—— Larrn Lan AnarnATarnrararrarrrararr Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen.( anhsereers für ein deutſches Buch! Kr. Das A ibonnemen beträgt: für wöchentlich Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: 3———— An 2 4.. 4 2 fl. 35 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. „ 3„. 5 1„ 12„„ 45„ 139„,—„ 27— „ „„ ara gar achannananrnannann. 5„ franz. od. engl.„ 2„ 85 1eeeee eeeeeeeeiesesesene ELERn Geſammelte Schriften von Ludwig Kellstab. Vierter Band. 1§ 1 2. Vierter Theil. — 9— Leipzig: F. A. Brockhaus. 184˙3. 8 4 8 5 8* —-—x— — Ein hiſtoriſcher Roman von Ludwig Kellstab. Oritte Auflage. Vierter Theil. ——— Leipzig: F. A. Brockhauz. 184˙3. ——— 8 — —— — ꝙ 3— Ao ———. — ——— — 7 Erstes Capitel. Der Tag graute noch nicht, als Raſinski an der Spitze der Getreuen, die von ſeinem Regiment noch übrig waren, und inmitten des ganzen Zuges, den das abmarſchirende Ney'ſche Corps bildete, die Ringmauern von Smolensk ver⸗ ließ. Der Himmel war düſter bezogen, kein Stern drang durch ſeine finſtern Schleier; nur der matte Schimmer der Schneedecke, welche ſich über die Gefilde breitete, warf eini⸗ ges Licht in das tiefe Dunkel. Rings Alles ſtumm und öde; das Naſſeln der wenigen Kanonen, die noch fortzu⸗ ſchaffen waren, und das Klirren der Waffen unterbrachen allein die beklommene Stille; denn der Soldat ſelbſt ließ keinen Laut vernehmen, ſondern ſchritt ſtumm und düſterer Gedanken voll durch die Schneewüſte hin. Nach einer Stunde hatte der Zug dieſer Krieger, welche die letzten Scharen bildeten, die aus dem unwirthbaren Nußland auszogen, einen dichten Fichtenwald erreicht. Plötz⸗ lich ließ ſich von hinten her ein dumpfes Krachen vernehmen und zugleich flammte ein Lichtſchein gegen die Spitzen der alten Baͤume. Alles horchte geſpannt auf, denn im erſten Augenblick glaubte man den Donner feindlicher Kanonen zu hören. 1 ½ ——8Z8Zö—ſͤͤſſſ — 4— „Es iſt nichts,“ ſprach Raſinski zu Jaromir, der neben ihm ritt; die Thürme und Mauern der Feſtung werden aufgeſprengt. Es iſt das alte Recht des Krieges, dem Feinde wenigſtens nicht zu gönnen, was man ſelbſt nicht beſitzen kann.“ Das ſchauerlich dumpfe Getöſe dauerte eine Zeit lang fort. Der Tag fing jetzt an zu grauen. Der Zug der Krie⸗ ger, der Wagen wurde allmälig ſichtbar. „Behalte die Leute unter Deiner Obhut, Jaromir,“ ſprach Naſinski,„ich will mich überzeugen, wie es unſern Verwundeten und Kranken ergeht.“ Mit dieſen Worten ritt er die Reihen entlang, bis zu den Wagen, auf denen man die Verwundeten, die noch Hoffnung zum Leben und zur Herſtellung gaben, fortſchaffte. Die übrigen hatte man der Menſchlichkeit des Feindes über⸗ laſſen müſſen. 1 Boleslaw, der von einem nicht gefährlichen Schuß in der Seite verletzt war, befand ſich nebſt einigen Kameraden des Regiments auf einem Wagen, den Raſinski's unermüd⸗ liche Fürſorge ihm verſchafft hatte. „ Nun, wie ſteht es, Freunde?“ redete Raſinski die Seinigen an und reichte Boleslaw die Hand hinüber. „So gut es kann,“ antwortete der Jüngling, der mit bleichem Angeſicht, tief in den Mantel gehüllt, den Kopf gegen die Kälte durch ein ſchwarzes Tuch verbunden, auf dem Wagen ſaß.„Haſt Du aber gar nichts ausgekundſchaftet?“ „Es war Alles vergeblich,“ erwiderte Raſinski düſter; „das unerſättliche Ungeheuer dieſes Krieges, das ſo viele Tapfere und Edle verſchlungen hat, verlangte auch dieſe Beute! Wären ſie von den Unſern geweſen, ich wollte nicht klagen! Sie ſind der ſchönen Sache ihres Vaterlandes ge⸗ fallen, würde ich tröſtend zu mir ſagen; der Kampf war 8 ihre Aufgabe, ſie mußten Blut und Leben daranſetzen, wie wir Andern auch. Dieſem fällt das dunkle Loos des Todes, Jenem das heitere des Lebens— wir ſind auf Beides gefaßt, 4 wiſſen, was unſerer wartet, und dürfen nicht klagen. Aber unſere Freunde! Nicht ihr Herz führte ſie hierher! Der Krieg, der über jedes andere Haupt ein ſchneidendes Schwert ſchwingt, ſollte über das ihre einen Schild gegen feindlich geſchärfte Pfeile und Gifte breiten. Ich bot ihnen dieſes gefährliche Obdach; doch dieſe Alles verſchlingende Charybdis des Elends und des Entſetzens hat nun auch ſie in ihre Strudel hinabgeriſſen! Es muß überſtanden werden, Bo⸗ leslaw; dazu ſind wir Männer. Ich fühle es, das eherne Rad des Schickſals geht zermalmend über unſere Bruſt; doch unſer brechender Blick ſoll kein verzagtes Herz verrathen!“ 8„Wer weiß,“ erwiderte Boleslaw ſchwermüthig,„wie bald wir wieder mit ihnen vereinigt ſind!“ „Ich hoffe nichts mehr!“ entgegnete Raſinski, der ihn mißverſtand. „Hier trennt der Tod die Kameraden nicht lange von einander, meine ich,“ ſprach der Jüngling, das Haupt lang⸗ ſam ſchüttelnd, indem er aus den großen ſchwarzen Augen einen Blick zuerſt auf die Jammergeſtalten rings um ihn her und dann in die Weite hinaus warf, als wolle er die hinſterbenden Kräfte dieſer Leidenden mit den unbegrenzten Näumen vergleichen, die ſie zu durchmeſſen hatten, bevor ſie die wirthbaren Stätten der Heimat wiederſähen. „So verſtehſt Dues? Dann haſt Du freilich Recht,“ antwortete Naſinski;„biſt Du ſo ermattet von Deiner Wunde, daß dieſe Dich an den Tod gemahnt?“ „Nein,“ erwiderte Boleslaw;„ich fühle mich beſſer. Vielleicht kann ich in wenigen Tagen ſchon wieder zu Pferd — 6— ſein. Eine kürzere Strecke könnte ich ſchon heute gehen oder reiten.“ „Nun, ſo gehab Dich wohl,“ rief Raſinski raſch und faſt rauh, weil er weich zu werden fürchtete;„ich werde Euch nicht aus den Augen laſſen, Kinder,“ ſetzte er, gegen die übrigen gewandt, hinzu. Hierauf ſpornte er ſein Pferd und ritt zu Jaromir zurück. Boleslaw, der in ſeinem ernſten verſchloſſenen Gemüth Allees tiefer empfand, als er zu äußern pflegte, war auch durch den Verluſt Bernhards und Ludwigs im Innerſten bewegt worden. Und faſt war es unmöglich, etwas Anderes als ihren Tod zu vermuthen; denn da ſie erfahren haben mußten, daß Raſinski plötzlich befehligt worden war, mit ſeinem Regiment zurück zum Ney'ſchen Corps zu gehen, hat⸗ ten ſie ſich ihm gewiß anzuſchließen geſucht, oder ihn we⸗ nigſtens in Smolensk erwartet. Es waren noch Viele in der Stadt, die ihnen hätten Auskunft geben können, unter Andern Obriſt Regnard, der mit dem Vicekönig von Ita⸗ lien die Feſtung erſt verließ, als Raſinski ſchon mit den Seinigen wieder eingerückt war. Allein an Keinen hatten ſie ſich gewandt, Niemand hatte eine Spur von ihnen entdeckt. Wären ſie aber vorwärts gegangen, hätten ſie eine Gelegen⸗ heit gehabt, auf leichteren Wegen die Heimat zu erreichen, ſo würden ſie unfehlbar Sorge getragen haben, Regnard und durch ihn Raſinski zu benachrichtigen. Die Wahrheit ihres Geſchicks war freilich Niemandem bekannt geworden; und ſo wurden ſie der unermeßlichen Zahl Derer beigeſellt, welche ſich täglich aus den Reihen ihrer Kameraden verloren. Raſinski trug den Verluſt, der ihn faſt zerſchmetterte, mit jener männlichen Kraft, wodurch er ſich über die härte⸗ ſten Schläge des Geſchicks erhob; Jaromir beneidete in ſei⸗ ner innern Zerrüttung Die, welche von der Laſt des Lebens .8 — ⸗7— befreit waren; Boleslaw empfand den tiefſten Schmerz brü⸗ derlicher Freundſchaft, aber er war es ſchon gewohnt, an verborgenen Wunden zu verbluten; ſein ſtilles Antlitz ver⸗ rieth wenig. So ſaß er denn auch jetzt düſter ſinnend und ließ ſeine Blicke über den Zug ſchweifen, der ſich im grauen Morgen⸗ nebel vor ihm verlor; die Wagenreihe mit Verwundeten bil⸗ dete den Schluß deſſelben. Ein kaum bemerkbar anſteigen⸗ der Feldrücken durchſchnitt die Straße; aber er war auf ſei⸗ nem Abhange mit Glatteis bedeckt, ſodaß die matten Pferde trotz der Flüche und Peitſchenhiebe ihrer Führer die unbe⸗ deutende Anhöhe nicht hinaufzuklimmen vermochten. So ſtopften ſich die Wagen und Kanonen, und während Reiter und Fußvolk vorüberzogen, blieben ſie zurück. Indeſſen ge⸗ lang es nach und nach Allen, das Hinderniß zu überwin⸗ den, welches jedem Spätern, da das Eis ſich ſplitterte und ſomit an Glätte verlor, leichter wurde. Schon waren die letzten Wagen, zu denen auch der Boleslaw's gehörte, faſt an der Reihe, als einer derſelben, der mit Gepäck und Frauen zu belaſtet war, trotz aller Anſtrengung der Roſſe und des Führers das Hinderniß nicht zu überwinden vermochte. Die hinter ihm Wartenden fluchten und tobten und drangen dar⸗ auf, das Fuhrwerk, welches alle andern aufhalte, zurückzu⸗ laſſen. Man würde daneben hingefahren ſein, allein ſchon hatte man die mindeſt ſteilen Punkte des Weges aufgeſucht, und ſomit würde jeder Verſuch, die Höhe an einer andern Stelle hinaufzufahren, ungleich ſchwieriger geweſen ſein. So mühten und quälten ſich denn zwei elende Pferde vergeblich, den glatten Abhang hinanzuklimmen; menſchliche Hand konnte auch nicht helfen, da nur kraftloſe Kranke und Verwundete ſich auf dem Wagen befanden, und ſelbſt die Führer zu die⸗ i gehörten. Endlich ſtürzten beide Roſſe auf der halben 1 — 8— Höhe des Hügels erſchöpft zuſammen, und da ſie den Wa⸗ gen nicht mehr halten konnten, rollte dieſer zurück und ſchleifte die Pferde mit hinab. Ein Schrei der Angſt und des Schreckens ertönte ſowol von Denen, die ſich auf dem Wagen befanden, als von Denen, auf die er hinabzurollen drohte. Doch waren nur die Erſteren in Gefahr, denn er gleitete ſeitwärts, kam mit einem Rade in ein tiefes Geleiſe, ſtieß mit dem andern gegen einen Eisblock und ſchlug kra⸗ chend um. 8 Schon hatte die eigne Noth und das Bedürfniß der Rettung das menſchliche Gefühl ſo abgeſtumpft, daß die übrigen mehr Freude darüber, das Hinderniß ihres Fort⸗ kommens aus dem Wege geräumt zu ſehen, als Theilnahme für das Schickſal ihrer Kameraden ünd der hülfloſen Frauen, die auf dem zerbrochenen Wagen geſeſſen hatten, empfanden. Dieſe aber hatten ſich ſchnell emporgerafft, und da ſie ihr Fuhrwerk unbrauchbar ſahen, eilten ſie, ihr Gepäck in den Armen, nach den nächſten Wagen, um ſich auf dieſe zu ſchwingen. Doch ſie wurden meiſt gewaltſam zurückgewieſen, da wirklich kaum die Möglichkeit vorhanden war, die Fuhr⸗ werke noch mehr zu belaſten. Als Boleslaw verwundete Krieger mit Erbitterung ab⸗ weiſen und hülfloſe Frauen mit Peitſchenhieben zurückgetrie⸗ ben ſah, ſchnitt ihm der Jammer durch das Herz. Er erhob ſich und rief:„Freunde, laßt Eure Kameraden nicht im Stich!“„Alter,“ rief er einem graubärtigen, ſchwer verwun⸗ deten Grenadier zu,„komm hierher, wir wollen Dich auf⸗ nehmen, und dagegen mag Einer von uns abwechſelnd zu Fuß gehen. Ich will der Erſte ſein, der es verſucht’⸗./) Damit ſtreckte er dem Krieger die Arme entgegen und half ihm, während er ſelbſt abſtieg, auf den Wagen. Dies Beiſpiel wirkte; man entſchloß ſich, auf jeden — 9— Wagen einen Verwundeten aufzunehmen. Doch waren nicht ſo viel Wagen als Hülfsbedürftige da, und eine junge, in Pelz dicht eingehüllte Frau mit einem etwa dreijährigen Kinde auf dem Arme, anſcheinend die Gattin eines Offiziers, wurde überall zurückgewieſen, während ihre beiden Begleite⸗ rinnen ſchon Platz gefunden hatten. Soll die Mutter ihres Kindes wegen in dieſer Einöde verſchmachten? dachte Boleslaw und ein Grauen überlief ihn. Doch noch kälter packte ihn der Schauder an, als er jetzt die Unglückſelige das Kind plötzlich in den Schnee ſchleudern und, von der Laſt befreit, allein auf den nächſten Wagen vor ihm zuſtürzen ſah.„So nehmt mich denn allein auf,“ rief ſie mit durchdringendem Ton der Angſt;„ſo rettet Ihr wenigſtens ein Leben!“ Dieſe unnatürliche That einer Mutter aber erfüllte ſelbſt die an jedes Elend und Grauſen des Krieges gewöhnten Männer mit einem ſchaudernden Gefühl. Boleslaw ſprang auf das weinende Kind, das in den tiefen Schnee faſt ver⸗ ſunken war, zu und hob es empor. Doch wie durchzuckte es ſeine innerſte Bruſt, als er in dem kleinen Weſen Ali⸗ ſettens Pflegling und in der im jammervollen Wahnſinn um Rettung Flehenden dieſe ſelbſt erkannte. „Allmächtiger Gott,“ rief er entſetzt aus;„das iſt deine waltende Vergeltung!“ Durch die That der Unglückſeligen war das Gefühl des Erbarmens und des Mitleids in den Kriegern völlig erlo⸗ ſchen. An ihre Stelle trat die rohe Freude, einen empören⸗ den Frevel ſogleich rächen zu können. „Bringt uns das Kind, das arme Kind, das wollen wir retten,“ rief ein Chaſſeur von dem Wagen herab, auf den Aliſette vergeblich zu klimmen ſuchte, indem er zugleich mit hartem Fauſtſchlage die Unglückliche zurücktrieb. Boles⸗ 1**½ — 10— law folgte dem Zuruf, faſt ohne zu wiſſen, was er that. Der Chaſſeur ſtreckte ihm die Hände entgegen, er reichte das kleine Weſen hinauf, und der wild ausſehende bärtige Krie⸗ ger nahm es in ſeinen Arm und herzte und küßte es freund⸗ lich. Aliſette war indeſſen in wahnſinniger Angſt auf den nächſten Wagen zugeſtürzt und verſuchte dort das Mitleid durch Händeringen und Weinen rege zu machen. Doch der Abſcheu gegen ſie hatte ſich aller Herzen bemächtigt, und mit rauher Stimme rief ihr ein ergrauter Sergeant entgegen: „Fort, Rabenmutter! Laufe zu Fuß durch den Schnee!“ „O erbarmt Euch meiner Jugend,“ jammerte Aliſette und warf ſich auf die Kniee in den Schnee nieder und rang die Hände verzweiflungsvoll. Jetzt näherte ſich ihr Boleslaw, berührte ſie an der Schulter und ſprach ernſt, aber ſanft:„Faſſung, Aliſette, tragen Sie Ihr Schickſal mit Geduld. Die Beſchwerde iſt zu überwinden; ich werde Sie leiten und unterſtützen, ſo viel ich vermag!“ Die Unglückliche, die noch immer auf den Knieen lag, hatte ihn während dieſer Worte mit halb irren Blicken ſprachlos angeſtarrt; erſt nachdem er geredet, ſchien ſie ihn zu erkennen.„Wie?“ rief ſie mit verwilderten Zügen.„O, Ihr konntet ſo demüthig bitten um ein Lied in guten Tagen! Und jetzt wollt Ihr mich der namenloſen Marter preisge⸗ ben! Ich ſoll in dieſer Wildniß verſchmachten!“ Bei dieſen Worten ſprang ſie heftig auf und ſtürzte wiederum auf den Wagen zu, wo das Kind zitternd, an die Bruſt des Chaſſeurs geſchmiegt, ſaß. Ehe man ihre That nur ahnen konnte, riß ſie das unſchuldige Weſen wieder herab, ſchleuderte es zum zweiten Mal auf den Boden und rief:„Laßt es hier, es weiß noch nicht, wie ſchön das Leben, wie furchtbar der Tod hier iſt; mich rettet, mich, ich weiß, * — ——ᷣ˖O⏑O⏑—ͦ—ÿ—;;ᷣ: —— — — 11— wie ſchön die Welt iſt, denn ich habe beſſere Tage geſehen!“ Mit dieſen Worten wollte ſie ſich mit krampfhafter Anſtren⸗ gung an den Wagen hinaufſchwingen und achtete ſogar die rauhen Stöße und Schläge der männlichen Fauſt des Chaſ⸗ ſeurs nicht.„Fort, Du giftige Natter!“ rief dieſer ergrimmt; „fort, Du Schlange! Wer Dich aufnähme, lüde ſich den Zorn Gottes auf. Du magſt hier von den Wölfen zerriſſen werden, Du, ärger als eine Wölfin.“ Zugleich brach er ihr mit übermächtiger Kraft, und von ſeinem Nachbar unter⸗ ſtützt, gewaltſam die angeklammerten Hände los und ſchleu⸗ derte ſie zurück, daß ſie betäubt auf den harten Boden ſtürzte. Boleslaw hatte indeſſen das weinende, jetzt auch von dem harten Falle blutende Kind zum zweiten Mal in die Arme genommen und reichte es dem alten Krieger von Neuem dar. Als er Aliſetten wie zerſchmettert, mit aufge⸗ löſten Haaren rücklings auf dem Boden liegen und ſie das irre Auge und die bebenden Hände kraftlos zum Himmel richten ſah, erſchien ihm ihr Jammer doch noch größer als der Wahnſinn ihres Verbrechens. Er näherte ſich ihr und hob ſie empor. Als ſie von ihrer Betäubung zu ſich kam und inne wurde, daß es abermals Boleslaw war, der ihr mit männlicher Sanftmuth Faſſung einſprach, warf ſie ſich außer ſich vor Angſt vor ihm nieder, umklammerte ſeine Kniee und rief:„Ihr müßt mich retten! Ihr könnt mich nicht dem Entſetzen preisgeben! Ich laſſe Euch nicht, bis Ihr mir ſchwört, mich zu retten!“ Sie hielt ſeine Füße ſo feſt umſtrickt, daß er, durch ſeine Wunde geſchwächt, ſich nicht loszureißen vermochte. Vergeblich rief er ihr zu, ſich zu faſſen und außuſtehen; in ihrer Betäubung hörte ſie kein Wort mehr. Indeſſen rück⸗ ten die Wagen allgemach vorwärts; zwei waren die glatte Anhöhe ſchon hinauf, der, auf welchem Boleslaw ſeinen 4 — 12— Platz hatte, kämpfte eben mit den Schwierigkeiten; nur vier waren noch zurück und hielten ſtill. Es wurde die höchſte Zeit, daß Diejenigen, die ſich erboten hatten, aus Mitleid abwechſelnd kürzere Strecken zu Fuß zu gehen, ihren Weg fortſetzten. Theils, um ſich an den Offizier anzuſchließen, da eine höhere Stellung immer Vertrauen erweckt, theils durch das Schauſpiel, was ſich vor ihnen begab, angezogen, hat⸗ ten fünf bis ſechs dieſer Krieger ſich Boleslaw genähert. Da dieſer jetzt von der Verzweifelten ſo feſtgehalten wurde, daß er ſich nicht loszumachen vermochte, ſo griffen ſie zu und riſſen die Unglückliche mit Gewalt von ihm hinweg. und ſchleuderten ſie in den Schnee zurück.„Vorwärts, mein Herr Offizier,“ rief ein junger Soldat;„vorwärts, ſonſt bleiben wir hinter den Wagen zurück. Das Frauenzimmer hat ja geſunde Füße, ſie kann beſſer fortkommen als wir; kommt! kommt!“ Damit ergriffen ihn der junge Krieger von der einen Seite und ein Dragoner von der andern beim Arm und führten ihn fort. Bei ſeiner geſchwächten Kraft hatte ihn dieſer heftige Auftritt, der ſein ganzes Innerſte auf ſo vielfache Weiſe in Bewegung ſetzte, ſo angegriffen, daß er ſich kaum auf den Füßen zu halten vermochte. Doch wandte er ſich noch einmal zurück und rief der in Alles aufgebender Verzweiflung am Boden liegenden Aliſette zu: „Raffe Deinen Muth zuſammen, Unglückliche, und trage, was das Schickſal Dir verhängt.“ Doch ſie war taub für die vernünftigen Worte, die Maäͤßigung, Geduld, Entſchluß von ihrer in ſinnlicher Er⸗ ſchlaffung untergegangenen Seele forderten. Zwar mit einem ahnungsvollen Grauen, aber doch durch den Wahnſinn ver⸗ blendet und getäuſcht, der ſeine Augen vor der Möglichkeit eines düſtern Verhängniſſes gewaltſam ſchließt, hatte ſie das Unheil dieſes Krieges um ſich her von Tage zu Tage wach⸗ — —— 1 — 13— ſen ſehen. Daß es endlich auch ſie unerbittlich erreichen werde, hatte ſie als ein ſo unerhört unmögliches Anſinnen des Geſchicks betrachtet, daß ihr jetzt, wo dieſer Augenblick gekommen war, Kraft und Faſſung verſagte. Noch nichts wäre verloren geweſen, wenn ſie nicht in der, freilich harten Nothwendigkeit, ſtrenge Beſchwerden zu tragen, ſchon den völligen Untergang geſehen hätte. So richtete ſie ſich ſelbſt zu Grunde. Über Das, was ſie aufgeben mußte, hatte ſie allen Blick für Das, was ihr blieb, verloren; die furchtbare Ne⸗ meſis einer unſittlichen Geſinnung, die vom Leben nur Ge⸗ nuß wollte und mit allen Kräften und allen Mitteln nur dieſem nachgeſtrebt hatte, traf jetzt ihr Haupt mit zermal⸗ mender Gewalt. Auf Tage ernſten Duldens war ſie nicht bereitet; hier brach ſie gänzlich kraftlos zuſammen und ver⸗ mochte nichts als zu jammern und zu freveln. So erhob ſie denn auch jetzt die Stimme zu tief in die Seele ſchneiden⸗ den Lauten des Jammers.„Hülfe, Erbarmen, Rettung!“ rief ſie auf die Kniee geworfen, und gewann nicht die Kraft, ſich ſelbſt durch den Entſchluß zu retten, die Miühſeligkeit ſo lange zu ertragen, als ſie es vermochte. Erſt, als der letzte Wagen ſich nun auch in Bewegung ſetzte, und die Pferde unter wildem Rufen und Peitſchenhieben, was die Kraft ih⸗ rer Sehnen vermochte, den Eisabhang hinanklimmten, da erſt, als das Grauſen, ſich ganz allein zu ſehen, ſie über⸗ gewaltig faßte, raffte ſie ſich auf und ſtuͤrzte, einer Wahn⸗ ſinnigen gleich, mit aufgelöſten Haaren den Davonziehenden nach. In ihrer Raſerei wollte ſie ſich an den letzten Wagen klammern, doch die Krieger, die ſchon fürchteten, daß ihre Pferde das Hinderniß nicht bezwingen könnten, trieben ſie mit ihren Waffen zurück und verſetzten ihr Wunden und blutige Quetſchungen. Von der Todesangſt getrieben, packte ſie jetzt das in der Kälte und auf der glatten Bahn ſtockende 8 Hinterrad des Wagens und ließ ſich hinaufſchleifen; doch weil dieſe Laſt die Kräfte der ermüdeten Thiere noch mehr beiud, ſo zog ein verwundeter Küraſſier, der auf dem Wa⸗ gen lag, das Piſtol heraus und drohte ihr, ſie niederzu⸗ ſchießen, wenn ſie nicht loslaſſe. Da ſanken ihr, von dem plötzlichen Schrecken gelähmt, die Hände kraftlos zurück, und ſie blieb winſelnd und jammernd im Wege liegen. So ſah ſie Boleslaw, als er einen letzten Blick zurückwandte; er kämpfte unentſchloſſen mit ſich ſelbſt, ob er ſich noch ein⸗ mal zu ihr wenden ſollte, doch die Kameraden zogen ihn gewaltſam fort, und der junge Soldat, der ihn führte, rief: „Laßt ſie, laßt ſie; die Mutter, die ihr Kind umbringen wollte, darf man nicht anrühren, ſonſt zieht man den Fluch des Himmels auf ſich. Laßt ſie, es trifft ſie die gerechte Strafe.“ Bald hörte Boleslaw nur noch das herzzerreißende Jam⸗ mergeſchrei der Unſeligen, bis der Sturmwind, der ſich rauh erhob und düſtere Schneewirbel aufjagte, es übertönte. Zweites Capitel. Bei Korithnia ereilte die Nacht das Heer; man bezog den Bivouac, oder richtete ſich in den Trümmern des elen⸗ den Ortchens ein. Raſinski hatte, wie immer, durch uner⸗ müdliche Sorgfalt, durch ſein Anſehen, ſeine Gewandtheit noch ſo viel für die d inigen gewonnen, daß ſie für die Umſtände ein glückliches Loos zogen. Aber kaum hatten ſier ſich an den Lagerfeuern eingerichtet, als ein donnerndes Ge⸗ 8 — 15— töſe ganz in der Nähe erſchallte, und plötzlich eine Maſſe von Kugeln ſauſend über ihre Häupter dahinfuhr. „Wir ſind angegriffen,“ rief Raſinski und ſprang auf; „zu den Waffen Freunde, ſchnell zu Pferde!“ Im Augenblick ſaß er ſelbſt zu Roß und fing ſchon an, ſeine Leute zu ordnen, als der Marſchall Ney im vollen Galopp heranſprengte und ihn anrief: „Obriſt, recognosciren Sie mit Ihren Leuten die linke Flanke des Lagers und melden Sie mir ſofort, wenn Sie auf den Feind ſtoßen.“ Der Marſchall ritt weiter, mitten in das Lager hinein, und ordnete und ſammelte die beſtürzten Leute. Raſinski, an der Spitze ſeiner kleinen, aber entſchloſſenen Mannſchaft, ritt in die düſtere Nacht hinaus, um den Feind, der ſich ſo furchtbar angekündigt hatte, aufzuſuchen. Es befremdete zwar, daß ſeine Artillerie nur eine Salve gegeben hatte und nun ſo plötzlich ſchwieg, doch war der Kampf bei die⸗ ſem Rückzuge, der in Nacht, Wald und unwegſamen Schnee⸗ einöden geführt wurde, ſo reich an ſeltſamen Ereigniſſen daß man jeden Tag etwas bisher in der Geſchichte des Kriegs Unerhörtes erfuhr. Auf eine Anhöhe dicht am Lager gelangt, glaubte Ra⸗ ſinski auf dem weißen Schneegrunde einige ſchwarze Maſſen zu erblicken.„Iſt das Waldgebüſch, oder ſind es Leute?“ fragte er zu Jaromir gewandt. „Noch läßt ſich nichts unterſcheiden,“ erwiderte dieſer. „Darauf los denn, in Gottes Namen,“ befahl Raſinski und ritt näher. Bald aber ſenkte der Boden ſich in eine Schlucht hinab, deren ſteilen Rand man nicht hinunterreiten konnte, man mußte alſo dem Laufe derſelben folgen. Da brauſten plötzlich wie ein aufgeſcheuchtes Geflügel etwa funf⸗ zehn bis zwanzig Koſacken aus einer Windung der Schlucht — — 16— herauf und ſprengten mit ihren kleinen behenden Pferden jenſeits die minder ſteile Höhe hinan. Mehr um ſie zu ſchrecken, als weil man ihnen Schaden thun konnte, ließ Naſinski Feuer auf ſie geben; ſie flogen flüchtig uͤber das Feld und verſchwanden im Dunkel. Wenige Minuten ſpäter geriethen auch jene ſchwarzen Maſſen auf dem Schneefelde in Bewegung, und man erkannte, daß es wahrſcheinlich eine größere Abtheilung von Koſacken war, die ſich auf die Nach⸗ richt, die jene Verſprengten ihnen von dem Anrücken des Feindes gaben, zurückzog. Mit Vorſicht führte Raſinski die Seinigen jetzt an einer minder gefährlichen Stelle hinab. Hier entdeckte er bald die Urſache des Getöſes, welches man für einen Artillerieangriff gehalten hatte. Man fand nämlich eine Anzahl Kanonen und Protzkaſten vor mit Munition, jedoch vernagelt, die aus Mangel an Fortſchaffungsmitteln ſtehen geblieben waren. Etwas weiterhin entdeckte man die Trümmer aufgeſprengter Geſchütze und Pulverkarren. Wahrſcheinlich hatten die eben gefluͤchteten Koſacken mehrere dieſer Karren angezündet und waren bei dem Verſuche, die übrigen aufzuſprengen, nur durch Raſinski's Ankunft geſtört worden. Raſinski war froh, die wahre Urſache des blinden Lär⸗ mens entdeckt zu haben, und wollte daher elig mit ſeinen Leuten zurück, um dem Marſchall die Meldung zu machen. Doch indem er in der Schlucht entlang ritt, ſah er, etwa dreißig Schritt vor ſich, einen Mann in vollem Lauf oben auf der Höhe ihres Randes dahineilen. In der Meinung, es ſei ein Ruſſe, rief er ihn in der Landesſprache an und befahl ihm zu ſtehen. Der Flüchtige ſtutzte, wandte ſich jedoch raſch wieder zur Flucht um; allein da die Schlucht an dieſer Stelle leicht hinanzureiten war, ſprengten Ra⸗ ſinski und Jaromir ſofort hinauf, und zwei Reiter folgten — 17— ihm, um den Ruſſen, der vielleicht über die Stärke und Nähe des Feindes wichtige Auskunft geben konnte, nicht ent⸗ ſchlüpfen zu laſſen. Er floh in voller Haſt, doch nach we⸗ nigen Schritten ſank er in dem tiefen Schnee ermattet nie⸗ der und wurde von den Verfolgenden ergriffen. Zum gro⸗ ßen Erſtaunen Naſinski's rief der Gefangene, indem er ſich ergab, aus:„Spricht Jemand franzöſiſch unter Euch?“ „Der Teufel, dieſe Stimme ſollte ich kennen,“ entgeg⸗ nete Raſinski franzöſiſch;„wer ſeid Ihr?“ „Naſinski, Ihr ſelbſt? Iſt's möglich?“ rief der Gefan⸗ gene und ſtreckte ihm freudig die Arme entgegen;„ich bin Regnard, erkennt Ihr mich nicht?“ „Regnard! Wie in aller Welt kommt Ihr hierher?“ fragte Raſinski mit freudigem Erſtaunen. „Die Geſchichte iſt kurz und faßlich, aber nicht erbau⸗ lich,“ erwiderte Regnard;„und Ihr ſollt ſie ausführlicher hören, als Euch freuen wird, doch rathe ich Euch, nicht hier zu verweilen, ſondern einen ſicherern Ort aufzuſuchen, wenn es einen gibt. Denn im Vertrauen geſagt, es ſind mehr Nuſſen hier in der Nähe als Bäume in dieſen Fich⸗ tenwäldern. Aber wie kommt Ihr hierher?“ „Mit dem Marſchall Ney aus Smolensk,“ antwortete Raſinski,„unſer Bivouac iſt keine fünfhundert Schritt von hier.“. „So laßt uns eilen, ihn zu erreichen. Im Gehen werde ich erzählen.“ Jaromir bot dem Obriſten ſein Pferd an, doch dieſer lehnte es ab und ſchritt zwiſchen ihm und Raſinski raſch vorwärts dem Bivouac zu. „Ihr wißt,“ begann er,„daß ich mit dem Vicekönig von Italien aus Smolensk ausrückte. Geſtern wurden wir drei Stunden von hier von den Ruſſen angegriffen, und ich — 18s— gerieth in Gefangenſchaft. Die Koſacken trieben mich mit der Knute vor ſich hin, bis ich einen ruſſiſchen General an⸗ traf, dem ich auf Franzöſiſch zurief, er möge mich von die⸗ ſer infamen Mißhandlung befreien. Die Beſtie aber lachte hell auf und meinte, die Knute der Koſacken mache ſo we⸗ nig Unterſchied zwiſchen Rang und Stand des Soldaten wie die Kanonenkugeln; ich möchte mich daher in mein Schick⸗ ſal ergeben.“ Raſinski knirſchte vor Zorn mit den Zähnen.„Dieſe Henkersknechte,“ rief er ingrimmig aus;„freilich ſie, die ſelbſt unter dem Geſetz der Peitſchenhiebe und der Fußſtöße ſtehen, können die Ehre eines tapfern Gegners nicht achten. Weiter, weiter!“ „Man hätte mich wol gern auf den Schub gebracht, nach Tobolsk oder Irkuzk hin, allein zum Glück oder Un⸗ glück waren zu wenige Gefangene gemacht worden, um den Transport zu lohnen; ſo wurde ich von den Koſacken, denen ich in die Hände gefallen war, mit herumgeſchleppt. Vor zehn Minuten hatte ein Rudel dieſer Kerle hier eine von uns im Stich gelaſſene Batterie aufgeſprengt, muß aber da⸗ bei von Euch oder Andern geſtört worden ſein; denn die Helden kamen, was ihre kleinen Katzen nur durch den Schnee laufen wollten, bei dem Pulk, welches droben am Walde hält, an und meldeten, der Feind ſei da und ziehe heran. Der Koſack iſt aber nur tapfer gegen einen flüchtigen, er⸗ matteten, wehrloſen Feind. Zeigt man ihm das Angeſicht, ſo flüchtet er in größter Schnelligkeit. Das thaten auch die Leute dort oben, und ſo benutzte ich einen Augenblick der Verwirrung, um mich zu ranzioniren. Da fiel ich Euch in die Hände! Nun, Euer Gefangener, Naſinski, bleibe ich; Ihr dürft nicht bange ſein, daß ich Euch entwiſche.„ „Aber Ihr erwähntet eines Gefechts, das der Vicekönig — 19— beſtanden? Wie verhielt es ſich damit?“ fragte Raſinski beſorgt. „Ich ritt,“ begann Regnard ernſter,„an der Seite des Prinzen; wir überließen uns unſern düſtern Gedanken, die durch die traurige Umgebung ringsher immer neu erweckt wurden. Etwa zwei Stunden von Krasnoe ſtutzen plötzlich die zerſtreuten aber zahlreichen Soldaten, die außer Reihe und Glied, ihrer Willkür überlaſſen, um uns her marſchi⸗ ren. Sie drängen ſich aufeinander, ſie bilden eine Maſſe. Jetzt werden wir aufmerkſam. Da krönen ſich plötzlich die Höhen vor uns mit ſchwarzen Maſſen, und mit Schrecken ſehen wir ungleich überlegene Streitkräfte zwiſchen uns und der Heimat ſich aufſtellen, die uns mit ehernen Riegeln den Ausweg aus den Schneewüſten Rußlands zu verſperren drohen. Doch was jedes Soldatenherz noch mehr erſchüttern mußte, dieſe unüberſteigliche Mauer thürmte ſich zwiſchen uns und unſern großen Kaiſer, für den Vicekönig zwiſchen Vater und Sohn auf. Jetzt erſt bemerken wir, daß der raſchere Schritt unſerer Pferde uns unſerm Corps um eine Stunde vorausgeführt hat, und die Straße nur von abge⸗ zehrten, kraftloſen, unbewaffneten Flüchtlingen ringsumher wimmelt. In demſelben Augenblick reitet ein ruſſiſcher Par⸗ lamentair heran und fordert uns auf, uns zu ergeben. Zwanzigtauſend Ruſſen ſperren Euch den Weg, ruft er, funfzig Kanonen ſind bereit, Euch zu zerſchmettern; der Kai⸗ ſer mit ſeiner Garde iſt gänzlich geſchlagen, vielleicht in die⸗ ſem Augenblick ſchon gefangen.— Ich ſehe den Unwillen des Vicekönigs, dem die Sprache zu einer Antwort auf dieſen Antrag verſagt. Daher rufe ich heftig:„Fort mit Euch! Habt Ihr zwanzigtauſend Mann, ſo haben wir achtzigtau⸗ ſend. Ein franzöſiſcher Feldherr ergibt ſich nicht vor der Schlacht.“ Der Muſſe reitet zurück. Es vergehen nicht zwei . — 20— Minuten, ſo ſind die Höhen vorwärts und zur Seite mit Batterien gekrönt. Plötzlich blitzt es und eine düſtere Dampf⸗ wolke ſteigt über den weißen Schnee auf, als wenn rings die Schlünde des beeiſten Hekla gähnten; ein Hagel von Kartätſchen und Granaten ſchmettert auf uns nieder. Die waffenloſen Flüchtlinge drängen ſich zuſammen wie eine ſcheue Heerde, in die der Wolf bricht. Der Vicekönig iſt außer ſich, von ſeinem Corps getrennt zu ſein; er fühlt, daß er ſich an die Spitze deſſelben ſtellen müſſe und kann ſich doch nicht entſchließen, die hülfloſe Schar um uns her zu verlaſſen. Doch ſein Generalſtabschef, General Guilleminot, treibt ihn an, zurückzueilen, indeſſen wir die entmuthigten Leute um uns her auffordern, ſich zu ſammeln und Widerſtand zu leiſten. Unter den Zerſtreuten waren eine Menge Offtziere, Obriſten, ja ſelbſt Generale, die alle zu Fuß gingen. Sie übernehmen raſch das Commando der im Augenblick gebil⸗ deten Compagnien; der General wird Capitain, der Obriſt ſein Lieutenant, der Offizier tritt als Gemeiner in Reihe und Glied. Jeder behilft ſich mit der Waffe, die ihm geblie⸗ ben iſt; Wenige haben Gewehre, die Meiſten nur noch das Seitengewehr zum Holzſpalten im Bivouac, Viele gar nur einen Knüttel, an dem ſie eben noch ihren abgematteten Körper mühſam fortſchleppten. Aber der Muth, das ent⸗ flammte Ehrgefühl erſetzt Alles. So rücken wir, während der Vicekönig zurückeilt, entſchloſſen gegen den Feind an. Eine Stunde ertragen wir ſein zerſchmetterndes Kartät⸗ ſchenfeuer; vergeblich harren wir darauf, daß der Vicekönig ſich mit den Seinigen bis zu uns durchſchlagen und uns Bahn nach Krasnoe brechen ſoll. Er mußte gleichfalls von mächtigen Feinden angegriffen ſein, denn wir hörten hinter uns und weit vor uns den Donner der Kanonen. Von Smolensk bis Krasnoe ſchien der Weg ein Schlachtfeld zu 8 8 ſein. Da endlich, als wir vorwärts kein Heil mehr für uns ſehen, beſchließen wir, uns rückwärts zu dem Vicekönig Bahn zu machen, von dem dichte Colonnen uns ſchon abzuſchnei⸗ den begannen. Wir rotten uns in Maſſen zuſammen, und nehmen unſern Weg zurück wieder in die Ode des furcht⸗ baren Altrußland hinein. Der dicht an den großen Weg herangerückte Feind begreift Anfangs das Unternehmen nicht; er ſtutzt und läßt uns halb vorüber, ruft uns, da wir an ſeinen Linien vorbeieilen, zu, uns zu ergeben. Wir hören nicht; Denen, die uns nahen, antworten nur Flintenſchüſſe und Bajonettſtöße. Da bricht die Wuth der Feinde grim⸗ mig aus. In gleichem Augenblick geben zehntauſend Mann und dreißig Kanonen Feuer auf uns, und die Hälfte unſe⸗ rer Tapfern liegt zerſchmettert und röthet den Schnee mit ihrem Blut. Die Andern aber rücken unaufhaltſam, ge⸗ ſchloſſen vorwärts; kaum ein Blick ſagt den gefallenen Ka⸗ meraden Lebewohl. Die Donner des Feindes krachen hinter uns her, ſeine Kugeln reißen ganze Reihen fort. Dennoch gelangt eine kleine Schar endlich bis zu den Freunden, die ſie mit offenen Armen empfangen. Auch ich glaubte das Ziel glücklich gewonnen zu haben; da führt der Teufel ein Pulk Koſacken hinter uns drein, die ſich jetzt erſt heranwa⸗ gen und die einzelnen Nachbleibenden zu Gefangenen machen. So gerieth auch ich in ihre Gewalt— und das übrige wißt Ihr.“ 1 4 „Wir freuen uns, es von Euch ſelbſt gehört zu haben,“ ſprach Raſinski und reichte ihm die Hand.„Aber der Vice⸗ könig? Sein Schickſal kennt Ihr nicht?“ „Doch, doch, Naſinski; wäre er verunglückt, ich würde nicht von mir zuerſt geſprochen haben. Er ſchlug ſich den Tag über wie ein Löwe— nun Ihr werdet vielleicht die Spuren ſehen. Endlich nahm ihn die Nacht in ihren Schutz. * 3 3. — 22ñ— Sei es, daß die Ruſſen ihn heute ſchonen wollten, denn bei Gott! wir verkauften unſer Leben nicht wohlfeil; ſei es, daß ſie ihres Triumphs zu gewiß zu ſein glaubten, allein ſie machten keinen entſcheidenden Angriff, um die Sache zum Schluß zu führen, ſondern begnügten ſich, alle Stellungen und Ausgänge beſetzt zu halten. Aber am Morgen war das Neſt dennoch leer, und die Sonne ging grade zeitig genug auf, um den Ruſſen zu zeigen, wie die tapfere Schar, ſchon außer der Möglichkeit, erreicht zu werden, auf Krasnoe anrückte. Ich ſelbſt ſah ihre Bajonnette im Mor⸗ genſonnenglanz leuchten, und— lacht mich nur aus ins Teufels Namen— aber ich ſprach wahrhaftig ein Dankge⸗ bet, wie ich's ſeit meinen Knabenjahren nicht gethan.“ „Doch wie war der Marſch möglich?“ fragten Raſinski und Jaromir aus einem Munde. „Diesmal danken wir's Euch, den Polen,“ antwortete Regnard bewegt;„und wenn Frankreich ein Gedächtniß hat, ſo wird es ſich, ſo lange es Franzoſen und Polen gibt, daran erinnern, daß es Euch die Köpfe eines ganzen Armee⸗ corps ſchuldet, und überdies den des tapferſten und menſch⸗ lichſten Feldherrn, der jemals franzöſiſche Soldaten ins Pener geführt hat.“ Raſinski war auf's Außerſte geſpannt. „dört zu! Es iſt Wahrheit, denn mir hat es ein ſter⸗ bender Landsmann geſagt, der leider nur den halben Weg der Rettung zurücklegen konnte. Es war Nacht geworden. Der Vicekönig gab ſich ver⸗ loren. Doch wollte er noch den verzweifelten Verſuch ma⸗ chen, den Feind zu umgehen. Da dieſer, durch des Prinzen Demonſtrationen bewogen, ſeine größte Kraft auf die linke Seite des Weges concentrirt hatte, beſchloß der Feldherr, ihn auf ſeinem linken Flügel, nämlich auf der rechten Seite der — 23— Straße, zu umgehen. Leiſe bricht er mitten in der Nacht auf, läßt aber ſeine Feuer zurück. Mit angehaltenem Athem und behutſamem Schritt zieht er ſich durch die Schneefelder an der langen ruſſiſchen Linie dahin. Da tritt der Mond, als ob in dieſem Lande uns alle Kräfte der Natur feindlich geſinnt wären, urplötzlich hinter ſchwarzen, düſtern Wolken hervor und beleuchtet die Schneefläche mit vollem Glanz. Die Unſrigen ſehen die Ruſſen ſo deutlich vor ſich, daß ſie auch von dieſen ſo klar wie am hellen Tage bemerkt werden müſſen. Selbſt dem Tapferſten fällt hier der Muth. Eine ruſſiſche Schildwache ahnet, was vorgeht; ſie ruft an. Und jetzt war Frankreichs edelſter Feldherr, der Stolz des Heeres, jetzt waren die tapferſten Krieger unwiederbringlich verloren, wenn nicht ein Pole ſie rettete. Obriſt Kliski—“ „Ha! wackerer Landsmann!“ unterbrach Raſinski den Erzähler mit leuchtenden Augen, denn er ahnete bereits den Zuſammenhang. „Obriſt Kliski ſprengt, ohne ſich einen Augenblick zu beſinnen, vor und ruft dem Ruſſen mit gedämpfter Stimme zu:„„Wahnſinniger! Wirſt Du ſchweigen! Siehſt Du nicht, daß wir von Ouwarow's Corps ſind und uns dem Feinde in den Rücken ſchleichen?““ Der Soldat, der ſeine Landesſprache hört, ſteht gefeſ⸗ ſelt ſtill. Mehrere Kameraden, auch einige Offiziere, die die Worte gehört haben, treten näher und bieten einen guten Abend. Kliski hält ſtill, ſpricht mit ihnen leiſe aber freund⸗ ſchaftlich, erſucht ſie, die Koſacken zurückzuhalten, damit ihr Vorwitz kein Unheil anrichte, und wartet ſo, mitten unter den Feinden, bis er ſieht, daß die Unſrigen freie Bahn ge⸗ wonnen haben. Jetzt ſprengt er ihnen nach, und in der nächſten Stunde iſt die Rettung vollendet.“ Naſinski hatte männliche Thränen der Freude im Auge, — 24— als er die That des Landsmanns hörte.„Braver Kliski,“ ſprach er nochmals,„Du warſt von jeher der Stolz Polens! Du wirſt es auch für ferne Jahrhunderte bleiben!“ „Ja, Frankreich ſchuldet Euch einen großen Dank, Ihr Polen,“ fuhr Regnard fort;„es wäre der Verachtung werth, wenn es deſſen nicht ewig gedenken, und Euch vergelten wollte, wenn's die Zeit herbei⸗ führt.“ „Von wem habt Ihr aber den Bericht?“ fragte Raſinski. „Vom Capitain Lebrun,“ erwiderte dieſer,„vom vier⸗ zigſten Regiment; ein braver Junge, dem es hätte beſſer er⸗ gehen ſollen.“ „Ich kenne ihn,“ ſprach Jaromir nicht ohne Bewegung; „er bivouakirte in Moskau dicht an unſerm Quartier, wir machten noch am erſten Abende einen Spaziergang zuſam⸗ men durch die Stadt. Und er iſt geblieben?“ „Er war am Tage verwundet worden,“ fuhr Regnard nicht ohne Bewegung fort;„doch ſtrengte er ſich aufs Au⸗ ßerſte an, um den Rettungsmarſch zu vollenden. Das Heer war ſchon in Sicherheit, als ihn die Kräfte verließen, er blieb zurück und wurde von ſchwärmenden Koſacken aufge⸗ hoben. Der Zufall führte uns zuſammen; er erzählte mir, was geſchehen war. Die hündiſche Behandlung, die er er⸗ fuhr— denn gefüttert hat man uns auch nicht— der Blut⸗ verluſt— kurz es wurde ihm zu viel. Nun liegt er ſtill auf dem kalten Schnee, wie ſo viel Tauſende von uns. Einer mehr — wer fragt danach! Aber— es war doch ein braver Junge!“ So ſehr Regnard ſich bemühte, den trocknen, kurzen Ton ſeiner Redeweiſe beizubehalten, ſo mußten doch Diejeni⸗ gen, die ihn näher kannten, die Beimiſchung von Rüh⸗ rung, der er ſich nicht erwehren konnte, auffallend genug bemerken. Aber die Zeit war danach, auch die Härte⸗ 4 3 — 25— ſten zu erweichen und dem Kälteſten heiße Thränen zu er⸗ preſſen. Indeſſen hatte man den Bivouac wieder erreicht. Ja⸗ romir in tiefen, düſtern Gedanken, denn die Erinnerung an Lebrun rief ihm alle Ereigniſſe jenes Tages, der ſo verhäng⸗ nißvoll für ihn wurde, wieder mit erneuter Lebhaftigkeit vor die Seele zurück. Selbſt die grauſenvollen Gemälde des Ent⸗ ſetzens, die er jetzt täglich rings um ſich her ſah, hatten nur bleiche Farben gegen jene Bilder der glühenden Erinne⸗ rung. So iſt alles Leiden und alles Glück des Menſchen im Innerſten ſeiner Seele gegründet, und kein äußeres Er⸗ eigniß vermag ſich ſo tief in ſeine Bruſt zu prägen, als die ſelbſtbereiteten Qualen oder Freuden darin eindringen. Ali⸗ ſettens Schickſal kannte er indeſſen noch nicht, denn der ſchonende Boleslaw hatte es ihm verſchwiegen, weil er wußte, wie es ihn erſchüttern mußte. Naſinski und Regnard begaben ſich zum Marſchall Ney, um dieſem Bericht abzuſtatten. Der Feldherr hörte mit äußerſter Spannung, was ihm Regnard von den Ereigniſſen des vorigen Tages berichtete. Er forſchte genau nach der Stärke und den muthmaßlichen Abſichten des Feindes; die Antworten konnten nicht beruhigend ausfallen. „Ich ſehe einen heißen Tag vor uns; aber es wird ein Tag der Ehre ſein,“ ſprach er mit dem entſchloſſenen, ruhi⸗ gen Ton des Helden;„doch gönnen wir dem Krieger heut ſeine Ruhe; er wird es morgen zeitig genug erfahren, daß er nicht nur mit allen Schrecken der Natur, ſondern auch mit einem überlegenen Feinde zu kämpfen hat. Ich hoffe, wir werden Beide beſiegen. Zwei Stunden nach Mitternacht wollen wir fort.“ So entließ der Marſchall Raſinski und Regnard. Am Wachtfeuer fanden ſie Jaromir und Boleslaw, die IV. 2 — 26— einzigen noch übrigen Offiziere des Regiments. Regnard fragte nach Ludwig und Bernhard. Ein düſterer Blick Ra⸗ ſinski's ließ ihn nicht an ihrem Schickſal zweifeln.„Alſo auch todt!“ ſprach er und ſchüttelte das Haupt.„Dieſer mit Eis gepanzerte Boden iſt blutgieriger als ein Vampyr!“ Jaromir verſuchte, indem er erzählte, was man von den beiden Verſchwundenen wußte, noch einmal die Hoffnung für ſie rege zu machen; doch Naſinski, ſonſt immer noch voller Muth und Vertrauen, wo Andere ſchon längſt Alles verloren gaben, wies jeden Troſt dieſer Art zurück.„Hier hoffe ich nichts für mich,“ ſprach er;„dafür fürchte ich auch dort,“ er deutete mit der Hand nach der Richtung, die das Heer zu nehmen hatte,„was mich betrifft, um ſo we⸗ niger. So gleichen ſich die Dinge aus.“ „Mir liegt noch eine Sorge auf dem Herzen,“ nahm Regnard das Wort nach einer Pauſe.„Mein junger Freund dort wird mir vergeben, wenn ich damit vielleicht alte ver⸗ drießliche Erinnerungen berühre. Aber die jetige eiſerne Zeit hat ja wol die leichten Spuren voriger, achtlos hinge⸗ lebter Tage genug verwiſcht, um Alles, was von dort her⸗ ſtammt, ins Meer der Vergeſſenheit zu verſenken. Weiß Nie⸗ mand von Euch, was aus Aliſette geworden iſt?“ Jaromir heftete den Blick finſter auf den Boden und hüllte ſich, zuſammenſchauernd, dichter in den Mantel ein. Boleslaw war unſchlüſſig, ob er antworten ſollte. „Ich hatte mich,“ fuhr Regnard, der in dieſer Bezie⸗ hung mit der den meiſten Männern gewöhnlichen Gleichgül⸗ tigkeit über das Unſittliche ſeines Verhältniſſes zu dem Maädchen dachte, und es daher auch ohne Bedenken völlig entſchleierte;„ich hatte mich ſeit jenem Ereigniß in Mos⸗ kau von ihr getrennt. Daß ſie leichtſinnig ſei, wußte ich zwar, allein auf ſolche Weiſe durfte ich's nicht wiſſen. Die — — 27— Auflöſung unſers Verhältniſſes mochte ihr auch ſelbſt lieb ſein. Jetzt aber nehme ich doch Antheil an ihrem Schickſal, und mehr noch an dem unſers Kindes. Denn, warum ſollte ich's Hehl haben, daß ich der Vater bin? Ich werde es nie⸗ mals verleugnen. Schon jetzt hätte ich Aliſetten die Sorge dafür abgenommen— denn das kleine Weſen muß anders erzogen werden, als ſeine Mutter es vermag—, wenn es nicht, ſo lange der Feldzug dauert, am beſten in ihrer Obhut geblieben wäre. Einer weiblichen Pflege bedurfte es doch, und ſo war die Mutter immer die Nächſte. Ich verſchaffte ihr daher in Moskau Wagen und Pferde und gab ihr reichliches Reiſegeld. Jetzt aber wird dergleichen freilich Alles unzurei⸗ chend; ſeit den erſten Tagen des Ausmarſches iſt ſie mir nicht zu Geſichte gekommen; es mag ihr am Ende übel ge⸗ hen. In der Gefangenſchaft drüben hatte ich ſo meine eigenen Gedanken darüber, die man freilich, bevor die Noth des Lebens kommt, zumal hier in dem Kriegsgetümmel nur zu leicht vergißt. Jetzt ſoll es aber mein Erſtes ſein, mich um ſie und um das Kind zu kümmern, denn ich bin inſo⸗ fern verantwortlich dafür, als ich ſie beſtimmt habe, mir nach Rußland zu folgen. Ihr, meine Freunde, werdet mir gewiß Euren Beiſtand dabei nicht verſagen.“ Boleslaw ſchwieg in peinlicher Verlegenheit, denn er empfand es zu tief, wie Jaromir durch die Erzählung der Wahrheit erſchuttert werden würde; doch das Kind war am Leben, war ſogar in der Nähe, und dies mußte der Vater, der die Sorge dafür übernehmen wollte, erfahren. Es war ihm daher ſehr willkommen, daß Jaromir, durch das Ge⸗ ſpräch von ſeinen ſchon vorher mächtig geweckten Erinnerun⸗ gen zu heftig bewegt, aufſtand und mit haſtigen Schritten den Platz verließ, um ſeine Erſchütterung zu verbergen. „Hm! das thut mir leid,“ ſprach Regnard, der die 2* — 28— Urſache errieth;„ich kann aber nicht begreifen, wie ein Mann ſo reizbar ſein kann.“ „Laſſen Sie's uns lieb ſein, Obriſt,“ nahm Boleslaw das Wort,„daß wir allein ſind. Ich kann Ihnen leider Nachrichten von der Unglücklichen geben.“ Er erzählte hierauf den Vorfall, von dem er dieſen Morgen Zeuge geworden war, und der ihm jetzt erſt, da er erfahren hatte, daß Aliſette wirklich die Mutter des ſchuld⸗ loſen kleinen Weſens war, das Innerſte mit Schauder über dieſe an Wahnſinn ſtreifende Entartung der Natur erfüllte. Nur die Betäubung, in die das furchtbare, entſetzliche Elend rings umher ein Gemüth ſtürzen mußte, das niemals ge⸗ wohnt war, ſich an etwas Höheres, als dieſes irdiſche Da⸗ ſein bietet, zu wenden, gab ihm eine halbe Erklärung und Entſchuldigung des Verbrechens. „Die Unnatürliche!“ rief Regnard empört, als er die That vernahm.„Wo iſt aber das Kind, iſt es gerettet? Sagen Sie mir Alles.“ „Es wird wenige Schritte von hier wol ſchon des ſü⸗ ßeſten Schlummers genießen,“ ſprach Boleslaw;„ich will Sie dahin führen.“ Er ging mit ihm zu dem Bivouac, wo der verwundete Chaſſeur, der mit der kranken Witwe eines Tambours die Sorge um das Kind theilte, gelagert war. Mit Ehrfurcht ſtand der alte Soldat auf, als ſich Regnard ihm näherte. „Kamerad,“ ſprach dieſer heftig bewegt,„ich bin Dir mehr als mein Leben ſchuldig geworden, denn Du haſt mein 8 Kind gerettet.“ „So viel hätte die Mutter nicht dafür gegeben!“ ant⸗ woortete der Chaſſeur.„Aber nun iſt es gut aufgehoben, — 29— mein Obriſt! Seht nur her, dort liegt es und ſchläft wie eine kleine Prinzeß.“ Es war in eine Art von Korb, warm in Heu und Moos gepackt und mit einem leichten Tuch überdeckt. Die Witwe des bei Wiazma gebliebenen Tambours ſaß daneben und behütete es. Regnard betrachtete es gerührt. Er küßte es leicht auf die Stirn, nahm ſich aber in Acht, es zu erwecken. Dann wandte er ſich zu der Frau und dem Chaſſeur:„Freunde, wenn Gott uns nach Frankreich zurückführt, will ich Euch vergelten, wie ich vermag. Jetzt bin ich arm und bloß wie Ihr, denn ich komme aus ruſſiſcher Gefangenſchaft. Aber haltet Euch zu mir; wir wollen Leid und Freude und Sorge um das kleine Engelchen theilen. Für den Augenblick aber vermag ich Euch nichts zu bieten als dieſen Handſchlag zum Dank!“ „Wahrhaftig, das iſt auch das Beſte, mein Obriſt,“n rief der Chaſſeur, indem er kräftig einſchlug.„So eine Hand, auf die man ſich verlaſſen kann, iſt jetzt mehr als ein Haufen Gold. Gelt, Ihr zieht mich doch aus dem Schnee, wenn ich irgendwo ſtecken bleibe? Ich habe in den letzten Tagen Manchen gekannt, der wol noch mit uns marſchirte, wenn ſein Kamerad nicht zu müde und verzwei⸗ felt geweſen wäre, um ſich drei Minuten bei ihm aufzuhal⸗ ten und ihm aus einem Schneeloche zu helfen, in welches man als Bube hundertmal in einem Tage zum Scherz ge⸗ fallen und wieder herausgeſprungen wäre! Auf ſolch eine Hand, mein Obriſt, da zählen wir. Aber Gold? Das hat hier keinen ſonderlichen Cours. Als wir vor vier Tagen in Smolensk einrückten, ſaß ein Artilleriſt vor dem Thor am Wege und hatte Euch einen Klumpen reinen. Silbers wie ein Kindskopf groß auf den Knieen; es mag wol aus einem — 39— moskowitiſchen Taufbecken zuſammengeſchmolzen geweſen ſein und die Reiſe als Kanonenkugel im Protzkaſten mitgemacht haben. Aber einerlei, was geht das mich an? Nun, das Stück Silber bot er feil um ein Brot und eine Flaſche Branntwein. Aber glaubt Ihr, daß er's vom Morgen bis zum Abend losgeworden war, obwol Tauſende an ihm vor⸗ beikamen? Er war endlich glücklich genug, als ihm ein ita⸗ lieniſcher Obriſt ein Stückchen Brot, ſo groß wie eine Hand, und einen kleinen Schluck aus ſeiner Feldflaſche dafür bot, zuſammen nicht für einen Sous an Werth. Ja, ſo än⸗ dern ſich die Dinge, mein Colonel; allein ein franzöſiſches Soldatenherz ſoll ſich nicht ändern. So denke ich, mein Obriſt! Topp, ich ſchlage ein! Hand gegen Hand! Mit meinen Wunden, denke ich, wird es bald beſſer gehen, und dann können wir einander vielleicht aushelfen.“ Der Alte hätte wol noch eine Viertelſtunde geſchwatzt, wenn ihn Regnard nicht unterbrochen und gefragt hätte, wie eer heiße, und bei welchem Regiment er ſtehe— denn die Uniformszeichen waren nicht mehr ganz kenntlich, und man⸗ ches fremde Kleidungsſtück hatte die Tracht abenteuerlich ge⸗ nug verändert. „Und Ihr bleibt auf einem Wagen mit der guten Frau dort?“ fragte Regnard. „Ja freilich, ſo lange unſere Pferde laufen wollen; wenn aber das Futter nicht beſſer iſt als hier, ſo wird's ſo gar weit nicht mehr ſein.“ 4 „Und wie heißt Ihr?“ „Jacques Deſirèé Pallier, mein Obriſt! und dieſe Frau iſt die Witwe Réné.“ „Gut, Pallier! Gut, Frau Reͤné! Wir wollen uns ſchon wiederfinden. Für heut gute Nacht, und haltet mir ja das Töchterchen warm.“ Sie kehrten hierauf zum Bivouac zurück, wo die Er⸗ müdung ſie bald in tiefen Schlaf verſenkte. Drittes Capitel. Ein bleicher Mondſchein fiel durch graues Gewölk, der Wind ſtrich hohl ſauſend über die Waldſpitzen und Schnee⸗ ſteppen dahin, als die Krieger von Neuem aufbrachen. Keine Trommel bezeichnete ihren Abmarſch. In tiefſter Stille, ſo lautete der Befehl, rüſteten ſie ſich zu der mühevollen Wan⸗ derung. Regnard hatte vom Marſchall ein Pferd erhalten und blieb als Adjutant in deſſen Nähe. Raſinski mar⸗ ſchirte mit den Seinigen, da man einen Angriff befürchtete, an der Spitze und ganz in der Weiſe, als erwarte man den Feind von vorne her. Der Marſchall war Anfangs überall zugegen, wo gerade der Augenblick ihn forderte; nachdem der Zug durch ſein Anſehen ſich ſo viel als möglich geordnet hatte, glaubte er, daß der angemeſſenſte Platz für ihn jetzt der ſein werde, wo man den Angriff des Feindes zuerſt vermuthen durfte. Indeſſen legte man mehrere Stunden Weges wie immer mit großer Anſtrengung in dem tiefen Schnee zurück, ohne auf irgend eine Weiſe beunruhigt zu werden. Die Kälte hatte in den letzten Tagen etwas nachgelaſſen, ſodaß man durch ſie nicht mehr ſo viel zu leiden hatte; es ſchien * — 32— ſogar, als wolle Thauwetter eintreten. Der Himmel war leicht bezogen, erneutes Schneegeſtöber jedoch nicht zu fürch⸗ ten Jetzt begann die Sonne im Rücken des Heeres das Gewölk zu röthen, und matter Dämmerſchein verbreitete ſich über der todten Landſchaft. Man war es bereits gewohnt geworden, in jeder Vertiefung, in jeder nur einigermaßen ſteilen Schlucht, weggeworfene Waffen, Gepäck, Helme, Ge⸗ wehre, oft auch Kanonen und Munitionswagen zu finden, und nicht ſelten lagen einzelne, durch Entkräftung oder Hun⸗ ger umgekommene Krieger daneben hingeſtreckt. Hier aber häuften ſich dieſe Zeichen einer furchtbaren Auflöſung und Zerſtörung der geordneten Heermaſſen auf eine ſelbſt das Bedenken der Tapferſten erregende Weiſe. So ſchauerlich die Nacht mit ihren geheimnißvoll verhüllenden Schleiern war, ſo wurde der Tag, der ſie hob, doch noch entſetzlicher. Plötzlich entwölkte ſich der Oſthimmel, und die eben über den Horizont heraufſchwebende Sonne ſtand dunkelroth hinter dem Heere und warf ihre Strahlen gleich einem lan⸗ gen blutigen Strom über die Schneewüſten hin. Die Schat⸗ ten der Menſchen und Pferde ſtreckten ſich wie ſchwarze Rie⸗ ſengeſtalten in unendlicher Länge über die weiße Ebene, und kreuzten ſich in tauſendfacher Verworrenheit. Seltſam über⸗ raſcht wandte ſich jedes Auge zurück. Seit länger als einer Woche hatte man das Bild der Sonne nicht geſehen; heut zeigte es ſich zum erſten Male wieder; aber das Geſtirn, welches ſonſt Erquickung und Freude ſelbſt in die Bruſt des 4 Verzagteſten ſtrahlt, weckte jetzt nur ein banges Grauen. Denn wie ein drohendes Glutauge, unter den Brauen finſter herüberhängender Wolken, ſtand es da; es ſchien ſeine düſtern Schleier nur zurückgeſtreift zu haben, um fürchterlicher auf das Bild des Entſetzens und Verderbens, das die Erde dar⸗ 1 bot, herabzublicken.* — „-— „So ging die Sonne bei Moſaisk auf,“ ſprach Jaro⸗ mir leiſe zu Raſinski;„der Kaiſer nannte ſie die von Au⸗ ſterlitz.” Raſinski wollte in dieſem Augenblicke abſichtlich nicht auf die Anſpielung eingehen.„Ich glaube, wir bekommen einen klaren Tag,“ erwiderte er daher;„wenn der Wind nicht umſetzt— Ein dumpfer Ausruf des entſetzten Erſtaunens rings um ihn her unterbrach ihn mitten in ſeinem Wort. Er wandte verwundert das Haupt nach der Gegend, woher der Ruf ertönte, und überſah nun mit einem Blicke die Ur⸗ ſache des Schreckens, der die Krieger ergriffen hatte. Man war eben eine leichte Anhöhe hinangeritten und hatte jetzt das ganze Feld ausgebreitet vor ſich. Da lagen, ſo weit das Auge reichte, auf dem weißen Schneegrunde in ſchwar⸗ zem Gewimmel die Leichen von Menſchen und Pferden, die Trümmer zerſchmetterter Geſchütze, Wagen, Waffen, Feldge⸗ räth, Gepäck. Es war das Schlachtfeld, wo der Vicekönig zwei Tage zuvor, von allen Seiten angegriffen, ſich ſo muthvoll verthei⸗ digt hatte. Eine tiefe Stille herrſchte rings in den Reihen der Krie⸗ ger; der grauenvolle Anblick war unvermuthet wie ein gi⸗ gantiſches Geſpenſt vor ſie hingetreten und drang mit ent⸗ ſetzenvoller Verſteinerung aller warmen Lebenskräfte in ihre Bruſt ein. Kaum ein Athemzug war hörbar, als wage Niemand das heilige Grauen dieſes Leichenfeldes, wo der Tod ſelbſt in den Armen des Winters erſtarrt war, durch einen menſchlichen Laut zu unterbrechen. Sogar der Mar⸗ ſchall war davon ergriffen; doch nur einen Augenblick. Im nächſten warf er ſchon die Adlerblicke des Feldherrn über die 2*† — 34— Landſchaft und ſuchte den Feind und die Stellung, in der er ihm am vortheilhafteſten begegnen könne. „Soldaten,“ redete er, zu den Kriegern gewendet, die Scharen an, die ſich jetzt dichter und dichter die Höhe hin⸗ anzogen,„Soldaten, hier haben unſere Kameraden einen Tag des Ruhmes gefeiert und ſich Bahn gebrochen mitten durch den Feind. Ihr Beiſpiel ſei Euer Vorbild! Viel⸗ leicht wird uns heut das Glück, einen gleichen Ruhm zu er⸗ werben.“ Raſinski trug gleichfalls jene feſte Haltung des Man⸗ nes, die er äußerlich nie verlor, in ſeinen Zügen.„Freunde,“ ſprach er zu den Seinigen,„die hier liegen, ſtarben einen ruhmwürdigen Tod. Dieſer Schnee iſt von edlem Blute geröthet. Es muß Euren Grimm entflammen, Euch zur Rache ſpornen! Gedenkt deſſen, wenn ich Euch den Feind zeigen kann.“ Während er ſprach, loderten die hellen Flam⸗ men des Zornes aus ſeinen dunklen Augen. Er warf das Haupt ſtolz empor und legte die Hand wie unwillkürlich an den Säbel. Sein Blick drang wie ein zündender Blitzſtrahl in die Seelen der Krieger; unter einem ſolchen Führer konnte ihr Muth nie dahinſterben. In einem Augenblick ſchmolz ſein Auge die kalten Feſſeln des Grauens hinweg, mit dem der Anblick dieſer ſchweigenden Gefilde des Todes ihre Bruſt die edlen Schwingen des Zornes wieder. Der Zug bewegte ſich vorwärts. Wie man allmälig den ſanften Hügelabhang hinunterrückte, kam man dem Schlachtfelde, welches man von der Höhe nur im Allgemei⸗ nen überblickten konnte, näher und näher, und zog ſich end⸗ lich mitten durch die Spuren der Verwüſtung hindurch. Der Marſchall ritt an der Spitze und überblickte ernſt aber ruhig das Feld des Ruhmes und des Todes. Es fing jetzt umſchleiert hatte, und frei regten ſich die Flügel des Muthes, ³ 4 — Nr — an deutlicher zu werden, und die Stellungen der Truppen in der Schlacht zu bezeichnen. Regnard ritt neben Raſinski und deutete hie und da auf die Todten am Wege, aus de⸗ ren Uniformen man erkennen konnte, welche Regimenter hier gefochten hatten.„Dort ſtand die vierzehnte Diviſion,“ rief er und zeigte auf eine Stelle zur Seite, wo die glänzenden Schilder zerſchmetterter Tſchakos noch die Regimentsnummer erkennen ließen. „Dort muß die italieniſche Garde gefochten haben,“ ent⸗ gegnete Raſinski,„denn dort liegen ihre Todten. Wo aber mögen die Lebendigen weilen?“ Dieſe letzten Worte ſprach er mit gedämpfter Stimme, weil er ſeine Beſorgniſſe nicht verrathen wollte, allein ein Blick, den er auf Regnard richtete, gab nur zu deutlich zu erkennen, was er dachte. „Hm!“ murmelte dieſer,„freilich Krasnoe hatten ſie glücklich erreicht; aber was zwiſchen der Morgenſonne von geſtern und der von heute liegt, kann ich freilich nicht wiſ⸗ ſen, ſo wenig, als ich behaupten kann, daß wir morgen noch auf ruſſiſchem Schnee wandeln. Indeſſen, wenn wir in der nächſten Stunde nicht angegriffen werden, möchte ich's faſt glauben. Aber ſeht einmal, ich bitte Euch, hier nach der linken Seite herüber!“ „Hier haben Männer gefochten,“ rief Raſinski auss „ein Elender, der es leugnen wollte.“ Sie waren jetzt, wie es ſchien, auf den Punkt des Schlachtfeldes gelangt, wo das Feuer des Feindes am hef⸗ tigſten gewüthet hatte. Lange Reihen von Todten lagen auf den Schnee hingeſtreckt, und weithin ſchimmerte er röthlich von den Strömen Blutes, die hier zu ſtarrem Eis geronnen waren. Niemals bot ein Schlachtfeld einen ſo grauenvollen Anblick des Todes dar, denn die Todten ſchienen in der —— Stellung, wie der letzte Hauch ihrer Bruſt entflohen war, zu unbeweglichen Steinbildern geworden, als ob ſie ſo dem Gedächtniſſe für die fernſte Nachwelt als ſtarre Denkmäler der Schlacht aufbewahrt werden ſollten. Wer die einzelnen Züge gekannt hätte, würde ſeine Freunde bald wieder ge⸗ funden haben, ſo unverändert waren ſie geblieben. Doch die Verzerrungen des Todeskampfes lagen faſt auf jedem Antlitz, und der erſtarrende Hauch des Winters hatte die Züge ge⸗ hindert, ſich wieder zu dem freundlich ſtillen Lächeln zu ge⸗ ſtalten, welches die letzte Spur der entflohenen Seele auf dem Angeſicht bleibt, nachdem ſie den Kampf mit den mäch⸗ tigen Feſſeln des Lebens überſtanden hat und ſich nun frei emporſchwingt in das Reich des Lichts. Hier war es nicht ſo; es ſchien, als ob die grimmige Hand des Winters noch früher als die des Todes den warmen Formen des Lebens ihr ſtarres, unverlöſchtes Siegel aufgedrückt hätte. Darum ſah man auf keiner beruhigten Stirn, auf keiner ſanft lä⸗ chelnden Lippe den Ausdruck der Erlöſung von den Qualen der Erde; ſondern alle waren ſie in den tief eingeſchnittenen Falten der Marter, der Verzweiflung, des Grimmes, gleich den Wellen eines im Sturm verſteinerten Meeres, ſtehen geblieben. Der Marſchall mochte es, wie ſehr er ſeine Seele zu beherrſchen wußte, doch in eigner Bruſt empfinden, daß dieſe ſtumme Wanderung durch die Wüſte des Todes nicht geeignet ſei, die Flammen des Muthes anzufachen; denn Jeder ſah in dieſen unbeſtattet auf dem rauhen Eiſe gebetteten Kriegern, wie in einem prophetiſchen Spiegel, das Bild ſeines eigenen Schickſals. Auf hundert Schlachtfeldern hatten dieſe narbenbedeckten Helden freilich den Tod in man⸗ cher furchtbaren Geſtalt geſehen, und nicht als Neulinge em⸗ pfingen ſie ſeinen ernſten Gruß. überall aber ruhten die Ge⸗ fallenen auf den Feldern des Sieges, und Lorbeeren flochten ſich * — um ihre Schläfe, und die Göttin des Nuhms reichte Leben⸗ den und Todten den Kranz, und Fall war Triumph zu⸗ gleich! Aber hier?— Welch ein Loos erringen ſich die überlebenden, als erneute Qualen und Kämpfe? Und welch ein Loos die Todten, die auf dem Boden des Feindes zu⸗ rückbleiben, die keine Freundeshand beſtattet, deren Gruft kein Siegesdenkmal ſchmückt für die Nachwelt, ſondern die boden⸗ los hinabſinken in das weite Reich der Vergeſſenheit, in das unermeßliche Nichts! Nicht einmal die heilige Mutter Erde nimmt ihre Leichen auf, ſondern die Raubvögel dieſes düſte⸗ ren Himmels und die hungernden Wölfe dieſer Steppen zer⸗ fleiſchen den Beſten wie den Geringſten, und die Frühlings⸗ ſonne, wenn ſie den Schnee hinwegſchmilzt, wird nur ver⸗ ſtümmelte Gebeine zum ſchaudervollen Anblick bringen. Der Zug hatte jetzt in immer beſchleunigtem Marſch eine tiefe Schlucht erreicht, in welche ſich der Weg hinabſenkt und ſich von dort auf das breite Plateau von Katowa erhebt. „Erkennſt Du dieſes Terrain?“ wandte ſich Raſinski zu Jaromir. Dieſer warf aufmerkſame Blicke umher und erwiderte dann:„Wenn mich der Schnee nicht täuſcht, ſo iſt dies der Ort, wo wir vor drei Monaten Newerowskoi ſchlugen, und mit den eroberten Kanonen dem Kaiſer eine Ehrenſalve zu ſeinem Geburtstage brachten.“ „Ganz recht,“ entgegnete Regnard, der Frage und Ant⸗ wort gehört hatte;„Ihr habt einen guten militairiſchen Blick, junger Freund. Was meint Ihr, werden wir auch heut noch Victoria ſchießen?“ Eben wollte Jaromir antworten, als ein dumpfer aber nicht entfernter Kanonenſchuß die tiefe Stille unterbrach. Dieſes Zeichen, daß der Feind in der Nähe ſei, durchzuckte — 38— jeden Einzelnen mit einem elektriſchen Schlage. Das geübte Ohr der Krieger ſchätzte ſogleich die Entfernung, in der der Schuß geſchehen war, und das Auge wandte ſich nach der Richtung, in der man ihn gehört hatte. Die geſpannte Aufmerkſamkeit, ob er ſich wiederholen würde, ob er den Anfang eines Gefechtes, oder ein Signal bedeute, oder viel⸗ leicht nur ganz zufällig ſei, war in jedem Angeſicht zu leſen. Der Marſchall gebot Halt. Er trug Bedenken, gerade in dieſem Augenblick ſeine Leute in die Schluchtſenkung hinabzu⸗ führen, da das Hinanklimmen der eiſigen Höhen jenſeits bei den erſchöpften Kräften der Pferde und Menſchen, beſonders für die Artillerie, die größte Anſtrengung forderte. Naſinski allein erhielt Befehl, mit ſeiner ſchwachen Reiterſchar weiter vorzurücken und auf den Höhen von Katowa zu erkunden, ob der Feind in der Nähe ſei; der überreſt des Heeres la⸗ gerte indeſſen, um Kräfte für den nahe bevorſtehenden Kampf zu ſammeln. Raſinski hatte bald die Hochebene von Katowa erreicht; aber vergeblich ſuchte ſein Auge den Feind. Er entdeckte nichts als die langen einförmigen Linien der düſtern Tannen⸗ wälder, die ſich unabſehbar längs dem Horizont hinzogen. Alles lag im tiefſten ſchauerlichen Schweigen. Mit Vorſicht ritt er wol eine halbe Stunde weit auf der großen Straße dahin, theilte dann die Leute und befahl Jaromir, die rechte Seite der Straße auf Kanonenſchußweite zu recognosciren, während er ſelbſt die linke unterſuchen wollte. Auf dieſem Ritt näherte er ſich dem Saume des Waldes. Da entdeckte er Spuren von Pferden auf dem Schnee, die, wie er ſie verfolgte, immer zahlreicher wurden. Dies bewies ihm, daß der Feind in der Nähe ſein müßte, denn zum Theil war der Hufſchlag ganz friſch. Aufmerkſam hielt er das Auge auf den Saum des Waldes geſpannt, der in ſeinem tiefen Schweigen das Verderben zu verhüllen ſchien. Von Zeit zu Zeit ließ er halten und lauſchte, ob ſich nicht irgend ein Geräuſch vernehmen laſſe; aber Alles blieb ſtill, wie in der Wohnung des Todes. Plötzlich flatterte eine Rabenſchar mit heiſerm Gekreiſch vom Walde her auf und zog über den Weg dahin.„Dieſe Vögel ſind aufgeſcheucht,“ ſprach Raſinski zu ſeinen Leuten gewandt,„wir dürfen nicht daran zweifeln, daß im Walde Leute verborgen ſind.“ „Sieh, ſieh, Obriſt!“ rief der gewandte Bliski haſtig, indem er ſich bückte und gewiſſermaßen den Bäumen unter die Zweige zu gucken ſuchte;„wahrhaftig, hier marſchiren Leute.