aaanan nar SCATAc IATATATATAUATAAUADHAURURHhPhr Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. anhrhr. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. 8„ franz. od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: — auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. .„„„ nararararar. arararananananhnhnhr g 3 27 2 e, 1, 36„—,„ Sansranhaaear BEEErTTAArArararanarhnhrhnhnhnhnhchebeh Geſammelte Schriften von & Tudwig Kellstab. . N * Dritter Band. 1 811 2. Dritter Theil. —— Leipzig: F. A. Brockhaus. 184˙3. 5 3 1 — 4 Ein hiſtoriſcher Roman von Ludwig Uellstab. .„ 1 Dritte Auflage.⸗ Dritter Theil. 2 6 4 4———— Leipzig: F. A. Brockhaus. 1843. ——-— Neuntes Buch. —4jjjj44———— III. Erstes Capitel. Der September hatte mit einem ungetrübt heitern Himmel begonnen; die Tage zogen ſtill, ſonnig, mild erwärmt vor⸗ über. Zwar fing das Laub ſchon an, ſich zu färben, oder gar zu fallen; doch waren die Fluren noch in ein ſaftiges Grün gekleidet, das ſich mit den ſchönfarbigen Herbſtblumen ſchmückte. Die Gräfin, Lodoiska und Marie hatten in die⸗ ſer Hinſicht die angenehmſte Reiſe gehabt; was der Land⸗ ſchaft mangelte, erſetzte der Reiz der Jahreszeit, die in ihrer heitern Stille, mit jenem leiſen Anflug von Wehmuth, den der herbſtliche Anblick der Natur erregt, ſich der trüben Stimmung der Seele, in der ſich beſonders die beiden jun⸗ gen Mädchen befanden, gewiſſermaßen mit Freundestheil⸗ nahme anſchloß. Der Palaſt der Gräfin war, obgleich die Einrichtung deſſelben einer glänzenden Lebensweiſe entſprach, doch jetzt ein ſtiller, heimiſcher Aufenthalt, wie ihn Frauen, die in Zu⸗ rückgezogenheit leben wollten, nur irgend wünſchen mochten. Sie hatten die untern Zimmer des linken Seitenflügels be⸗ zogen, der gegen den Garten hinaus und zum Theil ſchon in demſelben lag. Die Glasthür des gemeinſchaftlichen Sa⸗ lons öffnete ſich unmittelbar gegen einen von Flieder⸗ und Jasmingebüſchen umgebenen, ſanft abgeſenkten Raſenplatz. 1* 4 Roſenbäume, die im Lenz den lieblichſten Anblick gewähr⸗ ten, ſtanden im Halbrund umhergepflanzt; zwar waren ihre Blüthen längſt gefallen, doch ſchimmerte dafür in der Mitte des Platzes ein reiches Medaillon von Herbſtblumen, unter denen ein Flor vielfarbiger Aſtern, die die Kunſt des Gärt⸗ ners beſonders pflegte, ſich auszeichnete. An der innern Seite des Flügels, die nach dem Hofraum und Garten ſah, wohnten Marie und Lodoiska. Sie hatten ſich wie Schwe⸗ ſtern liebgewonnen und ſich daher auch äußerlich ganz dicht und vertraulich einander angeſchloſſen. An den Fenſtern ihres Schlafzimmers, die dicht an dem Eiſengitter lagen, welches ſich quer von einem Flügel des Schloſſes zum andern über den Hof zog und dieſen von dem Garten trennte, rankte ſich Weinlaub empor. Zwar reiften die Früchte ſelten an dieſem Spalier; doch war das Gemäuer auf eine freundliche Weiſe durch das Laub verkleidet, und der Son⸗ nenſtrahl wurde durch das grüne bewegliche Gitter angenehm gedämpft, ohne ganz abgehalten zu ſein. Von dem Schlaf⸗ gemach ging man durch ein Bücherzimmer in das Arbeits⸗ zimmer, und dieſes ſtieß an den Salon. Auf der andern Seite deſſelben wohnte die Gräfin in den Zimmern, die mit denen Lodoiska's und Mariens parallel liefen, aber durch einen Corridor davon getrennt waren. Auch dieſe ſahen auf den Garten hinaus, aber nach der Seite der Ringmauer; auch war derſelbe hier nur etwa dreißig Schritte breit, und der Raum mit hohem, dunklem Gebüſch beſetzt, welches die an der Seitengaſſe, wo Francoiſe Aliſette gewohnt hatte, ſich entlang ziehende Mauer verdeckte, die in einer Flucht von der Seitenwand des Hauptgebäudes auslief. Eine Neihe hoher Pappeln zunächſt dieſer Mauer benahm den Bewoh⸗ nern der Gaſſe jede Ausſicht auf den Garten und die Fen⸗ ſter der Gräfin. So lagen auch dieſe ſehr ſtill und abge⸗ * 6 ſchieden; ja, durch das dunkle, dichte Gebüſch gewann die Wohnung etwas Düſteres, welches ſehr wohl zu dem Ernſt der Bewohnerin ſtimmte. Auf dieſe Weiſe mitten in der großen geräuſchvollen Stadt ganz abgeſondert, führten die drei Frauen ein ſtilles, nur unter weiblichen Beſchäftigungen dahinfließendes Leben. Selten, daß ſie einen Beſuch em⸗ pfingen, noch ſeltener, daß ſie ihn erwiderten; ihre Einſam⸗ keit wurde ihnen mit jedem Tage lieber, und ſie genoſſen ſie mit jedem Tage mehr, wo ſie einander näher kennen lernten und inniger liebgewannen. Kaum konnte unter drei Frauen eine größere Verſchiedenheit bei einer ſo engen Gemeinſchaft angetroffen werden. Die Gräfin, an Jahren vor den beiden Jungfrauen anſehnlich voraus, überragte ſie eben ſo an Kühn⸗ heit der Seele wie an Hoheit der Geſtalt. Sie beſaß zwar einen feinen, weiblichen Sinn und Verſtand, doch ohne jene weichmüthigen Neigungen, welche dem jungfräulichen Gemüth eigen zu ſein pflegen. Unter großen Zeitbewegungen aufge⸗ wachſen, war ſie früh aus der engen Beſchränkung des weiblichen Lebenskreiſes in die größern Bahnen des Welt⸗ laufs geriſſen worden. Sie hatte das Vaterhaus mit dem Vaterlande vertauſcht; ihre Seele lebte mit Antheil an allen öffentlichen Geſchicken. Sie war mit Begeiſterung eine Toch⸗ ter ihres Volkes. Auch auf Marien hatten die mächtigen Begebenheiten des Tages einen bildenden Einfluß geübt; auch ſie glühte für ein in der Unterdrückung ſchmachtendes Vater⸗ land; doch ganz in anderer Weiſe. Die Gräfin nahm einen thätigen, geiſtigen Antheil an dem Offentlichen; ihr Herz ſchlug ſchon aus Gewohnheit dafür und entbehrte den Ver⸗ luſt der häuslich weiblichen Stille des Gemüthes nicht mehr. Daher las ſie mit Eifer die Zeitungen, die politiſchen Schrif⸗ ten des Tages; ſie war mit der Geſchichte der Ereigniſſe ver⸗ traut, verfolgte ſie mit Scharfblick, brachte ferne Geſchicke mit denen ihres Vaterlandes in denkende Beziehung. Ma⸗ rie dagegen liebte nur ihre Heimat, das Volk, dem ſie an⸗ gehörte, über Alles; ſie war durch Sprache und Denkweiſe 1 eine Deutſche. Ihr edler Haß richtete ſich nur gegen die A Feinde und Unterdrücker ihres Vaterlandes. Die übrigen Weltgeſchicke beobachtete ſie, nicht gleichgültig, aber aus jener ⸗ ſcheuen Ferne, mit jener weiblichen Ehrfurcht, die da be⸗ kennt, daß hier ihr Reich ende, daß ihr Blick auf dieſem Gebiete keine Grenzen erkenne, in dem verworrenen Getüm⸗ mel keinen Faden entdecke, der ſie hindurchleiten könne. Darum kehrte ſie gern in ihr häusliches, ſtilles Heiligthum zurück und war duldend, wo ſie nicht handelnd ſein konnte. Mit der Befreiung ihres Vaterlandes wäre ihr Antheil am öffentlichen Leben erloſchen, oder wenigſtens ſo in die Ferne zurückgetreten wie bei allen Frauen. Sie wollte aus dem Kampfe nur ein ſtilles Heiligthum deutſcher Häuslichkeit ge⸗ winnen. Anders die Grafin, die mit ihren Wünſchen ſtets über die Schwelle des Hauſes hinauseilte. Marie wollte nur das Glück, die Ruhe, den Frieden für ihr Vaterland; der Gräfin war es Bedürfniß der Seele, an Glanz, Ruhm und Macht deſſelben zu denken. Auf dem bewegten Ge⸗ mälde der Völkerkämpfe behielt Marie nur ihre Landsgenoſ⸗ ſen und ihre nächſten Freunde als Vertreter derſelben im Auge; die Gräfin dagegen hielt den Blick auf die Helden des Tages gerichtet und verfolgte mit banger Spannung das Loos der Häupter. Marie ſah zwar das Schlachtfeld im Hauptraum ihres Bildes; doch im Vordergrund ihren Bruder, Bernhard und, wie ſie ſich ſcheu geſtand, Naſinski. Die Grafin ſtand mitten in der Schlacht; ihr Blick verfolgte die Fahnen, die Feldherren, ſelbſt in dem Bruder ſah ſie am Tage der Entſcheidung zuerſt den Führer. Lodoiska da⸗ gegen, ganz Jungfrau, ganz Liebe, hörte die dumpfen Don⸗ —— ner der Schlacht nur aus der Ferne; aber der blutende, erblaſſende Geliebte ſank ewig ſterbend vor ſie hin. Die Liebe hatte ihr ſchönes Herz ſo ganz erfüllt, daß für nichts Anderes Raum blieb. Selbſt die ſchwärmeriſche Frömmig⸗ keit, mit der ſie jeden Tag die Meſſe beſuchte, war nur eine andere Form ihrer liebenden Angſt; denn ihr Gebet ſtieg ja für den Freund ihrer Seele empor. Wie es aber unter edeln Gemüthern zu geſchehen pflegt, ſo hielt jede der Frauen die andere für die beſſere, vollkommnere, nur weil jene beſaß, was dieſer fehlte. So betrachtete Lodoiska ihre mütterliche Beſchützerin mit der tiefſten Ehrfurcht und ordnete ſich Marien mit Demuth unter, weil ſie in Beiden die Kraft anſtaunte, ihr Herz mächtig zu bezwingen. Die Gräfin und Marie dagegen verehrten die heilige Gewalt der Liebe in Lodoiska's Bruſt, die aus ihrer reinen Flamme alles Fremde ausſchied und das ganze Herz des Mädchens allein erfüllte und durchdrang. Und Marie ſah ſtaunend zu der Heldin empor, unter deren Schutz ſie ſich ſcheu flüch⸗ tend begeben hatte. Auf dem Tiſche der Gräfin lag eine Landcharte von Rußland ausgebreitet; ſie verfolgte genau nach den Zeitungs⸗ nachrichten jeden Marſch, jede Bewegung des Corps, und bezeichnete dieſelbe mit Stecknadeln, deren Knöpfe ſie mit ſinnreichen Kennzeichen verſehen hatte, um nicht nur Feind und Freund, ſondern auch den Stand der einzelnen Corps mit ſchnellem überblick zu unterſcheiden. Für Ra⸗ ſinski's Regiment hatte Lodoiska eine goldene Nadel aus ihrem Haar genommen; der glänzende Knopf derſelben zeigte ihrem Auge jeden Tag, wo ihr Herz den Geliebten ſuchen ſolle. Die letzten Nachrichten hatte ſie nach der Einnahme von Smolensk erhalten. Mit Lebhaftigkeit ſprach die Grä⸗ ————— fin über dieſes Ereigniß und knüpfte daran die froheſten Hoffnungen für den Ausgang des Kampfes. „Schon wir,“ ſprach Marie,„die wir hier in weiter Ferne ſitzen und nach vollendetem Kampfe die Nachricht empfangen, daß unſere Theuerſten noch unverſehrt unter den Lebenden wandeln— ſchon wir verfolgen die Berichte von der Schlacht mit ängſtlich klopfenden Herzen. Wie müßte uns erſt zu Muthe ſein, wenn das Verderben uns ſo nahe wäre als jenen Bewohnern von Smolensk; wenn wir, wie dieſe, unſere Brüder, Väter, Gatten vor den Thoren wüßten, im Kampf auf Leben und Tod, um Freiheit, Vaterland und Herd, um unſer Leben, unſere Ehre!“ „Mich würde das gequälte Herz auf die Mauern trei⸗ ben,“ rief die Gräfin, indem ſie, wie ſie in der Lebhaftigkeit immer pflegte, raſch auf und nieder durch das Zimmer ſchritt;„ich müßte mit meinen Augen dem Looſe des Kam⸗ pfes folgen.“ „Das vermöchte ich nicht,“ erwiderte Marie mit ſanf⸗ ter Miene;„doch glaube ich,“ ſetzte ſie mit dem ungewiſſen Tone der Beſcheidenheit hinzu,„ich würde Standhaftigkeit genug bewahren, um die Verwundeten zu pflegen.“ „Ach, und ich,“ rief Lodoiska ſeufzend aus,„ich ver⸗ möchte gewiß nichts, als vor dem Bilde der heiligen Mutter Gottes Schutz für das theure Haupt des Geliebten zu erfle⸗ hen.“ Auch ſie ſtand auf, aber um ihre hervordringenden Thränen zu verbergen. Die Frauen hatten ſich wahrhaft, ohne Hehl ausgeſpro⸗ chen; nur Lodoiska verkannte ſi ch; denn ſie hielt für Schwä⸗ che, was Stärke war. Im Augenblicke der Gefahr würde n dem Heldenmuth einer Heiligen die hülfreiche Pflege miitten in die Schlacht getragen, den Geliebten unter den deaheode Blitzen des Todes aufgeſucht und gerettet haben. — — Um ihre wallende Bruſt zu beruhigen, war ſie hinaus in den Garten getreten. Die Mittagsſonne ſtrahlte hell durch die Wipfel der hohen Bäume; ein leichter Wind rauſchte in den Zweigen. Zarte Wolken ſchwebten durch den lichten, blauen Raum dahin. Marie, deren fein verſtehender Sinn die Freundin ſchnell begriffen hatte, ging ihr nach, um ſie zu beruhigen; denn beim traulichen Geſpräch in der Stunde vor dem Einſchlummern hatte Lodoiska ihr oft das Herz geöffnet und ſich ſelbſt ihrer Überwältigung durch die Liebe angeklagt, ohne Mariens Troſt annehmen zu wollen, die wahrhaft eine hohe, ſeltene Kraft des Gemüths in dieſer Stärke der Leidenſchaft erkannte. Als Lodoiska aber den Springbrunnen erreicht hatte, wo ſich ihr Bund mit Jaro⸗ mir geſchloſſen, trat Marie an ſie heran, legte den Arm um ihren Nacken, küßte ſie auf die Wange und ſprach: „O, ich wollte, Du hätteſt meinen Namen, Liebe!“ „Ich wollte, ich hätte Dein ſanftes, ſtarkes, beherrſch⸗ tes Herz, Theuerſte,“ entgegnete Lodoiska und trocknete ſich die Thränen ab.„Aber weshalb wünſcheſt Du mir Dei⸗ nen Namen?“ „Um Dir ſagen zu können, Maria hat das beſſere Theil erwählt.“ „Ja, ja, das hat ſie,“ rief Lodoiska heftig aus, und neue Thränen brachen aus ihren dunkeln Augen hervor.„O, ich fühle es nur zu gut, ich bin liebeskrank, und mein Glück wird eine Qual, wird ein Vergehen!“ „Nein, nein, wahrlich nicht,“ erwiderte Marie.„Für das Edle darf man ganz entbrennen; ich bewundere Dich, die Du es ganz vermagſt. Glaube mir, unſere Ruhe liegt nicht in unſerer großen Stärke, ſondern in der geringern Kraft unſerer Liebe.. meinem Herzen konnte ich Mutterliebe 4 Bruder liebe, Vaterlandsliebe rein abwägen, bis—— — 10— Hier ſchwieg ſie; denn von ihrer bekämpften Leidenſchaft zu Raſinski hatte ſie mit der Freundin noch niemals geſprochen, weil das Geheimniß ihr nicht allein gehörte, und weil ſie empfand, daß ſie ſich eines ſittlichen Sieges nicht rühmen durfte, ohne ihn zu verlieren. Und war ſie denn Siegerin? Erneuten ſich die Kämpfe in ihrer Bruſt nicht oftmals in einſamen Stunden der Nacht? Und floſſen dem verlorenen Glück nicht noch immer ihre Thränen? „Bis?“ fragte Lodoiska, als Marie inne hielt. „Nun ja denn,“ ſprach dieſe verwirrt,„auch ich habe geliebt. Einen Augenblick lang!— Die junge Pflanze wurde durch den rauhen Sturm der Zeit ſchnell entwurzelt; ſie konnte nicht die Blüthe entfalten, weder eine volle Krone, noch tiefe Wurzeln treiben. Doch ſelbſt dieſer flüchtige Augenblick, kürzer als ein Traum, brach faſt die Kraft der ältern, hei⸗ ligen Bande der Liebe und Pflicht. Und dennoch fühlte ich mich größer, edler, beſſer durch die Liebe. Wahrlich, es iſt ein Großes, wenn man es vermag, Alles in ihr und durch ſie zu ſein. Darum kümmere es Dich nicht, Beſte, daß Du geringere Kräfte und Pflichten durch dieſe höhern in Dir aufgelöſt und vernichtet fühlſt. Wenn wir feſteren Wi⸗ derſtand leiſten, wer ſagt Dir, daß deshalb eine größere Stärke in uns wohnt? Wir widerſtehen wol nur, weil wir nicht ſo mächtig erſchüttert werden. Kleine Seelen können ein hohes Maß der Liebe nicht faſſen. Darum ſchätze Du Deine Seele nach der Kraft Deines Liebens!“ „Du tröſteſt ſo holdſelig,“ erwiderte Lodoiska bewegt; „Du willſt wie ein duftendes Veilchen in ſtillen Schatten zurücktreten, wo Du glänzen dürfteſt! Meine Liebe iſt ſtär⸗ ker als ich ſelbſt; das iſt mein Vergehen, und oft ahnet mir, als werde ſich's fürchterlich ſtrafen. Steht denn nicht ddie Pflicht hüher als die Liebe?“ 4 ₰ 4 ☚ —— rein und edel an ſich, ſie faſt bewußtlos zum Guten und „Aber welche hätteſt Du verletzt?“ „Ich fühle, daß ich jede verletzen würde.“ „Dies Gefühl täuſcht Dich; nur jede niedere würde Dir gegen dieſe eine, höhere, verſchwinden.“ „Nein, mir verſchwindet der Blick, die höhere zu er⸗ kennen!“ „Du wirſt ſie gewiß klar vor Dir ſehen, wenn ihre Erfüllung von Dir gefordert wird, und wenn es höhere Pflichten für Dich giebt! Die Welt kann ſie vielleicht ver⸗ langen; aber iſt es nicht ein Eigennutz der Welt? Muß Dein Handeln denn das Geſetz für Alle ſein? Beſondere Kräfte geben beſondere Pflichten. Ich habe jenen Römer ſtets verehren müſſen, der es frei vor den Richtern ausſprach: Das Capitol würde ich angezündet haben, wenn es mein Freund gefordert hätte. Wenn ich ſelbſt nicht ſo handeln würde, ſo fragt es ſich doch, ob es mein Verdienſt oder meine Schuld zu nennen wäre. Iſt Liebe, iſt Freundſchaft wirklich ſo groß, wer darf es ihr zum Vorwurf machen?— Das Verbrechen, was ſie auf ſich ladet, iſt dann keins mehr! Hier, Liebe, waltet kein kaltes, für Alle gleiches Ge⸗ ſetz, ſondern Jeder handelt nach dem Gefühle ſeiner Bruſt, und nach dieſem richtet uns der Ewige, der allein das Maß der widerſtreitenden Kräfte in uns abzuwägen vermag.“ In ihrem Eifer für die Freundin hatte Marie die Be⸗ ſonderheit derſelben zu vertheidigen gewußt, ohne ſelbſt die innere Klarheit des Gefühls zu verlieren, die ihr in ihrem Handeln und Empfinden den richtigen Weg zeigte. Sie haite mit Lebhaftigkeit ſich in die ſchöne Seite des Charak⸗ ters ihrer Freundin hineingefühlt. Lodoiska war ein reines Kind der Natur, in den Träumen ihrer Jugend dunkel auf⸗ gewachſen, nur den Gefühlen ihres Herzens hingegeben, die, Schönen drängten. Marie hatte ihre Bruſt durch den kla⸗ ren Born eines entwickeltern Bewußtſeins gereinigt; Ludwigs Ernſt, ſein ſcharfes Denken waren, da er ſich viel mit der Bildung der Schweſter beſchäftigte, nicht ohne Einfluß ge⸗ blieben. Sie hatte das empfangene geiſtige Gut in ihr Eigenthum verwandelt; auf dem Boden des weiblichen Her⸗ zens wuchs die edle Saat vielleicht nicht mehr ſo ſtolz und hoch, blühte aber zarter. Sie fühlte mit Bewußtſein; Ur⸗ theil und Neigung verſchmolzen ſich in ihr, ohne daß ſie es —, wollte und forderte. So empfand ſie auch, ohne es ſich zur klaren Erkenntniß gebracht zu haben, daß in der ſittlich bewußten Seele die Leidenſchaft gar nicht ſo wild empor⸗ 1 wachſen kann, und daß mit ihr, wenn ſie das Herz mit edler Flamme durchdringt, auch alle andern edeln Kräfte, die das Gleichgewicht herſtellen müſſen, gehoben werden. 4 Lodoiska hätte ohne das Beiſpiel der feſten, entſchloſſe⸗ nen Grafin, der ſanft gefaßten Freundin, ſich ſelbſt gewiß nicht mit ſo bangen Blicken beobachtet. Sie erkannte ſich erſt richtiger durch die Vergleichung und lernte das Bedürf⸗ niß einer Kraft kennen, die ihr fehlte, deren Mangel ſie un⸗ ter andern Umſtänden aber vielleicht niemals geahnet hätte. Dazu ſchlummerte ein unheimlicher Gedanke in ihrer tiefſten Seele; ſie wagte nicht, ihn vor ſich ſelbſt klar wer⸗ den zu laſſen, viel weniger hatte ſie eine fremde Bruſt zur Vertrauten deſſelben gemacht. Von dem Augenblick an, wo. Jaromir ihr theuer wurde, betrachtete ſie— und ſie erinnerte* ſich deſſen nur zu wohl— Francoiſe Aliſette's verführeriſche Reize mit ängſtlichen Blicken. Das Mäͤdchen ſchien ihr un⸗ 1 widerſtehlich; der Vorfall beim Abmarſch des Regiments, den* ſie mit angeſehen, ſo ſehr er nur einer leichten Galanterie ähnlich ſah, war ihr unvergeßlich geblieben. Er hatte einen Funken der Eiferſucht— dies harte Wort möchte man nicht * erſchienen. Oder woben die fieberhafte Leidenſchaft, der krank⸗ gern dafür gebrauchen—, oder doch der Beängſtigung in ihre Seele geworfen, der, wie oft ſie ihn durch ernſten Un⸗ willen gegen ſich ſelbſt zu erſticken ſuchte, immer neu auf⸗ glimmte und ſich in dem empfänglichen Stoff ihres Her⸗ zens langſam weiter ſchlich. Bisweilen wähnte ſie ihn er⸗ loſchen, aber plötzlich brach er bei irgend einem Anlaß wie⸗ der neu hervor und ſchien ſich nur tiefer in die innerſten Falten ihrer Seele eingeniſtet zu haben. Dies war eigent⸗ lich die Urſache ihres bangen Grams, ihrer ſchwärmeriſchen Trauer. Nicht daß das Geſpenſt des Argwohns ſie ſo ver⸗ folgt hätte; allein ſie betrachtete bei dem Gefühl ihrer un⸗ verbrüchlichen Treue gegen den Geliebten einen Verdacht ge⸗ gen die ſeinige als das ſchwärzeſte Verbrechen. So litt ſie die zwiefache Qual der Angſt und der Reue über ihre eigne Schuld; nur in der heißeſten Liebe, in der hingebendſten Aufopferung glaubte ſie ihre ſträflichen Gedanken abbüßen zu können, und daher wuchs ihre krankhafte, ſchwärmeriſche Leidenſchaft im doppelten Verhältniß zu der beängſtigenden Qual, die ſie ſtumm in ihrem Innern trug. Konnte ſie alſo durch ihre Liebe und allein in ihr glücklich ſein? Nur in den berauſchten Augenblicken des gänzlichen Vergeſſens war es möglich, wenn ſie Briefe von Jaromir empfing, wenn ſie ihm ſchrieb und im Schreiben ſich glühender und glühen⸗ der entflammte; wenn ſie von ſeiner Nähe, ſeiner Umarmung träumte. Doch bald hing wieder ſchwarzes Gewölk an dem Himmel ihrer Hoffnungen, und Giftpflanzen ſproßten rings um die reine Blüthe ihrer Liebe empor. Mit dieſer nagen⸗ den Qual verband ſich eine tiefe Anlage zur Schwermuth, die von Jugend auf in ihrer Seele wohnte; dieſe ſchuf dü⸗ ſtere, ſchreckende Bilder, welche ihr, da ſie oft in unruhigen Träumen wiederkehrten, bald wie unfehlbare Ahnungen haft angeregte Reiz ihrer Nerven vielleicht ein unſichtbares Band zwiſchen ihr und der Zukunft? Gibt es warnende, wahrſagende Stimmen für ein leiſer horchendes Ohr? über⸗ hören wir ſie nur in dem rauſchenden Getümmel einer äu⸗ ßerlichen Welt, der wir uns nur zu ſehr entgegenneigen?— Ach, Lodoiska vernahm ſie wie das ferne, ſchauerliche Grollen heranziehender Gewitter, wie bange Klagelaute im Nachtgeräuſch des Windes, unter dem angſtvollen Pochen ihrer Bruſt. Dann flüchtete ſie in die Kapelle; nur im Gebet fand ihre ſchöne Seele die Ruhe wieder. Denn dort ſchwiegen die Stimmen des Lebens, der Leidenſchaft; die aufgeregten Wogen beſchwichtigten ſich, die trüben, fremden Stoffe ſanken auf den Boden hinab, und der Himmel ſpiegelte ſich klar und tief in der beruhigten Fluth. Iweites Capitel. Es war ein grauer Septembertag, an dem Lodoiska, nur von ihrem Mädchen begleitet, die nahe Kirche beſuchte. Ihr Weg führte ſie vor dem Hotel des franzöſiſchen Geſand⸗ ten in Warſchau, Herrn von Pradt, vorüber. Vor der Thür hielt ein Courierwagen; ſie bemerkte eine auffallende Bewegung unter den Dienſtleuten. Es mußte eine Nach⸗ richt von Wichtigkeit eingetroffen ſein. Mit klopfendem Her⸗ zen näherte ſie ſich. Freilich konnten von allen Gegenden Eu⸗ ropa's, aus Spanien, Paris, Italien, Wien, die Eilboten bei der Geſandtſchaft eintreffen; allein die größten Ereigniſſe begaben ſich doch jetzt da, wo ihr Herz weilte. Eine innere ——=— —— ſichtig fort.„Blutig, wie es kein Beiſpiel mehr in der Ge⸗ Stimme ſagte ihr, daß Nachrichten von der Armee gekom⸗ men ſein müßten. Sie beſchleunigte ihre Schritte; zu blöde, ſich ſelbſt zu erkundigen, gab ſie ihrem Mädchen den Auf⸗ trag und wollte, langſam vorangehend, dieſelbe jenſeit des Höotels erwarten. Doch indem ſie vor der Thür vorbeiging, kam ein Offizier in Paradeuniform heraus; er ſtutzte, als er ſie ſah, ſchien ſie zu erkennen, ging raſch auf ſie zu, ver⸗ beugte ſich und ſprach: „Ich hoffe vielleicht zu viel von der Güte Ihres Ge⸗ dächtniſſes, wenn ich vorausſetze, daß Sie mich noch kennen ſollten, gnädigſte Gräfin?“ Lodoiska war jungfräulich überraſcht, doch erkannte ſie ſogleich den Rittmeiſter Arnheim von Teplitz. „O gewiß erkenne ich Sie,“ war ihre Antwort,„wenn⸗ gleich ich nur wenige Tage in Teplitz zugebracht habe. Da⸗ für iſt es aber auch erſt ganz kurze Zeit her, daß wir es verließen. Aber was führt Sie nach Warſchau?“ „Meine Herſtellung iſt vollendet. Ich gehe zur Armee nach Volhynien ab.“ „Es ſcheint, daß ſo eben wichtige Nachrichten beim fran⸗ zöſiſchen Geſandten eingetroffen ſind,“ ſprach Lodoiska ein wenig ängſtlich und ſah ſich um, ob ihr Mädchen noch nicht nachkomme. „Die wichtigſten von der Welt,“ entgegnete der Ritt⸗ meiſter raſch;„dieſen Augenblick brachte ſie der Courier. Es iſt eine große Schlacht vorgefallen, bei Moſaisk, zwei Tage⸗ märſche von Moskau!“ „Ohne Zweifel ſehr blutig?“ fiel Lodoiska erblaſſend und zitternd ein. Arnheim bemerkte im Gehen nicht, daß ſie durch die Nachricht ſo heftig ergriffen wurde, und fuhr daher unvor⸗ ſchichte gibt; die Zahl der Todten und Verwundeten iſt noch nicht genau bekannt; doch im überſchlag gibt die Depeſche ſie auf ſechzig⸗ bis ſiebzigtauſend von beiden Seiten an. Der Sieg des Kaiſers iſt mit unermeßlichen Opfern erkauft.“ Das Bild des Schlachtfeldes trat plötzlich mit ſo ent⸗ ſetlichen Farben vor Lodoiska hin, es erfüllte ihre Seele mit ſolchem Grauſen, daß ſie, ihrer ſelbſt nicht mehr mächtig, erblaſſend zurücktrat und mit dem erſterbenden Ausruf:„Hei⸗ lige Mutter Maria!“ in die Kniee ſank. Arnheim ſprang hinzu und fing ſie in ſeinen Armen auf. Verlegen ſah er ſich nach Hülfe um, als ſchon Lo⸗ doiska's Mädchen haſtig herbeieilte und im ängſtlich wehkla⸗ genden Tone rief:„Um Gottes willen, was iſt meinem Fräulein?“ „Der Schreck über die Nachricht von der Schlacht hat ſie ſo heftig ergriffen; wir wollen ſie hier in das Hotel des Geſandten tragen!“ ſprach Arnheim. Doch Lodoiska öffnete die Augen wieder. Eine dunkle Gluth der Beſchämung hauchte den Marmor ihrer Wangen an; ſie ſeufzte tief auf. Zu ſprechen vermochte ſie noch nicht, doch richtete ſie ſich empor und blieb nur auf den Arm des Mädchens gelehnt. „Wie ſoll ich Verzeihung für meine Unvorſichtigkeit hof⸗ fen,“ ſprach Arnheim;„wir Soldaten ſind ſo roh, daß wir bei der Nachricht von einer Schlacht niemals an die Opfer denken.“ „Sie ſind nicht ſchuld,“ antwortete Lodoiska;„es war nur meine Thorheit.“ Da brachen ihre Thränen unaufhalt⸗ ſam hervor.„Ich muß nach Hauſe— vergeben Sie nur—“ ſprach ſie mühſam. „Darf ich Ihnen meinen Arm leihen? Oder befehlen 4 — 17— Sie, daß ich einen Wagen beſorge?“ fragte der Rittmeiſter dienſtfertig. „Wenn Sie mich unterſtützen wollen, werde ich es Ih⸗ nen ſehr danken; ich bin in der That aufs Außerſte ermattet.“ Arnheim gab ihr den Arm. Von der andern Seite lehnte ſie ſich auf das Mädchen und ließ ſich ſo nach dem Palaſt der Gräfin zurückführen. Glücklicherweiſe hatte Lodoiska's Ohnmacht nur eine Mi⸗ nute gewährt, und die Aufmerkſamkeit der Leute auf der Straße war in dieſem Augenblicke ſo ſehr auf die Bewegun⸗ gen im Hoͤtel des Geſandten gerichtet geweſen, daß der Vor⸗ fall ganz unbemerkt vorüberging. Man ſchlug jetzt eine men⸗ ſchenleere Seitengaſſe ein, und ſo gelangte die Geleitete trotz ihres ſchwachen, zitternden Ganges an den Palaſt der Grä⸗ fin, ohne daß die Neugier läſtiger Zuſchauer ihr folgte. Für den Rittmeiſter war es nicht ſchwer, ſich die Urſache des heftigen Schrecks, der Lodoiska ergriffen hatte, allgemein hin zu erklären. Denn wer hatte nicht einen Freund, einen Bruder, einen Vater bei dem Heere? Indeſſen dachte er zart genug, um nicht näher zu forſchen, und ſuchte auch den ſchreckenvollen Eindruck der erſten Nachricht durch mildernde Zuſätze zu mäßigen. Als man an der Pforte des Hauſes ſtand, ſprach Lo⸗ doiska:„Ich danke Ihnen herzlichſt für Ihre hülfreiche Theil⸗ nahme; gewiß ahäßte ich Sie bitten, mir noch weiter zu fol⸗ gen. Doch— Arnheim ließ ſie nicht weiter reden. Er fiel mit Wärme ein:„Dieſe erſten Stunden der Aufregung gehören der Ein⸗ ſamkeit; der wohlmeinendſte Fremde könnte nur ſtörend er⸗ ſcheinen. Doch verſagen Sie mir es wol nicht, zu einer gün⸗ ſtigern Zeit zu kommen.“ Lodoiska ſah ihn mit einem dankbaren Blicke an:„Es würde mir ſehr weh thun, wenn wir Sie nicht ſehen ſoll⸗ ten; ich hoffe, wir werden Sie dann froher willkommen hei⸗ ßen können.“ Mit dieſen Worten reichte ſie ihm die Hand zum Ab⸗ ſchiede und trat dann raſch umgewendet, weil ſie ihre Angſt nicht mehr beherrſchen konnte, ein. Mühſam erreichte ſie die ſtillen Gartenzimmer. Marie war die Erſte, die ihr begegnete. „Leih mir Deine Stärke, Marie,“ rief ſie ihr zu und brei⸗ tete die Arme aus,„leih mir Deine Kraft, Theuerſte, daß ich die Todesangſt ertrage, bis wir Nachricht haben!“ „Um des Himmels willen, was iſt geſchehen?“ rief Ma⸗ rie erſchreckt, indem ſie die Freundin, die ſich athemlos an ihre Bruſt warf, ſanft umſchloß. Lodoiska vermochte eine Zeit lang nicht zu ſprechen; Marie hörte nur das laute Pochen ihres Herzens. Sie führte die halb Hinſinkende auf das Sopha. Dort erſt begann ſie nach einigen Minuten in heftigſter Bewegung:„Eine Schlacht iſt geliefert— ſieben⸗ zigtauſend Todte und Verſtümmelte bedecken das Gefilde. Das gräßliche Bild dieſes unendlichen Jammers kann mich wahnſinnig machen!— Ach Marie!— Ich ſehe nichts als Blut und das blaſſe, ſtumme Antlitz der Todten!“ Die Gräfin trat ein. Sie hatte ſchon durch das Kam⸗ mermädchen erfahren, was geſchehen war. Bei ihr überwog das Gefühl des Sieges die Beſorgniß um die Ihrigen. Freundlich, aber ruhig trat ſie auf die geängſtete Lodoiska zu und ſprach:„Komm an mein Herz, liebſte Tochter; weine Dich an der Bruſt Deiner Mutter aus. Dann wirſt Du ruhiger werden und mit Faſſung die ferneren Nachrichten er⸗ warten, die uns ja bald zukommen müſſen.“ Das Beiſpiel der Feſtigkeit, verbunden mit der ſanften Theilnahme, welche ihre mütterliche Pflegerin zeigte, richtete den Muth der Verzagenden wunderbar auf. Mariens freund⸗ — 19— liche Liebkoſungen, die die eigne Angſt um den Bruder ſorg⸗ fältig verbarg, und die Kraft dazu eben aus Lodoiska's Schwäche ſchöpfte, vollendeten ihre Beruhigung, ſoweit dies jetzo möglich war. Nach einigen Minuten trat ein Diener ein und mel⸗ dete, Rittmeiſter Arnheim bitte dringend um die Erlaubniß, vorgelaſſen zu werden, er bringe glückliche Botſchaft. Erſt jetzt erfuhr Marie, angenehm überraſcht, doch ein wenig verlegen, die Anweſenheit dieſes Bekannten aus der Heimat, deſſen große Aufmerkſamkeit für ſie ihr nicht ent⸗ gangen ſein konnte. Lodoiska, nur mit dem für ſie ſo äng⸗ ſtigenden Ereigniß beſchäftigt, hatte bisher deſſen noch gar nicht gedacht. Die Gräfin wußte durch das Madchen nichts weiter, als daß ein fremder Offizier Lodoiska unterſtützt und geleitet habe. „Sehr willkommen!“ ſprach ſie und winkte dem Diener. Lodoiska war in größter Spannung, denn ohne eine dringende Veranlaſſung, und wie Alles andeutete, auch nicht ohne eine glückliche, konnte ſich der Rittmeiſter nach der Art, wie ſie von ihm Abſchied genommen hatte, unmöglich jetzt ſchon einſtelen. Mit klopfendem Herzen vernahm ſie ſeine raſchen Schritte im Vorſaal. „Verzeihen Sie mir nur mein raſches Eindringen,“ ſprach er eintretend zur Gräfin, naber ich konnte mir's unmöglich verſagen, ſelbſt der überbringer dieſes Blattes zu ſein, wel⸗ ches unſtreitig Ihre Beſorgniſſe wegen der Schlacht ſogleich heben wird.“ Dabei überreichte er ihr ein offenes Blatt, auf welchem einige, mit Bleiſtift geſchriebene Worte in pol⸗ niſcher Sprache ſtanden. „Tauſend, tauſend Dank!“ erwiderte die Gräfin, als ſie einen Blick auf das Papier geworfen hatte.„Hier, Lodoiska, lies Du ſelbſt, was mein Bruder ſchreibt:„Theure Schwe⸗ — 29— ſter! Die Schlacht iſt vorüber, ich lebe; unſere nächſten Freunde ſind Alle unverletzt. Nächſtens mehr.“ „Dank Dir, heilige Mutter Gottes!“ rief Lodoiska außer ſich und warf ſich unter ſtrömenden Thränen an die Bruſt ,r der Gräfin.„Wie biſt Du gnadenreich gegen Deine Toch⸗ ter!“ Ihre Blicke richteten ſich in verklärter Freude gen Himmelz ſie faltete die Hände über der Bruſt und vermochte nicht mehr zu ſprechen. Auch Marie war in tiefſter Bewegung.„Alle unver⸗ letzt,“ ſprach ſie und eine Thräne der innigſten Rührung zitterte in ihren Wimpern.„Das iſt mehr als ich ſelbſt zu hoffen wagte! O jetzt empfinde ich erſt an meiner unaus⸗ ſprechlichen Freude, wie namenlos meine Angſt war! Haben Sie Dank für dieſe Botſchaft.“ Wie großes Glück oder Unglück edle Herzen öffnet, daß 4 ſie der gewöhnlichen, beengenden Schranken des Leben nicht mehr gedenken, ſo ging Marie offen und frei auf Arnheim zu und reichte ihm mit Wärme die Hand. Dieſer ſtand aufs Außerſte betroffen, denn Mariens Gegenwart in dieſem Orte, die er nicht ahnen konnte und noch nicht wahrgenom⸗ men hatte, überraſchte ihn jetzo mit einer Plötlichkeit, die ihm beinahe die Faſſung raubte. Mit freudiger Beſtürzung ergriff er die dargebotene Hand und druckte ſie an die Lip⸗ pen.„Sie hier?“ ſprach er ſich aufrichtend mit dem Tone 5 der höchſten Verwunderung;„das hätte ich nimmermehr ver⸗ 4 muthet!“ „Ich bin einer ſehr freundlichen Einladung gefolgt,“. antwortete Marie;„doch iſt in der Fremde die Begegnung mit einem Landsmanne und vollends mit einem, den wir näher kennen, ein gar zu freudiges Ereigniß.“ 8 „O gewiß, gewiß!“ rief der Rittmeiſter und küßte ihre 6 —,—, — 21— Hand mit ſolchem Feuer, daß Marie ſie ſanft zurückziehen mußte. „Wir ſind Ihnen unendlichen Dank ſchuldig geworden, Herr Rittmeiſter,“ ſprach die Gräfin;„und Diejenigen, die ihn nicht einmal auszuſprechen wiſſen, am meiſten.“ Sie deutete dabei auf Lodoiska, die ihre, von dankbarer Rührung in Thränen überſtrömenden Augen, mit dem Tuch bedeckt hielt.„Aber wie kommen Sie zu dem Blatt?“ „Auf die einfachſte Art von der Welt,“ erwiderte der Rittmeiſter.„Ich hatte mich eben im Bureau der Geſandt⸗ ſchaft gemeldet, als die Depeſchen eintrafen. Ein dort arbei⸗ tender Offizier ſagte mir, daß der Courier, wie gewöhnlich, eine Menge flüchtiger Briefe und Meldungen, theils auf of⸗ fenen Zettelchen, theils in vorbereiteten Couverts, theils nur mit Bleiſtift geſchrieben, mitgebracht habe, wodurch Diejeni⸗ gen, die an der Schlacht Theil genommen haben, den Ihri⸗ gen die erſten Beruhigungen zukommen laſſen, in jeglicher Form, wie die Umſtände es eben geſtatten. Dies brachte mich auf den Gedanken, ob nichts für Sie, gnädigſte Gräfin, dabei ſein möchte. Ich eilte ins Bureau zurück und es fand ſich in der That dieſer offene, mit Bleiſtift geſchriebene Brief vor. Ich erbat ihn mir, um ihn ſofort mitzutheilen, etwas, das man um ſo lieber annahm, als man dieſe Briefe gern mit der Nachricht zugleich an Diejenigen gelangen läßt, an die ſie gerichtet ſind. So ward ich der überbringer.“ Hrar größten Glückes,“ fiel die Gräfin ein.„Noch⸗ mals ſeien Sie uns als der heilbringendſte Bote willkommen!“ Lodoiska fühlte in ihrem frommen Herzen das Bedürf⸗ niß, der himmliſchen Beſchützerin ihres Glücks den Dank des Gebetes darzubringen. Unbemerkt ſchwebte ſie aus dem Ge⸗ mache und ſuchte die Einſamkeit ihres Zimmers auf, wo ein Marienbild, mit herbſtlichen Blumen von ihr ſelbſt geſchmückt, — 22— hing. Hier kniete ſie nieder und betete ſtumm. Marie hatte ſie errathen und folgte deshalb nicht. In der Stille der Bruſt richtete auch ſie Dankgebete an den Allmächtigen, der ihr den Bruder erhalten hatte. Doch zugleich überkam ſie eine bange Wehmuth über die Folgen des großen Ereigniſſes. Das Geſpräch, welches die Gräfin mit dem Rittmeiſter be⸗ gann, gab ihr zum großen Theil Auskunft auf die Fragen, die ſie in ihrem Innern that. „Sie glauben,“ begann die Gräfin,„daß dieſer Sieg entſcheidend für den Ausgang des Kampfes iſt?“ „Ohne allen Zweifel. Zwei kleine Tagemärſche von der alten Hauptſtadt des Reichs, führt er dieſe unfehlbar in die Gewalt des Kaiſers, und damit dürfte Nußlands Loos ent⸗ ſchieden ſein.“ „Das Neich dehnt ſich noch weit hinter Moskau aus; die blühendſten, bevölkertſten Provinzen reihen ſich an die ſüdlichen Abhänge des Ural. Für ganz beſiegt möchte ich Rußland nicht halten, ſelbſt wenn die beiden Hauptſtädte im Beſitz des Kaiſers wären.“ „Gewiß nicht,“ erwiderte Arnheim,„allein es iſt in ſeiner geiſtigen Kraft gebrochen durch die Wegnahme der Hauptſtadt. Außerlich möglich iſt die Fortſetzung des Kriegs ohne allen Zweifel, doch innerlich wird ſie nicht ausführbar ſein. An die Hauptſtadt des Reichs knüpfen ſich zu vielfach verſchlungene Intereſſen; ſie iſt der Punkt, wohin alle Wege des Reichthums, des Handels, des Verkehrs, ſich vereinigen. Und wie ein gewaltiger Schlag nur eins der edlern Organe zermalmen darf, um das Leben des ganzen Körpers zu ver⸗ tilgen, ſo iſt in Kriegen das Eindringen des Feindes in die Hauptſtadt von tödtlich lähmender Wirkung für alle übrigen Kräfte des Reichs.