Schritten und trocknete ſich häufig das Auge. Adolph wußte nicht, oh er bleiben oder den 8 — 71— bewegten Vater verlaſſen ſolle.— Endlich ſchien es ihm doch gerathener zu gehen und ſie trennten ſich nach einem ſtummen Händedruck. Achtzehntes Capitel. Die drei Theilnehmer jenes Geſprächs verſchwiegen daſ⸗ ſelbe ohne Verabredung, aus eigener Bewegung. Jeder that für ſich, was er konnte, um den Bruch des Glücks und des Friedens, der daraus hervorgehen konnte, durch allmälige Vorbereitung der Gemüther darauf, minder un⸗ erwartet und dadurch vielleicht minder hart zu machen. So verſtrichen die nächſten Wochen ohne ein bedeuten⸗ des Ereigniß. Eines Mittags war Adolph ſo eben von ſeinen Dienſt⸗ geſchäften nach Hauſe zurückgekehrt, als ein fremder Die⸗ ner zu ihm eintrat und ihm einen Brief überbrachte. Als er die Handſchrift ſah, rief er voll Freude aus:„Gott im Himmel, von Victor!“ Indem er den Umſchlag haſtig auf⸗ riß, wollte er den Diener fragen, von wem er den Brief erhalten habe; dieſer hatte jedoch ſchon die Thür des Zim⸗ mers wieder geöffnet, als ob er Jemand einlaſſen wolle, und plötzlich flog Victor in die Arme ſeines erſtaunten Bruders. „Hab' ich Dich wieder, mein theuerſter Victor,“ rief Adolph aus;„o Gott, wie reich ſchütteſt du den Segen deiner Güte auf uns herab!— Victor, Du lebſt!“ Um⸗ armung und Küſſe erſtickten ſeine Worte. — 72— Adolph wollte den Bruder ſogleich hinab zu Leontinen führen, allein dieſer hielt ihn zurück. „Zuvor, theuerſter Adolph,“ rief er aus,„muß ich Dir die wunderbaren Ereigniſſe erzählen, die ich erlebt. Ich kehre nicht allein zurück. Ein theures Weſen bringe ich mit mir, eine Blüte, in der Wüſte ſtill entfaltet, hold wie die Roſen des Morgenlandes.“ Adolph horchte hoch auf. „Und weißt Du, wen ich unter den Horden der Be⸗ duinen fand?— Erinnerſt Du Dich jenes Mädchens, das wir ſahen, als wir uns nach dem Schiffbruch den Bedui⸗ nen übergaben? Denkſt Du daran, daß ihre Mutter uns Engliſch anredete? Haſt Du nicht vergeſſen, wem jenes holde Mädchen glich?— Die Zeichen, die Gott ihren Zü⸗ gen eingeprägt, haben nicht gelogen! Es war Leontinens Schweſter, die verlorene Eugenie!“ „Bruder!“ rief Adolph aus und ſprang zurück, als trete eine Wundererſcheinung vor ihn hin.„Bruder, iſt es wahr, iſt es möglich?“ „So wahr, wie die Sonne über uns leuchtet. Sie iſt gefunden, ſie iſt uns Allen zurückgegeben, mir aber hat ſie ihr Herz, ihr Daſein geweiht. Adolph! Afrika, in ſeinem ganzen, weiten Gebiet verbirgt ſolchen Edelſtein nicht mehr!“ Die Brüder lagen einander am Herzen und vergoſſen ſelige Thränen; Thränen der Freude, des Entzülkens des Dankes gegen den ewigen Vater. 4 „Du erräthſt jetzt,“ begann Victor nach wenigen Mi⸗ nuten,„weshalb ich ſelbſt zu Dir nicht unvorbereitet trat.— Wie werden wir die Tochter in der Mutter Arme zurückführen? Wie werden wir ihr Herz ſtählen und ſchützen gegen den Sturm der Freude und der Schmerzen, der es 1 4 4 — 73— durchſchauern muß, wenn ſie das wiedergefundene Kind des verlorenen Vaters ans Herz drückt?— Denn von ihm haben wir keine Spur gefunden, vielmehr faſt die Gewiß⸗ heit erlangt, daß er dahin iſt. Zwar, noch dämmert eine ferne Möglichkeit und weckt die längſt entſchlummerten Hoffnungen vielleicht wieder— aber ach, wird die unglück⸗ liche Gattin nicht die ganze Zeit ihrer Angſt, ihrer Schmer⸗ zen auf's neue ertragen müſſen, wenn wir die alten Wun⸗ den aufreißen?“ Die Brüder beriethen ſich im trauten Geſpräch, wie man das merkwürdige Ereigniß der Mutter am beſten mit⸗ theilen könne. Dabei flocht Victor, durch die Fragen des Bruders beſtürmt, wie durch den eignen Drang zur Mitthei⸗ lung getrieben, Eugeniens ganze Geſchichte nebſt ſeiner Ret⸗ tung durch ſie und ſeiner Flucht mit ihr ein. Man kam darin überein, Deſormery müſſe zunächſt und alsdann deſſen Familie, wie auch Leontine, in das Geheimniß gezogen werden. Die Brüder gingen ſogleich zu Deſormery hinüber. Zum Glück trafen ſie ihn eben allein in ſeinem Arbeitszimmer an, da die Töchter mit Leontinen und deren Mutter ausgefah⸗ ren waren, um zu einem nahe bevorſtehenden großen Feſte 3 noch einige Einkäufe an Pußtgegenſtänden zu machen. Der alte, ſonſt ſo freundliche Mann ſaß eben nachden⸗ kend, den Kopf in die Hand geſtützt, an ſeinem Schreibtiſch. Als Adolph ihn beim Eintreten ins Vorzimmer durch die halbverhangene Glasthür gewahr wurde, konnte er ſich leicht denken, daß dieſe Stellung ſorgender Bekümmerniß mit dem Gedanken an die Neigung Louiſon's und die Geſin⸗ nungen des Hauptmanns in Zuſammenhang ſtehe. Leiſe klopfte er an die Thür. Deſormery fuhr wie aus einem iefen Traum auf und rief:„Herein!“ indem er zugleich Relſſtab, Geſ. Schr. Neue F. II. 4 — 24— aufſtand und ſich nach der Thür umſah. Beide traten ein; die Blicke des alten Mannes waren anfangs erſtaunt, dann wurden ſie freudig und, noch ehe Adolph die Lippen öffnen konnte, rief er aus:„Das muß Ihr Bruder Vic⸗ tor ſein!“ „Er iſt's,“ ſprach Adolph,„er iſt's, und gleich mir aus den drohendſten Gefahren auf wunderbare Weiſe gerettet.“ „Hierher, an mein Herz!“ rief Deſormery, als Victor höflich nähertrat und ſeine Hand faſſen wollte;„wenn man aus ſolcher Ferne zu einem Landsmann ins Vaterland zurückkehrt, dann umarmt man ſich.“ Und der alte Mann drückte den Jüngling mit Wärme an ſeine Bruſt.„Wie Sie ihrem Bruder gleichen,“ rief er aus,„in Afrika ſelbſt hätte ich Sie nicht verkannt. Und was werden Sie zu er⸗ zählen, zu berichten haben! Sie bleiben doch gleich zu Tiſch bei uns? Natürlich, natürlich! Was frage ich auch noch. Ich bin in dieſer Beziehung der glücklichſte Mann in Pa⸗ ris. So mäſig meine Tafel beſtellt iſt, ſo möchte ich doch wetten, daß heut die halbe Stadt lieber bei mir als bei Verry ſpeiſte, da ich ohne Zweifel die beiden jungen Män⸗ ner am Tiſch habe, die das Anziehendſte und Merkwür⸗ digſte zu erzählen im Stande ſind, was wir jetzt nur hören mögen. Herzlich willkommen, junger Freund! Sie ſind doch ſchon bei Frau von Clermont geweſen und haben ihre künftige liebenswürdige Schwägerin begrüßt?“ „Noch nicht,“ entgegnete Victor und wollte die Gründe dazu auseinander ſetzen, als der lebhafte Deſormery ihn unterbrach. „Noch nicht? Gewiß waren ſie nicht zu Hauſe. Das wird eine Ueberraſchung geben! Aber fürchten Sie ſich † nicht ein wenig? Schade, daß Leontine nicht doppelt in — -— 5— der Welt iſt; Niemanden als Ihnen, wenn Ihr Bruder nicht wäre, gönnte ich ein ſo treffliches Mädchen lieber.“ „Sie haben recht!“ antwortete Victor,„mein Bru⸗ drr iſt zu beneiden. Aber hatte Leontine nicht eine Schweſter?“ „Freilich wol! Allein laſſen Sie uns daran nicht den⸗ ken? Das ſind traurige Erinnerungen! Ich war der Pathe der kleinen Eugenie.“. „Sollte es ſo ganz unmöglich ſein, daß ſie dereinſt wie⸗ dergefunden würde,“ fragte Adolph und ſah den Bruder und darauf Deſormery bedeutſam an. Dieſer bemerkte die Blicke Adolphs und Victors. Eine leuchtende Ahnung fiel in ſeine Seele. Er heftete ein for⸗ ſchendes Auge auf die Brüder, er las in ihren Zügen, zitterte— Victor hielt nicht länger an ſich:„Ja, ſie iſt gefunden, ſie iſt mit mir zurückgekehrt!“ rief er aus. Deſormery riß ſtatt der Antwort den jungen Mann heftig an ſeine Bruſt, preßte ihn in die Arme und erſtickte ihn faſt mit Küſſen, während er zugleich unaufhaltſame Thränen vergoß und kein Wort hervorzubringen vermochte. Adolph ſtand in tiefſter Bewegung und betrachtete die rührende Freude des alten, wohlwollenden Mannes.„Wenn ſchon er, der Fremde, entfernt verwandte, ältere Mann durch das Wunder dieſes Wiederfindens ſo erſchüttert wird,“ dachte er ſtill,„wie ſoll das Herz der Mutter, der Schwe⸗ ſter dieſe Freude faſſen!“ Das erſte Wort Deſormery's, als er einige Faſſung wieder gewonnen, war:„Und der Vater? Und Clermont?“ „Von ihm haben wir keine Spur! Sein Daſein iſt in undurchdringliches Dunkel verloren.“ „Armer Freund! Du ſollteſt wenige Tage des Glücks — ſchauen. Allein, nicht klagen wollen wir, wenn der Him⸗ mel Wunder für uns thut. Wo iſt Eugenie? Führt mich zu ihr, führt ſie her!“ Victor berichtete in wenigen Worten, daß ſie erſt ſeit einer Stunde in Paris ſei und in einem nicht gar ent⸗ fernten Hoͤtel nebſt ihrer Mutter Betty wohne.— Sggleich griff Deſormery nach Stock und Hut, um ſie in Gemein⸗ ſchaft beider Brüder aufzuſuchen. Victor ging ſchnell voran, damit das ſchüchterne, der Sprache noch nicht ganz mächtige Mädchen auf den Beſuch vorbereitet würde. Dieſe hatte indeß mit ihrer Pflegerin eine Stunde der ängſtlichſten Spannung zugebracht. Ihre ganze Seele war bei der Mutter, der Schweſter, die ſie wiederfinden ſollte; ein heimliches, aber doch ſo ſüßes Bangen durchdrang ſie. Scheu, zagend, aber um ſo inniger liebend und ſich ſeh⸗ nend harrte ſie auf den Augenblick/ wo ſie an die Bruſt der unpbekannten geliebten Weſen ſinken ſollte. Indeſſen liebkoſte und herzte ſie ihre Pflegemutter Betty, gleichſam als wolle ſie ihr die Betheurung geben, daß ihr Herz niemals von ihr ſcheiden werde; dieſe aber ſah dem Augenblick, wo eine zweite Mutter ihre älteren natürlichen Rechte gegen die hei⸗ lig erworbenen der Pflegerin geltend machen werde, mit trüber Wehmuth entgegen. Ein dunkles Gefühl ſagte ihr, daß ſie aufopfern, daß ſie entſagen müſſe.— Jedes Ge⸗ räuſch auf der Straße, jeder Fußtritt auf dem Gange machte, daß Eugenie ängſtlich geſpannt aufflog. Jeden Augenblick wähnte ſie Victor und mit ihm vielleicht ihre Mutter eintreten zu ſehen. Endlich ertönten Schritte auf dem Corridor näher und näher, die Thür öffnete ſich und Victor trat ein. Bebend eilte ihm Eugenie entgegen; er küßte ſie freundlich auf die Stirn und berichtete ihr, was ge⸗ ſchehen ſei, wer ſie zunächſt von den Ihrigen begrüßen würde. Nach wenigen Minuten traten Deſormery und Adolph ein. „Ja, ſie iſt es!“ riefen Beide wie aus einem Munde. „Es iſt das Ebenbild der Mutter!“ rief Deſormery, indem er mit ausgebreiteten Armen näher auf die Schüch⸗ terne zutrat, die ſich an die Seite ihrer Pflegerin ſchmiegte. „Komm her, mein Kind, komm' in die Arme Deines vä⸗ terlichen Freundes!“ Eugenie trat erröthend, aber unſchuldig näher und dul⸗ dete und erwiderte die herzliche Umarmung des alten Man⸗ nes ni unbefangener Freundlichkeit. „O, bringen Sie mich bald zu meiner Mutern⸗ bat ſie mit zärtlichen Blicken. 8 „Gleich, meine Tochter,“ rief Deſormery,„ſo ſchnell als es möglich iſt, ohne Deine Mutter durch die Freude zu tödten.“ „Dies iſt mein Bruder,“ ſprach Victor und führte ihr Adolph zu;„umarme auch ihn, er kennt Dich ſchon.“ Eugenie umarmte den Bruder ihres Geliebten mit Herz⸗ lichkeit. Thränen der Nührung drangen aus ihren ſchönen Augen hervor. „O wie lieb, wie gut iſt Alles in dieſem ſchönen Lande!“ rief ſie,„und wie lieben ſich die Menſchen!“— —„Aber ich kenne ihn wohl,“ ſetzte ſie nach einigem Be⸗ ſinnen hinzu, indem ſie Adolph aufmerkſam betrachtete;„er war Dir nahe, als Du zuerſt unſere Küſte betrateſt. O, ich kenne ihn wohl!“ Adolph hörte die Worte mit inniger Freude und Rührung. Deſormery hatte ſich aus natürlichem, angeborenem Wohlwollen der zurückgezogenen Betty genähert und ihre Hand ergriffen. „Und welchen Dank ſind wir Ihnen ſchuldig! Sie ha⸗ — 8— ben uns das theure Kind gerettet und behütet. Ich weiß erſt wenige Worte, aber ich weiß ſo viel, daß Ihnen meine Liebe und meine Freundſchaft bis an das Grab bleiben muß.“ Betty, welche ſchwerer Franzöſiſch zu antworten wußte, als Eugenie, auch durch ihre Stimmung, durch Befangen⸗ heit, Rührung und Schmerz zugleich gehindert wurde, erwi⸗ derte nur einige unzuſammenhängende Worte, wobei ſie mit thränenerfüllten Augen gen Himmel blickte. „Ja wohl!“ rief Deſormery, indem er ihr die Hand herzlich drückte,„die Gnade Gottes iſt groß geweſen!“ Betty fühlte ſich durch die aufmerkſame Freundlichkeit des alten Mannes in innerſter Seele erquickt. Er wandte ſich wieder zu Eugenien, ſtellte ſich betrach⸗ tend vor ſie hin und ſchüttelte oft wie zweifelnd das Haupt. „Als ob ich das Feuerauge des Vaters ſähe! Und doch das ſanfte Lächeln der Mutter. Es iſt ſeine hohe Stirn und ihre freundliche zugleich! Als ich Dich am Tage Deiner Taufe in den Kiſſen lächeln ſah und ſo vor Dir ſtand wie jetzt— ach, da dachte ich nicht, welche Schmerzen und Freuden, welche Schickungen und Wunder Du in mein Le⸗ ben bringen würdeſt!“— Und noch einmal zog er die lieb⸗ liche Eugenie an ſein Herz und küßte ihre Stirn und Lip⸗ pen mit väterlicher Zärtlichkeit. Die Art und Weiſe, wie Eugenie ihre Mutter wieder⸗ ſehen ſollte, war folgendermaßen beſchloſſen worden. Wäͤh⸗ rend man wie im gewöhnlichen Familienkreiſe bei Tiſche ſaß, ſollten Eugenie, Betty und Victor in das anſtoßende Ge⸗ mach geführt werden. Man wollte Frau von Clermont durch die Erzählung, daß Nachrichten von Victor angekom⸗ men wären, der eine dunkle Spur von Eugeniens Schick⸗ ſal erlangt haben wolle, auf die Möglichkeit eines Wieder⸗ findens vorbereiten, dieſe hierauf wahrſcheinlicher machen, — — 0— ſie dann als Thatſache eingeſtehen, von der nahen Ankunft der Gefundenen ſprechen und endlich ihre Anweſenheit und Nähe ſelbſt entdecken. Da die Zeit des Mittageſſens, wo alle Hausgenoſſen und Freunde zuſammenkamen, nahe war, ſo eilten Deſor⸗ mery und Adolph ſchnell nach Haus, um noch das Nöthige vorzubereiten. Etwa in einer Stunde ſollte ein Wagen Eugenien und Betty abholen und ſie bis an das Neben⸗ haus bringen. Der zuverläſſige Diener Deſormery's war beſtimmt, ſie dort zu erwarten und in das Zimmer zu füh⸗ ren, neben welchem Frau von Clermont und Leontine nebſt den übrigen Hausgenoſſen am Tiſch ſitzen würden. Gleich nach Adolphs und Deſormery's Rückkehr trafen auch die Damen von ihrem Beſuch der Putzläden von Pa⸗ ris wieder ein. Adolph begann das Geſpräch mit der frohen Nachricht, daß auf dem Seeminiſterium Briefe von der afrikaniſchen Armee eingetroffen ſeien, aus denen er die Gewißheit erhal⸗ ten habe, daß Victor lebe und wohl ſei, ſich bei der Armee befinde und nächſtens nach Frankreich zurückkehren werde. Dieſe Botſchaft gewährte nicht nur Frau von Clermont und Leontinen große Freude, ſondern auch Deſormery und ſeine Töchter zeigten den lebhafteſten Antheil. Sogar Loui⸗ ſon's Züge, die ſeit einigen Wochen einen ſehr trüben Aus⸗ druck gehabt hatten, der ihrem Charakter nach auch wol bisweilen in Mismuth ausgeartet war, wurde durch die Kunde von dieſen frohen Ereigniſſen erheitert; denn ſie liebte Leontinen und deren Mutter mit zärtlicher Aufrichtigkeit. Deſormery begann, nachdem dieſes Geſpräch eine Zeit lang gedauert hatte, mit ernſter Miene:„Liebe Nichte (ſo redete er Frau von Clermont gewöhnlich an), auch ich habe Ihnen eine Nachricht mitzutheilen, freilich aber keine . — 80— ſo rein freudige. Sie vergeben mir aber wol, wenn ich eine ſchmerzliche Saite erklingen laſſe, zu deren Berührung wir vielleicht aber in der allgemeinen großen Freude die meiſte Kraft finden. Funfzehn Jahre ſind nun ſchon ent⸗ ſchwunden, ſeit Clermont uns verloren gegangen; unſer Herz hatte ſich wol lange mit dem Traume gewiegt, daß wir noch einmal Nachrichten von ſeinem Leben erhalten könnten, daß er wiederkehren werde— das iſt vorbei!“ „Ja wol! Das iſt vorbei!“ ſprach Frau von Cler⸗ mont mit einem tiefen Seufzer. „Für unſer Gefühl, für unſere Hoffnung iſt der Ver⸗ lorne längſt dahin,“ fuhr Deſormery fort.„Wir bedauer⸗ ten ihn als einen Todten und die Zeit hat unſere Wun⸗ den gekühlt, geheilt. Wir müſſen dankbar erkennen, daß ſie im Lauf der Jahre uns manche Wohlthat erzeigt hat. Dennoch, wie leicht kann das wünſchende Herz mit einem Male in ſeine alten Träume und Hoffnungen zurückfallen, wenn ein noch ſo zweifelhafter Vorfall es dazu auffordert. Und wie geſchäftig iſt der ſpitzfindige Verſtand, das Herz zu unterſtützen! Ich geſtehe z. B. ſelbſt, daß ich, bei jener Expedition nach Algier, mir ſchnell, ſo wenig Talent ich zum Romandichten habe, die fabelhafteſten Abenteuer zuſam⸗ menſetzte, wie durch ſie unſer tief betrauerter Freund in unſere Arme zurückgeführt werden könnte. Sonderbarer Weiſe muß eine Nachricht, die ich heute im Geſpräch auf dem Bureau erfuhr, dieſem Märchen die Eigenſchaft der Möglichkeit und der völligen Eitelkeit zugleich geben. Denn dort habe ich einen amerikaniſchen Kaufmann geſprochen, deſſen Bruder zufällig ſich auf demſelben Fahrzeuge als Schiffslieutenant befand, das vor funfzehn Jahren Ihren Gatten an Bord nahm.“ Frau von Clermont und Leontine horchten ſchon lange v in ängſtlicher Spannung, doch wollten ſie den Erzahler nicht unterbrechen, weil ſie jeden Augenblick erwarteten, er werde ihnen die verſprochene Nachricht mittheilen. Er aber zögerte abſichtlich ein wenig. „Durch den ſeltſamſten Zufall von der Welt erfuhr jener Kaufmann, der nur eben vor ſeiner Abreiſe nach dem Havre, ſonſt hätte ich ihn mit zu Tiſch gebracht, einen Bekannten auf dem Büreau ſprechen wollte, daß ich der Oheim jenes Oberſten Clermont ſei.“ „Und was erfuhren Sie von dem unglücklichen Schick⸗ ſale meines Gatten?“ rief Frau von Clermont, der es un⸗ möglich war, länger an ſich zu halten, in heftiger Be⸗ wegung. „Ich erhielt die Gewißheit, daß er für uns verloren iſt,“ erwiderte Deſormery, indem er ihr die Hand ſanft drückte. Hierauf ſchwieg er einige Augenblicke, dann fuhr er fort:„Das Schiff wurde in der Nähe von Gibraltar durch Seeräuber angefallen. Man vertheidigte ſich, Oberſt Clermont, wie Sie denken können, fehlte nicht unter den Streitern. Allein das Geſchick, das ihn in ſo vielen Schlachten verſchont hatte, war ihm hier feindlich. Eine der erſten Kugeln drang ihm durch's Herz; er fiel an der Seite des Bruders eben jenes Kaufmanns.“ „O Gott!“ rief Frau von Clermont,„ich betraure ihn ſeit funfzehn Jahren als todt! Jetzt, da ich erfahre, wie er ſtarb— jetzt iſt mir's, als würde er mir eben erſt ent⸗ riſſen.“ Deſormery ergriff die Hand der heftig Weinenden und drückte ſie mit Herzlichkeit. Seine Töchter waren um Leon⸗ tinen bemüht, die ebenfalls in Thränen ausgebrochen war.— Abſichtlich hatte er dieſe erfundene Nachricht von dem Tode des Oberſten vorausgeſchickt, damit durch Eugeniens Rück⸗ 4*†§ — 8&2˖— kehr nicht neu ſpannende Qualen der Hoffnung und Angſt und hatte verſprochen, die Erzählung zu beſtätigen. „Laſſen Sie mich weiter reden,“ ſprach Deſormery nach einigen Minuten ſanft.„Dieſe Nachricht, die nur die Be⸗ ſtätigung einer längſt empfundenen Gewißheit iſt, wird Ihnen in der Folge zuverläſſig ein Troſt ſein. Denn wer wüßte nicht gern, wie einer der Unſrigen geſtorben iſt?— Der Angriff der Seeräuber wurde abgeſchlagen. Die Leiche des Oberſten ins Meer verſenkt, wie es der traurige Brauch der See verlangt. Allein am nächſten Tage fand der Pirat, der ſeine Beute nicht aus den Augen ließ, eine Verſtär⸗ kung. Das Schiff wurde genommen und der Bruder jenes Kaufmanns gerieth in die Gefangenſchaft der Bar⸗ baresken, woſelbſt er einige Jahre blieb.“ „Aber Eugenie, meine Tochter?“ rief Frau von Cler⸗ mont, die in geſpannter Aengſtlichkeit zugehört hatte. „Der Tod des Oberſten hat,“ fuhr Deſormery abſicht⸗ lich ſo ruhig als möglich fort,„die Eitelkeit meiner Traͤume gezeigt, der Umſtand, daß ein Theil der Mannſchaft in Gefangenſchaft gerathen iſt, aber auch die Möglichkeit der⸗ ſelben. Jener amerikaniſche Kaufmann wußte von dem Schickſal des Kindes, nach welchem ich ihn ſogleich fragte, freilich nichts, allein die Möglichkeit iſt jetzt wenigſtens ge⸗ funden, Nachrichten darüber einzuziehen.“ Frau von Clermont hatte während der letzten Worte dieſer Erzählung heftig zitternd und weinend neben ihrem Oheim geſeſſen. Jetzt ſprang ſie auf und faltete die Hände beſchwörend vor ihm.„Oheim, wiſſen Sie, was es heißt, ein Mutterherz foltern? Kennen Sie das Gefühl einer Mutter? Mein Kind lebt! Es muß leben! Sie wiſſen da⸗ erregt würden. Betty war zuvor davon unterrichtet worden von! Meine Ahnung ſagt es mir! Wüßten Sie es nicht, — — — 88— Sie würden nicht ſo davon ſprechen! O täuſcht mich nicht länger, haltet mich nicht hin! Eugenie! Wenn Du mir nahe biſt, warum eilſt Du nicht in meine Arme?“ Indem die ahnende Mutter ſo nach dem Kinde rief, ertönte im Nebengemach ein lauter Schrei aus gepreßter Bruſt. Wie durch eine Stimme der Gottheit getrieben, riß Frau von Clermont die Thür des Gemachs auf; Eu⸗ genie hatte ſich, durch die ſtürmenden Gefühle ihres Buſens uͤberwältigt, aus Victors Armen gewunden und ſtürzte der Mutter entgegen. Mit dem die tiefſte Seele durchdringen⸗ den Ruf:„Meine Mutter!“ flog ſie ihr ans Herz— und Kind und Mutter hatten ſich erkannt und hingen einander in den Armen. Beide wankten, man ſprang ihnen zu Hülfe, aber ſie ließen nicht von einander; Arm in Arm ſich haltend, wur⸗ den ſie zu dem Ruheſitz geführt. Dort ſank Eugenie vor der Mutter nieder und drückte ihr das weinende Antlitz gegen die Bruſt, indem ſie ſie heftig umſchlang; dieſe aber beugte ſich über das Kind ihres Schooſes und überſtrömte es mit heiligen Thränen und bedeckte es mit heißen Küſſen. —— Dieſe plötzliche Entwickelung hatte Deſormery nicht vermuthet. O, er bedachte nicht, daß ein Funke der Hoff⸗ nung, in ein Mutterherz geworfen, im Augenblick zur lodernden Flamme aufſchlägt. Der ahnende Blick durch⸗ dringt alle Schleier, mit denen man die Wahrheit zu ver⸗ hüllen wähnt. Sei es Schmerz, ſei es Freude, was Du einem Mutterherzen bereiten willſt, noch ehe Du die Lip⸗ pen geöffnet, hat es das Geheimniß in ſeinen tiefſten Tie⸗ fen durchdrungen und erſchöpft. — —— —— — — Ueunzehntes Capitel. Beim ſchönſten Wetter warf die Bellona ihre Anker in der Bucht von Mahon. Schon vor ihr hatten die Trans⸗ portſchiffe, welche ſie convoitirte, angelegt. Da ſich in den⸗ ſelben meiſtentheils Verwundete befanden, ſo wurden dieſe in das große für die franzöſiſche Armee angelegte Lazareth gebracht. Es befanden ſich darunter Offiziere, welche von Mahon nach Frankreich wollten; dieſe zogen es vor, auf ihre Koſten ſogleich in das eigentliche Quarantainegebäude zu ziehen, weil ſie dadurch ihre Reiſe nach Frankreich beſchleu⸗ nigen konnten. Die Mannſchaft auf der Bellona mußte ihre neuntägige Quarantaine auf dem Schiffe ſelbſt abwarten; Oberſt Clermont blieb natürlich in dieſem Aufenthalte, der ihn nicht von dem Capitain trennte, am liebſten. Die Bellona wurde unterſucht, es legten ſich Wacht⸗ ſchiffe davor, man ſperrte ſie ab.— So trat eine Zeit der Nuhe und Unthätigkeit ein, die leicht lange Weile mit ſich bringt. Nicht ſo für den Oberſten, der ſich aus der Schiffs⸗ bibliothek, und den eigenen Büchern des Capitain Durocher eine Auswahl getroffen hatte, die ihn mit den Vorfällen in Europa, von denen er ſeit funfzehn Jahren faſt nicht das Mindeſte erfahren hatte, bekannt machen ſollte. Kaum hatte indeß die Bellona ihren feſten Ankerplatz genommen, ſo ging er mit dem Hauptmann auf das Deck und überſah mit dem Gefühl wunderbarer Rührung das ſchöne Eiland Minorca, welches vor ihm ausgebreitet lag. Es war eine der letzten Erinnerungen aus ſeinem frühern Leben; denn hier hatte er einſt die letzten Küſten Europas geſehen. Die ganze Zeit des Damals mit ihrem ſchwerem — 85 Gewitterhimmel, mit allen den Donnern, unter welchen der Erdball zitterte, ſtand wieder vor ihm. Es dünkte ſei⸗ ner Seele, wie er im hellen Mittagsſonnenſchein umherblickte über den blauen Spiegel der Flut, nach den grünen Gär⸗ ten der Küſte hinüber, als ſei er nach einer langen Nacht voll ſchwerer Träume endlich erwacht und der Mor⸗ gen breche an. Das Wachtſchiff mit den Geſundheitsofficianten am Bord näherte ſich jetzt dem Fahrzeuge. Nach den erſten Begrüßungen ertönte die gegenſeitige Frage: Was gibt's Neues?— Die Ankommenden hatten freilich mehr von Algier und deſſen Einnahme zu erzählen, als die Inſula⸗ ner von ihrem kleinen Gebiet berichten konnten. Indeß fragte man ſich doch nach dieſem und jenem, nach der An⸗ kunft und dem Abgang von Schiffen. Der Capitain warf die Frage hin, ob der Verkehr mit Frankreich ſtark ſei, ob viele Gelegenheiten dorthin abgingen, und dergleichen mehr. Auf die letzte Frage erwiderte der Lieutenant im Schiff: „Fahrzeuge nach Toulon, nach Cette gehen täglich ab. Sehen Sie dort jenes weiße Segel am äußerſten Horizont? Es kann etwa zehn Lieues in See ſein. Das iſt eine fran⸗ zöſiſche Handelsbrigg, welche erſt heut Morgen die Inſel verlaſſen hat. Sie heißt la Petite⸗Antoinette und geht nach Cette.“ 4 Der Oberſt warf einen Blick hinüber nach der Gegend, wo das vaterländiſche Schiff der Heimat zueilte. Eine mächtige Sehnſucht durchdrang ſeine Bruſt. Es war faſt, als habe er eine Ahnung, wer auf jenem Schiffe weile. Indeß wurden die zur Quarantaine nothwendigen Maß⸗ regeln getroffen und die Officianten verließen darauf die Bellona wieder. Nun erfolgten neun einförmige Tage, welche jedoch dem — 886— Oberſten, wie ſchon geſagt, trotz ſeiner Sehnſucht nicht lang däuchten, da er die höchſt ſeltſame Empfindung hatte, in dieſen wenigen Tagen die faſt doppelte Zahl der Jahre nachzuleben, die er außerhalb des Bereichs geſellſchaftlicher Beziehungen und geſchichtlicher Ereigniſſe zugebracht hatte. Als Anhänger ſeines Kaiſers, als ruhmbegeiſterter Krie⸗ ger hatte er den großen Kriegsſtaat Frankreich verlaſſen. Er kannte keine andere Trauer als die um verlorene Schlachten, entriſſene Adler, gefallene Legionen. Jetzt ent⸗ ſpann ſich vor ihm ein ganz neues Gemälde. Er ſah, wie ſich im Frieden der Gedanke des Staats ausbildete. Er ſah die ruhige, man möchte ſagen, die wiſſenſchaftliche Wie⸗ derholung der Revolution. Verglich er die Jahre von 1789 bis 1804 mit denen von 1815 bis 1830, ſo erſchienen ihm die letzten zu jenen wie das Mannesalter zu den Jüng⸗ lingstagen. Was damals die Macht der Begeiſterung, der Drang des Gefühls in hoher Ahnung des Göttlichen voll⸗ endete, gewiſſermaßen blind vollbrachte und daher auch auf tauſend Irrwege gerieth: das wiederholte jetzt der reife Ernſt des Mannes, gepaart mit treuer, bewußter Erwär⸗ mung für die heilige Sache. Es war nicht mehr eine lo⸗ dernde Flamme der Freiheit, die alle Dämme und Zwang⸗ veſten der Tyrannei zu Staub und Aſche brannte, mit ih⸗ nen aber auch das Heil und Glück von tauſend unſchuldi⸗ gen, friedlichen Bewohnern zerſtörte, die geſegneten Felder des Landmannes, den ruhigen Herd des Bürgers verwüſtete; ſondern es war die warme Glut einer Allen leuchtenden Sonne, deren belebende Kraft die Fluren mit ſegensreichem Grün, die Gärten mit ſchwellenden Früchten bedeckte. Der Kampf dagegen erſchien ihm ſo ohnmächtig, wie das Be⸗ ſtreben nichtiger Wolkendünſte, das reine Licht zu verhüllen. Wenn er alle die tauſend Ränke und finſteren Beſtre⸗ — bungen ſah, die Menſchheit um ihre heiligſten Rechte, um ihr höchſtes Glück zu bringen, ſo empörte ſich zwar ſein Herz dagegen und ſchlug in edlem Unwillen heftig gegen die Bruſt; aber dennoch mußte er voll freudiger Kraft darüber lächeln.„Die Sonne wollt Ihr durch Wolken verfinſtern? O Ihr Thörichten! Wenn es Euch auch ge⸗ lingt, einen düſtern Tag zu ſchaffen, ein Gewitter zuſam⸗ men zu ziehen! Wißt Ihr denn nicht, daß Ihr gegen Euch ſelbſt arbeitet? Daß wenige Stunden ſpäter das göttliche Licht in deſto reinerer Klarheit ſtrahlen wird, daß Euer Gewitter nur die Thoren ſchreckt, daß Eure Donner nur ohnmächtig verhallen, die Macht Eurer Blitze ſchnell er⸗ ſchöpft iſt und nachher, wenn das trübe Gewölk vont leich⸗ teſten Winde verſcheucht wird, die Lüfte ſich nur um ſo reiner und balſamiſcher athmen? Gegen ein Feld, deſſen Ernte Ihr zerſtört, habt Ihr Tauſenden tauſendfältigen Segen wider Euern Willen geſchaffen! O legt die neidi⸗ ſchen Blitze aus der Hand, mit denen Ihr gegen das himm⸗ liſche Feuer kämpft! Ihr furchtbarſter Schlag wird ſonſt auf Euch ſelbſt zurückfallen!“ Mit ſolchen Geſinnungen las der Oberſt die Kämpfe der Kammern, die Ermordung des Herzogs von Berry, den Krieg gegen Spanien, die tauſend und abertauſend kleinen gewandten Künſte des Mannes, der, wäre er eben ſo begeiſtert für die gute Sache, die auch allein ſeinem Könige Heil bringen konnte, als geſchickt in der Führung der ſchlechten geweſen, in ſeiner ſechsjährigen Verwaltung ſich hundertjährigen Ruhm hätte erwerben können, Villele. Mit wahrer Ehrfurcht erfüllte ſich das Herz des alten Kriegsmannes gegen die Heroen der. Tribune, die ſeit funf⸗ zehn Jahren Speer und Harniſch nicht ablegten, ſondern ewig gewaffnet als treue Wächter vor dem Heiligthume der — 88 Freiheit ſtanden, um gleich trotzigen Paladinen jedem die Spitze zu bieten und ihn zum Kampf zu fordern, der es wagen würde, das Paladium anzugreifen. Mit edler Rüh⸗ rung erkannte er es, daß viele darunter ſeine alten Kriegs⸗ gefährten waren; und es erfüllte ſeine Bruſt mit Stolz, daß der begeiſterte Sinn für den Ruhm, der eiſerne Gehorſam der Soldaten verſchwiſtert waren mit dem hohen Sinn für Recht, Freiheit, Wahrheit, Vaterlandsliebe! Abends pflegte er wol mit dem Capitain Durocher bei einer Flaſche vaterländiſchen Weines vertraulich auf dem Deck zu ſitzen und, wenn die Lüfte kühl und erquickend nach der Hitze des Tages von Frankreichs Ufern her über die Wellen wehten, in Geſprächen über die theure Heimat und ihr Schickſal ſein ganzes Herz auszuſtrömen in den Buſen des Freundes. Durocher dachte wie er; nur raſcher, jugendlicher, nicht ſo bekümmert um die Gegenwart, nicht ſo tief davon ergriffen. Er erzählte dem Oberſten, was dieſem die Bücher nicht liefern konnten, die neueſten Ereig⸗ niſſe des Tages, die Bemühungen des Miniſteriums Mar⸗ tignac, die Umtriebe der Camarilla und Congregation dage⸗ gen, den Sturz deſſelben durch die Partei des Fürſten Polignac, die entſchloſſenen Schritte der Deputirtenkammer, den Inhalt ihrer Adreſ. „Und ſehen denn die Wahnverblendeten nicht,“ rief der Oberſt voll Erſtaunen aus,„daß ſie auf den gähnenden Abgrund zuſtürzen? Wollen ſie denn mit ihrer gebrechli⸗ chen, ſchwachen Hand das eiſerne Rad der Nothwendigkeit, das unaufhaltſam über die Erde rollt, zu hemmen unter⸗ nehmen? Können ſie den Strom lehren, gegen ſeinen Quell zurück zu brauſen? Wähnen ſie, daß die Bewohner Frank⸗ reichs, die vierzig Jahre hindurch der Freiheit und dem Nuhm jedes Opfer gebracht haben, ſich jetzt geduldig in die 1 * — 89— ſchimpflichen Feſſeln ſchmiegen werden, die ſchon von der entarteten Nation unter Ludwig dem Sechzehnten geſprengt worden? Glauben ſie, daß die freien, erleuchteten Söhne Frankreichs, die ihre Kraft geprüft haben nach innen und nach außen, die Muth, Ehre, Freiheit mit der Mutter⸗ milch einſogen, leichter zu bezwingen ſind, als die durch Sklaverei und Verhöhnung aller heiligen Menſchenrechte herabgewürdigten Unterthanen Ludwigs des Funfzehnten? Nein, Durocher, ich halte ſie nicht für ſo verblendet. Sie werden Gutes bringen, Gutes wollen. Ihre Eitelkeit iſt nur die, an der Spitze zu ſtehen, Das wenigſtens ſelbſt zu thun, was ſie nicht hindern können.“ „Und der Krieg gegen Spanien? Das Geſetz des Sa⸗ crilegiums? Die ſo oft eingeführte Cenſur? Der Verſuch des Peyronnet'ſchen Preßgeſetzes? Die Beamtenariſtokratie? Die Drohungen des jetzigen Miniſteriums in der Thron⸗ rede? Seine ſichtlichen Bemühungen, die Kammer der freien Wahlen Frrankreichs zu zerſtören? O, Clermont, täuſchen Sie ſich nicht!“ —— Nach einer ſolchen Erwiderung ging der Oberſt unruhig und düſter auf und ab. Er vermochte nicht zu widerlegen und vermochte nicht von ſeinem Gedanken zu laſſen. So glich er Einem, der keine Geſpenſter glaubt und doch welche ſieht. Seine Vernunft und ſeine geſunden Sinne traten in einen Kampf mit einander und vergeblich ſtrebte er zur Einigung mit ſich ſelbſt zu gelangen. Endlich waren die neun Tage der Quarantaine vorüber; die Wachtſchiffe wurden eingezogen, man erhielt Geſund⸗ heitszeugniſſe und ging mit friſchem Winde unter Segel. Mit jedem Faden See, den die Bellona zurücklegte, mit jeder Welle, die ſich ſchäumend an der Bruſt des Schiffes zerſchlug und an demſelben vorüberrollte, ſchlug — 90— dem Oberſten das Herz höher und mächtiger empor.„Noch eine Nacht liegt jetzt zwiſchen Dir und den Deinigen, zwi⸗ ſchen Dir und den Ufern der Heimat. Du wirſt den Boden des Vaterlandes wieder betreten, darfſt die heilige Erde Frankreichs wieder küſſen! Noch ein Mal ſoll Deine treue Gattin an Deinem Herzen ruhen, Du wirſt eine Tochter, blühend wie einſt die Mutter, umarmen, einen Sohn an die väterliche Bruſt drücken!“ Mit dieſen Betrachtungen in der Seele ging er auf dem Deck umher und wandte das Auge nach dem fernen Horizont, wo hinter den Wellen der See die Küſte des Vaterlandes verborgen lag. Die erſte Nacht der Fahrt war vorüber. Am nächſten Morgen hätte man bei günſtigem Wetter ſchon die Küſte erblicken können. Allein in der Nacht war der Wind um⸗ geſprungen; ein ſtarker Landmiſtraul*), der ſich in heftigen Windſtößen auf der Wetterſcheide der Hochaſpen zu ent⸗ wickeln pflegt, blies dem Fahrzeuge ſeinen rauhen Athem entgegen und warf die Wellen der dunkeln See ziſchend gegen daſſelbe empor. Man mußte den ganzen Tag lavi⸗ ren, um nur einigermaßen vorwärts zu kommen. Der Capitain ſchnitt den Wind ſo ſcharf als möglich, dennoch aber konnte er nicht viel Bahn gewinnen, ſondern war froh, wenn er ſich nur gegen die Kraft deſſelben leidlich verthei⸗ digen konnte. Gegen den ſpäteren Abend wurde derſelbe ſo heftig, daß man bedeutend Segel einzureffen genöthigt war und nur noch mit einigen wenigen Stückchen Linnen, die von dem heftigen Luftſtrom ſo ſtraff angeſchwellt wurden, *) Miſtraul heißt im ſüdlichen Frankreich der heftige, kalte Nordſturm, welcher dort häufig und plötzlich durch die Naͤhe des Hochgebirges entſteht. daß ſie zu zerreißen drohten, dem Schiffe die nöthige Lei⸗ tung geben konnte. Um zehn Uhr ging der Mond auf und Durocher kam herab zu dem Oberſten, der mismuthig in der Kajüte ſaß, um ihn einzuladen, noch ein Stündchen auf's Deck zu kom⸗ men, da die Witterung bis auf den heftigen Gegenwind ganz angenehm ſei. Er fand den Oberſten ſo ernſt bei der Lampe ſitzend und in Gedanken vor ſich hinſtarrend, daß er die Frage nicht unterdrücken konnte, ob ein böſer Traum ihn belaſte. .„Nur der alte, ewige, unheilbare, liebſter Freund,“ ent⸗ gegnete der ernſte Kriegsmann;„in ſo rauhem Wetter ſucht der Geiſt ſich ſelbſt am liebſten in der ähnlichen Stimmung auf. Auch muß ich frei geſtehen, daß, abgerechnet die Ver⸗ ſäumung koſtbarer Tage und Stunden, mein Herz durch das Schickſal ſo ſchwermüthig oder, wenn Ihr wollt, ſo abergläubig geworden iſt, daß es dieſen rauhen, zurückſto⸗ ßenden Zorn der Elemente von der Küſte der Heimat für eine böſe Vorbedeutung zu halten vermag.“ „Ei, Freund,“ entgegnete Durocher lächelnd,„ich dächte, wir hätten das unvergleichliche Wetter, das unſere Fahrt bis in die Mitte der vergangenen Nacht begünſtigte, mit eben ſo großem Recht für ein gutes Omen halten dürfen. Warum ſoll aber nur das böſe Recht haben?“ „Weil es das ſpätere iſt. Nicht der Beginn, der Be⸗ ſchluß eines Werkes iſt es, was über das Gelingen deſ⸗ ſelben entſcheidet. Indeß bin ich nicht eigenſinnig genug, um meine Lehre von der Vorbedeutung gegen Dich mit Ernſt durchfechten zu wollen. Aber ſo viel iſt wenigſtens gewiß, daß die Seele oft die Farben äußerer Umſtände an⸗ nimmt, wie das Meer die des Himmels, der ſich darüber wölbt. Und nach funfzehn Jahren der Verbannung an den — 92— Pforten der Heimat durch ein heftiges Unwerter begrüßt zu werden, das uns den Eintritt verwehrt— ich glaube, Jeder würde dies für ein böſes Zeichen halten.“ „Ich ſchlage Dich mit eignen Worten,“ erwiderte Du⸗ rocher;„wir müſſen das Ende abwarten. Und ohne die Weisheit des Königs von Juda zu beſitzen, kann ich Dir prophezeihen, daß nach dieſem rauhen Sturm wieder das ſchönſte Sonnenlicht und der günſtigſte Südoſt eintreten wird, mit dem wir in den Hafen von Toulon einlaufen können.“ „Wir, oder Andere, die nach uns kommen,“ entgegnete Clermont, ließ ſich aber von dem Freunde auf das Deck führen. Die See ging hoch. Der Wind peitſchte die Wogen und die Wolken und jagte dieſe hoch an dem Bogen des Himmels unter dem blaſſen, flüchtigen Lichte des Mondes dahin. Selten zitterte der Strahl eines bleichen Sternes zwiſchen dem Gewölk hindurch. Das Geräuſch der Wellen tönte hohl und ſchauerlich. Nings um das Schiff erſchie⸗ nen ſie wie ſchwarze Ungeheuer, die gähnende Rachen auf⸗ ſperrten und Wolken Schaumes ausſpien; weiterhin glichen ſie einer Heerde durcheinander flatternder graugelber Schwäne und ſchwärzlicher Kraniche; im noch entfernteren Ringe bil⸗ deten die Schaumkronen im Mondlicht ein ödes Schneege⸗ filde, denn die Bewegung war wegen der Entfernung nicht ſichtbar. Ganz am äußerſten Saume des Horizonts verlief ſich das glänzende Weiß wieder in dunkles, unterſchiedloſes Grau, das mit dem Himmel zuſammenrann. Ein hohles Sauſen zog einförmig über dieſe Wüſte dahin und bildete einen langen, gehaltenen Laut, in den ſich nur das Raſ⸗ ſeln der Seile und das Geräuſch der flatternden Segel miſchte. — 93— Der Oberſt blickte mit einem trüben Gefühl umher. „Wie weit ſind wir noch von der Küſte entfernt?“ fragte er den neben ihm ſtehenden Freund. „Gegen dreißig Lieues. Hätten wir den widerwärtigen Wind nicht bekommen, könnten wir jetzt ſchon in Toulon ſein. So hoffe ich wenigſtens morgen Abend um dieſe Zeit dorthin zu gelangen.“ „Es bleibt doch bei Deinem Verſprechen, mich mit einer Barke ans Land ſetzen zu laſſen? Die Ankunft im Hafen, umgafft von allem Volke würde ich gern vermeiden, ſelbſt wenn ſie nicht gefährlich für mich werden könnte.“ „Gewiß,“ entgegnete der Capitain.„Ich habe vier ſichere Leute an Bord, denen Du Dich anvertrauen magſt wie Deinen Söhnen.“ „Ungern würde ich in ſpäter Nacht landen. Wenn ich alsdann an die Pforte meines Hauſes poche, ſo muß meine Erſcheinung mehr Aufſehen erregen, als ich wünſche.“ „Aber weshalb ſandteſt Du nicht von Minorca aus einen Brief voran?“ „Aus doppelter Vorſicht. Wer ſteht mir dafür, daß mein Schreiben ein Geheimniß geblieben wäre? Die Mut⸗ ter konnte es in der Freude verrathen. Ein Zufall konnte meine Ankunft melden. Und wenn auch das nicht, ſo muß⸗ ten doch noch viele Tage darüber verſtreichen, und in wel⸗ cher Lage und Unruhe hätte Leontine(er meinte die Mut⸗ ter, welche ja ebenfalls dieſen Namen führte) dieſe zuge⸗ bracht! Durch jede Stunde der Verzögerung meiner Ankunft würde ſie Todesqualen gelitten, fortwährend für mein Leben gezittert haben. Und wenn ich nun wirklich noch kurz zuvor einen Unglücksfall erfahren müßte? Jetzt trifft er mich allein. Er ändert nichts mehr in dem Heil, dem Glücke meiner Theuern. Begräbt mich die Welle, nun ſo begräbt ſie einen — 991— Todten. Ein Wort von mir, eine Zeile meiner Hand und ich lebe! Und noch ehe ſie das Glück des Wiederſehens ge⸗ noſſen hätte, wäre meine Gattin allen Schrecken eines neuen Verluſtes preisgegeben worden. Nein, Durocher, ich muß kommen, wie mein Geſchick ſelbſt, als ein Wunder, plötz⸗ lich, wie aus der Tiefe des Todtenreichs heraufſteigend.— O, ich habe das lange und ernſt bedacht! Dieſe Hand ſehnte ſich, dem theuerſten Weſen, das ich auf Erden kenne, eine Zeile des Troſtes, des Glücks zu ſenden; aber mein ſtrenger Wille hat es ihr verwehrt.“ Der Oberſt war zu aufgeregt, um Schlaf hoffen zu können. Gern ging er daher mit dem Freunde, dem das Wetter ein Opfer der Ruhe abforderte, in den Pauſen, die der Dienſt dieſem ließ, die Nacht hindurch auf dem Deck auf und nieder. Erſt gegen Morgen fühlte er ſich müde. Mit Durocher zugleich begab er ſich zur Ruhe, denn auch der heftige Wind, faſt möchte man ihn Sturm nennen, hatte nachge⸗ laſſen. Als Clermont erwachte, war es faſt Mittag. Durocher, der ſchon längſt wieder auf dem Verdeck thätig war, ließ ihn durch einen Schiffsjungen bitten, herauf zu kommen. Schon an der Treppe trat ihm der Freund mit einer ge⸗. heimnißvollen, lächelnden Miene entgegen und bot ihm die Hand, um ihn die letzten Stufen heraufzuführen. Der Oberſt wußte nicht, was dies bedeuten ſollte. „Schließe Deine Augen, lieber Freund,“ bat der Capi⸗ tain,„und vertraue Dich meiner Führung einige Schritt weit an.“ Der Ob 4 ahnte, was dieſer Scherz bedeuten ſolle, und antwortete:„Gern, doch auch mit geſchloſſenen Augen ſehe ich die n Berge Frankreichs vor mir. Ach, ihr 8 Bild prägte ſich meiner Seele zu tief ein, als ich vor funf⸗ zehn Jahren in der Dämmerung des Morgens Abſchied von ihnen nahm.“ Unter dieſen Worten hatte Durocher den Oberſten zwi⸗ ſchen den Maſten hindurch, auf das Vordertheil des Decks, an die Backbordſeite geführt, wo man nicht nur einen Ueberblick der Küſte hatte, ſondern wo beide auch entfernt von dem übrigen Theil der Bemannung des Fahrzeuges waren. „Jetzt öffne die Augen!“ ſprach Durocher. „Heiliger, gnadenreicher Gott!“ rief der Oberſt, als er aufblickte, ſtürzte dem Freunde ans Herz und verbarg ſein Antlitz an deſſen Bruſt!—„Freund! O Gott!“— Die Worte erſtarben ihm; Durocher hielt ihn ſtumm und ge⸗ rührt umſchlungen. Clermont erhob ſein großes, feuriges Auge mit einem unbeſchreiblichen Blick des Dankes gen Himmel; es war ein ſtummes Gebet, aber es drang mäch⸗ tig gegen den Thron des Vaters hinan. „Wars ſo recht, Lieber?“ fragte nach einigen Minuten Durocher.„Ich wollte Dich nicht eher in Deiner Ruhe ſtören, bis Du den ganzen, vollen Anblick genöſſeſt. Da⸗ rum beredete ich Dich, die Nacht mit mir auf dem Deck zu bleiben, denn ich wußte, daß wir mit der Dämmerung Land ſehen müßten. Jetzt ſind wir keine Seemeile mehr von der Spitze des Hafendammes entfernt. Aber der Miſtraul iſt noch immer ſo ſtark, daß ich vor Abend, wo er ſich ge⸗ wöhnlich zu legen pflegt, nicht einlaufen kann.“ Der Oberſt, noch immer in gewaltſamſter Erſchütte⸗ rung, anwortete nur durch einen warmen Druck der Hand, und ließ ſeinen Blick mit unnennbarer Sehuch nach der Küſte hinüber ſchweifen. Die wohlbekannte traute Gegend lag vor ihm, er erkannte jede Bergſpitze, jeden Hügel, die Thüurme der Stadt, die Feſtungswerke des Hafens. Und dort an dem grün bewachſenen Strand lag ſein eignes Haus, dort wohnten ſeine Lieben! Er konnte die Fenſter im Glanz des Sonnenlichts ſchimmern ſehen, er erkannte die Gipfel der alten Bäume wieder, die über das Dach hervorragten. Und hätte er eine Bruſt von Eiſen, ein Herz von Marmor gehabt, jetzt wäre es von weicher Rüh⸗ rung beſiegt, von milder Wärme durchdrungen worden! „O wenn ſie wüßten, denen wir jetzt ſo nahe ſind, wer auf dem Schiffe weilt, das die Segel vor ihren Blicken ausbreitet! Wenn ſie es ahnen könnten!“ „Noch wenige Stunden und ſie ruhen in Deinen Ar⸗ men,“ antwortete Durocher freundlich, mit frohem Gefühl, daß er dem trefflichen Manne zu dieſem Glück verhelfen konnte.„Dort an der Spitze, wo die Pappeln ſtehen, laſſe ich Dich ans Land ſetzen; denn dort muß ich, um mit Vortheil in den Hafen zu kommen, am nächſten gegen die Küſte halten. In zehn Minuten biſt Du von dort am Ufer. Aber ich kann vor der Dämmerung den Punkt nicht erreichen, denn wenn ich mich bei dem jetzigen Winde dort⸗ hin wage, ſo muß ich das Schiff dran ſetzen, weil dort ſich die Windſtrömungen ſo brechen und kreuzen, daß nicht durchzukommen iſt. Vor der Hand muß ich hier vor dem Hafen kreuzen und es kann leicht ſein, daß ich noch höhere See ſuchen muß.“ Der Oberſt hörte, aber antwortete nicht; ſein Auge ſchien das Bild der Heimat begierig einzuſaugen und ſeine ganze Seele ſich daran zu erquicken. 4 Noch ſtanden beide Freunde ſchweigend nebeneinander, als der Bootsmann herzutrat und mit grämlicher Miene zum Capitain ſagte: „Mit Recht, mein Capitain, ſeht Ihr verdrießlich nach 4 — 97— Toulon hinüber; denn Ihr hättet wol ſo gut wie ich Luſt, heut Abend ein Stück friſches Fleiſch zu eſſen und einen Schluck echten Cetteweins zu trinken. Aber wir werden uns den Appetit vergehen laſſen müſſen. Denn wenn der verfluchte Landratz, der Miſtraul, das Maul noch ein we⸗ nig ſchiefer nach Weſten zieht, ſo ſpeit er uns ſo viel Schlagregen über den Kiel, als das ganze Rhone⸗Departe⸗ ment in einem Monat geſammelt hat. Und ich glaube, es wird ſo finſter werden, daß wir leichter Nachts, ohne an— zuſtoßen, auf einem wilden Pferde durch einen Topfmarkt reiten könnten, als in den verdammten Hafen von Toulon einlaufen, den Gott im Zorne geſchaffen hat. Nicht drei Tage im Jahr hat man hier guten Wind, und es iſt wahr⸗ haftig ein größer Kunſtſtück, hier die Mündung richtig zu 3 treffen, als einen Haſen im Laufen bei den Löffeln zu fangen.“ „Ihr ſeid zwar, glaub' ich, kein großer Jäger, Boots⸗ mann,“ entgegnete der Capitain,„aber recht habt Ihr. Wir werden Regen und Nebel bekommen, mehr als wir wünſchen. So lange der Wind noch rechts von der blauen Bergſpitze kommt, dürfen wir gutes Muthes ſein; bläſt er aber aus dem Loch links, ſo haben wir ſo gewiß Regen, als ein Stein, den ich ins Waſſer werfe, auf den Grund kommt.“ „Das iſt eben der Satan! Da lob' ich mir meine Va⸗ terſtadt Cette. Da will ich dem Steuermann die Augen ausſtechen und doch in den Hafen kommen, ohne einen —— Nagel aus dem Schiff zu verlieren oder einen Bindfaden zu zerreißen. Seht nur, ſeht, wie die Flagge hin und her flattert; der Wind dreht ſich, wie eine Jungfer auf dem Tanzſaal.“ „Er geht nach Weſten.— Der Himmel iſt auch ſchon Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. II. 5 ——ÿ,, — 98— ganz bedeckt und das Bißchen Mittagsſonne längſt ver⸗ ſchwunden.— Mag's drum ſein, morgen hoffe ich doch in Toulon zu frühſtücken.“ „Wollen's wünſchen,“ erwiderte der Bootsmann mit einem ſo grämlichen Geſicht, daß man ſah, er glaubte nicht daran. Und er hatte recht, denn der Himmel bezog ſich düſtrer und düſtrer, es begann ſtark zu nebeln und endlich auch zu regnen. Der Oberſt war durch das böſe Wetter faſt um die Hoffnung gebracht, die Seinigen noch an dieſem Abende zu ſehen; und aldann mußte er den nächſten abwarten, da er bei Tage das Schiff zu verlaſſen und ſich in Toulon zu zeigen nicht wagen durfte.— Er war mismuthig über die getäuſchte Hoffnung, allein er ſuchte ſeine Stimmung hin⸗ ter einer ruhigen Faſſung zu verbergen. Gegen ſieben Uhr Abends legte ſich der Wind faſt gänz⸗ lich; indeß blieb es bei dem Regen und Nebel. In dem Hafen einzulaufen wurde dem Capitain bei dieſer Aenderung des Wetters unmöglich. Nur ganz allmälig vermochte er näher zu kommen, indem er unter ſcharfen Winkeln lavirte. Als es nach acht Uhr zu dämmern begann, ſprach er zum Oberſten:„Wenn Du willſt, Freund, ſchaffe ich Dich doch an die Küſte. Allein die Fahrt iſt beſchwerlich, und, ich muß Dir's frei geſtehen, nicht ganz ohne Gefahr. Ich wage etwas dabei, wenn ich's geſtatte, allein vor der Verant⸗ wortlichkeit ſchützt mich der Umſtand, daß ich hinreichende Urſache habe, einen Lootſen zu fordern und mich in den Hafen bugſiren zu laſſen.“ „Soll ich das Leben Deiner Matroſen auf'ss Spiel ſetzen?“ „Darum ſei unbeſorgt. Im ganzen Schiff iſt kein 3 — 99—“ Einziger, der es nicht als eine Belohnung oder Auszeich⸗ nung anſähe, ſich ins Boot ſetzen und den Abend in der Stadt zubringen zu dürfen. Für Seeleute iſt keine Gefahr, aber wol für Euch, die Ihr eine andere Wahrſcheinlich⸗ keits⸗Rechnung habt.“ „Entſcheide Du,“ ſprach der Oberſt, nich folge ganz Dir.“ „Bootsmannn!—— Laßt das kleine Segelboot aus⸗ ſetzen. Ihr ſollt ſechs Mann zum Rudern mitnehmen, um einen Lootſen und ein Dampfſchiff zu fordern, das uns morgen früh hinein bugſirt; denn ich muß durchaus mit dem frühſten in Toulon hinein.“ Dieſer Befehl war Durocher's Antwort. Die Burſche ſprangen mit einer Freude zum Werk, als gälte es einen Schatz zu heben. In fünf Minuten war das Boot aus⸗ geſetzt. Durocher forderte den Bootsmann in die Kajüte. Hier trug er ihm auf, den Oberſten an der bezeichneten Land⸗ ſpitze abzuſetzen und ihm einen Matroſen zum Tragen des Gepäcks mitzugeben; zugleich händigte er den Leuten ihre Geſundheitspäſſe ein. Der Bootsmann gab das ſtumme Zeichen des Gehor⸗ ſams und ging. Durocher und Clermont ſtanden allein, ſich gegenüber. Sie ſanken einander an die Bruſt, umarmten ſich mit männlicher, begeiſterter Liebe und ſchieden wie Männer, ernſt, mit unwandelbarer Geſinnung. In wenigen Secunden ſprang der Oberſt ins Boot; unter dem kräftigen Ruderſchlage der ſechs Matroſen theilte es raſch die grauen, unruhigen Wellen, und bald wurde die Bellona durch dichte Nebelſchleier den Blicken der Dahin⸗ ſchiffenden verhüllt. — 100— Zwanzigstes Capitel. Die See ging hohl; die Wellen wogten ſchwarz und graugrün durcheinander und ſchüttelten ihre beſchäumten Häupter mit brauſendem Getöſe. Der Nachen ſchwankte auf⸗ und abwärts; das Nuder der Matroſen zog ſcharf an, eine kleine Brechung des Windes half und dehnte das auf⸗ geſpannte Segel ziemlich ſtraff aus. Der Bootsmann ſteuerte; er ſprach kein Wort, ſondern rief nur den Ma⸗ troſen ſeine rauhen Befehle zu; die Lage des kleinen Boots forderte Aufmerkſamkeit. Clermont ſaß auf einer Bank im Hintergrunde des Schiffs und blickte in das ſchauer⸗ liche Gemiſch von Nacht, Wellen und Nebel hinaus. Eine trübe Ahnung, als ſtehe ihm ein großer Schmerz oder ein bitteres Unheil bevor, erfüllte ſeine Seele.„Iſt das ein Wiederſehn nach funfzehn Jahren?“ dachte er.„Das Va⸗ terland zeigt ſich Dir ſo rauh und unwirthlich, als es nur irgend vermag. Einſam, allein, wirſt Du die Küſte be⸗ treten— wer weiß, ob Du die Deinen noch lebend fin⸗ deſt! Als Du die Heimat verließeſt, begleitete Dich wenig⸗ ſtens ein theures Weſen. Das Schickſal hat es von Dei⸗ ner Bruſt geriſſen.— Du kehrſt zu der Mutter zurück und bringſt ihr die Tochter nicht wieder— und weißt Du denn, ob Du ſie ſelbſt findeſt? Wie viel kann ſich in we⸗ nigen Stunden umgeſtalten!“ Ein tiefer Gram warf düſtre Schatten in ſeine Seele. Der Augenblick, nach dem er ſich, als nach dem glücklich⸗ ſten ſeines Lebens, lange, öde Jahre hindurch unausſprech⸗ lich geſehnt hatte, erfüllte ihn jetzt wunderbarer Weiſe mit wehmuthvollen Ahnungen. 5½ ,— V V 4 — 101— „Die Wellen brechen ſich flach, Burſche,“ rief der Bootsmann,„habt Acht, daß Ihr nicht ein Ruder zer⸗ brecht. Wir müſſen nahe am Ufer ſein.“ „Viertehalb Fuß Waſſer haben wir noch,“ rief ein Ma⸗ troſe, indem er das Ruder gegen den Grund ſtieß.„Aber den Teufel, hier werden wir uns die Hoſen naß machen, denn die Wellen ſchlagen ſo weit über den Strand, daß wir mit unſerm Boot nicht hinan können.“ „Thut nichts,“ ſprach der ſteuernde Bootsmann,„in Toulon könnt Ihr ſie wieder trocknen.— Zieht die Ruder nur flach an; ich halte auf die Pappelecke zu. Zwar kann ich noch nichts ſehen vor dem verwünſchten Nebel, aber meinem Compaß nach bin ich ganz richtig.“ Das Boot ſchoß noch eine Strecke dahin. Einige Mi⸗ nuten ſpäter ließ der Bootsmann die Ruder einziehen und nun gleitete das Fahrzeug ganz allmälig, durch die Kraft, die es im Lauf gewonnen hatte, und durch einen ganz leichten Windhauch getrieben, gegen das Ufer heran. „Halt! Wir haben Grund! Wenn meine Augen noch ein Glas Rum werth ſind, ſo ſehe ich auch dort im Nebel eine Pap⸗ pel.— Nun, Dubois, lade den Herrn, und Du, Lafleche, den Mantelſack auf die Schulter. Ihr könnt Beide zu Fuß nach Toulon hineingehen.— Mein Herr,“ wandte ſich der Bootsmann zum Oberſten,„es iſt Alles bereit, Ihr könnt, wenn es Euch gefällig iſt, auf jenem breitſchultrigen Bur⸗ ſchen trocken ans Land reiten.“ Der Oberſt war ſchon aufgeſtanden. Er zog die Börſe, drückte dem Bootsmann einige Goldſtücke in die Hand und ſprach:„Für Euch und Eure Leute, mein Freund, zu einem frohen Abend in Toulon. Nun lebt wohl, Kinder!“ Die Seeleute riefen ein vergnügtes Hurrah, der Oberſt ſchwang ſich auf den Rücken des gebückt im Waſſer ſtehen⸗ — 102— den Matroſen und in wenigen Secunden ſetzte er den Fuß an das Ufer der Heimat. Das Herz ſchlug ihm gewaltig in der Bruſt. Er zit⸗ terte vor tiefer Bewegung und kaum vermochte er den Matroſen, die ihn fragten, wohin es nun gehen ſolle, die Antwort zu ertheilen. „Folgt mir nur, Kinder!“ ſprach er endlich ſo feſt als möglich und ſchlug die wohlbekannten Uferpfade nach ſei⸗ nem Landhauſe ein. Man ſtieg das hügelige Ufer hinan, ſchlang ſich die ſchmalen Pfade zwiſchen einigen Gartenmauern und Hecken hindurch und erreichte ſo den großen Weg, der von der Stadt hinaus führte. Jetzt lag das Haus vor Clermont's Blicken; immer haſtiger ſchritt er vorwärts, die Matroſen konnten ihm kaum folgen. Nun ſtand er an der Pforte. Noch einen Augenblick und ſeine Gattin, ſeine Kinder lagen in den Armen des Vaters, den ſie längſt in der Gruft wähn⸗ ten.— Schon hob er die Hand, um die Gartenglocke an⸗ zuziehen, als ihm einfiel, daß es ihn in die äußerſte Ge⸗ fahr bringen könne, wenn er Zeugen bei ſich hätte. Wie leicht konnte der Ausruf eines alten Dieners, der ihm die Pforte öffnete, ihn verrathen! Er hielt daher einen Augen⸗ blick an, dann ſprach er:„Kinder, ich bin am Ziel. Legt nur mein Gepäck hier nieder und geht nach der Stadt hinein, damit Ihr nicht ſpäter anlangt als Eure Kamera⸗ den. Sogleich wird ein Diener dieſe Pforte öffnen und der mag das Gepäck mitnehmen.“ Zugleich öffnete er aber⸗ mals freigebig die Börſe und die Matroſen gingen ver⸗ gnügt und unter den beſten Wünſchen von dannen. Clermont wartete, bis ſie hinter den nächſten Gärten und Gebüſchen verſchwunden waren. Jetzt zog er die Glocke. O Gott, wie drang ihm der alte, bekannte Ton ins Herz!— 2 8 * — 103— Er wartete eine, zwei Minuten, Niemand ließ ſich hören. Jetzt ſchellte er ſtärker. Ein Lichtſchimer fällt durch die Thürſpalten. Schritte tönen den Gang herauf. Es nähert ſich Jemand der Pforte, die Riegel raſſeln zurück, ſie öff⸗ net ſich. Ein fremder, faſt noch junger Mann ſtand vor dem Oberſten. Es war ein erſt ſeit kurzer Zeit angenom⸗ mener Gärtner. Sod leicht dieſer Umſtand ſich erklären ließ, ſo drang doch beim Anblick dieſer völlig unbekannten Ge⸗ ſichtssüge eine bange Beſorgniß in das Herz des Ober⸗ ſten ein. „Iſt Frau von Clermont zu Hauſe?“ fragte er mit möglichſter Ruhe. „Sie iſt ſchon ſeit einem Monat nach Paris gereiſt,“ war die Antwort. Der Oberſt ſtand wie vom Donner gerührt. Tauſend ſeltene Fälle des Unglücks hatte er ſich vorgeſtellt, ſich auf die Möglichkeit derſelben bereitet; aber gerade an dieſen ein⸗ fachen Umſtand einer auf nichts Außerordentlichem beruhen⸗ den Abweſenheit hatte er nicht gedacht. Dem Gärtner mußte der Eindruck, den ſeine Antwort machte, auffallen. Er blickte den Fremden verwundert an und wiederholte ſeine Worte. „Iſt Frau von Clermont,“ fragte der Oberſt endlich, „allein gereiſt?“ „Mit dem Fraulein Leontine. 4 „Und der Sohn?“ „Mein Gott, der iſt ja in Afrika bei der Armee!“ antwortete der Gärtner in einem Tone, als ob dies jeder Menſch auf dem Erdboden wiſſen müſſe. Auf den Oberſten machte dieſe letzte Antwort einen ſeltſamen Eindruck. Er erinnerte ſich des verwundeten Offiziers, den er in Algier geſehen; ſchon damals hatte der — 104— Anblick deſſelben ihn auf das wunderbarſte bewegt. Jetzt war es ihm plötzlich, als müſſe es len Sohn Eduard ge⸗ weſen ſein. Da der Gärtner den Oberſten hierbei etwas ungedul⸗ dig anblickte, riß er ſich von ſeinen Betrachtungen los und ſetzte ſeine Fragen fort. „Iſt keiner von den älteren Dienern der Frau von Clermont mehr zu Hauſe? Ich war vor funfzehn bis zwanzig Jahren genau hier bekannt, vielleicht—“ „Von denen lebt keiner mehr. Der alte Reitknecht des Herrn Oberſten iſt vor zwei Jahren geſtorben, wie man mir geſagt hat.“ Der Oberſt wurde ſchmerzlich durch dieſe Nachricht ge⸗ troffen.— Er überlegte einen Augenblick, was er thun ſolle. Es ſchien ihm bedenklich, in Abweſenheit der Frau des Hauſes ein Unterkommen daſelbſt zu begehren; nach Toulon hineinzugehen hatte nicht mindere Schwierigkeiten. Deer Gärtner half dieſer Verlegenheit ab. Denn ver⸗ drießlich über die Fragen des Fremden und über ſein häu⸗ figes längeres Beſinnen dazwiſchen, ſprach er:„Die gnä⸗ dige Frau iſt nicht hier, ich darf Niemand in ihrer Abwe⸗ ſenheit einlaſſen, zumal ſo ſpät in der Nacht. Wollen Sie mir aber Ihren Namen hier laſſen, mein Herr, ſo werde ich Ihren Beſuch richtig melden.“ „Das iſt nicht nöthig,“ antwortete Clermont raſch; 8 — „ich werde die Meldung ſchon ſelbſt beſorgen.“ „So wünſche ich Ihnen eine gute Nacht, mein Herr,“ und damit warf der Gärtner die Thür ziemlich unſanft ins Schloß und ſchob die Riegel wieder vor. So ſtand denn der Heimgekehrte im Dunkel einer regnich⸗ ten Nacht allein vor der verſchloſſenen Pforte ſeines Hauſes; keine Hand, die ſich ihm freundlich darbot, kein Mund, der — * öää — 105— ihm ein Willkommen entgegenrief, keine Bruſt, an die er ſinken konnte. Mit untergeſchlagenen Armen, an den Pfei⸗ ler des Gartenthors gelehnt, blickte er düſter in die Finſter⸗ niß hinaus und überdachte, was er thun ſolle. „Schäme Dich!“ rief er endlich aus.„Du haſt den Stürmen und Erdbeben des Schickſals männlich getrotzt und jetzt ſoll Dich ein rauhes Lüftchen beugen? Was iſt's denn am Ende? Ein verdrießlicher Zufall! Schäme Dich! Wenn Du nun die Nachricht von ihrem Tode erhalten hätteſt!“ Sogleich war ſein Entſchluß reif. Er wollte nach Tou⸗ lon hinein, in einem kleinen Gaſthauſe der Vorſtadt für die Nacht ein Unterkommen ſuchen und am nächſten Mor⸗ gen entweder auf die Bellona zurückkehren, um durch Du⸗ rocher's Hülfe weitern Rath zu ſuchen, oder, wenn es ihm gelingen könne, einen Paß nach Paris zu erhalten, ſofort dorthin abreiſen. Denn die Sehnſucht, endlich die Seini⸗ gen wieder ans Herz zu drücken, überwog jede andere Be⸗ denklichkeit. Aber was mit dem Gepäck thun? Es auf die Schul⸗ ter nehmen? Das gab ihm ein zu abenteuerliches Anſehen. Denn obgleich einfach und ſchlicht gekleidet, glich der Oberſt doch in ſeinem ganzen Weſen zu ſehr einem Manne von Stande, als daß er einem Handwerker gleich mit dem Felleiſen auf dem Rücken hätte an einen Gaſthof klopfen dürfen. Sollte er es im Hauſe abgeben?— Das ſchien ihm unſicher. Er beſchloß daher kurz und gut, es unter tiefem Gebüſch in einer Erdſpalte, die einige Schritte vom Wege entfernt und ihm aus früheren Jahren genau bekannt war, zu verbergen. Dies that er und ging nun nach Toulon hinein. Ohne 106— Umſtände wur e er, da er ganz einem Spaziergänger glich, einkam, in das ſchon geſchloffene. Wß durch die kleine Sei⸗ tenpforte deſſelben eingelaſſen. Unentſchloſſen, wohin er ſeinen Weg jetzt richten ſollte, ging er durch die nächſten Gaſſen, beſtändig aufmerkſam umherblickend, ob er nicht einen kleinen Gaſthof entdecken ſollte. In einem kleinen Hauſe erblickte er Licht im untern Stockwerk und hörte lebhaftes Geſpräch. Zwiſchen den Fenſtervorhängen hindurch ſah er, daß es eine Weinſchenke war, in welcher noch mehre Männer beim Glaſe ſaßen und ſchwatzten. Da dieſe Weinſtuben oft in kleinen Gaſt⸗ häuſern der Vorſtadt zu liegen pflegten, beſchloß er, dort eine Flaſche zu fordern und gelegentlich die Frage auf⸗ zuwerfen, ob man auch die Nacht im Hauſe bleiben könne. Er trat ein. In dem reinlichen, wiewol faſt mehr als einfach einge⸗ richteten Zimmer, fand er einige kleine Tiſche für die Trink⸗ gäſte und einen größern Schenktiſch, hinter welchem ein freundliches Mädchen mit ſchwarzen, muntern Augen und friſchen Lippen ſtand, bereit, die Forderungen der Güſte zu erfüllen. „Ich bitte um eine Flaſche Wein!