“ In der That war man eben an ein Geſtelle, welches einen weiten Blick in das Innere des W gewährte, ge⸗ kommen, und als Raſinski ſich bis unter Ben Sattel herab⸗ beugte, ſah er eine ſchwarze Colonne, die muthmaßlich auf einem breiten Wege innerhalb des Waldes marſchirte, quer über das Geſtelle defiliren. Er ſprang ſchnell vom Pferde, und ließ ſeine Begleiter vorausreiten, damit dieſe nicht aus der Waldöffnung bemerkt werden ſollten. Er ſelbſt, auf den Schnee geworfen, beobachtete die Colonne. Der Marſch der⸗ ſelben dauerte eine ganze Zeit fort; es war Infanterie. Da er jedoch die Tiefe nicht überſehen konnte, war es unmöglich, ihre Stärke zu ſchätzen. Jetzt aber kam auch Artillerie, und Raſinski konnte deutlich die Geſchütze zählen. Da er bis dreißig gekommen war, wußte er genugſam, daß jenes Corps den Streitkräften des Marſchalls bei weitem überlegen ſein mußte. Er ſchwang ſich wieder aufs Pferd und eilte nun, dem Marſchall die Nachricht zu bringen. Jaromir war ſchon wieder bei dem Corps eingetroffen, ohne eine Spur des Feindes bemerkt zu haben. Die Leute hatten indeſſen, da ein Tannengebüſch ganz in der Nähe 8* 40— war, Holz geſchlagen und Feuer angezündet, und der Mar⸗ ſchall gebot ihnen, ſich zu wärmen und zu erquicken, ſo gut es der Augenblick erlaubte, damit ſie einen Angriff des Fein⸗ des mit Erfolg zu widerſtehen vermöchten. Als Raſinski jetzt ſeinen Bericht abſtattete, wurde die verzweifelte Lage, in der ſich das Corps befand, augenſchein⸗ lich.„Unfehlbar,“ ſprach der Marſchall,„halten die Ruſſen die Wälder auf der Höhe von Katowa beſetzt und erwarten nur, daß wir uns oben zeigen ſollen, um uns von allen. Seiten anzugreifen, und uns dann durch Beſetzung dieſer Schlucht hier vor uns jeden Ausweg abzuſchneiden. Doch ich hoffe, wir machen uns Bahn mitten durch ſie hindurch. Nur müſſen wir den Kampf noch einige Stunden zu ver⸗ zögern ſuchen, damit die Nacht uns zu Hülfe kommen kann. Was iſt die Uhr?“ „Halb zwei,“ entgegnete Raſinski. „Gut; um vier Uhr iſt es völlig dunkel. Dann wol⸗ len wir aufbrechen. So lange können wir noch Kräfte ſammeln.“ Raſinski ritt zu den Seinigen zurück. Jaromir hatte bereits die Pferde füttern laſſen, denn glücklicher Weiſe beſaß man noch etwas Vorrath von Hafer und Heu, und auch die Leute waren ſchon daran, ſich ihre ſpärliche Mahlzeit zu be⸗ keiten. So verging eine Stunde in banger Erwartung. Viertes Capitel. „Raſinski,“ rief Jaromir dieſen unvermuthet an;„ſiehſt Du dort auf der Höhe?“ „Koſacken! Wahrhaftig! Aber meinen Kopf zum Pfande, ſie ſind nicht allein!“ antwortete Raſinski. Auf der Anhöhe zeigten ſich drei Reiter, die indeſſen nur, um zu kundſchaften, vorgeſchoben zu ſein ſchienen. Sie wurden bald von Allen bemerkt, und die Reihen geriethen in jene unruhige Bewegung, man hörte jenes dumpfe Murmeln durch die Glieder laufen, wodurch ſich die Erwartung eines wichtigen Ereigniſſes anzukündigen pflegt. „Wirf Dich aufs Pferd, Jaromir,“ befahl Raſinski, „und ſprenge dort bis an die Waldecke hinauf, ſo kannſt Du die Gegend weit überſehen.“ Jaromir, der das beſte Pferd von Allen beſaß, flog wie ein Pfeil über die Schneefläche, um den Auftrag zu vollfüh⸗ ren. Faſt noch ſchneller aber kehrte er zurück und meldete, daß die ganze Höhe mit Koſacken bedeckt ſei, und auch In⸗ fanteriecolonnen aus der Tiefe des Waldes debouchirten. Eben ritt auch Regnard vorüber, der auf Befehl des Marſchalls gleichfalls eine Recognoscirung angeſtellt hatte. „Es kommt zum Spruch, Naſinski,“ rief er im Vorüberrei⸗ ten;„der Tanz fängt gerade ſo an wie vorgeſtern. Der Wald wimmelt von Ruſſen wie ein Ameiſenhaufen.“ Die Trommel tönte. Die Truppen traten ins Gewehr. Die ungeordneten Maſſen der Traineurs, der Kranken, der Waffenloſen rotteten ſich auf einen dichten Haufen zu⸗ ſammen. „Für uns kann die Schlacht eine Freude ſein,“ ſprach Raſinski;„aber Boleslaw und die andern Verwundeten trifft ein hartes Loos. Wir müſſen ſuchen, es von ihnen abzu⸗ wenden. Doch wer kommt da?“ Von den Höhen herab nahte ſich ein ruſſiſcher Offizier, der mit einem weißen Tuch in der Hand ſchon von ferne winkte. — 42— „Was Sie wollen, mein Herr,“ rief Raſinski ſtolz für ſich, als er ihn erblickte,„iſt vergebliche Mühe. So lange wir Waffen führen können, unterhandeln wir nicht.“ Der Marſchall war mit Anordnung und Aufſtellung der Truppen beſchäftigt. Er ſprengte durch die Glieder, zeigte ſich überall ſelbſt, ordnete, ermuthigte, gab Befehle. Ra⸗ ſinski ſandte ihm ſchleunig einen Reiter nach, um ihn zu benachrichtigen, daß ein Parlamentair ſich zeige. Doch noch ehe der Marſchall zurückkehrte, hatte der ruſſiſche Offizier die Vorpoſten erreicht, und da er an der Uniform die Leute Ra⸗ ſinskiſs für Polen erkannte, rief er ihnen polniſch zu, ſich der übermacht zu ergeben. Doch wie ein ergrimmter Löwe ſprengte Raſinski auf ihn zu und rief:„Sie wiegeln unſere Leute auf, Sie ſuchen ſie zum Verrath zu verleiten! Das i*ſt nicht die Rolle der Parlamentairs, mein Herr. Ich er⸗ kläre Sie für einen Gefangenen!“ Der Offizier wollte erſchrocken das Pferd wenden, doch ſchon hatte Raſinski die Zügel deſſelben ergriffen, und ſeine herbeiſprengenden Leute umringten den Ruſſen ſo raſch, daß weder an Flucht noch an Gegenwehr zu denken war. „Sie werden die unverletzliche Perſon des Parlamentairs nicht angreifen!“ rief der Ruſſe. „So hätten Sie in gebührender Ferne warten müſſen, ob es uns beliebte, Sie als Parlamentair zu empfangen, 3 entgegnete Raſinski.„Auf dieſe Weiſe darf ſich Niemand einem kampffertigen Heere nahen, das iſt wider Kriegsge⸗ brauch.“ „Laſſen Sie mich zu Ihrem Befehlshaber führen,“ ant⸗ wortete der Offizier;„er wird meine wohlgemeinten vernünfti⸗ gen Vorſchläge achten. Das Unmögliche iſt ſelbſt dem Tapfer⸗ ſten unmöglich; es bleibt Ihnen kein Ausweg als der der Capitulation.“ — 43— „Wir werden ja ſehen,“ erwiderte Raſinski, der der Entſchließung des Marſchalls zu gewiß war.„Dort kommt der Befehlshaber. Sie ſtehen vor dem Marſchall Ney; dies ſei Ihnen genug, um zu wiſſen, daß Ihre Worte ver⸗ geblich ſein werden.“ Der Marſchall kam, Raſinski ritt ihm entgegen, und meldete, was er gethan.„Sie haben als ein Offizier von Ehre gehandelt,“ antwortete der Marſchall;„ich würde mich ſchämen, geringer zu denken als Sie. Doch will ich den Offizier ſprechen.“ Damit ritt er auf dieſen zu und fragte ihn nach ſei⸗ nem Begehr. „Mich ſendet der Marſchall Kutuſow,“ begann der Ruſſe;„er würde einem ſo berühmten Krieger und Feldherrn nicht den Vorſchlag thun, die Waffen zu ſtrecken, wenn noch ein anderer Ausweg offen bliebe. Auf dieſen Höhen rings⸗ umher ſtehen achtzigtauſend Mann und hundert Feuerſchlünde. Wenn Sie zweifeln, ſo ſoll es Ihnen frei ſtehen, einen Of⸗ fizier zu ſenden, den ich durch die Reihen der Unſrigen füh⸗ ren will, damit er ſie zähle.“ „Ich hoffe, Ihren Leuten ſelbſt ſo nahe zu kommen, daß ich ſie zählen kann,“ erwiderte der Marſchall mit fun⸗ kelnden Augen.„Sagen Sie dem Fürſten, daß der Mar⸗ ſchall Ney noch nie die Waffen übergeben hat, und daß die Weltgeſchichte niemals eine ne ſolche Handlung von ihm berich⸗ ten wird. Dort liegt das Ziel, welches Pflicht und Ehre mir geſetzt haben; ich werde mir Bahn dahin mitten durch Ihre Reihen machen, und wenn dieſe Wälder zu Armeen würden!“ „Sie werden es,“ antwortete der Parlamentair; aber noch hatte er das Wort nicht vollendet, als ein furchtbares Krachen von den vorwärts und zur Linken gelegenen Anhöhen 1 ertönte, und ein Hagel von Kartätſchen auf den Eisſpiegel der Felder ringsumher herabpraſſelte. „Das iſt Verrath!“ rief der Marſchall heftig, indem er aufblickte und die Höhen von allen Seiten mit ſchwarzen Truppenmaſſen und Artillerie gekrönt ſah.„Unter dem Feuer parlamentirt man nicht! Sie ſind mein Gefangener!“ Der beſtürzte Offizier, der durch die Unvorſichtigkeit oder Rückſichtsloſigkeit der Seinen auf dieſe Weiſe preisgegeben wurde, übergab ſeinen Degen. „Führt ihn zu dem Train!“ gebot der Marſchall. „General Ricard vorwärts! Sie greifen den Feind mit den Bajonnet an. Ihnen ſei die Ehre, uns die Bahn zu brechen.“ Der General mit etwa funfzehnhundert Mann rückte entſchloſſen vorwärts. Die kleine Schar verlor ſich faſt auf dem ungeheuren Raum, der vor ihr lag;z das Unternehmen, gegen die dichten Maſſen des Feindes anzurücken, der gleich drohenden Gewit⸗ terwolken ſich immer ſchwärzer und ſchwärzer auf den Höhen zuſammenzog, ſchien faſt ein wahnſinniges zu ſein. Doch der Marſchall hatte es befohlen, und das Vertrauen der Krieger auf ihn war unbegrenzt; ſie wähnten, ſein Gebot müſſe den Sieg erzwingen. Ohne Bedenken ſtürzten ſie daher vorwärts den ſteilen Weg in die vorliegende Schlucht hinab, um jen⸗ ſeits die Anhöhe zu ſtürmen. Indeſſen durchfliegt der Feldherr die Reihen der übrigen und ordnet ſie zum Kampf. Regnard ſprengt zu Naſinski heran und bringt ihm den Befehl, mit ſeinem bis auf ſechs⸗ zig Mann geſchmolzenen Regimente den linken Flügel gegen die ſchwärmenden Koſacken zu decken. Die Artillerie macht Front gegen den Feind, und ihre ſechs kleinen Kanonen un⸗ — 45 ternehmen es, ſich gegen die furchtbare Ubermacht der ruſſi⸗ ſchen Feuerſchlünde zu vertheidigen. Auf den beſchneiten Anhöhen, welche der Feind beſetzt, herrſcht ſeit jener erſten Salve, womit er den Angriff begon⸗ nen hat, eine gewitterſchwere Todesſtille. Aber als wüchſen die Scharen, gleich den geharniſchten Männern des Kadmus, aus dem Erdboden herauf, wurde das ſchwärzliche Gewim⸗ mel von Roß und Mann auf dem weißen Plan immer dichter und dichter. Raſinski hatte ſeinen Poſten einige hundert Schritte links vom Wege genommen und hielt an einem Schneehügel, von dem er halb gegen das feindliche Artilleriefeuer gedeckt wurde, und doch das ganze Schlachtfeld überſehen konnte. Seine Haltung war ernſt, wie immer in der Schlacht, aber ebenſo zutrauensvoll, ſo beſonnen und frei, wie drei Monden zuvor, als er bei Moſaisk mit Löwenkühnheit an der Spitze ſeines Regiments in die feindlichen Reihen eindrang. Während er die Blicke flammend über das Schlachtfeld ſchweifen ließ, ritt Jaromir zu ihm heran und ſprach leiſe:„Wir werden eh⸗ renvoll fallen, Naſinski; ſollteſt Du am Leben bleiben und ſie wieder ſehen,“ er wagte Lodoiska's Namen nicht auszu⸗ ſprechen,„ſo berichte ihr meine Reue. Die Vergebung, der der Lebende unwürdig war, wird dem Todten jenſeits die Ruhe geben.“ „Was ſprichſt Du, Jaromir,“ erwiderte Raſinski be⸗ wegt;„denke an das Leben. Hier ſind noch viele Aus⸗ wege.“ „O, ich fürchte den Tod nicht,“ entgegnete Jaromir raſch und eine edle Röthe färbte ſeine bleichen Wangen, denn er wähnte, Naſinski werfe einen Verdacht der Verzagtheit auf ihn;„doch Du ſiehſt wol ſelbſt, daß hier nur für Wenige Heil und Rettung bleiben wird. Es iſt freilich ein grau⸗ 55 — 46— ſamer Hohn der Glücksgöttin, daß ſie den Tapferſten ſo ver⸗ räth. Aber ſie iſt doch einmal eine Delila, die den Simſon gebunden überliefert!“ „Erwarten wir's,“ ſprach Raſinski mit Würde,„ob er ſeine Bande nicht zerreißen wird.“ Während dieſes Geſprächs war Ricard mit ſeiner Mann⸗ ſchaft durch die Schlucht gegangen und rückte jenſeits im Sturmſchritt gegen die ruſſiſchen Batterien auf dem Höhen⸗ rande von Katowa heran. Jetzt blitzte es, als beginne ein Gewitter rings am Horizont, und ſo weit das Auge reichte, wirbelten Rauchſäulen auf allen Höhen empor, als ſei die Erde in hundert Vulkanen aufgeborſten. Einen Augenblick ſpäter zerriß ein donnerndes Krachen die Lüfte, der Boden zit⸗ terte in ſeinen Tiefen erſchüttert, und mit ſauſendem Geheul und Ziſchen durchſchnitt der Schwarm der Kugeln und Kar⸗ tätſchen wie ein Heer unſichtbarer, fliegender Schlangen die Lüfte. Sie praſſelten rings in die ſtarre Eis⸗ und Schnee⸗ rinde hinein, welche das Feld bedeckte, ſodaß dieſe zerſplit⸗ tert in tauſend glänzenden Wolken emporſtäubte. Ein Blick auf Ricards Tapfere mußte das Herz zerreißen, denn dieſer eine Moment hatte die Hälfte derſelben zerſchmettert auf das ſtarre, winterliche Todtenlager hingeſtreckt. Die eben noch dicht geſchloſſenen Reihen waren ſo gelichtet, daß die Leben⸗ den wie vereinzelte Stämme eines ausgehauenen Waldes ſtan⸗ den. Doch der Führer iſt nicht gefallen;z ſein Ruf ſam⸗ melt die Unverſehrten, er rückt aufs Neue gegen die Tod ſpeienden Höhen hinan. Da reißt eine zweite donnernde Lage der Batterien vor ihm, gleich einer heranbrauſenden Meerfluth, ſeine Reihen abermals hinweg. Nur Wenige bleiben von der verwüſtenden Sichel des Todes verſchont, und in dieſen, da der Sieg Unmöglichkeit wird, gewinnt der — 47— Schrecken die übermacht, und ſie ſtürzen flüchtend zurück, um Heil in den Reihen ihrer Brüder zu ſuchen. Schon aber rückt der Marſchall Ney ſelbſt an der Spitze des Kerns ſeiner Mannſchaft gegen den Feind heran. Dicht geſchloſſen, eine wandelnde Mauer, in der Bruſt ein ehernes unerſchütterliches Herz, erfüllt mit grimmigem Schmerz um den Tod ihrer Brüder, entſchloſſen, den letzten Bluts⸗ tropfen an Ehre und Rache zu ſetzen, ſtürmt dieſe ſchwarze Wetterwolke von Helden, den Kühnſten an der Spitze, gegen die Verderben herabſchleudernden Vulkane der feindlichen Bat⸗ terien heran. Jetzt fühlt auch der Feind, der bisher unbe⸗ weglich auf den Höhen geſtanden und nur aus ſicherer Ferne den Tod auf die Gegner herabgeſendet hat, ſeinen Ehrgeiz geweckt. Die erſte ruſſiſche Linie, dreifach überlegen an Zahl, von trefflicher Bewaffnung und kraftvollen, unerſchöpften Krie⸗ gern, rückt den verwegenen Angreifern entgegen, in der ſtolzen Hoffnung, ſie zu umflügeln, zu erſticken, zu zermalmen. Jetzt iſt der Augenblick gekommen, wo Raſinski han⸗ deln muß. Er ſprengt mit ſeiner kleinen Schar vor, durch die Schlucht hindurch, die Anhöhen links hinauf und wirft ſich in die rechte Flanke des Feindes. Zugleich führen einige Hundert Mann leichter Truppen, es waren Illyrier, dieſelbe Bewegung auf der linken Flanke aus. Bei dieſem Anblick ergreift Erſtaunen den Feind. Als er ſieht, daß die Gegner den Sieg für gewiß achten, fängt er an, ihn möglich zu finden. Das kühne Vertrauen der Angreifenden erſchüttert ſeine Zuverſicht; er ſtutzt, er wankt. Da bricht Ney mit ſeiner grimmerfüllten Schar in die ſchwankenden Linien ein, wirft ſie nieder und ſcheucht ſie vor ſich her wie ein Berg⸗ ſtrom, der, ſeine Ufer überbrauſend, die Wellen auf eine flüch⸗ tende Heerde rollt. Jubelnd ſtürmt er auf der gewohnten 48 Bahn des Sieges vorwärts. Aber ach, jetzt verläßt ihn die treuloſe Göttin! Denn ſchon iſt ein zweites Heer, gleich dem erneuten Haupt der Hydra, dem Boden entwachſen, und reckt ihm aus tauſend ehernen Schlünden die rothen, blitzenden Zun⸗ gen entgegen. Der Boden ſcheint zu berſten, das Firma⸗ ment zu zerreißen bei dem Krachen der Feuerſchlünde, die in dieſem Augenblick eine Fluth von Blei und Eiſen gegen ihn ausſpeien. Alles wankt, nur Ney ſteht feſt in dieſem Or⸗ kan. Doch welch ein Anblick bietet ſich ihm dar. Alle ſeine Generale liegen verwundet, und ihr edles Blut röthet den Schnee; ſeine Scharen ſind furchtbar gelichtet; der Boden iſt ſchwarz bedeckt mit Gefallenen. Noch ein Mal ruft er: „Vorwärts!“ und verſucht es, die Trümmer des Heeres zu ſammeln, da entladet ſich die furchtbare Donnerwolke zum zweiten Male und ſchleudert den tauſendfachen Tod in die zerſprengten Reihen. Jetzt ſtürmt der unſichtbare Gott des Entſetzens in die Scharen ein, und der Schwarm wirbelt nach allen Seiten geſcheucht auseinander. Raſinski's Tapfere ſind die Letzten, welche flüchten; er ſelbſt befiehlt die Flucht, denn ſie allein trägt noch die Möglichkeit des Heils im Schoos. Der Feldherr erkennt den Willen des Geſchicks, dem der Sterbliche vergeblich widerſtrebt; mit empörtem Schmerz in der Bruſt, gehorcht auch er dem Verhängniß, das den Hel⸗ den auf die ſchmachvolle Bahn der Flucht zwingt. Zu den Seinigen zurückgekehrt, hält er mitten unter ihnen. Kutuſow von ſeinen Höhen wagt es dennoch nicht, die⸗ ſen Kriegern näher zu rücken, deren geringſter ein unbeſieg⸗ barer Held iſt; aber ununterbrochen ſendet er von ferne her den Tod in ihre Reihen. Während die Leute ſich wieder ſammeln und ordnen, überblickt der Marſchall das Schlacht⸗ feld mit dem prüfenden Auge des Feldherrn. Sein Antlitz — 49— iſt ernſt, die Stirn düſter gefurcht, doch trotzig und ent⸗ ſchloſſen. Der Blick der Seinigen hängt an ſeinen Mienen, denn nur von ihm nehmen ſie die Entſcheidung hin, daß ſie ohne Rettung verloren ſind; ſo lange er ſie nicht ausſpricht, hoffen ſie noch auf einen glücklichern Erfolg. An ſeinem ernſten Sinnen erkennen ſie, daß er auf einen andern Aus⸗ weg denkt. Unverwandt hält er den Feind und ſeine Bewe⸗ gungen im Auge; nur dann und wann wirft er einen ſchmerz⸗ lichen Blick auf die Stelle, wo er den flüchtigſten Sieg, aber freilich auch den unvergänglichſten Ruhm, in wenigen Minuten mit dem Leben ſo vieler theuren Kameraden er⸗ kauft hat. Indeſſen dauert das mörderiſche Feuer fort, und der Naum, den das kleine Heer einnimmt, iſt ſo gering, daß die Kugeln es in ſeiner ganzen Tiefe und Breite durch⸗ dringen. Daſſelbe Geſchoß, welches in den vorderſten Reihen die Krieger niederwirft, ſchmettert noch in die aufgefahrene Burg der Wagen hinein, wo die Verwundeten, die Kran⸗ ken, die Frauen und Kinder in hülfloſer Ohnmacht dem Verderben preisgegeben ſind. Welche Hand ſoll jetzt erret⸗ ten?—— Da läßt die heilige Nacht allmälig ihre dämmern⸗ den Schleier herab, und umhüllt die Bedrängten mit ihrem beſchattenden Geſpinnſt. Jetzt ſcheint der Marſchall den Aus⸗ weg aus dieſem Labyrinth des Todes gefunden zu haben. Er mißt mit den Augen die Entfernung, die Stellung des Feindes, er wirft die Blicke ſeitwärts, rückwärts, man ſieht, daß er die Geſtalt des Bodens, auf dem er ſich befindet, mit neuen Abſichten betrachtet, ihm neue Vortheile abzuge⸗ winnen denkt. Nun iſt der Gedanke reif; er hat keinen Feld⸗ herrnrath gehalten; nur ſeinen eignen Muth, ſeine eigne Einſicht hat er befragt. Er winkt Regnard, Naſinski und die andern Führer heran und ertheilt jedem ſeine Befehle. Dieſe eilen zu den Ihrigen.„Gewehr auf!“ ſchallt es durch IV. 3 — 50— das Heer, und von allen Seiten ſetzen ſich die Colonnen in Bewegung. Aber wohin? Gegen den Feind? Nein. Aber dennoch dem furchtbarſten Verderben entgegen, denn ſie wen⸗ den ihre Schritte zurück, in die unermeßlichen Oden Ruß⸗ lands. Der Feind von ſeinen Höhen ſieht mit Erſtaunen dieſe Bewegungen; er ſcheint ähnliche Abſichten zu vermuthen, wie zwei Tage zuvor der Vicekönig von Italien ausgeführt hat. Deshalb verlängert Kutuſow die Flanken ſeines Heeres nach beiden Seiten und dehnt ſo die Garne weiter aus, in denen er den Löwen zu fahen hofft. Er hätte ihn vernichten können, denn nur eines Angriffs würde es bedurft haben, um die wenigen Tapfern durch die Maſſe ihrer Gegner zu erdrücken; allein der kaltblütige Greis ſchien einen höhern Werth darauf zu legen, ſie gefangen zum Triumphe Ruß⸗ lands inmitten ſeines Heeres einzuführen, wenn Hunger, Kälte und Erſchöpfung ſie gezwungen haben würden, die Waffen zu übergeben. Denn daß abermals eine Moglichkeit ſein werde, dieſer zehnfachen, unerſteiglichen Ringmauer von Gefahren zu entrinnen, das ſchien dem alten Ruſſen nur im Reiche der Wunder und Träume zu liegen. So hatte er es denn jetzt in der Hand, den berühmteſten Krieger des fran⸗ zöſiſchen Heeres zu vernichten; aber das genügte ſeinem Stolz und ſeiner Rache nicht. Er wollte ihn demüthigen und nicht ſein Haupt, ſondern ſeinen Degen dem Kaiſer Alexander überliefern. Die franzöſiſchen Krieger empfangen die Befehle ihrer Führer mit erſchreckendem Erſtaunen. Wie, fragt ſich Jeder, zurück ſollen wir, in die ſtarren, grauenvollen Wüſten, denen wir nur mit äußerſter Anſtrengung zu entrinnen ſuchten? Wir wenden der Heimat den Rücken zu, dringen wieder ein in das Herz dieſes ſcythiſchen Rußlands, wo die Sitte rauher, barbariſcher iſt als ſelbſt die Natur? Mit gehei⸗ — /1— mem Grauſen thaten ſie jeden Schritt rückwärts; indeß ſie gehorchten, denn ihr Feldherr hatte ſo geboten, und das Vertrauen auf ihn war die einzige Stütze ihrer Kraft. Die Nacht ſchien den Schlag ihrer düſtern Schwingen zu beeilen und ſenkte ſich tiefer und tiefer auf das kalte La⸗ ger des Schnees herab. Schon verſchwanden die mit Fein⸗ den gekrönten Höhen in unbeſtimmtem Dunkel, und nur noch einzeln, ſparſam wurden ſchwere Kugeln in die Maſſe der Rückwärtsziehenden geſandt, gleichſam ein Zeichen, daß der Feind ſeine Beute nicht aus dem aufmerkſamen Auge verliere. Schweigend, mit müdem Fuß, düſtere Sorgen in Blick und Bruſt, ſchritten die Krieger auf ungebahnten Wegen (denn der Marſchall zog ſich, rechts von der großen Straße, den Wäldern zu) durch den tiefen lockern Schnee dahin. Das Maß ihrer Bedrängniſſe war aber noch nicht gefüllt. Denn allgemach, Anfangs mit hohlem Geräuſch, dann nä⸗ be her und näher heranbrauſend, erhob ſich der Sturm; dies⸗ mal aber nicht jener ſtrenge eiſige Hauch des Nordens, ſon⸗ dern ein feuchter Südweſt, der Schneegewölk auf der Bahn des Himmels herantrieb und zugleich von dem Boden wir⸗ belnde Flockenſäulen aufjagte. Als rege ein feindlicher Dämon dieſe Strudel von Sturm und Schnee auf, um die Unglückli⸗ chen darin wie in den gähnenden Schlünden einer Charybdis zu verſchlingen, tobten die Wirbel umher und verſetzten der* Bruſt den Athem. Roß und Menſchen keuchten, die letzte „ Kraft drohte zu ſchwinden. Der Wind zog mit hohlem Ge⸗ heul über die Steppen; jetzt verfing er ſich in den Schluch⸗ ten, jetzo brach er ſich an den Wäldern und kehrte abpral⸗ ⸗ lend, ſich ſelbſt kreuzend zurück, ſodaß er, die Ermatteten mochten die Schritte wenden, wohin ſie wollten, ihnen ſtets das Angeſicht rauh peitſchte. Der Marſch wurde unſicher, 4 er ſihpankte rechts, er ſchwankte links. Bald hühaten ver⸗ . 3 —ꝑ—O—— — 332— wehte Schluchten den Weg, und man mußte ganze Strecken zurückmeſſen, ungewiß, ob man ſich vom Feinde entferne, oder ihm nähere. Bald zwangen ſteile, mit Glatteis bedeckte Abhänge zu einer geänderten Richtung. Die Nacht wurde finſter wie das Grab, eine ſchwarze ſchwere Wolkenhülle, aus deren Schoos die Schneefluthen herabwirbelten, hatte ſich über den Himmel gelagert. Nichts blieb dem Auge ſicht⸗ bar, als das geſpenſtiſch ſchimmernde weiße Leichentuch, wo⸗ mit ſich die unermeßliche Todtenbahre der Erde bedeckt hatte. Endlich waren die erſchöpften Kräfte gebrochen; der erſtarrte Fuß vermochte keinen Schritt mehr zu thun, der abgeſtor⸗ benen Hand entſank die Waffe. Selbſt der Feldherr ſchien die Hoffnung zu verlieren und das edle Haupt dem zer⸗ ſchmetternden Schlage der Vernichtung beugen zu wollen. Es mußte endlich mitten in Eis und Schnee geraſtet wer⸗ den, damit die Ermüdeten wenigſtens Athem zu neuen An⸗ ſtrengungen ſchöpfen könnten. Der Marſchall befand ſich an der Spitze des Zuges mitten unter Raſinski und deſſen Leu⸗ ten; Regnard hielt an ſeiner Seite. „Wißt Ihr noch, Raſinski,“ fragte er dieſen ganz leiſe, „wo Süden oder Norden iſt, ob der Feind vor oder hinter uns ſteht, ob wir uns rechts oder links von der Straße be⸗ finden? Ein Kompaß wäre hier eine Provinz werth.“ „Vielleicht laſſen ſich einige Sterne blicken, wenn das Schneegeſtöber aufhört,“ erwiderte Raſinski;„es dauert ja ſchon drei Stunden, da wird es ja doch endlich eine Pauſe machen.“ „Ich glaube an keine Sterne mehr, die uns leuchten,“ antwortete Regnard kopfſchüttelnd und blickte düſter vor ſich hin. Nainski peinigte ſich mit dem Verſuch, ein Mittel zu erſinnen, um den Marſch mit Sicherheit zu leiten. Eben hatte er einen rettungbringenden Gedanken gefunden, als der Marſchall ihn raſch fragend anredete:„Haben Ihre Leute und Pferde noch einige Kraft übrig, ſo folgen Sie mir, ich hoffe ein Mittel erſonnen zu haben, die Richtung nach dem Dniepr ſelbſt durch dieſe Schneewüſte zu finden.“ „Auch ich,“ rief Raſinski eilig, weil er ſich wenigſtens den Ruhm des Einfalls auch für ſeinen Theil ſichern wollte; „wenn man den Lauf des Baches ermitteln könnte, der in der Schlucht ſtrömen muß, an welcher wir vor einer halben Stunde umzukehren gezwungen waren.“ „Wir verſtehen uns,“ erwiderte der Marſchall freudig; „eben das iſt auch mein Gedanke. Wir wollen verſuchen, die Stelle wieder zu finden; Sie und Ihre Reiter und ei⸗ nige Sappeurs ſollen mich begleiten.“ Sogleich machte man ſich auf. Die noch nicht ganz verſchneiten und verwehten Spuren der Kanonen ließen den Weg, den das Heer genommen hatte, erkennen. An einigen zweifelhaften Stellen half Naſinski's ſcharfer Ortſinn, dem nichts entging, was zur Orientirung dienen konnte, und der die unbedeutendſten Formen des Terrains in unverlöſchlichem Gedächtniß feſthielt. Nach einer halben Stunde erreichte man die Schlucht. Der Schnee war durch den Sturm mehr als mannshoch darin zuſammengeweht. Indeſſen machten ſich die Sappeurs mit angeſtrengteſter Kraft daran, ihn wegzu⸗ räumen, und gelangten wirklich auf einen feſten Eisſpiegel. 8 „Wenn der Froſt bei dieſem ſeichten Gewäſſer nur nicht bis auf den Grund gedrungen iſt,“ ſprach der Marſchall beſorglich, während die Sappeurs ſich ſchon bemühten, das Eis zu durchhauen. „Das fürcht' ich nicht,“ entgegnete Raſinski;„alle dieſe Bäche haben einen warmen, moorigen Grund. Dahen frie⸗ ren ſie nur bei der ſchärfſten Kälte durchweg zu. Wir tref⸗ —y nn——— fen zuverläſſig noch Waſſer, zumal da es geſtern ſchon zu thauen angefangen hat.“ Er hatte richtig geurtheilt. Denn eben drang die Axt durch die Eishülle, und es trat Waſſer in die Lume. Mit wenigen Schlägen war die Offnung erweitert, und man er⸗ kannte jetzo die Richtung des Waſſerzuges. Freudig rief der Marſchall aus:„So hoffe ich, ſind wir geborgen. Dieſer Bach muß uns zum Dniepr geleiten, der nicht fern ſein kann. Sind wir über dieſen hinaus, ſo, denke ich, haben wir das Schwerſte überwunden, und wer⸗ den uns mit unſern Kameraden vor uns bald vereinigen.“ Sogleich ſandte der Feldherr jetzt die Marſchbefehle an das Corps, welches ſich indeſſen einigermaßen von der An⸗ ſtrengung ausgeruht hatte. In einer Stunde gewann man, ſtets dem Laufe des Baches folgend, einen düce Wald. Hier war man geſchützt vor dem Sturme, und das Schnee⸗ geſtöber hatte überdies aufgehört. Di eringſte günſtige Wendung des Geſchicks belebt in ſolchen Lagen den Muth auf unglaubliche Weiſe mit neuen Kraͤften und Hoffnungen. Daher ſchritt der Marſch rüſtig vorwärts. Das Vertrauen der Krieger wuchs noch durch den glücklichen Zufall, daß Naſinski in den halb eingeſtürzten Hütten eines zerſtörten, elenden Dorfes einen alten lahmen Bauer auftrieb, der in der Gegend genau bekannt war. Dieſer ſagte aus, der Strom ſei ganz in der Nähe, werde aber ſchwerlich zu paſ⸗ ſiren ſein, indem das Eis noch nicht ſtark genug geweſen ſei, um dem Thauwinde zu widerſtehen. Wenn noch ein übergang möglich ſei, ſo könne dieſer nur an einer einzigen Stelle geſchehen, wo die Eisſchollen ſich wegen der ſtarken Krümmung des Fluſſes zu ſtopfen und einige Zeit hindurch auch noch dann eine ziemlich feſte Decke über denſelben zu bilden pflegten, wenn er oberhalb ſchon ungangbar ſei. * — 55— Naſinski verſprach dem Alten eine reiche Belohnung, wenn er ihn zu der Stelle führe; dagegen drohte er ihm mit dem fürchterlichſten Tode, wenn er Verrath übe. Der Bauer erwiderte:„Habt keine Sorge, ich bin nicht aus Altrußland, ſondern von drüben her, wo man Euch nicht ſo übel will als hier. Seid Ihr nur erſt über dem Fluſſe, ſo werdet Ihr dort auch Obdach und wohlwollende Leute antreffen, während hier Alles verheert und wie ausgeſtorben iſt. Folgt mir denn getroſt; Ihr werdet bald ſehen, daß ich Recht habe.“ So wurde er der Führer des Heeres und brachte es glücklich, bevor eine Stunde verging, an das Ufer des Stroms, der der Retter oder der Verderber dieſer tapfern Schar werden ſollte. * Fünktes Capitel. — Der Mond trat eben hinter dunklen Wolken hervor und warf ſein blaſſes Licht über die Landſchaft, als Raſinski, neben welchem der Bote ging, auf einer Hügelſpitze aus dem Walde ins Freie gelangte und nunmehr die Gegend überſchauen konnte. Nur der zwiſchen niedrigen aber ſteilen 4 Anhöhen eingeſchloſſene Dniepr war ſichtbar; er glich einer ſchwarzen Rieſenſchlange, die ſich auf dem weißen Bette des Schnees ringelte, denn leider wölbte ſich keine Eisdecke mehr über den Strom, ſondern nur einzelne Schollen trieb er auf brauſenden Wellen zwiſchen den Ufern dahin. Raſinski, der, um ſich zu verſichern, daß kein Verrath vorwalte, einige hun⸗ dert Schritte vorangeſprengt war, befand ſich allein mit dem Führer in dieſer ſchauerlichen Gegend. Er warf ſeine for⸗ ſchenden Blicke rings durch die Ode, in der nur das dumpfe Dröhnen und Krachen der aneinanderſtoßenden Eisſchollen zu vernehmen war. „Dort,“ ſprach der Mugik und deutete mit dem Finger nach einer Stelle, wo der Strom ſich zu verlieren ſchien, weil die Hügel ſeinen Lauf deckten,„dort ſteht das Eis, denn in der flachen Biegung ſtopfen ſich die Schollen, und wenn ſie nicht ſeit geſtern weggethaut iſt, ſo muß auch noch eine Bahn übergefroren ſein.“* Raſinski lenkte ſein Pferd nach der bezeichneten Stelle hin. Indem er am Saume des Waldes hinunterritt, hörte er es plötzlich in den Gebüſchen raſſeln und vernahm zugleich Peitſchenknall und heftiges Schnauben angeſtrengter Pferde. Er horchte verwundert auf, denn hier konnte noch kein Wa⸗ gen von dem Zuge des Heeres ſein, auch wäre kein einziges Paar der ermatteten Zugthiere deſſelben jetzt einer ſo raſche Bewegung fähig geweſen.„Führt ein Weg hier durch Wald?“ fragte er den Ruſſen.„Ja, Herr,“ erwiderte de ſer,„der Weg von Syrokorenje nach Goſinoe kommt hier herüber. Es ſind vielleicht Bauern, die hier durchs Holz fahren; aber Gefahr hat es gewiß nicht, da 865 ja nur ein Schlitten zu ſein ſcheint.“ Indeſſen beſchloß Naſinski doch, denſelben mit Vorſicht zu beobachten, und ihn, wenn er es nöthig finde, anzuhalten. So wie er deſſen daher anſichtig wurde, zog er das Piſtol aus dem Gürtel, ſprengte in den Weg und rief in ruſſiſcher Sprache mit ſtarker Stimme: „Halt, oder ich ſchieße!“ Der in dichte Pelze verhüllte Führer des Schlittens hielt an und erwiderte gleichfalls ruſſiſch:„Was wollt Ihr? Wir ſind gute Ruſſen, was haltet Ihr uns an?“ Naſinski ritt näher, hielt aber das geſpannte Piſtol in der Hand. „Woher kommt Ihr, wer ſeid Ihr, und wohin wollt Ihr? Darüber habt Ihr mir jetzt genaue Auskunft zu geben,“ be⸗ ——ᷓ——— ——. — 57— fahl er mit ruhigem, aber männlich feſtem Ton. Der Füh⸗ rer des Schlittens wandte ſich, ſtatt zu antworten, zurück zu den im Schlitten Sitzenden und fragte leiſe auf deutſch: „Es ſind ihrer nur zwei, ſoll ich mit der Piſtole antworten und weiter fahren?“ Raſinski hatte jetzt die Unbekannten im Schlitten näher betrachtet; es waren der Tracht nach zwei Männer und zwei Frauen. Da er jetzt an der halb gehörten Rede des Führers merkte, daß ſie keine Ruſſen ſeien, vermuthete er vielleicht flüchtige Offiziere von der Armee. Er drängte daher ſein Pferd dicht an den Schlitten, hielt einem der Männer das Piſtol vor das Angeſicht und ſprach deutſch:„Wir Beide ſind nicht, was wir ſcheinen wollten; es muß ſich jetzt zei⸗ gen, ob wir Freunde oder Feinde ſind. Nochmals frage ich—“ Doch mitten in ſeinen Worten unterbrach ihn ein ju⸗ belnder Ausruf der Freude.„Raſinski, Raſinski!“ tönte es von den Lippen des Angeredeten, und Ludwig warf ſich außer ſich vor Freude an ſeine Bruſt. Zugleich hörte er auch Bernhards Stimme, der einen raſchen Sprung vom Schlitten herab that, um ſich von der andern Seite an ihn zu drängen. Raſinski ſprang vom Pferde und drückte den Freund in heißer Umarmung an ſein Herz.„O Gott, wel⸗ chen Dank bin ich Dir für dieſe Gnade ſchuldig,“ rief er tief bewegt, und Thränen der Freude rollten über ſeine männliche Wange. Wie drängten ſich Fragen und Erzählungen der wunder⸗ barſten Geſchicke jetzt in wenig Minuten zuſammen! Das Herz vermochte nicht ſo ſchnell zu faſſen und zu empfinden, was die geflügelten Worte entdeckten! Die drohendſte Ge⸗ fahr des Todes, die unglallblichſte Rettung, das Auffinden der geliebteſten Weſen, neue Gefahren und Rettungen von der einen Seite; dagegen von der andern unausſprechliche 4 3* 3 Sorgen, düſterer Gram, furchtbare Kämpfe und Bedräng⸗ niſſe, und jetzt, am mächtigſten durch die lebendige Wirklichkeit, dieſes Wiederfinden der Freunde an der Schwelle der Rettung. „Lebt Jaromir? Wo iſt Boleslaw?“ fragten Bernhard und Ludwig aus einem Munde. Jetzt erſt erinnerte ſich Raſinski, daß ein Heer ihm auf dem Fuße folge; er wandte ſich um, deutete nach dem Walde zurück und antwortete: „Dort ſind ſie bei den Unſrigen.“ Eben ſah man die erſten Reiter debouchiren. Naſinski ſaß hierauf wieder auf und eilte, dem Marſchall Bericht über die Ausſage des Führers abzuſtatten. Dann ſuchte er Jaromir auf, den er am Wagen bei Boleslaw haltend an⸗ traf, ſodaß er Beiden zugleich die freudige Kunde überbrin⸗ gen konnte. Die Jünglinge eilten, der Führung Naſinski's folgend, zu den Freunden, und begrüßten ſie mit der ſtür⸗ miſchen Liebe der jugendlichen Bruſt. Es war ſeit langer Zeit der erſte lichte Augenblick der Freude in Jaromirs und Boleslaws gebeugter Seele. Raſinski gewährte ihnen Muße, ſich ihrem Glücke zu überlaſſen, indem er ſelbſt ſich der kriegeriſchen Sorge für die Truppen unterzog. So erfuhren die Jünglinge nun ebenfalls die an das Wunder grenzenden Erlebniſſe ihrer beiden innigſten Freunde und durften die Braut und Schweſter derſelben mit offener Herzlichkeit begrüßen. Auch Bianca fühlte ſich glücklich in dem Glück Derer, die ihr die Liebſten auf der Erde waren, und ſie athmete frei auf, da ſie erſt jetzt ihre Rettung voll⸗ endet glaubte; denn noch mancherlei Gefahren hatten die Flüchtenden, ſeit ſie das Jagdſchloß verließen, beſtanden. Bernhards Wunde raubte ihm doch ſo weit die Kräfte, daß es ihm unmöglich war, die Reiſe ſogleich fortzuſetzen. In Gregors gaſtfreundlichem Hauſe fanden ſie zwar ein Obdach, aber nur ein unſicheres, da ſie ſchon am folgenden Tage er⸗ — 59— fuhren, daß Dolgorow ſeine Freiheit wieder erlangt habe. Sie mußten daher jeden Augenblick ſeine Nache fürchten und ſich deshalb den Tag über in einem Grabgewölbe der Kirche verbergen, bis ſie unter dem Schutz der Dunkelheit von Gregor zu einem Amtsgenoſſen deſſelben gebracht wurden, der ſie fünf Tage lang in ſeinem Hauſe verbarg. Von dort aus flüchteten ſie, da Bernhard nunmehr genügend herge⸗ ſtellt war, und die ruſſiſchen Heere ſich von allen Seiten näherten, ebenfalls heimlich und bei Nacht, damit ihr Ret⸗ ter und Beſchützer nicht um ihretwillen zu dringender Gefahr ausgeſetzt ſein ſollte. Den vergangenen Tag hatten ſie im dichteſten Walde zugebracht; in dieſer Nacht hofften ſie das Werk der Rettung zu vollenden und das franzöſiſche Heer zu erreichen. Willhofen, der Gegend am kundigſten, führte den Schlitten; Jeannette war Bianca's treue Begleiterin geblieben. Das Loos Aller ſchien nunmehr, ſowie ſie das vor ihnen liegende jenſeitige Ufer des Stroms erreicht haben würden, entſchieden. Aber welches namenloſe Elend und Verderben drängte ſich noch in dieſe ſchmale Bahn, die zwiſchen ihnen und der gehofften Rettung lag! Deer ſchwarze Zug des Heeres hatte ſich bereits in düſterm Gewimmel auf den gegen den Strom ſich abſenkenden Schneeflächen verbreitet; aber mit Erſtaunen ſah man, daß er ſich am Ufer dichter und dichter ſammelte, jenſeits aber Niemand ſichtbar wurde. Willhofen führte den Schlitten jetzt gleichfalls gegen die übergangsſtelle hin; allein ſchon war das Gedränge ſo groß geworden, daß er das Ufer nicht erreichen konnte. Raſinski fand ſeine Freunde in dem ver⸗ worrenen Gewühl heraus, und berichtete ihnen mit beſorg⸗ licher Miene, daß kein Wagen, ja kaum ein Roß den Strom paſſiren könne, weil die Eisdecke zu dünn für eine 8 ——õöãöãöãö——G“““ — 60— ſolche Laſt ſei; denn ſie beſtand nur aus zuſammengeſcho⸗ benen Schollen, die zum Theil ſchon unter Waſſer ſtanden, oder doch nur mit einer dünnen Eiskruſte friſch überfroren waren. Nur einzelne Leute hatten es daher bis jetzt gewagt, nach dem andern Ufer hinüberzuklimmen; allein auch von dieſen waren Viele verunglückt, weil ſie im Dunkeln in die tiefen Spalten zwiſchen den Schollen ſtürzten. Der Mar⸗ ſchall hatte daher für jetzt jeden fernern Verſuch unterſagt, zumal da ſeine Menſchlichkeit nicht dulden wollte, daß man den übergang bewerkſtellige, ohne die Tauſende von ermat⸗ teten Nachzüglern, von Verwundeten, Frauen und Kindern abzuwarten, die mit ihren erſchöpften Kräften dem furcht⸗ baren Marſch durch Sturm und Schneegeſtöber nicht zu folgen vermochten. Es wurden daher drei Stunden Friſt zum Ausruhen und zur Sammlung anberaumt, während welcher Zeit noch das Mögliche geſchah, um den übergang zu erleichtern, indem man durch Baumäſte und Stroh die minder breiten Spalten zu verſtopfen, die andern wenigſtens ſo zu bezeichnen ſuchte, daß man ihnen nicht unvorhergeſehen nahete. Bianca ſah ſich durch die ſeltſame Verkettung ihrer Schickſale alſo jetzt mitten in dem Getümmel des Krieges. Wenngleich ihre Jungfräulichkeit ſich nur mit Zagen unter dieſes furchtbare Treiben der Männer miſchte, ſo gewährten ihr doch Ludwigs und Bernhards Nähe Schutz und Troſt. Gegen äußere Gefahren war ſie mit dem Muth hoher See⸗ len gewaffnet, die ſich an dem Bewußtſein erheben, daß es über dieſes Leben hinaus etwas Beſſeres, Ewiges gibt, das keine fremde Gewalt uns entreißen, ſondern nur unſer eigner Abfall von der Wahrheit verſcherzen kann. Aber ſie hatte ſich noch mit andern Kräften zu rüſten, als mit derjenigen, wodurch man eigne Geſchicke trägt; denn es war ihr ver⸗ — 61— hängt, den unbeſchreiblichen Jammer vieler Tauſende von Unglückſeligen zu ſehen, die hier verderben ſollten! Um Mitternacht gab der Marſchall, der mit der Kalt⸗ blütigkeit des Helden die dreiſtündige Friſt benutzt hatte, um ſich durch einen erquickenden Schlaf für neue Drangſale zu ſtärken, Befehl, den übergang geordnet zu beginnen. Still, ernſt, feſt in ſeinen Reihen bleibend, machte ein Regiment leichter Infanterie den Anfang. Doch kaum hatten die erſten Sectionen wenige Schritte vorwärts gethan, als plötzlich ein dumpfes Krachen unter ihren Füßen ertönte und der Boden zu wanken begann. Sie glaubten ſich durch ſchnelles über⸗ hineilen retten zu können und beſchleunigten daher ihre Schritte; doch, da andere Maſſen nachdrangen, verſtärkte ſich der Druck auf die Eisfläche. Sie ſanken mit der Scholle bis an die Kniee ins Waſſer; der Fuß ſchwankte, glitt aus, ſie ſtürzten nebeneinander hin. Da brach das berſtende Eis mit lautem Krachen, ein tiefer ſchwarzer Schlund öffnete ſich, und verſchlungen waren die Unglücklichen, die ſich der verrätheriſchen Scholle anvertraut hatten! Ein lauter Schrei des Entſetzens zerriß die Lüfte; voller Schrecken bebten die Zunächſtſtehenden zurück und warfen ſich gewaltſam andrän⸗ gend in die Reihen ihrer Kameraden, die ſchon gegen den Fluß vorrückten. Der Marſchall war überall ſelbſt zugegen. Mit düſterm Grauſen ſah er ſeine Tapfern in den Abgrund des Stroms hinabſinken. Noch erhob ſich hier und da ein Haupt, ein Arm, und ein jammernder Huͤlferuf ſchnitt in die Seele; doch nach wenigen Secunden war Alles verſchwunden und grauſenvolle Stille ſchwebte über den dunkeln Wogen. „So iſt's unmöglich,“ ſprach der Marſchall mit gewalt⸗ ſamer Faſſung.„Wir müſſen es einzeln verſuchen.“ Es wurden jetzt je zwanzig und zwanzig Mann zer⸗ ——— — 62— ſtreut abgeſendet, die, einzeln von Scholle zu Scholle klim⸗ mend, das andere Ufer zu gewinnen ſuchten. Es gelang. Eine neue Hoffnung belebte die Bruſt der Krieger. Da hörte man in nicht großer Ferne Kanonendonner. Dieſer Klang erinnerte wieder an die übermacht des Feindes, der in jedem Augenblick die Spur des Heeres aufgefunden haben und ihm nachrücken konnte. Dadurch ſchwoll der Trieb der Rettung zu mächtig in jeder Bruſt. Zeigte ſich der Feind, ſo waren Diejenigen geborgen, die das jenſeitige Ufer erreicht hatten, aber rettungslos verloren Alle, welche noch auf dieſer Seite verweilten. Daher drängten ſich die Maſſen gegen das Ufer und wetteiferten in überſtürzender Eile, ihr eignes Verderben beſchleunigend, wer zuerſt die gefährliche Rettungsbahn be⸗ träte. Umſonſt ſind Befehle, Vorſtellungen, Bitten der Füh⸗ rer; vergeblich ſucht ſelbſt der Marſchall ſein Anſehen geltend zu machen. Seine Nähe fürchtend, drängen ſich die Un⸗ glücklichen nach andern Punkten, wo die Dunkelheit ſie ſei⸗ nem Blick entzieht. So wird, was ihre Rettung werden konnte, ihr Untergang; die Haſt, die blinde Begierde, die Unvorſichtigkeit tödtet ſie. Sie überſtrömen das Eis, es trägt die Maſſen nicht, wankt, kracht und bricht. Das Gedränge raubt jedem Einzelnen den Gebrauch ſeiner Kraft und Ge⸗ ſchicklichkeit. Der Kamerad ſtößt den nächſten Kameraden, der Freund den Freund, der Soldat das heilig geachtete Haupt des Führers hinab in den Schlund des Verderbens. Die ganze düſtere Fläche des Eiſes ertönt krachend von ein⸗ brechenden Schollen, von jammerndem Hülfsgeſchrei, von ra⸗ ſenden Flüchen und Gebeten. Drüben das jenſeitige Ufer wirft Denen, die es erreichen, eine ſteile, mit Eis gepan⸗ zerte Bruſt entgegen. Die durch Schrecken und Anſtrengung Entkräfteten vermögen nicht mehr hinanzuklimmen. Sien rollen wieder hinab auf den Strom und zerbrechen ſeine Eisdecke 38 4„ 3 — 63— oder ihre eignen halb erſtarrten Glieder. Blutend liegen ſie auf den harten Schollen und wimmern vergeblich um Hülfe. Das Mitleid iſt taub geworden, die Menſchlichkeit in jeder Bruſt erſtarrt. über die zuckenden, noch lebensvollen Kör⸗ per ihrer Brüder ſchreiten die Nachdrängenden fühllos hin, und der frevelnde Fuß des Unverſehrten zertritt Antlitz und Bruſt des Entkräfteten, Verblutenden. Aber den nächſten Augenblick ſchon ereilt ihn die Nemeſis; auch ſein Fuß glei⸗ tet aus, auch ſeine Hand verſagt ihm die Kraft, er rollt hinunter in den Strom und ſtöhnt hülflos an der Seite Deſſen, über deſſen Haupt er noch eben erbarmungslos da⸗ hinſchritt. Die Verwundeten, die Frauen, die Kinder am Ufer hören das Jammergeſchrei der Unglücklichen durch die Nacht hindurch; der düſtere Schleier, den dieſe über das Gemälde wirft, erhöht noch das Entſetzen, denn in der ſchaffenden Ahnung wachſen die Schrecken des Verderbens bis ins Gi⸗ gantiſche. Ein verzweiflungsvoller Wahnſinn ergreift die Ver⸗ zagenden; ſie irren händeringend am Ufer hin und her. Ei⸗ nige ſtuͤrzen ſich, weil dieſe Qual ſchaudervoller erſcheint als ſelbſt der Tod, in blinder Raſerei ſelbſt in die aufklaffenden Schlünde des Stroms hinab; Andere werfen ſich, an Allem und zumeiſt an ihrer eignen Kraft verzagend, jammernd auf den kalten Boden und verwünſchen ihr Daſein und den Tag, der ſie geboren. Dieſe Bilder des Grauſens ſah Bianca rings um ſich her. Eine Zeit lang hatte ſie mit ſtummer Ergebung den Schmerz getragen. Jetzt wurde ſie von ihm überwältigt; ſie brach in Thränen aus und ſank an die Bruſt des Bru⸗ ders, der vergeblich ſeine ganze männliche Faſſung aufbot, um unerſchüttert zu ſcheinen. Er hätte ſich gewiß durch ſeine rauhe Weiſe Luft gemacht und ſeine Kraft gewaltſam auf⸗ — 64— geſtachelt; allein um der Schweſter willen, die ihm ja das Liebſte war, was jetzt das weite Erdenrund für ihn umfaßte, gewann er ſich mildere Formen ab und wurde ſo ſelbſt wei⸗ cher. Er ſprach ihr beruhigend zu:„Getröſte Dich, Schwe⸗ ſter; der Allliebende hat uns nicht darum vereinigt, um die erſten Blüthen unſers Glückes hier in den Eisſchollen des Stromes zu zermalmen. Sein Auge wacht über uns.“ „O Bruder,“ erwiderte ſie,„blicke auf das Entſetzen um uns her; es zerreißt mir die Seele! Ach, ich klae ja nicht ſträflich um mich ſelbſt!“ Ludwig trat heran und ſprach mit ſanftem Ernſt:„Der Allmächtige waltet ja auch in dieſem Entſetzen. Die der Strom in ſeinen Schoos begraben hat, ſind ſie nicht erlöſt von dieſer endloſen Qual? Ach, ſchon iſt ihre Bruſt ja ſtill, und ſchon lächeln ſie vielleicht mit verklärtem Blick gegen die dunkle Erde herab! Laß Dich die grauſende Geſtalt des kurzen Kampfes nicht erſchrecken.“ Raſinski, der hoch zu Pferde ſaß und ordnete und lei⸗ tete, wo ſich noch ordnen und leiten ließ, kam in dieſem Augenblick heran und redete die Freunde an:„Bewahrt nur die Ruhe, meine Lieben, übereilt nichts, denn hier fürchte ich keine Gefahr. Nur der Schrecken, der die Krieger er⸗ griffen hat, iſt ihr Untergang. Auch ich bleibe mit meinen Reitern bis zuletzt; macht alſo keinen Verſuch, bevor ich Euch nicht auffordere. Vielleicht laſſen ſich ſogar die Wagen und Schlitten hinüberſchaffen.“ Die klare Ruhe und Beſonnenheit, die ſich Raſinski mitten im Sturm der unerhörteſten Ereigniſſe zu bewahren wußte, wurde zu einem feſten Anker für Alle, die ihn um⸗ gaben. Zwar war er im Augenblick wieder entſchwunden, um einem Trupp dicht am Ufer eingebrochener Grenadiere Hülfe zu leiſten; allein die wenigen Augenblicke iüer Ge⸗ * „ 4⁴ 8 — 65 genwart hatten hingereicht, Allen neuen Muth, neue Hoff⸗ nungen zu wecken. Nach und nach entwirrte ſich das Gemälde; die Trup⸗ pen waren meiſt hinüber; nur die Wagen und Kanonen hatte man noch nicht überzubringen verſucht. Raſinski's Neiter allein hielten noch zur Seite und deckten einen Zug von Wagen mit ſchwer Verwundeten. Der Marſchall ging zu Fuß am Ufer umher und gab noch immer Befehle; er wollte, wie der Capitain eines ſtrandenden Schiffs, das Wrack ſeines Corps nich“ eher verlaſſen, bis die letzten Wellen verſchlingend darüber hinbrauſten. Endlich war der übergang vollendet, und drüben ordne⸗ ten ſich die Scharen bereits wieder. Jetzt ſollte der Verſuch gemacht werden, einige Wagen hinüber zu ſchaffen, auf de⸗ nen ſich diejenigen Verwundeten befanden, die durchaus nicht fähig waren, zu Fuß zu gehen. Die Schollen ſchoben ſich durch den immer neues Eis antreibenden Strom bei jeder Lücke ſtets ſogleich wieder dicht ineinander. Nach und nach hatte man die Stellen kennen gelernt, die die ſicherſte Bahn gewährten. Auf dieſen ſollte jetzt der Verſuch gewagt wer⸗ den. Vorſichtig wurden ſie hinaufgeleitet; etwa dreißig Schritte weit trägt das Eis. Da plötzllich bricht es. Lautes Angſt⸗ geſchrei ertönt, die Unglücklichen verſinken, ſie ringen mit der Fluth, ſie kämpfen untereinander um den letzten erlöſchenden Funken ihres jammervollen Lebens. Gott und Menſchen rufen ſie flehend um Rettung an. Vergeblich! Wenige Au— genblicke ſind genug, ſie Alle in die Tiefe zu verſenken, und auf den die Seelen durchſchneidenden Hülfe⸗ und Jammer⸗ ruf folgt plötzlich wieder jene grauſenvolle Todtenſtille, die nur der dumpf rauſchende Strom und das hohle Dröhnen und Krachen der Eismaſſen unterbricht. Mit zuckendem, aber gewaltſam gebändigtem Schmerz — 66— in der Bruſt, ſtarrt der Feldherr auf die Stelle hin, wo die edelſten, die tapferſten, die an den ſchwerſten Wunden krankenden Märtyrer von dem ſchwarzen Schlund der Tiefe verſchlungen worden ſind. Da regt ſich's noch einmal über dem Waſſer! Ein kläglicher Laut wird hörbar; man ſieht eine Geſtalt auf einer Scholle, bald ſinkend, bald ſich he⸗ bend, emportauchen. „Dort iſt noch Einer zu retten,“ ruft der mieernſchlich fühlende Held, und im Augenblick wagt er ſich ſelbſt auf die gefahrvolle Bahn, wo jeder Fehltritt ins Grab führt. Naſinski, der zunächſt hält, ſpringt pfeilſchnell vom Pferde und eilt dem Marſchall zu Hülfe. Wirklich iſt es einer jener eben Verunglückten, der wie durch ein Wunder aus der Tiefe des Abgrunds neu auftau⸗ chend, wiederkehrt aus dem unerbittlichen Schlunde des To⸗ des. Doch ſchwer verwundet, kraftlos, verſucht er vergeblich die feſte Scholle zu erklimmen. Da ſtrecken ſich ihm Freun⸗ desarme entgegen; ſein Feldherr und Raſinski ſind es, die ihm die rettende Hand reichen. Sie ziehen ihn auf den fe⸗ ſten Boden, leiten ihn ans Ufer— er iſt dem Tode ent⸗ riſſen. Doch jetzt ſinkt ſeine Kraft zuſammen; der erſtarrte, zerſchmetterte, zerriſſene Körper hält die Seele nicht mehr feſt in ſeinen Banden— ſie entflieht! Seine dankenden Blicke wendet er gegen ſeine Retter, dann ſucht das irre Auge die Gegend ſeiner Heimat— bricht— und erlöſcht auf ewig. Eine Minute geht der Marſchall in düſterm Schweigen auf und ab; eine Minute iſt er Menſch und Freund, in der nächſten wieder Feldherr. „Wagen ſind nicht über den Strom zu ſchaffen,“ ſpricht er mit gebietender Stimme;„vernagelt die Kanonen! Was an Gepäck und Lebensmitteln nicht fortgeſchafft werden kann, laßt hier für Diejenigen, die uns nicht folgen können.“ —,.—— Mit dieſem Befehl iſt das Todesurtheil der Unglückſeli⸗ gen geſprochen, die der eignen Kraft nicht mehr vertrauen können. Ein lautes Wehklagen und Jammergeſchrei erhebt ſich; wer noch einen Fuß, noch eine Hand zu bewegen ver⸗ mag, klimmt mühſam vom Wagen herab, um ſich auf das jenſeitige Ufer zu ſchleppen. Die Andern plündern in wilder Haſt das Gepäck, denn es enthält, was allein erretten kann, die geringen Vorräthe an Speiſen, die Schutzmittel gegen den Grimm der Kälte, die nothwendigſten Geräthe. Das Wenigſte iſt fortzuſchaffen, und doch iſt nichts zu entbehren. Sie ergreifen, verwerfen, ergreifen wieder, ſchleudern wieder von ſich. Wie Raſende, deren Habe in Flammen ſteht, ir⸗ ren ſie ohne Beſinnung durcheinander hin und retten in der Betäubung das Nutzloſeſte. Viele vermögen keinen Entſchluß zu faſſen. Da hören ſie vom jenſeitigen Ufer die Trommel, die zum Aufbruch wirbelt; die Angſt zurückzubleiben, ergreift ſie, und nun ſtürzen ſie in wilder Haſt gegen den Strom hin und wagen den Verſuch der Rettung. Jetzt erſt denkt Raſinski an ſich ſelbſt, an ſeine Freunde. Mit dem Ausdruck der Wehmuth in Stimme und Zügen nähert er ſich dem Schlitten, auf welchem Bianca mit Jeannetten ſitzt und ſich tief verhuͤllt hat, um die Gemälde des Schreckens ringsumher nicht mehr zu ſehen.„Fürſtin,“ redete Raſinski ſie an,„das rauhe Geſchick des Krieges wird Sie einer harten Prüfung unterwerfen. Wagen und Schlit⸗ ten ſind nicht über den Strom zu bringen; doch hoffe ich, daß es uns mit den Pferden gelingen ſoll. Verſehen Sie ſich alſo mit dem Unentbehrlichſten. Gewiß erreichen wir bald einen bewohnten Ort, wo für Frauen wenigſtens Hülfe zu finden ſein wird.“ Bianca ſchlug den Schleier zurück, ſtand auf und er⸗ widerte gerührt:„Sie ſind ſo gut— aber ich fürchte dieſe 4 ——õ— — — — 68— Prüfung des Geſchickes nicht,“ fuhr ſie entſchloſſener fort, „ich fühle Muth, dieſe Beſchwerden zu ertragen. Nur das Leiden aller dieſer Hülfloſen verwundet mich tief, ſchmerzlich, und lähmt meine eigne Kraft. Jetzt wird ein ſtrenges Müſſen mir heilſam ſein.“ Die Pferde werden ausgeſpannt und mit einigem Ge⸗ päck, doch nicht zu ſchwer beladen. Willhofen führt das eine, einer von Raſinski'’s Leuten, deren ſchon viele zu Fuß gehen müſſen, das andere. Raſinski ſelbſt ſchreitet voran, weil er die Bahn, die man verfolgen muß, am genaueſten kennt. Bianca wird von Ludwig und Bernhard, Jeannette von Jaromir und Boleslaw geleitet; zu Dreien angefaßt, iſt die Wanderung am ſicherſten auszuführen, weil die Laſt nicht zu groß iſt, und doch die gegenſeitige Unterſtützung nicht fehlt.. Da der Weg zum Ufer durch Wagen, Trümmer des Gepäcks und durch Hunderte von Unglücklichen, deren Angſt⸗ ruf die Lüfte theilt, bedeckt iſt, läßt Raſinski die Seinigen einen Umweg hinter die verlaſſenen Wagen herum machen. Plötzlich vernimmt Bianca's ängſtlich horchendes Ohr das verlorene Weinen eines Kindes. „Mein Himmel,“ ruft ſie,„ſollte hier irgendwo ein Kind hülflos verlaſſen ſein? Wenn wir Niemand retten können, dieſes unſchuldige Leben dürfen wir nicht preisgeben.“ Ihr Blick folgt dem Ohr, ſie lauſcht, ſie hat die Rich⸗ tung glücklich erſpäht. Inmitten der Wagen muß das arme Geſchöpfchen aufzufinden ſein. Sie eilt dahin und findet wirklich ein in Stroh und Decken eingehülltes, verlaſſen auf einem Wagen liegendes Kind, das ſie mit Zärtlichkeit auf⸗ hebt.„Armes Töchterchen,“ ſpricht ſie mit mildem Laut, „konnte Deine Mutter Dich vergeſſen? Ich will Dir Mut⸗ ter ſein, bis ſie zurückkehrt.“ So nimmt ſie es in ihren — 69— Arm; ſie duldet nicht, daß Ludwig oder Bernhard ihr die ſüße Laſt abnehmen. Freundlich beruhigt ſie die ängſtlich weinende Kleine, die ſich bald vertrauensvoll an ſie ſchmiegt. Eine ſelige Freude dringt in ihre Bruſt, daß ſie doch ein Leben aus dieſem Abgrunde der Verderbniß gerettet hat; es iſt milder Balſam für ihre von Angſt und tiefſtem Mitlei⸗ den gefolterte Bruſt. So kehrt ſie zurück und zeigt Jean⸗ netten und ihren Begleitern voller Freude den Fund, den ſie gethan. Boleslaw erkennt es, es iſt Aliſettens Töchter⸗ chen. In der Beſtürzung entſchlüpft dieſes Wort ſeinen Lippen; Jaromir vernimmt es, er fragt, er forſcht und dringt, da der Freund auszuweichen ſucht, deſto heftiger in ihn. „Wahrheit ſage mir,“ ruft er aus,„volle, ganze Wahr⸗ heit, ohne Hehl und Schmuck. Boleslaw, wenn Du Dich meinen Freund nennſt— bei dieſen Gefahren, die wir thei⸗ len, bei der Treue, die wir uns je bewieſen— ſage mir die Wahrheit!“ So erfuhr Jaromir Aliſettens letztes Schickſal und er⸗ hielt vollen Aufſchluß über die heuchleriſche Täuſchung, mit der ſie ihn umſponnen hatte. Er war tief erſchüttert; doch keine Thräne entfloß ſeinem Auge, kein Wort kam über ſeine Lippe. Er drückte die ſtumme Qual, dieſe bittere Miſchung aus verrathener Liebe, täuſchender Umſtrickung der Sinne, Verachtung, Mitleid und tiefſter Reue in ſeine Bruſt hinab und duldete ſchweigend und bleich wie ein Marmorbild.. Jetzt hatte man den Strom erreicht; der mühſelige Zug begann. Doch des Himmels waltende Hand leitete die Schritte der Bedrängten glücklich zum Ziel. So nahe die Schlange der Gefahr rings um ſie her ſpielte, ſo oft der Boden unter ihnen ſchwankte, der Fuß dicht am ſchwarzen — 70— Abgrunde entglitt— die wachſame Rettung war immer ſchneller als das lauernde Verderben. Jetzt erreichten ſie das jenſeitige Ufer und athmeten frei und gerettet wieder auf. In tiefſter Rührung drückten die Freunde einander an die Bruſt; Alle aber wandten ſich zu Naſinski, denn ſie fühlten, daß er der Retter war, und umdrängten ihn mit gerührter Liebe. „Dort oben ſucht den Helfer,“ ſprach er und erhob den Arm gen Himmel;„ihm, der über den Sternen wohnt, deß Auge durch Nacht und Wolken dringt, ihm wendet Herz und Blick dankend zu!“ Plötzlich theilte ein Mann in heftiger Eile das Getüm⸗ mel und wollte ſich an Naſinski vorüberdrängen; dieſer er⸗ kannte Regnard.„Wohin?“ rief er ihm zu und hielt ihn an. „Laßt mich!“ erwiderte dieſer haſtig und wollte ſich los⸗ machen;„ich muß wieder an das jenſeitige Ufer. Die Un⸗ glückliche, der ich mein Kind zur Obhut gelaſſen, iſt durch Angſt und Schrecken ſo betäubt worden, daß ſie es vergeſſen hat. Ich muß es retten.“ „Es iſt gerettet!“ rief Raſinski freudig. „Wie? Wo? Ich danke Euch mehr als mein Leben,“ antwortete Regnard und blickte umher. Raſinski erzählte ihm die Rettung in zwei Worten, und wies den vor Freude Zitternden zu Bianca hin. Dieſe hatte das Geſpräch ſchon vernommen und trat ihm entgegen. „Du armes Herzchen!“ rief der Vater mit gerührter Zärtlichkeit und nahm das Kind in die Arme;„biſt Du wirklich zum zweiten Male gerettet?“ Seine Freude war ſo groß, daß er faſt des Dankes darüber vergaß; wie beſchämt aber wandte er ſich plötzlich zu Bianca, und ſprach:„Sie waren der Schutzengel des hülfloſen Weſens! Fordern Sie mein Leben, wenn Sie wol⸗ —— ——ÿᷣ — 71 len; als Mann von Ehre gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich nicht ſäumen werde, es zu opfern. Nur bleiben Sie dann die Mutter dieſer verlaſſenen Waiſe!“ „Vertrauen Sie das Kind mir jetzo an,“ ſprach Bianca ſanft;„es ſoll ſeine Mutter nicht vermiſſen!“ „Ja, das will ich,“ erwiderte Regnard,„wenn der All⸗ mächtige Sie erhält, ſo iſt dieſes junge Leben wohl gebor⸗ gen! Sie werden es nicht vergeſſen in der Stunde der Gefahr!“ „Gewiß nicht,“ ſprach Bianca;„und es wird mir mehr Schutz geben, als ich ihm, denn Gottes Engel wachen über dem holden Haupt, und der Schoos iſt heilig behütet, in den es ſich ſchlummernd lehnt. Es hat mich auch ſchon recht lieb,“ fuhr ſie freundlich fort, indem ſie das Kind ſtreichelte,„nicht, Herzchen?“ Der kalte, eherne Regnard, deſſen ſtarre Furchen in Stirn und Wangen kaum jemals ein Lächeln heiter über⸗ flog, ſtand jetzt mit dem Ausdruck tiefſter Rührung in den Zügen, und Thränen glänzten in ſeinem Auge. Er ver⸗ mochte nicht zu ſprechen, oder wollte es nicht, weil er zu bewegt war. Bernhard betrachtete ihn mit innigſter Theilnahme und wandte ſich leiſe zu Ludwig.„An dieſem ſehe ich, daß das Schickſal Eiſen wie Wachs formt. Es muß ihn aber auch mit Rieſenfäuſten gepackt haben, daß es Thränen aus ſei⸗ nem ehernen Herzen drückt und warme Funken aus ſeiner kalten Steinbruſt ſchlägt.“ „Du irrſt, Lieber,“ antwortete Ludwig;„nicht die Schläge des Schickſals haben ihn zermalmt, denn gegen ſie ſteht er aufrecht wie jemals, aber die warme Sonne der Liebe löſt mit ihren Strahlen das Eis ſeiner Bruſt und entlockt dem ſteinigen Boden duftende Blüten. O glaube —— — 72— mir, in der Tiefe jeder Bruſt ruht das goldne Samenkorn der Liebe und ſprießt in zarten Keimen auf, wenn ein Sonnenſtrahl es erreicht.“ „Doch nicht eher, als bis die ſcharfe Pflugſchaar des Unglücks den zähen Boden von allen Seiten aufgeriſſen hat.“ „Iſt Dem ſo, ſo wollen wir dem Himmel für den Schmerz dankbarer ſein, als für die Freude,“ ſprach Lud⸗ wig bewegt. „Man hat es oft Urſache,“ warf Bernhard in ſeiner raſchen Weiſe hin;„und ſind wir nicht auch durch dieſe Schule gegangen? Wie tief und oft mußte der Pfeil des Schmerzes, das Feuer des Zorns, das Eis der Verſchmä⸗ hung, ja das Gift der Sünde ſelbſt mir durch das Herz dringen, und darin ſchneiden und brennen, bis es locker und fruchtbar wurde für die heilige Saat der Freundſchaft und Liebe!“ „Und war denn dieſe nicht immer in Dir?“ antwor⸗ tete Ludwig.„Du mißkennſt und entſtellſt Dich ſelbſt, Du Beſter.“ „So etwas war freilich davon da,“ ſprach Bernhard, naber kein echtes, gediegenes Metall; und noch ſind die Schlacken nicht ganz heraus. Vielleicht dauert es noch lange, ehe es einen ſo reinen goldnen Klang gibt, wie bei ihr!“ Er deutete dabei auf Bianca, die noch mit Regnard ſprach. „Sie freilich,“ erwiderte Ludwig weich,„gleicht der kla⸗ ren Kryſtallſchaale, die, wenn ſie berührt wird, in ſchönen Wellenlinien und zitternden Kreiſen den Wohllaut reinſter Glockentöne erklingen läßt.“ Während dieſes Geſpräches hatten ſich die Truppen wieder geordnet und ſetzten ſich in Bewegung, Willhofen führte die beiden Pferde heran, die er für Bianca und Jean⸗ netten, ſo gut es in der Noth anging, mit Decken geſattelt hatte. — 3— Die Frauen wurden hinaufgehoben; Bianca nahm das Kind vor ſich, der alte Diener hing ſich die Zügel über den Arm, um die Pferde zu leiten. Bernhard und Ludwig gin⸗ gen zu Fuß nebenher, doch ſchloſſen ſie ſich ſo dicht als mög— lich an Raſinski's Leute an, von denen auch ſchon wieder ein nicht geringer Theil ſeine Pferde verloren hatte und daher zu Fuß ging. Bald nahm ein dichter Wald den Zug auf und im Schutze ſeines Dunkels ſchienen die nächſten Ge⸗ fahren abgewendet zu ſein. Sechstes Capitel. Bei dem größern Heere hatte die tiefſte Trauer und Beſtürzung geherrſcht, weil man keine Hoffnung hegte, daß der preisgegebene Held Ney einen Ausweg aus den Schnee⸗ ſteppen Altrußlands, deren Grenzen von zahlloſen Feinden bewacht wurden, finden könne. Wenn ſchon die Garden des Kaiſers unter deſſen Führung ſelbſt, als er ſich zurück⸗ wandte, um Eugen und Davouſt zu retten, furchtbare Kämpfe beſtehen mußten, wenn die ttalieniſche Armee nur durch ein Wunder gerettet werden konnte— was war für Die zu hoffen, welche, um zwei Tagemärſche zurück, den Feind auf den Ferſen, vor ſich und zu beiden Seiten haben mußten? Ein düſterer Schmerz bemächtigte ſich der Seele Aller; ſelbſt der eigenen Rettung vermochte ſich Niemand zu erfreuen, ſo lange der kühne, edle Löwe, der freilich allein dieſer giganti⸗ ſchen Aufgabe gewachſen war, in dem Kerker des Feindes ſchmachtete, oder vielleicht von den Keulenſchlägen der über⸗ IV. 4 — 2à— macht zu Boden geſtreckt wurde. Der Kaiſer ſelbſt, ſo feſt er ſich die unerſchütterliche Ruhe und Klarheit bewahrte, wo er im Angeſichte des Soldaten Feldherr oder Monarch ſein mußte, vermochte in ſeinen nächſten vertrauten Umgebunae gen der Sorge und dem Gram kaum zu gebieten. Man ſah ihn finſter, mit gefurchter Stirn, die Hände auf den Rücken gelegt, in den niedrigen, halb eingeſtürzten Hütten Krasnoe's, Lyadi's, Raſasna's und Orsza's, wo der Beherrſcher Euro⸗ pa's ſeine Nachtquartiere wählen mußte, auf⸗ und niederge⸗ hen, ohne ein Wort zu ſprechen. Seine Umgebungen ſtan⸗ den oder ſaßen ſchweigend umher und wagten nicht, die tiefe Stille zu unterbrechen. Den Schmerz um den Fall der vielen Tauſende ſeiner Getreuen, die Schmach ſeiner Nie⸗ derlagen, den Sturz aller ſeiner Hoffnungen hatte er mit unerſchütterter Kraft getragen; der Verluſt ſeines kühnſten Feldherrn, ſeines wärmſten Freundes, bezwang ſelbſt dieſen Koloß, der gewohnt war, wie ein Fels in den Stürmen und Wogen des Schickſals zu ſtehen und ſich die Wetter an ſeiner Stirn brechen zu laſſen. Von Kämpfen und Anſtrengungen ermattet, hatte das Heer zögernden Schrittes, denn der Kaiſer wollte die offene Bahn der Rettung nicht betreten, ſo lange er den koſtbarſten Edelſtein dem Feinde verpfändet hatte, ſpät am Abend Orsza erreicht. Eugen, Davouſt und Mortier lagerten mit ihren Kriegern in dieſer Stadt, die hier zum erſten Male nach einem Monat unerhörter Qual und Entbehrung ein ſiche⸗ res Obdach, Schutz gegen die Strenge des Winters, hinrei- chende Nahrung für ihren entkräfteten Körper, ein Lager für die ermatteten, von Kälte erſtarrten Glieder fanden. Die ungeheure Mühe ſchien überſtanden, und mit der gebieteri⸗ ſchen Forderung der Nothwendigkeit hörten auch die Kräfte auf, die der Wille an ſich nicht zu ſo furchtbarem Gehor⸗ ſam zu zwingen vermochte. Todesmatt waren die Krieger auf das Lager geſunken und überließen ſich in den Armen des Schlafes einer ſeligen Vergeſſenheit ihrer Leiden. Es war Nacht. Da hört der noch in ſpäter Sorge für die Seinen wa⸗ chende Eugen den Hufſchlag einiger Pferde in den ſchweigen⸗ den Gaſſen des Städtchens. Horchend beugt er ſich aus dem Fenſter, ſieht mehre heranſprengende Reiter und ruft ſie an: „Wer da?“ „Polniſche Cavalerie.“ „Woher?“ „Vom Corps des Marſchall Ney.“ Dieſe Antwort zuckt wie ein freudiger Blitzſtrahl durch das Herz des Königs.„Lebt er? Iſt er gerettet?“ fragte er haſtig und außer ſich. „Er rückt auf dem rechten Ufer des Dniepr heran,“ er⸗ widert Raſinski, der von dem Marſchall vorausgeſchickt war; „doch ſind die Ruſſen ihm nahe und ich komme, Hülfe zu fordern.“ „Ihr ſollt ſie haben,“ ruft der Feldherr freudig, und erſcheint in wenigen Augenblicken von ſeinen Offizieren umge⸗ ben auf der Straße. Der Generalmarſch ertönt, man eilt von Haus zu Haus, die Krieger aufzurufen. Doch welche Forderung! Kaum haben ſie endlich den erſten Ort der Raſt und Nuhe erreicht, kaum hat der Schlaf die Entkräfteten in ſeine ſüß betäubenden Arme geſchloſſen, und ſchon wieder ſollen ſie hinaus in den unermeßlichen Ocean von Eis und Schnee, ſollen zurückkehren in die Wüſte, aus der ſie kaum den Aus⸗ gang erkämpft haben! Wer will ſie dazu vermögen? Sie ziehen den Tod der Erneuerung dieſer Qualen vor. Die wir⸗ belnde Trommel hören ſie nicht, mit ſo feſten, dumpfen Ban⸗ 4 4* ———— — 76— den hat der Schlaf ſie umſtrickt; mühſam aufgerufen und emporgeriſſen, taumeln ſie halb bewußtlos wieder zurück auf das warme Lager. Mag der Feind, den ſie eingedrungen wähnen, ſie im Schlafe ermorden; jeder Widerſtand iſt doch vergeblich; warum ſollen ſie die gelähmten Sehnen noch einmal auf ſchmerzlicher Folter anſpannen, warum die Mar⸗ ter erneuern und verlängern? Doch ein Mittel gibt es:„Ihr ſollt den Marſchall Ney erretten,“ rufte man den Betäubten ins Ohr.„Ney iſt uns nahe! Auf, ihm entgegen, ihn zu beſchirmen!