“ „So wäre denn die Weltherrſchaft Napoleons entſchie⸗ „ — 23— den?“ fragte Marie mit einer Stimme, der man den un⸗ terdrückten tiefen Schmerz anhörte. „Für den Continent gewiß,“ entgegnete Arnheim. Die Gräfin, welche Mariens Sinnesart kannte, denn dieſe hatte bei aller Freundſchaft für ihre wohlwollende Be⸗ ſchützerin doch nie einen Hehl daraus gemacht, dachte zu edel, um ihre Freude über eine Wendung der Weltbegeben⸗ heiten zu äußern, die für eine Deutſche ſo niederſchlagend ſein mußte. Marie ihrerſeits, welche beſonders ſeit ihrem Aufenthalte in Polen leicht begriff, wie viel dieſe Nation von den Siegen des Kaiſers zu hoffen hatte, trug ihren Kummer ſtill. Kaum daß ein ſchmerzlicher Zug um ihre geſchloſſenen Lippen ihn verrieth. Arnheim ſchien ſie jedoch zu verſtehen, weil er ähnlich fühlte. Doch griff der Schmerz um das Vaterland nicht ſo tief in ſeine Seele; theils weil er ſein Geburtsland, öſtreich, jetzt höher geſtellt zu ſehen hoffen durfte, theils, indem er als Soldat eine kriegeriſche Verehrung vor dem franzöſiſchen Kaiſer als Feldherrn empfand, vorzüglich aber, weil er ſich in glücklichern Hoffnungen für Deutſchland wiegte, als man damals zu haben pflegte. Er hielt es für gut, von dieſen zu ſprechen.„Vielleicht,“ äußerte er, iſt das Reſultat die⸗ ſer Schlacht ſegensreich für ganz Europa. Gegen wen wird eigentlich der Krieg geführt? Meiner Meinung nach nicht gegen Rußland, ſondern gegen England. Durch die Beſie⸗ gung der ruſſiſchen Heere iſt der Kaiſer nunmehr endlich Herr aller europäiſchen Küſten; denn Spanien und Portugal wer⸗ den bald ganz in ſeiner Gewalt ſein. Alsdann iſt er im Stande, den Engländern die Bedingungen des Friedens, wenn nicht unbedingt vorzuſchreiben, doch wenigſtens ſie zur An⸗ nahme billiger Verträge zu bewegen. Englands Macht iſt ſo groß, daß der ganze Continent aufgeboten werden mußte, — 24— um dieſer kleinen Inſel das Gleichgewicht zu halten. Dieſes große Ziel ſcheint mir jetzo erreicht; wenigſtens ſind wir nahe daran. Dann, ſo hoffe ich, wird ein allgemeiner Friede, deſſen alle Nationen bedürfen, nach dem ſich alle Völker ſeh⸗ nen und Frankreich vielleicht am meiſten, gewiß die furchtba⸗ ren Erſchütterungen, die Europa ſeit zwanzig Jahren dulden muß, beſchwichtigen, die zerriſſenen Bande neu knüpfen, die gewaltſam geſchloſſenen vernünftig löſen. Vieles übel, wel⸗ ches der Kaiſer jetzt, durch den Drang der Ereigniſſe gezwun⸗ gen, den Völkern zufügen mußte, wird aufhören. Er gab den überwundenen Nationen fremde Könige, ſtrenge Statt⸗ halter. Weshalb? Weil er ihrer nicht ſicher war, und bei ſeinen unermeßlichen Kriegszügen doch keine gefährlichen Feinde im Hintergrunde dulden durfte. Vielleicht ſetzt er jetzt, eben um das Band der Sicherheit feſter zu knüpfen, die recht⸗ mäßigen Fürſten wieder ein. Denn an den Perſonen liegt ihm nichts, zumal an ſeinen Brüdern und Verwandten. Sie ſind nur Monarchen, weil er ihrer Anhänglichkeit am ſicher⸗ ſten iſt, denn er iſt der Stamm, auf dem ſie blühen. Wur⸗ zelt er erſt tief und feſt, ſo kann er der wucheriſchen Zweige, die einen nachtheiligen Schatten auf das Land umher werfen, leicht entbehren. Ja, ich hoffe, daß ſeine enge verwandt⸗ ſchaftliche Verbindung mit unſerm Kaiſerhauſe das Glück Europa's bilden wird. Oſtreich wird der Vertreter des deut⸗ ſchen Volkes werden. Napoleon wird gern ſehen, daß es in einem friedlichen Bündniß mit ihm ſtehe; dann wird er, weil man lieber ſtarke Bundesgenoſſen hat als ſchwache, auch das Gedeihen des Landes auf alle Weiſe befördern helfen. Es mußte viel altes Unheil bei uns in Deutſchland zerſtört werden, bevor ein neuer Bau ſichern Boden, freien Raum fang Die verjährten Formen hat der franzöſiſche Kaiſer als * Vertreter einer großen, jugendlich kräftigen, neu erwachenden 8 Zeit vernichtet; was jetzt beſteht, iſt nur vorübergehend. Er ſelbſt weiß, daß es nichts Feſtes iſt, denn er ſelbſt reißt ja täglich ein, was er für die Noth des Augenblicks aufbaute, 7 und läßt Völker und Fürſten gleich ſchnell ihre Pflichten 4 wechſeln und ändern. Iſt aber erſt das große Ziel ſeines ge⸗ waltigen Wollens erreicht, iſt der Continent eben ſo ein ſtreng im Innern Zuſammenhängendes, als die Ländermaſſe, aus der er beſteht, ſich äußerlich verbindet: dann wird der große Mann einen feſten, dauernden Grund legen, — um auf demſelben einen ſtolzen Bau für ferne Zeiten zu begründen. Dazu mußte dieſer letzte Kampf gefochten ſein. Niemand fühlt es ſo tief als ich, wie bittere Opfer der De⸗ muth, der Entſagung, des gebrochenen Stolzes Deutſchland bringen mußte; aber ſie werden nun ein Ende haben. Sie waren eine Vergeltung für alte, ſchwere Verſchuldungen; die Geſchichte erſpart keinem Volke eine ſolche Buße für alte Vergehungen. Sie richtet nicht die Thäter, nicht die Perſonen, aber die Thaten, die Dinge mit unver⸗ brüchlicher Gerechtigkeit. Und könnte Deutſchland die Vortheile ableugnen, die es ſchon halb, nur durch die Zer⸗ ſtörung vieles Alten, Verderblichen gewonnen hat, obwol das neue Gute noch nicht an die Stelle des Zertrümmerten ge⸗ treten iſt? Fragen wir uns ernſtlich, ob es vor zwanzig Jahren gut bei uns warz wir müſſen antworten: Nein! Es ſtand ſchlecht um Alles, was das Glück eines Volkes bilden 19 ſoll. Seit Jahrhunderten hat Deutſchland nur Kriege mit ſſiich ſelbſt geführt. In unzählige Gebiete geſpalten, gehorchte es hundertfacher Willkür. Die Einheit der Nation war ver⸗ ſchwunden. Nur die Sprache bildete noch das innere, gei⸗ 6 ſtige Band. Tauſend Schranken thürmten ſich einer freien, Kwhätigen Entwickelung der Volkskräfte entgegen. Nur auf ſein Inneres war der Deutſche gewieſen; das hat er redlich 8 III. 2 1 4 — 26— angebaut, aber die neue Erkenntniß konnte ihm noch keine lebendige Frucht in der Geſtaltung ſeines Volkslebens gewähren. Eine ſtürmiſch aufgeregte Fluth brauſte über Deutſchland herein, und unter dem rauhen Schlag ihrer Wellen verſchwanden die alten, tiefeingegrabenen Spuren übererbter Vorurtheile und Vorrechte, Beſchränkungen, Hemmungen, Bedrückungen. Wir trugen dieſe Feſſeln ſchon ſo lange, daß die Gewohnheit unſer Gefühl gegen den harten Druck abgeſtumpft hatte; ja ſie waren in unſer Fleiſch eingewachſen. Doch dürfen wir es nicht vergeſſen, wie leicht wir aufathmeten, als vor zwanzig Jahren die eherne Hand der Zeit zum erſten Male an dieſen Eiſenſtäben unſeres Gefängniſſes rüttelte. Jetzt halten uns neue Bande gefeſſelt, die wir unwillig tragen. Allein ſf 4 dürfen wir in unſerm gerechten Schmerz und Zorn das doch nicht ſchließen, daß wir nicht ſehen ſollten, wie wir,. gleich wir neue Feſſeln tragen, doch der alten entledigt ſind⸗ unter denen wir ſeufzten. Nein, wir ſeufzten kaum, und das war faſt ſchlimmer, denn wir ſanken ſchon in jenen Zuſtand der tiefſten Unwürdigkeit des Sklaven hinab, der das Bedürf⸗ niß der Freiheit nicht mehr empfindet. Jetzt kennen wir es, und ſo dürfen wir nicht verzagen, ein Ziel zu erringen, was leuchtend vor uns ſchwebt; ſei es nun durch eigene Kraft der That, oder durch eine glückliche Wendung der Weltgeſchicke. Dieſe letztere aber könnte eben jetzt leicht eingetreten ſein.“ Arnheim hatte ſich ins Feuer geſprochen; er redete für alle Parteien, und darum hörten ſelbſt die entgegengeſetzten ihn gern. Marie wurde durch ſeine Worte in tiefſter Seele erquickt und ihre von ſanfter Freude verklärten Blicke ſagten ihm einen liebevollen Dank. Die Gräfin ſtand bewegt auf.„Wenn ſchon Sie ſo große Hoffnungen an dieſen Sieg knüpfen,“ ſprach ſie,„wie muß uns das Herz ſchlagen, uns, die wir in dieſer Schlacht — 27— für die Freiheit des Vaterlandes kämpften! Wenn der Tag gekommen wäre, der lang, heißerſehnte Tag, wo das in den Staub gebeugte Polen ſeinen edlen Nacken wieder ſtolz auf⸗ richten könnte! Wenn der weiße Adler die gelähmten Schwin⸗ gen ausbreitete und den kühnen Flug zur Sonne der Freiheit, des Ruhmes zu wagen vermöchte! O dann, dann, dreimal Heil und Segen über dieſen Sieg! Das Blut der Gefalle⸗ nen wäre nicht umſonſt gefloſſen!“ Gleich einer Königin ſtand die erhabene Frau da, Hände und Blick aufwärts zum Himmel hebend. Drittes Capitel. Lodoiska trat wieder ein. Der Wechſel der Angſt und der Freude hatte die zarte Geſtalt ſo angegriffen, daß das leichte Roth auf ihren Wangen eher einer krankhaften Spur fieberhafter Bewegungen, als einem Zeichen der Geſundheit und innerer Befriedigung glich. Die Gräfin wußte, daß körperliche Bewegung und fri⸗ ſche Luft ihr dann am zuträglichſten waren; ihr ſelbſt war ein Spaziergang ins Freie nöthig, um die Wallung ihrer Bruſt zu beruhigen. Sie ſchlug vor, in den Garten zu gehen; die Saalthüre öffnend trat ſie gleich ſelbſt hinaus, die Andern folgten. Die Sonne hatte das Grau des Himmels ein wenig getheilt und warf einen Halbſchimmer durch die dünnen, wei⸗ ßen Wolkenſtreifen, die vor der glänzenden Scheibe dahinzogen. 3 Marie blieb einen Augenblick ſtehen und ſah gegen den Himmel hinaufV; ſie verlor ſich in Betrachtungen. 2* — 28— Arnheim, der ihr ſtets nahe zu bleiben ſuchte, heftete ſeine Blicke auf ihr ſchönes Angeſicht. Es war bei weitem mehr ſanfte Weiblichkeit, als Hoheit in ihren Zügen, doch etwas ſo Reines, Edles, daß ſich jede Liebe zu dieſer freund⸗ lichen Geſtalt, mit Ehrfurcht, wenigſtens mit der zarteſten Scheu, paarte. Vielleicht war die Gräfin, die einen ſcharfen Blick für alle Verhältniſſe hatte, nicht ohne Abſicht mit Lodoiska weiter gegangen, ſodaß Marie ſo gut als allein mit Arnheim blieb. Nur ſie hatte es nicht bemerkt. „Und was ſucht und bittet das Auge meiner ſchönen Landsmännin dort oben?“ fragte er endlich, ihr ſtummes Sinnen unterbrechend. „Ach, ich dachte an unſer Vaterland,“ ſprach ſie mit herzlichem Ton und durchaus unbefangen.„Sie haben ſo ſchöne Worte des Troſtes für mich geſprochen, ſo theure Hoffnungen in mir angeregt! Mußte mir nicht dieſer Him⸗ mel als ein Gleichniß unſeres Zuſtandes erſcheinen? Das Licht kämpft mit den trüben Nebeln. Vor einer Stunde lag Alles noch in düſteres Grau gehüllt; jetzt bergen nur noch weiße, halbgelichtete Schleier die Sonne. So haben Ihre Worte auch meine Hoffnungen aufgehellt; ſie ruhen nicht mehr hinter ganz düſterm Gewölk!“ „O, es wird ſich bald ganz zertheilen,“ rief Arnheim lebhaft.„Wir ſind allein. Ich muß vorſichtig ſein, aber einem Herzen, das ſelbſt in weiblicher Bruſt ſo vaterländiſch ſchlägt, wie das Ihrige, darf ich wol ein männliches Ge⸗ heimniß anvertrauen, das Ihre Hoffnungen wie Morgenthau erquicken wird. Der Sinn brüderlicher Eintracht, auf den ich in meinen Worten hindeutete, iſt kein ſchöner Traum, kein frommer Wunſch mehr in unſerm Vaterlande. Lebendig iſt er erwacht; der eiſerne Druck der Zeiten hat die Kraft des Widerſtandes hervorgerufen. Wie der Stahl den Funken — 29— erſt durch ſeinen heftigen Angriff aus dem kalten Stein lockt, ſo haben die Schläge des Schickſals in Deutſchland edle Funken geweckt, die zur ſtillgenährten Glut verbunden, einſt in mächtiger Flamme auflodern werden. Ja, die edelſten Männer reichen einander die Hand; ein längſt geſtifteter Bund, der äußerlich zwar ſchon längſt wieder gelöſt wurde, aber in ſeinen höhern Zwecken dennoch fortbeſtand, vereint ſie und ſchlingt ſich in geheimer Kette durch unſer ganzes Vaterland. Näher und vertrauter als jemals ſind dieſe Edlen jetzt verbunden, und in Allen lebt der feſte Entſchluß, das Unwürdige nicht thatlos duldend zu ertragen. Doch mit dem ſtarken Zügel der Mäßigung halten ſie den Ausbruch des tiefen Unwillens zurück, bis die Kräfte dem Willen ge⸗ wachſen ſind. Der günſtige Augenblick ſoll erwartet werden; 8 es iſt kein müßiges Harren, denn dem aufmerkſamen Auge zeigt ſich die Gunſt des Schickſals oft. Indeſſen werden alle Kräfte vorbereitet, genährt, ſichere Freunde gewonnen, im Stillen der gute Same geſtreut. Die geheimen Fäden zum Gewebe großer Ereigniſſe ſind ausgeſpannt; ein Wink und 1 tauſend Hände ſind daran geſchäftig.“ Arnheims Blicke leuchteten begeiſtert, als er ſo ſprach; auch in Mariens Auge glänzte ein Goldblick der Hoffnung durch den feuchten Thau, der es benetzte. „O, ſo ſoll in dieſes Herz doch noch Freude und Hoff⸗ nung zurückkehren,“ ſprach ſie;„es ſind Empfindungen, von * denen es ſich ſeit lange entwöhnt hatte. Wie ſehr danke ich Ihnen für dieſe Nachricht. Wie richten Sie den ſchon ge⸗ brochenen Muth in mir auf! Und Sie gehören zu dieſem Bunde?“ fragte ſie nach einigen Augenblicken. „Seit zwei Wochen erſt, wo würdige Männer in Preu⸗ ßen mich dazu bewährt fanden,“ erwiderte Arnheim. „Nehmen Sie auch mich darin auf, als ein ſtummes, —— — 30— aber nicht minder treues Mitglied,“ ſprach Marie und reichte ihm die Hand.„In meinem Herzen gehörte ich einem ſol⸗ chen Bündniß längſt an!“- Arnheim ergriff Mariens Hand. Er küßte ſie nicht, aber drückte ſie mit Wärme. Ein wunderbares Gefühl be⸗ klemmte ihm die Bruſt. Marie ſtand ſo holdſelig vor ihm, ihr blaues Auge blickte ihn ſo treu und offen an,— o ſie war ſchön und gut, und beſſer als ſchön! „Wie nennen Sie den ſchönen Bund, dem ich im Stillen angehören will?“ ſprach ſie, als er bebend ſchwieg; ich habe aber nur gefragt, wenn Sie mir antworten dürfen.“ „Er führt einen würdigen, vielleicht zu ſtolzen Namen. Doch iſt er nur von dem Wollen, nicht von dem Vollbrin⸗ gen der Bundesbrüder zu verſtehen, er heißt der Tugend⸗ bund.“ In dieſem Augenblicke zogen die letzten Gewölke vor der Sonne vorüber, und ihr heller Strahl fiel rein, glänzend auf die Sprechenden. Zugleich erhob ſich ein hehres Rauſchen in den herbſtlichen Wipfeln, als ob edle Geiſter auf mächtigen Fittigen vorüberſchwebten. Der Wolkenſchleier theilte ſich weit; das Licht quoll aus dem blauen Naume herab und verbreitete ſich, wie eine goldene Welle, über den Raſen und die ſtolz ſich wiegenden Kronen der Bäume. „Das iſt die Nähe des Allmächtigen, es iſt ſein Glück verheißender Wink, das Zeichen ſeiner ſegnenden Beſtätigung!“ rief Marie begeiſtert aus und richtete das verklärte Auge gegen die Wölbung des Himmels hinauf, deren tiefes, reines Blau klar über dem zerfließenden Gewölk ſtand.„Was mich auch Bitteres treffe, welche Prüfungen Du mir ſendeſt, an dieſes Zeichen will ich mich halten. Das ſoll mir glänzen weithin durch dunkle Tage, die Dein Wille mich führt.“ So ſprach ſie in der Fülle ihres heiligen Vertrauens. — — 314— Arnheim ſtand mit tiefer Ehrfurcht vor ihr. In ſeiner Bruſt regten ſich mächtige Gefühle für ſie, doch er empfand es ahnend, daß ihr Herz, welches ſich ſo frei, ſo ganz dem großen vaterländiſchen Gefühl hingab, nur von dieſer höhern Flamme, nicht von der ſtillern der Liebe erfüllt werde. Schmerzvoll getroffen ſchwieg er. Das nahe Bild der Ge⸗ liebten, das er ſchon zu umfaſſen wähnte, zerfloß, aber eine höhere, edlere Geſtalt ſchwebte vor ihm und blickte ihn aus lichter Höhe an. Nicht eine Braut wagte er ans Herz zu ſchließen, zu einer Heiligen erhob ſich ſein Blick. Denn ſo ſtand ſie jetzo vor ihm. Mit ſeiner geadelten Empfindung wuchs der ſehnſuchtsvolle Schmerz in ſeiner Bruſt, aber zu⸗ gleich auch die Kraft, ihm zu gebieten. „Wohl,“ ſprach er männlich gefaßt,„Sie haben Recht. Dieſe große Hoffnung muß uns wie die Flamme des Leucht⸗ thurms als feſtes Ziel mitten in der dunklen ſtürmiſchen Nacht des Lebens leuchten. Auch der Schiffbrüchige darf noch den letzten Blick darauf wenden, und, wenn er edel zu denken weiß, den Troſt mitnehmen, daß, durch ſie geleitet, Andere den Hafen des Glücks, der Freiheit, des Friedens erreichen werden, vor dem er ſcheiterte.“ „Ich glaube, die Gräfin erwartet uns,“ ſprach Marie, die ihr weites Zurückbleiben erſt jetzt mit einiger Verlegen⸗ heit bemerkte;„wir ſind wirklich ganz zurückgeblieben.“ Mit dieſen Worten ging ſie ſchneller vorwärts. Die Gräfin entdeckte die Bewegung Beider ſogleich; doch mit wahrhaftem Zartgefühl verrieth ſie dies auch nicht durch ein Lächeln, nicht durch einen Blick, ſondern ſchien das Zu⸗ rückbleiben, als rein zufällig, nicht einmal der Bemerkung werth zu achten. „Der Himmel iſt gefällig für unſern Spaziergang,“ be⸗ merkte ſie, wie ſo eben die Sonne plötzlich durch das Gewölk — 32— tung des Parks. Die Wolkenſchatten flohen überhin und der Strom des Lichts eilte verfolgend nach.„Dieſer Wech⸗ ſel in der Beleuchtung macht mir den Herbſt, ich meine die Herbſtlandſchaften, ſo lieb.“ „Er gleicht allerdings einem Trauerſpiele im vierten Act,“ erwiderte Arnheim, indem er ſeine Gemüthsbewegung durch einen leichten Ton der Unterhaltung zu verbergen ſuchte. „Wie ſo Das?“ fragte die Gräfin. „Je nun, dort beginnen die glücklichen Verhältniſſe ge⸗ wöhnlich ins Schwanken zu kommen; der heitere Himmel, den der Dichter als Contraſt des Gewitters, das er herauf beſchwört, Anfangs über uns ausſpannte, verfinſtert ſich dann allgemach und wir erblicken den Kampf des Lichts mit der Nacht der tragiſchen Schickung. Die melodiſchen Anklänge glücklicherer Tage ſind noch nicht ganz verhallt, aber ſchon rollen die dumpfen Töne des Donners in der Ferne. Ähnlich der Herbſt, der vielleicht ſeinen größten Reiz darin hat, daß wir alle Reize der Natur im Entfliehen erblicken. So wer⸗ den uns die Unſerigen in der Abſchiedsſtunde erſt theuer; dort erkennen wir erſt ihren Werth; ja das Gleichgültige ſteigt hoch im Preiſe, wenn man ſich davon trennen ſoll!“ „Sie haben Recht. Doch möchte ich dem Herbſt wol auch einigen ſelbſtändigen Werth zugeſtehen. Der Beweis ſcheint mir darin zu liegen, daß ich mich im Sommer ſchon auf denſelben freue; wer aber hoffte der Abſchiedsſtunde ent⸗ gegen?“ „Ich will mein Gleichniß nicht vertheidigen. Keines iſt unverwundbar; an irgend einer Stelle dringt der Pfeil hin⸗ durch. Alle verlieren, am meiſten freilich die ſcherzhaften, wenn man ſie beharrlich durchführen will. Mir däucht, es i*ſt auch der größte Mangel an Poeſie, dies zu wollen; nur brach. Es gab einige Augenblicke lang die ſchönſte Beleuch⸗ — 33— ſchlechte Dichter thun es. Die Schönheit des Gleichniſſes beſteht nur in der ahnungsvollen, aber ſogleich tief verſtänd⸗ lichen Bedeutung der Wahrheit; man ſoll ſie daraus erken⸗ nen, empfinden, aber nicht erweiſen noch erklären wollen.“ Die Gräfin hörte den Worten Arnheims aufmerkſam zu; ein Geſpräch, welches ihren Scharfſinn anregte, war ihr immer das liebſte. Marie hatte ſich zu Lodoiska geſellt, deren Freude ſie jetzt mit einem ähnlich beglückten Herzen theilen konnte. Plötzlich tönte das feierliche Geläute der Glocken von der nahen Kathedrale in das Rauſchen der Bäume, das Wehen des Windes hinein. „Zu dieſer ungewöhnlichen Zeit? Was mag das be⸗ deuten?“ fragte die Gräfin. Die Glockenſtimmen vervielfältigten ſich; von nähern und fernern Thürmen her drang der Schall durch die Vor⸗ mittagsſtille. „Es wird der Feier des Sieges gelten,“ bemerkte der Rittmeiſter. „Sie haben Recht. Ja, und es iſt ein Sieg, für den wir dem Himmel danken müſſen! Wie das Herz mir groß wird bei dieſen Klängen. Ein Sieg! Ein Sieg! Aus den dunklen Wetterwolken der Schlacht bricht vielleicht die neue Morgenröthe für unſer Vaterland an! Jetzt verſtehe ich den Trieb der Unruhe in meiner Bruſt; unter das betende, dankende Volk muß ich mich miſchen, die glühende Seele im eigenen Gebet gen Himmel ſenden!“ Sogleich wandte ſie ſich um und ging zurück dem Pa⸗ laſt zu. Ihr Entſchluß war ein unwiderſtehliches Gebot für die übrigen, auch wenn nicht der eigene Drang der Freude ſie vor den Altar des Allmächtigen getrieben hätte. „Keinen Wagen, keinen Wagen!“ rief die Gräfin einem 2*† — — 34— Bedienten zu, der, da er bemerkte, daß nian ſich zum Aus⸗ gehen anſchicke, die Frage, ob er den Kutſcher beſtellen ſolle, auf der Zunge hatte.„Wir gehen zu Fuß. Wie das ganze Volk in die Kirche ſtrömt, ſo auch wir. Es iſt ein Tag der Demuth, nicht des Stolzes. Und doch, wie ſtolz ſchlägt mir das Herz.“ Indeſſen hatte ſie einen dunklen Shawl übergeworfen; Arnheim bot ihr den Arm. Marie und Lodoiska folgten. Auf den Gaſſen war Alles in Bewegung. Das Volk ſtrömte über die Plätze den Kirchen zu. Alle Glocken läu⸗ teten wie an dem Feſttage eines Heiligen. Unter dem Hotel des Geſandten kreuzten ſich zwei wallende dreifarbige Fahnen. Die in der Stadt anweſenden Truppen traten zuſammen, um in Parade in die Kirche geführt zu werden. Wie durch Zaubermacht war der Alltag in einen hohen Feiertag verwandelt. Das Volk hatte ſeine Feierkleider an⸗ gelegt; Männer, Frauen, Mädchen und Kinder, Alles eilte in buntem Gemiſch dem Altar des Herrn entgegen. Wie glänzten die feurigen, dunklen Augen der Mädchen und Jünglinge! Jenen wallte unter dem Schleier das lange, ſchwarzgelockte Haar hervor und bedeckte den weißen Nacken. Dieſe hatten die hohe, mit Treſſen beſetzte Mütze, von der reiche Troddeln herabhingen, ſtolz auf die Stirn gedrückt und ſich mit dem Ehrenſchmuck des Mannes, dem Säbel, umgürtet. Marien ward faſt bang um's Herz, als ſie dieſe allge⸗ meine Volksfreude wahrnahm. Ach, in ihrem Vaterlande hatte ſie ſolch ein Feſt noch nicht erlebt. Und wird man dort nicht über dieſen Sieg trauern? Iſt nicht unſer Herz auf der Seite des Feindes, wenngleich unſere Vaterlands⸗ genoſſen, durch die Macht der Weltgeſchicke bezwungen, gegen ihn ausgezogen ſind? Und wird dieſe Schlacht wirklich ſo b b — — 35— ſegensreiche Folgen für uns haben, als die Hoffnungen ge⸗ weckt ſind? In dieſen Gefühlen hatte man ſich der Kirche genähert, deren weite Pforten geöffnet ſtanden. Die Klänge der Orgel drangen den Eintretenden feierlich entgegen und miſch⸗ ten ſich mit dem brauſenden Schall der Glocken. Die Ker⸗ zen am Hochaltare brannten; vor allen Heiligenbildern waren ſie angezündat. Das Volk erfüllte ſchon faſt die geräumi⸗ gen Hallen, doch noch immer neue Maſſen drängten heran. Mit Mühe gewann die Gräfin noch ihren geſchloſſenen Betſtuhl, durch deſſen Gitter man die ganze Kirche über⸗ blickte. Gegenüber auf dem Chor waren die Sitze der franzöſiſchen Geſandtſchaft; links ſah man den Hochaltar, rechts die Kanzel. Die Vergitterung des Platzes war Marien angenehm, weil ſie dieſem Gottesdienſt, ohne ſeine Formen mitzumachen, beiwohnen mußte, alſo nur als Zuſchauerin erſchien, während ihr Herz doch ſo dankbar für die Erhaltung der Ihrigen ſchlug, das Flehen ihrer Bruſt um eine ſegensvolle Wendung der Schickſale ihres Vaterlandes brünſtig zu Gott emporſtieg. Sie empfand es jetzt, wie die wahre Frömmigkeit, der wahre, feſte Glaube keine Secten, keine Formen des Gebets kennt. Ihr findet den Gott überall da, wo ihr wahrhaft zu ihm betet. Während die Gräfin und Lodoiska, den Roſenkranz in der Hand, niederknieten, blieb Marie ſtill, aber andächtig auf ihrem zurückgezogenen Sitze. Arnhein war nicht mit in den Betſtuhl der Gräfin getreten, weil die Sitte Männer und Frauen in der Kirche ſonderte. Lodoiska betete mit der Gluth einer Schwärmerin; ihr Auge heftete ſich unverwandt auf ein gegenüberhängendes Marienbild. Leiſe bewegte ſie die zarten Lippen, doch kein — 36— Laut wurde hörbar. In ihren Blicken glänzte das reinſte Dankgefühl, die heilige Wehmuth der Freude. Die Gräfin war ernſt; auch knieend behielt ſie die Majeſtät ihrer Hal⸗ tung, denn die Hoheit leuchtete von ihrer freien Stirn. Das große, dunkle Auge hob ſich von Zeit zu Zeit unter den langen Wimpern und blickte mit heiligem Ernſt empor. Das Hochamt war geendet; die Frauen verließen die Kirche. Nahe an der Pforte kreuzten ſich die Strömungen der Menge, ſodaß eine Stockung entſtand. Von beiden Seiten kamen Diejenigen, welche auf dem Chor geſeſſen hatten, die Treppe herab; von drei Seiten drang der Strom aus dem Schiff der Kirche heran. Arnheim hatte ſich nicht wieder an die Frauen anſchließen können; ſie waren allein und hingen ſich feſt aneinander. Jetzt kam auch der fran⸗ zöſiſche Geſandte mit ſeiner zahlreichen glänzenden Umgebung die Stiegen herab. Der Strom des Gedränges führte ſie dicht mit den Frauen zuſammen. Allmälig ſah ſich Marie ganz von Uniformen umgeben; ſie ſenkte das Haupt, um den mitunter ſehr dreiſten Blicken dieſer Männer auszuwei⸗ chen. Da hörte ſie einige franzöſiſche Worte von einer Stimme ſagen, die ihr bekannt war. Sie wandte das Auge dahin, aber als habe ſie auf eine Natter getreten fuhr ſie unwill⸗ kürlich ſcheu zurück und erblaßte, denn ſie ſah vor ſich, das Profil halb gegen ſie gewendet, den gefürchteten, verhaßten Beaucaire und zwei Schritte vor ihm auch St. Luces. Ihre ganze Faſſung mußte ſie zuſammenraffen, um ſich nicht durch einen Schrei zu verrathen; die Kniee zitterten ihr, ſie vermochte kaum einen Schritt zu thun. Sicher wäre ſie niedergeſunken, wenn das Gedränge der herausſtrömenden Menſchen ſie nicht gewaltſam aufrecht erhalten hätte. Ihre Empfindung glich der eines Wanderers, welcher plötzlich entdeckt, daß er ſich neben einer ſchlafend im Graſe liegenden Schlange — 37— zur Ruhe niedergeſetzt hat; er weiß nicht, bringt ihm Flucht oder Verweilen Verderben. Wie Beaucaire und St. Luces in dieſem Augenblick ſtanden, war es unmöglich für ſie, Marien zu ſehen. Doch das konnte ſie nicht wiſſen, ob ſie nicht ſchon längſt von Beiden bemerkt worden war. O, was hätte ſie jetzt darum gegeben, wenn ſie wie Lodoiska und die Gräfin einen Schleier getragen hätte, um ihr Angeſicht zu verhüllen! Sie beugte es herab, bedeckte es mit ihrem Tuch, ſuchte ſich zu verbergen ſo weit als es möglich war; doch der Strom des Gedränges trieb ſie immer näher auf die Gefahr hin, und ſie ſah den Augenblick herankommen, wo ſie Beaucaire berühren, Arm gegen Arm mit ihm ſtehen werde. Sie würde der Gräfin einen Wink gegeben haben, doch war jedes Wort gefährlich, konnte ſie verrathen. In Todesangſt harrte ſie ſtumm aus und ergab ſich in ihr Schickſal. Nur ein ſtummes Gebet ſandte ſie zu dem All⸗ mächtigen empor, daß er ſie aus dieſer Gefahr erretten möge. Da warf ſich plötzlich der Strom der Menge ſeitwärts, weil man eine zweite Thür geöffnet hatte. Dieſem Zuge folgte die Gräfin, und ſo erreichte man nach einigen Minuten das Freie, wo für den Augenblick wenigſtens Sicherheit war. Jetzt erſt konnte Marie der mütterlichen Freundin die Ge⸗ fahr entdecken, in der ſie ſchwebte. Dieſe ſchlug ſogleich ei— nen Umweg durch einige Nebengaſſen ein, um unbemerkt den Palaſt zu erreichen. Sie beruhigte Marien durch die Ver⸗ ſicherung, daß es in Warſchau Niemand wagen werde, das Heiligthum der Gaſtfreundſchaft zu ſtören, ſelbſt wenn man ihren Aufenthalt entdeckt haben möchte.„Indeß bezweifle ich es,“ fuhr ſie fort,„denn hätte einer dieſer Männer uns erkannt, ſo würden ſie ihr Auge unverwandt auf uns ge⸗ heftet haben; doch habe ich nichts der Art bemerkt.“ Auch Lodoiska trat dieſer Meinung bei. — 38— Durch dieſe Zuſicherung einigermaßen beruhigt, ſchöpfte Marie wieder freien Athem. Hatte die Gräͤfin Recht, ſo war ſie in der That einer großen Gefahr aufs glücklichſte ent⸗ gangen. Denn bei dem damaligen Zuſtande der Dinge hatte ſie, in Deutſchland wenigſtens unbedingt, von der Willkür eines ſolchen Feindes wie Beaucaire und muthmaßlich auch St. Luces Alles zu fürchten. Es gab keine andere Rettung als Flucht oder irgend einen mächtigen Schutz. Auf dieſen hoffte Marie durch das Anſehen der Gräfin; ſich ſelbſt über⸗ laſſen, wäre ſie verloren geweſen; denn der geringſte Ver⸗ dacht, in politiſche Umtriebe verwickelt zu ſein, reicht ja hin, ſelbſt gegen Frauen die härteſten Maßregeln zu verfügen, und Marie wußte nur zu gut, daß ſie und ihre Mutter denſelben nur durch Raſinski's geſchickte und thätige Ver⸗ wendung und durch den glücklichen Umſtand der Abreiſe St. Luces aus Dresden entgangen waren. Was damals der Bruder für ſie gethan, das hoffte ſie jetzt von der Schweſter. Um Gewißheit über die Lage der Dinge zu er⸗ halten, meinte die Gräfin, es ſei nöthig, Arnheim, wenn auch nicht ganz, doch zum Theil ins Geheimniß zu ziehen; ein Vertrauen, deſſen Marie ihn nach Dem, was er ihr die⸗ ſen Morgen eröffnet hatte, undedingt würdig hielt. Man war zwar in der Kirche von ihm getrennt worden, doch zweifelte man keinen Augenblick, daß er ſich ſehr bald wie⸗ der im Hauſe der Gräfin zeigen werde. Indeſſen wurde es Mittag, und er erſchien nicht. Dies erregte einige Beſorg⸗ niſſe in Marien, obwol ſie über ihre eigene Lage ſchon ru⸗ higer wurde, da ſie mit Recht vorausſetzte, wenn Beaucaire ſie bemerkt hätte und ſie verfolgen wolle, ſo werde ſie ſchon jetzt die Wirkung ſeiner boshaften Thäͤtigkeit erfahren haben; denn er konnte ſie nicht anders als in Geſellſchaft der Gräfin und Lodoiska's, die er Beide kannte, geſehen haben, und — 39— dies reichte hin, ihm ihren Aufenthalt zu entdecken. Endlich ge⸗ gen Abend ließ ſich Arnheim melden. Hätte er gewußt, wie ſehnlich man ihn erwartete, ſo würde er längſt dort geweſen ſein; allein ihn hielt gerade das Gefühl zurück, welches ihn ſo mächtig an dieſen Ort zog. Denn man ſcheut ſich nicht ſelten am meiſten, da einen Beſuch zu machen, wo man ſo überaus gern iſt, weil man das Fehlſchlagen der Abſicht ſo fürchtet, daß man nicht ſelten lieber gar keinen Verſuch wagt. Für ſeinen Abendbeſuch aber hatte Arnheim einen gültigen Vorwand, oder vielmehr einen dringenden Grund; denn er ſollte noch in der Nacht als Courier abgehen. Um neun Uhr war er zum Geſandten beſchieden, um ſeine De⸗ peſchen zu empfangen. Als er mit dieſer Entſchuldigung ſei⸗ nes Beſuchs denſelben einleitete, erſchien es klar, daß ſeine Hülfe in der Angelegenheit, die man ihm vertrauen wollte, nicht mehr möglich ſei. Doch er kam von ſelbſt darauf; denn im Geſpräch äußerte er:„Es ſcheint, daß Warſchau alle Badegäſte aus Teplitz verſammeln will; ſo eben traf ich wieder zwei beim Geſandten, die beiden Franzoſen, welche auf jener Landpartie nach Auſſig zu uns ſtießen.“ „Haben Sie dieſelben geſprochen?“ fragte die Graͤfin mit etwas zu haſtigem Ton, als daß er nicht hätte auffal⸗ len ſollen. „Nur ganz flüchtig,“ entgegnete Arnheim;„aber wes⸗ halb? Wünſchen Sie vielleicht— „ ja, wir wünſchen wirklich etwas, könnten Sie um einen wichtigen, dringenden Dienſt bitten,“ nahm die Gräfin das Wort und blickte Marien an. „Mit größter Freude ſtehe ich Ihnen zu Befehl,“ ent⸗ gegnete Arnheim. „Es iſt die Frage, ob Sie es noch können. Unſer Wunſch iſt nämlich der, daß dieſe beiden Franzoſen, wo möglich, un⸗ — 40— ſere Anweſenheit gar nicht erfahren, denn wir haben drin⸗ gende Urſachen, ſie zu vermeiden. Vielleicht aber haben Sie unſerer ſchon erwähnt und dann—“ „Gewiß nicht,“ fiel Arnheim raſch ein,„denn ich er⸗ innere mich aus Teplitz her, daß Ihnen,“ hier blickte er Marien an,„dieſe Herren ſchon bei der damaligen Begeg⸗ nung nicht angenehm waren; mir ſind ſie es in der That auch nicht, und wir wechſelten daher nur einige unbedeu— tende Worte miteinander. Auch dürfen Sie ganz unbeſorgt ſein, denn ſie reiſen noch heut mit mir in derſelben Stunde ab.“ „Gott ſei Dank!“ rief Marie, die bisher mit angſt⸗ voller Spannung zugehört hatte, und der nun die freudige überraſchung dieſen Ausruf entriß. Arnheim war erſtaunt über die Heftigkeit ihrer Em⸗ pfindung, doch erlaubte ihm ſeine Beſcheidenheit keine Frage. Allein Marie fühlte, daß ſie ſich zu erklären habe, wenn ſie nicht den fremdartigſten Vermuthungen preisgegeben ſein wollte. „Sie müſſen wiſſen, Herr v. Arnheim,“ begann ſie daher,„daß ich die Urſache bin, weshalb die Frau Gräfin dem Beſuch dieſer Herren auszuweichen wünſchte. Eine Kette von Vorfällen, zu deren Mittheilung ich nicht berechtigt bin, hat bewirkt, daß ich dieſe beiden Männer vermeiden, ja daß ich ſie fliehen muß. Meinen herzlichen Dank würden Sie ſich daher erwerben, wenn Sie jetzt und zu keiner Zeit, wo Sie denſelben begegnen dürften, von meiner Anweſenheit hier etwas ahnen ließen. Es iſt ein Dienſt, den im ernſteſten Sinne des Worts Ihre Landsmännin von Ihnen erbittet.“ „Ich würde mich für einen Elenden halten,“ rief Arn⸗ heim lebhaft,„wenn ich Ihrem Willen auch nur mit einer Sylbe, einem Blick entgegenhandelte.“— „Ich bin gewiß, daß Sie thun, was Sie vermögen, — 41— um mir etwas Unangenehmes zu erſparen,“ ſprach Marie freundlich und reichte ihm die Hand;„nehmen Sie meinen ganzen Dank im Voraus dafür an.“ „Wenn Sie mir nur mehr, nur wirklich etwas, das einem Dienſt, einer That ähnlich ſähe, aufgetragen hätten! Wünſchen Sie vielleicht nähere Auskunft über dieſe beiden Männer?“ 3 „Ich weiß nicht, ob ſie mir fruchten würde,“ antwor⸗ tete Marie;„doch ſagen Sie uns, was Sie wiſſen, denn ſchädlich kann es mir nie ſein, die Verhältniſſe Derjenigen genauer zu kennen, vor denen ich mich zu hüten habe.“ „Es iſt in der That wenig. Wie ich aus ihren Ge⸗ ſchäften erſah, ſind Beide in der Civilverwaltung, die zu der großen Armee gehört, angeſtellt, und zu dieſem Zwecke begeben ſie ſich jetzt dahin. Ihre Thätigkeit ſcheint ſich ge⸗ genwärtig beſonders auf die Verpflegungsanſtalten zu be⸗ ziehen, die im Rücken der Armee angelegt ſind und noch werden.“ „So würden ſie vielleicht nicht zur Armee ſelbſt abge⸗ hen?“ fragte Marie und ein Schimmer der Hoffnung lebte in ihr auf. „Ihre nächſte Beſtimmung iſt Wilna; weiter vermag ich nichts anzugeben. Dorthin werden ſie aber ſchon binnen einiger Stunden unterwegs ſein.“ „Es iſt auch hinreichend und beruhigend genug für uns,“ ſprach die Gräfin.„Aber Ihre eigene Abreiſe iſt ſo nahe,“ nahm ſie mit Leichtigkeit eine andere Wendung, „daß wir uns faſt fürchten müſſen, Ihnen durch die Bitte, den überreſt des Abends bei uns zu verweilen, die Zeit zu Ihren Vorbereitungen zu rauben.“ „Wenn Sie mir nur geſtatten wollen, dieſe wenigen Stunden ſo glücklich zuzubringen; meine Geſchäfte ſind been⸗ digt. Um neun Uhr empfange ich meine Abfertigung, um — 42—— zehn Uhr bin ich zuverläſſig ſchon eine gute Strecke von War⸗ ſchau entfernt, denn ich habe meinen Wagen vor das Hüraf des Geſandten beſtellt. Alſo bis gegen die neunte Stunde— „Sind Sie mir der willkommenſte Gaſt,“ unterbrach ihn die Gräfin. Es wurde Licht in den Salon gebracht und der Thee ſervirt. Das Wetter war wieder rauher geworden; der Wind rauſchte herbſtlich in den Bäumen und ſchlug gegen die Fenſter. Dies erhöhte nur die Traulichkeit des Zimmers; ſelbſt Arnheim vergaß, daß er dieſes Glück nur in ſo flüch⸗ tigem Moment erhaſchen ſollte, daß er in wenigen Stunden durch die rauhe Hand des Krieges ſchon wieder von allem heimiſchen, geſelligen Beiſammenſein für lange Zeit, ge⸗ trennt würde. Man ſprach von der Schlacht, von den Opfern, die ſie gefordert hatte, von den noch Beklagenswertheren, die erſt nach langer Qual das beruhigende Ziel des Todes erreichen würden. Arnheim ſchilderte mit Sachkenntniß die dringende Noth, welche oft in den Lazarethen herrſche, den Mangel an Geräthſchaften, beſonders aber an verpflegenden Händen. „Es ſollten,“ rief Lodoiska, von ihrem Mitgefühl hin⸗ geriſſen aus,„jedem Heere Frauen und Mädchen folgen, um die Pflege der Verwundeten zu übernehmen.“ „Und hätteſt Du den Muth zu einem ſolchen Unterneh⸗ men?