“ ſprach der Oberſt, nachdem er einen Blick durch das Zimmer geworfen hatte. „Was für Wein, mein Herr?“ fragte die Kleine freundlich.„Wir haben deſſen mancherlei. Befehlen Sie vielleicht Burgunder, oder Cettewein, oder—“ „Welchen Du willſt, mein Kind, meinethalben Burgun⸗ der!“ erwiderte der Oberſt, indem er ſich ſetzte und nach dem Conſtitutionnel griff, der auf dem Tiſch lag. „Bring' vom beſten für den Herrn, Francoiſe,“ rief — 6 — ein älterer Mann, muthmaßlich der Vater des Madchens, der an einem Tiſchchen in der Ecke mit zwei Andern, die dem Oberſten den Rücken zugedreht hatten, ſaß und trank. „Der Herr iſt gewiß ein gutes Glas gewohnt.“ „Schön, lieber Vater,“ antwortere Francoiſe ſchnell, und:„Sie ſollen ſogleich bedient ſein, mein Herr!“ wandte ſie ſich zu dem Oberſten. Geſchwind wie ein Reh, mit dem Schlüſſelbunde an der Seite gewiſſermaßen ſtolz raſſelnd, hüpfte ſie zu der Thür hinaus und war im Augenblick mit dem Verlangten wieder im Zimmer. Freundlich ſetzte ſie das Glas vor den Oberſten nieder, öffnete die Flaſche, ſchenkte ein, koſtete, nach der dortigen Sitte, zuerſt und bot den an⸗ muthig mit ihren friſchen Lippen kredenzten Wein alsdann dem Gaſte dar, indem ſie ein freundliches„Wohl be⸗ komm's!“ dazu ſprach. Clermont lächelte; die traulichen, wohlbekannten Sitten unter den niedern Ständen ſeiner Heimat thaten ihm nach der langen Entbehrung ungemein wohl. „Befehlen Sie auch etwas zu ſpeiſen, mein Herr? Wir haben vortreffliches Obſt, Seefiſche, bayonner Schinken“— „Bring', was Du willſt, mein liebes Kind,“ ſprach Clermont,„ich habe guten Appetit, mir wird Alles ſchmecken.“ „Das ſoll mich freuen,“ rief Francoiſe und war ſchon an der Thür, um den Tiſch zu beſorgen. Clermont las den Conſtitutionnel mit Eifer. Er ent⸗ hielt einen heftigen Angriff auf das Miniſterium. Die freie edle Sprache des Blattes bewegte den alten Krieger tief. „Welch' ein glückliches Land iſt Frankreich geworden,“ dachte er,„daß man jetzt bei tiefer Ruhe, blühendem Han⸗ del und Gewerbe ſo die freie Sprache der Ehre und des Rechts führen darf! In der Revolution mußten wir dieſe herrliche Freiheit mit ſchweren Opfern erkaufen!“ Francoiſe beſorgte den Tiſch: Clermont aß und trank, laß aber dabei eifrig weiter. Sein Eintreten hatte das Geſpräch der Trinker am an⸗ dern Tiſche einen Augenblick unterbrochen; da er ſich aber nicht um dieſe kümmerte, ſo legten ſie ſich ſeinethalben auch keinen Zwang mehr auf. „Noch eine Flaſche Cettwein!“ rief ein alter Graukopf, der mit dem Rücken gegen den Oberſten ſaß.„Ich ſage Euch, ich bin ſo froh, ich wollte, ich könnte die ganze Welt bewirthen. Und daß es gerade ſein Sohn ſein mußte! Ach, wie leid thut mir's, daß ich das nicht ſchon vor der Abfahrt nach Afrika wußte. Aber mein Gott, ich war ja kaum vier Wochen hier. Wer erfährt da Alles gleich.— Und auf der Stelle kannte er mich wieder! Das freute mich eben ſo! Ich muß doch etwas an mir haben, was man nicht ſo leicht vergißt!“ „Nun, Du erkannteſt ihn doch auch!“ ſprach der Wirth. „Ja!“ rief der Graukopf,„ſo ein liebes Geſicht vergißt ſich auch nicht. Es war ja, als hätte ich ihn geſtern ge⸗ ſehen. Gleich wie er ſich damals, als die Flotte abſegelte, durch das Volk drängte, fiel mir die Aehnlichkeit auf. Allein, dachte ich, es gibt tauſend Geſichter, die einander gleich ſehen. Als ich aber das feurige Auge, den raſchen ſtolzen Gang ſah und doch die redlichen, wohlwollenden Züge, da mußte ich ihn ans Herz drücken und wäre er der Sohn eines Keſſelflickers geweſen. Er hat's auch genau behalten. „„Kehre wieder,““ ſagte ich,„„kehre wieder, wie Du gehſt, mein Sohn, nur hier,““ und dabei ſchlug ich ihm auf die Bauſt,„nar hier ſei es anders.““ O, er ver⸗ — — —yjÿy—ͤ — 100— ſtand mich wohl!— Und den Orden bekommt er, das iſt keine Frage. Wer ſolche rothe Zeichen auf der Stirn trägt, wie er, der bekommt auch eins ins Knopfloch. Sonſt war es wenigſtens ſo!“ „Heutzutage iſt freilich Manches anders,“ ſprach halb aufſeufzend der Dritte am Tiſch. „Und anders, wie es ſein ſollte!“ rief der Graukopf mit ſtarker Stimme. „Schreit nur nicht ſo laut!“ gebot der Wirth;„Ihr wißt, die Spione kriechen jetzt in Kellern und Schornſteinen umher. „Wüßt' ich ſo einen Schurken, ich ſchlüge ihm den Schädel ein,“ rief der Graukopf hitzig. Francoiſe ſtand ängſtlich in der Nähe; ſie wollte einem Unheil vorbeugen und fragte daher dazwiſchen, indem ſie ſich an den Alten wandte:„Ach, guter Vater, erzählt doch noch einmal, wie Ihr den jungen Mann eigentlich wieder gefunden habt; ich mußte vorhin in den Keller hinunter und da habe ich nicht Alles gehört.“ „Gern, mein Mäͤuschen,“ ſprach der Alte, froh, ſeine Geſchichte noch einmal zum Beſten geben zu dürfen, und ſtreichelte dem hübſchen Mädchen den weißen Arm, welchen ſie ihm willig ließ.„Siehſt Du, ich hatte ihn kennen ge⸗ lernt, als die Flotte abſegelte—“ „Das weiß ich, das habe ich gehört.“ „Nun und heute geh' ich an dem Bureau der Malle⸗ poſt vorbei, ſo kommt derſelbe junge Offizier die Straße vom Hafen herab. Ich ſehe ihn, traue meinen Augen nicht recht, er tritt näher, erkennt mich, umarmt mich und ruft: „„Alter, lebt Ihr noch! Wißt Ihr, wie wir Abſchied nah⸗ men, im Gedränge am Hafen?““—„Wohl weiß ich's!“ rief ich aus,„aber Ihr erkennt mich noch!“—„„Nun, Alter, Ihr habt Euch ja gar nicht verändert!““—„Aber Ihr!“ rief ich,„zwei Hiebe über die Stirn! Das läßt ſchön. Nun wird's,“ und dabei griff ich an ſein Knopfloch, hier auch bald einen rothen Streifen geben.“ Er lächelte und drückte mir die Hand.„„Ich muß fort, guter Freund,““ ſprach er,„„zwar ſteige ich dieſen Augenblick erſt aus dem Schiff, aber doch will ich gleich in den Poſtwagen ſteigen und nach Paris fahren. Ich fürchte, er geht mir ab, wenn ich mich verſäume.““—„Wahrhaftig,“ antwortete ich„das iſt wahr. Die Pferde ſind ſchon angelegt.“ Und ſo liefen wir Beide nach der Poſt und ein Matroſe mit dem Gepäck, hinter uns her.— Der Herr fordert ein Poſtbillet.„„Ich bitte um Ihren Namen,““ antwortete der Schreiber hinterm Tiſch. Da findet ſich's, daß der junge, tapfre Offizier der Sohn meines alten Oberſten iſt, der uns bei Auſterlitz und Wagram wie ein Löwe ins Feuer geführt hat. „Das iſt wahrhaftig wunderbar!“ rief Francoiſe. „Nicht wahr, kleine Francoiſe? An ſolchen Freudenta⸗ gen muß man trinken. Komm, Herzchen, Du ſollſt auch mit uns anſtoßen.“ Der Graukopf ſtand bei dieſen Worten auf und wandte ſich nach einem Tiſche um, auf dem mehre Gläſer zur Hand ſtanden, um eins derſelben für die freundliche Kleine zu ergreifen.— „Heiliger Gott!“ rief er aus und blieb erſtaunt und zitternd ſtehen, indem er den Oberſten am Tiſch ſitzend er⸗ blickte.„Seid Ihr's oder ſeid Ihr's nicht! Gott ſtehe mir alten Thoren bei, ich glaube, ich werde wahnſinnig!“— Und ſo ſtürzte er zu Clermont's Füßen nieder, faßte ſeine Hand und bedeckte ſie mit Küſſen. Dieſer hatte ihn ſchnell 3 — — A 3 — 111— erkannt, riß ihn empor, drückte ihn ans Herz und rief: „Alter, treuer Forbin! Du lebſt noch?“ „Mein Oberſt! Seid Ihr's denn wirklich oder iſt es Euer Geiſt? Ihr wurdet ja todt geſagt! Oder bin ich al⸗ tersſchwach und kindiſch und habe ich Alles vergeſſen?“ „Nein, ich lebe, mein getreuer Kamerad, ich lebe! Du biſt noch wacker und rüſtig! Mein guter alter Forbin!“ Der Wirth, Francoiſe und der Fremde ſtanden ver⸗ wundert und neugierig da und ſahen zu, wie beide Män⸗ ner ſich umarniten und Forbin ſtets die Hände des Ober⸗ ſten küſſen wollte, dieſer aber ihn immer wieder emporhob und an ſein Herz drückte. Der Graukopf weinte wie ein Kind und lachte dazwiſchen und rief durch einander:„O Gott! Mein Oberſt! Ich alter Thor! O, dieſe Freude!“ Plötzlich bedachte der Oberſt, in welche Gefahr er unver⸗ muthet gerathen ſei. Er kannte aber die Herzen ſeiner Landsleute und war deshalb keinen Augenblick zweifelhaft, was er zu thun habe.„Kinder,“ ſprach er und richtete ſich mit Würde auf,„ich hoffe, ich bin unter guten Fran⸗ zoſen. Ein unglückliches Schickſal hat mich gezwungen, mein Vaterland zu verlaſſen. Ich kehre heimlich hierher zurück, aber wahrlich nicht als Feind deſſelben. Gebt mir Eure Hand darauf, meine Anweſenheit Niemanden zu ent⸗ decken!“ „O, ich weiß, wie man Euch mitgeſpielt hat, mein Oberſt!“ rief Forbin,„aber eher ſoll man mir die Zunge ausreißen, ehe ich Euch verrathe.“ „Wir denken ebenſo!“ riefen die beiden Andern und ergriffen die dargebotene Hand des Oberſten mit Stolz und Freude. „Das wußte ich. Ihr ſeid Franzoſen! Ihr werdet keinen Landsmann verrathen. Ich kam hierher, um ein — 112— Unterkommen für dieſe Nacht zu ſuchen; kann ich das in dieſem Hauſe haben?“ 1„Ihr ſollt es haben, mein Oberſt! Zwar halten wir kein Gaſthaus, allein ehe ich einen ſolchen Mann fortgehen laſſe, wollte ich lieber ſelbſt auf der Straße ſchlafen. Francoiſe, ſogleich mach' das Zimmer im zweiten Stockwerk zurecht. Tummle Dich, mein Kind; nimm die beſte Bett⸗ wäſche.“ Die Kleine, ſonſt ſo raſch, ſtand gegen ihre Gewohn⸗ heit zitternd da und zögerte zu gehen. „Nun, worauf warteſt Du?“ fragte der Vater;„haſt Du mich nicht verſtanden?“ „Ach, lieber Vater,“ ſprach das Mädchen ängſtlich, „wird unſer Nachtlager dem vornehmen Herrn Oberſten auch behagen?“ „Sei ohne Sorgen, gutes Kind,“ entgegnete Clermont freundlich,„ich bin nicht verwöhnt.“ „Ein Soldat ſchläft überall gut,“ rief Forbin laut, „mein Oberſt hier und ich wir haben manche Nacht in Eis und Schnee gelegen, und ich ſage Eußh, das war uns wie die weichſten Flaumfedern!“ Francoiſe ſtand noch immer ängſtlich da und warf un⸗ ruhige Blicke nach dem Fenſter; Clermont merkte, daß ſie eine andere Urſache haben müſſe, weshalb ſie nicht wünſchte, daß der Oberſt im Hauſe ſchlafen ſolle. „Daß Dich der Teufel!“ rief der Vater heftig dazwi⸗ ſchen;„Mädchen, ich glaube, Du haſt den Kopf verloren! Flink, hinauf ins Zimmer und thu', was ich Dir geheißen habe!“ Eine ſichtliche Angſt, an der ſelbſt die Heftigkeit des Vaters gleichſam abglitt, zeigte ſich auf dem Angeſicht des Madchens; ſie ſchien noch einen Augenblick mit ſich ſelbſt —rF — 113— zu kämpfen, verließ aber dann haſtig ohne zu ſprechen das Zimmer. „Verzeihen Sie, mein Oberſt,“ ſprach der Wirth,„die wunderbare Begebenheit muß meiner Francoiſe den Kopf etwas benommen haben, ſonſt iſt ſie nicht ſo ungeſchickt.“ „Ich glaube, das Mädchen hat einen geheimen Grund, weshalb ſie mein Bleiben im Hauſe nicht wünſcht. Mir ſchien es, als blickte ſie ängſtlich nach dem Fenſter.“ „Bewahre Gott! Es war nur Verwirrung und Beſtür⸗ zung. Sind wir doch ſelbſt ganz erſtaunt.“ „Wahrhaftig,“ rief Forbin,„ich weiß nicht, wache ich oder träume ich? Heute Nachmittag der Sohn, heute Abend der Vater.“ „Du haſt meinen Sohn geſehen, Forbin? O, erzähle mir von ihm! Ich habe ihn ſeit funfzehn Jahren nicht ans Herz gedrückt, nichts von ihm gehört.“ „Das iſt ein Soldat! Mein Oberſt, der kommt noch über uns! Ein Paar Augen hat er und eine Stirn! Der ſollte nur winken und wir wollten ins Feuer ſtürzen wie bei Marengo, als General Buonaparte vor der Front ritt. Denn damals war er ja noch nicht Kaiſer.“ „Und mein Sohn hat vor Algier gefochten?“ unterbrach der Oberſt den ſchwatzhaften Alten ein wenig ungeduldig. „Wie der Teufel! Der wird den Türken gezeigt haben, was eine franzöſiſche Klinge iſt. Aber ſie haben ihm auch ein Paar Andenken hinterlaſſen. Hier hat er einen Hieh gerade über die Stirn und einen quer durch am linken Auge vorbei. Bei Cairo habe ich—“ „In welchem Regiment ſtand mein Sohn?“ „Im zwanzigſten Infanterieregiment.“ „O wenn er es wäre, wenn mein ahnendes Herz mich nicht getäuſcht hätte!“ — 114— Die wieder eintretende Francoiſe unterbrach das Ge⸗ ſpräch. Sie ſah blaß und ängſtlich, aber ungemein freund⸗ lich aus. „Das Zimmer iſt in Ordnung,“ ſprach ſie, indem ſie einen Leuchter auf den Tiſch ſetzte.„Ich kann den Herrn Oberſt hinauf führen, wenn er befiehlt.“ „Freunde,“ ſprach Clermont, der das Geſpräch abzu⸗ brechen wünſchte,„ich habe mich Euch anvertraut und ſchlafe daher ganz ruhig. Du, mein alter Kriegsgeſell, wackrer Sergeant Forbin, Du beſuchſt mich doch morgen mit dem frühſten? Ich habe Vieles mit Dir zu reden!“ „Pünktlich wie im Dienſt,“ antwortete der Alte, und reichte zum Pfande ſeine Hand hin. Clermont ſchüttelte ſie nochmals herzlich, reichte auch den beiden Andern die Hand dar und folgte der vorleuchtenden Francoiſe. Als Beide in dem kleinen Zimmer des obern Stockwerks angekommen waren, ſetzte ſie das Licht auf den Tiſch und wünſchte dem Oberſten eine gute Nacht. Doch blieb ſie in der Thür ſtehen und ſchien mit ſich ſelbſt zu berathen, ob ſie noch etwas ſagen ſolle. Clermont ergriff ſie bei der Hand, ſah ihr wohlwollend ins Geſicht und ſprach:„Wenn Du mir etwas ſagen willſt, mein Kind, ſo ſprich fuei Du darfft Vertrauen zu mir haben.“ Francoiſe zitterte heftig.„Geſteh mir's,“ fuhr der Oberſt fort,„Du haſt ein Geheimniß, das mit meinem Hierbleiben zuſammenhängt.“ „Ach, mein Herr,“ rief das Mädchen,„Sie verlachen mich vielleicht, aber ich glaube, Sie ſind nicht ſicher hier. Der alte Forbin iſt ein herzlich guter Mann und ein wackerer Soldat geweſen. Aber wenn er ein Glas getrun⸗ ken hat, dann ſpricht er die gefährlichſten Dinge. Schon 1 oft hat er hier im Hauſe den Kaiſer leben laſſen und noch — 115— andere Reden der Art geführt. Es gibt aber hier in Tou⸗ lon ſolche Laurer, ſo tückiſche, böſe Menſchen— Sie ſind gewiß nicht ſicher hier, mein Herr Oberſt!“ „Sage mir Alles, mein Kind, es iſt mir höchſt wichtig. Du hältſt noch mit einem Geheimniß zurück. Warum blickteſt Du ſo ängſtlich nach dem Fenſter?“ „Ach, mein Herr, wenn Sie mich dem Vater nicht ver⸗ rathen wollen, ſo will ich's gar gern geſtehen. Ein gewiſſer Franchet, dem die Leute viel Uebles nachſagen, kommt häu⸗ fig in unſer Haus. Er hat mir ſchon längſt allerlei Schö⸗ nes geſagt und ſich um meine Gunſt beworben. Ich aber mag ihn durchaus nicht, denn er iſt gewiß nicht redlich. Geſtern Abend traf ſich's, daß ich ein Viertelſtündchen allein zu Hauſe war; da kam er, denn er paßt jeden Au⸗ genblick der Art ab und ſchwatzte mir wieder von ſeiner Liebe vor. Ich wurde endlich böſe und wies ihn etwas derb zurück. Da zog er eine boshafte Miene und ſprach kaltblütig:„Wart' nur, Du kleine vornehme Dirne. Du wirſt noch um meine Gunſt betteln müſſen. Wer war doch geſtern Abend hier? Hat Niemand hier„vive Empereur“ gerufen? Und hat nicht Dein Vater mitgetrunken, als der Schuft, der Forbin, die alte Armee leben ließ? Das Sün⸗ denregiſter iſt ſchon voll genug, um einen von Euch auf die Bagnos zu ſchaffen. Ich ſage Dir, Mädchen, ändre Dein Betragen gegen mich, oder Du möchteſt es zu ſpät bereuen.“ Mit dieſen Worten ging er weg und ließ mich in der ſchrecklichſten Angſt zurück. Heut Vormittag war er wieder hier und da habe ich ihm, um des Vaters willen, der ſich freilich bisweilen vergißt, ſo freundlich ge⸗ than, als nur möglich. Nun aber wurde er immer dreiſter und ich glaube, er richtet mich noch zu Grunde. Ich hätte es gleich dem Vater geklagt, aber der iſt ſo heftig, daß es — nu6— vollends ein Unglück gäbe. Und ſchweige ich, ſo weiß ich nicht, wie es ein Ende nehmen ſoll, denn warnen läßt ſich der Vater doch nicht, und Forbin noch weniger.“ Die letzten Worte ſprach Francoiſe unter lautem Schluch⸗ zen; ſie hatte über ihre eigene Noth die des Oberſten ver⸗ geſſen. „Weshalb aber blickteſt Du denn ſo ängſtlich nach dem Fenſter?“ fragte dieſer. „Weil ich Franchet draußen herumſchleichen ſah. Ge⸗ wiß hat er wieder aufgelauert. Wenn aber der alte For⸗ bin in der Stube iſt, kommt er ungern hinein, denn er hat ihn einmal geradezu einen Mouchard geheißen und ge⸗ droht, ihm den Schädel einzuſchlagen, wenn er ſich blicken ließe. Forbin iſt gar zu hitzig, wenn er ein Glas getrun⸗ ken hat.“ „War dieſer Franchet zugegen, als mich Forbin wieder erkannte?“ fragte der Oberſt unruhig. „Das weiß ich nicht gewiß. Gleich nachher aber ſah ich ihn durch die Fenſtervorhänge gucken und gewiß war er ſchon länger dort, denn er kommt faſt jeden Abend um zehn Uhr; iſt aber Forbin im Schenkzimmer, ſo tritt er nicht ein.“ „Das iſt allerdings bedenklich und unter dieſen Um⸗ ſtänden möchte ich in der That nicht hier bleiben.“ „Nein, ums Himmels willen, retten Sie ſich ,wenn es Zeit iſt; denn Franchet iſt zuverläſſig ein Verräther.“ „Holla! He! Aufgemacht!“ donnerte es unten an der Hausthür. 3 „Heilige Mutter Marie!“ rief Francoiſe und rang die Hände,„da ſind ſie ſchon! Das iſt Franchet's Stimme!“ „Aufgemacht! Im Namen des Präfecten!“ rief dieſelbe Stimme auf der Straße. — x +—— — — 117— „Eile, Kind, und ſuche das Oeffnen der Thür einen Augenblick hinzuhalten,“ rief der Oberſt,„ich treffe indeß meine Anſtalten.“ Francoiſe ſtürzte hinab. Der Oberſt lud auf das ſchnellſte ein Paar Taſchenpiſtolen, die er bei ſich trug, und ſprang dann ſelbſt die Treppe hinunter. Er fand den Wirth, Forbin und den dritten Gaſt in größter Beſtürzung, Forbin aber faſt noch mehr in Wuth. Franchet lärmte an der Thür; zum Glück hatte man, gleich nachdem der Oberſt das Zimmer verlaſſen hatte, die Fenſterladen und die Hausthür zugemacht, da die Stunde, in der die Weinhäuſer geſchloſſen ſein ſollten, ſchon heran⸗ gerückt war.. „Ruhig, Freunde,“ ſprach der Oberſt;„ich weiß, man ſucht mich. Widerſtand wäre hier unnütz; ich habe mich entſchloſſen jeder Aufforderung ruhig Folge zu leiſten. Ihr aber ſollt nicht verhaftet werden, dafür ſtehe ich Euch; ſucht nur auszumitteln, wohin man mich ſchafft, ſo könnt Ihr doch noch vielleicht etwas für mich thun, wenn Ihr dem morgen früh hier einlaufenden Capitain Durocher, von der Fregatte Bellona, mein Schickſal ſo bald als möglich mel⸗ det. Jetzt öffnet ruhig die Thür.“ Dies geſchah. „Es iſt richtig Franchet,“ ſprach Francoiſe halb laut— mit Thränen zum Oberſten, als die Thür geöffnet wurde und der Schein des Lichts auf den Eintretenden fiel. Der verhaßte Menſch trat mit einem widrigen Lächeln auf dem Geſicht in die Stube und grüßte höflichſt. Ihm folgten ſechs Gensdarmen mit gezogenen Säbeln. „Es hat ſich hier ein unvermutheter Gaſt eingefunden,“ ſprach er,„den ſuchen wir. Ich muthmaße, es iſt dieſer Herr.“ Dabei deutete er auf den Oberſten. 8 — 118— „Und wer muß ich ſein, wenn ich Der bin, den Sie ſuchen?“ fragte der Oberſt mit einem Ton, der Verachtung ausdrückte.. „Herr Oberſt von Clermont!“ „Der bin ich. Und was weiter?“ 4 „Sie werden die Güte haben, mir zum Herrn Präfec⸗ ten zu folgen. Hier meine Vollmacht.“ „Gut. Gehen wir denn.“ „Noch einen Augenblick.— Auch die drei Herren und das Mädchen nehmt als Verhaftete mit!“ Clermont ſah den ſchurkiſchen Agenten der geheimen Polizei mit einem Blick an, vor welchem derſelbe erblaßte. „Wo iſt Ihre Vollmacht, dieſe Perſonen zu verhaften?“ „Mit Erlaubniß, Herr Oberſt, Ihnen kommt es nicht zu, dieſe Frage zu thun.“ „Eben mir! Ihre Vollmacht! Ich verlange ſie zu ſehen. Dieſe Leute ſind alle in Toulon anſäſſig und bekannt; es iſt kein Grund ihrer Verhaftung vorhanden.“ „Darüber, hoffe ich, entſcheide ich,“ antwortete Franchet mit frechem Uebermuth.„Gensdarmen, thut Eure Pflicht!“ „Einen Augenblick Geduld,“ ſprach der Oberſt und ſah die Gensdarmen mit einer befehlenden Miene an, der ſie unwillkürlich gehorchten. Mit Kaltblütigkeit zog er hierauf eins der Terzerole aus der Taſche und hielt es Franchet dicht vor's Geſicht.„Entweder dieſe ſechs Herren machen, ohne dieſe wackern Leute weiter zu beunruhigen, ſofort Kehrt, und ich folge Ihnen alsdann, oder im nächſten Augenblick liegen Sie todt auf dem Boden.“ „Herr Oberſt! Widerſetzlichkeit—“ rief Franchet, indem er erblaſſend einen Schritt zurücktrat. „Rühren Sie ſich, ſo fällt der Schuß. Ich halte ſo gewiß Wort, als ich vor Ihnen ſtehe!“ ſprach der Oberſt. — 9— Ich zähle langſam bis zwölf. Sind alsdann Ihre Gens⸗ darmen nicht aus dem Hauſe, ſo ſind Sie aus der Welt.“ „Gensdarmen, thut Eure Pflicht!“ ſtotterte Franchet 2 halblaut. „Bewegt einer der Leute eine Hand, ſo bewege ich den Finger und Ihr Gehirn hängt an der Mauer.“ Franchet zitterte und wurde abwechſelnd blaß und roth vor Angſt und Zorn. Endlich faßte er ſich einigermaßen und ſprach mit möglichſt gleichgültigem Tone:„Gut denn. So gehen wir allein. Aber die Strafe für dieſe Theil⸗ nehmer an dem Verbrechen des Hochverraths ſoll nicht ausbleiben.“ „Seid ruhig, Freunde,“ ſprach Clermont,„ich kenne den Präfecten und werde ihn von Eurer Unſchuld zu über⸗ 3 zeugen wiſſen.“ Die Gensdarmen gingen, Oberſt Clermont zwiſchen den Reihen derſelben, Franchet vor ihnen.. So verließen ſie das Haus. Forbin knirſchte vor Wuth und Schmerz; die beiden Andern waren gleichfalls erbittert, Francoiſe ſaß auf einem Stuhl an der Thür und trock⸗ nete ſich mit ihrer Schürze die unaufhörlich ſtrömenden Thränen ab. „Aber habt Ihr geſehen, was das für ein Mann iſt?“ rief der Sergeant.„War's nicht, als ob er ſelbſt den Schuft und ſeine ſchurkiſchen Gensdarmen verhafte? Sie zitterten wie ein Espenlaub! Doch laßt uns jetzt von wei⸗ tem nachgehen, um zu ſehen, wo er bleibt.“—„Das wol⸗ len wir,“ rief der Wirth,„riegle Dich im Hauſe ein, Fran⸗ goiſe, und mache keinem Menſchen auf, als mir.“ Sie gingen und ließen das zitternde Mädchen allein. 3 Der Oberſt hatte kaum dreihundert Schritt mit ſeinen Begleitern zurückgelegt, als man in der Ferne luſtigen Ge⸗ — 120— ſang vernahm. Es ſchienen frohe Zechbrüder, die lärmend die Straße herabkamen. Gerade beim Schein zweier heller Laternen trafen ſie mit dem Zug der Gensdarmen zuſam⸗ men. Plötzlich rief eine wohlbekannte Stimme dem Ober⸗ ſten zu:„Ei, was ſeh' ich, Herr! Geht Ihr ſo ſpät in der Nacht noch ſpazieren? Und habt ſechs Landratten ange⸗ ſpannt und einen Vorreiter dazu?“ Es war Niemand an⸗ ders, als der Bootsmann von der Bellona, der mit ſeinen vom Wein fröhlichen Kameraden eben aus der Schenkſtube kam. Clermont benutzte dieſes Ereigniß ſogleich, um ſei⸗ nem Freunde Durocher Nachricht zu geben.„Sagt Euerm Capitain, Kinder, daß ich verhaftet und zum Präfecten ge⸗ führt worden bin.“ „Verhaftet?“ rief der Bootsmann.„Wie und wes⸗ halb? Und von dieſen Landratten? Das iſt ja eine wahre Schande!“ „Ruhig, Burſch!“ rief Franchet,„wenn wir nichts Wich⸗ tigeres vorhätten, würden wir Euch dazu verhaften, die Ihr Euch Nachts betrunken auf der Gaſſe herumtreibt!“ „Iſt keine Raa hier, den Kerl daran aufzuhängen?“ rief der Bootsmann.„ZJungen, ſollen wir leiden, daß ein ſolcher waſſerſcheuer Hund uns beſchimpft? Sollen wir lei⸗ den, daß dieſe Lumpenhunde einen ſo freigebigen Freund unſeres Capitains ins Loch ſtecken? Drauf, Jungen! Wir wollen ihnen die großen Mäuler kalfatern, daß es eine Art hat.“ 1 Und kaum hat er dieſe kräftige Anrede gehalten, als er ſchon, gleich einem Arnold von Winkelried, den zitternden Franchet und einen Gensdarmen zugleich in die Arme nahm und Beide auf's Pflaſter niederwarf, daß der Bo⸗ den dröhnte. „Die ſind in den Grund geſegelt,“ rief er triumphirend. — 121— Im gleichen Augenblicke waren die zum Kampf aufgeru⸗ fenen Seehelden, gleich Wölfen in eine Herde, den Gens⸗ darmen in die Flanke gefallen. Es regnete flache und ſcharfe Hiebe, Rippenſtöße, Fauſtſchläge und Fußtritte. „Bravo, Kinder!“ ſchrie der Bootsmann überlaut. „Entert die Schurken. Entert und macht die ganze Equi— page nieder!“ Die Gensdarmen ſetzten ſich mit Erbitterung zur Wehre. Nicht nur die Pflicht, ſondern ein alter, eingewurzelter Haß, der in Toulon zwiſchen allen See⸗ und Landſoldaten beſteht und unzäͤhlige Schlägereien oft der ernſteſten Art erzeugt, trieb ſie dazu an. Die Säbel klirrten, die Hiebe flogen, Geſchrei und Getümmel erſcholl. Der Bootsmann bekam einen Hieb in den Kopf.„Ich habe einen Leck!“ ſchrie er wüthend,„dafür aber ſollſt Du in die Luft geſprengt werden.“ Mit dieſen Worten unter⸗ lief er den Gensdarmen, der ihn getroffen hatte, rannte ihm mit dem Kopf gegen den Leib, packte ihn zugleich mit beiden Fäuſten an den Hüften, ſchwang ihn ſich mit Rie— ſenkräften hoch über den Kopf und ſchleuderte ihn dann auf den Boden zurück, daß der Unglückliche ächzend, als wären ihm alle Rippen gebrochen, zuſammenſtürzte. Die Matroſen lagen mit den übrigen Gensdarmen in einem 8 ſo verwickelten Kampf, daß man nicht entſcheiden konnte, wer der Sieger war. Franchet hatte ſich nach ſeinem Sturz, der ihm eben keinen Schaden gethan, wieder aufgerafft und ſprang, ſtatt irgend eine Rache zu nehmen, auf den Oberſten zu, um ihn feſtzuhalten, indem er zugleich aus allen Kräften Hülfe herbeirief. Der ganze Vorgang war ſo das Werk eines Augen⸗ blicks geweſen, daß Oberſt Clermont noch zu keinem Ent⸗ ſchluß über Das, was er thun ſollte, hatte kommen können Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. II. 6 — 122— Erſt als Franchet ihn beim Oberrock faßte, dachte er daran, daß er ſich jetzt vielleicht durch die Flucht retten könne. Mit überlegener Macht ſtieß er den Elenden von ſich und rief:„Ich ſchieße, wenn Du mich anrührſt!“ Franchet prallte zurück; da wurde er plötzlich von hinten her mit zwei nervigen Armen gepackt und niedergeriſſen und zu⸗ gleich ſprang ihm der Angreifer auf den Leib und gab ihm mehre Futritte auf die Bruſt, den Unterleib und ins Ge⸗ ſicht, ſodaß er ſinnlos und wimmernd liegen blieb. Es war Forbin, der, auf den erſten Lärm herbeilaufend, als guter Soldat die günſtige Gelegenheit zum Angriff benutzte. Faſt in demſelben Augenblick rief er auch ſchon dem Ober⸗ ſten zu:„Folgt mir eiligſt!“ ergriff ihn beim Arm und verſchwand mit ihm in das Dunkel einer engen Seitengaſſe. Das Gefecht zwiſchen der See⸗ und Landmacht dauerte indeſſen, obwol mit ſehr ungleichem Glücke, fort. Die Flotte erkämpfte einen vollſtändigen Sieg, mußte ſich aber dennoch auf's eiligſte zurückziehen, da der nächſte Wacht⸗ poſten, durch den Lärmen aufmerkſam gemacht, in anſehn⸗ licher Stärke anrückte. Die Hülfstruppen fanden, als ſie das Schlachtfeld erreicht hatten, die Gensdarmen mit bluti⸗ gen Köpfen, oder zerbrochenen Rippen, in kläglicher Ver⸗ 2 faſſung, theils auf der Erde liegend, theils mühſam ſich fortſchleppend. Am ſchlimmſten aber war Franchet wegge⸗ kommen, denn Forbin's furchtbare Fußtritte hatten ihm das Naſenbein zerquetſcht, das Geſicht ganz zerriſſen und, dem Anſcheine nach, den Bruſtknochen eingedrückt. Er vermochte kein Wort zu ſprechen und mußte hinweggetragen werden. Die flinken Seeleute hatten den Hafen und ihr Boot zu gewinnen gewußt, ohne daß Jemand ahnte, wer ſie 3 9 eigentlich geweſen waren. Auf Forbin fiel auch kein Ver⸗ dacht, da Niemand wußte, daß er an dem Tumult Theil ☛ 5 3u dieſem brachte der alte Sergeant ſeinen Oberſten, klopfte wie der Oberſt gerettet ſei. So war Alles in Ord ung, — 123— genommen hatte. Dieſer treue Kriegskamerad fühte jetzt ſeinen Oberſten durch einige Quergaſſen an daſſelbe Thor, durch welches er hineingekommen war; da er die Wache kannte, ließ man ſie auch ungehindert auspaſſiren. Vor dem Thore wohnte der Bruder des Weinwirths, ein Mann, der einen kleinen Ackerſtand und ein gutes Fuhrwerk beſaß. ihn heraus, richtete eine Empfehlung von dem Bruder aus und bat dann um das Fuhrwerk, mit dem der Herr, den er mit ſich bringe, noch in. dieſer Nacht nach Marſeille reiſen wolle. Dieſen Plan hatte er im Gehen dem Oberſten auseinandergeſetzt, welcher ihn durchaus annehmbar fand. Der Ackerwirth, Jean Gris genannt, lud den Oberſten ein, in das Haus zu treten, bis die Pferde angeſpannt ſeien. Jetzt erſt gedachte dieſer ſeines Felleiſens, das wenige hundert Schritte von dem Hauſe verſteckt war. Zugleich fiel ihm ein, daß es wol am beſten für Forbin und die Folge ſeiner verwegenen nächtlichen Handlungen ſein würde, wenn er ihn mit ſich nehme. Er ſchlug es dieſem vor und der Sergeant willigte mit Freuden ein. Um ſeine kleinen An⸗ 8 gelegenheiten ein wenig zu ordnen, lief er ſchnell noch einmal nach der Stadt, während der Oberſt nach der andern Sei ging, und ſein Felleiſen holte. In einer halben Stunde 8 waren Beide wieder beiſammen und der Wagen hielt ange⸗ 4 ſpannt im Hofe. Forbin brachte noch die ſchönſten Grüße und Wünſche von dem Gaſtwirth und der hübſchen Francoiſe mit, denen er in der Eile den Ausgang der Sache gemel⸗ det, und, ſo umſichtig war er, zugleich den Auftrag gege⸗ ben hatte, dem Capitain der Bellona zu beſtellen, daß und die Reiſenden ſtiegen ein und rollten vorwärts. Als ſie im Wagen ſaßen, bedachte Clermont, daß es 6.* 4 — 424— beſſer ſei, wenn er die gerade Straße nach Paris einſchlage. Da dieſelbe auf einigen Feldſtraßen leicht zu erreichen war, ſo gewann man ſehr bald die erſte Poſt. Hier gab der Oberſt nach getroffener Verabredung Pferde und Wagen für ſein Eigenthum aus, nahm Poſtpferde, die man ihm ohne Schwierigkeit auf den angenommenen Namen eines Herrn von St. Val gab, und eilte ſo mit möglichſter Schnelligkeit nach Paris; während der von Allem unterrichtete, höchſt zuverläſſige Jean Gris, dem der Wagen und der Dienſt gut bezahlt worden waren, gemächlich nach Hauſe ritt. Jetzt erſt waren alle Schwierigkeiten überwunden. Auf dem Wege war, da Forbin Alles beſorgte und man nur des Abends bei kleinen Gaſthöfen anhielt, um ſich zu er⸗ friſchen, keine Gefahr zu befürchten, und in Paris hoffte Clermont außer den Seinigen ſo viele Freunde zu finden, daß es ihm an Auswegen, England zu erreichen, nicht fehlen konnte. Mit leichtem Herzen und voller Hoffnungen eilte er daher der Hauptſtadt zu. Einundzwanzigstes Capitel. Mitten in dem unruhigen, von düſtern Beſorgniſſen be⸗ wegten Paris, wo die meiſten Einwohner ſchweren Tagen der Zukunft entgegenſahen, weil die Spannung zwiſchen Volk und Regierung täglich wuchs, genoſſen doch einige Herzen einer ſüßen, faſt nicht durch den leiſeſten Hauch ir⸗ gend einer Beſorgniß getrübten Seligkeit. Es waren Eu⸗ genie, Leontine und ihre Mutter; auch Betty könnte mit 125— ihnen genannt werden, denn ſie fand ſich mit ſolcher Liebe begrüßt, daß ſelbſt ihr banges beſorgliches Herz zufrieden war. Frau von Clermont ſah in ihr eine Schweſter, Leontine eine zweite Muter, und Eugenie blieb ganz die zärtliche, liebende Tochter. Ja es ſchien, als wenn dieſer das durch eine Schweſter und eine Mutter bereicherte Herz täglich an liebenden Kräften wüchſe; ihre Neigungen wur⸗ den nicht getheilt und geſchwächt wie das Bett eines Stroms, das ſich um grünende Inſeln ſchmiegt, ſondern ſie blühten reicher und friſcher auf, wie die Krone eines jun⸗ gen Baums, der ſich mit immer neuen Wurzeln feſter an den mütterlichen Boden heftet. Es war ein rührender An⸗ blick, Leontinen und Eugenien beiſammen zu ſehen. Jede pries ihr Glück, in der Andern ein längſt verlorenes, eigent⸗ lich ein nie gekanntes Kleinod gefunden zu haben. Und die Mutter ſtand zwiſchen Beiden und weinte Thränen der Rührung und der Wehmuth, denn der Schmerz um den Vater war, und wie hätte es anders ſein können, doch wie⸗ der mit neuer Kraft erwacht. Sie alle konnten ſich nicht von einander trennen; es war, als wollten ſie die verlore⸗ nen Jahre erſetzen und in Stunden den Raub der langen Vergangenheit einbringen.„Du biſt ſo ſchön, ſo gut, ſo klug, meine Leontine,“ ſprach Eugenie zu ihr,„ich ſchäme mich faſt neben Dir; Du mußt mich Alles lehren, was mir fehlt, ich will folgſam und eifrig ſein!“ Und Leon⸗ tine ſchloß bei ſolchen Worten die Schweſter gerührt in die Arme und ſprach:„Du liebliches Weſen! Du trittſt in den gewöhnlichen Lauf unſerer Tage wie ein ſchönes Wunder hinein! Womit die Gottheit eine Lebende ſegnet, iſt Dir reich zu Theil geworden; Du trägſt im Herzen eine tiefe, einfache Weisheit, eine hohe, reine Liebe! Ach, wie verſchwindet unſer flaches, gekünſteltes Wiſſen, unſere ge⸗ ————— ſſ —— 3 — 126— theilte, eigenſüchtige Geſinnung dagegen! Du kennſt das Böſe als Böſes, und Dein Herz bebt heilig, davor zurück. Hier bei uns iſt das Unrecht ſo übergoldet, 3 geglättet, ſo gewandt, es verhüllt ſein ſchwarzes Innere ſo geſchickt, daß wir alle mehr oder minder es nach und nach beherbergen und in unſer Herz einlaſſen. Ach, ich möchte Dich wieder in die hehre Einſamkeit der Wüſte ſenden, damit das feine Gift unſerer europäiſchen Geſelligkeit nicht den reinen Spie⸗ gel Deiner Seele trübe! Lernen willſt Du von mir? Nein, ich ſollte mich von Dir unterrichten laſſen in der hohen, einfachen Weisheit eines unbefleckten Herzens! Gewiß, ich möchte von Dir lernen, oder nur vergeſſen, was ich nicht kennen ſollte.“ So hielt, wie edle Seelen pflegen, jede die andere für beſſer, ſchöner, begabter, als ſich ſelbſt; jede überſchätzte das Gute an der Schweſter, jede ſah nur ihre eigenen Mängel. Ddie Mutter aber ſah nur ihr Kind, ihr verlorenes, ihr wieder gefundenes Kind. Und wäre es entſtellt geweſen, wäre es rauh wie die Tochter der Wüſte zu ihr gekommen, ſie hütte es geliebt. Vielleicht um ſo mehr geliebt, je mehr es, an eigenen Schätzen und Gaben arm, der fremden Neigung, Pflege, Führung bedurft hätte. So iſt die Liebe der Mutter! Sie liebt in dem Kinde ihre heilige Pflicht, ihre von der Natur mächtig gebotene Beſtimmung. Vom Morgen bis zum Abend beſchäftigte ſich Frau von Clermont mit Eugenien. Sie befragte ſie um ihre früheſte Kindheit, um ihre Jugend, um alle ihre Freuden und Gewohnheiten in dem fernen Lande. Sie wollte Alles erforſchen, was die Tochter gefühlt, gedacht, gelernt, gehofft, gewünſcht hatte. Sie wollte ihr Kind kennen. Betty ſaß daneben und empfand eine ſtille, innige Freude darüber, daß die wahre Mutter über die ſchöne — 127— Entwickelung und Blüte des Zöglings der Pflegemutter ſo oft in ein gerührtes Erſtaunen ausbrach.— Leontine pflegte dann wol mit ihrem zarten Sinne der Pflicht der Dankbarkeit gegen die Pflegerin zu gedenken und nahte ſich ihr mit liebender Anhänglichkeit.—„Was ſoll ich Dir geben, Du Gute, die Du mir eine Schweſter gegeben, die tauſendmal verlorene tauſendmal erhalten haſt?“— Denn Leontine hatte zwiſchen Beiden das vertraute Du erbeten, weil ſie wollte, daß die Mutter ihrer Eugenie auch ſelbſt nicht in einer äußern Form fremd zu ihr ſein ſolle. Wenn Adolph und Victor nicht zu dieſen rein Glück⸗ lichen gezählt werden konnten, denen auch nicht der leiſeſte Wolkenſchatten einer Sorge den heitern Lebenshimmel trübte, ſo lag dies in dem bedrohten Zuſtande, in welchem ſich ihr Vaterland befand. Als Männer konnten ſie, ob⸗ gleich ihr Herz den Frühlingsmorgen der Liebe ſelig genoß, dennoch nicht allein dieſer gehören, ſondern das Leben er⸗ griff ſie noch mit tauſend andern Armen, feſſelte ſie mit tauſend heiligen Banden der Pflicht. Die Bedeutung des Weibes erſchöpft ſich in der Liebe, in den Beſtimmungen der Gattin und Mutter. Der Mann kann Das, was die Arbeit, die That des Weibes iſt, nur als ſeine Muße, ſei⸗ nen Genuß, als die ſchöne Frucht betrachten, die ihm die Liebe für die Anſtrengung der Pflicht bietet. Liebt er daher an ſich nicht geringer, ſo kennt ſein Herz doch noch ein heiligeres, ein größeres Gebiet. Frankreich ſtand an der verhängnißvollen Entſcheidung ſeines ganzen Geſchicks. Mit düſtern Sorgen erfüllten ſich die Gemüther bei den täglich ſchroffer werdenden Spaltun⸗ gen, den täglich feindlicher einander gegenüber tretenden Elementen. Eine geheime Macht des Böſen ſchien ihr dunk⸗ les Spiel aus tiefſter Verborgenheit zu treiben. Ihre — 128— furchtbare Gewalt über die Gemüther der Herrſcher war nicht auf äußere, ſichtbare Mittel geſtützt, ſondern ſie be⸗ diente ſich der unbekannten Schrecken des Jenſeits, um ihre Zwecke zu erreichen. Je größer die Wahnverblendung dieſer Hingebung war, um ſo ſchrecklichere Folgen derſelben mußte man fürchten. Der Einfluß eines gewandten, ſchlauen, ſelbſt eines argliſtigen Miniſters wäre nicht ſo zu fürchten geweſen; denn den Rathſchlägen des trügeriſchen Verſtan⸗ des folgt man nur, indem man die Kräfte des eigenen Scharfſinns gebraucht, der bald entdeckt, wie weit ſeine Mittel reichen. Wo aber die Freiheit geiſtiger Entſchei⸗ dung ſchon ſo geſchwunden iſt, daß ſie ſich einem blin— den Gehorſam gegen unbekannte myſtiſche Schrecken unter⸗ terwirft, da iſt auch kein Ende der Folgen abſehbar, denn der blind Gehorchende ſtürzt auch in den bodenloſeſten Abgrund.. Die Wage der Entſcheidung zwiſchen den kämpfen⸗ den Parteien ſtand in einem verhängnißvollen Gleichge⸗ wicht. Daß die Freiheit, das Recht, die Vernunft dereinſt unfehlbar ſiegen würden, war jedem Denkenden klar. Ob aber die Macht dunkler Gewalten nicht einen augenblick— lichen Triumph zu erringen vermöchte, ob nicht Jahre des Schreckens und der Tyrannei ihre Geißel über Frankreich ſchwingen würden, ob nicht ein furchtbarer, verheerender Kampf auf's neue ausbrechen und die mit Blut und Thränen gedüngten, mühſam zur Reife gebrachten Saaten des Jahrhunderts wieder zerſtören werde— das lag noch im verhüllenden Dunkel der Zukunft. Aller Herzen aber erfüllten ſich mit bangen Sorgen. Daß in Deſormery's Bruſt dieſe allgemeine Beſorgniß noch einen beſondern Anklang fand, mußte den Ernſt ſeiner Stimmung erhöhen. Hauptmann Lormeuil wurde, je dro⸗ — 129— hender der Horizont ſich ſchwärzte, um ſo ernſter, zurück⸗ haltender, trüber. Dennoch näherte er ſich dem Gegen⸗ ſtande ſeiner Neigung mehr als jemals. Aber nicht frei, wie ſonſt, ſondern wie durch eine unbezwingliche Macht ge⸗ trieben, der er zwar widerſtehen wollte, aber nicht konnte. Er ſuchte den Platz neben Louiſon, allein er blieb ein faſt ſtummer Nachbar; kaum daß er ſich ſo viele Worte abge⸗ wann, als die Höflichkeit ihm abforderte. Louiſon wurde darüber oft ungeduldig; ſie ſetzte ſich verdrießlich auf einen an⸗ dern Platz, oder ließ ſich gar mit nicht immer von Bitter⸗ keit freiem Spott über die Einſylbigkeit des Hauptmanns aus, eine Art des Angriffs, der ihr bei ihrem gewandten Geiſte nicht ſchwer wurde. Allein innerlich fühlte ſie ſich tief verwundet, ſchmerz— lich gekränkt, weil ſie die wahre Urſache, ſowol von Lor⸗ meuil's Zurückhaltung, als von den Aeußerungen des Va⸗ ters, der ſich ſtets gegen den Hauptmann erklärte, nicht kannte. Deſormery dagegen ſah die Entfremdung zwiſchen Beiden nicht ungern, ſo ſehr es ihn ſchmerzte, den Haupt⸗ mann, den er als einen edlen Mann ſchätzte, in dieſer bit⸗ teren Stimmung zu wiſſen, und ſo leid ihm Louiſon thar, welche ebenfalls in der unbehaglichſten Lage war. Allein er hoffte, das Verhältniß werde ſich auf dieſe Weiſe löſen und Louiſon nur den Unmuth, den Verdruß, als die leich⸗ tere Laſt des Lebens, zu tragen haben, im Vergleich zu dem Schmerz einer gewaltſamen Trennung durch unüber⸗ ſteigliche Ereigniſſe, während die Herzen ſich noch mit voller Kraft der Liebe feſthielten. Er irrte ſich, denn nur ſchein⸗ bar löſen ſich heilige Bande der Liebe und Treue leichter durch Erkaltung als durch Zerreißen auf. Innerlich blutet das edle Herz am ſchmerzlichſten, wenn es von dem Glück ſeiner Liebe, als von einer Täuſchung, ſcheiden ſoll; unter 4 4 6** 3 3 8 3 — — 130— der Erkaltung erſtarrt es. Treten aber große Ereigniſſe entſcheidend zwiſchen das Glück der Einzelnen, ſo erhebt ſich die edle Geſinnung über den Schmerz und ſchöpft Tröſtung und Kraft im entſchloſſenen Dulden. So fühlte Lormeuil faſt nur die bittere Kränkung, welche Louiſon's Kälte ihm bereitete; den großen, würdigen Schmerz ſeines Geſchicks ertrug er mit männlicher Faſſung. Und in ähn⸗ licher Weiſe empfand Louiſon in den einſamen Stunden der Nacht nur noch das kränkende Gefühl über Lormeuil's mis⸗ verſtandenes Benehmen; die Beſorgniſſe wegen der miswol⸗ lenden Geſinnung des Vaters dagegen drückten ſie faſt gar nicht mehr und in ihrem eigenſinnigen Köpfchen erhielt der Gedanke, gegen den Wunſch deſſelben entſchloſſen fuͤr— ihre Neigung zu handeln, wenn Lormeuil ſolcher Liebe werth wäre, nach und nach eine Wohnſtätte, während ſie 8 früher mit dem Nein Deſſen, von dem ſie durchaus ab⸗ hing, die Pforte ihrer Wünſche unwiderruflich verſchloſſen glaubte. Mitten in dieſe düſtere Stimmung, welche ſo manches Herz im Innerſten qualte, während dem Anſchein nach Alle glücklich und heiter waren, fiel eine Begebenheit, die in ihrer Größe und Bedeutung einen Augenblick lang alle einzelnen Gefühle begrub. Es war die Nachricht von der Eroberung Algiers, die am zwölften Julius in Paris ein⸗ lief. Ein ſolches Ereigniß, beſtimmt, mit der Kraft dauern⸗ den Ruhms in der Geſchichte Frankreichs zu glänzen, mußte 6 wenigſtens auf eine kurze Zeit alle Gemüther erfüllen. Das 4. Läuten der Glocken von den hohen Thürmen herab, das Wogen der freudigen Menge auf den Straßen, die präch⸗ kig donnernden Schüſſe der Freude, der jubelnde Ruf des 4 Volkes und am ſpäten Abend der feierliche Glanz von tau⸗ 71 ſend erleuchteten Gebäuden— alles Dies mußte eine Sti 8 G 1 4 — 431— mung erregen, in der man die beſondern Wünſche und Be⸗ gehrniſſe der Bruſt vergaß. Daß in einem Hauſe, welches durch ſo vielfache Bande der Theilnahme mit dieſem Ereig⸗ niß in Berührung kam, daß in dem Kreiſe, der ſich täg⸗ lich in Deſormery's Wohnung beiſammen ſah, die allge— meine vaterländiſche Freude noch einen höheren Anklang fand, darf kaum bemerkt werden. Es ſchien wirklich, als ſei der Kummer, die Sorge der Einzelnen untergegangen in dem Strome der Freude, der durch die Hauptſtadt brauſte. Lormeuil war lebhaft aufgeregt; Louiſon vergaß neben ihm an der frohen Tafel, zu welcher der Vater die Hausgenoſſen verſammelt hatte, wie oft ſie in den letzten Tagen zu zürnen Urſache gefunden. Victor und Adolph empfanden die ganze Freude jugendlicher Helden über einen rühmlichen Sieg des Vaterlandes; Frau von Clermont und Leontine gedachten zugleich des Bruders und überließen ſich der Hoffnung, daß nunmehr wenigſtens die nächſte Sorge für die Erhaltung ſeiner Tage zu Ende ſei; Betty und Eugenie endlich wurden mit aller Kraft der Erinnerung in eine Gegend zurückverſetzt, wo ſie heimiſch geworden wa⸗ ren, und der lebhafte, mächtig aufgeregte Sinn der Letz⸗ teren überließ ſich der frohen Hoffnung, daß nun vwielleicht alle Segnungen und Wohlthaten gebildeter Völker ſich auch dorthin verbreiten würden. Sie empfand das unſchätzbare Glück dieſer Gaben zu tief, als daß ſie ſich nicht freudig mit dem Gedanken wiegen ſollte, auch dort werde man das Gute ſchnell erkennen und ergreifen. Ja, ſie gedachte ihres Pflegers Osraim und in dem kindlichen Herzen regte ſich die leiſe Hoffnung, daß das Band, welches ſich von nun an zwiſchen beiden Völkern knüpfen werde, auch vielleicht dereinſt eine Verbindung zwiſchen ihr und dem Beſchirmer hrer Jugendtage herbeiführen könne. 7 — — 6 — 132— So herrſchte die allgemeinſte Freude. Deſormery liebte es, gegen die Sitte der Franzoſen, beſonders im Sommer, lange bei der Abendtafel zu ſitzen, und in die kühleren Stunden der Nacht hinein zu plau⸗ dern, wobei er auch klingender Gläſer und perlenden Weins nicht gern entbehren mochte. So ſaß man denn, während das Gewühl des Volkes ſich auf der Straße vorüberdrängte und der Schimmer hell erleuchteter Häuſer ſich mit der Dämmerung der Ju⸗ liusnacht und tauſend funkelnder Geſtirne wunderbar ver⸗ miſchte, in dem hohen, kühlen Gemach, deſſen bis auf den Boden reichende Fenſter geöffnet, aber durch Blumen⸗ ſtöcke verſetzt waren, in behaglicher Geſelligkeit an einem runden Familientiſche und überließ ſich der frohen Stim⸗ mung, welche die Gegenwart erzeugte. Allein, als ſollte gerade in den heiterſten Augenblicken das neidiſche Schickſal ſtörend eintreten, ſo wurde der frohe Abend auch diesmal durch eine trübe Botſchaft geſtört. Es war nämlich Victors erſte Sorge geweſen, ſobald er in Paris angelangt war, nach Liverpool zu ſchreiben, um über Betty's Eltern und Verwandte Auskunft zu erhalten. Er hatte ſich an einen dortigen ihm befreundeten Kaufmann gewandt und dieſen gebeten, Erkundigungen darüber ein⸗ zuziehen, vorläufig jedoch, ohne von der wahrſcheilich nahe bevorſtehenden Rückkehr Betty's in ihre Vaterſtadt etwas zu erwähnen. Die Antwort dieſes Freundes lief gerade an dieſem Abend ein und, während man heiter bei Tiſche ſaß, brachte Victors Diener, der lange in der Wohnung ſeines Herrn gewartet hatte, den Brief zu Deſormery hinüber und übergab ihn mit den Worten:„Es iſt ein Brief aus England an Sie angekommen.“ Da zufällig auf der einen Seite Victors Betty, auf der andern Eugenie ſaß und — —* ——— — — 133— Beide wußten, daß er eine Antwort aus Liverpool erwarte ſo wurden ſie natürlich auf das lebhafteſte geſpannt, und Betty, die heftig bewegt auf das Couvert ſah und das Poſtzeichen entdeckte, rief beſtürzt und freudig zugleich aus: „Ja, aus Liverpool, meiner Vaterſtadt!“ Der Brief mochte nun bringen, was er wollte, es war unmöglich den Inhalt deſſelben Derjenigen zu verhehlen, die er ſo nahe betraf. Auch zitterte Betty ſo heftig, war ſo außer ſich, daß man dieſem Zuſtande auf das ſchnellſte ein Ende machen mußte, wenn man nicht einen Unfall her⸗ beiführen wollte. Victor hatte eine leiſe Ahnung; er wünſchte innerlich, der Brief möge erſt am andern Morgen ge⸗ kommen ſein.„Liebe Freundin,“ ſprach er zu Betty,„es ſind ſchon funfzehn Jahre her, daß Sie Ihre Vaterſtadt verlaſſen haben. Unmöglich kann Alles ſo geblieben ſein, wie es damals war. Dieſes Schreiben wird, aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach, neben manchem Erfreulichen, manches Traurige enthalten; ſeien Sie gefaßt darauf. Wollen wir es ſogleich leſen?“ Betty antwortete raſch und zitternd:„Ich kann Alles hören, aber ich vermag keine Minute länger dieſe Angſt, dieſe Spannung zu ertragen!“ Victor gab ihr den Brief mit den Worten:„So leſen Sie denn ſelbſt.“ Betty öffnete mit zitternder Hand; ihre Bruſt flog, ihr Athem drängte ſich raſch aus der beklemm⸗ ten Bruſt hervor; fliegendes Roth und Bläſſe wechſelten auf ihrem Geſicht. Aller Augen hefteten ſich mit ängſtlicher Beſorgniß auf ſie; es herrſchte eine tiefe Stille in dem eben noch ſo heiteren Kreiſe. Jetzt hatte ſie das Blatt entfaltet, jetzt eilten ihre Blicke haſtig darüber hin; leiſe bewegte ſie die Lippen, als ſpräche ſie die geſchriebenen Worte für ſich nach. Sie wurde bleich 5 e * und bleicher, große Thränen rollten aus ihren Augen; Jeder ſuchte in ihren Zügen den Inhalt des Briefes zu leſen. Es war ſchwer zu entſcheiden, ob Freude oder Schmerz die Leſende erſchüttere, ob Beides. Haſtig wandte 6 ſie das Blatt um, heftete die Blicke ſtarr auf die letzten 4 Zeilen und ſeufzte gepreßt auf; ihre Hände flogen krampf⸗ haft, plötzlich that ſie einen lauten Schrei, das Blatt ent⸗ fiel ihr und ſie ſank bewußtlos in den Seſſel zurück. Mit dem Ruf der Angſt und des Schmerzes:„Sie ſtirbt!“ ſprang Eugenie auf und umſchlang ſie mit beiden Armen. Auch die übrigen Frauen eilten hinzu, umſtanden die Ohn⸗ mächtige und ſuchten ihr Hülfe zu leiſten. Victor hatte den Brief aufgenommen, durchflog ihn und ſprach tief bewegt: „Solche Botſchaft iſt freilich nicht eine glückliche zu nen⸗ nen!“—„Was enthält das Schreiben?“ fragte Deſormery. Victor las, indem er die Formen des Eingangs über⸗ ging, folgende Zeilen:——„Der Vater iſt bereits vor ſechs Jahren in Dürftigkeit geſtorben. Die Mutter folgte ihm bald nach. Von den übrigen Verwandten, die Sie mir genannt, lebt nur noch die alte Schweſter des Vaters, aber ſchon ſeit vielen Jahren in Geiſteszerrüttung. Man ſagt, das unſelige Verſchwinden der Nichte, die ſie überaus zärtlich von früheſter Kindheit an geliebt, habe ſie ſo erſchüt⸗ tert, daß ſie, anfangs in düſtere Schwermuth, jetzt in völ⸗ ligen Stumpfſinn gefallen iſt. Ein Bruſtübel, an dem* ſie ſeit einigen Jahren leidet, verſpricht ihr, nach Ausſage der Aerzte, vielleicht binnen wenigen Wochen Erlöſung. Keinesfalls kann ſie die rauhe Jahreszeit überleben. So ſchmerzlich es mir iſt, Ihnen dieſe Nachrichten mittheilen zu müſſen, ſo kann ich Ihnen doch die Wahrheit nicht ver⸗ hehlen.“——. 6 Alle hatten in tiefer Rührung zugehört. Das ſchreck⸗ = * 4 “ 8 — 135 liche Geſchick der armen Betty, die in der Blüte des Le⸗ bens von Allem, was ſie liebte, was ihrem Herzen theuer war, hinweggeriſſen wurde und nach funfzehn Jahren na⸗ menloſer Sehnſucht und Leiden nur wiederkehren konnte, um auf den Gräbern aller ihrer Lieben zu weinen, ſchnitt mit ſcharfen Schmerzen in jede, auch die härteſte Bruſt ein. Adolph ſprach bewegt:„Iſt es nicht, als wenn man einem Unglücklichen in der Jugend, im blühenden Lenz das Licht des Auges grauſam rauben und es ihm im Alter und in der ewigen Winternacht des Pols wiederſchenken wollte, um einſam zwiſchen öden, beſchneiten Gräbern um⸗ her zu irren?“ „So würde er doch,“ entgegnete Leontine gerührt, in⸗ dem ſie ſich ſanft an ihren Freund lehnte und das mit Thränen gefüllte Auge zu ihm erhob,„ſo würde er doch wenigſtens noch die ewigen Sterne ſehen und ſeinen hoffenden Blick über die Erde hinaus nach ihnen richten können. 4 Betty ſchlug die Augen wieder auf. Als ſie ſich in Eugeniens Armen fand, preßte ſie dieſe heftig an die Bruſt und rief:„O, ich bin eine elternloſe Waiſe, ganz verlaſ⸗ ſen von aller Welt! Aber Du bleibſt mir! Dich ſoll nichts von meinem Herzen reißen. Du wirſt mich nicht verlaſ⸗ ſen!“—„Nie, niemals!“ rief Eugenie ſchluchzend und umſchlang die geliebte Pflegerin mit einer Heftigkeit, die der Angſt nahe kam. Jedes Herz fühlte, daß das Schickſal hier Bande ge⸗ webt hatte, die ſo heilig, ſo ewig und dauernd waren, wie die mächtigen der Natur ſelbſt. Man brachte die ermattete Betty hinüber in ihre Woh⸗ nung. Der frohe Kreis ging ſtill auseinander. Aber drau⸗ ßen ſcholl das Getümmel und Gewühl noch die ganze Nacht hindurch fort; die lauten Stimmen und glänzenden Lichter — 136— der Freude drangen mit ſeltſamem Contraſt in die Stille der Nacht und Schmerzen ein. Zweiundzwanzigstes Capitel. Die nächſten Tage verſtrichen ruhig; Betty war durch die heftige Bewegung des Gemüths erkrankt, fing aber an, nach und nach ſich zu erholen und zu geneſen. Mit ſchmerz⸗ licher Freude nahm ſie das Erbieten Victors an, der ihr, ſobald ſie wieder ganz bei Kräften ſein würde, verſprach, ſie nach England hinüber zu geleiten. Sie wollte wenig⸗ ſtens die Gruft ihrer Eltern beſuchen und ſich überzeugen, ob ihre alte liebende Jugendpflegerin noch empfänglich für die Gaben des Troſtes, der vergeltenden Zärtlichkeit ſei. Ruhig, aber nicht freudig, verſtrichen dieſe Tage. Denn in den Gemüthern wurde die brütende Gährung immer düſterer. Der glänzende Sieg über Algier, ſo hatten die Anhänger der Miniſter gehofft, würde dieſen eine ſolche Popularität verſchaffen daß man ihre verhaßten Namen und gefürchteten Abſichten vergeſſend ihren Wünſchen rück⸗ ſichtlich der Wahlen nachgeben würde. Allein dieſe Hoff⸗ nung ſchlug gänzlich fehl. Im Gegentheil, da die Abſicht deutlich hervortrat, durch dieſe mit den inneren Angelegen⸗ heiten der Verwaltung durchaus in keiner Beziehung ſtehende Waffenthat die Gemüther zu beſtechen, die Halbſehenden zu velblenden, ſo wurde man um ſo mistrauiſcher, um ſo haartnäckiger. Faſt alle jene zweihunderteinundzwanzig De⸗ putirte, deren edle, würdige, muthvolle Sprache an den — 137— Stufen des Throns den Zorn der öffentlichen und geheimen Rathgeber des Königs erregt hatte, wurden wieder in die zum dritten Auguſt berufene Kammer geſendet.— Das Miniſterium war nun ſo vollſtändig geſchlagen, es hatte eine Niederlage erfahren, die durch den vergeblichen, faſt raſend zu nennenden Kampf, den es mit der offenkundigen Geſinnung des ganzen Frankreichs unternommen, ſo viel Beſchämendes, ja Lächerliches hatte, daß man fürchten mußte, es werde, da es auch nicht einmal mehr mit dem Scheine der Ehre und des Anſtandes zurücktreten konnte, ja, da es den Namen des Königs und ſeine Entſchlüſſe ſelbſt mit frevelhafter Wagniß auf den gefährlichen Wurf dieſes Spiels geſetzt hatte, zu einem verzwei⸗ felten Schritte faſt gezwungen ſein. Hätte es reine Ab⸗ 3 ſichten gehabt, wäre es nur in Irrthümern befangen ge⸗ weſen, ſo würde der Rücktritt, wenn nicht ohne Kränkung, s ohne Verdruß, doch ohne Schimpf möglich geeſen ſein. Da es ſich aber ſelbſt nicht verhehlen durfte, wie es dem Verblendetſten nicht entgehen konnte, daß es einen fürchter⸗ 6 lichen Kampf der Gewalt gegen das geheiligte Recht der 4 Völker unternommen hatte, ſo mußte es unerbittlich vor⸗ wärts auf der eingeſchlagenen Bahn, oder es mußte mit Hohn und Schimpf die Flucht ergreifen, und konnte nicht 3 einmal berechnen, ob dieſe es zu einem ſichern Aſyl füh⸗ 6 ren würden. Wenn Deſormery, wenn Victor und Adolph Mittags jeder von verſchiedenen Seiten der Stadt her aus einem veerſchiedenem Geſchäftskreiſe zuſammentrafen, ſo brachten ſie 4 einander die Gerüchte zu, die ſich täglich in anderer Geſtalt eerneuerten. Auf der Börſe hatte man geſagt, das Mini⸗ ſterium wolle der Unmöglichkeit weichen und zurücktreten. Im Palais⸗Royal ſprach man davon, daß es den Ent⸗ — 13³38— ſchluß gefaßt habe, vor die Kammern zu treten, einige gute, dem Volke wohlthätige Geſetze, die jedoch in keiner Berüh⸗ rung mit der Sicherung und Befeſtigung der Verfaſſung ſtänden, vorſchlagen, und wenn die Kammer dieſe verwürfe, ſie auflöſen, im Gegenfall aber das Budget fordern werde. Wolle man dies nicht bewilligen, ſo werde es eine Procla⸗ mation an die Bewohner Frankreichs richten, worin es die Deputirten als die Feinde des Königs und des Vaterlandes darzuſtellen beabſichtige. Den Vereinen zur Nichtentrichtung der Abgaben wolle man alsdann Gewalt entgegenſetzen.— Victor, der aus dem Marine⸗Miniſterium kam, hatte ge⸗ hört, die Deputirtenkammer würde zum dritten Auguſt zwar zuſammentreten, allein im Fall ſie auf die ganz der früheren änhliche Thronrede eine ähnliche Adreſſe verfaſſen ſollte, ſogleich aufgelöſt und vermöge eines durch Ordonnanz geänderten Wahlgeſetzes eine durchaus neue berufen wer⸗ den. Eine Proclamation an die Franzoſen ſollte dieſen Schritt durch die Berechtigungen erklären, welche der vier⸗ zehnte Artikel der Charte dem Könige geſtatte. Deſormery, der im Finanz⸗Miniſterium arbeitete und ſeinen Miniſter, Herrn von Montbel, häufig ſah, wenn auch nicht ſprach, da ſein Poſten nicht hoch genug war, um ihn unmittelbar mit demſelben zuſammen zu führen, hatte die Bemerkung gemacht, daß dieſer ſeit mehren Tagen eine düſtere Stimmung, eine gewiſſe bange Beſorglichkeit in den Zügen trage, die nach jedem Conſeil ſich deutlicher aus⸗ drückte. Da er wußte, daß Herr von Montbel mit großem Widerſtreben im Miniſterium blieb, daß er nur auf drin⸗ gende Bitten ein Portefeuille nach dem andern angenommen hatte in der Hoffnung, es bald abgeben zu dürfen, ſo ſchloß der alte ruhig blickende Geſchäftsmann daraus auf Bewegungen und Plane, die im Conſeil beſprochen würden, 3 4 1 4 — 139— wodurch die Miniſter in eine äußerſt unangenehme, ja traurige und gefährliche Lage kommen dürften. Er vermu⸗ thete, daß von Schritten die Rede ſei, bei denen man Al⸗ les gegen Alles auf's Spiel ſetze. Indeß wiederholten ſich dieſe Gerüchte täglich, aber es geſchah nichts. Die Geſchäfte blieben im ruhigen Gleis, Schritt vor Schritt ging die Zeit vorwärts, dem großen Tage der Entwickelung, dem dritten Auguſt entgegen. Die Stimmung der Gemüther glich der beängſtigenden Stille vor einem ſchweren Gewitter, oder dem lautloſen Anrücken zweier feindlichen Heere gegeneinander, wobei jede Bruſt heftig geſpannt den Donner des erſten Schuſſes erwartet, mit dem alle Mächte und Kräfte des Verderbens entfeſſelt auf einander einſtürzen. „Der Boden unter unſern Füßen iſt hohl,“ ſprach De⸗ ſormery,„der Himmel hängt ſchwer von Gewitterwolken über uns herab; wir ſchlafen auf einer Pulvermine, wir ſetzen uns zu Tiſch unter dem Schwert des Damokles.“ „Die Gerüchte murmeln ſich ſo hohl und ſchauerlich durch das Volk,“ erwiderte Victor,„wie das Rollen und Brauſen im Innern des Vulkans vor dem Ausbruch.“ „Man ſieht nirgend Jemand,“ vervollſtändigte Adolph dieſe Gleichniſſe,„der frei, aufrecht daher ginge. Wie die Seevögel vor dem Gewitter, tief und ängſtlich über die graue, todte, ſtille Flut ſtreichen, keiner in die freie Höhe zu ſteigen wagt, ſo geht auch der Gewerbtreibende, der Geſchäftsmann nur behutſam die nöthigſten Pfade ſeines Verkehrs vorwärts. Viele werfen ſich gar mit dem Antlitz auf die Erde und wagen nicht mehr aufblicken, als ob der giftige Samum der Wüſte im Anzuge wäre.“ Dieſe und ähnliche Geſpräche hielten die Männer jeden Mitttag, wenn ſie nach Hauſe kamen und, ehe die Mahl⸗ — 140— zeit begann, in einer Ecke des Zimmers zuſammentraten, um ihre Nachrichten auszuwechſeln. Sie vermieden es jedoch ſorgfältig, über Tiſche davon zu ſprechen, um die Gemü⸗ ther der Frauen, die bei geringerer Kenntniß und Voraus⸗ ſicht in politiſchen Verhältniſſen noch unbeſtimmtere und eben darum furchtbarere Schrecken geahnt haben würden, in der wohlthätigen, ſorgloſen Heiterkeit, die ſie aus den nächſten Verhältniſſen ihres Daſeins ſchöpften, zu erhalten. Dennoch konnte es nicht fehlen, daß die gefurchte Stirn, der ernſte Blick der Männer auch einem weiblichen Herzen manche Minute der Sorge und Bekümmerniß verurſachte. Es war die verſtändige, fein und tief fühlende Marie, welche in den Zügen des Vaters Manches las, was ihr trübe Gedanken erregte. Die leichter denkende Louiſon war zu ſehr mit den Misverſtändniſſen, die in ihrem Verhält⸗ niß zu Lormeuil obwalteten, beſchäftigt, Leontine lebte zu ſehr in ihrem Glück, Eugenie hatte zu unvollkommene Be⸗ griffe von den Verhältniſſen des Staats und der Geſell⸗ ſchaft, um irgend etwas zu ahnen. Auch Frau von Cler⸗ mont, deren unter geſchichtlichen Begebenheiten gereifter Geiſt und geſchärfter Blick leicht die Kriſis beurtheilt hätte, war, ſeit ſie Eugenien gefunden, zu ſehr Mutter, fühlte ihr Herz zu erfüllt von dieſen wunderbaren Begebenheiten, um auf⸗ merkſam zu beachten, was außer ihr um ſie her vorging. Als ein erheiternder Strahl allgemeiner Freude fiel in dieſe Tage ein Brief von Eduard, der aus Mahon mel⸗ dete, daß er ſich, bei der Einnahme von Algier leicht ver⸗ verwundet, jetzt aber faſt ſchon geneſen, dort im Lazareth und zugleich in Quarantaine befinde und nächſtens als be⸗ urlaubt in Paris eintreffen werde. Er hatte den Brief Adolphs, welcher ihm die Reiſe der Mutter meldete, erhal⸗ ten; die Ereigniſſe, die er außerdem dadurch erfuhr, muß⸗ — p —,— — 141— ten ihn freilich zum Theil auch betrübt machen.