CaTacaraTarareen SgrannhrarhrrrhrArArArrnn Leihbibliothek Eduard Ottmann in Gießen. arararn aohnhnhnhnar Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. 2,„„ franz. od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: auf 6 Monat 2 fl. 3⁰ Kr. 2 fl. Kr. 1 fl. 12 Kr, , 3.„ 1.—„ 36„—,„ „ Irararaaraanannanat SuhnauhhnhpnhHhnHeanhananhr 30„ 2—„ 49„ 3 97 LaTar Aanhhnadhanhnanarar A A — ‿ 8———— Geſammelte Schriften von Ludwig URellstab. Sagen und romantiſche Erzählungen. —(— Leipzig: F. A. Brockhaus 18743. ☛☛ ᷣ Sagen und romantiſche Erzaͤhlungen. ·... Von. Ludwig Kellstab. —— Leipzig: F. A. Brockhaus. 1843. ☛ Inhalt des fuͤnften Bandes. Vorwort....... 4 Waldhulde oder der Wolfsbrunnen.. 14 Elsbeth. Eine Sage vom Ilſenſtein. 5 Jaromir. Eine romantiſche Erzaͤhlung Berghold. Eine romantiſche Erzaͤhlung Das Hochzeitfeſt. Nach einer italieniſchen Sage † Harzbilder und Harzſagen. Vorwort. Der Leſer empfaͤngt in den naͤchſten vier Baͤnden dieſer Ausgabe geſammelter Schriften eine Auswahl der Arbei⸗ ten des Autors im Gebiet der Erzaͤhlung. So leicht es auf den erſten Anblick erſcheinen mag, eine Anzahl einzeln abgedruckter Arbeiten zuſammenzureihen und einige Baͤnde daraus zu bilden, ſo ſtellen ſich dabei doch mancherlei Schwierigkeiten und Bedenken heraus. Zunaͤchſt das Princip der Anordnung. Ein ſtreng chronologiſches wuͤrde zwar in gewiſſer Hinſicht ein richtiges Bild von dem Entwickelungsgange des Verfaſſers geben, aber oft das AUngleichartigſte im Stoff zuſammenſtellen, die Rich⸗ tungen zerſplittern und verwirren, endlich nicht einmal ſtreng feſtzuſtellen ſein, da manche Arbeiten, gleichzeitig begonnen, doch ſehr ungleichzeitig vollendet ſind, da man nicht ſelten in einer bewegten ſchriftſtelleriſchen Thaͤtigkeit auf aͤltere Entwuͤrfe nach langen Jahren wieder zuruͤck⸗ kehrt, da endlich eine doppelte Chronologie moͤglich iſt, — uI— die der Abfaſſung und die der Erſcheinung einzelner Ar⸗ beiten. Ich habe daher dieſe Baſis der Anordnung, fuͤr die ich mich anfangs entſchied, bald aufgegeben. Eine Eintheilung nach Gattungen war ebenfalls nicht ſtreng durchzufuͤhren, weil dieſe oft ineinanderſpielen, ſich bisweilen in derſelben Erzaͤhlung miſchen. Ja eine ſolche Anordnung hat bei manchen Vortheilen ihre entſchiedenen Nachtheile, weil ſich eine ſcheinbare Monotonie erzeugt, indem der Leſer, was durch Jahre bei der Arbeit ge⸗ trennt war, dicht aneinandergeruͤckt ſieht, und ſich ſomit wiederholt in aͤhnlichen Kreiſen der Anſchauung bewegt. Endlich entſcheidet auch, wie in ſo vielen Angelegen⸗ heiten des Lebens, die rein zufaͤllige Aeußerlichkeit uͤber innere Rechte, naͤmlich der Raum. Die Baͤnde ſollen moͤglichſt von gleicher Staͤrke ſein. Zwei, drei groͤßere Erzaͤhlungen, wenn ſie auch noch ſo nahe zuſammen⸗ gehoͤrten, muͤſſen ſich trennen, weil eine kleinere, daneben⸗ geſtellt, die Bogenzahl richtiger fuͤllt. Dies Alles beſtimmte mich denn fuͤr eine, zwar im Allgemeinen, aber nicht ſtreng feſtgehaltene Ordnung nach dieſen drei verſchiedenen Ruͤckſichten. Der fuͤnfte Band enthaͤlt zugleich meine fruͤheſten, und dem Charakter nach verwandte Arbeiten, im Gebiet der Erzaͤhlung. Die erſte, jugendliche Entwickelung des dichteriſchen Talents ſucht am liebſten das Wunderbare auf; dieſer innere Drang mehrte und ſteigerte ſich durch das Studium eines Dichters, der gerade in dieſem Ge⸗ biet ſo außerordentlich Schoͤnes geſchaffen hat. Dem aufmerkſamen und urtheilsfaͤhigen Auge wird es nicht ent⸗ gehen, daß(beſonders in den Erzaͤhlungen„Waldhulde,“ —— —— „Elsbeth,“„Jaromir,“„Berghold“) wenn auch eigner Bo⸗ den und Triebkraft dieſen Bluͤthen eigne Farben gab, ſie doch unter den einflußreichen Strahlen des romantiſchen Ge⸗ ſtirns keimten und wuchſen, mit welchem Ludwig Tieck an unſerm dichteriſchen Himmel glaͤnzt. Oertliche Anre⸗ gungen zogen mich zu den beſonderen Stoffen. Ein Stu⸗ dien⸗Aufenthalt in Heidelberg, oͤfteres Durchwandern des Harzes, ein laͤngeres Verweilen in Boͤhmen veranlaßte die Wahl des Gegenſtandes und Schauplatzes dieſer Jugend⸗ arbeiten. Wohl erkannte ich, bei der naͤhern Pruͤfung derſelben jetzt, nach zwanzig Jahren und laͤnger, die vie⸗ len Schwaͤchen darin, und haͤtte Manches gern geaͤndert, doch der Verſuch dazu lehrte mich bald, daß hier mit Einzelnem nichts zu foͤrdern ſei, und eine Umgeſtaltung des Ganzen ein Unrecht ſein wuͤrde, das der Mann dem Juͤngling zufuͤgt. Alle Geleiſe, welche den innern Ent⸗ wickelungsgang des Geiſtes bezeichnen,— und darin allein liegt das objective Intereſſe innerer Thatſachen— wuͤrden dadurch verloͤſcht worden ſein. So ließ ich denn den Juͤngling mit allen ſeinen Rechten und Irrthuͤmern ſtehen, und vertraue ihn der Guͤte, welche neben den Maͤngeln der Jugend auch ihre ſchoͤnen Vorzuͤge, die des heiligen, gluͤhenden Eifers und Glaubens, anerkennt, und dieſen jene vergibt. Noch viel groͤßer war der Reiz, im zweiten(ſechsten) Bande, umbildend zu verfahren, in welchem ich diejeni⸗ gen Novellen nach der Zeitfolge ihrer Entſtehung zu⸗ ſammengeſtellt habe, die ſich vorzugsweiſe auf die Be⸗ ſprechung und Behandlung muſikaliſcher Gegenſtaͤnde gruͤnden; denn es iſt begreiflich, daß hier die, durch X eine ſeit Entſtehung der erſten dieſer Novellen,„Theo⸗ dor“, geuͤbte zwanzigjaͤhrige kritiſche Thaͤtigkeit ge⸗ reifte und gelaͤuterte Anſicht des Mannes oft, wenn auch nicht in Widerſpruͤche(denn meine Grundanſchauungen habe ich unverruͤckt feſtgehalten), ſo doch in ſcharfe Con⸗ flicte und Reibungen mit der des Juͤnglings gerieth. Aber hier gerade durfte ich dieſem ſeine Rechte am we⸗ nigſten ſchmaͤlern, wenn ich nicht ein ganz verfaͤlſchtes Bild von mir in die Welt ſenden wollte. Ueberdies ſind in keiner Art meiner Arbeiten Leben und Dichtung ſo innig verwachſen wie hier. Es ſind nicht blos durch Wahl und Recht der Erfindung und Phantaſie geſchaffene, ſondern vielfach ſelbſterlebte Zuſtaͤnde, denen ich hier Geſtalt gegeben; und auch die Charaktere, in denen ſich hier die Gedanken verkoͤrpern, gehoͤren zum großen Theil der Wirklichkeit an, ſind Bildniſſe, welche die Dichtung aus dem Leben abgeſpiegelt hat. Nein! Dieſe Ar⸗ beiten mußte ich unberuͤhrt laſſen! Sie ſind meine Hoff⸗ nungen, Traͤume, Kaͤmpfe, mein Gluͤck und Weh, mein ganzes Selbſt aus jener ſelig jugendlichen Zeit der Be⸗ geiſterung, des Glaubens und der Liebe! Auch der Ueber⸗ muth der Jugend uͤbt die Rechte ſeines Unrechts darin! Laßt und vergebt ſie ihm, ach— wuͤnſcht ſie Euch zuruͤck! Auch fuͤr dieſe Novellen habe ich eine beſtimmte Schuld des Dankes abzutragen an drei Manner, A. E. T. Hoffmann, Ludwig Berger und Bern⸗ hard Klein. Alle Drei erſcheinen ſie auch in mehr oder minder poſitiver Geſtalt in den Novellen, gleich⸗ zeitig mit dem Autor, der auch ſein aͤußerliches Ich 8 r — — X△ darin ſcherzend abgemalt, wie ein Maler, der ſich ſelbſt unter die Figuren ſeines Hintergrundes ſtellt. Man kann ihn z. B. in der Novelle„Edmund“ mit Ludwig Berger in Treiber's Keller(damals eine Beruͤhmtheit Leipzigs) zu Abend ſpeiſen ſehen. . Ich muß mich naͤher uͤber die eben anerkannte Schuld gegen Hoffmann, Berger und Klein erklaͤren. Hoffmann gegenuͤber war ſie die der Anregung, welche ſeine muſikaliſchen Novellen gegeben haben; in den Anſichten ſtand ich ihm aber mehrfach gegenuͤber; in dieſer Hinſicht wird meine Schuld mehr eine negative; ich verdankte, wie beim Fechten, Lehre und Uebung ſei⸗ ner Gegnerſchaft. Berger und Klein dagegen wirkten in jener Zeit (was die Muſik anlangt) nur poſitiv, entſchieden fuͤh— rend und lehrend auf mich, und erſt ſpaͤter geſtaltete ſich das Verhaͤltniß zum gegenſeitigen Austauſch der An⸗ ſichten. Ihnen folgt daher, weit uͤber das Grab hinaus, die Verpflichtung innerſten, tiefſten Dankes, und ich be⸗ trachte es als eine der heilbringendſten Fuͤgungen meines Lebens, daß es mich mit zwei ſo außerordentlichen Menſchen in nahe, innige Verbindung brachte. Und noch heut, mit wie vielfaͤltigen bedeutenden kuͤnſtleriſchen Erſcheinungen mein Lebensweg mich zuſammengefuͤhrt hat, behaupten ſie unbedingt den erſten Rang unter denſelben. Berger als edelſter Charakter, mit ſeltenſtem Talent verſchwiſtert, Klein als Grundtypus und leuchtendes Vor⸗ bild einer durchweg kuͤnſtleriſchen Natur, ja als eine der hoͤchſten geiſtigen Complexionen uͤberhaupt, die mir, — x beruͤhmteſte und hochbegabteſte Maͤnner nicht ausge— ſchloſſen, jemals im Leben begegnet ſind. Leſe man denn dieſe Novellen als einen Theil mei⸗ ner innern Lebensgeſchichte, in die Form phantaſtiſcher Gebilde, die ſich auf dem Grunde der Wirklichkeit be⸗ wegen, gebracht. Vieles haͤtte der Verfaſſer, der als ſein Herausgeber auch ſein Kritiker werden mußte, entſchuldigend, verthei⸗ digend, rechtfertigend noch zu ſagen. Doch was die Werke ſelbſt nicht ſagen, wuͤrde doch nur auf dem hoh— len Boden der Vergeblichkeit ſtehen. Moͤgen ſie denn fuͤr und wider mich zeugen bei dem oͤffentlichen Gericht, das der Leſer zu uͤben berechtigt iſt, und das in ſeiner beharrenden Fortdauer endlich immer den gerechten Spruch faͤllt.— Und wer duͤrfte mehr wollen? Berlin, im Maͤrz 1843. Der Verfasser. * 2 Waldhulde oder 2 5 2 5 — η „— — η — + Erstes Capitel. In dem ſchönen Thale, welches der Neckar ſilbern durch⸗ ſtrömt, wohnte, unfern der Stelle, wo wir jetzt die Trüm⸗ mer des herrlichen heidelberger Schloſſes anſtaunen, ein alter Ritter, Cuno, mit einem Sohne Bernhard. Aber damals war die Gegend nicht ſo lieblich als heut, wo der Fuß der Berge mit Weinreben grün umſponnen iſt, und an dem Ufer des ſanfter rauſchenden Fluſſes die freundlichſten Dörfer und Städtchen mit hellen Häuſern und ſchattigen Lau⸗ ben liegen; auch ſah man nicht ſo reich wogende Saatfelder und ſonnig über die Hügel ſich dehnende Wieſenteppiche als jetzt; ſondern Alles war mit dichtem Walde bewachſen, der Neckar brauſte ſprudelnd über die Felsblöcke, die ihm den wilden Lauf ſperrten, und kein leichter Nachen konnte ſo ge⸗ fahrlos wie heut den muntern Strom zwiſchen den reizen⸗ den Ufern hinabſchwimmen, laut ertönend von Geſang und Jubel. So ſcheint die Welt immer ſchöner zu werden; und doch mögen wol jetzt ſelten in dem blühenden Thal ſo ſelige Stunden verlebt werden als damals; freilich aber auch nicht ſo traurige! 1* Ritter Cuno wurde von der Laſt der Jahre ſchon ge⸗ beugt. Das ſcharfe Schwert des Kummers hatte ihm tiefe Furchen in die Stirn geſchnitten, und tiefere Wunden in das ſtarke duldende Herz gebohrt. Scheitel und Wange waren gebleicht, doch das Feuer der ſcharfblickenden Augen hatten die Thränen, die er mit männlicher Härte zu be⸗ kämpfen geſucht, nicht erlöſchen können. Denn in dem Auge ſtrahlte die Glut des Herzens wieder, die Alter und Gram nur in eine mildere wohlthuende Wärme verwandelt hatten. Und dauernder, tiefer Gram. Denn er ſaß, ein gealterter Mann, jetzt faſt einſam auf ſeinem Schloſſe, da er ſonſt eine fromme blühende Gattin in ſeinen Arm ge⸗ ſchloſſen, die ihm zwei Kinder, einen Sohn und eine Toch⸗ ter, geboren. Nur der Sohn ſtand noch neben ihm, und der Vater betrachtete ihn oft mit Wehmuth, als blicke er in einen Spiegel, der ihm ſeine eigne glückliche, ſanft kühne Jugendgeſtalt zeige. Und wie uns in der Erinnerung Alles ſchöner dünkt, ſo kam auch dem Greiſe jene Zeit ſo lieblich vor, wie Einem, der auf einer öden beſchneiten Alpe ſteht, das grünend lebendige Thal zu ſeinen Füßen. Dieſes ſehn⸗ ſüchtige Gefühl ergriff ihn jetzt heftiger als jemals, da öftere Krankheit ihn hinderte, dem Vergnügen der Jagd, der ein⸗ zigen Zerſtreuung in jener einſamen Gegend, ſich zu über⸗ laſſen. So ſchweifte denn ſein Sohn Bernhard ganze Sn in den alten Wäldern umher, und kehrte nur mit nenuntergang heim, um den Vater durch Erzählung 88 Tagesabenteuer die Abendſtunden zu verkürzen und ſeine Sehnſucht nach der thätigen Jugendzeit noch ſtärker an⸗ zuregen. 4 Bernhard erzählte aber auch ſo lebendig, daß es wol Jedem ein Verlangen erweckt hätte, das freie, freudige Le⸗ ben zu theilen. Er war ein Jüngling voll Kraft und 5 Feuer, aber auch eben ſo weich. Und wenn es ihn mit muthiger Luſt durchdrang, dem hungernden, blutgierigen Wolf die Bahn zu ſperren und ihn mit dem nie fehlenden Pfeil zu erlegen oder den ſchnaubenden Auerſtier mit geſchwungenem Speer entgegen⸗ zutreten, ſo konnte er dagegen auch an lauen Frühlingstagen oder einem wehmüthigen Herbſtnachmittage weich träumend unter den hohen Bäumen liegen und ſich von einem Gefühl ergreifen laſſen, das ihm eben ſo unerklärlich war, als es ihn ſanft⸗ ſchmerzlich beglückte. So waren auch ſeine Erzählungen. Bald fachte er den glimmenden Funken des Muths in der Bruſt ſeines Vaters zur innerlichlodernden Glut an, wenn er den gefährlichen Kampf mit einem Eber oder Wolf be⸗ ſchrieb;z bald erweckte er in dem Greiſe die Erinnerung eigner Jugend und aller Sehnſucht und Wonne, deren ein reines Gemüth fähig iſt, dadurch, daß er, fragend und erzählend, von dem Vater zu erforſchen ſuchte, was ihn denn eigentlich mit unbekannten zauberiſchen Banden hinüber oder in die endloſe Weite zöge, wenn er unter einer hohen Eiche auf dem Raſen liege und durch die goldhellen, lispelnden Blätter hinauf in den tiefblauen Himmel blicke.„Dann,“ ſagte er,„rauſcht es geheimnißvoll in den Kronen der Bäume, die rothen Sonnenſtrahlen ſchimmern weit durch den Wald, daß Alles wie in einem glühenden Nebel ſchwimmt— und die Vögel flattern und ſingen— und der Neckar brauſt— und mir wird das Herz ſo voll!— Endlich ſinkt die Sonne, Alles wird ſtill und grau, und ich gehe, träumend von wun⸗ derbaren Geſtalten und Abenteuern, nach der Burg zurück. Trete ich nun in die Halle und ſehe das Feuer des Ka⸗ mins und Euch, mein Vater, ſo wird mir, als kehrte ich von einer weiten, vergeblichen Reiſe verarmt heim.“ Der Vater bekämpfte ſchwer, was er ſelbſt erinnernd fühlte, und entgegnete dem Sohne nur, das ſei die Luſt nach — 6— Abenteuern, nach der Welt und ihrem bunten Getümmel, nach Ruhm und Thaten. Es ſei ihm in der Jugend auch ſo geweſen; überdies ſei die Zeit nicht mehr ferne, wo er dieſe Luſt befriedigen könne, denn der Tod werde dem grei⸗ ſen Haupt bald eine ewige Lagerſtätte bereiten. Dann um⸗ armte Bernhard den Greis heftiger und ſchwur, es ſei etwas Anderes, was er in der Welt nicht zu finden hoffe, und nie möge er ſich von dem einſamen Walde und dem theuren Vater trennen. Zweites Capitel. Eines Morgens zog Bernhard, unbegleitet wie gewöhn⸗ lich, in den Wald. Doch vergeblich durchſtrich er die Berge nach allen Richtungen; er traf für ſeinen Pfeil keine Beute an. Dies machte ihn endlich verdrießlich und müde. Als er ſich daher nach einem anmuthigen Ruheplatz umſah, be⸗ merkte er, daß er in einen ſehr verwachſenen Wald gera⸗ then ſei, den er ſich nicht erinnerte ſchon betreten zu haben. Doch ſchien ihm derſelbe nach einer Richtung hin lichter zu werden, und dieſer folgte er. Bald gelangte er auch auf einen etwas freiern Raſenplatz am Abhang eines Hügels, von dem er in ein grünes Waldthal hineinſehen konnte, das ſich nach dem Neckar hinunterzog. Als er ſüll ſtand, hörte er einen Quell rauſchen, der am Fuß eines mit dichtem Gebüſch umkränzten Felſen entſprang. Die Mittagsſonne brannte, die Wanderung hatte ihn durſtig gemacht; ſo ſchien ihm dieſer Ort der lieblichſte, den er zur Ruhe auf⸗ finden könnte. Er trat daher in die Gebüſche, um ſich an 7 dem Born auf den blumigen Raſen zu werfen. Aber plötzlich feſſelte ſeinen Fuß der reizendſte und überraſchendſte Anblick. Auf einer Moosbank, die ſich an den Fels lehnte, ruhte, vom Kaſtaniengebüſch kühl umſchattet, ein kaum er⸗ blühtes Mädchen und ſchlummerte. Bernhard wagte kaum zu athmen, um die liebliche Geſtalt nicht zu erwecken, aber es zog ihn unwiderſtehlich zu ihr hin. Leiſe trat er näher, ſetzte ſich zu ihren Füßen nieder und blickte ihr in das holde, ruhige Antlitz. Das blonde Haar hing ihr lockig über die zarte Hand, die ihr das Haupt ſtützte, und der ſchwellende Arm ruhte glänzendweiß auf dem dunkeln Mooſe, in wel⸗ ches er ſich wie in ein Kiſſen halb hineingedrückt hatte. Ein weißes, ſchimmerndes Gewand verhüllte die ruhende Geſtalt leicht und faltig. Die Linke hielt noch bewußtlos eine wilde Roſe; andere Waldblumen, die der Entſchlum⸗ merten entfallen waren, lagen auf dem Raſen. Bernhard glaubte zu träumen, aber ihm war, als ſei er auf eine In⸗ ſel der Seligen verſetzt worden. Wie er die holde Schlum⸗ mernde mit Entzücken betrachtete, bemerkte er, daß ihre Hand auf dem Mooſe nach und nach ausgleitete. Er ſah den Augenblick kommen, wo das ſchöne Haupt fallen und ſich an einem hervorragenden Felsſtück verwunden könnte. Er⸗ ſchreckend wollte er leiſe den Stein hinwegräumen; aber plötzlich glitt die Hand des Mädchens aus, der ſchöne Nacken ſank herab und ruhte in Bernhards Arm. Von der Be⸗ wegung war das liebreizende Weſen erwacht. Sie blickte ihn, noch halb träumend, mit tiefblauen, verwunderten Augen an, als könne ſie ſich nicht beſinnen, aber ſchreckte dann plotzlich beſorgt und zitternd in die Höhe.„Fürchte nichts, ſüßes Mädchen,“ bat Bernhard leiſe;„ſieh, Du warſt in Gefahr, Dich an dem Fels zu verwunden, darum hielt ich Deinen Fall mit meinem Arm auf.“ Das Mäd⸗ chen betrachtete die Stelle und ſagte erröthend:„Ich danke Dir, Fremdling, aber wie kommſt Du in dieſe Wildniß?“ „Ich bin auf der Jagd verirrt, und wollte hier ausruhen,“ erwiderte Bernhard.„So ſetze Dich zu mir auf die Moosbank, die ich an dieſem kühlen Born bereitet habe; denn der Mittag iſt drückend, aber hier iſt es ſchön und ſchattig.“ Bernhard legte Köcher und Bogen auf den Raſen und ſetzte ſich in einer ſeligen Beklommenheit zu dem freundlich anbietenden Mädchen nieder.„Nuht ſich's hier nicht wohl?“ fragte ſie mit lieblicher Stimme.„Der Born murmelt leiſe über die Kieſel und haucht Kühlung empor, die Blätter rauſchen ſo ſanft in dem wehenden Zuge der Luft, die Vö⸗ gel ſingen freundlich dazwiſchen und die Sonne lächelt ver⸗ ſteckt durch das Laub. Ich bringe oft viele Stunden des Tages hier zu, und immer gehe ich ungern nach Haus.“ „Aber wohnſt Du denn hier in dieſem Walde, den ſelten ein menſchlicher Fuß betritt?“„Dort hinaus über den Berg⸗ rücken hinweg wird es viel freundlicher, und wenige Schritte von der Hütte meiner Mutter kann man weit in das offene Land hinausſehen. Von dort kommen auch oft Landleute zu uns hinauf, welche uns Speiſe bringen.“„So wohnſt Du mit Deiner Mutter jenſeit des Gebirgs und Ihr lebt ganz allein?“„Nicht allein; ein uralter Klausner theilt mit uns die Hütte. Er hat uns vor vielen Jahren, als wir lange umhergewandert waren, gütig aufgenommen, und jetzt pflegen wir ſein im Alter. Aber ich kann nicht daheim bleiben. Es zieht mich hinaus in den tiefen, ſchattigen Wald, wo die Bergwaſſer ſchauerlich brauſen und die Ein⸗ ſamkeit uns tröſtend umfängt; dann aber ſteig' ich auch wieder ſo gern in die ſtillen Thäler hinab, die hoch von —— u—— r 9 den grünen Bergen heimlich und zutraulich eingeſchloſſen ſind. Am liebſten aber weile ich an dieſem Brunnen, den ich auf wunderbare Weiſe kennen gelernt. Drittes Capitel. „Ich hatte mich einſt im Walde verirrt, und war er⸗ ſchöpft unter einer alten Kaſtanie eingeſchlummert. Nach eini⸗ ger Zeit erwachte ich, von einem brennenden Durſt gequält, und gewahrte mit Schrecken, daß die Sonne ſich ſchon zum Untergang neigte. Ich war ſo ermattet, daß ich kaum gehen konnte. Plötzlich hörte ich die Blätter rauſchen; ich blickte auf und glaubte einen Wolf zu ſehen, der ſich auf⸗ gebäumt hatte und den Rachen über die Gebüſche hinaus⸗ ſtreckte. Erſchreckt ſprang ich zurück; allein wie erſtaunte ich, als ich eine hohe Frau zwiſchen den Bäumen hervor⸗ treten ſah, auf deren Schulter ein Mantel von Wolfsfell durch eine goldene Spange zuſammengeknüpft war. Ihr Haupt war mit dem Kopfe des Wolfsbalges bedeckt, in der Hand hielt ſie einen Bogen und auf dem Rücken hing ein Köcher mit goldenen Pfeilen. Das lange ſchwarze Haar fiel ihr über den Buſen und Nacken herab, das ſilbergraue Gewand umſſchloß ein blitzender Gürtel, und an einer reichen Kette hing ein blutrothes Herz, von einem Pfeil durchſtochen, auf die linke Bruſt herab. Ich war erſtaunt und erſchreckt, denn die große, ſchöne Frau glich einem grauen Nebelgebilde, durch welches an einzelnen Stellen die Sonnenſtrahlen leuch⸗ tend hindurchbrechen. So quoll ſie auch gleichſam aus dem 1*△ — 10— Laube hervor und ſchien mehr majeſtätiſch auf mich zuzu⸗ ſchweben als zu wandeln. Dennoch hatte ſie etwas ſehr Sanftes und Rührendes in dem ſchönen Geſicht, ja es ſchien mir, als wenn eine blitzende Thräne das große, dunkle Auge ſchimmernd getrübt hätte. Eh' ich mich faſſen konnte, redete ſie mich an:„„Du biſt müde und verſchmachtet; folge mir, ich will Dich zu einer Quelle leiten.““ Sie er⸗ griff meine Hand liebreich, zuckte aber dabei ſchauernd zu⸗ ſammen und wandte ſich um, indem ſie mit der Linken über die Stirn fuhr. Durch die Büſche führte ſie mich ſtumm zu dieſem Brunnen, deutete mir den Rückweg mit der Hand, und nahm ſchweigend Abſchied. Dieſes Thal wandelte ſie hinunter; ich hatte ſie bald aus dem Geſicht verloren, doch hörte ich einige Zeit nach⸗ her einen wehmüthigſchauerlichen Geſang aus der Ferne herüberdringen. Hörſt Du? fragte das Mädchen plößlich, und mit Erſtaunen und heimlichem Bangen hörten Beide eine klagende Stimme aus dem Thale herauftönen. Ein langer, ſchmerzlich ſchwellender, wie ein Hauch verhallender Ton ſchloß das Lied. Dann war es ganz ſtill; doch in der Ge⸗ gend, aus welcher der Geſang erklungen war, fingen die Gipfel der Bäume leiſe an zu ſchwanken, ein geheimniß⸗ vollrauſchender Wind wogte näher heran, plötzlich fiel ein dunkler Schatten auf den Raſen, und die Erſtaunten ſahen einen grauen, wolkigen Nebelſtreif durch die Luft ſchweben, der an dem höhern Rücken des Gebirgs zwiſchen den ſchwar⸗ zen Gipfeln der Bäume zerfloß. Das Mädchen ſchmiegte ſich furchtſam dichter an Bernhard an, der entzückt ſeinen Arm um die holde, bebende Geſtalt legte und ſie feſter zu ſich zog.„Sei nicht bange, Du Liebe,“ ſprach er zärtlich, „dies iſt eine milde Erſcheinung.“„Ich bin's auch nicht,“ erwiderte ſie,„ich habe dieſen Geſang ſchon oft gehörtz — 11— doch wird mir immer gar ſo wehmüthig dabei, als ſollte es mir ein Unglück bedeuten. Auch habe ich bemerkt, daß meine Mutter allemal an ſolchen Tagen um dieſelbe Stunde eine beſondere Angſt um mich empfunden hat, von der ſie mir nachher erzählt, ohne irgend zu wiſſen, was mir begegnet iſt. Denn, ich weiß nicht warum, aber eine bange Scheu hat mich immer gehindert, von der ſchönen Frau im Walde zu reden, und Du biſt der Einzige, dem ich davon geſagt. Doch lebe nun wohl, ich will hinauf zu unſerer Klauſe, damit die Mutter ſich nicht länger ängſtigen möge.“ Sie reichte Bernhard die Hand zum Abſchiede; er drückte und hielt ſie, ſah dem erröthenden Mädchen lange ins Auge und fragte:„Wie heißeſt Du, Liebe?“„Hildegard,“ ſprach ſie leiſe.„Und ſchon willſt Du mich verlaſſen, Hildegard?“ Sie ſtand ſtumm mit niedergeſchlagenen Augen; endlich er⸗ widerte ſie kaum hinhauchend:„Ich komme morgen wieder.“ Darauf wandte ſie ſich um und ſchwebte leichten Schritts durch die Büſche den Felspfad hinauf. Bernhard wollte ihr nach und rief:„Hildegard, darf ich Dich nicht geleiten?“ 1 Sie aber winkte verſagend mit der Hand und flüſterte noch einmal:„Lebe wohl!“ Viertes Capitel. Lange blickte Bernhard dem durch das Laub ſchimmern⸗ den Gewande nach, das ihm nur zu ſchnell gänzlich ver⸗ ſchwand. Dann warf er ſich noch einmal auf die Moos⸗ bank nieder und ſah in den hohen Himmel unruhig und 6 e — 12— doch ſelig hinauf. Endlich gedachte er des Heimwegs und ſchritt träumend durch den Wald nach der Burg des Va⸗ ters. Bald trat er durch das Gebüſch auf eine Felsſpitze hinaus, von der er die Gegend überſehen konnte. Die Sonne neigte ſich hinter die violett rauchenden Gebirge jen⸗ ſeit des Rheins; eine matte Glut floß um die Gipfel der Berge und ſchimmerte durch die Kronen des Waldes; der Neckar rauſchte und ſchlug purpurnſchäumende Wel⸗ len; die Thürme der Burg brannten im Golde des Abends; im Walde war Alles ſtill. Bernhard breitete die Arme ſehnſüchtig aus, heiße Thränen ſtürzten über ſeine Wangen, Wehmuth und Wonne beſtürmten das jugendliche Herz, daß es heftiger ſchlug und die Bruſt beklemmte. Der Glückſelige wußte nicht, wie er die Fülle der Empfindung faſſen ſollte; müde ſetzte er ſich wieder auf den Fels und blickte der verſinkenden Sonne ſchwärmend nach. Aber als die letzten glühenden Wolken in einen matten Purpurrauch verdufteten, und der graue Flügel der Dämmerung leiſe beruhigend über die Erde zu wehen begann, hörten auch die Wogen ſeiner Bruſt auf, ſo ſtürmend zu wallen, und ruhiger ſtieg er hinab zu dem alten Vater. Der Greis war verwundert, daß der Sohn ſo lange ausgeblieben ſei ohne Beute heimzubringen, und begehrte nach ſeiner Gewohnheit die Beſchreibung ſeiner Wanderung. Bernhard entgegnete nach einigem Stocken:„Was könnte ich Dir, mein Vater, von einer Jagd erzählen, die ſo un⸗ glücklich geweſen iſt, daß ich nichts angetroffen habe.“ Doch beſann er ſich, ob er vielleicht von dem erfahrenern Vater über die wunderbare Erſcheinung jener Frau und ihres Ge⸗ ſanges im Walde nähere Auskunft erhalten könnte. Er er⸗ zählte daher, als ſei ihm ſelbſt begegnet, was Hildegard er⸗ blickt hatte, und fügte zuletzt, was er wirklich an der Seite — 13— der Geliebten erlebt hatte, hinzu. Während er ſprach, ſah der Vater ſehr ernſt, ja betrübt aus, ſo daß Bernhard faſt erſchrak; doch endete er ſeine Erzählung. Darauf aber faßte ihn der Vater bei der Hand und ſagte:„Lieber Sohn, Du haſt eine tiefſchlummernde Erinnerung in mir erweckt, und nach Dem, was Du mir erzählt haſt, kenne ich die ſchöne Frau des Waldes wohl. Sei vorſichtig und meide ſie, daß Dich nicht vielleicht eine Liebe zu ihr ergreife, denn das würde Dich in tiefes, unendliches Leid ſtürzen. Oder ſie möchte Dir auch ſonſt gefahrvoll ſein. Folge daher lie⸗ ber meinem Rath und ziehe, ſie meidend, morgen fort in die Welt. Wir haben ja treue Knappen, die mich ſorgſam pflegen werden, und über ein Geringes mußt Du mich ja doch auf immer entbehren.“„O Vater,“ rief Bernhard, geängſtigt von tauſend beklemmenden Gefühlen,„wie ſollte ich Euch verlaſſen in Eurem Alter! Fürchtet die Waldfrau nicht, ſie hat keine Macht über mein Herz.“„Doch, mein Sohn, meide ſie, es iſt nicht Das allein, was ſie Dir ge⸗ fährlich macht.“—„O, mein Vater,“ unterbrach Bern⸗ hard,„ihr Antlitz ſah ernſt und traurig, und ihr Geſang war klagend; tiefes Mitleid würde ſie mir erregen, aber keine Liebe. Ja, ſie ſcheint unglücklich durch Liebe zu ſein, denn ſie trägt ein düſteres Sinnbild, ein glühendes Herz von goldenem Pfeil durchbohrt.“„Sahſt Du das, Bern⸗ hard?“ rief der Vater erſchüttert. Und er wandte ſich ab und fuhr mit der Hand über die Stirn.„Du biſt lange ausgeblieben,“ ſprach er umgewendet, erzwungen feſt,„laß uns zur Ruhe gehen.“„Doch ich verlaſſe Euch morgen nicht auf ewig,“ bat Bernhard,„nur in den Wald muß ich hinaus.“„Bernhard,“ erwiderte der Greis nach kur⸗ zem Schweigen,„verſprich mir, morgen vor Sonnenunter⸗ — 14— gang heimzukehren, denn ich will im traulichen Abendgeſpräch Dir etwas ſehr Wichtiges entdecken. Gute Nacht.“ Fünktes Capitel. Vater und Sohn ſchieden, um zur Ruhe zu gehen, deren Keiner genoß; der Greis, weil ihn die Erinnerung vergangener Tage überwältigend beſtürmte, der Jüngling, weil ihn die Seligkeit der Gegenwart überdrängte. Als daher der Mond ſtüll über die ſchwarzen Berge heraufkam, hinter denen die Liebſte wohnte, ſo war es ihm, als ſchwebe ihr Bild auf ſeinen Strahlen und blicke grüßend und win⸗ kend herab. Er trat auf den Altan hinaus. Die Nacht war lau, doch zogen die Lüfte kühl und ſtreiften über die ſilbergrauen Wellen des Fluſſes, der aus dem dunkeln Wald⸗ thal licht hervorrauſchte. Nach dem Brunnen zu, an dem Bernhard ſein Glück gefunden, lagen leichte Nebelſchleier auf den Bergen, und bisweilen ſchien es ihm ſogar, als drängen einzelne Töne durch die Nacht herüber. Dies Alles erweckte dem Liebenden eine ſo unbezwingliche Sehnſucht, in der Stille der Nacht dahinzuwandeln, wo er am Tage ſo glücklich geweſen war, auch zog es ihn ſo mächtig mit geheimnißvollem Drang, der wunderbaren Waldfrau zu be⸗ gegnen, daß er ſein Jagdgeräth ergriff und aufbrach. Er klimmte den Berg hinan und folgte dem Pfad waldeinwärts. Unter dem Dunkel der lispelnden Bäume war es anmuthig⸗ kühl; der Mond äugelte verſtohlen durch die zitternden Wi⸗ pfel, die Bächlein rauſchten munter ins Thal hinab. Oft glaubte Bernhard eine leichtſchwebende weiße Geſtalt vor ſich hingleiten zu ſehen, aber immer fand er ſich durch die Mondſtrahlen getäuſcht, die ein geſpenſtiſches Licht auf die alten Stämme der Bäume warfen. Schon mehrmals war es ihm geweſen, als höre er leiſe anſchwellende Klänge durch den Wald hallen, aber jetzt unterſchied er deutlich, daß ſie aus einem dichten Gebüſch hervordrangen. Behutſam ging er näher, erblickte auf einem Raſenplatz und von hohen Buchen umwölbt, eine weibliche Geſtalt, die, das Haupt ſchwermüthig in die Hand geſtützt, auf dem Boden ruhte. Ihr langes, dunkles Haar wallte düſter über den Nacken, das ſilbergraue Gewand ſchimmerte wie Nebelduft im Mon⸗ denſtrahl, ein brauner Wolfsmantel war nachläſſig unter die Schultern herabgeſunken und neben ihr lagen Pfeile und Bogen. So ſah er denn die Frau des Waldes wirklich vor ſich! Hinter einen alten Buchenſtamm geſchmiegt be⸗ trachtete er ſie mit zurückgehaltenem Athem. Sie hatte das Antlitz von ihm abgewendet und ſeufzte oftmals aus tief⸗ ſter Bruſt. Die hochgewölbte Halle der Baͤume, in der ſie ruhte, war von einem grünlichſchimmernden Duft erfüllt, der aus den Blättern, die ſmaragdartig leuchteten, her⸗ vorzuſtrömen ſchien, wie wenn die Sonne recht hell durch die zarteſten Laubwipfel ſcheint. Plötzlich begann ein unter⸗ irdiſches Rauſchen, als ob düſtere Accorde aus der Tiefe ſtiegen, die Häupter der Bäume neigten ſich gegeneinander, und aus den Wipfeln wehten ſchwermüthig weiche Klänge hervor, die ſich mit den unterirdiſchen Tönen miſchten und eine ſeltſame, ahnend ergreifende Muſik hervorbrachten. Die Waldfrau richtete ſich auf und ſang mit einer tiefrührenden Stimme zu den Klängen folgendes Lied: Wohin biſt Du, Trauter, entſchwunden? Der ſuͤß mir geſchlummert im Arm! Ich hielt Dich ſo liebend umwunden, — 16— Am Buſen ſo treu und ſo warm. Ach fuͤhle an wallenden Schlaͤgen Das gluͤhend verwundete Herz! O laß Dich, Geliebter, bewegen, Und kuͤhle den brennenden Schmerz! Weh mir! die Klage, die Thraͤnen, Das Hoffen, das Sehnen, Vergebens! Wie ſchoͤn war's im ſchweigenden Haine, Als Du noch geruht mir im Schooß; Wir Beide im ſel'gen Vereine Gelagert auf ſchwellendem Moos. Jetzt unter den rauſchenden Baͤumen, Verlaſſene, weineſt Du hier; Du ſiehſt nur in daͤmmernden Traͤumen Zu Fuͤßen den Reuigen Dir. Weh mir! die Klage, die Thraͤnen, 3 Das Hoffen, das Sehnen, Vergebens! So rauſcht denn, ihr alternden Kronen, Ihr Waſſer, erbrauſet im Thal; Bei euch will ich Einſame wohnen, Euch ruͤhrt die verzehrende Qual. Und laut ſoll die Klage erſchallen, Bis ſie zu dem Himmel ſich ſchwingt, Wo troͤſtend, aus ruhigen Hallen, Das Licht der Geſtirne uns blinkt. Weh mir! die Klage, die Thraͤnen, Das Hoffen, das Sehnen, Vergebens! Sechses Capitel. Vergebens! Auf dieſem troſtloſeſten aller Worte ruhte jener ſchwellende, ſehnſüchtige Ton, den wir ſchon früher vernommen. Bernhard ſtand mit beklemmter Bruſt, Thrä⸗ nen traten ihm ins Auge und verdunkelten den Blick. Als er wieder aufſchaute, ſiehe, da war die Waldfrau verſchwun⸗ den; das Laub wogte wie von einem Windſtoß bewegt, und vor dem Mond zog eine trübe Wolke vorüber. Noch ſtand er ſinnend; da vernahm er einen leiſen Seufzer und Klage⸗ ton, der ihn aus ſeinem Traum erweckte. Er ſchaute um und ſah Hildegard, weinend mit der Stirn an einen Baum gelehnt. Sie hatte ihn noch nicht erblickt; er rief ſie, und als wenn das Lied Beiden das Geheimniß der Liebe, das ihnen als eine dunkle Ahnung im Buſen ſchlummerte, plötzlich gelöſt und dem ſuchenden Auge enthüllt häͤtte, ſan⸗ ken ſie ſchweigend, in ſüßen Thränen, einander in die Arme. „O, verlaß mich nimmer!“ bat das Mäͤdchen endlich mit erſtickter Stimme,„verlaß mich nie, niemals!“ Bernhard preßte ſie heftiger an den Buſen; ſie wankte ermattet, er ließ ſie ſanft auf den Raſen nieder und ſetzte ſich zu ihr, indem er ſie feſter und feſter im ſeligſten Entzücken an ſich drückte. So entſchlummerte ſie leiſe in den Armen des Geliebten und erwachte nicht eher, als bis der erſte Strahl des Tages auf ihrem Antlitz glühte und die kühlen Lüfte des Morgens ihr durch die Locken ſäuſelten. Da ſchien ihr aber Alles ein Traum zu ſein, und ſie konnte ſich nicht über⸗ reden, daß der Geliebte ſie wirklich am Herzen halte. Bald ſah ſie ihn mit den dunklen, blauen Augen groß und ver⸗ wundert an, dann ſchlug ſie ſie wieder ſchüchtern auf den Buſen nieder.„Holdes, boſes Mädchen,“ rief endlich Bern⸗ hard, der ſie lange mit ſtummem Entzücken betrachtet hatte, „wie konnteſt Du es wagen, bei nächtlicher Weile allein durch den Wald zu ſtreifen, wo Dir tauſend Gefahren drohen?“ „Mich trieb,“ ſprach ſie leiſe und erröthend,„eine unwider⸗ ſtehliche Sehnſucht hierher; ich mußte die Stätte aufſuchen, wo ich mit Dir ſo glücklich geweſen war. Komm nun, laß uns an den Brunnen, er iſt wenige Schritte von hier.“ Mit liebender Freundlichkeit zog ſie ihn fort. Als der Quell ſchon näher bei ihnen flüſterte, ſprang ſie fröhlich voraus und bog die Zweige auseinander, damit die Morgenſonne heller hindurchblicken könnte.„Hier iſt meine Wohnung,“ ſprach ſie,„hier muß ich Dich empfangen.“ Und ſie lud ihn mit liebendem Auge, in dem noch Thränen des Ent⸗ zückens ſtanden, auf die weiche Moosbank. Dort ſaßen Beide im Glühen der Morgenſonne; die Vögel jubelten, der Bach rauſchte hell, die Blumen dufteten rings umher; die ganze Natur ſchien das Feſt der jungen Liebe, die das holde Paar vereinigte, weihend zu ſchmücken. O genießet! Die Flügel ſeliger Stunden weilen nicht! Wenn ihr weißes Taubengefieder noch im Sonnenſtrahl glänzt, ſtürmt ſchon der ſchwarze Raubvogel des Geſchicks heran, der die Sonne mit düſter ausgeſpanntem Fittig deckt und ſchwere Schatten auf die lichten Stätten der Erde wirft! O ihr Glückſeligen, wie füllt es meine Bruſt mit Kla⸗ gen, daß ich ſchon den ſchwarzen Waldſtrom brauſen Pr⸗ der den klaren Quell eurer Freuden mit Felsſtücken ver⸗ ſchütten, euch ſelbſt in den Abgrund reißen wird! Hildegard pflückt wilde Roſen und ſchmückt ihrem Bernhard das Jagdbarett damit. Ein Dorn verletzt die zarte Hand, und Bernhard ſaugt das ſüße Purpurblut entzückt aus der Wunde. Seht, jetzt wandeln ſie am Weiher auf und nieder, * * — 19ñ— der, zwiſchen dunklem Gebüſch gelegen, den Quell auffängt und ihn reicher weiter ſtrömt. Er iſt wie ein Spiegel des Himmels, rein und blau. Die ſchönen Geſtalten treten mit verſchlungenen Armen an den Nand des Ufers und blicken hinab, um ihr verklärtes Bild in den ruhigen Wel⸗ len lächelnd zu betrachten. Als Bernhard ſich herüberbeugt, fällt ein Pfeil aus ſeinem Köcher in den Weiher; die Welle kräuſelt ſich, Hildegards Bild verwiſcht ſich und der Pfeil fährt mitten hindurch! Ihr lächelt Beide!„Sieh, Dein Pfeil durchdrang mir das Herz,“ ſprach Hildegard lächelnd.„Auch ich bin tief verwundet von Dir,“ entgegnete Bernhard, „aber die Wunde würde erſt dann ſchmerzen, wenn Du den Pfeil herausziehen wollteſt. Laß ihn mir ewig im Herzen, ſowie jener in den Fluten dieſes Weihers begraben iſt.“ Sie umarmten einander und blickten dann wieder hinab in den Weiher, aber ihr Bild war verſchwunden, denn der fallende Pfeil hatte den ſumpfigen Grund aufgerührt, und an der Stelle, wo die beiden liebenden Geſtalten aus der Tiefe heraufgelächelt hatten, war jetzt eine trübe Wolke getreten. Da wandelten ſie weiter, aber der Pfad führte abwärts vom Waſſer, und ſie haben ſich nie wie⸗ der umarmend in dieſen Wellen geſpiegelt! Die Sonne beginnt zu ſinken; Bernhard, dein Vater harrt, und Hilde⸗ gard, deine Mutter weint! Als ſie ſich nun trennen muß⸗ ten, hielten ſie ſich noch einmal lange und inbrünſtig um⸗ ſchlungen. Schon hatten ſie Abſchied genommen, da wandte ſich Hildegard um und rief:„Noch einmal umarme mich, mein Bernhard, mir wird ſo bang!“ Sie hielten ſich um⸗ ſchloſſen, Thränen ſtürzten auf Hildegards Buſen herab, ver⸗ geblich bemühte Bernhard ſich, ſie zu tröſten. Sie weinte nur heftiger und riß ſich endlich in Thränen los.„Morgen mit dem Strahl der Sonne!“ rief ihr Bernhard nach und ſtürzte fort. Siebentes Capitel. Der alte Vater Cuno ſaß harrend auf dem Söller des Schloſſes und betrachtete mit Unruhe die tiefer und tiefer ſinkende Sonne; denn es drängte ihn, die Laſt der unge⸗ theilt getragenen Schmerzen, unter der er das ganze Leben geſeufzt hatte, in die mitfühlende Bruſt des Sohnes aus⸗ zuſtrömen. Endlich kam der Jüngling den Burgweg lang⸗ ſam herauf.„Ich habe Dich ſchon lange erwartet, mein Sohn,“ ſprach Cuno,„um Dir jetzt etwas zu erzählen, was ich Dir anfangs erſt auf meinem Todbette vertrauen wollte. Doch die Erſcheinung, die Du geſtern gehabt, hat mir die Freuden, die ewig verlorenen vergangener Jahre ſo ſchmerzlich wieder vor die Seele geſtellt, daß ich dem be⸗ kümmerten Herzen, das lange einſam geduldet, endlich Er⸗ leichterung ſchaffen muß. Laß Dich aber durch einige ün⸗ glücksworte nicht aus Deiner glücklichen Unbefangenheit ſchrecken, ſondern halte ſie, wie ich, für Worte, die nur darum Unheil geſtiftet haben, weil man ſie geglaubt hat. Komm nun hinab in die Halle; der Nachtwind weht kalt, und jene Nebelwolke, die dort aus den Waldſpitzen ſich er⸗ hebt, ſcheint Regen zu verkünden.“ Vater und Sohn ſaßen in der ſchaurig dämmernden Halle; draußen war es finſter geworden, und der Wind fuhr ſauſend durch die alten Lin⸗ den auf dem Wall des Schloſſes. Cuno ſchwieg langez es ſchien, als müſſe er, bevor er mit Ruhe und männlicher Faſſung reden könne, erſt viele Stürme im Herzen beru⸗ higen. Endlich begann er mit Anſtrengung: „Als ich in Deinen ſchönen Jahren war, mein Bernhard, liebte ich, ſo wie Du, den einſamen, rauſchenden Wald mit ſeinen dunklen Laubgewölben und friſchen Naſenteppichen. Tage und Nächte brachte ich in demſelben zu, ohne ſeiner müde zu werden, und ich begriff es wohl, wie unſere Vä⸗ ter ihren Göttern den düſtern Hain zur heiligen Wohnung angewieſen. Obgleich ich die um mein Schloß liegende Ge⸗ gend genau kannte, gerieth ich jedoch einſt auf einer meiner Streifereien ſo tief in die Berge, daß ich mich nicht mehr herauszufinden wußte. Mit dem dämmernden Abend ge⸗ langte ich an einen klaren See, der etwa einige Pfeilſchüſſe breit und lang war. Die Sonne war eben verſunken, nur im Weſten glänzte noch ein ſanftrother Schein, der ſich lieblich in dem heitern Wellenſpiegel abmalte. Die Vögel hatten aufgehört zu ſingen und am Himmel blinkten die erſten mattſilbernen Sterne. Der Tag war ſchwül gewe⸗ ſen, daher wehte die erfriſchendſte Kühlung aus den ſanft ſich brechenden Wellen. Ich ſuchte mir eine Stelle am Ufer, wo ich mich niederſetzen konnte, um ausruhend die erquickende Luft und ſchöne Landſchaft zu genießen. Als ich mich den Gebüſchen am Strande näherte, hörte ich die Wellen in einer Bucht ſtärker rauſchen; ich trat hinzu und erblickte eine weibliche Geſtalt, die ſich ſoeben in den See geſtürzt hatte und die Wellen theilte. Erſtaunt blieb ich ſtehen und ſah ihr nach, wie ſie langſam über die purpurne Flut dahinſchwebte. Sie wandte das Haupt nach mir um und ſah mich mit ſo unbeſchreiblich holden Blicken an, daß ich ihr nachſtürzen wollte. Doch ſie winkte mir mit dem ſchwellenden weißen Arm zurück und ließ ſich von den ſanften Wellen weiter tragen, während ſie mit ſtets gewandtem Antlitz nach dem Ufer hinüberblickte. Nie habe ich etwas Reizenderes geſehen, als ihr ſchönes, dunkles Lockenhaupt und den blendenden Nacken und Arm, von dem milden, mit Purpur gemiſchten Blau der Wogen ſchwebend —— —— — 22— gewiegt. Der See ſchien mir ein Himmel zu ſein, mit Ro⸗ ſenwölkchen bedeckt, und ſie eine Göttin, die eben dem blauen Aether neu geboren entſteigen wollte. Gefeſſelt blieb ich ſtehen, ja, als ihr Bild meinem Auge ſchon lange entſchwun⸗ den war, blickte ich noch unverwandt nach der Gegend hin⸗ über. Da ſah ich auf einer kleinen, waldigen Inſel eine Geſtalt ans Ufer ſteigen, die ich für die ihrige hielt, und bald darauf drang von dort her ſchwellend ein Geſang durch die leiſe bewegten Lüfte, dem an Lieblichkeit nichts auf der Erde glich. Das Geheimniß dieſer Töne zog noch mächti⸗ ger als der Anblick des ſchönen Weſens. Die Inſel ver⸗ hüllte ſich in die wallenden Schleier ſilberner Nebel, welche aus dem See emporrauchten; durch wunderbare Klänge, welche aus den Waſſern und den Wolken zu dringen ſchie⸗ nen, ſchwellend getragen, ſchwebte die ſüße Stimme immer ſehnſüchtiger und lockender durch die Lüfte und ſchmiegte ſich bezaubernder an meine Bruſt. Endlich glaubte ich das ru⸗ fende Wort: herüber! herüber! in einem lang verhallenden Laut, mit tiefer Sehnſucht geſungen, deutlich zu vernehmen. Da widerſtand ich nicht mehr, ich warf Jagdſpeer und Bogen hinweg, ſtürzte in die Wellen, die ich leicht mit geübtem Arm theilte, und erreichte bald das erſehnte Ufer. Hier erblickte ich, von einem ſchimmernden Lichtglanz erhellt, eine hohe Waldwölbung, über die ſich die Nebelwolken als mattweiße Decke wallend ausbreiteten und nur ſelten das dunkle Blau des Himmels mit einem leuchtenden Geſtirn hindurchblicken ließen. Auf dem Raſen ſaß die Schöne mit herabhängenden Locken; ſie blickte mich an— ach!— ich wollte ihr zu Füßen ſinken, ihr Arm empfing mich,— von ihrer Lippe tönte das holde Wort:„Sei gegrüßt!“— Hier hielt der Vater inne und verbarg das Antlitz in ſei⸗ 4 — 23ñ— nen Mantel. Seine Thränen ſtrömten unaufhaltſam; Bernhard umſchlang ihn bewegt, ja beklommen, denn auch er gedachte ſeiner Liebe. Achtes Capitel. „Höre weiter, mein Sohn,“ fuhr der Greis nach eini⸗ ger Zeit fort.„Ich habe nun einmal begonnen, den Pfeil aus der Wunde zu reißen, und der Schmerz ſoll meine Hand nicht unmännlich zurückhalten. Von jenem erſten ſe⸗ ligen Abend laß mich ſchweigen. Eine ſolche Wonne, das erſte Finden der Geliebten, erlebt der Menſch nur einmal, und verſteht ſie erſt dann ganz, wenn ſie ihn wirklich durch⸗ dringt. Das behält Dir das Leben als ſein köſtlichſtes Kleinod noch vor. Es iſt der Gipfel unſerer Wanderung, von dem wir plötzlich mit überraſchtem Entzücken die Welt als ein Paradies vor den trunkenen Augen ausgebreitet ſehen. Aber dann geht es abwärts, immer tiefer in das Thal hinein, das Dir anfänglich nur die Ausſicht verſchließt, dann enger und kühler wird, bis endlich die ſchroffen, er⸗ ſtarrten Felſen, die Dich ummauern, keinen Wunſch mehr laſſen, als den, die Wanderung zu beſchließen. Nur, wenn die Stille der Nacht Deine unruhige Seele in Schlummer wiegt, und das Dunkel Deinen traurigen Aufenthalt ver⸗ hüllt, dann wird die Erinnerung mächtiger und zaubert Dir in ſehnſüchtigen Träumen das verſchwundene Glück vor die Seele, oder die Sehnſucht wird quälender und Du blicſſt zu den goldenen Sternen hinauf, die Deine Nacht nicht erleuchten, ſondern nur zeigen, wie finſter ſie iſt. Waldhulde, ſo nennt ſich dieſe Bewohnerin der Wälder, — 24 hatte mich mit den ſüßeſten Banden der Liebe an ſich ge⸗ zogen. Lockte mich ſonſt das ahnungsreiche Geheimniß des rauſchenden Waldes, ſo war mir jetzt ſein ſchönſtes Kleinod kund und eigen geworden. Wir durchſtrichen zuſammen die ſchattigen Laubgänge, bald der Jagdluſt genießend, bald auf den Geſang der Vögel lauſchend, oder uns an dem wun⸗ derbaren, ewigen Rauſchen der Wipfel, der Waſſer und der Winde ergötzend. Denn Waldhulde, die Meiſterin vieler verborgener Kräfte, wußte die Wipfel der Bäume melodiſch tönen zu laſſen, ſie ſchärfte mein Ohr für den Klang der unterirdiſch ſtrömenden Waſſer, und mitten in dieſem Meer wunderbar dahin brauſender Harmonien ſchwebte ſie ſelbſt mit ihrer himmliſch bezaubernden Stimme, in welcher alle Seligkeit der Liebe, alle Tiefe und Innigkeit der heiligſten Empfindungen verborgen war. Oft ſang ſie mir das Lied, womit ſie mich ſo unpiderſtehlich, nach der Inſel hinüber⸗ gezogen hatte, und dies ergriff mich noch immer mächtiger als alle andere, weil es ihr, nach ihrem eignen, ſüßver⸗ ſchämten Geſtändniß, die Liebe eingegeben hatte. So ver⸗ einigte ſich in ihr die holdeſte, liebende Weiblichkeit mit der geheimen Macht eines höher begabten Weſens. Aber alle ihre Zauberkünſte zerbrachen vor der größern Gewalt der Liebe. Durch zauberiſche Mittel hätte ſie mich leicht für ewig feſſeln können; nur durch die Liebe wollte ſie es; da⸗ her entdeckte ſie mir ohne Hehl, wie weit ihre geheimen Kräfte ſich erſtreckten. So erfuhr ich, daß ſie zwar ſterblich ſei, aber durch frühen Gebrauch wunderkräftiger Tränke ihr Leben bis auf die Dauer dreier Menſchenalter verlängert habe. Alsdann verſchwinde die Kraft ihrer Zaubermittel, und ſie ſinke in eine Mattigkeit, die in ſanften Schlummer übergehe, aus dem ſie nie wieder erwache. Keine andere Ge⸗ walt vermöge ihr das Leben zu rauben, keine Wunde ſei ihr tödtlich, kein Gift gefährlich. Das Alter übe nur eine ge⸗ ringe Macht über ſie, und der Tod ſei ihr noch bei blühen⸗ der Schönheit des Körpers beſchieden, obwol die erſte friſche Jugendlichkeit durch die Reihe langer Jahre verſchwinde. So lebte ich mit dieſem ſüßen, ſanften und doch erhabenen Weſen viele Jahre, und zu meinem Erſtaunen gewahrte ich, daß auch ich in friſcher Jugendkraft blieb. Ahnend be⸗ fragte ich Waldhulden. Sie geſtand mir, daß die Liebe, die uns vereinigte, mich zum Mitgenoſſen der Wirkung ihrer Zaubermittel mache; ſie geſtand mir weiter, daß dieſe Theilung mit einem gleichen Verluſte von ihrer Seite ver⸗ bunden ſei, ſodaß ſie gleichſam an meiner Liebe dahinſchmach⸗ tend ſtarb. Dies erſchütterte mich tief; jeden Tag, den ſie mit mir lebte, weihte ſie meinem Daſein und raubte ihn dem ihren; und ſo war ſie dieſe ganze Zeit für mich ge⸗ ſtorben! Hältſt Du es nun für möglich, Bernhard, daß ich undankbar gegen dieſes liebend opfernde Weſen ſein könnte? Und doch war ich's! Seit langer Zeit ſchon bemerkte ich an Waldhulden eine Traurigkeit und Unruhe, die ſie mühſam bekämpfte. End⸗ lich befragte ich ſie, und da geſtand ſie mir weinend und erröthend:„Mein Theurer, Du haſt ſchon ſeit langer Zeit den Wunſch geäußert, daß ein Sohn unſere Verbindung beglücken möge. Deine Wünſche bleiben unerfüllt, denn das Mutterglück iſt mir auf ewig verſagt.“„Iſt das eine Folge Deiner Zaubertränke?“ rief ich erzürnt.„O nein, mein Geliebter,“ antwortete ſie ſanft unter Thränen.„Als ich Deine Wünſche vernahm, mit denen die meinigen ſich lange vereinigt hatten, beſchloß ich, die geheimen Stimmen der Natur zu befragen, wann uns die Erfüllung derſelben ge⸗ währt werden könnte. Und da erfuhr ich, daß der Him⸗ mel mich von dieſem Glück auf ewig ausgeſchloſſen habe. V. 2 2 — 26— Denn ſonſt hätten meine verjüngenden Tränke auch nicht wirken können, weil die Natur nur einem Weibe, das ſich in ihren Kindern nicht neu erſchaffen und ewig fortpflanzen kann, zum Erſatz die dauernde Jugend für eine längere Lebenszeit verleiht. Laß mich nun dieſe Jugend mit Dir theilen, denn was wäre mir das Leben ohne Dich! Seine Verlängerung würde mir zur entſetzlichen Qual, wenn ich Dich verlieren müßte. Nein, ich bringe die Hälfte meiner Tage Dir liebend dar, verſchönere Du mir nur dafür die andere.“ Ich ſchloß die Weinende in meine Arme, doch hatte ſich in mein Herz ein Gefühl des Unmuths geſchlichen, welches ich ſchwer bekämpfte. 8 4 Neuntes Capitel. Bald darauf erhielt ich die Nachricht, daß einer meiner Verwandten, ein würdiger Greis, krank liege und mich zu ſprechen begehre. Ich mußte mich deshalb auf einige Tage von meiner Waldhulde trennen. Ich nahm Abſchied von ihr, doch ſie war ſo bewegt dabei, ſo außer ſich, daß ſie im heftigſten Weinen mich durchaus nicht laſſen wollte. Endlich mußte ich ihr verſprechen, nur noch die einzige Nacht, ſtatt auf meinem Schloſſe, mit ihr in ihrer Grotte, wie ich faſt immer that, zuzubringen. Ich that es. Darauf wurde ſie wieder ruhig und lächelte mich, noch mit ſtrömenden Thränen, dankbar an. Sie war jetzt die Anmuth, die lie⸗ bende Sorgſamkeit ſelbſt. Als wir in die Grotte kamen, zog ſie mich koſend nieder, war mit ſtets emſiger Freund⸗ lichkeit um mich her, bereitete mir ein ſanftes Lager, ja, war faſt demüthig wie eine Dienerin auf meine Wünſche aufmerkſam. Ich ſah es mit einer tiefen Rührung, aber doch mußte ich dabei denken: Und dieſes liebe Weſen wird nie eine Tochter gebären, die ihr ähnlich werden kann! So leer wird die Grotte ewig bleiben, als ſie jetzt iſt! Aber daran dachte ich nicht, wie unglückſelig öde ſie der Armen erſcheinen müßte, wenn auch ich ſie verließe. Die Nacht verſtrich uns Beiden unruhig. Wenn ich mich ſtellte als ſchlummere ich, ſo vernahm ich, wie ſie leiſe weinte und ſeufzte; ſobald ich mich aber nur regte, verſtummte ſie und ſchien im Schlaf tief zu athmen. Endlich begann die Däm⸗ merung grau und kühl heraufzuſteigen. Ich erhob mich und trat vor die Grotte. Ein kalter Wind fuhr über das Gebirg, der Himmel war mit dunklen Wolken umzogen, die Kronen der Bäume wogten ſauſend hin und her, alle liebende Wärme ſchien im Buſen der Natur erloſchen zu ſein. Ich blickte düſter vor mich hin; Waldhulde war mir gefolgt und ſchlang ihren Arm um meinen Nacken.„Lebe wohl,“ ſprach ſie matt mit zurückgehaltenen Thränen,„jetzt mußt Du fort, ich ſelbſt bitte Dich, zu gehen.“ Ich ſah ſie an, ſie war blaß und matt, und trug auf der Wange die Spuren der verweinten Nacht. Doch bezwang ſie ſich und lächelte freundlich.„In wenig Tagen biſt Du wieder mein, auf ewig mein!“ rief ſie halb ſeufzend, halb fragend. Ich antwortete ihr nicht, ſondern drückte ſie ſtumm an mich. Da brachen ihre Thränen ſtrömend hervor, ſie umſchlang mich mit heißer Beklemmung, als wollte ſie mich nie mehr laſſen. Endlich wand ich mich los und ſtieg den Fel⸗ ſen hinunter. In meinem Schloß war es ſchon lebendig, die Roſſe ſtanden geſattelt, ich ritt mit zwei Dienern hin⸗ weg. Die Sonne hatte jetzt die Nebel zertheilt, die Flur lag friſch vor mir, der Athem des Morgens wehte mich 2* — 28ñ— ſtärkend an und Heiterkeit drang wieder in mein Herz. Wenn mich aber der Weg durch ein Dorf oder bei einer ländlichen Wohnung vorüberführte, wo Kinder ſpielten, oder eine Mutter mit einem Säugling auf dem Arm vor der Thüre ſaß, wurde mir allemal wehmüthig zu Muthe. Ich konnte dann faſt einen Haß auf meine Waldhulde werfen und häufte ſchonungslos ungerechte Vorwürfe auf ſie. Das Härteſte dachte ich von der Unglücklichen, von ihrer Liebe, die mich doch ſo lange beglückt hatte. Ach ich verkannte ihr zartes, ſehnſüchtiges Herz, das der Liebe bedurfte, die es allein nährte und erfüllte. Ich dachte nicht daran, welch eine Lebenswüſte die Arme durchwandeln müßte, wenn ſie ſich nicht einmal an die tröſtende Bruſt eines Freundes leh⸗ nen dürfte. Verſchwunden war aus meinem untreuen Ge⸗ dächtniß die Erinnerung an die eigne Glut, mit der ich die Holde beſtürmt hatte, an die Seligkeit, mit der ich die leiſe Widerſtrebende zum erſten Mal auf jener Inſel. an die lie⸗ bende Bruſt geſchloſſen. Alles, womit ſie mir liebend, überreich, das Leben verſüßt hatte, war vergeſſen, nur des Einen gedachte ich, was meinem Glück fehlte, was die Schuldloſe mir nicht geben konnte. So ungerecht machen die Wünſche nach etwas Anderm gegen Das, was man beſitzt! Ich will ſchneller fortfahren, mein Sohn. Meinen Ohm fand ich auf dem Sterbebette. Er ſagte mir:„Cuno, mein einziger Sohn iſt in einer Fehde gefallen; auch mich wird der Tod bald hinwegnehmen. Du biſt unſeres Stam⸗ mes Letzter und lebſt ein einſames, ungeſelliges Leben. Es iſt meine Pflicht, unſeres alten Geſchlechtes Fortdauer zu befördern. Daher ermahne ich Dich auf meinem Todbette, bald ein häusliches Weib zu nehmen, damit der tiefgewur⸗ zelte Stamm unſeres Hauſes blühend forttreibe, und eine reiche Krone gen Himmel ſtrecke. Noch ein theures Ver⸗ mächtniß übergeb' ich Dir ſterbend. Bei mir wohnt meiner Schweſter Tochter, ein zartes Mädchen, ohne Schutz, wenn ich dahin bin. Du mußt mir verſprechen, der Beſchützer ihrer Ehre zu ſein, wenn mich der Tod abgerufen hat.“ Ich verſprach; er winkte einem Knappen, der das Fräulein in's Zimmer rief. Sie trat ein, eine ſanfte, blond⸗ge⸗ lockte, erröthende Geſtalt, die mit leiſen Schritten ſich ſchüchtern vor dem fremden Ritter bewegte. Ich blickte ſie überraſcht an, ſie ſenkte furchtſam die Wimpern.„Dieſer Ritter,“ ſprach mein Ohm,„wird Dich beſchützen, Hilde⸗ gard, wenn ich nicht mehr bin.“„Hildegard!“ rief Bern⸗ hard.„Warum fällt Dir der Name Deiner Mutter, den Du ſo oft gehört, auf?“ fragte der Vater.„Alſo ſie wurde meine Mutter?“ entgegnete Bernhard, ſich faſſend. „Ja, mein Sohn, ſie wurde es, und bald. Wie ſoll ich Dir's beſchreiben, mit welchen Banden mich ihre weib⸗ lichholde Anmuth, ihre Unſchuld, ihr frommer, häus⸗ licher Sinn zu ihr zogen! Nie werde ich ihre unaufhaltſam hervorbrechenden Thränen vergeſſen, als der Ohm von ſei⸗ nem Tode ſprach. Sie kniete an ſeinem Lager und küßte gebückt dem Greis die Hände, ſodaß ihr die weichen Locken verhüllend über die Wange fielen, und man ihren Schmerz nur noch an dem wallenden Buſen bemerken konnte, der von tiefen Seufzern bebte. Und als der Alte geſtorben war, wie reizend ſtand das blaſſe Mädchen im ſchwarzen Ge⸗ wande am Sarge ihres väterlichen Freundes! „Nun muß ich in's Kloſter,“ ſprach ſie weinend. Aber ich ergriff ihre Hand und rief:„Nein, Hildegard, zu mir als meine Freundin, meine Gattin! Willſt du?“ Unter Thränen ſprach ſie ein bebendes Ja, und ich ſchloß ſie feſt an's Herz. Zehntes Capitel. Von dem Augenblick an war meine Nuhe verloren. So wie ich ſie als Braut umfangen hatte, gedachte ich Wald⸗ huldens, und die Reue laſtete mir ſchwer auf der Bruſt. Aber Alles verſöhnte der ſanfte, liebende Blick deiner Mut⸗ ter. Wir begaben uns nach einigen Tagen auf mein Schloß, wo ich die Hochzeit feiern wollte. Ich war es Waldhulden ſchuldig, und hatte mir es männlich, unerſchütterlich vorge⸗ nommen, ihr ſelbſt die Nachricht von Dem, was ich gethan, zu bringen. Nicht feig wollte ich ihrem Zorn, ihren hefti⸗ gen Vorwürfen, die ich vorauszuſehen meinte, entfliehen. Ach, wie irrte ich mich! Am Morgen nach meiner Ankunft ging ich in den Wald nach ihrer Grotte. Schon fern er⸗ kannte ich ſie an dem leiſen Nebel, den ſie wie einen Schleier um ſich her zu weben wußte, um ſich den Augen der Menſchen zu verbergen.„Waldhulde!“ rief ich.„Mein Geliebter!“ tönte es aus dem Gebüſch und ſie ſtürzte auf mich zu und umſchlang mich mit heißeſter Inbrunſt.„So biſt Du mir endlich wiedergekehrt, mein Trauteſter! O ſieh Deine glückliche Waldhulde!“ rief ſie aus und eine hohe Röthe der Wonne überflog ihr kummerblaſſes Geſicht. Zit⸗ ternd hing ſie an mir, ich wußte mich kaum zu faſſen. Endlich ſprach ich:„Waldhulde, ich liebe Dich heiß und werde nie aufhören, Dich zu lieben, allein wir müſſen uns trennen. Du biſt aus dem Kreiſe der Menſchen herausge⸗ ſchritten, Deine zauberiſche Mutter hat Dich auf eine an⸗ dere Stufe der Weſen gehoben und den Sterblichen ferne gerückt. Aber nur das Gleiche verbindet ſich dauernd. Ich n —— — 31— habe eine Gattin heimgeführt, und die Treue, die ich ihr, die in blühenden Kindern meinen Namen fortpflanzen wird, geſchworen, duldet es nicht, daß wir ferner zuſammen wei⸗ len. Lebe denn wohl und gedenke meiner in Frieden!“ Todtenblaß ſank ſie nieder, ſchweigend, ohne Thränen. Ich konnte ſie nicht verlaſſen. Endlich richtete ſie ſich auf und ſprach ſanft und erſchöpft, daß mir die Worte das Herz zer⸗ riſſen:„Lebe wohl! Ich zürne Dir nicht. Jeden Tag mei⸗ ner Liebe erkaufte ich mit einem meines Lebens; doch Du willſt mir's ja nicht gönnen, daß ich Dir alle meine Tage weihe. Nun werde ich einſam wohnen im ſchaurigen Walde! Ein blutiges Herz, vom Pfeile ſchmerzlich durchbohrt, wird an meiner Bruſt hangen; die Liebe flieht,— der Haß ſchlägt die giftige Wurzel in meinen Buſen;— den Kampf werde ich beginnen mit den Thieren des Waldes, mit den heulenden Wölfen der öden Haide!— das wird Waldhul⸗ dens Thun ſein, die bisher nur liebte! Weh! O, meine Mutter! Warum reißeſt Du den Schleier von meinem Auge, warum wirfſt Du leuchtende Blitze in die Nacht des Künf⸗ tigen! Trübe Sterne wandeln durch den Himmel! Nur meine Liebe iſt ewig; die Gattin wird Mutter werden und ihre Liebe theilen! Dem Frevel zieht die Strafe nach! Schon ſehe ich die lieblichen Kinder! Das Herz des Mädchens blutet! Sie liegt bleich, ſie iſt glücklich, todt! Siehe, Du Holde, mein Herz blutet noch, und iſt ſchon ſo lange verwundet, und wird noch lange bluten! Lebe wohl!“ Schwärmend hatte ſie, gleich einer Prophetin, die letzten Worte geſprochen; dann umſchlang ſie mit matt herabſinkendem Haupt einen Baumſtamm. Eine Nebelwolke zog ſich um ſie her; Thrä⸗ nen verdunkelten mir das Auge; als ich wieder aufblickte, war ſie verſchwunden. Ich ging nach meinem Schloß. Der — 32— Abend nahte ſich grau und kalt. Als ich aus den letzten Gebüſchen hervortrat, hörte ich Waldhuldens Stimme. Da ſtand ſie auf dem Hügel am Strom im Nebel der Abend⸗ dämmerung groß und ernſt unter hohen Bäumen. Ein Wolfsmantel verbarg finſter die leichten ſonſt ſo lieblich ver⸗ hüllten Glieder. Ihre Locken fielen ſchwermüthig herab, auf der Bruſt funkelte es glühend, Pfeile ragten aus dem Kö⸗ cher und ein graues Gewand, mit blitzendem Gürtel ge⸗ knüpft, umfloß den Leib. Ernſt blickte ſie, voller Gram, zu mir herüber, drückte dann beide Hände vor die Augen und ging in den Wald. Nebelwolken wogten nach und der Wind rauſchte traurig durch die Bäume. So kehrte ich heim, in der männlichen Bruſt die Reue und den Schmerz mühſam bändigend. 4 Die fromme, liebende Demuth meiner Hildegard bewegte mich tief und tröſtete mich endlich. Ihre ſchuldloſe Seele hatte keine Ahnung von Dem, was in der Tiefe meiner Bruſt unruhige Wellen erregte. Sie war ganz ein liebendes Weib, das in den Pflichten der waltenden Ordnerin des Hauſes ihre ſchöne Beſtimmung liebte. Auch ihre Mutter— wünſche wurden erhört, denn ſie gebar Dich. Da fielen mir die Worte Waldhuldens ein: die Gattin wird Mutter wer⸗ den und ihre Liebe theilen. Denn faſt ſchien es wirklich, als habe ſich ihre ganze Liebe von mir auf den Säugling gewendet. Sie lächelte mich nur an, um auf das Kind aufmerkſam zu machen, das ſie mit ſtillem Entzücken be⸗ trachtete. Nach drei Jahren gebar ſie mir eine Tochter, die ich aus einem dunklen Antrieb, das Andenken meiner Waldhulde geehrt zu wiſſen, und durch ein Zeichen, wenn ihr auch unbekannt, zu erkennen zu geben, daß mein Herz ihrer noch oft liebevoll gedachte, nach ihrem Namen be⸗ nannte. Den Vorwand nahm ich von meiner Liebe zum — 33— Jagd⸗ und Waldleben, das ich noch immer fortſetzte. Auch ſie, ſprach ich zur Mutter, möge ſich dereinſt in den heili⸗ gen Laubgewölben des Waldes wohler fühlen, als unter der ſchweren Steindecke der Burggemächer. Wirklich geſchah es ſo; denn das Töchterlein, welches von ſeltener Schönheit war, ſpielte mit nichts ſo gern, als mit grünen Zweigen, die Du, mein Sohn, ihm brachteſt. Denn Du liebteſt die kleine Schweſter mit ſtürmiſcher Zärtlichkeit und drückteſt ſie oft mit den Knabenhändchen ſo feſt an Dich, daß das erſchreckte Kind weinte. Ein reizenderes Bild habe ich nie wiedergeſehen, als Deine Mutter, wenn ſie die blondgelockte Waldhulde mit den leuchtenden blauen Augen und dem zar⸗ ten Roth der Wangen auf dem Schooß wiegte, während Du, an das Knie der Mutter geſchmiegt, eine Hand des Schweſterleins ergriffen hatteſt und ſie liebkoſend drückteſt und küßteſt. Eilktes Capitel. Ich ſchien mir dann oft ein aus dem Paradies Ver⸗ bannter zu ſein. Denn Waldhuldens prophetiſche Worte tönten mir beſtändig vor dem Ohr, und es war zu ſehen, wie beſonders das Mädchen die Liebe Deiner Mutter ſo auf ſich gezogen hatte, daß ich ihr gar nicht mehr da zu ſein ſchien. Sie redete mich nur an, um von den Kindern, von dem blühenden Töchterlein zu ſprechen; ſie winkte mir nur mit den Augen, um etwa auf Euch zu deuten, wie Ihr miteinander tändeltet, oder ſchlummertet. Aber jede 2 ᷣ* — 34— Pflicht, die die Hausfrau, die Mutter, erfüllen kann, übte meine Hildegard fortwährend mit aufmerkender Sorglichkeit. So konnte ich mich nicht beklagen, aber ich war nicht glück⸗ lich. Auf eine wunderbare Weiſe wuchs indeſſen die Luſt der kleinen Waldhulde an grünen Zweigen und an duften⸗ den Feldblumen. Da dachte meine Gattin zum erſten Mal daran, mit ihren Kindern in den anſtoßenden Wald luſt⸗ wandeln zu gehen. Mich zu begleiten, hatte ſie nie den Wunſch geäußert. Mißmuthig blieb ich im Schloß, denn auch mitzugehen lud ſie mich nicht ein. In die Erinnerung verſchwundener Tage verſenkt ſtand ich gegen Abend einſam auf dem Söller und harrte auf die Rückkehr der Meinen. Da hörte ich plötzlich,— nie werde ich die Wehmuth ver⸗ geſſen, die mein Herz dabei bis in's Innerſte durchdrang— ich hörte den klagenden Geſang Waldhuldens durch die Stille des Abends ertönen. Mit thränenden Augen blickte ich nach der Gegend hinüber, aus welcher die Klänge zu kommen ſchienen. Da eilte Deine Mutter in ängſtlicher Haſt aus dem Wald, Dich an der Hand haltend, die Toch⸗ ter auf dem linken Arm. Ich eilte hinab, ihr entgegen; ſie flog mir an's Herz, athemlos. Erſt nach vielen Fragen erzählte ſie mir mit beängſtigt unterbrochener Stimme: „Bernhard ſpielte im Walde und brachte der Schweſter Zweige und Blumen. Plötlich ſprang er freudig herbei mit einer glänzenden Schlange in der Hand. Die kleine Wald⸗ hulde griff vergnügt darnach, aber die Schlange ziſchte und wollte ſtechen. Erſchrocken riß ich das Kind zurück. Zugleich aber trat eine Frau plötzlich von hinten her zwiſchen uns, faßte die Schlange, erdrückte ſie und ſprach zum Knaben; „Noch darfſt Du ſie nicht tödten!“ Darauf wandte ſie ſich und ging in den Wald. Erſchreckt durch das Ereigniß und die Erſcheinung eilte ich heim nach der Burg.“ Hier ſank — 35 ſie mir ermattet in die Arme; ich führte ſie hinauf. An der Erzählung hatte ich wohl erkannt, daß Waldhulde die Retterin geweſen, und eine trübe Ahnung füllte mir den Buſen. Doch ſchwieg ich. Von der Stunde an war mir aber die Ruhe verſchwunden, denn die Reue drückte mich ſchwer und auch die Prophezeihung begann mich zu ängſti⸗ gen. Ich ſprach deshalb mit einem alten frommen Mönch, der mich tröſtete und ſagte:„Wohl treffen dergleichen zaube⸗ riſche Wahrſagungen bisweilen ein, aber nur daher, weil der Menſch ſie glaubt, und um ſeinen Glauben zu rechtfer⸗ tigen, unwillkürlich ſelbſt an der Erfüllung arbeitet. Prüfe Dich ſelbſt; würdeſt Du nicht, wenn Dir gewahrſagt wäre, ein ſtürzender Baum würde Dich erſchlagen, von der Luſt geſtachelt ſein, Dich unter manchen überhängenden Stamm zu ſtellen und zu verſuchen, ob die Wahrſagung wol Kraft hätte? Welch eine böſe Luſt iſt dies anders, als die uns antreibt, frechwagend Kinder über einen Abgrund hinauszu⸗ halten, oder ſelbſt in die Kluft übergebeugt hinabzuſchauen, bis wir endlich einmal von dem Schwindel gepackt werden, der wie der unſichtbare Arm eines böſen Geiſtes aus der Tiefe heraufzulangen und uns hinabzuziehen ſcheint? So werden wir wahnſinnig, wenn es uns prophezeihet iſt, weil wir das Geſpenſt ewig ankommen zu ſehen uns anfangs peinigen, zuletzt es wirklich zu erblicken meinen. Die Nei⸗ gung, die höhern Mächte zu verſuchen, iſt dem Menſchen ein furchtbarer, tief inwohnender Trieb, der alle Prophezei⸗ hungen in Erfüllung bringt.“ Dies tröſtete mich wirklich, denn in der That hatte ich ſchon den Verſuch gemacht, ob vielleicht ein verborgener Haß oder ein blutiger Trieb in Dir, mein Sohn, wohne, indem ich Dich, ſcheinbar unbe⸗ obachtet, mit Deiner Schweſter allein ließ und Dir einen Dolch oder dergleichen zum Spiel gab. Allein gemeiniglich — 36— warfeſt Du es weg und gingeſt zur Schweſter, die Du liebkoſeteſt; oder Du brachteſt ihr das blanke, gefährliche Werkzeug. Von Stund an beſchloß ich feſt, dieſe frevelhaf⸗ ten Verſuche zu meiden und der Zukunft mit Vertrauen entgegenzugehen. Aber der Himmel wollte es anders. Eines Morgens vermißte ich Deine Mutter an meiner Seite. Ver⸗ wundert ſtand ich auf und ſah das Bett der kleinen Wald⸗ hulde leer. Ich forſchte, aber vergeblich, Mutter und Toch⸗ ter waren ſpurlos verſchwunden. In ſtarrer Troſtloſigkeit, nur durch Dich der Pflicht des Lebens erhalten, brachte ich einige Wochen zu. Da ſprach ein Pilger bei mir ein, der mir beim Fortgehen ein Pergament übergab mit dem Be⸗ deuten, es erſt nach Sonnenuntergang zu leſen. Hier iſt es noch, ich will Dir's vorleſen:„Trauteſter Gemahl und Herr! O wie wirſt Du zürnen, daß ich Dich verlaſſen habe, aber die geängſtigte Mutter konnte es nicht länger tragen, ihr Liebſtes in ewiger Gefahr zu ſehen. Seit jener Erſcheinung im Walde hatte ich keine Ruhe. Du darfſt ſie noch nicht tödten! ſagte die furchtbare Retterin meiner Tochter. Dies noch tönte ewig in meinem Herzen wieder. Noch nicht, aber vielleicht bald, dachte ich. Dreimal träumte ich, daß mir die Waldfrau erſchiene und mich warnte. Auch Du, mein Gemahl, ſpracheſt im Schlummer dunkle Worte, in denen Du den Namen Waldhulde, wunderlich verwirrt, bald Deiner Tochter, bald jenem Weibe beilegteſt. Daher iſt mir der Name ſo ſchrecklich geworden, daß ich mein Kind nicht mehr ſornennen kann. Viele düſtere Ahnungen be⸗ ſtürmten meine Bruſt, als ſeieſt Du mit jener Frau, die vielleicht eine böſe Zauberin iſt, gefährlich verbunden, als ſei mein geliebtes Kind ihre Beute. Und doch war ſie mir wieder rettend und freundlich erſchienen! In dieſer wechſeln⸗ den Mutterangſt ſaß ich die langen Tage, wo Du draußen 3 — 32— jagteſt, und betrachtete mein lieblich blühendes Kind mit den unſchuldigen frommen Augen, wie es mich bittend anzuſehen ſchien, als wollte es ſagen:„Mutter, Du mußt mich ſchützen vor dem wilden Bruder!“ Der Knabe ſprang auch beſtän⸗ dig wild im Gemach umher und dann auf das Schweſter⸗ chen zu, das er heftig umſchlang, als wollte er es erdroſſeln, ſodaß ich es ihm oft entſetzt entriß. Und doch liebte die kleine Holde den wilden, ungebändigten Knaben ſo ſehr und weinte, wenn ich ſie trennte. Aber beſtändig ſah ich ſie blutend vor mir und Bernhard von ihrem Blute beſpritzt. Dieſe ewige Vorſtellung brachte mich faſt zum Wahnſinn. Kein Gebet beruhigte mich. In dunklen, verworrenen Bil⸗ dern wogte es Nachts und Tages um meine Stirn wie ein Schwindel, der uns unaufhaltſam dem Abgrund zutreibt. Faſt war mir's, als müßte ich ſelbſt dem Bruder die Hand führen, um die Schweſter zu tödten! O wie empfinde ich Alles noch einmal, indem ich Dir dieſes durch einen from⸗ men Klausner ſchreiben laſſe. Ich mußte entfliehen, um eins meiner Kinder wenigſtens zu retten. Lebe wohl und vergib mir, wie ich den erbarmenden Gott täglich flehe, auch Dir die Sünde zu vergeben, wenn Du vielleicht das Unglück durch einen ſträflichen Umgang mit der Zauberin verſchuldet hätteſt. Forſche mir nicht nach, denn ich bin ſo tief verborgen, daß Du mich nie auffinden wirſt. Meinen Bernhard, den ich in der Todesangſt des Abſchieds noch liebend küßte, weihe in frommer Demuth und Reue dem heiligen Kloſterleben, dem ich auch Deine Tochter weihen werde, daß der Fluch ſich abwende von den Ungluckſeligen.“ — 38— Zwölktes Capitel. So war mein Lebensglück zerſchmettert. In jener Ge⸗ gend war meines Bleibens nicht mehr. Ich ließ das Schloß meiner Väter und zog hierher in den düſtern Odenwald. In dem Feuer der Qual aber habe ich mich wie edler Stahl gehärtet und biete den Pfeilen des Schmerzes die eherne Bruſt. Daher biſt Du auch nicht dem Mönchsleben beſtimmt, ſondern Du ſollſt ritterlich prangen und Dein Geſchlecht fortführen bis zu fernen Jahrhunderten. Um die⸗ ſen Preis habe ich alles Leid geduldet, nicht leichtſinnig will ich ihn verſchleudern!“ So endete der Greis und ſtand kräftig auf. Die Halle lag in tiefem Dunkel. Die Ampel flammte nur noch matt auf, draußen war es finſter und die Nachtſtürme wehten in den Bäumen. Bernhard war tief erſchüttert. Aber er faßte die Hand des kräftigen Vaters, der die Thränen bezwungen hatte, und rief:„Morgen, mein Vater, ſoll Dein Leben wieder heiter werden. Die Bande der Liebe ſollen Dich noch einmal fröhlich umſchlingen und den Überreſt Deiner Tage ſanft ausſchmücken. Ja, morgen, mein Vater, hoffe ich Dir Freude zu bringen.“ Ernſt ſchüttelte der Greis das Haupt, indem er wenig erwog, was die Worte des Sohnes andeuten ſollten;z denn das Herz war ihm zu ſehr auf die Vergangenheit gewendet. Er umarmte den Sohn noch ein⸗ mal mit väterlicher Warnung und ging zur Auhe. 3 — Wie hätten tauſend wechſelnde Gefühle Bernhards Bruſt erfüllen müſſen, wenn ſie nicht von dem einen der Liebe ganz durchdrungen geweſen wäre. Doch wie die Sonne den gan⸗ zen Erdkreis erhellt und erwärmt, ſo erfüllt ſie das Herz — 39— bis in die innerſten Tiefen. Und wie die kleinen Schatten der Berge und Bäume keine Nacht auf der Erde verbreiten können, ſo können die kleinen Mühen und Sorgen des Le⸗ bens die reine Seligkeit eines liebenden Herzens nicht trüben. Nur was dem geliebten Gegenſtand droht, iſt furchtbar. Und dem drohte ja nichts. Wehe Dir, Bernhard! Was ihr Alle mit mir ahnet und fühlt, warum ſoll ich's nicht aus⸗ ſprechen? Zitternd ſehen wir die Wolke nahen, in deren ſchwarzem Schooß der Blitz glüht, der uns das Theuerſte zerſchmettern ſoll. Wehe Dir, Bernhard! Die Orakel werden ſich erfüllen und ſchrecklicher als irgend ein Sterblicher es geahnet. Die Liebe erfüllt Dein Herz mit leuchtender Lebens⸗ glut, wie die Sonne den Erdenball hell beſtrahlt! Weißt Du aber, daft eben dieſe Sonne, wenn ſie die Erde ver⸗ laſſen muß, eine unermeßliche Nacht über ſie verbreitet, die verdunkelnd hinaufdringt bis an die Geſtirne des Himmels? Unſeliger! weil Dich die Liebe auf den Gipfel des Lebens geführt hat, gähnt Dir der nächtliche Abgrund um ſo tiefer. Unter Deinem Blumenwege wird ſich plötzlich eine Kluft jäh aufſpalten, die Dich verſchlingt. Der Geliebten eilſt Du in die Arme und die Schlange des Entſetzens wird Dir die Bruſt zermalmend umſchnüren! Der Morgen brach an, freundlich und erquickend, denn die Natur blickt mit ruhig lächelndem Antlitz auf die Schmerzen der Menſchen. Bernhard zog ſtürmiſch eilend hinaus, um die Geliebte zu begrüßen, die er heut dem Va⸗ ter heimführen wollte. Sein Herz war voll ſeliger Träume! Dem Vater hatte die Nacht nicht Ruhe gegönnt. Als er den Jüngling ſo heftig hinwegeilen ſah, fielen ihm ſeine Glück verheißenden Worte von geſtern ein. Vaterliebe, ah⸗ mnende Sorge, oder vielleicht eine höhere Stimme gaben ihm ein, das Alter nicht zu achten, und dem Sohne zu folgen. — 40— Doch entſchwand der von Liebe Geſpornte bald ſeinem Blick. Nur die thauige Spur auf dem friſchen Raſen diente ihm, ſeine Schritte zu leiten. Aber Bernhard ſtand ſchon nah an dem lieblichen Brunnen. Siehe, Hildegard winkte ihm ſchon aus der Ferne liebend entgegen. Er eilt ſtürmiſcher und ſieht nicht, daß eine blaſſe, edle weibliche Geſtalt ihm aus dem Gebüſch entgegentritt. O Entſetzen! er erblickte Hildegard, wie ſie, erſchreckt vor einem ungeheuren über die Büſche hinweg ſich bäumenden Wolf, zitternd zurückſpringt. Der Pfeil liegt auf der Senne; o Glück, er ſoll die Ge⸗ liebte retten. Da fällt dem Schützen die fremde Frau mit dem Nuf der Angſt:„Halt ein! Du tödteſt meine Tochter!“ in den Arm. Geſtört, unſicher entſchwirrt das Geſchoß, ein Schrei des Schmerzes tönt durch den Wald, die Geliebte ſinkt nieder und vor ihr, über ſie gebeugt ſteht— Wald⸗ hulde! Entſetzen lähmt Bernhards Fußz; betäubend tönt der Weheruf der ohnmächtig niederſinkenden Mutter in ſein Ohr. Doch Hildegard winkt ſterbend und er wankt, ſich erman⸗ nend, mit der lebloſen Mutter in den Armen zu der Ge⸗ liebten, die erblaſſend auf dem Raſen ſitzt, in Waldhuldens Schooß gelehnt. Vergeblich öffnete ſie die Lippen zu einem ſanft vergebenden Wort; die durchbohrte Bruſt hatte nicht mehr ſo viel Athemzüge. Nur die Hand reichte ſie dem Verzweifelnden mit einem ſchmerzlich lächelnden Blick, der ſchon halb nach dem Himmel gerichtet war. Da erwachte auch die Mutter und warf einen Blick des Entſetzens auf Waldhulden.„Sie iſt es!“ ruft ſie aus und ſinkt zurück. Bernhard umfaßt ſie, ihr Auge fällt auf einen Ring an ſeiner Hand, ſie bebt, erblaßt, verſtört blickt ſie umher, endlich bricht ſie aus:„Die Zeichen treffen ein, es iſt mein⸗ ₰ Sohn, der meine Tochter getödtet.“ Da war der alte Cunoy durch die Büſche herausgetreten, er vernahm die Schreckens⸗ — — 41— worte und ſtand gefeſſelt, denn er erkannte die Gattin und die Geliebte. Waldhulde aber richtete ſich auf, blickte empor und ſprach:„Trübe Sterne ſtehen am Himmel! Nur meine Liebe war ewig; die Gattin wurde Mutter und theilte ihre Liebe. Dem Frevel iſt die Strafe nachgezogen! Siehe jetzt die lieblichen Kinder! das Herz des Mädchens blutet! ſie liegt bleich, ſie iſt glücklich, todt! Siehe, Du Holde, mein Herz blutet noch und iſt ſchon ſo lange ver⸗ wundet, und wird noch lange bluten! Lebe wohl!“ Dreizehntes Capitel. Darauf zog ſie ihre Nebelhülle um ſich her, es rauſchte in den Bäumen, der Weiher wogte dunkel und unruhig auf, die Sonne verdunkelte ſich; Waldhulde war verſchwun⸗ den, Hildegard hatte geendigt. Bernhard kniete vor iht und benetzte ihre Hand mit Thränen. Da war es ihm, als flü⸗ ſtere ſie ihm zu:„Bringe mich hier zur Ruhe und ſei der Wächter meiner Gruft.“ Sanft gefaßt trat er vor die Al⸗ tern und ſprach:„O Mutter, die Du den Vater verlaſſen, kehre nun zurück zu ihm, und Ihr Beide meine Altern ent⸗ behret duldend der Kinder, weil Ihr ſchuldig geworden für ſie. Das wird den Himmel verſöhnen! Ziehet hinab und erwartet, ohne mich oder ihren Hügel wiederzuſehen, unten im Schloß Euer Ende. Dieſer Arm aber, der ſo ſchwere That vollbrachte, ſoll keine Waffe führen; unſer Geſchlecht muß erlöſchen, denn wir ſind nicht reuig, wenn wir den Lohn der übelthat nicht opfern. So will ich denn hier die — 42— Schweſter, die Geliebte beſtatten, und als Klausner ihren Grabhügel bewachen und pflegen.