“ fragte die Gräfin lächelnd, aber doch ernſthaft. Lodoiska, welche wohl empfand, was ihr den Muth dazu verleihen würde, erröthete hoch, erwiderte aber ſchnell: „Ja gewiß, ich traue ihn mir zu!“ „Ich weiß nicht,“ ſprach Marie mit zweifelhaftem Ton, „ob Diejenigen, welche nahe Angehörige unter den Kriegern haben, nicht eine ſolche Verpflichtung fühlen ſollten. Wir Maädchen müßten uns deſſen vielleicht einer falſchen Scheu 8 und Behutſamkeit wegen enthalten; allein eine Frau, die ihren Gatten in der Gefahr weiß, ſollte ihm wol ſo nahe ſein, um in der Stunde der Noth zu ſeiner Hülfe herbei⸗ 8 eilen zu können.“ „Wenn es nur möglich wäre und geſtattet werden könnte,“ entgegnete Arnheim nicht ohne Bewegung;„uns Soldaten würde eine ſo holde Pflege mit doppelter Kühn⸗ heit dahin treiben, wo die Wunden zu gewinnen wären, denen wir ein ſo ſanftes Glück zu verdanken hätten.“ „Der Troſt für die daheimbleibende Gattin,“ bemerkte die Gräfin,„liegt wol in dem Gefühl, daß der Mann ſei⸗ nen edelſten Beruf erfüllt, daß er für den Ruhm, die Ehre, die Freiheit oder Sicherheit ſeines Vaterlandes kämpft. Eine wirklich edle, des Mannes würdige Gattin wird ſo 4 denken müſſen und darum auch ſo fühlen lernen. Sie darf ihm das Opfer, welches nur ſeiner Perſönlichkeit gelten würde, nicht bringen, weil ſie gar nicht vorausſetzen darf, ohne ihn zu beſchämen, daß er es fordert. Der Mann, der den Umfang ſeiner Pflichten überſieht, weiß auch, daß er, wenn er in den Kampf zieht, dem Vaterlande Mütter und Hausfrauen zurücklaſſen muß, die die heranwachſende Jugend für künftige Zeiten pflegen, ja, daß Habe und Gut des Einzelnen, welches vereinigt das Habe und Gut des Ganzen bildet, zum Beſten des Ganzen ſorgſam verwal⸗ tet werden muß. Durch dieſe Erwägungen ſcheinen mir die Pflichten einer Frau vorgezeichnet und erleichtert zu ſein.“ Nicht nur Arnheim, ſondern auch Marie und ſelbſt Lo⸗ doiska mußten bekennen, daß die Gräfin die Pflichten des Weibes in der würdigſten Weiſe erkenne; ſie hörten ihr mit— Ehrfurcht zu; denn ſo ernſte Selbſtüberwindung ſie forderte, dennoch verleugnete ſie das ſanftere weibliche Gefühl nicht; — 44— nige Herrſchaft nicht gönnen. „Im Ganzen iſt es gewiß ſo allein wahr und richtig,“ ſprach Marie;„doch kommen unſtreitig auch Fälle der Aus⸗ nahme vor. Wenigſtens werden wir ſie, wenn ſie eintreten, aus der Eigenthümlichkeit der Charaktere erklären, oft recht⸗ fertigen, bisweilen auch wol bewundern können.“ „So iſt es,“ rief Arnheim lebhaft aus und heftete ſein Auge auf das ſchöne, ſanft entſchloſſene Weſen, das ihm, je näher der Augenblick des Abſchieds rückte, theurer und theurer wurde. Doch beſchloß er, mit mäunlicher Kraft ſeinen Gefühlen zu gebieten und Mariens Herz nicht in einem Augenblick zu einer das ganze Leben umfaſſenden Ent⸗ ſcheidung zu drängen, wo ihr kaum die Zeit geblieben wäre, das Ja oder Nein auszuſprechen. Die Stunden waren raſcher als Minuten entflohen. Die Glocke der benachbarten Kirche ſchlug neun Uhr; das ſtrenge Gebot der Pflicht geſtattete kein Säumen mehr. Herzliche Wünſche begleiteten den Scheidenden; der Abſchied war für Alle bewegend; Arnheim mußte ihn beſchleunigen, um ſich nicht zu verrathen. Viertes Capitel. Die nächſten Tage verſtrichen den Frauen ſo ſtill wie gewöhnlich. Die gewonnene Schlacht bildete für ſie wie für alle Bewohner Warſchaus noch immer den Hauptgegenſtand des Geſpräches. Nach und nach wurden genauere Nachrich⸗ ſie geſtattete ihm ſeine Rechte, nur wollte ſie ihm die allei⸗ — — 45— ten darüber bekannt, weil Jeder, der den Seinigen noch ſo eilig geſchrieben, doch irgend eines Umſtandes gedacht hatte. Die Erſtürmung der großen Redoute war von Mehreren kurz berichtet. Faſt Keiner, der nicht von den großen Ver⸗ luſten, der Hartnäckigkeit des Kampfes, dem entſetzlichen Artilleriefeuer, den unbeſchreiblichen Anſtrengungen irgend etwas erwähnte. Nach drei Tagen erſchien ein ausführlicherer, amtlicher Bericht in den Zeitungen. Die Gräfin las ihn zuerſt mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit. Ihr Herz ſchlug ſtolz, ſo oft der Tapferkeit der polniſchen Truppen gedacht wurde; zumal aber, wo der Bericht von der Cavalerie ſprach. Als ſie zu Ende geleſen, ging ſie zu Lodoiska und Marie hin⸗ über, die, mit weiblichen Arbeiten beſchäftigt, auf ihrem Zimmer ſaßen, um ihnen vorzuleſen, was die Zeitungen meldeten. Die Spannung beider Mädchen war ſo groß, daß ihnen unwillkürlich die Nadel entſank; bei jedem neuen Kampfe, der geſchildert wurde, bebten ſie auf's Neue für die Ihrigen. Zumal als es hieß:„Jetzt erhielt der König von Neapel Befehl vom Kaiſer, was ihm an Cavalerie zu Ge⸗ bote ſtehe, zuſammenzuraffen und damit die ruſſiſchen Linien zu werfen, ſodaß die furchtbare Redoute in der Kehle an⸗ gegriffen werden könnte. Zwei ſächſiſche Küraſſierregimenter, drei polniſche leichte Cavallerieregimenter— Hier fing Lodoiska an zu zittern und erbleichte; ſelbſt die ruhigere Marie wechſelte die Farbe. Raſinski wurde nicht genannt, doch eine Ahnung ſagte ihnen, er ſei mit ſeinem Regimente dabei geweſen. Dieſe Vorſtellung wirkte mächtig ein; die Beſchreibung des Gefechts war lebhaft, ſie geſtand große Verluſte ein, ſchilderte aber auch den Triumph des Sieges mit glänzenden Farben. Die Gräfin hatte geendet. —————— — 46— Wie auf ein verabredetes Zeichen ſprangen beide Mäd⸗ chen, die bisher in bebender Spannung geſeſſen hatten, auf und ſanken einander in die Arme. Es war die tiefſte Rüh⸗ rung über die Rettung ihrer Geliebteſten aus dieſem furcht⸗ baren Ungewitter des Kampfes. Selbſt die Gräfin wurde weich, ſchloß die Mädchen ſanft an ſich und neigte ihr müt⸗ terliches Haupt gegen ſie hinab. Am fünften Tage erſt kam ein zweiter Brief von Ra⸗ ſinski, in welchem mit Bleiſtift geſchriebene Blättchen von Ludwig und Jaromir lagen. Raſinski ſchrieb: „Theure Schweſter! Seit vier Tagen verfolgen wir den Feind raſtlos und haben tägliche Scharmützel. Dennoch rücken wir nur langſam vor, weil die Ruſſen ſich in guter Ordnung zurückziehen. Es würde nicht ſo ſein, wenn un⸗ ſere Erſchöpfung es möglich gemacht hätte, ſie ſchneller zu verfolgen. Die Sorge für die Verwundeten, für unſere Ver⸗ pflegung, nimmt jetzt faſt jeden Augenblick in Anſpruch. Deshalb nur dieſe wenigen Zeilen. Wir haben viele theure Freunde verloren! Zwei Drittheile meines Regiments liegen auf den Anhöhen von Semenowskoi, unter ihnen auch mein alter getreuer Petrowski, deſſen Leiche ich nicht einmal auf⸗ ſuchen und beſtatten konnte. Seit Jahrtauſenden ward keine ſo blutige Schlacht gefochten. Unſere Anſtrengungen ſind unbeſchreiblich, doch mit der Hülfe Gottes ſind wir noch wohlauf und rüſtig. über dem blutigen Schlachtfelde von Borodino wird Polens Sonne der Freiheit aufgehen! Darum, Johanna, traure nicht über die Todten. Das Vaterland wird ihnen Denkſteine ſetzen, daß ihr Ruhm unvergänglich glänze. Lebe wohl, Johanna! Die Morgenröthe bricht endlich an! Freue Dich!“— „Dein Bruder.“ Ludwigs Blättchen lautete: „Marie! Tage brauchte ich, um mein Herz gegen Dich auszuſprechen, und kaum Minuten werden mir. Am Abend vor der Schlacht erfuhr ich den Tod unſerer Mutter. O Dein lieber tröſtender Brief! Mitten im Getümmel des Kampfes war mein Herz nur bei Dir, Du Arme, und die drohenden Gefahren verloren faſt ihre Macht an mir. Bern⸗ hard iſt die treueſte Seele dieſer Erde; er glaubte mich ver⸗ loren und ſuchte mich unter den Todten. Aber wir fanden uns als Lebende. Leb' wohl! Verzage nicht! Der Tag des Wiederſehens und des Glückes kommt auch für uns. Daß mich die furchtbare Schlacht verſchonte, ſei Dir Bürge dafür!“ Jaromir ſchrieb nur: „Lodoiska, mein holdeſtes Leben! Zittere nicht mehr, alle Gefahren ſind vorüber! Die Schlacht war gewaltig— auch ich betraure viele treue Brüder und Genoſſen. Doch mich beſchützte Dein Flehen! Dir danke ich Alles, Glück und Leben. O könnte ich erſt wieder an Dein Herz ſinken! Boleslaw, Ludwig und Bernhard leben. Theuerſte, lebe wohl und gedenke mein!“ „Dein ewig getreuer Jaromir.“ Dieſe erſten Nachrichten von der eigenen Hand der Ge⸗ liebten machten die Frauen unbeſchreiblich glücklich. Jede leiſe Spur der Zweifel war nun verſchwunden, ſie überließen ſich ganz dem glückſeligen Gefühl, welches nach der über⸗ ſtandenen düſtern Sorge und Gefahr der Bruſt die ſüßeſte Belohnung gewährt. Nach wie vor beſuchte Lodoiska täglich die Meſſe. Doch ihre Gebete waren jetzo Dankgebete geworden, und ihre Thränen wurden nicht mehr von Angſt und Sehnſucht er⸗ preßt, ſondern ſie floſſen in dankbarer Rührung. So verging eine Woche. Da traf die Nachricht von dem Einrücken des kaiſerli⸗ — 48—. chen Heeres in Moskau ein. Aus der Burg der alten Zaa⸗ ren war das Bulletin gezeichnet, wodurch der Kaiſer dieſen neuen, letzten Sieg dem ſtaunenden Europa bekannt machte. Nun alſo war das große Ziel, der heißgewünſchte Friede 2 errungen. Denn mit wem ſollte man Krieg führen, wenn es keine Feinde mehr zu beſiegen gab? Jetzt lebten alle Hoffnungen in den Herzen auf, jetzt endlich glaubte man den Tag der Ruhe, der Vergeltung ſo unendlicher Opfer anbrechen zu ſehen. Der Pole fühlte ſich ſchon wieder frei. Er hoffte wieder ein Vaterland, einen aus dem Schooße des Volkes hervorgegangenen König, eine Geſchichte zu ha⸗ ben. In dieſem Gefühle war die Gräfin glücklich und ſtolz; Lodoiska lehnte die Hütte ihres ſtillern Glücks an den küh⸗ nen Palaſt der Hoffnungen, den ihre Pflegerin aufrichtete. Marie nährte in tiefer, warmer Bruſt die Keime, welche Arnheims Betrachtung der Dinge tröſtend in ihr geweckt hatte. Wenn nicht gleich, ſo werden ſie doch bald erblühen, du wirſt doch noch die Tage des Glückes, der Freiheit leuch⸗ ten ſehen, wirſt den verfolgten Bruder wieder frei und offen an dein Herz ſchließen, ſeinen getreuen Freunden die Hand bieten dürfen. Endlich werden die finſtern Gewölke, durch dieſen letzten furchtbaren Schlag entladen, ſich theilen, und des Himmels Blau ſich freundlich wieder über deinem Va⸗ terlande wölben. Lange genug dauerten die Herbſt⸗ und Winterſtürme. Es muß auch ein Tag des Lenzes wig 3 anbrochen⸗ 3 In dieſen glücklichen Hoffnungen wiegten ſich die Seelen der Frauen fünf Tage lang ein. ¹— —.— —,— Da verbreitete ſich zuerſt durch Juden, die von Brzesc Litewski kamen, das Gerücht, Moskau ſei von den Nuſſen in Brand geſteckt. Verſtohlen murmelte man es, raunte es leiſe, halb gläubig einander ins Ohr; denn man wagte es — 49— nicht laut auszuſprechen, um nicht die Hoffnungen der fröh⸗ lichen Menge durch einen blinden Schrecken niederzuſchlagen. Wie es zu gehen pflegt, ſo übertrieb der Eine, während der Andere ſicher wiſſen wollte, Alles beſchränke ſich auf einige durch Zufall in Brand gerathene Gebäude. Im Hötel des Geſandten war Alles ſtill; Niemand erfuhr den Inhalt der 1 Depeſchen, die die Couriere brachten. Doch lauter und im⸗ mer wachſender wiederholten ſich die düſtern Gerüchte; ſchon wagte Niemand mehr zu widerſprechen. Endlich war das 4 Unheil nicht mehr zu verhehlen. Laut geſtanden es die Be⸗ richte des franzöſiſchen Miniſters ein, daß die Ruſſen in ihrem raſenden Wahne ſelbſt ihre Hauptſtadt der Zerſtörung geweiht hätten. Was auch geſagt wurde, um das Schrecken⸗ volle der Nachricht zu mildern, um der Vermuthung vorzu⸗ beugen, als könne dies Ereigniß dem franzöſiſchen Heere 1 Gefahr oder gar Verderben bringen: die That erſchien zu ungeheuer, zu beiſpiellos, wenn ſie nicht den ſicherſten Erfolg mit ſich führte. Nur um Rußland mit Gewißheit zu ret— 6 ten, konnte Moskau den Flammen preisgegeben werden, wie Fet man nur, um Frankreich zu retten, die Brandfackeln in die 11 Sf, Häuſer von Paris ſchleudern würde. Das fühlte Jeder mit l, nicht zu beſiegender Gewißheit. Ein ſtummer, kalter Schrecken 9 9. bemächtigte ſich der Gemüther, ein Grauſen ſchlich durch die Seele der Kühnſten. Die Zeit hatte an ungeheure Ereig⸗ niſſe, an beiſpielloſe Thaten gewöhnt; dieſe aber reichte weit 1 über das Maß, über die Grenzen aller Vorſtellung hinaus.— Man erinnerte ſich, daß in der entſetzlichſten Zeit der fra- zöſiſchen Revolutiou einer jener Redner, deren Worte ein ℳ Schwert, eine Flamme, ein Blitz wurden, wenn die auf⸗ gaährende Leidenſchaft ſie aus dem Vulkan der Bruſt ſchleu⸗ derte, um ſeinen Gegner zu ſchrecken, auf der Tribune ge⸗ rufen hatte:„Dann wird der Tag kommen, wo man an III. 3 — der Seine die wüſte Stätte zeigt, auf welcher einſt Paris ſtand!“ Dieſer Gedanke ſchon hatte an jenen Tagen, wo man an blutige Schreckensgeſpenſter, in die entſetzlichen Larventänze aller Furien und Dämonen, die das menſchliche Herz beſitzen können, gewöhnt war, das Blut in den Adern erſtarrt. Und jetzt ſollte ſo Ungeheures, Namenloſes, Undenkbares ſich ver⸗ wirklicht haben? Jene Stadt, die ſeit Jahrtauſenden allen Ruhm und Glanz und Reichthum des unermeßlichen Reiches der Zaaren in ihren Burgen und Paläſten ſammelte; jene Stadt, wo Aſiens üppigkeit mit Europa's Kunſt und Be⸗ trieb ſich wetteifernd verband; jene alte Hauptſtadt, gehei⸗ ligt als ein Sitz der väterlichen Götter, ſie ſollte dem Boden gleich gemacht, in eine ſchauerliche Aſchenwüſte ver⸗ wandelt ſein! Nur das Ungeheure konnte dieſes Ungeheure erzeugen, nur das Entſetzliche dies Entſetzen gebären! Eine Sturmfluth wogender Vermuthungen drängte ſich heran. Dazu kam, daß auf den Schwingen des Gerüchtes ſelbſt die⸗ ſes kaum zu faſſende Ereigniß noch ins Rieſenhafte wuchs. Man ſchilderte die zerſtörte Stadt als einen Aſchenhaufen, der keinem lebendigen Weſen mehr Obdach gebe, als einen ausgebrannten Krater, wo der letzte Funke des Lebens er⸗ ſtorben ſei. Unter der Aſche ſollten die verbrannten Gebeine des Heeres vergraben, nur wenige Führer und Einzelne, dir ein Wunder beſchützt habe, entkommen ſein. Man konnte ſich's nicht denken, daß ſolch ein Wurf gewagt worden ſei, wenn es nicht unzweifelhaft war, Alles darauf zu gewinnen. Darum ſagte man ſchon den Kaiſer auf der Flucht, ja, Einige wollten wiſſen, er ſei bereits in Warſchau. Die Be⸗ ſonnenſten, Hoffnungsreichſten glaubten wenigſtens nicht mehr an den Frieden, ſondern hielten dieſe That für den unumſtößlichſten Beweis, daß der Kampf jetzt erſt recht be⸗ ginnen ſollte. 3 — — 541— So folgte die dumpfeſte Betäubung und muthloſeſte Beſtürzung auf den kurzen Freudenrauſch, den der Sieg gewährt hatte. Die Gräfin glich einem Marmorbilde, ſo bleich ſah ſie aus, ſeit dieſe Schreckensnachrichten eingetroffen waren. Nicht für das Schickſal ihres Bruders, der nächſten Ihrigen zitterte ſie, ſondern für das ihres Vaterlandes. Sie wähnte in dem auf nächtlich düſterm Hintergrunde brennenden Moskau das entſetzliche Spiegelbild der Zukunft Warſchau's zu ſehen, und im überwallenden Schmerz rief ſie ängſtlich prophezeiend aus:„Wer weiß, wie nahe jetzt der Tag iſt, wo die Flam⸗ men über den Zinnen meiner Vaterſtadt zuſammenſchlagen, zur Sühne für das grauſenvolle Brandopfer, das Rußland ſeiner Freiheit gebracht hat!“ Lodoiska war ohne aͤlle Faſſung; nur Marie bewahrte in ſtiller, ergebener Seele die Morhe, dieſe ſchönſte Frucht des Glaubens und der Erkenntniß zugleich. Sie, die ſich dem Taumel des Glücks nicht frei hatte hingeben können, ſondern nur entferntere Hoffnungen an das Geſchehene knüpfte, war jetzt auch nicht ſo tief in den Abgrund der Hoffnungsloſig⸗ keit geſtürzt. Die Gräfin, abgeſchloſſen und einig mit ſich ſelbſt, wie ſie war, bedurfte keines Troſtes; ſie ſtand entſetzt, aber feſt, ohne zu beben, an den geöffneten Pforten des Ver⸗ derbens. Doch Lodoiska wurde von dem Sturme der Er⸗ eigniſſe wie eine ſchwankende Rebe bewegt; ſie bedurfte des Anhalts. Die liebevoll tröſtende Marie, welche jedes Fünk⸗ chen der Hoffnung mit erfinderiſcher Liebe zu nähren wußte, war ihre Stütze. Denn vor der erſtarrten, feſten Geſtalt der Gräfin ſchauerte Lodoiska heimlich zurück, weil ſie in den ernſten Blicken derſelben, in den tiefen Zügen ihres erhabenen Grams den heimlichen Vorwurf zu leſen glaubte: Du trauerſt um nichts als um Deine arme, kleine Liebe! Deine — 52— Seele iſt nicht groß genug, den Verluſt eines Vaterlandes zu empfinden. Möchten Alle den Untergang gefunden haben in den Flammen, in der Aſchenwüſte, wenn Du nur den Geliebten gerettet haſt! Lodoiska täuſchte ſich; dieſe ſtrenge Sprache würde Johanna nicht geführt haben, dazu fühlte ihr Herz zu liebend menſchlich das Weh in fremder Bruſt. Doch ſchnell änderte ſich die Lage der Dinge wieder. In dieſen Zeiten ſchwankte jedes Lebensſchiff auf ſtürmiſchem Meere. Bald erblickte man von dem Gipfel der Welle den nahen Hafen, die Rettung, den Sieg; bald thürmten ſich die Wogen hoch über das Haupt und ließen kaum noch einen Streifen des ewigen Himmels wahrnehmen. Es kamen ſpätere Nachrichten aus Moskau, die den Beweis führten, daß das Heer nicht gefährdet ſei, daß man, trotz der ſchrecken⸗ vollen Zerſtörung, Wohnplätze zu Winterquartieren genug übrigbehalten habe, daß der Krieg zwar noch fortdaure, aber doch bereits die erſten Schritte zu Friedensunterhand⸗ lungen geſchehen waren. Jetzt verſchwand die Beſtürzung, welche die Kunde von dem Unheil erregt hatte, und neue Hoffnungen keimten empor. Nur auf Nachrichten von den Ihrigen warteten die Frauen noch, um ſich ganz der Freude hinzugeben. Da trafen eines Abends zwei Briefe zugleich ein; der eine, von Jaromirs Hand, war an Lodoiska, der andere von Raſinski an ſeine Schweſter gerichtet. Dies fiel auf, da ſonſt Alles in Raſinski's Briefe eingeſchloſſen zu ſein pflegte. Lodoiska war in der Vesper; die Gräfin öffnete daher nur den Brief Raſinski's an ſie; er war vom 15. September, dem Tage nach dem Beginn des Brandes, datirt und lautete: „Theuerſte Schweſter!“ „Wir ſind, was unſern Theil anlangt, einem großen — —— — Unheil auf die wunderbarſte Weiſe entkommen. Moskau ſteht halb in Flammen! Es herrſcht eine beiſpielloſe Verwir⸗ rung. Wir mußten aus der Stadt aufs Feld hinausrücken und ſtehen jetzt im Lager. Ich benutze dieſe erſte Minute, die ich gewinne, Dir zu melden, daß wir Alle leben und unverſehrt ſind. Wann der Brief abgehen wird, weiß ich nicht. Obriſt Regnard, den ich eben ſprach, beſorgt ihn zur Feldpoſt.“ „Dein Bruder.“ Doch in dem Briefe lag noch ein beſonderes, geſchloſſe⸗ nes Zettelchen mit der Aufſchrift:„Für Dich allein.“ „Wir vermiſſen Jaromir! Verſchweige dies Lodoisken. Daß er verunglückt ſei, iſt faſt undenkbar. Ich mußte ihn mit einer Meldung zum Marſchall Mortier ſenden; ſo kam er von mir ab. In der ungeheuren Stadt, bei der gren⸗ zenloſen Verwirrung aber iſt nichts leichter, als ſich zu ver⸗ irren. Morgen hoffe ich, ſind wir wieder beiſammen. Ich ſchreibe dies nur Dir, weil ich Dir heilig verſprochen, nie⸗ mals Etwas zu verhehlen. So darfſt Du mir auch glau⸗ ben, daß ich nichts für Jaromir fürchte.“ Als die Gräfin den verſchloſſenen Zettel geleſen hatte, glaubte ſie natürlich, der zugleich mitgekommene Brief Ja⸗ romirs werde ſeine Vermiſſung erklären. Sie hielt ihn mit der größten Wahrſcheinlichkeit für ſpäter geſchrieben und nachträglich zur völligen Beruhigung Lodoiska's abgeſandt. Darum freute ſie ſich auf die Rückkehr derſelben, um ſie mit dem Briefe zu überraſchen. Marie theilte dieſe Mei⸗ nung. Nach einer kurzen halben Stunde kam Lodoiska zu⸗ rück. Die Gräfin trat ihr mit dem Briefe entgegen, hielt ihn halb ſcherzend, denn ſie war in ſehr froher Stimmung, daß ihr nun auch die letzten Bekümmerniſſe vom Herzen ————.;————— — 54— genommen waren, in die Höhe, und rief:„Was gibſt Du mir für dieſen Brief, Lodoiska?“ „Von Jaromir?“ rief ſie mit vor Freude glänzenden Augen; dabei zog ſie verlangend die emporgehobene Hand der Gräfin mit der Linken herab und ſchmeichelte ihr mit der Rechten. Ein herzlicher Kuß war der Lohn, den das glückliche Mädchen für den Schatz gab. Dann öffnete ſie haſtig, mit Wangen, die hoch von Freude und Erwartung geröthet waren, den Brief und hielt ihn gegen das Licht, um ihn zu leſen. Aber als ſei ſie plötzlich an den Rand eines entſetzlichen Abgrunds gerathen, ſchauerte ſie zuſammen, wurde blaß wie der Tod, ließ die Hände kraftlos herab⸗ ſinken und das Papier fallen. Ein Schrei, den ſie aus⸗ ſtoßen wollte, erſtickte in der beklemmten Bruſt; ihre Stimme wankte, und noch ehe die Gräfin und Marie ihr zu Hülfe eilen konnten, ſank ſie bewußtlos zu Boden. „Um des Himmels willen, was fehlt Dir?“ rief die Gräfin und ſuchte mit Mariens Hülfe, die angſtvoll her⸗ beigeeilt war, die Niedergeſunkene emporzurichten; nur müh⸗ ſam gelang es, ſie auf das Sopha zu bringen. Die Gräfin ſchellte nach Hülfe. Marie nahm den entfallenen Brief vom Boden auf und ſah, indem ſie einen flüchtigen Blick darauf warf, daß er nur eine Zeile enthielt. Sie wagte ihn nicht zu leſen; doch die Gräfin nahm denſelben ohne Bedenken und las ihn. Er enthielt nichts als die Worte: „Heuchelnde! Treuloſe! Wir ſind auf ewig geſchieden!“ „Jaromir.“ Beide Frauen waren ſprachlos, erſtarrt vor Erſtaunen. „Der Schlag mußte die Arme freilich zu Boden ſchmet⸗ tern,“ ſprach die Gräfin mit dem Tone innerſter Empörung. „Darauf konnte ſie nicht gefaßt ſein! Es iſt unwürdig, — — 55— abſcheulich, ein Frevel ohne Maß und Gleichen!“ In hef⸗ tiger Bewegung ging ſie auf und ab im Zimmer; Marie las zu ihrer eigenen überzeugung das unheilvolle Blatt noch einmal und legte es dann mit zitternden Händen, wie ent⸗ ſetzt vor dem kalten Eishauch, mit dem dieſe Zeilen erſtar⸗ rend in die warme Bruſt der Liebe eindrangen, zurück. „O, Du Unglückſelige,“ ſprach ſie, indem ſie ſich über das Haupt der Ohnmächtigen beugte,„wie ſollen wir Dir den Schmerz dieſer Kunde lindern!“ Lodoiska's Mädchen war eingetreten. Sie erſchrak über den Anblick ihrer Gebieterin. „Die Graäfin iſt plötzlich unwohl geworden; ſie muß zu Bett gebracht werden. Caſimir ſoll zum Arzt eilen. Be⸗ ſtelle dies und komm' eilig zurück.“ Auf dieſe mit müh⸗ ſamer Faſſung und Kälte geſprochenen Worte der Gräfin verließ das Mädchen den Salon wieder. Marie hatte in⸗ deſſen Lodoiska's Schläfe mit kaltem Waſſer genetzt, um ſie zur Beſinnnung zurückzubringen. Die Gräfin ging noch immer heftig auf und nieder.„Darin erkenne ich die Män⸗ ner! Ihre eigene Schlechtigkeit öffnet ihr Herz jedem un⸗ wuͤrdigen Argwohn! Wer hätte ahnen ſollen, daß auf dieſer reinen Seele der ſchwärzeſte Verdacht ruhen könnte! Dies Herz, das ſich in der Gluth ſeiner Liebe verzehrte, wird der Treuloſigkeit angeklagt! Abſcheulich! Unerhört! Grenzenlos abſcheulich! Und welche Beweiſe kann der leicht⸗ ſinnige Frevler, der mit roher Ferſe die Blüthen ſeines eige⸗ nen, unnennbaren Glückes in den Boden ſtampft, für ſeine namenlos ſchwere Anklage haben? Ein Gerücht, einen ver⸗ läumderiſchen Brief, die boshafte Erzählung irgend eines ehrloſen oder bis zum Verbrechen leichtſinnigen Kameraden!“ Sie trat vor Lodoiska hin, deren Bruſt ſich unter den leiſen Athemzügen— Marie hatte ihr das Kleid geöffnet— —ÿõõ kaum zu regen ſchien.„Wie dieſer reine Engel ſchlummert! Selbſt das entſetzliche Geſpenſt des Schreckens, das ſie ſo plötzlich niederwarf, hat ihre holdſeligen Züge nicht entſtellt. Ein Blick auf ihr Bildniß hätte den Beweis ihrer Schuld⸗ loſigkeit gegen tauſend Zeugen geführt! Haſt Du ſie ge⸗ mordet, haſt Du dies zarte Leben zerknickt mit dem Streich, den Deine wilde Hand blind geleitet darauf führte, ſo möge Dich ihr Bild als ein Geſpenſt des Schreckens verfolgen!“ „Nein, nein, ſie lebt, ſie athmet, ſie wird erwachen, wir werden ſie tröſten, beruhigen!“ entgegnete Marie mit von Thränen erſtickter Stimme.„Alles wird ſich löſen; auch dieſes entſetzenvolle Mißverſtändniß.“ „Hier kann kein verworrenes Gewebe mehr gelöſt wer⸗ den! Der Knoten iſt mit ehernem Schwert durchhauen, alle zarteſten Fäden, die zwei junge Herzen verknüpften, ſind zerriſſen! Wo ein ſo finſterer Geiſt des Argwohns in das Heiligthum der Liebe, des Vertrauens einbrach, da ver⸗ tilgen ſich ſeine Spuren nie. Überzeugt kann Jaromir werden, daß Lodoiska kein Sonnenſtäubchen der Untreue, der Falſchheit in ihrem reinen Buſen trug; überzeugt wie von dem Glanz der Geſtirne am ewigen, klaren Himmel! Doch der ſchöne, heilige, unverbrüchliche Glaube Beider aneinander iſt vernichtet, iſt gemordet. Eine geſchehene That, ein geſprochenes Wort, ſie ſind unwiderruflich, unwiederbring⸗ lich, wie die entflohenen Minuten. Was Du auch thuſt, um Verſäumtes nachzuholen, um eine Schuld zu verſöhnen: es iſt nur ein hohler Trug und Schein; die Verſäumniß, das Verbrechen ſind begangen, ſie bleiben unabänderlich, und keines Gottes Macht vermag die ewigen Schriftzüge in dem Buche des Vollbrachten zu löſchen!“ Das Mädchen trat wieder ein; Lodoiska wurde in ihr Gemach, zu Bett gebracht. Marie ſetzte ſich zu ihr und 3 ——p 57— lauſchte auf den wiederkehrenden Athem, auf das Aufſchlagen ihres Auges. Die Gräfin ſtand in ernſter, tiefer Trauer ſchweigend am Fuße ihres Lagers und heftete die dunklen Blicke unverwandt auf die Lebloſe. Endlich öffnete ſie das holde Auge nieder, blickte ſchmerz⸗ lich auf, reichte dann den lieben Pflegerinnen die Hände dar und ſprach leiſe, aber aus tiefſter Bruſt:„O, ich bin grenzenlos elend!“. 3**½ Zehntes Buch. 1 — Erstes Capitel. Die Nacht hatte ſich ſchon herabgeſenkt, ein rauher Sturm brauſte über die Felder und ſauſte hohl in den dunklen Kronen hoher Fichten, als Raſinski mit der kleinen Schaar ſeiner Getreuen, die er nicht mehr ſein Regiment zu nennen wagte, den Bivouac erreichte. Man war müde bis zur Er⸗ ſchöpfung, die Glieder erſtarrten in dem naßkalten Winde. „Hier in dieſer Hügelſenkung,“ befahl Raſinski,„wollen wir lagern. Wenigſtens haben wir hier Schutz vor dem Winde.“ Die Reiter ſchwenkten links ein. Es war die in zwei Hügelſpitzen vorſpringende Ecke ei⸗ nes alten, düſtern Fichtenwaldes, die Raſinski zu ſeinem Lagerplatze auserſehen hatte. Hohe Bäume ſtanden auf den ziemlich ſteilen, wiewol niedrigen Anhöhen, die eine faſt ringförmige Schlucht mit ihrer hohlen Krümmung umſchloſ⸗ ſen. Die Wipfel der uralten Stämmé kreuzten ſich, ſo ſchmal war die Höhlung, über derſelben; niedriges, ſchwar⸗ zes Kieferngebüſch klimmte die Höhe hinan. Gegen den Herbſtwind gewährte der Raum freilich ei⸗ nigen Schutz, doch war er feucht und kalt, da die Sonne — 66— kaum in Sommertagen durch die düſtern Kronen der Rie⸗ ſenfichten dringen mochte, geſchweige jetzt im Spätherbſt. Nur einige Birken mit dem weißen Stamme und dem blaß⸗ gelben, welken Laube ſtanden wie Geſpenſter auf dem dunk⸗ len Hintergrunde.. „Ein guter Hinterhalt,“ ſprach Bernhard beim Einreiten durch die enge Mündung der Schlucht. „Ja, für eine Räuberbande moͤchte er gelegen ſein,“ er⸗ widerte Raſinski. „Freilich,“ antwortete Bernhard,„wenn wir Alle bei⸗ ſammen wären, würde die Lagerſtätte zu ſchmal ausfallen; doch für hundert iſt allenfalls Raum hier.“ „Halt! Front! Abgeſeſſen!“ commandirte Naſinski. „Hier am Saume des Hügels herunter ſteckt die Piketpfähle ein und zieht die Stallleinen. Wir lagern gleich dahinter. Zwölf Mann zum Fouragiren, zwölf zum Holzfällen, zwölf zum Waſſerholen. Die Andern beſorgen indeſſen die Pferde!“ Nachdem die Befehle gegeben waren, ſetzte ſich Ra⸗ ſinski, unmuthig, müde, auf einen dichtbemooſten Baum⸗ ſtamm, der an der Erde lag. Er ſtützte die Hände auf den zwiſchen die Kniee geſtellten Säbel und blickte düſter vor ſich hin. 3 „Wo ſoll ich unſer Feuer machen laſſen?“ fragte Bern⸗ hard. „Wo Du willſt! Dort unter der großen Fichte!“ Naſinski blieb in Gedanken verſenkt, unbeweglich ſitzen, während Bernhard mit einigen Leuten die Anſtalten zur Einrichtung der Lagerſtelle für ihn traf. Schwere, düſtere Ahnungen bewegten die Seele des tapfern Kriegers! Er ſah finſter wie die Nacht und der Wald ringsumher! Bald trieb ihn die Unruhe auf. Er ging mit großen Schritten auf und ab. Bisweilen gab er in kurzen, beſtimmten Wor⸗ 1 3 * ¹ — 63— ten einen Befehl; denn wie unruhig es in ſeinem Innern wogte, ſein aufmerkſamer Blick beobachtete Alles, was rings um ihn her vorging. „Willſt Du nicht kommen, Dich am Feuer zu lagern?“ unterbrach ihn Bernhard nach einigen Minuten.„Sieh, es brennt ſchon luſtig und beleuchtet die alten Baumſtämme und die lang übergeſtreckten Rieſenarme der Zweige auf wun⸗ derbare Weiſe. Wenn wir nicht ſo verkrummt und ver⸗ klammt wären von dem eiskalten Winde, ich hätte Luſt, dieſe Baumgruppen zu zeichnen.“ „Ob Boleslaw und Ludwig heute nicht endlich zurück⸗ kehren werden? Ich bin geſpannt auf Nachrichten von Ja⸗ romir!“ antwortete Raſinski, als habe er Bernhards Worte gar nicht gehört. 1 „Schlage Dir das aus dem Sinne, Raſinski,“ ſprach Bernhard in bittendem Tone;„es iſt ein Fiebertraum, wei⸗ ter nichts! Eine ſolche Höllennacht wie die erſte, die Jaro⸗ mir in Moskau zubrachte, muß verrückte Einbildungen des Gehirns erzeugen. Dann die Lage in dem Lazareth, ver⸗ laſſen von allen Freunden, unter dem Jammer der hülflos Verwundeten— gib Acht, ſo wie er hergeſtellt iſt, ſo wie ſeine Sinne wieder klar ſind, hört der ganze düſtere Traum auf!“ „Ich habe den Brief nicht abgeſandt!“ ſprach Raſinski nach einer Pauſe.„Ich konnte ihn nicht abſenden!“ „Und Du thateſt Recht! Du handelteſt nach dem rich⸗ tigen Glauben; weshalb willſt Du nach dem Wahn fühlen?“ „Für die That,“ erwiderte Naſinski,„bedurfte ich der Gewißheit; um die Sorgen meiner Bruſt zu wecken, hätte die Hälfte der Anzeichen genügt. Ja, ich glaube, Jaromir hat irgend eine geheime Schuld gegen Lodoiska begangen, und es iſt nicht nur ein Fiebertraum, der ſie ihm vorſpie⸗ — 64— gelt. Erſt jetzt kommt mir in den Sinn, was er mit Lud⸗ wig am Abende vor dem Brande geſprochen. Zu jener Stunde war er noch nicht krank. Keine Brandwunde fol⸗ terte ihn mit ihren Schmerzen, keine übermäßige Abſpan⸗ nung der Kräfte hatte ihn zum Tode erſchöpft, die furcht⸗* baren Bilder der Schreckensnacht erfüllten ſeine Seele noch nicht, und doch—“ 5 „So weit ich Ludwigs Erzählung zu deuten vermag,“ meinte Bernhard,„zweifelte er damals an Lodoiska's Liebe. Dies mag ein Argwohn ſein, wie ihn der Zufall in dieſer Stunde in dem jungen, heftig liebenden Gemüth erzeugen konnte. In der nächſten Minute ſchämte er ſich deſſen, klagte ſich ſellſt an. In dieſe Stimmung ſeiner Seele fielen die furchtbaren Ereigniſſe jener Nacht. Dieſe Erinnerungen trug er in ſeinen Fieberwahn hinüber und bildete ſie zu einer 3 ſchwarzen, unabbüßbaren Schuld aus. So ſchrieb er ihr* den Brief, der Dich ſo beunruhigt. Wenn Ludwig und Bo⸗. leslaw zurückkehren, werden ſie uns gewiß Auskunft geben; denn ihnen hat Jaromir zuverläſſig davon geſagt.“ „Mich friert. Wir wollen uns an das Feuer lagern. Auch bin ich müde. Verdrießlicher Krieg! Man liegt den ganzen Tag auf dem Pferde, ſieht den Feind an und ſchlägt ſich nicht. Es iſt ein großes Ereigniß, wenn ein Koſack einen Piſtolenſchuß abwartet! Ja, wenn unſere Pferde noch ſo friſch wären, wie an dem Tage, wo wir über die Weichſel⸗ brücke ritten, dann ſollten dieſe Neckereien bald aufhören! Weißt Du, daß man murmelt, die Friedensunterhandlungen 4 ſeien geſcheiterte Ich glaube, Kutuſow wußte das längſt! Es geſchieht nicht ohne Abſicht, daß man ſie in die Länge zieht, 2 bis der Winter uns hier überfällt. Auch in dieſer Beziehung erwarte ich Boleslaws Rückkehr von Moskau mit großer Spannung. Ich will hoffen, daß es ihm gelungen ſei, we⸗. nigſtens einiges von Dem, was wir ſo dringend bedürfen, herbeizuſchaffen.“ „Wenn mir Ludwig ein Paar neue Stiefeln mitbrächte,“ ſcherzte Bernhard,„würde er mir freilich beſſer auf die Beine helfen, und einen Pelz ſtatt des zerriſſenen, halb verbrannten Mantels könnte ich auch gebrauchen!“ „Sprich nicht leicht hin, Bernhard,“ erwiderte Raſinski ernſt;„Du haſt noch nicht erfahren, wie grimmig der ſcharfe Zahn der Noth packen kann. Ich, der ich oft ge⸗ ſehen, wie ſchwer ſich beſſer Gerüſtete als wir gegen ſie ver⸗ theidigen, ich muß ernſtliche Sorge tragen, daß wir ihren tauſend verwundenden Waffen nicht ſo viele Blößen geben. Schon jetzt wirft der Nachtfroſt uns die Leute aufs Kran⸗ kenlager, jetzt, wo es uns nicht an Holz mangelt. Aber wenn der Winter hereinbräche, wenn—“ „Je nun, ich meine, wir würden uns dann nach Mos⸗ kau ziehen? Funfzehn Werſt werden wir doch noch marſchi⸗ ren können?“— „Meinſt Du?“ Ein ausgeſtellter Poſten rief:„Wer da!“ „Gut Freund von Moskau!“ lautete die Antwort. „Das iſt Boleslaw!“ rief Raſinski freudig und ſprang auf. Im nachſten Augenblicke ſprang Boleslaw vom Pferde und begrüßte die Freunde. „Und wo iſt Ludwig? Und was bringſt Du Gutes von Jaromir?“ fragten Bernhard und Raſinski faſt zu gleicher Zeit. „Zuerſt die Dienſtangelegenheiten,“ entgegnete Boleslaw. „Ich bin glücklich geweſen. So groß die Noth und der Zu⸗ drang ſind, habe ich doch einigermaßen für die Bedürfniſſe unſerer Leute ſorgen können. Deine Freigebigkeit, Naſinski, ſetzte mich in den Stand, die höchſten Preiſe zu zahlen.“ „Laß das, laß das!“ unterbrach ihn dieſer. „Ich wurde mit zwei Juden einig. Sie haben mir acht⸗ zig Paar Stiefelſohlen und dreißig Paar neue Stiefeln ge⸗ ſchafft. Doch konnte ich nur ſechzig Mäntel auftreiben, und meiſt alte, doch noch brauchbare, ein Theil dicht gefüttert. Auch erſtand ich drei Schafpelze, die freilich vielleicht ſchon ſeit Jahren auf dem Leibe ruſſiſcher Bauern geſeſſen haben; aber ſie ſind doch, ſo theuer ich ſie bezahlte, nicht zu ver⸗ achten. Der Winter wird kommen und wir Polen kennen ihn wenigſtens halb. Die Franzoſen, ſcheint es, wollen noch gar nicht glauben, daß das heitere Herbſtwetter, das wir bis jetzt hatten, ein Ende nehmen könnte. Ich ſagte ihnen, ſie möchten nur drei Nächte hier bivouakiren.“ „Nun, wo ſind die Sachen?“ „Ludwig escortirt den Transport mit den Leuten. Sie kommen auf einem Wagen, den ich requirirte. Ich bin vor⸗ angeritten. Wenn ſie uns nur bald finden in dieſem Schlupfwinkel.“ „Der Wind trieb uns hieher,“ antwortete Raſinski. „Wir wollen den Kommenden einige Leute entgegenſenden. Bernhard, wähle einige Mann aus, die bis an die große Straße gehen und ſich aufſtellen!“ Bernhard ging. „Wohll das wäre trefflich beſorgt,“ fuhr Raſinski jetzt zu Boleslaw fort.„Es that uns Noth. Haſt Du alles Geld ausgegeben?“ „Nicht ganz; ich konnte nicht ſo verſchwenderiſch mit dem Deinigen umgehen. Du opferſt Dich für Alle! Ich habe noch vierzig Dukaten übrig.“ „Pfui, Boleslaw! Nur hier hätteſt Du nicht ſparſam ſein ſollen. Wenn Du wollene Strümpfe gekauft hätteſt!“ . — — — 67— „Die waren nicht zu haben. Dafür hätte ich das letzte Geld weggegeben. Doch die andern Sachen ſind wahrlich noch nicht ſo nothwendig! Du mußt doch etwas für Dich behalten! Es iſt ſo ſchwer, hier wieder Geld zu erlangen!“ „Wenn ich's für meine Kameraden verwende, trägt es mir die ſicherſten Zinſen, Boleslaw. Ich weiß, ſie werden mich nicht verlaſſen in der Noth, und der Mantel, den ich dem Soldaten heute kaufe, bedeckt mich ſelbſt morgen, wenn die Nacht rauh iſt und der treue Kamerad ſieht, daß ſein Führer deſſen bedarf. Aber würde mich die volle Börſe er⸗ wärmen?