—— Iararaanar achnhuhGhnanarhnn Leihvibliother von Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches uch t R. „ 77 franz. od. engl. 1 7 Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: — auf 6 Monat: 3 fl. 30 Kr. 2 fl. 8 Kr. 1 fl. 12 Kr. „. 7, 30„„„— 415 ——„ 27„ „*„ 36„„ „ „ erarararrr RPrSTAEEErer 4 ——OLñðzq· ᷓk-õ— Leipzig: F. A. Brockhaus. Geſammelte Schriften 4 von Ludwig Kellstab. .— Dreizehnter Band. Reue folge. Eroter Band. r 3 Algier und Paris. Erster Theil. 3 1 84 6. Algier und Paris 2 im Jahre 1830. V Von Ludwig Kellstab. 11 Neue Auflage. Erster CTheil. ———:—— „ Leipzig: F. A. Brockhaus. 1 8 4 6. — Vorwort im Jahre 1846. Zu der Zeit, als dieſer Roman geſchrieben wurde (1830, im Juli bis September), waren alle geſchicht⸗ lichen Ereigniſſe, auf die er ſich gegründet, den Leſern in lebendigſter Gegenwart. Jetzt iſt Manches davon dem Gedächtniß wol entſchwunden und nur Der, wel⸗ cher die neuere Geſchichte ſtets in allen ihren weitgrei⸗ fenden Verzweigungen feſtgehalten hat, wird völlig ver⸗ traut mit den Einzelverhältniſſen geblieben ſein, deren Bekanntſchaft hier zuweilen vorausgeſetzt wird. Es ſcheint daher angemeſſen, mindeſtens die Hauptzüge des Bildes jener Zeit hier wieder aufzufriſchen, welche mit den dichteriſch behandelten Begebenheiten im Zuſammen⸗ hang ſtehen. Da wir damit durchaus keinen Anſpruch auf eine geſchichtliche Darſtellung verbinden, ſondern nur einen Anhaltpunkt für die Leſer dieſes Buches ge⸗ ben wollen, ſo geſtatten wir uns der Kürze und leich⸗ teren Ueberſicht wegen eine ganz fragmentariſche Be⸗ handlung. — VI— Wenige Wochen vor der Landung des franzöſiſchen Heeres in Afrika, das unter dem Marſchall Bour⸗ mont Algier eroberte, waren zwei franzöſiſche Briggs, Silen und Aventure, an der afrikaniſchen Küſte ge⸗ ſcheitert, ihre Mannſchaften hatten ſich jedoch an das Land retten können. Die Schilderung dieſes Schiff⸗ bruchs in dem Roman iſt genau den hiſtoriſchen Vor⸗ gängen, zum Theil wörtlich den Berichten der Capi⸗ taine Bruat und Aſſigny im Moniteur, gefolgt. Mit dieſer Waffe wurde ein Beurtheiler, der bei der Erſcheinung des Buches die von höchſter Unkennt⸗ niß der Marine⸗Verhältniſſe zeugende Be⸗ ſchreibung des Schiffbruchs tadelte, allerdings ziemlich beſchämend zurückgeſchlagen.— Auch die ſpä— teren Begegniſſe der Geſcheiterten, deren der Roman ge— denkt, z. B. die Vermittelung durch einen Malteſer, der als Dolmetſch auftrat, die Vorſicht, ſich für Engländer auszugeben, nachmals die theilweiſe Plünderung und Ermordung durch die Kabylen, die Abführung Anderer nach Algier, deren Befreiung bei der Einnahme der Stadt erfolgte, die ſchauerliche Aufſteckung der Köpfe einer Anzahl der Ermordeten vor der Caſauba— dies Alles ſind hiſtoriſche Thatſachen. Nur die Ein⸗ zelbegegniſſe ſind dem Recht der dichteriſchen Erfin⸗ dung anheimgefallen.— In der Schilderung der Ab⸗ fahrt der Flotte von Toulon, der Einnahme von Algier u. ſ. w. hat die Erzählung ſich gleichfalls treu den zu⸗ ——⁵õ—.— „ — „ VII— verläſſigen Mittheilungen in den öffentlichen Blättern angeſchloſſen. Das Schickſal der Mannſchaften des Silen und der Aventure beſchäftigte die Zeitungen und ſomit alle Leſer derſelben in jener Zeit ſehr lebhaft. Freilich aber wur⸗ den alle Intereſſen für die Zerſtörung und Eroberung des alten Raubſtaates Algier plötzlich vernichtet durch die Exploſion der Julirevolution, deren Donner Eu⸗ ropa erſchütterte, deren leuchtender Glanz und Strahl tauſend Hoffnungen weckte und entzündete. Wirkungen, die, dem Himmel ſei Dank, noch jetzt in lebendigſter Kraft in den Bewegungen der Völker ſich wahr⸗ nehmen laſſen, deren Ziele erſt zum kleinſten Theil erreicht ſind und denen vielleicht in unſeren Tagen die entſcheidendſten Erfolge bevorſtehen.— Die Ereigniſſe der Julirevolution ſelbſt ſtellen ſich in zu coloſſalen Zügen hin, um irgend einem Gedächt⸗ niß entſchwunden zu ſein, irgend einer Kenntniß, die im Bewußtſein der Zeit ſteht, zu fehlen. Allein die klei⸗ neren Borereigniſſe, das geheime Zucken und Leben im Embryo dieſer coloſſalen politiſchen Geburt(die, reif geworden, freilich als eine gerüſtete Pallas aus dem Haupt, nicht des Zeus, ſondern des Kronos, ſprang), ſie werden einer Auffriſchung in der Erinnerung bei Manchem bedürfen, zumal da das vorliegende Buch, der Natur der Sache nach, mehr auf ihnen als auf den Thatſachen der Vollendung fußt. VvIII— Das Miniſterium Martignac, welches das De⸗ partemental⸗Geſetz nicht in der Form durch die Kam⸗ mer zu bringen vermochte, für die es mit Mühe die Zuſtimmung des Königs erlangt, wurde von Karl X. am 8. Auguſt 1829 entlaſſen und damit brach er die letzte Brücke der Vermittelung und Verſtändigung mit der Nation auf der Grundlage der octroyirten Charte ab. Mit dem Eintritt des Polignac'ſchen Miniſte⸗ riums, am 9. Auguſt 1829, war der Kampf zwiſchen der Nation und der Regierung erklärt und, man darf ſagen, das Todesurtheil der Dynaſtie unterzeichnet, wel⸗ che das vergebliche Beſtreben, die Idee des Abſolutis⸗ mus in dem unter der Sonne der Freiheit erwärmten Boden Frankreichs neu einzupflanzen, nicht aufgeben wollte. Der Name Polignac war die offene Loſung für alle, bis dahin noch in einer zwar durchſchauten, aber doch die ſchroffſten Contraſte mildernden Verſchleie⸗ 5. rung gehaltenen, Abſichten des Hofes. Der Druck erzeugte den Gegendruck. So war die Ernennung des Miniſteriums Polignac zugleich der Feldruf für die ganze liberale Heeresmacht Frankreichs und ſie ſtand, inner⸗ lich und äußerlich ſchlagfertig, urplötzlich da. Sie war (wir rechnen nur im Umkreiſe des politiſchen Bewußt⸗ ſeins) nicht nur an Zahl die überlegene, ſondern hatte auch das heiligſte Recht auf ihrer Seite. Die⸗ ſer Bundesgenoſſe verbürgte ihr den Sieg. Dafür aber 6 war die Gegenpartei organiſirt; ſie führte die Hand⸗. —-— * —— —yx * habe der Macht und Gewalt, bis dahin ſogar in den Kammern. Doch in der Deputirtenkammer verlor ſie dieſelbe mit dem erſten Tage der Ernennung des Mi⸗ niſteriums. Die Oppoſition wurde urplötzlich eine ſo gediegene, ſchloß ihre Reihen ſo dicht, daß ſie auch das thatſächliche Uebergewicht behaupten mußte, während zuvor nur einzelne rühmliche Kämpfer, wie Lafitte, Perrier, Lafayette und vor Allen Benjamin Conſtant die geiſtige Obmacht für ſie feſtgehalten hat⸗ ten.— Thiers, Mignet, Armand Carrel, La Coſte bedeuteten damals in der journaliſtiſchen Welt, was jene in der Deputirtenkammer. So waren Preſſe und Kammer Eins. Dennoch wagte es Fürſt Polignac, von abſolutiſti⸗. ſcher und kirchlicher Leidenſchaft— es ſcheinen Geſchwi⸗ ſter, die ſich die trennen wollen— gleich verblendet, die Kammern am 2. März 1830 mit einer Thronrede eröff⸗ nen zu laſſen, welche ſo weit ging, jene freiheitverthei⸗ digenden Richtungen als ſträfliche Umtriebe zu be⸗ zeichnen, die zu beſiegen man die Macht finden werde. Dies war die Androhung eines Staatsſtrei⸗ ches, das erſte Vorſpuken der Juli⸗Ordonnanzen.— Der Fürſt Polignac hatte in dem Wahne geſtanden, dadurch die Oppoſition einzuſchüchtern. Die Wirkung war gerade die entgegengeſetzte. Die berühmten zwei⸗ hunderteinundzwanzig Deputirten traten zuſammen und ſetzten jene weltgeſchichtlich gewordene Adreſſe auf, in welcher ſie die Anſchuldigungen durch die Thronrede auf das beſtimmteſte zurückwieſen und im Gegen— theil die Richtung, die das„beklagenswerthe Mi⸗ niſterium“(ministère déplorable) nehme, eben ſo ent⸗ ſchieden als eine verderbliche bezeichneten.— Jetzt war von zwei Schritten nur einer möglich, die Auflöſung des Miniſteriums oder der Kammer. Der König that zu ſeinem Unheil den letzteren. Er vertagte zwar an⸗ fangs die Seſſion nur, erließ jedoch am 16. Mai die Auflöſungsordonnanz, da das Miniſterium ſich an die Hoffnung hielt, unterſtützt durch einen der Na⸗ tionaleitelkeit ſchmeichelnden, glänzenden Erfolg in⸗Afrika, und mit Hülfe der tiefvergiftendſten Umtriebe, die Ma⸗ jorität bei den Wahlen zu erhalten, oder doch die Wie⸗ derwahl jener zweihunderteinundzwanzig Deputirten zu hindern. Dies mislang; die zweihundertein⸗ undzwanzig Deputirten(die man inzwiſchen auf alle Weiſe verherrlicht, eine Medaille mit ihren Namen geſchlagen hatte, und Aehnliches mehr) wurden wie⸗ dergewählt.— Jetzt entbrannte der gewaktigſte innere Kampf in den Feldlagern der beiden entgegengeſetzten politiſchen Parteien; auf der einen Seite das Volk, das Recht, die Vernunft und Billigkeit, geführt durch alle politiſch Einſichtigenz auf der andern Seite der Abſo⸗ lutismus, die Congregation, die Verletzung aller gehei⸗ ligten Rechte der Menſchheit. Wohin die Wage des Sieges ſich endlich neigen werde, war auch damals, ſo — XI wenig wie jetzt, irgend Jemandem zweifelhaft; es handelte ſich nur um das Wann des Sieges.— Selbſt der Ein⸗ druck, den die am 12. Juli in Paris eingetroffene Nach⸗ richt von der am 5. ſtattgefundenen Eroberung Algiers machte, beſchleunigte eher die Schnelligkeit des Ver⸗ hängniſſes und ſeines Gerichts, als daß der Lauf der großen Entſcheidung dadurch gehemmt worden wäre. Frankreich fühlte ſich durch den Sieg über den uralten Raubſtaat in der öffentlichen Meinung Europas geho⸗ ben*) und in dieſem Gefühl ſeiner Ehre und Kraft wuchs auch das ſeiner Berechtigungen. Die Frage ſtand in dieſen Tagen, vom 12. bis 26. Juli, auf der äußerſten Schärfe der Enſcheidung⸗ Der König war zu weit gegangen; die Wiederwahl der gweihunderteinundzwanzig drängte ihn, entweder alles bisher Verfolgte aufzugeben und ſich dem Volk, dem Recht und der Wahrheit der Charte in die Arme zu werfen, oder es auf das Aeußerſte ankommen zu laſſen. Die Spannung der öffentlichen Meinung, ob Karl X. die ihm zum Trotz ganz auf die alte Weiſe gebildete Kammer anerkennen werde oder nicht, hatte ſich fieberhaft erhitzt. Gerade in dieſe Tage der Auf⸗ regung fällt der Beginn des zweiten Theils unſeres Romans. Der König wählte zu ſeinem Verder⸗ *) In einer deutſchen Hauptſtadt erleuchteten mehre Privat⸗ perſonen ihre Hauſer bei der Nachricht von der Einnahme Al⸗ giers;— Alles jubelte darüber. ben— er verwarf die Kammer und erließ die Juli⸗Ordonnanzen!— Von da ab darf unſer Buch ohne Commentar für ſich ſelbſt eintreten, da es die an 4. dieſes weltgeſchichtliche Ereigniß geknüpften Vorgänge mit ſo feſtgehaltener Treue entwickelt, als es das Ge⸗ wand des Romans nur geſtattet. Unſere Bitten, Wünſche und Hoffnungen am Schluß des Werkes ſcheinen ſich vollſtändig zu erfüllen— für Frankreich!— Möchte es auch für Deutſchland der Fall ſein, das, wenngleich in minder ſcharfer, ſich doch im Jahr 1846 in einer verwandten Kriſis befindet, wie die, welche ſich in dem welterſchütternden, aber ſegen⸗ bringenden Gewitter der Julitage entlud. 4 * L. Nellſtab, im Januar 1846. —y—— . Neue F. I. Die Aventure. I Schr. Rellſtab, Geſ. Erstes Capitel. In dem Gartenſaale eines auf einer Anhöhe nahe am Meere reizend gelegenen Landhauſes bei Toulon, von dem man die Stadt, den Hafen und die ſchiffbedeckte Rhede über⸗ blickte, ſaßen an einem ſchönen Mai⸗Nachmittag zwei Frauen, eine ältere und eine jüngere, mit weiblicher Arbeit beſchäf⸗ tigt, von der Beide jedoch häufig auf⸗ und über den Spie⸗ gel des blauen Meeres hinausblickten, auf deſſen unabſeh⸗ barer Fläche ein einziger Punkt ihr Auge zu feſſeln ſchien. „Gewiß, liebe Mutter,“ ſprach die Jüngere,„meine Ahnung erfüllt ſich. Er iſt es! Mir träumte zu lebhaft, er käme heut. Und dann, ich bin zwar eben nicht ſo ſchiffs⸗ kundig, allein dies eine Schiff glaube ich zu beſtimmt zu kennen. Es iſt die Aventure!“—„Ein wenig möchte ich Dir recht geben,“ antwortete die Mutter,„denn zuver⸗ läſſig iſt es eine königliche Brigg. Aber welche, das iſt noch nicht zu beſtimmen.“ Unfern von beiden Damen auf einem Tiſchchen ſtand ein Fernrohr auf ſeinem Stativ; ein Hausgeräth, das keinem ſo nahen Bewohner der Küſte in dortiger Gegend 1* — 4— fehlt. Leontine ſtand von der Arbeit auf und ſetzte ſich vor das Rohr. „Unruhiges Herz von neunzehn Jahren!“ ſprach die Mutter ſanft lächelnd;„es iſt ja kaum zwei Minuten her, daß Du durch das Rohr geſehen haſt. Noch iſt nichts zu erkennen!“ „Und doch!“ rief Leontine freudig.„Doch! Es die Aventure! Das eine Schiff kenne ich zu gut!“ „Beſte Mutter! Er kommt! Er kann noch heut Abend bei uns ſein!“ Und mit dieſen Worten ſprang das freudig gerührte Mädchen von dem Seſſel auf und bedeckte das Angeſicht der Mutter mit unzähligen Küſſen. Frau von Clermont— dieſen Namen führte die Be⸗ ſitzerin des Landhauſes— wehrte mit ſanfter Freundlichkeit den Liebkoſungen der Tochter und ſtand von dem Seſſel auf, um ſelbſt durch das Fernrohr zu ſehen. Die Ankunft des Schiffes erregte darum Leontinens Theilnahme in ſo hohem Grade, weil ſich ihr Bräutigam, Adolph, als Schiffslieutenant auf demſelben befand. We⸗ nige Tage zuvor hatte ſie einen Brief durch ein Aviſoſchiff, von der Station vor Algier, von ihm erhalten, wodurch ſie benachrichtigt wurde, daß bald danach die Aventure mit Depeſchen nach Toulon abgehen würde. Die Verlobten hatten ſich ſeit faſt ſieben Monden nicht geſehen. Man kann daher denken, mit welchem freudig pochenden Herzen Leontine jedes am fernen Horizont heraufkommende Schiff betrachtete, von dem Augenblick an, wo es, ein ſchimmern⸗ des weißes Pünktchen, gleich der flatternden weißen Möwe, dem Auge zuerſt ſichtbar wurde, bis zu dem, wo es mit vollen, aufgeblähten Segeln prachtvoll in den Hafen von Toulon einlief. —y y-ʒ—— —— — 5= Die Mutter hatte indeſſen gleichfalls das Schiff auf⸗ merkſam durch das Fernrohr betrachtet und ſtand mit den Worten auf:„Ich glaube, Du haſt recht, Leontine; es iſt die Aventure!“—„Ja, mein Herz hat mich nicht ge⸗ täuſcht!“ rief das lebhafte Mädchen, indem ſie die Mutter von neuem umarmte.„Siehſt Du wol, daß man etwas auf Träume geben darf?“—„Wenn Du nur nicht geſtern und vorgeſtern ebenſo geträumt hätteſt,“ entgegnete die Mutter lächelnd;„und wer weiß, ob ſich unſere Ahnun⸗ gen heute erfüllen. Wie leicht könnten wir uns dennoch irren,— wie leicht kann der Wind umſpringen.“— Leon⸗ tine hatte wenig von der Rede der Mutter gehört, denn ſie ſaß ſchon wieder vor dem Fernrohr. Bei der letzten Be⸗ merkung aber ſprang ſie ſogleich haſtig auf, eilte auf die Terraſſe, nach der ſich die Flügelthüren des Saales öffne⸗ ten, hinaus und ſah nach der Wetterfahne.„Nein,“ rief ſie fröhlich,„der ſchönſte friſcheſte Südweſtwind, ſieh nur ſelbſt, liebſte Mutter!“—„Ich glaub' es ſchon,“ erwi⸗ derte Frau von Clermont, trat aber doch hinaus in den Garten und überzeugte ſich, daß Leontine recht hatte. Indem ſie das Auge von der Spitze des Thürmchens, welches auf dem Hauſe befindlich war, wieder ſinken ließ, ſtreifte ihr Blick über den Weg am Strande hin und traf auf einen Reiter, der eiligſt von der Stadt her auf das Haus zu ſprengte. Er ſchien in demſelben Augenblicke auch der Damen anſichtig zu werden, denn er zog ein Tuch her⸗ vor und ſchwenkte es über dem Haupte, als wollte er ſchon von weitem eine frohe Botſchaft verkünden.„Es iſt Eduard!“ rief Frau von Clermont.—„Ja, es iſt der Bruder!“ beſtätigte Leontine und eilte die Terraſſe hinab, um ihm die Gartenpforte zu öffnen. Schon vom Pferde rief er ihr entgegen:„Haſt Du die Brigg geſehen, die dort *————— heraufkommt? Es iſt die Aventure! Sie iſt ſchon ſigna⸗ liſirt. Ich war beim Seepräfecten, als der Telegraph ſie meldete. Schnell warf ich mich zu Pferde, Euch die Nach⸗ richt zu bringen.“—„O Du guter, liebſter Bruder!“ rief Leontine froh und hing ſich dem Herabgeſprungenen in den linken Arm, während er mit dem rechten das Pferd nach ſich führte;„aber wir haben ſie ſchon erkannt, Du bringſt uns nur die Gewißheit.“—„Und was das Beſte iſt,“ entgegnete Eduard lebhaft,„ſo braucht das Schiff gar keine Quarantaine zu halten, da es nach der Meldung, wie nach Adolph's Brief, gar keinen Kranken am Bord hat und überdies ſeit ſechs Wochen gar nicht und vorher nur auf Majorca gelandet iſt.“ Indeß war man den Hügel hinaufgekommen; ein Diener nahm Eduard's Pferd; die Geſchwiſter traten zur Mutter ein, die ſich der Freude ihrer Kinder erfreute. Eduard diente im achten Linienregiment, welches bei der Brigade Loverdo ſtand. Er befand ſich unter den zur⸗ Einſchiffung verſammelten Truppen, die großentheils bereits an Bord gebracht waren, als dem Sohn einer in Toulon allgemein geachteten Frau hatte ihm der General jedoch leicht Urlaub gegeben, bis das Signal zum Auslaufen der Flotte ertönen würde, die bekanntlich lange Zeit auf der Rhede lag und ſehnlich günſtigen Wind erwartete. Eben derſelbe Südweſt aber, der jetzt die Aventure mit ſichtlicher Schnelligkeit dem Ufer entgegenführte, hinderte das Geſchwa⸗ der, in See zu ſtechen. So ungeduldig daher Eduard auch anfangs über die Tücke des Windes geweſen war, ſo freute er ſich mit Mutter und Schweſter deſſelben doch in dieſem Augenblick, wo ſein günſtiger Hauch ihm den innigſten Freund, Leontinens Geliebten und auch den Liebling der Mutter raſcher herbeiführen ſollte. . 86 — 9— —— 4 3 — 7— Das erwartete Schiff nahte ſich faſt zuſehends. Man hätte ahnen mögen, daß einem ſeiner Führer das Herz mit allen Kräften der Jugend und Liebe nach dem Ufer ſchlug. Eduard entwarf den Plan, nach dem Hafen zu fahren, um den Landenden dort ſogleich zu bewillkommnen. Allein Leontine war dagegen.„Wie,“ ſprach ſie,„ſoll ich ihn in dem Getümmel und Gedränge ſo vieler fremden Menſchen zuerſt wiederſehen, wo ich ihn nicht von ganzem Herzen em⸗ pfangen darf? Gewiß ſehne ich mich nach ihm ſo heiß, wie er nach mir, aber doch bezwinge ich mich lieber eine Viertelſtunde, um ihm hier, nur umgeben von meinen Lie⸗ ben, gleich in die Arme fliegen zu können, ſtatt dort einen kalten Gruß und Handkuß von ihm zu empfangen!“ „Aber ſoll er denn Niemand finden, der ihn freundlich willkommen heißt?“ ſprach die Mutter. „O gewiß! Denn ich kenne meinen Bruder!“ erwi⸗ derte Leontine und ſah ihn freundlich winkend an. „Nicht wahr, Eduard, Du reichſt ihm die erſte Hand, wenn er aus dem Boot ſpringt? Männer kennen ja das Gefühl nicht ſo, was uns Frauen ſcheu in uns zurückdrängt, wenn wir der Offentlichkeit preisgegeben ſind. Wir laſſen erſchrocken bei der rauhen Berührung die Blätter ſinken und ſchließen die Blütenkelche gleich der zarten Sinnpflanze. Aber Ihr Männer ſpielt noch fröhlich in den Wellen des Lebens, die uns ſchon fortreißen.— Und Du empfängſt ihn, guter Eduard, und bringſt ihn her zu uns, und hier wollen wir ihn ſo warm, ſo herzlich begrüßen, daß er wol fühlen ſoll, es liege nicht an uns, wenn wir ihm nicht bis mitten auf das Meer entgegeneilen.“ Es wäre ſchwer geweſen, dem anmuthigen Schmeicheln des ſchönen Mädchens zu widerſtehen, auch wenn man wi⸗ derſtrebende Wünſche gehabt hätte. Wie gern und leicht 6. 2½ 8— verſprach daher der Bruder, was die Schweſter von ihm erbat! Indeß leiſtete er ihr und der Mutter noch einige Zeit Geſellſchaft, bis die ſchnell ſegelnde Aventure auf der rechten Höhe der See ſein würde, um nicht gar zu lange Zeit nach ihm im Hafen einzutreffen.— Er erzählte der Mutter das Neueſte aus Toulon, ſchilderte die ewig wech⸗ ſelnd ſich geſtaltenden Ereigniſſe und Begebenheiten, die der ungeheure Zuſammenfluß von Kriegern, Seeleuten und Fremden erzeugte, ſprach von der nahen Abfahrt der Flotte und ergoß ſich in jugendlichen Hoffnungen für den nahen Feldzug, wo er Gelegenheit zu ehrenvollen Thaten zu finden hoffte. Die Mutter war als Lebensgefährtin eines ausge⸗ zeichneten Offiziers daran gewöhnt, den Mann in die Sturme des Lebens hinausſchiffen zu ſehen; ſie hörte daher den Sohn mit einer zwiefach mütterlichen Theilnahme an; nämlich der an ſeinen Hoffnungen und der ſchmerzlicheren an ihm ſelbſt, den ſie bald entbehren ſollte, um ihn auf dem unwirthbaren Strande Afrikas den Gefahren des Krieges auszuſetzen. „Ach,“ rief Eduard lebhaft aus,„bisweilen möchte mir das Herz vor Sehnſucht nach großen Thaten und Schick⸗ ſalen zerſpringen! Wenn ich dort die Flotte mit ihren tau⸗ ſend Maſten auf der Rhede liegen ſehe, wenn ich mir denke, wie ſie vielleicht bald mit ſtolz aufſchwellenden Segeln majeſtätiſch durch den blauen Ocean dahinziehen wird, wenn ich im Geiſte den brauſenden Waffenlärm und Jubel⸗ ruf der Krieger höre, mir die zahlloſe Menge am Ufer denke, wie ſie grüßend, mit Hüten und Tüchern winkend, jubelnd und doch bewegt, gerührt, erſchüttert dem erhabe⸗ nen Schauſpiel nachſieht— dann möchte ich weinen, daß der Krieg doch am Ende nur ein ſo unbedeutender, viel⸗ ——r —— — 9— leicht in wenig Wochen beendet iſt!— Aber, Mutter, Du ſiehſt ſo ernſt, ja Du weinſt?“ „Mein Sohn,“ entgegnete Frau von Clermont mit ſanfter Würde,„auch Frauen ſind für die großen Ereigniſſe der Welt empfänglich. Du weißt, ich habe manch ernſtes und ſchweres Geſchick erfahren. In dieſem Augenblick ſtieg die Zeit des Glanzes, die unſer Vaterland erlebt hat, mit mächtiger Erinnerung in mir auf. Und eben fiel es mir ein, daß heute der neunzehnte Mai iſt. Heute vor zweiunddreißig Jahren ſah ich von dieſer ſelben Stelle aus, als ſiebzehnjähriges Mädchen, als Braut, wie Du, meine Leontine, das Heer abſegeln, das Ägypten eroberte. Und Euer Vater war dabei! O, es war ein großer Augenblick und die Erinnerung daran würde mir Thränen ins Auge drängen, auch wenn ſich nicht bei dem Gedächtniß jedes ruhmwürdigen Ereigniſſes aus Frankreichs Heldenzeit das düſtre Bild von dem ſchreckenvollen Ausgang auch meines Glückes mir vor die Seele drängte. Der neunzehnte Mail Wie achtlos hätte ich faſt den Tag vergeſſen! Ja, Kinder, damals bewegte ſich ſelbſt uns Frauen das Herz anders. Niemand wußte zwar, wohin die koloſſale Unter⸗ nehmung ihren Lauf richten werde, aber Jeder ahnte etwas Großes, Kühnes, Unerhörtes. Denn der Held, dem alle Herzen in glühender Begeiſterung entgegenſchlugen, der ge⸗ waltige Mann, der kaum in den erſten Jahren der Jugend ſchon den Völkern und den Königen Geſetze gab und die glänzendſten Namen unſerer Geſchichte an Ruhm über⸗ ſtrahlte, ſtand an der Spitze. Und welche Männer umga⸗ ben ihn, die nachher die Welt mit ihrem Kriegsruhm erfüllten! Der Herkules des Krieges, Kleber; der Epa⸗ minondas Frankreichs, Deſaix; der ritterliche Murat, der jugendliche Held Eugen Beauharnois, der ſcharf⸗ 1** — 10— blickende Davouſt, der abenteuerliche, aber kühne Me⸗ nou, der kaltblütige Junot; der jedes Herz durch An⸗ muth und Mäͤnnlichkeit feſſernde Duroc, und Dumas, den noch heut eine edle Begeiſterung für alles Große be⸗ lebt, und Cafarelli und Reynier, Lannes, Bel⸗ liard— ach und noch Manche, denen der Lorber ſtolz das Haupt umwunden hat, vor denen Könige gezit⸗ tert haben und die jetzt das Grab oder ein verdunkeltes Geſchick den Blicken der leicht vergeſſenden Zeit entzieht!— Und unter allen dieſen Helden dennoch er ſo gewaltig her⸗ vorragend, ſo allmächtig herrſchend mit der Kraft des un⸗ beſiegten Willens, der Üübermacht des durchdringenden Gei⸗ ſtes!— Ja, mein Sohn, es war eine hohe Zeit, die auch die Bruſt eines Mädchens mit Stolz und Freude füllen konnte, zumal nach ſo ſchrecklichen blutdürſtigen Tagen, wie meine frühe Kindheit ſie ſchaudernd geſehen!—— Ihr werdet zwar Ehre erwerben, aber Ruhm— dazu müßten Eure Gegner würdiger ſein!“ Der Sohn hing mit feurigen Blicken an der Lippe der Mutter, die mit der Beredtſamkeit des ganz erfüllten Her⸗ zens ſprach; Leontine nahm ſanft die Hand der tiefbeweg⸗ ten Frau.—„O,“ fuhr ſie nach kurzem Schweigen fort, „es war wol ein verzeihliches Verbrechen, das Euer Vater beging, wenn er mit zu heißer Verehrung an ſeinem Feld⸗ herrn, ſeinem Kaiſer hing und die Liebe zu ihm ihn das Geſetz der neuen Herrſcher vergeſſen ließ! Und wäre er wirklich, wie der Tapfere der Tapfern, durch ein Blut⸗ urtheil gefallen— Ihr dürftet Euch ſeiner nicht ſchämen und gleich den Fürſten von der Moskwa den Namen Eures Vaters mit Stolz nennen.“ Eben trat die Sonne hinter einer Wolke hervor und warf ihre hellen Strahlen über das Meer hin. Sie fielen — 1— auf die glänzenden Segel der näher und näher herankom⸗ menden Aventure. Leontine ſtieß den in Gedanken verſun⸗ kenen Bruder leiſe an und deutete nach dem Schiffe.— „Bei Gott, es iſt Zeit!“ rief dieſer und ſtand auf, um das Anſpannen des Wagens zu befehlen. In wenigen Minuten rollte er den Weg nach der Stadt dahin, nachdem Leontine ihm noch tauſend Grüße für den Geliebten und einen herzlichen Schweſterkuß für den Lie⸗ besdienſt mitgegeben hatte. Zweites Capitel. Es gibt wol wenige Menſchen in Frankreich, die in den letzt verfloſſenen funfzig Jahren geboren ſind, deren Schickſale nicht eben ſo weit von den gewöhnlichen Ereig⸗ niſſen des Lebens abgewichen wären, als die ganze Zeit ſich mit kühnerem Schwunge bewegte. Denn Alle haben ſie mehr oder minder die Wirkungen des anfangs ſo hell leuch⸗ tenden, nachher ſo blutigen Meteors der Revolution er⸗ fahren. Auch Frau von Clermont gehörte zu dieſen. Sie war aus Toulon gebürtig. Ihr Vater, ein gemäßigter Re⸗ publikaner, ein wahrer Freund des Vaterlandes, hatte in dem blutigen Jahre 1793 auf der Gulllotine das Leben verloren; ihre Mutter ſollte einen gleichen Tod ſterben, allein ſie flüchtete, zeitig gewarnt, bei Nacht mit ihrer da⸗ mals zwölfjährigen Tochter und hielt ſich eine Zeit lang in der Wohnung einer getreuen alten Dienerin verborgen — 12— Die Uebergabe Toulons an die Engländer machte dieſen Tagen der Angſt ein Ende, denn man hatte die Unglück⸗ liche als eine Ariſtokratin verfolgt, wie denn damals die Freiſinnigſten und Beſten mit dieſem Namen der Schande und des Verbrechens bezeichnet wurden. Allein bald brach eine neue Schreckenszeit heran. Die Belagerung begann; wie Jedermann weiß, ſo vortrefflich geleitet, daß die Stadt bald in den Händen der Republikaner war. Die Englän⸗ der zündeten die franzöſiſche Flotte und das Arſenal an und flüchteten. Die unglücklichen Einwohner, denen von allen Seiten das Verderben drohte, ſaßen auf ihren Hab⸗ ſeligkeiten am Ufer des Hafens und warteten auf die Böte, in denen man ſie zu retten verſprochen hatte. Da ſchlugen die Bomben der Belagerer unter die Maſſe; ein Theil der Geängſteten ſuchte die ſchon abgegangenen Böte ſchwimmend zu erreichen und ſtürzte ins Meer, ein anderer Theil flüch⸗ tete zurück in die Stadt und verbarg ſich in den Kellern und auf den Böden der Häuſer. Die Galeerenſklaven hat⸗ ten ſich befreit und durchtobten rachedrohend mit den raſſelnd nachſchleppenden Ketten die Gaſſen. In dieſem Getümmel, in dieſer Todesangſt, wo ſollten Frauen eine Zuflucht finden? An der Hand ihrer Mutter, von der ſchon todesmatten alten Dienerin gefolgt, flüchtete auch das zwölfjährige Mäd⸗ chen durch die Straßen, wohin eben der Strom der Menge ſie trieb. Da tönten ihnen plötzlich Trommeln und Pfeifen entgegen; es war ein Theil der einrückenden Sieger. Die wilden Banden, deren eigene Grauſamkeit und Zügelloſig⸗ keit noch durch blutdürſtige Befehle einen Stachel erhielt, feuerten mit unmenſchlicher Luſt auf die Schlachtopfer⸗ Eine Kugel ſtreckt die Wärterin zu Boden, eine zweite trifft die Mutter ins Herz. Das unglückliche Kind wirft ſich händeringend neben den Leichnamen nieder; es ſprengen —* 8 3* 4— — — B Reiter heran; einer ſchwingt den Säbel über das Haupt der angſtvoll Aufſchreienden. Da faßt ein muthiger Arm den ruchloſen Verbrecher, reißt ihn zurück und vom Sattel herab. Ein junger Offizier war es, der die dreiſte, wackere That verübte. Er ſpringt vom Pferde, das Geſchick des hülfloſen Kindes erbarmt ihn, er nimmt ſich ſeiner an und hebt es, als ein Blick auf die Gefallenen ihn überzeugt, daß ihr Leben entflohen ſei, auf ſein Pferd.— Der Retter nannte ſich Clermont; er brachte das Kind zu einer Ver⸗ wandten im Innern Frankreichs. In kurzer Zeit endete mit Robespierre's Tode der Terrorismus; die Verkannten kamen wieder zu Ehren, unter ihnen auch der Vater der hülfloſen Waiſe. Sdiee ſelbſt kehrte mit ihrer Pflegerin nach Toulon zu⸗ Lück, wo ſie als Erbtheil jenes reizend gelegene Landhaus am Meere in Beſitz nahm. Nach drei Jahren gab ſie ih⸗ rreem Retter, in dem die milde Wärme des Erbarmens ſich zur reinen Flamme der innigſten Liebe entzündet hatte, das Jawort als Braut.— Doch die Stürme des Krieges ſchüttelten ihn noch lange hin und her, und abermals ver⸗ ſtrichen drei Jahre, ehe ſie die Seinige wurde. Damals bändigte der mächtige Herrſchergeiſt zwar das entfeſſelte Frankreich und ſtellte die bürgerliche Ordnung und Sicher⸗ heit wieder her; wer hätte aber in jenen Tagen die Ruhe eines ungeſtörten häuslichen Glücks genoſſen? Es war die Zeit der Thaten; wer ſich nicht daran erheben konnte und ſelbſt kräftig mitwirkend aufzutreten vermochte, der wurde freilich durch den gewaltigen Strom ohne Wahl fortgeriſſen und erſchien ſich überall nur unglücklich, weil er ſich vom bloßen Dulden nicht zum Handeln, oder doch zu Geſin⸗ nungen erheben konnte, die die Zeit und ihre Größe, ja Herrlichkeit für Frankreich erkannten. ——— 3 1 Nicht ſo Frau von Clermont. Ihr Gatte ſtieg ſchnell auf der Bahn der Ehre aufwärts. Im ſteten Kriegsge⸗ tümmel, bald in Italien, bald in Deutſchland, dann in Spanien, in Rußland ernſt beſchäftigt, war ſein häuslicher Herd nur eine ſeltene Nuheſtätte für ihn. Er beſuchte ihn um ſo lieber, drückte die Kinder um ſo herzlicher an ſeine Bruſt. Aber in ſolchem Wechſel der Geſchicke mußte die zarte Frau ſich mit dem Harniſch einer ſtarken Seele waff⸗ nen. Sie lernte begreifen, daß es größere Verhältniſſe gibt, als diejenigen, die in der Hand der Gattin, der Mutter ruhen. Sie lernte ſich im Ganzen groß fühlen und das einzelne Opfer, das einzelne Behagen geringer an⸗ ſchlagen. Und darum vermochte ſie noch jetzt erhebender ſich einer tiefen Erſchütterung und Trauer nicht zu er⸗ wehren, wenn ſie bedachte, wie viel Großes, das in Krie⸗ gen und Stürmen geboren und erprobt war, ſeine einzel⸗ nen kühnen Kräfte feſſeln, lähmen und brechen laſſen mußte, damit das Geſetz ruhig und frei über Alle walte; wie viel Helden in die Gruft ſanken, um mit ihrer Aſche Frankreichs Boden fruchtbar zu düngen, daß die ruhige Saat des Landmanns golden darauf prange und der Fleiß des Bürgers ſeine Früchte behaglich genieße! Zwar erhob ſich ihre Seele bei dem Gedanken, daß aus Nacht, Blut und ſtrahlendem Glanz ſich endlich ein klarer, milder Tag für das Vaterland hervorgerungen hatte, und dennoch— ihr Sinn war groß, darum bewegte ſie der Fall des Großen tief, wenn gleich es nur dem Rechten weichen mußte. Auch ſie hatte die letzten Opfer darbringen müſſen. Oberſt Clermont hatte ſeinen Feldherrn, ſeinen Kaiſer mit jenen blutigen kaum zu bekämpfenden Thränen, mit jenem bittern Schmerz, der jedes kühne Soldatenherz zerriß, zu Fontainebleau von dem Heere ſcheiden ſehen, das er noch — nie verlaſſen hatte, nicht in der Glut der ſyriſchen Wüſte, nicht in den Eisfeldern des Nordens. Die Krieger, die auf den Wink ſeines Auges jubelnd in den Tod ſtürzten, ver⸗ mochten kaum ſeinen Befehlen zu gehorchen, als er ſie ih⸗ res Eides entließ. Jedermann weiß, was in jenen Tagen geſchah. Bis dahin hatten Ehre, Muth, Tapferkeit gegolten; jetzt traten die alten verhaßten Rechte der Geburt, des Reichthums und die ſchimpflichern der kriechenden Schmeichelei wieder ein! Zwar die gewaltigen Häupter des Heeres, um die ſich leicht das Volk, der Soldat geſammelt hätte, verſchonte man und warf ihnen müßige Würden ſtatt der alten ruhmvollen Thätigkeit hin; aber durch Einknicken aller jun⸗ gen Triebe ſuchte man den Baum zu tödten. Die Söhne des mit ſeinen Schätzen ausgewanderten Adels, die nicht die Gefahr, nicht den Ruhm Frankreichs getheilt hatten, ſondern in England ihr verächtliches Leben in müßiger Schwelgerei hinbrachten, während die echten Söhne Frank⸗ reichs unter Waffen, Gefahren, Entbehrungen und Groß⸗ thaten heranwuchſen, waren nun zurückgekehrt und wur⸗ den den ergrauten, mit Narben bedeckten Kriegern nicht zu Führern, nein, das war unmöglich, aber zu muthwillig willkürlichen Beherrſchern gegeben. Ihr nichts achtender Leichtſinn ſpottete des Schmerzes, des tiefbeugenden Grams im Antlitz der Söhne des Nuhms. Sie behandelten ſie vornehm, verächtlich, mit dem Stolz deſſelben Adels, der dreißig Jahre zuvor, alle Menſchenrechte höhnend, dem Landmann verbot, die Felder zu düngen, damit dem Edel⸗ mann die Rebhühner nicht nach Dünger ſchmeckten; der in den Tuilerien im Sommer auf geſtreutem Salz eine Schlittenfahrt veranſtaltete, während das Volk, wegen der ungeheuern Abgabe, dieſes nothwendigſte Nahrungsmittel 4 4 * — — 16— kaum noch bezahlen konnte.— Sie hatten nichts ge⸗ lernt und nichts vergeſſen! Solche Tage mußte Oberſt Clermont tragen lernen! Faſt ein Jahr hatte es gedauert, da wurde er eines Abends plötzlich durch einen Boten zum Marſchall Ney ge⸗ rufen. Was er dort erfahren, iſt Niemanden bekannt ge⸗ worden. Aber er kehrte zurück, ſeine Augen leuchteten vor Freude, ſein Herz pochte mächtig, er drückte ſeine Gattin wie außer ſich vor Freude an die Bruſt, küßte ſeine Kinder unter Thränen, ließ den zwölfjährigen Knaben Eduard, die vierjährige Leontine, ja ſelbſt die kleine, kaum lallende Eugenie zu einander treten, umarmte ſie nochmals und ſegnete ſie und rief:„Gott bereitet Euch eine beſſere Zukunft, als ich hoffte!“ Dann nahm er Abſchied von der ganzen Familie und ſagte der Gattin leiſe:„Leontine, bald ſollſt Du von mir hören!“— Er reiſte in der Nacht mit Courierpferden ab. Und zehn Tage dauerte es, da erſcholl ein Name durch Frankreich, vor dem alle Könige Europas zitterten. Der Kaiſer hatte ſein Reich nur mit einem Fuße erſt wieder berührt und ſchon jauchzten ihm Heer und Volk entgegen. Die alten bärtigen Soldaten weinten wie Kinder, als die Kunde zu ihnen drang; das verachtete Joch des übermüthigen Adels war geſprengt. Sie blickten alle nach dem ſtrahlenden Haupte, das ihnen vorgeleuchtet hatte in jedem dunkeln Gewitter der Schlacht. Europa trat unter Waffen, der Kampf begann. Aber der Allmächtige ſtürzte den Mächtigen!— Das Heldenreich war für ewig zertrümmert.—— Frau von Clermont lebte mit ihren Kindern damals zu Toulon auf ihrem Landhauſe, möglichſt fern von dem Ge⸗ tümmel des Krieges, in ſtiller Eingezogenheit. Die Nachricht von der verlorenen Schlacht bei Belle⸗ „ „ ½ — Alliance, wo Europa rühmlich und kühn ſeine Unabhängig⸗ keit erſtritt, kam nur zu bald für die Anhänger des Kai⸗ ſers zu ihrer Kunde. Indeß ſtellte man ſich den Verluſt nicht ſo unerſetzlich vor, als er war, obgleich eine trübe Botſchaft nach der andern erfolgte. Schon erhoben die Anhänger des Königthums im ſüdlichen Frankreich ſich wie⸗ der, ſchon wurden die Bande des Gehorſams loſe, ſchon übte der aufrühreriſche Pöbel namenloſe Greuel aus: Da erhielt man die Nachricht, daß Napoleon zu Gunſten ſeines Sohnes entſagt habe, die verbündeten Heere aber erklärt hätten, ſie ſeien gekommen, um Ludwig XVIII. wieder auf den Thron zu ſetzen. Damit war das Urtheil aller Derje⸗ nigen geſprochen, die dem Kaiſer ihre unerſchütterliche An⸗ hänglichkeit gezeigt hatten. Frau von Clermont war ohne Nachrichten von ih⸗ rem Gemahl. So viel politiſche Stürme ſie erlebt hatte, ſo oft ſie dicht an der Gefahr, an dem Unheil vorüber⸗ geſtreift war, und die Wunder göttlicher Fügungen und Rettungen erfahren hatte, ſo ſchien ihr doch hier jede Hoffnung verloren. Der Präfect von Toulon, obgleich kein Anhänger des Kaiſers, war ein Mann, von deſſen gemäßigter Geſinnung ſie Rath und Troſt erwarten durfte. Sie begab ſich daher eines Nachmittags, in Begleitung ihrer beiden älteren Kinder Eduard und Leontine zu dem⸗ ſelben, um durch ihn über das Loos ihres Gemahls Nach⸗ richt einzuziehen. Nach langem Harren erhielt ſie eine Au⸗ dienz. Der Praäfect nahm ſie milde und ernſt bei der Hand und führte ſie, inden er ſie bat, die Kinder zurück⸗ zulaſſen, in ſein Zimmer. Hier zeigte er der erſchütterten Frau einen Befehl, den er ſo eben von Paris erhalten hatte. Oberſt Clermont war, gleich Labedoyere und Ney, für einen Verräther des Vaterlandes erklärt; der Prafect — 18— hatte den Auftrag, ihn zu verhaften.„Und welches wird ſein Loos ſein?“ fragte die erblaſſende Gattin?—„Der⸗ ſelbe Tod, dem er ſo oft getrotzt hat; der auch jetzt noch ehrenvolle Soldatentod,— die Kugel!“—„O Gott! Sie würde das edelſte Herz durchbohren!“ rief die unglückliche Frau und konnte ſich kaum aufrecht erhalten.—„Noch i*ſt der Befehl nicht bekannt,“ erwiderte der Präfect.„Man weiß, daß der Oberſt hierher geflüchtet iſt. Thun Sie, was Sie können, ſeine Spur zu entdecken, und warnen Sie ihn in Zeiten. Bis morgen will ich den Befehl geheim— halten. Ich thue es Ihrer lieblichen Waiſen, Ihrer eignen rührenden Treue wegen; dann aber muß das Geſetz walten, das ſich ſchwerlich beugen läßt.“ Frau von Clermont verließ zitternd und mit der Faſ⸗ ſung, die ſie in ihren Schickſalen gewonnen hatte, das Gemach. Im Vorzimmer ſpielten Eduard und Leontine mit einem Hündchen und das vierjährige Kind rief: „Mutter, wenn der Vater zurückkehrt, muß er mir ſo ein Hündchen ſchenken!“—„Die argloſe Unſchuld!“ ſprach mit unterdrückter Stimme der Präfect und lieh der bebenden Mutter den Arm.„Gott wird Sie und Ihre lieblichen Kleinen beſchützen!“ fuhr er fort.„Nimm das Hündchen mit, wenn es Dir gefällt, liebe Kleine!“ ſagte er zu Leon⸗ tinen, indem er ſie küßte. Sie dankte kindlich und ging mit der Mutter und dem Bruder.. Indeß war es faſt dunkel geworden. Der Kutſcher der Frau von Clermont hatte ſich aus dem Gaſthofe entfernt. Sie mußte über eine Stunde auf ſeine Rückkehr warten. So kam ſie erſt ſpät in ihre Landwohnung zurück, wo ſie einen alten Diener und die Wärterin mit der kleinen Eugenie gelaſſen hatte. Der Diener öffnete die Garten⸗ pforte und erſuchte Frau von Clermont, doch ſogleich den — Zettel zu leſen, der für ſie auf ihrem Tiſche liege. Er be⸗ gleitete ſie ſelbſt dahin und brachte ihr eiligſt Licht.„All⸗ mächtiger Gott! Von Clermont!“ rief ſie aus und öffnete. Sie las:„„Leontine! Gottes Hand iſt eiſern auf uns ge⸗ fallen. Ich kam, Dich noch einmal zu ſehen. Es ſollte nicht ſein; meine Minuten ſind gezählt. Am Strande harrt die Barke, die mich im Dunkel auf das Meer hinaus auf ein amerikaniſches Schiff führt. Leontine! Ich nehme Eugenien mit mir! Ich reiße ſie von Deinem Herzen! Wirſt Du mir vergeben? Ich theile nicht grauſam; Du behältſt zwei Kinder, ich eines! Aber ich konnte mich nicht von allen trennen. Bald vielleicht nimmt ein freies Land den jetzt Geächteten auf. Vielleicht ſcheint unſerm Daſein noch einmal eine ſpäte ruhige Abendſonne! Jetzt aber iſt Sturm und Nacht um uns her. Küſſe meine Kinder. Dein Bild bleibt ewig in meinem Herzen. Lebe wohl! Ich kann nicht mehr!““ Unter ſtrömenden Thränen las Frau von Cler⸗ mont die eilig mit Bleiſtift geſchriebenen Worte.„Und Du haſt ihn geſehen? Er war hier? Selbſt hier?“ fragte ſie den Diener, dem die Augen voll Thränen ſtanden und die Worte fehlten.—„Wol habe ich ihn geſehen! Er war als Matroſe gekleidet. Und ich erkannte ihn trotz der falſchen Tracht. Das Kind hab' ich ſelbſt an das Schiff getragen.“—„O meine Eugenie!“ rief die Mutter im tiefſten Schmerz—„Und ſollte ich ihm, der Alles verliert, Vaterland und Heimat, nicht dieſen Troſt gönnen?“— „Die Wärterin hat das Kind nicht verlaſſen wollen,“ fuhr der Alte fort.„Sie iſt mit dem Herrn! Er hat mir hier auch dieſen Beutel für ihre alte Mutter und dieſes Käſt⸗ chen für Sie, gnädige Frau, eingehändigt.“— Dabei über⸗ gab der redliche Diener Beides. 8 ——— — In dem Käſtchen befanden ſich Papiere von Werth, die den äußern Wohlſtand der verlaſſenen Gattin ſicherten. Erſchöpft von Schmerz ſank die Troſtloſe auf einen Seſſel nieder; die Kinder hingen ſich weinend an die Mutter. „Ach, Ihr Armen! Ihr ſeid Waiſen geworden!“ rief dieſe.„Ihr habt Euern Vater verloren!“ Und ſie ſprach wahr, denn ſeit jenem Tage hatte ſie weder eine Nachricht von dem Gatten noch von dem Kinde erhalten, und längſt betrachtete ſie Beide als dahin gegangen wo keine Rückkehr mehr iſt. ——ͤͤ Drittes Capitel. Funfzehn Jahre waren ſeit jenem traurigen Ereigniß ver⸗ ſtrichen und die Zeit, die Alles beruhigt, Alles heilt und die tiefſte Schrift der Schmerzen endlich verwiſcht, hatte dieſe wohlthätige Kraft auch auf Frau von Clermont ge⸗ übt. Wie ganz Europa nach den furchtbaren Stürmen, die es erſchuttert und gereinigt hatten, endlich der Ruhe genoß, zwar nicht ohne einzelne ſchmerzvolle Verluſte zu beklagen, ſo auch die Einzelnen; denn nach und nach er⸗ blühten neue Freuden, entkeimten dem Brand und der Aſche untergegangener Stätten neue Hoffnungen. Die Ge⸗ genwart bot, die Zukunft verſprach Erſatz. So milde und heilend hatte ſich das Leben auch für die Frau geſtaltet, deren unglückliche, ereignißreiche Jugend wir erzählt haben. Wir haben ſie als die Mutter zweier Kinder geſehen, die jede Hoffnung gerechtfertigt hatten. Eduard männlich, ernſt, voller Eifer für das Beſte des Vaterlandes, den großen 3 Ideen, die daſelbſt ſich entwickelt hatten, ganz hingegeben; 5 Leontine, in zarter weiblicher Schönheit aufgeblüht, ein treues Bild der Mutter, mit rührend erinnernden Zügen des Vaters, heiter und ernſt zugleich, voller Liebe, Treue und Unſchuld. Mutter und Tochter ſaßen, noch immer mit ihrer Hand⸗ arbeit beſchäftigt, in dem kühlen Gartenſaal und verfolgten den Lauf des Schiffes, das einen ihnen Beiden ſo theuern Gegenſtand trug. Die Sonne ſenkte ſich ſchon tiefer und tiefer; ſie warf jetzt ihre Strahlen röthlich leuchtend auf die Segel des ſtolz heranbrauſenden Schiffs. Durch das Fern⸗ rohr konnte Leontine ſchon die einzelnen Geſtalten der Ma⸗ troſen in dem Tauwerk unherklettern ſehen. Aber irgend Jemand beſtimmt zu erkennen, dazu war es nicht nahe genug, und kam auch nicht ſo nahe mehr. Endlich erreichte es die Spitzen der Hafendämme und lief majeſtätiſch ein. Leontinens Herz ſchlug hoch auf. Nur noch eine Stunde und der Geliebte hielt ſie in ſeinen treuen lieben Armen! Auch dieſe Stunde verrann endlich, aber freilich in langſamen Körnern Sandes. Die Sonne war dem Sinken nahe; ein Purpurhauch legte ſich über Meer und Himmel, und golden glänzten die Tauſende von Maſten, Segeln und Wimpeln auf der Rhede. Da rollte ein Wagen von weitem den Strandweg daher. Iſt er es wirklich? Leontine richtete das Fernrohr darauf. Er war es, aber nicht nur von Eduard, ſondern noch von einem Dritten begleitet. Dies befremdete ſie an⸗ fangs, doch bald dachte ſie: er komme, wie er mag, gewiß kommt er nur in lieber Begleitung. Eduard, man ſah es, trieb die Pferde ungeduldig an. — 22— Jetzt wehten die Kommenden ſchon mit ihren Tüchern und die Frauen erwiderten den ſtummen, aber freudigen Gruß von der Anhöhe herab. Schon hörte man das Raſſeln des Wagens, die ſchnau⸗ benden Pferde. Leontine flog nach der Gartenthür; der Wagen hielt, Adolph ſprang herab und das glückliche Mädchen lag in ſeinen Armen, fund er verſchloß ihr die Lippen mit glühenden Küſſen. In liebender Eile zog ſie ihn den Hügel hinauf, daß er auch die Mutter umarme. Eduard und der Fremde folg⸗ ten langſam den Weg zur Terraſſe hinauf. Als auch dort die erſten warmen Begrüßungen vorüber waren, ſtellte Adolph den Fremden, ihn bei der Hand nehmend, vor und ſprach: „Beſte Mutter, theure Leontine, es iſt mein Bruder Victor!“ Die Frauen hießen den nahen Verwandten herzlich will⸗ kommen. Victor war ein junger Seemann, ſo wie ſein Bruder. Er hatte lange Zeit auf der entfernten amerikaniſchen Sta⸗ tion zugebracht; als jedoch die Wahrſcheinlichkeit eines Krieges mit Algier immer größer wurde, wußte er die Er⸗ laubniß zu gewinnen, ſich dem Theil der franzöſiſchen Flotte anzuſchließen, der jene Unternehmung, wo es mehr Gele⸗ genheit zu rühmlichen Thaten gab, als vor Buenos⸗Ayres, auszuführen beſtimmt war. So war er denn vor weni⸗ gen Wochen mit einem Packetboot in Havre eingelaufen und von dort nach Paris gegangen, um von dem Admiral Duperre, der ſich damals noch dort befand, ſeine fernere Anſtellung zu empfangen. Dieſer gab ihm die Stelle eines Unterlieutenants auf der Aventure, die eben offen war, und wo ſich ſein Bruder bereits als erſter Lieutenant befand. Er ging darauf nach Mahon, wo das Schiff lag, und war — 23— ſo ganz unvermuthet mit dem Bruder zuſammen⸗ und jetzt mit ihm in Toulon eingetroffen. Schon Adolph hatte eine kühne Geſichtsbildung und ein mit großer Gewandtheit gepaartes, kriegeriſches Weſen, wie es jungen Seeleuten, die noch nicht in ihrem Berufe ſo eingeroſtet ſind, daß ſie alle übrigen Lebensverhältniſſe darüber vergeſſen haben, eigen zu ſein pflegt. Noch aus⸗ gebildeter aber waren dieſe Eigenſchaften in dem wenigſtens um drei Jahre jüngeren Victor. Ein längerer Aufenthalt in den tropiſchen Gegenden hatte ſeine Geſichtsfarbe männ⸗ lich gebräunt: unter dem dunkeln Haar ſah er mit feurig ſchwarzem Auge hervor. Er war ſchlank, nur wenig über mittlere Größe, aber gewandt, zierlich und doch kraftvoll in jeder Bewegung. Namentlich hatte er einen freien, edeln Gang und eine wohltönende Sprache, verbunden mit ſchar⸗ fer, beſtimmter Ausdrucksweiſe. Durch alle dieſe männli⸗ chen rauheren Eigenſchaften hindurch leuchtete aber als die trefflichſte ein warmfühlendes Herz, ein ungemeines Wohl⸗ wollen gegen alles Gute und ein ſchöner Sinn für jede höhere Bildung des Geiſtes. Beide Brüder ſahen ſich in dieſen äußern und innern Eigenſchaften faſt vollkommen ähnlich, doch läßt ſich kaum in Abrede ſtellen, daß Victor, wiewol der Jüngere, doch faſt der ausgezeichnetere war. So konnte es nicht fehlen, daß er ſich ſchnell in dem Kreiſe heimiſch fand und bald von Allen geliebt wurde; namentlich aber hing ſich Eduard mit jugendlicher Warme der Freundſchaft gleich in den erſten Stunden der Bekannt⸗ ſchaft ihm an.—— Die Sonne war dem Sinken nahe. Leontine ſchlug einen Spaziergang an das Meer hinab vor, um der fri⸗ ſchen Abendkühle zu genießen. Man ging. . Die ſchöne, ſchwarzlockige Braut mit den treuen, ſanften —— Augen, welche immer voller Liebe zu ihrem Freunde hinauf⸗ blickten, ging mit dieſem voran. Man ließ ſie gern ein wenig allein, weil ja das liebende Herz ſich dem Liebenden gegenüber ſo gern ohne Zeugen weiß. Später folgte Frau von Clermont, durch edeln Ausdruck der Züge und ſanfte Hoheit der Geſtalt noch immer anziehend, begleitet von ih⸗ rem Sohn und dem neuen jungen Freunde deſſelben. Man ging auf einem an der Uferhöhe hinlaufenden Fußpfade, abwärts von der Stadt, der Sonne und dem in Purpur getauchten Abendhimmel entzogen. „Wie reizend iſt meines glücklichen Bruders Braut!“ bemerkte Victor, als er ſie an Adolph's Arm vor ſich her gehen ſah. In der That ſchwebte die leichte anmuthige Geſtalt nur eben uͤber den Raſen; das weiße Gewand flatterte leicht im Winde, der Hauch deſſelben ſpielte mit ihren Locken, die ganze Geſtalt war von dem roſigen Abend⸗ ſchimmer leicht an den Umriſſen angehaucht und das Gold der ſinkenden Sonne blinkte zwiſchen dem Haar hindurch. Sie wand oft den Kopf halb ſeitwärts gegen Adolph hinauf, ſodaß das halbe Profil über der Schulter ſichtbar wurde und man ihr Lächeln und den ſeligen Blick ihres Auges bemerken konnte, mit dem ſie fragend oder bejahend zu Adolph hinaufſah. „Wie groß muß das Glück der Liebe ſein!“ ſprach Victor nach einigen Minuten ſehr ernſt,„wenn man es an dem gefahrvollen Abgrunde einer ſo nahen Trennung noch ſo ganz genießen kann.— Vielleicht ſchon morgen 4 entreißt die ſtrenge Pflicht ihn ihrer lieblichen Gegenwart und doch vermag er ſie heut noch ſo ſorglos und unbefän⸗ gen zu genießen!“ 4 „Ich glaube nicht,“ ſprach Frau von Clermont,„daß es die Liebe iſt, die dieſes Glück der Ruhe erzeugt, ſondern — 25— es iſt nur die beſondere Gabe vertrauender, unſchuldiger Her⸗ zen, die den herben Wechſel menſchlicher Geſchicke noch nie⸗ mals erfahren haben. In welcher glücklichen, ſorgloſen Ju⸗ gend ſind die jungen Geſchlechter Frankreichs aufgewach⸗ ſen, gegen die ſtürmiſchen Tage, die wir erlebten!“ Man war unter dieſem Geſpräch, das ſich noch eine Zeit lang fortſetzte, bis an eine Landſpitze gekommen, die einen wei⸗ ten überblick nach Weſten und Oſten verſtattete. Eben als man dort anlangte, ſenkte ſich die glühende Scheibe der Sonne in das dunkelblaue Meer und verwandelte es in ein zahl⸗ loſes Heer aufſprudelnder, von röthlichem Schaum umge⸗ bener Flammen. Der Himmel war mit Roſen und Gold überſchüttet. Leontine ſtand an Adolph's Seite, den Kopf leiſe an ſeine Schulter gelegt, während er ſie mit dem linken Arm umſchlang. Verſunken in das ſchöne Schauſpiel, er⸗ füllt von der ganzen Tiefe ihres Glückes, genoſſen ſie einen jener feierlichen Augenblicke des Lebens, die wir nie vergeſſen, in denen unſer Herz größer und würdiger ſchlägt, und wir die edlere Bedeutung unſres Seins in heiliger Ehrfurcht empfinden. Kein unreiner Gedanke, keine beengende, klein⸗ liche Sorge befleckt oder bedrängt dann die Bruſt; nur ſchöne, edle, große Entſchlüſſe erfüllen uns und hier ſchöpfen wir in einem Augenblick die Kraft für lange Jahre der Zukunft. —— Wenn auch nicht ſo mächtig ergriffen, wie die beiden Liebenden, ſo waren doch Alle tief bewegt. Eine hei⸗ lige Stille herrſchte rings umher; nur das Rauſchen der Wel⸗ len und das leichte Wehen der Luft in den bewegten Wipfeln tönte gleichſam als die Stimme des nah überhinſchwebenden gütigen Weltgeiſtes dazwiſchen. Jeder erwog in der Bruſt die Freuden und Gefahren der kommenden Tage; denn jeder ſtand an einem ernſten Wendepunkt des Lebens. Die liſtab, Geſ. Schr. Neue F. I. 2 & — 26— Mutterbruſt war erfüllt von dem Geſchick der Kinder; Glück und Schmerz lag Beiden gleich nahe; vor den jugendlichen Seelen der Männer ſtand die Geſtalt des ruhm⸗ und ge⸗ fahrenreichen Kriegsgottes; in Adolph's Herz lächelte auch die Liebe hinein und Leontine fühlte ſich als glückliche Tochter, als ſelige und bangende Braut und Schweſter zugleich! Da ertönte plötzlich durch die Stille der majeſtätiſche Donner eines Kanonenſchuſſes und hallte weit an den Ber⸗ gen und Wäldern wieder und über das endloſe Meer hinaus. Es war, als ob Zeus aus heitrem Himmel ſeine mächtige Gegenwart kundgebe. Man wandte ſich um und ſah ſchon einen neuen Blitz und eine weiße Rauch⸗ wolke von dem Admiralſchiff Provence aufſteigen, die den zweiten Schuß ankündigte. Bald rollte auch dieſer don⸗ nernd über die Wellen daher; in wenigen Minuten ertönte der dritte.— Es waren die Signalſchüſſe, durch welche Alle, die auf der Flotte bleiben mußten, dahin zurückge⸗ fordert wurden.— Wie froh empfanden ſich Adolph, Vic⸗ tor und Eduard in dieſem Augenblicke von dem Zwange des Dienſtes entbunden! Viertes Capitel. Es waren den Liebenden und den Freunden einige dem eben geſchilderten ähnliche Tage verſtrichen. Sie ſaßen eben wieder auf der ſchönen, von Roſen reich umblühten Terraſſe, als ein Mann in Matroſentracht unten an der Gitterpforte 190 ein raſches:„Sehr wohl, mein Lieutenant!“ drehte ſich auf 5 3 2 8 des Hauſes rüttelte. Victor erkannte ihn zuerſt für einen der Leute von der Aventure.„Wahrhaftig, es iſt Jean, der dort unten am Thor pocht. Ich kenne ihn an der neuen, prachtvollen blauen Schärpe, die er mir geſtern am Hafen mit Stolz zeigte. Seine Tony hat ſie ihm zum Geſchenk gemacht. Was mag er bringen?“—„Ach, ich ahne nichts Gutes,“ ſprach Leontine ängſtlich, mit einem bangen, aber richtigen Vorgefühl.— Indeſſen hatte ein Diener die Gartenthür geöffnet und Jean eilte raſch die Terraſſe hinauf. Er grüßte mit gewandtem Schifferanſtand die Damen und wandte ſich dann an Adolph, als den Oberlieutenant.„Mein Lieutenant,“ fing er an,„mich ſchickt der Capitain. Der Tanz geht wieder an. Die Tour ſteht an uns. Wir müſſen in See. Heut Nachmittag iſt der Befehl mit dem— nun wie heißt denn das dreiarmige Ding da oben,“—„Telegraph,“ fiel Victor ein;—„ja, mit dem Telegraphen iſt der Befehl gekommen. Um Mit⸗ ternacht ſpäteſtens möchtet Ihr auf dem Schiffe ſein, denn mit der erſten Dämmerung geht's fort.“— Leontine erblaßte; ſelbſt Adolph war ſichtlich überraſcht. Victor nahm daher ſchnell das Wort.„Schon gut, Jean, wir werden nicht fehlen und unſern Theil von der angenehmen Muſik, wenn die Anker aufgewunden werden, ſchon hören. Melde das nur dem Capitain. Aber Du biſt ſehr gelau⸗ fen, Burſche. Hier nimm ein Fünffrankenſtück und trinke Dir wieder Kräfte in der Hafenſchenke, oder verproviantire Dich fuͤr die Fahrt.“—„Mein Lieutenant! Ich danke ver⸗ bindlichſſt. Aber wenn's Euch gleich iſt, ſo möchte ich mei⸗ ner Tony ein Paar bunte Flaggen dafür kaufen, an ihre Haube.“—„Auch gut, Jean! aber bringe dem Capitain nur die Meldung raſch zurück.“ Der muntere Burſche ſprach —— — 28— dem Abſatz um und war in drei flinken Sprüngen zum Garten hinaus. Die halb ſcherzhafte A, mit der Victor die ernſte Meldung aufgenommen hatte, war ſehr behülflich dazu ge⸗ weſen, den Damen, und beſonders Leontinen, die kaum die Thränen in den ſchönen Augen zurückhalten konnte, über die ängſtliche Stimmung fortzuhelfen. Jetzt aber brach die Wehmuth des liebenden Mädchens deſto heftiger aus.„O Gott, ſo ſchnell ſoll ich mich von Dir trennen und viel⸗ leicht, um Dich niemals wieder zu ſehen!“ Und bei dieſen Worten umſchlang ſie ihn ſo heftig, ſo innig, als ob ſie ihn dennoch nicht laſſen wollte. Er küßte ſie ſanft auf die Stirn und ſprach:„Leontine! Du wußteſt es ja, wie flüch⸗ tig mein Beſuch ſein werde. Sei ruhig, beſtes Herz, wir ſehen uns gewiß bald wieder, um uns ganz zu vereinigen und lange, lange nicht wieder zu trennen.“ Bietor ſprach mit tröſtender Fröhlichkeit:„Liebe Leon⸗ tine! Unſre Aventure iſt ein raſches, munteres Mädchen, die ihre Geſchäfte geſchwind abthut. Sie iſt ſo ſchnell von Toulon nach Algier und zurück wie die Taube, die dort über die Akazie fliegt. Opfre nur den günſtigen Winden fleißig, ſo werden wir niemals lange getrennt ſein. Du Gute!“ Dabei ergriff er liebkoſend ihre Hand. „Ach das böſe, gefährliche, unendlich weite Meer!“ ſeufzte Leontine,„wie unüberwindlich reißt es Glückliche auseinander und trennt Welttheile voll liebender Herzen!“ „Nicht doch, liebe Leontine,“ entgegnete Victor, der für den verſtummenden, ähnlich fühlenden Adolph das Wort führen mußte.„Nenne es nicht das trennende, nenne es das verbindende, nicht das gefährliche, ſondern das heilbrin⸗ gende Meer. Läge zwiſchen hier und Algier eine Land⸗ ſtrecke, und wäre Adolph ein Offizier im Heer, dann wäre — — — 29— er lange getrennt; er würde Wochen, ja Monate nöthig haben, wo er jetzt nur Tage braucht. Und gefährlich iſt das Meer auch nicht, ſondern nur das Land, die Küſte; da ſcheitern wir, während uns auf hoher See faſt nie ein Unglück trifft. Zwei Drittheile der Erde, und darüber, nimmt das Meer ein, aber dennoch ſterben Tauſende auf dem Lande, ehe nur Einer der See zur Beute wird. Wahrlich, gute Leontine, ich meine es ernſtlich. Ihr ſtellt Euch das Meer ſtets ſo gefährlich vor, weil man darin verſinken kann; aber wir verſinken ſo leicht nicht. Muth und Geſchicklichkeit halten lange über den Wellen, während uns nichts vor den Gefahren des Landes ſichert. Ich zittre mehr für Dich in dieſem ruhigen Landhauſe, als für uns auf unſrem feſten, wohlgebauten, geſchwinden, geſchickten Schiffe.“. Leontine mußte endlich doch über Victor's wohlgemein⸗ ten, aus redlicher Seele kommenden, wenngleich vielleicht eben ſo wenig geſchickt angewendeten, als richtig begründe⸗ ten Troſt lächeln. Es war ſchon längſt eine Sache der Erwägung gewe⸗ ſen, ob ſich Adolph mit ſeiner Geliebten wirklich vermählen ſolle, ehe der Krieg beginnen würde; allein die Anſicht, daß derſelbe unmöglich lange dauern könne und ſpäterhin Hoffnung zu einem dauernden Frieden ſei, hatte bei der Mutter vorgewaltet, und deshalb war die Vermählung bis nach der Beſiegung des Dey ausgeſetzt worden. Da nun⸗ mehr die Stunde der Trennung ſo ganz unvermuthet be⸗ ſchleunigt war, mußten alle Einwendungen Adolph's gegen die Wünſche der Mutter— Leontine hatte ſich natürlich aus mädchenhafter Zartheit nur duldend verhalten— von ſelbſt wegfallen. Die Zeit drängte. Es war noch manches Unerläßliche zu beſorgen. Victor übernahm das Einpacken für den Bruder. Endlich aber rückte die Stunde der Trennung doch heran. Derſelbe Wagen, der vor wenigen Tagen die Freunde gebracht, hielt ſchon vor der Gartenthür, um ſie wieder wegzuführen. Leontine, von tiefem Schmerz und unüberwindlicher Angſt überwältigt, konnte den Geliebten nur mit Mühe bis an die Pforte begleiten. Sie hing faſt bewußtlos in ſeinen Armen. Alle Schrecken des Meeres, der Stürme, des Krieges ſah ſie auf den Theuern ein⸗ dringen; und ohnmächtig mußte ſie in der Ferne bleiben, ohne ihm Hülfe, ohne ihm Troſt bringen, ohne mit ihm leiden und ſterben zu können. Lautlos warf ſie ſich endlich an die Bruſt der Mutter.„Du weiches Herz,“ ſprach dieſe,„es mögen Dir nicht ſo rauhe Geſchicke wie mir die Bruſt ſtählen!“— Dann reichte ſie bewegt, aber gefaßt und mit Würde den Scheidenden die Hand. Victor und Adolph drückten und küßten ſie innig.„Meine Söhne!”“ rief die Mutter bewegt,„ein gütiger Gott, wie er ſeit Jahren über Frankreich waltet, wird auch Euer Haupt um⸗ ſchweben und beſchützen. Bewahrt Euch Euer edles, tapfres und reines Herz und Ihr habt ſtets das Beſte gerettet, ja, Ihr ſeid uns geblieben, auch wenn wir Euch nicht wie⸗ derſehen!“ So ſchieden ſie mit dem Segen der trefflichen, in har⸗ ten Kämpfen des Lebens geprüften Frau. Eduard beglei⸗ tete ſie. Der Wagen rollte dahin. Als ſie auf dem Quai des Hafens ankamen, fſunden ſie ſchon den muntern Jean mit einer Barke bereit, um ſie nach dem Schiff hinüberzufahren. Da die Zeit noch nicht ganz verfloſſen war, nahmen ſie Eduard's Vorſchlag an — 31— noch einen Becher mit einander zu trinken. Sie ſetzten ſich in ein am Hafen gelegenes Weinhaus, durch deſſen offne Fenſter und Thüren, die nach ſüdlicher Sitte nur 2 mit leichten, flatternden Vorhängen verhüllt waren, das Meer mit der ſchiffbedeckten Rhede vor ihnen lag. Schon war die Nacht herabgeſunken und tauſend helle Sterne glänzten am klaren Firmament und aus dem dunkeln Spiegel des Meeres herauf. Das Feuer des Leuchtthurms warf einen rothen, glühenden Brandſchein in die Wellen; die La⸗ ternen am Quai beleuchteten noch ein vielfältiges Drängen 3 und Treiben der geſchäftigen Menge. Dort hörte man fröhliche Lieder der Schiffer, hier ein Vaudeville von einem muntern Mädchen, die einigen Soldaten Wein einſchenkte. Dieſes bewegte Gemälde, im Hintergrunde die ſtill auf — dem ungeheuern Meeresrücken ruhende Flotte, zwiſchen de⸗ ren Maſten der Orion hell hindurchfunkelte, die nahe Tren⸗ nung, die großen Ereigniſſe, die Allen bevorſtanden, alles Dies brachte ihre Seele in wunderbare Bewegung. Eduard ſchenkte den funkelnden Burgunder ein. Die Freunde ſtießen an. „Dem glücklichen Wiederſehen nach rühmlichen Thaten,“ rief Eduard und hell klang der Ton der Gläſer. „Dem Nuhm der franzöſiſchen Waffen! Dem Unter⸗ gang der Barbarei! Der Freiheit auch den Völkern jenſeit des Meeres!“ rief Adolph, indem er ſich ermannte, ſeine Seele von Dem abzuziehen, was ihn in dieſem Augenblicke am ſtärkſten bewegte. Die Freunde leerten die Gläſer und reichten ſich die Hände. Jeder that in dem ſchönen Augenblicke das innere Gelübde, mit unerſchütterlichem Muth den Ruhm des Va⸗ 1 terlandes im Kriege, ſein Heil im Frieden zu vertheidigen. Der zartfühlende Victor errieth aus einem wehmüthigen, —õ—y — * — 32— Zuge in dem Antlitz des Bruders deſſen innerſte Seele. Er füllte die Gläſer noch einmal und ſprach bewegt: „Der Holden, Lieblichen, Getreuen, die die Seele Deines Lebens iſt, mein Bruder! Und der trefflichen Mutter, der ſie gleicht!“ Und Thränen ſtanden allen Dreien in den Augen und ſie umarmten und küßten ſich und hielten ſich lange um⸗ faßt.— Da trat Jean ein. „Mein Herr Lieutenant, der Wind ſteht gut. Ich glaube, die ganze Flotte liefe aus, wenn ſie jetzt eben könnte. Es iſt freilich nur ein kleiner Nachthauch, aber ich wette, der Capitain iſt guter Dinge, wenn wir ihn brauchen können, um damit aus dem Hafen zu kommen.“ „Jean hat recht,“ ſprach Victor und wandte ſich um.—„Was ſollen wir ſäumen? Die Minute iſt unver⸗ geßlich, wir wollen keine matte Viertelſtunde daran hän⸗ gen!“— Sie wollten gehen. Da ſahen ſie in der Thür ein hübſches, junges, ſchwarzäugiges Mädchen ſtehen, die ein ro⸗ ſenrothes und ein weißes Band in der Hand hielt, bitter⸗ lich dabei weinte und ſich die Augen alle Augenblicke mit dem zierlichen weißen Schürzchen trocknete. „Wer iſt das?“ fragte Victor,„was fehlt Dir, mein Kind?“ . „Herr Lieutenant,“ rief Jean,„es iſt meine Tony, die ſich todtweinen will, daß wir abſegeln. Sie behauptet, wir würden untergehen, aber ich lache ſie aus, und ſage ihr, die See iſt gut jetzt! Was hilft aber alle Vernunft bei einem Frauenzimmer! Tony, ſchäme Dich!— Und warum werden wir untergehen? weil ich ihr da eine rothe und eine weiße Flagge auf die Mütze gekauft habe. Wenn es eine grüne geweſen wäre, dann wäre Alles gut, meint ſie.“ — 33— „Und warum bedeuten denn dieſe Bänder übles?“ fragte Victor freundlich. „Ach, mein Herr,“ antwortete das Mädchen ſchluch⸗ zend,„ich träumte vergangene Nacht, daß mir meine Pathe einen rothen und einen weißen Noſenkranz brächte. Und da fragte ich ſie am andern Morgen, was das be⸗ deute.„„Ei, Tony““, antwortete ſie,„„das iſt ein bö⸗ ſer Traum, der bedeutet, daß eine Braut ihren Bräutigam verliert.”“ Die Pathe wußte aber nicht, daß ich mich mit Jean verſprochen habe; da wurde mir gleich bang ums Herz. Und nun kommt er heut Abend und ſagt mir ſo plötzlich, daß er abſegeln muß, und gibt mir das rothe und das weiße Band und“— ſie konnte vor Thränen nicht weiter reden. „Da weiß ich gleich ein Mittel“, rief Victor,„ſei nur ruhig, mein Kind. Hier, Jean, ſpringe zu der Putzhänd⸗ lerin neben an, ihr Laden iſt noch offen; kaufe dort ein grünes Band und das ſchenke Deiner Tony dazu, ſo hat es Nichts zu bedeuten.“ Jean ſprang mit dem erhaltenen Gelde fort, indeß die Freunde und das Mädchen nach der Stelle hinuntergingen, wo die Barke lag. Nach wenigen Minuten war der raſche Burſche wieder da. Er hielt das grüne Band hoch in den Lüften, daß es ihm nachflatterte, und rief ſchon von weitem ſeiner Tony zu.„Hier, Du närriſches Mädel, bringe ich ein grünes Band, und ſo lang, wie die andern beiden zuſammen!“ Tony griff voller Freude darnach, Jean ließ es los; aber in demſelben Augenblicke faßte es ein leichter Windſtoß, hob es in die Höhe und trieb es fort über das Waſſer hin, daß man es bald nicht mehr ſah. Tony weinte laut vor Kummer. Jean rief:„So mag denn der Henker alle die verwünſchten Bänder holen!“ riß 2* ihr das rothe und weiße aus der Hand und ließ ſie eben⸗ falls fliegen. Dann umarmte er das weinende Mädchen und ſprach:„Sei nur ſtill, Tony, ich komme doch geſund und lebendig wieder.“ Und damit ſprang er in die Barke und ergriff das Nuder. Die drei Freunde hatten betroffen die ſeltſame Scene mit angeſehen; ſie konnten ſich des vor⸗ bedeutenden Eindrucks derſelben nicht ganz erwehren. Sie trennten ſich endlich; die Barke gleitete über die Wellen dahin und verſchwand bald im Dunkel. Eduard ſtieg die Stufen des Quais wieder hinauf und ſuchte die weinende Tony durch ein Geſchenk zu tröſten. Allein vergeblich. Gedankenvoll ſetzte er ſich in den Wagen und fuhr zur Mutter und Schweſter hinaus, denen er das kleine Ereig⸗ niß jedoch zu verſchweigen ſich vornahm.. Fünktes Capitel. Am andern Morgen begrüßte Eduard die Schweſter uerſt. Er fand ſie auf ihrem Zimmer ſchon ſeit frühe⸗ ſeem Morgen aufgeſtanden und mit Schreiben beſchäftigt. Sie war ſtill, aber gefaßt und ungemein herzlich und freund⸗— lich; nach Dem, was ſie ſchrieb, fragte er ſie nicht, denn er wußte, daß es ihr Tagebuch war. Sie pflegte dort, mit ſtrenger Gewiſſenhaftigkeit gegen ſich ſelbſt, die Bewe⸗ gungen ihres jungen, liebenden Herzens niederzulegen und weniger die äußern Ereigniſſe, als jedes innere aufzube⸗ wahren. 3 Nach einer heftigen Erſchütterung war dieſes Beſchaͤf⸗ „. 35— tigen, dieſes ruhige Selbſtbetrachten die ſanfteſte und ſicherſte Heilung.— CEduard brachte ihr die letzten Grüße der Scheidenden, hütete ſich aber, die ſchon ſehr aufgeregte durch eine zu lebhafte Schilderung der letzten Augenblicke, ins⸗ beſondere des Trinkſpruchs, den Victor ausgebracht, noch mehr zu reizen. Leontine vernahm Alles mit jener Feſtigkeit des Wil⸗ lens, die häufig ſelbſt den zarteſten weiblichen Weſen eigen iſt, wenn ſie nur überhaupt die Tiefe des Gemüths be⸗ ſitzen, welche zur Auffaſſung des Schönen, Edlen und Großen nothwendig iſt. Beide gingen nun hinunter zur Mutter, die ſie in ſtär⸗ kerer Aufregung fanden, als ſie vermutheten. Denn die⸗ ſer vielfach geprüften Frau war durch die wechſelnden Verhältniſſe ihres Lebens die Kraft eigen geworden, ſich im entſcheidendſten Augenblicke Faſſung und Klarheit zu erhal⸗ ten; aber ſie fühlte jedes bewegende Ereigniß deſto tiefer und dauernder nach. Seltſamer Weiſe war es mehr Victor als Adolph, mit dem ihr Gemüth ſich beſchäftigte; ſie ſchien dieſen freien, heiteren, lebenskräftigen und doch ſo zart und tief empfindenden Charakter beſonders liebgewon⸗ nen zu haben. Auch Leontine und Eduard hegten 4 ähnliche Empfindung; Beide hatten Victor wie einen Bru der in ihr Herz geſchloſſen und auf Alle übte ſeine über⸗ wiegende Geiſteskraft einen unbeſtrittenen Einfluß aus. So trübe indeß dieſer Tag den Frauen auch verging, ſo ſollte ihre Stärke doch noch eine ſtrengere Prüfung erfah⸗ ren. Jetzt war Eduard ihr Troſt und Schutz, allein recht eigentlich, wie der Wind umſpringt, mußte er ihnen ver⸗ ſchwinden. Denn ſie durften nicht vergeſſen, daß die Flotte ſegelfertig auf der Rhede lag und nur eines günſti⸗ gen Windes harrte„um ſofort auszulaufen, was zwar ein⸗ 1 36— zelne Schiffe wol hätten wagen können, keinesweges aber eine ſolche Anzahl zugleich. Indeß erſchien der Tag; der 25ſte Mai brach an. Von dem Admiralſchiff Provence wurde das Signal gegeben. Die Beobachtung des Windes hatte Eduard ſchon längſt darauf vorbereitet. Sein Pferd ſtand geſattelt vor der Thür; ein berittener Diener, der ihn bis Toulon begleiten ſollte, daneben. Vollſtändig reiſefertig trat er zu Mutter und Schweſter hinein. Als ſie ihn ganz in der Kriegs⸗ kleidung ſahen, erriethen ſie ſogleich, daß der Augenblick der Trennung gekommen ſei, obwol ſie von der geſchehenen Veränderung nichts wußten. „O Gott! nun ſcheidet auch er!“ rief Leontine aus und ſchlang ihren ſchönen Arm dem Bruder in leidenſchaftlicher Bewegung um den Nacken.„Mein einziger, liebſter Bruder! O kehre uns wieder! Wage nicht mehr, als die Pflicht Dich heißt! Setze das Glück Deiner Mutter und Schweſter nicht gegen den leeren Glanz einer Auszeichnung auf's Spiel!“— „Leontine, der Schmerz betäubt Dich,“ erwiderte der Bru⸗ der ſanft;„Niemand kann die Pflicht ganz erfüllen, viel weniger über ſie hinausgehen. Das Unmögliche und Un⸗ rnünftige zu laſſen, iſt aber ebenfalls eine Pflicht.“— eontine erwiderte nichts, ſie konnte nur weinen. Die 1 Mutter dagegen hatte ſchnell ihre Faſſung gewonnen. Sie ſprach:„Gehe mit dem Segen Gottes in die Schlacht, mein Sohn! Ich habe Deinen Vater oft ſo entlaſſen. Er war überall der Erſte in den Reihen und— nicht das Verhängniß der Schlachten hat ihn uns entrafft! Der Krikg iſt ehrenvoll, iſt rühmlich; Du darfſt mit dem beſten Herzen tapfer ſein— und Du wirſt es!— Sie umarmte ihn zärtlich; er riß ſich, faſt überwältigt vom Schmerz, aller Derjenigen, an denen er ſich vorüberdrängte. Denn 377— aus der heißen Umarmung der Schweſter, ſchwang ſich auf's Noß und ſprengte den Weg zur Stadt dahin. Noch ehe er das Thor erreicht hatte, mußte er den raſchen Lauf ſeines Roſſes zügeln, weil der Strom der herandrängenden Menge, welche auf die einem Lauffeuer gleich verbreitete Nachricht: jetzt endlich beginne das lang erharrte, prachtvolle Schauſpiel, von allen Seiten herbei⸗ drang und den freien Verkehr hemmte. Er ſtieg daher vom Pferd, gab dieſes dem Diener zum Zurückführen, ſandte aus innig bewegtem Herzen noch die letzten Grüße an die Sei⸗ nigen und kämpfte ſich dann zu Fuß durch das Gedränge. Je mehr er aber in das große Treiben, das Alles in Be⸗ wegung ſetzte, hineinkam, je näher und dichter er von der Weltbegebenheit ſelbſt berührt wurde, je mehr verſchwand das Gefühl der Einzelheit und der beengenden Schmerzen in ihm, und ſeine Seele ging auf in den größeren Bewe⸗ gungen, die das Ganze mächtig durchdrangen. Jetzt hatte er das Thor erreicht und überſah den wim⸗ melnden, bunten Strom des Volkes, der die enge Straße nach dem Hafen hinunterwogte. Ein Gewühl tauſendfach verworrener Stimmen ſchlug an ſein Ohr. Jubel und Schmerz, Freude und Bangigkeit wechſelten in den Zügen dieſer hatte einen Bruder, der einen Freund bei dem Heere, den kümmerte es, daß er ſelbſt dem Zuge nicht beiwohnen konnte, jener erinnerte ſich an die Tage eigener Jugend, an die Abfahrt nach Aegypten, vielleicht auch, durch das große Ereigniß mächtig aufgeregt, nach langen Jahren wie⸗ der mit friſcher Kraft der Schmerzen an manchen herben Verluſt, den er an den Seinigen dort erfahren! An den Fenſtern ſah man faſt Niemand, kaum einige alte Mütter⸗ chen, oder kränkliche Frauen; denn alle Andern waren hin⸗ ausgeeilt an den Hafen. Aber ſelbſt der Anblick dieſer Einſamen, die gleichſam von der Theilnahme am Ganzen ausgeſchloſſen, doch mit einer tiefen Bewegung in den Zügen in das Gedränge blickten, wie der Gefangene aus ſeinem Kerker in die ſchöne Freiheit draußen— ſelbſt die⸗ ſer Anblick hatte etwas ſeltſam Ergreifendes. Mit einer Wendung der Straße ſtand Eduard auf dem Quai am Hafen. Welch ein Anblick! Rings, ſo weit das Auge ſchauen konnte, war der ungeheure Halbkreis von der bunten Menge des Volkes erfüllt. An den Fenſtern, auf den Balcons aller Häuſer glänzten die farbenreichen Ge⸗ wänder geſchmückter Frauen, die mit wehenden Tüchern, Blumenſträußen und Kränzen den in den Kampf eilenden Söhnen des Vaterlandes nachgrüßten. Denn auch die weibliche Bruſt fühlte ſich groß gehoben durch die Theil⸗ nahme am Großen. Von den Balcons herab, von Ter⸗ raſſen, Mauern, Dächern, Thürmen wehten fliegende Fah⸗ nen; die weiße ſchimmernde Fahne Frankreichs mit goldenen Lilien! Ein unermeßliches Gewühl trieb ſich auf dem Quai hin und wieder. Aus dem fortbrauſenden Gemurmel der Stimmen erhob ſich von Zeit ein gewaltig zum Himmel aufhallender Ruf, welcher der Begeiſterung mit den gehei⸗ igten Worten:„Es lebe der König! Das Heer! Frank⸗ reich! Der Ruhm!