“ Und ſo geſchah es. Die Altern zogen hinab und ertru⸗ gen ihr ſchmerzliches Daſein mit Geduld, bis ſie der Himmel abrief. Er ließ ſich bald erflehen. Bernhard betete, abge⸗ ſchieden von der Welt, als frommer Klausner am Grabe der Theuren. Kein Laut des Lebens drang zu ihm. Nur in der ſpäten Stille der Nacht vernahm er bei düſterm Himmel bisweilen das wehmüthige Lied Waldhuldens. Schon war er ein Greis geworden und hatte ſeit Jah⸗ ren ihren Geſang nicht mehr gehört. Er glaubte ihren Schmerz geendigt und pries ſie glücklich. Da tönte es in einer lauen mondhellen Frühlingsnacht auf einmal näher und eindringender als jemals, aber ſanfter und beruhigender, und er vernahm deutlich die Worte: Lebt wohl denn, ihr alternden Kronen, Ihr Waſſer, erbrauſend im Thal; Ich werde nun anderwaͤrts wohnen, Geſtillt iſt die ſchmerzliche Qual. Mein Lied wird euch toͤnend verhallen, Wie aufwaͤrts die Seele ſich ſchwingt, Wo troͤſtend aus ſeligen Hallen Das Licht der Geſtirne uns blinkt. Wohl mir, die Klage, die Thraͤnen, Das Hoffen, das Sehnen Erhoͤret! Leiſe verhallte der Ton; in den Bäumen rauſchte es flüſternd; der Nebel draußen ſank ſilbern nieder; der Mond blickte hell und ſanft durch das reine Blau; ein leiſes Wehen bewegte die milde Luft und kräuſelte den klaren Weiher. Bernhard trat hinaus. Da ſaß Waldhulde auf dem Raſen⸗ hügel, unter dem Hildegard ruhte. Er trat näher, ſie ſchlummerte, ohne wieder erweckt werden zu können. Bewegt — 43— grub er dem liebenden Weſen neben der Geliebten die kühle Stätte und erwartete ſitzend auf den Gräbern die Morgen⸗ ſonne, die ihm nicht wieder unterging, denn der Himmel rief nun auch ihn, der unſchuldig aber fromm geduldet, be⸗ lohnend hinauf in das ewige Licht. **⁵ * Kommſt Du, Wanderer, jetzt in das ſtille Waldthal am Neckar, wo der klare Brunnen(dem die Nachkommen nach mannichfach verſchiedener Erzählung der Sage den Na⸗ men des Wolfsbrunnen gegeben) aus dunkel umbüſchtem Weiher murmelnd hervorquillt, ſo ſuche nicht mehr nach den Gräbern der Leidenden, der Liebenden; denn mit überhin⸗ rauſchendem Fittig hat die Zeit den Sand der Hügel ver⸗ weht und Blumen ſprießen überall aus dem Boden. Nur die Töne der Klage, die am ſchnellſten verhallen möchten, ſind durch die Lippe der an der einſamen Wiege der Ge⸗ ſchlechter wohnenden Sage, in ferne Jahrhunderte herüber⸗ geflüſtert worden. Von ihr vernahm der Dichter, der um die verſchleierte Verkünderin der Zukunft aus der Wahrheit des Geſchehenen buhlt, einige unverknüpfte Laute, die aber, wie der Windzug die Polsharfe, die Lyra harmoniſch be⸗ rührten. Da ergriff ihn der Geiſt, und die ſibylliniſchen Erzählungen, die aus der Vorzeit verhallend herübertönten: von einer Prophetin, die dort hauſend durch eine Wölfin zerriſſen wurde; von einem troſtlos durch die Wälder ſchwei⸗ fenden Ritter, der ſie geliebt; von einem einſam am Born wohnenden Klausner: dieſe knüpfte er, die innere Verbin⸗ dung ahnend, zuſammen, und ließ ſich von dem begeiſtern⸗ den Gott die geheimen Fäden zeigen, die die zerriſſenen Blüthen zum Kranze verbunden hatten. Und ſo gab er 44 Euch Das, was Ihr geleſen. Und er darf von dem Schö⸗ nen darin ſprechen, weil es ihm nicht eigen zugehört, ſon⸗ dern ihm nur von einem milden Gott zur Verkündung ge⸗ geben worden; und er darf dem Irrthum Verzeihung hoffen, weil es das Schwerſte iſt, den offenbarenden Gott zu ver⸗ ſtehen. Elsbeth, eine E ⏑ — — — SE Qη —₰½ & ) O Je herrlicher die geſchichtliche Geſtalt eines Volkes oder Geſchlechtes ſich ausgebildet hat, um ſo mehr pflegen im Hintergrunde ſeiner Vorzeit ſich wunderbare Gebilde der Sage zu bewegen, die, als reine Erzeugniſſe der Natur, dem Boden, auf dem ſie gewachſen, durchaus verwandt ſind. So iſt die griechiſche Fabelwelt heiter wie jener Himmel, und das ſanft lächelnde Meer, in dem die blühenden Küſten ſich beſpiegeln; die oſſianiſchen Geſtalten der Vorzeit dagegen ſind rieſenhafte Nebelgebilde, die im Sturm über die öden Haiden dahinſauſen. Und noch wunderbarer durchzieht die abenteuerliche Geſtalt der Sage den im Eis erſtarrten Nor⸗ den. Dort folgen ihr grauſenhafte Züge von Rieſen und Ungeheuern, und ſie ſelbſt, mit wildem, kriegeriſchem Auge und blutigem Schwert, blickt uns ſo furchtbar an, daß wir die phantaſtiſch reizende Geſtalt, der wir im Süden zuerſt zu begegnen gewohnt waren, kaum wiedererkennen. Und doch iſt ſie eine und dieſelbe, gebiert aus ihrem fruchtbaren Schooß, dort wie dort, im Laufe der Zeiten die ſchönſten Früchte für die kommenden Geſchlechter. Wie aber das deutſche Vaterland eine ſchöne Mitte hält zwiſchen der allzu⸗ raſch entflammten Gluth des Südens und der faſt erſtarrt feſten Kraft des Nordens, ſo zeigt uns auch hier die Sage, dieſer wunderbare Hohlſpiegel der Geſchichte, in dem ſich die Völker in ihren erſten kräftiggroßen, kühnern Grundzügen erblicken, zeigt uns, meine ich, auch hier die bedeutſamſten Gemälde, die einen gleichen Reiz von freundlicher Anmuth des Südens und ernſter Wehmuth des Nordens haben. Das innere Leben des Deutſchen iſt eine rührendfreundliche Weiſe, in der ſich die ſchroffen Mollübergänge der ſkandinaviſch nördlichen Völker mit den zu weichen und heitern Durme⸗ lodien des Südens lieblich verſchmelzen; wie dies auch wirk⸗ lich in der deutſchen Muſik recht eigentlich der Fall iſt. Tretet alſo nun mit mir vor das Gemälde, das ich Euch einfach und ſchmucklos zu zeichnen unternommen habe; und wenn Ihr darin das deutſche Gemüth ausgedrückt findet, ſo darf der Dichter ſeine Wahl nicht bereuen. Auch der Schau⸗ platz, auf den ich Euch führe, wird Manchem in der Er⸗ innerung lieb ſein und trägt ſchon das Gepräge jener deut⸗ ſchen Verſchmelzung des Ernſtes und der Lieblichkeit an ſich. Es iſt das ſagenberühmte Harzgebirg, und in dieſem vor⸗ züglich das romantiſche Ilſethal, welches ſich zwiſchen Wald und Fels an kühlen Waſſerfällen von der Höhe des Brocken hinunterzieht, in das blühend reiche Gefilde, das ſich nach Norden hin ausdehnt. Allen iſt uns dieſes Land bekannt, ja vertraut, ſelbſt Dem, der nie den Fuß dorthin geſetzt hat. Denn weſſen jugendliches Gemüth wäre nicht mit wun⸗ derbaren Erzählungen aus jener Gegend ſchauerlich angeregt worden? Und wer fände nicht in dem Namen dieſer Berge Anklänge aus der früheſten Erinnerung ſeiner Kindheit wie⸗ der? So folgt mir denn noch einmal willig in das Gebiet, wo Eure Jugend ſo gern verweilte. Und vermag ich nicht durch eigene Kraft jene geſpannt ſchauerliche Stimmung des aufhorchenden Kindes wieder in Euch zu erwecken, ſo moͤgen ————ͤͤͤſͤſͤ des — ˖— es Eure eignen lebendigen Erinnerungen an die Zeit thun, wo Ihr in den Schooß der Mutter geſchmiegt mit ent⸗ zückt ſchauerndem Gemüth ihren wunderbaren Erzählungen lauſchtet. Erstes Capitel. Am Fuß des dunkelbewaldeten Brockengebirgs, auf einer jener ſteilen Anhöhen, die ſich nördlich in die Ebene hinaus⸗ ziehen, ſtand unfern dem heutigen Städtchen Ilſenburg das Schloß des Wildgrafen Udo von Waldheim. Es war Herbſt; die alten Linden auf dem Schloßhofe ſtreuten ſchon welkes Laub, der Wind rauſchte in den ſchwarzen Tannen am Berge und trieb zerriſſene Wolken vor ſich her, und die Fluren lagen traurig öde. Auf dem Schloß ſaßen zwei einſame junge Frauen in ängſtlicher Bewegung des Gemüths am Fenſter und ſahen oft ſpähend in die Ferne hinaus; denn die Männer waren zu einer Fehde ausgezo⸗ gen und nur ein alter Knappe und wenig weibliche Diener⸗ ſchaft befanden ſich in der Burg. Noch konnten Beide, kaum ein Jahr vermählt, eine ſo erwartungsvolle Einſamkeit nicht ruhig ertragen. Emma, die Gräfin Waldheim, und Gertrud, ihre Jugendgeſpielin, nennt ſie die Erzählung. Beide waren an gleichem Tage verheirathet worden; Emma, ein reiches Fräulein aus Thüringen, an den mächtigen Wildgrafen und Gertrud an Volkmar, einen getreuen Knappen deſſelben. Obwol ungleichen Standes, hatte ſie ein ähnlich geneigtes Gemüth und gemeinſchaftliche Erziehung zu he Freundinnen gemacht, und mehr deshalb als aus 3 — 50— eigner Neigung hatte Gertrud eingewilligt, die Genoſſin Volkmars zu werden, als der reiche ſchon Lejahrtere Graf das Fräulein heimführte. Doch hatte ſich Gertruds Ehe ‚faſt glücklicher geſchloſſen als Emma's; denn Volkmar, noch jung, offen und treu, wußte ſein zwar lebhaftes Gemüth doch ſanft mit den ſtilleren Wünſchen und Beduürfniſſen Gertruds in Einklang zu bringen. Udo, der Graf, dagegen, ſchon älter, an ein ungebundeneres Leben gewöhnt, war trotz ſeiner Liebe zu Emma oft rauh und ungeſtüm gegen die Schüchterne, ſodaß ſie in ihm mehr den Eheherrn demüthig achtete, als den Gefährten ihres Lebens innig liebte. Doch wie der Schutz der Maͤnner in jener unruhig wilden Zeit dem zartern Geſchlecht nothwendiger war als je, ſo ge⸗ wöhnte ſich das Herz der Jungfrau ſchon durch die früheſte Erziehung an ein duldendes Unterordnen gegen den herr⸗ ſchenden Mann. Wenn auch die urſprünglichen Rechte der Natur immer fordernd zurückkehrten, ſo blieb die Gewohn⸗ heit zuletzt doch mächtiger und die Tochter hoffte von dem künftigen Eheverhältniß nicht mehr und nichts Anderes als die entſagenden Mühen und Pflichten, die ſie von früheſter Kindheit an die Mutter hingebend üben ſah. Die Freundinnen hatten lange ſtumm, in die ferne Ge⸗ gend hinausblickend, nebeneinander geſeſſen; endlich brach Gertrud das Schweigen:„Wir erwarten ſie heut vergeblich; die Sonne ſteht ſchon tief, und ſie vermeiden es gern, die gefährlichen Felswege bei Nacht zu reiten.“ Emma. Du haſt Recht, Gertrud, für heut müſſen wir die Hoffnung aufgeben; wenn ſie nur nicht verunglückt ſind. 3 Ich trage ſchon ſeit dem frühſten Morgen eine Ahnung mit mir umher, die mich keinen Augenblick ruhig ſein läßt. Gertrud. Ich bin bang ſeit, dem Augenblick, wo Volk⸗ mar Abſchied von mir genommen, heute aber nur unruhi⸗ ger, weil ich ſeine Rückkunft erwartete. Emma. Sollte man nicht meinen, wir müßten uns endlich daran gewöhnen, ſorglos die Unſrigen auswärts zu wiſſen? Wie oft habe ich meinen Vater mit banger Seele erwartet! Weißt Du, wie wir, noch kleine Mädchen, mit dem Thürmer auf den Söller ſtiegen, wo wir jeden Reiter für ihn oder für einen ſeiner Boten hielten, bei jedem auf⸗ ſteigenden Staub frohbebend ſein Geſchwader zu ſehen glaub⸗ ten? Bald meinten wir das Blitzen der Waffen, bald ſein weißes Roß zu unterſcheiden, und, wie oft wir uns ge⸗ täuſcht ſahen, immer ließen wir uns auf's Neue von der ſehnenden Luſt und der gaukelnden Phantaſie betrügen. So war es dem Kinde, ſo der Braut und jetzt der Gattin. Denn der Menſch glaubt, was er hofft. Gertrud. Hört! der Thürmer bläſt! Emma. Ich höre nichts. Du biſt noch wie damals, Auge und Ohr täuſchen ſich gleich gern. Gertrud. Nein wahrlich, ich täuſche mich nicht! Ich höre Hornſtöße unter dem Sauſen des Windes. Emma. Wär' es der Thürmer, wir würden es deut⸗ licher vernehmen. Gertrud. Der heftige Wind treibt den Schall abwärts. Hört Ihr? In dem Augenblick ſtürzte eins der Mädchen in's Ge⸗ mach und rief:„Gott ſei uns gnädig, der Thürmer ſieht eine Reiterſchar auf die Burg anrücken, die unſere Farben trägt, aber er erkennt kein einziges von des Grafen Pfer⸗ den, daher glaubt er, es ſei ein überfall.“ „Um Gottes willen,“ rief Emma. „Die Zugbrücke nieder!“ tönte eine Stimme von unten herauf. Gertrud ſprang an's Fenſter.„Es iſt Volkmar!“ 3* — 52— 84 rief ſie, das Fenſter öffnend, freudig erſchreckt.„Laßt mich ſchleunigſt ein, ehe ſie kommen, es iſt die höchſte Zeit!“ ſchallte es herauf. Gertrud ſelbſt ſtürzte hinaus, die er⸗ ſchreckte Emma war einer Ohnmacht nahe, das Mädchen leiſtete ihr Hülfe. Nach einigen Minuten traten Volkmar und Gertrud ein, er athemlos, ſie bleich und zitternd.„O gnädigſte Frau,“ begann Volkmar,„welch eine trübe Nach⸗ richt muß ich Euch überbringen! Euer Gemahl iſt gefangen und hier droht uns bald die äußerſte Gefahr. Wenn nicht dieſe abzuwenden, die einzig mögliche Rettung wäre, hätte ich ihn nicht verlaſſen.“ Gemurmel von Stimmen unter den Fenſtern der Burg unterbrach ihn.„Das ſind unſere Hülfs⸗ genoſſen, Gott ſei's gedankt!“ ſprach er, an's Fenſter tre⸗ tend. Es war eine Schar bewaffneter Landleute, die in's Thor eingelaſſen wurden.„Verzeiht mir jetzt, gnädigſte Frau, aber ich bin unten durchaus nothwendig. Sobald wir die erſte Sicherheit erlangt haben, ſollt Ihr alles Nä⸗ here hören.“ Er ging hinau: Die zitternde Emma hatte noch nicht Sprache und Faſſ zu einer Antwort gewinnen können. Gertrud und das Maäͤdchen leiteten ſie auf ein Ruhebett.„O meine Ahnung!“ ſprach ſie leiſe und ſank der Freundin in die Arme. Die Sonne ging eben unter, draußen und auf dem Burghof war Getümmel. Angſt und Schmerzen wechſelten in der Bruſt der Frauen. Zweites Capitel. a55d Ein Hinter a, den der ſchlaue und verwegene Hugo von Falkenech der mit dem Grafen Udo in Fehde be⸗ 53— griffen war, dieſem geſtellt, hatte ihn in deſſen Gefangen⸗ ſchaft geführt. Ein Knappe Hugo's, der ſich als Landmann verkleidet hatte, führte den Zug des Grafen durch einen Wald, in welchem Hugo im Verſteck lag. Hier geſchah ein plötzlicher überfall von allen Seiten. Kaum gewann Udo Zeit, dem treuen Volkmar, der ſchon den verrätheriſchen Füh⸗ rer niedergehauen hatte, zuzurufen:„Suche zu fliehen und ſchirme meine Veſte und die Frauen.“ Mit gewandter Be⸗ ſonnenheit warf ſich Volkmar jetzt bei einem Hieb, den er auf den Helmkolben erhielt, wie betäubt vom Pferde. Udo, der ihn für todt hielt, rief aus:„Volkmar iſt gefallen, jetzt iſt Alles verloren, wenn keiner unter Euch meinem Weibe Nachricht bringt!“ Einige Knappen ſuchten ſich durchzu⸗ ſchlagen und zu entfliehen. Hugo von Falkeneck rief ſeinen Leuten zu:„Laßt Keinen lebendig davon, bis auf den Gra⸗ fen!“ Durch die Verſuche zur Flucht wurden jedoch die Kämpfer auf einen andern Fleck gezogen. Volkmar erſah den günſtigen Augenblick, ſe wie in Zuckungen des Todes in den mit Rohr bewachſene Graben neben dem Wege zu wälzen. Dort ließ er, um den Schein, als ſei er verſunken, zu geben, ſeinen Helm, klimmte eine kurze Strecke am ſtei⸗ len Uferrand hin, bis eine Krümmung des Weges ihn den Blicken der Feinde entzog, und entſprang dann gerettet in's dichte Gebüſch. Das Glück ließ ihn ein verſprengtes Roß finden und ſo gelangte er raſcher als er hoffen durfte, in Udo's Gebiet. Hier entbot er die Landleute zur Vertheidi⸗ gung der Veſte, und war eben mit ihnen angekommen, als Hugo in der Ferne mit der verkappten Schar anrückte. Doch dieſe, da ſie zu Roß war, mußte einen Umweg neh⸗ men und ſo gewann man Zeit, die higſten Vertheidi⸗ gungsanſtalten zu treffen, ehe der Feind voe dem Thore war. „Laßt uns jetzt den Schein annehmen, als wäre die Beſte ganz von Vertheidigern entblößt“, ſprach Volkmar.„Sicher wählt der Feind die Dämmerung zu ſeinem überfall und glaubt uns durch die Verkappung zu täuſchen. Wenn wir ihm nun auf das erſte Zeichen ſeiner Ankunft die Zugbrücke niederlaſſen, ſo wird er ohne Bedenken einreiten. So wie aber die erſten Leute hinein ſind, laſſen wir das Gatter fallen und nehmen ſo vielleicht den Anführer gefangen, um ihn gegen unſern Herrn auszuwechſeln.“ Dies wurde ge⸗ billigt. Als es dunkelte, tönte der Hornſtoß der Feinde ver⸗ ſtellt begrüßend; der Thürmer antwortete wie verabredet und rief hinunter:„Laßt ſie einzeln reiten, Herr, die Brücke iſt ſchadhaft.“ Dies geſchah. Sowie aber die Führer inner⸗ halb des Fallgatters waren, raſſelte dieſes hinter ihnen her⸗ unter und die Brücke ſchloß ſich. Die verſteckte Mannſchaft brach hervor und entwaffnete die überraſchten, ehe ſie ſich vertheidigen konnten. Zugleich empfing die außen Gebliebe⸗ nen ein Hagel von Steinen und Pfeilen, und was zwiſchen dem Gatter und der Brücke war, mußte ſich ergeben und wurde einzeln durch das ein wenig gehobene Gatter gelaſſen. Unter dieſen erſt befand ſich Hugo, der aus Vorſicht, weil er doch ein kleines Gefecht fürchtete, wobei leicht ein Ein⸗ zelner bleiben konnte, um einige Mann zurückgeblieben war. Die Freude über den gelungenen Fang und die abgewendete Gefahr war groß. Volkmar eilte ſogleich hinauf, um den beängſtigten Frauen die gewonnene Rettung zu verkünden. Dort aber fand er eine neue Unruhe. Emma und Gertrud, wie wir wiſſen, erwarteten ihre Niederkunft; der heftige Schreck hatte dieſe beſchleunigt, die Gräfin lag in den We⸗ hen und auch Gertrud fühlte ſich der Entbindung nahe. Es fehlte an der nöthigen nächſten Hülfe. Alles war in Ver⸗ wirrung. Volkmar nöthigte daher, um die Ausgänge der Burg frei zu erhalten, den gefangenen Hugo, ſeinen Reitern ☛ — — * — 55— den Abzug zu befehlen, um den Grafen Udo herbei zu ge⸗ leiten, der gegen Hugo ausgewechſelt werden ſollte. Zugleich wurde von beiden Seiten ein Waffenſtillſtand auf drei Monden beſchworen. Jetzt konnte die geſperrte Burg wieder geöffnet werden, und Volkmar ſandte einige Boten aus, um eine Wehmutter eiligſt herbeizurufen. Drittes Capitel. Es war indeß Nacht geworden. Gertrud und Emma lagen getrennt in ihren Zimmern zu Bett. Die dienenden Mägde liefen unruhig hin und wieder, Volkmar mußte die Gefangenen in Sicherheit bringen und für das Unterkommen der Landleute ſorgen. überall Unruhe und Verwirrung. Emma lag in einem trüb beleuchteten Zimmer, die dienende Wiäͤrterin ſaß an ihrem Bett.„Mir wird ein wenig beſſer,“ ſprach ſie,„ich möchte ſchlummern. Setze Dich draußen in das Vorzimmer und verhüte, daß mich ein plötzlich Eintre⸗ tender ſtöre.“ Die Dienerin that es. Emma fiel in einen unruhigen Schlummer. Da öffnete ſich die Thür des Ge⸗ machs und eine weißverſchleierte Geſtalt trat mit leiſen Schritten ein. Emma erwachte halb, und ſagte ein wenig unwillig:„Stört Ihr mich doch in der ſüßen Ruhe!“ „Zürnet nicht, edle Frau,“ erwiderte die Fremde mit ſanfter Stimme,„ich komme, Euch in Euren Nöthen beizuſtehen. Genießet immerhin des Schlummers, Ihr ſollt durch meine leichte Hülfe bald Eures Kindes geneſen.“„Seid Ihr die Wehmutter?“ fragte die Gräfin.„Wohl,“ erwiderte die Fremde,„ich kenne die Leiden gebärender Frauen und weiß ihnen hülfreich beizuſtehen.“„So ſeid ſehr willkommen,“ ſprach Emma und reichte ihr die Hand, ſank aber wieder mit dem Haupt in die Kiſſen zurück und ſank auf's Neue in einen betäubenden Schlummer. Ein Geräuſch erweckte die Wöchnerin. Es war die Dienerin, die mit einer ältlichen Frau in's Zimmer trat.„Hier bringe ich Euch die Weh⸗ mutter, gnädigſte Gräfin,“ ſagte das Mädchen.„Wen?“ fragte Emma verwundert und ſah ſich um. Zugleich ver⸗ nahm man ein leiſes Weinen und ſiehe, zum Erſtaunen aller Anweſenden lag ein ſchönes Knäblein wohl eingehüllt und eingewickelt auf einem Kiſſen zu den Füßen des Betts. „Ihr ſeid ſchon entbunden?“ rief die Alte erſtaunt. Emma fragte:„War't Ihr denn nicht ſchon zuvor hier oder hat mir geträumt, daß eine fremde Frau mit mir geſprochen?“ „Eure Heilige muß Euch hülkfreich erſchienen ſein,“ entgeg⸗ nete die Wehmutter fromm,„denn Ihr ſeid glücklich eines geſunden holden Knäbleins geneſen.“ Emma nahm verlan⸗ gend das Kind in die Arme und küßte es mit mütterlicher Freude. Darauf faltete ſie die Hände und betete ſtumm; auch die beiden andern Frauen erkannten die wunderbare Hülfe mit frommem Dankgebet. Die Gräfin war ſehr matt und begehrte der Ruhe; man trug das Kind hinaus und ſorgte, daß der Schlummer der Kranken nicht geſtört würde. Indeß bedurfte auch Gertrud der helfenden Entbinderin. Auch ſie gebar einen lieblichen Knaben, den Volkmar mit innigſter Freude empfing. überhaupt herrſchte die glücklichſte Stimmung in der Burg, denn die dicht bedrohende Gefahr war vorübergezogen und der ſchon düſter umwölkte Himmel lachte wieder in ungetrübter Heiterkeit. Die beiden Kinder wurden jetzt in einem Zimmer von der Wehmutter und ei⸗ nem dienenden Mädchen behütet. Die Nacht war ohne be⸗ deutende Zufälle vorübergegangen, und der Morgen eines ‿ — 57— heitern Tages angebrochen. Eben war Volkmar vom Lager aufgeſtanden und wollte hinübergehen, um Gertrud und ias Knäblein zu begrüßen, als ihm die dienende Magd auzer ſich entgegenſtürzte und mit dem Ausdruck des Wahnſinns ſeine Knie umklammerte.„Rettet mich, ich bin verloren!“ rief ſie aus,„das Kind der Gräfin iſt aus dem Ferſter geſtürzt!“„Unglückſelige, das wolle Gott verhüten!“ rief Volkmar entſetzt und eilte hinüber in das Gemach, wo die Kinder gepflegt wurden. Das Mädchen folgte ihm. Er fand dort nur ſeinen eigenen Knaben’ auf einem Kiſſen, welches auf einen Seſſel unter dem Fenſter gelegt war; da⸗ neben lag ein gleiches Kiſſen leer. Auf ſeine Fragen erfuhr er endlich, die Wehmutter ſei bei der Gräfin; dem Mäd⸗ chen habe ſie die Umkleidung der Kinder aufgetragen. Da ſei es ihr geweſen, als riefe Gertrud, ſie ſei hinübergegan⸗ gen, habe aber die Wöchnerin ſchlafend gefunden. Als ſie zurückgekommen, habe das Knäblein der Gräfin, das auf dem Kiſſen in den Windeln gelegen, gefehlt. Natürlich glaubte ſie, es ſei von der Wehmutter zur Gräfin hinüber⸗ getragen. Allein, als ſie in das Gemach tritt, winkt ihr die Alte und ſagt leiſe:„Komm jetzt nicht mit dem Kinde, die Gräfin ſchläft; wenn ſie erwacht, wird ſie ſchon darnach verlangen.“ Voll Schrecken eilt ſie jetzt zurück, ſucht nach dem Kinde, findet es nicht und kann ſich das Verſchwinden deſſelben in ihrer Unerfahrenheit nicht anders erklären, als daß es ſich an der niedrigen Fenſterbrüſtung aufgerichtet habe und hinabgeſtürzt ſei. Volkmar warf entſetzt einen Blick in den felſigen Abgrund, über den das Erkerfenſter hinaushing.„Doch,“ ſprach er entſchieden,„es iſt ganz un⸗ möglich, daß das Kind ſich ſelbſt aufgerichtet habe und ſo hinabgeſtürzt ſei. Eher vermuthe ich, daß ein Raubvogel, ein Steinadler oder Habicht es in ſeine Fänge genommen 3** — 58— ud entführt hat.“ Wirklich ſchwebte ein mächtiger Adler hich über der Burg in der Luft. Das Maͤdchen ſtand bleich uid bebend. Plötzlich trat ſie an's Fenſter und ſchwang ſich higüber. Doch glücklich ſprang Volkmar noch hinzu, ergriff die ſchon Stürzende am Gewande und zog ſie zurück.„Ra⸗ ſende was thuſt Du!“ rief er ſie an.„Herr, laßt mich ſterben!“ jammerte das Mädchen,„ſonſt wird mich der Graf in einen ewigen ſchauervollen Kerker werfen.“ Volk⸗ mar ſtand einen Augenblick unentſchloſſen, dann fragte er: „Hat die Gräfin heut ihr Kind ſchon geſehen?“„Nein,“ antwortete die Zitternde.„So will ich Dich zu retten ſu⸗ chen.“ Das Mädchen ſtürzte ihm zu Füßen, er gebot ihr ſo ruhig als möglich zu ſcheinen, und die eine Wiege zu verhüllen, als liege ein ſchlummerndes Kind darin. Jetzt kam die Wehmutter zurück und wollte das Knäblein zur Gräfin hinübertragen, die ſehr darnach begehrte. Volkmar eröffnete ihr, was geſchehen ſei. Die Schuldloſigkeit und das Unglück des Mädchens bewegten die Alte, das Geheimniß zu theilen und Gertrud's Kind für das der Gräfin auszugeben. Mit dieſem einen Kinde ſollten beide Mütter ſo lange getäuſcht werden, bis Gertrud's Geſundheit es erlauben würde, ſie in das Geheimniß zu ziehen. Alsdann wollte man vorgeben, Gertrud's Kind ſei geſtorben und ein Scheinbegräbniß ver⸗ anſtalten. Volkmar küßte ſeinen Knaben und ſprach:„Ich will dem Vaterrecht, dem Vaternamen entſagen, aber Dir doch ein Vater und Erzieher ſein!“ Viertes Capitel. Nach einigen Tagen ſprach Volkmar mit Gertrud. Sie begann heftig zu weinen.„Soll ich mein eignes liebes Kind einer Andern geben? Den Mutternamen, die Mutterpflicht verleugnen?“ Volkmar ſtellte ihr das Unglück Emma's vor, die all' ihre Freude, all ihre Ruhe in dem Kinde finden würde, da ſie wegen des rauhen Gatten oft trübe Stunden hatte; er ſprach von dem Schickſal des Mädchens, deren unachtſamkeit der Graf furchtbar ſtrafen würde, und gelobte endlich, wenn es jemals die Umſtände forderten, daß ſie ſich von Emma und ihrem Kinde trennen müßte, Alles zu ent⸗ decken; ſo willigte ſie zuletzt mit heißen Thränen ein, und ſchon am folgenden Tage wurde ein leerer Sarg im Burg⸗ gewölbe beigeſetzt. Als die Wöchnerinnen geneſen waren und zum erſten Male wieder zuſammenkamen, weinten ſie Beide bittere Thränen aus gegenſeitigem Mitgefühl und inniger Liebe zu einander. Da tönte plötzlich der Hörnerruf des Wächters, und ſiehe, der Graf ritt über die Schloßbrücke. Gertrud zitterte, denn jetzt war der Augenblick da, wo ihr Kind einen fremden Vater bekam. Er trat mit Volkmar in's Gemach; kaum hatte er Emma flüchtig umarmt, ſo fragte er nach dem Knaben.„Ein geſunder ſtarker Spröß⸗ ling,“ ſagte er und küßte das Kind und darauf die Gattin herzlicher als zuvor, ſodaß es ſchien, als habe er ſie als Mutter ſeines Knaben lieber gewonnen. Gertrud ſank wei⸗ nend an Volkmar's Bruſt.„Und Euer Kind, Frau Ger⸗ trud?“ fragte der Graf. Die ſtürzenden Thränen hinderten ſie zu antworten.„Ich verſtehe Euch,“ fuhr er theilneh⸗ — 60— mend fort,„es thut mir leid; es wären wackere Spielge⸗ ſellen geweſen.“ Volkmar führte Gertrud hinaus. Von jetzt an verſtrichen die Tage auf der Burg wie ſonſt. Zu Zeiten hielten Turniere und Fehden die Männer auswärts und die Frauen blieben ſich ſelbſt und ihren Betrachtungen in der Einſamkeit überlaſſen, die jetzt bei Gertrud eine trübere Ge⸗ ſtalt hatten als vormals. So verfloſſen drei Jahre. Da fanden ſich beide Freundinnen wieder in geſegneten Umſtän⸗ den. Mit aller Bangigkeit und Liebe eines Mutterherzens ſah Gertrud jetzt hoffend der Zukunft entgegen. Der Tag der Entbindung rückte näher; die Männer waren auf einem fernen Zuge am Rhein. In gleicher Nacht gebaren wiederum beide Frauen jede ein holdes Mägdlein; aber Gertrud drückte das ihrige niemals an ihr Herz, denn das Kind koſtete der Mutter das Leben. Man hatte es der Gräfin anfangs ver⸗ ſchwiegen, aber dieſe rief plötzlich im Schlummer:„Ja, meine Gertrud, wenn Du mich verlaſſen haſt, ſo will ich Deines Kindes Mutter ſein.“ Dies war in dem Augenblick, wo Gertrud verſchieden war. Sogleich forſchte die erwachte Emma nach der Freundin, und da man ihren Fragen aus⸗ wich, rief ſie:„Nein, Ihr verbergt mir nichts, ihr fliehen⸗ der Schatten hat Abſchied von mir genommen, ſie iſt da⸗ hin!“ Man mußte ihr die Wahrheit eingeſtehen; ſie ſank in tiefe Betrübniß und lange Ermattung. Als ſie ſich erholt hatte, verlangte ſie beide Kinder in einer Wiege vor ihrem Ruhebette zu ſehen. Sie wurden gebracht und Emma ließ ſich das ihre geben.„Ihr ſeid mir Beide gleich lieb und hold,“ ſprach ſie,„das Mutterherz macht keinen Unterſchied zwiſchen Euch.“ Als ſie darauf einſchlummern wollte, gebot ſie ausdrücklich, die beiden Kinder nicht aus dem Gemach zu entfernen. Sie genoß der Ruhe bis gegen den lichten Morgen. Als ſie die Augen aufſchlug, ſchien die Frühſonne — — 61— durch's Fenſter und ihre Strahlen ſpielten auf dem ſchuld⸗ loſen Angeſichte der beiden Mädchen, die in der Wiege ſchlummernd bei einander lagen.„Warum haſt Du die Wiege umgedreht?“ fragte Emma das dienende Mädchen. „Ich, gnädigſte Gräfin? Ich that es nicht.“„Wunderbar,“ ſprach Emma;„ich glaubte doch geſtern, die Wiege habe ſo geſtanden, daß mein Töchterlein mir zunächſt am Bett ge⸗ legen, und nun liegt mir Gertrud's Kind zunächſt.“„Ihr iert Euch wol,“ ſprach das Mädchen,„denn es iſt Niemand im Gemach geweſen und ich habe mich der Wiege nicht ge⸗ nähert, da die Kinder ſo wunderbar ruhig ſchlummerten.“ „Doch habe ich Dich in der Nacht ſie warten und koſen ſehen ,als ich einmal erwachte,“ ſprach Emma.„Nicht doch, gnädigſte Frau, Ihr habt ſicher geträumt!“ erwiderte das Mägdlein.„Es kann ſein,“ verſetzte Emma, indem ſie ihr Kind küßte,„Kranke haben lebhafte Träume und nur dunkle Erinnerungen.“ Nach einiger Zeit kehrten die Männer von ihrem Zuge heim. Mit tiefer Betrübniß empfing Volkmar die Nachricht von Gertrud's Tode, und küßte mit dankenden Thränen der Gräfin die Hand, die ihm verſprach, ſeinem Töchterlein ernährende und erziehende Mutter zu ſein. Der Graf freute ſich des neuen Zuwachſes ſeiner Familie.„So wird der alte Stamm doch nicht untergehen, ſondern ſich herrlich verbreiten!“ rief er aus. Volkmar ſchwieg. Wäre dem Grafen ein Sohn geboren worden, ſo hätte er jetzt das Geheimniß enthüllt; doch da es ein Mägdlein war, be⸗ zwang er ſein Vatergefühl und begnügte ſich, der treue Leh⸗ rer des heranwachſenden Knaben in allen ritterlichen Tugen⸗ den und übungen zu ſein. In der Taufe empfing Gertrud's Tochter den Namen ihrer Mutter; die Gräfin nannte ihre Tochter Elsbeih nach einem Traum, in dem ihr dieſer Name eingegeben worden war. Den Knaben hieß man Rudolph. f 4 t I Fünktes Capitel. „Iſt der Bub' noch nicht daheim, Anna?“ rief der alte Köhler ſeinem Weibe zu und warf die Laſt Holz ab, die er nicht,“ erwiderte die Alte, indem ſie von der Bank vor der Wohnung aufſtand und die Kräuter, die ſie auf dem Schooß gepflückt hatte, in der Schürze hineintrug;„haſt Du ihn vorausgeſandt?“„An der alten Eiche, wo der Meiler ſteht, ſprang er mir davon, weil ich ihm die Felſen zu langſam herabſtieg.“„Hm,“ meinte Anna,„er wird ſich doch nicht verirrt haben, es wird ſchon finſter und ſieht nach einem trüben Wetter aus.“„Ei was, verirrt!“ brummte der Köhler,„er weiß ſo gut im Walde Beſcheid als ich, aber er iſt einmal nicht zur Ordnung zu gewöhnen. Wenn er nur die Nacht zu Haus kommt, es ſieht wahrlich bös nach Regen aus. Horch, wie der Wind ſchon durch die alten Tannen ſauſt. Laß uns in die Hütte gehen und mach Feuer, es wird heut Nacht kalt werden.“ Sie gingen hinein, das Köhlerweib zündete ein hellflackerndes Feuer an; draußen wurde es finſterer und finſterer. Der Donner rollte ſchon dumpf von ferne und hallte lange durch die Bergſchluchten wieder, es blitzte ſtark und bald ſtürzte der Regen in hefti⸗ gen Strömen herab. Plötlich pochte es laut an die Thür. „Das iſt der Robert,“ rief die Alte,„Gott ſei Dank, daß er heimkehrt.“ Sie lief hurtig mit der Lampe nach der Thuͤr und wollte öffnen. Der aufgewachte Hund ſchlug an und ſprang auf, denn er witterte Fremde. Der Köhler hielt aus dem Gebirg mit herabgebracht nach ſeiner Hütte.„Noch ihn am Stricke feſt und rief:„Wer da?“„Verirrte Waidd — 63— männer!“ rief es draußen,„Ihr habt nichts zu befürchten.“ Die Thür wurde geöffnet und Graf Udo trat mit Volkmar ein.„Woher ſeid Ihr?“ fragte der Köhler.„Wir ſind Jagdleute des Grafen von Waldheim,“ erwiderte Volkmar raſch;„könnt Ihr uns ein Obdach geben, ſo werden wir Eurer Gaſtlichkeit dankbar ſein.“„So gut ich's habe; aber Ihr müßt mit Stroh vorlieb nehmen und die Nachtkoſt wird ſchmal ſein.“ Wir ſind's gewohnt, hart zu liegen; Waidleute und Kriegsknechte ſchlafen ſelten auf Daunen, und was das Nachtmahl anlangt, ſo haben wir für Euch und uns noch einen Vorrathsbiſſen in der Jagdtaſche; auch fehlt es nicht an gutem Wein,“ entgegnete Volkmar.„Hält Euch der Graf ſo gut?“„Auf der Jagd zu Zeiten,“ lä⸗ chelte Udo. Der Tiſch wurde vor den Kamin gerückt und die Gäſte langten ihren Jagdvorrath aus der Waidtaſche. „Was ich Euch fragen wollte; habt Ihr keinen Buben im Walde geſehen?“ erkundigte ſich der Köhler.„Wohl haben wir,“ entgegnete Udo;„ein friſcher Knabe mit blondem Haar 1 und blauen Augen.“„Recht, Herr, den mein ich.“„Iſt es der Eure? Ein hübſcher Burſch! Wenn er ein paar Jahre älter iſt, thut ihn zum Grafen, daß er ritterliche übungen lernt; ich ſtehe Euch dafür, er nimmt ihn wohl auf.“„Das wäre ein Glück für den Buben! Er hat ſo nichts im Kopfe als abenteuerliche Dinge. Wenn ich ihm * verſpreche, von den Mongolen zu erzählen, wie wir ſie vor dreißig Jahren in Schleſien geſchlagen haben, da arbeitet er den ganzen Tag und Abends hört er zu und wenn ich die Nacht bis an den lichten Morgen erzählte.“„Seid Ihr nicht in Sorge, daß er in dem Unwetter nicht heim kommt?“ „Doch wohl, aber er bleibt öfters die halben Nächte haußen im Walde.“„Wo meint Ihr, daß er ſteckt?“„Ihr wißt's?“ „Er wies uns den Weg hieher, denn wir trafen ihn am * . — 64— Felſenriff oben auf dem Bergkamm am Ziegenrücken. Als wir ihn aufforderten, mit uns zu laufen, ſagte er:„Nein, es kommt ein mächtig Ungewitter, das will ich hier oben anſehen. Ihr könnt nicht fehlen, nur immer den Pfad hin⸗ unter und dann rechts an dem Bach entlang, da trefft Ihr die erſte Hütte.“„So ſteckt der Teufelsbub' oben in dem wilden Felsgehege mitten im Ungewitter.“„Es iſt mir lieb, daß ich's weiß,“ antwortete der Köhler,„jetzt habe ich keine Sorge; da findet er ſchon ein Felsloch, wo er unterducken kann, wenn er naß wird.“ Man ſprach noch beim gefüllten Becher eine Zeit lang hin und her; der Köhler erzählte von den Abenteuern, die er als unruhiger Burſch in ſeiner Ju⸗ gend beſtanden, die Jäger blieben nichts ſchuldig. Das Wetter hatte ſich gelegt; da rief es draußen mit jugendlicher Stimme:„Mutter, Vater, macht auf, ich bin's.“ Robert, der zehnjährige Köhlerbub', trat in die geöffnete Thür. Der weiße Nacken mit den krauſen blonden Locken, aus denen der Regen träufelte, die muntern blauen Augen, die friſche Geſichtsfarbe ſtachen wunderbar gegen die dunklen Lumpen ab, mit denen er behangen war. Er ſchien nur verkleidet zu ſein, ſo lieblich war ſein anmuthiges Weſen gegen die ärmliche Tracht; ein königliches Kind in der Bettlerhülle. Erſtaunt ſahen ihn die Fremden an, die er unbefangen als alte Bekannte grüßte.„Du biſt wol recht naß geworden, Knabe, und frierſt?“ fragte der Graf.„Trink einmal aus meinem Becher!“ Der Knabe faßte begierig nach dem blan⸗ ken Geſchirr und trank einige Tropfen Wein.„Das iſt ein köſtliches Getränk!“ rief er aus,„Ihr ſeid gewiß ein vor⸗ nehmer Mann? Und der prächtige Hirſchfänger! So einen möcht' ich haben!“ Der Graf reichte dem verlangenden Kinde die blanke Waffe. Er zog ſie aus, betrachtete ſie entzückt, hieb damit durch die Luft und hörte nicht mehr — — 65— auf die Mutter, die ihn mit freundlicher Pflege erquicken wollte und ihm Vorwürfe machte, daß er ſo lange wegge⸗ blieben ſei. Udo hatte ſeine innige Freude an dem Knaben und ſagte zu Volkmar:„Das wäre ein guter Spielgeſell für Rudolph! So alt müßte Euer Sohn nun auch etwa ſein. Wie alt iſt der Bube, Mutter?“„Genau weiß ich's nicht,“ antwortete das Weib;„er wird aber etwa zehn Jahre ha⸗ ben.“„Das wißt Ihr nicht?“ erſtaunte Udo.„Er iſt mei⸗ ner verſtorbenen Tochter Kind,“ fiel der Köhler ein und winkte dem Grafen,„uns nur zur Pflege geblieben. Aber mach, daß Du zu Bet: kommſt, Robert, Du mußt mor⸗ gen früh auf; geh in die Kammer, geſchwind.“ Der Knabe ſah mit bittend wehmüthigen Augen den Alten an und be⸗ trachtete dann wieder das ſchöne Spielzeug, das er noch in den Händen hielt; doch war er gehorſam, brachte dem Gra⸗ fen das Gewehr und ging mit einem freundlichen„Gute Nacht“ hinaus. 5 Sechstes Capitel. Als er fort war, ſprach der Köhler:„Wir wiſſen ei⸗ gentlich nicht, wo der Knabe her iſt, aber wahrſcheinlich iſt er vornehmer Leute Kind, vermuthlich aus guten Gründen von der Mutter entfernt. Nun ſind es vielleicht ſieben Jahre, daß eine Alte ſpät Abends bei uns ein Obdach begehrte. Am Morgen war ſie verſchwunden und das Kind lag ſchlafend dort auf dem Seſſel, als wir in die Stube traten. Es ſchien etwa drei Jahre alt zu ſein und war ſauber gekleidet. Unſer einziger Bube war ſchon lange geſtorben und kein 4 — 66— Segen wollte mehr über unſere Ehe kommen. Meiner Frau hatte auch über Nacht geträumt, eine vornehme Dame habe ihr ein Kind zur Pflege gegeben, und ſo beſchloſſen wir den Buben aufzuziehen und es hat uns nicht gereut.“„Habt Ihr gar keine Spur gefunden, wer ſeine Ältern ſein möch⸗ ten?“ fragte Volkmar.„Nicht die mindeſte. Doch muß er in einem vornehmen Hauſe zuerſt gelebt haben, denn An⸗ fangs ſprach er immer von ſeinem ſchönen Garten, von ſei⸗ nem goldenen Spielzeug, verlangte ſpazieren zu fahren, fragte nach ſeinen Bedienten, und dergleichen mehr.“„Ja, eine edle Geburt,“ erwiderte Volkmar nachdenklich,„ſieht man dem Knaben an.“„Doch wollen wir nicht endlich der Ruhe pflegen?“ meinte die Alte;„man iſt vom Schaffen doch müde, und Ihr Jägersleute habt ſicherlich auch ein ſchweres Tagewerk gehabt.“„Ja wohl!“ fiel der Graf bei, „über dem Schwatzen verſtreicht die Nacht und wir müſſen früh aufbrechen.“ Es wurde jetzt für die Fremden in der Stube ein Strohlager gemacht; die Wirthsleute gingen in die Kammer. Als Volkmar und der Graf allein waren, äußerte dieſer ſeinen Wunſch, den Köhlerbuben auf die Burg kommen und als Spielgeſellen ſeines Sohnes erziehen zu laſſen, wenn Emma nicht dagegen ſei. Volkmar war der Meinung, dies ſei nicht zu befürchten, doch könnte es ſich leichter ereignen, daß bei der jugendlichen Heftigkeit beider Knaben Zwiſt un⸗ ter ihnen ſelbſt entſtände.„Denn der Köhlerbube,“ fügte er hinzu,„ſieht nicht ſo aus, als ließe er ſich leicht beherr⸗ ſchen, und wo er ſich zurückgedrängt oder abhängig ſähe, würde er unglücklich ſein oder entfliehen. Es ſcheint bei der jugendlichen Weichheit und Offenheit ſeines Herzens ein feſter ſelbſtändiger Sinn in ihm zu wohnen.“„Nun, der Erfolg wird's geben,“ warf Udo hin, und wünſchte eine gute Nacht. 4 — ö. — 66— Mit dem dämmernden Morgen brachen ſie auf. Robert geleitete ſie auf einem nähern Pfade über das Gebirg. Als ſie auf dem Gipfel des waldigen Rückens ſtanden, dehnte ſich der tiefe Thalgrund in gewundenen Klüften vor ihnen hin, bis er ſich gegen die Ebene nördlich hinaus öffnete. Vor ihnen ſtand der waldige Brocken mit der kahlen Felſen⸗ ſtirn, auf ſeinen äußerſten Vorgebirgen lag Waldheim mit ſeinen zackigen Thürmen in der leuchtenden Morgenſonne röthlich ſchimmernd.„Nun habe Dank, mein Knabe,“ ſprach Udo freundlich,„dort liegt das Schloß, in dem wir woh⸗ nen; jetzt bedürfen wir Deiner Führung nicht mehr.“ Er reichte ihm die Hand zum Abſchied, der Knabe ſah ihn wehmüthig an und ſprach:„Kommt bald einmal wieder zu uns, Herr, und jagt bei uns, aber dann müßt Ihr mich mit auf die Jagd nehmen.“„Das will ich, mein Knabe, und ſieh, hier ſchenke ich Dir zum Angedenken mein Jagd⸗ horn; wärſt Du ſchon ſtark genug, ſo ſollteſt Du den Hirſch⸗ fänger haben, aber noch iſt die Waffenübung zu ſchwer für Dich; ergötze Dich indeß an dem muntern Hörnerklang.“ Mit freudig blitzenden Augen ergriff Robert das ſchöne, mit Silber reich verzierte Wiſenthorn und blies laut hinein. Der Graf küßte ihn zum Abſchied auf die Stirn und wandelte mit Volkmar den Waldpfad hinunter. Lange ſah Robert den beiden ſtattlichen Jägern nach und verwunderte ſich über ihre prächtigen Waffen und die hohen Federbüſche auf den Jagdbaretts; dann ſetzte er ſich auf den höchſten Gipfel des Berges und ſtieß in's Horn, daß das Echo weit durch die Thäler widerhallte. Allmälig aber reizte es ihn, immer ſanf⸗ tere Töne zu verſuchen, die er lang anhielt und dann lauſchte, wie ſie nach und nach in äußerſter Ferne verklin⸗ gend erſtarben. Immer wehmüthiger wurde ihm das Herz, endlich brach er in Thränen aus.„Ach, dort hinaus möchte ich, in die weite ſchöne Welt, wo die Berge aufhören, wo man Alles fern hin überſehen kann, und was ich ſehe, müßte mein ſein! Dort auf der Burg wollte ich wohnen; da zög' ich zur Jagd hinaus und in den Krieg mit vielen Reitern. Ach, das wäre ein ſchönes Leben! Aber da un⸗ ten in der dunklen Hütte“— hier fing er bitterlich an zu weinen.„Warum weinſt Du, mein Knabe?“ ſprach ihn eine ſanfte Stimme an und es faßte ihn freundlich koſend unter's Kinn. Er ſah durch Thränen auf, und vor ihm ſtand eine verſchleierte weibliche Geſtalt im langen weißen Gewande. Erſtaunt blickte Robert ſie an und ſchwieg über⸗ raſcht.„Habe Vertrauen zu mir, holdes Kind, ich will Dir wohl. Was bewegt Dich ſo ſchmerzlich, daß Du hier oben einſam ſitzeſt und weinſt?“ Sie ſtrich ihm die Locken von der Stirn, trocknete ſeine Thränen und ſetzte ſich zu ihm auf den bemooſten Stein, indem ſie den Arm liebkoſend um ſeinen Nacken legte. Die ſanfte Theilnahme löſte den ſehn⸗ ſüchtigen Gram in eine Flut unaufhaltſamer Thränen auf. Bis dem heftigen Ausbruch des Schmerzes eine Mattigkeit folgte, war er keiner erzählenden Mittheilung ſeiner Gefühle fähig. Endlich öffnete ihm die freundliche Rede der Ver⸗ ſchleierten zutrauend die Lippe, und er erzählte mit kindli⸗ cher Unbefangenheit und Treuherzigkeit, was ihm die kleine Bruſt mit ſo unruhigem Wallen der Sehnſucht bewegte. Die Fremde hatte ihm wohlwollend zugehört. Als er ſchwieg, fragte ſie:„Aber weißt Du denn, wie es dort außen in der Welt ausſieht, ob es ſo ſchön iſt, wie Du Dir's träumſt?“ „Ja,“ antwortete Robert,„ich glaube, ich bin ſchon dort geweſen, als kleines Kind; denn ich erinnere mich noch an Mancherlei, was ich unten in der Hütte nie geſehen habe. Ich weiß von einem ſchönen ſonnigen Garten, wo tauſend bunte Blumen dufteten, wo kühle Quellen durch hohe ſchat⸗ — — ——— Schätze, die En — 69— tige Grotten floſſen; oft ſaß ich dort auf dem Raſen und ſpielte mit goldenen Früchten, und die Vögel ſangen lieblich in den Zweigen. Ach, das ſchöne Land möchte ich einmal wiederſehen!“ Die tröſtende Freundin drückte ihn an's Herz und küßte den roſigen Mund des Kindes. Da ſah ihr Ro⸗ bert ſtaunend in's Geſicht, wie ſie ſo ſanft blickte aus den ſchweigend redenden Augen und ihm ſo wohl dabei wurde. „Ich will Deine Freundin ſein, mein holder Knabe,“ ſprach ſie mit ſüßem Laut,„aber Du mußt es Niemandem entdecken. Vielleicht kann ich Dir auch einen ähnlich ſchönen Garten zeigen als der war, deſſen Du Dich erinnerſt. Komm nun, ſei heiter und vertraue Dich mir an.“ Sie nahm ihn an die leitende Hand und Beide gingen in das Dunkel des Waldes hinein bis an eine Felſenſchlucht, wo ſie im düſtern Eingang einer Grotte verſchwanden. ziebentes Capitel. Die Gräfin mma von Waldheim ſaß im Schloßgarten, in lieblicher Schönheit eing onnden freundlichen Mutter; vor ihr zwei engelholde Mägdlein, Gertrud und Elsbeth. ten bunte Steinchen und Blumen in den r getragen und zeigten ihr die herrlichen ma mit liebender Mutterfreude gutwillig be⸗ wunderte. Da ſpringt ein munterer Knabe herbei und ruft: „Mutter, Mutter, Volkmar und der Vater kommen zurück, eben ſah ich ſie unten am Felſen vorübergehen; ich laufe ihnen entgegen.“ So verſchwand er wieder. Emma trat auf den Altan, um die Kommenden zu ſehen und zu be⸗ grüßen. Als ſie um die Waldſpitze bogen, winkte ſie mit dem weißen Tuch, und auch die beiden Mädchen riefen be⸗ grüßend hinunter und drängten ſich danach, wer am erſten geſehen ſein ſollte. Die Jäger winkten freundlich und Udo war bald oben, um die Gattin zu umarmen. Emma ſchalt ein wenig über die unruhige Nacht, die ihr das Außenblei⸗ ben der Männer verurſacht habe, allein Udo wußte ſie freundlich zu begütigen.„Ich habe einen Schatz gefunden,“ ſprach er,„da lohnte ſich's ſchon der Mühe, eine Nacht darnach zu graben.“„Und der wäre?“ fragte Emma. Jetzt erzählte der Graf ſein Abenteuer in der Köhlerhütte und ſprach von der Abſicht, den kecken lieblichen Knaben auf der Burg als Spielgeſellen ſeines Sohnes erziehen zu laſſen. Emma war freudig dazu geneigt, und ſo wurde es ſogleich beſchloſſen. Graf Udo, früher rauh und heftig, obwol im Grunde des Herzens nie bös, war durch eine lange Reihe glücklich verlebter Jahre, beſonders aber durch das Verhältniß des Vaters, welches ihn auch der Gattin inniger verbunden hatte, ungleich milder geworden Bei einer wüſt im Getümmel des Kriegs und de und lange unter harter väterlicher Strenge verlebten glingszeit konnte es ja auch kaum anders ſein, als daß ſich das Herz gegen die weichern Gefühle ſtählte, während die wildern Lei ten losgelaſſener brauſten. Jetzt war die ru ferer Jahre gekommen, die Liebe umgab Feſſeln und drang mit ſonnigen Strahle Mark ſeines Lebens; ſo trieb der alte Stamm noch Spät⸗ linge von zarterer Blüthe, die ihn mit lieblichem Frühlings⸗ ſchmuck umgaben. Dies machte die Burg Waldheim jetzt zu einem glücklichen Aufenthalt innerlich ruhiger und zufriede⸗ ner Menſchen. Und wenn man auch bisweilen mit ſtiller — 1— Wehmuth einer Zeit gedachte, wo Niemand in dem lieben Kreiſe fehlte, und wenn auch Volkmar den friſchen Knaben, der für Emma's Sohn galt, mit einem wunderbaren Gefühl betrachtete und die Sehnſucht in ihm mächtig rege wurde, den Vaternamen von Rudolph's Lippe zu hören, ſo hatte doch theils die lindernde Hand der Jahre den wilden Strom der Schmerzen in ein ſanfteres Bett geleitet, wo er ruhig floß und die tröſtenden Bilder ſchöner Ufer, des ewigen Himmels und der lächelnden Sonne wieder aufnahm; theils beſänftigte die kindliche Liebe des Knaben zu Volkmar die unruhige Wehmuth. Mit deſto innigerer Wonne küßte er aber oft ſeine Gertrud, die, eine liebliche Knospe, reizend heranwuchs. Er war ſo reich! Da konnte er es ſich faſſend ertragen, daß er reicher ſein könnte und geweſen war. In der einſamen Köhlerhütte im Walde trugen die Be⸗ wohner ein ärmlich beſchränktes Daſein mit dem Gleichmuth der Gewohnheit, und der aus Mangel an Reizung ſtumpf gewordenen Begierde nach etwas Beſſerm. Robert war an jenem Tage erſt mit dem Abend zurückgekehrt, was ihm den t hatte, der ihn als Gehülfen Doch der bittende Knabe erhielt von dem gutmüthit in bald Verzeihung, dem es indeß nicht gefiel, daß Robert die fröhliche Munterkeit abgelegt it ernſterer Betrachtung innerlich beſchäftigt ſeine Arbeit nur aus Gewohnheit ohne rüſtige Theilnahme daran .„Das iſt,“ meinte er,„die Folge von Jägersleute. Jetzt ſteht ihm der Sinn nach blanken Waffen und Jagdgetöſe, beſonders da er das Horn an der Seite hat. Nun, wenn er im Dienſte des Grafen ein wackerer Reiter werden kann und ſich in der Welt um⸗ thut, ſo ſoll mir's auch lieb ſein; ich habe es ja eben ſo gemacht. Zwar verliere ich den Gehülfen ungern, aber wer 8 kann's ändern; Jugend muß ihrem Sinne folgen können und durch eigene Erfahrung lernen, was frommt. Es iſt ja auch beſſer ſo, denn was würden wir für lahme Burſche ſein, wenn uns im Jünglingsalter die Lehre der Greiſe be⸗ herrſchte. Sie iſt gut für den Greis, aber nicht für den Knaben, den Jüngling und Mann. Jedes Alter lehrt ſich ſelbſt am beſten, was ihm Freude macht und Nutzen bringtz ich wenigſtens habe es nie bereut, daß ich in der Jugend munter gelebt habe und erſt jetzt in der einſamen Hütte gleichmäßigere Tage zubringe.“ So tröſtete ſich der wackere Köhler darüber, daß er den Knaben ſeinen eigenen Weg wandeln ſah, und geſtattete es ihm, weil er ſich wohl ent⸗ ſann, wie ihm ſein eigener Vater Kummer und Verdruß gemacht dadurch, daß er der freien Neigung des Sohnes immer die grämlichen Schranken des Alters und verküm⸗ merter Weisheit adeanege.„Die Jugend bricht ſie doch durch; was hilft's alſo, der Natur ſo lange Zwang anlegen, bis ſie zu einem freien tüchtigen Wuchs verkrüppelt iſt?“ in ſich gekehrt gemacht hatte? Wenigſtens das Seine Gedanken waren noch mehr bei der geheimnißvollen Freundin und den Wundern, welche ſie ihm in der dunklen, tiefen Höhle enthüllt hatte. An der Hand ſeiner Führerin hatte Robert das Felſengewolbe betreten, in deſſen fernſtem Hintergrunde nur ein dämmernder Schimmer matt glimmte. ————::— —— — 73— Als die Wandelnden aber näher gekommen waren, konnte man entdecken, daß dieſes Licht aus einer andern Felſen⸗ wölbung, die hell erleuchtet ſein mußte, in die Dunkelheit hineinſtrömte. Bald ſtanden ſie vor einem hohen Steinpor⸗ tal, das durch einen langen Gang in jene lichtere Halle führte. Hier ſchimmerte es ſchon von beiden Seiten wie eherne Säulen, die durch hohe Bogen verknüpft ſchienen; der Glanz wurde, je näher man der Halle kam, um ſo lich⸗ ter. Plötzlich traten ſie in eine hohe geräumige Rotunde, die auf mächtigen Erzſäulen eine kryſtallene Kuppel trug, an der ſich's wie in milchweißen Nebelwölkchen wallend hin und her bewegte. Nach allen Seiten hin öffneten ſich tiefe Gänge, in deren jedem ſich ein verſchiedenes Schauſpiel dar⸗ ſtellte. In dem einen ſchimmerte es wie bunte Lampen durch die Nacht; es glich der Anblick dem eines in reizenden far⸗ bigen Feſtons beleuchteten Laubganges. Doch waren es hier die edlen Geſteine und Kryſtalle, die mit wundervoller Pracht der Farben funkelten. Gleich daneben that ſich eine hohe Pforte auf, die den Blick in einen ſteinernen Wald öffnete, der durch ſeltſame Verſchlingungen verzierender Stein⸗ gebilde dargeſtellt wurde. Hohe Marmorſäulen ſtiegen in blen⸗ dender Weiße empor; dazwiſchen lagen oder hingen wunder⸗ ſame Tropfſteinmaſſen, wie Thiere und Menſchen, Bäume, rieſige Blumen, Glocken, Waſſerfälle, geſtaltet. An den Seiten wölbten ſich Niſchen bald aus dunkelgrünem Blut⸗ jaspis, bald aus ſchimmerndem Lazurſtein gebildet. Der Wechſel der Farben und Gebilde war unendlich, und dennoch ließ ſich die einfache Ordnung des Ganzen mit ſchnellem Blick überſchauen. Das reichſte Schauſpiel aber gaben zwei mächtige Felsgeklüfte, in denen Waſſer und Feuer bewahrt wurde; ſie lagen mit ihren Mündungen einander gegenüber. dm Vordergrunde geſtaltete ſi ch in der einen das Waſſer 4 — 74— zu lieblichen ſilbernen Blumen, Lilien, weißen Roſen, Stern⸗ blumen; in der andern bildete das Feuer im Wechſel der mannichfaltigſten Farben ähnliche Geſtalten. Von beiden zogen ſich verzierende Guirlanden und Arabesken zwiſchen den Säulen und an den Frieſen der Rotunde umher. Je mehr man aber in die Tiefe dieſer Waſſer⸗ und Feuerklüfte blickte, je größer und abenteuerlicher wurden die Gebilde. Auf die Blumen folgten wunderbare, durch einander ge⸗ ſchlungene und ſich krüͤmmende Schlangen; dann ſah man Säulen, und zwiſchen ihnen große Vaſen, aus denen, hier das Waſſer, dort das Feuer, in hohen Büſchen empor⸗ ſtrömte, bald die Geſtalt der Palmen, Cypreſſen, bald an⸗ derer laubiger Bäume annehmend; endlich ganz im Hinter⸗ grunde ſchien es in hohen Fällen und brauſenden Strömen theils von Felſen herabzuſtürzen, theils ſich brechend durch die engen Klüfte zu wälzen. Doch hörte man keinen Laut, wie etwa entferntes Brauſen, ſondern Alles war in dieſer Notunde todtenſtill, ſodaß das Ganze nur ein wunderbares Gemälde zu ſein ſchien. Mit gefeſſeltem Erſtaunen blickte Nobert umher. Seine Führerin leitete ihn in die Mitte der Halle. Da verzogen ſich die Nebel an der Kuppel und ſiehe, jetzt ſtellte ſich der Fußboden als ein ungeheurer Spiegel dar, in welchem ſich das Ganze in der Tiefe noch einmal zeigte, ſodaß Robert in der Mitte zu ſchweben wähnte. Das Seltſame der Erſcheinungen erfüllte ihn doch, trotz der Pracht, mit Bangigkeit und er ſchloß ſich feſt an ſeine Führerin an. Dieſe ſchlang liebkoſend den Arm um ihn und ſprach:„Fürchte Dich nicht! Siehe, ſo ſieht es in der Tiefe der Erde aus. Hier wächſt alles Köſtliche, was Ihr — . — in den Bergwerken zu Tage fördert. Aber noch iſt es dem himmliſchen Licht nicht reif, und brächten wir dieſe Steine, dieſes Waſſer oder Feuer an das Licht des Tages, ſo würde — — Alles in Staub zerfallen. Du magſt es auch nicht mit Handen ergreifen, es ſiedet und rauſchet auch nicht; ſondern hier iſt Alles nur noch ein Luftgebilde, bis es mehr und mehr verdichtet herauswächſt an die Oberfläche der Erde. Komm nun aber in den Garten, den ich Dir verheißen habe.“ Sie ſchritten vorwärts durch eine ähnliche Pforte als die, durch welche ſie hineingekommen waren, an deren Ende es jedoch wie ein lichtes Blau glänzte. Bald hatten ſie den Ausgang erreicht, und ſiehe, ſie ſtanden unter dem heitern Bogen des Himmels, ein ſchöner Garten breitete ſich vor ihnen aus, und der Strahl der Sonne traf ſie mit milder Wärme.„O hier iſt es ſchön!“ rief Robert aus, „ſchöner als drinnen in dem dunklen Berge.“„Ja wohl, mein Knabe,“ ſprach die Führerin,„freue Dich nur hier, ſo lange Du magſt, und willſt Du heim, ſo rufe mich.“ Darauf entfernte ſie ſich. Robert ſchwärmte nach allen Seiten durch den Garten, der ihm immer bekannter zu ſein ſchien, je wei⸗ ter er ihn durchſtreifte; es war ihm durchaus, als habe er ihn ſchon oft geſehen. Jeder Gang, den er verfolgte, jeder Platz, auf dem er weilte, ſchien ihm nichts Neues zu bie⸗ ten, ſondern nur an lange Vergeſſenes wieder zu erinnern. Es war ihm zu Muth wie uns, wenn wir ein Buch leſen, das wir in unſerer früheſten Kindheit geleſen; wir wiſſen nicht, was kommen wird, aber Alles was kommt, iſt uns ſchon bekannt und vertraut. Um ſo höher ſtieg ſeine Freude. Er pflückte ſich einen herrlichen Blumenſtrauß und ſteckte ihn an den Buſen. Endlich ſchien es ihm Zeit nach Hauſe zurückzukehren; er rief nach ſeiner Führerin, die in einer Laube geſeſſen hatte, wo ſie ein Lied zur Zither geſungen, deſſen ſanfte ſchwermüthige Melodie ihm gleichfalls längſt bekannt ſchien. Als er ihr ſagte, daß er heim zu ſeinen Altern müſſe, gebot ſie ihm, ſich zu ihr zu ſetzen, ſie wolle 4* —————= — 76— ihn erſt erquicken. Darauf griff ſie einige Töne auf der Laute, worauf ein junges Mädchen aus dem Gebüſch trat, welches eine Trinkſchale und Früchte brachte. Als Robert davon genoſſen, fühlte er ſich müde und entſchlief im Arm ſeiner Freundin. Wie lange er geſchlafen haben mochte, wußte er nicht, aber als er erwachte, ſaß er auf demſelben Stein auf der Höhe des Gebirgs, wo die Fremde, den Weinenden tröſtend, zu ihm getreten war. Verwundert, konnte er ſich nicht gleich beſinnen, doch kehrte ihm nach und nach die Erinnerung zurück. Er griff nach dem Jagd⸗ horn und es war an ſeiner Seite; er ſah nach dem Blu⸗ menſtrauß, aber da fand er nur einige Feldblumen, die er ſich beſann früher gepflückt zu haben. So war denn Alles ein Traum geweſen! Er brach in heftigere Thränen aus als zuvor und wollte die Blumen wegwerfen. Aher in⸗ dem er in den Buſen griff, fühlte er etwas Hartes; er zog es hervor, und ſiehe, es war eine goldene Kapſel, mit kryſtallenen Scheiben geſchloſſen, zwiſchen denen eine Haarlocke lag. An einem leichten Kettchen hing ſie um ſeinen Hals. Entzückt über den Fund, der ihm bewies, daß er nicht geträumt habe, ſprang er auf und ging heim; aber ſorgfältig verbarg er das Kleinod und erzähte nicht, was ihm begegnet war. Neuntes Capitel. Einige Wochen verſtrichen in der Köhlerhüͤtte auf die oben angedeutete Weiſe. Da tönte eines Tages der mun⸗ tere Klang der Hörner durch den Wald, und bald wurde ——— — 772— ein Zug rüſtiger Jäger ſichtbar. An ihrer Spitze ritt Graf ddo, der ſich ſeinem erſtaunten Wirth jetzt zu erkennen gab. Neben ihm auf einem kleinen lithauiſchen Pferde ſaß ein munterer Knabe in Roberts Alter, es war Rudolph. Die⸗ ſer begrüßte den vor Verwunderung ſtummen Robert freund⸗ lichſt und Udo fragte den Köhler, ob er ihm den Knaben zur Geſellſchaft für Rudolph mit auf die Burg geben wolle. Obwol die beiden Alten ihren Pflegling ſehr lieb hatten, ſo ſchien ihnen doch dies Anerbieten zu glücklich für die Neigungen und Anlagen Robert's, als daß ſie nicht ſchnell hätten einwilligen ſollen. Sie umarmten den Sohn mit herzlicher Rührung und ließen ihn ziehen; doch mußte er verſprechen, ſie bald und oft in ihrer einſamen Hütte zu be⸗ ſuchen. Der weichmüthige Knabe that es mit Thränen. Schmerz und Freude lagen hier ſo nahe neben einander, daß man ſie, wie oft im Leben, kaum unterſcheiden konnte. Doch ſtrahlte die muthige Luſt aus Robert's feurigem Auge, als er ein Jagdkleid, das der Graf ihm mitgebracht, an⸗ gethan hatte und man ihm ein kleines Roß zum Beſteigen vorführte. Volkmar zeigte ihm, wie er die Zügel faſſen und das Thier lenken, anfeuern und zurückhalten ſolle; er be⸗ griff es ſogleich und ſchwang ſich behend in den Sattel. Der Graf lobte ihn und meinte, es könne ein wackerer Rei⸗ ter aus ihm werden. Mit jugendlichem Hochgefühl grüßte Robert vom Roß herab noch einmal ſeine Altern und ſprengte dann an Rudolph's Seite mit pochend freudiger Bruſt dem Grafen folgend davon. Einige Stunden wurde ge⸗ jagt, dann kehrte der Zug nach der Burg Waldheim zurück. Emma und die Mädchen waren luſtwandelnd den Berg hinab den Erwarteten entgegengegangen. Bei ihrem An⸗ blick ſprang Nudolph vom Pferde und fiel ſeiner Mutter um den Hals. Robert war verlegen und bang, denn er V 1 K———— — 78ñ— wußte nicht, was er thun ſolle und die Gräfin ſchien ihm ſo reizend und zugleich ſo Ehrfurcht gebietend, daß er einen Drang fühlte, als müſſe er ſich ihr zu Füßen werfen. Da indeß Niemand ſeiner gedachte, fühlte er ſich ſo einſam, daß die Thränen ihm in's Auge traten. Volkmar ſchien des Knaben Gefühl zu errathen und redete ihn an:„Gieb Dein Pferd einem Knappen und ſteig mit uns abz der Graf wird Dich zu ſeiner Gemahlin führen wollen.“ Dies gab dem Erröthenden den Muth wieder und er that, was ihm geboten war. Auch Udo erinnerte ſich jetzt ſeiner und nahm ihn bei der Hand, indem er zu Emma ſagte:„Hier bring' ich den Spielgeſellen für Rudolph; nicht wahr, er iſt ihm ziemlich gleich an Alter und Wuchs?“ Robert konnte die Augen nicht gegen die Gräfin aufſchlagen, und wurde hochroth. Allein die wohlwollend gütige Emma ſprach ihm mit freundlichen Worten Muth ein, und reichte ihm wohl⸗ wollend die Hand. Da hatte ſie ſogleich ſein ganzes feuri⸗ ges Herz ſo gewonnen, daß er augenblicklich für ſie freu⸗ dig geſtorben wäre. Er ergriff die dargebotene Hand mit Heftigkeit und ſah ihr mit leuchtenden blauen Augen in's Geſicht.„Ein lieber, holder Knabe,“ ſprach Emma zu Udo. „Wie heißeſt Du?“ fragte ſie ihn darauf.„Robert,“ er⸗ widerte noch etwas ſchüchtern das Kind; denn zur Rede überwindet ſich die verſchämte Blödigkeit am ſchwerſten. „Nun ſo werdet recht getreue Genoſſen, Robert und Ru⸗ dolph,“ ſprach Emma zu beiden Knaben. Dieſe, ſchon von der Jagd einander vertraut und lieb geworden, gingen Arm in Arm zur Burg hinauf, während Emma, Udo und die kleinen Mädchen langſamer folgten. Von jetzt an war Robert nur ſeinen Neigungen gemäß beſchäftigt. Der Unterricht in ritterlichen übungen, die Jagd und ein gemeinſames Durchſchwärmen der Gegend mit dem ihm über Alles theuer gewordenen Freunde füllten ſeine Zeit aus. Bald hatte er den Freund an Gewandtheit und Schnelligkeit im Laufen, Klettern und Ringen faſt über⸗ troffen, und es war kaum glaublich, mit welcher ſichern Geſchicklichkeit er die höchſten Bäume und die ſteilſten Fel⸗ ſen hinanzuſteigen wußte. Vorzüglich aber wenn es galt der täglich holder aufblühenden Elsbeth eine ſchöne Blume zu pflücken, oder einen Vogel zu haſchen; dann ſchwindelte Denen, die es mit anſahen, wie der muthige Knabe in die außerſten Zweige eines ſchwankend über den Abgrund hinaus⸗ hängenden Baumes ſtieg, den der Sturm wallend hin und her bewegte, oder auf die Zinnen der morſchen Burgmauern kletterte und dort ſo eilig und keck hin und wieder lief als auf ebner Erde. Rudolph dagegen wagte weniger für ſeine Schweſter als für Gertrud, deren lieblich freundliches We⸗ ſen ihm mehr zu gefallen ſchien als Elsbeth's fromme, ſtill ernſte Gemüthsart. Indeß ſo keck Robert war, ſo war er doch auch innerlich ſo weich und ernſt, daß man kaum ge⸗ glaubt hätte, denſelben Knaben zu ſehen, wenn man ihn bei Tage das Roß tummelnd oder bei den Speerübungen, die er mit emſiger Luſt trieb, gefunden hatte, und ihn dann etwa Nachts im Mondlicht oder bei einem trüben Sonnen⸗ untergang belauſchte, wie er, mit ſchwermüthigem Sinnen in ſich ſelbſt verloren, thränenden Auges in die Sternen⸗ pracht des Himmels hinaufblickte oder der verglimmenden Abendröthe nachſah. So wuchſen beide Knaben zu Jünglingen heran, die ihres Gleichen ſchwerlich fanden. Die leichtere übung der Waffen ſollte jetzt einer ernſtern Anwendung der erlernten Fähigkeiten Raum geben. Der Kaiſer forderte ſeine mäch⸗ tigen Vaſallen zu einem Kriegszuge gegen den Böhmen⸗ — — — 80— könig auf. Auch Graf Uddo beſchloß daran Theil zu neh⸗ men und ſeine Zöglinge dem Herzog von Braunſchweig, zu deſſen Banner er gehörte, zuzuführen. Zehntes Capitel. Rudolph ſollte in dieſem Zuge ſeine Spornen verdienen. Da wurde es dem ehrbegierigen Robert zum erſten Male mit ſchmerzlicher Empfindung deutlich, wie weit er durch die Verhältniſſe des Standes hinter ſeinem gräflichen Freunde zurückſtand. Aber nicht allein der Vorzug der äußerlichen Ehre, den dieſer vor ihm voraus hatte, auch noch ein an⸗ derer Grund, den der Jüngling höher anſchlug, verbreitete eine ſtumme Trauer in ſeinem Gemüth.„Er wird,“ ſo dachte Robert,„heimkehren als Ritter, wozu ihn der Kaiſer ſelbſt geſchlagen! Du magſt immerhin tapfer ſein, wenn dir das Glück nicht einen außerordentlichen Beiſtand leiſtet, wenn dir nicht eine bedeutende, mehr als kühne That gelingt, wirſt du als Knappe ewig dienend dein Leben verſeufzen. Ein Ritter kann alles Große und Herrliche erlangen, er darf freien um des Kaiſers Tochter, ja, er kann den Kaiſerthron ſelbſt beſteigen wie unſer mächtiger Herrſcher, Rudolph von Habsburg; aber ein Knappe, ein unedel Geborner! Wenn dir das Glück nicht ſchützend hold iſt, Robert, dann wird dein ſehnendes Herz nimmermehr befriedigt!“ Mit dieſer Klage ſaß er am Abend vor der Abreiſe auf der einſamen Felsſpitze, die über den waldigen Abgrund hinaushing. Un⸗ ten ſchäumte der brauſende Gießbach, in den Kronen der Tannen wogte es ſchauerlich hin und her, eine Wolke zog trüb vor der heitern Mondſcheibe vorüber. Er blickte ſtarr — — 31— hinunter. Da ſchien es ihm, als ſitze in der Tiefe am Fels eine weibliche Geſtalt, deren Fuß von dem Bach ge⸗ netzt wurde. Wie er ihren langen weißen Schleier im Winde flattern ſah, ſtieg ihm plötzlich das ſchon in der Ferne der Jahre verdämmernde Bild jenes weiblichen We⸗ ſens wieder auf, das ihm in ſeiner Jugend, kaum wußte er ſelbſt, ob im Traume oder wachend, erſchienen war. Er griff nach der Locke in ſeiner Kapſel, die er ſtets ſorgfältig im Buſen trug, zog ſie hervor und betrachtete ſie weh⸗ müthig.„Du tröſtende Erſcheinung, du holde Erinnerung meiner Jugend!“ rief er aus.„O wenn du mir auch jetzt nahen könnteſt, und, wie du damals des Kindes unruhige Sehnſucht ſtillteſt, die Stürme, die jetzt im Buſen wohnen, beſänftigen möchteſt!“ Und es umwehte ihn ein leiſer Gei⸗ ſterhauch. Schauerlich, aber ſelig erregt, ſchaute er um ſich, und ſiehe, die Freundin ſeiner Jugend ſtand neben ihm. „Du verlangteſt nach mir?“ fragte ſie ihn theilnehmend. „Auch ich habe Deiner heut oftmals gedacht, denn ich bin des Troſtes ſo bedürftig als Du!“ Robert konnte vor plötz⸗ lichem Erſtaunen keinen Laut hervorbringen, aber er ſchaute mit wunderbar getröſtetem Herzen zu der milden Erſchei⸗ nung auf. Der Wind lüftete ihren Schleier; da ſah er in ein ſchönes bleiches Antlitz mit dunkeln Augen, in denen eine Thräne perlte. Tief ſchmerzlich blickte ſie ihn an und ſprach:„Sei treu und ſtandhaft, es kann noch Alles gut werden.“ Aber plötzlich ſtieß ſie einen Schrei aus, ein Dolch blinkte in ihrer Hand, ſie ſchwang ihn gegen die eigene Bruſt und ſtürzte vom Felſen in den Abgrund. Be⸗ ſinnungslos ſtarrte Robert nach. Sein irrend ſchweifender Blick fiel auf das Schloß; er ſah es glänzend erleuchtet, in der Kapelle einen ehrwürdigen Vater, der ein junges Paar vermählte. Zugleich ertönte, indem der Geiſtliche die 4** — 82— Ringe wechſelte, ein Chorgeſang; dann heulte der Sturm dazwiſchen, Alles war wieder dunkel und Robert verlor die Beſinnung. Auf andere Weiſe brachte Rudolph den Vorabend ſei⸗ ner Abreiſe zu. Schon längſt hing er mit inniger Freund⸗ ſchaft an Robert, noch mächtiger aber wurde jetzt des Jünglings Gemüth durch die Bande der Liebe gefeſſelt. Es war die anmuthige Gertrud, die eben in der holdeſten Blüthenentfaltung ihrer zarten Schönheit ſtand, welche des Jünglings Herz ganz erfüllt hatte. Niemandem war es in der Burg unbemerkt geblieben, wie die Gemüther Beider ſich einander anſchloſſen; allein den hohen Grad der Leidenſchaft, den Rudolph empfand, hatte Keiner geahnet, ſelbſt Robert nicht, denn die Offenheit jugendlicher Freundſchaft bemerkt nicht, was ſich geheim in des Herzens Tiefe bewegt, und zum Vertrauen iſt die erſte Liebe zu ſchüchtern. Geſteht ſie das heilige Geheimniß doch kaum ſich ſelbſt, wie ſollte ſie es dem Blick eines Fremden zu entſchleiern den Muth haben! Erſt ſpäter, wenn das Treiben des Lebens jene zar⸗ teſten Ahnungen des Herzens in die Wirklichkeit der Hoff⸗ nungen feſter, aber auch nicht ſo rein göttlich, überträgt und begründet, dann kommt der Muth, das theuerſte Ge⸗ heimniß zu geſtehen und zu theilen. Früher iſt das Ver⸗ ſchweigen kein Mangel des Vertrauens, kein Verrath der Freundſchaft; es iſt nur jene heilige Ehrfurcht vor der gött⸗ lichen Ahnung, die die Bruſt in der Erſcheinung der Liebe empfängt, welche die Lippe verſchließt; und du liebſt einſam wie du einſam beteſt. Emma hatte das Verhältniß der Liebenden mit der ſchuldloſeſten Unbefangenheit ihres Allen wohlwollenden Herzens betrachtet, denn das innerſte Geheimniß der Liebe war ihr durch ihr ganzes Leben hindurch nur eine dunkle Ahnung geblieben; Udo lebte viel zu ſehr in der Gewohn⸗ 3 — — — 83— heit ſeiner weit überragenden Standesverhältniſſe, als daß er eine gegenſeitige Annäherung zwiſchen einem Grafen von Waldheim und der Tochter eines Knappen nur hätte ver⸗ muthen können; Volkmar endlich glaubte mit geheimer Freude den Zug der Natur zu erkennen, der die Herzen der Ge⸗ ſchwiſter vereinigte, wie ſie auch ſcheinbar getrennt waren. Die Liebenden ſelbſt waren mit der Unſchuld des Herzens ſich gegenſeitig ergeben, die die Gefahr noch nicht ahnet, wenn ſchon die Rettung unmöglich iſt. Erſt jetzt, da die Stunde der Trennung nahte, da Udo beiläufig von einer Vermählung Rudolph's geſprochen hatte, ſobald er dem Rit⸗ terſtand einverleibt ſein würde, erſt jetzt öffnete ſich ihnen das Auge, und ſie erblickten ſich mit Schrecken am Rande eines Abgrundes, deſſen geheime furchtbare Tiefe ſr nicht einmal ermeſſen konnten. Eilktes Capitel. Es war in der dämmernden Stunde des Abends gewe⸗ ſen, als des Grafen Worte den Liebenden, wie ein fern rollender Donner, das Gewitter verkündeten, das drohend ſchon über ihrem Haupte hing, während ſie ſtets unterm heitern Bogen des Himmels zu wandeln glaubten. Die Sonne war eben untergegangen, man ſah vom Altan in das roſige Gewölk des Abends hinein, durch das die Ge⸗ gend in duftenden Purpurhauch gehüllt war.„Wenn uns die Morgenröthe leuchtet,“ ſprach Udo,„ſitzen wir zu Roß, und biſt Du Deiner Ahnen würdig, Rudolph, ſo kehrſt Du — 84— als Ritter heim, und dann wähle ich Dir bald eine Gat⸗ tin aus unſern edelſten Geſchlechtern.’ Wie die Flamme des Muths bei dem Anfang der Rede in Rudolph's Auge emporloderte, ſo wurde ſie doch augenblicklich durch eine hervorquellende Thräne der Liebe und des Schmerzes ge⸗ löſcht. Er wandte ſeine Blicke auf Gertrud, die eben mit verhülltem Antlitz, als ſei ihr plötzlich unwohl, den Altan verließ. Auch Robert eilte mit ſchnellem Schritt davon, hinaus ins Freie. Gern wäre Rudolph der fliehenden Ger⸗ trud gefolgt, und noch geſtern hätte er es unbefangen ge⸗ than und nach ihrem Leide geforſcht, aber jetzt hielt ihn die Scheu zurück, denn er war ſich's plötzlich bewußt geworden, was er fühlte. So blieb er mit den Altern allein auf dem Söller in peinlicher Bedrängniß der Gefühle; Elsbeth war auf ein Wort der Mutter ihrer Freundin nachgegangen, weil die liebend ſorgende Emma einen Unfall fürchtete. In der Beklommenheit ſeiner unruhigen Empfindungen fiel er der Mutter um den Hals. Dieſe küßte ihn innig, denn ſie wähnte, es ſei der jugendliche Schmerz der erſten Trennung, der des Sohnes Herz ſo heftig beſtürmte, und lieh ihm die Gefühle des Mutterbuſens. Heftig riß ſich Rudolph aus ihrem Arm und eilte hinab.„Der Knabe iſt zu weich⸗ müthig,“ ſprach Udo,„die Zeit wird ihn härten.“ Beide gingen in die Halle. Als Nudolph durch die weiten Gänge der Burg an Gertrud's Thür vorüberging, trat dieſe plötzlich aus ihrem Gemach und ſtand vor ihm. Wie oft war es ihm begeg⸗ net, unvermuthet auf die Geſpielin der Jugend und Haus⸗ genoſſin zu ſtoßen, ohne daß er etwas Anderes gethan hätte, als ſie freundlich zu begrüßen; und jetzt erſchreckte er faſt. Doch faßte er ſich und ſprach:„Gertrud, wenn Du mir — wohlwillſt, ſo komm nach dem Abendmahl in den Gar⸗ ten, ich möchte Dich wol noch einmal ſprechen, ehe ich fort⸗ ziehe. Wer weiß denn, ob ich zurückkehre! Willſt Du?“ Sie lispelte ein faſt unhörbares„Ja,“ und entzog ihm aͤngſtlich ihre Hand, die ſie ihm ſonſt unbefangen gern ließ. Die Stunde kam heran, mit pochendem Herzen erwartete Rudolph die Freundin an ihrem Lieblingsplätzchen. Sie er⸗ ſchien endlich zitternd, obwol ſie ſonſt faſt täglich dort allein mit Rudolph geſeſſen hatte, ohne etwas Anderes dabei zu fühlen als die Freude, mit ihm zu ſein, dem ſie ſo herzlich gut war.„O Gertrud“ begann Rudolph,„hörteſt Du, was mein Vater ſagte?“„Wohl,“ erwiderte ſie,„morgen zieht Ihr hinweg!“„Ach Gertrud, wäre es das allein! Aber Du hörteſt wol, er ſprach von einer Vermählung“ — da fühlte er Gertrud's Hand in der ſeinigen heftig zit⸗ tern, er ſah ihre Thränen hervorbrechen, länger hielt er ſich nicht, er zog die Weinende mit Inbrunſt an ſein ſchlagen⸗ des Herz und die Umarmung war ein Geſtändniß der Liebe und Gelübde unverbrüchlicher Treue.„Was thuſt Du, Rudolph!“ ſprach bebend, von Thränen unterbrochen, das von der Allmacht ihres Gefühls überwältigte Mädchen. „Ewig werde ich Dich lieben, aber darf ich daran denken, Dich zu beſitzen? Nimmermehr! Ein Kloſter wird das Grab meiner Jugend, meiner Schmerzen, meiner Liebe ſein.“ „Nein, Gertrud, das ſoll es nicht, ich werde Dich erringen durch kühne That, dem Kaiſer ſelbſt werfe ich mich zu Füßen, und gewährt er mir Dich nicht, ſo verachte ich ſeinen Rit⸗ terſchlag.“ Da heulte der Sturm grimmig durch die Berge. Erſchrocken fuhr Gertrud auf und eilte nach dem Schloſſe, im ängſtlich beſchleunigten Wandeln ſtieß ihr Fuß an einen Körper, ſie fuhr mit einem Schrei zurück, Rudolph faßte ¹ — 86— ſie in ſeinen Arm, und mit Entſetzen ſah er Robert, einem Todten gleich, vom Monde blaß beleuchtet im Graſe liegen. Der Lebloſe wurde in's Schloß getragen. Zwölktes Capitel. Robert's Zuſtand erregte große Beſtürzung im Schloß. Da er im fieberhaften Wahnſinn lag, holte man nach dem Glauben der Zeit einen Geiſtlichen aus dem benachbarten Kloſter herbei, deſſen Ruf in Vertreibung bösartiger übel dieſer Art groß war. Dieſer kam gegen Mitternacht. Als er die einzelnen Worte vernahm, die der Kranke ausſtieß, welches dunkle Erinnerungen ſeiner Erſcheinung waren„ die Niemand verſtehen konnte, ſchien er ſehr aufmerkſam zu werden und ſagte für ſich:„Schreiben wir nicht heut Sct. Johannistag? Wohl, es iſt ſo, ſie muß ihm erſchienen ſein!“ Darauf zog er den Grafen bei Seite und ſprach insgeheim mit ihm. Alles war in angſtlicher Spannung, denn Udo wurde ſehr ernſt bei des Geiſtlichen Worten.„Sobald ich heimkehre, ehrwürdiger Vater!“ Mit dieſen Worten ſchloß Udo das Geſpräch. Für den Kranken gab der Mönch gute Hoffnung, daß er in wenigen Tagen hergeſtellt ſein werde und dem Banner des Heeres folgen könne. Darauf ſchied er aus der Burg, nachdem er für Robert nur Ruhe und kühlende Getränke verordnet. Am Morgen zogen Udo und Nudolph davon. Volkmar blieb nebſt den Frauen, die den Kranken hüteten, in der Burg zurück. Vorzüglich aber war es Elsbeth, die mit beſonderer Treue ſtets am Bett des Leidenden weilte. Wie es bei heftigen ſtarken Naturen der Fall zu ſein pflegt, daß ſie länger und gefährlicher ——— ——— —— — 87— krank ſind, weil der ſchwer zu beſiegende Körper lange mit der Krankheit kämpfen kann, ſo war es auch mit Robert. Schon mehrere Tage hatte er ohne helles Bewußtſein bald in heftigen Fieberträumen, bald in mattem todesähnlichen Schlummer gelegen. Eines Nachmittags, da Elsbeth und Gertrud ſorglich ſeiner wartend, bis gegen den ſinkenden Abend an ſeinem Lager geweilt, ſprach Gertrud, als die röthlichen Strahlen der geſenkten Sonne mit ſcheidendem Gruß hereinlächelten, zu der ſchweſterlichen Freundin:„Laß mich ein wenig hinausgehen, die niedergehende Sonne zu betrachtenz wenn der Mond heraufkommt, wandle Du in die Kühle; ich weiß, Du liebſt die ſtille Sommernacht.“ So blieb Elsbeth allein im Gemach. Der Blick der Sonne fiel auf Nobert's Augen, die im matten Schlummer ſchon mehrere Stunden geſchloſſen waren. Da ſchlug er ſie auf und ſah mit erſtaunten Blicken in den glühenden Abendhim⸗ mel hinein, denn die Fenſter des Gemachs waren geöffnet und man konnte weit hinausblicken in das Blau des Äthers, in dem die Wolken mit roſig goldenen Flügeln ſanft dahinſchwebten. In äußerſter Ferne ſah der Erwachte einige dunkle Bergſpitzen, die Grenze des Horizonts, ſodaß er ſich auf hocherhabenem Orte zu ſtehen ſchien, von wo die Erde klein in weiter Ferne unter ihm lag; etwa wie der Son⸗ nengott gebildet wird, deſſen Geſpann ſtolz durch die Wol⸗ ken brauſet, während unten die Städte und das Meer noch in dämmernder Hülle der Ferne und der Nacht ruhen. Und vor dem träumend Sinnenden ſtand, mit der verklä⸗ renden Röthe des Abends überſtrahlt, die ſchlanke lieblich fromme Geſtalt ſeiner Pflegerin, die ihm mit inniger Freude in das offene, große Auge blickte. Es war ihm, als erwache er auferſtehend im Paradies und ein Engel ſtände vor ihm, deſſen Bild ewig dem ſehnenden Herzen vorgeſchwebt; die — 88— Erfüllung aller Träume des wünſchenden Erdenlebens war erreicht.„Biſt Du wohl?“ fragte ſie mit der ſanften Stimme innigſter Theilnahme, und erſt jetzt kehrte dem Er⸗ wachten Erinnerung und Bewußtſein zurück.„O meine Elsbeth,“ rief er,„ich habe wol recht lange unruhig ge⸗ ſchlummert?“„Viele Tage biſt Du krank geweſen, und wir waren ſehr bekümmert.“„Viele Tage? War es denn nicht geſtern Abend, wo ich auf der Felsſpitze ſaß, und geht nicht eben die Sonne auf? Müſſen wir nicht heut hinaus⸗ ziehen?“ fragte er noch verwirrt. Elsbeth erzählte ihm, was geſchehen ſei. Sogleich griff Robert in den Buſen nach ſeinem Kleinod. Er fand es nicht. Elsbeth, die ſeine Beſtürzung ſah, befragte ihn. Da vertraute er ihr Alles, was ihm begegnet war. Und wie er von der Sehnſucht ſeiner Kindheit, dann von der, die ihm jetzt die Bruſt er⸗ füllte, ſprach, überſtrömte die Macht des Herzens alle Schranken der Beſonnenheit und er geſtand der Theuren die Glut, die unwiderſtehlich in dem tiefſten Buſen für ſie loderte. Sie ließ ihm die heftig ergriffene Hand, die er mit Küſſen und Thränen bedeckte, und knieend ſank ſie vor ſeinem Lager nieder und verbarg das weinende Antlitz. Dreizehntes Capitel. Eine reine Seligkeit durchdrang die unſchuldigen Her⸗ zen; es waren Thränen der Wonne, die ſie vergoſſen, es war die wallende Unruhe des höchſten Entzückens, dem die Menſchenbruſt zu eng iſt, was in ihrem pochenden Buſen wogte! Denn es gibt eine Minute, wo wir ſterbliche Se⸗ —— —— — 89— lige ſind, und ſie bürgt für die Ewigkeit. Wer dieſe er⸗ lebt hat, der hat den goldenen Preis ſeines Ringens und Wanderns geſehen und muthig wird er fortſtreben; wie auch Nacht ſeine Bahn umhülle, er weiß, es gibt ein glückliches Ziel und er kann es, er wird es erreichen. Gertrud trat ein, und ihr, der das Geheimniß der eignen Bruſt ſchon gelöſt war, blieb jenes nicht verborgen. Aber wie ein glei⸗ cher Glaube verband ſie das gleiche Gefühl und ſie waren Vertraute, noch ehe das Verſprechen der Lippe ſie dazu gemacht. Schließet euch feſt aneinander, denn der Sturm wird euch wild faſſen auf dieſem Gipfel des Lebens! Allmählig kehrten Robert's Kräfte zurück, doch war er bis in's Innerſte erſchüttert geweſen und noch immer faßte die Erinnerung an jene wunderbare Begebenheit und die Räthſel, mit denen ſein Daſein verknüpft war, ihn mit ge⸗ heimen Schauern an, obwol ſich doch wieder eine freundliche Hoffnung darein miſchte, ſowol wenn er an ſeine Jugender⸗ lebniſſe dachte, als auch wenn er die verheißenden Worte der wunderbaren Freundin erwog. Die Wonne der erſten Liebestage ließ ihm nicht Zeit, das Gewagte ſeiner Glut zu ermeſſen, und er drängte das ſchreckende Bild der Zukunft wie ein unheimliches Geſpenſt gern zurück. Doch immer mit erneuerter Macht drang es ſich ihm, je öfter zurückge⸗ wieſen, um ſo mehr auf. Nach einigen Tagen ging er, von Elsbeth und Gertrud geleitet, zuerſt wieder in den Garten hinab. Er ließ ſich nach der Felsſpitze, wo er an jenem Abend geſeſſen hatte, führen, und ſiehe, die Hoff⸗ nung, die er hegte, dort das vermißte Kleinod zu finden, täuſchte ihn nicht. Es lag im hohen Graſe verſteckt, wo eine gütig vorſehende Macht es ihm bewahrt hatte. Froh drückte er's an's Herz, denn es dünkte ſeinem ahnenden Ge⸗ * 5 — 90— müth ein Talisman zu ſein, deſſen Kraft ihn in der Be⸗ drängniß ſchirmen würde. Im verſchwiegenen Bewußtſein glücklich und traurig hoffend und bang zagend, verſtrichen den Liebenden die mil⸗ den Sommertage. Udo wurde zurück erwartet, denn es war nicht ſeine Abſicht geweſen, den Zug ſelber kämpfend mitzumachen, da er ſchon die Beſchwerden des herannahen⸗ den Alters fühlte. Seine Ankunft ſollte Robert's Abreiſe beſtimmen, der, ſo ſehr er ſich nach Kampf und Gelegen⸗ heit zu Thaten, als der einzigen ſchwanken Hoffnung, die ihm blieb, ſehnte, doch mit Unruhe der Rückkehr ſeines Herrn und Pflegers entgegenſah. Nach einigen Wochen er⸗ folgte ſie endlich. Rudolph war von dem Kaiſer, deſſen Namen er trug, als Sohn des altberühmten Grafen Udo von Waldheim begünſtigend aufgenommen worden, der Zug hatte ſchon begonnen und Robert ſollte am andern Tage eiligſt als Kampfgenoß Rudolph's nach Thüringen abgehen. Mit trüber Ahnung ſah er bang der Stunde der Trennung entgegen. Es wurde noch unter ihnen Dreien eine nächt⸗ liche einſame Zuſammenkunft verabredet, wo Gertrud dem Abreiſenden tauſend Grüße der Liebe an den entfernten Freund mitgab, Elsbeth und Robert aber die Schwüre der Liebe und Standhaftigkeit in der bangen ſchmerzlichen Stunde des Abſchiedes als ſtets tröſtende Erinnerung wie⸗ derholten. Graf Udo war ſehr ernſt, faſt düſter geweſen, was die beſorgende Bangigkeit der Liebenden noch er⸗ höhte. Sogleich nach ſeiner Ankunft hatte er Volkmar als Boten abgeſendet, ohne zu ſagen wohin. Früher als ge⸗ wöhnlich verließ er den Kreis der Seinigen und ging zur Ruhe, wie er ſagte, von der Reiſe ermüdet. Allein ihn erwartete jener Mönch, deſſen wir gedacht, welchen der ver⸗ traute Volkmar heimlich in die Burg geführt hatte, weil —-— —,—— — 91— Udo nicht rathſam fand, die Geheimniſſe, die Jener ihm bei dem Unfall Robert's angedeutet und nach ſeiner Rückkehr vertrauen wollte, zum Geſpräch des Burggeſindes zu machen. Denn es war nicht des Grafen Weiſe, viel mit Geiſtlichen zu verkehren, weshalb man Allerlei vermuthet und beſprochen haben würde, wenn man gewußt hätte, daß er eine Nacht, einſam auf ſeinem Gemach mit dem frommen Vater einge⸗ ſchloſſen, zugebracht habe. Vierzehntes Capitel. Als Udo in ſein Gemach trat, ſaß der Mönch ſchon bei einer dunkeln Ampel vor alten Schriften und las aufmerk⸗ ſam.„Gott zum Gruß, würdiger Vater; könnt Ihr mir jetzt die Geheimniſſe mittheilen, die Ihr in den Schriften Eures Kloſters gefunden habt, und die mein Geſchlecht ſo nahe angehen ſollen, ſo laſſet hören; hier kann uns Nie⸗ mand belauſchen oder unterbrechen.“„So eben leſei ch noch darin, edler Herr,“ erwiderte der Kloſterbruder,„die Schrift iſt vor Alter halb erloſchen; laßt ſie mich noch etwas allein durchlaufen, damit ich Euch Das, was Euern Stamm be⸗ trifft, ununterbrochen mittheilen kann.