„Indeß,“ ſchrieb er,„iſt Adolphs Rettung eine ſo reine Perle des Glücks, ſie breitet einen ſo heitern Himmel über uns Alle aus, daß wir die beiden trüben Wölkchen, die hindurch zie⸗ hen, mehr mit Rührung als mit Schmerz betrachten dür⸗ fen. Und wer weiß, wie bald noch andere, lichte, ſchöne Geſtirne mit ſanftem Glanz an dem Horizont heraufſchwe⸗ ben und uns unendliche Freude in die Bruſt ſenken!“— Es unterlag keinem Zweifel, daß er damit auf Eugeniens Wiederkehr deutete, die er der Mutter nicht enthüllen wollte und durfte, damit kein dazwiſchen tretender Unfall ihr ſtatt der Wonne nur einen verdoppelten Schmerz bereite. Eduards Ankunft war mit Wahrſcheinlichkeit ſo nahe anzunehmen, daß man ihr in wenigen Tagen entgegenſehen konnte. Mit ungeduldiger Freude erwarteten ihn die Sei⸗ nigen daher von einer Stunde zur andern. Indeß rückte der einundzwanzigſte Julius heran, ohne daß irgend ein Ereigniß von Wichtigkeit, weder für das öffentliche Leben, noch für die beſonderen Familienverhält⸗ niſſe der Hausgenoſſen Deſormery's eingetreten wäre. Mit Beſtimmtheit brachte Victor am Mittage dieſes Tages die Nachricht mit, daß die Einberufungsſchreiben an ſämmtliche Pairs und Deputirten für die zu eröffnende Sitzung bereits abgefaßt und verſendet worden ſeien. Dies gab die Gewißheit, daß die Kammern zuſammentreten wür⸗ den, und hob die Furcht vor einem plötzlichen Staatsſtreiche auf. Täglich waren die Fonds an der Börſe geſtiegen, und man erfuhr, daß Herr von Rothſchild, der als der ſtete, politiſche Thermometer betrachtet wurde und immer für am beſten unterrichtet galt, bedeutend kaufen laſſe. Dennoch ſchüttelte Deſormery bedenklich den Kopf. Es war am Abende zuvor ein Cabinetsconſeil gehalten worden, — 142— das bis in die ſpäte Nacht hinein gedauert hatte. Herr von Montbel hatte am Morgen das Anſehen eines Mannes gehabt, der von der äußerſten Angſt und Beſorgniß erfüllt iſt, und ſein Privatſecretair hatte im Vertrauen geäußert, eer habe den Miniſter noch in ſpäter Nacht erwarten müſ⸗ ſen, dieſer aber ſei ganz bleich und verſtört und ſo ange⸗ griffen nach Hauſe gekommen, daß er, zu jeder Arbeit un⸗ fähig, ihn weggeſchickt und ſich zu Bett begeben habe. Ohne ſeine Gedanken zu äußern, konnte Deſormery ſich doch der guten Nachrichten nicht erfreuen, ſondern fürchtete viel⸗ mehr gerade hinter dieſem Anſchein des Guten das Schlimmſte. Der folgende Tag war ein Sonntag. Deſormery hatte Herrn von Lormeuil zu Tiſche einladen laſſen. Dieſer war jedoch kurz vor dem Eſſen durch einen Dienſtbefehl abgeru⸗ fen worden. Erſt gegen das Ende der Tafel erſchien er wieder. Er gab ſich alle Mühe, heiter, geſprächig und freund⸗ lich zu ſein. Allein auf ſeiner Stirn lag eine finſtere Wolke, die er durch kein Lächeln, durch keinen Scherz zu verſcheuchen vermochte. Gleich nach Tiſch ging er wieder, unter dem Vorwande, daß Dienſtgeſchäfte ihn abriefen. Allein er begab ſich in ſein Zimmer und verließ daſſelbe nicht wieder. Wol aber ging er mit großen Schritten auf und ab, und der Bediente, den Deſormery mit an⸗ ſcheinender Gleichgültigkeit befragte, was für Geſchäfte ſei⸗ nen Herrn abhielten, wieder zur Geſellſchaft zurückzukommen, erwiderte:„Der Herr Hauptmann muß wol ſehr traurige Nachrichten erhalten haben. Er geht düſter auf und nie⸗ der; dann und wann ſetzt er ſich dazwiſchen an den Schreib⸗ tiſch, ſiegelt Briefe und Packete zu und trifft überhaupt Anſtalten, als wolle er ſein Teſtament machen.“ „Vielleicht wird er verreiſen wollen,“ entgegnete Deſor⸗ mery, dem es ſchon leid that, ſo viel gefragt zu haben. 4 ————— — 143— Der Diener ſchüttelte ungläubig den Kopf und ent⸗ fernte ſich ſchweigend. Jetzt war die Unruhe in allen Gemüthern zu lebhaft geworden, um ſich nicht auch den Frauen mitzutheilen. Man fragte ſich, was geſchehen ſei, und mußte ſich antwor⸗ ten: Nichts. Man fragte, was geſchehen ſolle, und wußte wenigſtens keine genügendere Antwort. Dennoch herrſchte eine Spannung, eine Unruhe, die keinen heitern, ſorgloſen Gedanken aufkommen ließ. Der Zuſtand Deſormery's und der jüngern Männer glich dem gewiſſer Perſonen, welche die Gegenwart irgend eines Thieres nicht ertragen können, denen ſich aber daſſelbe genähert hat, ohne daß ſie es wiſſen. Sie empfinden ein Unbehagen, eine Unruhe, von der ſie ſich keine Rechenſchaft geben können, die aber um ſo größer wird, je weniger ſie die Urſache derſelben entdecken können. Spät, um zehn Uhr Abends, hörte man bewaffnete Leute zu dem Hauptmann kommen und bald darauf verließ er mit dieſen das Haus. Als man ihn gehen hörte, ſahen die Mitglieder des Familienkreiſes einander beſorglich an; in den Zügen Aller malte ſich Unruhe und doch wagte Niemand es ſich zu ge⸗ ſtehen, daß der ſcheinbar geringfügige Umſtand ihm ſo ernſt erſcheine. Man ſprach wenig, Jeder ſchien in Gedanken vertieft. Alle athmeten eine ſchwere, gewitterſchwüle Luft, die ſich über Paris ſammelte. Still ging man auseinander. Deſormery hatte niemals mit ſeinen Töchtern über die Gründe geſprochen, weshalb er Lormeuil's ſichtliche Bemü⸗ hung um Louiſon weder beſtimmt zurückweiſe, noch begünſtige, ſondern nur ſeine Unzufriedenheit darüber zu erkennen gab. — 144— Erſt heute war Louiſon durch einige hingeworfene Worte auf die richtige Spur gerathen und jetzt erſt verſtand ſie Lormeuil's Benehmen. Nun warf ſie ſich's mit ſchwerem Herzen vor, daß ſie ihr Misvergnügen über ihn oft in kränkendem Spott geäußert hatte, und als ſie mit Maria in ihr gemeinſchaftliches Schlafzimmer trat, konnte ſie ſich nicht enthalten, in ein heftiges Weinen auszubrechen. Die Schweſter fragte ſie theilnehmend um ihren Kummer; denn ſie ahnte ihn zwar, war aber bei Louiſon's von dem ihrigen ſo verſchiedenen Charakter ſelten deren Vertraute. Jetzt ge⸗ ſtand die Arme alle ihre Befürchtungen, ihre Reue, ihre heftige Neigung zugleich ein und zerfloß dabei in Thränen. Sie ſetzte ſich auf's Bett und verbarg die ſchönen, weinen⸗ den Augen in ihr Tuch, während die Schweſter tröſtend zu ihr trat und ihren Muth, ihre Hoffnung wieder zu er⸗ wecken ſuchte. „Du ſprichſt liebe, aber vergebliche Worte,“ entgegnete Louiſon ſchluchzend;„wenn das, was ich jetzt errathen habe, das Hinderniß unſerer Verbindung iſt, ſo iſt es unüber⸗ ſteiglich, denn ich kenne Lormeuil; er hängt mit ſtarrem Eigenſinn an ſeinen Grundſätzen.“ „Ich muß dieſe männliche Feſtigkeit an ihm ſchätzen,“ ſprach Marie ſanft;„aber ich hoffe, es kommt nicht zu einem Aeußerſten. Gewiß liebt Dich Lormeuil ſo, daß er eine andere Stellung des Lebens aufſucht, die ihm geſtat⸗ tet, im Streit der verſchiedenen Parteien ohne thätige Theil⸗ nahme zu bleiben.“ „Wenn es nicht zu ſpät iſt!“ ſeufzte Louiſon.„Aber was iſt das?“ fuhr ſie faſt erſchreckend auf, indem ſie ihre Hand, die ſie zufällig auf das Kopfkiſſen des Bettes gelegt hatte, haſtig zurückzog.„Das iſt ein Brief! Und an mich — Soll ich ihn öffnen, Schweſter?“ „„ —I* — 145— Marie hegte ein ſittſames Bedenken; doch ſagte ihr eine dunkle Ahnung, daß dieſer Umſtand mit dem Kummer ihrer Schweſter Zuſammenhang haben dürfte. Sie ſprach daher:„Da wir Beide gegenwärtig ſind, ſo dächte ich, Du dürfteſt ihn leſen, vorausgeſetzt, daß Du den Inhalt dem Vater nicht verſchweigſt.“ „Gewiß nicht!“ rief Louiſon und erbrach den Zettel. Er lautete: „Theure Louiſon! In einem Augenblick, wo es ſich vielleicht entſcheidet, daß ich Sie auf ewig verlieren muß, folge ich der Gewalt meines Herzens, die mich zu dem Ge⸗ ſtändniß zwingt, daß ich mein ganzes Glück in Ihnen zu finden hoffte. Sie haben mich oftmals bitter gekränkt! Ich verdiente es nicht, denn als ich Sie am wenigſten zu lie⸗ ben ſchien, liebte ich Sie vielleicht am meiſten! In dieſem Augenblick habe ich Befehle erhalten, aus denen ich ſchlie⸗ ßen muß, daß Dinge vorgehen, die eine furchtbare Scheide⸗ wand zwiſchen mir und Ihnen emporthürmen. Ich ge⸗ horche der Pflicht mit blutendem Herzen. Wie ich meinen Schwüren, meinen Gelübden in den öffentlichen Verhält⸗ niſſen des Lebens unverbrüchlich treu bleibe, ſo bleibe ich es auch Ihnen, bleibe es der Liebe, von der ich mein Glück hoffte.— Leben Sie wohl, leben Sie glücklich! Lormeuil.“ „O Marie!“ rief Louiſon heftig weinend aus,„ſagte ich Dir's nicht? O, ich kenne ihn wohl!“ „Meine arme Schweſter!“ erwiderte Marie, indem ſie ſich zu Louiſon auf das Bett ſetzte und ſie ſanft in die Arme nahm. Dieſe weinte laut und brach in heftige Vor⸗ wuͤrfe gegen ſich ſelbſt aus. „„Daß ich ihn ſo betrüben konnte! Ihn gerade da ver⸗ nas Geſ. Schr. Neue F. II. 7 — 146— letzen, als er ſo ſchmerzlich litt. Und ich wußte doch, daß er mich liebte!“. „Hat er Dir ſeine Neigung jemals geſtanden?“ fragte Marie offen. 4 Miit Worten nicht. Aber tauſendmal hatten wir es uns durch Blicke, durch Mienen verrathen. Ihr Alle wuß⸗ tet es ja, wie ſollte es uns unbekannt geblieben ſein?— „Ach, liebſte Schweſter, ich muß Dir mein ganzes Herz entdecken. Du wirſt mich haſſen, Du wirſt nicht glauben, daß man ſo ſträflich denken und handeln kann. Vielleicht hätte ſich Lormeuil dem Vater entdeckt. Aber als ich ſei⸗ ner Leidenſchaft für mich gewiß war, da fand ich oft eine grauſame Luſt darin, mich eben dann kälter zu ſtellen, wenn er wärmer wurde. Es machte mich ſo glücklich, ſein Herz ganz in meiner Gewalt zu haben, daß ich es mit in⸗ nerem Vorwurf, aber doch von unwiderſtehlichem Reiz ge⸗ trieben, immer neu prüfte. Faßte ſich Lormeuil, blieb er ernſter, ruhiger, ſo wurde ich wieder freundlicher, aufmun⸗ ternder. Da unſer gegenſeitiges Betragen auf dieſe Art weechſelte, ſo hielt ich den Ernſt ſeiner letzten Tage für will⸗ kürlich und abſichtlich, um mich zu reizen. Der eignen Schuld bewußt, glaubte ich auch ihn ſchuldig, und bediente mich der Waffen des Spottes gegen ihn, überzeugt, daß er es nicht ertragen könne, wenn mich ſeine Kälte zu erhei⸗ tern ſchiene.— Und nun befällt mich tiefe, ſchmerzliche Reue über mein Unrecht!“— Sie weinte wieder heftiger und verbarg ihr vor Scham glühendes Antlitz in ihr Tuch. Marie, deren ſanfte, unſchuldige Seele keine Ahnung von dem frevelhaften Spiel des Herzens hatte, welches Louiſon eingeſtand, konnte die Schuld der Schweſter nicht einmal völlig begreifen. Die Anklage hatte ihr etwas Unmögliches; ſie glaubte, Louiſon thue ſich jedenfalls zu großes Unrecht —j *„——— 1— aus zu großer Zartheit und Liebe. Und waͤre dem auch nicht ſo geweſen, ſo trauerte doch jetzt das Herz der Schweſter im tiefſten Kummerv; ſelbſt bei der ſchwerſten Verſchuldung würde daher Marie nicht anders als gütig, ſanft, tröſtend zu ihr geſprochen haben. Nach einiger Zeit fragte ſie:„Da aber der Vater ſein Misvergnügen über Lormeuil's ſichtliche Bemühungen, Dir näher zu kommen, oft geäußert hat, wurdeſt Du denn nicht bange, daß ſein ernſt ausgeſprochener Wille Dein Glück plötzlich hemmen könnte, und drangſt Du nicht wenigſtens darauf, daß Lormeuil ſich offen erkläre?“ Louiſon mußte abermals beſchämt eingeſtehen, daß ſie in dem Spiel der Liebe einen zu großen Reiz gefunden hatte, um ſich ihre Pflichten deutlich vorzuhalten. Auch war es theils ein dunkles Gefühl von Furcht geweſen, eine Erklärung Lormeuil's werde ein entſchiedenes Nein des Va⸗ ters zur Folge haben und ſomit ihr ganzes Verhältniß auf⸗ löſen, theils war ihrem leichtſinnigen Gemüth ſelbſt der Gedanke, nach geſchehener Erklärung Pflichten gegen Lor⸗ mmaeuil zu haben und ihm, mit dem ſie jetzt übermüthig ſchaltete, gewiſſermaßen unterworfen zu ſein, als eine Stö⸗ rung ihres Wohlbehagens erſchienen. Denn jetzt mußte er noch Freundlichkeit, Gunſt, Liebe erbitten; ein freies Geſtänd⸗ niß, eine offene Erklärung hätte ihm Rechte gegeben, er hätte Aufrichtigkeit, Wahrheit, Innigkeit fordern dürfen— und dem widerſtrebte Louiſon's noch zu ungeläutertes Herz. — Wie aber ſtets bei Leichtſinnigen und Schwachen, ſo fiel auch jetzt das ganze Gewicht der Reue auf ſie und uneh unſäglich. In dieſem geſpannten Zuſtande wäre ſie jedes Opfers fähig geweſen. Genau betrachtet lag freilich auch darin nur ein Mangel an ſittlicher Stärke und Haltung, nämlich das Unvermögen, ihren Schmerz zu ertragen. In⸗ .. 7* * — 148— deß nahm ihre ſiegende Leidenſchaft doch eine edle Richtung an; und wer das Schwere nicht mit Ruhe und Faſſung vollbringen kann, der darf ſich glücklich ſchätzen, wenn eine plötzliche Aufregung ihn dazu antreibt. Louiſon's Entſchluß war ſchnell gefaßt. Sie wollte um jeden Preis dem gekränkten Lormeuil die volle Reue ihres Herzens zu erkennen geben, wollte ihre Schuld durch die unbedingteſte Hingebung büßen. Hätte nicht Marie ſie mit ſanfter Ueberredung beruhigt und getröſtet, ſie wäre ſo un⸗ beſonnen geweſen, ſogleich ihren Geliebten aufzuſuchen und ſich reuig vor ihm zu demüthigen. Nur ungern, innerlich widerſtrebend, gehorchte ſie daher den Vorſtellungen der Schweſter, den Morgen zu erwarten, ehe ſie ſich zu irgend einem Schritte entſchlöſſe. Die Nacht brachte ſie ſchlaflos oder wenigſtens meiſtentheils in jenem ängſtlichen Zuſtande zwiſchen Wachen und Träumen hin, wo die Bilder der Phantaſie doppelte Lebhaftigkeit erhalten, während zugleich die Kraft der Beſonnenheit und der Mäßigung ſchwindet, daß man zwiefacher Pein unterworfen iſt. Gegen Mor⸗ en fand ſich zwar die Ruhe der Ermattung ein, indeß dauerte ſie nicht lange, und ſchon mit dem früheſten Strahl der Sonne, der durch die mit Blumen verſetzten Fenſter fiel, erwachte die Gequälte wieder.— Sie richtete ſich auf; Marie ſchlummerte mit den ruhigen Zügen eines Engels, ein mehr mildes als ſchmerzliches Lächeln ſchwebte um ihre Lippen. Zufällig warf Louiſon einen Blick in den Spiegel, und ſah ihr bleiches, verſtörtes Antlitz. Sie erſchrack vor ſich ſelbſt.„O Gott,“ dachte ſie,„ſo hat Dich das Ge⸗ fühl der Schuld gezeichnet! Darfſt Du ſo neben Deine Schweſter treten, deren Antlitz den Frieden ihrer ſchönen Seele athmet?“ Und in dieſem Augenblicke gelobte ſie es ſich, ihr frevelhaftes Spiel mit einem treuen Herzen ſtreng — 10— abzubüßen und entweder dieſem, reuig unterworfen, in de⸗ müthiger Liebe ihr Leben zu weihen, oder Keinem anzu⸗ gehören.— Die Feſtigkeit dieſes Entſchluſſes gab ihr einige Kraft und Ruhe wieder. Sie ſtand auf und ſetzte ſich an einen kleinen Schreibtiſch, der im Fenſter ſtand. Unter ſtrömenden Thränen ſchrieb ſie an Lormeuil einen Brief der tiefſten Reue und Demuth. Eine düſtere Ahnung ſagte ihr, es werde vergeb⸗ lich ſein; denn ſeit ſeinem geſtrigen geheimnißvollen Weſen und den bedeutſamen Zeilen, die er ihr geſchrieben, ſah ſie im Geiſte ſchon eine unüberſteigliche Kluft ſich tief und ſchwarz aufreißen, die ihren Bund auf ewig trennte. Eben hatte ſie vollendet, als Marie die blauen Augen langſam aufſchlug und erſtaunt zu der Schweſter hinüber⸗ blickte. Dieſe ſaß, das lockige, reizende Haupt in die Hand geſtützt, in ſchwermüthiges Sinnen verſunken da und heftete die Augen auf das Blatt, das ſie ſoeben vollendet hatte. „Schweſter! Louiſon!“ redete Marie mit ſanfter, trö⸗ ſtender Engelsſtimme ſie an. Wie aus einem tiefen Traum fuhr die von Schmerzen Zerriſſene auf und eilte hinüber zu der mitleidig und verlangend die Hand gegen ſie ausſtreckende Schweſter und ſank im krampfhaften Weinen an die treue, mitfühlende Bruſt. „Was haſt Du ſo früh gethan, Louiſon?“ fragte Marie mit wehmüthiger Theilnahme. „Ich habe an Lormeuil geſchrieben. Du ſollſt den Brief leſen, bevor ich ihn abſende.“ Sie ging und holte ihn. Marie las, Thränen erfüllten ihr das ſanfte Auge.„O Du haſt ein tief fühlendes Herz, Louiſon!“ ſprach ſie gerührt,„er wird Dich unbe⸗ grenzt lieben.“ Louiſon lächelte, die Freude ſchimmerte durch ihren ₰ — EEEEEEEEE—I — 150— Schmerz hindurch, wie eine Roſe durch verhüllende Schleier⸗ gewebe. Sie ging zurück an den Schreibtiſch, faltete das Blatt, ſiegelte es ein und überſchrieb es an Lormeuil. Indeſſen war Marie aufgeſtanden und beide Schwe⸗ ſtern gingen in das enge Gärtchen hinter dem Hauſe hinab, 3 weil Marie wollte, daß Louiſon ſich in der erfriſchenden— Morgenluft von der traurigen Nacht erholen ſolle. Der Vater pflegte dort gern zu frühſtücken, Marie ſorgte daher gewöhnlich, daß er, ſobald er aufgeſtanden war, Alles be⸗ reit fand. Kaum waren die Schweſtern eine Viertelſtunde unten,. als auch Deſormery erſchien. Louiſon bangte ein wenig, ihn zu ſehen; doch hatte ſie den feſten Entſchluß gefaßt, ihm mit ſanften, aber entſchiedenen Worten ihre Neigung 4 und die Unwiderruflichkeit derſelben zu bekennen. Er grüßte und küßte die Töchter mit väterlicher Herz⸗ lichkeit.—„Du ſiehſt bleich aus, Louiſon, iſt Dir nicht wohl?“ Eben wollte ſie antworten, als der Diener, mit mehren Zeitungen in der Hand auf Deſormery zutrat und ſie die⸗ ſem überreichte. Ein ſo eifriger Politiker, wie er, widmete den Tagesblättern ſtets die erſte Stunde des Morgens; be⸗ ſonders aber in einer ſo geſpannten Zeit, wie die jetzige. Er vergaß daher ſeine Frage und öffnete den Conſtitution⸗ 5 nel, den er bald durchlaufen hatte, ohne etwas Wichtiges zu finden. Ebenſo ging es mit einigen andern Blättern. Jetzt nahm er den Moniteur in die Hand. Die Mädchen ſaßen dem Vater mit einer Handarbeit gegenüber und Loui⸗ ſon warf bisweilen verſtohlene Blicke auf den Leſenden. Plötzlich rief ſie aus:„Um Gottes willen, Vater, was iſt 3 Dir?“ Auch Marie blickte bei dieſen Worten auf und ſah — 151— den Vater bleich wie der Tod, das ſtarre Auge unbeweglich auf das Blatt richtend, heftig zitternd daſitzen.„Vater!“ rief ſie und ſprang auf,„Vater, Du biſt krank?“ Deſormery fuhr empor. Als er ſeine Töchter ängſtlich vor ſich ſtehen ſah, ließ er das Blatt ſinken, faßte Beider Hände und rief mit einem tiefen Seufzer aus:„Wir ſind verloren! Es iſt Alles dahin! Frankreich iſt vernichtet!“ Noch hatten die erſchreckten Mädchen nicht Zeit gehabt, eine Frage zu thun, als Victor und Adolph mit haſtiger Eil' in den Garten ſtürzten. Sie hatten ſchon nach Deſor⸗ mery gefragt und erfahren, er ſei bereits aufgeſtanden. Als er ſie kommen ſah, ließ er ſeine Töchter, wandte ſich zu Jenen und rief ihnen entgegen:„Wißt Ihr's, habt Ihr's geleſen?“ „Wir wiſſen Alles!“ rief Victor,„und eben darum zommen wir ſo früh. Ganz Paris iſt ſchon in Bewegung! Das Kaffeehaus hieneben wird von dem Volke faſt geſtürmt! Ich habe Leute geſehen, die vor Schmerz und Zorn weinten!“ „Ja es iſt um blutige Thränen zu vergießen,“ rief Deſormeryz„vierzig Jahre des Kampfes, der Opfer verge⸗ bens! Millionen Bürger vergeblich gefallen!“. „Um des Allmächtigen willen, was iſt geſchehen?“ rief Marie, bleich wie Marmor, indem ſie die Hand des Vaters ergriff. 3 „Was geſchehen iſt? Frankreich iſt vernichtet! Es iſt auf's neue der Knechtſchaft oder allen Schrecken der Empö⸗ rung anheimgefallen. Da nehmt das Blatt und ſeht ſelbſt!“ Beide Mädchen ſtanden voller Schrecken und zitterten; ſie wußten nicht, was ſie thun ſollten. Victor nahm das Wort und ſprach mit einer Stimme voll ernſten Mitleids:„Der längſt. gefürchtete, aber doch faſt für unmöglich gehaltene Stagtsſtreich ift geſchehen. —₰ — 152— Eine Oordonnanz des Königs hebt die Preßfreiheit auf, ver⸗ nichtet das Wahlgeſetz, löſt die zum dritten Auguſt beru⸗ fene Deputirtenkammer auf. An die Stelle der Geſetze tritt die Willkür. Die Verfaſſung iſt in ihrem innerſten Herzen tödtlich verwundet.“ „O jetzt verſteh' ich Alles!“ rief Louiſon, und ſank kraftlos auf den Seſſel zurück und verhüllte ſich das Antlitz. Marie ſtand bleich und zitternd da.„Gott wende das Unheil gnädig ab!“ ſprach ſie mit einem frommen Blick gen Himmel. „Der Blitz hat getroffen!“ rief Deſormery mit edlem Feuer des Unwillens.„Was iſt abzuwenden? Der Ge⸗ danke liegt in Ketten, die Gruft der Freiheit iſt gegraben! Was ſoll noch geſchehen?“ „Ich verliere noch nicht die Hoffnung,“ ſprach Adolph ernſt,„der Buchſtabe vollbringt nichts. Schon ſind wir Zeuge geweſen, wie die Befehle aufgenommen worden; man wird ſie nicht ausführen können, ſie zurücknehmen müſſen!“ „O!“ rief Deſormery,„haltet Ihr denn die Miniſter für ſo verblendet, daß ſie ſolche Befehle erlaſſen, ohne ihre Ausführung durch die Hülfe der Gewalt geſichert zu haben? Wohin ich blicke, ſehe ich nur Schrecken.“ 1 „Welche Gewalt ſoll die Ordonnanzen unterſtützen?“ rief Adolph.„Werden ſich franzöſiſche Krieger zu Zerſtö⸗ rern ihrer eigenen Rechte gebrauchen laſſen? Werden ſie die Waffen gegen ihre Mitbürger führen? Wird der Bruder auf den Bruder, der Sohn auf den Vater feuern? Es ſind unmögliche Befehle, ſage ich Euch, nur Raſende konn⸗ tten ſie geben!“ „Wer ſie zu geben verſuchte, der verſucht auch ſie aus⸗ zuführen!“ ſprach Vickor. 5 8 2½ „Freunde,“ rief Deſormery,„hier muß gehandelt wer⸗ den. Auf, geht hinaus, durchwandert Paris, ſeht, wie man die Befehle aufnimmt, hört, was man ſpricht, erforſcht, was man denkt. Ich bin entſchloſſen, heute nicht an meine Geſchäfte zu gehen. Kommt dann hieher zurück und laßt uns berathen, was zu thun iſt. Vielleicht kann eine ent⸗ ſchloſſene Vorſtellung von gewichtigen Männern die Zurück⸗ nahme der Befehle begründen. Ich werde indeß an einige erfahrene Freunde ſchreiben und ihren Rath hören.“ Victor und Adolph gingen, Deſormery eilte an ſeinen Schreibtiſch. „O nun iſt Alles verloren!“ ſprach Louiſon ſeufzend.— „Ohne Zweifel hat Lormeuil geſtern ſchon Kunde von Dem gehabt, was heute geſchehen ſollte, und darum brach er ſein — ſchmerzliches, ſtarres Schweigen und redete zu mir wie Einer, der vom Leben ſcheidet!— und ich habe ihn gequält in ſeinem namenloſen Schmerz!“ Marie konnte nur Liebe, nicht Troſt geben. Doch ſchien es ihr, als ſei ſchnelles Handeln das beſte Heilmittel für die Wunde. Sie war daher der Meinung, daß die Schweſter ihren Brief an Lormeuil ihm, wenn es möglich ſei, ſogleich ſenden ſolle. Beide gingen hinaus und fragten nach Gautier, dem Diener des Hauptmanns. Dieſer war ſchon ausgegangen; Lormeuil war die Nacht über nicht nach Hauſe gekommen und es wußte Niemand, wo er aufzufinden ſei. Deſormery's Diener muthmaßte nur, er werde die Wache im Louvre be⸗ zogen haben. Die Schweſtern überlegten noch, ob ſie den Brief dorthin ſenden ſollten oder nicht, als der Vater ſchellte. Der Diener eilte herein und kehrte gleich darauf mit zwei Briefen zurück, die er aufs eiligſte in eine ziem⸗ „“ — 154— lich entfernte Gegend der Stadt, ganz nach der entgegenge⸗ ſetzten Richtung tragen ſollte. So fehlte, um Lormeuil aufzuſuchen, für d den Augen⸗ blick ein ſicherer Bote; Louiſon mußte daher ihrem ſehnen⸗ den Herzen Gewalt anthun und einige Stunden warten, ob alsdann die Gelegenheit günſtiger ſein werde. Wenige Minuten darauf erſchienen in ungewohnter Frühſtunde Frau von Clermont, Eugenie und Betty, welche Letztere ſeit jenen ſchmerzlichen Nachrichten aus ihrer Vater⸗ adt kränklich geweſen war und es vermieden hatte, an dem größern Kreis der Familie Theil zu nehmen. Gewöhn⸗ lich leiſteten Eugenie oder Leontine, bisweilen auch Louiſon oder Marie ihr alsdann abwechſelnd Geſellſchaft. Frau von Clermont war durch das Ereigniß, welches ganz Paris bewegte, ebenfalls tief ergriffen worden; als eine Zeitgenoſſin der Revolution war ſie keiner großen poli⸗ tiſchen Bewegung fremd geblieben und hatte Erfahrung genug geſammelt, um die Wichtigkeit Deſſen, was eben jetzt geſchah, einzuſehen. Man begrüßte ſich mit Herzlichkeit und Beklemmung; Deſormery trat aus ſeinem Arbeitszimmer einen Augenblick unter die Frauen. Mit ernſten, erſchütterten Zügen trat er vor Frau von Clermont hin, ergriff zuerſt ihre Hand, zog ſie dann an die Bruſt, umarmte ſie und küßte ſie mit brüderlicher Innigkeit, aber ohne zu ſprechen. „Theurer Oheim,“ begann ſie mit dem Verſuch, ihren Schmerz zu unterdrücken,„was erleben wir noch für Tage! Schon ſehe ich im Geiſte die Revolution ſich erneuen. Ent⸗ weder kehren uns jetzt die Zeiten der Proſeripeionen zurück und die edelſten Häupter Frankreichs werden fallen, oder es muß ſich ein Sturm erheben, der, einmal ausgebrochen, voon keiner menſchlichen Gewalt mehr gebändigt wird! Sol⸗ * 3 — — 155 len ſich wirklich die Schreckenstage Frankreichs erneuen?— Die Zukunft öffnet ſich vor uns wie die dunkle Höhle eines Ungeheuers. Wir blicken in die Finſterniß des Grauens und Verderbens hinein, die uns das Ungethüm noch ver⸗ hüllt, aber wir ſind gewärtig, jeden Augenblick das blut⸗ gierige Raubthier daraus hervorſtürzen zu ſehen!“ Deſormery gewann Sprache und Faſſung wieder.„Viel⸗ leicht iſt der Schaden noch abzuwenden. Vielleicht hat der Vulkan nur gedonnert, kommt aber nicht zum Ausbruch. Doch freilich wir müſſen auf das Aeußerſte gefaßt ſein.— Naſches Handeln allein kann helfen. Bereits habe ich einige Schritte gethan. Vereinigen ſich alle Biedermänner von Paris ſchnell zu einem gemeinſamen Wirken, ſo iſt noch Hoffnung da, das drohende Ungewitter zu zertheilen.— Vergeben Sie, aber mich treibt die höchſte Pflicht jetzt zur eifrigſten That.“ Mit dieſen Worten ſchied er von den Frauen, ging in ſein Arbeitszimmer zurück und überließ dieſe ihren Beſorg⸗ niſſen und Gefühlen mannichfacher Art. Dreiundzwanzigstes Capitel. Victor und Adolph hatten ſich, nachdem ſie einen Au⸗ genblick zu den Ihrigen hinüber gegangen waren, ſogleich auf den Weg gemacht, um Paris zu durchwandern. De⸗ ſormery's Haus lag in der Straße Montmartre. Sie nah⸗ men ihren Weg durch die Straße der alten Auguſtiner * 1 8 rock hie henamhfeiht, nach dem Palais⸗Royal. Schon auf dem Wege dahin mußte man innewerden, daß etwas Außerordentliches vor⸗ gehe; denn die Leute ſtanden truppweiſe zu Fünf und Sechs beiſammen und ſprachen, oder einer hielt ein Zeitungsblatt in der Hand und las, während die Uebrigen begierig zu⸗ hörten und mit hineinzublicken ſuchten. Als Victor einen ſolchen Trupp gewöhnlicher Arbeitsleute beiſammenſtehen ſah, in deren Mitte ein ärmlich gekleideter Mann im abgeſchab⸗ ten ſchwarzen Fracke ſtand und den Vorleſer machte(er ſchien ein Schreiber oder armer Schullehrer zu ſein), ging er auf die Leute zu und fragte:„Nun, Kinder? Was habt Ihr Neues? Ihr ſeht ja ſo betrübt aus?“ „Betrübt? Ich dächte, wir müßten erbittert ausſehen,“ rief einer der Arbeitsleute und hob die nervige Fauſt auf.„Betrübt ſind wir, wenn uns ein Kind ſtirbt, oder die Frau krank liegt. Wenn man uns aber knebeln und binden will, dann knirſchen wir vor Zorn. So iſt's, Herr!“ „Ich glaube Euch. Aber wer will Euch etwas an⸗ haben?“ „Habt Ihr den Moniteur geleſen?“ „Freilich! Worte ſind aber keine Thaten. Es kommt ja doch noch auf uns an, ob wir Alles annehmen?“ „Meint Ihr?“ rief der Arbeiter und ſtemmte beide Arme mit den hoch aufgeſtrichenen Hemdsärmeln in die Seite.„Meint Ihr wirklich, mein Herr? Nun da treffen wir gut zuſammen. Ich habe auch ſchon gedacht, es wird ſich wol abſchütteln laſſen, wenn die Straße St. Pan ſo denkt wie die der alten Auguſtiner und die Quekgaſſen nicht anderer Meinung ſind!— Ich ſehe mich nur um, ob nicht etwa ein Spürhund mit der Schärpe unterm Ober⸗ der mir vielleicht gar verbieten * — 157— wollte, meine Gedanken laut werden zu laſſen. Der könnte die erſte Erfahrung machen, daß Worte eine falſche Münze ſind, wenn ſie kein geſetzliches Gepräge haben!“ Dabei ſah ſich der athletiſch gebaute Redner mit ſeinen feurigen, ſchwarzen Augen ſcharf um und nahm einen Menſchen auf's Korn, der allerdings das Anſehn eines verkappten Polizeiſoldaten hatte. „Ihr ſeid brave Leute, wenn Ihr ſo denkt,“ rief Victor und ſchüttelte dem Arbeiter die Hand.„Ich hoffe, Paris hat mehr ſolche Männer. Aber haltet nur mit Einigkeit zuſammen.“ „Das wollen wir!“ riefen fünf bis ſechs rauhe Keh⸗ len.—„Geht's irgendwo los, ſo ſind wir nicht die Letz⸗ ten,“ ſetzte ein kleiner, noch ganz junger Menſch hinzu. „Es muß nicht Einer auf den Andern warten,“ ant⸗ wortete Victor,„wenn Euer Vorleſer am Ende iſt, ſo geht zu Euern Nachbarn, ſchickt dieſe weiter und ſo fort. Wenn nur erſt Funfzig beiſammen ſind, werden es bald Tauſende ſein.— Indeſſen lebt wohl!“ „Es lebe die Charte! Es lebe Frankreich!“ rief der Erſte. Alle ſtimmten ein, auch Victor und Adolph; hier⸗ auf gingen dieſe weiter. Im Palais⸗Royal wogte das Volk mit dumpfem Ge⸗ murmel durcheinander. Die Kaffeehäuſer, die Leſezimmer, die Galerien waren geſtopft voller Menſchen, die ſich den Moniteur vorleſen ließen, da die Exemplare nicht anders ausreichen wollten. In den Geſichtszügen ſah man die verſchiedenſten Bewegungen. Einige zeigten eine ernſte, tiefe Trauer, andere ein dumpfes Schrecken, ein lebloſes Erſtar⸗ ren; andern leuchtete der verhaltene Grimm aus den Au⸗ bewegungen; nur ein hohles Gemurmel lief durch die ver⸗ ſammelte Menge hin. Als Victor und Adolph durch dieſe Maſſen hindurch⸗ gingen und ſie aufmerkſam beobachteten, war ihnen zu Muthe, als ſei die Atmoſphäre mit ſchwüler Gewitterluft angefüllt. 8 Man ſah eine unzählbare Menge, die ſich wogend durcheinander trieb, und doch blieb Alles ſo dumpf ruhig, ſo ſchauerlich ſtill; es war, als ob ein giftiger Brodem aus dem Zorn und Ingrimm aller Einzelnen aufſteige und ſich in einer ſchwarzen, wetterſchweren Wolke ſammle, die plötz⸗ lich berſten und ſich mit furchtbarem Krachen entladen werde. Alle Kaffeehäuſer waren mit Menſchen angefüllt, aber Niemand genoß etwas; die Aufwärter ſtanden, als hätten ſie gar kein anderes Geſchäft, müßig und zuhorchend unter den Gruppen, die ſich um Tiſche oder Stüͤhle gedrängt hat⸗ Eten, auf denen Einzelne ſtanden und die Ordonnanzen der ſchweigenden Menge vorlaſen. Keinem fiel es ein, daß Jemand in dieſe Orte der Freude, der Muße, des Genuſ⸗ ſes eintreten könne, um etwas Anderes zu wollen, als die furchtbare Neuigkeit des Tages zu vernehmen. Jedes Ge⸗ werbe war vergeſſen, jede Betriebſamkeit ſtand ſtill; es herrſchte nur ein Gedanke, nur ein Gefühl in jeder Bruſt. „ Laß uns die Straße St. Honoré hinaufgehen,“ ſprach Adolph:„dort iſt das lebhafteſte Treiben des Verkehrs; wir müſſen ſehen, wie die Nachricht auf die Beſitzer der großen Waarenlager gewirkt hat.“ Sie bogen in die Straße ein. Eine große Menſchen⸗ maſſe wogte darin auf und ab; man ſah viele Geusdar⸗ men in der Uniform, welche das Volk, wie aus Zufall, aber mit augenſcheinlicher Abſicht, häufig anſtieß, drängte, faſt überrannte. Einige größere Gewölbe waren nicht ge⸗ — 159— öffnet, andere wurden eben geſchloſſen. Eine düſtere Be⸗ ſorgniß ſchien ſich aller Derjenigen zu bemächtigen, die im Beſitz reicher Vorräthe waren. Victor redete einen Silberhändler an, der ſo eben ſein Magazin ſchließen ließ; er fragte ihn um die Urſache. „Mein Herr erwiderte dieſer mit einem Ton der Stimme, der ins Herz drang,„Frankreich ſah ſchöne Tage, weil es Geſetze hatte. Heut ſind ſie vernichtet. Der Grundpfeiler des Staatsgebäudes iſt zertrümmert; die Spannung des Gewöl⸗ bes hält vielleicht noch einige Augenblicke, aber unausbleib⸗ lich muß der Sturz des Ganzen erfolgen. Wenn die Re⸗ gierung ſelbſt die Schranken der Geſetze niederreißt, wie ſoll irgend ein Anderer ſie achten? Das Band iſt zerriſſen, das Alle an ein gemeinſames Intereſſe knüpfte, fortan kann Jeder nur ſein eignes Wohl bedenken. Die Gewährleiſtung der bürgerlichen Sicherheit und Ruhe hat aufgehört; die Willkür ſetzt den Fuß in das Gebiet des Nechts, nichts iſt mehr gültig, nichts iſt heilig. Ich habe kein Eigen⸗ thum mehr. Das Schiff, dem ich mich und die Meinigen anvertraute, iſt auf eine Klippe geſchleudert, der Kiel ge⸗ borſten, das Steuer zerſchmettert; die Wogen ſtrömen von allen Seiten hinein— ich ſuche aus dem Schiffbruch zu retten, was möglich iſt!“ Die Thränen ſtanden dem Kaufmann in den Augen. Er war ein Mann von etwa funfzig Jahren; jedes ſeiner Worte, ja man möchte ſagen, jeder ſeiner Züge verrieth Bildung. Unwillkürlich reichte ihm Victor die Hand und ſprach:„Sollten wackere Bürger nicht des Sturmes noch Herr werden können? Der Hafen iſt doch ſo fern nicht, um das Schiff zu bergen?“ „Ich werde thun, was möglich iſt. Das Vaterland kann auf mich zählen; ich habe mich in den Tagen der * — 160—„ 1 Gefahr niemals zurückgezogen. Doch ſeit einundvierzig Jah⸗ ren hat Frankreich keinen gefährlicheren Tag geſehen als den heutigen!“ Einige Leute aus dem Gewölbe, die auf den Beſitzer ukamen, unterbrachen das Geſpräch. Adolph trieb den Bruder an, weiter zu gehen. „Die belebteſten, reichſten Theile der Stadt,“ erwiderte dieſer,„haben wir durchwandert. Laß uns jetzt einmal eine Gegend beſuchen, die von einer ärmeren Volksklaſſe bewohnt wird, die vielleicht mit dem Geiſte der Zeit nicht ſo fort⸗ geſchritten iſt, um die furchtbare Wichtigkeit der Ordonnan⸗ zen zu würdigen. Finden wir dort einen ähnlichen Sinn wie hier, oder nur die Möglichkeit, ihn zu erwecken, ſo dürfen wir ihn in ganz Paris vorausſetzen und die Un⸗ möglichkeit, die Befehle durchzuſetzen, erſcheint mir wenig⸗ ſtens für die Hauptſtadt erwieſen.“ Adolph ſtimmte in Victors Anſicht mit ein. Sie wen⸗ deten um und ſchlugen die Richtung nach der Vorſtadt St. Antoine ein. Indeſſen brannte die Juliusſonne heiß in die Straßen von Paris hinunter; es trat ſchon jene Leere der Gaſſen ein, welche ſich in ſüdlichen Städten zur Sommer⸗Mit⸗ tagszeit immer findet, in nördlicheren wenigſtens an den heißeſten Tagen bemerkt wird. Um ſchneller zum Ziel zu kommen, nahmen die beiden Kundſchafter einen Fiacker, welcher ſie bald an den Ort brachte, den ſie aufſuchten. An der ſcharfen Ecke, wo die Straßen Reuilly, Montreuil und St. Antoine zu⸗ ſammentreffen, hielten ſie ſtill.— Sie befanden ſich jetzt in einem Viertel, wo eine zahlloſe Menge von Arbeitern, als Tiſchlern, Buchbindern, Schloſſern, Drechslern und dergleichen ihre kleinen Wohnungen und Werkſtätten haben. „ — 161— Außer von dieſen iſt das Viertel auch von den Tauſenden von Fabrikarbeitern bewohnt, die in größeren Anſtalten be⸗ ſchäftigt vom ſpärlichen Tagelohn leben und daher die wohl⸗ feilere Gegend der Hauptſtadt aufſuchen müſſen. Adolph und Victor ſtiegen aus. Sie durchſtrichen die nächſten kleinen Gaſſen, wo die Arbeiter in der Sommer⸗ zeit in den Hausthüren oder vor denſelben zu ſitzen pfle⸗ gen, um ihr Geſchäft in geſunderer Luft als der der engen kleinen Stuben zu treiben. Die Nachricht mochte wol in dieſen entfernten Theil der Stadt noch nicht eingedrungen ſein;z denn nirgend ſah man Leute zuſammenſtehen, die Vorübergehenden grüßten einander wie gewöhnlich, die Ar⸗ beitenden ſaßen ſtill bei ihrem Geſchäft, Niemand ſchien etwas Neues von Belang zu kennen. Vor einem kleinen, reinlichen Hauſe ſaß eine Frau mit einem Säugling; zwei Kinder, etwa von ſechs bis acht Jahren, ſtanden an einem niedrigen Tiſchchen und falzten Papier; in der Hausflur arbeitete ein Mann in rüſtigen Jahren, ein Buchbinder, dem die älteſte Tochter, ſo ſchien es, Hülfe leiſtete, denn ſie war mit Heften eifrig beſchäftigt. „Guten Morgen, Meiſter,“ ſprach Victor eintretend, „geht das Geſchäft gut?“ „Schönſten Dank, mein Herr,“ erwiderte der Mann freundlich, indem er die Mütze abzog und ſich zugleich den Schweiß von der Stirne wiſchte.„Was ſteht zu Befehl?“ „Eine Kleinigkeit, eine Brieftaſche, wenn Ihr ſie vor⸗ räthig habt.“ „Einige werden noch da ſein; Jeannette, geſchwind bringe den oberſten Schubladen aus dem Schrank herbei.“ Das junge Mädchen ſtand von der Arbeit auf und eilte in das Wohnzimmer, um das Verlangte zu holen. . 162— „Was gibt's Neues und Gutes, meine Herren?“ fragte der Meiſter. „Neues genug, Gutes wenig,“ erwiderte Victor,„ſoll⸗ tet Ihr die Zeitung von heute noch nicht vernommen haben?“ „Ach, guter Herr, wir hören und leſen die Neuigkeiten des Tages erſt Abends in unſerm bürgerlichen Weinhauſe vor der Barrière! Unſereins kann nicht achtzig Franks jähr⸗ lich für die Neuigkeiten zahlen. Sie ſind leider Gottes ſo nur ſchlecht genug! Am Tage geht hier Jedermann ſeiner Arbeit nach und Keiner hat Zeit zu erzählen oder zu leſen.“ „Heute ſolltet Ihr ſie Euch doch nehmen,“ ſprach Victor, „denn es betrifft Euer Gewerbe beſonders mit.“ „Wie das, mein Herr?“ Jeannette brachte hier die Schublade mit den Brief⸗ taſchen.„Erſt geſtern,“ ſagte ſie freundlich,„haben wir eine Anzahl an einen Galanteriehändler in der Stadt, für den wir arbeiten, abgeliefert, die Auswahl wird daher nur ſparſam ſein. Hier draußen wird überhaupt ſelten etwas verkauft.“ „Ich finde ſchon, was ich brauche, mein Kind,“ ant⸗ wortete Victor.— Wie das?“ fuhr er fort und wandte ſich zum Vater.„Die Preßfreiheit iſt in uneig auf⸗ gehoben, da ſieht es mit dem Druck, alſo auch mit dem Binden der Bücher ſchlecht aus!“ „Nein, Herr! Unmöglich! Das würde uns ja Alle zu Grunde richten!“ „Und doch hat es Herr von Polignac durchgeſetzt.— Auch das Wahlgeſetz iſt zerſtört, die Kammer aufgelöſt. Ganz Paris iſt in Beſtürzung und Angſt darüber!“ „Das iſt unmöglich, mein Herr! Das ſtürzt alle Be⸗ wohner Frankreichs ins Verderben! O mein Herr, das iſt — 163— ſchon deshalb unmöglich, weil wir es nicht dulden könnten. Sie ſcherzen wol!“ „Leider nein, mein Freund, mein braver Mitbürger!“ rief Victor.„Seht hier den Moniteur! Leſ't ſelbſt! Hier ſtehen die Ordonnanzen!“ „Allmächtiger Gott im Himmel!“ rief der wackere Mei⸗ ſter.„Es iſt wahr! Es iſt wahr!— Jeannette! Spring ſchnell zu dem Nachbar Schloſſer, zu dem Gevatter, dem Tapezirer hinüber! Sie ſollen augenblicks herkommen! Und triffſt Du ſonſt auf der Straße von unſern Nachbarn Jemand an, ſo ſchicke ihn her, es ſind wichtige Neuig⸗ keiten da!“ Jeannette ſprang wie ein Reh davon. „Verzeihen Sie, meine Herren! Aber das geht uns ans Leben! Denken meine Nachbarn wie ich, ſo ſoll's noch Mühe koſten, ehe der Befehl durchgeſetzt iſt.— Mir ſoll ein Steuerbeamter ins Haus kommen und Abgaben for⸗ dern! Nicht einen Sous bekommt er.— Meine Herren, ich kenne Sie nicht, aber Sie ſehen mir aus, wie brave Bürger Frankreichs. Ich bin Soldat geweſen, ich weiß, was Gefahr iſt; ich bin unſerm Kaiſer neun Jahre gefolgt, wohin er uns geführt hat. Aber es brachte Ehre zu ge⸗ horchen. Jetzt würde es Schande bringen. Ich müßte mir ja mein Kreuz der Ehrenlegion abreißen und es zertreten, wenn ich das geduldig hinnehmen wollte! Ich habe oft das Leben für's Vaterland gewagt, jetzt kann es kommen, daß man's für den eigenen Herd, für Weib und Kind einſetzt!“ Im Reden erhitzte er ſich mehr und mehr; mit der Hand nach iimem Schranke in der Ecke deutend, rief er:„Mein Karabiner und mein Säbel ſind noch nicht verroſtet. O, mein Herr, das iſt keine Raſerei oder eitle Prahlerei, wie Sie vielleicht glauben! So wie ich, denken Viele, denken die meiſten Bü — 161— ger der Vorſtadt St. Antoine. Ich ſtehe dafür, daß aus dieſer Gaſſe, ſo klein ſie iſt, wenn es das Aeußerſte gilt, funfzig bis hundert Mann ausrücken können, denen dieſſeit und jenſeit des Rheins und der Alpen manche Kugel am Ohr vorbeigeſauſt iſt.“ Jeannette kam zurück; ihr folgte der Schloſſermeiſter auf den Fuß. Er war ſchwarz und rußig an den nackten Armen und im Geſicht, aber hatte doch das Anſehen eines wohlwollenden Mannes. „Was gibt's?“ fragte er rauh.„Gutes oder Schlechtes?“ „Schlechtes, Nachbar, ſehr Schlechtes! Da ſeht! Hier ſteht die Ordonnanz des Königs, die die Preßfreiheit auf⸗ hebt, und dort die, wodurch die Wahlen vernichtet werden.“ „Alle Teufel! So wollte ich doch, daß ich die Miniſter auf meinem Amboß hätte!“ Der Tapezirer, ein behender, aber lebhafter, kleiner Mann, ſprang in die Hausthür, zwei Geſellen folgten ihm.—„Nun? und was gibt's?“ Noch ehe die Antwort erfolgt war, winkte er zurück zum Hauſe hinaus und rief: „He dal! Herbei! Hierher! Es gibt etwas Neues zu hören. — Kommt hinaus auf die Gaſſe, Gevatter, Eure Haus⸗ flur wird zu eng!“ „Der Kerl ſchreit ſo luſtig, als ob er die Vorſtädter zum Hochzeitſchmaus einladen wollte,“ rief der Schloſſer, indem er hinausging;„aber wart, er wird Augen machen. Sein Schwager iſt ein Buchdrucker!“ Der Buchbinder, Victor, Adolph, Jeannette, Alles folgte dem Nachbar vor die Hausthür. Dort hatte der Schloſſer ſchon dem Tapezirer den Staar geſtochen. „Morbleu!“ rief der Kleine!„Das iſt um des Teufels zu werden!— Wir dulden das nicht, Nachbarn!“ Als Victor und Adolph hinaustraten, hatten ſich ſchon mehre andere Neugierige eingefunden; in den Nachbarhäu⸗ ſern öffnete man die Fenſter und guckte hinaus, die Vor⸗ übergehenden ſtanden ſtill, von weitem kamen Etliche vol⸗ len Laufs herbei. „Beſter Herr!“ ſprach der Buchbinder,„Ihr habt uns die Nachricht gebracht, Ihr müßt ſie uns auch ganz mit⸗ theilen. Leſ't uns die Zeitung vor. Unſereins weiß da⸗ mit doch ſo raſch nicht fertig zu werden.“ „Herzlich gern!“ „Jeannette, den Falztiſch her! Fort, Kinder! werft den Plunder ins Haus! Wir haben uns jetzt um andere Druck⸗ bogen zu bekümmern, die uns wichtiger ſind!“ Das Tiſchchen, an welchem die Kleinen ſo fleißig wa⸗ ren, wurde abgeräumt. Victor trat hinauf und ſchnell um⸗ drängte ihn ein dichter Kreis von Neugierigen, der mit jedem Augenblick wuchs, ſo daß bald die Gaſſe geſperrt war. Mit lauter Stimme las Victor nun zuerſt den Bericht, welcher den Ordonnanzen voranging, vor. Nings umher herrſchte die aufmerkſamſte Stille. Nur dann und wann lief ein leiſes Gemurmel durch die Verſammlung und mit⸗ unter ließ ſich ein kräftiger Fluch hören, dem jedoch ſtets ſogleich ein Gebot zur Stille folgte. Als Victor von dem Bericht zu den Ordonnanzen ſelbſt überging und zuerſt die über die Vernichtung der Preßfreiheit vorlas, wurde das Auditorium ungleich lebhafter. Morbleu! rief der Schloſſer, Chut! der Buchbinder. Peste!— Sacre nom de Dieu!— Chut donc!—— G'est effroyable!— Voilà la congrégation!—„Le dia- ble t'emporte, babillard!“———„NVentre saint gris!“ Chut! Chut!— Silence!—— Ecoutez! Ah! ah!— ſo ſchallten Ausrufungen des Unwillens und Gebote des — 166— Schweigens abwechſelnd aus dem dichtgedrängten, von Mi⸗ nute zu Minute wachſenden Kreiſe. Victor hatte geendigt.„Meine Freunde!“ rief er. „So etwas wird Frankreich nicht geduldig ertragen! Auf! kommt dieſen Abend zuſammen in Euern Weinhäuſern. Bera⸗ thet Euch! denkt, daß das Geſetz nicht Einige, daß es Alle zu Grunde richtet. Noth, Armuth, Elend ſind die Folgen deſſelben. Alle Druckerwerkſtätten müſſen geſchloſſen wer⸗ den, alle Journal⸗Bureaux haben aufgehört, zehntauſend Leute ſind ſchon morgen dadurch brotlos. Die Buchbinder, die Papierhändler müſſen den Schlag nachempfinden. Alle Kaufleute verlieren das Vertrauen, weil ihnen das Recht, ihre Deputirten zu wählen, entzogen iſt. Man fürchtet, daß fremde Truppen einrücken werden, um dieſen Geſetzen, nein, dieſen willkürlichen Befehlen Gehorſam zu verſchaffen. Die Papiere an der Börſe müſſen fallen, die Reichen ver⸗ lieren ihr Vermögen. Alle Fabrikbeſitzer müſſen ihre Ar⸗ beiten einſtellen. Ternaux wird ſeine Werkſtätten ſchließen, Vaſſal wird's thun, Caſimir Perier wird dazu gezwungen ſein! Laffitte, der Eure Rechte ſtets ſo tapfer vertheidigte, muß fallen! In acht Tagen kann Paris zweimalhundert⸗ tauſend brotloſe Arbeiter haben! Das iſt das Elend, wel⸗ ches dieſe Ordonnanzen hervorbringen müſſen! Darum thut, was Ihr vermögt, damit ſie zurückgenommen werden. Be⸗ rathet Euch! Schickt Abgeſandte, die Würdigſten, Beſten unter Euch, an die Miniſter! Ja, verlangt den König ſelbſt zu ſprechen! Er wird, wenn er Eure Beſtürzung ſieht, Euch helfen, wird die von treuloſen Miniſtern gegebenen Be⸗ fehle zurückziehen.—— Gedenkt daß Ihr Franzoſen ſeid, daß Ihr Eure Rechte mühſelig, mit Blut und Gefahren erkämpft habt. Laßt Euch Euer ſchützendes Heiligthum, die Charte, nicht nehmen!— Es lebe die Charte! Es lebe Irankreichi⸗ 8* 8167— „Es lebe die Charte! es lebe Frankreichs!“ erſcholl der freudig muthige Ruf der verſammelten Menge.„Nieder mit den Miniſten! Fort mit Polignac! Herunter die Bi⸗ ſchofsmützen!“ ſchrien Andere dazwiſchen. Victor ſprang von dem Tiſch herab. Er wollte ſich durch das Volk drängen. Man umringte ihn, man trug ihn auf den Schultern. Ein lauter Jubel erſcholl auf der Gaſſe, wie aus den Fenſtern der Häuſer. „Zerſtreut Euch, liebe Bürger!“ rief Victor,„wir haben noch andrer Orten zu thun. Auf, verbreitet die Nachricht durch Euer ganzes Viertel bis in die entfernteſte Vorſtadt, und Abends wählt die Einſichtsvollſten unter Euch aus und Die ſchickt hinein nach Paris, damit ſie Eure Angelegenheiten betreiben. Indeſſen begeht ja keine ungeſetzliche Handlung, damit die Regierung keinen Vor⸗ wand habe, Euch als Unruheſtifter anzugreifen!— Jetzt, ich bitte Euch, laßt mich.“. Er ſchüttelte den Bürgern die dargebotenen Hände; er grüßte ſie rechts und links. Ebenſo Adolph, den man gleichfalls jubelnd umringte. Mit Mühe erreichten ſie, durch das fortwährend ſie begleitende Volk faſt getragen, die Straße Reuilly wieder; dort fanden ſie einen Fiacre, warfen ſich hinein und fuhren raſch zurück, während ihnen begrüßender, jubelnder Ruf noch lange nachſcholl. Es war indeſſen weit über Mittag geworden. Sie hielten es daher fuͤr gut, nach Hauſe zurückzukehren und Deſſormery Bericht abzuſtatten. Schon jetzt hatte Paris ein bedeutend verändertes An⸗ ſehen. Zuvor konnte man das Außerordentliche der Stim⸗ mung aller Gemüther nur in den belebteſten Straßen, am Palais⸗Royal, in der Straße St. Honoré, auf dem Platz Vendome und an andern ähnlichen Orten bemerken. Jetzt — 168— hatte ſich die Bewegung ſchon viel weiter ausgedehnt; man ſah ihre Spuren ſchon vor den Boulevards, und im In⸗ nern der Stadt wären ſie unverkennbar ſelbſt für Denjeni⸗ gen geweſen, der von der Urſache derſelben nichts geahnt hätte. Glühend vor Eifer und Spannung traten die Brüder in Deſormery's Wohnung ein. Sie fanden ihn in ſeinem Zimmer mit dem Aufſetzen eines Circulars an alle ſeine Amtsgenoſſen beſchäftigt, worin er dieſe, nach einer bereits ſchriftlich getroffenen Uebereinkunft mit ſeinen angeſehenſten Collegen, aufforderte, eine Vorſtellung an den Miniſter zu unterzeichnen, wodurch um die Zurücknahme der Ordonnan⸗ zen gebeten und auf die Gefahr aufmerkſam gemacht wurde, in welche die Hauptſtadt, ja das ganze Königreich geſtürzt werden könne, falls man bei der gewaltſamen Ausführung ungeſetzlicher Maßregeln beharren wolle. „Nun, Freunde!“ rief der alte, eifrige Geſchäftsmann, „was bringt Ihr? Wie ſieht es in Paris aus?“ „Gut und ſchlimm, wie man will,“ entgegnete Adolph; „von der Unmöglichkeit, die Ordonnanzen durchzuſetzen, ohne den furchtbarſten Widerſtand zu erfahren, haben wir uns überzeugt. Die Gemüther gleichen einem großen Pulverma⸗ gazin, über dem ein Gewitter ſchwebt. Die Gefahr der Exploſion hängt an einem Haar. Ein Funke hinein und Alles wird mit fürchterlichem Getöſe aufgeſprengt und die Flammen ſchlagen zu einem feurigen Meere zuſammen.— — Die Gewölbe werden geſchloſſen, das Volk treibt ſich in Maſſen auf den Straßen und Plätzen umher. Es be⸗ darf nur einer Veranlaſſung und alle Geſetze ſind aufgeho⸗ ben, alle Ordnung vernichtet.“ „Entſetzenvoller Zuſtand!“ rief Deſormery.„Um des Himmels willen laßt uns Alles thun, die Exploſion zu ver⸗ * 2 1 — 169— meiden. Man muß das Volk beruhigen, beſänftigen, mit Hoffnungen hinhalten; brauſt dieſer ungeheure Strom erſt über ſeine Ufer, dann gibt es keine Gewalt mehr, die ihn wieder in die Bahn des Geſetzes zurückdämmt.“ Victor erzählte die Scene in der Vorſtadt St. Antoine. „Unvorſichtiger! Was haben Sie gethan! Nicht daß Sie Ihre eigene Exiſtenz auf's Spiel ſetzen, ſondern Sie geben den Feuerbrand einer Horde von Raſenden in die Hand. O, Sie haben die Revolution nicht geſehen! Sie wiſſen nicht, was aus einem Volke ohne Geſetze wird!“ „Nicht ich, die Gewalt der Nachricht war es, welche die Bewegung erzeugte. Kaum hatte ich ein Wort davon erwähnt, als die Flamme emporſchlug. Wären die Ordon⸗ nanzen durch einen Andern bekannt geworden, ſo wäre die erbitterte Volksmenge vielleicht ſogleich in die Stadt geſtürzt und hätte ſich zu einer unüberlegten Gewaltthat hinreißen laſſen. Wenigſtens habe ich ihre Leidenſchaft bis morgen zu zügeln geſucht, ſo daß der Regierung heute noch Raum bleibt, Schritte zu thun, um die Gemüther zu belini tigen.“ „Gebe Gott, daß ſie es verſuchen und daß es 5 ge⸗ lingen möge!“ rief Deſormery.„Doch erlaubt nur noch zwei Worte und die Arbeit iſt vollendet.“— Er ſchrieb noch einige Zeilen an dem Circular, ſetzte dann ſeinen Na⸗ men darunter und gab es hierauf dem bereits ,dauuf war⸗ tenden Diener, um es fortzutragen. „Von Seiten unſeres Beamten⸗Corps wäre nun das Nöthige eingeleitet,“ ſprach Deſormery aufſtehend;„in wel⸗ cher Art werden wir jetzt auf das Volk zu wirken im Stande ſein, um einem ausbrechenden Unheil vorzubeugen?“ „Für den Augenblick,“ entgegnete Victor,„glaube ich, müſſen wir uns ruhig verhalten. Es iſt nunmehr die Relſtab, Geſ. Schr. Neue F. II. 8 — 170— heißeſte Zeit des Tages eingetreten, zugleich wird in den meiſten Häuſern und Familien jetzt oder bald zu Mittag gegeſſen. Heute Morgen war es vorzüglich die Neugier, die erſte Aufwallung und Beſtürzung der Gemüther, wodurch die Volksbewegungen verurſacht wurden. Noch Niemand hat daran gedacht, was etwa zu thun ſein dürfte. An manchen Orten habe ich gehört, daß man Zuſammenkünfte für den Abend im Palais⸗Royal, oder auf den Quais, oder in Kaffeehäuſern verabredete. Ich zweifle, daß die Maſſen ſich vor ſechs Uhr wieder vereinigen, das pflegt aber die Stunde zu ſein, wo ſich wieder Beſucher des Pa— lais⸗Royal einfinden. Um dieſe Zeit müßte man dort, auf den Boulevards, in den Kaffeehäuſern umhergehen und die Maſſen zu einem geſetzlichen Widerſtande zu bewegen, von einem gewaltſamen, ungeſetzlichen abzuhalten ſuchen. Meiner Meinung nach hätte man alle Corporationen zu bereden, dem Beiſpiel, welches Sie ſo eben gegeben, zu folgen und von vielen Bürgern unterzeichnete Vorſtellun⸗ gen gegen die Ordonnanzen wo möglich gerade an den Kö⸗ nig zu befördern.“ „Dies ſcheint freilich das Beſte!“ entgegnete Deſor⸗ mery.—„Aber was iſt das? War das nicht im Geſell⸗ ſchaftszimmer?— Welch' ein plötzlicher Lärmen? Sollte das ein Freudens⸗ oder Schreckensruf ſein?“ Dieſe Fragen Deſormery's entſtanden auf ein Geräuſch lauter, weiblicher Stimmen, das aus dem Zimmer kam, in welchem die Frauen verſammelt waren, wo ſich daher ein ungewöhnlicher Vorfall ereignet haben mußte. Schon waren alle drei Männer nach der Thür geeilt, um ſich über Das, was geſchehen war, Gewißheit zu verſchaffen, als Marie dieſelbe raſch öffnete und mit einem freudig glühen⸗ den Geſicht hereinſtürzte. 5 — —ͤ— — 8 5 . 1 — u1— „Vater!“ rief ſie,„Vetter Eduard iſt hier! Eben iſt er ganz unvermuthet ins Zimmer getreten! Die Mutter und die Schweſtern ſind ganz außer ſich vor Freude! Ge⸗ rade von Algier kommt er an!“ Auf dieſe Botſchaft eilten Deſormery, Victor, Adolph, und ihnen folgend Marie, haſtig hinüber in das Geſell⸗ ſchaftsszimmer, wo ſie den Angekommenen in den Armen der Mutter und der Geſchwiſter fanden. Eben hielt er Eugenien feſt an ſein Herz gedrückt; dieſe war ganz außer ſich und faſt ohne Bewußtſein, wie denn auf ihr Gemüth, welches noch die volle Stärke und Friſche natürlicher Ge⸗ fühle hatte, aber doch auch durch ein geadeltes Bewußt⸗ ſein gehoben war, alle Ereigniſſe mit einer ſolchen Heftig⸗ keit wirkten, daß ihr zarter Körper ſtets von der Gewalt der Seele beſiegt wurde. Eduard konnte ſie nicht aus ſei⸗ nen Armen laſſen, weil ſie nur noch durch ihn geſtützt und getragen wurde; er reichte daher ſeinen Freunden nur die Rechte hinüber und rief:„Victor! Adolph!— Oheim!“ Voll zärtlicher Beſorgniß trat Victor zu der Geliebten, löſte ihren Arm ſanft von dem Nacken des Bruders und nahm die Weinende, Zitternde, bis zur Erſchöpfung An⸗ gegriffene ſanft an ſein Herz. Ednard umſchloß indeſſen den Oheim und Adolph mit feurigen Umarmungen. Dann eilte er wieder zur Mutter, zu Leontinen— er befand ſich in einer ſüßen Betäubung der Freude. Deſormery's Töchter hatten dieſem rührenden Schau⸗ ſpiel mit ſehr verſchiedener Bewegung zugeſehen. Louiſon, mit dem Schmerz, der Angſt und der Reue im Herzen, vergoß Thränen der Beklemmung, Marie dagegen weinte vor freudiger Rührung und herzlicher Theilnahme. „Das ſind meine Töchter!“ rief Deſormery, als Eduard 8* *4 einen Augenblick frei von den Umarmungen der Seinigen war;„hier Marie, die Aeltere, und Louiſon, die Jüngere.“ Eduard fand ſich in jener Verlegenheit, die oft bei jun⸗ gen Männern entſteht, wenn ſie ſich durch Verwandtſchaft, jugendliches Zuſammenleben und alte Erinnerungen mit einem weiblichen Weſen nahe verbunden fühlen, aber durch lange Entfernung und beſonders durch die Veränderung des Alters von einander geſchieden worden ſind. Er war unentſchloſſen, ob er ſeine ſchönen Verwandtinnen vertraut oder mit Zurückhaltung begrüßen ſollte. In Mariens Antlitz trieb dieſelbe Empfindung ein glühendes Roth und ſie mußte, indem ſie ein leiſes Willkommen ſprach und dem Vetter die Hand furchtſam entgegenreichte, ihr ſchönes Auge ſenken. Eduard wollte die dargebotene Hand küſſen. „Sei kein Thor!“ rief Deſormery,„Ihr ſeid die näch⸗ ſten Verwandten und werdet Euch Du nennen. Geh' mit den Töchtern um wie mit dem Vater!“ Eduard zögerte noch einen Augenblick, als Marie ihm ſchon, viel mehr gehorſam als ſelbſt handelnd, mit einer freundlichen Neigung des Hauptes entgegenkam und die Lip⸗ pen zu einem verſchämten Kuß leiſe bewegte. Eduard ſchloß ſie mit ſüßer Beklemmung in ſeine Arme und erwiderte die furchtſame Berührung ihrer Lippen mit einem Feuer, deſſen Wärme tief in ſein Herz hineindrang und es mit einer wunderbaren Glut erfüllte. Louiſon erzwang ein Lächeln, als Eduard ſich nun auch ihr näherte, und bot ihm mit natürlicher Grazie die anmu⸗ thigen Lippen zum Genuß dar. Die Thränen, welche noch an ihren blaſſen Wangen hingen, würden die Verräther ihrer tiefen Bewegung geweſen ſein, wenn das unvermu⸗ thete Ereigniß ihnen nicht einen Vorwand geliehen hätte. „Es ſoll uns eine glückliche Vorbedeutung ſein,“ rief 4₰ Dn — 173— Deſormery,„daß uns an dieſem unheilvollen Tage ein ſo freudiges Ereigniß begegnet. Wie durch ein Wunder iſt Hoffnung und Vertrauen in mein Herz zurückgekehrt. Ja, es iſt gewiß ein gutes Zeichen, daß uns unſer Eduard ge⸗ rade heute wiederkehrt.“ „Und weshalb ein unheilvoller Tag?“ fragte Eduard voll Erſtaunen. „Es zieht eine ſchwere Gewitterwolke über Frankreichs reinen, glücklichen Himmel dahin! Doch hoffen wir, ſie werde ſich nicht entladen.“ Er erzählte hierauf mit wenigen Worten, was Paris in eine ſo drohende Gährung verſetze. Eduard vernahm es mit ſtummem Schrecken. „ O, das wird nicht gut werden!“ rief er nach einer Pauſe der ängſtlichſten Stille.——„Doch, es komme, wie es mag. Heute hat mir, hat uns Allen das Glück ge⸗ lächelt. So wollen wir uns wenigſtens noch dieſer Stunde erfreuen, noch eine Nacht ohne Sorgen ſchlummern! Auch nur kurze Zeit einer reinen Wonne zu genießen, iſt ja ein unſchätzbares Glück!“ Er warf bei dieſen Worten einen Blick zu Marien hinüber, der zu deutlich ſprach, als daß ein von gleicher Bewegung erfülltes Herz ihn nicht hätte verſtehen ſollen. Aus ihren ſanften Augen brach ein glänzender Strahl der Freude hervor; ſie war groß geſinnt genug, ihn nicht ver⸗ bergen zu wollen, aber doch ſo weiblich ſchüchtern, daß holde, jungfräuliche Verwirrung ſich in ihr heiliges Gefühl miſchte und ſie zwang, den Blick faſt erſchrocken zu ſenken. Der ausgeſandte Diener, Henry, war ſo eben zurückge⸗ kommen und trat ins Zimmer. Er brachte einen Brief mit, welchen Deſormery ſogleich erbrach. Im Leſen erhei⸗ * — 174— terten ſich ſeine Züge.„Die Hoffnung kehrt wieder!“ rief er,„hört, meine Freunde!“ Er las: „„Wir ſind ganz mit Ihnen einverſtanden. Die Ge⸗ richtshöfe, höre ich, thun einen gleichen Schritt.— Er wird nicht ohne Erfolg bleiben. So eben erfahre ich, daß Herr von Rothſchild bereits Herrn von Peyronnet dringende Vorſtellungen gemacht und, im Fall man auf den Ordonnanzen beharre, die Unvermeidlichkeit einer gänzlichen Stockung aller Geſchäfte dargethan hat. Zugleich haben ſich die hier anweſenden Deputirten bei Herrn Audry de Puyraveau zu einer vorläufigen Berathung verſammelt.— Die Redacteure aller liberalen Journale begeben ſich ſo eben zu Herrn Dupin dem Aelteren, um durch dieſen eine förmliche Rechtsproteſtation, mit Berufung auf die Ge⸗ richtshöfe, einzulegen. Solche Schritte müſſen die Macht⸗ haber zur Beſinnung bringen; hoffentlich iſt morgen der Sturm vorüber und dann wol für immer.““ Es war einer der Amtsgenoſſen Deſormery's, der ihm dieſe Nachrichten mittheilte. Man nahm ſie mit allgemei⸗ ner Freude auf, weil ſie eine ſichere und doch nicht ge⸗ waltſame Abwendung der drohenden Gefahr zu verſprechen ſchienen. Die Zeit des Mittageſſens war gekommen. Man ſetzte ſich beruhigter und voller Hoffnungen zum gemeinſchaft⸗ lichen Mahl nieder. Sogleich nach demſelben wollten Victor, Adolph und Eduard ihre verabredeten Wanderun⸗ gen antreten. — ——j, — 175— Vierundzwanzigstes Capitel. Es ſchlug ſieben Uhr.— So heiter, ja ſo überglücklich man in dem vertrauten Kreiſe war, dem Niemand mehr zu fehlen ſchien(nur Louiſon's Herz fühlte freilich tiefe, heim⸗ liche Qualen), ſo trieb dennoch die Macht der großen Ereig⸗ niſſe die jugendlichen Freunde aus ihrer Ruhe auf. Eduard empfand das ſelige Gefühl der ſich ſelbſt noch nicht bewuß⸗ ten Liebe; die zarte Knospe öffnete ſich, bevor er es ahnte, und hauchte Frühlingsdüfte in den Aether ſeines Lebens. Doch die leiſe rollenden Donner des heranziehenden Gewit⸗ ters riefen ihn auf aus der ſeligen Verſunkenheit in goldene Träume. Die Wirklichkeit, die Gegenwart ſtellte ſich ernſt, drohend, zuürnend vor ihn hin; denn ein Gefühl bemeiſterte ſich ſeiner Bruſt, er dürfe nicht daran denken, glücklich zu werden, dürfe nicht glücklich ſein, ſo lange die Zukunft Un⸗ heil und Schrecken für ſein Vaterland in ihrem dunklen Schooſe verhülle. Auf der Gaſſe entſtand ein dumpfes Murmeln, Wogen und Treiben; ſchon längſt hatten es Alle gehört, doch wagte ſichs Niemand zu geſtehen. Endlich rief Victor:„Es iſt Zeit. Die öffentliche Angelegenheit, die Sache des Volks, des Vaterlandes fordert uns. Auf, Freunde, laßt uns auf⸗ brechen und ſehen, wie weit das Heil oder das Verderben gediehen iſt!“ „Ich begleite Euch!“ rief Deſormery und ſtand auf. „Ums Himmels willen nein!