“ eine donnernde Bahn brach, gleich dem tobenden Strom, der den Felſen ſprengt und ſich über ihn hinabſtürzt. Von geſchmückten, bekränzten Bühnen herab ertönte Kriegsmuſik, und warf die melodiſch geſtimm⸗ ten Klänge in das brauſende Gewühl hinein. Das ju⸗ belnde Volk hub im ungeheuern Chor die vaterländiſchen Lieder an, die es ſo oft zu großen Thaten und Kämpfen begeiſtert hatten! Wo Eduard ſich zeigte, da wich die Menge raſch aus⸗ 3 - — 39— einander, denn Jeder erkannte an ſeiner Kleidung und Eile in ihm einen Krieger, der ſich den Abſegelnden noch anzu⸗ ſchließen hatte. Auf den Einzelnen warf ſich jetzt die Theil⸗ nahme der ganzen Maſſe.„Seht da noch einen Tapferen unſeres jungen Heeres!“ rief ein alter ergrauter Krieger, dem die Thränen über das mit Narben bedeckte Antlitz roll⸗ ten.„Glück zu, mein Sohn! Gott ſei mit Dir und Frankreich!“ Dabei ergriff der Greis des Jünglings Hand und ſchüttelte ſie ihm mit biederer Herzlichkeit. Eduard konnte ſich nicht halten; in höchſter Bewegung ſtürzte er dem alten Krieger an die Bruſt und küßte das ehrwürdige Antlitz.„O mein Gott!“ rief dieſer aus.„Warum bin ich alt! Vor zwei und dreißig Jahren ſchiffte auch ich mit hinaus als rüſtiger Mann! Damals! Es lebe— der Kö⸗ nig!“ ſetzte er mit gepreßter Stimme hinzu; aber man fühlte, es war einer jener Tapfern, die, dem goldenen Ad⸗ ler folgend, mit dem Schwert die Welt durchzogen hat⸗ ten, und der ſeinem alten Feldherrn aus tiefſter Bruſt und überwältigender Erinnerung das Lebehoch bringen wollte. Doch es erſtarb ihm auf der Zunge, denn er ſah die Fah⸗ nen mit den Lilien flattern und gedachte, daß die Gegen⸗ wart mit neuer Ordnung der Dinge ihm ſein mächtiges geheſt, mein Sohn!“ ſprach er mit tiefer, bewegter Stimme, „nur hier ſei es anders!“ Bei dieſen Worten legte er die Hand auf des Jünglings Bruſt. Er meinte den Orden der Ehrenlegion.„Lebt wohl, würdiger Vater!“ rief Eduard, „Gott erhalte Eure Tage!“— und riß ſich los. Aber die Menge umringte ihn, Jeder rief ihm Segenswünſche nach, Jeder wollte ihm die Hand drücken. Frauen reichten ihm Blumenkränze, warfen ihm, wie er ſich unter den Fenſtern hindrängte, Sträuße nach.„Laßt mich, Freunde, Brü⸗ Gefühl zum Vergehen mache.„Kehre wieder, wie Du — 40— der!“ rief er mit erſtickter Stimme,„o laßt mich!“— Andere machten dem Eilenden Bahn, indem ſie das Volk auseinandertrieben und riefen:„Laßt noch einen unſerer Krieger durch! Hier kommt noch ein Tapferer!“ Das be⸗ geiſterte, jubelnde Volk umdrängte ihn, trug ihn faſt und brachte ihm ein Lebehoch über das andere, das er kaum durch den angeſtrengten Ruf:„Es lebe der König! Es lebe Frankreich!“ auf einen allgemeinen Gegenſtand zu lei⸗ ten vermochte. Endlich hatte er die Barke erreicht, die er aufſuchte. Zwei Matroſen der Fregatte, auf der ſein Negiment einge⸗ ſchifft war, ſaßen darin und harrten ſeiner. Er ſprang hinein, reichte den Umſtehenden noch einmal die Hände und rief:„Lebt wohl, Freunde!“— Und abermals erſcholl das jubelnde Lebehoch, das ihm die Menge, gleichſam wie einem Spätling, auf den ſich die lange geſammelte Liebe reicher vererbt, darbrachte. Indem der Nachen abſtieß, ſah Eduard noch einmal zurück und bemerkte ein junges Mädchen, das an dem eiſernen Geländer des Ufers ſtand, ſich mit dem Tuch das Geſicht bedeckte und bitterlich zu weinen ſchien. Als ſie den Kopf einen Augenblick erhob, erkannte er die betrübte, on Ahnungen geängſtigte Tony, die mitten unter der ju⸗ belnden Menge ſo ganz erfüllt war von ihrem Schmerz. Da fielen ihm erſt Mutter und Schweſter wieder ein und in die von erhebenden Gefühlen überdrängte Bruſt fiel ein leiſer Schatten der Betrübniß. Tony erkannte ihn und grüßte, mit den Händen winkend, hinab. Auch er warf ihr Grüße zu, die ſie unter ſtrömenden Thränen freundlich lächelnd hinnahm und erwiderte. Wie gern hätte er ihr noch die Hand gereicht und ein Wort des Troſtes geſagt! Aber ſchon trugen die ſchaukelnden Wellen und ein friſches Lüft⸗ chen den kleinen Nachen raſch über das Meer dahin und bald war ſie ſeinen Blicken in der Menge verſchwunden. In wenigen Minuten hatte er das Schiff ſeines Re⸗ giments erreicht und wurde von den frohen Kameraden begrüßt. Sechstes Capitel. Gleich einem Schwan, der im glänzenden Sonnenſchein die Flügel prüft, um ſich über die blaue Flut emporzu⸗ ſchwingen, entfaltete jetzt das Admiralſchiff, die Provence, ſeine weißen blendenden Segel. Zugleich ſah man Blitz und Rauch und es erſcholl der freudige Donner der Si⸗ gnalkanonen weit über das Meer dahin. Beim erſten Schuß wurde die anweſende Menge plößlich ſtill und horchte auf in feierlicher Erſchütterung. Da tönte in die tiefe Stille hinein das erhebende Geläut der Glocken von allen Thür⸗ men Toulons und erwiderte den kriegeriſchen Gruß mit hehrem Klang, der fromme Herzen zum ſtillen Gebet mahnte, den Segen des Herrn über die Waſſen Frank⸗ reichs herabzuflehen. Und jetzt regte der Wind, wie auf Gottes Geheiß, die Flügel friſch und freudig, und mit allen hoch aufſchwellenden Segeln und ſchimmernden Flaggen ſetzte ſich das prächtige Admiralſchiff in Bewegung. Anfangs theilte der Koloß, ſtark ſchwankend, nur langſam, majeſtä⸗ tiſch die Wellen; dann aber ſchoß er pfeilſchnell durch die Flut, daß die Wogen hoch an der Bruſt des Schiffes hinaufſchäumten. Und wie eine Schar gelagerter Zugvö⸗ 442— gel plötzlich insgeſammt die Fittige regt, wenn der Führer ſich aufſchwingt, ſo folgte auch die ganze Schar der übri⸗ gen Schiffe dem Admiral, und das Meer erglänzte von ſchimmernden Segeln, und die ganze Rhede brauſte und wogte im wimmelnden Gedränge. Stolz, prachtvoll zog die unabſehbare Reihe der von Waffen leuchtenden, von bun⸗ ten Wimpeln umflatterten Kriegsſchiffe dahin durch die un⸗ ermeßliche, im tiefblauen Dunkel daliegende Flut und alle grüßten ſie mit der Donnerſtimme der Kanonen freudig und muthig zum kriegeriſchen Abſchied die Ufer der Hei⸗ mat.— Einige Minuten hatte unter den zahlloſen Zu⸗ ſchauern jene Stille gedauert, welche ſich durch die feier⸗ liche Rührung und Erhebung erzeugte, die alle Herzen in demſelben Augenblick durchdrang. Als aber von der Rhede her das Jauchzen der Seeleute und Krieger durch Kanonen⸗ donner und Glockengeläut herüber an das Ufer drang, da ſchlug der Jubel aus dem ganzen Volke zugleich in hell⸗ lodernden Flammen auf und drang im tauſendſtimmigen Ruf durch die Lüfte zum Gewölbe des Himmels hinan. Dieſer Augenblick überwältigte alle Herzen. Nicht Brüder und Freunde ſanken einander in die Arme, nein, der Nach⸗ bar dem Nachbar, der Fremde dem Fremden, denn Alle waren ja Söhne eines Vaterlandes, Bürger deſſelben Frank⸗ reichs— und eines Jeden Herz ſchlug für den Ruhm des Volkes. Auch die Frauen jubelten, weinten, hielten einander umfaßt!——— 3 Auch Leontine, die einſam an der Seite der Mutter, von der Terraſſe ihres ſchön gelegenen Landhauſes aus, das herrliche Schauſpiel mit bewegter Seele betrachtet hatte, war durch daſſelbe gekräftigt und erhoben worden. Denn ſelbſt das betrübteſte Herz wird durch das lebendig ange⸗ — — 43— regte Gefühl, ſein Opfer einer würdigen Sache zu weihen, mit Troſt bis zur Freude aufgerichtet. Und ſie fand über⸗ dies an der Mutter, deren ganzes Leben eine Kette ähn⸗ licher Ereigniſſe und Eindrücke darbot, durch das gefaßte Beiſpiel derſelben die beſte Hülfe zu dieſem Siege des Her⸗ zens über ſich ſelbſt. Und wahrlich, recht lebhaft fühlte ſie es, daß ſie eben dadurch nicht nur nicht aufhörte, eine zärtliche Braut, eine liebende Schweſter zu ſein, ſondern es erſt recht wurde. Denn jede edlere allgemeinere Erhe⸗ bung der Seele erhöht auch ihre einzelnen, edeln Kräfte. Indeß waren beide Frauen doch zu tief bewegt, um ein anderes Geſpräch, andere Gedanken zu haben, als die, welche ſich auf die eben erzählten Ereigniſſe bezogen. Der ſchönſte, klarſte Nachmittag begünſtigte die ſtets nach dem Meere Hinausblickenden ſo, daß ſie die hellen Punkte der Segel viele Stunden lang im Auge behalten konnten. Anfangs erſchienen ſie in drei langen Hauptreihen, dann bildeten ſie ſich zu mehren Gruppen am Horizont; ſpäter, nachdem die früher ausgelaufenen oder die kleineren nach und nach ver⸗ ſchwanden, vereinzelten ſie ſich und wurden immer ſparſa⸗ mer auf der unabſehbaren Fläche der Wellen; endlich ent⸗ deckte man nur noch einige weiße Pünktchen am äußerſten Horizont und bald verbarg auch dieſe die einbrechende Dämmerung. Zum erſten Male wandte Leontine, die an der Seite der Mutter auf der Terraſſe ſtand, jetzt ihren Blick nach der Stadt zurück. Welche Veränderung aber war dort vorgegangen! Die Rhede, die vor wenigen Stunden noch von Leben und Thätigkeit wimmelte, wo die zahlloſen Maſten einen Wald, die Schiffe in ihrer Reihenordnung eine Stadt mit Gaſſen bildeten, in denen leichte Barken den lebhafteſten Verkehr fortwährend beförderten; der Hafen, ——/OLO———O———— — 44— der von Regſamkeit und Getümmel erſcholl; die Stadt ſelbſt, in deren Gaſſen das Volk wogte und ſich drängte;— alle dieſe Plätze waren jetzt ſo ſtill, ſo einſam, daß ſie faſt öde und ausgeſtorben erſchienen. Dieſer plötzliche Wechſel erfüllte Leontinen mit einer Art von Bangigkeit.„O Mutter,“ ſprach ſie bewegt,„wie raſch kann ſich die Geſtalt des Le⸗ bens ändern! Welch eine Grabesſtille nach dem faſt über⸗ müthigen Brauſen der Luſt, der Kraft und Freude! O wenn es mit unſerem Herzen auch ſo geſchähe! Wenn alle die Wonne, die es erfüllt, alle die Liebe, die es kaum zu faſ⸗ ſen vermag, plötzlich ausſtürbe, wenn ſie verſchmachten müßte, weil ſie nirgend einen Gegenſtand fände!“— Hier brach ſie in Thränen aus. Aber die Mutter drückte ſie ſanft und zärtlich ans Herz und ſprach:„Nein, ſo öde wird es nie bei uns. Wo einmal die Liebe in der Bruſt gewaltet hat, da flieht ſie nie, denn das Herz begleitet Alles, was ihm theuer iſt, über das Grab hinaus. Und wenn Alles, wonach es ſich ſehnt, hinabſänke in die finſtere Gruft, wenn jede Bruſt, der es entgegenſchlug, erkaltete, ſo würde ihm doch der eine, reichſte Quell bleiben, die Liebe zu Dem, der der Born aller Liebe iſt. Und mit lindem Hauch wird er das halb erſtorbene Herz wieder erwärmen und in der tiefſten Nacht den erglimmenden Funken der Hoffnung wieder zum ſanft ſtrahlenden Licht anfachen. „ Indem ſie ſprachen, zitterte der erſte Strahl des auf⸗ gehenden Mondes über die ruhige, ſilberne Fläche des Mee⸗ res dahin. Mit ſanfter Rührung blickte Leontine ihm Beruhigung in die bewegte Bruſt. gegen und Beiden flößte das freundliche Zeichen eine ſüß —— Siebentes Capitel. Die Aventure war raſch über die Wellen dahingeſegelt und hatte ſchon am zweiten Tage die reizende Bucht von Mahon auf dem glücklichen Minorka erreicht. Hieher lau⸗ teten die Depeſchen, welche ſie von Toulon aus brachte. Nach kurzer Ankerfriſt wurde ſie nach der Station vor Algier mit Briefen an den Befehlshaber derſelben, den Ca⸗ pitain Maſſieu de Clerval, abgefertigt. Mit der Abend⸗ dämmerung verließ die Aventure den Hafen von Mahon; ein friſcher Weſt⸗Nord⸗Weſt ſchwellte ihre Segel und führte ſie leicht über die Fläche dahin. Adolph und Victor lagen, da das günſtige Wetter eben keine Dienſtbeſchäfti⸗ gungen forderte, vertraulich auf dem Deck nahe am Steuer und unterhielten ſich mit einander. Zu Mahon hatte Adolph den Nuhepunkt von einigen Stunden benutzt, um Leontinen zu ſchreiben, und den Brief zur Beförderung mit dem nächſten nach Frankreich abgehenden Schiffe zurückgelaſſen. Die See war ruhig, der Abend ſchön aber ſchwül; der äußerſte Rand des Meeres floß in Purpurglut mit dem weſtlichen Himmel zuſammen. Das Fahrzeug, dieſe einſame Oaſis mit menſchlichen Weſen in der unabſehbaren Waſſerwüſte, theilte mit einförmigem Rauſchen die Wellen, ſo daß der im Abendroth purpurn glänzende Schaum noch weit hin die geglättete, ſilberhell ſchimmernde Bahn des Schiffes von beiden Seiten wie mit roſigen Nabatten ein⸗ faßte. Die Küſte von Minorka lag nur noch als ein blauer Streifen am nördlichen Horizont; eine tiefe Stille herrſchte ringsumher. Die Matroſen ſaßen am andern Ende des Schiffs und rauchten ihren Tabak bei müßigem — 46— Geſchwätz vor ſich hin; der Schiffsjunge pfiff im Maſtkorbe ein munteres Liedchen. Der Capitain war in der Kajüte mit Schreiben beſchäftigt. 4 „Noch nie,“ ſprach Victor, der von ſeiner Knabenzeit an faſt ununterbrochen auf der See geweſen war,„iſt mir die Einſamkeit eines, doch von ſo vielen befreundeten Men⸗ ſchen bewohnten Schiffes mitten auf der See ſo fühlbar geweſen, als eben heut. Es mag daran liegen, daß wir fern von Denjenigen, die uns die Theuerſten ſind, uns immer einſam fühlen. Mein Herz war ſo eben, gewiß mit dem Deinigen zuſammen, in Toulon. Du biſt ſehr glück⸗ lich, Bruder!— Wenn ich ein ähnliches Weſen fände, ich könnte mich faſt entſchließen, ſo lieb ich den Seedienſt habe, mich für immer ans Land ſetzen zu laſſen.“ „Du ſprichſt mir aus der Seele,“ erwiderte Adolph, „ich, der ich in dieſem Fall bin, ſcheute mich faſt, es Dir zu geſtehen. Aber aufrichtig geſtanden, ich glaube die Frie⸗ densthätigkeit in unſerem Vaterlande iſt jetzt faſt rühmlicher als die im Kriege. Ein Verfechter der heiligen Rechte der Nation im Innern des Landes leiſtet ihr gewiß wenigſtens eben ſo weſentliche Dienſte als einer, der die Waffen gegen den äußern Feind führt.“ „Gewiß,“ rief Victor lebhaft;„ſchon längſt habe ich darüber nachgedacht, ob ich nicht den Antheil meines Ver⸗ mögens in Grund und Boden anlegen und als eigner Be⸗ ſitzer im Vaterlande mir alle die theuern Rechte, die ſich daran knüpfen, erwerben ſollte. Die Jugend iſt dem Kriegs⸗ ſtande zugethan und muß es ſein. Sie weiß, ſoll ſie ſich ſelbſt rathen, mit dem Leben noch nichts Beſſeres für das Vaterland zu thun, als es zu opfern, wenigſtens aufs Spiel zu ſetzen. Ich fange aber an einzuſehen, daß man— es erſprießlicher anwenden kann, ohne das Wagen jem —,— 21 meer um dieſe Jahreszeit, es könnte daher wol heftig wer⸗ — 47— zu ſcheuen. Der Muth will ſich prüfen, darum ſucht der unerfahrene Jüngling Thaten, der junge Feldherr Schlachten; der geprüfte Mann und Feldherr iſt aber ihrer gewiß und wendet das äußerſte Mittel nur in der äußerſten Noth an. Ich habe Schickſale und Gefahren genug erlebt, um mich meiner ſelbſt in dieſer Hinſicht zu verſichern; viel⸗ leicht gewährt mir dieſer Krieg eine glückliche Gelegenheit zu irgend einer That von Wirkung, und dann moöchte ich mit ihm auch faſt die Seemanns⸗Laufbahn beſchließen und aus dem Schiff ſpringen, um auf die Tribune zu ſtei⸗ gen.— Freilich, wenn wir in einem Jahrzehend lebten, wie das, welches das Jahrhundert eröffnete, ſo möchte ich meine Cajüte nicht verlaſſen. Aber wir laufen Gefahr, noch zwanzig Jahre auf der See umherzufahren, ohne eigentlich mehr zu thun, als vor einem Hafen Schildwacht zu ſtehen.“ Adolph rief ganz freudig:„Bruder, Du glaubſt nicht, wie glücklich Du mich durch Deine Anſicht des Lebens machſt. Ich habe dieſelbe; aber aus thörichter Scheu, daß es am Ende nur die Liebe und ſo ein des Mannes un⸗ würdiger Beweggrund wäre, der mich verlockte, habe ich mich mit Gewalt zwingen wollen, anders zu denken.“ Der trotz ſeiner Anſichten doch ſehr tüchtige Seemann und Alles mit ungemeinem Scharfblick wahrnehmende Vie⸗ tor war durch dieſes Geſpräch nicht gehindert worden, den Lauf des Schiffes und den Himmel ſorgfältig zu beobach⸗ ten. Er unterbrach die Unterhaltung daher mit der plötzli⸗ chen Bemerkung:„Die Luft drückt ſehr; mir däucht, der Wind ſpringt um, und wenn ich mir den Himmel dort unten in Südweſt anſehe, ſo möchte ich ein Gewitter fürchten. Sie ſind nicht mehr ganz gewöhnlich im Mittel⸗ —————— — 48— den. He! Schiffsjunge“, rief er hinauf nach dem Maſt⸗ korbe,„wie ſieht der Himmel in Südweſt aus?“ „Es liegt weiß und dunſtig auf dem äußerſten Mee⸗ resrand, und höher hinauf iſt's auch nicht ganz klar, mein Herr Lieutenant!“ rief der Junge hinunter. „Ja, der Wind ſpringt um,“ rief der Steuermann da⸗ zwiſchen;„ich hab's lange gemerkt, und ein Segel nach dem andern ein wenig ſtellen laſſen. Ich mochte nur nicht gern d'ran glauben. Aber wir ſchneiden den Windſtrich jetzt ſchon wenigſtens um funfzehn Grad ſchärfer als vorher.“ Indem kam Jean, mit der kurzen Pfeife im Munde, trällernd heran.„Ich rieche ein Wetter, mein Lieutenant; es wird dieſe Nacht Arbeit geben. Wir haben auch lange genug Ruhe gehabt. Die Möwen gehen auch tief. Nun, wir werden bald die letzten geſehen haben, denn es dunkelt ſchon etwas.“ „Ja, es iſt ſehr ſchwül,“ bemerkte Adolph,„kommt das Wetter über uns herauf, ſo kann es ſtark werden!“ Jean pfiff und trällerte ein Liedchen mit dem Sihluß reim: „Komm herein mein liebliches Kind, Was kümmert uns Wetter und Wind.“ „Du ſingſt Deine luſtigen Lieder mit einem rechten Armenſündergeſicht,“ ſpottete Victor,„ich wette, Du willſt Dir die Furcht verſingen!“ „Parbleu, mein Lieutenant!“ fuhr Jean etwas heftig auf,„ich fahre ſchon achtzehn Jahre zur See! Hätt' ich mir alle böſen Werter im Kalender roth anſtreichen wolln, ſo müßte ich mehr Mühe gehabt haben, als der alte Ha⸗ fenwärter in Toulon, der es doch jedesmal anſchreibt, wenn ſein Weib mit ihm zankt.“ 5 „Thuk nichts, Jean,“ ſprach Victor gelaſſen;„aber — — 49 Dein Geſicht ſieht doch ſcheel zu Deinen Liedern. Gewiß haſt Du an Deine Tony und ihre Prophezeiungen gedacht.“— Auf dieſes Wort wurde Jean in der That ein wenig kleinlaut; doch rief er noch luſtig aus:„Ei was! Das Wetter macht's nicht. Daß nicht Tag und Nacht die Sonne ſcheinen würde, brauchte mir keine alte Baſe aus dem Kaffee zu prophezeien, das wußte ich voraus. Ich bleibe bei meinem Liede: „Komm herein, mein liebliches Kind, Was kümmert uns Wetter und Wind.“ Trällernd miſchte er ſich bei dieſen Worten unter die andern Kameraden. „Der Wind wird friſcher; er geht wahrlich ſtark nach Südweſt herum!“ bemerkte Adolph, indem er prüfend nach der Flagge und in das Tauwerk hinaufſah. „Wenn das noch eine Weile ſo fort geht, müſſen wir laviren!“ ſprach der Steuermann;„ich kann das große Segel kaum noch gebrauchen und werde gleich das Fock⸗ maſtſegel einziehen laſſen. Holla, Jungens, aufgepaßt. Das Schönfahrſegel eingerefft!“ In dieſem Augenblick erſchien der Capitain, Herr von Aſſigny, auf dem Deck.„Das Wetter ändert ſich,“ ſprach er,„der Barometer iſt ſtark gefallen.— Den Teufel, wir ſegeln ja kaum noch mit halbem Winde. Schon ein Strich unter'm Weſt!“ „Ich glaube, wir bekommen ein ſtarkes Ungewitter auf die Nacht!“ ſprach Victor.„Der Horizont im Südweſten ſieht bedenklich aus. Seit wenigen Minuten iſt er ſchon bedeutend dunkler geworden!“— Der Capitain blickte ſccharf hin.„Sie haben recht!“ Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. I. 3 Man war einige Augenblicke ſtill. Jetzt ließ ſich ein leiſer, hohler Ton, der lang über die See dahinzog, vernehmen.„Es pfeift heiſer genug, um laut zu huſten!“ meinte Jean halblaut zu Victor.— über das ſchon dunkel gewordene Meer lief zugleich mit dieſem Windzuge ein leichtes Kräuſeln.„Noch kitzelt der Wind,“ flüſterte Jean wieder,„aber bald wird er peitſchen. Seht nur, mein Lieutenant, wie grämlich und ſüßſauer die alte Mutter See zu der Schmeichelei lächelt und die runzliche Haut verzieht. Sie weiß wohl, was ihr bevorſteht.“ Der Capitain hatte unterdeſſen mit geübtem Scharfblick und ſtrenger Aufmerkſamkeit ringsum Meer und Himmel betrachtet und ſah jetzt prüfend in das Takelwerk des Schiffs hinein. Plößtlich rief er mit dem Sprachrohr laut: „Auf den Poſten!“ Schnell wie der Blitz waren die plaudernden Matroſen auseinander und jeder fuhr eiligſt auf den ihm ein für allemal angewieſenen Poſten. Einige kletterten raſch wie Gemſen in das Tauwerk hinein, andere eilten in den Raum hinunter, noch andere traten auf dem Deck an die vielfachen Punkte, von denen aus ein Fahrzeug die Leikung ſeiner Bewegungen erhält. 4 Auch Adolph und Victor mußten ſich jetzt trennen und ihren verſchiedenen Dienſtpflichten nachkommen. Ein zweiter Windſtoß, anhaltender, hohler, vernehmli⸗ cher ließ jetzt ſein heiſeres Getön hören und verhallte lang⸗ ſam in Nacht und Ferne. Das Meer fing an hohler zu gehen und ſtärkere Wellen zu werfen. Im Weſten war es völlig grau geworden und ſchon überzog dunſtiges Gewölk, das rings am Abendhorizont aufſtieg, den Himmel. Es trat eine ſtille Pauſe der Erwartung ein.— Noch war kein fernerer Befehl erfolgt. Aber Ohr und Auge — 51— waren in geſpannter Aufmerkſamkeit auf Wink und Ge⸗ heiß des Capitains, der, ernſt, das Sprachrohr in der Hand, neben dem großen Maſt ſtand und ſcharf rings umherblickte. Ein dritter Windſtoß fuhr jetzt mit einem lang aus⸗ hallenden ſchrillenden Tone ſcharf aus Südweſt her über die finſtre Fläche des Meeres dahin. Das Schiff wurde merklich in's Schwanken gebracht; die Taue raſſelten, die Segel knitterten. Doch erfolgte noch kein Befehl zur Aenderung im Ta⸗ kelwerk. Abermals herrſchte tiefe Stille auf dem Schiff; Jeder horchte auf, keiner wagte einen Laut hören zu laſſen, ſon⸗ dern lauſchte ſchweigend auf das Commandowort. Von fern her ließ ſich jetzt jenes ſchauerliche Sauſen, Dröhnen und hohle Geheul vernehmen, welches dem Sturm gemeiniglich vorangeht; gleichſam als tobe er ſchon gewalt⸗ ſam und man behorche ihn aus der Ferne. Der Luftſtrom mußte in den oberen Schichten der At⸗ moſphäre ſtärker ſein, als in der Tiefe; denn die Wolken zogen raſch über das Schiff hinweg und verhüllten einen Stern nach dem andern. Schon waren ſie über den Zenith hinaus, und bei der Heftigkeit, mit welcher der Wind ſie forttrieb, durfte man berechnen, daß ſie bald auch den gan⸗ zen Oſt⸗ und Nordhimmel, der noch ſternhell war, bedeckt haben würden. Das Meer hob ſich in größeren, längeren Wellen; das Schiff ſchwankte ſtark, die Luft drückte ſchwer und heiß. Das ferne Brauſen dauerte fort, doch war der Wind ſtill. Plötzlich aber, als hätte er nur geruht, um recht tief Athem zu ſchöpfen, fuhr ein heftiger Stoß aus Südweſt mit hohlem Geſauſe über die Waſſerwüſte daher, daß ſie 3* ————————————— — -— 52— ſtark aufſchäumte und die Wellen ſich zornig gegen ihn aufzurichten ſchienen. Er raſſelte und pfiff zwiſchen Segel, Maſten und Tauwerk hinein, als ob eine Rieſengewalt plötzlich das ganze Fahrzeug packe und es muthwillig ſchüttle. „Brahmſegel eingerefft!“ commandirte der Capitain. Der Wind ſetzte gleich darauf mit einem zweiten hef⸗ tigen Schnauben an und legte das Fahrzeug ſtark auf die Seite. „Topſegel eingerefft!“ „Jetzt wird's Ernſt!“ ſprach Jean leiſe zu Victor, der ihm naheſtand.„Das Wetter will nicht ſpaßen. Es kommt ſo ganz in der Ordnung mit allen Ceremonien heran.“ Das Schiff durchſchoß, ſtark auf die Backbordſeite ge⸗ legt, die Wellen gleich einem Pfeil. Der Schaum ſprützte hoch an der Bruſt deſſelben auf und ſtäubte als naffer Regen auf das Verdeck nieder. „Ein gutes Bad, die Haut abzukühlen bei der hölli⸗ ſchen Schwüle!“ flüſterte Jean wieder leiſe, der überhaupt gar zu gern ſeine Meinung ſagte. „Still! Sei aufmerkſam!“ ſprach Victor ernſt. — 53— Achtes Capitel. Es war jetzt völlig Nacht geworden, nur in äußerſter Weſtferne, ſchon halb nach Mitternacht zu, bemerkte man nooch einen leichten, blaßrothen Streifen, der Himmel und Meer unterſchied. Der Capitain ging auf dem Deck hin und her; das Nöthige für den Augenblick war gethan, man mußte das Fernere erwarten. Er trat zu Victor heran und fragte:„Was meinen Sie, Lieutenant, wir wer⸗ den Mühe haben, die offene See zu halten?“—„Die Aventure ſegelt gut, aber dieſer Wind iſt etwas zu ſcharf. Und ich beſorge, er ſpringt noch mehr nach Süden um,“ 1 antwortete Victor in dienſtlicher Haltung.—„Der Teufel hole das Mittelmeer. Ich lobe mir den großen Ocean. Hier iſt man keinen Tag ſeiner gewiß.“ Er grüßte und ging nach der andern Seite des Schiffes zu, wo Adolph auf ſeinem Poſten ſtand. „Was meinen Sie, lieber Freund(Adolph war dem Capitain durch ſeine lange Anweſenheit auf dem Schiffe viel vertrauter als Victor), wenn Ihre ſchöne Leontine uns hier ſähe? Sie würde etwas in Angſt gerathen.“ —— Adolph erwiderte lächelnd:„Ich denke, mein Capitain, ſie weiß, daß es auf der See bisweilen ſtürmt.“ „Heut ſcheint mir das Wetter doch zu den ſeltnen ge⸗ hören zu wollen,“ meinte Aſſigny. Während dieſer kurzen Geſpräche mit ſeinen Offizieren verlor er keinen Augenblick die Bewegungen des Schiffes aus den Augen. „ Wie ſteht jetzt der Wind, Steuermann?“ „Genau Südweſt, Capitain.“ 1 Der Himmel hatte ſich während dieſer Zeit ganz und gar bezogen. Die feinen Spitzen der Maſten und Quer⸗ ſtangen, die Seile, die Segel, die ſich kurz zuvor noch deutlich und ſcharf gegen die hellere Luft abſchnitten, waren nicht mehr bis an das äußerſte Ende zu verfolgen, ſondern verliefen ſich in das graue Dunkel. Kaum konnte man noch den Maſtkorb wahrnehmen. 4 Eine erdrückende Schwüle hemmte faſt das Athemho⸗ len. Jeder ahnte, daß ſich die ſo dunſtig geſchwängerte Atmoſphäre bald furchtbar entladen müſſe.— Es blitzte zweimal in Südweſt, aber noch in der Ferne. Einige Se⸗ kunden nachher hörte man es ſchauerlich leiſe donnern. Gleich darauf aber packte ein furchtbarer Weſtwind das Fahrzeug und riß es mit Rieſengewalt durch die Wellen dahin. Die Takelage raſſelte durch einander, als wären mit 1 einem Male alle Maſten gebrochen, alle Taue zerriſſen. Der Capitain nahm, als der Windſtoß einen Augen⸗ blick nachgelaſſen hatte, das Sprachrohr und rief:„Holla! Alle Segel eingerefft!“ Im Augenblick flogen die auf jeden Wink lauſchenden Matroſen in die Takelage hinauf und man ſah in der Dunkelheit gegen zwanzig ſchwarze Geſtal⸗ ten raſch dazwiſchen emporklettern, um den Befehl auszu⸗. führen. „Wir liegen gut vor'm Winde,“ ſprach der Capitain zu Adolph, dem er wieder näher getreten war.„Hätte der Stoß uns von der Steuerbordſeite gefaßt, ſo dürften wir auf der Seite gelegen haben und hätten mindeſtens den Fockmaſt kappen müſſen.“ 3 „Unſer Steuermann verſteht ſeine Sache,“ entgegnete Adolph, ohne einen Blick von demjenigen Theil des Schiffes zu verwenden, der ſeiner Führung und Aufſicht beſonders anvertraut war. Zugleich rief er einzelne Befehle hinauf. ——- — 55— Die Wolken hingen jetzt ſchwarz und ſchwer über das Schiff herab, als wollten ſie ganz auf das Meer herunter⸗ ſinken. Die einförmige düſtere Schwärze des Himmels wurde nur durch die ſchwefelgelben Ränder des Gewölkes unterbrochen; auch ſah man mehre gelbgraue Streifen nach der Windrichtung ſich durch den Nachthimmel ſtrecken. Die einzelnen Windſtöße wiederholten ſich bald raſcher und fingen ſchon an tiefe Schlünde in die Flut zu wühlen. Das Schiff ſchoß wie ein Adler auf die Beute mit dem Bogſpriet voran die hohen Wellenrücken hinunter und hob ſich wieder auf der andern Seite wie ein aufbäumendes Noß. Es gehörte die Uebung und Gewandtheit der See⸗ leute dazu, auf dem bewegten Deck hin und wieder zu laufen, ohne zu fallen, und dabei noch jedes Geſchäft pünktlich zu verrichten. Dceer ſchwüle Druck war auf den höchſten Grad geſtie⸗ gen; die Luft, die man athmete, ſchien mit Schwefeldün⸗ ſten gefüllt. Da zerriß ein furchtbarer Blitz, der das ganze Meer und den Himmel überflammte, das Gewölk, und plötzlich ertönte ein krachender Donnerſchlag, der jedes Ohr betäubte und viele Sekunden lang furchtbar fortrollte. Dies ſchien gewiſſermaßen der Signalſchuß zu der gro⸗ ßen Schlacht des Ungewitters zu ſein, zu welcher die bis⸗ herigen Windſtöße und Blitze nur die kleinen Einleitungs⸗ gefechte gebildet hatten. Denn als wären auf dieſes furcht⸗ bare Zeichen alle verheerenden Kräfte des Firmamentes in Bewegung gerathen, heulte hinter dem Rollen des Donners der Sturmwind mit entſetzlicher Gewalt daher und zugleich praſſelte der Regen aus den zerriſſenen Wolken in Strö⸗ men herab. Das Meer wurde zu einem bewegten Gebirge, deſſen ſchwankende Gipfel der Schaum, leuchtend wie Schnee, bedeckte, während die tiefen Schluchten ſchwarz und boden⸗ Die Segel lagen ſo feſt an den Maſten und — 56— los aufgähnten. Der Sturm ſchöpfte aus dem Grunde der Flut und ſprützte den aufbrauſenden Giſcht über das ganze Schiff hinweg, daß das Waſſer in ziſchenden Strö⸗ men über das Deck pollte. Gleich dem Pfeil von der Senne ſchoß die leicht und doch ſtark gebaute Aventure durch die Wogen dahin. Man konnte kaum ſagen auf den Wogen, da ſie oft wie ein Mauerbrecher mitten durch den entgegengethürmten Wall der Flut drang, ſodaß dieſe hoch über ihr zuſammenſchlug. „Lieutenant! Unterſuchen Sie, ob alle Schiffsluken völ⸗ lig geſchloſſen ſind!“ rief der Capitain. Victor, dem der Befehl galt, war in einem Sprunge mit ſechs Matroſen in den Raum hinunter. „Preßt das Steuer luvwärts, ſo viel Menſchengewalt vermag, daß wir ſcharf vor'm Winde bleiben,“ rief Herr von Aſſigny dem Steuermann zu.„Faßt uns dieſer Orkan nur einmal von der Seite, ſo dürften wir uns ſchwerlich wieder aufrichten, ohne alle Maſten in der See gelaſſen zu haben.“—„Die Leute haben ihre Pflicht unter ſchwierigen Umſtänden genau erfüllt,“ ſprach der Capitain lobend zu Adolph, der noch einige Anordnungen wegen des Anreffens der Segel gegeben hatte und ſich jetzt überzeugte, daß ſein Befehl vollzogen war.„Unſer Schiff kann nicht beſſer vor'm Sturm geſchützt ſein; die Segel ſind ſo glatt ange⸗ refft, daß die Bäume und Raaen wie geſchoren ausſehen.“ „Wie ein Wald im Winter,“ entgegnete Adolph, einen Blick hinaufwerfend, mit Ernſt. Ein Blitz, der eben wieder den ganzen Horizont in Flammen ſetzte und das Meer taghell beleuchtete, gewährte Beiden den Anblick, den ſie eben unbeſtimmt durch Nacht und Regenſchauer gehabt hatten, völlig klar und ſcharf. * Naaen, als 4 — — 57— ob ſie mit beſter Muße auf der Rhede recht zum Staat zierlich und ſorgſam angeſchnürt worden wären. Victor kam wieder herauf und berichtete, daß keine Spalte in der Schärfe eines Haars im Schiff unverſchloſ⸗ ſen ſei. „So müſſen wir uns nun auf des Himmels Beiſtand und auf die feſten Rippen unſeres Schiffes verlaſſen. Was wir thun konnten, iſt geſchehen. Wir wollen jetzt die Leute möglichſt erquicken und ruhen laſſen.“ Nach dieſen Worten gab der Capitain den Befehl zu einer außerordentlichen Vertheilung von Rum und Zwieback, um die Mannſchaft für die außergewöhnliche Anſtrengung zu belohnen. Das Gewitter dauerte fort; indeß ließ die furchtbare Heftigkeit des Sturmes etwas nach; aber die Wellen ſchlu⸗ gen, einmal in Bewegung, fortwährend bergehoch empor und ſchleuderten die ſtattliche Brigg mit dreißig Kanonen wie einen leichten Nachen empor und hinab. Ueuntes Capitel. Endlich brach, nach einer langen, gefahrvollen Nacht, die Dämmerung wieder an. Und obgleich ſie auf hoher See nicht die mindeſte Hülfe gewähren konnte, ſo brachte doch das Licht für jeden Beſorgten Hoffnung und Troſt mit. Unſere Seefahrer befanden ſich, da ſie ſich gerade Segerr Der eeeee erie ueree weeere, ererdes ereedei nerer Maſten und Raaen bogen ſich wie Weidengerten.“ „Wahrlich, mein Lieutenant,“ erwiderte Jean treuher⸗ — 53538— 5. vor den Wind hatten legen müſſen, am Morgen der fran⸗ zöſiſchen Küſte bedeutend näher, als da ſie Abends zuvor von Mahon abgeſegelt waren. Indeſſen war, als der Sturm ſich legte, die Windrichtung ihrer urſprünglichen Fahrt wieder günſtiger geworden, und man konnte jetzt, ſo viel die noch immer furchtbar hoch gehende See es zuließ, der Höhe von Algier zuſteuern. Der erſte, der ſich zum Morgengruß einfand, war Jean, der ordentlich tapfer that, daß er das Wetter überlebt hatte. „Guten Morgen, mein Lieutenant,“ rief er Victor entge⸗ gen,„gut geſchlafen darf der Seemann freilich nicht fra⸗ gen, ſondern gut gewacht? Ich denke, wir haben den Berg hinter uns und Ihr werdet mir mein Lied nicht mehr verſpotten.“ Dabei träͤllerte er: „Komm herein, mein liebliches Kind, Was kümmert uns Wetter und Wind.“ „Sacht an, guter Freund,“ entgegnete Victor,„da Du Dich rühmſt, achtzehn Jahre zur See gefahren zu ſein, alſo drei Jahre länger als ich, ſo ſollteſt Du Dir wenig⸗ ſtens einen beſſern Geruch für Wind und Wetter ange⸗ ſchafft haben. Mir riecht es verwünſcht nach einem zwei⸗ ten Sturm, denn wenn es nach einer ſolchen Nacht und ſolchem Regen ſo ſchwül bleibt, ſo kann man darauf zäh⸗ len, daß die Rechnung noch nicht quittirt iſt.“ „Ich glaube, Ihr habt recht, mein Lieutenant,“ entgeg⸗ nete Jean,„und trifft Eure Vermuthung zu, ſo wünſche ich der Aventure eiſerne Rippen. Der Wind hat ſie ſtark geſchüttelt.“ 8 „Du kannſt von Glück ſagen“, ſprach Victor,„daß er Dich nicht aus dem Takelwerk heruntergeſchüttelt hat. Die »— — 5(— zig,„ganz kühl war mir's nicht um's Herz; ich habe manche ähnliche Nacht auf der See zugebracht, indeß doch kaum eine ſchlimmere, und mir iſt nicht für einen Sous bange in der Takelage geworden. Aber dies Mal! Ich konnte kein Endchen Tau hängen ſehen, ohne an die ver⸗ dammten Bänder zu denken, die der Wind zu Toulon in den Hafen geweht hat. Meine Tony—“ Hier trat dem redlichen Burſchen das Herz in die Au⸗ gen; er konnte nicht fröhlich fortſprechen, ſondern war un⸗ willkürlich in einen weinerlichen Ton verfallen.„Hol der Henker alle alten Kaffeeſchweſtern!“ fuhr er endlich mit einem Seemannsfluch heraus, um ſich die Rührung zu vertreiben.„Es ſind doch lauter taube Nüſſe!“ „Freilich, Jean,“ ſprach Victor, und gab ihm die Hand.„Schlag Dir's aus dem Sinn; Du ſiehſt, der Himmel meint es gut mit uns. Da kommt die Sonne!“ Und wirklich brach ein Strahl dieſes freundlichen Ge⸗ ſtirns durch den grauen umwölkten Morgenhimmel herein.— Indem trat Adolph zu den Sprechenden. Jean gehörte dieſem zwar viel länger, als dem Bruder, und gewiſſerma⸗ ßen näher an, da er ihn aus der Zahl der Matroſen zu ſeiner beſondern Bedienung gewählt hatte, allein er hatte eine faſt ſtärkere Neigung zu Victor gefaßt. „Wie freut man ſich nach einer ſolchen Nacht eines einzigen Sonnenblicks,“ ſprach Adolph zu Victor, und Beide gingen Arm in Arm einem einſameren Theile des Schiffes zu.„Soll ich Dir aber geſtehen, daß ich lieber den ſchwärzeſten Himmel als dieſen kurzen Sonnenſchein ſähe?“ fuhr er fort.„Ich kenne unſer Meer hier ſeit den drei Jahren, daß ich auf dieſer Station bin, gar zu genau. Dieſe nicht abgekühlte Schwüle und jener neue Sonnen⸗ ſtrahl verſprechen uns für den Abend gerade daſſelbe Ver⸗ “ oo gnügen, das wir in dieſer Nacht hatten. Und, lieber Vic⸗ tor, Dir darf ich es ſagen, ich ſcheue mich davor. Ich habe nicht mehr das freie Herz des Seemanns, der nur ſich ſelbſt zu verlieren hat. Meine Seele war die ganze Nacht hindurch bei Leontinen! Was würde ſie gelitten ha⸗ ben, wenn ſie uns in dieſer Lage gewußt hätte! Wenn ich nicht ſicher wäre, daß ich meine Kaltblütigkeit im Dienſt behielte, und jedes Geſchäft ſo gut und mit dem äußern An⸗ ſchein der Ruhe verrichten könnte, wie jemals ſonſt, ich würde mich dieſer Weichheit ſchämen.“ „Du würdeſt unrecht thun, liebſter Bruder,“ entgeg⸗ nete Victor;„denn der Werth Deines Handelns ſteigt ja in eben dem Grade, wie Dein Wille ſich ermannen muß, mächtige und heilige Gefühle durch die lebendige Vorſtellung der männlichen Pflicht zu beſiegen.“ Ihr Geſpräch wurde durch die Dazwiſchenkunft des Ca⸗ pitains unterbrochen, der ihnen und ſich Glück wünſchte, daß die Nacht überſtanden war. Doch theilte auch er die Beſorgniſſe ſeiner Offiziere und daher gab er die um⸗ faſſendſten Befehle, um jeden Schaden, den der Sturm und die Wellen in der Nacht angerichtet hatten, nach Möglichkeit wieder herzuſtellen. Die Leute hatten daher den ganzen Tag um ſo mehr zu thun, als das Meer fortwäh⸗ rend ſehr unruhig blieb und dadurch die Arbeiten erſchwerte. Der Himmel war weder bewölkt noch heiter, aber in einen ſo dichten Dunſt und warmen Nebel gehüllt, daß man die Sonne nur gleich einer röthlichen Scheibe ſah. Erſt gegen den Nachmittag um fünf Uhr zogen ſich dieſe Nebeldünſte aufwärts und lagerten ſich als ſchweres Ge⸗ wölk am Gewölbe des Himmels. In der Luft herrſchte der beängſtigende Druck einer feuchten Schwüle, der ein mindeſtens eben ſo heftiges Unwetter verkündete, als — 61— das geſtrige. Allein die Wolken ſammelten ſich mehr und mehr anz es ſchien, als ob das Firmament alle Kräfte auf einen Punkt zuſammenziehen wollte, um dann deſto verheerender loszubrechen. Man hatte den Tag hindurch einige der unteren und größeren Segel beiſetzen können und war daher bei ſtets ſtarker Luftſtrömung der Küſte von Afrika bedeutend näher gekommen. Der Capitain wünſchte um Alles gern die Höhe von Algier zu erreichen, weil ſeine Depeſchen von größter Wichtigkeit waren; er würde ſich ſonſt mehr auf der hohen See zu halten beſtrebt haben. Wären nicht Uhren auf dem Schiffe geweſen, ſo hätte man ſchon Abends um ſechs Uhr glauben müſſen, daß die Nacht hereinbreche; ſo finſter wurde es unter der ſchwarzen Decke des Himmels. Jean näherte ſich ſeinen beiden Herren und ſprach leiſe, mit dem Verſuch zu ſcherzen:„Ich glaube, dort oben das iſt der Dampf und Nauch der ganzen Hölle, der ſich unter'm Himmel zuſammenzieht. Wenn die Hülſe platzt, wird ein ſchöner gelber Blitzkern herausfahren.“ Als die Angeredeten nicht ſonderlich mit ſeinem Ein⸗ fal zufrieden ſchienen, fuhr er weiter fort:„Aber, führe aauch der brennende Schwefelpfuhl ſelber heraus, der Sturm⸗ wind, der ſich dort in der ſchwarzen Höhle im Weſten in Hinterhalt gelegt hat, bläſt, meine ich, die Flamme aus, wie ich die Lampen im Raum.— Was meint Ihr, mein Lieutenant?“ „Daß Du recht haben kannſt!“ entgegnete Adolph ſo trocken und gleichgültig, als ihm irgend möglich war. Jean merkte, er ſei überflüſſig und kürzte daher ſeinen ungelegenen Beſuch ab. 2 2. — 62— „Es darf doch ſo ein Matroſe nur zehn oder zwanzig Jahre auf der See geweſen ſein,“ ſprach Victor,„ſo wit⸗ tert er das Wetter ordentlich, wie ein Hund den Haſen.— Ich begreife nicht, worin es liegt; aber hundertmal ſah ich ähnliche Wetter aufſteigen, ohne daß ich, noch einer der Leute, das Mindeſte davon befürchtet hätte. Heut, will ich wetten iſt keiner im ganzen Schiff, der die ſchwarze Wolke dort unten nicht für das wahre Höllenthor anſieht, aus dem der Böſe hervorbrauſen wird.“ Er trat nach dieſer etwas derb ſeemänniſchen Rede dem Bruder näher und nahm ſeine Hand.„Ich nannte Dich glücklich, Adolph! Jetzt möchte ich mich glücklich nennen, der ich für kein geliebtes fernes Weſen ſo beſorgt ſein darf, wie Du. Und doch bin ich's faſt, wenn ich denke, daß Du mit mir in gleicher Gefahr ſchwebſt!“—„Ich geſtehe Dir gern,“ entgegnete Adolph,„daß ich ernſtliche und wehmüthige Beſorgniſſe zugleich hege; doch Du wirſt mich handeln ſehen wie immer.“—„Wahrlich, daran zweifle Innigkeit.— Man nahm jetzt die Schiffshöhe und fand ſich etwa zwanzig Lieues von der Küſte von Algier, ziemlich auf dem Meridian dieſer Stadt. Der Capitain, der bis jetzt in der Cajüte mit Schrei⸗ ganz Adolph überlaſſen hatte, kam auf das Deck. Mit Wetter war nur das Vorſpiel.“ Er ließ das Signal geben, welches jeden Seemann un⸗ verzüglich auf den ihm angewieſenen Poſten ruft. Alle * hich nicht!“ rief Victor und drückte des Bruders Hand mit ben beſchäftigt geweſen war und die Führung des Schiffs ſcharf ſpähendem Auge ſah er nach der Windſeite und dann rings den ganzen Horizont umher.„Da wird uns wenig Wahl bleiben,“ murmelte er für ſich,„das geſtrige — 68— war jetzt nur Auge und Ohr; jeder Blick haftete an der Geſtalt des Führers. Er ſtand, wie geſtern, ernſt an den Hauptmaſt gelehnt und warf die prüfenden Blicke rings durch das ganze Schiff, hinauf in das Takelwerk und weit in das Meer hinaus.„Oberſegel eingerefft!“ erſchallte plötzlich der Befehl. Die muntern Matroſen waren raſch wie der Blitz an den Strickleitern in die Höhe und ver⸗ richteten die gefährliche Arbeit, während ſie durch den leich⸗ ten Luftzug, der noch immer einförmig herrſchte, und durch das Schwanken des Fahrzeuges bei der hohen Flut hin und her geſchaukelt wurden. Bald nachdem der Befehl des Capitains vollzogen war, trat eine plötzliche Windſtille ein. Das Meer aber ging hohl und hoch, und überſtürzte ſeine Wellen mit ziſchenden Schaumgipfeln. Von ſeiner gewöhn⸗ lichen grünen Farbe war nichts zu entdecken, ſondern es wogte grau, ja faſt ſchwarz, als der getreue Spiegel des darüber geſpannten Himmels. Es war fürchterlich ſtill; die wenigen Segel, die man noch aufgeſetzt hatte, fielen ſchlaff zuſammen. Jetzt donnerte es dumpf in der Ferne; dann abermals tiefe, ſchreckliche Stille. „Die Segel helfen uns doch nichts mehr,“ ſprach der Capitain zu Victor;„was meinen Sie, laſſen wir ſie alle anſchnüren?“— Victor ſtimmte dafür.„Bricht der Or⸗ kan, mit dem jene Wolken ſchwanger zu ſein ſcheinen, erſt aus ihrem Schooſe hervor, ſo würde uns doch der Verſuch nichts mehr helfen; denn wahrſcheinlich erhebt ſich der Sturm ſo furchtbar, daß, beginnt er erſt zu raſen, keine menſchliche Gewalt mehr ein Segel einreffen könnte. Wir würden die Taue kappen und die Leinwand dem Winde laſſen müſſen.“—„Sie haben völlig recht,“ erwiderte der Capitain. „Alle Segel eingerefft!“ erſcholl es jetzt durch das Sprachrohr.— Es war im Augenblick geſchehen. Nunmehr trat eine Stimmung und Lage des Schiffs⸗ volkes ein, die ſich etwa nur mit der eines Mannes verglei⸗ chen läßt, auf den ein andrer mit dem Feuerrohr im An⸗ ſchlage liegt. Er kann nicht entrinnen, er vermag keinen Widerſtand zu leiſten, und jeden Augenblick iſt er gewär⸗ tig, daß das Verderben krachend gegen ihn hereinbreche. Fällt indeß der Schuß, ſo iſt ſein Schickſal entſchieden; das Geſchoß des Sturmes gegen ein Schiff aber gleicht dem Löwen, der die Beute lange vor ſich her jagt und die To⸗ desangſt des gequälten Geſchöpfes durch die geringe Hoff⸗ nung verlängert, die es bewahrt, dem Verderben zu entfliehen. Es donnerte zum zweiten Male ſtärker, anhaltender. Jener langgedehnte heiſerpfeifende Laut zog jetzt durch die ſchwüle ſchwere Gewitterluft über dem Fahrzeug hin. „Es räuspert ſich ſchon“, meinte Jean, der ſich wieder ſo dicht als möglich au Victor geſtellt hatte.„Da iſt's wahrhaftig ſchon,“ rief er gleich darauf und zeigte nach oben, zwiſchen die Maſtſpitzen hinauf, wo ſich der Wirbel⸗ wind ſchon umhertrieb und in allen Tauen raſſelte. Die Augen der Matroſen waren alle nach oben gerichtet. Das Geſchoß des Sturmes ſauſte dicht über ihren Häuptern hin⸗ weg. Aber bald ſollte es ſie treffen! „Hui, wie der Meiſterhirt ſeine Heerde jagt,“ rief Jean und ſtieß Victor an, indem er auf das Meer zeigte. Wie ein Geier auf die weidenden Lämmer hatte ſich der Sturm mit ſchwarzen Fittigen auf die ſilbernen Schaum⸗ häupter der Wellen geſtürzt und legte ſich mit ſeiner Rie⸗ ſenkraft flach auf die See ſelbſt nieder, daß er ihre hoch⸗ achenden Wogen eine breite Strecke lang mächtig zur ebe⸗ Burſch, Dich hat doch nicht der Blitz getroffen?“ nen Fläche niederdrückte. Aber der Schaum brauſte und ſprützte weit vor ihm her über die ſchwarze Bahn dahin, als göſſe ſich ein zweites ſilbernes Meer pfeilſchnell und ziſchend über das ſtarre eherne aus. Wie die feurige Lava über den Rand des Kraters hinabſtürzt, breit, verheerend, unentrinnbar, ſo drang dieſer, dem aufgeſtöberten Schnee gleichende, glänzende Strom gegen das Schiff heran. Dieſe Erſcheinung war es, welche Jean's ſeltſamer Ausruf bezeichnete. Aber noch früher war der unſichtbare wilde Jäger, der Sturm ſelbſt, genaht, vor dem die ſcheue Heerde flüchtete; gleich als wolle er das Schiff unterlaufen und es wie mit ungeheuern Hebeln nach vorn hinüberſtürzen, wühlte er ſich unter dem Steuer hinein und preßte die Wellen unter den Kiel, daß die Brigg, als liefe ſie friſch vom Stapel, mit dem Bogſpriet voran in das Meer tauchte, und die Flut, in die ſie hineingejagt wurde, hoch über das Deck hinüberſchlug. Der furchtbare Stoß, bei dem das Deck ſo ſteil hinab⸗ geſenkt war, daß man kaum dagegen anlaufen konnte, hatte die Hälfte der Mannſchaft niedergeſtürzt. Und als ſollten alle Schrecken zugleich den Muth der wackern Seeleute er⸗ ſchüttern, ſo ziſchte dem Göheul des dahinſchießenden Sturms ſogleich ein Blitz nach, der das ganze Schiff mit gelber ſchweflicher Lohe umflammte, und aus den geborſtenen Wolken brüllte der Donner mit betäubendem Getöſe die aufgähnende See an. Auch Jean war durch den heftigen Stoß zu Boden geworfen worden. Victor, der ihm nahe ſtand, reichte ihm die Hand zum Aufſtehen und fragte theilnehmend:„Nun, „Bei⸗ m Element!“ rief Jean,„faſt möcht' ich's glauben Der Tenfe muß die Lunte in das Pulbermagagin der * . — 66— Hölle geworfen haben, ſonſt begreife ich nicht, wo der Knall und der Schwefelgeruch herkämen. Daß dich! Aber die Aventure iſt ein wacker Schiff; ſie hat ſich grade auf dem Kiel gehalten, wie eine ſchmucke Jungfer bei'm Tanz.“ „Wir liegen gut vor'm Wind!“ ſprach Victor. „Und brauchen's!“ rief Jean;„denn eben ſetzt der Du⸗ delſackpfeifer zum zweiten Male mit vollen Backen an.“ Wirklich ziſchte ein zweites Schaummeer, mit lang aus⸗ leckender Spitze, gegen die Aventure heran. Diesmal aber ging's umgekehrt. Der Sturm drückte heulend auf das Hintertheil des Schiffes, daß es mit dem Steuer tief im die Flut tauchte, und jagte den ſchäumenden Giſcht von hinten her über das Deck hin. „Streng gehalten, Steuermann!“ rief Capitain Aſſigny. „Ihr habt Euer und unſer Leben in der Fauſt. Gebt Ihr einen halben Punkt nach, ſo liegt das Schiff auf der Seite. Streng gehalten und ſollten Euch die Sehnen reißen!“ Der athletiſche Steuermann hielt das Steuerrad mit eeiſerner, nerviger Fauſt. Ddie Aventure ging grade auf dem Kiel, ſtolz mitten durch die aufſprützende Flut und triumphirte bald hoch auf dem Rücken einer breit aufſchwellenden Woge. Dir ganze Schiffsmannſchaft athmete leicht auf, da die furchtbare Gefahr vorüber war; nicht anders, als wenn. ein feindliches Schiff eine volle Ladung gegen ſie gerichtet 3 hätte und alle Kugeln pfeifend über das Deck hingefah⸗ 5* ren wären, ohne einen einzigen Mann zu treffen. Aber der ſchwarze Wolkenköcher, aus dem die Geſchoſſe des Sturmes hervorbrauſten, war noch nicht geleert. Mit hohlem Gebrüll ſauſte es jetzt über die See und wühlte tiefe Schlünde in die Wellen.— Waren gleich die erſten heftigſten Stöße des Sturmes vorüber, ſo wüthete er nun — 67— deſto unabläſſiger. Er raſſelte in den Tauen und bog die Maſten des Schiffes wie leichtes Rohr. Es wurde aus dem Abgrund auf die jähen Kuppen der Wogen gehoben und von der Höhe wieder in die bodenloſe Tiefe geſtürzt. Dabei brach die Nacht mehr und mehr herein, nur der helle Blitz beleuchtete von Zeit zu Zeit das erhaben furchtbare Schauſpiel. Zehntes Capitel. Capitain Aſſigny ging raſch, aber ernſt auf dem Deck umher, gab hier einen Befehl, ſcherzte dort mit einem Matroſen, um die Leute gutes Muthes zu erhalten, und legte auch bisweilen ſelbſt die geübte, erfahrene Hand an. Nach einiger Zeit trat er zu Adolph, der an ſeinem Theil beſchäftigt war, und winkte auch Victor herbei, wela cher ſo eben aus dem Raum heraufkam, deſſen beſondere Aufſicht ihm, als dem jüngſten Offizier, anvertraut war. „Ich darf es Euch nicht erſt ſagen, Freunde,“ ſprach er würdig,„daß unſere Lage bedenklich iſt. O8) uns die feindlichen Kugeln hinraffen, ob uns die See ver⸗ ſchlingt— gleichviel, wir ſterben für das Vaterland. Möchte auch unſer Schiff ſcheitern, wenn ich nur meinen Auftrag, dem Hauptmann Maſſieu von Clerval auf der Station vor Algier meine Depeſchen einzuhändigen, aus⸗ führen könnte. Allein wie die Dinge jetzt ſtehen, iſt Alles zu fürchten. Leiden wir Schiffbruch, ſo entrinnt doch viel⸗ leicht einer von uns. Ich habe daher die Depeſchen jetzt erbrochen und ſo eben in der Cajüte geleſen; hier ſind ſie, 3 herab. Nach und nach wurden ſelbſt die Stärkſten — 68— eſet auch Ihr ſie, und wer von uns vielleicht gerettet wird, kennt kein dringenderes Geſchäft, als dieſe Nachrich⸗ ten und Befehle an die Behörde zu bringen. Erreichen wir unſer Ziel glücklich, ſo haftet unſre Ehre als Offiziere Frankreichs dafür, daß wir das Geheimniß des Staates bewahren.“ Adolph und Victor gingen nach einander in die Ca⸗ jüte und laſen die Papiere, welche ihnen Herr von Aſſigny eingehändigt hatte. Späterhin wurden dieſelben allen jun⸗ gen Leuten von Bildung auf dem Schiff, den Seekadetten und Zöglingen, bekannt gemacht. Dies war gewiſſermaßen das Teſtament des Schiffs⸗ capitains. Jeder fühlte ſich ernſt dadurch bewegt. Indeß ließ die fortwährende Arbeit auf dem Schiffe, die ſtets nothwendige Aufmerkſamkeit, den Gemüthern keine Zeit, ihre Gedanken uind Beſorgniſſe zu pflegen und aus⸗ zubilden. Die Aventure kämpfte heldenmüthig gegen die über⸗ mmacht von Sturm und Wellen. Doch wie ein lang an⸗ haltendes Feuer auch die tapferſten Reihen lichtet, ſo fingen nach und nach auch die ſtarken Planken und Bohlen des 8 Schiffes an, den fortgeſetzten, wild anſtürmenden Stößen der Flut zu weichen. Indeß ermüdete die Sorgfalt nicht. Victor ſpähte un⸗ abläſſig im Raum umher. Sowie ein Leck ſichtbar wurde, war auch im Augenblick der Schiffszimmermann mit Bret⸗ tern, Keilen, Theer und Werg zum Stopfen bei der Hand, und eben ſo ſchnell wurden die Pumpen thätig, um das Waſſer auszuſchöpfen. Tiefe Nacht lag auf der See. Der Regen raſfit — 609— Kühnſten entkräftet und muthlos. Man hatte die Höhe genommen, ſo lange es möglich war; ſeit mehren Stunden aber bot ſich auch kein Sternchen, kein leiſes Zeichen mehr dar, nach dem man ſich hätte richten können. Der Menſch mußte ſich von der Kraft der Elemente beſiegt erkennen und erwartete Hülfe und Rettung nur noch von der Gnade Gottes. Dennoch ſtrengte man die letzten Kräfte an, um dem Unheil zu widerſtehen. Eine Zeit lang hatte es nicht geblitzt; jetzt aber erhell⸗ ten die elektriſchen Flammen von Zeit zu Zeit wieder den Horizont und verſtatteten dem Auge einen Blick aus der grauenden Nacht in die unendliche Waſſerwüſte hinein. Da rief Adolph, der bei jedem Blitz ſcharf umherblickte, plötzlich:„Ein Schiff, Capitain, ſo wahr ich lebe, ein Schiff!“—„Wo, wo?“ fragte hoch aufhorchend der Capi⸗ tain.—„Dort hinüber in Oſt⸗Nord⸗Oſt; ſo wie der Blitz wieder leuchtet, müſſen Sie es unter jener ſchweflich⸗ ten Wolke ſehen.“ Unverwandten Auges ſchaute die ganze Schiffsmann⸗ ſchaft nach der Gegend hin. Jetzt flammte der Blitz leuch⸗ tend auf. Da ſah man in mäßiger Entfernung ein Fahr⸗ zeug, das ebenfalls ohne alle Segel vor dem Winde trieb, aber bedeutend auf die Seite gelegt war. Das ſchwarze Bild deſſelben ſetzte ſich ſcharf gegen ammenden Hin⸗ tergrund ab, war aber eben ſo raſch wieder verſchwunden. So wenig jenes Fahrzeug die geringſte Hülfe gewähren konnte, da es ſich in gleicher, ja wahrſcheinlich noch drin⸗ genderer Noth befand, ſo frohlockte doch Alles laut darüber. Schon die Nähe menſchlicher Weſen, die Gemeinſamkeit der Gefahr erfreut in ſolchen Augenblicken.—„Sie werden un noch nicht geſehen haben!“ rief Capitain Aſſi igny. 4 4 „Lieutenant Victor! Laſſen Sie an der Backbordſeite ſo⸗ gleich einen Signalſchuß thun!“ Zwei Minuten darauf donnerte der Kanonenſchuß durch das Brauſen des Sturmes und der Wogen über das Meer dahin.* Nun horchte Alles auf, ob die Antwort erfolgen würde. Da ertönte nach einigen Minuten plötzlich aus ganz ande⸗ rer Richtung hinterwärts von der Aventure ein Kanonen⸗ ſchuß; gleich darauf aber auch einer aus der Gegend, wo man das Fahrzeug erblickt hatte. Beide ſchienen aus ziem⸗ lich gleicher Ferne zu kommen. „So ſind uns zwei Schiffe nahe!“ rief der Capitain; „eines, das wir geſehen, das andere, das wir gehört haben.“ Er ließ hierauf noch drei Schüſſe thun, um anzudeu⸗ ten, daß er in Noth ſei; von beiden Schiffen erfolgte die⸗ ſelbe Antwort. Bei einem wiederholten hellen Blitz ſah man nun auch das zweite Fahrzeug, welches hinter der Aventure her vom Sturm herangetrieben wurde. Dieſes Ereigniß hatte dem Schiffsvolk neue Hoffnungen gegeben und belebte auch ſeine Kräfte, Es arbeitete mit unermüdlicher Anſtrengung. Man ſuchte ſo zu manoeuvri⸗ ren, daß man beiden Fahrzeugen näher kam; Adolph und der Capitain behielt ſie fortwährend im Auge, doch war bei dem ungewiſſen Leuchten des Blitzes zu wenig zu er⸗ kennen. 8 4 Da wurde plötzlich die geſpannte Aufmerkſamkeit Aller gewaltſam auf etwas Anderes geleitet. Denn mit furchtba⸗ rem Schreckenston rief der Matroſe, der vorn zunächſt a Bogſpriet ſtand, um die See dicht vor dem Fahrzeug ſor fältig zu beobachten, plötzlich aus;„Die Brandung! Die Brandung! Ein Riff dicht vor uns, wir ſind verloren!“ 8 —— — ———-—— 71— Und kaum waren dieſe Worte des Schreckens durch das Schiff erklungen, als ſchon ein krachender Stoß das ganze Gebäude erſchütterte und im ſelben Augenblick das Schiff ſo feſt ſtand, als ſei es in den Boden gewurzelt. Alle Rippen und Planken krachten, die Mannſchaft wurde gewaltſam zu Boden geſchleudert; es war, als ob die Erde in ihrer Bahn durch eine Rieſenkraft plötzlich feſtgehalten würde und in ihren Grundfeſten zuſammenbebte. Gleich darauf ſtürzte Victor mit allen ſeinen Leuten aus dem Raum hervor und rief:„Hier iſt keine Hülfe mehr, Capitain; die Flut dringt von allen Seiten ſo in das Schiff, daß wir kaum das Leben retten konnten!“— Starre Verzweiflung und banges Entſetzen hemmten Je⸗ dem die Sprache. Victor trat auf Adolph zu und er⸗ griff deſſen Hand.„Leontine!“ ſprach dieſer leiſe— dann hielten ſie ſich ſtumm, mit andauerndem Händedruck. Einen Augenblick hatte ſelbſt Capitain Aſſigny die Faſſung verloren; doch ſchnell gewannen Muth und Um⸗ ſicht wieder die Oberhand. Da das Schiff ſchon ſtark auf der Steuerbordſeite lag und die Maſten ſich beugten und zu brechen drohten, ließ er ſofort den großen Maſt kappen, in der Erwartung, daß er ins Meer ſtürzen werde. Er brach nach wenigen Arthieben um und zerriß, mit ſauſen⸗ der Wucht niederſtürzend, alle Seile, die man nicht ſo eilig hatte kappen können. Allein ſtatt ins Meer zu fallen, blieb er liegen, ein Beweis, daß ſeine Spitze auf feſten Grund gekommen war, woraus Capitain Aſſigny ſchloß, daß das Riff eine anſehnliche Breite haben müſſe. Indeß umlagerte ſo dichte Nacht das Fahrzeug, daß man durchaus nichts ſehen konnte; auch hatte es aufge⸗ hört zu blitzen. Die Wogen ſtürmten wild dagegen an, ſprützten und ſchäumten über das Deck. — 22— „Wir müſſen noch einmal Nothſchüſſe thun!“ rief der Capitain, und ſogleich ließ Victor dreimal feuern. Da ertönte die Antwort, wie man am Blitz ſah und am raſch darauf folgenden ſtarken Knall hörte, ganz nahe aus dem Schiff, welches der Aventure folgte. Das andere Schiff, welches man zuerſt geſehen, gab keine Antwort; vermuthlich war es ſchon verſunken. Allein das nachſegelnde Fahrzeug kam in wenigen Minuten ſo nahe heran, daß man es mit dem Sprachrohr hätte anrufen können, wenn der Sturm nicht ſo furchtbar getoſet hätte. „Die werden auch aufrennen,“ rief Jean,„wenn ſie ſo forthalten!“ Der Verſuch wurde gemacht, jenen die Gefahr bemerk⸗ lich zu machen. Vergeblich, die Worte verhallten im Ge⸗ heul des Windes. „ Alle Teufel!“ rief Jean jetzt;„mein Lieutenant, die ſegeln uns in Grund und Boden, was freilich nich mehr viel ſagen will. Aber noch einmal hätte ich doch gern das Tageslicht geſehen!“ Wirklich kam der dunkle Schiffskoloß, wie es ſchien, grade auf die Aventure los, und ſchon glaubte Jeder den Untergang beider Fahrzeuge vor Augen zu ſehen, als das antreibende Schiff ein raſches Manoeuvre machte und, woahrſcheinlich hatte es erſt jetzt ſeine Gefahr bemerkt, an der Steuerbordſeite der Aventure vorbeizukommen ſuchte. „Die laufen dem Teufel ins Garn ſo gut wie wir,“ rief Jean,„und leiſten uns Geſellſchaft auf dem Riff. Vielleicht können wir noch einander: guten Morgen! ſagen.“ Und kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als auch ſchon ein durchdringender Schrei des Schreckens in dem fremden Schiff ertönte und daſſelbe gleich der Aventure* auf dem Felſenriff ſtrandete. Mit bangem Schrecken hatten — die Matroſen dies geſehen; denn ſo hülflos ihre eigene Lage war, ſo hatten ſie doch noch nicht die Empfindung für den fremden Unglücksfall verloren. Alle Verſuche, die Aventure flott zu machen, ſprangen ſo klar als völlig vergeblich in die Augen, daß Capitain Aſſigny die todesmatten Leute durch nichts mehr quälen wollte. Es geſchah nur das Nothwendige, um das Wrack wo möglich bis zum andern Morgen zu erhalten und dann vielleicht durch die Boote Rettung zu ſuchen. Blieb aber die See ſo ſtürmiſch, ſo war auch dies eine durchaus leere Hoffnung. So erwartete man denn den Anbruch des Tages und zählte die Minuten der furchtbaren Nacht. Victor und Adolph ſetzten ſich zuſammen auf das Deck an einer Stelle, wo die überſpülende Flut ſie nicht ſo hef⸗ tig füſſen konnte. Sie ſaßen Arm in Arm. Beide waren zu erfahrene Seeleute, als daß ſie ſich mit Hoffnungen hätten ſchmeicheln ſollen. Ihr Troſt war der aller edeln Seelen, daß es etwas Höheres gibt, als dieſes Leben, und daß das Unvermeidliche ſtets mit Würde und Faſſung getra⸗ gen werden müſſe. Aber dennoch wurde Adolph's Herz mit tiefem, innigem Schmerz erfüllt und Victor theilte dieſes Gefühl wehmüthiger Trauer mit dem geliebten Bruder.— So vergingen ihnen die noch übrigen Stunden der Nacht. Als die erſte Dämmerung in Nordoſt zu grauen be⸗ gann, trat der Capitain zu den Brüdern und ſprach:„Nun, meine Unglücksgenoſſen! Was haltet Ihr von jenem Schiffe? Sollte es nicht dem unſrigen an Größe gleich ſein?“—„Ich würde es allerdings für ebenſo groß hal⸗ ten, wiewol die Unterſcheidung einzelner Theile noch nicht möglich iſt,“ erwiderte Victor. Dabei ſtand er auf und ſah erſt ſcharf nach dem Schiffe hin, dann nach der Land⸗ Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. I. 4 — 2— ſeite herum. Er wurde mit jedem Blick aufmerkſamer; in ſeinen Zügen müßte eine ungeheure Spannung ſichtbar ge⸗ worden ſein, wenn das Dunkel erlaubt hätte, ſie zu unter⸗ ſcheiden. Plötlich aber rief er aus:„Ja, ich täuſche mich nicht! Wir ſind dicht am Strande. Jene ſchwarzen Linien am Horizont ſind nicht Wolken, für die ich ſie hielt, ſon⸗ dern es ſind Hügel oder Berge. Ich habe ſie ſcharf beo⸗ bachtet; es ändert ſich nicht das Mindeſte in ihrer Form.“ Auf dieſes Wort, das gleich einem Strahl des Lichts die Hoffnung neu belebte, ſprang auch Adolph auf und viele der Schiffsmannſchaft, die es gehört hatten, mit ihm. Alle ſpähten nach der Küſte hinaus. „Es iſt Land, wahrhaftig Land,“ rief Capitain Aſſigny, „und zwar dicht vor uns.“ Adolph trat an den äußerſten Nand des Schiffes und ſah in die Brandung.„Wenn mich nicht Alles täuſcht,“ rief er,„ſo liegt das Schiff auf keinem Riff, ſondern hart an der Küſte; es ſind lauter Strandwellen, die ſich hier uͤber das Ufer wälzen. Mir däucht, die Spitze unſers gro⸗ ßen Maſtes berührt das Land.“ „Ja, ſo iſt's, bei der heiligen Genoveva, die meiner Mutter Schutzpatronin war,“ rief Jean lebhaft;„wir ſind gerettet!“ Freudig wurde dieſer Ruf von der ganzen Mannſchaft wiederholt, und eilig ſtürzte Jeder nun in den Raum, ſo weit die Flut es zuließ, um an Waffen, Kleidern, Lebens⸗ mitteln und Pulver zu retten und zu bergen, was nur irgend möglich ſei. Indeß kam die Dämmerung immer heller und heller i im Oſten herauf. Schon ſeit längerer Zeit hatte Niemand Schiff Muße gehabt, ſich um das Schickſal des zweiten Fahrzeuges zu bekümmern. Jetzt warf Adolph ſeine Blicke 9 k — 75— wieder darauf hin. Der Tag hatte ſeitdem ſo zugenommen, daß man ſchon Farben zu unterſcheiden anfing. Daher lag das Schiff ganz deutlich vor ſeinen Blicken. Er betrachtete es mit heftiger Bewegung und rief endlich aus:„Es ſind Landsleute, die mit uns verunglückt ſind!“— Die Ma⸗ troſen umringten ihn, der Capitain trat hinzu. Alle wa⸗ ren ſeiner Meinung. Da jetzt der Sturm ſich etwas gelegt hatte, wiewol die See noch immer ſehr hohl ging und furchtbar brandete, ſo wurde das geſtrandete Fahrzeug nochmals mit dem Sprachrohr angerufen. Auf die Frage:„Wes Lands und Namens,“ ſchallte deutlich die Antwort zurück:„Franzo⸗ ſen! Brigg Silen! Capitain Brüat!“ In horchender Stille hatte die Schiffsmannſchaft ge⸗ wartet, bis die Antwort vollendet war. Jetzt aber brach ſie in ein lautes, jubelndes Freudengeſchrei aus, das kaum die Erwiderung auf jene Antwort geſtattete. Sobald aber der Name des Volks, des Schiffs und des Capitains auch dem Silen hinübergerufen war, erhob ſich auch dort ein Freudengeſchrei und beide Mannſchaften begrüͤßten einander mit tobendem Jubel. So erquickt die Nähe der Landsleute in ernſter Stunde der Gefahr und ſo leicht vergißt das muntere, kräftige Volk der Matroſen die ſchreckenvollſte Lage, ſobald nur ein dämmernder Strahl der Hoffnung tagt. Und eben rötheten ſich im Oſten die erſten Wölkchen. Victor und Adolph blickten einander ernſt und bewegt an und ſanken ſich ſtumm in die Arme. — 76— Elktes Capitel. Capitain Aſſigny beſchloß jetzt, ſeine Mannſchaft und Alles, was an Vorräthen noch brauchbar war, ans Ufer zu ſchaffen. Ohne Hülfe von der Landſeite war dies Unter⸗ nehmen weder ganz leicht, noch gefahrlos. Indeß gewährte der gekappte Maſt einen weſentlichen Vortheil. Wie Adolph ſchon in der Nacht ganz richtig vermuthet hatte, lag die Spitze deſſelben auf dem Uferrande und hatte ſich ſo tief in den Sand gebohrt, daß die Wellen ſie nicht bewegten. So wurde der Maſt zu einer Art von Brücke nach dem Ufer hinüber. Mehre gewandte Matroſen ſchlangen ſich Seile um den Leib und gleiteten dann mit denſelben an dem glatten Baum hinab durch die Brandung. Als ſie feſten Fuß gefaßt hatten, befeſtigten ſie die Seile am Ufer, während ihre Kameraden ſie in dem Schiff anbanden. Durch dieſes Mittel wurde die Mannſchaft raſch in Sicher⸗ heit gebracht und es konnten auch einige Vorräthe, Waffen und Kleidungsſtücke ans Ufer geſchafft werden. Das verlaſſene Wrack blieb dem Ungeſtüme der Wellen zum Spiel, die eine Planke nach der andern losriſſen. Auch die Mannſchaft des Silen hatte, obgleich unter ſchwierigern Umſtänden, die Ausſchiffung bald glücklich zu Sctande gebracht. Ein einziger Matroſe war durch die zu gewaltſame Brandung fortgeriſſen worden und hatte den Tod in der Flut gefunden. Wie umarmten ſich Freunde und Landsleute in tiefer heiliger Rührung, als ſie ſich nunmehr aus s der dringendſte Gefahr gerettet am Ufer ſahen! -— —— Aber die Zeit der Mühſeligkeiten war noch nicht vorbei. Sie ſollte vielmehr erſt beginnen. Die erſte Frage, die man aufzuwerfen hatte, war die, wo man eigentlich ſei? An der Küſte Afrikas, das war keinem Zweifel unterworfen, aber auf welchem Punkte, wie nahe oder wie ferne von der Hülfe? das mußte erſt ent⸗ ſchieden werden. Mittelſt der genommenen Höhe und der übrigen Kenntniß von der Küſte gewann man die Ueber⸗ zeugung, daß man ſich nahe an dem Cap Begu oder Bin⸗ gut, öſtlich von Algier gelegen, befinde. Die zweite Frage, was man nun beginnen werde? war freilich ſchwieriger zu beantworten. Die Offiziere beider Briggs, zuſammen acht an der Zahl, verſammelten ſich zum Kriegsrath. Capitain Aſſigny, als der Aelteſte, führte das Wort zuerſt.„Ich ſehe,“ ſprach er,„nur zwei Wege, dem völligen Verderben zu entrinnen. Entweder wir harren hier bei den Wracks aus, bis man uns von der Flotte, welche, da ſie hier an der Küſte kreuzt, bald von unſerm Schickſal unterrichtet ſein wird, Hülfe ſendet; oder wir verſuchen es, bis Algier, das etwa zehn Lieues von hier entfernt iſt, vorzudringen und überliefern uns dort dem Dey als Kriegsgefangene. Was ſcheint nun das Vernünftigere und Ehrenvollere? Wodurch ſichern wir das Schickſal der uns anvertrauten Leute am beſten? Denn daß es hier nicht darauf ankommt, Aben⸗ teuer zu beſtehen, wie Don Quixote, daran brauche ich wol kaum zu erinnern.“ Capitain Brüat nahm jetzt das Wort:„Ich ſehe ein, daß dies die beiden einzigen Auswege ſind. Was die Vertheidi⸗ gung hier an dem Schiffe anlangt, ſo ſcheint ſie mir faſt un⸗ möglich. Wir ſind in Allem hundert und ſechzig Mann, alle bis aufs Außerſte entkräftet. Unſer Pulver iſt naß; ja nicht — 18ñ— einmal Alle ſind wir bewaffnet. Ueberdies haben wir Kranke bei uns. Dieſe Gegend aber iſt von den wildeſten Beduinen bewohnt, die, zumal jetzt, in bewaffneten Horden die Küſte ſchwärmend durchſtreifen. Wie wollten wir nur einen einzigen Ueberfall aushalten, wir, die wir nicht ſchie⸗ ßen können, keine Verſchanzung, keinen Punkt des Rück⸗ zugs haben?— Hülfe von der Flotte iſt heut faſt unmög⸗ lich, da die See noch immer Sturmwellen ſchlägt. Mor⸗ gen iſt ſie äußerſt ungewiß. Und würde ſelbſt dieſe uns retten können, wenn die Beduinen uns ſchon entdeckt hät⸗ ten und in zahlreichen Schwärmen herankämen? Wir werden den freilich bittern, aber nothwendigen Entſchluß faſſen müſſen, die Feſſeln der Barbaren zu tragen.“ Alle ſahen ſich ernſt an. In dem männlichen Auge ſtanden Thränen des trauernden Unwillens. Aber Alle fühlten es auch, daß der herben Nothwendigkeit nicht zu entrinnen ſei. „Wir entſcheiden uns alſo für den zweiten meiner Vor⸗ ſchläge?“ fragte Capitain Aſſigny. Ein leiſes, mit geſenktem Haupte ausgeſprochenes, ein⸗ ſtimmiges„Ja“ war die Antwort. „Nun denn, Freunde,“ rief der Capitain,„ſo laßt uns Muth faſſen; wir müſſen uns ermannen, getroſt, ja fröhlich erſcheinen, um unſere Leute aufzurichten. Nuft ſie denn zuſammen!“ Es geſchah. Die Mannſchaft ſchloß einen Kreis. Aſſigny machte ihnen den Beſchluß des Kriegsraths bekannt und ſprach ihnen Muth ein.„Bedenkt, Freunde,“ ſagte er, I nicht lange werden wir das Joch der Barbaren tragen, denn ſchon liegt unſre Flotte zur Abfahrt bereit in Toulon, ja viel⸗ 4 leicht, indem ich von ihr ſpreche, theilt ſie ſchon das Meer mit ſtolzen Segeln. Bald bringt ſie uns Rettung. Und ſo E — — 1 —.,— — lange laßt uns gemeinſchaftlich als getreue Kameraden er⸗ tragen, was nicht zu ändern iſt. Und nun, mit Gott vor⸗ wärts!“— Der Zug ſetzte ſich in Bewegung. Es dämmerte noch, obwol man ſchon weithin ſehen konnte. Der Himmel war grau bezogen; doch um dieſe traurige Vorbedeutung für die Lage der Geſcheiterten ein wenig zu mildern, zeigte ſich im Oſten ein Flecken des lichten Blaues und die nahende Sonne röthete das tief ſchwebende Gewölk mit purpurnen Strahlen. Eben war man am Fuß einer kleinen Anhöhe ange⸗ langt, als Jean, der mit möglichſt fröhlichem Geſicht, aber doch mit traurigem, ahnungvollem Herzen neben Victor und Adolph hinging, dieſen anſtieß und, indem er nach der Höhe hinauf zeigte, ihn fragte:„Sehen Sie dort, mein Lieutenant? Das ſieht beinahe aus wie eine Gemſſenſchild⸗ wacht. Aber ich fürchte, ſie wird der Heerde nicht zur Flucht pfeifen!“ 3 In der That ſtand auf dem Hügel ein Mann, den man an dem langen, weißen, vom Haupt herabflatternden Mantel ſogleich für einen Mauren erkennen mußte, obgleich er wol noch ſechshundert Schritt entfernt ſein mochte. Er ſchien umherzuſpähen; plötzlich wandte er ſich um und verſchwand hinter dem Hügel.— Wenige Minuten ſpäter guckte hier und dort ein Kopf über den Rand der ſandigen, wellenförmigen Anhöhe her⸗ vor und bald war ſie ganz mit Arabern gekrönt, die den wandernden Geſtrandeten entgegenzukommen ſchienen. In kurzem ſah man, daß, falls ſie einen Angriff machten, an Widerſtand gar nicht zu denken ſei, da ſie mit langen Flinten bewaffnet und die wenigſtens zehnfache Mehr⸗ zahl waren.. — o— „Dieſe Leute ſind geldgierig. Wenn man ihnen ein Löſegeld verſpräche,“ meinte Capitain Brüat,„ſo würden ſie uns vielleicht ſelbſt nach Algier geleiten. Aber wie ſoll man ſich ihnen verſtändlich machen?“ Da trat ein junger, ſchlanker, gewandter Matroſe von keckem Anſehen hervor und ſprach:„Herr, ich bin aus Malta gebürtig; dort lan⸗ den die Mauren oft; ich bin Jahre lang mit ihnen geſchifft und kenne ihre Sprache. Wenn Ihr mir nur Vollmacht geben wollt, mit ihnen zu unterhandeln, ſo hoffe ich wol, uns zu retten. Aber Ihr müßt genau befolgen, was ich ſage.“ Die Führer ſahen ſich an und laſen ihre Zuſtimmung einander aus den Augen. „Gut, mein Sohn,“ ſprach Capitain Aſſigny;„willſt Du denn den Dolmetſch machen, ſo gehe ihnen entgegen. Aber ſei vorſichtig und bedenke, daß von Deinen Worten das Schickſal aller Deiner Kameraden abhängt.“ „Sorgt nicht, Capitain,“ rief keck der Malteſer;„ich denke uns ſchon gut durchzubringen, denn ich kenne dieſes freilich tückiſche und boshafte Volk.“ Dabei zog er ſein Tuch hervor, wand es als Zei⸗ chen des Friedens um den linken Arm und ging ihnen mit raſchen Schritten und leichtem Anſtande entgegen. Die Uebrigen machten Halt und harrten des Erfolges ſeiner Sendung. Als der Dolmetſch den Mauren, von denen viele zu Pferde waren, näher gekommen war, verneigte er ſich mit gekreuzten Armen, hob ſeine rechte Hand empor und deu⸗ tete gen Himmel, zum Zeichen, daß er ein Bote des Frie⸗ dens ſein wolle. Drei mürriſche Graubärte mit verwilder⸗ ten Zügen, die von den Roſſen abgeſeſſen waren, traten ihm näher. Der Malteſer rief ihnen im arabiſch⸗ mauri⸗ — 81— ſchen Dialekt zu:„Ich bin friedlich geſinnt; ich flehe für mich und meine Freunde die großmüthigen Mauren, die Söhne des Propheten, um Schutz an. Wir ſind ge⸗ ſtrandet.“ „Wes Volks biſt Du, Frank? herrſchte der Maure ihn rauh an. „Wir alle ſind Engländer,“ erwiderte der Malteſer dreiſt;„dort ſieh die Trümmer unſerer geſtrandeten Schiffe, auf denen wir Euch, den Gläubigen, Waffen bringen woll⸗ ten, um die fränkiſchen Feinde zu vertreiben.“ Der argwöhniſche Maure maß den gewandten Malteſer mit ſcharf prüfenden Blicken. Plötzlich riß er ſeinen Dolch aus dem Gürtel, ſprang auf den demüthig Daſtehenden zu, packte ihn mit der Linken kräftig im Genick und ſetzte ihm mit den Worten den Stahl auf die Bruſt:„Du lügſt! Schnöder Frank! Bekenne, Du biſt nicht von der In⸗ ſel!“—„Ein ächter Britte, wie Du ein Gläubiger!“ ent⸗ gegnete unerſchrocken der Malteſer, während der Maure ihn ſpähend mit Adleraugen anblickte, um aus ſeiner Angſt zu erforſchen, ob er die Wahrheit ſage oder lüge. Der wackere Dolmetſch ſah ihm aber kalt, ja faſt gleich⸗ gültig ins Geſicht. „Zitterſt Du nicht, Chriſt?“ „Nein! Denn ich weiß gewiß, Du wirſt mich nicht tödten. Für mein abgeſchnittenes Haupt zahlt Dir Nie⸗ mand Gold, ja vielleicht ſtraft Dich der Dei, Dein Ge⸗ bieter. Führſt Du mich und meine Freunde aber nach der großen Stadt, ſo, deß ſei gewiß, zahlt unſer König Dir viele Piaſter für den Kopf.