“ Der Name des Verehrten, Betrauerten, verloren Geglaub⸗ ten weckt das Ehrgefühl der Tapfern; einen ſolchen Feldherrn zu verlaſſen, iſt ſchmählicher als Verrath und Flucht. Die⸗ ſer Aufruf dringt mit hinreißender Gewalt in die Seele der Krieger; Ney iſt der Kämpfer, der Alles wagt, er iſt der Retter, wo keiner mehr zu retten vermag. Wie ein Gott kehrt er von den Pforten des Todes zurück! Nichts iſt mehr zu fürchten, wenn er wieder bei uns weilt. Die Freudenbotſchaft verpflanzte ſich von Mund zu Mund, von Haus zu Haus; in Scharen ſtrömen die Krieger zu⸗ ſammen, Jeder will der Erſte ſein, dem allverehrten Helden entgegenzueilen. Selbſt die Feldherren ſtreiten ſich um die⸗ ſen Ruhm; nur durch ſeinen höhern Rang vermag der Vice⸗ könig ſein Recht dazu geltend zu machen. Man bricht auf durch dichte Finſterniß, auf unwegſa⸗ men Pfaden; Raſinski und ſeine Begleiter reiten als Führer an der Spitze. Doch die feindſelige Natur ruht auch jetzt noch nicht; der Sturm erhebt ſich; Schnee wird aufgewikbelt, jeder Pfad, jede Spur verweht. Wie ſoll man jetzt die Richtung feſthalten? Wie in dieſer unabſehbaren Wüſte den Verlorenen erſpähen?— Zwei Stunden iſt man, dem Glück vertrauend, unabläſſig weiter in die Tiefen der Finſterniß und . — -—õÿ;;— — 77— der Ode eingedrungen; jetzt endlich ſcheint jede Bahn und jede Hoffnung verloren. Ja die Tücke des Geſchicks läͤßt be⸗ fürchten, daß man gerade in die ausgeſpannten Netze des Feindes irrt und auf ſeine Heere ſtößt, ſtatt auf die Freunde. „Wir ſind hier auf dem Meere, wenn gleich ſeine Wel⸗ len erſtarrt ſind,“ ruft der Vicekönig aus.„Wir müſſen zu den Mitteln bedrängter Schiffer greifen; wir wollen Signal⸗ ſchüſſe thun!“ Er gebietet Halt. Zwei Geſchütze laden blind. In wohl abgemeſſener Pauſe geſchehen drei Schüſſe, deren dum⸗ pfer Donner weit durch die Nacht fortrollt. Jetzt lauſcht Alles in geſpannteſter Erwartung, ob das Signal erwidert wird. Lange bleibt es ſtill; ſchon verzweifelt man, daß das Zeichen verſtanden ſei. Da läßt ſich endlich entferntes Ge⸗ wehrfeuer hören. „Wie? Was ſoll das bedeuten?“ fragt der Vicekönig aufs neue zweifelhaft. „O, dieſes Zeichen iſt uns günſtig,“ fällt Raſinski raſch ein, das dritte Armeecorps hat keine Kanonen mehr, es kann nur ſo antworten.“ „Der Wackere!“ ruft Eugen freudig;z„ſo hat er uns dennoch verſtanden. Wie ſich bei ihm Vorſicht und Kühn⸗ heit paaren! Er wartete ab, ob die drei Schüſſe die einzigen bleiben würden, und ſo errieth er die allein mögliche Bedeu⸗ tung, die ſie haben konnten.“ „Es war in des Marſchalls Lage allerdings gefährlich, das Zeichen zu beantworten,“ pflichtete Raſinski beiz„er konnte ſich dadurch eben ſo gut dem Feinde verrathen. Doch ſein Feldherrnblick durchdringt die Verhältniſſe mit Adlerſchärfe, und wo Verderben und Rettung in ſchwindelnder Nachbar⸗ ſchaft kaum zu unterſcheiden ſind, weiß er dennoch mit feſter Hand zu ergreifen, was ihm Heil bringt!“ —— „Und diesmal ſoll er ſich nicht getäuſcht haben!“ rief der Vicekönig freudig, indem er ſeine Truppen die Richtung nach dem Schall der Schüſſe nehmen ließ. Mit belebtem Muth, mit erneuter Kraft dringen die treuen Kameraden vor. Da theilen ſich die Wolken; der Mond, der ſo oft ein gefährlicher Feind geweſen, wird end⸗ lich ein Freund der Bedrängten. Er wirft ſein Licht über die Schneehügel, und jetzt ſieht man einen ſchwarzen Zug von Kriegern am Saum des Waldes hinabziehen. „Dieſe ſind es,“ ruft Raſinski, und die Truppen be⸗ ſchleunigen den Marſch. Bald erblickt man ſich gegenſeitig; neue Freundeszeichen werden gegeben; die Freude treibt zur Eile an; die edlen Führer können den Augenblick nicht erwar⸗ ten, ſie ſprengen dem Heere vor, und einander erkennend ſchwingen ſie ſich vom Pferde und halten ſich in inniger Umarmung. Das ganze Heer wird von dem begeiſternden Beiſpiel ergriffen. Als hätte Jeder ſich einen Bruder, einen Sohn, einen Vater gerettet, ſtürzen Offiziere und Soldaten aufein⸗ ander zu und halten ſich in brüderlichen Armen. Vergeſſen ſind die Gefahren, die Leiden, die Opfer. Auf dem düſtern Meer des Unheils leuchtet endlich ein heller Stern der Freude, die erſtarrte Eisſteppe Rußlands, bisher nur die grauenvolle Bühne des Entſetzens, ſieht ein rührendes Schauſpiel der Liebe und Treue, in dem nur Freudenthränen fließen. Mit liebender Ehrfurcht wird der Held, der ſich mit Löwenkühnheit durch alle Feinde und Gefahren gerungen, von den Kriegern umringt. Seinen Lorbeer befleckt nicht einmal der Neid Derer, die ihm gleich ſtehen. Willig legen ihm Alle den Preis zu Füßen; doch er, ſo ſind Pflicht, Ehre und Ruhm ihm zur edlern Natur geworden, weiß kaum, daß er ihn verdient hat. 5 10 —ÿ—ͦ—ÿ—L—L—L—L—F—’ꝛx— — 9— Im Triumph wird er nach Orsza geführt; auf dem Wege dahin theilen die Krieger des Vicekönigs mit denen des geretteten Marſchalls brüderlich die Lebensmittel, die Getränke, deren jene Erſchöpften ſo lange entbehren mußten. Sie er⸗ zählen einander ihre Leiden, ihre Gefahren, ihre Thaten; doch jene vergißt der Soldat, dieſe bleiben feſt in ſeinem Gedächtniß, ihrer rühmt er ſich ſtolz, und an ihnen erhebt ſich ſein Muth zu neuen Wagniſſen. So ziehen die Tapfern ſtolz ein in die Lagerſtätten dieſer Nacht. Sie fühlen ſich wieder die Krieger jenes großen, unbeſiegbaren Heeres, weil ſie das köſtlichſte Gut aus dem furchtbaren Schiffbruch ihres Glücks gerettet haben, den Ruhmz denn der Feind darf von keinem Heere ſprechen, das ſich ihm ergeben hat; alle ſind ſie mitten durch die Schrecken ſeiner Waffen und die grimmigeren der empörten Natur kühn hindurchgedrungen. An dieſem ſtolzen Gedan⸗ ken entzündet ſich ein edles Feuer in den Herzen der Krie⸗ ger, und in ſeiner Glut ſchmiedet ſich der ſtählerne Har⸗ niſch unerſchütterlicher Entſchloſſenheit um die Heldenbruſt. ———-:-— Erstes Capitel. Durch Raſinski's Bemühung, der die dankbarſte Freude über die Rettung Ludwigs und Bernhards im Herzen trug, waren dieſe wieder im Beſitz einer Wagens gelangt, auf dem Bianca, Jeannette und das Kind den beſchwerlichen Zug fort⸗ ſetzen konnten. Um in dem allgemeinen Unglück ſich ſo hülf⸗ reich zu zeigen, als ſie vermochten, nahmen ſie noch drei verwundete Offiziere auf, deren einer immer abwechſelnd die Zügel führte. Ludwig und Bernhard, deſſen Wunde bei ſei⸗ nen friſchen jugendlichen Kräften und unter der beſten Pflege, die er in den letzten Tagen genoſſen hatte, völlig geheilt war, gingen zu Fuß, hielten ſich aber ſtets in der Nähe des Wa⸗ gens. Naſinski und ſeine Leute betrachteten ſich gewiſſerma⸗ ßen als die Deckung deſſelben und verließen ihn nur, wenn die Pflicht ſie anderwärts hinrief. Die Kälte hatte ganz nachgelaſſen; es war ſo ſtarkes Thauwetter eingetreten, daß ſogar der Schnee zum Theil wegſchmolz und wenigſtens auf der Landſtraße n liegen blieb. Fiel daher der Winter das Heer nicht mehr ſo 3 gewaltſam mit ſeinen ſcharfen Waffen an, ſo wurde dafür der Marſch deſto mühſeliger. Diejenigen, welche in der Meinung, das Reich des Winters habe dauernd begonnen, ihre Wagen mit Schlitten vertauſcht hatten, ſahen ſich jetzt bitter getäuſcht, da dieſe Fuhrwerke in dem ſchmelzenden Schnee durchaus nicht fortzuſchaffen waren. Mehr der Zu⸗ fall als Vorſicht hatte für Bianca auf umgekehrte Weiſe geſorgt. Wie man in ernſten Zeiten auch auf die geringſten begünſtigenden Umſtände hohen Werth legt, ſo wollte ſie auch darin ein beſonderes Zeichen erkennen, daß die beſchützende Hand des Himmels über ihr weile und ſie glücklich aus dem tiefen Strudel aller dieſer Bedrängniſſe erretten werde. Doch mit ſchauderndem Mitgefühl ſah ſie das Unglück, welches rings um ſie her mit jeder Stunde eine ſchreckenvollere Ge⸗ ſtalt annahm; es ſchien ihr faſt ein Verbrechen, in dieſem großen Untergange ſich allein retten zu wollen, nicht Tod und Elend gemeinſam zu theilen. Hätte der Schmerz überall eine edle Haltung gehabt, ſo würde ſie es vielleicht nicht über ſich gewonnen haben, nur an ihre eigne Rettung zu denken; ſo aber brach leider in dieſen ſtrengen Prüfungen die tiefe Verderbniß der menſchlichen Seele meiſt erſt in ihrer ganzen nackten Abſcheulichkeit hervor. Selten zeigte ſich eine großartige duldende Unterwerfung unter das zermalmende Schickſal; dagegen deſto häufiger jene empörte Wuth, jenes Ausbrechen in Flüche und Verwünſchungen gegen alles Menſch⸗ liche, Heilige und Göttliche. Bianca ſchauderte im Inner⸗ ſten davor zurück; ihr gemartertes Auge flüchtete von dieſen Scenen des Grauſens, und ſie beugte ſich über das liebliche * Kind auf ihrem Schdoße herab, um im Anblick ſeiner ſchuld⸗ laſen Züge die Entartung der Menſchheit zu vergeſſen. Ach, und gerade dieſes Kind, erinnerte es nicht an die un⸗ natürlichſte That? Stand nicht hinter dem holden Bilde dieſes lächelnden Engels die Furiengeſtalt einer in Verderbniß untergegangenen Mutter, die die heilige Blüthe ihres Schooßes im frevelnden Wahnſinn ſelbſt vernichten wollte? Und wenn die Gequälte das Auge wieder aufſchlug, was erblickte — 85— ſie? Jammer, Elend, Verzweiflung; wild tobende Wuth gegen Schöpfer und Geſchöpfe! Der tiefe, in einen Sumpf verwandelte Weg trootzte der übermäßigen Anſtrengung der Kräfte. Die vor die Schlit⸗ — ten geſpannten Pferde ſtürzten trotz der unbarmherzigſten Peitſchenhiebe, mit denen die Führer ſie unter grimmigen Flüchen anzutreiben ſuchten, zu Boden und vermochten ſich kaum noch emporzurichten. Jetzt erſt wurde der zu ſpäte Entſchluß gefaßt, das Unmögliche aufzugeben. Man ſpannte die Thiere los und häufte nun Beute und Vorräthe auf ihren Rücken; vergebens flehten die Kranken, die Verwun⸗ deten, daß man ſie retten ſolle. Die Habſucht, der Eigen⸗ nutz waren taub; wer noch ſo viel Kräfte beſaß, um für ſich zu handeln und zu retten, gedachte der Menſchlichkeit nicht mehr. Indeß folgte die Strafe auf die That; denn kaum 4 hatte man, ohne ſich an den verzweifelnden Ruf des Er⸗ barmens der Kameraden, die man dem Verſchmachten durch Hunger und Kälte preisgab, zu kehren, die überlaſteten Roſſe einige hundert Schritte fortgetrieben, ſo ſtürzten ſie abermals zuſammen, und jetzt war jedes Mittel, ſie aufzu⸗ ſtacheln, vergeblich. Heulend vor Wuth ſah man dann die erbitterten Beſitzer ihr ſchnödes Gut in den Koth treten, von Grimm ſo verblendet, daß ſie faſt auch die Lebensmittel, de⸗ nen ſie vielleicht am nächſten Tage ihre Rettung vom gertode verdankten, vernichteten. Und Hunderte und Tau⸗*½ ſende gingen an ſolchen Schauſpielen vorüber, und Keinen rühr⸗ ten, Keinen bekümmerten ſie, Niemand nahm ſich der Bedräng⸗ ten, Verlaſſenen an, ſo hatte die ſchreckenvolle Wiederholung der⸗ ſelben ſelbſt das Entſetzlichſte zur ſumpfen Gewohnheit gemacht, ſo der unerträgliche Grad der eignen Marter jedes Gefühl für 3 die fremde getödtet! Und nicht allein der Rohe, dem beſſeres Wiſſen, Erkenntniß des Wahren und Gewohnheit des Edlen die Bruſt nicht geläutert hatte, ſondern ſelbſt Diejenigen, denen das höhere Geſetz der Tugend vertraut ſein konnte, hatten es gänzlich vergeſſen und trugen vom Menſchen nur noch die Geſtalt. Freilich aber auch dieſe meiſt in fürchter⸗ licher Verzerrung und Entſtellung durch Hunger, Schmuz, Elend und Krankheit. So ſah man höhere Offiziere, ſelbſt Generale, einzeln unter der Maſſe der Krieger verloren, am Stabe wandern und wie Bettler den Boden verlaſſen, auf dem ſie als Triumphirende eingezogen waren, glücklich genug, wenn ſie außer den Mühſeligkeiten des Weges nicht noch die Gefahren des Kampfes, den Hohn des Feindes zu dulden hatten, deſſen ſchwärmende Horden aſiatiſcher Krieger das Heer begleiteten, wie eine Schar hungriger Raubvögel einen verweſenden Kör⸗ per umflattert. Es vergingen einige Tage, an denen ſich die düſtern Bilder in unabläſſiger Wiederholung erneuten. Die Hoff⸗ nung, das nicht mehr ferne Minsk zu erreichen, wo ſich Vorräthe in ungeheurer Maſſe, Raum zum Obdach des Heeres, und überdies die Unterſtützung durch friſche wohlge⸗ rüſtete Truppen vorfand, hielt die Kräfte aufrecht. So er⸗ reichten die Trümmer des Heeres Toloczin. Am naͤchſten Mor⸗ gen hatte man kaum den Marſch wieder begonnen, als plötz⸗ lich ein Offizier dem Kaiſer mit Depeſchen entgegenkam. Er öffnete dieſelben und verrieth dur eine heftige Bewegung, daß der Inhalt beunruhigend ſei. Zwar blieb die Botſchaft noch ein Geheimniß, doch liefen allerlei Muthmaßungen und Gerüchte von Mund zu Mund, die der Wahrheit nahe kamen. Am Abend des folgenden Tages ließ ſich dieſe nicht mehr verbergen, denn ſte waren ſchon auf andern Wegen zu dem Heere gelangt — Minsk war verloren, vom Feinde beſetzt. — — —— — 87— Als Naſinski im Bivouac dieſe Nachricht von Regnard vernahm, wechſelte ſelbſt er die Farbe und bedeckte ſich die Augen mit der Hand, als wolle er dieſes Unheil nicht ſehen. * Dann brach er in die Worte aus:„So iſt der Kaiſer ein ruſſiſcher Staatsgefangener!“ Ein düſteres Schweigen herrſchte in dem Kreiſe rings⸗ umher, in dem Jaromir, Boleslaw, Ludwig und Bernhard gelagert waren. Mit fragenden Blicken hingen ſie an dem Angeſicht ihres Führers und ſuchten noch eine Hoffnung auf ſeiner Stirn zu leſen. Doch vergeblich! Sie rollte ſich in finſtere Falten und blieb von ſchwarzen Wolken des Grams verhüllt. „Alſo auch Das noch,“ ſprach er nach langer Pauſe, indem er aufſtand.„Und dieſer Winter, der uns Anfangs 1 mit hinterliſtiger Tücke einen Monat zu früh überfiel, verräth uns jetzt zum zweiten Mal, da er uns verläßt, wo er unſer Bundesgenoß werden könnte. Minsk, ſo hart der Verluſt iſt, wäre zu verſchmerzen, wenn uns die Bereſina nicht mit ihren ſumpfigen Tiefen gefangen hielte. Ein ruſſiſches Heer am andern Ufer dieſes Stroms iſt wie ein eherner Riegel, der uns die Thore, welche aus dieſem Tartarus führen, un⸗ wiederbringlich verſperrt!“ „Uns bleibt keine Hoffnung,“ erwiderte Regnard,„als 3 die, daß der Feind vor uns unſere Lage hier noch nicht kennen „ kann; daß er uns vielleicht fürchtet, vielleicht zu täu⸗ 5 ſchen iſt.“ 2— Naſinski ſchüttelte ungläubig das Haupt.„Kutuſow, meint Ihr, werde keinen Boten gefunden haben, Tſchitſcha⸗ goff, Wittgenſtein, und wie die Führer jener Maſſen in un⸗ ſerm Rücken heißen mögen, zu benachrichtigen? Ein Dã mon müßte ſie verblenden, wenn ſie jetzt das Netz nicht über den köſtlichſten Fang zuſammenzögen! Es bleibt uns nah. — 88— ein Ausweg— der ehrenvolle Kampf und Untergang. Auf die Bahn der Schmach kann uns das Geſchick nicht zwingen, das aber iſt auch ſeine einzige Gunſt.“ über Jaromirs Angeſicht zuckte ein wehmüthiges Lä⸗ cheln, als Raſinski ſo ſprach; Bernhard, der es bemerkte, erkannte daraus, welches die Hoffnung dieſes im tiefſten ge⸗ brochenen Herzens war. Seit der Unglückliche Aliſettens Schickſal kannte, waren außer dem verſchloſſenen Ernſt, der ſeine jugendliche Freudigkeit ſeit jenem verhängnißvollen Abende zu Moskau in ſtarre Feſſeln geſchlagen hatte, auch ein ſtiller Trübſinn über ihn gekommen, der oft einem weit hinweg verirr⸗ ten Träumen glich. Der männliche Entſchluß ſeiner Seele, durch energiſches Handeln in ſeinem Beruf als Krieger die Schuld, mit der er ſich beladen fühlte, zu verſöhnen, war durch ein Verſagen der Kraft, die außer der Grenze des Willens lag, gelähmt. Die klare kriegeriſche Beſonnenheit, durch die er ſich bisher in dieſen Tagen der Bedrängniß ſelbſt vor Bo⸗ leslaw ausgezeichnet hatte, war verſchwunden; das Elend um ihn her ſchien ihn ohne Antheil zu laſſen, ja ſelbſt die rüh⸗ renden Freuden und Sorgen ſeiner liebſten Genoſſen, die Bernhards und Ludwigs um ihre Schweſter und Geliebte, gewahrte er kaum, vollends daß er ſie empfunden und ge⸗ theilt hätte wie Raſinski oder Boleslaw. Mit tiefer Trauer hatte der ſtets beobachtende Bernhard dieſe Umwandlung des Jünglings im Geheimen bemerkt. Und jetzo, als das Wort der Verurtheilung über alle ſeine Genoſſen, über die nächſten, welche er aus tiefſter Seele liebte, über den Ruhm des Heeres und des Kaiſers, ja über das Schickſal ſeines Vaterlandes ausgeſprochen wurde, als er die Freunde von dumpfer Erſchütterung wie verſteinert vor ſich ſahe, jetzo lächelte er, als dringe endlich ein Strahl der Freude . 2 — 89— „ 2 in das Dunkel ſeiner Schmerzen. Er glich einem Gequälten auf dem Todeslager, der den Engel der Erfüllung vor ſich treten ſieht. Bernhard wurde daher durch den Anblick des unglücklichen Freundes ſelbſt jetzo mit ſchauerlicher Ahnung bewegt, wo der 4. zermalmende Keulenſchlag der Weltgeſchicke, der Alle zugleich traf, ihn eben ſo betäubend erſchütterte als die übrigen auch. Dies wäre unmöglich geweſen, wenn derſelbe Augenblick die Gewißheit des Verderbens und die Erfüllung geboren hätte; doch wenn zwiſchen beiden noch ein Arm des Zeitſtroms brauſt, ſo vertraut der Menſch, ſelbſt unwillkürlich, ſein Heil noch dem gebrechlichſten Nachen der Hoffnung, der auf den Wellen ſchwankt, an, und behält das Gefühl einer Gegenwart mit ihren Schmerzen und Freuden. „Alſo ihm iſt Das zur Hoffnung und Erhaltung ſeiner Wünſche geworden, was in jedes Andern Bruſt die Wünſche und Hoffnungen vernichtet?“ dachte Bernhard und ließ ſeinen Blick wehmüthig betrachtend auf dem bleichen Antlitz und dem erloſchenen Auge des Jünglings weilen.„So gequält biſt Du Armer?“— Die Ahnungen des ſcharfblickennde Freun⸗ des gingen weiter. Der ſeiner ſelbſt bewußte Jaromir hätte die Erlöſung von ſeiner Marter, die mit der Vernichtung der Freunde, des Ruhmes und des Vaterlandes erkauft ward, nicht mit einem Lächeln begrüßt! Das konnte nur Der, dem ſchon die Bilder des Lebens ſich zu verwirren begannen, für den e ſie in dämmernde Träume übergingen. Ach, ſchon längſt hatte Bernhard es bemerkt, aber den Gedanken wie einen unheimli⸗ chen Feind zu verſcheuchen geſucht, daß die Nemeſis, welche die frevelvolle Aliſette ereilt hatte, für Jaromir ein grauſen⸗ haftes Spiegelbild geworden war, in dem er ſein eignes Ge⸗ ſchick vor ſich ſah.. 1 Aber nicht dieſes ſelbſt, ſondern der Gedanke, daß er es — — —— 90— ſo verſchuldet, daß ſein Verbrechen die finſtern Rachegeſtalten aufrufe und ſie verfolgend an ſeine Füße hefte, folterte Ja⸗ romirs Bruſt mit namenloſen ſtummen Qualen, von denen er keine Erlöſung ſah als die Vernichtung, zu der er ſelbſt den Arm nicht gegen ſich aufheben durfte, ohne ſich mit neuen Freveln zu belaſten. In dieſen ſteten, innern Mar⸗ tern verzehrte er ſich, ſeine Kraft erlag, ſein edler Geiſt ver⸗ lor die Freiheit des Bewußtſeins, das Grauen des Wahn⸗ ſinns pochte ſchauerlich leiſe an die Pforte ſeiner Seele, und er bebte zuſammen bei der eiſigen Berührung. Wer will ihn jetzt richten, wenn das dunkle Thor des Todes ihm nur als das der Erlöſung erſchien, wenn ſeine gequälte Bruſt die Fähigkeit verloren hatte, es für Andere anders zu denken? Bernhard wandte ſich mit einem vom Schmerz bezwun⸗ genen Antlitz ab. Jetzt wäre die offene Freundesmittheilung eine erquickende Wohlthat für ihn geweſen, doch er verſagte ſie ſich ſelbſt, um nicht dieſen bitterſten Schmerz auch auf Ludwigs und Boleslaws Seele, die noch ahnungslos an dem Abgrunde dieſes neuen Schreckens hinwandelten, zu häufen. Das Geſchick hatte ihre Bruſt ja ſchon genug zerſchmettert; weshalb ihnen neue tiefe Wunden bohren? Aber zu Jaromir wandte er ſich mit warmer Bruderliebe und ver⸗ ſuchte, ob Worte des Troſtes, der Hoffnung, der männlichen Erhebung zur Pflicht, den finſtern Raubvogel des Wahn⸗ ſinns zu verſcheuchen vermöchten, der in nahen Kreiſen drohend über ſeiner Seele ſchwebte und ſie mit den vergifteten Fän⸗ gen zu zerreißen drohte. —,— — — 91— Zweites Capitel. Nach unſäglich mühſamen Märſchen erreichte das Heer endlich Niamanitza. Tauſende hatten in Angſt und Entkräf⸗ tung den Tod auf dieſer furchtbaren Straße gefunden, und die ſchreckenvolle Nachricht, daß Minsk in den Händen der Ruſſen ſei, beſtätigte ſich leider täglich. Das Land wurde jeden Tag düſterer, die Straße zog ſich jetzt faſt unausgeſetzt in unabſehbaren Fichtenwäldern hin, die kaum dann und wann durch einige elende Häuſer unterbrochen wur⸗ den. Ein grauer Himmel ſchien drückend bis tief gegen die Erde herabzuhängen und ſie mit ſeinen feuchten Nebelſchleiern u berühren. Es war weder ſtreng kalt, noch thaute es; doch wehte fortdauernd ein naßkalter verklammender Wind, der durch die elenden Kleidungsſtücke der Krieger hindurchdrang und ſie in langſamer Qual lähmte und erſtarrte. Der Bo⸗ den überzog ſich mit ſpiegelhellem Glatteis; jeder Schriß koſtete eine furchtbare Anſtrengung, und faſt jeder Fehltri führte den Tod herbei, denn den Fallenden war es oft un⸗ möglich, ſich wieder aufzurichten, da ſie zumeiſt aus Kraft⸗ loſigkeit niederſanken. In dichter Finſterniß hatte Raſinski mit den Seinigen ein verlaſſenes Haus erreicht, welches, zur Seite der Straße 1 gelegen, durch Zufall von einem ſeiner Leute entdeckt worden war. Die Nacht in dieſer engen, aber doch ſicheres Obdach gewährenden Hütte würde erträglich geweſen ſein, wenn nicht 5* die beunruhigendſten Nachrichten eingetroffen wären. Regnard, deſſen eherner, unverwüſtlicher Körper von keiner Strapaze erſchüttert wurde, und der unermüdlich im Aufſammeln jegli⸗ 14 cher Kundſchaft war, trat noch ſpät Abends ein, um Ra⸗ -—— 92— ſinski von Allem, was er erfahren hatte, in Kenntniß zu ſetzen, hauptſächlich aber um ſein Töchterchen, welches noch immer in Bianca's Obhut ſtand, noch zu ſehen. Denn die⸗ ſer Grund beſtimmte ihn, ſich auf dem Marſch wie im Bi— vouac und im Quartier ſtets ſo nahe als möglich an Na⸗ ſinski und die Seinigen zu halten. „Nun, Regnard, was bringt Ihr Neues?“ fragte ihn Raſinski, der ſchon, in ſeinen Mantel gewickelt, auf dem Bo⸗ den lag, um zu ſchlafen. „Ich kann Euch nicht helfen, aber ich muß Euch ſtö⸗ ren,“ antwortete der Eintretende. Ich bin freilich immer der krächzende Unglücksvogel; aber der Teufel ſei eine Nach⸗ tigall oder ein Freudenkukuk auf einem ſolchen Felde voller Leichen, wie unſer Marſch von Moskau bis hieher. Die Raben ſind hier an ihrem Platz.“ „Nun ſo krächzet denn,“ antwortete Raſinski, indem er aufſtand. Jaromir, Boleslaw, Bernhard und Ludwig tra⸗ ten gleichfalls um den Obriſten herum. „Wir ſitzen richtig im Garn,“ fing Regnard an.„Die Brücke bei Boriſow iſt verbrannt, und der Fluß ſo breit, daß an eine Herſtellung nicht zu denken iſt. Das andere Ufer iſt überdeckt mit Feinden; das ganze Heer Tſchitſchagoff's breitet ſich an allen Punkten aus, wo man über die Bereſina kom⸗ men könnte; kurz, ich ſehe keine Möglichkeit, den übergang über den Fluß zu machen.“ „Nur eine einzige Nacht ſtrenger Kälte,“ rief Naſinski; „und es wäre nichts verloren.“ „Um ſo weniger,“ erwiderte Regnard;„als ich Euch auch eine gute Nachricht mitzutheilen habe, die, daß wir endlich dem nachdringenden Kutuſow ein geordnetes Corps entgegen⸗ ſtellen können; denn der Marſchall Victor rückt mit zwanzig⸗ tauſend Mann friſcher Truppen heran, auf die wir morgen —— — 93— in der Frühe ſtoßen müſſen. Sooeben iſt die leichte Cavalerie ſeiner Avantgarde eingetroffen. „Es ſind nur ſo viele Opfer mehr,“ antwortete Ra⸗ ſinski düſter.„Freilich, wenn es möglich würde, über den Fluß zu kommen, wenn der Himmel ein Wunder thäte, wenn er den Strom der Bereſina in die Banden des Win⸗ ters ſchlüge und ihn ſtill ſtehen hieße, wie die Sonne zu Jericho— freilich dann könnten uns dieſe friſchen Kräfte Rettung bringen. Es wäre noch eine Möglichkeit,“ fuhr er raſch, als ſei ihm ein glücklicher Gedanke gekommen, fort,„wenn man Tſchitſchagoff über den Punkt unſeres über⸗ ganges täuſchen könnte! Es müßten falſche Nachrichten aus⸗ geſprengt, Demonſtrationen den Fluß abwärts etwa nach Ukolada und Bereſino hin gemacht und dann plötzlich der übergang an einer andern Stelle bewerkſtelligt werden. Jetzt, da ein friſches Armeecorps uns vielleicht einige Tage Aufſchub gewinnen kann, iſt dies möglich.“ „Etwas der Art iſt im Werke,“ entgegnete Regnard; „es werden bereits alle Anſtalten dazu getroffen. Die Schwie⸗ rigkeit iſt nur die, das Heer unbemerkt an dem wahren über⸗ gangspunkte zu concentriren. Doch es iſt ſpät; gute Nacht. Ihr bedürft der Ruhe und ich gleichfalls; morgen, hoffe ich, ſehen wir uns wenigſtens noch wieder!“ Mit dieſen Worten wollte er die Hütte verlaſſen; doch blieb er ſtehen und warf noch einen zärtlichen Blick auf ſein Kind, das in Bianca's Armen im Hintergrunde der Hütte mit dieſer auf einem Lager, ſo gut man es von wenigem Stroh und einigen Decken hatte bereiten können tief ſchlum⸗ merte. Er ſchlich näher, doch behutſam, um die Schlafen⸗ den nicht zu wecken.„Der Himmel beſchütze nur dieſe,“ ſprach er weich;„was uns anlangt, ſo wollen wir nicht kla⸗ *— — 94— gen, denn wir ſind da, um zu fallen.„ Hierauf ging er raſch hinaus. Naſinski und die übrigen warfen ſich wieder aufs Lager, wo ſie bald feſt entſchlummerten. Die⸗ Anſtrengung führte den Schlaf herbei, ſelbſt wo man wußte, daß man am tiefſten Abgrunde der Gefahr gelagert war. Am Abende des folgenden Tages erreichte das Heer Bo⸗ riſow, welches hart an den Ufern der Bereſina liegt, die hier einem breiten ſumpfigen See gleicht. Die feſte Prücke über 4 dieſelbe war, da die Stadt wenige Tage zuvor dem Ruſſen erſt hatte entriſſen werden müſſen, durch Feuer völlig zerſtört worden. Der Marſchall Oudinot hielt Boriſow beſetzt. Ra⸗ ſinski hatte in Erfahrung gebracht, daß man, wie er ſelbſt gerathen haben würde, Alles gethan hatte, um den Feind glauben zu machen, man werde den übergangspunkt ſüdlich von Boriſow wählen, wo in der That der Fluß einige gün⸗ ſtige Stellen und ſogar zwei ziemlich gangbare Furthen dar⸗ bot. Der General Laurencé hatte als Chef des Gene⸗ ralſtabes, der mit der Herſtellung der Brücken beauftragt war, mehrere J. n, welche die Spionsdienſte verrichteten, kom⸗ men laſſen, und fragte ſie über jene Furthen aus. Er wußte zu gewiß, daß ſie, nachdem ſie ihre Bezahlung erhalten hät⸗ ten, dem Feinde Alles verrathen wuͤrden, um auch von ihm belohnt zu werden. Daher wurden alle Fragen und Aufträge, die man ihnen gab, ſo eingerichtet, daß ſie keinen andern Zweck vermuthen ließen als den, die Armee werde mit einer plötzlichen Wendung ſüdlich den Strom hinabziehen, um ſo die Verfolger zu täuſchen, Tſchitſchagoff in den Rücken zu gelangen und das über Alles wichtige Minsk durch über⸗ raſchung zu nehmen. Während dieſe Anſtalten getroffen wurden, marſchirte das Corps des Marſchalls Oudinot in tiefſter Stille aus, nach Studianka, wo der wahrhaftige übergang bewerkſtel⸗ ligt werden ſollte. Auch Raſinski erhielt, nachdem ſeine Leute — — 95— einige Stunden geraſtet hatten, Befehl, dahin aufzubrechen. Bei dieſem Marſch war es aufs ſtrengſte geboten, jedes Ge⸗ räuſch zu vermeiden; noch weniger durfte Feuer geſchlagen oder ſonſt etwas Ähnliches gethan werden, was man vom jenſeitigen Ufer aus bemerken konnte. Denn dort zog ſich eine ruſſiſche Poſtenkette entlang, deren einzelne Feuer man auf den Waldhöhen gleich trüben Sternen wahrnahm. Sollten ſie mit ihrem blutigdüſtern Schimmer den Untergang des Heeres bedeuten, dem in dieſem Lande ſo unglückſelige Geſtirne geſtrahlt hatten? Um das Unheil auf das äußerſte Maß zu treiben, ſchien es vom Schickſal beſchloſſen, daß das Verderben im Angeſicht der Rettung vollendet werden ſollte. Eine düſtere Beſorgniß, durch das tiefe Schweigen, die ängſtlich beobach⸗ tete Stille noch erhöht, ſenkte ſich in die Bruſt der Krieger. Zu allen harten Entbehrungen fügte ſich jetzt auch die eines tröſtenden, ermuthigenden Wortes; ja, die Finſterniß der Nacht geſtattete nicht einmal die Erquickung eines Blicks der Liebe und Freundlichkeit auf die Nächſten, Theuerſten. Raſinski hatte Ludwig und Bernhard bereden wollen, mit Bianca das Heer zu verlaſſen und, ſo weit ſie es vermochten, ihren Weg den Strom abwärts fortzuſetzen, weil er glaubte, es werde ihnen nicht ſchwer fallen, unter Bianca's Schutz, die überall als eine Eingeborene des Landes auftreten konnte, einen Zu⸗ fluchtsort und vielleicht bald die offene Straße nach War⸗ ſchau zu gewinnen. Allein beide Freunde, und aufs ent⸗ ſchloſſenſte Bianca ſelbſt, erklärten, ſie würden ihr Schickſal nicht von dem Raſinski's und der Seinigen trennen. Mit gleich rührender Anhänglichkeit hatten Willhofen und Jeannette der Überredung Bianca's widerſtanden, welche ihnen ebenfalls dieſen Weg der Rettung aufdringen wollte. So gab es doch noch Herzen, denen mit der Stärke der Prüfung die Kraft wuchs, die nicht von dem ehernen Fuß des Geſchicks tief hinab⸗ — 96— getreten wurden in den Staub der Verwerflichkeit, ſondern in dem Druck nur die Aufforderung zum Widerſtande fanden. Bernhard und Ludwig gingen zu Fuß dicht neben dem Wagen, auf welchem Bianca ſaß; es gewährte ihr und ihnen Troſt, einander wenigſtens nahe zu wiſſen und die dunklen Umriſſe der Geſtalten zu erkennen, wenngleich die Gefahr des Augenblicks jede Mittheilung des Geſprächs verbot. Je näher man nach Studianka kam, je zahlreicher wur⸗ den die Feuer auf den Höhen. Naſinski ſah es mit Beſorg⸗ niß, da ſich aus ihnen ſchließen ließ, daß ein bedeutendes ruſſiſches Heer auf dem jenſeitigen Ufer aufgeſtellt ſei, und Alles war rettungslos verloren, wenn es nicht glückte, den Feind zu täuſchen. Um vier Uhr Morgens erreichte Naſinski den Verſamm⸗ lungsplatz bei Studianka. Hier waren ſeit dem Anbruch der Nacht die Ingenieure geſchäftig, zwei Brücken über den Strom zu ſchlagen, deren Vollendung man vor Anbtuch des Tages hoffte, um noch in der Dunkelheit wenigſtens mit ſo vielen Truppen überzugehen, als nothwendig waren, um ſich jen⸗ ſeits eine Bahn zu brechen. Aber dieſe Hoffnung ward auf das grauſamſte getäuſcht, denn wiederum ſcheiterte ſie an dem Zorn der Elemente, ja an ihrer wahrhaft erbitterten Tücke. Denn durch das Thauwetter der vorigen Tage an⸗ geſchwollen, war der Fluß um mehrere Fuß gewachſen, ſo daß die Furth, durch welche die Infanterie im Nothfall ihren Weg hätte nehmen können, ſelbſt für die Reiterei zu tief wurde. Die ſeit geſtern wieder eingetretene Kälte reichte gerade hin, ſtarke Eisſchollen zu bilden, die den Strom hinuntertrieben und Alles mit ſich fortriſſen; doch ſie vermochte nicht eine feſte Decke über denſelben zu wölben. So war die rauhe Kraft der Natur der äußerſten Anſtrengung der — — — — 92— menſchlichen überlegen. Vergeblich hatten die Pioniere die ganze Nacht hindurch oft bis an die Bruſt im Waſſer und Moraſt gearbeitet, vergeblich mit der Kälte, den ſcharf ver⸗ wundenden Eisſchollen, der Macht des Stroms gekämpft. Der Morgen war nahe, und noch ſtand nicht ein einziger der Brückenböcke feſt, denn zweimal hatte die Gewalt der Schollen Alles zertrümmert, was mit aufreibender Anſtren⸗ gung aller Kräfte zu Stande gebracht war. Die Noth ſtieg aufs höchſte. Brach der Tag an, und die Brücke war nicht vollendet, ſo mußte man erwarten, daß die ganze Artillerie des Feindes von den jenſeitigen Höhen in Kernſchußweite die gebrechlichen Arbeiten zertrüm— merte, und alsdann ſchwand jede Möglichkeit, auch nur ei⸗ nen Mann zu retten. Raſinski's Leute waren auf einer Anhöhe nahe bei Stu— dianka gelagert. Er ſelbſt begab ſich mit Regnard an das Ufer, wo ſich die Führer vergeblich beriethen, um ein Mit⸗ tel der Rettung zu erſinnen. Mortier, Davouſt, Ney, Eugen, ſie ſtanden beiſammen und hefteten ihre düſtern Blicke auf das jenſeitige Ufer, wo die ruſſiſchen Lagerfeuer als eben ſo viele Brandfackeln des Verderbens loderten. Selbſt der unerſchrockene Ney warf im ſchwermüthigen Zorn über das verrätheriſche Glück die Worte hin:„Wenn ſich hier ein Ausweg findet, ſo hat der Kaiſer die Glücksgöttin mit Ketten an ſich gefeſſelt, und ſie ge⸗ horcht ihm als Sklavin.“ Da erſchien er plötzlich ſelbſt mitten in dem Kreiſe der Marſchälle und Führer. Er war mit ſeinen Garden von Boriſow herangerückt und hatte auf dem halben Wege bei einem Schloß in der Stille ein Lager bezogen. Hier waren ihm von Minute zu Minute die Berichte über die Vergeb⸗ lichkeit aller Anſtrengungen, die Brücke zu vollenden, zuge⸗ IV. 5 ͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤſſ Weee eeree kommen; ſo betrachtete er denn den Urtheilsſpruch des Ge⸗ ſchicks als erlaſſen und erſchien nun an der Stelle der Ge⸗ fahr, um ſie zu prüfen, zu meſſen und wenigſtens rühmlich mit ihr zu kämpfen, wenngleich er ſie nicht zu bezwingen vermochte. Er grüßte kurz, ernſt, aber wohlwollend. Dann fragte er mit Beſtimmtheit nach allen Umſtänden, allen Ereigniſſen. Die Berichte lauteten ſo, daß er ſelbſt faſt die Unmöglichkeit der Rettung zugeben mußte. Auf einen gewaltſamen Durch⸗ bruch mitten durch die Feinde war er im günſtigſten Falle bereit geweſen. 1 Raſinski hing mit unverwandtem Blicke an dem ernſten, aber völlig ruhigen Antlitz des gigantiſchen Mannes, der ſich dem Verhängniß noch nicht unterworfen hatte, ſondern auf neue Waffen ſann, um mit ihm zu kämpfen. Ein düſteres Schweigen herrſchte um ihn her. Da blitzte plötzlich der Gedanke in Raſinski auf: Wenn nur er gerettet wird, ſo iſt nichts verloren als ein großes Heer; ganz Frankreich, halb Europa kann ſich neu für ihn waffnen! Dieſe Maſſen ſind todt, ſie zerſtäuben, wie zerſchmettertes Geſtein, wenn ſeine Kraft ſie nicht bindet; ſie ſind unüberwindlich, wenn er ſie mit der Flamme ſeines Geiſtes beſeelt. Hunderttau⸗ ſende ſind in dieſen Schneegrüften erſtarrt; was kommt auf Einige mehr oder weniger an? Er muß gerettet werden, und Alles iſt gerettet. Von dieſem Gedanken entzündet, ſprengt er zum Mar⸗ ſchall Ney hinan, zieht ihn auf die Seite und enthüllt ihm ſeine innerſte Geſinnung. Der kühne Krieger faßt den Ge⸗ danken mit glühender Begeiſterung auf; er ſelbſt würde zwar in einen ähnlichen Vorſchlag ſeiner Untergebenen nie gewilligt haben, doch jetzt fühlt er nur als Soldat, nicht als Feldherr. „Iſt die Rettung möglich, ſo muß ſie geſchehen,“ ruft er aus. 9 „Ich verbürge mich mit meinem Haupt für das Gelin⸗ gen,“ betheuert Raſinski im edlen Feuer.„Von hier ab kenne ich jeden Pfad; eben ſo meine Polen. Jeder gibt zehnmal ſein Leben für das des Kaiſers. Weiter aufwärts nach Weſelowa zu iſt der Fluß ſchmal; wir ſchwimmen mit unſern Pferden hindurch, noch vor Tagesanbruch können wir drüben ſein. In fünf Tagen ſchaffe ich den Kaiſer nach Wilna, von dort ſteht ihm Europa offen, und er kann Pa⸗ ris erreichen, bevor nur eine Ahnung von unſerm Verder⸗ ben über Rußlands Grenzen dringt. Beſchwören Sie den Kaiſer, Marſchall! Seine Rettung iſt ja auch die unſrige; weiß Rußland, daß er von Paris aus neue Heere ſendet, ſo ſind wir höchſtens Kriegsgefangene, theilt aber der Kaiſer unſer Loos, ſo ſind wir mit ihm Staatsgefan⸗ gene, und Sie kennen den unermeßlichen Kerker, welchen Rußland für dieſe beſitzt.“ Raſinski's Feuer überzeugte den Marſchall vollends. „Er muß wollen,“ rief er eifrig aus;„und es darf kein Augenblick verloren werden.“ Der Kaiſer hatte ſich eben in eine Hütte dicht am Ufer begeben. Ney eilt dahin, er trifft den König von Neapel und den Vicekönig von Italien, ihnen entdeckt er Raſinski's Vorſchlag; Beide heißen ihn willkommen; gemeinſchaftlich be⸗ ſchließen ſie, ihn ſofort dem Kaiſer mitzutheilen, und folgen ihm in die Hütte. In geſpannter Erwartung harrte Raſinski auf die Ent⸗ ſcheidung. Es vergeht über eine Viertelſtunde; Niemand läßt ſich ſehen. Schon wird es zu ſpät— ſchon will Ra⸗ ſinski es wagen, ſelbſt in den Kaiſer zu dringen,— da tritt Ney wieder heraus, geht ihm langſam entgegen und ſpricht: „Graf Raſinski! Der Kaiſer iſt nicht zu bewegen, das 5 — 100— Heer zu verlaſſen. Wir erwarten hier gemeinſchaftlich den Tag, den Feind, den Untergang!“ Der rauhe Ton, mit dem der Marſchall ſprach, zeigte, wie tief er bewegt war, und wie viel Gewalt er ſich an⸗ that, um es nicht zu ſcheinen. Raſinski ſtand unbeweglich; ein unnennbarer Schmerz zuckte durch ſeine Bruſt, aber nicht warm und erweichend, ſondern kalt, grauend.„Haben Sie dem Kaiſer geſagt,—“ begann er endlich wieder, wurde aber ſogleich vom Marſchall unterbrochen: „Alles! Alles, was Vernunft und Liebe vermögen; der König von Neapel, der Vicekönig von Italien, Davouſt, Mortier, Napp, Graf Daru, Berthier ſelbſt— es fehlte wenig, ſo hätten wir uns ihm zu Füßen geworfen. Aber er blieb wie ein eherner Fels:„der Soldat hat ſein Vertrauen auf mich geſetzt, ich will es nicht täuſchen,“ war ſeine Antwort. „Und Paris, Frankreich, Europa— wogen dieſe Gewichte in der andern Schaale noch zu leicht?“ „„Hier iſt die dringendere Gefahr,““ ſprach er kurz, „weher gehe ich nicht, bis ſie vorüber iſt.““ „Dann iſt's zu ſpät!“ rief Naſinski außer ſich;„ge⸗ ſtatten Sie mir, daß ich noch einmal—“ „Nichts, Graf,“ antwortete der Marſchall;„der Kaiſer läßt ſich nicht durch Bitten in ſeinen Beſchlüſſen irre ma⸗ chen. Auch ich ſagte ihm: dann iſt's zu ſpät;„„Jetzt aber iſt's zu früh,“ war ſeine Antwort,„und,“ ſetzte er nach einer kurzen Pauſe hinzu,„wollt Ihr denn mit Gewalt, daß ich zu dem Unglück Schande auf mein Haupt lade? Ich werde gehen, ich werde nicht bis Paris an der Spitze des Heeres marſchiren, aber erſt dann, wenn Eure Gegen⸗ wart hier genügt. Der Augenblick iſt noch nicht gekommen.““ Raſinski ſchwieg. So tief ihn der Gedanke erſchütterte und ſeine Bruſt zerriß, daß der große Mann hier im Ange⸗ — 101— ſicht der Rettung unwiderruflichen Untergang finden ſollte, ſo tief durchdrang ihn doch auch das Gefühl erhebender Be⸗ wunderung, welche der feſte Beſchluß des Kaiſers erweckte. - Einige Minuten dauerte dieſer Kampf in ſeiner Bruſt, dann F rief er, durchdrungen von dem würdigen Entſchluß, aus: „Wahrlich, er durfte nicht anders, er hat uns auch diesmal übertroffen und beſchämt. So iſt es beſſer. Wir wollten ihm die menſchliche Berechtigung jeder Bruſt nehmen, edel, würdig, groß zu handeln. Wohl ihm, wohl uns, daß er es nicht duldete. Auch der wahre Vortheil iſt hier! Die Weltgeſchichte gewinnt wenig, wenn er noch einige Jahre über Europa herrſcht; ſie gewinnt aber, wenn er würdig fällt. Für den Glanz des Ruhms hat er zehnfach genug gethan, jetzt handelt er für das echte Gold deſſelben. 4 Marſchall, ich bin mehr als getröſtet, ich bin freudig erho⸗ ben und geſtärkt.“ „Und Sie haben Recht, und unſer tiefer Schmerz iſt der untrüglichſte Beweis dafuͤr.“ Sie reichten einander die Hände mit herzlichem Druck; dann ſchieden ſie. Raſinski ritt zurück zu den Seinigen und erzählte ihnen, was geſche⸗ hen war. Da ſchlug ihre flammende Begeiſterung für den Feldherrn mächtig lodernd empor, und Alle erwarteten die Sonne des Verderbens, die über ihnen aufgehen ſollte, mit Stolz und trotzigem Muth. — — — . Drittes Capitel. f Der Tag fing an zu grauen. Jetzt ſpähten Aller Blicke durch die weichenden Schleier der Nacht, um die Feinde zu * 5 102 zählen, die ſich vor die Pforten der Rettung gelagert hatten. Raſinski war mit Boleslaw, durch Buſchwerk gedeckt, eine kleine Anhöhe hinangeritten, von der er den Lauf des Stroms und die Krümmung ſeiner Ufer weit überſchauen konnte. Noch ſchimmerten die Flammen der ruſſiſchen Wacht⸗ feuer mattröthlich durch die Morgennebel und das bläulich dämmernde Licht des Tages. Doch war Alles ſtill auf den beſchneiten Höhen. „Mir däucht,“ ſprach Raſinski,„man mißtr doch ſchon die Leute ſich bewegen ſehen; oder ſollten ſie ſich etwas hin⸗ ter den Rand der Anhöhen gezogen haben?“ „So weit ich erkennen kann, ſind die Wachtfeuer ver⸗ laſſen,“ antwortete Boleslaw;„wenigſtens die vordern. Dort hinten am Waldſaum mögen ſie wol beſetzt ſein.“ „Sie werden ſich,“ erwiderte Raſinski,„dem Feuer un⸗ ſerer Artillerie nicht ſo nahe haben ausſetzen wollen; doch wundert mich's, daß ich nirgend Kanonen aufgefahren ſehe.“ Sie ritten noch einige hundert Schritte weiter, auf die Spitze eines Hügels, der ſich näher gegen den Fluß zog; indeſſen verwehte der Wind die neblichen Dünſte, und es wurde allgemach heller. „Bei Gott!“ rief Raſinski, der mit ſteigender Verwun⸗ derung umherblickte,„die jenſeitigen Ufer ſind verlaſſen! Da⸗ hinter muß irgend eine Abſicht ſtecken. Man will uns viel⸗ leicht den übergang beginnen laſſen, um dann eine deſto furchtbarere Verheerung unter uns anzurichten.“ „Vielleicht bleibt uns wenigſtens ſo viel Zeit, um die Brücke zu bauen,“ meinte Boleslaw und deutete auf den Strom, wo man jetzt die Arbeiter in voller Geſchäftigkeit erkennen konnte. „Auf den Hügeln dort rechts“ bemerkte Raſinski,„ſehe ich Reiter; ſie ſcheinen mir ebenfalls zu recognosciren. Laß =—— H — 103— uns dort hinüber, man muß von jenem Hügel die Windung des Stromes tiefer hinabſehen können.“ Sie ritten auf den bezeichneten Punkt zu und trafen daſelbſt den Marſchall Ney, Regnard und einige andere Offiziere. Dieſe waren eben ſo erſtaunt als Raſinski, das jenſeitige Ufer von Truppen entblößt zu finden. Plötzlich rief Regnard:„Dort drüben, nach Boriſow zu, ſehe ich Truppen im Marſch; es iſt eine ſtarke Colonne. Raſinski, Ihr habt ein Falkenauge, was meint Ihr, iſt das nicht ruſſiſche Cavalerie?“ Naſinski hielt die Hand über das Auge, weil die eben aufgehende Sonne ſchon zu blenden anfing, blickte ſcharf hin und rief dann:„Es iſt Artillerie und Infanterie; ich ſehe zwei Colonnen; ſie marſchiren nach Boriſow.“ „Sollte der Feind vielleicht abziehen?“ rief der Marſchall Ney mit dem Tone der Ungläubigkeit.„Es iſt unmöglich!“ „Aber es iſt nicht mahta daran zu zweifeln„ fiel Ra⸗* ſinski ein. „So leuchtet der Stern des Kaſſegf noch immer hell an ſeinem Himmel!“ rief Ney mit einem flammenden Blick der Freude aus;„man muß ihn ſogleich benachrichtigen.“ Alle ſprengten hinunter gegen die Brücke zu, wo der Kaiſer aufmunternd und antreibend bei den Arbeitern ſtand und auf die Berichte wartete. Jetzt trafen die zur Recognoscirung ausgeſandten Offi⸗ ziere von allen Seiten ein. Niemand hatte eine Spur des Feindes entdeckt, Mehrere die abziehenden Truppen bemerkt. „So wäre es doch gelungen, Tſchitſchagoff zu täuſchen!“ rief der Kaiſer aus.„Man muß einen Gefangenen zu be⸗ kommen ſuchen, der uns Gewißheit gibt.“ Naſinski erbot ſich, einen herbeizuſchaffen. Er ſprengte ſogleich mit Boleslaw den Strom aufwärts, nahm einige — 104— Chaſſeurs mit und ſchwamm mit ihnen durch den Fluß. Als ſie die jenſeitigen Höhen erreichten, bemerkten ſie alle Spuren eines bedeutenden Corps, das die Nacht über hier gelagert haben mußte. Die Feuer brannten noch meiſt alle; man ſah, daß ſie erſt ſeit einigen Stunden heimlich verlaſ⸗ ſen worden waren, und daß ihre Flamme den Kaiſer täu⸗ ſchen ſollte. Die Spuren des Weges, welchen das ruſſiſche Heer genommen hatte, waren auf dem Schnee bald zu er⸗ kennen; ſie zogen ſich ſüdlich nach Boriſow zu. Raſinski folgte ihnen raſch, aber mit Vorſicht; als er durch ein klei⸗ nes Gehölz geritten war, ſah er jenſeit deſſelben einige zer⸗ ſtreute Koſacken; unvermuthet überfiel er ſie, ſie flüchteten, doch einer ſtürzte auf dem glatten Schnee mit dem Pferde und fiel ſo in Raſinski's Hand, der ſogleich mit dieſer Beute umkehrte. Unterwegs befragte er ſeinen Gefangenen aufs genaueſte onach allen Umſtänden und erfuhr, daß in dieſer Nacht der General Tſchaplitz mit zehntauſend Mann und dreißig Ka⸗ nonen die Höhen, Studianka gegenüber, beſetzt gehalten habe, aber auf Tſchitſchagoff's Befehl gegen Morgen über Boriſow nach Bereſino aufgebrochen ſei. Sein Herz froh⸗ lockte, als er die Beſtätigung dieſer Vermuthung erhielt, denn jetzt war die Rettung möglich, falls nur im Lauf die⸗ ſes Tages der Übergang beginnen konnte.„Freue Dich, Bo⸗ leslaw,“ rief er dieſen an,„noch glänzt unſere Sonne. Heute hat die Göttin des Glücks gezeigt, daß ſie den Kaiſer noch nicht verlaſſen will. Dies ſind die unbeſetzten Engpäſſe von Cilicien; des Macedoniers Stern ſtrahlt nicht leuchten⸗ der als der des Corſen.“ Ungeduldig, dem Kaiſer dieſe Nachrichten zu bringen, ſpornte Raſinski ſein Pferd an, ſetzte über den Strom und berichtete, was er geſehen und was er erkundet hatte. 3 9 4 —2 8 9 — 105— Der Kaiſer vernahm dieſe Botſchaft mit zufriedenen Blicken, aber doch eben ſo ruhig, als er geſtern die Berichte über die drohendſten Gefahren anhörte. Er gab ſogleich Be⸗ fehle, den Bau der Brücke aufs äußerſte zu beſchleunigen. Mit dieſem war man endlich ſo weit gekommen, daß zwei Böcke aufgeſtellt und durch Bohlen verbunden waren; nun mußte das Werk ſich raſch fördern, und der General Eblé verſprach, es bis Mittag zu vollenden. Indeſſen zogen ſich auch bereits Truppenmaſſen von allen Seiten heran. Studianka ſelbſt war mit Kanonen, Pulverwagen, Trainfuhrwerken, der Bagage des Kaiſers, der Marſchälle und anderer Offiziere überfüllt; ebenſo die Wege, welche nach dem Ortchen hinunterführten, und die Höhen, die es rings umgaben. Raſinski ſah mit bedenkli⸗ chen Blicken dieſe ordnungsloſe Häufung der Maſſen, welche nur aus dem Zuſtande der Auflöſung, in dem ſich das Heer befand, erklärt werden konnte. Jetzt noch eine Aufſtellung, eine Anordnung zu bewirken, ſchien unmöglich, zumal da Menſchen und Pferde, aufs äußerſte entkräftet, dieſen kur⸗ zen Zuſtand nutzten, ſo viel die Umſtände es geſtatteten. Man ſah die angeſpannten Thiere vor Ermattung ſich auf den Schnee lagern und mit heißhungriger Begierde ſchlechten Häckſel, Stroh, oder was ſonſt nur dem Futter ähnlich war, verſchlingen. Die Führer hatten theils ein Obdach in den Hütten geſucht, theils ſich an Feuern gelagert, wo nur irgend Raum war. Wenn ſich dieſer verworrene Knäul erſt zu löſen und in Bewegung zu ſetzen begann, wenn Wagen zuſammenbrachen, Pferde ſtürzten, die engen Wege ſich ſtopften, die Haſt und Begierde, ſich zu retten, die Beſon⸗ nenheit raubte, und, wie es ſo oft auf dieſem Rückzuge geſchehen war, Jeder dem nächſten, eignen Vortheil das dauernde Wohl des Ganzen aufopferte— dann konnte hier, 5 xα*½ — 106 ſo glücklich ſich die Umſtände geſtaltet hatten, das Unheil ſeinen Gipfel erreichen und ſich an den Ufern dieſes Stro⸗ mes noch ein letztes fürchterliches Denkmal ſetzen. Dieſe Ahnungen Raſinski's trafen nur mit zu ſchreckenvoller Wahr⸗ heit ein. Als er eben die Höhen wieder hinanritt, auf denen ſeine Leute gelagert waren, hörte er in der Ferne, von Boriſow her, den dumpf hallenden Laut eines Kanonenſchuſſes. Ei⸗ nige Augenblicke blieb es ſtill, dann wiederholte ſich der Schuß, und es begann ein regelmäßiges Feuer. „Hörſt Du, Boleslaw,“ ſprach er zu dieſem,„dort un⸗ ten ſchlägt man ſich; wir wollen wünſchen, daß das Unge⸗ witter nicht heute noch heranziehe.“ Boleslaw horchte geſpannt auf und erwiderte dann: „Ich weiß nicht, ob mich der Wind täuſcht, aber dort hin⸗ über glaube ich auch Kanonenſchüſſe zu hören. Jetzt eben wieder! Hörſt Du wol? Nach der Nichtung von Nia⸗ manitza.“ Raſinski's Stirn umwölkte ſich düſter.„Sollte es doch beſchloſſen ſein?“ ſprach er.„Drei ruſſiſche Heere ſind auf dem Punkte, ſich zu vereinigen. Nur zwei Tage Auf⸗ ſchub!” Indeſſen wurde das Schießen lebhafter; es mußten be⸗ deutende Gefechte ſich entſponnen haben. Wenn es den Ruſſen gelang, das Corps des Marſchalls Victor zu werfen, ſo drangen die Maſſen gewaltſam nach, und die überreſte des franzöſiſchen Heeres waren vernichtet. Das ſah Raſinski unvermeidlich vor ſich, und dieſer Beſorgniſſe voll, kehrte er zu den Seinigen zurück. Hier herrſchte noch allgemeine Freude über den Abzug des Heeres auf dem jenſeitigen Ufer; zwar hatte man den — 107— fernen Donner der Kanonen ebenfalls vernommen, doch glaubte man die Gefahr nicht ſo nahe. In der That verlor ſich das Feuern wieder und gegen Mittag wurde Alles ſtill. Um ein Uhr kam endlich die Nachricht, daß eine der Brücken, die für die Infanterie be⸗ ſtimmte, vollendet ſei, und die Brigade Legrand bereits un⸗ ter den Augen des Kaiſers mit ihrer Artillerie übergehe. Die zweite Brücke war der Vollendung nahe. Schon entſtand ein unruhiges Bewegen und Drängen unter den Maſſen, weil Jeder zuerſt das jenſeitige Ufer zu erreichen wünſchte; doch, noch war der Kaiſer in Studianka und zu viele regelmäßige Truppen gegenwärtig, auch die Zahl der waffenloſen, ungeordneten Flüchtlinge noch nicht ſo angewachſen, daß ihr Strom Alles mit ſich fortgeriſſen hätte. Gegen den Nachmittag hörte man wieder Kanonen⸗ donner und zwar näͤher und ſtärker als am Morgen. Das Gefecht wandte ſich offenbar herwärts; es ſchien möglich, daß mit Anbruch der Nacht die Colonnen bis Studianka zurückgeworfen ſein konnten. Indeſſen ſah man in zwei ſchwarzen Reihen die Artillerie und ihre Wagen, ſowie ei⸗ nige andere Truppentheile die Bereſina paſſiren. Es ſchien Alles ſo mit Ordnung herzugehen, daß man erwarten durfte, noch vor Mitternacht den größten Theil der Bagage, der Verwundeten und der Wagen überhaupt, für welche die eine Brücke ausſchließlich beſtimmt war, am jenſeitigen Ufer zu ſehen. Raſinski rieth jetzt Bernhard an, ſich mit dem Wagen Bianca's nunmehr dem Zuge anzuſchließen, damit er nicht in den Strudel der Verwirrung geriſſen würde, wenn etwa neu herankommende Colonnen oder gar der anrückende Feind eine größere Haſt und Beſtürzung erzeugen ſollte. Mit ban⸗ gen Gefühlen trennten ſich Bernhard und Ludwig von Ra⸗ — 108— ſinski; doch ſie ſahen ein, daß er mit den Seinigen vielleicht einer der Letzten ſein werde, ja ſogar hier noch ins Gefecht kommen könne. überdies hätte er doch auf der andern Brücke übergehen müſſen, da den Wagen die obere ausſchließlich an⸗ gewieſen war. Sie nahmen daher, von unglücklichen Ah⸗ nungen bewegt, einen wehmüthigen Abſchied und begleiteten den wieder von Willhofen geführten Wagen hinunter nach Studianka. Jetzt brach die Dämmerung ein. Der Zug der Fuhrwerke rückte langſam vorwärts; gegen das Ufer hin glich er einer ungeheuren Wagenburg, bei der an Feſthal⸗ tung der Reihe und Ordnung nicht mehr zu denken war; ſondern wie Jeder ſich am beſten aus dem verworrenen Knäul loswickelte und die Brücke zuerſt erreichte, ging er über. Bianca warf ängſtliche Blicke über dieſes Getümmel von Roſſen, Menſchen, Wagen und Schlitten; ein dumpfes Brauſen rufender und kreiſchender Stimmen, das von Mi⸗ nute zu Minute mit dem Dunkel der Nacht wuchs, erhöhte den beängſtigenden Eindruck, den dieſe unermeßliche Verwir⸗ rung machen mußte. „O, wäͤret Ihr jetzo nicht in meiner Nähe, Ihr Ge⸗ liebten,“ ſprach Bianca ſanft zu Bernhard und Ludwig, in⸗ dem ſie Beider Hände ergriff,„wie verlöre ich mich in die⸗ ſem grauenden Gewühl! Aber ſo iſt mein Herz ohne Sorge und ohne Furcht.“ Ludwig fühlte wohl, daß ſie mit dieſer ſcheinbaren Ruhe nur ſeine und des Bruders Beſorgniſſe um ſie mildern wollte, wie es denn ihrer ſchönen Seele eigen war, ſtets zuerſt den fremden Schmerz, die fremde Sorge zu fühlen und zu lindern.“Er antwortete daher auch für ſie tröſtend und beſchwichtigend und ſcherzte, um ſie zu zerſtreuen, mit dem Kinde, das, keine Gefahr ahnend, mit rührender Un⸗ ſchuld plauderte und ſchäkerte. Bernhard blickte indeſſen auf⸗ — † — 109— merkſam umher, um jeden Vortheil, der ſich darböte, raſch wahrzunehmen. Ein unruhiges Murmeln zu ſeiner Linken bewirkte, daß er ſich dorthin wandte. Eine Menge von Krie⸗ gern deutete auf die Schneehügel abwärts vom Fluſſe, und das Gemurmel, welches durch die Reihen lief, zeigte, daß ein Ereigniß von Wichtigkeit ihre Aufmerkſamkeit beſchäftige. Anfangs konnte Bernhard nicht errathen, was es ſein mochte, plötzlich aber entdeckte er einen röthlichen Schein über dem Schnee, der an Größe und Helle zu wachſen ſchien. „Boriſow ſteht in Flammen!“ rief eine Stimme neben ihm; es war Willhofen. „Glaubſt Du?“ fragte Bernhard. „Es kann kein anderer Ort ſein; ich weiß, daß es ge⸗ rade dort hinaus liegt.“ Die Flammen ſchlugen höher auf, allgemach wurden Alle, die an dem Ufer verſammelt waren, die Erſcheinung gewahr, und indem jeder ſeine Aufmerkſamkeit darauf rich⸗ tete, wurde das brauſende Geräuſch der Stimmen dadurch einige Augenblicke unterbrochen. In dieſen vernahm man deutlich ſtarken Kanonendonner von dort her. Es wurde alſo um Boriſow, kaum zwei Stunden von Studianka, ge⸗ fochten. Noch in dieſer Nacht kann der Feind anrücken. Dieſe Betrachtung ſchien ſich in jeder Bruſt zugleich zu geſtalten und plötzlich eine überſtürzende Haſt und Eile der Rettung auf das jenſeitige Ufer zu erzeugen. Von drei Seiten zu⸗ gleich wurden die Wagen heftig auf den engen Zugang der Brücke zugetrieben; ſie fuhren gegen einander an, daß die Räder und Achſen brachen, warfen um und ſtopften ſo die Bahn. Dies verurſachte ein grimmiges Toben und Schreien von allen Seiten her. Mit Wuth warfen ſich die Nachfol⸗ genden auf Die, welche verunglückt waren und ihnen ſo den — ää — 110— Weg der Rettung verſperrten. Ohne Erbarmen riſſen ſie die Unglücklichen, welche auf den Wagen geſeſſen hatten, herab und zerſchlugen die zerbrochenen Fahrzeuge in tauſend Trümmer, um ſich Bahn zu brechen. Doch, noch bevor ihnen dies völlig gelang, drängten ſchon wieder andere Wa⸗ gen nach, die vordern jagten daher in wilder Eil über die Trümmer zerbrochener Räder und Geſtelle hin der Brücke zu, verfuhren ſich ebenfalls ineinander, brachen die Achſen, ſtürzten um und erneuerten ſo ſelbſt das Schauſpiel, das eben ihre Wuth erregt hatte. Pferde und Menſchen ſtürzten über einander; fürchterliches Geſchrei und Toben erſcholl. Die Cavalerie ſprengte dazwiſchen und ſuchte Ordnung zu erhalten, indem ſie Diejenigen mit Säbelhieben zurücktrieb, welche ſich außerhalb der Reihen eindrängen wollten; allein kaum gelang ihr dies an der einen Seite, ſo hatte ſich an der andern ſchon das dreifache Unheil ereignet. Verwundete geriethen unter die Räder der Wagen und erhoben ein durch⸗ dringendes Geſchrei um Hülfe; doch es wurde übertäubt durch die Flüche und das wilde Rufen, womit Diejenigen, die, dem Ziele nahe, nur noch einer letzten Anſtrengung be⸗ durften, um geſichert zu ſein, ihre Geſpanne antrieben. „Heiliger Gott, was ſoll daraus werden!“ rief Bianca erblaſſend und heftete, indem ſie das ängſtlich gewordene Kind faſt bewußtlos an die Bruſt drückte, erſtarrte Blicke auf das Gemälde des Grauſens rings umher. „Sei ruhig, Theure,“ ſprach Ludwig begütigend;„es iſt nur der erſte Augenblick des Schreckens, gewiß wird ſich bald Alles wieder beruhigen; denn Jeder kann ja ſehen, daß er auf dieſe Weiſe nur ſein eignes Verderben beſchleunigt.“ „O, laß uns lieber zurück zu Raſinski,“ bat ſie ſanft; „dieſer entſetzlichen Rettung über die zermalmte Bruſt hülf⸗ loſer Verwundeten entſage ich. Lieber erwarte ich den Tod — — 111— durch die feindlichen Kugeln, als daß ich dieſen blutigen Weg betrete.“ „Die Rückkehr iſt unmöglich, Bianca,“ entgegnete Lud⸗ wig, indem er ſeinen Blicke rings umher warf.„Siehe, mit welchen Maſſen von Wagen und Menſchen dieſe Abhänge und alle hexabführenden Wege bedeckt ſind; man könnte ſich leichter eine Bahn durch den Fels graben als durch die⸗ ſes Gewühl dringen. Bernhard, der gleich Ludwig neben dem Wagen geſtan⸗ den hatte, ſchwang ſich auf die Achſe des Hinterrades, um einen freiern überblick zu haben. Ein unabſehbares, düſteres Gewimmel, welches ſich, ſo weit man die Ufer verfolgen konnte, an ihren Krümmungen entlang und die beſchneiten Anhöhen hinaufzog, bot ſich ſeinem Auge dar. Durch die einbrechende Dämmerung erſchien es noch unbeſtimmter und rieſenhafter. „Hm!“ murmelte er vor ſich hin,„das ſchwarze Meer mitten im Eismeer; und es fängt an die Wogen im Sturm zu erheben.“ Am äußerſten Rande des Horizonts, wo Nacht und Ferne ſich verſchmolzen, glühte der düſterrothe Widerſchein des brennenden Boriſow. Ein Nachtſturm fing an, die Flü⸗ gel zu erheben und brauſte hohl mit eiſigkaltem Hauch über die Fläche hin. Selbſt dem felſenherzigen Bernhard erfüllte ein banger Schauer die Bruſt, und es ahnete ihm, hier werde ſich alles Entſetzliche, was dieſer Krieg geboren, zuſammenhäufen und die früheren Schrecken rieſenhaft überbieten. Für ſich allein fühlte er Kraft, Allem zu trotzen; doch, wenn er den Blick auf die Schweſter warf, wenn er ihre Jugend, ihre Schön⸗ heit betrachtete, ſich der Opfer erinnerte, die ihre reine Liebe ihm gebracht, und dann zurückſchaute auf dieſes unergründ⸗ — 112— lich tiefe Meer des Verderbens und des Entſetzens, das rings umher die finſtern Wogen erhob— dann mußte er einen ehernen Harniſch des gewaltſamen Wollens um ſeine Bruſt ſchmieden, damit ſie nicht ermattet breche unter der Laſt ihrer Schmerzen. Aus jungfräulicher Schüchternheit richtete Bianca ihr Vertrauen in dieſen Drangſalen noch immer mehr zu dem Bruder als zu dem Geliebten; auch hielt ſie ihn wegen ſei⸗ ner raſchen Art zu handeln für entſchloſſener und umſichti⸗ ger in Gefahren als den eben ſo männlich gefaßten, aber weichern Ludwig. Deshalb wandte ſie auch jetzt ängſtlich fragende Blicke zu ihm, die Rath und Troſt ſuchten. Sie drangen in ſeine tiefſte Bruſt; abſichtlich aber richtete er kein Wort an ſie, denn er war zu erſchüttert, um dies nicht durch ſeine Stimme zu verrathen; ſeine rauhe Larve aber, ſeinen ſtachligen Panzer wilden Scherzes mochte er dieſer Sanften gegenüber nicht anlegen, weil er wußte, daß ſie ſich daran verwundete. Glücklicherweiſe hielt der Wagen, auf welchem ſie ſich befand, an einer Stelle, die nicht in die Fluthen des ſtrö⸗ menden Gedränges hineingeriſſen wurde, von welcher man daher, wenngleich es keinen Rückweg gab, doch wenigſtens nicht gewaltſam in den Alles verſchlingenden Strudel getrie⸗ ben werden konnte. Dies gereichte zwar zu Bianca's eige⸗ nem Heil; doch da ſie ſich ſtets in fremder Seele fühlte, ſo litt ſie deſto unausſprechlicher bei dem Anblick des Jammers und Schreckens, den ſie vor Augen hatte, ohne retten oder lindern zu können. In ſtummer Qual ſaß ſie, wie ein Opferlamm, das unter dem geſchwungenen Beil zittert, un⸗ beweglich da und wandte das Auge auf das ängſtlich ge⸗ wordene Kind in ihrem Schooßez ſelbſt zitternd, herzte ſie es und ſuchte es zu beruhigen. Jeannette neben ihr war . 6 N — 113— bleich, wie eine Leiche, ſie wagte keinen Laut zu ſprechen, aber kalte Thränen der Angſt rollten unaufhaltſam über ihre Wangen herab. Beiden Frauen gegenüber ſaßen zwei ſchwer verwundete Offiziere, die jedoch durch ein betäubendes Fieber, welches ſchwere Kopfwunden erzeugten, unempfindlich gegen die Schrecken um ſie her gemacht wurden. Unter die⸗ ſem Druck der Angſt und ſchweren Sorgen ſchlichen die Mi⸗ nuten mit bleierner Langſamkeit dahin. Viertes Capitel. Plötzlich vernahm man ein dumpfes, donnerndes Kra⸗ chen und gleich darauf zerriß ein Schrei des Schreckens die Lüfte. Aller Augen wandten ſich nach dem Strom, woher der durchdringende Weheruf erſcholl, und ein erſtarrendes Grauſen feſſelte Bruſt und Lippe, als man die Brücke un⸗ ter ihrer Laſt und dem Andrang furchtbarer Eisſchollen in⸗ mitten des Stromes gebrochen und mehrere Joche hinweg⸗ geriſſen ſah. Nur von den nächſtliegenden erhöhten Punkten des Ufers konnte man dies bemerken; die bei weitem größere Maſſe aber, die ſich auf der Brücke ſelbſt und am tiefern Ufer befand, ahnete nichts von dem Unfall, ſondern drängte mit raſender Verblendung vorwärts und trieb Die, welche am Rande des Abgrundes ſtanden, gewaltſam in ihren Un⸗ tergang. Vergebens klammerten ſich die Unglücklichen an die Trümmer der Brücke, vergebens riefen ſie mit herzzerreißen⸗ dem Laut das Erbarmen ihrer Brüder an— es gab keine Wahl mehr, gewaltſam wurden ſelbſt die Mitfühlenden zum — 114— grauſenvollen Morde ihrer Gefährten gedrängt, um im näch⸗ ſten Augenblick auf dieſelbe Weiſe unerbittlich in den ſchwar⸗ zen Schlund des Stromes geſtürzt zu werden. Die Angſt erzeugte Verzweiflung und Wuth. Die ſich verloren Glau⸗ benden wurden zu raſenden Tigern, denn mit gezogenem Schwert ſtürmten ſie rückwärts in die gedrängten Scharen ihrer Brüder hinein, um ſich eine Bahn nach dem Ufer zu brechen. So erſtand ein empörender Kampf, ein wahnſin⸗ niges Morden unter befreundeten Kameraden; die rückwärts wogende Fluth des Gedränges kämpfte mit der vorwärts ſtrömenden, und dadurch erzeugte ſich ein furchtbares Zu⸗ ſammenpreſſen gegen die Mitte hin. Die ſcheuen Pferde bäumten ſich empor oder ſuchten in der Angſt ſeitwärts ei⸗ nen Ausweg und ſtürzten ſo ſammt den Wagen an der Seite der Brücke in den Strom hinunter. Angſtruf, Weh⸗ geſchrei, Gebrüll der Wuth, wildes Getümmel und Getöſe von allen Seiten! Nur wenige Minuten dauerten dieſe Schreckensſcenen, die ein furchtbares Nichtwiſſen, ein unſeliger Irrthum er⸗ zeugte; doch jede Minute koſtete Hunderten das Leben, die ſchon den Saum der Rettung berührt hatten. Und in die Bruſt vieler Tauſende tauchte das grauſe Geſpenſt des Ent⸗ ſetzens ſeine kalte Hand, und ſie empfanden ahnend, welch ein Geſchick die düſtern Zukunftsſchweſtern auch ihnen webten. Während die Brücke wiederhergeſtellt wurde, trat eine erwartungsvolle Stille ein. Das Unheil, was bereits ge⸗ ſchehen war, hätte, ſo ſollt man glauben, die noch übrigen belehren können; auch geſchah, was irgend möglich war, um eine beſſere Ordnung des Zuges vorzubereiten. Allein jetzt erſchwerte die Nacht noch jede Leitung der unüberſehbaren Menge, und nur der kleinſte Theil konnte wiſſen oder ver⸗ muthen, was geſchehen war. Jeder wurde gleichſam mit 3 — 115— verbundenen Augen ſeinem Schickſal entgegengeführt, und erſt wenn er mitten auf dem ſtrudelnden Strom des Ver⸗ derbens trieb, wo es keine Flucht, keine Rückkehr mehr gab, wurde ihm die Binde von den Augen geriſſen und er ſtand ſchaudernd am Rande des Abgrundes. Die Zahl Derer, die zu Opfern beſtimmt waren, wuchs üͤberdies von Minute zu Minute an, da immer noch Nach⸗ zügler, Verwundete, Entkräftete von allen Seiten heranka⸗ men. Plötzlich wurde das dumpfe, ſchauerliche Gemurmel, welches man an den Ufern des verderblichen Stromes hörte, wieder durch lauten Kanonendonner unterbrochen. Die Flam⸗ men von Boriſow ſchlugen heller auf; von dort her ſchien ſich der glühende Lavaſtrom des Kampfes langſam heranzu⸗ wälzen. Während man geſpannt auf die rollenden Donner dieſes neuen Ungewitters horchte, öffnete ſich der Krater noch auf einer andern Seite, und verkündete ſeinen Ausbruch mit lautem Krachen des Geſchützes. Dieſer zweite Kampf hatte ſich offenbar vor Studianka, vielleicht gar auf den Höhen, wo auch Raſinski lagerte, entſponnen, ſo nahe vernahm man den Klang der Schlacht. Dieſe Vermuthung wuchs, denn man ſah Eilboten von meh⸗ reren Seiten an den Kaiſer kommen, der noch immer mit Majeſtät und ruhiger Haltung am Ufer weilte, und an der Brücke für die Infanterie den übergang leitete. Andere Boten wurden eilig zurückgeſandt; an Allem bemerkte man, daß wichtige Vorfälle ſich ereignet haben müßten. An der Herſtellung der Brücke arbeitete man bereits mit höchſter Anſtrengung, doch ſandte der Kaiſer einen Offizier nach dem andern, um die Vollendung zu beſchleunigen. In⸗ deſſen dauerte der Kanonendonner mit kurzen Zwiſchenräu⸗ men immer fort, ohne ſich jedoch zu nähern. Die Dunkel- heit der Nacht machte eine Schlacht unmöglich, das gegen⸗ — 116 ſeitige Feuern ſchien daher nur den Zweck zu haben, einan⸗ der fortwährend in Aufmerkſamkeit zu halten. Mitternacht war vorüber. Die übermäßig angeſpannten Kräfte des Körpers und der Seele hatten die meiſten der am Ufer verſammelten Unglücklichen in Schlaf geſenkt; doch Hunger und Kälte, vor Allem aber ein ſcharfer Nordoſtwind, der ſich immer gewaltiger erhob und Alles erſtarrte, was er berührte, trieben ſie an, eine andere Zuflucht zu ſuchen. Sie verbargen ſich unter die Wagen, krochen zwiſchen die Pferde, um ihre verklammenden Glieder an der thieriſchen Wärme aufzuthauen, lagerten ſich in dichte Haufen übereinander hin. Plötzlich beleuchtete eine röthlichglühende Fackel das düſtere Nachtſtück, und ein blutiger Widerſchein glänzte auf dem Strom und auf den beſchneiten Anhöhen. Als man ſich umwandte, ſah man das Dorf Studianka in vollen Flam⸗ men. Die Unglücklichen von den Uferhöhen, die noch bis dahin zurückkommen konnten, hatten daſelbſt eine Zuflucht geſucht; doch die Hütten waren überfüllt und die Kälte der rauhen Nacht wuchs mit dem Sturm. Holz fand ſich nicht in der Nähe, daher riſſen die Verzweifelnden die elenden Häuſer über den Häuptern Derer zuſammen, die ſich hin⸗ eingeflüchtet hatten, und zündeten die Balken, Dielen und Dachſplinte an, um ſich daran zu erwärmen. Der Kaiſer war höchſt erzürnt über dieſen Vorfall, der dem Feinde den übergangspunkt verrathen und das Verder⸗ ben Aller herbeiführen konnte. Indeſſen war die That ge⸗ ſchehen, und überdies der Drang der Umſtände ſo gewaltig, daß ſelbſt ſein mächtiger Wille nichts mehr dagegen ver⸗ mochte. 