“ rief Marie,„überlaß uns nicht hier allein der Angſt und der Sorge. Jede Mi⸗ nute Deines Ausbleibens würde eine der Todesangſt für uns ſein. Wir Frauen ſind zu arm an Erfahrung, an — 176— Einſicht; zittern wir für die Freunde, die uns verlaſſen, ſo vermagſt Du allein unſere bangen Sorgen zu zerſtreuen, unſern ſchreckensvollen Vermuthungen eine tröſtende Wahr⸗ ſcheinlichkeit entgegenzuſtellen. Und wenn ſich nun hier etwas ereignete? Wir wären ohne allen Rath und Hülfe.“ Die jungen Maͤnner drangen ebenfalls in Deſormery, zu bleiben, und verſprachen überdies, ſobald als möglich Nachrichten zu bringen, wie es ſtehe. Sie gingen.— Die Frauen begaben ſich in das Ge⸗ ſellſchaftszimmer, Deſormery in ſein Arbeitskabinet. Er wollte noch an einige Freunde und angeſehene Männer ſchreiben, um ihre Mitwirkung zu ſeinen Schritten zu ge⸗ winnen. Deshalb gab er dem Diener Befehl, jeden Augen⸗ blick ſeines Winkes gewärtig zu ſein. Jede Bewegung auf der Gaſſe wurde jetzt wichtig; die ängſtlich, ſtumm bei einander ſitzenden Frauen horchten mit banger Spannung auf jeden Ton, jedes Geräuſch. Jetzt hörte man das dumpfe Brauſen großer, ſich vor⸗ beitreibender Volksmaſſen; jetzt raſſelte ein Wagen in höch⸗ ſter Eile vorüber, jetzt ſprengte ein Reiter daher. Alles gewann Beziehung, Bedeutung. Trommeln dröhnten in der Ferne. Erſchreckt fuhren die Frauen auf und eilten ans Fenſter. Es waren keine Truppen zu ſehen; ſie mußten ſich in einer Seitenſtraße be⸗ finden. Bald aber hörte man Hufſchlag und Waffengeklirr. Es war eine Abtheilung von Gensdarmen zu Pferde, welche die Straße Montmartre heraufkamen. Sie zogen an De⸗ ſormery's Haus vorüber. In dem ſtrengen Ernſt ihrer Mienen, in der drohenden Haltung, der pünktlich genauen militairiſchen Ordnung, die ſie befolgten, ſah man, daß ſie zu einem wichtigen Auftrage beſtimmt ſein mußten. Das Volk ſtand an die Haäuſer gedrängt und ſtarrte die Reiter * — — 177— mit finſtern Blicken an; man mußte fürchten, daß im näch⸗ ſten Augenblick der gegenſeitige verhaltene Grimm ausbre⸗ chen würde. Während die Frauen mit ängſtlichen Blicken dem Zuge folgten, hatte ſich Louiſon zurückgezogen und gab Marien, welche allein an einem Fenſter ſtand, einen leiſen Wink, ihr ins Nebenzimmer zu folgen. Behutſam zog Louiſon die Thür nach ſich. Als beide Schweſtern allein waren, brach ſie in heftige Thränen aus.„Marie!“ rief ſie,„hilf mir, rathe mir! Die Angſt verzehrt mich. Noch immer trage ich den unſeligen Brief bei mir, aber noch hat ſich kein Augenblick finden wollen, ihn abzuſenden. Und wüßte ich nur wohin! Aber weder Lormeuil noch Gautier haben mit einem Fuß das Haus wieder betreten.— Dieſer Schmerz, dieſe Reue in meiner Bruſt, dazu die dumpfe Angſt vor der furchtbar geheimnißvollen Zukunft!— Jede kommende Mi⸗ nute kann ein ungeheures Schreckniß gebären, jede verſtrichene häuft die Laſt meiner Qual. O meine Schweſter, hilf mir, rette mich von dieſer tödtlichen Angſt!“ Ganz außer ſich mit hoch aufwallender Bruſt, athemlos, erſchöpft ſchlug Loui⸗ ſon die Arme um Mariens Nacken und verbarg ihr zwi⸗ ſchen Glut und kalter Bläſſe wechſelndes Antlitz. Marie, ſelbſt ohne Rath und Troſt, brach in Thränen des ſanfteſten Mitgefühls aus; ſie küßte die Schweſter, herzte, liebkoſte ſie, aber die Worte des Troſtes verſagten ihr. End⸗ lich ſprach ſie:„Gib mir den Brief, ich will Henry zu be⸗ reden ſuchen, daß er, ſo eilig der Vater mit ſeinen Auf⸗ trägen iſt, den Verſuch mache, Lormeuil aufzufinden.— Doch halt! Horch! es wird eine Thür auf dem Corridor geöffnet! Es kann nur Lormeuil's ſein! Gib mir ſchnell den Brief!“— Sie nahm ihn der kraftlos in einen Seſſel geſunkenen Schweſter ab und eilte hinaus. Es war in der 8 k — us— That Lormeuil's Diener Gautier, der eben aus dem Zim⸗ mer ſeines Herrn trat. Marie nahm eine möglichſt gefaßte Miene an und fragte:„Iſt Herr von Lormeuil nach Hauſe gekommen?“ „Ach nein, mein Fräulein. Er hatte dieſe Nacht die Wache auf dem Louvre und da heute Morgen der Lär⸗ men begonnen hat, iſt er noch bis jetzt nicht abgelöſt wor⸗ den. In dieſem Augenblick hat er den Befehl erhalten, das Hötel des Fürſten Polignac zu beſetzen, weil das Volk daſelbſt die Fenſter einzuwerfen droht. Ich muß ihm daher ſchleunig noch ſeine Terzerole bringen.“ Marie bebte bei dieſen Nachrichten. Mit Schüchtern⸗ heit zog ſie den Brief Louiſon's hervor und gab ihn dem Diener mit den Worten:„Bringt Euerm Herrn dieſen Brief; aber gebt ihn ihm ja ſelbſt, denn er enthält eine wichtige Nachricht für ihn.“ Gautier nahm ihn, verſicherte, er werde ihn richtig be⸗ 3 ſtellen, und eilte hinweg. Marie kehrte zu der Schweſter zurück und ſagte ihr nur, daß und wie ſie ihren Auftrag erfüllt habe und wo ſich Lormeuil jetzt befinde. Louiſon athmete leichter auf, ſah die treue, früher oft von ihr verkannte Schweſter mit dankbaren Blicken an und ein ſchmerzliches Lächeln ſchwebte über ihr blaſſes Antlitz. Beide Schweſtern gingen ins Geſellſchaftszimmer zurück, wo man die Zeit in banger Beſorgniß ſtumm mit einander hinbrachte. Man harrte eine Stunde, zwei Stunden; weder Adolph noch Victor, noch Eduard kehrten zurück. Es begann zu dunkeln. Deſormery verließ nun auch ſein Arbeitszimmer und kam zu den in der Dämmerung bei einander ſitzenden Frauen hinüber. 1 — —.— — 179— Frau von Clermont äußerte ihre Beſorgniß, daß Nie⸗ mand zurückkehre, Niemand Nachricht bringe. Deſormery, obgleich er ſelbſt nichts Gutes vermuthete, ſuchte die Ban⸗ gigkeit und Unruhe durch allgemeine Beruhigungsgründe zu verſcheuchen.„Paris iſt groß,“ ſprach er,„die Bewegung der Gemüther allgemein; die wackern jungen Männer haben ſich vorgenommen zu einer Beruhigung, zu einer geſetzmä⸗ ßigen Geſtaltung des Widerſtandes mitzuwirken. Das ver⸗ wickelt ſie unwillkürlich tiefer und tiefer, ſodaß es vielleicht eine Ehrenſache für ſie wird, ſich nicht ſo ſchnell wieder zu⸗ rückzuziehen. Hat ihre Beſtrebung Erfolg, ſo darf man ihnen auch deſto dankbarer ſein, denn das Heil der Stadt hängt vielleicht an der Vermeidung eines einzigen Aus⸗ bruchs des Volksunwillens. Ein Schlag, ein Stoß, ein Wort können bei ſolcher Stimmung der Gemüther das Zei⸗ chen zu einer Empörung werden, die ſich wie ein Lauffeuer durch ganz Paris verbreitet. Der Himmel beſchirme uns davor!“ Marie dachte mit Beben an die Nachricht, die ſie be⸗ reits durch Lormeuil's Diener gehört hatte. Eben wollte ſie dieſelbe mittheilen, als ihr plötzlich durch ein tobendes Ge⸗ ſchrei, welches auf der Gaſſe entſtand, das Wort von der Lippe genommen wurde. Man flog an die Fenſter. Da bog aus der nächſten Querſtraße ein mit zwei Pferden beſpannter Wagen im vollen Galopp in die Straße Montmartre ein; es ſchien, als wenn die Pferde, dem Zügel nicht mehr gehorchend, wild dahin ſtürzten. Ein lautes Geſchrei miſchte ſich in das Naſſeln des Wagens. Als er dicht am Hauſe war, ſah man, daß nicht ein Unfall, ſondern Abſicht des Kutſchers dieſe gefährliche Eile bewirkte. Denn er ſchlug mit der Peitſche mehrmals heftig auf die Roſſe ein und dieſe „ — no brauſten im geſtreckten Galopp dahin, daß man glaubte, der Wagen müſſe jeden Augenblick zerſchellen. Ein toben⸗ des Geſchrei, faſt möchte man es Gebrüll nennen, erſchallte von allen Seiten; plötzlich klirrte es hell auf; ein Hagel von Steinwürfen, der auf den Wagen gerichtet war, zer⸗ ſchmetterte die Fenſter deſſelben und raſſelte über das Pflaſter nach. Indeß ſtürmte das Geſpann dahin, wandte um die nächſte Ecke und verſchwand; aber das Volk tobte und ſchrie und ſtürzte in ſchwarzen Maſſen hinterdrein. „Gott ſchütze uns,“ rief Deſormery,„es war der Wa⸗ gen des Fürſten Polignac. Gebe der Himmel, daß er ſich, falls er darin ſitzt, retten möge! Denn fällt er in die Hände des Volkes, ſo iſt er verloren und das Ende der Greuelthaten nicht abzuſehen!“ Ein ſtummes Erſtarren feſſelte die Lippen der Frauen. Indem ertönten ſchnelle Schritte auf dem Corridor, die Thüre öffnete ſich und Eduard trat ein. „So allein?“ fragte Frau von Clermont.„Wo ſind Deine Gefährten?“ „Ich habe ſie nur einen Augenblick verlaſſen, um Ih⸗ nen Nachricht zu bringen. Wir müſſen uns auf ſchreckliche Auftritte gefaßt machen. Die Gemüther des Volkes ſind auf's äußerſte erbittert. Man hat nicht mehr mit einzel⸗ nen Zuſammenläufen oder mit vollen Kaffeehäuſern zu thun, ſondern alle Straßen und Plätze ſind mit zahlloſen Schwär⸗ men angefüllt. Man ſieht Arme und Reiche durcheinander, Arbeiter in Hemdsärmeln und junge Manner in der ge⸗ ſuchteſten Kleidung. Der Unterſchied der Stände hat auf⸗ gehört, es gibt nur noch einen Unterſchied der Meinungen. Der Kohlenbrenner, der Waſſerträger, der Markthelfer ſte⸗ hen im Geſpräch mit dem Künſtler, dem Kaufmann, dem Offizier, dem Grafen und Baron. Die Maſſen wogen 6 — 181— durcheinander. Noch iſt zwar kein Ausbruch des Unwillens, der Erbitterung geſchehen, aber ich fürchte, man wartet nur den Abend ab, um von Geſinnungen zu Thaten über⸗ zugehen.“ „Das Palais⸗Royal iſt mit verdoppelten Wachen be⸗ ſetzt, eben ſo die Tuilerien und das Louvre; alle Wacht⸗ häuſer der Schweizer haben ebenfalls doppelte Mannſchaf⸗ ten erhalten. Auf dem Platz des Palais⸗Royal drängt ſich das Volk. Dort wohnt ein Marquis Cabannes, den Sie vielleicht kennen; er hat allerlei Caricaturen und trans⸗ parent beleuchtete Spottverſe auf die Miniſter ausgeſtellt. Das Volk umlagert ſeine Thür und lieſt die Verſe mit lautem, aber mehr ergrimmtem als heiterem Gelächter. Einige Polizeiſoldaten wollten die Menge verjagen und die Caricaturen wegnehmen, allein ſie wurden mit ſolchem Ge⸗ ſchrei begrüßt, daß ſie froh waren, ſich nur noch ſelbſt zurückziehen zu können. Ich höre aber, daß man eine Ver⸗ ſtärkung der bewaffneten Macht gefordert hat, um den Polizeibeamten Gehorſam zu ſchaffen. Victor und Adolph ſind nebſt mehren andern Männern von Einſicht eben dort noch beſchäftigt, durch gütliches Zureden den Volksſtrom abzuleiten oder zu theilen. Es möchte ihnen vielleicht ge⸗ lingen, wenn nicht ein unvorſichtiges Einſchreiten der Gens⸗ darmen die Gemüther auf's neue erbittert.“ Man hatte dieſen Bericht angehört, ohne etwas zu erwidern. Deſormery ging haſtig auf und nieder; ſeinen Bewegungen konnte man die große Unruhe ſeines Gemüths anſehen, wiewol es faſt ſchon zu dunkel geworden war, um ſeine Züge zu erkennen. „Worte,“ ſo brach er endlich das Schweigen,„Worte ſind jetzt vergeblich, das ſeh’ ich wohl. Der Strom ſchwillt höher und höher gegen die Ufer hinan; es iſt verlorene — 182— Mühe, ihn einzudämmen, man verdoppelt nur ſeine Kraft und Wuth und ſetzt ſich dem erſten, furchtbarſten Grimme deſſelben aus.— Geh', geh', mein Sohn,“ er legte dabei die Hand auf Eduards Schulter,„geh' und rufe unſere Freunde zurück. Wir können dem Unheil nicht mehr weh⸗ ren, ſo wollen wir es wenigſtens gemeinſam und dadurch leichter ertragen.“ Eben wollte Eduard das Zimmer verlaſſen, als ſich auf's neue ein dumpfes Brauſen ferner Stimmen auf der Gaſſe hören ließ. Es war eine ſchwarze Maſſe andringen⸗ den Volks, die ſich von der Seite des Pont⸗Neuf her näher und näher heranwälzte. Zu gleicher Zeit kam von der an⸗ dern Seite der Straße ein düſtrer Schwarm heran. Noch ehe beide Maſſen einander begegnen konnten, ſtrömten aus den Häuſern und Quergaſſen von allen Seiten ſo viele Neugierige herbei, daß in wenigen Augenblicken die Straße Montmartre, ſo weit der Blick reichte, von Bürgern wim⸗ melte. Ein Schwirren, ein Brauſen, verworrenes Getöſe, murmelnde und laut rufende Stimmen erfüllten die Luft. Es war ſchon faſt dunkel geworden, der Himmel bewölkt, die Hitze wie vor einem Gewitter drückend und beklemmend; eine dichte Staubwolke ſtieg über die wogenden Maſſen em⸗ por. Aus einzelnen beleuchteten Fenſtern und von eini⸗ gen bereits angezündeten Laternen fiel ein ſeltſames Licht auf die Gruppen. Plötziich erſcholl eine furchtbare Stimme mitten ans dem Gebrauſe und rief:„Auf, nach Polignac's Hotel! Nieder mit dem Verräther!“ Sogleich gerieth die dumpf murmelnde, Verderben brütende Menge in eine tobende Bewegung.„Nieder mit Polignac! Nieder mit den Miniſtern!“ tönte der tauſendfache Ruf und ſcholl mit furchtbarem Getöſe durch die Luft.„Laternen aus!“ rief eine Stimme, als das Gebrüll einen Augenblick ſchwieg, —— — 183— und zugleich flog ein Stein in die über Deſormery's Haus⸗ thür brennende Laterne. Ein lauter Schrei des Schreckens ertönte plötzlich im Zimmer ſelbſt; es war Louiſon, die, von dem Fenſter über der Thür zurücktaumelnd, ohnmäch⸗ tig zu Boden ſank. „Hülfe, Hülfe!“ rief Marie wie außer ſich und ſprang auf die Schweſter zu. „Iſt ſie getroffen?“ rief Deſormery zugleich und eilte der Niedergeſunkenen zu Hülfe, während Eduard raſch nach dem Vorſaal ſtürzte, um Licht herbei zu ſchaffen. Die Frauen, welche im Fenſter gelegen hatten, um⸗ ringten die Bewußtloſe. „Bringt ſie in ihr Zimmer,“ gebot Deſormery nach einigen Augenblicken des Beſinnens.„Wir dürfen unmög⸗ lich die vorderen Gemächer erleuchten. Die raſende Menge ſcheint ſich zügelloſen Ausſchweifungen hingeben zu wollen. Alles was den Uebermuth oder gar die von der Verwirrung Nutzen ziehende Habſucht reizt, muß vermieden werden.“ Louiſon, die aus begreiflichen Gründen nur ſehr heftig erſchreckt war, wurde, da ſie ſich zu erholen begann, von Marien und Leontinen in ihr Gemach geführt; Betty, Eu⸗ genie und Frau von Clermont folgten. Während deſſen hörte man auf der ganzen Straße das Klirren der Later⸗ nen, die von dem Volke zerſchmettert wurden. Deſormery blieb allein mit dem wieder ins Zimmer zurückgekehrten Eduard. „Wo nur Victor und Adolph bleiben! Sie in dem Getümmel aufſuchen iſt ſo thöricht als vergeblich; ſonſt würde ich darauf dringen, daß wir es zuſammen verſuch⸗ ten,“ ſprach er zu Eduard. Dieſer erwiderte:„Wir haben für den Fall, wo wir uns verfehlen ſollten, die Verabredung getroffen, daß, wenn — 184— ich nicht in einer Stunde wieder bei ihnen bin, ſie hieher zurückkehren wollen. Es kann daher nicht mehr lange dau⸗ ern, bis ſie eintreffen.“ „Ja, wenn der Tumult des Pöbels es ihnen nicht un⸗ möglich macht.“ „Er ſcheint ſich ſchon zu verziehen,“ ſprach Eduard, indem er ans Fenſter trat.„Ueberdies hat ja Niemand etwas zu befürchten, der nicht in der Function eines Gens⸗ darmen oder Polizeibeamten ſteht.“ „Sie kennen die losgelaſſene Wuth des Volkes nicht! Sie haben ſie nie erlebt. Es zertrümmert, was es errei⸗ chen kann. Mit den Laternen beginnt es, dann folgen die Fenſter, die Hausthüren, endlich iſt Alles preisgegeben.“ „Lieber Oheim, ich glaube, Sie irren ſich,“ entgegnete Eduard beſcheiden;„die Volksmenge unſerer Tage iſt beſſer über ihr eignes Intereſſe belehrt, als die des Jahres 1789, wo ſie, an Schmach und Ketten gewöhnt, die Fruihen nur zur Zügelloſigkeit zu benutzen wußte.“ „Wir haben die Proben ſchon geſehen,“ ernidere De⸗ ſormery etwas bitter,„die klirrenden Laternen waren das Vorſpiel zu der Zerſtörung, die Sie bald erleben werden.“ „Es war der Unfug Einzelner. Zudem vielleicht eine Art von Nothwehr, weil die verkappten Polizeiſpione überall umherſchleichen und ſich, wo ſie ihre Gewalt nicht ſogleich geltend machen können, wenigſtens Diejenigen merken, die man ſpäter zur Verantwortung zu ziehen denkt.“ „Alle Unheilſtifter lieben das Dunkel, die Nacht, die Verborgenheit.— Wie gern möchte ich unrecht haben!“ Frau von Clermont unterbrach eintretend das Geſpräch, indem ſie berichtete, daß Louiſon ſich bereits wieder erholt habe. Die plötzliche Zerſchmetterung der Laterne, deren Glasſplitter bis zu ihr heraufflogen, hatte ſie, in der über⸗ — 185 dies gereizten und geſpannten Verfaſſung ihres Gemüths, ſo heftig erſchreckt.—„Das Getümmel ſcheint ſich verzo⸗ gen zu haben,“ ſprach Frau von Clermont, indem ſie ans Fenſter trat und in die halbdunkle Straße hinabblickte. Deſormery und Eduard hatten in dem Eifer ihres Ge⸗ ſpräches nicht mehr darauf geachtet; der Zurückkehrenden, die mehre Minuten entfernt geweſen war, mußte die Ver⸗ änderung auffallen. „Gott ſei Dank,“ rief ſie,„eben treten Victor und Adolph ins Haus!“ Man hörte ſie bereits auf der Treppe; Eduard eilte ihnen entgegen. „Nun, Freunde, wie ſteht's?“ rief Deſormery den Ein⸗ tretenden zu. „Wir müſſen hoffen,“ antwortete Victor,„daß die Nacht die Bewegungen einigermaßen beruhige. Es ſcheint, als ſei man der Zuſammenrottung bereits müde geworden. Indeß iſt es doch zu einigen Händeln gekommen. Die Gensdarmen ſprengten mehre Volkshaufen auf dem Platz des Palais⸗Royal auseinander. Es fielen einige flache Säbelhiebe, die mit Geſchrei, Schimpfreden und ſogar mit Steinwürfen erwidert wurden. Indeſſen ſcheint die Maſſe zu fühlen, daß ſie nichts gewinnt, indem ſie ihren Zorn gegen die Handlanger der Behörden richtet. Auch dürfte, wenn Truppen hinzugezogen werden, der Kampf zu un⸗ gleich ſein. Wir haben gethan, was möglich war, eine andere Art des Widerſtandes zu organiſiren. Morgen um neun Uhr früh werden eine Menge von Corporationen be⸗ vollmächtigte Deputirte abſenden, die ſich in dem Saal des Vendanges de Bourgogne verſammeln, damit daſelbſt eine Vorſtellung aufgeſetzt und dem Könige unmittelbar einge⸗ reicht werde. Vielleicht aber wird dies nicht einmal nöthig — 186— ſein, denn wie ich höre, ſollen ſich die angeſehenſten Pairs vereinigt haben und nach St. Cloud geeilt ſein, um dem Könſe eine dringende Schilderung von der wahren Lage der Dinge zu machen. Unmöglich kann er ſo verblendet ſein, dieſe unbeachtet zu laſſen, und vielleicht leſen wir ſchon morgen den Widerruf der Ordonnanzen im Moniteur und übermorgen die Ernennung eines neuen Miniſteriums.“ „Gott gebe, daß Sie wahr reden,“ rief Deſormery und Thränen der Freude drangen ihm ins Auge.„Unend⸗ licher Dank würde Denen gebühren; die den König zu einem weiſen Entſchluß beſtimmt hätten! Wie glückliche Tage kann Frankreich noch ſehen, wenn die Eröffnung der Kammern am dritten Auguſt wirklich ſtatt findet und ein Miniſterium vor die Schranken tritt, dem die edle, kühne Mehrheit der Abgeordneten zugethan iſt! Dreimal Heil und Segen über die Minute, in der der König dieſen Entſchluß faßt. D wüßte er, wie ſich die Liebe ſeines Volkes für ihn entflammen würde, wenn er es mit dieſen ſegensvollen Wohl⸗ thaten beglücken wollte!“ Eine ſtille, tiefe Rührung bemächtigte ſich der Gemü⸗ ther. Deſormery umarmte in dem glücklichen Traum der Hoffnung die Jünglinge mit liebevoller Innigkeit.—„Laßt uns Muth faſſen,“ rief er,„wir wollen den Ueberreſt des Abends in froher Hoffnung zubringen. Ach es knüpft ſich ja noch ſo vieles Andere daran! Liebe Leontine, geh', ſieh wie ſich Louiſon befindet. Kommt Alle herüber, laßt uns die letzten Stunden des unruhigen Tages in herzlicher Ver⸗ traulichkeit zubringen.“ Frau von Clermont ging. Deſormery's ſchneller Uebergang von ſeinen Hoffnungen zu der Erinnerung an Louiſon war ſehr natürlich. Er ge⸗ dachte ihres ſtummen Verhältniſſes zu Lormeuil und knüpfte — 187— an die glückliche Wendung der öffentlichen Ereigniſſe die Hoffnung, der Hauptmann werde den Moment, wo er es mit Ehren thun könne, benutzen, um ſeinen Abſchied zu fordern und ſich ein anderes Lebensverhältniß zu geſtalten. Wie gern hätte er dann, bei der Achtung vor Lormeuil's Perſönlichkeit, in die Verbindung Louiſon's mit ihm gewil⸗ ligt!— In der Freude ſeines bewegten Herzens empfand er das Bedürfniß, auch die Seinigen glücklich zu ſehen, mit doppelter Stärke. Die Frauen kehrten wieder. Louiſon war etwas matt und blaß, doch ſonſt ganz wohl. Der Vater küßte ſie mild auf die Stirn und ſtreichelte ſie ſanft; es war ihm, als habe er ſie lange entbehrt und nun endlich wiedergefunden. Welche Schmerzen aber litt ihr geänſtigtes Herz während der ungewohnten, ſeltenen Freundlichkeit des Vaters, da ſie in ihrer Bruſt Entſchlüſſe wägte, die einen herben Gegen⸗ ſatz zu dem trauten, liebevollen Verhältniß herbeizuführen drohten. Doch trieb ein dunkles Pflichtgefühl ſie an, be⸗ gangenes Unrecht an einem Herzen wieder gut zu machen, und ſie vermochte es nicht anders als durch neues Unrecht. Der traute Familienkreis blieb, da die Straßen immer ſtiller und leerer wurden, in ungeſtörter Einigkeit noch bis gegen Mitternacht beiſammen. Endlich trennte man ſich in der Hoffnung, daß der Morgen die ſchönſten, reinſten Freu⸗ den mit ſich bringen werde. Als Marie und Louiſon allein in ihrem Schlafgemach waren, machte die Unglückliche endlich ihrer ſtummen Qual durch einen freien Ausbruch ihrer Schmerzen Luft.„Schwe⸗ ſter!“ rief ſie,„noch ein ſolcher Tag und ich bin dahin. Meine Bruſt erträgt es nicht, meine Kraft erliegt. Erhalte ich morgen nicht die Gewißheit, das Lormeuil meinen Brief empfangen hat, daß er mir, die ihn ſo ſchwer gekränkt, — 188— vergibt, ſo muß ich zu ihm und wäre es mitten durch das empörte Volk!“ „Liebe, Du wirſt gewiß eine Antwort empfangen,“ er⸗ widerte Marie tröſtend;„lege Dich aber jetzt zur Ruhe, Dein erſchöpfter Körper bedarf der Stärkung.“ Louiſon ſank matt auf das Lager nieder. Marie löſchte das Licht; ſanftes Dunkel der Sommernacht umpfing Beide, bald ſanken ſie in Schlummer. Aber Mariens Lager um⸗ ſchwebten holde Traumbilder, die aus ihrem mit neuen ſeli⸗ gen Wundern erfüllten Herzen emporſtiegen; doch um Loui⸗ ſon's Haupt ſchwirrten und flatterten bleiche Geſtalten der Angſt, der Sorge, der Schmerzen und verwirrten und umdüſterten ihre leidende Seele. Fünkundzwanzigstes Capitel. * „Wie mag das kleine Oertchen dort unten am Fuße des Berges heißen?“ fragte Forbin, der neben dem Po⸗ ſtillon auf dem Bock ſaß, weil er gern ſchwatzte und doch zu beſcheiden war, um ſeine Gedanken und Meinungen fort⸗ während mit dem Oberſt Clermont auszutauſchen. „Hier, gleich vor uns?— Das heißt Monplaiſir. Es hat nur zwei ordentliche Häuſer und etliche kleine Hütten. Aber dennoch übernachten die meiſten Fremden hier, weil es das beſte Gaſthaus auf der ganzen Straße iſt. Und der Wirth, das muß man ſagen, hat einen trefflichen Wein.“ „Hm, ſo klein iſt das Ding?“ erwiderte Forbin.„In — — 189— der Abenddämmerung ſchien es mir ein anſehnliches Städt⸗ chen zu ſein.“ „Das machen die vielen Scheunendächer und weil die meiſten Fenſter hier hinaus liegen, ſodaß man Wunder meint, wie viel erleuchtete Häuſer man ſehe,“ antwortete der Poſtillon.. Der Oberſt hörte das Geſpräch mit an. Er war nun⸗ mehr zwei Nächte und zwei Tage gefahren, zudem hatte die außerordentliche Hitze, verbunden mit der heftigen Bewegung ſeines Gemüths, ihn bis zur Entkräftung ermüdet. Er be⸗ ſchloß daher, in dem Gaſthauſe des Oertchens zu übernachten. Die Erwägung, daß er alsdann Paris bequem am andern Abende erreichen könne, trug ebenfalls dazu bei, ihn in die⸗ ſem Entſchluſſe zu beſtärken. Denn am hellen, lebhaften Vormittage wollte er doch nicht in eine Stadt einfahren, in der Diejenigen an der Spitze der Macht ſtanden, deren Hand ſein Todesurtheil unterzeichnet hatte. „Wir wollen in dem Gaſthauſe die Nacht bleiben!“ rief er daher dem Poſtillon zu. Forbin, der die Strapazen einer Courier⸗Reiſe in ſeinen alten Tagen auch nicht ganz leicht ertrug und ſich über⸗ dies auf ein gutes Nachteſſen und den gerühmten Wein Hoffnung machte, war ſehr erfreut über dieſe Beſtimmung. „Fahr zu, Freund!“ rief er, wir wollen jetzt ſehen, ob Du gelogen haſt. Iſt der Wein ſchlecht, ſo nimm Dich in Acht.“ „Seid ohne Sorgen. Wenn Ihr mich zu einer Flaſche zu Gaſt laden wollt, ſo werdet Ihr ſehen, daß ich gut Beſcheid thue, und ich bin nicht an ſchlechten Wein ge⸗ wöhnt, denn, wie Ihr mich hier vor Euch ſeht, ſo bin ich in Epernay geboren.“ „Topp! Wir trinken eins zuſammen!“ entgegnete — 190— Forbin und ſchlug ein.„Aber Freund, gebrauche Deine Peitſche ein wenig. Denn aufrichtig geſtanden iſt mein Hunger ſehr groß und mein Durſt bei dieſer Hitze natür⸗ lich noch größer.“ „Ich ſollte eigentlich einhemmen,“ antwortete der Po⸗ ſtillon, indem er eine bedenkliche Miene machte;„indeß es mag darum ſein, wir wollen es einmal mit der Sehdlio keit verſuchen.“ „Der Wagen raſſelte die Chauſſee hinab; in wenigen Minuten hielt er vor dem Withshauſe. Dreimal ertönte der Knall der Peitſche, aber es ſprang Niemand vor die Thür, um die Reiſenden zu empfangen! „Alle Teufel, was iſt denn das?“ fluchte der Poſtillon. „Heda! Iſt denn Niemand da? Hollah! he! Herbei! An den Wagen!“ Plötzlich eilten, mit dem ſchtlichen Beſtreben, das Ver⸗ ſehen wieder gut zu machen, der Kellner, ein zierliches Kell⸗ nermädchen, ein Hausknecht und der Herr ſelbſt herbei und beeilten ſich, den Schlag zu öffnen und das Gepäck in Empfang zu nehmen. „Entſchuldigen Sie nur, mein Herr,“ begann der Wirth,„daß wir Sie nicht bemerkten. Aber ſoeben iſt einer unſerer Nachbarn mit einer Nachricht von Paris hier eingetroffen, über die man wol wichtigere Dinge vergeſſen könnte.“ „So? Gibt es Neuigkeiten von Wichtigkeit?“ fragte Oberſt Clermont. „Allerdings! Wenn ſie nur alle ſo gut aͤls wichtig wären!— Aber befehlen Sie ins Gaſtzimmer zu treten? Dort ſind mehre Perſonen verſammelt, um die Vorleſung des Moniteur mit anzuhören.“ — 191— „Ich danke. Die Reiſe hat mich ſehr ermüdet, ich wünſche daher ſogleich ein eignes Zimmer zu haben.“ „Zu Befehl. Louis! Leuchte dem Herrn hinauf!— Im Augenblick werde ich ſelbſt nach Ihren Bedürfniſſen fragen.“ Mit dieſen Worten verſchwand der höfliche Wirth. Der Oberſt betrat ſein Zimmer. Der Kellner ſetzte die Lichter auf den Tiſch und empfahl ſich, um für das Nacht⸗ eſſen Sorge zu tragen. Wenige Minuten ſpäter erſchien der Wirth wieder und brachte ein Zeitungsblatt mit. „Wenn Ihnen ngefällig iſt, mein Herr, ſo leſen Sie ſelbſt dieſes betrübende Blatt für Frankreich; es wird Ihnen ich will nicht gerade ſagen Unterhaltung gewähren, aber Sie doch wol bis zum Abendeſſen hinlänglich beſchäftigen. Nach⸗ her erbitte ich es mir zurück, da ſich vermuthlich noch mehre Gäſte aus der Gegend zuſammenfinden werden, um die Nachrichten genau zu erfahren, denn ſie verbreiten ſich bereits wie ein Lauffeuer.“ „Aber was betreffen ſie eigentlich?“ „Kleinigkeiten! Die Aufhebung der Preßfreiheit. Den Umſturz der Charte. Kleinigkeiten! Eine Unterhaltung in den Mußeſtunden des Herrn von Polignac.“ Der Oberſt ſtand wie eine Bildſäule, ſtarr, unbeweg⸗ lich und blickte den Sprechenden an. Sein kriegeriſcher Sinn hatte ſich ſchwer an den Gedanken gewöhnt, daß kein Cäſar mehr auf Frankreichs Thron ſitze; indeß die herrlichen Inſtitutionen, die jedem Bürger ein Heiligthum des Rechts und der Freiheit ſicherten, die das Geſetz an die Stelle der Willkür zum Herrſcher erhoben, hatten ihn in wenigen Tagen zum eifrigſten Freunde dieſer neuen Ordnung der Dinge gemacht. Sein edler, kühner Sinn hatte nicht ohne innern Kampf den Glanz und Ruhm ſeines Vaterlandes dem Glück und dem Recht zum Opfer gebracht. Zwar ſeufzte er im Stillen darüber, daß Diejenigen, die ihr Leben hin⸗ durch nur den erbittertſten Kampf gegen die Rechte der Menſchheit geführt hatten, ſich jetzt mit dem falſchen Glanz ſchmücken durften, als Beſchützer dieſer Rechte aufzutreten, während ſie doch nichts wollten, als unter dieſer ſcheinheili⸗ gen Larve einige Trümmer ihrer vormaligen hohlen Herr⸗ lichkeit zuſammenraffen; allein er hatte in der tiefen Ueber⸗ zeugung, daß Frankreichs Heil es fordere, auch dieſen Groll ſeines Herzens unterdrückt. Jetzt aber erfüllte ſich ſeine Bruſt mit einem furchtbaren Grimme. Er blickte Den, der ihm dieſe Botſchaft in der bittern Hülle des Spotts mit⸗ theilte, mit rollenden Augen an; ſeinte Stirn zog ſich in drohende Falten, unwillkürlich ballte ſich ſeine Rechte, er ſtreckte ſie aus und plötzlich rief er mit drohender Stimme: „Das ſollen ſie bereuen!“ Der Wirth erſchrack faſt und trat einen Schritt zurück. Als aber die kühnen, kraftvollen Züge des Oberſten plötz⸗ lich den Ausdruck des tiefſten Grams annahmen, als in den wild rollenden Augen eine Thräne des heiligſten Zorns glänzte: da ergriff ihn ein unnennbares Gefühl der Ehr⸗ furcht und des Vertrauens. Mit einer raſchen Bewegung faßte er ſeine Hand und rief:„Ja! Ich denke, ſie werden es bereuen müſſen! Wenn Frankreich viele Männer zählt, die gleich Ihnen denken, ſo wird es dieſe Schmach nicht dulden.“ Clermont ſetzte ſich und ſtützte das Haupt in die Hand. Der Schlag, der ihn im erſten Augenblick in eine unge⸗ heure Spannung der Wuth verſetzte, ſchien ihn jetzt ganz gelähmt zu haben. Er fühlte ſich wie zerſchmettert. Noch immer hielt er das Zeitungsblatt, es war der Mo⸗ — 193— niteur, in der linken Hand.—„Ich werde leſen,“ ſprach er langſam,„kommen Sie in einiger Zeit wieder.“ Der Wirth zog ſich mit Ehrerbietung zurück. Es lag etwas in Clermont's Weſen, das ihm die Herzen augenblick⸗ lich in Ehrfurcht und Liebe unterwarf. Er war allein. Er las. Zorn, Schmerz, bisweilen eine Art von Schauder, oft ſtolze Verachtung, erfüllten abwechſelnd ſeine Seele. Die Leidenſchaften jagten ſich in ſeiner Bruſt. Er bebte, ein kalter Fieberfroſt ſchüttelte ſeine Glieder. Heftig ging er, nachdem er geleſen, auf und ab. Der Wirth trat mit Schüchternheit wieder ein; er bat um das Blatt. Clermont hatte ſich wieder geſammelt und gefaßt; er pflegte ſich dann mit energiſcher Kürze auszu⸗ drücken. Indem er den Moniteur zurückgab, ſagte er nur die Worte:„Der Eingang iſt dumm. Die Ordonnanzen feig, wahnſinnig und verbrecheriſch. Frankreich duldet ſie nicht!— Laſſen Sie das Nachteſſen bringen.— Um drei Uhr früh wünſche ich Poſtpferde zu haben.“ Der Wirth verbeugte ſich; der Oberſt reichte ihm die Hand zum Zeichen, daß ſeine Kürze nicht aus Verdruß oder Hochmuth entſpringe. Schon hatte der Wirth die Thür in der Hand, als Clermont ihn nochmals zurückrief:„Haben Sie keine Nachricht über die Wirkung dieſer Ordonnanzen in Paris?“ „Der Reiſende, welcher den Moniteur mitgebracht hat, war ſchon um neun Uhr früh abgereiſt. Indeſſen war Al⸗ les in Bewegung, man verſammelte ſich auf den Kaffeehäu⸗ ſern, das Volk ſtand an den Straßenecken und ließ ſich von den Eckſteinen herab die Ordonnanzen vorleſen.“ „Es kann nicht fehlen!—— Sollte dieſe Nacht eine Nachricht von Wichtigkeit, etwa von einem Aufruhr in Paris, Rellſtab, Gef. Schr. Neue F. II. 9 —u eintreffen, ſo bitte ich Sie, mir dieſelbe ſogleich mitzutheilen und keinen Anſtand zu nehmen mich wecken zu laſſen.“ Der Wirth ging. Der Kellner brachte das Nachteſſen. Clermont genoß wenig, ſprach gar nicht. Forbin hatte ſich die Erlaubniß erbeten, im untern Geſchoß ſeine Flaſche bei einem politi⸗ ſchen Geſpräch leeren zu dürfen. 8 Gleich nach Tiſche legte ſich Clermont zur Ruhe und* die übergroße Abſpannung bewirkte, daß er in feſten, ſüßen Schlaf fil.— Mit der Morgendämmerung weckte ihn Forbin. Der Wagen ſtand angeſpannt vor der Thür. In wenigen Mi⸗ nuten ſaßen die Reiſenden ein und rollten der Hauptſtadt zu. Zwiſchen vier und ſechs Uhr konnte man ſie erreicht ha⸗ ben. Der Oberſt hatte es anfangs ſo einrichten wollen, daß er mit der Nacht daſelbſt einträfe, allein jetzt trieb eine unerklärliche Unruhe ihn vorwärts. Es war ihm, als ver⸗„ ſäume er mit jeder Minute die Gelegenheit zu einer wichti⸗ gen That für das Vaterland. Jede Beſorgniß vor der Ge⸗ fahr einer Entdeckung war verſchwunden; er mußte ſich darauf beſinnen, daß er Vorſichtsmaßregeln zu treffen habe, ſo ganz war ſein Gemüth von dem Geſchehenen einge⸗ nommen. Forbin ſaß neben ihm. Er hätte gern geſprochen, al⸗ lein die ernſte Miene des Oberſten hielt ihn zurück. End⸗ lich, als er die Haſt ſah, mit welcher derſelbe die Reiſe be⸗ trieb, mußte er doch ſeine Gedanken laut werden laſſen. „Ich glaube, mein Oberſt,“ fing er an,„wir erleben in Paris einige Teufeleien. Ich kenne das Volk. Die Leute aus der Vorſtadt St. Antoine laſſen nicht mit ſich ſpaßen. Die Kerle dort haben Arme wie die Hufſchmiede und Köpfe ſo hart wie ein Amboß. Und, das glaubt mir nur, ſie ———yjÿj ſetzen beides daran, um die Miniſter los zu werden. Auch ſoll's mich nicht verwundern, wenn wir in Paris hineinfah⸗ ren und hören, ſie haben die alte Mode von der Laterne wieder aufgebracht.“ „Möglich!“ Die kurze Erwiderung, obwol ſie auf die Anſicht For⸗ bin's einging, machte dieſem doch keine ſonderliche Luſt, wei⸗ ter zu ſprechen. Er blieb daher ſtumm an der Seite des Oberſten ſitzen und freute ſich jedesmal, wenn er auf einer Station ankam, daß er doch wegen des Wechſels der Pferde und der Berichtigung des Poſtgeldes einige Worte mit dem Poſtmeiſter reden konnte. Es war Mittag geworden. Von weitem kam ein Reiſe⸗ wagen, wie es ſchien mit Courierpferden, die Chauſſee herab. Der Oberſt wurde aufmerkſam. „Mein Freund!“ rief er dem Poſtillon zu,„winke doch dort Deinem Kameraden, daß er einen Augenblick anhalte, wenn wir herankommen.“ Es geſchah. Im Wagen ſaßen zwei Herren.„Um Vergebung,“ fragte der Oberſt,„Sie kommen von Paris? Was gibt es Neues dort?“ „Die Lage der Dinge wird ſehr bedenklich,“ entgegnete der Fremde, ein ältlicher Mann.„Als wir die Stadt ver⸗ ließen, fanden große Zuſammenrottungen ſtatt. Man ſagte, die Polizei laſſe die Bureaux der Journale ſchließen. Alle Blätter, welche erſchienen, wurden confiscirt. Indeß ver⸗ breiteten ſie ſich doch mit reißender Schnelligkeit unter das Publicum, denn ſie wurden unentgeltlich ausgegeben und unter das zuſammenſtrömende Volk vertheilt. Fünfundvier⸗ zig Redacteure haben eine Proteſtation unterzeichnet, in der ſie erklären, den Ordonnanzen als geſetzwidrig durchaus kei⸗ . 9*† — 196— nen Gehorſam ſchuldig zu ſein. Terneaux, Vaſſal, Laffitte, Perier, alle großen Fabrikanten wollen heute ihre Fabriken ſchließen; zum Theil iſt dies ſchon geſchehen. In wenigen Stunden kann die Stadt mit vielen tauſend arbeitsloſen Menſchen überſchwemmt ſein!“ „Haben Sie Journale des heutigen Tages bei ſich?“ „Es iſt uns nicht gelungen, eins zu bekommen.“ „Haben Sie Dank.— Leben ſie wohl!“ Die Wagen rollten vorwärts. Jetzt tauchte der Thurm des Pantheons aus dem bläu⸗ lichen Dunſt der Ferne auf. Dem Oberſten ſchlug das Herz mächtig, als er Paris nach ſo langer Zeit wiederſah. Erſt jetzt vermochte er wieder mit Sehnſucht einen Augen⸗ blick der Theuern zu gedenken, die er dort zu umarmen hoffte. Bis dahin hatten die öffentlichen Begebenheiten alles Uebrige verſchlungen. Plötzlich aber gerieth er auf den Ge⸗ danken: Wie? Wenn die drohende Unruhe ſie bewegen ſollte, zu flüchten? Wenn Du abermals an eine verſchloſſene Thür pochen müßteſt?“ Eine heftige Angſt bemeiſterte ſich ſeiner Bruſt. Mit ſpähendem Auge blickte er auf jeden aus der Ferne herankommenden Wagen, in welchem er die Seinigen vermuthen konnte. Er mußte den Gedanken, ſie zu verfehlen, mit Gewalt bekämpfen, ſo unabweisbar hatte er ſich ihm aufgedrängt. Je näher er der Hauptſtadt kam, je häufiger begegneten ihm Wagen mit Reiſenden; doch wa⸗ ren es meiſt nur Männer. In Aller Geſichtszügen aber las man deutlich eine außerordentliche Bewegung, offenbar mußte der Zuſtand von Paris hier mit jeder Stunde gefähr⸗ licher werden. Die Eile, welche ihn forttrieb, geſtattete dem Oberſten nicht, jeden Reiſenden nach Neuigkeit zu fragen. Doch ſammelte er deren ſtets beim Wechſeln der Pferde ein; ſie * 1 8 3 * 8 — 197— lauteten übereinſtimmend, nur von Station zu Station be⸗ denklicher. Endlich hatte er die letzte Poſt erreicht. Kaum eine halbe Stunde hinter derſelben traf er auf einen Wagen, der, da er ein Rad verloren hatte, auf der Chauſſee lag. Die Reiſenden waren ausgeſtiegen, bis die leichte Herſtel⸗ lung des Unfalls erfolgt ſein würde. Clermont ließ halten und forſchte abermals nach dem Zuſtande in der Stadt. „Wenn ſie nicht nach Paris müſſen, ſo thun Sie ge⸗ wiß beſſer, nicht hineinzufahren,“ antwortete der Eine der Reiſenden, welchen man an der Sprache ſogleich für einen Ausländer erkennen mußte. „Ich muß!“ „Das thut mir leid, denn Sie richten ihren Weg muth⸗ maßlich nach einem Schlachtfelde. Als wir mit großer Mühe endlich das Ende der Straße St. Jacques erreicht hatten, wo eine ungeheure Volksmenge verſammelt war, hörten wir hinter uns Schüſſe fallen. Sogleich ſtürzte das Volk mit furchtbarem Geſchrei nach der Gegend hin.— Die Schüſſe wiederholten ſich. Ein dumpfes Schrecken hatte ſich aller Gemüther bemeiſtert. Wir eilten, dieſen traurigen Aufenthalt, der vielleicht bald mit Blut über⸗ ſchwemmt wird, zu verlaſſen.— Es leidet keinen Zweifel, daß Volk und Truppen ſchon jetzt handgemein ſind.“ „Haben viele Einwohner die Stadt verlaſſen?“ „Bisher nur Fremde, gleich uns. Auch wird dies ſchwer zu bewerkſtelligen ſein, da ſchon alle Mittel des Fortkommens fehlen. Die Diligencen ſind bis auf die letz⸗ ten Plätze ſämmtlich beſetzt. Die meiſten Reiſenden nehmen ihren Weg nach Brüſſel. Schon geſtern hatten ſich viele Perſonen einſchreiben laſſen, heut' aber, nachdem die Un⸗ ruhen in den Bureaur des Temps und des National vor⸗ 8 -— 198— gefallen ſind, wurden die Meſſagerien förmlich erſtürmt. Wenn Sie daher, ich wiederhole es, nicht hinein nach Pa⸗ ris müſſen, ſo thun Sie in der That beſſer, ſogleich um⸗ zukehren, da es ſchwer ſein möchte, in der Stadt die Mit⸗ tel dazu zu finden. „Ich muß nach Paris!“ rief der Oberſt mit funkeln⸗ den Augen.„Vorwärts! Leben Sie wohl!“— In einer Stunde hatten ſie die Barriere Ivry erreicht. Auf den erſten Blick konnte man ſehen, daß Unruhen in der Stadt ſein mußten. Denn ſelbſt vor den äußerſten Häuſern hatten ſich Gruppen der Hausgenoſſen, zumeiſt der Weiber, Kinder und Greiſe gebildet, die im eifrigſten Geſpräche mit einander waren. Man bemerkte nur wenige Männer und diejenigen, welche man ſah, eilten der Mitte der Stadt zu. Der Wagen hielt einen Augenblick, weil ein Riemen am Geſchirr aufgegangen war. In dieſer Pauſe hörte man deutlich mehre Flintenſchüſſe, die jedoch, der Stärke des Schalls nach zu urtheilen, aus einer entfernten Gegend der Stadt, wenigſtens jenſeit der Seine her, kommen mußte. Doch war es ein förmliches Pelotonfeuer, ſo daß man nicht daran zweifeln konnte, es finde bereits ein Gefecht ſtatt. „Forbin! Wie viel Pulver haben wir?“ „um etliche Male unſere Terzerole zu laden. Eine Lumpen⸗ Kleinigkeit!“ „Du haſt gar keine Waffen?“ „Wenn ein Stock nicht eine Büchſe oder einen Säbel vorſtellen kann, keine.“ „Poſtillon! Wohnt hier ein Waffenſchmidt in der Nähe?“ „Ja wol, mein Herr, gleich hier nahe bei in der Straße Ste. Genevisve.“ „So fahr' dorthin.“ Der Wagen hielt vor dem Hauſe. Der Oberſt ſprang heraus, trat in den Laden, und ſuchte zwei Paar Piſtolen, zwei Büchſen und zwei Säbel aus, die er für ſich und Forbin kaufte. In dem Augen⸗ blick, wo er das Magazin wieder verlaſſen wollte, drang eine Anzahl junger Männer mit dem lauten Rufe: „Waffen! Waffen! Man mordet die Bürger von Paris!“ in die Hausthür ein. „Um Gottes willen, man plündert mein Haus! Ich bin ein verlorener Mann! Dieſes Magazin iſt mein ganzes Eigenthum!“ rief der Beſitzer aus. Kaum hatte er dieſe Worte geſagt, als ſich auch ſchon das Gewölbe mit jungen Leuten füllte, welche die Schränke aufriſſen und ſich der Gewehre, Piſtolen, Säbel, Hirſch⸗ fänger, Dolche, kurz aller Waffen, die ſie vorfanden, be⸗ mächtigten, ohne auf die Proteſtation des Eigenthümers zu hören. Oberſt Clermont faßte einen ſchnellen Entſchluß. „Freunde!“ rief er,„ich komme in dieſem Augenblick aus der Provinz. Noch hält mein Wagen vor der Thür dieſes Hauſes. Ich weiß nicht, wie es in Paris ſteht; die Noth des Vaterlandes ſcheint Euern Einbruch in die Rechte des Eigenthums zu gebieten. Aber dennoch muß ſelbſt hier das Geſetz geachtet werden. In der Vorahnung, daß wir der Waffen bedürfen möchten, habe ich ſo eben diejenigen gekauft, die Ihr in meinen Händen ſeht. Gewiß wird die⸗ ſer wackere Bürger ſeinen ganzen Vorrath hergeben, um die Freunde des Vaterlandes zu waffnen. Eure Pflicht iſt es dagegen, ihm ſein Eigenthum ſo viel als möglich zu ſichern. Es rüſte ſich daher Jeder hier aus, ſo gut er kann; aber er beſcheinige dem Eigenthümer den Empfang der Waffen und gebe ſie ihm, wenn das Schickſal ihn — 200— nicht dahinrafft, nach dem Gebrauch redlich zurück. So handeln rechtliche Bürger!“ Ein lauter Beifall erſcholl von allen Seiten. Jeder wollte der Erſte ſein, ſeinen Namen zu nennen. Oberſt Clermont griff nach einem Bogen Papier, nahm eine Feder und ſetzte ſich. „Sie ſind der Erſte. Was haben Sie genommen?“ „Eine Kugelbüchſe und einen Säbel.“ „Ihr Stand und Name?“ „Dubois, Schriftſteller und Redacteur des Globe.“ Der Oberſt zeichnete dies auf und fragte weiter: „Und Sie?“ „Darmaing, Redacteur der Gazette des Tribunaux. Ich quittire über eine Doppelflinte und einen Hirſchfänger.“ „Sie heißen?“ fragte der Oberſt einen Dritten, indem er ſchrieb. „Adolph Nourrit, Opernſänger,— empfing einen Ka⸗ rabiner und einen Säbel.“—„Ich nahm eine Jagdflinte und einen Säbel, ich heiße Chollet, gleichfalls Opern⸗ ſänger,“ meldete ſich ein Vierter. Die Anweſenden riefen den beiden muthigen Künſtlern, die ſo oft die Freude der Pariſer geweſen waren und jetzt ihre Gefahr theilen wollten, lauten Beifall zu. Dem Oberſt traten Thränen der Rührung ins Auge. Er ſchrieb die Namen auf. Es folgten noch mehre andere, die er gleichfalls einzeichnete. Indeſſen entſtand draußen Getümmel. Man hörte abermals eine Gewehrſalve. „Dies dauert zu lange, Freunde,“ rief Clermont, in⸗ dem er aufſprang, wir könnten zu ſpät kommen. Wer ein Stückchen Papier und eine Bleifeder hat, verzeichne ſeinen Namen und die Waffen, die er genommen, und gebe dieſe 1 1 — 201— Beſcheinigung dem Eigenthümer. Die Andern mögen ſich eiligſt ſelbſt hier unterzeichnen. Gegen Männer, die ſo für die gute Sache aufſtehen, findet kein Verdacht ſtatt. Die Uebrigen müſſen ſich, damit wir uns nicht als Einzelne zer⸗ ſplittern, draußen vor der Thür verſammeln.— Ich ſehe, Ihr ſeid tapfer, aber unerfahren in den Waffen, meine Freunde. Habt Ihr Vertrauen auf mich, ſo will ich Euch führen; ich war Oberſt in des Kaiſers Heer!“ Ein ſtürmiſcher Jubelruf beantwortete dieſe Frage. „Wol denn, ſo folgt mir! Hinaus!“ Der Oberſt hatte den Säbel und den Gurt mit den Piſtolen umgeſchnallt. Er ergriff die Büchſe und machte ſich Bahn durch das gedrängt mit Menſchen angefüllte Ma⸗ gazin. Als er das Freie erreichte, rief er Forbin zu, das Gepäck aus dem Wagen ins Haus zu werfen, und hieß den Poſtillon wegfahren. Vor dem Hauſe ließ er die mu⸗ thigen Kämpfer in Reihen antreten. Sie mehrten ſich mit jedem Augenblick. Einer nach dem Andern kam mit den erbeuteten Waffen aus dem Magazin. Aus andern Häu⸗ ſern ſtrömten ebenfalls Männer aller Stände herbei. Kauf⸗ leute, alte Soldaten, Laſtträger, Handwerker, Der mit einer Axt, Jener mit einer Pike, Viele nur mit Knütteln be⸗ waffnet. Bald waren ihrer gegen Zweihundert beiſammen. Sie traten in drei Gliedern an, wie der Zufall ſie zu ein⸗ ander fügte. „Jetzt, Freunde,“ rief Clermont,„bilden wir eine Schar, die etwas vermag. In der Breite einer Straße ſind wir jedem Feinde gewachſen. Forbin, Du führſt den zweiten Zug, ich den erſten.“— Der alte Sergeant begab ſich mit militairiſchem Ernſt und Gehorſam auf ſeinen Po⸗ ſten und ordnete ſeine Leute. Der Oberſt trat jetzt vor die Front und nahm abermals das Wort: 202— „Freunde! Es gilt die Freiheit, es gilt das Recht! Schon habt Ihr den Tod theurer Mitbürger zu rächen! Hört Ihr die dumpfen Trommeln, die die gedungenen Knechte zum Mord Euerer Brüder rufen? Knirſcht Ihr nicht bei dem Gedanken an die Schmach, daß Frankreichs Söhne auf Frankreichs Boden durch fremde Schergen fallen ſollen?— Fünfundzwanzig Jahre erfüllte unſer Kriegsruhm die Welt! Was ſoll ich Euch noch ſagen? Ihr ſeid Franzoſen! Dort iſt der Feind! Auf!“ „Allons, enfans de la patrie!“ Und der vaterländiſche Geſang drang mächtig hervor aus der ſchwellenden Bruſt. Die Tapfern, von dem ergrau⸗ ten Helden geführt, drangen, eilten, ſtürmten in geſchloſſe⸗ nen Reihen vorwärts und muthiger Schlachtruf erſcholl aus ihrer Mitte empor in die Lüfte. Sechsundzwanzigstes Capitel. Louiſon hatte eine düſtere, angſtvolle Nacht zugebracht. Der früheſte Morgen fand ſie ſchon wieder wach; ſie ſehnte ſich nach dem Troſt der Schweſter, doch da ſie die⸗ ſelbe ſo ſanft ſchlummern ſah und holde Träume um ihre lächelnden Wangen zu ſpielen ſchienen, wollte ſie ſie nicht wecken, ſondern blieb in einſamen Thränen auf ihrem La⸗ ger ſitzen Da hörte ſie plötzlich Schritte auf dem Corridor und unterſchied deutlich, daß Lormeuil's Thür geöffnet werde. Sie gerieth in heftige Beklemmung. Sollte er es ſein? F I — 293— Und wenn er es war, ſollte ſie den Augenblick ergreifen, ihm ihr reuiges, verſöhnendes Herz zu zeigen! Sie mußte es; eine innere Gewalt trieb ſie dazu an. Schnell warf ſie einen weiten Mantel über und leiſe, auf den Zehen, verließ ſie das Gemach. Auf dem Corridor traf ſie Nie⸗ mand an; mit pochendem Herzen ging ſie behutſam bis an die Thür von Lormeuil's Zimmer. Sie war nur angelehnt; inwendig hörte ſie Jemand auf und nieder gehen, es wur⸗ den Kaſten geöffnet, Stühle gerückt. Sie wagte es, durch die Spalte zu blicken, ob Lormeuil es ſelbſt ſei, der ſich in ſeinem Zimmer befinde; aber in demſelben Augenblicke öffnete ſich die Thür und ſein Diener ſtand vor ihr. Loui⸗ ſon verlor vor Scham und Beſtürzung faſt die Beſinnung; ſie glühte bis an die Stirn hinan. Gautier war ebenfalls betroffen; da indeſſen die Verhaͤltniſſe der Schicklichkeit für ihn nicht ſo zart waren, rührte ſeine Verwirrung nicht von dem Begegnen überhaupt, ſondern nur von der Plötzlichkeit deſſelben her. Er ſelbſt war es, der Louiſon aus der Ver⸗ legenheit riß, denn er begann nach einigen Augenblicken: „Ach, mein Fräulein, es iſt mir recht lieb, daß ich Sie ſo unvermuthet treffe, denn ich muß ſogleich wieder fort. Fräulein Marie gab mir geſtern einen Brief an den Herrn Hauptmann mit, aber ich habe ihn unmöglich beſtellen kön⸗ nen, denn das Volk hielt das Hötel des Fürſten Polignac ſo belagert, daß ich bis Mitternacht nicht zu dem Herrn hinein konnte. Ich habe darauf die Nacht auf einer Schwei⸗ zerwache in der Nähe zugebracht und als ich mit Anbruch des Tages einen neuen Verſuch machte, hörte ich, daß der Herr Hauptmann plötzlich abberufen und zum Oberſten beſchieden worden ſei. Ich ging gleich dorthin, aber er war auch da nicht mehr zu treffen, ſondern hatte ſchon die Wache in den Tuilerien mit einer Verſtärkung beziehen * — 204— müſſen. Dort will ich ſoeben hin; ich ſuche nur einiges Noth⸗ wendige für ihn zuſammen, da er mit nichts verſehen iſt.“ Louiſon, die ſich während dieſer Erzählung und Ent⸗ 8 ſchuldigung einigermaßen gefaßt hatte, antwortete nur:„So beſtelle den Brief ja jetzt gleich und, wenn es ſein kann, bringe mir eine Antwort, Du ſollſt gut dafür belohnt werden.“ Dieſe letzten Worte, wodurch ſie verrieth, wie wichtig ihr der Brief ſei, ſprach ſie mit ſchüchterner Haſt, und 3 ſchlüpfte gleich darauf zurück in ihr Zimmer. — Endlich wurde es allgemach auch im Hauſe Tag.— Deſormery fragte nach den Zeitungen— es war keine ein⸗ zige gekommen. Dies brachte ihn in eine ſehr düſtere Stim⸗ mung. Langſam ging er in ſeinem Gemach auf und ab und gewann ſich kaum eine Antwort auf den freundlichen Morgengruß ſeiner Töchter ab. Dieſe ſetzten ſich ſchweigend, Marie den Kaffee bereitend und Louiſon mit einer Hand⸗ arbeit beſchäftigt, an den Frühſtückstiſch, während der Vater fortwährend auf und nieder ging, ohne die eingeſchenkte Taſſe zu berühren. Es klopfte.—„Herein!“ Es waren Adolph, Victor und Eduard. In ihren Zü⸗ gen las man tiefe Betrübniß. „Nun? Was bringt Ihr, Freunde?“ „Alles iſt verloren,“ begann Eduard,„wenn nicht Al⸗ les mit Gewalt erkämpft wird.— Von allen Pairs, die geſtern nach St. Cloud geeilt ſind, iſt kein einziger vor⸗ gelaſſen worden. Der König hat am Vormittage nur den Fürſten Polignac geſehen und nach Tiſch mit dem Erzbi⸗ ſchof Triktrak geſpielt. Der Herzog von Duras iſt nicht zu bewegen geweſen, für einen einzigen der Pairs eine Audienz zu erbitten. Selbſt der Herzog von Raguſa, der — — 2905— höchſt beſtürzt über die Ordonannzen ſein ſoll, iſt nicht vor⸗ gelaſſen worden. Ein Offizier von der Schloßwache, der heute früh hereingekommen iſt und dem ich zufällig hier in der Straße begegnete, hat mir dieſe Nachrichten mit⸗ getheilt.“. 3— „Und was geſchieht in Paris?“ fragte Deſormery. „Es herrſcht eine dumpfe Todesſtille. Die meiſten Zei⸗ tungen ſind heute nicht erſchienen. Einige, weil ihre Drucker ihnen den Dienſt verweigerten, aus Furcht, in Strafe ge⸗ nommen zu werden, andere, weil ſie erſt einen geſetzlichen Widerſtand gegen die Ordonnanzen einleiten wollen; und ſoeben höre ich gar, daß man die Preſſen des Figaro, des National und des Temps in Beſchlag nehmen will.“ „Gott ſchütze Frankreich!“ rief Deſormery mit einem tiefen Seufzer. Marie ſah ihren Vater mit einem feuchten Blick, Eduard mit einem flüchtigen, verwirrten, an und bedeckte dann ihr ſchönes Auge mit dem Tuch, um ſich die hervor⸗ dringenden Thraͤnen abzutrocknen. „Ich ſchlage vor,“ rief Victor,„daß wir, um doch et⸗ was zu thun, uns perſönlich überzeugen, ob das Gerücht von der gewaltſamen Wegnahme der Preſſen jener Journale gegründet iſt.“ Eduard und Adolph waren einverſtanden. Die drei Freunde gingen. Als ſie den Platz der Italiener erreichten, wo die Offi⸗ zinen des National ſich befinden, ſahen ſie einen ungeheuern Volksauflauf. Ueber die Menge ragte eine Anzahl behelm⸗ ter Häupter hervor; es war eine Abtheilung der Gensdar⸗ merie zu Pferde, welche den Platz beſetzt hielt. Aber auch eine ſtarke Abtheilung von Gensdarmen zu Fuß hatten Spaliere formirt, um das Volk zurückzuhalten, und na⸗ — 2906— mentlich ſtand ein ſtarkes Piquet an dem Hauſe aufgepflanzt, in welchem ſich die Preſſen des berühmten Journals befanden. „Was geſchieht hier?“ fragte Eduard, indem er ſi ch an einen ältlichen Mann im Volke wendete. „Was geſchieht?“ antwortete dieſer mit einem bittern Lachen.„Was geſchieht? Die Polizei, welche die Pflicht hat, uns vor Dieben und Räubern zu ſchützen, vereinigt ſich mit ihnen. Sie begeht ſoeben einen Diebſtahl mit Ein⸗ bruch! Denn ich wüßte nicht, wie ich es anders nennen follte, wenn die Gensdarmen und Polizeibeamte in das friedliche Eigenthum des Bürgers, der ſich unter dem Schutze der Geſetze dem edeln Geſchäft widmet, die Freiheiten und Rechte des Volkes zu vertheidigen, einbrechen und alles Ge⸗ ſetz und Recht verhöhnend, die Werkzeuge ſriner Thätigkeit, ſeines Lebensunterhaltes zerſtören!“ „Abſcheulich! Empörend!“ rief Eduard voll Unwillen aus.—„Und duldet man dieſe Mishandlung, dieſen Raub?“ „Er iſt noch nicht vollbracht. Die muthigen Eigen⸗ thümer haben ihre Thür verſchloſſen und verwehren den Handlangern der Gewalt den Eingang. Schon drei Schloſſermeiſter hat man aus dem Viertel herbeigeholt, aber ſo wie ſie Hand ans Werk legen wollten, trat dort ein Herr an das Fenſter, erklärte ihnen, was der Zweck des Ueberfalls ſei, und las ihnen aus dem Geſetzbuch die Straf⸗ beſtimmungen über Einbruch und Diebſtahl vor. Die wackern Leute hörten, trotz des Scheltens und Drohens der Polizeibeamten, aufmerkſam an, was ihnen geſagt wurde, und als ſie einſahen, welches das wahre Verhältniß der Sache ſei, verweigerten ſie ihre Hülfe bei dem verbre riſchen Unternehmen, packten ihre Werkzeuge wieder zſahe men und gingen unter dem Jubel des Volkes nach Hanfe 4 — 4 — 29— „Wackere Leute! Brave Bürger!“ „Eben hat man nach dem Vierten geſchickt; ich glaube, dort unten wird er ſchon herbeigebracht!“ „Dort her, wo ſich der Volksſchwarm von der Straße Richelieu heranwälzt?“ fragte Victor. „Ganz recht,“ erwiderte der Bürger;„ich erkenne die beiden Gensdarmen und den Polizeiſergeanten, den man⸗ abgeſandt hat.“ Alle wandten ihre Blicke nach der Gegend hin, aus welcher der Haufe heranzog. Ein dumpfes Gemurmel erhob ſich unter der verſammelten Volksmenge; es war unentſchie⸗ den, ob ſich der Unwille ſo äußerte, oder ob nur Einer den Andern auf die neu beginnende Scene des Schauſpiels auf⸗ merkſam machen wollte. Das murmelnde Getöſe der Stim⸗ men lief, einem Strome ähnlich, über den Platz dahin und verhallte endlich an der entgegengeſetzten Seite deſſelben. Die erwarteten Leute waren jetzt näher gekommen. Der Menſch, welcher anſcheinend die Thür des Hauſes öffnen ſollte, ſah ſchon aus der Ferne ſehr abenteuerlich aus und mehr einem Räuber als einem Handwerker ähnlich. Bald unterſchied man ſeine Züge und Kleidung deutlicher und ſie beſtärkten den widerlichen Eindruck. Aus einem mit Ruß bedeckten Geſicht ſchielten ein Paar kleine Augen her⸗ vor, braunröthliches, ſtruppiges Haar ſtand und hing ihm wüſt um den Kopf herum, er hatte breite, aufgeworfene Lippen, eine widerliche Stumpfnaſe. Uebrigens war er lang und hager; um den ſchmutzigen kahlen Hals hatte er ein rothes Tuch unordentlich geknotet, das offen ſtehende Hemd zeigte eine rauhe Bruſt, ſeine Kleidung war zerlumpt. „Ein ſchöner Spießgeſell!“ rief ein Bürger und deutete hohnlachend mit den Fingern auf ihn. „Ein guter Kamerad für Herrn Mangin,“ ſchrie ein „ 8 — 208— Anderer und erregte ein ſchallendes Gelächter des verſam⸗ melten Volkes. Die Gensdarmen, welche den Schloſſer, der einen Eiſen⸗ ring mit Dietrichen, einige Brecheiſen und Feilen bei ſich trug, begleiteten, ſahen ergrimmt vor ſich hin und thaten, als hörten und ſähen ſie nicht, was um ſie her vorging. „Der ſieht nicht aus, als würde er ſich durch die Vor⸗ leſung eines Artikels aus dem Criminal⸗Codex von ſeiner Arbeit abhalten laſſen,“ bemerkte Eduard zu dem Bürger, mit dem er ſich in ein Geſpräch eingelaſſen hatte. „Nein, wahrlich nicht,“ entgegnete dieſer mit trau⸗ riger Miene. „Ei, Meiſter Griffon! Guter Kamerad, was habt denn Ihr hier zu thun?“ rief plötzlich ein Kerl aus der Menge und ſchlug ein helles, faſt höhniſches Gelächter auf, indem er ſich vordrängte und den Schloſſer, trotz des ab⸗ wehrenden Gensdarmen, auf die Schulter ſchlug. „Ins Teufels Namen, laßt mich ungeſchoren!“ erwi⸗ derte dieſer rauh;„Ihr werdet zeitig genug wieder mit mir zu thun bekommen.“ „Vielleicht, vielleicht auch nicht,“ rief der Andere. „Aber hier gibt's doch wol keine Armbänder zu machen? Was habt denn Ihr hier zu ſchaffen?“ „Peſt! Schert Euch an den Galgen, ſag' ich, und kümmert Euch nichts um mich und meine Hantirungen!“ rief der Schloſſer erboſt.— Zugleich ſchob der Gensdarm den zudringlichen Frager zurück. „Was Teufel!“ rief dieſer,„geht man ſo mit alten Bekannten um? Ei ſo muß ich den Herrn doch dem Pu⸗ blikum vorſtellen. Das iſt der Meiſter Griffon,“ rief der Zurückgewieſene laut, indem er lachend auf den Schloſſer deutete,„er iſt der Hof⸗Juwelier aller armen Teufel, die 4. — 209— zum Bagno geſchickt werden, denn er hat die Ehre, ihnen die Armbänder und Spangen zu verfertigen und anzulegen. Niemand iſt darin geſchickter als er, denn ſeiner Zeit wußte kein Galeerenſklave in ganz Toulon ſo gewandt ein Paar Handſchellen abzuſtreifen, als der jetzt hochgeehrte Meiſter Griffon, darum verſteht er dieſen Schmuck auch beſonders gut zu verfertigen und anzulegen. Wem er hier dieſe Ehre erweiſen will, muß man für jetzt noch errathen.“ Der Kerl ſchrie dieſe höhniſche Bekanntmachung des Standes und der Lebensverhältniſſe des Schloſſers ſo laut aus, daß ſie rings umher gehört wurde. Sogleich erhob ſich ein lautes Ziſchen und Pfeifen und Alles deutete mit Fingern nach dem Ehrenmanne, deſſen ſich Herr Mangin jetzt bediente, um die Ausführung der Ordonnanzen zu un⸗ terſtützen.— Ungeſtört durch dieſen Ausbruch des Unwillens, an den er ſchon gewöhnt zu ſein ſchien, ſchritt der Schloſſer zwiſchen ſeinen Begleitern vorwärts auf das Haus zu. So wie er ſich der Thür mit Brecheiſen und Dietrichen näherte, öffnete ein Herr, deſſen Geſichtszüge man jedoch wegen der Ferne nicht deutlich unterſcheiden konnte, das Fenſter und verſuchte den Schloſſer anzureden. Doch dieſer ſah ſtarr vor ſich hin und legte Hand ans Werk. Das Fenſter wurde darauf ſofort geſchloſſen. In wenigen Minuten ſprang die Thür auf und die Gensdarmen und Polizei⸗ commiſſarien drangen in das Haus ein. Bei dieſem Anblick erhob die verſammelte Volksmenge ein furchtbares Geſchrei. „Nieder mit den Gensdarmen! Zu Boden mit der Po⸗ lizei! Schlagt Mangin und ſeine Handlanger nieder!“ Dieſer Ruf erſcholl verworren, aber tauſendſtimmig durcheinander. Das Volk drängte im Tumult gegen die Reihen der Gensdarmen an. Dieſe ſchloſſen ſich dichter und die Nei⸗ — 210— terei zog die Säbel.— Es trat ein Augenblick der Stille ein; Jeder glaubte, die andere Partei werde den Kampf beginnen. Da ſah man die Poltzeigehülfen mit den Trüm⸗ mern zerbrochener Druckerpreſſen aus dem Thorwege des aufgebrochenen Hauſes hervorſchreiten. Ihnen folgten an⸗ dere, die ſtarke Ballen Druckpapier trugen, vermuthlich die weggenommene Auflage des National. Der Unwille des Volks ſtieg auf's äußerſte und jetzt wäre der Kampf ausgebrochen, wenn nicht ein neues Ereig⸗ niß plötzlich ableitend gewirkt hätte. Man ſah nämlich mit einem Male, ohne ſich die Urſache davon erklären zu kön⸗ nen, einen dichten Strom des Volkes nach der kleinen Straße Amboiſe eilen. Ueberzeugt, daß dort etwas von Wichtigkeit vorgehen müſſe, nahmen auch Adolph, Victor und Eduard ſogleich ihren Weg dahinz; faſt hätten ſie auch nicht anders gekonnt, da der drängende Zug der Maſſe ſie ſchon fortzureißen begann. Als ſie die Ecke erreichten, ſah man von weitem, daß aus den Fenſtern eines Hauſes, welches das Hintergebäude der Offizin des National zu ſein ſchien, zahlloſe Packete und einzelne Blätter ausgeworfen und zerſtreut wurden. Es war die Auflage des National, welche man auf dieſe Art der Polizei entzog; jene Ballen, welche die Polizeige⸗ hülfen fortgeſchleppt hatten, beſtanden aus älteren Exem⸗ plaren, die man den begierigen Händen der Plünderer un⸗ tergeſchoben hatte. Wer von den zunächſt ſtehenden ein Blatt empfing, gab es raſch weiter und ſo verbreiteten ſich dieſelben ſogleich durch die ganze Menge des verſam⸗ melten Volkes. Die Entfernteren eilten, ſobald ſie eines Exemplars habhaft geworden waren, damit hinweg, um es im nächſten Kaffeehauſe zu leſen, und an jeden Einzelnen „— 8 8. — 2141— von dieſen ſchloſſen ſich wenigſtens zehn Andere an, die durch ihn Kunde von dem Inhalt des Blattes zu empfan⸗ gen hofften. Auf dieſe Art zerſtreute ſich die verſammelte Volksmenge mit unglaublicher Schnelligkeit nach allen Sei⸗ ten. Die entſchloſſenen, muthigen Eigenthümer des Natio⸗ nal mußten freilich den Misbrauch der rohen Gewalt dul⸗ dend ertragen. Ihre Lage erfüllte alle Bürger mit edlem Schmerz und Unwillen; aber ſchon regte ſich die Hoffnung, daß die Nemeſis nicht ausbleiben werde. Adolph erhaſchte ein Epemplar der Zeitung; ſogleich eilte er, von ſeinen Gefährten begleitet, damit hinweg, um es zu leſen, um es Deſormery mitzutheilen. 