“ Der Maure winkte ſeinen beiden Begleitern. Dieſe zogen ihre Säbel und ſchwenkten ſie über dem Haupt des Malteſers. „Bekenne, Chriſt! Du täuſcheſt die Söhne des Propheten.“ 4**⁸§ — 2— Der Malteſer lachte laut auf und wiederholte, was er geſagt hatte. „Du biſt unerſchrocken; wir glauben Dir. Haſt Du uns aber dennoch betrogen, ſo reißen wir Dir die heu⸗„ chelnde Zunge aus und füllen Dir den Lügenmund mit glühendem Blei.— Geh jetzt und ſage Deinen Gefährten, die großmüthigen Söhne des Propheten wollten ihnen Schutz angedeihen laſſen.“. ⸗ Zwölktes Capitel. Schnell ſprang der Malteſer zu den Seinigen zurück, berichtete ihnen in kurzen Worten den Gang ſeines Auf⸗ trags und beſchwor ſie, ihm in keiner Sylbe zu widerſpre⸗ 3 chen, da die Entdeckung, daß ſie Franzoſen ſeien, ſogleich ihrem Leben ein Ende machen würde. Capitain Aſſigny dankte dem kecken Burſchen durch Handſchlag und Wort; den Leuten ſchärfte er ein, ſich ja nicht ſelbſt zu verrathen, und beſonders nicht viel zu ſprechen, da hie und da ſelbſt 82 der ungeübte, unwiſſende Araber doch wol Franzöſiſch und Engliſch unterſcheiden möchte. Wer jedoch der letztern Sprache kundig ſei, ſolle ſich derſelben ſo viel als möglich bedienen. Vorſichtig näherte man ſich jetzt den Arabern, die ſo⸗ gleich die Waffen forderten.— Sie wurden gegeben. Die Wehrloſen folgten nun dem Geheiß ihrer übermüthigen ł — 83— Feinde. Dieſe führten ſie, unter dem Vorwande, daß der Weg durch die Berge nach Algier der nähere ſei, in die engen Schluchten des Gebirgs hinein. Nach einer Wande⸗ rung von einer Stunde machte man bei einigen elenden Hütten Halt, wo ſich ein zweiter Trupp Mauren gelagert hatte, unter denen ſich auch Weiber befanden, die theils vor den Hütten ſaßen, theils an Feuern, die man auf dem Boden angezündet hatte, das Geſchäft des Kochens beſorg⸗ ten. Es waren auch mehre große Zelte aufgeſchlagen, vor denen Männer und Frauen mit gekreuzten Füßen ſaßen; die Roſſe weideten frei umher, in einiger Ferne erblickte man mehre Kameele unter Palmen und Lorberbäumen. Als die Gelagerten der Ankömmlinge anſichtig wurden, ſprangen ſie auf, liefen neugierig herbei und umringten in dichten Scharen die müden, um ihr Leben noch immer beſorgten Gefangenen. Sie betrachteten ſie mehr mit habgierigen als blutdürſtigen Blicken und ſchienen den Augenblick, wo ſie die Plünderung beginnen ſollten, kaum erwarten zu können. Die Häupter beider Trupps beſprachen ſich indeſſen heimlich mit einander darüber, was man mit den Kriegsgefangenen beginnen ſolle. Jean hielt ſich ſo dicht an ſeine beiden Herren, als immer möglich, und konnte keinen Augenblick vorüber gehen laſſen, ohne zu ſchwatzen.„Parbleu, mein Lieutenant,“ ſagte er leiſe,„wir ſtehen hier wie ein Trupp Galeerenſklaven auf dem Hofe der Conciergerie in Paris. Aber diesmal ſind die Angaffer die Spitzbuben. Seht nur, ich bitte Euch, jeder dieſer lumpigen Schufte hat ein Paar Augen, die wie Diebslaternen ausſehen. Ich glaube, ſie ſtehlen uns das Haar vom Kopfe, wenn nicht gar den Kopf von den Schultern.“—„Schweig doch ſtill, Jean,“ antwortete Victor engliſch, weil er wußte, daß der Burſch, der wie faſt alle Matroſen mancher Sprache kundig war, — 84— ihn verſtand,„oder ſprich engliſch.“—„Ihr habt recht, mein Lieutenant,“ antwortete er engliſch,„man ſollte wahrhaftig mit mir ächt engliſch reden oder umgehen, das heißt mich aufhängen für das verwünſchte Schwatzen, das ich nicht laſſen kann, Goddam!“ „Aber ſeht doch, Herr,“ rief er nach einiger Zeit leiſe, „ſeht dort hin; das iſt wahrlich das erſte vernünftige Ge⸗ ſicht, welches ich hier außer uns entdecke.“ Bei dieſen Worten deutete er auf eine in geringer Entfernung ſtehende mauriſche Familie, wo zwiſchen einem Mann, ſchon in be⸗ deutenden Jahren, dem ein langer Bart auf den Gürtel herabhing, und einer Frau, die nah an vierzig zählen mochte, ſich aber durch Reinlichkeit und eine mehr euro⸗ päiſche Bildung der Züge ſehr vortheilhaft vor den übrigen Maurinnen auszeichnete, ein junges Mädchen ſtand, dem der Morgenwind von Zeit zu Zeit den um das ſchwarze, lockig herabwallende Haar befeſtigten Schleier lüftete, worauf man ein ungemein liebliches und unſchuldiges Geſicht wahr⸗ nahm. Sie ſchien, auch dem Anſehen der Mutter nach, eine von dem Stamme der Couloglis zu ſein, das heißt von einem türkiſchen Vater und einer mauriſchen Mutter, oder war ſchon von Kindern aus einer Ehe dieſer Art ent⸗ ſproſſen. Dieſe vereinigen den Adel türkiſcher Geſichtsbil⸗ dung mit dem geiſtvollen Ausdruck der Züge und Augen des Arabers, ohne deſſen allzugebräunte Geſichtsfarbe zu haben. Sie ſind in dieſer Beziehung kaum verſchieden von den Calabreſen oder andern ſüdlichen Bewohnern Euro⸗ pas.— Auf dieſe junge Coulogli machte Jean aufmerk⸗ ſam. Victor ſah hinüber und wurde von dem ſanften Adel und der Schönheit des Mädchens wunderbar getroffen. Er ſtieß den Bruder anz auch dieſer blickte hin und ſein Auge haftete wie gefeſſelt an der lieblichen Geſtalt, indem es ſich zugleich mit Thränen füllte. Victor ſah ihn an. „Ich verſtehe Dich wohl,“ ſprach er leiſe,„wie lebhaft und tief muß ſie Dich an Deine Braut mahnen, da ſie ſchon mich daran erinnert.“ Adolph erwiderte ebenſo:„Die Ähn⸗ lichkeit der Züge, die zu finden ich glaube, iſt gewiß eine Täuſchung; nur das Ueberraſchende, hier in dieſer Wildniß, unter dieſer Horde, die jugendlich ſchöne Geſtalt eines auf⸗ blühenden Mädchens zu erblicken, muß mich freilich tief er⸗ greifen und unwiderſtehlich an die holde Roſe erinnern, die jetzt ſo einſam und fern von mir blüht— vielleicht, er⸗ fährt ſie unſer Schickſal, dem ich noch wenig Hoffnung abgewinne, erbleichend dahinſinkt!“ „Armer Bruder,“ ſprach er ſanft;„aber Du täuſcheſt Dich nicht, denn gleich auf den erſten Blick entdeckte ich eine Ahnlichkeit.—— Armer Bruder,“ wiederholte er lauter, auf engliſch, da er bemerkte, daß jene mauriſche Familie aufmerkſam auf ihr Geſpräch zu werden anfing. In der That trat die ältere der beiden Frauen mit einer gewiſſen Schüchternheit näher, faßte Victor ins Auge und redete ihn, wie es ſchien, auf's tiefſte bewegt, aber mit leiſer Stimme, engliſch an, indem ſie mit geläufigem Accent fragte:„Seid Ihr wirklich Engländer? Ihr ſeht nicht ſo aus.“ Victor ſchreckte bei dieſer Anrede zuſammen; er ſah, daß ſein und aller ſeiner Gefährten Leben auf der Spitze einer Nadel ſchwebte. Einer ſeiner raſchen durch⸗ dringenden Blicke ließ ihn jedoch augenblicklich in den Zü⸗ gen der Maurin die europäiſche Abkunft erkennen. Es galt kein Beſinnen; in dem theilnehmenden Antlitz der Fragenden lag Etwas, was ihm eine edle Seele zu verkün⸗ den ſchien; überdies mußte durch die Sprachunkunde der Mei⸗ ſten, wenn dieſe Frau es wollte, das Geheimniß doch in der nächſten Sekunde verrathen ſein. Er erwiderte daher — 986— raſch:„Nein, aber wir ſind Unglückliche! Verräthſt Du unſer Geheimniß, ſo ſind wir Alle verloren.“ Das Weib ſchien beſtürzt, dennoch bewegt; ſie antwortete eben ſo ſchnell und leiſe, als ſie gefragt hatte:„Von mir habt Ihr nichts zu befürchten, aber die Gefahr iſt groß.“ Sie trat hierauf zurück, ohne ein Auge von Victor zu wenden. Die Tochter ſchien einen gleichen Antheil an den Gefange⸗ nen zu nehmen und fragte die Mutter Etwas, das man aber nicht verſtehen konnte; dieſe antwortete ſchnell, worauf die Züge des Mädchens von ungewöhnlicher Freude zu tiefem Ausdruck der Trauer und des Bedauerns übergingen. Der Reiz ihres Angeſichts war dabei unbeſchreiblich; denn wie bei allen im freien Stande der Natur lebenden Men⸗ ſchen redeten ihre Geſichtszüge eine viel lebhaftere und deutlichere Sprache, als in dem gebildeten Europa, wo Je⸗ der ſeine Mienen beherrſcht. Indeß ſchienen die Anführer der mauriſchen Stämme, die eine Zeit lang im Streit waren, ſich vereinigt zu haben, und nur zu bald wurde der traurige Erfolg für die Gefan⸗ genen davon ſichtbar. Man theilte ſie; ſo wurde ihnen der einzige Troſt, den ihr Unglück ihnen darbot, die Ge⸗ meinſamkeit des Leidens genommen. Die Mauren zählten Mann für Mann ab und hießen ohne Unterſchied Einen hieher, den Andern dorthin gehen. Capitain Aſſigny forderte den Malteſer auf, um die Urſache dieſes Verfahrens zu fragen. Dieſer that es und erhielt die Antwort, man könne ſie heute nicht nach Algier führen, da der Fluß Buberak zu ſtark angeſchwollen ſei. Um aber in einem Dorfe zu übernachten, wären ihrer zu viele; man werde ſie daher auch noch ferner theilen. In wenigen Ta⸗ gen aber würden ſie Alle in Algier beiſammen ſein. Traurigen Herzens mußten die Unglücklichen ſich dies — — 8— gefallen laſſen, und waren nur froh, daß ſie nicht ganz vereinzelt wurden. In zwei Abtheilungen wurden ſie auf verſchiedenen Wegen unter mauriſcher Bedeckung tiefer in das Gebirge und Land hinein abgeführt. Das Glück hatte gewollt, daß Capitain Aſſigny, Victor, Adolph und Jean bei einem Trupp beiſammenblieben. Nach einigen Stun⸗ den erreichte man wiederum ein elendes beduiniſches Dorf. Hier aber waren die durch die Arbeit während des Sturms, durch Näſſe, durch langes Wachen und endlich durch Hun⸗ ger ganz entkräfteten Leute ſo erſchöpft, daß viele bewußt⸗ los zu Boden ſanken. Die Beduinen gönnten ihnen da⸗ her eine kurze Ruhe und vertheilten einiges Brot und Branntwein unter ſie. Aber dieſe Wohlthat ließen ſie ſich reichlich bezahlen, denn ſie begannen, die Armen rein aus⸗ zuplündern, indem ſie ihnen nicht nur das Geld, und was ſie ſonſt an Werth haben mochten, abnahmen, ſondern auch faſt alle Kleidungsſtücke entriſſen. Knirſchend vor Unwillen und bebend vor dem Geſchick ihrer ihnen anvertrauten Mannſchaften mußten die Offiziere dieſe Mishandlung dul⸗ den. Aber mit zerriſſenem Herzen ſahen ſie die Unglückli⸗ chen, denen Bildung und ſittliches Bewußtſein nicht jene Stärke des Willens und der Entſchlüſſe verleihen konnten, die über alle Leiden erhebt, jetzt faſt nackt dem rauhen Sturm und NRegenſchauer preisgegeben, vor Naͤſſe, Kälte und Ermüdung zitternd am Boden liegen. Bald aber wurden ſie wieder aufgejagt. Ihr Geſchick ſollte noch ſchlimmer werden, denn man theilte ſie von neuem. Diesmal traf ſie der Schlag ſchmerzlicher, denn obwol Victor und Adolph beiſammenblieben und man ihnen auch ihren treuen Jean ließ, ſo mußten ſie doch von ihrem ge⸗ liebten, muthigen, ſo hochherzig entſchloſſenen Führer, von — 88— Aſſigny, ſcheiden. Sie lagen einander ſprachlos in den Armen. Endlich ermannte ſich der Capitain und ſprach: „Freunde, ich habe Vertrauen zum Schickſal; wir ſehen uns wieder. Matroſen, meine wackern Jungen, hier dieſe werden für Euch ſorgen, wie ich— er zeigte auf Victor und Adolph— ſo viel in ihrer Macht ſteht. Und, ſeid gewiß, wenn ich auch von Euch getrennt bin, ſo werde ich mich um Euer Schickſal doch ebenſo thätig fümmern, als wäre ich mitten unter Euch.“ Gern hätte er noch jedem ſeiner treuen Genoſſen die Hand gereicht, allein die Beduinen trieben ihn vorwärts. Auch der Trupp, bei welchem ſich Victor und Adolph he⸗ fanden, mußte wieder aufbrechen. Trotz des grauſamen u treibens der Mauren, wobei die Unglücklichen oft Mishand⸗ lungen erdulden mußten, konnten ſie ſich doch vor Müdig⸗ keit und Froſt endlich nicht mehr weiter ſchleppen. Am Fuße eines Hügels blieben ſie entkräftet liegen und erklär⸗ ten, der Tod wäre ihnen willkommener als dieſe fortgeſetzte Marter. Der traurige Anblick ſchien endlich doch die Be⸗ duinen zu bewegen. Sie beſchloſſen hier die Nacht zuzu⸗ bringen. Auf der Anhöhe lag eine verlaſſene Moſchee; bis dorthin mußten die Entkräfteten ſich noch ſchleppen. Man trieb ſie in das alte Gemäuer hinein, wo ſie in ziemlich beengtem Raum auf den nackten Fußboden hinſanken und aus Ermattung in einen tiefen Schlaf fielen. — 89— Dreizehntes Capitel. Auch Victor und Adolph unterlagen dem mächtigen Gebot der Natur. Erſt gegen den frühen Morgen des andern Tages erwachten Beide. Die Dämmerung fiel durch ein paar kleine Fenſter und das halb verfallene Dach in das Gebäude hinein. Seit der ſpärlichen Brotverthei⸗ lung, die am Vormittag des vorigen Tages geſchehen war, hatte Niemand etwas genoſſen, daher wurden ſie vom hef⸗ tigſten Hunger gequält. Victor pochte an die Pforte des Gefängniſſes, vor der man eine Schildwacht aufgeſtellt hatte, und gab, als dieſe das Thor öffnete, durch Pantomime zu verſtehen, um was er bitte. Der Beduine öffnete ſeine Taſche mit Lebensmitteln, holte einige Hände voll gerö⸗ ſteten Weizens, die gewöhnliche Speiſe der Mauren, her⸗ vor und gab ſie Victor und Adolph, die ſie begierig ge⸗ noſſen, aber zugleich mit bittender Geberde auf die noch ſchlafenden Gefährten deuteten, um auch für ſie Speiſe zu erhalten. Der Maure nickte und deutete den Hügel hinunter, wo ſich die übrigen Beduinen gelagert hatten. Zugleich ſtieß er einen gellenden Laut aus, den er halb durch Schreien, halb durch Pfeifen hervorbrachte. Auf dieſen Schall fuhren unten einige Beduinen aus dem Schlafe auf, denen er allerhand Zeichen machte. Nach eini⸗ gen Minuten kamen dieſe mit einem großen Korbe, in welchem ſich Brot und Getreide befand, und mit mehren Kürbisflaſchen, die ein aus Waſſer und Branntwein ge⸗ miſchtes Getränk enthielten, den Hügel herauf. Die Ge⸗ fangenen wurden geweckt und die Speiſe und das Ge⸗ tränk unter ſie vertheilt. 4* — 90— Der lange Schlaf und jetzt die Nahrung hatten die Leute ſo erquickt, daß ſich Muth und Hoffnung wieder bei ihnen zu regen begann. Sie ſahen nun wol, daß man es auf ihre Ermordung nicht abgeſehen habe, und ſchon hoff⸗ ten ſie das Ende ihrer Leiden nahe. Indeß mußten ſie ſich zum weiteren Aufbruch rüſten, da ſie geſtern das Dorf, wo ſie wohnen ſollten, bis man ſie nach Algier ſchaffen könne, nicht erreicht hatten. Welch ein anderes Schauſpiel bot der Zug heute gegen geſtern dar! Man ſah lauter fröhliche Geſichter, hier und da ertönte ein luſtiger Geſang und Victor und Adolph — hatten ſogar Mühe, zu übermüthige Ausſchweifungen zu verhindern. Nach einigen Stunden kam man an das Dorf, welches aus höchſtens funfzehn ärmlichen Hütten beſtand. Die Gefangenen glaubten, alle hier zu bleiben. Aber keines⸗ wegs; man theilte ſie auf's neue, indem man ſie zu glei⸗ chen Hälften abzählte. Aus natürlichem Antriebe hatten ſich Adolph und Victor auf derſelben Seite gehalten und Jean ſchloß ſich ihnen an. Als aber die andere Hälfte dies ſah und gewahrte, daß ſie ohne alle Führer, ohne umſich⸗ tige Offtziere waren, ſtürzte einer der Matroſen vor und beſchwor Victor, ſie nicht zu verlaſſen. Hier der Bruder, dort die Pflicht, verkeauenden, bit⸗ tenden Untergebenen mit überlegenen Einſichten hülfreich zu ſein— der Kampf war ſchwer, war herzzerrrigend, doch die Wahl konnte nicht zweifelhaft ſein. Victor warf ſich an Adolph's Bruſt; ſie hielten ſich ihr Schmerz nicht. tritt zu. lange feſt umſchlungen, dann trennten ſie ſich; Worte fand Jean ſtand betrübt und ſah dem rührenden Auf⸗ Er hatte mehr Neigung und Vertrauen zu Vic⸗ — 99— tor; an den älteren Herrn aber feſſelte ihn die lang einge⸗ wurzelte Treue. Er beſchloß, ihn nicht zu verlaſſen. Aber als Victor ſich umwendete, rief er:„Mein Lieutenant, A nicht ohne Abſchied!“ Victor drehte ſich um und reichte dem braven muntern Jungen die Hand, die dieſer mit Küſſen und Thränen be⸗ netzte. Die herzliche Liebe des natürlichen Menſchen rührte Victor's Herz auf's tiefſte. Er zog ihn näher zu ſich, rich⸗ tete ſein herabgebeugtes Haupt auf und ſchloß ihn heftig in die Arme. Dann riß er ſich raſch los, rief den Ge⸗ fährten zu:„Lebt wohl, Kameraden!“ und eilte dem ſchon aufgebrochenen Zuge, dem er angehören ſollte, nach. Das Schauſpiel dieſer treuen, herzlichen Liebe ſchien ſelbſt die wilden Beduinen zu rühren; wenigſtens ſtörten ſie * den Abſchied nicht. Adolph und ſeine Gefährten, zwölf an der Zahl, wur⸗ den in das Dorf geführt. Noch oft ſah er ſich nach dem Bruder um, blickte nach den Freunden hinüber; aber bald waren ſie in den Schluchten des Gebirges verſchwunden. 2 Vierzehntes Capitel. Erſt jetzt empfand Adolph die ganze Schwere ſeines Geſchicks. Er bedurfte ſeiner vollen Willenskraft, um ſeinen Muth aufrecht zu erhalten. Jean ging betrübt, ohne zu ſprechen, neben ſeinem Herrn her. Auch auf allen Ubrigen laſtete düſtere Ahnung und es herrſchte die tiefſte Stille. Im Dorf angelangt, das aus einer geringen An⸗ — 92— zahl von runden Hütten, deren Dächer aus Rohr geflochten waren, beſtand, ließ man ſie auf einem freien Platz in der Mitte zuſammentreten. Die Einwohner verſammelten ſich neugierig; es wurden jedem der Familienväter einige Leute zugetheilt, die er in ſeiner Hütte unterbringen und bewa⸗ chen ſollte. Adolph, Jean und noch zwei Matroſen der Aven⸗ ture blieben beiſammen. Sie wurden von einem mauriſchen Häuptling in eine der größeren Hütten geführt, wo ſie deſſen Familie auf Schilfgras gelagert fanden. Dieſe be⸗ ſtand aus einem alten abſcheulichen Weibe von braungelber Farbe, runzliger Haut, mager wie ein Skelett, aber mit blitzenden Augen, die gierig, raubthierartig umherſpähten; nächſtdem aus zwei jungen Weibern, den Frauen des Mauren, und mehren kleinen Kindern. Sie betrachteten die Ankömmlinge neugierig; die Alte ſprang von ihrem Lager auf und beguckte die vier Gefangenen auf's genaueſte Da ſie ſah, daß ſie ſchon rein ausgeplündert waren und ihnen nichts von einigem Werth mehr abzunehmen war, gerieth ſie in eine förmliche Wuth. Ihr Sohn gebot ihr, Speiſe für die Gefangenen zu ſchaffen, und ſuchte ſie, wie es ſchien, durch die Ausſicht zu beruhigen, daß man in Algier ein reiches Löſegeld für dieſelben zahlen werde; allein ſie wwollte daran nicht glauben und tobte arg umher. Ja, hät⸗ ten die vier muthigen Männer ſie nicht mit feſten Blicken betrachtet, in denen der beſtimmte Entſchluß lag, keine MNitshandlung von ihr zu dulden, ſie würde ſie mit Schlä⸗ gen und Stößen angefallen haben. In der kleinen Hütte waren aber vier ſtarke Männer gegen den einen Mauren und ſeine Weiber allerdings die übermacht, wenngleich das geſammte Dorf ſpäter hätte Rache nehmen können. Weni⸗ ger dies, als eine natürliche Gutmüthigkeit ſchien die beiden —,— — Das Land hier umher hat ſo verflucht hohe Palmbäume, 93— Weiber zu bewegen, den Ankömmlingen einige Erquickung zu ſchaffen; doch trug die Alte Sorge, daß dies ſpärlich genug geſchah.— Nach einigen Stunden machte Adolph bei dem Mauren, der ſich mit untergeſchlagenen Füßen vor ſeiner Hütte hinge⸗ ſetzt hatte und gemächlich aus einer langen Pfeife rauchte, den Verſuch, ſich mit ihm zu verſtändigen, um etwas von dem Schickſal ſeiner Kameraden zu erfahren. Doch waren die Mittheilungen ſo undeutlich, daß ſie zu keinem Ergebniß führten; jedesmal aber, wenn Adolph darauf deutete, die Hütte verlaſſen zu wollen, verneinte der Maure dies auf das entſchiedenſte. So kam der Abend heran. Man führte die Gefange⸗ nen in einen engen, dunkeln Raum, der keine Fenſter, ſon⸗ dern nur ein kleines Luftloch hatte, zum Schlafen ab. Sie fanden Schilfgras auf dem Boden und das Lager wäre das Erträglichſte von ihrer ganzen Lage geweſen. „Ein verfluchtes Neſt!“ rief Jean!„Der Schiffsarreſt iſt ein Palaſt dagegen.— Tony, Tony!“ fuhr er fort, „ich fange an zu glauben, daß deine Kaffeegevatterin die Hexe von Endor geweſen iſt. Wenigſtens hat ſie richtig prophezeit, denn ſchlecht genug geht es uns auf dieſer See⸗ reiſe, ſo ſchlecht, daß honnet erſaufen beinahe ein Glück da⸗ gegen iſt. Und, wenn mich meine gute Witterung nicht trügt, denn ich bin ein wahrer Jagdhund, um Spitzbuben aufzuſpüren, ſo ſind die Einwohner in dieſem Dorf alle reif für das Bagno in Toulon. Ich glaube, ſie hocken jetzt eben zuſammen und rechnen aus, was ihnen mehr einbringt, unſern Kopf abzuſchneiden, oder ihn zwiſchen den Schultern ſtecken zu laſſen. Nach welcher Seite ein Sous überſchlag iſt, dahin werden ſie ſich wol neigen. — 94— die ein verwünſchtes galgenartiges Anſehen haben; ſchon ein Kameelhals ſieht aus wie ein wahrer Krahn zum Auf⸗ hängen. Ja, wenn man uns wenigſtens in ehrlicher Ge⸗ meinſchaft tödtete! Aber wer weiß, wie ſie uns einzeln abſchlachten und was ſchon aus unſern Kameraden ge⸗ worden iſt!— Aber, mein Lieutenant, Ihr ſagt ja kein Wort?“ Adolph war in dem engen Raum auf und ab gegangen. „Was ſoll ich Euch ſagen?“ antwortete er.„Ihr ſeht ja wol, daß ich nichts Gewiſſeres über unſere Lage weiß, als Ihr. Das Einzige, was wir thun können, iſt, vorſichtig ſein und, wenn es nicht anders iſt, unſer Leben ſo theuer als möglich verkaufen. Daß man ſonderlich Gutes mit uns im Sinn hat, glaube ich nicht; allein wollte man uns umbringen, warum geſchähe es nicht gleich?“ „Ich wette,“ rief Jean,„ſie erkundigen ſich erſt, ob wir wirkliche Beefſteak⸗Eſſer ſind oder nicht. Und was wird dann mit uns werden, wenn wir nach Algier kom⸗ men? Wird der Dei uns etwa beträchtlich erfreut auf⸗ nehmen? Ich glaube, Papa Huſſein iſt ſehr übel gelaunt gegen uns, die wir ihm ſeit zwei Jahren ſeine eigne Thuͤr verſchließen.“ „Darüber ſei ruhig!“ erwiderte Adolph.„Sind wir erſt in Algier, ſo werden wir zwar nicht auf Roſen liegen, aber unſer Loos wird erträglich ſein. Alle Conſuln der europäiſchen Nationen werden ſich unſrer annehmen und dem Dey begreiflich machen, daß, wenn er einem Einzigen von uns das Leben nimmt, er auf Gnade und Schonung nicht zu hoffen hat, ſobald er beſiegt iſt.— Darum, 4 Freunde, ſeid guten Muths. Wenn Ihr mich ernſt und trübe ſeht, ſo iſt das nicht Beſorgniß um mein und Euer Geſchick, ſondern beſonderer Kummer, der mich quält.“ —y— — einem Sechsunddreißigpfünder geſungen worden iſt, ſo ver⸗ 1 1 zu äußern,„die Blokadeflotte unſern Unfall ſchon erfah⸗ rechte Hand und ein Bein dazu, daß die Schüſſe an un⸗ ſeren Wracks geſchehen. Gewiß hat man ſie entdeckt, erkannt, — 95— Unter dieſen Geſprächen hatte endlich der Schlummer die Gefangenen übermannt. Mit dem erſten Strahl des Tages war Adolph jedoch ſchon wieder wach und beſchäftigte ſich wachend mit denſel⸗ ben Gedanken, die ihn im Traum nicht verlaſſen hatten. Sein Herz war bei Leontinen, wie bei ſeinem Bruder. Sinnend ſaß er auf dem Lager und ſtützte das Haupt in die Hand. Da hörte er plötzlich ein dumpfes Geräuſch, das einem fernen Kanonenſchuſſe von ſchwerem Kaliber glich. Er horchte geſpannt auf. Etwa zehn Sekunden mochten ver⸗ gangen ſein, als er ganz deutlich einen zweiten Schuß vernahm. Jean war indeſſen ebenfalls erwacht, hatte ſich die Augen gerieben, gähnte und ſah verwundert umher. „Was alle Teufel!“ fuhr er auf;„ich glaube, unſre Flotte bombardirt ſchon Algier. Wenn der Ton nicht von ſtehe ich mich nicht mehr auf den Baß einer Carronade!“ Auch die anderen beiden Matroſen waren aufgewacht und Alle horchten auf die feierlich dumpfen Töne, die ſie durch die leiſe Stille der Frühe vernahmen. „Drei! Vier! Fünf!“ zählte Jean.„Mein Lieutenant, das iſt ein Gefecht, oder ich will in meinem Leben keine Strickleiter mehr hinauflaufen!“. „Sollte wol,“ dachte Adolph, ohne ſeine Vermuthung ren haben und Schritte zu unſerer Befreiung thun? Sie könnten übel für uns ausfallen!“ Jean hatte denſelben Gedanken.„Ich verwette meine — 968— und jagt jetzt die Bienenſchwärme von Beduinen, die ſich darauf geſetzt haben, mit Kartätſchenkugeln herunter. Das Wetter iſt ſtill geworden, die Flut muß ſehr zurückgetre⸗ ten ſein. Da kann ich mir denken, daß dieſe langfingrigen braungelben Waldteufel auf den Planken ſitzen und mauſen, wie die Ameiſen auf einem Häufchen Korn. Wohl be⸗ komme Euch das Frühſtück von blauen Bohnen! Sie liegen etwas ſchwer im Magen, aber das Geſindel hat auch eine Verdauung wie ein Strauß!“ „Mir iſt nicht ganz wohl dabei zu Muthe,“ fing Ro⸗ bert, einer der beiden Matroſen, an;„ heizt man unſern Wirthsleuten tüchtig ein, ſo werden wir doch wol am Ende das Bad bezahlen müſſen!“—„Das glaub' ich auch,“ ſetzte Henry, der zweite Matroſe, hinzu.„Mag's aber ſein! Wenn nur recht viel von dem verfluchten Geſindel um⸗ kommt, ſo liegt mir auch nichts daran, ob ich ein paar mal mehr oder weniger jungen Wein in meinem Leben trinke!“ 4 Adolph hatte indeſſen dem Schießen ſowol, als einem Lärmen, welcher ſich außerhalb der Hütte vernehmen ließ, ein aufmerkſames Ohr geſchenkt. Mit Jean's Hülfe ſtieg er bis gegen die kleine Luke hinauf, durch welche das Ta⸗ geslicht einfiel und die einen Blick in das Dorf verſprach. Er hatte ſich nicht geirrt. Der freie Platz, auf dem ge⸗ ſtern die Vertheilung geſchehen war, lag vor ihm. Es bot ſich ihm ein ſeltſames Schauſpiel dar. Hier ſteckte ein Be⸗ duine den Kopf aus dem Hüttenfenſter, dort trat einer in die Thür und horchte auf das Schießen. Jetzt liefen einige hervor auf den Platz. Es kamen bald mehre zuſammen. Der Haufe wuchs. Der kam mit Waffen, jener halqb nackt. Weiber und Kinder miſchten ſich ein und alle ſchienen ſehr aufgeregt durch ein Ereigniß. Die meiſte — 97— deuteten nach dem Ufer und erhoben dabei ein lautes Ge⸗ ſchrei, worauf die Weiber kläglich zu heulen anfingen.— Nach einigen Minuten kam ein Trupp zu Pferde herange⸗ ſprengt. Er hielt auf dem Platz, es geſchahen einige Fra⸗ gen und Antworten und gleich darauf ſprengten die Neiter raſch wie der Wind nach der Gegend der Küſte zu. Die Männer liefen von dem Verſammlungsplatze zurück in die Hütten und kamen mit Waffen wieder. Andern brachten ihre Frauen oder Kinder die Waffen, nämlich ſehr lange Flinten, krumme Säbel, Dolche. Nach kurzer Zeit zog eine zweite ſtarke Schar zu Fuß aus; eine kleinere blieb jedoch bewaffnet auf dem Platze ſtehen. Dieſe Anzeichen waren Allen im höchſten Grade be⸗ denklich. Die Beduinen wußten augenſcheinlich, daß ein Angriff auf ſie geſchehen war. Die Kanonade dauerte in⸗ deſſen noch fort, wiewol ſie eben nicht lebhaft zu ſein ſchien. Nach Verlauf einer ſtarken halben Stunde wurde aber Alles ſtill. Die bewaffnete Mannſchaft auf dem Platze hatte ſich gelagert und ſchien auf Befehle oder Nachrichten zu warten. Jetzt wurden die Gefangenen nicht nur von mancher bangen Sorge geängſtigt, ſondern auch der Hunger ſtellte ſich wieder lebhaft ein. Nach Tagen voll ſolcher Strapa⸗ zen, und da ſie geſtern und vorgeſtern nur die ſchlechteſte und ſpärlichſte Koſt erhalten hatten, war dies bei ſtarken geſunden Matroſen, die an eine kräftige und reichliche Nah⸗ rung gewöhnt waren, nicht zu verwundern. Adolph begann daher an die Thür des Gefängniſſes zu pochen. Dies geſchah lange vergeblich. Endlich öffnete ſie ſich. Ihr Wirth, der Maure, trat ein. Er war mit einem Säbel bewaffnet, eine Flinte hing ihm über die Schultern und in ſeinem Gürtel ſteckte ein Dolch. In ſeinen Zügen war Zorn und Argwohn zu leſen. Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. I. 5 — 98— Adolph gab ihm bittend zu verſtehen, daß ſie Hunger litten. Der Maure lachte höhniſch auf und ſchien ſich darüber zu freuen. Eines ſeiner Weiber hinter ihm zeigte ſich jedoch mitleidiger und winkte mit den Augen, als wolle ſie ſagen: Laßt's nur gut ſein, ich werde ſchon für Euch ſorgen. Indeß wiederholte Adolph ſeine Bitte, aber der Maure ſah ihn grimmig an und warf die Thür zu, die er von außen verriegelte. Bald darauf hörte man ihn die Hütte verlaſſen, und durch das kleine Fenſter ſah Adolph, daß er dem Platze zuging, wo die Bewaffneten lagen. Vermuthlich hatte man ihn auch vorher von dort gerufen, um zu öffnen, da keines der Weiber ſich dies zu ge⸗ trauen ſchien. Doch nach wenigen Minuten raſſelte es leiſe an der Thurz; ſie ging auf, das mauriſche Weib ſteckte den Kopf hin⸗ durch, legte den Finger, Schweigen gebietend, auf den Mund und warf dann eine Schürze voll getrockneter Feigen und eine Anzahl kleiner Brote in das Gefängniß. Erfreut griffen die Matroſen danach und Adolph dankte dem gutmüthigen Weibe durch ein gerührtes Lächeln und Winken mit dem Kopf; ſie aber ſchloß die Thür ſchnell und verſchwand. Funkzehntes Capitel. In banger Erwartung deſſen, was da kommen ſollte, vergingen nun wol vier bis fünf Stunden, ſodaß es faſt Mittag geworden war. Da hörte man plötzlich einige Rei⸗ ter raſch ins Dorf ſprengen. Adolph kletterte ſogleich wie⸗ der zu dem kleinen Fenſter hinauf. Den erſten Reitern -&☛ ⏑ð⏑8ð— — — 99— folgten bald mehre. Sie hielten an dem Platz, wo die ge⸗ waffnete Schar gelagert war, und ſchienen von den Pfer⸗ den herab lebhaft zu erzählen. Die Zuhörenden drängten ſich immer näher, wurden immer unruhiger. Es entſtand zuerſt ein dumpfes Murmeln, dann ein Brauſen und Toſen, und endlich ein lautes, wildes Geſchrei. Die ganze Maſſe ſtürzte nach zwei der nächſten Hütten, die Adolph ebenfalls ſehen konnte, hin und viele drangen in dieſelben ein. Nach zwei Minuten ſahen ſeine Augen das ſchrecklichſte Schau⸗ ſpiel. Man riß die unglücklichen Gefangenen, ſeine braven Gefährten von der Aventure, bei den Haaren und Füßen aus den Häuſern, durchbohrte ſie mit Dolchen, warf ſie auf den Boden und hieb ihnen die Köpfe ab, die man auf Spieße ſteckte. Dies war das Werk weniger Augenblicke. Der Schwarm hatte ſich indeß ſchon weiter gewälzt und drang in andere Hütten ein. Das Hülfsgeſchrei der Unglück⸗ lichen, welche ermordet wurden, durchſchnitt die Lüfte. Jean, Robert Und Henry, die nichts ſahen, aber das Ge⸗ tümmel hörten, fragten:„Um Gottes willen, was gibt es?!“—„Freunde!“ rief Adolph, der indeß einen Ent⸗ ſchluß gefaßt hatte, herabſpringend;„Freunde unſere Kame⸗ raden werden gemordet. Zu retten vermögen wir ſie nicht. Das Einzige, was wir noch für uns verſuchen können, iſt eine ſchleunige Flucht. Behaltet Muth und Beſonnenheit, ſo gelingt es uns vielleicht, auf dieſe Art unſer Leben zu retten und unſeren Brüdern noch nützlich zu werden. Auf! Verſucht die Thür zu ſprengen!“ Adolph ſelbſt, als der Erſte, und mit ihm die drei braven Jungen rannten mit aller Gewalt gegen die Thür an. Sie ſprang, von dem mauriſchen Weibe vielleicht nur nachläſſig verriegelt, bei dem erſten Stoß auf. 1 5* — 100— „Verſperrt jetzt die Hausthür!“ rief Adolph. Jean ſchob im Augenblick den dicken hölzernen Quer⸗ Riegel vor, der zu ihrem gewöhnlichen Verſchluß diente. „Jetzt bewaffnet Euch, womit Ihr könnt, und dann zur Hinterthür hinaus!“ Mit Windesſchnelle hatten die vier gewandten, raſchen Männer den Raum der Hütte durchſpürt und jeder kam mit einer andern Waffe herbei. Jean brachte zwei krumme Säbel und einen Sack mit Pulver und Kugeln. Robert hatte eine lange Flinte und eine Büchſe aufgefunden; Henry zwei Dolche und ein Paar Piſtolen; Adolph ſelbſt eine leichte Flinte und einen Säbel. „Nun mir nach!“ rief er,„zur Hinterpforte hinaus und durch den Garten!“ Indem ſie die Hinterthür der Hütte öffneten, ſahen ſie in einem kleinen abgeſchlagenen Raum ſeitwärts einige Speiſe⸗ vorräthe liegen. Jeder nahm, ſo ſchnell er konnte, etliche Brote und nun ſprangen ſie eiligſt davon. Die Flucht war ihnen dadurch ſehr erleichtert worden, daß die ganze Familie, ſo ſchien es, das Haus verlaſſen hatte, um dem Mordſchauſpiel, welches in den andern Hütten begonnen hatte, zuzuſehen. Indem ſie aber jetzt eilig durch eine Art von Garten, wenigſtens einen umheg⸗ „ten Raum, wo das kleinere Vieh eingeſperrt war, ſchritten, kam ihnen plötzlich jene häßliche, wüthende Alte entgegen. Sie erhob ſogleich ein heulendes Geſchrei; Jean wollte auf ſie anlegen, doch Adolph rief ihm zu:„Halt, um Gottes willen nicht geſchoſſen!“— Zugleich ſprang er ſelbſt heran und gab dem wüthenden Weibe einen Kolbenſtoß, von dem ſie betäubt und ächzend zu Boden ſank. Es ſchauderte ihn, nidem er ſeine Waffe gegen dieſen wehrloſen, unwürdigen — len Schlucht abwärts ſenkte. das verſichern, daß ſie weſtlich von Algier landen wird, — 101— Feind gebrauchte, doch die Nothwendigkeit wollte es ſo. Im vollen Lauf durchrannten ſie nun ſämmtlich das Gar⸗ tengehege, ſprangen hinten über daſſelbe hinweg und be⸗ fanden ſich nun, da die Hütte zum Glück eine der entle⸗ genſten war, faſt außer Gefahr. Wenigſtens inſofern ih⸗ nen ein unmittelbarer Angriff drohte. Indeß rannten ſie doch noch vollen Laufes eine ſtarke Strecke hinweg, bis ſie ein dichtes Gebüſch erreichten, das ſich in einer ziemlich ſtei⸗ Hier machten ſie einen Augenblick Halt, theils um Athem zu ſchöpfen, theils um zu überlegen, wohin ſie nun weiter ihren Weg fortzuſetzen hätten. „Wir wären, was uns anlangt, für jetzt in Sicherheit!“ begann Adolph.„Aber was iſt nun zu thun? Sollen wir verſuchen, Algier zu erreichen? Oder richten wir unſern Weg nach der Küſte, wo wir vielleicht die Unſern antreffen? Das Letztere iſt freilich äußerſt gefährlich, da wir nicht mit Beſtimmtheit darauf rechnen können, helfende Freunde zu erreichen;z denn unſere Flotte kann noch nicht gelandet ſein, und hat man heut vielleicht ein Boot ausgeſetzt, um die Wracks zu beſichtigen und einige von uns zu retten, ſo hat die damit beauftragte Mannſchaft doch ſchon längſt die Küſte wieder verlaſſen.“ „Ich dächte aber doch, mein Lieutenant,“ fiel Jegn ein,„die Flotte könnte gelandet ſein. Wenn ſie bald nach— 4 uns Toulon verlaſſen hat, ſo iſt es nicht unmöglich. Denn. der Sturm, der uns traf, mag ihr gar keinen Schaden ge⸗ than haben, wenn ſie damals nördlicher geweſen iſt, als wir.“—„Und wäre ſie auch gelandet,“ fiel Adolph ein, mo wäre ſie für uns unerreichbar. Ich kann Euch nur während wir uns öſtlich von der Stadt befinden. 4 — 10z „Das iſt freilich ſchlimm!“ entgegnete Jean.„Da wird uns wol nichts übrig bleiben, als nach der verfluchten Höhle des alten Raubthiers zu wandern, wenn wir nicht ſchon unterweges zerriſſen und gefreſſen werden.“ „Halt!“ rief Adolph,„was iſt das? Ich höre Stim⸗ men, man kommt durch's Gebüſch. Keinen Schritt von hier! Werft Euch auf den Boden und haltet den Athem an!“ Sie duckten ſich ſämmtlich unter das Buſchwerk, und waren ſtill wie das Grab. Es raſſelte näher und näher, man hörte, daß Männer eilig herbeikamen. Schon waren ſie ganz nahe, da rief einer derſelben:„Hier, die Schlucht hinunter, nicht dort; ins dichteſte Gebüſch hinein!“— Welch ein entzückender Laut! Es waren vaterländiſche Worte und die Herbeikom⸗ menden flüchtende Freunde. Adolph und die Seinigen ſprangen ſogleich auf und riefen:„Hier, Kameraden, hier! Kommt zu uns!“ Und in zwei Augenblicken lagen die getreuen Gefährten einander am Herzen.— Das Gefühl des Wiederſehens in dieſer Stunde war unbeſchreiblich. Den rauhen, kriegsgewohnten Männern ſtürzten die Thränen aus den Augen und ſie hielten und küßten einander, als ſähen ſie ſich nach der Auferſtehung wieder. Endlich gewann man Athem zu der Frage:„Wo kommt Ihr her? Wie war. es Euch möglich, Euch zu retten?“ „Ihr ſeid unſere Wegweiſer geweſen!“ ſprach der Al⸗ teſte, nämlich der athletiſche Steuermann der Aventure, der von zwei Matroſen, Francois und Pierre, begleitet war. „Sie hatten uns auf einem engen, verfluchten Boden ein⸗ geſperrt, wo wir kaum grade ſtehen konnten. Da hörten wir plötzlich das Geſchrei und Gebrüll unſerer Kameraden — 103 und der Beduinen. Uns wurde angſt und bang. Wir ſpähten nach einer Oeffnung zum Sehen. Ich riß etliche unter das Dachgeflecht gebundene Holzſparren los und arbeitete mir damit ein Loch nach der Vorderſeite, während hier Francois das Dach ebenſo auf der andern Seite öffnete. Denn wir wußten nicht recht, woher der Lärmen kam. Da ſah ich das Gemetzel und zu gleicher Zeit er Euch aus dem Nebenhauſe flüchten. Jetzt galt es keine Wahl; geſchlachtet zu werden wie das Vieh, oder auszureißen wie ein Hirſch. Wir machten's Euch nach. Die Oeffnung im Dach war bald größer gearbeitet. Wir riſſen das Geflecht herunter und im Nu ſetzten wir aus dem Loch hinaus, etwa zehn Fuß hinunter. Aber Keiner nahm Schaden. Wir liefen nun Eurer Spur nach und Gott hat uns zu⸗ ſammengeführt!“ Neue Umarmungen, neue Freudenthränen folgten die⸗ ſer Erzählung. Allein es war keine Zeit zu verlieren. Adolph theilte ihnen ſeinen Plan mit und ſie wander⸗ ten eilig und leiſe weiter, immer im dichten Gebüſch fort, die ſteile Schlucht hinab. Unten folgten ſie dem Laufe eines Baches, der ſie ihrem Ziele, Algier, vor der Hand ziemlich auf dem gradeſten Wege näher führte. Etwa zwei Stunden mochten ſie ſo gewandert ſein. Zum Glück war der Tag nicht heiß, ſondern eher bedeckt und neblig, ſodaß ihnen das eilige, angeſtrengte Gehen nicht beſchwerlich wurde. Dennoch war es kein leichter Spazier⸗ gang, denn es fehlten ihnen Allen die Schuhe, welche die plündernden Beduinen genommen hatten, und ihre ganze übrige Tracht beſtand in dem leichten Matroſenbeinkleid und einem Hemd, das einzige Kleidungsſtück, das die Habſucht der Feinde ihnen gelaſſen hatte. Da ſie ſich oft durch Ge⸗ ſtrüpp, am häufigſten durch wildes, ſcharfdorniges Geſträuch — 104— hindurch arbeiten mußten, ſo blieb hier und dort ein wenig hängen, etwa wie bei einer Heerde, welche durch ein Dor⸗ nengebüſch getrieben wird. Jean verlor dabei den guten Muth nicht.„Wahrhaf⸗ tig!“ rief er,„ich dächte, wir wären geſchoren genug und die Dornen brauchten uns das bischen Wolle nicht noch vom Fell zu rupfen!“ Gleich nach dieſen Worten hing er wieder in einem ſtacheligen Buſch.„In dieſem verdamm⸗ ten Lande ſind ſelbſt die Gebüſche Spitzbuben!“ rief er aus. „Eben bin ich wieder ſo einer gierigen Beſtie, die mir Alles vom Leibe reißen will, in die Krallen gerathen, grade als ob ein Dutzend Beduinen über mich herfielen!“ Lachend rettete er ſein Gewand ſo gut es ging aus der Hand des Feindes. Der Fluß nahm jetzt eine Wendung nach Süden und ſchoß in einer tief aufgeriſſenen Schlucht grade nach dem Meere zu.. „Jetzt dürfen wir dem Waſſer nicht mehr folgen,“ rief Adolph;„wir müſſen nunmehr am andern Ufer hinauf und uns nach Weſten wenden!“— Sie wateten durch den Bach, der ihnen bis an den Gürtel reichte. Jean legte die Flinte, welche er trug, auf dem jenſeitigen Ufer nieder und ſprach, indem er ſich wendete, zum Waſſer: „Freund, wir müſſen ſcheiden, ich muß Dir einen Ab⸗ ſchiedskuß geben!“ Und damit tauchte er noch einmal hinei 1 trank ſich in dem klaren Bergwaſſer herzlich ſatt, badete ſich ganz und ſprang wieder hinaus. Die Andern folgten ſeinem Beiſpiel, denn Körper und Kleidung bedurften einer ſolchen Reinigung. Jetzt kletterten ſie das Felsufer jenſeits hinan. Es war Mittag vorüber, die Sonne ſtand⸗ hinter Wol⸗ ken. Als ſie die Höhe erreicht hatten, konnten ſie weit F* —,— m 2 —— — 105— um ſich ſehen. Menſchen und Wohnungen erblickten ſie nicht, wol aber angebautes Feld und in der Ferne von etlichen Stunden das blaugraue Meer. Adolph's ſcharfes Auge entdeckte ſogar einige Segel, die muthmaßlich der franzöſiſchen Kreuzerflotte zugehörten.„Dort, Freunde,“ ſprach er zu den Seinigen,„ſchimmern die Segel unſerer Flotte. Ihr ſeht, die Hülfe iſt uns nah. Verliert nur den Muth nicht, ſo können wir noch Alle gerettet werden.“ Sie ſchritten rüſtig vorwärts, immer nach Weſten, auf ihr Ziel zu. Jean entdeckte einen alten Sack, der unfern von einem Rübenfelde auf der Erde lag.„Ein Schatz!“ rief er aus, raffte den Fund auf und eilte mit Robert und Henry hin, ihn mit Rüben zu füllen.—„Wohl gethan, Proviant⸗ meiſter!“ ſprach Adolph lächelnd, als ſie mit dem Vorrath anlangten. Ein großes Glück mußten ſie es nennen, daß ſie über das breite Blachfeld hinweg kamen, ohne irgend einem menſchlichen Weſen zu begegnen. Denn hier wären ſie ver⸗ loren geweſen. Nach anderthalb Stunden gelangten ſie wieder in das Gebüſch und in hügeligtes Terrain. Hier eerſt machten ſie, müde und hungrig, Halt und genoſſen mäßig von den ſpärlichen Vorräthen, die ſie geſammelt hatten. Nach einer Stunde wanderten ſie weiter. Das Gebüſch lichtete ſich, eine neue Ebene lag vor ihnen. Aber, o Schrecken, ſowie Adolph den erſten Blick ins Freie gewann, ſah er einen Trupp von mehren Hundert gelagerten Bedui⸗ nen in geringer Entfernung vor ſich. Scheu ſprangen die Flüchtigen zurück und froh, noch nicht geſehen worden zu ſein, verbargen ſie ſich in dem dichteſten Gebüſch. Hier la⸗ gerten ſie ſich und Adolph ſchickte von Zeit zu Zeit Einen ab, der kundſchaſten mußte, ob die Beduinen ſich noch nicht 5**¾ — 106— aufgemacht hätten. Vergebens! die Nacht brach an, auf die ſie gehofft hatten, aber die gelagerten Mauren hatten eine lange Reihe von Feuern über das ganze Feld hinweg angezündet und ſchienen nicht Willens, zu weichen. Die armen Flüchtlinge mußten daher froh ſein, durch Dunkel und Gebüſch gedeckt zu ſein, und brachten die lange, kalte Nacht auf dem Boden gelagert zu, indem abwechſelnd einer die Wache übernahm. Sechzehntes Capitel. Vom Thau durchnäßt, vom Froſt geſchüttelt konnten ſie am andern Morgen kaum die ſteifen Glieder regen. Das Erſte, was ſie vornahmen, war, auszuſpähen, ob der Weg frei ſei. Aber welch ein trübſeliger Anblick bot ſich ihnen dar! Das ganze Feld war unabſehbar mit Beduinen bedeckt, die vermuthlich dort ihr Hauptlager aufgeſchlagen haben mußten. Vergebens gingen ſie den Saum des Wal⸗ des, eine Stunde weit entlang, nirgend war eine Möglich⸗ keit zu entdecken, über jenes freie Feld hinwegzukommen, denn überall ſah man Beduinen⸗Trupps, die ihre kleinen Poſten wahrſcheinlich bis zur Küſte ausgedehnt hatten. Die Lage der armen Flüchtlinge war verzweifelnd. Ihr geringer Vorrath an Lebensmitteln ging zu Ende, ihre Be⸗ kleidung war nicht von der Art, um die kalten Nächte öfters auszuhalten. Da ſprach Adolph zu ihnen:„Freunde, wir müſſen ein Wagſtück verſuchen, um uns aus unſerer gefahrvollen 8 — — 107— und elenden Lage zu reißen. Ich ſchlage vor, daß wir, ſo⸗ bald die Nacht dunkelt, es unternehmen, ganz in der Stille mitten durch den Schwarm von Beduinen hindurch zu ſchleichen, um den jenſeitigen Wald zu gewinnen. Ihr La⸗ ger iſt nicht ſo eingerichtet wie das eines europäiſchen Hee⸗ res, in dem ſich keine Maus bewegen darf, ohne angerufen zu werden. Wenn wir dreiſt, ſtill, behutſam mitten hin⸗ durchgehen, ſo wird uns bei der Nacht am Ende niemand erkennen.“ „Ich bin dabei,“ rief Jean,„was einer wagt, wage ich mit!“ Die übrigen ſtimmten mit ein. „Nun wol denn,“ ſprach Adolph, ſo will ich Euch eine nähere Anweiſung geben, zum Ziel zu gelangen. Ich habe bemerkt, daß hier gerade vor uns ein ziemlich breiter Strich liegt, wo kein Feuer angezündet war. Auf dieſen laßt uns gehen. Ich will Euch jenſeit ſchon einen Punkt geben, auf den Ihr hinhalten könnt. Unſere Hemden aber müſſen wir daran wagen. Wir müſſen ſie auseinander ſchneiden und nach Art der mauriſchen weißen Mäntel am Kopf befeſtigen und flattern laſſen. So werden die Be⸗ duinen uns in der Dunkelheit für ihres Gleichen nehmen. Und haben wir erſt den Wald drüben gewonnen, ſo können wir mit Tagesanbruch dicht bei Algier, wenigſtens der Steadt ſo nahe ſein, daß wir auf türkiſche Miliz⸗Truppen ſtoßen, denen wir uns überliefern dürfen, ohne unſer Leben zu verlieren. Der Plan ward angenommen. Man machte ſich auf's eiligſte dabei, die Hemden zu zerſchneiden, wobei die Dolche den Dienſt der Scheere verrichten mußten. Die Waffen wurden vertheilt, ſodaß jeder wenigſtens etwas zur Verthei⸗ digung hatte, und mit der anbrechenden Nacht machte: man 1 ch znf den Wen— — 108— Bald war man an den Saum des Waldes angelangt, wo man das Lager der Beduinen überſehen konnte. „Seht hier,“ ſprach Adolph,„zwiſchen dieſen zwei großen Feuern geht unſer Weg mitten hindurch. Sie ſind etwa hundert Schritt auseinander. Die Entfernung, in der wir uns von den andern Feuern halten können, iſt noch größer, wir haben alſo Hoffnung, nicht entdeckt zu werden. Links von den beiden großen Feuern ſeht ihr dort den Jupiter.“ Die Matroſen wußten Beſcheid am geſtirnten Himmel. „Auf den halten wir,“ fuhr Adolph fort,„denn um Mit⸗ ternacht, wo wir aufbrechen wollen, ſteht er, wie ich ge⸗ ſtern beobachtet habe, gerade zwiſchen beiden Feuerſtellen. Da wir aber eine gute Stunde zu gehen haben, ehe wir den Wald drüben erreichen; ſo müſſen wir unſeren Rich⸗ punkt nach und nach etwas ändern, ſodaß wir etwa um zwei Strich ſüdlich abfallen. Merkt Euch das wohl! Wir gehen übrigens nahe beiſammen, damit nicht durch wieder⸗ holtes Vorbeikommen an einem und demſelben Ort die Auf⸗ merkſamkeit des Feindes immer neu gereizt wird. Nun legt Euch noch zwei Stunden nieder, ich werde wachen und Euch wecken, wenn es Zeit iſt.“ 4 Es geſchah, wie Adolph ſagte. Er beobachtete indeſſen ſorgfältig das Lager der Beduinen, und bemerkte mit Freuden die Todesſtille, die nach und nach darin zu herrſchen begann. Die Feuer brannten allmälig düſtrer, einige waren ſchon zu Kohlenhaufen verglommen. Jetzt ſchien der Augenblick am günſtigſten, da man beſorgen mußte, daß ſpäter, wenn die Flamme ſchon länger nicht mehr die gehörige Wärme gegeben hätte, die gelagerten Beduinen vor Froſt erwachen und neues hellflackerndes Holz anlegen möchten. „Auf, Kinder,“ rief er leiſe,„jetzt mit Gottes Geleit vorwärts!“ — 109— Der kleine Zug ſetzte ſich in Bewegung. Es herrſchte die tiefſte Stille. Nur dann und wann hörte man das Schnauben eines Pferdes. Rings umher ſchimmerten die düſterrothen Feuer durch die Nacht, und in rothbraunen und ſchwarzen Wolken zog der Rauch über das Feld hin.— Mit angehaltnem Athem und leiſen Schritten, je— doch mit geſpanntem Hahn der Gewehre und gezogenem Säbel folgten die dreiſten Matroſen dem voranſchreitenden Adolph. Keine Silbe durfte geſprochen werden. Eine Viertelſtunde hatte man zurückgelegt, und war den beiden großen Feuern ſchon ziemlich nahe gekommen. Da ſtutzte Adolph plötzlich, denn es lag ihm etwas im Wege, was er nicht deutlich erkennen konnte. Alle ſtanden ſtill. Er ſchlich auf den Zehen näher. Es waren vier Beduinen, welche ſich ohne Feuer auf den Boden gelagert hatten. Kaum zehn Schritte, dann lag wieder ein Trupp, dann wieder einer. Man mußte zwiſchen ihnen hindurch. Die wilden Geſtal⸗ ten lagen in ihre weißen Mäntel gewickelt flach auf dem Boden; die lange Flinte war gewiſſermaßen als Wache über ſie hingeſtreckt. Man konnte jeden Zug ihres ſchnarchen⸗ den Athems vernehmen. Wie zwiſchen zwei ſchlafenden Ti⸗ gern ging der gefahrvolle Pfad hindurch. Doch war man lei⸗ der der Gefahr nicht ſobald entronnen, denn immer neu ſtieß man auf ſolche ohne Feuer gelagerte Trupps. Es ſchien, daß die der kalten Nächte gewohnten Araber die Feuer meiſt nur des Kochens wegen, nicht zur Erwärmung un⸗ terhielten.„ Zehn Minuten war man auf dieſer gefährlichen Bahn fortgewandelt. Man befand ſich jetzt zwiſchen beiden gro⸗ ßen Feuern. Die Hälfte des Weges war zurückgelegt. Da ſah Adolph mit Schrecken plötzlich aus dem Dunkel der Nacht einen Beduinen auf ſich zuſchreiten. Als dieſer den — 110— Trupp gewahr wurde, ſprach er ein unverſtändliches Wort, das wie ein Anruf klang. Schnell beſonnen erwiderte Adolph einige heiſere Töne, die er den Beduinen beim Anrufen abge⸗ hört zu haben glaubte. Sei es, daß er es glücklich getroffen hatte, ſei es, daß Jener nicht verſtand oder nicht darauf hörte, kurz, er ging quer über ihren Weg dicht an ihnen vorbei und warf ſich bei einem der großen Feuer nieder, ohne weiter ein Wort zu ſprechen. Allen war es, als ſei ihnen eine Rieſenlaſt von der Bruſt genommen. Jetzt ſahen ſie ſchon den dunkeln Rand des Waldes vor ſich. In wenigen Minuten mußten ſie ihn erreicht haben. Schon ſchlug ihnen das Herz vor Freude, ſchon dankten ſie Gott für ihre wunderbare Rettung. Da ſprang plößlich, faſt dicht vor ihren Füßen, ein Hund auf und ſchlug laut an. Adolph that ſogleich einen Säbelhieb nach ihm und traf ihn auch, aber leider nicht tödtlich, denn mit lautem Geheul und Gebell ſprang das Thier hinweg auf einen der nächſten Trupps Araber hinzu.„Jetzt, Brüder, rettet uns nur Schnelligkeit“ rief Adolph, und ſchon waren ſie Alle, von demſelben Gedanken inſtinktartig ergriffen, im vollen Lau⸗ fen. Raſch wie verfolgte Hirſche eilten ſie durch das finſtre Blachfeld dem Walde zu. Allein die Beduinen an jenem Feuer waren erwacht, aufgeſprungen, erhoben ein furchtbares Ge⸗ heul und Geſchrei und ſchoſſen hinter den Flüchtigen her. Die Kugeln ſauſten dicht bei ihnen vorbei. Nur noch einige Feuerſtellen lagen rechts und links vor ihnen. Dieſe aber waren durch das Schreien und Schießen im Augenblick le⸗ bendig geworden. überall fuhren ſchwarze Geſtalten an der Glut empor und in wenigen Sekunden ſchien das bisher todesſtille Lager in einen Markt voller Getöſe ver⸗ wandelt zu ſein. Ein Glück war es jetzt, daß Adolph und ſeine Gefährten durch die am Kopf befeſtigten Hemden in —;— — 111.— der Nacht den Schein von Beduinen hatten; denn dadurch ge⸗ täuſcht feuerten die andern Haufen nicht auf ſie und verrann⸗ ten ihnen auch nicht den Weg. Allein ihre Eile fiel doch ſo auf, daß ihnen mehrere entgegenliefen, um zu hören, wohin und weshalb ſie flüchteten. So ſprang ein Araber auf Adolph zu und wollte ihn beim Arm ergreifen, indem er ihm mit rauher Stimme einige Worte zuſchrie. Die Ant⸗ wort erhielt er aber von dem dicht nachfolgenden athleti⸗ ſchen Steuermann, der einen ſolchen Kolbenſchlag auf den Kopf deſſelben führte, daß er ſogleich lautlos zu Boden fiel. Im gleichen Augenblick ſprang von der andern Seite ein Beduin auf Adolph zu, den dieſer jedoch gar nicht zu Worte kommen ließ, ſondern ihm raſch einen Säbelhieb zwiſchen die Schultern verſetzte. Der Getroffene taumelte zu Boden, fing aber ein furchtbares Geſchrei an. Dies war das Signal für die Andern, den flüchtigen Trupp an⸗ zugreifen. In einem Augenblick wurden über funfzig Flin⸗ ten gegen ſie abgebrannt und gleich darauf ſtürzten Araber von allen Seiten auf ſie ein. Adolph rief:„Durchgeſchla⸗ gen nach dem Walde, Freunde, wir erkennen uns an drei⸗ maligem Pfeifen; im Gebüſch finden wir uns ſchon wieder zuſammen. Seht nur guf mich!“— Und mit dieſen Wor⸗ ten lief er mit Windesſchnelle gegen einen Trupp Beduinen an, die ſich ihnen entgegen ſtellten, ſchoß ſein Piſtol(ein Gewehr hatte er nicht) mitten unter ſie ab und, da ſie einen Augenblick ſcheu zurückprallten, ſprang er kühn wie ein Löwe mit geſchwungenem Säbel in die Lücke hinein und hieb rechts und links um ſich her. Seinem Beiſpiele folgten die Freunde. Diejenigen, welche Schußwaffen hatten, ſchoſſen in den dichten Haufen hinein und noch bedeckt vom Pulverdampf ſtürmten Alle hindurch. Der Steuermann ſchwang ſeine Kolbe mit Rieſenwucht und ———— — 112— ſchlug zwei Beduinen nieder; der gewandte Jean durchrannte einen mit dem Dolch, der eben den Säbel gegen ihn ge⸗ zückt hatte, ließ ihm den Stahl im Leibe ſtecken und ent⸗ wandte ihm, indem er ſtürzte, ſeine Waffe. Dann folgte er mit raſchen Sprüngen ſeinem geliebten Herrn. Mit lau⸗ tem Feldgeſchrei drangen auch die übrigen wackern Knaben vorwärts und bahnten ſich einen Weg nach dem Walde. Schon hatten ſie wieder freies Feld gewonnen, ſchon glaubten ſie ſich ganz in Sicherheit, als noch ein neuer Trupp, der ohne Feuer gelagert war, auf ſie eindrang. Dieſer hatte ſie ganz nahe vor den Schuß kommen laſſen und gab ihnen eine Salve, zwar nur von höchſtens zehn Kugeln, die aber vielleicht alle trafen. Der Steuermann ſank mit dem Ruf:„Ich bin verloren!“ zu Boden und regte kein Glied mehr. Henry und Robert ſtürzten gleich⸗ falls nieder, und Jean rief:„Parbleu, der Hund hat mich getroffen!“ Doch hielt ſich der wackre Burſch auf den Fü⸗ ßen und ſprang dem ſinkenden Adolph zu Hülfe, dem eine Kugel durch den Schenkel gegangen war. Francois und Pierre hielten ſich noch auf den Füßen, aber Beide verwundet. Auch ſie ſprangen zu Adolph hin, der mit männlicher Kraft ſich feſt aufrecht erhielt und ſich noch vertheidigen wollte. Aber Jene beſchworen ihn: „Flüchtet Euch! Wer gefallen iſt, iſt nicht zu retten!“— Schon waren auch die Beduinen über die Gefallenen her⸗ geſtürzt und durchbohrten ſie mit ihren Dolchen. Adolph wollte mit den Freunden fallen, doch Jean und die beiden Andern riſſen ihn mit ſich fort. In wenigen Sekunden hatten ſie das Gebüſch erreicht. Den Arabern ſchienen ſie in der Nacht aus dem Geſicht gekommen zu ſein, doch wurde ihnen noch eine Flintenſalve nachgeſandt, die leider eben ſo furchtbar traf, als die erſte. Denn — 113— Francois ſank zu Boden, Pierre uͤber ihn hin und Jean hielt ſich ſchwankend an einem jungen Baum feſt. Adolph war nur leicht am Arm geſtreift worden.„Lebt Ihr?“ fragte er die Gefallenen mit banger, unterdrückter Stimme. Die braven Jungen unterdrückten jeden Laut des Schmerzes und ſprachen ſo männlich gefaßt als möglich:„Ja, mein Lieutenant!“—„Aber allzu lang wird es nicht währen, rettet Euch nur ſchnell!“ ſetzte Francois hinzu.—„Bei Gott, nicht ohne Euch!“ rief Adolph, und wollte den ſchwer Verwundeten trotz der eigenen Ermattung auf ſeine Schultern laden. Dieſer aber ſprach mit äußerſter Kraft⸗ anſtrengung:„Rettet Pierre! Für mich iſt's zu ſpät, Gott ſei mir gnädig!“— Und mit dieſen Worten hauchte er den letzten Athemzug aus. Adolph zerdrückte die Thränen im Auge, ſprach mit leiſer Stimme:„Leb' wohl, Du treuer Kamerad!“ und verſuchte nun, Pierre auf ſeine Schultern zu nehmen. Jean hatte ſich indeſſen wieder et⸗ was erholt und ſtand dem Herrn bei. Sie nahmen den ſchon todesmatten Pierre auf und trugen ihn, wiewol ſelbſt faſt entkräftet, eine Strecke vorwärts. Das Gebüſch war gleich ſo dicht geworden, das die Beduinen wol einſahen, die Verfolgung werde ihnen nichts helfen; daher hatten ſie dieſelbe auch gar nicht erſt verſucht. Einige Hundert Schritte waren ſie gegangen, da ſprach Jean:„Herr, ich kann nicht weiter!“ und ſank in die Kniee.—„Heiliger Gott!“ rief Adolph,„ſo ſoll ich auch den letzten meiner Freunde hier in der Wüſte verlieren?“— „Nein, guter Herr,“ ſprach Jean matt;„ich denke wohl, ich halte mich noch friſch und bleibe über Waſſer. Aber einen tüchtigen Leck hab' ich weg, drum muß ich den Bal⸗ laſt wegwerfen!“ Dabei zeigte er auf Pierre. Dieſer rührte ſich nicht. Adolph ſah ihm bei'm Schimmer der Sterne — 114— und der erſten Dämmerung, die ſchon am Himmel bemerk⸗ bar wurde, ins Geſicht und rief ihn an. Er gab keine Antwort mehr— das Leben war entflohen.„Iſt er ſtill?“ fragte Jean theilnehmend.—„Todt!“ erwiderte Adolph mit verſagender Stimme.—— Beide ſchwiegen eine Zeit lang; es herrſchte die Stille des Grabes umher. „Es war ein guter Kamerad!“ fing Jean an,„und zum Seemann wie geboren. Er roch den Wind wie einer und mit den Segeln und dem Steuer wußte er ſo Beſcheid, daß ich glaube, er hätte ein Kriegsſchiff ſteuern können. Und einen Ruderſchlag im Boot hatte er, der zog wie fri⸗ ſcher Oſtwind!— Ja, es war ein guter Junge!“ „Wer auf der Aventure,“ ſprach Adolph heftig,„wäre nicht wacker geweſen! Und Alle! Alle vielleicht bis auf uns Beide“—— Hier hinderten ihn die Thränen weiter zu ſprechen. Auch Jean, der immer heitere Jean, ſaß tief betrübt. Ihm ggingen mancherlei Gedanken durch den Kopf, von ſeiner Tony— er fing doch an, ihren Prophezeiungen zu 84 glauben. Wie es ſo grabesſtill rings um ſie her war, fragte Jean:„Hört Ihr nichts rauſchen, Herr? Es muß ein Fluß in der Nähe ſein. Meine Wunden brennen mich heftig, ich möchte ſie wol kühlen. Wenn Ihr mich doch wolltet bis an den Fluß ein wenig führen!“ „Tragen will ich Dich, ſo lange ich mich auf den Fü⸗ ßen halten kann, Du getreue Seele!“ rief Adolph. „Nein, nur führen, lieber Herr! Ihr ſeid ſelbſt matt,“ erwiderte Jean. Sie gingen dem Rauſchen nach und kamen bald an einen ziemlich ſteilen Abhang, der ſie wieder in ein ganz äͤhnliches Thal führte, wie das, in welchem ſie vorgeſtern * — 115— gewandert waren. Unten rauſchte richtig ein klares Berg⸗ waſſer dahin. Beide wuſchen ihre ziemlich ſtark blutenden Wunden. Jean war durch den erſten Schuß an der Hüfte tief ge⸗ ſtreift, der zweite hatte ihn ſchlimmer, etwas höher hinauf im Rücken getroffen und war an den Rippen wieder hinausgegangen.— Zum Glück war Jean ſo vorſichtig ge⸗ weſen, das Hemd des todten Francois mitzunehmen, welches er mit dem Dolch zerſchnitt, und damit ſeine Wunden und die ſeines Herrn, ſo gut es gehen wollte, verband. Nachdem dies geſchehen war, fingen Beide an, die Kühle der Nacht unangenehm zu empfinden. Denn bis auf das leichte, halb zerriſſene Beinkleid waren ſie ganz unbe⸗ kleidet. Die Aufregung und Erhitzung durch das Laufen und ſpäter durch das Gefecht hatte ſie dies bisher vergeſſen laſſen. Nun wurde ihnen der Froſt um ſo empfindlicher. Mit wahrer Freude entdeckte daher Adolph in dem felſigen Ufer eine Spalte, die, wie er ſie näher unterſuchte, ſich zu einer kleinen Höhle, deren Wände mit Moos bewachſen wa⸗ ren, erweiterte. Hierhin führte er den ſehr ermatteten Jean und redete ihm zu, ſich auf den mit Moos bewachſenen Boden zu legen, welcher trocken und warm war. Adolph warf ihm uberdies noch ſein eignes Hemd zur beſſern Ver⸗ hüllung zu und ſchützte ſo den ſchwer Kranken ſo gut als möglich. Er ſelbſt fühlte ſich gedrungen, nach dem Platze zurück zu gehen, wo ſie Pierre's Leiche gelaſſen hatten. Er fand ihn ohne Mühe wieder. Mit Rührung betrachtete er die jetzt im mehr und mehr grauenden Morgen erkenn⸗ barer werdenden Züge des männlichen, treuen Angeſichts. Dann, die rauhe Nothwendigkeit bedenkend, entkleidete er ihn und bedeckte den Leichnam mit Moos, Blättern, Gras und Zweigen. Dies war das einzige Grab, welches er — 116— ihm bereiten konnte. Von kameradſchaftlichem Gefühl ge⸗ trieben wagte er ſich vorwärts bis zu der Stelle ganz im Anfang des Gebüſches, wo ſie Francois hatten laſſen müſſen. Auch deſſen Leichnam fand er ohne Mühe und that ihm, wie er Pierre gethan hatte. Vorſichtig ſchlich er ſich bis an einen Punkt, von dem er ins freie Feld hinaus ſehen konnte, ob er von den drei andern Kameraden etwas zu entdecken vermöchte— aber vergeblich. Er kehrte endlich bei ſchon ganz anbrechendem Tage, be⸗ laden mit den wenigen Kleidungsſtücken und den Waffen der beiden Todten, zu dem verwundeten Jean zurück. Mit Freuden fand er ihn in einem tiefen Schlummer. Still ſetzte er ſich neben dem Freund nieder und beſchloß bei ihm zu wachen. Allein Schmerzen der Seele und der Wunden und die vielen Anſtrengungen der letzten Tage und Nächte beſiegten bald ſeinen redlichen Willen, und auch er ſank, mit deg Haupt auf einen bemooſten Stein gelagert, bald in einen tiefen, erquickenden Schlummer. Siebzehntes Capitel. Er erwachte von dem Gefühl des heftigen Durſtes und Hungers. Als er die Augen aufſchlug, ſah er, daß die helle Sonne den vordern Theil der Höhle beſtrahlte. Jean lag neben ihm und blickte ihn freundlich, aber matt an. „Habt Ihr wohl geſchlafen, lieber Herr?“ fragte er mit ſichtbarer Anſtrengung.—„Herrlich,“ erwiderte Adolph, „und ſo tief, daß ich, Alles vergeſſend, nicht einmal — u 8 träumte. Wie iſt aber Dir zu Muthe, lieber Unglücksge⸗ fährte?“—„Nicht zum beſten!“ antwortete Jeanz„mich ſchüttelt das Fieber und die Zunge klebt mir am Gaumen vor Durſt, aber ich habe vergebens verſucht, mich aufzurich⸗ ten.“— Sogleich ſprang Adolph auf und ſagte:„Soll ich Dir Waſſer herbeiholen?“—„Ich möchte Euch wol bit— ten, lieber Herr!“ ſprach Jeanz„aber wie wollt Ihr's ſchöpfen? Wir haben ja nicht einen Hut, keine Mütze!“— „Es wird ſich ein Mittel finden!“ rief Adolph und eilte hinaus. Von der Felsſpalte bis an das kryſtallne kühle Berg⸗ waſſer hinunter waren etwa dreißig Fuß abwärts zu klim⸗ men und dann wenige Schritte über den Raſen zu gehen. Suchend blickte er umher, ob er nichts finden könne, was ſich zum Gefäß bereiten ließe. Schon wollte er das breite Blatt einer Waſſerpflanze nehmen, als ihm etwas Beſſeres ins Auge fiel, nämlich ein junger Baum, deſſen leicht ab⸗ zulöſende Rinde aufgeborſten war. Er machte mit dem Dolche zwei ringförmige Einſchnitte um den Baum, etwa einen Fuß auseinander, und löſte dann die ſchon halb auf⸗ geſprungene Rinde ab. Sie bildete eine Art Mulde, de⸗ ren Seitenöffnungen er mit großen Blättern ſchloß, ſo gut es anging. Dann füllte er Waſſer in das Gefäß und brachte es froh dem Durſtenden in die Höhle. Nachdem dieſer ſich erquickt hatte, ſah er nach den Wunden, die er neu verband und wuſch, ſo gut es ihm möglich war. Dann wollte er fort, um zu ſehen, ob ſich kein Weg der Rettung für ſie aufthue, oder wenigſtens um einige Früchte zu ſuchen. Mit bekümmertem Herzen verließ er die Höhle wieder, in der er den armen Verwundeten allein zurücklaſſen mußte. Er watete durch den Bach und ſtieg die jenſeitigen Höhen 8 —— 118— hinan, weil in dieſer Richtung Algier lag. Oben fand er, wie auf der andern Seite, dichtes Waldgebüſch. Nach einer Viertelſtunde Weges wurde es lichter und bald ſah er wie⸗ der ein freies Feld vor ſich. Behutſam trat er hinaus; es zog ſich noch ein wenig die Höhe hinan. Er ſtieg hinauf. Voll Erſtaunen ſah er dort, daß er ſich keine Viertelſtunde weit von der Meeresküſte befand, welche er von dieſer Höhe weit überſah. Nach der Lage der ihm wohlbekannten Vor⸗ gebirge konnte er auch nicht vier Stunden mehr von Algier entfernt ſein, und er glaubte ſogar das Cap Matifou, wel⸗ ches die Oſtſpitze der Bai von Algier bildet, zu ſehen. Dieſe Entdeckung, welche die Möglichkeit der Rettung ver⸗ größerte, machte ihn ſehr froh. Doch war zuvörderſt das nächſte Bedürfniß zu beachten, das, ſich Speiſe zu ver⸗ ſchaffen. Das freie Feld, auf dem er ſich befand, war zwar nicht angebaut, doch in einiger Entfernung erblickte er einen ſchimmernden gelblichen Streif, den er für ein Feld mit türkiſchem Weizen hielt. Er wagte nicht, gerade darauf zuzugehen, ſondern ging im Walde fort, bis er dem Felde nahe war, dann eilte er hinüber, verbarg ſich in deſſen hohen Halmen und mitten in denſelben ſchnitt er von der Frucht ſo viel ab, als er mit Leichtigkeit fortbrin⸗ gen konnte. Er band die kurzen Halme ſeiner Laſt mit einer ebenfalls aus Halmen gebildeten Schlinge zuſammen und trat damit den Rückweg an. Jean zeigte die herzlichſte Freude, ihn wieder zu ſehen, denn ſchon hatte ihn das lange Ausbleiben des geliebten Herrn, des einzigen lebenden Weſens, das ihm noch Rettung bringen konnte, ſehr beun⸗ ruhigt. Deſto glücklicher machte ihn die Rückkehr deſſelben und Adolph ſeiner Seits war ebenfalls froh, den armen Leidenden durch gute Nachrichten und die mitgebrachten, in ſolcher Lage über Alles köſtlichen Schätze zu erfreuen.— —— — 119— Waͤre Jean jetzt beſſer geweſen, hätte er noch den Weg bis Algier zurücklegen können, ſo würden ſie vielleicht am näch⸗ ſten Morgen ein Ziel ihrer Leiden geſehen haben; ſo aber konnten ſie für jetzt nichts thun, als in dieſem verborge⸗ nen Aufenthalt bleiben. Denn trotz aller Bitten des redli⸗ chen Jean wollte Adolph nicht ohne ihn von der Stelle weichen, noch das gefährliche Spiel wagen, ihm von Algier aus, nachdem er gerettet ſein würde, Hülfe zu ſchaffen. So kam wiederum der Abend heran und die Nacht um⸗ fing ſie Beide ſchauerlich dunkel und einſam. In ſolchen Augenblicken trat das ferne Bild Leonti⸗ nens wie das eines beſchirmenden Engels, deſſen Gebet alle Gefahren von ihm abwende, vor Adolphs Seele. Aber wie ſie ihm, wenn er den Blick aus dieſer Ode und Verlaſſenheit hinüber nach den glücklichen Fluren des Va⸗ terlandes wandte, in denen ſie wandelte, einem Wunder⸗ bilde gleich ſchien, ſo konnte er den Gedanken der Rettung auch nur noch als ein Wunder faſſen, an deſſen Erfüllung er nicht mehr zu glauben die Kraft hatte. Der näͤchſte, anbrechende Tag verging wie der vorher⸗ gehende. Nur wurde Jean zuſehends kränker und ſchwächer. Adolph pflegte den treuen Genoſſen ſeiner Schickſale auf das liebreichſte; aber die Hülfloſigkeit ihrer Lage war zu groß. Waſſer und die Körner des türkiſchen Weizens blie⸗ ben dieſen Tag und mehre folgende die einzige Nahrung Beider. Nur einmal konnte Adolph dem im brennenden Wundfieber Schmachtenden zur Erquickung einige Himbee⸗ ren bringen, die er an ſparſam gewachſenen Sträuchern am Abhang eines Felſen fand.— Es verſtrichen in dieſer ein⸗ förmigen Abgeſchiedenheit Tage auf Tage. Jeden Morgen beſtieg Adolph die Höhe und ſah hinaus ins Meer, wo er nicht ſelten die Segel der franzöſiſchen Kreuzer entdeckte; 4 — 120— aber es gab kein Mittel, kein Zeichen, ſich mit ihnen zu verſtändigen. Eines Morgens, in der Dämmerung, als er erwachte, hörte er in der Ferne ſchießen. Er weckte Jean, der ſcharf auf die wohlbekannten Töne horchte.„Das ſind Kanonen von ſchwerem Kaliber,“ bemerkte dieſer,„ich kenne ſie gut!“—„Es iſt eine Schlacht zwiſchen unſeren Lands⸗ leuten und den Algierern,“ antwortete Adolph—„und wir liegen hier hülflos und unthätig!“ ſetzte er ſeufzend hinzu.—„Es iſt eine Schlacht, ganz gewiß, lieber Herr,“ ſprach Jean matt; wenn ich richtig gezählt habe, ſo iſt heut der vierzehnte Junius. Nicht wahr?“—„So iſt es lieber Freund!“ erwiderte Adolph.—„Wir wollen uns das ge⸗ nau merken!“ antwortete Jean noch ſchwächer und ſank blaß auf das Lager, von dem er ſich mühſam emporgerich⸗ tet hatte, zurück.—„Heiliger Gott, was iſt Dir?“ rief Adolph voller Schrecken.—„O, mir iſt nun bald recht wohl,“ ſprach der Kranke,„es wird das Letzte ſein. Aber daß ich Euch verlaſſen muß!“—— Avdolph verſtand die Worte und noch mehr den Blick des Kranken, der matt, brechend aufſchaute; es wurde ihm dunkel vor den Augen, der Schmerz riß gewaltſam und betäubend durch ſeine Seele, die männliche Faſſung ging ihm verloren. Jetzt fühlte er, was der Menſch dem Menſchen werden kann, wenn ihn Treue in gemeinſamen Schickſalen verbindet!—„Treuer Freund und Gefährte im Unglück, verlaß mich nicht!“ rief er voller Schmerz aus;„nimm Deinen Willen, Deine Kräfte zuſammen, widerſtehe dem Tode!“—„Es iſt vor⸗ bei!“ ſprach Jean und lächelte.„Ach, ich wollte gern ſterben, wenn ich nur Euch gerettet wüßte! Aber ich will den Himmel für Euch bitten!“— Dabei ſah er fromm aufwärts nach dem kleinen Stückchen des blauen Himmels, — 121— das durch die Felsſpalte herein lächelte. Adolph hatte die Hand des Freundes heftig ergriffen, dieſer drückte ſie ſanft; ſtrömende Thränen verdunkelten ihm das Auge, er mußte ſich abwenden. „Weint nicht um mich, Herr! Ich ſterbe ſchön, ich ſterbe in Euern Armen! Wenn ich meine Tony noch ein⸗ mal ſehen könnte, wär' mir's freilich lieb. Grüßt ſie von mir, wenn Ihr nach Toulon zurückkommt, und bringt ihr eine Locke von meinem Haar!“ Dabei bewegte er die Hand ein wenig nach dem zurückgeſenkten Haupt. Adolph konnte nicht ſprechen; nur der Druck ſeiner Hand verhieß dem Sterbenden, daß er ſein Geheiß erfüllen werde. Auch Jean war der Sprache nicht mehr mächtig, aber mit freundlichen Augen ſah er den geliebten Herrn, deſſen beide Hände er hielt, ſtill und lächelnd an. Plötzlich zuckte er auf, ſeufzte leiſe, ſank zurück und— war nicht mehr. Eben fielen die erſten Strahlen der Morgenſonne gol⸗ den durch die nach Oſten gerichtete Offnung der Höhle und das Antlitz des Erblichenen leuchtete roſig und verklärt. Durch die ſtille Frühe tönte in der Ferne der feierliche Donner der Kanonen. Es war, als ſollte der wackere See⸗ mann mit kriegeriſchen Ehren begleitet das Leben verlaſſen. Adolph drückte ihm das erloſchene Auge zu, küßte ihn auf die bleiche Stirn und ſank dann, vom Schmerz über⸗ wältigt, mit unaufhaltſamen Thränen neben dem Todten nieder und verbarg ſein glühendes Antlitz an der erkalte⸗ ten Bruſt. Lange hatte er in dieſer Betäubung gelegen, ehe er er⸗ wachte. Erſt jetzt trat der Gedanke lebendig in ihm hervor, daß der letzte Troſt, der ihm in ſeinen unglücklichen Schick⸗ ſalen genommen wurde, der, einen Gefährten zu haben, auch die letzte bindende Feſſel gelöſt hatte, die ihn an die⸗ Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. J. 6 122 ſen Zuſtand knüpfte. Nunmehr konnte er auf ſeine Ret⸗ tung bedacht ſein, jedoch war es ihm, als könne ſeine Seele ſich derſelben nicht mehr freuen. Zunächſt erfüllte er die heilige Pflicht, die ihm oblag, Jean zu beſtatten. Gern hätte er ihn zu Francois und Pierre gelegt, denen er bei der längeren Muße ſeines Aufent⸗ halts in einer auf der Höhe entdeckten Vertiefung ein gemein⸗ ſames Grab bereitet hatte; allein es war nicht wohl möglich, mit dem ſtarren Leichnam den ſteilen Fels hinanzuklettern. Auch war die Höhle ihm, als der rauhe, aber wohlthätige Ort des Schutzes und der Rettung, gewiſſermaßen heilig geworden. Sie bildete in der Tiefe eine Art von Niſche. In dieſe legte er den Körper des Todten, nachdem er ihm die Locke, welche er der armen kleinen Tony zu bringen verſprochen hatte, mit dem Dolche abgeſchnitten. Er verbaute die ſtei⸗ nerne Gruft mit Felsſtücken, die ſich reichlich in der Höhle fanden, und verſtopfte die Zwiſchenräume ſorgfältig mit Moos. Dann wand er aus immergrünen Kräutern und Blumen einen dichten Kranz und hing ihn an dem Griff des in die Felsſpalte getriebenen Säbels, welchen Jean dem Beduinen ſo tapfer entriſſen hatte, auf. Zuletzt ritzte er mit dem Dolch den Namen des Todten und den Tag, an dem er geſtorben, in den Stein. Seinen eignen Namen ſetzte er mit kleineren Zügen darunter. Das traurige Werk war in wenigen Stunden vollendet. Adolph ſtand tief be⸗ wegt davor und ſprach endlich:„Leb' wohl!