“ Udo ging, während der Mönch für ſich las, mit langſamen Schritten auf und nieder; als dieſer bereit war, ſetzte er ſich zu ihm und Jener begann: „Es ſind dies die Schriften eines Kloſterbruders, wel⸗ cher der Beichtvater der Bewohner dieſes Thales war. Er ſchrieb oft nieder, was ihm das Gemüth beſonders bewegte; wir haben viele alte herrliche Lieder, die er gedichtet hat. — 92 Dies Alles iſt hier, wie er es jeden Tag aufgezeichnet, ge⸗ ſammelt. Vor Allem merkwürdig aber iſt die Geſchichte eines jungen Mädchens, eines ſeiner Beichtkinder, die hier im Thale gewohnt hat. Sie findet ſich zerſtreut in dieſen Blättern; ich habe das Nöthigſte zuſammengelegt und will Euch nun vorleſen. Wenn auch manche Umſtände nicht genau erklärt und verbunden ſind, ſo laßt Euch das nicht irren, Ihr werdet dennoch leicht den Zuſammenhang finden. Der es ſchrieb, wollte es ſchwerlich genau verknüpft dar⸗ ſtellen, ſondern zeichnete nur auf, was er nachgerade er⸗ erlebte und erfuhr, ohne zu bedenken, ob es zu einem Ziel füh⸗ ren würde, oder nicht. Hört nun: „Was es eine rührendſchöne Sache um ein unſchuldi⸗ ges Gemüth iſt! Hat heut die junge Elsbeth aus dem Waldthal mir die Beichte geſagt. Das fromme Herz! Wie es Allen wohlwill und freundlich iſt; wie ihre ſchuldloſen Wünſche dem frommbeſcheidenen Sinn immer zu hoch ſchei⸗ nen! Darum klagſt Du Dich des Hochmuths an, Du gu⸗ tes Kind, weil Du eine Luſt gehabt an buntem Putz, und an einem kleinen Kettlein um den Hals? Freue Dich immer daranz an ſolcher Freude, die Niemandem wehe thut, iſt kein Böſes! Wie anders ſind wir dagegen oft, die wir heilige Männer genannt ſind! Wie tragen wir ein ehrgeizi⸗ ges, eitles Herz im Buſen, wie ſuchen wir mit frommer Geſinnung zu prunken, wie wähnen wir oft, wenn wir vor der verſammelten Gemeinde reden, wir würden angebetet! Wie thun wir oft Alles, um das Herz, nicht zu Gott dem Vater, nein, zu leerer Bewunderung unſeres eitlen Treibens zu wenden! Gute, unſchuldige Elsbeth, wahrlich ich ſage es, Du ſtehſt näher an der heiligen Pforte des Himmels als der Unſern einer! —,—— — 93— Heut ſammelte ich Almoſen für das Kloſter. Müde kam ich zuletzt an die einſame Köhlerhütte, wo die fromme Elsbeth wohnt. Die Ältern waren nicht daheim; das Mägd⸗ lein ſaß vor der Thür mit dem Schweſterlein auf den Knieen. Sie herzte das Kind und wiegte es in den Armen. Wie die Natur ſpricht, dachte ich bei mir ſelbſt, wie ſie der Bruſt der Jungfrau ſchon die Liebe einhaucht, mit der ſie als Mutter die zarten Kinder pflegen ſoll! Ehe dem Schooß eine eigne holde Blüthe entkeimt, hegen und pflegen ſie die fremde, ſei es eine Schweſter oder ein Nachbarkind. Es war mir wie ein warmer Sonnenſtrahl im Herbſt, als das freundliche Mädchen mich mit holdem Gruß bewillkommte. Ich bin eein alter Mann geworden, mein Scheitel iſt kahl, mein Bart ſilberweiß. Aber im Herzen lebt doch noch ein Fünkchen, das eine milde Wärme durch den Buſen verbrei⸗ tet. Mein Leben habe ich frommer Betrachtung geweiht; bete ſie aber den Heien nicht vielleicht reiner an, als ich, ſie die frommen Pflichten, die ihr die Natur gebietet, treu und hingebend erfüllt? Will es mich jetzt im hohen Alter doch faſt bedünken, als habe ich geirrt, als habe uns der Herr in die Welt geſetzt, um dort zu leben und zu handeln! Die einfache Labung des friſchen Trunks, den mir Elsbeth gereicht, war mir ein köſtliches Mahl. Mö⸗ geſt Du holdes Kind aüdeeic ſein Dein ganzes Leben hindurch. Sct. Johannistag.— Bater, treuer Sorger dort oben, Du haſt mein Gebet gehört. Wie erfreut mich das Glück meiner holden Elsbeth. Heut am Morgen hat ſie ſich einem wackern Burſchen verlobt, und kam ſogleich zu mir, um es mir zu erzählen. Was der Bube ein kühnes Antlitz hatte, und wie ihm die Augen funkelten! Der mag ein Schwert führen, ſeine Trautin zu beſchützen! Mein Gebet G 1 G ſoll Eurer Ehe Segen erflehen. Glück zu, fromme Els⸗ beth, wackerer Udo!“ „Udo?“ fragte der Graf,„ſo nannte ſich auch mein Ahnherr, der Stammrvater dieſes Hauſes.“„Es iſt der⸗ ſelbe,“ ſprach der Mönch,„laßt uns nur weiter leſen.“ Er ſchlug einige Blätter über, dann fuhr er zu leſen fort. Punkzehntes Capitel. „Mußt auch Du Kummer leiden, meine Elsbeth? Sei getroſt, der Herr wird Deinen Bräutigam behüten, wie er uns Alle ſchirmen wird vor dem wilden Strom des heidni⸗ ſchen Hungarnvolkes. Unſer großer Kaiſer Otto wird das Kreuz verfechten und der Herr wird ſeinen Arm ſtärken. O, was fühlt und empfindet ein menſchliches Herz Alles, was wir in unſern Kloſtermauern nur dunkel ahnen! Wie war die ſanfte Elsbeth ſo geändert! Sonſt ſo heiter und ruhig wie das lächelnde Auge des Frühlingshimmels, und jetzt unruhig, untröſtlich und doch ſo fromm ergeben. Wohl muß die Liebe von dem ewigen Vater ſtammen, denn ſie verkündet ſich göttlich. Die Tugend, die wir uns mühſam angewinnen, übt ſie frei und freudig. Sie vergißt ſich ſelbſt und liebt den Nächſten mehr als ſich ſelbſt. Sollte denn das Herz nicht in dieſem Gefühl ſeine rechte Weihe und Heiligung finden? Weiß denn Der wol, was das Schöne und Gute eigentlich iſt, der niemals ſich ſelbſt in einem Weſen ſeines Gleichen ganz wiedergefunden und ganz ſich dieſem hingegeben hat? Dafür kann er leben, ſterben, und Alles mit Freudigkeit ohne Kampf, während uns jedes —— —w,;⸗«⸗«L⸗/yõãůõℳOůά⏑ꝓo–—V——-——:——.— — 95ñ— Opfer erſt Mühe und überwindung koſtet. Ja, dies iſt die wahre Erleuchtung der Herzen durch den Herrn, und wer darin ſündigt und Verrath übt, wehe Dem! Welch eine Freude iſt meiner Elsbeth geworden! Sagte ich's nicht, der Bube kann ein Schwert führen, die Trautin zu beſchirmen? Seinem Kaiſer hat er das theure Leben gerettet, und nun iſt er Schirmvoigt hier geworden und ſoll herrſchen auf der Burg. Was meine Elsbeth eine milde Edelfrau ſein wird, wie ſich nun die Armen ihres huͤlfreichen tröſtenden Gemüths erfreuen werden!——— Unglückſelige, ſo mußteſt du getäuſcht werden? Vater im Himmel, warum prüfeſt du die Arme ſo ſchwer! O, ſteh' ihr bei mit deiner heiligen Gnade! Wie ſoll das ver⸗ zweifelnde Herz das überwinden? Udo, Udo! Eine ſchwere Laſt wird auf dir ruhen! So hat dich der Glanz verblen⸗ det, daß du die arme Elsbeth verſtoßen willſt, als wäre ſie deiner unwürdig? Udo! Udo! du führeſt nicht den Segen des Herrn in dein Haus mit der ritterlichen Braut, die du heimzuführen gedenkeſt! Bebend wirſt du das Jawort ausſprechen vor dem Altar, ohne Freude wirſt du deine Genoſſin umar⸗ men! Wenn Elsbeth weinend am Fuße deines Felſenſchloſſes ſitzt, dann wirſt du ihre Seufzer hören im Sturm der Herbſtnacht, im Taumel des Gelags, in der Stunde des Todes!— Heiliger Gott! Welch ein Tag! Heute vor einem Jahre, am Sct. Johannisfeſte, wie war Freude in meinem altern⸗ den Buſen! Und heut, welch ein Jammer, welch ein Graus und Schrecken! Wer es lieſt von den kommenden Ge⸗ ſchlechtern, der flehe zum Herrn, daß er dem Sünder ver⸗ gebe. Wird ihm nach ſeinen Thaten gewogen, ſo iſt der Abgrund ſein Aufenthalt. Früh war Elsbeth hier. Sie 8 — 96— hat ſchon täglich gebeichtet und gebetet, ſeit der Treuloſe ſie verſtieß. Wie ſaheſt du bleich aus, holde Noſe! Wie ſtanden kalte Thränen in deinen matten Augen! Armes Herz, und kein Troſt wollte dich erquicken. Sehr krank warſt du wol, Elsbeth? Ja, ſehr krank! der Himmel hatte deine lichte Seele finſter gemacht, ſonſt hätteſt du wol noch Muth gewonnen! Dein Wollen war getreu, aber du warſt krank und eine trübe Wolke umzog mit düſtern Wirbeln deine hellen Sinne. Ja, Wahnſinn hat dich dahin gebracht. Sei getroſt, der Herr wird dir verzeihen! Der du hier ſitzeſt und lieſeſt, wahre dein Herz vor Schuld! Udo, ſtolz auf das Glück, ward ungetreu und verſchmähte die arme Elsbeth. Eine reiche fürſtliche Braut führte er heim, heut am Johannistage. In der Schloßkapelle hat unſer Prior ſie verbunden. Als er die Ringe wechſelte, tönte außen ein lauter Schrei,— es war meine Elsbeth, die ſich ver— zweifelnd von dem Fels in den Abgrund geſtürzt hatte. Herr, ſei ihrer Seele gnädig!“ Sechzehntes Capitel. So weit hatte der Mönch geleſen. Hier hielt er inne und trocknete ſich das Auge. Udo ging ſtumm mit düſtern Blicken auf und nieder. Endlich brach er das lange, ängſt⸗ liche Schweigen und fragte:„Seid Ihr am Ende, frommer Bruder?“„Noch nicht ganz,“ entgegnete der Mönch.„So fahrt fort,“ bat Udo,„laßt mich die trübſelige Mähr weiter hören. Der Mönch ſchlug lange hintereinander die Blätter über, dann hielt er wieder ſtill und las: — 97— „Vater im Himmel, du rächeſt die Sünde; ſchwer iſt deine Hand dem Verbrecher, aber hülfreich dem Unſchuldigen und Schwachen. Wie ſieht unſer Graf bleich und jammer⸗ voll aus! Es ſollen ihn böſe Träume plagen. Heut begeg⸗ nete ich ihm in der engen Schlucht unten am Schloß. Als er mich von ferne ſah, ließ er das Viſir fallen und eilte mit abgewendetem Geſicht vorüber. Er wagte nicht, dem armen alten Mönch in's Antlitz zu ſchauen. Das iſt der Fluch der Sünder! Geſtern war der unglückſelige Johannistag! Wunderbare Gerüchte verbreiten ſich. Ein alter Köhler ſagte mir ſchon vor zween Tagen, er habe um die Mitternachtsſtunde eine klagende Stimme unten am Fels vernommen, wo Elsbeth hinabgeſtürzt iſt. Einem Knappen iſt das Pferd dort ſcheu geworden, es hat durch die Nüſtern geſchnoben und ſich mit fliegenden Mähnen hoch aufgebäumt. Als drauf der * Mond über die Berge gekommen, will der Reiter eine weiße „Geſtalt, mit fliegendem Schleier am Ufer ſitzend, geſehen „haben. Hätte wol ihre arme Seele noch nicht Ruhe und Gnade gefunden? Herr, erhöre mein Gebet und verzeihe der Unglückſeligen; doch walte nach deiner ewigen Weisheit und nicht nach unſern thörichten Wünſchen. Am Abend. Heiliger Gott, du haſt gerichtet! Geſtern Abend in der Stunde ſeiner Hochzeit iſt der Graf im Wahn⸗ ſinn geſtorben. Er hat nicht mehr gebeichtet, der Tod faßte ihn unvermuthet entſetzlich an. In ſeinen Sünden iſt er dahingegangen ohne Buße! Vater im Himmel, richte nicht nach der Gerechtigkeit, ſondern nach deiner allliebenden Gnade! Der Bote, den die Gräfin zum Prior ſchickte, er⸗ zählte auch, es ſei ein ſtürmendes Unwetter auf dem Schloß geweſen und der Graf habe mit ſtieren Blicken durch die Fenſter nach dem Abgrund hingeſtarrt und gerufen:„Seht V. 8 5 Ihr ſie dort? Sie ringt die Hände! Sie zückt den Dolch! Jetzt ſtürzt ſie! Weh meiner armen Seele!“— Doch die Leute des Grafen haben nichts geſehen. Heute iſt er im Kloſter beigeſetzt. Herr des Himmels, welch ein Anblick! Ein junger blühender Mann und er glich einem Greiſe. Das Haar grau, die Züge entſtellt von Angſt und Verzweiflung! Ich habe für ſeine Seele ge⸗ betet, daß ſie Gnade finden möge vor dem Allvater. Nun ſind ſchon viele Jahre verſtrichen, und ich glaubte nicht mehr in dieſen Schriften der armen Elsbeth zu ge⸗ denken. Neunzig Mal habe ich jetzt den Frühling geſehen, geſtern zum neunzigſten Male den Tag Sct. Johannis er⸗ lebt. Ich gedachte in meinem Nachtgebet der unglücklichen Elsbeth. Als ich eingeſchlummert war, träumte mir, ſie trete an mein Lager und ſpreche zu mir:„Du haſt unſere traurigen Begebenheiten aufgezeichnet. Die Strafe des Himmels iſt nicht ausgeblieben, aber noch dürfen wir Ver⸗ zeihung hoffen; vielleicht kann unſere Seele bald eingehen zur himmliſchen Ruhe. Ich weile hier in der Nähe, Udo ſchmachtet an düſterm Orte; Beide ſind wir befreit von unſerer Strafe, wenn aus Udo's Stamm“— weh— ich kann nicht vollenden— der Tod— Vater, Gnade—“ „Hier endet die Schrift des heiligen Greiſes, den der Tod plötzlich bei dem frommen Wort überfiel. Seht, die letz⸗ ten Züge ſind verwiſcht und mit zitternder Hand geſchrieben und die oben begonnene Seite bleibt leer. Darnach folgen andere Schriften aus der Chronik des Kloſters. Wunder⸗ bar iſt es aber, daß das Pergament hier keine Schriftzüge annehmen will. Ich verſuchte einmal dort ein Lied anzu⸗ fügen, auf die traurige Begebenheit gedichtet; allein die Schrift war andern Tages erloſchen, und ſo oft ich es neu verſuchte, erging es wieder ſo. Da habe ich das Blatt mit —— — 99— heiliger Ehrfurcht zurückgelegt, denn eine wunderbare Macht ſcheint darüber zu walten.“ So ſprach der Mönch. Der Graf ſchwieg lange Zeit, Kerffragte er:„Wie hieß der Bruder, der die Sage aufgezeichnet?“„Benedict.“„Ich habe ſie wol gekannt,“ ſprach Udo,„allein ich hielt ſie für eine Fabel des Volks. Die Erzählung der Landleute ſprach auch nur von dem herabgeſtürzten Mädchen, das eine wahn⸗ ſinnige Liebe zu dem erſten Grafen dieſer Burg gefaßt ha⸗ ben ſollte. Über Udo's Tod ſteht in unſern alten Schriften nichts, als daß er am Johannistage plötllich geſtorben ſei. Seine Gemahlin, die bald nach ſeinem Tode ein Knäblein gebar, endete im Kloſter zu Quedlinburg, allwo Das aufge⸗ zeichnet iſt, was ich Euch eben ſagte. Faſt hat ſich alſo nichts erhalten als der Name des Baches und Felſen, den ſie den Ilſenſtein nennen; und doch ſollte die Seele der Verſtorbenen noch keine Ruhe gefunden haben? Laßt in Eurem Kloſter, frommer Mann, täglich eine Meſſe für ſie leſen, das mag wol heilſam ſein. Nun gehabt Euch wohl.“ Er beſchenkte den Mönch, den Vater Auguſtinus, reich⸗ lich, und führte ihn durch eine geheime Pforte zum Schloſſe hinaus. Darauf kehrte er in ſein Gemach zurück. Ernſt ſinnend ſtand er am Fenſter und ſah hinaus in die Gegend. Da fielen ſeine Blicke auf die Felsſpitze; er ſah eine weib⸗ liche Geſtalt im weißen Gewande. Sie iſt es, dachte er, gürtete ſein Schwert um und trat hinaus, um die Erſchei⸗ nung näher zu erforſchen. ——— — 100— Siebzehntes Capitel. Er hatte ſich nicht getaͤuſcht. Wirklich bewegte ſich eine Geſtalt auf der Ecke des Felſen hin und her. Aber es war nicht Elsbeth, die vom Felſen geſtürzte, deren Schat⸗ ten umging, ſondern Elsbeth, Udo's Tochter, welche mit Robert noch in der ſpäten Nacht dort weilte. Weh Euch, Ihr Liebenden! Die letzte bitterſelige Minute des Abſchieds wird noch Eure Verrätherin. Mit zitterndem Grimme hörte der Graf die vertrauten Worte des Scheidens, er⸗ kannte er Roberts Stimme, die den Schwur der Liebe und Treue ausſprach.„Verrätheriſcher Bube!“ rief er und trat mit gezogenem Schwert zwiſchen ſie. Elsbeth ſank ohn⸗ mächtig zurück. Udo faßte ſie hart an.„Was hindert mich,“ rief er aus,„die Ehrvergeſſene mit ihrer Schande hier in dieſen Abgrund zu begraben,“ und ſchwang ſie em⸗ por. Allein Robert warf ſich kühn dazwiſchen, überwäl⸗ tigte den Grafen und entrang ihm die Tochter.„Ich folge Euch, wohin Ihr wollt, und unterwerfe mich Eurem Wil⸗ len,“ rief Robert,„wenn Ihr auf Eure Ritterehre ſchwört, Eurer Tochter zu ſchonen.“„Elender, Du willſt mir Ge⸗ ſetze vorſchreiben?“ entgegnete Udo mit gezücktem Schwert drohend;„nieder mit Euch Beiden!“ Doch auch in Roberts Hand blinkte der Stahl. Nach wenigen Schlägen war der Vater entwaffnet und Robert ſenkte das Schwert, indem er nochmals gehorſam zu folgen gelobte, wenn der Graf beſchwören wolle, ſeiner Tochter kein Leid zuzufügen.„Nun ſo ſchwör' ich's,“ rief Udo voll Ingrimm,„aber Dein Tod iſt gewiß.“„Ich ſträube mich nicht,“ entgegnete Robert feſt,„Ihr werdet mit mir verfahren, wie Ihr dürft, wenn — 101— Ihr mit gutem Bewußtſein Eurer letzten Stunde entgegen⸗ gehen wollt.“ Schweigend folgte er ihm, die bewußtloſe Elsbeth tragend, in das Schloß; dort wurde die Ohnmäch⸗ tige leiſe in ihr Gemach getragen, das Udo hinter ihr ſchloß. Dem unglücklichen Robert befahl er zu folgen. Zuerſt gingen ſie auf des Grafen Gemach. Hier holte Udo die ungeheuren eiſernen Schlüſſel des tiefſten Verließes in ſeiner Burg. Nobert erbebte, doch faßte er ſich und ſprach:„Graf, Ihr wollt grauſam mit mir verfahren. Be⸗ denkt, daß Ihr vor einem himmliſchen Richter Rechenſchaft ablegen müßt! Was habe ich verbrochen? Mein Herz ſchlägt edel, mein Arm iſt tapfer, nur des Glückes Gunſt fehlt mir und ich dürfte einer der Euren ſein. Mein Verbre⸗ chen iſt das heiligſte Gefühl, was eine edle Bruſt erfüllen kann; und ich bin Eurer Tochter würdig, denn hättet Ihr ſie zum Preiſe für den ſchwerſten Kampf geſetzt, ich würde ihn kühn gewagt haben. Ja, ich habe ihn gewagt, denn ich bezwang mich ſelbſt für ſie. Wir ſtanden Mann gegen Mann, und meine rüſtige Jugend war Eures Alters Mei⸗ ſter geworden, und doch unterwarf ich mich Euch. Ja, wir ſtehen noch Mann gegen Mann, Ihr droht mir mit dem entſetzlichſten Gefängniß; ich könnte noch leicht Eurer Herr werden, ohne daß irgend wer in dieſem abgelegenen Theil des Schloſſes Euren Ruf um Hülfe hörte. Fliehen könnte ich mit meiner Geliebten, Seligkeit der Liebe und Freiheit winken mir, aber ich bleibe, ſchone Euch, folge Euch freiwillig in den abſcheulichſten Kerker. Handelt nun wie Ihr dürft, wenn Ihr ein Ritter ſeid.“ Der Graf ſtand mit eiſerner Miene vor ihm. Dann ſprach er feſt:„Nicht ſchonſt Du meiner aus Großmuth, ſondern weil Dir der Muth zu dem ungeheuren Frevel fehlt, auch noch Deinen Wohl⸗ thäter zu morden, deſſen Tochter zu verführen Du Dich ehrlos — 102— nicht geſcheut haſt. Ich werde handeln wie ich als Ritter, dem ſeines Hauſes unbefleckter Ruf das Theuerſte iſt, han⸗ deln muß. Jetzt folge.“ Der Alte ging voran, Robert folgte mit gefaßter Würde. Sie ſtiegen die tiefen unterir⸗ diſchen Gänge der Burg hinab, die ſich weit durch den Felſen erſtreckten. Dort öffnete Udo eine ſchwere Eiſenthür; ein düſteres Gewölbe that ſich auf, aus dem eine dumpfige ſchwere Luft kalt hervorwehte, die faſt die Lampe erlöſchte. „Hinein!“ ſprach düſter Udo. Robert erblaßte; er warf einen Blick auf den entſetzlichen Ort, dann maß er ſeine Jugendkräfte gegen den Grafen. Hier war es ſo öde, daß ſelbſt der Angſtruf des Entſetzens nicht in der Burg gehört werden konnte; ſchon hob er die Arme, um ſtatt ſeiner den Alten hineinzuſchleudern, der doch halb erbebend zurücktrat, doch er raffte ſich zuſammen und ſprach:„Denkt an Gott!“ und ging hinein. Die Thür ſchlug dumpf hinter ihm zu, die Riegel raſſelten davor, des Grafen Schritte tönten ver⸗ hallend noch einige Secunden, dann war es todtenſtill. Achtzehntes Capitel. Elsbeth, die indeß in ihrem Gemach wieder zur Be⸗ ſinnung gekommen war, flehte in Thränen den Himmel für die Erhaltung Roberts an. Da raſſelte das Schloß und der Vater trat ein. Die Zitternde wollte ſich ihm zu Füßen werfen, er ſtieß ſie zurück und ſprach:„Wenn mor⸗ gen nach Robert gefragt wird, ſo hüte Dich, von dem Er⸗ eigniß dieſer Nacht zu ſprechen. Er iſt fort und wird dieſe Burg niemals wieder betreten. Du biſt dem Kloſter be⸗ — 103— ſtimmt. Verräthſt Du etwas von dem Geheimniß, ſo iſt es Dein und Roberts Verderben.“ Darauf verließ er die Troſtloſe. Am andern Tage wußte es Niemand anders, als daß Robert in der erſten Morgendämmerung das Schloß ver⸗ laſſen habe, um ſich als Kampfgenoß mit ſeinem Jugend⸗ gefährten zu vereinigen. Von dieſer Zeit an wurden nur trübe Tage auf der Burg verlebt, um ſo ängſtlicher, da Niemand ſeinen Kum⸗ mer laut werden laſſen durfte. Nur Elsbeth und Ger⸗ trud fanden im gegenſeitigen Vertrauen einige Stärke; Udo war finſter und ſchweigend, denn er hatte Robert geliebt; Emma und Volkmar deuteten die ſtumme Trauer der Burg⸗ bewohner, nach ihren eignen Gefühlen meſſend, nur auf die Beſorgniß um die beiden Lieblinge des Hauſes, um deren Haupt Jeder bange Furcht zu hegen ſchien, ohne es geſtehen zu wollen. So verſtrichen Monden. Da kam die Nachricht von der Beſiegung Ottokars auf dem Marchfelde zuerſt als dunkles Gerücht, dann durch erfreuliche Boten beſtätigt, in die Burg Waldheim. Mehr als Alles aber erfreute die bald darauf durch einen Abgeſandten Rudolphs verkündigte Botſchaft, daß es dieſem gelungen ſei, in einem gefährlichen Augenblicke des Kampfes dem Kaiſer Rudolph ſelbſt das Leben gerettet zu haben. Alles war in freudiger Bewegung auf dem Schloß. Nur Elsbeth litt bange Pein, denn Niemand ſprach von Robert und ſie ſelbſt hatte nicht den Muth, nach ihm zu fragen. Endlich war es der Bote ſelbſt, der im anfangs vergeſſenen Auftrag ſeines Herrn nach Robert fragte, ob er lebe, und weshalb er nicht zum Heere geſtoßen ſei? Alles that beſorgte und erſtaunte Fragen; Elsbeth zitterte, denn ſie ahnete ein entſetzliches Schickſal des Unglücklichen, um ſo ſchrecklicher, als es mit einem — 104— ſchauerlichen Dunkel verhüllt war. Auch Udo hatte ſich zwar erſtaunt geſtellt, allein dem ſpähenden Auge der Lie⸗ benden war es nicht entgangen, daß er ſich verſtellte. Ro⸗ berts Tod ſchien ihr nur zu gewiß; ſo ſah ſie dem ange⸗ drohten Kloſter als der einzigen tröſtenden Hoffnung entge⸗ gen. Der Bote wurde gut bewirthet als Bringer einer glücklichen Nachricht. Nach dem Mahl ſuchten Elsbeth und Gertrud ſich gegenſeitig auf, um ſich allein zu beſpre⸗ chen; die Eine um ihren hoffnungsloſen Schmerz am Buſen der vertrauten Freundin auszuweinen, die Andere, weil ihr eine freudige Botſchaft geworden war, die ſie der ſchweſterlich Geliebten mitzutheilen nicht länger ſich bezwingen konnte. Der gewandte Bote nämlich hatte einen Augenblick erſehen, wo er Gertrud zuflüſterte:„Mein Herr läßt Euch grüßen, ſchönes Fräulein; Ihr möchtet gute Hoffnung hegen, denn der Kaiſer wolle ſelbſt ſein Freiersmann werden; bei wem, möget Ihr wol errathen.“ Welch eine überraſchung der Wonne lag für die Liebende in dieſen Worten, wie öffne⸗ ten ſich ihr goldene Ausſichten in das Gefilde der Zukunft! Arme Elsbeth, ſelige Gertrud! Beide in Thränen, Beide zit⸗ ternd! Schmerz und Wonne tragen ein gleiches Antlitz; aber wenn die Wonne Thränen im überfüllten Auge hat, Dann iſt ſie unendlich größer als der Schmerz. Darum weinen wir ſo ſelten Freudenthränen. Die Quelle des Kummers aber wallt leicht über, doch tröſtend; denn wehe Dem, wo ſie verſiegt iſt! Er erliegt dem glühenden Pfeil, der ihn auf den Tod verwundet hat. — Neunzehntes Capitel. Einige Tage darauf kam ein Knabe als Bote von dem alten Köhler, der noch immer in, ſeiner einſamen Hütte hauſte, auf die Burg. Der Alte lag krank, ſeine Frau war ſchon mehrere Jahre todt. Der geſendete Knabe er⸗ zählte, es ſei Tages zuvor eine Alte zu dem Köhler in die Hutte gekommen, welche dieſer ſogleich für dieſelbe erkannt habe, die ihm damals das Kind zurückgelaſſen. Sie habe auch nach dem Knaben gefragt, und als ſie Roberts Schick⸗ ſale vernommen, dem Köhler ein Käſtchen eingehändigt, welches dieſer dem Grafen Udo ſelbſt übergeben ſolle, oder wenigſtens einem ganz vertrauten Diener deſſelben. Da nun der Köhler krank liege, und Niemandem das vermuthlich wichtige Pfand gern vertrauen möchte, ſo bitte er, daß ihm der Graf, wenn er nicht ſelbſt kommen wolle, einen getreuen Diener zuſende. Die Alte war wie damals verſchwunden. Volkmar über⸗ nahm es, das Käſtchen zu holen und ritt denſelben Tag nach der Hütte. Gegen Abend hörte man plötlich luſtiges Hörnergetön aus der Tiefe des Thales heraufſchallen und der Thuͤrmer meldete frohlockend, daß ſich ein prächtiger Zug von Rittern nahe, an deren Spitze Rudolph an der Seite eines herrlichen Kriegers reite. Voller Freude ſtürzte Alles in der Burg den Ankommenden entgegen. Wie groß aber war Udo's Erſtaunen, als er den Ritter, neben wel⸗ chem ſein Sohn ritt, für den großen Kaiſer Rudolph ſelbſt erkannte, der ſich als unvermutheten Gaſt in der Burg an⸗ kündigte. Voll Ehrfurcht empfing Udo den erhabenen Herr⸗ ſcher, indem er ihm den Bügel hielt und ihn ſodann in 5 — 106— das Schloß geleitete. Hier begrüßten ihn züchtig die Grä⸗ fin mit ihrer Tochter und Pflegetochter. Als die Frauen vor dem Kaiſer ſtanden, wandte ſich dieſer zu Udo und ſprach:„Graf Waldheim, ich bin Eurem Sohne mein Le⸗ ben ſchuldig geworden, und dafür hab' ich ihm eine freie Gunſt verheißen, die er ſich ſelbſt erwählen möge; jetzt mag er in Eurer Gegenwart bitten.“ Da trat der Jüngling erröthend hervor, ging auf Gertrud zu, ergriff ſie bei der Hand und führte ſie vor den Kaiſer.„Ehrwürdigſter Herr und gnädigſter Kaiſer,“ redete er den Fürſten an,„wenn Eure Gnade mir eine Gunſt gewähren will, ſo bitte ich, daß Ihr mir dieſe Jungfrau zur Gemahlin geben möget.“ Udo zog finſtere Mienen und trat hervor.„Mein Herr und Kaiſer, erlaubt mir, Euch zu ſagen, daß dieſer junge Menſch eine unverſtändige Bitte thut, die ſeinem Stande wenig Ehre bringt; denn die Jungfrau, die er erwählt hat, iſt eines Knappen Tochter und ihm nicht ebenbürtig.“ Da ſprach der Kaiſer würdig:„Euch, Graf, hat mein großer Vorgänger auf dem kaiſerlichen Thron, der gewaltige Otto, in Eurem Ahnherrn die Ehre des Adels verliehen, und kraft meiner kaiſerlichen Macht verleihe ich ſie dieſem Fräu⸗ lein. Und wenn dieſe tugendſame Gräfin das holde Mägd⸗ lein ſonſt an Sitte und Zucht ihres wackern Sohnes wür⸗ dig hält, ſo will ich hiermit die Ehe feſt und unwiderruf⸗ lich geſchloſſen haben.“ Statt der Antwort küßte Emma die bebende Gertrud, die ſich bang an ſie ſchmiegte, auf die Stirn, und der Kaiſer legte die Hände der Liebenden in einander. Udo aber beugte ſich ehrfurchtsvoll und Elsbeth ſank ihrer Mutter bitter weinend an's Herz. Da trat plöt⸗ lich Volkmar eilig in das Gemach. Mit Freudigkeit flogen ihm die Verlobten entgegen und verkündigten ihm das un⸗ vermuthete Glück. Er aber wurde bleich, ſchwankte und —,— — 107— ſtürzte dem Kaiſer mit dem Ausruf„Verzeihung!“ zu Füßen. Alles war ſtumm vor bangem Erſtaunen, als man jetzt aus Volkmars bebendem Munde vernahm, daß Nudolph ſein eigner Sohn und Gertruds Bruder ſei.„Und wo iſt mein Sohn?“ rief Udo grimmig.„Er iſt gefunden und iſt verloren,“ rief Volkmar aus. Ein Adler hatte das Kind, durch ſeinen glänzenden Schmuck angelockt, geraubt und brachte es in ſeinen Fängen einer Alten. Die erzog es drei Jahre und gab es dann jenem Köhler im Walde. Robert iſt Euer Sohn, Robert, der Verlorne, Verunglückte. Da erbleichte Udo und äitterte. Dann rief er aus:„Gott ſei gelobt, noch iſt es Zeit!“ und ſtürzte hinaus. Volkmar öffnete jetzt das Käſtchen, das ihm der Köhler gegeben hatte, und nahm einige Kinderklei⸗ dungsſtücke heraus, die er der Gräfin Emma darreichte. „Seht da die Wiegentücher, die Ihr ſelbſt gefertiget, Euer Name mit Gold eingeſtickt! Daran habe ich erſt jetzt den Verlornen erkannt, das hat die räthſelhafte Alte geſtern dem Köhler gebracht und iſt darauf ſpurlos verſchwunden.“ Emma betrachtete mit Thränen die Tücher, die ſie nur zu wohl erkannte.„So alſo bin ich getäuſcht! Und mein Mut⸗ terherz erkannte den wahren Sohn nicht! Gertrud, was haſt Du mir für ein Opfer gebracht!“ So rief ſie weinend aus. Erſtaunen, Schmerz und Verwirrung hatte ſich Aller, ſelbſt des Kaiſers ſo bemächtigt, daß es umſonſt wäre, es ſchildern zu wollen. Emma hatte einen neuen Sohn zugleich gefunden und verloren, Gertrud verlor den Geliebten und empfing einen Bruder; die unglückſelige Elsbeth büßte zugleich Beide ein. Da öffnete ſich die Thüre und der Graf trat ein und hielt Robert bleich und abgezehrt an ſeiner Hand. Emma ſtürzte auf ihn zu und lag mit einem lauten Schrei in ſeinen Armen. Klirrend fiel etwas auf den Boden. Es war das goldene — 108— Kleinod Roberts, das er ſtets bei ſich getragen hatte. Wie Emma es erblickte, rief ſie aus:„Ja, er iſt es, es iſt kein Zweifel mehr! Dieſe Kapſel mit meinem und meines Gat⸗ ten Haar hing ich dem Knäblein um, das mir in jener Nacht ſo wunderbar geboren wurde. Seitdem habe ich das Kleinod nicht mehr geſehen! O, mein Sohn, mein Sohn!“ Zwanzigstes Capitel. Udo geſtand dem Kaiſer reuig, was er gethan hatte, und die wunderbaren Begebenheiten, die dieſe zugleich trübe und freudige Verwickelung herbeigeführt, wurden nun ge⸗ genſeitig erzählt und aufgeklärt, ſogar die Erzählungen aus den Schriften jenes alten Mönches. Da ſprach der Kaiſer ernſt:„Herr, deine Gnade iſt groß, der du dich zur rech⸗ ten Stunde offenbaret haſt, um ein großes Verbrechen zu verhüten. Eine unheilbringende Ehe hatte ich eingeſegnet. Wähle Dir nun eine andere Gunſt; mein junger Freund, denn dieſe kann ſelbſt die Macht des Kaiſers Dir nicht ge⸗ währen.“ Aber NRudolph ſtand ſtumm, denn Schmerz und Verzweiflung zerriß ihm die Bruſt; endlich ſprach er:„Die Freuden dieſes Lebens ſind mir dahin, wenn Ihr mir aber eine Gunſt gewaͤhren wollt, ſo—„hier wurde er unterbro⸗ chen, denn die Thüre öffnete ſich und Vater Auguſtin trat ein, mit ernſtem Antlitz, alte Schriften tragend.„Graf Udo,“ ſprach er,„wunderbare Dinge ſind geſchehen und der geheimſten Räthſel Löſung muß ich Euch verkünden. Folgt mir auf Euer Gemach.“„Nein, redet hier, würdiger Vater, wenn es wichtig iſt,“ unterbrach Udo,„denn dieſe — — 109— Alle wiſſen, was Ihr mir verkündet habt. Iſt es aber nicht dringend, ſo ſpart es auf bis zu günſtigerer Zeit, denn hier herrſcht Trauer und Schrecken.“„Es iſt wichtig,“ rief der Mönch,„es wird Euch Kinder rauben und ſchenken, und wenn meine ahnende Seele mich nicht trügt, ſo wird es Freude hier verbreiten. Vernehmt denn, und betet Got⸗ tes wunderbare Fügungen an.“ Der Kaiſer ſetzte ſich, die Andern umſtanden ſeinen Seſſel, der Mönch begann:„Die Schriften unſeres heiligen Bruders Benedict, in welchen die traurige Geſchichte der Ahnen dieſes gräflichen Hauſes ent⸗ halten war, ſchließen mit einer geheimnißvollen Andeutung, wie der Bann, der die Seele der Schuldigen nicht ruhen läßt, zu löſen ſei. Allein mitten im Wort hemmte der Tod die Hand des heiligen Greiſes. Die ledig gebliebene Seite des Pergaments hatte die wunderbare Eigenſchaft, daß ſie durchaus keine Schriftzüge annehmen wollte. Geſtern Nacht, als ich ſchlummernd auf der Matte in meiner Zelle lag, glaubte ich plötzlich die Thür ſich öffnen zu ſehen, und herein trat Pater Benedict, den ich aus dem Bildniß von ihm, das in ſeiner Zelle hängt, ſogleich erkannte, mit einer Ampel in der Hand. In gefeſſeltem Erſtaunen blickte ich unverwandten Auges hin, wie er ſich an den Schreibtiſch ſetzte, die alten Pergamente aufſchlug und mit kunſtgeübter Hand emſig ſchrieb. Nach einiger Zeit ſtand er auf, kniete nieder und betete ſtill mit verklärten Zügen; dann ergriff er wiederum die Ampel, die mit roſigem Glanz zu leuchten ſchien, und nun zerfloß die ganze Geſtalt in einen purpur⸗ nen Lichtglanz, der nach und nach verſchwand und die alte Dunkelheit im Gemach zurückließ. Mich aber, der ich kein ängſtigendes Gefühl, ſondern nur Schauer heiliger Ehrfurcht empfunden, umhüllte wieder der dämmernde Schlaf. Beim Morgenſtrahl erwachte ich; da meinte ich, ein Traumgeſicht ——— — — 110— habe mich getäͤuſcht. Als ich aber an den Schreibtiſch trete, wer empfindet mein Erſtaunen, das geheimnißvolle leere Pergament war mit friſchen Zügen beſchrieben!“ So ſprach der Bruder Auguſtinus und Alles war ſtumm um ihn her. Jetzt aber ſchlug er die alten Schriften auf und fuhr fort:„Der Tod hatte den frommen Benedict bei dieſen Worten abgerufen:„Beide ſind wir befreit von un⸗ ſerer Strafe, wenn aus Udo's Stamm“— hier brach er ab, nun aber fährt er fort:„wenn aus Udo's Stamm frei⸗ willig ein Sohn und eine Tochter ſich unebenbürtige Ehe⸗ genoſſen wählen.“ Jetzt beginnt ein neuer Abſchnitt und den vernehmet nun:„Der Vater des Himmels hat mein Flehen gehört und mir vergönnt, für die büßende Elsbeth noch einmal zurückzukehren in das irdiſche Gebiet; und ſo genüge ich denn ihren bittenden Thränen und zeichne auf, was ſie betend gebeichtet:„Ehrwürdiger Vater! Als ich der Gräfin zur Geneſung von dem Knäblein geholfen, dem Erſt⸗ ling ihrer Ehe, da erſchien mir der verzweifelnde Udo. Noch immer fühlte mein Herz Liebe zu ihm, und um ihn zu erlöſen von dem ſchweren Gericht, vertraute ich mich der ewigen Gnade und überwand die ſchwere That, der Mut⸗ ter das Kindlein zu entführen; denn ich wußte, ich würde es ihr mit doppelter Wonne wiederſchenken. Der Vater im Himmel ließ es zu, daß die fromme Gertrud ſo, duldend und ſchwere Pflichten übend, ſich die himmliſche Gnade er⸗ rang; und als ſie des zweiten Kindes genas, führte der Engel ſie hinauf in das Licht der Seligen. Die Nacht aber war auch die Gräfin niedergekommen, und ehe ihr Mut⸗ terblick die zarten Kindlein kannte und unterſchied, wechſelte ich ihnen in der Nacht die Wickeltuͤcher und Hüllen, und täuſchte ſo das Mutterherz. Nun führte ich den geraubten Knaben wieder heim in ſeine väterliche Burg, und betend — 111— zum ewigen Vater ließ ich jetzt die göttliche Hand walten. Und es gelang; Robert und Gertrud, des Grafen Kinder, und die Geborenen der hingeſchiedenen Gertrud, ſie lieben ſich mit heißer ſtandhafter Liebe. Nicht Geſchwiſter ſind ſie, wenn aber der Herr ihr Herz leitet, ſo kann nun die Schuld der Geſtorbenen geſühnt werden durch die Liebe und Treue der Lebenden.“ So hat mir Elsbeth gebeichtet im heißen Gebet. Vater im Himmel! Dank deiner Gnade, der du mir vergönnet haſt, der geliebten Unglücklichen hülf⸗ reich zu ſein. Erbarme dich nun ihrer Seele mit deiner unendlichen Liebe. Amen.“ Hier ſchwieg der Mönch und Alles betete ſtumm. Drauf aber ſtand der Kaiſer auf und ſprach:„Robert, ritterlicher Graf, ich biete Dir eine Kai⸗ ſerstochter, und Dir, Gertrud, einen Fürſten zum Gatten. Mögt Ihr ſie, ſo harrt Eurer Glanz und Ruhm. Wer aber ſich unebenbürtig vermählt, der ſteigt hinab in den niedrigern Stand des Gatten.“ Aber die Liebenden um⸗ ſchlangen ſich feſt unter Küſſen ſeliger Thränen. Die roll⸗ ten auch dem Kaiſer aus den Hoheit blickenden Augen. Er zog das Schwert und ſprach zum Bruder Auguſtin: „Führt uns zur Schloßkapelle, frommer Vater!“ Der Mönch ſchritt voran, ihm folgte der Kaiſer, die liebenden Paare, Udo, Emma, Volkmar. Vorm Aliare ſtanden ſie ſtill. „Jetzt ſegnet dieſe Ehen ein, frommer Mann!“ gebot der Herrſcher. Es geſchah.„Und nun, Graf Udo, ſeid Ihr Eures Stammes Letzter,“ ſprach der Kaiſer,„denn der Adel dieſer hier hat mit der Vermählung geendet.“ Da ver⸗ breitete ſich ein lichter Glanz in dem heiligen Gebäude, und es ſchwebte mit feierlich leiſen Tönen wie wehender Zug der Lüfte, an den Staunenden vorüber. Betend ſank Alles nieder, und lange knieten ſie ſtumm. In göttlicher Ent⸗ zückung aber rief der fromme Bruder:„Das Werk iſt voll⸗ 8— 112— endet, Verzeihung ward den Schuldigen, ſie ſind eingegan⸗ gen in die himmliſchen Pforten.“„So kann ich denn,“ rief jetzt der Kaiſer mit freudigem Auge,„meinem Herzen nun auch genügen. Ihr hattet entſagt und überwunden. So werde Euch jetzt der herrliche Lohn: Empfangt Ihr beiden Jünglinge mit dieſem meinem Kaiſerſchwerte den Ritterſchlag, und ſteht auf als Grafen und Beſchirmer des Landes; und dieſe Ehre ſei Euch und den Eurigen und Euren Nachkommen bis in's ſpäteſte Glied.“ Und ſo war Alles Glück verdoppelt. Vier Kinder umſchlangen Emma's und Udo's Arme und zweien Vätern ſanken die herrlichen Söhne, die lieblichen Töchter an's Herz, und aus doppel⸗ tem Stamm entblühte reich die Krone ritterlicher Nach⸗ kommen. 1 2 „ ————— 1 Jaromir. Eine romantiſche Erzaͤhlung. Erstes Capitel. Wenige Stunden von der Hauptſtadt Böhmens ſtand ehe⸗ mals an dem Ufer der dunklen Moldau ein hohes prächti⸗ ges Kloſter, das ſich von dem Gipfel eines grünbewachſenen Hügels in den Wellen des Stromes ſtolz beſpiegelte. Ge⸗ genüber lagen einige ärmliche Hütten, halb im Tannenge⸗ büſch des wildern Ufers verborgen. Jetzt finden ſich nur noch Trümmer der Abtei, von den leichten Hütten aber keine Spur. Nach einer dieſer geringen Wohnungen lenkte der ritterliche Graf Wolziska ſein Roß, allein, in ſeinen Mantel dicht eingehüllt; denn es wehte ein kalter Octo⸗ berwind, und die Sonne war ſchon untergegangen. Um die Thurmzinnen der Abtei dämmerte der Himmel noch in violettem Purpurrauch; Alles war ſtill. Plötzlich tönte ernſtes Geläut von dem Kloſter herüber und erfüllte den ſtillen Abend mit bang ſchwermüthigen Tönen. Wolziska fuhr aus tiefen Betrachtungen auf. Auf ſeiner Stirn mal⸗ ten ſich unruhige Sorgen und finſterer Mismuth.„Was ſoll das Glockengeläut?“ dachte er bei ſich ſelbſt,„iſt doch die Vesper ſchon vorüber!“ Indem ſahe er Mönche, die eine Bahre trugen, aus der Mauerpforte des Kloſters — 116— treten; ihnen folgte der Zug der Brüder, der ſich durch einen offenen Kreuzgang nach der Kirche zu bewegte.„Alſo einer jener heiligen Sünder zur Hölle gefahren,“ dachte Wolziska; ſein Finſtermuth ſchien in bittern Grimm über⸗ zugehen.„Daß ich ihnen doch beikommen könnte!“ rief er erbittert aus.„Mich machen ſie unglücklich und zum Bett⸗ ler durch ihre Heuchelkünſte und unerſättliche Habſucht! Nun, ich will nichts weiter darnach fragen; jetzt muß ich mich allein aus dem Schiffbruch retten. Mögen Die, die untergehen, die Schuld auf den Himmel wälzen; ich kann ihnen nicht helfen.“ Während er ſo halb ſprach, halb dachte, rief plötzlich eine weibliche Stimme aus dem Gebüſch über ihm: „Kommſt Du endlich, theurer Gatte? Ach, wie habe ich mich ſo bang nach Dir geſehnt!“ Und ſogleich ſchwebte die be⸗ grüßende Geſtalt mit wenigen leichten Schritten auf den Pfad herab und ergriff liebkoſend die Hand des Reiters, der ſich indeß nur kalt zu ihr beugte und ihr die Stirn küßte.„So finſter, da Du mich nach drei langen Wochen wiederſiehſt?“ fragte die faſt Erſchrockene.„Mir iſt nicht wohl, und ich bin vom langen Wege ermüdet,“ entgegnete Wolziska.„Ach ſonſt warſt Du nie ermüdet, wenn Du zu mir kamſt!“ ſeufzte ſie mit erſtickter Stimme und ging nun ſchweigend neben ihm, bis ſie die, wenige Schritte ent⸗ fernte, Hütte erreicht hatten. Der Graf ſchwang ſich aus dem Sattel und trat in die kleine Wohnung.„Wo iſt Deine Mutter, Anna? und wo der Knabe?“ fragte er die Ver⸗ ſtummte.„Sie ſind Beide noch im Walde, aber ich denke, ſie kommen gleich zurück; ſoll ich ſie rufen gehen?“„Nein, bleib',“ erwiderte Wolziska.„Wer wird drüben im Kloſter begraben?“„Ach, es iſt der gute Vater Benedict, der unſere Ehe eingeſegnet hat.“ Ihre Thränen brachen hervor. Wolziska ſtand raſch auf und ging unruhig auf und nie⸗ 2 der.„Alſo wirklich Benedict?“ widerholte er;„er war ſchon ſehr alt; unter den Mönchen noch einer der Beſten!“ Wie⸗ derum ein langes drückendes Schweigen. Endlich näherte ſich ihm Anna und redete ihn mit innig bittendem Laut an:„Lieber Freund, Du biſt ſehr düſter geſtimmt, ſage mir, was Dich bekümmert; ich habe ſo lange auf die Stunde gehofft, wo ich Dich wiederſehen würde, und jetzt ſcheint ſie mir ſchmerzlicher als die Trennung war. Das iſt wol nicht gut.“„Sei ruhig, Anna,“ entgegnete der Gemahl,„nur Deinetwegen bin ich bekümmert, denn ich ſehe voraus, daß Du eine lange Trennung, die uns bevor⸗ ſteht, ſchwer ertragen wirſt. Ich muß in's heilige Land; mich bindet ein Gelübde; nur um Abſchied zu nehmen, kam ich zu Dir, denn noch dieſe Nacht muß ich wieder zurück nach Prag. Drum wünſchte ich, der Knabe wäre hier, daß ich ihn küſſen und dann aufbrechen könnte.“„um des Him⸗ mels willen,“ rief Anna aus,„ſo ſchnell willſt Du mich verlaſſen, und noch immer ſoll unſer Bund ein Geheimniß bleiben? Was ſoll aus mir und meinem Kinde werden, wenn Du fern biſt, wer wird mich ſchützen, wenn Dein Vater erführe—“„Mein Vater erfährt nichts mehr! Er iſt mit Bruder Benedict im Paradies oder in der Hölle!“„Er iſt todt?“ rief Anna,„nun ſo hindert Dich ja nichts mehr, mich öffentlich für Deine Gattin zu erklären. Das wird mir doch wenigſtens in Deiner Abweſenheit einen ruhigen ſichern Aufenthalt ſchaffen.“„Einen ſichern Wohnort ſollt Du haben, aber als meine Gemahlin kannſt Du öffentlich noch nicht erſcheinen, denn der Erbe des reichen Grafen Jaromir Wolziska iſt ein Bettler, dem kaum ein altes Felſenſchloß übrig bleibt. Solche Herren, wie drüben im Kloſter, haben die eine Hälfte meiner Güter an ſich zu bringen gewußt; die andere habe ich freilich leichtſinnig A — 118— als Jüngling im Voraus verthan. Jetzt könnte ich ein Bauer werden, wenn mir noch ſo viel Land geblieben wäre, daß ich mich darauf ernähren könnte! Abenteuer, ein Kriegs⸗ zug, Beute, weiter kann mir nichts helfen!“ Anna hatte ſich weinend und ermattet am Fenſter niedergeſetzt, und ſtützte ihr Haupt in die Hand.„Mein frommer guter Va⸗ tor Benedict iſt todt, Du willſt fort, was bleibt mir nun!“ Indem öffnete ſich die Thür und Anna's Mutter trat mit dem dreijährigen Enkel ein. Das Kind ſprang freudig auf die Mutter zu, die es in tauſend Thränen herzte. Die er⸗ ſtaunte Alte erfuhr indeß von Wolziska, was geſchehen ſei, und unterdrückte mit Mühe ihren Zorn.„Und wenn Ihr, Herr Graf, in die weite Welt gezogen ſeid, vielleicht nicht wiederkehrt, wer zeugt dann dafür, daß meine Tochter Eure rechtliche Gemahlin ſei? Vater Benedict iſt ſtumm.“ „Ruhig“ entgegnete Wolziska finſter,„ſie wird auf meinem Stammſchloß wohnen, und ich werde für Alles ſorgen. 8 Jetzt muß ich fort, Anna; wer Dir dieſen Ring zeigt, der ſiſſt von mir geſendet und dem darfſt Du folgen. Vielleicht ſehe ich Dich noch einmal, bevor ich ſcheide.“ Sie hing ſtumm, weinend in ſeinen Armen; er riß ſich heftig los, küßte den Knaben und ſchwang ſich auf's Roß. Zweites Capitel. Zu Prag hielt der alte Herzog Ottokar ſeinen Sof auf dem Wiſherad, wo Libuſſa die böhmiſche Stammbur gründet. Es war gerade Sonntag, und ſoeben keh — 119— aus der Meſſe in die Burggemächer zurück. An ſeiner Seite ging der würdige Erzbiſchof, es folgten ihm viele Große und Nitter. Die Knappen und Diener ſtanden ehr⸗ furchtsvoll an den Stufen der Marmortreppe, die der Zug ſich hinaufbewegte. Der Fürſt ging ſchweigend und ernſt durch die Reihen, es ſchien, als wenn tiefe Gedanken ihn innig bekümmerten. In einem prächtigen Saale, aus deſ⸗ ſen Fenſtern man den Burghof und die zu den Füßen des Hügels ausgebreitete thurmreiche Stadt überſah, nahm Ot⸗ tokar ſeinen fürſtlichen Sitz ein; die Edlen verſammelten ſich im glänzenden Kreis um ihn her.„Sah Niemand unter Euch meinen Sohn Boleslaus? Mir ſchien es, als fehle er in der Meſſe?“„Ich vermuthe, der Herzog iſt nicht in der Stadt,“ ſprach vortretend, der Graf Wolziska, „denn, als ich geſtern, unfern von St. Johannes Kloſter, durch den Wald hierher ritt, begegnete er mir abwärts von der Stadt reitend, und es war ſchon ſpät am Abend.“ Bei dieſen Worten ſahen ſich der Erzbiſchof und der Her⸗ zog bedeutend an. In demſelben Augenblicke hörte man das Geräuſch mehrerer Pferde auf dem Schloßhofe; Wol⸗ ziska ſah ſich um und rief:„So eben kommt der Herzog Boleslaus in den Hof geſprengt.“ Es dauerte nur wenige Secunden, und der Fürſt trat mit ritterlichem Anſtande in den Saal. Alles neigte ſich ehrfurchtsvoll. Der Herzog ſelbſt aber blickte ſeinen Sohn ſtreng an, und wollte ihn, wie es ſchien, verweiſend anreden; doch dieſer kam dem Vater zuvor, ergriff ſeine Hand, küßte ſie, und ſprach:„Verzeiht, mein Vater, daß ich die heilige Meſſe nicht mit Euch be⸗ ſuchte, allein ich verirrte mich geſtern beim Jagen, und komme ſoeben erſt zurück.“ Ottokar blickte den Sohn ſtreng und durchdringend an; dieſer erbleichte und trat ſtumm zu⸗ rück. Darauf ſprach der Herzog gegen die Verſammlung: — 120— „Hat Jemand unter Euch ein Anliegen an mich, der ſpreche jetzt, damit wir vor der Tafel alle Geſchäfte abthun mögen.“ Wolziska trat vor und erbat ſich die Erlaubniß, ſich an den Zug der franzöſiſchen und engliſchen Ritter, den dieſe für die Ehre des Kreuzes nach Paläſtina unternahmen, anſchließen zu dürfen.„Gibt Euch der Ernſt der Trauer um Euren Vater dieſen wackern Vorſatz ein?“ fragte Ot⸗ tokar.„Es war von jeher mein Wunſch, meinem Ge⸗ ſchlechte durch die Wahl eines würdigen Ziels meiner Kräfte keine Schande zu bringen!“„Ihr ſeid noch unvermählt; ſeid Ihr aber auch unverlobt?“ fragte der Herzog weiter. Wol⸗ ziska ſtockte einen Augenblick, dann ſprach er, ſich vernei⸗ gend, ein feſtes„Ja.“„Verweilt noch im Vorſaal, Graf Wolziska; Ihr, meine Ritter, ſeid entlaſſen bis wir zur Ta⸗ fel gehen. Mein würdiger Erzbiſchof und Du, Boleslaus, folgt mir in mein Gemach.“ Bei dieſen Worten erhob ſich der alte Mann von ſeinem Sitz und ſchritt mit ſtolzem Gang durch den Saal; mit tiefer Ehrfurcht beugten ſich die Ritter, an denen er vorüberging; der Erzbiſchof und Fürſt Boleslaus folgten. Als ſich die Flügelthüren des Gemachs hinter ihnen geſchloſſen hatten, zerſtreute ſich der bunte Kreis von Rittern und geiſtlichen Herren im Schloß und Garten. Nur Wolziska blieb allein im weiten Saal, und ging gedankenvoll auf und nieder.„Ja,“ ſprach er für ſich,„es geht nicht anders. Ich laſſe ſie nach meinem Bergſchloß im Böhmerwald bringen, wo ſie in ſicherer Ein⸗ ſamkeit erwarten muß, was das Geſchick über mich be⸗ ſchließt. O, ich wollte, die unſelige Verbindung wäre nie geſchloſſen worden, denn, wer weiß, ob mir's der Herzog je geſtatten wird, die Tochter einer unbekannten Alten zu mei⸗ ner gräflichen Gemahlin zu erheben. Gräfliche Gemahlin! Ein ſchöner, ſtolzer Name für die Frau eines Bettlers!“ — 121— In dieſen Gedanken unterbrach ihn die laute Stimme des Herzogs, die drinnen mit eherner Strenge ertönte; er lauſchte, doch konnte er kein deutliches Wort vernehmen. Jetzt ſchien es ganz ſtill zu ſein; dies dauerte einige Minuten, dann öffnete ſich die Thür und der Herzog trat herein, ernſt, aber erſchüttert, wie es ſchien. Der Biſchof hatte eine Thräne im Auge, Boleslaus war blaß.„Graf Wolziska,“ rief der Herzog,„würde es Euren frommen Vorſatz ſtören, wenn Ihr vermählt wäret?“ Wolziska ſtutzte, faßte ſich aber und ſprach:„Gewiß nicht, mein Herzog. Ich denke wenig⸗ ſtens, ich würde auch dann den Beruf zu ritterlichen Tha⸗ ten kräftig in mir fühlen.“„So habe ich Euch eine Gat⸗ tin ausgeſucht.“„Gnädigſter Herr,“ fiel Wolziska ein,„ſo hoch ich Eure Gnade erkenne, muß ich Euch doch in Er⸗ innerung bringen, daß mir durch das Vermächtniß meines Vaters alle meine Güter entgangen ſind, und ich eine Ge⸗ mahlin nicht nach der Würde ihres Standes zu erhalten vermöchte. Mein Eigenthum iſt Schwert und Schild, mein Name und die alte Stammburg.“„Voreiliger Mann,“ entgegnete der Herzog,„ich pflege nicht ſo unüberlegte Be⸗ ſchlüſſe zu faſſen, wie Ihr mir unterlegen wollt. Kennt Ihr die Gräfin Maria von Sawazeck?“„Nur der Ruf ihrer Schönheit iſt zu mir gedrungen,“ entgegnete Wol⸗ ziska faſt ſchon ohne Faſſung.„Sie iſt die Letzte ihres Stammes, und ich übergebe Euch ihre reichen Beſitzthümer mit ihrer Hand. Morgen wird der Erzbiſchof Eure Ehe einſegnen.“ Wolziska ſtand wie vom Blitz getroffen. Fürſt Boleslaus, blaß wie der Tod, trat jetzt vor und redete den Herzog mit einer Stimme an, der er mühſam Feſtig⸗ keit perlieh.„Gnädigſter Vater; das Beiſpiel des Grafen Wolziska beſchämt uns faſt; ich weiß gewiß, Ihr werdet dem heiligen Vorſatz, der mich ſoeben mit wunderbarer wweeen Stärke durchdringt, nichts entgegenſetzen. Auch ich will nach Paläſtinaz ſo hoffe ich mit dem Grafen gemeinſam auszuziehen; denn die fränkiſchen Ritter ſind bereits aufge⸗ brochen, und Säumniß würde uns wenig Ehre bringen. Ich bitte Euch, mein Vater, gewährt mir meinen dringen⸗ den Wunſch.“ Dieſe letzten Worte ſprach er mit weicher Stimme. Der Herzog, der anfangs finſtere Mienen gezeigt hatte, ſchien gerührt.„Es ſei!“ ſagte er, reichte dem Sohne die Hand, und umarmte ihn.„Jetzt laß uns zur Taſel gehen.“ Auf einen Wink ertönten die Trompeten, die die zerſtreuten Gäſte in den Speiſeſaal verſammelten, und es begann ein glänzendes Gelag. Drittes Capitel. über der Tafel verkündigte Herzog Ottokar den Ent⸗ ſchluß ſeines Sohnes, und Wolziska's nahe Vermählung. Beides erregte Erſtaunen unter den Gäſten, beides ein Ver⸗ langen nach einem gleichen Loos; denn die Gräfin Maria war als von wundervoller Schönheit bekannt, obwol nur durch den Ruf, weil ſie, ſeit ſie dem Kloſter, wo man ſie erzogen hatte, entnommen war, in einſamer Abgeſchiedenheit auf einem ihrer Schlöſſer gelebt hatte. Auf der andern Seite aber wurde durch das Beiſpiel des Fürſten manchem jun⸗ gen Manne die Luſt, an dem heiligen Zuge Theil zu neh⸗ men, erweckt. Es fanden ſich auch in der That viele Rit⸗ ter, die ſich dem Banner ihres Fürſten anſchloſſen; ja es hätten ſich noch mehrere gefunden, wenn der Herzog nicht 8 84 — — 123— erklärt hätte, daß außer Denen, die ſich bei Tafel dazu ge⸗ meldet, nun keiner mehr die Erlaubniß erhalten könne; denn auch Böhmen bedurfte tapferer Arme, um unruhige Nachbarn von lüſternen Wünſchen abhalten zu können. Ottokar hatte einen Boten an die Gräfin Maria abgefer⸗ tigt, der ihr ſeinen Willen verkünden mußte, und ſie noch zu demſelben Abend nach Prag in's herzogliche Schloß lud. Mit der dämmernder Nacht kam ſie zu Noß, von einigen Dienern begleitet, an. Ottokar ging ihr ſelbſt die Stufen hinab entgegen, und forderte Wolziska auf, ihm zu folgen. Auch Herzog Boleslaus wollte hinab, doch der Vater gebot ihm zu bleiben. Im Saale herrſchte jetzt eine erwartungs⸗ volle Stille. Boleslaus erhob ſich auf ſeinem Platz, der der Thür, durch welche die Gräfin treten mußte, gerade gegenüber war; die Ritter umher folgten ihm. Jetzt rauſch⸗ ten die Flügelthüren auf; die Gräfin trat am Arm des Herzogs ein. Ihr langes braunes Haar fiel ſchwermüthig über den Nacken herab, ihr Antlitz war bleich, und der Schritt der hohen edlen Geſtalt unſicher und bebend. Der Fürſt ging mit feierlichem Ernſt neben ihr. Wolziska folgte, ebenfalls blaß, verſtörten Blicks. Als die Gräfin dem Fürſten Boleslaus nahekam, neigte ſich dieſer tief vor ihr; ſie wandte den bisher niedergeſenkten Blick auf ihn und öffnete ein dunkles großes Auge gleichſam unwill⸗ kürlich. Doch kaum war ſie des jungen Herzogs anſichtig geworden, als ſie heftig zuſammenſchrak und die Knie un⸗ ter ihr zu ſinken begannen. Schnell ſprang Boleslaus hinzu und unterſtützte ſie.„Iſt Euch nicht wohl, Gräfin?“ fragte er.„Nicht ganz“ erwiderte ſie kaum hörbar.„So wollen wir Euch ſogleich in ein anſtoßendes Zimmer geleiten,“ ſprach Ottokar nicht ohne Anſtrengung;„folgt uns, Graf Wolziska, und nehmt meinem Sohne die ſchöne Mühe ab — 124— Eure Braut zu unterſtützen.“ Wolziska empfing den Arm der Gräfin, man führte ſie langſam in das anſtoßende Ge⸗ mach. Boleslaus nahm ſeinen Platz wieder ein, und füllte ſich einen großen Becher, den er emporhob. Alles erwar⸗ tete ſeine Worte.„Auf das Wohl des Brautpaars!“ rief eer endlich, aber mit faſt bebender Stimme. Ein jubelndes „Hoch!“ ſchallte nach, und der Erzbiſchof, der an Boles⸗ laus' Seite ſaß, brachte ihm den Becher. Dann erhob auch er ſeine Stimme und rief:„Auf das Gedeihen des from⸗ men Zuges zur Ehre des Kreuzes!“ und noch ſtürmiſcher ertönte der Jubel der Ritter im Saale. Diejenigen, die fortziehen ſollten, wurden, wie zur Weihe, von den Alte⸗ ren und Zurückbleibenden umarmt, und Thränen des Muths, der Begeiſterung und jener großartigen Wehmuth, die uns bei erhabenen Ereigniſſen ergreift, ſtanden in den Augen der Jünglinge. Jetzt öffnete ſich die Thür des Seitengemachs, und Wol⸗ ziska trat heraus, um den Erzbiſchof abzurufen. Dieſer verließ auch die Tafel und folgte in's Nebenzimmer. Im Saale war man zu beſchäftigt mit dem Gedanken an den Kreuzzug, als daß man an dieſen Angelegenheiten des Ein⸗ zelnen ſo lebhaften Antheil hätte nehmen können, wiewol unter andern Umſtänden das Geheimnißvolle, Wunderbare und die große Beeilung der Hochzeit hätten auffallen kön⸗ nen. Nur Boleslaus blieb ſtill in der allgemeinen lauten Freude, und, wiewol er ſich oft bemühte, ſeinen Antheil an dem Kriegszuge laut zu äußern, ſo konnte man doch leicht bemerken, daß ſeine Gedanken ſich auf die Ereigniſſe mit der Gräfin richteten. Denn obgleich er auf jede Frage, die in dieſer Angelegenheit an ihn geſchah, mit beiläufiger Gleichgültigkeit antwortete, und ſich gar nicht nach der Thuͤr wandte, aus der man die Grä⸗ 4 .— 125— fin treten zu ſehen hoffte, ſo flog doch ſein Blick be⸗ troffen und ſchnell dorthin, ſobald das geringſte Geräuſch ſich vernehmen ließ, von dem man hätte vermuthen können, daß es aus dem Nebenzimmer komme. Endlich öffnete ſich dieſes und Ottokar trat, von Wolziska gefolgt, heraus. Er nahm ſeinen Platz wieder ein und ſprach:„Die Gräfin, deren Gegenwart wir noch bei unſerm Feſte hofften, läßt ſich entſchuldigen, weil ſie ſich von der Reiſe ſehr ermüdet fühlt. Unſer würdiger Erzbiſchof verweilt bei ihr, denn ſie ſelbſt hat ſeine beruhigende und belehrende Gegenwart ge⸗ wünſcht. Auf morgen iſt die Hochzeit feſtgeſetzt, und wir hoffen, Euch Alle bei dieſem Feſte zu ſehen.“ Das Mahl dauerte noch bis gegen Mitternacht, dann entließ der Her⸗ zog ſeine Gäſte. Beim Abſchied trat Boleslaus an Wol⸗ ziska heran und flüſterte ihm zu:„Ein Wort, Graf! Er⸗ wartet mich im Schloßgarten.“ Wolziska that es. Nach einigen Minuten kam der Herzog in ſeinen Mantel gehüllt auf ihn zu.„Graf Wolziska,“ redete er ihn an,„Ihr könnet mir einen Dienſt erweiſen, der mich Euch auf ewig verpflichten würde. Leiht mir auf dieſe einzige Nacht Euren Mantel, Euer Barett, Euer Schwert. Ich gebe Euch mein Ritterwort, es ſoll Euch nichts dadurch widerfahren, was Eurer Ehre nachtheilig ſein könnte.“ Wolziska ſah ihn einen Augenblick an, dann entgegnete er:„Ich glaube, ich errathe Euch, mein Fürſt; bereite ich Euch einen Schmerz, ſo glaubt mir, daß ich es nicht aus freiem Triebe thue, ſondern unausweichbaren Umſtänden gehorche. Nehmt, was Ihr verlangt; Eurem Ritterwort übergebe ich Alles, was ich bin und beſitze.“„Ich danke Euch, Graf,“ entgegnete Boleslaus; Ihr habt Necht, die Umſtände und Verhältniſſe können unausweichbar ſein in der Welt. Nur Thoren be⸗ haupten, man könne, was man wolle. Es bleibt aber doch — 126— bei Eurem Zuge nach Paläſtina?“„Gleich nach meiner Vermählung will ich die Mannen aus meinen neuen Be⸗ ſitzungen zuſammenrufen, und in wenigen Tagen denke ich zu Euch zu ſtoßen.“ Während dieſer Worte hatten Beide die Kleider gewechſelt, und Boleslaus ſchied mit einem hef⸗ tigen Händedruck von Wolziska.. Viertes Capitel. Jetzt war dieſer nach dem langen geräuſchvollen Tage endlich allein. Er ging im Schloßgarten auf und nieder. „Was willſt du thun,— was haſt du gethan!“ rief er ſich zu.„Wie hinderſt du Das, was dich überraſcht, was dich allmächtig, deiner ſelbſt nicht bewußt fortgeriſſen hat! Arme, unglückliche Anna, was ſoll aus dir werden? Sie liebt mich ſo heiß, ſo innig; und ich ſollte ihr das thun? Aber wie? Kann ich denn anders? Hab' ich nicht Pflichten gegen den Herzog, gegen den alten Stamm meines Hauſes? Soll ich, weil ich in der Jugend ein leichtſinniger Thor war, jetzt dieſen Thorheiten mit eigenſinniger Treue anhän⸗ gen? Doch ich will ein heiliges Sacrament brechen! Was? — Heilig?— Was dieſe heuchleriſchen Prieſter knüpfen? — Wenn es ihnen zum Vortheil gereicht, trennen ſie Ehen, löſen Eidſchwüre, vernichten Blutsverwandtſchaften! Thor, daß ich mich vor ſolchen Geſpenſtern erſchrecken ſollte!— Alleein wie ſoll ich verbergen, was geſchehen iſt, wie unent⸗ deckt bleiben? Die Liebe hat ein ſcharfes Auge, ein leiſes Ohr; Anna würde in der fernſten Weite meine Untreue — 127— erfahren. Aber muß es denn nicht geſchehen, zu ihrem eignen Beſten? Als meine Gemahlin kann ſie nun einmal nimmermehr erſcheinen; vermähle ich mich mit Maria, ſo vermag ich doch wenigſtens ihr ein ſanfteres Loos zu be⸗ reiten.“ So ſuchte er ſein aufwallendes Gewiſſen zu beruhigen. Er ergab ſich, das iſt meiſt die Zuflucht wankender Sitt⸗ lichkeit, der übermacht der Umſtände; weil es freilich Opfer koſten mußte, um auf der Bahn der Tugend zu bleiben, wähnte er, es ſei unmöglich; als ob nicht eben dieſe Opfer gebracht werden müßten. Er eilte nach Hauſe. Dort rief er nach Benno, ſeinem Leibdiener; dieſer erſchien.„Benno,“ eedete der Graf ihn an,„ich ziehe in wenig Tagen nach Paläſtina. Du aber ſollſt mich nicht begleiten. Ich will Dir ein höchſt wichtiges Geheimniß anvertrauen. Ich bin vermählt.“„Wie? Vermählt!“ rief der erſtaunte Alte. „Schon ſeit mehreren Jahren! Allein Du weißt, mein Reichthum iſt dahin, ich kann den Rang meiner Vorfahren⸗ nicht behaupten, wenn ich nicht eine reiche Verbindung ſchließe. Dieſe trägt mir jetzt der Herzog an, und auf ſolche Weiſe, daß ich ſie nicht ausſchlagen darf, und koſtete es mein Leben. Das Mädchen, mit dem ich mich verbun⸗ den, iſt die Tochter einer unbekannten Alten, ohne Stand und Namen, ohne Gut. Niemand weiß um die Heirath, denn der Prieſter, der ſie eingeſegnet hat, iſt vor wenigen Tagen plötzlich geſtorben. So iſt es möglich, daß ich dieſe Verbindung löſe. Du—“„Kein Mord, Herr Graf, dazu bin ich nicht fähig!“„Hölliſcher Schurke,“ rief Wolziska, „wer gibt Dir ein Recht, mich für einen Meuchelmörder zu halten! Sei kein Thor,“ fuhr er beſänftigt fort,„hier iſt nicht von Mord die Rede. Du kennſt mein Schloß im Böhmerwalde. Dorthin ſollſt Du das Mädchen, meine — 128— Gattin, geleiten. So wird ſie abgeſondert von der Welt le⸗ ben, bis ich aus Paläſtina heimkehre. Sorge nur, daß keine Kunde von meiner neuen Vermählung zu ihr komme; daß ſie meine Gattin iſt, wird ſie aus andern Gründen ſelbſt geheimhalten wollen. Sieh, ich bereite Dir ruhige Tage ſtatt des Kriegszuges, ſei willig und treu. Die Sachen liegen einmal ſchlimm und ſo thut man noch das Beſte.“ „Herr Graf,“ entgegnete Benno,„Ihr wollt das heilige Sacrament der Ehe verletzen! Daß Euch dieſe Sünde dereinſt nicht brennen möge. Verlangt Ihr aber nicht mehr von mir, als daß ich die arme Gräfin auf das Schloß ge⸗ leite und vor der böſen Nachricht, die ſie treffen könnte, bewahre, ſo will ich Euch gern gehorchen.“„Schwöre mir aber das unverletzlichſte Schweigen!“ Benno beſchwur es. Darauf gab ihm Wolziska ſeinen Ning, bezeichnete ihm Anna's Wohnort, und verſah ihn mit dem Nöthigſten, um ſie auf das alte Felſenſchloß im Böhmerwald zu geleiten. So für den Augenblick einigermaßen beruhigt, erwar⸗ tete er den folgenden Tag. In der Frühe kam ein Diener des Herzogs Boleslaus zu ihm, und brachte ihm in einem 1 verſchloſſenen Käſtchen ſeine Kleidungsſtücke. Als er die Kleider herausnahm, fiel ihm ein prachtvoller Ring in die 6 Augen, den ihm der Fürſt zum Geſchenk beſtimmt zu ha⸗ ben ſchien.„Wunderbare Schickungen!“ ſeufzte Wolziska 3 für ſich.„Ich bin die Urſache ſeines Schmerzes, ihres Grams, 3 meiner Unruhe; und wahrlich keinem von uns Allen zu From⸗ men oder Freude geſchehen dieſe Opfer!“ Jetzt traten ſeine Diener ein, um ihn zum feſtlichen Tage zu ſchmücken. Das Geläut der Glocken tönte von dem Schloß und dem Dome mit wunderbar feierlichen Klängen herüber. Auf den Stra⸗ ßen verſammelte ſich das Volk; Ritter im herrlichſten Staat ſchritten durch die Menge nach der Pforte des Schloſſes. . — 1 — 129— Auch Wolziska machte ſich endlich auf, mit ſchwerem Her⸗ zen unter der leichten, glänzenden Kleidung. Es folgten ihm viele Diener, die das Volk einigermaßen zurückhalten mußten; denn um ihn, den König des Feſtes, drängte ſich die Menge lebhafter. Jetzt trat er in die Pforte des Palaſtes; auf dem Schloßhofe hielt die Leibwache des Her⸗ zogs in prächtiger Rüſtung auf muthigen Pferden. Der Herzog ſelbſt ſtand am Fenſter über dem Portal, an ſeiner Seite der Biſchof. Mit faſt wankendem Schritt ſtieg Wol⸗ ziska die Stufen zum Saale hinan. Doch er raffte ſich zuſammen und trat nun mit feſtem Anſtande ein. Die Gräfin Maria ſaß auf einem Armſeſſel zur Seite des Bal⸗ confenſters, ſodaß ſie von dem Volke auf dem Schloß⸗ hofe nicht geſehen werden konnte. Der Herzog und Bi⸗ ſchof kamen dem eintretenden Grafen um einige Schritte entgegen und führten ihn zur Gräfin. Sie ſtand auf, wiewol mit einiger Mühe, und reichte Wolziska die Hand, indem ſie ihm den Morgengruß mit einer Stimme bot, die einem verklingenden, verwehten Harfenge⸗ lispel glich. Sie war ſchön wie ein ſterbender Engel. „Wollt Ihr Euch jetzt nicht auf dem Altan zeigen?“ fragte der Herzog,„das Volk ſcheint dringend zu wünſchen, Euch zu ſehen.“ Die Gräfin bejahte ſtumm. Die Flügelthüren wurden weit geöffnet, der Herzog und Biſchof traten her⸗ aus, gleich nach ihnen die beiden hohen Geſtalten. Sowie ſie dem verſammelten Volke ſichtbar wurden, erhob ſich ein jubelndes Rufen der Menge: ſie ſchien in einem Taumel des Entzückens zu ſein. Maria und Wolziska verneigten ſich grüßend; doch die Zitternde konnte es nicht länger er⸗ tragen, dieſen verhöhnenden Ruf des Jubels zu vernehmen. Von der Gewalt ihrer Empfindungen wie vernichtet ſchwankte ſie, wollte ſinken, Wolziska umfing ſie mit ſeinem Arm, 3 6 8**† — 130— und ſie lag halb bewußtlos an ſeinem Herzen. Das Volk hielt die Ohnmacht für eine Umarmung der Liebe, und jubelte mit noch größerm Ungeſtüm als zuvor. Ach und jeder Ton durchdrang die bebende Bruſt Maria's mit zer⸗ reißendem Schmerz. Fünktes Capitel. Von der Verbindung am Altar, vom Hochzeitfeſt will ich ſchweigen. Als Maria das feſſelnde Ja ausſprach, wurde Fürſt Boleslaus bleich wie der Marmorpfeiler, an dem er ſtand; Abends führte er mit der Gräfin den erſten Tanz auf, und war faſt wild fröhlich; doch verſchwand er gleich nach der Beendigung des Tanzes, und man ſah ihn nicht eher wieder, als bis er die erſte Muſterung ſeiner Scharen hielt, die ihm nach Paläſtina folgen ſollten. Wolziska war mit ſeiner Gemahlin auf eines ihrer Schlöſ⸗ ſer am Elbſtrom gegangen. Von dort aus betrieb er ſeine Rüſtung, und nach kaum einer Woche befand er ſich an der Spitze ſeiner Mannen ſchon wieder in Prag. Grad am Tage St. Johannis, der damals noch der Hauptſchutzpa⸗ tron von Böhmen war, zogen die Ritter aus. Viele Edle hatten ſich angeſchloſſen, ſodaß der Zug an Stattlichkeit und Pracht ſich den beſten Bannern des Kreuzheeres ver⸗ gleichen durfte. So übernahmen denn die Männer Arbeit, Gefahr und Tod, indeß die Frauen in ſtiller Ruhe, aber mit ſchmerzlicher Sehnſucht und banger Sorge, daheim blieben. 1 —— — 131— Sie hatten das ſchwerere Loos gezogen! Beſonders aber die beiden Gräfinnen Wolziska hatten ſchwermüthige Tage. Auf Anna's Loos können wir nur ſchließen, da der von ihr über Alles geliebte Gemahl nur in zwei kalten Zeilen von ihr Abſchied genommen hatte und ſie dem Hüter Benno überließ; denn ſonſt erfahren wir von der Unglücklichen, die in einer fernen Gegend des wildeſten Böhmerwaldes trauert, in langen Jahren nichts mehr. Jedoch die einſame Maria auf ihr romantiſches Schloß zu begleiten iſt uns vergönnt. Und ſo wollen wir uns denn von jener unruhig verworrenen Zeit, die ich geſchildert, zu den ſtillen ſchwermüthigen Ta⸗ gen wenden, die die Gräfin mit ſich und ihrem Schmerz verlebte. Der Ort, an dem ſie wohnte, ſtimmte mit den Grundtönen ihres Lebens überein. Düſtere Einſamkeit auf der ſchwarzen, felsgeſpaltenen Waldhöhe, die ſich über den ſchauerlich rauſchenden Elbſtrom hinüberbog, ein Blick in ein langes dunkles Waldthal, in welchem kaum einige Hüt⸗ ten armer Holzſchläger ſtanden, die verlaſſene Burg, die tiefe Stille in dieſer Abgeſchiedenheit,— Allles dies ſchie⸗ nen die wohlthuenden Symbole des Lebens der Gräfin zu ſein. Denn ſie wußte, ſo ähnlich düſter würde der Pfad ihres ganzen Daſeins ſich durch die Zukunft winden; und ein tiefes Gemüth hängt mit Liebe an ſeinem Schmerz und an Allem, was ihm verwandt iſt. Doch auch mit Erge⸗ bung weiß ſich ein höher empfindendes Gemüth in die Schickungen des Lebens zu finden, und trägt mit ſanftem Gleichmuth die Bürde, die ihm auferlegt iſt. So war Maria. Gebet, zuweilen eine fromme Wallfahrt, einſame Spaziergänge in der reizenden Gegend, die überall Züge der Wehmuth trug, füllten ihre Stunden. Aber beſonders eine Stelle war ihr lieb geworden wie das Bildniß einer Freundin. Einige Krümmungen des Stromes aufwärts — 132— vom Schloß führten in eine Gegend des Thales, wo die Berge finſterer zuſammentraten, und eine Felsſpitze, die mit hohen düſterarmigen Tannen bewachſen war, ſchauerlich über den Strom hinaushing. Die Höhe war mäßig, und der droben Sitzende hatte von dort einen reizenden, ſogar durch einige Gefahr anziehenden Platz, wurde jedoch nicht durch das Entſetzliche eines furchtbaren Abgrunds geängſtigt. Der Fels endete in einer ſchmalen, mit dichtem Moos überklei⸗ deten Kuppe, die einen weichen ſchwellenden Sitz bot, und von hohem ſchwarzen Tannengebüſch und einigen wilden Geſträuchen kühl umſchattet war. Zu Füßen lag der ſtille Strom und ſpiegelte ruhig das anlächelnde Bild des Him⸗ mels ab; dunkelbewaldete Bergwände faßten das Gemälde in ihren ſchauerlichen Rahmen ein; öſtlich verſchwand der Strom in den tiefen Buchten des dunklen Gebirges, weſt⸗ lich öffnete ſich das Thal etwas freier, man überſah einige lichtere Berggipfel, und in der Ferne ragten die Thürme des Schloſſes mit ihren Spitzen über einen grünbewaldeten Hügel empor. Dort ſaß ſie die hohen Sommertage, die trüben bewölkten Herbſttage hindurch, und überließ ſich unge⸗ ſtört ihren Träumen, Thränen und Liedern. Von man⸗ chem Geſange, den ſie hier, von ihrer Laute und von rauſchendem Wellen⸗ und Windsgeräuſch begleitet, ertönen ließ, ſtehe hier nur einer. Rauſchender Strom, Brauſender Wald, Starrender Fels, Mein Aufenthalt.⸗ Wie ſich die Welle An Welle reiht Fließen die Thraͤnen Mir ewig erneut. — 133— Hoch in den Kronen Wogend ſich's regt: So unaufhoͤrlich Mein Herze ſchlaͤgt. und, wie des Felſens Uraltes Erz, Ewig derſelbe Bleibet mein Schmerz. Rauſchender Strom, Brauſender Wald, Starrender Fels, Mein Aufenthalt. Sechstes Capitel. So nahte ſich der erſte einſame Winter, den ſie aber nicht ſo fürchtete als es ſcheinen möchte; denn ſie fühlte ſich Mutter und lebte in dieſer ſüßen Hoffnung wehmüthig frohe Zeiten der Erwartung. Doch erſt gegen das Ende der kalten ſtrengen Zeit gebar ſie eine Tochter. Sie ließ ſie Mathilde nennen. Von nun an war das Kind ihre einzige Beſchäftigung. Es wuchs auch, der Mutter ähnlich, in reizender Lieblichkeit heran. Jetzt erſt ſproßten ihr aus dem harten Stamme der unerbittlichen Zeit wieder einige duftende Blüthen. Nun kam auch Kunde von den Män⸗ nern aus Paläſtina. Der Krieg hatte noch nicht ernſtlich begonnen und drohte ſich noch auf mehrere Jahre hinaus⸗ zuziehen. Man hörte von Wolziska, daß er den üppigen — 134— Orient liebgewinne; Boleslaus dagegen focht mit dem from⸗ men Ernſt eines wahrhaften Ritters des Kreuzes. So verſtrich ein Jahr nach dem andern. Maria zog indeß ihr Töchterlein auf, und pflegte ſie wie eine koſtbare einzige Roſe des Gartens. In der Sommerzeit weilte ſie mit dem Kinde auf ihren Lieblingsſpaziergängen und Plätzen im Gebirge; im einſamen Winter verließen ſie ſelten das Gemach, welches ſich Maria zur Wohnung erwählt hatte. Es lag in einem weit vorſpringenden Thurm, und gewährte aus allen Fenſtern einen fernen Blick in die Landſchaft. Dort ſaßen Mutter und Tochter auch eines Tages, als plötzlich Hörnergetön die einſame Winterſtille unterbrach. Faſt erſchreckt ſchellte Maria nach einer Dienerin, um zu erfahren, was die Urſache dieſer ungewöhnlichen Begrüßung ſei. Allein kaum hatte ſie die Glocke gezogen, als ſchon einige Mägde eilig in's Gemach ſtürzten und ausriefen: „Unſer Heer iſt da, der Graf iſt gekommen!“ Zugleich tön⸗ ten die Hörner vom Söller herab, in der Burg entſtand Getümmel und Verwirrung, und Alles überließ ſich dem Eindruck des unerwarteten Ereigniſſes. Maria konnte kaum Faſſung gewinnen, denn ach dieſer Schlag zerſtörte ihre einſamen, wehmüthigen Freuden. Doch ermannte ſie ſich und ging ihrem Gemahl die Stufen hinab entgegen. Eben ſprang er vom RNoß. Sein Anſehen war wild und unru⸗ hig; er umarmte Gattin und Tochter heftig, aber flüchtig, und führte dann die ſchwach ſcheinende Maria hinauf in die Burggemächer. Jetzt lebet wohl, ihr ſtillen Tröſtungen der Ruhe und Einſamkeit! Nun begann ein fröhliches, rauſchen⸗ des Leben auf der Burg; Bankette und Turniere wechſelten und das Schloß wurde von Gäſten nicht leer. Wolziska ſchien eine innere Unzufriedenheit durch dieſes wilde Leben betäuben zu wollen. In all dieſem Getümmel erſchien die — 135 Gräfin wie ein ſanfter Mondſtrahl, der unter einem rollen⸗ den blitzenden Gewitter durch eine lichte Wolke des Him⸗ mels bricht. So oft es möglich war, ſuchte ſie die Ein⸗ ſamkeit, und dann floſſen milde, ſchmerzlichſüße Thränen auf die kleine, die Mutter liebkoſende, Mathilde herab. Doch die angegriffene Bruſt ertrug dieſen Zuſtand nicht lange. Mehr und mehr welkte die ſchöne Blüthe dahin und neigte ſich zum Grabe. Jeder Frühling fand ſie matter, jeder Herbſt verließ ſie kränker. So erreichte Mathilde das funfzehnte Jahr; eine junge aber getreue Pflegerin der kran⸗ ken Mutter. Eines Abends im ſpäten September, als ſchon die Sonne tiefröthliche Strahlen durch die Fenſter des Gemachs warf, rief Maria ihre Tochter.„Mein Kind,“ ſprach ſie matt,„wir werden uns bald trennen müſſen. Betrachte die Wälder auf den Bergen! Sie ſtreuen welken⸗ des Laub. Sieh die Sonne an! Ihre Strahlen ſind müde und kalt. Auch mein müdes Herz wird über ein Kleines kalt ſein. Nur den einen Wunſch hegte meine Seele noch, Dich herangewachſen zu ſehen und glücklich zu wiſſen. Jetzt muß ich Dich verlaſſen, da Du noch eine zarte Blüthe biſt— ach, und die Stürme unſerer Geſchicke entblättern ſo rauh! Hängt ſich Dein Herz nicht mit jugendlicher Wärme an das Leben, wirſt Du von keinen Banden gefeſſelt, von denen Du Dich nur verblutend losreißen könnteſt, o ſo weihe Dich jener heiligen Stätte des Friedens, wo himm⸗ liſcher Troſt uns mit ſanften Fittigen von den heißen Lei⸗ den des Lebens kühlt. O, der Tod iſt mir näher als ich glaubte! Nur noch Athemzüge zu wenigen Worten! Ruft meinen Gemahl! Du bleib', Mathilde, mein theures Kind! Am Tage, wo Du Dich verlobſt, dem Himmel oder einem irdiſchen Bräutigam, lies die Schriften, welche die Ge⸗ ſchichte meines Lebens enthalten. Für Dich ſind ſie be⸗ — 136— wahrt— o meine Bruſt— Du findeſt ſie— mein Gatte — Boleslaus—“ hier erſtarrte der Laut auf der erblaſ⸗ ſenden Lippe und ihre Seele war entflohen. Mathilde um⸗ ſchlang ſie mit heißen Thränen. Der Graf trat ein; er blickte düſter und es ſchien, als regten ſich gewaltige Stim⸗ men der ernſten Mahnung in ſeiner Bruſt. Er entfernte ſanfter als er pflegte die Tochter von der Leiche der Mut⸗ ter, und gebot Sorge für die Hingeſchiedene zu tragen. Mathilde trat ſchluchzend auf den Altan hinaus, und ſah in die glühende Abendſonne. Mit roſigem Gewölk ſchienen ſich die Pforten des Himmels zu ſchmücken, um Mariens duldende Seele in tröſtenden Empfang zu nehmen. Aber die Berge im Thale ſtanden ſchwarz und finſter; kalter Wind rauſchte in den Tannen, und raſtlos zogen die wun⸗ derſamen Wolkengebilde über die düſtere Landſchaft dahin. „So iſt die Erde, ſo ſchwer und ſchaurig, und ſo der Him⸗ mel, ſo roſig und golden,“ rief Mathilde aus.„O, meine Mutter, wie glücklich biſt Du, die Du zu jenen heiligen Pforten hinüberſchwebteſt! Aber Deine Tochter haſt Du einſam in der ſchauerlichen Ode zurückgelaſſen. O, meine liebe, liebe Mutter!“ Und in unaufhaltſamen Thränen er⸗ goß ſich der Schmerz der jugendlichen Bruſt. Siebentes Capitel. Die Gräfin wurde zu Prag in der Schloßkirche mit ernſter Feierlichkeit beigeſetzt. Mathilde hatte, von ihrem Vater begleitet, der Beſtattung beigewohnt, und blieb noch 5 3 einige Tage in der geräuſchvollen Stadt, weil der Graf da⸗ ſelbſt wichtige Geſchäfte hatte. Der Hang zu einſamen Wanderungen war ihr von der Mutter als ein ſüßes Ver⸗ mächtniß übergeben. So verließ ſie auch, als die Nacht hereinbrach, mit jugendlicher Unbeſonnenheit die Wohnung, und nahm ihren Weg über den weiten ſtillen Platz vor ihrem Palaſt nach der gegenüberſtehenden Kirche, wo die Hülle der theuren Mutter ruhte. Schwermüthig ſinnend ſtand ſie vor dem ernſten Gebäude, das ſich düſter, in co⸗ loſſaler Geſtalt im Dämmerlicht des eben aufſteigenden Mondes vor ihr erhob. Die ernſten Steinbilder der Heili⸗ gen, die auf den Stufen vor der hohen Pforte ſtanden, ſchienen ſie mit dem Blick zurückhaltender Warnung anzu⸗ ſchauen. Sie ſchritt mit einigem Zagen die Stufen hinan, und lehnte ſich oben mit ſchwermüthiger Trauer an den Fuß einer Säule. Dort ſtand ſie von dichten Schatten verhüllt, und verlor ſich in ein tüübes Sinnen. Das Ge⸗ räuſch männlicher Schritte und Stimmen erweckte ſie plötz⸗ lich. Zwei vermummte Geſtalten ſchritten vor den Stufen vorbei.„Wahrhaftig Du belügſt mich, Schurke,“ rief der Eine,„er muß mehr Geld gehabt haben!“„Was willſt Du von mir,“ ſchnaubte der Andere! Noch einmal ſage das, und Du haſt meinen Dolch zwiſchen den Rippen!“„Blut⸗ hund,“ rief der Erſte wüthend,„meinſt Du, ich ſchlage einen Ritter um drei Goldgulden nieder? Wenn er nicht mehr gehabt hat, ſo haſt Du mich doppelt betrogen, denn Du ſagteſt, er habe Schätze an Gold und Juwelen bei ſich. Gib mir funfzig Goldſtücke oder fahre zur Hölle!“ Dabei riß er ſeinen Dolch aus dem Gürtel, und der Stahl blinkte hell im Mondenſchein. Doch der Gegner war eben ſo ſchnell mit der Waffe zur Hand, und ſchrie ihn an: „Feiger Hund, mein kaltes Eiſen ſoll Dir das hitzige Blut — 138— bald abkühlen! Wage es, mir zu nahe zu treten!“„Höllen⸗ hund, tobte der Andere, ich will Dich bald hinter den Pfei⸗ ler dort werfen und in Ruhe ausplündern. Das ſoll mir mehr einbringen als der Rippenſtoß, den ich dem lumpigen Knappen gegeben habe.“ Zugleich deutete er mit der einen Hand nach der Gegend, wo Mathilde ſtand, und ſchwang mit der andern den Dolch. Mathilde war faſt bewußtlos vor Schrecken, doch nahm ſie ihre ganze Kraft zuſammen, trat zurück gegen die Kirchthür, und da dieſe nicht ver⸗ ſchloſſen war, ſchlüpfte ſie, während die beiden Mörder handgemein waren, hinein. So hatte ſie halb Wille halb Zufall an die Gruft der Mutter geführt. Sie flüchtete ſich, mit einer Art von gläubigem Vertrauen, vor dem entſetzenden Erlebniß, das ſie eben gehabt, zu der Hinge⸗ ſchiedenen. Hatte ſie doch ihr ganzes Leben lang immer die ſüßeſte Zuflucht im Schoße der Mutter gefunden; ſo ſchien ſelbſt der entſeelten Hülle noch dieſe tröſtende Kraft beizuwohnen. Betend kniete ſie an dem Sarge. Allein ein neues, wenngleich weniger furchtbares Ereigniß ſchreckte ſie auf. Im äußerſten Hintergrunde der Kirche wurden plötzlich mehrere Fackeln, von ſchwarzen Geſtalten getragen, ſichtbar. Voran ging ein hoher Mann, in einen weiten ſchwarzen Mantel dicht eingehüllt. Die Fackelträger folgten ihm als Diener. Das Licht ſpielte wunderbar an den ho⸗ hen Pfeilern und Gewölben. Die bunten Steinarabesken ſchienen ſich ſeltſam zu verzerren und zu bewegen, wie der Fackelſchein über ſie hingleitete. Mathildens aufgeregte Phantaſie glaubte allerlei ſchreckliche Geſichter mit höhni⸗ ſchen Zügen zu ſehen, die ſie grinſend anlachten. In der Mitte des Gewölbes ſtanden die Männer ſtill. Die hohe voranſchreitende Geſtalt nahm einem der Begleiter die Fackel aus der Hand, und ſchritt gerade auf Mathilden zu. Dieſe ———y —ꝝ— —— ſchmiegte ſich bebend hinter eine Säule, und erwartete mit Zittern, was ihr begegnen werde. Welches Erſtaunen er⸗ griff ſie aber, als der ſchwarzverhüllte Mann die Gitter des Grabgewölbes, in welchem ihre Mutter ruhte, mit einem Schlüſſel eröffnete, und an den Sarg derſelben trat. Er lehnte die Fackel an ein Kandelaber und ſtellte ſich mit verſchränkten Armen ernſt betrachtend vor den Sarkophag. Dann erhob er behutſam, allein mit ſtarken Händen den Sargdeckel, ſchlug das Leichentuch zurück und Mathilde ſah ihrer Mutter Antlitz noch einmal, wie es in bleicher ver⸗ klärter Schönheit nur ſanft zu ſchlummern ſchien. Der Fremde beugte ſich tief gerührt herüber and drückte einen Kuß auf die bleiche Lippe.„Wie Du den erſten Kuß von mir empfingeſt, ſo nimm auch den letzten— ich war Dir ewig getreu,“ ſprach er mit innerlichſt bewegter Stimme. Dann verhüllte er die Todte wieder, ſchloß den Sarg und das Gitter und verließ mit ſchnellen Schritten die Kirche. Mathildens Angſt hatte ſich in eine Miſchung von Stau⸗ nen, wunderbarem Schauer und Liebe aufgelöſt, denn das Seltſame der Erſcheinung, das Düſtere des Orts und die Wehmuth der Handlung mußten eine ſchauerliche Empfin⸗ dung erwecken; doch konnte ſie wiederum auch von Einem, dem ihre Mutter ſo theuer war, nichts Böſes für ſich ſelbſt fürchten. Achtes Capitel. . Nach einigen Minuten glaubte ſie die Kirche mit Sicher⸗ heit verlaſſen zu können. Behutſam öffnete ſie die Pforte, — 140— und trat, da ſie draußen Niemanden bemerkte, hinaus. Mit leichtem, angſtbeſchwingtem Schritt eilte ſie die ſteinerne Treppe hinab. Als ſie auf den unterſten Stufen war, kam es ihr vor, als höre ſie Tritte hinter ſich. Voller Schrecken beſchleunigte ſie ihre Flucht, kaum noch die Beſinnung feſt⸗ haltend. Näher und näher vernimmt ſie, ſchon halb in der Betäubung des Entſetzens, einen nacheilenden Fuß; ſie hört das Klirren einer Waffe: athemlos mit wankenden Schrit⸗ ten ſtürzt ſie vorwärts, da fühlt ſie ſich plötzlich durch einen ſtarken Arm gehalten und eine rauhe Stimme herrſcht ſie mit halb unterdrücktem Ton an:„Halt, Kind, wohin?“ Es war die Stimme des Mörders von zuvor. Mathilde ſtieß einen heftigen Schrei aus; der Mörder packte ſie und hielt ihr den Mund zu, ſie warf ſich nieder und rief: „Barmherzigkeit!“„Ketten und Ringe her; und keinen Laut von Dir gegeben!“ drohte der Räuber mit grimmig geho⸗ bener Fauſt. Mathilde wollte haſtig ihre Armbänder ab⸗ ſtreifen, aber plötzlich tönte eine Stimme:„Hab' ich Dich jetzt, Meuchelmörder?