1 Die ganze Nacht hindurch dauerte das Defiliren der geordneten Truppen über die unverſehrte Brücke fort; doch wurde auch ſie jetzt für die Artillerie benutzt, ſo lange die K —.— — 117— zweite geſperrt war. Nach ihrer Herſtellung hätte man Hoffnung gehabt, den übergang regelmäßiger bewerkſtelligt zu ſehen, da theils die Menge am Ufer ſich vermindert hatte, theils die bittern Erfahrungen, die man gemacht, zur Lehre dienen konnten. Da aber ereignet ſich ein neues Un⸗ heil. Unvermuthet kommt eine Reihe von Wagen mit ſchwer Verwundeten, von Frauen und leichter verwundeten Kriegern zu Fuß begleitet, bei dem Heere an. Es ſind Jammerbil⸗ der, von Froſt, Hunger und Schmerzen gequält. Man ſtaunt, man fragt, woher ſie kommen? Von Boriſow, wo der Feind die Brigade des Generals Parthouneau in dieſer Nacht zum größten Theil gefangen genommen hat. Nur einem Theil iſt es gelungen, ſich zu retten; er zieht ſich vor den nachrückenden Ruſſen zurück, und ihm gehen dieſe Ver⸗ wundeten und eine unüberſehbare Schar maffenloſer, halb⸗ verhungerter Nachzügler voran, die hier ihre Rettung ſuchen. Kaum ſind dieſe erſten Erkundigungen eingezogen, ſo erblickt man auch ſchon dichte ſchwarze Scharen, welche die Höhen und die Uferränder bedecken. Bei dem falben Schein der verglimmenden Hütten von Studianka, bei der Dämmerung des Schnees und der Ge⸗ ſtirne erkennt man, daß es viele Tauſende ſind, die in un⸗ geordneten Zügen herannahen. Kaum gewahren ſie gewaff⸗ nete Kameraden, von denen ſie ſich Schutz verſprechen, als ſie in wilder Haſt, als ſei der Feind ihnen ſchon auf den Ferſen, heranſtürzen und ihre Reihen bedrängen. Bleich, hohl⸗ wangig, die Gier des ſtachelnden Hungers im Blick, vor Angſt und Froſt ſchlotternd, mit leiſem Gewimmer nahen dieſe Unſeligen und flehen mit aufgehobenen Händen um Schutz und Nahrung. Von Mitleid bewegt, will man ſie anfangs nicht zurückweiſen; doch ihre Maſſen drängen ſo gewaltſam nach, daß ſie die geordneten Reihen der Krieger — 118— durchbrechen; und als ſie vollends die Brücke erblicken, ſtür⸗ zen ſie in beſinnungsloſer Eile auf dieſen Rettungsweg zu und drohen ſo, das Unheil von geſtern zu erneuen. In die⸗ ſem Augenblick befiehlt der Kaiſer, der neue Nachrichten vom Anrücken der Ruſſen erhalten hat, und dem man zu⸗ gleich meldet, daß die Brücke für die Wagen wiederherge⸗ ſtellt ſei, den übergang der Garden auf beiden Brücken. Er ſelbſt ſetzt ſich zu Pferde, um an der Spitze derſelben das jenſeitige Ufer zu gewinnen und ſie bei Brilowa mit den bereits übergegangenen Truppen in Schlachtordnung auf⸗ zuſtellen, weil leider auch an jenem Ufer der Feind gefürch⸗ tet werden muß. Dieſer Befehl zum Aufbruch bringt Alles in Bewegung; Jeder glaubt, jetzt ſei der günſtigſte Augen⸗ blick der Rettung auch für ihn, und ſo ſtürzen und drängen Alle zugleich, zumal aber die neuen vor Schreck halb betäub⸗ ten Ankömmlinge, auf die ſchmalen Zugänge der Brücken ein. Dieſer Maſſe iſt kein Widerſtand zu leiſten; die geord⸗ neten Reihen der alten Garden ſind durchbrochen, zwiſchen ihre Artillerie drängen ſich fremde Fuhrwerke ein, jede Ord⸗ nung iſt aufs Neue geſtört, Alles von der entſetzlichſten Ver⸗ wirrung bedroht. Selbſt das Anſehen des Kaiſers reicht nicht mehr hin, ihm Bahn zu machen. Nachzügler, Verwundete, Wagen mit Gepäck, Weiber und Kinder ſtopfen den Ein⸗ gang zu der erſten Brücke, und die Wogen der Menſchen drängen ſo unaufhaltſam nach, daß ohne Gewalt hier kein Durchgang mehr gewonnen werden kann. Die Nothwendig⸗ keit erzeugt den ſchrecklichſten Entſchluß. Cavaleriemaſſen müſſen in die Unglücklichen eindringen und ſie mit ſcharfer Waffe zurücktreiben; ſchaudernd vollbringen ſie den Befehl, der ſie zwingt, das Blut hülfloſer Kameraden zu vergießen und die Körper der Stürzenden mit den Hufen ihrer Roſſe zu zermalmen. Ein lautes Angſtgeheul, welches ſelbſt den — 119— brauſenden Nord übertönt, zerreißt die Lüfte, und um den Schrecken aufs höchſte zu treiben, erſchallt in dieſem Augen⸗ blick auch ſchon wieder der feindliche Kanonendonner. Er führt wenigſtens den Beweis, daß das unmenſchliche Gebot nur von der dringendſten Nothwendigkeit ertrotzt werden konnte. Die Bahn iſt nun geöffnet; eine Abtheilung Ca⸗ valerie rückt hinein; dann folgt der Kaiſer, umgeben von ſeinen Offizieren, und ihm ſchließen ſich die Garden an; doch immer neu, je näher und furchtbarer der Donner des Ge⸗ ſchützes auf den Höhen hinter ihnen ertönt, drängen die Scharen der Flüchtigen auf die Truppen ein. Nur ihrer geſchloſſenen, geordneten Gewalt gelingt es, ſie zurückzuwer⸗ fen, und es müſſen Hunderte von Opfern in dieſem wider⸗ natürlichen Kampf fallen. Als die letzten Colonnen die Bruücke erreichen, beginnt es zu dämmern, und nach und nach heben ſich die ſchwar⸗ zen Schleier von dem Gemälde, zu zeigen, was ſie in ihrer düſtern Hülle verbargen. O, die Nacht war mild geweſen, als ſie mit ihren Flügeln dieſe Schreckniſſe bedeckte! Der mitleidloſe Tag zeigte die entſetzliche Wahrheit! Zerſchmetterte Leichname, Trümmer von Wagen und Geſchützen, gefallene Roſſe, die ſich in ihren letzten Zuckungen über noch blutende menſchliche Körper hinwälzen, bedecken die ſteilen Abhänge, die ſich neben der Brücke in den Strom ſenken. Zwiſchen den gegen die Uferwände getriebenen Eisſchollen gewahrt man halbverſunkene Unglückliche, die der Tod und die Kälte in dem Augenblick erſtarrt hatten, wo ſie die Arme noch hülfe⸗ flehend gegen Himmel und Menſchen ausſtreckten; doch ver⸗ geblich, denn beide waren taub für die Qualen der Angſt und Verzweiflung. Wandte ſich das Auge ſchaudernd ab von dieſen Bildern des Grauens, ſo floh es noch ſcheuer zurück, wenn es ſich auf die Lebenden am Ufer richtete; — 120— denn es erblickte nur eine zahlloſe Schar bleicher Geſpenſter, aus deren hohlen erloſchenen Augen die Verzweiflung ſtarrte, die zitternd, weinend, heulend oder fluchend durcheinander irrten und, von eigenen Qualen zerriſſen, die des Bruders nicht mehr empfanden. Nur ein wildes, wahnſinniges Drängen nach Rettung aus dieſem Elende leitete, wie ein dunkler thieriſcher Trieb, alle ihre Bewegungen und Schritte. Viele aber vermochten ſelbſt dazu weder Kraft noch Wunſch mehr zu erheben, ſondern ſaßen regungslos wie Leichen auf der eisumpanzerten Erde und blickten ſtarr auf die Stelle, die ihr Grab werden ſollte. Nur der Wehruf der Zer⸗ ſchmetterten, der Zermalmten, Derer, die in den Strom ſtürzten und von ſeinen Eisſchollen hinweggeriſſen wurden, nur die Flüche und das Toben der Ruchloſeſten, die ſich über die Leichen ihrer Brüder den Rettungsweg bahnten, miſch⸗ ten in dieſes gigantiſche Bild des Todes die letzten wild grauſenvollen Zuckungen des Lebens. Doch es ſollte ſich noch entſetzlicher geſtalten. Zwar das menſchliche Maß des Jammers und Entſetzens ſchien erſchöpft, doch die wal⸗ tenden Rachegötter wußten das Unheil aus neugefüllten Urnen in noch furchtbareren Wogen auszuſtrömen; denn plötzlich brach es wie der Donner des jüngſten Gerichts über den Häuptern dieſer Verdammten krachend herein. Aufgeſchreckt aus der dumpfen Betäubung, fuhren ſelbſt die der Hoffnungsloſigkeit willenlos Hingegebenen empor. Da ſahen ſie die Höhen rings umher von ſchwarzen Rauchwolken dampfen; die Schlacht tobte über ihren Häuptern. Als ob ein Dämon des blinden Schreckens plötzlich mitten unter die Scharen ſtürze und ſie in beſinnungsloſe Flucht ſcheuche, wälzten ſie ſich jetzt, keine Möglichkeit und Wahrſcheinlichkeit der Rettung mehr erwägend, in dichten ſchwarzen Wogen auf den Strom und ſeine Brücken zu. Und als bräche ſie “ —— — 121— aus tauſend geöffneten Schlünden hervor, wuchs die Fluth durch die Ströme der Flüchtenden, die durch die Schlacht gejagt von den Höhen gegen Studianka und Boriſow zu herabkamen. Der Augenblick war da, wo das unaufhalt⸗ ſame Rad der Vernichtung von den eiſigen Höhen herab⸗ rollte, um, was da athmete, zu zermalmen. Bianca, von Angſt und Qual faſt erſchöpft, wandte das Haupt langſam nach jenen donnernden und rauchenden Höhen.„Glaubſt Du, mein Bruder,“ fragte ſie Bern⸗ hard leiſe, als ob ſie bebe, die Antwort zu vernehmen, „glaubſt Du, daß der edle Naſinski dort im Kampf iſt?“ „Es kann nicht anders ſein, Liebe,“ antwortete Bernhard. „So nimmt mein Herz Abſchied von ihm,“ ſprach ſie mit ſanfter Feſtigkeit und dem Ton innigſter Liebe. „Warum?“ fragte Ludwig beſtürzt. „O mein Theuerſter,“ entgegnete Bianca ſanft,„ge⸗ wiß vertraue ich fromm auf Gott; doch ſchon unſere Ret⸗ tung aus dieſem Alles verſchlingenden Strudel zu hoffen, ſcheint mir Vermeſſenheit, wie vollends auch die ſeinige aus jenem tobenden Ungewitter der Schlacht. Ich ſchließe mit der Erde ab; die ich verehrte, und die ich liebte— jenſeits werde ich ſie ja wiederſehen.“ Dieſer einbrechende Schmerz der Schweſter ſtachelte in Bernhards Bruſt ſeine ganze Kraft auf, und ermannte ihn, ſie trotzig dem Geſchick entgegen zu werfen.„Sei ruhig, Schweſter; Du haſt noch nie gewürfelt, wo es Eins gegen Eins ſtand; ich habe noch ſo viel Hoffnung auf Gewinn als auf Verluſt. Und unſer Spiel ſteht gut, denn wenig⸗ ſtens haben wir hier einen Anker im Schnee geworfen, der uns feſthält gegen die Bergſtröme, die dort hinunterrollen. VV. 6 — 122— Einmal müſſen ſie ſich doch verlaufen, und dann wird Raum. für uns.“ „Gewiß, Du Holdeſte,“ ſetzte Ludwig mit männlicher Feſtigkeit hinzu;„und denke, welche Wunder der Himmel ſchon an uns gethan; ſie ſind mir Bürge für die Zukunft, ein feſter Schild gegen den ſauſenden Speer der Todesgöt⸗ tinnen.“ „Ahnlich ſprach der ſegnende Gregor freilich auch,„ant⸗ wortete Bianca;„doch wer ergründet des Himmels Rath⸗ ſchläge?“ „So würde doch auch unſer Untergang unſer Heil ſein,“ entgegnete Ludwig ernſt.„Das ſei Dein Troſt!“ „Er iſt es, Geliebter,“ antwortete ſie fromm und er⸗ hob das Auge gen Himmel;„darum aber nehme ich auch Abſchied von der Erde.“ „Ich nicht,“ ſprach Bernhard,„und Du ſollſt es auch nicht, Schweſter; aus irdiſchen Bedrängniſſen und Gefahren hat uns die Hand des Schickſals auch für irdiſches Glück errettet. Ludwig hat Recht; wir haben ein Unterpfand; der Himmel iſt nicht ſo verſchwenderiſch mit Gnaden und Wundern—“ „O frevle nicht,“ unterbrach Bianca ihn erſchrocken, da er in ſeinen alten, rauhen Ton verfallen war, indem er ſich die ſchweren Bedrängniſſe trotzig wie ein Löwe abſchüt⸗ telte, dem ein Inſektenſchwarm um das Haupt ſchwirrt; „frevle nicht hier, wo der Allmächtige ſein furchtbares Ge⸗ richt hält!“ „Nein, nein, Schweſter,“ antwortete Bernhard;„Du mißverſtehſt mich; Ludwig weiß wohl, wie ich's meine; er kennt mich länger!“ Dieſer drückte ihm bewegt die Hand.„Und der Ewige kennt ihn am beſten,“ ſprach er zu Bianca,„und nie hat er ein treueres, bedlicheres Herz in einer menſchlichen Bruſt geſehen.“ „Das mag uncrörtet bleiben,“ warf Bernhard faſt leicht hin;„aber laßt uns nicht ſchwatzend den Augenblick verſäumen, wo wir hier in die Speichen des Schickſalsrades packen müſſen, damit es uns dort hinüberrolle auf die andere Seite. Willhofen! haſt Du noch etwas Futter für die Pferde? ſie können uns ſonſt im Augenblicke der Noth im Stich laſſen.“ „Vor Tagesanbruch habe ich ſie in der Stille abgefüt⸗ tert,“ antwortete dieſer leiſez„denn man darf hier nicht viel zeigen; für eine Fütterung iſt noch Vorrath. Aber ſeht doch einmal dort hinüber, Herr! Das ſieht mir ja faſt aus, als ſollte es uns gelten?“ Er deutete bei dieſen Worten nach einem Hügel ab⸗ wärts von den Brücken, von dem man das ganze Thal überſehen konnte, und auf welchem eben eine Batterie auffuhr. „Sollten das Ruſſen ſein?“ fragte Bernhard, und faſt erſtarb jetzt auch ihm das Wort auf der Lippe. Er hatte es kaum vollendet, als es ſchon aus der er⸗ ſten Kanone blitzte und nach wenigen Secunden das dumpfe Krachen des Knalles rings an den Schneehügeln widerbebte. Gleich darauf ſchlug eine Kugel mit ſchmetternder Gewalt in den dichteſten Haufen vor der Brücke, daß er entſetzt nach allen Seiten auseinanderſtob. Man hatte nicht Zeit, ſich zu beſinnen und dieſen neuen Schrecken zu ermeſſen, denn gleich darauf folgte ein zweiter Schuß und dann eine volle Lage, die fürchterliche Lücken in dieſe gedrängten Menſchenmaſſen riß. In der erſten Secunde hielt das Entſetzen die Unglück⸗ lichen in ſtarre Bildſäulen verwandelt, und ſelbſt die Sprache verſagte ihnen; daher trat eine bange Todtenſtille ein, die der Donner der Batterie deſto furchtbarer zerriß. Dann aber machte ſich die Angſt in einer heulenden Wehklage Luft, Alles überſtürzte ſich in blinder, wahnſinniger Flucht, gleichviel wohin, wenn man nur dieſen todtſpeienden Schlün⸗ den entkam. Reiter warfen ſich in den Strom und ſuchten ihn trotz der Eisſchollen zu durchſchwimmen; die meiſten wurden nach wenigen Schritten von den brauſenden Wellen hinweggeriſſen. Andere hieben die Stränge angeſpannter Pferde vor fremden Wagen durch, ſchwangen ſich hinauf, und wollten ſich ſo gleichfalls ſchwimmend retten, ohne der Unglücklichen zu achten, die ſie nun ganz hülflos zurücklie⸗ ßen. Der Lohn ihrer That traf ſie nach wenigen Minuten. Die Maſſen wogten ſo gewaltſam gegen das Ufer des Stroms hinan, daß ſie jetzt nicht allein nach der Brücke, ſondern gerade in die Flut drängten. Vergeblich kämpften die Vor⸗ dern gegen dieſes laſtende übergewicht; wie geſtern Hunderte an der gebrochenen Brücke hinabgeſtürzt wurden, ſo wurden heut Tauſende in den freien Strom gedrängt. Mütter mit ihren Säuglingen auf den Armen ſah man in den treiben⸗ den Eisſchollen, und vergeblich tönte ihr Ruf nach Hülfe, nach dem Gatten, dem ſie erſt in dieſem Augenblick von der Seite geriſſen waren, den aber vielleicht die Flut ſchon ver⸗ ſchlungen hatte, wenn er nicht unter den Füßen der Nach⸗ drängenden zertreten wurde. Die Woge ſchwoll ihnen bis an den Gürtel, bis an die Bruſt; noch immer hielten ſie die Kinder über der Flut; da erreichte dieſe das Haupt, ſie wurden färtgetrieben, verſanken, aber noch im Sinken hoben die ſtarren Hände das theuerſte Leben über den ſchwarzen Abgrund der Wellen empor, bis der Strom Alles verſchlang und begrub. — — 125— Fünktes Capitel. Bianca hielt beide Hände vor das Antlitz und athmete krampfhaft; auch nicht eine Thräne hatte ſie mehr, ſo faßte ſie der ſtarre Krampf des Entſetzens an. Ludwig und Bernhard traten dicht an ſie und ſuchten ſie durch milden Zuſpruch zu beruhigen. Jeannette ſaß leichenblaß und zitternd; auch ſie weinte nicht mehr, ihre Lippen bebten, als wollte ſie ſpre⸗ chen, doch ſie vermochte es nicht. Das Kind ſchmiegte ſich ſcheu an Bianca's Bruſt. Da krachte und ſchmetterte es plötzlich dicht um ſie her, und wie von einem Erdſtoß aufgerüttelt fuhren ſie von ihren Sitzen auf. 5 „Allbarmherziger Gott,“ rief ſie, als ſie aufblickte, und ſtreckte beide Hände abwehrend vor ſich hin. Eine Kugel hatte den vordern Theil des Wagens getroffen, ihn zerſchmet⸗ tert und die beiden Offiziere blutig zerriſſen auf den Boden geſchleudert. Die ſcheuen Pferde bäumten ſich hoch auf und hätten den Wagen ſeitwärts geriſſen, wenn nicht die Deich⸗ ſel und die Vorderachſe zerſplittert geweſen wären. Willhofen ſprang herzu, um ſie zu halten; Ludwig und Bernhard eil⸗ ten ihm beizuſtehen. Doch ſchon hatte ſich Jeannette mit fliegendem Haar vom Wagen geſchwungen, und Bianca, ohne zu wiſſen, was ſie that, folgte ihrem Beiſpiel, indem ſie das Kind an ſich drückte. „Lebt es noch? lebt es?“ rief eine männliche Stimme neben ihr, und ſie fühlte ſich plötzlich von hinten her ange⸗ halten. Als ſie ſich umwandte, ſtand Regnard vor ihr, den rechten Arm in der Binde tragend; er hatte ſich eben zwi⸗ ſchen den Wagen hindurchgedrängt.„O, ich habe Euch gefunden,“ ſprach er weich und herzte und küßte das Kind in Bianca's Armen, die, noch ganz betäubt von Schrecken, nicht einmal die Fähigkeit hatte, ſich über Regnards plötz⸗ liche Erſcheinung zu verwundern. Bernhard aber erblickte ihn, eilte auf ihn zu und fragte ſtaunend:„Sie hier, Obriſt? Wie kommen Sie hieher?“ „Von dort oben aus dem Gefecht,“ antwortete er. „Es geht furchtbar her; unſere Leute ſtehen wie die Mauern von Troja, aber bald wird Alles zuſammengeſtürzt ſein, denn ſie begraben uns unter ihren Kugeln!“ „Sahen Sie Naſinski? Lebt er? Leben Boleslaw und Jaromir?“ fragte Bernhard haſtig. „Sie fechten wie die Löwen, wie die Teufel, dieſe Po⸗ len,“ erwiderte Regnard.„Doch es wird Alles umſonſt ſein, wir werden keine Stunde mehr Stand halten können. Und dann dieſes Defilée, was ſo gut wie der offene Höllen⸗ rachen zu ſein ſcheint.“ „Sie ſind verwundet, Obriſt?“ fragte Bernhard, da er ihn eine krampfhafte Bewegung gegen den Arm machen ſah, den er in ein Schnupftuch eingebunden hatte. „Mein rechter Arm iſt zerſchmettert,“ antwortete er. „Mein Pferd wurde von einer Granate zerriſſen; ich ſchleppte mich nach Studianka, um einen Chirurgus zu ſuchen; aber dort oben iſt nichts zu finden als Aſche und Leichen. Zum Gefecht tauge ich nicht mehr; ich wollte daher den Verſuch machen, ob ich über die Brücke kommen könnte. Da ſah ich von oben dieſe Wagen; ich wußte, daß Ihr geſtern hier 8 aufgefahren waret und dachte: ſollte ich ſie wol noch fin den? Wenn du dein kleines Töchterchen noch einmal ſehen könnteſt! ſprach es in mir, und— lacht meinethalben, Freund— es klang mir aber wie eine Stimme Gottes. Viel — — 127— leicht iſt es der letzte Wunſch, der dir erfüllt werden ſoll, dachte ich und ging gerade hieher. Und als habe mich ein unſichtbarer Führer geleitet, drängte ich mich eben dort hin⸗ durch, als Euch der Zwölfpfünder da oben den Streich ſpielte. Nun ſeht nur, wie das Kind noch freundlich iſt; es ſieht doch der Mutter ähnlich! Ja, wenn ich etwas für Dich hätte, Würmchen! Wenn wir in Paris wären, und ich Dir eine Taſche voll Bonbons geben könnte!“ Er verlor ſich in Koſen und Plaudern mit der Kleinen und ſchien ſowol ſeinen zerſchmetterten Arm, als das tobende Verderben rings umher ganz zu vergeſſen. Die Kugeln ſchreckten ihn nicht; er war ihrer gewohnt aus zwanzig Schlachten. Doch die Vaterliebe war ihm neu, und eine Ahnung ſchien ihm zu ſagen, daß er dieſes Glück nicht lange mehr genießen ſolle. Indeſſen trat auch Ludwig wieder heran und begrüßte ihn. Bianca gab Jeannetten das Kind, das Regnard mit ſeinem einen Arm nicht halten konnte; ſie fühlte, daß ſie wanke und lehnte ſich daher auf das Rad des Wagens. Bernhard bemerkte es und ſchlang ſanft den Arm um ſie und küßte ihr die bleiche Wange. Er ſprach nicht, aber ſein heißeſtes Gebet drang zu dem Allmächtigen empor und flehte ihn an:„Rette mich um dieſer willen und dieſe um meinetwillen; oder verdirb uns Alle!“ „Du biſt ſo erſchreckt worden,“ redete er ſie nach eini⸗ gen Augenblicken an;„das macht, Du verſchließeſt Dein Auge vor dieſen Bildern; betrachte ſie lange, und Du wirſt Dich daran gewöhnen, und ſo die Erſchütterung machtlos werden.“ 3 „O Bruder!“ rief ſie ſchmerzlich,„das ſoll mein Herz lernen? Nein, nein, das vermag es nicht!“ „Sieh dort jene Frau,“ drang Bernhard wieder in ſie; — 128— „nimm Dir ein Beiſpiel an ihr; ſieh, Liebe, wie ruhig ſie mitten unter den Verwüſtungen des Todes bleibt.“ Wirklich ſah man etwa zwanzig Schritte von ihnen eine hohe weibliche Geſtalt, die, ein etwa dreijähriges Kind in den Armen haltend, auf einem Roſſe ſaß und, wie es ſchien, feſten Blickes in das Getümmel ſchaute. Ein ſchwar⸗ zer Schleier ſchlang ſich um ihr Haupt, doch ließ er das Antlitz frei, deſſen edle Züge mächtig ergriffen. Sie konnte erſt ſeit wenigen Minuten gekommen ſein, denn ihre Erſchei⸗ nung hätte ſonſt ſchon fruͤher, ſelbſt in dieſem Getümmel, wo Jeder nur an ſich ſelbſt dachte, die Theilnahme Aller er⸗ regen müſſen, die ſie ſahen. Bernhard machte auch Ludwig darauf aufmerkſam. „Ruhig?“ ſprach Bianca, die ſie lange unverwandt betrachtet hatte;„ruhig, ſagſt Du? Verſteinert mußt Du ſagen; denn ſiehſt Du nicht die Thränen, die ihr über das unbewegliche Antlitz rollen, und den hoffnungsloſen Blick, den ſie irr in den weiten Himmelsraum ſendet?— O die Unglückſelige!“ „Es iſt die Witwe des Obriſt Lavagnac,“ ſprach Reg⸗ nard;„ihr Gatte blieb vor drei Wochen bei Wiazma; das Kind auf ihrem Schooße iſt ihre Tochter.“ Alle hingen an der hohen, tief trauernden Geſtalt. Da ſchlug eine Kugel ſchmetternd herein und ſtürzte ſie ſammt ihrem Pferde zu Boden. Selbſt den Männern wurde bei dieſem Anblick ein Aus⸗ ruf des Schreckens entriſſen. Die Unglückliche war verſchwun⸗ den, man ſah ſie vor dem Gedränge dazwiſchen nicht mehr. „Um des Himmels willen, iſt ſie todt?“ rief Bianca; „o eilt ihr zu Hülfe, ſeht, ob ſie zu retten iſt!“ Bernhard, Ludwig, Regnard ſuchten ſich Bahn durch die zuſammengedrängten Roſſe und Menſchen zu machen; — doch es war nicht möglich ſchnell hinanzudringen. Bianca folgte den Männern theils von ihrer Theilnahme getrieben, theils auch, um ſie in dem furchtbaren Gedränge keinen Augenblick zu verlaſſen. Nach einigen Minuten öffnete ſich die ſchwarze Maſſe, ſodaß man die Niedergeſchmetterte am Boden auf dem Schnee liegen ſehen konnte, obwol ein um⸗ geſtürzter Wagen es hinderte, bis zu ihr heranzukommen. Da ſaß die hohe Geſtalt, ohne einen Laut des Schmer⸗ zes von ſich zu geben, auf dem blutgetränkten Schnee gegen einen Baumſtumpf gelehnt und hielt ihr Kind in den Ar⸗ men; die Kugel hatte ihr beide Füße zerſchmettert, doch das Kind ſchien unverſehrt und umklammerte mit den kleinen Händchen ängſtlich den Hals der Mutter. Niemand dachte daran, ihr Hülfe zu leiſten, Jeder trieb ſich, mit ſeinem Elend allein beſchäftigt, an ihr vorüber; nur weil Alles vor dem ſich krampfhaft wälzenden, von der Kugel zerriſſenen Pferde auf die Seite wich, hatte ſich ein freier Raum um ſie gebildet, ſonſt wäre ſie vielleicht unter die Füße getreten worden. Lud⸗ wig und Regnard wollten den Verſuch machen, über den Wa⸗ gen zu klettern, während Bernhard die bebende Bianca un⸗ terſtützte. In dieſem Augenblick löſte die edle Dulderin eine Haarſchnur von ihrem Nacken, legte ſie, ehe eine Hand es hindern konnte, um den entblößten Hals des Kindes und zog ſie mit den letzten Kräften zuſammen, daß das kleine Weſen mit herabſinkendem Köpfchen erdroſſelt in ihren Schooß ſank. Jetzt umklammerte ſie es in krampfhafter Todesangſt; ihr Blick richtete ſich irr, ſtarr gen Himmel, ſie ſeufzte noch einmal auf und ſank dann entſeelt zurück. In dieſem Augenblick ſprangen Ludwig und Regnard hinzu, doch es war zu ſpät; Bianca preßte ſich gegen die Bruſt des Bruders und verbarg ihr Antlitz, als ſuche ſie dem ihr Innerſtes gleich der Meduſa verſteinernden Anblick zu ent⸗ 5 6** 8— 2 — 130— fliehen, Bernhard ſchlang die Arme um ſie und vermochte nicht zu ſprechen, noch ſeine hervordringenden Thränen zurück⸗ zuhalten. Plötzlich wand ſie ſich los, blickte ihn ſtarr an und ſprach mit tonloſer Gewaltſamkeit:„Jetzt ſoll mich nichts mehr erſchüttern, Bruder: habe ich Das geſehen, ohne vernich⸗ 2 tet zuſammenzuſinken, ſo iſt mein Herz nun für ewig gehär⸗ tet, und ich kann mit dem Entſetzen ſpielen.“ Bernhard ſchauerte zuſammen; er führte ſie langſam zurück, dahin, wo Jeannette mit dem Kinde ſtand, und ſprach zu ihr:„Weine nur, Schweſter, löſe das ſtarre Eis, das ſich um Dein Herz legen will, durch milde Thränen; ſiehe, ich weine ja auch, und ich denke, ich bin ein Mann.“ Das Kind rief ihr entgegen:„Komm, ich will wieder zu Dir,“ und ſtreckte die kleinen Händchen verlangend nach ihr aus. Bianca nahm es, drückte es an ihren zitternden Bu⸗ ſen und brach nun in einen Strom von Thränen ausz; ihre 6. Kniee ſanken zuſammen, Bernhard ließ ſie ſanft niedergleiten auf den Schnee und ſetzte ſich zu ihr, daß ſie ſich an ihn lehnen konnte. Indeſſen dauerte das mörderiſche Feuer der Ruſſen fort; die Batterien auf den Höhen wurden verſtärkt, Kugeln und Granaten ſchmetterten unaufhörlich gegen die Brücke und in die dichten Maſſen hinab. Auch im Rücken, von Studianka her, rückte die Schlacht näher und näher, und bald mußte man den nachdringenden. Feind auch von dort fürchten. So hallten die Donner der Kanonen rings umher und miſchten ſich mit dem Wehegeſchrei halb Zerſchmetterter, dem Angſtruf 8. der im Strom Verſinkenden, dem Wuthgebrüll Derer, die ſich 1 mit verzweifelnder Gewalt die Bahn zur Rettung zu brechen verſuchten. Die Kugeln ſchlugen jetzt wieder dicht in Bianca's und ihrer Freunde Nähe ein, ſodaß Willhofen Mühe hatte, die Pferde zu bändigen. Negnard liebkoſte abwechſelnd ſein Kind, 8 84 — 4 — 131— und dann beobachtete er wieder den Gang der Schlacht und des Rückzuges. Über die Schmerzen ſeines zermalmten Arms hörte man kein Wort der Klage; doch ſah er mit düſtern Falten auf der Stirn die Woge des Unheils immer höher und gewaltiger anſchwellen. Eine Granate fuhr mitten in den Kreis der Freunde hinein, ſtäubte Eis und Schnee empor und wühlte ſich in den Boden.„Werft Euch nieder, Alle nieder,“ rief Regnard; doch in dem Augenblick zerborſt das Ungethüm ſchon in eine Wolke von Rauch und Glut und ſchmetterte die Stücken ringsumher. Ein Schreckensruf erſcholl von allen Seiten, die Lüfte ſelbſt ſchienen praſſelnd zu krachen. Bernhard fühlte ſich unverſehrt, die Schweſter in ſeinem Arm war es ebenfalls; doch eine dichte Rauchmaſſe wälzte ſich ſo um ſein Haupt, daß er keinen der Freunde entdecken konnte.„Ludwig!“ rief er;„Ludwig, lebſt Du?“ Doch das Krachen der Ge⸗ ſchütze, das Angſtgeſchrei rings umher und das Geheul des Nordſturmes, der ſich mit erneuter Gewalt erhoben hatte, übertäubten ſeine Stimme. Endlich zog der Rauch wie der langſam ſich wälzende Acheron hinweg, und man konnte um ſich blicken. „Du lebſt!“ ertönte Ludwigs Stimme, und er lag zu Bianca's Füßen und drückte die Geliebte mit ſüßem Dankge⸗ fühl für ihre Rettung an ſeine Bruſt. Doch plötzlich riß er ſich los und rief, indem er aufſprang:„Heiliger Gott, auch Das noch!“ Sein Blick traf auf Willhofen, der ſchauderhaft zerriſſen und zerſchmettert zwiſchen den Pferden am Boden lag. Nur das Angeſicht war unperletzt; ſein erlöſchendes Auge ſuchte verlangend nach einer Hand, die es zudruͤckte. Ludwig eilte auf ihn zu und erhob ihm ſtützend das Haupt. Bern⸗ hard hatte die Rechte des Gefallenen ergriffen und kniete neben ihm.„Lebſt Du noch, Getreuer? Kannſt Du uns — 13³32— noch ein Lebewohl ſagen?“ fragte Ludwig mit vor Schmerz erſtickter Stimme. Doch der Sterbende vermochte keinen Laut mehr hervorzubringen; er bewegte nur mühſam die Lippen und ſeine ermattende Hand verſuchte einen leiſen Druck. Ein ſchmerzliches Lächeln ſchwebte über ſeinem Angeſicht, dann ſank ſein Haupt zurück und das Auge brach. 1 „So haſt Du doch die Heimat nicht wieder geſehen,“ rief Ludwig,„Du treuſtes Herz! Nun iſt die Qual vorbei, — Du biſt der Glückliche!“ Sie wollten den Leichnam em⸗ porheben, doch eine donnernde Lage aus den ruſſiſchen Bat⸗ terien ſchleuderte eben wieder eine Maſſe Kugeln und Gra⸗ naten dicht um ſie in das Gedränge. Ein Wehegeheul erhob ſich, Alles ſtürzte über einander hin, die Wogen des Gedrän⸗ ges packten nun auch dieſen Zufluchtsort. „Laßt uns zuſammenhalten,“ rief Regnard;„ſonſt ſind wir für ewig getrennt.“ Indem wollte er Ludwigs Hand ergrei⸗ fen; doch zwiſchen Beiden ſauſte eine Kugel hindurch und warf den Obriſten zu Boden.„Regnard!“ rief Ludwig außer ſich, indem er ihm zu Hülfe ſprang;„ſeid Ihr tödtlich getroffen?“ Bernhard richtete den Gefallenen an den Schultern em⸗ por und beugte ſich über ihn. „Ich habe mein Maß,“ ſprach er matt;„wo iſt mein Töchterchen?“ 3 Bianca kam, wiewol bebend, doch entſchloſſenen Schrittes, das Kind auf dem Arme, heranz ſie kniete vor dem Vater nieder und hielt es ihm dar.„Hier, hier,“— ſprach ſie mühſam, aber mit Faſſung. Regnard blickte die Kleine weh⸗ müthig an, dann küßte er ſie und ſprach gerührt: „Leb wohl! Du haſt keinen Vater mehr— aber eine MNutter— nicht wahr?— Grüßt Raſinski— wenn noch Einer zum Grüßen bleibt. Es lebe der Kaiſer!“ Dieſen Ausruf that er mit letzter, zuſammengeraffter — 133— Kraft in rauhem Soldatenton; dann brach er zuſammen— und war nicht mehr.. Es iſt ein Schnitter, der heißt der Tod, ſummte Bernhard, um den wilden Schmerz zu bekämpfen, nach einem alten Liede; aber die Töne ſtarben ihm auf der Lippe. „ Hat Gewalt vom hoͤchſten Gott! ſprach er dennoch, ſich ſelbſt bezwingend, weiter.„Gottes Wille! Ich bin gefaßt!“ Doch es blieb ihnen nicht Zeit, ſich ihrem Schmerz zu überlaſſen, denn ein fürchterliches Toben und Raſſeln in ihrer Nähe, ein Gemiſch von Kreiſchen und Brüllen, ein Alles fortreißendes Drängen und Wogen der Flüchtenden trieb ſich heran. „Weicht dieſer Woge aus, ſie verſchlingt uns,“ rief Bernhard.„Zurück! Dort die Höhe hinan, dort wird Luft.“ Ludwig faßte Bianca, Bernhard riß die betäubte Jean⸗ nette mit ſich fort. Alles im Stich laſſend, ſuchten ſie nur der Gefahr des Augenblicks zu entgehen. Es gelang ihnen noch glücklich, eine freiere Stelle ſeitwärts zu gewinnen, wohin das Gedränge ſich nicht wälzte, weil von dort aus freilich auch die Brücke nicht mehr zu erreichen war, und Niemand an⸗ ders als über dieſe die Rettung ſuchte. „Hier iſt Luft,“ rief Bernhard, als er athemlos dahin gekommen war;„der Strom geht dort hinaus. Hier kann uns nichts Schlimmeres mehr begegnen, als von den feind⸗ lichen Kugeln getroffen zu werden, oder dem Feinde ſelbſt in die Hand zu fallen. Unbarmherziger wird er nicht ſein, als die Tigerwuth, mit der das Verderben dort unten um ſich raſet.“ 1 Jetzt war aber auch der entſetzlichſte Augenblick da, denn von den Höhen von Studianka kamen flüchtende Theile des Heeres herab. Die Artillerie raſſelte im vollen Trabe — die Eisabhänge hinunter; die Pferde vermochten die Kanonen nicht zu halten. So blieb keine Wahl, der Weg ging mit⸗ ten in das dichte Gewoge der Unglücklichen hinein. Zermal⸗ mend rollten die Räder auf einer Straße von Leichnamen, und über brechende Gebeine vieler tauſend Lebenden hinweg. Das Angſtgeheul ſchien aus dem Bauch der Erde heraufzu⸗ dringen; Wagen, Kanonen, Pferde und Menſchen ſtürzten übereinander hin die Abhänge gegen den Strom hinunter. Gebete und Flüche, Wehgeſchrei und Wuthgebrüll tob⸗ ten durch einander, und wurden kaum übertäubt durch die Donner der Geſchütze und das ſchmetternde Einſchlagen der Kugeln. Grimmig heulte der Sturm auf, jagte wirbelnde Schneewolken empor und trieb den ſchwarzen Strom in ſchäumenden Wellen heran. Alle Kräfte der Elemente und der Menſchen waren im Kampf. Am fürchterlichſten ſättigte ſich das Entſetzen auf der Brücke ſelbſt. Hier liefen Rettung und Verderben auf dem ſchmalſten Pfade am Abgrunde nebeneinander hin. Der Fuß trat nicht auf Leichen, ſondern auf Lebende, die ſich halb zerſtampft in wilden Zuckungen wälzten. Gierig öffnete die Flut von beiden Seiten den ſchwarzen Rachen und verſchlang Tauſende von Opfern, die erbarmungslos in ihren Abgrund hinabgeſtürzt wurden. Ein entmenſchter Kampf entbrannte auf dieſem Punkte. Der Bruder wollte ſich Bahn brechen über die Leiche des Bruders und trat ſein Antlitz unter die Füße. Die hinuntergeſtürzt wurden in die kalte Todesumar⸗ mung der Wellen, klammerten ſich mit Wuth an die Nächſten an, und wollten ſie mit in den Untergang reißen, oder von ihnen mit auf das Rettungsufer geſchleppt werden. Dieſe ſetzten ſich zur Wehr, als ob ſie von Hyänen angefallen wür⸗ den. Mit dem Säbel, mit dem zerſchmetternden Stoß der Kolbe löſten ſie die angſtvolle Umklammerung der Verzwei⸗ * — 135— felnden, und ſtießen die verſtümmelten Opfer in die Bran⸗ dung hinunter, daß ſie ſich blutig röthete. Doch der Wahn⸗ ſinn der Angſt gab neue Mittel ein; mit grimmigem Zahn biſſen ſich die Stürzenden in Füße oder Kleider ein, bis ein dröhnender Keulenſchlag auf den Schädel, oder ein das An⸗ geſicht zerreißender Fußtritt ſie betäubt in den Schlund des Todes hinabwarf. Sechstes Capitel. In dichten Scharen ſtrömten die Krieger, die die letzte Schlacht gefochten hatten, von den Bergen herab. Da ſie die Brücke und die Ufer umher von den Flüchtlingen ſo über⸗ ſchwemmt ſahen, daß es unmöglich war, ſich hier die Bahn zu brechen, wandten ſie ſich weiter ſtromaufwärts, um ſchwimmend oder eine Furth durchwatend das jenſeitige Ufer zu erreichen. Dieſe Flut bedrohte auch den Zufluchtsort, den Bernhard aufgeſpürt hatte. Ludwig bemerkte es zuerſt und trieb an, Jenen voran, weiter gegen die Quelle des Stroms hinauf zu flüchten. Es geſchah in ſtürzender Eile, ſo viel die von Angſt und Qualen erſchöpften Kräfte der Frauen es vermochten. Doch auch hier war die Natur feindlich geſinnt, denn der Sturm tobte ihnen entgegen und jagte ihnen den aufgeſtäubten Schnee ins Angeſicht. Viele, die an der Ret⸗ tung über die Brucken verzweifelten, folgten ihnen, und ſo zog ſich auch dahin eine dichte, ſtrömende Schar. Von der Höhe herab flutheten die aus der Schlacht zurückkehrenden Reiter, Fußvolk, Wagen und Kanonen durcheinander. Bald — 136— miſchten ſich beide Ströme, und jetzt erneuten ſich die Schrecken des wilden Dranges. Bernhard rief Ludwig zu: „Folge mir; immer aufwärts nach den Höhen laß uns käm⸗ pfen; wohin Niemand ſich retten will, da iſt unſer Heil zu ſuchen.“ Sie mußten ſo den Strom der Fliüchtlinge durchſchnei⸗ den und hatten daher einen gewaltigen Kampf zu beſtehen; keuchend, athemlos, faſt von den letzten Kräften verlaſſen, erreichten ſie endlich doch die Grenze des Gewühls. Eilig ſchritten ſie über einen glatten Abhang hin; da lauerte das Schickſal noch einmal tückiſch auf. Zwei Kanonen kommen von der Höhe herab, ſie gerathen auf die eiſige Abdachung; die Pferde gleiten, ſie drohen zu ſtürzen. Nichts kann mehr retten, als ein blindes Fortſtürmen. Von Peitſchenhieben und tobendem Zuruf gejagt, brauſen die Roſſe vollen Laufs hinab, und ſtürzen gerade auf Bernhard an. Dieſer will, Jeannet⸗ ten mit ſich reißend, zur Seite ſpringen; doch es iſt zu ſpät. Die vorderſten Roſſe faſſen ihn und ſchleudern ihn ſammt dem Mädchen zu Boden, und über ihn hin geht der zermal⸗ mende Weg der Räder. Mit einem lauten Schrei fällt Bianca auf die Kniee, flehend erhebt ſie die Arme und ruft:„Auch über mich nehmt Euren Weg, Unmenſchliche, zermalmt auch mich!“ In ihrem ſinnverwirrenden Schmerz will ſie ſich den Pferden in die Bahn werfen; doch Ludwig umſchlingt ſie mit der Angſt der Liebe und reißt ſie zurück an ſein Herz; betäubt ſinkt ſie mit ihm zu Bodenz das Geſpann brauſt mit betäubendem Raſſeln dicht an ihr vorbei, die Sinne ſchwinden ihr, ſie liegt in ſtarrer Ohnmacht. Endlich dringt ein ſanfter Laut zu ihrem Ohr:„Schwe⸗ ſter, o meine Schweſter, erwache,“ tönt Bernhards Stimme. Sie ſchlägt das Auge auf, Bernhard kniet unverſehrt vor — 137— ihr und breitet ſeine Arme gegen ſie aus.„O Du Allbarm⸗ herziger,“ ruft ſie aus und ſinkt an das Bruderherz;z„blickt denn Dein behütendes Auge hinab bis in dieſe Schlünde des Entſetzens?“ In ſeligen Thränen ſtrömt ihre Liebe, ihr Schmerz, ihre Angſt, vergeſſen iſt aller Jammer, vergeſſen, womit die Zukunft droht. „Alſo hat es kein Opfer gekoſtet?“ fragt ſie noch ein⸗ mal, und will Bernhards Lippe mit ſüßen Küſſen verſiegeln. Doch ernſt hält er ſie zurück und ſpricht:„Eins hat dennoch geblutet, obwol der Himmel das Verderben von mir abge⸗ wendet hat. Jeannette fand den Tod; ihre Treue ſoll wie die unſeres Willhofen nur jenſeits ihren Lohn finden.“ „Jeannette todt!“ rief Bianca mit bebender Stimme. „O!/“ ſprach ſie nach einigen Augenblicken in beklemmtem Schmerzgefühl;„wenn hier Alles vernichtet wird, ſollen wir es denn ein Glück nennen, allein zu entrinnen? Aber wo iſt ſie?“ „O, verlange ſie nicht zu ſehen,“ bat Bernhard und wollte ſie hindern, ſich umzuwenden, denn der Leichnam lag hinter ihr;„ſie ſtarb zu ſchrecklich.“ Doch ſchon war es geſchehen. Bianca hatte, den Blut⸗ ſpuren mit den Augen folgend, den Leichnam ſchon erblickt; ſie ſchrie laut auf und fuhr zuckend zuſammen, bei dem ſchaudervollen Anblick deſſelben. Das Rad war über Stirn und Bruſt gegangen und hatte das blühende jugendliche Antlitz gräßlich gequetſcht und zerriſſen. Noch drang das Blut in dunklen Strömen hervor und miſchte ſich mit den blonden Locken, die aufgelöſt und zerſtreut von dem Haupt der Un⸗ glücklichen herabwallten und über dem Schnee ausgebreitet lagen.. — 138— 8 „Ach, ich muß ſie dennoch ſehen,“ bat Bianca zu den ſie zurückhaltenden Männern;„ich muß noch Abſchied von ihr nehmen, wie ſchaudernd ſie auch entſtellt iſt; ſo weichlich iſt mein Herz nicht, daß ich dieſes Gefühl nicht um der 4 Pflicht der Liebe willen überwinden ſollte. Sie hat ja mir ihr jugendliches Leben geopfert! O, leitet mich zu ihr!“ Bernhard und Ludwig nahmen ſie in die Arme und führten ſie zu der Entſeelten. Ludwig trug auch das Kind, an dem, als ſei es von Engelsfittigen geſchirmt, bis jetzt noch alle Schrecken, ohne es zu verſehren, vorübergegangen waren. Der Strom der Menge rings umher hatte ſich verloren, doch weiter unten und zurück tobte und drängte er noch; nur von ferne her drang das verworrene Brauſen der Stimmen herauf. Selbſt die Kugeln reichten nicht bis an dieſe Stelle, obwol der Donner der Geſchütze noch immer den Boden er⸗ ſchütterte. So waren ſie denn einſam mit ihrem Schmerz und dem bangen Grauen ihrer Seele; aber dennoch, trotz alles Jammers, im Tiefſten dankbar bewegt, daß die ſtürmende Wuth des Verderbens wenigſtens die heiligſten Bande der Liebe verſchont hatte. Schweigend ſtand Bianca, auf die Arme ihrer Führer gelehnt, vor der nun Entſchlummerten, und ihre Thränen floſſen leiſe.„O, wenn Du ihr das Haupt um⸗ wenden könnteſt, Bernhard,“ bat ſie dieſen,„dann ſähe ich viellecht noch einmal ihre freundlichen Züge.“ Bernhard that es; zugleich verhüllte er die blutenden zerſchmetterten Stellen in das Gewand und bedeckte die Stirn mit einem † Theil der Locken, die noch nicht von Blut genetzt waren. Bianca hatte Recht gehabt, nur die linke Seite des Hauptes war ſo fürchterlich zerriſſen, die rechte zwar ein wenig krampf⸗ haft verzogen, doch noch unverſehrt genug, um an das Bild der Lebenden zu erinnern. 4 Mit Rührung beugte ſich Bianca über die Todte hinab † 4 — 139— und ſprach:„Wie ſanft ſie ausſieht; ſo freundlich, wohlwol⸗ lend und milde war auch ihr Herz!“ „Und das liebe Weſen mußte ſo rauh von der Keule des Geſchicks zerſchmettert werden!“ ſetzte Ludwig hinzu, in⸗ dem er Bianca's Hand küſſend drückte und ſie an ſeine Bruſt zog. „Freilich,“ warf Bernhard hin,„hier wird Keinem ſanft gebettet; wer den Tod nur hier geſehen, wird ihn nicht wie die Alten als Genius mit der umgekehrten Fackel bilden. Selbſt unſer Beingeripp iſt noch zu freundlich; er iſt ein eherner Cyklop, der unter ſeinen Füßen und mit ſeiner Keule Alles zerſtampft und zermalmt. Doch wie heilig die Pflich⸗ ten der Liebe und Trauer ſein mögen, wir können nicht län⸗ ger bei ihnen verweilen. Seht, dort oben an der Höhe zei⸗ gen ſich ſchon wieder ſchwarze Maſſen; Ruſſen oder Fran⸗ zoſen, gleichviel, hier iſt Alles Feind, denn die Menge ver⸗ derbt ſich unter einander. Laßt uns eilen, dort um die Krüm⸗ mung des Ufers zu kommen, ob wir vielleicht weiter auf⸗ wärts eine Hütte oder ein Dorf finden, das uns Obdach gewähre.“ Er wollte die Schweſter fortziehen, doch ſie bat:„Nur eine Locke laßt mich entnehmen von ihrem Haupt!“ „Gern,“ antwortete Bernhard, indem er ihr zugleich eine kleine Schere aus ſeiner Brieftaſche darreichte und ein Blatt herausriß um das Haar einzuwickeln;„doch beeile Dich, Schweſter.“ Sie kniete auf den Schnee nieder, ſchnitt eine ſchöne Locke aus dem reichen blonden Haar, rollte ſie auf und barg ſie wohlverwahrt in ihrem Buſen. Dann drückte ſie einen ſchmerzlichen Kuß auf die bleiche Wange des Mädchens, be⸗ netzte ſie noch einmal mit ihren Thränen und hauchte ihr ein lispelndes„Schlummre ſüß“ zu — 140— Mit haſtiger Eile ſetzten ſie jetzt ihre Flucht fort, den Strom aufwärts. Eine ſtarke Biegung deſſelben brachte ihnen die Brücke und das Getümmel daſelbſt völlig aus dem Geſicht, und ſie hörten nichts mehr als den dumpfen Don⸗ ner der feindlichen Kanonenſchüſſe; ſonſt umgab ihren Pfad ſchauerliche Wintereinſamkeit. Zur Linken ſchoß die Schollen treibende Bereſina dahin, zur Rechten begleiteten ſie die Hö⸗ hen, von denen der Sturm, der ihnen kalt, daß Angeſicht und Hände erſtarrten, entgegenbrauſte, den Schnee ſtäubend aufjagte. Und dennoch war dieſe rauhe Winterwüſte ein freundlicher Zufluchtsort gegen die Stätte der gräßlichen Ver⸗ heerung, der ſie entflohen. Allein es mußte ſich bald ein Obdach zeigen, ſonſt ver⸗ ſagten ihnen die Kräfte, denn Bianca war aufs Außerſte er⸗ ſchöpft. Bernhard hielt ihre Hoffnung damit aufrecht, daß Weſſelowa nicht mehr entfernt ſein könne. Wenn ſie dort auch nur Ruſſen fanden, ſo war ihre Rettung geſichert, da Bianca ſich nach Bernhards Anweiſung für eine vor den Franzoſen geflüchtete Ruſſin, und ihn und Ludwig für ihre ausländiſchen Hausbeamten ausgeben ſollte. Fanden ſie Fran⸗ zoſen, ſo war es an den Männern, von dieſen Hülfe und Rettung zu gewinnen. über eine Stunde hatten ſie jetzt die Wanderung fort⸗ geſetzt und noch immer wollte das erſehnte Weſelowa nicht ſichtbar werden. Da machte Ludwig Bernhard aufmerkſam darauf, daß auf der Höhe, rechts, ſich einzelne Reiter zeigten. Bernhard mit ſeinem ſchärfern Auge rief ſogleich:„Das ſind Koſacken; ich erkenne ſie an den Lanzen; wenn uns dieſe hab⸗ ſüchtigen Gäſte hier überfielen, ſo würde uns ſchwerlich et⸗ was vor der Plünderung retten. Dem Beutegierigen iſt es gleich, ob er den Landsmann oder den Feind beraubt, wenn er es ungeſtraft vermag. Wir wollen uns hier unten ſo — 144— dicht am Ufer hinſchmiegen als möglich.“ Dies geſchah in größter Eile, doch es war vergeblich, denn ſchon hatten die Reiter ſie bemerkt und ſprengten ihnen, wie es ſchien, verfolgend nach. Abermals machte der Fluß eine Biegung, die ſie glücklicher Weiſe den Verfolgern aus dem Geſicht brachte; zugleich ſahen ſie in der Ferne die beſchneiten Dä⸗ cher Weſelowa's vor ſich und hatten ſo die Rettung im An⸗ geſicht. Doch Bianca's Kräfte waren durch die Anſtrengung die⸗ ſer letzten Eile völlig erſchöpft, ſie ſank auf die Kniee und rief:„Ich vermag nicht mehr! O, flüchtet Ihr und rettet Euch, und laßt mir das Kind; ich werde Erbarmen bei die⸗ ſen wilden Horden finden.“ „Wir tragen Dich,“ rief Bernhard;„bis zu jener Hütte reichen unſere Kräfte.“ Und ſchon hatten er und Ludwig ſie emporgehoben und verſuchten das Unmögliche. Doch nach wenigen Schritten mußten ſie es aufgeben, denn ſie verſan⸗ ken faſt im tiefen ungebahnten Schnee. „Entflieht, ich beſchwöre Euch! Bruder, Geliebter, ent⸗ flieht, das iſt die einzige Rettung für Euch und mich; ſo aber ſtürzen wir Alle ins Verderben.“ „O, Bianca,“ ſprach Ludwig ſanft, aber mit dem Tone der Kränkung;„darfſt Du wirklich von uns ſo unwurdig denken? Nein, Dein Herz weiß nichts von Dem, was Deine Lippe fordert!“ „Warum hörſt Du nur danach, Ludwig,“ antwortete Bernhard faſt lächelnd.„Aber es iſt nun nichts weiter zu thun, und ſo wollen wir uns hier in den Schnee ſetzen und unſer Schickſal ruhig erwarten. Wir kommen indeſſen doch wenigſtens wieder zu Athem.“ Bianca fühlte, daß ſie vergeblich bitten würde. Schwei⸗ gend ſetzte ſie ſich daher auf den kalten Boden nieder und — 142— nahm das Kind in den Schooß. Bernhard und Ludwig ſetzen ſich ihr zur Seite, legten den Arm um ſie, drückten das ſchöne edle Weſen ſanft an ſich und erwarteten ſo in gemeinſamer ſüßſchmerzlicher Umarmung ihr Geſchick. Jetzt hörten ſie den Hufſchlag der Pferde hinter der Spitze des Schneehügels, um den ſich der Fluß wand; noch eine Minute, und ihr Loos war gefallen. Sie blickten nicht auf, ſondern hielten ſich in inniger Umſchließung und erwar⸗ teten gleichſam mit gebeugtem Haupt den Streich des Todes⸗ ſchwertes, das über ihnen ſchwebte. Die Reiter ſprengten heran, dicht an ihnen hielten ſie, und eine Stimme fragte auf ruſſiſch:„He, iſt das dort We⸗ ſelowa?“ Bianca fuhr, da ſie dieſe Worte aus gebildetem Munde hörte, freudig auf; aber mit einem unbeſchreiblichen Laut rief ſie, als ſie das Angeſicht des Fragenden erblickte: „Allmächtiger Gott, Raſinski.“ Mit aufjauchzender Freude ſprangen Ludwig und Bern⸗ hard bei dieſem Wort empor und zugleich warf ſich Raſinski vom Pferde und in ihre Arme. Auch Boleslaw und Jaro⸗ mir, die ſich unter den nachfolgenden Reitern befanden, flo⸗ gen heran und an die Bruſt der Freunde:„Ihr lebt, Ihr lebt! und hier müſſen wir uns finden!“ tönte der Ruf aus jedem Munde, und das Herz vermochte ſein überſchwellendes Glück nicht zu faſſen, und heilig ſelige Thränen netzten ſelbſt Naſinski's Heldenangeſicht. Bianca hing in ſeinen Armen wie eine Tochter an der Bruſt des Vaters. Der gewaltige Strom der Geſchicke hatte die nichtigen Unterſchiede und Grenzen, mit denen der Menſch ſich kümmerlich umgibt, mächtig hinweggeriſſen. Zwiſchen den Edlen ſtanden keine Schranken kleinlicher Gewohnheit und Sitte mehr, die der Argwohn um ſich her zieht, die aus den verderbten Keimen der Seele aufwachſen. Das erhabene — ☛———— 1) 5 4* 4 — 143— Glück und Unglück vernichtet alles Trügeriſche und Falſche in der menſchlichen Bruſt, und nur das geläuterte Herz bleibt zurück, und das edle ſchlägt an dem edlen. Die ſchäumend aufbrauſende, halb betäubende Minute voll überſchwänglicher Seligkeit war vorüber; ihr folgte eine lächelnde Ruhe, wie der Strom nach dem prächtig donnern⸗ den Waſſerſturz in ſanften Wellen dahinzieht und die ganze Tiefe des Athers in ſich abſpiegelt. Auch ſchmerzliche Rückblicke fehlten nicht; Willhofens, Regnards, Jeannettens Schickſal wurde erzählt. Naſinski hörte es mit wehmüthigem Blick der Trauer. Dann wandte er ſich zurück, deutete auf die Wenigen, die ihm folgten und ſprach mit tief bewegter Stimme:„Das ſind Alle, die ich von meinen Getreuen aus jenem mörderiſchen Kampf zurück⸗ bringe! Wir ſind hierher verſprengt!“ Eine ernſte Stille herrſchte umher; Jeder bedachte mit düſterm Nachſinnen, welche Opfer in dieſer Stunde des Wie⸗ derfindens gefallen waren! Endlich begann Raſinski:„Damit wir von dieſen we⸗ nigen Freunden keine mehr verlieren, ſo laßt uns aufbrechen; dort liegt Weſelowa, dort hoffe ich über den Fluß zu kom⸗ men. Jenſeits, denke ich, ſind wir geborgen.“ Er hob die entkräftete Bianca mit dem Kinde auf ſein eignes Pferd und leitete es am Zügel. Boleslaw und Jaro⸗ mir boten Ludwig und Bernhard ihre Roſſe an, doch dieſe ſchlugen ſie aus, weil ſie ſich noch kräftig genug fühlten, den Weg zu Fuß zu machen. So brachen ſie auf. Nach einer Stunde hatten ſie den Ort erreicht; ein lithauiſcher Bauer führte ſie auf Raſinski's Fragen nach einer Fuhrt, wo der Strom nicht volle Manns⸗ höhe tief war; trotz ſeiner treibenden Eisſchollen wagten ſie ſich muthig hinein, Raſinski ſaß bei einem ſeiner Leute mit auf, Bernhard und Ludwig ſchwangen ſich auf Jaromirs und Boleslaws Roß. Diesmal lauerte keine Tücke finſterer Mächte auf ſie, ſie erreichten glücklich das jenſeitige Ufer, und nun endlich gerettet aus dieſen furchtbaren Drangſalen, erho⸗ ben ſie Blick und Herz dankbar gen Himmel. Vierzehntes Buch. IV. 47 Erstes Capitel. Ein langes Krankenlager hatte Lodoiska in betäubenden Feſſeln gehalten; ihr Leben in dieſer Zeit war nur einem ſchweren Traume zu vergleichen, in welchem ſie ohne Be⸗ wußtſein litt und genoß, je nachdem düſtere oder holde Ge⸗ ſtalten auf den bewegten Wellen ihrer Bruſt vorübergleite⸗ ten. Die Bilder der Außenwelt fielen nur durch einen trüben Flor, mit dem das dämmernde Halbbewußtſein ſie verhüllte, in ihre Seele. Bisweilen erkannte ſie Die, welche pflegend an ihrem Lager ſaßen, zumeiſt aber waren ſie ihr fremd, und ſie ſprach irr und mißkennend aus der Welt ihrer Träume zu ihnen. Es war eine Wohlthat für die Unglück⸗ liche zu nennen, daß die Krankheit ihr nicht das volle Be⸗ wußtſein ihres Zuſtandes ließ, denn bei der Reizbarkeit ihrer Gefühle würde ſie dem Seelenſchmerz, der ſich nicht auf eine andere Art Luft gemacht hätte, erlegen ſein durch in⸗ nerlich geheimes Untergraben. Nach einigen Wochen fing die Heftigkeit des übels an ſich zu brechen, und man durfte hoffen, daß nun die Klar⸗ heit des Bewußtſeins zurückkehren würde. Marie freute ſich deſſen mit ſchweſterlicher Rührung, doch die Gräfin ſah dieſe Wiederkehr zur Wahrheit des Lebens mit immer wach⸗ ſender Sorge, denn der Geneſenden mußte mit dem Be⸗ greifen der Wirklichkeit um ſie her auch die Erkenntniß der 148— rſache ihres tiefen Leids zurückkehren, und dann war zu rchten, daß das übel ſich entweder mit tödtlicher Heftigkeit erneuern, oder in eine ſtille, aber deſto unvertilgbarere, alle innerſten Lebenskräfte verzehrende Schwermuth verwandeln werde. Ach, und leider konnte ihr Niemand auch nur einen Schein des Troſtes geben, denn ſeit jenen unglückſeligen Zeilen Jaromirs waren keine Briefe von dem Heere ange⸗ langt, mit Ausnahme einiger flüchtigen Worte von Raſinski, die ein durchgehender Courier mitgebracht hatte; dieſe aber ſagten nichts, als daß alle Freunde noch am Leben ſeien, und waren ſichtlich in großer Eile geſchrieben, nur um den Augenblick nicht vorübergehen zu laſſen, der ſich zu einem Gruß in die Heimat darbot. Die Gräffin dagegen hatte ſo⸗ gleich nach Empfang des Unglücksbriefes von Jaromir ihrem Bruder geantwortet und ihn um die genaueſte Auskunft über die Urſache ſeiner ſchonungsloſen Anklage gebeten. Eine Ant⸗ wort auf ihren Brief konnte ſie freilich jetzt noch nicht er⸗ warten; allein das plötzliche Verſtummen aller übrigen, denn auch Marie hatte keine Zeile erhalten, erfüllte ſie mit düſtern Ahnungen. „Was werden wir dem armen Mädchen ſagen,“ ſprach ſie daher eines Morgens zu Marien, während die Kranke ſchlummerte;„wenn ſie nun erwacht und uns fragt: Sprecht, war es ein Traumbild, was mich mit ſo tödtlichem Gift der Angſt und Schmerzen durchdrang? oder gibt es auf dieſer Erde ſo fürchterliche Wahrheit? Was werden wir ihr ant⸗ worten, wenn dieſer ſanfte Schlummer ſie wieder in das helle Bewußtſein ihrer unſchuldigen Seele hinüberführt?“ heit erfahren darf; wir müſſen verſuchen, ſie mit einem Ge⸗ webe milder Täuſchung zu umſpinnen, bis ihr Herz wieder ſtärker geworden iſt und dies ſcharfe Gift zu faſſen vermag. „Ich glaube nicht,“ ſprach Marie,„daß ſie die Wahr⸗ — 149— Der unglückſelige Brief darf ihr nicht vor Augen kommen; wir müſſen ſie glauben machen, daß es eine Täuſchung ih⸗ rer Krankheit iſt, ihn erhalten zu haben.“ „Das wäre möglich, wenn wir ihr andere Briefe zeigen könnten,“ erwiderte die Gräfin;„ſo wird ſie höchſtens auf die Vermuthung gerathen, Jaromir ſei todt, und dieſer Ge⸗ danke, dieſe Furcht quält die Arme vielleicht noch ſchreckli⸗ cher. Ach, ich ſehe kein Heil aus dieſen dunklen Verwirrun⸗ gen, und ich hoffe auch keins, denn längſt habe ich mich daran gewöhnen müſſen, daß die Blüthen meiner Freuden ſich nur öffnen, um durch rauhe Stürme des Geſchicks her⸗ abgeſchüttelt zu werden, damit jeder Schritt der rauh fort⸗ eilenden Zeit ſie tiefer in den Boden trete!“ Das düſtere Geſpräch wurde durch den Eintritt eines Dieners unterbrochen, der die Auflöſung der Zweifel in der Hand trug; denn er brachte Briefe von Raſinski. Haſtig griff die Gräfin danach und erbrach ſie, um ſo ſchnell als möglich Gewißheit zu erlangen. Sie fand den Brief ihres Bruders, in welchem derſelbe Jaromirs ganzes trauriges Geſchick erzählte, und den, welchen der Unglückliche nach ſei⸗ ner Geneſung an Lodoiska geſchrieben hatte, um in ſeiner tiefſten Reue ſich die Buße der gänzlichen Verbannung aus ihrem Herzen aufzulegen. Die Gräfin hatte ſchweigend bis zu Ende geleſen, während Marie mit fragenden Blicken an ihr hing und ihre Mittheilung erwartete; und doch wagte ſie es nicht, ſie zu unterbrechen, weil ſie wußte, daß ihr Schweigen kein vergeßliches, noch weniger ein theilnahmloſes war, ſondern zu der ſtarken ſelbſtändigen Eigenthümlichkeit der Gräfin gehörte, mit der ſie ſo lange alle Gefühle ver⸗ ſchloſſen in ſich trug, bis ſie ſich Meiſterin derſelben wußte und ihren feſten Entſchluß gefaßt hatte. Eine Röthe des Unwillens flog öfter über die Züge der Leſenden dahin und — 150— wechſelte dann mit einem wehmüthigen Lächeln. Endlich nahm ſie auch Jaromirs Brief und las ihn unverwandten Auges. Da aber traten ſelbſt dieſer feſten Frau verdunkelnde Thränen ins Auge, und ſie ſprach halb vor ſich hin:„Er iſt doch unglücklicher als ſchuldig!“ dann gab ſie Marien die Briefe hinüber und ging, während dieſe las, im Gemach auf und nieder. „ dieſe Francoiſe Aliſette!“ rief ſie faſt laut aus. „Wer hätte ihr eine ſo giftige Verſchlagenheit zugetraut! So lernt man denn niemals die Tiefen der Bruſt ergründen! Für leichtſinnig hätte ich ſie halten mögen, aber doch würde ich ihr keinen kalten, flatternden, ſondern nur jenen ſchwaͤr⸗ meriſchen Leichtſinn des Herzens zugetraut haben, der ſich ſelbſt mehr täuſcht als Andere— und dennoch!— Sie ſei vergeſſen und verachtet!“ Marie hatte geendet. Den Brief Naſinski's hatte ſie unter fliegendem jungfräulichen Erröthen, gemiſcht mit ſitt⸗ lichem Unwillen gegen die Verführerin, geleſen, doch Jaro⸗ mirs reuige Buße drängte ihr mitleidige Thraͤnen ins Auge. „Arme Lodoiska,“ ſprach ſie,„mit welchen Schmerzen ſollſt Du noch gefoltert werden! Doch Dein liebendes Herz wird Alles überwinden und vergeben.“ „Das darf ſie nicht,“ ſprach die Gräfin entſchloſſen; „Jaromir iſt ihrer nicht mehr werth. Sie muß ſich ſelbſt achten! Könnte ſie ihm vergeben, er dürfte ſich nicht ver⸗ geben laſſen.“ Indem ſchlug die Kranke die Augen aufv; ſie glich einer lieblichen blaſſen Roſe; ihr ſonſt ſo feuriges dunkles Auge hatte die Flamme verloren, aber den milden Glanz behal⸗ ten; mit holder Zutraulichkeit wandte ſie den Blick zu der mütterlichen und ſchweſterlichen Pflegerin und ſprach:„Ich E — 151— habe recht ſanft geſchlummert, mir iſt recht leicht und wohl geworden.“ 1 Die Gräfin beugte ſich über ſie und hauchte einen mil⸗ den Kuß auf ihre Stirn.„Das freut mich, Liebe,“ ſprach ſie, und faſt hätte ſie durch den Ton ihrer Stimme ihre in⸗ nerſte Bewegung verrathen. Marie trat mit einem holdſe⸗ ligen Lächeln zu der Kranken und fragte:„Iſt Dir nun wohl, ganz wohl?“ Und ſie nahm liebkoſend ihre Hände und blickte ihr gerührt ins Auge.„O ja, ich glaube, ich bin ganz geſund,“ erwiderte Lodoiska, doch man ſah an ihrem Blick, daß ſie etwas Anderes dachte als ſprach; ſie ſchien ſich auf irgend etwas Vergeſſenes mit quälender Unruhe zu be⸗ ſinnen.„Ich weiß nicht, Marie,“ ſagte ſie, indem ſie die Freundin forſchend anblickte,„ſes beunruhigt mich etwas, als hätte ich einen ſchweren Frevel begangen, den ich nicht beichtete.“ „Du, einen Frevel?“ antwortete Marie.„Nein, der Ge⸗ danke blieb Dir noch von den verwirrten Träumen Deiner Krankheit zurück. Das holde Licht der Geſundheit wird dies finſtere Nachtgevögel bald ganz verſcheuchen.“ „Ich fuͤrchte, das wird es nicht,“ antwortete Lodoiska; „mir will ſcheinen, als ſtehe ein ſchauerliches Geſpenſt in meiner Seele, das nicht wanken und nicht weichen will! Ich weiß nur nicht, was es in ſeine ſchwarzen Schleier einhüllt; aber es dringt immer näher auf mich ein und ängſtigt mich.“ Da trat die Gräfin mit entſchloſſenem Schritt an das Lager, nahm die Hand der Kranken und fragte ſie ſanft, aber mit ernſter Stimme:„Meine Tochter, iſt Dir Wahr⸗ heit oder Täuſchung lieber? Wirſt Du jetzt die herbe Wahr⸗ heit, die Dich niederwarf, als ſie überraſchend vor Dich hin⸗ trat, zu tragen vermögen, wenn eine Mutter ſie Dir ſanft enthüllt?“ Lodoiska ſah die Gräfin mit ängſtlich prüfenden Blicken r — — 152— an, als ſuche ſie das Geheimniß zu errathen; eine erwar⸗ tungsvolle Stille herrſchte in dem Gemach. Endlich ſprach ſie mit Ergebung:„Von Dir kann ich Alles hören, und will ruhig bleiben und dulden, denn Du biſt ja ſo gut.“ Die Gräfin ſetzte ſich an das Lager, legte die Rechte ſanft umfaſſend um Lodoiska's Nacken und ergriff mit der Linken ihre Hand.„Ich will Dir ſagen, was Dir doch nicht verſchwiegen bleiben kann,“ begann ſie.„Erinnerſt Du Dich noch der letzten Worte, die Dir Jaromir ſchrieb?“ „O Gott!“ rief Lodoiska ängſtlich;„alſo wäre das kein Traum geweſen! Und die Furie verfolgt mich noch immer?“ „Nein, nein, liebſtes Herz,“ beruhigte die Mutter ſie liebkoſend;„es war ein halber Traum, eine halbe Wahrheit. Jaromir klagte Dich an, in der Wahnverwirrung ſeines ſchul⸗ digen Herzens; jetzt aber iſt er zur Erkenntniß gekommen; ſein war die Schuld, ſein iſt nun die Reue und Buße.“ „Wie?“ rief Lodoiska aus, der jetzt alle Erinnerungen mit den brennendſten Farben wieder in der Seele erwachten, die aber nicht verſtand, was die letzten Worte der Gräfin andeuten ſollten;„ſo glaubt er wieder an meine Liebe und zertritt mein Herz nicht mehr? O dann bin ich ja ſo glück⸗ lich! Er hat mich tief verwundet, aber Alles, Alles ſei ihm vergeben. Ach, meine Mutter, wie glücklich machen mich Deine Worte!“ Sie erhob die ermatteten Arme, um ſie um den Hals der liebſten Mutter zu ſchlingen, aber ſie war zu entkräftet; doch die Gräfin folgte dem zärtlichen Wink, beugte ihr Ant⸗ litz zu der Liebenden nieder und ließ es ſanft von ihren ſchmeichelnden Händen an die wallende Bruſt drücken. Selige Thränen benetzten das Angeſicht der Kranken; aber eine düſtere Beſtuürzung drang in die Bruſt der Mutter und Mariens ein, die ihr die neue Täuſchung rauben ſollten. 3 . 4 —. ——jj, ——— — 153— Doch die Gräfin erkannte die Nothwendigkeit; ſie hatte ihren Entſchluß gefaßt; ſie führte ihn aus. Nachdem Lodoiska ruhiger geworden war, fuhr ſie fort: „Dein liebendes Herz vergibt; aber darf Jaromir, der die Schuldloſe ſo tief kränkte, die Vergebung empfangen?“ „Ach, das Gefühl ſeines Unrechts wird ſeine Buße ſein, und Buße verſöhnt!“ „Wenn er aber nun ſelbſt ſchuldig wäre, wenn er—“ℳ „Verläßt er mich?“ rief Lodoiska außer ſich, und mit ſo heftiger Bewegung, daß der Gräfin bange wurde, die wilden Träume ihrer Krankheit möchten zurückkehren.„Nein, liebſtes Kind,“ ſprach ſie;„aber er hat ſchwer gegen Dich gefehlt, ſo ſchwer, daß Du ihm nicht vergeben darfſt, er ſich nicht vergeben laſſen kann.“ „8 Mutter, ich weiß nicht, was er verbrochen, doch ein Härteres gab es nicht für mich, als daß er mein Herz ver⸗ kannte, es des Verraths anklagte. Der Allbarmherzige ver⸗ gibt jedem Bereuenden, und ich ſoll nicht dürfen?“ Auf ihrem Angeſicht glänzte eine ſo himmliſche Güte, als ſie dieſe Worte ſprach, eine ſo fromme Verklärung leuch⸗ tete aus ihren Blicken,„daß die Gräfin ihre ſtrenge Geſin⸗ nung überwunden fühlte.„Ja, Du darfſt ihm vergeben, Du darfſt es,“ ſprach ſie gerührt;„Du haſt es gethan, noch ehe Du ſeine Schuld kannteſt— jetzo erfahre ſie.“ Sie gab ihr den Brief des Bruders. Lodoiska betrachtete ihn einige Augenblicke, dann ſprach ſie:„Nein, lies Du ihn nur, wenn ich ihn hören ſollz am liebſten weiß ich gar nichts, es iſt ja genug, wenn er bereut. Würde er denn ſo grauſam gegen mich ſein, wenn ich gefehlt hätte?“ Das reine Herz Lodoiska's ahnete Jaromirs Schuld nicht; ihre Seele wußte nichts von den vielen Verbrechen, mit de⸗ nen der befleckte Verkehr des Lebens den Mann bis zur 7** 8 — 154— Gleichgültigkeit vertraut macht. Doch die Gräfin erkannte die Nothwendigkeit, ihr Alles zu entdecken.„Wahrheit ſei zwiſchen Dir und ihm,“ ſprach ſie;„dann vergib, wenn Du kannſt und willſt. Aber wiſſen mußt Duz; denn ſelbſt die Vergebung wäre ja ſonſt nur eine halbe, und Jaromir dürfte ſie nicht annehmen, denn er müßte wähnen, ſie ſei nicht wahrhaft und vollkommen, weil Du Dir nicht zugetraut habeſt, die Schuld zu kennen, die Du verzeihen wollteſt.“ So begann ſie den Brief Raſinski's langſam vorzuleſen, indem ſie ſorgfältig die Kranke dabei im Auge behielt, um zu ſehen, ob ihre Kräfte dadurch auch nicht zu heftig an⸗ gegriffen würden. Doch es war nicht der Fall, Lodoiska blieb ruhig; auf ihren Lippen ſchwebte nur ein wehmüthiges Lächeln, welches der Freundlichkeit ihrer Pflegerinnen galt, und aus den Augen floſſen ihr leiſe Thränen herab, die ſie über Jaromirs Fall und Schmerz vergoß, welche beide Ra⸗ ſinski mit einfachen Farben der Wahrheit ſchilderte. Der Brief war zu Ende. Lodoiska blieb einige Augen⸗ blicke ſchweigend und ſtill weinend auf ihrem Lager ſitzen, während Marie ſich liebkoſend bemühte, ſie zu tröſten. „Jaromirs Brief laß mich ſelbſt leſen,“ ſprach die Kranke endlich und unterſtützte ihre Bitte durch einen in das tiefſte Herz dringenden wehmüthigen Blick. Die Graäfin reichte ihn ihr; ſie las mit häufig durch Thränen verdunkel⸗ tem Auge, las ihn ein⸗, zwei⸗, dreimal.„O mein Gott,“ rief ſie endlich aus,„wie unermeßlich hat der Unglückliche gelitten, und wie tief gebüßt! Und ich ſollte ihm nicht ver⸗ geben? Ach, er liebt mich ja noch, er liebt mich heißer als jemals! Alles, Alles ſei vergeſſen! Er darf meinen lieben⸗ den Arm nicht zurückweiſen!“ Eine ſelige Freude röthete ihre bleichen Wangen und leuchtete ſanft aus ihrem Auge; ſie war wie neugeſchaffen durch den großmüthigen Entſchluß der Liebe, der ihrer ſchö⸗ nen Seele nicht einmal einen Kampf gekoſtet hatte. Das düſtere Geſpenſt der Krankheit ſchien plötzlich verſcheucht zu ſein und zu fliehen. Sie ließ nicht nach mit Bitten, bis die Gräfin ihr geſtattete, die Zeilen der Verſöhnung und Vergebung ſogleich zu ſchreiben; ſelbſt die Beſorgniß ihrer Pflegerinnen, daß die Kraft ihr fehlen werde, war unbe⸗ gründet, denn die drängende Heftigkeit ihres Wunſches und Willens hatte ſie ſo aufgeregt, daß offenbar Verſagen jetzt ſchlimmer war als Erfüllen. Aufrecht auf dem Lager ſitzend ſchrieb ſie an Jaromir: „O, mein Geliebter! Die Liebe vergibt Alles; ſie kann nur weinen und bluten— ich zürnte Dir niemals. Schaudernd ſank ich nieder, als Dein haſſendes Herz mich verſtoßen wollte. Du zeigſt mir eine Bruſt voll Reue, und ich weiß nichts mehr von Schuld; ein Herz voll Liebe, und ich weiß nichts mehr von meinem Schmerz. Nein, Geliebter, fordere nicht, daß ich ſelbſt die Blüthen meines Lebens zertrete. Umgib Deine Bruſt nicht mit dem kalten Erz des Stolzes!“ „Freund meiner Seele! Der Nichter Deines Fehls iſt nur die Liebe, und ihr ſanfter Spruch lautet: Alles, Alles ſei vergeſſen! Willſt Du taub ſein gegen ihre ſüße Stimme — o, ſo werden Nacht und Jalte Schauer mein Herz um⸗ geben, bis es erſtarrt und bricht— und ewig verloren iſt das ſelige Glück, auf das es noch jetzo hofft! Jaromir! Höre die reine Stimme der Liebe!“ „Deine Lodoiska.