4 Dieſer ſah, aus dem Fenſter gelehnt, die jungen Män⸗ ner, ſeine jugendlichen Freunde, ſchon von weitem herkom⸗ men, und da Adolph das Zeitungsblatt winkend hoch em⸗ porhielt, glaubte er, es ſei eine freudige Botſchaft, vielleicht der Widerruf der Ordonnanzen, darin enthalten. Haſtig eilte er daher den Kommenden entgegen. Ihre erſten Worte, ſpäter ihre ausführliche Erzählung, enttäuſchten ihn freilich bald, jedoch war wenigſtens das ein Troſt, daß die muthigen Vertheidiger der Volksrechte ſich nicht einſchüch⸗ tern ließen, ſondern die mächtige Stimme der Wahrheit laut und lauter als je erhoben. Mit jugendlichem Feuer, mit wahrhafter Begeiſterung las Adolph das Blatt vor, das die Ordonnanzen durch eine Betrachtung einleitete, die mit Flammenworten den edlen Zorn der Nation gegen Diejenigen entzündete, die ihre Rechte ſo verbrecheriſch vernichten wollten und zugleich die feſte Verheißung gab, daß die Maänner, die bisher die Sache des Volks geführt, ſich durch keine Drohung, durch keine Gewalt hindern laſſen würden, den muthigen Kampf für Recht und Wahrheit fortzuſetzen, ſo lange noch ein Tropfen franzöſiſchen Blutes in ihren Adern walle.— Weiterhin fand man das energiſche Dokument, wodurch die in Paris anweſenden Deputirten förmlich gegen die Ordon⸗ nanzen proteſtirten und ſich durch Pflicht und Ehre ver⸗ bunden erklärten, ihren Schwur als Vertreter des Volks unverbrüchlich zu halten, geſetzwidrigen Maßregeln in keiner Weiſe Folge zu leiſten, noch ſie anzuerkennen, ſondern dage⸗ gen zu kämpfen bis auf den letzten Augenblick ihres Lebens. Deſormery glühte vor Begeiſterung, als er dieſe hoch⸗ herzigen Worte vernahm.„Daran erkenne ich Euch, edle Vertreter des franzöſiſchen Volks!“ rief er aus.„Daran erkenne ich das würdige Haupt des unerſchütterlichen Hel⸗ den in der Schlacht und auf der Rednerbühne, des Neſtors der Kammer, Labbey de Pompieres! Daran erkenne ich den muthigen Sebaſtiani, den edlen Perier, Guizot, Laffitte! Daran den feurigen Benjamin Conſtant, der die Reihe als der Trefflichſte beſchließt! Freunde! Noch iſt nichts verloren! Wenn uns dieſe Männer nicht verlaſſen, ſo iſt Frankreich ſtark! Dieſes Blatt iſt ein Heer! Es iſt ein flatterndes Banner der Freiheit, dem Tauſende muthig fol⸗ gen werden!“ 4 „Und wir als die Erſten!“ rief Eduard freudig aus und ergriff Victors und Adolphs Hand.„Ich betheure es Euch, Freunde, daß ich, kommt es zu einem Kampf, auf der Seite des Volks fechten will, bis wir geſiegt ha⸗ ben oder der Tod uns Alle vernichtet!“ „So denke ich auch!“—„Auch ich!“ riefen Adolph und Victor und die Freunde unſclengen ſich in begeiſter⸗ ter Umarmung. Wogende Schwärme von Arbeitern, die aus dem Dienſt der Fabriken entlaſſen waren, zogen durch die Straße Mont⸗ martre. Das Gedränge wurde ſchon ſo groß, daß man — 213 Mühe hatte, hindurch zu kommen; denn wer nur irgend Muße hatte und einigen Antheil an den öffentlichen Bege⸗ benheiten nahm(wer aber hätte dies nicht gethan!) ſchloß ſich den Zügen dieſer Art an. Für jetzt wol freilich noch ohne eine beſtimmte Vorſtellung Deſſen, was daraus wer⸗ den möchte. Henry, Deſormery's Diener, kam ſo eben von weiten Gängen in der Stadt zurück, die man ihn geſendet hatte. Auf die Frage, was er geſehen und erfahren, erzählte er: „O mein Herr, in kurzem muß es zu einem Gefecht in Paris kommen. So wie hier in der Straße ſieht es in der ganzen Stadt aus. Tauſende von entlaſſenen Arbei⸗ tern ſchwärmen auf den Boulevards umher, wälzen ſich in dichten Maſſen die Quais entlang. Man hört den Ruf: „„Fort mit den Miniſtern, die uns unſern Lebensunter⸗ halt rauben! Nieder mit Polignac!““— Wo ſich Gens⸗ darmen, Schweizer, oder Polizeibeamte zeigen, werden ſie beſchimpft, verſpottet, geſtoßen. Sind ſie in Trupps, in größeren Maſſen beiſammen, ſo ziſcht man hinter ihnen her. Wenn ſich nur ein Einziger in der Wuth ſo weit vergäße, einen Säbelhieb nach einem Bürger zu führen, ſo bräche auf der Stelle der Kampf los.“ „Was iſt das?“ rief plötzlich Eduard und ſprang auf ein wildes Geſchrei, das ſich vernehmen ließ, ans Fenſter. Das Volk drängte ſich um einen einzelnen Menſchen her, ſtieß ihn, riß an ſeinen Kleidern, mishandelte ihn auf alle Weiſe. Der Unglückliche eilte ſo ſchnell er konnte vorwärts, allein er fand überall neue Feinde, überall fiel der Haß des Volkes ihn an. Was eigentlich den Zorn deſſelben reizte, war nicht zu entdecken; vielleicht wußte die Menge es ſelbſt nicht, ſondern ahmte nur Das nach, was man ſah, in der Ueberzeugung, es müſſe eine Urſache haben. — 214— Der Verfolgte hielt ſich die Hände vor's Geſicht, um die Fauſtſchläge, die er empfing, wenigſtens dort abzuweh⸗ ren. Er blutete, ſeine Kleidung war faſt heruntergeriſſen und hing in Lumpen um ihn her. So groß die Empörung der Gemüther gegen die Ge⸗ waltſamkeit der Regierung war, ſo mußte doch dieſe Mis⸗ handlung eines einzelnen Wehrloſen dem Gebildeten als eine Rohheit erſcheinen, die man nicht dulden dürfe. Mit gleich⸗ mäßigem Entſchluſſe wollten daher Eduard, Adolph und Victor eben hinuntereilen, um den Mishandlungen ein Ende zu machen, als der Verfolgte gerade auf die Thür des Hauſes zuſtürzte und man, da er jetzt die Hände vom Ge⸗ ſicht nahm, mit Erſtaunen in ihm Lormeuil's Diener erkannte. Mit zwei Sprüngen waren die drei Freunde jetzt hinun⸗ ter, um ihn aufzunehmen und eine fernere Verfolgung deſſelben zu hindern. In dem Augenblicke, wo ſie die Hausflur erreichten, öffnete ſich die Thür, Gautier ſtürzte athemlos herein und ein Schwarm von Verfolgern drang ihm nach. „Um Gottes willen, retten Sie mich!“ rief er, als er die drei Hülfsgenoſſen erblickte;„man ermordet mich und ich bin ganz unſchuldig!“ „Halt, Freunde!“ rief Adolph, der der nächſte an der Thür war, den Eindringenden entgegen,„ehrt das Heilig⸗ thum des Hauſes. Was wollt Ihr von dieſem Unglückli⸗ chen, der gewiß nichts verſchuldet hat!“ Die Eindringenden ſtutzten einen Augenblick, als ſie auf dieſe Art Widerſtand fanden. Keiner derſelben wußte etwas zu ſagen. „Nun? Sprecht gerade heraus, Freunde! Haltet Ihr dieſen Menſchen, der nichts mehr und nicht weniger iſt, — 215— als ein ſchuldloſer Dienſtbote aus dieſem Hauſe etwa für einen Eurer Feinde, für einen Diener der Polizei, oder des Fürſten Polignac?— Ich verſichere Euch mit dem Worte eines Patrioten, daß er nichts Anderes iſt, als was ich Euch geſagt habe.“ „Man ſchrie ihm aber doch nach, er ſei ein verkappter Schweizer, ein Schurke und Spitzbube, der das Volk un⸗ glücklich machen wolle,“ antwortete ein ehrlicher Arbeits⸗ mann aus dem eingedrungenen Schwarm. „Ein blinder Lärm, ein tolles Geſchrei, das ſich, ge⸗ wiß auf einem Irrthum beruhend, in der Maſſe vergrößert hat.— Geht, Kinder, Ihr ſeid brave Franzoſen, Ihr wer⸗ det keinen Unſchuldigen mishandeln wollen. Und ſelbſt wenn er ſchuldig wäre, müßteſt Ihr Euch doch nicht Eurer Ueber⸗ macht auf dieſe Art gegen einen Einzelnen, Wehrloſen be⸗ dienen. Ihr müßtet ihn wie einen beſiegten Feind, wie einen Kriegsgefangenen, mit Schonung behandeln. So ha⸗ ben die wackeren Krieger Frankreichs immer gedacht. Woll⸗ tet Ihr den guten Ruf derſelben verderben? Gewiß nicht. Gehet daher, verlaßt dieſes Haus, damit der immer wach⸗ ſende Andrang es Euch nicht am Ende unmöglich mache. Euer Muth wird vielleicht bald ein beſſeres Ziel finden, als dieſen wehrloſen Mann.“ 1 Die Menge hatte ſich während dieſer Worte ſchon be⸗ ſänftigt und gegen die Thür zurückgezogen. Victor und Eduard leiſteten Adolph nach Kraften Beiſtand, begütigten das Volk und bewogen es, das Haus zu verlaſſen. Die Leute waren auch ſchnell beruhigt und gingen, indem ſie den drei jungen Männern treuherzig die Hände ſchüttelten und ſie brave Patrioten nannten, denen kein Bürger in Paris etwas zu Leide thun werde. Gautier hatte ſich indeſſen von ſeinem Schreck erholt. — 216— Einige blaue Flecke, eine leichte Verletzung des Kopfes und die zerriſſenen Kleidungsſtücke abgerechnet, war ihm nichts weiter geſchehen. Er erzählte jetzt, daß er, um ſeinem Herrn, der ſeit zwei Tagen nicht nach Hauſe gekommen war, einige nöthige Kleidungsſtücke zu bringen, nach der Wache des Palais⸗ Royal gegangen ſei.„Indeß die Menge,“ berichtete er, hatte das ganze Palais ſo umlagert und auf der andern Seite hielten die königliche Garde und mehre Abtheilun⸗ gen Gensdarmen die Eingänge ſo beſetzt, daß es unmöglich war, durchzudringen. Ich verſuchte mehre Stunden lang von allen Seiten, mir einen Zugang zu verſchaffen, allein das Gedränge war überall ſo dicht, daß es unmöglich war. Indem ich noch bei mir überlegte, was ich thun ſolle, wurde plötzlich der Strom des Volks gewaltſam zurückgedrängt, wie ich hörte, weil auf Befehl des Polizeipräfecten das Palais⸗ Royal geſchloſſen wurde. Indem begegnete mir der Reitknecht des Hauptmann Sinner, der mich fragte, was ich hier zu thun habe. Ich erwiderte: ich wolle meinen Herrn im Palais⸗Rvyal auf⸗ ſuchen, wo er die Wache habe. Da lachte er mich aus und antwortete:„Das Palais iſt von Linientruppen beſetzt/ die Schweizer haben die einzelnen Wachthäuſer bezogen und Dein Herr hat die Wache an der Bank, am Platz Victoires.“ Sogleich eilte ich dahin. Allein auch dort fand ich eine Maſſe Volks beiſammen, welche ich dutchaus nicht zu theilen vermochte. Ich verſuchte es auf alle Weiſe und bat, man möge mich zu dem Offizier auf der Wache laſſen, denn ich ſei ſein Diener. Da rief plötzlich eine Stimme:„Der Kerl iſt ein Betruͤger! Am Palais⸗Royal gab er auch vor, der Hauptmann der Wache ſei ſein Herr. Er iſt ein Schuft, ein Spion!“ Kaum hatte der Menſch V — 247— dieſe Worte gerufen, als ich von allen Seiten die Schimpf⸗ worte„Schuft, Spion“ erklingen hörte. Ich merkte nun wohl, daß meines Bleibens nicht länger ſei. Im Ge⸗ dränge dachte ich mich unbemerkt zu verlieren und wollte mich ganz allmälig zurückziehen. Doch der wüthende Schreier verfolgte mich, deutete mit den Fingern nach mir, ſtieß mich endlich, ich wurde böſe, da ſtießen mich auch Andere und nun mußte ich mein Heil in ſchneller Flucht ſuchen. Wie wäre dieſe aber unter den auf⸗ und abwogen⸗ den Maſſen möglich geweſen? Ich wurde mit Fußtritten und Fauſtſchlägen fortgetrieben, man riß mir, was ich trug, aus den Händen, zuletzt warf ich's ſelbſt fort, um nur meinen Kopf vor Stockſchlägen zu ſchützen; da riß und zerrte man an meinen Kleidern und, wie Sie ſehen, hat man mir ſtatt meines Rocks kaum noch einige Lumpen gelaſſen!“ Gautier war von der ausgeſtandenen Angſt und den Mishandlungen ſo erſchöpft, daß er blaß wurde und heftig zitterte. Da er den Bericht auf der Hausflur abſtattete, führte man ihn jetzt hinauf und Deſormery rief ſchon auf dem Corridor nach ſeinen Töchtern, damit ſie dem armen Teufel etwas zur Erquickung herbeiholen ſollten. Zufällig kam Louiſon, die noch von dem ganzen Vorfall nichts wußte, aus dem Zimmer. Als ſie Gautier gewahr wurde, erſchrack ſie heftig, denn ſie ahnte ſogleich einen Vorfall in Betreff ihres Briefes. Der Diener ſah ſie auch kaum, als er ihr ſchon zurief:„Ach, mein Fräulein, Sie werden ſehr böſe ſein, aber ich kann nichts dafür; der Brief iſt bei der unglücklichen Geſchichte auch verloren gegangen.“ „Welcher Brief?“ fragte Deſormery erſtaunt. „Ein Brief, den mir das Fräulein an den Herrn Hauptmann mitgegeben,“ antwortete Gautier. Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. II. 10 — 218— Louiſon glaubte vor Scham und Schreck zu Boden ſin⸗ ken zu müſſen. Deſormery maß ſie mit einem heftigen, durchdringenden Blicke; indeß faßte er ſich ſchnell und, um ſeine Tochter nicht vor dem Diener preiszugeben, ſagte er trocken:„An dem Briefe wird nicht viel verloren ſein. Das iſt das Geringſte bei dem ganzen Unfall.— Indeß geh' in die Küche, mein Sohn, und laß Dich erquicken, und falls Du keinen andern Oberrock haſt, mag Dir Henry einen von den ſeinigen geben.“ Gautier dankte und ging. Victor, Adolph und Eduard waren in großer Verlegen⸗ heit; Louiſon mußte ihre ganze Kraft zuſammenraffen, um nicht zu Boden zu ſinken. Sie ſtand mit geſenktem, vor Scham glühendem Antlitz da und ſtützte ſich auf die Lehne eines Seſſels. „Ich muß um Erklärung dieſes ſonderbaren Falls bit⸗ ten,“ ſprach Deſormery nicht ohne bittere Ironie;„was für ein Brief war es, den Du an Herrn von Lormeuil zu ſchicken hatteſt?“ „Beſter Vater,“ erwiderte Louiſon bebend, ic ſelbſt ſchrieb ihm, es war eine Antwort auf einige Zeilen von ihm— eine Antwort, die ich ihm unmöglich verſagen 4. konnte. Marie kennt ihren Inhalt.“ „Marie! Und warum nicht ich? Verdient der Vater weniger Vertrauen als die Schweſter?“ 1 Louiſon brach in Thränen aus und antwortete nicht. 3 Eduard, der durch Victor und Adolph mit der Natur die⸗ ſer Verhältniſſe bekannt geworden war, näherte ſich dem heftig auf und nieder gehenden Deſormery und ſprach:„Lie⸗ ber Oheim! Sie ſelbſt wiſſen, daß ſich das Schickſal hier feindlich zwiſchen das Glück zweier Herzen ſtellt. Warum 4 den Schmerz durch Härte mehren?“. * S — 249— „Ich darf Vertrauen von meiner Tochter fordern,“ rief Deſormery entrüſtet. „Es gibt Empfindungen,“ erwiderte Eduard beſcheiden, „die ein weibliches Herz nur dem weiblichen anvertraut. Hätte Louiſon eine Mutter— ihr würde ſie Das entdeckt haben, was ſie aus Schüchternheit dem Vater nicht zu ent— hüllen wagte.“ „Was enthielt der Brief?“ fragte Deſormery, der über ſich ſelbſt heftig zu werden begann, weil er ſeine Tochter in Gegenwart dreier junger Männer einem vieldeutigen Verdacht preisgegeben ſah und ſich dabei nicht ganz ohne Schuld fühlte.— Er legte aber einen ſo ſtrengen, ſo erbit⸗ terten Ton in die Frage, daß Louiſon nicht zu antworten gewagt haben würde, ſelbſt wenn ſie es vor heftigem Schluchzen vermocht hätte.„Ich will wiſſen, was der Brief enthielt?“ wiederholte er noch heftiger. Louiſon warf einen hülfeſuchenden Blick auf Eduard und faltete in äußerſter Angſt die Hände wie bittend über der Bruſt; ſie zitterte, ihr Buſen flog, es war ihr unmög⸗ lich, auch nur ein Wort hervorzubringen. „Laſſen Sie ſich den Inhalt von der Schweſter er⸗ zählen, lieber Oheim,“ ſprach Eduard bittend.„Ueberdies nicht in unſerer Gegenwart—“ „Gerade in Eurer Gegenwart!“ rief der Vater in äußerſter Aufwallung.„In Eurer Gegenmart iſt ein krän⸗ kender Verdacht auf das geziemende Betragen Louiſon's ge⸗ fallen, in Eurer Gegenwart muß ſie ſich rechtfertigen!“ „O Gott im Himmel!“ rief Louiſon in krampfhafter Aufwallung und rang ſchluchzend die Hände. Die drei jungen Männer umringten den erzürnten De⸗ ſormery und hielten ihn, der heftig auf die Tochter zu⸗ ſchreiten wollte, zurück. 10* —õ—————õ—— — 220— „Nicht der Schatten eines kränkenden Verdachts,“ rief Adolph, der durch des unglücklichen Mädchens Lage tief er⸗ ſchüttert war, und überdies von Allen ihr Verhältniß zu Lormeuil am genaueſten kannte,„nicht die leiſeſte Spur 5 einer unwürdigen Muthmaßung kann Ihre Tochter treffen. Aber es gibt dennoch Geſtändniſſe, die kein Dritter zu hö⸗ ren befugt iſt.“ „Ja, wie es ſcheint, nicht einmal der Vater!“ rief De⸗ ſormery bitter.„Allein ich durchſchaue Alles, ich weiß zu⸗ vor, was ich hören ſoll. Niemals jedoch, das beſchwöre ich, werde ich in die Verbindung meines Kindes mit einem Manne willigen, der ſich zum Lictoren der Gewalt verdun⸗ gen hat, deſſen Geſchäft es iſt——“ Der dumpfe, lang fortrollende Donner einer Gewehr⸗ ſalve, ein lauter durchdringender Schrei des Schreckens aus den vorderen Zimmern des Hauſes, brauſendes Getöſe auf* der Gaſſe, wirbelnde Trommeln, Trompetengeſchmetter— dieſer ganze tobende Strom kriegeriſchen Getümmels brauſte plötzlich auf und verſchlang jedes andere Gefühl, jeden Gedanken in ſeiner betäubenden Flut. Das Wort war dem zürnenden Vater wie von den Lippen geriſſen, die drei jungen Männer ſtanden gefeſſelt von Entſetzen, Louiſon glich in ihrer zitternden Todesbläſſe einer bebenden Bildſäule.——— Der Würfel iſt gefallen! Das letzte Band der Geſetze, der Ordnung geſprengt. Das Blut des Volkes ſtrömt, der 1 Mord tobt losgelaſſen in den Gaſſen von Paris!— Gleich einem düſtern Geſpenſt tritt die ſchwarz verſchleierte Schreckensgeſtalt der Zukunft mit verſteinernder Gewalt der Meduſa vor die Seele und ſenkt eiſiges Erſtarren in die le⸗ benswarme Bruſt. Aus tiefem, nächtlichen Grunde tau⸗ 1 chen blaſſe Gebilde des Entſetzens auf und ſchwirren ver⸗ — 221— worren durcheinander! Der hellſte Blick iſt verſchleiert, der klarſte Sinn betäubt.—— Marie riß die Thür aufv; bleich und athemlos ſtürzte ſie heraus und rief:„Mord, Blut— allgütiger Himmel!“— Mit dieſen Worten umſchlang ſie den Nacken des Vaters und ſank wie betäubt in die Knie vor ihm nieder. Louiſon lehnte ſich erſchöpft gegen einen Pfeiler des Corridors; ſie vermochte nicht zu gehen und kaum ſich auf⸗ recht zu halten. Die drei jungen Freunde flogen in das Vorderzimmer an die Fenſter, um zu ſehen, was geſchehen war. In demſelben Augenblick ertönte eine neue Gewehr⸗ ſalve, brach das Volk in neues furchtbares Getöſe aus. „Nache! Waffen! Mord! Tod den Mördern! Bürgerkrieg!“ Dieſe Worte, deren jedes eine Welt von Entſetzen enthielt, ſchallten noch über das allgemeine Wehgeſchrei des Jammers und das Toben der Wuth empor. Der untere Theil der Straße lag in dichten Dampf gehüllt, der wolkig und ſchwer liegen blieb, weil kein Lüftchen ſich regte, ihn zu verwehen. Ueber der durcheinander ſtürzenden Menge, deren einer Theil, Frauen, Kinder, Greiſe, flüchtete, der an⸗ dere in wüthender Erbitterung ſich vorwärts drängte, erhob ſich ein dichter Staub. Für das Auge war faſt nichts mehr zu unterſcheiden. Doch das Wirbeln der Trommeln, das Geſchmetter der Trompeten, durch den Widerhall der engen, hohen Mauern gräſlich verſtärkt und vervielfacht, drang mit betäubendem Getöſe ins Ohr und kündigte das Anrücken der Truppen in geſchloſſenen Reihen an. Schmerz und Zorn kämpften in der Bruſt der drei Freunde. Eduard wandte ſich, beide Hände vor die Stirn drückend, ab von dem furchtbaren Schauſpiel. Aber ein nicht minder erſchütterndes hatte er jetzt vor Augen. Seine Mutter lag, vom Schrecken niedergeſtürzt, auf dem Sopha; * 8 — 222— Leontine und Eugenie, ihr zu Füßen kniend, verbargen das Haupt in ihrem Schoos. Eugenie hatte mit der Nechten die Hand Betty's ergriffen, welche bleich in einen Seſſel geſunken war und kaum noch zu athmen vermochte. Durch die offene Thür ſchwankte Deſormery herein, blaß, zitternd; er hielt mit dem linken Arm Marien um⸗ faßt. Man wußte nicht, unterſtützte er ſie, oder ſie den Vater. Victor und Adolph hefteten den ſtarren Blick auf den Boden. Trotz des Getöſes auf der Gaſſe fühlte man doch, daß eine Todesſtille in dem Gemach herrſche, die Niemand durch ein Wort zu unterbrechen wagte. Henry, der Diener, ſtürzte einige Augenblicke darauf außer Athem herein. Er hatte ſich neugierig auf der Gaſſe befunden und war ſo der nächſte Augenzeuge des ſchreck⸗ lichen Ereigniſſes geweſen. „O mein Gott, was habe ich ſehen müſſen!“ rief er, nachdem er tief Athem geſchöpft hatte.„Die Gaſſe iſt mit Blut bedeckt, gegen dreißig Menſchen ſtürzten getroffen nieder. Eben ſchleppt man die Leichen fort. Es iſt ein Kind von kaum zehn Jahren und ein junges blühendes Mädchen dabei.“ „Wer gab Feuer auf die Bürger von Paris?“ rief Victor mit zornglühender Stirn und doch im Ausdruck des zerreißendſten Schmerzes.„Konnten Brüder ſo unnatürlich gegen Brüder wüthen?“ „Es war ein Bataillon der Schweizer.“ „O Gott!“ rief Deſormery und riß ſich aus Mariens Armen, indem er ſich das greiſe Haupt mit beiden Händen hielt.„Und mein eignes Kind!!—— O Gott!“ Eben mußte die unglückliche Louiſon die Thür des Ge⸗ machs erreichen, um Victors Frage, die Antwort und des 7 — 223— Vaters Ausruf zu hören. Das war zu viel für das ge⸗ marterte Herz, ſie ſeufzte tief auf, ein halb erſtickter Ruf der Angſt drang aus ihrer Bruſt hervor und bewußtlos lag ſie auf der Schwelle.⸗ Siebenundzwanzigstes Capitel. Die geſchloſſenen Reihen der Tapferen, welche ſich der Führung Clermont's anvertraut hatten, drangen im Sturm⸗ ſchritt die Straße Sainte Genevieve herauf, gegen das Pan⸗ theon vor. Dort zeigte ſich ein ſtarkes Piquet Gensdar⸗ merie zu Fuß. Da dieſes auf dem geräumigen Platze eine ſehr unvortheilhafte Stellung zum Gefecht hatte, zog es ſich bei Annäherung der Schar, welche ſo geordnet und ſo wohl bewaffnet vorrückte, zurück in die Oeffnung der Straße St. Etienne des Gres, welche nach der geraden, breiten Straße St. Jaques führt. Die jungen Männer wollten feurig vor und jenen nachdringen, doch der Oberſt rief ihnen ein donnerndes Halt entgegen und ſie ſtanden gefeſſelt, ſtarr wie eherne Mauern. Das kriegeriſche Ueber⸗ gewicht des alten Helden empfand ſich ſo mächtig, daß auch der kriegeriſche Gehorſam ſich von ſelbſt einſtellte; man fühlte, er war das Haupt, ihm kam das Recht zu, zu gebieten. 1 „Freunde,“ ſprach er,„auf offnem Platze, wo wir uns ſogleich theilen und von allen Seiten in den Feind eindrin⸗ gen konnten, hätte ich das Gefecht angenommen. Doch in — 2214— der engen Mündung einer Gaſſe würde ich Euch, die Ihr zwar Waffen, aber keine Munition habt, zwecklos aufopfern. Indeß ſehe ich nicht, daß der Feind irgend einen Stütz⸗ punkt habe, iſt daher das ganze Volk von Paris erbittert gegen ihn geſinnt, ſo zweifle ich nicht, er werde ſich unan⸗ gegriffen zurückziehen, um ſich an das Hauptcorps, welches jenſeit der Seine in den Tullerien ſteht, anzuſchließen. Nutzen wir indeſſen die Zeit. Er wird nicht wagen, uns hier anzugreifen. Forbin! Nimm acht Mann mit Dir und ſuche, wo es irgend möglich iſt, Pulver und Blei an⸗ zuſchaffen.“ Die junge Schar gewann durch dieſen kleinen Umſtand, der eben ſo die Umſicht und Ruhe des Führers andeutete, als er vorher begeiſterten Muth gezeigt hatte, ein unbe⸗ grenztes Vertrauen. Indeß hatten ſich auch neugierige Frauen, Mädchen, Knaben, Greiſe verſammelt, um die Bewegungen des klei⸗ nen Corps zu beobachten. Dieſe hörten kaum, daß es an Pulver und Blei mangle, als ſie ſelbſt davonſtürzten, um herbeizuſchaffen, was aufzubringen war. Eine Hausfrau brachte zuerſt eine Anzahl zinnerne Teller und Schüſſeln herbei. Ein alter Grenadier, der gegen ſiebzig Jahre zählte, aber doch noch auf einem Bein rüſtig daherſchritt, rief: „Ich will wenigſtens Kugeln gießen. Kohlen her! Wer hat eine Kugelform?“ Im Augenblick waren die Hausflure, die Küchen zu Werkſtätten eingerichtet. Jeder trug herbei, was er hatte; der brachte ein Gefäß, der eine bleierne Leit⸗ rinne, jener alte Fenſtereinfaſſungen, ein Krämer ſeine Ge⸗ wichte, ein Knabe von zehn Jahren ſeine ſchöne tapfere Armee von Zinn!— Ein größerer Keſſel wurde in einem der nächſten Höfe aufgeſetzt, der alte Grenadier ließ Alles hineinwerfen, was ihm zugebracht wurde, und rührte ſelbſt 4— 8 — — 225— eifrig mit einem alten Ladeſtocke den Brei um, der bald im vollen Schmelzen war. Der Oberſt hatte indeſſen auf eine Anſtalt gedacht, ſei⸗ nen Truppen einige Zeit einen ſichrern Schutz zu gewäh⸗ ren, als ihnen die muthmaßliche Unentſchloſſenheit der Gens⸗ darmen, ſie anzugreifen, gab. Er ſah zwei Omnibus über den Platz fahren. Sogleich gab er Befehl, ſie anzuhalten, ließ die Pferde ausſpannen, die Räder abnehmen und beide ungeheure Wagenkaſten quer vor die Ausmündung der Straße ſchleppen, ſo daß nur ein ganz ſchmaler Durchgang übrigblieb. Bald darauf kehrte Forbin mit einem anſehnlichen Vor⸗ rath an Pulver zurück. Er hatte von einem Krämer deſſen ganzes Lager zum Geſchenk erhalten und ließ es jetzt auf Tragbahren in Fäßchen herbeibringen. Da ſich eine Menge alter Soldaten unter dem kleinen bewaffneten Heere befan⸗ den, ſo waren dieſe auch mit raſcher, geübter Gewandtheit ſogleich bereit, Patronen anzufertigen. Das ganze untere Stockwerk eines Hauſes wurde von einem Buchbinder, der es innehatte, geräumt. Seine Geſellen halfen die Papiere ſchneiden, Andere rollten die Hülſen, noch Andere würgten und banden ſie, kurz, die Arbeit war wie durch einen Zau⸗ berſchlag in der beſten Ordnung, weil Jeder ſeine Kräfte auf das nützlichſte geltend machte und der Unerfahrene ſofort dem Rath und der Anordnung des Geübteren ge⸗ horchte. Clermont ließ einige Patrouillen durch die nächſten Sei⸗ tengaſſen gehen und ſtellte Poſten aus, damit er nicht un⸗ vermuthet überfallen würde. In dieſer Stellung, wo er wahrlich nicht unthätig war, hielt er ſich gegen zwei Stun⸗ den. Da kam der Bericht, daß die Gensdarmen ſich zu⸗ rückzögen, vermuthlich auf Befehl. Das Pulver war ver⸗ 10** — 226— theilt, Jeder hatte ſich mit Kugeln und Patronen verſehen, ſo gut es in der Eile möglich geweſen war, und ſo wurde die ganze Mannſchaft durch ein feſtes Vertrauen zu ihrer Kraft beſeelt. „Räumt die Barricade weg!“ ertönte der Befehl des Oberſten. In zwei Minuten war die Bahn offen; die Schar rückte vorwärts. Es mochte jetzt etwa halb acht Uhr Abends ſein. Außer jenen erſten Schüſſen in den Nachmittagsſtunden hatte man weiter kein kriegeriſches Geräuſch vernommen, denn das Volk war an dieſem Nachmittage der angegriffene Theil, und hatte ſich in der Nähe des Palais⸗Royal, der Tuilerien, auf dem Platz Vendoͤme und auf dem Platz Victoires nur durch Steinwürfe und einzelne Angriffe auf zu weit vorge⸗ ſprengte Gensdarmen gegen die Maſſen vertheidigt, welche es auseinander jagen wollten. Ohne Widerſtand zu finden, erreichte Oberſt Clermont mit den Seinigen, indem er die Straße St. Jaques hinauf⸗ marſchirte, die Seine und beſchloß, da er hörte, daß jen⸗ ſeit derſelben ein viel heftigeres Getümmel ſtattfinde, über die Inſel der Cité, dem älteſten Theile der Stadt, an der ehrwürdigen Kathedrale Nötres Dames vorbei, ſich auf das rechte Ufer des Stromes zu ziehen. Dort gewann Alles eine andere Geſtalt. Gleich auf den Quais fand man ungeheuere Volkshaufen beiſammen, die in einer ſtets drohenden Stellung den einzelnen Heerab⸗ theilungen gegenüberſtanden. Clermont urtheilte richtig, daß es hier darauf ankomme, den Maſſen einen Hauptpunkt, eine Stütze zu geben, um ſie zu vereinigen. Eben fann er darüber nach, wie er dies am beſten ausführen könne, als ihm der Zufall einen Gedanken eingab, der entſcheidend für —, den Erfolg wurde. Bisher war der Widerſtand nur ein ganz allgemeiner geweſen. Noch hatte ſich keine andere be⸗ ſtimmte Geſinnung des Volkes ausgeſprochen, als der Wider⸗ wille gegen die ungeſetzlichen Befehle. Ein blaues und ein rothes Band, welche Oberſt Cler⸗ mont zufällig nebeneinander an einem Fenſter flattern ſah, gaben ihm den Gedanken ein, der ihn ſelbſt mit Begei⸗ ſterung hinriß, die alten Farben der Nation aufzupflanzen. Augenblicklich führte er ihn aus. Einer ſeiner Leute, ein alter Grenadier von der Garde Napoleon's, war mit einer Pike bewaffnet; dieſen rief er herbei und flüſterte ihm einige Worte ins Ohr, worauf derſelbe ſofort in den freudigen Ruf ausbrach:„Ja, das ſoll geſchehen!“ und ſodann in dem nächſten Hauſe verſchwand. Die Schar war theils durch das Gedränge, theils durch eine Abtheilung Linientruppen aufgehalten, welche mit dem Auftrage, das Volk auseinander zu ſprengen, am Eingang der Straße St. Denis hielt, aber die Gewalt der Waffen nicht brauchen wollte, um nicht das Blut ihrer eignen Mitbürger zu vergießen. Dieſes Verhältniß gab zu einem rührenden Schauſpiel Anlaß. Die Offiziere des Re⸗ giments hatten Thränen in den Augen; die Soldaten ſtan⸗ den blaß, mit dem Ausdruck des tiefſten Schmerzes unter den Waffen. Mitten in dem brauſenden Volksgetümmel herrſchte in ihren Reihen die Stille des Todes. Da ſprengte ein Adjutant von der Garde heran und rief dem Major, welcher das Bataillon commandirte, den Befehl zu, augen⸗ blicks mit gefälltem Bajonnet auf die Bürger einzudringen, ſie auseinander zu treiben und, wenn der geringſte Wider⸗ ſtand ſich zeigte, Feuer geben zu laſſen. Der alte Krieger vernahm den Befehl mit düſterem Schweigen. Ohne ein Wort zu erwidern, beugte er ſich 228— dem eiſernen Joch des kriegeriſchen Gehorſams und rief: „Soldaten! Fällt das Gewehr! Marſch!“ Da aber warfen ſich junge Mädchen, die vorn in den Reihen des Volkes ſtanden, warfen ſich Frauen und Kinder vor den Kriegern nieder, ſielen ihnen in die Arme und riefen:„Wollt Ihr Eure Brüder, Eure Väter umbringen? Wollt Ihr auf Eure eignen Söhne feuern?“ Ein junges Mädchen, die Braut eines Unteroffiziers, drängte ſich mit begeiſterter Kühnheit mitten in die Reihen, fiel ihrem Geliebten um den Hals und beſchwor ihn mit Thränen, dem grauſamen Befehl nicht zu gehorchen.„Dort,“ rief ſie, und deutete mit dem Finger unter das Volk, „dort ſteht mein Vater, dort mein Bruder! Glaubſt Du, daß ich je den Mörder von Vater und Bruder umarmen werde? Nein! Lieber beginne die blutige That mit mir! Ich will das erſte Opfer ſein!“ Die Soldaten ſtanden unſchlüſſig, man ſah, es boſtete ihnen einen furchtbaren Kampf, ihrem hochverehrten Führer den Gehorſam zu verweigern, und doch vermochte keiner vorzudringen, das Eiſen auf die Bruſt des Bruders und Freundes zu ſetzen. Jenes feurige junge Mädchen zog ihren Geliebten mit unwiderſtehlicher Gewalt der Bitte und der Thränen aus den Reihen hervor und rief:„Bruder! Vater! Kommt her! Francois wird nicht ſeine Waffen gegen Euch führen! Kommt her! Eilt in ſeine Arme!“ Und ſo führte ſie en Geliebten dem Bruder entgegen, dieſer breitete die Arme aus, jenem entſanken die Waffen, ſie lagen einander am Herzen. Dies war die Loſung für Alle. Die Krieger ſtie⸗ ßen unwillig ihre Waffen auf den Boden, die Bürger ſtürzten auf ſie zu und ergriffen ihre Hände, umarmten ſie— die Verſöhnung war geſchehen, die Möglichkeit, Landsleute gegen Landsleute zu führen, verſchwunden. In dieſem Augenblick trat jener alte Grenadier, den Clermont in das nächſte Haus geſendet hatte, wieder heraus. An der Spitze ſeiner Lanze wehten drei flatternde Tücher in den Allen theuern Farben der Nation, blau, weiß, roth. Clermont ergriff die Fahne, ſchwenkte ſie hoch empor und rief:„Brüder! Kriegsgefährten! Unter dieſen Farben ſah Frankreich fünfundzwanzig Jahre des Glanzes und des Ruhms! Dieſe Fahne pflanzte es in den Eisfeldern Ruß⸗ lands, in den ſyriſchen Wüſten, an den Pyramiden, am Tajo auf! Sie trägt die wahren Farben der Nation! Auf, Freunde! Ihr folgt auf's neue, ſie wird Euch neuen Ruhm und Glanz bringen!“ 8 Wie tobender Donner ſchallte der ausbrechende Jubel in die Lüfte, als das Volk dieſe Worte vernahm, die heilige Fahne ſeiner großen Vergangenheit erblickte! Sie jauchzten auf, ſie warfen ſich auf's Knie nieder vor dem wallenden Banner der Freiheit und des Ruhms, ſie drängten ſich heran, es zu faſſen, zu berühren. „Du wackrer Held, trage es uns vor!“ rief der Oberſt dem Grenadier zu. Mit funkelnden Augen, aus denen die Begeiſterung vergangener Jahre flammte, ergriff der graue Kriegsheld das heilige Feldzeichen.„Vorwärts!“ tönte Clermont's Befehl und unwiderſtehlich brauſte der Strom der tapfern, begeiſterten Schar die Gaſſe hinunter.“ Als die Krieger das allverehrte Banner flattern ſahen, da hielt kein Befehl, keine Drohung ſie mehr in ihren Reihen. Jubelnd drängten ſie ſich heran, ſchritten mit vor⸗ wärts und derſelbe Trommelſchlag, der ſie eben gegen Mit⸗ bürger und Landsleute geführt hatte, vereinte jetzt Volk * und Heer und die freudigen Wirbel dröhnten vor dem al⸗ ten Zeichen des Sieges her. Das Zujauchzen, der Jubelruf der Zuſchauer an den gedrängt angefüllten Fenſtern miſchten ſich mit dem kriege⸗ riſchen Klang der Trommeln. Die Frauen wehten mit weißen Tüchern und Schleiern, ſie warfen Roſen auf die Tapfern herab; bald ſah man ſie auch Bänder von den drei Farben in den Händen halten, die ſie, gleich Luſtwim⸗ peln, freudig im Abendwinde flattern ließen. Die ſinkende Sonne brach eben gerade in der Verlängerung der Straße durch eine Wolkenöffnung und ihre Strahlen fielen auf das neu erſtandene Banner und überglänzten es mit glühendem Abendgolde. Da wurde der Jubel noch ſtürmiſcher, heilige Thränen der Freude ſtrömten unwiderſtehlich aus jedem Auge, Freunde ſanken einander in die Arme, Feinde hielten ſich verſöhnt umſchlungen. Plötzlich verſtummte der Ruf des Jubels; er brach und erſtickte ſich ſelbſt in dem Gefühl der wallend überdrängten Bruſt und es trat ein Augenblick hehrer, feierlicher Stille ein. Da ſchlug der Klang der Seurmiglocken, die das Volk in Paris und in den Vorſtädten von allen Thürmen zu läuten begann, mit furchtbar mahnendem Aufruf an das Ohr. Edler Grimm drang in die Herzen der Tapfern, daß das glänzende, heilige Bild des vaterländiſchen Paniers nur als ferner Preis des Muthes vor ihnen ſchwebez; ſie gedach⸗ ten daran, daß ſie durch den blutigen Strom der Schlacht hinüberdringen müßten, um die heilige Inſel der Freiheit zu erreichen. Und donnernd hallte der Kriegsruf durch die Gaſſen und brarſend drang der Strom vorwärts. Was ſich ihm entgegenſtellte riß er in unaufhaltſamem Drange mit ſich fort. 8 — 231— Der Theil der Krieger, der nicht zu dem Volke überge⸗ gangen war, ſocht wenigſtens nicht gegen daſſelbe, und der Führer hatte große Mühe, den Rückzug mit Ordnung anzutreten. Die Hauptmaſſen der Truppen waren auf dem Ca⸗ rouſſelplatz, an den Tuilerien, auf dem Platz Vendöme, am Louvre aufgeſtellt. Außerdem hatten ſie vorzüglich die Straßen St. Honoreé, St. Denis und St. Martin beſetzt. Aus der letztern waren ſie ſoeben vertrieben worden und zogen ſich nun gegen die Straße St. Denis zurück, wo ſtarke Piquets Garden und Schweizer ſtanden. Es war dem Oberſten unmöglich, mit ſeiner kleinen Schar von Bewaffneten aus den engen Gaſſen, deren Zugänge beſetzt gehalten wurden und die noch außerdem durch eine Maſſe unbewaffneten Volks geſperrt waren, in die Straße St. Honore vorzudringen, die man aber durchaus gewinnen mußte, um die größeren Truppenabtheilungen angreifen zu können. Die Cavalerie machte daher, ohne daß Clermont es hindern konnte, einige heftige Angriffe auf die Bürger und metzelte viele derſelben nieder. Er konnte nicht einmal feuern laſſen, in der Beſorgniß, mehr Bürger als feindliche Sol⸗ daten niederzuſchießen. Die einzige Waffe, deren ſich das hart verfolgte Volk bediente, waren Steine, indem es an einigen Stellen das Straßenpflaſter aufriß. Dies gab Cler⸗ mont den Gedanken ein, zuvörderſt nur einen Vertheidi⸗ gungskrieg zu führen und ſich zu verbarricadiren, wie zu⸗ vor am Platz des Pantheon. Es bedurfte nur eines Wor⸗ tes, um dieſem Gedanken einen Grad der Ausführung zu geben, der alle Erwartungen überſtieg. Die Cavalerie hatte ſoeben einen dichten Volkshaufen, der bei den Getrei⸗ dehallen verſammelt war, auseinandergeſprengt, ſodaß die — 232— Vertriebenen nach verſchiedenen Seiten flüchteten und ſich endlich in die kleinen Gaſſen ſtürzten, die nach der Straße St. Denis führen; aus dieſer fiel den Flüchtigen ein ande⸗ rer Trupp Cavalerie gewiſſermaßen in die Flanke. Cler⸗ mont konnte ihn jedoch durch eine Salve, die er auf denſel⸗ ben abfeuern ließ, empfangen, worauf die meiſten Pferde um⸗ kehrten und die ganze Schar der Reiter ungeordnet flüch⸗ tete. Eine offene Hausthür, durch welche man einen auf der Hausflur ſtehenden Leiterwagen bemerkte, gab dem Oberſten den erſten Anlaß, ſeinen Gedanken wegen der Barricaden auszuführen. „Den Wagen quer vor die Straße!“ rief er aus, „daß uns die unwillkkommenen Gäſte nicht von dieſer Seite wiederkehren! Und nun reißt hier das Steinpflaſter auf und thürmt einen Wall empor! Stopft jede Lücke ſo ſchnell als möglich mit Geräthen! Wir wollen uns hier eine Fe⸗ ſtung bauen.“ In einem Augenblick waren Hunderte von unbewaffneten Händen bereit, hier ihre nützliche Thätigkeit zu zeigen. Der Wagen wurde quer über die Straße geſchoben und gleich darauf noch ein Karren, den man von einem der nächſten Höfe holte. Aus den Häuſern ſchleppte man altes Gerüm⸗ pel herbei, warf Matratzen, Stroh und Erde darüber, um eine Deckung gegen Flintenſchüſſe zu haben, riß dann hin⸗ ter dieſem erſten Wall das Seitenpflaſter auf und mit Schaufeln, Spaten, Meſſern, ja mit den bloßen Händen und Nägeln arbeitete man ſich in den Boden hinein, um eine flüchtige Schanze aufzuwerfen. Clermont war überall; er rieth hier, er half dort, er befahl, er ordnete an, er bat, er ermunterte. Es dauerte keine Viertelſtunde, ſo war eine Barricade fertig, die man wie einen Feſtungswall vertheidigen konnte. — σ — 233— Aber die Menge war auch von einer Begeiſterung durchdrungen, die ihr eine Art von häherer Erleuchtung und Einſicht in dieſen kriegeriſchen Dingen, denen doch die Meiſten völlig fremd waren, verlieh. Was ſonſt nur bei der pünktlichſten Ordnung des Dien⸗ ſtes, bei der genaueſten Eintheilung der Kräfte möglich iſt, das geſchah hier, wie durch göttliche Eingebung, faſt von ſelbſt. Kaum ſtand dieſes erſte Bollwerk, als der Oberſt rief: „So müſſen wir uns von allen Seiten decken, damit wir eine ruhige Nacht haben, um unſere Kräfte zu ſammeln, zu ordnen und uns auf den morgenden Kampf vorzubereiten. Begleitet von ſeiner auserleſenen, mit Waffen verſehenen Schar drang er jetzt gegen die Getreidehalle vor, um auch von dort her Anſtalten zu treffen, den Feind von neuen Angriffen abzuhalten. Allein wie erſtaunte er, als ihm berichtet wurde, daß dort ſchon Alles in voller Thätigkeit ſei, Barricaden zu errichten. Denn gleich einem Lauffeuer hatte ſich die Erfindung dieſes Mittels durch das Volk ver⸗ breitet, und während man in der Straße St. Denis noch baute, begann man ſchon, alle Zugänge zu den Quergaſ⸗ ſen zu verrammeln, welche von den Hallen her nach der Straße St. Denis führten. Als Clermont voll freudigen Erſtaunens ſah, wie raſch und zweckmäßig das Volk auf den Plan der Vertheidigung, den er entworfen, einging, beſchloß er, demſelben ſogleich eine größere Ausdehnung zu geben. Da er im Geiſte ſchon ganz andere Entwürfe und Gedanken hegte, als ſich bis jetzt in den Gemüthern des Volks regten, da er mit ſiche⸗ rem Ueberblick des Feldherrn, im Gefühl des für Freiheit und Recht begeiſterten Bürgers, vorzüglich aber in dem des eingewurzelten Haſſes gegen die Bourbons, bereits hnte, daß dieſer Kampf nicht blos um die Zurücknahme einzelner ungeſetzlicher Befehle geführt werde, ſondern daß er ſich weiter fort und fort entzünden und die fällende Axt an den Stamm des Herrſcherhauſes legen würde: ſo führte er von dieſem Augenblicke an den Krieg nach einem weiter hinausgreifenden Plane. Er gedachte ſchon daran, den Feind in dem Herzen ſeiner Macht anzugreifen; deshalb kam ihm Alles darauf an, ſo viel als möglich an Terrain zu gewinnen, um den Punkten, wo der Gegner ſeine Haupt⸗ ſtreitkräfte beiſammen hatte, möglichſt nahe zu kommen. Die, wie es ſchien, unnehmbaren Feſtungen deſſelben waren das Louvre, die Tuilerien, die größeren Plätze, auf denen er mit Cavalerie am meiſten wirken konnte und deren Zugänge ſich durch Artillerie vertheidigen ließen. Jeder Schritt, den man daher auf den Quais bis zum Pont des Arts und in der Straße St. Honoré bis an die Straße des Poulies vordrang, war offenbar gewonnenes Terrain; man konnte ſo gewiſſermaßen gleich den Belagerungskrieg auf dem Glacis der Feſtung beginnen, ſtatt entfernte Pa⸗ rallelen zu eröffnen. Die Gegner ſchienen bis jetzt durchaus noch nicht durch eine Einheit der Befehle geleitet zu werden; ſie löſten vor der Hand noch keine andere Aufgabe, als die, große Volks⸗ haufen auseinander zu ſprengen und dabei wehrloſe Bürger grauſam niederzumetzeln. Welch' einen Vortheil errang Clermont daher, indem er mit ſcharfem Blick in die Ferne das Auge ſchon auf den nothwendigen Entwickelungspunkt richtete und ſich auf Das vorbereitete, was dort noth ſein würde. Er konnte dieſen Plan und ſeine tiefen, geheimen Gründe bis jetzt Niemanden auseinanderſetzen;z doch hatte er ſo das Vertrauen Aller gewonnen, daß man ihm unbe⸗ dingt, auch zu einem ſchwierigen Unternehmen, Folge lei⸗ — 235— ſtete. Er nahm daher ſeine Schar zuſammen, theilte ſie in zwei Hälften und gebot der einen, auf den Quais vor⸗ wärts zu dringen, ſo weit ſie vermöchte, und dann eine Barricade zu errichten, während er ſelbſt in der Straße St. Honoré, wo muthmaßlich die größere Macht concen⸗ trirt war, den Feind angreifen wolle. Auf den Fall, daß man ſich zurückziehen müſſe, gab er die Barricade in der Straße St. Denis als Verſammlungspunkt an.—„Theilt die Trommeln!“ rief er.„Forbin! Zeige Dich des Ver⸗ trauens Deines alten Führers werth! Auf, Freunde! Wir wollen wetteifern, wer ſein Werk zuerſt vollbringt!— Und Ihr, die Ihr noch nicht bewaffnet ſeid! So wie wir dem Feinde hundert Schritt Boden abgewonnen, werft gleich hinter uns einen Wall auf! Nur ein ganz ſchmaler Raum auf jeder Seite, der beim Angriff im Augenblick verſtopft werden kann, bleibe zum Durchgang offen und geſtatte uns die Möglichkeit des Rückzugs. Sturmſchritt! Vorwärts!“ Die Trommeln raſſelten, daß die Gaſſen rings erdröhn⸗ ten. Der tobende Ruf der Schlacht ſchallte gegen den Him⸗ mel. Wie die empörten Wellen durch den Bruch eines Dammes brauſten die feurigen Söhne Frankreichs vorwärts zum Kampfe. Clermont ſchritt den Seinigen voran; neben ihm der Grenadier mit der dreifarbigen Fahne. Er nahm ſeinen Weg gerade aus durch die Straße La Feronnerie, während Forbin ſich links wendete und, die Straße St. Denis verfolgend, nach dem Quai de la Megiſſerie und von da nach dem Quai de l'Ecole vordrang. In der Straße La Feronnerie fand Clermont kein Hin⸗ derniß. Als er jedoch die Ausmündung der Straße St. Honore erreichte, wo ſich die Reihe der Häuſer etwas erwei⸗ tert, ſah er einen ſtarken Trupp Gensdarmen zu Pferde halten und auch eine Compagnie der Schweizergarden ſeit⸗ — 236— wärts aufgeſtellt. Sogleich ließ er ſeine Mannſchaft ſich in breiterer Front entwickeln, um nicht umringt und in die Flanke und Rücken genommen zu werden. Da ſeine Leute keine Bajonnete auf den Gewehren hatten, auch die Däm⸗ merung ſchon ſtark eingetreten war, hielten die Gensdar⸗ men den andringenden Trupp, obwol er einer Fahne folgte, nur für einen gar nicht, oder höchſtens mit Knitteln und Stei⸗ nen bewaffneten Volkshaufen und glaubten, ihn durch blo⸗ ßes Hineinſprengen und unregelmäßiges Einhauen mit dem Säbel auseinander treiben zu können. Clermont bemerkte ſogleich dieſen für ihn ſehr glückli⸗ chen Irrthum, da man die Schweizercompagnien nicht feuern und mit gefälltem Bajonet anrücken ließ. 4 „Sie glauben, wir ſind unbewaffnet,“ rief er rückwärts, „laßt ſie bis auf funfzig Schritt heran, und dann nehme ſich Jeder ſeinen Mann auf's Korn!“ 3 Die Anfangs im Trott heranreitenden Gensdarmen ſetz⸗ ten ſich, als ſie etwa noch hundert Schritt von dem Zuge Clermont's entfernt waren, in Galopp. Dieſer ließ ſie kalt⸗ blütig bis dicht heran kommen, dann legte er plötzlich an und, indem er ſelbſt den erſten Schuß that, rief er zugleich: „Feuer!“ Die Schüſſe praſſelten und verurſachten in dem engen Naum der Straße ein furchtbares Getöſe; die Gensdarmen, auf dieſen Empfang nicht vorbereitet, ſtutzten plötzlich. Die Pferde der Vorderſten wollten umkehren, oder prallten zu⸗ rück, die der Nachfolgenden jedoch brauſten im vollen Laufe vorwärts. So wurde der Angriff in ſich gehemmt, die Reiter geriethen ineinander, die Vorderſten wurden von den Nächſtfolgenden niedergeritten und dieſe ſtürzten mit ihren Pferden üher das unvermuthete Hinderniß. Die verwunde⸗ ten Roſſe bäumten ſich auf, überſchlugen, wälzten ſich; — — 237— eine Anzahl Reiter war ebenfalls getroffen worden, kurz in einem einzigen Augenblick war der Feind in die vollſtän⸗ digſte Verwirrung gerathen, hatte eine gänzliche Niederlage erlitten. „Friſch noch einmal, ſo raſch als möglich geladen!“ rief Clermont,„wir werden fertig, ehe ſie flüchten, oder ſich wieder ſammeln können.“ So war es. Eine zweite Salve brachte vollends Ver⸗ wirrung und Muthloſigkeit unter den ſchon in die größte Unordnung gerathenen Trupp. Einige, die noch im Sattel ſaßen, kehrten um und flüchteten in beſtürzter Eile; die Flucht der Erſten riß ſogleich die Folgenden mit fort und in weniger als einer Minute ſprengte, was ſich im Bügel halten konnte, in ſo völliger Verwirrung davon, daß ſogar die Compagnie der Schweizer, die den Reitern als Stützpunkt dienen konnte, von denſelben zum Theil überritten wurde. Ein paniſcher Schrecken hatte ſie bei dem unvermutheten Widerſtande ergriffen. Man glaubte, es ſei ein zum Volke übergegangenes Linienregiment, welches in völliger Rüſtung und Bewaffnung herandringe, und die Flüchtigen ſchrien dies auch den Schweizern zu, indem ſie riefen:„Verrath! Verrath! Es rücken geordnete Truppen gegen uns an!“ Sowie die Schar der Reiter flüchtete, ſtürzte Cler⸗ mont mit den Seinigen in unaufhaltſamer Schnelle vor⸗ wärts auf die Verwundeten oder Gebliebenen, welche am Boden lagen. „Nehmt ihre Waffen, aber ſchont die Leute!“ rief er, in dem er zugleich ſelbſt das Pferd des Führers am Zügel ergriff und ſich mit gewandter Schnelligkeit in den Sattel ſchwang. „Vorwärts! Vorwärts!“ ertönte ſein Ruf, als er zu Roß ſaß und nun bei weitem beſſer Diejenigen, die er führte, über⸗ ſchauen und leiten konnte. Er warf ſeine Büchſe einem — 238— jungen Manne, der ohne Waffen herbeigeſtürzt war, mit den Worten zu:„Schließt Euch uns an, junger Freund! Auf! Wer ſeine Waffen hat, mir nach!“ Er ritt raſch vorauf; einige junge Männer hatten ſich ebenfalls der ohne Reiter ſtehen gebliebenen Pferde bemächtigt und folgten ihm zunächſt. Die Andern ſtürzten ohne Aufenthalt im vollen Laufe nach. Da die wenigen Schweizer, welche Stand halten wollten, auch Reiter auf ſich eindringen ſahen, glaubten ſie ſich vollends verloren und flüchteten in mög⸗ lichſter Eile. So drang Clermont mit den Seinigen, ohne weiter einen Schuß thun zu dürfen, bis an die Querſtraße de l'Arbre⸗Sec vor. Hier rief er:„Halt!“ Denn weiter durfte er, ohne Alles preiszugeben, zumal bei einbrechen⸗ der Nacht, nicht vorzudringen wagen.„Jetzt werft Bar⸗ ricaden auf, daß man uns nicht angreifen könne!“ Was nur Hände zu regen vermochte, ſtürzte auf dieſes Wort heran, um den Befehl zu vollziehen. Ganze Scha⸗ ren drangen in die Häuſer ein, um Material zu holen. Man ſchleppte Schränke, Tiſche, Bettſtellen heraus und thürmte ſie übereinander. Als die Bewohner der Häuſer ſahen, was geſchehen ſollte, brachten ſie ſelbſt herbei, was das Werk irgend fördern konnte. Es bedurfte weniger Mi⸗ nuten und ſchon war der Wall ſo hoch geſtiegen, daß Ca⸗ valerie ihn nicht mehr durchbrechen konnte, und Schützen hinter demſelben Deckung genug fanden, um ſich mit Glück zu vertheidſgen. Nichts aber befeuerte das Vertrauen und den Muth der Bürger ſo, als der Umſtand, daß ihnen die Nützlichkeit der Anordnung ſofort durch die That darge⸗ than wurde; denn jene flüchtigen Gensdarmen und Schwei⸗. zer hatten ſich am Louvre, wo eine bedeutende Anzahl Truppen ſtand, wieder geſammelt und kehrten nun ver⸗ ſtärkt und auf bewaffneten Widerſtand gefaßt zurüus — 239— Allein ſchon war der Cavalerie die Straße geſperrt und die Schützen konnten hinter dem Walle ruhig laden und feuern, ohne von dem Pelotonfeuer der Schweizer zu leiden. Dreimal rückten dieſe im Sturmſchritt heran, aber dreimal wurden ſie mit ſolchen Salven empfangen, daß ſie nicht weiter vorzudringen wagten. Zugleich ſchleuderte man aus den obern Stockwerken der Häuſer zunächſt an der Barri⸗ cade große Steine auf die Anrückenden herab, ſodaß der Angriff faſt unmöglich wurde. Als Clermont einige Minuten lang das Ergebniß des Kampfes, der ſchon faſt bei einbrechender Nacht geführt wurde, beobachtet und ſich überzeugt hatt, die Stellung ſei feſt genug, ritt er durch die Straße de l'Arbre⸗Sec eiligſt nach dem Quai de l'Ecole, um zu ſehen, wie weit Forbin mit ſeinen Leuten vorgedrungen ſei. Zu ſeiner Freude fand er dort Alles ſchon ſo weit, wie in der Straße St. Honore, denn Forbin hatte dieſen Theil des Quais ganz von Trup⸗ pen entblößt gefunden und war daher ohne Widerſtand bis zu dem bezeichneten Punkte vorgerückt, wo er ſogleich die Barricade aufwerfen ließ. Clermont lobte ihn; er befahl, daß der Bau der Bar⸗ ricade noch verſtärkt und erhöht werden ſolle, und beſtimmte eine regelmäßige Wache und Ablöſung für dieſelbe. Als⸗ dann ritt er nach der Straße St. Honoreé zurück, wo er ſein Hauptquartier bei der Barricade nahm. Nach allen Seiten hin in den Querſtraßen, hatte jetzt das Volk ſchon ohne weitern Befehl Barricaden aufgeworfen, ſo daß der Theil von Paris, in welchem ſich Clermont mit den Sei⸗ nigen befand, einer völligen Feſtung glich. Er nahm nun⸗ mehr alle Diejenigen zuſammen, welche bisher unter ſeiner Führung gekämpft hatten, trat in ihre Mitte und ſprach: „Freunde, Euer Vertrauen auf mich macht mich ſtolz, rührt — 240— mich tief; noch mehr aber Eure Anhänglichkeit an die Sache der Freiheit, des Vaterlandes. Bis jetzt haben wir gefochten, um unſer Leben gegen den Angriff beſoldeter Miethlinge zu vertheidigen;z von nun an müſſen wir kämpfen, um unſere Rechte und Freiheiten wieder zu erringen. Die Schlacht wird morgen heißer ſein, als heute; aber auch Euer Muth wird mit dem höheren Preiſe wachſen. Denn was iſt das Leben gegen die Freiheit, gegen das Recht?— Die Mit⸗ tel unſerer Feinde ſind groß, wir bedürfen unſerer ganzen Anſtrengung, um zu ſiegen, und wir müſſen ſiegen, denn ſonſt iſt das Beil des Henkers oder die Kette des Galeeren⸗ ſklaven unſer Loos. Heute haben wir den Tiger verwundet; wenn wir ihn nicht erlegen, ſo zerreißt er uns morgen in ſeiner Wuth. Nur die eine Nacht bleibt uns! Sie werde angewendet, uns für morgen zu rüſten. Erobert Euch Waffen, wo Ihr ſie findet; ſchafft Pulver von allen Sei⸗ ten herbei. Reißt das Straßenpflaſter von ganz Paris auf und thürmt Wälle an Wälle empor, daß jeder Schritt unſerer Feinde gegen uns ihnen Tauſende von Opfern koſte. Schleppt Maſſen von Steinen bis in die höchſten Stock⸗ werke, damit Eure unmündigen Kinder zu furchtbaren Mit⸗ kämpfern werden, wenn ſie von oben herab das freche Haupt der blutdürſtigen Söldner zerſchmettern. Sagt Euern Weibern, daß ſie Labſal für die ermatteten Streiter, daß ſie ihren Wunden Wartung und Pflege bereit halten. Der Greis mit bleicher Scheitel, der Knabe mit lockigem Haupt, die Mutter mit dem Säugling an der Bruſt, die roſen⸗ wangige Jungfrau— ſie Alle müſſen kämpfen für das Vaterland, für das Heiligthum der Freiheit, des Rechts. Keine Hand iſt zu zart, eine Waffe zu führen, kein Arm zu ſchwach, einen Stein herabzuwälzen. Das Auge der ſchüchternſten Jungfrau darf den Anblick blutiger Todes⸗ — 241 wunden nicht ſcheuen. Die Mutter muß den Sohn, die Schweſter den Bruder, die Braut den Bräutigam in den Kampf ſenden! Schande und Schmach Dem, der zurückbleibt, der den Ruf des Vaterlandes nicht hört, der nicht herbei⸗ ſtürzt zu ſeiner Rettung! Darum eilt! Durchſtürmt Pa⸗ ris! Sucht Euch Waffen! Werbt Euch Genoſſen! Ent⸗ flammt die Gemüther mit kühner Geſinnung! Und mor⸗ gen, wenn die Sturmglocken tönen, wenn das erſte Roth den Himmel ſäumt, dann eilt herbei, den Feind zu empfan⸗ gen, und Ihr werdet mich wieder an Eurer Spitze finden!“ Clermont hielt dieſe Rede vom Roß herab zu den Seinigen, zu den rings dicht herangedrängten Bürgern, zu Frauen und Kindern. Der begeiſterte Ruf:„Es lebe die Freiheit, Tod den Tyrannen!“ war ihre Antwort. Und auseinander brauſte die Maſſe, um die Gaſſen von Paris bis in die äußerſten Vorſtädte zu durchſtürmen und Alles zum Kampf für den nächſten Morgen herbeizurufen. Achtundzwanzigstes Capitel. Mit dem Donner der Gewehrſalven, welcher die Haus⸗ genoſſen Deſormery's und alle Bewohner der Straße Mont⸗ martre ſo mit Schrecken und Schmerz erfüllte, hatten in der That die erſten Verſuche begonnen, die gährenden Ele⸗ mente des Volkswiderſtandes durch blutige Gewalt zu ver⸗ nichten. 8 In dieſem erſten ſchreckenvollen Augenblicke mußte frei⸗ lich die unbewaffnete, unvorbereitete Menge dadurch in be⸗ Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. II. 11 4 — 242 ſtürzte Flucht getrieben werden. Der Mord hatte begonnen. Wer wußte, ob er nicht raſtlos fortwüthen ſollte, ſo lange ſich ſeiner grimmigen Verwüſtung ein Gegenſtand darbot? Wer wußte, ob man nicht mit Feuer und Schwert Alles zu vertilgen entſchloſſen war, was der Willkür raſender Reichsverwalter einen Damm in den Weg zu thürmen vermochte? Auch die tapferſte Bruſt wurde daher zuerſt mit dum⸗ pfem, betäubendem Entſetzen erfüllt; der nächſte Gedanke aber war Grimm, war Nache! Selbſt das Ereigniß, welches in Deſormery's Hauſe alle Herzen mit tiefem Mitleid bewegte, vermochte in der Bruſt der drei jugendlichen Helden nicht das männlichere Gefühl der Erbitterung, den kraftvollen Entſchluß der Rache, des Widerſtandes zu unterdrücken.. Eduard hatte die niedergeſunkene Louiſon emporgerafft und legte ſie in die Arme ſeiner Schweſter. Dann aber rief er:„Hinunter, Freunde! Hinunter! Sollen wir hier müßig zuſchauen, wenn unſere Brüder erwürgt werden?“ Victor und Adolph ſtürzten ihm nach; alle Drei eilten hinab auf die Gaſſe, wo das Volk in haſtiger Flucht vor den anrückenden Schweizertruppen entfloh. „Wir müſſen Waffen haben!“ rief Victor und eilte in das Nebenhaus, wo er mit Eduard und ſeinem Bruder wohnte. In größter Haſt griffen ſie alle Drei nach ihren Säbeln und ſtürzten ſo wieder auf die Gaſſe hinunter. Der Strom der Volksmenge riß ſie eine Zeit lang mit ſich hinweg und führte ſie bis an die Straße du Mail. Gleich an der Ecke derſelben befand ſich ein Wachthaus, welches mit Linientruppen beſetzt war. Dieſe hatte der Offizier unters Gewehr treten laſſen. Ihre ernſte, ſtille Haltung drückte den Kampf ihres Gemüths aus, den ſie „ — 243— bei dem Gedanken empfinden mußten, die Waffen gegen ihre eignen Mitbürger zu wenden. Der Strom der Volks⸗ maſſen warf ſich in die Straße hinein; um die Truppen auf der Wache bildete ſich ein dichter Kreis. Man war, ſo ſchien es, geſpannt darauf, ob ſie in ihrer unbeweglichen Stellung beharren, oder ihre Waffen gegen die Bürger ge⸗ brauchen würden. Der Offizier ſtand mit an den Boden gehefteten Blicken; er ſchien von Verzweiflung gefoltert zu werden. Da erhob ſich im Volke ein Geſchrei des Jam⸗ mers, eine Bewegung, die näher und näher drang. Man ſah, daß ein Einzelner ſich mitten durch die Maſſe draängte. Plötzlich theilte ein herkuliſch gebauter, junger Menſch, mit nackten Armen und bloßen Füßen das Volk. Er hielt vor der Bruſt den Leichnam eines jungen Mädchens, die von den Kugeln der Schweizer getroffen war. Mit dem Aus⸗ druck des Zorns und der Wuth, zugleich aber mit ſtrömen⸗ den Thränen trug er das gefallene Opfer mitten vor die Reihen der Soldaten, legte die Leiche in ſeinem Arm gleich⸗ ſam zur Schau aus und rief:„So gehen Eure Kamera⸗ den mit den Töchtern von Paris um! Wollt Ihr ſie auch morden?“ In dem Ton der Stimme, in den einfachen, aber entſetz⸗ lichen Worten, lag eine Gewalt des Jammers, die ſich aller Herzen bemächtigte. Ein gepreßter Schrei drängte ſich aus je⸗ der Bruſt; unbeweglich ſtarrte jedes Auge die ſchöne, jugend⸗ liche Leiche an, der das Haar aufgelöſt über die Schultern herabwallte, deren bleiches Antlitz auf die Bruſt niederſank! „Seht her! Seht hieher!“ rief der Athlet, der ſie in den Armen hielt, mit einer Stimme, die ſchneidend in das innerſte Mark eindrang. Und zugleich zerriß er mit ver⸗ zweifelnder Heftigkeit das mit Blut gefärbte Gewand über der Bruſt des Mädchens, ſodaß der weiße Buſen hervor⸗ 11* 3 wallte.„Nein! Tiefer, tiefer!“ rief er wild und zerriß das Gewand weiter. Da drang ein dunkler Blutſtrom her⸗ vor und man erblickte die tiefe Todeswunde, welche die— Kugel in die junge Bruſt geriſſen hatte! 1A „Wer eine Schweſter hat, der blicke hieher! Sie iſt meine Schweſter! Wer eine Schweſter hat, der rufe Wehe, Nache über die Mörder bei dieſer blutenden Wunde!“ Cduard ſtand dem verzweifelnden jungen Manne ganz che. Dieſe furchtbaren Worte, der Ausdruck des halben Wahnſinns in den edlen Zügen des Unglücklichen, das blaſſe, ſchöne Antlitz des Mädchens, der dunkle Blutſtrom, der von ihrem Herzen herabquoll, das Bild ſeiner eigenen Schweſtern— Alles drängte ſich mit Gewalt vor ſeine Seele. Er war ſeiner nicht mehr mächtig; mit ſtrömen⸗ den Thränen ſprang er hervor, ergriff die Hand des Ver⸗ zweifelnden, zog mit der Rechten den Säbel und rief:„Bei dieſem Leichnam ſchwöre ich Rache den Mördern!“ „Rache! Rache!“ tobte die Menge.„Fort! Nach Hauſe! Zu den Waffen!“ So brauſte das Geſchrei durch⸗ einander und die Maſſen des Volkes zerſloben nach allen Seiten. Der Offizier der Wache rief Eduard, der, von der Ge. walt ſeiner Empfindungen wie betäubt, noch immer bei dem 2 Leichname des Mädchens und dem zur Bildſäule erſtarrten Bruder ſtand, die Worte zu:„Stoßen Sie mir den Säbel ins Herz! Endigen Sie meine furchtbare Lage!“ 2 Eduard ſah ihn ſtarr an;„unglückſeliges Vaterland!“ rief er ſtatt der Antwort aus,„unglückliches Frankreich! Deine Söhne werden gezwungen, einander zu erwürgen!“ „Victor und Adolph ergriffen den zu heftig Erſchütter⸗ ten und riſſen ihn mit ſich hinweg. Das Volk umringte den Unglücklichen, der neben ſeiner todten Schweſter auf — 245— die Knie geſunken war. Man nahm die Leiche auf die Schultern und trug ſie mit Wehklagen hinweg. Betäubt, ganz ermattet vor Wuth und Schmerz, folgte der Unglück⸗ liche, während der Strom der nachdringenden Menge ihn führte. Eduard, Adolph und Victor erreichten bald einen freie⸗ ren Ort, wo das Volk ſich ſchon verloren hatte. „Ich begreife nicht,“ ſprach Eduard,„daß mich das heftige Gefühl ſo furchtbar hinreißen konnte. Aber das Bild Eugeniens und Leontinens, wenn die mörderiſche Ku⸗ gel ſie getroffen hätte, trat mit ſo entſetzlicher Lebendigkeit vor meine Seele, daß ich ganz außer mir gerieth. Ich würde in dieſem Augenblicke allein in ein ganzes feindliches Heer geſtürzt ſein und in ſeinen Reihen gewüthet haben!“ Die Freunde ſtanden einige Minuten ſchweigend, düſter ſinnend neben einander. „Der Augenblick des Handelns iſt da,“ entgegnete Victor.„Ganz Paris muß ſich waffnen. Nicht einzeln, mit voller Macht muß man angreifen, damit halbe Maß⸗ rregeln nicht gar verderblich werden. Wir müſſen nach verſchiedenen Seiten die Kräfte des Volks in Bewegung bringen. Ich will hinaus in die Vorſtadt St. Antoine zu meinen redlichen Handwerkern; noch vor Abend hoffe ich an der Spitze einer tapferen Schar zu ſtehen.“ „So will ich in die Vorſtadt Montmartre und dort Leute werben,“ rief Adolph. „Und ich in die polytechniſche Schule,“ fiel Eduard ein.