“ und in demſelben Augenblicke faßte die ſtarke Fauſt eines jungen bewaffneten Mannes den Räu⸗ ber im Genick, ſchleuderte ihn zu Boden, trat ihn auf die Bruſt und ſetzte ihm das Schwert an die Kehle.„Be⸗ kenne, Mörder, wo iſt mein Ritter, und wer ſind Deine Genoſſen?“ rief er ihn grimmig an.„Ich kenne Euren Rit⸗ ter nicht!“ trotzte der Wüthende.„So fahre zur Hölle!“ rief der Jüngling und bohrte ihm das Schwert in den Hals. Der Räuber wälzte ſich in gräßlichen Zuckungen und ſtöhnte:„Jeſus Chriſtus! Gnade! An der Kirchthür liegt“— mit leiſen Worten verröchelte er ſeine Seele. Mathilde konnte vor Entſetzen nicht ſprechen; doch der junge Mann redete ſie mit den beruhigenden Worten an:„Fürchtet Euch nicht, mein holdes junges Fräulein, ſondern freuet — 141— Euch vielmehr, daß es mir gelungen iſt, Euch aus den Händen dieſes Böſewichtes zu retten, der vor einer Vier⸗ telſtunde dort hinter der Kirche, mit mehreren Geſellen, mich und meinen Ritter überfiel. Während mich einer in der Finſterniß abwärts lockte, muß mein guter Herr gefallen ſein. Denn als ich jenem Mörder, der mit mir focht, den Schädel geſpalten hatte, ſtürzte ich zurück auf den Platz und fand Niemanden mehr. Gewiß wollte der Ruchloſe auch Euch berauben. Sagt mir nur, wohin ich Euch geleiten ſoll; dann will ich nach meinem Herrn ſuchen.“ Mathilde konnte, noch immer heftig zitternd, kaum ein Wort des Dankes und ihre Bitte, ſie nach dem Palaſt zu begleiten, ſtammeln. Der junge Mann bot ihr ſeinen Arm mit rit⸗ terlichem Anſtand, und führte ſie bis an das Thor ihrer Wohnung. Hier nahm er Abſchied, und es ſchien, als ſei er ſehr bewegt. Mathilde hielt noch ihr abgeſtreiftes Arm⸗ band in der Hand.„Wollt Ihr dies kleine Pfand meines Dankes zur Erinnerung behalten?“ fragte ſie ſchüchtern und reichte ihm das goldene Band. Er ergriff es und küßte zugleich Mathildens Hand mit einer Art von ſchüchterner Ehrerbietung, die jedoch mehr als die gewohnte Ehrfurcht eines dankenden Dieners ſchien. Eine kühne Ahnung ſchien ihn zu durchbeben, denn ein leiſer Druck der Hand wurde der erröthenden Mathilde bemerkbar, und ſie ließ ihn nur halb unerwidert.„Zeigt Euch morgen ja meinem Vater,“ ſprach ſie,„er wird erkenntlicher für Eure große Wohlthat ſein, als ich es vermag. Mit dieſen Worten verſchwand ſie in der Pforte des Hauſes. Auf den Stiegen kam ihr ihre Dienerin und Kindheitswärterin, Wiliſſa, entgegen.„Dem Himmel Dank, Fräulein, daß Ihr hier ſeid,“ rief ſie„wir waren ſchon in Angſt um Euch. Der Herr Graf verlangte Euch augenblicklich zu ſprechen, und Niemand wußte, wo — 142— Ihr weiltet. Aber um die Murter Maria, wie ſeht Ihr aus! Todtenblaß und ganz mit Blut beſpritzt! Um Jeſu willen, was iſt Euch begegnet?“„Führe mich nur raſch zu meinem Vater,“ entgegnete Mathilde,„dort ſollſt Du Alles erfahren.“„Ach Fräulein, das iſt's ja eben! Euer Vater iſt ganz ſchleunig abgereiſt. Es war ein Bote hier, der ihm einen Brief überbrachte, und im Augenblick darauf ließ er ſeine Pferde ſatteln.“„Iſt er nach Hauſe zurück?“ „Nein,“ ſagte die Zofe,„er mußte ſo ſchnell nach ſeinem Schloß im Böhmerwald, und hat nur den Befehl hinter⸗ laſſen, daß wir morgen früh nach Hauſe aufbrechen ſollten.“ „So geleite mich nach meinem Schlafgemach, ich bin ſehr erſchöpft und faſt krank. Dort ſollſt Du hören, welches Entſetzen ich überſtehen mußte.“ Matt ſtützte ſich Mathilde auf die Dienerin und ließ ſich in ihr Gemach führen. Neuntes Capitel. Der Morgen brach an. Mathilde hatte wenig Nuhe genoſſen, denn ſchreckliche Traumgeſichte wechſelten in ihrer Seele mit der Erſcheinung befreundeter Geſtalten ab. Wi⸗ liſſa trat ein und meldete ihr, daß Alles zur Reiſe bereit ſei. Man beſtieg die Roſſe, und der Zug bewegte ſich durch die noch todten Straßen der prächtigen Stadt Prag. Nur wenig einzelne Leute begegneten ihnen. Jetzt kam auch ein bewaffneter Mann aus der Ferne über einen Platz. Ma⸗ thilde vermeinte ihren Retter zu erkennen, doch, aus einer Scheu, von der ſie ſich nicht Rechenſchaft ablegen konnte, — 143— wagte ſie nicht den Zug zu hemmen, bis der junge Mann ſo nahe herangekommen wäre, daß ſie ſeine Züge unterſchei⸗ den könnte. Doch ſah ſie ſich oftmals nach ihm um, und bemerkte, wie er ſtill ſtand, die Hand über das Auge legte, um den Zug zu betrachten, unſchlüſſig ſchien, ob er folgen ſollte, dann aber ſchnell abbrach, und die Straße nach der Gegend hin einſchlug, wo des Grafen Palaſt ſtand.„Wie undankbar wird er Dich halten,“ dachte Mathilde für ſich, „du forderteſt ihn auf, ſich deinem Vater zu zeigen, und wenn er kommt, ſind alle Pforten verſchloſſen, wie vor einem Feinde. Wüßte ich nur, wo er aufzufinden wäre, aber weder ſeinen Namen noch Wohnort habe ich geſtern in der Angſt und Betäubung erfragt!“„Warum ſo in Ge⸗ danken, Fräulein,“ fragte Williſſa,„ſeht Euch doch um, wie prächtig die Stadt unter uns daliegt.“ Wirklich waren die Reiſenden eben die Höhe hinaufgeritten, auf der jetzt der Hradſchin in ſtolzer Majeſtät ſich königlich erhebt, und die Stadt zu ſeinen Füßen überſchaut. Mathilde wandte ſich auch und ſah mit erſtaunten Blicken die Pracht der Thürme, welche die Morgenſonne feurig beſtrahlte, einem ſteinernen Walde gleich, ſich aus dem tiefen dampfenden Thal erhe⸗ ben. Die breite Moldau wälzte goldene Wellen brauſend gegen die mächtigen Pfeiler der Brücke, die ſich wie ein be⸗ herrſchender Rieſenarm über den Strom legte; die Inſeln hoben ſich grün aus der Fluth, die langen Reihen der Straßen ſpiegelten ſich reinlich hell in dem ruhigen Waſſer am Ufer, und über die ganze Gegend erhob ſich drüben der Wiſchehrad als beherrſchender Thron. Auch der Thurm, un⸗ ter deſſen Gewölben Maria ruhte, ſtieg hoch über die Stadt empor, und Mathilde betrachtete ihn mit wechſeln⸗ den Empfindungen der tief angeregten Bruſt. Thränen drangen ihr in's Auge, und ſie wandte das Roß und ritt — 144— ſtumm vor ſich hin. Die jugendliche Seele, die faſt noch in der Wiege der Kindheit bewußtlos ruhen ſollte, war durch manchen Schmerz ſchon früher zum Leben erweckt worden, als eine ſo zarte Knospe in der rauhen Witterung der Wirklichkeit dauern mochte. Doch eben der Schmerz zeitigte ſie früh, wie Gewitterregen die Früchte ſchnell und füß reift, wenn er ſie nicht ſchon in der Blüthe zerſchlägt. Am dritten Tage hatten die Reiſenden das Schloß er⸗ reicht, und Mathilde begrüßte die heimatliche Gegend, die ſie zum erſten Male verlaſſen hatte, mit wehmüthigen Thrä⸗ nen. Denn ach, wie war nun Alles anders geworden, ſeit ihr die Freundin, die Tröſterin, dahingeſtorben war, an die ſie ſich ſanft anlehnend hinaufſchmiegte, wie die zarte Rebe an die ſchattige Ulme. Sie bezog das Gemach wieder, in dem die Mutter mit ihr gemeinſam gewohnt hatte. Die reiche Gegend, die ſie aus jedem Fenſter deſſelben erblickte, ſchien ihr jetzt ſich mit herbſtlichem Trauergewande zu verhüllen. Das trauliche Gemach, in welchem ſie ſonſt, während draußen der Sturm tobte und der Regen praſſelnd gegen die Fenſter ſchlug, in ſüßem Verein mit der Mutter alte Legenden geleſen und ſich der heimlich vertraulichen Enge nur mehr erfreut hatte, kam ihr jetzt ſchauerlich und öde vor. Ihre Laute war ver⸗ ſtimmt, und als ſie ein wehmüthiges Lied zu ſingen ver⸗ ſuchte, erſtarben die Töne ihr auf den Lippen und löſten ſich in einen bangen Seufzer auf, dem eine ſchimmernde Thräne folgte. Doch dies Lied ihrer tiefen Trauer hieß ſo: Mein Herz muß ewig klagen In ſeinen ſchoͤnſten Tagen! Nie wird der Thraͤnen Quell, Ihr Augen, Euch verſiegen, Nie blickt ihr wieder hell! — 145— Was willſt Du ewig weinen? Noch manche Freuden ſcheinen Mit hellem Sonnenſtrahl, Und trocknen Deine Thraͤnen und troͤſten Dich zumal. Von tauſend Blumen ſchimmert Von tauſend Sternen flimmert Die ſonnig gruͤne Au, und uͤber goldnen Woͤlkchen Lacht Dir des Himmels Blau. Es woͤlbt im heilgen Schweigen Mit ſchattig kuͤhlen Zweigen Sich uͤber Dir der Wald, Und wird dem bangen Herzen So lieber Aufenthalt. Hell blinken auch die Sterne, Und leichten Dir ſo gerne Mit ihrer milden Pracht; Und lieblich kuͤhlend wehen Die Luͤfte durch die Nacht. Drum laß Dein ſtetes Weinen; Noch manche Freuden ſcheinen Mit hellem Sonnenſtrahl, Und trocknen Deine Thraͤnen und troͤſten Dich zumal! Nimm all' auch dieſe Freuden; Was ſind ſie meinem Leiden, Was ſind ſie meinem Schmerz! Willſt meine Thraͤnen ſtillen So ſchenke mir ein Herz! Es war dies ein Lied, welches ihre Mutter oft geſungen hatte; und erſt jetzt verſtand es Mathilde ganz. V. — 146— Zehntes Capitel. Und ſie lernte es mehr und mehr verſtehen, denn ſie fuͤhlte ſich ſehr einſam. Einige trübe Wochen waren ver⸗ ſtrichen, als ſie in einer dämmernden Mondnacht vergeblich in den Armen des Schlummers ſanften Troſt ſuchte. End⸗ lich erhob ſie ſich von ihrem Lager und trat an das Fenſter. Im matten Schimmer des Morndlichtes, welches durch trübe Wolken gebrochen wurde, ſah ſie einige verhüllte Männer den Pfad zur Burg hinaufkommen. Zwei davon trugen eine verdeckte Bahre. Das Seltſame des Apnblicks ſetzte ſie in ein banges Erſtaunen; ſie verbarg ſich hinter dem Vorhange und lauſchte unbemerkt. Der Zug näherte ſich der Burg⸗ mauer, wandte ſich aber von dem großen Eingangsthore ab nach dem nördlichen, an den Fels gelehnten Theil des Schloſſes, wo ſich eine kleine Pforte befand. Bis an die Ecke des Gebäudes verfolgte Mathilde die Erſcheinung mit unverwandten Augen, allein als die Männer umgebogen waren, konnte ſie nichts mehr erblicken. Doch öffnete ſie leiſe das Feuſter und horchte hinaus. Sie vernahm deutlich, daß die kleine Mauerpforte geöffnet wurde. Nach einigen Minuten hörte ſie wieder Stimmen von leiſe redenden Män⸗ nern, doch konnte ſie in der Stille der Nacht einige Worte unterſcheiden.„Seid Ihr aber auch ſicher?“ fragte der Eine. „Ganz gewiß,“ war die Antwort.„Nun ſo ſoll Euch Euer Lohn werden,“ erwiderte der Erſte vernehmbarer, da die Männer eben um die Mauer bogen, ſodaß der Schall ge⸗ rade zu Mathilden heraufkam, die jetzt mit höchſtem Er⸗ ſtaunen deutlich ihres Vaters Stimme erkannte. Der bange Gedanke an einen überfall, der ſie Anfangs erſchreckt hatte, 1 —öö— 3 — 147— war nun verſchwunden, doch fühlte ſie ſich von wunderbaren Empfindungen bedrängt und ahnete ein dunkles Geheimniß. Noch mehr wurde ſie darin beſtätigt, als ſie ſah, daß ihr Vater mit ſeinen Begleitern den Bergpfad wieder hinabſtieg, und, nachdem er wenige Minuten am Fuß des Berges im Gebüſch verſchwunden war, zu Pferde wieder erſchien und das Begrüßungszeichen ſeines Hornes ertönen ließ. Unwill⸗ kürlich war ſie alſo Zeuge einer That geworden, die Wol⸗ ziska aufs ſorgfältigſte verbarg; und obwol ſie nicht wußte, was geſchehen war, ſo hatte ſie doch hinlänglichen Grund, ihr Wiſſen von dem ſeltſamen Ereigniſſe zu verſchweigen. Der Graf ritt in die Feſte ein, als ſei er ſo eben an⸗ gelangt; Mathilde kam ihm entgegen. Er empfing ſie freund⸗ lich, doch kalt, wie denn überhaupt zwiſchen Vater und Tochter nur ein fernes Verhältniß beſtand. Ja mit allen Menſchen war Wolziska fremd; es ſchien, die Freude habe ihn ganz verlaſſen; nur er ſuchte ſie auf, wo ſie ſelten weilt, bei wilden Gelagen und Jagdfeſten. Beſonders aber ſeit dieſem Tage ſchien alle Ruhe ſein verſtörtes Weſen zu fliehen;z ſeine Lebensweiſe wurde aber nur deſto wilder. Für Mathildens Art, die Tage zuzubringen, war es ein Glück, daß ihr Vater ſich wenig um ſie bekümmerte. Sie ſaß an trüben Tagen in dem einſamen Thurmgemach an einem Fen⸗ ſter, wo ihre Mutter oft zu ſitzen pflegte. Dies war tief in die dicken Mauern eingelaſſen und bildete eine kleine Niſche, die nur Raum für eine einzige Geſtalt bot, die ſich an dem in der Mauer angebrachten Tiſchchen beſchäftigen wollte. Ein Vorhang ſchloß ſie von dem übrigen Zimmer ab, ſodaß man darin unbemerkt weilen konnte, ſelbſt wenn eine Dienerin im Gemach beſchäftigt war. Maria pflegte hier zu ſiten, wenn ſie ſich auf kurze Zeit ſelbſt von ihrer Tochter trennen wollte; auch ihr Gebet vverrichtete ſie ſtets 7* auf dieſem abgeſchiedenen Platze. Die liebe Stelle war Ma⸗ thilden ein theures Erbe, und wenn ſie ſich dort befand, wähnte ſie, der ſanfte Geiſt ihrer hingeſchiedenen Mutter weile tröſtend und ſchirmend bei ihr. Doch auch die Liebe zu einſamen Wanderungen in das Gebirg, oder durch die Bogen des dunkeln Thals am Strom hinauf, war Mathil⸗ den von der Mutter überkommen. Der Genuß der friſchen erquickenden Lüfte erheiterte wunderbar ihr Gemüth und gab ihr Kraft, ihr einſames Daſein mit dem Muth der Ergebung zu tragen. Die Gaben der Natur ſind dem Menſchen ſtärkend erfreuende Genüſſe, und weſſen Herz für ſie empfänglich iſt, der wird ſelten des Troſtes entbehren. Die ahnungsvollen Stimmen des rauſchenden Waldes be⸗ rühren die verborgenſten Saiten unſeres Gemüths und laſſen ſie verwandt ertönen, wie die zarten Klänge der Aolsharfe. Die goldbeflügelten Wolken, die leicht durch die blaue Fluth des Himmels ſchweben, regen ein tief inwohnendes Gefühl der Sehnſucht in die Weite, Ferne, Fremde an; ihnen ſcheint erfüllt zu werden in ihrer hohen, weitſchauenden und ungehemmten Bahn, was unſere Wünſche ſtets vergeblich erſtreben. Winter und Sommer, Frühling und Herbſt,— ſie alle tragen Farben, die mit den Miſchungen unſeres Gemüthes übereinſtimmen. Und dringt der Blick der Sonne nicht ins Herz, wie Worte des Freundes? Lächelt der Mond uns nicht wehmüthig hold an, wie eine theilnehmende Schwe⸗ ſter unſerer Schmerzen? Und ſtehen nicht am ehernen Ge⸗ wölbe des Himmels die goldenen Geſtirne, ſelbſt in der fin⸗ ſterſten Nacht ſtrahlend und mildleuchtend in unveränderter Klarheit, wie die heiligen Zinnen des Glaubens? Fromme duldende Mathilde! Dein Schmerz wird Dein Troſt, Dein Leid Deine Freude; denn alle die Thränen, und die bange zitternde Wehmuth, die Dir aus Erinnerung und Hoffnung, —..-— — — — 149— aus Liebe und Sehnſucht und aus der überdrängenden Ge⸗ genwart der hohen Natur entſpringen,— heilige Empfin⸗ dungen, die die Mutter in Dir pflanzte, und die Dich jetzt die unendliche Leere einer Welt erſt empfinden laſſen, die durch ein liebendes Herz gefüllt war,— alle dieſe edleren Kräfte Deines Gemüths werden jetzt Heilkräfte ihrer eigenen Schmerzen, und Du erkennſt, daß man nur durch ein hohes Glück zum Bewußtſein großer Schmerzen gelangen kann, wie wir einer Sonne bedürfen, um die Schauer der Nacht zu verſtehen. Eilktes Capitel. In dieſer einſamen Stellung reifte Mathildens Ge⸗ müth, das nun ganz auf ſich allein angewieſen war, zu einer ſeltenen innern Stärke heran. Einzig die alte Wi⸗ liſſa hatte ihr Vertrauen; allein mehr, weil das redliche Herz und das Wohlwollen derſelben gegen die Gebieterin ſich öfter als einmal bewährt hatten, als weil ſie im Stande geweſen wäre, das innerſte Leben in Mathildens Bruſt zu begreifen. Auf den geliebten Wanderungen blieb ſie daher immer einſam. Innere Selbſtändigkeit führt auch zu einer äußerlichen Zuverläſſigkeit auf ſich ſelbſt. So durchſtreifte Mathilde die Umgegend weiter und in einſameren Gebieten, als es faſt eine ſchüchterne Jungfrau hätte wagen mögen. Fels und Wald wurden ihr vertraut, und die Welle rauſchte zu manchem Liede, das die Schöne ihr ſang, eine wunder⸗ bare Begleitung. Oft aber zogen auch die ragenden Gipfel mit ihrer düſtern Bewaldung den Schritt der einſam Wal⸗ — 150— lenden zu ihrer Höhe hinan. Dann mußten tiefere Thäler durchgangen, dunklere Schluchten und ſteilere Felswände hin⸗ angeſtiegen werden. Mancher Pfad war nicht ohne Gefahr,H belohnte ſich aber durch ſchauerlich herrliche Blicke in die Tiefe. Auf einem dieſer Wege verlor ſich Mathilde in die„ unbetretenſte Wildniß. Von allen Seiten ſtarrten Felſen um ſie empor und hingen die drohenden Häupter über die enge Kluft; uralte Fichten wurzelten auf nacktem Geſtein und drohten jeden Augenblick zerſchmetternd herabzuſtürzen, wenn der heulende Sturm ſie ächzend beugte und ſchüttelte. Ein dunkles Wetter umzog den Himmel. Jetzt faßte doch einige bange Scheu die Einſame an, und ſie ſuchte wie eine ſchüch⸗ terne Waldtaube Zuflucht in den Felsſpalten. Eine Höhle entdeckte ſich von ferne ihren Blicken; ſie ging darauf zu, erreichte ſie, trat hinein und bemerkte mit Erſtaunen einiges Geräth, das ihr anzeigte, dieſe Kluft ſei bewohnt. Ein La- ger von Moos, zuſammengerafftes Holz, eine Spindel über⸗ zeugten ſie vollſtändig von ihrer Vermuthung. Da die Spalte ſich tief in den Fels zu winden ſchien, ging ſie noch einige Schritte hinein, fand es aber zu finſter, um ſich weiter zu wagen. Indeß hatte der Donner ſchon lange zu rollen begonnen und ſchwere Regentropfen fielen. Der dumpfe Klang tönte ſchauerlich im Felsgewölbe wieder. Plötza lich geſchah ein furchtbarer Schlag, und ein ſchweflichter Blitz erhellte Thal und HöhlenEntſetzt wandte ſich Mathilde um, 5 und in dem Augenblick, da ſie ihr Geſicht der Offnung zu⸗ wendete, ſtürzte ein Weib mit grauem flatternden Haar und wilden Augen, in dunkle Kleidung gehüllt, in die Höhle. Der Feuerſtrom des Blitzes, der ſie flammend beleuchtete, der praſſelnde Regen und krachende Donnerſchlag, der ſie anzu-⸗ kündigen ſchien, machte den Anblick ſo furchtbar, daß Ma⸗ thilde voll Entſetzen mit einem Schrei zuſammenfuhr, den — — — — 151— jedoch das Weib wegen des toſenden Donners nicht vernom⸗ men zu haben ſchien. Die Alte warf ſich auf das Moos⸗ lager nieder und gab, vor Froſt ſchauernd, dumpfe, wim⸗ mernde Töne von ſich. Angſtvoll drückte ſich Mathilde in die dunkelſten Ecken der Höhle und flehte zitternd um Er⸗ rettung. Nach einigen Minuten wurde es ſtill und Mathilde vermuthete, ſie ſchlafe. Kein Unwetter hielt ſie mehr zurück; mit bebenden Schritten ſchwebte ſie an dem Lager der Alten vorüber, um zu entfliehen. Als ſie an ihrem Haupt vorbei⸗ ſtreifte, warf ſie einen zitternden Seitenblick auf ſie, und erſchrak vor den tiefgefurchten gramzerriſſenen Zügen. Elend und Armuth waren unverkennbar. Sie beſann ſich, daß ſie Gold bei ſich trüge, zog raſch den ſeidenen Beutel aus dem Buſen, warf ihn auf das Moos und flüchtete hinaus, ohne des furchtbaren Wetters mehr zu achten. Wie eine Gemſe eilte ſie ſchwebenden Laufes den Felspfad hinauf und hinab, und ruhete nicht eher, bis ſie ein freies Thal erreicht hatte. Hier ſank ſie erſchöpft, durchnäßt, von kalten Schauern ge⸗ ſchüttelt unter einem Baume nieder, um ſich zu erholen. Das Wetter verzog ſich indeſſen und die Müde gewann ei⸗ nige Kräfte. Mit Anſtrengung erreichte ſie endlich bei der ſinkenden Sonne das Schloß. Von dem Abenteuer im Ge⸗ birg ſchwieg ſie; ihr verſtörtes Anſehen war durch das Un⸗ gewitter hinlänglich begründet. Seit jenem Tage aber ver⸗ mied ſie das allzukühne Schweifemin die unwirthbaren Sei⸗ tenthäler des Gebirgs. Über Alles blieb ihr aber der Weg am Strome hinauf und die ſchon früher angedeutete Lieb⸗ lingsſtelle ihrer Mutter theuer. So verſtrich der Sommer, der Herbſt; den Winter über⸗ dauerte ſie ſchwerer in der finſtern Burg, wo ſie die ſtete, wenn auch nur ferne Zeugin der wüſten zensweiſe ihres Vaters war. Nahte ſich aber endlich der den kehr⸗ — 152— ten, gleich Wandervögeln, die einſam wehmüthigen Stunden, die ihr ſo lieb waren, zurück. In dieſem einfachen Kreis der Beſchäftigung reihten ſich unbemerkt die Jahre nach und nach auf, wie ſich aus den fallenden Körnern Sandes, die das Auge kaum unterſcheidet, unbemerkt eine Stunde bildet, die ſo viel in ſich faſſen kann, Leid wie Freuden. So hatte ſich Mathildens knospender Reiz der Kindheit zur lieblichſten Schönheit der Blüthe entfaltet, und mit ihr waren Herz und Sinn zur edelſten Tugendkraft und zarteſten Anmuth vollendet. Zwölktes Capitel. Drei Jahre waren nun ſeit Mariens Tode verſtrichen, ohne daß ſich in Mathildens äußerer Lebensweiſe etwas ent⸗ ſcheidend Veränderndes zugetragen hätte. Eines Tages wan⸗ derte ſie am Strom hinauf, um auf dem vorſpringenden Fels, dem Lieblingsſitz ihrer Mutter, einige Stunden mit ihrer Laute zuzubringen und in einem heiligen Buche zu leſen, das ihr Beichtvater aus den Schriften ſeines Kloſters ihr geliehen hatte. Als ſie ſich an der reizenden Stelle auf den Raſen geſetzt hatte und den ruhigen Strom und die grünen Ufer mit ſtillem Entzücken überblickte, hörte ſie plötz⸗ lich den angenehmen Klang eines Jagdhorns nicht weit hin⸗ ter ſich im Gebüſch. Zugleich ſchlug ein Hund an. Beides gab das Echo der Berge zurück. Wolziska pflegte nie in dieſer Gegend zu jagen, daher war Mathilde äußerſt erſtaunt — — — 153— über die ſeltene Erſcheinung. Als ſie noch umherſchaute, um genauer zu beobachten, woher der angenehme Ton gekom⸗ men war, rauſchten die Büſche und zwei ſchlanke Wind⸗ ſpiele ſprangen leicht über den weichen Raſen dahin. Wenige Augenblicke nachher trat ein junger Mann in Jagdkleidern, den Bogen auf der Schulter, ein Horn an der Seite, mit edlem Anſtande aus den getheilten Zweigen hervor. Ma⸗ thilde ſah ihn mit überraſchtem Erſtaunen, und in ſeinen Zügen erſchien ihr etwas wie längſt bekannt. Plötlich aber trat das trübe Bild der Erinnerung klar aus dem dunkeln Hintergrund der entfernten Zeit hervor, und ſie rief aus: „Er iſt es, es iſt mein Retter!“ Der Jüngling, der die ſeitwärts Sitzende noch nicht bemerkt hatte, fuhr bei dem Ertönen ihrer Stimme aus dem Zuſtande eines in Gedan⸗ ken tief Verſenkten raſch empor. Als er die blühende Ge⸗ ſtalt der Jungfrau vor ſich ſah, flog eine dunkle Röthe über ſeine Wangen, doch in dem Auge blitzte ein flammen⸗ der Strahl. Mathilde ſenkte ſchüchtern ihre Wimpern, doch gewann ſie ſchnell die Faſſung wieder, und redete den höchſt Erſtaunten mit hold tönenden Worten an:„Gewiß erkennt Ihr mich nicht mehr; doch habe ich Eure Züge wohl im Gedächtniß behalten, obgleich ich ſie nur einmal im däm— mernden Mondlicht geſehen. Erinnert Ihr Euch nicht, daß Ihr ein junges Mädchen, faſt ein Kind, zu Prag aus den Händen eines nächtlichen Räubers errettet habt?“„Und wärſt Du es wirklich, unbegreiflich holde Geſtalt?“ entgeg⸗ nete der Staunende,„Du ſelbſt, die dort ſo ſpurlos ver⸗ ſchwunden war? Ja, es iſt ſo, ich erkenne die unvergeßli⸗ chen Züge wieder, die ich nur im bleichen Lichte der Angſt und des Mondes geſehen! O zürne nicht meiner Freude, der erſten ſeit jenem Tage! Nach Dir forſchte ich und ſuchte, durchſtrich Berg und Thal, von Dir träumte ich wa⸗ 7** — 154— chend und ſchlummernd, und noch jetzt kann ich mich nicht überzeugen, daß mich nicht ein Traumgeſicht täuſche. Biſt Du es wirklich? Laß mir Deine Hand, daß ich Glauben und Vertrauen gewinne, denn mein Auge iſt ein zu ſchwa⸗ cher trüglicher Zeuge für ſolch ein Glück.“ Bei dieſen Wor⸗ ten ergriff er die Hand der Zitternden, die ſie ihm willen⸗ los reichte und ließ. Er hielt ſie mit ſanftem Druck und blickte noch immer ſtaunend und zweifelnd in Mathildens Auge. Und wie wenn ihn eine höhere Gewalt der heiligſten Ehrfurcht vor dem Bilde der Mutter Gottes niederbeugte, ſo ſank er ihr zu Füßen nieder, ohne ſeinen Blick von ih⸗ rem Antlitz zu wenden, wie ein Flehender zu ſeiner Heili⸗ gen hinaufſchaut, während er anbetend vor ihr kniet. Sie beugte ſich ihm leiſe entgegen und wollte lächeln, doch es drang ihr eine Thräne ins Auge. Da überwältigte auch ihn ein ungeahnetes Gefühl und ein Strom heißer Thränen verdunkelte ſeinen Blick. Heftig drückte er die Lippen gegen Mathildens Hand. Sie wollte ihn emporheben, doch wie ermattet ſank ſie herab und er empfing ſie an ſeinem Her⸗ zen, ſtumm, in unendlicher Seligkeit. Eine göttliche Hand hatte den trüben Schleier des Lebens gehoben, und der freie enthüllte Blick ſah den Himmel in ſeiner ſeligen Pracht. Bewußtſein und Berechtigung der Liebe durchflammte die Herzen in einem Augenblick, denn dazu bedarf es nicht Zeit noch Willen. Im Heer der ziehenden Wolken berühren ſich zwei und ein erleuchtender Strahl durchflammt ſie beide mit göttlichem Licht. Tauſend goldene Saiten ſpannen ſich über die Harfe des Weltalls und bleiben ſtumm, doch der Hauch Gottes weht hinüber, und die verwandten Töne klin⸗ gen in eine entzückende Harmonie zuſammen. In ſtummen Thränen brach ſich die aufgehende Sonne ihres Lebens zu einem farbigen Bogen, auf dem ſie von der .— Erde zu den Räumen des Himmels emporſchwebten. Und die Erde und ihre Zeit waren vergeſſen. Sie überſahen den warmen, glühenden Abſchiedsblick der Sonne, hörten nicht die leiſen Schritte der nahenden Dämmerung und Nacht, und des Mondes freundlicher Gruß blieb unbemerkt. Doch plötzlich vönte eine Stimme hinter ihnen:„Fräulein, Fräu⸗ lein, Maria und Joſeph, hier muß ich Euch finden?“ Es war Wiliſſa. Die Liebenden waren beſtürzt, trotz ihrer kind⸗ lichen Schuldloſigkeit; denn das ahnet die unbefangenſte Liebe, daß ſie nur unter dem ſchirmenden Flügel des Ge⸗ heimniſſes weilen darf. Dreizehntes Capitel. „Aber, Fräulein,“ rief Wiliſſa,„ums Himmels willen, wie bleibt Ihr ſo lang aus! Der Graf läßt Euch ſchon ſeit zwei Stunden aufſuchen, weil er nothwendig mit Euch ſprechen will und eiligſt verreiſen muß. Und hier muß ich Euch finden? So ſpät?“„Gute Wiliſſa,“ unterbrach Ma⸗ thilde,„ſieh hier den Retter meines Lebens an jenem ſchreck⸗ lichen Abend zu Prag; ſei nicht böſe, daß ich Dir Mühe gemacht.“„Kommt nur gleich nach Hauſe, Fräulein, ich will Euch nicht verrathen,“ drängte die Amme. Mathilde erröthete, erwiderte aber nichts. Sie ſtiegen hinab, der fremde Jüngling, deſſen Name Jaromir war, mit ihnen. Im Thale nahm Jaromir Abſchied von Mathilden, die ihn vergeblich bat, daß er ſich ihrem Vater noch heute zeigen — 156— möge. Auch Wiliſſa widerrieth dies und ſprach:„Wir kön⸗ nen ja den Ritter in die Burg aufnehmen, morgen, oder wenn Ihr wollt und er darf alsdann bleiben, bis der Graf zurückkehrt; aber heute möchte der Verdruß und die Sorge des Herrn Grafen Euers Außenbleibens wegen den dankba⸗ ren Empfang erkalten!“ Mathilde fühlte, daß dies wahr ſein könnte und widerſtrebte nicht länger. Jaromir ging thal⸗ aufwärts, Mathilde mit der Pflegerin eilig nach dem Schloſſe zu. Eben war Wolziska im Begriff, zu Roſſe zu ſteigen, als ſie an der Pforte ankamen. Zürnend blickte er Mathilden an, doch ſagte er ihr kein rauhes Wort, ſondern fragte nur kalt:„Wo warſt Du ſo ſpät? Ich mußte Dich dringend ſprechen. Jetzt aber bin ich eilig; oben in Deinem Gemach liegen einige Schriften, die Du durchleſen kannſt, um das nächſt Nöthige zu erfahren. In acht Tagen denk' ich wieder zurück zu ſein. Gehabt Euch indeſſen wohl.“ Mit dieſen Worten ſchwang er ſich in den Sattel, und ritt, von zwei Dienern begleitet, davon. Mathilde ſtieg in den Thurm hinauf. Auf dem Tiſch lag eine Pergamentrolle, auf deren Inhalt ſie wenig geſpannt war. Dennoch entfal⸗ tete ſie dieſelbe gedankenlos. Aber wie erſtaunte ſie, als ſie fand, daß es ein Brief des Herzogs von Böhmen an ihren Vater ſei, der folgendermaßen lautete: „Lieber Graf Wolziska!“ „Die Schönheit und Sittigkeit Eurer Tochter haben, wie man mir ſagt, ihre ſchönſte Blüthe erreicht und ſie ſoll der Mutter ſehr gleichen. Es iſt nun Zeit, daß ich Eures übereinkommens mit mir gedenke und ihr einen Gatten wähle. Es ſind jetzt zu Prag die edelſten Ritter Böhmens verſammelt; kommt ſelbſt und beſucht uns, ſo werdet Ihr leicht eine Auswahl mit mir treffen. Alsdann wollen wir — 157— insgeſammt auf Euer Schloß kommen, und Eure Tochter mag aus Denen, die wir für würdig erkannt haben, einen Ehegemahl wählen. Aber beeilt Euch, denn ich fürchte die Abreiſe einiger trefflichen Ritter und möchte ſie nicht gern früher durch dieſe Verſprechung zurückhalten, als ich Eure Meinung über ſie weiß. Gruß der ſchönen Mathilde! Boleslaus, Herzog von Böhmen.“ Mathilde erblaßte im Todesſchrecken, doch gewann ſie noch ſo viel Faſſung, daß ſie bebend das zweite Blatt las. Dies war um drei Jahre älter, und bald nach dem Tode ihrer Mutter geſchrieben. Es lautete ſo: Lieber Graf Wolziska!“ „Eure edle Gemahlin iſt dahin! Ich bringe Euch jetzt eine Bitte, die ſie mir früher gethan, und die ich auch Euch ſchon mitgetheilt, in Erinnerung, nämlich die, daß ich ſelbſt für die Vermählung Eurer heranblühenden Tochter Mathilde ſorgen dürfe. Maria hatte mir ihr Vertrauen geſchenkt, und mich dünkt, Ihr dürftet mir, ohne Eurem Vaterrecht zu nahe zu treten, dieſes Vorrecht geſtatten. War doch mein eigener Vater der Stifter Eurer Ehe; ſo laßt Euren jetzigen Herzog die Verbindung Eurer Tochter ſchließen, wobei er, wie bei einer eigenen, nur auf ihr Glück ſehen wird. Gott zum Gruß. Euer geneigter Herzog Boleslaus.“ Zitternd, mit verdunkeltem Blick hatte Mathilde zu Ende geleſen und die beklemmendſte Angſt des Herzens übernahm ſie. O wäre jetzt Jaromir in ihrer Nähe geweſen, daß ſie hätte erforſchen können, ob er ſich kühn unter die Freier zu ſtellen wagen dürfte! Dann wäre Vertrauen in ihr Herz — 158— zurückgekehrt und ſie hätte von der Güte des Fürſten ihr Glück erfleht. Aber ſo wußte ſie nicht, wer Jaromir ſei, noch woher er ſtamme; doch daß er nicht zu den Edelſten des Reichs gehörte, die zu ihrer Hand berechtigt waren, das konnte ſie ahnen, obwol er ihr nichts davon entdeckt hatte. Unter bangen Thränen wachte ſie den Morgen heran. Als die erſten Strahlen ſich golden an den Spitzen der Berge zeigten, verließ ſie die Burg. Kaum war ſie am Fuße des Felſen, auf dem das Schloß ſtand, als ſie ſchon Hörnerge⸗ tön zu vernehmen glaubte. Und wirklich ſprangen ihr nach einigen Augenblicken auch ſchon die beiden ſchlanken ſchneeigen Windſpiele entgegen und drückten das kluge Haupt liebko⸗ ſend an der ſchönen Freundin ihres Herrn hinauf. An einer Krümmung des Thals trat ihr auch Jaromir entgegen, der eben raſch um den Fels bog, als ſie die Wendung machte. Mit ſeliger Entzückung ſanken ſie einander in die Arme. Es ſchien ihnen, als ſei mit dem Morgenſtrahl ihre Liebe neu und ſchöner erblüht. Sie hielten ſich mit innigſter Se⸗ ligkeit eine Zeit lang umſchloſſen; dann wandelten ſie das friſch leuchtende Thal hinauf. Mathildens Arm legte ſich weich um den ſtolzen Nacken ihres Begleiters, die andere Hand ruhte ſanft in der ſeinigen. Er hatte die Rechte kühn umfaſſend um ihre ſchlanke Geſtalt gelegt und ſchien ſein Glück leicht im Arme zu wiegen. Der ſpielende Mor⸗ genwind ſäuſelte durch die dunkelbraunen herabwallenden Locken Mathildens, und die Sonne ſchien golden flimmernde Sternchen hinein zu flechten. Jaromir neigte ſich mit leiſer Biegung des Nackens gegen die Stirn der Geliebten und ſein ſelig herabblickendes Auge verlor ſich in ihrem ſüß und liebevoll aufſchauenden Blick. Der Strom ſchien ſeine Wel⸗ len zu hemmen, um die ſchönen Geſtalten klarer abzuſpie⸗ geln, und man hätte glauben können, der Strahl des Mor⸗ —— — 159— gens weile mit Entzücken auf ihnen. So klimmten ſie den umbüſchten Pfad zu dem geheiligten Sitz von geſtern hinan und ließen ſich dort auf dem Raſen nieder. Die treuen Windſpiele Jaromirs legten ſich ihnen zu Füßen, als woll⸗ ten ſie das Glück ihres Gebieters bewachen. Mathilde kämpfte mit bangen Ahnungen und trüber Beſorgniß, doch verſchwieg ſie dem Geliebten, was ſie beängſtige, und bat ihn nur ſchmeichelnd:„Du biſt mir ſtets, wie ein Gott vom Himmel, plötzlich und heilbringend erſchienen, aber ſag' mir jetzt, wer biſt Du, woher kommſt Du, wo lebſt Du?“ Vierzehntes Capitel. „Du Holdſelige,“ erwiderte Jaromir,„meine Tage wa⸗ ren bisher trübe und verworren; ein ewiges Getümmel mit wenig ruhigen Augenblicken, von denen ich gern ſchweigen möchte, wenn Du nicht davon zu hören wünſchteſt; doch ſo wird mir auch das eine Freude. Die Erinnerungen meiner Jugend ſind ſehr dunkel, doch beſinne ich mich, daß ich an dem Ufer eines Stromes wohnte, und faſt will mir's ſchei⸗ nen, als ſei dieſes Thal meine Heimat. Wie alt ich dort wurde, weiß ich nicht, doch iſt mir's dunkel im Sinn, daß wir das Haus plötzlich in der Nacht verlaſſen mußten, und 8 eine lange Reiſe machten. Damals hatte ich noch eine Mutter, wie mir däucht, denn noch immer ſchwebt mir die Geſtalt einer ſchönen Frau vor, die mich oft küßte und liebkoſ'te. Die Reiſe gab mir ſo viele verſchiedene Eindrücke, daß ich von dort an über meinen Aufenthalt nicht mehr — 160— recht ſicher bin. Ganz dunkel iſt mir im Sinn, als ob wir einige Zeit in einem Schloſſe gewohnt hätten, das durch eine Zugbrücke verſchloſſen wurde; wenigſtens beſinne ich mich, daß ich an dem letzten Tage, den ich daſelbſt zubrachte, über eine Brücke gekommen bin. Ich ging nämlich mit einer ältern Frau im Walde ſpazieren. Sie ſammelte Blumen und ich half ihr pflücken. Da ſprangen plötzlich, ich weiß es noch wie heute, drei wilde Männer aus dem Buſch und warfen meine Begleiterin nieder. Ich ſchrie laut um Hülfe, doch ein Schlag betäubte mich, und von da an iſt eine große Lücke in meiner Erinnerung. Jetzt weiß ich nur noch, daß ich im Hauſe eines deutſchen Ritters aufge⸗ wachſen bin, der mir erzählte, er habe mich in Mähren aus Räuberhänden befreit. Dieſer tapfere treffliche Mann nahm mich auf vielen Reiſen und Abenteuern mit ſich und unterrichtete mich in dem Gebrauch der Waffen. Allein zu Prag, an jenem Abend, wo ich Dich fand, wurde er von Räubern angefallen und ermordet. Seit der Zeit ſtreiche ich ohne Heimat, ohne Freunde in der Welt umher; Dich aufzuſuchen war mein einziger Gedanke, doch faſt hatte ich alle Hoffnung verloren, Dich jemals wiederzufinden; denn das Haus, wo ich Dich verſchwinden ſah, war ver⸗ ſchloſſen und Niemand wußte mir andern Beſcheid zu ge⸗ ben, als daß ein fremder Graf einige Tage dort gewohnt habe. Sicher hätte ich indeß Nachrichten von Deinem Aufenthalt eingezogen Lallein ich erfuhr, daß man mich für den Mörder meines Pflegers hielt, und deshalb mußte ich, noch an demſelben Tage aus der Stadt flüchten. Ganz Böhmen durchſtreifte ich mehrere Monden; dann zog ich theils aus Noth, theils aus Kummer, in den Krieg gegen die Polen. Seit wenigen Wochen bin ich zurück, und wollte eben jetzt nach Prag, um Dich dort aufzuſuchen. Nur ein — 161— einziges Mal, in den erſten Wochen meines Umherſtreifens vor drei Jahren, glaubte ich Dich aufgefunden zu haben. Es war im ſüdlichen Böhmerwald. Dort kam ich eines Abends mit der ſinkenden Nacht vor ein feſtes Felſenſchloß. Die Zugbrücke war aufgezogen; Niemand wollte auf mei⸗ nen Hornruf Beſcheid geben. Anfangs glaubte ich, die Burg ſtehe unbewohnt. Doch bald entdeckte ich Licht in dem Fenſter eines Thurmes, dem ich mich jedoch, wegen der größern Breite des Grabens vor demſelben, nicht ſehr nähern konnte. Beim ſchwachen Ampelſchimmer ſah ich eine edle weibliche Geſtalt in dem kleinen Gemach auf⸗ und nieder⸗ gehen. Stets wähnte ich Dich zu erblicken, wo nur ein weibliches Gewand ſchimmerte. Noch einmal ſtieß ich daher heftig ins Horn und begehrte Einlaß. Doch ward mir keine Antwort. Mit Lebensgefahr kletterte ich einen Fels hinan, von dem ich in das Gemach hineinſehen konnte. Da gewahrte ich denn, daß es eine fremde, ſchon ältere Frau war, die aber Spuren von hoher Schönheit zeigte. Sie ging unſtät umher, ſtand dann plößlich ſtill und ſchien mit ſich ſelbſt zu reden; dann zog ſie ein kleines Bild aus dem Buſen und betrachtete es mit ſchmerzlichem Ausdruck, worauf ſie in heftige Thränen ausbrach. Ich weiß nicht, warum ſie mich ſo wunderbar rührte, aber ich war wie ge⸗ bannt auf meinen gefährlichen Sitz. Gegen Mitternacht trat der Mond hinter den Spitzen der Waldberge hervor. Da öffnete ſie das Fenſter, lehnte ſich hinaus, nahm dann eine Laute, griff einige Mal wehmüthig in die Saiten und begann endlich mit leiſer Stimme ein ſchmerzlich tief rüh⸗ rendes Lied, deſſen Weiſe mir ewig im Herzen widertönen wird. Die Worte verſtand ich nicht, aber es ergriff mich ſo im Innerſten, daß ich hinüberrief: Wer biſt Du, Un⸗ glückliche, kann ich Dir helfen, Dich tröſten?— Darauf — 162— ſtieß ſie einen heftigen Schrei aus und ſprang zurück. Eine Dienerin ließ die Vorhänge herab. Ich ſaß noch eine zeit⸗ lang ſtumm und hoffte ſie wieder zu erblicken. Allein nur eine Seitenpforte in der Mauer öffnete ſich, aus der ich mehrere Männer mit Fackeln und entblößten Schwertern hervorkommen ſah, die mich zu ſuchen ſchienen. Leiſe klet⸗ terte ich deshalb den Felſen höher hinan, bis der Pfad ſich in den Wald verlor und ich den Bemühungen der Ver⸗ folger entſchwand. Nach einiger Zeit kam ich noch einmal in die Nähe des Schloſſes, aber da war Alles öde und erſtorben.“ Funkzehntes Capitel. Hier hielt Jaromir inne. Mathilde ſah mit thränen⸗ den Augen vor ſich nieder; endlich wagte ſie ſchüchtern die vergebliche Frage:„Du kennſt alſo Deine AÄltern, Deinen Ürſprung nicht, und haſt kein Zeichen, ſie aufzufinden?“ „Nein, es wäre denn ein kleines Schnürchen von Haaren geflochten mit einem Crucifix, das ich von Kindheit auf trage; doch habe ich ſchon ähnliche geſehen, und meine Mut⸗ ter ſelbſt möchte das nach ſo langer Zeit nicht mehr unter⸗ terſcheiden können.“ Mathilde brach in Thränen aus und erzählte endlich mit erſterbender Stimme, was ihr bevor⸗ ſtehe. Jaromir hörte ſie finſter an, dann ſprach er:„Siehſt Du, das hab' ich geglaubt, ſowie ich Dich ſah. Ich bin ein ausgeſtoßener Fremdling; ich weiſ nicht, was ein Va⸗ ter, nicht, was eine Mutter iſt, die Namen Bruder, Schwe⸗ — 163— ſter ſind mir fremd. Der ſüße Laut, mit dem Du mich Geliebter nannteſt, war mir ein reicher Erſatz für alle Ent⸗ behrungen der Liebe, die ich mein ganzes wüſtes Leben hin⸗ durch geübt. Aber auch Das ſoll ich nicht mehr hören! Mir hat es der erzürnte Himmel beſtimmt, ich ſollte allein ſein in der Welt. O, Mathilde! Von Dir werde ich mich ſchwer ſcheiden!“„O der Tod iſt mir tauſendmal ſüßer als Trennung von Dir,“ rief Mathilde aus und ſank ihm ans Herz.„Süßes, einziges Leben!“ ſprach Jaromir mit faſt bebender Stimme,„haſt Du Muth und Liebe, ſo flüchte mit mir. Mein Arm ſoll Dich ſchirmen, pflegen, nähren.“ Mathilde ſah ihn mit ſtaunendem Ernſt an. Sie ſchien mit einem großen Entſchluß zu kämpfen; ihre ſtets muthige Seele ſprach endlich ein feſtes:„Ja, ich will,“ aus.„Aber laß uns,“ fuhr ſie fort,„laß uns nicht das Außerſte thun, ehe es die Noth gebietet. Ich werde meinen Vater, Du wirſt den Herzog anflehen, und ich fühle in der Bruſt eine ſüße Hoffnung, der ich vertraue.“ Jaromir verſprach ihr zu folgen. So ſchwanden die Tage bis zur Rückkehr des Grafen. Dieſe erfolgte in Begleitung des Herzogs und vieler Ritter. Das ganze Schloß wurde beſetzt, ja es man⸗ gelte faſt an Raum, die vielen Gäſte zu beherbergen. Der Verwalter wollte daher den nördlichen Flügel, der ſchon ſeit Jahren unbewohnt war, ebenfalls öffnen und einrichten laſ⸗ ſen, allein der Graf verbot es mit der beſtimmteſten Strenge, obwol dadurch der nöthige Naum überflüſſig her⸗ beigeſchafft worden wäre. Mathilde wurde dem Herzog vor⸗ geſtellt, der ſie mit mehr als Wohlwollen und Freundlich⸗ keit aufnahm. Von der Vermählung wurde indeß nicht geſprochen. Allein Jaromir hatte ſich dem Grafen Wol⸗ ziska gezeigt, und Mathilde ſtellte ihn ihrem Vater als den Retter ihres Lebens vor. Der Graf nahm ihn kalt, doch — 164— ehrenvoll auf, obwol es ihm ſehr mißfiel, daß Jaromir aller Forſchung nach ſeinen näheren Verhältniſſen ſtreng auswich. Jedoch daß er in ritterlichen Kämpfen geübt ſei, zeigte er am erſten Tage, als er ſich in einer ſcherzhaften Waffen⸗ übung bei weitem als der Gewandteſte und Kühnſte be⸗ währte. Der Herzog ſchien, ihm ſein Wohlwollen zu ſchen⸗ ken, und dies gab den Hoffnungen Mathildens neue Schwin⸗ gen. Von ihrer Vermählung mit einem der anweſenden Fremden wurde jedoch nicht geſprochen; es ſchien als wollte der Herzog zuvor ihre Neigung ausforſchen, um ihr dann einen der Ritter zum Gemahl vorzuſchlagen. Deshalb ſchwiegen auch die beiden Liebenden noch, um ſich nicht zu früh zu verrathen, und Jaromir that Alles, um ſich als kühner ritterlicher Mann zu zeigen und des Herzogs Nei⸗ gung zu gewinnen. Eines Abends, beim Entkleiden ſprach Wiliſſa zu Mathilden:„Fräulein, ich bin bang um Euch, Ihr ſcheint keinen der Ritter hier lieb zu gewinnen, als den Einen, der Eurem Vater verhaßt iſt.“„Verhaßt? Wer ſagt Dir das?“ rief Mathilde.„Ach,“ erwiderte die Alte,„ich belauſchte geſtern ein Geſpräch zwiſchen dem Herrn Grafen und einem fremden Ritter, dem er Euch zur Gemahlin zu geben verſprach, wenn er den ſchönen Jaromir bald aus der Burg und Gunſt des Herzogs vertreiben wollte.“„O Himmel!“ rief Mathilde,„wär' es möglich,“ und ſchlug weinend die Arme um Wiliſſa's Nacken.„Ach hilf mir, gute Wiliſſa, denn ich bin verloren, wenn ich ihm entſagen ſoll!“„Ach, mein liebes Fräulein, wenn ich doch ein Mittel wüßte! Aber ja ich weiß eins, nur müßt Ihr mich nicht verrathen; aber habt Ihr auch Muth, Fräulein?“ „Alles, Alles, was Du willſt, thu' ich, wenn Du mich nur retten kannſt!“„Hört, Fräulein, aber lacht mich nicht aus, denn ich weiß es gewiß. Geſtern war eine Frau im Schloß, — 165— die ich ſchon lange kenne; ſie iſt drüben aus dem Gebirge. Die hat mir erzählt, daß in dem Höllenthal, das kennt Ihr ja, eine Zaubermutter wohnt, die alles Künftige weiß, und Liebestränke kochen kann, daß man Den gewiß zum Gatten bekommt, der davon getrunken hat. Schüttelt nicht den Kopf, Fräulein; ich könnt' Euch viel erzählen, wie auch mir eine weiſe Mutter in meiner Jugend einmal geholfen hat. Aber es war ſchauerlich! Ach wenn ich daran denke, wie wir in der Hexenküche waren! Gott verzeih mir die Sünde, ich möchte keine Zauberin ſein, aber guten Rath kann man dort bekommen! Wollt Ihr zu ihr gehen?“ Ma⸗ thilde ſtand zitternd, denn ſie ahnete, daß von der fürchter⸗ lichen Frau die Rede ſei, der ſie einſt im Gebirge begegnet war. Doch ſie faßte ſchnell den Entſchluß, den Rath der Alten zu befolgen.„Liebe Mutter, ich glaube Deinem Worte,“ ſagte ſie;„willſt Du mich aber geleiten?“„Jeſus Maria!“ rief Wiliſſa,„mit tauſend Freuden, und wenn es in den Tod ginge.“„So laß uns gleich aufbrechen, denn wer weiß, was morgen geſchieht,“ rief Mathilde haſtig; „komm, komm, ich will nichts fürchten.“„Aber laßt uns doch vorſichtig ſein,“ ſprach die zitternde Alte, und erſt einen Rofenkranz beten, denn eine Sünde bleibt es doch wohl; was will aber ein armes gequältes Herz anfangen?“ So begann ſie unter Zittern mit der geliebten Mathilde zu beten. Da ſchlug die Schloßuhr die zehnte Stunde an. Jetzt war es Zeit, aufzubrechen, denn ſie hatten zwei Stun⸗ den Weges, und die Zaubermutter ließ nur um Mitternacht Leute zu ſich. Sechzehntes Capitel. Mit furchtſamen Schritten machten ſich die beiden Frauen auf den Weg. Sie vermieden das große Burgthor. und wählten eine kleine Mauerpforte zum Ausgang, die gegen Nordoſt ſtieß. Ein ſchmaler Pfad führte von dort durch Dornen und Geſtrüpp den Felſen hinab ins Freie. Ge⸗ meiniglich war dieſe Pforte verſchloſſen und bewacht; allein jetzt, da ſo viele Ritter in der Burg waren, deren zuver⸗ läſſige Mannſchaft überdies zum Theil in der Umgegend in Dörfern und Gehöften beherbergt wurde, hatte man ſich der Sorge gegen unvermutheten feindlichen überfall und Verrath überheben können. So erreichten Mathilde und Wiliſſa uubemerkt das Freie.„Seht, Fräulein,“ ſprach die Pflegerin leiſe,„dort oben im Thurme iſt noch Licht.“ Die Fenſter, die zu Jaromirs Gemach gehörten, waren noch erhellt. Mathilde ſah hinauf und ſeufzte leiſe:„Gewiß ge⸗ denkt er meiner noch; o wüßte er, was ich jetzt um ihn wage!“ Mit haſtig ängſtlicher Eile ging ſie vorwärts das Thal hinauf; Wiliſſa konnte ihr nur mit Mühe folgen. Die Nacht war dunkel, denn der Mond ſtand noch tief hinter den Bergen und den Himmel umzog düſteres, zerriſſe⸗ nes Gewölk. Der Strom rauſchte ſchauerlich über die ſchwarzen Felſen, die ihn ſperrten; in den Wipfeln der Bäume wogte es unruhig; undurchdringliche Nacht verbarg die alten Stämme und ſchien ein banges Geheimniß zu verhüllen. Wie ein ferner, ängſtlicher Ruf der Klage, tönte der Wind von Zeit zu Zeit durch das tiefverſperrte Thal. Mathilde wurde von Bangigkeit faſt überwältigt. Nicht die Nacht, nicht — 167— die Schauer des Waldes hätten es gethan; das ſorgende Herz ſchlug aber in banger Unruhe, die es ſich ſelbſt gebo⸗ ren hatte, und in ſolchen Stunden werden die leiſe in der Bruſt ſchlummernden Geſtalten des Schreckens ſchon durch ein flüſterndes Rauſchen der Blätter zu ängſtlichen Träu⸗ men aufgeſtört; ja die Stille ſelbſt kann ſie ſchauerlich er⸗ wecken. Der Weg bog ſich jetzt vom Strom abwärts nörd⸗ lich in das Gebirge hinein; nun umnachtete ſie der Wald und umtönte ſie von allen Seiten mit murmelnden rauſchen⸗ den Stimmen. Wie ein bleiches Geſpenſt ſchimmerte der ſchäumende Wildbach aus der Tiefe des Grundes durch die ſchwarzen Gebüſche; durch die Wipfel blinkte kaum ein mat⸗ tes, ſchnell verſchwindendes Sternchen. Die haſtig wan⸗ delnden Frauen ſprachen kein Wort; nur ihr tiefes beängſti⸗ gendes Athmen vernahmen ſie gegenſeitig, und jede fand an der andern das vergrößernde Maß ihrer eigenen Beſorgniß. Sie ſtanden auf der Höhe eines Berges. Schroff, ſchwarz, gefährlich ſenkte ſich die Bergwand vor ihnen hinab in das furchtbare Höllenthal. Hohe Felsthürme um⸗ ſtarrten ſie; es ſchienen die Wächter für Die, die im Ver⸗ ließ dieſer Schlucht gefangen waren. In der Tiefe ſahen ſie einen mattglühenden, dunkelvioletten Rauch ziehen; das Feuer, von dem er entſtand, war verborgen, doch beleuchtete es einige Felsſtücke und Bäume auf ſeltſame Weiſe.„Das iſt ihre Höhle,“ flüſterte Mathilde, als fürchtete ſie gehört zu werden, und lehnte ſich zitternd und weinend an Wi⸗ liſſas Schulter. Sie verweilten einige Minuten, dann klimmten ſie den gefährlichen, unwegſamen Abhang hinun⸗ ter. Als ſie in die Nähe der düſter beleuchteten Höhle ge⸗ kommen waren, blieb Mathilde unſchlüſſig ſtehen und fragte: „Aber, Wiliſſa, dürfen wir uns dieſer gefährlichen Wohn⸗ ſtätte nähern? Wenn nun ein anderer Bedrängter eben jetzt — 168— auf zauberiſche Weiſe ſeine Zukunft erforſchen läßt? Ein vorwitziges Berühren der Zauberkreiſe ſoll ja entſetzliche Fol⸗ gen nach ſich ziehen. O Wiliſſa, was thun wir? Mein Herz fängt an zu zagen, denn ich habe das bange Gefühl, daß ich mich auf dieſem Wege nicht der Leitung des Him⸗ mels vertrauen kann!“„Liebes Fräulein,“ entgegnete die gutmüthige Alte bebend,„ich will vorangehen.“„Nein,“ rief Mathilde,„das darfſt Du nicht, Du könnteſt unglück⸗ lich werden. Ich hoffe, ſo will ich auch wagen.“ Mit die⸗ ſen Worten ſchritt ſie ermuthigt vorwärts; doch Wiliſſa hing ſich an ſie und begehrte, mit ihr zugleich der Gefahr entgegen zu gehen. Vereint, entſchloſſen das Schlimmſte gemeinſam zu erleiden, gingen ſie weiter. Plötzlich rief eine tiefe weibliche Stimme ſie an:„Wohin?“ Maria Joſeph!“ rief Wiliſſa. Maria faßte ſich und fragte:„Könnt Ihr uns den Weg zur Zaubermutter zeigen?“„Zaubermutter? Zaubermutter?“ ſprach die Fremde fragend und erſtaunt; „nennt Ihr, mein holdes Kind, die arme Alte ſo, die in jener Höhle wohnt?“„Eben zu der möchte ich,“ antwortete die Zitternde;„wie gelangt man zu ihr?“„Was wollt Ihr dort?“„Ich darf es nur ihr vertrauen!“„So entdeckt Euch mir; außer mir wohnt hier weithin Niemand. Kommt mit nach meiner Höhle.“ Sie ging voran; Wiliſſa und ihre Gebieterin folgten, froh, daß die erſte Annäherung ſo ge⸗ fahrlos für ſie vorübergegangen war. Sie traten vor die Höhle; im Vordergrunde loderte ein Feuer, an dem nur einige gewöhnliche Kochgeſchirre ſtanden; der Hintergrund war dunkel und ſchien ſich tief in den Berg hineinzuklüften; nur einiges Hausgeräth war ſichtbar. Die Alte lud die Frauen auf ein Mooslager ans Feuer; Mathilde entdeckte zitternd, was ſie wolle.„Mein gutes Kind,“ entgegnete ihr die Alte,„Du biſt wol ſehr furchtſam zu mir gekom⸗ — — 169— men. Denn Dein Begehr iſt ſo, und auch der Name, mit dem Du mich nannteſt, daß Du in mir eine Frau wähnſt, die übernatürlicher Geheimniſſe kundig iſt. Allein, da täu⸗ ſcheſt Du Dich. Die Landleute kommen zwar hieher, um ſich Raths bei mir zu erholen, wenn eine Krankheit ihrer Kinder, oder eines Hausthieres ſie in Sorge ſetzt; ſie fra⸗ gen mich auch wol um die Zukunft und um verborgene Thaten der Vergangenheit. Aber da iſt mein Geheiß im⸗ mer nur eine Rathgebung oder Warnung, die dieſen ein⸗ fachen Leuten oft unbegreiflich ſcheint. Allein ich habe ein langes, mühſeliges, gefahrvolles Leben zugebracht— auch einſt einmal glückliche Tage geſehen!— und ſo hat ſich mein Blick an tauſend Ereigniſſen geübt, Folgen derſelben und Urſache ihres Daſeins zu erkennen. Denn auf Erden geſchieht Alles auf ähnliche Weiſe. Heftige Leidenſchaft er⸗ zeugt gewagte Thaten, dieſe bringen Gefahr und Beküm⸗ merniß; die Luſt thut Fehltritte, und Fehltritte führen an den Abgrund. Treue Herzen ſind ſeltenz auf Verrath muß man gefaßt ſein, denn durch Verräther übt Gott ſeine Strafe an dem ſündigen Menſchen. Das Alles habe ich tauſend Mal geſehen, erfahren, ſelbſt geübt und erlebt; da lernt man auch die Zukunft für Andere verkünden. Du biſt hold und jung, mein Kind; haſt Du ein treues Herz und hoffſt Du auf eins, ſo wage Alles; zweifelſt Du an Dir, ſo biſt Du auch des andern nicht ſicher, und dann, — halt ein, eh' es zu ſpät wird. Sonſt mußt Du vielleicht in grauen Jahren in dieſer Höhle die Fehltritte der Roſen⸗ zeit beweinen— nein, nicht beweinen, denn Thränen dauern nicht ſo lange als die Schmerzen. Es muß mir ein Glück begegnet ſein, indem ich eine Thräne aufſammeln konnte; diis iſt ſeit Jahren die erſte; ſie thut recht wohl.“ Bei .„ 8 — 0— dieſem Worte brach der Alten die Stimme, ſie verhüllte ſich das Geſicht, und ſenkte das müde Haupt ſchwer ſin⸗ nend in die Hand. Siebzehntes Capitel. Es trat ein langes, düſteres Schweigen ein. Endlich brach es Mathilde.„Unglückliche Frau, Ihr müßt viel Kummer erduldet haben; wißt Ihr für mich Arme keinen Nath, wie ich ſo trübe Tage vermeiden könnte als Ihr ge⸗ ſehen habt? Ach, ich kam mit großen Hoffnungen auf Eure weiſe Kunſt hierher, allein was iſt ſie, wenn ſie ſich an Euch ſelbſt nicht bewährt?“ Die Alte richtete ſich auf:„Du jammerſt mich, armes Kind. Einen Nath will ich Dir geben, doch es fordert Muth, ihn zu befolgen, und vielleicht täuſcht er doch. Sieh, ich mußte einſt eine lange Zeit von Jahren unter umherziehenden Räubern zubringen. Sie ſchlugen ihre Wohnſtätte meiſtens im wildeſten Gebirge, in unterirdiſchen Höhlen auf. Einige fremde Weiber, deren Sprache ich nie verſtehen lernte, blieben dort, während die Männer auf Raub zogen, ſtets zuruck, und beſorgten den Herd und andere Bedürfniſſe. Mit dieſen mußte ich leben, und von ihnen lernte ich Manches, was mir jetzt hier den Nuf einer weiſen Frau erworben hat, und wodurch ich mein ärmliches Leben friſte. Doch verſtanden dieſe Frauen noch⸗ viele andere wunderſame Bereitungen von Kräutern, Tränken, ſeltſamen Geräthen und andern Dingen mehr, die ſie aber ſehr ſorgſam verheimlichten. Eines Nachts unter andern, — 141— als ich im bangen Sinnen über mein ſehr ſchweres Geſchick mich ſchlaflos auf meinem Lager befand, ſah ich plötzlich im Hintergrunde der Höhle eine bläuliche Flamme, bei der ſich die Geſtalt des älteſten jener Weiber hin und her be⸗ wegte. Ihre gelben, ſcharfen Geſichtszüge wurden gräßlich durch die Flamme beleuchtet; ſie war ſchon am Tage furcht⸗ bar anzuſehen, wie viel mehr jetzt. Ich ſchauderte; allein eine unüberwindliche Neugier trieb mich näher hinzu. Sie bemerkte mich und winkte mir heran zu treten, deutete aber an, daß ich ſtillſchweigen müſſe. Ich trat hinzu. In einem Keſſel, der über der blauen Schwefelflamme ſtand, wogte eine ſchwarze Fluth ſiedend auf und nieder, in der die ſchaudervolle Hexe oft mit einem Löffel rührte. Dann duftete es allemal wie nach Räucherwerk, das man bei Beſtattung der Todten zu brennen pflegt, und ein weißlicher Dampf ſtieg in die Höhe, der mir, wie er ſich gegen die Kup⸗ pel der Höhle hinaufzog, immer die Geſtalt von fliegenden Vögeln, Eidechſen und andern Thieren anzunehmen ſchien. Ich ſtand ſtumm und gefeſſelt. Plötzlich fing es an im Keſſel licht zu glänzen.„Der Silberblick,“ rief die Zauberin,„jetzt iſt's Zeit!“ und bei dieſen Worten blies ſie die Flamme aus. Nun glänzte es wunderbar leuchtend aus dem Keſſel, wie der Schimmer des Mondes in dunkler Nacht. Die Alte faßte den Henkel an und goß das Gefäß um. Dazu ſprach ſie murmelnd einige unverſtändliche Worte. Das flüſſige Sil⸗ ber hatte ſich in ovaler Form auf dem Boden verbreitet, und glich dem Spiegel eines ruhigen Sees. In der Tiefe glaubte ich allerlei ſeltſame Geſtalten zu bemerken, die ſich in dunkler Verwirrung durcheinander bewegten. Endlich wurde es ganz klar. Die Hexe bog ſich hinüber und ich ſah nun, daß es ein Spiegel war, den ſie gegoſſen hatte, denn ihre gräßliche Geſtalt ſprang mir deutlich entgegen. 8* — 172— „Schön klar, Spiegelchen,“ murmelte ſie,„ſollſt nun er⸗ blinden für ewig.“ Bei dieſen Worten faßte ſie einen gro⸗ ßen Hammer und ſchlug auf die erkaltete Fläche, daß es mit furchtbarem Getöſe durch die Höhle dröhnte und ich mit einem Schrei niederſtürzte. Sie lachte mich gellend und höhniſch aus. Als ich mich aufraffte, war der Spie⸗ gel verſchwunden, doch die Zauberin hatte eben eine Kerze angezündet, und ich ſah nun, daß die ganze Maſſe ſchwarz geworden und in viele Stücke geſprungen war. Dieſe las die Alte zuſammen, indem ſie wiederum dunkele Sprüche murmelte. Als ſie fertig war, ſprach ſie:„Morgen will ich Dir auch ein Spiegelchen ſchenken, Horſiza, Du haſt mir gut geholfen.“ Ich ging zitternd nach meinem Lager. Am andern Tage brachte ſie mir ein flaches ovales Stück Metall von der Größe eines Kinderkopfes, das ganz ſchwarz und ſehr ſchwer war.„Hier iſt der verſprochene Spiegel,“ ſagte ſie zu mir. Ich erwiderte ihr, daß ich ihn nicht zu brauchen wüßte.„Das glaub' ich wohl,“ lachte ſie,„man braucht ihn auch nur einmal. Wenn Du in einer Nacht, wo der Mond abnimmt, einſam damit in eine Gruft oder tiefes Gewölbe gehſt, und drei Mal Deinen Namen rufſt, ohne Dein Auge vom Spiegel zu verwenden, dann kannſt Du Deinen künftigen Gatten darin ſehen, denn er wird hinter Dir ſtehen und Dir über die Schulter ſchauen, doch bei Leibe darfſt Du Dich nicht umſehen. Aber ſieh Dich vor, der Spiegel ſpiegelt nur einmal, dann iſt die Kraft vorbei.’“ Ich war damals ſchon alt und ſagte:„Nehmt Euren Spiegel zurück, ich kann ihn nicht mehr brauchen.“ „So wird ihn eine Andere nöthig haben,“ antwortete ſie, „der magſt Du ihn ſchenken.“ Indem ich nun nach dem ſeltſamen Geräth griff, rief ſie:„Halt, ich habe den Rah⸗ men vergeſſen.“ In dem Augenblicke, mich ſchaudert noch, 2 , — 173— wenn ich daran denke, ſchlüpfte eine Otter durch das feuchte Moos der Höhle. Dieſe ergriff die Hexe, hielt ſie gegen den Rand des Spiegels, und wie von einem Krampf ge⸗ zwungen, wand ſich das Thier ringelnd herum und ſchlug oben Kopf und Schweif wie eine Schleife ineinander. Daran faßte das gräßliche Weib den Zauberſpiegel wie an einem Bändchen, und warf ihn mir zu. Als ich ſchreiend auf⸗ ſprang, rief ſie lachend:„Die Natter ſticht nicht mehr, greif nur dreiſt zuz“ und denkt Euch, als ich ſchaudernd die Schlange berührte, da war ſie ſtarr und feſt wie Metall; und noch heute beſitz' ich den Spiegel, und ſie iſt darum⸗ geſchlungen wie ein eherner Reif.„Eher wird ſie nicht wieder frei,“ lachte die alte Hexe mich an,„bis der Spie⸗ gel gebraucht iſt; ſie verdient das Gefängniß, denn ich kenne ſie wohl, ſie hat mich geſtochen, als ich eine ſchmucke Braut war.“ Hier unterbrach die Alte ihre Erzählung. Eben ſtieg das letzte Viertel des Mondes hinter den Bergen auf, und legte ſeine blaſſen Strahlen auf Mathildens bleiches, entſetztes Antlitz.„Eine Nacht bei abnehmendem Monde?“ rief ſie fragend.„Habt Ihr den Spiegel noch?“„Gewiß,“ erwiderte die Gefragte, und ging in die Höhle, aus der ſie bald mit dem furchtbaren Geräth wieder hervorkam. „Seht, iſt es nicht, als ob die Natter die Augen nach dem Mond dreht?“ rief Wiliſſa und ſchauderte zurück.„Wahr⸗ lich,“ rief die Alte erſtaunt,„die Augen des Thieres ſtar⸗ ren ja offen, und ehedem waren ſie feſt geſchloſſen. Aber fühlt nur, ſie iſt ſo hart und kalt wie Erz.“ Mathilde berührte ſie mit innerm Schauder. Doch die Angſt der Liebe überwand jede andere.„Heut muß ſich's entſcheiden, oder es iſt für ewig zu ſpät,“ rief ſie aus.„Ich muß Ge⸗ wißheit in meiner Zukunft haben. Nicht umſonſt trifft Alles ſo wunderbar zuſammen; der Spiegel wird, muß mir hel⸗ — 174— fen. Aber ſchnell, ehe die Nacht verſtreicht.“ Sie ergriff muthig das ſchaudervolle Band des Zaubergeräths. Dann ſtreifte ſie ein köſtliches Armband, ein Erbſtück von ihrer Mutter, von der weißen Hand und gab es der Alten. „Nehmt das zum Dank, und werde ich glücklich, ſo kommt zu mir und fordert, was Ihr bedürft. Jetzt lebt wohl.“ Damit ſchritt ſie eilig zur Höhle hinaus, indem ſie die Pflegerin zur ſchnellſten Folge aufrief. Achtzehntes Capitel. Da der Mond die Pfade jetzt, wenn auch nur ſpaͤrlich, beleuchtete, ſo erreichten ſie das Schloß noch in der Nacht⸗ zeit, ehe das dem Zauber günſtige Geſtirn ſich wieder hin⸗ ter die Gebirge verſenkt hatte.„Jetzt, Wiliſſa, laß mich allein, denn Einſamkeit iſt Bedingung,“ ſprach Mathilde; nich will in eins der tiefen Gewölbe hinabſteigen.“„Fräu⸗ lein, wagt es nicht, ich bitte Euch,“ weinte die treue Wär⸗ terin. Doch Mathilde beharrte auf ihrem Vorſatz, und trieb die ängſtlich Sorgende mit haſtigem Drängen hinauf in das Gemach. Jetzt ſtand ſie allein in dem ſtillen mond⸗ beleuchteten Burghofe. Unentſchloſſen, welchen Ort der Burg ſie ſich zu ihrer ſchauerlichen Unternehmung wählen ſollte, blickte ſie umher. Da bemerkte ſie, daß gegen den nördlichen Flügel eine kleine Pforte offen ſtand, die ſonſt immer verſchloſſen geweſen war. Dieſer Umſtand, und daß der Theil des Schloſſes, wohin die Thüre führen mußte, ſeit Jahren ganz öde und unbewohnt war, ſchien -— — — 175— ihrer Abſicht günſtig; denn je entlegener der Ort war, je deutlicher ſollte das Bild ſich auf dem ſchwarzen Grunde des Spiegels zeigen. Zitternd ſchritt ſie durch die enge Pforte, an die ſich ſogleich eine ſchmale ſteinerne Treppe ſchloß, die ſie vorſichtig hinabſtieg. Sie zählte gegen hun⸗ dert Stufen, und ſchloß daraus, daß ſie ſich tief unter der Fläche des Burggrabens befinden müſſe. Von dieſem ver⸗ borgenen Gewölbe des Schloſſes hatte ſie nie etwas gewußt. Was konnten dieſe geheimen Gänge Schauerliches beherber⸗ gen? Sie bebte heftig, doch ſchritt ſie vorwärts. Die kleine Lampe, welche ſie mitgenommen hatte, brannte düſter und trübe in der ſchweren dumpfigen Luft, die kalt und naß wie Grabeshauch Mathilden anwehte⸗ Mehrere ſich kreu⸗ zende Felsgänge ließen ſie unſchlüſſig in der Wahl ihres Weges. Endlich folgte ſie dem breiteſten, der ſie nach eini⸗ gen Windungen in eine hochgewölbte Höhle führte, deren außerſte Kuppel von der ſchwach flackernden Lampe nicht mehr beleuchtet wurde, ſondern in ungewiſſer endloſer Fin⸗ ſterniß blieb. Kein Ort ſchien geeigneter für das Werk des ſchaudervollen Zaubers. Faſt in fieberhaftem Zittern ſetzte ſie die Lampe nieder. Darauf wandte ſie ſich, ſo war es geboten, abwärts vom Licht, ſodaß nur der Spiegel die matten röthlichen Strahlen auffing, während vor ihr un⸗ durchdringliche Finſterniß lag. Grauenvolle Todesſtille um⸗ gab ſie; ſie hörte ihr pochendes Herz; ihre Thränen erſtarr⸗ ten im kalten Schauer des Entſetzens. Mühſam hob ſie die matte Hand mit dem Spiegel empor vor das Geſicht. Sie wollte ihren Namen laut ausſprechen, doch die Zunge ſchien ihr gelähmt. Endlich ermannte ſie ſich und ſtieß wie in krampfhafter Zuckung den Namen Mathilde heraus. Aber ſie ſchreckte zuſammen wie ein ſchüchternes Reh, denn tauſend Geiſterſtimmen ſchienen rings am Gewölbe ihn — 176— ſpottend nachzuziſchen. Ihr Blick umflorte ſich, doch ſam⸗ melte ſie noch die Kräfte zum zweiten Ruf. Da war es ihrem verwirrten Ohr, als höre ſie Schritte hinter ſich, als nahe ſich ſchon mit dumpf auftretenden Sohlen ein ſchrecken⸗ volles Geſpenſt. Unwillkürlich drehte es ihr das Antlitz ſeitwärts, um mit halbem Blick in die gräßliche Verborgen⸗ heit hinter ihr zu lauſchen. Doch die Warnung vor den entſetzlchen Folgen wandte ihr das Auge wieder auf den Spiegel. Sie glaubte die Natter ſchon ſich ringeln zu ſehen, die Schritte hinter ihr tönten lauter, ſie fühlte eine Ohnmacht nahen, doch in der Angſt, den Preis dieſes furcht⸗ baren Kampfes zu verlieren, ſtieß ſie zum zweiten und dritten Mal ihren Namen heraus. In dem Augenblick hörte ſie ſich von hinten her gerufen, warmer Hauch be⸗ rührte ihren Nacken, das ſtarr auf den Spiegel geheftete Auge ſah das Bild Jaromirs! Da verließen ſie Kraft und Beſinnung faſt ganz, der Spiegel entfiel ihrer Hand und ſtürzte dröhnend auf den Boden, und ſie ſank zuſam⸗ men. Doch ein umſchlingender Arm empfing ſie; ſe ſchon er⸗ geben in jedes Verhängniß, wandte ſie das Auge empor, und ſiehe, es war Jaromir ſelbſt, der die ſinkende Ge⸗ liebte umfaßt hielt. Dieſe milde Erſcheinung des warmen Lebens, an dem erſtarrenden Gebiet des Entſetzens jener furchtbaren Geheimniſſe, fiel wie Sonnenſtrahl in ihr Herz. In ſüßen, heißſtrömenden Thränen thaute ihr das Eis des Grauens von der Bruſt.„Mathilde,“ drang ihr Jaromir's Stimme beruhigend in's Herz,„was thuſt Du für Werke der Nacht, an dieſem Orte des Grauens? Komm', folge mir an das Licht des freundlichen Mondes.“ Sie hing un⸗ zertrennlich an ihm, wie an ihrem Retter und Schutzgott, doch vermochte ſie nicht zu ſprechen. Jaromir griff jetzt nach der Lampe, um den Rückweg anzutreten, allein, indem er — * — — 177— ſich bückte, ſchoß eine Natter ihm entgegen, er fuhr zurück, und das Thier warf mit den ſchlängelnden Bewegungen ſeines Kopfes die Lampe um, daß ſie ſofort erloſch. Jetzt umgab Beide undurchdringliche Nacht.„Was thun wir nun,“ rief Mathilde,„wer vermag aus dieſen Irrgängen den Aus⸗ weg zu entdecken?“„Sei ruhig, Geliebte,“ entgegnete Ja⸗ romir,„ich hoffe ihn auch im Finſtern zurück zu finden, ſowie ich Dich hier angetroffen habe.“ Jetzt fragte Mathilde endlich, wie er herabkomme, und nun erzählte er, daß er, weil die Sorge ihm keinen Schlummer geſtattet, unruhvoll an ſeinem Fenſter geſtanden habe.„Da,“ fuhr er fort, „ſah ich zwei weibliche Geſtalten den Felspfad hinaufklim⸗ men, und glaubte im Dämmerlicht des Mondes Dich und Wiliſſa zu erkennen. Unter der Mauer verſchwindet Ihr; ich eile nach einem Fenſter, wo ich den Hof überſehe, und in dem Augenblick bemerke ich Dich, wie Du mit der Am⸗ pel allein in die kleine Pforte trittſt. Jetzt drängten mich bange Sorge und Ahnung. Ich nahm mein Schwert und folgte; ſo erreichte ich, dem Daämmerſchein Deiner Leuchte, der mir jedoch oft verſchwand, folgend, dieſen Platz. Und jetzt hoffe ich auch den Rückweg zu finden.“ Neunzehntes Capitel. Arm in Arm ſuchten die Geliebten den Ausweg aus der Höhle. Endlich trafen ſie, wie ſie meinten, den Gang, der ſie hineingeführt hatte. Sie fühlten ſich behutſam an den Wänden hin. Da ſtieß Jaromirs Hand an den Griff 3 8** — 178— einer Thür. Er verſuchte zu öffnen, und ſtand plötzlich in einem Gemach, das halb dämmernd aus einem ähnlichen, anſtoßenden, erleuchtet wurde, in welchem helles Licht zu brennen ſchien. Höchſt erſtaunt traten Beide ein, und gingen leiſe vorwärts. Da erblickten ſie, auf einem Ruhe⸗ bette liegend, eine weibliche Geſtalt, und Jaromir rief plötz⸗ lich aus:„Himmel, das iſt die Frau, die ich im Böhmer⸗ walde ſah!“ Die Nuhende ſchreckte auf, eine männliche Stimme rief:„Wer wagt ſich hier herein?“ und in gleichem Augenblick ſprangen drei Männer durch die offene Pforte mit gezogenem Schwert auf Jaromir ein. Auch ſeine Klinge blitzte entſchloſſen, doch Mathilde warf ſich angſtvoll zwiſchen die Kämpfer und ſo geſchah es, daß Jaromir plötzlich überraſcht, von hintenher ergriffen und entwaffnet wurde. „Wer iſt der Frevler?“ tönte eine gewaltige Stimme, und Mathilde erkannte, als der Schein des Lichts auf den Ru⸗ fenden fiel, mit erſchrecktem Erſtaunen ihren Vater. Im gleichen Augenblicke hatte dieſer die Tochter und Jaromir erkannt. Die ruhende Frau war indeß mit ſeltſamen Mie⸗ nen näher getreten, doch Wolziska rief ihr entgegen:„Auna, zurück!“ Sie antwortete:„Laß mich den ſchönen Jüngling ſehen, liebes Herz, ich bitte Dich!“ Dieſe Worte und ihre Züge gaben zu erkennen, daß ſie zerrütteten Geiſtes war. Wolziska drängte ſie zurück, ſchloß die Thür und redete Jaromir an:„Du biſt verloren, und hätte ich Dich auch nicht am Arm meiner ehrvergeſſenen Tochter getroffen. Feſ⸗ ſelt ihn und führt ihn hinaus.“ Mathilde warf ſich zu ihres Vaters Füßen, doch er ſchleuderte ſie zurück und lei⸗ ſtete den Männern Hülfe gegen den ſich vertheidigenden Ja⸗ romir. Eine Ohnmacht benahm der Erſchöpften Beſinnung und Kräfte. Als ſie wieder zu ſich kam, fand ſie ſich allein in ihrem Gemach auf dem Ruhebett. Der Morgen däm⸗ — 179— merte eben herauf, und ſein roſiger Glanz umfloß ſie wun⸗ derbar. Sie wußte nicht, ob ſie träume oder wache, ob ſie auf der Erde oder drüben weile. Erſt langſam kehrten ihr die Erinnerungen der ſchreckenvollen Nacht zurück, und nun brach ein Strom ſchmerzlicher Thränen aus ihrem Auge hervor. Da hörte ſie die alte Wiliſſa an der Thür, die Einlaß begehrte; allein eine männliche Stimme verweigerte der treuen Dienerin das Geſuch. Sie war alſo eine Be⸗ wachte, Gefangene. Angſt um Jaromir erfüllte jetzt ihre Seele, ſie ſprang auf, wollte hinaus— die Thür war verſchloſſen. Sie bat, ſie weinte, ſie verhieß— Alles ver⸗ geblich. Da ſank ſie in der Angſt ihres Herzens in jener kleinen Fenſterniſche, wo ihre Mutter, wie wir oben erzählt, immer zu weilen pflegte, auf die Knie nieder und betete voller Angſt und Sehnſucht. Aber indem ſie ſich zitternd und angſtvoll mit den gefaltenen Händen auf das kleine Gebetpult legte, ſprang plötzlich ein Käſtchen, durch den Druck einer Feder bewegt, auf und ein weibliches Bild⸗ niß und Pergamente mit den Schriftzügen ihrer Mutter ſprangen ihr in's Auge. Wie ein Lichtſtrahl fiel dieſe Ent⸗ deckung in die Nacht dieſer Minute. Es war, als nahe ſich der Geiſt der geliebten Mutter ſelbſt und tröſte die ver⸗ zagende Tochter. Jetzt gedachte ſie der letzten Worte der Sterbenden:„Am Tage, wo Du Dich verlobſt, dem Him⸗ mel oder einem irdiſchen Bräutigam, lies die Schriften, welche die Geſchichten meines Lebens enthalten; für Dich ſind ſie bewahrt, Du findeſt ſie— das wo konnte die Sterbende nicht mehr ausſprechen, doch jetzt hatte der Him⸗ mel ſelbſt der Flehenden dieſes heilige Vermächtniß zur Tröſtung in ſchwerer Stunde übergeben. Mit wunderbarer Hoffnung, daß dieſe Schriften ihr in dieſer äußerſten Be⸗ drängniß Hüͤlfe bringen würden, nahm ſie ſie aus dem — 180— Käſtchen, um ſie zu leſen. Denn es war ja auch ihr Ver⸗ lobungstag; Zeichen aller Art hatten ihn ihr als dieſen be⸗ zeichnet. Zuvor warf ſie noch einen Blick auf das Bildniß. Es ſchien ſehr alt, denn die Farben waren faſt verblichen, und die Tracht erſchien ihr fremd. Doch die Züge, obwol ſie erkannte, daß es nicht die ihrer Mutter waren, hatten eine nahe Ähnlichkeit mit der Verſchiedenen; aber noch eine andere Erinnerung, als habe ſie dieſes Geſicht ſchon geſehen, ſtieg in ihr auf. Endlich ſchien es ihr, als ſei es das jugendliche Bild jener Ruhenden, auf die ſie in dieſer Nacht getroffen. Seltſame, wunderbare Ahnungen erfüllten ihre Seele. Sie öffnete die Pergamente mit einem heiligfrom⸗ men Schauer, denn es war, als ſpreche eine Verklärte ſelbſt zu ihr mit erleuchtenden Worten über die dunklen Verket⸗ tungen ihres Daſeins. In zitternder Spannung las ſie: Zwanzigstes Capitel. „Geliebte Tochter! Möge von aller der Trauer, die ich im Leben erfahren, keine Dein junges Herz treffen! Möchte ich doch, wie der Heiland unſere Sünden auf ſich genommen und für uns geduldet hat, möchte doch auch ich ſo alle Schmerzen des irdiſchen Lebens für Dich gelitten und ge⸗ tragen haben! Das wäre ein ſüßer Troſt für mich, und Dir ein ſchönes Vermaͤchtniß. Verwaiſt war ich ſeit den erſten Tagen meiner Jugend. Eine Kette ſchwerer Un⸗ glücksfälle, die ſchon meine Mutter belaſtete, ſchloß auch mich beim erſten Eintritt in dieſes Leben mit in die unver⸗ — 81— meidlichen Ninge ein, und umſtrickte mich nachher immer feſter und feſter. Meine Mutter, ich kannte ſie nie, war die Gemahlin des Grafen Sawazek, der, der Letzte ſeines berühmten Hauſes, ſchon in hohen männlichen Jahren ſtand, als er ſich mit ihr vermählte. Kurze Zeit nach der Feier des Hochzeitsfeſtes riefen langwierige Kriege ihn auswärts, und die jugendliche Gemahlin blieb allein in dem weitläuf⸗ tigen alten Schloſſe. Da— wie es geſchah, ich weiß es nicht, und richten will ich am wenigſten,— fiel meine Mut⸗ ter in verſtrickende Bande der Liebe, die der Erbfeind der Menſchen ihr in den Weg geworfen. Nur von einer alten Wärterin hab' ich's erfahren, daß während der Abweſenheit ihres Gatten ein junger blühender Mann, auf der Jagd verirrt, in das Schloß aufgenommen wurde. Wer es war, ach zu meinem Unglück erfuhr ich es zu ſpät. Er gewann das Herz der Jugendlichen, die durch Willen der Altern an den bejahrten Mann vermählt worden war, freilich wol ohne zu widerſtreben, aber auch ohne den Drang der Liebe. Jetzt erwachte dies ſchlummernde Gefühl mit aller Macht in ihr; auch das Herz des Jünglings flammte in lodernder Gluth. Sie ward untreu, doch ohne zu wiſſen, wer ihr Geliebter ſei. Dieſen ſucht eines Tages ein Botſchaft brin⸗ gender Knappe auf; er muß in dringender Eil das Schloß verlaſſen; er verſpricht bald heimzukehren— allein, wie meine Mutter auch von Tag zu Tag in verzehrender Angſt gehofft, er kehrt nicht wieder und läßt nicht von ſich hören. Ihre Liebe hat eine, ſonſt ſo ſüße, jetzt entſetzliche Folge gehabt. Die Rückkunft ihres Gemahls iſt nahe. Die Ver⸗ zweifelte fürchtet Rache und Beſchimpfung; Niemand iſt da, dem ſie vertrauen darf, ihr Geliebter verſchwunden. Von Angſt und Schmerzen beſiegt, flüchtet ſie. Am Mor⸗ gen nach der nächtlichen Flucht kehrt der Graf heim. — 182— Niemand weiß von der Gattin; er vermuthet ſie verunglückt. Man ſtellt Nachforſchungen an und trifft endlich auf ein neugebornes Kind, faſt ſchon dem Tode nah. O hätte er mich damals ſanft hinweggenommen! Es lag an einem Teiche im Schilf, in ein Tuch gehüllt, welches mit einem Armband geknüpft war, das die dienenden Frauen für eins ihrer Gebieterin erkannten. Wo die Mutter ſei, das ließ ſich aus dem Orte ahnend errathen, doch wurde ihr Leich⸗⸗ nam nicht aufgefunden. Wie oft habe ich nachher ihr Bild, das dieſen Schriften beiliegt, mit tiefer Rührung betrachtet! Es iſt kein Zweifel, daß ich die Tochter der Unglücklichen ſeiz aber den Grafen durchdrang die ahnende Vermuthung der Schuld. Er läßt die Frauen ſeiner Gattin unter Dro⸗ hungen befragen, und erhält Beſtätigung ſeines Verdachts. Es wird beſchloſſen, mich einem Kloſter zu übergeben; allein, noch ehe dies geſchieht, ſtirbt der Graf, man weiß nicht, ob natürlichen Todes oder vergiftet. Durch die Gunſt des Herzogs wurden mir die reichen Beſitzthümer zugeſprochen, die mich ſpäter in ſo tiefes Leid ſtürzten. Ich wuchs in einem Kloſter heran; meine Seele hing an frommer Uebung des Gebets, doch mußte ich die heilige Freiſtatt in meinem ſechzehnten Jahre verlaſſen. Unbekannt mit der Welt, un⸗ ſchuldig und heiter, wie ich war, überließ ich mich dem Zuge des, Herzens, das uns auf ſo reizenden Wegen zur Verzweiflung fuͤhren kann. Mich labte der Genuß der freien Natur, die Wildniß des Gebirges, die hohe ſchauer⸗ liche Einſamkeit des Waldes. Dort ſaß ich eines Tages gedankenvoll am Abhang eines Felſen, und blickte in den klaren Spiegel eines buſchumkränzten Weihers hinein. Es war derſelbe, an dem ich geboren und aufgefunden war. Plötzlich rauſchen die Büſche, ein Reh ſpringt leichten Flugs über den Weg, ein Pfeil fährt ziſchend nach, aber trifft — 183— nicht ſein Ziel, ſondern verletzt mich ſtreifend. Ein unwill⸗ kürlicher Ausruf des Schreckens war natürlich. Ich höre eine männliche Stimme, die ihn erwidert, und gleich darauf ſtürzt ein Ritter aus dem Gebüſch, der ängſtlich nach dem Unglück forſcht, das ſein Pfeil verurſacht habe. Als er mich erblickt, erbleicht ſeine Wange, er fragt entſetzt, ob ich die Verwundete bin; ich zeige ihm lächelnd den blutigen Arm, er ſinkt, Vergebung flehend, zu meinen Füßen nieder! O, daß jener Pfeil mein Herz getroffen hätte! Wie viel ſchmerz⸗ lichere Wunden durchbohrten es ſpäter!“— Mathilde hielt unter Thränen inne; denn wie ähnlich war ihr Finden des Geliebten mit dem Begegniß ihrer Mut⸗ ter! Jetzt folgte die rührende Schilderung der vertrauten, ſeligen Liebe; wir laſſen ſie, denn uns zieht eine düſtere Pflicht, bei dem Unglück zu verweilen, das ſich ſchnell genug nahte. In der Handſchrift las ſie ſo: „Wenige Monden dauerte dieſes Glück. Da erhielt ich plötzlich, eines Sonntags, einen Eilboten vom Herzog Ot⸗ tokar, der damals Böhmen beherrſchte. Die Worte, die er mir überbrachte, drangen wie Dolche in mein Herz. Es war des Herzogs eigene Handſchrift: „Gräfin! Euer Geliebter iſt mein Sohn Boleslaus; er darf es nicht ſein. Seine Pflichten gehören einem andern Kreiſe an. Ich muß dies beginnende Bündniß entſcheidend zerreißen. IgLhr ſeid jetzt die Verlobte des edlen Grafen Wolziska und folgt dieſem Boten augenblicklich nach Prag in unſer Schloß. Glaubt mir, daß ich mit väterlichem Ernſt für Euch ſorge.“ Mich verließ die Beſinnung, doch leider nicht auf ewig. Ich kam nach Prag, da ſah ich meinen unbekannten Ge⸗ liebten zum erſten Mal als Herzog— und zugleich mei⸗ nen künftigen Gemahl. Von dieſen Tagen laß mich ſchwei⸗ gen! Boleslaus, denn er war mein Geliebter, hatte mir — 184— flüchtig zugeraunt:„Um des Himmels willen verrathe nicht die heiligſten Geheimniſſe unſers Bundes;“ darum ver⸗ ſchwieg ich, daß er vor Gott ſchon eine Ehe war. In der Nacht, die dieſem Tage folgte, erfuhr ich den ganzen ſchau⸗ dervollen Zuſammenhang dieſer Begebenheit. Boleslaus kam unter Wolziska's Kleidung zu mir.„Maria, ich muß Dir entſagen Owar ſein erſtes entſetzliches Wort,„denn Du biſt meine Schweſter. Der Geliebte Deiner unglücklichen Mutter war mein Vater. Daß wir verrathen ſind, iſt die Schuld Deines Beichtigers, dem Du Deine Liebe geſtanden. Er iſt geſtern Mhuae an hat dem Biſchof entdeckt, was er wußte.(Daß wir ſchon inniger vermählt ſind, weiß Niemand als un laß es ein ewiges Geheimniß bleiben, denn nur, wenn eceegau bleibt, können wir ſeine ſchweren Folgen vermeiden.“? Das alſo war's, was die Schickung ſchrecklich über uns verhängt hatte! Du, Mathilde, biſt die Frucht dieſer unſeligen Verbindung; nicht der Graf Wol⸗ ziska, nein, Boleslaus, Böhmens Herzog, iſt Dein Vater. Wenn ich dahin bin, iſt dieſe Enthüllung unſchädlich; ſie werde Dir am Tage Deiner Verlobung; meinem Gemahl entdeckt es mein eigener Mund in der Stunde des Schei⸗ dens. Meine Seele betet für Dich, daß die Leiden Deiner Mutter nicht über Dich kommen mögen, denn ſie waren ſchwer und dauerten lange, und werden dauern, bis ich den letzten Athemzug thue. Du warſt der einzige Lichtſtrahl, der die welke Pflanze erquickte. Dafür ſei Dir mein Dank und aller Segen, den ich vom Himmel für Dich erflehen kann. Lebe wohl! Deine unglückliche Mutter. — — — ————— — — — 185— Einundzwanzigstes Capitel. Bebend vor Erſtaunen, Schmerzen und Hoffnungen hatte Mathilde dieſe Blätter durchflogen, in denen aus der Aſche der Leiden ihrer Mutter ein verjüngter Phönix des Glücks für ſie emporzuſteigen ſchien. Doch ein Augen⸗ blick des Verzugs konnte Jaromirs Tod ſein, ja, vielleicht war es ſchon zu ſpät. Aber ſie war gefangen. Mit Hef⸗ tigkeit rüttelte ſie an der Thür und flehte um Befreiung; vergeblich. Da riß ſie ein Fenſter auf, und ſiehe, in dem Augenblicke ritt der Herzog über die Zugbrücke zu einer Frühjagd hinaus.„Herzog Boleslaus, Vater! Rette Deine Tochter!“ rief ſie hinaus. Der Herzog blickte erſtaunt em⸗ por und als er Mathilden erkannte, erbleichte er und wandte ſchleunig das Roß. Nach wenigen Augenblicken ſtürmten mehrere Diener die Stufen zu dem Gemach hinan, die Thür wurde geöffnet und Mathilden die Bahn zur Freiheit gemacht. Mit fliegenden Locken ſtürzte ſie zum Herzog hinab, den ſie im Ritterſaale, von vielen Edlen um⸗ geben, antraf.„Meine Mutter,— ich weiß es,— Ihr ſeid mein Vater,“ war Alles, was ſie mit athemloſer Stimme zu ſagen vermochte. Der Herzog, von lang un⸗ terdrücktem Gefühl überwältigt, ſchloß ſie in ſeine Arme und hielt die Weinende in heißer Umarmung feſt. In die⸗ ſem Augenblicke ſtürzten Wiliſſa und Horſiza, die vermeinte Zaubermutter, in den Saal. Dieſe hielt Mathildens Arm⸗ band in der Hand, drängte ſich durch die ſtaunende Menge auf ſie zu, und rief wie wahnſinnig:„Kind, ich beſchwöre Dich, wer gab Dir dies Armband; nicht eher laſſe ich Dich, bis Du mir hierauf geantwortet.