“ „Du gibſt in Deiner Großmuth Alles hin!“ rief Bo⸗ leslaw.„Doch es wäre gegen meine Ehre und mein Ge⸗ wiſſen, wenn ich Deine Güte ſo mißbrauchte. Auch wir an⸗ dern Offiziere müſſen ja einen kleinen Theil an Dem haben, was für die Leute geſchieht. Ich bringe Dir nur zurück, was wir zu ergänzen für Pflicht hielten.“ „Alſo Ihr, die Ihr wenig habt, wollt Euch opfern!“ „Nun erzähle uns von Jaromir,“ unterbrach Bernhard, der eben wieder herantrat, das leiſe geführte Geſpräch zwi⸗ ſchen Naſinski und Boleslaw. „Nachher; zuerſt noch etwas Wichtiges. Die Friedens⸗ unterhandlungen ſind abgebrochen.“ „Dacht' ich's doch!“ rief Raſinski lebhaft. „Kutuſow hat den König von Neapel plötzlich angegrif⸗ fen und zurückgeſchlagen. Der Kaiſer erhielt die Nachricht grade als er im Kreml die Truppen des Ney'ſchen Corps beſichtigte. Sofort rief er aus:„Alſo Krieg! Wohl denn, es ſei!“ Es folgte Befehl auf Befehl. Morgen Abend bricht das Heer auf, nach Kaluga zu. Wir und alle Trup⸗ pen, die nordöſtlich ſtanden, rücken morgen wieder vor Mos⸗ — 68— kau und ſchließen uns dann dem großen Heere an. Ich bringe Dir dieſe Ordre!“ „Alſo wird der Kampf erneuert!“ rief Raſinski;„ich ahnete es wohl. Jetzt müſſen wir uns eine Bahn nach den ſüdlichen Provinzen brechen. Dort iſt Hoffnung, daß wir noch vor dem Winter feſten Fuß faſſen, oder wenigſtens Kiew gewinnen, um daſelbſt zu cantonniren. Es war hohe Zeit! Nun, Gott ſei Dank, daß es endlich entſchieden iſt! Wenn der Krieg ſich dorthin wendet, ſo habe ich noch Hoff⸗ nung. Der Winter tritt in jenen Gegenden wenigſtens ei⸗ nen halben Monat ſpäter ein und iſt um Vieles milder. Auch iſt das Land reich und wird uns beſſer ernähren als die Wüſte, die wir bisher durchwandert haben. Dieſe Nach⸗ richt iſt etwas werth! Nun aber ſprich auch von Jaromir. Iſt er hergeſtellt?“ Boleslaw ſtockte einen Augenblick.„Ja,“ ſprach er dann mit ernſter Miene;„wenn wir Das hergeſtellt nennen dürfen! Seine Brandwunden ſind geheilt, das hitzige Fieber entflohen, ja, er fühlt ſich ſogar ſtark genug, um mit uns zu marſchiren. Er will nicht im Nachtrab des Heeres blei⸗ ben; auch, glaube ich, hat er Körperkräfte genug wieder gewonnen. Doch—“ „Nun?“ „Seine Seele iſt finſter, der heitere Glanz ſeines Auges erloſchen, die reine Stirn umwölkt. Es iſt unſer friſcher, fröhlicher Jaromir nicht mehr! Ich fürchte—“ hier ſtockte Boleslaw. 1 „Der Kaiſer,“ fuhr er nach einigen Augenblicken fort, mhat ihm den Orden der Ehrenlegion geſchickt. Er hat ihn mit den Worten zurückgewieſen:„Mich leitete nur der Zu⸗ fallz ich darf dies Zeichen nicht annehmen. Der Kaiſer ſpare es mir auf, bis ich eine That gethan.“ Keine Gegenvor⸗ * ſtellung vermochte etwas über ihn; er blieb unerſchütterlich. Und Du weißt, mit wie brennender Begier er ſeit Jahren nach dieſem Zeichen ſtrebte, wie er es mir beneidete!“ „Ich weiß, ich weiß!“ ſprach Naſinski.„Es iſt ein Dunkel in ſeiner Seele, das alle Flammen des brennenden Moskau nicht zu erhellen vermögen! Hat er Euch von dem Briefe an mich geſagt?“ „Kein Wort.“ „Doch muß er ihn grade einen Tag vor Eurer Ankunft geſchrieben haben.“ „Was enthielt der Brief?“ fragte Boleslaw. „Höre.“ Raſinski nahm den zuſammengefalteten Brief aus ſeinem Portefeuille und las: „Raſinski!“ „Du warſt mein zweiter Vater;— ich nenne Dich heute zum letzten Male mit dieſem theuren Namen; denn von nun an wirſt Du nur noch mein Befehlshaber ſein; das darfſt Du; denn die Ehre des Soldaten habe ich nicht verloren. Doch bitte ich Dich noch um einen letzten Dienſt Deiner alten, väterlichen Freundſchaft. Sende dieſen Brief an Lodoiska. Dreimal ſchrieb ich ihr reuig, flehte um ihre Vergebung; es geſchah noch in den verwirrenden Träumen der Krankheit; aber ich vernichtete die Briefe wieder, ich ſandte keinen ab. Die Krankheit iſt gewichen; jetzt weiß ich, was ich thue, und handle, wie ich muß.“ „Jaromir.“ „Und was ſchreibt er an Lodoiska? Ich bitte Dich, verhehle mir das nicht,“ fragte Boleslaw haſtig und ſchien zu zittern. Raſinski entfaltete einen zweiten Brief und las: — 79— „Lodoiska!“ „Geſchieden ſind wir auf ewig, aber durch meine Schuld. Wirf meinen Ring in den Strom; ich ſchleuderte den Deinigen in einen tiefern Abgrund! Antworte mir nicht; denn Du könnteſt mir im übermaß Deiner Himmels⸗ güte vergeben wollen; ich aber darf mir nicht vergeben laſſen. Mich ſtrafe denn auch die Qual Deines ewigen Schweigens, wie ich mich auf ewig aus Deinem Angeſicht verbanne!“ „Jaromir.“ Boleslaw heftete die düſtern Blicke ſprachlos auf den Boden; ein furchtbarer Sturm kämpfender Gefühle regte die Fittige in ſeiner Bruſt. Jaromir zerriß das Band, das ihn an Lodoiska knüpfte! Ein Stern der Hoffnung glänzte zwiſchen finſterm Wettergewölk und warf ſeine milden Strah⸗ len in Boleslaws Herz. Sollſt Du aus demſelben Becher die berauſchende Seligkeit trinken, der den Freund vergiftet! Indem deine Lippe ſeinen Nand mit ſchauernder Wonne berührt, erbleicht die des Freundes und ſchließt ſich auf ewig! Nein, Boleslaw. Sei es die ſchwarze Natter der Schuld, die ihre Ringe um ſeine Bruſt ſchlägt; ſeien es düſtere Träume, die ſeine Seele in ihre verworrenen Gewebe beklemmend einſpinnen, Dir darf keine Blüthe aufſprießen aus dieſer unheilvollen Saat! Sei ein Mann. Wende den Blick ab von der Himmelspforte, die ſich Dir zu öffnen ſcheint! Es iſt ein Trugbild; Du darfſt nicht eintreten; der roſige Morgenſchimmer, in den Du Deine heiße Bruſt kühlend zu tauchen wähnſt, iſt nur der Widerſchein verbor⸗ gener Flammen des Abgrunds. Folgſt Du der Lockung, überſchreiteſt Du die heilige Grenze, ſo ſtürzeſt Du hinab zur ewigen Qual. Es gibt hier kein Schwanken für Dich. Die Braut, der der Freund entſagt, ſei Dir noch heiliger, 4 — 271— als die, welche er an ſein Herz ſchließt. Jeder andere Ge⸗ danke, jede andere Hoffnung iſt Verrath an dem heiligen⸗ Geſetz der Freundſchaft! In der Feuerprobe dieſer Gefühle, die Boleslaws Bruſt durchſtürmten, ſtählte ſich das edle Herz zur feſten Willens⸗ kraft der Entſagung. „Nun,“ fragte Raſinski nach langer, ernſter Pauſe „was meinſt Du zu dieſem Briefe? Iſt er ein Erzeugniß des Fiegerwahns? Oder laſtet wirklich ein Verbrechen gegen ſeine Liebe auf Jaromirs Herz?“ Boleslaws Antwort wurde durch ein lautes„Wer da?“ das Ludwigs Ankunft meldete, abgeſchnitten. Die Freunde begrüßten ihn herzlich. Doch traten jetzt die Pflichten des Dienſtes ein; die Kleidungsſtücke, die Ludwig brachte, muß⸗ ten in Empfang genommen und vertheilt werden; dies ver⸗ urſachte ein Geſchäft, das über eine Stunde dauerte. Wäh⸗ rend deſſen war die ſpätere Nacht hereingebrochen, und die ermüdeten Krieger bedurften der Ruhe. Bernhard befragte Ludwig zwar um Jaromirs Zuſtand; doch dieſer wußte nicht mehr als die Andern. Mit eiſerner Verſchloſſenheit hielt der Jüngling das Geheimniß in ſeiner Bruſt; denn er wollte nur die Strafe ſeines Vergehens, nicht die verzeihende Ent⸗ ſchuldigung, nicht das Mitleid, nicht die Vergebung. Zweites Capitel. Es war am 18. October Abends, als endlich das fran⸗ zöſiſche Heer die Hauptſtadt der Zaaren, in der es viel zu — 22— lange oder viel zu kurze Zeit verweilt hatte, zu verlaſſen anfing. Noch aber hatte der Kaiſer nicht den Gedanken faſſen können, daß er ſich zurückziehen müſſe vor der über⸗ macht der Natur und den unerſchöpflichen Mitteln, die ſie dem Feinde darbot, wäͤhrend ſie ihm ſelbſt nur unüberſteig⸗ liche Hinderniſſe in den Weg thürmte; ſondern er dachte noch daran, das Heer Kutuſows, welches bei Kaluga ſtand, anzugreifen, es zu ſchlagen, ſich eine Bahn in die ſüdlichen Provinzen zu eröffnen, ſeine Reſerven heranzuziehen, ſeine Communicationen mit Polen zu vervielfältigen und zu ſichern, den rechten Flügel der Armee zu ſeinem Stützpunkt zu machen und ſich ſo bis zur beſſern Jahreszeit im Herzen des feindlichen Landes zu behaupten. Zwar hatten ſich ſchon manche Stimmen für den Rückzug vernehmen laſſen, hatten in ahnungsvoller Beſorgniß, daß das bleiche Schreckensge⸗ ſpenſt des Winters unvermuthet da ſein werde, auf die Be⸗ ſchleunigung deſſelben gedrungen; doch der Rath, der dem kühnen Sinne des Kaiſers am meiſten zuſagte, wenngleich nur der verwegenſte, nicht der vernünftigſte, behielt die Oberhand.. Am Morgen des 19. Occobers, eines heitern Herbſt⸗ tages, verließ Napoleon ſelbſt Moskau. Obwol ſchon die ganze Nacht hindurch der Ausmarſch des Heeres gedauert hatte, ſo drangen doch noch immer die Maſſen aus den Thoren der halb in Schutt liegenden Stadt hervor. In un⸗ abſehbaren Reihen zogen ſie ſich auf der breiten Heerſtraße hin. Nicht ſowol die Zahl der Krieger bildete den unermeß⸗ lichen Zug, als die unzählbaren Wagen mit Beute beladen, die Menge der Kanonen und Munitionswagen, die man nicht zurücklaſſen durfte. Von beiden Seiten brachen daher die Colonnen der Infanterie und der Cavalerie aus und zogen, wo es das Terrain irgend geſtattete, über die Felder neben —— — 73ñ— der Heerſtraße hin, um den gebahntern Weg für die Fuhr⸗ werke frei zu machen. Dennoch ſtopfte ſich der ungeheure Troß. Selbſt der Kaiſer mit ſeiner Begleitung konnte nicht Raum finden, ſo hatten die Wagen ſich ineinander verfah⸗ ren. In dieſem Augenblicke war es, wo Raſinski, der die Nacht dicht vor den Thoren Moskau's bivouakirt hatte, mit ſeiner kleinen Schaar durch eine Seitengaſſe der Vorſtadt kam, um ſich dem Zuge anzuſchließen. Er mußte halten und ſah den Kaiſer dicht vor ſich; in ſeinen Zügen drückte ſich der Unwille über den Aufenthalt aus, den er erfuhr; mit Mißvergnügen betrachtete er dieſe überzahl von Wagen. Er warf auch ſeinen ſcharfen Blick zu Raſinski hinüber, der ihn mit Ehrfurcht begrüßte. Doch ſprach er nicht, ſondern ſchien nur die geringe Anzahl Reiter, die noch von dem Regimente übrig waren, mit ſorglicher Berechnung zu über⸗ zählen. Endlich wurde die Bahn geöffnet und er ſprengte mit ſeiner Begleitung davon. Naſinski mit ſeinen Leuten konnte jedoch noch nicht ein⸗ rücken, ſondern mußte auf einen günſtigern Augenblick har⸗ ren, um die Wagenreihe zu durchbrechen. Es war ihm liek, weil er noch Jaromir erwartete, den Ludwig aus dem La⸗ zareth, in welchem er als Kranker gelegen hatte, abholte; denn der Befehl zum Aufbruch war ſo raſch gekommen, daß man Jaromir nicht benachrichtigen konnte, ſondern Bo⸗ leslaw für das Gepäck und die Pferde deſſelben Sorge tra⸗ gen mußte. Sie wurden ihm durch ſeinen Reitknecht vor⸗ geführt, und er hatte nichts weiter zu thun als aufzuſitzen. Ludwig war von Raſinski deshalb mit zu ihm geſandt wor⸗ den, um ihn mit ernſtlichen Freundesworten zu dem Ent⸗ ſchluß zu bringen, die geheimnißvolle Hülle, mit der er das Geſchehene verbarg, wenigſtens für einen Freund zu heben. Bei dem wahren väterlichen Antheil, den a Naſinett an Lo⸗ III.* 4 doiska wie an Jaromir nahm, lag ihm die Sorge um dieſe Beiden ſo am Herzen, daß ſie ſelbſt durch dieſe entſcheiden⸗ den Kriegsereigniſſe, die ſich ſo plötzlich geſtaltet hatten, nicht verdrängt werden konnte. Jetzt gewahrte er die Kommenden von weitem, ſie ſprengten raſch auf die Harrenden zu. Ja⸗ romir ritt nach dem üblichen Ceremoniel des Dienſtes auf Raſinski zu und meldete ſich als hergeſtellt und in die Rei⸗ hen der Krieger wieder eintretend. Er ſah noch bleich aus, ja er ſchien ſich ſogar nur mühſam gerade und feſt im Sat⸗ tel zu halten; ſeine Sprache hatte etwas Gedämpftes, das Feuer des Auges war erloſchen. Raſinski nahm keine dienſtliche Haltung an, ſondern reichte ihm mit väterlicher Theilnahme die Hand und ſprach: „Sei uns willkommen, Jaromir; wir haben um Dich ge⸗ fürchtet; ſei herzlich begrüßt.“ Bei dieſen, mit dem Tone inniger Rührung ausgeſpro⸗ chenen Worten verlor Jaromir die feſte Haltung, die er ge⸗ waltſam anzunehmen bemüht geweſen war. Zwar blickte er den wohlwollenden Freund ernſt an; doch konnte er einer Thräne, die aus den matten Augen hervordrang, nicht ge— bieten. Nur zitternd reichte er ihm die Hand hin und wagte es nicht, den herzlichen Druck Raſinski's zu erwidern.„Sei ſtreng, ſei hart mit mir; ich bin keiner Güte mehr werth,“ ſprach er mit verzagender Stimme. Raſinski's geübtes Auge ſah dem Jüngling bis in die tiefſte Seele hinein; jetzt ward es ihm unumſtößlich klar, daß nicht ein verwirrendes Trugbild, ſondern eine wirkliche Schuld die Seele des Unglücklichen verfinſterte. Der Augen⸗ blick war günſtig; er ſah ihn weich; jetzt konnte er ſein Vertrauen gewinnen. Doch mußte er damit eilen, ehe der Entſchluß hartnäckigen Schweigens wieder die Oberhand in dem Jünglinge gewann. nen Brief mehr öffnen, den ich ihr ſende!“ — 5— „Boleslaw,“ rief er daher dieſen an,„führe die Leute dort die zweite Gaſſe hinunter und ſuche das Feld zu ge⸗ winnen. Dann bleibe rechts der Straße. Hier könnten wir noch einen halben Tag warten, ehe wir uns Bahn machten. Ich ſelbſt werde mit Jaromir hinter den Gärten herum rei⸗ ten und treffe Euch auf dem Hügelrande vor der Stadt wieder.“ Er winkte Jaromir, ſprengte mit dieſem die Gaſſe hinunter und ritt nicht eher langſam, als bis ſie dem Felde nahe zwiſchen Gartenzäunen ihren Weg völlig einſam machten. „Hat Ludwig nichts über Dich gewonnen, Jaromir?“ redete er ihn jetzt ernſt, aber ſanft an.„Willſt Du keinem Deiner Freunde, ſelbſt mir nicht, der ich Dich Sohn nen⸗ nen kann, Vertrauen ſchenken? Welche Schuld wirfſt Du Dir vor? Iſt ſie eine Einbildung Deines fieberkranken Ge⸗ hirns? Oder iſt ſie wirklich? Wenn gleich Du auch von dem Letzten überzeugt biſt, muß ich doch das Erſte glauben; denn der Mann, hat er gefehlt, ſo bekennt er es frei und offen.“ „Will ich's Euch denn verbergen?“ rief Jaromir aus. „Will ich denn beſſer ſcheinen als ich bin? Nein, ich will mir nur die Buße auflegen, meine Reue und Scham allein zu tragen; ich will nicht, daß es Eurer mitleidigen Güte zuletzt gelingen ſoll, mich zu überreden, es dürfe mir ver⸗ geben werden. O, verkenne mich nicht, Raſinski! Sieh keine Feigheit in dem Entſchluſſe, ſtumm, allein zu büßen, was ich ohne Mitſchuldige verbrach!“ Raſinski zog den Brief an Lodoiska hervor.„So nimm dieſen Brief zurück; ich darf ihn nicht abſenden.“ „Wie? Du haſt es nicht gethan?“ rief Jaromir außer ſich. „Sende ihn ſelbſt!“ „Ach, Naſinski, Du mußt es thunz; denn ſie wird kei⸗ 4* „Wie? Weshalb nicht?“ „Wenn Du mir denn geloben willſt, dieſen Brief, von Deinen väterlichen, tröſtenden Worten begleitet, zu ihr zu ſenden, ſobald Du vermagſt, ſo will ich meine Lippen gegen Dich öffnen. Aber darauf gib mir Deine Rechte, Du darfſt mich nicht wankend machen in meinem Entſchluſſe!“ Raſinski verſprach es; Jaromir geſtand jetzt, wie er durch Francoiſe Aliſette getäuſcht, umſtrickt, gefallen war. Ein dunkler Purpur der Scham röthete ſeine bleichen Wan⸗ gen bei der Erzählung. „Armer Freund!“ rief Raſinski.„So wurdeſt Du das Opfer einer ſchlauen Buhlerin! Du haſt gefehlt, ſchwer ge⸗ fehlt; aber nicht unverſöhnlich! Lodoiska wird Dir vergeben, wie ich es thue. Ich will ihr ſchreiben.“ „Das ſollſt Du nicht,“ rief Jaromir heftig;„Du haſt mir gelobt, nach meinem Willen zu handeln. Meinen Brief ſendeſt Du ab;z doch Du mußt Deine Hand dazu leihen, denn ſonſt weiſt ſie ihn unerbrochen zurück.“ „Woher vermutheſt Du das?“ „Weil ihre beleidigte Würde es nicht anders zuläßt. Ach, ich ſagte Dir noch nicht Alles! Nach jener unſeligen Stunde, wo ich in gleicher Verblendung des Schmerzes und des Glücks, von den dunklen, noch unerkannten Furien ge⸗ geißelt, raſtlos umherirrte, empfing ich den letzten Brief Lo⸗ doiska's. In ihm leuchtet der reine Glanz der Heiligen; doch mein Wahnſinn ſah nur den blendenden, gleißneriſchen Schimmer der Hölle. Ich antwortete auf der Stelle, hieß ſie eine unwürdige Heuchlerin und zerriß unſern Bund. Mit eigner Hand gab ich den Brief noch ſpät am Abend, nach⸗ dem mich Ludwig verlaſſen hatte, auf die Feldpoſt. Glaubſt Du nun, daß Lodoiska nach dieſem Briefe noch einen von mir öffnen werde?“ b 1 — 77— „Schrieb ſie Dir ſeitdem?“ „Ich erhielt keine Zeile; ich erwartete keine.“ Raſinski hatte in dieſer ganzen Zeit gleichfalls keine Briefe erhalten; doch bei der Unpünktlichkeit der Feldpoſten erklärte er ſich dies dadurch, daß ſie verſpätet oder verloren gegangen ſein dürften. Dennoch glaubte er jetzt, daß Lo⸗ doiska, zumal durch den edlen Stolz der Gräfin bewogen, eine ſolche Anklage mit ſchweigender Verachtung zurückgewieſen haben dürfte. „Ich werde,“ antwortete er nach einigem Beſinnen, „Deinen Brief abſenden; an meine Schweſter will ich ihn richten und ihr ſchreiben, daß Dein Schickſal in Lodoiska's Großmuth ruhe!“ „Nein, das ſollſt Du nicht, das darfſt Du nicht, das iſt wider Dein Verſprechen. Flehe ich ihre Engelsgüte an, ſo wird meine Reue Heuchelei, und ich verliere das Letzte, Einzige, was ich noch an mir achten darf: den Entſchluß, die Kraft, zu büßen. Willſt Du nicht, daß ich in gerechter Selbſtverachtung mein entwürdigtes Leben von mir werfe, ſo erfülle, was Du verſprachſt. Du ſelbſt mußt es aus⸗ ſprechen, daß unſer Bund unwiderruflich zerriſſen iſt; wei⸗ gerſt Du mir das, ſo— Nein, Du thuſt es nicht! Ich müßte dann einen Weg gehen— mich ſchwindelt, daran zu denken— aber ich müßte!“ Raſinski ſchüttelte ernſt das Haupt und ſeufzte.„Nun wohl denn, ich will thun, was Du verlangſt; Du ſollſt den Brief an meine Schweſter Johanna leſen; aber Du wirſt Lodoiska's Herz brechen!“ „Das habe ich längſt gethan!“ rief Jaromir verzweif⸗ lungsvoll und legte die Rechte, ſeine Augen bedeckend, an die glühende, ſchwere Stirn. Sie ritten nun ſtumm nebeneinander hin. — 8— Jetzt erreichten ſie die Anhöhen. Heiliger Gott, welch ein Anblick! In drei breiten Strömen ergoß ſich der un⸗ geheure Troß der Krieger und Wagen durch das Gefilde. Unverſiegbar ſchienen ſie aus den Trümmern Moskau's her⸗ 3* vorzudringen; im blauen Duft und Nebel verloren ſich ihre † äußerſten Spitzen am Horizont. Dabei war noch zur Rech⸗ ten und Linken das Blachfeld weit mit zerſtreuten Reitern und Fußgängern überdeckt, die den dichtern Hauptſtrom umſchwärmten. Raſinski hielt auf der Höhe. Trotz des Umweges war er doch raſcher vorwärts gekommen, als ſelbſt der Kaiſer; . denn er erkannte an den zahlreichen weißen Federbüſchen ihn . und ſein Gefolge noch weit unten am Hügel, mitten im Getümmel der Wagen. Auch Boleslaw ſah er in der Ferne; er marſchirte ſchon auf freiem Felde an der rechten 8* Seite der Straße, wo man des ungebahnten Weges hal⸗ ber einzeln reiten mußte. „Wo ſoll das hinaus?“ ſprach Raſinski, als er den Zug überſchaute.„Wie ſoll ein Heer mit ſolchem Troß ſich be⸗ wegen? Mein Troſt iſt der, daß der erſte Angriff der Ko⸗. ſacken uns mindeſtens von der Häalfte dieſes läſtigen über⸗ fluſſes befreien wird. Wie die Habgier blind Alles zuſam⸗ mengerafft hat! Wie ſich der Geiz mit der unnützen Bürde belaſtet, unter der er erliegen muß!! „Mich ſollte es wundern, wenn der Kaiſer nicht, ſobald wir das freie Feld erreichen, den ganzen Troß verbrennen ließe,“ ſprach Jaromir, der mit theilnahmloſen Blicken das ganze Getümmel überſchaute. „Das wird er nicht,“ entgegnete Raſinskiz„denn er mag dem Soldaten, der zwei Drittheile Europa's mühſelig durchwanderte, den Lohn der vielfach verſprochenen Beute nicht entziehen. Doch glaube mir, noch ehe der Tag vor⸗ über iſt, werden die Unſrigen ſelbſt ihren Ballaſt auszuwer⸗ fen anfangen. Sieh nur jene beiden Leute dort! Es ſchei⸗ nen mir Offiziersbediente zu ſein. Haben ſie ſich nicht ſelbſt vor eine Handſchleife geſpannt und ziehen die Laſt mühſelig nach? Nicht ſechs Stunden weit reichen ihre Kräfte; aber von der Habſucht geblendet, vergeſſen ſie, daß der Weg zwi⸗ ſchen hier und Paris achthundert Lieues lang iſt! Und dieſe Maſſen von hochbelaſteten Wagen, wo ſollen ſie Raum und Zeit finden, ſich aufzuſtellen? Wie lange werden die Axen halten? Und wenn eine bricht, wer ſchafft eine andere her⸗ bei? Kaum die Artillerie vermag es. Der Kaiſer ſieht dieſen Troß mit Mißbehagen; allein er überläßt es der Zeit, die Habgierigen über die Unmöglichkeit ihrer Unternehmung zu beleh⸗ ren. Dort fällt ein Wagen! Siehſt Du? Gib Acht, der läßt auf dieſer Stelle, eine halbe Stunde von Moskau, ſchon Alles zurück, was er vielleicht bis nach Paris zu führen gedachte.“ Der Wagen, den RNaſinski ſtürzen ſah, war mit erbeu⸗ teten Geräthen überladen geweſen; es brach eine Axe und er lag nun im Wege. Sogleich ſtopfte ſich der ganze Zug; die Nachdrängenden ſchrieen unwillig:„Vorwärts!“ denn Jeder ahnete, daß man in dieſem Getümmel alle Kräfte auf⸗ bieten müſſe, um vorzudringen. Die Maſſe hinderte ſich ſelbſt in der Bewegung; der Einzelne war daher froh, wenn ein Zufall die Zahl der Wagen verminderte. Als dem umgeſtürz⸗ ten Fuhrwerk nicht ſogleich aufgeholfen werden konnte, und auch zum Ausbeugen kein Raum blieb, rief einer der nach⸗ folgenden Wagenführer:„Werft das Gerümpel aus dem Wege! Hier muß Jeder ſehen, wie er fortkommt. Wir kön⸗ nen nicht einen halben Tag auf den Einen warten. Faßt an, Kameraden, ſpannt die Pferde aus und werft den ganzen Plunder ins Feld!“ Sogleich fanden ſich zwanzig, dreißig, funfzig Leute, um der Aufforderung zu folgen. Vergeblich tobte und fluchte der Eigenthümer des Wagens und ſuchte ſeine Beute zu vertheidigen. In zwei Minuten war er von allen Seiten umringt und der Wagen nicht nur von Allem geplündert, was er enthielt, ſondern die Pferde ausgeſpannt, die Räder abgezogen und das Geſtell in ſeine Theile zer⸗ ſtückt über Seite geworfen, ſodaß die Bahn für die Nach⸗ folgenden frei wurde. Die heulende Wuth, in die der Be⸗ raubte ausbrach, wurde durch das Hohngelächter der übrigen übertäubt; Niemand bekümmerte ſich um den ganzen Vor⸗ fall, noch hielt es man der Mühe werth, den gewaltſam Geplün⸗ derten in Schutz zu nehmen, der zuletzt froh ſein mußte, ſeine Pferde gerettet zu haben. „Wenn das am erſten Tage des Ausmarſches, vor den Thoren Moskau's, geſchieht,“ bemerkte Raſinski,„was läßt ſich erwarten, wenn erſt der Feind dieſe ſchwerfälligen Maſ⸗ ſen bedroht! Jener Marodeur hat nichts gerettet als ſeine beiden abgemagerten Pferde. Die Andern dürfen froh ſein, wenn ihnen nur das gelingt beim erſten Scheinangriff, den 1 funfzig Koſacken wagen! Der Kerl, der jetzt heult und flucht, iſt der Glücklichſte von Allen; denn er iſt die nutz⸗ loſe Plackerei zuerſt losgeworden. Er wird ſchon heute hin⸗ längliche Gelegenheit finden, ſich an der Schadenfreude über Andere, vielleicht über eben Die, die ihm das Unrecht zufüg⸗ ten, zu entſchädigen. Und ehe acht Tage vergehen, ſage ich Dir, preiſt er ſein Schickſal, welches ihm die vergebliche Mühe, ſeine Bürde fortzuſchleppen, abgenommen hat. Der Unterſchied iſt nur der: er verliert heute, was die Andern 1 morgen und übermorgen preisgeben müſſen; zum Genuß der Beute wird von Tauſenden nicht Einer kommen.“ „Boleslaw mit den Reitern hatte jetzt den Hügel erreicht; er gewann Terrain, um ſie in Sectionen aufmarſchiren zu laſſen, und rückte ſo auf den Punkt zu, wo Raſinski hielt. — 81— Dieſer ſetzte ſich an die Spitze der Seinigen und ritt, die Freunde dicht um ihn, weiter neben der Straße hin. Der Weg auf der Anhöhe, den ſie nahmen, geſtattete ihnen fort⸗ während den überblick des ganzen Zuges. „Es iſt mir lieb,“ ſprach Bernhard,„daß wir faſt die Letzten ſind. Denn ich glaube nicht, daß die vorn marſchi⸗ renden Regimenter ſich einen Begriff davon machen, welch einen Drachenſchweif ſie nachſchleppen; und der Anblick iſt doch luſtig genug. Der Hexenzug auf dem Blocksberge kann nicht abenteuerlicher ausſehen als die Maskerade hier unter und neben uns. Beim Thurmbau zu Babel hat man nicht in ſo vielen Sprachen geflucht als hier, und ein tauſendjäh⸗ riges Polizeiregiſter aller in London geſtohlenen Sachen wäre ein Wiſch, den der Wind wegweht, gegen das Inventarium dieſes Zigeunerameublements. Ich glaube, es gibt keinen kupfernen Keſſel, keine Bratpfanne, keinen alten Dreifuß, keine Feuerzange und keinen Beſenſtiel mehr in ganz Mos⸗ kau, ſo viel Gerümpel iſt auf dieſe Wagenburg geladen! Sieh nur,“ wandte er ſich zu Jaromir, um deſſen finſteres Angeſicht aufzuheitern,„ſieh nur dort die Wagenreihe, bei der der Kaiſer gleich ankommen wird. Ich glaube, es iſt eine Amazonengeſellſchaft, denn ich ſehe faſt lauter Weiber dabei, und coſtumirt ſind ſie, als wollten ſie ein morgen⸗ ländiſches Prachtſtück aufführen, etwa die Turandot.“ „Es werden, däucht mir, die Schauſpieler ſein, welche in Moskau waren,“ bemerkte Ludwig. Bei dem Worte Schauſpieler fuhr Jaromir zuſammen und warf einen haſtigen Blick hinüber auf den Troß; ein wilder, kalter Grimm füllte ſeine Bruſt. Aliſette konnte dabei ſein! Er mußte es vermuthen. Seit jener Schreckensnacht hatte er nichts wieder von ihr vernommen; Regnard hatte, es iſt ſchwer zu ſagen, ob 4**½ großmüthigerweiſe, oder ob im Gefühl ſeines Unrechts, oder ob aus Mitleid mit Jaromir, den Vorfall nie wieder be⸗ rührt, obgleich er zweimal ins Lazareth gekommen war, um kranke Offiziere ſeines Regiments zu beſuchen, die daſelbſt lagen, wobei er natürlich auch Jaromir ſehen mußte. Reg⸗ nard war ſonſt in Ehrenſachen mehr als pünktlich, doch die erſchütternde Wendung, welche das Ereigniß, worüber er ſich anfänglich beleidigt fühlte, für Jaromir wie für Francoiſe Aliſette genommen hatte, machte dies abſichtliche Vergeſſen natürlich. Ob ſeine Verbindung mit dieſer— denn er war es, der ſie unterhielt und ihr Kommen nach Moskau veran⸗ laßt hatte— noch fortdauerte, oder ob er die Treuloſe jetzt ihrem Schickſal überließ, wußte Jaromir nicht; ja nicht ein⸗ mal, ob ſie ſich in jener Nacht gerettet habe, würde er er⸗ fahren haben, wenn nicht eine zufällige Erwähnung des Miaädchens durch einen Offizier von Negnards Regiment ihm bewieſen hätte, daß ſie noch lebe. Jetzt war ſie vielleicht kaum hundert Schritte von ihm! Da die Straße ſich trennte und Raſinski nur den günſtigen Augenblick erwartete, um dieſelbe zu gewinnen, konnte es ſich fügen, daß er ſie wie⸗ der von Angeſicht zu Angeſicht ſehen mußte. Der Gedanke ſtürmte ſeine Bruſt wieder in wilde Wogen empor. Er fühlte, daß, wäre ihm die Verrätherin unvermuthet entge⸗ gengetreten, er ſeine Herrſchaft über ſich ſelbſt verloren haben würde. Jetzt, durch Bernhards Wink aufmerkſam gemacht, hatte er Zeit, ſich vorzubereiten. Er beſchloß, ſie mit der kälteſten Verachtung keines Blickes noch Wortes zu würdi⸗ gen, wenn der Zufall ihn in ihre Nähe bringen ſollte. Bernhard und Ludwig ritten dem düſter Schweigenden zur Seite. Raſinski hatte ihnen und Boleslaw nur in ei⸗ nem flüchtigen Worte zugeraunt, daß er Jaromirs Geheim⸗ niß jetzt kenne. Er ſchien ſich eine nähere Mittheilung für — 83— gelegenere Zeit zu verſparen. Der Antheil der Freundean dem Schickſal ihres treuen Genoſſen war eben ſo warm geblieben als zuvor, da ſie ihn keiner Schuld zeihen konnten, ſondern nur das unbeſchreiblichſte Unglück für ihn fürchteten. Bern⸗ hard, deſſen ſcharfem Blick ſelten eine phyſiognomiſche An⸗ deutung entging, bemerkte die Veränderung in Jaromirs Zü⸗ gen, als er der Schauſpielertruppe gedachte, augenblicklich. Er hatte jedoch keine Ahnung davon, daß Aliſette in Mos⸗ kau ſei, denn nach dem Brande hatte er im Ganzen nicht zwei Tage dort zugebracht, weil das Regiment ſogleich einen Bivouac vor der Stadt bezog und fünf Tage ſpäter in die nördliche Vorpoſtenlinie rückte. Allein ſein ſcharfer, zur Ent⸗ hüllung von Intriguen beſonders begabter Verſtand gab ihm ſolgleich dunkle Vermuthungen der Wahrheit. Doch verrieth er dieſelben nicht durch das mindeſte Zeichen, ſondern fuhr in ſeinen Bemerkungen über das Schauſpiel um ihn her fort. „Was mag dort unten ſo glänzen?“ fragte er plötlich. „Ich glaube, es iſt der goldne Zauberſpirgel aus Tauſend und eine Nacht, der dort auf dem achtſpännigen Wagen liegt, oder ein Bündel Blitze, oder eine Feuergarbe als Probe von dem Brande.“ Auch Ludwig und Raſinski blickten dahin; denn in der That blitzte zwiſchen den ſchwarzen Geſtalten, die den Zug unten bildeten, etwas wie eine ſtrahlende Sonne hindurch. Doch hinderte die Menge der ſich vorbeidrängenden Reiter und Wagen, den Gegenſtand zu erkennen. Als ſich einen Augenblick lang eine Lücke bildete, gewahrte man aber, daß es ein ungeheures goldnes Kreuz ſei. „Es iſt,“ ſprach Jaromir mit ernſtem Tone,„das Kreuz des heiligen Iwan, welches auf dem Thurm des Kremls ſtand. Die Ruſſen verehren es als das höchſte Heiligthum, als das Palladium der Stadt. Aus meinem Fenſter konnte ich die Abnahme deſſelben ſehen. Es war ein grauer Tag; die Abenddämmerung hatte ſchon begonnen. Zahlloſe Raben durchkreuzten die Luft und flatterten krächzend um den hohen glänzenden Gipfel. Man hatte ein Gerüſt gebaut, Leitern angelegt, Winden aufgeſtellt, Seile gezogen; die Arbeiter waren ununterbrochen thätig— doch die Schar der Raben wich nicht, ſondern umſchwirrte mit ihrem heiſern Geſchrei bald in weiten, bald in engeren Kreiſen das ſtrahlende Kreuz. Unter meinem Fenſter ſtand ein Haufe von Ruſſen; es wa⸗ ren auch viele Weiber dabei. Sie kreuzten die Arme über die Bruſt, beugten ſich ehrfurchtsvoll und murmelten leiſe Ge⸗ bete. Eines der Weiber, groß, abenteuerlich gekleidet, ein rothes Tuch gleich einem Turban um das graue Haar ge⸗ wunden, ſtand unter ihnen, hob die Hände hoch empor, machte allerlei wunderliche Zeichen und ſprach in unverſtänd⸗ lichen Worten mit beſchwörendem Ton. Der Anblick hatte etwas Grauenhaftes. Als jetzt die Winden anrückten und das Kreuz ſich zu ſenken begann, da erhob die Schar ein lautes Geheul, ſchlug ſich die Brüſte, raufte ſich das Haar und ſtäubte wie entſetzt auseinander. Es ſchien, ſie hatten gehofft, durch ihre Gebete und Beſchwörungen das Heilig⸗ thum zu retten, und waren nun außer ſich vor Grauſen, da ſie daſſelbe unter entweihenden Händen fallen, ihre Göt⸗ ter beſiegt ſahen. Indem erſchallte in der Luft ein lautes Krächzen und Rauſchen; das ganze Volk der Raben, wie erſchreckt, daß ihre alte Zufluchtsſtätte, das Kreuz, unter dem ſie ihre Neſter ſeit Jahrhunderten gebaut hatten, plötz⸗ lich trügeriſch wanke, flatterte aufgeſcheucht hinweg und zog in ſchwarzem Gewimmel unter den grauen Wolken dahin!“ „Ein Nachtſtück!“ warf Bernhard hin.„Das Weib was Du ſchilderſt, däucht mir, hätte ich auch geſehen, gleich — am erſten Tage in Moskau, auf den Mauern des Kreml. Sie ſah wahrlich aus wie eine Drudenmutter oder Hexe von Endor.“ Die Andern ſchwiegen; doch fühlte Jeder ſeine Bruſt von einem eigenen Grauen bewegt, zumal da Jaromir mit ſo ernſt düſterm Ton, wie vordem niemals, ſprach, und ſeine bleichen Lippen und Wangen, ſein dunkel verglimmendes Auge das Herz der Freunde mit ſchauerlichem Gram erfüllte. Bernhard hing mit unverwandten Blicken an ſeinem Antlitz. Wohin war dieſe blühende Jünglingsgeſtalt ge⸗ ſchwunden! Selbſt das lockige, blonde Haar ſchien matt herabzuſinken von der Scheitel. Sieht er ſich ſelbſt denn noch ähnlich? fragte ſich Bernhard. Wenn du ihn neben das Bild ſtellteſt, das du in Warſchau von ihm gezeichnet, würdeſt du es denn noch erkennen? Er legte dem Jüng⸗ ling die Hand treuherzig auf die Schulter.„Richte Dich auf, Freund, raffe Dich zuſammen! Denke nicht an trau⸗ rige Zeichen. Vor uns liegt der Krieg, da braucht man Muth und Kraft. Was warſt Du für ein Soldat! Ich wurde muthig, wenn ich Dich ſah, jetzt könnteſt Du mich verzagt machen. Friſch, Bruder meines Herzens, ſchuüttle herab, was Deinen edlen Nacken beugt, und richte das Haupt wieder ſtolz empor!“ Jaromir wollte eben antworten, als eine Wendung des Zuges um einen Hügel, der auf einige Augenblicke die große Straße ganz verdeckt hatte, die Reiter gerade auf dieſelbe zuführte. Da Raſinski eben eine Lücke wahrnahm, wodurch er ſich zwiſchen die Reihe der Wagen ſetzen konnte, befahl er Galopp zu reiten und ſprengte ſelbſt voran. Auf dieſe Weiſe wurde das Geſpräch, welches Bernhard begonnen hatte, unterbrochen. Die Abſicht Raſinski's ge⸗ lang; er brach unverſehens in die Lücke ein und war bald mit ſeinen Leuten auf der Straße, ſodaß er jetzt den Zug der Wagen theilte.„So,“ ſprach er zufrieden,„nun kön⸗ nen wir doch wenigſtens auf der Straße bleiben, ſo lange es uns gefällt, und ſie verlaſſen, wenn es uns gutdünkt.“ Doch wie es bei ſolchen Märſchen zu gehen pflegt, ſtockte die Bewegung bisweilen; man mußte mehrere Minuten hal⸗ ten, dann wieder raſch nachreiten. Dies machte den Marſch ſehr unangenehm; auch hatte er ſein voriges Intereſſe ver⸗ loren, da man jetzt nicht mehr den Zug der Wagen weit überſah, ſondern nur die nächſten Gegenſtände überblickte. Der Kaiſer war noch hinter Naſinski's Leuten; dicht vor ihnen fuhr eine Reihe Wagen mit erbeuteten Fahnen bedeckt; türkiſche, tatariſche, ruſſiſche Trophäen erblickte man in buntem Gemiſch durcheinander. „Platz, Platz für den Kaiſer!“ wurde von hinten her gerufen, und Raſinski ließ ſeine Leute abbrechen, um die halbe Wegbreite zu gewinnen. Der Kaiſer kam von weitem herangeſprengt; doch plötzlich ritt er im Schritt und ſchien ſich mit Leuten, die auf einem Wagen neben ihm befindlich waren, zu unterhalten. Der Führer deſſelben trieb ſeine Pferde an, um mit dem raſchern Schritt des Roſſes, auf welchem der Kaiſer ſaß, zu wetteifern. So kam der Wagen nach und nach vor und fuhr an der Seite der polniſchen Reiter vorbei, ſodaß dieſe zur Linken blieben, während Na⸗ poleon zur Rechten des Fuhrwerks ritt, auf welchen drei wohlgebildete Frauen und ein Kind ſaßen. Als der Kaiſer ſich der Stelle näherte, wo Jaromir ritt, blickte dieſer nur ſcheu zu ihm hin; denn halb wäre er erfreut geweſen, halb hätte es ihn gepeinigt, wiedererkannt zu werden. Doch der Kaiſer war im Geſpräch mit einer in einen ſchönen Pelz dicht eingehüllten Dame begriffen, die ihrer Kleidung nach die Frau eines höhern Offtziers zu ſein ſchien. „Ihr müßt den Muth nicht verlieren,“ ſprach er;„im — künftigen Winter können wir in Petersburg nachholen, was wir in Moskau verſäumt haben. Glückliche Reiſe!