„Dort habe ich noch einige Freunde. Ich weiß, daß Frankreichs Jugend mit Begeiſterung zu den Waffen grei⸗ fen wird.“ „Wo treffen wir uns wieder?“ „Wer mag das beſtimmen?“ rief Victor aus.„Viel⸗ — 246— leicht im Kampf, wenn wir noch heute unſern Zweck erreichen.“ „Das halte ch kaum für möglich,“ entgegnete Adolph. „Ehe wir Leute mit Waffen und Munition ſammeln, und deren bedürfen wir, muß die Nacht hereinbrechen. Ver⸗ ſtändigung iſt durchaus nothwendig. Ich ſchlage daher vor, uns, wenn es uns möglich bleibt, um zehn Uhr bei den Unſrigen einzufinden.“ „Gut.“ Die Jünglinge trennten ſich. Eduard, deſſen Weg ihn wieder vor Deſokmery's Haus vorbeiführte, eilte einen Augenblick hinauf, um dieſem an⸗ zuzeigen, welche Entſchlüſſe von ihnen Dreien gefaßt wor⸗ den waren. Auf der Treppe bedachte er, daß dies vielleicht bei den ſchon ſehr bewegten Gemüthern der Frauen eine Abſchiedsſcene veranlaſſen würde, die er ihnen erſparen konnte; er beſchloß daher, nur dem Diener, Henry, anzu⸗ zeigen, daß ſowol er, als Victor und Adolph erſt um zehn Uhr nach Haus kommen würden. Leiſe ging er den Corri⸗ dor hinunter, nach dem Bedientenzimmer; allein indem er vor Louiſon's Gemach vorbeiging, öffnete ſich die Thür und Marie ſtand unvermuthet vor ihm. Sie ſah ſo bleich aus, Thränen erfüllten ihr ſchönes, blaues Auge, es mußte ſie ſo tiefer Kummer bewegen, daß Eduard ſie unmöglich an ſich vorübergehen laſſen konnte, ohne ſie anzureden. „Was iſt Ihnen, Marie?“ fragte er theilnehmend, faſt erſchrocken. „Können Sie fragen? Sie waren Zeuge von Dem, was zwiſchen dem Vater und Louiſon vorgegangen iſt. Die Arme iſt außer ſich— ich fürchte—“ A. Hier brach ſie in Thränen aus. Eduard nahm ſie ſanft bei der Hand. „Nein, Marie!— Fürchten Sie nichts Schlimmeres, als was geſchehen iſt. Wir ſind auf dem Gipfel des Schmerzlichen und gehen von nun an der Hoffnung und Freude wieder entgegen.“ Marie hatte ſich an ihn gelehnt und weinte ſanft.— Er vermochte nicht zu ſprechen; tiefer Schmerz und über⸗ drängende Seligkeit durchwallten zu gleicher Zeit ſeine Bruſt. Endlich brach ſie zuerſt das Schweigen. „O dieſe Tage des Unglücks! Wie vernichten ſie Alles, was unſer Herz hoffte! Wie zertreten ſie mit ehernem Fuß ſo plötzlich die Blüten unſeres ſtillen Glücks!“ „Marie!“ rief Eduard tief bewegt,„Marie! Ich kann dieſe Tage nicht ſo hart anklagen; mitten aus ihren Stür⸗ men und düſtern Gewölken ſchwebt ein holder, ſanfter Ge⸗ nius mir entgegen. Nur wenn er ſich von mir wendete, würde ich überall Nacht und Schrecken ſehen!“ Marie ſchlug das Auge nieder. Ihr Herz verſtand je⸗ des Wort, doch ſie wagte noch nicht, an ihr eignes Glück zu glauben, ja es ſchien ihr faſt frevelhaft, daran zu den⸗ ken, in der Zeit der Trübſal für Alle.——„Wollen wir nicht hinein?“ erwiderte ſie nach einigen Augenblicken des Schweigens mit banger Schüchternheit. Eduard wurde dadurch an Das erinnert, weshalb er ge⸗ kommen war. Plötzlich erſchien es ihm als ein Wink des Schickſals, daß gerade Marie ihm allein entgegengetre⸗ ten war. „Nein, Marie! Ich kam, um zu gehen. Theure Marie, vielleicht kehre ich nicht zurück! Entſetzliche Thaten ſind geſchehen, die furchtbare Sühne fordern. Wer noch ein Schwert führen kann, iſt berufen, es zu ziehen. Vic⸗ 248 tor, Adolph und ich gaben uns das heilige Wort darauf. Wir werden bewaffnete Männer ſammeln, ſie gegen die Söldlinge der Tyrannen führen! Vielleicht finden wir kei⸗ nen Augenblick der Muße mehr, um zu den Unſeren zu⸗ rückzukehren, bevor der Kampf beendigt iſt. Und wenn das blutige Spiel der Waffen erſt begonnen hat, wer weiß— fallen die Würfel des Todes nicht auch für unſer Haupt!— Marie! Dieſe Minute iſt vielleicht— hoffen will ich es nicht— aber ſie iſt doch vielleicht die letzte, in der wir uns ſehen; ihrer flüchtigen Eile muß ich ein Ge⸗ heimniß anvertrauen, daß ich gern einer ſüßen, friedlich ver⸗ weilenden Stunde übergeben hätte! Marie! muß ich es ausſprechen? Wenn Dein Herz es erräth, ſo iſt es mein ſeligſtes Glück— verſteht es dieſe Sprache nicht——“ Er hatte ihre beiden Hände gefaßt, drückte ſie heftig, zog die Zitternde, Verſtummende ſanft an ſich, ſie wider⸗ ſtrebte nicht und ſank in heiliger, ſeliger Liebe an ſeine Bruſt. „Noch halte ich Dich in meinen Armen! Noch biſt Du mein!“ ſprach er leiſe aber mit inniger Zärtlichkeit, „vielleicht wenn ich dieſe Arme öffne, umſchließen ſie Dich niemals wieder!“ Er zog ſie heftiger an ſich. „Nein, theurer Freund,“ antwortete ſie, indem ſie ſich mit einem Blick des gläubigen Vertrauens halb zu ihm, -halb gen Himmel wandte,„nein, Gott wird dieſen Bund nicht ſchließen, um ihn grauſam zu zerreißen. Mein Herz ſchlägt in gläubiger Zuverſicht.“ Sie entzog ſich ſeinen Armen und ſprach emporgerichtet mit edlem Feuer:„Geh, das Vaterland fordert Dich! Gehorche ſeinem Ruf! Iſt meine Liebe Dein Glück, ſo ſei ſie auch Dein Stolz! Nie könnte ich Dir gehören, wenn Du Dich dem Vaterlande verweigerteſt, um Deiner Liebe willen!“ Und jetzt duldete ſie ſeine Umarmung nicht nur, ſie * — — — 240— erwiderte ſie aus voller Seele, und im edeln Selbſtgefühl erröthete ſie nicht, ihre ganze Liebe in heißen Küſſen zu enthullen. Denn ſchon fühlte ihr groß ſchlagendes Herz Pflichten ihres Glücks, da ſie kaum die erſten Blüten ſeiner Gaben pflückte. Eduard riß ſich endlich los. „Lebe wohl! Tröſte die Mutter, die Schweſtern!“ rief er ihr zu. „Lebe wohl!“ hauchte ſie ihm mit ſanfter Innigkeit der Liebe nach— und jetzt brach ihr weiches Herz faſt in Thränen. „Iſt es denn wahr?“ fragte ſie ſich.„So ſchnell hat mich das höchſte Glück in ſeine Arme genommen? Und eben ſo ſchnell droht mir das herzzerreißendſte Weh?— Nein, nein! So grauſam prüft der Gott der ewigen Liebe und Gnade nicht!“ Mit ſanfter Faſſung trat ſie in die vordern Zimmer ein, um zu den Frauen zurückzukehren, welche, nachdem man die erkrankte Louiſon auf ihr Gemach geführt hatte, zu Deſormery ins Zimmer gegangen waren und ihn trö⸗ ſtend umgaben. Der Vater ſaß auf dem Sopha und hatte das Haupt ſchwermüthig in die Hand geſtützt. Er ſchien jetzt ſelbſt das unruhige Treiben anf der Gaſſe, den entfernten Lärm der Trommeln, das Geräuſch der Waffen, das Anrufen der Patrouillen nicht zu vernehmen. Als Marie eintrat, fühlte ſie die Nothwendigkeit, ohne Säumen ihr ganzes Herz dem Vater zu eröffnen. Wes⸗ wegen ſollte ſie hier auch ein Geheimniß hegen? Dem Va⸗ ter war ſie das Geſtändniß ſchuldig; der Mutter des Ge⸗ liebten, die ſie gleich einer eignen ehrte, ſeinen Schweſtern, 11*ᷣ* an denen ihr ganzes Herz hing— hätte ſie ihnen ihr Glück verſchweigen ſollen? „Theurer Vater!“ ſprach ſie ſanft,„ich weiß mein Glück iſt Dein eignes.— Und wenn es ſich nun wunderbar ge⸗ fügt hätte, daß in der düſtern Stunde des allgemeinen, ſchweren Unglücks mir das heiligſte, ſeligſte Glück erblühen ſollte— würde Dir das nicht ein Zeichen ſein, daß Gottes Gnade und Liebe noch ſichtlich über uns waltet und uns nach langer Prüfung glückſelige Tage vorbehält?“ „Marie!“ ſprach Deſormery wie aus einem Traum erwachend,„rede, ſprich!“ „Liebe Mutter, es geht auch Dich an,“ wandte ſich Marie mit gerührter Stimme zu Frau von Clermont, die bei dem Worte„Mutter“ ſchon in freudiger Ahnung zitterte. „Ja, liebe Mutter!“ wiederholte Marie.„Denn Du wirſt es mir ſein. In dieſem Augenblick iſt mein Herz gewählt worden und hat gewählt. Ich bin Eduards Ver⸗ lobte! Werdet Ihr das Band zerreißen wollen?“ Sie reichte die linke Hand zu Frau von Clermont hinüber, die rechte ihrem Vater entgegen. Dieſer ſprang auf und drückte die Tochter in freudiger Bewegung ſprach⸗ los ans Herz. „Meine Tochter! Meine theure Tochter!“ rief Frau von Clermont und legte ihr die Hand ſegnend auf das Haupt. „Aber wo iſt mein Sohn?“ „Unſer Finden war unſer Scheiden,“ ſprach Marie; „er iſt, wohin das Vaterland ihn ruft. Auch Victor, Adolph; es bedarf der tapfern Arme, der Waffen. Sie werden ſie führen!“ Leontine und Eugenie hatten, anfangs nur freudig be⸗ wegt, bang die letzten Worte vernommen und drängten 3 —— —— ſich ängſtlich näher zu Marien heran. Dieſe reichte Beiden die Hand.„Hier ſtehen wir drei verlaſſene und doch drei glückliche Bräute! O, meine Schweſtern! Frevelt nicht durch Verzagen an Euerm Glück! Denkt, wie ſchwer und ſchmerzlich manches Herz dulden muß!“ Sie dachte an Louiſon. Eiine ſtille, feierliche Rührung herrſchte in dem Gemach unter den liebenden Menſchen, denen namenloſes Glück und ſchneidender Schmerz ſo ſeltſam zugleich in dem Becher des Lebens gemiſcht wurde. Wenige Minuten ſpäter trat Betty ein, welche pflegend und wartend bei der in heftiger Fieberwallung zu Bett ge⸗ führten Louiſon zurückgeblieben war. Sie berichtete, daß die Kranke ſanft eingeſchlummert ſei. Marie theilte auch ihr das beglückende Ereigniß mit.„O, wie ſchön!“ rief das treue Herz, und ein roſiger Schimmer der Freude flog über ihr blaſſes, kummervolles Antlitz. Die Stunden vergingen raſch, aber bang und fortwäh⸗ rend mit düſtern Errigniſſen drohend. Mehr und mehr er⸗ fuhr man, daß die ganze Volksmenge von Paris aufſtehe und zu den Waffen greife, um den Kampf mit der Ge⸗ walt zu verſuchen. Von Zeit zu Zeit hörte man noch in einiger Entfernung ſchießenz doch war die Straße Mont⸗ martre, durch ſtarke Piquets und Patrouillen beſetzt, von eigentlichen Unruhen und Kämpfen jetzt frei. Um ſo beſorg⸗ ter wurde man jedoch für das Schickſal der drei jungen Helden und fing an, es zu bezweifeln, daß ſie mit der Nacht zurückkehren würden. Die Dämmerung des Abends brach an. Gegen neun Uhr hörte man ein zweimaliges heftiges Schießen und be⸗ merkte eine große Bewegung unter den aufgeſtellten Trup⸗ pen. Es war das Gefecht in der Straße St. Honore. — 252— O, hätten ſie ahnen können, wer dort der Führer im Kampfe war! Es wurde ganz dunkel; denn der Himmel hatte ſich mit düſterm Gewölk bezogen und alle Laternen in der gan⸗ zen Straße waren zerſchmettert. Die Piquets der Truppen ſchienen die tiefe Finſterniß zu fürchten und zogen ſich auf die Hauptmaſſe nach dem Louvre und den Tullerien zurück. Zehn Uhr war vorbei. In der Straße herrſchte eine um dieſe Zeit ungewohnte, aufſallende Stille. Aengſtlich horchten die Frauen auf jeden Schritt, der ſich hören ließ, in der Hoffnung, es werde Eduard oder Victor ſein.— Jetzt pochte es am Hauſe, und zugleich hörte man Victors Stimme. Freudig athmete man auf. So war doch einer der Theuern zurückgekehrt. Haſtigen Schrittes trat er ein.„Eduard und Adolph ſind noch nicht hier?“ war ſeine erſte Frage. Und kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als man ſchon Beide im Vor⸗ ſaal hörte. Welche Umarmungen! Welche Ergüſſe der Liebe, der Zärtlichkeit, der ſchweſterlichen Anhänglichkeit! „Nun? Und was geſchieht, oder was iſt geſchehen?“ fragte Deſormery. „Morgen beginnt ein furchtbarer Kampf,“ ſprach Victor. „Die ganze Vorſtadt St. Antoine rüſtet ſich. Man hat mehre tauſend Gewehre aufgebracht. Eine Menge ehema⸗ liger Offiziere ſtehen an der Spitze der Bürger. Auch ich habe ein Commando übernommen.“ „Eben ſo iſt es in den Vorſtädten St. Martin, St. Denis, la Poiſſonniere und Montmartre,“ antwortete Adolph.„Auf dem Boulevard Montmartre iſt eine An⸗ zahl von vielen tauſend Bürgern verſammelt. Dort werde ich die Nacht im Bivouac zubringen. Mit dem früheſten — 253— greifen wir die Kaſernen an; es iſt Hoffnung, daß alle Linientruppen zum Volke übergehen.“ „Zum Theil iſt es ſchon geſchehen!“ rief Eduard.„Ich war in der polytechniſchen Schule. Dort rüſtet ſich Alles, ſo viel man vermag. Ein früherer Schüler kam noch ſo eben hinaus und forderte gleich mir die jungen Leute auf, die Waffen zu ergreifen. Er erzählte, daß ein ehemaliger Oberſt ſich bereits an die Spitze des Volks geſtellt und in der Straße St. Honore bedeutende Vortheile über die Trup⸗ pen errungen habe. Auf ſeinen Rath iſt die ganze Gegend dort mit Barricaden geſperrt. Auf einem großen Umwege haben ſich Männer in die Theile der Stadt jenſeit des Louvre begeben, um dort ebenfalls zur Errichtung von Bar⸗ ricaden aufzufordern. Schon iſt man in voller Thätigkeit. Alle Straßen ſind finſter, die Patrouillen wagen ſich nicht hinein, weil aus den Fenſtern mehrer Häuſer Schüſſe auf ſie gefallen ſind und Steine herabgeworfen werden. Ueberall wird das Pflaſter aufgeriſſen und man verbaut alle Eingänge der Querſtraßen. Mit Tagesanbruch ruft die Sturmglocke die Bewohner der ganzen Stadt unter Waffen. Uebrigens iſt der Befehl von St. Cloud gekom⸗ men, Paris in Belagerungszuſtand zu erklären, und Mar⸗ ſchall Marmont iſt zum Commandanten ernannt. Man muß daher erwarten, daß morgen bedeutende Streitkräfte zum Angriff auf das Volk entwickelt werden. Sind wir auch noch nicht im Stande, ſelbſt anzugreifen, ſo wird ſich durch die Barrikaden wenigſtens ein furchtbares Syſtem der Vertheidigung bilden, an welchem die Kräfte der in Paris verſammelten Truppenmacht durchaus ſcheitern müſſen. Der Sieg muß auf der Seite des Volkes ſein!“ „Gott gebe es! Aber es wird große Opfer koſten!“ ſprach Deſormery. „Fallen iſt rühmlich!“ entgegnete Eduard feſt.— „Freunde! Wir müſſen fort auf unſere Poſten. Kein wackerer Bürger von Paris darf dieſe Nacht in müßiger Ruhe zubringen.— Mutter! Vater! Marie!— Meine Schweſtern! Lebt wohl!“— Er umarmte raſch die Seinigen und eilte hinaus. Victor und Adolph folgten ihm. Frau von Clermont und ihre beiden Töchter, eben ſo Betty, blieben dieſe Nacht in Deſormery's Hauſe. Er wollte nicht, daß ſie in ſo gefahrvoller Zeit allein in ihrer Woh⸗ nung bleiben ſollten. Trotz der ängſtlichen Spannung des Gemüths fühlten ſich Alle erſchöpft. Deſormery drang darauf, daß man zur Ruhe gehen ſolle.— Es geſchah. Aber kaum hatten die Frauen das Gemach verlaſſen, als Marie athemlos wieder hereinſtürzte und rief:„Um Gottes willen, Vater! Loui⸗ ſon iſt entflohen!“ Dieſer Ruf erſchallte mit fürchterlichem Klang durch die ſtillen Gemächer des Hauſes; die Frauen, welche ſich eben erſt gedrängt hatten, ſtürzten herein und umringten MNarien, die, bebend in einen Seſſel geſunken, in heftiger Wallung kein Wort hervorzubringen vermochte. In ihren zitternden Händen hielt ſie ein Papier, welches der Vater, der zuerſt darauf aufmerkſam wurde, ihr entnahm und las. Es enthielt die Worte: „Schweſter! ich muß ihn ſehen, ihn ſprechen. Ich habe zu ſchwer an ihm gefrevelt, verſöhne ich ihn nicht, ſo kann ich mein Leben nicht mehr ertragen. Vielleicht rafft ihn der Kampf ſchon morgen hinweg, dann iſt es für ewig zu ſpät, ihm ein reuiges Herz zu zeigen. Ach, ich will ihm ja nicht mehr gehören, nur überzeugen will ich ihn, daß ich ihn liebe, daß die tiefſte Reue meine Bruſt zerreißt. Darum muß ich ihn aufſuchen und wäre ganz Paris in —I— —O— — ——p Waffen.— Schweſter! Sage dem Vater Alles, flehe ihn an, daß er mir nicht fluche, mich nicht verſtoße! Lebe wohl! Deine Louiſon.“ Ein tiefes, banges Schweigen herrſchte, als Deſormery dieſe Worte vorgeleſen hatte. Marie, die noch immer nicht zu ſprechen vermochte, ergriff ſeine Hand und ſah ihn bittend an. „Nein! Ich werde ihr nicht fluchen,“ ſprach der Vater erſchüttert;„ſie iſt eine Unglückſelige!— Ach, und bin ich ſelbſt denn nicht ſchuldig?— Verworren war ihr Sinn ſtets, ſelbſt in ihrer Liebe. Mag ſie den Verſuch, ſich zu heilen, unternehmen! Ich will den Himmel bitten, daß er ihre Schritte beſchütze.“ Man ſaß ſchweigend beiſammen. Endlich fragte De⸗ ſormery: „Aber wie verließ ſie das Haus? Allein oder beglei⸗ tet?— O, fragt doch nach!“ Henry wurde herbeigerufen. Er berichtete, daß, nach⸗ dem er zuvor Victor die Pforte des Hauſes geöffnet, ihm beim Hinaufgehen auf der Treppe ein junger Menſch mit einer tief ins Geſicht gedrückten Mütze und im umgeſchla⸗ genen Regenmantel begegnet ſei. Möglich ſei es, daß Fräulein Louiſon dieſe Verkleidung gewählt habe, um aus⸗ zugehen. „Begleitete ſie Jemand?“ „Ich habe Niemand geſehen.“ „Nicht vielleicht Gautier?“ „Der hat das Haus ſchon wieder verlaſſen, ſo wie das Volk zerſtreut war und nur Soldaten die Gaſſe beſetzt hielten.“ „Kannteſt Du die Kleidung?“ „Ich möchte es nicht mit Gewißheit behaupten, doch — 256— glaube ich, daß der Hauptmann Lormeuil einen Man⸗ tel dieſer Art beſitzt, den ſein jüngerer Bruder, als er das letzte Mal zum Beſuch hier war, bei ihm zurückge⸗ laſſen hat.“ „Es iſt richtig. Ich habe den jungen Menſchen ſelbſt in dieſer Kleidung geſehen. Es iſt ein dunkelblauer, leich⸗ ter Regenmantel von engliſchem Zeuge.“ „Ganz recht.“ „Iſt das Zimmer des Hauptmanns offen?“ Henry ging nachzuſehen; er fand es verſchloſſen. Doch erinnerte er ſich, daſſelbe in der Dämmerung, als Gautier noch zu Hauſe war, offen geſehen zu haben. 9„Was iſt zu thun?“ fragte Deſormery.„Ich muß ſie hrem Schickſal überlaſſen. O Gott, in welche Gefahren ann die Unglückliche ſich geſtürzt haben!“ MNaach dieſem Ereigniß war es natürlich, daß der Schlaf die ſchon ſo heftig aufgeregten Gemüther floh. Und um ſo mehr, als es nach und nach auf der Gaſſe wieder anfing unruhig zu werden. Dieſe Bewegung nahm zu, und noch vor Mitternacht waren die Bewohner des Viertels in voller Thätigkeit, Barricaden aufzuwerfen. Der Ruf:„Licht an die Fenſter!“ erſcholl von der Straße herauf. In kurzem waren alle Häuſer hell erleuchtet und die Gaſſe mithin deutlich zu überſehen. Aller Hände regten ſich in voller Thätigkeit. Kleine Mädchen und Knaben riſſen das Stein⸗ pflaſter auf, Frauen trugen in Körben die Steine als Waffe in die Häuſer.. 3 Da erhob Frau von Clermont zuerſt ihre Stimme. „Lieber Oheim,“ ſprach ſie,„in Zeiten des Unglücks, wie wir ſie tragen müſſen, iſt eifrige Thätigkeit die feſteſte Stütze, die heilſamſte Arznei der Seele. Ich ſehe Frauen — p, — 257— gebildeter Stände auf der Gaſſe beſchaftigt. Auch wir wol⸗ len nicht müßig ſein. Ich entſinne mich, daß ich als klei⸗ nes Mädchen in Toulon während der Belagerung hülfreiche Hand bei der Pflege der Verwundeten leiſten mußte. Dür⸗ fen wir wähnen, daß der morgende Tag ohne Opfer ſein werde? Laſſen wir das Werk der rauhen Thätigkeit auf der Gaſſe den Männern oder ſtärkeren Händen. Wir Frauen aber wollen uns darauf bereiten, Denjenigen Pflege und Labung zu gewähren, die morgen für uns bluten müſſen.“ Ein edles Feuer belebte das Antlitz der würdigen Frau bei dieſen Worten; ſie richtete ihren Blick in die große, thatenreiche Vergangenheit Frankreichs, in der ihre Seele zu feſten, männlichen Entſchlüſſen, zu der Kraft, ein großes Geſchick würdig zu tragen, gereift war. Deſormery unterſtützte ihren Vorſchlag mit Lebhaftigkeit. Sogleich gebot er, drei Zimmer für die Aufnahme Ver⸗ wundeter einzurichten. Der ganze Vorrath des Hauſes an Linnen wurde herbeigeholt; die Frauen ergriffen Nadel und Scheere, und bereiteten alle Hülfsmittel des Verbandes. So waren auch ſie bald in voller Thätigkeit bei weiblichen Werken der Pflege und Sorge, wahrend draußen auf der beleuchteten Gaſſe die rauheren, männlichen Kriegsarbeiten vollendet wurden. In dieſer Regſamkeit ſchwanden ihnen die Stunden der bangen, ſchmerzlichen Nacht ſchnell dahin. — 258— Neunundzwanzigstes Capitel. Louiſon, die unmittelbar nach jenem bewußtloſen Nieder⸗ ſinken in heftiges Fieber gefallen und zu Bett gebracht wor⸗ den war, ſank endlich in einen Schlaf der Ermattung und Crquickung zugleich. Betty hatte bis dahin als Waͤrterin n ihrem Lager geſeſſen; ſie verließ ſie nunmehr, um ſie n der Ruhe zu lberlaſen. Mehrmals nach war die wohlwollende Pflegerin zurückgekehrt, hatte das Ohr lau⸗ ſchend an die Thür gelegt, dieſe leiſe geöffnet, den Namen der Schlummernden halblaut gerufen und ſich ſo überzeugt, daß ſie in den ſtärkenden Armen eines feſten Schlafes ruhe. Und ſo war es. Erſt mit der ſinkenden Sonne, als der Widerſchein des Abendroths in das dämmernde Gemach fiel, erwachte Louiſon und fühlte ſich körperlich völlig wohl und ſtark. Aber auf ihre Seele ſank das ganze Gewicht ihrer Schmerzen mit verdoppelter Laſt herab. Jetzt erſt vermochte ſie ruhig zu überblicken, was ſeit dem Morgen geſchehen war. Sie entſann ſich, den Vater gebeten zu haben, ſich das Geheimniß des Briefes von der Schweſter enthüllen zu laſ⸗ ſen, und durfte überzeugt ſein, daß es geſchehen war. Vor dieſem alſo mußte ſie ſich für gerechtfertigt halten. Nur Lormeuil, gegen deſſen treues Herz ſie ſich ſo ſchwer ver⸗ gangen hatte, war der Einzige, dem ſie nicht nur in der alten, ſondern in viel vergrößerter Schuld durch gleichgülti⸗ ges Schweigen auf ſeinen Brief erſcheinen mußte. Sie hörte in ihr ſtilles Gemach hinein das ferne dumpfe Kriegsgeräuſch, die Trommeln, die Trompeten, endlich das Schießen in der Straße St. Honore. — — Der Kampf war alſo ausgebrochen. Vielleicht ſah Lor⸗ meuil das Licht des nächſten Tags nicht mehr; er ſollte dieſe Erde verlaſſen, ohne das ſchmerzlich bereuende Herz Derjenigen geſehen zu haben, die ihm vielleicht die letzten Augenblicke des Lebens mit bitterm Gift erfüllt hatte! Dieſer Gedanke laſtete mit den Schrecken der ewigen Strafen auf ihrer Seele. Da faßte ſie den Entſchluß, und wir dürfen ihn den edelſten, frei ſittlichſten ihres bisheri⸗ gen Lebens nennen, Alles zu wagen, um ihr Vergehen zu ſühnen.— Sie entſann ſich, daß in Lormeuil's Zimmer einige Kleidungsſtücke ſeines Bruders, eines jungen Men⸗ ſchen von ſechzehn Jahren, der bei Paris auf dem Lande erzogen wurde und ihn bisweilen beſuchte, befindlich ſein mußten. Sie wußte von einer früheren Verwechſelung her, daß der Schlüſſel des Speiſezimmers auch Lormeuil's Thür ſchließe. Dies gab ihr den verwegenen Plan ein, in jenen Kleidern bis zu ihm zu dringen. Leiſe ſchlich ſie an die Thür des Speiſezimmers, zog den Schlüſſel aus, öffnete Lormeuil's Gemach, fand die ge⸗ ſuchten Kleidungsſtücke und ſchlüpfte mit dieſem koſtbaren Raub wieder in ihr Zimmer zurück. Hier ſah ſie, daß ſie in der Dunkelheit nichts weiter bedürfe, als den Mantel überzuwerfen und ſich die Mütze tief in das Geſicht zu drücken. Schnell ordnete ſie ihr Haar, ſchrieb die Ab⸗ ſchiedsworte an Marien und erwartete nun mit bangem, pochendem Herzen die völlige Dunkelheit. Jetzt verließ ſie das Gemach, gelangte bis an die Hausthür, fand ſie aber verſchloſſen, da Deſormery dies wegen der Unruhen auf der Gaſſe zu ungewohnter Zeit befohlen hatte. Noch ſann ſie darüber nach, wie ſie dieſes Hinderniß beſiegen könne, als des anpochenden Victors Stimme ertönte; beſtürzt eilte ſie hinauf, als ſchon Henry die Treppe herabkam. Voller — 260— Angſt drückte ſie ſich in eine Niſche der Wand und ließ den Diener an ſich vorübergehen. Sie hörte, daß er die Thür in der Eile nicht wieder verſchloß; dieſen Augenblick mußte ſie benutzen. Dicht in den Mantel gehüllt, und mit dem Anſchein, als komme ſie aus den oberen Stockwerken des Hauſes, ging ſie daher an Victor und Henry vorüber und erreichte glücklich das Freie. Jetzt athmete ſie leichter. Allein kaum war ſie wenige Schritte gegangen, als ſie von neuem heftig erſchreckt wurde; es kamen nämlich zwei im eifrigen Geſpräch be⸗ griffene junge Männer raſchen Schritts auf ſie zu, die ſie ſofort an dem Ton der Stimme für Adolph und Eduard erkannte. Beide gingen indeß an ihr vorüber, ohne auch nur zu ahnen, wer in der Hülle des Mantels verbor⸗ gen ſei. Mit pochender Bruſt verfolgte die zitternde Verwegene jetzt die Straße Montmartre bis an die Straße du Mail, um durch dieſe nach der Straße la Vrilliére zu gehen, wo ſich die Bank befindet, deren Wache Lormeuil bezogen haben ſollte. Allein an der Ecke der Straße du Mail ſtand ein Pi⸗ quet Soldaten, welches jedem den Durchgang zu verwehren ſchien. Louiſon wagte es nicht, den Verſuch zu machen, ſondern ging weiter bis an die Straße Foſſie Montmartre, die jedoch ebenfalls mit Soldaten beſetzt war. Zitternd ging ſie auch hier weiter und beſchloß, den Verſuch bei der Straße der alten Auguſtiner zu machen. Da hörte ſie plötzlich ein dumpfes Geräuſch und gleich da⸗ rauf einen lauten Schrei. Sie fuhr zuſammen; das Ge⸗ räuſch, welches deutlich dem Fall ſchwerer hoch herabgewor⸗ ſener Körper glich, erneuerte ſich, und in demſelben Augen⸗ blick ertönte auch wieder der Schrei einiger Getroffenen. Die — —— —,— —e—— — 261— Soldaten kamen in Bewegung, denn man warf in der Finſterniß Steine und ſchwere Blumentöpfe aus den obern Stockwerken auf ſie herab. Einige ſtürzten die Straße hinunter, andere riefen:„Legt Feuer an die Häuſer der Verräther!“ Urplötzlich drang dicht vor Louiſon ein Schwarm Soldaten aus der Straße der Auguſtiner und ein gleicher dicht hinter ihr aus der Straße Foſſeée Montmartre hervor, die beide vollen Laufs die Straße in der Richtung nach der Seine zu hinabeilten, ſodaß die Erſchreckte, ehe ſie noch wußte, ob ſie flüchten ſollte, ſich mitten unter ihnen befand. Da ſauſte es pfeifend durch die Lüfte und praſſelnd fuhr ein dichter Hagel von Steinen herab, die zum Theil dicht neben Louiſon niederſchlugen. Voll Schrecken ſtand ſie ſtill. Die Soldaten ſtürzten an ihr vorbei und riefen: „Wir ſind verrathen, rettet Euch!“ Der Schwarm flüch⸗ tete aufs eiligſte, doch hinter ihm her fielen mehre Schüſſe. Eben ſo ſchnell, wie ſich Louiſon von den Kriegern um⸗ ringt geſehen hatte, fand ſie ſich auch jetzt wieder allein auf der Gaſſe. Athemlos erreichte ſie die Ecke der Auguſtiner⸗ Straße und ſah ſie zu ihrer großen Freude jetzt ganz un⸗ „beſetzt von Truppen. Eilig wandte ſie ihre Schritte in die⸗ ſelbe hinein. Da ſtieß ihr Fuß an Etwas, das im Wege lag, ſie ſtrauchelte, fiel und fand ſich zu ihrem grauſenden Entſetzen dicht an der Seite eines ſterbenden Soldaten, der eben die letzten Athemzüge aus der von einem ſchweren Stein zerſchmetterten Bruſt ausröchelte. Sie hatte halb auf dem Körper des Sterbenden gelegen und konnte es nicht vermeiden, ihn beim Aufrichten zu be⸗ rühren. Schaudernd fühlte ſie die letzten krampfhaften Zuckungen des ſchwer Verwundeten; ein dumpfer Laut der Qual preßte ſich aus der zerſchmetternden Bruſt des Un⸗ glücklichen hervor, er krümmte ſich noch einmal convul⸗ — 262— ſiviſch zuſammen, faſt als wolle er ſich aufrichten, und fiel dann regungslos, mit ſchlaff herabſinkenden Armen zurück. Louiſon ſtand wie angewurzelt; die Füße verſagten ihr den Dienſt, ſie vermochte keinen Schritt vorwärts zu thun. Da hörte ſie wieder verwoörrene Stimmen vieler Männer, die von der Straße Montmartre herankamen; jetzt trieb die Angſt ſie gewaltſam fort und ſinnlos ſtürzte ſie die dunkle Gaſſe hinunter. Sie ſah und hörte nicht, was um ſie her vorging, eine Art von Betäubung hatte ſich ihrer bemäch⸗ tigt. Da donnerte ein rauhes„Qui vive!“ ihr ins Ohr und, als ſie erſchrocken emporfuhr, ſah ſie drei Bajonnet⸗ ſpitzen vor ſich. In der erſten Beſtürzung verſagte ihr die Sprache, da ſie aber aus dem fremden franzöſiſchen Accent des Soldaten, der ſie fragte, wer ſie ſei und wohin ſie wolle, hörte, daß es ein Schweizer war, ſchlug ihr das Herz in neuer Hoffnung. „Ich wünſche den Hauptmann Lormeuil auf der Wache an der Bank zu ſprechen,“ antwortete ſie mit möglichſt ge⸗ faßter Stimme. „Was wollt Ihr von dem Hauptmann? Wer ſeid Ihr? „Ich bin ſein Bruder. Vor zwei Stunden bin ich in Paris angekommen und habe ihn dringend zu ſprechen. 4 „Wir können Euch nicht ſo hindurch laſſen und haben nicht Zeit, Euch auf die Wache zu geleiten— ℳ „Um des Himmels willen,“ fiel Louiſon flehend ein, „ich muß den Hauptmann ſprechen. Ich bitte Euch drin⸗ gend, gebt mir einen Eurer Leute mit.“ 8 „Geht nicht an,“ ſprach der Unteroffizier rauh,„wir müſſen erſt die Patrouille vollenden. Wenn Ihr uns da⸗ bei begleiten wollt, ſo wollen wir Euch nachher zum Haupt⸗ mann führen.“ Louiſon mußte ſich entſchließen zu folgen. Man nahm ——— * — 263— ſie gleich einem Gefangenen in die Mitte und ſchritt vor⸗ wärts; ſie folgte zitternd, faſt bewußtlos, aber entſchloſſen, nun Alles über ſich ergehen zu laſſen. Die Patrouille, im Ganzen etwa zwölf Mann ſtark, nahm den Weg zurück, den Louiſon eben gekommen war. Nach wenigen Minuten ſtieß ſie daher auch auf jenen Hau⸗ fen von Leuten, deren lärmendes Herankommen die beſtürzte Flucht Louiſon's verurſacht hatte. Der Unteroffizier rief an: „Wer da!“ Alles verſtummte.„Antwort! oder ich gebe Feuer!“— Kein Laut ließ ſich vernehmen.—„Legt an! Feuer!“ Die Schüſſe krachten. Ein furchtbares Geſchrei der Wuth erhob ſich hierauf und eine dichte Wolke von Steinen umſchwirrte die Köpfe der Schweizer. Sie woll⸗ ten flüchten, der Unteroffizier aber rief:„Fällt's Gewehr!“ und drang mit ſeinen wenigen Leuten gegen den Haufen vor. Jetzt aber fielen Schüſſe aus den Fenſtern, Steine wurden von oben herabgeſchleudert und die Patrouille ſah ſich daher genöthigt, ihren Rückzug anzutreten. Zum Glück für Louiſon war einer der Leute in der Schulter verwun⸗ det worden und man mußte daher ſofort den Weg nach der Wache nehmen, um den ſchwer verletzten Mann durch einen andern zu vertauſchen. Da der Unteroffizier ſeinen Rückzug kaltblütig, mit geladenem Gewehr antrat, wurde er auch nicht weiter von der Menge beunruhigt. Jetzt ſtand man vor der Wache.— Ein düſteres Feuer⸗ becken beleuchtete den Platz vor derſelben. Einige Schwei⸗ zer ſaßen auf dem Boden, andere ſtanden am Feuer. Der Unteroffizier ging nebſt dem Verwundeten hinein, ſeinen Bericht abzuſtatten. Louiſon harrte zwiſchen der übrigen Mannſchaft mit angſtvoll pochendem Herzen. Endlich trat ein Schweizer heraus und rief:„Der Bruder des Capi⸗ tains ſoll eintreten.“ — 264— Louiſon folgte dem Führer. „Hat der Hauptmann ein eigenes Zimmer?“ fragte ſie ſchüchtern. „Ja, aber jetzt eben ſind mehre ſeiner Kameraden darin und er hat Dienſtgeſchäfte in der Wachtſtube der Leute.“ Noch ehe Louiſon ſich beſinnen konnte, was ſie thun ſolle, öffnete der Schweizer die Thür der Wachtſtube, wo Lormeuil beim düſtern Schein einer Lampe ſaß und Nap⸗ porte unterzeichnete. „Euer Bruder, Capitain!“ ſprach der Schweizer. Lormeuil ſtand auf, ging auf Louiſon, die in einer dunkeln Ecke des Gemachs ſtehen geblieben war, zu und ſprach mit dem Ausdruck des Erſtaunens:„Rene, es iſt mir lieb, Dich zu ſehen, aber wie kommſt Du mitten in der Nacht hieher!— Tritt doch näher!“ Louiſon that einen furchtſamen Schritt vorwärts. „Ich glaube, Du fürchteſt Dich unter Soldaten!“ Voller Angſt trat Louiſon näher, reichte dem Haupt⸗ mann die dargebotene Hand hin und ſprach leiſe:„Ich bin nicht Ihr Bruder! Aber um Gottes willen verrathen Sie mich nicht hier!“ Lormeuil ſtutzte, er blickte näher hin, halb erkannte er Louiſon's Züge, halb ſchien ihm ihre Gegenwart unmöglich. Leiſe, aber voll äußerſten Erſtaunens, fragte er:„Louiſon? Sind Sie's?“ „Ich bins, ich muß Sie allein ſprechen.“ Die ſeltſame Art, wie der Hauptmann mit ſeinem Bruder ſprach, fing an, Aufmerkſamkeit bei den Leuten auf der Wache zu erregen. Lormeuil bemerkte es und ſchnell ge⸗ faßt ſprach er:„Dieſer junge Mann, Unteroffizier, iſt zwar nicht mein Bruder, aber mir doch ſehr wohl bekannt. Va blieb für dieſe unruhige Nacht keine andere Zuflucht, — 265— als zu uns. Ich danke Ihnen, daß Sie ihn hierher ge⸗ bracht haben.“—„Kommen Sie, Eduard,“ fuhr er ver⸗ ſtellt fort,„begleiten Sie mich auf mein Zimmer.“ Dabei nahm er Louiſon an der Hand und ging mit ihr über den dunkeln Raum eines ſchmalen Ganges auf ſein Zimmer hinüber, wo drei Offiziere ſaßen und auf Lormeuil warteten. 1 „Freunde!“ rief der Hauptmann im Eintreten,„es thut mir leid, daß ich Euch verjagen muß; allein dieſer junge Mann hat mir Entdeckungen von der größten Wichtigkeit zu machen, bei denen ich für den Augenblick jeden Zeugen zu entfernen gezwungen bin.“ „Wir werden draußen auf⸗ und abgehen,“ ſprach einer der drei Offiziere, und Alle verließen ſofort das Gemach. „Louiſon! Träume ich, oder iſt es Wahrheit! Sind Sie's ſelbſt!“ „O Lormeuil! Ich bins! Allein mich vernichten Scham, Reue und Schmerz, da jetzt der Augenblick gekom⸗ men iſt, wo ich Ihnen geſtehen ſoll, was mich herführt.— Sie haben mir geſchrieben!— Ich kränkte Sie oft! O daß ich dieſen Vorwurf abweiſen könnte! Lormeuil, ich muß mich ſchwer anklagen! Mein eitles Herz ſpielte mit den heiligſten Gefühlen! Jetzt, da ein furchtbares Schickſal alle Bande zwiſchen uns zerreißt, jetzt erſt erwache ich aus meinem Traum und ſtehe vernichtet von meiner Schuld. Lormeuil, können Sie mir jemals vergeben! Ich mußte reuig vor Sie treten, ehe vielleicht ein ehernes Geſchick zwiſchen uns und das Leben tritt und ruft:„„Zu ſpät““ — Vergeben Sie mir!“ Lormeuil vermochte anfangs den Sinn dieſer Worte kaum zu faſſen; er ſtarrte Louiſon an, als ob ein Wunder ſich vor ſeinen Augen begeben. Träumte er, hatte Wahn⸗ Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. II. 12 — 266— ſinn ſein Gehirn zerrüttet— er vermochte nicht zu antwor⸗ ten— große Thränen rollten über das männliche Antlitz— er hielt Louiſon's Hände krampfhaft in die ſeinigen gepreßt und mühſam rang ſich ihr Name von ſeinen Lippen: „Louiſon!“ Sie ſtanden zitternd einander gegenüber. Es war ein Augenblick, in dem ſie den Becher der Seligkeit und der Verzweiflung zugleich erſchöpften; ſie hatten ſich gefunden, die Scheidewand zwiſchen beiden Herzen war geſunken, das Entzücken reiner, geläuterter Liebe durchbebte ihre Bruſt, ſie öffneten die Arme zum ſeligen Umfangen— da erhob das Verhängniß ſein kaltes, ſcharfes Schwert und mit einem Schlage zerriß es auf ewig die heiligen Bande. „O Gott!“ rief Lormeuil und lehnte abgewendet das Haupt verzweifelnd gegen einen Pfeiler.„O Gott!— Das iſt zu viel!“ Louiſon ſchwankte, der übergeworfene Mantel entſank ihr, ſie erreichte mühſam einen Seſſel. In dieſem Augenblick riß ein Offizier die Thür auf, drang ein und rief:„Lormeuil! Das Volk—“ Ehe er vollenden konnte, erblickte er Louiſon, fuhr zurück und ſtammelte die Worte:„Ha, was iſt das!“ „Unglückſeliger! Zurück! Was haſt Du gewagt!“ rif ihn Lormeuil wie ſinnlos an. Louiſon war aufgeſprungen, wollte den Mantel über⸗ werfen, ſich verhüllen, doch es gelang ihr nicht; ſie ſank daher erſchöpft in den Seſſel zurück und, jndem ſie ſich die Augen bedeckte, rief ſie:„Ich bin verloren!“ „Bei Gott, nicht durch mich,“ ſprach der Offizier, wel⸗ cher ſie, die er in dem Hauſe ihres Vaters mehrmals ge⸗ ſehen, erkannte.„Ich mußte eindringen. Von allen Sei⸗ ten erfüllt Volk die Gaſſen. In wenig Augenblicken ſind 267— wir hier vielleicht ganz abgeſchnitten und verloren, wenn wir nicht Verſtärkung erhalten.“ Louiſon hatte indeß den Mantel wieder übergeworfen. „Armand! Du biſt mein Freund!“ ſprach Lormeuil feſt.„Nimm einige Leute mit Dir, eile nach dem Palais⸗ Royal, melde dem Oberſten, wie es um uns ſteht. Doch bei Deiner Ehre! Kein Wort von Dem, was Du hier ge⸗ ſehen, darf über Deine Lippen kommen!“ „Du kennſt mich!“ antwortete der Offizier und ging. „Louiſon!“ rief jetzt Lormeuil,„was haſt Du gethan! Was haſt Du gewagt! Unſelige! Du biſt verloren! Wie ſoll ich Dich zurück zu Deinem Vater ſchaffen!“ Louiſon ſaß bleich und ermattet da. „Ich fühle, daß ich nicht Unrecht gethan habe,“ ant⸗ wortete ſie mit ſchwacher Stimme;„Gott wird mich ſchützen.“ „Du biſt ein Engel des Himmels!“ rief Lormeuil außer ſich und rang die Hände,„Du haſt Worte der Se⸗ ligkeit für mein Herz geſprochen. Aber Du zerreißeſt es mit namenloſen Qualen. Wie ſoll ich Dich retten? Ent⸗ weder muß ich Deine Ehre oder Dein Leben preisgeben!“ „So ſei's⸗mein Leben.— Aber was fürchteſt Du? Ich werde zurückkehren, wie ich kam.“ „Es iſt zu ſpät! Von allen Seiten wirft das Volk Verſchanzungen auf. Man läßt Niemand hindurch, wer ſich nähert, auf den wird geſchoſſen. Eben als Du kanmſt, er⸗ hielt ich dieſe Berichte aus drei Straßen zugleich. Gefahr droht auf jedem Schritt.“ Die Thür wurde abermals aufgeriſſen; Armand trat haſtig ein. „Es iſt nicht mehr möglich, nach dem Palais⸗Royal 12* — 268— durchzudringen. Das Volk hat alle Gaſſen beſetzt. Wir ſind auf uns ſelbſt angewieſen.“ Lormeuil kämpfte einen furchtbaren innern Kampf. „Wir wollen verſuchen, uns durchzuſchlagen,“ ſprach er endlich. „Das iſt unmöglich! Ueberall ſind Barricaden aufge⸗ worfen, man zerſchmettert uns durch Steinwürfe aus den Fenſtern!“ „So müſſen wir uns hier vertheidigen bis auf den letzten Mann!“ erwiderte Lormeuil mit einem Ton der Stimme, vor dem das Blut erſtarrte. Sein Freund hatte ihn verſtanden.„Lormeuil,“ er⸗ widerte er,„unſer Leben iſt nichts, aber dieſes Weſen, das Dir theuer iſt!“ „Ich vermag es nicht zu retten!“ ſagte er ſo ſchauer⸗ lich kalt wie zuvor. „Kann die Erbitterung der Menge ſo roh ſein, daß ſie die heiligen Rechte des unbewaffneten Geſchlechts nicht ver⸗ ſchonen ſollte?“ „Ich ſterbe, eh' ich mich entdecke!“ rief Louiſon. „Das wußte ich,“ ſprach Lormeuil in demſelben dum⸗ pfen Tone. „Nein, es iſt unmöglich, es iſt unerhört!⸗ rief Ar⸗ mand.„Ich finde Mittel der Rettung. Liſt, Verkleidung, ich wage Alles für Sie, für meinen Freund!“ Louiſon's Schönheit und ihre furchtbare Lage hatten ihn bis in die tiefſte Seele ergriffen. „Nein,“ erwiderte dieſe, indem ſie ſich mit Hoheit em⸗ porrichtete,„jetzt verlaſſe ich dieſen Ort nicht mehr. Frei darf ich's geſtehen. Das heilige Gebot der Liebe führte mich her. Wähnen Sie, ich würde den Mann, für den ich meine Ehre wagte, verlaſſen, um mein Leben zu retten? —— — — 269— Sie haben nie geliebt! Ich bleibe! Keine Gewalt der Erde ſoll mich jetzt von hier hinwegtreibenz nur an Lormeuil's Seite verlaſſe ich dieſe Stelle, oder erwarte hier mit ihm den Tod.“ Lormeuil, der ſtarr und kalt wie Eis, finſter wie eine Wetterwolke, unbeweglich dageſtanden hatte, warf ſich jetzt plötzlich vor Louiſon nieder:„Wenn Rettung möglich iſt, wenn Armand irgend ein Mittel weiß, ſo beſchwöre ich Dich, folge ihm, fliehe!“ „Lormeuil!“ rief Louiſon in Thränen ausbrechend, „würdeſt Du denn mich verlaſſen, wenn ich hier ſterben müßte? Würde denn Dir das Leben noch etwas gelten, wenn Du Dich ohne mich retten könnteſt?— O, Du weißt nicht, was Liebe iſt!“ Lormeuil umfaßte ihre Knie.„Du mußt Dich retten! Ich ertrage Deinen Tod' nicht! Denk an Deinen Vater, Deine Schweſter! Louiſon, Du mußt Dich retten!“ „Gott des Erbarmens, welche Qualen zerreißen meine Bruſt!“ rief Louiſon und ſank in Lormeuil's Arme. Draußen entſtand ein dumpfes, verworrenes Gemurmel von Stimmen. „Was iſt das?“ rief Armand und eilte hinaus. Mit dröhnendem Wirbel erſcholl die Trommel vor der Wache, die Leute eilten ins Gewehr. Lormeuil hielt Louiſon in ſeinem Arm und preßte ſie heftiger und heftiger an die Bruſt. Er hörte nicht, was um ihn her vorging. „Hauptmann! Hauptmann!“ tönte draußen der Ruf der Soldaten. Armand ſtürzte mit gezogenem Säbel herein und rief: „Es iſt zu ſpät! Das Volk rückt auf uns an! Jest gilt es zu fechten und ehrenvoll zu ſterben.“ 3 — 270— Loouiſon wankte; Lormeuil ließ ſie ſanft auf ein Ruhe⸗ bett niedergleiten, zog dann den Säͤbel und ſchritt mit kal⸗ ter Faſſung hinaus. Dreissigstes Capitel. Vor dem Wachtgebäude befand ſich ein Raum, in den ſich mehre Straßen öffneten. In allen hatte man Barri⸗ caden aufgeworfen; große Maſſen kampfbegierigen Volks waren verſammelt. Denn obwol es eben erſt Mitternacht vorüberwar, begann man doch hier das Gefecht, weil der Beſitz dieſes Wachtgebäudes und eines andern bei der Korn⸗ halle dem Volke unumgänglich nöthig war, um nicht fort⸗ während den Feind im Rücken zu haben. Es geſchah auf Oberſt Clermont's Anordnung, der raſt⸗ los die ganze Nacht hindurch die Gaſſen von Paris durch⸗ ritten hatte, daß man dieſen Angriff noch vor Tagesan⸗ bruch unternahm. Er befand ſich ſelbſt an der Spitze der Angreifenden, welche aus einer Schar tapferer Männer beſtand, die ſich auf dem Boulevard Montmartre verſam⸗ melt hatten, wo Adolph eine Abtheilung führte. Clermont hielt zu Pferde hinter einer Barricade, ge⸗ rade der Wache gegenüber. Die Schützen, welche man hatte, es waren ihrer jedoch nur wenige, lagen im Anſchlag hinter der Verſchanzung. Andere waren in den Fenſtern der Häuſer poſtirt, welche der Wache gegenüberlagen. Außerdem hatte Clermont über eine große Anzahl von Leuten zu beſtimmen, die mit blanken Waffen den Angriff — 271— zu thun bereit waren. Der Erfolg war alſo keineswegs zweifelhaft; die Schweizer mußten unterliegen. Auf der andern Seite jedoch überlegte der Oberſt wohl, daß der Feind mit Schießbedarf hinlänglich verſehen ſein müſſe, daß bei den andringenden Maſſen kein Schuß verlo⸗ ren gehen und daher der Sturm zahlloſe Opfer koſten würde. Deshalb beſchloß er, die Wache aufzufordern, ſich zu ergeben. Seinem Alter, ſeiner Einſicht hatten ſich Alle, e ſich dem Kampfe anſchloſſen, ſo unbedingt unterworfen, daß er als völlig anerkannter Befehlshaber den pünktlichſten Gehorſam fand, daß ihm Anfragen gethan, Meldungen ge⸗ macht, kurz alle Formen des ſtrengen Dienſtes beobachtet wurden. Soeben war Adolph mit einer ausgewählten Zahl junger Leute angerückt, trat an den Oberſten heran und meldete ihm mit militairiſcher Form und Beſtimmtheit, daß er eine Verſtärkung von funfzig bewaffneten Leuten heran⸗ geführt habe. Auf einen Blick erkannte Clermont in dem jungen Offizier einen Mann, wie er ihn eben ſuchte, um ihn als Parlamentair an die Schweizer abzuſenden. „Ich danke Ihnen für ihre frohe Meldung,“ erwiderte er,„und habe ſogleich einen Auftrag für Sie. Wir kön⸗ nen Bürgerblut ſparen; wollen Sie es übernehmen, die Wache aufzufordern, ſich in Gutem zu ergeben?“ „Mit Freuden!“ „So geſtehen Sie den Leuten freien, ſichern Abzug, jedoch ohne Waffen, zu; die Offiziere behalten ihre Säbel. Sie verpflichten ſich, nicht wieder gegen die Bürger von Paris zu fechten.— Machen Sie ſie darauf aufmerkſam, daß, wenn ſie dieſe Unterwerfung ausſchlagen, keiner das Licht des Morgens mehr erblickt.“ „Wohl! Ich hoffe, es werde uns um ſo eher gel ingen, — 272— die Unterhandlung zu Stande zu bringen, als ich den Hauptmann der Wache zu kennen glaube.“— Lormeuil war unterdeſſen an die Spitze ſeiner Leute ge⸗ treten. Er hatte ſie in zwei Gliedern vor der Wache auf⸗ geſtellt, feſt entſchloſſen, beim erſten Anrücken von Seiten des Volks Feuer geben zu laſſen und dann den Kampf bis auf's äußerſte fortzuſetzen. „Kameraden!“ redete er ſie an;„Ihr wißt, welch' ei Beiſpiel der Tapferkeit und Treue Euch Eure Vorfahren i dieſer ſelben Stadt gegeben haben. Ich hoffe, Ihr denk gleich ihnen.“ Ein lauter, kriegeriſcher Ausruf begleitete dieſe Worte. „Wohl denn! So laßt uns das aufrühreriſche Volk, welches Treue und Gehorſam gegen ſeinen König freventlich verletzt, feſten Fußes erwarten. Sowie der erſte Schuß von 3 ihrer Seite fällt, oder ſowie ſie auf uns anrücken, iſt der offene Krieg erklärt und wir fechten bis auf den letzten Mann.— Unteroffizier Veltlin! Nehmen Sie vier Mann und verrammeln Sie die Fenſter der Wachtſtube bis zur Bruſthöhe, das wir uns, wenn wir uns zurückziehen müſſen, dahinter vertheidigen können.“— Der Unteroffizier ging mit den Leuten hinein. In dieſem Augenblick wurden vor der Barricade drei Männer mit Fackeln ſichtbar, in deren Mitte Einer ſtand, der zum Zeichen, daß er zu friedlicher Unterredung komme, mit einem weißen Tuche winkte. „Man will mit uns uſſſerhandeln,“ bemerkte Armand. „Vergebene Mühe,“ antwortete Lormeuil finſter,„meine Pflicht läßt mir nur einen Weg.“ „Bedenke das Schickſal Deiner Geliebten,“ flüſterte Armand. — — .— . — 273— „Ich ſehe nichts, was ſie retten könnte. Doch will ich hören, was man zu ſagen hat.“ Er ließ das Zeichen erwidern. Adolph, von den drei Fackelträgern begleitet, näherte ſich. Das Herz ſchlug ihm gewaltig in der Bruſt, indem er gedachte, daß nun wirk⸗ lich die ſchwere Stunde gekommen ſei, wo er zum blutigen Kampfe gerüſtet dem Manne gegenübertreten ſollte, mit ddeem er vor kurzem den ernſten Kampf des Worts verſucht hatte, zwar ohne ihn zu überzeugen, doch auch ohne ihm hohe Achtung verſagen zu dürfen. Er ahnte, daß es ihm jetzt ebenfalls mislingen werde. Ernſten, aber raſchen Schrittes ging er bis dicht an die Soldaten heran, ſein Auge ſuchte den Führer; trotz des unſicheren, düſteren Fackelſcheins erkannte er Lormeuil auf den erſten Blick an ſeiner hohen, edlen Geſtalt. „Hauptmann Lormeuil!“ redete er ihn an. „Gott, wer ſteht vor mir!“ rief dieſer, als er Adolph erkannte, in welchem er jetzt außer dem wohlbekannten Haus⸗ genoſſen auch den Verwandten Louiſon's ſah. Doch ſchnell gefaßt, trat er ihm mit dienſtlicher Haltung gegenüber und ſprach:„Was haben Sie mir zu ſagen?“ „Im Namen des franzöſiſchen Volks, das ſich in Maſſen gegen die eidbrüchige Regierung erhebt, trage ich Ihnen einen Vergleich an. Verlaſſen Sie mit Ihren Leu⸗ ten einen Platz, auf den Sie kein Recht haben. Legen Sie die Waffen ab, die Frankreich Ihnen nicht zum Morde ſei⸗ ner eignen Bürger gab. Ich bin ermächtigt, Ihnen und Ihrer Mannſchaft Freiheit und Sicherheit zu verſprechen, gegen das Ehrenwort der Offiziere und den Schwur der Soldaten, nicht ferner gegen die Bürger von Paris zu fechten.“ Lormeuil antwortete mit Ruhe:„Ich erkenne nur dem 12*½ — 222— Könige Karl dem Zehnten von Frankreich, Niemanden ſonſt in der Welt die Berechtigung zu, mich meiner Pflich⸗ ten zu entbinden. Nur auf ſeinen Befehl kann ich han⸗ b deln. Er lautet dahin, dieſen Poſten zu behaupten. Ich werde es bis auf den letzten Mann thun!“ „Selbſt der König wird es Ihnen Dank wiſſen, wenn S ie den Antrag des Friedens, den ich Ihnen bringe, an⸗ nehmen. Sie erſparen das Blut vieler Bürger, das Leben 8 der Ihnen anvertrauten Mannſchaft.“ 4 „Ich weiß nur von einem mir anvertrauten Poſten, den die Mannſchaft bis auf's äußerſte zu vertheidigen be⸗ ſtimmt iſt. Das fordert ihre Pflicht und ihre Ehre; ſie würde es thun, ohne mein⸗Gebot abzuwarten. Schweizer! Wollt Ihr mich Lügen ſtrafen? Wer unter Euch es nicht für Pflicht und Ehre hält, auf dem Poſten zu ſterben, 3 wohin ihn das Geheiß des Königs, dem er Treue geſchwo⸗ 2 ren, geſtellt hat, der trete vor. Er mag den angebotenen Frieden annehmen; ich will Keinen hindern. Aber wenn Ihr mich auch Alle verlaßt, ich bleibe hier. Ihr mögt dann in der Heimat erzählen, wie es Euerm Hauptmann in Paris ergangen iſt.“ Die Reihen der Schweizer ſtanden im ernſten Qchwei⸗ gen, unbeweglich wie die Mauern. „Sie ſehen,“ fuhr Lormeuil fort,„Ihre Mühe iſt vergeblich!“ „Soldaten!“ rief Adolph, indem er ſich zu den Schwei⸗ 8 zern wandte,„auch wir wiſſen, was Pflicht und Ehre iſt. Sie gebieten Euch nicht, die Mörder eines freien Volkes 1. zu werden, das für ſeine heiligſten Rechte in den Kampf tritt. Noch einmal biete ich Euch Leben und Freiheit an. Kommt es zum Kampf, ſo iſt Euer Verderben unvermeid⸗ lich. Von allen Seiten ſeid Ihr umringt; ſelbſt in einem 1 — 275— ehrenvollen Kriege dürftet Ihr der Uebermacht ohne Schande weichen. Wollt Ihr Euch hier als Raſende für die Sache des Meineids opfern? Und wißt, wenn erſt Blut gefloſſen iſt, ſo habt Ihr keine Schonung zu hoffen. Nicht als be— ſiegte, als kriegsgefangene Soldaten können Euch die Bür⸗ ger von Paris betrachten, wenn Ihr in ihre Gewalt ge⸗ rathet, ſondern ſie werden Euch richten wie ergriffene Mör⸗ der. Es iſt kein Kampf, in dem Ihr Ruhm erwerben könnt; auf den blutigen Thaten, die Ihr verübt, wird der Fluch der Nachwelt, der Geſchichte laſten. Selbſt wenn Ihr ſiegen könntet, wäret Ihr ewig gebrandmarkt vor Allen, die edel, frei, gerecht denken. Wählt jetzt zwiſchen Tod und Schande oder ehrenvoller Freiheit!“ Die Reihen ſtanden ſo ſtumm und unbeweglich wie zuvor. „Schweizer!“ rief Lormeuil,„kaum wenige Tage iſt es her, daß Ihr den Gedächtnißtag Eurer Brüder feiertet, die beim Sturm der Baſtille vom raſenden Volke gemordet wurden. Wird ihre Aſche in der Heimat geehrt? Habt Ihr zu Luzern das Denkmal geſehen, das der königliche Lö⸗ we ernſt behütet? Aus ſeinen heiligen Grenzen wird das Vaterland Euch ſtoßen, wenn Ihr heimkehrt als Feige, wenn Ihr den Namen Eurer Väter brandmarkt, den Ruhm ſchweizeriſcher Treue verrathet.— Wer iſt der Erſte, der ſeinen Schwur bricht?“ Tiefe Todesſtille in den Reihen. „Nicht ſchweigend, deutlich redend ſollt Ihr antworten. Wer mit mir fallen will, der rufe mit mir:„„Es lebe der König!““ „Es lebe der König!“ donnerte der Ruf der unerſchüt⸗ terlichen Krieger. — 276— „Jetzt erkenne ich Euch, tapfere Gefährten.— Ihr Auftrag iſt zu Ende. Gehen Sie mit ſicherm Geleit.“ „Halt!“ rief Armand vorſpringend,„bleiben Sie einen Augenblick!“ Ein Murren erhob ſich unter den Schweizern. „Kameraden! Ich ſterbe mit Euch!“ rief Armand. „Was hier noch zu thun iſt, betrifft nicht Euch.“ Lormeuil wußte, was Armand wollte. Er hatte in ſich ſchon längſt den furchtbaren Kampf gekämpft, ob er Louiſon durch Adolph retten ſolle. Doch der Gedanke, daß ſie vielleicht gerade dieſem ihre nächtliche Wanderung am tiefſten verbergen möchte, hielt ihn mit bangen, quälenden Feſſeln zurück. Armand trat zu Lormeuil heran und ſprach leiſe:„Rette ſie, jetzt iſt es noch möglich!“ Lormeuil ſchwieg. „Ich beſchwöre Dich! Rede, oder ich ſelbſt muß handeln!“ Lormeuil blieb ſtumm wie das Grab. Er hatte über Ehre oder Leben des theuerſten Weſens auf der Welt zu entſcheiden. Die Wage ſeiner Entſchlüſſe ſchwankte in einem furchtbar bangen Gleichgewicht. 3 Armand's junges, glühendes Herz war in raſche Flam⸗ men für Louiſon aufgeſchlagen; er hatte ſich's geſchworen, ſie zu retten und ſollte er ſie auf ſeinen Armen zu dem Feinde hinübertragen. Er beſchloß daher, jetzt auch gegen Lormeuil's Willen zu handeln.— „Sie ſind ein Mann von Ehre,“ ſprach er leiſe, aber dringend und ſo, daß Lormeuil es hören konnte, zu Adolph. „In der Minute, wo ich dem ſichern Tode entgegengehe, werden Sie meinen Worten Glauben ſchenken. Durch eine unbegreifliche Verkettung der Ereigniſſe befindet ſich ein jun⸗ ges Mädchen, unbeſcholten wie die Sonne, in der entſetz — 2— lichſten Lage. Ihr Leben iſt verloren, wenn Sie ſie nicht retten, ehe es zum Kampf kommt, ihre Ehre, wenn Sie das Geheimniß der That nicht bewahren. Dieſen Dienſt fordere ich von Ihnen; wollen Sie ihn leiſten, ſo will ich Sie ſterbend ſegnen, und wenn ich durch Ihre eigene Hand fallen ſollte.“ „Mein Ehrenwort, ich thue, was ich vermag, und. ſchweige!“ erwiderte Adolph. „So folgen Sie mir!“ „Halt!“ rief Lormeuil.„Auch ich gebe Ihnen, hier dicht an der Pforte des Todes, mein heiligſtes Wort, das Mädchen iſt rein, wie ein Engel des Himmels, und die That, die ſie in den ſchwärzeſten Verdacht ſtürzt, erhebt ſie zu den Heiligen! Können Sie mir Glauben ſchenken, kön⸗ nen Sie mir Ihr Wort geben, daß Sie nie den mindeſten Zweifel an der Ehre Derjenigen hegen werden, die Sie zu retten im Begriff ſind? Bedenken Sie, was ich fordere. Aber ehe Sie mir dieſe Verſicherung nicht geben, dulde ich nicht, daß Sie folgen!“ „Ihr Wort, Lormeuil,“ ſprach Adolph, der zu ahnen begann, wem es hier gelte, tief bewegt,„Ihr Wort in dieſer Stunde wiegt mir das Zeugniß der ganzen Welt auf. Hier meine Hand! Und wenn es meine Braut wäre, die ich fände, ich würde nicht an ihr zweifeln.“ Lormeuil ſtürzte ihm an die Bruſt und drückte ihn mit Heftigkeit an ſein Herz; ſeine Thränen ſtrömten:„Gott vergelte Ihnen!“ rief er mit gedämpftem, aber tief gerühr⸗ tem Ton der Stimme und haſtig.„Es iſt Louiſon, die Sie retten!— Nun ſterbe ich freudig.“ Armand und Adolph eilten in das Zimmer. Louiſon lag bewußtlos noch auf derſelben Stelle, wo Lormeuil ſie gelaſſen. Adolph verſchleierte ſie mit einem weißen Tuch, — 278— das ſie übergeworfen hatte, nahm ſie in die Arme und trug ſie hinaus. Indem Armand die Thür öffnete, ſtand Lormeuil vor ihnen. „Laßt ſie mich noch einmal ſehen!“ rief er bewegt. Adolph ſenkte die ſchöne Bürde nieder, ließ ſie jedoch in ſeinen Armen ruhen. Lormeuil hob den Schleier leiſe auf, hauchte einen Kuß auf die blaſſen Lippen und flüſterte—„Lebewohl!“ Armand ſtand heftig bebend daneben. In ſeinem Her⸗ zen loderten die Flammen heißer, ſchmerzlicher Liebe mächti⸗ ger und mächtiger empor. Der Unglückſelige! In dem Augenblick, wo er das Leben verlaſſen ſollte, empfand er zum Erſtenmal, welche Seligkeiten es biete. In ſeinen Armen trug Adolph die bewußtloſe Louiſon über den Platz. Noch einmal wandte er ſich zu Lormeuil, der wieder an die Spitze ſeiner Leute getreten war, und rief 3 ihm zu: 3 „Leb' wohl! Gebe Gott, daß wir uns nun nicht mehr ſehen!“ Dann ſchritt er raſch zu den Seinigen zurück. Mit Erſtaunen ſah ihn Oberſt Clermont kommen. Adolph trat vor ihn, indem er Louiſon wie zuvor an ſeine Bruſt gelehnt im Arme hielt. „Der Hauptmann,“ ſprach er,„weiſ't jede gütliche 8 Unterhandlung entſchieden zurück. Es muß ſich blutig ent⸗ ſcheiden. Ich aber habe eine Bitte. Der Hauptmann war einſt mein Freund! Dieſe Unglückliche iſt ſeine Geliebte, die ihn in der Stunde des Todes noch einmal ſehen wollte. Ich habe ihm geſchworen, ſie zu retten, ohne ſie zu ver— rathen. Geſtatten ſie mir dies und erlaſſen Sie mir den. Antheil an dieſem einen Kampf. In einer Stunde kehre — 279. ich wieder! Dann fordern Sie mein Blut bis auf den letz⸗ ten Tropfen.“ „Junger Freund,“ ſprach Clermont bewegt,„wir fechten hier für die Heiligthümer der Menſchheit. Auch die Freundſchaft, die Ehre gehören dazu. Gehen Sie, vollfüh⸗ ren Sie, was Ihr Wort verſprach. Sie werden noch Gegner genug zu bekämpfen finden; fern ſei es von mir, die blutige Entſcheidung durch unmenſchliche Grauſamkeit noch gräßlicher zu machen!“ Adolph hob Louiſon wieder empor, die Menge wich ih⸗ nen ehrfurchtsvoll aus; ſchnell trug er ſie die kurze Strecke bis zum Hauſe ihres Vaters zurück. Einunddreissigstes Capitel. „Der Gegner will Kampf!“ rief Clermont.„Wolan denn, es ſei! Feuer!“ Die Schüſſe krachten.—„Jetzt vorwärts, zum Sturm!“ Er ſprengte zuerſt mit dem Roß an der Seitenöffnung der Barricade hindurch, indem er eine Fackel in die Luft warf, zum Zeichen, daß das Schießen aus den Fenſtern aufhören müſſe. Wie die Windsbraut folgte ihm die Schar der Tapfern mit Jubelgeſchrei nach! Die Schweizer ſtanden wie eherne Mauern. Es waren einige verwundet worden. Als die ſchwarze Maſſe ſich auf ſie heranwälzte, rief Lormeuil:„Erſtes Glied! Feuer!“ Die Salve donnerte in den dichten Haufen der Bürger hinein. Viele ſtürzten. — 280— „Rafft die Gewehre der Gefallenen auf,“ rief Cler⸗ mont, der mit kaltem Blute mitten im Kugelſchwarm ge⸗ halten hatte. „Zweites Glied vorgetreten! Feuer!“ erſcholl Lormeuil's Commando. Mehr als ſechzig Getroffene lagen nach dieſer zweiten Salve auf dem Platze hingeſtreckt; keine Kugel war vergeb⸗ lich abgeſendet worden. Die graͤßliche Verheerung, welche die eine halbe Minute angerichtet hatte, erfüllte die begei⸗ ſterten, aber der Schrecken des Kampfes nicht gewohnten Scharen doch mit einigem Grauſen und, wenn ſie nicht wichen, ſo ſtutzten ſie doch. Clermont war durch eine Kugel am linken Arm ge⸗ troffen. Doch kaltblütig, ohne nur durch ein Zeichen zu verrathen, daß er verwundet ſei, commandirte er:„Sturm⸗ ſchritt! Drauf! Mir nach! Schnell heran, bevor ſie wie⸗ der laden. Auf, auf! Jetzt habt Ihr geſiegt.“ So ſprengte er ſelbſt vor und die Muthigſten folgten ihm ſogleich. Lormeuil hoffte, das erſte Glied würde wieder geladen haben, noch ehe die Maſſe herankäme; doch die feurige Ju⸗ gend von Paris war zu ſchnell geweſen. Er ließ daher das zweite Glied das Gewehr fällen und erwartete in geſchloſſe⸗ ner Reihe den heranbrauſenden Strom mit dem Bajonnet. „Das erſte Glied zieht ſich in das Wachthaus zurück und beſetzt die Fenſter,“ befahl er.„Armand! Führe die Leute!“ Um den Rückzug dieſes Theils ſeiner Mannſchaft beſſer zu decken, drang er mit dem zweiten Gliede angreifend einige Schritte gegen das Volk vor, was er um ſo leichter konnte, als er ſchon zuvor Sorge getragen hatte, ſich beide Flanken durch einige aufgefahrne Wagen einigermaßen ge⸗ gen den erſten Andrang zu decken. „ — 281— Als die Schweizer, meiſt herkuliſche Geſtalten von un⸗ geheurer Kraft, geſchloſſen, mit vorgeſtrecktem Bajonnet andrangen, wichen die Stürmenden einen Augenblick zurück. Kaum aber bemerkte es Clermont, als er der Erſte mit dem Pferde mitten in die geſchloſſene Reihe hineinſprengte, den nächſten durch einen Säbelhieb niederſtreckte und einen zweiten, der ihn vom Pferde reißen wollte, mit raſch gezo⸗ genem Piſtol durch den Kopf ſchoß. Wie der Strom durch den Niß des Dammes, drang ihm die Menge nach. Als Lormeuil dieſe Lücke bemerkte und ſogleich ſah, daß er jetzt einen andern Kampf beginnen müſſe, rief er ſeinen Leuten zu: Zieht Euch nach der Thür zurück! Sam⸗ melt Euch um mich!“ Mit Beſonnenheit führten die Schweizer den Befehl aus, indem ſie auf den Flanken wichen und ſich ſo gegen die Mitte hin verſtärkten. Ein⸗ zelne Abgeſchnittene machten ſich durch furchtbare Kolben⸗ ſchläge wieder Bahn zu ihren Kameraden. Armand, der ſeinerſeits jede Wendung des Gefechts beobachtete, ſah, daß die äußerſten Fenſter des Wachthauſes jetzt frei von den davor ſtehenden Schweizern geworden waren. Er benutzte den Augenblick und ließ feuern. Die Wirkung dieſer Schüſſe, denen das Ziel dicht vor der Ge⸗ wehrmündung lag, war fürchterlich. Die Stürmenden hatten meiſtentheils nicht bemerkt, woher dieſe Salve kam, ſie glaubten ſich daher im erſten Augenblick durch eine Ver⸗ ſtärkungsmacht von der Seite angegriffen und wichen zu⸗ rück. Nacht und Rauch verhüllte Alles in Dunkel, denn natürlich waren die Feuerbecken längſt verlöſcht und im Innern des Gebäudes brannte nur eine Lampe, um den darin Verſammelten das nothdürftigſte Licht zu geben. Dieſen Augenblick allgemeiner Verwirrung nutzte Lor⸗ meuil; es gelang ihm, ſich mit ſeinen Leuten in das Thor — 2— der Wache zu werfen. Einige verwegene Angreifer drangen zwar zugleich mit hinein, allein ſie fielen unter Kolben⸗ ſchlägen und Bajonnetſtichen, die Thür wurde zugeworfen und ſogleich mit Balken verrammelt. Oberſt Clermont, deſſen Adlerblick überall bindrang, hatte die Bewegung des Gefechts keinen Augenblick außer Acht gelaſſen. Er erwartete, daß es dieſe Wendung neh⸗ men müſſe und hatte ſchon früher einen Boten zurückge⸗ ſandt, der Fackeln herbeiſchaffen ſollte. Dieſer kam eben mit einem flammenden Brande in der Hand zurück, während er zugleich den ganzen Arm voll unangezündeter herbeiſchleppte. Clermont ſprengte auf ihn zu, ergriff eine Fackel, zündete ſie an, ritt dann vor und rief:„Mir nach, Kinder! Feuer ins Dach!