“ Die erſchreckte Mathilde — 186— antwortete:„Ich hab' es von meiner hingeſchiedenen Mut⸗ ter.“ Die Alte fiel ſogleich ein:„Und wie nannte ſie ſich, ehe ſie vermählt war?“„Gräfin Sawazek“— und kaum war das Wort geſprochen, als die Alte auf's Knie ſank und ausrief:„Heiliger Gott, ſo habe ich die Spuren meines verlornen Kindes wieder! Du biſt meine Enkelin! Hörteſt Du nie von der unſeligen geflüchteten Horſiza?“—„So nannte ſich meines Vaters Geliebte,“ fiel Boleslaus ein— und Alles ringsum verſtummte in Erſtaunen. Horſiza aber ſtand auf und rief:„Er hat ſchweres Unglück über mich hereingeführt durch Treuloſigkeit; Gott möge ihm vergeben, ich that es längſt!“„Nicht treulos war er, er lag gefan⸗ gen in fremden Banden, darum konnte er Euch nicht be⸗ ſchirmend retten,“ entgegnete Boleslaus, und Horſiza rief: „So ſei Gott geprieſen!“ Doch Mathilde umfaßte jetzt die Kniee ihres Vaters und bat flehend um Schutz für Jaromir wider Wolziska!„Wo weilt der Graf Wolziska?“ rief der Herzog. Bei dieſem Namen fuhr Horſiza empor.„Wol⸗ ziska? Der Verräther! Weile ich in ſeinem Schloß?“ Man gab dem Erſtaunen über dieſen Ausbruch keinen Raum, ſondern auf Mathildens Dringen eilte man ihn aufzuſuchen. Ihr ahnendes Herz machte ſie zur Führerin. Man ſtieg in den Schloßhof hinab; die kleine Pforte nach der nördlichen Seite wurde erbrochen; man fand, daß ſie von innen verrie⸗ gelt war. Mit Fackeln drang man durch die unterirdiſchen Gänge bis zu jenen Gemächern, die geſtern von Jaromir und Mathilde entdeckt waren. Aber wer beſchreibt das Er⸗ ſtaunen der Aufſuchenden, als bei der raſchen Eröffnung der Thür Jaromir und Wolziska einander in den Armen lagen. Wer erräth es nicht, daß ſie ſich als Vater uud Sohn erkannt hatten? Jaromir, der als Knabe mit ſeiner unglücklichen Mutter auf dem fernen Schloß im Böhmer⸗ — 187— 8 walde gelebt hatte, war von dort durch umherſtreifende Räu⸗ ber, wie er uns ſelbſt ſeine Geſchichte als dunkle Erinne⸗ rung ſeiner Kindheit entdeckt hat, entführt worden. Wer zugleich mit ihm entführt wurde, das blieb nicht lange zweifel⸗ haft, denn Horſiza erkannte Wolziska und wurde von ihm erkannt.„Wo iſt mein Kind, Verräther?“ rief ſie ihn an. „Sie lebt,“ entgegnete Wolziska,„doch ihre Seele iſt dun⸗ kel ſeit langer Zeit, ſeit Du ſie verlaſſen haſt. Sieh hier ihren Sohn, Deinen Enkel! Er wurde mit Dir von Räu⸗ bern entführt! Ich habe Euer ſchweres Geſchick zwar ver⸗ ſchuldet, doch nicht gewollt!“ So fuhren die erleuchtenden Blitze des Himmels plötzlich von allen Seiten herein; der Schuldige ſah mit Grauen, an welchen Abgrund ihn ſeine Thaten geführt, und die Reinen verehrten die wunderbaren Schickungen des Allmächtigen. Aber am tiefſten war Wol⸗ ziska erſchüttert, der jetzt auch Mathildens Loos erfuhr und entdeckte, in welcher engſten Verbindung ſeine beiden Ge⸗ mahlinnen geſtanden hatten. Denn auch Anna war Horſiza's Kind. Sie hatte in der Nacht ihrer Flucht Zwillingsſchwe⸗ ſtern geboren. Doch als ſie nach der Geburt, vor Angſt und Schmerzen erſchöpft, in einen tiefen Schlummer geſun⸗ ken war, findet ſie beim Erwachen nur noch eines ihrer Kinder bei ſich. War das andere geraubt, oder durch ein wildes Thier zerriſſen, ſie hatte es bis dahin nie erfahren. Daß aber Maria ihre Tochter ſei, das ergab die Ähnlichkeit des Bildes mit ihr und das äußere Zeichen des Armbandes, das ſie damals gebraucht hatte, um dem Kinde die Umhüllung des Gewandes feſtzuknüpfen. Wolziska hatte, um ſein Geheimniß zu retten, Jaromirs Tod beſchloſſen, doch das Kruzifix an ſeinem Halſe, das Geſchenk ſeiner Mutter, die die Schnur daran aus ihrem Haar ſelbſt gefertigt, hatten ihn, als er es fromm zum letzten ebet hervorzog, gerettet; denn daran erkannte ihn der Vater. — 188— Zweiundzwanzigstes Capitel. 3 Der aber ſtand im Tiefſten erſchüttert vor den Anwe⸗ ſenden da.„Löſet uns dieſe Geheimniſſe, Graf Wolziska,“ forderte der Herzog ſtreng.„Wen verbergt Ihr in dieſen unterirdiſchen Gewölben?“ Jetzt erzählte Wolziska die Ge⸗ ſchichte Anna's, die wir bis zu ihrer Entführung und halben Einkerkerung auf dem Schloſſe im Böhmerwalde kennen. Dort lebte die Unglückliche das erſte Jahr in ſtiller Trauer. Da verhängte das Geſchick den Raub ihres Knaben und ihrer Mutter. Sie ſelbſt wollte nach den Verlorenen for⸗ ſchen, aber Benno, dem ſie übergeben war, wagte es nicht, ihr zu geſtatten, daß ſie das Schloß verlaſſen dürfe. Da erſt erkannte ſich Anna für eine Gefangene. Der Verluſt ihres Kindes, ihrer Mutter, die Ahnung der Untreue ihres Gatten beſtürmten das leidende Herz zu heftig. Ihre Seele unterlag der langen Qual, ſie verfiel in ſchwermüthigen Wahnſinn. In dieſem Zuſtande wohnte ſie auf dem Schloſſe bis kurz nach Maria's Tode. Damals wurde Benno ge⸗ fährlich krank, und deshalb ließ er Wolziska durch einen Eilboten von Prag rufen. Um jene Zeit kam auch Jaromir in dieſe Gegend, und die Gefangene flößte ihm ein wun⸗ derbares Mitgefühl ein, ohne daß er ahnete, wie nahe er ihr angehöre. Benno ſtarb; ſowol dadurch, als durch Ja⸗ romirs ſeltſame Erſcheinung bewogen, die Wolziska eine Entdeckung ſeines Geheimniſſes fürchten ließ, ließ er die Kranke in dieſen Theil ſeines Schloſſes bringen. Das hatte Mathilde in jener Nacht geſehen. Drei Jahre waren ſeit⸗ dem verſtrichen; das Schloß im Böhmerwalde zerſtört. Hor⸗ ſiza, die bis dahin unter denſelben Räubern, die ſie ent⸗ — 189— führt hatten, gelebt hatte, wurde um eben die Zeit frei, denn die Bande trennte ſich, da einige ihrer Oberhäupter zu Prag ermordet worden waren; nicht unwahrſcheinlich dieſelben, mit denen Jaromir im Kampf geweſen. Sie hatte ſich nun durch Mangel und Kummer bis zu dem Schloß hingekämpft, wo Anna gefangen war. Allein Wol⸗ ziska hatte es veröden laſſen, und Niemand wußte ihr an⸗ ders zu ſagen, als daß die Bewohner geſtorben ſeien; ſie ſah nur Benno's Grab. Voll Jammer und Verzweiflung, ermüdet von der Welt und ihrem Geſchick, überließ ſie die Friſtung ihres Lebens dem Zufall, der ſie bis an jene Höhle führte, wo ſie ſeit zwei Jahren für eine Zauberin galt.— So weit habe ich den Leſer geführt und ihm Das vorangegeben, was ſich ſpäter erſt aufhellte. Wir verließen aber die Theilnehmer dieſer Geſchichte in jenem unterirdiſchen Gemach bei der Frage des Herzogs, die Wolziska durch Er⸗ zählung der Begebenheiten Anna's beantwortete. Er ſchloß ſo:„Und die Unglückliche lebt noch, aber mit gebundenen Sinnen; eben jetzt umhüllt ſie der Schlaf. Ach, mich flieht er ſeit dem erſten Schritt meines Frevels, und keine Betäubung vermochte den ewig mahnenden Ruf meines Gewiſſens verſtummen zu machen. Seht hier!“ Er öffnete die Seitenthür und der Herzog, Horſiza, Jaromir und Ma⸗ thilde folgten dem Vorangehenden. Beim ſchwachen Schein einer Ampel ſahen ſie eine Schlummernde auf dem Ruhe⸗ bette; eine dienende Frau ſaß zu ihren Füßen und winkte Nuhe. Sie fragte ſehr erſtaunt, da ſie das Geheimniß dieſes Ortes kannte:„Was iſt das, Herr Graf? Seid ja ruhig, die Kranke träumt wunderbar. Ich glaube, ſie wird bald am Ende ihrer Leiden ſein.“ Da hielt ſich Horſiza nicht länger. Sie ſank zu den Füßen der Schlummernden nie⸗ der, ergriff ihre Hand und bedeckte ſie unter heftigen Thrä- — 190— nen mit Küſſen.„Mein Kind, meine Anna,“ weinte ſie bebend in heftiger Bewegung. Anna richtete ſich empor, ſah erſtaunt umher, dann faßte ſie ſchärfer und ſchärfer die Züge der Alten in's Auge, und endlich ſprach ſie, indem ſie ſich die Stirn beſinnend anfaßte:„Ich bin doch wol todt, und das iſt meine Mutter, die ich lange ſchon verlo⸗ ren habe.“„Nein, nein, es iſt Deine lebende Mutter, die Dich nach langen Jahren wiederfindet,“ rief Horſiza. Und mit einem lauten Schrei ſank ihr Anna ſprachlos an's Herz. Nach langer Pauſe ſchien ſie ſich zu erholen. Sie war wie Jemand, der lange ſchwer geträumt hat und ſich noch nicht von der Wirklichkeit der ihn umgebenden Dinge überzeugen kann. Endlich brach das wiederkehrende Licht der Beſin⸗ nung durch, ſie beſann ſich und erkannte ihre Mutter und Wolziska. Da kniete auch der Sohn vor ihr nieder und begehrte ihren Segen.„Das iſt mein verlorner Jaromir?“ fragte ſie;„o Himmel, wie biſt du gütig! Wie lohnſt du mir nach langen ſchweren Leiden! Und wer biſt Du?“ fragte ſie Mathilden.„Meine Braut, Deine Tochter!“ erwiderte Jaromir. Sie zog die ſanft Weinende an's Herz und drückte ſie lange ſtumm an ſich. Dann ließ ſie die Arme ſinken und ſprach:„Ach, ich weiß, ich muß lange krank geweſen ſein, und meine Seele war verdunkelt. Jetzt fällt ein lich⸗ ter Strahl hinein, den mir der Himmel ſendet; aber es iſt der Abſchiedsblick meiner Lebensſonne. Ich bin ſehr müde und gehe gern hinüber. Mein Gatte, Dir vergeb' ich— ich habe Dich ewig geliebt, denn in der Zeit, wo ich's nicht gethan, lag ja meine ganze Seele in Banden. Leb' wohl! Lebt wohl, meine Mutter, meine Kinder!“ Jetzt ſank ſie zurück und entſchlummerte bald für ewig. Wolziska's Herz war gebrochen; er fühlte wahre Reue und weihte ſich der Buße in dem Kloſter, welches ſeinem erſten — — — 191— Wohnplatz mit Anna gegenüber ſtand. Horſiza fand gleich⸗ falls Aufnahme in einem Frauenſtift, aber nur für wenige Wochen, nach denen ſie ihren Kindern folgte. Jaromir und Mathilde waren einander Alles; der Herzog vermählte ſie und beſtätigte ihn als Wolziska's echten Sohn. Das Bündniß, das unter Thränen geknüpft war, gedieh, wie alles ſchwer Errungene, um deſto herrlicher. Und der Auf⸗ zeichner dieſer Begebenheiten ſchließt mit den Worten:„Ihrem Leben ging eine lange Nacht voll ſchwerer Gewitter voran, mit denen Die, die vor ihnen da waren, kämpften; doch als ihre Tage begannen, da lichtete ſich der Morgen allgemach, und die Sonne ſtieg herauf, um einen ſeligen Tag zu ſchaf⸗ fen, den ſie mit fromm entzücktem Herzen genoſſen.“ — Berghold. 8 * — — — — ——½ 8 —₰ — ‿ 8 — — — — Qη — — — — Im zwölften Jahrhundert wohnte in Böhmen, auf einem Schloſſe an der Elbe, in der Gegend des heutigen Schre⸗ kkenſteins, ein alter Ritter mit ſeiner Gemahlin in tiefer Einſamkeit und Zurückgezogenheit. Nur ein Sohn war ihm von allen ſeinen Kindern geblieben, ein Knabe von reizen⸗ der Schönheit, dem die Mutter auf den Rath eines from⸗ men Mönches den Namen Berghold gegeben hatte; denn der gelehrte Pater hatte zu der Stunde, wo das Knäblein, welches man als einen Spätling ſchon für ein beſonderes Gnadengeſchenk des Himmels hielt, geboren wurde, den Stand der Geſtirne ſorgfältig geprüft und noch manche andere Zeichen in Obacht genommen. Daraus erſah er, daß die wunderbaren Bewohner des Waldes und Gebirges einen beſondern Antheil an dem Neugeborenen nehmen und ihn . ſein Leben hindurch ſorgfältig beſchützen würden. In der 3 Nacht aber, bevor das Kind getauft wurde, hatte der Mönch einen deutungsvollen Traum. Es ſchien ihm, als ſehe er die Wiege des Knäbleins von allerlei ſeltſamen, aber wohlwollen⸗ den Geſtalten umgeben, die das Kind liebkoſten und ihm reiche Geſchenke, Edelſteine, Gold und Silber auf das Bett legten. Dabei thaten ſie freundlich mit ihm und nannten es mit allerlei Namen, die aber ſo durcheinander ſchwirrten, daß man keinen verſtehen konnte. Endlich that ſich die 9* 4 — 196— Thür des Gemachs auf, und der Vater des Knäbleins trat ein. Da flüchteten die fremden Geſtalten wie erſchreckt nach allen Seiten, und eilten aus dem Gemach; ein kleines zar⸗ tes Mägdlein aber, das ſeiner Größe nach kaum ſechs Jahre zählen konnte, doch die anmuthigſte Geſtalt einer heranwach⸗ ſenden Jungfrau hatte, öffnete die Thür noch einmal und rief mit ihrem Silberſtimmchen herein:„Nun lebe wohl, lieber Berghold, wir ſehen uns doch bald wieder.“ Hier er⸗ wachte der Mönch und fand ſich in ſeiner Zelle, die ſo eben durch den frühen Morgenſtrahl erleuchtet wurde. Er rieb ſich die Augen ſtaunend ob des Traums; wenn er ſie ſchloß, glaubte er ſtets das kleine liebliche Weſen wieder in der halbgeöffneten Thür ſtehen zu ſehen, und fortwährend hörte er den Namen Berghold vor ſeinem Ohre klingen. Er raffte ſich daher empor und ging ſchleunig zu der Edel⸗ frau hinüber auf das Schloß; dieſer erzählte er den Traum und bewog ſie, dem Neugeborenen den Namen Berghold bei⸗ zulegen. Wunderbarer Weiſe hatte das Kind die ganze Nacht, ſo erzählte die Wärterin, im Schlaf gelächelt und mit den kleinen Händchen geſpielt; in dem Augenblick aber, wo der Mönch geträumt hatte, daß der Vater eintrete, war dieſer wirklich leiſe in's Zimmer gekommen, worauf das Kind er⸗ wachte und bitterlich zu weinen anfing. Es erhielt alſo den Namen Berghold, ſo ungewöhnlich derſelbe auch war; aber es wuchs und gedieh auf's herrlichſte, wiewol es keinen Heiligen zum Schutzpatron hatte. Auch führte es ſeinen Namen mit Recht, denn es war und blieb des Kindes lieb⸗ ſtes Vergnügen, die ſteilen Höhen des Gebirgs, oder den dunkeln Wald, oder die kühlen ſchattigen Thäler und Fels⸗ klüfte aufzuſuchen und ganze Tage daſelbſt zu verweilen. Der Knabe hatte daher auch kaum das zehnte Jahr erreicht, als er in der ganzen Umgegend ſo genau Beſcheid wußte, 3 4 . — — 197— daß ihm jede Felsſpitze, jede Kluft und Höhle, jeder Fuß⸗ pfad durch die Wälder genau bekannt war, und er ſich we⸗ der bei Tag noch bei Nacht verirrte. Seine Ältern hatten ſich ſo daran gewöhnt, daß ſie gar keine Beſorgniß mehr um ihn hegten, ſelbſt wenn er über Nacht ausbliebz denn es war offenbar, daß die unſichtbaren Bewohner des Haines ihn beſchützten und ihm auf alle Weiſe wohlwollten. Zwar erzählte Berghold nie, daß ihm ein Weſen dieſer Art be⸗ gegnet ſei, aber der ſichtlichen Spuren, daß ſie ihn beſtändig umſchwebten und behüteten, waren zu viele. Selbſt in Zei⸗ ten, wo ſich die wilden Wölfe häufig zeigten, ging Berghold furchtlos in den ödeſten Wald, denn die Thiere wichen ſcheu vor ihm zurück und thaten ihm kein Leides; ja einmal, als er müde unter einem Baume eingeſchlafen war, fand man neben ihm den blutigen zerriſſenen Leichnam einer Frau, die Kräuter geſammelt hatte,— aber der Knabe ſchlief ſanft und unverletzt. Als ihn der Vater befragte, ob er nicht den Hulferuf der Unglücklichen gehört habe, verneinte er es, und erzählte, ihm habe geträumt: ein kleines Mädchen mit gol⸗ denem Lockenhaar ſitze zu ſeinem Haupte und wehre ihm die Waldweſpen ab. Oft fand Berghold auch ſeltene Dinge, die nicht leicht ein Anderer in den Bergen antrifft: ſo brachte er nicht ſelten ſchöne Erzſtufen oder Edelſteine, wie ſie in ihrem Felslager wachſen, mit nach Hauſe, die auf betretenen Pfaden vor ſeinen Füßen gelegen hatten, wo ſie längſt ein Anderer gefunden haben müßte, wenn ſie nicht kurz zuvor von unſichtbaren Händen hingelegt worden wären. Auch Blumen fand er, die noch Niemand anders im Walde hatte blühen ſehen, und die ſchönſten Vögel flogen ihm oft faſt in die Hand. So erreichte er ſein funfzehntes Jahr, wo ihn der Vater als Pagen an den Hof des Herzogs von Böhmen brachte. Mit tiefer Trauer ſchied er von ſeinen lieben Wäl⸗ — 198— dern und Bergen, wiewol ſein jugendlicher Sinn mit hefti⸗ ger Begierde hinausſtrebte, um ſich in der Welt zu verſu⸗ chen. Am frühen Morgen nahm er Abſchied von der Mut⸗ ter und beſtieg, vom Vater und einem Knappen begleitet, das Roß, welches ihn ſeiner Beſtimmung entgegentragen ſollte. Als er nun ſo das letzte Mal durch die Thalſchlucht hinritt, ward es ihm tief wehmüthig zu Sinne. Es ſchien ihm, als ſei der Wald nicht mehr ſo grün, die Wieſe nicht mehr ſo friſch, der Bach nicht ſo klar, der Fels nicht ſo prächtig ſtolz und zackig als ſonſt. Die Vöglein ſangen ihm traurig, die Welle murmelte düſter. Um Mittag erreichten die Reiſenden die Grenze des Ge⸗ birgs. Weiter hatte Berghold ſeine Streifzüge niemals fort⸗ geſetzt, denn jenſeit des Baches, über welchen hier ein Steg führte, hatte es ihm niemals behagen wollen. Dagegen wußte er, daß der Bach aus einem Weiher entſprang, der etwas tiefer im Gebirge von Felsgeklüft, alten Weiden und Buchen umſchloſſen, in der abgeſchiedenſten Einſamkeit lag. Dieſer Ort war in heißen Sommertagen ſein Lieblingsauf⸗ enthalt geweſen, und oft hatte er Stunden lang auf dem weichen Raſen des Ufers gelegen und geſchlummert. Dann umſchwebten ihn die ſüßeſten Träume, und wenn er erwachte, fühlte er ſich ſo geſtärkt und erquickt, wie neugeboren. Als er jetzt den Aufenthalt ſeiner Jugend auf ſo lange Zeit ver⸗ laſſen ſollte, empfand er eine unwiderſtehliche Sehnſucht, dieſe ſeine Lieblingsſtelle noch einmal zu beſuchen. Er über⸗ redete daher den Vater, da es überdies die ſchwülſte Mit⸗ tagszeit war, hier einige Stunden zu raſten, während wel⸗ cher er zu Fuß den Spaziergang nach dem Weiher antreten wollte, da es unmöglich war, zu Roß in dieſe unwegſame Gegend zu gelangen. Gern willigte der Vater in ſeine Bitte; ſie ſaßen ab, übergaben dem Knappen die Roſſe, um ſie ab⸗ 199— zuzäumen und zu füttern, und Berghold trat nunmehr allein, denn in den Wäldern war er am liebſten einſam, die Wanderung in's Gebirg an. Nach einer halben Stunde hatte er den ſtillen Platz erreicht; auch hier ſchien ihm die Landſchaft trauriger als jemals; der See, ſonſt ſo tief dun⸗ kelblau, war grau und trübe und wogte unruhig auf und nieder, obgleich der Himmel ſich wolkenlos und heiter über dem Waſſerſpiegel wölbte. Die Baume am Ufer hatten ihre ſonſt ſo friſchen grünen Zweige geſenkt, und das Laub der alten Trauerweiden hing, wie von Schmerz gebeugt, bis in den See hinein. Traurig ſetzte ſich Berghold am Ufer nie⸗ der und blickte in die trübe Fluth hinab; es war ihm, als ſolle er dieſe Gegend nie wiederſehen. In Gedanken verſenkt, ſpielte er mit einigen bunten Kieſeln, welche die Welle rein⸗ lich abgeſpült hatte; mit Erſtaunen entdeckte er plötzlich un⸗ ter denſelben einen klaren, funkelnden Edelſtein von hohem Werth. Im erſten Augenblick erfreute ihn derſelbe, gleich darauf wurde er aber wieder betrübt und ſagte zu ſich ſelbſt: „Was ſollſt du mir? Du wirſt mich nicht glücklich machen! Wenn es wahr iſt, daß wohlthätige Bewohner dieſer Berge und Waſſer mir hold ſind, o ſo naht Euch lieber ſelbſt, um mich zu tröſten, dann will ich Eure Geſchenke gern ent⸗ behren; da nehmt das Kleinod wieder und gebt es Einem, den es glücklicher macht.“ Mit dieſen Worten warf er den koſtbaren Stein in die Fluth zurück. Kaum aber war es geſchehen, ſo fingen die Wogen an mächtig aufzurauſchen, es brauſte in den Wipfeln der Bäume, ein langgehaltener wunderbarer Ton durchdrang die Lüfte, ohne daß Berghold wußte, woher er kam. Mitten aus dem Weiher erhob ſich eine mit ſilbergrauem Schaum gekrönte Welle und rauſchte gegen das Ufer zu; ſie ſchien einigemal gleichſam zu verſin⸗ ken, hob ſich aber, wie ſie näher und näher kam, immer — 200— höher empor. Berghold wurde bang, denn jetzt glich ſie einer Geſtalt, die durch die Waſſer auf⸗ und niedertauchend, auf ihn eindringe; und wirklich wogte ſie dicht an der Stelle des Ufers, wo er ſaß, herauf. Die Welle floß zurück in den Weiher, ihr ſchäumendes Haupt wallte als ein langer ſilberner Schleier nieder, von dem die letzten Tropfen gleich Perlen herabrannen, und allmälig trat aus der Hülle der Woge eine weibliche Geſtalt klar hervor. Zugleich wurde der Weiher licht und blau, wie vordem, die Bäume richteten ihre geſenkten Zweige friſch empor und Alles glänzte und grünte rings im klarſten Sonnenlicht. Berghold fühlte ſich von einem ſüßen Bangen durchdrungen und ſtaunte unver⸗ wandten Blickes die Geſtalt an, welche dicht in ihren Schleier gehüllt noch immer ſchweigend vor ihm ſtand. Erſt als die Waſſer wieder ganz ruhig geworden waren, ſchlug ſie die ſilberne Hülle zurück, und zeigte dem Knaben ihr himmliſch reizendes Antlitz. Lächelnd blickte ſie ihn, und doch zugleich wehmüthig, aus den blauen Augen an, und ſprach mit ſüßtönender Stimme:„Ich weiß, Du kennſt mich nicht, holder Knabe, ich aber kenne Dich wohl und habe Dich oft belauſcht und behütet. Ich ſtand an Deiner Wiege, als Du geboren wurdeſt, und verhieß Dir, daß Du mich wiederſehen ſollteſt. Nun iſt der Tag gekommen! Was willſt Du nun, ſprich, denn Du haſt mich gerufen und gezwun⸗ gen, Dir zu nahen, da Du das Geſchenk, das ich Dir bot, in meinen Schooß zurückwarfſt, und mich ſelbſt dafür begehrteſt. Denn welcher der Sterblichen es über ſich ge⸗ winnt, unſere glänzenden Gaben zu opfern, um ſich uns ſelbſt zu nahen, dem müſſen wir erſcheinen;z und wir thun es gern, denn er liebt uns, und darum lieben wir ihn wie⸗ der und ſuchen lindernden Balſam in ſeine Bruſt zu gießen, wenn die rauhe Hand des Lebens ihn verwundet hat. — 201— Berghold konnte ſich von ſeinem Erſtaunen noch nicht erholen; während ſie ſprach, war er in den Anblick der Holdſeligen ſo tief verſunken, daß er kaum ihre Worte ver⸗ nahm. Sie ſtand vor ihm, von einem Schleier leicht um⸗ floſſen, unter dem ein blaues Gewand hervorſchimmerte, das ſich ſanft um den ſchlanken Leib ſchmiegte und von einem blizenden Gürtel zuſammengehalten wurde. Reiches blondes Haar wallte ihr über den Nacken herab und leuchtete durch die Schleierhülle hindurch; gleich Perlen fielen noch einzelne Tropfen aus den Locken, welche ihre Wange umſchmeichelten, herab; das Auge glich einem blauen Kryſtall, und die Lippe einer halb durchſichtigen purpurnen Frucht. Lilienweiß, ſanft gebogen, war der ſchöne Hals, und um die zarten nackten Füße ſpielte die Welle und benetzte die feinen Knöchel. „Du ſchöne Nymphe,“ begann endlich Berghold,„was kann ich von Dir begehren, das Du nicht ſchon errathen hätteſt? Denn gewiß umſchwebteſt Du mich in meinen Träumen und belauſchteſt die Schläge meines Herzens. Trauer erfüllt mich, tiefe Trauer, daß ich von dieſen ſchö⸗ nen Wäldern und Bergen ſcheiden, die vertrauten Gefährten meiner einſamen Jugend verlaſſen und mich unter fremde, liebloſe Menſchen begeben ſoll.“„Sei nicht bange,“ erwi⸗ derte die Nymphe mit wohllautender Stimme,„wir werden uns wiederſehen. Auch wir waren traurig, Dich zu verlie⸗ ren, denn an dieſer Stunde hing es, ob unſere freundliche Verbindung mit Dir fortdauern könnte. Hätteſt Du mich nicht gerufen, indem Du mein koſtbares Geſchenk opferteſt, ſo hätten wir uns niemals wiedergeſehen. Jetzt aber iſt, wenn Dein Herz rein bleibt, unſer Schickſal noch auf lange Zeit verbunden, wenngleich wir uns nun auf viele viele Monden trennen müſſen; denn Du mußt hinwegziehen und wir dürfen nicht folgen. Das aber wußten wir ſchon lange 9**† 1 — 202— zuvor. Es ſind die Jahre Deiner erſten Prüfungszeit; be⸗ ſtehe ſie wohl, und wir werden uns glücklich wiederfinden. Hier nimm dieſen Ring und trage ihn zu meinem Anden⸗ ken. Weiche nicht ab vom Pfade der Tugend, dann kannſt Du mich, wenn fünf Jahre verfloſſen ſind, wieder⸗ finden, früher aber nicht. Biſt Du dann reines Herzens, ſo komme wieder an dieſe Stelle und wirf Deinen Ring in die Fluth. Alsdann werde ich abermals erſcheinen, und Dein Schickſal weiter verkünden.“ Mit dieſen Worten ſteckte ſie einen Demantring an den Finger des Knaben, hauchte einen zarten Kuß auf ſeine offene Stirn, hüllte ſich dann in ihren Schleier und ſank als zerfließende Silberwelle in die Fluth zurück. Die blauen Wogen wallten und hoben ſich ſanft, aber verdunkelten ſich nicht, und die Ufer und Bäume umher behielten ihr friſches ſonnenwarmes Grün. Berghold kehrte, wiewol mit einer wehmüthigen Sehn⸗ ſucht nach der ſchönen Geſtalt im Herzen, doch von heiteren Hoffnungen belebt, zu ſeinem Vater zurück. Dieſem ver⸗ ſchwieg er, was ihm begegnet war, denn er ahnete dunkel im Gemüth, daß ſtrenges Geheimniß eine ſtillſchweigende Bedingung ſeines Bundes mit dem holden wunderbaren Weſen ſei. Sie erreichten am folgenden Tage die Stadt Prag, wo Berghold am Hofe des Herzogs wohl aufgenommen wurde. Hier verlebte er unter ritterlichen Spielen und übungen die Jünglingsjahre, und blühte mit jedem Tage zu einem ſchö⸗ nern, kräftigern Ritter heran. Alle Schönen des Hofes wandten ihr Auge in verſtohlener Liebe zu dem reizenden Jünglinge; doch weder die edlere Schönheit Derjenigen, die ihr Herz in ſittſamer Verſchwiegenheit bändigten, noch die verlockenden Künſte Derer, welche ihrer Glut nicht zu gebie⸗ ten vermochten, gewannen Berghold's Liebe. Er wandte — 203— ſeinen Sinn nur den ritterlichen übungen und gefahrvollen Spielen des Kampfes zu; in der einſamen Stille der Nächte aber träumte er von ſeiner wunderbaren Beſchützerin, vor deren Schönheit ihm jede andere verſchwand. So waren uͤber vier Jahre verſtrichen, und die Zeit der Prüfung nahte ihrem Ende; je näher das Ziel ſeiner Hoffnungen und Wünſche war, je leichter wurde es ihm, jeder Verlockung und Verführung, den Pfad der ſtrengen Tugend zu ver⸗ laſſen, feſten Widerſtand entgegenzuſetzen. Da traf eines Tages ein Bote von ſeinem Vater ein, der ihn auf's ſchleu⸗ nigſte zurückberief, weil er auf dem Todbette liege. Dieſer Schlag traf den Jüngling, welcher dem Greiſe in innigſter kindlicher Liebe zugethan war, mit gewaltiger Erſchütterung. Sogleich eilte er zum Herzoge und erbat ſich Urlaub; er wurde ihm gewährt. Haſtig ſchwang er ſich nun auf das Noß und ſprengte den heimatlichen Fluren zu. Doch es war unmöglich, ſie in einem Tage zu erreichen. Spät am Abend mußte Berghold anhalten, um ſeinem ermüdeten Roß einige Stunden Ruhe zu gönnen. Ein Landmann nahm ihn gaſtlich auf. In der Nacht, wo er auf einer Streu in dem kleinen engen Stübchen ruhte, überkam ihn die heftigſte Angſt, er werde ſeinen Vater nicht mehr am Leben antreffen. Der Mond blickte durch das Fenſter und beleuchtete ein Crucifir, das der fromme Landmann in ſeiner Behauſung aufgeſtellt hatte. Mit inbrünſtigem Gebet warf ſich Berg⸗ hold vor dem heiligen Zeichen nieder, flehte um den Beiſtand des Erlöſers und that das Gelübde, einen Zug nach Pa⸗ läſtina zu unternehmen, wenn er ſeinen Vater noch am Le⸗ ben anträfe. Mit dem Früheſten ſetzte er ſich wieder zu Pferde und eilte der Heimat zu. Noch wallte keine Trauer⸗ fahne von der Burg herab; freudiger Hoffnung ſprengte er daher über die Zugbrücke. Hier kamen ihm die Leute des — 204— Hauſes mit frohen Mienen entgegen, empfingen ihn jubelnd und berichteten ihm, daß der Greis nicht nur am Leben, ſondern in der beſten Geneſung ſei. Um Mitternacht habe es an der Pforte geſchellt, und als man aufgethan, ſei eine fremde Frau, in dunkle graue Schleier gehüllt, eingetreten und habe begehrt, zu dem Kranken geführt zu werden, weil ſie ihm ein ſtärkendes Labſal bringen wolle. Man führte ſie hinauf, ſie nahte ſich ſchweigend dem Lager, miſchte in einer ſilbernen Schale einen wunderbar duftenden Trank und reichte ihn dem Sterbenden, der mit bleichen Lippen und halbgeſchloſſenen Augen zurückgeſunken auf dem Ruhebette lag. Kaum aber benetzte die köſtliche Arznei ſeine Lippen, als die Lebenskräfte ſich wieder regten, und nachdem er die Schale geleert, durchdrang ihn neue Wärme, neue Kraft, ſodaß er ſich ſofort wohler und wohler fühlte. Die Fremde entzog ſich ſeinem Dank, und verſchwand, ohne daß Jemand bemerkte, wie ſie die Burg verließ. Voller Freude, doch ernſtlich nachdenkend, hörte Berghold dieſe Erzählung. Ge⸗ rade um Mitternacht hatte er ſein Gelübde gethan; gerade um dieſe Zeit war ſeinem Vater Rettung geworden. Eine dunkle Ahnung ſagte ihm, daß ſeine Beſchützerin hier für ihn thätig geweſen ſei und der Herr ſein Gebet durch ſie erhört habe. Mit frommem Dank, mit ſtiller Freude im Herzen, ſchritt er nun die Stiegen hinan zum Vater hin⸗ auf, der ihn mit Thränen der Freude empfing. In wenigen Tagen genas der Greis vollkommen; nun vertraute ihm Berghold, welches Gelübde er gethan. Der Greis legte ſeg⸗ nend die Hände auf des Sohnes Haupt und ſprach:„Du mußt es erfüllen; Gottes Hand wird Dich beſchirmen! Im nächſten Frühjahre haſt Du die Zeit Deiner ritterlichen Lehr⸗ jahre vollendet. Dann ziehe aus und ſchließe Dich dem Kreuz⸗ zuge, welchen der Kaiſer unternehmen will, an. Dort wirſt — 205— Du Ruhm und Glanz erwerben; auch ohne ein Gelübde zu erfüllen, iſt ſolch ein Zug des chriſtlichen Ritters würdig.“ Berghold verweilte noch einige Tage bei ſeinem geneſenen Vater, und kehrte dann an den herzoglichen Hof zurück. Als er an die Grenze des Gebirgs kam, faßte ihn eine un⸗ nennbare Sehnſucht, nach dem Weiher hinüber zu gehen und ſeine wunderbare Freundin aufzuſuchen. Nur der Ge⸗ danke hielt ihn ab, daß die fünf Jahre noch nicht verfloſſen waren, er ſie alſo noch nicht aus den Fluthen heraufrufen dürfe. Doch zwang es ihn unwiderſtehlich, wenigſtens den Ort zu beſuchen, wo ſie ihm erſchienen war, und ihr ſeinen gerührten Dank für die Hülfe zu ſagen, die gewiß ſie und keine Andere ſeinem Vater geleiſtet hatte. Er band ſein Roß im Gebüſch an und wanderte über die Felſen der wohlbe⸗ kannten Stätte zu. Niemals erſchien ſie ihm reizender, als heut. Der See lag blau und ſpiegelklar zwiſchen den grü⸗ nen Ufern, die Bäume prangten in reicher Blätterpracht, ein wohltönendes Säuſeln und Flüſtern zog durch die Wipfel, helle Stimmen der Vögel klangen darein, und die Wellen ſpielten mit ſanftem Nauſchen gegen den Strand. Berghold ſetzte ſich unter dem wohlbekannten Baume nieder; ſein gan⸗ zes Herz glühte in Sehnſucht nach der Schönen, allein er wagte nicht, ſie zu rufen. Doch klimmte er eine Felshöhe hinan, deren letzte Klippe weit in den See hineinragte und ſchon von ſeiner tiefern Fluth umſpült wurde. Hier beugte er ſich über die Wellen hinaus und rief in ihre blaue end⸗ loſe Tiefe, aus der ihm ſein eigenes Bild entgegenwinkte, hinab:„Holde Beſchützerin, vernimm meinen heißen Dank für Deine Wohlthat.“ Da rauſchte es im See, ſein Bild verwiſchte ſich, und aus der blauen Tiefe herauf lächelte ihm plötzlich das Angeſicht ſeiner ſchönen Freundin. Schnell aber bedeckte es ſich wieder mit dem ſilbernen Schleier und Berg⸗ — 206— hold ſah nichts mehr als eine mit weißem Schaum gekrönte Woge, die rauſchend an den Fuß des Felſens ſchlug. Doch in innerſter Seele beglückt, denn er zweifelte nicht, daß er wirklich das Antlitz ſeiner Beſchützerin geſehen habe, verließ er jetzt das Geſtade, ſuchte ſein Roß wieder auf und ritt heim zu ſeinem Gebieter. Das letzte Jahr ſeiner Prüfung verſchwand; der Herzog ſchlug ihn ſelbſt zum Ritter und entließ ihn zu ſeinem alten Vater, von wo er nach einem Aufenthalt von einigen Wochen, wozu ihm noch Friſt blieb, zu dem Heerbann, der nach Paläſtina beſtimmt war, ab⸗ gehen ſollte. Fröhlich zog Berghold heimwärts. Als er das Gebirg erreichte, zog ihn das Herz mächtig nach der kühlen kryſtallenen Wohnſtätte ſeiner Beſchützerin hin; doch mußten noch drei Tage verſtreichen, bevor die Friſt abgelaufen war, und er hatte ſich's feſt vorgenommen, ſich genau an das Gebot ſeiner Freundin zu halten. Er ritt daher dem Schloß ſeines Vaters zu; doch welch' ein Schrecken befiel ihn, als er von einer Anhöhe die Thürme der Burg hinter den Wald⸗ bergen hervorragen ſah, und auf den Zinnen derſelben ſchwarze Fahnen wehten. Voll kindlicher Angſt ſpornte er ſein Roß und eilte mit verhängtem Zügel der Heimat zu. Als er die Burg erreicht hatte, ſtanden die Thore weit geöffnet, die Zugbrücke war niedergelaſſen, und Landleute in Trauerklei⸗ dern kamen langſam aus dem Schloſſe und zogen in's Thal hinunter. „Um Gottes willen, was iſt hier geſchehen?“ rief Berg⸗ hold einen der ihm Begegnenden an. „Der Herr und die Frau des Schloſſes, die Wohlthäter der ganzen Gegend,“ erwiderte der Landmann traurig,„ſind geſtern um Mitternacht Beide zugleich ſanft verſchieden. Der Tod traf ſie plötzlich, aber nicht ſchrecklich; ſie hielten ein⸗ ander in den Armen und ſegneten ihren entfernten Sohn. — y)——— — —— — 207— Droben auf der Burg ſind die Leichen ausgeſtellt, und die ganze Umgegend wallfahrtet dahin, um ſie noch einmal zu ſehen.“. Erſtarrt ſaß Berghold auf ſeinem Roß; kaum vermochte er in das Thor zu reiten. Er ſchwang ſich mühſam vom Sattel und ging mit wankenden Schritten die Stiegen hinan. In der Kapelle, deren beide Flügelthüren weit ge⸗ öͤffnet waren, ſtanden die Särge offen, von vielen Kerzen umgeben, und rings umher kniete das Volk. Erblaßt, be⸗ bend ſchritt Berghold hinein und rief laut aus:„O meine theuren AÄltern!“ Und mit dieſen Worten ſank er zwiſchen beiden Särgen auf die Kniee und küßte die Hände der Mut⸗ ter und des Vaters; rings umher aber herrſchte tiefe, ge⸗ rührte Stille. Berghold betrauerte ſeine Altern aus aufrichtigem Her⸗ zen; dennoch blieb die Sehnſucht nach jenem wunderbaren Weſen mächtig in ſeiner Seele. Am dritten Tage wanderte er daher ſchon mit dem früheſten Morgenſtrahl nach dem ſtillen Platze, wo er ſie wiederſehen ſollte. Er zog den treu⸗ bewahrten Ring vom Finger und warf ihn in die Fluth. Augenblicks begann ſie zu rauſchen und zu wogen, die Wipfel der Bäume ſchwankten im heftigen Winde, ein weh⸗ müthiger Ton ließ ſich vernehmen, in der Mitte des Sees hob ſich die Woge hoch empor, ſchlug auseinander, und aus ihrem getheilten Schooße tauchte die Geſtalt des holden We⸗ ſens herauf. Sowie ihr Antlitz das Tageslicht grüßte, lä⸗ chelten Fluth und Himmel wieder heiter, und nur noch ein leiſes Flüſtern bewegte die Blätter in den Bäumen umher. Sich wiegend auf den ſanft gehobenen Wellen ſchwebte ſie gegen das Ufer heran und grüßte ſchon von weitem mit freundlichem Winken. Jetzt berührte ihr Fuß den blinkenden Kies, und mit ſchwebendem Schritt bewegte ſie ſich über den 1 Raſen heran zu Berghold, der verwirrt und beklommen vor ihr ſtand. Als ſie ihn mit dem holden Wort:„Willkommen, lieber Freund,“ anredete, ſank er überwältigt zu ihren Füßen nieder. Sie aber reichte ihm liebevoll die Hand und ſetzte ſich vertraulich neben ihn auf den Raſen.„Du haſt Dich treu bewährt,“ ſprach ſie wohlwollend,„Dir wird der ſchönſte Lohn werden.“ Berghold empfand ihn ſchon jetzt, denn das holdſeligſte Weſen ſaß ihm vertraulich wie eine Schweſter zur Seite. Auch er wurde kühner und wagte es, die Hand, welche unbefangen in der ſeinigen ruhte, ſanft zu drücken und zu küſſen. Die Schöne lächelte ihn an, gleich dem Spiegel des klaren Sees.„O, wie nenne ich Dich, ſüßes Weſen,“ ſprach Berghold,„welch' einen Namen gebe ich Dir, wenn mein Herz voller Sehnſucht Dich ruft?“ „Meinen Namen willſt Du wiſſen?“ ſprach ſie lächelnd. „Er klingt in einer Sprache, die Du doch nicht verſtehſt; wir rufen uns nicht, wie Ihr Sterbliche, uns iſt ein Ge⸗ danke, ein Ton genug. Du aber magſt mich Ella heißen.“ So ſaßen ſie in tändelndem Geſpräch bei einander, und die Stunden entflohen ihnen pfeilgeſchwind. Endlich röthete der Abend den Himmel; Ella erhob ſich von ihrem Raſenſitze und ſagte:„Nun müſſen wir uns trennen. Doch morgen brauchſt Du mich nicht mehr zu rufen wie heut, morgen bedarf es keines Talismanes, um mich aus dem unterirdi⸗ ſchen Reich meiner Wogen heraufzurufen an das Licht der Erde, morgen bin ich bei Dir, ehe Dein Gedanke mich ſucht.“ Mit dieſen Worten reichte ſie ſcheidend dem Freunde die Hand, er aber mit dem Feuer und der Kühnheit des Jünglings zog ſie an ſeine Bruſt und drückte der leiſe, ſchamhaft Widerſtrebenden heiße Küſſe auf den lieblichen Mund. Sie ſank wie in Seligkeit erſterbend in die Kniee und barg zitternd das Antlitz an ſeiner Bruſt.„Was haſt —— —-—— . — 209— Du gethan?“ rief ſie mit ſüßem Wohllaut aber doch bang ſchmerzlich aus.„Du haſt die Tochter der Wellen umarmt! Nun biſt Du mein auf ewig, und Wehe trifft Dich, wenn Du mir die Treue brichſt!“ „Nie, niemals kann ich von Dir laſſen, und ich bin der Seligſte der Erdgeborenen, wenn Du in meinen Armen ruhſt.“ Ella weinte; lange konnte ſie nicht ſprechen. Endlich be⸗ gann ſie matt:„Morgen, Lieber, morgen ſage ich Dir Alles!“ Und wie die Worte verklangen, ſo wand ſie ſich ſanft aus den Armen des Geliebten und ſenkte ſich in die ſchmeichelnden Wellen hinab. Berghold kehrte nicht nach ſeiner Burg zurück, ſondern ruhte die laue Nacht hindurch im Walde. Als er vom Son⸗ nenſtrahl geweckt die Augen aufſchlug, ſaß Ella neben ihm und begrüßte ihn mit einem wehmüthig heitern Lächeln: „Ich bin nun bei Dir, noch ehe Dein Gedanke mich ſuchte,“ ſprach ſie,„wie ich es Dir geſtern verhieß. So lange Du den Bann dieſes Gebirgs nicht verläſſeſt, nahe ich Dir überall. Aber bald iſt die Zeit da, wo Du Dich von mir trennen mußt. Ich kenne das Gelübde, das Du gethan, brächeſt Du es, ſo wären wir ewig geſchieden. Dies iſt der Spruch des Geſchicks, den nichts zu ändern vermag. Doch in der Ferne, im Lande der Ungläubigen, harren Deiner ſchwere Prüfungen; wehe Dir, wenn Du ihnen nicht wider⸗ ſtehen kannſt!“ Berghold betheuerte, daß nichts ihn in ſei⸗ ner Treue wankend machen ſolle, und ſuchte Ella's ſchwer⸗ müthige Beſorgniſſe durch die zärtlichſten Liebkoſungen zu verſcheuchen. So genoſſen die Liebenden wenigſtens des Glückes der Gegenwart, und dieſer Tag, ſowie die folgen⸗ den alle, enteilten ihnen auf raſchen Schwingen. Drei Wo⸗ chen waren verſtrichen; der Augenblick, wo Berghold aus⸗ — 210— ziehen mußte, nahte heran. Den ganzen Tag zuvor war Ella ſo wehmüthig geſtimmt, daß der Glanz der Thränen nicht aus ihren ſchönen Augen wich. Abends endlich, als die Stunde des Abſchiedes gekommen war, denn mit der Sonne mußte ſie in die Fluth tauchen und durfte ſie nur mit ihr verlaſſen, ſprach ſie zu ihm:„Mein Freund! Nun werden wir bald, vielleicht auf lange Jahre ſcheiden. O Ge— liebter, ich werde indeſſen bitterer leiden und dulden, als Du, in meiner tiefen unterirdiſchen Einſamkeit! Denn wiſſe, ich vermag Dich überall zu begleiten, weiß jeden Augenblick, was Du thuſt; die Gefahr, welche Dich bedroht, ſetzt auch mich in Schrecken, denn ich ſehe, wenn der Säbel des Sa⸗ racenen über Deinem Haupt geſchwungen iſt— aber nicht um einen einzigen Augenblick weiß ich die Zukunft vorher, und die Gedanken Deiner Bruſt kann ich ſo weit nicht leſen. Darum werde ich einer ſteten Folter der Angſt übergeben ſein; doch will ich ſie gern ertragen, wenn Du nur getreu bleibſt und der verführeriſchen Lockung feindſeliger Mächte widerſtehſt. Drei Geſchenke will ich Dir mitgeben, welche auch in der Entfernung ein nahes Band zwiſchen uns an⸗ zuknüpfen vermögen. Sieh dieſen Schleier; windeſt Du ihn um Dein Haupt, wenn Du ſchlummerſt, ſo wirſt Du von mir träumen. Dieſer goldene Becher zeigt Dir mein Bild⸗ niß, ſo oft Du ihn mit der Fluth des klaren Quelles füllſt; es wird dann in zarten Farben auf der Oberfläche des Waſ⸗ ſers ſchweben. Dieſer Ring endlich beſitzt die Kraft, mich ſelbſt herbeizurufen; aber er beſitzt ſie nur einmal, darum gebrauche ihn nur in der höchſten Nothwendigkeit. Und wiſſe: alle dieſe Gaben behalten ihre Kraft nur, ſo lange Du mir getreu biſt. Haſt Du Deinen Schwur gebrochen, unſern Bund zerriſſen,— dann, ſüßer Freund, erſcheine ich Dir weder im Traum, twih zittert Dir mein Bildniß auf der —— — 211— Silberfläche des Waſſers entgegen, noch vermagſt Du voll⸗ ends mich ſelbſt hervorzurufen aus dem unterirdiſchen Ge⸗ biet, in dem ich wohne! Das bedenke wohl, und hüte Dein Herz!“„Niemals kann ich Dich vergeſſen, Dir treulos werden, rief Berghold heftig aus und drückte die Geliebte an ſeine Bruſt.„Wer gliche Dir an Reiz, an Güte, an Liebe? O fürchte nichts; wenn Du keine anderen Beſorg⸗ niſſe haſt, ſo werden wir uns wiederſehen und unendlich glücklich ſein.“ Ella ſchmiegte ſich ſanft an ihn, als wolle ſie durch hingebende Zärtlichkeit ſeine Liebe für ſie, und ſo die Feſtig⸗ keit ſeiner Entſchlüſſe erhöhen. Die Sonne berührte ſchon den Horizont; die Liehenden mußten ſich endlich trennen. Es geſchah unter ſüßſchmerzlichen Thränen. Sanft entzog ſich Ella den Armen des Geliebten und ſenkte ſich in die Fluth, die ſchon roſig im Widerſchein der Abendröthe glänzte. Schnell war ſie verſchwunden; kaum ein leichtes Wallen des Gewäſſers verrieth die Stelle, wo das ſchöne Weſen in ihr kryſtallenes Reich hinabgetaucht war. Gedankenvoll, mit trauernder Bruſt kehrte Berghold heim. Am nächſten Mor⸗ gen weckte ihn ſchon der Klang des fröhlichen Horns, das die Getreuen zu dem Zuge zuſammenrief. Erfriſcht durch die kühlen Lüfte, ritten ſie im Glanz der Morgenſonne da⸗ hin, um ſich in Prag mit anderen Rittern zu vereinen und dann zu dem Heere des Kaiſers zu ſtoßen. 4 Von den Abenteuern, die Berghold auf ſeinem Zuge erlebte, meldet die Sage mancherlei. Er kämpfte tapfer mit den Saracenen, mit Unholden und Rieſen, und ging aus jedem Kampfe als Sieger hervor. Die Trennung von der Geliebten wurde ihm durch ihre Geſchenke erleichtert, denn jede Nacht träumte er von ihr, glaubte in der Heimat zu ſein und die ſüßeſten Stunden mit ihr zu verleben. Wo — 212— nur ein Quell aus dem Felſen ſprang, oder er an einem klaren Bach vorüberritt, da ſäumte er nicht, ſofort ſeinen Becher zu füllen. Dann betrachtete er mit ſeligem Entzücken, wie das leichte wallende Silber des Waſſers ſich mit ſchim⸗ mernden Farben bezog, und je ruhiger es wurde, um ſo klarer das Bild der Geliebten auf ſeiner Oberfläche erſchei⸗ nen ließ. Es webte ſich gleichſam wie aus farbigen Strah⸗ len auf dem tiefen Goldgrunde, den das Metall des Ge⸗ fäßes durch die klare Fluth ſchimmern ließ, und behielt dann durch das unmerklich leiſe Zittern und Wallen derſelben, einen wahrhaften Lebensreiz, ſodaß Berghold oft glaubte, das holde Antlitz lächle ihm entgegen und winke ihm mit den blauen Augen. Dann betrachtete er wol ſeinen Ring, und es zog ihn mächtig, durch dieſen Talisman die Holde ſelbſt herbeizurufen; wenn er aber bedachte, daß er' ſie dann nie wieder zu ſich her zu bannen vermöchte, wenn er ſich ihrer Warnung erinnerte, dann zog er bebend die Hand von dem Kleinod zurück, als fürchte er, daß es ſchon bei einer zufälligen Berührung ſeine Wunderkraft äußern werde. So verſtrich ein Jahr! Sein Gelübde war gelöſt, er durfte heimkehren. Vom Glück begünſtigt, traf er, an die Küſte des Meeres gelangt, ſogleich ein Schiff, das ihn nach Trieſt führte. Beglückt ſprang er an's Land! Jetzt ſchieden ihn nur noch wenige Wochen von der Geliebten. Bevor der Mond ſeinen Kreislauf vollendet hatte, konnte er in ihren Armen ruhen. Von einem einzigen Knappen begleitet, ritt er der Heimat zu. Eines Tages, da er ſich ſchon in den hohen Gebirgen befand, die Italien von der deutſchen Erde trennen, ritt er bis ſpät in die Nacht, ohne eine Herberge oder ein Schloß zu finden, das ihm gaſtliche Aufnahme gewährt hätte. Plötzlich vernahm er ein helles Ziſchen, und gleich darauf ſtieß ſein treuer Knappe hinter ihm den Ruf — 1 — 213— aus:„Jeſus Maria! Ich bin verloren!“ Von einem Pfeil, der aus dem Gebüſch über den Weg ſchwirrte, durchbohrt, ſank er vom Roß herab. Noch hatte Berghold ſein Schwert nicht aus der Scheide gezogen, als auch er ſich von einem Pfeil in der Schulter getroffen fühlte, der ihm den rechten Arm lähmte. Zu gleicher Zeit ſprangen von allen Seiten Räuber aus dem Dickicht hervor, und er ſah ſich vom Pferde geriſſen und gebunden, faſt noch ehe er an einen Kampf gedacht hatte. Blutend, an vielen Stellen des Kör⸗ pers verwundet, denn er hatte ſich wüthend gegen die Rotte gewehrt, wurde er abſeits in's Gebüſch geſchleppt, wo ihn die Frevler ausplünderten und dann gebunden, auf dem Boden liegend, ſeinem Schickſal überließen. Elend und ver⸗ ſchmachtend, ſah er keinen Ausweg aus ſeinem Jammer. Jetzt gedachte er des Ringes, um die Geliebte herbeizurufen; er griff darnach, aber, wehe ihm, die Räuber hatten ihm auch dieſes Kleinod genommen. Da fing er an laut zu jammern und zu klagen und ſein Geſchick zu verwünſchen. Nur einen ſchnellen Tod erflehte er noch von der Gnade Gottes, denn jede Rettung ſchien ihm unmöglich. Nach ei⸗ ner Stunde, die er in dieſer angſtvollen Qual zugebracht, ſah er einen Lichtſchimmer durch die Bäume glänzen, und bald gewahrte er deutlich, daß mehrere Reiter, denen Fackeln vorausgetragen wurden, ſich näherten. Jetzt ſchöpfte er wie⸗ der Hoffnung. So laut ſeine ermattete Bruſt es vermochte, rief er, als die Wandernden näher kamen, um Hülfe. Sie lenkten ihre Roſſe auf ihn zu, doch das Dickicht hinderte ſie, bis zu dem Ort, wo der Unglückliche lag, heranzudrin⸗ gen. Sie ſtiegen daher ab und nahten ſich von einer an⸗ dern Seite, ſodaß Berghold, der, gebunden, ſich nicht zu regen vermochte, mit dem Geſicht abwärts liegend, ſie nicht gewahr werden konnte, bis ſie vor ihn traten. Plötzlich ſtand — 214— eine edle weibliche Geſtalt, in Reiſetracht, den Hut mit Federn geziert, vom Schein der Fackeln, welche zwei Diener trugen, beleuchtet, vor ihm:„Wer liegt hier blutend am Boden?“ fragte ſie mit einer Stimme, die dem ſanften Ton der Abendglocke glich.„Edle Frau! Ein Unslüchlicher, den Räuber überfielen,“ erwiderte Berghold.— Die Fremde ſchlug den Schleier zurück und enthüllte* das reizendſte Antlitz, was Berghold jemals geſehen hatte. Ein großes dunkles Auge blickte ihn unſchuldig und ſanft wie das der Gazelle aus den Klüften des Libanon an; die weiße hohe Stirn von ſchwarzen Locken umwallt, zeigte An⸗ muth und Adel zugleich, die Wangen rundeten ſich lieblich, und um die Lippen ſchwebte ein rührender Zug des Mit⸗ leids. Der Schimmer der Fackeln, die das ſchöne Antlitz beſtrahlten, warf einen leichten Anflug der Gluth, der faſt der Liebesſchamröthe glich, darüber hin und erhöhte das milde Feuer ihres Auges. Halb geneſen fühlte ſich Berghold ſchon durch dieſen Anblick und durch die ſanfte Berührung der zarten Hände, die die Fremde vorſichtig an ſeine Stirn legte, um ihm die herabgeſunkenen Locken aus dem Geſicht zu ſtreichen.„Dir ſoll Hülfe werden, edler Fremdling,“ ſprach ſie mit gerührtem Ton,„wofern Dir noch menſchliche Hülfe frommt. Sogleich ſoll man Dich auf mein nahege⸗ legenes Schloß bringen.“ Hierauf befahl ſie den Dienern, Waſſer aus dem Quell zu ſchöpfen, um die Wunden Berg⸗ holds zu waſchen, und beraubte ſich ihres Schleiers, um ſie zu verbinden. Da ſie noch mehrere Begleiter hatte, wurde ſchnell eine Bahre von Zweigen angefertigt, auf die man Berghold legte, und ihn ſo ſanft nach dem kaum eine Viertelſtunde entfernten Schloß trug, wo die ſchöne Unbe⸗ kannte wohnte. Mit düſterer Sorge erkundigte ſich Berg⸗ hold nach ſeinem Knappen; doch dieſer war bereits an ſei⸗ — — 215— ner Wunde verſchieden, und nur den Leichnam konnte man mitnehmen. Auf dem Schloſſe angelangt, wurde er auf Geheiß der 5 Beſitzerin in deren eigenes Wohngemach gebracht, wo man ihn auf ein ſanft ſchwellendes, duftendes Lager, von den ſchönſten morgenländiſchen Teppichen bereitet, legte. Sie ſelbſt widmete ihm die aufmerkſamſte Pflege. Von dem Ver⸗ luſt des Blutes und dem Schmerz der Wunden erſchöpft, auch durch die lindernden Heilmittel in ſanftes Behagen ge⸗ wiegt, entſchlummerte Berghold auf kurze Zeit. Im Traum ſtand die huldreiche Retterin ſeines Lebens beſtändig vor ſei⸗ ner Seele; bald ſah er ſie, wie ſie zuerſt vor ihn getreten war und ihn ſo lieblich anblickte, bald fühlte er den duf⸗ tenden lieblichen Hauch ihres Athems, bald die ſanfte Be⸗ rührung ihrer Hände, während ſie ihn verband; immer aber ſtand ſie in unbeſchreiblicher Anmuth, in feſſelndem Reiz vor ſeiner heftig aufgeregten Phantaſie. Nach einem er⸗ quickenden Schlaf erwachte er, als es ſchon hoch am Tage war. Er ſchlug die Augen auf, und ſah erſtaunt umher, ob er nicht eben jetzt noch träume. War Alles, was ihn umgab, dieſes orientaliſch üppige Lager, dieſe ſeidenen Vor⸗ hänge, die ſich halb verhüllend über ihn breiteten, dieſes, einer lieblichen Grotte ähnliche, von gewürzigen Düften durchwehte Gemach, ein luftiges Spiel ſeiner Einbildungs⸗ kraft? Oder hatte die Wirklichkeit ſich ſo reizend geſtaltet? Jener kühle ſchattige Garten, in den er durch die offenen Flügelthuren hinausblickte, grünte und blühte er wirklich? War die von weißen Gewändern umflatterte Geſtalt, welche eben durch den dunkeln Laubgang heraufſchwebte, nicht die ſeines Traumes? Bewegte ſie ſich wirklich? Trat ſie über die Schwelle, ſtand ſie vor ſeinem Lager, lächelte ſie ihn — 216— 4 4 an? Ja, er durfte nicht zweifeln, er lebte, und die holde⸗ ſten Zauber des Lebens und der Liebe umſpannen ihn. Plötzlich ſchreckte er heftig zuſammen, denn er erinnerte ſich, daß die drei holden Gaben Ella's ihm geraubt waren. Seine Pflegerin aber bemerkte kaum die Wolke des Grams, welche über ſeine Stirn zog, als ſie mit theilnehmender Be⸗ ſorgniß nach der Urſache ſeines Kummers fragte, und ihn auf das lieblichſte tröſtete, nachdem er ſie ihr entdeckt hatte. So kam ſie, in Allem, jedem ſeiner Wünſche und Gedanken zuvor, und errieth ſie, faſt ehe ſie ihm ſelbſt ganz klar ge⸗ worden waren. Die Wunden des Kranken waren ſchwer. Sie wollten trotz der Pflege nicht ſchnell heilen, ſondern feſſelten ihn Wochen lang an das Lager und ließen ihn, nachdem er dieſes verlaſſen durfte, ſo entkräftet, daß wol noch ein voller Monat vergehen durfte, bevor er ſeine Reiſe fortſetzen konnte. Indeſſen zogen die ſanften Banden der Dankbarkeit ihn immer näher zu dem liebevollen Weſen hin, das ihn ge⸗ rettet hatte, dem er das Leben und dadurch alles Gute, was ihm noch bevorſtand, verdankte. Mit Trauer bemerkte Berg⸗ hold, daß ſie oft ſtill und wehmüthig war, daß ſie weinte; vergeblich drang er in ſie, ihm die Urſache ihrer Leiden zu entdecken— ſie ſchwieg. Dann glich ſie in ihrer ſtummen ſtillen Trauer, die ſich unter ſo ſchöner Hülle barg, einem mit Roſen geſchmückten Grabe. Berghold gewahrte bald, daß ihre Traurigkeit zunahm, wenn er von ſeiner Abreiſe und zumal von der Geliebten ſprach, die er in Deutſchland zurückgelaſſen habe. Daher vermied er es aus zärtlicher Sorgfalt für ſeine Retterin, ihr Herz ſo zu verwunden. Der Unglückſelige ahnete nicht, wie er ſelbſt die Gefühle ſeines Herzens allmälig einſchlummerte. Der Becher, in dem er täglich Ella's ſüßes Bild ſehen konnte, war ihm geraubt; — 217— der Schleier, der ſie ihm im Traum zuführte, bedeckte ſein Haupt nicht mehr, wenn er ſchlummerte; der Ring, mit dem er ſie herbeirufen konnte in der Stunde der höchſten Gefahr, war verſchwunden! Verblendeter! Nicht damals, als Du hülflos blutend am Boden lagſt, ſtandeſt u am Rande des Abgrundes! Jetzt, jetzt, wo ſich ſeine furchtbare Tiefe mit einer üppigen Blü⸗ thenhülle verdeckt, wo Dein wahnſinniger Fuß unaufhaltſam dem ſüß verhüllten Verderben entgegengeht,— jetzt rufe die Retterin herbei! Wochen, Monden ſchwanden dahin! Berghold konnte ſich von dem ſeligen Aufenthalt nicht trennen. Soll ich ihr Herz zerreißen, ihre Bruſt grauſam durchbohren? Sie entriß mich den blutigen Armen des Todes, ſoll ich ihre weichen Arme jetzt rauh zurückſtoßen, wenn ſie ſich bittend zu mir erheben? Nein, nein! ich vermag es nicht! Und doch, ich will! Mor⸗ gen, ehe der Tag graut, will ich hinweg! Doch ſie weinte ſtill, ſie härmte ſich ab, glich einem Marmorbilde vom blaſ⸗ ſen Mondglanz beleuchtet— und er vermochte nicht, ſich loszureißen! Sein Herz ſchlug in heißen Flammen für die Theure auf. Und als die laue ſüdliche Nacht ihn mit ſüß⸗ betäubenden Düften umhauchte, als der Mond mit ſeinen ſpielenden Lichtwellen Bruſt und Antlitz der Geliebten um⸗ floß, als ſein Strahl ſich in ihrem feuchten Auge brach und ſie mit zitterndem Laut der Wehmuth ſprach:„O bleibe bei mir! Verlaß mich nicht!“ da ſank er überwältigt in ihre Arme, trank die Küſſe von ihren Lippen, und ſchwur es an ihrer wallenden Bruſt, er wolle ſie nie verlaſſen. Doch plötzlich traf ein furchtbarer Donnerſchlag ſein Ohr; entſetzt fuhr er auf, dichte Finſterniß quoll um ihn her, der Sturm heulte in den Lüften, und die Erde wankte in ihren Veſten. Die Geliebte wurde durch eine unbekannte Gewalt V. 10 von ſeiner Bruſt hinweggeriſſen, vergeblich breitete er die Arme nach ihr aus, vergeblich rief er ſie laut und voller Angſt. Ein ſchallendes Hohngelächter ſchlug an ſein Ohr, betäubt, ſinnlos ſank er zu Boden. „Nun, Herr, es iſt endlich Zeit!“ rief ihn die wohlbe⸗ kannte Stimme ſeines Knappen an, und rüttelte ihn aus dem Schlaf.„Ich muß Euch wecken, ſonſt ſteigt die Sonne zu hoch, und wir müſſen den ganzen Tag in der Hitze rei⸗ ten, die zwiſchen dieſen Felſen faſt ſo arg iſt, wie in Pa⸗ läſtina!“ Berghold fuhr verſtört empor; er konnte ſich gar nicht beſinnen. Er wußte nicht, war es ein neuer Traum, der ihn ängſtigen wollte, oder war Alles zuvor Traum geweſen. „Ja, Ihr habt lange geſchlafen, und ſeid daher wohl noch etwas verſtört, Herr Ritter,“ ſprach der Knappe. „Aber nun müßt Ihr Euch doch ausgeruht haben; ermun⸗ tert Euch nur und ſetzt Euch auf. Die Roſſe ſind abge⸗ füttert und getränkt!“ „Wo ſind wir?“ fragte er tief aufathmend. „Je nun, wo wir uns geſtern niederlegten, unter freiem Himmel, auf deutſcher Erde, in dem unwirthbaren Gebirg der Alpen.“ Berghold warf einen Blick auf ſeine Hand; Ella's Ning ſteckte wie ſonſt an ſeinem Finger. Er fühlte nach dem Becher, auch dieſer war vorhanden; er ſuchte den Schleier, und fand ihn unter ſeinem Haupte. Aber, doch hatte er nicht geträumt! Schrell griff er nach dem Becher und füllte ihn mit der Fluth des klaren Bergquells, der neben ihm aus dem Felſen hervorſprudelte. Doch ent⸗ ſetzt warf er ihn auf den Boden, denn das Waſſer ver⸗ wandelte ſich in dunkles Blut und ſchäumte wogend) über den Rand. „Was iſt Euch?“ fragte der Knappe,„warum werft — 219— Ihr Euren ſchönen Trinkbecher ſo wild hinweg?“ Er hob ihn auf, füllte ihn noch einmal und reichte ihn Berghold. Dieſer ergriff ihn zitternd. Kaum hatte er ihn berührt, ſo brauſte er wieder blutig ſchäumend auf; voll Entſetzen ſchleu⸗ derte er ihn weit von ſich. „Was thut Ihr, lieber Herr?“ ſprach der Knappe er⸗ ſtaunt,„Ihr verſchüttet ja das klare ſchöne Getränk?“ „Es iſt Gift, blutiges Gift!“ rief Berghold wild, und ſtarrte unbeweglich auf den Quell hin.„Eine Zauberin hat den Born vergiftet!“ „Euch muß ein böſer Traum noch ängſtigen,“ erwiderte der Knappe und ſchüttelte das Haupt.„Wie ſoll dieſer klare Brunnen giftig ſein? Seht her, wie er mich erquickt.“ Da⸗ bei hatte er den Becher aufgehoben, füllte ihn und trank vor Bergholds Augen daraus. . Dieſer bebte; ein kalter Schauer rieſelte durch ſeine Locken und den Nacken hinab.„Ja wohl! Du haſt Recht,“ ſprach er, „mich folterten böſe Träume! Böſe, böſe Träume! Stecke den Becher nur ein, ich mag ihn nicht.“ Still ſetzte er ſich darauf zu Pferd und ritt ſchweigend ſeines Wegs. Die Felſen ſtiegen dürr, ohne Laub, ohne Moos empor; die Sonne glühte an den nackten Wänden. Der Boden ſtäubte wie Aſche auf, die wenigen dürftigen Gewächſe waren ver⸗ ſengt von der Gluth, und die Blätter hingen welk herab. „Ein ſchönes, anmuthiges Wieſenthal,“ ſprach der Knappe;„wie hier Alles grünt und blüht, und wie die Quellen ſo lieblich rauſchen! Es iſt ordentlich, als lächelten ſie uns mit ihren blauen Augen an!“ Berghold ſchauerte! Er ritt haſtig vorwärts. Es dünkte ihn, als ſchüttle ihn ein brennendes Fieber. Er ritt, bis das Roß von ſelbſt athemlos anhielt. Abends ſank er be⸗ täubt auf das dürftige Nachtlager der Herberge nieder; 10* — 220— Nachts quälten ihn furchtbare Träume. So ging es am erſten Tage, ſo alle folgenden, bis er die Grenze ſeiner Hei⸗ mat, den Saum des Gebirges erreichte. Hier erſt verließ ihn die folternde Angſt, der glühende Brand in dem wüſten Gehirn. Es war ihm, als thue er einen kühlen Trunk nach langem Fieberdurſt. Er mußte nahe an dem Weiher vor⸗ üͤber.„Und wäre es mein Tod, mein ewiges Verderben,“ rief er,„ich will dorthin, wo ſie weilt. Ich will ſie rufen, ſie ſoll mich ſtrafen, vernichten. Noch beſitze ich ihren Ring, ihr letztes furchtbares Geſchenk, noch iſt wenigſtens ihm ſeine Kraft nicht geraubt. Erſcheinen muß ſie mir, es ſei in ſo drohender Geſtalt es wolle.“ Er übergab dem Knap⸗ pen das Roß und ſchlug zu Fuß die unwegſamen, ver⸗ wachſenen, aber wohlbekannten Pfade nach dem zauberiſchen Weiher ein. Ach, da war nichts mehr zu ſchauen von dem lieblichen Grün der Ufer, von dem friſchen Gezweig lispeln⸗ der Bäume! Nicht blau und klar lächelte der See! Er wallte düſter, grau, mit blutig geröthetem Schaum, nur nackte kahle Felſen umſtarrten ihn und verdorrte Bäume ſtreckten die Äſte über die Wellen hin. Ein ſchauerliches Tönen durchzog die Lüfte; waren es die Wellen, war es der Wind, der durch die geſpaltenen Felſen rauſchte? Bleich und zitternd trat Berghold an den Rand des Sees, zog den Ring vom Finger und rief: Ella! Ella! O Du verlaſſene, getäuſchte Unglückſelige, komm und räche Dich an mir! Alles blieb ſtumm; nur das hohle Sauſen dauerte fort. Berghold warf den Ring in die Fluth und rief mit lauter Stimme:„Ella! Ella! Ella! ſteig herauf aus Dei⸗ ner Fluth und räche Dich an dem Treuloſen!“ Alles blieb ſtumm. Da trat er vor auf den überhängenden Fels und rief: — 221— „Nun wohl denn, willſt Du nicht zu mir heraufkommen, ſo komme ich hinab zu Dir.“ Und ſo ſtürzte er vorwärts in die tiefe Fluth, die Wel⸗ len rauſchten über ihm zuſammen, und er war für ewig verſchwunden. . Der Knappe harrte von Stunde zu Stunde vergeblich ſeiner Rückkehr. Die Sonne neigte ſich zum Untergange; jetzt trieb ihn ein dunkles Bangen an, den Gebieter aufzu⸗ ſuchen. Er band die Roſſe an und ging in's Gebirg. Leicht fand er ſeine Spuren auf dem friſchen Raſen und dem trocke⸗ nen Erdreich, das den Felſen bedeckte. Bald erreichte er den See; er fand die Waſſer trübe, unruhig wogend; aber die Ufer umgrünten ihn ſanft, und das Gebüſch verkleidete wie ſonſt die ſtarre Bruſt des Felſen. Düſtere Trauerweiden beugten ſich ſchwermüthig über die Fluth und ſpiegelten ſich in den trüben Wellen ab. Mit banger Ahnung ſchritt der treue Knappe näher. Da entdeckte er am Ufer, auf einer ſanften Raſenmatte die entſeelte Hülle ſeines Herrn. Er lag ſtill wie ein Schlummernder. Seine Züge lächelten; aus den Locken träufelten die Perlen der Fluth, doch das Haar fiel geordnet um Stirn und Schultern. Den Fuß be⸗ ſpülte die leiſe murmelnde Welle. Ein trauriges Klingen und Tönen rauſchte in den Lüften, und als die Abenddäm⸗ merung herabſank, zog es wie graue Nebelgeſtalten über den See, und aus den Waſſern wie aus der Höhe drangen ſanfte Töne der Klage. Der Knappe beſtattete den Gebieter an derſelben Stelle, wo er ihn gefunden, und pflanzte ein Kreuz auf den Hügel. Daneben baute er eine Hütte, wo er als frommer Klausner ſein Leben beſchloß. Dort hat er oft, weun der Mond die Mitternacht dämmernd erhellte, eine weiße, tiefverſchleierte Geſtalt trauernd auf dem Hügel ſitzen ſehen. — 222— Aber niemals ſeit jenem Tage, der Frühlingshimmel mag noch ſo heiter lächeln, die Sonne noch ſo hell ſcheinen, nie— mals zeigt der See einen klaren Spiegel. Nur in ſanften ſilbergrauen Wellen rauſcht er gegen das Ufer und netzt die Spitzen der Zweige, welche die Thränenweiden traurig herabſenken. Und noch heut hat Keiner, der dieſes Gebirg bewohnt, in jener Fluth die Sonne oder die Sterne des Himmels ſich ſpiegeln ſehen, wenn ſie auch noch ſo ſtill und eben ruht, und Keiner weiß, was die geheimnißvolle uner⸗ gründliche Tiefe verbirgt. Das Hochzeitkest. Nach einer italieniſchen Sage. Das Schloß des Marcheſe Bernini hatte eine reizende Lage an den Ufern des ſchönen Sees von Como. Es war zwar nicht in dem zierlich leichten Styl der Villa Sommariva oder Pliniana erbaut, ſondern ſtammte aus früherer Zeit her, wo man ſelbſt in dem heitern Italien eine ernſtere Baukunſt liebte; jedoch konnte man es durchaus nicht düſter oder gar ſchauerlich nennen. Es machte nur einen Eindruck von ernſter Würde und zeigte von einer gewiſſen feierlichen Pracht früherer Jahrhunderte, die jetzt einer leichten, blen⸗ denden Mode der Eleganz gewichen iſt. So ſtimmte es allerdings mehr zu dem großartigen Charakter der Landſchaft, den ſie in ihren kühnen Felſengruppen, Waſſerfällen und ſchneebedeckten Alpenſpitzen entwickelt, als zu dem heitern Theil derſelben, der durch den klaren mildbewegten See und ſeine grünen Ufer, die ſich mit zahlloſen freundlichen Ortſchaften und Villen ſchmücken, gebildet wird. Auch der 3 Garten, der das Schloß umgab, ſtimmte mehr zu dem ro⸗ mantiſchen Ernſt, als zu der Lieblichkeit der Landſchaft, wodurch der See ſo berühmt geworden iſt; denn er hegte wenig Blumen, aber deſto mehr hohe, großartige Baum⸗ gruppen, breite ſchattige Gänge, die durch uralte Kaſtanien oder Nußbäume gebildet wurden, dicht verwachſenes Ge⸗ büſch und einſame, ganz dunkel umlaubte Pfade. Was 10** — 226— aber einem Theil deſſelben ſogar ein ſchauerliches Anſehen gab, war eine düſtere Ruine, die Trümmer des alten Schloſſes, die von der Spitze eines überhangenden Felſen hoch über den Garten herein drohten. Hier glich der ſonſt wohlgeordnete Park einem Urwald; denn alte, von Epheu und wilden Malven dicht umrankte Baumſtämme hoben ihre düſtere Kronen gegen den Felſen hinan und umſchlan⸗ gen ihn mit ſeltſam verwachſenen Zweigen. Höher hinauf hing düſteres Geſtrüpp aus den Spalten herab, und graues Moos umzog die Mitternachtsſeite der Klippen, über die ſich dort ein donnernder Waldbach ſtürzte, der ſeine ſchäu⸗ mende Bahn bis zum nahen See hinabbrauſte. An dieſer Stelle war ein runder Platz ausgehauen, in deſſen Mitte ſich ein alter, halb verſtürzter Brunnen befand, der, der Sage nach, durch einen unterirdiſchen Gang mit dem Schloſſe auf dem Felſen zuſammengehangen haben ſollte. Die Bewohner des Schloſſes waren in ungewöhnlicher Bewegung, denn der nächſte Tag ſollte der Hochzeittag der einzigen Tochter des Marcheſe Bernini, der ſchönen Bianca ſein. Zu dieſem Feſte hatte der reiche Beſitzer die prächtig⸗ ſten Anſtalten getroffen; ein glänzender Ball, die Beleuch⸗ tung des Gartens, ein Feuerwerk auf dem See ſollten es verherrlichen; die ganze Umgegend war dazu geladen. Da jedoch theils Kränklichkeit, theils eine gewiſſe angeborene Scheu vor dem unruhigen Treiben eines mit Gäſten über⸗ füllten Hauſes die Mutter der ſchönen Braut wünſchen lie⸗ ßen, daß das Feſt nicht auf mehrere Tage ausgedehnt wer⸗ den möchte, ſo hatte man Alles auf den einen Tag der Hochzeit ſelbſt beſchränkt, den der prachtliebende Marcheſe, ganz das Widerſpiel ſeiner einfachern Gemahlin, aber auch deſto glänzender feiern wollte. Obwol daher am Abend vor der Vermählung noch wenig Gäſte, nur die nächſten Freunde — 227— und Verwandten, im Schloß ſich befanden, ſo hatte der Marcheſe doch mit ſeinen Vorbereitungen für den folgenden Tag ſo viel zu thun, daß er ſich erſt gegen Abend mit dem Kreiſe der Familie vereinen konnte, um ſich nun noch einige Stunden der ſchönen Hoffnung für morgen zu überlaſſen, und mit Gattin, Tochter und Sohn das erfreuende Vorge⸗ fühl eines nahen Glückes zu theilen. So trat er denn eben mit dem heiterſten Geſicht in den Familienſaal.„Jetzt, meine Freunde und Kinder, bin ich der Eurige; bis dahin habe ich den Vorbereitungen zu morgen gehört. Nun will ich mir's aber auch recht wohl und froh zu Muthe ſein laſſen.“ Dabei öffnete er ſeinen Arm gegen Bianca, die mit gerührter Freude ſeinen Nacken umſchlang und das Haupt auf ſeine Schulter ſenkte. Doch der Vater küßte ihr die leicht erröthenden Wangen und richtete ſie auf.„Nur Freude, liebes Kind,“ ſprach er,„ſoll Dich durchdringen. Es iſt wahr, wir ſind gezwungen, an dieſen Tag eine ſelt⸗ ſam ſchauerliche und ſchmerzliche Erinnerung zu knüpfen, aber ich weiß, daß ich, indem ich dies ſo bange von Euch vermiedene Wort ausſpreche, nur eine ängſtliche Laſt von Eurer Bruſt nehme. Denn wie wäre es möglich, ſich un⸗ ter ſolchen Umſtänden eines ſolchen Ereigniſſes nicht zu er⸗ innern! Allein ich empfinde deutlich, daß die Beſtrebung, dieſen Unglücksfall nicht zu berühren, ihn nur um ſo leb⸗ hafter vor die Seele ſtellt, und darum war ich feſt ent⸗ ſchloſſen, davon anzufangen. Wir wollen ihn aber nicht für eine böſe Vorbedeutung, ſondern vielmehr für eine gute neh⸗ men; denn eben ſo unwahrſcheinlich es iſt, daß das höchſte Loos zweimal auf dieſelbe Nummer falle, eben ſo unglaub⸗ lich, ja unmöglich iſt es, daß eine Begebenheit wie die, welche vor drei Jahren unſere Freude in Schrecken verwan⸗ delte, ſich zweimal ereignen könne. Sei darum heiter, liebe — 228— Tochter, und Du, theurer Antonio, ſei es auch. Ich glaube nicht, daß man einen Bruder, der jenſeits wandelt, beſſer beruhigen kann, als dadurch, daß man Die, die er zu der Seinigen wählte, glücklich macht. Und eben ſo bin ich überzeugt, daß Du, meine Bianca, Eugenio's Seele freudig verklärſt, indem Du Den, der ihm auf Erden der Liebſte war und ſein mußte, auch zum theuerſten Gegen⸗ ſtande Deines Herzens gemacht haſt. Darum noch einmal, heiter, meine Kinder! Ich fühle, daß Eugenio uns nahe iſt und mit ſeliger Zufriedenheit auf den Bund der Liebe herabblickt, den Ihr ſchließen wollt.“ Dabei drückte der Marcheſe die Tochter auf's Neue zärtlich an die Bruſt. In⸗ nig umſchlang ſie ihn mit den ſchönen Armen; die dunkeln Locken rollten über ſeine Schulter und ihren ſchlanken blen⸗ denden Nacken herab; wie ermattet ſank ſie ein wenig in's Knie und gleitete ſo ſanft an dem Vater nieder, bis ihre Hände ſich allmälig von ſeinem Nacken löſten und die Linke dem mit düſterm Blick und geſenktem Haupte, als dächte er an eine trübe Vergangenheit, neben ihr ſtehenden Anto⸗ nio in die Hand ſank, der ſie heftig drückte und küßte. Bianca's Mutter, Donna Iſabella, empfing hierauf die Tochter in ihren Armen und küßte ſie mit inniger Zärtlich⸗ keit und dem Ausdruck der Wehmuth. Doch ſprach ſie wei⸗ ter nicht, ſondern führte die Braut dem in ſich verſunken daſtehenden Antonio wieder zu, der durch ihren Anblick wie⸗ der heiterer wurde, obwol ein Zug auf ſeiner gefaltenen Stirn ſichtbar blieb, von dem man nicht wußte, ob man ihn dem Schmerz über eine vergangene Begebenheit, oder der ſorgenden Unruhe über ein kommendes Ereigniß zuſchtei⸗ ben ſollte. Die übrigen Anweſenden blieben ſtumm bei dieſer Scene, denn ſie hielten es für das Beſte, das Ereigniß, welches der Marcheſe erwähnt hatte, nun nicht weiter zu — 229— berühren, mit ſo friſchen Farben es auch ihnen Allen wie⸗ der vor das Gedächtniß getreten war. So eben wollte ein älterer Verwandter den Verſuch machen, dem Geſpräch eine andere Richtung zu geben, als der Kammerdiener eintrat und den Grafen Ruggiero aus Neapel anmeldete. Ob⸗ woöl der Marcheſe nur den Namen der Familie kannte, ſo nahm er doch keinen Anſtand, den unerwarteten Beſuch ſo⸗ gleich anzunehmen. Wenige Minuten nachher trat der An⸗ gemeldete ein. Er ſchien etwa dreißig Jahre alt zu ſein; ſein Wuchs war hoch, ſeine Haltung edel, faſt ſtolz; dunk⸗ les Haar beſchattete eine hohe Stirn, ſein Auge war ſchwarz, groß und durchdringend; die Geſichtsfarbe, obwol ſehr von der Sonne gebräunt, hatte doch etwas ſeltſam Bleiches, oder vielmehr, man glaubte zu ſehen, daß dieſer Mann todtenblaß ſein müſſe, wenn der heftige Sonnen⸗ brand verflogen ſein würde. Wahrſcheinlich brachten die faſt ganz farbloſen, aber feingebildeten Lippen dieſe Wirkung hervor. Er gehörte zu den Geſtalten, die im erſten Augen⸗ blick auffallen und an irgend etwas Bekanntes erinnern, das man vergeblich aufzuſuchen bemüht iſt. Dieſer Eindruck war bei den Verſammelten unverkennbar zu bemerken, denn Jeder ſah ſeinen Nachbar fragend an, gleichſam, als wolle er von ihm die Aufklärung ſeiner Stimmung, oder wenig⸗ ſtens die Beſtätigung ſeines Gefühls haben. Auch der Mar⸗ cheſe war faſt betroffen von der Erſcheinung, ſodaß er ſich zuſammennehmen mußte, um den Fremden mit der ihm ſonſt ſo geläufigen und natürlichen Artigkeit eines zuvor⸗ kommenden Wirthes zu empfangen.„Sie müſſen mit Recht erſtaunt ſein,“ entgegnete der Gaſt auf die Bewillkommnung Bernini's,„daß ich ſo unvermuthet und beſonders zu ei⸗ nem Feſte, wie das, was Sie zu feiern gedenken, völlig un⸗ eingeladen Ihr Schloß betrete. Allein das Räthſel löſt ſich, 230— indem ich mich Ihnen als einen Vetter Ihres künftigen Schwiegerſohnes vorſtelle, den ich jedoch noch nie von An⸗ geſicht geſehen habe. In Mailand hörte ich von ſeiner Vermählung; ich glaubte durch eine ſo nahe Verwandtſchaft auf das Glück, ein Gaſt bei derſelben ſein zu dürfen, An⸗ ſpruch machen zu können, und ſo ſehen Sie mich denn auf⸗ dringlicher Weiſe hier. Darf ich Sie jetzt bitten, mich mei⸗ nem Vetter Antonio vorzuſtellen?“ Der Marcheſe that es, nachdem er den Gaſt nochmals willkommen geheißen hatte; auch Antonio freute ſich der Bekanntſchaft eines Verwand⸗ ten, deſſen Name ihm oft genannt worden war, konnte aber den Eindruck, den die Erſcheinung des Grafen auf ihn, wie es ſchien, noch viel ſtärker als auf jeden Andern gemacht hatte, kaum ſo weit überwinden, daß er die Worte der Begrüßung mit dem Zuſatz begleitete,„er freue ſich darauf, einen ſo nahen Verwandten ſeines Hauſes vielleicht auch zu ſeinem Freunde zu machen“. Der Graf erwiderte dies mit einer Verbeugung und wandte ſich dann zu der Marquiſe, an deren Seite man ihn ſich zu ſetzen bat. Es iſt ſehr natürlich, daß die Erſcheinung auch nur eines ein⸗ zigen fremden Mitgliedes, einer Geſellſchaft durchaus eine andere Stimmung und Nichtung gibt. So geſchah es hier durch den Grafen. Er erzählte, auf welche Weiſe er mit der Familie Antonio's verwandt ſei, ſprach von ſeinen man⸗ nichfaltigen Reiſen und wußte auf geſchickte Weiſe die An⸗ weſenden in ſein Geſpräch zu verflechten. Dennoch zeigte er nicht das Mindeſte von Dem, was man vertrauliche Annähe⸗ rung nennt; er blieb im Gegentheil gemeſſen, ernſt und überlegen. Bisweilen hatte er einen grauenhaften Ausdruck in ſeinen großen ſchwarzen Augen, der beſonders dadurch hervorgebracht wurde, daß er Jeden, mit dem er ſprach, auf das ſchärfſte anblickte, als wolle er irgend eine Ent⸗ 4 ——— — 231— deckung in ſeinen Zügen machen. Vorzüglich Antonio ſchien dies zu empfinden, denn er mied offenbar ſeinen Blick, ſo oft er ſich zu ihm wandte, und heftete ſein Auge ſtarr auf den Boden, nur um dem des Grafen nicht zu begegnen. Der Marcheſe allein ſchien durch beſonderes Wohlgefallen an ſeinen Gaſt gefeſſelt und ging am lebhafteſten in ſein Ge⸗ ſpräch ein. Indeß war es faſt dunkel geworden; draußen hatte ſich der volle Mond über den See erhoben und warf ſeine bleichen Strahlen durch ein hohes Fenſter, dem Rug⸗ giero gegenüber ſaß, gerade auf deſſen ſeltſames Geſicht. In dieſer Beleuchtung ſah er wirklich bleich wie ein Todter aus, und konnte allerdings ein unheimliches Grauen erregen. Doch mußte er ſelbſt durchaus nicht ſchauerlich geſtimmt ſein, denn er ſtand auf und ſprach:„Siehe da der Vollmond! Wiſſen Sie, Marcheſe, daß ich den berühmten See von Como noch ſo gut als gar nicht kenne? Wenn ein Gaſt einen Vorſchlag thun darf, ſo würde ich die Geſellſchaft um einen Spaziergang an das Ufer bitten, das bei dieſer Be⸗ leuchtung entzückende Anſichten gewähren muß.“ Der Mar⸗ cheſe ging lebhaft darauf ein, die übrige Geſellſchaft war nicht dagegen. Antonio bot Bianca den Arm, der Graf führte ihre Mutter, der Marcheſe ſchloß ſich an ſeine linke Seite an, die übrigen Gäſte vertheilten ſich, indem ſie ſich bald dem Brautpaar, bald Ruggiero näher hielten. Man nahm den Weg durch einen hohen ſchattigen Baumgang unmittelbar nach dem Ufer zu, welches hier einen kleinen Vorſprung bildete, der ſich mehrere hundert Schritte tief in den See hinein erſtreckte. Von dieſer Landſpitze aus hatte man einen ungemein reichen überblick, weil ſie auch die An⸗ ſicht des Ufers verſtattete, auf dem man ſich befand. Die Gebirge jenſeit des Sees, der in blaulicher Nebelferne ver⸗ ſchwand, ſtiegen ſchwarz, in großen Maſſen empor; die fer⸗ — 232— nen Gipfel glänzten im Mondlicht, welches die ſchneebedeck⸗ ten Spitzen ſilbern beleuchtete. Südlich erblickte man deut⸗ lich das Vorgehirge, wodurch der See in zwei Arme ge⸗ theilt wird, an deren weſtlichſtem das reizende Como liegt. Die näheren Uferſpitzen traten oft durch weiße, ſchimmernde Gebäude hervor, die ſich in der ruhigen Fluth widerſpiegel⸗ ten. Ein Nachen mit Früchten beladen gleitete dicht am Ufer vorbei, leicht über die Wellen dahin; am Steuerruder ſaß ein Mädchen in langem weißen Gewande, das Haupt nach der Sitte mit einem tief herabwallenden Schleier ge⸗ ziert, der jetzt eben leicht vom Winde bewegt hin und her flatterte. Sie ſang mit anmuthiger Stimme ein Liedchen, deſſen Worte jedoch unverſtändlich blieben. Ruggiero ſtand lange im Anblick des ſchönen Schauſpiels verſunken, dann wandte er ſich zu ſeiner Begleiterin.„Sieht man keine der berühmten Villen von hier aus?“„Sie würden, wenn es Tag wäre, die Villa al Doſſo ſehen können,“ entgegnete Iſabella.„Villa Sommariva wird dort durch den vorſprin⸗ genden Felſen verſteckt, von dem die berühmte Cascade auf der andern Seite herabſtürzt. Villa Pliniana, Villa d'Eſte liegen zu weit ſüdlich.“„In der That, ein rei⸗ zender Anblick, der keiner meiner vaterländiſchen Landſchaf⸗ ten etwas nachgibt,“ entgegnete der Graf;„nur die Luft hat in Neapel etwas Zauberiſches, das ich hier vermiſſe. Aber ſehen Sie die ſchöne Brautz das junge Paar hat ſich ganz entfernt.“ Die Marquiſe folgte dem unvermerkt deu⸗ tenden Finger des Gaſtes. Antonio und Bianca ſtanden in einiger Entfernung von der Geſellſchaft auf einem felſigen Vorſprung des Ufers dicht am See. Der Mond beleuchtete beide Geſtalten mit vollem Licht; der Felſen, auf dem ſie ſtanden, ſetzte ſich ſchwarz gegen die ſilberne Fluth ab. Die ſchöne Braut hatte den weißen Arm gleichſam bittend auf — — 233— die Schulter des Geliebten gelegt, der mit übergebeugtem Haupte vorn auf dem äußerſten Rande des Felſen ſtand und in den See hinabblickte. Hätte er nicht das höchſte Glück ſo lieblich an ſeiner Seite gehabt, man wäre verſucht worden, zu glauben, er wolle ſich hinabſtürzen. Doch neben der ſchönen Geſtalt, die bittend zu ihm hinaufſah, ver⸗ ſchwand ein ſolcher Argwohn. Indeß ſchien wenigſtens eine Ahnung dieſer Art Bianca's Herz zu bewegen, da ſie ſich dichter an ihn ſchmiegte und ihn mit beiden Armen von der gefährlichen Stellung ſanftdringend zurückzog. Antonio wandte ſich jetzt zu ihr und drückte ſie mit inbrünſtiger Hef⸗ tigkeit an ſein Herz. Nuggiero hatte die Gruppe ſtumm betrachtet. Dann fragte er die Marquiſe:„Drückt irgend ein Gram meinen Vetter, der ſein ſchönes neidenswerthes Glück trübt? Seine heftige Zärtlichkeit ſchien mir von der Art zu ſein, als wenn Jemand Troſt bei der Geliebten ſuche, aber nicht, als ob ſie ſelbſt ihn ganz und einzig er⸗ fülle.“„O, er liebt tief und innig,“ entgegnete Iſabella warm,„vielleicht nur zu heftig; doch ein Ereigniß— ver⸗ zeihen Sie, ich kann Ihnen das heut nicht mittheilen, allein es würde mich wundern, wenn Sie von der Geſchichte Eu⸗ genio's, ſeines Bruders, gar nichts wüßten.“„In der That,“ antwortete der Graf,„ich kenne ſeinen Namen kaum. Trotz unſerer Verwandtſchaft hat nie zwiſchen uns, ſondern nur zwiſchen unſeren Vätern eine Verbindung beſtanden. Viel⸗ leicht daß ich zu alt gegen meine Vettern war.“„Im Ge⸗ gentheil,“ antwortete die Marquiſe,„Graf Eugenio war in Ihrem Alter.“ Sie ſchwieg. Ruggiero betrachtete die Land⸗ ſchaft nochmals mit aufmerkſamen Blicken und wandte ſich dann halb nach dem Schloſſe, um auch das Ufer, auf dem er ſich befand, zu überſchauen. Da fiel ſein Auge auf die alte Burg, wie ſie ſich düſter auf ihrem zackigen Felſen — 234— über die hohen Baumgruppen des Parks erhob. Er that dem Marcheſe, der eben herbeigekommen war, einige Fra⸗ gen darüber, und dieſer machte in der Beantwortung der⸗ ſelben ihn auf die maleriſche Wildheit des Gartens aufmerk⸗ ſam, die in jener Gegend oft das Erſtaunen der beſuchenden Fremden erregte. Ruggiero äußerte den Wunſch, ſie zu ſehen.„Da werden Sie keinen beſſern Führer haben, als meine Tochter,“ ſprach der Marcheſe,„denn in der That, ſie kennt dort jeden merkwürdigen Baumſtamm und weiß den Punkt anzugeben, aus dem er die ſchönſte Anſicht ge⸗ währt. Bianca!“ rief er hinüber,„Bianca!“ Die Lieben⸗ den waren in ſo tiefe Betrachtungen verſunken geweſen, daß der Ruf die Tochter faſt erſchreckte; doch hörte ſie den Wunſch des Vaters wohlwollend an und erbot ſich mit der * ihr eigenen ſchüchternen Anmuth, voranzugehen, um die Führerin zu machen.„Aber Du mußt mir Deinen Arm leihen, lieber Antonio, ich bitte Dich darum,“ ſprach ſie zu dieſem. Er ſchien ſich einen Augenblick zu beſinnen, reichte ihr indeß darauf raſch die Hand und ging vorwärts, wie Jemand, der nach kurzem Uüberlegen einen feſten Entſchluß gefaßt hat. Bald ſah man ſich in ganz dunklen verwach⸗ ſenen Laubgängen, durch die der Mond nur mühſam einige Strahlen warf. Nur Bianca's weißes Gewand ſchimmerte geiſterartig durch die dunkle Nacht und diente den Wan⸗ delnden zur Leuchte. Jetzt ſah man in der Ferne glänzen⸗ den Lichtſchimmer, und nach wenigen Augenblicken ſtand die Geſellſchaft am Rande jenes ausgehauenen Platzes, in deſſen Mitte ſich der verſtürzte Brunnen befand, den wir ſchon oben kennen gelernt haben. Bianca hatte ſich auf den halb⸗ zertrümmerten Rand der Tiefe geſetzt, doch Antonio mußte ſie, wie es ſchien, verlaſſen haben, denn ſie war allein. Niemand bemerkte dies, als der ſtets ſcharf, mit ſpaͤhender — — 235— Aufmerkſamkeit um ſich blickende Ruggiero. Er ließ den Arm der Marquiſe und wandte ſich leiſe zu ihrem Gemahl, der an ſeiner Linken ſtand.