“ Damit ver⸗ ließ er die Höhle, um ſie nie wieder zu betreten. Zuerſt nahm er ſeinen Weg hinauf nach der Bergſpitze, auf der er ſo manchen Morgen ſchon geſtanden und weit umher geblickt hatte. Als er die einſame Höhe erklimmt hatte, ſchien es ihm, als höre er ganz deutlich wieder das Schießen, welches er in der Frühe ſchon vernommen. Der ‿ — 23— heraufkommende Tag mit ſeiner dem Schall ungünſtigen Vertheilung der Wärme war vermuthlich Schuld geweſen, daß das Feuer ihm verſtummt zu ſein ſchien. Der Wind ſtand aber jetzt weſtlich, ſodaß er jeden Schuß, ja ſelbſt das kleine Gewehrfeuer ſehr deutlich ver⸗ nahm. Er konnte nicht länger zweifeln, die Franzoſen mußten bei Algier gelandet ſein. Der Gedanke erfüllte ihn mit ſtolzer Freude. Scharf blickte er am Horizont umher, ob er den Tumult der Schlacht nicht entdecken könne. Zwar glaubte er an dem äußerſten Rande des Himmels Rauch aufſteigen zu ſehen, doch war dies ein zu unſicheres Zeichen, da es eben ſo gut trübe Luft oder Nebel ſein konnte. Indeß ſchien es ihm jetzt bedenklich, gerade in dieſem Augenblick nach Algier zu gehen; er beſchloß daher, vorſichtig zu ſein, um ſo mehr, als vielleicht die Stadt ſich in wenigen Tagen den überlegenen Franzoſen ergeben mußte, wodurch ſeine Rettung alsdann gewiß und vollkom⸗ men geworden wäre. über das freie Feld vor ihm hinwegzugehen, wagte er nicht; er fürchtete, dort zu leicht in die Hände der Landes⸗ Einwohner zu fallen. Dagegen wußte er, daß die Küſte rauh und voller Klippen war, ſodaß man ſich leicht, im Fall Menſchen nahten, daſelbſt verbergen könne. Gewann er das Cap Matifou, ſo hielt er ſich für geborgen, weil dort ſchon eine türkiſche Beſatzung der daſelbſt angelegten Batterien ſich finden mußte. Er lagerte ſich daher im Walde, bis der Nachmittag her⸗ aufgekommen wäre. Mit einem guten Vorrath türkiſchen Wei⸗ . zens ausgerüſtet, mit Dolch, Säbel, Piſtolen und Büchſe be: waffnet, um allenfalls zweien oder dreien Einzelnen Wider⸗ ſtand zu leiſten, machte er ſich jetzt auf den Weg. Bald hatte er die Küſte erreicht und ging am Nande des Meeres hin. 6. Etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang kam er an ein ſpitzes Cap; dieſen Punkt mußte er ſehr vorſichtig umgehen, da man dort am leichteſten entdeckt werden konnte. Er ſchlich ſich alſo zwiſchen Geſtein und Gebüſch an den Felſen dahin. Da hörte er deutlich den Schlag zweier Ruder. Er wagte ſich vor und entdeckte zwei algieriſche Matroſen, die mit einer ganz leichten Barke auf das Cap zuruderten. Schnell zog er ſich in einen dichten Verſteck zurück, um zu belauſchen, was ſie thun würden. Sie landeten kaum hun⸗ dert Schritte von ihm und zogen den Nachen leicht auf den Kiesſand hinauf. Dann nahmen ſie, die Ruder in den Kahn werfend, ihren Weg gerade nach dem Felſen, wo Adolph ſich in dem Gebüſch verborgen hatte, gingen dicht an ihm vorüber und ſtiegen auf einem kleinen Fußpfade den Berg hinauf. Adolph wollte ſeinen Augen nicht trauen. Das Herz ſchlug ihm vor Freude, doch bändigte er ſich, um nicht durch ein zu raſches Ergreifen plötzlich alle Vor⸗ theile zu verlieren. Gelang es ihm, ſich der Barke zu bemächtigen, ſo konnte er faſt ohne Gefahr in der ſtillen Nacht die Höhe der See erreichen, wo er franzöſiſche Schiffe treffen mußte. In wenigen Stunden vielleicht war er ge⸗ rettet und befand ſich nicht in den Händen barbariſcher Völker, ſondern inmitten ſeiner theuern Landsleute. Alle⸗ ſeine Glieder zitterten und flogen ihm in angſtvoller Er⸗ wartung; jeden Schritt der beiden Matroſen verfolgte er unverwandten Blickes; endlich waren ſie ſo weit, daß ſie ihn nicht mehr erreichen konnten, ſelbſt wenn ſie ihn ent⸗ deckten. Er ſprang vor, ſah rings umher, Niemand war in der Nähe; er watete ins Waſſer, warf die Waffen in den Nachen, ſchob ihn in See bis er flott wurde, ſprang hinein, ergriff die Ruder und in wenigen Minuten ſchau⸗ kelte er frei und gerettet auf den Wellen. Ein leichtes ———— — 125— Luͤftchen, das vom Lande her wehte, kam ihm zu Hülfe und trieb ihn der erſehnten Höhe zu. Eine Capſpitze nach der andern ſprang hervor; jetzt ſah er Matifou, jetzt die Bai von Algier und in der Entfernung weniger Stunden die Segel der Flotte. Sein Herz jauchzte vor Freuden! Die Sonne war im Untergehen, das Abendroth ſchwamm auf den Wellen, leuchtete in den klaren Aether hinein. Adolph's innerſte Seele war tief bewegt.„Du der Einzige vielleicht von Allen, den Gott wunderbar ge⸗ rettet hat!“ Voll heiliger Rührung und Wehmuth ſank er auf die Knie und dankte dem gnädigen Beſchützer ſeiner Tage.„Herr des Himmels, erhöre mein Gebet; laß deine Gnade mir nicht allein geworden ſein. Rette auch die Meinigen, den theuern Bruder!“ Der Landwind erhob ſich friſcher. Adolph hatte aus allen Kräften zu thun, um ihn zu ſchneiden und nach der Flotte hinüber zu kommen. Es dunkelte ſchon; er mußte ſich nach den Sternen rich⸗ ten. Aber mit Schrecken gewahrte er nur zu bald, daß der Wind ihm übermächtig war und ihn immer weiter vom Ziele hinweg trieb. Jetzt wurde er beſorgt.„Sollte “ dachte er,„aus der Hand der Barbaren, aus tauſend 1 efahren und Drangſalen gerettet ſein, um endlich hier auf der öden See hülflos zu verſchmachten?— Nein, Gott wird Gnade walten laſſen!“ Es war ganz dunkel geworden. Die See ging in höhern Wellen, als ſein kleiner Nachen ertragen konnte. Er wurde heftig hin⸗ und hergeſchaukelt und nicht ſelten ſprützte eine ſtarke Woge Waſſer in das kleine Fahrzeug. Seine Lage wurde mit jeder Minute bedenklicher. Mitternacht war heran gekommen. Er mußte wenig⸗ ſtens zehn Lieues in die See hineingetrieben ſein. Rings — 126— umher nichts zu ſehen als das düſtre Meer und die tief, aber verworren darin geſpiegelten Sterne; nichts zu hören als das hohle Sauſen des Windes. „Doch nein! Das iſt nicht Windesbrauſen! Das ſind aufrauſchende Wellen. Es kommt näher und näher! Es rauſcht ſtärker, es iſt ein Schiff! Heiliger Gott, es nahet die Rettung!“ Er horchte immer ſchärfer auf. Bald entdeckte ſein geübtes Seemanns⸗Ohr an dem ſtarken, regelmäßigen Schlag, daß es ein Dampfſchiff ſein müſſe, welches heranbrauſte. Es konnte keine tauſend Schritte mehr entfernt ſein. Wie glücklich pries ſich Adolph jetzt, daß er im Stande ſei, ein Signal zu geben! Er ſchoß zuerſt die Büchſe ab und lud ſie ſchnell von neuem. Bald erfolgte ein ähnliches Zeichen aus dem Schiff, wodurch man ihm andeutete, daß man ihn bemerkt habe. Nun that er einen Flintenſchuß und bald darauf einen zweiten, um den Schiffen die Richtung anzugeben. Es dauerte nicht lange, ſo holte man ihn ſchon mit dem Sprachrohr an; noch wenige Minuten und der Schall ſeiner Stimme drang hinüber.„Rettet mich! Hülfe!“ rief er, ſo laut er vermochte. Das Dampſcchiff zog die Schaufeln ein und trieb langſam auf ihn zu. Jetzt war es dicht bei ihm; er ſah Menſchengeſtalten, er hörte die va⸗ terländiſche Sprache!— Man warf ihm ein Seil zu, er ergriff es und in zwei Augenblicken befand er ſich auf dem Verdeck und lag in den Armen theurer Landsleute. — 127— Achtzehntes Capitel. Leontine führte mit ihrer Mutter zu Toulon ein einför⸗ — miges, eingezogenes weibliches Stilleben. Die Tage verſtri⸗ chen ihr in wehmüthigem Andenken an den Geliebten, an den Bruder.— Die erſte frohe Unterbrechung des einför⸗ migen Ganges der Begebenheiten war der Brief, den ihr Adolph aus dem Hafen von Mahon ſchrieb. Sie hatte ihn mit freudigem Entzücken empfangen und las ihn mit innigen Thränen der Wonne. Adolph ſchrieb nicht wie ein Seemann, und noch dazu zur Zeit des Krieges, ſondern 1 wie ein Dichter, der die erſte Reiſe nach dem Süden macht. Leontine wurde dadurch um ſo mehr bewegt, weil ſie ſeinen männlichen, muthigen Sinn kannte und die Größe ſeiner Liebe an der tiefen Bewegung und mächtigen Veredlung ſeines Innern, die ſie hervorbrachte, empfand. Der ſchwär⸗ mende Weichling iſt edleren weiblichen Seelen gewiß ver⸗ ächtlich; den gerührten, in weichere Empfindungen aufgelö⸗ ſten Mann, dem der Stahl um den Buſen nur durch eine wmahrhaft dauernde Glut geſchmolzen wird, lieben ſie deſto inniger, wie umgekehrt den Männern das zarte Mädchen, wenn es ſich durch die Liebe zu einer heldenmüthigen Ge⸗ ſinnung und Kraft erhebt, eine höhere Bewunderung, eine tiefere Liebe abgewinnt. Leontine ging oft am Ufer des Meeres ſpazieren; ſie wählte ſtets jenen Pfad, den ſie mit Adolph gewandelt war, weil ſie damals eine heilige Minute auf dieſer Stelle er⸗ lebte, die ihrem Herzen unvergeßliche Empfindungen geſchenkt hatte. Die abſegelnden und ankommenden Schiffe ſind für Hafenbewohner immer ein Gegenſtand der Theilnahme; — 128— denn ſelten, daß man nicht näher oder ferner eine beſondere Beziehung zu einem Fahrzeuge hätte, das mit vollen Se⸗ geln den Hafen verläßt, um wie viel mehr zu einem, wel⸗ ches einläuft, das man noch nicht beſtimmt erkannt hat, von dem man nicht weiß, woher es kommt, von deſſen Schickſalen man etwas zu erfahren hofft. Selbſt dem müßig Neugierigen wird das Intereſſe dadurch erregt. Leontine erwartete von jedem Aviſoſchiff, jeder kleinen Goelette einen Brief, wenigſtens einen Gruß, den die be⸗ gegnende Aventure dem Capitain an ſie aufgetragen hätte. Eben war wieder ein ſolches Fahrzeug, welches die Verbin⸗ dung zwiſchen der Flotte und dem Lande unterhielt, einge⸗ laufen. Was konnte es nicht bringen? Briefe von Eduard, von Adolph, von Victor. Oder doch wenigſtens allgemeine Nachrichten von den Schiffen, auf denen ſie ſich befanden, oder von der Flotte. Im hoffnungsreichen Geſpräch darüber bat Leontine die Mutter, mit ihr den kurzen Weg bis Toulon zu machen, um dort am Zollhauſe des Hafens wenigſtens gleich zu er⸗ fahren, woher das Schiff gekommen ſei. Gern war Frau von Clermont, deren eignes Herz eben ſo bang auf frohe Kunde hoffte, bereit, den Wunſch der Tochter zu erfüllen. Sie gingen am Meeresufer hin bis an die Stadt und dann den Quai entlang zur äußerſten Spitze der Hafen⸗ dämme, wo man die Nachrichten aus der erſten Hand em⸗ pfing. Schon von weitem ſahen ſie einen Trupp Menſchen, der ſich dicht um einen Erzählenden herdrängte. Es mußte eine wichtige Nachricht gekommen ſein; jeden Tag konnte man die Botſchaft von der Landung der Flotte haben, na⸗ türlich war daher die Begierde nach Neuigkeiten, die über See kamen, ſehr groß. Mit klopfendem Herzen und beflü⸗ gelten Schritten eilte Leontine näher; es überfiel ſie ein eig⸗ 129— nes Bangen, da ſie den finſtern, immer größer werdenden Kreis von Menſchen ſah. Wäre die Nachricht eine glück⸗ liche geweſen, ſo mußte, ſchien es ihr, die Menge ſchon längſt in lauten Jubelruf ausgebrochen ſein. Jetzt eilten einige Männer haſtig an den beiden Frauen vorüber; ihre Mienen ſagten nichts Gutes. Leontine hatte nicht den Muth, zu fragen; die Mutter bereute es, hieher gegangen zu ſein, weil ſie fürchtete, die reizjbare Tochter möge durch eine ſchlimme Botſchaft, die ihr plötzlich kund würde, vielleicht zu heftig erſchüttert werden. Sie beugte daher vor und ſprach:„Wer ſo oft, wie ich in meinem Leben, auf wich⸗ tige Botſchaften geharrt hat, der wird faſt unempfindlich dagegen, da die meiſten Nachrichten falſche ſind. Wie oft wurde ich durch eine Freudenbotſchaft getäuſcht, der die bittre Wahrheit deſto ſchmerzlicher nachfolgte! Wie oft um⸗ gekehrt ängſtigten uns Gerüchte, die ſich nicht beſtätigten oder gar in die froheſten Ereigniſſe auflöſten!“ Es gingen auf's neue mehre im eifrigen Geſpräch be⸗ griffene Kaufleute raſch vorüber. Man hörte im Vorbei⸗ gehen die Worte:„Ein großes Unglück! Die ganze Mann⸗ ſchaft! Die armen Leute!“ Jetzt konnte die geängſtigte Leontine nicht länger an ſich halten; ſie trat dem Nächſten, der ihr mit bekümmer⸗ ter Miene begegnete, in den Weg und ſprach, ſchon hef⸗ tig zitternd und ſichtlich beklommen:„Verzeihen Sie, mein Herr! Aber es ſcheint eine Trauerbotſchaft angekommen zu ſein. Sie wiſſen, in Toulon hat jedes Herz jenſeit des Meeres ein Kleinod. Ich bitte Sie dringend, was hat man für Nachrichten von der Flotte?“—„Von der Flotte im Ganzen die beſten,“ erwiderte der Fremde grüßend; „doch zwei einzelne Schiffe ſind bei dem letzten Sturme verunglückt. Die beiden Briggs Silen und Aventure ha⸗ —— — 130 ben an der afrikaniſchen Küſte Schiffbruch gelitten und leider iſt die ganze Mannſchaft von den Beduinen ermor⸗ det worden!“ ⁵ Bei den erſten Worten hatte Leontine gebebt; als der Name des Schiffs genannt war, wurde ſie bleich wie ein Marmorbild und, nachdem ſie die furchtbare Nachricht ganz gehört, ſtand ſie zuerſt einen Augenblick wie erſtarrt vor dem Fremden, dann ſank ſie leblos zuſammen. Die Mutter, in ähnlicher Bewegung, rief mit herzzer⸗ reißendem Jammerlaut aus:„Gott, mein Kind!“ und fing ſie in ihren Armen auf. Der Fremde leiſtete Beiden die möglichſte Hülfe. Sogleich bildete ſich eine Gruppe von Zuſchauern um ſie her, deren einige die vom Schmerz ge⸗ beugten, vom Schreck vernichteten Frauen kannten und den Zuſammenhang erriethen. Die ohnmächtige Leontine⸗ wurde in ein nahes Haus gebracht; ein Freund reichte der erſchütterten Mutter den Arm. Man ſchaffte ſchnell einen Wagen herbei und rief einen Arzt, der durch einen günſti⸗ gen Zufall ein alter Freund der Familie war. Das un⸗ glückliche Mädchen erwachte nach einiger Zeit durch die Hülfe, welche ihr dieſer gewäͤhrte, aus ihrer Ohnmacht. Doch blieb ſie todesmatt und unfähig, ein Wort zu ſpre⸗ chen; ſo brachte man ſie in den Wagen, der ſie nach Haus zurückführte; der Arzt begleitete ſie. Auf dem Wege gewann die vielgeprüfte Mutter die Faſſung bald wieder und widmete nun der Tochter die zärtlichſte Sorgfalt. „Wir müſſen jedes Mittel anwenden,“ ſprach der Arzt, „die heftige Glut des Fiebers, in welche ſich dieſes Eis der Erſtarrung aufzulöſen droht, zu mildern!“ Leontine wurde daher, ſowie man auf dem Landhauſe angekommen war, in ihr Gemach zur Ruhe gebracht, und 8 „— hing. — 131— die Mutter bot alle Milde und Zärtlichkeit des Troſtes, der Arzt alle kühlenden und ſchwächenden Mittel ſeiner Kunſt auf, um den auf's höchſte geſpannten Reiz der Ner⸗ ven zu mildern. Es gelang; ſie kehrte endlich zu einem ſanften Bewußt⸗ ſein zurück, ſtatt, wie man gefürchtet, in ein brennendes, glühendes Fieber zu verfallen. Als ſie die Augen aufſchlug, war ihr erſtes Wort: „O meine Mutter! Was haben wir verloren! Suche mich nicht zu täuſchen, nur zu gut weiß ich es, daß ich nicht geträumt habe. Mein einziges Glück iſt von nun an nur die Trauer um meinen unermeßlichen Verluſt!“ Die Mutter wollte ihr einige Worte des Troſtes über die Möglichkeit einer falſchen Nachricht, die Rettung der Mannſchaft, ſagen; allein der Arzt ſprach feſt:„Täuſchen wir die Kranke nicht. Ich kann Ihnen keine Hoffnung machen. Die Nachricht iſt zu beſtimmt, zu umſtändlich, als daß man im mindeſten daran zweifeln könnte. Blei⸗ ben Sie alſo Ihrem Vorſatz getreu, ſich in den großen Schmerz zu faſſen und ſich frei, wie Ihr unglückliches, liebendes Herz ſich ſehnt, damit zu beſchäftigen.“ Leontine antwortete mit Faſſung:„Sie thun mir wohl durch dieſe entſchiedene Sprache, die mich auf meine eigene Kraft zurückweiſt. Nein, verſucht es nicht, haltet mich nicht durch leere Täuſchungen hin, ich könnte ja doch einen Augenblick ſo ſchwach ſein, daran zu glauben, und wenn ich zum Bewußtſein käme, erlitte ich jedesmal meinen Ver⸗ luſt auf's neue. O ſpannt mein Herz nicht auf dieſe grauſame Folter!“— So bat ſie rührend und brach in ſanfte, aber unaufhaltſam ſtrömende Thränen aus, wäh⸗ rend ſie in den Armen der ſchwer gebeugten Mutter — 13³32— Der Arzt gab dieſer nach wenigen Minuten einen Wink, um mit ihr allein zu ſprechen. Der Augenblick dazu war bald gefunden.„Sie verwunderten ſich,“ ſprach er,„daß ich Ihren mütterlichen Troſt mit ſolcher Härte vernichtete. Aber ich beurtheilte die Kranke richtig; ihre eignen Worte mögen Sie belehrt haben. Das ewige Schweben zwiſchen Furcht und Hoffnung würde ſie jetzt nicht ertragen können; die gefährliche Kriſis eines heftigen, vielleicht gar eines Nervenfiebers oder einer Gehirnentzün⸗ dung wäre bei einer ſolchen Spannung des Gemüths un⸗ ausbleiblich. Man erträgt den Schlag des Schickſals leich⸗ ter als deſſen ewiges Drohen. Ihnen aber, der gefaß⸗ ten, beſonnenen Frau, will ich es gern eingeſtehen, daß nach Allem, was ich über den Unglücksfall gehört, an der Thatſache zwar nicht zu zweifeln iſt, durch nichts aber der Beweis geführt werden kann, daß die Beſatzung des Schiffes ihr Leben verloren habe. Wie bei jedem Schiff⸗ bruch mögen Einige, vielleicht Viele, das Opfer geworden ſein; vielleicht aber auch ſind Alle unverſehrt geblieben. Der Beduin iſt grauſam, wenn er ſeine Habgier dadurch ſtillen kann, aber zugleich ſo klug, daß er ſeiner heftigſten Leidenſchaft gebietet, wo ſein Vortheil es mit ſich bringt. Dies ſcheint mir hier der Fall; denn daß wir, die Mitbür⸗ ger unſerer verunglückten Landsleute, ein reicheres Löſegeld für ihre Rettung zahlen werden, als der Dey für die Köpfe der„Ermordeten, das iſt ſelbſt den Barbaren ein⸗ leuchtend.— Bis auf weiteres ſuchen Sie alſo Ihre un⸗ glückliche Tochter vor jeder Hoffnung zu bewahren; ſie iſt ſo ſtarken Gemüths, daß ſie ſich im Schmerz gewiß zu faſſen weiß. Wer von uns Allen aber hätte ſo viel Le⸗ benskraft, ſo viel Willen, in dem ewigen, furchtbaren Schwanken zwiſchen Verzweiflung und Seligkeit, im Wech⸗ ——— 133— ſel zwiſchen der Glut des Aequators und dem ſtarren Eis des Nordpols ſich aufrecht zu halten?— Nun leben Sie wohl bis morgen!“ Indem der Arzt Abſchied nahm und, von der Mutter begleitet, ſchon die Terraſſe hinabging, wurden Beide durch ein neues, unvermuthetes Ereigniß erſchüttert. Die Thür des Gartens wurde aufgeriſſen und hände⸗ ringend, mit fliegendem Haar, bleich, verſtört, ſtürzte ein Mädchen hinein— es war Tony. Seit der Abfahrt der Flotte war ſie durch Eduard's Vermittlung, der dadurch Leontinen eine freundliche Be⸗ ſchäftigung und dem betrübten Mädchen einen tröſtenden Anhalt zu ſchaffen glaubte, halb als Dienerin, halb als Zögling in weiblichen und wirthſchaftlichen Beſchäftigungen im Hauſe aufgenommen worden. Eduard konnte ihren Anblick nicht vergeſſen, als er ſie ſo troſtlos, während er nach ſeiner Fregatte hinüberſchiffte, am Ufer ſtehen ſah. Und da es ſich zufällig traf, daß mit ihm zugleich ein zwei⸗ ter Nachen nach dem Schiff fuhr, in welchem ſich ein Bürger aus Toulon befand, deſſen Sohn ebenfalls in dem Regimente Eduard's diente und dem der Vater ein letztes Lebewohl zurufen wollte, ſo ſchrieb er einige Zeilen mit Bleiſtift auf ein Blättchen und gab dieſes dem zurückkeh⸗ renden Bürger mit, welcher es der Frau von Clermont einhändigte. Es enthielt den Vorſchlag, Tony ins Haus zu nehmen, in den Leontine mit Freuden willigte. Die Mutter ſuchte das Mädchen auf und ſchon am andern Tage befand ſie ſich unter der Obhut der beiden einſamen Frauen. Eduard hatte nicht vergeſſen, den Bürger noch beſonders darum anzugehen, daß er das Mäͤdchen ſelbſt auf⸗ ſuchen und ſie bitten möge, von ihren Prophezeihungen — 131 und dem Vorfall mit den wegflatternden Bändern nichts zu erwähnen. Dies hatte die dankbare, trauernde Kleine ſtreng ge⸗ halten und ihre Beſorgniſſe ſtill im Buſen gehegt, oder ſie auch vielleicht bei Leontinens Freundlichkeit, die ihr in vie⸗ lem Nützlichen und Guten Belehrung gab, zum Theil ver⸗ geſſen. Arglos kehrte ſie ſo eben von einem Geſchäft in einem Nachbarhauſe zurück, als ein unvorſichtiger Hausgenoſſe ihr die Nachricht von Leontinens Zuſtand und die UÜrſache, die ihn herbeigeführt, mit ſchonungsloſer Gleichgültigkeit mit⸗ theilte. Der Schlag traf ſie ſo plötzlich, ſo unerwartet, daß ſie bei ihrem heftigen Gemüth, dem keine tiefere Bildung Kraft und Haltung in den Stürmen des Lebens gab, ſo⸗ gleich in den halb bewußtloſen Zuſtand gerieth, in welchem ſie in den Garten gelangte. „Um Gottes willen, gnädige Frau!“ rief ſie, als ſie Frau von Clermont erblickte,„iſt es wahr? Nein, nein, es kann nicht wahr ſein! Ich unglückliches Mädchen! Aber ich wußte ja Alles zuvor! Es konnte ja gar nicht anders ſein!“ So wehklagte ſie mit herzzerreißender Stimme, ohne auf ihre Fragen und Ausrufungen eine Antwort oder einen Troſt anzuhören. Sie rang die ſchönen weißen Arme über dem Haupt, das lange dunkle Haar fiel ihr aufgelöſt über die Schultern, aus den bleichen Zügen blickte ſie mit irren⸗ den Augen umher oder zum weiten Himmel auf, aber ohne Troſt, ohne Hoffnung. Erſchöpft lehnte ſie ſich an einen Baum und ſprachlos, athemlos, ſeufzte ſie nur tief auf aus der hochwallenden Bruſt. 1 Frau von Clermont war durch dieſen Anblick faſt ſelbſt ſo aus der Faſſung gebracht, daß ſie dem fragenden Arzt kaum Aufſchluß über das Ereigniß geben konnte. Als die⸗ 1 — o — ¹ 135— ſer jedoch den Zuſammenhang erfahren, trat er auf die Jammernde zu, ergriff ſie freundlich bei der Hand und re⸗ dete ſie mit ſanften Worten an. „Warum ſo troſtlos, liebe Kleine? Es iſt ja noch gar nichts verloren? Glaube doch nicht an die Gerüchte, die das Volk ausſprengt. Das Schiff iſt geſcheitert, das iſt wahr, aber die Mannſchaft hat ſich an die Küſte gerettet. Vielleicht kehrt Dein Geliebter Dir bald zurück!“ „Nein, nein, guter Herr! Und wenn ſie Alle wiederkeh⸗ ren, er wird nicht gerertet!“ antwortete Tony, zwar noch ungläubig, aber doch ſchon mit einigen Strahlen der Hoff⸗ nung im Auge.„Es iſt mir prophezeiht. Es waren un⸗ glückliche Vorbedeutungen, die ſind nun alle eingetroffen.“ „Ganz recht, mein liebes Kind,“ fuhr der Arzt fort; „aber es iſt auch ein Unglück, Schiffbruch zu leiden, und das iſt eingetroffen. Warum ſoll denn aber Dein Geliebter dabei umgekommen ſein? Das Unheil, was Dir vorausge⸗ ſagt war, iſt geſchehen, und Du darfſt nun um ſo ruhiger für künftig ſein. Denn, ich weiß es gewiß, es iſt bis jetzt noch Niemand ums Leben gekommen.“ Tony ſah den Troſt zuſprechenden Arzt mit noch immer zweifelnden, jedoch auch hoffnungsvolleren Blicken an; end⸗ lich brach ſie in heiße Thränen aus, welche die ſtarren Feſſeln ihrer Verzweiflung ſanft löſten.„Ach, wenn es wahr wäre, wenn ich das glauben könnte!“ rief ſie und faßte die Hand des Arztes mit ihren beiden, indem ſie ihm, gleichſam bittend, daß er den Troſt wiederholen möge, ins Geſicht ſah. „Du darfſt mir's ſchon glauben, liebes Kind,“ fuhr dieſer fort;„beruhige Dich nur jetzt und erwarte die nähe⸗ ren Nachrichten in Geduld. Sei ja hübſch geduldig!“ Da⸗ bei ſtreichelte er ihr das Kinn und ſah ſo wohlwollend 4 —— — 136— aus, daß die Arme ſich wieder neu belebt von Hoffnungen fühlte und dankend und ſanft weinend, kaum anders als Kinder oder reizbare Frauen nach einem heftigen Schreck, ſich durch ihn und Frau von Clermont ins Haus geleiten ließ. Um die ſchnelle Wirkung der Seele auf den Körper zu brechen, wendete der Arzt ganz dieſelben beſänftigenden Mittel an, welche er Leontinen beſtimmt hatte. „Sie ſind nicht beſtändig in ihren Grundſätzen,“ be⸗ merkte Frau von Clermont nachher,„doch glaube ich's voll⸗ kommen zu begreifen, weshalb ſie dieſem armen Mädchen gerade das für heilſam halten, was meiner unglücklichen Tochter die größte Gefahr bringen dürfte. Gebe der Him⸗ mel, daß Ihr Troſt für jene der wahrhafte ſei!“ Der Arzt erwiderte:„Ich glaube es faſt mit Gewiß⸗ heit. Stellen ſie aber dies Ihrer Tochter ſo vor, als müſſe man mit jenen falſchen Hoffnungen die Heftigkeit des Ge⸗ müths, die das arme Mädchen zeigt, einigermaßen beſanfti⸗ gen. Im Uebrigen irre ich mich gewiß nicht. Eine gefaßte Seele, die mit dem ſtärkenden Bewußtſein der heiligſten Pflichten und dem Glauben an eine höhere Beſtimmung des Menſchen einem harten Schickſal entgegentritt, findet ſich leichter in die ſtrengſte Nothwendigkeit, als ſie die quã⸗ lende Unbeſtimmtheit der auf's höchſte geſpannten Zweifel er⸗ trägt. Ein Gemüth aber, das nicht im Stande, Kraft aus ſich ſelbſt zu ſchöpfen, nur dem Spiel der Ereigniſſe hingegeben iſt: ein ſolches läßt ſich auch nur durch die An⸗ regung der Hoffnung für eine glücklichere Wendung der Dinge befänftigen und ſtumpft ſich durch Wiederholung der Affekte gegen die zu ſtarken Erſchütterungen ab. Nie können wir daher das Glück einer tiefern Bildung des Her⸗ zens ſo klar erkennen, als wenn unſer ruhiges Daſein durch furchtbare Ereigniſſe, durch Erdbeben auf der Bahn des ——,— *— 137 Lebens plötzlich gewaltſam unterbrochen wird. Der, welchem höhere Sterne in ſolcher Nacht der Verwirrungen leuchten, findet einen Ausweg; Der, deſſen Auge dafür geſchloſſen iſt, geht unter, wenn nicht das ganze Wellenſpiel ſeiner Gefühle nur ein hohler Schaum geweſen iſt, der anfangs ſtark aufbrauſt, ſich aber auf zu flachem Boden bewegt, um dauernde Wellen zu ſchlagen. Denn nur wo die See tief iſt, bleibt ſie auch noch lange nach dem Sturm in wogen⸗ der Aufregung, wenn ſeichtes Gewäſſer ſchon längſt wieder den heitern Himmel abſpiegelt.“ „Und hoffen Sie,“ fragte Frau von Clermont,„daß jenes arme Mädchen ſich dieſes zweifelhaften Glückes, wel⸗ ches mehr auf ein leichtſinniges als auf ein inniges Gemüth deutet, erfreuen werde?“ „Aufrichtig, nein.— Die Art, wie Verzweiflung und Hoffnung ſich bei ihr äußerten, ſchien mir auf eine wirk⸗ liche Innigkeit und Tiefe der Empfindung zu deuten; wird dieſe gewaltſam erſchüttert, ſo widerſteht ſie nur durch jene feſte, ſittliche Gegenkraft, die zwar ihre Tochter, aber nicht dies unbefangen aufgewachſene Kind beſitzt. Als Arzt fürchte ich daher für daſſelbe viel mehr, als für jene, ja meine Beſorgniß gilt faſt ausſchließlich dieſem heftig empfin⸗ denden Weſen.“ Der Arzt ging. Ueunzehntes Capitel. Leider waren die ärztlichen Weiſſagungen für die arme Tony eingetroffen. Sie lag an einem hitzigen Nervenfieber — 138— krank, während Leontine ſich äußerlich bald erholt hatte, und nur ein Herz voll ſtiller, tiefer Trauer, aber zugleich voll würdiger Faſſung und Ergebung in die Schickungen Gottes im Buſen trug. Sie hatte ſo viel Kraft und Stärke, daß ſie ſogar die Pflegerin der unglücklichen Kran⸗ ken wurde; der Arzt verbot dies nicht, es ſchien ihm eher angenehm zu ſein, weil er jede Thätigkeit, mochte ſie aus eignem Antriebe entſpringen oder durch die Nothwendigkeit der Umſtände herbeigeführt werden, für die ſicherſte Ablei⸗ tung aller körperlich und geiſtig ſchädlichen Folgen heftiger Gemüthsbewegungen hielt. Am mächtigſten wurde der Schmerz in Leontinen, wenn ſie in ſtillen Abendſtunden einſam im Garten umherging. Dann füllte ſich ihr ſanftes großes Auge mit Thränen und ſie blickte in das Leben hinaus wie in das weite Meer vor ihr, ohne irgend eine heitere Küſte, ein glückliches Ei⸗ land zu entdecken, welches ihr als ein Ziel der mühſeligen, ſchmerzvollen Wanderung durch die Wüſte erſchienen wäre. Selbſt die Liebe zur Mutter, die Sorge um den fer⸗ nen Bruder, vermochten nicht theilend und beſänftigend ge⸗ gen den großen, übergewaltigen Schmerz zu kämpfen. Indeſſen waren viele widerſprechende Nachrichten über das Schickſal der Verunglückten im Umlauf. Mit Vorſicht geſtattete es der Arzt und unterzog ſich dieſem Geſchäft ſelbſt, hie und da einen Strahl der Hoffnung in Leontinens Seele zu erwecken, indem er von einigen Geretteten ſprach, von der Möglichkeit, daß deren noch mehre ſein dürften, und manches dem Aehnliche.„Wir wollen den Blick der Armen nicht bald in ſchwarze Finſterniß, bald in den Glanz der Sonne richten; aber das Herz lebt doch und er⸗ wMarmt ſich durch Strahlen der Hoffnung, wenn ſie auch nooch ſo ſchwach dämmernd in die dunkle Nacht fallen.“ — 1o Ein Brief von Eduard an die Mutter, von Palma aus, wo die Flotte der Stürme wegen vor Anker lag, geſchrieben, war das erſte freudige Ereigniß, welches der tief Bekümmerten einige Theilnahme abgewann. Aber zu⸗ gleich regte es heftige Schmerzen in ihr auf, denn noch kannte der Bruder das große Unglück der Freunde nicht. Er ſchrieb:„Von Victor und Adolph hoffe ich nächſtens berichten zu können. Die Aventure hat Mahon verlaſſen, um Depeſchen nach der Station vor Algier zu bringen; ſie können in wenigen Tagen hierher zurück ſein, obwol das Wetter in der letzten Zeit ungünſtig geweſen iſt. Der Admiral erwartet ihre Ankunft mit Ungeduld. Welche Freude ſollte es mir ſein, die theuern Brüder, denn ſo nennt mein Herz Beide, zu umarmen.“ Stellen dieſer Art mußten Leontinens tiefe Wunden freilich ſo ſchmerzlich berühren, daß ſie ſtärker bluteten. Doch wenn der Bruder dann weiter ſchrieb, von ſeiner Hoffnung auf Thaten, von dem ſchönen Ruhme kriegeri⸗ ſcher Thätigkeit, von dem glühenden Eifer, der das ganze Heer belebte, von dem menſchlich heiligen Ziele dieſes Krie⸗ ges: dann richtete ſich ſelbſt die Seele des gebeugten Mäd⸗ chens an der hohen Kraft des Mannes empor und ſtärkte ſich in dem erhebenden Gefühl, mit welchem große Ereig⸗ niſſe jede edel ſchlagende Bruſt durchdringen. Wenige Tage darauf traf die Brigg, der Dauphin, in Toulon ein, welche den ofſtziellen Bericht über den Schiffbruch, den die Geretteten von Algier aus an den Admiral Duperre erſtatteten, mitbrachte. Die Kunde da⸗ von kam ſogleich an den Arzt, der ſofort zum Seeprä- fekten eilte und ſich von dieſem Auskunft erbat. Mit be⸗ reitwilliger Gefälligkeit theilte ihm der Präfekt die auch ihm zur Kenntniß zugekommene Liſte der Geretteten mit und — no— geſtattete ihm die Einſicht in den Bericht des Capitain Aſſigny. Mit Freuden las der Arzt hier zwar, daß von den Verunglückten mehr als achtzig und unter ihnen die beiden Führer der Schiffe, die Capitains Aſſigny und Brüat nebſt vielen Offizieren gerettet waren, aber mit tie⸗ fer Betrübniß ſuchte er vergeblich nach Adolph's und Victor's Namen. Sie waren nicht unter Denen, welche Algier erreicht hatten. Auch Jean's Name ſtand nicht unter den Geretteten. Schweren Herzens, denn nun war die traurige Gewißheit doch eingetroffen, ging der theilnehmende Freund hinaus zu Frau von Clermont, unſchlüſſig, wie er Leon⸗ tinen die angekommene Nachricht mittheilen ſolle, da er vorausſah, daß durch den Gegenſatz zu Denen, die ein glückliches Geſchick dem Leben erhalten hatte, der Schmerz um den Verlornen mit neuer Heftigkeit ausbrechen müßte. Daß ſer der armen kleinen Tony durch die Schreckensbot⸗ ſchaft nicht den Todesſtoß geben dürfe, war ihm völlig un⸗ zweifelhaft. Er beſchloß zuerſt mit der Mutter zu ſprechen. Dieſe ausgezeichnete Frau fand er ſo gefaßt wie immer; Leontine war droben bei der kranken Tony.„Ich ſehe es Ihrer Miene an, lieber Freund,“ begann Frau von Cler⸗ mont,„daß Sie uns nichts Gutes zu berichten haben. Ich bin auf das Schlimmſte gefaßt, und Leontine, Sie wiſſen es, ahnet es nicht, daß ſie noch hätte hoffen können.“ „Sie kann es nun nicht mehr,“ ſprach der Arzt ernſt, aber doch mit einer Stimme, die tiefe Rührung verrieth. „Es ſind die beſtimmteſten Nachrichten eingelaufen; der Seepräfekt hat ſie mir ſo eben mitgetheilt. Ein Theil der Mannſchaft beider Schiffe iſt gerettet worden, aber unſere Freunde ſind nicht darunter. Es bleibt jetzt faſt keinem .— 2 — 141— Zweifel mehr unterworfen, daß ein frühes, hartes Geſchick ſie ereilt hat.“. „So muß ich den Himmel bitten,“ ſprach Frau von Clermont mit Anſtrengung,„daß er meinem Sohn günſti⸗ ger ſein möge!“ Nach dieſen Worten ſank ſie erſchöpft in einen Stuhl. Der Arzt erzählte ihr indeß die Geſchichte der Schiff⸗ brüchigen. Der Angriff einer der franzöſiſchen Stations⸗ Fregatten auf die Beduinen, welche die Wracks plünder⸗ ten, hatte dieſem unwiſſenden Volke den äußerſten Schrecken erregt. Schon glaubten ſie, daß die Landung des ganzen franzöſiſchen Heeres vor ſich gehe. Voll Angſt, zugleich auch voll Grimm, weil die Kartätſchenſchüſſe der Fregatte ihnen viele Leute gekoſtet hatten, flohen ſie ins Gebirge nach ihren elenden Weilern, wo ſie im erſten Zorn und Grimm. mordend über die Gefangenen herfielen. An einigen Orten legten ſich jedoch einſichtsvollere Häupt⸗ linge dazwiſchen und hinderten den Mord, weil ſie für die Lebenden ein größeres Löſegeld zu erhalten hofften. Wenige Tage danach kamen türkiſche Offiziere, welche von dem Schiffbruch gehört hatten, in die Dörfer der Beduinen hinaus und vermittelten die Rettung der verſchont geblie⸗ benen. Einigen wenigen war es gelungen, ſich zu flüchten; allein bei dem unwirthbaren Lande und der habſüchtigen Grauſamkeit ſeiner Bewohner war auf ihre Rettung nur durch ein Wunder zu hoffen. Zweien derſelben nur war es geglückt, bis Algier zu gelangen, wo ſie das Loos ihrer übrigen Gefährten theilten und im Bagno ſchmachteten, bis der Sieg der franzöſiſchen Waffen ſie erlöſen werde. Mit ſchmerzlicher Theilnahme hatte Frau von Clermont die Erzählung von den Schickſalen der Unglücklichen mit angehört. Der Arzt fragte ſie, ob ſie es für gut halte, ———nnn — uu— daß man dieſe näheren Nachrichten Leontinen mittheile. Sie war dafür, wollte es jedoch noch einige Zeit aufſchie⸗ ben, weil ja doch die Möglichkeit da ſei, daß unter den Flüchtigen, Verſprengten, denen ein gütiges Geſchick eine ſpätere Rettung verhängt habe, ſich auch Adolph oder Victor befinden dürften. Der Arzt war es zufrieden und ging, nachdem er die kränker und kränker werdende Tony noch zuvor beſucht hatte. Wenige Tage darauf, es war der achtzehnte Junius, wollte er eben wieder ſeinen Weg hinaus zu Frau von Clermont antreten, als er, da ihn die Geſchäfte gerade an den Hafen führten, dort ein fröhliches Getümmel wahr⸗ nahm. Er erkundigte ſich nach der Urſache und erfuhr, daß ein Schiff mit vollen Segeln auf den Hafen zukomme, welches wahrſcheinlich, wie man an ſeinen ſchon aus der weiteſten Ferne gegebenen Signalen vermuthe, ſehr glück⸗ liche Nachrichten bringe. Das Intereſſe für die Angelegen⸗ heit des Vaterlandes belebte jedes Herz und zog daher auch ihn in den immer größer werdenden Kreis der erwar⸗ tenden Zuſchauer hinein. Das Schiff kam mit dem gün⸗ ſtigſten Winde heran. Die Nachricht davon verbreitete ſich ſchnell durch die ganze Stadt. Immer ſtärker wuchs die Maſſe des Volkes an, die der Ankunft entgegenharrte. Die Balkone, die Fenſter füllten ſich mit Menſchen, alle Höhen um Toulon waren mit einer bunten Menge bedeckt. Diejenigen, welche das Fahrzeug durch Fernröhre beobachte⸗ ten, riefen bald:„Es iſt ein Dampfboot, wir ſehen deut⸗ lich die Rauchſäule zwiſchen den Segeln hinaufſteigen. Es hat alle Freudenflaggen aufgeſteckt!“ Bald konnten auch die Zuſchauer mit unbewaffneten Augen dieſe frohen Zeichen wahrnehmen. Jetzt war es im Angeſicht des Hafens. Stolz durch⸗ jyp ̃ ſtrenger Haltung, verriethen keine Sylbe; nach wenigen — 143 ſchnitt es die blaue Flut mit ſeinem Kiel, daß die Wogen hoch daran emporſchäumten. Sowie es ſich zwiſchen den Spitzen beider Hafendämme befand, ſah man den Blitz eines be⸗ grüßenden Kanonenſchuſſes. Dreimal hallte der Donner freudig über das Meer hin und das ganze verſammelte Volk jauchzte laut auf. Die im Hafen liegenden Schiffe erwiderten den frohen kriegeriſchen Gruß. Der Dampf des Geſchützes verbreitete ſich über das Meer und verhüllte einen Augenblick das prächtig einlau⸗ fende Schiff. Da aber trat die Sonne, welche bisher von einer Wolke gedeckt war, plötzlich hellleuchtend hervor, warf ihre Strahlen in die Rauchwolken, welche ſich über die Flut wälzten, und durchblitzte ſie mit hellem, funkelndem Gold. In demſelben Augenblicke theilte auch das Schiff den wirbelnden Dampf und mit blendendem Glanz der Segel und farbig ſchimmernden Flaggen brach es ſtolz, königlich hervor und ſchwamm nun ruhig, wie im Triumpb, auf der blauen Flut daher. Der überraſchende Anblick hatte die ganze verſammelte Menge ergriffen und ein unermeßli⸗ cher Jubelruf drang gen Himmel. Ein Boot wurde aus⸗ geſetzt; mit raſchem Ruderſchlag theilte es die Wellen. Eine weiße Fahne wurde geſchwenkt, der Ruf:„Es lebe Frankreich!“ drang über das Meer und nach wenigen Mi⸗ nuten ſprangen mehre See⸗Offiziere und Matroſen an das Ufer und drängten ſich durch das Volk zu dem Seepräfek⸗ ten, der, durch Zeichen bereits von fern her unterrichtet, der Boten ſchon am Ufer harrte. Die Menge umlagerte, begierig auf Nachrichten, das Zollhaus, in welches der Prä⸗ fekt mit einem Offizier getreten war; ſie beſtürmte die Ma⸗ troſen und Offiziere mit Fragen. Doch dieſe, in dienſtlich — 444— Minuten aber trat der Seepräfekt aus der Thür des Zoll⸗ hauſes, die auf einen erhöhten Perron hinausging, hervor, ſchwenkte die weiße Fahne und rief:„Frankreichs Flotte iſt auf der Küſte Afrikas gelandet. Es lebe der König! Es lebe das tapfre Heer!“ Ein donnernder Jubelruf, der die tobende See hätte übertönen können, erſchallte nach dieſen Worten. Zugleich ertönte, auf ein vom Präfekten gegebenes Zeichen das Ge⸗ läut der Glocken von allen Thürmen der Stadt, alle Schiffe im Hafen flaggten und begrüßten die Freudenbot⸗ ſchaft mit donnerndem Geſchütz! Mitten in dem allgemeinen Jubel gedachte der Arzt der trauernden Leontine; eine ſolche Botſchaft der allgemeinen Freude mußte ihr gebeugtes Herz ſtärken. Naſch drängte er ſich daher durch die Menge, warf ſich in den Wagen und eilte auf das Landhaus hinaus. Er fand die Bewohnerinnen deſſelben noch unbekannt mit dem Ereigniß, welches die Bewohner Toulons in einen Taumel der Freude verſetzt hatte. Denn Leontine ſaß pfle⸗ gend an Tony's Krankenbette, und die Mutter verließ das Zimmer der Leidenden ebenfalls nicht, da, ſo ſchien es, ſie in einer heftigen Kriſis lag. Der Arzt trat ſtill ein, be⸗ trachtete die Kranke, fühlte ihren Puls und ſprach:„Ihr Leiden wird bald zu Ende ſein. Ruhe iſt das Einzige, was ihr jetzt hülfreich ſein kann; ich ſehe, die abgeſpannte Kraft der Natur dringt danach.“— Tony lag nämlich ſeit mehren Stunden in den heftigſten Fieberphantaſien, die ſie jetzt ſo erſchöpft hatten, daß ein dumpfer, heißer Schlaf ſie befiel. Der Arzt winkte den beiden Damen, ihm zu folgen; eine Wärterin blieb bei der Kranken, mit dem Auftrage, ihr Alles zu reichen, was ſie begehren ſollte⸗ Im Gartenzimmer angelangt, ſprach der redliche Freund — 145— des Hauſes:„Nicht immer bringe ich ſchlimme Botſchaften; heute auch einmal eine gute. Sie hörten das Schießen im Hafen? Das Glockengeläut?“—„Einige Kanonenſchüſſe wohl,“ erwiderte die Mutter,„doch kein Glockenläuten! Was iſt aber geſchehen?“—„Die Flotte iſt glücklich an der Küſte von Afrika bei der Halbinſel Sidi⸗Ferruch ge⸗ landet; das Heer hat den vollkommenſten und, was mehr iſt, einen faſt unblutigen Sieg erfochten. Nur ein einzi⸗ ger Offizier iſt leicht verwundet worden und zwar Charles Bourmont beim Sturm einer Redoute.“ Ein leichter Schimmer der Freude überflog bei dieſer Botſchaft Leontinens bleiches Antlitz mit einem raſch vorü⸗ bergehenden Roſenhauch; einige Thränen, die, da jedes Glück der Waffen ſie ſo mächtig an die Opfer des Kriegs erinnern mußte, drangen ihr aber doch ins Auge. Die Mutter gedachte am meiſten ihres Sohnes und ſandte einen dankbaren Blick gen Himmel. Der Arzt fuhr fort noch einige Nachrichten mitzutheilen, die er hier und dort gehört hatte, und ſchlug im Geſpräch den Damen einen Spaziergang durch den Garten vor. Sie traten hinaus und wollten eben die Terraſſe hinabgehen, als ſie einen Offizier eilig die Gartenthür öffnen und ein⸗ treten ſahen. Einiges Gebüſch hinderte ſie jedoch, deutlich zu ſehen, wer es ſei. Da er aber mehr fliegend als gehend den gekrümmten Laubgang herauf eilte, der ihn einige Augenblicke ganz den Blicken entzog, ſo rief Leontine, von einiger Ahnung befallen aus:„Um Gottes willen, beſter Freund, ſie ſagten uns nicht Alles; wer hat die Nachricht gebracht? Iſt es mein Bruder?“ Vielleicht beugte dieſe Vermuthung, welche die Seele Leontinens und der Mutter in eine heftige Spannung verſetzte, einem bedenklichen Fall vor, der ohne alle Vorbereitung leicht eingetreten wäre; denn Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. I. 7 *. u146— der Arzt hatte noch nicht Zeit gehabt zu antworten, als der Offizier ſchon mit dem lauten Ruf:„Leontine! Meine Mutter!“ aus dem nächſten Gebüſch hervorſtürzte. „Heiliger Gott! Es iſt Adolph!“ rief Leontine, und ſchwankte ihm einige Schritte entgegen und ſank dann be⸗ wußtlos in die Arme des Herbeiſtürzenden. Selbſt Frau von Clermont verlor einen Augenblick Sprache und Faſſung; der Arzt, welcher nicht die mindeſte Ahnung von dieſem außerordentlichen Umſtand hatte, war ebenfalls im höchſten Grade überraſcht. „Es iſt zu viel, zu viel!“ rief Leontine und ſchlug die ſchönen Augen auf, aus denen ſogleich ein Strom von ſü⸗ ßen, erleichternden Thränen hervorbrach.„O meine Mutter, meine theuerſte Mutter!“ Und damit ſank die liebende, er⸗ ſchütterte Tochter an das Herz der eben ſo tief bewegten Mutter. Doch ließ Adolph ihre Hand nicht und bedeckte ſie mit innigen Küſſen, während Thränen des heiligſten Ent⸗ zückens über ſein männliches Antlitz rannen. 4 Mehre Minuten vergingen, ehe die Ueberglücklichen ſo viel Ruhe wieder gewannen, daß das erklärende Wort mög⸗ lich geworden wäre. Adolph war mit demſelben Dampfſchiff, die Sphinx, welches die Nachricht von der Landung der Flotte nach Toulon gebracht hatte, gekommen. An jenem Morgen, wo er ſeinen letzten treuen Gefährten in den Tagen des Un⸗ glücks beſtattete, hatte er ein heftiges Schießen vernommen. Dies war das Landungsgefecht geweſen. Die Sphinx, welche noch an demſelben Nachmittage mit der Siegesnach⸗ richt nach Toulon abgefertigt wurde, war es, welche ihn auf der hohen See, wo er ſchon an ſeiner Rettung ver⸗ zweifelte, antraf und ſo ins Vaterland zurückführte. Die wunderbaren Schickungen und Fügungen, die e —õÿ— — — — 147— erfahren, erfüllten, als er ſie kurz erzählte, die Zuhörenden ſo ganz, das ſie mehre nahe liegende Fragen darüber ver⸗ gaßen. Der Arzt bemerkte zuerſt, daß der Schimmer ſeli⸗ ger Freude, der aus Adolph's Augen ſtrahlte, oftmals durch ein trübes Dunkel ernſter Falten geſtört wurde, die ſich über ſeine jugendliche Stirn zogen. Endlich fragte Leontine, die vergeblich geharrt hatte, daß er ſelbſt das Geſpräch darüber beginnen ſöllte:„Und, lieber Freund, was haſt Du uns von Deinem Bruder, von dem uns Allen ſo theuern Victor, zu berichten?“ Adolph ſeufzte, bedeckte ſich mit der Hand die Augen und ſprach:„Nichts, Geliebte, als daß ich hoffen muß, Gott werde ihn gleich mir beſchirmt haben!“ Alle ſchwiegen gerührt; es herrſchte einige Augenblicke eine tiefe Stille. „Für ihn kann ich noch hoffen,“ brach Adolph endlich das Schweigen,„allein ſo mancher Freund und treuer Ge⸗ fährte ſank an meiner Seite und die Pflichten meiner letz⸗ ten Tage waren alle traurig!— Auch den muntern Jean, die treueſte Seele der Erde, habe ich an meiner Seite ſter⸗ ben ſehen und ihn ſelbſt beſtattet!“.. „O, die Unglückliche!“ rief Leontine aus und gedachte an Tony.„Weißt Du,“ fuhr ſie fort,„das holde, gute Mädchen, mit dem er verlobt war, iſt hier im Hauſe, aber ſie liegt ſchwer krank!“ „Meine Botſchaft wird ſie nicht heilen!“ erwiderte Adolph und zog die Locke, die ihr Geliebter ihr als letztes Pfand ſeines Andenkens geſandt, hervor. Der Arzt ging hinauf in das Zimmer, wo Tony lag. Nach wenigen Minuten kam er zurück und ſprach mit ge⸗ rührter Stimme:„Es iſt vorüber mit ihr; ſie wird nicht länger mehr leben, als dort die Sonne, die ſchon an den 7 ⅔ — 148— „Nand des Merres ſtreift. Haben Sie ihr noch eine Bot⸗ ſchaft zu bringen, ſo thun Sie es jetzt. Was ſie auch ver⸗ nehmen könnte, nichts kann ihr mehr ſchaden, nichts mehr ſie retten. Sie ſteht ſo nahe an der Grenze dieſes Lebens, † daß die Todesbotſchaft von dem Geliebten ihr faſt will⸗ kommner ſein müßte, als die Kunde von ſeinem Leben, denn nur dort könnte ſie ihn wiederſehen!“ Alle gingen hinauf in das kleine Zimmer der Kranken, deſſen von Laub umranktes Giebelfenſter gegen die Abend⸗ ſonne hinausblickte. Dieſe warf eben die letzten röthlichen Strahlen in das Gemach. Tony ſaß bleich, halb aufge⸗ richtet auf dem Lager und lächelte die Eintretenden an. Adolph war noch einen Augenblick zurückgeblieben. „Wie iſt Dir, liebe Tony?“ fragte Leontine mit zit⸗ ternder Stimme. 38 „O gut! Sehr gut, es wird ja nur noch wenige Au⸗ genblicke dauern. Ich habe auch ſchon gebetet!“ Ein Roſenkranz mit einem kleinen Crucifix lag auf 6 ihrem Bett. Die Kranke genoß eben jene letzten lichten 4 Augenblicke, die nach der entſcheidenden Kriſis dem Tode voranzugehen pflegen. „Wir wollten Dir Nachrichten von Deinem Geliebten bringen,“ ſprach Leontine;„magſt Du ſie wol verneh⸗ men?“— Sie lächelte, nickte und ſetzte mit ſchwacher Stimme hinzu:„Aber täuſcht mich nicht! Ich weiß, er 4 iſt todt! Schon vor fünf Tagen hat er Abſchied von mir genommen. Bald folge ich ihm nach!“ Adolph, der indeſſen näher getreten war, hörte dieſe letzten Worte mit ſeltſamer Empfindung. Denn wirklich war es gerade der fünfte Tag ſeit Jean's Tode.— Auf. den Wink des Arztes trat er ans Bett.„Kennſt Du mich wol?“ fragte er die Sterbende. zuvor; ſie warf einen Blick nach oben, gleichſam um an⸗ Locke aus dem Buſen und legte ſie auf Tony's Bett. — 149— Sie bejahte es ſtumm und ſah ihn fragend an, als erwarte ſie von ihm die verheißenen Nachrichten. „Dein Freund iſt todt, mein liebes Kind,“ ſprach Adolph;„ich kann's Dir nicht verhehlen!“ Tony wurde durch die Worte nicht mehr bewegt, als zudeuten, daß er ſchon dort ſei. „Bis zum letzten Augenblick hat er Deiner treulich ge⸗ dacht,“ fuhr Adolph fort;„im Sterben bat er mich“— die Stimme verſagte ihm vor tiefer Rührung. Er zog die Bei dieſem Anblick zeigten ſich die Spuren der inner⸗ ſten Bewegung auf dem Antlitz der Sterbenden. Sogar noch einige Freudenthränen hatte die erſchöpfte Natur ihr aufgeſpart! Sie nahm die Locke in die Hand, drückte ſie gegen das Herz und ſprach:„Ja, das iſt von ſeinem lie⸗ ben, freundlich gelockten Haar! Das müßt Ihr mit mir begraben!“ „Alles Andere, was er beſaß,“ ſprach Adolph, der ſich gewaltſam zuſammenraffte,„haben ihm die Beduinen ge⸗ raubt. Deinen Ring“—— Tony unterbrach ihn.„Er war mir doch treu!“ Da⸗ bei betrachtete ſie das letzte Pfand ſeines Andenkens mit ſeligen, verklärten Blicken. Niemand ſprach mehr. Es herrſchte eine heilige Stille in dem kleinen Gemach. Leontine ſtand an die Mutter gelehnt, der Arzt zu Häupten des Bettes, Adolph vor der Sterbenden, indem er ihr gerührt in das blaſſe, ſchöne, unſchuldige Antlitz blickte. Nach einigen Minuten athmete Tony ſchwerer, die Hände ſanken ihr zurück, die Augen brachen, man be⸗ merkte, daß ſie mit den letzten mühſamen Blicken noch die — 150— Umſtehenden ſuchte; Leontine trat näher und ergriff die ſinkende Hand, Tony lächelte, als habe ſie das gewollt, ſank mit dem lieblichen Haupt zurück, lispelte die Worte:. „Dank Euch— mein Heiland!“— und war nicht mehr.= Eben verſchwand auch der äußerſte Rand der glühen⸗ den Sonnenſcheibe. Der Himmel war mit Roſen bekränzt, das blaue Meer mit güldenen Sternen überſäet; die Pfor⸗ 3 ten des Jenſeits ſchienen ſich zu öffnen, um die Seele der ¹ Unſchuldigen in das ewige Licht einzulaſſen. 3 Zwanzigstes Capitel. 8 4 Der Augenblick, in welchem Victor ſich auf dem un⸗ 4 wirthbaren Strande Afrikas von Adolph trennte, war einer der feierlichſten ſeines Lebens. Neben dem tiefen Schmerz, der ihm das brüderliche Herz durchſchnitt, da er Denjenigen in ernſten Bedrängniſſen verlaſſen mußte, mit dem er am freudigſten geduldet, getragen und gewagt hätte, neben die⸗ ſem Schmerz empfand er doch zugleich eine Kraft des edeln Selbſtbewußtſeins, die ihn mächtig aufrichtete. Denn das 4. Theuerſte, was er beſaß, brachte er in dieſem Augenblick⸗ der Pflicht zum Opfer; nicht gewaltſam hatte man ihn von dem Bruder getrennt, ſondern die Bitte der auf ihn vertrauenden Untergebenen, die ſich verloren hielten, wenn nicht ein umſichtigerer Führer ſie beſchirmte, bewog ihn,— ſich an ihre Spitze zu ſtellen. Freilich ſah er wohl ein,* daß er, der Landesſprache völlig unkundig, rauhen Barba⸗ 151— ren gegenüber, durch nichts im Stande ſein werde, das Schickſal der Seinigen zu verbeſſern; allein er wollte ihnen wenigſtens den ſchwachen Troſt ihres Glaubens, daß ſie un⸗ ter ſeiner Führung geſicherter wären, nicht rauben. Ihre Meinung glich der eines Kindes, welches gleichfalls oft Schutz bei dem Vater gegen Gefahren und Schrecken ſucht und gefunden zu haben meint, gegen welche keine menſchliche Macht beſchirmen kann. Die Nothwendigkeit, nicht ver⸗ zagt ſein zu dürfen, da ſo Viele von ſeinem Muthe, ſei⸗ nem Rathe ihre Rettung hofften, gab ihm auch den Ent⸗ ſchluß und die Kraft dazu. Aufrecht, mit heiterer Miene ging er daher, nachdem er die erſte Aufwallung des Schmerzes bekämpft hatte, vor den treuen Gefährten her, als empfinde er die Mühſeligkeiten des Weges und der naſſen Kälte bei dem fortdauernden Regenwetter nicht. Er redete ihnen zu, munterte ſie auf und gab ihnen die Hoff⸗ nung, daß mit einigen wenigen Tagen der Beſchwerde ihr trauriges Schickſal überwunden ſein werde. Sah er gleich oft nach dem Bruder, der mit den Seinigen mehr und mehr hinter den Hügeln verſchwand, hinüber, ſo geſchah es doch, ohne Beſorgniſſe zu verrathen, und er rief den ſcheidenden Kameraden, indem er grüßend hinüber winkte, ſogar die Worte nach:„Auf baldiges Wiederſehen in Algier!“ Zwei Stunden lang wanderte der Zug fort, tiefer und tiefer ins Gebirge hinein. Man befand ſich jetzt in einem romantiſchen Thal, auf deſſen Sohle ein raſcher Bergſtrom ſilberklar dahinſchoß. Die Berge waren mit Lorberen, Fei⸗ genbäumen und Cypreſſen grün bedeckt; dazwiſchen ragten ſteile Felskuppen empor, die ſich oft jäh in die Tiefe hinabſenkten. Auf vielen derſelben, welche Schutz vor dem Sturm hatten und doch der Sonne nicht entzogen waren, erhoben ſich ſchlanke, herrliche Palmen mit ihren majeſtäti⸗ ſchen Kronen. Victor bemerkte, daß ſich ein Fußpfad an halber Höhe der Thalwand über ihnen hinzog, der bald mit dem größeren Wege, auf dem die Gefangenen geführt wurden, zuſammentreffen mußte. Plötzlich ſchien es ihm, als* ſchimmre etwas durch die Lorberbüſche, welche jenen Pfad ſtreckenweiſe dem Auge entzogen. Er blickte aufmerkſam hin. Es war eine Anzahl wandernder Männer und Frauen, die theils zu Fuß gingen, theils auf Roſſen oder Maulthieren zu ſitzen ſchienen. Der Weg machte jetzt eine Wendung, welche die Wandernden eine Zeit lang den Blicken Victor's entzog; nach wenigen Minuten jedoch kam man an eine Stelle, wo das Thal ſich ſpaltete, oder vielmehr in ein zweites, 4 quer hindurch laufendes einfiel. Auf der Bergſcheide, die ſich hier in die Kreuzung des Thales verlief, ſenkte ſich jener Fußpfad herab, und man konnte jetzt Diejenigen, 8 welche darauf wanderten, deutlich ſehen. Es war ein ſelt⸗ ſamer Zug, der einen wahrhaft romantiſchen Anblick ge⸗ währte. Denn aus den dunkeln Lorberbüſchen traten zu⸗ erſt zehn oder zwölf jener ſchönen mauriſchen Geſtalten mit brauner Geſichtsfarbe und ſchwarzen funkelnden Augen her⸗ vor, die, als Krieger gekleidet, den langen weißen Mantel vom Haupt herabflattern ließen, während ihre farbenreichen, rothen und grünen, reich mit Gold geſtickten Unterkleider den Leib bis zur Hüfte bedeckten; ein langes weites Beinkleid von leichtem weißen Stoff und Schuhe mit goldner Sticke⸗ 4* rei bildeten die Fußbekleidung. Die langen Flinten hingen dieſen Männern über dem Nacken, als ob ſie zur Jagd gingen; im Gürtel glänzte der goldne Griff eines Dolches, ein reich verzierter Säbel hing an ihrer Seite. Ihnen folgten zwei ſchwarze Knaben, die an langen Leitzügeln ein Kameel hinter ſich herführten, auf deſſen Rücken eine roth⸗ ſeidne Decke ausgebreitet war. Auf dieſer ſaß, gleich einer — 153— orientaliſchen Fürſtin, eine weibliche Geſtalt mit verſchleier⸗ tem Antlitz. Weiterhin folgten auf Maulthieren noch meh⸗ re Frauen, neben welchen ältere, nicht ſo ſtattlich gekleidete Krieger, als jene erſten, hergingen. Ein ähnlicher Zug von zehn oder zwölf Männern im feſtlichen Schmuck folgte der Karavane. Victor betrachtete dieſe Erſcheinung, deren Anmuth und Pracht auf mildere Sitten deutete, als er unter dieſen Barbaren zu finden hoffen durfte, mit einem eignen Ge⸗ fühl des Erſtaunens und der wunderbarſten Bewegung ſei⸗ nes Herzens. Die ſchöne verſchleierte Geſtalt auf dem Rücken des vorſichtig, mit prüfendem Fuß, aber doch leicht vorwärts ſchreitenden Kameels zog ſeine Blicke und, wie durch geheimnißvolle Zauberkraft auch ſein Herz mächtig an. Er freute ſich daher, als die Beduinen, von denen er und ſeine Gefährten begleitet wurden, beim Anblick der vom Berge Herabkommenden Halt machten und ſich in einer gewiſſen Ordnung aufſtellten, gleichſam als wollten ſie den Zug der feſtlich geſchmückten Reiſenden ehrerbietig begrüßen. Dieſe kamen jetzt näher. Victor bemerkte, mit welcher freien Haltung und doch Sittſamkeit die Verſchleierte auf der reichen Decke des Kameels ſaß. Der eine ihrer zarten Füße ruhte in einem breiten goldnen Bügel; der andere hing nachläſſig daneben herab. Die Hände hatte ſie nach⸗ denklich gefaltet in den Schoos gelegt und das Haupt ein wenig erhoben, als blicke ſie ſinnend gen Himmel. Der Zug war jetzt ganz nahe; wie die verſchleierte Schöne an den Beduinen vorüberkam, neigten ſich dieſe demüthig vor ihr. Als ſie dicht an Victor herangekommen war, ge⸗ bot ſie plötzlich Halt. Man gehorchte ihr. Sie ſchlug den Schleier zurück und blickte Victor an. Faſt wäre dieſer ihr zu Füßen geſtürzt, als er in ihr jene junge Araberin 7**† — 154— erkannte, die er ſchon geſtern bemerkt und deren Mutter ihn engliſch angeredet hatte. Sie erſchien ihm jetzt wie eine himmliſche Geſtalt, die ihm Troſt und Hoffnung ver⸗ ſprechen werde. Und wahrlich that ſie es. Denn ſie ſprach auf engliſch die Worte zu ihm:„Sei nicht mehr beſorgt; man wird Dir und den Deinen nichts zu Leide thun.“ Victor wurde durch die ſanfte Huld ihres Ausdrucks und den ſüßen Klang der Stimme, mit der ſie ihn anre⸗ dete, auf das wunderbarſte ergriffen.„Himmliſches Weſen,“ rief er ihr entgegen,„wer biſt Du, daß Du in Zungen chriſtlicher, glücklicher Völker redeſt und uns Rettung ver⸗ heißeſt?“ Sie erröthete hold bei dieſen Worten, die Victor mit dem ganzen Feuer ſeines jugendlichen Herzens geſpro⸗ chen hatte; ſchnell aber ließ ſie den Schleier fallen, indem ſie antwortete:„Ich bin nicht glücklich; wir werden uns wiederſehn.“ Dann winkte ſie dem Führer und der Zug bewegte ſich vorwärts, während die Araber ſich auf's neue ehrfurchtsvoll verneigten. Victor fühlte ſich wie von einem neuen Leben der Hoff⸗ nung und des Muthes durchdrungen. Verſchwunden war jedes Gefühl der Mühſeligkeiten, der Leiden; voller Muth und Kraft folgte er jetzt dem fortſchreitenden Zuge, indem er zu⸗ gleich ſeinen Gefährten leiſe, aber beſtimmt die Perſicherung gab, daß ſie ſich jeder Hoffnung froh überlaſſen dürften. Die geheimnißvolle Jungfrau blieb an der Spitze des Zuges, dicht vor demſelben. Es ſchien, als hätten Alle von nun an denſelben Weg zu nehmen, denn man folgte der Richtung des Thales. Nach einer Stunde erblickte man Hütten und bald befanden ſich die ermüdeten Gefan⸗ genen inmitten eines größeren Dorfes, als ſie bisher geſehen hatten. Die verſchleierte Schöne hielt vor einer der an⸗ ſehnlichern Hütten, die am Fuße eines ſanft anſteigenden * I 3 1 3 -— 155— Berges erbaut und von grünen Gartengehegen umgeben war. Die Gefangenen wurden eine kurze Strecke weiter geführt, zu einer in der Mitte des Dorfes gelegenen Moſchee, die ihnen, wie in der vergangenen Nacht, zum Gefängniß an⸗ gewieſen wurde. Der Raum war nicht zu beſchränkt, mehre Fenſter machten ihn luftig, verſchloſſen wurde er nicht, doch ſtanden mehre Beduinen vor den Eingängen als Wache.— Victor fragte unter ſeinen Gefährten nach, ob einer derſelben da⸗ runter ſei, welcher Engliſch rede; es fand ſich keiner. Ita⸗ lieniſch und Spaniſch verſtanden mehre der älteren; allein es waren meiſtens junge Seeleute, die noch nicht viele Rei⸗ ſen gemacht hatten. Dieſer Umſtand war ihm eigentlich lieb, da ein wunderbares Gefühl ihn ſo zu der geheimniß⸗ vollen Araberin hinzog, daß ihm ein fremdes Verſtehen ſeiner Worte ſtörend geweſen wäre. Von dem Eingange aus konnte man die Hütte ſehen, in welche ſie gegangen war. Victor blickte unverwandt hinüber, ob der holde Ge⸗ genſtand ſeiner ſehnenden Wünſche ſich nicht zeigen werde. Wirklich hatte er noch keine Viertelſtunde in dem neuen Ge⸗ fängniß zugebracht, als er aus der Pforte jener Hütte die verſchleierte Unbekannte mit mehren Arabern, welche Körbe trugen, hervortreten ſah. Sie war viel einfacher gekleidet als zuvor und richtete ihre Schritte, zu Victor's unbeſchreiblicher Freude, auf das Gefängniß zu. Die Araber folgten ihr. Als ſie näher kam, wurde ſie von der beduiniſchen Schildwacht mit tiefer Ehrfurcht begrüßt; ſie trat, als ſei ſie hier die Gebieterin, in das Gefängniß ein, die Araber folgten ihr und vertheil⸗ ten auf ihr Geheiß Brot und Feigen unter die Gefange⸗ nen. Dabei blieb ſie verſchleiert, in ſtiller Hoheit ſtehen und deutete nur bisweilen durch Winke ihren Willen an. d — 156— 1 Victor wagte nicht, die Erſcheinung, die ihn mit heiliger Ehrfurcht und Liebe zugleich erfüllte, anzureden. Als ſie jedoch das Gefängniß wieder verlaſſen wollte, ohne mit ihm geſprochen zu haben, ja, indem ſie ihm ſogar etwas ſcheu † auswich, befiel ihn der Gedanke, daß er ſie vielleicht nie wiederſehen würde, mit ſolcher Angſt und Wehmuth, daß er ihr entſchloſſen entgegentrat und ſie anredete.„Gütige 1 Wohlthäterin meiner Gefährten, wer biſt Du? Nenne mir Deinen Namen, unſre Dankbarkeit wird ihn niemals ver⸗ geſſen!“—„Die Araber nennen mich Zuleima,“ erwiderte ſie ſchüchtern.—„Du biſt unglücklich, holde Zuleima?“ fragte Victor und trat ihr näher. Doch ſie, wie bebend vor 1 ſeiner Berührung, trat zurück, machte eine abwehrende Be⸗ wegung mit der Hand und ſprach:„Ja, aber Niemand rettet mich,“ und mit dieſen Worten verließ ſie das Ge⸗ 4 fängniß. Victor blickte ihr nach, in wehmüthiges Staunen verloren, und in ſeine Bruſt drang ein Gefühl, als ver⸗ künde ſich ihm zum erſten Mal die Gottheit in heiliger Nähe und erwecke ihn aus gleichgültiger Bewußtloſigkeit plötzlich zu beſeligender Erkenntniß. Aber mit dieſem wunderbaren, das Herz entzückenden Gruß aus einer Welt höherer Freu⸗ den ſenkte ſich auch der tiefſte Schmerz in ſeine Seele; ihm war, als würden ihm die Wunder des Paradieſes nur flüchtig gezeigt, um ſie ſchnell auf ewig wieder zu verhüllen. Er verließ den Eingang des Gefängniſſes nicht und ſchaute unverwandten Blickes hinüber nach der Hütte, in welcher Zuleima verſchwunden war. Vergeblich hoffte er, ſie werde wiederkehren. Der Tag neigte ſich, die Sonne ſank, Dunkel umhüllte die Erde und er ſah ſie nicht wie⸗ der. Vor ſeiner Seele aber ſtand ihr hohes, rührendes Bild und begleitete ihn treu bis in die Träume ſeines Schlummers. 8. — 157— Eben dämmerte der Morgen herauf und entzündete ſich glühend an den Häuptern der Berge. Victor erwachte. Die Schildwacht vor der Moſchee lag, in ihren weißen Mantel gehüllt, quer vor dem Eingange in feſtem Schlaf, das Gewehr über ſich hingeſtreckt. Wäre die Flucht aus dieſem Lande ſo leicht geweſen als aus dem Gefängniß, ſo hätte ein Schritt ihn frei gemacht. Er blickte hinaus in die Landſchaft; der Himmel war zum erſten Male wieder heiter und blau. Nur ein leichter, wolkiger Flor zog im Hauch der Morgenlüfte durch den tiefdunkeln Aether dahin; die waldigen Berge ſchimmerten im friſcheſten Grün; ein roſiger Duft umgab ihre ſchön geſchweiften und gezackten Gipfel, auf denen ſchlanke Palmen das edle Haupt erhoben, zwiſchen deren breiten Kronen die Glut des Morgens pur⸗ purn hindurchſchimmerte. Zuleima's Hütte lag friedlich an dem Abhange des ſanft geſenkten Hügels. Rings ſchwebte die heilige Stille des Morgens über der Landſchaft und den ſchlummernden Bewohnern derſelben. Ein Gefühl unnenn⸗ bar ſchmerzlicher Wonne durchdrang Victor's Herz. Ein reizendes Paradies lag vor ſeinen Blicken ausgebreitet; die lieblichſte, ſüßeſte Geſtalt belebte es; ein Glück, von dem ihm die ſchimmernden Säle europäiſcher Hauptſtädte noch niemals eine Ahnung gegeben, ſtand plötzlich vor ſeiner Seele— aber zugleich durchdrang ihn der Schmerz, daß es ihm ewig verloren, daß Alles nur ein täuſchender Traum, ja weniger als ein Traum ſei. Da drang, wie er tief in ſich verſunken da ſtand, plötz⸗ lich der dumpfe Laut eines fernen Kanonenſchuſſes an ſein Ohr. Jetzt war er wieder mitten in der Wirklichkeit. Er horchte mit geübtem Ohr ſcharf auf; es folgte ein zweiter, ein dritter Schuß; der Schall kam von der Küſte her, Vor ſeiner Seele ſtand ein kriegeriſches Bild. Er ſah im — 158— Geiſte die vaterländiſchen Schiffe landen, er hörte den Don⸗ ner des Gefechts— ach, und er war fern, war gefangen in der Hand rauher Barbaren! Der dumpfe Klang der Schüſſe war nicht im Stande, die ermüdeten Gefährten oder den ſchlafenden Beduinen zu erwecken. Victor allein belauſchte die vertrauten Klänge des Gefechts. Bald überzeugte er ſich, daß es ſich hier nicht um die Landung der Flotte, ein Gedanke, der ihm zuerſt vor die Seele getreten war, ſondern nur um das Gefecht eines einzelnen Schiffes handelte. Es bedurfte nur eines geringen Nachdenkens, um die Wahrheit zu errathen, daß ein franzöſiſches Schiff, welches mit zu ſpäter Hülfe herbeigekommen war, die muthmaßlich bei den Wracks ge⸗ lagerten Beduinen angegriffen hatte. Sogleich überſah Vic⸗ tor auch die gefährlichen Folgen, welche die wohlgemeinte Hülfe in ihrer jetzigen Lage für ſie haben könnte. Jetzt erwachte der ſchlafende Beduin. Er horchte ge⸗ ſpannt auf die Schüſſe. Dann lief er zu einigen unfern davon gelagerten Gefährten und erweckte ſie. Dieſe horch⸗ ten auf; in ihren lebhaften Zügen malten ſich Erſtaunen und Beſorgniß, ſie ſprachen heftig mit einander und ein raſches Geberdenſpiel begleitete ihre Worte. Der wachtha⸗ bende Beduin lief auf Victor, welcher in der Thür des Gefängniſſes ſtand, zu, blickte ihn zornig an und drohte ihm mit dem Kolben ſeines Gewehres. Ohne ſogleich zurückzu⸗ treten, ſuchte dieſer durch Zeichen jenem die Frage zu thun, was ihn ſo in Zorn ſetze. Allein der Beduin verſtand ihn nicht, ſchüttelte unwillg mit dem Kopf und drohte maehrmals mit dem Kolben, weniger jedoch, als wolle er damit ſchlagen, als um Victor anzudeuten, er möge in die Moſchee hineintreten. Dieſer that es jetzt gelaſſen, weder Furcht verrathend, noch zu unwillig, um nicht den Zorn —y der Beduinen, in deren Gewalt ſein und ſeiner Gefährten Leben ſtand, zu reizen. Dieſe lagen noch im tiefen Schlum⸗ mer und ahnten nicht, welch eine neue Gefahr drohend über ihnen heraufzog. Victor ſetzte ſich auf den Boden und dachte traurig und ſorgenvoll darüber nach, wie er das Unheil von den Seinigen abwenden könne. Der einzige Weg der Rettung, den er ſah, war durch Zuleima. Allein wie ſollte er zu ihr gelangen, wie den zürnenden Beduinen bereden, ſie zu rufen? Dennoch beſchloß er, den Verſuch zu wagen. Er ſtand auf und ging gegen die Pforte zu, um einem Be⸗ duinen zu winken. Freudig erſtaunte er, als er Zuleima ſchon, von zwei Arabern begleitet, welche Körbe mit Eß⸗ waaren trugen, über den grünen Raſen, der ſich von der Moſchee bis zu ihrer Hütte hinzog, leicht wie eine Gazelle der Wüſte, daher ſchreiten ſah. Als ſie an die im eifrigen Geſpräch mit einander ſtehen⸗ den Beduinen gekommen war, traten ihr dieſe zwar ehr⸗ furchtsvoll, doch hindernd in den Weg und wollten ihr den Zugang zu dem Gefängniß nicht geſtatten. Sie aber gebot mit einer Art von Majeſtät, daß man ihr Raum geben möge, und obgleich der Führer jener Mauren ihr noch Vorſtellungen machte, wobei er mit der Hand nach der Gegend deutete, aus welcher man das Schießen ver⸗ nahm, ſo ließ ſie ſich dennoch nicht abhalten, ſondern ſetzte ihren Willen durch, als ſei ſie die Fürſtin des Stammes. Ernſt, doch ſchnell kam ſie den kleinen Hügel herauf ge⸗ ſchritten, auf welchem die Moſchee lag. Victor rief, als ſie ſich näherte, ſeine Gefährten aus dem Schlummer; ſie ſprangen auf und neigten ſich tief vor der eintretenden hol⸗ den Geſtalt, die ihre ſchützende Göttin zu ſein ſchien. Wäh⸗ rend die Diener, welche ſie mitgebracht, Brot, Früchte — 160— und Getränk unter die Gefangenen vertheilten, zog ſich Zuleima einige Schritte gegen den Eingang hin zurück und gab Victor einen Wink, ihr zu folgen. Dieſer that es mit Ehrfurcht und ſüßer Beklommenheit.—„Euch droht Gefahr,“ ſprach ſie ſo leiſe, daß man daraus ſah, ſie wolle von den Andern nicht gehört werden,„doch ſchon habe ich Schritte zu Eurer Rettung gethan. Nur wenige Stunden bittet Gott um Schutz, dann ſollt Ihr gerettet ſein!“— Victor erwiderte:„Du ſchirmende Wohlthäterin! Wie ſollen wir Dir jemals danken? Sprich, o löſe das Geheimniß, welches Dich hierher führt. Deine Tracht iſt die der Araberin, doch Du redeſt die Sprache einer Euro⸗ päerin und handelſt gegen uns mit der Güte einer Chri⸗ ſtin. Biſt Du unſeres Glaubens? Biſt Du eine Skla⸗ vin durch unglückliches Geſchick? Vielleicht können wir Dich retten, wenn Algier erſt unter chriſtlichem Schutze ſteht! Sprich frei! Hier redet Niemand die Sprache der Englän⸗ der, als ich. Denn, daß Du die Wahrheit wiſſeſt, wir ſind Franzoſen und vielleicht binnen wenigen Wochen ge⸗ bietet unſer König hier; dann wollen wir Dir vergelten, was nur in unſerer Macht ſteht!“ „O Gott, dann wird es zu ſpät ſein!“ rief Zuleima und Thränen füllten ihr ſchönes Auge, das dunkel durch den leichten Schleier blickte. Victor wurde von einem Muth, einer Begeiſterung für die ſchöne Unglückliche durchdrungen, die ihn zu jeder noch ſo verwegenen That geſpornt hätte.„Verzage nicht,“ rief er aus,„in wenigen Tagen muß unſere Flotte landen. Eile in das Lager der Franken und jeder Schutz wird Dir als einer Chriſtin werden. Nenne meinen Namen, ſprich, Du ſeiſt unſere Retterin; ich habe viele Freunde, ſie alle werden für Dich wagen, was in ihren Kräften ſteht!“ * * . — 161— — Zuleima ſeufzte tief und verhüllte ſich dichter in ih⸗ ren Schleier.„Nur noch heute,“ rief ſie,„habe ich Macht und Freiheit hier. Morgen bin ich rettungslos ver⸗ loren. Meine letzten, geringen Kräfte will ich anwenden, Euch zu erretten!“— Mit dieſen Worten verließ ſie haſtig, wie uüberwältigt von ihrem Schmerz, das Gefängniß und eilte hinweg. Mit einem unnennbaren Schmerz im Buſen blickte Victor ihr nach. Er fühlte, daß er auf ſeine eigne Rettung keinen Werth mehr lege, wenn er dieſes holde Weſen ſeinem traurigen Geſchick überlaſſen mußte. In dü⸗ ſterer Stimmung ſetzte er ſich auf den Boden nieder und verſenkte ſich in ſeine ſchwermüthigen Gedanken. Indeß waren mehre Stunden vergangen, der Mittag nahe. Da hörte er plötzlich draußen vor dem Gefängniß ein verworrenes Geräuſch. Er ſprang an die Pforte und ſah, daß man von allen Seiten aus dem Dorfe her zu⸗ ſammenlief und ſich um einen Mann zu Pferde ſammelte, der eine wichtige Nachricht zu bringen ſchien. Es dauerte nicht lange, ſo ſprengten noch einige andere arabiſche Reiter in das Dorf herein und jagten auf den Trupp, der in der Mitte verſammelt war, zu. Der ſchwarze Knäuel wuchs immer mehr und mehr an. Plötzlich aber brach das dumpfe Brauſen verworrener Stimmen in ein wildes Ge⸗ ſchrei aus und, wie durch eine Pulvermine geſprengt, ſtürzten die Männer nach allen Seiten auseinander; viele liefen nach ihren Hütten, die meiſten jedoch auf das Ge⸗ fängniß zu. Mit einem Blick überſah Victor die Gefahr, die ihm und den ihm anvertrauten Leuten drohte. „Kinder!“ rief er,„jetzt gilt es, unſer Leben zu ver⸗ kaufen, wenigſtens ſollen ſie uns nicht würgen wie gebun⸗ dene Opferthiere!“ Alle ſprangen auf. Der Haufe ſtürmte heran. Die ** 8 — 162— Gefangenen hatten aus der Mauer an einer verfallenen Stelle auf das ſchnellſte eine Anzahl von Steinen heraus⸗ gebrochen, um damit den engen Eingang zu vertheidigen. Zugleich rafften ſie mit größeſter Schnelle das Schilfgras, welches man ihnen zum Lager gegeben hatte, zuſammen und thürmten es vor der Pforte auf, um damit eine Art von Bruſtwehr gegen die Kugeln zu bilden. Die Araber waren indeß mit gezogenen Säbeln heran⸗ geſtürzt, um Alles niederzumetzeln, indem ſie keinen Wider⸗ ſtand vermutheten. Da jedoch ein kräftiger Steinwurf Vic⸗ tor's den nächſten niederſtreckte und einige andere Steine mitten in den dichten Haufen geſchleudert wurden, prallten ſie wieder zurück und legten ihre Gewehre an. Mehre Schüſſe fielen auf den Eingang, doch da ſich die Franzoſen hinter die Mauer zurückzogen, thaten ſie keinen Schaden. Als dieſes Mittel daher den Feind nicht vertrieb, verfielen ſie auf ein anderes. Ein Araber kam mit einem Feuer⸗ brand gerannt und warf ihn auf das von dem Stroh des türkiſchen Korns geflochtene Dach; andere ſchoſſen ihre Flin⸗ ten in das Stroh hinein. Wenige Minuten darauf ſtand das Dach in Flammen, und auch das Schilfgras, welches man vor den Eingang gethürmt hatte, fing Feuer. Nauch und Funken drangen in das Gefängniß, es war nicht mehr zu halten. Victor rief daher:„Folgt mir, Freunde, wir wollen uns wenigſtens wehren wie die Löwen der Wüſte!“ Und mit dieſen Worten ſprang er durch Rauch und Flammen hindurch ins Freie, hatte dem nächſtſtehenden Be⸗ duinen mit Blitzesſchnelle den Säbel aus der Fauſt gewun⸗ den und hieb damit auf die Andringenden ein. Alle ſeine Kameraden folgten ihm; es entſtand ein furchtbares Ge⸗ tümmel; Schüſſe fielen von allen Seiten; unter wildem Geſchrei ſtürmten die Araber mit geſchwungenen Säbeln — 14163— und Dolchen auf ſie ein. Victor empfing einen Schuß in die Bruſt, der ihn zu Boden ſtreckte; ein Araber zuckte den Dolch auf ihn, ſeine treuen Kameraden aber ſprangen ihm zu Hülfe. Da warf ſich plötzlich eine weibliche Ge⸗ ſtalt zwiſchen die Kämpfenden unerſchrocken mitten hinein und rief in drohender Stellung den eindringenden Beduinen einige Worte zu, die ſie auf der Stelle feſſelten. Gleich darauf ſprengte ein Reiter in kürkiſcher Tracht in die Scharen, winkte gebietend mit dem Säbel und das Ge⸗ fecht hatte ein Ende. Zugleich aber auch Victor's Beſin⸗ nungskraft; denn vom Blutverluſt ermattet ſank er zurück, ſchloß das Auge und lag bewußtlos in den Armen ſeiner treuen Gefährten. Einundzwanzigstes Capitel. Als er aus ſeiner Betäubung erwachte, fand er ſich in einem kleinen, aber traulichen Gemach, auf einem Lager von weichen Decken und Polſtern. Die Sonne blickte freundlich durch ein mit Laub halb überſchattetes Fenſter. Verwundert blickte er umher und glaubte zu träumen. Da trat eine holde Geſtalt auf ihn zu, die ſein Auge und Herz ſogleich erkannte, aber er wagte nicht zu hoffen, daß es mehr als ein Gebilde ſeiner Fieberträume ſei. Und doch war es Zuleima. Sie lächelte den Erwachten mit unbe⸗ ſchreiblicher Holdſeligkeit und Freude an und erröthend fragte ſie:„Lebſt Du? Freut Dich das Licht der Sonne wieder?“ — 161— Victor glich einem, der von den Schrecken eines Schiff⸗ bruchs betäubt, ſich an eine öde Küſte geworfen glaubt, je⸗ der Hoffnung entſagt hat und ſich plötzlich in den Armen der Theuerſten, die ſein Herz kennt, wiederfindet. Alle Kräfte ſeines Geiſtes mußte er zuſammenraffen, um ſich zu überzeugen, daß er lebe und wache. Seine Seele ſuchte die letzten Erinnerungen wieder aufzufaſſen. Ganz dunkel ſchwebte es vor ſeinem Innern, als ob Zuleima ihm mitten im Kampfe unter Nauch und Staub wie eine rettende Göttin erſchienen ſei, doch vergeblich ſuchte er ſich den Zu⸗ ſammenhang des Augenblicks mit der Vergangenheit zu enthüllen. Da fiel plötzlich mit niederdrückender Gewalt der Gedanke an ſeine Gefährten auf ſein durch die wunder⸗ baren Zauber, die ihn zu umgeben ſchienen, entzücktes Herz und mit trauriger Stimme fragte er:„Wo ſind meine treuen Genoſſen?“ „Sie ſind Alle gerettet,“ antwortete Zuleima;„nur Dir iſt der ſchwarze Tod nahe an das Herz getreten;“ da⸗ bei deutete ſie auf ſeine verwundete Bruſt. Victor aber ergriff ihre Hand, drückte ſie an ſeine glühenden Lippen und rief:„Du aber biſt der Engel des Lebens, Du haſt mich gerrettet!