“ Mit dieſen Worten ſprengte er dahin, ohne Jaromir zu bemerken. Doch die junge Dame wandte ſich jetzt zur Linken. All⸗ mächtiger Himmel! Es war Aliſette! Sie erſchrak, erblaßte und richtete den Blick vor ſich nieder. In Jaromirs Seele gährte es kochend auf. Zorn und Schauder wechſelten wie Eis und Gluth in demſelben Augenblicke in ſeiner Bruſt. Doch er bezwang ſich mit Ge⸗ walt; nur einen verachtenden, vernichtenden Blick warf er ihr, die verſtohlen das Auge zu ihm erhob, zu und wandte dann ſein Roß ab. Aliſette zog den Schleier über ihr Ant⸗ litz und ſuchte die Gluth des Zorns und der Scham, welche ihre Wangen färbte, in ſeine dichte Hülle zu verbergen. Noch hatte Niemand Anders ſie erkannt; jetzt wollte ſie auch von Niemand mehr erkannt ſein. Sie nahm daher das Töchterchen ihrer Schweſter, welches ſie mit ſich führte, auf den Schooß uud beſchäftigte ſich mit demſelben, bis Ra⸗ ſinski mit ſeinen Leuten einen Vorſprung vor dem nunmehr wieder langſamer vorrückenden Wagen gewonnen hatte. Da bald darauf neben der Straße ſich ebener Boden fand, auf dem man raſcher vorrücken konnte, brach Raſinski wieder zur Rechten aus und ſuchte die Spitze der Colonne zu ge⸗ winnen; denn es war ſein hauptſächlichſtes Beſtreben, die regelmäßigen Truppen zu erreichen und ſich ſeinem Corps anzuſchließen, hinter welchem er des weitern Marſches halber ſeit geſtern Abend zurückgeblieben war. — 88— Drittes Capitel. Sieben Tage waren verſtrichen, ſeit der Kaiſer Moskau verlaſſen hatte. Das Heer ſtand bei Malo⸗Jaroslawez, welches am Tage zuvor geſtürmt worden war. Man er⸗ wartete geſpannt den Befehl, vorzurücken und hoffte, ſich noch vor Kaluga mit Kutuſows ganzer Stärke zu meſſen. In einer kleinen, elenden Hütte, die Raſinski zur Wohnung genommen hatte, harrten Ludwig, Bernhard, Jaromir und Boleslaw auf ſeine Rückkehr aus dem Hauptquartier, wo⸗ hin er noch am ſpäten Abend geritten war. Den Freunden war jetzt Jaromirs Schmerz und ſeine Veranlaſſung, ſo wie Aliſettens Anweſenheit beim Heere kein Geheimniß mehr. Oft hatten ſie ihn zu tröſten, zu beru⸗ higen verſucht, doch vergeblich. Tief vergiftet war der reine Born ſeines Lebens; die Qual zehrte in ſeiner Bruſt und drohte den Jüngling zu zerſtören. Boleslaw empfand Jaro⸗ mirs Schmerzen in ſeiner reinen, edlen Seele faſt ſo tief als dieſer ſelbſt. Gewöhnt an den männlichen Kampf der Selbſt⸗ überwindung, hatte er den letzten, entſcheidenden Sieg über ſich gewonnen und dadurch war ihm, mitten in der Trauer, im ernſten Gram eine freudige Kraft in die Seele gedrun⸗ gen, die ſtets der Lohn ſittlicher Siege iſt. Es war ſein wahrhaftes Beſtreben, Jaromir wieder mit der Geliebten zu vereinigen, das zerriſſene Band neu anzuknüpfen. Streng verbarg er es, welche Flamme in ſeinem Herzen für Lodoiska glühe; mit reiner Freundeswärme ſuchte er die welken Keime der Hoffnung in der Bruſt des Freundes neu zu beleben, die geſunkenen Blüthen ſeines Glückes mit dem Thau des Troſtes zu erfriſchen. Auch Ludwig und Bernhard nahmen reinen Antheil der Liebe an Jaromir und hatten ihm ſeine — 89— Schuld in milder Seele vergeben; doch Beide waren noch durch ihre Erlebniſſe in Moskau, ſo wie durch die ganze 4 Betrachtung ihres eigenen, ſeltſam verſchlungenen Geſchicks 3 zu tief aufgeregt, um ſich ganz in die Seele des Freundes zu vertiefen. Boleslaw dagegen wurde eben durch das Band der gleichen Liebe mächtig zu Jaromir hingezogen; er trug gleiche Schmerzen mit ihm, und darum verbanden ſich die Seelen Beider jetzt am innigſten. Er liebte edel, uneigen⸗ nützig, wie großgeartete Seelen müſſen; deshalb ſtand nicht der eigene, ſondern der fremde Schmerz in ſeiner erſchüttern⸗ den Größe zunächſt vor ihm. Er gedachte der einſamen, ver⸗ laſſenen, durch Jaromirs Verurtheilung ſeiner ſelbſt ganz vernichteten Lodoiska. Weil er ſie mit heiliger Gluth, ver⸗ ſchwiegen liebte, ſchien es ihm Beruf und Pflicht, wenn er es vermöchte, ihr Glück wieder herzuſtellen; denn er war feſt überzeugt, daß die Liebe Alles verſöhnen kann, wenn ſie der Reue die vergebende Hand reicht. Darum ließ er nicht ab, lindernde Worte des Troſtes in des Freundes Herz zu flößen. Wie der weiche Tropfen den Felſen höhlt, ſo hoffte er, werde es ihm endlich gelingen, die eherne Unerbittlichkeit Jaromirs gegen ſeine Schuld zu beſiegen, die Eisrinde, mit der er ſeine gequälte Bruſt ſelbſtpeinigend umgeben hatte, zu ſchmelzen. Ach, das Herz des Unglücklichen mußte ja er⸗ ſtarren in dieſer ſelbſtgeſchaffenen Qual; hätte es ſich aus 4 warmen Wunden verbluten dürfen, es wäre noch glücklich e zu nennen geweſen. Aber dieſes kalte Gift, das er tödtlich in ſich trug, warf die Seele auf eine namenloſe Folter, die der Freund mit dem Gequälten empfand. Boleslaw trat mit Jaromir hinaus vor die Hütte, die auf einer kleinen Anhöhe lag. Man überblickte in dem trü⸗ ben Licht des ſchon ſinkenden Mondes ein weites, ebenes Feld, mit lagernden Kriegern und zahlloſem Feldgeräth bedeckt; die —„õ— die That verſöhnt. Louja umſchloß dieſe Ebene mit ihrem gekrümmten Strom. Hinter derſelben erhoben ſich ſteile, mit düſterer Tannenwal⸗ dung gekrönte Anhöhen. In jenen Wäldern ſtand Kutuſow in feſter, unangreifbarer Stellung. Vor den Höhen lagen die rauchenden Trümmer von Malo⸗Jaroslawez, das geſtern der Schauplatz eines furchtbaren Kampfes geweſen war, der jedoch nur das Vorſpiel zu einer größern Schlacht zu ſein ſchien. „O daß wir an dem Kampfe dort nicht Antheil haben konnten,“ ſeufzte Jaromir;„es liegen dort ſo. Viele, die die Sonne heute ſo gern wieder begrüßt hätten!“ Boleslaw verſtand den Freund. „Iſt das nun wol recht und gut, Jaromir?“ ſprach er ſanft, aber ernſt.„Gedenkſt Du Derer nicht mehr, die in bittern Thränen um Dich trauern würden?“ „Haſt Du Dir nie den rühmlichen Tod auf dem Schlachtfelde gewünſcht?“ rief Jaromir heftig. Boleslaw ſchwieg einen Augenblick; er fühlte ſich getrof⸗ fen, denn in ſeinem düſtern, verſchwiegenen Gram hatte er freilich dieſen Wunſch in der Bruſt gefühlt. Doch war es einer, wie ſo viele, die nur in der Ferne aufſteigen, die eine heilige Scheu vor dem Unrecht uns nicht mit vollem Ernſt faſſen läßt.„Ich habe ihn oft in mir bezwungen,“ erwi⸗ derte er;„und das fordere ich von Dir.“. „O, Boleslaw,“ ſeufzte Jaromir,„Du konnteſt das wol leichter als ich!“ Dieſe Worte drangen in Boleslaws innerſte Seele; ein unnennbarer Schmerz zuckte ihm durch die Bruſt. Er durfte nicht darauf antworten, ohne ſich zu verrathen.„Und wenn Du auch Recht hätteſt, Jaromir; es ändert nichts für Dich. Sei ein Mann, wolle leben und handeln; nicht die Buße, ———— v— — 91— „Beides,“ ſprach Jaromir finſter. „Wenn jetzt Lodoiska vor Dich träte und, ſanft wie ſie iſt, ſpräche: Ich habe Dir vergeben, denn die Liebe vergibt tauſend und tauſend Mal!— aber komme wieder an mein Herz, zertritt nicht alle Blüthen meines Glücks!“ Jaromir ſah ihn ſtarr an, ein Schauer ſchüttelte ihn, plötzlich rief er in wildem Schmerz und Hohn zugleich: „Sonne, leuchte mild wie der Mond, Strom, fließe das Gebirg hinan, Pfeil, wende dich im Flug, Minute, kehre zurück aus dem endlichen Raum der Vergangenheit! O, Boleslaw! Fühlſt Du denn nicht, daß Du das Unmögliche denkſt? Habe ich denn die Blüthen ihres Glücks nicht zer⸗ treten? Iſt denn die That nicht geſchehen? Die Reine, Schuldloſe, Heilige klagte ich des Verbrechens an, das ich ſelbſt in derſelben Minute beging! Meine Treuloſigkeit könnte ſie verzeihen; aber nie darf ſie vergeben, daß ich den Glau⸗ ben an ſie verlor— nie darf ich dieſe Vergebung annehmen.“ „O, Ihr dürfs es Beide, glaube das mir, mir— 10 „Du haſt nicht geliebt, Boleslaw!“ rief Jaromir.„Du weißt nicht, wie ſchwer die Verbrechen ſind, die wir an der Geliebten begehen!“ „Jaromir! Ich weiß, wie unerſchöpflich die vergebende Kraft des Herzens iſt!“ „Liebe kann ſich nicht mit Verachtung paaren.“ Er ſtieß dieſe Worte wild heraus, ſtarrte auf den Boden und machte eine abwehrende Bewegung mit der Rechten, als wolle er ſagen: Verſucher, weiche von mir! „Lodoiska hat Dich keinen Augenblick verachtet, ſie hat nur bittere Thränen um Dich geweint,“ entgegnete Boleslaw mit Ernſt.„Und ſtatt ihre Thränen zu trocknen, zertrittſt Du jetzo kalt ihre Bruſt.“ „Ich zog nur raſch den Pfeil aus der Wunde und ſparte ihr die längere Qual! Habe ich ſie tödtlich verletzt — ſo wird ſie jetzo ſchnell dahinſinken, und— ihr Blut kommt dann über mich! War die Heilung möglich, ſo war ſie es nur ſo. Mit dem Geſchoß in der Bruſt windeſt Du Dich noch einige qualvolle Stunden hin, aber leben kannſt Du dennoch nicht. Entſcheidung iſt beſſer!“ „Der Schmerz verdunkelt Deinen Blick. Traue dem Auge des Freundes!“ „Boleslaw, ich muß Dir's wiederholen, hier entſcheidet nur ein Herz, das liebt!“ „Und wer ſagt Dir,“ rief jetzo der Freund in hingeriſ⸗ ſenem Schmerz,„wer ſagt Dir, daß ich— nie geliebt hätte,“ ſetzte er mit unterdrückter Stimme hinzu. „Alſo auch Du? Und ohne Glück, ohne den ſchönen Zweig von dem Blüthenbaum zu brechen?“ antwortete Ja⸗ romir ſanft und legte die Hand auf ſeine Schulter.„Dann laß uns Leidensgefährten ſein!— Warum haſt Du nicht Lodoiska geliebt? Mit Dir wäre ſie glücklich geworden, Du biſt ſo viel beſſer als ich— ja Du biſt gut, Du hätteſt die reine Heilige nie geläſtert!“ Der empordrängende Schmerz preßte Boleslaws Bruſt zuſammen; und er durfte ihm nicht den erleichternden Strom in die Bruſt des Freundes öffnen! Beide hielten ſich innig umfaßt. „Aber Du haſt dennoch Recht, geliebter Bruder!“ un⸗ terbrach Jaromir endlich die Stille;„der Wunſch des Todes iſt verbrecheriſch, denn er iſt der Wunſch der feigen Seele. Eine ſchwere Schuld laſtet auf meiner Bruſt, aber ich will ſie durch ein thatenvolles Leben abtragen. Dem Vaterlande will ich's vergelten, was ich an ſeiner reinſten, ſchönſten Tochter verbrach. Steh' Du mir bei; richte mich auf durch Deine edle Kraft, wenn ich in meiner Schwachheit verzage und — 93 zurückſinke, ſei mein Beiſpiel, mein Führer! Du warſt es ja ſchon ſeit langen Jahren, denn ſtets eiferte ich Dir nach. Wie beneidete ich Dir dieſes Kreuz auf Deiner Bruſt, wie ſtrebte ich, es gleich Dir zu verdienen! Und ſo muß es wieder werden. Du ſollſt mich nicht mehr unkräftig, nicht mehr in Gram ver zſunken ſehen. Zwar die jugendliche Le⸗ ensluſt röthet meine Wangen nicht mehr, denn ihre Flügel ochen; ich zeige Euch keine glatte Stirn mehr. Doch auch nicht! Fort damit! Narben und Furchen ern⸗ keit ſollen ſie ſchmücken, meine Wange ſoll ſich in im Brand der Sonne, im rauhen Strom der te. Das will ich, Boleslaw! Dazu fühle ich eine neue Kraft in meinen Adern rinnen— aber was Du forderſt, Du hoffſt— davon nichts mehr!“ eer Galopp und das Schnauben eines Pferdes unter⸗ die nächtliche Stille. Es war Naſinski, der den — 94— Naſinski dieſe Nachricht gab, regte ein banges Vorgefühl in Denen an, die ihn umſtanden. „Zurück ſollen wir? Nach Moskau? Oder wohin?“ fragte Boleslaw erſtaunt. „Nach Moskau? Um auf den Trümmern des Kreml unſere Fahnen aufzupflanzen?“ entgegnete Raſinski.„Habt Ihr den dumpfen Knall, die bebende Erſchütterung der Erde von ehegeſtern ſchon vergeſſen? Es war Mortier, alte Burg der Zaaren in die Luft ſprengte. Geſtern? empfing der Kaiſer die Nachricht, die Koſacken 9. halten die Nachleſe der Beute. aufgebrochen; er hat den General Winzingerode genommen. Das die neueſten Nachrichten von dort; neueſten von hier, daß wir in einer Stunde gleichfalls brechen, um uns nach Smolensk zu ziehen.“ 4 vergeblicher geweſen?“ fragte Boleslaw und bewegte ernſt das Haupt. „Er wird den Thaten des Kaiſers wenigſtens einen ewig denkwürdigen Grenzſtein geſetzt haben,“ entgegnete Naſinski. „Ich habe das Schlachtfeld geſehen. Es ſieht grauenvoll aus! Blutende, Verſtümmelte winden ſich noch jetzt unter den rauchenden Trümmern hervor. In Rußland gibt es keinen Sieg, über den die Menſchheit nicht ſchaudert. Hier iſt die Flamme ſtets der wuthbegierige Kampfgenoß des Schwertes! So führte der Scythe Krieg, der vor Jahrtauſenden dieſe Steppen durchſtreifte. Doch welche Thaten ſind hier wieder geſchehen! Der muthige Delzons greift an der Spitze ſeiner Krieger an; eine Kugel ſtreckt ihn nieder. Der Soldat, der ſeinen Führer fallen ſieht, ſtutzt, ſchwankt, weicht; die Nuſſen dringen vor. Delzons Bruder wirft ſich allein in die Dampfwolke der feindlichen Feuerſchlünde, um wenig⸗ ſtens den Leichnam zu retten. Er umfaßt ihn mit ſeinen Armen, hebt ihn empor; da trifft auch ihn eine mörderiſche Kugel, er ſinkt mit der theuren Laſt zu Boden, und der letzte Schlag ſeines Herzens klopft gegen die erkaltete Bruſt des Bruders. Die italieniſchen Recruten haben zum erſten Male gefochten, wie junge Löwen, die die erſte Beute jagen. Keine Nation iſt tapfer; alle ſind es, von Tapfern geführt!“ „Und der Kühnſte führt uns jetzt zum Rückzuge!“ rief Jaromir unwillig. „Wer weiß, ob nicht eben dazu der Kühnſte nothwendig iſt,“ antwortete Raſinski ernſt.„Zum Ruhm, zum Siege ließen ſi ſich die Völker leicht vom Ebro bis zur Moskwa führen, ohne daß die Flamme ihres Muthes erloſch. Wird die Gluth aber nicht erkalten, wenn nur noch der Ruhm hetdenmüthig ausdauernden Märtyrers zu erwerben iſt? voollendeten, die Schwerere beginnt von dieſem Tage an! 5 Wird ſie Nahrung genug haben für die unermeßliche Zeit⸗ und Wegſtrecke? Wird ſie lebendig bleiben unter dem Schnee des Winters, der bald dieſe Fluren einhüllt, auf den Eisfeldern, die uns zum Lager dienen werden? Jetzt. fordere ich Euch auf, Ihr, die Ihr Männer ſeid, die mit Bewußtſein handeln, jetzt fordere ich Euch auf, mit ſtolz aufgerichtetem Haupt und muthiger Stirn Euern Kameraden voranzugehen! Denn, wie ſchwer die Aufgabe war, die wir Er ſprach mit hohem Ernſt; man hörte jedem Worte an, daß ſeine Befuͤrchtungen ihren Grund in ſeiner innerſten überzeugung hatten. Mit Beſorgniß richteten ſi ſich daher die Blicke auf die Zukunft. Ludwig warf die ſeinigen noch weiter hinaus als Naſinski, denn er fragte ſich: Und was ſoll endlich aus Dir und Bernhard werden? Wenn wir gar den heimatlichen Boden wieder beträten, was würde umnſer Schickſal ſein? Raſinski hatte ihm gleich nach der Schlacht von Mo⸗ ſaisk geſagt, jetzt ſei der günſtige Augenblick gekommen, wo er etwas Gewiſſes in ſeiner und Bernhards Angelegenheit thun zu können hoffe. Nach einem Siege ſei der Kaiſer zu großmüthigen Beſchlüſſen am geneigteſten; das Regiment habe ſeine Anerkennung erworben, und man dürfe daher, ohne etwas zu gefährden, das ſeltſame Verhältniß in Anregung bringen, das Ludwig und Bernhard in die Reihen der tapfern Polen geführt habe. Indeſſen ſeitdem hatte Raſinski nicht wieder von dieſem Gegenſtande geſprochen, ja, wie es ſchien, jede Erinnerung daran vermieden. Ludwig, der ihn zutrauen durfte, daß er von freien Stücken Alles thun was man nur von einem ſolchen Freunde erw hatte ihn deshalb nicht daran erinnern wollen. 30 glaubte er, ohne Raſinski zu kränken, davon ſprechen z — 92— fen. Er fragte ihn daher geradehin, ob er denn nicht end⸗ lich Hoffnung habe, unter ſeinem wahren Namen auftreten zu können, zumal da er ihn doch bei einer möglichen Rück⸗ kehr nach Deutſchland nicht ſicher zu verbergen im Stande ſein werde. Raſinski blickte den Freund wehmüthig ernſt an. „Ich weiß, was Du denkſt, Ludwig,“ ſprach er;„Du glaubſt, ich hätte Dich und Bernhard vergeſſen! Aber wahr⸗ lich, dem iſt nicht ſo. Ich kann Euch jetzt offen die ganze Lage der Dinge darſtellen; doch hört mich ruhig an und laßt mich ganz zu Ende reden, meine Freunde; dann erſt entſcheidet, ob ich für Euch gehandelt habe, wie ich konnte und mußte. Vor dem Siege über Kutuſow war der Kaiſer ſo ſchwer zugänglich, ſo ganz mit unruhigen Entwürfen be⸗ ſchäftigt, daß ich ihn nicht anzutreten wagte. Ich mußte bedenken, wie viel auf dem Spiele ſtand, wie ſehr ich Euch und mich in Gefahr brachte, wenn ich die Lage der Dinge entdeckte; denn ich hatte ja nicht Gnade, ſondern die Nie⸗ derſchlagung einer Anklage gegen zwei Beſchuldigte durchzu⸗ ſetzen, deren man bis jetzt nicht hatte habhaft werden kön⸗ nen. Nach der Schlacht bei Borodino, Du weißt es ja ſelbſt, waren wir Tag und Nacht zu Pferde, ſodaß kein Augen⸗ blick der Muße ſich fand. Auch hatten die ungeheuren Opfer, mit denen dieſer Sieg erkauft war, die geringen Folgen deſ⸗ ſelben den Kaiſer nichts weniger als günſtiger geſtimmt. In Moskau hoffte ich Alles zu ſchlichten— da kam der Brand, der nicht nur uns vertrieb, ſondern die Möglichkeit, den Kaiſer in ſolcher Angelegenheit anzutreten, noch ungleich er⸗ ſchwerte. überdies ſtanden wir auf dem Vorpoſten, es war nur ſelten möglich, nach Moskau hineinzukommen. Dennoch i es nicht unverſucht, etwas für Euch zu thun; allein man bis jetzt von dem Wo Deines Aufenthaltes nicht un⸗ in ſeinen Armeebulletins ſteht. Mit der Un jfebenfalls unzufrieden; es beweiſt ſich ihm dadurch, — 98— in der That grade in Deiner Angelegenheit, Ludwig, höchſt nachtheilige und entſtellende Berichte geliefert, ja, die Ver⸗ muthung, Du ſeieſt in dem Heere, war ausgeſprochen wor⸗ den und der verläumderiſche Zuſatz gemacht, daß Du hier— Deine Rolle als Spion der ruſſiſchen Negierung fortſetzeſt. Ich verſchwieg Dir dies, um Dir eine unnöthige Sorge zu erſparen, denn die Verſicherung kann ich Dir geben, daß terrichtet iſt. Und, deſſen darfſt Du ücberzeugt ſein, tritt der gefürchtete Fall der Entdeckung ein, ſo werde ich mit meiner Ehre als Führer für Euch Beide als Bürge eintreten, und ich hoffe, es ſoll mir gelingen, Euch dadurch zu ſchützen. Jetzt aber laßt uns noch in der Sicherheit beharren, die uns die Verborgenheit gibt. Die Zeit iſt die ungünſtigſte, die ich wählen könnte, um für Euch zu ſprechen, denn durch den ½ halb räthſelhaften, halb erklärten Brand von Moskau iſt das Mißtrauen gegen Fremde nur gewachſen, und wir dür⸗ fen nicht vergeſſen, daß in dem Palaſt, wo ich mein Quar⸗„ tier aufgeſchlagen, die Flammen zuerſt ausbrachen. Auch dieſer Umſtand würde Euch ungünſtig ſein. Zu dem Allen kommt, daß der Kaiſer, wie ich aus guter Quelle weiß, Briefe über Briefe aus Deutſchland empfängt, die ihm die Aufrichtigkeit ſeiner deutſchen Bundesgenoſſen immer zweifel⸗ hafter machen. Marſchall Macdonald meldet, daß die preu⸗ fiſchen Corps zwar tapfer im Gefecht ſind, doch t Un⸗ luſt gegen die Ruſſen fechten, wenn gleich das Gegentheil Heeres unter dem Furſten von Schwarzenberg iſt reich, trotz der verwandtſchaftlichen Bande, die es j Frankreich knüpfen, kein aufrichtiger Bundesgenoſſe iſt. Agenten aus dem Innern Deutſchlands ſchreiben von geh — 99— men Verbindungen deutſcher Patrioten gegen Frankreich, und alle franzöſiſchen Regierungen von hier und da laut wer⸗ denden unvorſichtigen Außerungen über Einverſtändniſſe, welche man bis in das Heer des Feindes unterhalte! Sagt ſelbſt, ſind ſolche Nachrichten geeignet, von Eurer Schuldloſigkeit zu überzeugen? Und nun noch Eins. Wenn der Kaiſer die Anklage gegen Euch niederſchlüge und damit Euer Verhält⸗ niß zum Heere aufhörte— was wolltet Ihr thun? Seit heute, wo der Rückzug beſchloſſen iſt, bliebe Euch dennoch nichts übrig, als die Schickſale des Heeres zu theilen; und wo könntet Ihr das beſſer als bei mir, da ich ſtets Eure beſondere Lage im Auge behalte, und nicht einmal eine Dienſtpflicht für Euch anerkennen würde, wenn Ihr ſie nicht ſelbſt freiwillig übernähmt, oder wenn ſich die Ausnahmen immer ſo treffen ließen, daß nicht das Auffallende derſelben zu ſehr in die Augen ſpränge? Denn allein, auf eigne Hand die ungeheure Rückreiſe anzutreten, das wäre jetzo gar nicht zu wagen. Ihr wißt, wie das Land geſinnt iſt, wel⸗ chen Gefahren der Einzelne ſich preisgibt. Könntet Ihr vergeſſen, wie Viele, die, einzeln überraſcht, in die Gewalt der fanatiſchen Mugiks geriethen, unter den fürchterlichſten Martern hingeopfert wurden? Und auch die Gefahr bei Seite geſetzt, wo fändet Ihr die Mittel, auf einer ſolchen Reiſe zu beſtehen? Kaum die vereinigte Gewalt Vieler ſchafft ſich die nothwendigſten Lebensbedürfniſſe; der Einzelne vollends ver⸗ mag nichts. Auf dem verwüſteten Wege, den wir hierher nahmen, wo wir ſtatt der Dörfer und Städte nur die Aſchenhaufen finden werden, die ihre ehemalige Lage bezeich⸗ nen— wie wolltet Ihr da Unterkommen, Lebensmittel, Pferde finden, wenn die Eurigen, abgezehrt von Arbeit und ſchlech⸗ ter Nahrung, wie ſie ſind, unbrauchbar würden oder fielen? Ich habe weder die Luſt noch den Muth verloren, Euch 5* — 100— mit voller Freundespflicht zu dienen; aber ſprecht ſelbſt, wißt Ihr jetzo ein ſicheres Auskunftmittel? Meine eigne Verant⸗ wortlichkeit iſt es, die ich zuletzt ſcheuen würde. Gebt Ihr einen guten, ausführbaren Nath, ich befolge ihn; Ihr ſelbſt, Boleslaw und Jaromir, müßt entſcheiden, was zu thun iſt.“) Die Freunde blickten einander anz ſie ſuchten vergeblich eine Widerlegung für Raſinski's Gründe, und doch wurde Ludwigs Seele tief bedrückt von dem Gefühl dieſer drohen⸗ den Zukunft, in die er ſeine Freunde und ſeine hülfloſe Schweſter verwickelt ſah. „Und wären wir Jeder ſiebenmal ſo weiſe als die ſieben Weiſen Griechenlands zuſammengenommen,“ unterbrach end⸗ lich Bernhard die eingetretene Stille,„wir würden keinen beſſern Rath aushecken. Naſinski's Rath iſt ſo klar wie der Himmel draußen, deſſen Sterne uns recht günſtig zum Rückzuge zu leuchten ſcheinen. Tröſte Dich, Freund Lud⸗ wig; uns umſchweben nicht mehr Todesgefahren als Andere auch; beim Lichte beſehen hält unſer Lebensfaden vielleicht noch zu lange und ſpinnt ſich langweiliger oder trauriger ab, als wir glauben. Die Scheere der Parze kneipt oft auf und zu in der Minute, und wird Manchem das vorſi chtig ge⸗ ſponnene Garn früher abſchneiden, als das freilich hinlän lich dünne Haar, an dem uns der Hieber des Damokle über dem Genick hängt. So viel aber weiß ich, daß, bleiben wir hier, wir unter guten Freunden leben oder ſterben, wor⸗ auf es meines Erachtens mehr ankommt, als ob wir etwas mehr Wahrſcheinlichkeit für die Apotheke und dagegen etwas weniger für den Sandhaufen aufweiſen können. Mach D Dir keine Sorge deshalb, Naſinski, Du haſt größe dienſt um uns, als wir Dir vergelten werden. dankbarſte Menſch bleibt ein undankbarer Eſel, ich zuma — Gebt die Hände, Freunde, wir wollen froh ſein, wen — 101— uns morgen noch die Sonne beſcheint und der Wald einige fahlgrüne Blätter unter den gelben und rothen zeigt, die der Wind als perennirenden Herbſtblüthenregen herabſchüttelt. Mir däucht, die Welt iſt noch ganz hübſch, und wer ſie noch eine Weile anſehen darf, kann von Glück ſagen, gegen die ſechstauſend, die da drüben mit verbrannten Knochen in der Aſche und dem Schutt von Malo⸗Jaroslawez liegen.“ Damit ſchüttelte der wackre, kräftige Freund Raſinski und Ludwig die Hand und reichte ſie dann auch Jaromir und Boleslaw hinüber. Sein trotzig fröhliches Weſen, wo⸗ mit er die härteſten Schläge des Schickſals verſpottete, gab oft ſeiner ganzen Umgebung ein Gefühl dieſer kecken Selb⸗ ſtändigkeit, die ſich unter kein Joch des Lebens beugt. Eine Ordonnanz trat ein; ſie brachte den Befehl zum Aufbruch, den Raſinski erwartete.„Um drei Uhr!“ ſprach er.„Alſo ſtill, in der tiefſtnächtlichen Stunde!“ Er ging zweimal mit untergeſchlagenen Armen und zur Erde gehef⸗ teten Blicken in dem engen Gemach auf und nieder. „Laßt jetzo aufzäumen! Es wird bald Zeit ſein!“ Jaromir und Boleslaw gingen, das Nöthige bei ihren Leuten anzuordnen, Ludwig und Bernhard hatten wenigſtens für ſich ſelbſt Vorbereitungen zu treffen. So trennten ſich die Freunde. Allein kaum war eine halbe Stunde vergan⸗ gen, ſo fanden ſie ſich wieder beiſammen, doch zu Pferde und auf dem Rückmarſche. Auf Raſinski's Stirn lagen düſtere Wolken; er ſprach nicht, ſondern ſah ſich nur ſtumm vielemal nach der Gegend um, wo der Schauplatz des letz⸗ ten Sieges, den das Heer erfochten, in die Schleier der Nacht gehüllt lag. Als die Straße ſich um eine einſame ſteile Höhe bog, ritt er allein hinauf. Auf dem windum⸗ rauſchten Gipfel hielt er, und richtete die Blicke nach der wüſten, von Qualm umzogenen Stätte des Todes, die nun⸗ * — 102— mehr der äußerſte Zielpunkt des ungeheuren Kriegszuges ge⸗ worden war. Der Rauch der Trümmer miſchte ſich mit G dem der Wachtfeuer, welche die Nachhut hell auflodern ließ, die unter des Marſchall Davouſt Befehlen den Feind über den„ Rückzug des großen Heeres täuſchen ſollte. Jenſeits, am Walde, erkannte man an zahlloſen, in düſterrother Gluth leuchtenden Flammenſternen das Lager des ruſſiſchen Heeres. Langſam zogen die ſchwarzen Dampfgewölke über den im Dämmerſchein des untergegangenen Mondes matt leuchten⸗ den Himmel; ſie ſchienen ſich zu einem ſchweren Gewitter 1 zu ſammeln.— „Alſo dort!“ ſprach Raſinski zu ſich ſelbſt,„dort ſoll der Wanderer künftiger Jahrhunderte die Stätte aufſuchen, wo dem unermeßlichen Geiſte, der die Könige des Erdballs ſtürmend aus ihrer alten, verſunkenen Ruhe aufjagte, die Grenze ſeiner Kraft geſteckt war! Soll denn kein Sterbli⸗ cher ein großes Werk vollenden? Kann denn der Menſchen⸗ geiſt nicht einmal dieſe kleine, ärmliche Erde umfaſſen, die ihm zur Wohnſtätte angewieſen iſt, ſo lange er in den Ban⸗ V den ſeiner irdiſchen Hülle ſchmachtet? Sind wir denn ſo wenig, daß dieſer Punkt, dieſes Sonnenſtäubchen im Weltall, ein unermeßlich ungeheurer Raum für unſere Kräfte iſt? Cyrus fiel an den Grenzen des wilden nordiſchen Scythen⸗ reiches, Kambyſes mußte umkehren an den glühenden Pfor⸗ ten Athiopiens, Alexander an dem fabelhaften Reiche der Indier— und hier ſollte die Nachwelt die Markſteine Sei⸗ nes Thuns aufrichten dürfen? Hier! Und wer behauptet das? Warum nicht ſchon an den Pyramiden? Was dort geſchah, wiederholt ſich hier. Iſt denn der Kreislauf der Zeiten ſchon vollendet? Thorheit, an räumlichen Grenzen zu hangen! Als ob die Welt nicht dort hinaus ſo weit wäre, wie dort! Und dennoch!“ “ — 103— Ein Schauer ſchüttelte den Einſamen. Der Wind ſauſte über die Höhen und rauſchte durch die Wipfel der alten Fichten, die ihre Zweige über Raſinski's Haupt hinaus⸗ ſtreckten. Sein Roß ſcharrte mit dem Fuß und ſchüttelte die im Winde fliegenden Mähnen. Düſtere Ahnungen, welche die Bilder der Zukunft vor ſeiner Seele vorüberzuführen ſchienen, gewannen mehr und mehr Macht über ihn. „Dennoch!“ ſeufzte er nach einer ſtummen Minute, „dennoch iſt es wahr, die That des Menſchen iſt von den engen Schranken des Raumes unſichtbar umgeben; erſt wenn er ſie erreicht hat, ſieht er die unwiderruflichen Grenzen, die keine Macht mehr verrückt, keine Zeit verwiſcht. Weiſſagt ihm ſein ahnendes Herz nicht, wo er ihnen nahe ſteht?— Wäre hier der Ort, wo der Strom großer Thaten in das Meer der Unermeßlichkeit ausmünden und ewig ſpurlos darin verſchwinden ſoll? Oder wendet er nur den Lauf, um ſich ſtolz durch neue Gefilde zu ergießen, neue Felſendämme zu durchbrechen, die ſich ihm entgegenthürmen? Wer ſagt es uns, wo unſer Fuß die geheimen Zeichen des Geſchicks be⸗ rührt, die im bannenden Zauberkreiſe rings um uns gezogen ſind? Offnen ſich jetzt die Thore eines neuen olympiſchen Sieg⸗ und Kampfgefildes, oder ſtehen wir vor den ehernen verriegelten Pforten, mit denen der Allmächtige im Urrath des Schickſals unſre Bahn unwiderruflich zu ſperren beſchloß? Iſt hier die Stelle, wo die endliche Kraft an dem diaman⸗ tenen Damm der ewigen zerſplittern ſoll? „Ja, ja, ſo iſt es. Eine Geiſterſtimme ruft es mir zu aus dieſem nächtlichen Himmel, in dem ſchauerlichen Sauſen des Herbſtſturms.“ „Alſo hier! Wirklich hier! Jetzo greift der eiſerne Arm des Geſchicks in die Schwingen des Gewaltigen und lähmt und bricht ſie? Und wäre er denn vernichtet? Nein, nim⸗ — 104— mermehr! Ewig feſt wird ſein Rieſendenkmal ſtehen in den fortbrauſenden Wogen der Zeit. Sie wird den Schleier he⸗ ben von dieſer finſtern Gegenwart. Wenige Monden oder Jahre— Pulsſchläge der Ewigkeit,— und das Buch der Verhängniſſe liegt aufgeſchlagen vor uns. Die kommenden Geſchlechter werden es wiſſen, ob der Glockenſchlag dieſer nächtlichen Stunde einen Umſchwung der Weltgeſchicke ver⸗ kündet!— Und ſei es u Vertilgen kann keine Ewigkeit die Spuren ſeines Rieſengänges über die Erde! S denn hier der Grenzſtein ſeines mächtigen Vollbrin gerichtet werden! Die gigantiſchen Altäre am Gang Schlachtfeld von Cannae, die rauchenden Trümmer an Fichtenhöhen— ſie ſind gleichbedeutende Hieroglyphen, und noch nach Jahrtauſenden wird der Wanderer ſie mit ſchauern⸗ der Verehrung leſen.“ Dieſe Gedanken wogten in Raſinski's heldenverwandter Seele! Er fühlte mit unabweisbarer Ahnung, daß ein ſchweres, düſteres Unheil hereinbrach! Doch mit dieſer klaren Entſcheidung kehrte ſeine volle Manneskraft zurück und er richtete Bruſt und Haupt ſtolz gegen das Verhängniß auf. Noch einen Blick warf er über das düſtere nächtliche Geite, wo die Geſchichte die neuen Säulen des Herkules aufzu⸗ pflanzen beſchloſſen hatte; dann wandte er ſein Roß und kehrte mit befeſtigtem Muth zu den Seinigen zurück. 4 4 Viertes Capitel. „Der Nachtwind war rauh! Und welch ein dichter Ne⸗ bel wieder auf der Erde liegt!“ rief Bernhard und ſchüttelte 4 205— ſich.„Ich bin durch und durch ſo kalt wie eine Amphibie.“ Mit dieſen Worten ſprang er von ſeinem Lager an dem faſt erloſchenen Feuer auf und ſchlug die Arme über einander, ſich zu erwärmen.„Ich glaube wohl, daß wir frieren muß⸗ ten, wenn hier nichts mehr brennt und glüht als die drei verkohlten Klötze in der Aſche! He Ludwig! Rüttle Dich auf; hörſt Du nicht den Trompeter?“ Ludwig ſchlug, da der Freund ihn anfaßte, die Augen groß auf und blickte ihn fremd an.„Nun? Kennſt Du mich nicht?“ fragte ihn Bernhard.„Du ſiehſt ja aus, als wäreſt Du aus einer andern Welt auf dieſe herunterge⸗ fallen!“ „Es iſt auch faſt ſo,“ erwiderte Ludwig, der aus dem tiefen ſtarren Schlaf, in den ihn, trotz der rauhen Nacht, die übermüdung verſenkt hatte, wieder zum Bewußtſein zu kommen begann.„In meinen Träumen ſah ich andere Bil⸗ der, als dieſe um mich her.“ „Mir hat von Mondkälbern, Klapperſchlangen, Kroko⸗ dilen, Koſacken, Hexen und Alraunen geträumt,“ antwortete Bernhard.„Da war ich froh, daß der rauhe Wind mich wach ſchüttelte! Teufel iſt das eine Nacht geweſen! Der feuchte Nebel dringt einem ja bis in das Mark der Knochen hinein und macht es wäſſerig. Wenn wir nur erſt wieder zu Pferde ſitzen, wird uns ſchon beſſer werden.“ Ludwig hatte ſich indeſſen aufgerafft und ſuchte gleich⸗ falls die ſtarrgewordenen Glieder durch ſtarke Bewegung zu erwärmen.„Wo iſt Raſinski?“ fragte er. „Er muß mit den Andern ſchon längſt auf ſein. Ich erwachte erſt durch den Trompetenſtoß und von der Kälte an meiner linken Seite, wo Jaromir gelegen hat. Es argert mich eigentlich; aber ſie ſind doch des Soldatenlebens ge⸗ wohnter als wir und tragen die Strapazen leichter. Willſt 5*⁴*ε 1 5 Du Dich waſchen? Hier iſt noch Waſſer im Kochgeſchirr; Du ſiehſt etwas ſchwarz von Rauch aus, guter Freund. Friſch hinein mit dem Geſicht; es iſt kalt, aber es erquickt. übrigens brauchſt Du Dir, um friſches Wuſſer zu haben, nur die Locken auszudrücken; ſie hängen voll Nebeltropfen.“ Die beiden Freunde machten ihre Bivouacs⸗Morgentoi⸗ lette, ſo gut die Umſtände es zuließen, und begaben ſich dann zu ihren Pferden, wo ſchon die meiſten ihrer Kame⸗ raden ſich befanden und ſie zum Marſch aufzäumten. Bald ſaßen ſie auf und der Zug ging vorwärts. Es dämmerte noch kaum, und doch waren ſie erſt um Mitternacht zur Ruhe gekommen; denn die Maͤrſche wur⸗ den, weil man täglich das Nachrücken der ruſſiſchen Heere befürchtete, mit größter Eile und Anſtrengung gemacht. Man ritt, als es Tag wurde und der Nebel zu fallen anfing, in eine Senkung des Thales hinunter. Naſinski deutete mit dem Finger auf einige, noch halb in Nebel, halb in Rauch gehüllte Giebel.„Das iſt Moſaisk,“ ſprach er; jetzt ſind wir wieder auf unſerm alten Wege. Wenn wir doch hierher mußten, wäre es beſſer geweſen, wir hätten gleich von Moskau dieſe Straße genommen. So haben wir acht volle Tage verloren! Nahe an Smolensk könnten wir ſchon ſein.“ „Reiten wir durch das Neſt?“ fragte Bernhard. „Nein,“ erwiderte Raſinski;„wir nehmen unſern Weg hier links durch den Bach, denn dort unten ſtopft ſich wie⸗ der Alles. Es iſt ein großer Vortheil für uns, daß wir in unſerm Marſch nicht ſo beſtimmten Befehlen folgen dürfen als die übrigen. Aber leider fängt ſchon Jeder an nur ſeine eignen Vortheile wahrzunehmen; es wäre beſſer, man hielte ſtrengere Ordnung. Doch ich fürchte, es wird nicht lange mehr möglich ſein. Seht Ihr, wie dort drüben die Ar⸗ — tillerie ſchon die Anhöhe hinauf marſchirt? Die Kanonen blieben faſt ſtecken in den tiefen Wegen und haben doch ſchon die doppelte Zahl von Pferden vorgelegt.“ „Ich glaube, wir bekommen Froſt,“ bemerkte Ludwig; „die Luft wird ſo klar.“ „Das wäre ſo übel nicht,“ meinte Bernhard,„denn in dem zähen Koth marſchirt ſich's verteufelt ſchlecht.“ „Wünſcht Euch den Winter nicht herbei, er wird uns zeitig genug ereilen!“ erwiderte Raſinski ernſt.„Jetzt iſt unſer Marſch mühſelig, aber doch zu ertragen. In Rußland bleibt der Winter nicht an den Grenzen des Herbſtes oder Frühlings ſtehen, ſondern herrſcht bald in ſeiner Kraft und Strenge; darum hütet Euch, ihn herauf zu beſchwören!“ „Ich glaube, er kommt ohne uns,“ meinte Bernhard, „denn der Wind bläſt uns aus Nordoſt in den Nacken, was freilich beſſer iſt als geſtern, wo er uns den feuchten Staubregen ins Geſicht jagte; aber ich wittere ſo etwas wie Schnee in der Luft.“ Unter dieſen Geſprächen waren ſie, von der Hauptſtraße abbiegend, gegen den Bach im Thale hinunter gekommen und durchritten ihn an einer ſeichten Stelle. Jenſeits ſchloſ⸗ ſen ſie ſich an die Artillerie an, welche, die Spitze des Zu⸗ ges bildend, ſchon eine ſtarke Strecke voraus war. Sie er⸗ reichten die Hochebene, auf der ſich der Weg fortzieht. „Tauſend, hier bläſt der Wind ſchärfer,“ rief Bernhard; ner dreht ſich immer mehr nach Nordoſt.“ Raſinski blickte mit ſeinem aufmerkſamen Feldherrnauge über die Ebene hin. Sie bot faſt gar keine Abwechſelung dar, ſondern dehnte ſich in ungemeſſener Weite nach allen Seiten aus; kaum daß einige Hügel ſich in leichter Krüm⸗ mung über die reine Kreislinie des Horizonts erhoben. Nichts unterbrach das todte, troſtloſe Grau dieſer Landſchaft als die — 108— langen ſchwarzen Linien der Fichtenwälder, die ſich am äu⸗ ßerſten Rande der Fläche unter blauſchwarzem Nebelgewölk entlang zogen. Selbſt die unabſehbaren Reihen der Wagen und Kanonen und der ſich geräuſchvoll abarbeitenden Pferde und Artilleriſten belebte die Ode nicht, ſondern machte ſie nur auffallender durch den Gegenſatz. Die Sonne hatte einen Augenblick geleuchtet; doch ſchon bezog ſich der Himmel wieder mit trübem Gewölk. „Heut ſcheint der Winter doch noch nicht Ernſt zu ma⸗ chen,“ ſprach Ludwig nach einiger Zeit,„ſo rauh der Wind iſt, und obgleich wir hier oben ſchon Spuren des Froſtes ſehen. Das reine Blau des Himmels iſt ſchon faſt ganz wieder verſchwunden.“ „So, wie ſo! Durch's Paradies geht unſer Marſch ein⸗ mal nicht,“ antwortete Bernhard. Man marſchirte einige Stunden vorwärts faſt ohne zu ſprechen; denn theils riß der Faden der Unterhaltung in dem täglichen, faſt ungetrennten Beiſammenſein doch bisweilen ab, theils boten die Ereigniſſe, wie die Gegenſtände rings umher, nur zu unerfreulichen Bemerkungen Gelegenheit dar, die Jeder lieber im Stillen machte. Einige Infanteriecolon⸗ nen hatten nach und nach die wegen der Erſchöpfung der Pferde langſam vorrückende Cavalerie und Artillerie einge⸗ holt; die Infanterie marſchirte dagegen, um ſich zu erwär⸗ men, und weil der Marſch überhaupt beſchleunigt wurde, raſcher als gewöhnlich. Man ſah ſeltſame Trachten unter dieſen Leuten. Von der Strenge einer Uniformirung war nichts mehr zu entdecken; Jeder ſchützte ſich ſo gut er konnte gegen Wind und Wetter. Vielen war es anzuſehen, daß ſie ſchon anfingen, die Beſtüiverden des Marſches mit Mühe zu ertragen. Als de Naſ inski ſeinen aufmerkſamen Bäck über dieſe Leute — 109— hinlaufen ließ und aus ihrer Haltung Muthmaßungen für die Lage der Dinge im Ganzen zu ſchöpfen ſuchte, bemerkte er einen Reiter darunter. Es ſchien ein höherer Offizier zu ſein. Beide erkannten einander gleichzeitig; es war Regnard. „Aha, Raſinski, ſeid Ihr's,“ ſprach er, indem er her⸗ anritt und ihm die Hand entgegenſtreckte;„wie geht's Euch?