„Sahen Sie,“ fragte er,„das ſeltſame Benehmen meines Vetters Antonio?“„Nein!“ ent⸗ gegnete der Marcheſe etwas betroffen,„iſt etwas vorgefal⸗ len?“„Haben Sie nicht bemerkt,“ fuhr Ruggiero fort, „wie ſich Graf Antonio in dem Augenblick, als er an der Seite ſeiner holden Braut dieſen Platz betrat, haſtig von ihr losmachte, und ſeitwärts ging, gleichſam, als ſcheue er ſich vor etwas, was ihm plötzlich und unvermuthet hier be⸗ gegne?“„Es iſt wahr, Bianca ſitzt allein,“ erwiderte der Marcheſe,„doch er wird irgend eine zufällige Urſache haben.“ Nuggiero ſchüttelte bedenklich mit dem Kopfe und ſah mit ſeinen ſpähenden Augen forſchend umher.„Sehen Sie ihn dort unter der alten Eiche mit verſchränkten Armen ſtehen? Er hat ſich angelehnt und ſtarrt düſter auf die Erde.“ Bei dieſen Worten deutete Ruggiero auf das dunkelſte Gebüſch, wo Antonio wirklich in tiefen Gedanken verſunken an einer Eiche ſtand.„Hm, jetzt kann ich mir ſeine Bewegung er⸗ klären,“ ſprach der Marcheſe,„ich will Ihnen das nächſtens einmal erzählen, doch möchte ich es nicht gern heute oder morgen thun.“„Mir fiel,“ antwortete der Graf,„dabei ein ſeltſamer Vorfall aus meinem Leben ein, den ich Ihnen nachher im Schloß mitzutheilen vielleicht Gelegenheit finde.“ „Ich hoffe darauf,“ entgegnete der Marcheſe.„Aber wie gefällt Ihnen dieſer Punkt?“„Je mehr ich ihn betrachte, um ſo wunderbarer wirkt er auf mich,“ antwortete Rug⸗ giero, indem er ſich nach allen Seiten forſchend umſah und vorzüglich nach dem Schloſſe hinauf ſtaunte.„Aber ich vergeſſe unſerer ſchönen Führerin zu danken.“ Bei dieſen Worten näherte er ſich Bianca, die noch immer auf dem Rande des Brunnens ſaß und in Gedanken verſenkt in ſeine — 236— ſchwarze, unkenntliche Tiefe hinabblickte. So bemerkte ſie den herantretenden Ruggiero nicht; als er ſie daher plötzlich anredete, ſchreckte ſie zuſammen und es hatte faſt das An⸗ ſehen, als werde ſie hinabſtürzen. Ruggiero faßte daher ſchnell ihren Arm und hielt ſie.„Sollte ich Sie ſo er⸗ ſchreckt haben?“ fragte er, indeß ohne Beſtürzung.„O nein,“ erwiderte ſie lächelnd,„auch mag mein Zuſammenſchrecken gefährlicher ausgeſehen haben, als es iſt. Der Rand des Brunnens iſt breit; hier kann man wol nur gewaltſam hin⸗ abgeſtürzt werden.“ Ruggiero ſchwieg und ſah ſpähend in die Tiefe. Bianca fuhr fort:„Ich habe dieſen Platz man⸗ cher Erinnerungen wegen ſehr lieb; ich weiß zwar, daß er Vielen ſchauerlich und grauenhaft erſcheint, doch mir kommt zer zutraulich, heimiſch und ehrwürdig vor.“„Ehrwürdig gewiß,“ antwortete er,„doch zutraulich, heimiſch? Wenig⸗ ſtens ſcheint Graf Antonio dieſe Meinung nicht mit Ihnen zu theilen, da er ſich von Ihrer Seite entfernt hat.“„Es iſt das Einzige in der Welt, worin unſere Neigungen ſich nicht begegnen,“ erwiderte Bianca mit einem Ton innerer Sicherheit,„er meidet dieſen Ort, der ihm ein unheimliches Gefühl erregt, auf mich aber gerade anderer Erinnerungen wegen wohlthätig wirkt. Aber ſehen Sie ſich um, Herr Graf. Betrachten Sie jenen breitäſtigen Ahorn, der ſeine Zweige dort mit denen der alten Kaſtanie verſchlingt. Welch eine Krone haben beide Bäume, wie ſchattig, kühl und dun⸗ kel iſt es am Fuß ihres Stammesz; wie einladend zum Ruhe⸗ ſitze das ſchwellende, üppige Moos, das ihre Wurzeln be⸗ deckt. Und dazu der freundliche Mondſtrahl, der durch die lispelnden Blätter äugelt.“„Ein Sitz,“ unterbrach Rug⸗ giero,„der zum ſtillen verborgenen Aſyl der glücklichen Liebe beſtimmt ſcheint!“ Bianca ſah erröthend zur Erde. Sie glich in dieſem Augenblick einer Lilie, die im Abendroth ſchim⸗ — — 237— mert; denn das Licht des Mondes hatte ihre Wangen ge⸗ bleicht, und jetzt flog der Hauch des Erröthens ſo leiſe dar⸗ über hin, wie der Abglanz der ſchon erblaſſenden Röthe des Himmels ſich in den ſanften Wellen eines ruhigen Sees zu ſpiegeln pflegt. Zugleich traf ſie Ruggiero's Stimme mit einem wunderbaren Laut, denn es war das erſte Mal, daß ſich zu ſeinen Worten, neben ihrer Bedeutung, noch ein un⸗ begreiflicher Ausdruck der Wehmuth geſellte, die nur aus einem tiefempfindenden Herzen ſtammen konnte. Sie wußte nichts zu erwidern; er, ſo ſchien es, wollte ſchweigen. Da trat der Marcheſe hinzu, erklärte dem Gaſt die Bedeutung und Geſchichte einiger Thürme und Gebäude im alten Schloß und lud endlich zur Rückkehr ein, da die Nacht ſchon ziemlich weit vorgerückt war. Antonio und Bianca fanden ſich jetzt wieder zuſammen, und die ganze Geſellſchaft ging in verſchiedener Gruppirung nach dem Schloſſe zurück. Im Familienſaale verſammelte man ſich wieder und ſetzte ſich in vertraulicher häuslicher Gemeinſchaft um einen großen Marmortiſch, der in der Tiefe des Zimmers ſtand. „Daß doch,“ begann der Marcheſe,„die äußeren Umſtände eine ſo ſeltſame Macht über unſere Empfindungen haben. Wem iſt wol jemals in der hellen Mittagsſtunde ſchauerlich zu Muth geweſen, und in der Mitternachtsſtunde kann ſich faſt Niemand, mit aller Anſtrengung ſeiner Vernunft, eines ſolchen Gefühles erwehren. So muß ich bekennen, daß der Spaziergang im Mondlicht, in jenem wilden, ſchauerlichen Theile des Parks, mich faſt in eine Stimmung der Art gebracht hat, ſodaß ich ungern jetzt allein ſein möchte.“ „Auch dieſes Zimmer,“ nahm der Graf Ruggiero die Rede auf,„iſt nicht dazu geeignet, eine ſolche Stimmung zu ver⸗ treiben. Die hohen Fenſter, die dunkle Wölbung der Decke, das ſchwache Halblicht jener herabhängenden Ampel, die *☛ — 238— bleichen Strahlen des Mondes, die ſich ſeltſam damit ver⸗ miſchen, ja ſelbſt unſere Gruppirung um dieſen Tiſch und dort auf dem langen Sopha, das ſich an der Wand ent⸗ lang zieht,— Alles zuſammen bringt, auf das mildeſte ausgedrückt, einen feierlichen Eindruck hervor. Vielleicht aber trifft dies nur mich beſonders, da ich eine ſeltſame Erinne⸗ rung aus meinem frühern Leben jetzt eben nicht loswerden kann, indem ich die Begebenheit unter ähnlichen Ortlichkei⸗ ten erlebte, als hier. Beſonders unten, beim Spaziergange, wurde ich auffallend daran gemahnt.“„Damals,“ fragte der Marcheſe,„als Sie gegen mich äußerten, Sie wollten mir eine Mittheilung machen?“„Ganz recht,“ erwiderte Ruggiero.„Wäre vielleicht jetzt die Stunde dazu günſtig?“ entgegnete der Marcheſe.„Gewiß wird eine bedeutende Be⸗ gebenheit, durch Sie mitgetheilt, für uns Alle höchſt an⸗ ziehend ſein.“„In der That,“ antwortete Ruggiero, und heftete ſeinen Blick feſt auf die Frauen,„ich möchte doch jetzt nicht dazu rathen, da meine Erzählung allerdings nicht dazu geeignet iſt, eine aufgeregte Stimmung zu beruhigen. Es findet ſich wol ein anderer Moment.“„Nein, im Gegen⸗ theil,“ rief der Marcheſe,„gerade jetzt, da wir empfänglich für eine ſolche Mittheilung ſind, muß ſie geſchehen. Sie würde vielleicht den größten Theil ihrer Wirkung verlieren, wenn wir ſie auf eine Zeit hinausſetzen wollten, wo wir, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, nicht dazu vorbereitet wären.“„Vielleicht, doch ich glaube kaum,“ ſprach der Graf ernſt und ſchwieg darauf. Die Marquiſe, welche zu bemerken glaubte, daß ſie ein Hinderniß wäre, ſtand auf und ſprach:„Verzeihen Sie, aber ich fühle mich durch den heutigen Tag und ſeine mannichfachen Ereigniſſe ſo ange⸗ griffen, daß ich meiner Mattigkeit nicht mehr widerſtehen zu können glaube, ohne befürchten zu müſſen, daß mein altes — 239— übel, ein heftiger Kopfſchmerz, mich überfallen werde. Da ich aber gern morgen recht heiter und wohl ſein möchte, ſo bitte ich um Erlaubniß, mich zurückziehen zu dürfen. Auch Dir, liebe Bianca, möchte ich dieſen Vorſchlag thun, beſon⸗ ders, da es überdies ſchon ſpät iſt.“ Bianca, welche dem Tone ihrer Mutter anhörte, daß ſie ihre Bitte ſehr gern er⸗ füllt ſähe, ſtand ſogleich auf, um ihr zu folgen.„So un⸗ gern ich mich von Antonio trenne, theure Mutter,“ ſprach ſie,„ſo fühle ich doch daß Du Recht haſt. Auch mich hat der Spaziergang in eine ſeltſame Aufregung gebracht, der nichts ſo wohlthätig ſein dürfte, als Ruhe. Gute Nacht denn, Antonio, auf ein frühes freudiges Wiederſehen.“ An⸗ tonio führte ſie bis an die Thüre des Saales und nahm dort mit einer heißen, faſt heftigen Umarmung Abſchied. Seine Leidenſchaft hatte, ſowie ſein ganzes Weſen, etwas Unruhiges, Stürmiſches an ſich, was für einen Dritten ängſtigend ſein, ja bisweilen unnatürlich und erzwungen ſcheinen konnte. So wie Ruggiero ſchon bemerkt hatte, war er ſtets, als ſuche er bei Bianca nur Troſt und Ruhe gegen eine geheime, viel heftigere Bewegung ſeines Innern. In dieſem Augenblicke wirkte dieſe auch auf Bianca, ſodaß ſie zitternd neben ihrer Mutter den langen Corridor hinunter nach ihrem Schlafzimmer ging. Iſabella bemerkte die Be⸗ wegung ihrer Tochter und ſprach:„Es iſt mir ſehr lieb, daß Du mir gefolgt biſt, mein Kind. Ich beſorgte, der Graf Ruggiero, der überhaupt etwas ſo Seltſames in ſeinem Weſen hat, daß man ihn faſt fürchten könnte, werde irgend eine abenteuerliche Begebenheit erzählen, die uns in eine höchſt nachtheilige Spannung verſetzen möchte. Am Tage vor der Vermählung kann man ſchon ſo niemals in einer ruhigen Stimmung ſein, am wenigſten aber wir Beide, denen ſich mit dieſem Feſte ſo ſchmerzliche Erinnerungen ver⸗ — 240— knüpfen müſſen. Um ſo eher muß man Alles vermeiden, was einen ſolchen Zuſtand der Unruhe erhöhen könnte.“ Un⸗ ter dieſen Worten waren ſie an die Thüre des Schlafzim⸗ mers der Marquiſe gelangt, wo dieſe einen innigen Abſchied von der Tochter nahm, welche nun allein den ſtillen dunklen Corridor bis zu ihrem Gemach hinunterging. Dort erwar⸗ tete ſie Ninetta, ihr Kammermädchen, eine muntere Kleine aus Bergamo, mit großen ſchwarzen Augen. Dieſe verlöſchte durch ihr unſchuldiges Plaudern den trüben Eindruck, den der ganze ſeltſame Abend, ihre ſchwermüthigen Erinnerun⸗ gen und die letzten Worte der Mutter auf das junge glück⸗ liche Herz gemacht hatten. Die Thränen, die ſich ihr ge⸗ waltſam in's Auge drängten, verſiegten wieder; ſie entließ Ninetten mit einem freundlichen Blick und entſchlief mit einem heitern Lächeln auf den roſigen Lippen. Der Marcheſe indeſſen, der den Grund des Aufbruchs ſeiner Gemahlin wohl geahnet hatte, war um ſo weniger bemüht geweſen, ſie zurückzuhalten, als er ungemein ge⸗ ſpannt auf Ruggiero's Erzählung war. Er drang daher, ſowie die Frauen den Saal verlaſſen hatten, in ihn, ſeine Begebenheit mitzutheilen, und wurde natürlich von allen Anweſenden, ja ſogar auch von Antonio, mit jener ängſt⸗ lichen Heftigkeit, die ſein ganzes Weſen bezeichnete, unter⸗ ſtützt. Der Graf ſchien einen Augenblick zu zaudern, dann aber ſprach er:„Nun wohl, es ſei. Ich werde Ihnen eine ſeltſame Begebenheit erzählen, die ich aber mit meinem Wort verbürge. Darum bitte ich Sie aber auch, mich nicht eher zu unterbrechen, als bis ich zu Ende bin; denn ohne die wunderbare Löſung erſcheint das Einzelne freilich als un⸗ glaubliche Fabel. Die Verkettung der Thatſachen aber zeigt uns eine ſo geheimnißvolle Fügung des Wunderbaren, daß eben dieſe uns um ſo gläubiger machen muß, je mehr wir darüber erſtaunen.“ Nach dieſer Einleitung begann Ruggiero folgendermaßen zu erzählen:„Es mag nun etwa drei Jahre her ſein,“— „Drei Jahre?“ unterbrach Antonio heftig.„Nun ja, drei Jahre; fällt Ihnen etwas dabei auf?“ entgegnete der Er⸗ zähler ruhig.„O nein, nur eine Erinnerung ohne alle Be⸗ ziehung,“ erwiderte Antonio und ſuchte ſich, aber anſchei⸗ nend mit großer Mühe, zum Ton der Gleichgültigkeit zu zwingen.„Ich bitte um Verzeihung, daß ich Sie unter⸗ brochen habe.“„Es mag alſo nun etwa drei Jahre her ſein,“ nahm Nuggiero wieder das Wort,„daß ich mich zum Beſuch bei einem Freunde in Deutſchland befand, deſſen Güter an die Küſte der Oſtſee ſtoßen. Das Meer, welches bei uns einen lieblichen Charakter hat, von dem es ſich ſelbſt im Sturm noch eine Spur zu bewahren weiß, iſt dort, in jenem rauhern Klima, in der öden, faſt wüſten Gegend, ſogar bei dem heiterſten Himmel immer ernſt, ja faſt ſchauerlich. Vorzüglich iſt dies aber in den Herbſtmo⸗ naten der Fall, zu denen dort der September ſchon ganz entſchieden gehört. Gerade in dieſer Zeit befand ich mich bei meinem Freunde, dem Grafen Waldenſee, der ſich kurz zuvor mit einem liebenswürdigen Mädchen aus der Nach⸗ barſchaft vermählt hatte. Sie war eine der ſchönſten und geiſtvollſten Frauen, die ich je in Deutſchland kennen ge⸗ lernt habe, und mein Freund fühlte ſich im Beſitz ſeiner Emma unausſprechlich glücklich. So verſtrichen uns denn die Tage auf ſeinem Schloſſe, trotz der rauhen Witterung, höchſt angenehm. Der Herbſt hat in Deutſchland einen un⸗ gemeinen Reiz der Schwermuth. Obwol er an heiteren Ta⸗ gen, wo der Himmel ſich lichtblau über die weiten Ebenen ſpannt, reicher iſt, als jede andere Jahreszeit, ſo bringt das V. 11 — 242— fallende Laub, das den Boden beſtreut, die mit unendlichen Stoppelfeldern bedeckte Flur, das Scheiden der Zugvögel, und vor Allem das hehre Rauſchen unaufhörlich wehender Winde, ſelbſt an den ſchönſten Tagen, ein eigen wehmüthi⸗ ges Ganze hervor, das uns nicht ohne Rührung läßt. Die Natur gleicht dann den letzten Abſchiedsſtunden eines theuren Weſens; man gehört ſich näher, inniger, fühlt das Glück der Liebe oder Freundſchaft deutlicher— und doch tritt der Gedanke an Scheiden und Verlaſſen ſo trübe dazwiſchen, daß uns die beglückenden Gefühle unſeres Herzens nur mit einer gewiſſen ironiſch vernichtenden Grauſamkeit bewußt werden. Vollends aber, wenn böſes Wetter, Regen, Sturm eintritt, der ganze Tage und Nächte wüthet, dann hat die geſellige Verſammlung um das düſter lodernde Kaminfeuer einen me⸗ lancholiſchen Reiz, den man in Italien vielleicht gar nicht kennt. So ſaßen wir auch eines Abends an der flackern⸗ den Flamme, als ſich ein Beſuch aus der Nachbarſchaft an⸗ melden ließ. Es war der Graf B., der, früher Soldat, jetzt durch Wunden und die vorrückenden Jahre zum Dienſt untauglich, in der Gegend auf ſeinen Gütern wohnte. Man erzählte ſich viel Seltſames von ihm, ja er ſtand in dem Rufe, ein Geiſterſeher zu ſein. Allerdings konnte Manches in ſeinem Außern dazu beitragen, dieſe Gerüchte zu ver⸗ mehren. Er war groß und hager, doch von ſtarkem Kno⸗ chenbau und kräftigen Muskeln; eine tiefe Narbe zog ſich quer über ſeine Stirn und erſtreckte ſich noch weit über den Schädel, was man deutlich ſehen konnte, weil ihm nach dem Strich derſelben das Haar ausgegangen war, ſo⸗ daß dieſes durch eine kahle, einen Finger breite Furche ge⸗ ſcheitelt wurde. Seine Lippen waren ganz bleich, faſt blut⸗ los, und unter grauen, buſchigen Brauen ſtarrten ein Paar dunkle Augen hervor, deren Blick, wenn er ſich feſt auf — 243— Jemand heftete, etwas Furchtbares hatte. Dieſer Mann alſo ließ ſich melden; höchſt unvermuthet, denn er hatte faſt mit Niemandem Umgang, und war auch ſeit länger als ei⸗ nem halben Jahre nicht auf dem Schloſſe meines Freundes geweſen. Er wurde indeß freundlich empfangen, und Wal⸗ denſee ließ, da unſere ganz vertrauliche Gemeinſchaft nun doch einmal geſtört war, auch ſeinen Pfarrer nebſt deſſen Gattin herüber auf das Schloß laden. Der ganze Tag war regnicht und ſtuͤrmiſch geweſen, und das Toſen der See hallte dumpf und ſchauerlich an unſer Ohr. Jetzt aber hatte der Regen nachgelaſſen und durch zerriſſene, flüchtig am Himmel hinſtreichende Wolken blickte die Sichel des Neu⸗ mondes mit trübem Licht herab. Waldenſee, ein Freund von ſchauerlich⸗romantiſchen Naturſcenen, ſchlug nach dem Abendeſſen noch einen Spaziergang durch den Garten vor, der ſich längs der Seeküſte hinabzog und beſonders von ei⸗ nem langen Gang hoher uralter Linden, der auf der Höhe der Sanddünen hart am Strande angelegt war, einen groß⸗ artigen überblick des ſturmbewegten Meeres gewährte. Der Vorſchlag wurde angenommen und wir wählten jene eben beſchriebene düſtere Allee, um das Schauſpiel des unruhigen Meeres in der Mondbeleuchtung von dem ſchönſten Stand⸗ punkte aus zu genießen. In der That gehört dieſe Erinne⸗ rung zu den großartigſten meines Lebens. Der Himmel war mit ſeltſamen Wolkengeſtalten bedeckt, die vom Winde gei⸗ ſterähnlich an der blaſſen Mondſichel vorübergejagt wurden. Das Meer ſchwoll in hohen brandenden Wellen gegen die weißen Sanddünen des Ufers und beſpritzte ſie mit ziſchen⸗ dem Schaume, der die dunkelgrauen Häupter der Wogen ſchimmernd krönte. So weit das Auge reichte, ein unauf⸗ hörliches Aufbäumen und Verſinken der Fluth, die ſich ge⸗ gen den Horizont in einen weißgrauen ungewiſſen Nebel ver⸗ 11* lor. Trotz dem brauſenden, dumpf donnernden Getöſe, ſchien die furchtbare Ode des Anblicks eine Art von Stille über das Ganze zu verbreiten. Es war, als horchte das weiße, lang hin im Mondlichte ſich ausdehnende Ufer in ängſtlichem Schweigen auf das Drohen der See, und der Mond ſchien auf den zürnend ſauſenden Sturmwind zu lauſchen. Mein Freund, der die Frau des Pfarrers führte, ging voran, ih⸗ nen folgten zunächſt der Graf und der Pfarrer, und mit der ſchönen Emma am Arm beſchloß ich den Zug. Es gab einen wunderbaren Anblick, wie die Geſtalten vor uns bald ſichtbar waren, bald verſchwanden, je nachdem ſie durch die dunklen Schatten der Bäume, oder durch die lichten Zwi⸗ ſchenräume gingen, die der von der Landſeite hereinſchei⸗ nende Mond bildete. Ich machte Emma auf den ſeltſamen Contraſt aufmerkſam, der zwiſchen dem Grafen und dem Pfarrer ſtattfand. Der Erſte groß, faſt koloſſal, hager, in einem hellfarbigen überrock; der Andere klein, ſchwächlich, im ſchwarzen Kleide, aber mit ſilberweißem Haar. Schon mehrmals hatten wir mit einer eigenen Empfindung beob⸗ achtet, wie wunderbar, man möchte ſagen ſchauerlich, die beiden Geſtalten ſich gegeneinander ausnahmen. Jetzt kam eine Stelle, wo von beiden Seiten ein Paar Bäume fehl⸗ ten und wir ſie alſo recht lange im Mondlicht neben ein⸗ ander zu ſehen dachten. Aber ſonderbarer Weiſe, ſowie ſie ſich dieſer Stelle näherten, machte der Graf ſich von dem Arm des Pfarrers los und ging weit abwärts nach der Landſeite zu in einem großen Bogen um den Platz herum, gleichſam als ſcheue er ſich, darüber hinwegzuſchreiten. Wir hatten dies Beide mit einem wunderbaren Gefühle bemerkt, hielten es jedoch für zufällig. Als wir indeß am Ende der Allee ſämmtlich umwendeten, wußte ich es ſo einzurichten, daß ich mit meiner Begleiterin wieder das letzte Paar bil⸗ — 245— dete. Ich fühlte mich auf eine unerklärliche Art neugierig, zu erforſchen, ob der Graf bei ſeinem Ausweichen eine Ab⸗ ſicht gehabt habe. Faſt lächelte ich ſelbſt über meinen eigen⸗ ſinnigen Ernſt in dieſer gleichgültigen Sache und äußerte daher auch meiner Nachbarin nichts davon. Als wir aber wieder an den freien mondhellen Platz kamen, fragte ſie mich unaufgefordert ganz leiſe:„Wird er wol wieder aus⸗ weichen?“ Und kaum hatte ſie dieſes Wort geſagt, als er ſich von dem Arme ſeines Begleiters losmachte und ganz auf dieſelbe Weiſe, wie vorher, die Stelle umging. Jetzt war es uns Beiden gewiß, daß er einen beſtimmten Grund habe, nicht über jenen Fleck hinwegzuſchreiten. Wir beob⸗ achteten daher den Boden ganz genau und ſtanden ſogar auf der Mitte des Platzes einige Augenblicke ſtill, ohne je— doch das Mindeſte entdecken zu können, weshalb der Graf Res wol vermeiden mochte, ihn zu betreten. Ich verabredete daher mit meiner Begleiterin, daß wir zum dritten Male auf den Platz zurückkehren wollten, um zu ſehen, ob er ihn noch einmal umgehen würde, und ihn dann ſogleich zu fra⸗ gen, weshalb er's thäte. Als wir demnach an das untere Ende der Allee gelangt waren, wo die vordern Spaziergän⸗ ger ſtillſtanden, um uns zu erwarten, außerte ich gegen meinen Freund:„Du haſt ſehr wohl gethan, dort auf der Hälfte des Weges, rechts und links, einige Bäume fällen zu laſſen; man hat an dieſer Stelle den ſchönſten Anblick des Meeres, denn der freiere Raum, von dem aus man ſieht, verſtärkt die Wirkung um ein Bedeutendes.“„Das iſt nicht mein Verdienſt,“ antwortete Waldenſee,„ſondern ein ſeltſamer Umſtand iſt Schuld daran. Es hat dort nie⸗ mals ein Baum fortkommen wollen; ich weiß, daß ſchon mein Vater viel vergebliche Verſuche gemacht hat, die unter⸗ brochenen Baumreihen durch Anpflanzung herzuſtellen, allein — 246— die ſchönſten, geſundeſten Stämme ſind uns dort in kurzer Zeit völlig ausgegangen. Ich ſelbſt habe noch im vorigen Jahre einen Verſuch gemacht, allein er iſt, wie die früheren, völlig fehlgeſchlagen. Ich weiß nicht, was für ein beſonde⸗ res Gift dort im Boden ſtecken mag, das die Bäume töd⸗ tet.“ Ein ſeltſamer Schauer durchbebte mich bei dieſer Ant⸗ wort, und ich fühlte, daß auch Emma an meinem Arm heftig zu zittern anfing. Ich geſtehe, daß ich in dem Au⸗ genblick nicht den Muth hatte, die Rückkehr nach jenem Platze vorzuſchlagen; doch wandte ich wenigſtens mein Auge auf den Grafen und ſah ihn forſchend an, ob er nichts auf die Antwort meines Freundes äußern würde. Allein er ſtand, vor ſich auf den Boden ſchauend, regungslos da, und als ich der Richtung ſeines Blickes folgte, ſah ich, daß er mit ſeinem Stocke ein großes Kreuz in den Sand ge⸗ zeichnet hatte. Ich nahm alle meine Geiſtesgegenwart zu⸗ ſammen und erwiderte, indem ich mein Auge nicht von dem räthſelhaften Zeichen verwandte:„Das ſcheint mir doch unmöglich, daß der Boden die Schuld tragen ſollte; ver⸗ muthlich iſt immer in der Setzung der Bäume etwas ver⸗ ſehen worden. Eine ſolche Unfruchtbarkeit wäre ja ein ganz beſonderer Umſtand.“ Bei dieſen Worten erhob der Graf ſein Angeſicht langſam, ſah mich ſtarr an und ſprach dann mit tiefer, ſchauerlicher, aber leiſer Stimme, indem er das Haupt und die furchtbaren Augen zweifelnd bewegte:„Blut trägt den Fluch der Unfruchtbarkeit.“ Ich ſchreckte zuſam⸗ men und auch Emma wankte, dies fühlte ich deutlich, an meiner Seite. In demſelben Augenblick ſchallte ein ſchmet⸗ ternder, dröhnender Ton mitten durch das Geheul des Sturmwindes. Es war freilich nur die Glocke des Schloß⸗ thurms, an deſſen Fuß wir uns befanden, die ein Viertel ſchlug;z allein Emma erſchreckte über den unvermutheten G * — 247— Klang ſo heftig, daß ſie mit einem lauten Schrei beſin⸗ nungslos an meiner Seite niederſank.“ Hier hielt Ruggiero inne und ſah ſich mit ſeinen ſchwarzen glühenden Augen rings um. Alles war todtenſtill. Antonio, der bleich wie ein Marmorbild ausſah, hing mit ſtarren Blicken an den Lippen des Erzählers. Es durchbebte ihn ein kalter Schauer, denn bisweilen ſpielte ſeine erhitzte Phantaſie ihm den ſeltſamen Streich, die Züge Ruggiero's ſo zu verwirren, daß es ihm ſchien, als träte eine dunkel⸗ rothe Narbe auf ſeiner bleichen Stirn heraus. Nur mit großer Mühe gelang es ihm, in dieſer fieberhaften Wallung ſeine Faſſung ſo weit als nothwendig war, zu behalten. Nach einer Pauſe der tiefſten Stille fuhr Ruggiero fort: „Erſt im Schloſſe kam Emma wieder zu ſich, und da ſie ſich jetzt in befreundeter Umgebung, in ihrem traulich häuslichen Zimmer bei hellem Kerzenlicht befand, waren auch die Eindrücke des Schreckens, der ſich ihrer ſo plötzlich und unwiderſtehlich bemächtigt hatte, bald verſchwunden. Ich hatte mich wohl gehütet, die Bemerkung, die wir über das geheimnißvolle Ausweichen des Grafen B. gemacht hat⸗ ten, den übrigen mitzutheilen, auch ſchien Niemand ſeine ſeltſame Äußerung vernommen zu haben. Man glaubte da⸗ her, Emma's Zufall ſei nur durch den plötzlich dröhnenden Klang der Thurmglocke veranlaßt, die uns Alle auf einen Augenblick durch ihr unvermuthetes Einſtimmen in die ſchauerliche Nachtſcene erſchreckt hatte. Die heftige Wirkung auf die Gräfin ließ ſich leicht aus Urſachen erklären, die man bei ihrem Verhältniß als junge Vermählte vorausſetzen durfte. So hatte ſich die allgemeine Beruhigung ziemlich wiederhergeſtellt. Nur mir war das Benehmen des alten Grafen zu auffallend geweſen, um es unter andern nach ſo zutraulichen, und dem Geſpenſterſchauer ungünſtigen Umge⸗ — 248— bungen, ſogleich vergeſſen zu können. Mit der Miene der Gleichgültigkeit zog ich daher den Pfarrer bei Seite und fragte ihn, ob er nicht wiſſe, weshalb ſein Begleiter ſich an der bezeichneten Stelle jedesmal von ihm entfernt habe. „Er ſagte, die Seeluft wehe ihm dort zu ſcharf,“ antwortete dieſer,„deshalb ging er nach der Landſeite ein wenig die Dünen abwärts, um hinter dem Buſchwerk, an dem Ab⸗ hange des Hügels, etwas überwind zu erhalten.“ Dieſe Erklärung genügte mir zwar keineswegs, jedoch war ich froh, ſie mit der Miene des Scherzes, als verſpottete ich uns ſelbſt, der ſchönen Emma halblaut, ohne daß der Graf B. es vernehmen konnte, mittheilen zu können, um ſie völlig zu beruhigen, was mir auch gelungen zu ſein ſchien. Um ſo unruhiger aber machte das unerforſchte Geheimniß mich ſelbſt, denn des Pfarrers Antwort war baarer Unſinn, da ich den Wind aufmerkſam beobachtet hatte, der ſo ſenkrecht auf die Allee ſtieß, daß er alle Punkte derſelben gleich ſcharf traf. Zudem war der Graf ohne Kopfbedeckung ge⸗ gangen, und das thut in einer kalten Herbſtnacht Niemand, der ſich vor etwas mehr oder minder ſcharfem Winde ſcheuen „muß. Ich beobachtete ihn daher aufmerkſam, um zu ſehen, ob ich aus ſeinem Benehmen oder ſeinen Außerungen keine Vermuthung ſchöpfen könnte. Er betrug ſich gerade noch ſo wie den ganzen übrigen Abend. Selten ſprach er, doch was er ſagte, war gut, wenngleich es oft nur die gewöhnlichſten Dinge des Lebens berührte; Emma's Zufall ſchien ihm ganz ohne Eindruck vorübergegangen zu ſein. Er hatte weder vorher eine Be⸗ ſorgniß gezeigt, noch äußerte er jetzt Freude über ihr Wohl⸗ ſein; doch hatte er, dies muß man einräumen, in dem Au⸗ genblicke, wo wir Alle von Schrecken ergriffen waren, ſo⸗ gleich die geſchickteſten Vorkehrungen getroffen, denn wäh⸗ — 249— rend wir uns beſchäftigten, die Ohnmächtige außzurichten, ihr zuzurufen und ſie endlich in's Schloß zu tragen, war er vorausgeeilt, hatte Riechſalz, Thee und andere nützliche Dinge beſtellt, ohne aber, wie mir der Kammerdiener ſagte, eine Miene der Beſorgniß und des Schreckens zu zeigen. Auch jetzt war er es, der zuerſt daran erinnerte, daß es Zeit ſein möchte, ſich zurückzuziehen, da nur eine zeitige Nuhe auf das ſicherſte allen Folgen vorbeugen könne, die von dem Schreck für unſere liebenswürdige Wirthin zu be⸗ ſorgen ſein möchten. Wir nahmen daher Abſchied, um uns auf unſere Zimmer zu begeben. Der Kammerdiener, der uns vorleuchtete, führte zuerſt den Grafen B. an ſein Schlafgemach, welches um einige Thüren vor dem meinigen auf dem Corridor lag, und hierauf wollte er mit mir wei⸗ ter gehen. Allein ich ſchickte ihn zurück und beauftragte ihu, Waldenſee von mir zu erſuchen, daß er doch einen Augenblick zu mir heraufkommen möge, wenn er es thun könnte, ohne von ſeiner Gattin bemerkt zu werden. Nach einigen Minuten war er auf meinem Zimmer und ich theilte ihm den ganzen Hergang der Sache mit. Anfangs war er ungläubig und lächelte; endlich aber überzeugte ich ihn doch, daß der Graf einen geheimen und nicht unwichti⸗ gen Grund gehabt haben müſſe, weshalb er die bezeichnete Stelle vermieden habe.„Wenn er noch nicht ſchläft,“ rief Waldenſee,„ſo muß ich noch in dieſer Stunde Gewißheit haben. Laß uns auf ſein Zimmer.“ Wir gingen. An der Thür ſeines Gemachs hörten wir ihn inwendig mit großen langſamen Schritten auf und nieder gehen, auch kam es uns vor, als rede er mit ſich ſelbſt. Wir pochten an.„Wer iſt da?“ fragte er mit tiefer Stimme. Als wir uns nann⸗ ten, öffnete er, ohne Erſtaunen zu zeigen, und hieß uns nur mit ernſtem Weſen willkommen. Waldenſee, der auf’s — 250— äußerſte begierig war, auf den Grund der Sache zu kom⸗ men, fragte ohne Umſchweife nach Dem, was wir wiſſen wollten.„Alſo Das iſt es?“ antwortete der Graf;—„ja, das iſt eine ſeltſame Sache. Setzen Sie ſich, meine Herren.“ Wir nahmen Platz an einem ſchwarzen Marmortiſch, der unter dem Spiegel ſtand. Der Graf ſaß dieſem gerade gegenüber. „Wie lange iſt Ihre Familie im Beſitz dieſer Güter, lieber Waldenſee?“ fing er an. „Mein Vater hat ſie gekauft, als er noch unverheira⸗ thet war; ich glaube, es wird jetzt etwa fünf bis ſechs und dreißig Jahre her ſein. Allein wozu das?“ „Haben Sie aus dem Archiv der vorigen Beſtitzer viel⸗ leicht Nachrichten über die Anlagen des Gartens? Wie alt der Damm der Dünen ſein mag, auf welchem die Linden⸗ allee angelegt iſt? Ob man weiß, wer ſie gepflanzt hat, oder was ſonſt an jener Stelle geſtanden haben mag?“ „Ich entſinne mich dunkel, von meinem Vater gehört zu haben, daß ein alter Thurm, der ehemals als Leuchtthurm gedient hat, dort geſtanden habe, aber ſchon ſeit dem drei⸗ ßigjährigen Kriege zerſtört ſein ſoll. Allein wozu alle dieſe Fragen?“ Der Graf blieb kalt und fuhr in ſeiner ſeltſamen Weiſe, auszuforſchen, ruhig fort, ohne ſich an die Einwen⸗ dungen meines Freundes zu kehren. Ich kann hier nicht alle die kleinen Umſtände, nach denen er fragte, wiederho⸗ len, allein ich will nur ſo viel erwähnen, daß ſie alle dar⸗ auf abzielten, ſich genau zu unterrichten, ob Waldenſee von der Beſchaffenheit des Bodens unter jener Stelle der Dü⸗ nen etwa Kenntniſſe oder Vermuthungen habe, die ſchon einen Zuſammenhang mit Dem hätten, was uns der Graf gleich darauf enthüllte. Es fand ſich aber, daß mein Freund völlig unwiſſend war und auch nicht ahnete, was der be⸗ zeichnete Ort verbergen könne. Als der Graf ſich deſſen ver⸗ ſichert hatte, hub er feierlich an:„Da Sie ſelbſt, der Herr dieſes Bodens, von keinem Umſtande unterrichtet ſind, der Ihnen die Vermuthung Deſſen geben könnte, was ich Ihnen jetzt mittheilen will, ſo werden Sie auch überzeugt ſein, daß auch ich nicht durch zufällige Umſtände zu meiner Kenntniß gekommen bin. Auf jener Stelle unter dem Boden liegt eine Leiche verborgen.“ Ruggiero hielt hier wiederum inne. Antonio war auf⸗ geſtanden und in den Hintergrund des Zimmers gegangen, wo er ſich in die Vertiefung eines Fenſters lehnte. Er ſchien ungemein heftig von der Erzählung angegriffen zu ſein. Nach einer kleinen Pauſe fuhr der Erzähler fort: „Sie können denken, daß uns ſeltſam ſchauerlich zu Muthe wurde, als der Graf dieſe Worte ausſprach. Zufällig fiel mein Blick dabei auf den Spiegel und, ſei es, daß das Glas dieſe Täuſchung hervorbrachte, oder war es wirklich ſo, alle Züge des Grafen erſchienen mir wie die Larve eines Todten ſo geiſterbleich und ſtarr. Das Haar fing an, ſich mir zu ſträuben, ich fühlte, daß ich nicht im Stande ſein würde, meinen Seſſel zu verlaſſen, doch warf ich noch die Frage hin:„Und woher vermuthen Sie das?“„Ich weiß es,“ antwortete er feſt;„ich kann über keinen Leichnam hin⸗ wegſchreiten, und läge er zehn Klaftern unter dem Boden. Ich habe ein ſicheres Gefühl davon, das mich ſchon in der Nähe eines ſolchen Ortes ergreift. Meine Glieder werden dann kalt und ſtarr, mein Puls ſtockt und ich komme in den Zuſtand eines Todten ſelbſt, der aber durch eine fremde Kraft mechaniſch bewegt wird. Dieſe Empfindung iſt ent⸗ ſetzlich, aber ſie ſteigert ſich noch, wenn der unter dem Bo⸗ 3 — 252— den liegende Menſch eines unnatürlichen Todes geſtorben iſt. Und ich möchte ſchwören— hier ſei ein Mord geſchehen.“ Ruggiero ſchwieg. Todtesſtille umher. Antonio trat verſtört aus dem Hintergrunde hervor, ergriff eine Kerze und wollte gehen.„Was iſt Ihnen, Vetter?“ fragte Rug⸗ giero,„Sie ſind ja leichenblaß.“„Mir iſt unwohl,“ ſprach er fieberhaft,„auch hat mich Ihre Erzählung grauenvoll bewegt. Gute Nacht, ich muß zur Ruhe gehen.“ Bei die⸗ ſen Worten ſchwankte er ſo unſichern Schrittes nach der Thür, daß der Marcheſe aufſtand, um ihn auf ſein Zim⸗ mer zu begleiten. Als Beide den Saal verlaſſen hatten, fragte Ruggiero ſeinen Nachbar, einen ſchon bejahrten Mann und Anverwandten der Familie Bernini, den Grafen Chiari, leiſe, ob Antonio immer ſo reizbar ſei, oder etwa an den Nerven leide, daß dieſe Erzählung ihn ſo gewaltig angegriffen habe.„Das glaub' ich weniger,“ erwiderte der Gefragte ebenfalls leiſe,„doch hat ſie vielleicht Erinnerungen in ihm rege gemacht, die ihm ſchrecklich und ſchmerzlich ſein müſſen, wiewol in ſeiner Geſchichte eigentlich nichts Ahnli- ches mit Ihrer Begebenheit zu finden iſt, als daß“— der Marcheſe trat wieder ein.„Nachher davon,“ flüſterte Graf Chiari, und das Geſpräch war beendet. Der Marcheſe, der ſeinen Eidam nur ſo lange geleitet hatte, bis er einen Diener antraf, der ihn nach ſeinem Zim⸗ mer führen mußte, kehrte ſo eilig als möglich zurück, weil er auf den Ausgang der Erzaͤhlung höchſt geſpannt war. Seine erſte Frage war daher auch:„Und nun, lieber Graf. Sie ſind doch noch nicht zu Ende? Sie werden uns doch den Schluß Ihrer Geſchichte nicht ſchuldig bleiben wollen? Noch ſind wir zweifelhaft, ob die wunderbare Unglücksgabe des deutſchen Grafen nur in ſeiner Einbildung ſtattfand, oder ob er wirklich dieſe unſelige Kraft beſaß.“„In der — 253— That,“ entgegnete Ruggiero,„ich bin beſorgt, meine Er⸗ zählung macht einen zu heftigen Eindruck und erregt auch vielleicht, wie man mir ſagt, Erinnerungen, die nicht will⸗ kommen ſind. Laſſen Sie mich daher für heute hier abbre⸗ chen; ein andermal will ich Ihnen gern den Schluß der Begebenheit mittheilen.„Nein, um Alles nicht,“ rief der Marcheſe;„meine Freunde und Gäſte würden es mir nicht verzeihen, wenn ich ſie um die Auflöſung dieſer ſpannen⸗ den Erzählung bringen wollte. Fürchten Sie ſich vor keiner Erinnerung an die Ereigniſſe in meiner Familie. Schon ehe Sie kamen, habe ich mich darüber ausgeſprochen. Begeben⸗ heiten dieſer Art vergeſſen ſich unter keiner Bedingung; es kann daher auch meiner Meinung nach einem gefaßten und vernünftigen Manne durchaus nicht zuwider ſein, daß Das mit Freiheit erwähnt werde, was man doch nicht aus ſeinen Gedanken vertilgen kann. Und überdies iſt bis jetzt ja ſo wenig in Ihrer Begebenheit vorgekommen, was mit den Ereigniſſen, auf die ich deute und die Sie nicht einmal zu kennen ſcheinen, Ahnlichkeit oder Verwandtſchaft hätte, daß ich gar nicht glauben kann, die heftige Erſchütterung An⸗ tonio's rühre daher. Es werden ſich hier, wie es ja ſo oft geſchieht, Zufall und weſentliche Verhältniſſe gepaart haben, um den Eindruck Ihrer an ſich freilich ſchon im hohen Grade ſpannenden Erzählung zu verſtärken. Fahren Sie daher immer fort, und fürchten Sie nicht, irgend einen Anſtoß zu geben; wer durch etwas erinnert ſein will, wird in den gleichgültigſten übereinſtimmungen weſentliche Bezie⸗ hungen finden können. Ich meines Theils bin, wie ich ſchon erklärt habe, nicht von dieſer Art. Aber ich hoffe doch, daß meine Gäſte meinem Wunſch um die Vollendung der Er⸗ zählung nicht entgegen ſind?“ Die lebhafteſte Aufforderung — 254— zur Fortſetzung derſelben wurde allgeinein ausgeſprochen. Ruggiero nahm daher wieder das Wort und begann: „Sie können ſich vorſtellen, daß dieſe Behauptung des Grafen und die Art, wie er ſich zu derſelben berechtigt glaubte, uns auf das ſeltſamſte aufregte. Nicht ſowol um die Wahrheit der Thatſache zu erforſchen, ſondern um zu zerfahren, ob das wunderbare Ahnungsvermögen, oder wie man jene entſetzliche Viſionskraft des Grafen nennen wolle, ihm in der That beiwohne, beſchloß Waldenſee Unterſuchun⸗ gen anzuſtellen. Er äußerte dies gegen den Grafen und dieſer war ganz damit einverſtanden.„Aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach,“ ſagte er,„wird ſich freilich nicht eben etwas An⸗ deres daraus ergeben, als daß wir ein Gerippe oder einen Schädel auffinden, denn nach Dem, was wir über die An⸗ lage der Allee wiſſen, kann wol ſchwerlich die That, die ich vermuthe, in neueren Zeiten dort vorgefallen ſein. Wer weiß, ob ſich der Fall nicht in graue, längſtvergangene Jahre, vielleicht in die wilden Zeiten des dreißigjährigen Krieges verliert. Allein das iſt mir ganz unzweifelhaft, Spuren der That, und zwar ſehr deutliche, werden wir ent⸗ decken. Die Reſte des Körpers müſſen noch ziemlich erhal⸗ ten ſein, da, wie ich aus Erfahrung weiß, ein in Erde oder Aſche verwandelter Leichnam jene furchtbare Wirkung nicht mehr auf mich äußert. Nur ſo lange die Gebeine noch als ſolche vorhanden ſind, ſcheint jenes Fluidum, oder die elek⸗ triſche Kraft, oder vielleicht gar, und warum nicht, die Seele des Todten noch in ihnen vorhanden zu ſein, wodurch die Wirkung auf meine Sinne und Nerven hervorgebracht wird. In der That habe ich ſie ſonſt noch nie ſo ſtark em⸗ pfunden, als heut, weshalb ich noch eine ſehr wohlerhal⸗ tene Leiche, oder falls wirklich eine geiſtige Kraft des Ver⸗ ſtorbenen noch auf mich wirkt, eine höchſt auffallende Todes⸗ — — 255— art vermuthe.“ Ich fragte ihn, ob er dieſen ſechſten Sinn beſtändig an ſich wahrgenommen habe.„Nein,“ antwortete er,„erſt ſeit ich den Hieb über den Schädel habe, mit wel⸗ chem es auch eine eigene Bewandtniß hat.“„Wie ſo?“ fragte Waldenſee.„Je nun,“ ſprach der Graf in ſeinem kalten Tone,„weil ich weiß, daß ich ihn durch eine Waffe erhal⸗ ten habe, die nicht aus der gewöhnlichen Werkſtätte eines Schmiedes gekommen iſt.“ Wir drangen auf eine nähere Erklärung ſeiner AÄußerung.„Viel weiß ich ſelbſt nicht dar⸗ über zu ſagen,“ antwortete er,„doch die Gewißheit habe ich, daß meine Wunde nicht durch einen ehrlichen Huſaren⸗ ſäbel gehauen iſt. Ich habe ſie nämlich nicht, wie man all⸗ gemein glaubt, in der Schlacht, ſondern in einem Duell von einem Kameraden empfangen, mit dem ich mich ganz ſo ziemlich vertrug, obwol er ein höchſt wilder Burſch war und ſeine Händel im Wein⸗ und Spielhauſe und mit leichtferti⸗ gen Mädchen kein Ende nahmen; denn dabei war er brav wie ein Löwe und ritt wie der Teufel. Fechten aber konnte er gar nicht, auch hatte er überhaupt nur geringe Kräfte, wiewol ſein Körper darin eine große Ausdauer zeigte, daß er durch ſeine wilde Lebensart weder krank noch erſchöpft wurde. Eines Tages erhielt ich Geld von Hauſe. Mein Kamerad beredete mich, ihm auf ein Kaffeehaus zu folgen, wo er Bank aufzulegen pflegte. Ich that es, ſpielte und verlor Zug auf Zug. Das machte mich ſtutzig, ich vermu⸗ thete Betrug, konnte aber doch trotz meiner übung nicht entdecken, daß er die Volte ſchlug oder ſonſt etwas Ungehö⸗ riges vornahm. Um ihn zu prüfen, wußte ich ihm ein be⸗ reits gelegtes und geſchnittenes Spiel Karten unterzuſchieben, deſſen Folge ich mir gemerkt hatte. Da hatt' ich ihn. Denn alle Karten fielen anders ,aber nicht durch die Volte, das war deutlich zu ſehen, ſondern durch ein mir unbegreifliches — 256— Kunſtſtück, ſodaß ich faſt glauben mußte, er verwandelte die Karten nach ſeinem Belieben. Kurz, wir wurden betrogen; das Wie war einerlei. Ich wollte kein Aufſehen im Kaffee⸗ hauſe machen, hörte aber ſogleich auf zu ſpielen, verließ das Zimmer und ſchickte ihm durch einen Bedienten einen Zet⸗ tel, worauf ich ihm kurzweg ſchrieb:„Er ſei ein Betrü⸗ ger.“ Beweeiſe hatte ich freilich nicht, aber ich wollte ſie auch nicht, weil ich, meiner Sache gewiß, ihn nur zum Duell haben wollte. Dazu kam es auch, denn er ſtürzte wie eine Furie heraus zu mir und verlangte auf der Stelle Genugthuung. Wir gingen und ſchlugen uns ohne Secun⸗ danten mit unſeren krummen Huſarenſäbeln. Ich war da⸗ mals der beſte Fechter in der Armee und hatte eine Löwen⸗ ſtärke, deren ich mich jetzt bedienen wollte, den Schurken zu beſtrafen, von dem ich wußte, daß er einem Schwachen kaum gewachſen war. Aber dennoch drang er, ſo wie ich ihm gegenübertrat, mit einer unwiderſtehlichen Rieſenkraft auf mich ein, ſchlug mir die Paraden durch, als wäre mein Säbel ein Strohhalm, und gab mir den Hieb durch den Schädel, den Sie noch heute ſehen. Ich ſtürzte beſinnungs⸗ los nieder; erſt in meinem Zimmer kam ich unter den Hän⸗ den des Wundarztes wieder zu mir ſelbſt. Mein Gegner war flüchtig geworden und iſt nie wiedergekehrt. Daß er mir aber den Hieb nicht allein gegeben hat, darauf will ich das Sacrament nehmen. Und ſeit dem Tage habe ich meine fürchterliche Sehkraft bis in den Bauch der Erde hinab.“ Dieſe ſeltſame Geſchichte war auch eben nicht geeignet, un⸗ ſere Spannung auf die Reſultate der Erzählung zu vermin⸗ dern; wir beſchloſſen daher gemeinſam, in der nächſten Nacht Hand an's Werk zu legen, ohne indeß etwas davon verlau⸗ ten zu laſſen. Theils geſchah dies, um Emma's reizbare Phantaſie zu ſchonen, theils auch, damit nicht falſche und — 257— vergrößernde Gerüchte ſich über die Sache verbreiteten, be⸗ vor man ein Ergebniß der Unternehmung geſehen hätte. Deshalb ſollte nur noch der alte Pfarrer als Mitwiſſer in das Geheimniß gezogen werden, damit ſeine Theilnahme eine böſe Deutung ſogleich verhindern möchte. Indeß war die Mitternachtsſtunde herangekommen, und wir nahmen Ab⸗ ſchied von unſerm wunderbaren Grafen. Daß ich die fin⸗ ſtere, vom Sauſen des Herbſtwindes und dem dumpfen Donner der unruhigen See unterbrochene Nacht nicht eben in der behaglichſten Ruhe zubrachte, läßt ſich bei meiner im hohen Grade gereizten Stimmung wohl vermuthen. Endlich brach der Morgen an und verwandelte die Empfindung des unheimlichen Schauers in die geſpannteſte Neugier auf den Ausgang der Begebenheit. Im Laufe des Tages wurde der Pfarrer unterrichtet, Handwerkszeug zum Graben, einige Brecheiſen und andere Inſtrumente heimlich herbeigeſchafft und überhaupt Alles vorbereitet. Endlich kam der Abend heran, den wir zu unſerer Unternehmung ausgeſucht hatten. Unter dem Vorwande, daß Emma's Geſundheit es fordere, hatten wir früher zu Nacht geſpeiſt und Waldenſee bat ſie, ſich zur Ruhe zu begeben, während er mit dem Pfarrer, dem Grafen und mir noch einige Stunden bei einer Flaſche Wein verſchwatzen wolle. Um zehn Uhr war Alles ſtill ge⸗ worden. Jetzt zündeten wir unſere Blendlaternen an und begaben uns auf den Platz. Der Graf ließ ſich von uns über denſelben führen. Ich fühlte, wie ſeine Hand, während wir auf dem Kiesſand ſchritten, kalt und kälter wurde; ein Schweiß der Angſt trat ihm vor die Stirn, ſeine Lippen wurden ganz blaß, die Augen ſtarrten, die Sprache verſagte ihm. Mehrere Male deutete er uns durch Winke an, ihn ſeitwärts oder zurück zu führen, weil er an der Empfin⸗ dung ſeines Körpers, die ihm als furchtbare Wünſchelruthe — 258— dieſer entſetzlichen Schatzgräberei diente, die Stelle ausfindig machen wollte, unter der der Leichnam zunächſt liegen mußte. Endlich ſtand er ſtill und winkte, denn ſprechen konnte er nicht, weil die Zunge ihm völlig gelähmt war. Wir ſteckten an dem bezeichneten Fleck einen Spaten in die Erde und führten ihn dann zurück. Wer aber fühlt meinen Schauder, als ich ihm jetzt in das vom Monde grell beleuchtete Geſicht ſchauete und ſah, wie große Blutstropfen aus der Stirn⸗ narbe drangen und ihm über die Wangen liefen. Kaum vermochte ich ihn zu führen. Als wir eine Strecke von dem furchtbaren Platz entfernt waren, kam er nach und nach wieder zu ſich, war aber ſo angegriffen, daß er ſich auf ei⸗ nen Seſſel niederlaſſen mußte, der ausdrücklich für ihn mit⸗ genommen war. Er verſicherte, noch nie ſo entſetzlich von ſeiner Ahnungskraft ergriffen worden zu ſein und zugleich einen ſo unbezwinglichen Trieb gehabt zu haben, ſie zum erſten Male in wirkliche Anwendung zu bringen. Darauf bat er uns, mit dem Aufgraben zu eilen, damit uns der Mor⸗ gen nicht überraſche. Wir ließen den Pfarrer bei ihm zurück und begaben uns jetzt nicht ohne eine gewaltige innere Be⸗ wegung auf den bezeichneten Fleck. Das Graben ging, ſo⸗ bald wir erſt den Kies weggeräumt hatten, raſch von ſtat⸗ ten. Nach einer Arbeit von einer guten Stunde, in der wir ohngefähr ſechs Fuß tief gegraben haben mochten, ſtie⸗ ßen wir auf etwas Hartes. Wir leuchteten mit der Blend⸗ laterne hinab und fanden, daß es eine eiſerne Platte ſei. Als wir mit den Brecheiſen darauf ſtießen, tönte es unten hohl und ſchauerlich wieder, ſodaß es uns unzweifelhaft wurde, die Platte müſſe einen weiten leeren Naum bedecken. Mit aller Anſtrengung räumten wir jetzt die Erde von der⸗ ſelben hinweg, um zu ſehen, wie weit ſie ſich etwa erſtrecken möge. Als wir etwa drei Fuß in der Breite Raum ge⸗ wonnen hatten, hörte ſie auf, fügte ſich aber an eine Um⸗ gebung von Steinen, in die ſie eingepaßt war. Nach der Arbeit von einer Stunde hatten wir auch eine Länge von ſechs Fuß gewonnen, wo ſie ebenfalls aufhörte, ſodaß ſie der Deckel eines Grabes zu ſein ſchien. Um zu unterſuchen, ob uns vielleicht eine Inſchrift oder dergleichen nähere Aus⸗ kunft geben würde, reinigten wir ſie ſorgfältig von aller Erde und leuchteten nun mit der Blendlaterne hinab. Wir entdeckten lange Zeit nichts; endlich bemerkte ich an der rechten Seite auf der Mitte derſelben ein Schloß, deſſen Offnung für den Schlüſſel aber ganz mit Erde verſtopft und überdies völlig vom Roſt umfreſſen war. Bei genauer Unterſuchung entdeckte ich auch den Riegel deſſelben, der in den ſteinernen Rand eingriff. Damit war auch zugleich das Mittel gefunden, die Thür zu öffnen. Wir ſtiegen aus der Grube hinauf, holten die Brecheiſen und es gelang uns nach kurzer Arbeit, die morſchen Steine auszubrechen und die Thür ein wenig zu heben. Jetzt benachrichtigten wir den Pfarrer und den Grafen von dem Erfolg unſerer Arbeiten. Wir fanden ſie Beide in der Allee auf⸗ und niedergehend, weil ihnen die Luft, trotz der Mäntel, die ſie umhatten, zu rauh und kalt geworden war. Der Graf befand ſich wohl, hatte aber den Pfarrer gebeten, ihn nicht zu verlaſ⸗ ſen, bis die Arbeit beendigt ſein würde. Als er die Ergeb⸗ niſſe unſers Beſtrebens erfuhr, ſprach er:„Gott ſei Dank, nun kann ich mich dem Orte wieder nähern, denn ſobald die Gruft geöffnet iſt, verſchwindet aller Einfluß der Tod⸗ ten auf mich; es ſcheint, als wenn die elektriſche Materie, die mich ſo furchtbar angreift, alsdann völlig verflöge. Kom⸗ men Sie nun, ich bin höchſt geſpannt, zu erfahren, was die Gruft verbirgt.“ Wir ſtiegen jetzt alle Vier in die Tiefe hinab, und unſern gemeinſchaftlichen Kräften gelang es — 260— leicht, die Eiſenthür völlig aufzuheben. Ein ſeltſamer, be⸗ täubender Dunſt ſtieg aus dem Gewölbe auf, das Jahr⸗ hunderte verſchloſſen geweſen ſein mochte. Ein Schauer rie⸗ ſelte uns durch die Glieder, als die ſchwarze Kluft ſich fürchterlich öffnete. Ich leuchtete hinein, das Licht brannte trübe und drohte zu erlöſchen; wir mußten daher die dumpfe Luft noch eine Zeitlang ausſtrömen laſſen, ehe wir uns hin⸗ abwagen durften. Jetzt entſtand aber eine neue Schwierig⸗ keit. Das Gewölbe ſchien weit und tief zu ſein, denn die Lampe ließ nichts entdecken als dichte, grundloſe Finſterniß. Ein Sprung war nicht zu wagen; Leitern und Seile fehlten uns. Die letzteren waren am leichteſten herbeizuſchaffen; um daher zu wiſſen, wie lang ſie wol ſein müßten, nahm ich einen Stein und ließ ihn hinabfallen. Er brauchte etwa eine Secunde dazu, weshalb ich die Tiefe auf zwanzig bis fünf und zwanzig Fuß ſchätzte. Der Widerhall, als er den Boden unten berührte, war ſchaurig dumpf und dauerte lange; ein neuer Beweis, daß das Gewölbe von großem Umfange ſein mußte. Waldenſee und der Pfarrer ſchleppten jetzt Seile herbei, während ich und der Graf bei der Off⸗ nung zurückblieben. Sie kehrten bald zurückz; wir befeſtigten ſie an einem quer über die Offnung gelegten, ziemlich ſtar⸗ ken Balken, und nun ließ ich mich, mit der Blendlaterne in der Hand, zuerſt in die Gruft hinab. Dann folgten Waldenſee, hierauf der Graf und endlich der Pfarrer. Jetzt fingen wir unſere Unterſuchungen an. Das Gewölbe war von der vermutheten Tiefe und etwa zwölf Schuh breit, doch ließ ſich noch keine Spur von einer Leiche ent⸗ decken. Endlich fanden wir in einer Niſche ein wohlerhal⸗ tenes menſchliches Gerippe liegen. Wir ſchauderten bei dem Anblick, als die Blendlaterne es grell beleuchtete und die weißen Gebeine auf dem düſtern Grunde uns hell entgegen⸗ — 261— ſchimmerten. Der Graf, welcher vorher die größte Todes⸗ angſt ausgeſtanden hatte, war jetzt der Ruhigſte von uns Allen. Er nahm mir die Laterne aus der Hand und ging kaltblütig näher, um es genau zu betrachten.„Heiliger Gott!“ rief er, als er davor ſtand,„es liegt in Ketten!“ Ein kal⸗ ter Schauder überlief uns bei dieſem Wort. In Ketten, in dieſer furchtbaren Gruft verſchmachtet! Welch ein entſetzlicher Gedanke, der unſer Mark erſtarrte, unſer Haar aufſträubte. Wir traten näher und ſahen es ſelbſt. Jedes Handgelenk war von einem eiſernen Ringe umſchloſſen; eine ſtarke Kette verband beide mit einander, und eben ſo liefen Ketten nach zwei andern Ringen, die um die Knöchel an den Füßen ge⸗ legt waren, hinab. Eine dritte noch ſtärkere Feſſel war in der Mauer befeſtigt und ſchlang ſich mittelſt eines großen Reifens um den Hals des Gerippes. Wir blieben voller Entſetzen in einiger Entfernung ſtehen. Nur der Graf trat kaltblütig näher, beleuchtete den Schädel, hob die Arme, die natürlich aus den Schultern gelöſt waren, empor, und rief endlich:„Gott im Himmel! Wäre es möglich! Ein Ring, ſeht hier, ein goldener Ning am Finger der linken Hand.“ Erſtaunt traten wir näher und der Graf zog den goldenen Reifen von dem Knochen, um den er loſe hing, herunter. Wir betrachteten ihn Alle. Es war ein einfacher Ring mit einem kleinen Schilde, auf dem Namenzüge und ein Wap⸗ pen eingegraben waren, was wir indeß bei der düſtern Lampe nicht deutlich erkennen konnten. Zuletzt nahm ihn der Pfarrer noch einmal in die Hand, hielt ihn gegen die Lampe und betrachtete ihn höchſt aufmerkſam. Plötzlich rief er aus: „Allmächtiger Gott, wäre es möglich! Ja, es iſt ſo! Sehen 8 Sie, Herr Graf. Iſt das nicht ein Schwert in dem Felde links, und oben eine Keule unter dem Helm?“ Es fand ſich wirklich ſo.„Nun dann,“ rief der Pfarrer aus,„ſo — 262— erhalten wir Licht in dieſer fürchterlichen Finſterniß. In der Sacriſtei der Kirche liegt ſeit mehreren Jahren ein verſiegel⸗ tes Pergament, und wenn mich nicht Alles täuſcht, ſo führt dieſer Ring das Wappen, welches dort in dem Wachsſiegel ausgedrückt iſt.“ Dieſe Nachricht ſetzte uns Alle in die äu⸗ ßerſte Verwunderung.„Und iſt,“ fragte Waldenſee,„dieſes Document nicht geöffnet worden?“„So viel ich weiß, nicht,“ antwortete der Pfarrer,„ich beſitze es erſt, ſeit wir die Pa⸗ piere aus dem Kloſter zu J***, das ſich bei dem Anrücken der Franzoſen ganz auflöſte, zu uns genommen haben. Ich habe es auch niemals genau betrachtet, ſondern entſinne mich nur des Siegels. Damals hatte ich nicht Muße, es zu leſen, weil die Nähe der Franzoſen uns auf ganz andere Weiſe aufregte, und nachmals habe ich es in der That ver⸗ geſſen. Wenn uns dieſe Papiere jetzt Aufſchluß geben könnten N Wir beſchloſſen demnach wieder aus der Gruft hinauf zu ſteigen, um ſogleich die Spuren des furchtbaren Geheim⸗ niſſes zu verfolgen. Waldenſee und ich arbeiteten uns leicht am Seile empor, allein der Pfarrer und der Graf, Beide bereits in einem hohen Alter, vermochten dies nicht. Wir mußten daher eine Feuerleiter vom Schloßhofe mühſam her⸗ beitragen, auf welcher Beide wieder heraufſtiegen. Mit wahrer Erquickung athmeten wir die freie Luft ein, trotz dem, daß es eine ſehr rauhe Septembernacht war. Voller Eifer, die Löſung der dunkeln Räthſel zu erfahren, begaben wir uns nach der Dorfkirche und daſelbſt in die Sacriſtei, wo wir ſogleich die Nachſuchung nach dem alten Pergamente anſtellten. Der Pfarrer fand es nach kurzer Bemühung. Wir verglichen das Siegel und den Ring; es war ohne Zweifel daſſelbe. Ehe wir es öffneten, betrachtete der Pfar⸗ rer den Umſchlag aufmerkſam und fand einen Vers dar⸗ — 263— auf, der unſere Spannung im höchſten Grade derhüihte Er lautete in veralteter Mundart ſo: Wer nicht den Siegelring beſitzt, Dies Buch mit großen Suͤnden lieſzt; Doch wer den Ring in Haͤnden weiſzt, Dem Gott der Herr zu oͤffnen heißt. „Wunderbar!“ rief Waldenſee aus.„Aber den Ring, denke ich, beſitzen wir, und es ſcheint, daß es der Wille und der unbegreifliche Rathſchluß eines höhern Weſens iſt, der uns hier zuſammenführt.“ Wir öffneten alſo und ſetzten uns um den Tiſch in der Sacriſtei, um das geheimnißvolle Buch zu leſen. Es enthielt in der That eine höchſt merk⸗ würdige Geſchichte, die ich mir auch ſpäterhin wörtlich ab⸗ geſchrieben habe. Sie befindet ſich unter den Papieren, welche ich bei mir führe, aber heute, glaub' ich, iſt es doch faſt zu ſpät, ſie noch mitzutheilen. Hören Sie? Es ſchlägt bereits Mitternacht.“ Bei dieſen Worten machte Ruggiero Miene aufzuſtehen. Allein der Marcheſe hielt ihn und bat dringend um die augenblickliche Auflöſung jener dunklen Geheimniſſe. Alle Anweſenden, die aufs höchſte geſpannt zu ſein ſchienen, ſtimmten in die Bitte des Marcheſe mit ein. Ruggiero äu⸗ ßerte, er fürchte, daß die genau mitgetheilte Geſchichte für den ſpäten Abend zu lang ſein möchte, und auf der andern Seite wuͤrde ſie, wenn er den Inhalt nur mit wenigen Worten angeben wollte, zu ſehr an Intereſſe verlieren. Des⸗ halb ſchlage er vor, den nächſten Tag dazu aufzubewahren. Doch der Marccheſe rief:„Nein, lieber Graf, morgen iſt Hochzeit, und da muß alles Schauerliche verbannt ſein. Heute wollen wir uns der Luſt des Schauers gern noch — 264— eine Zeit lang hingeben. Und wir können dies um ſo freier, da von meiner Familie Niemand mehr hier iſt; ein Ereig⸗ niß, welches mir im Grunde ſehr lieb ſein muß, da Sie geſehen haben, daß die große Reizbarkeit der Nerven ſich ſogar bis auf Antonio erſtreckt, der als Mann doch aus feſterm Stoffe gebaut ſein ſollte.“„Nun wohl denn,“ ſprach Ruggiero;„ich gehe auf mein Zimmer und hole die Abſchrift des alten Pergamentes. Vergeſſen Sie nun aber auch nicht, daß ich Sie nicht freiwillig mehr ſo ſpät feſt⸗ halte.“ Er ging, und kam in wenigen Minuten mit einem Buch unter dem Arme zurück. Schon das Außere deſſelben hatte etwas Seltſames, denn es war in ſchwarzen Sammet eingebunden und trug auf der Vorderſeite einige mit Gold⸗ fäden eingeſtickte Zeilen; vermuthlich war es der Vers, wel⸗ cher das alte Pergament vor der Eröffnung geſchirmt hatte. Man ſetzte ſich nieder, Ruggiero ſchlug das Buch auf und begann folgendermaßen zu leſen: „Dieſe Blätter ſind geſchrieben von der frommen Frei⸗ frau von Hohenſee, die eine Tochter war des ehrenhaften Grafen von Lauenſtein, und welche ihre Tage in dem from⸗ men Stifte zu St. Catharinen gottſelig beſchloſſen hat. Ih⸗ rer heiligen Verordnung gemäß, und wie auch die gar wun⸗ derbare Geſchichte es gefordert hat, habe ich dieſe Schrift mit ihrem, der Freifrau von Hohenſee, Ringe verſiegelt und mit dem doppelten Umſchlag und Inſiegel zu mehrerer Si⸗ cherheit verwahrt, und auch das Verslein darauf geſchrieben. Wer demnach fürwitzig und ſündhaft geweſen und ſie den⸗ noch, ohne den Ring zu beſitzen, geöffnet hat, derſtehe nun⸗ mehr ab von ſeinem ungottſeligen Frevel und laſſe ſich ver⸗ warnen durch fromme Worte. Denn es iſt Gottes Gebot 4 — — 265— geweſen, daß Niemand dieſe Hiſtoria leſen ſollte, der nicht von ihm berufen iſt durch die wunderbare Schickung, daß der verlorene Ring in ſeine Hand gekommen. Martinus, der Beichtvater zu St. Catharinen⸗Stift. Dieſe Worte, bemerkte Ruggiero, fanden wir auf einem innern Umſchlage. Als demnach auch dieſer geöffnet war, laſen wir weiter. Zuvor muß ich noch bemerken, daß Wal⸗ denſee's Güter vormals der jetzt ausgeſtorbenen Familie von Hohenſee zugehört hatten, und daß der Graf B. bei dem Namen Lauenſtein uns unterbrach und erzählte, daß ſeine Mutter eine geborene Gräfin Lauenſtein, aber die Letzte ih⸗ res Stammes geweſen ſei. Das Stammgut war ſchon frü⸗ her in andere Hände übergegangen, lag aber unweit von Waldenſee's Beſitzungen. Das Innere des zweiten Umſchlages enthielt alſo fol⸗ gende Geſchichte: „Nachdem ich vielfache trübſelige Schickſale erfahren, habe ich mich endlich der Welt abgethan und lebe in den heiligen Mauern ein Leben der Buße und der Beſchauung. Durch dringende Geſichte und göttliche Stimmen aufgefor⸗ dert, ſchreibe ich in der ſtillen Muße meiner klöſterlichen Zelle, wo ich dieſe gelehrte Kunſt gelernt habe, die traurig ſeltſame Geſchichte meines Lebens auf. Ich bin die Tochter des berühmten Grafen von Lauenſtein, der zur Zeit des dreißigjährigen Krieges als der tapferſte Ritter ſeiner Zeit im ganzen Oſtſeelande bekannt war. Als ich mein ſech⸗ zehntes Jahr erreicht hatte, kam zu öfteren Malen unter vielen anderen Gäſten auch ein Ritter, Conrad von Dyren⸗ berg, auf unſer Schloß, der eine gar anmuthige Weiſe des Betragens beſaß und dabei für einen der tapferſten Krieger V. 12 — 266— galt. Der ward es bald gewahr, daß mein junges, uner⸗ fahrenes Herz ihm mit Liebe zugethan wurde, und warb um meine Hand. Mein Vater ſagte mich ihm zu, und wir ver⸗ lebten im Brautſtande die glücklichſten Tage mit einander. Conrad hatte auch einen Freund, der ſich Rüdiger von Hohenſee nannte, und uns damals für die treueſte Seele auf Erden galt. Ach, daß doch das ſo ganz anders war! Nach etlichen Wochen unſerer Bekanntſchaft wurde der ſonſt ſo muntere Rüdiger ſtill und ſchwermüthig, und ging nicht mehr ſo viel mit ſeinem Freunde um als ſonſt, begleitete ihn auch nur ſelten zu uns auf's Schloß. Dies dauerte mehrere Monate, bis unſere Hochzeit heranrückte. Wir hör⸗ ten in der Zeit wenig von ihm, doch erzählten uns die Nachbarn, daß ein junger Mann auf ſeinem Schloſſe wohne, den er zum theuerſten Freund erwählt zu haben ſchien, und der ſich Neidthardt von Wolfenſtein nannte.“ „Ich muß mich hier unterbrechen,“ ſprach Ruggiero, „und erzählen, daß bei dieſem Namen der Graf B. in großer Bewegung aufſtand und in der Sacriſtei auf und nieder ging. Auf unſere Frage nach der Urſache ſeines Be⸗ tragens, antwortete er nichts, als: Weiter! Weiter! Es wurde demnach zu leſen fortgefahren.“ „Der Tag der Hochzeit kam heran. Sie war auf den Tag der heiligen Anna, meiner Schutzpatronin, deren Na⸗ men ich trug, feſtgeſetzt. Auch Rüdiger wurde dazu geladen, obwol er ſich ſeither, wie es ſchien abſichtlich, nicht hatte blicken laſſen. Er verſprach zu kommen. Noch gedenke ich des ſchrecklichen Tages mit bangem Schauer und tiefem Schmerz. Alle Gäſte waren verſammelt, der Burgkaplan wartete in der Kapelle, nur mein Conrad fehlte. Eine Stunde nach der andern verſtreicht, Niemand erſcheint. Meine Angſt wächſt von Minute zu Minute; wir ſenden — 267— wol zwanzig Boten aus; viele unſerer Gäſte, auch Rüdi⸗ ger unter ihnen, beſtiegen ihre Roſſe, um nach ihm zu ſu⸗ chen. Vergeblich! Man fand ihn nicht. Er war in Beglei⸗ tung eines einzigen Knappen von der Burg weggeritten, und hatte ſein übriges Gefolge erſt zur Nachtzeit nach Lauenſtein beſtellt. Dies langte endlich an, aber von ihrem Herrn wußten ſie keine Nachricht zu geben. Unſere Nach⸗ forſchungen wurden auch noch am nächſten Tage fortgeſetzt, aber eben ſo fruchtlos. Er war verſchwunden und blieb es.“ Als Ruggiero ſo weit geleſen hatte, entſtand ein ſeltſa⸗ mes Gemurmel unter ſeinen Zuhörern. Der Marcheſe war ſehr unruhig geworden und aufgeſtanden. Der Erzähler hielt daher inne und ſah ihn fragend an; doch er bat fortzufah⸗ ren und ſich durch nichts ſtören zu laſſen. Ruggiero nahm daher ſein Buch wieder vor und las weiter: „In dieſer Zeit der Trauer zeigte ſich Rüdiger als ein wahrer Freund. Er wußte meinem tiefgebeugten Vater Troſt zuzuſprechen, kam öfter auf unſer Schloß als ſonſt, und gewann Aller, auch meine Freundſchaft, in einem hohen Grade. So verſtrichen einige Jahre, und der tiefe Schmerz, der mein junges Leben getroffen hatte, verlor ſich nach und nach in eine ſanfte Wehmuth, in der ich für alle Eindrücke der Seele um ſo empfänglicher war. Da trat eines Abends Rüdiger an der Hand meines Vaters in mein Gemach. Auf den erſten Blick erkannte ich ahnend, was vorgehen ſollte. Er warb um meine Hand, und mein ſchon dem Greiſenalter naher Vater unterſtützte dieſe Werbung mit dringenden Bitten. Conrads geliebtes Bild trat in dieſem Augenblick mit aller Friſche der Farben vor meine Seele. Es war mir, als warnte es mich und bäte flehentlich, ihm nicht ungetreu zu werden. Ich gerieth in die heftigſte, be⸗ klemmendſte Angſt und brach in helle, bittere Thränen aus. 1 12* — 268— Doch die Vorſtellungen und Bitten meines Vaters, die warme innige Zuneigung Rüdigers und meine freundſchaft⸗ lichen Geſinnungen für ihn beſiegten endlich die ahnungs⸗ volle Stimme meiner Bruſt, und ich gab mein Jawort. Rüdiger drückte mich an ſein Herz und küßte mich mit hei⸗ ßer Inbrunſt. Aber mir war zu Muthe, als wenn die Gluth ſeiner Lippen mich wie verzehrendes Feuer brennte. In den nächſten Tagen nach unſerer Verlöbniß führte Rüdiger ſeinen Freund Neidthardt von Wolfenſtein zu uns. Ich kann wol behaupten, daß mir ein Menſch nie innerlich mehr zuwider geweſen iſt, als er. Seine kleine, unſcheinbare Geſtalt ſchien im Widerſpruch mit ſeinem wilden Gemüth zu ſtehen. Blatternarben verunſtalteten ſein Geſicht, ein Paar graue, blitzende Augen hatten auch nicht einen Schim⸗ mer von Güte in ſich, und ſeine rauhe Stimme ſchreckte mich völlig von ihm zurück.“ „Bei der Beſchreibung dieſes Mannes,“¹ unterbrach Rug⸗ giero ſein Vorleſen,„gingen in den Zügen des Grafen wie⸗ derum die ſeltſamſten Bewegungen vor. Doch auf die Fra⸗ gen deshalb, erwiderte er nichts, als abermals:„Weiter! Weiter!“ „Der Tag der Hochzeit nahte heran. Gott im Himmel weiß es, unter welchen Ängſten, und mit wie vielen Thrä⸗ nen ich ihn erwartete. Mein Gebet flehte brünſtig zu dem Herrn, daß es ſich mir offenbare möge, wenn etwas Un⸗ rechtes in meiner Vermählung ſein ſollte. Doch ward mir kein Zeichen. So wurde ich Rüdigers eheliches Gemahl. Ich folgte ihm auf ſein Schloß, wo ich mit düſteren Ah⸗ nungen einzog. Ach, ſie erfullten ſich nur zu bald. Kaum war ich einige Wochen vermählt, als ich Rüdi⸗ ger eines Tages in einen heftigen Wortwechſel mit ſeinem Freunde Wolfenſtein gerathen hörte. Obwol Wolfenſtein noch immer auf unſerm Schloſſe wohnte, ſo hatte ich doch ſchon ſeit dem erſten Tage meiner Verheirathung bemerkt, daß zwiſchen ihm und Rüdiger ein ängſtliches geſpanntes Verhältniß ſtattfand. Mein Gatte ſchien ihm überall auszuweichen, er dagegen ſich ein Vergnügen daraus zu machen, ihm überall zu folgen. Jetzt aber war der Unmuth in heftigen Streit ausgebrochen. Sie befanden ſich im Schloßhofe, denn ſie kehrten eben von der Jagd zurück; ich dagegen ſaß auf dem Altan des Schloſſes, wie ich glaubte, ohne daß ſie mich bemerkt hatten. Der Streit wurde hef⸗ tiger und lauter; die Stimmen der Knechte und des Burg⸗ vogts, welche ihn beilegen wollten, ertönten verwirrend da⸗ zwiſchen; doch unterſchied ich deutlich oftmals den Namen Conrads in Begleitung ſeltſamer AÄußerungen, und in einer augenblicklichen Stille nannte Wolfenſtein meinen Gemahl, mit Abſicht, wie es mir ſchien, damit ich es hören ſollte, laut einen Mörder und Mädchenräuber. Ein entſetzlicher Schauder der Ahnung durchbebte meine Glieder, ich ſank ohnmächtig zu Boden. Als ich wieder zu mir kam, war meine erſte Frage nach Rüdiger. Man hielt mich hin, wich mir aus und endlich, o heilige Mutter Gottes! erfuhr ich, daß er von Wolfenſtein quer über den Schädel gehauen, ſchwer verwundet, ohne Beſinnung auf ſeinem Lager liege. Wolfenſtein ſelbſt hatte ſich unmittelbar nach der That zu Pferd geworfen und war in vollem Sturm zum Schloſſe hinausgeſprengt, noch ehe ihm Jemand folgen konnte. Mit zitternden Gliedern ließ ich mich an Rüdigers La⸗ ger führen; er lag im Fieberwahnſinn, und die Namen Conrad, Wolfenſtein und Anna ſtieß er oft verworren durch⸗ einander aus und begleitete ſie mit AÄußerungen, vor denen mein Blut erſtarrte. Dies währte neun ſchreckliche Tage; der Kaplan, welcher zugleich ſein Arzt war, gab die Hoff⸗ — 270— nung auf, ſein Leben zu retten. In dieſem troſtloſen Jam⸗ mer, wo ſelbſt das fromme Gebet mich nicht beruhi⸗ gen konnte, ſaß ich in der zehnten Nacht ſchlaflos an ſeinem Bette. Da hörte ich plötzlich ein furchtbares Krachen, wie wenn der Donner in ein Haus ſchlüge. Gleich darauf ſtürzte ein Diener herein und verkündete mit geiſterbleichem Geſicht, der alte Leuchtthurm auf den Dünen an der See ſei einge⸗ ſtürzt. Das Getöſe ſchien ſelbſt auf den Kranken einen furchtbaren Eindruck gemacht zu haben, denn er war mit verſtörten Blicken emporgefahren und ein blaſſes Entſetzen hatte ſich über ſeine Züge verbreitet. Darauf ſank er in eine „ Betäubung, aus der er erſt gegen Morgen erwachte. Mit dem Sonnenſtrahl kehrte ihm endlich das Licht der Beſin⸗ nung zurück. Aber zugleich hatte ihn die Ermattung des Todes ergriffen. Er ſah mich ſanft und ſchmerzlich an; ein Bild des tiefſten Jammers. Seine bleichen Wangen, ſein erloſchenes Auge baten Vergebung. Ich habe ihm verziehen und bete täglich, daß der Herr dort oben es auch thun möge. Er wollte beichten, man rief den Kaplan, doch es währte ihm zu lange, bis er kam.„Meine Kräfte ſchwin⸗ den,“ ſprach er matt,„höre mich an, nimm Du meine Beichte, denn Dich hab' ich ſchwer gekränkt.“ Er ſprach mühſam mit gebrochener Stimme.„Anna, ich liebte Dich ſchon vor Deiner erſten Verlobung. Meine Liebe hat mich zum ſchweren Verbrecher gemacht. Wolfenſtein— wußte mich zu überreden. Conrad ward— von mir— ge⸗ fangen— ich flehte ihn, Dir zu entſagen,— er wollte nicht— ich gerieth in Verzweiflung— Wolfenſtein— überredete— ich ſollte ihn ſchrecken— unterirdiſches Ge⸗ fängniß— noch heut—1 In dieſem Augenblick trat der Kaplan ein und unter⸗ brach uns. Nachdem er mich und den Kranken mit einem 8 — 271— „Gott ſegne Euch“ begrüßt hatte, ſprach er zu mir:„Wißt Ihr ſchon, gnädige Frau, daß der eingeſtürzte Leuchtthurm den alten Wächter Kunibert erſchlagen hat?“ In dem Au⸗ genblick that Rüdiger einen Schrei. Es war der Krampf des Todes geweſen— er war dahin. Gott möge ihm ſeine ſchwere Schuld vergeben! Seine letzten Worte hatten mich auf's tiefſte erſchüttert und ich theilte meine Angſt und meine Ahnungen dem Ka⸗ plan mit. Das„noch heut,“ in welchem ſein ſterbender Laut verhallt war, ſetzte mich in die entſetzenvollſte Angſt. Ich lag mir die Kniee wund vor der heiligen Mutter Got⸗ tes, ich durchwachte die Nächte mit Weinen und Beten. O mein Gott, warum haſt Du nicht zugegeben, daß ich meinen Conrad errettete, daß ich die furchtbaren Bande ſei⸗ nes Gefängniſſes löſete! Doch Dein Rathſchluß ſei gelobt. Wir hatten Boten nach Wolfenſteins Spur ausgeſandt, er blieb verſchwunden. Das Verließ der Burg und alle unter⸗ irdiſche Gemächer wurden durchſucht. Es fand ſich kein Ge⸗ fangener. Die Hoffnung, ihn zu erretten, war alſo dahin, und bald erhielt ich auch die Beſtätigung dafür auf wun⸗ derbare Weiſe. Es war in der vierten Nacht nach Rüdi⸗ gers Tode, als ich nach langem, inbrünſtigem Gebet endlich ermattet in Schlummer ſank. Da war mir, als wandle ich in meines Vaters Burggarten an Conrads Arm, wie es vormals in glücklichen Tagen oft zu geſchehen pflegte. Er ſah mich freundlich an und ſprach:„Willſt Du mir folgen 20 „Ja,“ ſagte ich,„von Herzen.“ Da ergriff er meine Hand, und ich ſchreckte zuſammen, denn er berührte mich eiskalt. Und plötzlich ſtanden wir in einer dunkeln Gruft, die nur einen matten Schimmer von Licht erhielt, von dem ich nicht begreifen konnte, wie es eindrang, da ich weder Fenſter noch Thür ſah. Conrad aber führte mich an eine Höhlung in der Mauer, in der ein Mann mit langem, verwildertem Haar, bleichen Wangen und hohlen Augen in Feſſeln lag. Und ich erkannte voll Entſetzen Conrads Züge zum zweiten Male. Aber neben mir ſtand er ſchön und jugendlich, wie ich ihn als Bräutigam geſehen hatte, und jetzt bemerkte ich, daß von ihm das Licht ausſtrömte. Ich wollte ihm zu Füßen ſinken, doch er ſchloß mich an's Herz und ſprach:„Ich habe Dich geliebt bis in den Tod, ich konnte frei ſein aus dieſen Feſſeln, wenn ich Dir entſagen wollte. Jetzt hat mich der Herr erlöſt. Aber mein Verfolger wird nicht Ruhe fin⸗ den, bis die Zeit die Schreckensthat enthüllt hat. Mein Ring, den ich treu bewahrt habe, wird das Verbrechen an's Licht bringen.“ Dabei hob er die Hand des Todten auf, die noch unſern Verlobungsring trug.„Treue Anna,“ ſprach er weiter,„zeichne auf, was Du erfahren und verſiegle es mit Deinem Ring und dann verſenke ihn in's Meer. Der gerechte Gott wird eine Zeit kommen laſſen, wo das Siegel gelöſt wird.“ Jetzt zerfloß ſeine Geſtalt und ich war im Dunkeln. Ich rief ſeinen Namen, da erwachte ich und fand mich auf meinem Lager, neben mir meine Zofe, die meine Hand hielt.„Gnädige Frau,“ ſprach ſie,„Ihr müßt ſelt⸗ ſam geträumt haben. Auf Euerm Geſicht war bald Schrecken, bald Wonne zu ſehen. Faſt fürchtete ich mich. Auch Rhino (ſo hieß mein Hündchen, das mir Conrad geſchenkt), geber⸗ dete ſich wunderbar. Denn plötzlich wachte er vom Schlafe auf, wedelte freundlich und that, als komme Jemand, den er lieb hätte, und dazwiſchen winſelte er und krümmte ſich ängſtlich zuſammen. Seht ihn aber jetzt, wie er den Boden ſcharrt und ängſtlich ſucht, als wolle er Jemand dort finden.“ So ſchwatte ſie noch eine Weile fort. Ich aber bemerkte wohl, daß ich nicht blos geträumt hatte, ſondern ich wußte jetzt, Conrads hingeſchiedener ſeliger Geiſt war mir nahe — 273.— geweſen. Nun hatte ich wieder Ruhe. Inbrünſtig dankte ich der heiligen Mutter und that von Stund an das Ge⸗ lübde, mich nie wieder zu vermählen, ſondern mein Leben in dem frommen Stift der heiligen Catharina zuzubringen. Nach der Zeit gebar ich einen Sohn, der annoch lebt. Und jetzo habe ich gethan, wie mir geboten, nämlich dieſe Ge⸗ ſchichte getreu verzeichnet, und mit meinem erſten Verlo⸗ bungsringe, der ganz gleich mit Conrads gefertiget war, weil man unſer gemeinſchaftliches Wappen darauf eingegra⸗ ben hatte, ſoll ſie verſiegelt werden, und deſſen wird mein Beichtvater, der fromme Bruder Martinus, Zeuge ſein. Morgen aber werde ich den Ring in die See werfen. Doch der gerechte Gott wird einen Sturm ſenden, damit die Wellen ihn ans Ufer werfen, wenn er zeugen ſoll von der verborgenen That. Der Herr ſei mir gnädig und verzeihe mir meine Schuld. Amen!“ Hier ſchloß Nuggiero, und ſtarres Grauen hielt ſeine Zuhörer gefeſſelt, denn geheime, ſeltſame Ahnungen und Schauer vor einer unſichtbaren Macht durchbebten ihre Bruſt. Vor Allen aber war der Marcheſe ſo heftig bewegt, daß es ſchien, als müſſe die Geſchichte noch andere Gefühle bei ihm erregt haben, als die, welche ſie bei jedem andern unbefangenen, aber empfänglichen Zuhörer hervorbringen mußte. Nuggiero ſchien darüber Gewißheit erlangen zu wollen und wandte ſich daher zu ſeinem Nachbar, dem Grafen Chiari, der ihm auf ſeine Frage indeß nur zuflüſterte:„Nachher, wenn wir auf unſere Zimmer gehen!“ Nach einigen Minu⸗ ten ängſtlicher Stille ſprach der Marcheſe mit einem Ton, dem man es anhörte, daß er ſich Feſtigkeit durch die Kraft des Willens erringen mußte:„Sie ſind uns, Graf Rug⸗ giero, noch Erklärungen über manche Umſtände Ihrer wun⸗ derbaren Geſchichte ſchuldig. Weshalb machte der Name 12** — 274— Wolfenſtein einen ſo ſeltſamen Eindruck auf den Grafen B.?“ „In der That,“ entgegnete Ruggiero,„dieſen höchſt auffal⸗ lenden Umſtand hätte ich faſt nicht erwähnt. Als wir un⸗ ſere Vorleſung in der Sacriſtei geendigt hatten, ſtand er auf und ſprach:„Meine Herren, Sie mögen mich für einen Thoren halten, aber ich bin überzeugt, jener Wolfenſtein und der Kamerad, der mir den Hieb über die Stirn gege⸗ ben hat, ſind eine Perſon. Der Name ſtimmt ſogar bis auf den Vornamen, und die Schilderung ſeiner Geſtalt nachher iſt treffend bis auf die kleinſten Züge. Wie, wenn dieſer fürchterliche Menſch vielleicht— doch ich will voreilig nichts über ihn ſchließen. Aber geſtehen Sie, es muß mich bis tief in's Innerſte erſchüttern, daß eine verruchte That, die im Dunkel grauer Jahrhunderte lag, durch ihren Urhe⸗ ber ſelbſt wieder enthüllt wird. Denn vorzüglich iſt doch durch meine entſetzliche Ahnungsgabe, die ſich von jenem Wolfenſtein herſchreibt, das erſte Licht in die Nacht dieſer Geheimniſſe gefallen. Vermuthen Sie hier bloße Zufällig⸗ keiten? So fabelhaft meine Meinung ſein mag, allein ich glaube, hier walten Schickungen und geheime Geſetze ob, die unſerm blöden Auge ein Wegweiſer in das dunkle Ge⸗ biet höherer Vergeltung ſein könnten. Ich bin der Letzte, der von einer Tochter des gräflichen Hauſes der Lauenſteiner geboren iſt, mit der dieſe Familie ausſtarb; das Geſchlecht Derer von Hohenſee iſt unlängſt erloſchen. Wenn nun die Sündenlaſt ſo lange auf dem Verbrecher ruhen ſollte, bis ſein Geſchlecht ausgeſtorben ſei, eine Beſtimmung der Straf⸗ zeit, die ſchon durch ſo manche Sage feſtgeſtellt ſcheint, ſo könnten wir uns einer heiligen Freude überlaſſen, daß wir mit wenigen Stunden des Grauens ein Werk der Sühne vollbracht hätten. Ich an meinem Theil will dies glauben — — 275— und mein Gebet für die Seelen der Unglücklichen zum Him⸗ mel ſenden.“ Bei dieſen Worten kniete er nieder und wir Alle folg⸗ ten ſeinem Beiſpiel. Jetzt ſtanden wir auf, um durch die Kirche über den Gottesacker nach Hauſe zu gehen. Der Pfarrer leuchtete uns vor, führte uns aber nicht den Weg, den wir gekommen waren. Als ihn Waldenſee deshalb be⸗ fragte, erwiderte er, dieſer ſei nicht ſo ſchlüpfrig von naſſem Graſe. Doch kam er uns Allen beſchwerlich vor, weil er ſehr rauh und holperig war. Endlich erreichten wir die Thür des Kirchhofs und ſtanden nun vor der Mauer deſſel⸗ ben auf der Straße, die durch das Dorf führt. Hier blieb der Pfarrer ſtehen und fragte den Grafen B.:„Iſt Ihnen nichts auf unſerm Wege aufgefallen?“„Nein,“ antwortete dieſer.„So hat ſich meine Vermuthung, als wir zuvor über den Gottesacker gingen, beſtätigt,“ rief der alte Geiſtliche mit feierlicher Stimme.„Ihre ſchreckliche Ahnungskraft iſt verſchwunden; ich habe Sie über die Gruft einer im vorigen Jahre von ihrem Mann ermordeten Frau geführt. Es wird mir jetzt der Wille der Vorſehung immer klarer; nur zur Enthüllung jenes Verbrechens der Vorzeit kann Ihnen die ſchauerliche Gabe geworden ſein!“ Wir ſahen uns erſtaunt an, der Graf B. aber ſchien tief gerührt zu ſein. So gin⸗ gen wir nach dem Schloſſe zurück. Bald brach der Morgen an, und jetzt übernahm es Waldenſee, ſeine Gattin von dem Vorgang zu unterrichten. Graf B. ging am folgenden Tage, nachdem die Gebeine des Conrad von Dyrenberg in der Familiengruft Waldenſee's beigeſetzt waren, auf ſeine Güter zurück. Nach etwa vier Wochen ſandte er meinem Freunde eine aus einem Zeitungsblatt geſchnittene, gerichtliche An⸗ zeige von dem Tode eines Freiherrn Neidthardt von Wol⸗ fenſtein, der in einem Gaſthofe der Schweiz des Morgens — 276— entſeelt auf ſeinem Bette gefunden worden war. Das Da⸗ tum ſeines Todes war der Tag nach jener Nacht, in wel⸗ cher wir die wunderbare Entdeckung gemacht hatten.“ Hier ſtand Ruggiero auf und erklärte, ſeine Erzählung ſei beendigt. Der Marcheſe ſowol, als ſämmtliche Anweſende, ſchienen in großer Bewegung zu ſein. Zu Zweien und Dreien ſtanden ſie zuſammen und flüſterten miteinander, während ſie die Blicke nicht von Ruggiero verwendeten, welcher ſich neben den Grafen Chiari in eine Fenſterbrüſtung geſtellt hatte, doch ſo, daß dieſer mit dem Geſicht gegen das Zim⸗ mer gekehrt war, während er ſelbſt in die vom Mond hell beleuchtete Landſchaft hinausſchaute. Er hatte ſowol durch die Erzählung an ſich, als auch durch die feierliche Art ſei⸗ nes Vortrages einen Schauer, etwas Geheimnißvolles über ſeine Perſon ausgebreitet, das ſeinen Einfluß auf alle An⸗ weſenden zu üben ſchien. Freilich kam ihnen auch zugleich die Verwandtſchaft ſeiner Begebenheiten mit Verhältniſſen im Hauſe des Marcheſe in den Sinn, wodurch ſeiner Dar⸗ ſtellung noch ein erhöhtes myſtiſches Intereſſe geliehen wer⸗ den mußte. Allein großen Theils lag dieſes ſchauerliche, ge⸗ ſpenſterhafte Weſen ſchon in ſeinem Außern, vorzüglich in ſeinen dunkeln Augen und der blaſſen, geiſterähnlichen Ge⸗ ſichtsfarbe. Man flüſterte nicht undeutlich im Saale davon, daß es ſchiene, als habe er Begebenheiten, die ihn näher angingen, nur auf entferntere Verhältniſſe und Perſonen übertragen. Ein junger Verwandter des Hauſes wollte be⸗ merkt haben, daß ſeine Stirn eine bleiche Narbe trage, ähn⸗ lich der, die er an dem Grafen B. beſchrieben. Während der Erzählung ſei ihm bei Stellen, wo er in eine heftige Wallung gerathen, das Blut in's Geſicht getreten und als⸗ dann habe man die Narbe ganz deutlich ſehen können, weil⸗ ſie ſich als ein dunkelrother Streifen auf der blaſſen Stirn — 227— gezeigt habe.„Vermuthlich,“ bemerkte ein Anderer,„iſt dieſe Erſcheinung auch unſerm Freunde Antonio aufgefallen, und deshalb hat ihn die Erzählung ſo viel tiefer ergriffen, als uns Andere. Ich geſtehe, daß auch mir der Graf Rug⸗ giero ein Gefühl erregt, welches ich zwar nicht gern Furcht nennen möchte, was aber doch derſelben nahe verwandt iſt. Ich würde ungern eine Nacht mit ihm allein zubringen. Betrachten Sie ihn nur jetzt eben, wie ſtarr er in die Land⸗ ſchaft hinausblickt. Von hier aus kann man ſein Profil deutlich ſehen; iſt es nicht ſo leblos, wie das einer Leiche? Ich möchte glauben, der Mann habe in ſeiner Bruſt gar kein Herz und ſein Geſicht ſei aus Marmor gehauen.