“ Schüchtern zog die jungfräuliche Zuleima die Hand zurück und ließ den Schleier über ihr hoch er⸗ röthendes Antlitz fallen. Die Thür öffnete ſich, ein mauriſches Weib trat ein. Sie redete Victor in engliſcher Sprache an; ſogleich er⸗ kannte er die Frau wieder, mit der er ſchon vor zwei Ta⸗ gen in jenem erſten beduiniſchen Dorfe geſprochen hatte. Aus den Zügen und Worten derſelben leuchtete ein ungemeines Wohlwollen hervor und ihre Reden verriethen eine euro⸗ päiſche Bildung des Herzens. Zuleima ſetzte ſich in eini⸗ ger Ferne zu den Füßen des Bettes, auf dem Victor ruhte, — 165— nieder; ihre Mutter nahm auf einem Polſter dicht neben Victor Platz und fragte ihn theilnehmend nach ſeiner Wunde. Er beantwortete ihr die Frage ſo, daß ſie erſtaunt ſchien, und wirklich war ihm ſehr leicht und wohl zu Muthe. Doch vor allen Dingen fühlte er das Bedürfniß, etwas Näheres von dem Schickſal der Seinigen zu erfah⸗ ren, und fragte daher nach ihnen. „Sie werden in wenigen Stunden in der großen Stadt, in Algier, ſein,“ erwiderte ſeine Pflegerin.„Zuleima, meine Tochter, die in großem Anſehen bei den Arabern ſteht, weil der Himmel ihr Leben oftmals wunderbar ge⸗ ſchützt hat und ſie daher als eine von Allah beſonders geliebte, als eine Heilige betrachtet wird, hatte zu dem türkiſchen Befehlshaber jenſeit des Fluſſes Buberak ei⸗ nen Boten geſandt, der ihm melden mußte, daß euer Le⸗ ben in Gefahr ſei. Die Beduinen nämlich wollten Rache an euch üben, weil viele der ihrigen, welche die Trüm⸗ mer eurer Schiffe ausplünderten, dabei durch einen An⸗ griff der eurigen erſchoſſen ſind. Viele auch, weil ſie glaubten, das ganze Heer der Franken ſei ſchon in der Landung begriffen. Dies war ſeit dem frühen Morgen ſchon zu fürchten, wo wir das Schießen hörten; doch kam der Zorn der Araber nicht eher zum Ausbruch, bis von der Küſte Boten die Urſache und die Folgen des Gefechts meldeten. Die Türken aber beſorgten ſehr, daß man euch umbringen würde, weil ſie bange ſind, euer Volk möchte Nache nehmen. Daher kam der Sohn des Aga ſelbſt, um euch vom Untergange zu retten, und traf noch eben im glücklichſten Augenblicke ein. Alle, die hier im Dorfe wa⸗ ren, ſind nun über den Fluß gegangen. Dort werden ſie von den Türken nach der großen Stadt, ſo nennen wir hier die Stadt Algier, geführt werden und ihr Leben iſt — 166— außer aller Gefahr. Ihr allein waret zu ſchwer verwundet, um fortgebracht zu werden; daher haben wir Euch in Pflege genommen und Zuleima wird Euch ſchützen. Der Sohn des Aga hat überdies den Beduinen ſtreng geboten, Euch kein Leides zuzufügen.“ Ddiieſe Erzählung erfüllte Victor's Bruſt mit unendlicher Rührung und Freude. Von der lieben Hand ſeiner Rette⸗ rin, von dieſem holden unſchuldigen Weſen ſollte er die zarte Pflege erhalten, ſollte mit ihr in einer Hütte wohnen! Und alle die Seinigen waren gerettet! Er warf einen dan⸗ kenden Blick der Freude gen Himmel und ergriff mit Rührung die Hand der wohlwollenden Araberin, die vor ſeinem Bette ſaß. Da fielen ihm Zuleima's Worte:„Morgen bin ich rettungslos verloren!“ und das frühere Geſtändniß, daß ſie unglücklich ſei, ein. Eine bange Unruhe bedrängte ſein Herz; er fühlte ſein Geſchick mächtig mit dem des holden Weſens verknüpft. Daher brach er das Band des Schwei⸗ gens und fragte:„Zuleima iſt unglücklich? Iſt es nicht möglich,ſie zu erretten? Mein Leben will ich freudig da⸗ für opfern!“ Da brach das ſchöne Mädchen in einen Strom von Thränen aus, ſtürzte der Mutter zu Füßen, und barg das Haupt in ihren Schoos. Dieſe beugte ſich herab und liebkoſte ſie zärtlich, indem ſie ſelbſt Thränen vergoß. Zuleima aber richtete ſich empor, erhob ſich, wie ſehr ermattet, mühſam wieder, ſprach einige mauriſche Worte und wankte hinaus. Victor war auf's höchſte betroffen. Doch kaum hatte ſie das kleine Gemach verlaſſen, als die Mutter ſprach: „Sie hat mir geſagt:„„ Erzähle ihm Alles, aber ich muß fliehen, denn mich tödtet die Scham.““—„O erzählt,“ rief Victor,„vielleicht ſehe ich eine Möglichkeit der Ret⸗ — 465— tung!“—„Seit wenigen Stunden glänzt uns die Hoff⸗ nung wieder, und darum ſollt Ihr Alles erfahren. Wißt, weder ich, noch Zuleima ſind hier geboren. Doch ſind es jetzt ſchon ſunfzehn Jahre, daß wir unter den Arabern le⸗ ben; allein erſt ſeit einem Jahre bewohnen wir dieſen Flecken, woher wir aus dem Innern des Landes gewandert ſind, weil die Winde der Wüſte uns die Weiden verdorben hatten. Ich bin aus England gebürtig; mein Vater war Gaſthalter in einer Hafenſchenke zu Liverpool; ein wohlha⸗ bender Mann. Als ich zwanzig Jahre alt war, verhei⸗ rathete ich mich mit dem Steuermann eines Boſtoner Schiffes und ſollte mit ihm nach Amerika gehen. Auf dem atlantiſchen Meere aber litten wir Schiffbruch, indem der Blitz in unſer Fahrzeug ſchlug; wir retteten uns in den Booten. Aber nicht für Alle war Raum. Viele wurden zurück oder ins Meer geſtoßen und mein eigner Mann war leider unter dieſen Opfern. Ich war in Ohnmacht geſunken. Die Boote entfernten ſich von dem Schiff und bald darauf flog es, als das Feuer die Pulverkammer er⸗ griff, in die Luft. Drei Tage trieben wir auf der See umher. Da trafen wir eine amerikaniſche Kriegsbrigg, welche uns aufnahm, jedoch nach der Levante ſegeln mußte. Wir kreuzten daher mehre Monate mit ihr auf dem mittel⸗ ländiſchen Meere und legten in verſchiedenen Häfen, in Alexandria, in Malta und noch an mehren Orten an. Doch hatte der Capitain mir verſprochen, mich auf der Rückfahrt in einem franzöſiſchen Hafen auszuſetzen, von wo ich dann nach Liverpool wollte. Doch in dieſer Zeit brach in Frankreich der Krieg wieder aus und die Häfen wurden uns geſperrt. Wir kreuzten daher noch eine lange Zeit theils an der ſpaniſchen, theils an der franzöſiſchen Küſte. Endlich ſollten wir wieder in den Ocean ſteuern. — 163= Aber unweit von Gibraltar überfielen uns zwei algieriſche Korſaren, die nach einem langen Gefecht unſeres Schiffes Meiſter wurden und uns ſämmtlich in die Sklaverei führ⸗ ten. Auf dem Schiffe befand ſich ein franzöſiſcher Seeoffi⸗ 8* zier mit ſeiner Frau und einem Kinde von zwei bis drei Jahren. Sie waren Nachts an Bord gekommen, wie es hieß, aus Frankreich geflüchtet, weil dort der Kaiſer Napo⸗ leon wieder gelandet war und ſie es zu ſehr mit dem Kö⸗ nige gehalten hatten. Die Frau wurde aber bald krank und war ſchon ſeit einigen Tagen geſtorben, als uns die Seeräuber angriffen. Da ich außer ihr die einzige Frau auf dem Schiff war, ſo hatte mich der Vater dringend ge⸗ beten, mich des Kindes anzunehmen, und verſprach mir, wenn ich nach England zurückkehrte, mir den Dienſt zu vergelten, weil er dort angeſehene Verwandte habe. Nach 4 dem Ueberfall aber wurden wir Gefangene alle in verſchie⸗ dene Schiffsräume geſperrt. Mich brachte man ſogleich zu einigen gefangenen Frauen, die ſich ſchon auf dem einen Kaperſchiff befanden. Das Kind ließ man mir. Aber von dem Vater deſſelben war ich getrennt und habe ihn ſeit jener Zeit nicht wieder geſehen. Uns ging es aber noch traurig genug. Denn ſtatt nach Algier zu gelangen, wie wir hofften, litten wir unfern von der Stelle, wo auch Ihr geſcheitert ſeid, Schiffbruch. Ein großer Theil der Mannſchaft kam um; von den Frauen wurde ich allein- durch Gottes Gnade gerettet, indem die Wellen mich miſ einer Planke, an die ich mich geklammert hatte, auf das Ufer ſchleuderten. Als ich wieder zur Beſinnung gekommen war, ſtand das Kind, deſſen ich mich annehmen ſollte, voen dem ich aber in der fürchterlichen Verwirrung, die der Schiffbruch verurſachte, getrennt worden war, neben mir und lächelte froh, da ich die Augen aufſchlug. Die naſſen 4 Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. I. 8 — 169— Löckchen hingen dem holden kleinen Weſen auf den weißen Nacken herab und das perlende Waſſer träufelte daraus herunter. Da erſchien es mir wie ein Engel, den der Him⸗ mel zu meinem Troſt herabgeſandt hätte; ich ſchloß es in die Arme und dankte Gott mit Thränen für dieſe Wohl⸗ that. Und in jenem Augenblicke gelobte ich es mir heilig, Mutterſtelle bei dem unglücklichen Weſen zu vertreten, dem das Schickſal beide Aeltern geraubt hatte.— Als ich um⸗ herblickte, ſah ich mich zu meinem Erſtaunen von einer An⸗ zahl fremder Männer umſtanden, unter denen ich nur we⸗ nige von der Bemannung des Schiffes entdeckte. Es waren die Beduinen, welche an den Strand herab⸗ gekommen waren, um Beute zu machen. Selbſt dieſe rohen Männer waren von der Unſchuld und dem holden Reiz des Kindes gerührt und betrachteten das kleine, wun⸗ derbar gerettete Weſen mit einer Art von Ehrfurcht. Denn hier im Lande hält man Diejenigen, die auf eine außeror⸗ dentliche Weiſe aus irgend einer Gefahr gerettet werden, für Heilige, deren Leben unter dem beſondern Schutze des Propheten ſteht, und widmet ihnen große Verehrung. Dieſe mehrte ſich noch für mich und das Kind durch einen freilich ſehr ſeltſamen Vorfall. Wir wurden nämlich nach dem nächſten beduiniſchen Dorfe abgeführt, welches jedoch über drei Stunden vom Strande entfernt war. Da ich das Kind tragen mußte und überdies äußerſt erſchöpft war, vermochte ich den Ort nicht zu erreichen. Zudem brach die Nacht an und die Beduinen zündeten daher ein Feuer an, bei welchem wir uns lagerten, um die Nacht im Freien zuzubringen. Man gab uns weite Mäntel zur Einhüllung und das Kind ſchlief an meiner Seite ſehr ruhig und feſt. Als der Morgen anbrach, erwachte es und ſchlüpfte leiſe von mir hinweg, um auf dem grünen Raſen zu ſpielen. — 7o— Bald danach ſchlug auch ich die Augen auf, aber voller Schrecken über den Anblick, der ſich mir darbot, ſtieß ich ſogleich einen lauten Schrei aus, von dem die Beduinen erwachten. Sie ſtaunten und entſetzten ſich nicht minder als ich, denn das Kind ſaß auf dem Raſen, aber um ſei⸗ nen Leib hatte ſich eine bläulich grüne Schlange geringelt, die mit dem züngelnden Kopf ſich gegen das Geſicht der Kleinen hinaufreckte. Dieſe aber, ſtatt ſich zu fürchten, ſtreichelte das Thier und ſpielte vergnügt mit demſelben. Uns Allen ſtockte, als wir dies ſahen, der Athem vor Ent⸗ ſetzen, und wir wußten nicht, was wir thun ſollten. Da ſtürzten zufällig einige zuſammengeſtellte Flinten und Sä⸗ bel um, wodurch ein raſſelndes Geräuſch entſtand, welches die Schlange ſo zu erſchrecken ſchien, daß ſie ſofort pfeil⸗ 1 ſchnell dahin ſchoß und ſich im Graſe verlor. Wie außer„ mir ſtürzte ich auf das Kind zu und drückte es in meine Arme. Die Beduinen aber kamen mit Zeichen der größ⸗ ten Ehrfurcht näher, knieten mit gekreuzten Armen vor der Kleinen nieder und küßten den Saum ihres Kleides. Denn, dies erfuhr ich nachmals, die Schlange war eine von der giftigſten Art und ihr Biß unheilbar tödtlich. Darum betrachteten ſie das Kind als ein heiliges, welches unmittelbar unter dem Schutze Allah's ſtehe. Von dem Au⸗ genblick an behandelte man auch mich mit der größten Ehrerbietung. Wir ſetzten nun unſern Zug bis in das Dorf fort. Hier riefen die Beduinen einen Iman herbei, dem ſie den ganzen Vorfall erzählten und mich und das Kind zeigten. Sie fragten ihn, was ſie mit uns thun ſollten. Dieſer entſchied, man ſollte uns dem Verdienteſten zum Geſchenk machen, denn unſer Beſitz wuͤrde ſeinem Hauſe Heil bringen. Die Beduinen traten darauf zuſammen, be⸗ rierhen ſich und führten mich, die ich damals alles Dies 4 — u1 nicht verſtand, mit dem Kinde zu einem Manne, der etwa vierzig Jahre alt, ein würdiges Anſehen hatte. Dieſer war, wie ich ſpäter erfuhr, ein hochgeachteter Häuptling der * Kabylen, eines Beduinenſtammes, welcher tiefer im Innern es Landes wohnt. Dahin wurden wir geführt, aber mit allen Zeichen der Ehrfurcht, und nicht zu Fuß, ſondern auf einem Kamieel. Nach vier ſtarken Tagereiſen kamen wir dort an. Unſer Herr bereitete uns eine freundliche Wohnſtatt, und erklärte mir, als ich ſo viel arabiſche Worte kennen gelernt hatte, um ihn verſtehen zu können, er wolle mich nicht als ſeine Sklavin, ſondern als recht⸗ mäßige Frau in ſeinem Hauſe halten, damit er Vater des heiligen Kindes würde. Er nannte ſich Osraim. So war denn mein ſchreckliches Loos entſchieden. Fern 8 von meinem Vaterlande, unerreichbar weit von allen mei⸗ nen Lieben, tief im Innern Afrikas, wohin niemals ein Europäer gelangt, ohne alle Mittel, je wieder nach der Hei⸗ mat zurückkehren zu können, abgeſchnitten ſelbſt von jeder Verbindung, gezwungen, die Gattin eines Mannes zu wer⸗ den, der einen andern Glauben bekannte als ich, und dem ſein Geſetz erlaubte, mehre Frauen zu beſitzen—— ſo mußte ich die langen Jahre hinbringen, ohne einen Freund, einen Landsmann geſehen zu haben! Indeß wuchs Zuleima, ſo nannten die Araber das ge⸗ rettete Kind, zu meiner einzigen Freude heran. Der Glaube der Beduinen ſchien ſich zu beſtätigen, denn wirklich gedieh Alles ſegensreich unter ihren Händen und vielfache Glücks⸗ fälle begegneten ihr. So entdeckte ſie einſt eine entſtehende Feuersbrunſt, die wahrſcheinlich das ganze Dorf verzehrt haben würde, auf die ſeltſamſte Art. Die Araber verehr⸗ tee ſie auch ungemein und entſchieden viele Dinge nach ihrem zwar kindiſchen, aber immer klugen Ausſprizg 8*⅔ -— 172— Meine fortgeſetzte Bemühung war jedoch die, ihr meine Mutterſprache beizubringen und ſie in den Lehren des chriſtli⸗ chen Glaubens zu unterrichten, ſo gut es mir möglich war. Allein Zuleima faßte Alles ſo raſch und klar auf, daß ich„ oft ſelbſt darüber erſtaunen mußte. So verſtrichen vierzehn Jahre. Da verheerte ein furchtbarer Sturm, der von der Wüſte her kam, den ganzen Landſtrich, denn er verſchüttete ihn mit glühendem Sand. Ich nutzte dieſen Umſtand, um Zuleima vor einer drohenden Gefahr zu retten. Denn ſie war zur Jungfrau herangewachſen und hätte nach der Sitte dieſes Landes längſt verheirathet ſein können. Weil mein Herz aber noch immer die Hoffnung hegte, daß ich ſie einſt nach Europa zurückführen könnte, ſo ſuchte ich ihre Verheirathung ſtets zu hindern, und Zuleima erklärte ſelbſt, ſie wolle ſich noch nicht vermählen. Dabei zeigte ſie eine gsroße Feſtigkeit des Sinnes, vor der ſich mein Gatte, weil er ſie für eine Geheiligte des Propheten hielt, beugte. Nun war aber ein reicher, im Lande höchſt angeſehener Bewerber aufgetreten, welcher ſo viel Heirathsgut anbot, daß Osraim erklärte, Zuleima müſſe dieſem als Gattin fol⸗ gen. Da brach jener Sturm herein, der Alles, auch unſere Hütten und Felder verheerte; ich äußerte, daß der Zorn des Propheten ihn veranlaßt haben möchte, weil man Zuleima wider ihren Willen verheirathen wolle. Dies fand Glau⸗ ben bei Osraim, doch er verbarg es ſorgfältig, weil er fürchtete, ſeine Landsleute möchten wegen des Unglücksfalls Nache an ihm nehmen. Indeſſen war die Gegend ſo ver⸗ wüſtet, daß wir auswandern mußten. Mein ſehnlichſter Wunſch war es, der Küſte und vorzüglich der Stadt Al⸗ gier näher zu kommen; ich bewog daher Osraim, in daſſelbe Dorf zu ziehen, wo ich und Zuleima zu ihm gekommen ſeien, und wo er Verwandte beſaß, welche er damals be⸗ 3 3 2 — 173— ſuchte. Er entſchloß ſich dazu; wir wanderten aus, ich mit einem Herzen voll Hoffnungen. Als wir aber nur noch wenige Stunden von dem Orte unſerer Beſtimmung ent⸗ fernt waren, wurde Zuleima plötzlich ſo krank, daß wir nicht weiter mit ihr reiſen konnten. Dies nahmen die abergläubi⸗ gen Beduinen für ein Zeichen, daß ſie an dieſem Orte ver⸗ weilen ſollten, und da ſich ſchöne Quellen, ein Fluß, reiche Weiden und Felder vorfanden, ſo ſiedelten wir uns daſelbſt an. Dies iſt aber der Ort, wo wir noch heut wohnen.“ Zweiundzwanzigstes Capitel. Victor hatte der Erzählung ſeiner Pflegerin mit der größten Aufmerkſamkeit zugehört. Da dieſe aber jetzt inne⸗ hielt, that er die Frage:„Aber Du ſagteſt mir, gute Frau, daß die holde Zuleima unglücklich ſei? Heut früh rief ſie ſelbſt aus, Niemand könne ſie erretten, und vor wenigen Minuten machteſt Du mir Hoffnung, daß ihr Unglück ab⸗ zuwenden ſei. Worin beſteht dieſes Unglück?“ „Man will ſie auf's neue zwingen, ſich zu verheira— then!“ ſprach die Mutter betrübt. „O Gott!“ rief Victor;„läßt ſich denn der abergläu⸗ bige Vater nicht mehr durch jenes Zeichen des göttlichen Unwillens erſchrecken?“ „Leider, nein! Er hat einen weiſen Iman befragt und dieſer ihm geantwortet:„„Sei ohne Furcht, denn un⸗ verheirathete Weiber ſind verflucht. Dein Unheil iſt von ihrem Widerſtreben entſtanden!““ — m— „Unglückliche!“ rief Victor.„Aber welche neue Hoff⸗ nung haſt Du, arme Mutter, ſie zu retten?“ „Der Mann, welcher ſie zur Ehe fordert,“ antwortete die Mutter,„iſt ein vornehmer Offizier des Aga. Da die Franken mit einer Landung drohen, wurden alle Beduinen aufgeboten, ſich abwechſelnd in Lagern zunächſt der Küſte zu ſammeln, um dort zu wachen. Hier erblickte der türkiſche Offizier die holde Zuleima. Er verlangte ſie in ſeinen Harem, denn die Türken ſind hier die unumſchräankten Ge⸗ bieter des Landes. Osraim erzählte ihm Zuleima's Ge⸗ ſchichte und ſeine Beſorgniſſe, wenn ſie vermählt würde. Darauf befragten ſie den Iman. Auf ſeine Antwort be⸗ ſchloß Osraim unwiderruflich, die Tochter mit dem reichen Abukan zu verheirathen, unter der Bedingung, daß er ſie zur rechtmäßigen Frau, nicht zur Sklavin nehmen dürfe. Dazu verſtand ſich Abukan und der Kaufpreis für Zu⸗ leima wurde vorgeſtern im Lager beſtimmt. Der Bräuti⸗ gam ſchenkte ihr reiche Stoffe und Kleider und gebot, ſie im ehrenvollen Zuge nach ihrer Wohnung zu geleiten. Er ſelbſt wollte heut eintreffen, um ſie feierlich als Gattin in Empfang zu nehmen und nach Algier zu führen. Vor einigen Stunden jedoch hat er einen Boten an Osraim ge⸗ ſandt und ihm gemeldet, der Dey habe ihn auf das ſchleu⸗ nigſte nach Algier zu einem höchſt wichtigen Geſchäft be⸗ rufen. Erſt in zehn Tagen könne er daher die Braut abholen!“ „Gott der Allmächtige ſei gelobt!“ rief Victor,„ſo hoffe ich ſie zu retten!“ Er richtete ſich bei dieſen Worten mit Gewalt von ſeinem Lager empor.„Ich bin nicht tödt⸗ lich verwundet,“ rief er aus,„meine Kräfte müſſen bald zurückkehren!“ Zuleima trat wieder ins Gemach. Fie. hatte aus — 175— Früchten ein kühlendes Getränk für Victor bereitet, welches ſie ihm in einer Kürbisſchale darbrachte. Victor blickte ſie mit innigſter Zärtlichkeit an; er ſah ihr in das dunkle, traurig blickende Auge und bemerkte das ſchmerzliche Lächeln um ihren roſigen Mund.„Sorge nicht mehr, theure Zuleima,“ rief er und ergriff ihre Hand.„Du wirſt gerettet werden; Gott, der Dich ſo oft, ſo wunderbar beſchützt hat, wird Dich nicht verlaſſen!“ Zuleima umſchlang, ſtatt der Antwort, ihre Mutter; ihr junges Herz fühlte die erſten Entzückungen der Liebe, während es zugleich von Qualen der Angſt zerriſſen wurde. Victor beruhigte beide weinende Frauen und verhieß ihnen unfehlbare Rettung, wenn wirklich die Friſt bis zur Ankunft Abukan's noch zehn Tage dauern würde.„Bis zu dieſer Zeit muß das Heer des Königs an dieſer Küſte gelandet ſein. Dann wird es euch leicht ſein, von mir be⸗ gleitet, dahin zu flüchten und im Lager der Franken ſeid ihr im Hafen der Rettung.“ „Aber wenn bis dahin Eures Königs Heer nicht landet?“ „So müſſen wir nach Algier flüchten. Dort muß der engliſche Conſuxl euch als Eingeborne ſeines Landes in Schutz nehmen. Seid ihr denn noch niemals dort ge⸗ weſen?“ „Erſt ſeit einem Jahre wohnen wir der Stadt ſo nahe, daß wir ſie in einer Tagereiſe erreichen können. Seitdem iſt Osraim mißtrauiſch geworden, weil ich Zuleima's Ver⸗ mählung nicht dulden wollte, und beobachtet uns ſtreng. Wäre er nicht jetzt im Lager, ſo glaube ich, daß er, trotz dem Willen des Aga, es nicht geduldet hätte, daß wir Euch hier verpflegen. Nach Algier zu gelangen wäre uns jetzt auch unmöglich, weil die Türken keinen Araber in die Stadt laſſen, die ſchon überfüllt mit Menſchen ſein ſoll.“ — 176— Victor dachte einen Augenblick nach.„Liegen nicht die Landhäuſer der Conſuln vor der Stadt?“ fragte er.„Ja, ja, es iſt gewiß,“ ſetzte er, als die Frauen dies nicht beant⸗ worten konnten, hinzu;„ich beſinne mich jetzt ganz deutlich 2 darauf. Dort muß uns unfehlbar Hülfe werden. O daß ich nicht gleich heut mit euch flüchten kann! Doch ich fühle es, meine Wunde wird mich nicht lange mehr an das La⸗ ger feſſeln. Und wie dankbar bin ich dem Himmel für die⸗ ſen Unfall! Denn wäre ich nicht verwundet, ſo wäre ich nicht hier und vielleicht hätte ich meine holde Retterin nie wiedergeſehen!“ Zuleima lächelte; eine zarte Röthe der Freude, der Hoff⸗ nung, der Liebe überflog ihre Wangen und der Blick ihres ſchönen Auges ſtrahlte mild wie der Abendſtern. Nach einer kleinen Pauſe, während er ſtill nachſann,* fragte Victor, als käme ihm ein plötzlicher Gedanke:„Du biſt alſo keine Engländerin, Zuleima? Du haſt Eine Hei⸗ mat mit mir gehabt, Du biſt in dem ſchönen Frankreich geboren? Kennſt Du nicht den Namen Deines Vaters?“ Zuleima verneinte es durch langſame Bewegung des Hauptes und ein Zug der Trauer wurde auf ihrem leb⸗ haft ſprechenden Antlitz ſichtbar. „Auf dem Schiff,“ ſprach die Mutter,„kannte Nie⸗ mand den Namen ihres Vaters. Auch ich hatte nicht d⸗ nach gefragt. Doch als ſchon der Kampf mit den See⸗ 5 räubern begonnen war, an dem Zuleima's Vater mit dem Säbel in der Fauſt tapfern Antheil nahm, fiel es mir plötzlich ein, daß es gut wäre, wenn ich die koſtbarſten 8 Sachen deſſelben, die ich nach dem Tode ihrer Mutter in Gewahrſam hatte, zu retten ſuchte. Ich verbarg daher, was mir von Werth ſchien, ſo gut ich konnte, in mei⸗ nen Kleidern. Da fiel mir auch eine kleine rothe Schreib⸗ — — — — 177— tafel mit Gold beſchlagen ins Auge, die ich oft in den Händen des Vaters geſehen hatte. Es ſchien mir, als ſei ſie ihm von Werth, und da ich keinen ſicherern Ort wußte, barg ich ſie in dem Geflecht meines ſtarken Haares. Und ſeltſamer Weiſe war dies das Einzige, was ich rettete; denn alles Uebrige fiel in die Hände der Corſaren. Ein Name ſteht nicht darin, indeß iſt Manches auf dem Pergament ge⸗ ſchrieben, das ich aber, weil es Franzöſiſch iſt, nicht ver⸗ ſtehe. Außerdem habe ich noch die Kleider der Kleinen, die ſie an dem Tage des Schiffbruchs trug, in denen ich einige Buchſtaben eingezeichnet fand. Ihr Vater würde ſie da⸗ ran gewiß erkennen, allein wie ſoll die Arme jemals da⸗ durch ihn entdecken?“ BVictor wurde von lebhaften Ahnungen ergriffen; er bat dringend, man möge ihm Alles zeigen, was zu der Ent⸗ deckung des Vaters führen könne. Zuleima's Mutter, Betty hieß ſie im Hauſe ihrer Ael⸗ tern, wurde aber von den Arabern Zos genannt, eilte hinaus und kam ſchnell mit einem Päckchen von Kinderklei⸗ dern und einem Schreibtäfelchen in rothem Maroquin, mit goldenen Ecken und einem goldenen Schilde auf der Vor⸗ derſeite, herein. Victor griff zuerſt nach dieſem. Mit hoher Röthe der Freude ſah er darauf die Buchſtaben E. d. C. eingegraben. Er öffnete es mit zitternder Hand. Es ent⸗ hielt wenig Geſchriebenes. Auf der erſten Seite ſtanden einige franzöſiſche Verſe, die an ein geliebtes Weſen gerich⸗ tet waren. Dann kamen einige Notizen, offenbar von der Hand eines Soldaten geſchrieben, der eine Ordre notirt hatte; denn man las;„Die dritte Diviſion ſoll um drei Uhr Morgens aufbrechen. Sie wird den Feind um ſechs angreifen können. Das zweiundreißigſte Regiment bildet die Avantgarde.“ Victor bebte vor Freude, denn dieſer Um⸗ 8* 6 — 178— ſtand gab ihm ſchon ſo viel Licht, daß er faſt Gewißheit hatte. Obriſt Clermont war der Führer des zweiunddreißigſten Ne⸗ giments in der Schlacht bei Waterloo geweſen. Er mußte ſich gewaltſam zuſammennehmen, um nicht zu raſch an eine Entdeckung zu glauben, die ihn mit unnennbarem Entzücken erfüllte. Er durchſuchte das Schreibtäfelchen weiter, fand aber nichts, was ihm beſtimmten Aufſchluß geben konnte. „O wenn ich jemals ſeine Handſchrift geſehen hätte!“ rief er aus, und ſann nach, ob ihm niemals eine Zeile von des DObriſten Hand zu Geſicht gekommen ſei. Nochmals betrach⸗ tete er den Deckel aufmerkſam; es fiel ihm ein, ein Souve⸗ nir geſehen zu haben, welches einen goldenen Namensſchild trug, der auf den Druck einer Feder aufſprang; er verſuchte an den goldenen Knöpfchen zu drücken, die den Schild ein⸗ faßten. Lange ſuchte er vergebens, plötzlich aber ſprang der goldene Deckel auf und mit den Worten:„Sie iſt es!“ hielt er die Schreibtafel hoch in der linken Hand und ſtreckte die rechte nach Zuleima aus.„Komm her, Zuleima!“ rief er und zog ſie, die ihm die Hand gereicht hatte, heran; „komm her und ſieh Deine Mutter!“ Die Kapſel enthielt ein Miniaturbild, deſſen ſprechende Aehnlichkeit mit Frau von Clermont nicht zu verkennen wWar. Und zur unzweifelhaften Beſtätigung diente die in⸗ nere Seite des aufgeſprungenen Deckels, denn auf derſelben war das Wappen des Obriſten gravirt. Zuleima war bebend mit hochwallender Bruſt herange⸗ treten und betrachtete das liebliche Bild. Sie war ganz außer ſich vor Freude und Erſtaunen, denn es war zugleich das erſte Bild, welches dieſes Kind der Natur in ſeinem Leben erblickte. 4 Ihre Pflegemutter war ebenfalls herangetreten und be⸗ trachtete das Bildniß aufmerkſam. Dann aber rief ſie: — —— „Das war nicht Zuleima's Mutter; dieſe habe ich gekannt!“ Traurig und in angſtlicher Spannung blickte das holde Mädchen, deſſen Mienen ſo überaus lebhaft ſprachen, die Mutter und Victor ſchnell wechſelnd an. Dieſe aber rief: „Ja, ſie iſt es! Ich kenne ſie! Sei getroſt, Zuleima, ſie iſt es und ſie lebt. Die, welche auf dem Schiff ſtarb, war nur Deine Wärterin, mit der Dein Vater entflohen iſt. Aber Deine Mutter lebt und Du haſt eine Schwe⸗ ſter, die Dir gleicht. Auf den erſten Blick, als ich Dich an jenem Morgen zuerſt ſah, überraſchte mich Deine Aehn⸗ lichkeit mit ihr, mit der Braut meines Bruders!“ Zuleima hielt das Bild in der Hand und betrachtete es, indem freudige Thränen über ihre jugendlichen zarten Wangen rollten. Doch Victor war in dieſem Augenblick ſo mächtig, ſo gewaltſam von dem Geſchick ſeines eignen Bruders ergriffen worden, der vielleicht als ein Opfer der Barbaren gefallen war, während ihm das unbeſchreiblichſte Glück aus wun⸗ derbaren Verhängniſſen und Fügungen erblühte, daß er in ſchwermüthiges Nachſinnen verſank. Indeß gab ihm der Gedanke Muth und Troſt, daß Gott dieſe Blüthen der reinſten Freuden durch den Thau der Schmerzen und Töri. nen nicht vergiften werde. Mit liebender Begier forſchte jetzt Zuleima nach ihrer Mutter, ihren Geſchwiſtern, ihrem Geſchick überhaupt. „Alles will ich Dir erzählen, ſüße Zuleima,“ rief Victor, noder nicht mehr Zuleima, Eugenie, ſo heißeſt Du!“ „Ja!“ rief die Pflegemutter plötzlich,„das war ihr Name, ſo hieß ſie auf dem Schiff. Jetzt glaub' ich, daß Ihr Alles wißt, da ihr den Namen kennt, den ich Euch nicht geſagt habe!“ Und nun erſt ſchien Betty volles Ver⸗ trauen in Victors Entdeckung zu ſetzen. 4 — 180 —* Doch er mußte erzählen. Er ſprach von ihrem Vater, ihrer Mutter, den Geſchwiſtern; endlich von ſeinem eignen Bruder und der holden Braut deſſelben. Und als er dieſes innige Verhältniß der Liebe ſchilderte, da überwältigte ihn das Gefühl ſeiner Bruſt. Er ergriff Eugeniens Hand, die bald lächelnd, bald weinend an ſeinem Lager ſaß und ihn mit dem reinſten Blick der Unſchuld und Liebe anſah. Sanft zog er ſie zu ſich.„Eugenie!“ rief er,„mein Bru⸗ der umarmt Deine Schweſter als Braut. Gott hat uns durch wunderbare Verhängniſſe zuſammengeführt! Sei Du die Meine! Mutter, Du ſegne uns!“— Und er zog die Schüchterne ans Herz; ſie barg das liebliche Haupt an ſeinem glühenden Antlitz und umfing ihn mit zitternder Umarmung. Betty aber ſprach tief bewegt:„Gott ſegne eure Liebe! Er wird euch glücklich zum Ziele führen, denn ſeine Gnade iſt groß!“ Dreiundzwanzigstes Capitel. Welche Tage der Wonne folgten dieſem erſten ſeligen Augenblicke! Doch über wie tiefem Abgrunde ging der Pfad der Liebenden auf unſicherem Wege dahin!— Es war nicht vorauszuſehen, daß Osraim vor dem fünften oder ſechſten Tage in ſeine Behauſung zurückkehren werde, weil er ſich einem Streifzuge der Beduinen gegen die öſtliche Küſte angeſchloſſen hatte, wo, ſo ging ein Gerücht, das Heer der Franzoſen landen ſollte. — 181— Victor harrte von Tag zu Tag auf die Nachricht von der Landung an einer ganz entgegengeſetzten Seite, doch vergeb⸗ lich. Die Gefahr wurde immer dringender; kam Osraim zurück, ſo wurde die Flucht auf's äußerſte erſchwert, ja faſt unmöglich. Der fünfte Tag war verſtrichen. Da erklärte Victor ſeine Wunde für ſo weit geheilt, daß er die Tage⸗ reiſe bis Algier wagen zu durfen glaubte. Vergeblich flehte ihn Zuleima an, ſich noch einige Tage zu ſchonen und zu gedulden; vergeblich warnte ihn Betty; er ſah nur die Gefahr, die der Geliebten drohte und traute ſich die Kraft des Willens zu, ſeinen ermatteten Körper zu der Anſtrengung zu zwingen. Er beſchwor Beide, in der Nacht mit ihm den Weg nach Algier anzutreten, damit ſie ſich dort unter den Schutz des engliſchen Conſuls ſtell⸗ ten. Endlich gaben ſie ſeinen Bitten nach. Betty bedachte, daß ihre Flucht, ſo heimlich ſie ſei, doch bald verrathen ſein werde. Sie wagte daher eine ſichere Liſt. Sie ſtellte ſich gegen die Sklaven des Hauſes, als habe ſie einen Boten von Osraim erhalten, der ſie und ihre Tochter ſchleunig nach Algier zu kommen auf⸗ fordere. Unter dieſem Vorwande konnte ſie das Kameel durch zwei jener Diener zäumen und führen laſſen, welche Abukan zum Brautgeſchenk für Zuleima beſtimmt hatte. Es war zugleich nicht ſchwer, dieſen Leuten einzubilden, daß dies die ſchicklichſte Gelegenheit ſei, den verwundeten Franken nach Algier zu ſchaffen, wohin, wie ſie wußten, ſeine Gefährten gebracht worden waren. Die Dämmerung brach ein. Still, obwol nicht heim⸗ lich, machten ſich jetzt die Flüchtigen, deren Bruſt zugleich durch die ſüßeſte Hoffnung und die tödtlichſte Angſt bewegt wurde, auf den Weg. Victor hatte eine völlig mauriſche Tracht angelegt. 182— Zu Anfang ſaßen, um im Dorfe keinen Verdacht zu erwecken, nur Zuleima und ihre Mutter auf dem mit wei⸗ chen Decken behangenen Rücken des Kameels. Nachdem man jedoch eine Strecke Weges zurückgelegt hatte, gebot Betty dem Zuge anzuhalten, damit auch Victor das ſichere, ſeine ſchwere Bürde ſanft tragende Thier beſteige; es ſenkte dazu, dem Wink ſeiner Führer gehorſam, willig die Knie. Victor ſaß nun an Zuleima's Seite, die ſich zärtlich und ſcheu an ihn ſchmiegte, während er mit holder Vertrau⸗ lichkeit ſeinen Arm um ſie ſchlang und die ſüße Laſt an ſeinem Herzen ruhen ließ. 1 Als das ſanfte Thier ſich nun mit gleichmäßigem, ruhi⸗ gem Schritt über die rauhen Gebirgspfade dahin bewegte, da empfand er, außer dem hohen Glück, in heimlicher Stille der Nacht an der Seite der Geliebten zu reiſen, auch noch die Wohlthat der Ruhe für ſeinen ermatte⸗ ten Körper. Deutlich ſah er jetzt, daß er unmöglich den Weg zu Fuß hätte fortſetzen können, da ihm ſeine Kräfte ſchon nach einer Stunde der Wanderung ſo entſchwunden waren, daß die angegriffene Bruſt ihm den Athem ver⸗ ſagte. Jetzt aber ſtärkte ihn die Nuhe, ſtärkte ihn der ſchöne Traum ſeiner Liebe. Einen Traum nannte er ſie ſelbſt, denn kaum vermochte er es, an ihre wunderbare Wirklichkeit zu glauben. Die Nacht war ſtill. Die arabiſchen Führer des Thiers ſchritten ſtumm gehorſam, ohne umzuſchauen, vor demſel⸗ ben her. Die prächtig ſchimmernden Geſtirne des tief⸗ dunklen ſüdlichen Himmels leuchteten über den Wandern⸗ den. Der Duft der blühenden Myrthen und Palmen ſtieg in der Abendkühle erquickend empor. Ein leichter Hauch der Lüfte ſpielte mit Zuleima's Schleier und wehte ihn flatternd auch über Victors Haupt dahin, ſo daß ihn und 183— ſie dieſelbe zarte Hülle verbarg. Ihre glühende Wange ruhte an der ſeinigen; er empfand den ſanften Druck ihrer Hand, hörte den Schlag ihres liebend und bang pochenden Herzens! Wie mit leiſer Geiſterſtimme flüſterte ſie ihm in ſeiner und ihrer heimiſchen Sprache ſüße Worte der Zärt⸗ lichkeit zu, die Victor ſie in den wenigen Tagen ihres ver⸗ trauten Beiſammenſeins gelehrt hatte. Mit dieſen Klängen war ihr eine dunkle Erinnerung der frühſten Tage ihrer Kindheit erwacht und ſie fand jetzt Worte wieder, die lange verborgen in ihrer Seele geſchlummert hatten. Welch ein Reiz war es für Victor, dieſe, in der Einſamkeit der Wüſte, bei ſtets wehmüthig ernſter Betrachtung ihres Ge⸗ ſchicks ſo hoch gereifte und doch ſo einfach und kindlich aufgeblühte Seele nach allen ihren ſchönen Kräften zu ent⸗ wickeln und ihr die lichten Pforten des Erkennens zu öffnen, die ſie in der heiligen Dämmerung ihres unſchuldi⸗ gen Gemüths kindlich geahnet hatte! „Nur jetzt umgieb uns mit Deiner Güte und beſchirme uns mit Deiner Huld, Du gütiger Vater im Himmel!“ ſo betete ſeine tief bewegte Seele aus ihrer innerſten Kraft. Der Morgen dämmerte herauf; die erſten dunkelrothen Purpurſtreifen ſäumten den Horizont. Der Weg führte durch ein umbüſchtes Thal dahin, über deſſen friſches Grün der Thau ſein ſilbernes Netz blitzend ausgebreitet hatte. Die Morgenröthe ſchimmerte durch die von keinem Lüft⸗ chen bewegten Wipfel der Bäume und ſpiegelte ſich in den kryſtallnen Tropfen auf der Flur. Darunter rauſchte der Bach einförmig über Felſen und Kies dahin. Es herrſchte jene heilige Frühſtille, welche unſere ſchwellende Bruſt mit überdrängenden Gefühlen hebt. Zuleima ſchaute mit dem ſanften Blick der Müdigkeit, die ſich nach der durchwachten Nacht auf ihr Auge ſenkte, lächelnd zu dem Geliebten * — 181 auf. Er blickte in den klaren, treuen Spiegel ihrer Seele und berührte die roſigen Lippen des Mädchens mit einem ſanften Kuſſe. Da erſcholl plötzlich der dumpfe majeſtätiſche Klang eines fernen Kanonenſchuſſes. Die beduiniſchen Füh⸗ rer des Kameels ſtutzten und hielten an, indem ſie ſich fragend umſchauten; Victor wurde von einem Blitz der Hoffnung durchzuckt, Zuleima und Betty ſchreckten heftig zuſammen. Die Schüſſe wiederholten ſich ſchnell und zahl⸗ reich; Victor konnte nicht länger in Zweifel ſein, daß ſie von einer ernſten Schlacht herrührten. Er bat Zuleima, die Führer zu veranlaſſen, ihren Weg nach einer anſehn⸗ lichen Höhe zu richten, welche vor ihnen lag, weil er von dort vielleicht den Punkt, wo das Gefecht ſtattfinde, ent⸗ decken könne. Keinen Zweifel hegte er mehr, daß die Schlacht zwiſchen ſeinen Landsleuten und den Algierern vorfalle. In einer halben Stunde hatte man den Girfel jenes ſteilen Berges erreicht. Auf den erſten Blick entdeckte Victor die Stelle des Schlachtfeldes. Es war an der Küſte; er konnte die Segel vieler Schiffe zählen; er ſah den Rauch weiß am Ufer emporſteigen. Was er vermuthet hatte, traf zu; es war das Gefecht, mit dem das Heer Frankreichs ſich die erſten Schritte auf dem Boden Afrikas erkaufte. Sein Herz ſchlug hoch empor; die jugendliche Begeiſterung für den Ruhm, das heilige Gefühl der Liebe, mit dem ſeine Bruſt erfüllt war, die Fülle der Hoffnun⸗ gen, die ſich daran knüpften, daß jetzt das vaterländiſche „Heer den fremden, von Barbaren bewohnten Boden be⸗ treten hatte— Alles ſtürmte zugleich auf ihnein. Aber mit jener klaren Beſonnenheit, die ſeinen Charakter ſo feſt bezeichnete und die in Augenblicken der Ungewißheit und Gefahr noch zu wachſen ſchien, war ſogleich ſein Entſchluß 3 —— —— — 185 gefaßt.„Theure Eugenie,“ rief er,„das ſind die Donner der Schlacht, mit denen Frankreich die alten Raubſtädte dieſer barbariſchen Küſte begrüßt. Dort ſteht mein Volk im Kampf, in jenen Reihen der Tapfern ſtreitet Dein Bruder. Dahin muß ſich unſer Weg richten! Haben wir jenen Punkt erreicht, ſo ſind wir ganz geborgen, während uns in Algier fortwährende Gefahren bedrohen. Ich kenne dieſe Küſte genau. Jener Punkt, wo die Schlacht gelie⸗ fert wird, iſt Sidi⸗Ferruch; es kann in gerader Richtung acht Stunden von hier entfernt ſein. Algier iſt nur drei Stunden näher. Auf beiden Wegen wird uns gleiche Ge⸗ fahr bedrohen. Nur müßteſt Du unſere Führer überreden, daß ſie den Weg mit uns dorthin wagen. Verſprich ihnen Gold, wenn wir das Lager der Franken erreichen; ſage ihnen, daß ſie die Freiheit gewinnen ſollen. Und wollen ſie mir nach Frankreich folgen, ſo verheiße ich Jedem von ihnen Eigenthum und Beſitz, der lhgee das ruhigſte Alter gewähren ſoll.“ Betty übernahm es, die Araba zu gewinnen. Sie ſagte ihnen jetzt die Wahrheit, nämlich daß ſie geflüchtet ſeien. Leicht überzeugte ſie Beide, daß man ſie als Mit⸗ ſchuldige der Flucht betrachten und beſtrafen werde, wenn ſie in die Hände Abukan's fielen. Noch mehr beſtimmte ſie den habgierigen Sinn derſelben durch das Verſprechen, Jedem hundert Zechinen zu zahlen, wenn ſie das Lager der Franken glücklich erreichten. Abſichtlich verſprach die durch langen Umgang mit dem unzuverläſſigen Charakter der Mauren genau bekannte Frau nicht ſo viel als Victor verheißen hatte, damit ſie bei anhaltender Beſchwerde des Weges oder unvermutheten Gefahren noch neue Spornen für ihre Anſtrengung hätte. Die Araber waren willig; doch meinten ſi ſie, man werde — 186— für jetzt dem Laufe des wenig beſuchten Thales folgen müſ⸗ ſen, da auf den freien Höhen ſich leicht türkiſche Milizen zeigen könnten, die gefährlicher wären als Leute vom Stamm der Beduinen, zu denen ſie ſelbſt gehörten. Mit der einbrechenden Nacht verſprachen ſie die Flüch⸗ tigen auf wenig bekannten und betretenen Wegen ſchnell nach Sidi⸗Ferruch zu bringen. Der Vorſchlag wurde angenommen, man ſchlug den Weg in das Thal hinab wieder ein. Der Zug bewegte ſich ruhig im dicht umbüſchten Pfade fort. Plötzlich aber ſtutzten die Araber und auch Zuleima warf aängſtliche Blicke umher.„Was iſt Dir?“ fragte Victor.„Ich hörte Roſſe ſchnauben,“ erwiederte Zuleima, die durch ihren langen Aufenthalt in Afrika und durch die Uebung von früheſter Jugend an die Sinnesſchärfe der Araber erlangt hatte, die die europäiſche bei weitem übertrifft. Victor ver⸗ nahm nichts, aber die Führer erklärten, daſſelbe gehört zu haben. Vorſichtig hielt man ſich daher im Gebüſch. Es dauerte nicht lange, ſo war die Nähe mehrer Reiter durch den Hufſchlag wie durch das Schnauben der Roſſe un⸗ zweifelhaft. Sie kamen aus dem Thale herauf, denſelben Weg her, den ſo eben die Flüchtenden genommen hatten und jetzt, um die Tiefe wieder zu gewinnen, zurück muß⸗ ten. Nur ein ſchneller Entſchluß konnte retten und zwar der, das Kameel auf der Stelle vom Wege ab in das dichteſte Gebüſch hineinzutreiben. Es geſchah. Der Pfad war gefährlich, allein das ſichre Thier ging behutſam und dabei ſo leiſe, als wüßte es, weshalb man den gebahnten Pfad verlaſſe. Bald kam man an einen dicht umbüſchten Platz, wo man hielt und dem Thier das Zeichen des Nie⸗ derlegens gab, damit ſein weiß ſchimmerndes Haar nicht oben zwiſchen den lichteren Wipfeln der Büſche zum Ver⸗ 8 4 8 . 1 — 187— räther würde. Kaum hatte man hier einige Minuten gele⸗ gen, als mehre Reiter den Pfad heraufkamen. Man hörte jeden Tritt der Roſſe und ihr ſchweres Keuchen beim Er⸗ klimmen des Berges. Lang auf den Raſen hingeſtreckt, ſpähten die Araber unter den Aeſten hin nach dem Wege. Da fuhr plötzlich einer derſelben wie vom heftigſten Schreck ergriffen zuſammen und machte mit der Hand ſeinem Ge⸗ fährten und Zuleima ein Zeichen. Indem hörte man den einen der Reiter etwas laut rufen, welches der andere ſo⸗ gleich beantwortete. Zuleima wurde bleich wie der Tod, Betty zitterte heftig, Victor hielt Beide in ſeinen Armen, ohne einen Laut von ſich zu geben, noch eine Frage zu wagen. Die Reiter ſchienen Mühe mit ihren Roſſen zu haben, als ob dieſelben ſich vor etwas ſcheuten. Doch wa⸗ ren ſie nach einigen Minuten nebſt einem Gefolge von etwa zwölf Leuten vorübergeritten und bald darauf wurde es gänzlich ſtill. 4 Erſt jetzt gewann die bebende Zuleima Sprache und Farbe wieder.„Mein Geliebter!“ rief ſie,„in welcher Gefahr ſchwebten wir! Es waren Osraim und Abukan, die vorüberritten. Der mächtige Gott hat uns beſchirmt! Denn Abukan rief:„„Hier ſehe ich die Spuren von dem Tritt eines Kameels, wir müſſen ſie verfolgen!““ und zu⸗ gleich ſcheuten ſein und Osraim's Roß, weil dieſe Thiere die Witterung des Kameels nicht vertragen können. Der Wind führte ſie ihnen aber zu. Dies bemerkte Osraim und rief:„„Sie können nicht fern ſein, ſpornt nur Euer Roß an, bald haben wir ſie erreicht!““ Mächtiger Gott! Wie hat Zuleima gebebt!“ Victor ſelbſt zitterte jetzt nach, als er erfuhr, welche Gefahr an ihnen vorübergeſchwebt war. — 18— Noch eine Stunde hielt man ſich verborgen, dann be⸗ ſchloß man aufzubrechen. Die Araber verſicherten, daß man nach einiger Zeit in der Tiefe des Thales in den vie⸗ len Höhlen und Felsſpalten Schlupfwinkel genug finden werde, um ſich zu verbergen, und daß, weil daſſelbe ſowol von Algier als von Sidi⸗Ferruch hinweg nach der Küſte zuführe, man ſie dort gewiß nicht ſuchen werde. So trat man den Weg an. Er war äußerſt rauh und beſchwerlich; die Führer und das Kameel ermüdeten in dem ſcharfen Geſtein. Nuhe war Beiden nach der durchwanderten Nacht nothwendig. Man beſchloß daher, die heiße Mittagszeit über zu raſten. Das Thal war von felſigen Höhen einge⸗ ſchloſſen, die oft in tiefen umbüſchten Spalten geräumige Schlupfwinkel darboten. Die Araber kannten es genau und leiteten daher das Kameel bald durch eine ſchmale Kluft in ein geräumiges Höhlengewinde, wo man unent⸗ deckt einige Stunden bleiben konnte. Die Ruhe that Allen wohl, da die durchwachte Nacht und die ſtete Spannung der Seele Alle erſchöpft hatte. Zu⸗ gleich hielt man von dem aufgeladenen Vorrath der Spei⸗ ſen ein erquickendes Mahl. . Nachdem die größte Hitze vorüber war, ſetzte man die Wanderung weiter fort und kam eine Stunde vor Son⸗ nenuntergang nah an den Ausgang des Thales. Von hier an, erklärten die Beduinen, müſſe man es verlaſſen und auf der Höhe weiterziehen; dies aber ſei vor der Abend⸗ dämmerung nicht wol zu wagen, daher müſſe man dieſe in einer Felshöhle abwarten. Bald fand ſich wieder rechts eine geräumige Kluft, um das Thier hinein zu führen, und wenige Schritte weiter eine andere, welche die Beduinen als bequemer für den Aufenthalt der Frauen bezeichneten und 6 — 189— zu der, nachdem man die Hügelwand wenige Schritte hinaufgeſtiegen war, eine von unten faſt nicht zu bemer⸗ kende Felsſpalte führte. Vierundzwanzigstes Capitel. Victor führte die Frauen hinein. In der That ge⸗ währte die Höhle einen leidlichen Aufenthalt, da ſie ziem⸗ lich geräumig und ihr Boden mit weichem Moos bedeckt war. Zuleima's Blick ſchweifte an den Wänden umher; plötzlich rief ſie:„Sagt mir, was iſt das?“ und zeigte mit dem Finger nach der Rückwand der Höhle. Victor ſah etwas Glänzendes; er trat näher. Es war der Griff eines in die Felſenſpalte eingeklemmten Säbels, an dem ein Kranz von Feldblumen hing.„Wir ſind nicht die einzi⸗ gen Bewohner dieſer Höhle!“ ſprach er beſtürzt, trat je⸗ doch noch näher, da er Schriftzüge zu bemerken glaubte. „Gott der Gnade! Darf ich meinen Augen trauen! Iſt es möglich!“— Mit dieſen Worten bedeckte er ſeine Au⸗ gen mit beiden Händen und lehnte ſich wie vom tiefſten Schmerz überwältigt gegen die Felſenwand. Zuleima eilte beſorgt auf ihn zu und fragte ihn mit liebender Theilnahme:„Was macht Dir Kummer?“ Auch Betty kam hinzu und befragte ihn um die Urſache ſeiner Er⸗ ſchütterung. Lange verſagte ihm die Sprache, endlich ant⸗ wortete er ihren dringenden Fragen mit erſtickter Stimme: „Dort ruht das treueſte, redlichſte Herz! Aber es ſchlägt nicht mehr. Ach, Zuleima, jene Worte melden mir den — ÿ — 190— Tod eines treuen Freundes!“— Das weichmüthige Mäd⸗ chen brach in Thränen aus, als ſie den Geliebten ſo tief bekümmert ſah. Er trat dem Grabmal wieder näher und betrachtete die Namenszüge noch einmal mit tiefer Rührung. „Treuer Jean! Alſo hier ruhſt Du aus? Wer aber hat Dich beſtattet? Wo weilen die Freunde, die Dir dieſe letzte traurige Ehre erwieſen haben? Ach, vielleicht ſind auch ſie längſt erſchlagen!“ In der erſten heftigen Beſtürzung hatte Victor nur den Namen des Todten geleſen. Jetzt weilte ſein Blick mit Muße auf der einfachen Grabſchrift. Das Dämmerlicht der Höhle hatte ihn die nur undeutlich in den Stein ge⸗ ritzten Züge nicht ſogleich ganz entdecken laſſen. Nun erſt ſah er, daß noch mehre Worte auf dem Stein ſtanden. Mit Mühe las er weiter:„Am 14ten Junius 1830.“— „Täuſch' ich mich? Iſt das nicht heut?“ Schnell überzählte er die Tage von dem Schiffbruch an bis auf den gegenwärti⸗ gen.„Heut! Der vierzehnte Junius iſt wahrlich heut!“ rief er.„O Gott, ſo entdecke ich vielleicht hier noch die Spur einiger mir theuern Freunde!“ Er betrachtete jetzt den Stein ſo aufmerkſam, als es die in der Höhle herrſchende Dämmerung zuließ. Unterhalb glaubte er noch Schriftzüge zu ſehen; allein es war ihm unmöglich, ſie zu erkennen. Leſen aber mußte er ſie. Er fragte Betty, ob es möglich ſei, Licht oder Feuer in die Höhle zu ſchaffen. Dieſe eilte ſogleich zu den beiden Ara⸗ bern und nach wenigen Minuten kehrte einer derſelben mit einem hell flackernden Holzſpan zurück. Victor ergriff ihn, beleuchtete die Stelle und mit dem Rufe:„Dank ſei Dir, allgütiger Vater im Himmel!“ ſank er auf die Knie— denn er hatte den Namen des Bruders geleſen! Lange dauerte es, bevor er der tief bewegten Zuleima —⏑—ᷣ—ÿꝛ — 191 und der theilnehmenden Betty die Urſache ſeiner Freude zu erklären vermochte. Als er es endlich gethan, theilten ſie Beide die Wonne des brüderlichen Herzens. „Alſo heut hat er noch gelebt! Er hat den treuen Jean beſtattet. Er weilt gewiß hier in der Nähe! Bald kehrt er vielleicht zurück!— Gütiger Himmel, welch einen Bal— ſam der Freude träufelſt Du in die tiefe Schmerzens⸗ wunde, die Du mir eben geſchlagen! O Allgütiger, vergib mir, wenn ich nicht mehr weiß, ob ich vor Schmerzen oder vor Freuden weine, denn Du miſcheſt ja Trauer und Seligkeit in den Tropfen deſſelben Augenblicks!“ Nach dieſen erſten heftigen Wallungen ſeines von tau⸗ ſend Gefühlen überſchwellenden Herzens ergriff ihn zunächſt der Gedanke mit überwiegender Kraft, daß Adolph ganz in der Nähe ſein und wahrſcheinlich bald zurückkehren müſſe. Er ſorgte nur, daß er vielleicht aus irgend einem Verſteck die neuen Bewohner der Höhle geſehen habe und, da er ſie für Eingeborne halten mußte, deshalb fern von ſeiner Behauſung bleiben würde. Dies beunruhigte ihn ungemein.„Gütiger Himmel!“ rief er aus,„Du haſt uns bis hieher ſo wunderbar beſchützt! O führe jetzt die brüderlich ſchlagenden Herzen zuſammen! Vollende, was Du ſo gnadenreich begonnen haſt!“ Voller Unruhe verließ er die Höhle und ſpähte rings umher; nur der Gedanke, daß er Zuleima's und Betty's Leben in Gefahr bringe, konnte ihn von weiteren Nachfor⸗ ſchungen abhalten. Die Sonne ging unter; Adolph zeigte ſich nicht. Victor wagte es ſogar, laut den Namen des Bruders zu rufen— vergeblich! Tief betrübt, da er Den, der ihm der Liebſte auf der Erde war, ſo nahe vermuthen mußte, und ſich 192— doch nicht mit ihm vereinigen konnte, kehrte er endlich in die Höhle zurück. Hier hatten ſich die beiden führenden Be⸗ duinen ſchon eingefunden und meinten, daß jetzt die gün⸗ ſtigſte Zeit des Aufbruchs ſei, wenn man Sidi⸗Ferruch mit Tagesanbruch erreichen wolle. Victor wußte nicht, was er thun ſollte. Herz und Pflicht zogen ihn gleich ſtark nach beiden Seiten. Endlich faßte er den Entſchluß, den Weg fortzuſetzen, da er ſonſt noch einen ganzen Tag in der Höhle hätte bleiben müſſen, wodurch er Zuleima und Betty, ſo wie ſich ſelbſt, der größten Gefahr auszuſetzen fürchtete, und hatten ſie ihn nicht gerettet? Mußte er nicht für ſie die nächſte Sorge tragen? Traurigen Herzens entſchloß er ſich daher, die Höhle zu verlaſſen. Während das Kameel aufgezäumt und herbeigeführt wurde, ſann Victor darüber nach, wie er dem Bruder, falls er in die Höhle zurückkehre, Nachricht geben könne. Sollte er Worte in den Stein ritzen? Dieſe waren leicht zu überſehen und auch die Zeit dazu zu kurz. Schreib⸗ material aber fehlte ihm gänzlich! Da fiel ihm ein, daß Zuleima die Schreibtafel ihres Vaters beſitze. Er jauchzte innerlich vor Freude darüber, daß ihm dieſes Hülfsmittel zu Gebote ſtehe. Schnell bat er ſie darum, riß ein Blätt⸗ chen weißen Papiers heraus und ſchrieb darauf mit dem dabei befindlichen Bleiſtift die Worte: „Bruder! die wunderbarſte Schickung führte mich hie⸗ her. Ich muß aufbrechen nach Sidi⸗Ferruch, wo heut die Unſrigen gelandet ſein müſſen. Suche auch Du dorthin zu flüchten. Erreichen wir Beide das Lager, ſo verheiße ich Dir eine Fülle glücklicher Entdeckungen. 4 Dein Victor. Am 14. Junius 1830, bei Sonnen⸗Untergang.“ — 193— Dieſes Blatt befeſtigte er ſo, daß es auffallend in die Augen ſpringen mußte, in dem Kranz über Jean's Gruft. Da kam ihm der Gedanke:„Wie, wenn du das treue Antlitz des wackern Gefährten noch einmal ſehen könnteſt?“ Er ſah, daß die Höhlung nur leicht mit Moos und Stei⸗ nen zugeſetzt war. Vorſichtig hob er einige derſelben heraus, dann mehre, und in wenigen Minuten war die Oeffnung ſo groß, daß er das Innere der Gruft überſehen konnte. Er zündete einen zweiten Holzſpan an und leuchtete in die dämmernde Höhle hinein. Siehe, da lag der treue Burſch mit ſeinem redlichen blaſſen Antlitz vor Victor's Augen; ein ſtilles Lächeln ſchwebte auf den ruhigen Zügen. Victor betrachtete ſie wehmüthig. Auch Betty und Zuleima traten heran.„Ja wahrlich, er iſt's!“ ſprach dieſe, und blickte das Antlitz des Todten gerührt an.„Er iſt's?“ fragte Victor,„und kennſt Du ihn?“—„Neben Dir ſtand er, als ich Dich zuerſt ſah,“ erwiderte Zuleima; „er ſprach auch engliſche Worte!“ Erſt jetzt fiel es Victor wieder ein, daß Jean der Erſte geweſen, der ſeine Blicke auf Zuleima geleitet hatte. Es rührte ihn tief, daß auch ſie ſich ſeiner Züge erinnerte.— „Arme Tony,“ ſprach er dann—„nun ſind Deine Le⸗ bensfreuden eben ſo entflattert wie Deine Bänder!“ Sanft legte er die Hand auf des Todten kalte Stirn und ſprach:„Gott ſchenke Dir Deinen Lohn dort, guter, redlicher Freund!“ Und warme Thränen rollten ihm über das Antlitz. Die Zeit drängte. Er ließ ab von dem Hingeſchiede⸗ nen. In kurzer Zeit war die Grufthöhle wieder bedeckt und die Spalten mit Moos gefüllt. Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. I. 9. — 194— Das aufgezäumte Kameel ſtand vor dem Eingange der Höhle. Zuleima, Betty und Victor beſtiegen es und die gefährliche Nachtwanderung begann. Der Pfad führte durch den ſeichten Fluß hindurch, jen⸗ ſeit die Anhöhe hinauf, welche Adolph ſo oft erſtiegen hatte. Der dämmernde Abendhimmel war ſternenklar; die Nacht verſprach ſo ſchön zu werden wie die geſtrige. Der Weg nach Sidi⸗Ferruch führte ſie quer durch das Land. Nachdem ſie etwa eine Stunde breites ebenes Feld durchwandert hatten, kamen ſie wieder an ein ähnliches Thal, wie das, in welchem ſie den Tag zugebracht; ſie mußten auf der einen Seite hinab, durch den unten ſtrö⸗ menden Fluß hindurch, und auf der andern hinauf. Aber⸗ mals nach einer Stunde befanden ſie ſich wiederum an einem ſolchen tief eingeriſſenen Thal, deſſen Wände ſo ſteil waren, daß der Weg hinab äußerſt gefährlich wurde. Ohne Hülfe der Beduinen, die jeden Schritt hier genau kannten, möchte es unmöglich geweſen ſein, ihn bei Nacht zu wagen. Als ſie auch dieſes Thal hinter ſich hatten, erklärten die Beduinen, daß der ſchwierigſte Theil des Weges zwar zurückgelegt ſei, daß man aber von nun an darauf gefaßt ſein müßte, ſtreifenden Türken und Arabern zu begegnen, indem man die ſüdlich von Algier gelegene Ebene Metidjah erreicht habe, über welche alle Hülfstruppen, die aus dem Innern noch erwartet würden, heranzögen. Es war nicht zu erwarten, daß ſie zwei Frauen, die ſich für Landesein⸗ geborene ausgeben diften, da ſie der Sprache völlig mäch⸗ tig waren, anhalten würden. Allein im Fall Victor an⸗ geredet wurde, konnte leicht Alles verrathen werden. Man nahm daher zu einer Liſt die Zuflucht. Betty verband ihm 2 —.— — 195— das Haupt mit Tüchern, die ſie, um die Tauſchung voll⸗ kommner zu machen, mittelſt des Saftes einiger am Wege wachſender Waldbeeren theilweiſe roth färbte, als ſeien Blutflecken darin. So wollte man ihn für einen ſchwer Verwundeten ausgeben, der nicht im Stande ſei, zu ſprechen. Lächelnd ließ ſich Victor die Verkappung gefallen, ob⸗ wol er ſich eines gewiſſen drückenden Gefühls, in Ge⸗ genwart von Frauen, die er ſchützen ſollte, den Be⸗ ſchützten und Hülfloſen vorſtellen zu müſſen, nicht erwehren konnte. Betty war ſo vorſichtig, den führenden Beduinen ihre Verſprechungen, im Fall ſie das Lager der Franken glück⸗ lich erreichen würden, zu erneuern. Nunmehr trat man den Weg durch die Ebene an. Dieſe erſtreckt ſich in einer Länge von faſt dreißig, und in einer Breite von ſechs bis ſieben Stunden ſüdlich an den Gebirgen hin, die ſich zunächſt an der Küſte entlang zie⸗ hen und bald mehr, bald minder tief in das Land hinein⸗ ſtreifen. Bisher war Victor aus demſelben noch nicht her⸗ ausgekommen, wiewol der Weiler, in welchem Zuleima wohnte, ziemlich an der äußerſten Grenze dieſer Gebirge im Innern des Landes lag. Nunmehr betrat man den reizend⸗ ſten und fruchtbarſten Theil des Gebiets von Algier. Zwar verbarg die Nacht unſeren Wanderern den Anblick dieſes Paradieſes, doch erkannten ſie die Fruchtbarkeit und den Reichthum des Bodens an unzähligen Zeichen. Denn bald führten ſie die Feldpfade, welche ſie einſchlagen mußten, zwiſchen hohen Reisfeldern dahin, deren Halme bis über den Rücken des Kameels emporragten, bald kamen ſie durch Oliven⸗ und Orangen⸗Gebüſche und athmeten den ſüße⸗ 9*† — 16— ſten Duft der Blüten und Früchte ein, die ſich bei dem ewig neu hervorquellenden Reichthum dieſer Natur in ſteter Miiſchung fanden. Hier dehnte ſich ein breiter Weingarten aus, in dem ſchon jetzt die Trauben zu reifen begannen; und doch fand im Schatten der Blätter die Melone noch Wärme genug, um ſich zur ſchönſten Fülle zu runden und gewürzige Düfte auszuhauchen. Dort erhob ſich ein breit⸗ blättriger Feigenbaum, der ſeine Aeſte über einen Raum hin⸗ ſtreckte, auf dem hundert Mann hätten lagern können; und die Zweige beugten ſich, von der Schwere der rieſenhaften und unzähligen Früchte belaſtet, bis tief auf den Boden herab, ſodaß ſie die kühlſte Laube bildeten. Jetzt wurde das Ohr durch ein angenehmes Rauſchen und Murmeln überraſcht; ein Quell ſprudelte aus ſeinem ſchöngefaßten Becken im klaren Silberſtrahl empor und ergoß ſich in ſchlängelnder Krümmung durch das Grün einer von tauſend Blumen überdeckten Matte, die mit ihren Düften die laue Luft erfüllten. „„Welch ein reizendes Land!“ rief Victor aus. Und gleicht es nicht, dachte er für ſich weiter, unter der Herr⸗ ſchaft dieſer Barbaren, dem ſchönſten Körper, deſſen Seele aber in den dumpfen Banden des Wahnſinns ſchmachtet? — Er drückte Zuleima ſanft an das Herz und ſeine Bruſt war voll dankbarer Empfindungen, daß er dieſes holde Weſen dem unnennbaren Verderben, das über ihr geſchwebt Segnungen des bewußten Geiſtes umblühten Daſeins, wel⸗ ches ihr an der Lebenswiege verheißen war, zurückgeben konnte. 8 Nur noch wenige Stunden der Gefahr lagen zwiſchen dem heiß erſehnten Augenblick, wo man das Ziel erreicht 8 hatte, entreißen und ſie dem Glück eines freien, mit allen A— d„ ⏑———— ⏑——— — 197 haben würde. Nur noch eine kurze Nacht und die Sonne leuchtete für immer! An dem ſchallenden Tritt des Kameels bemerkte Victor jetzt, daß man auf einer gepflaſterten Straße fortzog. Es waren die Trümmer einer aus den Zeiten des römiſchen Beſitzes übriggebliebenen Kunſtſtraße. Nicht lange blieb man jedoch in der Richtung derſelben, denn bald ſchlugen die Araber wieder einen Feldweg ein; vielleicht zum größten Glück, denn kaum einige hun⸗ dert Schritte mochte man auf demſelben zurückgelegt haben, als man an dem Schall vieler Hufe einen Trupp Reiter erkannte, welcher die eben verlaſſene Chauſſee hinunter⸗ ſprengte. Es war jetzt Mitternacht vorüber. Noch hatte nichts die Flüchtigen beunruhigt; nur in der Ferne hatte man bei einigen Weilern, die man weit umging, Lagerfeuer und Geſtalten bei denſelben geſehen. Schon war man über die Höhe von Algier hinaus und nahte ſich der Moſchee Tigi⸗ ſis, welche, am Zuſammenfluß zweier Bäche gelegen und mit kühlen Springbrunnen verſehen, gewöhnlich der Ruhe⸗ platz wandernder Araber iſt. Die führenden Beduinen be⸗ ſchloſſen, ſie, obwol man dadurch einen kleinen Umweg machte, von der Südſeite zu umgehen, weil ſie dadurch die Lagerſtellen der Araber zu vermeiden hofften. Zwiſchen hohen Reisfeldern zog man ſtill dahin. Nach wenigen hun⸗ dert Schritten aber endigten dieſelben und man befand ſich in einer Kräuterebene, die rings einen freien Blick in die Umgegend geſtattete. Hier ſah man von allen Seiten Feuer angezündet. Es waren die der Araber, welche ſich, geſtern durch die landenden Franzoſen geſchlagen, bis hierher zurück⸗ gezogen hatten. — 198— Bis Sidi⸗Ferruch hatte man nur noch drei Stunden durch die Gebirge zurückzulegen. Es ließ ſich nicht vermei⸗ den, mitten durch die gelagerten Araber hindurchzuziehen. Dieſe erwachten haͤufig, beobachteten den Zug, nahmen aber kein Arges daran. Indeß fühlte Victor, wie Zuleima an ſeiner Seite zitterte; er bebte mit ihr, für ſie. 3 Ein türkiſcher Befehlshaber kam ihnen mit mehren Rei⸗ tern entgegen. Er fragte, wohin der Zug gehen ſolle. „Wir führen die Weiber des Beduinenhäuptlings Hiaſſar,“ antwortete der eine der Führer,„er ſelbſt ſitzt ſchwer ver⸗ wundet auf dem Rücken des Kameels.“ „Aber wo wollt Ihr dorthin? Und woher kommt Ihr? Der Feind iſt vor Euch.“ „Wir haben bei Tigiſis nicht Raum gefunden, den Kranken zu pflegen; jetzt wollen wir nach Staouch in die Hütte ſeines Stammverwandten!“ „So geleite der Prophet Eure Schritte,“ ſprach der Muſelmann,„denn die Pfade ſind unſicher, wenn Ihr wie⸗ der in das Gebirg müßt.“ Grüßend ritt er vorüber. Die Reiſe dauerte auf dieſe Art zwei peinliche Stun⸗ den. Oft wurden die Flüchtigen angeſprochen, begrüßt; doch Niemand hielt ſie auf. Der Morgen dämmerte; man konnte ſchon die Gegen⸗ ſtände rings umher unterſcheiden. Eine Anhöhe lag vor den 5 Reiſenden.„Haben wir die Gipfel des Hügels erreicht”„“ ſprach der Führer,„ſo liegt Sidi⸗Ferruch vor uns und in der Stille des Morgens hören wir die Wellen des Meeres.“ Victor's Herz ſchlug heftig vor Freude.— Mit gleich⸗ 4 mäßig langſamem Schritt ſtieg das ſtarke geduldige Thier b V —⸗ 199— welches die Wandernden trug, die ſteile Anhöhe hinan. Jetzt war man dem Gipfel nahe— man hatte ihn erreicht. Da lag im bläulichen Schein der Dämmerung die unge⸗ heure Flotte mit dem dichten Wald der Maſten, ſtill und majeſtätiſch auf dem grauen Rücken des Meeres gelagert, vor ihren Blicken da. Am Ufer auf den ſandigen Dünen dehnten ſich die weißen Zeltreihen des Heeres aus und im Morgenwinde flatterten die Fahnen Frankreichs. Bei dieſem Anblick ſchlug Victor's Herz froh und ſtolz empor! Heilige Thränen der Freude ſtürzten aus ſeinen Augen; er hob die Arme gen Himmel auf und rief: „Dank Dir, Allgütiger, für Deine Gnade!“ Zuleima betete ſtill mit ihm; Betty, die, nach funfzehn Jahren des Jammers, endlich den Tag der Rettung vor ſich ſah, weinte laut vor Freude und Rührung. Zwiſchen den Flüchtigen und dem franzöſiſchen Heere lag, am Abhange des Berges, noch ein dichtes Gebüſch. Da man auf beiden Seiten des Hügels Beduinen gelagert ſah, ſo zweifelte man nicht, daß auch in jenen Büſchen ſich Trupps derſelben verſteckt halten würden. Der Weg hindurch war der gefährlichſte, den die Flüchtigen in der ganzen Nacht zu nehmen hatten; denn wie ſollte man jetzt den forſchenden Beduinen antworten? Die Führer ſchienen zaghaft zu werden. Betty erneuerte daher auf Victor's Erinnerung die Verſprechungen und erhöhte den verheiße⸗ nen Lohn noch. So entſchloſſen ſie ſich endlich, das Wa⸗ geſtück zu beginnen.— Bald war man im Gebüſch. Wi⸗ der Vermuthen traf man keine Beduinen darin gelagert. Unter ängſtlichem Pochen des Herzens drang man weiter und weiter darin vor, immer den Abhang des Berges hinab. Schon lichtete ſich der Wald; in wenigen Augen⸗ — 200— blicken mußte man die Sanddünen, die ſich von dort in Hügeln bis zur Küſte frei hinabzogen, erreicht haben. Jetzt war man im Freien. Dreihundert Schritt vor ſich erblickte 4 Victor eine franzöſiſche Vedette.„Nur noch eine Minute beſchirme uns, allmächtiger Himmel, und wir ſind gerettet!“ Er riß ſich jetzt das Tuch vom Haupte und trieb die Führer an, vollen Laufs auf das Lager zuzueilen, indeß er ſelbſt mit dem weißen Tuche winkte. Die Schildwacht, welche nicht wußte, was der Zug be⸗ deuten ſolle, und durchaus vermuthen mußte, es ſei etwas Feindliches dabei im Werke, feuerte ihr Gewehr ab und rief ſogleich zu den Waffen. Zum Glück aber pfiff die Kugel dicht an Victor vorbei. Er hieß die Frauen eben⸗ falls mit ihren Tüchern wehen und rief der Schildwacht, die ſchon wieder lud, ſo laut er konnte, zu:„Es lebe der König von Frankreich!“ r Indeß war es auf den Schuß und den Ruf der Ve⸗ dette im Lager lebendig geworden und das nächſte Piquet zeigte ſich in Waffen. Auf das Winken mit den Tüchern gab der befehligende Offizier jedoch ein Zeichen, nicht zu feuern. In demſelben Augenblick ſtieß Zuleima, die ſich umgewendet hatte, einen Schrei des Entſetzens aus. Vic⸗ tor blickte zurück und ſah mit der Schnelligkeit des Sturm⸗ windes einen Trupp türkiſcher und beduiniſcher Reiter, die eben aus einem Seitengebüſch hervorgebrochen waren„ her⸗ anſprengen. Die führenden Araber ließen bei dieſem An⸗ blick die Zügel des Kameels los und rannten vollen Laufs gegen das franzöſiſche Lager zu. Der Offizier des Piquets ließ anlegen und feuerte auf den Trupp der Reiter, welche ſchon dicht an den Flüchtigen waren. Dieſe ſchoſſen auch ihrerſeits, nach der Gewohnheit der Araber, mitten im Rei⸗ — 201— ten. So befanden ſich die Flüchtenden zwiſchen zwei Feuern zugleich. Da rief Betty plötzlich aus:„Es iſt Osraim und Abukan!“ und zu gleicher Zeit ſchwang ſie ſich von dem Rücken des Kameels auf den Boden, in der Abſicht, dem Beiſpiele der beiden Führer zu folgen. Victor umfaßte die zitternde Zuleima und ſprang mit ihr zugleich herab, ſank aber matt und ſchwach, wie er durch ſeine Wunde war, ſogleich in die Knie. Zuleima warf ſich über ihn und ver⸗ ließ ihn nicht. Die franzöſiſchen Soldaten waren gleich nach der erſten Salve im vollen Lauf herangeſtürzt; noch ſchneller als ſie aber auch Abukan und Osraim und mehr als zwanzig beduiniſche Reiter. Victor und Zuleima ſahen ſich plötzlich von dieſen, deren einige von den Roſſen ſprangen, umringt und hinweggeriſſen. Jetzt aber drangen die Franzoſen, den Offizier an ihrer Spitze, mit dem Bajonett auf die Araber ein. Abukan führte einen ſcharfen Säbelhieb gegen das Haupt des Offiziers, daß dieſem der Czako herabſtürzte. Da erblickte Victor ſein Angeſicht, es war Eduard. „Eduard! Rette mich und Deine Schweſter!“ rief er mit der heftigſten Anſtrengung und ſtreckte die Arme nach ihm aus. Dieſer hörte nur die vaterländiſchen Worte, er⸗ kannte den Freund und ſah, wie er hinweggeriſſen wurde; ohne daher den genauern Sinn des Zurufs zu erwägen, ja nur recht verſtanden zu haben, rief er:„Folgt mir, Freunde!“ und drang vorwärts wie ein junger Löwe. Abu⸗ kan ſchwang den Säbel zum zweitenmal über Eduard's Haupt; aber dieſer durchrannte ihn mit dem Degen, ſtürzte mit unaufhaltſamer Kraft auf die Araber ein, welche Vic⸗ tor und Zuleima umringt hatten, und brach ſich eine Bahn in den dichten Kreis derſelben; die Grenadiere drangen ih⸗ 9** —:Lꝛ:———::———õr——⸗— — — ———— ——[——y ͤ — 202— nen nach, die Feinde ſtürzten unter den Stichen ihrer Ba⸗ jonnette, wankten, verloren den Muth, ließen ihre Gefang⸗ nen los und flüchteten vollen Laufs. In wenig Augen⸗ blicken waren die Geretteten von den ſiegenden Freunden beſchirmend umringt und Victor und Eduard lagen einan⸗ der in den Armen. Die Juliustage. Erstes Capitel. Wie man nach Vollendung einer langen mühſeligen Arbeit geneigt iſt, ſich eine Zeit lang der freieſten, ſorgloſeſten Muße zu überlaſſen, bis der innere Drang nach Thätig⸗ keit mit neuer Stärke erwacht und uns wieder in ein reg⸗ ſames Wirken hineintreibt, ſo erging es Adolph jetzt in der beglückenden Ruhe nach ſo langen Stürmen. Die Tage der Arbeit, der Drangſal und Gefahr, die er in Afrika verlebt, hatten ſeine Luſt und Kraft zu Thaten und Abenteuern auf eine Zeit lang erſchöpft, und er genoß der ſeligſten, erquickendſten Zeit in dem ſtillen, ländlichen Aufenthalt zu Toulon, den ihm Leontinens Liebe zu einem Zaubergarten ohne Mühen und Sorgen ſchuf. Nur wie an ſchönen, warmen Tagen bisweilen ein leiſer Donner daran erinnert, daß ein Ungewitter heraufziehen könnte, oder wie in milden Sommernächten fernes Wetterleuchten die ſanfte Ruhe des Nachthimmels unterbricht, ſo ſtiegen in der Seele des Glücklichen von Zeit zu Zeit die leichten Schatten trüber Gedanken auf. Victor's Schickſal war es, was ihn beunruhigte; doch lebte in ſeiner Seele ein Strahl —— — 206— der Hoffnung, der, ſo bedenklich die Umſtände waren, keiner dauernden Sorge oder Betrübniß die düſtre Herrſchaft ge⸗ ſtattete. In ſeiner Liebe beſaß er ein ſo großes, ſo unend⸗ liches Glück, daß die möglichen Verluſte anderer Art ihn nicht aus dem Himmel ſeiner Gefühle zu ſchrecken vermoch⸗ ten. Zwar warf er ſich es bisweilen in der Stille der einſamen Nächte heftig vor, daß ſein Herz zu wenig bei ſeinem Bruder ſei; allein wer, der jemals die Gefühle über⸗ ſchwänglichen Glückes genoſſen hat, möchte ihn richten oder ſchuldig finden? Pflichten und Empfindungen ſtehen ſo oft im Widerſpruch mit einander; zufrieden mag Der 4 ſein, deſſen Thaten ſich nach dem ſittlichen Geſetz richten. Wer will dem Herzen, das eben ſo heiligen, unmittelbaren Naturgeſetzen folgt, Vorwürfe machen? 4 Am dritten Tage nach Adolph's Ankunft auf dem Land⸗ e hauſe ſeiner künftigen Mutter war Tony beſtattet worden. Eine ſchmerzlich rührende Feier. Viele junge Mädchen hatten die ſo jung dahin Geſchiedene begleitet; ſie beſaß die Liebe Aller. Im weißen Todtenkleide, mit dem Myrthen⸗ kranz im Haar, glich ſie einer ſanft ſchlummernden Braut. Die ſchwarze Hülle des Sarges ſchloß ſich über der Liebli⸗ chen; ſie wurde in die kühle Gruft hinabgeſenkt. Trauernde Geſpielinnen ſtreuten Blumen auf das Grab. Leontine ſtand ſanft weinend an der Seite ihres Freundes und ihre Seele war gerührt von Dank und Schmerz zugleich. Wie wuchs das Glück ihrer Liebe dem düſtern Bilde des frem⸗ den, traurigen Geſchicks gegenüber, das ſie wie aus einem ſchwarzen Hohlſpiegel anblickte, in deſſen Tiefe die Gebilde des Lebens ſich verdunkeln, aber vergrößern! Ein ſtiller, warmer Junius⸗Abend folgte dem Be⸗ gräbniß⸗Nachmittage. Die Mutter war nicht bei der Beſtattung zugegen ge⸗ — ☛ ———— — 207— weſen; das Brautpaar kehrte zu ihr zurück und Leontine begrüßte ſie mit einer weichen, wehmüthigen Umarmung. Allein ſie fand dieſelbe heiterer, als ſie vermuthete. Die Urſache davon lag vor ihr auf dem Tiſch. Es war ein Brief des Seepräfekten aus Toulon, der ihr in aller Kürze die Nachricht gab, daß Victor zwar verwundet ſei, aber nicht gefährlich, und daß ſein Leben durch die Haftung mehrer türkiſcher Vornehmen für ihn geſichert werde. Capitain Aſſigny hatte dies nach den Ausſagen gemeldet, welche ihm von denjenigen ſeiner Schiffsleute zugekommen waren, die zuletzt unter Victor's Führung geſtanden hatten, Zeuge ſeiner Verwundung geweſen und in Folge jenes Gefechts nach Algier gebracht worden waren, wo ſie das ſtrenge Gefängniß ihrer Kameraden theilten. „So hat mich meine Ahnung nicht getäuſcht!“ rief Adolph aus.„Ich wußte, er würde leben! O daß er erſt zurückgekehrt wäre!“ Es war dem liebenden Bruder, als ſei ihm eine ſchwere Laſt von der Seele genommen, als habe er nun erſt das volle Recht erlangt, ſich ſeines eigenen urſprünglichen Glückes zu erfreuen. „Auch für Dich, lieber Adolph,“ ſprach Frau von Clermont,„iſt ein Brief hier!“ und übergab ihm ein ver⸗ ſiegeltes Schreiben, deſſen Aeußeres es ſogleich als ein dienſtliches zu erkennen gab. „Dienſtſachen!“ rief Adolph,„ſie werden nichts ſade lich Erfreuliches enthalten.“ Er öffnete und las. „Das Ungewitter droht noch unbeftint, 1 ſprach er lä⸗ chelnd,„vor der Hand befehlen mir dieſe Zeilen weiter nichts, als mich morgen zum Seepräfekten zu verfügen, um dort meine weiteren Beſtimmungen zu empfangen.“ — 208— „Du wirſt doch nicht ſchon wieder fort müſſen?“ fragte Leontine mit ängſtlicher Miene. Es erſchien ihr förmlich als eine Grauſamkeit, daß man Jemand, der kaum den drohendſten Gefahren entronnen war, aus dem ſichern Ha⸗ fen der Ruhe und des Glücks wieder mitten in die klip⸗ penvolle Brandung des Lebens hinausſtoßen wolle. „Es iſt zwar möglich, beſte Leontine,“ entgegnete Adolph mild,„aber nicht eben wahrſcheinlich. Die Offi⸗ zierſtellen auf allen hier liegenden Schiffen ſind mehr als beſetzt; ich kann kaum glauben, daß man ſchon einen neuen Plaß für mich gefunden haben ſollte. Indeß iſt der Dienſt des Seemannes mannichfaltiger Art und ich erhalte viel⸗ leicht hier in Toulon eine Beſchäftigung. Dies iſt mir wenigſtens das Wahrſcheinlichſte.“ „O das wäre ſchön!“ rief Leontine lebhaft,„dann könnteſt Du recht lange und noch ſorgenloſer hier bei uns verweilen, als wenn Du, ganz unbeſchäftigt, jeden Augen⸗ blick einen Befehl fürchten müßteſt, der Dich vielleicht weit über's Meer ſchickt.“ Adolph lächelte und blickte dem holden Mädchen ge⸗ rührt in das froh glänzende Auge. Auch ſie heftete einen jener unbeſchreiblichen Blicke, die aus der tiefſten Seele hervorzudringen ſcheinen, auf ihn; dann ſank ſie plötzlich in Thränen ausbrechend an ſeine Bruſt, umſchlang ihn heftig und rief:„Noch kann ich's nicht glauben, daß Du es ſelbſt biſt, der vor mir ſteht! Ach wenn das Alles den Traum wäre, und ich wieder zu jenen ſchrecklichen Aualen erwachen müßte! Aber nein, Du biſt's, Du lebſt, Sehen en und Dein Herz ſchlägt an dem meinen! O mein Freund! Trenne Dich nicht von mir! Ich fühle es, ich würde die Angſt nicht überleben! Bleibe bei mir! Gibt es denn keine Stimme der Pflicht, die für mich I 6 * — 299 ſpräche? Kann Dein Thun denn irgendwo ſo viel Glück, ſo viel Freude und Heil ſtiften, als Du dieſe Bruſt mit namenloſen Schmerzen erfüllen würdeſt?