“ Mit dieſen Worten ſchleuderte er den Brand auf das Dach des Wacht⸗ hauſes und ſo glücklich, daß derſelbe in einer Dachluke liegen blieb, wo die Flamme ſogleich Nahrung an dem dürren Holz des Fenſterkreuzes und der nächſten Dachſplinte fand. In einem Augenblick wurden noch zwanzig Fackeln eben dahin ge⸗ ſchleudert und in weniger als zwei Minuten war das ganze Dach mit glühend herabfließendem Pech bedeckt. Während deſſen drangen Andere mit Aexten gegen das Thor der Wache heran und ſuchten es einzuſchlagen. Vergeblich rief Cler⸗ mont ihnen zu, ſich zurückzuziehen, da der Feind in weni⸗ gen Minuten durch die Flammen aus ſeiner Verſchanzung 4 getrieben werden müſſe; allein die Wuth des Kampfes war zu heftig entflammt. Jeder wollte nur vordringen, an Schonung ſeines Lebens dachte Niemand mehr. Lormeuil hatte indeſſen alle Gewehre laden laſſen. Kaum ein Drittheil ſeiner Leute fand an den Fenſtern Platz; dieſe blieben jedoch in fortwährendem Feuern, und 5 reichten die abgeſchoſſenen Gewehre zurück, wofür ſie von ihren Kameraden friſch geladene erhielten. Bald erfüllte der ſchwarze Pulverdampf die inneren Räume ſo dicht, daß man kaum zu athmen und faſt nichts mehr zu ſehen ver⸗ mochte. Die angezündeten Lampen brannten düſterroth und drohten jeden Augenblick zu verlöſchen. Armand und Lormeuil ſtanden in der Mitte des Gemachs und ermun⸗ terten die Leute zur muthigen Gegenwehr.„Wir müſſen uns ſo theuer verkaufen als möglich!“ rief Lormeuil.„Zwar kann ich Euch weder Rettung noch Sieg verheißen, aber in der Heimat wird man ſagen, daß wir mit Ehren ge⸗ fallen ſind.“ Die wackern Soldaten luden und ſchoſſen unverdroſſen fort. Doch auch manche Kugel wurde hineingeſandt und ſchon lagen Leichen und Verwundete umher. Blut bedeckte den Boden. Die Schläge der Aerte krachten furchtbar ge⸗ gen das Thor. „Wenn ich nur den Zimmerleuten dort in die Rippen ſchießen könnte!“ rief ein Soldat.„Aber man kommt nicht ſo weit herum mit dem Gewehr.“ „Laß ſie arbeiten,“ antwortete ein anderer;„es wird manche Axt ſtumpf werden, ehe die eiſernen Beſchläge durch⸗ gehauen ſind.“ „Das Feuer vom Dach, glaub' ich, kommt eher zu uns herein als ſie,“ ſprach der Unteroffizier Veltlin, indem er ein Gewehr lud;„es riecht ſchon brandig durch den Pul⸗ verdampf hindurch.“ „Verbrennen werden wir nicht,“ antwortete ſein Kamerad, „fallen uns erſt die glühenden Sparren ins Neſt, ſo flie⸗ gen wir aus, wie die Adler, wenn das Wetter in den Felſen ſchlägt.“ „Und draußen wollen wir noch eine Jagd anſtellen, — 284— wie die Geier, wenn ſie in eine Flucht Tauben ſtoßen,“ antwortete Veltlin. Tiefe Rührung bewegte Lormeuil's Seele bei dieſen Ausbrüchen treuen, unerſchütterlichen Muthes ſeiner Kame⸗ raden. Wie manchen Helden, dachte er, werden dieſe ein⸗ ſtürzenden Balken begraben, und die Wuth des Volkes hinwegraffen, aber kein Denkſtein wird ſeiner treuen Tapfer⸗ keit Erwähnung thun! Ein Windſtoß, der ſich erhob und den Strom der Luft gegen das Wachtgebäude herantrieb, war doppelt ver⸗ derblich. Denn er ſetzte plötzlich das Dach in helle Flam⸗ men und drückte zugleich den Pulverdampf von den Fen⸗ ſtern gewaltſam in das Gemach zurück, ſo daß man faſt darin zu erſticken vermeinte. Da Lormeuil jedoch alle Oeffnungen, Fenſter und Thüren auf der entgegengeſetzten Seite hin, wo ein ſchmaler Hofraum befindlich war, auf⸗ reißen ließ, ſo entſtand wieder eine gereinigtere Luft, die das Athmen verſtattete. Hell ſchlugen jetzt die Flammen aus dem Dach hervor und ihr rother Widerſchein beleuchtete den Platz vor der Wache und die Gebäude gegenüber. Es war ein erheben⸗ der und furchtbarer Anblick zugleich. Die Straßenaus⸗ gänge wimmelten von Menſchen; im rothen Glanz des Feuers ſchimmerten Waffen, flatterten Fahnen; in den Fen⸗ ſtern ſah man Frauen, die mit weißen Tüchern den mu⸗ thig Stürmenden zuwinkten; ſchwarze Rauchwolken wälzten ſich über die wogende Menge dahin; ein Funkenregen ſtob aus den Lüften herabz auf der Höhe der Barricaden hat⸗ ten ſich Kinder und Weiber um die überall aufgepflanzten dreifarbigen Fahnen verſammelt; Jauchzen, Wuthgeſchrei, dumpfes Getöſe der Trommeln, krachende Schüſſe erſchollen durch die Lüfte; der klare Sternenhimmel der Juliusnacht ͤ -— 289— ſpannte ſich mit ruhigem Blau über dem furchtbar beweg⸗ ten, verworrenen Schreckensbilde auf der Erde aus. Ein Mann ragte hoch über der Menge hervor. Es war Clermont. „Das brennende Dach iſt unſere Sonne,“ rief ein Schweizer, indem er ſein Gewehr anſchlug,„jetzt wiſſen wir doch, wohin wir zu zielen haben. Der Reiter ſoll uns, denk' ich, nun nicht mehr entwiſchen.“ Er feuerte; aber in demſelben Augenblicke ſtürzte er mit zerſchmettertem Ge⸗ hirn rücklings in das Gemach hinab. Eine feindliche Ku⸗ gel hatte ihn getroffen. Clermont ſaß hoch, unverſehrt zu Pferde und blieb in fortwährender Thätigkeit, indem er ſich bemühte, die Andringenden zurückzuhalten, damit ſie ſich nicht zu ſehr preisgäben. „Hinter die Wagen, was Feuergewehr hat,“ rief er. „Laßt Euch nicht muthwillig tödten. Das Vaterland be⸗ darf Eurer!“ „Richtet Eure Gewehre alle auf den Reiter!“ rief Velt⸗ lin und ſprang in die Lücke, die der gefallene Kamerad ge⸗ laſſen hatte;„das iſt der Anführer, fällt er, ſo ſchlagen wir uns vielleicht durch Alle durch!“ Eine Salve von wenigſtens zwanzig Schüſſen wurde auf Clermont gerichtet. „Verflucht! Der Pulverdampf nimmt uns alle Ausſicht,“ ſchrie Veltlin.„Aber beim Teufel, der Kerl ſitzt noch zu Pferde. Friſches Futter her!“ Damit griff er rückwärts nach einem neu geladenen Gewehr. Er legte an, ein Schütz wie er war, fehlte ſein Ziel ſelten. Der Schuß fiel.„Er liegt!“ rief er jubelnd. Clermont, man ſah es deutlich bei dem tageshellen Schein der Flammen, ſtürzte vom Pferde; ungeheurer Tumult erhob ſich um ihn her. Die Schweizer brachen in ein jauchzendes Geſchrei aus. 1 236 Da krachte es dumpf über ihrem Haupte. Eine Maſſe von Steinen und Schutt ſtürzte von der Decke herab, ein glühender Balken fiel in das Gemnaih, Kohlen und Aſche praſſelten nach. „Jetzt folgt mir hinaus! Hir iſt unſeres Bleibens länger nicht!“ rief Lormeuil.„Nach dem Louvre müſſen wir uns durchſchlagen. Haltet Euch Mann an Mann!“ Mit geſchwungenem Säbel ſtürzte er ſich gegen das Thor, Armand an ſeiner Seite. Die krachenden Artſchläge donnerten von außen dagegen; es waren ſchon tiefe Spalten gehauen, in wenigen Minuten wäre das Thor geſprengt geweſen. 3 „Wir wollen Euch nicht abwarten,“ rief Lormeuil. „Riegel zurück!— So wie die Pforte aufſpringt, gibt Feuer, wer geladen hat!“ Veltlin riß den ſtarken Eiſenriegel zurück. Auf ſprang das Thor, die Schar der Stürmenden brauſte hinein. Eine donnernde Salve empfing ſie, ſie prallten zurück. Lormeuil drang durch die ſchwarze Rauchwolke hinaus in die Menge und hieb ſich Bahn; Armand und die Schwei⸗ zer ihm nach, mitten in die Feinde. Doch gleich jungen Löwen warf ſich die erbitterte Jugend von Paris auf ſie, um den Tod ihrer Freunde und Brüder zu rächen. Furcht⸗ bar tobte der Kampf. Rauch, Dampf, Staub und Nacht verhüllten ihn.— Mit dumpfem Krachen ſtürzte das bren⸗ nende Dach in ſich zuſammen.— Kriegsruf und Wehge⸗ ſchrei hallte durcheinander. Endlich ward es ſtill; der letzte Mann war gefallen. —r Zweiunddreissigstes Capitel. Die Frauen in Deſormery's Hauſe ſuchten die bangen Schrecken, die quälende Angſt der Nacht durch eifrige Thä⸗ tigkeit zu mildern. Es wurden Binden geſchnitten und ge⸗ nähet, Wundfäden in Menge bereitet; Betty und Eugenie kochten, eine Geſchicklichkeit, die ſie unter den Arabern er⸗ worben, heilende Kräutertränke. So mochte etwa eine Stunde vergangen ſein, während welcher die Unruhe auf der Straße fortwährend zugenom⸗ men hatte; einzelne Schüſſe waren noch immer von Zeit zu Zeit gehört worden. Indeß hatte man ſich, wie der Menſch ſich denn leicht in das Außerordentlichſte findet, bald daran gewöhnt. Henry wurde durch Deſormery von Zeit zu Zeit ausge⸗ ſendet, um Nachricht von den Bewegungen auf der Gaſſe zu bringen. Er berichtete, daß ſich gegen die Bank zu ein ſtarker Trupp bewaffneter Leute hinziehe, wie man ſage, um die Schweizerwache anzugreifen. Dieſe Nachricht mußte Deſormery in die äußerſte Beſtürzung verſetzen; denn nicht allein, daß er für Louiſon zitterte, ſondern auch ſelbſt Lor⸗ meuil's Schickſal konnte ihn nicht unbewegt laſſen. Er ging mit großen Schritten auf und nieder und überlegte, was zu thun ſei. Es ſchien ihm das Beſte, vor der Hand von der ganzen Nachricht nichts gegen die Frauen zu erwähnen; namentlich würde Marie außer ſich geweſen ſein. Henry bekam den beſtimmteſten Auftrag, zu ſchwei⸗ gen, wie er denn auch ſchon zuvor die Weiſung erhalten hatte, gegen Niemand im Hauſe etwas über Louiſon's Ver⸗ ſchwinden zu erwähnen, das bisher zum Glück nur Denen bekannt war, die es im erſten Augenblick erfahren hatten. Selbſt die Mägde des Hauſes wußten es nicht anders, als daß ſie krank auf ihrem Zimmer liege. Henry ſtand mit Theilnahme vor ſeinem tief erſchütter⸗ ten und gebeugten Herrn. Der Vater bebte jetzt für das Leben ſeiner Tochter; ihre Schuld, wenn es eine zu nen⸗ nen war, hatte er längſt vergeſſen. „Was ſoll ich thun?“ fragte der treue Diener mit ſicht⸗ licher Rührung, da er den Kampf der Angſt und Schmer⸗ zen in Deſormery's Zügen las. „„Ich weiß Dir nichts zu gebieten,“ ſprach Deſormery; „unſere Kräfte ſind am Ende, wir müſſen uns auf Gottes Hülfe verlaſſen. Das Einzige wäre, daß Du etwa ein Stück die Straße hinaufgingeſt, um zu ſehen, ob ſie zu⸗ rückkehrt.— O Gott, wenn es der Unglücklichen nur noch möglich iſt! Wenn das Verderben ſie nicht ſchon ereilt hat!“ Große Thränen vergießend und die Hände ringend, ging der alte Mann auf und ab. „Ich werde gehen, lieber Herr,“ ſprach Henry,„aber weiter, wie bis an die Straße du Mall, darf ich mich nicht wagen, ſonſt möchte ich ſie verfehlen. Zum Unglück führen ſo viele, alle faſt gleich nahe Straßen von hier nach der Bank.“ „Hörſt Du?“ fragte Deſormery aufhorchend.„Das war kein einzelner Schuß! Schon wieder! Das iſt ein Gefecht!“ Es waren in der That die erſten Gewehrſalven von dem Kampfe an der Wache, die man jetzt vernahm. „Eile, eile, Henry! Doch halt, ich will Dich begleiten. Gib mir den Hut!“ „Nein, gnädiger Herr,“ rief der Diener,„das gebe ich nicht zu. Wenn Ihnen ein Unglück begegnete, ſo wäre — 289— unſer ganzes Haus zu Grunde gerichtet. Und was könn⸗ ten Sie helfen? Treffen wir das Fräulein nicht, ſo ſind wir Beide vergeblich gegangen; treffe ich ſie, ſo bin ich allein hinreichend, ſie ſicher zurückzuführen. Mit dieſen Worten hatte er ſchon das Zimmer ver⸗ laſſen, ohne auf Deſormery's ferneres Nachrufen zu hören. Haſtig riß er das Hausthor auf und wollte auf die Straße hinaus; aber eben ſo ſchnell blieb er vor freudigem Schreck wie erſtarrt ſtehen, da er Adolph, der Louiſon auf ſeinen Armen trug und ſie eben herablaſſen wollte, um die Haus⸗ thür zu öffnen, vor ſich ſah. „Um Gottes willen, gnädiger Herr, ſind Sie es?“ rief er aus,„bringen Sie unſer Fräulein zurück? Sie lebt doch?“ „Still,“ rief Adolph,„daß kein Aufſehen entſtehe! Weiß man im Hauſe, daß ſich das Fräulein entfernt hat?“ „Freilich! Aber nur der Herr, die Damen und ich.“ „So laß ſie uns ſo ſtill als möglich hinaufbringen, denn ſie iſt ohne Bewußtſein!“ Der alte Diener zitterte vor Freuden, daß das Ereig⸗ niß ſich ſo glücklich gewendet hatte, und half mit behutſamer Sorgfalt die Ohnmächtige hinauftragen. Zum Glück be⸗ gegnete ihnen Niemand auf der Treppe und ſie konnten ſie in ihr Schlafzimmer bringen, ſelbſt bevor Deſormery eine Ahnung davon hatte. Jetzt eilten ſie zu dieſem hinüber und theilten ihm die Nachricht mit. Der erſchütterte Greis preßte Adolph in heftiger Freude ans Herz und drückte auch den redlichen Diener an die Bruſt. „O! Ihr glaubt nicht, was ein Vater für Angſt und Schmerzen empfindet!“ ſprach er.—„Aber führt mich hinüber zu ihr.“ Er trat ins Gemach ein, wo Louiſon, noch immer ohn⸗ Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. II. 13 0 — 290— mächtig, verſchleiert auf dem Ruhebette lag. Leiſe hob er die Hülle von ihrem Antlitz, betrachtete ängſtlich die blaſſen Züge, forſchte, ob ſie athmete, ob noch Lebenswärme in dem bewegungsloſen Körper ſei.„Ja, ja, ſie lebt,“ rief er endlich aus,„aber wie mag die Arme gelitten haben! O, rufe die Schweſter herüber!“ Henry ging und kam gleich darauf mit Marien zurück. Als dieſe die Schweſter ohnmächtig liegen ſah, glaubte ſie im erſten Augenblick, ſie ſei todt und ſtieß einen lauten Schrei aus. Doch als der Vater ſie von ihrem Irrthum heilte, vergoß ſie einen Strom heller Freudenthränen. Adolph verkündete jetzt die Nachricht auch den übrigen Frauen und nun kamen auch dieſe herüber und theilten die Freude des Vaters und der Schweſter. Indeſſen dauerte das heftige Schießen anhaltend fort und erfüllten die Frauen mit ängſtlicher Sorge. „Wo mag der Kampf ſtattfinden?“ fragte Frau von Clermont. 8 „Ich fürchte, es zu wiſſen,“ entgegnete Adolph.„Er betrifft uns näher, als wir ahnen. Ein Mann, den wir achten, dem wir Freundſchaft nicht verſagt haben, wird in dieſem Augenblick ein Opfer ſeiner Verblendung. Er fällt edel für eine unſelige Sache. Es iſt Lormeuil, den man auf ſeinem Poſten angreift, der jede gütliche Ausgleichung verſchmäht hat, der jetzt ſein Leben theuer gegen das vieler unſerer Mitbürger verkauft.“ Alle ſchwiegen erſchüttert. Marie rief in tiefſter Be⸗ wegung aus:„O, die unglückliche Schweſter!“ Deſormery fragte erſt jetzt, wie Adolph mit Louiſon zu⸗ ſammengetroffen ſei.— Er erzählte es mit wenigen Worten. Welche Bruſt wäre ungerührt geblieben bei der Kunde von dieſem edlen Wettkampf großer, aufopfernde Geſinnungen! — 71716—— ————((◻½7 — — 291— Doch die Zeit drängte. Adolph glaubte nicht länger verweilen zu dürfen; er hoffte vielleicht noch etwas für Lor⸗ meuil's Schickſal thun zu können, und eilte daher ſo raſch als möglich nach dem Kampfplatz zurück. Indem er in die Straße du Mail einbog, rief ihn eine wohlbekannte Stimme an. Es war Victor, der auf die Nachricht von einem beginnenden Gefecht mit allen Denje⸗ nigen herbeieilte, die in der Schar, zu welcher er ſich ge— ſellt hatte, im Beſitz von Feuergewehren waren. „Adolph! Du ganz allein?“ rief Victor.„Wo kommſt Du her? Wo iſt das Gefecht?“ „Bruder!“ entgegnete Adolph freudig überraſcht und reichte ihm die Hand,„ich komme vom Hauſe; doch mein Weg geht nach dem Kampfplatz. Folge mir und Du ſollſt ihn ſchnell erreicht haben.— Aber weißt Du, wem es gilt?“ fragte er leiſer, indem ſie vorwärts ſchritten und dem nachfolgenden Zuge ein wenig vorauseilten.„Es iſt Lormeuil, der ſich bis auf das äußerſte zu vertheidigen be⸗ ſchloſſen hat.“ „Sieh, ſieh!“ rief Victor.„Das iſt Feuer! Siehſt Du, wie hell dort die Schornſteine in der Glut leuchten? Und drüben die Thurmſpitze iſt gleichfalls geröthet wie in der glühendſten Abendſonne. Wo mag es brennen?“ „Ich fürchte, es iſt das Wachtgebäude! Noch wenige Schritte vorwärts und wir müſſen es ſehen.“ Sie eilten. Bald lag das brennende Gebäude vor ihnen.— Plötz⸗ lich verſchwand die helle Glut und nur eine dunkle Rauchwolke mit rothen Streifen und einzelnen Funkengar⸗ ben blieb übrig; es wurde ſogleich bedeutend finſterer. „Das Dach iſt in ſich zuſammengeſtürzt!“ rief Adolph; njetzt wird die Mannſchaft der Wache wol heraus müſſen.“ 13* — 292— Eben erreichten ſie die letzte Barricade, auf der ſich eine Menge von Frauen verſammelt hatte, um dem Schau⸗ ſpiel zuzuſehen. Adolph machte ſich Bahn und ſchwang ſich auf die Höhe des Walles. Victor folgte ihm nach. Sie konnten den ganzen Kampfplatz überſehen. Clermont hielt im düſterrothen Widerſchein der Flammen und ragte hoch über die Menge hervor. „Das iſt der Oberſt, der hier Alles befehligt,“ ſprach Adolph und zeigte ihn ſeinem Bruder;„ein Held unſeres alten Siegerheeres, ein Mann, deſſen Blick und Wort mit Ehrfurcht und Vertrauen erfüllt.“ „Wie heißt er?“ „Den Namen weiß weder ich, noch ſonſt Jemand. Er iſt heut von einer Reiſe in Paris eingetroffen und gleich aus dem Reiſewagen an die Spitze des Volks getreten.— Heiliger Gott! Er ſtürzt!“ Es war der Augenblick, in welchem Veltlin's Schuß ſeines Ziels nicht verfehlt hatte.— Voller Beſtürzung ſchwang ſich Adolph hinunter von der Barricade und drängte ſich durch die Menge hindurch, um über das Schick⸗ ſal des Führers ſchnelle Gewißheit zu erhalten. Victor folgte ihm auf dem Fuße. Da jetzt aber der Hauptkampf begann, indem die Schweizer Mann für Mann ihr Leben theuer verkauften, wurde das Gedränge ſo furchtbar, daß es bald unmöglich war, weiter vorzudringen. Mitten in dem tobenden Geſchrei der wüthenden Menge hörte man den durchdringenden Jammerruf ſchwer Verwun⸗ deter. Adolph und Victor wurden durch die Menge dicht an einander gepreßt und mußten mehre Minuten in dieſer peinlichen Lage ausharren, wo ſie, kaum zwanzig Schritte von den Kämpfenden, doch völlig müßig bleiben und nicht 4 * — 293— einmal zur Milderung der Wuth gegen die Uebermannten etwas thun konnten. Endlich ſpaltete ſich der Strom der Volksmenge und ſie gewannen Luft. Adolph ſchloß aus einem ſtärkeren Gewühl unweit von ihnen, daß dort etwas vorgehen müſſe, was die Neugier beſonders reize. Es ge⸗ lang endlich beiden Brüdern, ſich dahin durchzuarbeiten, und mit ſchmerzlichem Schrecken ſah Adolph, daß der Oberſt, anf einer Bahre liegend, wie es ſchien todt, über den Platz getragen wurde. Haſtig drängte er ſich hinzu, forſchte, fragte, erhielt widerſprechende Antworten, wurde rauh zu⸗ rückgewieſen, wie es denn in Fällen dieſer Art zu gehen pflegt. Endlich gewann der Zug einen freien Raum in der Straße du Mail, da das Volk ſich weniger um den unbekannten Todten bekümmerte, als um die Ergebniſſe des Kampfs gegen die Schweizer, und ſich daher dorthin drängte. „Hier ins Haus!“ rief ein junger Menſch, der Denen, welche den Körper trugen, Befehle zu geben ſchien;„man muß uns ein Zimmer einräumen.“ Sogleich wurde im untern Geſchoß das nächſte Zimmer an der Hausflur geöff⸗ net und der Oberſt auf ein Ruhebett gelegt. Adolph und Victor traten in das Gemach ein. „Um Gottes willen,“ ſprach Adolph den jungen Mann an,„iſt der Oberſt todt?“. „Gott ſei Dank, nein,“ entgegnete dieſer,„nur be⸗ täubt von einer Kugel, die ihn dicht am Herzen getroffen hat, deren tödtliche Kraft aber durch das Taſchenbuch ge⸗ brochen wurde. Auch hat wol Blutverluſt den Kranken etwas ermattet, da er am linken Arm durch einen etwas tiefen Streifſchuß verletzt iſt. Ich denke, ihn bald wieder zu ſich zu bringen.“ Der junge Mann war Arzt und beſchäftigte ſich jetzt damit, den Ohnmächtigen ins Leben zurückzurufen. — 291— Victor ſtand ohne zu ſprechen in tiefes Sinnen verſun⸗ ken da und betrachtete die Züge des Oberſten mit geſpann⸗ ter Aufmerkſamkeit.„Es iſt mir unerklärlich,“ ſprach er endlich zu Adolph,„allein ich muß dieſen wackern Mann kennen. Sein Bild lebt in der Tiefe meiner Bruſt, doch vermag ich keinen Namen dazu aufzufinden. Noch niemals hat mich aber eine ähnliche Ungewißheit ſo wunderbar bewegt.“ „Du haſt recht,“ entgegnete der Bruder,„ich em⸗ pfinde etwas Aehnliches. Doch wirkt auf mich die Würde, der Adel ſeines Weſens ſtärker, beſonders die klare Hoheit, die Strenge und Güte zugleich, mit der er befiehlt und anordnet. Vielleicht iſt Deine Empfindung unbewußt darauf gegründet und die geheime Macht dieſer Züge, welche Dich zur Ehrfurcht nöthigt, ſcheint Dir aus alten Erinnerungen zu entſpringen, während doch nur unmittelbare Gewalt einer höheren geiſtigen Natur auf Dich wirkt.“ Victor blieb noch immer in düſteres Sinnen verloren. Clermont erholte ſich, ſchlug die Augen auf, blickte auf⸗ merkſam umher, ſammelte ſeine Gedanken und fragte jetzt mit dem Ausdrucke völliger Beſonnenheit:„Wo bin ich?“ Man ſagte es ihm. Er ſchwieg. Sein Blick fiel auf Adolph. Ein Zug auf ſeinem Geſicht verrieth, daß er ihn zwar erkenne, ſich jedoch nicht deutlich des Zuſammenhangs erinnere, in dem er ihn geſprochen hatte. Plötzlich ſchien ihm derſelbe klar zu werden. Sein Antlitz erheiterte ſich augenſcheinlich und er ſprach:„Es iſt mir lieb, Sie hier zu treffen. Wollten Sie mir Adjutantendienſte thun? Es bleibt noch Vieles an⸗ zuordnen.“ „Mit Freuden!“ rief Adolph lebhaft.„ Auch ich bitte darum!“ fiel Victor ein. 3 8 — 295— „Mein Bruder,“ ſtellte Adolph ihn vor. Der Oberſt betrachtete beide Jünglinge mit Wohlgefal⸗ len. Er richtete ſich ganz auf und blieb, indem er auch die Füße von dem Nuhebett auf den Boden herabſinken ließ, in der gewöhnlichen Stellung eines Sitzenden. „Mir iſt wieder ganz wohl,“ begann er,„nur etwas müde bin ich. Allein wir haben keine Zeit zu verlieren. — Haben Sie eine Schreibtafel?“ Adolph bejahte es und zog ſie hervor. Clermont for⸗ derte auch Victor auf zu ſchreiben und dictirte Beiden. Die äußerſten Barricaden gegen den Louvre und das Palais⸗Royal hin, ferner die an dem Eingange bedeutender Querſtraßen gelegenen ſollen durch eine ſtarke Wache, die mit Schieß⸗ gewehren verſehen iſt, beſetzt gehalten werden.— Die Mannſchaft ſoll ſich, da Alle ſehr ermüdet ſind, von Stunde zu Stunde ablöſen. Die Uebrigen bivouaquiren, bis das Zeichen zum Angriff gegeben wird.— Die Einwohner der von den Bürgern beſetzten Straßen werden aufgefordert, den Vertheidigern der Freiheit Erfriſchungen bereit zu hal⸗ ten und ſich auf die Aufnahme der Verwundeten einzurich⸗ ten.— Unabläſſig ſoll man an Schießbedarf anfertigen, was nur möglich iſt, und Jeder, der Waffen beſitzt, ſie den Kämpfenden übergeben.— Die Mannſchaften, welche von den Ufern der Seine bis zu den Straßen du Malil, Montmartre und den Boulevards de la Poiſſonnieère die äußerſten Barricaden beſetzen und ſich meiner Führung an⸗ vertraut haben, ſollen nicht eher angreifen, bis ich den Be⸗ fehl dazu gebe; man muß die Stunde des Kampfes mor⸗ gen ſo weit hinausſchieben als möglich, da unſere Kräfte und Mittel mit jedem Augenblicke wachſen, die des Fein⸗ des, der, wie ich weiß, nicht hinreichend mit Lebensmitteln und Munition verſehen iſt, abnehmen. Auch iſt Ruhe den * — 296— Unſrigen nöthig, da ſie meiſt ſchon den halben Tag und die Nacht gefochten haben. Ich empfehle daher allen Denen, die nicht beſondere Dienſtaufträge haben, an, bis zur Stunde des Kampfes der Ruhe zu pflegen und ſich durch Speiſe und Trank zu erquicken. Wenn die Sturmglocke zu den Waffen ruft, ſo iſt damit noch nicht das Signal zum Kampfe gegeben. Sie ſoll nur ein Zeichen für die Bür⸗ ger ſein, die ſich morgen mit uns vereinigen wollen.“ „Mit dieſen Befehlen gehen Sie,“ fuhr Clermont fort, „die Poſtenkette von dem Pont⸗Neuf bis an den Boule⸗ vard de la Poiſſonnière hindurch; dort habe ich überall Be⸗ fehlshaber ernannt, die eine dreifarbige Binde um den Arm tragen. Machen Sie dieſen meine Anordnungen bekannt und fordern Sie ſie auf, dieſelben ſo weit unter den Bür⸗ gern und Kampfluſtigen zu verbreiten als möglich. Alle Meldungen und Anfragen treffen mich hier in dieſem Hauſe. Doch mit dem Schlag vier Uhr, wenn kein außerordent⸗ liches Ereigniß eintritt, werde ich aufſitzen und mich an die Hauptbarricade in der Straße St. Honoré begeben, von wo ich alle weitern Befehle ertheilen will. Um dieſe Stunde ſollen ſich daher alle von mir ernannten Unterbefehlshaber daſelbſt einfinden und indeſſen ihre Poſten ihren Stellver⸗ tretern bis auf Weiteres übergeben.— Sie Beide erſuche ich, ſich nach Vollendung Ihres Auftrags wieder hier ein⸗ zufinden und mir, falls ein außerordentlicher Vorfall es fordert, Bericht abzuſtatten, wo nicht, mir einige Stunden der Nuhe, deren ich bedarf, zu gönnen und deren ſelbſt zu pflegen.“ Beide Brüder eilten, die erhaltenen Aufträge pünktlich zu vollziehen. Die Gaſſen von Paris boten jetzt einen durchaus andern Anblick dar, als zuvor. Von der An⸗ ſtrengung überwältigt und auf's äußerſte ermütet lagen 4 — 297— die Kämpfer in langen Reihen auf dem Boden und erquick⸗ ten ſich durch einen ſüßen Schlummer, zum Theil auf dem harten Stein. Vielen hatten die Einwohner der nächſten Häuſer jedoch Decken, Matratzen oder Stroh gebracht. Auch lagen Viele auf den Hausfluren. Victor übernahm die Poſtenkette nach der Seite der Seine zu, Adolph die nach den Boulevards. Ueberall fanden ſie wachſame, muthige, kundige Leute, die mit gro⸗ ßer Umſicht gewählt waren; ein Zeichen von der Erfahrung und dem ſchnell beurtheilenden Blick des Oberſten. Nachdem Victor alle Befehle pünktlich vollzogen hatte, kehrte er über den Kampfplatz, wo Lormeuil gefochten hatte, zurück; die glühenden, rauchenden Trümmer des Wachtge⸗ bäudes beleuchteten ihn ſchauerlich düſter. Auch dort war jetzt die Ruhe zurückgekehrt, denn rings an den Häuſern lagen die Kämpfer und ſchliefen. Noch kannte Victor das Ergebniß des Gefechts nicht; bald aber wurde es ihm auf erſchütternde Weiſe klar. Er ſah einen Bürger, auf eine Hellebarde gelehnt, gleich einer Schildwacht ſtehen.„Wen bewacht Ihr hier, mein Freund?“ fragte er ihn. „Die man am wenigſten zu bewachen braucht, die Leichen.“ Victor ſah nach der Seite hin, wohin der Finger des Bürgers deutete, eine lange Reihe todter Körper, die er in der Dunkelheit für Schlafende gehalten, lag neben einander. „Sind das Alles Bürger?“ fragte er mit dem Aus⸗ druck des Schmerzes. „Hier vorn, ja. Es hat zweiundſechzig Todte ge⸗ koſtet.— Morgen wird wol Jeder die Seinigen holen und ſie beſtatken.“ 13** — 298— Der dumpfe Ton der Schildwacht hatte etwas Schau⸗ erliches. „Beweint auch Ihr einen unter den Todten, Freund?“ fragte Victor. „Ich weine nicht. Aber hier neben mir liegen meine beiden Brüder.“ Von tiefem Schmerz ergriffen legte Victor, ſich abwen⸗ dend, die linke Hand an die Stirn und reichte die rechte dem Unglücklichen theilnehmend dar. „Dieſe Nacht bewache ich die Leichen. Morgen wird die Mutter ſie abholen und beſtatten, und ich— werde ſie rächen!“ Victor ſchwieg; es war ihm, als müſſe die Bruſt ihm ſpringen im tiefen Schmerz. Unbeweglich ſtand er da und betrachtete den Unglücklichen, der, auf die Hellebarde ge⸗ lehnt, düſter zur Erde blickte. Es hallten Schritte über den Platz durch die Stille der Nacht. Jemand kam gerade auf ſie zu— es war Adolph. In ſtummer, unbeſchreiblicher Rührung drückte Victor den Bruder an das Herz. Noch lebte er, noch hielt er ihn in ſeinen Armen! Der Unglückliche vor ihnen blickte troſtlos auf zwei Leichen hinab! Dieſer ſchroffe Gegenſatz machte, daß die Liebe zu dem Bruder in hellen Flammen verdoppelt emporſchlug. Es war ihm, als ſei er ihm nie⸗ mals ſo theuer geweſen. Adolph war durch einen beſondern Grund hergeführt worden. Er wollte ſich von Lormeuil's Geſchick überzeu⸗ gen. Daß kein Schweizer gefangen worden war, daß ſie Alle das Leben eingebüßt hatten, wußte er bereits. Er wollte jetzt unter den Leichen die des unglücklichen Freun⸗ des— denn trotz der widerſtrebenden Geſinnungen mußte 1 4 — 299— er ihn ſo nennen— aufſuchen und, wäre es auch nur zu Louiſon's Troſt, für die Beſtattung Sorge tragen. „Biſt Du, Freund,“ fragte er die Schildwacht,„beauf⸗ tragt, dieſe Leichen zu bewachen?“ „Nur zwei davon! Für die übrigen trage ich nicht Sorge. Man wird ſie ſchon erkennen, wenn die Sonne aufgeht; dann mag Jeder die Seinen nehmen.— Leich⸗ name entwendet Keiner; deshalb iſt keine Sorge!“ „Liegen die gefallenen Schweizer auch hier?“ „Nein, dort drüben!“ „So laß uns hinüber,“ ſprach Adolph und zog Victor mit ſich. Sie ſchritten zwiſchen den Leichen der Bürger hindurch, bis zu der bezeichneten Stelle. Dort fanden ſie die Leich⸗ name in wilder Verworrenheit übereinander geworfen; gräß⸗ liche Wunden klafften auf, der Platz war mit Blut über⸗ ſchwemmt. Die Glut leuchtete hell genug, um die Züge Derjenigen, die nicht zu verſtümmelt waren, zu unter⸗ ſcheiden. „Sieh, das iſt Gautier, Lormeuil's Diener,“ ſprach Victor bewegt und zeigte auf einen ſtarr hingeſtreckten Leichnam mit tiefer Bruſtwunde. Adolph betrachtete ihn gerührt. Einige Schritt davon lagen zwei Leichen übereinander, ſo daß die eine das Antlitz der andern verdeckte. „Das ſind Offiziersuniformen,“ rief Adolph; er hob den oben liegenden Körper empor und wandte ihn um. Es 4 war Armand und der, auf dem er gelegen, Lormeuil. Gerade hier war der Kampf am heftigſten geweſen; die meiſten Schweizer lagen auf dem Fleck, wo ſie gefallen waren; nur die entfernteren Leichname hatte man näher geſchleppt und zu den andern geworfen. So ſchien es nicht — 300— unwahrſcheinlich, daß Lormeuil, Armand und der treue Diener Gautier hier den Tod beiſammen gefunden hatten. Gleichſam beſchirmend hatte Armand den Freund noch zu⸗ letzt mit ſeinem Körper gedeckt. Lormeuil war durch einen Lanzenſtich gefallen, Armand hatte einen tiefen Hieb in den Hinterkopf. Adolph ging zu einer unfern gelagerten Gruppe von Bürgern und bat ſie, ihm die drei Leichen fortfchaffen zu helfen. Sie ſchienen unwillig. Adolph ſprach ernſt und mit Wärme:„Mitbürger! Der beſiegte, der erſchlagene Feind iſt keiner mehr. Die Ehre des Begräbniſſes gebührt jedem Tapfern, Jedem der Menſch iſt. Entweiht Euern ſchönen, theuern Sieg nicht durch eine rohe That.“ Die wenigen Worte machten einen tiefen Eindruck auf die Bürger. Sie ſchafften einige Tragbahren herbei und folgten der Führung Adolphs, der die Leichname nach De⸗ ſormery's Hauſe bringen ließ. Schweigend bewegte ſich der düſtere Zug dahin. Henry öffnete das Hausthor. Still wurden die Ueberreſte der drei getreuen Kämpfer für eine unſelige Sache hinaufgetragen und in Shannanil6 Gemach abgeſetzt. Hierauf gingen Adolph und Victor zu Oeſormery und erzählten ihm den ganzen Hergang, dem Adolph noch den Bericht über Armand's muthiges, edles Unternehmen zu Louiſon's Rettung hinzufügte. Dann verließen Beide das Haus wieder, ohne eine der Frauen geſehen zu haben, da⸗ mit der Schmerz und die bange Sorge des Abſchieds ſich nicht erneuern möchten. Sie kehrten zu dem Oberſten zu⸗ rück, wo ſie den Ueberreſt der Nacht in der Hausflur, vor der Thür ſeines Gemachs auf ein Strohlager hingeſtreckt, ubrachten, um gleich in der Frühe bei der Hand und nitht ganz entkriſtet zu ſein. — 301— Dreiunddreissigstes Capitel. Als Louiſon endlich aus ihrer langen ſtarren Betäu⸗ bung erwachte, kehrte ihr jedoch mit den Zeichen des Lebens nicht die Klarheit der Beſinnung zurück. Sie blieb in fie⸗ berhaften Träumen, erkannte die Schweſter nicht, die vor ihrem Bette ſaß, wußte nicht, wo ſie ſei, nicht was mit ihr geſchehen war. Verworren nannte ſie Lormeuil's, nannte ſie des Vaters Namen; bald ſprach ſie von Flucht und Rettung, dann wieder von treuer Liebe und gemeinſamem Tode. Die düſtern Schrecken ihrer nächtlichen Wanderung, beſonders aber die Erinnerung an den ſchauerlichen Fall über die Leiche, den ſie gethan, kehrten ihrem Bewußtſein zurück und ängſtigten ſie mit tauſend verworrenen Schreck⸗ bildern.—„Rettet mich!“ rief ſie,„rettet mich aus den Armen der Leiche!— Halt, Schweſter, geh' nicht weiter! Flüchte, ſie dringen ein, ſiehſt Du die blinkenden Säbel?— Geſchwind rette Dich, die Dächer ſtürzen ein und erſchla⸗ gen uns Alle— ach, ich kann nicht mehr weiter! Die Leiche hält mich grauſenvoll mit kalten Armen umklammert. Sieh nur, wie das Blut über mich herunterſtrömt. Weh mir, ich bin die Todtenbraut! Im Sarge iſt mein Hoch⸗ zeitbett!— Marie! Sei ſtill! Verrathe mich nicht! Ich kehre bald wieder— aber ſprechen muß ich ihn noch ein⸗ mal! Gute Marie! Ach, Du weißt nicht, was Liebe iſt— Du weißt nicht, was Reue iſt! Wie die Natter ſich um meine Bruſt ringelt und mich mit der glühenden Zunge gerade ins Herz ſticht!— Lormeuil! Ich ſterbe mit Dir! Ich verlaſſe Dich nicht, ich will Dich decken im Kampf, durch mein Herz muß der Stahl dringen, der Dich durchbohren ſoll!“— — 302— So phantaſirte ſie in furchtbarer Aufregung ununter⸗ brochen fort. Marie ſaß an ihrem Bette und vergoß un⸗ endliche Thränen.— Der herbeigerufene Arzt erſchien.— Er fand die Kranke ſehr bedenklich. Um den Sturm der aufgeregten Natur einigermaßen zu ſtillen, verordnete er ihr Alles, was die Kunſt Beruhigendes und Kühlendes kennt.— Seinen fortgeſetzten Bemühungen gelang es end⸗ lich, ſie in einen tiefen Schlaf zu verſenken.— Jetzt ent⸗ fernte er ſich mit dem warnenden Gebot, den Schlummer ja nicht zu ſtören. Marie blieb in dem einſamen Gemach bei der Kranken und behütete und bewachte jede leiſe Be⸗ wegung derſelben. Welch eine Nacht! Draußen auf der Gaſſe ein dumpfes Getöſe, ein fort⸗ währendes Treiben und Drängen, wodurch das furchtbare Ausbrechen des Vulkans verkündet wurde, der jetzt die Erde unter den Füßen der Menſchen bang erzittern machte. Im Gemach dagegen tiefe Einſamkeit und Todesſtille, ſo daß man das Summen eines Inſekts hörte, das, durch den Schimmer des Lichts angelockt, aus der Nachtſchwüle ſich in das Zimmer verirrte. Marie zählte den Sekundenſchlag der Uhr.— Die Nacht ſchien ihr unendlich lang.— Eugenie und Betty waren am Herde, Leontine und ihre Mutter mit der Nadel und den Anordnungen in den zur Aufnahme der Verwundeten einzurichtenden Gemächern beſchäftigt. Ihr blieb die ſchwe⸗ ſterliche Sorge um die Kranke. Nur von Zeit zu Zeit kam der Vater in das Gemach, fragte nach dem Befinden Louiſons und ſuchte Mariens bange Seele zu tröſten. Doch vergeblich! Mit düſterer, unwiderſtehlicher Gewalt hatte die Ahnung eines ſchreckenvollen Ausgangs ſich ihrer bemächtigt. Für die Schweſter hoffte ſie nicht mehr. — — —— — 303— Deſormery ſagte Marien nicht, daß Lormeuil todt ſei, daß die Leiche nur wenige Schritt von dem Gemach ent⸗ fernt auf der Bahre liege. Er täuſchte ſie mit der Nach⸗ richt, daß er ſchwer verwundet und gefangen ſei, Adolph aber ſich bemühen wolle, ihn in Freiheit zu ſetzen. Indeß manche Wahrheiten dringen durch alle Hüllen, mit denen man ſie verſchleiert, hindurch; ſo war es auch hier. Marie ſah nur eine düſtere Zukunft, eine ſchreckenvolle Löſung des verworrenen Gewebes dieſer ſchmerzlichen Ereigniſſe heran⸗ nahen. Sie hörte des Vaters Worte, doch ohne zu ver⸗ muthen, daß er ſie abſichtlich täuſche, glaubte ſie nicht daran; auch würde ihr Herz durch dieſe Hoffnung nicht be⸗ ruhigt worden ſein. Mochte es doch wahr ſein, daß er lebe, was konnte das helfen? Eine Ahnung, die ihr mit furchtbarer Unwiderruflichkeit ins Herz drang, rief ihr zu— es iſt doch Alles vergeblich. Und wenn er lebt, wenn Loui⸗ ſon geſund und heiter erwacht— das Unheil geſchieht den⸗ noch, denn es ſtand zu beſtimmt in ihrer Seele. Endlich dämmerte der Tag herauf. In den leiſe be⸗ wegten Gebüſchen des kleinen Gartens wurden einige Vö⸗ gel wach; ein friſcher Morgenhauch drang durch das geöff⸗ nete Fenſter. Sanft röthete ſich der klare Aether und warf einen roſigen Schein herab auf das noch im Schatten der Dämmerung zwiſchen hohen Mauern liegende Gärtchen. Marie lehnte ſich hinaus und warf einen frommen Blick nach dem Gewölbe des Himmels hinauf. Da drang ihr der Troſt mit ſanfter Gewalt in die Seele. Es war, als riefe eine innere Stimme ihr zu:„Ueber Gräbern wachſen Roſen. Keine Wunde iſt ſo tief, ſo ſchmerzlich, daß die Hand der ewigen Güte ſie nicht zu heilen vermöchte. Ein Opfer wird der Himmel fordern, aber, im Schmerz vere⸗ — 304— delt, wird Eure Seele das Glück ernſter betrachten und ge⸗ nießen und ſeiner ſeligen Gaben würdiger ſein.“ Wunderbar getröſtet wandte ſie ſich um und blickte in das Gemach zurück. Da ſaß Louiſon aufrecht auf ihrem Lager, blickte ſie mit matten, aber freundlichen Augen an und ſprach ſanft: „Schweſter! Du haſt bei mir gewacht?“ „Louiſon,“ rief Marie,„lebſt Du, iſt Dir beſſer?“ „Um Vieles!— Ach, ich hatte einen ſchweren, ſchreck⸗ lichen und doch ſchönen Traum.— Oder nein, es war nicht ein Traum, wie Ihr es nennt, aber einer wie das ganze Leben ſich hinträumt.— Ich weiß recht gut, was ich gethan habe, aber nicht, wie ich hieher zurückkomme.“ Plötzlich ſah die Kranke mit ſtarrem Blicke umher. „Ja,“ rief ſie,„nun weiß ich's! O Gott, wo iſt Lormeuil! Iſt er todt, haben ſie ihn gemordet? Schweſter, habe Erbar⸗ men mit mir— ſage mir Alles, Alles!“ Bei dieſen Worten ſchlang ſie die Arme heftig um den Hals der liebreich über ſie gebeugten Marie, küßte ſie, weinte, bat— allein ſo heftig, ſo ſtürmiſch, daß es unmöglich war, ihr zu ant⸗ worten. „Sei ruhig, liebſte Louiſon, ſei ruhig. Du ſollſt Alles wiſſen, aber höre mich an! Lormeuil iſt verwundet, iſt gefangen—“ „Nein! Nein! Nein! Du kannſt mich nicht täuſchen! Er iſt todt! Ich weiß, er iſt todt!— Verwundet? das ſagſt Du jetzt, und dann ſchwer verwundet, dann ohne Hoffnung— ich weiß es— dieſe langſame Marter nennt Ihr ſchonen, vorbereiten. Das iſt Alles vergeblich! Wollt Ihr ein liebendes Herz täuſchen? Hinweg, hinweg! Ich ſehe ſeine Leiche vor mir— er iſt blutig verſtümmelt, ge⸗ mishandelt!— O mein Himmel!“ 4 — 305— „Louiſon,“ ſprach Marie ſanft,„welche entſetzliche Bilder. Nein—“ „Nein, nein! Sag ich Dir ſelbſt! Er iſt todt. Aus Barmherzigkeit geſtehe mir's, daß die Angſt mich nicht vernichte. Wir ſind einmal raſende Sterbliche, die Hoff⸗ nung klammert ſich an das Herz, auch wenn wir ſie von uns ſtoßen, wenn die ſchaudervolle Wahrheit gräßlich, un⸗ läugbar vor unſern Augen ſteht. Schweſter, ſelbſt an ſei⸗ ner Gruft, an ſeiner entſeelten Hülle könnte ich die Hoff⸗ nung nicht ganz erſticken, ſo hoffnungslos ich bin! Sie regt ſich noch, wie das Leben eines Zerſchmetterten, gegen ſeinen Willen. Marie! Es iſt das einzige Glück, das ich noch kenne, ganz, ganz ohne Hoffnung zu ſein. Erſticke den letzten Funken, ich flehe Dich auf meinen Knien darum an!“ Hier machte ſie eine heftige Bewegung, als wollte ſie vom Lager aufſpringen und ſich der Schweſter zu Füßen werfen. Dieſe hielt ſie in ſanfter, zärtlicher Umarmung zurück. „Bei dem gnädigen Gott, Louiſon, ich ſage Dir, was ich weiß,“ rief Marie,„und ich weiß nichts Anderes, als ich Dir ſage.“ „Verwundet? Und wo? Ich will zu ihm. Bewacht man ihn in ſeinem Zimmer? O laß mich hinüber.“ „Er iſt nicht dort, meine Schweſter. Gewiß nicht.“ „Aber wo iſt er denn?“ „Bei Gott, ich weiß es nicht, Louiſon!“ „Ach, Marie, Du biſt grauſam gegen mich! Ich weiß, er iſt auf ſeinem Zimmer. Seine Leiche hat man dorthin gebracht, aber Ihr wollt mirs verſchweigen. Glaubſt Du denn, ich hätte nicht gehört, als ich ſchlummerte? Da trug — 306— man den Sarg hinein; ich hörte ſchwere Schritte, und die Thür öffnete ſich und ſchloß ſich wieder. Kranke haben einen leiſen Schlummer! Ich wäre auch aufgeſprungen, aber die Macht der Krankheit hielt mich regungslos ge⸗ feſſelt.— Du weißt das Alles und willſt mirs doch ver⸗ ſchweigen? O, Marie, das iſt nicht gut. Ich bin wol oft unfreundlich gegen Dich geweſen, aber ich dachte, Du hätteſt mirs vergeben, um meines Elends willen!“ Marie zerfloß in Thränen.— Sie betheuerte, ſie ſchwur, vergeblich! Louiſon weinte, bat, flehte die Schweſter an, ſie hinüberzuführen. Umſonſt ſtellte Marie ihr vor, daß Fieberträume ſie täuſchten; ſie gerieth endlich ſo außer ſich, daß die Schweſter beſorgt wurde, eine längere Weigerung könne ihr den Tod bringen. „Gut denn,“ ſprach ſie,„ich will mit Dir hinüber⸗ gehen, dann aber verſprich mir auch, daß Du ruhig ſein willſt. Aber Du wirſt zu ſchwach ſein, Du kannſt Dich nicht aufrecht erhalten!“ „Zu ſchwach?— Und müßte ich ihn durch ganz Paris aufſuchen, ich fühle die Kraft dazu!“ Sie ſprang vom Lager auf; ihre Wangen glühten; kaum duldete ſie es, daß Marie ihr einen Mantel beſorg⸗ lich umwarf. Mit haſtigen Schritten eilte ſie hinaus, ſo daß die Schweſter Mühe hatte, ihr zu folgen, ſie zu ſtützen.— Beide eilten den Corridor hinunter; als ſie die Thür von Lormeuil's Zimmer faſt erreicht hatten, fiel es Marien ſelbſt auf, daß dieſelbe offenſtand. Eine Ah⸗ nung, als könne Louiſon dennoch recht haben, bemäch⸗ tigte ſich in dieſem Augenblick ihrer Seele. Aber ſchon hatten ſie das Gemach erreicht, Louiſon öffnete die Thür vollends und— ſie ſtanden vor Lormeuil's, nur mit einem weißen Tuch halb bedeckter Leiche. Mit einem Schrei des — 307— Entſetzens fuhr Marie zurück; Louiſon ſchien nicht überraſcht. Sie ſprach mit ſeltſamer Stimme:„Siehſt Du, daß ich es wußte? Aber fürchteſt Du Dich vor Leichen, Marie?“ Die heftig Erſchreckte war in die Knie geſunken; ſie bebte, ihr Buſen flog, ſie konnte die Sprache nicht wieder finden. Mühſam hob ſie ſich endlich an Louiſon's Hand, die ſie nicht los gelaſſen hatte, empor und ſchwankte gegen das Ruhebett zu, auf welchem Lormeuil lag. Dort mußte ſie ſich vor Ermattung zu Füßen des Todten niederſetzen. Louiſon war der entſeelten Hülle näher getreten. Mit einem unbeſchreiblichen Blick, der aus einem irren Wahn der Freude und tiefſtem Jammer zugleich gemiſcht war, blieb ſie unbeweglich vor dem Todten ſtehen. Sie legte ihre Hand langſam an ſein Herz und ſprach: „Es ſchlägt nicht mehr!“ Dann trat ſie näher gegen das Haupt hin, ſtrich dem Todten das Haar ein wenig aus der Stirn und ſagte mit einem herzzerreißenden Lächeln: „Er ſieht noch immer mild und freundlich aus. Nicht wahr, Marie?“ Dieſe vermochte nicht zu antworten. „Ja, Du ſitzeſt zu ſeinen Füßen. Das ſollte mein Platz ſein. Aber ich werde bald treu an ſeiner Seite liegen.“ Erſt jetzt fiel ihr Blick auch auf die andern Leichen, die in einiger Entfernung im Hintergrunde des Zimmers lagen. „Sieh, dort iſt auch der treue Diener und hier der treue Freund. Ein ſchöner Jüngling! Ein edles Herz! Sie ſind mit ihm geſtorben, Marie;— das will ich nun auch!“ Sie ſeufzte leiſe auf, legte die Hand auf die Bruſt und blickte mit jenem irr' träumenden Lächeln gen Himmel auf. — 308— Marie hatte ſich einigermaßen wieder erholt. Mit ban⸗ ger Ahnung ſah ſie Louiſon's ſcheinbare Ruhe und Erge⸗ bung; ſie empfand es wohl, daß ihre Seele ſchon halb jenſeits war. Sanft legte ſie den Arm um die Schweſter; kaum vermochte dieſe noch einen Fuß zu heben. Halb ge⸗ tragen von Marien gelangte ſie wieder bis an die Thür ihres Zimmers. Dort ſank ſie ganz in ſich zuſammen und mühſam brachte die Schweſter ſie wieder auf das Lager zurück. Hier entſchlummerte ſie ſogleich; bald aber athmete ſie ängſtlich, öffnete das Auge halb, ſah bewußtlos umher, ſprach jedoch keine Sylbe. Marie betrachtete ſie mit unaus⸗ ſprechlicher Angſt; jeden Augenblick ſchien ihr der Zuſtand gefahrvoller, endlich vermochte ſie es nicht mehr, allein zu bleiben, ſondern eilte hinüber, den Vater zu rufen. Sie fand den Greis in einem Lehnſeſſel, ermattet, halb entſchlummert; auf dem redlichen Antlitz ſchwebte ein Zug der Sorge und des Grams. Tief gerührt trat Marie vor ihn.„Soll ich ihn wecken,“ dachte ſie,„und zu welchem Schmerz! Aber würde er mirs je vergeben, wenn er ſein ſterbendes Kind nicht noch einmal geſehen hätte?“ Leiſe be⸗ rührte ſie ſeine Hand und flüſterte:„Vater!“ Er erwachte. „Louiſon iſt ſehr krank, ich ängſtige mich, o komm einen Augenblick hinüber!“ Er folgte der Tochter eilig. Als ſie in das Gemach der Kranken eintraten, fanden ſie dieſe im heftigſten Todes⸗ kampf; die Bruſt flog, der Blick ſtarrte irr vor ſich hin. „Gott, ſie ſtirbt!“ rief Deſormery und rang die Hände.„Henry!“ rief er hinaus,„eile zum Arzt, aufs ſchnellſte!“ 3 Dieſen Ruf hörte Frau von Clermont, die allein noch unermüdet thätig in einem der Vorderzimmer war. Sie — 309— ſchreckte heftig zuſammen und eilte hinüber in das Kran⸗ kenzimmer. Als ſie eintrat, ſah ſie den Vater und Ma⸗ rien troſtlos am Bette ſtehen; ſie ging näher, ſah die Kranke und ein Blick reichte hin, ſie zu überzeugen, daß hier keine Hülfe mehr zu erwarten ſei.„Ach, Deſormery,“ ſprach ſie ſanft,„ergeben Sie ſich in das Nothwendige; der Arzt kommt vielleicht ſchon zu ſpät. Das Auge iſt dem Brechen nahe!“ Deſormery ſah ſie mit einem Blick voller Thränen an und erwiderte:„O daß ich nur noch ein Wort der Liebe zu ihr ſprechen könnte! Daß unſere Herzen nicht im Zwie⸗ ſpalt von einander geriſſen würden!“ „Dieſe Hoffnung kann ich Ihnen geben; der letzte Au⸗ genblick wird hell und heiter ſein— er iſt nicht mehr fern.“ Deſormery ſetzte ſich neben das Lager der Tochter, Marie zu den Füßen des Bettes nieder. Frau von Cler⸗ mont ging hinüber zu Eugenien und Leontinen, die Arm in Arm, Herz an Herz in einem Seſſel ſchlummerten. Sie weckte ſie ſanft und ſprach:„Kinder, Ihr müßt von Eurer Freundin Abſchied nehmen! Sie wird bald von dieſer Erde ſcheiden.“ Erſchreckt und erſchüttert folgten die jungen Mäd⸗ chen der Mutter, die auch Betty aus dem Nebenzimmer abrief. Leiſe traten ſie an das Lager der Sterbenden und betrach⸗ teten ſie in tiefer Rührung, die ſo jung ihr Geſchick vollen⸗ dete. Ihr Athem war ruhiger, das Auge geſchloſſen; plötz⸗ lich ſchlug ſie es auf und blickte matt, doch hell und freundlich umher. Sie lächelte, aber ſprach nicht. Der Vater ergriff ihre Hand; ſie ſah ihm mit zärtlicher Weh⸗ muth ins Auge, rührte die Lippen, aber kein Laut entfloh ihnen. Marie trat von der andern Seite heran, legte ihr ſanft den Arm unter das Haupt, ſodaß es nun ganz erho⸗ ben wurde, und faßte ihre Linke. Die Sterbende fand ſich — 310— in dieſer Stellung offenbar erleichtert; ſie ſchien Kräfte zu ſammeln. Nach einigen Minuten ſprach ſie:„Vater, Marie— ich kenne Euch alle!“ Eine tiefe Stille herrſchte in dem Gemach; jeder feſſelte die Ausbrüche des Schmerzes in der heiligen Minute des letzten Abſchieds.. Mit ſeligem Lächeln blickte Louiſon noch einmal rings umher; ſie ſchlug das ſchöne Auge groß auf, blickte den Vater an und hauchte: „Ihr müßt mich neben ihm begraben.“ Dann athmete ſie tief auf, das Augenlid ſank müde herab— ſie lächelte— verſchied. Rings herrſchte heilige Stille des Morgens; der Him⸗ mel warf einen leiſen Purpurſchimmer in das Gemach; — die Zurückgebliebenen hielten einander in ſtummer Umarmung. Da ertönte plötzlich der fürchterliche Klang der Sturm⸗ glocke, die den dröhnenden Ruf zum Kampf aus hohen Lüften herab erſchallen ließ. Von der ſtillen Friedensſtätte der Entſchlummerten riß die gewaltige Hand des Geſchicks die Trauernden wieder mitten hinein in die brandenden Wo gen des Lebens! Dierunddreissigstes Capitel. Mit dem Schlag der vierten Stunde ſaß Clermont wieder zu Pferde. Adolph und Victor waren ihm ſchon vorausgeeilt und harrten ſeiner an der Barricade in der Straße St. Honore. Hier waren alle die Befehlshaber zu⸗ 3141— ſammengekommen, welche Clermont eingeſetzt hatte. Als er herangeſprengt kam, wurde er mit jubelndem Ruf be⸗ grüßt.„Freunde,“ redete er die Krieger an,„unſere ge⸗ ſtrigen Kämpfe und Siege waren nur das Vorſpiel zu de⸗ nen, die uns jetzt bevorſtehen. Ich habe Nachricht, daß der Feind uns angreifen wird. Erwarten wir ihn ruhig. Seine Uebermacht an Leuten, die mit Schießgewehren be⸗ waffnet ſind, kann uns einen Augenblick gefährlich werden; er wird ſogar Artillerie gegen uns auffahren.— Hier in dieſer Straße und in allen engeren Gaſſen, wo wir Bar⸗ ricaden errichtet haben, wird es ihm unmöglich ſein, vorzu⸗ dringen. Aber ſchwerlich dürften wir ihm in den breiteren Straßen du Mail und Foſſée Montmartre offnen Wider⸗ ſtand leiſten, ohne großen Nachtheil zu erfahren. Ich werde dort den Oberbefehl übernehmen. Gelingt mir mein Plan, ſo verführe ich den Feind, uns auf dem Platz des Victoires anzugreifen. Ich werde mich dann durch die breiten Quer⸗ ſtraßen bis in die Straße Montmartre zurückziehen. Ihr werft Euch in alle Seitengaſſen, in die Häuſer, beſetzt die obern Stockwerke, in denen Ihr ſo viel als möglich Steine zuſammenhäuft. Mit der Hauptmacht unſerer Bewaffne⸗ ten biete ich dem Feinde fortwährend, obwohl immer zu⸗ rückgehend, die Spitze; ſowie ich die Ecke der Straße du Croiſſant erreicht habe, mache ich Halt. Dort ziehe ich die in der Straße Notre Dame des Victoires aufgeſtellte Verſtärkung an mich und werfe mich dann mit ganzer Macht auf den Feind. Ich werde in dieſem Augenblick aus den Fenſtern des Eckhauſes der Straße St. Mare, das die ganze Länge der Straße Montmarte zu ſehen iſt, ein Zei⸗ chen durch das Schwingen einer dreifarbigen Fahne geben laſſen. Daſſelbe wird aus allen Dachfenſtern der Eckhäuſer in der Straße Montmartre weiter gegeben werden. Und — ——: — 312— in dieſem Augenblick brecht Ihr alle zugleich aus den Quergaſſen hervor, feuert aus den Fenſtern, werft Steine herab, kurz greift den Feind mit allen Waffen an. Dann muß er flüchten oder er wird vernichtet. Ihr verfolgt ihn nicht; ſondern mir, mit dem Kern unſerer Macht überlaßt es dann, ihn für ſeine Verwegenheit zu züchtigen. Ich be⸗ gebe mich jetzt nach dem Platz des Victoires. Dorthin ſen⸗ det mir jeder von Euch dreißig ſeiner beſten mit Schießge⸗ wehr bewaffneten Leute, denn wir werden den heißeſten Kampf zu beſtehen haben. Ihr Andern haltet Euch nur wacker hinter Euern Barricaden, daß man uns nicht in die Flanken fallen kann, ſondern da angreifen muß, wo ich es haben will.— Jeder verbreite unter ſeinen Leuten, unter den Bürgern, den Hausbewohnern der Straßen, kurz ſo weit als möglich dieſen Plan des Kampfes, damit Jeder möglichſt dazu mitwirke. Wäret Ihr ein geordnetes Heer, ſo würde ich ihn geheim halten und nur den nächſten Be⸗ fehlshabern mittheilen, was ihnen zu wiſſen nöthig wäre. Hier aber muß uns der allgemeine redliche Wille zum Er⸗ ſatz für den unbedingten Gehorſam, die künſtlich geordnete Zuſammenſetzung eines Heeres dienen, das, ſo ungeheuer es ſei, doch bis in die entfernteſten Theile durch den Wink des Feldherrn geleitet wird. In Paris iſt kein Verräther. Ich erfahre zwar, was der Feind will, was er fürchtet, was er leidet, allein ich weiß, in dieſer ungeheuern Menge befindet ſich Niemand, der uns an ihn verrath.“ 1 Ein lauter Ruf der Begeiſterung folgte dieſen Worten. „Begebt Euch jetzt auf Eure Poſten; Niemand greife an; es thut uns nicht Noth zu fechten, wol aber dem Feinde.“ „Ihr, meine jungen Freunde,“ ſprach Clermont zu Adolph und Victor,„werdet mir folgen.— Forbin, Du — 313— mußt Deinen Quai vertheidigen; er iſt ein wichtiger Punkt. Laß mir keinen Feind in den Rücken kommen!“ „Sorgt nicht, mein Oberſt!“ rief der Alte,„keine Maus ſoll Euch ſtören, ſo lange ich Wache halte. Am liebſten ſtände ich freilich dicht neben Euch im Gefecht, aber Gehorſam iſt des Soldaten Pflicht und ich werde auf mei⸗ nem Poſten leben und ſterben.“ Damit ging der wackere Graukopf ab, um zu den Sei⸗ nigen zurückzukehren. Clermont ritt nach dem Platz des Victoires. Hier ka⸗ men bald alle die Mannſchaften, die er gefoͤrdert hatte, zuſam⸗ men. Sie bildeten doch ein Corps von nahe an ſechshundert Mann und, da einzelne Bewaffnete aus den Stadtvierteln noch fortwährend hinzuſtrömten, ſo vergrößerte ſich die Zahl noch bedeutend.— Er gab einem jungen Offizier des alten Heeres, der nur einen Arm hatte, aber doch zum Kampfe geeilt war, den Oberbefehl über das Reſerve⸗Corps, wel⸗ ches in der Straße Notre⸗Dame⸗des⸗Victoires aufgeſtellt wurde. Adolph und Victor behielt er zunächſt bei ſich, doch erhielt Adolph den Befehl, ſo lange der verſtellte Rückzug dauern würde, Diejenigen anzuführen, die ſich durch die Straße du Mail in die Straße Montmartre ziehen ſollten, wo dann die Corps wieder zuſammenſtoßen mußten. Die ſchlecht oder gar nicht Bewaffneten mußten ſich in die Häu⸗ ſer vertheilen und Steine in die oberen Stockwerke tragen. Doch beſtimmte Clermont auch eine Anzahl Schützen, die während des Rückzuges einzeln in die Häuſer entweichen und dann nach gegebenem Zeichen aus den Fenſtern feuern ſollten.. Nachdem auf dieſe Weiſe alle Vorbereitungen getroffen waren, lagerten die Kämpfer ſich, bis der Ruf zur Schlacht erfolgen würde. Die Bewohnerinnen der Häuſer in allen Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. II.. 14 — 3u— anliegenden Straßen wetteiferten, die Krieger mit Speiſen und Wein zu erquicken, damit ſie deſto freudiger und ſtär⸗ ker in den Kampf gehen könnten. Dieſe Waffenruhe dauerte mehre Stunden; indeſſen hörte man von Zeit zu Zeit ſchießen und eerhielt die Nach⸗ richt, daß auf den Boulevards, auf den Quais, an der Kaſerne Babylone, kurz an allen Punkten von Paris ge⸗ fochten wurde. In den Tuilerien waren die Miniſter und der Marſchall Marmont mit ſeinem Generalſtabe verſam⸗ melt, um über die Maßregeln, die man zu treffen habe, zu rathſchlagen. Es verlautete, Paris ſei in Belagerungs⸗ zuſtand erklärt und Marmont zum Commandanten ernannt. Dies ließ etwas Entſcheidendes erwarten. „Wir müſſen uns auf einen nachdrücklichen, mit Um⸗ ſicht und Tapferkeit geleiteten Angriff gefaßt machen,“ ſprach Clermont.„Denn Marmont hat Talent, Erfahrung und und Muth. Wäre er dem Vaterlande ſo getreu geweſen, als er ihm nützlich war und noch ſein könnte, er müßte der Stolz der Nation ſein. Ihn hat die Verſchwendung verderbt.“ Gegen neun Uhr entſtand plötlich eine lebhafte Bewe⸗ gung unter den gelagerten Truppen. Clermont ſchickte Vic⸗ tor hin, um die Urſache zu erfragen. Indeſſen ſah man von weitem, daß ſich das Volk mit Lebhaftigkeit un in einige Männer in Uniform drängte und von Zeit zu eit einen Freudenruf erhob. Victor kehrte bald mit der Nachricht zurück, daß es mehre Deputirte ſeien, die ſich zum Mar⸗ ſchall Marmont begeben wollten, um den Verſuch zu ma⸗ chen, dem Blutvergießen ein Ziel zu ſtecken. „Wer ſind die Deputirten?“ „Ich erkannte nur Lafitte, Caſimir Perier und den Grafen Lobau.“ — 3 „Lobau!“ rief Clermont freudig erſchüttert.„Und un⸗ ter welchen Bedingungen will man Frieden ſchließen?“ „Zurücknahme der Ordonnanzen, Wechſel der Mi⸗ niſter——“ „Nimmermehr! O die Verblendeten! Glauben Sie denn, daß jemals mit dieſem Fürſten ein Bund der Treue und Aufrichtigkeit geknüpft werden kann? Wie lange wer⸗ den wir andere Miniſter haben? Welche Schritte wird die Camarilla ihnen geſtatten? Nichts! Nichts! Man würde nur einen günſtigen Zeitpunkt endarken, um uns das Joch deſto ſicherer überzuwerfen.— Auch Lobau iſt dabei? Freilich ein funfzehnjähriger Friede, der uns alle Bequemlichkeiten und Freuden des Lebens bereitet und uns daran gewöhnt, lehrt dieſe Güter hoch ſchätzen.— Aber nein! Dennoch! Ich mag keinen Frieden, der nicht Frankreichs Heil auf im⸗ mer ſichert. Dieſer Boden iſt geröthet vom Blut der Bür⸗ ger! Das muß geſühnt werden. Die bloße Zurücknahme verbrecheriſcher Befehle, die man niemals geben durfte, iſt noch kein Unterpfand für die Freiheit des Vaterlandes. Jetzt iſt Krieg. Ich fechte, ſiege oder falle. Das Loos der Waffen entſcheide. Inter arma silent leges. Wer will mir den Frieden vorſchreiben? Lobau? Lafitte? Perier?— Ehrenwerthe Männer; aber ich denke, ich weiche ihnen nicht an Vaterlandsliebe. Und wer gab ihnen Vollmacht? Nein, der Schritt) den ſie thun, bleibt weit hinter der Macht der Ereigniſſe zurück. Bedingen ſie uns nichts Beſſeres, ſo ver⸗ werfe ich die Bedingungen!“ Clermont ſprach dies mit der Entſchiedenheit eines Man⸗ nes, der die Macht in Händen hat. Und er hatte ſie, denn er empfand die wahrhafte Geſinnung Derer, die unter ihm kämpften. Der Augenblick, wo endlich das leere Gaukel⸗ ſpiel der Verehrung eines gehaßten Monarchen vor der lang 14* 316— verhüllten und gefeſſelten, jetzt aber ihre Banden mächtig ſprengend, unbeſiegbar einherſtürmenden Wahrheit in ſein Nichts zuſammenſtürzen mußte, war da. „Wir wollen die Antwort erwarten,“ ſprach er ruhi⸗ ger.„Alsdann iſt es noch Zeit, das Volk zu hören.“ Ein zweites Zuſammenſtrömen, ein erneutes, freudiges Jauchzen und Jubeln der Menge erregte abermals die Auf⸗ merkſamkeit des Oberſten. Das Getümmel kam näher und näher. Bald erkannte man einen kleinen, ältlichen Mann mit ſilberweißem Haar, der, in einem Seſſel ſitzend, mit zwei Krücken im Arm, von dem Volke getragen und mit liebender Emſigkeit umringt wurde. Sein lebhaftes Auge blitzte feurig, er ſprach mit freundlichem Ernſt rings zu allen Bürgern „Wer iſt das?“ fragte Clermont. Victor wußte es nicht. Adolph aber ſprach mit be⸗ wegter Stimme:„Das iſt der treueſte Freund des Volks, der unerſchrockenſte Kämpfer für die Frei⸗ heit, der edelſinnigſte Bürger Frankreichs— es iſt Benjamin Conſtant!— Krank, vielleicht dem Tode nahe, läßt er ſich von ſeinem Schmerzenslager auf die Stelle der Gefahr tragen, wohin die Noth des Vater⸗ landes ihn ruft. Aber, Ihr ſeht es, die Bürger tragen ihn auf ihren Händen.“ Clermont blickte mit Ehrfurcht auf das Haupt des alten, kränklichen Mannes, dem in der ſterbenden Bruſt das Herz eines Löwen ſchlug, unter deſſen bleicher Scheitel das ewige Feuer der Wahrheit, das glänzende Licht der Frreiheit ſtrahlend glühte. Er trat dicht heran. Als der Zug einen Angenblick anhielt, ſchritt er mit dem edeln Selbſtgefühl eines Man⸗ nes, der berechtigt iſt, auf eignen Werth zu bauen, dem — 317— großen Fechter für die heilige Sache der Freiheit entgegen. Er reichte ihm die Hand dar; Conſtant ergriff ſie mit Wohlwollen und blickte den Oberſten mit einer Miſchung des Erſtaunens und der Ehrfurcht, die ſein hohes Weſen gebot, an. „Sie haben,“ ſprach dieſer,„funfzehn Jahre für Frank⸗ reichs Freiheit gefochten, ich jetzt kaum funfzehn Stunden. Dennoch faſſe ich mit Zutrauen Ihre Hand; denn ich glaube, mein Herz ſchlägt ſo warm für die Freiheit, als das Ihrige, wenn gleich ſie mächtigere Waffen zu ihrer Vertheidigung führen, als ich.“ „Es iſt die Zeit, wo Biedermänner ſich die Hand reichen müſſen,“ entgegnete der berühmte Redner mit bewegtem Ton der Stimme.„Möge der Himmel Ihre Waffen ſeg⸗ nen, wie er die meinigen, denke ich, ſeit funfzehn Jahren geſegnet hat; dann werden wir uns vielleicht in wenigen Tagen in der erfüllten Freude des heiligſten Sieges umar⸗ men, wie wir es jetzt in der Hoffnung darauf thun.“ Edle Seelen erkennen ſich im erſten Augenblick; denn ihre leiſeſte Berührung gibt, wie die zweier edler Metalle, einen reinen Wohlklang. Beide Männer umarmten einander in ſtummer Rührung und ſchieden, ohne weiter ein Wort zu ſprechen. Eine Stunde war verfloſſen. Da ſah man die Deputir⸗ ten, welche mit dem Herzoge von Raguſa unterhandelt hat⸗ ten, zurückkehren. Es verbreitete ſich das Gerücht, daß ihre Schritte vergeblich geweſen ſeien. „Wohl uns!“ rief Clermont,„ich denke, die unſerigen werden es nicht ſein.“ Da, der Oberſt mit allen Theilen der Stadt Verbin⸗ dung unterhielt und eine eigne Anzahl gewandter Leute ausgeſllcht hatte, um ihm ſchnell und häufig über den Zu⸗ 318 ſtand der Dinge Nachricht zu bringen, ſo wußte er auch mit Zuverläſſigkeit, daß die Schweizer und Garden im Louvre und in den Tuilerien, wo ſie in den größten Maſſen beiſammenſtanden, von allen Lebensmiteln abgeſchnitten waren und daher bald einen entſcheidenden Schritt wagen mußten, um ſich aus dieſer Lage zu retten. Deshalb wie⸗ derholte er die ſtrengſten Befehle, durchaus nicht anzu⸗ greifen. Endlich, Mittags gegen zwei Uhr, brachte ein junger Menſch die Nachricht, daß die Truppen auf dem Carouſſel⸗ Platz geordnet würden und Marmont an ihrer Spitze einen Angriff machen werde. Die Gewißheit, daß die National⸗ garden von Paris zuſammenzutreten anfingen und daß die polytechniſche Schule ſich zu einem eignen erfahrungs⸗ und kenntnißreichen Corps gebildet habe, das wohl bewaffnet und ſogar mit einiger Artillerie verſehen ſei, hatte den Marſchall beſtimmt, ſeinen Angriff zu beginnen, noch ehe ein näherer Befehl des Königs ihn dazu ermächtigte. Es dauerte nicht lange, ſo wurde die Colonne des Schweizer⸗Regiments am Ende der beiden ſenkrecht auf eeinander ſtoßenden Straßen Croix⸗des⸗Petits⸗Champs und MNue Neuve⸗des⸗Petits⸗Champs ſichtbar.