“ Ähn⸗ liche Bemerkungen und Geſpräche ließen ſich von verſchiede⸗ nen Seiten leiſe vernehmen, ſodaß es Ruggiero ſelbſt nicht unbemerkt blieb, obwol er ſeinen Blick unbeweglich hinaus ins Freie nach dem alten Schloſſe gerichtet hatte, deſſen ro⸗ mantiſche Ruine man aus den Saalfenſtern erblickte. Es konnte ihm dieſe Stimmung aber unmöglich angenehm ſein; daher wandte er ſich leiſe zu Chiari und fragte ihn, ob er mit ihm aufbrechen wolle. Dieſer erklärte ſich bereit, und ſo trat Ruggiero vor, um vom Marcheſe Abſchied zu neh⸗ men.„Habe ich,“ ſprach er leiſe,„durch meine düſtere Un⸗ terhaltung irgend eine Seite Ihrer Verhältniſſe oder Ihrer Geſchichte unangenehm berührt, ſo verzeihen Sie es meiner Unkunde. Ich beſorge wirklich, daß ich durch meine Erzäh⸗ lung die Geſellſchaft in eine andere Stimmung verſetzt habe, als ſich nach dem Inhalte der Begebenheit vermuthen ließ. Der Marcheſe entgegnete mit gefaßter Höflichkeit, daß er ja ſelbſt auf die Vollendung der Erzählung gedrungen habe und alſo nur ihm die Schuld beizumeſſen ſei, falls irgend etwas dadurch berührt worden wäre, das unangenehme Er⸗ innerungen aufregen könnte. Allein es liege in der That — 278— auch nicht darin, ſondern nur in den ſchauerlich bewegenden Ereigniſſen ſelbſt, daß die Geſellſchaft in eine ſo große Bewe⸗ gung gerathen ſei.„Was mich anlangt, lieber Graf,“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort,„ſo geſteh' ich, daß ich tief erſchüttert bin. Ich habe mir ſelbſt darin trotzen wollen und das faſt Unmögliche gefordert, daß keine äußere Veran⸗ laſſung eine Erinnerung, die ſich mir heut beſonders auf⸗ dringen muß, lebhafter machen ſolle, als ſie in der That ſchon war. Deshalb beſtand ich darauf, daß Sie in Ihrer Erzählung fortfahren möchten, ſelbſt als ich ſchon zu ahnen begann, daß ſie in einigen Punkten nahe an eine unglückliche Begebenheit in meiner Familie ſtreifen würde. Ich fühle jetzt, daß ich mich getäuſcht habe, doch wird meine Bewe⸗ gung vorübergehen, und ich hoffe, daß uns der Morgen mit den heiterſten Gefühlen und Gedanken antreffen werde.“ Hierauf nahm Ruggiero Abſchied von dem Marcheſe und verließ zugleich mit dem Grafen Chiari den Saal. Dieſer bat ihn jetzt, ihm noch auf eine Stunde in ſein Zimmer zu folgen, weil er ihm die verſprochene Mittheilung ſogleich machen wolle. Kaum waren ſie daſelbſt angelangt, als Chiari ausbrach:„Um Gottes willen, Graf, was haben Sie gethan! Wenn Sie wüßten, was Ihre Erzählung für Unheil ſtiften kann und geſtiftet hat, Sie würden davor er⸗ beben. Ich begreife nicht, wie der Marcheſe hat die Faſſung behalten können, vorzüglich, da es faſt unglaublich ſcheinen mußte, daß Sie zufällig erzählten.“„In der That,“ ent⸗ gegnete Ruggiero und ſah den Grafen forſchend an,„Sie ſind räthſelhaft und ſpannen meine Neugier im höchſten Grade. Ich bitte Sie um eine deutlichere Erklärung.“„Kann⸗ ten Sie denn,“ rief Chiari,„Antonio's Bruder und ſeine Geſchichte gar nichts Sollte Ihnen das Schickſal Ihres Vetters Eugenio ſo ganz unbekannt ſein?“„Vor fünf Jah⸗ — 219— ren habe ich Italien verlaſſen und bin erſt vor einigen Ta⸗ gen aus Deutſchland hieher zurückgekehrt. Die ganze Zeit war ich auf Reiſen, daher iſt mir wirklich die Geſchichte meiner nächſten Verwandten fremd geworden. Was iſt mit meinem Vetter Eugenio? Ich wollte ſchon vorher fragen, ob er nicht zum Hochzeitfeſte hier eintreffen werde?“ „Welch ein Glück, daß Sie dieſe Frage nicht gethan haben! Ich ſehe wohl, daß ich Ihnen eine vielleicht eben ſo ſeltſame Geſchichte erzählen kann, als die, mit der Sie uns ſchauerlich erſchüttert haben.“ „Ich bin ſehr geſpannt, ſie zu hören.“ Man ſetzt ſich, Chiari begann. Es wird jetzt vier Jahre her ſein, daß der Graf Euge⸗ nio, Antonio's älterer Bruder, zum erſten Male das Schloß meines Vetters Bernini beſuchte. Er nahm uns durch ſein ernſtes, aber doch ſanftes und freundliches Weſen gleich bei ſeiner erſten Erſcheinung ein. Sein ſchönes, dunkles Auge verkündete eine tiefe Seele, ein gefühlvolles Herz. Nie habe ich einen wohlklingendern Sprachton gehört, der ſo durch ein einnehmendes Spiel der Geſichtszüge unterſtützt worden wäre, als der ſeinige. Ohne von jener Lebhaftigkeit, oder vielleicht beſſer Heftigkeit, in Bewegung geſetzt zu ſein, die das Mienenſpiel vorzüglich unſerer ſüdlichern Landsleute zu charakteriſiren pflegt, zeigte ſich jedes Wort, das er ſprach, jeder Gedanke, der ihn anregte, auch in ſeinen Zügen. Sie lagen wie das Bild ſeiner Seele offen vor uns; und da dieſe im eigentlichſten Sinne des Wortes liebenswürdig war, ſo konnte es nicht fehlen, daß Eugenio bald die Herzen aller Derer gewann, die mit ihm umgingen. Bianca, die jetzt in der Fülle jugendlicher Schönheit prangt, war damals eine Knospe, die eben die erſten Blät⸗ ter dem Strahl der Sonne entfaltete, den erſten ſüßen Duft — 280— aushauchte. So, obgleich für eine heftige Leidenſchaft noch nicht reif genug, war ſie deſto empfänglicher für eine innige Liebe, die ihr Eugenio's edle Anmuth des Betragens und der Geſinnung einflößte. Sie wurden verlobt und die Ver⸗ mählung wenige Monate ſpäter feſtgeſetzt. Zuvor reiſte Eugenio noch nach Florenz, um ſeinen da⸗ mals noch lebenden Vater von ſeinem Glücke zu benachrich⸗ tigen. Es liefen von dort die glücklichſten Nachrichten an Bernini ein; die Wahl Eugenio's hatte den ganzen Beifall ſeines Vaters; er hatte ſogar verſprochen, ſobald es ſeine ſchwächliche Geſundheit geſtatten würde, ſelbſt nach Mailand, und zur Hochzeitfeier hierher auf das Schloß meines Vet⸗ ters zu kommen. Doch leider ſtarb er wenige Wochen nach⸗ her. Dies veranlaßte natürlich einen Aufſchub der Verbin⸗ dung, der auf ein halbes Jahr feſtgeſetzt wurde. Eugenio war indeſſen durch die Anordnung der Familienangelegen⸗ heiten gefeſſelt, die ſich nicht ſo ganz leicht beſeitigen ließen, weil ſein jüngerer Bruder Antonio damals noch nicht mün⸗ dig war. Es wurde endlich beſtimmt, daß Eugenio die kurze Zeit, die noch fehlte, bis Antonio das ein und zwanzigſte Jahr, welches nach florentiniſchen Geſetzen mündig naacht, erreicht haben würde, ſein Vormund ſein ſollte. Beide Brü⸗ der machten ſich nach dieſer Anordnung hierher auf den Weg. Antonio wollte in dieſem Schloß eine kurze Zeit ver⸗ weilen, um die Braut ſeines Bruders kennen zu lernen, dann aber nach Bologna zurückgehen, um ſeine angefange⸗ nen Studien daſelbſt zu vollenden. Sie trafen im Auguſt hier ein. Antonio war in einem hohen Grade von ſeinem Bruder verſchieden. Alle ſeine Empfindungen ſprachen ſich um ſo viel heftiger aus, als die ſeines Bruders, daß nur ein unerfahrener Menſchenkenner dieſen Unterſchied der Tem⸗ peramente aus den wenigen Jahren, die ſie auseinander — 281— waren, ableiten konnte. Wo Eugenio warm wurde, loderte Antonio auf; wo der ältere Bruder ſich freute, jubelte der jüngere; wo er vermied, haßte dieſer. Eugenio hatte bis⸗ weilen ernſte Tage, Antonio finſtere. Der Schmerz über den Tod ihres Vaters, der ſich bei dem ältern Sohne durch eine innige, tiefe, aber leidenſchaftliche Betrübniß ausſprach, äußerte ſich bei einer vorkommenden Gelegenheit in Antonio als eine Art von Verzweiflung. Bei einem ſolchen Charakter hätte man ſich verwundern müſſen, wenn Bianca's zarte Reize ohne allen Eindruck auf den mehr als feurigen Jüngling geblieben wären. Bei ih⸗ rem erſten Zuſammentreffen, wo ich zufällig gegenwärtig war, bemerkte ich, daß eine Leidenſchaft in Antonio's Her⸗ zen Wurzel ſchlage; denn ſeine künftige Schwägerin ſehen, erröthen und erblaſſen, und mit einer Heftigkeit, vor der nur das ganz unſchuldige Mädchen nicht erbeben konnte, ihre Hand an ſeine Lippen preſſen, war das Werk eines Augenblicks. Den ganzen Abend über verließ er ſie nicht mehr mit ſeinen feurigen Blicken, die indeß weniger zu er⸗ klären als zu verrathen ſchienen. Ein Händedruck, ein Kuß, oder ſonſt ein Zeichen der Liebe, welches das Brautpaar in ſeiner Gegenwart wechſelte, war ſtets in ſeinen Zügen zu erkennen.— Ich hütete mich wohl, meine Bemerkungen irgend Je⸗ mandem mitzutheilen, weil ich mich damit tröſtete, daß bei ei⸗ nem ſo leidenſchaftlichen Menſchen die Empfindungen eben ſo ſchnell erkalten, als ſie ſich zu erhitzen pflegen. Auch muß ich ſagen, daß ich außer dieſen Zeichen nichts bemerkt habe, was zu irgend einem Argwohne hätte Anlaß geben können. Nur eine gewiſſe Ängſtlichkeit des Betragens, ein ſcheues, aufſchreckendes Weſen nahm Antonio um ſo mehr an, je länger er hier blieb. Endlich kam die Zeit ſeiner — 282— Abreiſe herbei; jetzt war eine finſtere, ſchwermüthige Stim⸗ mung an ihm nicht zu verkennen. Er mied die Geſellſchaft und ging oft noch ſpät in der Nacht einſam im Garten auf und nieder, wo ich ihn mehrere Male ungeſehen aus der Ferne beobachtete. Sein Benehmen in dieſen Stunden, wo er ſich ganz einſam glaubte, war von der Art, daß es mir auch nicht den mindeſten Zweifel an der Wahrheit mei⸗ ner Vermuthung übrig laſſen konnte. Er ging auf und nie⸗ der, indem er heftige Bewegungen mit den Händen machte, ſtand ſtill, blickte ſtarr auf die Erde, ſah zu Bianca's Fen⸗ ſter hinauf, wandte ſich dann mit dem Ausdruck der Ver⸗ zweiflung und Hoffnungsloſigkeit um—— Was war deut⸗ licher? Doch benahm er ſich in Gegenwart Anderer mit einer ſolchen Faſſung, daß ſchwerlich außer mir damals ſchon irgend Jemand geahnet hat, was ſich in der Tiefe ſeiner Bruſt bewegte. Der Vorabend ſeiner Abreiſe war da. Er hatte die Waſſerfahrten auf dem See immer ſehr gern gemacht. Eu⸗ genio veranſtaltete es demnach, um ihm eine Freude zu machen, daß dieſer letzte Abend auf dem See zugebracht werden ſollte. Auch ich befand mich in der Gondel. Es war Nacht geworden. Der Mond ſtieg ſilbern zwiſchen den Alpen herauf und warf ſeine Strahlen auf unſern Nachen. Antonio ſtand auf dem Rand des Verdeckes, nahe am Steuerruder. Bianca ſaß neben Eugenio an der Vorderſeite des Schiffes auf einigen Polſtern, die man auf dem Ver⸗ decke ausgebreitet hatte, und ſchlang einen Arm um den Nacken ihres Bräutigams, der ſie gleichfalls ſanft an ſich gedrückt hielt. Nie habe ich den Ausdruck inniger und un⸗ ſchuldiger Liebe ſo ſchön geſehen, als damals in Bianca's Augen, die mit dem ſanften Blick einer Taube den Gelieb⸗ ten betrachtete und ſich freuete, daß er da und der Ihrige — 283— war. Antonio, der mit unverwandten Augen an der reizen⸗ den Gruppe gehangen hatte, fuhr jetzt mit der Hand über die Stirn, wandte ſich um und blickte halb übergebeugt in die tiefen dunkelblauen Wellen hinab, aus denen das Heer der Sterne ſchimmernd heraufblitzte. Plötzlich verlor er das Gleichgewicht, ich weiß noch heute nicht, ob abſichtlich oder zufällig, und ſtürzte hinab. Bianca, die ſich eben freund⸗ lich nach ihm umgeſehen hatte, that einen lauten Schrei, Eugenio ſprang empor und wollte dem Bruder nachſtürzen; doch die Braut hing ſich in der Todesangſt ſo feſt an ihn, daß er ſich nicht loszureißen vermochte. Zum Glück fuhr aber in demſelben Augenblick auf der andern Seite unſeres Schiffes eine Barke vorüber, die, während dieſes vorwärts gleitete und ſo den Herabgeſtürzten hinter ſich ließ, gerade die Stelle erreichte, wo er wieder emportauchen mußte. Durch unſer Zurufen aufmerkſam gemacht, waren die Schif⸗ fer derſelben ſogleich vom Rudern aufgeſprungen und gaben ſcharf auf die Wellen Acht. Bald zeigte ſich auch an der beobachteten Stelle die Spur des Verſunkenen. Ein Schiffer ſprang ins Waſſer und ergriff ihn, die andern reichten ihm die Ruder zu und ſo wurde der Verunglückte nach wenigen Minuten wieder in unſer Fahrzeug gebracht, wo er kurze Zeit darauf die Augen wieder aufſchlug. Da dieſes Ereigniß ohne weitere Folgen blieb, reiſte er auch am nächſten Mor⸗ gen nach Bologna ab und wir hörten in mehreren Monden nichts von ihm. Endlich ſchrieb er einmal einen Brief an Eugenio, den dieſer mit großer Freude den Hausgenoſſen mittheilte. Doch muß ich geſtehen, daß er mir keineswegs gefiel. Er war voller Ausgelaſſenheiten, die mir eher Wild⸗ heiten und Wahnſinn zu ſein ſchienen, als Außerungen hei⸗ terer Freude; auch kamen einige Andeutungen vor, aus de⸗ nen ich bei meiner Kenntniß ſeines Zuſtandes die ſicherſte * — 284— Vermuthung ſchöpfen konnte, daß ſeine Leidenſchaft eher ſtärker als ſchwächer geworden ſein möchte. Indeſſen kam der Hochzeittag heran, zu dem Eugenio ſeinen Bruder durch ein herzliches Schreiben einlud, dem auch Bianca einige freundliche Worte anfügte. Ich erwar⸗ tete ſicher, daß er die Einladung ausſchlagen würde, allein zu meiner großen Verwunderung erwiderte er, daß er ſich unfehlbar einſtellen werde. Doch rechtfertigte er meine erſte Meinung dadurch, daß er zur feſtgeſetzten Zeit, acht Tage vor der Hochzeit, nicht erſchien. Schon wurde Eugenio un⸗ ruhig deshalb und wäre faſt nach Bologna gereiſt, als am dritten Tage vor dem Feſte ein Brief des Bruders anlangte, in welchem dieſer meldete, daß eine Unpäßlichkeit ihn an der Reiſe hindere, er aber, ſobald er hergeſtellt ſein werde, das junge Ehepaar beſuchen wolle. Niemand als ich ahnete, daß dieſes ein Vorwand und die angenommene Einladung vor⸗ her nur Verſtellung geweſen ſei. Der Tag der Vermählung war angebrochen und ſchien durch ſeine Heiterkeit ein Feſt der Freude zu verkünden. Doch wie anders beſchloß er ſich, als wir beim Anbruche deſſelben gehofft hatten! Das Mittagsmahl war vorüber. Nach demſelben war die Vereinigung durch den Prieſter in der Schloßkapelle angeordnet. Alle Gäſte begaben ſich dahin, die Feierlichkeit wurde vollzogen, die Ringe gewechſelt. Indeß war es Abend geworden, der Ball ſollte eröffnet werden. Das Brautpaar wurde dazu aufgefordert. Bianca fragt nach Eugenio, den ſie zwei Minuten vorher an ihrer Seite geſehen hat, aber durch einige glückwünſchende Freundin⸗ nen und durch das Gedränge der Gäſte im Saale, von ihm abgekommen iſt. Er iſt nicht aufzufinden. Jedermann will ihn im Augenblicke geſehen haben, doch Niemand weiß, wo⸗ hin er verſchwunden iſt. Man ſucht auf ſeinem Zimmer, — 285— in der Kapelle, man fragt die Lakaien, forſcht im ganzen Schloſſe nach— vergeblich! Im Garten ſind indeß die Vorbereitungen zu einer glänzenden Erleuchtung getroffen worden. Vielleicht daß er ſelbſt dort eine überraſchung ver⸗ anſtaltet und deshalb hinuntergegangen iſt. Man ſucht, fragt, ruft. Niemand weiß von ihm. Endlich ſagt einer der Arbeiter aus, er habe zwei Herren, von denen einer nach der Beſchreibung Graf Eugenio geweſen ſein mußte, haſtigen Schrittes an ſich vorübergehen ſehen. Jetzt entſteht Unruhe, Beſtürzung, Angſt. Mit Fackeln durchſpähen wir den Park, Boten werden in die Umgegend geſandt, Fahr⸗ zeuge auf den See geſchickt. Eine Stunde nach der andern verſtreicht; keine Nachricht. Der Morgen bricht an; die Braut liegt in Ohnmacht, die Marquiſe in Thränen der Angſt, Bernini wankt leichenblaß uͤmher— aber noch ſoll die Sonne aufgehen, die uns den Verſchwundenen wieder⸗ bringt.“ So weit hatte Chiari erzählt. Ruggiero ſtand ſichtlich ergriffen, leichenblaß auf und ging im Zimmer umher. „Und der Bruder?“ fragte er endlich. „Man ſandte ihm Boten. Sie trafen ihn auf dem Krankenlager. Erſt nach mehreren Monden beſuchte er das Schloß zum erſten Mal wieder.“ „Und jetzt—“ „Vermählt er ſich mit der Braut Eugenio's, der allge⸗ mein für todt gehalten wird.“ „Sie hat ihn alſo vergeſſen?“ „Nein, das glaub' ich nicht. Allein ihre Liebe war da⸗ mals nur die eines anhänglichen Kindes. Jetzt iſt es eine Leidenſchaft, die die gezeitigten Jahre, das volle jungfräu⸗ liche Bewußtſein mit zur Grundlage hat. Es iſt nicht mehr jene erſte, unſchuldige, ich möchte ſagen, bewußtloſe Liebe, — 286— die als eine reine Regung der Natur erſcheint und ſich, mehr durch Umſtände geleitet, an einen beſtimmten Gegen⸗ ſtand heftet; ſondern ſie verbindet ſich mit einer perſönlichen Auszeichnung ihres Gegenſtandes, die aus freiem innern Antriebe hervorgeht und wol durch Antonio's eigene tiefe Leidenſchaft erzeugt iſt. Denn daß dieſe mächtigſte aller Empfindungen zwar nur durch Gegenſeitigkeit dauernd be⸗ ſteht, durch Anregung von einer Seite aber geweckt werden kann, leidet wol keinen Zweifel. Zu Eugenio's Liebe war Bianca noch nicht herangereift; in ihrer kindlichen Bruſt konnte damals eine Leidenſchaft, wie dieſe, noch nicht die CLiefe finden, deren ſie bedurfte, um ſich mit ihren Wur⸗ zeln ſo feſt in das Gemüth zu verwachſen, wie es jetzt der Fall iſt.“ „Alſo liebt ſie wirklich?“ „Tief, gewaltig, ich möchte ſagen mit ängſtlicher Lei⸗ denſchaft.“. „Ob kein Gefühl eines Unrechtes, eines Mangels an Treue ſie beunruhigen mag?“ „Bewußter Weiſe gewiß nicht.“ „Aber Antonio? Sie ſchweigen?“ „Graf Ruggiero! mit welchen Blicken ſehen Sie mich an? Ich that zu viel, daß ich Ihnen ſo ausführlich er⸗ zählte. Es gibt Dinge, die wir auch nicht denken dürfen. Verbrechen aber iſt es gewiß, ſich Gedanken mitzutheilen, ſei es durch Worte oder Blicke.“ „Sie haben Recht. Der Marcheſe muß meine Erzäh⸗ lung höchſt ſeltſam gefunden haben; doch Ihnen muß ſie entſetzlich vorgekommen ſein, da Sie Antonio's Leidenſchaft kannten, und—“ „Halten Sie ein, Graf! Ich darf Sie nicht mehr hö⸗ ren. Bedenken Sie, daß Muthmaßungen hier Verbrechen, — 2874— geäͤußerte Muthmaßungen Todſünden ſind. Hier gilt es das Glück einer Familie, das Leben, die Seele eines Menſchen. Ich erwarte von Ihnen, daß Sie Alles thun werden, was in Ihrer Kraft ſteht, um den Marcheſe, deſſen Faſſung mehr als männlich war, vollſtändig zu beruhigen.“ In dieſem Augenblick trat der Kammerdiener des Mar⸗ cheſe ein und erſuchte den Grafen Chiari, im Namen ſeines Gebieters, wo möglich noch heut auf einen Augenblick zu ihm zu kommen. Chiari wandte ſich zu Ruggiero:„Das ſind die Folgen Ihrer Erzählung; er wird Rath, Beruhigung verlangen. Ich werde ſie ihm dadurch geben, daß ich Ihre Unkenntniß von dem Ereigniß in ſeiner Familie mit meinem Wort be⸗ theuere. Es wäre mir lieb, Sie noch hier zu finden.“ Mit dieſen Worten folgte er der Aufforderung des Marcheſe und verließ das Zimmer. Er traf Bernini noch im Saale, wo er mit unruhigen Schritten auf⸗ und niederging. Der Kammerdiener ſetzte das Licht, mit dem er Chiari vorgeleuchtet hatte, auf den Tiſch und ließ Beide allein. „Was ſagen Sie zu der Erzählung des Grafen?“ be⸗ gann der Marcheſe.„Ich muß geſtehen, daß ich viel darum gäbe, er hätte uns nicht damit unterhalten.“ „Allerdings,“ erwiderte Chiari,„kommen darin ſo auf⸗ fallende Umſtände vor, daß man auf den Verdacht gerathen könnte, er habe abſichtliche Anregungen im Sinne gehabt. Doch bin ich meines Theils ganz darüber beruhigt, da ich beſtimmt weiß, daß er von Eugenio's unglücklicher Geſchichte gar keine Kenntniß gehabt hat. Er iſt ſeit fünf Jahren auf Reiſen und erſt vor wenigen Tagen nach Italien zurück⸗ gekehrt.“ „Dieſe Nachricht iſt mir ungemein viel werth. Sie kön⸗ — 288— nen ſich wohl vorſtellen, daß ich durch ein ſolches Zuſam⸗ mentreffen nicht an Antonio irre werden kann. Allein dieſes noch immer unaufgelöſte Geheimniß, das über Eugenio's Verſchwinden waltet, hat ſchon ſo vielen ſeltſamen Gerüchten die Entſtehung gegeben, daß ich befürchten muß, aus dem Vorfall des heutigen Abends entwickeln ſich deren wieder neue, die meinem Kinde nicht nur unangenehm, ſondern höchſt beängſtigend und ſchmerzhaft ſein müßten. Bei unſe⸗ rer alten Freundſchaft, bei unſerer Verwandtſchaft, bei der Ehre unſerer beiden Familien bitte ich Sie daher dringend, lieber Chiari, thun Sie, was Sie können, um ſo unſeligen Folgen vorzubeugen. Zum Unglück haben noch dazu ſo auf⸗ fallende Umſtände den Abend begleitet, daß dieſe in dem Munde des Gerüchts den fabelhafteſten Sagen eine Wahr⸗ ſcheinlichkeit geben können, die tödtliches Gift mit ſich füh⸗ ren würde. Unſer Spaziergang im Garten nach den wilden, verwachſenen Partien, die ſchon immer zu unheimlichen Ge⸗ rüchten Anlaß gegeben haben; eine Bemerkung, die mir Ruggiero auf jenem Flecke machte, von der ich nicht weiß, ob er ſie auch Andern mitgetheilt hat, die ihn aber wahr⸗ ſcheinlich zu ſeiner Erzählung veranlaßt hat; das frühe Auf⸗ brechen Bianca's und ihrer Mutter, Antonio's Nervenzu⸗ fall— alles Dies zuſammen kann, ſo zufällig es iſt, auf die leichteſte Art in Verbindung geſetzt und zu Schlüſſen und Vermuthungen benutzt werden, die in dieſem Falle mehr zu fürchten ſind, als die bösartigſte Verleumdung. Ich ver⸗ hehle es nicht, ich bin ſehr aufgeregt. Daher geht meine dringende, inſtändige Bitte an Sie, lieber Chiari, dahin, Sie zu erſuchen, ſowol den Grafen Ruggiero zu der mög⸗ lichſten Ausgleichung der unangenehmen Verhältniſſe anzu⸗ leiten, als auch ſelbſt dafür zu thun, was Sie im Stande ſind. Verſprechen Sie mir das?“ — 289— Chiari gab ſeine Hand darauf. Man verabredete jetzt, daß zuvörderſt alle Zuhörer um vorläufiges Verſchweigen der ganzen Erzählung erſucht, dann aber auch Antonio und die Frauen, wenigſtens in den nächſten Tagen, von der Nachfrage darnach ſo viel als mög⸗ lich abgebracht werden ſollten. Chiari verſprach ſowol ſelbſt, als auch durch Ruggiero, nach Kräften zu handeln. So nahm er Abſchied für die Nacht. Der Marccheſe begab ſich jetzt auf ſein Schlafzimmer, ließ ſich entkleiden und entließ darauf den Kammerdiener. Doch verſtattete ihm die Aufregung ſeines Gemüthes noch keine Ruhe. Er ging daher in tiefen Gedanken im Zimmer auf und ab, indem er Ruggiero's Erzählung noch einmal bei ſich ſelbſt durchging und alle Umſtände erwog, die Be⸗ ziehung auf die Verhältniſſe ſeiner Familie haben könnten. In dieſen Betrachtungen unterbrach ihn der dumpfe Schall einer ſchnell zugeworfenen Thür und haſtige Schritte, die er in ſeinem Vorzimmer hörte. Er hatte noch nicht ſo viel Zeit gehabt, ſich über dieſe Erſcheinung eine Vermuthung zu bilden, als die Thür des Schlafzimmers ſich raſch öff⸗ nete und der Kammerdiener mit bleichen Zügen hereinſtürzte. „Was ſoll das bedeuten, Giacomo?“ fragte der Mar⸗ cheſe erſtaunt. Der Diener konnte lange nicht antworten, endlich be⸗ gann er zitternd in abgebrochenen Worten:„Gnädiger Herr, ich habe eine entſetzliche Erſcheinung gehabt. Als ich Sie verlaſſen hatte, ging ich an der Thür des Grafen Chiari vorüber, in deſſen Zimmer ich noch ſprechen hörte. Ich blieb halb unwillkürlich ſtehen und hörte voller Erſtaunen den Namen Eugenio nennen, worauf eine Stimme etwas erwi⸗ derte, die mir ſeltſam bekannt vorkam. Eine Bewegung im Zimmer nach der Thür zu machte, daß ich mich raſch, mit . 13 — 290— leiſen Schritten, entfernte. Nach einigen Minuten wollte ich wieder näher gehen. Da öffnete ſich plötzlich die Thür des Zimmers und eine hohe Geſtalt, die ich auf dem dun⸗ kel beleuchteten Corridor nicht erkennen konnte, trat heraus und ging auf mich zu. Durch den Zugwind war in dem⸗ ſelben Augenblick meine Kerze verlöſcht worden. Ich weiß nicht weshalb, aber ich hatte eine Scheu, bemerkt zu wer⸗ den und wollte doch den Fremden deutlich ſehen. Daher trat ich in die Ecke hinter einen Pfeiler und erwartete nun, daß er vorübergehen ſollte. Kurz ehe er bis zu mir kam, mußte er durch eine vom Mond hell beſchienene Stelle, der durch eines der runden Fenſter, die Licht auf den Gang bringen, ſeine Strahlen warf und auf der Wand gegenüber einen großen, hell erleuchteten Kreis bildete. Dort mußte ich jeden Zug ganz deutlich erkennen, ohne ſelbſt geſehen zu werden. Denken Sie ſich aber mein Entſetzen, gnädigſter Herr, als ich, ſowie der Fremde in den hellen Kreis trat, deutlich Graf Eugenio's Geſicht erkannte. Meine Kniee ſchlotterten, das Grauen verſetzte mir den Athem. Die Geſtalt ſchritt an mir vorüber und verſchwand in der letzten Zimmerthür, die zu dem Thurme nach Mitternacht führt, in dem der ſe⸗ lige Herr Graf immer gewohnt hat.“ Der Marcheſe fühlte ſich durch die Erzählung ahnungs⸗ voll erſchüttert, doch faßte er ſich und ſprach:„Du biſt ein Thor, Giacomo; was ſtörſt Du mich noch ſpät in der Nacht mit ſolchem Ammenſpuck? Geh zu Bett.“ „Gnädiger Herr, ich betheure Ihnen, ich täuſche mich nicht. Die großen ſchwarzen Augen, die hohe Stirn,— aber blaß ſah er aus wie ein Todter.“ „Ich ſage Dir, Du biſt ein unverſtändiger Thor. Der Graf Ruggiero iſt es geweſen; ich weiß, daß er noch beim — 291— Grafen Chiari war, und ſein Zimmer liegt in dem Thurme nach Mitternacht.“ Giacomo ſchüttelte den Kopf und ſchwieg.. „Geh ſchlafen!“ wiederholte der Marcheſe. Der Diener bat um Erlaubniß, ſeine Kerze anzünden zu dürfen und ging dann ſchweigend und zitternd hinaus. 1 War Bernini zuvor unruhig geweſen, ſo war er jetzt fieberhaft bewegt. An Schlaf war nicht mehr zu denken, obwol er es verſuchte, ſich auf's Lager zu ſtrecken. Nicht einmal zu unruhigen Träumen kam er, weil ſeine zu auf⸗ geregte Stimmung ſelbſt einem Halbſchlummer nicht Raum gab. Er ſtand daher auf und trat auf den Balkon hinaus, um ſein erhitztes Blut durch den friſchen Strom der Nacht⸗ luft abzukühlen. Indem er ſo in die Gegend hinausblickte, war es ihm, als ſehe er eine weiße Geſtalt ſich durch die Gebüſche bewegen. Je genauer er die Erſcheinung betrach⸗ tete, um ſo gewiſſer wurde es ihm, daß er ſich nicht täuſche. Sie ſchlug den Weg nach dem eingeſtürzten Brunnen ein. Ein kaltes Grauſen überlief den Marcheſe; doch faßte er den Entſchluß, der Erſcheinung zu folgen. Er warf den überrock um, nahm zwei Terzerole in die linke, ſeinen De⸗ gen in die rechte Hand und ſtieg auf einer kleinen Treppe, die unmittelbar aus ſeinem Schlafzimmer in den Garten führte, hinab. Jetzt folgte er den Gängen, die er die Ge⸗ ſtalt hatte wandeln ſehen, obwol er ſie ſelbſt nicht mehr entdecken konnte. Als er in die Nähe des Brunnens kam, war ihm, als höre er leiſe, geiſterähnliche Harfentöne. Er ſtand ſtill und lauſchte; ſein Ohr hatte ihn nicht betrogen. Von wunderbarem Grauen durchbebt ſchritt er vorwärts; jetzt ſtand er an dem Platze, den der Mond hell beſchien, und zu ſeinem höchſten Erſtaunen erblickte er eine weibliche Geſtalt, die auf dem Rande des Brunnens ſaß und auf 13* — 292— einer Laute das Vorſpiel zu einem Liede zu ſpielen ſchien. Sollte er vortreten, ſollte er bleiben? Sollte er ſie anrufen oder ſchweigen? Er entſchied endlich für das Erſtere. Mit einem feſten Schritt trat er aus dem Dunkel der Schatten, die ihn verbargen, in das helle Mondlicht und rief:„Wer biſt Du?“ Schüchtern ſprang die Geſtalt auf und ſchien ſich zu beſinnen, ob ſie die Flucht ergreifen oder bleiben ſollte. Der Marcheſe trat näher und rief ſie noch einmal an. Da antwortete ihm eine wohlbekannte Stimme:„Mein Vater, biſt Du's? O, wie Du mich erſchreckt haſt!“ Es war Bianca. „Meine Tochter, was thuſt Du hier?“ fragte Bernini voller Staunen, aber doch mit einem ſeligen Gefühl, weil ihm die Nähe des liebſten Weſens, das er auf der Erde hatte, plötzlich aus den Schauern der Geiſterwelt in die be⸗ freundetſten Erſcheinungen des Lebens zurückführte. „O mein Vater,“ begann ſie ſanft, indem ſie ihm ſchmeichelnd das Kinn berührte,„der Morgen wird bald an⸗ brechen. Auf meinem Lager hatte ich keine Ruhe mehr⸗ Ich habe dieſe Nacht von Eugenio geträumt, der freundlich neben mir ſtand, mich zu ſich zog, wie damals, und liebe⸗ voller war als je, obwol Antonio neben mir ſaß. Wunder⸗ bar, daß ich ſie Beide zugleich lieben konnte, ihn aber wie meinen liebſten Bruder. Er zürnte mir auch nicht, ſondern ſchloß mich hold, mit warmer Innigkeit in die Arme. Nun konnte ich dem Drange nicht länger widerſtehen, mich an dieſer Stelle, wo er ſo gern im heiligen Dunkel des Hains mit mir zu ſitzen pflegte, wo wir die letzten und die erſten Stunden unſerer Liebe vertraut zugebracht haben, noch ein⸗ mal ganz ſeinem theuren Andenken zu überlaſſen. Denn ſo lebhaft wie in dieſer Nacht habe ich noch nie geträumt. Es war mir, als müßten meine Lippen von den liebevollen Küſſen — 293— röther ſein, die ich von ihm empfing und ſie herzlich erwi⸗ derte, und meine Hand fühlte ich ſanft und warm in der ſeinigen ruhen. Wirklich, mein Vater, ich mußte hierher gehen.“ Bianca's unſchuldvolle Erzählung berührte den Vater mit einer Miſchung von banger Ahnung und Freude. Ihr lebendiger Traum ſchien nicht ganz ohne Zuſammenhang mit Giacomo's Viſion; allein ſeine ſanfte ſchöne Stimmung ſchlug das dunkle, furchtbare Grauen, das ſich ſchon der Seele des Marcheſe zu bemächtigen begann, nieder und ver⸗ wandelte es in eine weiche Wehmuth, die nur dem Verluſte des Verſchwundenen gelten konnte. Er nahm die Tochter bei der Hand und bat ſie freundlich, ihr Zimmer wieder zu ſu⸗ chen; ſie ließ ſich gern von ihm durch den Garten zurück⸗ führen und ſprach auf dieſem Wege mit ſo viel Unbefangen⸗ heit und Vertrauen von Antonio und Eugenio, daß dem Vater auch die letzte Beſorgniß verſchwand, die ſich ſeit ge⸗ ſtern in ihm geregt hatte, daß Bianca vielleicht nicht mit ganz reinem oder freudigem Herzen ihrer Verbindung ent⸗ gegengehe. Der Tag dämmerte ſchon im Oſten, als ſie wie⸗ der in das Schloß traten. Der Marcheſe wünſchte ſeiner Tochter einen heitern Morgen, bat ſie aber, ſich noch ein wenig zur Ruhe zu legen, weil der Tag ſie doch ſehr an⸗ greifen und ermüden könne. Er ſelbſt fühlte ſich jetzt auch ſo ermattet und abgeſpannt, daß ihm Ruhe das nächſte Be⸗ dürfniß war. Und ſo ſchlummerte er noch einige Stunden, die ihm weder durch böſe Träume noch durch andere Zu⸗ fälle geſtört wurden und ihn daher völlig friſch machten und erquickten. Jetzt war der ſchönſte, heiterſte Tag angebrochen, den man ſich zu einem Freudenfeſte wünſchen konnte. Das ſe⸗ gensreiche Geſtirn der Sonne brachte frohen Muth in alle Herzen. Chiari und der Marcheſe begrüßten ſich beim Früh⸗ — 294— mahl und lächelten faſt übereinander, daß ſie am Abend vorher in ſo unnatürlicher Spannung geweſen waren. Selbſt Antonio, wiewol er ſein ſcheues, haſtiges Weſen nicht ganz ablegte und namentlich in Ruggiero's Gegenwart befangen ſchien, zeigte ſich doch ſehr liebenswürdig und un⸗ gemein zärtlich gegen Bianca. Dieſe glich der jungen Roſe im erfriſchenden Morgenthau. Ihr ganzes Weſen hauchte Anmuth und Liebe aus. Noch war ſie in der leichten Mor⸗ genkleidung, eine Schnur von Perlen ſchlang ſich einfach und reizend durch das ſchönlockige dunkle Haar. Ein weißes, ſeidenes Gewand ſchmiegte ſich um den ſchlanken Körper. Den leichtgebogenen Nacken umgab ein zierlicher ſpaniſcher Kragen und ähnliche feingefaltene Spitzen umſchloſſen die zarten Hände am Gelenk. Sie ſchwebte, wenn ſie ging, jede ihrer Bewegungen geſchah mit unnachahmlicher Anmuth; um die Lippen ſpielte ein holdſeliges Lächeln und aus dem ſanften dunklen Augenpaar ſtrahlte eine Seele, die ganz von Liebe und Wonne erfüllt zu ſein ſchien. So erſchien ſie neben Antonio's hoher Geſtalt und ſeinen unruhig ſchwer⸗ müthigen Zügen, wie die blühende freundliche Rebe, die ſich an der düſtern Ulme hinaufrankt, deren Wipfel unruhig im Winde ſchwanken. Ruggiero war ſich ganz gleich ge⸗ blieben und auch Iſabella zeigte ſich wie geſtern, ſanft, freundlich, äußerlich ruhig, innerlich aber von Ahnungen und Erinnerungen bewegt. Indeß füllten ſich Schloß und Garten mehr und mehr mit Gäſten. Theils kamen ſie in rollenden, glänzenden Wa⸗ gen herbei, theils ſchifften ſie in geſchmückten Gondeln mit leichtem Ruderſchlag und freudiger Muſik über den See heran. Der Marcheſe hatte am Ufer deſſelben Gezelte auf⸗ ſchlagen laſſen, unter denen, und auch vor ihnen auf dem ſchattigen Naſen, ſich die Geſellſchaft verſammelte. Alle ju⸗ — 295— gendlichen Freundinnen Bianca's waren verſammelt; die edelſte männliche Jugend fand ſich ein; Alles, was in der Nachbarſchaft nur Anſehen und Würde hatte, war nicht ausgeſchloſſen. Der Verſammlungsplatz glich einem fürſtli⸗ chen Luſtlager. Die Gruppen hatten ſich zum Theil auf das Grün des Naſens, zum Theil in den Zelten, oder auf Polſtern, die am Boden ausgebreitet waren, gelagert. Von den geſchmackvoll aufgerichteten Gezelten wehten bunte Flag⸗ gen und Kränze herab; aus den Büſchen ertönte eine lieb⸗ liche, frohe Muſik. Die Sonne ſchien golden durch die im leiſen Zuge der Luft ſchwankenden, flüſternden Wipfel der Bäume und ſpiegelte ſich aus tauſend blitzenden Wellen des blauen Sees wieder, über den die Gondeln fröhlich daher⸗ ſchwammen, bekränzt, geſchmückt, von Geſang und Jubel freudiger Gäſte erſchallend. Am Ufer war Leben und Freude. Die Schiffer und ihre Mädchen tanzten und tranken fröh⸗ lich auf das Heil und Wohl des Marcheſe; Becherklang, Freudenruf und Muſik miſchten ſich ſeltſam durcheinander. Die erwählteren Gäſte trieben ſcherzend Spiele auf dem blumigen Teppich des Ufergrüns; die Alteren ſaßen in der Ferne und freuten ſich der Jüngeren. Bianca ſchwebte als eine ſanfte Grazie durch die Reihen der Freundinnen und munterte ſie durch freundliches Zureden zum Frohſinn auf; der Marcheſe war der geſchäftige, wohlwollende Wirth, Donna Iſabella die einnehmende, gütige Herrin des Hau⸗ ſes, der man es indeß anſah, daß dieſe bunte Umgebung der Freude ſich nur als eine leichte, vergängliche Hülle um die tieferen Gefühle ihres Buſens ſchlang. Antonio erſchien ſtürmiſch froh; man ſah ihm Gewaltſamkeit an; Nuggiero unterhielt ſich theils mit Chiari, theils mit Iſabella in ern⸗ ſten Geſprächen. So kam die Mittagszeit und das glänzende Feſtmahl — 296— heran. Nach demſelben ſollte die kirchliche Verbindung des Paares vor ſich gehen. Bianca verſchwand jetzt, um den Brautſchmuck anzulegen. Nach kurzer Zeit erſchien ſie am Arme ihrer Mutter wieder. Sie war weiß gekleidet, wie zuvor, nur hatte ſie den Spitzenkragen abgelegt und ſtatt der Perlen den Myrthenkranz im Haar, durch welchen nach lombardi⸗ ſcher Gewohnheit ein langer Schleier befeſtigt wurde, der in ſchönen freien Falten durchſichtig verhüllend über Antlitz, Bruſt und Schultern bis zum Knie herabwallte. Antonio empfing ſie an ſeinen Arm und hierauf trat man in feier⸗ licher Ordnung und Stille, dem Prieſter folgend, den Zug durch die weiten Säle des Schloſſes nach der Kapelle an. In dem Augenblicke, wo ſich das Brautpaar zur Rechten und Linken des Prieſters vor den Altar ſtellte, ertönte dumpf murmelnd das ferne leiſe Rollen eines heraufziehen⸗ den Gewitters, welches ſchon ſeit einigen Stunden drohend am Himmel geſtanden hatte. Antonio war äußerſt betroffen darüber, doch Bianca ſchien es gar nicht bemerkt zu haben. Chiari, der forſchend umherblickte, ob dieſer Zufall auf die Anweſenden eine Wirkung äußere, bemerkte nur, daß Rug⸗ giero ſein Auge feſt auf Antonio geſpannt hielt, der Mar⸗ cheſe und Donna Iſabella aber große Unruhe in ihren Zü⸗ gen verriethen. Außerdem hatte Niemand, ſelbſt der Prieſter nicht, darauf geachtet. Die feierliche Handlung begann; der Geiſtliche hielt nur eine kurze, aber herzliche und der Sache angemeſſene Rede. Jetzt wechſelte er die Ringe. In dieſem Augenblick ertönte ein ſtarker Schlag, der alle Anweſenden in heftige Beſtürzung verſetzte. Daher fiel es in der allgemeinen Unruhe auch nicht auf, daß Antonio faſt alle Faſſung verlor und ſich kaum auf den Füßen erhalten konnte. Nur Ruggiero blieb kalt wie Marmor und zuckte auch nicht mit der Wim⸗ per ſeines ſtarr auf Antonio gehefteten Auges. Der Prieſter — 29,— gab dem Ereigniſſe eine günſtige Wendung, indem er Don⸗ ner und Blitz die majeſtätiſchen Zeichen der göttlichen Erha⸗ benheit nannte, die keinen Schuldloſen ſchrecken, ſondern ihm Muth und Vertrauen zu der allmächtigen Kraft des Ewigen einflößen. So beruhigten ſich die Gemüther bald und das heilige Sacrament wurde ohne weitere Störung vollendet. überdrängt von Entzücken, Wehmuth, Freude, Thränen und Liebe ſank Bianca in die Arme ihrer Mutter, die ſie heftig weinend mit mütterlicher Angſt umfaßt hielt. Erſt nach und nach gewannen Beide ſo die Ruhe wieder, daß Bianca mit ſüßem Lächeln, während noch die Thränen in ihren Wimpern glänzten, die Glückwünſche und Umarmun⸗ gen der Freundinnen annehmen konnte. Auch Antonio war indeß von Verwandten und Freunden begrüßt und mit herz⸗ lich gemeinten Wünſchen für ſein Glück überhäuft worden. Ruggiero blieb ebenfalls nicht zurück, ſondern ergriff die Hand des Vetters und ſagte zu ihm:„Mögen die Gefühle, die ſich jetzt eben in Ihrer Bruſt bewegen, ſich niemals än⸗ dern, ſondern Sie ewig begleiten.“ Dabei hatte er ihn nach ſeiner Gewohnheit ſo feſt angeblickt, daß Antonio faſt in Verwirrung darüber gerieth. Das Brautpaar vereinigte ſich wieder. Der Marcheſe lud die Geſellſchaft in den Saal, damit der Ball beginnen könne. Eine prächtige Muſik rauſchte den Eintretenden ent⸗ gegen; der Saal flimmerte von zahlloſen Kerzen, die ſich in den hohen Spiegeln bis in's Unendliche vervielfältigten. Die Diener liefen emſig hin und her, die Gäſte kreuzten bunt durcheinander, das Getümmel mußte mit ſich fortreißen. So ſchien ſich auch des Brautpaares, das doch ein Glück in ſei⸗ ner Bruſt keug, wogegen alle äußere Umgebung ärmlich ſein mußte, der allgemeine Strom der ſinnlichen Vergnügung zu bemächtigen. Antonio begann den Tanz mit Bianca; die 13**† — 298— 1 jüngeren Gäſte folgten und in wenig Minuten war die frohe Luſt allgemein. Ruggiero ging unter den Tanzenden umher, ſprach hier und dort und näherte ſich auch Bianca und An⸗ tonio, allein ſeine Züge blieben immer dieſelben und hatten etwas geſpenſtiſch Grauenhaftes, das der allgemeinen Luſt gewiß hätte nachtheilig ſein können, wenn ſie nicht ſchon zu weit ausgebreitet geweſen wäre, um durch einen ernſten Tropfen gedämpft zu werden. Doch bat Bianca ihren Bräu⸗ tigam, als Ruggiero eben von ihnen weggetreten war:„Lie⸗ ber Freund, verlaß mich heute ja nicht; gehe nicht von mei⸗ ner Seite; denn in eben dieſem Saale, mitten unter den fro⸗ hen Gäſten war es ja, wo Dein Bruder Eugenio neben mir verſchwand. Und ſollte“— indem unterbrach ſie der Tanz, ſodaß die ferneren Worte unausgeſprochen blieben und auch Antonio's Erwiderung verloren ging. So verſtrich der Abend ohne ein bedeutendes Ereigniß. Die Tafelzeit kam heran. Der fröhliche Ball hatte vollends alle Unruhe und Beſorgniſſe aus den Gemüthern vertrieben. Der Marcheſe war ſehr heiter geworden und auch Antonio hatte ſein heftiges, ſtürmiſches Weſen der Freude zu einem ruhigſanften Betragen gemildert. Ein Kanonenſchlag ver⸗ kündete den in den Sälen und im erleuchteten Garten zer⸗ ſtreuten Gäſten, daß die Abendtafel beginne. Sie verſam⸗ „melten ſich in einem großen Saale, deſſen Fenſter nach dem See hinausgingen, wo der Garten nicht beleuchtet war, da⸗ mit das Feuerwerk, welches der Marcheſe dort hatte aufſtel⸗ len laſſen, deſto beſſer vom Altan zu ſehen ſein ſollte. Alle Gäſte ſaßen jetzt an den langen Tafeln; Antonio und Bianca nebeneinander, Ruggiero Beiden gegenüber. Es wurden Gedichte auf das junge Paar vorgeleſen, Geſund⸗ heiten getrunken und andere dem ähnliche Feſtbräuche aus⸗ geübt. In einer kurzen Pauſe dieſer lauten Freudenäuße⸗ 299— rungen näherte ſich Giacomo dem Grafen Ruggiero, pochte ihm leiſe auf die Schulter und übergab ihm einen Brief, der von einem fremden Diener draußen für ihn abgegeben war. Sowol Antonio als Bianca hörten die Beſtellung. Obwol an dem Ereigniß gar nichts Ungewöhnliches war, ſo ſchien doch Bianca unbegreiflicher Weiſe dadurch geängſtigt zu werden. Ruggiero öffnete, ſchien erſtaunt und überreichte nach einigen Augenblicken Antonio ein verſiegeltes Papier mit den Worten:„Eine Einlage an Sie, die ein Unbekann⸗ ter Ihnen zu übergeben mich in zwei Worten beauftragt. Vermuthlich eine überraſchung, ein Gedicht, oder ſonſt eine Artigkeit.“ Antonio wollte nach dem Papiere greifen, doch Bianca, von einer ſeltſamen Ängſtlichkeit befallen, hielt ſeine Hand von der Eröffnung des Briefes zurück.„Nein, nicht jetzt, Lieber,“ rief ſie,„ich bitte Dich! Wer weiß, was der Brief enthält; unſerm Glücke kann er nichts zuſetzen, aber möglich iſt es doch, daß er es ſtört.“ Antonio ſchien dies ſelbſt nicht ganz unwahr zu finden, doch zwang er ſich zum Lächeln und antwortete:„Ich ge⸗ horche Dir gern, liebe Bianca und ſtecke dieſen Brief un⸗ eröffnet zu mir; allein was beſorgſt Du davon?“„MNichts, gar nichts,“ erwiderte ſie noch mit dem Ausdruck der Ängſt⸗ lichkeit in den lieblichen Zügen.„Aber es wäre doch mög⸗ lich— er könnte eine Nachricht, eine unangenehme Bot⸗ ſchaft,— ein Geſchäft— wer weiß, was enthalten, aber gewiß nichts, was unſerm Glücke heute noch nothwendig wäre. Thu es mir zur Liebe, eröffne das Blatt nicht.“ Antonio ſteckte es in den Buſen und küßte Bianca's ihn noch zurückhaltende Hand mit dem Ausdrucke inniger Zärt⸗ lichkeit. In dem Augenblicke tönte ein neuer Kanonenſchlag, das Signal zum Feuerwerk. Man brach auf und trat auf den Altan. Die Racketen fuhren praſſelnd in die Höhe und — 300— ſpiegelten ſich in der Tiefe des Sees wieder. Sprühende Sonnen und Räder glänzten in buntem Licht, Leuchtkugeln ſtiegen ſanft in den dunkelblauen Raum des Äthers empor und erloſchen ſchwebend. Während Alles in den magiſchen Anblick verloren ſtand, trat das Brautpaar unbemerkt zu⸗ rück und Antonio ſprach leiſe:„Laß uns jetzt dem Getüm⸗ mel der lauten Freude entweichen; kaum trage ich dieſe wüſte, das Herz und den Sinn leerende Luſt noch. Dir allein gegenüber finde ich mich ſelbſt wieder.“ So legte er ſeinen Arm um ſie und führte ſie ſanft hinweg. Nur die Mutter ſah ſie, ging ihnen nach, küßte die Tochter noch einmal mit heißer Zärtlichkeit und überließ dann die Lieben⸗ den dem Glück der Einſamkeit. Sie ſchritten leiſe, doch ſchnell durch den Corridor und gelangten unbemerkt in Bian⸗ ca's ſtilles trauliches Gemach. Hier ſank die ſelige Braut dem Geliebten ſprachlos an's Herz und er drückte ſie lange ſtumm an ſich. Endlich brach er in die Worte aus:„So iſt es kein Traum mehr! Ich halte Dich an dieſem Herzen, Du biſt die Meine, ewig, unauflöslich die Meine! Du, die ich mir errungen habe mit Allem, was“— hier verſagte ihm die Sprache und er brach in einen Strom heftiger Thränen aus. Endlich rief er:„Und bin ich denn nicht glücklich? Ja, ich bin es, glücklich, ſelig— dieſer Augen⸗ blick wiegt eine Ewigkeit auf!“ Bianca war nicht ſo heftig bewegt als Antonio; nur mit dem Ausdruck der treueſten, innigſten Zärtlichkeit blickte ſie ihm in das dunkle unſtete Auge. Sie ſetzten ſich. Ihre Rechte ruhte in der ſeinen, den linken Arm hatte ſie liebkoſend um ſeinen Nacken gelegt. Da fiel das Blatt, welches Ruggiero ihm gegeben hatte, aus ſeinem Buſen in ihren Schooß.„Jetzt lies es,“ ſprach Bianca ſanft lächelnd.„Nun fürcht' ich keine finſteren Mächte mehr; hier vertrau' ich mir mit Sicherheit, hier — 301— banne ich jeden böſen Dämon, der ſich Dir ſtörend nahen könnte!“„Das thuſt Du, gewiß,“ ſprach Antonio mit tief bewegter Stimme und öffnete das Blatt, während ſeine Blicke noch auf den Zügen der Geliebten weilten. Dann wandte er ſie auf die Schriftzüge in ſeinen Händen. Allein ſowie er ſie betrachtete, wurde er bleich wie der Tod, ſprang auf, wankte mit zuſammenbrechenden Schritten nach dem Tiſch, wo das Licht ſtand, blickte das Blatt noch einmal an, drückte ſich's dann mit beiden Händen vor die Stirn und ſank mit dumpfem Laut zu Boden. Mit dem Schrei des Entſetzens ſtürzte Bianca auf ihn zu, faßte ſein Haupt an und ſuchte es emporzuheben, rief ihn, überſtrömte ſein Antlitz mit ihren heißeſten Thränen— umſonſt. Jetzt ſprang ſie auf, zog die Glocke mit der Heftigkeit der Angſt und ſank, die Hände ringend, neben Antonio auf die Kniee nie⸗ der.„Herr des Himmels, erhalte ihn mir, raube ihn mir nicht in dem Augenblicke, wo ich ihn ſicher und ſelig mein eigen nannte,“ betete ſie mit der Angſt des Todes und ver⸗ barg dann das weinende Antlitz an der Bruſt des lebloſen Freundes. Es erſchien Niemand. Alle Diener des Schloſſes waren beſchäftigt oder ſchauten dem glänzenden Feuerwerk zu, das eben den höchſten Punkt der Pracht erreicht hatte, indem ein Tempel, in Brillantfeuer brennend, Bianca's und Antonio's verſchlungene Namenszüge zeigte. Ach die Arme litt entſetzliche Qualen, während alle ihre Umgebungen ſie glücklich prieſen und von jener erhabenen Wehmuth, die un⸗ ſer Herz durchdringt, wenn wir die Freude einen königlichen Einzug halten ſehen, faſt zu Thränen hingeriſſen wurden. Auf's Neue hatte die Unglückſelige die Glocke nach Hülfe gezogen. Niemand hörte ſie. Da raffte ſie ihre letzten Kräfte zuſammen, ſtürzte hinaus, ſchwankte den Gang hinunter und rief laut:„Hülfe, Hülfe!“ Mit aufgelöſtem Haar ſtürzte — 302— ſie in den Saal, der ſich eben wieder mit den vom Altan zurückkehrenden Gäſten erfüllte, und rief:„Rettung, er ſtirbt!“ Mit dieſen Worten ſank ſie ſelbſt in die Arme des Grafen Chiari, der ihr zunächſt ſtand. Alles ſtürzte verworren her⸗ ein und durcheinander. Man ſammelte ſich um ſie, doch Chiari trieb mit ahnungsvollem Grauen an, nach dem Gra⸗ fen zu ſehen. Er wurde leblos gefunden und herbeigebracht. Die Hände hatte er krampfhaft zuſammengedrückt. In der linken hielt er das entſetzliche Blatt. Die Marquiſin war beſinnungslos in ihr Zimmer gebracht worden, doch der Marcheſe hielt ſich noch mit Faſſung aufrecht. Er nahm das Blatt aus den Händen des Grafen und las es. Es war Antonio's eigene Handſchrift, aber die Worte trafen ihn wie ein lähmender Blitzſtrahl. Sie lauteten: Theurer Bruder! Ein Vertrauter von mir hat Dir im Geräuſch Deines Hochzeitfeſtes dieſes Blatt zugeſteckt. Eugenio, ich bin der unglückſeligſte der Menſchen. Nur ich ſelbſt kann Dir ſagen, was mir fehlt; nur Du kannſt mich retten. Ich beſchwöre Dich, komm einen Augenblick zu mir herab. Ich erwarte Dich im Garten am Fuße des alten Schloſſes bei dem Brunnen. Mein Vertrauter wird Dich führen. Dein Antonio.“ Ein furchtbares Geſpenſt des Entſetzens berührte ſeine ahnende Bruſt mit kalter Todeshand. Doch faßte er ſich mit der angeſtrengteſten Manneskraft. Er ließ beide Ohn⸗ mächtige auf Bianca's Zimmer bringen und folgte mit Chiari. Dieſer, dem er den Inhalt des entſetzlichen Blattes mitgetheilt hatte, vermuthete weiter und ſeine Ahnung, ver⸗ muthlich durch Ruggiero's Erzählung gelenkt, fiel darauf, die Ringe der Verlobten zu betrachten. Mit welchem Ent⸗ — 303— ſetzen entdeckte er, daß Bianca ihren erſten Verlobungsring, den ſie Eugenio gereicht hatte, am Finger trug. Wer hatte ihr dieſen zurückgegeben, der mit ſeinem Eigenthümer auf unbegreifliche Weiſe verſchwunden war? Leiſe zog er ihn von dem Finger der Ohnmächtigen und zeigte ihn dem Mar⸗ cheſe, den ein kaltes Grauen bei dem Anblick überlief, denn er zeigte Spuren veralteter Blutflecke. Antonio's Ring da⸗ gegen war der rechte, den ihm Bianca heut am Altar ge⸗ reicht hatte. Alle Mittel, die Ohnmächtigen in's Leben zurückzurufen, wurden angewendet; doch nur mit Mühe gelang es endlich mit der unglücklichen Braut. Antonio's Auge und Mund blieben für ewig geſchloſſen. Man trug den Entſeelten auf ſein Gemach. Erſt nach Bianca's Erwachen, die mit eini⸗ gen Freundinnen und ihrer treuen Ninetta aus Bergamo auf ihrem Zimmer blieb, dachte Chiari an Ruggiero. Er und der Marcheſe ſuchten ihn auf, um durch ihn das Ge⸗ heimniß enthüllt zu wiſſen, denn ſie zweifelten nicht länger, daß er allein im Schloß es kenne. Doch Niemand wußte von ihm zu ſagen; Alle hatten ihn kurz zuvor geſehen, jetzt war er nicht aufzufinden. Dies vermehrte die dunkeln Vermuthungen Chiari's und des Marcheſe; doch beſchloſſen ſie, was ſie wußten, geheim zu halten. Die erſchrockenen Gäſte entfernten ſich aus dem Hauſe des geſtörten Feſtes. Iſabella lag im heftigen Fieber; Bianca war immer noch ihrer Sinne nicht ganz mächtig; Ruggiero blieb verſchwunden. Chiari und der Marcheſe, ſo erſchüttert ſie waren, behielten allein ihre Faſſung ſo weit, daß ſie für das Nothwendige ſorgen konnten. So brach der Morgen an. Herbeigerufene Arzte erklär⸗ ten Antonio für todt und forderten für die Frauen nur Ruhe. Am folgenden Tage wurde Antonio in der Stille be⸗ — 304— ſtattet. Die Nachricht von ſeinem Tode koſtete, ſo ſchonend ſie der zu heftig ergriffenen Iſabella mitgetheilt wurde, auch dieſer das Leben. Man begrub ſie am dritten Tage darnach. Bianca ertrug Alles mit hingebender Faſſung; ſie war nicht mehr krank, aber im Tiefſten erſchüttert und ſchwer ge⸗ beugt. Doch das Geheimniß jenes Briefes kannte ſie nicht und Chiari wußte ſie glauben zu machen, das unheilbrin⸗ gende Blatt ſei in dem Schrecken und der Unruhe verloren gegangen. Heimlich wurden aber Nachforſchungen nach Ruggiero angeſtellt, die indeß lange vergeblich blieben; endlich, nach einigen Wochen erhielt man die wunderbare Nachricht, daß der letzte Graf Ruggiero bereits vor einem Jahre in Deutſch⸗ land geſtorben ſei. Hierauf überredete Chiari den lange widerſtrebenden Marcheſe, an dem Brunnen, der als die Schlummerſtätte dunkler Geheimniſſe auf mannichfache Art angedeutet war, durch vertraute Leute Nachforſchungen anſtellen zu laſſen. Man grub den Boden auf, vergeblich. Chiari beſtand dar⸗ auf, daß man den Brunnen ſelbſt ausräumen müſſe. Es geſchah, und in ſeiner Tiefe fanden ſich unter Schutt und Steinen die Gebeine des unglücklichen Eugenio, an den erſt halb verweſten Kleidern ſogleich zu erkennen. Als man den Schädel genauer unterſuchte, zeigte ſich die Spur eines tödt⸗ lichen Hiebes über Stirn und Scheitel, ganz wie der wun⸗ derbare Ruggiero die Narbe des deutſchen Grafen beſchrieben hatte. So blieben über die Art, wie Eugenio verſchwunden und um's Leben gekommen war, kaum einige Zweifel übrig; das Mildeſte, was man annehmen konnte, war, er ſei im Zweikampf mit dem vielleicht an die Grenze der Verzweif⸗ lung gebrachten, ſo höchſt leidenſchaftlichen Bruder gefallen. Dem Marcheſe graute vor dem Aufenthalte in ſeinem — 305— Schloſſe. Er ging mit Bianca, der jedoch dieſe ſchauerliche Halbentdeckung verhehlt blieb, zuerſt nach Mailand und ſpä⸗ ter, nachdem ſie ſich etwas erholt hatte, nach Rom. Hier ſtarb er wenige Jahre nachher. Bianca, die den Wink einer höhern Hand, welche ihr eine andere Beſtimmung anwies, als die der Ehe, deutlich zu erkennen glaubte, lehnte die mancherlei Bewerbungen trefflicher Männer ab und erwählte den Schleier. Sie trug ihn nicht lange. Ihr ſchon in ſo zarter Jugend zwiefach ſo furchtbar erſchüttertes Herz, das ſich weder an Vater noch Mutter anſchließen konnte, fühlte, nicht hier ſei ſeine Heimat; es brach in Sehnſucht und Ver⸗ langen nach dem Orte des Troſtes, des Wiederſehens und — wir hoffen es mit der Schmerzbeladenen,— der Ver⸗ gebung. Barzbilder und Harzsagen. Ein novelliſtiſches Bruchſtuͤck aus meinen empfindſamen Reiſen. π Der Bexentanzplatz. Des Holzschlä- gers Erzählung. Ich will keine Harzreiſe ſchildern, aber Euch doch Blicke auf das ſagenberühmte wunderbare Gebirg werfen laſſen, denn das Herz drängt mich zu ſehr dazu. Ein ſüßſchauerndes Beben empfinde ich jedesmal in der Bruſt, wenn ich die waldige, dunkle Mauer des Gebirgs erblicke, die maſſen⸗ haft, mit geringen Einſchnitten, den Horizont umſchließt. Nur die Linie des Brocken hebt ſich freier geſchwungen über die finſtere Waldmauer empor und einige Thäler laſſen den Kundigen ihre Mündung an der ſchärfer gebrochenen Saum⸗ linie des Gebirges erkennen. Wo das majeſtätiſche Thor des Budethals ſich öffnet, dahin lenke ich meine Schritte gern zuerſt. Deutſchland hat drei wilde Felsgeklüfte(die der Alpen, Salzburgs u. ſ. w. zählen nicht mit), welche an maleriſcher Romantik mitein⸗ ander wetteifern. Es ſind die Baſtei in der ſächſiſchen Schweiz, Schloß Altenaar im Aarthale bei Bonn und die Roßtrappe, oder vielmehr die Offnung des Budethals nach 4 dem flachen Lande zu. Altenaar iſt die maleriſchſte, die Baſtei die reichhaltigſte, das Budethal die erhabenſte und wildeſte der drei Landſchaften. — 310— Jetzt ſtehen wir vor dem Eingange der Schlucht, wo das große Harzdorf Thale liegt. 3 Seid mir gegrüßt, ihr ſchauerlichen Geklüfte, ihr Thurm uͤber Thurm aufſtrebenden Felſen, auf deren Zinnen die uralte Waldung erhaben rauſcht. Schwarzer, ſchaͤumender Waldſtrom, der aus dem tiefen Gebirg herbrauſt und über die hinabgeſtürzte Krone der zu Roß flüchtenden Prinzeſſin die dunklen Wellen breitet, ſei auch du mir gegruͤßt. Hier iſt der Herd der Sage; jeder Fels, jeder alte Baum hat ſeine wunderbare Geſchichte und jeder neue Tag fügt Neues, Schauerliches hinzu, von herabgeſtürzten Köh⸗ lern, Bergleuten, Jägern, die bei zu kühner Wagniß hier den Tod fanden. Wir gehen das Ferklfteie Thal aufwärts bis an den Budekeſſel, dort, wo ſie in dunkler Felshöhlung und Um⸗ mauerung ſich in ein Becken ſammelt und ihre Tiefe durch das ſchauerliche Dunkel der Gewäſſer zugleich verbirgt und verräth. Dem ſchwarzen Marmor gleicht hier ihr Spiegel; doch ſchöpfe einen Becher aus der Fluth, ſo füllt er ſich mit dem klarſten Kryſtall, und wirf, wenn die Sonne auf die Wellen ſcheint, ein blankes Silberſtück hinab, ſo ſiehſt Du es im Fallen lange heraufblitzend leuchten;z nur das Dunkel des tiefen Schlundes, auf deſſen Boden kein Lichtſtrahl reicht, legt die finſtere Folie unter den hellen Kryſtall des Waſſers. Mich ſchwindelt, wenn ich aufwärts ſchaue zu den Fels⸗ rieſen hinan. Einige Häupter ragen über, bücken ſich dro⸗ hend herab, andere ſtarren wie Thürme empor; verwegene Pfade klimmen im Zickzack, einer Blitzfurche gleich, die Klippen hinan. Und ſei die Felsbruſt noch ſo ſchroff, doch hat der weiche Arm grünender Gebüſche ſie erreicht und umfaßt und ſchmiegt ſich dem rauhen Harniſch lieblich an. So lächelt die Anmuth noch mitten in die ſchroffe, ſchauerliche Wildniß hinein. Und wie holdſelig blickt uns der Himmel an, wenn er ſich ſtill und blau über das Thal wölbt und den zackigen Felsſpitzen, den zarter geformten Wipfeln der Tanne und Buche zum lieblichen Grunde dient! Da wird es dunkel; es fällt wie ein grauer Schleier über die Landſchaft. Ein Wolkenſchatten iſt es, der die Flügel über das Thal breitet. Der Sturm erwacht, wir hören ihn leiſe, hohl ſauſend heranziehen; er jagt das flüch⸗ tige Gewölk über uns hin und beugt die Kronen des alten Waldes. Die ſcheue Waldtaube flattert um den Fels und ſucht ihr Neſt im Geſtein; Raben ziehen krächzend über uns; ein Raubvogel ſchwebt von ruhigen Flügeln getragen über dem höchſten Fels langſam dem wogenden Fichtenwald zu, oder verſchwindet, majeſtätiſch ſteigend, im Gewölk. Laß uns die Schlucht aufwärts klimmen. Der Pfad iſt ſteil, mühevoll, von Klippe zu Klippe ringt er ſich hinan. Der abgeſtumpfte Rieſenkegel vor Dir iſt der höchſte unter den Thürmen dieſes Felſengemäuers. Oben ſauſet der Sturm, daß das Haar wild flattert, und trittſt Du an den Rand, ſo blickſt Du nur mit Schauder in die Tiefe hinab. Dort auf öde abgeflachtem Fels iſt der Tanzplatz grauſiger Hexen und des Finſtern ſelbſt. Eine Stunde mußt Du klimmen, bis Du die einſame Höhe erreichſt. Jetzt nimmt Dich der Wald auf, hohe, uralte Fichten und Buchen; Du ſiehſt den Sturm, denn er bewegt ihre Häupter, Du hörſt ihn, denn er brauſt hohl durch die Kronen, aber Du fühlſt ihn nicht, denn Dich beſchützt das dichtverwachſene Gebüſch. Der Fuß⸗ pfad verliert ſich im hohen Graſe, im weichen Mooſe, auf der nackten Felsbank; mit Mühe arbeiteſt Du Dich durch das Geſtrüpp. Jetzt ſtehſt Du im Freien, die Felsplatte ſpringt weit vor in die Thalſchlucht; hier faßt Dich der 312— Sturm, ſein kalter Athem weht Dich rauh an. Tritt an den Rand! Ein Grauſen überläuft Dich. Welch eine Tiefe! Die Felſenthürme unter Dir verlorene, kaum halb zu Dir heraufragende Spitzen; eine ſchroffe, zackige Mauer das ganze Gebirg; drüben die alten Wälder in demüthiger Tiefe, das graue, trotzige Haupt der Roßtrappe zu Deinen Füßen. Kaum reicht der Blick auf die Sohle des Thals, wo die ſchwarze Schlange der Bude ſich krümmt und ihren Grimm gegen die Klippen ſchäumt. Doch Du hörſt nichts von dem Brauſen der Waſſer bis hier herauf,— halt— dennoch— wenn der Sturm einen Augenblick ſchweigt, das Waldgehege rings umher horchend lauſcht, dann dringt fernher, verloren, das Rauſchen des Stromes herauf.— Hier lehrte die Natur den Menſchen wunderbare Dich⸗ tungen, hier ſchuf und wob die Sage. Wer kennt ſie nicht? Wer weiß nicht, daß die Fürſtin des Rieſengebirgs vor dem Rieſen Bodo floh, der die Jungfrau in ſein grauſes Ehe⸗ bett begehrte? Er ſtellt ihr nach, überfällt ſie auf der Jagd aus dem Hinterhalt, ſie wendet entſetzt ihren Zelter zur Flucht und ſprengt durch die Klüfte des Gebirgs; er ver⸗ folgt ſie auf ſeinem ſchwarzen, feuerſchnaubenden Roß. In Todesangſt durchjagt die Fürſtenjungfrau ihr ſchleſiſches und böhmiſches Reich, der Rieſe treibt ſie ſeinem Gebiete, dem Harzgebirge, zu. Hier verirrt ſie ſich in den wilden Schluch⸗ ten und gelangt endlich auf die ſchroffen Höhen am Rande des Budethals, wo ſich kein Ausweg mehr aufthut. Schon gibt ſie ſich verloren, denn ſie hört das ſchnaubende Roß des Rieſen hinter ſich; da faßt ſie einen verzweifelnden Ent⸗ ſchluß, ſpornt ihr ſilberweißes, edles Thier muthig an und im ungeheuern Sprunge trägt es ſie über den breiten Ab⸗ grund hinweg. Drüben auf der wilden Klippe der Roß⸗ — 313— trappe ſchlägt es den Huf feſt ein, daß er ſich tief in den Fels drückt, für die fernen Jahrtauſende ſichtbar. Der Rieſe kommt auf der jenſeitigen Höhe an; mit Wuth ſieht er, daß ſeine holde Beute ihm entrinnt. Da ſpornt auch er ſein Roß— doch die Gewalt der finſtern Dä⸗ monen iſt nicht ſo groß, als die der beſchützenden. Er er⸗ reicht die jenſeitige Felsmauer nicht, ſtürzt hinab, zerſchellt, und ein rächender Zauberer verwandelt ihn in einen ſchwar⸗ zen, grimmigen Hund. Als ſolcher liegt er in den tiefen Felsſpalten am Budekeſſel und bewacht eiferſüchtig die Krone der Prinzeſſin, die bei dem kühnen Sprunge über das Thal ihrem Haupt entfiel und in das tiefe Gewäſſer ſtürzte. Das iſt der Schatz, der unter der Hülle der ſchwarzen Wogen in unergründlicher Tiefe ruht, den noch Niemand zu heben ver⸗ ſtanden; denn der alte Cerberus hält grimmige Wacht und zerfleiſcht Jeden, der ſich verwegen nähert. Wer hier oben ſitzt und in die Schluchten und Gründe hinab, über die Wälder jenſeits hinweg nach den hohen, blauen Bergkuppen der Achtermannshöhe, des Ziegenrückens ſchaut, der verwundert ſich kaum über die ſchauerlichen Er⸗ findungen der Sage. Es iſt, als erzählten Fels, Wald und Bergſtrom ſelbſt, ſo lebendig ſpricht die Natur zu der Men⸗ ſchenbruſt. Laßt uns nun gehen! Nein, noch einen Blick muß ich hinaus in die weiten Ebenen richten, die man von hier aus überſchaut. Dort liegen die Städte und Dörfer der Men⸗ ſchen, dort regt ſich das Leben, der Verkehr, die Luſt und Freude. Es iſt, als ob die Einſamkeit des Felskegels noch ſchauerlicher würde durch dieſen Blick in das menſchliche Trei⸗ ben hinunter. Wir wenden die Schritte in den Wald hinein; ſein grünes Dunkel umfängt uns. Rieſenſtämme dringen aus V. 14 — 314— dem Boden, weitverzweigte Kronen überſchatten uns, kaum findet die Sonne einen Weg durch das Laubgewölbe. Kno⸗ tige Wurzeln laufen über den Weg, ringen ſich um Fels⸗ ſtücke; Farrnkräuter, ſchwellende Mooſe, üppiger Graswuchs bedecken die Erde. Ein geſchlängelter Pfad zieht am obern Nande des Thales um die ein⸗ und ausſpringenden Berg⸗ kuppen hin, weiter dem Strom der Bude entgegen. Bald iſt Alles dicht verwachſen; nur ſelten iſt uns ein Blick die ſchroffen Bergwände hinab geſtattet; der Fels verſchwindet, aber jähe Waldabhänge ſenken ſich zu der ſchäumenden Bude hinunter. Hier ſieht man die Holzbahnen, auf denen der auf der Höhe gefällte Stamm in's Thal hinuntergleitet, entweder ganz, oder in Scheite geklaftert, die der Fluß em⸗ pfängt und ihre Förderung nach der Ebene hinunter über⸗ nimmt. Eine mächtige Buche ſteht faſt an der äußerſten Spitze eines Bergvorſprungs; die Art braucht den Stamm nur zu durchſchneiden, ſo muß er handgerecht fallen, um ihn auf der Bahn in’s Thal ſchaffen zu können. Ein alter Holzhauer ſaß im Schatten des Baumes auf ſeinen bemooſten Wurzeln. Er verzehrte ſein kärgliches Abend⸗ brod; Axt, Säge und Seile, um den Fall des Stammes zu leiten, lagen ihm zur Seite. „Gott grüß Euch, Vater! Iſt Euer Tagwerk vollbracht? Oder wollt Ihr den herrlichen Stamm, an dem Ihr ſitzet, noch fällen?“ „Da ſei Gott vor!“ erwiderte der zſ Holzſchläger und ſchlug ein Kreuz. „Wie das?“ fragte ich verwundert. „Den Baum darf keine Axt berühren, er bleibt unge⸗ fällt ſtehen.“ „Weshalb das, Vater? Mich dünkt, es iſt weit umher der ſtärkſte und geradeſte Stamm!“ — 315— „Freilich! Das wußte der Müller unten an der Blech⸗ hütte auch ganz wohl! Darum hätte er ihn gar zu gern gehabt; aber es glückte ſchlecht damit!“ „Erzählt doch, Alter; hier, trinkt einen Schluck aus meiner Flaſche, ich werde mich zu Euch ſetzen. Erzählt mir, was Ihr von dem Baume wißt.“ „Mir hat es noch der achtzigjährige Pfarrer in Thale erzählt, als ich ein Bube war, ſo hoch. Der wußte es von Bergleuten, Jägern und Holzfällern, die in ſeiner Knaben⸗ zeit alte Leute waren; und ſchon damals war es eine Ge⸗ ſchichte vom Urgroßvater her. Ihr könnt wol denken, lie⸗ ber Herr, daß das Alles ſchon vor grauen Jahren geſche⸗ hen iſt!“ „Gewiß! Sagt mir aber nur, was. Ich bin fremd und möchte gern Alles erfahren, was es bei Euch Merkwürdi⸗ ges im Gebirge gibt.“ „Herr, die Sonne ſteht tief hinter der Achtermannshöhe; hier wird's ſchon dämmerig. Es iſt ſchauerlich, davon zu reden im Zwielicht.“ „Trinkt noch einmal; der Wein iſt gut;— wir ſind ja zu Zweien und gottesfürchtige Leute, was ſoll uns ge⸗ ſchehen?“ Der Alte wiegte das ſilbergraue Haupt auf und nieder, ſprach ſein gedehntes„Hm,“ trank noch einmal aus meiner Feldflaſche und hub dann an: „Unten an der Bude, wo jetzt der Steg unterhalb der Blechhütte über den Bach läuft, ſtand vor Alters eine Mühle. Jetzt ſieht man nur noch ein paar Steine von der Grundmauer aus dem hohen Graſe hervorragen. Der Mül⸗ ler war ein reicher Mann, wäre aber gern noch reicher ge⸗ worden; er hatte eine ſchöne Tochter von ſechzehn Jahren, mit langem Goldhaar und roſigen Wangen. Eines Tags . 14* — 316— kam ein Fremder in die Mühle, der ſah ſich die Mahlgänge und Räder genau an und fragte den Müller, wie viel er jeden Tag mahlen könne? Als er's ihm ſagte, lachte der Fremde und ſprach:„Seht, Eure Mühle iſt ſchlecht ge⸗ baut; hättet Ihr einen Wellbaum ſo viel länger und ſo ſtark(er zeigte ihm das genau), ſo könntet Ihr das Dreifache in derſelben Zeit mahlen und ein ſteinreicher Mann werden.“ Der Müller ſah es wohl ein, aber er lachte und ſprach:„Soll ich mir einen ſolchen Well⸗ baum aus dem Felſen hauen laſſen? Wo gäbe es wol ſo ſtarke Bäume?“ Da lachte der Fremde ſeinerſeits auf und ſprach:„Ihr wohnt hier und habt Euch nicht einmal ſo umgeſehen, wie ich? Droben auf dem Berge, an der Hir⸗ ſchenſchlucht, ſteht eine Buche, daraus könnt Ihr den Well⸗ baum zimmern laſſen, oder ich will nicht geſund von der Stelle gehen.“ Und damit grüßte der Fremde, ging in's Gebüſch und war mit Eins fokt, wie verſchwunden. Der Müller ſtand noch verwundert vor ſeiner Mühle und ſah ihm nach, als ein junger Holzhauer, Winfried genannt, vorüberging und ſcharf nach der Mühle ſah. Win⸗ fried hatte nämlich die ſchöne Müllerstochter lieb und ſie ihn; doch der reiche Vater wollte von dem armen Holzſchlä⸗ ger nichts wiſſen. Er blickte ihn daher ſcheel an, als der⸗ ſelbe an der Mühle vorüberging und das Auge nicht von den Fenſtern verwandte.„He,“ rief er,„Winfried, ſiehſt Du nach mir oder nach meiner Mühle ſo ſcharf, daß Du auf Deinen Weg nicht achteſt und faſt über das Scheitholz dort geſtürzt wäreſt?“ Winfried erſchrak, ſagte guten Abend und wollte ſtill vorübergehen. Doch der Müller rief ihm nach, zu bleiben und fragte:„Iſt es wahr, daß oben im Walde an der Hirſchenſchlucht eine Weißbuche ſteht, ſo groß, — 317— daß man einen Wellbaum davon zimmern könnte, doppelt ſo lang und groß wie der in meiner Mühle?“ „Wohl,“ antwortete Winfried,—„und nicht doppelt, dreifach ſo groß könnte man ihn zimmern.“ „Nun, ſo fälle mir den Baum,“ ſprach der Müller, „Du ſollſt ein gutes Stück Geld verdienen!“ Doch Winfried ſchüttelte den Kopf und erwiderte:„Das geht nicht, Meiſter; der Baum iſt gebannt. Wer die Axt anlegte, dem würde es ſchlecht ergehen!“ Da ſchalt ihn der Müller einen Thoren und faulen Knecht, der wohl nach den Mägden ſchauen könne, aber zur Arbeit nicht Luſt habe. Und traurig ging Winfried nach Hauſe. Der Müller aber hatte keine Ruhe, weder Tag noch Nacht. Am dritten Tage ſchloß er ſeine Mühle zu und die ſchöne Tochter in ihr Kämmerlein ein, und ſtieg die Hir⸗ ſchenſchlucht hinan, ſich den Baum zu beſehen. Er fand ihn bald heraus und erſtaunte ob der Größe und dem geraden, prachtvollen Stamme. Er maß ihn und fand, daß er drei⸗ fach ſo ſtark und ſo lang war, als der ſtärkſte Wellbaum, den er jemals geſehen. Nun gelüſtete es ihn erſt recht, den Beaum zu haben, denn alsdann hätte er die ſchönſte Mühle auf viele Meilen in der Nunde gehabt und wäre der reichſte Mann geworden. Daher ging er zu Winfried und ſprach: „Du biſt ein armer Burſch; Du kannſt Dein Glück machen. Fälle mir die Weißbuche an der Hirſchenſchlucht und ich will Dir funfzig mannsfelder Silbergulden dafür zahlen.“ Winfried aber erſchrak, kreuzte ſich und ſprach:„Laßt ab, mich zu verſuchen; es iſt böſes Werk, was Ihr begehrt. Der Baum iſt gebannt, ſo haben wir's von Vaterauf Sohn gehört und kein Holzfäller im ganzen Gebirg wird ihn mit der Axt anrühren!“ * K— 318— Der Müller wurde böſe und höhnte und verlachte Win⸗ fried. Er ſprach hierauf mit zwei andern Holzſchlägern, aber auch dieſe kreuzigten ſich und wieſen ihn mit ſeinem Anſin— nen weit von ſich. Erbittert ging der Müller nach Haus; er überdachte ſich's unterwegs, ob er den Baum nicht ſelbſt fällen könne; doch er hatte Furcht und wollte lieber, ein Anderer möchte es wagen. So kam er zu Haus und als er ſeiner Tochter Käm⸗ merlein aufſchloß, fand er das ſchöne Mädchen in Thränen vor dem Crucifix. Er befragte ſie und ſie geſtand ihm ihre Liebe zu dem jungen Winfried, und fiel ihm zu Füßen, daß er doch in die Heirath willigen möge. Da kam ihm ein Gedanke; er ſchickte einen Knecht hinaus zu Winfried und ließ ihn zu ſich entbieten. Als der Jüngling kam, führte er ihn in ſeiner Tochter Kammer und ſagte ihm:„Win⸗ fried, hier ſteht Elsbeth, meine Tochter, die mir ſagt, daß Du ſie liebſt und ſie Dich wieder liebt. Willſt Du mir den Baum fällen, ſo ſollſt Du ſie zum Weibe haben und ich ſchenke Euch einen Acker und das Häuschen ober dem Steg nach dem Dorf.“ Wie das die Jungfrau hörte, fiel ſie dem Vater um den Hals und herzte und küßte ihn, und weinte und lachte vor Freude. Winfried aber ſtand blaß und zitternd da. Endlich ſprach er:„Nun denn, ich will's verſuchen: Gott ſei mir gnädig!“ So nahm er Art und Säge und was er gebrauchte, und ſtieg die Hirſchenſchlucht hinan. Und wie er droben war, begegnete ihm im Walde ein Mann, der hatte einen weiten, ſchwarzen Mantel um; es war der Fremde. Er ſprach Winfried an:„Guten Abend! Glück zum Werk!“ Dabei lachte er, daß es Winfried durch das innerſte Mark — 319— ſchauderte. Doch ging er weiter und erreichte den Baum. Es war Abend geworden und dämmerte; ſchauerliche Stille rings umher; Winfried hörte ſich athmen und fühlte, daß ſeine Zähne aneinanderſchlugen. Er hob die Axt, doch ſein Arm ſank kraftlos herunter und der Angſtſchweiß trat ihm auf die Stirn. Schon wollte er umwenden, da ſah er die blonde Elsbeth neben ſich; ſie war ihm nachgelaufen, ganz athemlos, und rief voller Angſt:„Winfried, geh raſch an's Werk, denn der Vater hat geſchworen, wenn Du den Baum bis Mitternacht nicht gefällt haſt, ſo will er mich morgen mit dem wilden Rudhart, dem Förſter, Deinem Todfeinde, verloben!“ Jetzt vergingen Winfried die Sinne; er rief laut:„Nun, ſo ſei es denn und komme, was da komme. Mein Schutz⸗ patron mag mir helfen.“ So ſprang er mit geſchwungener Axt gegen den Baum und holte zum erſten Hiebe aus. Da fühlte er plötzlich ſei⸗ nen Arm gehalten; er blickte um ſich und ein alter, from⸗ mer Klausner, der im tiefen Budethale wohnte, ſtand hin⸗ ter ihm und war ihm in den Arm gefallen:„Winfried,“ rief er,„was willſt Du thun? Der Baum iſt heilig!“ Da entſank dem armen Holzhauer die Axt; er blückte un ſich, Elsbeth war nicht zu ſehen; es überlief ihn g nuſend er ſagte dem frommen Vater Alles. Wie er aber ſp. hatte, brauſte es ſtürmend durch den Wald, daß die Kronen der alten Bäume ſich beugten, es wurde finſter und mitten im Windsgeheul hörten Beide wildes, ſchallendes Gelächter⸗ Es ward ihnen todesangſt; ſie knieeten nieder und beteten mitſammen einen Roſenkranz nach dem andern. Und wie ſie gebetet hatten, wurde es wieder hell, die Sonne ging unter und die rothen Strahlen fielen durch die Zweige. Winfried aber ging heim zu dem Müller und ſprach:„Laßt ab von — 320— Eurem frevlen Willen, ich kann ihn nicht vollführen; ich muß das Heil meiner Seele bedenken!“ „Nun,“ rief der Müller wüthend,„ſo packe Dich von meiner Thür und eher ſoll ein Bettler meine Tochter freien. als Du!“ Elsbeth ſtand dabei, ſchluchzte laut auf und rief: „So will ich in's Kloſter gehen!“ Nachts hatte aber der Müller keine Ruhe. Er träumte von großen Truhen voller Silber und Gold, die er geſam⸗ melt hätte von dem dreifachen Mahlgelde. Er ſah ſeine Mühle vor ſich, wie er ſie ſich künftig dachte, mit ganz neuem Werke und drei laufenden Mahlgängen. Und es klapperte ihm den Kopf ganz wüſte! So ſtand er Mor⸗ gens vor Tage auf, denn die Gedanken ließen ihm keine Ruhe. Still nahm er Art, Säge und Seile und ſchlich ſich in der Morgendämmerung hinauf, um den Baum ſelbſt zu fällen. Oben auf dem Berge begegnete ihm der Fremde und rief:„Glück zu!“ das fuhr ihm wie Eis durch die Glieder, doch er ging weiter. Da ſah er den Klausner, der verrichtete ſein Morgengebet; er aber achtete nicht des Win⸗ kes von Gott, ſondern bog ſeitwärts, um ihm nicht zu be⸗ gegnen. Jetzt ſtand er vor dem Baum. Er ſchlang das m, knüpfte es thalwärts an, trat dann vor den ſchwang die Art und that den erſten Hieb. Doch 8 Eiſen die Ninde berührte, krachte es furchtbar durch den Wald, als brächen die Felſen zuſammen und der Baum borſt von oben bis unten auf, eine ſchwarze Rieſen⸗ fauſt griff heraus, packte den Müller und riß ihn hinein. Dabei wurde es finſter, der Sturm brüllte durch den Wald und die Erde bebte. Der Klausner, der, Böſes fürchtend, dem Müller ge⸗ folgt war, hatte Alles geſehen und war voller Schrecken in die Kniee geſunken. Nachmals hat er die Geſchichte auf⸗ 1 — 321— gezeichnet und im Kloſter zu Quedlinburg niedergelegt. Hier aber erzählte ſich's vom Vater auf den Sohn.“ So endete der alte Holzſchläger. Es war indeſſen wirk⸗ lich tiefe Dämmerung eingetreten und wir freuten uns, die⸗ ſen Weg mitſammen zu machen.„Noch eins,“ ſagte ich im Gehen.„Was wurde denn aus Winfried und der ſchönen Eliſabeth?“ „Hm! Die vetden ſich wol geheirathet haben und bei der alten Mühle zufrieden geweſen ſein.“ „Ich kann mir's denken; wenn Ihr aber künftig Je⸗ mandem die Geſchichte erzählt, müßt Ihr's hübſch hinzu⸗ ſetzen.“ „Gut, gut,“ nickte der Alte. „Und würdet Ihr jetzt auch den Baum für ein gutes Stück Geld nicht fällen?“ fragte ich nach einiger Zeit wieder. „Da ſei Gott vor!“ rief der Greis und ſchauderte or⸗ dentlich vor mir zurück, als ſei ich der verſuchende Fremde in ſeiner Erzählung. Es iſt doch ſchön, daß noch ein ſchauerlicher Glaube an das Wunderbare irgendwo in verſteckten Gebirgsſchluchten lebt. Aberglaube iſt, wenn nicht beſſer, doch ueniaſins tauſend Mal dichteriſcher, als Unglaube. “ 14** — 322— w. Die Victorshöhe. Nanny's Erzählung. „Du weißt alſo viele Sagen und Märchen, mein gold⸗ lockiges Kind?“ fragte ich die blauäugige, funfzehnjährige Förſtertochter, die mich auf das Gerüſt der Victorshöhe be⸗ gleitet hatte. „O tauſend,“ erwiderte ſie mit anmuthiger Stimme. „Den ganzen Winter ſitzen wir ja und erzählen uns, wenn rings der Schnee ſo hoch um das Dorf liegt, daß nicht Weg nicht Steg mehr zu finden iſt.“ „Und möchteſt Du mir wol auch eine ſchöne Sage er⸗ zählen?“ fragte ich.„Setze Dich zu mir, Goldtöchterchen, hier die Bank hat eben Raum für Zwei.“ Dabei nahm ich ſie bei der Hand und zog ſie an meine Seite. Sie ſetzte ſich unverlegen neben mich, ſagte aber: „Wer kann hier erzählen? Hier, wo man ſo weit um ſich ſchaut; wo der Wind die Worte verweht, die Vögel fingen und querüberfliegen und die Wolken dicht neben uns Hier kann man nicht Acht geben! Nein, hier man ſich umſchauen!“ 4 Du haſt Recht, Kleine,“ ſprach ich.„Abe 4 im Stübchen am Kamin, wenn die Flamme kniſto erzählt ſich's gut. Nicht?“ „Ja, dann,“ nickte ſie mit dem blonden Köpfchen. So wollen wir uns denn hier umſchauen. Wir ſtehen auf der Victorshöhe; ein neuer Name des alten berühmten Nammberges, mit des höchſten im nördlichen Harz, auf deſſen waldbedeckter Höhe die Trümmer der Teufelsmühle liegen. Die Sage berichtet darüber, was in Aller Mund — 323— iſt, die je den Harz beſuchten, daß ein Müller dem Teufel ſeine Seele verſchrieb, wenn er ihm über Nacht auf dieſer Höhe, wo ſteter Wind iſt, eine Mühle mit drei Gängen bauen wolle. Der Teufel verſprach es und baute eine herr⸗ liche Mühle aus Felsblöcken auf. Als ſie fertig war, ge⸗ reuete den Müller ſeines Verſprechens und er hätte den Handel gern rückgängig gemacht. Doch der Teufel hatte ſeinen Contract erfüllt; die Mühle war fertig, untadelhaft, und ſomit mußte der Müller auch ſeine Verpflichtung hal⸗ ten. Er beſichtigte, von dem Erbauer geführt, zitternd, un⸗ ter Tropfen kalten Angſtſchweißes auf der Stirn, das Werk. Da entdeckte er, daß einer der Mühlſteine fehlte und fröh⸗ lich rief er aus:„Der Handel iſt ungültig, die Mühle iſt nicht fertig.“ Der Schwarze aber war auch ein Rabuliſt und entgegnete:„Oho! Noch hat der Hahn nicht gekräht, wir wollen dem Schaden ſchon noch abhelfen.