“——— Adolph antwortete nichts. Er küßte dem geängſtigten Mädchen die Thränen von der Wange und hielt ſie feſt in ſeinen Armen. In ſeiner Seele war kein Tadel ihres Empfindens. Was hatte nicht an ihrem armen Herzen geſtürmt und es gewaltſam erſchüttert? Der bitterſte Ver⸗ luſt, das ſeligſte Wiederfinden, die Liebe in ihrem zerreißend⸗ ſten Schmerz, in ihrer höchſten Seligkeit; ſo eben die ernſte, rührende Feier des Todes und die Hoffnung, die Zukunft, die Erinnerung, die Gegenwart, und zu dem Allen das weiblich ſchöne Loos, daß die Liebe ihre Bruſt zugleich als höchſte Pflicht und als höchſtes Glück erfüllte — o ſie empfand ſo menſchlich, heilig, ſchön! Sie wurde ihm in dieſer holden Verwirrung auf den vielfach ver⸗ ſchlungenen Wegen der Lebenspflichten ſo theuer, ſo groß! Er ſah richtig in dieſer ſcheinbaren Schwäche die wahre Stärke und Größe ihrer Seele. Denn die Kraft des Her⸗ zens gleicht der Tiefe ſeines Empfindens! Auch die Mutter ſchwieg und liebkoſte die Täthterſ ſanft tröſtend. Nach einigen Minuten beſänftigte ſich dieſe heftige Wallung und die Ruhe kehrte in Leontinens Bruſt zurück. Sie lächelte über ſich ſelbſt, wie Jemand, der ſich von einem leeren Schattenbilde hat täuſchen laſſen. Aber ſie ſprach nicht darüber, ſondern erwartete, daß der Geliebte, daß die theure Mutter ſie verſtanden haben würden. Wahr⸗ lich ſie irrte nicht. 54 Die Nacht hatte ſich ſchon ſanft umhüllend herabge⸗ ſenkt; die freundliche Flamme des Lichts zog den vertrau⸗ ten Kreis der drei liebenden Seelen dichter zuſammen. — 2lo— Adolph, um Leontinens Gemüth von den trüben Vor⸗ ſtellungen der Zukunft abzuziehen, begann eine geordnete und ausführliche Erzählung ſeiner Erlebniſſe ſeit der Ab⸗ reiſe von Toulon. Denn bisher hatte er zwar alles Wich⸗ tige, jedoch nur einzeln und ohne genauere Schilderung be⸗ richtet. Mit bangendem Herzen folgte die Geliebte jetzt dem lebhaft Erzählenden aus einer Gefahr in die andere und erfreute ſich mit ihm jeder neuen Rettung. In ſeinen Abenteuern, in der Gewandtheit, dem Muth, womit er ſie beſtanden, ſchien ihr Adolph bedeutender, würdiger, männlicher; ſie war ſtolz auf ihn und durfte es ſein. In Gedanken verglich ſie ſeine ſeltſamen Erlebniſſe den Irrfahr⸗ ten des Odyſſeus, oder den Abenteuern irgend eines Hel⸗ den romantiſcher Märchen. Ihr dichteriſches Gemüth ſchmückte den Geliebten mit jeder Tugend und Kraft aus, und ſie war glücklich in dem weiblichen Staunen, das ſie über ſo viel wechſelnde Schickſale, wo die Lebensbahn ſtets an gefährlichen Abgründen dahin ſtreifte, empfand. Schüchtern aber zärtlich ſchmiegte ſie ſich dichter an ihn, wenn das Feuer ſeiner Darſtellung ihn mitten in die Schrecken des Meeres oder an die unwirthbare Küſte der Barbaren und in die feindlich anſtürmenden Scharen der Beduinen führte. Sie blickte horchend zu ihm auf und umſchlang ihn dabei ſanft mit dem weichen Arm, als wollte ſie ſich ſei⸗ nes Beſitzes, ſeines Bleibens feſter verſichern. Mit tiefer Rührung vernahm ſie den Tod ſeiner wackern Gefährten und endlich den des treuen Jean! Wie empfand ſie mit ihrem Freunde die Tiefe und die Einſamkeit ſeines Her⸗ zens nach dem Hinſcheiden des letzten Genoſſen ſeiner trü⸗ ben Schickſale in jener rauhen Wüſte! Wie dankbar erglühte ihr Gemüth gegen den allmächtigen Lenker menſchlicher Ge⸗ . ſchicke bei der endlichen Rettung durch die Landsleute und Gefährten! Die Mutter begleitete Adolph's Erzählungen mit glei⸗ chem Antheil; eine wehmüthige Erinnerung beſchlich oft ihr Herz dabei. Denn ſie gedachte der ſchönen Zeit, wo ihr eigener Gatte, wenn er nach Jahren der Thaten und Gefahren auf wenige Tage in die trauliche Ruhe des häus⸗ lichen Heerdes zurückkehrte, der liebenden Gattin Bericht von den wechſelnden Ereigniſſen ſeines vielbewegten Le⸗ bens gab. Mitternacht hatte ſie in dieſem trauten Verweilen über⸗ raſcht. Man mußte ſich endlich trennen. Doch das Bild des Geliebten und ſeiner Schickſale begleitete Leontinen in ihren Träumen, und auch er ſah den holden Engel, der ihm das Leben verſüßen ſollte, an ſeiner Seite. Der Morgen war angebrochen. Adolph rüſtete ſich, um ſogleich nach Toulon zu dem Seepräfekten zu eilen, der ihn in der Frühſtunde erwartete. Es war ihm ſelbſt daran gelegen, ſich ſchnell Gewißheit über ſeine nächſte Be⸗ ſtimmung zu ſchaffen; denn daß auch er einer Trennung von Leontinen mit Betrübniß entgegenſah, war bei allem Eifer für ſeinen Stand, bei allem männlich ehrenvollen Pflichtgefühl dennoch ſehr natürlich. Es war noch früher Morgen. Leiſe verließ Adolph ſein Gemach und ſchritt durch das ſtille Haus. Als er -— 212— im Garten unter Leontinens Fenſter vorbeikam und die geſchloſſenen Jalouſien ihm zeigten, daß ſie noch ſchlummere, pflückte er ſchnell einen Strauß friſch bethauter Roſen und legte ihn zwiſchen die Blumentöpfe auf das Geſims ihres Fenſters, damit ſie beim Erwachen und Oeffnen gleich einen Gruß ſeiner Liebe vorfände. Dann verließ er den Garten und ging raſchen Schrittes am Ufer des Meeres nach Tou⸗ lon hinein. Er fand den Seepräfekten ſchon in voller Thätigkeit; im Vorzimmer warteten bereits mehre Offiziere und Be⸗ amte auf ſeine Befehle. Endlich wurde auch er vorgelaſſen. „Sie werden böſe ſein, mein junger Freund,“ redete er Adolph an,„wenn ich Sie, der Sie kaum den Stür⸗ men der See und dem Schwerte der Barbaren entronnen ſind, ſchon wieder aus Ihrer angenehmen Muße reiße, um ſie mitten in das Getriebe des Dienſtes zu ſtürzen. Allein die Umſtände fordern es.“ „Ich weiß meiner Pflicht jedes Opfer zu bringen,“ ent⸗ gegnete Adolph.„Wohin bin ich beſtimmt?“ „Diesmal wird die Reiſe keine eben gefährliche ſein; es geht nach Paris.“ „Ich erſtaune,“ ſprach Adolph,„dieſen Ort würde, ich von allen in der Welt am wenigſten vermuthet haben.“ „Iſt er Ihnen gleich der überraſchendſte,“ entgegnete der Präfekt verbindlich,„ſo wird er Ihnen hoffentlich nicht der unangenehmſte ſein. Der Miniſter meldet mir, daß durch den Tod eines Offiziers, der im Admiralitäts⸗Rath arbeitete, eine Stelle offen geworden ſei, die man bei den jetzigen ſehr dringenden Geſchäften möglichſt ſchnell durch einen Offtzier von Sachkenntniß, der zugleich die Feder zu führen weiß, beſetzen möchte, und trägt mir auf, ihm hier aus Toulon ei⸗ nen tauglichen Arbeiter zu ſenden. Wenngleich ich weiß, —— —, — 213— daß Ihnen ein kriegeriſches Amt lieber wäre, ſo fehlt es mir doch im Augenblick an Jemand, durch den ich Sie er⸗ ſetzen könnte. Und überdies habe ich, aufrichtig geſtanden, dabei ein wenig für ihre liebenswürdige Braut Bedacht ge⸗ habt. Sie hat kürzlich ſo ſchwere Leiden überſtehen müſſen, daß ich, wo es ſich mit dem Dienſt des Königs vertragen mag, ihr einen neuen Kampf gern erſparen wollte. Auf die See begleitet ihr Herz Sie nur mit tauſend Aengſten hinaus; nach Paris— die Gefahren ſind da freilich nicht geringer,“ brach der Präfekt lächelnd den Gang der Phraſe ab,„indeß ſie ſind von der Art, daß eine zärtliche Braut Sie vielleicht ſelbſt in Obhut nehmen kann.“ Adolph verbeugte ſich lächelnd. „Sie ſcheinen mir noch nicht ganz zufrieden, lieber Freund,“ fuhr der Präfekt fort;„Ihr kriegsluſtiger Sinn ſucht entweder eine rühmlichere Laufbahn, oder die ſchnelle Trennung, denn morgen müſſen Sie abgehen, iſt Ihnen nicht genehm. Allein wer weiß, was den zweiten Punkt anlangt, ob ich nicht vielleicht binnen ganz kurzem genöthigt würde, Sie nach einer ſehr entfernten Station, nach Madagascar oder Buenos⸗Ayres zu ſenden. Und dann habe ich Ihr Beſtes dabei wol ins Auge gefaßt, Sie ſind jung, gewandt, haben ſoeben Abenteuer und Schickſale erlebt, die in Pa⸗ ris das allgemeinſte Intereſſe erregt haben; zugleich waren dieſelben ſo gefahrvoll und Sie haben ſie ſo rühmlich be⸗ ſtanden, daß Sie mit ihrem Antheil an dem Ruhme der Expedition wohl zufrieden ſein dürfen. Ich kenne Paris. Man wird mit Fingern auf ſie zeigen. Das iſt einer der Unglücklichen und Tapfern, die bei dem Schiffbruch des Silens und der Aventure in Afrika geſtrandet ſind, wird man rufen. Er hat die merkwürdigſten Abenteuer erlebt! — Man wird begierig ſein, Ihre Bekanntſchaft zu machen, — 214— um ſie erzählen zu hören. So werden ſich Verbindungen für Sie anknüpfen, die Ihnen in der Folge nur vortheil⸗ haft ſein können; Ihre Schickſale berechtigen Sie zu einer Art von Entſchädigung, und auf dieſem Wege, hoffe ich, werden Verdienſt und Glück ſich einmal vereinigen.“ Adolph fühlte, daß der Präfekt ganz recht hatte, und dankte ihm lebhaft für ſeinen ſorgenden Antheil.„Nur das Eine iſt mir ungemein ſchmerzlich. Viele meiner wackern Gefährten haben bei dem unglücklichen Ereigniß den Tod gefunden. Andere, unter ihnen die ehrenwerthen Führer beider Schiffe, ja mein eigner Bruder ſind in eine ſchmachvolle, ſchreckliche Gefangenſchaft gerathen. Und ich, der ich nach einigen abenteuerlich zugebrachten Tagen auf das glücklichſte gerettet worden bin, der ich jetzt alles Er⸗ lebte als ein wahres Glück, als einen ewigen Schatz für meine Erinnerung betrachten muß, ſollte noch außerdem da ernten, wo Andere ſo viel mühſeliger arbeiten mußten?“ „Eine ehrenvolle Geſinnung, lieber Freund. Allein das Glück iſt nun einmal nicht ſtreng gerecht und Sie werden ſeine böſe Eigenſchaft nicht beſſern. Ueberdies hat man da⸗ rauf gedacht, Ihren Unglücksgefährten ebenfalls jede Ent⸗ ſchädigung zukommen zu laſſen, zu der ihr Geſchick ſie be⸗ rechtigt, und jede Belohnung, die ihr verdienſtliches Beneh⸗ men in der gefahrvollen, bedrängten Lage billigerweiſe für Sie in Anſpruch nimmt. Gehen Sie alſo mit Gott und machen Sie ſich keine Sorge über das Gute, was Ihnen der Himmel freiwillig auf Ihren Weg ſtreut.“ Mit dieſen Worten reichte der Präfekt dem jungen See⸗ mann freudig die Hand und winkte ihm, nach Art be⸗ deutender Geſchäftsmänner, auf deren Zeit Viele Anſpruch haben, den Abſchiedsgruß zu. Adolph ging mit dankenden Worten und Blicken und eilte ſogleich hinaus, zu ſeiner 4 — — 215— Geliebten, um ihr möglichſt ſchnell von ſeiner neuen Be⸗ ſtimmung Nachricht zu geben. Er traf Mutter und Tochter zuſammen beim Frühſtück. „Ihre fröhliche Miene, lieber Adolph, verkündet uns Gutes,“ rief ihm die Mutter, die ihn zuerſt erblickte, zu; „nun, bleiben Sie bei uns?“ „Bleibſt Du, Beſter?“ fragte Leontine, die ihm froh entgegeneilte, ebenfalls. „Wenn ich auch nicht hier bleibe, beſte Mutter, liebſte Leontine,“ entgegnete Adolph,„ſo werden Sie doch mit meiner nächſten Beſtimmung zufrieden ſein. Ich ſoll nach Paris.“ „Nach Paris?“ fragte Leontine mit dem ſichtlichen Ausdruck betrübender Täuſchung in den ſchönen Zügen. „Doch wol um bald hierher zurückzukehren, lieber Freund, nicht ſo?“ Adolph berichtete und erklärte die Art ſeines Auftrags. Leontine ſah wohl ein, daß er ehrenvoll, glücklich und gewiſſermaßen beſchirmend vor einer ferneren längeren Tren⸗ nung ſei; dennoch bedrängte dies ſchnell bevorſtehende Schei⸗ den von dem kaum wieder gewonnenen Freunde ihr lieben⸗ des Herz ſo, daß ſie nur mit Mühe ihres Kummers Herr wurde. Die Mutter bemerkte es und gütigen Sinnes, wie ſie war, gedachte ſie ſogleich der Tochter das Leid zu erſparen. „Ich habe einen raſchen Entſchluß gefaßt,“ ſprach ſie, indem ſie aufſtand und zwiſchen beide Liebenden hintrat. „Warum ſollten wir einſamen Frauen das öde Haus be⸗ hüten? Schon längſt habe ich auf eine Reiſe nach Paris gedacht, um Leontinen mit der Hauptſtadt bekannt zu ma⸗ chen; jetzt ſcheint mir der ſchicklichſte Zeitpunkt dazu.“ Sie hatte kaum die Worte vollendet, als Adolph ſchen — 2109— ihre Hand ergriffen hatte und ſie feurig an die Lippen drückte, während Leontine ihr um den Hals fiel und ihr gleichfalls den töchterlichen Dank in glühenden Küſſen zollte. „Vielleicht,“ ſprach die Mutter zu Leontinen,„iſt nie⸗ mals eine Reiſe nach der weltberühmten Hauptſtadt Frank⸗ reichs ſo wenig um dieſer ſelbſt willen gethan worden, als Du ſie antreten wirſt. Allein Ihr müßt mein Entgegen⸗ kommen nicht überſchätzen. Schon längſt hätte ich meinen Oheim Deſormery in Paris beſuchen ſollen, und Eure vielleicht nahe bevorſtehende Verbindung macht überdies eine Aenderung in den Verhältniſſen meines Vermögens nöthig, welcher wegen ich ſogar nach der Hauptſtadt reiſen müßte, ſelbſt wenn ich nicht wollte. Es fügt ſich jetzt Alles auf's glücklichſte zuſammen. Wir werden Familienpflichten erfüllen, Geſchäfte abthun und zugleich unſer eignes Glück befördern.“ Welch eine Freude war durch dieſen Entſchluß der ger Geſchäftigkeit eilte Leontine, ſogleich die nöthigen Vor⸗ bereitungen zur Reiſe zu beginnen. Denn nun wollte ſie auch mit Adolph zuſammen reiſen, und die Mutter, die immer mehr das Gute, Vernünftige, und das wahre Glück ihrer Tochter Bildende zu befördern ſuchte als Das, was die Geſetze des Anſtandes, der Sitte oft eigenſinnig genug for⸗ derten, war dieſem Vorhaben nicht entgegen, wenngleich ſie wußte, daß Manchem die in dieſer Art angektatene Reiſe einen Anſtoß geben möchte. Leontine war ganz Eifer, ganz Geſchäftigkeit. Doch mit⸗ ten in ihrem emſigen äußerlichen Thun konnte man ihr die innere Stille, den ſeligen Frieden des Gemüths, den ſie im ſie Kleider einpackte, Putz ordnete und Aehnliches dieſer * Mutter in Aller Herzen eingekehrt!— Mit zärtlich emſi⸗ Vollgenuß ihres Glückes empfand, anſehen. Denn indem Art that, ſchienen nur ihre Hände dabei beſchäftigt; ihre als unter den Beduinen, Zuleima, weil ſie für das Leben des Geliebten bebte. Nach einigen Minuten hatte man Eduard's Zelt erreicht. 5 Victor hatte, ſo lange er getragen wurde, in Ohnmacht gelegen; es war dies weit mehr die Folge von der unbe⸗ ſchreiblichen Spannung ſeines Gemüths, als daß ſein Blut⸗ verluſt ihn ſo geſchwächt hätte. Jetzt, im Zelte des brü⸗ derlichen Freundes, umgeben von dieſem, der Geliebten und der mütterlich von ihm geehrten Betty, erwachte er und ſah mit dem Ausdruck des ſeligſten Entzückens umher. „Wir ſind gerettet! Dank dem allmächtigen Gott! * Welche wunderbare Wege hat er uns geführt! Eduard, ahneſt Du nicht, welch ein Glück für Dich und mich der Naum Deines kleinen Gezeltes umſchließt?“ Eduard war erſtaunt über Victor's Worte, die er nur verworren zu deuten wußte, da er dem Zuruf im Gefecht mehr unwillkürlich gefolgt war, als daß er ihn in ſeinem wahren Sinne verſtanden hätte. Seinem ahnenden Gemüth begann ſich nur das Verhältniß der hold erröthenden, ver⸗ ſchämt zur Erde blickenden Zuleima zu dem Freunde zu enthüllen. „Dein Glück iſt auch mein Glück,“ antwortete er da⸗ her, und deutete mit einem halben Blicke auf Zuleima, ddeeren Hand Victor gefaßt hatte und ſie innig an die Lip⸗ . pen drückte. „Ja wohl, Dein Glück iſt auch das meinige,“ rief Victor,„und meines das Deinige! Die reich ſpendende Hand der Vorſehung hat uns wunderbar beſchenkt. Blicke in die Züge dieſes holden Weſens, liebſter Bruder! Lieſ't 3 Dein Herz in dieſen Augen nichts, was näher und bedeut⸗ ſamer zu Dir ſpräche?“ Eduard begann zu ahnen, daß zwiſchen ihm und der 8. 1. 10* — — 220— reizenden Araberin eine beſondere Beziehung ſtattfinden müſſe. Eine dunkle Erinnerung, eine wunderbare Aehn⸗ lichkeit, der er in der heftigen Aufregung ſeines Gemüths nicht ſogleich die richtige Beziehung geben konnte, ergriff ihn mächtig. Er ſah Zuleima, ſah Victor mit wechſelnden Blicken fragend an. Dieſer hatte indeß aus dem Buſen die kleine Schreib⸗ tafel des Oberſten hervorgezogen und ſie geöffnet. Zuleima ſtand ängſtlich und harrte geſpannt Deſſen, was geſchehen ſollte; denn da Victor und Eduard Franzö⸗ ſiſch ſprachen, hatte ſie den Sinn der Worte nur ganz dunkel faſſen können. Allein ihre orientaliſche Fertigkeit, in den Mienen zu leſen und Bewegungen und Blicke in Worte zu üͤberſetzen, brachte ſie der Wahrheit nahe auf die Spur und beklommen harrte ſie auf die endliche Löſung. Victor reichte die Schreibtafel dem über ſein Lager gebeugten Eduard hin und ſagte ihm:„Kennſt Du die⸗ ſes Bild?“ „Heiliger Gott! Meine Mutter!“—„uUnd ihre!“ rief Victor, ihm die bebende Zuleima durch einen Zug der Hand halb entgegenführend:„Es iſt Deine Schweſter, die verlorene Eugenie!— Dein Bruder Eduard, n Eugenie!“ ſetzte er auf Engliſch hinzu. Die Beſtürzte hob ihre Arme halb ängſtlich, halb ſehn⸗ ſuchtsvoll, Eduard beugte ſich ihr mit hochklopfendem Her⸗ zen entgegen, er fühlte mit der Hand an ſeine Stirn, ob er wache oder träume, und ſtammelte endlich:„Meine Schweſter! Biſt Du es?“— Und zuſammenſinkend, wie einbrechend unter der Erſchütterung ihres Herzens, lag Eu⸗ genie bewußtlos in den Armen des Bruders. Betty ſank neben Victor's Lager auf die K — 221— ſchluchzte heftig, und faltete ihre Hände zum Gebet. Tau⸗ ſend Schmerzen zerriſſen ihre Seele neben der unendlichen Freude, die ihr mütterliches Gemüth empfand. Denn in dieſem Augenblicke ſah ſie das Kind ihrer Sorge, ihrer Pflege und Liebe losgeriſſen aus den zärtlich umrankenden Banden, mit denen ſie es umſponnen hatte, ſah es dem urſprünglichen mütterlichen Boden, der es erzeugt und er⸗ nährt, zurückgegeben. Jene Drei gehörten einander an, ſie, die Arme, Unbekannte, fühlte ſich plötzlich ſo einſam, ſo ſchmerzlich verlaſſen, die lange Oede ihres Lebens ſchien ſich ſo unendlich vor ihr auszudehnen! Ach, Alles, was das Herz erfreut, die Bruſt rührt und bewegt, was unſer Glück, unſern Frieden baut, war ihr ja in der Blüte der Jugend entriſſen worden! Und nun ſollte die einzige zarte Nachbarpflanze, an die ſich ihr vom Sturme entwurzeltes Daſein liebevoll gehalten und mühſam emporgerankt hatte, ihr entriſſen werden! Sie ſollte nun wieder ganz allein dem Sturm, dem Pfeil der glühenden, verſengenden Sonne preisgegeben ſein! Nein, es war nicht ſo! Denn plötlich erinnerte ſich Zuleima der Mutter; und gewohnt, jede Freude wie jeden Schmerz an ihrem Buſen auszuweinen, ſank ſie auch jetzt wieder an die treue Bruſt der Pflegerin und hielt ſie mit inniger Liebe umſchlungen. In Betty's Herz aber kehrte die milde Wärme der Freude und der ſchönſten Hoffnun⸗ gen tröſtend zurück. Victor hatte in tiefer, ernſter Bewegung ſtill auf dem Lager geſeſſen. Eine heilige Rührung erfüllte ſein Herz und preßte ihm Thränen in die männlichen Augen.— Jetzt blickte er zu Eduard auf, zog ihn mit den Händen ſanft an die Bruſt und ſprach:„Sie iſt meine Braut und Du läſſeſt ſie mir gern?“—„O mein Bruder!“ antwor⸗ — 222— tete Eduard— und der Bund hatte die brüderliche Weihe erhalten! Das heftige Wogen der Freude, die dem menſchlichen Herzen gewiſſermaßen übermächtig wird, legte ſich allmä⸗ lich und die bewegten Gemüther wurden ruhig; es erfolgte eine lächelnde, ſelige Stille des Glückes, die, gleich der be⸗ ſänftigten Flut, das reine tiefe Blau des heitern unend⸗ lichen Himmels verklärt abſpiegelte. Wie ſüß klangen die wenigen Laute, mit denen Eu⸗ genie in ihrer eigentlichen Mutterſprache die Gefühle ihres Herzens zu bezeichnen vermochte, dem brüderlichen Ohr! Wie reizend tönte ihm ihr reicher, überwallender Liebes⸗ gruß in der durch die mütterliche Pflege ihr angebildeten Rede, wenn ſie mit europäiſchen Worten in morgenländiſch glühenden Bildern ſprach! In welch einen wunderbaren Kontraſt traten ihre unſchuldigen, rein natürlichen An⸗ ſchauungen zu der gebildeten Form der Rede, deren ſie mächtig war! Sie glich einer edeln, zarten Blüte, auf den kräftigen Trieb eines in freier Natur entwickelten Stammes gepflanzt. Die offene Seele des Kindes und das ſchüchterne Gefühl der bewußten Jungfrau, die freie Sitte der Natur und die zarte Bildung eines durch ſorg⸗ ſame Pflege geläuterten Gemüths miſchten ſich auf das wunderbarſte in ihr. Unſchuldvoll und zutraulich war ſie, wie die Gazelle des einſamen Gebirgs, wohin niemals der Pfeil des Jägers gedrungen iſt, und dennoch anmuthig ſchüchtern wie dieſe. Ihre Seele lag klar wie ein heller Born vor dem prüfenden Auge ausgebreitet, wie die edeln Schätze köſtlicher Perlen aus der heilig behüteten klaren Tiefe herauf ſchimmern. Mit liebevollem Auge blickte das holde Mäd den Bruder, bald den Geliebten an und lehnte 223— wieder zutraulich an die Mutter, die in ernſter Rührung, im bewegten Danke gegen die Vorſehung, ſtill lächelnd un⸗ ter den Glücklichen ſaß. Eduard forſchte jedoch nach dem Schickſal ſeines V Vaters. Betty konnte ihm keine andere Kunde geben, als die, welche Victor ſchon von ihr erhalten hatte. Seit funfzehn Jahren war der dunkle Schleier des Geheimniſſes über ſein Ge⸗ ſchick ausgebreitet. Wer vermochte ihn zu heben? Doch regte ſich in Eduard's Herzen eine gläubige Zuverſicht, daß die Allmacht des Gottes, der die Pfade der Tochter ſo wunderbar geführt hatte, auch das Geſchick des Vaters in ſeine Obhut genommen haben werde.—„Oder iſt er dort? Weilt er unter den Seligen? Hat er das belohnende Ende ſeiner mühevollen Laufbahn gefunden?“ „Die Zeit mag dieſe Räthſel löſen oder ewig verhüllen,“ ſprach Victor,„an uns iſt es zu handeln. Von ſeinem Tode ſpricht keine Nachricht. Wie Eugenie an dieſer räu⸗ beriſchen Küſte verſchwand, bis die Hand der Vorſehung ſie zum wahren Daſein zurückführte, ebenſo kann ihr Vater noch immer Tage des Duldens in gläubiger Ergebung hier ausharren. Aber die Zeit der Befreiung iſt nahe. Bald werden hier die Ketten Vieler gelöſt werden und auf im⸗ mer wird aus dem räuberiſchen Algier, dem Schreckensort verunglückter Chriſten, ein Hafen der Ruhe werden. Dann löſen ſich vielleicht auch Deines Vaters Bande und mit Erſtaunen werden wir den Verlornen von den Todten auf⸗ erſtanden ſehen.“ Eduard blickte düſter zur Erde. „O gib der Hoffnung Raum, mein Düüdern ſprach 7 ſieh nicht ſo finſter!“ d wenn be ihn gefunden hätten, wenn wir die engten, die ſeit funfzehn Jahren vielleicht den — — 224— ſieggewohnten Arm des Tapfern feſſeln und ihn mit blu⸗ tigen Streifen fürchterlich zeichnen— wenn—— was dann? Noch hallt mir der dumpfe Klang der Schüſſe ins Ohr, die den Tapfern der Tapfern ſchmachvoll nieder⸗ ſtreckten auf den Sandhügel.“ „Halt ein!“ rief Victor,„halt ein!“ Welche Grau⸗ ſamkeit wäre ſo fühllos, daß ſie Den, der funfzehn Jahre Feſſeln, Elend, Verbannung getragen, niche Hegnadigen ſollte? Wer darf den Schiffbrüchigen, den Gottes Hand aus den Fluten errettet, verurtheilen, und wäre er der ſchwärzeſte Verbrecher? O glaube mir, ließen ſich die Grä⸗ ber wieder öffnen, könnte man die Todten zurückrufen aus der Nacht des Jenſeits, ſchon Manchem hätte man den Zweig des Friedens gereicht. Es war damals eine Zeit des Heut iſt es anders, Dein Vater würde Gnade finden!“ „Gnade?“ rief Eduard und blickte mit einer edeln Röthe im jugendlichen Antlitz auf.„Er würde Gnade ſtolz verachten und lieber vor dem auf ihn geſpannten Rohr des Todes auf dem Grabhügel ſeines verehrten Feld⸗ herrn knien, als vor deſſen Richtern, um das Geſchenk des Lebens von ihnen zu empfangen.“ Victor ſchwieg. Er hatte weniger aus Ueberzeugung geſprochen, als um den Freund zu tröſten, und ſtand da⸗ her leicht von dem Verſuch ab, ihn zu einer Stimmung und Anſicht zu bringen, die er ſelbſt nicht theilte. Eduard aber riß ſich ſelbſt von den Vorſtellungen und Gefühlen los, die ſoeben ſeine Seele erfüllten.„Laß uns das Kommende bedenken, wenn es gewiß iſt,“ ſprach er,„genie⸗ ßen wir jetzt, was die Gegenwart uns beut.“ Mit ieſen Worten ſetzte er ſich wieder zu Victor's Lager neben uge⸗ d Kampfes; mein Feind mußte fallen, wenn ich leben wollte. & 1 2 7 225— Männer, deſſen Worte ſie nicht verſtand, in den Geſichts⸗ zügen derſelben zu folgen geſucht hatte. Sie glaubte, es habe ein Zwiſt zwiſchen Beiden ſtattgefunden, und fragte mit verſöhnendem Blicke:„Was erzürnte Euch?“ „Gute Schweſter,“ erwiderte Eduard gerührt,„wir ſind ſo warme Freunde wie immer. Es waren Schickſale, deren wir nicht Meiſter ſind, die uns die Stirn umwölk⸗ ten.— Aber es iſt wieder heiter; laß uns des Sonnen⸗ ſcheins genießen.“ Und liebkoſend ergriff und drückte er die Hand der Schweſter, die ihm mit beruhigtem Lächeln ins Geſicht ſah. „Wie ähnlich ſie Leontinen ſieht!“ ſprach Eduard und ſah Victor fragend an. Dieſer beſtätigte es durch ein freundliches Zuwinken. „Erzähle mir von meiner Mutter und meiner Schwe⸗ ſter,“ bat Eugenie.* Und Eduard verſetzte ſich mit allem Feuer, aller Leb⸗ haftigkeit in das mütterliche Haus zurück. Er ſchilderte der Fragenden Alles auß das genaueſte; ſo kam er nach und nach auf Eugeniens zarteſte Kindheit und ſuchte ihr eine Erinnerung nach der andern zurückzurufen. Lange war es vergeblich; ſie ſchüttelte immer traurig das ſinnende Haupt und ſprach faſt ängſtlich:„Das weiß ich nicht mehr.“ Oft pflegen uns an ſich ganz unbedeutende Momente der früheſten Kindheit, wie durch Zufall unerſchütterlich feſt im Gedächtniß zu bleiben. Endlich wollte es das Glück, daß Eduard auf einen ſolchen traf und der Schweſter in Erinnerung brachte, wie er ihr einſt einen eben eingefan⸗ genen Schmetterling geſchenkt hatte, den er ihr unter ein Glas thun mußte, wo ſie ihn mit kindiſcher Freude be⸗ betrachtete. Er erweckte die ganze Kraft ihrer Erinnerung durch einen Sprachanklang, indem er ihr die kindiſchen . 10** — 226— Worte, die ſie damals freudig ausrief:„Ah, le joli pa- pillon!“ wiederholte. Ein zartes Roſenroth der Freude trat ihr ins Geſicht, als dieſer Augenblick der Jugend plötzlich mit aller Leben⸗ digkeit vor ihre Seele trat und ſie ſich zugleich der Ge⸗ ſtalten der Mutter, der Wärterin, der kleinen Schweſter erinnerte und das Gartenzimmer vor ſich zu ſehen glaubte, in welchem dieſes kleine Ereigniß ihrer Kindheit ſich zuge⸗ tragen hatte. Es war, als habe ſich ein neues Band zwi⸗ ſchen ihr und dem Bruder angeknüpft, da Beide eine ge⸗ meinſchaftliche Erinnerung aufgefunden hatten. Ja auch der Mutter, der Schweſter, der Heimat ſelbſt fühlte ſie ſich plötzlich näher geſtellt. „O!“ rief Eduard,„hätte ich Flügel, nur auf eine Sttunde, und könnte ich Dich hinuberführen, um einen Augenblick die Freude der Mutter, der Schweſter zu ſehen!“ „ Viertes Capitel. Der Wundarzt, der die erſte Sorge für Victor getragen hatte, trat ins Zelt. Er unterſuchte den Zuſtand des Kranken und fand ihn in einem heftigen Wundfieber, wie⸗ wol ohne alle Geſahr. Daher war er der Meinung, Victor dürfe in dieſem Zelt nicht bleiben, ſondern verſprach ihm ein Offiziergemach in dem ſo eben auf der Halb⸗ inſel Sidi Ferruch errichteten Feldlazareth zu verſchaffen wo es ihm an keiner Art der Pflege mangeln ſolle. — 227:— Dieſer Vorſchlag des Arztes erweckte erſt bei Eduard die Frage, wo die Frauen bleiben ſollten. In der That ſetzte ihn dies in keine geringe Verlegenheit, da das von den Beduinen häufig angegriffene Lager und überdies die ſo nahe Gemeinſchaft mit den oft überluſtigen Kriegsgeſel⸗ len keinesweges ein ſicherer, noch ſchicklicher Aufenthalt für zwei Frauen war. Er außerte dies daher auch gegen Victor, der ihm völlig beiſtimmte. Indeß war der Arzt gegangen und verſprach in eini⸗ gen Stunden wiederzukommen. Da man nunmehr wieder im vertrauteſten Kreiſe allein war, warf Eduard die Frage auf, ob er irgend Jemanden entdecken ſolle, daß Engenie ſeine Schweſter ſei. Nach kurzem Bedenken entſchied man ſich dafür, die Sache möglichſt geheim zu halten, theils weil die wunderbare Begebenheit ein läſtiges Aufſehen erre⸗ gen, vielleicht gar bezweifelt werden möchte, theils weil man wegen der Möglichkeit, den Vater der Wiedergefun⸗ denen ebenfalls vielleicht bald zu entdecken, vorſichtig ſein mußte. Und endlich fügte Victor noch hinzu:„Noch kann Deine Mutter keine Ahnung haben, daß ihr ein Verluſt, den ſie längſt ertragen gelernt, ſo unverhofft vom Schick⸗ ſal erſtattet werden ſoll. Bevor wir ihr alſo die Tochter nicht in die Arme führen können, laß uns verſchweigen, daß ſie wiedergefunden iſt, denn der Schmerz würde ein zehnfach verdoppelter ſein, wenn ſich zwiſchen der Botſchaft von Eugeniens Leben und der Rückkehr in die Arme der Mutter irgend ein feindſeliges Geſchick ſtellte. Man muß die Argliſt der böſen Mächte fürchten und ſie nicht durch zu frühen Triumph reizen.“ Eduard war indeſſen nachſinnend auf und ab gegangen. Endlich ſprach er:„Irgend einem der bedeutenden Befehls⸗ haber muß ich das Geheimniß anvertrauen; denn ohne dies — 228— iſt es mir nicht möglich, ein ſchickliches Verhältniß, eine anſtändige Lage für Eugenien und ihre Pflegemutter ein⸗ zurichten. Ich habe vor, zum General Berthezene zu gehen. Der alte würdige Krieger iſt meines Vaters Waffengefährte geweſen; er iſt mir freundlich geſinnt und wird thun, was er vermag.“ Victor billigte Eduard's Vorhaben und trieb ihn an, es eilig ins Werk zu ſetzen.— Dieſer ſteckte den Degen an und ging. Indeſſen blieben Betty, Victor und Eugenie allein zurück.— Sie mochten kaum eine halbe Stunde beiſam⸗ men geweſen ſein, als ſich ein ſtarkes Schießen hören ließ. Die Frauen ſchreckten zuſammen, denn die Scene des Kampfes am frühen Morgen ſchwebte ihnen noch zu leb⸗ haft vor Augen, als daß ſie nicht ſogleich die Schrecken deſſelben aufs neue hätten fürchten ſollen. Victor beruhigte ſie indeß mit der Verſicherung, daß es dem heftigſten An⸗ fall der Feinde nicht ſo leicht gelingen werde, in das La⸗ ger einzudringen.— Indeſſen wurde das Gefecht dem An⸗ ſehen nach mit jeder Minute lebhafter, ſodaß Victor ſelbſt nachgerade geſpannt auf Nachrichten davon r, und um ſo mehr, als es rings um das Gezelt her ſehr lebendig wurde, da die Soldaten auf den Schlag der Trommel in die Reihen eilten. Eduard befand ſich gerade beim General Berthezene, als dieſer neue Tumult ausbrach Mit dem höchſten Erſtaunen hatte der alte Kriegsmann die Erzählung von dem wunderba⸗ ren Wiederfinden Eugeniens vernommen, und verſprach Alles zu thun, was in ſeinen Kräften ſtehen werde, um beiden Frauen möglichſt ſchnell einen anſtändigen Aufenthalt und die geſſchertſte Rückkehr nach Frankreich zu verſchaffen. Sein Rath war, an den Admiral Duperre zu ſchreiben, um auf — — 229— irgend einem Fahrzeug der Flotte eine Kajüte für Betty und Eugenien und zugleich das Verſprechen zu erhalten, ſie mit dem nächſten nach Frankreich abgehenden Schiffe dorthin zu ſchicken. Da es dem General Ernſt war, ſei⸗ nem jungen Freunde dieſen wichtigen Dienſt zu leiſten, ſo hatte er ſich eben niedergeſetzt, um dem Admiral einige Zeilen zu ſchreiben, als die erſten Schüſſe des Gefechtes ſich vernehmen ließen. Es war eben kein Adjutant in der Nähe, er ſandte daher Eduard ab, ihm ſofort Bericht zu erſtatten. Dieſer flog nach der Gegend, wo man das Schießen hörte, auf die Vorpoſtenlinie, und ſah und erfuhr dort in weni⸗ gen Augenblicken, daß ein ſtarker Schwarm arabiſcher Rei⸗ ter, von zahlreicher Infanterie unterſtützt, einen Angriff auf das Lager gemacht habe, dem ſich indeß ſchon eine hinrei⸗ chende Anzahl Truppen entgegengeſtellt hatte. Mit dieſem erſten Bericht eilte er zu dem General zurück, den er ſchon im Begriff fand, ſich auf's Pferd zu ſchwingen, um Augen⸗ zeuge des Kampfes zu ſein. Indeß war der Angriff nach der Weiſe jener Völker mit mehr Heftigkeit begonnen, als fortgeſetzt worden, und als der General auf dem Kampfplatze anlangte, hatte man den ungeordneten Anfall der Reiter ſchon zurückgeworfen und auch die Infanterie bereits ins Schwanken gebracht. Einige zweckmäßig angebrachte Haubitzen vollendeten das begonnene Werk und jagten mit ihren Granaten den Feind in völlige Flucht. Nur einen Trupp Reiter ſah man nicht weichen, ſondern im hartnäckigſten Kampfe mit einer ziemlich gleichen Anzahl von franzöſiſchen Chaſſeurs. Der General, um dem Gefecht ein Ende zu machen, ſandte ſogleich noch zwei Escadrons gegen die Araber, denen es auch bald gelang, den Feind zu umzingeln —’—4y4— und ihm zwiſchen vereinzelter Flucht oder Gefangenſchaft die — 230— 1 Wahl zu laſſen. Als dieſes augenſcheinlich das Endergeb⸗ niß des kurzen Kampfes war, gebot der General die Ge⸗ fangenen ins Lager zu führen, und ritt nach ſeinem Gezelt zurück, wo Eduard, wie ihm geheißen war, ſeiner harrte. Der General vollendete nun den Brief an den Admi⸗ ral Duperré(jedoch ohne Eugeniens wahres Verhältniß zu bezeichnen) und gab ihn Eduard, damit dieſer ihn durch ein Küſtenboot von der Halbinſel aus nach dem Admiral⸗ ſchiff,„die Provence,“ befördern laſſen ſollte. Indem Eduard vor das Zelt des Generals, der ihn freundlich ge⸗ leitete, hinaustrat, kam ihm ſchon ein Trupp Gefangener entgegen. Der Wunſch der Franzoſen, ſich mit den wilden Be⸗ duinenſtämmen zu befreunden und ihnen darzuthun, daß man keineswegs gekommen ſei, ihnen Leids zuzufügen, ſon⸗ dern vielmehr ſie von dem drückenden Joch der türkiſchen Miilzen zu befreien, bewog den General Berthezene, die Gefangenen vor ſein Zelt führen zu laſſen, um ihnen durch die Dolmetſcher Kunde von den wohlwollenden Geſinnungen des Königs von Frankreich zu geben und ihnen eine Pro⸗ clamation in arabiſcher Sprache zur Vertheilung an ihre Landsleute zuſtellen zu laſſen. Denn es war durchaus nicht die Abſicht, die Araber als Kriegsgefangene im er zu behalten, ſondern man wünſchte nur auf n pe ihrer habhaft zu werden. Nachdem man ihnen alsdann die Macht des Heeres gezeigt und ſie gütig behandelt hatte, ſollten ſie ſofort entlaſſen werden, damit ſie, theils aus Furcht, theils aus Neigung, als Freunde der Franzoſen das Lager verlaſſen und zu den Ihrigen als überredende Frie⸗ densſtifter zurückkehren möchten. 22 2 Die Gefangenen, etwa dreißig an der Zahl, wurden jetzt durch eine Bedeckung von Infanterie herbeigeführt. — 2 * Sie ſahen niedergeſchlagen, ernſt, zum Theil auch tief erzürnt aus; es ſchien, als fürchteten ſie ein ſchreckliches Geſchick, und Jeder trat demſelben, je nach ſeinem beſonde⸗ ren Charakter, mit Faſſung, Trauer, Zagen oder In⸗ grimm entgegen. Der Dolmetſch redete ſie im Namen des Generals gü⸗ 3 tig an. Er ſtellte ihnen vor, die Franzoſen ſeien zu ihrem Heil, nicht zu ihrem Verderben gekommen. Zum Beweiſe, daß man es gut mit ihnen meine, wollte man Diejenigen von ihnen, welche nicht verwundet wären, ſogleich frei zu 4 den Ihrigen entlaſſen, jedoch erſt, nachdem ſie zuvor die Macht des franzöſiſchen Heeres genau betrachtet hätten, um ſich zu überzeugen, daß man ſie nicht aus Schwäche, ſon⸗ 4 dern nur aus Großmuth gütig behandle, da man die Mit⸗ tel, ſie zu unterjochen, mehr als hinreichend beſitze.— Die Verwundeten dagegen ſollten im Lager ſelbſt eben die Pflege erhalten, die man den eigenen Kriegern zukommen laſſe.— Zugleich wurde den erfreuten Arabern, deren Züge von der tiefſten Schwermuth und Betrübniß zur lebhafteſten Freude übergingen, eine große Anzahl jener Proclamationen zuge⸗ theilt, mit der Weiſung, ſie ihren Imans und Schriftge⸗ lehrten zu bringen, damit dieſe ſie dem Volke vorleſen und 85 erkhären möchten. Ein Oſſizier führte die Geſunden hierauf ab, um ſe 6 durch das Lager zu geleiten, während man die Verwunde⸗ ten nach dem Feldhoſpital bringen ließ. Seltſamer Weiſe aber blieb einer der Gefangenen, ein 1 Mann in würdigen Jahren, mit dem Ausdruck tiefen Schmerzes und eines gewiſſen edeln Unwillens in den Zü⸗ gen, unbeweglich ſtehen, während die Uebrigen dem führen⸗ den Offiziere ſogleich folgten. Es ſchien, als habe er von Allem, was ihm und ſeinen Landsleuten geſagt worden, gar — 232— nichts vernommen, oder vernehmen wollen; ein bitteres Lä⸗ cheln in ſeinen Mienen zeigte an, daß er den Verſprechun⸗ gen der Chriſten keinen Glauben ſchenke. Sowol dem General, als dem Dolmetſch und dem noch verweilenden Eduard fiel dieſe Geſtalt ſogleich auf. Der Anblick des trauernden, ernſten Arabers hatte etwas ungemein Ergreifendes. Den düſtern Blick auf den Boden geheftet, ſtand er mit verſchränkten Armen da. Seine Stirn war tief gefurcht, ſtarke Falten zogen ſich zwiſchen den Augen an der Wurzel der edel gebildeten, gebogenen Naſe zuſammen; um den ernſt geſchloſſenen Mund ſchwebte ein bitterer Zug verſpottenden Hohnes; der ſchon ergraute Bart wallte ehrwürdig bis auf die Bruſt herab. Die Ge⸗ ſtalt war hoch, aber gebeugt, ſtark und kühn, aber erſchüt⸗ tert und wie von einem ſchweren Geſchick eingebrochen. „Warum trauerſt Du?“ fragte der Dolmetſch auf das Geheiß des Generals.„Glaubſt Du den Worten nicht, die Du gehört? Wir werden Euch weder Euer Vaterland rauben, noch Euern Glauben zu unterdrücken ſtreben.“ Der Gefragte erhob das Haupt langſam und ſah den Redenden ernſt, aber mit dem Ausdruck tiefer Trauer ins Geſicht; die dunkeln Augen ſchienen ein ſchwarzes Feuer auszuwerfen. Plötzlich hafteten ſie auf Eduard's Geſtalt und ſichtlich fuhr der Araber wie ſchaudernd zuſammen, drückte ſich die Fauſt an die Stirn und ſeufzte ſchwer auf. Als auf dieſe Art ſein Antlitz, das vorher tief herab⸗ gebeugt war, ganz ſichtbar wurde, meinte Eduard, dieſe Züge zu kennen. Plötzlich fiel es ihm ein, daß er dieſen Mann ſchon heut bei dem Kampfe am frühen Morgen ge⸗ ſehen habe. Seiner Seele bemächtigte ſich eint dunkle Ahnung. Indeß fuhr der Dolmetſch fort:„ Sage uns, würdiger — 42 — 2333— Vater, welch ein Kummer bedrückt Dich ſo ſchwer? Steht es in unſerer Macht, Dir zu helfen?“ Der Araber ſchüttelte das Haupt. Dann ſprach er mit tiefer Stimme einige Worte, die der Dolmetſch dem Gene⸗ ral folgendermaßen überſetzte:„Mein Herz iſt voll Gram. Die, denen ich Wohlthaten erzeugte, haben mich mit Un⸗ dank belohnt. Die ich errettete, wollten mein Verderben, denen ich vertraute, ſie verriethen mich, die ich liebte, haſſen mich in ihrer falſchen Seele.“ „Wie heißeſt Du?“ fragte der Dolmetſch. „Osraim.“ Eduard fuhr zuſammen.„Es iſt der Araber,“ ſagte er raſch zu dem General,„dem die chriſtlichen Frauen ange⸗ hörten, die ſich heut zu uns flüchteten.“ Allen wurde jetzt der Zuſammenhang deutlich. „Wer hat Dich gekränkt, wer Dir mit Undank ge⸗ lohnt? Iſt dieſer junge Krieger Dir verhaßt, daß ſein An⸗ blick Dir Schauder erregt?“ Dieſe Fragen that der Dolmetſch theils auf Eduard's Bitte, theils auf des Generals Geheiß. Auch führte er das weitere Geſpräch nach dieſen Anregungen. 3 „Ich haſſe ihn nicht, obwol ich mit ihm kämpfte. Er iſt tapfer und kühn. Sein Auge ſpricht Gutes. Aber ſein Anblick erinnert mich an die, deren Verrath mich traf, hinterliſtig wie der Biß der ſchwarzen Schlange.“ „Wer hat Dich verrathen, tapfrer Krieger?“ „Die Hülfloſe, der ich Obdach gab funfzehn Sonnen⸗ jahre! Die Verlaſſene, die ich aufnahm mit wohlthuender Milde, wie der Prophet ſie gebietet. Dieſelbe, die ich nährte und bekleidete, die ich nicht verſtieß, obwol ſie mein eheliches Lager verſchmähte, die ich meiner Genoſſin gleich achtete, obwol ſie eine Sklavin war! Denn ich glaubte, — 224— Allah habe ſie in ſeinen Schutz genommen. Jetzt aber ſehe ich, daß ein böſer Geiſt der Wüſte uns blendete! Denn ſie iſt nicht voller Güte, ſondern voller Argliſt.“ „Das ſind ſchwere Verbrechen. Biſt Du aber auch gewiß, daß ſie ſie beging?“ Jetzt richtete der Araber ſich ſtolz empor, drückte eine Thräne, die ſich aus ſeinem Auge drängte, mit entſchloſſe⸗ ner Kraft zurück, hob die Hand auf wie zur feierlichſten Betheuerung und rief: „Sie beging ſie! Ach und noch ſchwärzere Thaten. Denn ſie vergiftete das Kind, das auf meinem Schooſe ſpielte, und ſenkte ihm Haß ſtatt der Liebe in die Bruſt. Zoe ſchmerzt mich nicht; ich zürne ihr! Aber Zuleima zer⸗ ſchnitt mir das Herz mit ſcharfem Dolche!“ Bei dieſen Worten bedeckte ſich der erſchütterte Greis das Antlitz mit beiden Händen und ſtand in Schmerz ver⸗ ſunken unbeweglich da. Eduard fragte den General, ob er erlauben wolle, daß man den Araber zu den Frauen führe; dieſer bewilligte es ſogleich. Der Dolmetſch fragte: 2„Die Du beſchuldigt, würdiger Greis, weilen unter uns. Wir halten ſie nicht für ſo beſtrafenswerth als Du. Willſt Du ſie ſehen und ſprechen, damit Du ſie anklagen kannſt und ſie ſich vertheidigen?“ Osraim zog die Brauen finſter zuſammen.„Ihr hal⸗ tet ſie nicht für ſchuldig?—— Ich mag ſie nicht wieder⸗ ſehen, wofern ſie nicht mit mir zurückkehren wollen.“ Hier verſank er wieder in ſeine erſte ſchwermuthige Stellung. Der General berieth ſich mit Eduard und dem Dol⸗ metſch. Sie beſchloſſen, daß man die Frauen von Os⸗ raim's Anweſenheit benachrichtigen und ſie befragen ſolle, ob ſie ihn aufſuchen wollten. Indeß, wünſchte der Gene⸗ e, — 235— ral, ſollte Osraim in ſeinem Gezelte verweilen. Der Dol⸗ metſch nahm daher abermals das Wort: „Vater! Dieſer Scheik der Franken ſchätzt Dich als einen tapfern Krieger und als einen weiſen Mann, der das Geſetz der Vernunft achtet, die Stimme der Bllligkeit hört. Er ladet Dich ein, gaſtlich in ſein Zelt zu treten und Dich an ſeinem Tiſche niederzuſetzen. Der Prophet gebietet die Gaſtfreundſchaft. Sie verweigern, iſt ſträflich, ſie ablehnen, beleidigend. Tritt daher ein, erfreue Dich des Mahls, erheitere Deine Seele und verſcheuche die Trauer!“ In Osraim's Zügen wurde eine milde Rührung offen⸗ bar: es ſchien ihm ſehr wohl zu thun, daß er Achtung bei dem Feinde und zugleich Theilnahme für ſeinen Schmerz fand. Er antwortete: „Osraim tritt gern in das Zelt des Gaſtfreundlichen. Er wird Keinen beleidigen dadurch, daß er das Mahl aus⸗ ſchlägt, welches ihm wohlwollend geboten wird. Er ſetzt ſich an den Herd des Armen und theilt den Tiſch des Geringen. Er darf ſich nicht ſcheuen, auch zu dem Gaſt⸗ mahl des Reichen zu treten. Der Prophet ſegne Euch, wenn Ihr es gut mit ſeinen Söhnen im Sinne habt. Er erleuchte Euch mit ſeiner Weisheit und führe Euch zu ſei⸗ nem Glauben!“ Nach dieſen Worten trat er, dem Winke des Dolmetſch folgend, in das Gezelt des Generals ein. — 236— Fünktes Capitel. Eduard eilte nach ſeinem Zelt und benachrichtigte Euge⸗ nien und Betty von der Anweſenheit Osraim's und von ſeinem Zorn. Beide waren einen Augenblick beſtürzt, dann ſehr ſchmerzlich bewegt. Eugenie ſprach:„Es hat meiner Bruſt ſtets weh gethan, daß ich dem Vater heimlich ent⸗ fliehen mußte. Ich freue mich ſeiner Ankunft im Lager; er ſoll ſehen, daß Zuleima ihn liebt und ehrt und ſeine Wohlthaten nicht vergeſſen hat. Es wird uns Schmerzen machen, aber es iſt heilſam!“ Betty ſprach:„Er thut uns unrecht. Allein ſeiner Einſicht, ſeiner Sitte nach, darf er freilich glauben, daß wir ihn verrathen haben. Wir wol⸗ len ihn zu verſöhnen ſuchen. Laß uns gehen, meine Toch⸗ ter, um ihn aufzuſuchen und ihn zu bitten, er möge uns nicht ſeinen Zorn nachſenden in die Entfernung.“ Eugenie ſchickte ſich an, der Mutter Gehorſam zu lei⸗ ſten; doch Eduard bat ſie, noch einen Augenblick zu ver⸗ weilen, damit er zuvor den Brief an den Admiral Du⸗ keerre durch ein Boot von der Küſte abſenden könne. EGugenie ſchon bereit, den ſchweren Gang anzutreten. Sie Alsdann wollte er ſie ſelbſt zu dem Zelte des Generals führen. Eilig machte er ſich auf nach der Halbinſel; bald fand er ein Boot, das den Auftrag ausführen konnte, übergab einem Unteroffiziere den Brief und ſandte ihn auf dem mit vier rüſtigen Seeleuten bemannten Fahrzeuge, die er, damit ſie ſich beeilen möchten, reichlich beſchankte,„ an den Admiral ab. 2 Als er in ſein Zelt zurückkehrte, waren Betty und warfen Beide dichte Schleier über das Haupt und gingen nun von Eduard geleitet durch's Lager. 3 Der Anblick zweier weiblichen Geſtalten würde an ſich ſchon auffallend genug geweſen ſein, um die Neugierigen herbeizuziehen, wie viel mehr aber der zweier orientaliſch gekleideter Frauen, von deren Abenteuern ſchon ſo manches Seltſame verlautet war. Ueberall wußte man ſchon, daß ein junges Mädchen, von wunderbarer Schönheit, dabei ſein ſollte. Das vergrößernde und erfindende Gemüth ſprach bald von geraubten Circaſſierinnen aus dem Harem eines türkiſchen Großen, bald von zwei europäiſchen Prinzeſſinnen, die durch einen franzöſiſchen Seeoffizier von der geſtrande⸗ ten Aventure auf die wunderbarſte Weiſe aus der Sklave⸗ rei befreit worden ſeien; und was dergleichen ähnliche Er⸗ zählungen waren. Erfindung und Wirklichkeit gaben indeß Anlaß genug, eine große Menge von Soldaten um die Frauen zu verſammeln. Gleich vor dem Gezelt empfing ſie ein ſolcher Schwarm, der voller Neugier das Kameel betrachtete, auf dem ſie geflüchtet waren. Eduard hatte daſſelbe, da es die Kleidungsſtücke und mancherlei Beſitz⸗ thum der Frauen enthielt, auf Victor's Erinnerung herbei⸗ führen und abzäumen laſſen, um das Gepäck, ſo wie das Thier ſelbſt und die beiden arabiſchen Pührer bis auf Wei⸗ teres unter ſeine Obhut zu nehmen. Als jetzt die beiden Frauen an Eduard's Arm aus dem Gezelt hervortraten, drängten ſich die müßigen Soldaten ſchaubegierig hinzu, ſo daß ihr Begleiter Mühe hatte, ſie durch das Gedränge zu führen. Er mußte die Soldaten gütlich abzuhalten ſuchen und redete ſie daher an:„Liebe Freunde, tretet ein wenig zurück, ſeid beſcheiden, wie es gebildeten Leuten zukommt. Ihr geltet hier als Muſter der Sitte, zeigt, daß Ihr es ſeid. Euer Andrängen ſetzt — 238— die flüchtigen Frauen, die ich jetzt zum General führe, in ſchüchterne Beſorgniß. Erregt keinen Auflauf, laßt uns 3 ruhig des Weges gehen.“ Auf dieſe Art gelang es ihm,„ den Andrang einigermaßen zu vermeiden. Nach wenigen 3 Minuten hatte man das Gezelt des Generals erreicht und Eduard ließ ſeine Ankunft melden. Sogleich wurden die Kommenden in ein kleines Zelt, das zum Vorgemach diente, geführt. In dem innern größeren Raum ſaß Osraim noch mit dem General und deſſen Adjutanten bei Tiſche. Dieſe Letzteren entfernten ſich auf den Wink ihres Vorgeſetzten, weil derſelbe mit Recht glaubte, daß fremde Zeugen bei dem Wiederſehen zwiſchen Osraim und den Geflüchteten ſtö⸗ rend ſein würden. Nur der Dolmetſch blieb in der Nähe, und er war es, der die rührende Scene, welche jetzt er⸗ 4 folgte, den des Arabiſchen unkundigen Zuſchauern nachmals völlig erklärte. Auf den Wink des Generals traten die harrenden Frauen ein, beide heftig zitternd, von Eduard geführt, deſ⸗ ſen Unterſtützung ſie ſichtlich bedurften. Osraim bemerkte die Eingetretenen, die ihm in einer Ent⸗ fernung von wenigen Schritten gegenüberſtanden, nicht ſogleich; Zuleima wagte es daher, ihn mit bebender Stimme, aber un⸗ beſchreiblich ſüßem Wohllaut anzureden, und ſprach:„Mein Vater, wir ſind gekommen, Dich noch einmal zu ſehen!“ Bei dem Klang dieſer Worte fuhr Osraim, der, in Gedanken 5 verſunken, vor ſich auf den Boden hinabgeſehen hatte, hef⸗ 8 tig auf. Eine dunkle Röthe des Zorns und der Ueberra⸗ ſchung überflog ſein ausdrucksvolles Antlitz; er blickte mit funkelnden Augen nach Betty hin, welche demüthig, geſenkten Hauptes vor ihm ſtand.„Was wollt Ihr! Was begehrt Ihr? Wollt Ihr Deſſen ſpotten, dem Ihr den Dorn des Schmerzes in die Bruſt gedrückt habt? Entfernt Euch!”“— — 239— Betty trat einen Schritt näher und ſprach:„Osraim! Deine Landsleute nennen Dich den Gerechten und den Gü⸗ tigen; ſei nicht ungerecht und ungütig gegen uns! Wir kom⸗ men, Deine Milde anzuflehen, daß Du uns Deinen Fluch nicht nachſendeſt, wenn wir von Dir ziehen!“ Die ſanfte Stimme, die gerührte Miene Betty's, vor Allem aber Zuleima's beredt flehendes Auge, das ſich den Bitten der Mutter vereinigte, ſchien die Glut des heftigen Zornes in Osraim ein wenig gedämpft zu haben, und es ſprach mehr ſchmerzlicher Unwille, als Haß aus ſeinen Zü⸗ gen. Doch ſchwieg er eine Zeit lang, Beide finſter an⸗ blickend. Endlich ſprach er: „Ich werde Euch meinen Fluch nicht nachſenden über das Meer! Aber der böſen That folgt der Fluch des Pro⸗ pheten über die Wogen der See, durch die glühenden Step⸗ pen der Wüſte, in die ſchwarze Tiefe der Felskluft, auf den ſchneeigen Gipfel des Gebirgs. Wohin willſt Du flüch⸗ ten, daß er Dich nicht begleite? Ich habe Dir mein Haus geöffnet, gaſtlich und beſchirmend; Du biſt geflüchtet und haſt es öde gelaſſen bei nächtlicher Weile. Dein Leben ſtand täglich in meiner Hand und ich habe Dich behütet funfzehn Jahre der Sonne! Ich beſchenkte Dich und Du haſt mich beraubt; Du nahmſt mir das Kleinod meines Herzens, das Kind, welches meine Sprache redete, mich Vater genannt und geliekoſ't hat. War ſeine Liebe falſch, heuchelte es, wenn es mich froh begrüßte, ſo haſt Du ſein Herz vergiftet! Geh, Du biſt ſchlimmer, als die Schlange, vor der ich flüchte, wenn ſie ſich ziſchend im Graſe ringelt! Schlimmer als der Tiger, der mit grimmigem Gebrüll auf mich einſpringt. Denn Du naheſt Dich, ſanft wie die Taube, ſchüchtern wie das Reh, aber giftiger als der Scorpion.— Geh! Flüchte! Ich will Dir nicht zürnen! —ͤͤͤͤ — 240— Aber laß mir die Tochter, die ich auferzog, die meine Freude war im Leben und mein Licht ſein ſollte im dunk⸗ len Alter! Heiliger Prophet! Gib mir Stärke des Man⸗ nes, daß ich nicht vor dieſer, die mich verrathen hat, in Thränen ausbreche, wie ein verzagendes Weib!“ Aber ſchon perlten ihm große Thränen in den Bart und vergeblich verſuchte er die rollenden Augen ſtarr und feſt auf Betty zu heften. Sie aber trat ihm näher, mit dem Ausdruck der Sanftmuth und der Unſchuld!„Os⸗ raim!“ ſprach ſie,„ſei gerecht! Der Zürnende darf nicht Nichter ſein. Mich verſchlug der Sturm an dieſe Küſte. Es iſt wahr! Du konnteſt mich tödten, denn Du hatteſt die Macht dazu. Aber gebot Dir das Geſetz des Prophe⸗ ten nicht Milde und Großmuth? Du haſt ſie an mir geübt, ich werde es dereinſt vor meinem Gott nicht läug⸗ nen. Aber wann gab ich Dir Grund zur Klage? War ich nicht thätig in Deinem Hauſe? Lehrte ich Deine Skla⸗ vinnen nicht europäiſche Künſte? Webte ich nicht Gewänder für Dich und ſie? Pflegte ich nicht Deines Gartens? Zog ich nicht Zuleima, das Kind, das Du liebteſt, dem Allah gnädig war, zur ſittſamen klugen Jungfrau herauf? Konnte eine Sklavin Dir gehorſamer ſein? Und doch war ich's un⸗ gern, war es mit tauſend Schmerzen! Denn meine Seele hing an meinem Vaterlande, hing an allen meinen Lieben daheim, hing an dem Glauben meines Volkes! Warſt Du es nicht, deſſen Wille mir alle dieſe theuern Güter raubte? Osraim! Du liebſt die Wüſte, wo Du aufwuchſeſt, liebſt Deinen Nachbar, Deinen Jugendfreund! Wenn ich Dich jetzt in Feſſeln ſchlüge und führte Dich weit über's Meer, würdeſt Du nicht nach der Heimat verlangen, wie die Scharen der ziehenden Voͤgel? Würdeſt Du ein frohes Herz haben unter denen, die Deine Sprache nicht rehen ——— 1 — 241— die Deinen Gott nicht verehren? Osraim, ſei gerecht! Nicht treulos, nicht verrätheriſch nenne mich, weil ich Dir funfzehn Jahre Gutes mit Gutem vergalt, und des Böſen nicht gedachte, das Du mir täglich zufügteſt! Osraim! Dein Gott wie der meine ſieht die Gedanken in dem Her⸗ zen des Menſchen. Wenn ich Dich gebeten hätte, Osraim, laß mich ziehen zu den Meinen, ſprich, hätteſt Du mich heimgeſendet?— Wenn ich nun jetzo ſpräche, komm, folge mir, würdeſt Du mir folgen? Nein, Osraim! Mein Herz iſt nicht voll Argliſt. Nicht Gift flößte ich in das Herz Zuleima's! Reiche mir Deine Hand zum Frieden und laß mich nicht im Zorne von Dir ſcheiden!“ Der Araber ſtand in einem heftigen Kampfe mit ſich ſelbſt. Es war ihm ſichtlich ſchwer einzuſehen, daß er un⸗ recht gegen Betty habe, denn das ſtets geübte Recht der Stärkeren, zumal gegen gefangene Franken, hatte ſo feſte Wurzeln bei ihm geſchlagen, daß er ſich nicht plötzlich von dem falſchen Gefühle losreißen konnte. Dennoch vermochte er Betty's einfache, herzliche Worte nicht zu widerlegen, und ſeine Vernunft ſagte ihm, ſie habe nicht unrecht.— Wer möchte den Sohn der Wüſte, deſſen leidenſchaftliches Herz ſo tief aufgeregt war, verdammen, daß er ſich nicht ſo ſchnell in das Geſetz höherer Pflicht finden konnte, die ihm weder das Leben noch eine klare Lehre vor Augen ge⸗ ſtellt hatten. Er fühlte einen Verluſt, fühlte, daß die Her⸗ zen ſich von ihm abwendeten, die er ſich durch Wohlthaten feſt verbunden zu haben glaubte, und machte daher noch einen Verſuch, ſeine Rechte zu behaupten. „Wohl denn,“ ſprach er zu Betty,„Dich will ich nicht zurückhalten. Dir haben Freunde im Vaterlande Jahre lang Gutes gethan, Du magſt zu ihnen ziehen. Aber darfſt Du mir das Kind entreißen, dem ich Vater war von den 3 Rellſſtab, Geſ. Schr. Neue F. I. 4 11 242— früheſten Tagen ſeiner Jugend an? Funfzehn Jahre habe ich es erhalten und beſchirmt. Zuleima, Du haſt mich Vater genannt! Willſt Du Deinen alten ergrauten Vater verlaſſen? Wer hat Dich geliebkoſet in Deiner Jugend? Wer gab Dir freundliche Worte beim Mahl? Wer be⸗ ſchenkte Dich nach dem fröhlichen Geſang oder dem ſchwe⸗ benden Tanz?— Wer hat Dir jenſeit des Meeres Wohl⸗ thaten erzeigt?— Nimm meinen Dolch und durchbohre mich, wenn Du mich haſſeſt!“ Bei dieſen Worten riß er den Yatagan aus dem Gürtel und reichte ihn der Tochter mit ausgeſtrecktem Arme dar. Dieſe ſtand gegen die Mut⸗ ter gelehnt und weinte bitterlich. Jetzt aber riß ſie ſich hef⸗ tig empor und rief: „Lieber wollte ich ihn in meine Bruſt ſtoßen! Vater! Mein Vater! Ich habe Dich nie gehaßt!“— Und tief er⸗ ſchüttert und bewegt ſank ſie in die geöffneten Arme des alten Mannes. „Bleibe bei mir, Zuleima! Ich will Dich nicht gegen Deinen Willen vermählen! Du ſollſt Dir ſelbſt den Gat⸗ ten wählen! Oder magſt Du lieber in meinem Hauſe wohnen? Willſt Du die Gebieterin ſein in meiner Hütte? O geh' nicht fort über's Meer!— Wer wird mir ein ſanf⸗ 3 tes Lied ſingen, wenn die Sonne röthlich hinter den Pal⸗ menhügeln verſinkt?— Wer rührt die Zitter und tanzt anmuthig auf dem Raſen, um mein Herz zu erfreuen, wenn Du ferne biſt?— Ich liebte Dich ſtets, aber ich wußte nicht wie ſehr. Jetzt, da Du mich verlaſſen willſt, 3 ſagt mein Herz mir erſt die Wahrheit. Zuleima! war mein Sinn nicht immer gütig gegen Dich?“ Das arme, tief erſchütterte Mädchen war vom Schmerz ganz überwältigt. Auch ſie empfand es erſt jetzt mit gan⸗ zer Stärke, wie tiefe Wurzeln die Liebe, die lange Gewohn⸗ *. 2 * — 243— heit, die jugendliche Anhänglichkeit in ihrem Herzen geſchla⸗ gen hatten. Und doch mußte ſie ſich von dem Vater trennen! „Mein Vater! Du kennſt nicht das Loos, das mir die wandelnden Sterne gebracht haben. Sieh her! Dort ſteht mein Bruder und jenſeit des Meeres lebt noch meine Mutter, die mich geboren hat, lebt meine Schweſter. Zoe war meine Retterin, meine Pflegerin! Und mein Vater, ich glaube an den Gott der Chriſten, an den Gott meiner Mutter!“ Osraim ſah die bebende, weinende Zuleima, die er noch immer in ſeinen Armen hielt, mit erſtaunten Blicken an; dieſe winkte Eduard herbeizutreten und rief dann:„Mein Vater, ſegne meinen Bruder, und laß uns Beide mit Dei⸗ nem Segen ziehen!“ Osraim wurde durch Zuleima's Worte wie durch das Geheiß einer höhern Macht bewegt. Er that, was ſie ge⸗ bot und ſtreckte die Hand ſegnend über Eduards Haupt aus, den die Schweſter mit liebender Heftigkeit bei der Hand heranzog.—— Einige Minuten blieb es ſtill; dann ſeufzte Osraim tief auf, trat von Zuleima zurück und rief, indem er beide Arme erhob:„Der Prophet ſendet mir Schmerzen und heißt mich die Pfade des Kummers zu wandeln! Der Sturm der Wüſte fährt heiß über meine Gärten und meine Roſen fallen entblättert in das verſengte Gras. Meine Triften verdorren, meine Quellen verſiegen! Ich bin ein Mann, beladen mit Jammer und Qual!“ Betty und Zuleima traten ihm ſanft wieder nahe und ergriffen ſeine Hände. Er zog beide Frauen gerührt an ſich und ſenkte ſein kummerſchweres Haupt auf die Bruſt herab. „Allah iſt ſtreng, aber gütig! Er hat meinem Schmerz 4 11* —— O.O/—, — 2414— Balſam geſandt, denn Eure Worte waren milde; Ihr ver⸗ laſſet Osraim, aber Ihr haſſet ihn nicht!“ In Zuleima's ſanften ſchwarzen Augen leuchtete ein glänzender Blick der Freude auf, als ſie das Herz des ſchwer Gekränkten wieder zur Güte gewendet ſah. Sie ſchmeichelte ihm mit Worten und Liebkoſungen.„Wir wollen ſcheiden von einander wie die Sonnk von der fliehend vorüberziehenden Wolke, der ſie den Nand mit freundlichen Strahlen vergoldet,“ ſprach ſie.„Komm, Vater, komm in unſer Zelt und bringe eine Stunde des Friedens bei uns zu. Wir wollen Dich pflegen, wie daheim, und Du ſollſt uns der willkommenſte Gaſt ſein. Ich will Dir Lieder des Troſtes ſingen und den Tanz der Freude vor Dir tanzen. Und Mährchen will ich Dir erzählen, ſo lange der freund⸗ liche Mond durch bie Heerden der Geſtirne zieht und die blaue Trift durchwandelt. Aber komm, mein Vater! Sei gütig und freundlich! Liebkoſe Deine Zuleima und folge ihr in das Gezelt ihres Bruders.“ Mit ſchmeichelndem Bitten hatte Zuleima Osraims Hand gefaßt und zog ihn lie⸗ bend nach dem Ausgange des Gezeltes. Ihr flehendes Auge, ihr Koſen und Anſchmiegen war unwiderſtehlich. Der Greis ſah ſie mit einem wehmüthigen Lächeln an und folgte, wohin ſie ihn führte. Sechstes Capitel. Unbefangen wie das argloſe Reh ſchwebte ſie an Os⸗ raims Hand durch das Lager dahin, während Betty u — 245— Eduard ihr folgten. Der alte General trat in die Thür ſeines Zeltes und ſah dem ſeltſamen, reizenden Weſen, das ihm Grüße zurückwinkte, mit erſtaunten Blicken nach. Was uns Mährchen von dem Reize der orientaliſchen Jungfrauen, von ihrer Weisheit, ihrer Treue, ihrer Unwiderſtehlichkeit berichten, ſchien hier wahr und wirklich geworden. Lange blickte der Krieger, der zwanzig Feldzüge gethan, und vieles Denkwürdige fremder, ferner Länder geſehen hatte, dieſem lieblichen Wunder des Orients nach, bis das ernſte Geſchäft des Krieges ihn von dem müßigen Bewundern wieder abrief. Indeß hatten Jene bald das Gezelt Eduards erreicht, obwol ſie von den Scharen der neugierigen Soldaten faſt im Gehen gehindert wurden.— Victor, auf ſeinem einſa⸗ men Krankenlager, hatte ihrer mit Sehnſucht geharrt; mit Erſtaunen ſah er, in welcher Begleitung die beiden Frauen wiederkehrten. Osraims Gegenwart war ihm keinesweges erfreulich, weil ſie ihm die trauliche Gemeinſchaft des klei⸗ nen Kreiſes zu ſtören ſchien; allein da er ſah, welchen Werth Zuleima darauf legte, wie durch die verſöhnende Ausgleichung mit dem Pfleger und Beſchirmer ihrer Jugend gewiſſermaßen die letzte Schuld getilgt wurde, die der Bo⸗ den Afrikas an ſie zu fordern hatte, ſo erfreute auch er ſich bald der Freude der Geliebten, und ertrug gern die wenigen Stunden deren Genuß der Vater ihm zum Theil entzog. Es war Nachmittag geworden, die Sonne brannte heiß herab. Osraim ſaß auf Teppichen, die man auf dem Bo⸗ den ausgebreitet hatte; Betty und Zuleima hatten ſich in orientaliſcher Weiſe vor ihm niedergeſetzt und unterhielten ihn mit wohlmeinenden Geſprächen, denen er von Zeit zu Zeit freundlich nickend Beifall ſchenkte. Zuleima war ſtets — 246— geſchäftig um ihn; bald reichte ſie ihm dies, bald jenes. Aber eben ſo ſorgſam war ſie auch gegen Victor, der auf ſeinem Krankenlager gleiche Anſprüche an die Aeußerungen ihrer Liebe hatte. So verſtrichen die Stunden nur allzu ſchnell. Bereits war der kühlere Nachmittag eingetreten, als der Arzt kam, dem der Unteroffizier, welchem Eduard den Brief des Gene⸗ rals Berthezene an den Admiral Duperre zur Beſorgung gegeben hatte, auf dem Fuße folgte. Beide brachten Nach⸗ richten, die erfreulich und unerfreulich zugleich klangen. Der Erſte berichtete, daß für Victor kein Raum in dem Feldlazareth aufzubringen ſei, dagegen werde man ihn an Bord eines der Fahrzeuge der Flotte bringen. Der Unter⸗ offizier benachrichtigte Eduard, daß der Admiral Duperrè ſogleich nach Durchleſung des Briefes den Befehl ertheilt habe, eine geräumige Kajüte auf der Fregatte„Daphne“ für die beiden Frauen in Bereitſchaft zu ſetzen. Mit dem früheſten Morgen werde das Schiff die Anker lichten, um nach Mahon zu ſegeln; die Frauen ſollten ſich daher bereit machen, noch dieſen Abend an Bord zu gehen. So waren zwar die nächſten Bedürfniſſe Aller befrie⸗ digt, allein zugleich bedrohte ſie auch nahe, unvermeidliche Trennung. Beſonders war Victor beſtürzt darüber, da er nicht wußte, ob es ihm möglich ſein werde, auf demſelben Schiffe ein Unterkommen zu finden, auf welchem die Frauen nach Mahon abſegeln ſollten. Indeß verſprach der Arzt, dafür Sorge zu tragen, unter dem Vorwande, daß Victor in das zu Mahon angelegte größere Lazareth für die Ver⸗ wundeten und Erkrankten des Heeres gebracht werden müſſe, deren Zuſtand eine längere, geordnete Pflege nöthig mache, die aber doch noch ſo bei Kräften wären, daß ſie den Trans⸗ vort zur See aushalten könnten. Der gefällige, dienſtwi lige Mann eilte daher ſogleich wieder an den Strand hinun⸗ ter, um ſchnell die nöthigen Vorkehrungen zu treffen. Von dieſem Augenblick an war jedoch jene unbehagliche Unruhe in die Gemüther eingedrungen, welche den letzten Stunden vor einem Abſchiede durch tauſend unangenehme, aber nothwendige kleine Sorgen die ſchöne Einheit der Em⸗ pfindungen zu rauben pflegt. Zuerſt war es Osraim, der, von einer Art von Angſt getrieben, aufbrechen wollte. Der General hatte bereits alle Waffen deſſelben nach dem Gezelt geſandt, und auch ſein Roß, das ihm ebenfalls aus der Beute zurückgeſtellt war, hatte ein Diener herbeigeführt. Betty erinnerte daran, daß er ſich des Kameels zur Reiſe bedienen könne, auf welchem ſie geflüchtet waren, und fragte zugleich, welches das Loos der beiden Beduinen, die es ge⸗ führt hatten, ſein werde, falls ſie in Abukans Hände ge⸗ riethen. Osraim erwiderte:„Ich werde ſie nicht ſchützen können, wenn Abukan zornig iſt; ſie mögen mit dem Ka⸗ meel bei Euch bleiben; könnt Ihr es nicht benutzen, ſo ſchenke ich's ihnen zu eigen. Mich trägt mein edles Roß ſchnell hinweg. Doch zuvor muß ich dem Scheik Dank ſagen, denn er iſt freundlich gegen mich geweſen.“ Osraim, Eduard, Betty und Zuleima machten ſich zum zweiten Male nach dem Gezelt des Generals auf. Der alte Krieger empfing die Kommenden ungemein freundlich. Osraim ſprach: „Scheik der Franken! Osraim, der Sohn Ali's, iſt Dir Dank ſchuldig worden. Du haſt ihn gaſtlich aufge⸗ nommen, da Du ihn tödten konnteſt. Sprich, wie kann ich Dir vergelten?“ Der General lächelte, als ihm der Dolmetſch dieſe Worte hinterbrachte, und erwiederte durch dieſen: ODOsraim, ich freue mich, daß Du Gutes von mir denkſt. 8. — 2418— Vergeltung übe an Anderen, die bittend zu Dir kommen. Siehſt Du aber einen von dem Volke der Franken unter Deinen Landsleuten, ſo erinnere Dich, daß es Dir und Deinen Gefährten bei uns wohl ergangen iſt, und dulde nicht, daß ihm ein Leid geſchehe.“ „Das ſchwöre ich Dir beim Barte des Propheten,“ rief Osraim feurig aus.„Ich will lieber mein Haupt verlie⸗ ren, als dulden, daß man einen Mann Eures Volkes mis⸗ handle.— Hier nimm meinen Dolch, tapfrer Scheik; ich ſchenke ihn Dir zum Gedächtniß dieſes Schwurs. Du magſt ihn mir, magſt ihn meinem Weibe, meiner Tochter ins Herz ſtoßen, wenn ich meineidig werde.“ Der General nahm die Waffe an und ſchüttelte dem redlichen Araber treuherzig die dargebotene Hand. Dann zog er einen Ring vom Finger, ſteckte ihn an Osraims Hand und ſprach:„Erinnere Dich bei dieſem Ringe, daß Du im Lager der Chriſten einen Freund beſitzeſt.— Lebe wohl! Kehre glücklich zu den Deinen zurück.“ Beide alternde Männer umarmten ſich bei dieſen Wor⸗ ten und Beide waren tief gerührt; denn edle Seelen erken⸗ nen und achten ſich unter den ungleichſten Umſtänden. Osraims Noß ſcharrte muthig und unruhig mit dem Hufe in den Sand und ſtieg einige Mal bäumend an der Hand des Führers auf. „Mein Pferd wird ungeduldig über das Säumen des Herrn,“ rief Osraim.„Was helfen uns die Minuten! Die Blume des Glücks blüht nur in jahrelangem Sonnenſchein. Unſer Herz gewinnt nichts beim kurzen Aufſchub.“ Hier⸗ bei ſah er Betty und Zuleima mit unbeſchreiblichen Blicken an. Zuerſt ergriff er die Hand der Mutter und legte ihr zugleich ſeine Rechte auf das Haupt.„Allah ſegne Dich, denn Du warſt gut und getreu! Sein Schild beſchiume — 249— Dich vor den Pfeilen Deiner Feinde und der böſen Stun⸗ den. Lebe glücklich und ſtirb in Frieden!“ Er zog die weinende Betty näher zu ſich und küßte ſie raſch auf die. Stirn. Dann wandte er ſich zu der blaß, zitternd da⸗ ſtehenden Zuleima, deren Herz unter der Gewalt ihrer Em⸗ pfindungen zu brechen drohte.„Meine Tochter!“ rief er, und die Wehmuth erſtickte ihm die Sprache.„Meine Zu⸗ leima!“ begann er noch einmal, aber die Stimme ver⸗ ſagte ihm. Er ſchloß ſie heftig in die Arme, küßte ſie mit ſtürmiſcher Zärtlichkeit, wandte ſich dann raſch um, ſchwang ſich mit der Gewandtheit des Arabers in einem Augenblick auf das Roß, zog die Zügel ſtraff an, daß es ſich ſtolz zum Sprunge erhob, und, als fühle er dort erſt wieder ſeine Manneskraft und Entſchloſſenheit, rief er nun mit feſter Stimme:„Lebt wohl! Allah behüte Euch!“— Mit Blitzesſchnelle ſchoß das edle Araberroß dahin und nach einigen Augenblicken verrieth nur eine Staubwolke, die im Glanz der Abendſonne röthlich emporſtieg, die Spur des Reiters. Zuleima hielt die Hand des Bruders gefaßt, und um⸗ ſchloß mit dem linken Arm ihre Mutter, an deren Buſen ſie das weinende Antlitz verbarg. Ein Kreis von neugieri⸗ gen Zuſchauern hatte ſich rings umher verſammelt, aber alle ſtanden ſie ſchweigend und achteten den Schmerz der Frauen. Langſam geleitete Eduard ſie nach ſeinem Gezelt zurück. Aber auch dort wurden ſie nur von neuen erſchüttern⸗ den Scenen erwartet. Denn ſchon ſtanden Träger mit einer Bahre bereit, um Victor an den Strand hinabzutra⸗ gen, und Eduards Diener hatten ſchon alles Gepäck der Frauen angeordnet, damit es auf das Schiff gefördert wer⸗ den könnte. Es iſt ein Glück für das menſchliche Herz, daß es, 11*R̊ — 250— wenn es erſt von einem Sturme gewaltſam bewegt wird, die nachfolgenden Schläge und Erſchütterungen nicht mehr empfindet, da das Maß der Schmerzen ſchon gefüllt iſt und der Sturm des Unheils nur darüber hinbrauſt, ohne ſich ein tieferes Bett wühlen zu können. Eduard richtete Zuleima's Blicke auf die Hoffnungen, die ihr ſo nahe lagen.„Du trennſt Dich von dem Bru⸗ der, trauteſte Eugenie,“ ſprach er,„aber der Freund wird Dich zu einer liebenden Schweſter, zu einer zweiten Mutter geleiten. Das Schickſal war ſtreng gegen Dich, als es Dir in früheſter Jugend die Deinigen raubte. Aber voller Güte gleicht es aus, was es gegen Dich verbrochen hat, und gibt Dir zwei Mütter, die Dich lieben, und— viel⸗ leicht auch einen zweiten Vater.“ „Ach wären die Lieben alle beiſammen,“ rief Zuleima klagend aus,„ſo würde mein Herz fröhlich ſein! Jetzt ziehen es die Schmerzen dorthin und hierhin! Meine Bruſt blutet ſehr! Den Vater ſah ich ſcheiden, auf ewig; den Bruder muß ich verlaſſen! Weißt Du denn aber auch, ob ich die Mutter und die Schweſter jenſeit des Meeres finde Und wenn ich ſie ja finde, ob ſie Zuleima's Seele lieben werden? Denn ich bin aufgewachſen in der Wüſte und ſie ſind weiſe, kunſtreich und gütig!“ Eduard war von Schmerz und Freude über das liebe⸗ volle Weſen mit der unſchuldigen Seele des Kindes auf das tiefſte bewegt.„Ob ſie Dich lieben werden? O meine Schweſter, Du wirſt die Seligkeit ihres Herzen ſein!“— Die Sonne ſchimmerte ſchon röthlich und warf goldene Strahlen auf die Gipfel des fernen, mit blauen Zacken am Horizont emporragenden Atlas. Die Abendluft wehte von der See herüber. Es war Zeit; man beſchloß zu gehen. Die Träger erhoben die Bahre, auf welcher der ver⸗ —— — . ——— — 251— wundete Victor ruhte; er wollte verſuchen, ſelbſt zu gehen, allein der Arzt hatte es verboten. Neben ihm her ging Eduard, der die Frauen führte und unterſtützte, denn die heftige Gemüthsbewegung hatte Beide ſo angegriffen, daß ſie ſich nur mühſam auf den Füßen erhielten. Zwei Die⸗ ner folgten mit dem Gepäck. So kam der Zug durch das geräuſchvolle Lager und über die noch lebhaftere Halbinſel Sidi⸗Ferruch, wo tauſend Hände beſchäftigt waren, Kriegs⸗ bedarf aus den Schiffen auszuladen und auf der Küſte zu ordnen, nach einem kurzen Gange am Strande an. Hier lag die Barke, welche die Abgehenden aufnehmen ſollte. Zur großen Freude Aller ſahen ſie den Arzt unter den Matroſen ſtehen; als dieſer die Kommenden erblickte, eilte er ihnen ſogleich entgegen und brachte ihnen die freudige Nachricht, daß es ihm gelungen ſei, für Victor auf der Daphne die Ueberfahrt nach Mahon zu erwirken. Sogleich verſtändigte Eduard Eugenien, die ihn fragend anblickte; eine holde Röthe der Freude überflog ihre blaſſen Wangen, als ſie vernahm, ſie werde nicht von ihrem Geliebten ge⸗ trennt werden. Indeſſen ſchafften die Matroſen das Gepäck ins Boot; Victor wurde mit der Bahre hineingeſetzt. Der Arzt bat ihn, ſich dies gefallen zu laſſen, weil er ihn habe kränker und ſchwächer ſchildern müſſen, als er wirklich ſei, um ohne Weiteres die Erlaubniß zu erhalten, ihn nach Ma⸗ hon zu ſenden.„Sind Sie erſt auf der Fregatte,“ fuhr er fort,„und hat dieſe die Anker gelichtet, ſo mögen Sie mit dem Schiffsarzt unterhandeln, der Ihnen einen Spa⸗ ziergang auf dem Deck bei heiterem Wetter nicht verſagen wird.“ Victor lächelte und ſprach:„Ich bin ſeit einigen Tagen dazu verurtheilt, die Rolle eines kranken Mädchens zu ſpielen! Nun es ſei dies die letzte kleine Verſtellung. — 252 Im Uebrigen, finde ich, thut es mir ganz wohl, daß ich ſo viel Ruhe genieße, denn ich fühle unichs von Minute zu Minute mehr erſtarken.“ Man hatte ihn unter dieſen Worten in das Boot ge⸗ ſchafft. Die Frauen ſtiegen ein und auch Eduard folgte, um ſie bis an die Fregatte zu geleiten. Als der Nachen auf den Wellen dahin ſchwebte, wurde Eugenie ganz ſeltſam bewegt. Sie blickte ſo erſtaunt und befremdet umher, in ihren Zügen drückten ſich ſo lebhafte Bewegungen des Gemüths aus, daß Victor ſie darüber be⸗ fragte. Sie geſtand unbefangen ein, Alles, was ſie erblicke und erfahre, ſetze ſie in das höchſte Erſtaunen. Noch nie ſei ſie, ihrer Erinnerung nach, auf dem Waſſer gefahren, und doch kämen ihr ſo viele Dinge ganz bekannt vor, als habe ſie dieſelben ſtets um ſich geſehen, ohne daß ſie jedoch wiſſe, irgend etwas zu benennen oder den Gebrauch davon anzugeben.