“ Als Lodoiska vollendet hatte, reichte ſie das Blatt der Gräfin dar. Dieſe las es mit tiefer Rührung; es war ih⸗ rer Sinnesart entgegen, allein ſie erkannte die heiligen Rechte eines liebenden Herzens, das nur ſich ſelber fragt und hört. Marie fühlte wie Lodoiska; ſie würde ſich nicht ſo demüthig, * 8 8 — 156— ja faſt möchte man ſagen ſo unterwürfig, aber doch eben ſo liebend und vergebend gezeigt haben. Da der Schritt nun einmal gethan war, zeigte die Gräfin auch ihren vollen thä⸗ tigen Eifer, Alles zur Vollendung zu führen. Sie ſchrieb ſogleich an ihren Bruder, ſchlug Lodoiska's Brief in den ih⸗ rigen ein und fuhr mit beiden zu dem franzöſiſchen Geſand⸗ ten, um die Beförderung durch deſſen Bureau zu veranlaſ⸗ ſen, weil auf dieſe Weiſe Briefe am richtigſten und ſchnell⸗ ſten zur Armee gelangten. Sie wählte ſonſt dieſen Weg nicht; allein, ſei es, daß ſie zu viel Wichtigkeit darauf legte, grade dieſen Brief möglichſt ſchnell und zuverläſſig befördert zu ſehen, ſei es, daß eine Ahnung ſie antrieb, die vielleicht durch einige Andeutungen Naſinski's erweckt war, welcher ſeinen Brief am Abende des erſten Rückzugstages von Mos⸗ kau abgeſandt hatte, wo ſein vorausſehender Blick freilich ſchon manches Unheil wahrſagte, kurz, ſie glaubte dieſe Vor⸗ ſichtsmaßregeln anwenden zu müſſen. Als Lodoiska wußte, daß ihr Brief auf dem Wege zu dem Geliebten ſei und nun mit jeder Stunde ihm näher und näher komme, kehrte Hoffnung und Vertrauen in ihre Bruſt zurück. Jeder Tag ſah ſie friſcher erblühen, und ſchon nach Verlauf der erſten Woche konnte ſie das Lager verlaſ⸗ ſen. So ſchienen denn Glück und Freude wieder in den ſtillen Kreis der Frauen zurückzukehren, wo ſo lange nur bange Sorge und tiefer Gram gewohnt hatten. Zweites Capitel. Indeß verging eine Woche nach der andern, ohne daß 1 Nachrichten von den Freunden beim Heere einliefen; der No⸗ vember nahte ſeinem Ende, und noch war die heiß erſehnte Antwort nicht eingetroffen. Lodoiska beunruhigte ſich, ob ihr Brief wol in Jaromirs Hände gelangt ſein möge; dann quälte ſie ſich wieder mit Zweifeln über die Art der Ant⸗ wort. Dieſes unſtäte Schwanken in ihrer Bruſt fing ſchon an, ſie wieder krankhaft zu reizen. Vergeblich bemühte ſich die Gräfin ſie zu beruhigen, und ihr nach Tagen zu berech⸗ nen, daß vor dem Schluß des November eine Antwort gar nicht zu erwarten ſei; vergeblich zählte ſie ihr alle die Zu⸗ fälligkeiten auf, welche im Kriege, bei dem zwiſchen Thauen und Kälte wechſelnden Winterwetter, bei der unvollkomme⸗ nen Einrichtung der Feldpoſten, auf den Gang des Brief⸗ wechſels Einfluß haben mußten. Bange Ahnungen bemäch⸗ tigten ſich der Bruſt des liebenden Mädchens, und ſelbſt Das vermochte ſie nicht zu tröſten, daß auch Raſinski, Ludwig und Bernhard keine Zeile geſchrieben. Freilich war dieſer Umſtand eine Quelle der Beſorgniſſe anderer Art für die Gräfin wie für Marien; denn dieſe fing an, für das Leben der Ihrigen zu zittern, dem tiefern Blick der Gräfin aber drängten ſich noch andere Ahnungen auf, die der Wahrheit nur zu nahe kamen. In den erſten Tagen des Decembers, wo die drei Frauen, welche überhaupt in der tiefſten Eingezogenheit lebten, eines Abends in trautem Verein beieinander ſaßen, ſchellte es zur ungewohnten Stunde. Der Kammerdiener meldete einen fremden Offizier, der mit Nachrichten von dem Heere komme. Eine fliegende Röthe der Freude färbte Lodoiska's bleiche Wangen, denn ſie dachte: Sollte es vielleicht Jaromir ſelbſt ſein? Die Gräfin war gleichfalls geſpannt darauf, wer der Fremde ſein möchte, und nahm daher den Beſuch an, ob⸗ wol kein Name genannt worden war; wenigſtens hofften — 158— Alle auf nähere Kunde von ihren Freunden, nach der ſie ſich ja ſchon ſo lange geſehnt hatten. Die Thür öffnete ſich— Arnheim trat ein. War gleich durch ſein Erſcheinen die Hoffnung ver⸗ ſchwunden, daß er Nachrichten von Raſinski bringe, ſo hatte man ſich doch ſo nahe mit dem gebildeten Manne befreun⸗ det, daß er Allen herzlichſt willkommen war. 1 Die Grafin wandte nach den erſten Begrüßungen das Geſpräch auf die Kriegsangelegenheiten. Sie fragte, was Arnheim darüber denke; denn ſeit einiger Zeit waren aller⸗ lei Gerüchte in Umlauf gekommen, die Betrachtungen und Beſorgniſſe mancher Art erregten. „Wir wiſſen nichts, als daß der Kaiſer mit der großen Armee ſich zurückzieht,“ entgegnete Arnheim.„Doch glauben wir, daß es zu einer bedeutenden Schlacht in der Gegend von Minsk oder Wilna kommen muß, denn die ruſſiſchen Corps der Nord⸗ und Südarmee ziehen ſich näher und nä⸗ her zuſammen. Dies iſt die Urſache, weshalb der Fürſt Schwarzenberg ſich jetzt zur Deckung hieher gewandt hat. Dieſen Nachmittag ging ein Gerücht, Minstk ſelbſt ſei durch Tſchitſchagoff genommen; allein der franzöſiſche Geſandte widerſpricht demſelben.“ „So möchte ich um ſo eher geneigt ſein, es zu glau⸗ ben,“ ſprach die Gräfin unruhig;„denn ſeit einiger Zeit hat ſich grade Das beſtätigt, was in den Bureaus der Geſandt⸗ ſchaft den entſchiedenſten Widerſpruch fand.“ „Der Stellung der Armee nach müſſen die Ruſſen Minsk beſetzt haben,“ erwiderte Arnheim;„ja es kann ſchon ſeit vierzehn Tagen der Fall ſein.“ „Das würde mich nicht wundern,“ ſprach die Gräfin; „denn die unglücklichen Nachrichten werden uns ſo lange als möglich verborgen gehalten. Doch was glauben Sie von 3 — 159— den Planen und Abſichten des Kaiſers? Wo wird er dem Rückzug Einhalt thun? Denkt er in Litthauen die Winter⸗ quartiere zu nehmen, oder hieher zu kommen?“ „Ich vermuthe,“ war Arnheims Antwort,„er wird Witepsk, Wilna, Minsk, wenn es nicht verloren iſt, oder wiedererobert wird, zu ſeinen Cantonnements wählen und von dort aus den Krieg im nächſten Frühjahre mit friſchen Kräften beginnen; falls er ſich nicht zu erſchöpft fühlt und daher dem Frieden geneigter zeigt.“ „So hätten,“ bemerkte die Gräfin,„die Ergebniſſe die⸗ ſes Feldzuges alſo doch nicht den Opfern entſprochen?“ „Aufrichtig geſtanden, nein!“ erwiderte Arnheim frei. „Wenn es dem Kaiſer gelungen wäre, in Moskau Frieden zu ſchließen— dann allerdings. So aber würde er wenig⸗ ſtens eben ſo weit gelangt ſein, wenn er nach der Einnahme von Smolensk den Feldzug beſchloſſen und Polen organiſirt hätte.“ Die Gräfin wiegte das Haupt ſinnend:„Es war we⸗ nigſtens unſere Hoffnung ſo,“ ſeufzte ſie mehr, als ſie ſprach. „Doch, erzählen Sie uns etwas von Ihrem eignen Er⸗ gehen, liebſter Freund!“ fuhr ſie, das Geſpräch abbrechend, fort.„Was führt Sie zu uns? Sie ſind ſchneller zurück⸗ gekehrt, als wir glaubten.“ „Es ſind Geſchäfte mancher Art und nicht die erfreu⸗ lichſten,“ antwortete Arnheim,„die mich nach Warſchau führen; Eintreibung von Lieferungen, kleine Unterhandlungen wegen tauſend verſchiedener Dinge, zum Theil auch eigne Angelegenheiten.“ Er warf hierbei einen Blick auf Marien hinüber, die, ein wenig verwirrt, das Auge feſt auf die Acbeit richtete, mit der ſie eben beſchäftigt war. „So ſind Sie uns nicht ein ſo flüchtiger Gaſt als neu⸗ lich?“ nahm die Gräfin mit Zuvorkommenheit das Wort — 160— auf.„Ich hoffe, Sie werden dann mein Haus als die Zu⸗ flucht betrachten, wo Sie ſich von Geſchäften erholen kön⸗ nen, wenn die Stille einer weiblichen Zurückgezogenheit Ih⸗ nen nicht zu unbefriedigend iſt nach dem vielbewegten Trei⸗ ben, das der Krieg mitbringt.“ „Was könnte mir Willkommeneres geſtattet werden!“ rief Arnheim freudig.„Der Krieg verdirbt uns nicht für das Glück vertraulicher Zurückgezogenheit, er erzieht uns vielmehr dazu, weil ſich jeder Genuß durch Entbehrung er⸗ höht. Ich wenigſtens habe mich oft aus dem Gewühl des Krieges in die beglückende Ruhe Ihres einſamen Gartens zurückgeſehnt; jenes Spaziergangs gedenke ich noch heute mit tief bewegter Erinnerung.“ Marie ſtand auf und verließ unter einem Vorwande das Zimmer. Ihre Bewegung mochte Arnheim daran erinnern, daß er ſich zu lebhaft ausgedrückt habe, denn er lenkte ein und ſprach im Allgemeinen von dem Genuß, den er in der Schönheit der Natur finde, und wie er dabei genügſam und unerſättlich zugleich ſei. Genügſam, weil ein Baum, ein Wieſenplan, ein Sonnenblick ihm den reichſten Genuß ver⸗ ſchaffe, der mit der Schönheit der Landſchaft wenig wachſe; unerſättlich, weil er in dieſen einfachen Freuden an der Na⸗ tur ohne Maß ſchwelgen könne. Doch gelang es ihm nicht, unbefangen zu bleiben, zumal als Marie, mit den deutlich⸗ ſten Spuren tiefer innerer Bewegung in den ſtets die reinſte Wahrheit ihrer Seele enthüllenden Zügen, zurückgekehrt war. Die Sorge, wie er ſich dies zu deuten habe, beunruhigte ihn zu ſehr, als daß er ſich nicht einem ſo geübten Auge, wie das der Gräfin war, hätte verrathen müſſen. Arnheim hatte, ſeit er Warſchau verließ, nur den Ge⸗ danken mit ſich getragen, um Marien, für die er eine tiefe Neigung gefaßt, zu werben. Daher war ſein ganzes Beſthe⸗ — 161— ben ſeit jener Zeit darauf gerichtet geweſen, ſich ein äußer⸗ liches Verhältniß zu bilden, was ihm das Glück des Ehe⸗ ſtandes geſtatten könne. Seine Stellung als Soldat war nicht von der Art, auch nicht ſeiner Neigung entſprechend, ſo lange die politiſchen Verhältniſſe Alles dem Willen Frank⸗ reichs unterordneten. Der Abſchied war ihm, ſobald der Feldzug beendigt war, verſprochen, und er wollte ſich dann dem Staatsdienſt als Diplomat widmen, wozu Vorkennt⸗ niſſe und Gewandtheit des Benehmens ihn geeignet mach⸗ ten. Dieſe Hoffnungen waren der Erfüllung nahe, und der Hauptzweck ſeines Aufenthalts in Warſchau daher in der That kein anderer als der, um Mariens Hand zu werben. Ein richtiges Gefühl ſagte ihm, daß ſie mehr als Wohl⸗ wollen für ihn hege, doch eine faſt eben ſo beſtimmte Ah⸗ nung ließ ihn fürchten, daß es nur eine warme freund⸗ ſchaftliche Neigung, ja mehr Theilnahme für den Lands⸗ mann ſei, als wirkliche Liebe. Um ſie daher nicht ferner zu beunruhigen, hütete er ſich wohl, dieſe zarte Saite wie⸗ der zu berühren und blieb bei den allgemeinſten Geſprächen. Doch brach er ſeinen Beſuch früher ab, als er ſonſt wol gethan hätte. Die Gräfin würde ſich einer Verbindung Mariens mit Arnheim mehr als erfreut haben; ſie glaubte, und gewiß nicht mit Unrecht, das Glück des von ihr ſo geliebten Mäd⸗ chens werde dadurch begründet werden; denn Arnheim war eines edlen Herzens werth, und Marie bedurfte eines An⸗ halts bei ihrer einſamen Stellung. Und was überdies für einen heitern Schmuck des Lebens gilt, verſprach dieſes Bündniß gleichfalls in nicht gewöhnlichem Maße. Deshalb beſchloß ſie, Alles zu thun, wozu ihre mütterliche Stellung zu Marien ſie berechtigte, um es zu Stande zu bringen. Unvermuthet ſuchte ſie daher noch am ſpäten Abend Marien — 162— in ihrem Zimmer auf, als dieſe eben damit beſchäftigt war, an ihrem Tagebuche zu ſchreiben. „Ich möchte wol wiſſen, was meine junge Freundin heute in dieſes Buch einträgt,“ begann ſie, jedoch, weil ſie Mariens Weiſe kannte, die in ernſten Dingen niemals eine ſcherzende Wendung liebte, im Tone einer mütterlichen Theil⸗ nahme. „Wenn Sie es ernſtlich wünſchen,“ entgegnete Marie, die die Abſicht des Beſuchs ahnen mochte,„ſo will ich es Ihnen nicht verbergen.“ „Nein, Marie,“ ſprach die Gräfin;„es gibt Geheim⸗ niſſe, welche ſogar die Tochter gegen die Mutter haben darf. Vieles in uns muß rein in uns bleiben; mir däucht, man verkennt die innerſten, ſelbſtändigen Rechte des Menſchen, wenn man in Freundſchaft, Liebe oder ſonſt irgend einem Verhältniß das unbedingte Vertrauen fordert. Und die es fordern, gewähren es oft am wenigſten.“ „In dieſer Sache darf ich es Ihnen ſchenken, ja, ich würde Sie vielleicht morgen ſelbſt darum gebeten haben,“ erwiderte Marie;„denn Ihr mütterlicher Rath wird mir jetzt unentbehrlich.“ „Und ich komme, ihn Dir anzutragen,“ fiel die Gräfin raſch ein, da ſie eine glückliche Stimmung für ihre Abſich⸗ ten zu erkennen glaubte.„Nun öffne mir denn Dein Herz, Liebe, und glaube, Du ſeiſt meine zweite Tochter.“ Marie blickte ſie mit ihren treuen blauen Augen dank⸗ bar an und ſprach bewegt:„So fühlte ich mich ja von dem erſten Augenblick an, als Sie in die Leere traten, die der Tod der liebevollſten Mutter meinem Herzen ließ. O, ich habe es ſtets mit innigſtem Dank gegen die Vorſehung er⸗ kannt, wie mild Sie für mich ſorgten, als ich ſchutz⸗ und rathlos, als ich ganz verlaſſen war! Ich flüchtete mich wie * 3 — — 163— eine geſcheuchte Taube unter Ihre ſchirmenden Flügel. Und wie treu wurde ich gehegt! Darum muß ich auch jetzt mein Herz öffnen, wiewol es mir einige überwindung koſtet, weil Sie mir vielleicht eine ſelbſttäuſchende Eitelkeit ſchuldgeben. Doch ich muß dieſen Schein eines Unrechts ertragen, um nicht ein wirkliches zu begehen.“ Die Gräfin hörte mit geſpannter Erwartung zu; Marie ſchwieg einige Augenblicke, dann fuhr ſie unter einem lieb⸗ lichen Erröthen mit niedergeſchlagenen Blicken fort:„Ich glaube— ich fürchte, möchte ich ſagen— der Rittmeiſter Arnheim nährt Abſichten—“ Hier brach ſie in Thränen aus. Die Gräfin, ganz er⸗ ſchrocken, zog ſie näher zu ſich und ſuchte ſie zu beruhigen. Sie konnte dieſes Weinen freilich nicht in ſeiner ganzen Be⸗ deutung verſtehen, weil Marie über Raſinski's Werbung um ſie niemals die Lippen geöffnet hatte. Doch in dieſer muß⸗ ten die aufgeregten Erinnerungen Gefühle erzeugen, denen ihre weiche Seele ſich wehmüthig hingab. „Du wirdeſt ſeine Neigung nicht erwidern können?“ fragte die Gräfin mit ſanfter Stimme. „Das iſt es ja eben, was mich betrübt, und was ich mir vorwerfe,“ erwiderte Marie.„Er iſt gut, ja ich muß ihn edel nennen; und ich bin nicht ohne Schuld, denn ich habe ihm vielleicht zu unvorſichtig meine Geſinnung enthüllt — ach, es trat auch Manches dazu, was meine Freundſchaft für ihn ſtärker anregte— und nun ſoll ich ihm ſagen: ich verſchmähe Dich! Das thut mir im Innerſten weh und beängſtigt mich. Darum bedarf ich eines mütterlichen Ra⸗ thes, wie ich das unvermeidliche Übel mildere.“ „Gute Marie!“ antwortete die Gräfin freundlich,„Du weißt, ich gehöre nicht zu Denen, die die heiligſte Empfin⸗ dung des Herzens, die Liebe, zu den ſchwärmeriſchen Thor⸗ — 164— heiten zählen; doch glaube ich, daß Bündniſſe, auf dem fe⸗ ſten Ankergrund der Achtung und Freundſchaft gebaut, meiſt dauernd glücklichere ſind als die, welche ſich auf den ſchwan⸗ kenden Wellen der Leidenſchaft knüpfen. Sollten wir Frauen, denen die Freiheit der Wahl nicht zuſteht, wol das Recht haben, da zurückzuweiſen, wo die ſchärfſte Prüfung keine andere gültige Einwendung aufzufinden vermag als die, daß in uns keine unaufgeforderte Neigung erwacht war? Es iſt ſchön, wenn ſich die Herzen entgegenkommen; aber wie ſel⸗ ten iſt es! Glauben wir uns berechtigt, auch da ein Nein zu ſprechen, wo wir Achtung und Freundſchaft im höchſten Maße empfinden dürfen, ſo vernichten wir faſt die Mög⸗ lichkeit, unſere weibliche Beſtimmung zu erfüllen. Liebe er⸗ weckt ja Liebe; wie könnten ſich ſonſt ſo viele Bündniſſe der Herzen geſtalten! Man liebt, weil man geliebt wird—“ „Wenn dem aber doch nicht ſo iſt!“ rief Marie ſchmerz⸗ lich ausbrechend und verhüllte das Geſicht in ihr Tuch. „Wenn nun dieſes ſchöne Echo der Neigung nicht im Her⸗ zen widerklingt,“ ſprach ſie nach einigen Augenblicken ruhi⸗ ger,„dann iſt es doch wol nicht Pflicht, ein Band zu knüpfen, nur weil es in äußeren Beziehungen verſtändig erſcheint. Das Recht der Wahl iſt uns verſagt; ſollten wir deshalb auch das verlieren, ein Nein zu ſprechen, wo unſer Herz das Ja nicht über ſich zu gewinnen vermag?“ Die Gräfin ſchwieg. Ihr Geſetz war eines des Ge⸗ brauchs, der Wirklichkeit, wie es das Leben in ſeiner Er⸗ ſcheinung erzeugt; Mariens ein höheres aus dem freien Reich des Gedankens, das freilich ſelten in Kraft tritt, aber darum doch ſeine heilige Gültigkeit nicht verliert. „Und wozu bedürfteſt Du nun meines Rathes, Liebe, wenn Du ſo entſchloſſen biſt?“ fragte die Gräfin nach einer Pauſe. —y— —j — 165 „Nicht Ihres Nathes allein, Ihrer That bedarf ich,“ erwiderte Marie.„Bis jetzt iſt kein entſchiedenes Wort ge⸗ ſprochen worden; Sie könnten es uns Beiden erſparen, daß ſchroff und hart hingeſtellt würde, was man beſſer ſchonend umgeht.“ „Wie gern will ich das, ſo weh es mir thut,“ antwor⸗ tete die Gräfin.„Doch, Liebe, biſt Du ganz unwiderruflich entſchloſſen? Wenn nun— ich muß Dich an dieſe bittere Möglichkeit erinnern— wenn nun Ludwig nicht heimkehrte aus dieſem blutigen Kampfe!—“ „O, er wird, er wird!“ rief Marie.„Und ſollte ich meine Hand einem Manne reichen, wenn ich ſie ihm nur als hülflos Flehende entgegenſtrecken könnte? Das darf nicht entſcheiden; die Noth ſoll mich nicht in ſeine Arme treiben, wenn es die Liebe nicht vermochte!“ „Du urtheilſt falſch, Marie,“ erwiderte die Gräffn ru⸗ hig, aber mit überzeugendem Ton.„Es iſt das höchſte Glück der Liebe, Freude und Segen jeder Art ausſtrömen zu können. Der Edle rettet ſein Glück am liebſten aus ſtürmenden Wellen, aus einem Schiffbruch des Lebens; ja, er möchte der Geliebten Alles rauben, um ſie mit Allem neu ausſtatten und ſchmücken zu können.“ „Die Liebende,“ antwortete Marie,„darf ein ſolches Opfer annehmen, wenngleich ſie es lieber ſelbſt brächte; doch wer nicht ſein ganzes Herz zur Erwiderung geben kann, der darf es nicht— ich nicht.“ Sie ſprach dieſe Worte ſehr ſanft, aber mit Entſchie⸗ denheit; dann wandte ſie ſich wieder bittend zu der mütter⸗ lichen Freundin, damit ſie gütig vermittelnd eintrete.„Sa⸗ gen Sie ihm,“ ſchloß ſie,„daß ich ihm meine ganze Freund⸗ ſchaft weihe. Auch auf meine Dankbarkeit hat er ein Recht! Doppelt freundlich und ſchweſterlich will ich gegen ihn ſein, — 166— weil ich ihm wehe thun muß— aber ich kann nicht anders, wahrlich ich kann nicht!“ Stumm weinend ruhte ſie an dem Buſen der Mutter, und dieſe ſuchte ſie durch ſtumme Liebkoſungen zu tröſten; denn Beiden verſagten die Worte. Endlich trennten ſie ſich, um dem milden Arm der Nacht und des Schlummers die Beruhigung ihrer wallenden Herzen anzuvertrauen. Drittes Capitel. Arnheim hatte geahnet, wie Marie fühle; deshalb kam er am nächſten Morgen zur Gräfin, um dieſer Frau, deren mit Weiblichkeit gepaarte Würde Jedem Vertrauen einflößte, ſeine Bruſt zu öffnen. Ernſt, aber mit Faſſung vernahm er die Entſcheidung. „Ich hoffte kaum anders,“ ſprach er,„denn ich bin nicht an Glück und Freude gewöhnt; nur die Außenſeiten des Lebens zeigen ſich mir lockend, im Innern haben mich ſeine Stacheln ſchon oft im Tiefſten verwundet. Ich zürne ihr nicht; ich ehre ihren Beſchluß. Doch vor ihr zu erſchei⸗ nen, iſt mir jetzt unmöglich. Einiger Tage bedarf ich, um die unruhigen Wellen meiner Bruſt zu beſänftigen. Leben Sie wohl, Gräfin! Bevor ich ganz ſcheibe, ſehen Sie mich noch einmal.“ Er ging. Die trübe, bange Stille, welche ſeine Erſcheinung auf einige Augenblice unterösochen hatte, kehrte neu zurück und — 167— laſtete noch mit ängſtlicherm Druck als zuvor auf den Be⸗ wohnern des Hauſes. Das Herz verlor die Kraft zu frohen Hoffnungen; die unheilvolle Nähe irgend eines Schreckniſſes drang ahnungsvoll in die Seele. Man bebte vor der Zu⸗ kunft, von der man dennoch die Erlöſung aus dieſer peini⸗ genden Spannung erwartete.— Eines Morgens, es war am 10. December, ſtand die Gräfin in ihrem Zimmer am Fenſter und blickte, in trübes Sinnen verloren, auf die Gaſſe hinaus. Sie bemerkte ein unruhiges Wogen und Treiben; die Vorübergehenden eilten haſtig die Straßen abwärts. Begegnende riefen einander an, ſchienen ſich eine Nachricht von Wichtigkeit mitzutheilen und ſetzten dann ihren zuvor entgegengeſetzten Weg gemeinſam nach eben der Richtung fort, wohin man ein eiliges Bewe⸗ gen der Vorübergehenden wahrnahm. Es war das erſte Beginnen eines durch eine bedeutungsvolle Begebenheit ver⸗ anlaßten Zuſammenſtrömens. In den letzten Tagen waren ſo manche dunkle Gerüchte in Umlauf gekommen, und un⸗ heilvolle Nachrichten, wie die Wegnahme von Minsk durch die Nuſſen, hatten ſich beſtätigt. Die Gräfin ahnete daher Schlimmes; auch war ſie ſorgenvoller geworden durch das gänzliche Ausbleiben der Briefe ihres Bruders. Vor Lodoiska ſuchte ſie zwar ruhig zu erſcheinen, weil dieſe ſich ſchon in einer Spannung befand, bei der man fürchten mußte, daß ſie in die tödtliche Aufregung ihrer Krankheit zurückfallen werde; doch im Innerſten ſtiegen ſelbſt ihrer heldenmüthigen Seele düſtere Ahnungen auf, die ſie kaum den Muth hatte, ſich als Möglichkeiten feſt vor Augen zu ſtellen. Daher er⸗ füllte dieſes Treiben und Bewegen auf der Gaſſe ſie mit unruhigen Beſorgniſſen, und ſie wollte eben dem Kammer⸗ diener ſchellen, um nach der Veranlaſſung fragen zu laſſen, als dieſer eintrat und Arnheim meldete. — 168— „Sehr willkommen!“ ſprach ſie erleichtert. Arnheim trat ein. „In ihren Mienen leſe ich's,“ rief ſie ihm entgegen, „daß ſich etwas Ungemeines begeben hat; ſeien Sie ſchnell damit, denn das drohende Schwert ſchreckt mehr, als das gefallene. Was iſt geſchehen? Reden Sie, wir ſind allein!“ „Das Ungeheuerſte, was je die Weltgeſchichte erlebt hat,“ erwiderte Arnheim mit einem Antlitz, auf dem nur ſtau⸗ nende Erſchütterung, aber weder Freude noch Trauer zu leſen war.„Vor wenigen Minuten iſt der franzöſiſche Kai⸗ ſer hier eingetroffen; allein, flüchtend, verhüllt! Sein Heer iſt vernichtet— den Trümmern deſſelben iſt jeder Weg der Rettung verſperrt— „Genug, genug!“ rief die Gräfin und hielt ſich wan⸗ kend und erblaſſend an einem Seſſel. Arnheim wollte ihr zu Hülfe eilen, doch ſie machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Noch ſtand ſie athemlos, unvermögend zu ſprechen, als die Thür ſich raſch öffnete; Lodoiska, bleich wie ein Marmorbild, das Entſetzen in dem erloſchenen Blick, ſtürzte herein. Mit ausgebreiteten Armen, als fliehe ſie vor einem grauenhaften Geſpenſt, eilte ſie auf die Mutter zu, umſchlang ſie krampfhaft, und vor ihr in die Kniee ſinkend, verbarg ſie das Angeſicht in ihrem Schooße. Wie Niobe im Schmerz erſtarrend, ſtand die Gräfin ſtumm über die Unglückſelige gebeugt und legte ihr die be⸗ benden Hände auf das Haupt. Arnheim blickte finſter zur Erde; zwar ſah er aus die⸗ ſer furchtbaren Nacht ſchon den Stern des Heils für ſein Vaterland ſchimmern, doch er ging zu blutig auf, um Freude in ein menſchlich fühlendes Herz zu ſtrahlen. Das Entſetzen der vernichtenden Nemeſis erfüllte die Bruſt noch zu mäch⸗ A& * A. An — 169— tig, um der Hoffnung Naum zu laſſen, die aus dieſer Saat des Todes erblühen ſollte. Jetzt trat auch Marie ein; blaß, zitternd, aber mit mehr Liebe als Schrecken in den ſanften Zügen. Als ſie Arnheim erblickte, überflog ſie eine ſchnelle Röthe, und ihr Fuß ſtockte einen Augenblick; doch ſie faßte ſich, ging ihm entgegen, bot ihm freundlich die Hand und ſprach mit halb verſagender Stimme:„O helfen Sie mir dieſe Unglücklichen tröſten!“ Dann wandte ſie ſich zu der Gräfin und Lodoiska und löſte ihre Erſtarrung durch die warmen Bitten und Thränen der Liebe in einen mildern Schmerz auf. „Es iſt vorbei,“ ſprach endlich die Gräfin mit feſter Stimme;„ich finde mich wieder. Dieſes Geſchick muß wür⸗ dig und ſtandhaft erduldet werden. Indem wir die Macht zum Widerſtande in uns zu erringen ſuchen, gewinnen wir ſie wirklich. Komm, meine Lodoiska, erhebe Dich; zeige, daß Du die Tochter eines heldenſinnigen Polen biſt.“ „Das will ich,“ ſprach Lodoiska, in deren Augen ein neues Feuer aufloderte;„zeigen will ich es durch die That. Nur Du, meine Mutter, verſprich mir, daß Du mich nicht verlaſſen willſt!“ Die edlen Züge ihres Angeſichts rötheten ſich mit der Gluth, die ein großer Entſchluß über die Wangen haucht. Selbſt die Gräfin wußte ſich dieſe Erſcheinung nicht zu er⸗ klären. Nur Marie ahnete die Bedeutung des Verſprechens, welches Lodoiska forderte, denn ihre Schweſterbruſt war der der liebenden Lodoiska verwandt. „Soll ich Dir erſt jetzt verſprechen, was ich Dir durch jede That meines Lebens gelobt, wofür ich Dir jeden Tag eine neue Bürgſchaft geleiſtet habe?“ erwiderte die Gräfin auf die Bitte Lodoiska's, und in dem Ton ihrer Rede lagen Frage und Vorwurf zugleich. IV. 8 — 170— „Nein, Du ſollſt es nicht!“ ſprach Lodoiska ſanft; „denn ich weiß, Du thuſt, was Du mir nicht verſagen kannſt, ohne mein Leben zu rauben! Ich muß zu ihm— ehe der Krieg ihn hinwegrafft— mein Herz ſagt mir, daß er noch lebt, daß ich ihn finden werde— wir müſſen uns verſöhnen— nein, nicht verſöhnen, denn ich zürne nicht und zürnte nimmer; aber er muß den reinen Himmel der Liebe noch einmal wieder lächeln ſehen, und wäre es in der letzten Stunde ſeines Lebens. Mutter, Mutter! wenn Du mir Das verſagſt, ſo bricht meine Bruſt, und hier wie dort iſt nicht mehr Ruhe für mich zu hoffen.“ „Unbegreifliches Kind,“ rief die Gräfin, von Rührung und Staunen überwältigt, und drückte das liebende Weſen mit einer Zärtlichkeit an ihr Herz, die die Gewährung der ſchwärmeriſchen Bitte ſtumm verhieß. Mariens Bruſt wurde von Wehmuth und Beklemmung überdrängt. Die Erſchütterung des mächtigen Ereigniſſes, die Rührung über Lodoiska's Schmerz und Liebe, das ſchwe⸗ ſterliche Gefühl banger Sorge um den Bruder, und endlich in innerſter Tiefe das Bild des edlen Mannes, dem ſie ent⸗ ſagt hatte, ohne ihrer Liebe zu entſagen, über dem das Verhängniß, wenn es ihn nicht ſchon hinweggerafft hatte, eben ſo düſter ſchwebte,— Alles wogte zugleich in ihrer Seele auf und umwob ihr die Stirn mit verdunkelndem Schleier. Da traf ihr Auge den finſter zu Boden blickenden Arnheim, und ein neuer Pfeil der Schmerzen drang ihr in die Bruſt. Was mußte er leiden, dem die Liebe verſagt wurde, wo er ſah, mit welcher Macht ihre heilige Flamme das zarteſte Herz durchdrang! Von dieſem Glück war er ausgeſchloſſen—— ach und Marie, mußte ſie es nicht ſelbſt aus ihrer Bruſt verbannen? Die Gleichheit ihres Ge⸗ ſchicks mit dem des edlen Freundes führte ihm ihre reine — 8) — 171— Seele ſchweſterlich nahe. Sie trat mit heiliger Offenbeit zu ihm heran und ſprach ſanft:„Edler Freund, vielleicht hat dieſe Minute mir meinen Bruder geraubt; wollen Sie ſeine Stelle einnehmen— er lebe oder ſei dahin— das Herz hat Raum für doppelte Schweſſterliebe.“ Er nahm ihre Hand und preßte ſie heftig an die Lip⸗ pen.„O Marie!— ſei es ein Vermächtniß oder ein Ge⸗ ſchenk— es iſt das Schönſte, was ich von nun an beſitze.“ — Doch der Schmerz überwältigte ihn, er eilte hinweg. Als die drei Frauen allein waren, und ſie ihre Herzen, die ſchon ſo nahe aneinander ſchlugen, durch die mächtigen Bande eines gleichen Trauergeſchicks noch feſter vereint fühl⸗ ten, ſprach die Gräfin: „Dieſer fürchterliche Schlag, der in Europa's einer Hälfte Jammer, in der andern Freude verbreiten wird, weckt in Deinem Herzen, Marie, vielleicht eine vaterländiſche Hoff⸗ nung, während das unſere in düſterer Verzweiflung verblu⸗ tet. Aber laß uns jetzt nicht Deſſen gedenken, was unſere Seelen trennen könnte; eine gemeinſchaftliche Sorge, die um unſere theuerſten Freunde, verſchwiſtert uns innig, unauflös⸗ lich. Lodoiska's liebendes Herz hat das Rechte und Wahre im raſchen Blitz des Augenblicks erkannt. Es treibt ſie dem Geliebten entgegen, ob ſie dem grauſamen Schickſal noch einen lächelnden Augenblick entreißen kann. Dürfen wir ſie allein ziehen laſſen?“ „Nein, nein!“ rief Marie zu Lodoiska gewandt,„meine Ahnung macht mich längſt zu Deiner Gefährtin. Eine Schweſter liebt auch!“ „Ja, eine Schweſter liebt auch,“ wiederholte die Gräfin, und der Glanz einer Thräne füllte ihr großes Auge.„So iſt es denn beſchloſſen, wir brechen auf! Unſere Freunde ſind uns nahe; in wenigen Taden können wir ſie erreichen. Viel⸗ . 8* — 172— leicht hat das Schickſal ſie aufgeſpart, damit wir ſie noch einmal an unſer Herz drücken; vielleicht iſt es uns verhängt, ihr brechendes Auge ſanft zu ſchließen; vielleicht kann unſere weiblich pflegende Hand ſie dem Tode entreißen. Man mag uns tadeln; unſer Herz ſpricht uns frei. Nur die unedle Menge, die nie in eigner Bruſt groß und tief empfunden, verkennt jeden freien Entſchluß, der ſich über Sitte, Ge⸗ wohnheit und Berechnung ſtolz erhebt. Ich bin Eure Mut⸗ ter; mir iſt das Heiligthum Eurer jungfräulichen Sitte an⸗ vertraut, Aber ich erhebe das Auge vertrauend zu den Ver⸗ klärten, deren Schooß Euch gebar, denn ich weiß, ſie heißen wohl, was ich vollbringe.“ Viertes Capitel. 4 27 Nachdem es Raſinski glücklich gelungen war, mit ſeinen Freunden und den wenigen Kameraden, die ihm geblieben waren, das rechte Ufer des Stroms zu gewinnen, der ſo viele Tauſende verſchlang, ſetzte er ſeinen Weg noch bis Zembin fort. Hier traf er den Marſchall Ney, dem wie⸗ derum die ſchwerſte Aufgabe, den Rückzug zu decken, ge⸗ worden war. Die größten Drangſale und Beſchwerden ſchienen jedoch nun überwunden zu ſein, denn man befand ſich in einem nicht ſo verwüſteten Lande mehr, und die Ein⸗ wohner hegten befreundetere Geſinnungen. Die Sehnſucht nach Erlöſung ſah den mindeſten Hoffnungsſchimmer für Erfüllung an; doch der unerbittliche Zorn des Geſchicks war noch nicht geſättigt. Er ſchlummerte nur, um mit neuem Heißhunger auf ſeine Opfer einzuſtürzen. In Zembin gelang es Ludwig, einen kleinen Schlitten, der kaum für zwei Menſchen Raum hatte, für Bianca zu erhalten, die bis dahin zu Fuß gegangen war. Raſinski ließ das Pferd eines Verwundeten, dem das Reiten nicht mehr möglich war, einſpannen und ſchaffte dieſen ſelbſt da⸗ durch fort, daß er das Geſchäft des Führers übernehmen mußte. Bernhard und Ludwig drangen vergeblich in Bianca, daß ſie jetzt, da es möglich ſei, einen Vorſprung zu gewin⸗ nen ſuchen ſolle, um Wilna zu erreichen, auf welches Alle, wie der verſchlagene Schiffer auf einen Rettungshafen, hoff⸗ ten. Sie war unerſchütterlich in ihrem Vorſatz, Bruder und Geliebten nicht einen Augenblick mehr zu verlaſſen. „Nennt es nicht aufopfernde Liebe, was mich Euren Bitten Widerſtand leiſten läßt,“ ſprach ſie;„es iſt eigennützige: in Eurer Nähe habe ich die furchtbarſten Gefahren, innerlich getröſtet, überdauert; ferne von Euch würde der kleinſte Un⸗ fall mich rathlos und verzagt finden. Nein, laßt mich bei Euchz was uns gemeinſam trifft, iſt ſüßes Leid, wenn es auch das ſchwerſte wäre. Doch nur das ſtarre Grauen der Verzweiflung würde die Einſame umgeben.“ Es gibt Liebesopfer, die wir mit Schmerz und Bangen annehmen und ſie dennoch nicht zurückweiſen können. Die Grenze, wo gegenſeitige Pflichten ſich ſcheiden, iſt dem ſchärfſten Blick nicht mehr erkennbar. Das Herz ergibt ſich endlich willenlos der Zukunft und' wagt keine ſelbſtändige Entſcheidung mehr zu treffen. So auch hier; Bernhard und Ludwig unterwarfen ſich den rührenden Bitten Bianca’s; denn wer hätte es auch ermeſſen, ob die äußern Gefahren und Drangſale, welche ſie abzuwehren dachten, den innern Qualen, die Ferne und Angſt der von Freund und Bruder blicke zuſammenzuhalten beſchloſſen hatt — 174— Getrennten auflegen mußten, das Gleichgewicht halten würden? An eine Ordnung des Armeecorps, an eine feſte Ab⸗ theilung des Heeres war nicht mehr zu denken. Jeder hielt ſich zu den Truppentheilen, bei welchen er die meiſte Sicher⸗ heit zu finden hoffte, oder wohin der Zufall ihn führte. Raſinski ſchloß ſich wieder an Ney an; theils aus Neigung für den Feldherrn, mit dem er ſo Vieles getragen und über⸗ wunden hatte, theils, weil ſeine kriegeriſche Ehrliebe ihm die Gefahren des Kampfes immer als die ruhmwürdigern zeigte. Endlich blieb ihm auch keine andere Wahl, da die Erſchö⸗ pfung ſeiner Leute, mit denen er bis zum letzten Augen⸗ es nicht geſtattete, diejenigen Truppentheile zu erreichen, die ſchon einen Vor⸗ ſprung gewonnen hatten. 5 Der Feind drängte auf den nächſten Tagemärſchen zwar nach, aber er verfolgte doch nicht heftig; nur einige Koſacken⸗ ſchwärme, die man oft mit einem einz) en Kanonenſchuß auf Stunden verjagte, beläſtigten den Rückzug. 4 Da kam der Tag, für den der erbittertſte Feind des Heeres, der Winter, ſeinen ganzen Zorn aufgeſpart zu ha⸗ ben ſchien. Es war in der Nacht zum 4. December, als der Südweſt plötzlich in einen ſchneidenden Nordoſt umſetzte und auf ſeinen Flügeln alle Schrecken des Eispols heran⸗ führte, um die letzten Trümmer jenes ſtolzen Heldenheeres zu vernichten, das ſich endlich durch den Strom tauſendfa⸗ cher Drangſale bis zuſh rettenden Ufer herangekämpft zu haben glaubte. Tückiſch lauernd hatte der Winter ſich bis⸗ her halb verhüllt und nur die ahnenden Schrecken ſeiner Gegenwart in die grauende Bruſt geſenkt; jetzt war er durch die finſtere Nacht dicht herangeſchlichen und überfiel die Wehrloſen im Schlaf. Von ſeiner ſtarren Hand mit ſchnei⸗ — 175— dendem Schmerz berührt, ſchlugen ſie das Auge auf, und das erbarmungsloſe Ungeheuer ſtand in ſeiner ganzen Ent⸗ ſetzlichkeit vor ihnen. Naſinski hatte mit allen den Seinigen und vielen an⸗ dern Kameraden in einer großen Scheuer gelegen, wo nur gegenſeitige Nähe ſie erwärmte, weil der Raum kein Feuer zuließ. Gegen Morgen erwachte er von einem ſtechenden Schmerz in Händen und Füßen; er wollte aufſpringen, fand ſich aber wie gelähmt. Mit Mühe beugte ſeine Willens⸗ kraft endlich die ſtarren Sehnen, und er richtete ſich empor; da ſagte ihm ein Ather ug, daß jetzt der moskowitiſche Win⸗ ter vor den Pforten gelagert ſei, und ſein erſtarrender Hauch tödtlich über alles Lebende dahinwehe. „He!“ rief er ſogleich und rüttelte Jaromir, der ihm zunächſt lag:„H 4 Auf! Boleslaw, Jaromir, Bernhard!“ Taumelnd fuhren dieſe aus den feſten Banden des Schla⸗ fes empor; doch ihre Glieder waren an dem kalten Boden ſo erſtarrt da ſie ſir nicht regen konnten. „Thut Eu Gewalt an,“ rief Raſinski,„ſonſt ſeid Ihr verloren. icht die Morgenſonne des wahren Win⸗ ters an. hat er nur von ferne gedroht, heut, ich fühle es, ut er mit ſeinen Alles lähmenden Waffen durch unſere Reihen.“ Bei dieſen Worten ſchüttelte und rüttelte er die Freunde und war ihnen behülflich, ſich emporzurichten. Nach und nach anena dem ganz düſtern Raum der Scheuer, in den nur der Widerſchein einiger draußen angezündeten, halb verglimmenden Feuer hineinfiel, ein dumpfes Murmeln und Bewegen. Dazwiſchen ertönte ein jammerndes Wehklagen des Schmerzes, welches Kranke oder Leichtverwundete oder Solche ausſtießen, die ſchon den ſchleichenden Tod in den — 176— Gliedern fühlten, welche die Kälte wie mit einem feinen, furchtbar zerſtörenden Gift durchdrang. „Teufel, iſt das ein Wetter!“ murmelte Bernhard, in⸗ dem er ſich dichter in ſeinen Pelz einknüpfte;„es packt an wie die Tatzen eines Eisbären! Bianca, liebſtes Herz, wie iſt Dir?“ Die Standhafte unterdrückte Schmerz und Beſorgniß. „Mir iſt wohl, Lieber,“ erwiderte ſie;„ich bin an dieſes Klima gewöhnter als Du. ch ſind wir ja noch ſo gut mit Kleidern verſehen.“ „Durch Deine Sorge und Gi „Doch wehe den Unglücklichen, die k gegen die ſcharfen Pfeile dieſer Käͤlte Das zunehmende Getön des Ja dieſe Worte faſt unwillkürlich den Lippen Ludwigs. „Haltet Euch dicht beiſammen, eunde,“ ermahnte Raſinski;„in dieſem Gedränge verliert man einander gar zu leicht.“ 3 Diejenigen, welche erwacht ware und eilten den Feuern zu, die drau ſich dort zu erwärmen hofften. Zugleich trieh ger an, indem ſie die während der Nacht von den wachen⸗ den Kameraden bereiteten Speiſen zu genießen dachten. Doch bei weitem nicht Alle hatten die Kräfte, dies nahe Ziel zu erreichen. Die Meiſten taumelten, von Schlaf und Kälte betäubt, übereinander hin; Viele blighen regungslos am Boden liegen. Midigkeit und Froſt hatte ſie ſo ge⸗ lähmt, daß ſie ſich nicht aufzurichten vermochten; die Macht des Willens war auch bei den Stärkſten gebrochen, und ſie fiel Ludwig ein. ſo dichten Schild 144 ders umher entriß aufgerafft „ weil ſie zogen es vor, in dumpfer Erſtarrung den Tod zu erwarten, als ſich zu neuen Martern emporzuraffen. Bernhard und Ludwig nahmen Bianca, die das dicht e der Hun⸗ * — 177— in Pelze gehüllte Kind Aliſettens trug, in ihre Mitte. Ra⸗ ſinski ging mit Boleslaw und Jaromir vor ihnen her; die noch übrigen Leute des Regiments folgten nahe hinter ihnen. So erreichten ſie, über manchen am Boden Liegenden und ſchwer Aufſtöhnenden dahinſchreitend, das Freie. Der Schnee kreiſchte pfeifend unter ihren Füßen; die Luft ſchien mit ei⸗ nem eiſigen Staub erfüllt, der beim Athmen faſt ſtechend auf die Bruſt fiel; Augen, Lippen, Wangen fingen an zu ſchmerzen, ſowie der Hauch des nicht heftigen, aber ſchnei⸗ dendſcharfen Windes ſie traf.. Einige Trommeln erſchallten mit dumpfem Klang, um zum Aufbruch zu mahnen; doch dieſes Zeichen, wobei ſonſt der Krieger, aufmerkſam wie eine Gemſe, das Haupt er⸗ hebt und mit den Waffen in der Hand gerüſtet aufſpringt, verhallte jetzt wie in einem Todtengewölbe. Mit größeſter Mühe ſetzte ſich endlich die Maſſe in Be⸗ wegung, indem ſich, als ob jedes innere Band losließe, ein⸗ zelne Theile von dem Ganzen löſten und ſo nach und nach die Straße nach Weſten einſchlugen. Auf einem Hügel, der vom Dämmerſchein des Schnees, der hellen Sterne und der Feuer ſeltſam beleuchtet wurde, ſtand ein großer ſtattlicher Mann in den Pelzmantel gehüllt, und überſchlug mehrfach die Arme, um ſich zu erwärmen. Mit lauter Stimme rief er:„Hieher zu mir! Das erſte Armeecorps, hieher!“ Es war der Marſchall Davouſt. Nach und nalt ſammelte ſich ein kleines Häuflein, der über⸗ reſt ſeines ganzen Heeres, um dieſen ausdauernden Krieger, den kein Elend, kein Verderben die Rettung aufgeben ließ, die das Geſetz der Ordnung und des Gehorſams in ſich trägt. An der Spitze der Seinigen ſchritt er zu Fuß, mit den Soldaten jede Beſchwerde, wie mit ſeinen nächſten Offizieren jedes Gute theilend, was ſein Rang ihm elbſ 8 464 8 — 178— unter dieſen Alles furchtbar gleichmachenden Geſchicken vor⸗ aus ließ. Glücklicherweiſe hatten die Pferde Raſinski's noch ein leidliches Obdach gefunden. Dennoch waren zwei vor Ent⸗ kräftung und Kälte gefallen. Man ſaß auf. Bianca beſtieg ihren kleinen Schlitten, Ludwig und Bernhard gingen zu Fuß ſo dicht als möglich an demſelben, und die beiden jetzt unberittenen Leute von Raſinski's Regiment ſchloſſen ſich ihnen an. Der anbrechende Tag, der ſonſt immer die Hoffnungen wieder neu erweckte, die in der ſchauerlichen Nacht erſtorben waren, hatte heut dieſe Kraft verloren; denn mit dem Licht wuchs die ſchneidende Schärfe der Kaͤlte, und als das blutige Auge der Sonne über den Schnee hereinglühte, ſchien es nur mit Hohn auf das Elend ſo vieler tauſend Unglückſeliger herabzublicken; denn nicht die leiſeſte Spur der Wärme war in den Strahlen, die ihren rothen Schim⸗ mer in das Antlitz der Wandernden warfen, zu ſpüren. Nur in das Auge, das, ſchon vom Schneeglanz geblendet, vom Rauch und Schein der nächtlichen Lagerfeuer entzündet war, drangen ſie mit brennendem Schmerz ein und fügten eine neue Folter zu der Laſt von Qualen, unter denen die Unglücklichen zuſammenbrachen. Als Bianca ſah, wie Ludwig und Bernhard das Auge zuckend abwandten und vergeblich einen Gegenſtand ſuchten, wohin ſie den Blick ohne Schmerzen wenden könnten, fiel ihr plötzlich ein Hülfsmittel ein.„Wartet, wartet, wenige Augenblicke,“ rief ſie und machte eine haſtige Bewegung mit den Händen gegen die Bruſt, als wollte ſie ein Tuch losknüpfen. Wirklich zog ſie ein grünes Florgewand hervor, riß es entzwei und gab die eine Hälfte Bernhard, die an⸗ dere Ludwig.„Es iſt der grüne Schleier,“ ſprach ſie zu 4 dieſem,„den ich auf dem St. Bernhard trug. Seit ich wußte, daß er das Zeichen war, woran Du mich wieder erkannteſt, trug ich ihn auf meinem Herzen. Jetzt ſoll er mir das holde Licht der liebſten Augen erhalten. Verhülle Dich damit, Geliebter, denn Alles, was in dieſem Lande glänzt und ſchimmert, iſt kalt und grauſam, wie dieſer Schnee und dieſe Sonne.“ Mit Rührung erblickte Ludwig das erſte Zeichen, woran er ſeine Liebe knüpfte; es erquickte ihn mit neuer Hoffnung, daß es ihm gerade jetzt, in ſchreckenvoller Stunde, wo das Antlitz der Gnade ſich ganz von der Erde wegzuwenden ſchien, wieder entgegenſchimmerte. Eine tiefe Ahnung ſeiner Bruſt hatte es vom erſten Augenblicke an als einen Talis⸗ man betrachtet, der eine zauberiſche Bedeutung für ſein Le⸗ ben habe. So galt es ihm auch jetzt. Doch indem er es aus Bianca's Hand empfing, blickte er ſie ſorglich an und fragte:„Aber Du, Geliebte, wirſt Du geſchirmt ſein gegen das tödtliche Gift dieſes Glanzes?“ „Mich umhüllen ja noch die ſchwarzen Trauerſchleier,“ antwortete ſie;„ich ſollte ſie wol nicht tragen, denn aus ihrer Nacht brach ja mein ſchönſter Lebenstag an!“ Sie lächelte dabei mit holder Freundlichkeit und vergaß über ihr inneres Glück, daß der Nachen, der es trug, auf den Wogen äußerer Geſchicke wie auf einem todten Meere des Grauens und Verderbens verloren ſchwankte. Bernhard ſuchte, als er ihre bewegte Stimmung wahr⸗ nahm, heiter zu ſein. „Ich danke Dir, Schweſter,“ ſprach er;„hier wird der Scherz Ernſt, und der Ernſt Scherz. Unſer ganzer Zug iſt nur noch ein Maskenzug, doch tragen wir Alle verwünſchte 3. laren Ich will denn über die meinige das grüne etz hängen. Ein Maler muß überdies ſeine Augen ſchonen; — 180— ich würde über das Eismeer bei Chamouny ſo wandern, warum nicht über dieſes größere?“ Dabei knüpfte er das dünne Gewebe an ſeine Pelzmütze und drückte ſie ſich tiefer ins Auge. Die ſcharfe Kälte erſchwerte das Athmen ſo, daß ſtrenges Schweigen ein Geſetz wurde, welches ſich Jedes zuletzt auflegte. Der Zug glich einer langen Reihe weißer Geſpenſter, ſo hatten die als Reif niederfallenden Dünſte ihre dichte Hülle von Eisſpitzen über Roß und Mann ge⸗ woben. Mühſelig ſchleppte man ſich fort, und in den lang⸗ ſam ſich bewegenden Maſſen herrſchte eine dumpfe Todes⸗ ſtille. Alles, ſelbſt der Laut der Lippen, wurde durch die furchtbare Kälte in die Banden der tiefſten Erſtarrung ge⸗ ſchlagen. Sogar der Hauch des Windes war gefeſſelt; Vö⸗ gel ſtürzten todt aus der Höhe herab; die letzte Spur des Lebens ſchien aus der Natur verſchwunden. Die Wandernden vernahmen nichts als das pfeifende Kreiſchen des Schnees, das dumpfe Raſſeln der Geſchütze und das beklommene Stöhnen Derjenigen, die mit dem ver⸗ ſteinernden Tod in den Adern zu Boden ſanken, um ſich nie wieder empor zu richten. Dieſe ſah man wanken, wie betäubt einige ſchwankende Schritte ſeitwärts taumeln und dann in die Kniee ſinken, deren abgeſtorbene Sehnen ſie nicht mehr zu tragen ver⸗ mochten. Bei Einigen erzeugte die äußerſte Verzweiflung noch eine trotzige Kraft, mit der ſie ſich gewaltſam aufſtachelten. Sie lachten wild auf bei dem Anblick des Elends und riefen den Zuſammenſtürzenden ein frevelhaft höhnendes Lebewohl zu. Nur die edelſten und kühnſten Naturen zugleich behielten auch hier eine männliche Ruhe und Faſſung; Raſinski hatte ſie ſich bewahrt. Sein Pferd, das er am Zügel führte, we vor Kälte zuſammengeſtürzt. Er nahm die Piſtolen aus der * — 181— Halfter und ſetzte ſeinen Weg gleichmüthig fort. Vergeblich boten Jaromir und Boleslaw, die der Kälte halber ebenfalls zu Fuß gingen und ihre Noſſe führten, ihm die ihrigen an, er erwiderte:„Wir ſind nur noch Einzelne. Als Führer hätte ich ein ſolches Opfer nicht nur angenommen, ſondern gefordert. Ein Regiment von unſerer Stärke aber kann ein Rekrut ſo gut befehligen als ich; es gibt keinen Rang 1 mehr.“ Doch hatte Boleslaw den Mantelſack, den Naſinski im Stich laſſen wollte, abgenommen und ſchnallte ihn auf den ſeinigen. über das todte Pferd fiel eine hungerwüthige Schar her, und zerriß es in tauſend Stücke, zur Mahlzeit für die Nacht. Raſinski ging düſtern Blicken vorwärts, um nicht zu ſehen, wie ſchmählig das treue Thier, das ihn in ſo mancher Schlacht getragen, endete. Es verging keine halbe Stunde, ſo ſtürzte auch Boleslaws Pferd, und gleich darauf Jaromirs. Die trotz des herannahenden Mittaagg immer wachſende Kälte hauchte mit tödtlichem Athemzuge Menſchen und Roſſe ohne Unterſchied an und warf ſie um ſo leichter nieder, je mehr die Anſtrengung ſie erſchöpfte. Der Weg zog ſich eine kaum bemerkbare Anhöhe hinan; doch ſie war ſpiegelglatt. Als Bianca's Schlitten ſich der⸗ ſelben näherte, vermochte das Thier nicht, ihn hinaufzuziehen; ſie ſtieg ſogleich ab, doch es fruchtete nichts. Zweimal ſetzte das Roß an; Ludwig, Bernhard, Jaromir, Boleslaw, Ra⸗ ſinski ſelbſt ſaß Hülfe zu leiſten. Allein es war vergeb⸗ lich; das Thiel vermochte ſich ſelbſt nicht mehr zu tragen; es ſtürzte zu Boden und erſtarrte in wenigen Minuten. Ruhig ſprach Bianca zu den ſie umgebenden Freunden: „Ich werde nun ganz Eure Mühen theilen, und es ſoll mir mccht ſchwer werden. In dieſer grimmigen Kälte iſt das Gehen ſo beſſer.“ — 182— Bernhard erwiderte nichts; er nahm ihr ſtumm das Kind aus den Armen und trug es. Ludwig unterſtützte die Ge⸗ liebte; ſo wandelten ſie düſter ſchweigend nebeneinander hin. Sie ſchlugen einen neben der Straße hinlaufenden Pfad ein, der bequemer ſchien, und wo ſie von den Maſſen nicht ſo gedrängt waren; nur einige Einzelne hatten ihn gewäͤhlt. Bianca ging mit Ludwig voran; Bernhard folgte in einiger Entfernung mit dem Kinde, deſſen ahnungsloſe Munterkeit, da Bianca's Sorge es ſelbſt gegen dieſe Kälte völlig ge⸗ ſchützt hatte, in einem die Bruſt erſchütternd bewegenden Abſtich gegen das Entſetzen ringsumher ſtand.„Du biſt ein kleiner Schmetterling, der im aufgeſpannten Rachen eines Hayfiſches flattert,“ ſprach Bernhard halb für ſich.„Aber ich weiß Dich eben ſo gern hier, als ich Dich einem ſchla⸗ fenden Tiger das bunte Fell ſtreicheln ſehe. Schelmchen, lachſt Du?“ In dieſem Augenblicke rief ihn eine brüllende Stimme von hinten her an:„Steh, Hund! Gib mir Deinen Pelz, oder ich ſchieße Dich nieder!“ Bernhard fuhr auf und herum. Ein Soldat, in elende Lumpen gehüllt, groß, mit ver⸗ wilderten Zügen, langem, ſtruppigem Bart, das Geſicht von Erde und Rauch geſchwärzt, die blutig entzündeten Augen wild rollend, ſtand vor ihm und ſchlug mit dem Gewehr auf ihn an. „Was willſt Du, Unglücklicher?“ rief Bernhard von Entſetzen ergriffen und trat ſchaudernd einen Schritt zurück; das Kind ſchrie ängſtlich auf, umklammerte ihn und verbarg das Köpfchen an ſeinem Buſen. „Deinen warmen Pelz, oder ich ſchieße Dich nieder!“ rief der Wüthende.„Hier gibt's keine Kameradſchaft mehr; ich habe ſo gut ein Recht, mich zu retten, wie Du.,) — — 183— Bernhard ſah ſich faſt allein mit dem erbitterten Mör⸗ der; obwol Tauſende zu errufen waren, ſo würde der Schuß des Verzweifelnden doch Allen zuvorgekommen ſein, wenn auch ein Einziger noch ſo viel Herz für fremde Gefahr ge⸗ habt hätte, um deshalb ſeinen Weg und ſeine Qual um einige mühſelige Schritte zu verlängern. Er mußte alſo der Drohung Gehorſam leiſten, obwol er wußte, daß er mit der wärmenden Bekleidung ſein Leben hingebe. „Du willſt durch den Mord eines Kameraden Dein Le⸗ ben friſten?“ antwortete er mit der Würde der feſteſten Entſchloſſenheit;„wohl denn, es ſei, aber Du wirſt Dich deſſen nicht lange freuen. Deine Stunde wird Dich doch ereilen.“ „Raſch! denn ſchon packt mich der Tod,“ rief der wahn⸗ ſinnige Menſch, der fortwährend im Anſchlag liegen blieb, und die blutigen Augen wild in ihren Höhlen rollte. Bernhard bückte ſich, um das Kind niederzuſetzen, das ihn am Ausziehen ſeines Pelzes hinderte; da hörte er einen lauten Schrei, und als er ſich umwandte, ſah er Bianca, die ſich weinend zu Füßen des Wüthenden niederwarf. „Nimm dies Gold, dieſen Schmuck,“ rief ſie,„nimm dieſen warmen Mantel, nur laß mir den Bruder leben!“ Mit der Schnelligkeit der Todesangſt hatte ſie eine reiche Kette von ihrem Halſe geriſſen und warf ihren koſtbaren Pelz ab, ſodaß ſie mit leicht bekleideten Armen, der grim⸗ migen Kälte preisgegeben, vor dem Mörder kniete. Dieſer blickte ſie mit ſtarren Augen an, dann ließ er die Arme mit der Waffe langſam ſinken, das Gewehr ent⸗ fiel ihm, er drückte ſich beide Hände vor's Geſicht und brach in ein lautes Wimmern und Weinen aus. Indeſſen war **⁴ Ludwig näher getreten, und er und Bernhard hoben — — 184— die noch immer knieende und die Arme mit ihren Gaben ausſtreckende Bianca empor. „Solch ein wildes Thier konnte ich werden?“ rief der Fremde plötzlich aus;„nein, dieſe Schmach überlebe ich nicht. Vergebt mir; Ihr habt mich einſt beſſer gekannt, die fürchterliche Qual machte mich raſend! Aber ich weiß, was ich zu thun habe!“ Bianca hing mit Blicken, in denen die zweifelnde Be⸗ ſorgniß mit dem Ausdruck der höchſten Freude wechſelte, an dem ſeltſam grauenhaften Menſchen, da dieſer ſich jetzt nach dem am Boden liegenden Gewehr bückte und es aufnahm. Bernhard hielt das Auge feſt auf ihn geſpannt und ſuchte in ſeiner Erinnerung nach den Zügen, die ihm ſelbſt in dieſer entſtellenden Verwilderung bekannt ſchienen. „Wo habe ich Euch gekannt?“ fragte er, als ſich der Fremde emporgerichtet hatte. „Ich wundere mich nicht, daß Ihr mich nicht wieder kennt,“ antwortete er düſter; ich hätte mich ſelbſt nicht er⸗ kannt. Des Ordens hier bin ich lebend nicht mehr werth!“ rief er wild und riß das Band der Ehrenlegion aus ſeinen Lumpen heraus und warf es in den Schnee;„ſo will ich's zu verdienen ſuchen, daß Ihr's auf meine Leiche legt. Ich richte meine That ſelbſt, wie ſie es verdient.“ Indem ſtemmte er die Kolbe ſeines Gewehrs gegen den Boden, drückte die Bruſt auf die Mündung und trat ge⸗ waltſam mit dem Fuße gegen den Hahn. Der Schuß krachte, der Unglückliche ſtürzte zuſammen. 8 „Barmherziger Gott!“ rief Bianca entſetzt und ſank be⸗ wußtlos in Ludwigs Arme. Bernhard ſprang auf den Gefallenen zu und richtete ſein Haupt auf. Noch glimmte ein matter Lebensfunke in der Bruſt.„Wenn Ihr nach Frankreich kommt, grüßt mein —, — — 185— Weib und meine Buben— Sergeant Ferrand— aus Laon.“ Er war nicht mehr. In dem Augenblicke, wo er das Auge ſchloß, erkannte ihn Bernhard. Er war derſelbe Sergeant Ferrand, deſſen ſtreng dienſtliches, aber menſchenfreundliches Benehmen ihm und Ludwig bei ihrer Gefangenſchaft zu Smolensk das Le⸗ ben gerettet hatte. Die Bedingung ſeines Daſeins war die kriegeriſche Ehre; er glaubte ſie durch die meuchelmörderiſche That, zu der ihn die Betäubung des Elendes, der Schmer⸗ zen, der Verzweiflung trieb, verloren; eine Jungfrau hatte ihn an Muth beſiegt— das ertrug er nicht. Streng rich⸗ tend ſprach er ſelbſt ſein Urtheil und vollſtreckte es mit eigner Hand. Erſchüttert kniete Bernhard neben der Leiche; ſtumm nahm er das Band, welches der Todte als ſein höchſtes Gut geſchätzt hatte, legte es auf ſeine Bruſt und ſprach: „Wer will Dir's rauben? Es ſchmücke Dich jenſeits, wenn Du in den Kreis der Tapfern trittſt, die Dir vorangingen. Leb wohl!“ Sie ſetzten ihren Weg fort, denn hier galt kein Verwei⸗ len. Unerbittlich riß das Schickſal die Herzen voneinander, und jagte die ſäumende Liebe mit grimmiger Geißel vorwärts. 4 Fünktes Capitel. Die kalte Scheibe der Sonne röthete ſich ſchon wieder ban ſenkte ſich gegen das Schneemeer hinab, als die Wan⸗ eonden Malodeczno in der Ferne einer Stunde vor ſich 3 — 186— ſahen. Die Hoffnung, ein Obdach zu erreichen, belebte die geſunkenen Kräfte wieder. Doch als wollte das Schickſal jeden leiſeſten Schimmer des Glücks nur gewähren, um die Kräfte für ein neues größeres Unheil aufzuregen, ſo folgte 6 auch hier der Schrecken mit furchtbarer Eile der Freude nach. Denn plötlich bedeckten ſich die Höhen mit ſchwarzen Maſſen; der Feind, auf andern Wegen herangedrungen, er⸗ ſchien, um den unglücklichen Flüchtlingen den Zufluchtsort für die Winternacht ſtreitig zu machen. Bei dem erſten An⸗ blick dieſer dunklen Linien, die den Horizont zu ſäumen be⸗ gannen, drängte ſich die Schar der waffenloſen Flüchtigen wie eine Heerde zuſammen, in die ein Wolf einbricht. Der Marſchall Ney rief mit lauter Stimme den Bewehrten zu, ſich um ihn zu ſammeln. Noch gab es einige Trümmer des krieggewohnten Heeres, die ſelbſt jetzt das Geſetz der Ehre noch nicht vergeſſen hatten. Die Reihen ordneten ſich, die wenigen Reiter ſchloſſen ſich, wenngleich aus allen Regi⸗ mentern gemiſcht, aneinander, die Artillerie, ſo viel durch die noch am Leben gebliebenen Pferde hatte fortgeſchafft werden können, nahm eine Stellung. „Kameraden,“ rief der Marſchall,„wir müſſen heut um ein Obdach fechten; denn die Winternacht iſt mörderi⸗ ſcher als die Waffen des Feindes. Auch ihn treibt nur die Noth; Ihr vernichtet ihn, wenn Ihr Euch behauptet. Denkt an Euer Heil, an Frankreichs Ruhm, an Euren Kaiſer!“ „Es lebe der Kaiſer!“ tönte der Ruf der Heldenſchar, die nur den fernen Donner der Schlacht hören durfte, um inmitten der ſchwerſten Drangfale den begeiſterten Muth wieder zu finden, der ſie durch alle Länder Europa's ge⸗ führt hatte. „Wir haben keine Pferde,“ rief Raſinski den Seinigen 24 5 ——— ——;—e .— — 187— zu,„laßt uns das Geſchütz bedienen, denn es fehlt an Mannſchaft.“ Ein dumpfer Donner ertönte von den Höhen; die erſten Kugeln wurden herabgeſandt; ſie flogen, auf dem erſtarrten Boden widerprallend, in weiten ſauſenden Bogenſprüngen über die zur Schlacht geordneten Krieger hinweg. „Ihr ſchießt zu hoch, wir wollen beſſer treffen,“ ſprach Naſinski keck ſcherzend, und lehnte ſich auf das Geſchütz, um es zu richten.„So! Jetzt Feuer!“ Jaromir feuerte ab. „Seht Ihr, wie die Kugel eine Lücke reißt?“ rief Ra⸗ ſinski freudig, als die ſchwarze Linie auf der Höhe zerriß, daß der helle Himmel dahinter ſichtbar wurde.„Ich wollte nur, ſie ſtänden ſo tief als breit, ſo ſollte ihnen dieſer Schuß dreißig Köpfe gekoſtet haben.“ Der Kampf war eröffnet; die Artillerie des Feindes donnerte jetzt von drei Seiten zugleich, und die Kugeln ſchmetterten ſowol in die Schar der waffenloſen Flüchtlinge, die in blinder Haſt auf den Flecken Malodeczno zuſtürzten, als in die geordneten Reihen der Tapfern, die ihr Leben für die Rettung Jener wagten, verheerend hinein. „Wir müſſen uns langſam zurückziehen,“ befahl der Marſchall,„daß ſie ſich nicht zwiſchen uns und den Flecken eindrängen, denn ſonſt ſind wir Alle eine Beute des heiß⸗ hungrigen Winters.“ Die Artillerie gab noch eine Lage zur Erwiderung, dann nahm ſie eine Stellung einige hundert Schritte weiter rück⸗ wärts. Die Truppen folgten geſchloſſen. So gewann man ohne ein ſehr ernſtliches Geſecht nach und nach eine Stellung dicht am Eingange Malodeczno's. Aber dieſe kurze Bewe⸗ gung hatte die Kräfte der Artilleriepferde ſo erſchöpft, daß jeden Augenblick übereinander ſtürzten und endlich nicht mehr emporzubringen waren. Was Hände hatte, mußte * — 188— daher angreifen, um die Geſchütze vollends auf einen Hügel zu ſchaffen, von dem ſie den Eingang des Fleckens verthei⸗ digen konnten. „Retten können wir unſere Kanonen nicht mehr, Kame⸗ raden,“ rief der Marſchall, als er an den Reihen derſelben hinunterſprengte,„ſo wollen wir ſie wenigſtens theuer ver⸗ kaufen.“ Die Ruſſen waren langſam feuernd nachgerückt; jetzt ſchienen ſie ihre Kräfte zu ſammeln, um einen ſtürmenden Angriff zu verſuchen. Doch ſowie ſie ſich in vollen Colon⸗ nen zeigten, gab die Artillerie der Franzoſen eine furchtbare Salve, die tauſendfachen Tod in ihre Reihen ſchleuderte. Die Erde zitterte, die Lüfte krachten, Rauch und Dämme⸗ rung webten einen dichten Schleier der Nacht über das Heer. Der Feind füllte ſeine Lücken und rückte entſchloſſen weiter vor, indem er den Angriff durch ſeine Artillerie unterſtützte. Eine zweite Lage ſtäubte ihn zum zweiten Male auseinander. Doch immer neue Scharen drangen nach; er hatte Erſatz für ſeine Todten, denn er focht mit Tauſenden gegen Hun⸗ derte und ſchien den Gewinn des Fleckens um jeden Preis erkaufen zu wollen. Raſinski, Boleslaw, Jaromir, Bernhard und Ludwig bedienten ein Geſchütz; denn auch dieſe Letzteren hatten es für eine Pflicht der Ehre gehalten, thätigen Antheil am Kampfe zu nehmen und ihre Freunde, obwol ſie nicht mehr die Uniform des Regiments trugen, nicht jetzo zu verlaſſen, wo entſchloſſene Männer den zehnfachen Werth galten. Auch war der Gedanke, mit den Freunden vereinigt zu bleiben, der einzige Troſt, die einzige Quelle ihrer Hoffnungen und Freuden in dieſer Zeit des öden Grauens. Nur für Bianca hatten ſie einen Ort des Schutzes aufgeſucht, wo dieſe, ſo geſichert als es überhaupt möglich war, in ihrer Nähe bleiben 3 — konnte. Gegen Malodeczno hin ſenkte ſich, dicht hinter der Stellung, die die Artillerie einnahm, der Hügel etwa in Mannshöhe faſt ganz ſteil abwärts und bildete ſo eine na⸗ türliche Bruſtwehr. Dort weilte Bianca mit dem Kinde, während oben die Schlacht tobte. An dieſer Stelle waren auch die Munitionswagen aufgefahren, aus denen die Bat⸗ terien auf der Höhe mit allem Schießbedarf verſehen wurden. Obwol Bianca für ſich ſelbſt nichts zu befürchten hatte, ſo ſchlug doch ihr Herz in krampfhafter Angſt, da ſie die Geliebten wenige Schritte von ſich allen Schrecken des Todes preisgegeben wußte. So theuer ſie es Bernhard gelobt hatte, den ſichern Zufluchtsort nicht zu verlaſſen, ſo konnte ſie doch, da das Krachen der Kanonen bis zu einer betäubenden Stärke wuchs, ihrer Angſt nicht länger gebieten. Sie mußte den Hügel hinan, um zu ſehen, ob die Ihrigen noch verſchont waren von dem Geſchick, das ſeinen eiſernen Todesſtrom mit donnernden Wogen über das Gefilde wälzte. Doch vergeblich war das Spähen ihres Auges, denn der Rauch lag in dich⸗ ten Wolken über den Feuerſchlünden, und man ſah nur ſchwarze Geſtalten ſich unbeſtimmt und unkenntlich darin bewegen. Da es ihr unmöglich war, ſich von dem Loos der Ihri⸗ gen zu überzeugen, wankte ſie wieder zurück an die Stelle, wo ſie zu verweilen gelobt hatte. Todesangſt pochte in ihrer Bruſt; jeder Donnerſchlag der Geſchütze traf ihr eignes Herz; ſo dem äußerſten Verzagen hingegeben war ſie noch nie. Das Kind wurde durch das furchtbare Getöſe der Schlacht geängſtigt und weinte. Bianca legte dem kleinen Weſen die Hände gefalten ineinander und ſprach:„Unſchuldiges Herz, flehe zu dem himmliſchen Vater, Deine reine Bitte wird ihn rühren; o laß dieſe grauenvolle Stunde an uns vorübergehen!“ Das Kind gehorchte faſt bewußtlos, kniete auf den Boden „— 190— und ſah mit thränenden Augen bittend empor gen Himmel. Auch Bianca warf ſich auf die Kniee; die Worte verſagten ihr, ſie vermochte nur die Hände zitternd zu erheben, doch der Allmächtige vernahm ihr ſtummes Flehen. Wie viele tauſend 1 Gebete der Angſt machtlos von dem ehernen Gewölbe des Himmels zurückſchlugen, ihr war der Lenker der Dinge nicht taub, ihr neigte er ſich mild entgegen. Ein tröſtender Glaube ſenkte ſich in ihre Bruſt und verſcheuchte die düſtern Ahnun⸗ gen des Grauſens, die ſie umwoben. Sie athmete freier. „Nein, Du unendlich Gütiger,“ bat ſie mit innigem Ver⸗ trauen,„Du haſt Dein Antlitz nicht ganz von der Erde ge⸗ wendet. Du hörſt das Flehen der Unſchuld und der bebenden Liebe, Du wirſt mein angſtzerriſſenes Herz nicht zermalmen!“ Sie drückte das Kind an ihre Bruſt, und ihre Thränen floſſen in erleichternden Strömen. Jetzt wurde der Donner der Schlacht ſchwächer, plötzlich ſchwieg er. Bianca riß ſich gewaltſam empor; nun mußte ſie zu den Ihrigen. Jetzt hatte ſich's entſchieden, ob das ſchwarze Verhängniß auch ihnen gefallen war. Haſtig klimmte ſie, mit dem Kinde an der Hand, den Hügel hinan. Da tönte eine Stimme aus Rauch und Dämmerung:„Schwe⸗ ſter! Wo biſt Du?“ Es war Bernhard. Außer ſich vor Freude rief ſie:„Hier, hier! Ihr lebt, Beide, Alle,“ und eilte auf den Bruder zu, der von der Höhe herabkam. Er flog ihr entgegen; ſie lag an ſeiner Bruſt; unausſprechlich war die Fülle ihrer Seligkeit. Doch er entwand ſich ſanft 5 abwehrend ihrer Umarmung. „Frohlocke nicht,“ ſprach er ſchmerzlich—„wir mußten ein Opfer bringen! Boleslaw—“ „Gott der Gnade,“ fiel Bianca erblaſſend ein,„er iſt dahin?“ 5 1 „Wir fürchten es; dort tragen die Freunde ihn heran,“ ““ — 191— erwiderte der Bruder und deutete auf einige Geſtalten, die ſich langſam näherten. Dann lehnte er, bis zur Ermattung erſchüttert, das Haupt an die Schulter der Schweſter und ſeufzte tief auf. Seine ſtarke Seele war bezwungen durch den Schmerz um den Freund, ſeine feſte Kraft gebrochen. „Es muß getragen ſein!“ ſprach er ſich aufrichtend,„wie tief der Stachel in die Bruſt dringe! Laß uns ihnen entgegen!“ Unſichern Schrittes ging er mit der Schweſter den Kom⸗ menden entgegen, die in ihren Armen den erblaßten Jüng⸗ ling trugen. Eine Kugel hatte ihm den Schenkel zerſchmet⸗ tert, die furchtbare Erſchütterung die Lebenskeime des ganzen Körpers zerſtört. „Legt mich nieder,“ ſprach er matt,„ich bitte Euch!“ „Thut ihm ſeinen Willen,“ gebot Raſinski leiſe und ſchüttelte das Haupt, als wolle er ſagen, unſere Sorge ret⸗ tet ihn doch nicht mehr. Sie ließen den Verwundeten vorſichtig auf den Boden nieder. Raſinski kniete zu ſeinem Haupte und nahm ihn halb aufgerichtet ſanft in ſeine Arme. Jaromir hatte die Rechte des Sterbenden ergriffen. Ludwig wandte ſich er⸗ ſchüttert ab. Bianca trat ihm mitleidsvoll entgegen und hauchte leiſe:„Auch das noch, mein Theurer!“ Er drückte ſie ſtumm ans Herz; zu ſprechen vermochte er nicht. Es vermochte es Keiner. Mit dem heiligen Schweigen der tiefſten Bekümmerniß wandten Alle die Blicke auf den Verwunde⸗ ten, der, den Kampf des Todes in den Zügen, mit ge⸗ ſchloſſenen Augen daſaß. Jetzt ſchlug er ſie auf, ſah ver⸗ wundert umher und ſuchte ſich zu beſinnen. „Ihr Alle ſeid mir nahe,“ ſprach er freundlich, als er die Freunde um ſich her erblickte, und ein ſanftes Lächeln der Dankbarkeit ſchwebte um ſeine Lippen.„Ich ſterbe ſchön,“ fuhr er nach einigen Augenblicken fort und richtete ſich em⸗ — 192— por;„Ihr dürft nicht um mich trauern. Ich ſterbe in Freundes Armen den Tod der Ehre!“ Ein edler Stolz rö⸗ thete des Jünglings erbleichte Wange mit leichtem Hauche; noch einmal flammte der Muth in ſeinem brechenden Auge auf.„Ich ſterbe gern,“ ſetzte er wehmüthiger hinzu.„Ja⸗ romir! mein Freund, mein Bruder!“ Er drückte die Hand des vor ihm Knieenden mit warmer Liebe und tiefſter Rüh⸗ rung; denn ſeine Gedanken wandten ſich zu dem Bilde der fernen Geliebten hinüber, das er ſtumm, aber unverbrüchlich treu in ſeinem Herzen getragen hatte. Seine Liebe wurde ihm jetzt ein heiliges Vermächtniß für den unglücklichen Freund. „O warum liege ich nicht an Deiner Stelle!“ rief die⸗ ſer ſchmerzensvoll aus, indem er das Antlitz auf die Hand des Scheidenden drückte;„warum hat der Tod nicht mich erlöſt!“ „ Nein, nein— Du ſollſt noch glückliche Tage ſehen,“ antwortete Boleslaw bewegt—„glückliche Tage in ihren Armen. Bringe Deiner Lodoiska den Gruß des Sterbenden; Dir geſteht es meine erblaſſende Lippe— ich habe ſie ge⸗ liebt— ſchweigend, aber aus tiefſter Seele!“ „O Gott! O Bruder!“ rief Jaromir außer ſich.„Du, Du— Du wäreſt treu geblieben! O, ich Unglückſeliger!“ „Du haſt ſchwer gebüßt, Alles iſt geſühnt, mein Bru⸗ der,“ ſprach Boleslaw ſanft.„Gehört Euch— um des Schmerzes willen, den ich getragen— es iſt meine letzte Bitte an Dich; an Sie— das ſei mein Glück dort drüben.“ Hier ſank er matt zurück. Jaromir beugte ſich heftig über ihn:„Bleib noch bei uns— o Bruder, noch jetzt ſtirb mir nicht,“ rief er von krampfhaftem Schluchzen unter⸗ brochen und drückte ſein Angeſicht auf die erkaltende Hand des Theuren. Noch einmal erhob Boleslaw das brechende Auge— — 193— „Raſinski— Ihr Freunde!“ ſprach er matt. Sie hielten ſeine Hände— ſein Blick gleitete liebend über Alle dahin und winkte Jedem einen lächelnden Abſchiedsgruß zu. Auf Jaromir weilte er am längſten; dann ſeufßzte er mit brechen⸗ dem Laut:„Lodoiska!“— und müde ſchloß er die Au⸗ gen— lehnte das Haupt an Raſinski's Vaterbruſt— und verſchied. Der Tod verklärte ſeine edle männliche Schönheit; ein Marmorbild ſaß er da; die ſchwarzen Locken wallten ihm von der Stirn, die noch im Tode den Adel des Muths trug; um die Lippen ſchwebte ein ſanfter Zug des Schmerzes, aber heilige Ruhe wohnte auf den erloſchenen Zügen. Heilige, ſanfte Ruhe, denn ſein grambeladenes Herz ſchlug nicht mehr. Jaromir drückte ſein weinendes Antlitz gegen die Bruſt des Todten und umſchlang ihn mit heftiger Um⸗ armung. „Der Herr habe ſeine Seele,“ ſprach Naſinski mit ern⸗ ſter Faſſung und legte die Hände ſegnend auf das Haupt des Abgeſchiedenen. Dann wandte er ſich zu den Freunden: „Wohl uns, daß wir wenigſtens dieſen theuren Leichnam nicht der Wildniß laſſen müſſen. Die Nacht bricht herein. Wir müſſen das theuer erkämpfter Obdach zu erreichen ſuchen; und dort ſoll er beſtattet werden!“ Er deutete mit dem Finger auf Malodeczno, wohin die Truppen ſich jetzt zurückzogen, nachdem der Feind, durch ihren ausharrenden Muth bezwungen, es endlich aufgegeben hatte, ihnen dieſen Zufluchtsort zu entreißen. Jaromir allein hörte Naſinski's Stimme nicht; der Schmerz hatte ihn zu heftig betäubt; bewußtlos ruhte er noch immer an der Bruſt des Todten. „Naffe Dich zuſammen, Jaromir,“ redete Raſinsti ihn an und ſuchte ihn emporzuheben;„zeige ein männliches I7. 9 — 194— Herz. Du verlorſt Deinen theuerſten Gefährten, ehre ſein Gedächtniß durch kräftige Erhebung über Deinen großen Schmerz. Starb Dir ein Bruder, ſo ſtarb mir ein Sohn; ermanne Dich, erſetze Du mir den Verlorenen.“ Der ſanfte, ernſte Troſt drang in das Herz des Unglück⸗ lichen ein; er erhob ſich ſchweigend, aber mit gewaltſamer Anſtrengung, und Raſinski ſchloß ihn tröſtend wie ein Vater an ſein Herz.