“ „Gut genug!“ erwiderte dieſer, der es ſich zum Grund⸗ ſatz gemacht hatte, immer den beſten Muth zu zeigen, wo ihn ſeine Leute ſehen oder hören konnten. „Ihr ſeid genügſam; mir iſt's ſchon beſſer gegangen. Ich habe ein entzündetes Auge; ſeit dem Brande von Mos⸗ kau plage ich mich damit, und dieſe feuchten Herbſtnächte hier haben das Übel nur noch ſchlimmer gemacht.“ „Es wird keine Gefahr haben; dergleichen geht mit der Veranlaſſung vorüber.“ „Zuweilen, ja; ungefähr wie der Hunger; dauert die Veranlaſſung aber etwas zu lange, ſo kommt die Heilung zu ſpät. Es könnte leicht ſein, daß es mir eben ſo ginge⸗ Ich frage den Teufel darnach,“ fuhr er nach einigen Augen⸗ blicken fort;„man ſieht hier mit einem Auge ſchon zu viel.“ „Wie ſo?“ „Seid Ihr nicht durch Moſaisk gekommen?“ „Nein! ich nahm mit meinen Leuten einen Seitenweg.“ „Ihr habt nichts verloren! Das ganze Neſt iſt noch ein Lazareth. Dreitauſend Verwundete liegen darin und werden wol liegen bleiben. Mich ſchaudert, wenn ich an den Anblick denke. Seit ſieben Wochen friſten ſie ihr Leben unter Jammer und Qual! Sie ſind halb verhungert, halb erfroren, denn die Meiſten liegen auf faulem Stroh, oft ohne Decken! Kaum daß man ihnen den alten Mantel ge⸗ läͤſſen hat. Ihre Wunden ſind mit Werg geſtopft, zumeiſt brandig und freſſen am Knochen.“ — 110— „Sprecht leiſer,“ ſprach Raſinski,„ſolche Schilderungen entmuthigen die Leute.“ „Was braucht's der Schilderung? Sie haben das Elend ſelbſt geſehen! Als wir durchmarſchirten, ſtreckten Die, die ſich noch rühren konnten, uns die Hände flehend aus den Fen⸗ ſtern entgegen und riefen:„Nehmt uns mit, laßt uns nicht hier umkommen!“ Denn das Gerücht, daß wir zurückmar⸗ ſchiren, hatte ſich, wie ein Lauffeuer, unter ſie verbreitet. Bisher friſteten ſie ſich doch mit der Hoffnung in ihrem Elende; jetzt kommt die Verzweiflung zu dem Jammer. Sie heulten und wehklagten laut; Einige verfluchten Himmel und Erde! Ein Dragoner— ich erkannte ihn am Mantel— dem beide Füße abgenommen waren, hatte ſich mit den ſchlecht verbundenen Stumpfen bis an die Schwelle der Hütte, in der er lag, geſchleppt, und das blaſſe Jammerbild winſelte mir mit aufgehobenen Händen entgegen. Da kam der. Kaiſer vorbei; der Elende rief:„Sire, ich habe in Agypten gedient, laßt mich nicht hier verſchmachten! Nach Frankreich, nach Frankreich— mein alter Vater!“ Da verſagte ihm die Stimme; der Kaiſer befahl, ihn auf ſeinen eigenen Wagen zu legen und Sorge für ihn zu tragen. Ich ſelbſt griff mit an, um ihn aufzuheben, aber noch ehe wir ihn hinaufſchaffen konnten, hatte er ſchon den letzten Athem⸗ zug ausgehaucht.“ „Wohl ihm!“ „Freilich! Doch denkt Euch den Jammer und die Angſt der Zurückbleibenden, wenn ein Sterbender, Elender dieſe Zukunft ſo gräßlich ſieht, daß die Hoffnung, ihr zu ent⸗ fliehen, ihm noch im letzten Augenblicke ſolche Kräfte leiht!“ „Und müſſen ſie denn zurückbleiben?“ fragte Naſinski mit innerm Schauder. „Könnt Ihr ſie fortſchaffen, und können ſe den Mauſch —— — 111— aushalten? Der Kaiſer hat befohlen, daß jeder Bagage⸗ oder Vorrathswagen einen Mann aufnehmen ſoll; die, welche noch zu retten ſind, will man zu retten verſuchen. Die Andern bleiben der Großmuth des Feindes überlaſſen.“ „Großmuth!“ rief Raſinski bitter. „Sie können von Glück ſagen,“ fuhr Negnard fort, indem er ſich das Tuch über dem entzündeten Auge zurecht legte,„wenn ſie dem Feinde nur bald in die Hände fallen. Bleibt er lange aus, ſo verhungert und verſchmachtet, was zurückbleibt, auf die elendeſte Weiſe; denn es ſind ja lauter Leute, die ſich nicht vom Lager rühren können. Aber was das wieder ein Nebel iſt!“ In der That hatten ſich die Dünſte wieder feucht und kalt rings auf den Feldern gelagert, ſodaß man kaum hun⸗ dert Schritte vor ſich ſehen konnte. Mit jedem Augenblicke ſchienen ſie ſich zu verdichten; bald war der Geſichtskreis auf die allernächſten Gegenſtände beſchränkt. „Einen ſolchen Nebel habe ich kaum noch erlebt,“ ſprach Bernhard,„ſelbſt in Schottland nicht; man ſieht ja das zweite Kanon nicht mehr deutlich. Er kann aber nicht hoch ſein, denn die Sonne über uns läßt ſich doch noch als ein hellrother Mond erkennen.“ Ein kalter Windſtoß fuhr durch die in Kreiſen langſam wirbelnden Dunſtgebilde und jagte ſie in grauen, lang ge⸗ dehnten Streifen über Feld. „Der Wind hat ſich auch wieder gedreht; er iſt Nord⸗ weſt geworden,“ ſprach Ludwig, der aufmerkſam den Zug des Nebels verfolgte. Die Reiter hüllten ſich dichter in ihre Mäntel und rit⸗ ten ſtumm nebeneinander hin; vorn Raſinski mit Regnard, dicht hinter ihnen Jaromir, Boleslaw, Ludwig, Bernhard. Es war ein ſeltſam ſchauerlicher Augenblick; tiefes — 112— Schweigen ringsumher; nur das dumpfe Geraſſel der Ka⸗ nonen war entfernter zu hören, da der Nebel den Schall dämpfte, und die Reiter gegen hundert Schritte auf der Seite des Weges ritten, um die Pferde nicht ſo tief in den ausgefahrnen Moraſt treten zu laſſen. Einige kleine Uneben⸗ heiten des Bodens hatten Ludwig zufällig um kaum zwan⸗ zig bis dreißig Schritte rechts von den Freunden abgeführt. Plötzlich ſtolperte ſein Pferd; er riß es am Zügel auf und beugte ſich über, um den Gegenſtand, über den es gefallen war, und den er, achtlos vor ſich hinreitend, zuvor nicht wahrgenommen hatte, zu ſehen. Es war ein halb ver⸗ weſter, halb nackter Leichnamz das von der Fäulniß und den Vögeln des Himmels in ein ekles Gemiſch von Blut und Eiter verwandelte Antlitz ſtarrte ihn gräßlich an. Ein unwillkürlicher Ausruf des Schreckens entfuhr ihm; ſein Schauder mehrte ſich, als er umherblickte und ganz nahe noch mehrere Leichen, ſchon halb Gerippe, in den tiefen Furchen des Ackers liegen ſah. „Was gibt's?“ fragte Bernhard, als er den Ruf hörte. „Seht nur um Euch!“ rief Ludwig grauſend. Alle waren in dem eintönigen Grau des Nebels hinge⸗ ritten, ohne auf den Weg und Boden zu achten. Ein ſtär⸗ kerer Windſtoß jagte in dieſem Augenblick die Dünſte etwas auseinander und verſtattete einen Überblick von einigen hun⸗ dert Schritten. „Wir ſind hier auf dem Schlachtfelde!“ rief Raſinski, und ein wunderbares Gemiſch von Grauen, Ehrfurcht und mächtigen Erinnerungen ergriff ihn. „Wahrhaftig! Ich hätte nicht geglaubt, daß wir ſchon ſo nahe wären,“ ſtimmte Regnard ein und ſah umher. Mit ſchauerlicher Spannung ließen alle ihre Blicke über das öde, grauſenvoll ſenelgende Feld des Todes hinſchweifen, das — ——— — —— 113— ſieben Wochen zuvor noch von dem unermeßlichen Getümmel des Völkerkampfes, und dem tauſendfachen Donner der Feuerſchlünde erſcholl. Wie in der Dämmerung das Auge anfangs nur einige Sterne und dann mit jeder Secunde mehr erblickt, ſodaß es ſich bald in die Unermeßlichkeit ver⸗ tieft, ſo vervielfältigten ſich dem Blick hier auf entſetzliche Weiſe die Leichname und andere Zeichen der Zerſtörung, die man rings entdeckte. Indem der Nebel, vom Winde über die Steppe gejagt, ſich langſam hinwegwälzte, ſchien er gleichſam den Vorhang von dem ſchaudervollen Gemälde zu ziehen. Allen verſetzte ſich der Athem in der Bruſt, als ſich das gräßliche Chaos allmälig vor ihren Blicken entwirrte. Zuerſt hatte man nur die nächſten Leichname, an die der Huf des Roſſes ſtieß, erblickt; doch wie der Blick weiter ſchweifte, ſtieg die Anzahl ſchnell in's Unendliche; denn man erkannte bald, daß jede ſchwärzliche Erhöhung, die das Auge ent⸗ deckte, nicht ein Stein, ein Baumſtamm oder Erdhaufen, ſondern ein menſchlicher Körper, oder eine zuſammengeſchich⸗ tete Maſſe derſelben war. Mit jedem Schritte weiter in dieſe nur mit Leichen bevölkerte Wüſte wurde das Bild der Zerſtörung gräßlicher und erſchütternder. Der Wind trieb einen giftigen Peſthauch heran, der ſogar die Pferde ſo an⸗ widerte, daß ſie, ſcheu zurückbebend, dem Reiter nicht gehorchen wollten, und nur mit ſträubenden Mähnen und emporgerich⸗ teten Nüſtern, als ſuchten ſie reinere Luft zu athmen, dem Sporn gehorchten und vorwärts ſchritten. Jetzt ſah man einzelne Erhöhungen, wie Hühnengräber, wo große Leichen⸗ haufen gethürmt und ſo leicht mit Erde bedeckt waren, daß Sturm und Regen die Hülle ſchon faſt weggeſpült hatten. Aus dem grauſen Gemiſch der übereinandergeſchichteten Leich⸗ name ragten einzelne, die Gebeine zur Hälfte mit verweſen⸗ dem Fleiſch bedeckt, zur andern Hälfte nackt und weiß ſchim⸗ — 114— mernd, in ſchauderhaften Stellungen hervor. Dem war das Haupt, mit ſtruppig blutigem Haar bedeckt, auf den Boden geſunken, und die Schenkel ragten unnatürlich aufwärts; ein Anderer ſtreckte einen Arm hoch hinaus, als habe er noch Leben und ſuche ſich aus dem modernden Grabe heraufzu⸗ arbeiten. Einzelne Glieder, von den Raubvögeln und Wölfen halb abgenagt, lagen umhergeſtreut. Grinſende Schädel mit leeren Augenhöhlen oder wüſt umherhängendem, blutigem Haar ſtarrten entſetzlich von dem Boden empor. Zwiſchen dieſen grauſenden überreſten waren die kriegeriſchen Denkzeichen der Schlacht zerſtreut; ihr Anblick belebte die erſtarrende Bruſt wenigſtens durch die Erinnerung an den großartigen Kampf, der hier getobt hatte. Zerſchmetterte Laffetten, Räder, Trommeln, roſtende Kugeln, die Trümmer zerſplitterter Ge⸗ wehre und Säbel, glänzende Helme und Harniſche der Dra⸗ goner waren rings durch das Blachfeld zerſtreut; die Stellen, wo die Cavalerie und Artillerie gefochten hatte, erkannte man im Augenblick; ſie waren mit bleich ſchimmernden Pferde⸗ gerippen, die noch im verdorrten Fleiſche ſteckten, aber weiß hervorglänzten, wo die Naben und Füchſe ſie abgenagt hat⸗ ten, weit hin bedeckt. Die Nebel rollten in langen Streifen über das Feld und enthüllten bald, bald verhüllten ſie das Gefilde des Entſetzens. Doch verzogen ſie ſich mit jeder Secunde mehr und mehr, und bald konnte man die Blicke ungehindert ſo weit ſenden, als die grauſenhaften Zeichen der Verwüſtung und des Todes zu erkennen waren. „Dort! Seht Ihr dort dan Hügel?“ rief Naſinski und deutete mit dem Finger auf eine unförmliche Maſſe, die eben aus dem Nebel hervorzuquellen ſchien.„Das iſt jene furcht⸗ bare Redoute, wo wir ſo viele der Unſerigen ließen. Jetzt erſt finde ich mich wieder auf dieſen Feldern des Ruhms — 115 und des Schreckens, wo dreißigtauſend unſerer Kameraden ihr Blut vergoſſen!“ Sie ritten näher hinüber, um noch einmal die Stätte zu betreten, die ſie mit ſo gewaltigen Erinnerungen erfüllen mußte. Niemand ſprach, Jeder trug das ſchweigende Grau⸗ ſen in der Bruſt. Wie viel entſetzenvoller war das Schlacht⸗ feld jetzt als damals, wo der brüllende Donner das Ohr betäubte, der ganze Himmel in Dampf und Blitz gehüllt ſchien, und das brauſende Geſpann des Todes zerſchmetternd über die Gefallenen dahinrollte; denn damals zeigte es das ſchreckende Antlitz eines zürnenden Giganten, jetzt das ſchaudererregende eines verw eſenden. Als Raſinski und ſeine Freunde— denn das Regiment verfolgte die große Straße— näher an die Redoute kamen, vermochten die Pferde kaum zu treten vor den Leichnamen und Kugeln, die hier den Boden bedeckten. „Was mag das dort oben auf der Bruſtwehr ſein?“ fragte Raſinski, als man bis etwa auf fünfhundert Schritte an die Schanze heran war. „Ich kann's nicht erkennen,“ antwortete Regnard;„es gleicht einer durchbrochenen Pyramide.“ „Vielleicht aufgeſchichtetes Holz,“ meinte Ludwig. „Wie ſollte das dahin kommen?“ entgegnete Bernhard, den Kopf ſchüttelnd.„Eine ſeltſame Form, wahrhaftig, die einen Maler in Verlegenheit ſetzen könnte!“ Sie ritten näher; die Sonne brach jetzt mit kräftigem Strahl durch das Gewölk und ſchlug die ſchwebenden Dünſte nieder. Plötzlich beleuchtete ſie die Redoute mit hellem Glanz, während ringsumher Alles noch in düſterm Grau lag. „Es ſind Gerippe!“ rief Raſinski, der bei weitem das ſchärfſte Auge hatte.„Seht Ihr, wie die vom Sturm und Regen gebleichten Gebeine ſchimmern?“ — 116— Mit grauſendem Staunen ſprengten die Reiter raſcher heran. Es war, wie Raſinski es geſagt hatte. Von den im Innern der Schanze aufgehäuften Leichen ragten einige hoch über den Wall empor. Ein ſchauderhaft ſpielender Zu⸗ fall hatte ſie mit dem Rücken gegen einander, in halb auf⸗ rechte Stellung gebracht. Der Luft, dem Regen, dem Sturm und den Raubthieren am meiſten preisgegeben, waren die Knochen faſt ganz vom Fleiſch entblößt, und die ſcheußlichen Skelette ſchienen nun, auf dem Leichenthrone ſitzend, mit grinſendem Triumph die Wüſte der Verweſung ringsumher als ihr grauſenvolles Reich zu überſchauen. Bei dieſem Anblick überſchlich ſelbſt den kaltblütigen Regnard ein unheimliches, geſpenſtiſches Grauſen. Er zog die Augenbrauen finſter zuſammen und ſchüttelte ſich, wie wenn ein Fieberfroſt ihm durch das Mark ſchauerte.„Alſo das iſt Caulaincourts Mauſoleum?“ ſprach er endlich, da alle übrigen im ſtarren Entſetzen ſchwiegen.„Kommt, laßt uns weiter reiten!“ Er wandte ſein Pferd. Raſinski war wie an den Boden gefeſſelt; ſein Auge hing unverwandt an dem Leichenhügel.„Und das Alles umſonſt!“ ſprach er endlich, aus tiefſter Bruſt Athem ho⸗ lend.„Und wir hätten alſo die Schlacht doch verloren!“ „Verloren?“ ſagte Bernhard halblaut. „Ja, ja, verloren! Es war ein Scheinſieg, ein heuch⸗ leriſches Trugbild des blutigen Triumphes! Darum kam an jenem düſtern Abende keine Freude in unſer Herz! O, Ihr habt nie geſiegt; Ihr wißt nicht, was ein Sieg heißt! Das fühlt ſich anders in der Bruſt. Heute erſt räumen wir das Schlachtfeld! Heute, nach ſieben Wochen, entſcheidet ſich's, wer die Schlacht verlor! Nun denn,“ ſprach er, ſich königlich in die Bruſt werfend, indem er mit der — „ — 117— erhobenen Rechten nach den Gerippen deutete,„dieſe Leichen⸗ berge mögen wenigſtens zeugen, daß Tapfere hier gefochten haben! Den Ruhm dieſes Tages ſoll uns keine Macht des Weltalls rauben! Denn der Ruhm iſt wahr aber das Glück iſt falſch!“ Ein edles Feuer flammte, da er dieſe Worte ſprach, aus ſeinen dunklen Augen; er warf das Haupt trotzig zu⸗ rück und ſprengte, ohne Theilnahme noch Zuſtimmung von ſeinen Gefährten zu erwarten, an ihnen vorbei, über die vermodernden Leichen dahin. Die Freunde merkten, daß er ſich abſondern wolle und folgten ihm langſam nur von weitem. „Wahrlich, er ſollte ein König ſein!“ rief Bernhard be⸗ geiſtert zu Ludwig;„haſt Du ſeinen Heldenblick geſehen? Wie er jetzt die Rechte ausſtreckte, war mir, als vermöge er dieſen Todten zu gebieten, ſich aufzurichten und auf's Neue die Waffen zu ergreifen.“ „Er iſt ein Held im größten Sinne des Wortes,“ ſprach Ludwig;„denn mit der mächtig beherrſchenden Kraft vereint er die großmüthige Milde, die ihm jedes Herz unterwirft. Er darf Alles fordern, und bittet Alles!“ „So iſt's!“ rief Jaromir lebhaft; es war ſeine erſte raſche, jugendliche Aufwallung ſeit jenem Unglückstage. „O, Ihr ſolltet ihn in beſſern Zeiten gekannt haben,“ ſprach Boleslaw;„aber ſchon ſeit wir Deutſchland verließen, iſt er nicht mehr der er war. Er muß tiefen Gram in der Bruſt tragen, oder das Unheil, das er jetzt fürchtet, geahnet haben.“ 3 So hatte das männliche Emporrichten Raſinski's plötzlich die ſchaudervollen Eindrücke des Schlachtfeldes verſcheucht und erhebendern Empfindungen Raum gegeben. Negnard hatte ſich zu Raſinski geſellt; Beide erwarteten ſest die übrigen. Um den Colonnen wieder nachzukommen, — 118— ſettten ſie ihren Weg in beſchleunigtem Schritte fort. Noch immer ging es über Leichen und Trümmer dahin. Ein tiefer Hohlweg kreuzte jetzt das Feld; derſelbe, in dem ſie damals am Abend nach der Schlacht auf den Lagerplatz zurückritten, und den ſie am nächſten Tage voll Derjenigen fanden, die verwundet und verſchmachtend hier Schutz gegen die rauheſten Angriffe des Nachtfroſtes geſucht hatten. Auch hier lagen Gerippe und Leichname von Pferden und Menſchen. Plötzlich traf ein wimmernder Laut ihr Ohr. Alle ſtutzten und horchten auf; ein Grauſen drang bei dem Ge⸗ danken in ihre Bruſt, daß noch ein vereinzeltes Leben unter der allgemeinen Verweſung verborgen ſein könnte. Man ſah ſich rings um, doch ohne zu entdecken, woher die wehkla⸗ gende Stimme kam. „Es muß dort aus der einſpringenden Höhlung hinter uns ſein!“ rief Raſinski, warf das Pferd raſch herum und ſprengte eben ſo ſchnell in eine kleine, mit welkem Buſch⸗ werk halb verwachſene Schlucht, an deren Mündung die Reiter ſo eben vorübergekommen waren. 1 „Heiliger Gott!“ ertönte gleich darauf ſein Ruf, indem er ſich mit äußerſter Haſt vom Pferde warf. Die Andern erkannten die Urſache nicht ſogleich;z doch Lippen und Wan⸗ gen erbleichten ihnen, als ſie jetzt einen Menſchen in dem Bauche eines aufgeſchlitzten Pferdes entdeckten, der aus dem grauſen Lager ſeine Hände hülfeflehend dem herbeieilenden Raſinski entgegenſtreckte. „Blendwerk der Hölle!“ rief dieſer und drückte ſich beide Hände vor's Geſicht—„es iſt Petrowski!“ Vom Entſetzen wie zermalmt bebten Ludwig, Bernhard, Boleslaw und Jaromir zuſammen, als ſie dieſes Wort hörten und jetzt den unglückſeligen Greis erkannten. Jaromir war der ————— brochen und bewußtlos an; ein Lächeln ſchwebte über die vom — 119— Erſte vom Pferde, um Naſinski bei dem Werke der Rettung Hülfe zu leiſten. Dieſer ſtand vor dem Elenden und hielt beide Hände deſſelben krampfhaft in den ſeinigen; er hatte das Geſicht von dem Sterbenden abwärts zu Jaromir ge⸗ wendet. In ſeinen Zügen war eine krampfhafte Gewalt zu erkennen, den ungeheuren Schmerz nicht Herr über ſich wer⸗ den zu laſſen; doch er mußte unterliegen. Tropfen des Angſtſchweißes ſtanden auf der Stirn des Helden, große Thränen rollten über ſeine Wangen; er vermochte kein Wort zu ſprechen. Die entſetzenvolle Plötlichkeit dieſer Begegniß hatte ſelbſt ihm die Faſſung geraubt. „Du noch unter den Lebenden, alter, treuer Kamerad?“ rief er endlich und lüftete dadurch die bedrängte Bruſt— nund ich ſuchte Dich vergeblich unter den Todten!“ Der Greis, von Elend und Jammer abgezehrt, hatte doch noch eine Thräne bei dieſer letzten Freude. „Gott im Himmel!— Dank!—“ waren die einzigen Worte, die er mit brechender Stimme zu ſtammeln vermochte. Die Angſt ſeiner Qual hatte ihm noch die Kraft zum Hülfe⸗ ruf gelaſſen; die namenloſe Freude raubte ihm jetzt Sprache und Beſinnung. „Gott, Gott, biſt Du denn allwiſſend!“ rief Naſinski. „Im ſchauderhaften Arme der Verweſung und des Todes lag dieſer Lebende; ſeine Speiſe, was der hungerige Wolf, wmas der krächzende Rabe verſchmäht; jeder Augenblick eine Hölle— und funfzigmal ging Deine Sonne überhin und ſah den Jammer, und Du ſandteſt ihm keine Rettung!“ Jaromir, Bernhard, Ludwig und Boleslaw waren her⸗ angeeilt und wollten den Verſuch machen, den Unglücklichen aus ſeiner peſtaushauchenden Lagerſtatt emporzuheben. Doch ſchon ſtarrte ſein in die Höhle zurückgeſunkenes Auge ſie ge⸗ — 120— unbegrenzten Elende tief eingefurchten Züge, er athmete noch einmal auf— dann ſank ihm das Haupt auf die Bruſt, und die Seele war entflohen. Raſinski ließ die Hände des Todten nicht los; ſein thränendunkler Blick heftete ſich auf die erblaßten Züge, die ſelbſt im Kampf der Qual und des Todes den kriegeriſchen Adel bewahrt hatten.„Seht dieſe ſchöne Stirn voll Nar⸗ ben, geſchmückt mit ſilberner Locke! O, das war ein treues Soldatenherz! Und ſo fürchterlich zu enden!“ „Nein, er endete ſchön,“ ſprach Ludwig, deſſen Seele ſich mächtig zu dem Allgütigen erhob, der dem Gefolterten in der Stunde des Todes die liebſten Freunde wie durch ein Wunder in ſeine grauenvolle Einſamkeit ſandte;„er ſtarb ſchön! Sieh nur, wie ſeine Züge ſich verklärt haben!“ Jaromir ſchwang ſich plötzlich zu Pferde und ſprengte raſch den Weg, den ſie gekommen waren, zurück; man wußte nicht, was er beabſichtigte.„Wartet hier zwei Minuten,“ rief er,„ich bin gleich zurück.“ Still umſtanden die Freunde den Gſtorbenen.„Gebt mir eine Scheere,“ bat Raſinski,„ich will mir eine Locke zum Angedenken von ſeinem Haupte mitnehmen.“ Bernhard reichte ihm aus ſeiner Brieftaſche, was er verlangte.„Gönnſt Du mir zehn Minuten,“ ſprach er,„ſo Zeichne ich den Kopf hier in meine Schreibtafel. Dieſe Züge fehle ich nicht.“ „Das Blatt ſoll mir heilig ſein,“ antwortete Naſinski und dankte dem Freunde durch einen Händedruck. Während Bernhard zeichnete, kehrte Jaromir zurück. Er hatte zwei Spaten quer über dem Sattelknopf liegen. „Wir müſſen unſern Kameraden begraben!“ rief er von weitem;„es iſt Gottes Geheiß, der uns in ſeiner Todes⸗ ſtunde zu ihm geſchickt hat.“ . — 121— „Woher haſt Du die Spaten?“ fragte Naſinski ver⸗ wundert;„gewiß hätte ich gleich an ein Begräͤbniß gedacht, wenn ich die Möglichkeit geſehen hätte, es zu veranſtalten. Du bringſt meiner Seele den ſchönſten Troſt!“ „Ein Zufall ließ mich die Werkzeuge entdecken. Vor⸗ hin als wir von der Redoute herunterkamen ,ſah ich in einer Vertiefung zwei zerſchmetterte ruſſiſche Laffetten liegen, an denen ich noch Haue und Spaten bemerkte. Das fiel mir jetzt ein, und da ich mir den Ort gemerkt hatte, eilte ich, ſie zu holen.“ „Gib her,“ rief Raſinski und ergriff den einen Spa⸗ ten.„Hier unter der jungen Fichte, die vielleicht einſt ein Greis unter den Bäumen wird, wie der Todte einer unter den Helden, laßt uns ihn begraben!“ Zugleich ſtach er ſelbſt die erſte Schaufel aus; Jaromir arbeitete rüſtig mit. Eine Erdſpalte, die nur etwas erweitert werden durfte, ſollte das letzte Lager des alten Kriegers werden. Boleslaw und Lud⸗ wig hielten des Todten Haupt leicht empor, damit Bernhard zeichnen konnte. Eine Viertelſtunde wurde dieſem heiligen Liebesdienſt gewidmet. Regnard blieb ſtummer, erſchütterter Zeuge; er hielt es für eine Ehrenpflicht, dem Begraͤbniß eines ſo ergrauten Kameraden ſeine Gegenwart nicht zu ver⸗ weigern. „Ich bin fertig,“ ſprach Bernhard und reichte Raſinski⸗ das mit charakteriſtiſchen, feſten Strichen entworfene Bild des Todten dar. „Wir ſind es auch!“ ſprach dieſer und nahm das Blatt. „Vortrefflich!“ rief er, indem er es betrachtete.„Es iſt ganz der alte, treue Kamerad; es i*ſt ſeine ehrwürdige Stirn, ſeine mild im Tode lächelnde Lippe. Ich danke Dir ein Kleinod, Bernhard!“ Er drückte ihm bewegt die Hand.„Jetzt entnehmt ihm ſeinem ſchaudervollen Bette und legt ihn III. 6 — 122— in die letzte, kühle, ſtille Wohnſtätte. Du wirſt einſam ru⸗ hen, alter Freund! Aber der Wolf ſoll doch Deine Gruft nicht aufwühlen, der Rabe nicht Dein treues Auge ſeinen Jungen zur Speiſe ins Neſt tragen.“ Der Leichnam wurde hinabgeſenkt; bald bedeckte ihn die kalte Erde. „Ruhe wohl,“ ſprach Raſinski und ſtreckte den Arm ſegnend über die Gruft aus.„Der Wille des Allmächtigen ſandte Dir ein Maß der Qual, das die menſchliche Bruſt nicht zu faſſen vermag, vor der die eiſernen Nerven eines Helden erbeben. Doch ſeine Gnade iſt reicher als ſeine Strenge; Dir wird vergolten werden. Du ruheſt hier einſam, denn keiner Deiner Brüder ſchläft neben Dir und fern iſt die Heimat der Deinen. Aber am Tage der Auferſtehung werden dreißigtauſend Helden um Dich her erwachen, und Du wirſt mit ihnen im Triumphe einziehen in die Pforten des Jenſeits. Dein Grab können wir nicht ſchmücken! Der nächſte Frühling muß es thun! Fluch der Art, die dieſe junge Fichte berührt, welche uns noch in ſpäten Jahren Deine heilige Ruheſtätte bezeichnen kann; doch Segen über Den, der dieſer Gruft ein Liebeszeichen weiht.“ Hier verſtummte er. Bernhard rief:„Laßt uns dort den Stein auf die Gruft wälzen!“ Wenige Schritte davon lag ein anſehnlicher Gra⸗ nit, der faſt die Form eines Würfels hatte. Die kräftigen Jünglinge packten den ſchweren Block an und wälzten ihn glücklich bis auf die Grabſtätte. Dann brachen ſie grüne Zweige von der Fichte ab, ſteckten ſie in die friſch aufgewor⸗ fene Erde, und Bernhard kratzte mit ſeinem Meſſer ein P in den Stein. „Jetzt die letzten kriegeriſchen Ehren,“ ſprach Boleslaw und holte ſeine Piſtolen aus der Halfter; die Andern thaten ein Gleiches. Raſinski trat zum Commando vor. Er zog 2 — 123— den Säbel und commandirte mit heiligem Ernſt:„Schlagt hoch an! Feuer!“. Die Schüſſe fielen, die Rauchſäule ſtieg gerade empor und glänzte in einem flüchtigen Blick, den die Sonne durch das Gewölk warf. Doch von dem Knall aufgejagt, flatter⸗ ten ringsum Scharen von Raben auf und flüchteten mit rauſchendem Flügelſchlag. 2 Dreimal wurde dem Beſtatteten der kriegeriſche Ehren⸗ gruß gebracht, dem auch Regnard ſich nicht entzog. Dann ſetzen ſie ſich auf und ritten eilig, ſchweigend, zu den Ihrigen zurück, die ſie an der Grenze der Feldmarken einholten, welche die Geſchichte bis für die Söhne ferner Jahrtauſende mit erſchütternder Denkwürdigkeit bezeichnet hat. Fünktes Capitel. Nach zwei mühſeligen Tagen erreichte das Heer Wiazma; hier ließ der Kaiſer einen Raſttag halten, um die Nachhut, welche der Marſchall Davouſt führte, zu erwarten. Schon waren die Kräfte der Truppen aufs Außerſte an⸗ geſtrengt; Viele, durch Krankheit oder Wunden geſchwächt, blieben zurück; ſelbſt der feſteſte Wille vermochte nicht, die verſagenden Kräfte des Körpers zu erſetzen. Raſinski war glücklich genug geweſen, noch keinen von den Seinigen zu verlieren; dies dankte er theils ſeiner früh⸗ zeitigen Sorge für ihre wärmere, feſtere Bekleidung, theils der unermüdeten Thätigkeit, mit der er noch jetzt fort⸗ während den Bedürfniſſen, ſo viel es möglich war, zuvor⸗ 6* — 124— zukommen ſuchte. Vornehmlich hatte er durch das Beiſpiel muthiger Zuverſicht den Geiſt der Ordnung, der Ehre und des Vertrauens zu erhalten gewußt, der in ſo bedrängenden Zeiten die ſicherſte Rettung, den wirkſamſten Schutz gegen das hereinbrechende Verderben gewährt. Der Soldat iſt ganz überwältigt und verloren, wenn er es nur einen Augenblick aufgibt, den grimmigen Feinden: der Noth, der Kälte, der übermäßigen Anſtrengung, Trotz zu bieten. So hielt Ra⸗ ſinski jetzt auf ſtrengere Drdnung im Marſch; er geſtattete durchaus kein Vereinzeln, kein Zurückbleiben, kein Vernach⸗ läſſigen der Pferde, der Kleidungsſtücke und Waffen. Er wußte den Reitern begreiflich zu machen, daß der kleine Mangel, dem ſie noch, wenngleich mit einiger Unbehaglich⸗ keit, abhelfen konnten, in wenigen Tagen durch Vernachläſ⸗ ſigung zu einem unerſetzlichen Schaden geworden war. Seine Offiziere, ſowie Ludwig und Bernhard, ſchloſſen ſich ihm durch gleiches, ſorgliches Aufmerken und eignes Beiſpiel wirk⸗ ſam an. In Wiazma war es Raſinski gelungen, noch ein leid⸗ liches Unterkommen für Pferde und Leute zu finden. Drei halb ſtehen gebliebene Mauern einer großen Scheune, die noch eine Bedachung hatte, dienten den Roſſen zum Stalle; da ſie aber alle nicht Raum fanden, ſo mußten ſie von acht zu acht Stunden wechſeln. Es war Stroh genug her⸗ beigeſchafft worden, daß Alle lagern konnten; allein die Füt⸗ terung fiel freilich mager genug aus. Doch ſchon die Ruhe in dem wärmern Bezirk der bedeckten Mauern that den Thieren wohl. Für ſich und ſeine Leute hatte Raſinski ein Hauschen in Beſchlag genommen, das kaum dreißig Men⸗ ſchen faſſen zu können ſchien. Doch durch genaue Verthei⸗ lung auf dem engen Flur⸗, Stuben und Bodenraum, wo⸗ bei man jedes Plätzchen achtete, war es dennoch möglich ge⸗ — 125— worden, ſechzig Mann, freilich eng genug, zu lagern. Durch eine Abwechſelung von acht zu acht Stunden, während wel⸗ cher die Einen ſchliefen, die Andern die Pferde, die Wacht⸗ feuer, das Kochen beſorgten, gelang es dem vorſorgenden Führer, die Leute völlig ausruhen und auswärmen zu laſſen, ſodaß ſie, als der Marſch fortgeſetzt werden ſollte, mit in der That durchaus friſchen Kräften an die beſchwerliche Reiſe gehen konnten. Vor Tagesanbruch ſetzten die Colonnen ſich in Bewe⸗ gung. Der Weg führte zwiſchen langen Fichtenwäldern da⸗ hin; die todte Einförmigkeit ſchien die ungeheure Weite, in der ſich die Krieger von der heimatlichen Gegend fühlten, noch zu vermehren. Auch die Länge der ſchon ſo beſchwer⸗ lichen Tagemärſche wuchs dadurch. Raſinski erhielt den Auf⸗ trag, mit ſeinen Leuten den Schluß des Zuges zu bilden, um die Zurückbleibenden heranzutreiben; denn ſeit den letzten zwei Tagemärſchen hatten ſich ſchon ſo viele Nachzügler ge⸗ funden, die ſich auf die ſpäterhin folgenden Corps verließen, und bis dieſe herankämen, einige Ruhetage zu erhaſchen glaubten, daß man dieſer Unordnung auf alle Weiſe ſteuern mußte. Er ritt daher hinter der langen Reihe von Wa⸗ gen, die theils noch Bagage, theils Lebensmittel und Ver⸗ wundete fortführten. Die überflüſſigen Munitionswagen und manche andere, die den Zug beläſtigten, hatte man bereits verbrannt und die Pferde vor die Kanonen geſpannt. Denn obgleich das Wetter hell blieb, ſo glatteiſte es doch jede Nacht, und alsdann konnte man mit den ſchlecht beſchlage⸗ nen, ungeſchärften Pferden ſelbſt gelinde Abhänge kaum hin⸗ ankommen, ſodaß die Artilleriſten ſich ſelbſt mit vorſpann⸗ ten, um die ihnen anvertrauten Waffen, an die ſie ihre Ehre ſetzten wie die Regimenter an ihre Adler, nicht zurücklaſſen zu müſſen. Mit Mühe erreichte er den Bivouac, aus —— — 126— dem man nach einer von Froſt und Hunger geſtörten Nacht⸗ ruhe noch im Dunkeln wieder aufbrach. Der grauende Tag zeigte ein klägliches Schauſpiel. Eine Menge Leute waren vor Entkräftung zurückgeblieben; es war unmöglich, ſie in ihren Reihen zu halten. Dazu wurde der Weg ſchlimmer, und die ſchlecht gefütterten Pferde ſchleppten ſich nur müh⸗ ſam vorwärts. Die Colonnen rückten äußerſt langſam vor. Es wurden zur Fortſchaffung der Geſchütze mehr und mehr Pferde nöthig. Der Kaiſer gab den Befehl, von allen Ba⸗ gagewagen, ſelbſt von denen der höhern Offtziere, die Hälfte der angeſpannten Pferde zu nehmen, um ſie vor die Kano⸗ nen zu ſpannen. Da auf dieſe Weiſe die ſchon zu große Laſt für die halben Beſpannungen eine nicht mehr fortzu⸗ ſchaffende wurde, mußte dieſelbe in gleichem Maße vermin⸗ dert werden. Man ſah daher Alles, was an entbehrlichen Geräthen, ſelbſt an Kunſtwerken, auf den Wagen befindlich war, wie unnützen Ballaſt auswerfen, und was ſich davon verbrennen ließ, durch das Feuer vertilgen. Als Raſinski neben Jaromir an einem dieſer noch bren⸗ nenden Scheiterhaufen vorüberritt und ſie ihre Pferde ab⸗ ſeits lenken mußten, damit ſie nicht in die Scherben koſt⸗ barer Porzellangefäße träten, die man unvorſichtiger Weiſe mitten in den Weg geworfen hatte, ſprach er zu ihm: „Erinnerſt Du Dich noch des Vorfalls dicht bei Moskau, wo der gebrochene Wagen geplündert wurde? Hatte ich nicht Recht, zu ſagen, daß jener Mann der glücklichſte von Allen ſei, weil man ihm die vergebliche Sorge für ſeine Trödel⸗ ſchätze zuerſt abgenommen hatte?“ „Freilich,“ erwiderte Jaromir;„doch wer erkennt das? Glück und Unglück, ruhen ſie nicht in unſerer Bruſt? Und wwenn wir uns durch den Schein täuſchen laſſen, iſt es nicht Daſſelbe, als ob wir durch die Wahrheit leiden? Mir ſelbſt — 127— iſt es jetzt oft ſo erſchienen, als ob wir erſt ſpät einſähen, was glückliche, was unglückliche Ereigniſſe für uns ſind. Bei dem erſten Angriff, den wir in der Schlacht von Mo⸗ ſaisk machten, riß mir eine Kugel den Federbuſch herunter. Ich pries mich glücklich, daß ſie mich nicht einen Fuß breit tiefer traf. Und doch wäre es mein Glück geweſen! Denn wenn mich jetzt oder ſpäter das Loos erreicht, was habe ich gewonnen, als einige Tage der Qual?— Und dennoch fühlte ich mich in jenem Augenblicke wirklich froh. Was iſt nun wahr, was iſt falſch an unſern Gefühlen?“ „Die Gegenwart gehört uns wenigſtens ſicher,“ ſprach Bernhard, der neben Jaromir ritt.„Doch auch die nicht,“ fuhr er raſch fort;„denn Zukunft und Vergangenheit können ſie vergiften. Darum aber, weil uns nichts gehört, gehört uns Alles. Wo kein Gebieter iſt, herrſcht Der, der herrſchen will, und unſer iſt, was unſer Wille uns gibt.“ „Ich glaube doch nicht, daß Du ganz Recht haſt,“ meinte Boleslaw;„denn wie gering iſt die Macht unſers Willens gegen die höhern Gewalten!“ „Das iſt freilich die endliche Bedingung jedes Men⸗ ſchen,“ ſprach Ludwig;„allein alles Dies gilt ja auch nur bis zu einem gewiſſen Grade. Ich glaube nicht, daß Bernhard leugnen oder behaupten will, es gebe nicht Glück, noch Un⸗ glück, ſondern der Menſch bilde ſich Alles ſelbſt; aber Recht hat er, wenn er glaubt, daß es außer dem Glück, und ſei es das edelſte, das ſchönſte, welches dieſe Erde bietet, noch etwas Höheres gibt, das uns mächtig zur Seite treten kann, wenn uns Schmerz oder Freude überwältigen. So weiß der Schiffer über der Sonne, die ihm die heitere Fahrt verleiht oder verſagt, noch die ewigen Geſtirne, nach denen er blickt, wenn die Erde in Finſterniß gehüllt iſt.“ „Ganz recht,“ warf Bernhard hin und ſchüttelte ſich, ——— — — 128— weil der Herbſtwind ihnen eben rauh entgegenwehte;„aber die ewigen Sterne ſind kalt und leuchten auch nicht ſonderlich. Man geräth oft auf Klippen, wenn man die Naſe nach ihnen hinaufreckt. Glaubt aber nicht, daß dies eigentlich meine Philoſophie iſt; ich habe nur die, keine zu haben, als welche ich jedesmal bei den Umſtänden borge. So z. B. jetzt, wo wir allerlei Plunder verbrennen ſehen, ſtelle ich die Lehre auf, daß man an Plunder ſein Herz nicht hän⸗ gen ſoll. Dagegen würde ich, falls ich hier irgendwo einen gefüllten Bäckerladen wüßte, ſogleich beweiſen, daß er mehr werth ſei, als die Schatzkammer des Rhampſinit.“ „Hungert Dich?“ fragte Jaromir wohlwollend;„hier iſt noch Brot, das ich zu mir geſteckt. Ich eſſe gar wenig.“ „Nein, Lieber,“ entgegnete Bernhard und lehnte die Gabe ab;„Du weißt, daß ich ſo gut gefrühſtückt habe als Ihr Alle. Mein Gleichniß war im Sinne der ganzen Ar⸗ mee gedacht.“. „Bis Smolensk hoffe ich,“ ſprach Raſinski,„werden wir uns noch, wenngleich mühſam, durchkämpfen. Dort ſind Vorräthe. Aber horch! War das nicht ein Kanonen⸗ ſchuß? Wahrhaftig! Ein zweiter, dritter! Der Schall kommt aus der Gegend von Wiazma?— Sollten die Nuſſen heran ſein?“ Alle horchten geſpannt auf die fernen, dumpfen Schüſſe, die die erſte Morgenſtille unterbrachen. Doch bald wurde es wieder ſtill, man hörte nichts mehr. Indeſſen war Ra⸗ ſinski ſehr beſorgt geworden. Bisher hatte man nur die Beſchwerden einer langen, mühſeligen Reiſe zu überwinden gehabt. Sollte aber der Feind nachgerückt ſein und mit fri⸗ ſchen Kräften das erſchöpfte Heer angreifen, ſo war kaum abzuſehen, wie man dem gänzlichen Verderben entkommen 4 — — 129— wollte. Es beruhigte ihn nicht, daß die Schüſſe wieder ver⸗ ſtummten; denn da er die Fechtart des ruſſiſchen Heeres kannte, ſo war er überzeugt, daß wenigſtens ein Trupp ver⸗ wegener, ſchneller Koſacken auf die Nachhut gefallen ſei, der zwar raſch zurückgejagt worden ſein mochte, aber nichtsdeſto⸗ minder den Beweis gab, daß das größere Heer nicht weit entfernt ſei. Nachdenklich über die Folgen, welche ein ernſter Angriff haben konnte, ritt er ſchweigend vor den Seinigen her. „Bliski!