— Eduard errieth ſie wohl. Es waren die früheſten Jugenderrinnerungen, deren ſchlummernde Geſtal⸗ ten plötzlich erwachten und ſie bekannt, aber doch fremd anblickten. Denn ihre Kindheit hatte ſie ja an der See zugebracht und ein Wald aufſtrebender Maſten, das Ge⸗ wirr der ſich kreuzenden Taue, das Flattern der Segel und Wimpel waren Jugend⸗Eindrücke, die zwar tief in den Hintergrund ihres Gedächtniſſes getreten waren, jetzt aber, als ſich der Schleier von ihren früheſten Tagen zu heben begann, lebendig wieder erweckt wurden. Damals hatte das Kind freilich keine Begriffe mit ſei⸗ nen Anſchauungen verbunden und daher friſchten auch nur Bilder ihre Farben auf. Jetzt miſchte ſich in das wunder⸗ bare, unbegreifliche Gefühl des längſt Vertrauten noch das neue des Erſtaunens und Verwunderns über die Erzeugniſſe der erfindenden Kraft des Menſchen, von denen die B — 253— wohnerin der wüſten Gebirge Afrika's keine Vorſelungen gehabt hatte. Auch Betty erblickte die ſtolzen, auf der Flut gelagerten Fahrzeuge, die leicht darüberhineilenden Boote, mit einem unnennbaren Gefühl. Das Bild ihrer Jugend trat mit hellem Bewußtſein vor ſie hin. In einer Seeſtadt aufge⸗ wachſen, war ihr das Treiben des Schiffsvolkes, die rüſtige Bewegung einer mit Fahrzeugen dicht bedeckten Rhede ein gewohntes Schauſpiel. Aber ſeit funfzehn Jahren hatte ſie es vergeſſen müſſen! Und welche beſondere Erinnerungen ſtiegen in ihr auf, als ſie jetzt auf derſelben Flut dahin⸗ ſegelte, deren Wogen ſie an die Küſte der Barbaren war⸗ fen, die ihr zu einem ſo langen Gefängniß wurde! Das mächtige Gefühl dieſes Eindrucks ließ einige Augenblicke lang die Empfindungen verſchwinden, die in beiden Frauen kurz zuvor noch die lebhafteſten geweſen wa⸗ ren. Als ſich indeß das Ufer mehr und mehr aus ihren Blicken entfernte und ſie dem Ankerplatz der Daphne, die ſie aufnehmen ſollte, näher und näher kamen: da über⸗ drängten und beſtürmten die erſten Gefühle ihre Bruſt auf's neue. Beide empfanden es jetzt mit der ganzen Kraft ihres Herzens, wie die Gewohnheit uns ſelbſt an den un⸗ freiwilligſten Aufenthalt mit mächtigen Banden feſſelt. So⸗ gar der Gefangene, der lange Jahre in dem einſamen, fin⸗ ſteren Kerker verſeufzt hat, fühlt, daß ſich in das Entzücken der Freiheit eine leiſe Regung der Wehmuth miſcht, wenn er Abſchied nimmt von dem Orte ſeines duldenden Aus⸗ harrens, wo er ſo manche Stunde des Jammers mit den Kräften der Hoffnung und des Glaubens überwand! Alle Erlebniſſe ihrer Kindheit, ihres jugendlichen Alters traten vor Zuleimas' Seele, und mit tiefer Rührung ſah ſie die Küſte verſchwinden, auf der ſie die ſorgloſeſten Freu⸗ * — 254 den jener frühen Jahre genoſſen hatte; eine Heimat kannte ſie noch nicht, ſie mußte die Berge Afrikas dafür gelten laſſen und ſchied mit bewegtem Herzen von ihnen. Betty errinnerte ſich alles Deſſen, was ſie dort erlebt, gelitten, ge⸗ duldet und gehofft hatte. Sie blickte mit einer Art von Scheu auf das Leben vor ihr, in das ſie nun faſt ebenſo fremd und verlaſſen eintreten ſollte, wie ſie vor funfzehn Jahren unter die Horden der Beduinen gerieth. Ueber Alles peinlich quälte ſie der Gedanke, daß Zuleima über eine zweite Mutter der erſten fremd werden könne.— Alle dieſe Empfindungen, Erinnerungen, Sorgen, Hoffnungen kreuz⸗ ten ſich in den Seelen der Frauen. So blieben ſie ſtill und auch die Männer ſprachen wenig. Nur der einförmige Schlag der Ruder, das Nauſchen der Wellen an dem Kiel des Boots tönten durch die feierliche Ruhe des Abends. Sie hatten die Fregatte erreicht, die, von den röthlichen Strahlen der tief geneigten Sonne vergoldet, prächtig vor ihnen lag und ſich langſam auf den breiten Wellen der Flut wiegte. Der ſeemänniſche Anruf ertönte ihnen plötz⸗ lich entgegen, ſodaß Zuleima erſchreckt zuſammenfuhr. Das Boot legte ſich an die Steuerbordſeite der Daphne und die Frauen ſtiegen die ſchmale Schiffstreppe hinan. Oben be⸗ grüßte der Capitain, Herr von St. Clair, ſie mit großer Zuvorkommenheit in engliſcher Sprache, denn ihm war von Seiten des Admirals die ehrerbietigſte Achtung gegen die Frauen empfohlen worden, die ihm als Engländerinnen be⸗ zeichnet worden waren, welche lange in der Gefangenſchaft zugebracht hätten. Eduard, ohne ihr näheres Verhältniß zu verrathen, ſtellte ſie als ſeine entfernten Verwandten vor und bat den Capitain, ſich ihrer und des ſie begleitenden kranken Offiziers anzunehmen. — ——— 255— „Ein Offizier?“ fragte Herr von St. Clair,„von dem iſt mir noch nichts gemeldet.“ „Der Arzt führt ihn durch ſeine Verordnung auf Ihr Schiff; er ſoll zunächſt nach Mahon, wo auch die Da⸗ men Quarantaine halten werden. Iſt Ihnen bekannt, wie dieſelben aus der Gefangenſchaft der Beduinen gerettet wurden?“ „Nur ganz im Allgemeinen. Und der Name des Offi⸗ ziers? Von welcher Nation?“ „Ein Landsmann. Schiffslieutenant Victor de Tracy, von der geſtrandeten Aventure!— Aber da iſt er ſelbſt.“ Eduard hatte noch kaum die letzten Worte ausgeſpro⸗ chen, als der Capitain voller Freude auf die Bahre zueilte, welche man ſoeben auf das Deck hob.„Victor! Iſt's möglich!“ rief er,„Du ſelbſt!“ Und er lag in den Ar⸗ men des wohlbekannten Kameraden, mit dem er lange Zeit auf demſelben Schiffe gedient hatte. Dieſe unvermuthete, vertraute Freundſchaft zwiſchen dem Führer der Fregatte und Victor gab den Verhältniſſen die glücklichſte Wendung. Es unterlag nun keinem Zweifel, daß Victor auf der Ueberfahrt die behaglichſte Lage und den freieſten Verkehr mit den Theuern, die er geleitete, ha⸗ ben werde. Capitain St. Clair machte es ſogleich zur Be⸗ dingung, daß Victor die Kajüte mit ihm theile.— So wa⸗ ren denn die Reiſenden durch eine gütige Fügung ihres Geſchicks auf der Fregatte ſogleich vollkommen heimiſch und Eduard konnte ſich mit leichterem Herzen von ihnen tren⸗ nen. Er wollte den Abſchied nicht länger aufſchieben. Mit wahrhaft herzlicher Liebe ſchloß er Betty gleich einer zwei⸗ ten Mutter in die Arme und ſagte ihr den waͤrmſten Dank für die Rettung und Erhaltung der Schweſter, die er ganz ihrer Sorge und Liebe zuſchrieb. Mit gerührter — 256— Zärtlichkeit drückte er das liebliche Weſen ans Herz, das er ſeit ſo wenigen Stunden erſt kannte und das ihm ſchon ganz ſo angehörte, als habe er alle Tage ſeines Daſeins mit ihm verlebt. Er verſprach ihr, mit dem nächſten Schiffe Briefe an ſie ſelbſt und für die Schweſter und Mutter zu ſenden. Lange hielt er die ſanft Weinende umfaßt, küßte ihr wiederholt Stirn und Wangen und den lieblichen, ſchmerzlich lächelnden Mund. Endlich riß er ſich los, legte ſie in Betty's Arme, drückte Victor raſch die Hand und eilte haſtig, um den überwältigenden Schmerz zu verber⸗ gen, hinunter in das harrende Boot. In kurzer Zeit ſetzte er den Fuß wieder ans Land. Langſam wandelte er nun zwiſchen dem bewegten Treiben um ihn her dem Lager zu. Wenige hundert Schritte ab⸗ ſeits lag ein Hügel, nach dem er, das Bedürfniß der Stille und Einſamkeit mächtig empfindend, ſeinen Weg richtete. Gedankenvoll ſtieg er ihn hinan. Auf dem Gipfel ſtanden zwei Palmen; an ihren Stamm gelehnt, blickte er über das Meer und die Landſchaft zu ſeinen Füßen hinweg. Die Sonne hatte ſich eben hinter das letzte weſtliche Vor⸗ gebirge hinabgeſenkt, ſo daß ſeine waldigen Gipfel mit gol⸗ denem Glanz umſtrahlt waren und purpurn brennende Wellen den Fuß deſſelben umſpülten. Die Flotte lag in ſtiller Majeſtät auf dem ebenen Spiegel des Mexres, das ſich weit hin in blauer Fläche ausdehnte, dann in ein leich⸗ tes Violett, hierauf in einen hellroſigen Schimmer und endlich in die dunkelſte Purpurglut überging. Ein goldener Duft, in dem zarte Wölkchen gleich durch⸗ ſichtigen Roſen ſchwebten, überglänzte den Abendhimmel. Die hohen Maſten der Flotte, die tauſendfach gekreuzten Taue ſchnitten ſich ſchwarz auf dem leuchtenden Grunde ab; die Wimpel nur flatterten farbig, im letzten Sonnenſtrahl glänzend, hoch in dem blauen Aether. Herrſchte dort eine feierliche, erhebende Pracht und Stille zugleich, ſo brauſte auf der andern Seite das Gewühl des Lebens deſto reger dahin. Denn dicht am Fuße des Hü⸗. gels dehnte ſich das Feldlager aus, mit ſeinen langen, be⸗ lebten Zeltgaſſen, den aufgeſchichteten Trommeln und weit⸗ hin glänzenden Pyramiden der Gewehre. Munter durchzo⸗ gen es die Scharen fröhlich luſtwandelnder Soldaten; Rei⸗ ter ſprengten hin und wieder. Man hörte ein fernes ver⸗ worrenes Brauſen tauſendfacher Stimmen, Waffengeklirr, Schnauben der Roſſe. Zunächſt am Strande ertönte der Schlag der Hämmer und Aexte, denn Zimmerleute waren geſchäftig, auf der Halbinſel Gebäude aufzurichten; Matro⸗ ſen thürmten Ballen und Fäſſer auf, Artilleriſten ſetzten Kugeln in regelmäßige Haufen, ordneten Geſchütze und Wagen zu einem Artilleriepark. Ueberall regte ſich die freu⸗ digſte Lebendigkeit, die rüſtigſte Kraft der That. Jener rief, dieſer winkte; jener ſchalt, dieſer lachte. Dort ſang man Lieder, hier pfiff ein luſtiger Burſch einen fröhlichen Tanz; dort hatte ſich eine Schar von Kriegern im Kreiſe um einen Erzähler gelagert, hier ſcherzten Einzelne mit ar⸗ tigen! Marketenderinnen, die Wein ausſchenkten, Würfel⸗ tiſche aufgeſtellt hatten und ſo die Freuden und Zerſtreuun⸗ gen in das müßige Kriegslager führten. Eduard ließ die Blicke hin und wieder über das belebte, bunte Gemälde ſchweifen, und fühlte ſich wunderbar davon bewegt. Jetzt erſchallte der Klang der Trommeln; es war der abendliche Gruß, der kriegeriſche Beſchluß des Tages, die Uhr des Feldlagers. Die Soldaten traten zuſammen; es wurde ruhiger. Ein Paukenſchlag tönte feierlich dumpf — 258— durch die Stille; ein Trompetenſtoß beantwortete ihn. Dar⸗ auf fiel die ganze kriegeriſche Muſik rauſchend ein und die heitern Melodien fröhlicher Märſche und Tänze erklan⸗ gen auf dem wüſten Boden Afrikas. Es machte einen ſeltſamen Eindruck auf Eduard, die leichten Vaudevilles, die rührenden Nomanzen franzöſiſcher Opern hier in der fernen Wüſte zu hören.— Er ſah rings umher nach den ſandigen Hügeln, die das Lager umgaben. Einzelne kecke Beduinen ſprengten auf flüchtigen Roſſen hin und her; bei den ungewohnten Klängen, die der Abendwind hinüber nach der Wüſte trug, ſpitzten die klugen, aufmerkſamen Thiere horchend das Ohr und reckten den ſchlanken Hals weit vor.— Der blaue, zackige Atlas im Hintergrunde ſchien ernſt auf das ungewohnte, laute Treiben in ſeinem todesſtillen Sandmeer herabzublicken. Eine Gruppe von Arabern mit mehren Kameelen hielt die wandernden Schritte an, um dem fröhlichen Klange der Muſik zu lauſchen. Das ausdauernde, duldſame Laſtthier der Wüſte hob den behaarten weißen Hals hoch empor und ſchien umherzu⸗ ſpähen, was für ein ſeltſames Wunder ſich begebe. Indeß fielen dunklere Schatten der Nacht in das Ge⸗ mälde hinein. uard wandte das Auge noch einmal nach der Flotte hinüber, wo ſeine Lieben weilten. Da ſah er die Daphne ſtolz ihre Segel entfalten. Sie ſchien den Nachtwind, der ſich günſtig erhob, ſogleich benutzen zu wollen. Raſch ſpannte ſie die weißen Fittige auf, ſchwankte, bewegte ſich, theilte die Flut und ſegelte in die verſchim⸗ mernde Röthe des Abends hinein. Eine Thräne feierlicher Rührung drang in Eduards Auge. Er blickte dem Schiffe nach, bis es ſich als ein ſchwarzer Punkt in dem goldnen Glanz des weſtlichen Him⸗ mels verlor. Dann wandte er ſich nach dem Lager zurück, — 259 das ſchon im grauen Schatten der Dämmerung ruhte, und ging ſtill mit ernſten Gedanken auf der Stirn und wehmüthigen Gefühlen in der Bruſt ſeinem einſamen Ge⸗ zelt zu. Siebentes Capitel. Victors Gefährten von der geſtrandeten Aventure waren nach dem Gefecht, welches der Sohn des türkiſchen Aga durch ſeine Dazwiſchenkunft noch zur glücklichen Minute unterbrach, nach Algier abgeführt worden. Mit Bedauern verließen ſie alle den jungen, aber muthigen und umſichti⸗ gen Führer und trugen die Sorge mit ſich, daß der Tod ihn vielleicht auf immer von ihnen trennen werde. Indeß richtete ſich die Hoffnung der ſtets von einer Minute zur andern, ohne weitere Sorgen und Blicke in die Zukunft hinlebenden fröhlichen Seeleute bald wieder auf, da ſie ſahen, daß man ſie wirklich nach Algier bringe und ziem⸗ lich gut behandle. Sie waren etwa bis Mittag gewandert. Da wurde in einem kühlen, reich mit Gebüſch bedeckten Thal an einer lebendigen Quelle Halt gemacht. Man erquickte die Ge⸗ fangenen mit Speiſe und Trank und Fröhlichkeit kehrte wie⸗ der in die Herzen aller zurück. Kaum mochten ſie eine Viertelſtunde auf dem weichen, ſchwellenden, mit dem ſchön⸗ ſten Reſeda, Aurikeln und wilden Hyacinthen bedeckten Ra⸗ ſen geruht haben, als ſie die Krümmung des Thales ent⸗ lang eine Anzahl von Männern im ſchwärzlichen Gewim⸗ — 260 mel auf ſich zukommen ſahen. Bald erkannten ſie, daß Beduinen dieſelben geleiteten, und ſchnell bemächtigte ſich ihrer die frohe Ahnung, ſie würden Landsleute, Unglücksge⸗ fährten wiederſehen. Sie täuſchten ſich nicht. Schon in der Entfernung von einigen hundert Schritten erkannte man einander. Es erhob ſich ein lautes Jubelgeſchrei und die Freude ergriff die wackern Herzen ſo heftig, daß trotz der Begleiter und Führer beide Trupps einander mit lautem Ausbruch der Freude entgegenſtürzten und ſich, Jeder den Nächſten, der ihm aufſtieß, mit vaterländiſchem Entzücken umarmte. Welch ein Jubel!— Bald aber auch, welch ein Schmerz! Denn dieſer fragte nach einem Bruder, der nach einem Schiffskameraden, jener nach ſeinem Steuer⸗ mann, ſeinem Offizier— ach, Viele fand man nicht wie⸗ der und Mancher war leider nur zu gewiß als Opfer der rauhen Barbaren gefallen! Mit einſtimmiger Freude aber begrüßten alle einen der wackern Führer, den Capitain Brüat, der ſich unter dem Trupp der Ankommenden befand. Dieſer fragte nach Adolph— man wußte nichts von ihm, nach Victor— man erzählte ihm deſſen Schickſal, welches freilich Zweifel genug über den Ausgang laſſen mußte.— Faſt eben ſo willkommen als die Anweſenheit des Führers war den Meiſten die des Malteſers, welcher durch ſeine Gewandt⸗ heit in der Sprache der Beduinen und die genaue Kennt⸗ niß ihrer, wie der türkiſchen Sitten und Gebräuche, der Retter wenigſtens eines großen Theiles der Mannſchaft ge⸗ worden war. Alle drängten ſich um ihn her, ſchüttelten ihm die Hand, küßten ihn und forſchten und fragten neu⸗ gierig, welches Schickſal man wol in Algier zu erwar⸗ ten habe. „Je nun,, rief Giaepap, ſo hieß er,„man wird Euch gerade nicht einquartieren, wie der König von Frankreich ſeine Gäſte in Paris, Ihre Majeſtäten von Neapel, die jetzt dort ſein ſollen, aber vielleicht auch nicht viel ſchlechter, als ſolche Galgenvögel, wie Ihr doch ohne Unterſchied ſeid, es verdienen. Nachts werdet Ihr nicht auf engliſchen Spring⸗ federbetten, auch nicht auf Eiderdaunen ſchlafen, ſondern vielleicht etwas beſſer oder ſchlechter als im Schiffsarreſt. Verey iſt auch nicht Inſpector der Gefangnen⸗Küche in Algier, aber falls Ihr zugebt, daß ein Menſch mehr aus⸗ halten kann als jedes Thier, ſo braucht Ihr auch noch nicht zu verzweifeln, wenn man Euren Magen ſo Manches zu⸗ muthet, was der Strauß nicht gern verſchluckt.“ Die Luſtigkeit, mit welcher der fröhliche Menſch über die traurige Lage, die ihn ſo gut wie jeden Andern traf, ſcherzte, machte allen ſeinen Kameraden gleichen Muth, ihr Schickſal von der leichteſten Seite zu nehmen. „Parbleu!“ rief ein launiger Matroſe,„der Küchen⸗ zettel auf dem Silen, nichts für ungut, mein Capitain, war auch nicht immer der feinſte. Ich habe manche Woche einundzwanzigmal Erbſen gegeſſen, die man eben ſo gut hätte zu Rehpoſten brauchen können; denn auf dem Schiffe gab es zwiſchen Frühſtück, Mittagbrot und Abendeſſen kei⸗ nen andern Unterſchied als die Zeit.. „Wenn wir's nicht beſſer hatten,“ lächelte Capitain Brüt, „werde ich's wol mit Euch getheilt haben. Ich denke aber, unſere Pökeltonnen ſind ſelten leer geworden.“ „Doch zu Zeiten, mein Hauptmann,“ fuhr der Ma⸗ troſe fort.„Wißt Ihr Euch zu beſinnen? In der Oſter⸗ woche vorigen Jahres, wo wir auf der Rhede von Point à Pitre von der ſcharfen Bö getroffen wurden, die uns Ankertau und Segel zerriß und in den Ocean jagte, daß wir am andern Morgen in Havre anzukommen gedachten? 4* 1 262— Und wir hatten doch gerade angelegt, um die Speiſekam⸗ mer ein wenig zu füllen, die, weiß es der Teufel, ſo aus⸗ geweidet war, wie eine Brigg, die ihre Ladung gelöſcht hat. Wenn der Dey von Algier nicht ganz von Eiſen und Stahl iſt, ſo wird er doch wol dann und wann ein Stückchen Speck für ein paar hungrige Matroſen übrig haben?“ „Du ſchwatzeſt ſo unvernünftig, wie eine Branntweins⸗ händlerin im Hafen vom Seeweſen,“ rief Giacomo.„Speck! Als ob bei den Türken das Schweinfleiſch nicht eben ſo gut Contrebande wäre, wie bei den Juden!“ „Drum eben können ſie's uns laſſen,“ vertheidigte ſich Loupgris(dieſen Namen führte der lange Seeheld unter ſeinen Kameraden), indem er ſich ärgerte, daß ihm der Irrthum nachgewieſen war.„Glaubſt Du übrigens, Du kaffeebrauner Spürhund aus Malta, daß ich nicht wiſſe, was Muſelmänner und Juden hinunterſchlucken dürfen und was nicht? Sei nur froh, wenn Du nicht ſelbſt für Con⸗ trebande erklärt wirſt; ein Kerl mit Deinem Geſichte ſollte eigentlich überall verboten ſein. Denn, wenn jemals ein Apfel dicht am Stamme gefallen iſt, ſo muß Dein Vater der Welt etliche Ellen Hanfſchnur gekoſtet haben!“ Der Malteſer ſchickte ſich eben an, den Streich zu pa⸗ ren und einen kräftigen Nachhieb drauf zu ſ als der Capitain Brüat ihn unterbrach:„Laßt Eure feinen Stichel⸗ reden jetzt nur ein wenig bei Seite; ich wollte Dir über⸗ haupt rathen, Monſeigneur Loupgris, Dich nicht zu tief mit Giacomo einzulaſſen, denn er könnte Dich beim Wort nehmen und blos, um Dir Recht zu geben, ein paar arabiſche Worte an unſre Gensd'armerie dort richten, worauf man Dir vielleicht den hanfenen Orden um den Hals hinge, mit dem man bei den Türken ſo unbekannt gar nicht iſt, wenn gleich man gewöhlich das Band von Seide trägt.— Aber Scherz bei Seite. Ich wünſchte, Giacomo, Du ſuch⸗ teſt bei unſern Geleitstruppen ein wenig auszuforſchen, was aus den Freunden und Gefährten geworden iſt, deren ich leider ſo viele vermiſſe. Vielleicht können wir doch noch etwas zur Rettung der Unglücklichen thun, die, ſo hoffe ich noch immer, nicht alle das traurige Schickſal Derjeni⸗ gen gehabt haben, die zum Theil vor unſern Augen gemor⸗ det wurden.“ Giacomo befolgte das Geheiß des Capitains und näherte ſich einem der Beduinen. „Wir ſehen viele unſerer Kameraden nicht hier,“ fragte er, werden ſie noch eintreffen, ehe wir weiter gehen?“ Der Beduine ſah den Frager mit einem höhniſchen Lächeln an.„Wenn ſie zeitig genug ausgegangen ſind, werden ſie uns wol nachfolgen.— Wer nicht zu träg war aufzuſtehen, wird ſeine Füße wol vorwärts bewegt haben.“ Giacomo, welcher die Ausdrucksweiſe der Araber hin⸗ länglich kannte, um die Bedeutung im ſchlimmſten Sinne zu verſtehen, verbarg jedoch ſeine Muthmaßung ſorgfältig und fragte weiter: „Werden uns die Nachkommenden in der großen Stadt treffen?“ „Es ſind Euch ſchon welche vorangegangen, die werdet Ihr ſehen,“ erwiderte der Araber noch höhniſcher lachend. Giacomo ſchauderte zuſammen, denn er ahnte wohl, was der rohe Barbar meinte; doch um ſeinen Freunden den Muth nicht zu rauben und die heitere Stimmung, das koſtbarſte Gut in ihrer Lage, nicht zu verderben, antwortete er dem fragenden Capitain nur: „Der Schurke iſt mürriſch! Er will mit der Sprache 8 nicht heraus. Wir werden uns vertröſten müſſen, bis wir nach Algier kommen.“ Indeß wurde der Befehl zum Aufbruch gegeben und der Zug ſetzte ſich wieder in Bewegung. Auf dem Marſch näherte ſich Giacomo dem Capitain unvermerkt und ſprach: „Mein Hauptmann! Wir haben wenig Hoffnung, unſere Freunde und Offiziere wiederzuſehen. Der alte Kahlkopf hat zwar unbeſtimmt genug geſprochen, aber deutlich ge⸗ nug, um die Gewißheit zu geben, daß in Algier ein trau⸗ riger Anblick unſerer wartet. Ich fürchte faſt, wer nicht mit uns geht, hat überhaupt aufgehört, ſeine Füße zu be⸗ wegen.“ „Sei ſtill,“ raunte ihm Capitain Brüat ins Ohr, in⸗ dem er bemerkte, daß die Leute Acht auf ihn gaben. Trauriger, düſterer Gedanken voll, aber mit einer ern⸗ ſten, freien Stirn, ſchritt der Führer neben den Seinigen dahin, dem Ziel ſeiner Wanderſchaft zu. Die Sonne neigte ſich ſchon tief gegen das Meer, als der Zug aus dem Walde heraus auf die Spitze eines Hü⸗ gels kam, von dem man Algier erblickte. Es zog ſich mit ſeinen blendend weißen Mauern und Häuſern an der Lehne des Berges hinauf. Südlich erblickte man das feſte Kai⸗ ſerſchloß. Unter den Gebäuden in der Stadt ſelbſt ragte die Kaſſauba in ihrer ſeltſamen, halb neuen, halb arabi⸗ ſchen Bauart weit hervor. Auf der Zinne dieſes Schloſſes glänzte der türkiſche Halbmond über einem ungeheuern Noß⸗ ſchweife, im Sonnenſtrahl hell blitzend.„O daß erſt die weiße Fahne Frankreichs von dort herab wehen möchte!“ dachte Capitain Brüat und ſeiner Seele bemächtigten ſich düſtere Ahnungen über das Schickſal ſeiner Freunde. Es war ganz dunkel geworden, als man ſich der Stadt näherte. Der Mond ſtieg hinter den Wanderern blutiz — 2653 aus dem Meere herauf und warf einen hellen Schein auf die weißen Mauern des alten Raubneſtes. Jetzt hielt der Zug am Thore. Nach heftigem Pochen und einigem Ru⸗ fen und Zanken des Führers wurde endlich geöffnet, der Trupp hineingeführt. Mit heiſerem Knarren der Angeln und dumpfem Raſſeln der Riegel ſchloß ſich die Pforte hin⸗ ter den Gefangenen und ſie ſahen ſich nun in einer engen, ſchmutzigen Gaſſe, in welche der Himmel nur durch einen kleinen Spalt zwiſchen den Dächern dürftig hineinblickte. Die Stadt ſelbſt war ſchon ein grauſenvolles Gefängniß zu nennen; wie düſter mußte der Gedanke die muntern, hoff⸗ nungsreichen und lebensluſtigen Seeleute, die Alles eher entbehren konnten, als das Einathmen friſcher Luft, über⸗ fallen, in dieſem verpeſteten, dunkeln Grabe noch ein zweites, fürchterlicheres ſich öffnen zu ſehen, das ſie verſchlingen ſollte. Allen entſank der Muth und ſelbſt dem Heiterſten erſtarb der Scherz auf der Zunge. Im langen, langſamen Zuge wur⸗ den ſie, je zu Zweien und Zweien gepaart, durch die Gaſ⸗ ſen geführt. Krumm, winkelig, eng, oben faſt durch Be⸗ rührung der Dächer dem Lichte völlig abgeſperrt, voller dumpfiger Dünſte und ſchwüler, ſchwer zu athmender Luft, waren die Straßen des verworrenen Labyrinths, durch wel⸗ ches man ſie führte, einander auf das ſchrecklichſte völlig ähnlich. Bei jedem Schritt ſtolperte man über das un⸗ gleiche Pflaſter, oder trat tief in den aufgehäuften Unrath, oder auf den verweſenden Leichnam irgend eines Hausthiers, der nicht anders von der Gaſſe verſchwindet, als dadurch, daß Hunde, Katzen und zahlloſes Gewürm ihn nach und nach aufzehren. Endlich fiel ihnen von weitem ein Lichtſtrahl ins Auge. Die Gaſſe öffnete ſich auf einen Platz, der vom hellen Reuſtab, Geſ. Schr. Neue F. I. 12 — 256— Vollmonde beſchienen war. Sie ſtanden vor der Caſauba, dem verſchanzten Wohnorte des Dey's. Man führte ſie quer über den Platz hinweg, gegen die Pforte des Gebäudes zu. Hier wurden ſie in einer langen Reihe aufgeſtellt. Als ſie ſo ſtanden und des Wei⸗ teren harrten, das über ſie ergehen ſollte, trat der alte Beduin, den Giacomo zuvor nach dem Schickſal ſeiner Landsleute befragt hatte, vor dieſen hin und verzerrte ſein Geſicht zu einem widerlichen Grinſen. „Du haſt nach Deinen Landsleuten gefragt, Freund? Sieh doch nur genau hin. Erkennſt Du ſie nicht?“ Dann deutete er mit der Hand nach dem Thore der Caſauba hin, zu deſſen beiden Seiten man eine Reihe von Pfählen erblickte, die wie zum Zierrath dazuſtehen ſchienen. Den Malteſer überfiel ein banges Grauſen, denn er ahnte wohl, was der Beduin meinte. Doch antwortete er, der Wahrheit gemäß:„Ich erkenne nicht deutlich, was Du meinſt. Laß mich näher treten.“—„Das ſollt Ihr alle!“ rief der Beduin, und durch Zeichen und nach der Verſtän⸗ digung durch Giacomo rückte die ganze Front der Gefange⸗ nen näher gegen das Schloßthor heran. Der Mond warf ſein fahles, bleiches Licht herab; aus der dämmernden Verworrenheit traten die Umriſſe, wie die Gefangenen näher kamen, deutlicher und deutlicher hervor. Plötzlich ertönte ein Schrei des Entſetzens von Allen zu⸗ gleich und hallte ſchauerlich von den Mauern des öden Palaſtes wider. Denn ſie hatten es erkannt, daß jene Pfähle Lanzen waren, von deren Spitzen ihnen die Köpfe ihrer gemordeten Kameraden entgegenſtarrten. Wie gebannt an den entſetzlichen Anblick, hingen ſie unverwandten Blicks daran und ſchritten faſt bewußtlos* näher hinzu. Als ſich nun nach und nach im Mondſchein — 2652 die verſchwimmenden Züge der todten Häupter entwickelten, das ſtarrende Auge, der krampfhaft geſchloſſene Mund, die hohle Wange, die bleiche Stirn, das verworrene, blutige Haar ſichtbar wurden; als Jeder allmälig das Antlitz eines Freundes, eines Führers, eines Bruders erkannte: da wurden auch die Stärkſten von einem kalten Entſetzen furchtbar geſchüttelt. Sie bebten, ihre Knie ſchlotterten, die Sprache verſagte ihnen. Einige ſanken zu Boden, oder in die Arme ihrer Gefährten. Der alte Beduin mit dem kahlen Schädel hatte ſich auf ſeine lange Flinte gelehnt, ſtand vor der entſetzten Schar und blickte ſie mit höhniſch verzerrtem Geſicht grinſend nach einander an. Endlich haftete ſein ſchwarzes Auge auf Gia⸗ como.„Nun, Frank, ſagte ich Dir's nicht, daß Deine Geſellen ſchon vorangegangen ſind?“ Giacomo ſchauderte; er vermochte nicht zu erwidern. Capitain Brüat ſtand mit geſenktem Haupt vor ſeinen Leuten und drückte ſich beide Hände vor die Stirn. Er mußte ſich mit Rieſengewalt überwinden, um nicht den Schmerz und den Jorn laut ausbrechen zu laſſen. Einige Minuten herrſchte ſo die grauenvollſte Stille. Die Blicke der Gefangenen ſchweiften ängſtlich und haſtig über die blaſſen Geſichter der Todten hin, weil jeder ſuchte, welcher ſeiner nähern Freunde fehle und vielleicht dem gräßlichen Schickſal entgangen ſein möchte. Doch es waren gegen ſechzig Köpfe, und die entfernteren konnte Niemand deutlich erkennen. So blieb man denn auch über dieſe Hoff⸗ nung in banger Ungewißheit. Das Thor der Caſauba fing an, ſich krächzend auf ſeinen Angeln zu bewegen. Die Araber nahmen eine auf⸗ merkſame, ehrfurchtsvolle Stellung an und brachten die Reihen der Gefangenen wieder in Ordnung. 1 12* — 258— Aus dem geöffneten Thor trat eine Anzahl türkiſcher Trabanten, die ſich auf beiden Seiten deſſelben auffſtellten. Nach einer kurzen Pauſe ſchritt ein kleiner, alter Mann mit weißem Bart, in rothem, goldverbrämtem Kaftan und weißem Turban daraus hervor. Es war der Dey. Er betrachtete die Gefangenen mit ſeinen kleinen grauen, hell⸗ funkelnden Augen ſcharf und aufmerkſam, ging einigemal vor ihnen auf und ab, winkte dann einem ſeiner Begleiter, ſprach einige Worte mit demſelben und ſchritt hierauf wie⸗ der langſam in das Thor der Caſauba zurück. Es ſchloß ſich klirrend hinter ihm. Die Gefangenen wurden nun abermals weggeführt, durch die engen, ſchwarzen Gaſſen der Stadt hindurch, bis an den Hafen, wo ſich das Bagno befindet. Dieſes ſchreckliche Gefängniß aller chriſtlichen Sklaven war das Ziel der Wanderung. Schwere Thore wurden geöffnet, man kam in einen geräumigen Hof. Hier that ſich eine enge, dunkle Pforte auf; die Gefangenen muß⸗ ten hinein. Sie führte in einen langen Gang, der von einer düſtern Lampe ſchauerlich beleuchtet wurde. Hier ließ man ſie eine Zeit lang in der bangen Erwartung ihres Schickſals ſtehen. Plötzlich klirrte und raſſelte es von fern. Es wurden, man hörte es deutlich, Ketten herbeigeſchleppt. Allen lief ein kaltes Grauen durch die Gieder. Stumm, lautlos ſtanden ſie da. Nur Capitain Brüat faßte ſich und ſprach mit ernſter Stimme:„Muth, Freunde! wir werden nur kurze Zeit in dieſer trüben Lage bleiben. Das Anſehen des franzöſiſchen Namens wird unſer Loos bald er⸗ leichtern. Es wird mir morgen gelingen, die fremden Con⸗ ſuln von unſerem Schickſal zu unterrichten, und ihr Ein⸗ ſpruch wird uns Hülfe, wenigſtens Milderung gewähren.“ Eine Anzahl von Sklaven⸗Aufſehern kam jetzt herbei und legte jedem Einzelnen die Feſſeln an. Nachdem das — — 269— traurige Geſchäft vollendet war, führte man ſie weiter durch lange Gänge, viele Stufen hinab. Endlich ſtand man vor einem großen, mit Eiſen beſchlagenen Thor. Es wurde geöff⸗ net, man ließ die Gefangenen ein und hinter ihnen ſchloß ſich die ſchreckliche Pforte. Sie befanden ſich in gänzlicher Dunkelheit. Ein feuch⸗ ter, dumpfiger Geruch, eine ſchwüle verdorbene Luft wehte ſie an. Der Boden unter ihren Füßen war weich, faſt ſumpfig. Von einer Lagerſtätte, von Stroh, oder ſonſt ir⸗ gend einer Bequemlichkeit war keine Spur zu entdecken.— Kaum wagte man, den Fuß vorwärts zu ſetzen, weil man nicht wußte, wohin man trat und der Boden ungleich zu ſein ſchien. In dieſer entmuthigenden, faſt entſetzlich zu nennenden Lage verharrten die Unglücklichen mehre Stunden. Die Müͤdigkeit drängte ſie, ſich zu lagern, der Widerwille vor dem feuchten Grunde hielt ſie ab; der Schlaf ſenkte ſich ſchwer auf ihre Augen, allein zugleich begann der Hunger ſie heftig zu quälen, und ſcheuchte den Schlummer hinweg. Ein leiſes Seufzen, manches muthloſe Wort ließ ſich hier und dort vernehmen; Capitain Brüat redete indeß ermun⸗ ternd zu und verſicherte, es könne dieſer Zuſtand unmög— lich dauernd ſein, ſie möchten ſich nur dieſe Nacht in Ge⸗ duld faſſen.— Man hatte ſich indeſſen ſo viel als möglich an die Mauern des Gewölbes zu ſtellen geſucht, um dort wenigſtens einen Anlehnepunkt für den ermüdeten Körper zu finden. Glücklich war Derjenige, welcher eine Ecke getroffen hatte, oder gar eines Geſimſes habhaft wurde, um ſich ein wenig darauf zu ſetzen. Mitten in der Nacht hörte man dumpfes Gemurmel von Stimmen und Tritte den Gang herauf erſchallen. Das Ge⸗ räuſch kam der Pforte des Kerkers näher und näher, Licht⸗ — 270— ſtrahlen blitzten durch die Spalten der Thür, die Riegel raſſel⸗ ten, die Pforte öffnete ſich. Allen kehrte ſchon bei dem An⸗ blick des Lichtes der Muth zurückz denn nichts, ſo ſchien es ihnen, konnte ihre Lage verſchlimmern, jede Veränderung mußte ſie verbeſſern. In die geöffnete Kerkerthür traten zuerſt zwei Türken mit Fackeln, dann folgte eine Anzahl ebenfalls gefeſſelter Männer. Wer beſchreibt die Freude und Er⸗ ſchütterung der Unglücklichen, als ſie beim Schein des Fackellichtes in den Ankommenden ihre Kameraden und Landsleute und unter ihnen den würdigen Hauptmann Aſſigny erkannten! Ein lauter Ruf des Jubels erhob ſich, man drängte ſich herbei, fiel den Ankommenden um den Hals, küßte und herzte ſie.— So wird im tiefſten Unglück die Gemeinſamkeit deſſelben zum Troſt, ja zu einem wahr⸗ haften Glück. Aſſigny und Brüat lagen einander in den Armen. „Freund! Welches Loos kommen Sie mit uns zu thei⸗ len!“ rief der Letztere aus.„Ich hoffe, zur Milderung deſſelben beitragen zu können,“ erwiderte Aſſigny;„vor der Caſauba war ich ſo glücklich, den ſardiniſchen Conſul, einen meiner älteſten Freunde, zu ſprechen. Er wird mor⸗ gen eine Audienz beim Dey verlangen und Alles anwen⸗ den, unſer Schickſal zu erleichtern.“ Dieſe Worte des Troſtes belebten den Muth Aller auf's neue. Zugleich hatte Giacomo von ſelbſt die Keckheit, vor⸗ zutreten und einem der türkiſchen Wächter die Grauſam⸗ keit vorzuſtellen, mit welcher man gegen ſie verführe, indem man ihnen nicht einmal Lagerſtroh gäbe, welches doch die wilden Thiere erhielten, deren Gebrüll man in dieſem Ker⸗ ker vernehmen könne.*) Die Menagerie des Dey befand ſich, während der Herrſchaft deſſelben, dem gewöhnlichen Gefängniß der Chriſten⸗Sklaven ſo -— 271— Der angeredete Türke ſchien die Gerechtigkeit des Vor⸗ wurfs zu empfinden. Er ſah ſich in dem furchtbaren Ker⸗ ker um, als wolle er ſich überzeugen, daß Giacomo die Wahrheit geſprochen habe, und ſprach dann:„Ihr ſollt Lager⸗ ſtroh erhalten!“ Mit dieſen Worten verließ er das Gefäng⸗ niß; in der That kehrte er in kurzer Friſt mit etwa zwan⸗ zig Begleitern zurück, deren jeder eine ungeheure Laſt von Reisſtroh auf dem Rücken trug, wovon den Gefangnen ein zwar ſehr rauhes Lager bereitet wurde, was ihnen je⸗ doch jetzt als die größte Wohlthat erſchien, die ſie ſich vor⸗ zuſtellen vermochten. Bald ſtreckten ſie ſich auf dem harten Pfühl nieder und der Schlaf ſenkte ſich über ſie herab, um ſie durch ein kurzes Vergeſſen ihres Unglücks zu erquicken. Achtes Capitel. Als der Tag anbrach, konnte man erſt die Lage des Gefängniſſes wahrnehmen. Es war ein tiefer, gewölbter Keller, der ſpärliches Licht durch einige vergitterte Fenſter⸗ chen empfing, die nach dem innern Naum des Bagno hinausgingen. Auf dieſem Hofe ſah man Arbeiter und Sklaven aller Art, Araber, Türken und Iſraeliten hin und wieder gehen. Das gemeine Volk der Algierer ſtellte nahe, daß dieſe oft des Nachts durch das Gebrüll der Löwen und Tiger aufgeſchreckt und die Ankömmlinge ſogar dadurch heftig geängſtigt wurden. — 272— ſich vor die Gitterfenſter und verhöhnte die armen Gefange⸗ nen. Dieſe knirrſchten vor Wuth, indeß ſahen ſie ein, wie. ihre Führer, Aſſigny und Brüat, recht hatten, darauf zu dringen, daß man das Geſpött und die Beſchimpfungen völlig unbeachtet laſſen müſſe. Die größte Pein, welche ſie für dieſen Augenblick ausſtanden, war der Hunger. Gia⸗ como wurde beauftragt, den Verſuch zu machen, von den Aufſehern, wie geſtern Lagerſtroh, ſo heut Speiſe zu er⸗ halten. Auf langes, heftiges Pochen an die Kerkerthür, wurde dieſe endlich geöffnet. Giacomo ſtellte das Anliegen ſo dringend vor als möglich. Allein der Wächter lachte ihm höhniſch ins Geſicht und fragte ihn nur, ob er auch Geld habe, zu bezahlen, alsdann ſolle er Speiſen erhalten. Dann warf er die Thür wieder zu und ſchob die mächti⸗ gen Riegel vor. Die Gefangenen waren außer ſich vor Wuth, als ſie dieſe Antwort vernahmen. Kaum vermoch⸗ ten Aſſigny und Brüat ſie von dem thöricht verwegenen Verſuch abzuhalten, die Pforten ihres Kerkers zu zerſprengen. 4 Indeß dauerte es nicht lange, ſo öffneten ſich dieſe von ſelbſt und der ſardiniſche Conſul trat ein; Aſſigny flog in ſeine Arme.„Gott, welch ein Aufenthalt!“ rief der Ein⸗ tretende beſtürzt;„wohl mir, daß es mir gelungen iſt, Ihr Schickſal zu mildern. Der Dey hat geſtattet, daß die Offiziere ihre Wohnung bei den Conſuln nehmen dürfen; mit Freuden nehme ich ſie alle bei mir auf. Die Mannſchaf⸗ ten will er indeß durchaus in dem einmal für ſie beſtimm⸗ ten Gefängniß behalten und keine Vorſtellung hat ihn da⸗ von abbringen können. Alſo, mein Freund, folgen Sie mir ſchnell aus dieſem abſcheulichen Kerker und laden Sie Ihre Freunde und alle Männer von Bildung ein, gleich⸗ falls bei mir ihr)e Wohnung zu nehmen.“—„Sie ſind ein großmüthiger Freund,“ entgegnete Aſſigny;„allein kein — — 273— Führer wird die Seinigen verlaſſen wollen. Ich theile das Schickſal meiner treuen Kameraden; ſo lange ſie hier im Elende ſchmachten müſſen, werde ich ſie nicht verlaſſen.“ Auf dieſe edelmüthigen Worte erhob die ganze Schar einen Freudenruf; es war, als kehre ihnen dadurch mit einem Male alle Hoffnung, aller Lebensmuth zurück. Sie drängten ſich um den wackern Führer her, ergriffen ſeine Hände, küßten und drückten ſie, vergoſſen Thränen der Freude. Es wurde Aſſigny ſchwer, ſich wieder loszumachen. „Sie haben vollkommen recht,“ entgegnete der Con⸗ ſul, den dieſes Schauſpiel wahrhaft gerührt und erſchüttert hatte.„Aber ſprechen Sie jetzt ſelbſt, was bleibt mir nun für Sie zu thun übrig?“ „Unendlich Vieles werden wir Ihnen verdanken können, theuerſter Freund. Bis jetzt hat man uns ohne alle Nah⸗ rung und Erquickung hier gelaſſen und ſoeben die grauſame, höhniſche Antwort ertheilt: wenn wir Geld zum Bezahlen hätten, wolle man uns auch Speiſe geben. Geben Sie uns daher Geldvorſchüſſe, für die ich Ihnen im Namen der franzöſiſchen Regierung mit meinem Ehrenworte hafte, und wenn Sie es vermögen, vermitteln Sie es, daß man uns einen geſunderen Aufenthalt als dieſes unterirdiſche Ge⸗ fängniß nachweiſe.“ Der Conſul verſprach, die Bitten des Capitains nach Kräften und möglichſt ſchnell zu erfüllen; deshalb verließ er den Kerker ſo eilig als möglich. Schon nach einer Viertelſtunde wurde man die Wir⸗ kung ſeiner Thätigkeit gewahr; denn die Kerkerpforten öff⸗ neten ſich und einige Leute des Conſuls trugen große Körbe mit Brot, Früchten und Rum herein. Dieſe Nah⸗ rungsmittel wurden ſogleich vertheilt und die Stärkung belebte die Entkräfteten mit neuer Hoffnung. 12*Q* — — 2714— Einige Stunden ſpäter kam der Conſul ſelbſt wieder in das Gefängniß hinab.„Leider,“ ſprach er,„ſind alle meine Verſuche, Ihnen ein geſunderes Gefängniß zu verſchaffen, fehlgeſchlagen; doch habe ich wenigſtens ſo viel erreicht, daß · 3 man Sie täglich einige Stunden auf den Hof des Bagno laſſen wird. Dort werden Sie freilich mancher Verhöhnung ausgeſetzt ſein; aber bedenken Sie, daß Sie unter barba⸗ riſche Völkerſtämme gerathen ſind, denen die edleren Ge⸗ fühle der europäiſchen Nationen, die Schonung des Un⸗ glücks, des gefangenen, wehrloſen Feindes, durchaus fremd ſind. Was Ihre Nahrung anlangt, ſo dürfen Sie ein⸗ kaufen, was Sie auf dem Markt von Algier finden. Ich werde für die Bereitung Sorge tragen und Ihnen die Speiſen, ſo gut es möglich iſt, hieher ſchaffen laſſen. Auch hat man mir, da Sie Rechnungsgeſchäfte, Briefe an Ihre Regierung und dergleichen zu beſorgen haben werden, auf dringende Vorſtellung ein kleines Gemach, das hier auf dem anſtoßenden Gange liegk, bewilligt, damit Sie dort Ihre Papiere aufbewahren und Ihre Geſchäfte betreiben können. Ihre Lage iſt hart, aber hoffentlich wird ſie nicht 7 lange dauern, denn den Nachrichten aus Toulon zufolge i*ſt die franzöſiſche Flotte abgeſegelt und muß nächſtens an dieſer Küſte landen. Der wärmſte Dank wurde dem thätig hülfreichen Nann für ſeine menſchenfreundlichen Bemühungen. Blieb gleich die Lage der Gefangenen noch immer ſehr traurig, ſo war ſie doch um Vieles gebeſſert worden und nun wenigſtens zu ertragen. Giacomo wurde, als der Landesſprache kundig, und überdies zuverläſſig, mit dem Geſchäft des Einkaufs der Speiſen beauftragt. Er nahm dazu jedesmal vier Matro⸗. ſen mit, wozu die Erlaubniß ebenfalls durch den Conſul 8 — 275— ausgemittelt war, und bediente ſich derſelben zu Trägern. Es dauerte nicht lange, ſo wurden dieſe ſo bekannt in Algier und lernten die Preiſe, die Ausdrücke beim Kauf und Verkauf ſo kennen, daß ſie auch ohne Giacomo das Einkaufsgeſchäft übernehmen konnten.— Natürlich wurden ſie bei jedem Gange von einigen Türken begleitet, deren Habſucht oder Begier ſie nach Umſtänden ſtets durch Ge⸗ ſchenke an Speiſen oder an Geld zu befriedigen hatten, wenn ſie nicht durch die Willkür derſelben ſehr gedrückt und beſchränkt ſein wollten. So verſtrichen mehre Tage durchaus gleichförmig. Gia⸗ como, gewandt und ſchlau, benutzte jeden Gang, um ſich in Algier möglichſt genau zu orientiren; zugleich ſuchte er von Neuigkeiten zu erfahren, was nur irgend möglich war, und wandte ſich deshalb vorzüglich an die Juden, denen er beſſere Preiſe für ihre Vorräthe an Fleiſch, das er beſon⸗ ders von ihnen zu kaufen pflegte, bewilligte, falls ſie ihm Nachrichten von Wichtigkeit über die vor dem Hafen kreu⸗ zende Flotte, über die Erwartung der Landung und der⸗ gleichen mehr zu geben vermochten. So blieb er über die Vorgänge in der politiſchen Welt ſtets unterrichtet und hinterbrachte, was er erfuhr, getreulich ſeinen beiden Vor⸗ geſetzten. Eines Tages kam er mit leuchtenden Augen, vor Freude zitternd, in den Kerker zurück. „Capitain,“ rief er,„unſere Rettung iſt nahe. Die Flotte iſt gelandet; die Türken ſind gänzlich geſchlagen wor⸗ den. Wenige Stunden von hier iſt das Lager der Fran⸗ zoſen aufgeſchlagen. Vielleicht in wenigen Wochen weht die weiße Fahne von den Mauern Algiers herab!“ Die Matroſen brachen in lauten Jubel aus bei dieſer Nachricht. Mit Mühe mußten die Führer dieſe Zeichen — 2766 der Freude dämpfen, da ſie den Feind leicht zur Wuth rei⸗ zen und das Verderben der ganzen Mannſchaft werden konnten. Deſto mächtiger aber erhob das Gefühl vaterlän⸗ diſchen Stolzes und hoher Freude ihre Bruſt und erfüllte Alle mit Hoffnung, Muth und Kraft der Ausdauer für ihr Schickſal. Selbſt die Kranken, deren es in dem feuch⸗ ten Gewölbe nicht wenige gab, richteten ſich erquickt und geſtärkt empor und das Roth der Freude überflog ihre bleichen, eingefallenen Wangen. Nachrichten dieſer Art folgten jetzt öfter auf einander. Fünf Tage nach der Landung fand die Schlacht bei Staouch Eli ſtatt, in der das ganze Lager der Türken verloren ging. Das Heer der Franzoſen rückte ſo raſch vor, daß die Ge⸗ fangenen ſchon das nahe Ende ihrer Leiden vor Augen ſahen. Jetzt vernahmen ſie ſogar ſchon oft den entfernten Donner der Kanonen und mit feierlicher Erhebung drang er in ihre Herzen. Sie knieten nieder zum Gebet, wenn die dumpfen Schüſſe in ihren einſamen Kerker berabdröhnten. Jedoch wurde ihre Lage ſchlimmer und bedenklicher. Denn der Grimm der Türken über die Siege des chriſtlichen Heeres hatte ſchon mehrmals gedroht, ſich an den gefange⸗ nen Opfern auszulaſſen. Nur der verdoppelten Anſtrengung des ſardiniſchen Conſuls gelang es, das Verderben von ihren Häuptern abzuwenden, indem er die Türken durch das Bild der furchtbaren Rache des Feindes ſchreckte, wenn auch nur ein einziger der Gefangenen getödtet würde. Indeß rückte das Heer der Franzoſen immer näher und näher gegen die Stadt an und ſchon wurden die Zugänge zu derſelben ſorgfältig bewacht gehalten. In dieſen Tagen ging der Malteſer eines Vormittags wieder aus, um Vorräthe zu kaufen und Nachrichten ein⸗ zuſammeln. Er nahm abſichtlich ſeinen Weg gegen das — 277— ſüdliche Thor nahe bei der Caſauba, weil von dorther die meiſten Boten hereinkamen; zugleich wohnte auch in jener Gegend ein Israelit, von dem er ſchon Manches gekauft hatte. Dicht am Thore hatte ein beduiniſches Weib ihren Kram von Früchten, Reis und Gartengemüſen aufgeſtellt, um ihn zum Kauf auszubieten; Giacomo ging mit ſeinen Beglei⸗ tern auf dieſelbe zu und warf dabei neugierig ſeine Blicke zum Thore hinaus, um zu ſehen, ob er nicht vielleicht auf irgend einer Anhöhe ſchon franzöſiſche Wachtpoſten entdecken könnte. Indem er ſo ſtand und ſich ſpähend umſah, wurde er eines Reiters gewahr, der auf einem Maulthier des Weges daher kam. Er trug einen langen, weißen Bart, hatte das Haupt mit einem ſchwarzen Barett bedeckt, und war in einen weiten Mantel von derſelben Farbe gehüllt; dies iſt die gewöhnliche Tracht algieriſcher Juden. Giacomo hoffte, da derſelbe von außen her kam, etwas von ihm zu erfahren, und verzögerte, daher ſeinen Ankauf unter allerlei Vorwänden, damit der Reiter erſt herankommen möchte. Je näher dieſer kam, deſto begieriger wurde Giacomo ihn zu ſprechen, da ihm die edle Geſtalt, die ausdrucksvollen Züge des alten Mannes auffielen. Langſam, ſich überall mehr als vorſichtig, faſt beſorglich umſchauend, ritt dieſer näher und in das Thor hinein. So wie die türkiſchen Soldaten, welche den Malteſer als Aufſeher begleiteten, dies ſahen, ſprangen ſie heftig auf ihn los, riſſen den Alten von ſei⸗ nem Maulthier herab und mishandelten ihn mit Fußſtößen und Säbelhieben. Ihr Zorn war dadurch erregt worden, daß der Iſraelit das algieriſche Geſetz, welches jedem Juden verbietet, in das Thor einzureiten, übertreten hatte. Gia⸗ como, den die ſprechenden, edlen Züge, die Würde des Mannes tief bewegt hatten, und der, des beſchimpfenden Geſetzes unkundig, die rohe Mishandlung gar nicht begrei⸗ — 278— fen konnte, wurde davon ſo überraſcht, daß er hinzuſprang, einen der Türken, der über dem beſtürzten, hülflos am Boden liegenden Iſraeliten den Säbel ſchwang, zurückriß und dem Greis von der Erde emporhalf. Dieſer ſchien über ſeine Jahre kräftig zu ſein, denn im raſchen Sprunge ſtand er wieder auf den Füßen und, von einem edeln, aber heftigen Zorn getrieben, packte er muthig und mit coloſſaler Kraft des Armes einen der auf ihn eindringenden Solda⸗ ten, warf ihn zu Boden und entriß ihm den Säbel, um ſich zu vertheidigen. Da in dieſem Augenblick der dritte Angreifer die Klinge über ihn ſchwang, vermied er durch einen raſchen Seitenſprung den Hieb und führte dann einen Streich auf den Gegner, von dem derſelbe ſogleich blutend niederſtürzte. So lagen im Augenblick die drei Soldaten am Boden; aber zugleich ſchien das Leben des Iſraeliten, ſowie das des Malteſers verloren, wenn ſie ſich nicht ſchleu⸗ nig retteten. Zum Glück war außer dem Beduinenweibe und den Matroſen, welche die Speiſekörbe aufgeladen hat⸗ ten, Niemand in der Nähe. Giacomo rief daher dem Iſraeliten zu:„Flüchte Dich mit mir, ſonſt ſind wir Beide verloren.“ Und ſchon war er auf behenden Füßen in eine enge Seitengaſſe geſprungen, die er vollen Laufs hinunter rannte; der Iſraelit folgte ihm auf dem Fuße nach. Die Gaſſe krümmte ſich, es kamen Quergaſſen, Giacomo rannte hinein; er ſprang flüchtig fort wie ein Reh, gewann bald eine größere Gaſſe und erreichte endlich einen einſamen Theil der Stadt, wo er Athem zu holen und ſich nach ſei⸗ nem Gefährten umzuſehen wagte. Dieſer war, trotz ſeiner Jahre, dicht an ihm geblieben; beide ſahen ſich jetzt einan⸗ der verwundert an und ſchienen ſich zu fragen, wie ſie eigentlich ſo plötzlich in dieſe Lage der engſten Verbindung des Schickſals gekommen waren. 4 — — 279— „Für den Augenblick hätten wir den Kopf auf unſern Schultern gerettet!“ rief Giacomo.„Aber jetzt, Alter, mußt Du Nath ſchaffen. Du mußt mich bei Dir verber⸗ gen, ſonſt bin ich verloren!“ „Bei mir?“ rief jener erſtaunt aus;„ich bin ſo fremd in Algier, daß ich nicht eine Gaſſe kenne, viel weniger ein Haus hier beſitze!“ „Wie!“ rief Giacomo,„biſt Du denn nicht ein Jude aus dieſer Stadt?“ „Jehovah iſt freilich der Gott meiner Väter,“ erwiderte der Jude verlegen, allein ich bin fremd hier. Ich wohne im Innern des Landes, in Belida, und war auf einer Reiſe hieher begriffen.“ „So wirſt Du doch hier einen Glaubensgenoſſen, einen Geſchäftsfreund kennen?“ fragte Giacomo weiter.„Er muß uns verbergen, bis wir aus der Stadt entkommen können. Dann flüchten wir ins franzöſiſche Lager. Dort ſind wir geborgen!“. „Ins Lager der Franzoſen?“ rief der Alte mit ſichtli⸗ cher Bewegung.„Wie weit iſt es noch von Algier? Rücken ſie vor?"“' „Ei was!“ rief Giacomo, indem er den Alten, der ſtillſtehen wollte, vorwärts zog,„zur Beantwortung dieſer Fragen iſt jetzt keine Zeit. Sprich lieber raſch, ob Du keinen Deiner Glaubensgenoſſen hier kennſt, zu dem wir uns flüchten könnten!“ „Ich kenne nur einen, ſein Name iſt Baruch. Er hat bisweilen Geſchäfte in Belida gemacht; allein ſeine Woh⸗ nung weiß ich nicht. Ich hoffte wohl, ihn zu erfragen, da ich ganz arglos hier hereinritt; aber dieſer raſende Ueber⸗ fall, den ich mir gar nicht erklären kann und der jetzt mein Leben in Gefahr bringt, macht es unmöglich.“ — 280— „Baruch! Baruch!“ ſprach Giacomo nachſinnend.„Mir däucht, ich hätte den Namen hier ſchon gehört. Iſt er nicht ein Kraut⸗ und Fleiſchhändler?“ „Ganz recht,“ antwortete der fremde Jude, ich ver⸗ kaufte ihm ſtets die Gemüſe aus den Gärten meines Herrn.“ „Deines Herrn?“ fragte Giacomo.„Biſt Du denn in Dienſten? Ihr pflegt ja ſonſt lieber in der tiefſten Arm⸗ ſeligkeit zu leben, als einem Mahomedaner zu dienen? „Er war auch nicht eigentlich mein Herr, allein er be⸗ ſaß große Güter, und ich, da ich mich auf die Garten⸗ zucht verſtehe, hatte die Aufſicht darüber und betrieb den Verkauf der Früchte.“ Giacomo hörte dieſe Erklärung nicht ſonderlich aufmerk⸗ ſam an, ſondern fragte weiter:„Es iſt doch derſelbe Ba⸗ ruch, der auch mit Spezereien nach Europa handelt? Er hat eine kleine, häßliche Frau, aber ein gutmüthiges Müt⸗ terchen.“ „Sein Weib kenne ich nicht,“ ſprach der Fremde;„er ſelbſt aber iſt leicht kenntlich, denn er iſt klein, hager, vom Alter gekrümmt und hat ein ängſtliches, aber ſchlaues Weſen.“ „Ganz recht, es iſt mein Mann. Er wohnt in der Gaſſe, die zum Hafen führt. Dorthin ließe ſich ſchon ge— langen. Aber dürfen wir ihm auch vertrauen? Hat er Verbindlichkeiten gegen Euch? Er wagt ſein Leben, wenn er uns aufnimmt!“ 3 „Ich mag für ſeine Geſinnung nicht haften, doch glaube ich, würde er uns, wenn ihm ein anſehnlicher Lohn gewiß wäre, in ſeiner Behauſung aufnehmen.“ „Was Belohnung! Habt Ihr etwas daran zu wenden? Ich meines Theils bin ein armer Teufel!“ „Auch ich beſitze wenig,“ ſprach der Fremde einiger⸗ — e— — 231— maßen verlegen, ſo daß es ſchien, als ſage er nicht ganz die Wahrheit. „Da haben wir's!“ rief der Malteſer,„euch Juden geht der Dukaten über den Kopf! Es gilt das Leben und“ Ihr wollt knauſern! Pfui Teufel! Euretwegen habe ich mich in den verhenkerten Handel geſtürzt und jetzt wollt Ihr zaudern, ein paar Goldſtücke herzugeben!“ „Ihr irrt Euch!“ erwiderte der Fremde mit einem Ton und einer Miene, in denen eine überzeugende Kraft lag. „Ich weiß, daß ich Euch vielleicht das Leben danke; Ihr hättet allenfalls ſchon ſehen können, daß Ihr mit keinem feigen Bu⸗ ben zu thun habt. Seid hiermit verſichert, daß ich Alles, was ich an Geld und Kräften beſitze, anwenden werde, um uns zu retten.“ Giacomo fühlte ſich durch die edle Sprache und Hal⸗ tung des Fremden mit einer Art von Ehrfurcht gegen ihn erfüllt und ſeine raſchen, unvorſichtigen Worte reuten ihn. „Nehmt's nicht übel, Freund! Aber gewöhnlich macht man mit den Leuten Eures Glaubens ſchlechte Geſchäfte. Es ſoll mir lieb ſein, wenn Ihr eine Ausnahme macht; und wahrhaftig, ich glaube das jetzt von Euch.“ Unter dieſen Geſprächen waren Beide immer raſch vor⸗ wärts geſchritten; Giacomo hatte durch allerlei winkelige Quergaſſen, die kaum zwei Schritte breit waren, den näch⸗ ſten Weg nach dem Hafen einzuſchlagen geſucht. So be⸗ fanden ſie ſich denn jetzt in der Gaſſe, wo Baruch wohnte, hatten jedoch noch ein gutes Stück in derſelben hinauf⸗ zugehen. Bisher waren wenig Leute auf der Straße zu ſehen ge⸗ weſen; in dieſer Gaſſe aber, welche den Weg zum Hafen bildete, fand ein buntes Treiben der Menge aneinander vorüber ſtatt. — 282— Mitten in dem Gewimmel des Volkes ſah man auch einen vornehmen Türken reiten, dem viele Diener zu Pferde folgten. „Wenn die wittern könnten, was wir auf dem Gewiſ⸗ ſen haben,“ ſprach Giacomo, und deutete, indem er den Fremden anſtieß, mit dem Finger auf die Reiter,„ſie würden uns verwünſcht in die Beichte nehmen.“ Der Fremde blickte auf, ſchreckte zuſammen und rief: „Gott! Ich bin verloren, es iſt Abukan, mein Herr!“ „Was will er Euch denn thun?“ fragte Giacomo; allein jener gab ihm keine Antwort, ſondern drängte ſich eilig auf die Seite, indem er das Geſicht nach den Häu⸗ ſern wandte und ſich unter die Menge miſchte, in der Hoffnung, von dem ſchon dicht herangekommenen Reiter nicht bemerkt zu werden. Aus begreiflichem Antriebe folgte ihm der Malteſer und machte die Sache ſo eigentlich erſt ſchlimm; denn Zwei, die ſich abſeit ſchleichen, werden natür⸗ lich leichter bemerkt. Ueberdies war die Tracht Giacomo's von der Art, daß er ſogleich als ein Fremder auffiel, und man hatte ihn ſchon zu oft in den Gaſſen von Algier ge⸗ ſehen, um nicht zu wiſſen, daß er zu den gefangenen Franken gehöre. Seine Geſtalt war es daher, welche die Blicke des ſtolz auf ſeinem arabiſchen Schimmel daher rei⸗ tenden Abukan's zunächſt auf ſich zog. Es fiel demſelben auf, daß er allein, ohne Begleitung gehe, und da er ihn einem Juden nachſchleichen ſah, welche in ſtetem Verdacht der Verrätherei ſtanden, ſchöpfte er Argwohn. „Hel Frank! Wohin? Wo iſt Deine Wache?“ rief er.„Was haſt Du mit jenem Manne von Abrahams 1 verfluchtem Stamme zu ſchaffen?“ Giacomo, der ſo leicht die Geiſtesgegenwart nicht ver⸗ lor, antwortete ſchnell:„Es iſt ein Gemüſehändler, euis — — — 283— Wir kaufen häufig von ihm!“ Vielleicht hätte die ſchnelle, unbefangen gegebene Antwort dem Fragenden genügt, wenn nicht der Fremde, der ſchon einige Schritte vorbei war, zu eilig fortgeſchritten wäre und dabei durch auffallendes Bücken ſein Geſicht zu beſorglich verſteckt hätte. „Ich traue Euch nicht!“ rief Abukan;„führt mir den Juden her! Du weiche nicht von dieſer Stelle!“ Sogleich ſprengten zwei Reiter auf den Juden zu und zwangen ihn umzukehren, um ſich vor ihren Herrn zu ſtellen. Giacomo, der vor dem Roſſe Abukan's ſtand, ſah ſeinen Schickſalsgenoſſen heranſchreiten. In den Zügen deſſelben drückte ſich eine ſo edle Entſchloſſenheit aus, zugleich aber auch ein ſo tiefer Schmerz, daß der Anblick dieſer hohen, mit gebietendem Anſtande herbeiſchreitenden Geſtalt ihn auf das wunderbarſte bewegte. Er ahnte ſogleich, daß hier ein Geheimniß im Spiel ſein müſſe; einige Worte des Ge⸗ ſprächs, welches er mit dem Fremden gehabt hatte, der Ausdruck ſeines Geſichts, ſein hoher Anſtand, Alles über⸗ zeugte ihn, er ſei kein Iſraelit, ſondern habe dieſe Kleidung nur als Verkappung gewählt. Eine unerklärliche Ehrfurcht, welche das Weſen dieſes räthſelhaften Mannes ihm einflößte, erfüllte jedoch ſeine Bruſt ſo ganz, ſo wunderbar, daß er das drohend heranziehende Ungewitter der Gefahr, die über ſeinem Haupte ſchwebte, einen Augenblick völlig vergaß. Der Fremde kam feſten Schrittes heran und blieb in aufrechter, ſtolzer Haltung, wie ein Mann, der keine Furcht kennt, ſondern dem unvermeidlichen Schickſal mit Ent⸗ ſchloſſenheit entgegentritt, vor Abukan ſtehen. „Wie!“ rief dieſer,„täuſchen mich meine beiden ſonnenklaren Augen, oder ſehe ich meinen Sklaven Haſ⸗ ſan in dieſer Verkappung vor mir? Beim Propheten! Er ſſt es!“ — 281— „Ich bins,“ war die feſte, ruhige Antwort des Fremden. „So ſtolz? Auf der That ergriffen und noch über⸗ 4 müthig? Unterwürfiges Flehen hätte meinen Zorn vielleicht in Gnade verwandelt, ihn wenigſtens gemildert. Jetzt iſt Dein Loos unwiderruflich beſchloſſen, Du ſtirbſt!— Und jener Franke mit ihm!“ rief er den Begleitern zu, indem er auf Giacomo zeigte.„Führt ſie Beide in den Kerker!“ „Jener dort iſt ſchuldlos!“ rief Haſſan, in deſſen Miene nicht die mindeſte Verzagtheit zu leſen war;„ich befragte ihn um den Weg, er führte mich.“ „Du lügſt, Sklave,“ erwiderte Abukan mit zornfun⸗ kelnden Augen,„er hat ſich ſchon als Dein Geſell verra⸗ then, denn ſein lügneriſcher Mund nannte Dich einen Ge⸗ müſehändler, von dem er oft gekauft habe. Fort mit Bei⸗ den! Sobald ich zurückkehre, ſollen ſie vor meinen Augen 6 ſterben.“— Mit dieſen Worten ſprengte er die Gaſſe raſch hinab, während vier ſeiner Begleiter die Unglücklichen in ihre Mitte nahmen und ſie nach Abukan's Hauſe führten. Haſſan wandte ſich mit einem Blick des unbeſchreiblichſten Schmerzes nach ſeinem Begleiter Giacomo um.„Freund! Du wirſt durch mich ins Verderben geſtürzt!“ ſprach er, und eine Thräne rollte ihm aus den ſchwarzen, großen Augen über die bleiche, tiefgefurchte Wange herab. Aber ehe er weiter ſprechen oder jener antworten konnte, trieben die türkiſchen Reiter ihn vorwärts und duldeten es nicht mehr, daß er nach— dem Gefährten zurückblickte. Nur zu bald ward ihnen indeſſen volle Muße des Ge⸗ ſprächs mit einander. Das Haus Abukan's lag wenige hundert Schritte von de ⸗Orte, wo man die Unglücklichen ergriffen hatte. Die Peete öffete ſich, man führte die Gefangenen in den Hof und von dort in einen ziefen, nur 4 v“ — 2 6— von einem kleinen Gitterfenſter erhellten Keller, der ihr Ge⸗ fängniß wurde. So lange ſie von den Türken begleitet wurden, hatten Beide keine Sylbe geſprochen; jetzt, als dieſe ſie verließen und die Thür ſich hinter ihnen ſchloß, blickte Haſſan den Malteſer mit dem Ausdruck des tiefſten Schmerzes an und rief:„Freund! Du retteteſt mein Leben und ich ſtürze Dich in den Tod!“ Giacomo war freilich ein wenig kleinmüthig geworden, indeß übte das Ehrfurcht gebietende Weſen des Fremden eine ſolche Gewalt über ihn, daß er ſich an der edeln Kraft deſſelben emporrichtete und mit einer gewiſſen mu⸗ thigen Heiterkeit ſprach:„Je nun! Es iſt ein Unglück für uns Beide! Aber wer kann's ändern? Wer hat's verſchuldet? Ich gebe freilich keine trockene Feige für unſer beider Leben. Aber ich denke, wir wollen wenigſtens ſterben wie ein paar wackere Soldaten.“ Dabei drückte er Haſſan's dargebotene Hand mit warmer Herzlichkeit. „Du biſt Soldat?“ fragte dieſer. „Ein ehrlicher Matroſe in Dienſten Seiner Majeſtät des Königs von Frankreich!“ „Von Frankreich!“ rief Haſſan und ſein dunkles Auge warf Feuer!„Du biſt ein Franzoſe?“ „Nicht ſo ganz! Ich kann mich eben ſo gut für einen Engländer, Griechen oder Italiener halten. Mein Vater⸗ land iſt Malta; aber ich diene auf der Flotte Karls des Zehnten. „O Du biſt dennoch mein Landsmann!“ rief der Fremde plötzlich in franzöſiſcher Sprache, ſchloß den erſtaunten Gia⸗ tomo in die Arme, küßte ihn mit Heftigkeit und äben ſtrömte ihm das Antlitz mit warmen Thypänen. „Ihr ſeid aus Frankreich?“ rief er Phihfals franzöſi ic. ——2 286— „Ich höre den ſüßen haunng meiner Murterſprache! Nach funfzehn Jahren zum erſten Male! Allmächtiger Gott! Du zerreißeſt mein duldendes Herz durch Entzücken und Schmerzen zugleich! Es iſt zu viel!“ Und eben Der, welcher ſein Todesurtheil vor wenigen Minuten mit der kalten Unerſchütterlichkeit eines Helden ge⸗ hört hatte, deſſen Züge ſich dabei ſo wenig veränderten, als wären ſie in Marmor gehauen, er ſtand jetz zitternd, auf die Schulter ſeines Gefährten gelehnt nnd brach faſt zuſammen unter dem Sturm ſeiner Seele und ſeine männ⸗ lichen Augen zerfloſſen in Thränen. Neuntes Capitel. Es herrſchte einige Minuten lang ein tiefes Schweigen in dem dunkeln Gruftgewölbe. Gleich einem Felſen hatte Haſſan ſich bisher dem mächtigen Strom der Empfindun⸗ gen ſtarr und unbeweglich entgegengeſtemmt; endlich aber war die Flut zu hoch angeſchwollen, der Damm des eiſer⸗ nen Willens zerriß und im freien Erguß ſtrömten die Wo⸗ gen dahin. Seine Kraft war gebrochen, er vermochte den Schmerz nicht mehr zu bezwingen; ſo mußte er ihm denn jetzt freien Lauf laſſen, bis er ſich ſelbſt erſchöpfen und in ſanfteren Wellen ruhiger dahinziehen würde. Den rechten Arm hatte er um Giacomo's Nacken ge⸗ legt, mit der Linken deſſen Hand gefaßt, die er in tiefer Bewegung mit mehr als Freundeswärme und Innigkeit drückte, während er das müde, ſchwere Haupt tief herab⸗ — 287— ſenkte und es ſanft gegen Ae Wange ſeines getreuen Un⸗ glücksgefährten lehnte. Unaufhaltſam floſſen ſeine Thränen; nur einzelne Worte drängten ſich aus der Tiefe ſeiner wal⸗ lenden Bruſt herauf.„Mein Vaterland! Mein Lands⸗ mann! Der ſüße, längſt entbehrte Laut der Mutter⸗ ſprache!“ Das redliche Herz Giacomo's, ſo einfach und wenig ge⸗ bildet er war, verſtand dennoch das ſchmerzlich ſüße Glück ſeines Genoſſen; auch er konnte ſeiner Bewegung nicht länger gebieten und mußte mit dem tief erſchütterten Greiſe weinen. Er erwiderte den Druck ſeiner Hand mit biederer Herzlichkeit und ſprach wohlmeinend und tröſtend:„Guter, alter Vater! Härmt Euch nicht zu ſehr! Zwar iſt uns jetzt das Meſſer nah' an die Kehle geſetzt, aber doch iſt noch nicht Alles verloren, und entweder gelingt es uns, aus die⸗ ſem Kerker zu entfliehen, oder wenigſtens den Tod abzu⸗ wenden. Dann befreien uns unſere Landsleute, die binnen kurzem hier in Algier einrücken müſſen, aus dieſem ver⸗ wuͤnſchten Loch.“ Nachdem die heftige Wallung des Gemüths in der Seele des Fremden ſich ein wenig beſänftigt hatte, ſprach er: „Lieber Freund und Gefährte! Du gehſt meinetwegen in den Tod! Ich kann Dir's nicht vergelten, ich kann Dich nicht erretten. Dein Lohn wird Dir jenſeits werden. Vielleicht haben wir nur noch wenige Augenblicke zu leben. Sie werden mir ſanft dahinſchwinden, wenn Du mir von mei⸗ ner Heimat erzählen kannſt. Seit funfzehn Jahren habe ich beklagenswerther Mann kein Wort von meinem Vater⸗ lande, von den Meinigen vernommen! Ich habe keinen Landsmann geſehen, keinen Laut meiner Mutterſprache ge⸗ hört!— Denke, wie ſich mein Herz danach ſehnt, und füge zu alle dem Guten, das Du mir gethan, auch dieſen Dienſt der Liebe, gib mir Kunde von Frankreich, von mei⸗ ner Heimat!“ „Wahrhaftig, das will ich mit tauſend Freuden thun!“ rief Giacomo;„womit ſollten wir auch die Zeit in dieſem dumpfen Loch beſſer zubringen, bis ſie uns herausholen? Alter, kommt, wir wollen uns auf dieſe Schwelle ſetzen. Dann will ich mir und Euch die Zeit verplaudern, als ſäßen wir in einer Hafenſchenke und ſchwatzten. Fragt nur, wenn Ihr etwas wiſſen wollt; ich denke, ich kann Ant⸗ wort geben.“ Sie ſetzten ſich auf die niedrige Steinſtufe unter der Pforte des Kerkers. Giacomo ſah ſeinen Gefährten freu⸗ dig an, als wolle er ſagen:„Nun? fragt doch!— Dieſer bebte heftig; tauſend Fragen ſchienen ſich zugleich auf ſeine Lippen zu drängen. Jede war ihm gleich wichtig; jede Ant⸗ wort drohte ihm eine theure Hoffnung zu vernichten, eine tiefe Wunde zu ſchlagen. Endlich öffnete er die Lippe. 8 „Du ſagteſt vorher, mein Sohn, Du dieneſt Karl dem Zehnten. Iſt Ludwig der Achtzehnte nicht mehr König von Frankreich?“ „Seit ſechs Jahren ruht er in St. Denis. Sein Bru⸗ der, Graf Artois, ſitzt jetzt auf Frankreichs Thron.“ „Alſo Ludwig der Achtzehnte iſt todt!— Und— und,“ das Wort wollte nicht über die Lippe, Giacomo ſah ihn fragend an.—„Und der Kaiſer Napoleon? Wo iſt er?“ „Der iſt längſt todt! Es mag wol ſchon zehn Jahre her ſein, daß er ſtarb.“ „Der Kaiſer todt!“ ſprach Jener mit leiſer, erſchütterter Stimme.„Und Karl der Zehnte ſitzt jetzt auf Frankreichs Thron?—— Todt! Schon zehn Jahre!“ „Ja,“ wiederholte Giacomo,„ein neun oder zehn Jahre iſt's her.“ — 289— Der Fremde war aufgeſtanden. Mit untergeſchlagenen Armen und geſenktem Haupt ging er einige Male langſam auf und nieder. Vergeblich bemühte er ſich, den tiefen Gram, die gewaltſame Erſchütterung ſeiner Seele zu be⸗ kämpfen. Große Thränen drängten ſich auf's neue aus ſeinen Augen hervor. Er fuhr ſich mehrmals mit der Hand über die Stirn, aufwärts in das Haar, als wolle er ſich von dem Druck eines ſchweren, düſtern Gedankens, der ihn belaſte, oder von einem ſeine Sinne betäubenden Kopfſchmerz befreien. „Todt!“ wiederholte er nochmals,„todt!— Und wie ſtarb er? und wo?“ fragte er nach einer Pauſe. „Ihr habt gewiß unter ihm gedient?“ erwiderte Gia⸗ como, ſtatt zu antworten.„Nicht wahr, Herr? O ſagt mir Euern Namen, ich bitte Euch. Vielleicht ſollte ich Euch kennen!“ —Der Fremde blickte den Fragenden an. Er ſchien ſich zu beſinnen, ob er ihm Antwort geben ſolle. Nach einigen Augenblicken ſprach er:„Ja, Freund! Ich habe in ſeinen Schlachten gefochten, habe das Glück ſeiner Siege und die Tage ſeines Misgeſchicks getheilt. Doch ſeit funfzehn Jahren mußte ich meinen Namen in Vergeſſenheit begra⸗ ben; in Frankreich darf ich ihn niemals nennen, er wäre mein Todesurtheil. Dir, redlicher Freund, Dir verſchweige ich ihn nicht aus Mistrauen, aber meine Lippe wehrt ſich, ihn auszuſprechen, da ich ihn niemals mehr führen darf. Laß ihn mit mir begraben ſein. Wir ſtehen an der Pforte des Todes; drüben gilt ja doch kein Name mehr.—— Wenn Du indeſſen willſt, nenne mich Bernard; ich war Oberſt in dem Heere des Kaiſers.“ „Mein Oberſt!“ rief Giacomo, dem ſelbſt in dieſer Lage die Ehrfurcht vor einem Manne, der ſo hoch über ihm ſtand Relſſtab, Geſ. Schr. Neue F. I. 13 natürlich war.„Mein Oberſt!“ rief er und ſprang auf, indem er ſich mit Achtung und einer gewiſſen Blödigkeit ver⸗ beugte.„Ich bin wol bisweilen ſehr ungeſchickt verfahren—“ Der Oberſt zog ihn an ſein Herz.„Treuer Gefährte! Wir ſind Unglücksgenoſſen, ſind gleich vor dem rauhen Nichterſtuhl des Geſchicks. Ich aber bin Dir zum wärm⸗ ſten Dank verpflichtet, ich bin tief in Deiner Schuld, denn ich ziehe Dich in mein trauriges Loos hinein. Gott möge es mir bezeugen, dies iſt jetzt mein ſchwerſter Kummer!“ „Mein Oberſt!“ rief Giacomo mit Feuer,„ich bin ein ſo elender Burſch nicht, daß ich nicht zwanzigmal meinen ſchlechten Kopf daran ſetzen würde, um den Eurigen zu retten. Grämt Euch nicht meinetwegen. Wer weiß, ob mich nicht in kurzem die See verſchlungen hätte? Solcher Halmen, wie ich, wachſen Tauſende auf dem Felde; aber einen Baum, wieIhr ſeid, mein Oberſt, ſieht man nicht i fällen!“ der Oberſt drückte ihm ſchweigend die Hand. Seine Gedanken waren durch das Gleichniß Giacomo's wieder auf den Kaiſer gewendet worden.„Du haſt recht,“ ſprach er nach einigen Augenblicken,„wenn ein mächtiger, rieſenhaf⸗ ter Baum vom Sturme, dem er lange ſiegend getrotzt, endlich doch entwurzelt wird— das erſchüttert unſer Herz!— Der Kaiſer iſt todt. Du ſagteſt ai noch nicht, wie er ſtarb.“ „Je nun, mein Oberſt, ich denke, traurig genug für einen ſolchen Herrn. Ihr wißt doch von der Schlacht bei Waterloo? 5 „Ob ich weiß! Ja, mein Freund! Dort habe ich noch gefochten; allein was aus dem Kaiſer geworden, habe ich nicht mehr erfahren.“ „Er ging zu Schiff. In welchem Hafen weiß ich — — 291— wahrhaftig nicht. Aber die Engländer, in deren Schutz er ſich begeben wollte, nahmen ihn gefangen und brachten ihn nach St. Helena, jenſeit des Aequators. Kennt Ihr die Inſel, mein Oberſt?“ „Ja wohl! Und dort ſtarb er?“ „Vor etwa zehen Jahren.“ Der Oberſt ging raſch auf und nieder; ſeine Bruſt hob ſich kampfhaft, er ſeufzte mehrmals tief auf. „Ja,“ ſprach Giacomo,„der Kaiſer muß ein großer Mann geweſen ſein. Ich habe ihn nie gekannt, habe nur von ſeinen Thaten erzählen hören. Aber niemals werde ich's vergeſſen, wie mir zu Muthe war, als ich vor vier⸗ zehn Jahren auf einer Reiſe nach dem Cap an der Inſel St. Helena vorbeikam. Schon den ganzen Morgen, ehe wir die Inſel ſehen konnten, ging unſer Capitain unruhig⸗ auf dem Deck umher, ſah alle fünf Minuten durch's Fern⸗ rohr nach Südweſt und wiſchte ſich jedesmal die Augen danach, was er ſonſt nicht zu thun pflegte. Und wenn einer von uns lachte oder einen Scherz machte, ſo ſah er ihn an, als wolle er ihn in die See werfen laſſen. Alle Augenblicke rief er nach dem Schiffsjungen auf dem Maſtkorbe hinauf und fragte:„Siehſt Du Land?“ End⸗ lich ſchallte die Antwort herab:„Ja, Capitain!“ Er hinauf, mit dem Fernrohr in der Hand. Eine halbe Stunde blieb er droben. Wir ſegelten mit friſchem Wind. Dann kam er herunter, rief uns zuſammen und zeigte uns in Südweſt eine blaue, dämmernde Bergſpitze.„Seht Ihr die Inſel?“ fragte er.—„Ja.“—„Nun, Burſchen, wenn Ihr ein Herz in der Bruſt habt, jetzt muß es Euch ſchlagen. Der ſteile Berg dort iſt ein Kaiſerthron!“ Und dabei liefen ihm die Thränen über den Knebelbart, und wir ſahen hinüber, ſtill, als wenn das Allerheiligſte vorbei⸗ 13* — 292 getragen würde. Ich war nur Schiffsjunge auf einer ſchlechten Handelsbrigg, aber das merkte ich doch, daß der Kaiſer ein Mann ſein mußte, der Einem das Feuer in der Bruſt anzuzünden verſtand. Unſer Capitain blieb am Maſt ſtehen, wie eine Bildſäule, und ließ das Fernrohr nicht vom Auge. Den ganzen Tag ſprach er nicht ein Wort, und wir alle waren Euch auch ſo ſtill wie in einem Trauer⸗ hauſe. Man hörte nichts als das Rauſchen der See an unſerm Kiel und den Wind, der in den Tauen raſſelte. Nachts ſegelten wir ſo hart an der Inſel vorbei, als die eengliſchen Kreuzer es dulden wollten. Das Licht in den Häuſern am Ufer konnten wir ſchimmern ſehen. Doch am andern Morgen war Alles verſchwunden und wir ſahen nichts mehr, als das weite Meer. Unſer Capitain aber blickte wie gebannt nach dem Strich hinüber, wo die Inſel lag, und ich glaube, er hätte ſich nicht umgeſehen, und wenn wir gerade auf ein Felſenriff gerannt wären.“ Der Oberſt hatte der ſchwatzhaften Mittheilung Giaco⸗ mo's mit einer Art von Andacht zugehört. Jetzt fragte er weiter: „Und des Kaiſers Sohn?“ „Der lebt zu Wien. Heißt Herzog von Reichsſtadt.“ „Hat denn Keiner verſucht, ihn von dem Felſen im Südmeer zu erlöſen?“ Giacomo ſchüttelte den Kopf. „Lebt der Marſchall Ney noch?“ „Der iſt längſt todt!“ „Auch todt? Iſt denn Frankreich ein großer Sarg ge⸗ worden?— Wie ſtarb er?“ „Nun, er wurde erſchoſſen!“ „Alſo doch ein Soldatentod. In welcher Schlacht?“ „Was Schlacht! Die Pairskammer hatte ihn ja verur⸗ — 293— theilt, weil er dem Kaiſer, als er von Elba zurückkam, zuerſt die Hand geboten hatte!“ Hier verhüllte ſich der Oberſt mit ſeinem weiten ſchwar⸗ zen Mantel das Angeſicht und ſank erſchöpft auf die Stufe an der Pforte des Kerkers nieder. „Ihr habt wol den Marſchall genau gekannt, mein Oberſt?“ fragte Giacomo theilnehmend. Welcher Soldat hätte ihn nicht gekannt? Wen hätte er nicht zum Siege geführt?— Alſo verurtheilt! Erſchoſſen, auf dem Sandhügel kniend, mit verbundenen Augen, wie ein feiger Ueberläufer!“ „Nein, mein Oberſt, nicht mit verbundenen Augen! Er ſtand und ſchwenkte das Tuch, und ſein letztes Wort war, was er in dreißig Schlachten oft gerufen:„Feuer!“ — Da ſtürzte er hin. Das hat mir Einer erzählt, der's mit angeſehen.„Es war,“ ſagte er mir,„als wären wir alle mit gefallen von der Kugel, die ſein Herz durchbohrte.“ Der Oberſt ſtand wieder auf. Sein Angeſicht zeigte nicht mehr die gerührten Züge des tief Trauernden. Sein Auge rollte; tiefer Unwille und Erbitterung ſprach aus je⸗ der Miene. Er rief: „Und fanden ſich Krieger des franzöſiſchen Heeres, die ſich ſo tief entwürdigten, das Rohr auf ihren Feldherrn zu richten?— O entartete Zeit!— Und wer wagte es, dem das Todesurtheil zu ſprechen, dem Frankreichs Geſchichts⸗ bücher auf jeder Seite glänzende Unſterblichkeit verbürgten? — Daß wir fallen mußten, daß uns der Siegende richten würde wie Verbrecher, wenn gleich wir's nicht geweſen, das wußten wir; denn was hatten wir in die Waage zu legen gegen eine ſolche Beſchuldigung? Wir ſtritten auf Gewinn und Verluſt des Hauptes. Doch er!— Wog denn die eine Sylbe ſeines Namens nicht ſchwerer, a45 die — 294— wortſtrömenden Reden aller ſeiner ſcharfzüngigen Anklä⸗, ger?—— Höre auf, Freund, mir von meinem Vater⸗ lande zu erzählen, ſonſt muß ich meines Schöpfers Gnade preiſen, daß er mich in die Sklaverei an dieſe Küſte der Barbaren ſandte!“ 3 Giacomo ſchwieg betroffen, aber gerührt. Der Oberſt ging raſch auf und nieder; er blickte düſter zur Erde, oft⸗ mals ſtand er ſtill, drückte die Hände zuſammengefaltet krampfhaft gegen die Bruſt und blickte mit einem unter⸗ drückten Seufzer auf zum Himmel. „Ich muß Dich doch noch Manches fragen,“ begann er nach einigen Minuten.—„Lebt der Marſchall Soult noch?“ „Er lebt.“ Ein ſanftes ſchmerzliches Lächeln überflog die tiefgefurch⸗ ten Züge des Fragenden.„Doch Einer noch!“ ſprach er mit einem dankenden Blicke aufwärts.„Und er iſt doch der Erſte im Heere, geehrt vom Könige als die rühmlichſte Säule ſeiner Macht?“ „Daß ich nicht wüßte. Er lebt ganz in der Stille, wie man mir erzählt hat.“ „Und wem ſchenkt denn Karl der Zehnte mehr Ver⸗ trauen? Wer iſt denn der angeſehenſte Feldherr ſeines Heeres?“ „Nun, der Herzog von Raguſa!“ „Marmont?“——— Wer befehligt das Heer gegen Algier?“ „General Bourmont, mein Oberſt.“ „Gerechter Gott!— Und Ney iſt erſchoſſen!“ Dieſem Ausruf folgte ein krampfhaftes Lachen, daß die Gewölbe des Kerkers widerhallten; Giacomo ſchreckte heftig zuſammen. „Um Gottes willen, mein Oberſt, was fehlt Euch?