“ Und ſau⸗ ſend fuhr er aufwärts durch die Lüfte, um den fehlenden Mühlſtein zu holen. Ob er ihn irgendwo fertig geſtohlen, oder ſo ſchnell behauen, bleibt ungewiß, wie ſo Vieles in der Sage. Jedoch nach wenigen Minuten ſchwebte er ſchon wieder hoch in den Lüften heran und hielt, der Müller ſah es mit Beben, den gewaltigen Stein in den Krallen. Eben wollte er ſich auf die Mühle herabſenken,— da krähte Hahn und der Müller war gerettet. Der Teufel aber ſchleu⸗ derte wüthend den Stein herab, fuhr toſend hinterdrein, riß die rieſigen Werkſtücke ſeines Baues auseinander und zerſtreute ſie über den ganzen Berg. So lagen ſie Jahr⸗ hunderte lang und Gras und Moos, Gebüſch und endlich uralte Waldung wuchs darum und darüber, und der Rei⸗ ſende beſuchte den ſchauerlichen Rammberg nur noch, um die chaotiſchen Felstrümmer im Walde zu betrachten. Eine Ausſicht über das Land hatte er nicht, denn hochſtämmige — 324— Buchen, Eichen und Fichten, dichtverwachſenes Geſtrüpp und Dornengehürſt verdüſterte Alles rings umher, daß kaum der Fuß ſich Bahn machen, geſchweige das Auge frei umherſchweifen konnte. Es war aber endlich an der Zeit, des Teufels böſes Werk gut zu machen. Das that Herzog Victor von Anhalt⸗Bernburg; er lichtete den Wald droben, ließ ein geräumiges Rund aushauen und baute nicht eine Mühle, wie der Teufel, ſondern einen den Windmühlen im Lande ähnlichen Thurm auf der Höhe, der die weiteſte Umſicht gewährt. Weil aber der Sturm ein feſtes, zuſam⸗ menhängendes Gebäude, das nicht wie der Bau des Erb⸗ feindes aus Granitquadern beſtand, die hundert Pferde nicht fortbewegen, umſtürzen würde auf dieſer den Wolken nahen Höhe, ſo bot man ihm keinen Widerſtand dar, ſondern ge⸗ ſtattete ihm freien Durchzug, indem man nur das Balken⸗ geripp mit ſtarken Verzweigungen und Querhölzern durch⸗ ſichtig hinſtellte, es aber nirgend verkleidete. Allein es hebt ſich weit über die höchſten Baumgipfel hinaus und das Auge ſchweift nun in ungemeſſener Ferne über Berge und Waldung des Harzes hin, bis in die kornreichen Ebenen, wo die weißen Häuſer ſchimmern, die hohen Glockenthürme der Städte ſtattlich emporragen. Wohl hatte meine kleine blonde Begleiterin Recht, zu ſagen, hier muß man ſich umſchauen. Und der Augenblick war zu nutzen; mein Irrführer (wie ich meinen Führer aus Thale wol ſchicklicher nenne), hatte mich um zwei Stunden verſpätet; ich konnte die Land⸗ ſchaft nicht mehr im warmen Licht des Spätnachmittags— eine Beleuchtung, die ich ſo liebe— und ihre Färbung durch den Purpurhauch der untergehenden Sonne genießen ſondern kam nach dieſer, als ſchon der graue Schatten der Dämmerung über die Gebirge geſunken war und der Abend⸗ — — 325 himmel nur noch in gedämpften, dunkelvioletten und roſigen Farbenſtreifen nachſchimmerte. Ich hatte Anfangs gezürnt; jetzt war mir's lieb, daß ich in dieſer Tageszeit kam; denn wir nüchternen Reiſenden (keine Empfindſamkeit ſchützt vor dieſer Philiſterei), wollen nur zu ſehr Alles genau ſehen, und die gemeine Deut⸗ lichkeit der Dinge geht uns über ihr dichteriſches Verſchwim⸗ men, Verſchweben und Verhüllen. Ich hatte jetzt ein ſchö⸗ neres Schauſpiel, wenn ich auch die Thürme von Quedlin⸗ burg und Halberſtadt nicht mehr ſo beſtimmt in der grau⸗ lichen Ebene unterſcheiden konnte. Der Wald unter mir lag im tiefſten, ſchattendunkeln Grün; der Thurm von Harz⸗ gerode, der über den jenſeitigen Thalrand der Selke hervor⸗ ragt, ſtand vom letzten Widerſchein des Abends matt an⸗ geleuchtet über der grünen Flur und ſchimmerte wie ein aus⸗ glimmender Brand, einſam, wunderbar. Der blaue, duftige Brocken zeigte ſeine ſchönen Saumlinien nur unbeſtimmt und zur Hälfte, denn um ſein Haupt hatten ſich maleriſche Nebelzüge gelagert, ſchwarzgraue Geiſterſcharen, die ihn zur nächtlichen Behütung umwebten. Das Auge ſchweifte auf und ab in dem weiten Bergrevier, über waldige Höhen, durch tiefe, langgewundene Gründe, zu blauen Fernen. Nordwarts lag die Ebene mit ihren Städten und Dörfern, grauröthlich im Nebel und roſigen Abglanz des Abends. Die Thurmſpitzen hoben ſich ſchwarz aus der Niederung und ließen die Städte mehr errathen als erkennen. Doch zog der Blick gern dieſen ſchwarzen Meilenzeigern nach und überflog die Wege, die der Fuß müh⸗ und langſam durchwandert, mit zauberiſcher Schnelligkeit. Ich ſtand in den Anblick tief verſunken. Eine ſchaurige Abendſtille umgab mich, der Wind zog hohlrauſchend über den Wald zu meinen Füßen hin, ſpäte Nachtvögel umflat⸗ 8 — 326— terten das Thurmgerüſt. Nanny, die blondlockige Kleine, hauerte fröſtelnd zuſammen und barg die Arme unter ihre chürze. Wer erklärt mir die ſtille, erhabene Macht des Abends, der Einſamkeit, der Höhe, der Fernſicht, des Gebirgs? Ach, was von Dem, was unſere Seele im Tiefſten bewegt, iſt denn erklärt? Erklärt mir Liebe, Schmerz, Glück, mich ſelbſt,— ſo habt Ihr Alles erklärt, das Daſein und den Tod, die Zeit und Ewigkeit, und Gott und alle Räthſel, um deren Löſung der Menſch ſeit Jahrhunderten ſich müht und in die er nicht tiefer eingedrungen iſt, als in ſeine Wohnſtätte, die Erde, der er— kaum die Haut geritzt! Wirf noch Reiſig in's Feuer! So, nun lodert es hell auf. Das iſt ein behaglicher Seſſel! Komm, Nanny! Neſtle Dich dicht an mich! Erſt laß Dir die friſchen Lip⸗ pen küſſen und nun erzähle weiter. „Gertrud liebte den Jäger Robert ſo ſehr, weil er der Kühnſte und Schönſte im ganzen Gebirg war; er hatte dunkle, brennende Augen und langes, ſchwarzes Lockenhaar. Das ſtrich ſie ihm mit ihren weißen Händen aus der Stirn, da ſie vor ihm ſtand und er ſo finſter zur Erde blickte. Als er aber endlich unruhig und wild aufſprang, ſo umſchlang ſie ihn und bat mit Thränen:„Mein Robert, ziehe nur nicht in die werte Welt hinaus! Es wird uns ſchon noch gelingen! Bleibe mir nur getreu! Wahre meinen Ning! Sei ſtandhaft!“ Er aber ſchaute düſter und düſterer auf den Boden und rief:„Ja, wenn ich reich wäre! Was kümmerte mich dann der Herzog und die Förſterei, die er mir weigert!“„Laß das Gold, wir wollen genügſam und glücklich leben!“„Gertrud, Du weißt nicht, was Du — 327— ſprichſt!“„Bleib mir nur getreu!“ Und er ſchwur es und drückte ſie an's Herz, und er ging fort in den Wald. n begegnete ihm ein alter Bergmann, mit eisgrauen Haaren und langem Silberbart. Der ging ſtumm zwiſchen den Bü⸗ ſchen und Felſen umher, und bückte ſich, und ſpähte auf die Erde, und lauſchte und horchte.„Was ſchaffſt Du?“ fragte Robert ihn anredend.„Was willſt Du ſpät nach Mitternacht im Walde?“ „Iſt's ſchon weit nach Mitternacht?“ murmelte der Bergmann,„ja, dann iſt's vorbei. Es wird mir überhaupt jetzt nicht glücken, ich bin zu alt!“ „Was denn?“ fragte Robert und horchte geſpannt auf. „Je nun, ich ſuche das Goldkraut!“ erwiderte der greiſe Bergmann. „Das Goldkraut? Was ſoll das heißen? Und ein Kraut ſucht Ihr in finſterer Nacht? Erklärt mir das.“ fragte Robert weiter. „Nun wahrlich, da ſieht man, daß Ihr von dem Gold⸗ kraut nichts wißt!“ rief der Bergmann aus,„ſonſt würdet Ihr nicht ſo fragen. Bei Tage hat es noch kein lebendiges Menſchenkind gefunden, denn es blüht nur bei Nacht!“ „Wie wollt Ihr's aber finden ohne Leuchte, da der Mond nicht einmal ſcheint?“ fragte Robert noch ver⸗ wunderter.„Iſt's gleich eine Sommernacht, ſo iſt's doch ſo finſter hier, daß man kaum den Pfad durch den Wald ſchimmern ſieht, geſchweige eine kleine Pflanze erkennen kann! Und was wollt Ihr denn mit dem Kraut, daß Ihr Euch in aller Nacht ſo viel Mühe darum gebt?“ „Hm! Ich bin auch wol ein Thor,“ hub der Alte nach einigem Stillſchweigen an;„ich bin zu alt, mir wird es doch nicht mehr glücken. Hört, Freund Robert—“ „Wie? Ihr kennt mich?“ rief der Jäger. — 328— , Ich bin achtzig Jahre im Gebirg, da kann man die wohner wol kennen,“ antwortete der Alte lächelnd. „Doch ich ſah Euch niemals,“ fuhr Robert fort,„und Ihr müßtet als ein ſo alter Mann, deſſen greiſe Geſtalt mit langem, weißem Bart mir ſogar beim bloßen Sternen⸗ licht ſattſam auffiel, von jedem Kinde gekannt ſein!“ „Hm!“ ſprach der Greis kopfſchüttelnd„„ich komme nur ſelten in dieſes Gehege und nur bei Nacht, denn ich bin weit von hier, am Rammberge zu Haus, und dort verkehre ich mehr unter der Erde, als auf ihr. Alſo kennen mich Wenige und hier vielleicht Niemand. Doch laßt das gut ſein; ich kenne Euch und vielleicht beſſer, als Ihr meint. Ich ſah Euch, wie Ihr im verwichenen Jahre den Sechs⸗ zehnender erlegtet, es war ein Meiſterſchuß und ich verdenke es Euch nicht, wenn Ihr dem Herzog gram ſeid, daß er die ſchöne Förſterei, die Euch mit Recht zukäme, dem Tauge⸗ nichts, ſeinem Leibjäger Brand, geben will, weil der Schuft ihm die eigene Schweſter als Buhlerin zuführte. Mir däucht, Robert, die Hand zuckte Euch gewaltig nach der Büchſe, als der Schelm geſtern hier durch den Wald ritt.“ „Wer ſeid Ihr?“ fuhr Robert entſetzt zurück, denn er hatte allein im finſterſten Gebüſch geſtanden, aber wilde Ge⸗ danken waren über ihn gekommen, den Feind, der ſeinem Glück im Wege ſtand, durch eine raſche That fortzuſchaffen; doch Gott lenkte ſein Herz zum Guten. „Ja, Freund,“ begann der Alte ruhig wieder,„ich gehe in der Stille durch Wald und Berg und weiß Manches, was ſich Mancher nicht träumen läßt! Doch ich bin müde, ich muß mich ſetzen. Die Nacht iſt warm und ſchön!“ Unaufgefordert, aber von einem dunklen Triebe gezogen, ſetzte ſich Robert zu dem Alten; er hätte gern gefragt, was es mit dem Goldkraut für eine Bewandtniß habe, doch eine — 329— Scheu, die er ſich nicht erklären konnte, hielt ihn ab. End-⸗ lich überwand er ſich doch und fragte:„Habt Ihr denn Goldkraut, das Ihr ſucht, ſchon öfters gefunden?“ „Wenn man es auch nur einmal findet,“ antwortete der Greis,„ſo iſt es ſchon der Mühe werth, die man ſich darum gibt, ſonſt würde ich nicht noch in meinem achtzig⸗ ſten Jahre ſo weite, mühſelige Wege darnach machen. Aber ich wollte Euch ſchon vorher den Nutzen davon ſagen und mit Euch Rückſprache nehmen, nur kamen wir davon ab. Seht, mit dem Goldkraute hängt die Sache ſo zuſam men. Es wächſt und blüht nur vom ſiebenten Tage nach Sanct Johannis bis zum dreizehnten. Und das auch nicht jeden Tag, ſondern nur an den ungeraden, am ſiebenten, neun⸗ ten, eilften und dreizehnten, und auch nur dann, wenn der Mond an keinem dieſer Tage ſcheint und auch am ungera⸗ den Tage wiederkommt und verſchwunden iſt. Von dem Kraut wiſſen Viele, das aber Wenige; daher ſuchen ſie ihr Leben lang vergeblich darnach. Heuer kann man's finden, noch eine Nacht, übermorgen, denn heute haben wir den eilften Tag nach Johannis.“ „Ihr ſagtet aber,“ fiel Robert geſpannt ein,„daß es ſchon zu ſpät ſei und Ihr zu alt, es zu finden? Wie hängt das zuſammen?“ „Ich will's Euch ſagen,“ antwortete der Alte geheimniß⸗ voll.„Das Goldkraut blüht nur ſieben Minuten, von dem Schlage der Mitternacht an. Iſt die ſiebente Minute verſtrichen, ſo iſt Alles vorbei.“ „Weshalb ſeid Ihr aber zu alt—“ „St!“ unterbrach ihn der Alte,„das iſt das tiefſte Ge⸗ heimniß dabei. Bevor ich Euch das anvertraue, müßt Ihr mir ſchwören, nachher alle Vortheile, die das Kraut ge⸗ währt, mit mir zu theilen, wenn Ihr's gefunden habt!“ — 330— „Gern, gern,“ fiel Robert raſch ein;„das hätte Euch 1 ſchon von ſelbſt gebührt, da ich's Euch doch nur ver⸗ anken würde. Doch ich weiß ja noch gar nicht, welche Vortheile es bringt, das Kraut zu finden.“ „Ihr ſollt Alles hören. Seht,“ erzählte er ſchauerlich leiſe weiter,„das Kraut wächſt eigentlich nicht, ſondern es gehört der Erdnixe, und ſie verſchenkt es. Aber ſelten gibt ſie es einem Greiſe, niemals einem Mädchen, am häu⸗ figſten einem Jünglinge. Darum ſen Ihr tauglicher, es zu finden, als ich.“ Robert überſchlich es ſchauerlich.„Iſt denn Gefahr da⸗ bei?“ fragte er halblaut. „Gefahr?“ ſprach der Alte lächelnd,„die Erdnirxe iſt eine wunderſchöne Jungfrau. Heil Dem, der ihr Angeſicht ſchaut! Andere Gefahr iſt nicht dabei!“ „Und wie mache ich's, um das Kraut zu ſuchen? Wo wächſt es, woran erkenne ich's?“. „Das Alles will ich Euch lehren. Auf dem ganzen Harzgebirge wächſt es nur in dieſem Walde und nur hier in der Gegend, wo wir ſitzen. Hier müßt Ihr Euch eine Stunde vor Mitternacht einfinden; ſeht Ihr Leuchtwürm⸗ chen auf der Erde, ſo verweilt Ihr hier; ſeht Ihr keine, ſo geht Ihr immer gerad nach Norden,— Ihr müßt Euch nach den Sternen richten,— bis Ihr Leuchtwürmchen flie⸗ gen oder im Graſe ſitzen ſeht. Das iſt denn der Ort, wo Ihr ſuchen könnt. Aber merkt Euch den Spruch: Dreimal harr' ich ſieben Jahr! Wachſe Kraͤutlein wunderbar, Bluͤhe goldig, ſternenklar, Funkle in der Nixe Haar. Dreimal harr' ich ſieben Jahr! — 331— Und ſowie es Mitternacht ſchlägt im Dorfe drunten, ſo ſagt den Spruch leiſe gegen die Erde hin und dann geht ſtockſtill, gebückt, immer nach Norden vorwärts, aber ſchaut Euch weder zur Rechten noch zur Linken um, ſonſt iſt Alles verloren, und bei Leibe wendet Euch ja nicht zurück, bevor die Zeit verſtrichen iſt, das könnte Euch gar übel gerathen.“ „Und woran erkenne ich das Kraut?“ fragte Robert abermals, da der Alte jetzt ſchwieg. „Ich darf Euch nicht mehr ſagen! Doch laßt Euch des⸗ halb nicht bange ſein!“ antwortete der alte Bergmann. „Und wenn ich es nun gefunden habe? Was ſoll es mir nutzen, welche Vortheile ſoll ich mit Euch theilen?“ „Wir werden Beide genug haben, auch an der Halb⸗ ſcheid,“ lächelte der Alte.„Seht, erſtlich trifft Den, der das Kraut beſitzt, in dreimal ſieben Jahren, bis es wieder wächſt, keine Krankheit und er altert nicht; und Jedem, der es eine Nacht auf der Bruſt trägt, verleiht daſſelbe Geſundheit und Jugendkraft. Und zweitens, in jeder ſieben⸗ ten, neunten, eilften und dreizehnten Nacht nach dem Voll⸗ mond leuchtet es für Den, der es in der linken Hand trägt, tief in die innerſte Erde hinein, daß man ſehen kann, wie die Metalle und Geſteine lagern, und die reichen Erzadern ſtreichen, und faſt alle verborgene Schätze entdeckt. Begreift Ihr nun, weshalb ein alter Bergmann noch im achtzigſten Jahre die Mühe nicht ſcheut, darnach zu ſuchen? Nun müßt Ihr mir ſchwören, daß Ihr redlich mit mir theilen und nicht Schätze ſuchen wollet ohne mich. Aber dreimal, das ſage ich Euch, iſt der Schatz nur zu heben! Habt Ihr dreimal die Tiefe der Erde beſchaut und die Wahl Deſſen getroffen, was Ihr begehrt, ſo iſt die Kraft vorbei. Darum heißt es ſorgfältig prüfen und vorſichtig wählen. 5 Robert ſchlug mit Freuden in die dargebotene Hand des — 332— Bergmanns und rief aus:„Wie gern gelobe ich Euch das, guter Alter! Ja, wenn ich das Kraut nur finde!“ „Es wird Euch nicht fehlen, oder Alles müßte mich trü⸗ gen,“ ſprach der Bergmann. „Und ich will ja nur einmal wählen,“ rief Robert. „und ganz mäßig. Wenn ich ein kleines Haus und Garten und ein Stückchen Feld habe, und ein Revier, wo ich ja⸗ gen kann, ſo ſind alle meine Wünſche erfüllt!“ „Noch eins!“ ſprach der Bergmann.„Ihr dürft keiner lebendigen Seele ein Wort von Dem, was Ihr vorhabt, vertrauen, ſonſt iſt Alles vergeblich!“ „Mit Freuden!“ gelobte Robert. „Nun, ſo ſchwört jetzt!“ ſprach der Bergmann feierlich und ſtand auf. Robert erhob die Hand und ſtreckte die drei Finger, wie beim Schwur gebräuchlich iſt, aus. Doch der Greis faßte ihn ſo heftig beim Arme, daß es Robert durch den ganzen Körper zuckte.„So ſchwört nicht,“ rief er raſch,„ich ver⸗ lange einen andern Eid!“ „Wie das?“ fragte Robert betroffen. „Es iſt ſo bräuchlich bei uns Bergleuten, wenn wir Geheimniſſe der Naturkräfte mittheilen. Ihr müßt den Zunfteid ſchon leiſten. Legt die Hand an dieſen tauſend⸗ jährigen Eichſtamm, tretet auf ſeine Wurzeln und ſprecht mir nach:. Bei der Tiefe dunkler Nacht, Die des Gold und Silbers Pracht In der Erde Schooß bewacht, Schweigen will ich wie die Nacht! Wurzel reicht in tiefen Schacht, Hat es drunten kund gemacht. — 333— Robert ſchauerte, als er den Eid geſprochen hatte. Es war ihm, als fühle er ſich jetzt in die Gewalt verborgener Mächte gegeben, als hätten unſichtbare Hände ihn am Fuß gehalten, während er auf der rieſigen Wurzel ſtand und den Schwur that. Gern hätte er ein Kreuz geſchlagen und ein frommes Gebet geſprochen, doch er wagte es nicht, denn es ſchien ihm jetzt wie Läſterung in der Kirche. Der Alte aber faßte ihn eben ſo rauh wie zuvor bei der Hand und ſprach mit ganz verändertem, wildem Tone der Stimme:„So, nun haſt Du uns geſchworen! Sei zur Stelle, übermorgen, und bedenke, daß es Dich in ewiges Unheil ſtürzt, wenn Du Deinen Eid auch nur mit einer Miene brichſt, die das Geheimniß verräth! Gute Nacht für heut!“ Mit dieſen Worten trat er in's Gebüſch und war in wenigen Augenblicken verſchwunden. Robert blieb wie an⸗ gewurzelt ſtehen und ſtarrte ihm nach, doch er konnte ſich des verheißenen Glückes nicht erfreuen. Am folgenden Tage, als er mit Gertrud zuſammenkam, war er ſtill; ſie ahnete nichts Böſes, ſondern wähnte nur, es ſei die alte Urſache ſeines Kummers. Sie war doppelt freundlich zu ihm, allein je mehr ſie ihm ſchmeichelte und liebkoſte, je finſterer wurde er. Die Nacht konnte er kein Auge zuthun. Am folgenden Tage ſchweifte er ſo weit er konnte in Fels und Gebirg umher. Erſt ſpät Abends kam er zu Gertrud. Sie verwunderte ſich betrübt, daß er ſo ſpät kam.„Ich hatte mich ſo nach Dir gebangt, Robert, weil böſe Träume mich in verwichener Nacht geängſtigt ha⸗ ben,“ ſprach ſie,„nun ängſtigſt Du mich noch, daß Du ſo ſpät kommſt.“ 3 Er antwortete nicht, küßte ſie aber herzlich. „Soll ich Dir meinen Traum erzählen?“ fragte ſie, und der Ton ihrer Worte ſagte, daß ſie es wünſche. — 334— „Nein, nein,“ entgegnete Robert.„Die Nacht iſt finſter, da kommen böſe Träume. Ich ſelbſt träume oft wildes, ver⸗ worrenes Zeug;— erzähle nichts, es könnte uns Beiden die Nacht ſtören!“ Sie ſchwieg betrübt. Doch ſetzte er ſich mit ihr auf die Bank vor das Haus und ſchlang den Arm um ſie und drückte und herzte ſie liebreich. Da wurde ihr ſüß und bang zugleich um's Herz und ſie mußte unaufhörlich weinen. End⸗ lich war es ganz finſter. Da drückte Robert noch einen Kuß auf ihren Mund und ſprach:„Nun lebe wohl, Gertrud, und denke an mich dieſe Nacht.“ So riß er ſich los und eilte dem Walde zu; Gertrud rief ihm noch nach, doch er hörte nicht und wandte ſein Geſicht nicht mehr zurück. Trau⸗ rig ging die arme Gertrud zu Bett; aber ſchlafen konnte ſie nicht; wilde Träume ängſtigten ſie: ſie ſah Robert bald im Walde von einem grimmigen Wolfe verfolgt, bald auf der höchſten Felſenſpitze, wo er am Abgrund kletterte, aus⸗ glitt und ſtürzte. Verſtört fuhr ſie auf aus ihrem Halb⸗ ſchlummer und rief: Robert! Robert! Da war es ihr ganz deutlich, als höre ſie ſeine Stimme:„Gertrud, Gertrud, komm und hilf mir!“ Und eine unerträgliche Angſt kam über ſie. Sie mußte auf vom Lager, ſie kleidete ſich an, doch ihre Angſt wuchs mit jedem Augenblicke. Ganz ver⸗ ſtört eilte ſie vor die Hütte, da ſie glaubte, Robert riefe draußen; allein es war ſtill und finſter und nur der Wind zog durch die Bäume und der Waldbach rauſchte. Da war es wieder, als höre ſie ſeine Stimme matt und verklingend aus dem Walde um Hülfe rufen. Sie eilte dem Schalle nach; doch ſie fand Niemand und ſo neckte und zog es ſie immer tiefer in den Wald hinein. Robert war vor Mitternacht auf dem beſtimmten Fleck * — 335— im Walde. Der alte Bergmann ſtand an die Eiche gelehnt, wo Robert geſchworen. „Du biſt pünktlich, das iſt wacker,“ ſprach der Greis; „nun gedenke Deines Schwures. Bis jetzt haſt Du ihn männlich gehalten. Befolge treu, was ich Dir geſagt, ſonſt iſt die Mühe umſonſt und es würde Dir außerdem zum furchtbaren Unheil gerathen, von dem keine menſchliche Macht Dich erretten könnte!“ Robert antwortete nichts; ſein Herz ſchlug, ſeine Kniee zitterten. „Nach Norden!“ ſprach der Alte und wendete ihn an den Schultern gegen Mitternacht.„Keinen Blick zurück, kein Wort geſprochen.“ Robert ſchritt vorwärts; er wußte nicht, ob der Greis ihm folge oder nicht. Es war todtenſtill um ihn her, noch finſterer als geſtern, kein Laub, kein Grashälmchen regte ſich, man hätte die Eidechſe im Graſe raſcheln hören. Kein Leuchtwurm zeigte ſich, weder fliegend, noch im Graſe ſitzend. Da war es Robert, als ginge Jemand hin⸗ ter ihm, er hörte Schritte, es athmete ſchwer, faſt gewalt⸗ ſam zog es ihm den Kopf zurück, doch er ermannte ſich und ging vorwärts. Der Angſtſchweiß trat ihm auf die Stirn. Es murmelte dicht neben ihm, mit tiefer, ſchauer⸗ licher Stimme; etwas Kaltes ſtreifte an ſeine Wange; die Sinne vergingen ihm faſt; er lief raſtlos weiter, immer nordwärts, einem trübröthlichen Sterne nach, der tief am Horizont durch die Zweige ſchimmerte und ihm von Anbe⸗ ginn zum Zielpunkte gedient hatte. Jetzt lachte es ſpöttiſch hinter ihm, dann klang es wie Achzen; das Grauſen ſträubte ſein Haar hoch empor. Endlich verging ihm der Athem, er wollte ſtill ſtehen; da ſchien es ihm, als ob der trübe Stern vor ihm ſich bewege. Er täuſchte ſich nicht. — 336— Es war kein Stern, dem er gefolgt war, ſondern ein an⸗ deres Licht. Sollte es ein Irrlicht ſein, das ihn in die Sümpfe führte? Wahrſcheinlich, jetzt ſah er zwei Licht⸗ pünktchen, jetzt drei, noch mehrere— es waren Leucht⸗ würmchen! Alſo traf des Alten Wort zu. Ein Schimmer von Hoffnung zuckte durch ſeine Bruſt; es wurde ihm leich⸗ ter, er ſtand ſtill, die Leuchtwürmchen ließen ſich auf das Gras nieder. Nun hörte er auch kein Geräuſch mehr hinter ſich; er mußte ſich zuvor, durch das Grauen aufgeregt, ge⸗ täuſcht haben. Da war es ihm plötzlich, als vernehme er den angſtvollen Nuf einer weiblichen Stimme fern hinter ſich aus dem Walde her. Er lauſchte,— wahrlich, er täuſchte ſich nicht,— noch einmal,— wiederum,— er kannte die Stimme,— ſeine Sinne bebten,— ein leichter Windhauch trug ihm jetzt den Schall deutlicher zu,— es war Gertrud, welche rief, er hörte ſeinen Namen! Haſtig wollte er umwenden, doch in demſelben Augenblick hörte er hinter ſich wieder das ſchwere Athmen und ein kaltes Grau⸗ ſen lief ihm über den Rücken. Er dachte an ſeinen Schwur, an des Alten Drohung, die Leuchtwürmchen im Graſe vor ihm flogen auf, als winkten ſie ihm, zu folgen,— er drang weiter vor. Da hörte er Gertruds Stimme näher und be⸗ ſtimmter:„Robert! Robert! wo biſt Du?“ rief ſie ihm nach. Ihm war zu Muthe, als packe es ihn bei den Haa⸗ ren, um ihm das Haupt zurückzudrehen, doch er preßte beide Hände dagegen und ſtürzte ſich gewaltſam vorwärts. Aber es ſchien ihm, als wurzle ſein Fuß am Boden, er vermochte die Kniee kaum zu heben, als hingen ſchwere Ge⸗ wichte an ſeinen Gliedern Keuchend, in Angſtſchweiß ge⸗ badet, drang er vorwärts. Gertrud hinter ihm kam immer näher; ſie mußte ihn jetzt ſehen, denn ſie rief:„Robert, was eilſt Du ſo, höre mich doch,— halt an— ich ver⸗ mag nicht mehr,— ich ſinke zuſammen.“ Er kämpfte ſich weiter; als mußte er einen ſteilrechten Fels hinan, ſo arbeitete er mühevoll, und kam doch kaum von der Stelle. Jetzt ſchlug es drunten im Dorfe Mitter⸗ nacht und er ſtand wie eingewurzelt am Boden feſt. Da fühlte er ſich von hinten durch ſanfte Arme ergriffen;„Ro⸗ bert,“ rief ſeine Gertrud,„mein Robert, biſt Du es— ach,— ich kann nicht weiter!“ und ſo that ſie einen Schrei und ſank hinter ihm zu Boden. Jetzt hielt er ſich nicht mehr, er wollte ſich zurückwenden, um die Unglückliche em⸗ porzuheben, da ſtand plötzlich der alte Bergmann rieſengroß vor ihm, mit ingrimmigem Antlitz und erhob drohend eine ungeheure Fauſt. Robert entſetzte ſich, daß er in die Kniee ſank und das Antlitz mit beiden Händen bedeckte. Alles um ihn her ſchien ſich zu drehen und zu wanken, wie bei einem Erdbeben. Die Schläge der Mitternachtsſtunde donnerten furchtbar darein; jedoch mit dem letzten Schlage war Alles ſtill, die Hände ſanken ihm von den Augen, er fand ſich im Graſe liegend, und vor ihm im niedern Gebüſche leuch⸗ tete ein ſilberklarer Stern, als wäre eine Flocke des Mon⸗ des im Laube hängen geblieben. Der Schimmer glänzte ihn lieblich an, die Angſt wich von ihm, ſeine Bruſt hob ſich leichter, er neigte ſich vorwärts. Da gedachte er auch des Spruches, den ihn der Alte gelehrt und der ihm bisher ganz aus dem Sinne gekommen war. Er fürchtete, ihn in der Betäubung völlig vergeſſen zu haben, doch, als flüſtere ihn ihm Jemand in's Ohr, fand ſein Gedächtniß ihn plötz⸗ lich ganz wieder. Eingedenk der Lehre des Bergmanns, ſprach er, gegen die Erde und das wunderbare Licht ge⸗ beugt, leiſe vor ſich hin: V. 15 — 338— Dreimal harr' ich ſieben Jahr! Wachſe Kraͤutlein wunderbar, Bluͤhe goldig, ſternenklar, Funkle in der Nixe Haar. Dreimal harr' ich ſieben Jahr! Da ſchien es ihm, als wachſe die Blume nach den leiſe ge⸗ ſprochenen Worten; ſie erhob ſich höher und höher, entfal⸗ tete ſich reicher und reicher, und es ging ein ſtrahlender Glanz von ihr aus, der rings umher Alles umfloß. Jetzt ſtieg es wie perlende Silberquellen auf, jetzt wehte es wie lichte Flügel, es wallte auf und ab, war bald Blume, bald Springquell, bald verwehender Hauch oder Nebel. Endlich ſchimmerte es wie blitzendes Silber aus den Lichtwellen herauf, die leiſe herunter zu fließen ſchienen, die Nebel geſtalteten ſich und mit Staunen ſah Robert eine wunderholde Frauengeſtalt von Silberſchleiern umwebt, mit dunkel herabfließendem, lockigem Haar, in dem ein Kranz von leuchtenden Blüthen ſtrahlte, heranſchreiten, die ihn mit holdem Blicke begrüßte. Verſchwunden war alles Grauſen, nur eine ſüße Be⸗ klemmung erfüllte ihm die Bruſt. Er ſank in die Kniee und erhob ſtaunend das Auge zu dem wunderholden Weſen. Sie aber reichte ihm die Hand dar, und als er ſie berührte, als er die Lippen darauf drückte, durchſchauerte es ihn mit un- geahneten Wonnen. Sie ſprach, aber es waren nicht Worte, es waren Töne des Himmels, die er verſtand, ohne ſie zu kennen, die ſeine Bruſt wie eigne Gedanken aufnahm. Sie zog ihn ſanft näher, legte den Arm um ihn, eine ſelige Berauſchung umfing ſeine Sinne, er folgte der Wunderba⸗ ren, die ihm unwiderſtehlich winkte. Da ſtand er plötzlich mit ihr am jähen Felſenrand; unter ihm klüftete ſich der Abgrund in unergründlicher, — 339— nachterfüllter Tiefe, drüben ſtieg die ſteile Felſenmauer em⸗ por. Die ſüße Schöne blickte ihn flehend, angſtvoll an. Er fühlte, daß ſie ihm ſage:„Haſt Du Muth, haſt Du Liebe, ſo fürchte dieſen Abgrund nicht, wirf Dich mit mir hinab!“ Sie umſchlang ihn mit den weißen Armen, Himmelsſelig⸗ keit durchſtrömte ihn, er preßte die Holde gegen ſeine Bruſt und that den entſchloſſenen Schritt vorwärts. Da ſtrahlte der Lichtſchein von ihrer glänzenden Blüthenkrone in das dunkle Thal hernieder und leuchtete die wilden Felſen an. Sie erſchienen durchſichtig und drüben hinter den granitenen Thürmen und Säulen ſah Robert ein Wunderland ſich öff⸗ nen, tief im Innern der Erde. Goldene Paläſte, funkelnde Geſteine, Blumengefilde, rieſelnde Waſſer, Wieſenfluren, Wäldchen, zauberiſche Vögel im lichtblauen Ather— ein Reich der Seligen ſah er vor ſich im Innern des Gebirges. Die Nixe lächelte ihn an, ihr Auge ſagte ihm:„Du haſt die Schrecken des Abgrundes nicht geſcheut aus Liebe zu mir, komm jetzt mit mir in meine Wunderheimat!“ Es drängte ihn, ſich hinabzuſtürzen in die Klüfte. Mit kühner Umarmung hob er die Holdſelige empor und ſchwang ſich vorwärts. Da tönte es noch einmal wie Gertruds Angſt⸗ ruf„Robert“ an ſein Ohr, doch er hörte und ſah nichts mehr, ſondern ſtürzte ſich, die ſüße Begleiterin feſt an das Herz gepreßt, hinab in den Abgrund. In der Frühe gingen Holzſchläger durch den Wald dicht an der felſigen Ode des Hexentanzplatzes vorüber.„Halt, was iſt das dort im Graſe?“ rief der Vorderſte—„ſchläft dort Jemand oder iſt's ein Leichnam?“ Sie traten hinzu und fanden ein Mägdlein auf dem Antlitz am Boden lie⸗ gend, noch ſchwach athmend, aber faſt am Tode.„Hilf Himmel,“ rief der Erſte, als er ſie emporgerichtet hatte, „das iſt Gertrud, des Jägers Robert Braut!“ Die Arme 15* — 340— war bleich und erſtarrt; der Thau hatte ihr aufgelöſtes Haar durchnäßt, daß es ihr ſchlaff über Schultern und Nacken hing, ihre Lippen bebten im Fieberfroſt. Die Leute machten mitleidig eine Bahre und trugen ſie hinab. Als ſie im Thale ankamen und unten an den Felsklippen vorbei⸗ gingen, die unter dem ſchroffen Felſen des Hexentanzplatzes liegen, rief der Eine:„Seht, dort oben an dem Felszacken, hängt da nicht ein Hut im Geſtrüpp?“ Alle blickten hin⸗ auf und ſchauderten.„Den kann nur der Teufel dort auf⸗ gehangen haben,“ rief Einer von ihnen,„ein Menſch ver⸗ mag dahin nicht zu klimmen!“ Der Wind ſpielte mit den Zweigen der Gebüſche, wehte den Hut herab und trug ihn über Felsſpalten und Abgrunde, bis er wieder im Geſträuche hängen blieb. „Bei meinem Schutzpatron,“ rief jetzt ein Anderer,„das iſt der Jagdhut Roberts; ich kenne ihn an der grünen Feder und der rothen Schleife.“ „Hm! Roberts Hut? Wahrhaftig!“ rief der Andere; „und ſein Mädchen droben zwanzig Schritt vom Abgrund halb todt! Das kommt mir bedenklich vor!“ Grauſender Vermuthungen voll trugen die Holzſchläger das arme Mädchen nach Haus. Dann eilten ſie mit vielen Landleuten und Gefährten an den Fels zurück, um nach Robert zu forſchen, der über Nacht nicht zu Haus gekom⸗ men war. Sie drangen auf Leitern ſo weit vorwärts, als es menſchlichen Kräften möglich war; Andere ließen ſich an langen Seilen oben vom Fels herab und ſpähten in die Klüfte hinunter. Doch es war keine Spur von Roberts Leichnam zu entdecken. Die Felsſpalten gähnen dort ſo tief und dunkel hinab in den Bauch der Erde, daß nie ein Lichtſtrahl hineinfällt; dort, ſo glaubte man, mochte der Unglückliche liegen. — 341— Gertrud erholte ſich, doch ihr Geiſt war irre geworden. Sie redete wunderliche Dinge, bisweilen klang es wie Weiſ⸗ ſagungen, als wenn eine unbekannte Macht aus ihr ſpräche. Daraus entnahmen die Leute, was Robert begegnet ſein möchte und erzählten es weiter, wie Gertrud berichtete. Denn oft ſagte ſie, ſie wiſſe Alles, Nachts erzählten es ihr die Bäumez und wenn der Geiſt über ſie kam, redete ſie, als ob ſie mit Robert ſelbſt ſpräche und rief häufig aus:„Ich erlöſe Dich!“ Doch ſo irre die Unglückſelige war, ſo mild und wohl⸗ wollend war ſie Allen. Sie ſpendete allen Armen, ja ſie gab reiche Geſchenke für die Kirchen und Klöſter, wenn fromme Mönche durch das Thal zogen. Jedermann er⸗ ſtaunte, denn ſie war ein armes Mädchen, und Niemand wußte, woher ſie die Spenden nahm. Wenn man ſie fragte, lächelte ſie ſeltſam und ſprach:„Sie geben es mir in dunk⸗ ler Nacht!“ So verbreitete ſich die Sage, ſie habe Nachts in den Bergen Zuſammenkünfte mit ihrem Bräutigam und er bringe ihr das Gold aus der Tiefe der Erde herauf, zu frommen Werken, damit ſie ihn erlöſe aus den zauberiſchen Banden. Gertrud war aber auch ſelten Nachts daheim, ſondern ging in die Wälder, Felsklüfte und Bergſchluchten; ſie verirrte ſich nie und that an den gefährlichſten Abgrün⸗“ den keinen Fehltritt. Köhler, die ſpät aus dem Walde ka⸗ men, haben ſie oft auf den vorſpringenden Zacken der Fel⸗ ſen ſitzen ſehen, wo ihr Geliebter verſchollen war, und Nie⸗ mand begriff, wie es möglich ſei, daß ſie dieſe unerſteigli- chen Klippen erreichte. In dieſem irren, wilden Leben alterte ſie raſch; ihr ſchö⸗ nes, braunes Lockenhaar wurde nach wenigen Jahren grau. Die roſigen Wangen bleichten aus, fielen ein und ſcharfe Runzeln furchten ihre Stirn. Noch waren nicht zehn Jahre 8 — 342— vergangen, da ſah ſie einer Matrone gleich; und wieder zehn Jahre, ſo war ſie grau, gefurcht, gebeugt, wie achtzig alt. Die Leute ſagten, ſie altere dreifach mehr als Andere, damit ſie die Büßezeit ihres Geliebten abkürze. Freundlich und mild blieb ſie aber ſtets und Niemand erſchrak vor ihr; denn ſie that Keinem etwas zu Leide und den Kindern war ſie wie eine hütende Mutter, daß keines je in den Bergen zu Schaden kam. Sie ſprach immer weniger und erzählte auch nicht mehr vom Goldkraut und der ſchönen Fee und dem alten Bergmanne; zuletzt nickte ſie nur, wenn Jemand ſie grüßte und ging ſtumm, leiſe wie ein Schatten, vorüber. So verſtrichen einundzwanzig Jahre. Da, am drei⸗ zehnten Abend nach St. Johannis, ſah man ſie ſpät im Dunkeln durch das Thal gehen; und ſie grüßte Alle, die ihr begegneten, freundlich, und ſprach wieder, und ihre Stimme klang wie in ihrer Jugendzeit. Im Walde, bei der Kapelle, betete ſie ſtill, und als der Klausner, der dort wohnte, ſie anredete, erwiderte ſie:„Frommer Vater, der Tag der Erlöſung iſt da. Der Herr iſt mild und barm⸗ herzig und verzeiht den Fehlenden um der Buße willen. An mir wird es ſich bewähren!“ So ging ſie in den Wald hinein und winkte dem Klaus⸗ ner, daß er ihr nicht folgen möge. In der Nacht kam ein furchtbares Gewitter herauf; der Donner rollte unaufhörlich durch die Berge und der Blitz ſchlug in die Felſen ein, daß die Trümmer krachend herabſtürzten. Am Morgen war das Wetter vorüber und die Sonne ging klar auf. Holzſchläger zogen durch den Wald an ihre Arbeit. Da rief der Eine von ihnen plötzlich:„Halt! Was iſt das? Seht her! Hier auf derſelben Stelle, wo wir vor einundzwanzig Jahren die arme Gertrud fanden, liegt ein Mädchen im Graſe!“ Alle ſtanden ſtill, der Athem ſtockte ihnen in der Bruſt, — 343— ſie wagten kaum näher zu treten. Auf dem Raſen lag im weißen Kleide ein Mädchen; ſie ruhte mit der Stirn auf ihrem Arme, als ſchlummere ſie ſanft, und die Kniee waren eingebogen, gleichſam als ſei ſie im Gebet entſchlafen und ſanft nach vorn hinübergeſunken. Die Leute richteten ſie em⸗ por und da ſahen ſie, von heiligem Schauer erfüllt, Ger⸗ truds jungfräuliches Antlitz, ſo hold und ſchön, wie ſie je⸗ mals geweſen war, und in ihrem Haar grünte ein Myrthen⸗ kranz, und eine fremde, weiße Blume darin leuchtete wie ein ſilberner Stern. „Sie iſt eine Heilige geworden, die Engel haben ſie ſo gekleidet!“ ſprachen die Männer und knieten nieder. Dann flochten ſie eine Bahre aus grünen Zweigen und trugen ſie ſanft hinab. Wie ſie aber durch die Schlucht in's Thal wollten, unten am Fels vorbei, wo ſie damals Roberts Hut entdeckten, war der Weg durch mächtige Granitblöcke geſperrt, die über Nacht von einem durch den Blitz geſpal⸗ tenen Felſen herabgerollt waren. Die Männer mußten einen Umweg nehmen, weit in die Felſen hinein, welche durch die Zerſplitterung zugänglich geworden waren, wo ſonſt Niemand hinkommen konnte. Plötzlich ſtockte der Zug.„Bei meinem Heiligen,“ rief der voranſchreitende Greis,„das iſt Roberts Leichnam, der hier vor mir liegt!“ Er war es; in dunkler Felsſpalte hatte er die langen Jahre hindurch gelegen, bis die herabgeſchlagenen Blöcke dem Licht und dem menſchlichen Fuß einen Weg dahin bahnten. Auch Robert trug die Züge des Jünglings, als hätte die kalte Steinkluft ſie unverſehrt erhalten. Und Alle erkannten, wie der Herr des Himmels gewal⸗ tet hatte. Sie legten Roberts Leiche zu Gertruds, die Bahre war ihr Brautbett, und ſie wurden mitſammen eingeſenkt zur Ruheſtatt des ewigen Friedens.“ — 344— Das Feuer war faſt verglimmt, die Wanduhr tönte einförmig, der Wald draußen rauſchte. Nanny ſah mich mit ihren blauen Augen groß an, als wollte ſie fragen: „Nun, was meinſt Du zu dem Märchen?“ Ich ſtrich ihr das blonde Haar zurück und küßte ſie auf die weiße Stirn. „Und weißt Du noch mehr ſolche Sagen, Kind?“„O viele, viele, wol hundert,“ rief ſie aus,„und in jedem Winter höre ich neue.“ „Du haſt mir aber doch wol die allerſchönſte erzählt?“ „Ei, bei weitem nicht!“ „So, und weshalb denn nicht?“ fragte ich, mich böſe ſtellend. ‚Nun, wenn Ihr nun eine zweite hättet hören wollen,“ erwiderte das Kind,„ſo hätte ich ja dann eine ſchlechtere erzählen müſſen.“ „Sieh, ſieh, das kluge Kätzchen! Ordentliche Autor⸗ pfiffe kennt ſie! Nun, Du ſollſt den ſchönſten Dank haben, Nanny! Möchteſt Du dieſen Ring wol tragen?“ Sie blickte ihn mit den hellen Augen freudig ſtaunend an, als ich im Widerſchein des Feuers ſeine Farben vor ihr ſpielen ließ.„Ach, das iſt ein ſchöner Stein! Der iſt auch gewiß tief aus den Bergen gegraben!“ „Ja wohl, Nanny, jetzt ſoll er aber auf Deiner Hand blitzen; es iſt ein Granatſtein!“ Ihr Auge blitzte noch heller auf; ſie wollte freudig da⸗ vonſpringen, doch ich hielt ſie feſt und ſprach:„Du mußt mir aber noch einen Kuß geben und noch ein Märchen er⸗ zählen.“ „O zehn, wenn Ihr wollt,“ rief ſie und flog mir fröh⸗ lich an den Hals; dann aber ſprang ſie hinüber zu den Altern, um ihnen das köſtliche Kleinod zu zeigen— einen ſilbernen Ring, den ich in Halberſtadt für acht Groſchen — 345— kaufte! Der Jude glaubte, er habe mich betrogen, doch ich behaupte, niemals einen beſſern Handel gemacht zu haben. Aber es iſt finſtere Nacht draußen, und raffe ich mich jetzt nicht auf, um nach Alexisbad zu gehen, ſo hängt ſich noch ein ganzes Erzgebirge an dieſe Erzſtufe, die ſchon viel zu groß iſt. Nacht-Intermezzo. Es war ganz finſter! Der Herbſtwind ſauſte in den alten Buchen. Aber Nanny hatte doch ihr Mäntelchen um⸗ geworfen und wollte mit, um die Nacht drunten in Alexis⸗ bad bei der Muhme zu ſchlafen und morgen, am Sonntage, zeitig im Badehauſe zu ſein, wo jetzt, da die Badegäſte fort waren, die Hüttenbeamten, die Förſter, die Harzgeroder und das ganze fröhliche Völkchen der Umgegend im großen Saale tanzen wollten. Da durfte Nanny nicht fehlen. Sie hing ſich in meinen Arm und rief meinem Führer, der den Weg mehr vermuthete als wußte, zu:„Ich werde Euch ſchon führen! Hundertmal bin ich bei Tag und Nacht. den Weg gegangen.“ Ein herrlicher Spaziergang, denkt der Leſer, Nachts im Walde mit dem hübſchen Mädchen! Geht doch! Mädchen! Sie iſt ein Kind! Aber ein unbeſchreiblich anmuthiges. Ich bin ſtolz darauf, daß ſie mich ſo lieb gewonnen hat! 15** — 346— Schüchtern iſt ſie, trotz ihres Wandermuthes, wie ein Reh. Es raſchelt im Gebüſch, gleich neſtelt ſie ſich ängſtlicher an mich; ein Kauz flattert über uns weg, ſie ſchreckt zu⸗ ſammen.— „Ich höre und erzähle gar gern unſere Märchen,“ ſpricht ſie zu mir,„aber erleben möchte ich um Alles in der Welt keinen Spuk!“ „Wenn nun hier plötzlich der alte Bergmann hinter dem ſchwarzen Baumſtamm hervorträte?“ neckte ich ſie. „Pfui doch! Nicht ſo etwas!“ Und ſie drängte weit abwärts von dem Stamm. „Aber wenn die ſchöne Fei in Silberſchleiern aus dem Boden ſtiege?“ „Ich hätte den Tod vor Schreck!“ rief ſie, und ſchmiegte ſich(das wollte ich nur) dichter an mich. Sie war leicht⸗ füßig wie ein Elfenkind, lieblich plaudernd, reizend ſchüch⸗ tern und noch reizender muthig, wo es blos Weg und Steg und irdiſche Gefahren galt. „Was ſcheint dort unten Weißes, Nanny?“ fragte ich. „Das iſt der Nebel aus dem Wieſenthal!“ antwortete ſie fröhlich.„O, nun ſind wir bald hinab, am Mühlbach. Der plätſchert einmal luſtig! Siehe, da iſt auch der Mond.“ Im Thaleinſchnitt ſtieg ſein ſilberner Schein empor und warf zauberiſches Licht in das Laubdach der Waldung. Er ſtrahlte gerade in Nanny's freundliches Geſicht; ſie lächelte mit friſchen Lippen. Welch ein holdes, romantiſches Nachtbild. Selige Stille war um uns her, der Wind ſchwieg; es flüſterte nur leiſe in den Zweigen. Wir ſtanden und lauſch⸗ ten. Mein wegunkundiger Führer aus Thale, der mit einem andern Führer voranging, welchen ich ihm oben auf der Victorshöhe, bevor ich wußte, daß Nanny unſer freundlicher — 347— Leitſtern ſein werde, angenommen hatte, blieb gleichfalls ſtehen, als er uns verweilen ſah, und bildete einige Schritte von uns mit ſeinem Kameraden eine Gruppe im Monden⸗ licht, die die landſchaftliche Romantik noch erhöhte. Kein Laut unterbrach das Schweigen dieſes Nachtſtücks; hehre Gefühle hoben und bewegten die Bruſt. Da hub der ſchlichte Landmann aus Thale an: „Herr, die Hammel wollen heuer gar nicht fett werden, wie mag das zugehen?“ „Mit dem Teufel!“ rief ich wild und borſt faſt vor Wuth, und Nanny, deren Naivetät bei der Frage nichts ahnete, ſchreckte zurück über den rauhen Ton meiner Stimme. Aber alles Romantiſche und Poetiſche war zum Henker; der plumpe Stein, den der Klotz aus Thale mitten unter die zarten Duftgeſtalten geworfen hatte, ſcheuchte ſie auf, wie eine leichte Vögelſchar. Das Teufelsei war nun einmal in's Neſt gelegt und das Unheil heckte fort. „Vorwärts!“ rief ich, und drang ungeſtüm vor; deshalb ſtieß ich auch mit dem Fuß an einen Stein, daß ich auf⸗ ſchrie vor Schmerz und Sprünge machte, als wäre mir (einem meiner Freunde ging es einmal ſo) eine glimmende Cigarre in den Stiefel gefallen. So kamen wir auf die Wieſe hinunter, wo ich aus dem Pfade wich, um auf dem Naſen weicher zu gehen. Doch ich trat in ein Sumpfloch, ſtolperte und fiel, ſo lang und dick ich war, in's naſſe Gras. Ein infames Bett! Doch immer noch beſſer als das der armen Nanny, die mich halten, wollte, dohei, usglitt und ſich platt niederſetzte in eine⸗h=— ſohas nicht ſchreiben! Wie kann's aber anders ſein, wo Rindvieh hau⸗ ſirt? Ich ſchalt mich ſelbſt aus und half dem armen, wei⸗ nenden Dinge in die Höhe, die mit ihrem ſchimpflich lächer⸗ lichen Anhang jetzt die kläglichſte Figur ſpielte. Ein Elfen⸗ — 348— N 1 kind in—— Es iſt zu nichtswürdig vom Schickſal! Je⸗ der Schritt war jetzt bei mir ein Fußſtampfen der Wuth; wir geriethen auf einen abſchüſſigen Lehmweg, ſchlüpfrig und weich vom Vormittagsregen. Es fehlte noch, dachte ich, als ich an den zehnpfündigen Lehmklößen ſchleppte, die ſich mir an die Sohlen hingen, es fehlte noch, daß ich hier ausglitte und mich niederſetzte— und da ſaß ich, noch ehe ich's ausgedacht hatte! Der Fluch des Lächerlichen, den der Sohn des Thales— nicht der des Weiſen aus Milet, auch kein Zacharias Werner'ſcher Sohn des Thales, ſondern der aus dem Dorfe Thale, mein verdammter Führer,— uns mit ſeinem magern Hammelbraten aufgeladen hatte, wich nicht von uns. Aller Reiſezauber war zertrümmert, verſchwunden, wie die Bilder in einem plump zerſchlagenen Spiegel! Das Licht der Wirklichkeit war uns ſo hell aufgegangen, daß alle romantiſchen Gemälde unſerer innern laterna magica ausblaßten bis auf die letzte Spur und wir nichts vor uns hatten, als eine nackte Kalkwand. Nun fühlte man auch alle Beſchwerden des Leibes und der Erde. Blaſen unter den Füßen, ſteifgewordene Kniee, Näſſe, Hunger, miſerable Müdigkeit, kurz, alles Reiſeelend empfindſamer Schlucker! In ſolchen Zuſtänden bleibt Einem wenig Wahl. Man wünſcht die Reiſe zu allen Teufeln und ſich ſelbſt dazu. Doch es half mir nichts, denn weder die Reiſe noch ich ge⸗ langten dahin, ſondern nur nach Alexisbad! — 349— Alexisbad. Die Josephshöhe. Das Koulette. Unter allen veränderten und veränderlichen Geſichtern iſt das eines Abends das auffallendſte, oder vielmehr das eines Morgens, oder vielmehr das, was der Abend zu⸗ vor am andern Morgen macht, oder— nun zum Teufel, der Leſer verſteht mich und die Sache läßt ſich einmal nicht recht präcis ausprägen mit dem gewählten Gleichnißſtempel. Genug, es war ſo! Abends verſchluckte ich ein Rebhuhn und meinen Dreimännerwein mit Wuth, bezog mein Zimmer mit Ingrimm, legte mich knirſchend in mein Bett— Morgens lächelte ich meinen Kaffee heiter an, ſtand wohlgemuth vom guten Lager auf und fand mein Zimmer ſo traulich, daß ich es— ſogleich zu verlaſſen beſchloß, nämlich um wei⸗ ter zu wandern. Die Füße waren ausgeruht, die Kleider trocken, der Körper erquickt, mithin meine Seele bei beſter Laune. Ich habe noch manches Verſprechen auf mir ſitzen, was ich dem Leſer halten muß. Eins davon iſt das, die Jo⸗ ſephshöhe zu beſteigen. Der Harz wird nämlich, ich muß es hier bemerken, erſt jetzt recht zum Chriſtenthum bekehrt. Jedermann weiß, daß die Blocksbergsſagen ſich von dem heidniſchen Götzendienſt herſchreiben, der dort am tiefſten eingeniſtet war und ſeine Rauchaltäre und Flammenopfer nicht loslaſſen wollte. Wenige aber wiſſen es, daß das Hei⸗ denthum dem alten Gebirge noch heute in den Knochen ſteckt— in den Felſen nämlich— und erkennen daher die Verdienſte tugendhafter chriſtlicher Fürſten nicht genug an, die dem Unweſen ſteuern. Alles Chriſtenthum fängt mit der Taufe an und in der Taufe bekommt man einen Na⸗ men. Es iſt daher billig, daß man mit den Harzbergen denſelben Weg einſchlage. So iſt denn der Heide Rammberg ſchon umgetauft in eine chriſtliche Victorshöhe, und kürzlich hat ſich auch der ſtarrköpfige Waldgötze bei Stollberg, der Auersberg(ob von Auerochſen oder Auerhähnen ſo genannt, liegt im heidniſchen Mythendunkel verhüllt), endlich zur Taufe bequemt und den echt chriſtlichen Namen Joſeph, d. h. Joſephshöhe, angenommen. Und das iſt keine Schein⸗ bekehrung, ſondern der Berg hat ſtatt des Druidendienſtes in ſeinen wilden Wäldern wirklich das Kreuz genommen und es ſo hoch, ſtolz und majeſtätiſch aufgepflanzt, wie ſeit Conſtantinus Zeiten nicht in der Weltgeſchichte zu verneh⸗ men geweſen. Für ganz trockene, dürre Geographen und Reiſende, die keinen Blick in tiefere Geheimniſſe des Weltlebens beſitzen und daher auch von dieſer rieſenhaften Gebirgsbekehrung nichts faſſen, muß ich dieſe ſchöne neue Ara chriſtlicher Ge⸗ ſchichte philiſtermäßig dürr ſo abfaſſen:„Auf dem Auers⸗ berg bei Stollberg iſt jetzt, nach dem Beiſpiele der Victors⸗ höhe, gleichfalls ein Belvedere erbaut; aber in Geſtalt eines rieſenhaften, 130 Fuß hohen Kreuzes, das hoch über die höchſten Buchengipfel hervorragt und von weitem wie ein koloſſales eiſernes Kreuz, oder wie ein aus Baſaltmaſſen gehauenes ausſieht. Unten am Fuße des Kreuzes iſt ein ſauberes Luſtſchlößchen mit mehreren Salons für den Gra⸗ fen erbaut und der Platz rund umher geebnet, ingleichen ein gutes Wirthshaus angelegt, um Fremde aufzunehmen.“ Wie trivial eine ſolche Darſtellung iſt, ſieht Jeder ein, der nur einen Funken empfindſamen Reiſegeſchmacks beſitzt. Genug, ich beſchloß nach dieſem neuen Tempel des Chri⸗ — 351— ſtenthums zu wallfahrten. O Freunde! Was iſt ein heiterer Herbſtmorgen werth! Der Himmel iſt blau, die Sonne klar, das Thal und der Bach dampfen, leichte, weiße Ne⸗ belſtreifen lagern auf der Wieſe, ziehen am Walde hin! Sie flattern verduftend auf vor dem Sonnenſtrahl. Das Laub färbt ſich bunt; nur die Tanne bleibt ſchwarzgrün, ernſt, unter dem falben, röthlichen Gebüſch der Birken und jungen Buchen ſtehen. Der Rauch ſteigt gerade auf; die Sonnenſtrahlen, die uns treffen, grüßen uns ſo mild, ſo behaglich! Kein Glühen, kein Brennen und Verſengen mehr, kein erſtickender Staub, kein verſchmachtendes Verſiegen der Gewäſſer. Alles kräftig und doch ſo milde; das Herz wächſt muthig, die Bruſt wird voll und groß! Es wäre gar hübſch, wenn Nanny neben mir hüpfte; doch Märchen dürfte ſie mir jetzt nicht erzählen, wo rings umher Alles ſo deutlich im Sonnenlicht daſteht, Alles ſo reizend von blau durchſichtigem Ather begrenzt iſt. Was ſollten die Geiſtererſcheinungen am hellen Tage? Nein, Körper fühle ich mich jetzt und will es ſein. Die anmuthigen Bilder des Selkethals ziehen an mir vorüber, während mein Führer(der alte Kriegsheld aus der erſten Erzſtufe) mir ſeine Abenteuer erzählt. Hier klappert und brauſt die Mühle,— dort hämmert das Pochwerk— hinter jenem buntbebuſchten Hügel liegt die Silberhütte, de⸗ ren Nauch wir ſchon über den Wald jenſeit ziehen ſahen, wo der Gifthauch des Arſeniks alle Blätter und Blüthen getödtet hat, daß die Stämme als nackte Gerippe daſtehen — jetzt ſchlägt ſich ein Steg über die brauſende Selke,— da kommt der Kirchthurm von Straßberg hervor, der etwas kleiner iſt als der Münſter vou Straßburg, weil Straß⸗ berg ja nur ein Harzdorf iſt, keine Rheinſtadt— nun leitet uns der Pfad auf die Höhe, dann durch den Wald, — 3522— in dem große, grüne Wieſenplätze ausgehauen ſind,— bald kreuzen wir die Chauſſee,— ſehen engliſche Parkanlagen,— zierliche Gebäude, Bänke im Schatten angelegt— dann wieder dichten Urwald,— aber er lichtet ſich und wir ſtehen auf der Joſephshöhe! Daß der Teufel die Harzwirthe reite, die ihre Gäſte immer mit verfluchten kläffenden und nach Gelegenheit bei⸗ ßenden Hunden empfangen! Dem Spitz auf der Joſephs⸗ höhe will ich's gedenken, daß er mich in die Waden kniff! Aber was vermag ein Recenſent wider einen Hund— wenn er nicht vielleicht Künſtler iſt und ſich dem Theater gewidmet hat, ſodaß man ihm einmal bei einer verfehlten Rolle zu Leibe gehen kann, wo er etwa(ich ſah das einmal in Ber⸗ lin) die Wurſt zu früh gefreſſen, was das ganze Stück aus den Fugen rückte. Aber der verwetterte Spitz am Jo⸗ ſephskreuz hat mich gebiſſen und ich konnte ihn ſo wenig beißen wie das harte Rebhuhn, das mir ſein Herr vorſetzte. Der Unterſchied zwiſchen einem Harzreiſenden auf der Joſephshöhe und einem Ehemanne iſt der, daß dieſer ſein Kreuz trägt, jener vom Kreuz getragen wird, wenn er die etwelche und hundert Stufen überwunden hat, die ihn auf die Zinnen führen. 1 Der Brocken iſt der höchſte Thurmgipfel des Harzes. Die Victors⸗ und Joſephshöhe und einige andere Berge ſind wie die Vor⸗ und Nebenthürme an griechiſchen Kirchen; ſie gewähren einen Theil des überblicks, den man von oben ganz hat. So die Joſephshöhe. Ein unermeßliches Wald⸗ meer breitet ſich grün zu unſern Füßen aus. Andere Haupt⸗ abſchnitte des Vordergrundes entdeckt der Reiſende kaum, ſelbſt nicht mit der größten Empfindſamkeit. Aber reich ge⸗ wirkt iſt der Teppich des Mittelgrundes. Ein Theil Stoll⸗ bergs, Harzgerode, das Jägerhaus auf dem Meisberg, viele — 353— bunte Dörfer, Kirchthürme ſind ſichtbar. Weiterhin zieht ſich der tiefblaue Kranz fernerer Höhen und Wälder um das friſche, grüne Eiland in der Mitte. Alle Harzausſichten haben etwas Großartiges; dieſe mehr als andere, weil ſie eintöniger iſt. Die Wüſte, das Meer, ja der Himmel ſelbſt, ſind auch eintönig; aber dieſe mächtige, ununterbrochene Un⸗ ermeßlichkeit bewirkt den Eindruck des Erhabenen. Ähnlich iſt es mit dieſen weiten Waldgehegen, die ſich thalauf, thal⸗ ein ausdehnen und in denen man die unterbrechenden Punkte der Häuſer, Thürme, Flecken aufſuchen muß, weil ſie ſich, wie Segel auf der weiten See, verlieren. über Alles prachtvoll aber iſt das Spiel des Lichts auf dieſen Wald⸗ gebirgen, der Schatten des Gewölks, die fliegenden Blitze der Sonnenblicke; jetzt weiden ſich Auge und Herz an dem hellſten, ſaftigſten Maigrün; dann ſtreift plötzlich der nächt⸗ liche Flügel einer finſtern Wolke darüber hin und die Schauer des wilden, düſtern Forſtes rühren uns an. Liebe Joſephshöhe! Du haſt einen chriſtlichen Namen, aber doch noch ein heidniſches Antlitz. Die wildgewachſene Freiheit kühner Urväter blickt uns in Dir weit lebendiger an, als die fromme Demuth chriſtlicher Prieſter und die Schmiegſamkeit eines zahmen Menſchengeſchlechts, deſſen gan⸗ zes Leben, ja deſſen von Großvätern zu Enkeln durchlau⸗ fendes Stichwort und Parole„gehorſamſter Diener“ heißt. Ich komme hier auf Betrachtungen— hol's der Henker,— ich will nicht darauf kommen! Soll ich mich hängen laſſen, weil die große Menſchheitsheerde aus Schafen und Eſeln beſteht? Viel lieber nenne ich ſie ſelbſt ſo, oder fange einen Zank mit dem Wirthe der Joſephshöhe an, daß man nicht einmal dort übernachten kann. Ein Frühſtück, theuerſter Wirth, allenfalls ſo gut wie ein zähes Rebhuhn, ſchleppt ein Reiſender wol ſelbſt noch den Berg hinauf und ver⸗ — 354— ſchluckt es oben. Aber eine Lager⸗ und Wohnſtatt hat nicht Jeder in der Taſche, wie der Fremde im Peter Schlemihl, der ein Zelt und ſechs Pferde nebſt Stallung daraus her⸗ vorzieht. Wer nun hier oben die Fackel der Sonne herauf⸗ brennen ſehen möchte am Horizont, und röthliche Gluth ſprühen über die Waldſchluchten und Höhen,— wer gern den Mond ſein Silbernetz auswerfen ſähe über die grünen Waldwogen, und das Spiel der Nachtnebel, den Elfentanz, das ruhige Sternengewölbe über dem ſchweigenden Wald,— der bleibt doch immer Menſch und verlangt eine Matratze zum Schlafen und einen Hausknecht zum Aufwecken vor Sonnenaufgang. Nicht wahr, Joſephswirth? Darum ſtelle ich Euch, Theuerſter, den nicht minder theuern Brocken wirth wahrhaft zum Muſter hin, der zu ſchmalen Biſſen wenigſtens ſchmale Betten und Decken fügt(oder fügte, denn jetzt mag's anders ſein), in denen man hin⸗ länglich friert, um den Sonnenaufgang nicht zu verſchlafen. „Vive le Brockenwirth!“ rief einſt ein Franzoſe droben in meiner Gegenwart, der naß wie ein Pudel ankam und, wenn nicht die Ausſicht auf einen Sonnenuntergang, doch die auf eine Schlafſtelle oben hatte; und„Vive le Brocken- wirth!“ rufe ich ihm nach! Merkt Euch das, guter Joſephs⸗ wirth, und tragt auf einen ausgedehntern Bau an, damit er Euch ausgedehntere Gelder eintrage. überhaupt,— jetzt werde ich nützlich für ganz Deutſchland und hoffe mir einen Verdienſtorden zu erwerben— überhaupt ſollte man in Ge⸗ birgen mehr auf gute Nachtlager an ſchönen Punkten halten. Was hat ein Reiſender, der ſo oft ein Großſtädter iſt, davon, in kleinen Städten ſeine Abende und Nächte zuzubringen, wo er die Miſere ſeines chez soi nur noch miſerabler wiederfindet? Weshalb ſoll er im Harz, z. B. in Quedlinburg, Blankenburg, Elbingerode, Andreasberg, Nord⸗ —— — 355— hauſen u. ſ. w. übernachten und manche Mußeſtunden ha⸗ ben und nicht lieber auf den ſchönſten Punkten, wie die Victors⸗ und Joſephshöhe, die Roßtrappe u. ſ. w.? Säße man denn nicht lieber Abends vor der Thür, oder auf den Belvederes und blickte umher, als in den ſchlechten Stuben der Städte drunten? Durch dieſe fliege man inmitten des Tages und werfe einen Blick auf ſie, falls es der Mühe werth iſt; da aber, wo die freie Natur uns ihre ſchönſten Gaben bietet, da weile man und huſche nicht nach halb⸗ ſtündigem Beſuche weiter, oder zurück, wie ich von der Jo⸗ ſephshöhe. Der empfindſame Reiſende hofft ſich hier als einen praktiſchen gezeigt zu haben und darf erwarten, daß bald nach dem Erſcheinen ſeines Buches Zimmerleute und Maurer zu Hunderten auf die höchſten Harzberge verlangt werden, um Gaſthäuſer im Stil des Schwans zu Frank⸗ furt oder der Quatre saisons zu Wiesbaden einzurichten. Inzwiſchen laſſen wir uns das in Alexisbad gefallen, wohin wir mit einem raſchen Sprunge thalabwärts zurück⸗ gekehrt ſind, um den Abhub einer großen Mittagstafel zu verzehren, die zum Beſchluſſe der Sommerfreuden und Abzug des Badewirths ſtatt gehabt hatte. Gegen funfzig Perſonen hatten getafelt, dennoch war das Bad leer.„Wie geht das zu?“ fragte ich den Kellner.„Alles Gäſte aus der Umgegend!“„Aber ich ſehe Niemand im Haus, noch auf der Promenade?“„O, die Herrſchaften ſind alle im Roulettezimmer!“ Von jeher habe ich einen Ingrimm gegen die Spielhäu⸗ ſer gehabt und begreife die ſittliche Schlaffheit, mit der dieſe Inſtitute der verderblichſten Verführung geduldet werden, nicht. Einen Spieler von Gewerbe könnte ich kaltblütig aufhängen laſſen, denn wenn er gewinnt, iſt er ein Vam⸗ pyr der Menſchheit, und verliert er, ſo bleibt er doch ein verächtliches Ungeziefer, das auf dem ſchönen Erdenrunde herumkriecht und ſeine Lebenstage nur zur ſchnödeſten Ver⸗ geudung ſchleppt. Ich beſchloß, in den Salon zu gehen, um eignen Auges zu betrachten, wie die Wohlhabenden der Umgegend ganze Tagereiſen weit herkommen, um hier zu Dürftigen zu wer⸗ den, und die armen Bürger der kleinen Harzſtädte den müh⸗ ſeligen Ertrag ihres Schweißes unter Angſtſchweiß verlieren. Die kleine Räuberhöhle liegt etwas an der Anhöhe hin⸗ auf. Mich ſchauderte, als ich eintrat; es war mir, als hinge in jeder Ecke ein Karl Weiß*) und grinſte mit verdrehten Augen in die wahnſinnige Menge hinein, die ſich um den grünen Roulettetiſch drängte. Der Bancquier hatte eine tückiſche Habichtsnaſe, der Croupier eine freche Stutznaſe; der Banquier ſchwarzes Ne⸗ gerhaar, der Croupier rothe Borſten; der Banquier große, glühende Eulenaugen, der Croupier gläſerne Maulwurfsblin⸗ zellöcher; der Banquier ein hohlgelbes, hageres Spitzbuben⸗ geſicht, der Croupier eine pockengeackerte, verquollene Fratze; der Banquier ſah aus wie der Teufel, der Croupier wie des Satans Schuhwichſer,— Beide aber ſtreckten mehr Krallen als Finger aus nach dem Golde auf dem Tiſch*). Ja, Gold; das kleine, leere, arme Alexisbad— und doch Gold! Ein eigenthümlicher Dunſt und Rauch zog bläulich durch das Gemach; ich kann mir nicht denken, daß es Ta⸗ *) Ein Fuͤhrer in Alexisbad, der ſich in der That im Spiel⸗ ſaal aufgehangen. **) Die Wirklichkeit muß anders geweſen ſein, doch wird es dem Leſer bald klar werden, warum Alles ſo ſpukhaft mit mir umging. — 357— baksrauch war, denn ich ſah Niemand rauchen. Es iſt, ſo viel ich weiß, verboten. Um die Pointeurs beſſer zu ſehen, drängte ich mich ſelbſt an den Tiſch und ſetzte dann und wann den kleinſten Satz, damit ich mein Recht auf den Platz nicht verſcherzte. Es war aber merkwürdig, daß ich immer gewann. Inzwi⸗ ſchen beobachtete ich mehr als ich ſpielte. Neben mir ſtand ein langer, grüner Oberrock; ein gebräuntes Geſicht, blitzende Augen, eine Schmarre auf der Backe. Er verlor viel, An⸗ fangs Silber, dann Gold. Um meinen Gewinnſt einzuziehen, mußte ich mich einmal vor ihn beugen und kam ſo mit dem Kopfe dicht an ſeine Bruſt. Da hörte und fühlte ich, daß ſein Herz ſchlug wie das eines gehetzten Hirſches. Eben ſetzte er den letzten Friedrichsd'or; die Kugel rollte, er ver⸗ lor. Ich ſah ihn die Oberlippe zwiſchen die Zähne beißen, er wurde blaß wie Marmor, Tropfen ſtanden auf ſeiner Stirn; haſtig griff er noch einmal in alle Taſchen, fand nichts, wandte ſich um und ging hinaus. „Gute Nacht, Herr Oberförſter!“ rief man ihm nach, er antwortete nicht. Ich weiß nicht, weshalb ich den Blick nicht abzuwenden vermochte von dem Manne!*) Gleich hinter ihm ſtand ein junger Menſch; er gewann öfters, doch ſchien er dabei wie im Fieberfroſt zu ſein, ſo klapperten ihm die Zähne gegeneinander. Sein Nachbar *) Es iſt vielleicht ganz dumm von mir, daß ich acht Tage ſpaͤter in Leipzig erſchrak, als ich in der dortigen Zeitung las: „Der Oberfoͤrſter K.... bei Bernburg hat ſich wegen eines großen Defects in der Forſtkaſſe erſchoſſen. Er hinterlaͤßt eine Frau mit drei Kindern.“ Wer Teufel will denn behaupten, daß hier der mindeſte Zuſammenhang ſtattfindet? — 358— ſpielte unglücklich; er zeigte Arger, aber keine Verzweiflung. Es zog mich etwas, wie eine Art Wahlverwandtſchaft, zu ihm hin; leiſe fragte ich den Kellner, der mir ein Glas Biſchof brachte:„Kennen Sie den Herrn dort im blauen Oberrock?“ „O ja, das iſt Herr aus*., „Wie? Der Buchhändler?“ rief ich überraſcht. 1 „Derſelbe!“ erwiderte der Kellner. „Mehrere Autoren Deutſchlands! Euer ſaurer Schweiß, in Silber verwandelt, wurde hier mit ſaurem Geſichte ver⸗ loren; aber ſehr viel ſchneller, als Euch der Erwerb wurde.“ Indeſſen mußte ich wieder einmal ſetzen, um doch den Anſchein eines Spielers zu haben. Ich gewann. Ein zwei⸗ tes Mal; ich gewann wieder; abermals; ich gewann noch⸗ mals. Man fing an, meinem Satze zu folgen. Plötzlich berührte mir etwas die Hand; es war nicht kalt, nicht heiß, aber es zuckte mir dabei elektriſch durch alle Glieder. Ich wandte mich und ſah halb hinter, halb neben mir einen feingekleideten Mann mit ſcharfen Zügen ſtehen.„Sie ha⸗ ben eine recht glückliche Hand, Sie ſollten höher ſpielen,“ ſprach er leiſe. Die Mienen kamen mir ſchauerlich bekannt vor; ich ſtarrte ihn an, ſein Geſicht war ganz tief ih m Schatten.„Mein Herr,“ fragte ich,„ſollte ich nicht dee Ehre haben?“ 1 „O gewiß, wir kennen uns, aber Ihr Gedächtniß iſt ſchlecht! Wollen Sie nicht hoch ſetzen?“ Dabei lächelte er auf eine Weiſe, daß es ihm für einen Reiſepaß gelten konnte. Jetzt fiel mir's wie Schuppen von den Augen; ein kal⸗ ter Schweiß rieſelte mir über den Nacken. Daher die Spuk⸗ bilder, der bläuliche Dunſt! Alſo hier mußte ich ihn wie⸗ 4 ddeer treffen; freilich hier war er ja am beſten an ſeiner — 359— Stelle. Er ſagte mir das auch ſelbſt, indem er ſprach: „Nur dreiſt! Ich will gefällig ſein! Ich habe hier et⸗ ‚was zu ſagen; das Häuschen habe ich erbaut, und was hier aus⸗ und eingeht, pflegt mich ſo ziemlich Alles über kurz oder lang als Souverain anzuerkennen. Wir ſind gute Freunde, wenn ich Ihnen hier dienen kann? Ich gebe Ih⸗ nen den Rath,“ ziſchelte er leiſe,„beſetzen Sie die 131! Aber ſchnell, die Kugel rollt ſchon.“ Schwerlich macht ſich der Leſer einen Begriff von dem Chaos von Bildern und Viſionen, die nun in mir vorüber⸗ ſchwirrten. Die Geſichter aller Anweſenden bewegten ſich vor mir wie entſetzliche Larven, Karl Weiß ragte rieſengroß drüber hinweg und nickte mir mit verdrehten Augen zu; in meinen Muskeln regte ſich's, als ziehe mir eine unſichtbare Fauſt gewaltig die Hand mit meiner ganzen Börſe nach der dreizehn hin. Ich kämpfte, ſchon wollte ich den Satz drauf legen, als die Kugel fiel— auf Nr. 13. „Nun iſt's zu ſpät,“ ſprach der Fremde trocken und nahm eine Priſe Tabak. Ich dachte:„Gottlob!“ und es wurde mir leicht um's Herz. Aber, noch ſehe ich's vor mir, ein junger Menſch, der neben mir ſtand, ſtarrte ihn mit offenem Munde und un⸗ beweglichen Augen an; er hatte den leis geflüſterten Rath gehört und wollte in die Erde ſinken vor Staunen über den Erfolg. „Sein Sie kein Thor; was für kindiſche Furcht und mi⸗ ſerable Grundſätze,“ fuhr der Rathgeber zu mir fort,„ha⸗ ben Sie mich etwa als einen ſo eigennützigen Schubiak ken⸗ nen gelernt? Ich gab Ihnen den Rath aus Freundſchaft. Setzen Sie jetzt Nr. 7.“ — 3 — — 360— „Mein Herr,“ raffte ich mich zuſammen,„was würden Sie ſagen, wenn Sie Banquier wären,—“ „Da wäre ich etwas Schlimmeres als ich bin,“ verſcste er;„oder glauben Sie, ich ſollte égards für die beiden mörderiſchen Naſen haben? Setzen Sie Nr. 7.“ Jetzt hatte der junge Menſch den Rath gehört; wie der Blitz fuhr er in die Taſche und ſetzte ein Goldſtück auf Nr. 7. Die Kugel rollte, ich zögerte, ſie fiel, Nr. 7 hatte gewonnen, der junge Menſch erhielt ſeine 35 Louisd'or aus⸗ gezahlt und ſein Geſicht ſtrahlte vor Freude. „Sie werden's bereuen!“ ſprach mein Bekannter kalt und nahm wieder eine Priſe;„jetzt zum dritten und letzten Male, eine Zahl, die mir eigentlich fatal iſt, Nr. 3.“ „Nehmen Sie zehn Friedrichsd'or auf die einzelne Num⸗ mer an?“ rief der junge Menſch, welchem die Wangen glühten und alle Pulſe fiberten, dem Banquier zu. 1 „O ja, warum nicht?“ ſprach dieſer hohnlächelnd, in der Sicherheit, jetzt einen Theil ſeines Verluſtes von dem thörichten Spieler zurückzuerhalten. „Der verſteht's beſſer als Sie,“ raunte mir mein un⸗ heimlicher Bekannter zu. Der junge Menſch ſetzte, die Kugel rollte, Alles blickte geſpannt auf die Scheibe:„Trois, noir, impair, manque!“ ſchnarrte der Croupier, und der Banquier holte zitternd vor Wuth die Goldrollen aus ſeinem Käſtchen und zahlte drei⸗ hundert und funfzig Friedrichsd'or. Der junge Menſch zit⸗ terte an allen Gliedern, indem er ſie einſtrich. Ich bebte in ſeiner Seele, weil ich wußte, wie er gewann; es drängte mich, ihm zu ſagen:„Verlaſſen Sie den Saal, mein Herr! Sie wiſſen nicht, an welchen Fäden man Sie hier hält!“ Doch mein Bekannter hielt mich zurück und ſprach lächelnd: „Das iſt wider die Abrede; überdies, das Söhnchen von — 361— Micch und Blut habe ich doch wo und wie ich will. Ich frage Sie jetzt, ob Sie Ihre ganze Baarſchaft auf Nr. 36 ſetzen wollen? Ich ſtehe Ihnen dafür, der Banquier nimmt es an.“ „Nein!“ ſprach ich entſchieden*). Doch der junge Menſch rief dem Banquier zu:„Neh⸗ men Sie hundert Louisd'or auf Nr. 36 an?“ „Ja,“ rief der Banquier.„Aber nur die Bank dagegen,“ und zugleich zog er das Goldkäſtchen heraus und ſchob Alles auf einen Haufen.„Es müßte mit dem Teufel zugehen,“ murmelte er vor ſich,„wenn der Glückspilz jetzt nicht wie⸗ der abgezapft würde!“ „Ich bin's zufrieden,“ ſtammelte der junge Menſch, der in Haſt und Ungeduld am ganzen Körper zitterte, und ſetzte ſeine Goldrolle. Alles hörte auf zu ſpielen; auch mein Wahlverwandter, der Buchhändler. Aller Augen richteten ſich bald auf den Roulettetiſch, bald auf den Banquier, bald auf den jungen Menſchen, der im abgetragenen ſchwarzen Reiſeoberrocke ganz das Anſehen eines armen Studenten der Theologie hatte. Der Croupier drehte die Scheibe, warf die Kugel: „Trente six—“ „Teufel!“ donnerte der Banquier und ſtampfte mit dem Fuß auf.„Bravo!“ ſchallte es laut im ganzen Saale. Der junge Menſch aber riß die Mütze ab und ſcharrte das Geld hinein; alle Glieder flogen ihm dabei und Röthe und Bläſſe wechſelten auf ſeinem Geſicht. Er ſtürzte wie wahnſinnig *) Bei der ganzen Sache iſt blos Das aͤrgerlich, daß mir's Nie⸗ mand glaubt, und doch will ich die Geſchichte zu Protokoll geben! . Der empfindſame Reiſende. V. 16 — 362 zum Hauſe hinaus, eine Menge Leute raſch hinter ihm her! Der Banquier ſchlug mit dem Stock auf die Rouletteſcheibe, daß ſie in Stücken ſprang, blies die Lichter aus, drückte ſich den Hut auf den Kopf und ſtürzte ebenfalls fort. Gelächter ſchallte ihm nach, furchtbares, höhniſches Gelächter, in dem der Ton der Rache zu hören war, der Rache aller Derjeni⸗ gen, denen er das Mark ausgeſaugt hatte. Mir lief es eis⸗ kalt über den Rücken. Mein bekannter Fremder aber ſprach zu mir:„Sie ſind doch noch ein Schüler! Daß ich Sie ſo plump nicht fangen konnte und wollte, konnten Sie doch wohl merken; es war mir ja nur um den blonden Theolo⸗ gen. Aber greift man denn da an, wo man ſiegen will? Noch bin ich doch etwas klüger, als ihr Herren Poeten und Recenſenten! Nun, was uns anlangt, wir bleiben gute G Freunde, nur vergeſſen Sie mich nicht in Ihren Memoiren.“ 3 „Und der junge Menſch?“ fragte ich neugierig und voll Theilnahme. „Er hat heut Vormittag in einer Dorfkirche nicht weit von hier gepredigt; ich ging an der Kirche vorbei, hörte ei⸗ nen Augenblick zu und lächelte über ſeine frommen neun⸗ zehnjährigen Geſinnungen. Nachmittag kam er durch Alexis⸗ 1 bad und ging hier an meinem Salon vorbei. Ich pfiff ihn. herein. Er hatte gerade ſein bischen ſilbernes Reiſegeld verſpielt, als Sie kamen; da wagte er den letzten Louisd'or auf Nr. 13, und nun iſt er durch mich ein reicher Mann. Durch mich; denn laut Contract muß ich dem Gauner von Banquier doch über kurz oder lang Alles doppelt erſetzen; aber geben Sie Acht, wie der Handel mir wuchern wird. Ich wette, der junge Menſch predigt niemals mehr! Sie werden noch von ihm erfahren. Doch gute Nacht! Die Bank iſt geſprengt, in Alexisbad nichts mehr für mich zu thun. Kommen Sie nach Leipzig auf die Meſſe, ſo ſehen 363— wir uns wol noch einmal. Bis dahin Ihr gehorſamſter Diener!“ So trat er aus dem Salon und ich wußte nicht, wo er im Finſtern geblieben war. Ganz wüſt und erhitzt machte ich einen Mondſcheinſpa⸗ ziergang durch's Thal. Nach zwei Stunden kehrte ich zurück und fand im Gaſtzimmer den jungen Theologen mit einem alten Herrn ſchon bei der dritten Flaſche Champagner. „Ei, ei!“ dachte ich. Indem ich hinter den Trinkenden mei⸗ nen Hut auf's Fenſter ſtellte, hörte ich nur die halblaute Frage:„Alſo glauben Sie wirklich, daß ſie mir folgte?“ „Ha, ha, ha!“ lachte der Alte.„Wenn Sie zweifeln, können Sie noch zwanzig Louisd'or an mich verwetten! Schenken Sie ihr noch ein Glas Champagner ein.“ Ich horchte auf. Das ſehr artige Stubenmädchen trat gleich darauf ein und brachte den Herren Deſſert. Der junge Student ſtreichelte ihr Arm und Hand und bot ihr ein Glas Champagner an. Sie nahm es und dankte. Er wurde zärtlicher, ſie wand ſich ſcheinbar ſträubend und ver⸗ ſchämt los. „Ha!“ dachte ich,„ſo raſch ſollſt Du Recht haben, Mephiſto?“ Ich ging zu Bett, blieb aber wachſam. Bis zehn Uhr war Geräuſch im Hauſe; dann wurde Alles ſtill. Es ſchlug * eilf Uhr. Ich hörte leiſe Schritte auf dem Corridor; vor⸗ ſichtig öffnete ich meine nur angelehnte Thür. Es war der Student, tief in ſeinen Mantel gewickelt. Ich weiß nicht, wohin er ſchlich, doch faßte ich Poſten hinter einem Pfeiler. Nach wenigen Minuten raſchelt's auf der Treppe; ich ſchleiche näher. Der Student führt eine gleichfalls in den Mantel gehüllte weibliche Geſtalt, zärtlich mit umſchlungenem Arm 16* — die Treppe hinab. Das war ſeltſam! Ich höre flüſtern, Hausſchlüſſel wird leiſe umgedreht— Hm, was ſoll das? Andern Morgens erfuhr ich vom Kellner:„Der Herr, der geſtern ſo viel Geld gewonnen hat, iſt in der Nacht plötzlich davongegangen, und unſer Stubenmädchen Liſette auch! Am Schützenhauſe hat eine Poſtchaiſe gehalten. Der Poſtillon hat erzählt, ein Herr und eine Dame ſeien um eilf Uhr eingeſtiegen, er hat ſie bis Quedlinburg gefahren. Was meinen Sie? Ob das wol eine Entführung war?“ Ich biß mich nur auf die Lippen und ſprach:„O Teu⸗ fel! ich verſtehe!“ Nanny's Erzählung. Wiedersehen. Lockspeise. —— Was iſt das für böſes Wetter geworden! Wie jagt der Wind die ſchwarzen Wolken über das Thal, wie ſchlägt der Regen gegen die Fenſter! Glückliche Fahrt, Herr Student, mit der Mütze voll Louisd'or und dem hübſchen Mädchen an der Seite! Hätten Sie das geſtern geahnet, als Sie auf der Kanzel ſtanden, und— wie denn die Herren Kan⸗ 5 zeltedner pflegen— der würdigſte, friedlichſte, edelſte unter den Menſchen Ihnen immer noch als ein ſchwarzer Sünder erſchien, der nur durch die ewige Gnade und Barmherzig⸗ keit eingehen könne in das Himmelreich! Es iſt etwas Herz⸗ brechendes um ſo eine Predigt! Aber es iſt auch etwas Herzbrechendes um ſolch ein Wetter! Nun bald Mittag und ſo dunkel wie nach Sonnenuntergang! — 365— Wahrlich, da iſt Nanny noch!„Tritt doch herein, Kind! Nun, willſt Du heute noch hier bleiben bei der Muhme?“ „Ich muß wol,“ ſprach die Kleine trübſelig,„denn ich mag meine Sonntagskleider nicht ſo naß werden laſſen. Aber recht lange Weile habe ich hier. Heute iſt es ja öder im Alexisbad als droben bei uns, wo doch den ganzen Tag Fremde kommen. Hätte ich's nur gewußt, ich hätte heute früh um ſechs Uhr mit hinauffahren können nach der Vic⸗ torshöhe, denn es iſt geſtern Abend noch ſpät eine Herr⸗ ſchaft hier angekommen, ein alter Herr und eine alte und eine junge Dame, die ſind hinaufgefahren. Allein wir ka⸗ men erſt um drei Uhr vom Tanze und da hab' ich bis vor einer Stunde geſchlafen!“ „Laß Dich's nicht gereuen, Nanny; Du leiſteſt mir nun heut Geſellſchaft. Sieh, ich kann auch nicht fort in dem mörderiſchen Regen. Vormittag geh' Du in die Küche und hilf das Eſſen bereiten, ich will arbeiten. Nachmittag trinkſt Du den Kaffee mit mir und ich erzähle Dir etwas von der großen Stadt Berlin.“ „Ach ja,“ rief ſie freudig, und ſchlug in die Hände; „von den herrlichen Schlöſſern und vornehmen Damen, und von ſchönen Prinzen!“ „Was Du willſt, Nanny! Unterdeſſen wird vielleicht das Wetter heller und wir gehen ein wenig das Thal hinab. 4 So kommt unvermerkt die Dämmerung heran und dann erzählſt Du mir noch ein Märchen!“ 3 „Gern, gern!“ rief ſie und war wieder fröhlich. Wir machten es genau wie wir geſagt, nur daß wir nicht ſpa⸗ 1 zieren gingen, weil es unaufhörlich regnete. Als die Däm⸗ merſtunde kam, ſetzten wir uns in die Ecke des großen Saales auf das Sopha, ließen das Licht ganz am andern Ende ſtehen und während draußen der Regen gegen die — ——— — 366— Fenſter praſſelte, ſchmiegte ſich die kleine Nanny an mich und begann ihre Erzählung mit der Frage: „Seid Ihr auf den Rabenklippen geweſen, Herr?’“ „Nein!“ „Schade. Dann wüßte ich etwas Schauerliches! Oder vielleicht kennt Ihr das Märchen ſchon von dem ſchwarz⸗ geharniſchten Ritter und dem Mönch, die Nachts auf brau⸗ ſenden Rappen gegen die Rabenklippe anreiten? Und wenn der Ritter mit dem Speer gegen den Fels ſtößt, ſo reißt er ſich zum weiten Thore einer Höhle auf, wo Haufen Gol⸗ des wie im rothen Feuer glühen. Da ſprengen die Beiden hinein und krachend ſchließt ſich die Höhle. Dies ſieht ein alter Köhler. Sagt, kennt Ihr die Sage?“ „Nein, Nanny; aber erzähle; mich dünkt, ſie ſei ſchauer⸗ lich und das hört ſich gern an ſo düſterm Abend!“ „So will ich von den Rabenklippen zuletzt erzählen— zuvor von dem Fräulein auf der Schwarzburg, wenn Ihr die Geſchichte nicht etwa kennt!“ „Kein Wörtchen davon, kleiner Schelm; ich glaube, Du willſt mich nur neugierig machen?“ „Ja, das iſt ein wunderbares Märchen! Oder es iſt eigentlich kein Märchen, denn es geht Alles ganz natür⸗ lich zu; aber es iſt eine grauſige Geſchichte!“ „Nun, ſo fang an, Nanny, ich bin geſpannt!“ „Auf der Schwarzburg, ich glaube ſie lag im wilden Ockerthale, wohnte ein Raubgraf, der war der Schrecken der Umgegend. Noch mehr aber war es ſeine Tochter, die ſchöne Wallhaide; denn ſo ſchön ſie war, war ſie doch noch viel ſtolzer und grauſamer. Sie verachtete die Frauen und haßte die Männer, aber männliches Thun ſagte ihr doch noch mehr zu als weibliches. Stets begleitete ſie ihren Va⸗ ter auf die Eber⸗ und Wolfsjagd, und dann trug ſie ein — — 367— volles Jagdkleid, einen Helm und einen Speer in der dand. Auch auf des Grafen Naubzügen, wenn er Kauf⸗ nute fing und Ritter niederſchlug und beraubte, würde Wall⸗ haide ihm gern gefolgt ſein, aber das duldete er nicht, ſon⸗ dern alsdann mußte ſie in der Schwarzburg herrſchen und das Schloß verwalten. Die Diener und Mägde zitterten vor ihr, denn ſie kannte kein Mitleid noch Erbarmen, und den geringſten Fehl beſtrafte ſie fürchterlich. Im Schloßhofe war ein nicht mehr benutzter, tiefer, ſchauerlicher Brunnen, bei dem man langſam bis zwölf zählen konnte, bevor man einen hinabgeworfenen Stein im Waſſer plätſchern hörte; in dieſen hatte ſie ſchon viele Mägde und Knechte hinabſtürzen laſſen, nur weil ſie Morgens die Zeit verſchlafen, oder ſonſt ein ähnliches kleines Verſehen begangen hatten. Und wenn der Vater Gefangene mit heimbrachte, ſo mußten alle Jüng⸗ linge vor ſie geführt werden, und ſie ſtieß ſie oft mit ihrem eigenen Dolche nieder. Längſt wäre ſie daher gewiß von der empörten Dienerſchaft ermordet worden, aber es lag ein Zauber in ihrer Schönheit, daß Keins zu athmen wagte in ihrer Nähe, und die Verurtheilten und Gemarterten ſelbſt es nicht vermocht hätten, ſich durch die Ermordung der Herrin zu retten. Es ging auch ein Gerücht im Volke um, daß ihre Schönheit durch Zaubermittel erhalten werde; denn ſo manches Jahr hindurch kannte man ſie ſchon und ſie blieb immer gleich jugendlich und reizend. Blendend weiß, wie der edelſte Marmelſtein, waren ihre Arme und ihr Nacken; auf den Wangen blühte das zarteſte Roth, das Haar wallte ihr in dunkeln Ringellocken lang unter dem Helm hinab und die Augen glühten wie ſchwarze Edelſteine, die Lippen wie Granatäpfel. Man erzählte ſich leiſe, ſie wüſche ſich mit dem Blute der ermordeten Jünglinge, das erhalte ſie jung, und jährlich ſieben Mal trinke ſie das Herzblut — 368— eines Säuglings. Nachts halte ſie geheime Zuſammenkünfte mit einem Zauberweibe und ihre Seele habe ſie nach hun⸗ dert Jahren dem Erbfeinde verſchrieben. In der Burg diente ein junger Knappe, der hieß Benno; ſein Vater war ein armer Köhler im Burgbann und dem Grafen von der Schwarzburg unterthan, deshalb hatte er, wiewol bekümmerten Herzens, den Sohn auf die Burg lie⸗ fern müſſen als Dienſtmann des Raubgrafen. Benno hatte unter den Knappen, die mit ihm dienten, einen Freund, Egbert, den er wie ſeinen Bruder liebte, und dem er ſein ganzes Herz offenbarte. Dieſem hatte er geſtanden, daß eine unbezwingliche Leidenſchaft zu der ſchönen Wallhaide ihn ergriffen habe. Egbert ſchlug voll Entſetzen die Hände über dem Haupt zuſammen und rief:„Benno, das iſt Dein Unheil! Wehe Dir, wenn Du das ſtolze Weib mit einem Blicke beleidigſt! Der martervollſte Tod würde Dich treffen.“ Doch Benno lächelte geheimnißvoll und ſprach: „Das habe ich nicht zu fürchten!“ An dem nämlichen Tage, es war zur Winterszeit und lag hoher Schnee, ritt der Raubgraf auf die Wolfsjagd. Als die Jäger mitten im Dickicht waren, brach plötzlich ein grimmiger Wolf aus dem Buſch und warf ſich auf Wall⸗ haide's Roß. Es bäumte ſich, ſtürzte, die ſchöne Reiterin lag hülflos am Boden und das Unthier packte ſie, um ſie zu zerfleiſchen. Sie war verloren, wenn nicht Benno vom Pferde geſprungen wäre, den Wolf mit den Händen an der Kehle gepackt und ſo mit ihm gerungen hätte; denn das Schwert zu ziehen, oder den Kolben vom Sattel zu hen⸗ ken, war keine Zeit geweſen. Doch Wallhaide raffte ſich indeſſen ſchnell auf und, kühn wie ſie war, durchſtieß ſie das grimmige Thier mit dem Speer. Dann ſchwang ſie ſich 8 . . — 369— zu Noß. ohne dem treuen Benno auch nur mit ei⸗ nem Blicke zu danken. Er aber war dennoch voller Freude. Ddrrei Tage ſpäter kehrten die Jäger eines Abends wie⸗ derum von der Jagd heim. Als Wallhaide vom Pferde ſteigen wollte, ſprang Benno hinzu, ihr den Bügel zu hal⸗ ten. Im Abſteigen verlor ſie einen Handſchuh und Benno ſah ihre weiße Hand. Da riß ihn die Gluth ſeiner Liebe hin und er wagte es, im Vorbeiſtreifen ſie mit den Lippen zu berühren. Doch Wallhaide ſtieß ihn zürnend zurück und rief:„Frecher Knecht, Du wagſt es, an Deiner Herrin zu freveln?“ Da ſchauderten die Umſtehenden zurück, denn ſie wußten, daß Benno nun verloren ſei. Er bebte und wagte keinen Laut von ſich zu geben. Wallhaide aber ließ ihn an Händen und Füßen binden und ihm dann einen breiten Rie⸗ men feſt um den Mund ſchnallen, daß er keinen Laut von ſich geben konnte. Als dies geſchehen war, ſprach ſie:„Die niedrigen Lippen dieſes Knechts, die meine Hand beſudelt haben, ſollen von nun an weder von Trank noch Speiſe, noch von einem Hauch oder Laut berührt werden. Er ſoll ſtumm bleiben in ſeinem Leid. Jetzt reißt ihm die Kleider herab, werft ihn auf den Schnee und peitſcht ihn, bis er in ſeinem ſtrömenden Blute an den Boden friert. Das wird ihm die freche Gluth ſchon kühlen!“ Zufällig war der alte Köhler, Benno's Vater, im Hofe, als Wallhaide dieſen gräßlichen Befehl gab; er fiel ihr zu Füßen und bot ſein Haupt an für das ſeines Sohnes. Doch die Grauſame rief:„Thut ihm desgleichen!“ Und der Greis wurde gebunden und, entblößt wie der Sohn, zu Boden ge⸗ worfen. Hier ließ ſie Beide peitſchen, daß das Blut in den Schnee floß und zu Eis gefror. Da befahl ſie aufzuhören, damit die Marter länger dauere. So mußten die Unglück⸗ lichen in der Winternacht nackt auf dem Schnee liegen; nur Stroh ließ Wallhaide über ſie ſchütten, daß ſie nicht erfrören, ſondern am andern Tage wieder gepeitſcht würden! Aber die Nache blieb nicht aus; denn Egbert, als er dieſe That ſah, ſchwur Vergeltung an dem Ungeheuer zu üben. Er allein wußte nämlich um ein entſetzliches Geheim⸗ niß, welches die Urſache zu Wallhaide's Erbitterung war. Ihr Männerhaß war erheuchelt; denn nicht nur Benno, ſondern auch Egbert ſelbſt hatte——————— „Aber Nanny's Erzählung muß doch auch ein Ende haben!“ „Lieben Freunde, gewiß; allein wir wurden hier durch ankommende Reiſende für den ganzen Abend geſtört, Nanny iſt mit Tagesanbruch nach der Victorshöhe zurückgekehrt und ich kann ihr nicht nachlaufen.“ „Aber wir verlangen durchaus das Ende! Nur das Ende wollen wir wiſſen!“ 3„Ich weiß es auf Ehre ſelber nicht! Hat Euch aber, theuerſte Leſer, meine Lockſpeiſe(ſeht nur die überſchrift des Capitels an) geködert, ſo verſpreche ich Euch das Ende noch vor aller Tage Abend.“ „So alſo ſollen wir zum Veſtin gehalten werden, Herr Autor! So ſoll Ihn ja—! „Gemach, Verehrteſte! Ich täuſchte Euch nicht; denn als ich in die überſchrift des Capitels das Wort Lockſpeiſe ſetzte, wußtet Ihr, woran Ihr waret und hättet nicht zugreifen ſollen. Die Harzbilder konnten mit Liſettens Abenteuer vortrefflich ſchließen; hättet Ihr da aufgehört, ſo hinget Ihr nicht am Angelhaken. Jetzo reißt Euch blutend los, oder kauft mir die ganze Auflage weg, damit ich in der neuen die Ge⸗ ſchichte zu Ende erzählen kann. Nanny darf es doch, wie Jeder ſchon rathen kann, wahrhaftig nicht thun!“ Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. —— —jj ——— —. ö* 8 1*. 4 9 ſiſmnnſnnſſſnſſſſnſſ Wrannmmmnnrannnmmmmm 9 12 13 14 15 16 17 18 19 20 10 11