“ rief er nach einigen Minuten einem ſeiner Reiter zu und winkte ihm, heranzufommen. Bliski ritt in militairiſcher Haltung zu ſeinem Obriſten heran und fragte, was deſſen Begehr ſei. „Du biſt lange in Rußland geweſen, Bliski,“ begann Naſinski;„kennſt Du genau die Straßen zwiſchen Malo⸗ Jaroslawez und Smolensk?“ „Das will ich meinen! Ich habe ſie wol dreißig Mal mit der Kibitke gemeſſen!“ erwiderte der muntre Krauskopf lebhaft und mit einem gewiſſen Stolz, daß ſein Führer von ſeinem Wiſſen Raths erholen wollte. „Wie weit rechnet man von Malo⸗Jaroslawez nach Wiazma über Medyn?“ „Wenigſtens einen Tagemarſch, ja es können auch zwei ſein, näher als der Weg, den wir gemacht haben. Wenn die Koſacken Luſt gehabt hätten, müßten ſie uns ſchon von Wiazma bis auf den halben Weg nach Gjaz entgegengekom⸗ men ſein.“ 8 „Meinſt Du?“ fragte Raſinski lächelnd und erfreut über den guten Verſtand des Bur nelcen der die Bedeutung ſeiner Frage ſo raſch errieth. „Bei der Mutter Maria, mein Obriſt, entgegnete Bliski lebhaft,„ich habe mich gewundert, daß es nicht ge⸗ 6** — 130— ſchehen iſt. Aber wir wollten ſie getroffen haben! Ich hatte mir den Säbel ordentlich gewetzt, denn ich bin's ihnen noch ſchuldig von dem Hieb hier über das linke Auge und dem Stich durch den Arm! Nun wer weiß, treffen wir uns bei Dogorobuye.“ „Weshalb doch?“ fragte Raſinski, obgleich er ſehr gut wußte weshalb. „Weil dort die große Straße von Kaluga auf die nach Smolensk trifft. Ich denke, wir werden da etwas zu thun bekommen.“ „Wünſcheſt Du's?“ „Wenn mein Pferd und ich bis dahin wieder gut aus⸗ gefüttert werden, ſoll mir nichts lieber ſein;z aber es ſieht nicht danach aus. Seht nur, mein Obriſt, wie dem armen Thiere das Fleiſch von den Rippen fällt; und die Hüftkno⸗ chen ſtehen ihm heraus, daß man den Czako daran auf⸗ hängen könnte.“ „Troſte Dich, Bliski, wir leben auch nicht im über⸗ fluß,“ ſprach Raſinski freundlich. „Ei,“ rief Bliski,„nach mir frage ich nichts; denn ein fetter Reiter iſt des Pferdes Gift, wie wir bei uns in der Woywodſchaft Sendomir ſagen; aber meinen Gaul ſehe ich eben ſo ungern darben, als ich meinen Säbel ſtumpf oder mein Piſtol ohne Stein weiß. Kann ich mich nicht mehr auf meinen flinken Nappen verlaſſen, dann iſt der ganze Reiter nichts mehr werth. Nicht wahr, Alter?“ Hiebei bückte er ſich und ſtreichelte ſeinem Thiere freundlich den Hals. Naſinski hatte wenig auf das Geſchwätz gehört, weil die gefährliche Lage der Armee ſeine Gedanken zu ernſthaft beſchäftigte.„Wie weit rechnet man von Kaluga bis Do⸗ gorobuye?“ unterbrach er Bliski's Anrede an ſeinen Rappen. — 2— — 131— „Gegen hundert achtzig Werſt werden es wol ſein.“ „Und iſt der Weg gut?“ „Das kommt auf das Wetter anz jetzt vermuthlich wie hier, auf der Höhe leidlich, in der Tiefe moraſtig. Aber wenn es ſchneiet, ſo iſt's die beſte Schlittenbahn im ganzen Kaiſerthum.“ „Nun, nach Schnee ſieht es noch nicht aus.“ „Wer kann's wiſſen, mein Obriſt? Die Jahreszeit iſt da, die Frucht wird reif werden, ſo ſicher wie im Herbſt die Pflaume.“ „Gut, gut, Bliski; reite jetzt nur wieder zu Deinen Kameraden zurück; ich weiß nun ſchon, was ich wiſſen wollte. Du kennſt die Gegend und wirſt Dich zurecht fin⸗ den, wenn ich Dich brauche.“ „Das hat nicht Noth,“ rief Bliski mit lebhaften Au⸗ gen;„ich finde mich von hier bis Madrid zurecht.“ Damit ritt er wieder in das Glied zu ſeinen Kameraden ein. Als jetzt die Straße eine Krümmung machte und das Gebüſch zur Seite aufhörte, erblickte man einige hundert Schritte vorwärts ein ſchwarzes Gewimmel von Menſchen, die an der Seite des Weges eifrig beſchäftigt ſchienen. Zu⸗ gleich ſah man Wagen hinaus in das Feld fahren. „Da wird's wieder ein Auto⸗da⸗Fé geben,“ ſprach Ra⸗ ſinski zu den Freunden zurückgewandt.„Es iſt auch nöthig, die Kanonen noch ſtärker zu beſpannen, denn ſie kommen nicht aus der Stelle.“ Das Treiben und Verkehren neben der Heerſtraße hielt die Blicke der Reiter aufmerkſam gefeſſelt. Die Sonne ſchien hell, plötzlich wurde ihr Bild mitten aus der ſchwarzen Maſſe der verſammelten Leute blendend zurückgeworfen. „Das iſt das Kreuz des heiligen Iwan!“ rief Bern⸗ hard, der ſich ſogleich an die Begebenheit bei Moskau erin⸗ — 132— nerte. Mit geſpannter Erwartung betrachtete man jetzt Alles, was auf jenem Punkte vorging. Da der Weg ſich eine Höhe hinanzog, überſah man bald das ganze Feld. Ein kleiner See wurde zur Seite ſichtbar. Rings um denſelben war eine Reihe von Wagen aufgefahren, bei denen unzählige Menſchen mit Abladen beſchäftigt waren. Andere ſpannten die Pferde ab und führten ſie auf die große Straße zurück. Wie man näher und näher marſchirte und die Gegen⸗ ſtände ſich deutlicher unterſcheiden ließen, ſah man, daß die in Moskau erbeuteten Trophäen, welche als Zeichen des Sieges für die ſtaunenden Bewohner von Paris im Triumph in die Hauptſtadt eingeführt zu werden beſtimmt waren, hier in den See verſenkt wurden. Prachtvolle Verzierungen von Erz, jenen ſtolzen Paläſten der alten Zaarenſtadt entnom⸗ men; merkwürdige Kanonen, die Rußland in ſeinen Krie⸗ gen mit dem Orient erbeutet hatte; endlich ſelbſt jenes ſtrahlende Kreuz des heiligen Jwan, wurden hier in die ſum⸗ pfige Tiefe der trüben Fluth verſenkt. Alſo blieb das Heiligehum doch auf ſeinem heimatlichen Boden! Der Verſuch, es zu entreißen, war nicht gelungen. Die beſchirmenden Götter und Heiligen des Landes hatten es nicht verlaſſen, ſondern mit Schmach mußte der Feind ſelbſt den Beſitz aufgeben und bekennen: Ihr waret mächti⸗ ger als ich in meinem übermuth! Mit einem eignen Gefühle des Grauens ſah Jaromir das rieſenhafte goldne Kreuz in die Wellen hinabſinken. Er dachte an die ſeltſamen Ereigniſſe, die er hei der Abnahme deſſelben in Moskau erlebt hatte. Hatten jene düſtern Zei⸗ chen gelogen? Oder prophezeiten ſie Wahrheit? Fangen die Flüche und Verwünſchungen, die das Volk laut über den Frevel, der an ſeinen Heiligthümern verübt wurde, ausgeſto⸗ ßen hatte, an, in Erfüllung zu gehen? Wird das unfrei⸗ —— — 133— willige Aufgeben der Beute den Zorn der beleidigten Pena⸗ ten dieſes Landes verſöhnen? Glaubt Ihr, dieſe Sühne ſei hinreichend? Seht Ihr nicht, wie zornig ſchwarz die Welle aufſchwillt, nachdem ſie das goldne Heiligthum in ihren Schoß verborgen hat? Sie wogt und gährt wie von geheimen Mächten bewegt, und ihr dumpferes Rauſchen gegen die Uferwand klingt wie mur⸗ melndes Zauberwort! Wahnverblendete! Habt Ihr mit dem heiligen Zeichen denn auch die Flüche von Euch geworfen, die der frevelhafte Raub über Euch heraufbeſchwor? Sie ſind nicht mit geſunken in die Tiefe dieſer Waſſer, aber ſie werden wieder aufſteigen, wie aus einem kochenden Zauber⸗ keſſel, und Euch, mächtig beflügelt, mit giftigem Hauche ver⸗ folgen. Seht Ihr nicht, wie der ſchwere, dunſtige Brodem aus dem Sumpfgrabe empordampft, worein Ihr das heilige Kleinod verſenkt habt? Aufſteigen werden ſie gegen den ho⸗ hen Dom des Himmels und ſich zu furchtbaren Wettern ſammeln, um ſich über Eurem Haupte zu entladen. Schon trübt ſich die Sonne! Blickt wohl hin! Ihr ſeht ſie nicht mehr wieder, ſo weit die Völker Rußlands vor dem Bilde des heiligen Iwan knieen! Verhüllt bleibt Euch ihr reines Antlitz, bis der Letzte unter Euch verjagt iſt aus dieſen Grenzen, wenn Einer ſie lebend erreicht, um das Verder⸗ ben der Andern daheim zu verkünden! Denn verfolgen wird Euch der Zorn des Allmächtigen, ſo lange Ihr auf dieſem Boden wandelt, den Ihr mit frevelnden Füßen betratet, wo Ihr einbrachet mit räuberiſcher Hand in das Heiligthum des Glaubens, der Heimat, des Herdes! Darum verſchleiert ſich das Auge des Weltalls düſter, fürchterlich! Nur blutig⸗ roth wird es Euch noch anglühen durch die graue Nebel⸗ hülle, mit der ſich jetzo der Himmel umhängt. Nun ruht das Kreuz des heiligen Iwan wieder auf — 134— ſeinem heimatlichen Boden! Entriſſen iſt es den beflecken⸗ den Händen der Frevler! Jetzt wird es ſeine alte, ſchützende Kraft bewähren, wird die Völker dieſes unermeßlichen Reiches ringsumher um ſich verſammeln. Sie ſtrömen herbei von den Ufern des Don und der Wolga, aus den Wäldern des Ural, aus den Steppen Aſiens, den Schneewüſten des Pols, von den Küſten des weißen und des ſchwarzen Meeres! In tauſend Trachten und Zungen, bewehrt mit Schwert und Lanze, mit Keule, Pfeil und Bogen fluthen ſie heran! Keine Waffe, die nicht zu Eurer Vertilgung geſchwungen wird, keine Sprache, in der die Völker nicht Nache über Euch rufen! Wehe! Wehe Euch! Die Stunde des Ver⸗ hängniſſes hat geſchlagen. Preiſen mögt Ihr Die, die gefal⸗ len ſind, bevor ſie dieſen Tag ſahen! Sechstes Capitel. Ein rauher, eiſiger Wind erhob ſich gegen Abend. So dicht ſich die ermüdeten Krieger um die Feuer lagerten, den⸗ noch erſtarrten ihnen faſt die Glieder da, wo ſie nicht der Flamme zugewandt waren. Mit Sehnſucht wurde die Mor⸗ genröthe als das Ende dieſer Qual erwartet. Endlich er⸗ tönte der Ruf der Trompeten und Trommeln zum Aufbruch. Doch grade jetzt erſt hatte der Schlaf angefangen, die über⸗ macht über Kälte und Hunger zu gewinnen, und jetzt muß⸗ ten ſich die durch Marſch und Wachen übermüdeten mit Ge⸗ walt emporreißen. Viele waren ſelbſt durch ſtarkes Rütteln und Anrufen nicht in Bewegung zu ſetzen, ſo lähmten ihnen Kälte und Ermüdung die Glieder. Als ſie endlich auf —̃ ** — 135— den Füßen ſtanden, ſchwankten ſie mit verſagenden Knieen einige Schritte, fielen aber bei der geringſten Unebenheit des Bodens taumelnd, wie betäubt wieder zu Boden. Naſinski trat auf eine Erhöhung, wo er die Feuer ſeines Bivouacs überſah.„Hieher, Freunde,“ rief er mit feſter Stimme,„hier verſammelt Euch um mich! Auf, auf, zu Pferde!“ Ihn ſchüttelte ſelbſt noch der Nachtfroſt, doch er bezwang die Natur mit ſeiner feſten Willenskraft, um den Muth der Leute zu beleben. Als die Stelle des Antretens genugſam durch viele Herangekommene bezeichnet war, ging er an den einzelnen Lagerfeuern umher, wo einige Säumige und Schwächere noch verweilten, und ſprach ihnen Muth zu.„Rafft Euch zuſammen, Kinder! Die Nacht war rauh, aber der Tag wird beſſer ſein. Wenn Ihr erſt in Bewegung ſeid, werdet Ihr Euch auch erwärmen. Das Frühſtück war mager, aber ich habe es ohne Vorzug mit Euch getheilt, und Ihr ſeht, ich bin wohl auf. Verliert nur den Muth nicht; der zuerſt Verzagende iſt der zuerſt Verlorene. Wir haben ja ſchon manchen böſen Tag zuſammen überdauert, wie ſollte Euch heute der Muth ſinken! Ein Pole verzagt nicht!“ So zuſprechend ging er durch die Reihen; ſein Wort, ja ſchon ſein bloßer Blick belebte den geſunkenen Muth der Leute. Bald ſaßen ſie Alle zu Pferde und begannen den Marſch. „Es wird heute ſpät Tag werden,“ ſprach Bernhard zu Ludwig;„der Himmel muß dicht in graue Wolken gehüllt ſein, denn es iſt kein Stern zu ſehen. Wie iſt Dir die Nacht bekommen?“ „Sie war hart; aber man lernt jeden Tag mehr über⸗ winden,“ erwiderte Ludwig. „Ich glaube auch, der Menſch iſt ein Gewächs, das — 136— ſich leicht an alle Zonen gewöhnt. Wir rücken heute, däucht mir, in die kalte ein, wenigſtens wenn ich meinen Rücken, der Nachts gegen die Windſeite lag, zum Thermometer mache, ſo müſſen wir ſtark unter den Gefrierpunkt gefallen ſein. Mein Leib und Geſicht dagegen hat die ganze Nacht in der heißen Zone geruht.“ „Suche nur Deine Augen zu ſchonen, Lieber, Du klag⸗ teſt ſchon neulich darüber,“ ſprach Ludwig ſanft. „Was Wunder! Ich habe auch niemals gehört, daß Rauch von friſchem Holze und heller Feuerglanz ein Conſer⸗ vativ für die Pupille wären. Indeſſen iſt es wahr, meine Augen ſind gewiſſermaßen meine Hobelbank, meine ernäh⸗ render Pflug; ja ſogar noch etwas Beſſeres, nämlich die Werkzeuge, mit denen ich den Honig aus dem Leben ge⸗ winne, was ſonſt, gleich der Lindenblüthe, die doch nächſt den Kräutern des Chamounythales den beſten Honigſeim ab⸗ ſorbirt, etwas bitter ſchmecken möchte. Aber ſind Deine Augen Dir das nicht etwa auch?“ „O gewiß,“ ſprach Ludwig wehmüthig, denn er dachte an die holde Geſtalt ſeiner Geliebten;„doch für Dich iſt das Kleinod dennoch theurer.“ Hiebei legte er dem Freunde die Rechte auf die Schulter, ſtreifte dann am Arm hinab und faßte ſeine Hand, die er mit inniger Liebe drückte. „Der Wind iſt verteufelt rauh!“ rief Bernhard im un⸗ willigen Zorn, um ſeine Rührung über den Freund zu ver⸗ bergen, deſſen Liebe nur an ihn dachte in dieſer Zeit des Erduldens.„Ich wittere ſo etwas, als ſtecke Schnee in der Luft.“ In der That wehte ein ſcharfer, eiſiger Wind aus Nordweſt her den Marſchirenden entgegen. Nach einer Stunde hatte er ſchon das Angeſicht bis zum Schmerz erkältet, doch ſchien er noch an Heftigkeit zuzunehmen. — 17— Endlich dämmerte der Tag; aber was er enthüllte, konnte das ſtille Grauen der Nacht nur erhöhen. Dichtes ſchweres Gewölk zog über den Himmel dahin und ſchien mit jedem Augenblick ſich tiefer zu ſammeln. Üüber den Spitzen der die Straße begleitenden Fichtenwälder ſtreifte der Nebel ſchon ganz nahe hin, ſodaß er die Gipfel der höchſten Bäume faſt berührte. Er ſenkte ſich mehr und mehr. „Es iſt noch Hoffnung, daß wir einen klaren Tag be⸗ kommen,“ ſprach Ludwig zu Raſinski. „O ja,“ antwortete dieſer raſch und zuverſichtlich, glaubte aber das Gegentheil, weil er den Unterſchied des ruſſiſchen und des deutſchen Winters kannte. Die Dünſte fielen nicht in Tropfen nieder; ſie ſanken nicht vor der ſteigenden Sonne herab, um einen heitern Him⸗ mel zu enthüllen, ſondern ſie verdichteten ſich mehr und mehr und ſchwebten, in langſamen Kreiſen ziehend, in der Luft. Es wurde einige Zeit windſtill; in dieſen wenigen Au⸗ genblicken aber ſtieg die Kälte auffallend, und darauf erhob ſich der Wind wieder mit erneuerter Kraft und ſtreifte mit eiſig kalten Flügeln überhin. Plötzlich ſchienen die ſchwebenden Dünſte gleichſam zu zerrinnen und ſanken als dichter Reif herab. Aus höhern Luftregionen fielen einzelne große Schnee⸗ flocken nieder, und ehe man noch Zeit gehabt hatte, über die ſchnelle, ſelttame Veränderung zu erſtaunen, ſchien der ganze Dunſtkreis in Schneeflocken aufgelöſt, die, vom Winde getrie⸗ ben, wirbelnd und ſtäubend die Atmoſphäre erfüllten. Mit Entſetzen ſah der Soldat ſich Wötzlich vom Winter ringsum überfallen. Als habe er argliſtig einen Hinterhalt gelegt, ſo ſchnob er von allen Seiten heran und warf das unermeßliche Netz über ſeine Beute hin. Der Schnee fiel ſo dicht und ſcharf, daß man ihn wie ſtechend auf der * — 138— Wange empfand, bis dieſe in verklammender Erſtarrung fühl⸗ los wurde. Mit einem ſtummen Grauen zogen die Scharen der Krieger dahin. Das feſte Land ſchien in wenigen Minuten in ein ſtarres, pfadloſes, unbegrenztes Meer verwandelt. Wie ſollte ſich der Ausweg aus dieſer Wüſte zeigen, wo man keine Sonne, keinen Stern, keine fernen Berggipfel oder Thürme mehr entdecken, keine Straße gewahren konnte? Die Krieger, welche ſeit zwanzig Jahren von den Pyrami⸗ den AÄgyptens und der ſyriſchen Wüſte bis an die Mündung des Tajo, von den Gebirgen Calabriens bis zu dem brau⸗ ſenden Belt, von den Pyrenäen bis an den Fuß des Ural die Erde kämpfend durchzogen waren und der Gefahr über⸗ all ein trotziges Auge gezeigt hatten, ſie empfanden jetzt zum erſten Male das kalte Geſpenſt des Entſetzens in ihrer Bruſt und ſtarrten mit ahnungsvollem Erbeben in das wirbelnde Chaos über ihrem Haupte hinauf, woher die flockigen Ge⸗ wölke aus unabſehbarer Höhe wie ein ſchwärzlicher Inſecten⸗ ſchwarm herniederſtäubten. Das mit Schnee bedeckte und mit unheimlicher Schnelle gewebte Leichentuch deckte rings die Erde; es hüllte Flur und Wald in ſeine kalte Umar⸗ mung ein, und was es berührte, ſchien der Tod mit ewi⸗ ger Erſtarrung zu lähmen. Wie ein ſich immer erneuendes Zaubergeſpinnſt ſpannte es ſich zugleich vor die Füße und webte jeden Schritt in die argliſtigen Schlingen ſeiner loſen Fäden ein. Nicht eherne, unzerreißbare Feſſeln legte es um den Fuß, aber es erſchöpfte in der tauſendfach wiederholten Anſtrengung, das leichte Band zu ſprengen. Langſam war die Folter, aber das Opfer ge⸗ wißz; es ſtürzte nicht unter einem zermalmenden Keulenſchlage, 2 * ſondern es ſank allmälig unter einer Bürde zuſammen, die, 2 — 139— von Secunde zu Secunde nur um Atome wachſend, endlich aber doch jedes Maß der Kräfte weit überragte. Bernhard ſuchte das ſtumme Grauen, welches er in ſeiner eignen Bruſt empfand und in den Zügen aller ſeiner Kameraden las, wegzuſcherzen.„Ich wollte, die Fabel im Herodot hätte Recht,“ ſprach er,„wo es heißt, in Scythien verdichte ſich die Luft häufig durch herabflatternde Federn ſo, daß ein Reiter die Ohren ſeines Pferdes nicht mehr ſehen könne. Nicht übel wär's für den Bivouac, wenn wir Ei⸗ derdunen genug vorfänden, um uns ein warmes Neſt zu machen!“ Raſinski, der ernſt blieb, aber die muthige Haltung ſeiner Züge nicht verlor, freute ſich, daß Bernhard ſeinem Beſtreben, eine rüſtige Stimmung aufrecht zu erhalten, ent⸗ gegenkam.„Haben die Alten das wirklich geglaubt?“ fragte er lächelnd. „Herodot nicht ſo ganz; wenigſtens hat der alte Grau⸗ bart etwas von der Wahrheit gewittert,“ antwortete Bern⸗ hard.„Er conjecturirt, es möge wol Schnee ſein, wovon die Thracier fabelten, denn er habe es auch einmal ſchneien ſehen!“ „Einmal! Der glückliche Jonier!“ rief Ludwig faſt un⸗ willkürlich aus. „Es iſt mir auch ſo lieber,“ antwortete Raſinski ab⸗ ſichtlich laut,„ich würde ſchlechte Soldaten haben, wenn es Eiderdunen ſchneide. Sie wären unſer Capua. Mit den Kriegern, die ſich durch den Schnee der Alpen die Bahn ge⸗ brochen hatten, ſchlug der alte Afrikaner die Römer vom Ticinus bis Cannä!“. „Nun, das Capua haben wir vor der Hand nicht zu fürchten,“ warf Bernhard hin;„hier ſieht's nicht nach Oran⸗ genhainen aus.“ 2 — — — 3 — 140— Indeſſen verdichteten ſich die Schneemaſſen mit jeder Minute. Nicht zufrieden mit denen, die er aus den Gewöl⸗ ken herabſchüttelte, jagte der Sturm ſie auch von dem Bo⸗ den empor und ſtäubte ſie ſo den Kriegern ins Angeſicht. Von allen Feldern und Hügeln trieb er die wirbelnden Säu⸗ len heran und füllte die Schluchten und geſenkten Stellen aus, durch die ſich die Straße zog. „Man ſollte glauben, ſo viel Tauſende würden ſich bald eine feſte Bahn treten,“ ſprach Ludwig, aber wir finden vor uns faſt keine Spur und hinter uns laſſen wir auch keine zurück, ſo ſchnell verweht ſie der Sturmwind und bedeckt ſie der neu fallende Schnee.“ Der Zug ſtockte. Anfangs glaubte Raſinski es ſei nur ein Aufenthalt von einigen Augenblicken, wie dies bei langen Marſchcolonnen öfter eintritt. Doch bald merkte er, daß ein ernſthaftes Hinderniß obwalten müſſe, denn die Stockung dauerte länger und länger. Ein Adjutant kam endlich auf ſeinem ermatteten Pferde mühſelig durch den Schnee heran⸗ galoppirt und redete Raſinski an.„Ich bringe Ihnen den Befehl, mein Obriſt, ſofort die Hälfte Ihrer Pferde zu ſtellen, um ſie vor die Geſchütze zu ſpannen. Sie können nicht mehr vorwärts in dem tiefen Schnee. Vor uns liegt ein Defilée, wo der Sturm ihn mannshoch zuſammenge⸗ weht hat. Die Sapeure müſſen uns erſt Bahn machen.“ „Die Cavalerie ſoll abſitzen?“ fragte Naſinski mit be⸗ troffenem Erſtauen. „Es iſt eine harte Nothwendigkeit, aber der Befehl geht durch alle Regimenter. Sogar die Garde du Corps müſſen anſpannen und zu Fuß gehen. Sättel und Gepäck bleiben auf den Pferden; die Leute können ſie begleiten.“ Raſinski ſah ein, daß er ſich nicht weigern könne, doch koſtete es ihn eine ſchwere überwindung, ſeine des Gehens — 141— ungewohnte Leute ihrer Pferde zu berauben. Allein er ließ nichts von dieſen Empfindungen merken, ſondern behandelte dieſen Fall, wie alle, mit Ernſt, aber als etwas Gewöhnliches. Ohne Zögern commandirte er daher:„Erſte und zweite Schwadron! In Sectionen, rechts ſchwenkt! Marſch!“ und ließ ſie aus dem Regiment hinaus in die Straße reiten. Jetzt ſchwenkten ſie in halben Sectionen ein und folgten nun unter Raſinski's Führung dem vorreitenden Adjutanten. Sie mußten ihre Pferde je zu zwölf und zwölf an die Kanonen der nächſten Batterie ſpannen, was freilich in der Noth nur mit Seilen und ſchlechten Bruſtſiehlen geſchehen konnte. Die Leute gingen zu Fuß nebenher.„Ihr thut heut die Arbeit,“ ſprach Raſinski;„morgen werden Eure Kameraden ſie thun.“ Bernhard und Ludwig gehörten zu der erſten Schwa⸗ dron; ſie hätten ihre Pferde gleichfalls hergeben müſſen, doch weil ſie Raſinski zunächſt zu ſeinem Ordonnanzendienſt be⸗ ſtimmt hatte, behielten ſie dieſelben. Beide aber empfanden, daß die Zeit, wo ein Vorzug möglich und erlaubt war, vor⸗ über ſei. Das ſtrenge Geſetz der Noth, die Alles gleich macht, fing an einzukehren. Noch einige ſolche Tage und es gab nur noch Kameraden, keine Offiziere und Soldaten mehr. Sie ritten daher zu Raſinski heran und baten ihn, das Loos ihrer Kameraden theilen zu dürfen. „O wenn ich's Euch erſparen könnte!“ ſprach dieſer leiſe mit dem Ausdruck des Schmerzes.„Aber morgen müß⸗ tet Ihr thun, was Ihr heute wollt; darum habt Ihr Recht.“ 2* Sie ritten daher gleichfalls weiter nach der Spitze der Colonne vor und meldeten ſich bei dem Artillerieoffizier, der die Batterie commandirte. Er wies ſie an, ihre Pferde vor eine Haubitze legen zu helfen, deren höchſt elendes, ermatte⸗ tes Geſpann der Hülfe am meiſten bedurfte. — 142— Auf dieſe Weiſe wurde es möglich, die Artillerie fortzu⸗ ſchaffen. Aber dennoch nur mit der größten Mühe; denn die Räder ſchnitten bis an die Achſen in den Schnee ein, der ſich in einen, mit dem Sande des Bodens gemiſchten, zähen Mulm verwandelte, ohne ſich feſtzufahren. Peitſchen⸗ hiebe und Flüche ſchallten durch die Lüfte. Vor manchem Geſchütz ſah man zwanzig, dreißig Pferde! Und dennoch mußte die Kraft der Menſchen den erſchöpften Thieren zu Hülfe kommen. Außerſt langſam rückte die ſchwere unbewegliche Maſſe vorwärts. Nicht allein an der Artillerie lag es, ſondern Pferde und Menſchen ermüdeten gleich in dem immer höher ſteigenden Schnee. Nach wenigen Stunden trat ſchon die äußerſte Erſchöpfung ein. Die Ordnung in den Regimen⸗ tern löſte ſich auf, je nachdem die Leute mit geſchwächten Kräften zurückblieben. Bald marſchirten Viele nicht mehr auf der Straße fort, theils weil man ſie in dem Geſtöber und in den verwehten Spuren verlor, theils weil Jeder einen beſſern Pfad auszufinden ſuchte. So oft ſich daher eine höher gelegene Stelle zeigte, an welcher der Sturm das Feld vom Schnee gereinigt hatte, drängten die Maſſen darauf zu, um nur eine kürzere Zeit der Erleichteruung zu haben. Aber ſie wurde von Vielen furchtbar gebüßt; denn hinter der Erhöhung folgten oft tiefe Erdſpalten, oder doch ſteile Einſenkungen, die, durch den Schnee trügeriſch gefüllt, dem ebenen Boden gleich zu ſein ſchienen. Die Krieger ſtürzten plötzlich bis an den Leib, bis an die Schultern hinab; An⸗ dere folgten, weil das kalte Stäuben der Flocken, die ihnen der Sturm ins Geſicht trieb, ſie blendete, unwillkürlich nach und ſtürzten über den Kameraden hin, oder drückten ihn noch tiefer in das kalte Grab hinein. So ſah man oft Drei, Vier plötzlich übereinander hinſinken und im Schnee ver⸗ 3 1 — 143— ſchwinden. Wenige arbeiteten ſich empor; den Meiſten ver⸗ ſagte die Kraft; das Gewehr oder die Waffe, mit der ſie ſich zu helfen ſuchten, entſank den erſtarrten Händen; ſie wollten einige Augenblicke raſten, um Athem zu ſchöpfen. Dann lähmte die Kälte ihnen die Glieder, ſie riefen wol mit erſterbender Stimme um Hülfe, aber Niemand hörte ſie im Geheul des Sturms, oder das eigne Elend der Meiſten war ſchon ſo hoch geſtiegen, daß ſie, wie in einem allgemei⸗ nen Schiffbruch, nur an die eigene Rettung dachten. Die erſten Opfer, die auf dieſe Weiſe fielen, erfüllten die Bruſt mit ſchneidendem Jammer. Als aber die Zahl ſich mehrte, als ſie mit der einbrechenden Dunkelheit in die Hunderte, die Tauſende ſtieg, da ſtumpfte ſich der ſcharfe Schmerz ab und nur noch ein mitleidiger Seufzer galt Denen, welche in der kalten, grauſenden Umarmung erſtarrten, und vergeblich die Hände nach Rettung ausſtreckten. Sterbend wandte ſich ihr Blick dem Vaterlande, den vorüberziehenden Kameraden zu, noch ein leiſes Achzen entquoll der erſchöpften Bruſt, dann hüllte Nacht ihr Auge ein, und die Qual war von ihnen genommen. Andere ſanken vor Ermattung und Erſtarrung zu Boden, auch ohne in jene trügeriſchen Tiefen zu ſtürzen. Eine leichte Hülle wurde ihre Gruft, der fortwährend fallende Schnee überdeckte ſie mit ſeinem Leichentuch. Anfangs be⸗ zeichnete noch eine leiſe Erhöhung die Stelle, wo der Todte lag, aber bald ſtellte ſich die unterſchiedloſe Wüſte wieder her und jede Spur ſeines Daſeins war verſchwunden. Jetzt wurde es völlig Nacht; aber kein leuchtendes Stern⸗ bild erhellte ſie. Nur düſterer umwölkte ſich der Himmel und ſchüttete fortwährend das eiſige Verderben über die Erde aus. Der Sturm erhob ſich rauher, kälter. Das Auge unterſchied kaum noch die Bahn für die nächſten Schritte; wer ſich zur Seite entfernte, wer zurückblieb, der verſchwand ——— 1— — 144— in der Tiefe der Finſterniß. Strauchelte ſein Fuß, ſo verſchlang ihn die unabſehbare Schneewüſte, und ſein ſterbendes Auge ſtarrte nur in die dunkle Sturmnacht hinein. Kein Freund, kein treuer Kamerad ruft ihm ein Lebewohl zu; keine Hand reicht ſich ihm zum Abſchiede. Vergebens ſehnt ſich die bre⸗ chende Bruſt zu den Lieben, zu der Heimat hinüber! Nicht um ſie glücklich zu erreichen, denn zu dieſer überſchwengli⸗ chen Hoffnung hat das Herz nicht mehr die Kraft; nur einen letzten Gruß der Liebe möchte es empfangen, nur nicht ſo fürchterlich allein in der ſchauerlichen Umarmung des To⸗ des erſtarren! Vergebens! Dein brechendes Auge ſtarrt umſonſt hin⸗ auf zum Himmel, das krampfhafte Beben deiner ſterbenden Bruſt rührt ihn nicht mehr! Taub iſt er dem Jammer der Verzweiflung, taub dem Flehen der Todesangſt. Flüche und Gebete ſchlagen gleich machtlos von ſeiner ehernen Wölbung urück. Geſchloſſen ſind die Pforten der Gnade; das gigan⸗ tiſche Nad der Vergeltung rollt zermalmend über die Erde. Siebentes Capitel. Vor und in Dogorobuye bezog das Heer den Bivouac nach dieſem furchtbaren Tage. Mit gelähmten, erſtarrten Gliedern erreichten die Krieger den Ort der Ruhe; ihre Klei⸗ der waren durchnäßt geweſen, dann von der ſtrenger gewor⸗ denen Nachtkälte auf dem Körper gefroren. Wund geſcheuert an Armen und Schenkeln wurde ihnen jeder Schritt zur Qual. Und jeßt ſollten ſie erſt die mühſeligen Zubereitun⸗ 4 gen des Bivouacs machen, Holz, Stroh und Futter für die — 145— Pferde, Lebensmittel für ſich ſelbſt herbeiſchaffen. Mit ſei⸗ nem Anſehen, ſeiner unermüdlichen Thätigkeit war es Ra⸗ ſinski wiederum gelungen, ein elendes Haus zu beſetzen, das wenigſtens der Hälfte ſeiner Leute Obdach gab. Er ſelbſt blieb im Freien. Durch Zureden und Beiſpiel munterte er die Erſchöpften auf, raſch noch die geringere Arbeit des Tages zu thun, Holz zu ſchlagen, zu kochen, einen Fleck vom Schnee zu ſäubern für die Lagerſtatt. Aber mit tiefem Schmerz ſah er, daß ihm funfzehn ſeiner Leute fehlten, die ſich erſt, ſeit es völlig Nacht war, verloren hatten. Kaum hatte er Hoffnung, daß ſie ſich noch einfinden würden. Dreiundzwanzig Pferde waren überdies an dieſem einen Tage geſtürzt! Wie ſollte das enden! Je düſterer die Zu⸗ kunft vor Naſinski's Blicken lag, je mächtiger empfand er die Nothwendigkeit, der Gegenwart ein heiteres Antlitz zu zeigen, ihr gerüſtet entgegen zu treten, damit Die, welche ihren Muth aus dem ſeinen zu ſchöpfen angewieſen waren, nicht vergebens das Auge auf ihn richteten. Er redete ihnen freundlich zu, tröſtete, ermahnte zur Ordnung und unver⸗ zagten That. Der feſte, zuverſichtliche Ton ſeiner Worte, ihre unläug⸗ bare Wahrheit, die vertrauensvolle heitere Stirn, die er be⸗ wahrte, gaben ſelbſt dem Muthloſeſten die Hoffnung wieder. Er blieb aber nicht bei Worten ſtehen, ſondern ſchritt zur That und gab ſeine raſchen, überſichtlichen, beſtimmten 4 1 Befehle.„Hier dieſe Stelle reinigt vom Schnee! Der Erd⸗ wall dort ſchützt uns gegen den Wind. An der Waldecke drüben ſchlagt Holz, und aus den Büſchen bindet Beſen, den Schnee auf die Seite zu kehren. Jaromir, Du nimmſt 3 zwanzig Mann und empfängſt Heu und Hafer; beim Ge⸗ neralcommando der Cavalerie wird einiges vertheilt werden. Ghr, die Ihr zu Fuß gegangen ſeid, ruht Euch jetzt in III. 7 — 4 — 146— dieſem Hauſe aus; es wird Euch faſſen, zwar eng genug, aber dafür ſo, daß Ihr einander erwärmt.“ Dieſe Befehle fanden pünktlichen Gehorſam. Nur Lud⸗ wig und Bernhard eilten nicht mit den übrigen auf die Hütte zu. „Warum legt Ihr Euch nicht nieder, Freunde?“ fragte Raſinski dringend. „Wir bleiben bei Dir,“ lautete die Antwort Beider. „Verſage uns dieſe liebe Gewohnheit nicht,“ fuhr Lud— wig fort;„Deine Nähe, das Vertrauen zu Dir gibt uns mehr Kraft als jenes Obdach. Und was Du überdauern kannſt in dieſer Nacht, das wird auch uns nicht hinweg⸗ raffen.“ So wuchs die Liebe, die Treue in der Zeit der Be⸗ drängniß.„Nun denn, wie Ihr mögt,“ ſprach Raſinski mit ſchwer bekämpfter Rührung;„aber Ihr werdet dann immer das härteſte Loos theilen, denn daß ich vor meinen Kriegern nichts voraus haben will und darf, wißt Ihr.“ Schon kamen einige Leute mit friſch gefälltem Holz be⸗ laden heran. Es wurde ein Fleck vom Schnee gereinigt und ein Feuer angezündet. Lang dauerte es, bis die Flamme hell aufſchlug, denn das Holz war jung und feucht; doch nach einer Stunde war auch dieſes übel überwunden, und da durch Raſinski's Vorſorge noch einige Lebensmittel vor⸗ handen waren, die er ſparſam, aber gerecht vertheilen ließ, Offiziere und Leute lagerten ſich rings im dichtgeſchloſſe⸗ nen Kreiſe um die Flamme, einander mit den Bruderarmen Bruſt und Raſinski lehnte ſein Haupt auf deſſen Schulter; Jaromir und Boleslaw auf ſeiner andern Seite hielten ſich eng umſchlungen. Die Liebe trotzte dem rauhen Sturm und ſo fand der erſchöpfte Körper auch bald einige Erquickung. umfaſſend und erwärmend. So ruhte Ludwig an Bernhards * — 442— Schnee der Winternacht und trug ihr heiliges Leben in die Erſtarrung ringsumher. Ludwig war auf's Außerſte erſchöpft; nur der Gedanke an ſeine einſame Schweſter, an ihre Troſtloſigkeit, wenn er unterliegen ſollte, hatte ſeinem ſchwächer gebildeten Körper Muth gegeben, die ungeheure Anſtrengung zu ertragen, un⸗ ter der er oft zu erliegen glaubte, und vielleicht erlegen wäre, wenn Bernhard mit ſeinem ſtärkern Körper und rüſtigerm Sinn ihm nicht treu zur Seite geblieben wäre. Doch wenn dieſe Qualen ſich wiederholten, was dann? Mit einem in⸗ nern Schauer wandte er ſich von dieſen Vorſtellungen zurück. Sein Leben ſchien ihm verſchlungen in den Schauern düſterer Nacht; doch da ſchwebte aus dem ſchwarzen Hintergrunde der Finſterniß, in die ſein Auge ſich verlor, ihm das heilige Bild ſeiner Liebe entgegen. Wie ein ſanfter Mondſtrahl fiel es in das Dunkel ſeiner Seele und trat dieſer um ſo näher, tröſtender und holdſeliger entgegen, je ferner es die Wirklichkeit entführt hatte. So füllen theure Hoffnungen uns am ſehnſüchtigſten das Herz, je ferner die Erfüllung uns ſteht, und aus dem tiefſten Abgrunde des Unglücks richtet ſich der Blick mit dem gläubigſten Vertrauen, mit der heißeſten Inbrunſt zu der ewigen Huld empor. Ja, ſie wird dein Schutzengel ſein, dachte er in ermuthigter Kraft, ſie wird dich, eine Heilige, tröſtend, rettend umſchweben. Wandte ſie nicht ſchon einmal das Verderben von deinem Haupt? O gewiß, gewiß iſt ſie mir nahe! Er gab ſich dieſer träumeriſchen Hoffnung mit ſüßer Sehnſucht hin. Sollten ſich unſere Geſchicke nur deshalb ſo räthelhaft ver⸗ ſchlungen und berührt haben, daß ſie ewig unaufgelöſt blie⸗ ben? Nein, das kann der Allmächtige nicht wollen. Er führt uns ſeine dunklen Irrwege nicht, um uns inmitten der S labyrinthiſchen Bahn zu verlaſſen, ſondern um uns zu dem — — 148— wunderbaren Ziele ſeiner Gnade und Weisheit zu leiten. Nicht das kalte Geſetz der Natur iſt ſo roh, daß es ſeine Tauſende von Keimen und Trieben nur deshalb entwickelte, um ſie im Emporblühen zu zerſtören; wie ſollte das ewige, heilige Geſetz der Schickung ſich ſelbſt ſo grauſam verhöhnen! Nein, der Tag wird kommen, der Alles löſt; die Stunde muß erſcheinen, wo ihre holde Geſtalt dir entgegentritt und dir die Hand reicht und ſüß tönend ſpricht: Die Prüfungen ſind überwunden, jetzt winkt dir der Lohn! Aber wie, wenn es erſt jenſeits wäre? Und weshalb denn nicht? Wenn hinter jener unabſehbaren Nacht, die uns umhüllt, der ewige reine Tag glänzt, wenn über dem undurchdringlichen finſtern Gewölbe des Himmels, das ſtarr über uns ſteht, klare heitere Sterne leuchten, Tauſende von Sonnen wandeln,— wie ſollte denn nur die Nacht unſerer Seele ungelichtet bleiben? Muth, Vertrauen, feſter Glaube! Und doch, wie mächtig hält mich dieſes heilige Leben der Erde, das ich warm, körperlich, ſelbſtbewußt empfinde! Allgütiger Vater! O ſende deinen Segen ſchon jetzt auf die irdiſche Bruſt herab, löſe die Räthſel hier, die du hier geknüpft! Laß dieſes Herz nicht in ungeſtillter Sehnſucht brechen! Warum ſollten wir das namenloſe Gluück mit na⸗ menloſem Schmerz erkaufen? Ich dulde als ein Wanderer dieſer Erde, laß mich auch ſo Ruhe und Labung finden! Für die Wunder des Jenſeits iſt meine Bruſt zu eng. Gib mir, was ich zu faſſen vermag. O, du biſt ja ſo reich an Seligkeit, daß du uns hier das überfüllte Maß reichen kannſt und jenſeits doch noch ein unbegrenztes Meer der Verklärung vor uns ausbreiteſt! Du gabſt mir dieſes Leben, gabſt mich ihm; Vater, iſt es denn eine Schuld meines Herzens, wenn ich mit heiher Inbrunſt an ſeinen reinſten Wonnen hange? 