— Die Bürger traten unter Waffen. Die Sonne ſtand hoch am Himmel; es war eine glühende, erſtickende Hitze. Rings herrſchte die tiefſte Stille. So groß die Begeiſterung war, ſo bemäch⸗ tigte ſich doch im Augenblick der furchtbaren Entſcheidung aller Gemüther eine ernſte, faſt beklkommene Stimmung. Clermont beſtieg ſein Pferd; er überſah ruhig, mit klarem Auge ſeine Streitkräfte und prägte der Mannſchaft noch⸗ mals pünktliche Befolgung der gegebenen Befehle ein. Er zog den Säbel nicht, da er den linken, verwundeten Arm in einer Binde trug und deshalb die Zügel mit der rechten * 8 — 319— Hand führen mußte. Victor bat ihn, lieber zu Fuß zu commandiren,] da er ſich auf dem Roß der Gefahr zu ſehr ausſetze, indem jeder Schütze auf ihn anlegen werde. Er erwiderte:„Ich weiß das und habe es genau überlegt. Allein ich muß zu Pferde ſitzen, um Alles zu überſehen, ſogleich ſelbſt uͤberall hineilen zu können. Jeder Befehlsha⸗ ber nach mir zu Pferde, wird ſo gut ſein wie ich zu Fuß. „Deshalb darf ich die Gefahr nicht in Anſchlag bringen.“ Die Schweizer rückten an; dumpfe Trommelwirbel er⸗ ſchollen; Staub wirbelte hoch über den vordringenden Co⸗ lonnen. Clermont ließ ſie bis auf bequeme Schußweite herankommen. Dann commandirte er:„Feuer!“ Das Getöſe war furchtbar in den engen Gaſſen. Der Boden dröhnte, alle Fenſter bebten und klirrten. Die Rauchwolken, die kein Lüftchen verjagte, ſtanden blau und ſchwer über den Kämpfenden. Im gleichen Augenblick erwiderten die Schweizer das Feuer durch eine Generalſalve. Die Kugeln ſchwirrten meiſt über den Köpfen der Bürger hin. Doch war es einen Augenblick, als ob tauſend Schlangen in der Luft ziſchten und züngelten, ſo nahe und ſo zahllos ſchwirrten die Todespfeile. Durch die Hauptbarricade der Straßen Foſſée, Mont⸗ martre und du Mail hatte Clermont einen Durchbruch ma⸗ chen laſſen. Gleich nach der erſten Salve gebot er dem einen Theil der Leute, ſich durch dieſe Oeffnung abzuzie⸗ hen, während er mit dem übrigen das Feuer noch mehr⸗ mals erwiderte. Da die königlichen Truppen durch zwei Straßen anrückten, die ſenkrecht auf einander ſtoßen, ſo ent⸗ ſtand auf dem Platze ſelbſt ein furchtbares Kreuzfeuer, das jedoch den Leuten Clermont's wenig Schaden that, da er Sorge getragen hatte, ſie außerhalb des gefährlichen Punkts aufzuſtellen. 4 532b— Mit dröhnendem Trommelſchlag und lautem Feldge⸗ ſchrei rückten die Schweizer und Garden im Sturmſchritt auf den Platz an. So wie ſie aus den Mündungen der Straßen hervorquollen, empfing ſie ein furchtbares Feuer der zum größten Theil hinter den Barricaden aufgeſtellten Schützen und richtete eine grauenhafte Verheerung unter ihnen an. Jede Kugel traf, zahlloſe Verwundete bedeckten in einem Augenblicke den Boden. Mitten in den andrin⸗ genden Maſſen ritt der Marſchall Marmont; doch konnte man in dem Qualm und Rauch, der Alles umhüllte, ſeine Geſtalt nur dunkel unterſcheiden. Er ſpornte den Gaul, ſprengte mit ſeinen Adjutanten auf den Platz, ordnete trotz des heftigſten Gewehrfeuers die einen Augenblick ins Wan⸗ ken gekommenen Colonnen mit der Kaltblütigkeit des alten, in Schlachten ergrauten Feldherrn und winkte ihnen, ſich vorwärts anf die Barricade zu ſtürzen. Mit gefälltem Bajonnet rückten ſie an; eine Salve empfing ſie und riß weite Lücken in die Reihen. Doch ſie ſchloſſen ſich wieder und drangen mit lautem Feldgeſchrei über die Leichname ihrer Brüder vorwärts; dreißig Schritt vor der Barricade feuerten ſie und ſtürmten dann im vollen Laufe dagegen an. Der Oberſt hatte ſeine Leute ſchon geſammelt und ge⸗ gen hundert Schritt zurückgeführt. Als eine Anzahl von Schweizern durch und über die Barricade hereingedrungen waren, ließ er Feuer geben und der Kugelſchwarm ſchlug verheerend in die Maſſen ein. Doch weder die Truppen, noch ihr Führer wankten, ſondern drangen in geſchloſſenen Reihen unter fortwährendem Feldgeſchrei und raſſelnden Trommeln durch Rauch und Dampf, über Leichen und Verwundete unerſchrocken vorwärts. An der Ecke der Straße Montmartre war die zweite Barricade aufgeworfen. Die Bürger zogen ſich an beiden — 321— Seiten derſelben, wo man einen ſchmalen Raum offen ge⸗ laſſen hatte, in lange Reihen aufgelöſt hindurch, ſtellten ſich dahinter auf und richteten ein mörderiſches Feuer auf die anrückenden Truppen. Da öffneten ſich dieſe plötzlich, drängten ſich eng an beide Häuſerreihen und gaben ſo zweien, am Eingange der Straße aufgefahrenen Kanonen freien Spielraum. Zu gleicher Zeit krachten beide Feuer⸗ ſchlünde und die zermalmenden Eiſenmaſſen fuhren ſchmet⸗ ternd durch die leicht aufgeworfene Barricade hindurch und riſſen die Reihen dahinter zu Boden. Die eine Kugel ſchlug dicht neben Clermont's Pferd in den durch das Auf⸗ reißen des Pflaſters zum Glück lockeren Boden ein und warf eine ungeheuere Erdgarbe empor, die den Oberſten faſt ganz überſchüttete. Das Roß bäumte ſich, die zunächſt ſtehenden Bürger, des furchtbaren Anblicks ſolcher zerſchmet⸗ ternden Kräfte unkundig, ſtießen einen Schrei des Ent⸗ ſetzens aus und wichen zurück. Clermont ſchüttelte ſich ruhig den Sand ab, wiſchte die Augen aus und befahl: „Zieht Euch hinter die Häuſer der Straße Montmartre zurück.“ Es geſchah. Im gleichen Augenblick war auch Adolph mit der ihm anvertrauten Mannſchaft auf ſeinem Rückzuge bis in die Straße Montmartre gelangt. Er mußte, um zu Clermont zu ſtoßen, mit allen ſeinen Leuten durch das Kreuzfeuer der Artillerie hindurch. Der Oberſt ſprengte ihm daher ent⸗ gegen und befahl, die Leute hinter den Häuſern in Maſſen zu ſammeln. So warteten ſie jedesmal den Schuß ab und unmittelbar nach demſelben ſtürzten ſie vollen Laufs über die Straße hinweg. Trot des ſchnellen, ununterbro⸗ chen fortgeſetzten Kartätſchfeuers, denn nur die erſten, mehr gegen die Barricade gerichteten Schüſſe waren mit Kugeln geſchehen, verlor man auf dieſe Weiſe nur wenige Leute. 14*†* — 322— Der Donner der Kanonen verſtummte endlich. Die wieder geſammelten Schweizer rückten mit gefälltem Bajon⸗ net vor. Langſam zog ſich Clermont mit den Seinigen zurück, indem er fortwährend feuerte und dem Feinde furcht⸗ baren Schaden that. Der Herzog von Naguſa, der nicht ahnte, welcher be⸗ ſonnene Feind ihm gegenüberſtand, ſondern nur mit zuſam⸗ mengerottetem Volke zu thun zu haben glaubte, rückte un⸗ abläſſig vor und wähnte ſchon, das Haupt der Hyder tödt⸗ lich getroffen zu haben und dem Kampfe in kurzem ein völliges Ende zu machen. Jetzt hatte Clermont den Punkt der Straße Mont⸗ martre erreicht, bis zu dem er ſich zurückziehen wollte. Er fand die Reſerve in der Straße Notre⸗Dame⸗des⸗Victoires bereit; der Augenblick, den großen Schlag auszuführen, war gekommen. Auf ein verabredetes Zeichen wurde jetzt am Eckhauſe der Straße St. Marc, welches gerade auf die Straße Montmartre ſtößt, die dreifarbige Fahne hoch aus den Fenſtern des oberſten Stockwerks geſchwungen und in weniger als einer Minute wehte ſie aus den Dachfen⸗ ſtern der ganzen Straße. „Jetzt drauf, Freunde!“ rief Clermont und ſprengte vor. „Nun wollen wir unſere gefallenen Brüder rächen!“ Eine donnernde Gewehrſalve verbreitete Tod und Schrecken unter den Feinden; im gleichen Augenblick ſchmetterten aus allen Fenſtern ſchwere Steine auf die Schweizer herab, von allen Dächern brachen Knaben und Weiber die Ziegel los und ſchleuderten ſie hinunter. Zugleich fielen wohlgezielte Schüſſe aus den Fenſtern, die im erſten Augenblick ſchon zwei Ad⸗ jutanten des Herzogs vom Pferde ſtürzten. Marmont iſt wie vom Donner gerührt; er ſieht ſich um, er ſucht den unſichtbaren Feind, der ihn überall zugleich, ſelbſt aus den — 323— Lüften, angreift: er will Befehle geben— aber ſchon hat ein unbeſiegbarer Schrecken ſich der Seinigen bemeiſtert. Sie ſtürzen flüchtend zurück, werfen die Gewehre, die Sãͤ⸗ bel weg und dringen, Einer den Andern niederrennend, um ſich nur ſelbſt am ſchnellſten zu retten, in verworrenen Maſſen auf die Eingänge der Straßen du Mail und Foſſee Montmartre zu. Mit Ingrimm ſieht ſich der Führer alles Anſehens beraubt; die mächtigere Gebieterin des Schreckens hat ihn ſeines Amtes entſetzt. Er findet nirgend Gehor⸗ ſam, nirgend Gehör. Clermont dringt mit den Maſſen an, die dreifarbige Fahne weht vorauf. So weit ihre Herrſchaft ſich erſtreckt, hört das Schießen aus den Fenſtern, das Herabſchleudern der Steine auf. Deſto entſetzlicher aber wüthet die Zer⸗ ſtörung vor ihr her und ebnet ihr die Bahn über zahlloſe Leichen. Der Herzog knirſcht, er weint vor Grimm und Ver⸗ zweiflung; es bleibt ihm keine Wahl, er iſt zum ſchimpf⸗ lichſten Rückzuge gezwungen! Wüthend gibt er endlich dem Roß die Sporen und ſprengt mit verhängtem Zügel die Gaſſen zurück, durch die er als Sieger vorzudringen ge glaubt hatte. Er erreichte den Platz des Victoires. Dort will er die Seinigen ſammeln, dem andringenden Strom einen Damm entgegenſetzen; er hofft, durch die zermalmende Gewalt der Kanonen zu ſiegen. Doch vergeblich! Aus den kleinen Seitengaſſen, die auf den Platz führen, brechen neue begei⸗ ſterte Scharen hervor, die ihm faſt den Rückzug abſchnei⸗ den. Ein junger Menſch, ein Knabe von ſechzehn Jahren, es war ein Zögling der polytechniſchen Schule, ſtürzt, allen Andern voraus, auf die eine beider Kanonen zu, ſchlägt den Artilleriſten, der eben abfeuern will, mit der Kolbe ſeines * 321— Gewehrs zu Boden und tritt die Lunte aus. Man fällt über ihn her, er reißt ſich los, ſpringt zu dem zweiten Ge⸗ ſchütz hinüber, das eben gefeuert hat, und wirft ſich, mit beiden Händen das Rohr umklammernd, über die Mün⸗ dung, ſo daß es unmöglich iſt, es zu laden, ehe man ihn nicht heruntergeriſſen hat. Alles ſtürzt über den jugendli⸗ chen Helden her. Säbelhiebe fallen auf Arm, Bruſt und Stirn; er weicht ihnen nicht. Mit fühlloſer Wuth führt ein Schweizer einen Kolbenſchlag auf das jugendliche, blond⸗ lockige Haupt und zerſchmettert es; da ſinkt der holde Knabe mit ausgebreiteten Armen bewußtlos zurück und das bre⸗ chende Auge ſtarrt gen Himmel. Doch das Ziel ſeiner That iſt erreicht, die furchtbaren Augenblicke, in denen die zerſchmet⸗ ternde Kraft der Feuerſchlünde vielen Bürgern das Leben ge⸗ koſtet hätte, ſind gewonnen, es iſt unmöglich, nochmals zu feuern, unmöglich, die Geſchütze zu retten. Die kämpfenden Bürger dringen nach, die Artilleriſten jagen mit den Pfer⸗ den davon, die Schweizer wagen keinen Widerſtand mehr, die ſchreckenvolle Waffe iſt jetzt in der Hand der Bürger. Clermont ſprengt wie der Gott des Krieges mit Feuer werfenden Augen mitten auf den Platz.„Vorwärts!“ ruft er.„Mir nach! Jeder Schritt weiter vor erſpart uns hier tauſend Leben.“ Immer an der Spitze dringt er mit den Tapfern vor. Adolph und Victor fechten ihm zur Seite. Sie finden nur noch einzelnen Widerſtand. Der Feind wirft ſich ins Palaiss Royal, ins Louvre, in die Tuilerien. Clermont folgt ihm nicht dahin, ſondern bedacht, ihn ganz einzuſchließen, dringt er in die Straße St. Honoré vor bis an den Platz Ven⸗ döme. Dort endlich unter der erhabenen Säule, die Frank⸗ reichs Siege über Europa verewigt, macht er Halt und pflanzt die dreifarbige Fahne am Fuß des Denkmals auf, — 325— das den Schlachten geweiht iſt, die unter dieſem Banner des Ruhmes gefochten wurden. Drei Stunden hatte der heiße Kampf gedauert. Viele Tapfere waren dahin gerafft; viele bluteten aus ſchweren Wunden. Doch wer noch einen Athemzug empfand, der fühlte die erhabene Freude des Sieges und weinte heilige Thränen der Freude. Clermont blickte vom Pferde herab unter den Seinigen umher: das ſchnell auffaſſende Auge des Feldherrn vermißte Manchen. Mit tiefer Rührung be⸗ trachtete er die wackeren Kämpfer; mit Staub, Schweiß und Blut bedeckt, das Geſicht ſchwarz vom Pulverdampf, das Haar verſengt und doch Alle ſo redlich, ſo treu, ſo fröhlich blickend.— Er warf ſich vom Pferde, ſtürzte an Victors Bruſt, zog Adolph ans Herz, reichte den Umſte⸗ henden die Hände, küßte, umarmte ſie und rief endlich mit Thränen in den Augen:„Das iſt der ſchönſte Sieg, den Frankreich je erfochten!“ Fünkunddreissigstes Capitel. Indeſſen war man auf andern Punkten von Paris nicht unthätig geweſen. An vielen Orten war der Feind ange⸗ griffen worden, an vielen hatte er bedeutende Verluſte erlit⸗ ten. Die Kaſerne Babylone war genommen worden; auf den Boulevards hatten ſich die Garden zurückziehen müſſen. Ein Linienregiment ging zu den Bürgern über. Dieſem war es gelungen, ſich der Waffen⸗ und Rüſtkammer und — 326— eines Zeughauſes in der Vorſtadt St. Antoine zu be⸗ mächtigen. Die Zöglinge der polytechniſchen Schule hatten ſich auf vielen Punkten der Stadt mit glühender Begeiſterung ge⸗ ſchlagen; funfzehnjährige Knaben waren wie Helden in die Schlacht geſtürmt. Zu der Tapferkeit fügte dieſe von edler Begeiſterung entzündete Jugend die Einſicht, die Uebung in den Waffen, und unterrichtete die unkundigeren Bürger im Gebrauch derſelben. Da von Seiten der königlichen Truppen kein weiterer Angriff auf Clermont's Scharen gethan wurde, beſchloß auch dieſer, den Seinigen die in der That nöthige Raſt zu gön⸗ nen. So viel es die Umſtände irgend geſtatteten, ſuchte er ſie zu ordnen, Uebereinſtimmung in alle Maßregeln zu brin⸗ gen, die Thätigkeit jedes Einzelnen zum gemeinſamen Ziel zu leiten. Beſonders fehlte es jetzt an Munition und ſchon deshalb wäre an dieſem Abende kein dauernder Kampf mehr zu beſtehen geweſen. Indeſſen wurde doch an einzelnen Punkten bis zur ſpäten Nacht gefochten. 1 Allen eingezogenen Nachrichten zufolge war Paris ein⸗ müthig entſchloſſen, am nächſten Tage aus dem Zuſtande der Vertheidigung in den des offenen Angriffs überzugehen G und die Truppen aus den feſten Punkten des Louvre und der Tuilerien, die ſie, nebſt den Gärten, den elyſäiſchen Feldern(Räume, die eine große Maſſenentwickelung und Vertheidigung durch Artillerie geſtatteten), noch inne hatten, zu vertreiben. Clermont ſuchte ſich das der Stellung ſeiner Mannſchaf⸗ ten zunächſt gelegene Louvre als Hauptangriffspunkt aus. Er ſandte die nöthigen Befehle dazu an alle ſeine Unterbe⸗ fehlshaber aus; beſonders empfahl er ihnen Sorge zu tragen, ſich ſo viel als möglich mit Munition zu verſehen. Dahe — 327— wurden die ganze Nacht Patronen gerollt und Kugeln ge⸗ goſſen. In allen Häuſern herrſchte eine unabläſſige Thä⸗ tigkeit, theils in dieſer Art, theils durch die Sorge für die Verwundeten und das Beſtreben, die Kämpfenden zu er⸗ quicken, ihre angeſtrengten Kräfte zu ſtärken. Adolph und Victor erhielten von Clermont ſo viele oder doch ſo dringend nothwendige Aufträge, daß ſie an dieſem ganzen Tage ſo wenig wie in der Nacht die Zeit fanden, einen Augenblick zu den Ihrigen zu gehen. Nur durch einen Diener ließen ſie melden, daß ſie ſich wohl und un⸗ verſehrt befänden. Die Trauerbotſchaft von Louiſon's Tode erfuhren ſie jedoch nicht, da Deſormery ihnen durch dieſe Nachricht den fröhlichen Muth zum begeiſterten Kampfe nicht rauben wollte. Erſt in der ſpäten Stunde der Mitternacht gewannen die beſchäftigten Führer ſo viel Muße, daß ſie einige Stunden dem erquickenden Schlafe widmen konnten. Doch dauerten die ganze Nacht hindurch die Rüſtungen, ja ſelbſt kleine Gefechte fort und keine Minute verging, in der man nicht Schüſſe fallen hörte. Endlich brach der Morgen an und mit ihm der größeſte Tag, den Frankreichs Geſchichte geſehen. In der Stunde des Sonnenaufgangs herrſchte eine heilige Stille. Man ſah die Giebel der Dächer, die ehrwürdigen Zinnen des Domes von Notre⸗Dame mit goldenem Schimmer über⸗ floſſen; der ganze Himmel brannte in dunkler Purpurglut. Die Glocken ertönten mit hehrem Klange; die Krieger griffen zu den Waffen, die im Strahl der Morgenſonne funkelten. Der klare anbrechende Tag war Allen ein gött⸗ liches Zeichen des Sieges; durch dieſe goldenen Thore des Morgens zog die Freiheit ein, dieſer reine blaue Aether wölbte ſich über der heiligen, geretteten Erde Frankreichs! — 328—. Ein Kanonenſchuß, der in der Morgenſtille durch ganz Paris donnernd widerhallte, gab das Zeichen des Aufbruchs zum letzten Kampfe. Es war der erſte Gebrauch, den Clermont von den eroberten Geſchützen machte. Von allen Seiten ſetzten ſich jetzt die Seinigen, den erhaltenen Befeh⸗ len gemäß, gegen das Louvre hin in Bewegung. Nicht vom Platze Vendoͤme aus, ſondern von dem Platze des Victoires brach er mit der Hauptmacht durch die Straße Coquilliere gegen das Ziel ſeines Unternehmens auf. Den rechten Flügel befehligte Adolph; Victor blieb als Adjutant bei ihm. Den linken Flügel hatte er dem erfahrenen, in der Schlacht kaltblütigen, unverbrüchlich gehorſamen Forbin anvertraut, doch mit der Weiſung, ſobald ſich ein höherer Offizier bei ſeinem Corps einfände, dieſem den Befehl zu übertragen. Denn ſchon ſeit geſtern hatten ſich viele Offi⸗ ziere der alten Armee an die Spitze des Volks geſtellt und unter ihnen ſogar der Marſchall Gerard, der jedoch haupt⸗ ſächlich im entgegengeſetzten Theile der Stadt befehligte und welchem ſich viele Offiziere von Rang, als die Oberſten Girardin, Navry, St. Etienne angeſchloſſen hatten. Die Erſtürmung des Louvre ſollte an drei Punkten geſchehen. Da die nächſten dahin führenden Straßen noch nicht ganz in der Gewalt des Volkes waren, hatte man zuvor noch ſtarke, anhaltende Gefechte zu beſtehen. Adolph hatte den Auftrag, auf geradem Wege durch die Straße Croix⸗des⸗Petits⸗Champs vorzudringen.— Cler⸗ mont nahm ſeine Hauptrichtung durch die Straße Coquilliere, von da in die Straße de Grenelle, und durch die kleine Straße Orléans, um ſo den nordöſtlichen Flügel des Gebäu⸗ des anzugreifen, während Adolph den nordweſtlichen ſtürmte. Auf Clermont's Wege gab es aber ſo viele Nebengaſſen, in — 325— denen man zu fechten hatte, daß er Victors Hülfe zur Füh⸗ rung der Truppen durchaus nicht entbehren konnte. Den nächſten Weg hatte Forbin, der noch immer hinter ſeiner Barricade auf dem Quai de la Megiſſerie ſtand, wo er ſich mit unerſchütterlichem Muthe nun ſchon anderthalb Tage oft gegen eine große Uebermacht vertheidigt hatte. Jetzt ſollte er ſeine Stellung der Vertheidigung aufgeben, auf dem Quai vordringen und den gegen die Waſſerſeite gelegenen Flügel des Louvre angreifen. So wie der Kanonenſchuß, der als verabredetes Zeichen des Angriffs diente, durch die Morgenſtille erſcholl, com⸗ mandirte er: „Zuſammengetreten! Gewehr auf!“ Er muſterte ſeine Schar. Es waren achtzig Mann mit Schießgewehren. Jeder hatte vierzig Patronen. Die übrigen, gegen zweihundert, waren mit Säbeln, Piken, Dol⸗ chen, zum Theil auch mit Piſtolen bewaffnet. „Es iſt ſechs Uhr, Freunde,“ rief Forbin luſtig,„der Kaffee hier im Freien hat ganz gut geſchmeckt. Aber die Cotelette müſſen wir unter Dach eſſen, und ich denke, das Louvre iſt dazu ein ganz hübſcher Ort. Zwar noch iſt nichts von Feinden zu ſehen, aber am Pont⸗Neuf hält ein Piquet Garde du Corps, mit dem wir eine Partie Trik⸗ trak ſpielen müſſen. Vorwärts marſch! Es lebe Frankreich!“ Mit fröhlichem Rufe folgten ihm die wackern Leute, meiſtens Handwerker, die er in ſeiner Schar hatte. Sie zogen luſtig an der Seine hin. „Noch ſehe ich keine Degenſpitze,“ ſprach Forbin lachend, „und meinethalben mag es noch zehn Minuten ſo fortdauern, dann kapern wir das Louvre leichter weg, als der Kater eine Maus. Aber ich will nicht Forbin heißen, wenn ſie — 330— uns nicht am Pont⸗Neuf blaue Bohnen zum Frühſtück anbieten!“ So wie die Heranmarſchirenden um die kleine Biegung des Quais herumkamen, ſahen ſie auch richtig eine Vedette zu Pferde vor ſich, die ſogleich ein Zeichen mit dem Sä⸗ bel gab. „Wer eine gute Büchſe hat, macht ſich ſchußfertig. Es ſind etwa dritthalbhundert Schritt, da verſchwenden gute Schützen ihr Pulver gegen Cavalerie gewiß nicht.— Gebt Acht! Gleich werden ſie herausprellen.“ Kaum war das Wort geſprochen, als ein Trupp von etwa funfzig Reitern aus der dem Pont⸗Neuf gegenüber ge⸗ legenen Quergaſſe hervorſprengte, eine Schwenkung machte und ſo in Front Forbin's Leuten gegenüber hielt. „Die Eſel!“ rief der alte Sergeant, während die Evo⸗ lution geſchah, nicht einmal Infanterie haben ſie gegen uns! Man kann ſich ärgern, wenn Einem der Feind das bischen Nuhm durch ſeine Dummheit ſchmälert.— Jetzt ſtehen ſie dicht genug, daß es ſich des Schießens verlohnt.— Feuer!“ Etwa zwanzig gute Schützen, die in den vorderſten Reihen marſchirten, drückten ihre Büchſen ab. Der friſche Morgenwind hob den Nauch ſchnell in die Lüfte, ſodaß man die Wirkung der Schüſſe ſogleich ſehen konnte.— „Gut! Bravo! Sie fallen gut!“ rief Forbin.— „Näher drauf, Freunde.“ Der Befehl war kaum nöthig, denn faſt unwillkürlich liefen alle Diejenigen, die ihre Gewehre noch nicht abge⸗ ſchoſſen hatten, dem voraneilenden Forbin nach. Die Reiter waren in eine ſichtliche Verwirrung gerathen; einige Pferde wälzten ſich am Boden, mehre Leute waren gleichfalls ge⸗ ſtürzt. Der Offizier aber, ein entſchloſſener Mann, ſprengte vor, dem Trupp Forbin's entgegen, und rief ſeinen Leuten 4 4 den Befehl, ihm zu folgen, zu. Dieſe hatten ſich ſchnell wieder geordnet und ſprengten nun, um einen Angriff zu machen, hervor. „Hundert Bajonnette wären jetzt beſſer, als ein Wall von ſechs Fuß Höhe,“ ſprach Forbin.„Auf achtzig Schritt geben wir. Feuer. Dann öffnet Euch nach beiden Seiten, daß ſie zwiſchen uns hindurch prellen und unſerer Reſerve mit blanken Waffen in die Hand fallen.“ Die Leute gehorchten pünktlich und kaltblütig wie alte Soldaten. Sie lagen im Anſchlag. Forbin ſchätzte ruhig die Diſtance ab. „Feuer!“ Der Offizier ſtürzte; auch mehre Leute auf dem linken Flügel. Die Anderen ſprengten in voller Carriere mit ge⸗ ſcchwungenen Säbeln heran. „Oeffnet Euch!“ commandirte Forbin. Die kleine Schar war wie der Blitz rechts und links auseinander. Die eine Hälfte preßte ſich gegen die Häuſer, die andere gegen die ſteinerne Brüſtung an der Seine. Sie kehrten die Gewehre um und ſtanden ſchlagfertig mit ge⸗ hobenen Kolben. Die Reiter brauſten heran, daß der Staub wirbelte und helle Funken aufſprühten. Der Boden erzitterte. Die⸗ jenigen, welche an den Häuſern ſtanden, waren faſt ganz gedeckt, da die Cavaleriſten, um nicht gegen die Mauern † gequetſcht zu werden, oder über die Thürſchwellen und Prelſteine zu ſtürzen, ſich nach der Mitte drängten und überdies den rechten Arm nicht gegen ſie gebrauchen konnten. Die Anderen dagegen, welche ſich auf die Waſſerſeite ge⸗ worfen hatten, waren den Säbelhieben viel gefährlicher ausgeſetzt. Forbin hatte den Poſten am äußerſten Flügel eingenommen. — 332— Er ſchwang den Kolben ſeiner Büchſe hoch empor und, ſo wie der erſte Reiter ihm ſchlagrecht war, führte mit aller Macht einen ſchmetternden Hieb gegen die Stirn des Pferdes, ſo daß daſſelbe unfehlbar ſich bäumend überſchlagen hätte, wenn es nicht im vollſten Lauf geweſen wäre, der ein plötzliches Aufhalten unmöglich machte. Es ſtürzte daher in die Knie, ſchleuderte jedoch, da es im Schuß blieb, Forbin zu Boden und den Reiter weit vorn hinüber auf das Steinpflaſter. Noch zwei Pferde ſtürzten darüber hin, die andern drängten ſich an der Seite hinweg. Der Kampf wurde jetzt Mann gegen Mann geführt; zuerſt durch die mit Schießgewehren bewaffneten Bürger, welche die Kolben gegen die Reiter brauchten, während dieſe mit furchtbaren Säbelhieben manchen niederſchmetterten, und einige Augenblicke ſpäter durch die Maſſe der übrigen Kämpfenden, die ſich mit Säbeln und Piken der Cavalerie entgegengeworfen hatten. Nur der erſte Augenblick, wo Alles der Gewalt der anſtürmenden Maſſe unterlag, war mit bedeutendem Verluſt für die Bürger verknüpft geweſen. Sobald ſich die Reiter erſt vereinzelten, mußten ſie der Ue⸗ bermacht des Volkes weichen. Der Kampf hatte daher kaum einige Minuten gedauert, als die ganze Schwadron Kehrt machte und eben ſo ſchnell flüchtete, als ſie zuvor angriff. Indeſſen waren die Schützen nicht unthätig ge⸗ weſen, hatten wieder geladen und ſendeten den Zurück⸗ ſprengenden manche Kugel nach. Forbin, der darauf gefaßt war, niedergerannt zu wer⸗ den, hatte die Beſinnung nicht verloren, ſondern kam Dem, was er fürchtete, zuvor, indem er ſich hart an der Brüſtung zu Boden warf, ſo daß die Pferde an ihm vorbeiſauſten und auch Säbelhiebe ihn nicht treffen konnten, da er den Reitern zur linken Hand lag. Kaum wurde das Feld wie⸗ — 33 der frei, als er ſich aufraffte, ſeine Büchſe ergriff und ſchnell wieder an die Spitze der Seinigen trat. Er ordnete ſie auf's neue, um vorzudringen. Mit dem Rücken gegen die Brücke gewandt, ſah er nicht, was hinter ihm vorging. Aber plötzlich wurde es ihm nur zu fürchterlich klar. So wie nämlich die Nachricht von dem Angriff der Bürger an den Oberbefehlshaber der Gensdarmerie, Herrn von Foucauld, gelangt war, ließ dieſer zwei Kanonen auf dem Quai in dem einſpringenden Winkel des Louvre und der Tuilerien auffahren, ſo daß ſie den ganzen Raum bis 1 weit jenſeit des Pont⸗Neuf beſtreichen konnten. Kaum waren daher die Reiter zurückgeſprengt und in die Straße de la Monnaie eingeſchwenkt, als die beiden Feuerſchlünde unter krachendem Donner einen Hagel von Kartätſchen aus⸗ ſpien. Sie waren ſo lange maskirt geweſen, daß Niemand ſie bemerkt hatte. Erſt bei dem furchtbaren Knall, der mit tauſendfachem Echo, wie der Donner im Gebirge wi⸗ derhallte, fuhr Forbin herum und ſah die ſchwarze, Ver⸗ derben ſpeiende Rauchwolke in demſelben Augenblick, als er auch ſchon die entſetzliche Wirkung vor ſich hatte. Wie niedergemäht ſtürzten ſeine wackern Kämpfer zu Boden; die Kugeln ziſchten, ſchwärmten und pfiffen um ihn her, ſie praſſelten gegen das Steinpflaſter, das zerſplittert aufſtäubte, die Fenſter vieler Häuſer ſprangen klirrend entzwei, ganze Maſſen Kalk und Geſtein ſtürzten von den Mauern herab und ein durchdringendes Angſtgeſchrei der Getroffenen zerriß Ohr und Herz mit ſchneidendem Jammerlaut. 1 Einen Augenblick ſtand ſelbſt der alte ſchlachtgewohnte Krieger wie betäubt und hatte die Faſſung verloren. Da krachte es zum zweiten, zum dritten, vierten Male un⸗ glaublich ſchnell hintereinander; die Kugeln ſauſten heran, wie ein breiter, eherner Höllenſtrom, der alles Lebende verſchlang. „Rettet Euch in die Gaſſen,“ ſchrie Forbin laut,„hier iſt nicht an Widerſtand zu denken!“ Er hatte noch nicht vollendet, als die Gewalt der Ku⸗ geln ihm den Hut vom Kopfe riß, die Büchſe zerſchmet⸗ terte; gleich darauf fuhr ihm eine Kugel durch den Kragen und ſtreifte ihm den Hals. Zwar waren ſchon, bevor das Gebot Forbin's erſcholl, Diejenigen, die ſich den Seitenſtraßen zunächſtbefanden, vol⸗ len Laufs dahin zurückgeſtürzt; doch in dieſen wenigen Sekun⸗ den richtete der dichte Kugelregen eine entſetzliche Verheerung an. Blut ſtrömte über den Boden, hier lagen Leichname mit geborſtenem Haupt, mit halbem Hirnſchädel, dort mit Lrebii aufgeriſſenem Unterleib. Vielen waren die Schen⸗ „Vielen die Arme zerſchmettert; ihr jammerndes Aechzen aurig die Seele. Als ſich Diejenigen, die der Tod verſchont hatte, i 3i den nächſten Seitengaſſen beiſammen fanden und Forbin mitten unter ſie trat, herrſchte ein düſteres Schweigen. Schmerz und Ingrimm wechſelten in der Bruſt der Bürger. „Muth, Kinder, Muth!“ ſprach Forbin.„Ich gebe es noch nicht auf, hier vorzudringen, nur kann es nicht ſo in Maſſen geſchehen. Einzeln müſſen wir an den Häuſern hinſchleichen, Jeder muß ſich ſeinen Mann mit der Büch⸗ ſenkugel vom Geſchütz wegholen und dann brauſen wir gleich dem Sturmwind heran, um die Kanonen zu verna⸗ geln! Ich gehe voran, wer will mir folgen?“ Der Eindruck des Sihreckens war noch zu tni9, Niemand trat vor. „Wahrhaftig, Kinder, es iſt ſo ſchwer und annglaut⸗ lich nicht, als es ſcheint. Und fürchtet Euch nur nicht vor — 335 der Cavalerie! Die muß ein anderer Trupp hier durch die kleine Gaſſe hindurch angreifen und in Athem erhalten. Ueberdies darf ſie ſich nicht auf uns herauswagen, weil ſie ſonſt von ihrer eigenen Artillerie niedergeſchoſſen wird.— Freunde! Brüder! Nur diesmal noch Muth. Ich bin der Erſte, wer folgt, wer ſetzt ſein Leben an die Freiheit?“ Einige kühne Männer traten vor; bald ſchloſſen ſich mehre an. „Genug!“ rief Forbin, als es etwa zwanzig waren, „wir dürfen unſerer nicht zu viel ſein. Jetzt hört mich an. Einzeln, Einer hinter dem Andern, ſchleichen wir an den Häuſern hinunter. Wir vervenden kein Auge von den Ge⸗ ſchützen; ſo wie der Kanonier mit der Lunte aufhaut und wir Rauch ſehen, werfen wir uns platt auf den Boden, denn ſo viel Zeit bleibt uns zwiſchen Blitz und Knall. Gebt Acht, es geht manche Kugel vorbei. Heran aber müſſen wir bis auf hundert Schritt; dann nimmt Jeder ſeinen Mann auf's Korn. Sind nur zwei Mann bei jedem Geſchütz gefallen, ſo haben wir Zeit genug, drauf los zu ſtürzen, ehe ſie wieder feuern können. Die Hälfte von Euch Andern hält uns die Cavalerie vom Leibe. Die Uebrigen merken genau, wenn wir ſchießen. So wie unſere Büch⸗ ſen knallen, ſtürzt Ihr vollen Laufs zu uns heran, daß uns die Infanterie unſere Beute nicht wieder abnehmen kann. Ein paar Minuten wollen wir ſchon aushalten.“ Forbin marſchirte mit ſeinen verwegenen Schützen ab. Sie drückten und ſchmiegten ſich dicht an den Häu⸗ ſern hin. 1 „Wir ſchleichen wie die Katzen,“ ſprach Forbin,„aber wir wollen anpacken wie die Löwen.“* Kein Pfeiler, keine Säule, kein Thürpfoſten, den man nicht als Deckung genutzt hätte.— Bald war man an die p 336— Ecke der Straße de la Monnaie gekommen, wo man die Cavalerie vermuthete. Noch hatten die Artilleriſten nicht wieder geſchoſſen. Es ſtand noch viel Rauch und Staub in den Straßen, der ſie hindern mochte, zu ſehen, was ge⸗ gen ſie unternommen wurde. Als Forbin die Ecke erreicht hatte, gab er mit der Hand rückwärts einen Wink zum Anhalten. „Laßt mich erſt recognosciren, wir dürfen uns nicht überreiten laſſen!“ Er guckte vorſichtig um die Ecke. Der Trupp der Cavalerie hielt in der Straße; ſchnell fuhr Forbin zurück und winkte den Seinigen ſich nicht zu ruhren. Ihre Lage war jetzt in der That gefährlich; ſie ſtanden vor dem Schuß der Artillerie und konnten keinen Schritt vorwärts. Forbin ſah aufmerkſam rings umher. 6 „Was Teufel,“ rief er,„wer kommt dort über die Brücke? Seht einmal, Freund,“ raunte er ſeinem Nach⸗ bar zu,„ſind das Freunde oder Feinde, die dort über den Pont des Arts kommen?“ „Freunde! Sie haben eine dreifarbige Fahne! Seht Ihr nicht?“ „Wahrhaftig, Ihr habt recht!“ Das Geſpräch wurde durch ein lautes Getümmel un⸗ terbrochen, das in der Straße de la Monnaie erſchallte. Forbin ſprang vor, guckte um die Ecke und rief:„Sie ſind handgemein! Jetzt haben wir freies Feld.“ Und ſo raſch er vermochte, lief er quer über die Gaſſe hinweg und drang jenſeits am Quai muthig vorwärts. Seine Kameraden folg⸗ ten ihm. 3 Man war jetzt der Artillerie etwa auf vierhundert Schritt nahe gekommen, als dieſe plötzlich aufprotzte und vorrückte. Forbin vermuthete ſogleich, ſie werde ſich vor der — 337— Brücke aufſtellen, um die vom jenſeitigen Ufer Herüberdrin⸗ genden zu begrüßen. Er winkte daher den Seinigen zu— eilen und ſtürzte in voller Haſt vorwärts, weil er nun⸗ mehr den Artilleriſten in die Flanke fallen und vielleicht eine höchſt wichtige Unternehmung völlig zur Entſcheidung bringen konnte. Die Artillerie machte richtig gerade vor dem mittlern Pavillon des Louvre, dem Pont⸗des⸗Arts gegenüber, Halt und ſetzte ab. „Wir müſſen feuern, ehe ſie zum Schuß kommen,“ rief Forbin im ſteten Vorwärtslaufen;„nur diesmal gut gezielt. Haltet Alle auf die beiden Leute links an jedem Geſchütz, denn das ſind die wichtigſten.“ Indem die Artilleriſten den Laffetenſchwanz niederließen und an ihre Poſten zur Bedienung des Geſchützes ſpran⸗ gen, ſchlug Forbin zuerſt an und ſchoß. Der Artilleriſt mit dem Kartuſch⸗Torniſter am erſten Geſchütz ſtürzte. Gleich darauf feuerten auch die Andern; mehre Leute ſan⸗ ken getroffen nieder. Die wackern Schützen aber ſtürmten vollen Laufs auf die Kanonen an und waren richtig mit⸗ een unter den Artilleriſten, bevor dieſe ſich wieder ordnen und laden konnten. So überraſcht, griffen ſie zu den Wi⸗ ſchern, Handſpeichen und Hebebäumen, um die Angreifen⸗ den niederzuſchlagen. Forbin's Kolbe aber traf raſcher und ſtreckte den Unteroffizier des erſten Geſchützes zu Boden. Wie ein Falk auf ſeine Beute warf ſich der alte tapfere Kriegsheld auf das Kanonenrohr, riß den Ladeſtock ſei⸗ ner Büchſe heraus, ſtieß ihn ins Zündloch und ſchlug ihn mit dem Kolben platt überm Rohr ab. „Du biſt vernagelt und ſchadeſt uns nicht mehr!“ rief er frohlockend. Doch in demſelben Augenblick wurde aus dem Louvre von den im Thor aufgeſtellten Schweizern Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. II. 15 4. — 338— Feuer gegeben und die Kugeln pfiffen unter die Käm⸗ pfenden. Forbin, im Rücken getroffen, ſtürzte nieder.— Die Schweizer drangen jetzt mit gefälltem Bajonnet heran. Aber ſchon war auch der tapfere Trupp mit der dreifarbi⸗ gen Fahne, der über die Brücke kam, dicht heran und nutzte den Zeitpunkt, wo die Geſchütze außer Thätigkeit waren, um ſich mit voller Haſt durchzuſchlagen. Ein jun⸗ ger Offizier führte ihn an; er eilte mit vielen andern jun⸗ gen Leuten, es waren Zöglinge der polytechniſchen Schule, vorauf. Dieſe jugendlichen Kämpfer und die Schweizer kamen zugleich bei den Kanonen an. Es entſpann ſich ein mörderiſches Gefecht. Doch nicht lange ſchwankte die Ent⸗ ſcheidung, denn Forbin's Leute waren, ſo wie die Schüſſe gefallen waren, dem erhaltenen Befehle gemäß, angerückt und fielen den Schweizern in die Flanke, ſodaß ſie die Flucht ergreifen mußten. Der Schwarm der kämpfenden Bürger aber drang nach gegen das Louvre hin. Nur Wenige blieben zurück, um die Verwundeten, die noch auf dem Platze lagen, in Sicherheit zu bringen. Es waren gleich einige junge Chirurgen zur Hand, die Hülfe leiſteten. Dieſe hoben Forbin auf, der nicht die Kräfte hatte, ſich empor zu richten. Als ſie die Wunde ſahen, ſchüttelten ſie bedenklich das Haupt und der eine ſprach: „Alter Held, Du biſt ſchlimm getroffen!“ „Ich merk's,“ antwortete er ſchwach,„aber weiß Gott, ich denke, der Poſten hier iſt mit mir altem Kerl nicht zu theuer bezahlt.— Die Brummer konnten uns noch vielen Schaden thun.— Teufel— das ſchmerzt—— nun den einen habe ich zum Schweigen gebracht.“ Indem der Wundarzt noch mit der erſten, dringendſten Hülfsleiſtung bei dem Verwundeten beſchäftigt war, den er alsdann ſogleich in das nächſte Haus tragen laſſen wollte, — 339— kam ein junger Offizier eiligſt von dem Kampfplatz her zu dem Arzt heran und rief, indem er ſeinen blutenden Arm zeigte:„Ich bitte Euch, Freund, verbindet mir raſch dieſen Arm, damit ich gleich wieder ins Gefecht kann; an dem Eck⸗Pavillon geht es ſchon heiß her.“ Forbin wandte die Blicke nach dem Sprechenden, eine freudige Röthe überflog ſein blaſſes Antlitz, er rief matt: „Herr von Clermont, kennt Ihr mich?“ „Iſt's möglich, Alter?“ rief Eduard, denn er war es,„wie kommſt Du hieher? Fechten die Bürger von Toulon in Paris?“ „O mein Gott,“ ſtammelte Forbin zitternd,„Ihr wißt noch nicht? Euer Vater—“ „Vater, mein Vater?“ rief Eduard;„rede, ich be⸗ ſchwöre Dich um Gottes willen, lebt er denn?“ „Ich bin mit ihm—— der Oberſt, der den An⸗ griff Hier verſagte dem auf den Tod Verwundeten die Stimme.. Eduard warf ſich aufs Knie und rief:„ Gott im Him⸗ mel! Nur noch einen Augenblick gönne ihm Kraft, daß er mir das theuerſte Geheimniß entſchleiere. Gott der Gnade, nur dieſes Gebet erhöre!“ F Er ſtieß den Wundarzt, der ihm mit dem Verband nahte, heftig zurück und hielt die Hand Forbin's krampf⸗ haft gefaßt, indem er ſtarre, ängſtliche Blicke auf den Ohnmächtigen heftete, um zu ſehen, ob ſich das Leben nicht auf's neue regen werde. „Beruhigen Sie ſich,“ ſprach der Arzt, indem er For⸗ bin's Puls fühlte,„noch iſt Lebenskraft in dem alten Hel⸗ den. Er wird ſicher bald wieder zu ſich kommen.“ 15 G — in Afrika.— Mir ſchwindelt“— fuhr er halb verwirrt — 340— Während dieſer Worte rieb er ihm die Schläfe und Stirn mit ſtärkenden Tropfen. Nach wenigen Minuten war Forbin wieder bei ſich ſelbſt. „Mit mir iſt's aus! Sagt Euerm Vater, ich hätte mich gut gehalten—“ „Wo finde ich ihn, ein einziges Wort!“ „Er leitet den Angriff auf den Louvre. Ihr findet ihn, wo die meiſten Kugeln pfeifen, dafür ſteh' ich.“ CEduard wollte fort. Doch der Arzt hielt ihn an und zwang ihn, ſich erſt verbinden zu laſſen.„Sie verlieren zu viel Blut, in zehn Minuten liegen Sie am Boden.“ „Laßt Euch ruhig verbinden, junger Held,“ ſprach Forbin;„und dann bringt Euerm Vater meinen Abſchieds⸗ gruß. Der alte Forbin ſtirbt als guter Soldat. Sagt ihm, die Kanone hier hätte ich ſelbſt vernagelt.“ „O!“ ſprach Eduard gerührt,„Du biſt ein wackrer Held. Du haſt Vielen das Leben gerettet! Wer weiß, ob ich noch athmete, wenn dieſe Feuerſchlünde nicht durch Dich verſtummt wären. Ich war darauf gefaßt, dieſes Ufer nicht zu erreichen, als ich zuvor die tapfern Jünglinge über dieſe Brücke führte.“ „Wart Ihr das?“ fragte Forbin ſchwach und lächelte. „Ja, es war dreiſt, aber wir kamen einander gut zu Hülfe. 4 „ Ich ſollte Leben, um meinen Vater wiederzuſehen! O eilt, eilt mit dem Verband. In jedem Augenblick kann eine Kugel ſein Herz durchbohren, ehe es an der Bruſt ſeines Sohnes geſchlagen hat!— Wo trafſt Du meinen Vater?“ „In Toulon. An demſelben Abend, wo Ihr abrei⸗ ſtet.—— O knöpft mir doch die Weſte auf— ich er⸗ ſtice—— er war lange gefangen— in Afrika— ja— ———— — 341— und abgeriſſen fort,„es wird mir ſo ſchwarz vor den Au⸗ gen.— Sollte das die letzte Sonne ſein, die mich be⸗ ſcheint?—— Gut, gut— ſie wird auch auf mein Grab ſcheinen!—— Von meinem alten Oberſten hätte ich gern Abſchied genommen!— Grüßt ihn—“ Bei dieſen Worten hörte das muthige, treue Soldaten⸗ herz zu ſchlagen auf.— Starr, mit dem Rücken gegen das Rad der Kanone gelehnt, die er erobert hatte, ſaß der alte Krieger da. Die Züge blieben noch im Tode trotzig und redlich. Eduard be⸗ trachtete ihn mit ſtiller Rührung. Nur wenige Augenblicke hatte er ihn in ſeinem Leben geſehen und doch war er ihm ſo lieb geworden! Selbſt der Sturm der Freude und Hoffnung, der ſein Herz mächtig durchbebte, konnte die heilige Stimme eines tiefen Schmerzes nicht übertäuben. Der Verband war fertig. Eduard drückte einen Kuß auf die ſilbern umlockte Stirn des Alten und ſtürzte dann hinweg in den Kampf. In ſeinem Herzen trug er heiße Gebete zu Gott, daß er alle ſeine Engel ausſenden möge, um den Vater zu beſchirmen. Sechsunddreissigstes Capitel. 4 In allen Gaſſen von Paris tobte jetzt der Kampf. Das Volk war in ſeiner ganzen Maſſe aufgeſtanden, um mit ungeheurer, aber letzter Anſtrengung die goldene Frucht des Sieges zu brechen. — 322— Die drei Hauptſcharen, die Clermont gegen den Louvre heranführte, hatten ſich durch die geſperrten, hartnäckig ver⸗ theidigten Gaſſen endlich alle Bahn gemacht und drangen nun, auf dem Platz der Louvregärten zu einer Maſſe vereinigt, gegen das Schloß ſelbſt heran. Doch nicht allein Diejenigen, welche Clermont leitete, ſondern auch die tapfern Scharen der polytechniſchen Schule, der National⸗ garden, der Bürger aus den höchſten Ständen, ſtrömten von allen Seiten zuſammen, weil man wußte, daß hier der Grundſtein der ganzen Stellung des Feindes ſei. Die Schweizer hatten alle Fenſter beſetzt, ſie ſtanden verdeckt hinter den Säulen der Front und unterhielten ein furchtbar mörderiſches Feuer, indem kein Schuß in die dichten Maſſen hinein verloren ging, ſie ſelbſt aber faſt in völliger Sicherheit ſtanden. Eine ſchwarze Rauchwolke überdeckte die Säulenfront des Palaſtes; unzählige rothe Blitze zuckten daraus hervor und jeder war ein tödtlicher Donnerkeil. Leichen häuften ſich auf Leichen; aber immer neue Scharen drangen heran, um die Gefallenen zu erſetzen. Die ganze Luft war mit dem bläulichen Dampf des Pulvers erfüllt, ſodaß die Sonne nur röthlich trübe Strah⸗ len hindurchwarf. Es drückte eine ermattende Hitze auf die Kämpfenden, denen Blut und Schweiß zugleich über das vom Pulverdampf ſchwarz gefärbte Antlitz. rann. Sie warfen Alle die Kleider weg und fochten mit nackten Ar⸗ men. Athletiſche Arbeiter ſchleppten ungeheure Steine heran und ſchleuderten ſie über die Gitter der Gärten, in denen die Truppen ſich aufgeſtellt hatten. Dort endlich wichen dieſe zurück; das Volk drang in ungeheurer Maſſe an und riß die Eiſengitter nieder. Unzählige büßten dieſe That mit dem Leben, doch der begeiſterte Muth ſah und kannte keine Gefahr mehr. 5. — 343— Clermont ſchien überall zugleich zu ſein. Mit dem Ad⸗ lerauge des Feldherrn überblickte er das Gefecht an allen Punkten; jetzt ordnete er hier den Angriff, jetzt führte er dort eine neue Schar heran. Sein Pferd ſtürzte von zwei Kugeln getroffen. Er zog den Säbel und befehligte zu Fuß. Wo die Gefahr am dringendſten war, wo der Tod am verheerendſten wüthete, da ſtand er, den linken, ver⸗ wundeten Arm im Tuch, den rechten hoch mit geſchwunge⸗ nem Säbel, und ermuthigte, ordnete, gab leitende Rath⸗ ſchläge. Adolph und Victor wichen nicht von ſeiner Seite. Die Gitter ſtürzten nieder, die wogende Menge darüber hin.„Jetzt auf das Thor, Freunde! Mir nach!“ Cler⸗ mont mit funkelndem Auge und Schwert voran. Ein Jüngling, faſt noch ein Knabe, ergriff eine dreifarbige Fahne und ſchritt kühn neben dem alten Helden her. Die Kugeln fielen dicht wie Hagel in den Haufen; auf beiden Seiten Clermont's ſtreckten ſie die Tapfern zu Boden. Er drang vor.— Der junge Fahnenträger ſank, durch die Bruſt geſchoſſen, mit brechendem Auge nieder. Clermont hob die Fahne auf und drang vor. Da öffneten die Schweizer ſelbſt beide Thorflügel zu⸗ gleich; aber im Eingange ſtanden ſie in dichten Reihen einer über den Andern erhöht und ſandten einen donnernden Höllenſtrom des Todes aus tauſend Feuerröhren zugleich in die Anſtürmenden. Wie wenn der giftige Sturmwind der Wüſte plötzlich alles Lebende vor ſich niederſtreckt, ſo ſtürzten die Scharen vor dieſem offenen Rachen des Verderbens zu Boden. Clermont ſtand hoch, unverſehrt, ſchwang die Fahne und drang vor! Neue Kämpfer ſtrömten zu ihm heran. Im ſtürmenden Anlauf warfen ſie ſich in das Thor hinein; da ſchmetterte ihnen ein neuer Donner entge⸗ gegen und Alles war begraben in Nacht, Rauch und — 344— furchtbarem Getümmel der Andringenden. Man ſah nicht mehr, wer gefallen war, oder wer ſtand. Alles ſtürzte im Dunkel der Pforte und des Dampfes wogend und drän⸗ gend über einander hin.— Nur das Eine war gewiß, die Freiheit hatte geſiegt, das letzte Bollwerk der Gegner war erſtürmt! Victor, den eine Kugel der erſten Salve in die Schulter getroffen und niedergeſtürzt hatte, raffte ſich jetzt wieder em⸗ por. Seine Blicke ſuchten Adolph, ſuchten den Oberſten. Er ſah Beide nicht. Eine düſtere Ahnung faßte ſeine Seele, er drängte ſich vor in den Palaſt hinein. Da wurde eine Bahn von innen heraus durch das Gedränge gemacht; man trug einen ſchwer Verwundeten oder Todten heraus. Es war Clermont! Adolph half ihn fragen; das Haupt des edeln, bleich dabingeſtraikten Führers ruhte an ſeiner Bruſt. „Um Gottes willen,“ rief Victor,„iſt er todt?“ „Wenigſtens hat die Kugel ſeine tapfere Bruſt durch⸗ bohrt,“ ſprach Adolph und Thränen rollten ihm über das blaſſe Antlitz.—„Vielleicht überlebt er den Sieg nur um wenige Minuten!— Vielleicht erfährt er ihn erſt jenſeits!“ „Das verhüte ein gnädiger Gott!“ rief Victor ſchmerz⸗ lich aus. Die treuen Kampfgenoſſen trugen den bewußtloſen Füh⸗ rer aus dem Getümmel. „Wohin nun weiter?“ fragte einer der Tragenden, als man die Straße St. Honore erreicht hatte.„Sollen wir hier in das nächſte Haus?“ 3 „Laß ihn zu uns bringen, Bruder,“ rief Victor,„viel⸗ leicht iſt er durch ſorgſame Pflege zu retten. Wo finden wir dieſe beſſer und treuer, als bei uns? Und rafft ihn — — 345— der Tod hinweg, ſo ſtirbt er doch in unſern Armen, die wir unzertrennlich an ſeiner Seite gefochten haben.“ „Es iſt mein Gedanke!“ erwiderte Adolph wehmüthig. —„Nach der Straße Montmartre!“ Eduard war indeſſen mit unaufhaltſamer Eile nach dem Platz des heftigſten Gefechts geſtürzt. Er forſchte und fragte nach dem Oberſt Clermont, doch Niemand wußte ihm anfangs Beſcheid zu geben, da er zuerſt auf eine Schar von Bürgern traf, die gar nicht unter der Leitung ſei⸗ nes Vaters gekämpft hatte. Indeſſen riß die Schlacht ihn mit ſich fort. Bei dem ſtürmenden Andrange ſo vieler Tauſende war es unmöglich, frei nach Willkür unter den Maſſen ſpähend umherzuſchweifen. Man mußte ohne Wahl dahin, wohin der Strom der Menge trieb. Eduard kämpfte wie ein Raſender, ohne ſich der Gefahr, ja faſt ohne ſich ſeiner ſelbſt bewußt zu werden. In dem ganzen wilden Schlacht⸗ gewühl ſah er nur die Geſtalt des Vaters, wie ſie ſeiner jugendlichen Erinnerung vorſchwebte. Erſt in dem Augen⸗ blick, als Oberſt Clermont die Fahne des gefallenen Jüng⸗ lings emporhob und ſchwang, fiel der Blick des Sohnes auf ihn.„Das iſt er!“ rief ſein Herz und ſtürmend wollte er ſich zu ihm hinandrängen. Da aber verſchlangen Dampf und Rauch Alles rings umher und der verworrene Strom der Kämpfenden wogte ſo wild durcheinander, daß es dem Einzelnen unmöglich war, ſich Bahn zu brechen. Erſt nach mehren Minuten erreichte Eduard die Stelle, wo er den Vater geſehen hatte. Er forſchte und fragte überall nach dem Führer, dem Träger der ſiegenden Fahne. Da wurde ihm die entſetzliche Antwort:„Er iſt ge⸗ fallen! Eben hat man ſeine Leiche fortgetragen!“ „Gott der Gnade und Barmherzigkeit! Es iſt un⸗ möglich!“— — 346— „Ich habe es mit meinen Augen geſehen und wahrlich, ich wollte, ich hätte es nicht geſehen,“ antwortete der junge Mann, den Eduard heftig bei der Schulter gefaßt hatte. „Wohin hat man ihn gebracht? Um Gottes willen, gebt mir Auskunft, der Gefallene iſt mein Vater!“ „Man trug ihn dorthin nach der Straße St. Honore zu.“ Eduard ſtürzte nach. Er blickte ſpähend umher; doch in dem Gedränge war es unmöglich, einen Einzelnen her⸗ auszufinden. Er fragte überall. Doch man hatte leider viele Todte, viele Verwundete hinweg und in die nächſten Häuſer tragen ſehen. Endlich blieb ihm nichts Anderes übrig, als nach Hauſe zu ſtürzen, um von dort aus alle Mittel auf⸗ zubieten, den Verlorenen aufzuſuchen. Victor und Adolph hatten unterdeſſen ihren tapferen Führer in Deſormery's Haus gebracht und ließen ihn hin⸗ auftragen in die Zimmer, welche zur Aufnahme Verwun⸗ deter eingerichtet waren. Die Thür öffnete ſich. Betty und Eugenie waren in dem erſten Zimmer beſchäftigt. Bei dem Anblick Victors und Adolphs ſtürzten ihm dieſe mit einem freudigen Ausruf entgegen; denn ſeit der Kampf ſo mächtig entbrannt war, hatten ſie ja die Woh⸗ nung nicht betreten.— Doch Victor winkte den Andrin⸗ genden und ſprach mit einem Stille gebietenden Zeichen: „Wir bringen Euch einen Theuern, ſchwer Verwundeten, viel⸗ leicht gar einen Sterbenden. Ihr müßt ihn ſorgſam pflegen.“ Betty trat heran und betrachtete den Kranken, indem er auf ein Ruhebett gelegt wurde, aufmerkſam. Plötzlich ſchrie ſie wie vom Wahnſinn ergriffen auf:„Er iſt's! Eu⸗ genie, es iſt Dein Vater!“ Und ehe ihr Jemand wehren fonnte, ſtürzte ſie hinaus 5 — 347— in das anſtoßende Zimmer, wo ſich Frau von Clermont befand, fiel dieſer zitternd und athemlos an die Bruſt und rief: „Er iſt da! Er iſt gefunden! Eugeniens Vater!—“ „Allmächtiger Gott!“ rief Frau von Clermont und ſtand wie an den Boden gefeſſelt. Sie erblaßte, bebte, verſuchte zu reden, das Wort verſagte ihr; halb von Betty getragen, ſchwankte ſie mit krampfhaft wallender Bruſt in das andere Zimmer. Kaum aber warf ſie den erſten Blick auf Clermont, der bleich mit geſchloſſenen Augen da lag, als ſie in die Knie ſank und rief: „Er iſt's! O ew'ger Gott der Gnade!“ Eugenie lag in Victors Armen, halb bewußtlos, Leon⸗ tine, die im dritten Zimmer Betty's Ruf gehört hatte, ſtürzte eben herein unnd warf ſich zu der Muͤtter nieder. Auch Marie und ihr Vater folgten in heftigſter Bewegung. Als Deſormery den Verwundeten erblickte, blieb er wie an den Boden gewurzelt, ſtehen und ſprach:„Ja, bei Gott, das iſt Clermont! Das iſt keine Täuſchung!“ „Bei der Barmherzigkeit des Himmels!“ rief Frau von Clermont, die Hände ringend,„ſagt mir, iſt er todt? Soll ich nach funfzehn Jahren nur ſeine Leiche wiederſehen! O, redet! redet! Laßt mich nicht umkommen in dieſer na⸗ menloſen Angſt!“ „Er iſt ſchwer verwundet, ohnmächtig, doch wir hoffen, er werde das Licht wieder erblicken,“ antwortete Adolph und trat der Jammernden entgegen, um ihr emporzuhelfen. Ein junger Arzt, der ſchon bei dem Kranken thätig war, ſprach tief gerührt:„Er wird ſich gewiß erholen; ich hoffe ihn zu retten.“ Bei dieſen Worten ſprang Frau von Clermont auf, ergriff mit der Rechten heftig Leontinens, mit der Linken Eugeniens Hand, zog ſie Beide an ſich, warf ſich dann 4* — 348— wieder auf's Knie und rief:„Kinder! Kinder! Betet, daß Gott Euerm Vater das Auge wieder öffne! daß Euch ſeine väterliche Stimme nur einmal begrüße! O Gott! O Gott! Wenn Du mir noch Jahre des Lebens zudachteſt, nimm ſie mir, aber vergönne mir eine Stunde, einen Augenblick mit ihm! Nur einmal noch laß mich meinen Namen von der theuern Lippe hören, nur einmal ſchließe er mich an ſeine Bruſt, daß ich ihm ſage, welche namenloſe Schmer⸗ zen ich erduldete, wie unverbrüchlich treu mein Herz ihm geblieben! Ach, ich ſtand ja funfzehn Jahre des Elends und des Jammers aus! Gib mir nur eine Minute der Freude dafür und ſie ſind vergeſſen! O, meine Kinder! Beetet, betet zu dem Allmächtigen, er wird den Ruf Eurer ſchuldloſen Herzen hören! Ach, Ihr hattet ja niemals einen Vater! Gottes ſtrenge Hand entriß ihn Euch, ehe Eure Lippen ſeinen Namen lallen konnten, Gottes Gnade wird ihn Euch wiederſchenken! Fleht ihn an aus tiefſter Bruſt!“ Die kniende Mutter ſchlang beide Arme um die Töch⸗ ter und zog ſie heftig an ihre Bruſt, als müßte ſo das Flehen der vereinten Herzen mächtiger zu dem Ewigen em⸗ pordringen. Alle vergoſſen ſie heilige Thränen und ihre Seele ſandte heiße Gebete zum Himmel. A In dieſem Augenblick öffnete Eduard die Thür. Ein Blick ſagte ihm Alles. Wie von höherer Macht bezwun⸗ gen, warf auch er ſich zu den Füßen der Lagerſtätte ſeines Vaters nieder auf die Knie und rief die Gnade des Him⸗ mels an. Eine heilige Erſchütterung durchdrang jedes Herz. Marie lag in den Armen ihres Vaters; Victor und Adolph blickten mit thränendunkeln Augen zum Himmel empor. Der Arzt ſelbſt war ſo bewegt, daß er ſeine ganze Faſ⸗ ſung zuſammenraffen mußte, um dem Verwundeten die Dienſte zu leiſten, die in dieſem Augenblick entſcheidend 8 — 349— waren. Er unterſuchte die Wunde, fühlte, daß die Kugel nicht tief eingedrungen, daß die Verletzung nicht tödtlich ſei; nur die gewaltſame Erſchütterung hatte die Betäubung verurſacht. Mit freudeſtrahlendem Blick wandte er ſich zu der ſtumm flehenden Mutter und ſprach:„Er wird leben. Ich darf es vor Gott verſichern, ich rede die Wahrheit nach meiner feſten Ueberzeugung.“ Da brach ein ſeliger Strahl der Freude aus dem Auge der Betenden, aus tiefſter Bruſt entquoll ihr ein hinſter⸗ bendes Ach, als ob ſie den letzten Athem verhauchte, und bewußtlos ſank ſie in die Arme ihrer Töchter zurück. Auf einen Wink des Arztes führte man ſie in das Ne⸗ benzimmer auf ein Ruhebett. Jetzt nahm der Arzt mit einem leichten Schnitt die Kugel aus der Wunde und dann wurden alle Mittel an⸗ gewandt, den Betäubten zum Bewußtſein zurückzubringen; bald öffnete er das Auge und blickte erſtaunt umher. Victor und Adolph ſtanden ihm zunächſt; Eduard war im Nebengemach bei der Mutter.„Wo bin ich?“ fragte Clermont verwundert.„Unter treuen Freunden!“ erwiderte Adolph. „Ich kenne Euch, wackere Kameraden. Haben wir geſiegt?“ „Die Farben Frankreichs wehen von allen Thürmen! Das Vaterland iſt frei!“ „Dank dem Allmächtigen; dieſes Wort füllt meine Bruſt mit neuem Balſam des Lebens.— Nun hat mein Herz nur noch einen Wunſch! O, wäre ich im Schoos der Meinen!“ „Sie ſind nahe!“ antwortete Victor. „Ihr kennt mich?“ „Oberſt Clermont.“ — 350— „Bei Gott, der bin ich. Doch ſprecht, Ihr wißt von den Meinen? Wo iſt meine Gattin? Wo ſind meine Kinder?“ Eduard vermochte kaum noch an ſich zu halten. Die Mutter, welche jedes Wort lauſchend vernahm, ſprang auf von dem Ruhebett und wollte nach der Thür. Nur mit Mühe hielt man ſie zurück; mit bebender Bruſt blieb ſie an der halb geöffneten Thür ſtehen. „Die Ihrigen leben“ ſprach der Arzt.„Wenn Ihre Krafte wiederkehren, wollen wir Sie zu ihnen führen.“ „Kräfte?“ rief Clermont, indem er ſich emporrichtete; „ich bin ſtark wie ein Löwe. Wo ſind die Meinigen? Ich weiß es, ich bin ihnen nahe; doch Ihr haltet mich zurück. Führt ſie zu mir oder das Herz zerſprengt mir die Bruſt. Leontine! Wo biſt Du? Meine Kinder!“ Als dieſe Stimme ertönte— wer hätte die Gattin noch zuruckgehalten?„Clermont,“ rief ſie laut und ſtürzte auf ihn zu,„Clermont, hier iſt Deine Gattin!“ „Leontine!“ rief er und breitete die Arme aus und zog ſie an die verwundete Bruſt.„Leontine!“ Seine Stimme erſtickte in Thränen.„Leontine! So iſt es denn endlich wahr geworden!—— Aber wo ſind meine Kinder? Wo iſt mein Sohn?“ Sie umſtanden bebend das Lager des Vaters. Die Mutter wand ſich ſanft aus ſeinen Armen und deutete auf die drei holden Geſtalten; aber Worte hatte ſie nicht. Der Vater ſtreckte die Hände zu ihnen hinüber, die Kinder ergriffen ſie und netzten ſie mit ihren Thränen. Er zog ſie einzeln heran und küßte ihr theures Antlitz. Plötzlich aber wurden ſeine Blicke dunkel und ſtarrten irr vor ſich hin. „Nein!“ ſprach er verworren,„es ſind Traumbilder! 8 ᷣ— O, wie oft hatte ich ſchon ſo grauſam ſüße Träumel — 351— Allmächtiger Gott! Laß mich nicht wieder zu der troſtloſen Wirklichkeit erwachen!“ 3 Alle ſchwiegen in tiefer Erſchütterung. Da nahte ſich ihm die Gattin ſanft, drückte einen Kuß auf ſeine Lippen und ſprach: „Nein, Clermont! Diesmal ſte es kein Traum. Fühle den warmen Hauch meiner Lippe, höre den Klang meiner Stimme! Ach, ich glaubte oft zu träumen. Doch wunder⸗ barer als alle Träume iſt die Wirklichkeit.— Faſſe Dich, raffe die hohe Stärke Deiner Seele zuſammen, erkenne uns, erkenne das Leben wieder.“ „Gott der Gnade, laß mich nicht wahnſinnig werden!“ rief Clermont heftig.„Ich ſehe zwei Töchter und doch raubte ich Dir die eine ſelbſt. Es muß Alles ein Traum ſein!“ „Der Gott, der Dich zurückgeführt hat, rettete auch Eugenien; er rettete ſie durch dieſe treue Hand,“ ſprach die Gattin mit tief in die Seele dringender Stimme, indem ſie Betty's Hand ergriff. Clermont ſtarrte dieſe lange an. Endlich rief er:„ Es wird Tag! Ich erkenne ſie! Ich wache, ich lebe! O Mut⸗ ter, lehre einen Vater ſeine Töchter kennen, welche iſt Leon⸗ tine, welche Eugenie?“ „Siehe hier Leontinen und hier die gerettete Eugenie, die ich ſelbſt erſt ſeit wenigen Wochen gefunden.“ Der Vater ſchloß ſie in die Arme.„Wie ſchön ſie ſind!“ rief er aus,„wie hold, wie lieblich! Gott, iſt es niißt zu viel, zwei ſo holde Töchter zu haben?“ Als Deſormery dieſe Worte hörte, brach er in bittere Thränen aus. „Nun erkenne ich auch Dich, mein Sohn!“ rief Cler⸗ niont, der wieder einen Augenblick in träumendes Sinnen .— 352— verfallen war, aus und zog Eduard zu ſich heran.„Jetzt verſtehe ich mein ahnendes Herz, als ich Dich in Algier kämpfen und fallen ſah! O, ich kenne dieſe ſchöne Narbe! — Du bluteſt? Du haſt auch heute gefochten!— O Gott, Du überſchütteſt uns mit Gaben des Segens!“ Die letzten Worte verklangen matt; Clermont ſank erſchöpft zurück. Ein ehernes Herz wäre überwältigt wor⸗ den von dieſen Gefühlen. Es war ein ſchöner Auguſtabend. Das Meer brannte im Purpur der Abendröthe. Die Maſten im Hafen von Toulon ragten hoch mit fliegenden Wimpeln in den roſigen Aether hinein; goldner Schimmer ſtrahlte von den Zinnen der Dächer und Thürme. Ein ſanfter Hauch der Lüfte vom Meere herüber bewegte die Wellen, bewegte die Ge⸗ büſche.. Auf der Terraſſe ſeines Landhauſes ſaß Clermont an der Seite ſeiner Gattin; Marie neben Eduard, ſanft in ſeinen Arm gelehnt. Victor und Eugenie, Adolph und Leontine hatten ſich vertraut umfaßt.— Betty, deren heitre Züge ein zufriedenes Gemüth verriethen, band Blumen zu einem Strauß. Deſormery ſtand in tiefe Gedanken verſenkt und ſtützte ſich auf einen Gartenſeſſel. „Die Sonne ſinkt ſo ſchön ins Meer! Wer weiß, was ſie uns morgen bringt?“ ſprach er mit bewegter Stimme. „O, Freund,“ entgegnete Clermont,„die Sonne dieſes Jahres hat ſo ſchöne Früchte gereift, daß wir ihr wol ver⸗ trauen dürfen.— Mein Blick ſtreift hinüber nach der Küſte, wo ſie mir funfzehn Jahre lang nur zum Jammer aufſtieg, wo ſie noch vor wenigen Monden die Sklaven⸗ 6 — 353— ketten röthete, die ich ſeufzend in öder Einſamkeit trug. Und jetzt trifft mich ihr ſanfter Strahl, umgeben von den Liebſten auf der Erde, glücklich, frei, im freien, glücklichen Vaterlande!“ „Sie ſcheint auch auf manches Grab! Die Freiheit hat theure Opfer gefordert!“ erwiderte Deſormery mit ſchmerz⸗ — liche Stimme. „Du mußteſt eine holde Tochter opfern; mir ſank ein treuer, redlicher Freund in die Gruft! Viele ſahen Brüder, Väter, Kinder fallen! Aber das Heiligthum, das wir er⸗ rungen, war es ſolcher Opfer nicht werth?— Möge es nun ein Gott vor frevelnder Entweihung ſchützen, daß die reine Opferflamme niemals, von Naſenden zu unnatürlicher Glut angefacht, verheerend auflodere und den Tempel in Schutt und Aſche verwandle, in dem ſie nur wärmend leuchten ſoll!“ „Den unſeligen Tag möge Frankreich niemals ſchauen! Das wird der gütige Gott verhüten, der die theuern Opfer von uns forderte!“ Nachſchrift nach funfzehn Jahren, in den Julius⸗ tagen:— Und der Himmel hat dieſe Gebete erhört! Und die Flamme der Freiheit lodert höher und reiner, leuch⸗ tet hoffnungsglänzend jeden Tag heller auch in die deutſche Erde hinüber!— Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. II. S — 2 2 2 85 aD — — — 8 η ₰ * 8‿ . ₰ 8 * 8 ö“ x ſſſ ſinſſ ffſn ſſ 14 13 16 17 1 ſſſnſſſſſnnſiſſ 10 11 12 13 6 7 8 9 * 4 84 * ₰ 5 8 1— 4„ 8 1 3 . 8 * 5 ſͤ 2₰ 4.— 5 2— 3* 1 4 X „ 4 * * 8— d — 7. 4 .“ “““—