“ — 295— „Nichts, guter Freund! Du haſt mir das Herz ſo leicht gemacht, ſo leicht! Glaube mir, vermöchte ich nur Dich zu retten, ich würde den Augenblick nicht erwarten können, wo mir Abukan das Haupt herunterſchlagen läßt.—— Nuhmwürdiger, tapfrer Feldherr, Du hatteſt wol recht auf dem Schlachtfelde von Waterlool Fünf Pferde waren unter Dir erſchoſſen, Dein Marſchallsrock ſo zerlumpt von Kugeln, daß der ſchlechteſte Stallbube Dir nicht ſeinen Wamms dafür gegeben hätte; Leichen lagen rings um Dich her, die Nacht ſenkte ſich herab, die Sichel des Todes mähte furchtbar fort im Dunkeln! Wir fielen Dir zu Füßen und beſchworen Dich, endlich dem Schick⸗ ſal zu weichen und wenigſtens Dein Haupt zu retten aus dem Schiffbruch! Du gabſt nach, ſprachſt aber zu uns: „Thoren, Ihr wißt nicht, wo der Tod ſchön iſt! Ich treffe es nicht wieder ſo glücklich!“— Wol hatteſt Du recht, Tapfrer der Tapfern! Dort ſtandeſt Du feindlichen Ku⸗ geln gegenüber; es war rühmlich, von ihnen zu fallen, es war eine Freude! Du konnteſt ſterben wie Deſaix auf Marengos Gefilden des Ruhms! Wir haben Dich darum betrogen! Uns dankſt Du es, daß Du franzöſiſche Krieger ſehen mußteſt, denen die Waffe nicht aus der Hand ent⸗ ſank, als ſie auf ihren Feldherrn anſchlugen!“ „Die armen Teufel ſtanden wol und bebten,“ ſprach Giacomo dazwiſchen.„Aber der Marſchall rief:„Kinder! Gehorſam iſt die erſte Pflicht des Soldaten! Hört auf mein Commando, wie ſonſt. Fehlt nicht! Es lebe Frank⸗ reich! Feuer!“— Da lag er auf dem Raſen. Es war im Garten des Palaſts Luxembourg zu Paris.“ —— Nlötlich ſtellte ſich der Oberſt in würdevoller, ſtolz emporgerichteter Haltung vor Giacomo hin, blickte ihn ſtarr mit leuchtenden Augen an, legte ihm die linke Hand — 296— auf die Schulter, erhob die Rechte mit ausgeſtrecktem Zeige⸗ finger gen Himmel und rief mit Heftigkeit:„Burſch! Ich ſage Dir, und friſteſt Du Dein Leben, ſo denke an meine Worte, ich ſage Dir, das Schwert der Vergeltung hängt an einem Haar über dem Haupte der Schuldigen! Es wird herabfallen, es muß herabfallen, fürchterlich, ehe das Jahr uns wiederkehrt, ehe der Mond ſich füllt, ehe der Morgen tagt, heut, jetzt——“ Die Stimme verſagte ihm, er drückte ſich beide Hände heftig vor die Stirn, dann ſanken ſie kraftlos herab: er er⸗ blaßte, wankte, brach zuſammen. Giacomo fing ihn in ſeine Arme auf, ließ ihn ſanft niedergleiten, ſetzte ſich auf ddie ſteinerne Stufe und nahm das ehrwürdige Haupt des DOhnmächtigen in den Schoos. A Zehntes Capitel. So verſtrich eine kurze Zeit, während welcher Giacomo tief betrübt, ſeines eigenen Schickſals vergeſſend, das ſtille, erhabene Angeſicht des alten Kriegers ehrfurchtsvoll und mitleidig betrachtete.— Endlich ſchlug dieſer die Augen weit auf und ſah erſtaunt umher, wie nach einem langen, ſchwe⸗ ren Traume. Doch bald beſann er ſich, lächelte ſchmerz⸗ lich gegen den über ihn gebeugten Gefährten hinauf und ſprach:„Jetzt weiß ich Alles! Es war kein Traum!— Und doch! Bald iſt der ganze Traum des Lebens ja zu Ende!“ Mit dieſen Worten richtete er ſich wieder empor und — 297— ſetzte ſich, das Haupt ſchwermüthig und müde in die Hand ſtützend, neben Giacomo nieder. „Ihr ſeid recht blaß geworden,“ ſprach dieſer mitleidig „könnte ich nur etwas zu Eurer Stärkung thun!“ „Meinſt Du,“ erwiderte der Oberſt ſchmerzlich lächelnd, „ich hätte nicht mehr ſo viel Kräfte, um die wenigen Stunden auszudauern, bis uns Abukan hinrichten läßt? Mir iſt wohl!—— Ich wäre mit Sehnſucht nach mei⸗ nem Vaterlande geſtorben, vielleicht hätte ich vor dem Tode gebebt! Du haſt mir einen traurig theuern Dienſt geleiſtet, Freund! Jetzt wünſche ich meines Lebens Ziel ſo ſehnſüchtig herbei, wie ein ſchwer Kranker den lindernden Schlaf.—— Laß uns noch ein wenig zuſammen ſprechen. Wie biſt Du nach Algier gekommen?“ „Wir litten Schiffbruch. Die Beduinen nahmen uns geefangen. Einen Theil der Unſrigen ſtachen ſie nieder, wir andern wurden nach Algier geführt.“ „Woher kamet Ihr denn?“ „Von Toulon.“ Bei dieſen Worten überflog ein Schimmer freudiger Röthe das Angeſicht des Oberſten und ſein düſtres Auge blitzte hell auf. „Von Toulon!“ rief er.„Biſt Du bekannt dort, Freund? O rede!“. „Was ſollte ich nicht. Ich habe dort Jahre lang auf den Werften gearbeitet. Faſt unſere ganze Schiffsmann⸗ ſchaft war aus Toulon.“ 1 „Kennſt Du Leute in der Stadt?“ „Ich werde doch!“ „Kennſt Du“— die Lippen bebten dem Fragenden— „kennſt Du nicht eine Frau von Clermont, die vielleicht dort lebt? 13** — 298— „Nein, mein Oberſt, dieſe nicht.“ „Du haſt ſie auch niemals nennen hören, weißt nicht, ob ſie lebt?“ „Doch; mir iſt ſo dunkel erinnerlich. Was den Teufel, wo habe ich denn ganz kürzlich den Namen gehört! Nur einen Augenblick, es wird mir einfallen!“ Der Fragende ſah ihn, mit äußerſter Spannung in den Zügen, bang erwartend an. „Jetzt hab' ich's. Unſer Lieutenant gab mir in Mahon einen Brief auf die Corvette l'Aigle zu beſtellen, die nach Toulon abging. Er war an Mademoiſelle Leontine von Clermont gerichtet.“ „Leontine! O gütiger Gott!“ „Ihr kennt ſie, mein Oberſt?“ „Es wird die Tochter der Frau von Clermont ſein. Sie hatte eine Tochter, welche Leontine hieß. Daß ich's Dir nur ſage, jene Frau von Clermont iſt— iſt meine Schweſter, lieber Freund!— Sie war zu Toulon verhei⸗ rathet und wohnte auf einem Landhauſe vor der Stadt.“ „Richtig, richtig!“ fiel Giacomo ein.„ZJetzt beſinne ich mich; unſere beiden Lieutenants von der Aventure wohnten draußen, als wir das letzte Mal in Toulon waren. Ich glaube, Mademoiſelle Leontine iſt die Braut unſeres Lieu⸗ nants.“ „Sie iſt Braut?“ ſprach der Oberſt mit ſanfter Stimme. „Sie iſt alſo glücklich! Guter, lieber Freund, Du glaubſt nicht, wie Du mein Herz durch dieſe Nachricht erfreut haſt. Leontine iſt Braut, iſt glücklich!“ „Glücklich? Ich weiß nicht, ob das ganz gewiß iſt, mein Oberſt.“— „Und warum nicht?“ „Je nun, wenn ſie ihren Bräutigam liebt, ſo wird ſie ————— den Beduinen ermordet. Er und ſein Bruder. Wenig⸗ ihn wol betrauern müſſen, denn er iſt wahrſcheinlich von ſtens unter Denen, die ſich hierher nach Algier gerettet haben, iſt er nicht!“ „Auch das noch!— Armes Kind!— Nein, Freund, jetzt erzähle mir nichts mehr von Frankreich!“ Stumm beugte er das Haupt herab; er ſprach nicht, er weinte nicht, ſein Auge heftete ſich ſtarr und trocken an den Boden. Giacomo wagte nicht, die Grabesſtille zu unterbrechen. So mochten ſie eine halbe Stunde geſeſſen haben, als es im Hofe, nach dem das Gitterfenſter des Kerkers hin⸗ ausging, lebendig und laut wurde. Reiter ſprengten herein, verworrene Stimmen brauſten durcheinander; Abukan war, ſo ſchien es, zurückgekehrt. Es dauerte nicht lange, ſo raſ⸗ ſelten die Schlüſſel und Riegel der Kerkerpforte; ſie wurde aufgethan und türkiſche Soldaten drangen ein. Sie gebo⸗ ten den Gefangenen, ihnen zu folgen. Man führte ſie in den Hof, der von Türken und Arabern wimmelte. Die Reiter waren abgeſeſſen; die Roſſe wurden von einigen ge⸗ halten und geführt; ſie ſchnaubten, ſtampften und wieher⸗ ten durcheinander. Die Männer erhoben ein lautes, be⸗ täubendes Geſchrei, als die Gefangenen aus der Kerker⸗ pforte heraustraten. Allein der Oberſt wurde dadurch nicht im mindeſten erſchüttert, ſondern ging ſtolz aufrecht, ma⸗ jeſtätiſch mitten durch das Volk hindurch, als ſei er der Gebieter deſſelben. Unwillkürlich wurden Diejenigen ſtill, vor denen er vorüberſchritt; Giacomo ermuthigte ſich an dem Anblick des gefaßten, unerſchütterten Mannes und beſchloß, wenigſtens nicht verzagt zu ſterben. In der Mitte des Hofraums waren zwei Pfähle aufge⸗ richtet. Abukan hielt zu Noß denſelben gegenüber und — 300— rief:„Bindet ſie dort an und dann ſchlagt ihnen das Haupt herunter!“ In zwei Minuten waren die Gefangenen mit feſten Banden an die Pfähle geſchnürt. Der Oberſt ſah ſich ernſt, aber freundlich nach Giacomo um.„Armer Freund, Du mußt mir vergeben! Denke, daß Du bald in ein beſſeres Neich kommen wirſt, als das dieſer Erde voll Gram und Drangſal. Faſſe Dich und ſtirb muthig!“ „Sorgt nicht, mein Oberſt, ich werde Euch keine Schande machen. Ich will dem Türken, der den Säbel auf mich ſchwingen wird, ins Geſicht ſehen, wie ein Rich⸗ ter dem Schuldigen.“ Die Menge wich jetzt zurück. Beide Gefangene ſtan⸗ den gefeſſelt an den Pfählen; ein türkiſcher Krieger trat mit gezogenem Säbel hervor, wendete das Auge auf Abu⸗ kan und ſchien auf deſſen Wink zu harren. In dieſem Augenblick öffneten ſich die Thore des Pa⸗ aſtes, und ein Araber, auf einem ſtolzen, prächtigen Pferde, ritt durch die Pforte; ihm folgten mehre Diener zu Roß. Aller Augen wandten ſich dorthin, auch Abukan ſah ſich um. Als er den Ankommenden erkannte, ſprengte er ihm entgegen und rief:„Sei gegrüßt, mein Vater Osraim! Der Prophet führt Dich zur glücklichen Stunde her, um zwei ſchnöde Chriſtenſklaven ſterben zu ſehen. In dieſem Augenblick ſollen ſie den Tod empfangen.“ Osraim war mit Abukan näher herangeritten. „Und was haben jene Zwei verbrochen?“ fragts er. „Der Eine iſt mein Sklave, und aus meinen Gärten zu Belida entflohen. Ich ergriff ihn hier zu Algier. Jener dort iſt einer von den Franken, welche die See an dieſe Küſte geworfen hat. Er iſt mit meinem Sklaven in ver⸗ — 301— rätheriſchem Bündniß gegen mich. Gleich, mein Vater, ſollen Beider Köpfe zu Deinen Füßen niederrollen.“ „Das wolle der Prophet verhüten!“ rief Osraim mit emporgehobener Hand.„Abukan, mein Sohn, höre auf das Wort des Alters, und gehorche Dem, den Du ehreſt. Jene Sklaven ſende heim zu den Ihrigen. Ihr Blut darf nicht vergoſſen werden!“ „ Wie?“ entgegnete Abukan voll Erſtaunen,„warum ſollen dieſe verbrecheriſchen Feinde unſeres Glaubens nicht den verdienten Tod erleiden?“ Osraim blickte den jungen türkiſchen Führer, auf deſſen Antlitz ſich die Röthe des Zornes und der Ueberraſchung miſchten, mit Würde und Sanftmuth an.„Haſt Du ver⸗ geſſen,“ ſprach er,„daß ich in der Gewalt der Franken war? Vergeſſen, was ſie Edles und Gutes an mir gethan?“ „und haſt Du vergeſſen,“ fiel Abukan heftig ein, „daß die Franken mir meine Braut, Dir Deine Tochter raubten? daß ſie mir das Schwert durch die Bruſt ſtießen? Noch hat ſich die Wunde, die mich dem finſtern Abgrunde des Todes nahe geführt, nicht geſchloſſen und ſchon ſoll ich der Rache vergeſſen?“ „Weißt Du nicht,“ erwiderte Osraim feurig und wür⸗ dig,„daß ich bei Mahommed geſchworen, nie die Mis⸗ 3 handlung eines Franken zu dulden? Osraim hat ſeinen 1 Dolch zum Pfande gegeben! Er hat Allah zum Zeugen gerufen, daß der Scheik der Chriſten ihm und ſeinen Kin⸗ dern den Stahl in das Herz ſtoßen ſolle, wenn er den Schwursverletzt! Kannſt Du einen Mann unter den Gläu⸗ bigen ſtellen, der Dir bezeugte, daß Osraim je einen Eid gebrochen?— Dieſe Beiden dürfen nicht ſterben. Sie müſ⸗ ſen frei von hinnen ziehen!“ „Nimmermehr!“ rief Abukan zornglühend.„Herunter mit ihrem Haupt! Ich habe keinen Eid geleiſtet und der Deinige kümmert mich nicht. Ali, ſchwinge Deinen Säͤ⸗ bel und vollziehe mein Geheiß!“ Der Sklave, dem der Ruf galt, ſprang hervor und zog den Damascenerſtahl aus der Scheide. Noch raſcher aber war Osraim mit ſeinem ſchnellen, gewandten Roß zwiſchen die Pfähle, wo die Gefangenen ſtanden, hineinge⸗ ſprengt, wandte das Thier kurz herum, daß es ſich vorn faſt emporbäumte, hielt es dann ſtraff im Zügel und zog mit der Rechten ſein Piſtol aus dem Gürtel, während er das Auge feſt geſpannt auf Abukan und die Menge heftete. „Wer dieſen Beiden nahe tritt, der fällt durch meinen Schuß. Sie ſtehen in dem Schutz Osrain''s. Weichet zurück!“ Der bejahrte Araber genoß bei den Seinigen eines ſol⸗ chen Anſehens der Weisheit und der Gerechtigkeit, daß ſeine Rede und ſein entſchloſſenes Handeln auf alle Gemü⸗ ther den entſchiedenſten Eindruck ausübte. Es war plötzlich lautlos ſtill in dem vorher ſo geräuſchvollen Hofe geworden, und mit der äußerſten Spannung erwartete Jeder, wie dieſer Streit enden werde. Abukan ſchien unentſchloſſen; er zürnte, wagte aber nicht, ſeinem Zorn freien Lauf zu gönnen. Osraim erhob das Wort von neuem:„Bezwinge den Zorn Deiner Seele, mein Sohn Abukan. Auch ich war zornig und hatte das Schwert der Rache umgegürtet, aber die Gerechtigkeit entwaffnete meine Hand und ich hörte das Wort der Güte. Vernimm auch Du ſeinen goldenen Klang, der Dir in der Stunde des Todes noch erquickend ſein wird. Laß dieſe Gefangenen frei; es iſt der Wille des Propheten, daß ſie leben, denn er hat mich ſichtlich zu ihrem Schutze hergeführt. Sündige nicht gegen das Ge⸗ —— —x — 308 ſetz Deines Gottes. Seine Nache würde Dich ſchwer tref⸗ fen, ſeine Güte bringt Dir Segen.“ Abukan ſchwieg; er warf einen Blick auf ſeine Umge⸗ bung und überzeugte ſich raſch, daß die Worte des weiſen, verehrten Osraim alle Gemüther durchdrungen hatten. Denn Türken und Araber achten bedeutſame Zeichen über Alles wichtig; es ſchien ihnen daher der unläugbare Wille des Propheten, daß jene Sklaven gerettet würden, indem Os⸗ raim offenbar zu ihrer Hülfe geſandt war. Keiner wagte jetzt, ſeinen eigenen Zorn gegen das ſo deutlich ansgeſoro. chene Geheiß Allahs geltend zu machen. Osraim erkannte dieſe Stimmung des Volkes eben ſo raſch. Er winkte den nächſtſtehenden Kriegern und ſprach: „Zerſchneidet die Bande der Gefangenen, denn ich ſehe, das Herz meines Sohnes Abukan iſt gewendet, wenngleich es noch grollt, wie die See nach dem Sturm.“ Die Krieger gehorchten; in einem Augenblick waren beide Gefangenen ihrer Feſſeln entledigt. „Gehet jetzt frei dahin,“ ſprach Osraim zu Beiden, und kommt Ihr in das Lager der Franken, ſo erzählt Eu⸗ rem Scheik, daß Osraim, der Sohn Ali's, ſein Wort gelöſt habe und noch ferner löſen werde.“ Giacomo, dem die Lebensluſt mächtig in die Bruſt zu⸗ rückgekehrt war, zitterte vor Freude. Er hätte ſich gern dem Retter zu Füßen geworfen, doch hielt ihn die Scheu vor dem Gefährten ſeines Schickſals zurück, da er mit na⸗ türlichem Sinne für das Rechte wol einſah, dieſem komme es zu, die Schuld des Dankes abzutragen. Der Oberſt hatte ſich während des ganzen Vorganges mit der ernſteſten Faſſung benommen; weder die Nähe des Todes, noch die plötzliche Hoffnung der Rettung hatten ihn heftig erſchüttert. Jetzt aber, da er ſeiner Feſſeln entledigt vor dem edelm— 3014— thigen Osraim ſtand, that ſeine Seele einen Blick in die Zukunft, der ihn mit wehmüthiger Rührung durchdrang. Die Hoffnung, ſein Vaterland, die Seinigen wiederzuſehen, geliebte Freunde noch einmal zu umarmen, drang mit über⸗ mächtiger Kraft wieder in ſeine Bruſt; die zerriſſenen Bande des Lebens knüpften ſich auf's neue mit unwiderſtehlicher Gewalt an ſein Herz. Jetzt erſt fühlte er, daß der Schritt in das Reich des Todes, zu dem er ſchon den Fuß erhoben hatte, doch ein ſchwerer ſei, und daß die freundliche Geſtalt des Lebens ihn ſanft zurückziehe an ihre warme Bruſt. Auf ſeiner gefurchten Stirn las man den tiefen, erſchüt⸗ ternden Ernſt des Augenblicks; das Auge, in welchem eine Thräne glänzte, verrieth die Bewegung ſeines Herzens. Doch plötzlich ſchien er einen feſten Entſchluß gefaßt zu haben. Mit würdiger Haltung trat er zu Osraim hinan und ſprach, indem er ihm die Hand reichte:„Du biſt ein edler Mann! Möge der Gott, den Du verehreſt, Dich be⸗ lohnen! Wir Beide danken Dir das Geſchenk des Lebens. Doch verſtatte, daß ich es nur für meinen Gefährten an⸗ nehme. Mir iſt der Tod willkommen und Abukan hat ein Recht auf mein Haupt. Dieſer aber iſt unſchuldig. Nur ihn laſſet frei von dannen gehen.“ Noch ehe Osraim, in deſſen Antlitz ſich das höchſte Erſtaunen ausdrückte, antworten konnte, rief Giacomo: „Nein, Herr! Ich ſterbe mit Euch. Den Vorwurf ſoll mir Keiner machen dürfen, daß ich Euch verlaſſen hätte.“ „Lebt Beide,“ ſprach Osraim gerührt, doch ernſt. „Abukan begehrt, ich leſe es auf ſeiner Stirn, Eures Le⸗ bens nicht mehr. Seine That wird ihm Segen bringen. Willſt Du aber, dem das Alter ſchon die Scheitel bleicht, den Tod ſuchen, ſo werden Dich tauſend Wege in ſein Reich führen. Nur durch unſere Hand darfſt Du nicht fallen;z ſelbſt mit Deinem Willen würde es Osraim nicht geſtatten, ſo heilig iſt ihm ſein Verſprechen.— Geht!“ Bei dieſen Worten winkte er der Menge mit der Hand. Dieſe theilte ſich und bildete eine offene Gaſſe bis zu der Pforte des Palaſtes. „Kommt, Herr, kommt, rettet Euch!“ rief Giacomo leiſe, aber dringend. „Leb' wohl!“ ſprach der Oberſt mit einer Stimme, die in das innerſte Herz dringen mußte, zu Osraim. Leb wohl! Es möge der Gott Deines Glaubens Dich ſegnen.“ Und mit dieſen Worten ſchritt er ernſt, langſam, mit geſenktem Haupt, aber ſtolzem Gange durch die ſchweigende Menge, die von ſeinem ehrfurchtgebietenden Weſen mächtig beherrſcht wurde. Er grüßte Abukan mit einen Wink der Hand; dann wandte er ſich freundlich nach Giacomo um, gleichſam als wolle er ſehen, ob ihm dieſer auch folge. Und ſo ſchritten Beide durch das geöffnete Thor auf die geräuſch⸗ volle Gaſſe hinaus, wo die auf⸗ und niederwogende Menge nicht ahnte, was in der Seele der ſo wunderbar Geretteten vorging. Elktes Capitel. A.⁴ * Kaum hatte ſich das Thor hinter ihnen geſchloſſen, als Giacomo ausrief:„Das hieß ſcharf am Meſſer vorbeige⸗ kommen! Nun aber ſeid auch gutes Muthes, mein Oberſt. Gott iſt mit uns, es muß uns noch wohlgehen. Derglei⸗ chen, wie wir ſo eben erlebt haben, geſchieht nicht umſonſt.) — 306— Aber plötzlich, als hätte er auf eine Viper getreten, ſtockte ihm das Wort im Munde und er nurde leichenblaß. „Hölle und Teufel!“ rief er,„dort unten kommen unſere andern Feinde. Geſchwind durch dieſe Querſtraße!“ Noch ehe der Oberſt antworten konnte, riß ihn Gia⸗ como ſchon nach ſich; doch hatte er noch Zeit genug, die Urſache der Flucht zu bemerken, indem er in der Entfernung türkiſche Soldaten herankommen ſah. „Es iſt die Wache des Bagnos, welche eben abgelöſt wird,“ antwortete Giacomo;„unſere drei Gegner von die⸗ ſem Morgen müſſen dabei ſein. Hätten ſie uns erblickt, ſo möchte es uns dennoch übel ergangen ſein. Ueberhaupt dürfen wir uns doch nirgend ſehen laſſen; denn unſer Schutz⸗ engel möchte uns nicht überall nachkommen, und findet man uns, ſo köpft man uns; das folgt ſo ſicher, wie der Don⸗ ner auf den Blitz.—— Aber irre ich nicht, ſo müſſen wir durch dieſes Gäßchen gerade nach Baruch's Hauſe kom⸗ men. Er muß uns verbergen. Für Geld thun die Juden in Algier ſo gut wie in Frankreich und überall in der Welt Alles, was man verlangt. Ihr ſeid gewiß im Stande, mein Oberſt, nach Eurer Rettung eine reiche Belohnung zu zahlen, und das wird zuverläſſig den Juden beſtimmen.“ „Meine Verſprechungen werden ſehr ungewiß ſein. In⸗ deß trage ich ſo viel an Geld bei mir, daß er zufrieden ſein kann. Kann das uns retten, ſo will ich es mit Freu⸗ den hingeben, obwol ich es ſehr nöthig haben könnte. Wä⸗ ren wir nicht Beide dem Tode ſo nahe geweſen, ſo hätte ich es längſt Dir zum Geſchenk gemacht.“ „Bewahre, mein Oberſt! Auch darf der Jude bis jetzt davon nichts wiſſen. Denn ſonſt iſt er im Standes das Geld zu nehmen und uns hintennach zu verrathen. Aber erſprechen müßt Ihr ihm eine Belohnung, wenn er uns — verbirgt, bis unſere Landsleute in die Stadt rücken, was in keinem Fall ſehr lange dauern kann, da ſie das Kaiſer⸗ ſchloß ſchon ſeit zwei Tagen belagern.“ Indeſſen war man, wie Giacomo richtig vermuthet hatte, durch das krumme Quergäßchen dicht vor das Haus des Juden Baruch gelangt. Er ſtand eben mit ſeiner alten Hausſibylle in der Thür und ſchien im eifrigſten Geſpräch über wichtige Gegenſtände begriffen, denn er ſowol als ſie ſchlugen häufig die Hände voll Verwunderung über den Kopf zuſammen und geberdeten ſich überhaupt nach Art der orientaliſchen Juden äußerſt heftig. „Guten Tag, Alter!“ redete Giacomo den kleinen, ha⸗ gern Juden an, indem er ihm von hinten auf die Schul⸗ ter ſchlug.„Guten Tag! Wir haben etwas Wichtiges mit Dir zu beſprechen, aber es kann nur drinnen im Hauſe geſchehen!“ „Gottes Wunder! Drängt Ihr Euch doch in meine Thür gewaltſam wie ein Räuber!“ rief Baruch und wollte Widerſtand leiſten. Allein Giacomo war mit einem raſchen Satze in die enge Hausflur hineingeſprungen und zog den Hausbeſitzer ſo weit nach, daß der Oberſt und ihm zunächſt auch Baruch's Weib, Nebekka, folgen konnten. „Gott meiner Väter Abraham und Iſaak, was wollt Ihr, ſtürmiſcher Frank, von mir? Laßt rein meine Schwelle von Eurer Gegenwart! Morgen iſt Sabbath, ich muß mein Haus ſäubern!“ „Sabbath hin, Sabbath her!“ rief Giacomo,„Wer weiß, ob nicht morgen das Heer der Franzoſen Euch den Sabbath mit Bomben und Granaten verkündet. Wir ſind ſchonz ſo gut als Herren dieſer Stadt und Ihr braucht Euch gerade nicht ſo widerſpenſtig gegen einen Kundmann 308— zu zeigen, von dem Ihr manchen harten Piaſter gelöſt habt.— Frau Baruch, ſchließt die Hausthür ab!“ „Rebekka, laß die Thür offen ſtehen! Ruf' die Nachbarn! Der wilde Menſch will uns ein Leid anthun!“ „Ihr habt nichts zu beſorgen,“ ſprach der Oberſt, der höchſt verwundert über Giacomo's ſeltſame Art, mit dem Juden umzugehen, war;„wir werden Euch nichts zu Leide thun, aber es iſt gut, daß die Thür geſchloſſen wird.“ „Gott meiner Vorältern,“ jammerte Baruch,„ich bin ein armer, alter, ſchwacher Mann! Was wollt Ihr von mir? Rebekka, ich ſage Dir, ſperr' die Thür nicht ab!“ „Ihr ſeid ein alter, furchtſamer Thor!“ rief Giacomo, der indeß raſch gegen die Thür geſprungen war und ſie ins Schloß geworfen hatte. „Warum erſchreckſt Du den Mann ſo, mein Freund?“ fragte der Oberſt erſtaunt auf Franzöſiſch. „Weil dieſes Volk treulos und falſch iſt, wenn man es nicht in der Furcht hält, Laßt mich nur machen, mein Oberſt; er darf nicht ahnen, daß wir flüchtig und hülflos ſind, ſonſt haben wir ein verlorenes Spiel.“ 1 Baruch und Rebekka hatten indeſſen furchtſam dageſtan⸗ den, und ihre Sorge ſtieg noch, als ſie die fremde Sprache vernahmen. Der Oberſt gab ihnen daher nochmals die Ver⸗ ſicherung, daß ſie nichts zu befürchten hätten. „Aber was wollt Ihr in meinem ſchlechten Hauſe?“ „Das ſollſt Du ſogleich hören,“ fiel Giacomo dem Ju⸗ den ins Wort.„Wir verlangen von Dir, daß Du uns in Deinem Hauſe verbergeſt und ernähreſt, bis die Stadt von den Franken eingenommen iſt!“ „ Abraham und Jakob! Ich bin ein verlorener Mann. Wenn der Dey das erfährt, läßt er mich auf glühenden — 300— Kohlen röſten! Nein, Herr! Meidet ſogleich mein Haus, oder ich rufe die Nachbarn zu Hülfe!“ Er machte hierbei wirklich Miene, laut außzuſchreien, ſo daß Giacomo herbeiſpringen und ihm den Mund zuhal⸗ ten mußte. „Du biſt verloren, wenn Du einen Laut von Dir gibſt; aber Dein Glück iſt gemacht, wenn Du Dich ruhig verhältſt!“ Der Jude ſtand blaß und zitternd da; ſein Weib rang die Hände. „Sieh Dir dieſen Fremden an,“ fuhr Giacomo fort, „erkennſt Du ihn?““ „Er trägt unſere Tracht, aber er iſt nicht von unſeren Leuten. Doch, ich glaube, ich habe ihn ſchon vormals geſehen.“ „Ganz recht, Freund Baruch, und zwar zu Belida, wo ich Dir Früchte und Gartengewächſe verkaufte.“ „Jehova erbarme ſich! Ihr ſeid der Sklave Abukan's des Mächtigen, des Uebermüthigen. Ich bin ein Mann des Todes, wenn er Euch in meinem Hauſe erblickt!“ „Darum eben warf ich die Thür ins Schloß,“ fiel Giacomo ein.„Du ſiehſt alſo, daß wir klug handeln und Dein Verderben nicht wollen. Uebrigens iſt dieſer Fremde nicht mehr Abukan's Sklave. Es iſt jedoch von der höch⸗ ſten Wichtigkeit für die Franken, daß er hier in der Stadt verborgen bleibe, bis ſie einrücken. Du kennſt mich! Du weißt, ich bin einer der franzöſiſchen Gefangenen. Sie Alle wiſſen, daß ich mich in dieſe Gaſſe und zu Dir be⸗ geben habe, weil man aus dem obern Geſchoß Deines Hauſes den Hafen überſehen kann. Nimmſt Du uns auf, ſo iſt Dir ein reicher Lohn und Sicherheit Deines Eigen⸗ thums gewiß, ſobald die Franken einrücken. Verſagſt Du 8 — 310— uns aber den Aufenthalt, oder verräthſt Du uns gar an unſere Feinde, ſo zähle darauf, daß, wenn die Stadt in die Gewalt der Franken kommt, daß ſie Dein Haus dem Boden gleichmachen und Dich und Alle, die Dir ange⸗ hören, aufhängen.— Jetzt ſei vernünftig und triff An⸗ ſtalt, daß wir ein gutes, ſicheres Unterkommen finden.“ „ ich Mann des Jammers! Ich Sohn des Elends! Hier iſt das Feuer und dort der Abgrund! Nechts das Schwert und links die Peſt! Vater Jakob! Welches Ver⸗ derben trifft mein graues Haupt! Rebekka, ſetze Dich auf den Boden und beſtreue Deine Scheitel mit Aſche, denn der Tag iſt da, wo der Zorn des Herrn uns trifft!“ „Sei ganz ruhig, Freund,“ ſprach der Oberſt mit feſter aber ſanfter Stimme.„Gib uns nur wenige Tage Ob⸗ dach und es ſoll Dir wohlergehen. Niemand weiß, daß wir zu Dir eingetreten ſind, denn die Gaſſe war leer. Niemand ſucht uns bei Dir und überhaupt wird uns Nie⸗ mand aufſuchen. Säume aber jetzt nicht länger, uns einen ſichern Aufenthalt anzuweiſen!“ Der Jude ſtand noch immer und zögerte, indem er ängſtlich die Hände rieb und ſich verlegen hin und her wendete. 3 „Nur vorwärts, Alter!“ munterte Giacomo ihn auf. „Du wirſt Dich ſchon von Deinem Schreck erholen und bald bemerken, daß Deine Gäſte Dir keine Gefahr bringen. Du haſt ja ſonſt immer gute Geſchäfte mit mir gemacht, warum willſt Du mir heute nicht trauen?“ Baruch ſchien endlich den Entſchluß gefaßt zu haben, ſich in ſein Schickſal zu ergeben. Noch immer zitternd langte er ein Bund Schlüſſel von einem Wandgeſims herunter, reichte ſie ſeiner Frau, welche gefaßter ſchien als er ſelbſt und ſprach zu ihr:„Rebekka, Tochter Rahel's, nimm die Schlüſſel des Hauſes. Führe die Gäſte die Stie⸗ gen hinauf, ins oberſte Geſchoß. Birg ſie im Hinterhaus. Aber zieh die dunkeln Vorhänge nicht auf, öffne die Fen⸗ ſtergitter nicht, daß die Nachbarn ſie nicht bemerken, und ſchwatze nicht aus, wie Weiber pflegen, denn Dein Leben ſchwebt auf der Spitze Deiner Zunge.“ Rebekka nahm die Schlüſſel, ging voran und führte die beiden nicht ſonderlich willkommenen Gäſte dahin, wo ihr Gatte es geboten hatte. Das Haus des Juden war meiſtentheils mit Vorräthen und Gegenſtänden ſeines verſchiedenartigen Handels ange⸗ füllt. Indeß das obere Geſchoß ſtand leer und war nach orientaliſcher Sitte wohl eingerichtet. Denn Baruch pflegte für die Zeit der großen Märkte in Algier ſeine Handels⸗ freunde aus Tripolis und Tunis, ſo wie aus dem innern des Landes daſelbſt aufzunehmen. Nachdem man zwei hohe dunkle Treppen aufwärts geſtiegen war, öffnete Rebekka mit einem Schlüſſel aus ihrem großen Bunde eine Thür. Sie führte in ein kleines Vorgemach; man ſchritt hindurch und befand ſich ſodann in einem größeren Zimmer, deſſen Fußboden mit einem Teppich bedeckt war; die Fenſter wur⸗ den durch grüne Ialouſien, die jedoch Licht genug hindurch⸗ ließen, vor der Sonne geſchützt; Polſter lagen an der Wand, zu einem Divan geordnet. Einige ebenfalls aus Polſtern gebildete Seſſel und ein Tiſch bildeten das nicht unzierliche Geräth des Zimmers, welches überdies mit einem angenehmen Duft von wohlriechenden Kräutern oder Waſſern erfüllt war. „Dies ſind die Gemächer, in denen Ihr weilen könnt, wenn es Euch genehm iſt,“ ſprach Rebekka und zeigte mit der Hand nach einer Thür gegenüber, um anzudeuten, daß dort noch einige Zimmer folgten.„Habt Ihr ſonſt noch etwas zu befehlen?“ Der Oberſt antwortete:„Ich denke, wir werden Beide der Erquickung bedürfen ‚nicht wahr, mein Freund? Schafft uns eine Mahlzeit, gute Frau. Und wenn Ihr mir ein Bad zurichten könntet, ſo würde es mir ſehr lieb ſein. Was wir in Euerm Hauſe bedürfen, ſoll Euch redlich be⸗ zahlt werden, und ſeid Ihr treu, ſo dürft Ihr auch noch ſonſt auf meine Dankbarkeit zählen.“ Bei dieſen Worten hatte der Oberſt aus dem faltigen Aermel ſeines Gewandes unter der Achſel, wo man ſonſt eben kein Geld zu tragen pflegt, einen ziemlich ſchweren Beutel hervorgeholt, aus dem er eine Zechine nahm und ſie der Jüdin reichte. „Für Eure Auslagen,“ ſprach er.„Aber noch Eins. Wäret Ihr wol im Stande, mir eine europäiſche Kleidung zu ſchaffen?“ Die Jüdin, welche bei dem Anblick des gefüllten Beu⸗ tels und dem Empfang der Zechine aus ihrer gutmüthigen Freundlichkeit ſogleich in eine Art demuthsvoller Unterwür⸗ figkeit übergegangen war, ſprach ſogleich: „O, Ihr gnädigſter Herr! Freilich, freilich. Was Ihr gebietet, ſoll geſchehen. Baruch, mein Herr, beſitzt einen großen Kleidervorrath, denn er kauft jegliche Beute, die die Korſaren hereinbringen, auch Kleider. Sogleich ſoll er Euch von ſeinem Vorrath bringen.“ „Das wird mir lieb ſein!“ entgegnete der Oberſt. Die Jüdin ging. „Hier iſt's ſo übel gar nicht,“ ſprach Giacomo fröhlich, als ſie fort war;„hier laß' ich mir's wohl gefallen. Auf⸗ richtig geſtanden, mein Herr Oberſt, ſo gut hab' ich's in meinem Leben noch nicht gehabt. Aber es wird ſich für mich 3 zwolf Stunden ins Innere des Landes hinein, wo er in — 3132— wol eine abgelegene Kammer finden, damit ich Euch nicht läſtig falle.“ „Ich denke“ entgegnete der Oberſt mit gerührter Freund⸗ lichkeit,„da Du bei unſern Abenteuern, im Gefängniß, ja auf der Richtſtatt mein Gefährte geweſen biſt, ſo wirſt Du mich jetzt nicht verlaſſen wollen. Nein, lieber, redlicher Freund, von nun an, denke ich, bleiben wir beiſammen.“ „Ich wollte, ich dürfte Euch niemals verlaſſen, Herr!“ rief Giacomo aus und ergriff die dargebotene Hand.„O, Ihr glaubt nicht, wie froh ich über Eure Rettung bin. Gott hat uns ſichtlich beigeſtanden. Ihr ſeid gewiß noch zu etwas ganz Beſonderem beſtimmt!“ Der Oberſt lächelte.„Wunderbares und Seltſames habe ich zur Genüge erfahren; vielleicht ſoll ich deſſen noch mehr erleben. Daß es aber ein beſonderes Glück wäre, was mir bevorſtände, dazu, geſteh' ich, habe ich keine ſonderliche Hoffnung, obwol die heutigen Erlebniſſe mir das Gefühl einer waltenden, ſchützenden, liebreichen Vorſicht doch mäch⸗ tig erneuert haben. Freilich, was ich bisher erduldete, war ucht geeignet, dieſe Empfindungen zu erwecken.“ „Ihr habt wol viele unglückliche Schickſale erlebt, mein Oberſt? Aber wie ſeid Ihr nur hier nach Algier gerathen? Ihr müßt lange hier ſein, da Ihr die Landesſprache ſo ge⸗ läufig redet.“ „Funfzehn Jahre ſind es nun! Funßzehn lange, kum⸗ mervolle Jahre! Ich befand mich auf einem amerikaniſchen Schiff, um eine Reiſe nach New⸗York zu machen. Nahe bei Gibraltar überfielen uns algieriſche Kaper, ich wurde zum Gefangenen gemacht, von lieben Angehörigen getrennt, nach Algier geführt und dort als Sklave an den Vater eben jenes Abukan verkauft. Er führte mich nach Belida, Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. I. 8 14 — 314— einer reizenden, geſegneten Gegend am Fuße des Atlas ein ſchönes Sommerſchloß und Gärten beſitzt. Die Sorge für die letzteren wurde mir, da ich einige Kenntniß in der Garten⸗ kunſt beſaß, anvertraut. Mein Loos war, was das äußere Le⸗ ben anlangte, erträglich. Aber in dieſen funfzehn Jahren habe ich keinen Laut meiner Mutterſprache gehört, keine Nachricht vom Vaterlande, von Weib und Kind gehabt, nicht einmal einen Landsmann geſehen. Der Gram, die unendliche Sehn⸗ ſucht verzehrte mein Leben; aber doch hielt die Hoffnung mich aufrecht. Mein alter Herr ſtarb, Abukan beerbte ihn; alles Uebrige blieb beim Alten. Ich hatte Gelegenheit, mir Man⸗ cherlei zu erwerben; vom erſten Tage an ſparte ich ſorgſam, um mich loskaufen oder vielleicht dereinſt entfliehen zu kön⸗ nen. Die Hoffnung zu dem Erſten wurde mir bald genom⸗ men, denn Abukan wollte mich nicht eutbehren, da er mit meinen Dienſtleiſtungen zufrieden war. Mit unabläſſiger Thätigkeit verfolgte ich daher den zweiten Plan, den der Flucht. Mein Erſpartes hatte ich ſorgfältig im Garten vergraben; dieſe verſtellende Kleidung habe ich mir nach und nach im Zeitraum von mehren Jahren zu erwerben gewußt. Nur nach Algier wollte ich zu gelangen ſuchen, um von dort, durch einen der europäiſchen Conſuln beſchützt, auf ein Schiff zu gehen. Nur eine kleine Tagereiſe trennte mmich von dem heißeſten Ziel meiner Wünſche und doch war es mir funfzehn Jahre lang unmöglich, es zu erreichen. Endlich kam die Nachricht von dem Kriege der Franzoſen gegen Algier nach Belida; es war unzweifelhaft, daß ſie gelandet waren. Jetzt oder niemals mußte mein Plan ge⸗ lingen. Ich ſpannte die äußerſten Kräfte an, trotzte allen Gefahren, entkam glücklich zur Nachtzeit aus dem Palaſt, ein Maulthier hatte ich ſchon zuvor in das Feld zu ſchaffen gewußt, ich fing es jetzt ein, ſetzte mich auf und nahm 315 meinen Weg nach dem franzöſiſchen Lager. Nicht umſonſt hatte ich mit größeſtem Eifer mir die Kenntniß der Landes⸗ ſprache erworben, nicht vergeblich jeden Handelsjuden über den Weg nach Algier, oder nach der Küſte ausgeforſcht; jetzt kam mir Beides zu ſtatten. Ich bedurfte keines Wegweiſers, keines Dolmetſch. Mit der Tagesfrühe war ich an der Weg⸗ ſcheide, wo ich nach dem Lager der Franken reiten mußte, angelangt; allein gelagerte Beduinen machten es mir un⸗ möglich, den beabſichtigten Pfad einzuſchlagen. Ich mußte befürchten, bei jedem Schritte Abukan zu treffen, der einen Theil jener Scharen, das wußte ich, befehligt. So war ich gezwungen, meinen Weg nach Algier zu richten. Von dem Augenblick an, wo ich ins Thor ritt, ſind Dir meine Abenteuer bekannt.“ 1 Während der Oberſt ſeinem Gefährten dieſen kurzen Ab⸗ riß ſeiner Schickſale gab, war Baruch mit Rebekka und einen Korb voller Kleidungsſtücke heraufgekommen. „Hier bringe ich, was Ihr verlangt, mein gnädigſter Herr! Wunder Jehovah's! Seltſame Röcke aller Art werdet Ihr finden. Freilich ſind ſie ſchon ein wenig alt und abgetragen; mehre haben die Motten angenagt. Aber was will man machen? Wer braucht hier dieſe Kleider? Manchen Rock habe ich ſchon zehn oder zwölf Jahre bei mir hängen und es hat ſich keiner dazu gefunden.“ „Warum zerſchneidet Ihr die Kleidung nicht?“ fragte Giacomo.. „Zerſchneiden? Wozu ſoll das helfen? Die Franken tragen nur enge Röcke, hier ſoll Alles weit und faltig und bequem ſein. Es ließe ſich wol ein jüdiſcher Talar zerſchnei⸗ den, um einen fränkiſchen Rock daraus zu machen, aber nicht umgekehrt!“ Indeß hatte der Oberſt mehre Kleidungsſtücke betrachtet, 14* — — 316— ohne zu finden, was er brauchen konnte. Baruch zog un⸗ ermüdlich ein Wamms nach dem andern hervor und pries es an. Endlich nahm er aus dem Grund des Korbes eine Art von militairiſchem Ueberrock heraus.„Hier, mein Herr! Noch ein ſaubres Kleid, fein, mit blanken Knöpfen, freilich ein wenig angelaufen, auch ein wenig von den Motten zerfreſſen, denn es liegt mir ſchon etwas lange auf dem Lager. Aber doch brauchbar und für Eure Geſtalt wie zugeſchnitten.“ Kaum hatte der Oberſt einen Blick darauf geworfen, als er eilig rief: „Das behalte ich, gebt her.“ Er langte ſo haſtig da⸗ nach, in ſeinen Zügen war eine ſo ſeltſame Bewegung zu bemerken, daß ſie keinem der Anweſenden entging. „Gottes Wunder! der Rock gefällt Euch, Herr?“ fragte Baruch. „Er fällt mir auf, weil er das Anſehen eines franzöſi⸗ ſchen Uniforms⸗Ueberrocks hat. Ich wähle ihn aus. Legt nur die andern Kleider hinweg. Indeß laßt jene zwei Paar Beinkleider von Linnenzeuge auch hier.“ Giacomo beſah den Ueberrock und ſprach:„Wahrhaftig, ganz der Schnitt, wie ihn die Offiziere der Landarmee tra⸗ gen, nur ein runder Kragen und keine Abzeichen. Das Ding gleicht einem Jagdkleide.“ Baruch ſchien darauf zu warten, daß der Oberſt ihn nach dem Preiſe fragen ſolle, allein dieſer ſeinerſeits zeigte ſich ungeduldig, das jener noch nicht gehe. Er packte da⸗ her ſeinen Kleidervorrath zuſammen und verließ nebſt ſeiner Rebekka das Gemach. „Vergeßt die Mahlzeit und das Bad nicht,“ rief Gia⸗ como ihnen nach. Kaum hatten ſie das Gemach verlaſſen, als der Oberſt — 317— heftig auf Giacomo zuging und ihn bei der Hand ergriff. „Freund, jetzt fange ich an, Wunder zu glauben, und gleich Dir zu vermuthen, es ſei mir noch etwas Gutes oder Glückliches beſtimmt. Dieſes Kleid iſt daſſelbe, wel⸗ ches ich trug, als ich in die Gefangenſchaft der Corſaren gerieth. Es iſt vielleicht koſtbarer, als Du glaubſt; haſt Du ein Meſſer?“ „Ja wohl,“ erwiderte Giacomo und reichte ſein Taſchen⸗ meſſer eiligſt hin. Der Oberſt ergriff es und ſchlitzte ſogleich das Unter⸗ futter und den Tuchbeſatz in der Bruſt des Ueberrocks auf. „Wahrlich! Es hat Niemand den Schatz entdeckt,“ rief er froh;„o nun iſt für unſer Fortkommen geſorgt! Sieh her! Als ich vor funfzehn Jahren mein Vaterland verließ, hatte ich einen bedeutenden Theil meines Vermögens in engliſchen Banknoten in dieſen Ueberrock ſelbſt eingenäht. Hier ſind ſie unverſehrt!“ „Iſt's möglich! Das iſt ein Glücksfall!“ rief Giacomo erſtaunt. „Ja wol, denn dies ſchafft uns die Mittel, von hier zu entkommen, auch wenn wir noch Wochen und Monden hier eingeſchloſſen zubringen müßten.“ Giacomo war vielleicht noch froher über das Glück ſei⸗ nes neuen Gebieters, denn dafür hielt und dazu machte er ihn, als jener ſelbſt, dem in dieſem Augenblick Reichthum nur als eines der geringſten Güter der Erde erſcheinen mußte.— Sorgfältig wurden die Papiere wieder verſteckt und der Oberſt eilte ſich umzukleiden, wobei Giacomo ihm die Hülfe eines gewandten Dieners leiſtete. 4 Sie waren kaum damit fertig, als Rebekka, die Tochter Rahels, erſchien und die Mahlzeit auftrug. Sie beſtand in einem Stück Schöpſenfleiſch, in Brot, Käſe und Früchten. — 318— „Seid willkommene Gäſto in unſerm Hauſe,“ ſprach die Jüdin, indem ſie die Speiſen auf den Tiſch ſetzte; „möge Euch das Mahl wohl behagen und bekommen!“ „Das hat nicht Noth, Frau Rebekka,“ ſprach Giacomo, indem er auf den Wink des Oberſten ſich zu dieſem ſetzte; „wir haben lange Zeit nichts genoſſen und allerlei Geſchäfte abgethan, die die Eßluſt reizen.“—„Aber ſagt mir doch, fuhr er nach einer kurzen Unterbrechung fort,„wovon ſpra⸗ chet Ihr eigentlich mit Euerm Manne, als wir Beide an⸗ kamen? Ihr geberdetet Euch wahrlich, als ſtehe Euer Haus in Flammen. Was gab's denn für eine Unglücks⸗ Nachricht?“ „Stellt Euch doch, als ob Ihr's nicht wüßtet,“ erwi⸗ derte Rebekka.„Solltet Ihr denn nicht gehört haben, daß die Mannſchaft im Kaiſerſchloß nicht länger fechten will, ſondern abzuziehen droht? Und geräth das in die Gewalt der Franken, ſo rücken ſie am andern Tage hier ein, das ſollt Ihr ſehen. Uns Allen iſt himmelangſt dabei, denn ſie ſollen Alles mit Feuer und Schwert vertilgen wollen, wie man erzählt.“ „Danach Ihr's anfangt,“ antwortete Giacomo, wäh⸗ rend der Oberſt aufmerkſam auf die Nachrichten hörte; „wird einem der Gefangenen ein Haar gekrümmt, ſo wird's die Stadt entgelten müſſen. Ihr und Euer Alter habt aber eine Glücksnummer gezogen, denn wenn Ihr Euch gut gegen uns betragt, ſo kann ich Euch dafür ſtehen, daß Euch nichts Leides widerfahren ſoll.“ „Der Gott unſrer Väter möge es Euch vergelten!— Aber was können wir dafür, wenn die Türken die ge⸗ fangenen Chriſten niedermetzeln? Wir Juden, das wißt Ihr ja wol, müſſen ſchon froh ſein, wenn ſie uns nur in Nuhe laſſen.“ ᷣ wie es wolle. Andere ſprechen wieder, der Dey wolle die — 319— „Ja, im Kriege geht's nicht anders, da muß Einer mit dem Andern büßen,“ ſprach Giacomo, ſich mit der Aengſtlichkeit der Jüdin einen Scherz machend und dabei tapfer fort ſchmauſend. „Seid nicht allzu beſorgt,“ nahm der Oberſt das Wort, „die Franzoſen werden die Stimme der Menſchlichkeit mit⸗ ten im Gewühl der Schlacht hören und man wird dem Unſchuldigen nichts zu Leide thun. Tragt indeſſen Sorge, ſo viel an Euch iſt, daß es den gefangenen Franken wohlgehe.“ „Ach! Ihr gnädigſter Herr,“ erwiderte die Jüdin, zu⸗ traulich gemacht,„uns geht es gewiß traurig, es komme, Stadt an allen Ecken in Brand ſtecken, ehe er es zugebe, daß ſie den Chriſten in die Hände falle. Er will alle Feſtungswerke, die Caſauba, das Bagno, Alles in die Luft ſprengen laſſen!“ 1 „Er wird Vernunft annehmen und ſich nicht ſelbſt zu Grunde richten!“ 3 5 Das Geſpräch wurde noch eine Zeitlang fortgeführt, bis die Mahlzeit geendet war und Nebekka ſich mit dem Tiſchgeräth entfernt hatte. Bis jetzt hatten die Bewohner der Zimmer noch keinen Blick ins Freie gethan, auch noch die Nebengemächer nicht betrachtet. Plötzlich aber vernahmen ſie einen Kanonenſchuß, der in nicht gar großer Ferne gethan ſein mußte. Wie ein Funke in das Pulver fällt, daß es ſich plötz⸗ lich aufflammend entzündet, ſo traf der feierliche Klang des Schuſſes das Herz des Oberſten. Seine ganze kriegeriſche Seele glühte mit einem Mal in helle Flammen auf; eine edle Röthe überflog ſein Angeſicht, ſein Auge blitzte, er blickte wie ein Feldherr, der im Lager unvermuthet den — 320— Donner des feindlichen Geſchützes ganz nahe vernimmt, muthig, raſch und ſcharf umher. Die Richtung, aus der der Schall kam, war die Verlängerung der Zimmerreihe; haſtig ſchritt er daher durch das anſtoßende Gemach in ein drittes, deſſen Fenſter nach der Seite hinaus gingen, woher der Schuß gehört worden war. Schnell zog er den dun⸗ kelgrünen Vorhang zurück—— da lag das blaue Meer im reinen, weiten Spiegel vor ihm, er erblickte die Segel und Maſten der franzöſiſchen Flotte, erkannte die Flagge ſeines Volkes! Wie geblendet trat er einen Schritt zurück, erhob Blick und Hände gen Himmel und ſank dann, von Freude und heiliger Rührung überwältigt, auf's Knie nie⸗ der.„Dank dir, allmächtiger, allgütiger Gott, für dieſen Augenblick. Das iſt mein Volk, das ſind ſeine Wimpel, ſeine ſtolzen Segel! Das war der freudige Siegesdonner, vor dem das bewaffnete Europa gebebt hat!“ Die hellſte Sonne warf ihre glänzenden Strahlen auf das erhabene Gemälde. Nur ein leichter Hauch des Windes hob das Meer in langen, breiten, langſam ſteigenden und fallenden Wellen und trieb den Rauch des eben gefallenen Schuſſes in einer lichten Wolke über die blaue Flut dahin. Giacomo, der ſeinem Gebieter gefolgt war, ſtand eben⸗ falls voller Freude vor dem offenen Fenſter und rief:„Ja, das iſt unſere Flotte! Das iſt der Scipio! Das der Breslau! Dort kreuzt die Stadt Marſeille! Und hier ganz vorn liegt das Admiralſchiff, die Provencel“ Er zog den Oberſten mit emſigem Eifer zu ſich herauf und nannte ihm die Namen aller Schiffe. Dieſer ließ den Blick über das weite Weltmeer, auf deſſen Rücken die ma⸗ jeſtätiſche Flotte ruhte, dahin ſchweifen und in ſeinen Au⸗ gen ſtanden große, heilige Thränen.. — 2— — 321— Giacomo war auf ſeine Weiſe gleichfalls in eine Art von Aufruhr der Freude gerathen. „Was das für ſchöne Schiffe ſind! Seht nur, mein Oberſt, wie gewandt ſich dort die Fregatte Aſtrolabe unter den Wind ſchmiegt! Das iſt ein Schiffchen, wie ein Schwan ſo ſtolz und doch ſo gelenkig theilt es die Wellen. Wenn ich dort guten Wind habe und Segel aufſetze, ſo ſoll mich die Möwe vom Lande her nicht einholen, wenn der Steuer⸗ mann gut iſt, verſteht ſich. Ein prächtig Wetter! Wir haben Weſt⸗Süd⸗Weſt! Wie luſtig der Wind mit den Wimpeln ſpielt. Es iſt eine Freude, ſolche Schiffe zu ſehen, nicht wahr, Herr?“ Der Oberſt lächelte und nickte, ohne zu ſprechen. Bald darauf fragte er:„Wer führt die Flotte?“ „Vice⸗Admiral Duperré, mein Oberſt!“ „Duperre? O Gott! Iſt's möglich! Alſo doch noch ehrenvolle Männer an der Spitze eines franzöſiſchen Heeres! Duperre, mein Freund! O, nun iſt mir wieder wohl, nun ſchlägt mein Herz wieder ganz froh und freudig!“ Giacomo wollte ſo eben antworten, als ſich plötzlich die Nacht eines breiten ſchwarzen Schattens mitten durch die heitere Luft und über die Flut hinſtreckte. Es ſchien, als ſei die Sonne in einem Augenblick völlig erloſchen, wäh⸗ rend doch der äußerſte Rand des Meeres und die entfern⸗ teren Schiffe im hellſten Lichte blieben. „Was iſt das?“ fragte der Oberſt und blickte Giacomo erſtaunt an, der eben ſo betroffen ausſah. Aber noch ehe einer von Beiden eine Vermuthung äußern konnte, wurde ihnen das Räͤthſel gelöſt. Denn urplötzlich hallte ein furcht⸗ bares Krachen durch die Lüfte, als wenn tauſend Kanonen zugleich ihren donnernden Schlund geöffnet hätten. Das Haus bebte in ſeinen Grundfeſten, die Thüren ſprangen — 322— auf, alle Geräthe zitterten, die Luft drückte plötzlich heiß und ſchwer und düſter und düſterer zog die Wolke des Schattens durch den Aether. „Es muß eine ungeheure Mine geſprengt pvorden ſein!“ rief der Oberſt aus. Und mit ſeinem Ruf zugleich ertönte das Angſt⸗ und Klagegeſchrei der Männer und Weiber von der Gaſſe und vom Hofe herauf; man hörte das Praſſeln niederſtürzender Werkſtücke und Balken und eine dichte, ſchwarze, mit gelben Streifen gemiſchte Nauchwolke wälzte ſich durch das Blau des Himmels dahin. Der Oberſt eilte in das erſte Zimmer zurück, deſſen Fenſter nach einer andern Seite hinaus lagen. Kaum hatte er die Jalouſien geöffnet, als er auch ſchon den ganzen Himmel in Rauch und Qualm gehüllt erblickte, ſo daß es ſchien, als wolle es mitten am Tage Nacht werden. Noch ſtärker erſcholl hier der Angſtruf, der durch die Gaſſen von Algier ertönte. Mitten in das Gefühl eines, wenn auch nur in der Seele Anderer empfundenen Schreckens, das Jeden bei die⸗ ſem furchtbaren Ereigniß ergreifen mußte, drängte ſich in das Herz des Oberſten die muthige Freude über einen ent⸗ ſcheidenden Schritt zum Siege, den das belagernde Heer gethan haben mußte. Seine Vermuthung ward ſchnell zur Gewißheit, denn mit fliegenden Haaren und gerungenen Händen ſtürzte Rebekka ins Gemach und rief:„Herr, wir ſind Alle verloren! Das Kaiſerſchloß iſt in die Luft geſprengt! Halb Algier liegt in Schutt und Trümmern! Gütiger Gott Jehovah, errette dein Volk Mit dieſen Worten ſtürzte ſie betäubt auf den Boden nieder. 1ſſ — — 323 Zwölktes Capitel. Die Männer ſprangen der armen Alten zu Hülfe; Giacomo ſprengte ihr Waſſer ins Geſicht und rüttelte ſie ziemlich unſanft. Sie kam wieder zu ſich, eben als auch Baruch voller Angſt, keuchend, weil er die Treppe mit einer für ſein Alter zu großen Schnelle heraufgeſtürzt war, die Thür aufriß und mit den verzerrteſten Geberden rief:„Gott Jehovah, rette dein Volk! Helft uns, Ihr Franken! Ver⸗ derbt nicht die duldenden Söhne Iſraels! Seid großmüthig!“ Er ſchrie ſo heftig und athemlos hinter einander fort, daß er die tröſtenden Worte des Oberſten gar nicht vernahm. Endlich brachte ihn der Anblick ſeines todesmatten Wei⸗ bes auf eine andere Bahn ſeiner Gedanken.„Rebekka! Frau! Hat Dich das Verderben ſchon getroffen? Unheil iſt über unſer Haus kommen! Die Rache Gottes trifft unſere Häupter! Dich hat der Zorn des Herrn geſchlagen! Rebekka, Tochter Rahels, flehe um Hülfe bei dieſen Chriſten!“ „Hölle, Tod und Teufel!“ fuhr endlich Giacomo auf und ſtampfte mit dem Fuß, indem er den im Zimmer hin und her laufenden und die Hände ringenden Juden bei den Schultern packte und mit nervigen Armen feſthielt.„Ba⸗ ruch! Seid Ihr denn vom Satan beſeſſen? Ihr kreiſcht ja wie eine Schiffstrompete! Fühlt Euch doch an den Kopf damit Ihr endlich merkt, daß er noch auf Euern Schultern ſitzt. Glaubt Ihr denn, daß die Welt untergehen wird, weil man eine lumpige Schanze in die Luft geſprengt hat? Wenn Euch bis jetzt noch kein Balken oder Eckſtein auf den alten kahlen Schaͤdel gefallen iſt, ſo ſeid Ihr für dies⸗ * — 324— mal durch, denn eine Viertelſtunde werden die Trümmer nicht in der Luft herumfliegen.“ Dieſe kräftige Rede brachte den vor Schreck halb wahn⸗ ſinnigen Baruch ein wenig wieder zur Beſinnung. „Meint Ihr, daß die Gefahr vorüber iſt?“ fragte er kleinlaut. „So gut wie beim Blitz, wenn Ihr erſt den Donner hört,“ entgegnete der ungeſtüme Troſtredner.„Nehmt Euch alſo zuſammen, geht auf die Gaſſe hinaus, horcht rechts und links, was es Neues gibt, und bringt uns davon Nachricht.“ Baruch nahm die ermattete Rebekka an dem Arm und verließ mit ihr das Zimmer. Der Oberſt war indeſſen mit großen Schritten auf und nieder gegangen. Das wichtige Ereigniß, die nahe Ero⸗ berung Algiers durch die Franzoſen, hatte ihn zu heftig bewegt, als daß er auf die kleinen Vorfälle um ihn her ſonderlich hätte achten ſollen. Große Gedanken, mächtige Gefühle kämpften in ſeiner Seele.„Iſt es denn wahr? Wäre der Augenblick wirklich nahe, wo ich wieder ein Vaterland haben, einem Volke angehören ſoll? Werde ich die Meinen wiederſehen, den theuern Boden meiner Heimat noch einmal betreten?— Aber weh' mir, iſt es mir nicht verſagt? Bin ich nicht ein Geächteter? Frankreich, Frankreich! Wie tief biſt du von deiner ſtolzen Größe gefallen! Liegſt du wieder in den alten Ketten? Schmiegen ſich deine Söhne ſklaviſch und verächtlich, kriechend und heulend unter das Joch, oder knirſchen ſie in ihre Bande und toben ſie dagegen wie ge⸗ feſſelte Löwen?— Sei es, wie es ſei! Ich will den Boden meiner Heimat betreten. Was kümmert es mich, ob ein Richtſchwert über meinem Haupte ſchwebt? Ich trotze dem i — — — 3 — 325— Schickſal und ſeiner feindſeligen Macht. Erzwingen will ich mir noch einige ſelige Augenblicke! Noch einmal will ich die verlaſſene Gattin, will ich Sohn und Tochter wieder⸗ ſehen. Und dann mag mein Blut die heimatliche Erde trän⸗ ken und mich dieſelbe Hülle decken, unter der Frankreichs Helden ſchlummern!— Aber ſind denn die alten Flammen des Muthes ganz erloſchen? Birgt ſich unter der Aſche nicht ein einziger Funke mehr, den der Athem des Sturms anfachen könnte zur auflodernden Glut? Hat Frankreich alle ſeine tapfern Söhne begraben, die ſonſt in drängenden Scharen herbeiſtrömten, wenn ein Held das Banner des Ruhmes und der Freiheit aufpflanzte?— O mein Vater⸗ land! Daß ich dich ſo ſchwer anklagen muß! Aber frei⸗ lich— er iſt ja dahin, deſſen Blick ein Schwert, deſſen Wort ein Blitz war! Er ſetzte den Fuß an Frankreichs Ufer und der Boden des ganzen Reichs erbebte, daß der glänzende Thron ſeiner Feinde in Paris zuſammenſtürzte. Ein Wink ſeines Auges und ein Heer ſtand gewaffnet auf! Er erhob die Hand und Frankreich gehorchte ihm.— Aber er iſt dahin! Das eiſerne Rad des Geſchicks hat auch dieſen Giganten zermalmt! Das Weltmeer rauſcht um ſein Felſengrab und die Wogen zittern ſcheu zurück, wenn ſie es beſpülen!“ Während ſich der Oberſt dieſen Gedanken überließ, war Giacomo in das Zimmer gegangen, deſſen Fenſter nach dem Hafen hinaus lagen, um ſich wiederum an dem ihm ſo lieben, ſeine ganze Matroſenſeele feſſelnden Anblick der Flotte zu erfreuen. Es dauerte nicht lange, ſo ſtürzte er mit einem vor Begeiſterung glühenden Angeſicht wieder herein und rief:„Mein Oberſt, wenn mich nicht Alles täuſcht, wenn ich noch zwei geſunde Matroſenaugen im Kopfe habe, die da wiſſen, was ein Schiffsmanoeuvre hei⸗ — 226— ßen will, ſo ſtehe ich Euch dafür, es wird keine Viertel⸗ ſtunde dauern, ſo liegt die ganze Flotte in Front vor dem Hafen und das Feuern beginnt. Und darauf will ich ſchwören, daß ſie dann nicht mit Zuckererbſen ſchießen werden!“ Die Nachricht war dem Oberſten allerdings von großem Intereſſe, er folgte daher eilig der Aufforderung Giacomo's und fand deſſen Vermuthung beſtätigt.— Der Umſtand, daß Beide, um nicht von den am Hafen hin und her ſtrei⸗ fenden Truppen geſehen und erkannt zu werden, ſich ein wenig hinter das Fenſter zurückziehen und mehr aus dem mittleren Raume des Zimmers herausblicken mußten, raubte ihnen einen großen Theil der freien Ueberſicht. Giacomo, der auf's äußerſte begierig war, die Seeſchlacht mit an⸗ zuſehen, wußte ein Mittel vorzuſchlagen, welches ihnen die⸗ ſen Zwang abnahm.„Wer kennt uns?“ rief er aus. „Nur unſere Tracht verräth uns. Baruch muß Rath ſchaf⸗ fen!“ In drei Sprüngen war er die Stiege hinunter und ſuchte den Hauswirth auf, der ſo eben, dem erhaltenen Auftrage zufolge, ausgehen wollte, um Neuigkeiten zu erſpä⸗ hen.„Laß das jetzt gut ſein!“ rief Giacomo,„wir brin⸗ gen Dir die wichtigſte Nachricht ſelbſt. Die Flotte des Königs von Frankreich kommt in Schlachtordnung heran und bald wird ſie ihre Schlachtmuſik hören laſſen. Wir müſſen das Gefecht aber durchaus von der Terraſſe Deines Hauſes mit anſehen, denn die Fenſter laſſen uns nicht weit genug über die See blicken. Damit uns nun Niemand er⸗ kenne, gib uns raſch ein paar mauriſche Obergewänder und einen Turban. Dann fällt es keiner Seele in Algier auf, wenn wir auf dem Dach Deines Hauſes umherſpa⸗ zieren!“ „Gottes Barmherzigkeit! Thörichter Frank! Willſt Du —— — 327— Dein und mein Leben auf's Spiel ſetzen, aus müßiger Neugier? Wie kann ich Euch mauriſche Kleider geben? Wie kämen die in das Haus des Juden?“ „Alter, wenn Dir Dein Glück lieb iſt, ſo thue, was ich Dir ſage. Wir haben uns gerade deshalb Dein Haus erwählt, um von dem Gipfel ſeiner hohen Terraſſe die Flotte unſeres Heeres beobachten zu können. Müßige Neu⸗ gier! Seht doch! Was verſtehſt Du davon! Sogleich ſchaff' die Kleider herbei!“ Mit Seufzen und Widerſtreben holte Baruch aus ſei⸗ nem Vorrath zwei Kaftans und Turbans hervor, die Gia⸗ como ſogleich hinauf zum Oberſten trug. Augenblicklich wurden ſie übergeworfen, man ſetzte die Kopfbedeckung auf und ſtieg nun zu der Terraſſe des Hauſes hinauf. Dieſe war ſo hoch gelegen, daß man über die flachen Nachbar⸗ dächer weit hinwegſah. Nach der algieriſchen Sitte war ſie mit Blumen, beſonders mit hohen Orangenbäumen beſetzt, die gegen die brennende Mittagsſonne einigen Schutz ge⸗ währten und zugleich die lieblichſten Düfte aushauchten. Der Blick über die Stadt hin, auf deren faſt überall mit Blumen geſchmückten Dächern ſich allmälig eine große Zahl von Menſchen zu verſammeln begann, hatte etwas un⸗ gemein Reizendes. Die blendend weißen Häuſer ſtiegen an den grünen Anhöhen hinauf, bis zum Schloſſe der Caſauba. Das Auge ſchweifte weit über die Feſtungsmauern hinaus; man erkannte die aufgeworfenen Batterien der Franzoſen, überſah die Richtung der Laufgräben und auch einen Theil des Lagers ganz deutlich. Südlich erblickte man die Trüm⸗ mer des ſoeben geſprengten Kaiſersſchloſſes, deſſen Mann⸗ ſchaft ſich zuvor nach Algier zurückgezogen hatte, und nörd⸗ lich konnte man das an der Küſte gelegene ſogenannte eng⸗ liſche Fort vollſtändig überſehen. Von dort an bis an den 4 — 328— Hafendamm und auf der andern Seite deſſelben bis an das Fort Babazoun überſah man jede kleine Krümmung des Ufers, konnte die Geſchütze in jeder Batterie zählen. Ge⸗ rade vor dem Hauſe faſt unter der Terraſſe lief der Hafen⸗ damm nach der befeſtigten Halbinſel, dem Molo, welcher die Bucht des Hafens bildet, hinüber. In den furchtbaren Batterien deſſelben, die ſich an beiden Seiten des ſoge⸗ nannten runden Schloſſes befanden, konnten der Oberſt und Giacomo, da ſie ſich im Rücken derſelben befan⸗ 3 den, jede Bewegung, die bei der Bedienung der Ge⸗ ſchütze geſchah, verfolgen. Der raſche Blick des geübten Soldaten zählte in dem Fort zur Rechten über hundert Feuerſchlünde, in dem zur Linken über dreißig, alle von ſchwerem Kaliber. Der ganze an der linken Seite des Ha⸗ fendammes gelegene Küſtenſtrich bis zum engliſchen Fort war dicht mit Batterieen beſetzt, die zuſammen wol gegen hundert und funfzig Geſchütze enthielten. Minder ſtark, aber doch ebenfalls furchtbar genug, war der Küſtenſtrich auf der andern Seite bis zum Fort Babazoun befeſtigt. Wenige Augenblicke reichten für den Oberſten hin, die ganze Lage der algieriſchen Vertheidigungsmittel und die Stärke derſelben zu beurtheilen.„In der That, furchtbare Kräfte ſind hier zu beſiegen!“ rief er aus.„Wenn ich Befehlshaber von Algier wäre, und Munition genug hätte, ſo würde mir bang um die Flotte Karls des Zehn⸗ ten ſein!“ Indeſſen bewegte dieſe ſich im langſamen Zuge der ein⸗ zelnen Schiffe an der Front der Batterien links vom Ha⸗ fendamm und denen des Molo ſelbſt entlang. Der Wind hatte ſich jetzt gelegt, daher ließ das Admiralſchiff ſich von einem Dampfboot ins Schlepptau nehmen, um die Rich⸗ —— — -— 329— dem Feinde in ein Gefecht einlaſſen wollte, ſicherer und ſchneller zu erreichen. „Das iſt die Sphinx,“ rief Giacomo,„welche das Ad⸗ miralſchiff heranbugſirt! Ein gutes Dampfboot. Seht nur, mein Oberſt, wie kräftig es die Schaufeln regt.“ Etwa in ſtarker Kanonenſchußweite vom Ufer bewegte ſich die„Provence“ majeſtätiſch durch die blauen Wogen dahin. Die übrigen Schiffe mußten auf das künſtlichſte Wind zu gewinnen ſuchen, um ihr zu folgen. „Thörichte Teufel!“ rief der Oberſt und deutete auf die türkiſchen Artilleriſten,„ſie verſäumen die beſte Gelegen⸗ heit. Mit ihrem Kaliber müßten die Strandbatterien ſchon längſt ihr Feuer eröffnet haben.“ „Ich dächte auch,“ erwiderte Giacomo,„ſie ſchenkten uns genug. Der große Brummer hier gerade vor uns in der Batterie auf dem Molo, könnte der Provence ſchon ein paarmal ſechs und dreißig Pfund Ballaſt in's Unterfutter geſchoben haben. Wenn ich in der Batterie wäre, die Lunte müßte mir auf's Zündloch, ſo wahr ich Giacomo heiße!“ „Biſt Du ſo begierig, Deinen Admiral anzugreifen?“ fragte der Oberſt lächelnd. „Nein, wahrhaftig nicht, bei meinem Schutzpatron! Aber, Krieg iſt Krieg und Dummheit iſt Dummheit! Ich kann's nicht laſſen, ich muß mich darüber ärgern, daß der lange türkiſche Kanonier mit ſeinem rothen Kaftan dort unten ein ſolcher Tölpel iſt, der die Pflaumen nicht ſchüt⸗ telt, wenn ſie reif ſind. Wahrhaftig, der Flotte bringt's ja auch keine Ehre, mit ſolchen Tröpfen zu fechten, und jetzt gibt die Provence ihr volle Breite preis! O der tür⸗ kiſche Holzblock! Feuer, Kanonier! Ich ſage Dir, die Ku⸗ gel ſitzt in den Planken oder reißt ein zwanzig Ellen Tau und Segel herunter! O, über den Schöps! Nichts für — 330— ungut, mein Oberſt. Da haben wir's, jeht dreht ſich die Provence und hält ihm das Bogſpriet' unter die Naſe. Nun iſt der Schuß nicht halb mehr ſo ſicher!“ „Es kann nicht mehr lange dauern, ſo muß die ganze Linie feuern. Siehſt Du, die übrigen Schiffe machen das Manoeuvre der Provence nach. Sie werden alle zugleich näher an die Küſte rücken!“ „Ja wol, mein Oberſt; ich wittre auch ſchon einen kleinen Luftſtoß, der ihnen helfen wird.——— Das Wetter iſt zum Manoeuvre zwar ſchlecht, aber deſto beſſer zum Feuern. Der Wind iſt verdammt müßig, die Segel laſſen die Flügel hängen; liegen die Badewannen aber erſt einmal, wo ſie ſollen, ſo ſtehe ich dafür, daß keine Vier⸗ telselle Leinwand unangeſchnürt bleibt, denn man kann ja ſo ruhig liegen, als hätte man drei Anker ausgeworfen.— Sie rücken näher und näher!— Daß dich die Peſt über die Eſel in der Batterie! Ich glaube, ſie haben kein Pul⸗ ver!“ Die Flotte kam jetzt in geordneter Schlachtreihe eben ſo gerade mit vorwärts gerichteten Bogſpriets auf die Küſte zu, als ſie vorher, das Profil darbietend, dieſelbe entlang geſegelt war. Plötzlich warfen ſich alle Schiffe zugleich ſeitwärts herum und boten der Küſte die mit zahlloſen Geſchützen bewehrten Seitenwände dar. „Halloh!“ rief Giacomo, als er das Manoeuvre ſah, „jetzt wird aufgeſpielt werden!“ Und kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als zuerſt aus den ehernen Mündungen des Admiralſchiffs eine helle Blitzreihe rings umher züngelte, der ſogleich eine weiße Dampfwolke folgte, die das Schiff rings verhüllte. Als wäre der Erdball geborſten, krachte jetzt die Küſte von dem — 33³1— ſechzicfachen Donner der Geſchütze aus dieſer einen Lage der Provence. Und ſchon blitzte es auf dem zweiten Schiff, auf dem dritten, vierten, auf allen folgenden; weißer Nauch wälzte ſich um die Flotte her, nur die Spitzen der Maſten, und die höchſten Segel und Wimpel ragten noch über dem Dampf heraus. Schlag auf Schlag krachten die Lüfte von jeder aufeinander folgenden Lage und zerſchmetternd ſchlu⸗ gen die Kugeln und Granaten in die Uferbatterien ein, daß der Staub der Erdwälle ſchwarz aufwirbelte. Jetzt erſt begannen die türkiſchen Artilleriſten ſich aus ihrer thö⸗ richten Trägheit zu reißen. Sie hoben eiligſt die Blendun⸗ gen von den Schießſcharten weg und feuerten nun auch ihrer Seits. Die Stücke von ungeheuerm Kaliber, meiſt Achtundvierzigpfünder, wenigſtens aber Vierundzwanzig⸗ pfünder, erregten ein furchtbares Getöſe. Der Boden dröhnte und ſchwankte, die Kugeln ſauſten durch die Lüfte, zerſchmettertes⸗Holzwerk, oder einſtürzendes Gemäuer krachte und praſſelte, Schlachtruf, Geheul der Verwundeten, Angſt⸗ geſchrei der Bewohner in der Stadt, Alles tönte gräßlich durcheinander und betäubte das Ohr. Faſt eben ſo gewal⸗ tig wurde die Seele durch den Sinn des Auges erſchüttert. Die donnernden Lagen aus der Flotte folgten ſich eine dicht auf die andere; der Rauch war nunmehr ganz dicht und ſchwarz geworden und lag wie ein wolkiges Gebirge über den Schiffen. Nur ſelten ragte hier oder dort ein flattern⸗ des Segel oder Wimpel daraus hervor, denn die Maſſen des Dampfes wäͤlzten ſich hoch über die Spitzen der Ma⸗ ſten hinweg. Rothe Blitze zuckten durch die ſchwarzen Wirbel, die bei jeder neuen Lage durch die Erſchütterung der Luft ſich breit auseinander riſſen, dann aber wieder ineinander quollen und wirbelten. Aehnlich war die Küſte in ſchwarzen Rauch gehüllt, der ſich düſter über den Batterien — 332— zuſammenzog und ſchwer wie ein drohendes Gewitter darü⸗ ber ſtehen blieb. Zwiſchen dieſen beiden Gebirgsmauern von wolkigem Dampf lag ein Steifen der blauen, lächeln⸗ den See im hellſten Sonnenlicht und bildete einen wun⸗ derbaren Gegenſatz zu dem ſchauerlichen Anblick der ſchwar⸗ zen, von rothen Blitzen durchzuckten Maſſen. So dauerte die Schlacht eine Zeitlang fort, ohne daß † die Zuſchauer über die Wirkung des Kanonendonners mehr als dunkle Muthmaßungen faſſen konnten. Der Oberſt begleitete jede Bewegung der Flotte mit größeſter Aufmerkſamkeit; ſein feuriges Auge rollte wie das des Adlers über den Raum der Schlacht.„Thut denn das Landheer gar nichts?“ rief er mit einer Art von Un⸗ willen aus.„Will man die Stadt nur durch die Flotte 34 erobern?“— Mehrmals ſchon hatte er ſich voll Unmuth umgeſehen. Da endlich brachen, was er längſt gehofft und vermuthet hatte, aus den Bergſchluchten des Ufers, franzöſiſche Tirail⸗ leurs hervor und ſuchten unter dem Schutz des ſehr durch⸗ ſchnittenenen Terrains ſich den ungedeckten Batterien zu nähern. Allein auch die Türken ſandten jetzt eine Anzahl ihrer Scharfſchützen mit langen Gewehren dieſen neuen Feinden entgegen und es entſpann ſich nun in dem von Schluchten, Erdriſſen, Hecken, Wäldchen, Gärten, Mauern und Gräben durchſchnittenen Terrain ein eigner kleiner Krieg, der blutiger zu werden drohte, als der Kampf im Hafen, da bei dem ſteten Schwanken der Schiffe das Feuer der Flotte natürlich ſehr unſicher war und an⸗ derer Seits die Uferbatterien nichts vor ſich ſahen, als ein Gebirge von Rauchwolken, in welches ſie, ohne zielen zu können, ihre Schüſſe hineinrichteten. Wäre der Wind etwas ſtürmiſcher geweſen„ſo hätte er den Rauch verjagen, — — 353— oder wenigſtens dann und wann Lücken hineinreißen müſſeu, ſo aber ſtand er unbeweglich über den Feuernden. Auf dem Lande dagegen, wo faſt Mann gegen Mann focht, nahm jeder Schütz ſein Ziel ſicher auf's Korn, und bei der Uebung, die ſowol die franzöſiſchen, als die türkiſchen Ti⸗ railleurs hatten, ging faſt kein Schuß verloren. Indeſſen fochten die Franzoſen mit lebhafter Begeiſterung und immer neu entwickelten ſich ihre Colonnen aus den Bergſchluchten und drangen aus den Gebüſchen hervor. Da ſah der Oberſt einen Offizier mit etwa funfzig Mann eine Schlucht hinaufklettern und die Mauer eines Gartens umgehen, in welchem ſich viele türkiſche Schützen befanden. Sogleich machte er Giacomo aufmerkſam darauf und ſprach:„Wenn jenem geſchickten und ſorgſamen Offi⸗ zier der gewagte Streich glückt, ſo muß dort unten die Batterie verloren gehen. Mir däucht, er kann ihr in dem Erdriß, den die Gebüſche dort bezeichnen, bis auf zweihun⸗ dert Schritt nahe kommen. Freilich aber, entdecken ihn die Algierer, ſo iſt's ein Leichtes, ihn abzuſchneiden. Mit einer heftigen Spannung, ja faſt mit Aengſtlich⸗ keit verfolgte der erfahrene Krieger die Unternehmung des, ſo ſchien es, jungen Offiziers, der mit großer Gewandtheit, immer ſeinen Leuten voran, ſich Bahn auf einem höchſt ſchwierigen Wege brach.„Ein tapferer Sohn Frankreichs!“ ſprach der Oberſt gerührt;„möge der Himmel ſein kühnes Unternehmen begünſtigen.“ Es regte ſich eine Theilnahme für den jungen Mann in der Bruſt des alten Kriegers, die ihn ſelbſt befremdete. Sah er doch ſo viele auf dem weiten Gefilde der Gefahr, die ihm alle als Landsleute gleich naheſtanden, und dennoch hatte er, ſo mancher auch gefallen war, noch für keinen ein ſo beſonderes Gefühl der faſt zärtlichen Beſorgniß gehabt. War es das vereinzelte — 3344— Unternehmen, wodurch die Aufmerkſamkeit mehr auf den Einen geleitet wurde, oder ein zufälliges Gefühl, oder eine jener abſichtloſen Wahlen des Herzens, die ſo oft Dieſem oder Jenem Neigung zuwirft, ohne ſich Rechenſchaft zu ge⸗ ben, oder mochte es endlich eine jener geheimnißvollen, un⸗ erklärlichen Empfindungen ſein, mit welcher eine dunkle und uns zu Fremden hinüberzieht, die ſpäter bedeutſam mmit unſerm Geſchick verknüpft werden: genug, das Herz 5 des alten Kriegers ſchlug beſorgt für den jüngern und be⸗ gleitete ſeinen gefahrvollen Weg mit lautem Pochen. So⸗ gar Giacomo bemerkte, daß der Oberſt unruhig wurde, und nahm aus natürlichem Mitgefühl jetzt ebenfalls wär⸗ meren Antheil an dem Schickſal des jungen Offiziers und an dem Gelingen ſeiner Unternehmung. Wol zehn Minu⸗ ten mochte es dauern, ehe dieſelbe entſchieden werden konnte; bei jeder gefährlichen Stelle ſchlug den beiden Zuſchauern das Herz mächtig. Sie vergaßen faſt, daß die Schlacht im Großen auf der andern Seite tobe und überhörten ihren furchtbaren Donner. „Es glückt, es glückt!“ rief Giacomo;„wenn er jenen Buſch noch erreicht, ohne entdeckt zu werden, ſo hat er gewonnen Spiel. Nur noch hundert Schritte der Gefahr!— Er hat's erreicht! Jetzt muß er gleich unten aus der Schlucht herauskommen!“. Der Oberſt war den Bewegungen des kleinen Trupps mit unverwandtem Auge gefolgt. Er athmete leicht auf, als er ſah, daß die Hauptgefahr vorüber war.„Wer,“ ſprach er,„in dem ganzen Land⸗ und Seehee weiß jetzt ſo genau als wir, wo der Wendepunkt der Schlacht ſich Naanknüpft? Selbſt der junge Held konnte von dort aus un⸗ G ſo gut beurtheilen, als wir von hier oben, daß er Gewalt der Natur ſo oft unſere Bruſt ahnungsvoll erfüllt ——— 4 b — 335 gerade die gefährlichſte Batterie nimmt. Er hält es für einen einzelnen glücklichen Streich; allein gelingt er, ſo mag Graf Bourmont ſich bei ihm für die gewonnene Schlacht bedanken. Denn dort wird der Grundſtein des Gebäudes erſchüttert.“ „Sie brechen aus! Seht Ihr? ſie feuern!“ rief Gia⸗ como lebhaft.. In der That war der junge Held ſo eben mit ſeinen Leuten aus der verwachſenen Schlucht hervorgebrochen und hatte auf die Mannſchaft in der zunächſt gelegenen Küſten⸗ batterie von etwa zehn Geſchützen feuern laſſen. Kaum ſahen ſich die Türken im Rücken angegriffen, als ſie, wie betäubt von Angſt und Schrecken, die Geſchütze im Stich ließen und entflohen. Als die Mannſchaft der nächſten, kaum zweihundert Schritte entfernten Batterie dies ſah, folgte ſie dem gefährlichen Beiſpiele und ſtürzte, als wäre ſie ſchon abgeſchnitten, nach dem Thore von Algier zu. Die franzöſiſchen Tirailleurs nahmen im vollen Lauf die erſte verlaſſene Batterie weg und einige Leute pflanz⸗ ten ſogleich die weiße Fahne daſelbſt auf, während die an⸗ dern nach der benachbarten Batterie eilten und auch dieſe in Beſitz nahmen. Jetzt wurde die Flucht der Türken allge⸗ mein; die Tirailleurs verließen ihre feſten, guten Stellun⸗ gen, die Artilleriſten der übrigen Batterien retteten ſich ebenfalls durch eilige Flucht und in weniger als zehn Mi⸗ nuten war das Gefecht auf dieſem Punkte entſchieden. Die Flotte ſtellte ſogleich ihr Feuer gegen die gewonne⸗ nen Batterien ein, als die weißen Fahnen auf denſelben wehten, und richtete es dagegen mit verdoppelter Kraft auf die der Stadt und des Molo. Auch hier bemächtigte ſich bald eine allgemeine Muthloſigkeit der Soldaten und mir Geheul und Geſchrei ſtürzten ſie auf die Stadt zu und miſchten ſich dort mit dem tobenden Pöbel. Da wurde auf der Caſauba eine Fahne als Zeichen, daß man die Feindſeligkeiten einſtellen wolle, aufgeſteckt und bald darauf ſah man ein Boot, das ebenfalls das Zeichen des Friedens wehen ließ, vom Lande ſtoßen, um mit der Flotte zu un⸗ terhandeln, die, da ihre Schüſſe nicht mehr erwidert wur⸗ den, das Feuer für den Augenblick eingeſtellt hatte. Dies Alles war das Werk einer halben Stunde geweſen. Indeſſen waren die franzöſiſchen Tirailleurs immer dem Ufer gefolgt und hatten den flüchtigen Feind in kleinen Gefechten bis an das Thor von Algier gedrängt. Der junge Offizier, welcher die erſte Batterie genommen hatte, war fortwährend unter den Vorderſten. Der Oberſt verlor ihn nicht aus dem Auge und begleitete ihn noch immer mit einem Gefuͤhl ahnender Sorge. Schon ſchwieg der Donner des Geſchützes, ſchon wehten die Zeichen des Friedens; nur in jenen kleinen Kämpfen, die faſt zu perſönlichen geworden waren, ſah man noch die letzten Bewegungen der Schlacht, die ſo lange über das ganze Gefilde gewogt hatte. Der Befehl zur Einſtellung der Feindſeligkeiten ſchien noch nicht gegeben zu ſein. Arabiſche Reiter ſprengten quer über das Feld, um das Thor von Algier zu gewinnen. Der junge Offizier warf ſich ihnen mit ſeinen Leuten entgegen; die kühnen Araber ſuchten ſich einzeln durchzuſchlagen. Man focht Mann gegen Mann. Der Offizier gerieth zwiſchen zwei Araber; den einen riß er glücklich vom Pferde, der andere führte einen Säbelhieb gegen ihn und der junge Tapfere ſtürzte nieder. „ Ahnt' ich's nicht?“ rief der Oberſt aus.„Mir war gleich vom Anfang an zu Muthe, als hefte ſich das Ver⸗ derben an das Haupt des jungen Kriegers. Der tapfere, wackere, junge Mann! Aber ich wußte es zuvor! Es gibt 8⁸ 7. — — 337— eein ahnendes Gefühl, welches ſich nur in langer Erfahrung der Schlachten erwirbt, aber ſelten trügt; dies ſagt uns deutlich, wann wir für uns zu fürchten haben, und zeigt uns auch, wo Andere endlich von ihrem Geſchick ereilt wer⸗ den. Er iſt vielleicht das letzte Opfer dieſes Krieges!“ „Die Leute tragen ihn fort,“ bemerkte Giacomo,„aber er ſcheint doch noch am Leben zu ſein.“ „Möge Gott ſeine Tage behüten, ſprach der Oberſt mit bewegter Stimme, und begleitete den Trupp, der ſeinen Führer aus dem Kampfe trug, mit unverwandten Blicken. Bald verſtummten auch die letzten Schüſſe; Algiers Loos war entſchieden. Rellſtab, Geſ. Schr. Neue F. — Druck von F. A. Bvockhaus in Leipzig. ſſſſe nſffffffffſſſiſf 7 8 9 10 11 13 1 15 1 1 12 4 6 7 18 19 25 8* 8— 4