„Hilf uns unſerm Gefallenen den letzten Dienſt der Liebe erweiſen,“ ſprach er und beugte ſich zu Bo⸗ leslaw herab, um ſein Haupt emporzuheben. Die vier Freunde nahmen den Entſeelten in ihre Arme, um ihn die kurze Strecke bis in den Flecken hinabzutragen. So wan⸗ derten ſie im düſtern Trauerzug dahin. Sechstes Capitel. Doch die ingrimmige Natur überbot mit ihren Schrecken ſelbſt den tiefſten edelſten Schmerz. Mit der geſunkenen Sonne ſtieg die Kälte höher und höher. Die Arme erſtarrten den Tragenden faſt, ſo kurz der Weg war. Nur die heiligſte, unverbrüchlichſte Freundſchaft vermochte die Pflicht dieſes letzten Liebesdienſtes aufzulegen; für jeden Andern hätte er unvollführt bleiben müſſen. Doch in ihrer Liebe fanden die Getreuen die Kraft. Nach unſäglicher Anſtrengung erreichten ſie ein kleines Haus, welches zur Seite der Hauptſtraße, auf der die Maſ⸗ ſen ſich in wildem Gedränge dem Eingange des Fleckens zuwälzten, gelegen war. Unvermuthet fanden ſie hier noch V 14 ein bewohntes Obdach; ein Greis öffnete den Kommenden die Thür und näherte ſich mit bittender Geberde. Raſinski rief ihm zu:„Iſt Raum in Eurer Hütte?“ „O freilich!“ erwiderte der Alte, erfreut, ſeine Landes⸗ ſprache zu hören;„ich will Euch gern beherbergen. Nur flehe ich Euch an, treibt mich nicht ſelbſt hinaus in dieſe furchtbare Winternacht. Gönnt auch meinem alten Haupte ein Plätzchen!“ „Hältſt Du uns für entmenſchte Barbaren?“ fragte Ra⸗ ſinski unwillig ſchaudernd;„Du haſt nichts zu fürchten!“ „So ſegne Euch der Herr!“ rief der Greis;„aber geſtern haben ſie meinen Sohn und meine kleinen Enkelinnen hin⸗ ausgetrieben, und ſie ſind erſtarrt vor meiner verſchloſſenen Thür! Ach ich habe ihre Leichen in meiner Hütte!“ „Gott der Barmherzigkeit!“ rief Bianca, von einem ent⸗ ſetzenvollen Grauen ergriffen, aus,„war es möglich!“ „Auch wir bringen Dir einen Todten,“ ſprach Raſinski; „ſeine heiligen Üüberreſte ſind uns ſo theuer, wie unſer Leben. Willſt Du bei der Mutter Maria ſchwören, ihn fromm, chriſtlich zu beſtatten, wenn uns die Gewalt des drängen⸗ den Kriegs hindert, ſo verheiße ich Dir und Deinem Hauſe Sicherheit, ſo lange wir darin weilen.“ „Bei der gebenedeiten Mutter ſchwöre ich's, er ſoll an der Seite der eignen Kinder ruhen,“ rief der Greis und erhob die Hand zum Eide. So traten ſie in die Hütte. „Bringt den Todten hier herein, liebe Herren,“ ſprach der Alte und öffnete vorleuchtend eine Seitenthür, die zu einem Kämmerchen führte. „O, mein Gott!“ rief Bianca aus, als ſie einen Blic hineinwarf. Auf einem mit weißen Linnentüchern be⸗ deiktan Strohlager lag in einem Todtenhemd ein Mann, 9 — 196— noch in friſchen Jahren, doch von kränklichem Anſehen. Ne⸗ ben ihm zwei kleine Mädchen, höchſtens ſieben bis acht Jahre alt. Ludwig und Raſinski trugen Boleslaws Leiche hinein, legten ſie zur Seite der entſchlummerten holden Kleinen nieder. „Seht Ihr, liebe Herren, das ſind ſie,“ ſprach der Greis, und Thränen erſtickten ſeine Stimme.„Geſtern waren die Kinder noch friſch wie die Röschen— der Vater kränkelte zwar ſeit dem Frühjahr— wo ſein Weib,— nein, laßt mich das nicht erzählen! Das nicht!— Geſtern ſtürmten ſo viele Krieger in mein Haus, daß ſie nicht Raum fanden — ſie trieben uns hinaus— freilich waren ſie elend genug, aber ein Plätzchen hätten ſie uns doch gönnen ſollen. Wir brachten die Nacht im Freien zu; mein Sohn, den die Krankheit zerſtört hat, überdauerte die grimmige Kälte nicht; die Kleinen konnte ich vorm Schlaf nicht ſchützen— ſie er⸗ ſtarrten in meinen Armen. Ich allein blieb übrig. Ich hätte mich gern zu den Todten auf den Schnee gelegt, doch ich habe noch eine Tochter— um ihretwillen lebe ich. Sie iſt aber jetzt in Wilna.“ Wäͤhrend der Alte ſein Herz klagend eröffnete, hatten die Männer Boleslaws Kleidung und Haar geordnet und ihn mit dem weiten Mantel bedeckt, daß die Spuren der Zer⸗ ſchmetterung und das ſchon erſtarrte Blut verhüllt wurden. Jetzt glich er einem Schlummerndeng ſo ruhig, ernſt und edel waren ſeine Züge. „Laßt ihn hier ruhen,“ ſprach Naſinski wehmüthig. „Sein Bild ſteht in unſern Herzen, kebend, würdig, freund⸗ lich. So laßt es uns bewahren; es iſt nicht gut, bei der erſtarrten Hülle zu weilen.“ Seinem Wunſche folgend traten Alle in das Gemach zurück, deſſen wohlthuende Wärme ſie erquickend empfi i¶ng. — 197— Es war ſeit langer Zeit das erſte ſichere Obdach, das ſie aufnahm. Ein gaſtliches Feuer loderte auf dem Herde und erwärmte die innern Räume. Der Schiffer, der nach dem Sturm auf wüſtem Meere den Hafen erreicht, wird nicht ſo von dem Gefühl des Heils und des Dankes gegen den allmächtigen Retter durchdrungen, als dieſes Bild der Gaſt⸗ lichkeit und des Schutzes gegen den Ingrimm der Natur der Seele der Müden, von Schmerz und Qual Gebeugten mit neuen Lebenshoffnungen durchſtrömte. „Ein lenkender Gott der Gnade iſt mit uns,“ ſprach Ludwig, zu Bianca gewandt, die er wiederum als neu ge⸗ wonnen aus dem Drang der Gefahren und Beſchwerden an's Herz ſchloß.„Wie hart wir geprüft werden, der Schutz des Allmächtigen verläßt uns nicht.“ „Sein holder Engel wandelt ja mitten unter uns,“ ſprach Naſinski und berührte leiſe Bianca's Locken, die die Wange ſanft gegen Ludwigs Bruſt geneigt hatte;„dieſes reine Haupt wendet auch von uns das Verderben ab. Sei getröſtet, Du ſchöne Seele— wer eine Vorſehung glaubt, darf in Dei⸗ ner Nähe nichts fürchten.“ Bianca erröthete und ſenkte in Demuth das Auge. „Solche Worte ſpricht Dein mildes Erbarmen mit der Hülf⸗ loſen,“ erwiderte ſie;„ich aber weiß wohl, daß der Arm des Herrn hier Beſſere beſchützt und vernichtet als mich. Du edler Freund! Ich fühle in Unterwürfigkeit meinen niedern Werth; laß mir den Glauben, daß Dein höherer unſer Aller Schutz iſt.“ Raſinski war noch nie ſo weich geweſen. Der Tod des liebſten Freundes hatte ſeine männliche Kraft zu ſo ſanft mklingenden Saiten herabgeſpannt. Schwermüthig ſetzte er ſich nieder und ſtützte ſein Haupt nachdenkend in die Hand. 8s herrſchte eine tiefe Stille ringsumher; nur die flackernde — 198— Flamme beleuchtete das ärmliche Gemach. Jaromir ſaß vor der Glut, blickte mit ſtarren Augen hinein und ſchürte ge⸗ dankenlos darin. Mit heimlichem Grauen bemerkte Bern⸗ hard die Stumpfheit des Schmerzes, die ihn ergriffen hatte; es erneuten ſich die alten Sorgen und Befürchtungen in ihm, die ſeit den letzten Tagen wieder verſchwunden waren, weil ſich die Zeichen von der innern Zerrüttung des Unglücklichen, vielleicht durch die Macht der zu gewaltigen Ereigniſſe zurück⸗ gedrängt, verloren hatten. Doch als er ihn jetzt der Flamme gegenüber ſitzen und mit gleichgültigen Augen hineinſtarren ſah, tauchte das verſcheuchte Geſpenſt ſeiner böſen Ahnungen aufs Neue aus der Tiefe ſeines Buſens empor. „Was iſt Glück?“ unterbrach Raſinski das tiefe Schwei⸗ gen.„Fühlen wir uns nicht glücklich, beiſammen zu ſein in dieſer ſichern Hütte, die uns ein Obdach gewährt? Ja ich dürfte ſagen, wir wären glücklich, wenn nicht der liebſte Freund in unſerm Kreiſe fehlte! Wäre er bei uns— ja, wir wären glücklich in dieſer Stunde!“ „Die Wünſche wachſen mit der Erfüllung,“ erwiderte Ludwig;„wem das Schickſal zeigt, was es bedrohen, was es rauben kann, der wird genügſamer, und preiſtt ſich glück⸗ lich, wenn er nur den kleinſten Antheil ſeiner Hoffnungen aus dem unermeßlichen Reich des Verlorenen rettet. Und des Menſchen Seele iſt wunderbar gemiſcht! Sie kann den tiefſten Schmerz neben dem höchſten Glück empfinden— ja ſie fühlt oft Eines nur durch das Andere.“ Ein Blick auf Bianca, ein Druck ihrer in der ſeinen ruhenden Hand ſagte der Geliebten, wie er dieſe Worte ver⸗ ſtehe und ihre Wahrheit an ſich ſelbſt geprüft habe; denn ſeine Liebe drang unter den Gefahren, denen er r ſiee pei unter den Schmerzen, in denen ſie ihn tröſtend erhebe mit immer tiefer greifenden Wurzeln in ſein Herz. 5 — 199— „Glück gibt eine zu zarte Haut,“ warf Bernhard hin; „ein geknicktes Roſenblatt drückt uns wie den ſybaritiſchen Alcibiades. Das Unglück zieht uns einen ſchuppigen Harniſch über die Bruſt, daß die ſchärfſten Pfeile zuletzt matt und ſtumpf abprallen. Es ſchlägt dann freilich nicht mehr viel Herz hinter einem ſolchen Panzer, ſondern die Verſteinerung dringt bis mitten hinein, und die Wunden bluten nur des⸗ halb nicht, weil ſie ſchon verblutet ſind.“ Er hielt während dieſer Worte ſein beobachtendes Auge feſt auf Jaromir geſpannt, der noch immer in der Glut des Ofens ſchürte. „Eine ſchöne, helle Flamme, nicht wahr, Raſinski?“ ſprach er, da Alle umher ſchwiegen, mit tonloſer Stimme und ſah ſich mit einem ſeltſamen Lächeln um. „Freilich, freilich,“ erwiderte der Gefragte halb zerſtreut; „der Menſch wird gedemüthigt und lernt, daß er aus Erde, aus Staub, aus Aſche beſteht.“ „Wohl, wohl,“ fiel Bernhard ein;„ich weiß, was Du eigentlich ſagen willſt. Man kann ihm das Herz mit einem glühenden Schwert durchbohren und es zur Kohle ausbren⸗ nen; falls der Magen unverletzt geblieben iſt, wird ein tüch⸗ tiger Hunger doch nicht ausbleiben. Mich hungert, beim Himmel. Und ich wünſchte,“ ſetzte er leiſe hinzu,„Jaro⸗ mir hätte Trank und Speiſe und ginge ſchlafen, daß ſeine ſtumpfgereizten Nerven ausruhten und wieder neues Gefühl bekämen.“ Erſt jetzt warf Raſinski einen forſchenden Blick auf den Unglücklichen und entfärbte ſich, als er die gleichgültigen Züge deſſelben ſcharf ins Auge gefaßt hatte.„Du haſt ſprach er haſtig leiſe zu Bernhard;„wir müſſen An⸗ — 200— aus ſeiner brütenden Schwermuth auf und ſuchte den Wirth auf, der hinausgegangen war. Er fand den Alten willig, herzugeben, was man bedurfte, zumal da Raſinski ihm die Verſicherung gab, daß er die letzten Feinde beherberge und vom nächſten Morgen an nur Ruſſen nachrücken würden, die mit Allem ſo reichlich verſehen wären, daß ſie die ausge⸗ ſogenen, geplünderten Einwohner noch unterſtützen könnten. „Freilich haben wir wenig gerettet,“ begann der Alte, „doch iſt noch Brot da und etwas Honig, auch ein Fäßchen Branntwein. Ich kann Euch eine warme Suppe bereiten.“ „Bringt uns, was Ihr vermöget— wir wollen Euch auch zur Hand gehen.“ „Heilige Mutter Marie!“ rief der Alte plötlich erſchreckt und kreuzte die Arme;„da pocht es an der Thür. Wenn ihrer Mehrere hier eindringen, ſind wir verloren!“ „Laßt mich öffnen,“ ſprach Naſinski;„wir können, ſo lange Raum iſt, nicht ſo unmenſchlich ſein, unſere Kamera⸗ den der erſtarrenden Nacht preiszugeben.“ Er ſchritt gegen die wohlverwahrte Thür und fragte auf Franzöſiſch: „Wer iſt da draußen? Was wollt Ihr?“ Indem eilte Bernhard ſchon heraus und rief:„Es ſind von unſern Leuten dabei, ich habe ſie erkannt.“ Sie öffneten ſchnell. Fünf halb erſtarrte Krieger von Raſinski's Regiment umlagerten die Thür. Sie hatten ihren geliebten Führer in der Verwirrung des Gefechts ver⸗ loren und nun ein Obdach im Flecken geſucht. Doch waren alle Häuſer überfüllt, weil der Marſchall Victor den Ort ſchon beſetzt hatte, was freilich aus andern Urſachen ein Glück genannt werden mußte, indem ſeine Truppen die von —, — 201— Spur von Naſinski, den er mit Jaromir und den übrigen, als ſie den Leichnam Boleslaws trugen, hatte über das Feld gehen ſehen. Seiner Weiſung folgend, erreichten ſie glücklich das kleine Haus, was, wie es oft zu geſchehen pflegt, indem Alles nur dem Hauptſtrom der Maſſen folgte, ganz unbe⸗ merkt geblieben war. Die Freude der Rettung ſtrahlte aus den Augen der Un⸗ glücklichen, als ſie in die erwärmten Raume des Gemaches eintraten, und vollends, da ſie ihren Führer, ihre geliebten Offiziere, denn auch Bernhard und Ludwig galten ihnen da⸗ für, erblickten. Dieſe waren eben ſo herzlich froh, einige der verloren Geglaubten aufs Neue begrüßen und von dem Verderben erretten zu können. Mit ſtummem Schmerz überlickte Raſinski dieſe wenigen Getreuen, die ihn umgaben; ſie waren Alles, was er von ſeinem ſtattlichen Regiment heimführte! Und dennoch mußte er dem Schickſal danken, daß es ihm die theuerſten Freunde erhalten hatte. Nur Einer war heut als das erſte Opfer gefallen! Er flehte innerlich zu dem Allmächtigen, daß es das letzte ſein möge! Siebentes Capitel. Eine nährende Mahlzeit hatte die Ermüdeten erquickt; jetzt überwältigte die Abſpannung des Körpers ſelbſt den tief⸗ ſten Schmerz der Seele. Alle ſanken ſie bald in langent⸗ behrten, ſüßen Schlaf, der ſie, faſt dem Tode gleich, in gänz⸗ liches Vergeſſen verſenkte. 3 9 — 202— Der Winter ließ indeſſen von ſeinem Grimm nicht nach, ſondern ſandte ſeine Schrecken in immer wachſendem Maße auf die Gefilde herab. Ein Heil lag in dieſem Unheil; die ſtarren Feſſeln der Kälte, die ſich den Flüchtenden als Schlin⸗ gen um die Füße legten, lähmten auch die Schritte der Ver⸗ folger. Die Schrecken der Natur überboten die des Kam⸗ pfes ſo gewaltig, daß ſie einen unverabredeten Waffenſtill⸗ ſtand erzeugten. Ein tobendes Pochen an der Thür und ein wildes Ge⸗ ſchrei vor derſelben weckte Raſinski aus dem Schlaf. Er fuhr raſch empor, und kriegeriſch gewohnt, ſogleich ſeine ganze Beſonnenheit beiſammen zu haben, horchte er, bevor er auf das Anrufen und Sprechen antwortete, ſcharf hin, um zu prüfen, ob Freunde oder Feinde ſich näherten. Bald unter⸗ ſchied er, daß es Ruſſen waren, die an der Pforte pochten. Er ſah raſch nach der Uhr; die ſechste Stunde war vorbei. Es mußte draußen noch völlig dunkel ſein. Seine Gefährten ringsumher ſchliefen noch feſt, nur der Wirth fing an zu erwachen, und fragte halb im Schlafe:„Wer da?“ Naſinski ſprang auf, rüttelte ihn vollends wach und raunte ihm leiſe zu:„Du biſt verloren, wenn Du uns mit einer Sylbe verräthſt; laß mich allein handeln.“ Der er⸗ ſchrockene Alte deutete durch Zeichen an, daß er gehorſam ſein wolle. Raſinski ging hierauf aus dem Gemach gegen die Thür zu und fragte in ruſſiſcher Sprache: „Wer iſt da?“ „Wir ſind Ruſſen, Freund,“ tönte die Antwort.„Die Kälte bringt uns um, wir haben einen Nachtmarſch engachtz öffne geſchwind, wir ſind nur Wenige!“ „Bei der heiligen Mutter Marie,“ antwortete Naſinski, „ſo ſeid Ihr verloren, wenn ich öffne; denn das Haus iſt ganz voller Franzoſen. Reitet ja eiligſt zurück.“ 4 — 203— „Teufel!“ rief es draußen.„Wie viel ſind ihrer?“ „O, ſo viel das Haus faſſen kann. Über funfzig, Herr, und viele Offiziere!“ „So ſchweig bei Deinem Leben. In einer halben Stunde müſſen meine Leute heran ſein. Ich eile ihnen entgegen. Was dieſes Haus an Feinden verbirgt, muß in unſere Hände fallen. Iſt der Ort auch noch beſetzt?“ „Ich weiß es nicht, Herr! Vielleicht ſind ſie ſchon auf⸗ gebrochen!“ 28 „So müſſen wir eilen! In einer halben Stunde ſind wir wieder hier. Halte Deine Gäſte ja ſo lange auf!“ Mit dieſen Worten entfernten ſich die Reiter. Vorſichtig horchte Raſinski, bis der Hufſchlag der Pferde ſich verlor; dann rüttelte er die Freunde aus dem Schlafe auf. „Was gibt's?“ fuhr Bernhard empor. „Der Feind iſt uns auf der Ferſe,“ antwortete Raſinski. „Eilt, wir müſſen Augenblicks fort und hinunter in den Flecken und Alles wecken, was noch nicht wach iſt. In einer halben Stunde rücken die Koſacken heran.“ Dieſe Worte brachten die Schlaftrunkenen zur vollſten Beſinnung. Ehe drei Minuten vergingen, hatte ſich Alles aufgerafft und war zur Wanderung durch die grimmige Winternacht bereit. Der Wirth mußte herbeiſchaffen, was er von Lebensmitteln und Branntwein beſaß, um es zu thei⸗ len und mitzunehmen. Der zitternde Greis ergriff Raſinski's Hand und ſprach:„O, Herr, wie wird mir's ergehen! Wird man mich nicht für einen Verräther halten und Rache an mir nehmen?“ „Nein, Alter, gewiß nicht,“ erwiderte Raſinski;„ſprich die volle Wahrheit, ſie wird Dich ſchützen. Doch halt— ich will Dich noch ſicherer ſtellen.“ 5 — 204— Er nahm ein Blatt aus ſeiner Brieftaſche und ſchrieb mit Bleiſtift franzöſiſch folgende Worte darauf: „Herr Kamerad! Es lag nur an uns, Sie zu unſerm Gefangenen zu machen, wenn wir hinterliſtig öffneten. Wir wollten aber nur unſere Rettung; denn die Opfer dieſes Krie⸗ ges zu mehren, erſcheint nur als Grauſamkeit. Werfen Sie keinen Verdacht auf den greiſen Wirth dieſes Hauſes, denn nicht er, ſondern ein Offizier, der ihrer Sprache mächtig iſt, ſprach mit Ihnen, während alle übrigen im tiefſten Schlafe lagen.“ Hierauf faltete er den Zettel zuſammen, gab ihn dem Alten und ſprach:„Dieſes Blatt ſichert Dich vollkommen. Vergiß Deinen Schwur nicht! Beſtatte den Todten, den wir Dir zurücklaſſen. Laß ihn in dem Gewölbe Eurer Kirche beiſetzen. Nimm dieſe Börſe, ſie wird Dir die Mittel dazu und überdies einen reichlichen Lohn gewähren. Vielleicht ver⸗ gönnt es mir der Friede, bald zurückzukehren. Kannſt Du mir dann den Sarg mit dem theuren Leichnam zeigen, ſo ſollſt Du zehnfach ſo viel Gold empfangen. Jetzt leb wohl, Alter! Der Himmel ſegne Dich, wenn Du Dein Verſpre⸗ chen redlich erfüllſt.“ Alle waren bereit; man brach auf, Raſinski ſchritt voran. Schwarze Nacht umhüllte die Erde. Nings eine laut⸗ loſe Stille; nur das Kniſtern des Schnees unter den Füßen der Wanderer war zu hören. Niemand ſprach, denn die ſchneidende Kälte machte jeden Athemzug ſchmerzlich. Das Antlitz ſo dicht als möglich verhüllt und verbunden, ſchritt Jeder, nur mit ſich ſelbſt beſchäftigt, in ſtummem Grauen vor ſich hin. Als ſie an die erſten Hütten des Fleckens kamen, fanden ſie die Thüren offen, die Häuſer leer. Man war ſchon auf⸗ gebrochen. — 205— „Es ſcheint, wir ſind allein zurückgeblieben und haben den Feind nahe auf den Ferſen,“ ſprach Raſinski zu Bernhard. Wir müſſen unſere Schritte beſchleunigen, damit wir jenſeits den Wald erreichen; dort finden wir wol Schutz genug, ſelbſt wenn der Tag anbricht.“ Die eine ruhige Nacht hatte die Kräfte der Wandernden ſo geſtärkt, daß ſie neuen Be⸗ ſchwerden gewachſen waren. Nur die entſetzliche Kälte packte Diejenigen, deren Kleidung nicht dicht genug war, mit zu möderiſcher Gewalt an, zumal als ſie jenſeit des Fleckens in freiem Felde eine kleine Anhöhe hinanſtiegen. Bald trafen ſie die Spuren des Heeres; denn der Fuß ſtieß im Finſtern häufig an Leichen, die, zu Stein erſtarrt, mitten im Wege lagen. Mit grauſender Bruſt ſchritten ſie daran vorüber, und Niemand wagte dem Nächſten ſeine Empfindungen zu enthüllen. Doch trug Jeder das bange Gefühl der Angſt in ſich, vielleicht bald ſelbſt erſchöpft auf dieſen unwirthbaren Boden niederzuſinken und in den eiſigen Armen des Winters fürchterlich zu erſtarren. Raſinski, der dieſe Gegend genau kannte, bog von der großen Straße ab, um Smorgoni auf einem nähern und ſicherern Wege zu erreichen. Zugleich entzog der Wald ſie den Blicken des etwa verfolgenden Feindes. Die Kälte trieb zur möglichſt raſchen Wanderung an, ſodaß man, als die dunkelrothe Scheibe der Sonne am Horizont emporſtieg und ihre erſten Strahlen durch die düſtern Gitter der Fichten warf, ſchon eine bedeutende Strecke zurückgelegt hatte. Bianca trug die Beſchwerden mit heldenmüthiger Ent⸗ ſchloſſenheit; man hörte keinen Klagelaut, keinen Seufzer von ihr, wiewol ihr zarter Körperbau unter ſolchen Anſtrengun⸗ gen erliegen zu müſſen ſchien. Ja ſelbſt ihr Blick wurde nicht traurig und beſorgt, und da ſie das Sprechen vermeiden mußte, ſah ſie doch Bernhard und Ludwig oft mit freund⸗ — 206— lichen Augen an, als wollte ſie ſagen:„Bekümmert Euch nicht um mich; es geht mir wohl.“ Eindlich gebot die Erſchöpfung einige Augenblicke der Raſt, ſo gefährlich dieſe bei der Kälte; war denn ſobald der Schlaf den ermüdeten Körper übermannte, ſtand auch ſchon der Tod lauernd hinter dem ſanftern Bruder, um das Augenlid, das dieſer milde herabgeſenkt hatte, mit eherner Hand auf ewig zu ſchließen. Naſinski hieß die Freunde ſich auf einem ſtarken Baumſtamm, der am Wege lag, nieder⸗ ſetzen; er ſelbſt ging auf und nieder und bewachte die ihm Anvertrauten mit ſorgender Treue, damit Keinen der Schlum⸗ mer überfalle. Dieſen Dienſt leiſteten Alle einander gegen⸗ ſeitig. So brachten ſie zwei Mittagsſtunden, meiſt ſitzend, und ſomit ruhend zu. Dann ſetzten ſie den Weg fort und erreichten am ſpäten Abend Smorgoni. Die Stadt war voller Truppen, doch Raſinski traf durch einen glücklichen Zufall den Marſchall Ney, der ihm für ſich und die Seini⸗ gen ein Obdach verſchaffte und ihn dann ſogleich zu ſich berief. 4 Nach einer Stunde kam er zurück. „Um des Himmels willen, was iſt Dir?“ fragte ihn Bernhard, der ihn noch nie ſo verſtört geſehen hatte. „Ihr werdet's zeitig genug erfahren,“ erwiderte Raſinski, „bis jetzt iſt es ein Geheimniß.“ Schweigend ſetzte er ſich nieder und ſtützte das Haupt in die Hand. Alle hielten ſich ſtill, Niemand wagte ihn mehr zu fragen; ſie ehrten ſeinen ſtummen Schmerz. Bernhard beobachtete ihn unvermerkt. Sein dunkles Auge heftete ſich an keinen beſtimmten Gegenſtand; er blickte nur ſtarr vor ſich hin und ſchien die Gegenſtände, auf die es traf, nicht zu bemerken. Von Zeit zu Zeit erhob er den Blick gen Himmel, und eine große Thräne drang daraus her⸗ —— — 207— vor und rann über die Wange herab. Endlich ſtand er auf. Er ſchien den Kampf mit ſeinem Schmerz überſtan⸗ den zu haben. „Und was iſt's denn mehr?— Es mußte ſo ſein!— Er hatte Recht!“ murmelte er vor ſich hin. Dann unter⸗ brach er ſich plötzlich und ſprach freundlich:„Ach Ihr Lieben, hört nicht auf mich— ich bin zerſtreut. Es liegt mir etwas ſchwer im Sinn. Der Schlaf wird Alles verſöhnen.“ Mit dieſen Worten hüllte er ſich in den Mantel und legte ſich auf den Boden nieder, wo die Leute ſeines Regi⸗ ments ſchon ſeit einer Stunde feſt ſchliefen. Jaromir lag in einer andern Ecke des Zimmers. Er hatte ſich, ohne ein einziges Wort laut werden zu laſſen, gleich bei ſeiner An⸗ kunft niedergelegt. Seine Züge glichen denen eines Todten, ſo unbeweglich und gleichgültig erſchienen ſie. Ludwig, Bianca und Bernhard waren allein noch wach. Sie blickten einander wehmüthig an, aber Keiner wagte es, ſeine Beſorgniſſe zu geſtehen. Eine öde Beklommenheit preßte ihnen die Bruſt zuſammen; nur ihre unendliche Liebe leuch⸗ tete mit ſanftem Schimmer in dieſe finſtere Nacht hinein und tröſtete das verzagende Herz. So verſtrich abermals eine Nacht, bis die Dämmerung zu neuen Gefahren und Qualen erweckte. Als ſie zum Auf⸗ bruch gerüſtet waren, trat Raſinski unter die Freunde und ſprach:„Jetzt kann ich Euch entdecken, was mich geſtern faſt zermalmte. Der Kaiſer hat das Heer verlaſ⸗ ſen!’“——— Alle blickten ihn fragend mit vor Schrecken erſtarrten Zügen an. „Und er that Recht!“ fuhr Raſinski fort.„Ich war geſtern ſo erſchüttert wie Ihr jetzt, denn ich weiß, daß nur das unerſchöpfliche Zutrauen zu dieſem Rieſengeiſte das Leben — 208— in den Trümmern des Heeres erhielt. Aber es mußte ſein. Wir können nichts mehr retten als uns ſelbſt; der Kaiſer hat größere Aufgaben zu löſen. Paris iſt jetzt das Schlacht⸗ — feld, wo er gebieten muß. Hier iſt Alles verloren; er mußte eilen, dort Alles zu retten. Wir bleiben uns ſelbſt überlaſ⸗ ſen und wollen uns ſelbſt genügen.“ So brachen ſie auf. 6 Achtes Capitel. Die Sonne ſenkte ſich hinter düſtere nebelgraue Gewölke; vereinzelt, langſam, ermattet wankte eine Schar bleicher Schattenbilder durch den Schnee. Es ſchienen Weſen aus einer andern Welt, wohin niemals der freundliche Blick der Sonne gedrungen war. In den hohlen, blutenden Augen wohnte der Jammer; das Geſpenſt des Hungers grinſte aus eingeſunkenen Wangen und verzerrten Lippen; heulend und klappernd ſchlug der Froſt die Zähne gegeneinander, und auf der öden Stirn, in dem irren Blicke ließ ſich das Grauen des Wahnſinns ſpüren. So taumelten die entſetzlichen Ge⸗ ſtalten betäubt, bewußtlos durcheinander hin, und wo noch ein fühlendes Weſen unter ihnen wandelte, das wurde über⸗ ſättigt mit dem Grauſen rings umher, bis der Schauder jeden Nerv abgeſtumpft hatte, oder das Geſpenſt des Wahn⸗ ſinns endlich doch die übermacht gewann und mit langſa⸗ men Qualen den vergeblich abwehrenden Geiſt mit ſeinen ſchauerlichen Feſſeln umgab. — — n— — 209— Bianca hatte den Schleier über ihr Antlitz gezogen, und verhüllte ſich ſo die Gemälde des Entſetzens um ſie her. Bern⸗ hard und Ludwig gingen ihr zur Seite, ſie trugen abwech⸗ ſelnd das Kind in eine große Decke gehüllt auf dem Rücken, denn die erſtarrten Arme vermochten es nicht mehr zu um⸗ faſſen. Das kleine Weſen allein weilte wie ein ahnungs⸗ loſer Engel unter dieſen Schreckensgeſtalten; die Kälte ermü⸗ dete es ſo, daß es meiſt in Schlaf ſank, aber ohne zu er⸗ ſtarren, denn Bianca's Liebe hatte es in undurchdringliche Hüllen geborgen. Naſinski ſchritt voran mit Jaromir, der, ſchwach und ſchwankend, der Stütze bedurfte; der edle, väterliche Freund leitete den Jüngling mit unermüdlicher Sorge. Sein Zu⸗ ſtand flößte ſelbſt inmitten dieſes allgemeinen Jammers ein tiefes Erbarmen ein; denn der innere Gram erfüllte ihn ſo mit bittern Schmerzen, daß er die äußeren Qualen faſt bewußtlos ertrug. Er ſprach nicht; nur ein leiſer, banger Seußzer ent⸗ ſchwebte von Zeit zu Zeit ſeinen Lippen. So lange das Licht, dieſe Bürgſchaft der ewigen Gnade, den Luftkreis erfüllte, hielten ſich die Hoffnungen noch auf⸗ recht. Aber ſobald die Nacht herabſank und ſich finſter über die erſtarrte Erde lagerte, ſchwand der letzte glimmende Funke des Muthes aus der Bruſt und ein banges Ver⸗ zagen beugte auch die Stärkſten. Nun war die Sonne verſchwunden; die Dämmerung be⸗ gann; der Weg ſenkte ſich in die ungemeſſenen Tiefen eines düſtern Waldes; keine Hoffnung mehr auf ein ſchirmendes Obdach. Wie finſtere Rieſen ſtiegen die mächtigen Fichten am Wege auf und ſtreckten ihre ſchwarzen Arme ſchauerlich überhin. Das dichte Geflecht ihrer Zweige verbarg jeden Schimmer des Himmelsz ſie ſchienen ein ungeheures Gruft⸗ — 210— gewölbe zu bauen, das Raum für viele Tauſende bot. Ver⸗ geblich ſpähte der Blick, das Ende der Waldung zu ermeſſen, ob nicht hinter ihrem düſtern Reich eine wirthliche Hütte der Menſchen ſich aufthue, um den Ermatteten Raſt und Ob⸗ dach zu bieten. An dieſen langſam ſterbenden Flämmchen der Hoffnung ſchleppten ſich die Qualbelaſteten Schritt vor Schritt weiter, bis die letzten Kräfte verſagten. Dann taumelten ſie, der Fuß glitt aus auf dem glatten Spiegel der Eisrinde, ſie ſtürzten zuſammen oder ſanken ermattet in die Kniee. Vergeblich ſtreckten ſie die Arme noch einmal zu den vorüber⸗ ſchwankenden Unglücksgefährten aus, kein Ohr vernahm mehr die Stimme des flehenden Jammers. Der Winter um⸗ ſchlang ſeine Opfer mit kalten Armen und hauchte ſie mit eiſigem Todesathem an; das Blut erſtarrte in den Adern, ſo drang der Tod bis an das Herzv; jetzt hatte er es erreicht, es hörte auf zu ſchlagen, die Marter war geendet, das Haupt ſank vorwärts, ein dunkler Blutſtrom ſtürzte aus dem Munde hervor, und mit ihm war die letzte Lebensſpur entflohen. Die Hoffnung, ein Obdach zu gewinnen, wurde endlich von Allen aufgegeben; es blieb keine Wahl mehr, man mußte ſich der Kälte ohne Schutz und Schirm preisgeben. Viele Scharen machten auf Befehl der Führer Halt und richteten ſich zum Bivouac ein. Bernhard ließ denſelben Wunſch laut werden, doch Ra⸗ ſinski munterte ihn auf, den Weg noch eine Zeit fortzu⸗ ſetzen. Gewohnt, dem Führer zu vertrauen, folgten Alle ſei⸗ nem Rath. Plötzlich ſtand Raſinski ſtill.„Jetzt haltet an, meine Freunde,“ ſprach er,„hier wollen wir Feuer anzu⸗ zünden ſuchen, und ſehen, ob wir dieſe entſetzenvolle Nacht überdauern.“ „Gut denn,“ ſprach Bernhard ſo entſchloſſen er ver⸗ — — 211— mochte, um Bianca's erſterbenden Muth neu zu beleben. „Wölfe flüchten ja vor den Flammen, laßt ſehen, ob dieſes Ungethum, das uns ſchon die kalten Zähne an die Bruſt ſetzt, nicht zu verjagen iſt.“ Raſinski hatte ſelbſt in dieſer verzweifelndſten Lage weder den ſcharfen Blick, der mitten im Drange der Gefahren alle Rettungswegeerſpäht, noch die entſchiedene Kraft verloren, die mit feſter Hand dem brauſenden Geſpann des Verderbens in die Zügel fällt, und es auch dann noch zu lenken und zu bändigen verſucht, wo es ſchon mit uns in den Abgrund zu ſtürzen droht. Darum war er bis jetzt, trotz der äußerſten Erſchöpfung, weiter gewandert; denn er ſpähte nach einer Stelle, wo das Anlegen der Feuer ausführbar war. üÜberall traf er nur ſtark⸗ ſtämmiges, hochgewachſenes oder ganz junges Holz. Wie ſollte das zu fällen oder in Brand zu ſetzen ſein? Wer be⸗ ſaß noch die Kräfte, eine hohe Fichte hinanzuſteigen und droben mit dem ſtumpfen Säbel oder Beil Zweige abzuhauen? Zudem war der Boden überall hoch mit Schnee bedeckt, ſo daß, wenn man die Feuer drauf anzündete, Alles ringsum ſchmelzen und das Lagern unmöglich machen mußte. Hier aber hatte ſein unabläſſig umherſpähendes Auge zwei verdorrte Stämme entdeckt, deren einer halb eingebrochen gegen einen umgehauenen Nachbarſtamm gelehnt war. Dieſe konnte man fällen, dieſe in Brand ſetzen, und alsdann war in den hoch⸗ lodernden Flammen auch jüngeres Holz zu nutzen. Auch hatte er ſein Augenmerk auf einen ſteilen Erdabſturz von einigen Fuß Höhe gerichtet, vor welchem kein Schnee lag, weil der Wind ihn im Fallen ſchräg über den Abſatz hingejagt hatte. War es möglich, die Nacht zu überdauern, ſo konnte es am ſicherſten hier geſchehen. — —- — 212— Eilig hieß er daher die Leute von jener Stelle und jenen Bäumen Beſitz nehmen, und war der Erſte, der ſelbſt Hand anlegte. Bernhard, der, ſeit der Sergeant Ferrand ihn angefallen hatte, wieder Waffen trug, eilte mit einem breiten Hirſchfän⸗ ger zum Holzfällen heran. Ludwig war beſchäftigt, den Schnee noch weiter hinweg zu räumen, ſodaß man einen freien Lagerplatz gewann. Naſinski brach mit Jaromir, der unge⸗ heißen aber ſtumm Alles mit that, die dünnen Zweige von den Stämmen. Die vereinte Thätigkeit ſo vieler Wackern erreichte in wenigen Minuten das Ziel. Eine helle Flamme loderte auf; der Boden wurde mit friſchen Fichtenzweigen zur Lagerſtatt bedeckt, die man dicht unter dem Abhang anlegte, um gegen den Sturm gedeckt zu ſein; man ſchickte ſich an, die ſorgſam aufgeſparten Nahrungsmittel zu bereiten. Die erwärmende Flamme flößte neues Leben in die er⸗ ſtarrten Glieder; die erſchöpft geglaubte Kraft kehrte nach dem Genuß einiger Speiſe wieder zurück. Faſt mit Erſtau⸗ nen empfanden ſie Alle, daß die Natur noch nicht unter⸗ liege, und ein neuer Lichtblick der Hoffnung dämmerte ihnen auf. Das lodernde Feuer hatte bald auch fremde, einzeln wan⸗ dernde Krieger herangezogen; im dichten Kreiſe lagerten ſie ſich umher, ſo nahe wie die Glut es zuließ. Es ſchien, als könnten ſie ſich nach der langen Entbehrung nicht erſättigen in dem Gefühl lebenerzeugender Wärme. Doch der Andrang der heranſchwankenden Unglücklichen wurde immer größer. Schon gebrach es an Raum, und wollte man einen neuen Gefährten aufnehmen, ſo mußte ein bereits gelagerter es mit dem Opfer erkaufen, die eigne Lage zu verſchlim⸗ mern. Aber es war nicht mehr die Zeit, wo Einer für den 84* — 213— Vortheile aufgab, um ihn vom Verderben zu retten. Das Bedürfniß war zu dringend geworden, die Grenze zwiſchen Leben und Tod zu ſchmal. Die kleinſte Nachgiebigkeit konnte ſo von der Flamme entfernen, daß man hinterrücks von der Kälte gepackt wurde. Darum gab es nur für Einen Raum; wer ihn abtrat, mußte ſelbſt verderben. Es war ein grauſes Würfelſpiel des Zufalls um Rettung oder Vernichtung. Hagere Schattenbilder ſchwankten aus dem Dunkel, das den Feuerkreis umgab, heran, und erſchienen wie gräßliche Ge⸗ ſpenſter in dem düſterrothen Glanze der Flammen; vom be⸗ wußtloſen Trieb der Erhaltung geſpornt, wollten ſie ſich in den Kreis der Gelagerten eindrängen, doch ſie wurden grauſam unerbittlich zurückgewieſen. Die Angſt erzeugte eine ohnmäch⸗ tige Wuth; ſie verſuchten ihre Kameraden bei den Schultern, bei den Haaren zurückzureißen, doch dieſe ſetzten ſich mit ver⸗ zweifelndem Grimm zur Wehr und trieben die Elenden mit den Waffen zurück. Dieſe letzte Anſtrengung der Todesangſt hat die Kräfte der Hülfloſen bald erſchöpft; jammernd werfen ſie ſich auf die Knie und flehen ihre Brüder um Rettung an. Vergebens! Menſchen und Himmel bleiben gleich taub gegen den herz⸗ zerreißenden Ruf um Erbarmen. Im verzweifelnden Kampfe des Todes ſtürzen die Unſeligen zu Boden, ihr lauter Jam⸗ merton verliert ſich in ein leiſes Achzen und Wimmern, und bald zeigt das Verſtummen ihrer letzten Seufzer an, daß der ſtarre Tod ihre Qualen geendet hat. So bildet ſich ein ſchauderhafter Kreis von Leichen um den der Lebenden. Bianca's zu weiches Herz hätte dieſen Foltern nicht wi⸗ derſtanden; ihre Milde würde ſich ſo lange ſelbſt geopfert haben, bis das Verderben ihr eigenes Haupt ereilte. Doch über ihr waltete die Gnade des Erbarmers; noch ehe das — 214— Gräßliche ſich an ihrer Seite begab, hatte tiefer, todtenähn⸗ licher Schlaf eine Binde um ihr Auge gelegt, daß ſie das Schauſpiel des Entſetzens nicht ſah; die dämmernde Hülle des Vergeſſens umwob ihre Seele mit tiefen Schleiern. Es war das ſüßeſte Labſal, welches die Hand der Gnade an dieſer grauenvollen Stätte reichen konnte. Ludwig und Bernhard ruhten zur Seite der Schlum⸗ mernden und ſchützten ſie durch ihre Nähe. Gegen Bern— hards Bruſt hatte ſich Jaromir ängſtlich ſchauernd gedrückt; ein innerer Froſt ſchien ihn fieberartig zu ſchütteln, denn der Gewalt des Winters hatte ſein jugendlicher Körper bisher ausdauernder getrotzt, als irgend einer der Gefährten; doch jetzt brach er ſogar ſein tiefes, beängſtigendes Schweigen und fing, was in ſeiner Art nicht lag, bitterlich an zu klagen. „Mich friert, Bernhard, die Kälte umſchleicht mir lauernd das Herz. Ach, laß mich an Deiner Bruſt ruhen!— Und hier, hier glüht es wie Feuer!“ Dabei ſtreifte er ſich mit der Hand ſchwer über die Stirn, als wolle er den brennenden Schmerz lindern. Mit tiefſtem Erbarmen blickte Bernhard ihn an, denn das Auge des Jünglings irrte unſtät umher und verrieth die Verwirrung ſeines einſt ſo hellen Geiſtes. Die ſtumpfe Be⸗ täubung deſſelben, welche die Freunde bisher mit banger Sorge beobachtet hatten, ging nun in eine wilde, ängſtigende Aufregung über, deren zerſtörendes Gift die Keime des Lebens ſchnell vernichten mußte. Nur Schlummer, tiefer erquicken⸗ der Schlummer konnte Rettung bringen, doch ſchien es, als ob ſein milderndes Ol gegen die aufgeſtürmten Wogen der qualbeladenen Seele nichts mehr vermöchte; Denn der Schlaf, der nach dieſer ungeheuern Anſtrengung jedes Haupt mit bleierner Laſt zu Boden drückte, ſobald die Anſpannung des Willens nur einen Augenblick nachließ, gaukelte um den 3 — 215— Ermatteten nur wie ein geſcheuchter Nachtſchmetterling und ſenkte die ſanften Schwingen nicht herab. „Komm, komm,“ ſprach Bernhard mit dem ganzen Aus⸗ drucke der Liebe,„laß Dein heißes Haupt hier an meiner Bruſt ruhen, der Schlaf wird es bald kühlen. Trinke mit uns dieſe Flut des Lethe, damit wir vergeſſen, was ringsum geſchieht. Alles vergeſſen, iſt ja das Beſte, was wir hier von den Göttern erbitten können! Komm, komm, ſchlafe, mein Bruder!“ „Ja, vergeſſen!“ ſeufzte Jaromir ſchwer, indem er ſich ſchauernd an den Freund drängte; er umklammerte ihn feſter mit ſeinen Armen und drückte das Haupt gegen ſeine Bruſt. Bernhard fühlte, wie der Unglückſelige fieberhaft zitterte, und ſchloß ihn mit Freundesangſt und Liebe an ſein Herz.„Nur dieſes eine Leben,“ flehte er innerlich,„erhalte uns, Allmäch⸗ tiger; die Wunde würde das ſchönſte Herz zu grauſam durch⸗ ſchneiden!“ Doch die Erſchöpfung ließ den Geſunden nicht lange wach;z wenige Augenblicke und er lag feſt umwunden von den Armen des Schlafes und wußte nicht mehr, ob ein Freund an ſeiner Bruſt, eine Schweſter ihm zur Seite ruhe. Naſinski allein ſaß wachend in dem Kreiſe, uüber dem jetzo eine tiefe grauenvolle Stille waltete. Regungslos, als hätte der ſtarre Tod ſie hingeſtreckt, waren die Gefährten umher gelagert; der düſtere Schimmer der Glut beleuchtete die von ſeltſam abenteuerlicher Tracht umhüllten Geſtalten. Immer zuerſt für Andere ſorgend, hatte Naſinski es auch zuerſt übernommen, des Feuers zu wahren. Er ſchürte die Glut, daß die Funken in langer Garbe aufſprühten, und warf fri⸗ ſches Holz hinein, junge Tannenzweige, von denen eine ſchwarze Rauchſäule düſter emporwirbelte und über die Häupter der Schlummernden hinwegzog. Finſter blickend, 2*— 216— den Arm auf das gebogene Knie, das Haupt in die Hand geſtützt, ſaß der heldenmüthige Mann, und ſchwere Gedan⸗ ken zogen durch ſeine Seele. Er überblickte den Lauf ſeines Lebens. Was war es geweſen? Schmerz und Qual, heißes Sehnen, Streben und Drängen, Arbeit und Mühen, Wag⸗ niß und Gefahren— und nirgend Lohn, als das Zeugniß der Ehre und des Rechts in der eignen Bruſt. Von Jugend auf der Gram und die nagende Erbitterung um das in Schmach und Unheil geſtürzte Vaterland; ſeit dem Jüng⸗ lingsalter in die wilden Strudel der Weltgeſchicke geſchleudert; fortgetrieben auf dem Strome des Lebens an den grünen Ufern vorbei, ohne Friſt zum Landen und Verweilen, kaum durch den fernen Gruß einer holden, winkenden Geſtalt er⸗ quickt; jedes freundliche Bild des lächelnden Glücks raſch durch rauhe Stürme verweht— was hatte dieſe Bruſt ge⸗ duldet und getragen! „Hm, Hm,“ murmelte er vor ſich hin,„was willſt du denn? Hat nicht die glänzende Sonne der Ehre deinem Leben von Jugend auf geſtrahlt?— Ach, ſie iſt keine Sonne, nur ein Stern, der auf dunklem Nachthimmel glänzt, aber dieſe trauliche Wohnſtätte der Erde nicht erleuchtet, nicht er⸗ wärmt! Durch! Vorwärts! Empor die Stirn! Haſt du Schickſal meine Bruſt mit deinem ehernen Harniſch umgeben, daß ſie nie berührt werden konnte von der weichen Umarmung der Liebe und des Friedens, ſo ſei ſie wenigſtens gewaffnet für den Kampf, und der ſcharfe Pfeil pralle eben ſo macht⸗ los zurück. Ich fordere dich heraus, häufe deine Schrecken, deine Qualen! Die Stunde wird kommen, wo du mir ob⸗ ſiegſt, aber niemals die, wo ich mein Haupt verzagend vor deinem drohenden Arm verberge.“ Er i nichert ſich aufs ſelbſt als der Muth der Staafen 9 — 217— brach, erwachte in ihm das ſtolze Bewußtſein edler Kraft, und er zeigte dem Schickſal ein trotzendes Antlitz. Schweigend, aufmerkend, wachſam ſaß er vor der Flamme; den Schlaf ſcheuchte ſein mächtiger Wille, denn er hütete das theure Leben der Freunde. Neuntes Capitel. Die Stunde war vorüber, da rüttelte er Jaromir auf. „Nun iſt's an Dir, zu wachen; vermagſt Du's aber auch? Du ſcheinſt krank, denn Du lagſt nur im unruhigen Halb⸗ ſchlaf, während die Andern regungslos von ſeinen bleiernen Banden gefeſſelt ſind.“ Das Gefühl für kriegeriſche Pflichten hatte Jaromir noch nicht verloren; hier gehorchte er pünktlich und wußte ſich aus Gewohnheit der Ehre zuſammenzuraffen. Darum antwortete er ſchnell:„Ich bin wach, lege Du Dich jetzt nieder, kein Schlaf ſoll auf meine Augen ſinken!“ Raſinski war beruhigt, als er die entſchloſſene Miene Jaromirs ſah, auf den er ſich ſonſt unbedingt verlaſſen konnte. Er wickelte ſich daher feſter in den Mantel ein und lehnte ſich zurück, um der Ruhe zu genießen. Jaromir nahm einen langen Stab von Fichtenholz und ſchürte die Flammen. Alles war todtenſtill umher, kein Fuß rührte ſich, kein Laut wurde hörbar. „Es iſt doch kalt,“ ſprach der Einſame vor ſich hin und ſtarrte in die Gluth. Ein Schauer ſchüttelte ihn. Im Nacken fühlte er die eiſige Hand des Winters, während ihm die IV. 10 — 218— Flamme das Angeſicht faſt verſengte. Doch mehr als dieſe zwiefache Marter peinigten ihn die Nattern in ſeiner Bruſt. Noch war die Klarheit ſeines Geiſtes nicht entwichen, denn er empfand noch mit ahnungsvollem Grauen, wie ſich düſtere Wolken des Wahns im wechſelnden Vorüberziehen vor die reine Sonne des Bewußtſeins wälzten.„Ich weiß nicht,“ dachte er,„träume ich mehr im Wachen, oder wache ich mehr im Traume. Ich fühle kaum einen Unterſchied zwi⸗ ſchen Schlaf und Wachen; es wälzt ſich wie ein langſam kreiſender Nebel um mich her. Wie ruhig dieſe Alle ſchlafen!“ Seine Blicke weilten auf dem Antlitz der Freunde.„Ja, ſie ſchlafen feſt, ſie träumen wol gar ſüß! Ach! Wer alle Qual ſo verträumen könnte! Wer nie, nie wieder erwachte!“ Es überkam ihn wie übermannender Schwindel; er mußte die ganze Gewalt ſeines Willens, den ſcharfen Stachel ſei⸗ nes Ehrgefühls zu Hülfe nehmen, um nicht betäubt zurück⸗ zuſinken. 6 Plötzlich hörte er ganz in der Nähe, aber aus dem un⸗ beſtimmten Raume des Dunkels, laut auflachen. Als ſchlüge ein kalter Blitz des Entſetzens in ſeine Bruſt, ſo zuckte er bei dieſem Tone zuſammen, der in der grauſen Umgebung wie die frechſte Gottesläſterung klang. „Wer da?“ wollte er laut anrufen, aber die Stimme erſtarb ihm auf der Lippe und ſein Auge ſuchte unſtät ſtar⸗ rend in der Finſterniß den böſen Geiſt des Abgrunds, der hier lauern mußte. Da trat aus dem Schattenkreis der Nacht eine grauſen⸗ hafte Geſtalt in den Glanz des Feuers. Es war ein rieſen⸗ großer Küraſſier, in einen zerlumpten Mantel gehüllt, das Haupt unter dem Helm mit einem blutigen Tuche umwun⸗ — 219— den; er trug einen jungen Fichtenbaum als langen Wander⸗ ſtab in der Hand. „Guten Abend,“ ſprach er mit hohler Stimme herüber zu Jaromir,„guten Abend, Kamerad! Hier geht's luſtig zu!“ „Was willſt Du?“ rief Jaromir entſetzt,„hebe Dich hinweg, Du Ungethüm!“ Der Küraſſier ſtarrte ihn aus hohlen Augen an, ver⸗ zerrte den Mund zu einem fürchterlichen Grinſen und fletſchte wie ein ergrimmtes Thier die Zähne. „Ha, ha, ha!“ lachte er gellend auf.„Schlaft Ihr ſo feſt, Ihr Faullenzer?“ Dabei ſtampfte er mit dem Fuß auf den Leichnam eines Erſtarrten, auf dem er ſtand.„Wacht auf! Kommt mit mir!“ Einen Augenblick ſtand er wie lauſchend; dann taumelte er mit mühſamen Schritten näher und wankte auf das Feuer zu. „Zurück!“ rief Jaromir.„Zurück, oder ich ſchieße Dich nieder.“ Er zog das Piſtol, hkelt es aber in zitternder Hand und vermochte nicht es zu erheben. Der Wahnwißige ſtarrte ihn mit ſtumpfer Gleichgültig⸗ keit an; bald zuckte ein wildes Lachen, bald der Ausdruck des tiefſten Elends über ſeine eingefallenen Züge. Jaromir — das Entſetzen lähmte ihm jede Muskel— hing ſprach⸗ los, bleich, mit unverwandten Blicken an der Geſtalt. Sie ſtand groß aufgerichtet, ſtreckte die hageren Arme unter dem Mantel hervor und machte ſeltſame Bewegungen. „Was willſt Du, gräßlicher Unhold?“ fragte er endlich mit halb verſagender Stimme, ſchon ſelbſt betäubt und irr. „Hu, mich friert!“ heulte der Naſende und ſchüttelte ſich. Dann griff er wie ein ſpielendes Kind nach der Flamme und wankte ihr näher und näher, bis er dicht am Kreiſe der Schlafenden ſtand, über die er beide Arme weit hinaus⸗ 10* — 20— ſtreckte. Erſt jetzt ſchien er die Wärme der Gluth zu em⸗ pfinden. Ein leiſes Wimmern entſtieg ſeiner Bruſt, dann rief er plötzlich, halb lachend, halb jammernd:„Zu Bett! Ins warme Bett!“ warf ſeinen Fichtenſtab weit weg, tau⸗ melte vorwärts über die Gelagerten hin und ſtürzte ſich in raſender Verblendung mitten in die Gluth. „Hülfe! Hülfe!“ ſchrie Jaromir, dem das Entſetzen das Haar emporſträubte, laut auf und packte Raſinski, mit krampfhafter Gewalt aufrüttelnd, an. Dieſer fuhr empor:„Was gibt's?“ „Da! da!“ ſtammelte Jaromir mühſam, und deutete auf die Flammen, in denen ſich der Unglückſelige in gräß⸗ lichen Verzuckungen laut aufheulend, wälzte. Raſinski ahnete mehr, als er begriff, was vorging; raſch entſchloſſen ſprang er auf, um den Unglücklichen zu retten. Doch es war zu ſpät. Schon hatte die Gluth ihn erſtickt; er lag regungslos, die Flamme leckte gierig um ſeine Glieder, und ein dichter, verpeſteter Qualm dampfte in ſchweren Gewölken empor. Schaudernd trat Raſinski zurück und wandte ſein Antlitz ab, um ſeine Erſchütterung zu verbergen; da ſah er, daß rings im Kreiſe Alles im todtenähnlichen Schlafe lag. Kei⸗ ner war erwacht von dem ſchaudervollen Ereigniſſe, das in der Mitte ſo vieler Lebenden vorging. Doch regte ſich eine Geſtalt, es war Bianca. Das gräßliche Geheul des Verbrennenden hatte im Schlummer ihr Ohr getroffen und ihre Seele mit einem ungewiſſen Grauſen erfüllt. In der Ahnung, daß etwas Entſetliihes vorgehe, entrang ſie ſich mühſam den ſchweren Feſſeln des Schlafes und richtete ſich angſtvoll umherblickend auf. Da fiel ihr Auge auf Jaromir, der bleich, zitternd, betäubt, noch immer in die Flamme ſtarrte. Mitleidig wandte das — 221— ſchöne Herz ſich zu dem Unglücklichen, denn ſie ahnete nicht den Zuſammenhang, ſondern glaubte, der Wahn, deſſen unheimliche Vorzeichen ihn ſeit dieſen letzten Tagen ſchon mehrfach angetreten hatten, habe ſich nun ganz ſeiner be⸗ mächtigt. „Lieber Jaromir!“ redete ſie ihn mit innigſtem Tone der Liebe beſänftigend an und legte die Hand auf ſeine Schulter. Er ſah ſich befremdet um und ſchien wie aus einem Traume zu erwachen.„Ach!“ ſeufzte er leiſe aus tiefſter Bruſt und ein ſeltſam wehmüthiges Lächeln ſchwebte über ſeine Lippen. „Es iſt nichts, Bianca,“ ſprach Raſinski raſch hinzu⸗ tretend; er wollte es vermeiden, daß ſie erfahre, was ge⸗ ſchehen war.„Schlummere nur weiter, wir wachen ſchon für Dich, Liebe!“. „Ach, Lodoiska! haſt Du mir endlich vergeben—“ rief Jaromir plötzlich, und ſeine Stimme brach in ein lautes Weinen aus und er drückte das Haupt auf Bianca's Hand und überſtrömte ſie mit Thränen. „Heiliger Gott, was iſt das!“ rief dieſe bebend, wagte aber nicht, die Hand zurückzuziehen. „Beſinne Dich, Jaromir!“ redete Naſinski ihn ernſt an und wollte ihn aufrichten.„Beſinne Dich, raffe Deine Kraft zuſammen und erkenne, wo Du biſt.“ „Ach, Naſinski, ſie vergibt mir,“ rief der Jüngling aus und ſank dem väterlichen Freunde an das Herz;„ſie iſt eine Heilige, ſie zürnt nicht mehr! Um meines ſterbenden Boles⸗ laws willen hat ſie mir vergeben! Nicht wahr? O Du nimmſt es nicht zurück. Ich bin Deiner nicht mehr werth— aber ich kann es ja nicht ertragen, ohne Dich zu leben. Komm nun wieder an meine Bruſt!“ Er faltete die Hände und ſah Bianca mit flehenden Blicken an; große Thränen rollten ihm die bleichen Wangen herab, aber doch überwehte ein leichter, fliegender Roſenſchimmer der Freude ſein Antlitz⸗ „Ich bin ja nicht Lodoiska,“ erwiderte Bianca mit ver⸗ geblich bekämpfter Rührung und ſuchte die Hände des Un⸗ glücklichen ſanft zu löſen. 3„Du biſt es nicht?“ rief er plötzlich mit verſtörtem Aus⸗ drucke.„Du willſt es nicht ſein— Du haſſeſt mich, Du verachteſt mich! Ach, nun iſt Alles vorbei!“ Verzweifelnd warf er ſich wieder an Raſinski's Bruſt und wollte die Arme um ſeinen Nacken ſchlingen; doch die Kraft fehlte ihm, er ſank bewußtlos zurück. „Auch Das will noch getragen ſein!“ rief Raſinski aus, und beugte ſich über den bleichen Jüngling. Bianca wollte in ihrer Angſt Bernhard und Ludwig wecken, doch Naſinski hinderte es.„Was können ſie uns helfen,“ ſprach er düſter aber feſt,„warum ſollen noch Andere als wir dieſe Qual tragen? Es iſt vielleicht bald vorüber!“ „O, entſetzlicher Troſt,“ rief Bianca und rang die Häͤnde. „Nein, nein, das verhängt der Allgütige nicht über uns. Das Maß iſt überfüllt, es kann nicht ſein, es kann nicht!“ „Bete Du zu ihm, reines Herz,“ ſprach Raſinski düſter, ich kann nur handeln und Dein Flehen iſt mehr als mein Thun!“ Bianca gehorchte Raſinski's Worten mit demüthiger Ergebung vor dem Allmächtigen. Sie kniete nieder und flehte aus inbrünſtigſtem Herzen, um Rettung für den Un⸗ glücklichen. Doch ihre Bruſt wollte ſich nicht erleichtern, die Angſt blieb laſtend auf ihrer Seele. Naſinski hatte dem Ohnmächtigen die Schläfe mit Schnee gerieben. Er ſchlug endlich das Auge auf, blickte aber un⸗ ſtät und fremd umher.„Was nehmt Ihr mich aus dem Grabe?“ fragte er dumpf;„es war ſo ſtill und kühl da — 223— unten. Ach, ich ſehe, die Sonne geht prächtig auf und funkelt in die Gruft. Sie iſt ſchön!“ Er ſtarrte unbeweglich in die Flamme. Plötzlich riß er ſich mit überwältigender Kraft aus Raſinski's Arm, ſprang auf und rief:„Das iſt der brennende Höllenpfuhl! Da ſtürzen mich die Finſtern hinein! Schnell, ſchnell!“ Und mit furchtbarer Miene wollte er vorwärts in die Flamme. Ra⸗ ſinski umſchlang ihn mit der Gewalt der Angſt, Bianca warf ſich ihm zu Füßen und umklammerte ſeine Kniee. „Hülfe, Hülfe, Bruder, Ludwig!“ rief ſie mit äußerſter An⸗ ſtrengung, da ſie Beide den Raſenden nicht mehr zu bändigen vermochten. Von dieſer Stimme aus dem tiefen Schlaf ge⸗ weckt, ſprang Ludwig empor. „Himmel, was geſchieht?“ rief er aus, als er Jaromir im Kampf mit Raſinski und Bianca ſah; zugleich erwachte Bernhard und ſprang ebenfalls auf. Es war die höchſte Zeit, denn Raſinski vermochte mit ſeiner vollen Mannskraft den Unglückſeligen, der ſich mit Gewalt in die Flamme ſtürzen wollte, nicht mehr zu halten.„Helft, Freunde,“ rief er,„helft mir ihn bändigen, ſonſt iſt er verloren.“ Ohne zu wiſſen, was vorging, eilten Bernhard und Lud⸗ wig zu Raſinski's Hülfe herbei. Als ſie Jaromirs entſtellte Züge ſahen, ahneten ſie freilich, was geſchehen ſein mochte. „O, ich habe es längſt gefürchtet,“ ſeufzte Bernhard aus tiefſter Bruſt;„ihm lag zu viel auf der Seele, er konnte es nicht überdauern.“ 4 Nach der übermäßigen Anſpannung der Kräfte folgte eine eben ſo raſche Erſchlaffung. Die Arme ſanken dem Un⸗ glücklichen matt herab, die Kniee brachen unter ihm zuſam⸗ men. Da ſchien es, als ob folternde Schmerzen in ihm wütheten, denn er brach in ein lautes, herzzerreißendes Jam⸗ mern aus. Dieſe Töne, ſowie die Unruhe des ganzen Auf⸗ — 224— tritts, hatten endlich alle Schläfer ringsum geweckt. Sie rich⸗ eeeten ſich auf, blickten Anfangs verſtört, dann unwillig über die Störung umher; es entſtand ein dumpfes Murmeln, das von Minute zu Minute wuchs. Sie fingen an auf den Un-⸗ glücklichen zu deuten, und eine dunkle Vorſtellung, als bringe er ihnen Gefahr oder Verderben, bemächtigte ſich ih⸗ rer Seele. „Wer iſt der Raſende, was will er?“ rief endlich ein bärtiger Grenadier voller Ingrimm.„Was raubt er uns die koſtbaren Minuten des Schlafes! Werft ihn hinaus aus dem Kreiſe, er mag erfrieren, wenn er uns ſtört!“ „Werft ihn hinaus, hinaus!“ ertönte beiſtimmend der tobende Ruf der Erwachten, und Mehrere ſprangen auf, um die grauſame That ſogleich zu vollführen. Bianca that einen lauten Schrei des Schreckens, Ludwig fing die Sinkende in ſeinem rechten Arme auf, und wehrte einen wild Andringenden mit der Linken ab. Raſinski, der die Größe der Gefahr ſogleich überſah, ließ Jaromir in Bernhards Arme und ſprang mit funkeln⸗ dem Auge mitten in den Kreis. Schnell entſchloſſen riß er einen halb brennenden Aſt aus dem Feuer, ſchwang ihn hoch über dem Haupt und rief mit ſeiner Löwenſtimme, die ſelbſt in den Donnern der Schlacht mächtig herrſchte:„Zu⸗ rück, Elende! Wer einen Schritt vorwärts wagt, dem zer⸗ ſchmettert dieſer glühende Stamm das Haupt!“ Die Erbitterten hemmten betroffen und ſtaunend ihre 1 Schritte; die geiſtige übermacht Raſinski's hielt ſie gefeſſelt. 2* Nur jener bärtige Krieger riß den Säbel heraus und ſchrie wüthend:„Wie, Ihr Memmen, fürchtet Ihr Euch Alle vor einem Einzigen? Vorwärts! Nieder mit den polniſchen Hunden!“ „Raubthier Dul“ donnerte Raſinski ihm entgegen, und — 225— ſprang wie ein gereizter Löwe auf den Wüthenden zu.„Zu Boden mit Dir, entmenſchtes Ungeheuer!“ Zugleich packte er ihn mit kräftiger Gewandtheit im Gelenk der gehobenen Fauſt, ſodaß er ſeine Waffe nicht zu brauchen vermochte, und ſchlug ihm mit dem brennenden Aſt über den Kopf, daß er zerſplitterte und Kohlen und Funken rings umher ſtoben. Doch der Schlag war durch die dichte Bärmütze ent⸗ kräftet und hatte nur den Zorn des Erbitterten bis zur ſchäumenden Wuth geſteigert. Gebaut wie ein Athlet, an Größe ſeinen Gegner um die Hälfte des Hauptes überragend, ließ er den Saͤbel fallen und warf ſich ringend über Raſinski her, um ihn in die Flamme zu werfen. Dieſer kämpfte nur einen Augenblick mit ihm; da glitt er aus, ſchwankte, ſank in die Kniee. Er war verloren! Ein ruchloſes Ungeheuer drohte das edelſte Heldenleben mit roher übermacht zu zer⸗ ſtören! Da ſprang Ludwig mit Blitzesſchnelle ihm zu Hülfe, umſchlang den Wüthenden von hinten her und riß ihn zu⸗ rück, ſodaß er mit ihm zu Boden ſtürzte. Raſinski raffte den entfallenen Säbel auf, riß dem Niedergeſtürzten mit der Linken die Bärmütze vom Haupt und führte mit der Rech⸗ ten einen Hieb auf ſeine Stirn, der ihm den Schädel mit⸗ ten entzweiſpaltete. Wie ein König, gebietend, ſtolz, rich⸗ tete er ſich jetzt empor und trat mit Majeſtät unter die Staunenden und Erſchreckten.„Werft den Leichnam in den Schnee,“ gebot er,„lagert Euch wieder und ſchlaft. Es küm⸗ mere Euch nicht mehr, als ob ich einen Wolf erſchlagen hätte.“ Als bedurfe er ihrer nicht, warf er die Waffe verächt⸗ lich von ſich, nur durch ſeine erhabenere Seele die Menge beherrſchend. Es wagte Niemand, ſich zu regen; ſondern ge⸗ horſam packten Zwei den blutenden Körper des Gefallenen, trugen ihn einige Schritte weit und warfen ihn auf den Boden. 2 . 10** — 226— Raſinski ging, denn der Zorn wogte bei ihm noch wie die See nach dem Sturme, einige Augenblicke auf und nie⸗ der, ohne ſelbſt der Freunde zu gewahren. Dann wurde er plötzlich ruhig und milder, reichte dem mit Blut beſpritzten Ludwig, der Bianca mit ſanften Liebesarmen umfangen hielt, die Hand und ſprach:„Du biſt mein Retter! Siehſt Du, das hat der Krieg ſelbſt in dieſer grauſenden Geſtalt noch Schönes vor dem flachen Leben der Alltage voraus, daß er uns jede Stunde Gelegenheit zu größeren Dienſten der Freundſchaft und der Liebe bereitet, als ein Menſchenalter des ſchläfrigen Friedens. Du Wackerer! Aber lagert Euch wieder, Freunde; es iſt nichts als ein Todter mehr unter den Legionen, die um uns erſtarrt ſind. Ein Krämerhandel gegen den Welthandel des Geſchicks!“ Sein Auge wandte ſich wieder auf Jaromir; er ſchien in Ermattung oder Schlummer geſunken und feſt mit dem blonden Lockenhaupt an Bernhards Bruſt gelehnt. In den ſtillen, bleichen Zügen lag ein namenloſer Schmerz, den kein Lächeln mit einem milden Schleier bedeckte. „Laß uns ihn in unſere Mitte nehmen, Bernhard,“ ſprach Raſinski.„Was iſt hier zu thun, als ihn der Gnade des Himmels anheim zu ſtellen? Vielleicht beruhigt der Schlaf ſein krankes Haupt.“ Er hatte ſich wieder gelagert, nahm Jaromir liebend in ſeine Arme und drückte ihn innig an die Bruſt:„Hier ruhe aus; die Schauer des Winters ſollen Dich nicht finden in meinen Armen. Und kannſt Du, ſo erwache zu einem mil⸗ dern Tage!“ Damit lehnte er ſich zurück, verhüllte das Haupt und ruhte Herz an Herz mit dem kranken Jünglinge. Bald, ſo mächtig gebot die allbezwingende Natur, ſank er wieder in feſten Schlaf. Die Krieger ringsum waren ſchon längſt wieder von ſeinen betäubenden Banden umſchlungen; * * 5 ——— — 227— ſo entfloh das gräßliche Ereigniß ſchneller als ein flüchtig aufdämmerndes Traumbild. Bernhard und Ludwig wachten gemeinſam, weil ein Einzelner doch vielleicht dem Schlafe zu leicht unterlegen wäre, und theilten die Sorge für die Flamme, mit der das Leben Aller zur ewigen Nacht erloſchen ſein würde. Ein ſcharfer Nachtwind erhob ſich; er ſtreifte ihre Wangen mit eiſiger Berührung und bewegte die Wipfel der hohen Tan⸗ nen, daß der Schnee in leichten Flocken herabgeſchüttelt wurde. „Wie uns der Winter im Rücken lauert,“ murmelte Bernhard;„es iſt mir ordentlich, als fühlte ich die ehernen, ſtarren Tatzen im Genick, mit denen er ſeine Opfer würgt. Fort, Du Raubthier! Hier hat Dein Reich ein Ende! Hier brennt die Flamme des Heils, die wir heiliger bewahren wollen als die der Veſta!“ „Wie ſchmal,“ bemerkte Ludwig,„iſt der Ring des Le⸗ bens, der ſich um dieſe Sonne zieht. Wir liegen zwiſchen dem Flammentode und dem des Erſtarrens auf der faſt un⸗ theilbaren Grenzlinie.“ „Wenn der Wind uns ſo ſcharf anhaucht, wie jetzt,“ erwiderte Bernhard, indem er die Flamme ſchürte,„und das Feuer uns ſo glühende Pfeile ins Auge ſchießt, ſo iſt es freilich faſt, als fühle man beide Martern zugleich. Doch was willſt Du? Iſt es nicht das Bild des Weltalls im Kleinen? Unſere Erde, eine Spanne näher der Sonnen⸗ flamme, verglüht und zerſtäubt in Aſche, eine Spanne fer⸗ ner und alles Leben erſtarrt in dem öden, kalten, unermeß⸗ lichen Weltraum. Der Menſch iſt überall ſo hülflos, ſo nichtig als hier. Er verſchließt nur ſein Auge und blickt nicht hinaus über ſein ſchmales Grenzgebiet im Leben, Wiſ⸗ ſen und Genießen!“ . — 228— „Nein, Bernhard, Du ſprichſt nicht wahr, nicht einmal wahrhaftig für Dich ſelbſt,“ entgegnete Ludwig ernſt.„Du denkſt ſo klein nicht vom Leben und mißkennſt die Bürg⸗ ſchaft des Ewigen in ſeiner kurzen Erſcheinung nicht. Wer könnte denn dieſes Leben nur einen Augenblick ertragen, ohne die Ahnung des Jenſeits, die ewig als das Siegelbild des Himmels unter den bewegten Wellen des irdiſchen Ver⸗ kehrens ſchimmert! Und iſt das Schönſte, womit ſich unſer Daſein ſchmückt, nicht auch ein Abglanz von dort— die Liebe—“ „Aber hab ich's denn geleugnet,“ unterbrach ihn Bern⸗ hard, und ſeine ganze weiche Seele glänzte in ſeinem Auge. „Sieh nur Dieſe dort,“ er deutete auf Bianca,„ſieh ſie ſchlummern und frage Dich dann ſelbſt! Sie macht mich ſogar fromm, wie die Leute es gewöhnlich meinen. Denn wenn ſie betet und kniet, iſt es ſo ſchön und wahr, daß ich denke: Was kannſt denn Du Beſſeres? Nur von ihr lerne ich, daß Demuth ſtärker iſt als Stolz; freilich vergeſſe ich's zu ſchnell wieder! Geſtern, als das Elend uns zu zer⸗ malmen drohte, ſah ich ſie hinter jenem Fichtenſtamm knieen und beten; und ich that es auch, aber nur für ſie. O, Lud⸗ wig, werden wir ihr holdes Leben retten aus dieſem Abgrund des Entſetzens, in den wir täglich tiefer und tiefer ſinken?“ „Ich hoffe es noch,“ ſprach der Freund innig bewegt. „O, jetzt ſehe ich's,“ erwiderte Bernhard,„wie Du beſ⸗ ſer biſt als ich. Ich handle raſcher als Du, ſcheine un⸗ gebeugter, aber Du biſt es. Ich fühle, daß mein Hoffen, mein Vertrauen, meine Kraft eine Grenze hat, und ich ſtehe ihr nahe. Eben zuvor wähnte ich ſie erſchöpft; bin ich aber erſt einmal muthlos, dann werde ich es ganz ſein. Du in Deiner edlern Ruhe, Deiner feſten, unerſchütterten Män⸗ nertugend wirſt es niemals werden. Ich eile, ſpringe, fliege; — — 229— ſo bin ich Dir freilich eine Zeit lang voran geweſen. Du gehſt feſten, ruhigen Schrittes; ſo wirſt Du noch aufrecht ſtehen, wenn ich ſchon mit gebrochener Kraft am Boden liege! Dann Ludwig— dann beglücke meine Schweſter— und grüße die Deine! Nein, nein, ſprich nichts, ich bitte Dich,“ rief er heftig, als Ludwig ihm antworten wollte. Er wandte ſich ab und hüllte ſich dichter ein. Ludwig, der ihn kannte, ſchwieg; aber ſeine Seele u. voller Liebe. So ſaßen ſie ſtumm nebeneinander. Da ließ ſich ein leiſer ſingender Ton neben ihnen hören. Es war Jaromit, der ſchlummerlos mit offnen Augen lag und, unheimlich lächelnd, leiſe ſang. „Er träumt von ihr,“ ſprach Ludwig,„das iſt die Me⸗ lodie des Liedes, das uns Lodoiska an jenem Abende in Warſchau ſang. Ich habe die Weiſe oft von ihm gehört. Alſo dort weilt ſeine Seele?“ Bernhard betrachtete den Armen mit düſtern Blicken. „Dort weilt ſie,“ wiederholte er langſam,„bei ſeiner Liebe! Es iſt verhängt über uns,“ ſprach er endlich mit tiefer Stimme,„wir ſollen untergehen. Der Abgrund klüftet ſich zu tief. Ich kann nicht mehr hinabblicken, ſonſt ſtürze auch ich ſchwindelnd hinunter!“ Der Wahnſinnige ſang leiſe fort und blickte dabei mit unendlichem Schmerze zu den Freunden auf. Nach einigen Minuten erſtarb der Ton auf ſeiner Lippe, und er verfiel wieder in ſtumpfe Bewußtloſigkeit. „Wäre unſere Zeit vorüber, daß ich Ghafen könnte!“ rief Bernhard.„Schlafen! Ich bin müde. Das plumpe Thier wälzt ſich ſchwer über meine Seele hin und erſtickt ihre letzten glimmenden Funken! Es iſt vorbei mit Menſch⸗ lichkeit, Freundſchaft, Liebe und Haßz Alles ſtumpf und öde, ———y— — 230— und todt. Denn wer könnte ſonſt ſchlafen bei ſolchem Elende! Was iſt die Uhr?“ „Gleich Mitternacht!“ „So ſind wir bald erlöſt!“ Die Minuten ſchlichen mit ſchwerem ſchleppenden Schritt vorüber. Endlich war die Stunde abgelaufen. Sie weckten ihre Nachbaren und legten ſich zum Schlaf nieder, um die Buürde aller Qualen, alles Schauders, aller Schmerzen, in den öden Raum dumpfer Vergeſſenheit hinabzuſenken. —— B8₰⅔. — 82 — — △έ ₰‿ — S — g . 4 ———ͤͤͤͤ — Erstes Capitel. Als Raſinski Alles zum Aufbruch antrieb, hatten ſich dichte Morgennebel herabgeſenkt und hüllten den Wald in graue Schleier ein. Aber es war nicht feuchtes wogendes Gewölk, welches zwiſchen den Gebüſchen hinzog, ſondern ſchwebender Eisſtaub, der die Atmoſphäre verhüllte. Er athmete ſich wie ein ſcharfes Gift ein. Die Stunde der Vernichtung alles Lebenden ſchien gekommen. „Auf, auf, Ihr Schläfer!“ rief Raſinski;„vorwärts, heut könnt Ihr das Ziel Eurer Leiden erreichen!“ Aber nur die Wenigſten vernahmen ſeinen Ruf. Einige regten ſich noch dumpf aufſtöhnend und taumelten dann wieder zurück, um den überreſt des Lebens auszuhauchen; die Meiſten lagen ſchon in den ſtarren Armen des Todes, und nur ein Kreis von Leichen umgab das verglimmende Feuer. Jaromir richtete ſich empor. Er ſah einer Geiſter⸗ geſtalt ähnlich; aber noch war er am Leben. Ludwig und Bernhard fühlten, daß ſie heut ihre letzten Kräfte anſtreng⸗ ten. Seltſamerweiſe ſchien Bianca am wenigſten erſchöpft, als ob der weibliche Körper der weiblichen Seele gleiche, und, wie ſie, im Dulden ſtärker als der männliche ſein wollte. — ——— —— 33 — 234— Mit ſchauderndem Gefühl mußte ſie uͤber den Kreis von Erſtarrten hinwegſchreiten; weithin war der Boden damit überdeckt, ſo, daß ſie es nicht vermeiden konnte, den Fuß auf menſchliche Körper zu ſetzen. Jaromir ſchien nichts zu empfinden; er ſchritt neben Naſinski hin und folgte jedem ſeiner Winke mit willenloſem Gehorſam. Es herrſchte noch eine Todesſtille in dem öden, däm⸗ mernden Walde; denn Die, die um die verglimmenden Feuer gelagert waren, ſchliefen noch feſt, oder lagen ſchon in den unauflöslichen Armen des Todes. Man ging an hohen Fichtenſtämmen vorüber, von denen düſtere Zweige ſich her⸗ abſenkten. Hier erblickte man Erſtarrte in allen Stellungen, als habe der Tod ſie plötzlich ergriffen und in Steinbilder verwandelt. Einige hielten noch die Axt in krampfhaft ge⸗ ballter Fauſt, mit der ſie den ohnmächtigen Verſuch gemacht hatten, dieſe Rieſenfichten zu fällen. Andere hatten eben ſo vergeblich Feuer um die Stämme gelegt, um ſie ſo in Flam⸗ men zu ſetzen; man ſah ſie knieend, das Antlitz auf die kno⸗ tigen Wurzeln gebeugt, in der Hand noch den halb ange⸗ glimmten Kienbrand haltend. Vom Nebelgerieſel umfloſſen, glichen dieſe Geſtalten rieſigen Schattenbildern, in unheim⸗ lich geſpenſtiſcher Todesſtille und Verſteinerung. Raſinski beſchleunigte ſeine Schritte, um dem grauſen⸗ vollen Orte zu entfliehen. Aber die ganze Straße war mit Schrecken und Entſetzen umlagert, und bei jedem Schritt ſtieß der Fuß an ein grauſes Hinderniß. Endlich nach einer Stunde lichtete ſich der Wald, und da die Nebel ſanken, er⸗ blickte man von fern ein Haus, das Obdach und Wärme gewähren mochte. Mit verdoppelter Eile ſchritten die Wan⸗ derer darauf zu. Doch als ſie näher kamen und die hohlen Fenſter, aus denen Scheiben und Holzwerk herausgebrochen ⸗* — 235 waren, und Feuerſpuren auf dem Boden gewahrten, ſahen ſie wohl, daß auch dieſe Hoffnung täuſche, und hier keine Stätte lebender Menſchen zu treffen ſei. Doch trat Raſinski heran und öffnete das Thor des großen Gebäudes, welches einer Scheuer oder einem Stalle glich. Aber grauſend fuhr er zurück, denn er ſah nur Leichen, die in eklem Gedränge, ja ſelbſt übereinandergehäuft, den Boden gräßlich bedeckten und mit offnen Augen emporſtarrten.„Lebt hier noch irgend ein menſchliches Weſen?“ fragte er voller Grauen mit lauter Stimme. Es blieb todtenſtill in dem ungeheuren Sarge und die Stimme verhallte nachklingend in dem öden Raume. „Lebt hier noch Jemand?“ wiederholte er den Ruf ſtärker, denn ſein Herz wehrte ſich gewaltſam gegen den entſetzlichen Gedanken, daß in dieſem grauſen Gedränge und Gemiſch menſchlicher Körper auch nicht ein Funke des Lebens mehr glimmen ſollte. Aber es war ſo, denn, als er ſein Piſtol nahm und einen Schuß hinein über die Häupter der Gela⸗ gerten that, regte ſich dennoch Niemand, ſondern Alles blieb ſtill wie in der tiefſten Einſamkeit der Wüſte. Unter andern Umſtänden hätte er ſich bei dieſem Verſuche nicht beruhigt, aber jetzt, wo er ſelbſt und die theuerſten Seinigen unmit⸗ telbar von den Schrecken der Vernichtung bedrängt wurden, jetzt war ſelbſt ſein edles Herz ſtumpfer geworden, und er wandte ſich ab und ſprach:„Es iſt Alles vergeblich! Nur weiter, weiter!“ So ſetzten ſie ihren Weg fort in ſo haſti⸗ ger Eile, als es irgend möglich war, denn das Verderben folgte ihnen wie ein Raubthier, das nach Beute jagt und ſich ſeines Opfers bemächtigt, ſowie es, von Entkräftung übermannt, einen Augenblick Athem zu ſchöpfen verſucht. Die Straße bedeckte ſich jetzt mehr und mehr mit Wan⸗ dernden, die aus den Wäldern zur Seite, oder aus nahe gelegenen verlaſſenen Dörfern zuſammenſtrömten. Bald be⸗ — 236— fand man ſich wieder im dichten Gewimmel jener geſpenſti⸗ ſchen hohläugigen Schreckensgeſtalten, die der Winter mit grauſamem Hohn in die abenteuerlichſten Hüllen getrieben hatte, ſo, daß das Lächerliche ſich in die fürchterliche Nähe des Entſetzens gewagt zu haben ſchien. Jeder Hauch der Lippe erſtarrte augenblicklich, daher waren die langen verwil⸗ derten Bärte der Krieger, ja ſelbſt Haar und Brauen mit ſcharfen Reifnadeln beſäet, die ihnen das Anſehen uralter ſil⸗ berhaariger Greiſe gaben. Doch mitten unter allen dieſen Schrecken blieb die höchſte Pein für die ſo eng verſchwiſter⸗ ten und befreundeten Herzen der unſelige Zuſtand Jaromirs, der, in völliger Verworrenheit des Gemüths, zwar äußerlich faſt abgeſtumpft gegen die Qualen war, die Alle duldeten, ja ſogar oft in wahnſinnigen Scherz und Lachen ausbrach, aber innerlich in ſtets ſich erneuenden Anfällen bald vom tiefſten Jammer, wobei er in lautes Weinen ausbrach, bald von ungebändigter Wuth und Verzweiflung ergriffen wurde. In dieſen Zuſtänden des Raſens, die die letzten Lebensban⸗ den plötzlich zu ſprengen drohten, kannte er Niemand und ſtieß ſelbſt Raſinski in blinder Wuth von ſich; die Freunde mußten ihn umringen und halten, damit er nicht Hand an ſich ſelbſt legte. Sie thaten es, doch reichte ihre Kraft nicht aus, und ſie ſahen den Augenblick kommen, wo das Schreck⸗ lichſte geſchehen, wo ſie den Unglückſeligen als ein nicht mehr zu rettendes Opfer den Furien zum Raube überlaſſen mußten. Zweimal war der Anfall der Wuth vorübergegan⸗ gen; als ſie ihn zum dritten Male antrat, packte es ihn fürchterlicher und dauernder als zuvor. Endlich rief Raſinski: „Es iſt unmöglich, wir müſſen ihn aufgeben; uns bleibt nur die Hoffnung, daß das übermaß ſeiner Folter ihr Ende be⸗ ſchleunigen werde.“ Und ſchon wollten ſie ihn loslaſſen, daß er in ungebän⸗ * 1 —,.,— —— — 237— 4 digter Wuth fortſtürzen könne, da ſandte der Himmel einen Engel der Rettung. Es war Bianca! Ihr Herz vermochte es nicht zu überwinden, daß ein ſolcher Freund dem Ver⸗ derben überlaſſen werden ſollte, ſo lange der heilige Funke des Lebens in ſeiner Bruſt glühte. Weinend und flehend warf ſie ſich zwiſchen die Männer und rief:„O nein, gebt ihn nicht auf, rettet ihn oder laßt uns mit ihm verderben!“ Dann wandte ſie ſich zu Jaromir ſelbſt und ſcheute ſich nicht, den Naſenden ſanft anzurühren; ſie flehte ihn mit einem Tone, deſſen fromme Kraft der Bitte ſelbſt in die tiefe Nacht und Verworrenheit des Wahnſinns eindrang:„O ſei ruhig! Kehre zu Dir zurück, erkenne Deine Freunde und ſei wieder Du ſelbſt!“ Jaromir blickte ſie, wie aus einem wilden Traume auf⸗ fahrend, ſtarr an und vergaß plötzlich das Toben gegen die hemmenden Arme der Freunde Die empörten Wogen ſeines Wahnſinns ebneten ſich, als die holde Geſtalt mit mildem Sonnenblick die düſter verhüllenden Wolkenſchleier ſeiner Seele theilte. Fromm und gehorſam wie ein Kind hob er die Hände halb gefalten gegen ſie empor und ſprach mit be⸗ bender Stimme:„Ich will Dir ja gern folgen, nur laß mich an Deiner Seite gehen und verſtoße mich nicht wieder!“ Sie reichte ihm mitleidsvoll den Arm und entgegnete: „Komm, ich will Dich führen.“ Und willig ließ er ſich von ihr leiten, und brach nicht mehr in ſeinen Jammer, nicht mehr in ſeine Wuth aus, ſondern lächelte ſtill wie in ſeli⸗ gen Träumen. Mit gerührtem Erſtaunen gewahrten die Männer dieſe Macht der reinen weiblichen Seele, und ihre Bruſt füllte ſich mit Demuth und Verehrung. Bianca aber ſchritt dahin wie ein Engel der Barmherzigkeit Der einen Verirrten durch die Wüſte führt. Es war die letzte Prüfung! Endlich ſchlug die Stund⸗ 1 4 4 3 — 238— 5 der Erlöſung. Plötzlich tönte durch die Reihen von den Vorderſten her ein Ruf des Staunens und der Freude, dem die Schwingen im Augenblick mächtig und mächtiger wuch⸗ ſen. Er verwandelte ſich in ein anſchwellendes Brauſen, denn Alles fragte und forſchte nach der Urſache, und im beſchleunigten Lauf drängte die Menge vorwärts, ſo viel die aufs äußerſte erſchöpften Kräfte es noch zulaſſen wollten. Endlich erreichte auch Raſinski mit den Seinigen die Bie⸗ gung des Weges, woher der Freudenruf erſchollen war, und Wilna, dieſes lang erſehnte Ziel der Rettung, dieſe erſte bevölkerte, wohnliche Stadt, lag vor ihren Augen. Bei die⸗ ſem Anblick jauchzte die Seele auf im Dank gegen den All⸗ barmherzigen; die Freunde hielten einander in den Armen, heiße Thränen des dankenden Entzückens floſſen, denn das Ufer der Rettung lag endlich vor ihrem Angeſicht nach un⸗ nennbaren Drangſalen, Schmerzen und Opfern. Selbſt die bitterſten Rückerinnerungen ſchmolzen in die⸗ ſer Minute hinweg vor dem Sonnenblick des Glücks; nur der Pfeil der Gegenwart, der noch in der friſchen Wunde des Herzens ſteckte, ſchmerzte brennend. Mit Jammer betrachtete das Auge den unglückſeligen Freund, den das ſchwerſte Verhängniß getroffen, die Stunde der Erlöſung nicht mehr empfinden zu können. Nur einen Tag früher, und auch ihm hätte die milde Sonne der Freude gelächelt! Doch mit dumpfem Donner ſchlug das grauſame Geſchick die Pforten zu, eben da er vor den Eingang trat, und verwehrte ihm auf ewig die Rückkehr in die glückſeligen Gefilde des Lebens.— Gleichguͤltig ſah Jaromir den weinenden Dank der Freunde. Nur einen Augenblick ſchien es, als dämmere ihm ein ferner Schimmer der Wahrheit auf, er athmete raſcher, beklemmter; es war, als wollte der Strom der Freude ge⸗ 8 ——— 4 — 239— waltſam hervorbrechen aus der Bruſt und die finſtern Ban⸗ den des Wahnſinns ſprengen. Doch ſie blieben mächtiger; ſeufzend ſenkte der Unglückliche wieder das Haupt, und das aufflammende Feuer ſeines Auges erloſch in mattem Glanz. „Führe mich weiter, Lodoiska,“ ſprach er endlich bittend zu Bianca, die, von der Freude überwältigter als von Schmerz und Schrecken, in Ludwigs Armen hing, unvermögend, ſich auf den wankenden Knieen zu erhalten. Erſt das Gefühl, daß ein grenzenlos Unglücklicher ihrer bedürfe, gab ihr die Kraft wieder. Sie reichte ihm aufs Neue den leitenden Arm, und ſie wanderten vorwärts, von den Kräften der Hoffnung friſch belebt. Doch das nahe Ziel war ſchwer zu erreichen. Denn ſchon ſah man die Straßen breit vom ſchwärzlichen Gewim⸗ mel der Unglückſeligen überdeckt, welche der Anblick des er⸗ ſehnten Zieles ihrer Leiden aus der ſtarren Betäubung ge⸗ weckt hatte, in die ſie durch das Übermaß der belaſtenden Qualen verſenkt waren. In blinder Haſt— wie es denn überhaupt der Fluch war, der auf dieſem ganzen Zuge la⸗ ſtete, Heil und Verderben mit gleicher Verblendung zu ver⸗ kennen— ſtürzten ſie gegen die Stadt hinan. Schon ent⸗ ſtand ein treibendes, wogendes Gedränge, obgleich noch das offene Feld eine freie, zerſtreute Verbreitung der Maſſen ver⸗ ſtattete. Wie ſollte es werden, wenn engere Eingänge das Abſtrömen dieſer Fluth hemniten? Raſinski ſah es mit Be⸗ ſorgniß. Er fürchtete eine zweite, ſchrecklichere Bereſina, weil nicht einmal der Feind, ſondern nur die raſende Verblendung der Freunde das Verderben zu beſchleunigen drohte. Wie dort folgte der ganze Strom einem Zuge; von einem thie⸗ riſchen Triebe bewußtlos gedrängt, ging Jeder ohne Urtheil und Beſinnung Dem nach, der vor ihm wanderte. Die Be⸗ gierde, das Ziel zu erreichen, ließ nur dieſes ſehen, und auf — 240— dem nächſten Wege wollten es Alle gewinnen. Raſinski ſpähte umher, ob ſich nicht ein Seitenweg aufthue, den man un⸗ bemerkt einſchlagen könne; denn er befürchtete einen zu ſtar⸗ ken Strom nachzuziehen, wenn er mit ſeinen Freunden plötz⸗ lich querfeldein wanderte. Jetzt erreichte man ſchon einige Häuſer, die vereinzelt vor der Stadt lagen, und die Vor⸗ ſtadt war nahe. Hier ließ ſich der Plan ins Werk ſetzen. „Haltet Euch dicht an mich, Freunde,“ ſprach er vor⸗ anſchreitend,„und folgt mir ſogleich, wenn ich zur Seite einbiege. Hinter jenem Zaun herum muß man ein anderes Thor der Stadt erreichen, was vielleicht nicht ſo belagert durch das Gedränge iſt.“ Da Jaromir völlig ruhig geworden war, nahm er die⸗ ſen wieder an ſeinen Arm und ließ Bianca zwiſchen Bern⸗ hard und Ludwig gehen. Schon fing der Strom an, ſich zu ſtopfen, ſchon wurde man mehr vorwärts gedrängt, als man freiwillig ging. Es war daher die höchſte Zeit, den Plan auszuführen. „Jetzt,“ rief Raſinski und brach ſeitwärts aus. Bern⸗ hard und Ludwig, die Schweſter in der Mitte, folgten ihm. Von einer dunklen Ahnung getrieben, drängten ſich ihm ſo⸗ gleich ganze Scharen nach, ſodaß ſie einen Zweig des ſtrö⸗ menden Gedränges auf dieſe Weiſe ableiteten. Die Straße 9 ging zur Seite in einen ſteilen glatten Abhang aus. Ra— ſinski war ihn glücklich hinunter, doch Bianca glitt aus und fiel nieder. Zwar unterſtützten Bernhard und Ludwig ſie ſo⸗ gleich, doch waren auch ſie zu geſchwächt und unſicher, um ſich feſt auf den Füßen zu halten, zumal da Bernhard das Kind trug; ſo fielen ſie gleichfalls. Der Strom der Menge ging ſogleich von beiden Seiten neben ihnen hinweg; er wälzte ſich nicht über ſie hin, ſchnitt ſie aber mit ſeinen b V — 241— dichten Wellen von dem führenden Freunde ab. Mühſam rafften ſie ſich empor; Bianca hatte ſich den Fuß verletzt, ſo daß ſie nur mit größter Mühe auftreten konnte. Bernhard ſpähte nach Raſinski umher; er war verſchwunden, und be⸗ reits überdeckte ein ſchwarzer Strom der Menge das Feld. „Vorwärts, vorwärts, um des Himmels willen vor⸗ wärts!“ rief er daher,„ſonſt werden wir völlig von ihm ge⸗ trennt.“ Allein es war zu ſpät. Schon zu Viele hatten ſich zwiſchen ſie und den Freund eingedrängt, und von der Seite her mehrte ſich die Maſſe derſelben, weil die Nachkommenden auf der großen Straße dieſe früher verließen und quer über das Feld eilten, um ſich den Vorangehenden ſo raſch als möglich anzuſchließen, indem ſie glaubten, hier ſei das Ziel der Rettung ſchneller zu erreichen. Gegen dieſen Strom zu kämpfen war unmöglich; ihn vordrängend raſcher theilen zu wollen, ſchien eben ſo vergeblich. Es blieb ihnen daher nichts übrig, als ſich von ſeinen Wellen forttreiben zu laſ⸗ ſen. Der Weg ſchlang ſich um die winkligen Zäune meh⸗ rerer einzelnen Gehöfte. Plötzlich theilte er ſich in verſchie⸗ denen Richtungen, und alle waren ſie bereits von der anſtrö⸗ menden Menge erfüllt. Welche hatte nun Raſinski einge⸗ ſchlagen? Es war nicht zu ermitteln; und wäre dies auch möglich geweſen, es hätte nichts mehr nützen können, denn auch hier war es dem freien Willen nicht mehr überlaſſen, den Weg zu wählen, ſondern Jeder mußte dahin, wohin die zufällige Richtung der immer mächtiger drängenden Scharen ihn trug. Nach demſelben Grundſatze, der ihm an dem ſtygiſchen Strom der Bereſina zum Heil gedient hatte, trach⸗ tete Bernhard nur darnach, ſich aus dem Strom der Menge herauszukämpfen, um endlich wieder die Wahl des Pfades frei zu haben. Dies gelang ihm kurz vor den erſten Häu⸗ IV. 11 ——— — 242— ſern der Vorſtadt, in deren enge Gaſſen ſich die Scharen wie eine vom Wolf geſcheuchte Herde hineindrängten. Athem⸗ los, erſchöpft, gewannen ſie endlich freies Feld; der Winter, der ſie ſo lange verfolgt hatte, wurde jetzt ihr Retter; denn Gräben und Sümpfe, die es ihnen ſonſt unmöglich gemacht hätten, auf dieſem Wege die Stadt zu erreichen, waren feſt gefroren. Ihre Wanderung verlängerte ſich um eine halbe Stunde; freilich für die Erſchöpften eine lange Folter, doch endlich erreichten ſie eine entgegengeſetzte Vorſtadt, ganz al⸗ lein, als ob es gar kein Heer in der Gegend gebe. Doch gewährten ihnen die wenigen ärmlichen Häuſer keinen Schutz, denn ſie waren durch ihre Bewohner verlaſſen; allein das offene Stadtthor lag wenige hundert Schritte vor ihnen, und ſie erblickten bereits mit unausſprechlicher Freude einige, zwar dicht eingehüllte, aber doch wohlgekleidete Menſchen auf der Gaſſe, deren Außeres verrieth, daß hier die Wüſtenei des Krieges ein Ende hatte. Zitternd vor Freude traten ſie in das Thor ein; denn ſelbſt die Sorge um Raſinski beküm⸗ merte ſie jetzt nicht mehr ſo ſchwer, da ſie beim Anblick der bewohnten Häuſer, des Verkehrs und aller jener Zeichen des Friedens und ruhigen Beſitzes vorausſetzen mußten, daß auch er ein ſicheres Obdach erreicht habe. Nur erſt einige Stun⸗ den der Erholung, der Erwärmung, dann würde ja der theure ſein. Das nächſte Obdach war das willkommenſte; die Noth erhob jede Hütte zu einem Palaſt; daher eilten ſie mit ha⸗ ſtigen, wankenden Schritten auf ein kleines, freundliches Haus zu, aus deſſen Thür ſie ein junges Weib treten ſa⸗ hen, die, gleich einigen Vorübergehenden, die Ankommenden mit erſtaunten Blicken maß. Bianca, als des Ruſſiſchen mächtig, rief der jungen Freund wol aufzufinden, das Wiederſehen doppelt glücklich — 243— Frau ſchon aus einiger Entfernung zu:„Könnt Ihr uns ein Obdach geben, gute junge Frau? Wir wollen es reich⸗ lich belohnen.“ Da ſtürzte dieſe plötzlich mit dem Ausruf:„Um aller. Heiligen willen, Gräfin Feodorowna, was führt Euch hier⸗ her?“ der Kommenden entgegen, ergriff ihre Hände und be⸗ deckte ſie mit Küſſen.„Was führt Euch hierher? Und in dieſem Zuſtande! Barmherziger Gott! Erkennt Ihr mich denn nicht?“ „Axinia! Du biſt es!“ rief Feodorowna mit verſagen⸗ der Stimme aus.„Axinia! Du unſere Retterin?“ Hier ſchwanden ihr Kraft und Sinne zugleich; ſie wankte, Ludwig und Bernhard empfingen ſie in ihrem Ar⸗ men, Arinia ergriff das Kind und voraneilend rief ſie:„Mir nach, hier herein!“ So fanden ſie nach unermeßlichem Dulden endlich Ret⸗ tung, Pflege und Liebe. Sie waren zurückgekehrt aus der Wildniß zu wirthbaren Wohnungen der Menſchen. Ihr Le⸗ ben ſollte keine Folter mehr ſein; freundlich bot ihnen die Wirklichkeit die Hand— der Wechſel war zu unermeßlich; ſo raſch, wie er eintrat, vermochten ſie ihn nicht zu faſſen. Zweites Capitel. Arinia brachte die geliebte Gebieterin, der ſie einſt ihre Rettung verdankte und der ſie jetzt vergelten konnte, ſogleich auf ein Lager. Was das kleine Haus vermochte, ſchaffte ſie zur 11* — 244— Pflege herbei. Nach wenigen Minuten ſchon öffnete Bianca das Auge wieder und blickte, mit vollem Bewußtſein, ſelig umher.„O mein Bruder, o mein Geliebter!“ redete ſie Bernhard und Ludwig an, die an ihrem Lager ſaßen, und reichte ihnen die Hand dar.„Iſt es denn wahr? Sind wir gerettet? Hat dieſer unſägliche Jammer ein Ende er⸗ reicht?“ „Ja, es iſt ſo! Wir zählen uns zu den Wenigen von den vielen Tauſenden, die dem entſetzlichen Geſchick ent⸗ kamen!“ „Und welche Hand iſt die erſte, die mir Rettung beut! — Ach Ludwig, ich opferte einſt viel für dieſes freundliche Weſen! Ich opferte ihr meine Liebe zu Dir! Freilich wohnte ſie damals nur als tiefſtes Geheimniß, faſt mir ſelbſt unerklärt, in meiner Bruſt und glänzte unerreichbar fern wie ein ſchönes Geſtirn in der Nacht meines Schickſals; aber ſie war auch der einzige Strahl der Hoffnung, der mir lä⸗ chelte, ſie war das einzige Glück meiner einſamen Träume! Doch wie unausſprechlich reich lohnt die gütige Hand des Allmächtigen und wie wunderbar führt ſie die Pfade unſeres Geſchicks! Nun iſt es Arinia, die uns aus dem tiefſten Verderben rettet.“ Dieſe war indeſſen eingetreten und näherte ſich mit dem Ausdruck des höchſten Glücks in den Zügen. Bianca fragte ſie jetzt nach ihren Schickſalen, nach der Urſache, die ſie in Rußland zurückgehalten habe, aus dem ſie für immer entfliehen wollte. Mit einem leichten Erröthen erwiderte die junge Frau, daß ein zu frühes Kindbett ſie überraſcht und auf ein langes Krankenlager geworfen habe. Dies zehrte die kleine Reiſebaarſchaft faſt auf, und da ſich indeſſen die Ge⸗ legenheit für Paul bot, weil er franzöſiſch, deutſch und ruſ⸗ ſiſch ſprach, einen vortheilhaften Dienſt als Aufſeher in —— —— — 245— einem Lazareth zu erhalten, nahm er dieſen um ſo freudiger an, als bei den Kriegszeiten ſeine Ausſichten auf Verſorgung in Deutſchland doch nur ſehr unſicher waren, und Ayxinia ſich unterdeſſen völlig von ihrer Krankheit erholen konnte. Dies war nun auch jetzt noch ihr Verhältniß. Indem das freundliche junge Weib ihre kleinen Schick⸗ ſale berichtete, entſtand auf der Straße ein ſeltſames Geräuſch und Getümmel. Es verſammelten ſich Leute in verſchiede⸗ nen Gruppen, Andere liefen eiligſt die Gaſſen aufwärts nach der Mitte der Stadt zu, in allen Häuſern öffnete man die Fenſter und blickte neugierig heraus. Arinia that Daſſelbe. „Heilige Mutter Gottes, was gibt es denn?“ rief ſie er⸗ ſchreckt aus.„Ach da kommt Paul, er wird uns Nach⸗ richt bringen.“ Sie eilte hinaus ihrem Manne entgegen, der, als er durch ſie die Kunde von Dem, was in ſeiner Wohnung ge⸗ ſchehen war, erhalten hatte, voller Freude eintrat. „Gnädigſte Gräfin!“ rief er,„darf ich meinen Augen trauen? Und Sie wären mit jener Schar Unglückſeliger gekommen, die heulend und wild in die Gaſſen einbricht? Unmöglich!“ „Wir kommen mit dem Heere,“ entgegnete Bianca, „es iſt nur zu wahr!“ „Mit dem Heere?“ fragte Paul erſtaunt.„Alſo das iſt das Heer? Nimmermehr! Es iſt unmöglich!“ Jetzt erſt entdeckte ſich's, daß die Bewohner Wilna's, ſo geheim hatte der Kaiſer ſein Unglück zu halten gewußt, noch keine Ahnung von den furchtbaren Geſchicken hatten, durch die die Macht des Weltbeherrſchers zertrümmert wor⸗ den war. Starr vor Staunen und Schrecken vernahmen Arinia und ihr Gatte dieſe Kunde, vernahmen die Schilde⸗ rung des unermeßlichſten Elends, das jemals über ein Heer gekommen war. Arinia erblaßte und bebte, als ſie hörte, daß ihre Ge⸗ bieterin dieſe Drangſale und Gefahren getheilt habe. Zit⸗ ternd warf ſie ſich vor einem kleinen Muttergottesbilde auf die Knie und brachte unter ſtrömenden Thränen der Heili⸗ gen den Dank für die Rettung Feodorownens dar. Nun verdoppelten ſich Sorge, Pflege und Liebe auch gegen die ihr noch fremden Begleiter ihrer Gebieterin. Ach, es that ihrem dankbaren Herzen ſo wohl, daß ſie wenigſtens zeigen konnte, wie gern ſie die heilige Schuld abtrug, zu der Bianca's edle Großmuth ſie ewig verpflichtet hatte. 1 Der Lärmen auf der Gaſſe wurde größer; man ſah ein⸗ zelne jener Unglücklichen, die, Obdach und Erquickung ſuchend, bis in dieſe entfernten Gaſſen eilten. Die Erſten wurden aufgenommen; doch als ſich Mehrere, als ſich ganze Trupps zeigten, ſperrten die erſchreckten Bewohner ihre Haäuſer. Die Zurückgewieſenen, die im Angeſichte der Rettung verderben ſollten, da ihre ausgehungerten, ermatteten Körper der furchtbaren Kälte nicht länger widerſtehen konnten, erho⸗ ben ein gräßliches Geheul und Wuthgebrüll. Sie rüttelten die Hausthüren, ſie drohten Feuer anzulegen. Paul war unſchlüſſig, was er thun ſollte; ſein menſch⸗ liches Gefühl trieb ihn an, die Unglücklichen aufzunehmen, die Vorſicht gebot, ſie zurückzuweiſen. Bianca rief entſchloſ⸗ ſen:„Nehmet auf, was Euer Haus vermag! Wir haben das Elend mit getragen, wir wiſſen, daß das Erbarmen un⸗ erläßlich iſt.“ Paul wollte hinunter, um den Worten der Gräfin zu gehorchen; doch es war nicht mehr nöthig. Nur ein kleiner Trupp hatte ſich bis hierher verirrt und Aufnahme gefunden; die Andern waren ſchon auf dem Wege zurück in die Stadt, — 247— um dort ihr Heil zu verſuchen. Er eilte wieder hinauf zu ſeinen Gäſten und erſtattete ihnen Bericht. Bernhard fragte:„Aber wie iſt es möglich, daß jetzt erſt dieſe Leute in die Stadt dringen, daß Niemand für ſie ſorgt, Niemand ihre Aufnahme bereitet? Wir würden ſchon eine halbe Stunde früher hier geweſen ſein, hätten wir nicht, um dem Gedränge zu entgehen, den Umweg bis an dieſes Thor gemacht.“ „Das iſt's ja eben, was das Unheil verurſacht,“ erwi⸗ derte Paul.„Die Maſſe hat ſich in der engen Vorſtadt ſo zuſammengedrängt, daß Niemand rück⸗ noch vorwärts kann. Das Thor iſt verſtopft durch Wagen, Pferde und Menſchen; nur einzeln ringen ſie ſich hinein. Aber wer hätte geglaubt, daß dies das Heer ſei! Wir hielten es für eine Schar von Marodeurs, die, wie beim Rückzug immer, ſich vor dem ge⸗ ordneten Heere hinwälzen und von dieſem gedrangt werden. Daher iſt auch ſogleich in den Magazinen Befehl gegeben, ihnen nichts auszuliefern, und in kein Lazareth dürfen wir ſie aufnehmen.“ „Heiliger Gott!“ rief Ludwig,„ſo verderben dieſe Un⸗ glücklichen durch die eigne, raſende Fürſorge der Ihrigen! Eilt, eilt! wackerer Freund, eilt in die Stadt zurück, erzählt, daß es das ganze Heer iſt, welches in dieſem Zuſtande ein⸗ rückt, ſtellt ihnen vor, daß eine Stunde Verzug Tauſenden das Leben koſten muß, und werdet ſo ein geſegneter Retter zahlloſer Unglücklichen!“ Paul eilte hinweg. Jetzt fingen die Geretteten an, ernſte Beſorgniſſe um Raſinski und Jaromir zu hegen. Bisher hatten ſie ge⸗ glaubt, ſie hätten faſt am ſpäteſten ein Obdach gefunden; nun aber zeigte ſich's, daß ſie zu den Glücklichſten gehörten. Bianca ſprach ihre Beſorgniſſe aus; doch milderte ſie dieſel⸗ — — ö — 248— ben, denn ſie fürchtete, Ludwigs und Bernhards Edelmuth würde ſie beſtimmen, trotz ihrer Erſchöpfung ſich den weichen Armen der rettenden Pflege zu entreißen, um den Verſuch zu machen, Raſinski aufzufinden. Sie hatte ſich nicht geirrt, denn wie auf Verabredung ſprachen Beide plötzlich:„Wir müſſen ihn aufſuchen!“ Jetzt überkam Bianca die Angſt um ihre Theuerſten. „Iſt es aber nothwendig, könnt Ihr ihm Hülfe oder Ret⸗ tung bringen?“ fragte ſie.„Oft ſcheint uns Das eine Pflicht, was am ſchwerſten zu üben iſt. Wo ſollt Ihr ihn auffinden in der unbekannten Stadt, in dem Drängen und Treiben der Obdach ſuchenden Krieger? Wißt Ihr mehr von ihm als er von Euch? Gebt Ihr Euch nicht auf's Neue preis, wenn Ihr in das Getümmel gerathet, wenn —— ach, Ihr überlaßt mich der furchtbarſten Folter der Angſt!“— „Ich habe mir alle dieſe Einwürfe ſelbſt gemacht, Ge⸗ liebte,“ erwiderte Ludwig mit ſanftem Ernſt;„aber die Stimme meiner Bruſt widerlegt ſie Alle. Vor wenigen Mi⸗ nuten hielt ich's für vernünftig, wenn wir uns erſt kräftig⸗ ten und dann gegenſeitig nach einander forſchten, denn ich wähnte, dieſe Stadt ſei für Alle der Strand der Rettung. Da aber auch ſie, wie Alles in dieſem fürchterlichen Kriege, zur Klippe des Verderbens wird, ſo tritt die Nothwendigkeit ein, gleich zu handeln. Auch fühle ich mich durch Wärme und Speiſe ſchon wieder ſtärker. Wie, wenn er, wie die Andern, zurückgewieſen in den Straßen irrte, und nur unſer Säumen ſein Verderben verſchuldete? Nein, Theuerſte, wir müſſen hinaus, ihn zu ſuchen.“ Bernhard hatte indeſſen ſchon ſeine Pelzmütze wieder aufgeſetzt; Axinia verſorgte Beide mit Pelzſtiefeln und andern wärmenden Klendungsſelße und gab ihnen Rum und Brot 249— mit, um ſich oder Andere, die es bedurften, zu laben. Sie gingen und verſprachen in einer Stunde zurückzukehren. Die Stadt bot ein ſchreckenvolles Schauſpiel dar; vor den Magazinen, vor den Krankenhäuſern waren die bejam⸗ mernswerthen Flüchtlinge verſammelt und umlagerten die Thüren, die ihnen die Strenge des Befehls verſchloſſen hielt. Geheul, Flüche und Gebete ſchallten durcheinander; die Be⸗ wohner bargen ſich in ihren ſichern Häuſern und ſchloſſen ſich furchtſam ein. Denn freilich glichen die Ankommenden von Rauch und Erde geſchwärzt, mit dem hohlen Blick der Angſt und des Hungers, einer Schar grauſenvoller Harpyen, die ſich mit ekler Gier auf Speiſe, Trank und Alles, was ein wohnlich behagliches Leben verrieth, zu ſtürzen drohte. Wo man ihnen mitleidig eine Pforte geöffnet hatte, da mußte man es ſchnell bereuen, denn es gab kein Maß mehr, ſie drangen ein wie durchbrechende Waſſerfluten und, nur von dem Stachel der Pein getrieben, hatten ſie auch jedes Gefühl des Dankes, der Schonung verloren. Wie der Fluch über⸗ all waltete, wohin dieſes Heer ſeinen Fuß ſetzte, ſo auch hier; die Rettung war da, das Ziel des Jammers erreicht, aber mit grauſamem Hohn lauerte das Schickſal gerade hier am tückiſchſſen auf. Es riß den Unglückſeligen den Becher der Erquickung von den Lippen, eben da ſie ihn berührten, und ließ ſie in furchtbarer Folter verſchmachten. Vergeblich irrten Ludwig und Bernhard durch dieſes Getümmel hin, wo Keiner ſich mehr um den Andern beküm⸗ merte, ſondern Jeder nur mit blinder Wuth die Rettung ertrotzen wollte; vergeblich riefen ſie Raſinski's und Jaromir's Namen laut durch die Gaſſen— ſie entdeckten keine Spur von ihnen. So ſollten denn auch ſie dieſe ſchneidende Verhöhnung des Geſchicks erfahren, den edelſten Freund, der ihr Schutz 11** und Retter in tauſend Gefahren des ſtürmiſchen Meeres ge⸗ weſen, am ſichern Ufer zu verlieren, wo ſie freudigdankbar in ſeine Arme ſinken wollten! Hoffnungslos wandten ſie endlich die Schritte wieder zurück nach ihrer Wohnung, denn auch die eigne Kraft verließ ſie. Durch lange Gaſſen voll erſtarrter Leichen, die an den Häuſern lagen, an deren Pfor⸗ ten ſie vergeblich geklopft, mußten ſie den Heimweg ſuchen. Noch immer wuchs der Ingrimm des Winters; wer ſich wenige Secunden willenlos hingab, lag erwürgt von ſeiner verſteinernden Umſtrickung. So waren die Gaſſen, die noch kurz zuvor von Jam⸗ mer und Wuthgeſchrei hallten, bald zu öden Kirchhöfen ge⸗ worden, wo keine Spur des Lebens mehr ſich regte und der Tritt ſchauerlich widerhallte. Mit unnennbarem Schmerz und Grauen in der Bruſt näherten ſich die Freunde dem Hauſe Ariniens. Keiner ſprach, Keiner geſtand dem Andern, was er fürchtete, Keiner wagte eine Frage. Schon waren ſie der Schwelle ganz nahe, als ſie einen mit Poſtpferden wohlbe⸗ ſpannten Schlitten in das Thor fahren ſahen. Voll Erſtau⸗ nen über dieſe Erſcheinung, die ſie ſeit Monaten nicht ge⸗ habt und die ihnen vollends jetzt in dieſer Stadt des Ent⸗ ſetzens auffiel, richteten ſie ihre Blicke dahin. Plötzlich rief Bernhard aus:„Allmächtiger Himmel! Ich werde wahnſinnig oder ſehe Geiſter! Es iſt Marie!“ Er packte Ludwig mit krampfhafter Wildheit am Arm und deutete vorgebeugt, heftig zitternd hinüber nach einer weibli⸗ chen Geſtalt, die mit eben zurückgeſchlagenem Schleier aus dem geöffneten Schlittenfenſter blickte. Kaum wurde Ludwig ihrer anſichtig, als auch er das geliebte Antlitz erkannte und mit dem Ruf:„Schweſter, Schweſter!“ ihr mit wankenden Schritten entgegen zu eilen verſuchte. Doch es war un⸗ — 251— möglich, die Kräfte verließen ihn; auch Bernhard ſtand wie an den Boden gefeſſelt und ſchlang die Arme um den Freund, kaum wiſſend, ob er ſich oder ihn aufrecht erhalten wolle. „Schweſter!— Marie!“ tönte ihr Ruf noch einmal, und jetzt erſt hörte ſie ihn. Sie ſtieß einen lauten Schrei des Schreckens und der Freude aus, die Thür des Schlittens flog auf, und, noch ehe die Pferde ſtanden, ſprang ſie hinab, ſank in die Kniee, raffte ſich wieder auf und ſtürzte betäubt und athemlos den offenen Armen des Bruders entgegen. Sprachlos hingen die Geſchwiſter aneinander und konn⸗ ten ſich nicht faſſen in ihrer Liebe, ihrem Gluͤck. Vor Bern⸗ hards Auge wurde es dunkel, ein trüber Thränenſchleier ver⸗ hüllte es; er wandte ſich ab und weinte, bezwungen von tief⸗ ſter Wehmuth. Heftig riß er ſich endlich auf und ſprach: „Ich habe ja auch eine Schweſter und kann in ihren Armen glücklich ſein!“ Er wollte ſich raſch umwenden und hineineilen. Da trat Marie vor ihn wie ein holdes Engelbild und ſprach ſanft anredend ſeinen Namen. Er blickte auf; in ihren Au⸗ gen ſtanden ſelige Thränen, ein verklärender Schmerz ver⸗ edelte ihre Züge, die Lippe flüſterte nur leiſe, weil die Wal⸗ lungen der Bruſt ihr die Stimme raubten:„Bernhard, lie⸗ ber Freund!”— Er ergriff ihre dargebotene Hand;— die Minute war übermächtig, wie mit unſichtbarer Gewalt drängte es ihn, das ſüße Weſen in ſeine Arme zu ziehen, es zu umfaſſen und unauflöslich am Herzen zu halten. Doch ein Blick auf ihr jungfräuliches Antlitz, in dem heiliges Ver⸗ trauen und zarte Scheu zugleich wohnten, ließ ihn vor ſei⸗ nem Ungeſtüm zurückbeben, und er bezwang ſich mit männ⸗ licher Kraft. Sanft drückte er die Lippe guf ihre Hand und ſprach dann:„Marie! auch ich habe eine Schweſter gefunden. O, ich bin jetzt ganz umgewandelt!“ — 252— Sie wollte ſeine Worte erwidern, als er ſich ſelbſt durch den erſtaunten Ausruf:„Wie? die Gräfin!“ unterbrach, und alle Schrecken und Schmerzen zugleich empfand, welche ihre Erſcheinung in dieſem Augenblicke erwecken mußte. Die Gräfin hatte bei Mariens Ruf und ihrem Entei⸗ len ſogleich anhalten laſſen, und folgte ihr mit Lodoiska. Dieſe Letztere war vom freudig überraſchenden Schreck ſo ergriffen, daß ſie ſich nur zitternd, mühſam von ihrer mütterlichen Freundin geführt, zu nähern vermochte. „O Freunde!“ ſprach die Gräfin bewegt, doch mit Faſ⸗ ſung, und reichte Beiden die Hand zur Begrüßung dar.„Sa⸗ gen Sie mir ſchnell,“ fuhr ſie fort,„was wiſſen Sie von meinem Bruder, von Jaromir“”“— „Sie wanderten mit uns hier ein,“ unterbrach Bern⸗ hard die Fragende ſchnell, damit ſie nicht auch Boleslaws Namen nennen ſolle;„doch im Gedränge verloren wir ein⸗ ander. Aber folgen Sie uns; wir haben hier ein Obdach für Sie. Die Stadt iſt uberfüllt mit Soldaten; Sie möch⸗ ten ſchwerlich ein Unterkommen finden!“ Die Gräfin nahm Bernhards Anerbieten ſogleich an, doch warf ſie einen unruhigen Blick auf ihn und Ludwig, deren Züge keine Freude ausdrückten. Lodoiska's Auge hing angſt⸗ voll an Bernhards Lippen, während er ſprach;z eine Ahnung der Wahrheit ſchien ſie zu durchbeben, denn ſie wurde bleich wie der Schnee, auf dem ſie ſtand, als ſie den Namen des Geliebten hörte. Bernhard führte die Gräfin ins Haus, deſſen Thür Arinia, die die Kommenden aus dem Fenſter bemerkt hatte, bereits öffnete. Ludwig folgte, die Schweſter am Arme, an deren Sſit, Lodoiska mit wankenden Schritten ging: Voll Erſtaunen A die fremden Damen und ſah Ber hard fragend an, als wolle ſie ſagen: woher kommen dieſe, und wohin ſoll ich ſie beherbergen? „Schläft die Fürſtin?“ fragte er. „Sie iſt ſo erſchöpft, daß ſie in tiefer Betäubung liegt,“ erwiderte Axinia:„doch kann ich das nicht Schlaf nennen, denn ſie fährt oft verſtört empor, und ruft die Namen Ja⸗ romir, Raſinski.“ Bernhard erſchrak, denn dieſe Antwort enthüllte faſt Alles. „Was bedeutet das?“ rief die Gräfin;„ich beſchwöre Sie, verhehlen Sie mir die Wahrheit nicht über meinen Bruder und Jaromir. Auf ihren Tod iſt unſere Seele längſt gefaßt, und wird das Unvermeidliche ertragen. Dieſe Span⸗ nung der Angſt ſprengt meine Bruſt, wie ſoll Lodoiska ſie ertragen?“ Glücklicherweiſe war dieſe noch ſo weit zurückgeblieben, daß ſie das Geſpräch nicht vernommeu hatte. Bernhard er⸗ widerte leiſe:„Ich kann Ihnen die Angſt nicht erſparen, doch iſt meine Hoffnung größer als meine Furcht.“ Axinia führte die Ankommenden in ein anderes Zimmer, als das, in welchem Bianca in ihrem Halbſchlummer lag. Mit welcher Miſchung der Freude, des Glücks, der Angſt, des Erſtaunens vernahmen die Frauen dort den flüchtigen überblick der Schickſale und Gefahren, welche die Männer in dieſem furchtbarſten aller Kriege überſtanden hat⸗ ten! Die Lippe zauderte, von Boleslaws Tod zu ſprechen, doch endlich nahm Ludwig das Wort:„Einen unſerer näch⸗ ſten Freunde hat das grauſame Schickſal doch unſern Armen entriſſen. Boleslaw fiel; er ſtarb einen Heldentod,— er ſtarb ſchön!“ Marie weinte ſanft in den Armen ihres Bruders, und barg ihr mildes Angeſicht an ſeiner Bruſt. Bernhard ſaß , finſter, das Haupt auf eine Hand geſtützt und ſtarrte auf den Boden. Lodoiska hörte bie Nachricht mit bebender Bruſt und bleichen Lippen; nur kalte Thränen rollten über ihre Wangen. Waren es Ahnungen, die ſie erfüllten, oder war es der Schmerz um den edlen Jüngling, der ſie ſtumm und treu geliebt und dem ſie wenigſtens ein befreundetes Wohl⸗ wollen gewidmet hatte,— wer mag es entſcheiden? Die Gräfin war aufgeſtanden und ging, wie ſie bei großen Er⸗ ſchütterungen pflegte, heftig bewegt durch das Gemach.„O, Ihr ſeid glücklich,“ ſprach ſie ſchauernd,„denen die Laſt des Schmerzes noch in erleichternden Thränen von der Bruſt hin⸗ wegſchmilzt. Ich kann nicht weinen; mein Herz iſt erſtarrt unter der ehernen Hand des Geſchickes, die es zermalmend faßt. Ich weine nicht, und ich will nicht weinen. Wahr⸗ heit, Gewißheit iſt die einzige Gnade, die ich noch von dem Allmächtigen zu erbitten weiß. Sagtet Ihr mir Alles über Raſinski und Jaromir?“ Ludwig zögerte zu antworten, denn von Jaromirs Wahn⸗ ſinn hatten ſie geſchwiegen; doch Bernhard war entſchiedener. „Alles,“ ſprach er ſchnell,„was ſich in die wenigen Striche zuſammendrängen ließ, mit denen wir das Gemälde der un⸗ geheuerſten Weltereigniſſe und der wunderbarſten, eigenen Schickſale zu zeichnen verſuchten.“ Die Gräfin ſtand wie das Marmorbild einer Minerva, unbeweglich, groß empor⸗ gerichtet. Ihr dunkles Auge blickte in die troſtloſe Zukunft hinaus, edler Gram ſchwebte um ihre Lippe, erhabener Ernſt auf ihrer Stirn; lange ſtand ſie ſchweigend und erſtarrt. Da hauchte endlich die Liebe ein ſanftes Lächeln über das edle Angeſicht gleich einem Sonnenblick, der über die öde, nebelverhüllte Herbſtlandſchaft ſtreift.„Ich habe ja noch eine Tochter!“ rief ſie, und breitete die Arme gegen die bleiche, zitternde Lodoiska aus, die ſich zuſammenbrechend an ihre — 255— Bruſt warf. So hielten ſie ſich ſtumm umſchlungen und nur die beklemmten Athemzüge ihrer angſt⸗ und ſchwerbe⸗ laſteten Bruſt waren hörbar in dieſen Minuten heilig⸗düſterer Grabesſtille. Drittes Capitel. 9 Paul war nach Hauſe gekommen; ſeine Erzählungen von dem Zuſtande der Stadt, um den Bernhard ihn heim⸗ lich befragte, konnten wenig Troſt erwecken. überdies brach die Nacht an; man mußte mit der Sonne des nächſten Ta⸗ ges die Wiederkehr der Hoffnung erwarten. Die Frauen befanden ſich bei Bianca im Gemach, der Ludwig ſie jetzt zugeführt hatte. Welche glückſelige Stunden der Liebe, der Freundſchaft, des heiligſten Dankgefühls hät⸗ ten ſie jetzt feiern können, wenn nicht dieſer jüngſte Schmerz um die Vermißten alle Herzen ſo tief zerriſſen hätte! Um den Beſorgten wenigſtens einigen Troſt zu ſchaffen, und damit ſie die Nacht nicht in zu banger Spannung durch⸗ wachen möͤchten, beredete Bernhard den wohlwollenden Paul, den Zuſtand der Stadt günſtiger zu ſchildern, und führte ihn deshalb hinauf in Bianca's Zimmer. Dort berichtete Paul der Gräfin, daß nur die erſte Verwirrung ſo ſchrecken⸗ voll geweſen ſei, daß ſich jetzt ſchon Alles zu ordnen beginne, die Leute in den Häuſern der Bürger wohl aufgenommen der Ruhe pflegten, und morgen neu geſtärkt erwachen würden. Heut ſei das Wiederfinden eines Verlorenen ſchon um deſſen willen unmöglich, weil Jeder, der ein Obdach erreicht habe, — 256— ſich dort der tiefſten Ruhe, die von allen Bedürfniſſen das dringendſte ſei, überlaſſe. Die Gräfin hörte dieſe Mitthei⸗ lungen ſchweigend anz ſie ergab ſich in ihr Geſchick, doch drang kein belebender Hoffnungsſtrahl in ihre Bruſt. Die unabweisbaren Rechte der irdiſchen Natur hatten ſich an den übermüdeten geltend gemacht. Bernhard, Lud⸗ wig und Bianca lagen in feſtem Schlaf; doch die Gräfin unnd Lodoiska wachten in bangem Schmerz. Marie theilte ihre Sorgen, und nicht allein aus innigſter Theilnahme der Freundſchaft, ſondern auch weil ihr Herz, wie mächtig ſie es bekämpft hatte, in ſtummer, heiliger Wehmuth noch immer für Raſinski ſchlug. Paul und Arinia blieben theilnehmend wach, wiewol ſie ſich beſcheiden von ihren Gäſten zurückzogen. In den Straßen der Stadt war es völlig ſtill geworden; auch nicht ein leiſer Laut ließ ſich vernehmen.„Horch!“ ſprach Paul plötzlich auffahrend zu Arxinien,„war das nicht, als ob Je⸗ mand ächze und wimmere? Wahrhaftig, ſchon wieder.“ Er öffnete ein Fenſter, und lehnte ſich lauſchend hinaus. „Es kommt von dort drüben aus der ſchmalen Gaſſe her, wo die Juden wohnen!— Mir iſt auch, als ob ich ihre murmelnden Stimmen hörte.“ Beide horchten ängſtlich beobachtend auf. Nach einigen Augenblicken hörte man den dumpfen Schall eines ſchwer fallenden Körpers und zugleich einen kreiſchenden Laut des Jammers, der durch die ſtille Nacht herüberdrang.„Was iſt das?“ rief Paul.„Was geht dort vor? Hörſt Du, wie es jammert und winſelt? Sollten dieſe grimmigen Teufel—“ Eine männliche Stimme rief, laut wehklagend, um Hülfe. Arxinia rang geängſtet die Hände. Plötzlich wurde die Thuͤr aufgeriſſen, und die Gräfin trat, ein Licht in der Hand, ein. N 3 ——— —— „Was bedeuten jene fürchterlichen Töne?“ fragte ſie ahnungsvoll grauſend.„Sie dringen ſchauerlich durch die Nacht; es klingt wie der Jammerlaut hülflos Sterbender. O geht, Freund, ſeht zu, was es gibt!“ Paul warf ſeinen Pelz über und griff nach einer La⸗ terne. Doch Arinia hielt ihn ängſtlich an und bat:„O geh nicht allein! Wer weiß, welche Greuel ſich dort begeben, und ob die Wüthenden nicht wieder Einen um's Leben brin⸗ gen! Geh nicht allein.“ „Ich muß!“ rief Paul;„die Menſchlichkeit gebietet es.“ „So wecke ich wenigſtens die Herren, daß ſie Dich be⸗ gleiten,“ entgegnete Arinia. „O laß den Entkräfteten doch ihren Schlummer; und wir kämen vielleicht zu ſpät!“ „Nein nein, ſie ſind ja angekleidet und liegen in ihren Pelzen,“ erwiderte Arinia raſch und eilte in das Nebenge⸗ mach, wo Bernhard und Ludwig, da es an Betten im Hauſe mangelte, angekleidet auf dem Strohlager feſt ſchliefen. Die kriegeriſche Gewohnheit war noch ſo lebendig in ihnen, daß ſie auf den erſten Ruf emporſprangen und ſogleich er⸗ muntert waren. „Wir begleiten Euch,“ rief Bernhard auf das erſte Wort Pauls, und bereits hatte auch Ludwig die Piſtolen ergriffen und den Hirſchfänger umgeſchnallt. Paul ging mit der Laterne voran, der Gegend, aus der der Jammerruf ertönte, zu. Es war eine enge Seitengaſſe, die längs der Stadtmauer hinziehend, nur von Juden be⸗ wohnt wurde. Eben wollten ſie in dieſe einbiegen, als eine feſte Männerſtimme ſie von hinten her anrief:„Wer da, wer ſeid Ihr, was gibt's hier?“ „Raſinski!“ rief Ludwig beim erſten Laut, und als der Laternenſchein des ſich raſch umwendenden Paul auf das — 258— Antlitz des Kommenden fiel, erkannte auch ſein Auge den Freund. „Raſinski! Du hier und am Leben!“ rief er außer ſich und lag in ſeiner Umarmung. „Ich habe Euch wieder, Euch, die ich verloren gab! Und Ihr lebt! Bianca lebt?“ „Wir Alle, Alle,“ rief Bernhard und drängte ſich zu der Umarmung.„Wir ſuchten Dich auf, aber vergeblich!“ „Ich Euch gleichfalls!“ erwiderte Raſinski. Sie würden ſich im Drange des Herzens ihre gegenſeiti⸗ gen Schickſale erzählt haben, wenn nicht eben wieder der jam⸗ mernde Hülferuf aus der Gaſſe ertönt wäre. Raſinski ent⸗ wand ſich dabei ſogleich den Armen Bernhards.„Dieſe Töne,“ rief er,„haben mich aus dem Schlaf aufgejagt. Laßt uns jetzt zuerſt der Hülfsbedürftigen gedenken.“ Paul mit der Laterne ſchritt voran, die übrigen folgten. Die Gaſſe war eng und gekrümmt, ſodaß man nicht weit vorwärts blicken und daher auch nicht ſo bald geſehen werden konnte. Als man die erſte Biegung erreichte, und der Licht⸗ ſchimmer den vorgelegenen Raum erhellte, ſah man deutlich einige Geſtalten, die aufgeſchreckt zu flüchten ſchienen, an die Mauer gedrückt hineilen. „Wer da?“ rief Raſinski ruſſiſch.„Steht, oder ich ſchieße!“ Aber die Schatten flogen an der Mauer hin und glitten über den Schnee hinweg. Raſinski ſprang haſtig nach; doch er ſtolperte über einen im Wege liegenden Gegenſtand, fiel, und im Fallen ging ſein Piſtol los. Ludwig und Bernhard waren ihm raſch gefolgt und wollten ihm emporhelfen, doch er rief ihnen zu:„Vorwärts, vorwärts, verfolgt nur die Flüchtenden.“ Sie eilten nach, ſahen aber nur noch eine einzelne Geſtalt — 259— haſtig flüchten; ſie riefen ihr zu, zu ſtehen, doch vergeblich. Ein Schuß, den Bernhard that, ging fehl, doch da der Fliehende ſich unwillkürlich, oder weil er die Kugel pfeifen hörte, bückte, glitt er aus und fiel zu Boden. Ludwig packte ihn zuerſt. „He! Wer ſeid Ihr?“ rief er den Verdächtigen an, der eine Art von langem, ſchwarzem Kaftan trug,„weshalb flüchtet Ihr?“ „Gott meiner Väter!“ bat der Fremde mit kläglichem Ton.„Habt Erbarmen, gnädiger Herr! Was verfolgt Ihr einen armen Juden, da er dem Greuel entflieht?“ „Leuchtet her, Paul,“ gebot Bernhard, der jetzt ebenfalls herbeigekommen war;„wir müſſen zuvor ſehen, was das für ein Geſchöpf iſt, das hier ſo angſtvoll um Erbarmen jam⸗ mert. Es ſcheint nicht das beſte Gewiſſen zu haben.“ Paul hob die Laterne empor, daß der helle Schein der⸗ ſelben auf das Geſicht des Juden fiel. „Teufel! dieſe Larve ſollte ich kennen!“ rief Bernhard erſtaunt.„Wo habe ich denn dies vermaledeite Geſicht ſchon geſehen? Freilich die lithauiſchen Rothbärte ſehen alle einan⸗ der ähnlich! Aber ich glaube doch, Jude, Du biſt der Spion, mit dem wir noch eine Rechnung abzumachen haben, die ſeit fünf Monden läuft.“ Naſinski's Ruf unterbrach dieſe Worte.„Kommt hieher, Freunde,“ gebot er,„hier gilt es, noch Hülfe zu bringen.“ Sie wendeten alle Drei um und zogen den Juden trotz ſeines Sträubens und Jammerns mit ſich fort. „Seht hier das ſchauderhafteſte Verbrechen, was die Menſchheit erlebte,“ ſprach Raſinski bebend vor Zorn und Grauſen, als ſie näher traten.„Leuchtet hieher!— Seht unſere Kameraden halb nackt herausgetrieben in dieſe Kälte, geplündert, erwürgt, aus den Fenſtern geſtürzt! Unge⸗ — 260— heuer,“ rief er mit furchtbarer Stimme den zitternden Ju⸗ den an,„wenn Du Schuld hieran trägſt, ſo laſſe ich Dich lebendig von Hunden zerreißen! Seht hier— hier liegen ſie. Es iſt namenlos entſetzlich!“ In einem Winkel, wo ein Haus ein wenig hinter der Reihe der übrigen ſtand, ſah man acht Leichname, halb nackt, nur mit einem Hemd und etlichen zerlumpten Kleidern bedeckt, am Boden liegen. Auf einen dieſer Unglücklichen, der noch am Leben war, hatte Raſinski ſeinen Pelz geworfen, um ihn gegen die ſchneidende Kälte zu ſchützen. Alle ſchauderten bei dieſem Anblick, an dem ſie zuvor in der Eile der Verfolgung vorübergeſtürzt waren. „Gott Abrahams, ich hebe meine Rechte zu Dir auf, ich bin unſchuldig an dieſer That!“ rief der Jude.„Ver⸗ flucht will ich ſein mit Kindern und Kindeskindern, wenn ich Antheil daran habe! Sollen mir doch die Raben leben⸗ dig die Augen aushacken, ſoll mein Fleiſch verdorren an meiner Hand, wenn mein Eid falſch iſt!“ „Er war unter den Mördern,“ ſtöhnte der Verwundete am Boden matt;„er wollte mir die Kehle abſchneiden, da der Sturz aus dem Fenſter mich nicht getödtet hatte, und ich um Hülfe rief. Nur Eure Ankunft wurde meine Rettung!“ „Scheuſal Du, entmenſchtes, grinſendes Scheuſal! Das unnennbare, grauſenvolle Elend, das einem Teufel Thränen auspreſſen muß, konnte Dich nicht rühren?“ knirſchte Ra⸗ ſinski und erhob den Säbel über das Haupt des Juden, um ihm den Schädel zu ſpalten. Doch dieſer warf ſich in convulſiviſcher Angſt auf die Kniee und rief händeringend: „Gott Jehova, Erbarmen, Herr Graf, Erbarmen!“ Ludwig war Raſinski in den Arm gefallen und hielt ihn zurück.„Beſudle Dich nicht mit dieſem Elenden,“ bat er dringend;„überlaß ihn dem allwaltenden Rächer!“ — 261— „Du haſt Recht, ich muß anders verfahren,“ erwiderte er ſchnell gefaßt.„Wähnſt Du, ich erkenne Dich nicht?“ ſprach er mit dem Ausdruck des tiefſten Abſcheues zu dem Juden, der ſeine Füße umklammerte.„Ich erkenne Dich wie Du mich erkannteſt, feiler, erkaufter, elender Betrüger, der ſchon einmal der gerechten Rache entrann! Nichts könnte Dich retten, wenn nicht ſelbſt ein Ungeheuer wie Du ein Werkzeug des Himmels werden könnte. Ich weiß, der ganze Auswurf der Deinigen brütet hier Thaten der Hölle aus, zu denen die Megäre der Habgier Euch ſtachelt. Gehe denn hin und verkünde Deinen Mordgenoſſen, daß, wenn ich morgen hier in dieſen Häuſern auch nur einen Leich⸗ nam, nur eine Spur der Gewaltthat entdecke, ſo laſſe ich ſie alle in Aſche legen, und Eure Gebeine ſoll die Flamme vertilgen, und ich ſelbſt will den Säugling in die Gluth ſchleudern! Fort, Ungeheuer! Doch zeichnen will ich Dich, daß Du nicht entkommſt!“ Bei dieſen Worten trat er ihm dreimal mit dem Fuß ins Antlitz, daß der Jude brüllend wie ein Thier aufheulte, und das Blut in den Schnee ſtrömte. Dennoch raffte er ſich auf und wankte mit Jammergeſchrei der nächſten Haus⸗ thür zu, an die er voll krampfhafter Angſt pochte und zu ſeinen Glaubensgenoſſen um Hülfe und Erbarmen rief. „Helft mir dieſen Gemißhandelten hinwegtragen,“ bat Raſinski und wandte ſich zu dem Unglücklichen, der mit erſtarrenden Gliedern noch lebend auf dem Schnee lag. Sie hoben ihn empor. Sein jammervolles Stöhnen er⸗ füllte die Lüfte; doch noch ehe ſie die große Straße erreicht hatten, verſtummte es, denn ſeine Lebenskraft war erſchöpft. „Dank Euch, Kameraden, es war zu ſpät!“ das waren die letzten Worte, die ſeinen Lippen entflohen. „Ein Grab kann ich Dir nicht ſchaffen,“ ſprach Ra⸗ — 262— ſinski finſter, waͤhrend ſie den Leichnam auf den Boden nie⸗ derlegten;„ruhe hier aus bei den Tauſenden, denen die grau⸗ ſame Härte dieſes Bodens Alles, ſelbſt die Grabſtätte, ver⸗ weigert. Iſt es denn nicht genug, daß die Natur uns mit allen ihren Schrecken unerbittlich verfolgt? Muß auch noch der Menſch zur Hyäne werden, und in das Heiligthum des wehrloſen Schlafes einbrechen?“ Ludwig trat theilnehmend zu ihm.„Dir ſoll ein ſanfter Balſam des Troſtes auf dieſe Wunden werden,“ ſprach er; „wir haben Dir eine frohe Kunde zu bringen!? „Ihr? eine frohe Kunde?“ fragte Naſinski faſt bit⸗ ter betonend. „Deine Schweſter und Lodoiska ſind uns nah— ſie ſind hier, in wenigen Minuten kannſt Du ſie umarmen.“ „Meine Schyeſter hier?“ rief er mehr erſchreckend als freudig und ſah Ludwig ſtaunend an.„O Johanna, zu welchem Anblick kommſt Du hieher! Alſo kannte man in Warſchau unſer Geſchick! Ludwig, Ludwig, Deine Nach⸗ richt iſt ſo herb als ſüß! Ich war nicht geſaßt, ſie jetzt zu ſehen! Und doch,“ ſetzte er weich hinzu,„daß ich ſie noch ſehe, welch ein unausſprechliches Glück iſt das für mich!“ Die Freunde führten ihn nach Pauls Hauſe; bevor ſie eintraten, ſtand Raſinski ſtill.„Und Lodoiska begleitet ſie? Was ſollen wir der Armen ſagen? Jaromir liegt in düſtern Träumen des Wahnſinnes, ſinnberaubt, raſend,— vielleicht ſchon erlöſt!“ 1 „Und wäre ſie nur gekommen, ſeinen letzten Seufzer zu vernehmen,“ ſprach Ludwig aus innerſter überzeugung,„den⸗ noch würden ihr alle Schätze der Erde dieſes Glück im tief⸗ ſten Schmerz nicht aufwiegen. Weißt Du denn aber, ob ihr Anblick nicht eine heilende, rettende Wunderkraft auf den Unglücklichen ausübt?“ 1 — 263— „So oder ſo! Es muß getragen ſein; laß uns ein männ⸗ lich gefaßtes Antlitz zeigen.“ Mit dieſen Worten ſchritt Ra⸗ ſinski entſchloſſen die Stufen hinan, und die hohe Kraft des Muthes und des Duldens thronte wieder auf ſeiner edlen Stirn. Indem er die Thür öffnen wollte, hielt er noch einmal inne und fragte Ludwig mit beklemmter Stimme, als zittere er vor dem Nein.„Iſt auch Deine Schweſter hier?“ 1 „Auch ſie,“ entgegnete dieſer. Das Dunkel verbarg den Schmerz, der über ſein Ange⸗ ſicht zuckte, und Niemand gewahrte die fliegende Nöthe, welche die Nähe dieſes holden Weſens auf ſeine gramge⸗ bleichte Wange hauchte. Da er keinem der Freunde das Geheimniß ſeiner tiefſten Bruſt eröffnet hatte, ahnete auch keiner ſeine innerſte Erſchütterung. Er beſiegte ſie durch die mächtige Herrſchaft des Willens, mit der er ſeinem ganzen Leben gebot. „Laß mich zuerſt eintreten,“ bat Bernhard;„Dein An⸗ blick könnte die Frauen zu heftig überraſchen.“ „Meine Schweſter nicht,“ erwiderte Naſinski,„doch die jüngern Mädchen vielleicht. Geh denn und erzähle, daß Ihr mich gefunden.“ Bernhard trat zu der Gräfin ein; einige Augenblicke darnach öffnete er Raſinski die Thür. Lodoiska flog mit einem lauten Schrei auf ihn zu und ſank, das Antlitz ver⸗ bergend, an ſeine Bruſt; er hielt ſie mit der Rechten innig umfaßt. Die Schweſter trat bebend zu ihm, lehnte ſich, von ſeinem linken Arm feſt umſchlungen, gegen ſeine Schul⸗ ter und ergoß Schmerz und Liebe in einen ſtummen, thrä⸗ nenloſen Kuß. Marie blieb beklommen, leiſe weinend im Hintergrunde ſtehen. — 264— „Schweſter,“ ſprach Raſinski nach langer tiefer Stille und löſte die Umarmung. „So müſſen wir uns wiederſehen,“ rief ſie mit einem Ton des Schmerzes aus, der in die tiefſte Seele drang. „So!“ Und als ſei die düſtere Wolke der beklemmenden Angſt mit dieſem Ausruf zerriſſen, athmete ſie jetzt freier auf, und ein Strom von Thränen brach aus ihren Augen. „Tröſte Dich, Du Edle, über das Grab hinaus reicht kein Schmerz,“ ſprach Raſinski mit jener Stärke, die ſelbſt der Hoffnung zu entſagen vermag.„So lange werden wir's zu tragen wiſſen. Aber Du, Arme,“ wandte er ſich jetzt mitleidsvoll zu der bleichen, zitternden Lodoiska, die in ſei⸗ nen Armen hing und ohne Bernhards ſanfte Unterſtützung längſt in die Kniee geſunken wäre,„was ſoll ich Dir für Troſt bringen? Du biſt noch ſo jung, Du haſt eine zu lange Bahn vor Dir!“ Sie hing mit forſchenden Blicken voller Angſt an ſeinen Lippen; doch gewann ſie nicht die Kraft zu einer Frage nach Jaromir. „Ich verſtehe Dich, holdes Kind,“ ſprach er mit ge⸗ rührtem Ton;„Du fragſt nach Jaromir? Lodoiska, Du biſt eine Tochter Polens. Feſtigkeit im Schmerz muß Dein Erbtheil ſein, denn wir werden geſäugt mit Gram und genährt mit Kummer. Du ſollſt die Wahrheit hören. Dein Freund lebt, aber er iſt krank, ſchwer erkrankt, düſtere Fie⸗ berträume verſchleiern ſeine Seele! Bereite Dich, ihn zu verlieren!“ Ihre Bruſt flog von heftigen Athemzügen, endlich brachte ſie mühſam die Worte hervor:„Wo iſt er? Laßt mich zu ihm!“ „Morgen, liebſtes Herz,“ beruhigte ſie Maſinöti; njetz mitten in der Nacht iſt es unmöglich!“ — 265— Aber als durchdränge ſie ein höherer Geiſt mit plötlich neu belebender Kraft, rief ſie aus:„Morgen! Morgen! Und ſein Leben hängt an der Minute! Vielleicht haucht er in der nächſten Stunde den letzten Athemzug aus. Und ich ſoll warten, dieſe ewige Nacht hindurch? O Mutter, Mutter, Du kennſt mein Herz, Du weißt, ob es möglich iſt, ob ich nicht erliege in Angſt und unnennbaren Qualen. Mutter, hilf Du mir ihn erbitten!“ Flehend hob ſie die ſchönen Arme zu der Gräfin empor, wankte zu ihr hin und ſank vor ihr nieder, mit dem Haupt in ihren Schooß. Jetzt trat auch Marie ſchüchtern näher und redete Ra⸗ ſinski an.„Wir haben uns noch nicht begrüßt. Mein er⸗ ſtes Wort ſei die Unterſtützung ihrer Bitte. Sie liebt, und ein liebendes Herz muß brechen auf ſolcher Folter.“ Die letzten Worte waren kaum vernehmbar. „Marie!“ erwiderte Raſinski mit einem unnachahmlichen Ton der Stimme, in dem ſeine männliche Kraft zuſam⸗ menzubrechen ſchien,„Marie! Beim allmächtigen Gott,“ rief er endlich mit jener heftigen Anſtrengung, durch die er ſich gewaltſam wieder emporzureißen ſuchte, wenn das Ge⸗ fühl die Klarheit ſeines Thuns zu überwältigen drohte;„beim Allmächtigen, ich vermag nichts. Jaromir liegt im Lazareth. Nachts wird Keinem dort die Pforte geöffnet; ſonſt würde ich die Arme ja ſogleich ſelbſt zu ihm führen. Aber ich müßte den Marſchall im Schlafe aufſtören, müßte—“ „In welchem Lazareth liegt der Kranke, von dem Sie ſprechen, Herr Graf?“ fragte Paul raſch. „Hier gleich am Thore, zur Linken in dem großen Ge⸗ bäude.“ „Dazu hab' ich die Schlüſſel,“ fiel Paul freudig ein; „ich führe die junge Gräfin ſelbſt dahin.“ IV. 12 — 266— „Dank der Mutter Maria,“ rief Lodoiska aufſpringend; „Dank, heißer Dank— ſo ſoll ich ihn noch einmal ſehen!“ 3ie ch begleite Dich,“ ſprach Raſinski feſt entſchloſſen. „uund ich,“ fiel die Gräfin ein.„Wir Alle,“ ſprach Marie voll ſchweſterlicher Theilnahme. „Nein, Marie,“ erwiderte Raſinski mild verweiſend;„der Gang iſt nicht leicht und nicht erfreulich. Wir müſſen ihn allein thun, ich beſtehe darauf.“ Es währte nicht zwei Minuten, bis die Gräfin und Lo⸗ doiska zu dem traurigen Wege gerüſtet waren. Naſinski drang auch darauf, daß Ludwig und Bernhard zurückblieben; dieſe dagegen forderten, daß er ſich die nothwendige Ruhe gönnen ſolle. 1 „Handelt zum letzten Male nach ma efehl,“ ſprach er endlich ſanft, aber gebietend.„Ihr bleibt zum Schutz des Hauſes; ich muß der Führer der Unglückſeligen kein da ſonſt Niemand ſeine Lagerſtätte auffindet.“ Sie gingen durch die düſtere Winternacht hinaus. Viertes Capitel. Das koloſſale, alterthümliche, ſchwerfällige Gebäude, in dem die Kranken und Verwundeten lagen, war vormals ein Kloſter geweſen. Mit ſeinen düſtern Umriſſen auf den Nacht⸗ himmel gezeichnet, ſtand es ſchauerlich vor den Ankommenden. „Ungern öffne ich dieſes Daus,“ ſprach Paul,„denn es ſieht keiner Stätte der Pflege und des Mitleids ähnlich. An Allem iſt hier Mangel, oft ſogar an der nothwendigſten 267— Nahrung, an Stroh zum dürftigen Lager! Die Arzte wech⸗ ſeln ſchnell, und die wenigen jungen Leute, die man uns läßt, zeigen ſich kaum, weil ſie ſehen, daß doch Alles ver⸗ geblich iſt und ihre Kunſt nur das Elend verlängert. Darum vermeiden ſie den gräßlichen Anblick. Nicht einmal gehörig erwärmt können die alten Gewölbe werden, ſodaß bei dieſer ſtrengen Kälte der Brand gleich in die meiſten Wunden tritt und die Unglücklichen hinwegrafft. Das Haus iſt nur ein großer Sarg, in den die Lebendigen gelegt werden.“ Während dieſer Worte hatte er mit ſeinen ſchweren Schlüſſeln das Thor geöffnet, und mühſam, auf den An⸗ geln kreiſchend, wurden die Flügel aufgedreht. „Iſt denn über Nacht kein einziger Wärter hier?“ fragte die Gräfin ſchauernd. „Keiner,“ erwiderte Paul,„es iſt kein Raum. Hier müſſen immer die Todten den Lebenden die Stätte überlaſſen; ehe das Bett eines Verſtorbenen noch erkaltet iſt, nimmt es oft ſchon einen neuen Gaſt auf.“ Lodoiska ſchwieg; ſie weinte auch nicht, ſondern zitterte nur wie im heftigſten Fieber. Man ſtieg die halbverfallenen Steintreppen hinauf und ging einen langen dunklen Kreuzgang hinunter. „Hier am Ende des Ganges in dem letzten Gewölbe rechts zur Seite fand ich eine Lagerſtatt für ihn,“ ſprach Raſinski;„dorthin führt uns, mein Freund!“ „Dort liegt er?“ fragte Paul mit erſchrecktem Er⸗ ſtaunen. „Warum betont Ihr das ſo?“ „Hm! Das Gewölbe iſt wüſt und kalt; es liegt grade nach der Nordſeite hinaus.“ „Es war kein anderer Raum mehr zu finden, und der 12* 4* ¹ 1 * 1b — — — 268— Arzt, den ich dort traf, verſprach mir pünktliche Sorge für den Kranken zu tragen.“ „Ich glaub's ſchon!“ erwiderte Paul, aber in einem Ton, als denke er das Gegentheil. Die Schritte der Wandernden hallten in dem öden Gange wider; man hörte keinen Laut, als zu beiden Seiten bis⸗ weilen ein dumpfes Wimmern und Stöhnen, das um ſo ſchauerlicher war, als es geheimnißvoll aus den Mauern ſelbſt zu dringen ſchien. „Hier,“ ſprach Paul und öffnete eine Thür. Selbſt Raſinski ſchauderte, als er jetzt in dieſen Auf⸗ enthalt des Grauſens trat, den er am Tage wählen mußte, um nur ein Obdach für Jaromir zu finden; denn ſeit dieſer von Bianca getrennt war, fiel er zuerſt in ein heftiges Raſen, und dann in eine finſtere, todesmatte Abſpannung, bei der er ſich nicht mehr auf den Füßen zu erhalten ver⸗ mochte. Jetzt, um Mitternacht, war dieſe grauſe Höhle faſt zu ſchauerlich, ſelbſt für einen Bewußtloſen. Eine einzige, trübe, flackernde Lampe erfüllte den Raum mit halbdunklem Schimmer. Ringsum lagen auf ſpärlichem Stroh kaum be⸗ deckte Elende, theils mit entſetzlichen Wunden, oder grauſen⸗ voll verſtümmelt, theils vom Jammer bis zur Unkenntlichkeit entſtellt. Tiefſchweres Athmen, dumpfes Röcheln waren die einzigen Laute, die man vernahm. Ein eiſiger Hauch wehte durch das Gewölbe; denn die Fenſter waren zum Theil zerbrochen, ſodaß Eis und Schnee wie wachſende Gletſcher eingedrungen waren, die faſt die Lagerſtätte der Unglücklichen berührten. „Alſo hier!“ ſprach Lodoiska, indem ſie eintrat, mit be⸗ bender Stimme, und das kalte Entſetzen rührte ihr an die Bruſt. 1 Paul leuchtete einigen Kranken mit der Laterne ins — 269— Geſicht. Sie ſtarrten ihn mit gräßlich offenſtehenden Augen an, ohne eine Wimper zu rühren. „Das ſind Todte, Freund,“ ſprach Raſinski ſchaudernd; „ſie ſind vor Froſt erſtarrt.“ Lodoiska hielt ſich wankend an die Gräfin. Man mußte zwiſchen den Reihen der Gelagerten, dieſem grauſen Gemiſch von Leichen und Sterbenden, hindurch, ſo⸗ daß der Fuß faſt über die Hülfloſen ſtrauchelte. Bebend am Arme Raſinski's hängend, ſchwebte die ſchöne Geſtalt Lo⸗ doiska's wie die eines tröſtenden Engels durch dieſe Räume der Verdammniß. „Es war doch gut, daß wir Dich begleiteten, Kind,“ ſprach die Gräfin, die ſelbſt aller Kraft bedurfte, um ihre Faſſung zu behalten. „Ich würde es auch allein gewagt haben, vertrauend auf den Beiſtand meiner Heiligen,“ erwiderte ſie mit einem frommen Blick gen Himmel. Paul erhob die Laterne und leuchtete nach einer dunklen Ecke hinüber, wohin noch kein Lichtſtrahl gedrungen war, weil die an der Decké brennende Lampe den Schatten eines breiten Pfeilers dahin warf. „Dort liegt noch ein Kranker,“ ſprach er, und deutete mit dem Finger dahin. „Allbarmherzige Mutter Gottes, das iſt er,“ rief Lodoiska entſetzt aus, daß der herzzerreißende Ton im Gewölbe er⸗ ſchallte, und ſank betäubt in Raſinski’s Arm zurück. Die duſtere Einſamkeit des Ortes ſchien zu erſchrecken über den Jammerlaut, der die ſchauerliche Stille derdißß Naſinski um⸗ faßte die Sinkende mit väterlichem Arm.„Ja, er iſt es, ſprach er mit tiefer Stimme;„er leidet ſchwer! 14 Lodoiska's Betäubung dauerte nur einen Augenblick, dann gab ihr die Liebe neue Kräfte.„O laß mich zu ihm, — „* — 270— an ſeinem Lager knieen,“ bat ſie mit erſterbender Stimme; „o laß mich!“ Naſinski unterſtützte ihre wankenden Schritte; doch mußte Paul erſt einige Leichname aus dem Wege räumen, damit man bis zu Jaromirs Strohlager herankommen konnte. Er lag in ſeinen Mantel dicht eingehüllt; als er das Licht erblickte, richtete er ſich empor. Starr, den ſtillen Wahnſinn im Blick, heftete er das Auge darauf; eine flie⸗ gende Fiebergluth röthete die abgezehrte, bleiche Wange; er griff mit der Hand der Flamme entgegen. Die entſchloſſene Gräfin trat grauend einen Schritt zu⸗ rück. Iſt das der Jüngling, fragte es in ihr, der vor we⸗ nigen Monaten noch friſch wie der goldene Morgen blühte? Dieſes bleiche Gebilde des Grabes? „Was wollt Ihr?“ ſprach Jaromir langſam mit hohler Stimme.„Was kommt Ihr hinunter in meine Gruft? Fort mit der Fackel!“ Lodoiska's Lippen verſchloß der lähmende Schmerz mit unzerreißbaren Banden; ſelbſt die Liebe erſtarrte bei dieſer entſetzlichen Prüfung, und vermochte die Feſſeln des Grauens nicht zu ſprengen. „Jaromir! Faſſe Dich! ſei ein Mann! Grkemne uns!“ redete Raſinski den Unglücklichen an und berührte ihn mit ſeiner lebenswarmen Hand. Man ſahe, wie des Jünglings wahnſinnige Betaͤubung mit dem Bewußtſein, das Raſinski's Anblick in ihm erweckte, rang; es arbeitete in ſeinen Zügen, ſich aus der grauenhaf⸗ ten Umſtrickung loszuwinden. Endlich hatte Lodoiska den Kampf überwunden. Sie knieete zu dem Geliebten nieder, nahm ſeine Hand, blickte ihm ins Auge und fragte mit brechender Stimme:„Jaro⸗ — 271— mir, erkennſt Du mich nicht mehr? O, gib mir nur ein Zeichen Deiner Liebe!“ Er fuhr ſich mit der Hand zweimal über die Stirn, als wollte er einen ſchweren Schmerz oder Druck entfernen; dann leuchtete plötzlich ein flüchtiger Glanz in ſeinem erloſchenen Auge:„Lodoiska!“ rief er aus und ſtrebte die Arme zu er⸗ heben; doch vergebens, er athmete noch einmal aus tiefſter Bruſt, dann brach der Körper zuſammen, das Auge ſchloß ſich, und er ſank regungslos auf das Lager zurück. „Hülfreiche Heilige, beſchirme ihn, er ſtirbt!“ rief Lo⸗ doiska und rang die Hände. „Nein, nur die Freude hat ihn überwältigt,“ tröſtete ſie Raſinski.„Laßt uns ſeine Ohnmacht benutzen, um ihn von dieſem Orte des Grauſens zu entfernen.“ „Freund, es wird eine Zeit der Vergeltung kommen,“ wandte er ſich zu Paul.„Aber jetzo leiht mir noch Euren Beiſtand; helft mir den Unglücklichen bis in Eure Wohnung bringen. Hier muß ihn der Tod hinwegraffen.“ Der redliche Paul war freudig bereit.„Gern, gern,“ rief er,„und es wird ſich leicht machen. Auf dem Gange ſtehen Krankenbahren und in meinem Hauſe iſt ja wol noch ein Plätzchen offen.“ Sie legten ſogleich Hand an und trugen den Ohnmäch⸗ tigen hinaus. Lodoiska ſchwankte am Arme der Mutter nach. Rüſtig griffen Paul und Raſinski ſelbſt die Bahre an; die Frauen trugen Sorge, den Kranken vorſichtig ein⸗ zuhüllen. Lodoiska fand Kraft und Faſſung in ſich, als die Liebe jetzo Pflichten von ihr forderte. Sorgſam wachend ging ſie neben der Bahre und geleitete ſo den ſterbenden Freund bis an die gaſtliche Stätte, wo ſo viele befreundete Geſtalten ſtatt jener Bilder des Entſetzens ſein Lager umgaben. — 272— Bald hatte man Pauls Wohnung erreicht; mit ſtummer Trauer empfingen die treuen Gefährten den bejammernswer⸗ then Freund, und pflegend und wachend, wie Engel des Heils und Erbarmens, ſetzten ſich Marie und Lodoiska an der Bahre nieder, um die Nacht hindurch ſeiner zu warten. Er lag in unruhigem Halbſchlaf und ſprach oft in ſei⸗ ner Fieberverwirrung. Lodoiska's und Bianca's Namen nannte er am häufigſten. Einmal rief er:„Aliſette, Aliſette — fort, fort, Du ſchöne Schlange!“ Mit welchem Gefühl hörte die liebende Lodoiska dieſen Namen! Sie hatte ihm ſo rein, ſo völlig vergeben— ſie vergab auch der Verführerin! O wenn ſie es vermocht hätte, ihm dieſen Troſt in die von glühenden Qualen gefolterte Bruſt zu flößen! Marie war, übermüdet, in einem Lehnſeſſel in Schlum⸗ mer geſunken. Tiefe Nacht und Einſamkeit umgab die Liebende jetzo. Welch ein Augenblick der Seligkeit, wenn die furchtbar gähnende Kluft ſie nicht von ihm getrennt hätte, die ſich unüberſteiglich wie das Todtenreich aufthut, ſowie das Band des hellen Bewußtſeins zerreißt.— Nur im heißen Gebet fand Lodoiska Hoffnung und Troſt. Sie kniete nieder und wandte Herz und Antlitz zum Himmel und flehte aus inbrünſtiger Seele:„O Allgütiger, nur noch einmal laß das helle Licht der Wahrheit in ſein Herz fallen! Führe ſeine Seele noch einmal zurück auf dieſe Erde, ſo ſchön und rein, wie ſie einſt in ihm wohnte! Ach, der Tod trennt ihn ja nicht ſo ſchrecklich von mir, als dieſes düſtere Gefängniß, in dem er gebunden liegt; denn haſt Du ihn hinweggenommen, ſo wohnt er im ewigen Licht bei Dir, und der Gedanke ſchwingt ſich tröſtend zu ihm auf. Jetzt aber hauſet er, wie ein Verdammter in der Fin⸗ A³ — 273— ſterniß; ſein Geiſt irrt im wilden Chaos und findet nirgend eine Stätte der Ruhe, des Troſtes! O, ſchließe ihn los von dieſen glühenden Banden, die ihn an den ſtarren Fels der Verdammniß ketten— o ſei milde, Du Allbarmherzi⸗ ger, und laß Dich dieſen namenloſen Jammer rühren!“ So lag ſie knieend und that fromme Gelübde der Buße, wenn ihr Erhörung würde.* Allgemach wich die unendliche Nacht, und ein grauer Schimmer der Dämmerung fiel in das Gemach. Sie trat ans Fenſter. Der Himmel war hell; das Licht erbleichender Sterne blinkte noch mit letztem matten Glanze durch das tiefe Blau. Am ſüdöſtlichen Horizont glimmte ein röthlicher Schein und färbte das leichte Gewölk. Lodoiska ſtand in tiefes Sinnen verloren, und Thränen verdunkelten ihr Augez aber ſie waren milde, ſie entquollen einem heili⸗ gen Vertrauen, das ihre Bruſt nach den fernen Qualen mit ſanfter wehmüthiger Hoffnung erfüllte. Sie wandte das Haupt nach dem Lager des Freundes. Er ſchlief ſtill und athmete ruhig; ja, ein Lächeln ſchwebte über ſeine Lippe, und der erſte dämmernde Roſenſchimmer des Tages fiel auf die blaſſen Wangen. Es war nicht mehr die Betäubung des Wahnſinns, die ihn feſſelte, ſondern ein erquickender Schlaf, der der Erſchö⸗ pfung folgte. 3 „Heilige Mutter Gottes, umſchwebe Du ihn mit ſegnen⸗ der Nähe,“ flehte Lodoiska und nahte ſich zitternd. Eine ſüße Beklemmung der Freude drang in ihr Herz, die Hoff⸗ nung dämmerte ihr auf, das Auge des Erwachenden werde die Geliebte erkennen. Mit zurückgehaltenem Athem über ihn gebeugt, lauſchte ſie auf den Hauch ſeiner Lippen, auf den Schlag ſeines Herzens.„O, er genießt jetzt einer milden, 12** — 244— erquickenden Ruhe,“ rief ſie innerlich jauchzend und ſank in heißem Dankgefühle auf die Kniee vor ſein Lager. Die Morgenröthe erfüllte das Gemach mit mildem Duft; ſie glänzte wider von dem Angeſichte des Schlummernden. Plötzlich ſc=hlug er das Auge auf und ſprach matt:„Nun iſt's vorüber!“ Sein Blick war nicht mehr wild und ver⸗ wirrt; ein ſprachloſes, ſeliges Staunen malte ſich in ſeinen Zügen. Ein Himmel des Entzückens ſenkte ſich in Lodoiska's Bruſt; doch mit heldenmüthiger Stärke bezwang ſie ſich, weil ſie bebte, durch einen plötzlichen Ausbruch der Freude das zarte, neugewobene Band des Bewußtſeins wieder zu zerreißen. Zitternd blieb ſie auf den Knieen liegen und fragte mit lispelndem Laute der Liebe:„Iſt Dir beſſer, lieber Freund?“ Er faltete die Hände über die Bruſt, erhob das Haupt ein wenig und ſprach leiſe, mit dem Tone ſchauernder Ver⸗ ehrung:„O, ich erkenne Dich, Du Heilige, von goldnem Himmelsglanze umfloſſen; Du biſt nun eine Selige, und auch mir öffnen ſich die Pforten des Friedens. O reiche mir zum Zeichen der Verſöhnung Deine Hand.“ Er weilte noch unter ſeinen Traumgeſtalten, in denen er vor Allen Lodoiska geſehen; jetzt, wie ſie, vom Morgen⸗ rothe umſtrahlt, mit herabwallenden Locken vor ihm kniete, zogen die erblaſſenden Gebilde des Traumes, allmälig ver⸗ ſchwimmend, in die Wirklichkeit hinüber, und er wähnte jenſeits erwacht zu ſein. Sie reichte ihm die milde Hand und fragte mit dem ſüßen, brechenden Ton der Liebe, der in Thränen des Ent⸗ zückens verſiegt:„Erkennſt Du mich endlich wieder? O, Du haſt ſchwer geträumt! Ich bin es, mein Jaromir, lebend und wirklich, liebend und glückſelig!”“ *„SHeiliger Gott,“ ſtammelte er,„wo bin ich denn, wo — 275— war ich— nein, nein, ihr furchtbaren Geſpenſter der Nacht, kehrt nicht wieder aus dem grauſen Dunkel!“ Er machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und blickte ſcheu ſeitwärts. Lodoiska, als wolle ſie ihn an ihrer Bruſt vor den Schrecklichen verbergen, ſchlang liebend und zitternd den Arm um ſeinen Nacken und zog ihn, ſanft küſſend, an ſich.„Nein, nein, Lieber,“ ſprach ſie mit ſchmelzendem Tone der Stimme,„fürchte nichts, Du lebſt und ruhſt an meinem Herzen; hier ſoll kein furchtbarer Traum Dich quälen.“ In ſeliger Trunkenheit drückte er das Antlitz an die Bruſt der Geliebten; und als ſeine Wange an ihrem Her⸗ zen ruhte und ſein Ohr den pochenden Schlag vernahm, da erwachte er ganz wieder zur Wirklichkeit und Wahrheit, und zerriſſen war der Schleier, der ſeine Seele finſter umhüllte — zerriſſen aber auch die letzten Banden des Lebens in dem zerſtörten Körper! Müde hob er das Antlitz zu der Geliebten empor, trank einen ſehnſüchtigen Kuß von ihren Lippen und hauchte matt: „Nun weiß ich Alles! Und Du vergibſt mir, Lodoiska?“ „Mein Herz kann nur lieben,“ rief ſie, halb erſtickt von dem hervorbrechenden Strome der Thränen. Noch ahnete ſie nicht, daß dieſer Augenblick überdrän⸗ gender Seligkeit ihr auch den Becher des tiefſten unerſchöpf⸗ lichen Schmerzes reichen ſollte. Nur die höchſte Anſpannung aller Kräfte ſeiner Seele hielt das Leben noch in Jaromirs Bruſt zurück. „O, Du wurdeſt edler, reiner, treuer geliebt als von mir, ſeufzte er ſchmerzlich.„Boleslaw war Deindd werth! Die Lippe des Sterbenden übergab mir das heilige Ver⸗ mächtniß! Nun werde ich dort frei zu ihm treten u — 276— Nach dieſen Worten ſank er bleich zurück, und die Arme vermochten nicht mehr die Geliebte zu umfaſſen. „Allerbarmende Mutter des Heilands,“ rief ſie aus, als ſie ihn erblaſſen ſah,„er ſtirbt, er ſtirbt!“ Bei dieſem angſtvollen Rufe erwachte Marie; mit einem Blicke erkannte ſie, was geſchah, und eilte der Unglücklichen zum Troſte herbei. „Er ſtirbt, er ſtirbt, Marie!“ rief dieſe nochmals und rang verzweifelnd die Hände. Marie ſah wohl, daß hier von menſchlicher Hülfe nichts mehr zu erwarten ſei. Sie gedachte daher eines Verſpre⸗ chens, das ſie der Gräfin geſtern in der Stille geben mußte, dieſe ſogleich herbeizurufen, wenn ſich etwas Bedenkliches er⸗ eignen ſollte.„Ich werde die Mutter holen,“ entgegnete ſie daher der Jammernden und eilte ins Nebenzimmer. Sie fand die Gräfin ſchon erwacht und angekleidet und Raſinski bei ihr, der ſehr bewegt ſchien. Ihr blaſſes Antlitz voller Thränen weiſſagte nichts Gutes. „Was geſchieht?“ fragte die Gräfin. „Ich fürchte, er ſtirbt,“ war ihre leiſe, mit einem be⸗ deutſamen Winke gegebene Antwort, damit Lodoiska, deren Hoffnung ſie aufrecht zu erhalten ſuchen wollte, ſie nicht vernehmen ſolle. Eilig und beſtürzt traten Beide ein. Sie fanden die Unglückliche zärtlich über den Sterbenden gebeugt, ſeine Hände in den ihren haltend, die er im Gefühle des nahen Todes geſucht und ſanft gefaßt hatte. Noch erkannte er die Eintretenden, denn er lächelte ihnen mit den Augen zuz; aber die Sprache fehlte ihm. Durch Arinia herbeigerufen, die im Vorderzimmer Lo⸗ doiska's ſchmerzlichen Ausruf gehört hatte, traten jetzt auch Ludwig, Bernhard und Bianca ein und näherten ſich dem ager des Sterbenden. Bianca hatte erſt in der Frühe durch Bernhard erfahren, daß Raſinski wiedergefunden ſei. Auf ihn ging ſie daher zu, reichte ihm die Hand zur Be⸗ grüßung und lehnte ſich ſchmerzvoll mit ihrem ſchönen wei⸗ nenden Haupte an ſeine Bruſt.„Dich haben wir wieder,“ ſprach ſie,„aber doch— ein neues Opfer wird gefordert! — O, Freund!“— da erſtarb ihre Stimme in Thränen, und ſie mußte ſich das Antilitz verhüllen. Raſinski trat, in tiefſter Seele gebrochen und erſchüttert, aber doch mit heldenmüthiger Zuſammenraffung, an das Lager ſeines jungen Freundes.„Mein Sohn, erkennſt Du Deinen Vater nicht mehr? Mein Jaromir, erkennſt Du Deine Waffenbrüder nicht?“ Das Auge des Sterbenden wandte ſich der Stimme zu, und ein leiſes Lächeln ſchwebte über ſeine Lippe. Er bewegte die Rechte ein wenig, als wollte er ſie gegen Den, der ihm Vater, Bruder und Freund zugleich geweſen, ausſtrecken. Raſinski ergriff ſie, und Lodoiska ließ ſie ihm willig. Ein heiliges Schweigen herrſchte rings umher, nur der unwillkürliche Laut der Schmerzen unterbrach die tiefe Stille. Da erhob ſich die Bruſt des Sterbenden noch einmal und that einen tiefen Athemzug.„Lebt wohl, Freunde, Geliebte,“ ſeufzte er mühſam, dann trat ihn der Tod an, ſeine Lippe erbleichte, das Auge brach. In ſtummem Jammer warf ſich Lodoiska über den Todten und hielt ihn in unauflöslicher Umarmung. Die Geſchwiſterpaare, welche das Sterbekager umſtanden, hielten ſich umfaßt, es war, als ſollten ſie Herz an Herz die Seele ausweinen! — 278— Fünktes Capitel. Da tönte in die hehre Stille der dumpf krachende Don⸗ nerſchlag eines Kanonenſchuſſes, ſo nahe, daß die Fenſter des Gemachs klirrten. „Was iſt das?“ rief Raſinski und fuhr ſchlachtgewohnt empor. Aber noch ehe er das Wort vollendet hatte, krachte die volle Lage einer Batterie, daß der Erdboden bebte. „Heiliger Gott!“ rief die Gräfin,„ſo nahe ſind wir dem Kampfe?“ 4 Marie ſtand erblaſſend, denn ſie war dieſes Klanges noch ungewohnt. „Ich muß hinaus,“ ſprach Naſinski entſchloſſen,„wir ſind angegriffen.“ „Wir begleiten Dich,“ rief Ludwig eben ſo raſch, und Bernhard ſprang nach den Waffen, die auf einem Seſſel lagen. „Nein, nimmermehr,“ gebot Raſinski mit Hoheit.„Ihr habt in dieſem Kampfe nichts mehr zu erfechten! Bleibt hier und behütet, was mir und Euch das Theuerſte iſt.“ „Wir laſſen Dich nicht allein ins Gefecht,“ rief Lud⸗ wig heftig und wollte ihn aufhalten. „Ihr ſollt, Ihr müßt! Mich ruft die Pflicht hinaus, Euch bindet ſie hier,“ erwiderte Raſinski feſt und wies Lud⸗ wig zurück. „Nein, Du darfſt uns das Recht, Dir zur Seite zu ſtehen, nicht nehmen,“ ſprach Bernhard;„denn Du kannſt den Vorwurf nicht von unſerer Seele wälzen, wenn Du bleibſt, wo Freundesbeiſtand Dich gerettet haͤtte.“ 8 — 279— Draußen ertönten die Trommeln mit furchtbarem Getöſe in den engen Gaſſen. Wildes Geſchrei, Kanonendonner, Trompetenſchmettern hallten durcheinander, Volk und Sol⸗ daten liefen zuſammen. „Wenn Ihr je meinen Willen geachtet habt,“ rief Na⸗ ſinski und richtete ſich mit der ihm angeborenen Würde em⸗ por,„ſo bleibt zurück. Gehorcht in dieſer Minute mir zum letzten Male als Führer. Ich gebiete Euch, bleibt.“ Die Frauen waren von Schmerz und Angſt zu bewegt, um die neue Spannung, welche dieſer edelmüthige Streit in ihnen hätte erzeugen müſſen, in ihrer ganzen Kraft zu empfinden. Unbewußt ward ihnen die ſo oft eintretende Wohlthat ſtrenger Schickungen, daß die von vielen Seiten zuſammentreffenden Schläge einander ſelbſt entkräften, weil die menſchliche Bruſt, gleich einem Gefäße, nur für ein be⸗ ſtimmtes Maß empfänglich iſt. Mag der Strom der Ver⸗ hängniſſe dann noch ſo gewaltig daruͤber hinbrauſen, er füllt es nicht höher an, ſondern das übermaß des Schmerzes fluthet unempfunden überhin. Marie allein, die der Tod Jaromirs nur mit entfernte⸗ rem Antheil berühren konnte, theilte die bange Sorge um die Wendung dieſes Streites ganz. Indem ſie ſah, wie der edle Mann, der ihr einſt ſeine Liebe bot und die ihre ge⸗ wann, ſich jetzt in die Gefahr des Kampfes ſtürzen und muthig dem Tode für Ehre und Vaterland weihen wollte, flammte die tiefverhüllte Gluth wieder in ihr empor, und ſie zitterte für das theure Haupt. Von dieſem Gefühle getrieben trat ſie zwiſchen die Män⸗ ner.„Fordert der Kampf Sie denn auch jetzt noch?“ fragte ſie und blickte bittend zu Raſinski auf;„iſt es noch Pflicht, ſich dem Tode zu weihen, wo aus dem gänzlichen Schiff⸗ bruche nichts mehr zu retten iſt? O bleiben auch Sie, daß — 280— nicht die Stunde unſers Wiederſehens die des unausſprech⸗ lichſten Schmerzes werde, wenn—“ Hier brach ſie ab; ſie wagte nicht auszuſprechen, was ſie dachte und fürchtete. „Marie!“ rief Raſinski mit einer Stimme„die ſein gan⸗ zes Herz entfaltete,„Marie!“ Er ſtand im heftigſten Kampfe mit ſich ſelbſt und blickte ſie ſchmerzvoll an. Es war ihm einen Augenblick, als ſei die eherne Scheidewand, die ſich zwiſchen ſie und ihn ſtellte, eingeſtürzt durch die Rieſengewalt der Verhängniſſe. Mit mächtigen Banden zog es ihn hinüber zu der holden Geſtalt, die der Genius ſeines Lebens ſein ſollte. Doch die Täuſchung dauerte nur eine Secunde. Die roſiggoldnen Nebelſchleier zerriſſen, das duf⸗ tige Gewölk verſchwebte, und die unerbittliche Wahrheit ſtand wieder in ihrer rauhen Majeſtät vor ihm, koloſſaler als je⸗ mals. Nichts war geändert; die trennende Kluft gähnte nur noch tiefer auf, als je zuvor. Er erkannte es und ſprach feſt, aber ſanft:„Nein, auch dieſe Bitte darf mich nicht halten! Lebt wohl! Ihr bleibt!“ Raſch riß er ſich los und eilte hinaus. Marie ſchwankte wie betäubt zurück und ſank matt in die Arme des Bruders. Bernhards ſcharfblickendes Auge ſah ihr bis in das innerſte Herz; Raſinski hatte das Ge⸗ heimniß ſeiner Bruſt mit einem einzigen Worte enthüllt. Alſo er— und ſie, dachte er, und der Schmerz preßte ihm die Bruſt krampfhaft zuſammen.„O, er läßt uns die ſchwerere Pflicht!“ rief er ausbrechend.„Wen die tiefen Strudel des Lebens wirklich gepackt haben, der weiß, daß eine Schlacht ein luſtiges Schifferſtechen iſt, wo die Welle nur ſpielend gegen den Nachen ſchlägt!“ Ludwig verſtand den Freund nur halb, nur ſo weit er daſſelbe Gefühl theilen konnte.„Freilich kämpfen wir den — 281— ſchweren Kampf der Entſagung,“ entgegnete er;„doch auf ſeinem großen Herzen laſtet das als ungeheurer Schmerz, was uns mit freiem Fittig erhebt. Darum kämpft er ſchwe⸗ rer und männlicher als wir!“ „O,“ rief Marie aus,„o Ihr Lieben, fragt nicht, wer hier den tiefſten Kelch der Schmerzen leert! Der Jammer iſt ein Meer geworden; die Fluth ſteigt über jedes Herz hinan!“ „Berge tief!“ warf Bernhard rauh und düſter hin;„es kommt auf etliche Thurmhöhen nicht mehr an.“ Es ſchüt⸗ telte ihn wie ein Fieberfroſt. Die Entdeckung, daß Marie ihr Herz einem Andern geweiht habe, war wie ein Fels auf ſeine Bruſt gefallen und hatte ſie zerſchmettert.„Er iſt der Edelſte, der Würdigſte, dachte er und ging heftig auf und abz doch das kann mich nicht tröſten, es vernichtet mich nur deſto ſicherer, denn um ſo ferner verdrängt er mein Bild aus ihrer Seele! Und dieſe Liebe war der Leitſtern, dem ich folgte durch die finſtere Wüſte unſerer Wanderung! Sein mildes Licht allein gab mir Troſt— ich erreiche das Ziel, und er verſinkt, und es iſt finſterer, als zuvor!“ 4 In ſich verſunken, die ſtarren Blicke auf den Boden ge⸗ heftet, ſtand er betäubt und ſah nicht, was um ihn her vor⸗ ging. Da legte ſich ein Arm ſanft um ſeinen Nacken, und er fühlte eine Wange an der ſeinigen— es war Bianca. „Schweſter!“ rief er mit erſtickter Stimme;„Schweſter! Ja Du biſt mir geblieben!“ Marie mochte dunkel ahnen, was in ſeiner Seele vor⸗ ging; vielleicht regten ſich auch in ihr neue verborgene Stim⸗ men eines Gefühls, das ſie an Einem erſchöpft zu haben wähnte. Sanft, ja faſt demüthig, als habe ſie ein ſchweres Unrecht zu vergüten, trat ſie daher zu Bernhard und ſprach als Erwiderung auf ſeinen ſchmerzlichen Ausruf:„Auch wir, — 282— ſo hoffe ich, bleiben innig verbunden; der Bruder wird nicht ganz vergeſſen, daß er einen Freund und eine Freundin be⸗ ſitzt, die ihm mehr als ihr Leben dankt!“ Bernhard blickte ſie erſtaunt an. Sie hob zuerſt die reine Hand gegen ihn und reichte ſie ihm unbefangen dar: „O, ich weiß, was Ludwigs Schweſter ſeinem Freunde ſchuldet!“ Ich denke, ich habe nun zwei Brüder, und— wir ſind Schweſtern!“ Mit dieſen letzten Worten wandte ſie ſich zu Bianca, die ihr die liebevollen Arme öffnete. Bernhard wollte antworten, doch zum erſten Male fehlte ihm die Sprache, ſo war ſein Herz im Innerſten erſchüttert und wehmuthsvoll gebrochen. Sollte dieſe offne, herzlich ge⸗ botene Freundſchaft und Verſchwiſterung ſeine Hoffnung be⸗ ginnen oder enden? Er wußte es nicht, ja er wußte kaum, was er wünſchen dürfe; denn edel, wie er war, hätte ihn der Gedanke ſchon belaſtet, daß ſein Glück nur aus fremdem Schmerze erblühen könne. Raſinski's hohes trauerndes Bild ſtand vor ihm, und ſein großmüthiges Herz empfand das Geſchick des Freundes wie ſein eignes. Die Gräfin trat aus dem Hintergrunde des Gemachs, wo ſie am Lager des Todten nur um Lodoiska beſchäftigt geweſen war, hervor. Ihr Gang war langſam; man ſahe es, die hohe Geſtalt trug ſich nur mit Mühe aufrecht. „Mein Bruder iſt hinaus,“ begann ſie, weniger fragend als ſich die Halbfrage ſelbſt beantwortend;„er hätte ſich doch Zeit zum Abſchiede laſſen ſollen. Wer weiß, ob wir uns wiederſehen; denn zu hoffen habe ich verlernt!“ Sie ſtand bleich, aber königlich emporgerichtet, als weigere ſie ſich ſtolz, der Schmach ihren Nacken unter der Laſt des Geſchicks zu beugen; doch perlte eine Thräne in ihren Wimpern und bedeckte das große, dunkle Auge mit feuchtem Schimmer. Marie und Bianca traten theilnehmend — 283— zu ihr; ſie reichte ihnen die Hände und zog ſie mild bewegt naher. „O meine Töchter! Ihr ſeid jung; das Leben faßte Euch frühe mit rauher Hand an— aber es zerſchmetterte Euch doch nicht ſo furchtbar wie dieſe Arme.“ Hier deutete ſie auf Lodoiska, die, einem Marmorbilde gleich, ſtumm an Jaromirs Lager ſaß und ſeine kalte Hand nicht ließ. „Welch ein Geſchick! Hier ein erſtarrender Schmerz, den keine Thräne erweichend ſchmilzt, und ringsum Verwüſtung, Tod, Grauen, Entſetzen! Hört Ihr, wie der mordbegierige Donner rollt? O, er wird auch das edelſte Haupt treffen, das ſo männlich dem Sturme getrotzt! Vielleicht können wir aus dieſen Fenſtern die ſchaudernden Zeugen ſein, wenn ihn das zermalmende Erz niederſchmettert!“ „O nimmermehr!“ unterbrach Marie ſie weinend. „Du weinſt? Armes Kind! So wähneſt Du den Grimm des Schickſals zu verſöhnen? Erz wäre geſchmolzen in mei⸗ nen glühenden Thränen, doch die waltenden Mächte droben blieben unerweicht. Nein, nein! Wähne nicht, daß der Him⸗ mel das Flehen aus zerriſſener Bruſt vernimmt! Er iſt taub, undurchdringlich ſeine eherne Wölbung, Flüche und Gebete verhallen gleich ungehört im öden Weltraum! Und meint Ihr, wir häͤtten den Boden dieſes Abgrundes erreicht? O, wir können noch unermeſſen tiefer ſtürzen. Zum Jam⸗ mer wird ſich die Schmach fügen. Bald wird der Feind triumphiren! Vielleicht ſehe ich den Bruder gebunden, ver⸗ blutend hier vorüberſchleppen, vielleicht auch dieſe Jünglinge, uns ſelbſt; denn ich bin eine Polin, und uns iſt unerlöſch⸗ licher Haß, unvertilgbare Schmach geſchworen. Doch eh' ich dieſe zarten Hände,“ ſie deutete auf Lodoiska,„in rauhe Banden geſchnürt, ehe ich ihre keuſche Schönheit der Tiger⸗ wuth barbariſcher Schergen preisgegeben ſehe, eher ſoll meine — 284— eigne Hand ſie durchbohren! Eine polniſche Mutter iſt nicht ſchwächer als ein römiſcher Vater— und ſie wird vor dem Tode nicht zittern!“ Bebend hatte ſie vollendet; ihre überlaſtete Bruſt mußte ſich Luft machen. Sie athmete tief und erleichtert auf und ſank dann erſchöpft auf einen Seſſel. Bianca trat zu ihr und umſchlang ſie mit tröſtender Liebe.„Nein, Du Edle,“ ſprach ſie aus feſter überzeugung, „dahin ſoll es nicht kommen. Jetzt will ich es geltend ma⸗ chen, daß ich mich Rußlands Tochter nennen darf. Wer es auch ſei, der dieſe Stadt feindlich, im Sturme gewinne, ich will zu ihm, und er wird uns Schutz gewähren. So weit geht ſelbſt der Grimm des Krieges nicht. Es gibt kein Herz auf dieſer Erde, das kalt bei unſerm Schmerze bliebe. Auch die rauhen Männer dieſes Landes werden ſich rühren laſſen, und entwinden ihnen meine Bitten nicht das Schwert, ſo ſoll es mein Name thun. Ich habe das Recht, ihn geltend zu machen, noch nicht verloren!“ Indeß rückte das Getöſe des Kampfes näher und näher. Paul war hinausgeeilt, um zu ſehen, von welcher Seite der Angriff geſchehe. Er kehrte jetzt athemlos wieder und berichtete:„Ein wilder Kampf entbrennt vor den Thoren. Ich ſah den Grafen mit dem Marſchall Ney flüchtenden Soldaten die Gewehre entreißen und nach der Mauer eilen, um dem Feinde ſelbſt das Eindringen ſtreitig zu machen. Auf dieſes Heldenbeiſpiel ſammelten ſich die Scharen wieder und fochten, während die andern aus allen Thoren abziehen. Schon iſt die Straße nach Memel mit Truppen bedeckt. Noch wenige Stunden, und der Feind muß Herr in der Stadt ſein.“ Er hatte kaum vollendet, als die Thür ſich raſch aufriß, und Raſinski hereinſtürzte. — — 285— „Allmächtiger Gott, mein Bruder!“ rief die Gräfin und hing in ſeinen Armen. Er blutete an der Stirn; ſein Geſicht war mit Pulver⸗ dampf geſchwärzt, doch ſein Auge flammte wie das des Lö⸗ wen, der ſich auf ſeinen Raub ſtürzt. „Die dringendſte Gefahr iſt vorüber,“ rief er;„einen Augenblick gewann ich zum Abſchied von Euch. In wenigen Minuten erwartet mich der Marſchall wieder. Bald werden die Ruſſen die Stadt beſetzen. Zur Flucht iſt nicht mehr Raum; darum haltet Euch verborgen, bis der erſte Sturm vorüber iſt. Dann geh' nach Warſchau, Schweſter; dort wirſt Du wieder von mir hören. Lebe wohl! Euch, meine Freunde,“ wandte er ſich zu Bernhard und Ludwig,„rathe ich, nach Preußen zu gehen. Für Euch iſt dies der nächſte, ſichere Aufenthalt. Unſer Weg geht nun auseinander. Wir haben treulich mitſammen ausgedauert— lebt nun wohl.“ Sie lagen in ſeinen Armen; er ſchämte ſich der Thränen nicht, die ſein männliches Antlitz benetzten, doch er blieb feſt, denn er wollte es bleiben. „Es muß geendet ſein,“ ſprach er nach einer heiligſtillen Minute;„ich habe nicht mehr Zeit für alle meine Lieben! Auch Ihr lebt wohl, Ihr ſchönen Geſtalten! Bianca— Marie!“ Bianca, die ihn wie einen Vater liebte, lehnte ſich wei⸗ nend an ſeine Bruſt; er küßte ihr die Stirn und legte ſeg⸗ nend ſeine Hand auf ihr Haupt.„Du warſt unſer holder Schutzengel in namenloſer Bedrängniß; Deine Nähe war mein Troſt. Jetzt reißen uns rauhe Stürme auseinander— mögeſt Du von nun an nur ſanfte Pfade wallen!“ Marie ſtand in ſchüchterner Ferne; Raſinski trat ihr einen Schritt näher.„Marie,“ redete er ſie an,„wir ſehen uns zum letzten Mal!“ Da nahmen Liebe und Schmerz ſich ihr heiliges Recht, — 286— frei nur ſich ſelber zu gehorchen. Im ſiegenden Gefühl ihrer Berechtigung ſank Marie, hingegeben in Weh und Selig⸗ keit, an das Herz des edlen Mannes, und ihre jungfräu⸗ liche Lippe hing an den ſeinigen. „Mein warſt Du einen ſchönen Augenblick, Marie,“ ſprach er ſanft und löſte die Umarmung;„nun ſei ganz wieder Dein! Du hatteſt Recht, edles, ſchönes Herz; zwi⸗ ſchen uns brauſt ein Strom, über den kein Steg führt als der der Schuld. Wohl uns, wir werden ihn nicht wandeln!“ Er legte die in Thränen Vergehende an das Herz des Bruders. „Die Minuten ſind verronnen, ich muß fort!“ Ent⸗ ſchloſſen wandte er ſich raſch hinweg. Da riß ſich Lodoiska aus ihrer dumpfen Erſtarrung auf; angſtvoll ſchmerzlich rief ſie:„Willſt Du mich vergeſſen?“ und wankte auf ihn zu. Er fing die Niederſinkende in ſeine Arme auf.„Nein, nein, Du holde, bleiche Roſe! Wie ſollte ich Dein ver⸗ geſſen!“ ſprach er weich, und drückte ſie mit väterlicher Zärtlichkeit an die Bruſt.„Aber Thränen habe ich nicht für Deinen Jammer— Thräͤnen ſind zu arm!“ Sie hing ſprachlos in unzertrennlicher Umarmung an ſei⸗ nem Herzen; das reiche Haar wallte ihr aufgelöſt herab; feſter und feſter drückte ſie das Antlitz an ſeine väterliche Bruſt. Doch ermattet ſanken die Kniee unter ihr ein, das bleiche Haupt fiel zurück, und mit geſchloſſenen Augen ruhte ſie leblos in ſeinen Armen. Er ließ ſie ſanft auf einen Seſſel gleiten, drückte noch einen Kuß auf ihre Marmorſtirn und ging dann mit raſchen Schritten der Thür zu. Bernhard und Ludwig wollten ihm folgen, doch er machte eine abweh⸗ rende Bewegung mit der Hand, rief überwältigt mit faſt erſtickter Stimme:„Es iſt genug!“ und eilte hinab. — 287— Marie eilte ans Fenſter, um ihm noch einen Blick der Liebe nachzuſenden. Auf den Gaſſen ſtürzten Volk und Sol⸗ daten in wildem Getümmel durcheinander. Naſinski trat unter einen dichten Haufen und warf ſich mit dem überge⸗ wicht ſeines herrſchenden Geiſtes ſogleich zum Führer auf. Den Säbel ziehend ſchritt er voran, nach dem Innern der Stadt zu. Vergeblich harrte Marie, daß er das Antlitz noch einmal zurückwenden ſolle. Er that es nicht; die Brücke, die ihn mit den liebli⸗ cheren Ufern des Lebens verband, hatte er jetzt hinter ſich abgeworfen und wandte nun auch ſelbſt das Auge nicht mehr zurück, denn ſich erweichender Sehnſucht fruchtlos hinzugeben, war nicht in ſeiner Art. Der ſchweſterlichen Bruſt, den Ar⸗ men der Freundſchaft, der Liebe hatte ihn ſeine ſtrenge Pflicht entriſſen; nun folgte er ihr allein und zeigte den Kriegern nur das eherne, unerſchütterte Antlitz des Helden. Der brauſende Strom des Kampfes führte ihn ſchnell hinweg und ſchlug mit kühlenden Wogen an ſeine Bruſt. Schon drang der Feind vor und griff die Stadt von allen Seiten an. Kanonendonner erſchütterte die Gebäude, Trom⸗ meln hallten in allen Gaſſen, Angſtgeſchrei der Weiber, Klageruf der Verwundeten theilte die Lüfte. Der unnennbare Schmerz, der die Bruſt der Frauen ganz erfüllte, ließ der ſchwächern Empfindung der Angſt keinen Raum. Lodoiska hörte kaum das brauſende Getüm⸗ mel auf den Gaſſen, in ſo ſtarren Banden der Betäubung lag ihre Seele. Die Gräfin war auf jedes Außerſte gefaßt, ſie hoffte und fürchtete nichts mehr; Bianca und Marie ſchloſſen ſich Troſt ſuchend an die Brüder an, die allein noch Raum zur Sorge in der Bruſt behielten und den Gang des Gefechtes verfolgten. Plötzlich krachten Flintenſchüſſe dicht vor dem Hauſe, und — 288— ein wildes Gebrauſe von Stimmen erhob ſich. Bernhard ſprang ans Fenſter. „Die Stadt muß umgangen ſein,“ rief er;„das ſind Koſacken, die hier hereinſprengen.“ In der That drang eine Abtheilung Koſacken in das Thor und griff eine kleine Schar von Franzoſen, die eben durch daſſelbe den Ausgang aus der Stadt ſuchten, an. Doch dieſe ſetzten ſich, obwol auseinandergeſprengt, entſchloſ⸗ ſen zur Wehr, und ſo wurde der Raum unmittelbar vor dem Haufe zum Kampfplatze zwiſchen Einzelnen. „Zieht Euch zurück in die Gemächer nach dem Hofe,“ bat Ludwig die Frauen;„wie leicht könnten hier Kugeln hereinſchlagen.“ „So darfſt auch Du hier nicht weilen,“ erwiderte Bianca; „wo Du bleibſt, bleiben auch wir.“ „Heiliger Gott, ich ſehe Raſinski,“ rief Bernhard plötz⸗ lich, und gleich darauf ertönte eine ſtarke Musketenſalve. Alle, ſelbſt Lodoiska, eilten auf Bernhards Ruf den Fen⸗ ſtern zu.„Wo?“ fragte die Gräfin.„Wo iſt mein Bruder?“ „Dort, wo die geſchloſſene Infanterie anrückt, ſah ich ihn mitten im Pulverdampf zu Pferd,“ erwiderte Bernhard; „aber jetzt iſt er in der Wolke verſchwunden!“ „Allmächtiger Gott, breite deine Schwingen über ihn,“ betete Marie und warf ſich auf die Kniee. „Da iſt er, da iſt er, jetzt ſprengt er hervor⸗ ertönte Bernhards freudiger Ruf. „Wie kommt er aber zu Pferd?“ fragte Ludwig erſtaunt. „Beute! Beute! Es iſt ein Koſackenpferd!“ rief Bern⸗ hard und das Feuer der Kampfesluſt röthete ſeine Wangen. „Hinter ihm hält der Marſchall Ney. Siehſt Du dort? Sie wollen hier durchbrechen!“ Die Frauen zitterten. Der Kampf tobte heftig; 3 der er⸗ — 289— grimmte Tod hielt ſeine Senſe über die Streiter geſchwungen; 6 die Wetterwolke des Verderbens ſchwebte dicht über der Schei⸗ tel des Theuerſten. Sie wollten ſich wegwenden von dem 9 Anblick, doch ſie vermochten es nicht; ſtarr gefeſſelt hing das Auge an dem Geliebten, als könne es ihn ſchirmend bewachen. Wie der Schlachtengott ſprengte Raſinski im Pulverdampf daher, die pelzverbrämte polniſche Mütze ſtolz auf dem Haupt, den Säbel geſchwungen. „Vorwärts, Kameraden, wir müſſen uns Bahn brechen,“ tönte ſeine mächtig gebietende Stimme, und ſelbſt den Frauen 8 durchbebte ſie muthig das Herz. Die Scharen rückten geſchloſſen an, Raſinski auf ſcheu⸗ bäumendem Roß vor ihnen her. Die Koſacken waren beſiegt unnd irrten verwirrt durcheinander; ſie hätten ſich ſchleunig 5 zur Flucht gewandt, wenn das Thor nicht durch die nach ihnen eindringenden Reiter geſperrt geweſen wäre. Der Mar⸗ ſchall Ney hielt weiter zurück in der Straße, und ordnete nachrückende Maſſen. Naſinski ſah ſich ſcharf aufmerkend nach ihm um. Jetzt zog der Feldherr den Hut und ſchwenkte 8 ihn mit dem Federbuſch hoch über dem Haupte. Dies ſchien das verabredete Zeichen. Von den vorderſten Neihen der Maſſe umgeben ritt Raſinski vorwärts; die Reiter rückten geſchloſſen an.„Feuer!“ erſcholl jetzt ſein Ruf, und die Salve krachte. Die Fenſter erbebten, die Frauen thaten einen lauten Schrei; die Straße lag in Wolkennacht des Pulverdampfs dicht eingehüllt, wildes Kampf⸗ geſchrei der Krieger brauſte aus der ſchwarzen Tiefe herauf. Ein Windſtoß zerriß das Gewölk. Da ſprengte Raſinski durch den hellen offenen Raum. Sein kräftiger Saͤbelhieb ſtürzte einen Koſacken vom Pferde, einen zweiten ſtreckte er 6 2 mit dem Piſtol nieder. über ihre Leichen hinweg ſetzte ſein IV. 13 — 290— muthiges Roß mit verwegenem Sprunge.„Vorwärts, Kame⸗ raden,“ rief er halb zurückgewandt,„die Bahn iſt offen, brecht hindurch! Sie fliehen! Sieg! Sieg!“ Einen Blick warf er zu den Freunden und den bebenden Frauen am Fenſter empor, und winkte grüßend mit leuch⸗ tenden Augen hinauf. Dann ſtürzte er in das Gedränge der fliehenden Feinde, die Seinigen folgten ihm mit Jubel⸗ geſchrei, und nach wenigen Augenblicken war er im Pulver⸗ dampf und brauſenden Getümmel verſchwunden. Sech zehntes Buch 13* Erstes Capitel. Zwei Monden waren verfloſſen. Der furchtbare Sturm, der ſo viele Lebensgeſchicke in ihren tiefſten Tiefen erſchüttert hatte, war endlich vorüber. Alſo auch dieſes Maß des Duldens und der Drangſale konnte erſchöpft werden! Die finſtern Ge⸗ wölke verzogen ſich, der Himmel lächelte milder, das Herz vermochte wieder an eine gnadenreiche Vorſehung zu glauben. Ludwig und Bernhard hatten mit Bianca und Marie Königsberg erreicht, und dort endlich einen ſichern Aufenthalt, den die Schrecken des Krieges nicht ſtörten, gefunden. Dieſe Zeit hatte ihren erſchöpften Körper geſtärkt, und begann auch die blutenden Wunden der Seele zu heilen. Die Gräfin war, durch Bianca's Vermittelung unter ſichern Schutz geſtellt, mit Lodoiska nach Warſchau gegangen. Der Schmerz um das Geſchick dieſer Unglückſeligen, die Sorge und Theilnahme für Raſinski, der ſich unermüdlich weiter treiben ließ auf den Wellen des Krieges, waren die einzigen Schatten der Trauer, welche in das ſtille, glückliche Leben der Geſchwiſter fielen, die das Schickſal auf ſo wun⸗ derbaren Wegen geführt und behütet hatte. — 8 — 294— Welch eine Zeit der ſüßeſten Mittheilungen, wenngleich mit den wehmüthigſten Erinnerungen gemiſcht, lebten Lud⸗ wig und Marie jetzt mit einander! In den erſten Stunden ihres Wiederſehens wurden ſie von den Stürmen gewaltiger Ereigniſſe ſo umbrauſt, daß das Herz keine Muße fand, ſich dem ſanften Glück der Betrachtung zu weihen. Jetzt in den langen Winterabenden, wo ein trauliches Gemach vier treue, ſchöne Seelen vereinte, wurden alle Sorgen und Qua⸗ len ihnen ſüß belohnt. Ihr Geſpräch weilte gern bei der Vergangenheit, denn ſchon warf die aufſteigende Sonne der Zukunft roſige Strahlen auf die fliehenden Tage zurück; ja ſelbſt bei dem Grabe der Mutter weilten die Gedanken der Geſchwiſter gern, wenngleich eine heilige Wehmuth ſie bei der Erinnerung an dieſes ſanfte Herz, dieſe milde Hand, welche die Tage ihrer Jugend ſo treu geleitet hatte, durch⸗ drang. Mit gerührter Freude ſah Ludwig die Freundſchaft zwiſchen Bianca und Marie blühen und wachſen; mit noch tieferem Gefühl des Dankes gewahrte er, daß Mariens ſchweſterliche Theilnahme für Bernhard mit jedem Tage, wo ſein edles großes Herz ſich ihr weiter öffnete, wärmer und inniger wurde. In Bernhard war eine ernſte Umwandlung vorge⸗ gangen. Es wurde allmälig ruhiger und klarer in ihm. Wie edler Wein läuterte ſich die ſtürmiſche Glut der Gäh⸗ rung zu einem klaren, dauernden Feuer. Schon die furchtbaren Kämpfe hatten die überſtrömende Fülle herber Kraft gemildert und eine ernſtere Ruhe der Betrachtung in ſein Herz geſenkt. Doch noch tiefer drang jetzt der reine Strahl der Liebe in ſeine wogende, ungebändigte Bruſt ein, und ihre Wellen ebneten ſich, als trügen ſie Scheu, das heilige Bild ſeiner Vereh⸗ rung getrübt zurückzuwerfen. Die beſänftigende Macht, mit der früher ſchon Bianca's ſchweſterliche Nähe auf ihn wirkte, —— — 295— übte Marie jetzt in höherem Maße. So tief und ſchmerzlich die Glut in ihm brannte, er beherrſchte ſie männlich, als ſuche er Mariens Liebe durch ſeine Beherrſchung und Entſa⸗ gung zu verdienen. Er hatte in das innerſte Heiligthum ihrer Seele geblickt, und wie der Edle den Edlen leicht erräth und verſteht, ſo ahnete auch er alle die Kämpfe, die ſie be⸗ ſtanden, und begriff, weshalb ſie gekämpft. Ihre vaterlän⸗ diſche Begeiſterung, die jetzt in neuen, ſchönen Hoffnungen auflebte, kannte er und wußte, welche Opfer ſie ihr zu brin⸗ gen vermochte. Hoffnungen für ſeine Liebe wagte er nur entfernt zu nähren, doch er hatte die Gewißheit ihrer wärm⸗ ſten Freundſchaft und darum wollte er jetzt nicht weiter in ſie dringen; denn er ehrte den Schmerz, der noch immer ſtill blutenden Wunden ihrer Seele, die, durch die heilende Kraft der Entſagung kaum geſchloſſen, von der Hand des Schick⸗ ſals jüngſt ſo grauſam wieder aufgeriſſen waren. Sie dankte ihm dieſe großmüthige Zurückhaltung mit innerſter Rührung, denn ihr war nicht verborgen, mit welchem Kampf er ſie errang. Je ehrfurchtsvoller daher Bernhard zurücktrat, je näher mußte ſich Marie zu ihm gezogen, je heiliger ihm verpflich⸗ tet fühlen. Vielleicht hätte ſie es nicht über ſich vermocht, ſeiner heißeſten Bitte ihr Herz zu gewähren; doch da er ſtill und ſtreng entſagte, wandte ſie es ihm ſelbſt darbringend näher und inniger zu, und mit jedem Augenblick fühlte ſie die Pflicht ſtärker, Deſſen Glück hingebend zu gründen, der es ihr ſo männlich edel zu opfern vermochte. Je mehr ihr die Liebe Pflicht wurde, je mehr wurde ihr die Pflicht Liebe. So entfaltete ſich die reine ſchönſte Blüthe edler Neigung im warmen, milden Strahl der Dankbarkeit und höchſten Achtung. Nur noch der leiſe, zartgewebte Schleier ihrer jungfräulichen Scheu und ſeiner heiligen Ehrfurcht ver⸗ — 296— hüllte den liebenden Herzen das ſüßeſte Geheimniß. Er wagte die Blüthe nicht zu berühren, die ſich ihm mit ſchüch— tern geſenktem Kelch entgegenneigte. In dieſem ſchweben⸗ den bangen Gluͤck weilten jetzt ihre Herzen; doch ſtill und unbemerkt zeitigt ſich die köſtliche Frucht, und prangt ſie in vollendeter Fülle, ſo fällt ſie, eine reine Gabe des Himmels, beim leiſeſten Hauch günſtiger Lüfte wie von ſelbſt in den offenen Schooß herab. Die Saaten der Weltgeſchichte reiften der Sichel golden entgegen; in derſelben Sonne füllte ſich die Purpurroſe der Liebe. Schon regte es ſich mächtig in allen deutſchen Herzen; man fühlte den ehernen Druck des Joches, das ſo lange auf dem Nacken gelaſtet hatte, einen Augenblick gelüftet und ſtolz und frei und hoffnungsgroß athmete die Bruſt auf. Eines Abends, als die Geſchwiſter im trauten Verein beiſammen ſaßen, pochte es bei ſpäter Weile an die Thür. Sie öffnete ſich auf Ludwigs Ruf. Arnheim trat ein. Ein Erröthen und Erblaſſen überflog Mariens Wangen, als ſie ihn erblickte. In dieſem Augenblicke ahnete ſie aus dem Unterſchiede ihrer Geſinnung gegen ihn und gegen Bernhard ihre Liebe zu dieſem. Der Kommende ging ihr, als der Einzigen, die er in dieſem Kreiſe kannte, grüßend näher und redete ſie an: „Kaum traute ich meinen Augen, als ich Sie dieſen Nachmittag in der Dämmerung hier am Fenſter erblickte; ich erfuhr bald, daß ich mich nicht getäuſcht hatte. Erlau⸗ ben Sie, daß ich meinen kühnen Beſuch durch eine freudige Nachricht entſchuldige, die ich gerade Ihnen ſo ſchnell als möglich zu verkünden mich verpflichtet fühlte.“ „Sein Sie in jedem Falle willkommen geheißen,“ er⸗ widerte Marie,„und doppelt willkommen, wenn ſie, eine — 297— freudige Kunde für unſer Vaterland bringen.“ Hierauf machte ſie ihn mit ihrem Bruder, mit Bianca und Bernhard bekannt. „Sie erinnern ſich, daß ich Ihnen ſchon in Warſchau von einem geheimen vaterländiſchen Bündniß erzählte,“ begann Arnheim;„jetzt iſt es Zeit, freier davon zu ſprechen, denn die Stunde, wo es Früchte tragen ſoll, iſt gekommen. Deutſch⸗ land wird aufſtehen in ſeiner Kraft; das ganze Volk ſoll zu den Waffen gerufen werden. Preußen ſchreitet mächtig vor⸗ an. Mein Vaterland iſt noch durch andere, hinterliſtig ge⸗ knüpfte politiſche Bande gekettet; doch es iſt Hoffnung da, daß auch Oſtreich ſie gewaltſam zerreiße. Bis dahin, wo es als Freies und Ganzes auftreten will, begnügt es ſich, die Geſinnung der Einzelnen für die heilige Sache zu ent⸗ flammen und ihre Entſchlüſſe zu unterſtützen. So bin ich ſeit einigen Wochen bereits aus dem Dienſt meines Kaiſers in den des Königs von Preußen getreten. Die Führer un⸗ ſeres Bundes hatten ſchon ſeit längerer Zeit die Weiſung er⸗ halten, auf einen entſcheidenden Schritt des Königs vorbe⸗ reitet zu ſein. Heut, vor einer Stunde iſt endlich die ſehnlich erwartete Nachricht eingetroffen, daß er geſchehen iſt. Preußens König redet mächtig zu ſeinem Volk; er ruft es herbei zum Kampfe für das Heiligthum des Herdes, des Vaterlandes, der Freiheit. Ein heiliger Krieg entflammt ſich, wo die Völker ihre theuerſten, ſo lange mißkannten Rechte mit ihrem Blute wiedererringen werden; ein Krieg, der den Fallenden die Palme des Märtyrers, den Siegern die des ewigen Ruhmes reicht! So wird denn unſer Vater⸗ land endlich erlöſt werden aus den Ketten der Schmach und des Elends! Dieſe ſtolze Freude hebt meine Bruſt und läßt mich, was ich an eignem Schmerz zu tragen hübt⸗ über das große Glück des Ganzen vergeſſen.“ 13**⅔ — 298— Er warf bei dieſen letzten Worten einen bedeutſamen Blick auf Marien, den dieſe nur zu wohl verſtand. „Sie,“ fuhr er zu ihr gewendet fort,„habe ich als eine ſolche Tochter des Vaterlandes kennen gelernt, daß ich 4 es, lächeln Sie nur, für eine heilbedeutende Fügung des Himmels hielt, Sie gerade in dieſem Augenblick unvermu⸗ thet wiederzufinden, wo ich Ihnen eine ſolche Botſchaft brin⸗ gen konnte.“ „O nehmen Sie meinen innigſten Dank,“ erwiderte Marie gerührt, und ein lichter Freudenglanz verklärte ihr Auge.„Welch eine Morgenröthe laſſen Ihre Worte an dem düſtern Himmel unſeres Vaterlandes anbrechen!“ „Und eine herrliche Sonne wird ſchimmernd aufgehen,“ rief Ludwig begeiſtert aus.„ZJetzt, jetzt erſt kommen die 4 5* Tage, wo ich frei und glücklich athme! Selbſt meine Liebe 4½ blüht erſt voll und duftend in dieſem neuen Licht! O 1 Bianca, bisher warſt du eine Blüthe, deren Duft eine ſüße Frühlingsahnung in einen dunklen, beängſtigenden Kerker trug. Jetzt trifft uns der zitternde Morgenſtrahl! Er fällt auf mein Herz wie auf Memnons Saͤule, daß es von wun⸗ derbaren Himmelsklängen tönt. Friſche Lüfte umſpielen Bruſt und Scheitel— der ſchwere Vorhang des Gewölkes zerreißt, 1 und im Morgenglanz der Freiheit liegt die reiche Frühlings⸗ 4 flur, ſtrahlend in der Perlenfülle des klarſten Himmelsthaues! O Bianca, welche Tage brechen für uns an!“ 4 Bernhard hatte ernſt, aber tief durchglüht und erwärmt* Arnheims Botſchaft vernommen.„Ich trete in die Reihen der Kämpfer,“ ſprach er mit unwiderruflicher Entſchloſſenheit und reichte Arnheim die Hand. „Und ich fechte an Deiner Seite,“ rief Ludwig feurig. „Jetzt werden wir erſt erfahren, mit welchem Gefühl ein Mann die Donner der Schlacht um ſich rollen hört! O! 8 ——— — 299— nun ſegne ich das Jahr der Duldung, das wir überſtan⸗ den; denn es war unſere ſtrenge, lehrreiche Schule. Doppelt kann ich jetzt das Unrecht vergüten, das ich wider Willen dem Vaterlande zugefügt. Gehärtet in dem furchtbaren Kampfe, der hinter uns liegt, wiegen wir das Dreifache für den, welchen die Zukunft uns bereitet. Nicht mehr Neulinge, erprobte Männer, geſtählt in Gefahren und Drangſalen, wiſſen wir jetzt unſer Schwert zu führen. O wahrlich, Schweſter, Du ſpracheſt wahr, der Roſenglanz des Morgenroths beüßt durch die tiefſte Nacht!“ Bernhard ging, waͤhrend Ludwig ſich ſeiner freien Be⸗ geiſterung überließ, unruhig und gedankenvoll auf und nieder. „Ich fühle, was geſchehen muß,“ begann er endlich,„und ein edles Gefühl hebt auch meine Bruſt. Aber Freude kann ich es nicht nennen. Thaten wir Unrecht, an dem Kampfe dieſes Jahres Theil zu nehmen, war es unſere höhere Pflicht, das Haupt auf den Block zu legen und als wehrloſe Opfer der Argliſt zu fallen, ſo trifft uns jetzo auch die Nemeſis. Und ſie trifft ſchwer!“ Marie ahnete die Gedanken, die ſich in Bernhards Bruſt bewegten. Ludwig aber erwiderte:„Ich verſtehe Dich nicht, Bernhard; welche Nemeſis ſiehſt Du in den Fügungen, die ich für die gnadenreichſten des Himmels halte?“ „Auch ich halte ſie dafür; doch haftet nicht für uns Beide ein ſchweres Geſchick daran? Deine ſchöne Begeiſte⸗ rung, Ludwig, hat Dich in trunkener Freude hingeriſſen. So muß ich Dir ſagen, was ich ſonſt von Dir, der Du immer beſſer geweſen, edler empfunden als ich, gehört hätte?“ „Vollende nicht,“ unterbrach ihn Ludwig ſchnell;„ich weiß, was Du ſagen willſt. Gewiß, dies Opfer wird ſchwer; es iſt der Ring des Polykrates, den wir ins Meer werfen müſſen.“ — 300— „Ich verſtehe Euch Beide,“ ſprach Marie mit tiefer Rührung;„aber es muß ſein, es muß, ſo bitter es iſt. Und Raſinski wird der Erſte ſein, der Euren Entſchluß an⸗ erkennt. Selbſt groß geſinnt, empfindet er auch jedes Große wahr und unverfälſcht; aber frei, offen müßt Ihr vor ihn treten. Durch Niemand anders, als durch Euch, erfahre er, daß ein Tag kommen kann, wo Ihr faindlich gerüſtet einan⸗ der gegenüber ſteht.“ „So ſei es,“ ſprach Bernhard ſchnell;„wir ſchreiben ihm, ſobald es entſchieden iſt, was wir thun.“) „Das kann ſchnell geſchehen ſein,“ fiel Arnheim ein; „der Gang, der Sie zu Kämpfern für Deutſchlands Freiheit machen ſoll, iſt noch in dieſer Stunde möglich.“ „So gehen wir, denn es gibt keinen Grund des Säu⸗ mens mehr für uns,“ erwiderte Bernhard entſchloſſen. Sie gingen.—— Am nächſten Morgen enthielten die Zeitungen den Aufruf des Königs an ſein Volk, den Aufruf vom dritten Februar des Jahres Eintauſend achthundert und dreizehn. Der Sturm der Begeiſterung wehte durch alle Herzen. Mit lautem Sie⸗ gesruf ſtrömten die deutſchen Männer herbei zu den wehen⸗ den Bannern der auferſtehenden Freiheit; Thränen der Freude glänzten in den Augen deutſcher Jungfrauen, und ihre ſanfte Bruſt hob ſich ſtolz im vaterländiſchen Bewußtſein. Freudig ſah die Mutter den Sohn, die Schweſter den Bruder, die Braut den Geliebten dahin ziehen; jede bange Thräne zer⸗ rann in dem ſtolzwogenden Meer erhabener Freude, deſſen Wellen im roſigen Morgenſchein der Hoffnung leuchteten. O ſchöne Zeit, o golden ſtrahlende Aurora der Freiheit, die einen ewig heitern Frühlingshimmel über Deutſchlands Flu⸗ ren zu wölben verſprach! Bernhard und Ludwig waren in das Heer eingetreten; —— —æ— 2* — 301— der nächſte Morgen ſchon erblickte ſie neu in Waffen. Doch herrſchte eine düſtere Beklemmung in ihrer Bruſt, denn zu ſchwer laſtete das Verhängniß auf ihnen, das ſie zwang, von nun an dem edelſten Freunde, dem Retter und Beſchir⸗ mer ihrer Tage als Feinde gegenüber zu treten und die Waf⸗ fen gegen fein verehrtes Haupt zu führen. Nicht eher konnte dieſe düſtere Stimmung weichen, bis es rein zwiſchen ihnen und Raſinski geworden war. Daher nutten ſie die erſte Stunde der Muße nach ihrem Entſchluſſe, um ihn üſtd da⸗ mit bekannt zu machen. Ludwig ſchrieb ihm: „Theuerſter Freund!“ „An Dein edles, großfühlendes Herz richte ich dieſe Worte. Der Strom der Weltgeſchicke, der auf wild geho⸗ benen Wellen mich zu Dir trug und meine Tage Deinem Schutz anvertraute, hat uns jetzo weit auseinander geriſſen. Doch er trennt uns nicht nur, ſondern er treibt mich Dir ſogar feindlich entgegen. Noch ehe ich das Wort erkläre, weiß ich, haſt Du es verſtanden. Die Völker treten in einen furchtbaren Kampf; der Einzelne kann ſich nicht von der heiligen Sache des Vaterlandes losſagen; doch bluten darf ſein Herz unter der grauſamen Pflicht. Du haſt den Schiffbrüchigen, der verloren auf ſtürmenden Wellen trieb, an Bord genommen und gerettet an den ſichern Strand der Heimat geführt. Und jetzo ſoll er, den ſtolzen Segeln der vaterländiſchen Flotte folgend, das Verderben dahin ſenden, wo er Rettung fand! Freund, der Du mich kennſt, der Du meine Liebe tauſendfach geprüft, frage Dich, ob ich undank⸗ bar ſein kann. Ich weiß und vertraue mit heilig unerſchüt⸗ terlichem Glauben darauf, Du werdeſt mir vergeben, unſere Freundſchaft werde ſelbſt dieſer Sturm der Geſchicke nicht trennen. Gewaffnet ſollen wir einander entgegentreten, aber — 302— in der ganzen Schar meiner heimatlichen Brüder wird mein Herz für kein ſo theures Leben zittern, als für das, was höhere Geſetze mich feindlich zu bekämpfen zwingen. Das Gebet der Unſern ſei unſer Schutzengel; Bianca und Marie werden, wenn die Donner der Schlacht ertönen, ihre reine Hand flehend erheben, daß der Allgütige uns das Außerſte erſpare. Durch das finſtere Dunkel des dampfenden Schlacht⸗ gewölks glänzt mir ein holder Stern, der Stern des Frie⸗ dens. Auch dieſe Stürme werden austoben, welche die Ge⸗ ſchicke der Menſchheit in ihren tiefſten Tiefen aufwühlten; endlich muß der donnernde Vulkan, der Europa's Grund⸗ veſten in bebende Erſchütterung ſetzt, erlöſchen, und die blu⸗ tigen Lavaflüſſe werden ſtehen, die brauſenden Ströme der Völker, die jetzt kämpfend gegen einander wogen, in ihr altes, friedliches Bett zurückkehren. Dann, Raſinski, wenn die ſchönen Ufer der Erde ſich wieder in ruhigen Fluten ſpiegeln, wenn der Himmel neu erheitert lacht, wenn der er⸗ ſchöpfte Mars in ferner Höhle den Schlaf ſucht und der Themis das Schwert läßt, daß ſie die Gebiete der Völker mit ſchlichtender Hand neu abmeſſe und ihre Rechte mit ſtrenger Wage prüfe: dann, Raſinski, kommt der Tag, wo auch uns der Lohn für die ſchwerſten Opfer des Herzens wird! Auf der Brandſtätte der Schlachtfelder werden wir uns mit alter Liebe und Treue umarmen, und die Verwü⸗ ſtung um uns her ſchreckt uns nicht mehr, denn ſchon ſproſſen die neuen Keime des Lenzes empor, der in doppelter Schönheit da erblüht, wohin der Vulkan ſeinen zerſtörend⸗ ſten Aſchenregen getrieben. Dahin laß uns die Blicke richten, auf dieſes ferne, leuchtende Ziel. Fern? Was ſage ich! Er, der die Sonnen aus der Nacht plötlich ſchaffend hervorbre⸗ chen läßt, er, vor dem tauſend Jahre ein Tag ſind, er kann uns mit allmächtigem Arm im Flug des Augenblickes dahin —2ꝑ —— — 303— führen. Darum laß uns ihm vertrauen, denn ſeine Gnade 4 iſt noch unerſchöpflicher als ſeine Macht. G Ewig Dein Ludwig.“ Auch Bernhard hatte geſchrieben: „Raſinski!“ „Wenn ich Dir Auge in Auge ſehen, von Mund zu Mund zu Dir reden könnte, ſo ſollten weicher Blick und Ton das ſcharfe Gift meiner Worte mildern. Doch trinken müſſen wir es Beide, wie qualvoll es die Bruſt zerreiße. Das Schickſal rächt ſich an mir. Du weißt, Raſinski, um des Freundes willen verrieth ich mein Vaterland und nahm das Schwert und verwundete die Bruſt, die mich genährt. Jetzt rollt die Kugel um; die tückiſche Nemeſis waffnet mich nun gegen den Freund und ich verrathe ihn an das Vaterland. Was wehrt ſich mein thörichtes Herz dagegen und will bald brechen, bald ſich empören und aus der Bruſt hervorſtürmen? Hinunter zur Ruhe! Ich hatte und habe Recht. Trotzig will ich nun mit eherner Stirn ausharren, und wie ein Spartaner zu der Folter lächeln, auf der mich das Schickſal zu einem falſchen, feigen Geſtändniß zu zwingen denkt. Dir, Raſinski, thue ich das wahre: Es iſt meine heilige Pflicht, mit der Waffe in der Hand gegen Dich anzudringen, und die Bruſt zu durchbohren, die mir ſo treuen Schutz gewährte, an der mein Herz in heißeſter Liebe geſchlagen. Thue Du mir auch ſo!— O, Naſinski! Der Tag wird ſchön ſein, wo wir uns in Donnern und Wetterwolken, wie bei Mo⸗ ſaisk, finden, und gleich dem Brüderpaar vor Thebens Mauern mit dem Sxgeer gegen einander anrennen, daß wir Beide durchbohrt niederſinken! Hier betheure ich Dir, ich werde Dich nicht ſchonen; denn einen ſchwerern Verrath wüßte ich nicht zu begehen an meinem Vaterlande. Thue Du mir auch ſol Wenn wir aber neben einander hingeſun⸗ — 302— ken ſind und unter den todten Brüdern liegen, dann will ich mit ſterbender Stimme rufen:„Raſinski,“ und Du rufe „Bernhard“. Mit unſerm Herzblut ſtröme dann der Völker⸗ haß dahin; und je mehr die verſiegende Kraft das Lebens unſere Bruſt erkalten läßt, um ſo heißer wird ſie in heiliger Freundesliebe erglühen. Unſere wunden Herzen ſollen aneinan⸗ der ausſchlagen! Es wird ein ſchöner Tod ſein und ſie werden um uns weinen, Bianca— Marie!— Jetzt aber vorwärts; alle Ströme, wie wild ſie brauſen, finden ja doch endlich das Meer und dann ruhen ſie aus, und ihre Wellen drin⸗ gen nicht mehr raſtlos weiter. Bis dahin leb wohl!——— Bernhard.“ Marie und Bianca begehrten die Briefe zu ſehen. „Wie Ihr wollt, meine Lieben,“ entgegnete Ludwig, „doch iſt es beſſer, Ihr laßt es.“ „Nein,“ rief Bernhard,„es iſt beſſer, Ihr leſet. Ihr wißt, was geſchieht, warum ſolltet Ihr nicht wiſſen, wie?“ Mit dieſen Worten gab er ihnen die Blätter und ſie laſen, Beide zugleich, ſtumm, unter hervordringenden Thränen. Bernhard ging indeſſen in heftiger Wallung auf und abz endlich blieb er vor Ludwig ſtehen und ſprach:„O, es geht mir durch die Seele!“ Und der Freund lag am Herzen des Freundes. Marie und Bianca ſchrieben jede einen innigſten Gruß der Liebe unter die Worte des Bruders. So wurden die Briefe abgeſandt. über eine Woche verſtrich, bevor Antwort eintraf. Dieſe Zeit war indeſſen eine unruhig bewegte, da ſie ſich mit Vorbe⸗ reitungen zu dem neuen Kampfe ausfüllte. Eines Abends endlich kam das Schreiben Raſinski's an. Bernhard em⸗ . — 305— pfing es, doch er öffnete es nicht, ſondern legte es zurück bis Ludwig nach Hauſe käme. Als ſie Alle beiſammen waren, gab er es ihm und ſprach: „Lies es uns.“ Ludwig nahm den Brief, erbrach ihn, warf einige flüchtige Blicke hinein und las dann mit ſchmerz⸗ lich erſchütterter Stimme: „Meine Freunde!“ 1 „Ich habe Eure Briefe empfangen; ich erwartete ſie be⸗ reits. Ihr handelt, wie es eine unerläßliche Pflicht von Euch fordert; könnte meine Liebe zu Euch noch wachſen, ſie würde es dadurch. Der Altar des Vaterlandes iſt der hei⸗ ligſte, auf dem ein Mann ſeine Opfer zu bringen hat. Mit ſeiner Geburt leiſtet er ihm den ſtummen, aber unverbrüch⸗ lichen Eid der Treue. Haltet ihn; auch ich werde ihn hal⸗ ten, denn ich ſchwur ihn wie Hannibal ſchon als Knabe, obgleich kein Hamilcar mich an den Opferherd führte. Stets verehrte ich die erhabene Tugend des Brutus, der ſeinen Söhnen das Todesurtheil ſprach, weil ſie das Vaterland ver⸗ riethenz ich müßte es Euch ſprechen, wenn Ihr wie Brutus Söhne fehltet. Kein neuer Schmerz trifft meine Seele. Ich bin daran gewöhnt, daß der eherne Fuß der Welt⸗ geſchicke die Blüthen zertrete, die ich für mein Herz zu pflanzen hoffte. Das ſorgloſe Glück der Jugend, das ſchönere der Liebe, habe ich dem ſtrengen Gott geopfert; auch das Band der Freundſchaft will er jetzt zerreißen, doch das vermag er nicht. Ja, meine Freunde, ich habe den Schmerz in ernſter Schule gelernt und bin gehärtet gegen ſeine Pfeile. Ein undurchdringlicher Stahl deckt meine Bruſt. Die rauhen Schläge des Schickſals zermalmen ſie nicht mehr, ſie erſchüttern ſie nur mit dumpfer Betäubung. Wir müſſen uns bekämpfen, doch wir dürfen uns lieben. Das ſchöne — 306— Band unſerer Herzen ſoll ſelbſt das Schwert des Schlacht⸗ tengottes nicht trennen. Iſt es uns gleich nicht geſtattet, wie die homeriſchen Helden das heilige Gaſtrecht der Freund⸗ ſchaft auch im offenen Kampfe zu ehren, ſo können wir, edler als ſie, die Hand mit Liebe drücken, von der wir fallen. Doch dieſes Außerſte wird der Gott der Milde verhüten, dem wir unſere Tage anvertrauen. Freunde, Brüder! Eine gnä⸗ dige Hand legte die Binde um das Auge des Menſchen, daß er die Zukunft nicht ſchaue; oft iſt es ihm heilſam, daß auch die Gegenwart ſich verſchleiere. Dieſes Heil laßt uns als eine Wohlthat erbitten und es nicht frevelnd von uns ſtoßen. So lange der Kampf dauert, der uns feindlich gegen einander führt, wollen wir unſere Freundſchaft nur in ſchwei⸗ gender Bruſt tragen. Keiner wiſſe, Keiner erfahre von dem Andern. Denn nicht zu vermeſſen trotze der Menſch auf ſeine Kraft. Wüßte ich, wo Ihr als Gegner mir gegen⸗ über ſtändet, das Schwert entſänke vielleicht meiner Hand, und ich vermöchte nicht das heilige Gelübde zu löſen. Darum trenne dieſer Streit der Völker, der ſich ehern erhebt, jetzt alle ſanfte Bande der Liebe und Mittheilung, die ſich ſonſt zwiſchen uns und den Unſrigen geknüpft hätten. Vielleicht erſcheint einſt der Tag des Friedens, auf den Du hoffeſt, Ludwig, und dann werden wir uns wiederfinden. Fällt das Loos der Schickſals anders, ſei's darum. Wir werden es zeitig genug erfahren. So lebt denn wohl, Ihr Freunde! Und Ihr, holdſelige Geſtalten, an die meine Seele mit ſüßem Schmerze zurückdenkt, Bianca, Marie!— Leb wohl, Marie, ſei glücklich, Du kannſt es, denn die Jugend lächelt noch auf Deiner Wange, und noch blüht der Lenz, der neu⸗ geſtreute Saaten zu goldenen Früchten reift. Sei glücklich und beglücke!— Es iſt genug! Wir ſcheiden, vielleicht auf lange Zeit, vielleicht— doch meine Hand will an dem — 207— Schleier rühren, der das heilige Antlitz der Zukunft verhüllt; die Zeit allein ſoll ihn heben. Lebt wohl bis in den Tod.“ „Euer Raſinski.“ So war denn der letzte ſchwerſte Kampf der Herzen gekämpft; nur der leichtere, der des Schwertes, blieb noch übrig. Am nächſten Morgen tönten die Glocken feierlich von den Thürmen; die Scharen der Krieger ſammelten ſich auf dem Marktplatze, Tauſende der Bürger ſtrömten herbei, um die ſcheidenden Kämpfer noch einmal zu begrüßen. Bernhard und Ludwig waren gewaffnet; ihre Roſſe ſtampften unruhig vor der Thür. Bianca und Marie ſtan⸗ den, in bangen Thränen, aber heilig erhoben durch die Größe des Augenblicks, an die Brüder geſchmiegt. „Leb wohl, Schweſter,“ brach endlich Bernhard das bange Schweigen,„leb wohl! Und Du, Marie? Und Du?“ Sie wollte ihm die Hand reichen, er zog ſie näher, ſie ſank, überdrängt von ſeiner edlen Liebe, weinend an ſein Herz. Bernhard drückte einen ſanften Kuß auf ihre Stirn, dann ſprach er feſt:„Nein, Du Holde, jetzt fordere ich das entſcheidende Wort nicht von Dir, vor dem die Blüthen mei⸗ nes Lebensglücks ſich duftend öffnen oder welkend fallen ſol⸗ len. Nicht der überwältigende Sturm des Augenblicks ſoll es Dir entreißen! Du mußt wiſſen, ob Deine tiefe Wunde heilen konnte. Aber der Tag der Wiederkehr wird nahen; dieſe leuchtende Sonne, die dort die Kuppeln beglänzt, ver⸗ heißt ihn uns. Dann trete ich zu Dir, Marie, und frage Dich:„Will das ſchönſte Herz ſich einem treuen widmen?— Doch jetzo nicht!“ Mit dieſem Worte riß er ſich los und eilte mit Ludwig hinab. Marie ſank weinend, betäubt an Bianca's Bruſt. 3 Jetzt hörten ſie den Hufſchlag der Roſſe. Die Scharen ſetzten ſich in Bewegung. Ludwig, Bernhard, Arnheim wa⸗ ren unter den Vorderſten. Hehrer Glockenklang, wehende Tücher, jauchzender Jubelruf geleitete die Tapfern! Brauſend wogte das erhobene Meer der Freude und trug auf ſeinen Wellen das Herz über die tiefſten Abgründe der Angſt und Gefahr ſtolz dahin. Denn die Zeit war erfüllt, und die Saat gereift, und die Schnitter des Herrn zogen aus mit funkelnden Sicheln. Letzte Worte. Sieg lautet die Verheißung, Sieg die Erfüllung!— Die Donner der letzten Freiheitsſchlacht an Frankreichs Gren⸗ zen waren verhallt; zum zweiten Male wehten die hei⸗ ligen Fahnen auf den Thürmen von Paris. In den Schneewüſten Rußlands, unter dem rauhen Him⸗ mel ſeiner Winternächte hatte der Baum deutſcher Freiheit die tiefen Wurzeln geſchlagen; im Sturme der Heldenzeit wuchs er ſtolz empor; jetzt ſollte die milde Sonne des Frie⸗ dens ſeine Knospen öffnen, ſeine ſchattige Krone entfalten. Noch zitterten die Herzen bang in der Erinnerung an das dumpf nachdonnernde, fern hinabziehende Gewitter; doch der Himmel wölbte ſich klar und blau über die Erde, und jede Bruſt blühte auf in ſüßen Hoffnungen. —· * — 309— Selbſt die Trauer um die Tauſende gefallener Opfer wurde ein wehmuthsvolles Glück; denn es war ja nur Blut der Erlöſung gefloſſen. Alles, Alles ſollte dieſe Zeit verſühnen, jede Wunde hei⸗ len, jeden heißen Schmerz mit reinem Born kühlen— wehe Denen, die ihn vergifteten! Marie und Bianca hatten nach Ludwigs Wunſch auf dem ſtillen Landſitz bei Dresden, den die Schweſter ſeiner Mutter bewohnte und wo freundliche Liebe der Jugendge⸗ noſſinnen ſie umgab, eine Zuflucht geſucht. Hier ſahen Bernhard und Ludwig ſie wieder; hier vollendete ſich ihr Glück im ſüßen unauflöslichen Bunde. Denn auch Mariens Herz war durch Bernhards edle Treue und Größe ganz ſein geworden, und die Roſe ihrer Liebe, in der ſo lange die ſchwe⸗ ren Gewittertropfen ſchmerzlicher Thränen geſtanden, glänzte jetzt von zitternden Thautropfen der Freude und entfaltete den duftenden Kelch in neu aufblühender Anmuth. Nur eine Wolke lag trübe auf der Stirn der Glücklichen, die hier beiſammen weilten. Der Tag des Friedens war ge⸗ kommen; doch von dem edlen Freunde, der ſich, ſeinem Vor⸗ ſatz getreu, bis zu dieſer Stunde ſtreng von ihnen losgeſagt, hatten ſie nichts vernommen. Ein Brief an die Gräfin, den Ludwig ſeit mehreren Wochen nach Warſchau geſchrieben, blieb unbeantwortet. Sollten ſie den Trefflichen betrauern? War er, wie der biedere Arnheim, wie der dichteriſche Jüngling Benno, unter den Opfern gefallen, die der Krieg blutig gefordert hatte? Dieſe neuen Bekümmerniſſe erfüllten die Herzen der Glückſeligen. —— 9 8 — 310— Eines Abends, gegen das Ende des Auguſts, als ſchon die Dämmerung ihren Schleier leiſe über den Glanz der ge⸗ ſunkenen Sonne zu ziehen begann, ſaßen Bernhard, Lud⸗ wig, Bianca und Marie vor dem Gartenſaal beiſammen. Sie erblickten von dem buſchumkränzten Hügel einen Reiſe⸗ wagen, der die dicht am Garten vorbeiführende Landſtraße daher kam. Er hielt an der Gartenpforte; ſie öffnete ſich, eine hohe weibliche Geſtalt in Trauerkleidern trat ein und ſchritt auf die Erſtaunten zu.„Ich ſollte dieſe Juno kennen,“ ſprach Bernhard ahnungsvoll, da ſie ſchon ſo nahe gekom⸗ men war, daß man ihre Züge hätte unterſcheiden können, wenn ſie nicht von dem Schleier verhüllt geweſen wären. „Es iſt die Gräfin!“ rief plötzlich Marie, die ſie am längſten und genaueſten gekannt, und eilte ihr beklommen überraſcht entgegen. „Ja, ich bin es,“ ſprach die Kommende ſtillſtehend und ſchlug den Schleier zurück; dann öffnete ſie die Arme, um Marien zu empfangen, ſchloß ſie heftig ans Herz und drückte heiße Küſſe auf ihre Lippen. Auch Ludwig, Bernhard, Bianca hatten ſich genähert; ſie empfingen einen ſtummen, ſchmerz⸗ voll innigen Gruß von der hohen Frau. Sie war bleich; der Gram hatte ihre edlen Züge tief gefurcht; Thränen vergoß ſie nicht, aber der Glanz des Auges war erloſchen. „Ich wollte Euch noch einmal wiederſehen,“ ſprach ſie nach langem Kampfe mühſam, und reichte Bernhard und Lud⸗ wig die Hand dar; dann verſtummte ſie wieder. Die Frage nach Raſinski ſchwebte auf Aller Lippen, doch wagte ſie Niemand zu thun. „ und Sie kommen allein, ganz allein?“ begann endlich Bianca mit zagender Stimme.„O laſſen Sie uns nicht länger in banger Ungewißheit um das Geſchick ſo theurer Weſen.“ — — 311— Die Gräfin ſeufzte aus tiefer Bruſt und blickte gen Himmel.„Ich komme allein! Ganz allein! Das iſt meine Antwort!“ erwiderte ſie und ſchauerte zuſammen. „Und Lodoiska?“ fragte Marie mit bebenden Lippen. „Wähnteſt Du, ſie würde ihren Schmerz überleben? Seit einem Jahre ſchlummert ihr gequältes Herz in Frieden. Ihr iſt wohl!“ „Und Raſinski!“ rief Bernhard, der nicht mehr an ſich zu halten vermochte. Ein ſchwerer Kampf war auf dem Antlitz der Gräfin zu leſen:„Auch ihm iſt Ruhe geworden!“ ſprach ſie endlich langſam.„Man ſah ihn zuletzt in der Schlacht bei Leipzig in der Nähe des Fürſten Poniatowski;— weiter weiß ich nichts von ihm.“ Längſt hatte das bebende Herz es geahnet; doch die Er⸗ füllung berührte es mit vernichtender Erſchütterung. Marie ſank ſchauernd an Bernhards Bruſt; er ſchloß ſie feſt an ſich, ſein Haupt neigte ſich auf das ihre, und ſeine Thrä⸗ nen netzten ihre Stirn. Ludwig ſtand vom tiefſten Schmerz bezwungen und heftete den von Thränen umdunkelten Blick auf den Boden. Bianca verhüllte ſich das weinende Auge und lehnte die Wange ermattet gegen die Schulter des Freundes. „Ich weine nicht mehr um ihn,“ ſprach die Gräfin, doch bebte ihre Stimme wie ſanft gerührt;„ich habe auch wenig geweint. Wohl ihm, daß ſein Auge ſich geſchloſſen hat, daß es dieſe Tage nicht ſieht! Würde ſein edles Herz unſere Schmach ertragen? Gewiß, ihm iſt beſſer.“ Marie wankte zu ihr, und warf ſich ihr weinend ans Herz.„O meine Mutter!“ ſchluchzte ſie in Thränen erſtickend. — 312— „Tochter, meine Tochter!“ rief die Gräfin, und jetzt brach ein heißer Strom von Thränen auch aus ihren Augen hervor:„Eine Tochter an meiner Bruſt! O ich kann wie⸗ der weinen!“ Auch Bianca näherte ſich und legte ihren Arm weich um den Nacken der hohen Geſtalt.„Ruhe bei uns aus, Du Schwergebeugte,“ bat ſie tröſtend;„wir wollen Deine Töch⸗ ter ſein!“ Die Gräfin ſah ſie einen Augenblick mit fragenden Blicken an; ein heftiger Kampf bewegte ihre Bruſt; es zog ſie mit ſanften Armen wieder in das Leben, in das milde Reich der Freude zurück. Doch plötlich richtete ſie ſich auf, entzog ſich der Umarmung der Weinenden, bewegte verneinend das Haupt und ſprach:„Nein, nein, es iſt unmöglich! Sollte ich, ein ewiges verſteinertes Bild des Grams mich hinſetzen in die Hallen Eures Glückes und jeden Kelch der Freude vergiften? Nein, nein, nimmermehr!“ In Haltung und Stimme drückte ſich die Unabänderlich⸗ keit ihres Entſchluſſes ſo feſt aus, daß Niemand die Bitte zu wiederholen wagte. Indem hüpfte das blondlockige Töch⸗ terchen Aliſettens, Nadine, zwiſchen den Gebüſchen hervor, und blieb erſtaunt vor der Fremden ſtehen und betrachtete ſie mit ihren großen unſchuldigen Augen. Eine ſeltſame Rührung bewegte die Bruſt der Gräfin beim Anblick dieſes Kindes, das ſie ſogleich erkannte.„Kennſt Du mich noch, Nadine?“ fragte ſie mit kaum hörbarer Stimme. Statt zu antworten ſah das Kind ſie noch immer an und ſchmiegte ſich dann mit dem Lockenköpfchen vertraulich in ihren Schooß. Zu erſchüttert, drängte die Gräfin es ſanft hinweg und wandte ſich ab, um zu gehen. — 313— „Bleibe bei uns, ſchöne Dame,“ rief Nadine ihr freund⸗ lich nach, als ſie gegen die Gartenpforte zuging. Naſch wandte ſie ſich um, hob das Kind auf, küßte es, drückte es ans Herz und fragte bewegt:„Willſt Du mit mir gehen? Dieſes Kind wäre ein ſüßer Troſt in meiner tiefen Ein⸗ ſamkeit,“ wandte ſie ſich zu Bianca und blickte ſie fra⸗ gend an. „Was Du forderſt, nichts, nichts kann ich verweigern,“ erwiderte dieſe, wie tief ihr auch die Wehmuth einer Tren⸗ nung von dem liebgewordenen kleinen Weſen ins Herz drang. „Nein, auch das nicht,“ ſprach die Gräfin nach einigen Augenblicken ſtummen Kampfes ſanft, aber feſt, und ließ das Kind auf den Raſen nieder.„Soll ich den ſchwarzen Trauerflor über ſeine heitere Jugend werfen? Soll es nur unter Cypreſſen wandeln, wo Todtenurnen trauernd ſtehen? Nein, ich will die Tage, die ich noch leben muß— zum Allmächtigen hoffe ich, es werden nur wenige ſein— nicht mit dieſem Vorwurf belaſten. Weile unter Glücklichen, holdes Weſen!“ Sie küßte das Kind und ließ es von ſich; es ging zu Bianca hin und fragte theilnehmend:„Mutter, Du weinſt?“ Ich kam nur, um Abſchied zu nehmen,“ begann die Gräfin nach einer Minute der tiefſten Stille geſammelt;„ich zitterte vor dieſer Stunde, doch es wäre ungerecht geweſen, ſie zu vermeiden. Ich gehe nach Amerika! Es kann mir ein Vaterland werden, denn es iſt das einzige Land der Erde, wo eine freie Seele zu athmen vermag. Meine Heimat iſt ein Kirchhof, ein Gefängniß, eine ſchmachvolle Richtſtätte,— ein Weltmeer liege zwiſchen ihr und mir!— Wir wollen uns den Abſchied nicht erſchweren; raſch, entſchieden zerreiße das letzte Band, das mich feſſeln will. Lebt wohl, Ihr 14 Theuren, folgt mir nicht— erſt nach meinem Tode ſollt Ihr wieder von mir hören.“ Sie ließ den Schleier üͤber das Antlitz herab und ging mit raſchen, ſtolzen Schritten hinweg, noch einmal mit der Hand zurückdeutend, daß Niemand ihr folgen möge. Doch das thränendunkle Auge der Bleibenden hing begleitend an der ma⸗ jeſtätiſchen Geſtalt, bis ſie ſich im Dunkel der Bäume und des Abends verlor. Druck von n F. 2. Brockhaus in in Leipzig. ———— ſſſſſſſſſſſnnniſiinſnmnnſnnnan 5 6 7 8 9 10 11 12 dnſtnnlltn 1 ſſſſſf 3 14 1 fff S 7 1 16 1