5 — 149— In dieſen Gedanken überſchlich ihn der mehr betäubende als erquickende Schlaf. Doch die übermüdete Natur haſchte mit Begier nach der kärglich und verkümmert zugemeſſenen Gabe. Bald umfing ihn der Gott des Traumes und wob die täuſchenden Gebilde um ſeine Seele. Noch ſchimmerten die wüſten Bilder des Tages in dem geſchloſſenen Auge nach. Der in dämmernder Bewußtloſigkeit hinſinkende Geiſt ver⸗ nahm noch die Nachklänge ſeines Wachens. Die Wirklich⸗ keit verſtärkte ſie. So irrte Ludwig athemlos, erſchöpft, mit gefeſſeltem Fuß, deſſen bleierne Schwere er nicht zu beſiegen vermochte, denn die Bande des Schlafes und des Liegens hemmten die Bewegung der Muskeln, durch tiefe Schnee⸗ felder. Der Sturm heulte um ihn, denn ſein Ohr vernahm ihn im Schlaf, wie er über die Waldgipfel hinwegbrauſte, und riß weit aufgähnende Klüfte in den wirbelnden Ocean grauer Wolken, der ihn umwallte. Wenn ſich die Nebel⸗ wogen theilten, glaubte er fernes ſonniges Land ſchimmern zu ſehen, nach dem er ſehnſuchtsvoll die Arme ausſtreckte. Wo bin ich? Allein in dieſer Einöde! Ach, jetzt erkenne ich es, es iſt ja der Sanct Bernhard mit ſeinen Schneefel⸗ dern, auf dem ich mich verirrte. Dieſem hellen Schimmer muß ich nach, dort erreiche ich das ſchöne Land zu meinen Füßen. So flüſterte ihm die Stimme des Traumes zu, und der wohlwollende Gott lieh ihm ſeine ſanften Flügel, um ihn in die ſchönen Fluren hinabzutragen. Jetzt wird mir leicht; mit dieſer Wolke ſchwebe ich her⸗ nieder. Wie ſo oft im Traum hatte er natürlich als Lie⸗ gender das Gefühl, von einer Höhe ſanft herabzuſchweben. Die Nebel⸗ und Wolkengebilde theilten ſich, der Schnee ver⸗ ſchwand; Ludwig glaubte auf einer ſanften, grünenden Matte zwiſchen dem Felſenthale hinzuwandeln. O Dank, Dank, daß — 150— ich mich aus dieſer Wildniß wieder auf den richtigen Pfad gefunden! Dort hinter mir liegt ja das Hospitium auf der Schneehöhe; ja, hier ſteige ich nach Aoſta hinab. O, du Liebe, Holde, warum entfliehſt du vor mir? Ich ſehe ja deinen grünen Schleier flattern, ich habe dich ja längſt er⸗ kannt! Bianca, Bianca! Warum warteſt du nicht mein? Warum willſt du, wie damals, weiter und immer weiter hinwegziehen? Da wandte ſich die edle Geſtalt der Gelieb⸗ ken um, und ſie ſchlug den Schleier zurück und blickte ihn ſanft lächelnd an. Ich bin dir ja ſo nahe! Dich peinigt ein Traum, daß du mich rufeſt. Siehſt du nicht die rei⸗ zende Landſchaft um uns her? Ermuntere dich, ſetze dich zu mir auf dieſe Bank an der Hütte. Ja, mein Geliebter, hier wollen wir wohnen, hier iſt es traulich und ſtill. Sieh nur, wie die Rebe ſich um das Fenſter rankt, und die breite Kaſtanie, die ihre Äſte weit über das Dach hinſtreckt! Wie Frühlingshauch trafen ihn dieſe Worte und eine ſüße ſelige Wehmuth drang in ſein Herz. Bianca! Iſt es denn kein Traum? Bin ich endlich mit dir vereinigt? rief er bang und hob die Arme der Geliebten entgegen. Sie neigte ſich holdſelig zu ihm, er zog ſie näher und drückte ſie bebend an ſeine klopfende Bruſt. Sie ſaßen nebeneinander auf dem Raſen, gegen den Stamm der alten Kaſtanie gelehnt. Ludwig hatte den Arm ſanft um den Nacken der Holdſeligen gelegt, und ſie ſenkte das Haupt auf ſeine Schulter; ihre Hände ruhten ſpielend ineinander. O, ſo werden die wunderbaren Träume doch endlich wahr! So ſind wir endlich vereinigt und nichts mehr trennt uns wieder. Nein, laß mich nicht los, wenn die kalte Wolke dort vom Gebirg herabkommt und uns verhüllt. Wenn ich dich nicht ſehe, mußt du dich inniger an meine — 151— Bruſt ſchmiegen. Zitterſt du vor dem rauhen Sturm? Er wird die Lawine auf uns herabſtürzen! Sieh nur, ſchon ſtäubt die Schneehaube dort auf dem Felſen hoch auf! Weiter abwärts laß uns flüchten! Der Traum riß den Schlummernden in neue verwor⸗ rene Vorſtellungen hinein. Durch den Sturm und den wir⸗ belnden Schnee, der ſein Angeſicht wirklich traf, wurde er aus den holden Bildern, die ſeine Sehnſucht geſchaffen, rauh aufgeſchreckt. Er glaubte mit Bianca zu flüchten. Wohin ſie ſich wandten, ſtürzten die Lawinen. Die Erinnerungen jener erſten Nacht auf dem Simplon ſtiegen in ſeltſam in⸗ einander verrinnenden Bildern vor ſeiner Seele auf. Er glaubte, tief verſchüttet zu ſein;z um ſo inniger, angſtvoller drückte er die zitternde Geliebte an ſeine Bruſt. Er tröſtete ſie. Sei nicht bang, Holde! Weißt du, als wir damals, in jener erſten Nacht in der dunklen Höhle der Erlöſung harr⸗ ten? Ach, wie ſehnte ſich da mein Herz nach deiner Um⸗ armung! Liebteſt du mich denn auch damals ſchon? Seit dem Augenblicke, wo ich dich zum erſten Male ſah, antwor⸗ tete ſie mit unausſprechlich ſüßer Stimme, als du mir das goldne Band brachteſt, weißt du noch? Es war ja an der Hütte im Thale, wo wir eben weilten! O damals! Wie ſchön war es damals, als ich dein Angeſicht zum erſten Mal erblickte; du lächelteſt mir entgegen, wie der Frühling Italiens, in den wir hinabſtiegen. Siehſt du, dort öffnet ſich das ſchwarze Thor! Sieh nur, wie die hellen Strahlen des Tages hereindringen! Er ging Arm in Arm mit der Geliebten dem Aus⸗ gang der Felſenhöhle zu. Das Thal lag, wie damals, vor ihm ausgebreitet; der Lenz öffnete die erſten Knospen und lächelte aus dem blauen Himmel über die Berge hin. Sieh nur, wie die Kleine uns dort entgegenhüpft. Sie erkennt — 152— die ſchöne Signora wieder, die ſo freundlich mit ihr that. Aber laß uns dort hinunter nach den blauen Seen, den Rebengeländen und blühenden Gärten. Jetzt wallen wir zwiſchen den Felſen dahin, die Sonne wird untergehen, wenn wir am Abhang ſtehen und in das ſelige Land hinunter⸗ blicken. Siehſt du? Siehſt du— jetzt dringt uns ihre rothe Gluth gerade ins Auge. Dort hinter der Alpenſpitze geht ſie nieder. Wie der goldne Rauch das Thal durchzieht und die fernen Gefilde, vom Purpurduft umſchimmert, mit dem Himmel zuſammenrinnen! O, hier iſt es ſchön! Immer reizendere Bilder webte der Traum. Arm in Arm mit der Geliebten wandelte Ludwig in ſeliger Einſam⸗ keit durch die Fluren. Ein ſchattender Hain bot ihnen einen Ruheſitz. Unter den leichten Wölbungen der Zweige hin⸗ durch ſchweifte das Auge über Thäler und Fernen, die im Abendgolde ſchimmerten, dahin. Bianca ſchmiegte ſich liebend an ſeine Bruſt; er berührte die Lippen der Holdſeligen, ſeine Seele erglühte in der trunkenen Flamme, die ihn durchrann. O, gütiger Himmel, betete ſein Herz dankend empor, ich ſinke ſelig ſterbend hin in dieſer Wonne! Da murmelt dumpfer, ferner Donner, wie wenn die Lawinen in den Abgrund rollen. Er fährt auf aus der Umarmung der Geliebten; ſie ſteht bleich und bebend vor ihm. Siehſt du, ruft ſie, die Sonne entzündet die Erde und Alles flammt auf in loderndem Brand. Ludwig ſtarrt hin. Ein Flammenmeer wogt rings um ihn her. Entſetzt will er fliehen. Sein Fuß iſt an den Boden gebannt. Die Geliebte flüchtet durch die Nacht, nur ihre weißen Gewänder ſieht er noch fern ſchimmern. Er ſtreckt die Arme nach ihr aus, er will ſie rufen, die Stimme verſagt ihm; die Flam⸗ men brennen ihn mit ſtechendem Schmerz ins Auge. Da —.— — 153— ſchlägt plötzlich ein donnerndes Getöſe an ſein Ohr und ſprengt gewaltſam die Bande des Schlummers, die ihn noch in feſſelnder Betäubung halten. Er ſpringt empor und ſtarrt um ſich her. Selbſt wachend ſteht er noch betäubt und kann den un⸗ geheuren Wechſel zwiſchen Wirklichkeit und Traum nicht faſſen. Endlich vernimmt er die dröhnenden Trommeln und Trom⸗ peten, die zum Aufbruch rufen. Der Wind treibt ihm die hochauflodernde Flamme des Lagerfeuers ins Geſicht, die ſchon in ſeine Träume furchtbar hineinleuchtete, bis das Kriegsgetöſe den Vorhang, der ſein Bewußtſein umhüllte, plötzlich zerriß. Jetzt erſt fühlte er, wie die rauhe Hand der Wirklichkeit ihn unerbittlich packt und aufſchüttelt aus dem holdſeligen Wahn! Verſchwunden das Bild der Geliebten, ver⸗ ſunken die Zaubergärten des Traumes, verfinſtert das reizende Eden umher! Rings nur die Unermeßlichkeit der erſtarrten Wüſte und der Nacht. Aus ſeligen Gefilden iſt er hinab⸗ geſtürzt in die Finſterniß der Verdammten. Welch eine grau⸗ ſame Verhöhnung! Es iſt zu viel! Zermalmend ſinkt der Schmerz auf ſeine Bruſt, ſie muß zerſpringen in dieſer Qual. Da faßt Bernhard ſeine Hand und blickt ihm ſtaunend ins Auge.„Was iſt Dir, Ludwig?“ fragt er mit ſanft eindringender Stimme. „O, mein Bernhard! In Deine Arme laß mich flüch⸗ ten vor der kalten Schlange des Entſetzens, die mir mit eiſigen Ringen die Bruſt umſchnüren will.“ Er hielt ihn in heißer, unauflöslicher Umarmung; an dem Herzen des Freundes löſte ſich das ſtarre Grauſen ſei⸗ ner Bruſt, und in milden Wellen floß der tiefe, unerſchöpf⸗ liche Strom der Schmerzen dahin! Achtes Capitel. Endlich lag Smolensk, das viel verheißene, erſehnte Ziel der Mühen, vor den Blicken der Krieger, und ſtieg mit ſeinen ſchwarzen Mauerzinnen und Thürmen finſter über dem Schneegefilde empor. Dort ſollt ihr Obdach finden gegen die Winterſtürme; dort wird der gierige Hunger, der in euren Eingeweiden nagt, geſtillt werden; dort ſollen die erſtarrten Glieder Wärme, die überſpannten, ſchmerzenden Muskeln Ruhe, die todesmatte, erſchöpfte Kraft des Geiſtes Stärkung finden. Nicht die zehntauſend wandernden Griechen ſahen ſo freudig den Spiegel des heimiſchen Meeres vom Gebirge her glänzen, nicht Columbus verzagende Mannſchaft begrüßte die Küſte des neuen Welttheils mit ſolchem Freudendank gegen den Allmächtigen, als die vom Grimm des Winters, des Hungers und der Todesermattung verfolgten Krieger die Mauerzinnen der Stadt erblickten, wo ihnen das Ende der Miühſal verheißen war. Ein Schimmer der Freude überflog die bleichen, hagern Geſtalten, ein letzter Anflug des Muthes und der Kraft kehrte in die entkräfteten Körper zurück. Schon war man auf eine Stunde Weges den Mauern dieſer Feſte nahe gekommen, als man von beiden Seiten der Straße, anfangs einzeln, dann in größern Trupps, die ver⸗ hungerten geſpenſtiſchen Geſtalten Derjenigen gewahrte, die ihre Waffen verloren oder weggeworfen hatten und, weil ſchon die Bande der Ordnung und des Gehorſams überall zerriſſen waren, die Hoffnung hegten, ſie würden einzeln, willkürliche Wege wählend, ſicherer durch die Wüſteneien des Schnees und der Wälder dringen, als wenn ſie bei der Maſſe 1 4 — 1355 blieben, für die niemals Das ausreichte, was man auf einem Fleck verſammeln konnte. So waren denn Tauſende wie Räuberhorden dem Heere bald vor, bald nachgezogen, bald hatten ſie es zur Seite umſchwärmt. Die Wuth des Hun⸗ gers in dem gierigen, von Entzündung glühenden Auge, ſchwarz von Rauch und Erde, in Lumpen gehüllt, warfen ſich dieſe Scharen gleich den Harpyen über Alles her, was ſie berührten. Keine vernünftige Stimme zügelte ihre bis zum Wahnſinn geſteigerte Begierde. Fanden ſie irgendwo eine Speiſe, ſo fielen ſie mit der Wuth des Raubthiers darüber her und verſchlangen ſie mit ſo raſender Haſt, daß die Mei⸗ ſten, wie an genoſſenem Gift, gleich darauf unter wilden Qualen zuckend zu Boden ſtürzten und den Geiſt aufgaben. Doch kein Beiſpiel ſchreckte die ſpäter Herandringenden ab; wie von blindem Wahnſinn getrieben, ſtürzten ſie ſich in daſſelbe Verderben, das ihre Kameraden vor ihren Blicken getödtet hatte. Ja, ſelbſt das Geheul und das Achzen der noch zuckenden Sterbenden ſchreckte ſie ſo wenig zurück, als es ihnen auch nur noch einen Blick des Mitleids abgewann. Das Elend hatte die menſchliche Natur in dieſen Unglückſeligen zur entſetzlichſten Entartung geführt; Jeder kannte nur ſich ſelbſt, nur den nächſten Augenblick; denn die Qualen der Gegenwart waren zu fürchterlich, und Alles, was dieſe ſtillte, erſchien als ein nicht zu faſſendes Glück, wenn gleich in der nächſten Minute das doppelte Elend dafür hereinbrach. Dieſe grauenhaften Geſtalten erſchienen plötzlich, zu dunklen Schwär⸗ men zuſammengerottet, wie ſie aus den nächſten Wäldern, durch die ſie ihren Weg genommen hatten, zufällig früher oder ſpäter auf die Straße geriethen. Eine Viertelſtunde vor der Stadt häuften ſich die Andrängenden ſo, daß die noch geordneten Corps der alten und der jungen Garde ſich nur mit Mühe die Straße zum Marſch freihielten. Jetzt zogen * 8 — 156— ſich die Thalränder, die die Ufer des Dnieper bilden, näher zuſammen und beſchränkten die Straße. Von beiden Seiten zeigten ſich dieſe entſetzlichen Rotten auf den Höhen. Sie verſuchten auf den beſchneiten, beeiſten Abhängen hinunterzu⸗ klimmen, um die Straße zu erreichen, doch die ſchwache Kraft der Füße leiſtete ihnen den Dienſt, wozu rüſtige Ge⸗ wandtheit gefordert wurde, nicht mehr. Sie ſtürzten über einander hin, die Abhänge hinab, und rötheten den Schnee mit dem Blut ihrer von den rauhen Eisſplittern zerriſſenen Hände und Wangen. Unter jammerndem Geheul rollten ſie in die Tiefe, vermochten aber nicht mehr, ſich von dem Sturz auf⸗ zurichten, ſondern blieben betäubt am Wege liegen. Jetzt ſah man die Thore der Stadt. Selbſt unter den in dem eiſernen Geſetz des ſtrengſten Gehorſams feſt eingewachſenen Corps der alten Garde ließ ſich jetzt die Ordnung nicht mehr erhalten, ſondern gleich hungerigen Tigern auf die Beute, wollten die Einzelnen aus den Reihen hervorſtürzen, um zu⸗ erſt den Zufluchtsort zu erreichen; denn ſchon hatte ein Theil jener Horde Verhungernder, die ohne Führer und Ordnung durch die Wälder gedrungen waren, die Stadtmauern er⸗ reicht und dräͤngte ſich in ſchwarzem Gewimmel um dieſelben her. Doch bei dem Anblick dieſer hohläugigen Geſtalten, in den ſeltſamſten Trachten, wie Noth und Zufall ſie er⸗ finden, bei ihrem krampfhaft gierigen Andrängen, hatte man in der Stadt gefürchtet, und mit Recht, ſie würden wie eine Schar hungeriger Wölfe über die Vorrathsmagazine herfallen und überall plündernd und zerſtörend einbrechen. Deshalb wurden ihnen die Thore des verheißenen Aſyls ge⸗ ſchloſſen, und ohnmächtig wütheten und jammerten ſie vor den unerbittlichen Mauern um Einlaß. Schhon mehrere Stunden hatten viele dieſer Ungluckli⸗ chen, vom Froſt erſtarrt, vom Hunger gefoltert, im Angeſicht —— der Rettung vergeblich um Hülfe und Erbarmen gerufen. Die Meiſten waren in Verzweiflung und Erſchöpfung nie⸗ dergeſunken und durch die immer grimmiger werdende Kälte ſchon getödtet. Die geordneter heranrückenden Truppen vernahmen das gräßliche, wilde Geheul um Speiſe, welches ſich mit herz— zerſchneidenden Lauten des Jammers miſchte. Jetzt überkam auch ſie die Angſt, daß es ihnen eben ſo ergehen möge, daß man hier Gewalt brauchen müſſe und nur Derjenige Labung finden werde, der zuerſt raubend einbreche. Darum ſtürzten ſie aus den Reihen hervor und ſuchten, ſo viel die erſchöpf⸗ ten Kräfte ihnen geſtatteten, einander vorauszueilen, um den Ort des Heils zu erſtürmen, und was er darbieten konnte, mit gewaltſamer Hand zu erbeuten. Der Marſchall Beſſières warf ſich vergeblich Denen, die den Gehorſam aufkündigten, entgegen, umſonſt ſuchten die Offiziere ſie mit Gewalt zurückzuhalten. Das Getümmel drohte ſchon ſich fort durch die ganze lange Colonne zu ver⸗ pflanzen, als plötzlich der Kaiſer in den vorderſten Reihen erſchien, und mit einem Wink Halt gebot. Die Ehrfurcht vor der geheiligten Perſon des Feldherrn, an dem ſich in dieſer Zeit der Drangſale das letzte Vertrauen hing, feſſelte ſelbſt die Verwegenſten. „Soldaten, kehrt in Eure Reihen zurück,“ ſprach er ſtreng aber ruhig, und fand augenblicklichen Gehorſam. Er ſelbſt ritt jetzt an die Spitze der Truppen, und in düſterer Stille, aber ſtreng geordnet rückten die Krieger in die Feſtung ein. Raſinski mit den Seinigen folgte unmittelbar der alten Garde. Nur die Hälfte war beritten, die übrigen gingen zu Fuß, da ihre Pferde vor die Kanonen geſpannt waren. Bernhard und Ludwig waren zu Pferd. Als ſie auf der — 8— Höhe des Thalrandes waren, deutete Ludwig mit der Hand zur Linken über das Schneefeld und ſprach zu Bernhard: „Erkennſt Du wol das Schloß dort drüben?“ „Hm!“ entgegnete Bernhard,„ich hätte geglaubt, es müſſe völlig heruntergebrannt ſein; aber es ſteht doch noch ſo ziemlich auf den Beinen.“ „Ich weiß nicht, weshalb ich auch noch jetzt dieſes ehr⸗ würdige Gebäude mit ſeinen ſeltſamen Thürmen und Zinnen, mit einem ganz beſondern Gefühl betrachte,“ antwortete Ludwig. „Ich jetzt mehr als damals; aber das macht die Erin⸗ nerung. Weißt Du, ich glaube, wir ſind unkenntlicher ge⸗ worden als das Schloß dort, obwol die Flamme ihm wahr⸗ ſcheinlich alle Eingeweide ausgebrannt hat. Denn wenn ich Dich ſo betkachte, mit dem langen Bart und den ſchwarzen— Rauchfurchen im Geſicht, ſo kann ich mir wol denken, wie ich ſelbſt ausſehe. Es wäre der Mühe werth, unſer Por⸗ trait zu malen, damit wir doch dereinſt in Deutſchland oder Frankreich den Leuten zeigen könnten, welche Geſichter die ſiegreiche Armee geſchnitten hat, als ſie zum zweiten Mal nach Smolensk kam.“— „Seid getroſt, Freunde,“ ſprach Raſinski zurückgewandt, „eine Zeit der Ruhe liegt vor uns. Sie wird uns auch Gelegenheit bieten, uns wieder ein menſchliches Anſehen zu geben.“ 3 Sie ritten jetzt durch das Thor der oberen Stadt ein; denn die öſtliche Hälfte liegt auf der Anhöhe, die weſtliche jenſeit des Dnieper in der Tiefe. Als ſie die nächſte Gaſſe hinabkamen, blickten ſie einander betroffen an. „Nun wahrlich!“ ſprach Bernhard leiſe zu Ludwig, „Smolensk ſieht nicht aus, als ſollte es unſer Capua werden.“ „Wenn die ganze Stadt ſo zerſtört und wüſt iſt,“ ant⸗ „ —— — 159— wortete Ludwig eben ſo leiſe,„ſo wird ſie uns nicht mehr Lebensmittel darbieten, als die große Straße, die wir ge⸗ kommen ſind.“ „Ich ſehe noch nicht, wie wir ein Loth Reis hier kochen wollen,“ flüſterte Bernhard;„bemerkſt Du wol, daß alle Fenſterkreuze ausgebrochen ſind? Wo hier noch Holz in der Mauer ſaß, ſcheint man ſchon Ernte gehalten zu haben.“ „Und dochz, glaube ich, thäten wir wohl, einige dieſer Einſturz drohenden Gebäude in Zeiten zu beſetzen,“ erwiderte Ludwig eben ſo leiſe;„denn wenn jene Maſſen Unglücklicher von draußen erſt hereindringen, ſo bleibt kein Stein auf dem andern.“ „Das denke ich auch,“ entgegnete Raſinski, der mit ſei⸗ nem leiſen, ſtets aufmerkſamen Ohr Alles vernommen hatte, „und ich ſinne auch ſchon darauf, ſchnell das Recht des Erſt⸗ beſitzes geltend zu machen. Nur hoffe ich, die Unterſtadt wird beſſer erhalten ſein; denn hier ſtürzt uns vielleicht in der Nacht das ganze Quartier über dem Kopf zuſammen.“ „Die friſchen Pferdegerippe dort auf der Seite,“ ſprach Bernhard, und deutete mit dem Finger in eine engere Sei⸗ tengaſſe hinein,„zeigen auch nichts Gutes an; ſie ſehen mir grade ſo aus, als ob das Fleiſch erſt vor einer halben Stunde heruntergeſchält wäre. Ich möchte meinen armen Klepper, ſo mager er iſt, hier nicht eine Viertelſtunde an⸗ binden; denn ſchwerlich fände ich etwas Anderes von ihm wieder, als die Knochen. Auf einen ſonderlichen Braten dürfen wir daher hier auch nicht rechnen.“ „Nun, Lebensmittel ſind hier,“ entgegnete Naſinski, „oder die Befehle des Kaiſers müßten aufs unverantwort⸗ lichſte vernachläſſigt worden ſein. Ihr habt doch noch vor⸗ geſtern geſehen, daß ein Transport herauskam, den der Kaiſer billigerweiſe Denen zuſandte, die ſich für uns ſchlagen, — 160— und außer der Beſchwerde des Marſches noch die Gefahr des Kampfes tragen müſſen.“ Ein Adjutant unterbrach das Geſpräch, indem er den Befehl brachte, rechts ab zu reiten, wo die Quartiere für die Cavalerie angewieſen ſeien. Naſinski nahm daher mit der kleinen Schar, die er noch um ſich hatte, ſeinen Weg durch eine gewundene, halb eingeſtürzte Gaſſe und erreichte ſo einen freien Naum, wo einige große, ſteinerne Gebäude, die vermuthlich zu Waaren⸗ magazinen gedient hatten, in den unteren Geſchoſſen Ställe für die Pferde, in den oberen Quartier für die Leute dar⸗ boten. Doch auch dieſe Häuſer waren faſt ganz verwüſtet. Nur in den oberen Stockwerken ſah man noch hier und da ein Fenſterkreuz; die Thüren waren ſämmtlich ausgehoben, ja an einigen Stellen der gedielte Boden aufgeriſſen. Indeſ⸗ ſen gewährten die halb zertrümmerten Gebäude doch ein trocknes Obdach, und falls man nur Holz, Lebensmittel, Stroh und Futter für die Pferde herbeiſchaffen konnte, ſo ſchien der Aufenthalt darin doch, gegen die bisherigen Be⸗ ſchwerden gehalten, eine Zeit der Schwelgerei zu verſprechen; denn in den meiſten Zimmern fanden ſi ch große, ſteinerne Ofen, durch die man, ſelbſt bei den nicht zu ſchließenden Fenſtern, doch noch Wärme genug in den Räumen verbrei⸗ ten konnte, um darin auszudauern. In wenigen Minuten waren die Quartiere bewohnt, die Pferde in die Ställe gezogen. Raſinski's regelmäßige, unermüdete Sorge hatte es bewirkt, daß er bis auf einige Wenige, die der Anſtrengung unterlagen, ſeit dem Tage von Dogorobuye die Seinigen beiſammengehalten hatte. Da er nicht duldete, daß irgend Einer, er ſelbſt aber am wenigſten, einen Vorzug genieße, waren auch die kümmerlichen Lebens⸗ mittel ſo verwaltet worden, daß Niemand ganz leer ausging. —y— „ — 161— Jetzt war es ſein Erſtes, Boleslaw zum Empfang von Lebensmitteln für die Leute und Jaromir zu dem von Fou⸗ rage, jeden mit angemeſſener Mannſchaft, abzuſenden. Bo⸗ leslaw nahm zwölf Mann und ging nach dem ihm bezeich⸗ neten Magazin. Hier fand er ein unbeſchreibliches Getüm⸗ mel. Es war nicht ſobald bekannt geworden, daß in dem Gebäude Lebensmittel aufgeſtapelt ſeien, als die hungernden Soldaten und Nachzügler ſich, wie ein Schwarm von Ra⸗ ben über einen Leichnam herfällt, um die Thüren lagerten, und mit ihrem Jammer und Heulen die Lüfte erfüllten. Einigen gelang es, trotz der davor geſtellten Wachen, eine Thür aufzubrechen, und nun mit blinder Gier über die Le⸗ bensmittel herzuſtürzen und ſie roh zu verſchlingen. Man ſah, ſie fanden nur ihren Tod, und was Hunderte vom Verderben retten konnte, wurde frevelhaft vergeudet, um die raſende Begierde einiger Wenigen zu ſtillen. Deshalb war es nothwendig, ſo grauſam die Maßregel erſcheinen konnte, der geſetzloſen Gewalt eine geſetzliche entgegenzuſtellen. Die Auf⸗ ſeher der Magazine mußten regelmäßige Truppen herbeirufen, die mit dem Bajonett und dem Säbel auf ihre eignen Ka⸗ meraden eindrangen und ſie zurücktrieben. Da dies aber nicht ſogleich gelang, weil Jedem der Hungertod entſetzlicher ſchien, als der plötzliche durch die Waffen, wurde Feuer in den dichteſten Haufen gegeben. Jetzt ſtob er auseinander; doch er ließ den Boden mit blutenden Leichen bedeckt. Durch ein ſolches ſchauderhaftes Gewühl mußte ſich Bo⸗ leslaw Bahn machen; er that es mit Ernſt, aber zugleich mit tief ſchmerzlichem Gefühl. Doch ſelbſt der Berechtigten waren ſo Viele, daß mehrere Stunden im Kampf und Ge⸗ dränge verſtrichen, ehe er die Lebensmittel, die ihm zukamen, empfangen konnte. Seine Leute gehorchten ihm noch und trugen das Empfangene, ohne es zu berühren, zu ihren Ka⸗ 6 — 162— meraden, um es mit ihnen zu theilen. Allein dies war nicht leicht.. Mann an Mann geſchloſſen, mit den gezogenen Piſto⸗ len in der Hand, mußte Boleslaw ſie durch die tobende, fluchende, heulende und jammernde Menge führen und ſich gegen dieſelbe wie gegen eine Räuberbande vertheidigen. Nur mühſam gelang es ihm, endlich bis in das Quartier des Regiments zu dringen. Jaromir war glücklicher geweſen als er, denn bei dem Empfange der Fourage hatte nicht ein ſolches Gedränge ſtatt⸗ gefunden. Als Boleslaw Naſinski ſeinen Bericht abſtattete, ſchüt⸗ telte dieſer das Haupt und ſprach:„Das ſind bedenkliche Zeichen! Wir werden hier nicht lange bleiben können, denn unſer Beſtreben muß es ſein, ſo raſch wie möglich die Gren⸗ zen Rußlands zu erreichen. Bei einer ſo gänzlichen Auflö⸗ ſung alles Gehorſams würde ein entſchiedener Angriff uns vernichten. Ich ſandte Bernhard und Ludwig zum Empfang von Munition; dort hatten ſich nur von wenigen Regimen⸗ tern Leute eingefunden. Wenn der Soldat ſchon nicht mehr daran denkt, ſich vertheidigen zu wollen, was ſoll daraus werden? Ja ſelbſt zum Empfang der Löhnung hatte ſich nicht ein Drittheil eingeſtellt, obgleich alle Regimenter be⸗ nachrichtigt waren!“. „Laß nur dieſen einen Tag der gänzlichen Erſchöpfung und Verzweiflung vorüber ſein,“ antwortete Boleslaw,„ſo wird ſich Ordnung und Gehorſam ſchon wiederfinden. Noch haben die Schrecken des Marſches, des Hungers, der Kälte die Leute ganz betäubt. Mußten wir ſelbſt doch alle Kräfte zuſammenraffen, um nicht den Muth völlig ſinken zu laſſen; und wie viel beſſer iſt es uns noch ergangen als den Übri⸗ gen! Durch Deine Fürſorge ſind die meiſten unſerer Leute * — 163— warm gekleidet; ſie haben wenigſtens gute Stiefel und Män⸗ tel. Auch iſt immer noch etwas Speiſe für ſie da geweſen. Aber betrachte die Andern! Zerlumpt, mit zerriſſenen Schuhen, mußten ſie die furchtbaren Nächte im Freien zu⸗ bringen, die Tage hindurch ſich durch den Schnee arbeiten. Wenn die Qualen ſo hoch ſteigen, daß in den Strafen des Ungehorſams kein Schrecken mehr liegt, dann läßt ſich die Ordnung nicht mehr erhalten.“ „Aber das Verderben liegt darin,“ ſprach Raſinski ſtark betonend; das Verderben des Ganzen und der Ein⸗ zelnen! Das ſehen die Raſenden nicht ein. Gefahr und Noth würden ſich für Alle um die Hälfte vermindern, wenn ſich Keiner eigennützig derſelben zu eutziehen ſuchte. Von Zwanzigen, von Hunderten gelingt es Einem; die Andern gehen deſto ſchneller und ſicherer zu Grunde.“ „Laß ihnen nur zwei Tage Zeit, ſich zu erholen, ſo werden ſie der vernünftigen Vorſtellung zugänglich ſein und zum Gehorſam zurückkehren!“ „Aber iſt es denn noch Zeit? Haben ſie nicht ſchon ihre Waffen weggeworfen? Fallen ſie nicht ſchon den übrigen nur als Ballaſt beſchwerlich, ohne noch etwas zur Rettung beizutragen? Der Kaiſer muß außer ſich ſein über einen ſolchen Anblick.“ Jaromir, Bernhard und Ludwig traten ein. Sie kamen von den Ställen herauf, wo alle Pferde wohl beſorgt waren. „Es iſt die erſte ordentliche Fütterung, die unſere Pferde erhalten, ſeit wir Moskau verließen,“ ſprach Jaromir.„Das heißt, unter einer ordentlichen Fütterung verſtehe ich halb Fhe halb Hafer und kaum eine Drittelsration. Doch ieht man, wie es den Thieren behagt und bekommt!“ „Um des Himmels willen gebt ihnen nicht volles Maß. e * 1 — 164— Kaum morgen oder übermorgen würden ſie es vertragen,“ erinnerte Raſinski. „Sei unbeſorgt,“ ſprach Jaromir,„ich habe ſelbſt überall das Auge gehabt.“ „Wohl,“ antwortete Naſinski.„Doch nun laßt uns auch an uns denken. Es iſt die erſte Mahlzeit ſeit langer Zeit, die wir unter Obdach, ſitzend und in trauter Gemein⸗ ſchaft zu uns nehmen werden.“ Alle noch übrigen Offiziere hatte Raſinski zu ſich in das leidlich bewohnbare Zimmer geladen. Es war das erſte Mal, daß er einen kleinen Vorzug vor den Seinigen hatte, den ſie ihm mit Gewalt aufdrangen. Er glaubte ihn dies⸗ mal annehmen zu dürfen, weil es den Leuten gleichfalls nach Verhältniß und Umſtänden wohl erging. Deshalb ver⸗ ſtattete er ſich auch mit den Freunden den Genuß einer Flaſche Weins; der Kaiſer hatte aus ſeinem eignen Vor⸗ rath jedem der Regimentscommandeure zwei Flaſchen zu⸗ ſtellen laſſen.„Die andere,“ ſprach Raſinski,„laßt uns auf dringendere Zeiten bewahren.“ Nach der Mahlzeit ſchloß die übermüdung Allen bald das Auge, und ſie genoſſen der köſtlichen Labung des Schla⸗ fes, ohne durch den Schmerz der vor Kälte erſtarrenden, oder durch die zu große Nähe der Flamme faſt verbrennen⸗ den Glieder jeden Augenblick aus der dumpfen Betäubung geweckt zu werden, die ſie in den Bivouacs ſtatt eines leichten, erquickenden Schlummers umfing. —ꝛ— — „— — 165— Ueuntes Capitel. Es war heller Tag, als ſie erwachten; und vielleicht hätten ſie noch länger geruht, wenn der Hunger ſie nicht geweckt hätte. Zum Glück konnten ſie ihn diesmal befriedigen. Raſinski ging aus, um zu verſuchen, ob er es möglich machen könne, ſeinen Leuten einigen Vorrath von Lebens⸗ mitteln zu verſchaffen, damit ſie für die nächſten Märſche gedeckt wären. Während ſeiner Abweſenheit kam Regnard und erzählte, daß ein zu Paris verhafteter General, Mallet, einen Auf⸗ ruhr zu ſtiften und die Abſetzung des Kaiſers zu decretiren verſucht habe. Freilich ſei die neue Dynaſtie nur einige Stunden alt geworden, dennoch habe die Nachricht einen tiefen Eindruck auf den Kaiſer gemacht, und er ſolle gegen den Grafen Daru geäußert haben:„Wie nun, wenn wir in Moskau geblieben wären?“ „Jetzt ſind dieſe Nachrichten eingetroffen?“ fragte Bern⸗ hard. „Schon zu Dogorobuye erhielt der Kaiſer die Depe⸗ ſchen,“ fuhr Regnard fort;„er achtete aber doch nöthig, ſie zu verheimlichen. Auch von der Arrieregarde ſollen ſchlimme Nachrichten eingetroffen ſein. Bei Wiazma hat ein heftiges Gefecht ſtattgefunden, wobei wir viele Leute verloren ha⸗ ben; der Prinz Beauharnois hat am angeſchwellten Fluß Wop, über den er ſeinen übergang nicht raſch genug be⸗ werkſtelligen konnte, ſeine halbe Artillerie und alle Bagage zurücklaſſen müſſen. Doch iſt ſie zum Glück den Koſacken nicht in die Hände gefallen, denn ſie wurde mit den Pul⸗ verwagen zugleich in die Luft geſprengt. Indeſſen muß die 4 — 166— Arrieregarde furchtbar gelitten haben, wenn wir bedenken, daß ſchon wir ſo viele Tauſende nur durch Hunger und Kälte verloren! Die nach uns Marſchirenden werden noch weniger finden als wir und haben es überdies mit dem Feinde zu thun.“ Jaromir hatte ſich ſtill zurückgezogen, während Regnard erzählte; bei dem großen Elende, welches jetzt herrſchte, war ihm das Schickſal Aliſetten's doch nicht gleichgültig. Er em⸗ pfand Mitleid mit der Unglücklichen, deren Leichtſinn jetzt ſo entſetzlich beſtraft werden konnte. Gern hätte er nach ihr gefragt, doch konnte er die Worte nicht über ſeine Lippen bringen. Deshalb verließ er lieber das Gemach und ging auf die Gaſſe hinab. In den letzten Tagen hatten die übermäßigen Anſtren⸗ gungen ihn mit Gewalt von der Beſchäftigung mit ſeinem Schmerz abgezogen. Kaum war jetzt ein Augenblick der Ruhe eingetreten, ſo zeigte ſich auch dieſer innere Feind wieder. Eine briefliche Verbindung mit Warſchau war jetzt unmöglich geworden; es machte ihm daher bittere Sorge, ob der Brief, den Raſinski zu beſtellen übernommen hatte, angekommen ſein werde, oder ob die entehrende Beſchuldi⸗ gung noch auf Lodoiska laſte, ohne durch ſeine Selbſtverur⸗ theilung zurückgenommen und geſühnt zu ſein. Dieſe Vor⸗ ſtellung quälte ihn mit unerbittlicher Härte. In den Augen der Geliebten ein Schuldiger zu ſein, das hatte er tragen gelernt; doch ihr für einen Unwürdigen, Verachtlichen zu gelten, deſſen rohe Geſinnung das Heiligthum ihres Herzens mit Füßen trat, und dem nach dem hinreißenden Augenblick der Leidenſchaft die Beſinnung nicht zurückkehrte— das beugte ihn in eine ſolche Tiefe hinab, daß er den Muth, dieſen Schmerz ertragen zu können, nicht in ſich fand. Und 5— 4 wenn nun— wie es jetzt durch das furchtbare Verhängniß — 167— welches das ganze Heer traf, möglich wurde—, wenn nun der Tod ihn und Raſinski und die übrigen, die ſeine Schuld⸗ und ſeinen Entſchluß der Sühne kannten, hinraffte, bevor Einer von ihnen den Schleier von der unglückſeligen Wahr⸗ heit heben konnte? Wenn er die Schmach und Entwürdi⸗ gung, die ſein Verdacht ſchonungslos auf die Geliebte ge⸗ worfen, nicht mehr zurücknehmen konnte! Wenn dieſe er⸗ drückende Laſt des Bewußtſeins ihn bis in das Jenſeits verfolgte! Bei dem Blick in dieſe Möglichkeiten ſchwindelte ihn als ob er an dem jähen Rande eines Abgrunds ſtehe; ſeine Vorſtellungen verwirrten ſich, und er bedurfte ſeiner ganzen männlichen Anſtrengung, um ihnen nicht willenlos anheim⸗ zufallen. Doch eine unheimliche Gewalt zwang ihn fort⸗ während, das Auge wieder in dieſe grauende Tiefe ſeiner Zukunft zu richten. Er fühlte, daß man die bewußte Macht über ſeine Gedanken verlieren könne; die Möglichkeit, wahn⸗ ſinnig zu werden, berührte ihn mit kaltem Grauen. Er ſah Regnard wieder gehen. Die lange, hagere, kno⸗ chenſtarke Geſtalt deſſelben, ſeine ſcharfen, ſelbſt durch die Anſtrengungen dieſer Zeit faſt gar nicht geänderten Züge flößten ihm jetzt einen Widerwillen ein, die an Furcht ſtreifte. Er glaubte ſeinen böſen Dämon in ihm zu ſehen, und wandte daher raſch ſeine Schritte, um ihm nicht zu begegnen. Bald nach Regnard kamen Bernhard und Ludwig her⸗ unter auf die Straße; ſie waren einander ſelbſt jetzt wieder kenntlich geworden, da ſie ſeit dem Rückmarſch von Malo⸗ Jaroslawez zum erſten Male die Möglichkeit gehabt hatten, ſich umzukleiden und ordentlich zu reinigen. 4 „Wahrhaftig,“ rief Bernhard im Heraustreten,„jetzt nehmen wir uns ganz ſtattlich aus. Seit Dir der Bart nicht mehr wie ein halbzölliges Stoppelfeld um das Kinn 3 — — 168— ſtarrt, ſiehſt Du ordentlich ſchön aus. Aber hier iſt freilich Niemand, der ſich verlieben könnte.“ „Schon wieder leichtſinnige Gedanken!“ ſprach Ludwig lächelnd.„Doch in der That iſt es ſogar in großer Be⸗ drängniß etwas werth, ſich nicht ſelbſt zum Widerwillen zu ſein. Erſt jetzt fühle ich mich wohl.“ „Im Ganzen ſieht man,“ antwortete Bernhard,„daß die Prügel dem Menſchen wie dem Hunde gut bekommen; denn wir befinden uns doch heute eigentlich ganz erträglich. Wenn man nicht unter der Peitſche verblutet, ſo iſt's ein geſunder Aderlaß.“ „Wie glücklich Du in ſo wenigen Stunden vergeſſen kannſt!“ ſeufzte Ludwig.„Ich ſehe die Vergangenheit zu finſter und die Zukunft zu drohend bewölkt, um mich der Gegenwart freuen zu können.“ „Beſter, die Zukunft wird ſo ſchlimm nicht ſein, denn wir ſind jetzt auf die ſchlimmſte gefaßt; wenn man weiß, was da kommt, empfängt man das Unheil ganz anders, als wenn man aus geträumtem Himmel plötzlich hineinfällt. Ein unvermutheter Stoß wirft mich hin; habe ich aber Zeit, mich feſt auf die Beine zu ſtellen, ſo kann ich der dreifachen Gewalt Widerſtand leiſten. Jetzt laß uns aber ſehen, ob wir Schuhe auftreiben können. Wir müſſen die Lazarethe durchſtöbern und verſuchen, ob ſich eine Erbſchaft machen läßt. Ich würde Raſinski gar gern dieſen Dienſt leiſten.“. Dieſer hatte ihm nämlich den Auftrag gegeben, den 2 Verſuch zu machen, ob ſich für die Leute, deren Schuhwerk durch den Marſch gänzlich zerriſſen war, neues auftreiben ließe. Sie gingen; mehr dem Zufall als einem Plane fol⸗ gend, nahmen ſie ihren Weg in die Unterſtadt, wo die La⸗ zarethe der Reſervearmeen ſich befanden. Vor einem großen, halb verfallenen, aber doch halb zur Bewohnung eingerichte⸗ 5 — 169—. ten Gebäude ſahen ſie zwei Männer in dicken Pelzen und mit Pelzmützen bekleidet ſtehen. Sie theilten Befehle an verſchiedene Andere aus, deren Uniform ſie als zu dem Ver⸗ b pflegungsperſonale gehörig bezeichnete. „Gewiß ein Paar Schufte, die uns hungern und frie⸗ ren laſſen,“ rief Bernhard unwillig,„und in ihren Pelzen ſpöttiſch zuſchauen, wenn der arme Soldat im Schmerz der Kälte Thränen vergießt. Ein Mutterſöhnchen! denken ſie. Aber ich wollte Euch nur einen Bivouac machen laſſen, wie den bei Dogorobuye!“ „Vielleicht wäre aber doch gerade bei dieſen Leuten et⸗ was zu machen,“ erwiderte Ludwig.„Laß uns näher gehen und zuſehen, ob wir etwas erlangen können.“ „Meinethalben! Aber ich geſtehe redlich, ich habe lieber 8 mit einem Koſacken zu thun, der's doch gerade herausſagt, 5 daß er mich plündern und im Nothfall todtſchlagen will, als mit dieſen giftigen Kreuzſpinnen, die ſich die fetten Bäuche von dem Marke der hinſterbenden Soldaten mäſten. Was f hilft's aber! Nur näher denn!“ Sie traten zu den beiden Männern, welche mit dem Rücken gegen ſie ſtanden, heran; als dieſe die Schritte und den Gruß der Kommenden hörten, wandten ſie ſich um. Ein gegenſeitiges Erſtaunen war ſowol in Ludwigs und Bern⸗ hards als in den Zügen der Fremden zu leſen. „Sehen wir uns hier wieder?“ fing nach einigen Au⸗ genblicken der Jüngere der beiden Fremden an, indem er den Mund zu einem widrigen Lächeln verzog. Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als Ludwig mit einem Gefühl, als 3 ſei er in eine Gletſcherſpalte geſtürzt, Beaucaire und in ſei⸗ nem ältern Begleiter St. Luces erkannte. „Gendarmen!“ rief Beaucaire, ehe Ludwig ein Wort hervorbringen, einen Entſchluß faſſen konnte,„verhaftet III. 8 1 — 170— ſofort dieſe Beiden unb werft ſie in ſtrenges Gefängniß! Es ſind Verräther, die ſich an Rußland verkauft haben!“ Erſt durch dieſe Worte erkannte Bernhard, wen er vor ſich habe; denn er hatte Beaucaire in Dresden nur einige Augenblicke auf der Straße geſprochen, und ſo feſt ihm die Phyſiognomie auch zum Theil aus früheren Erinnerungen eingeprägt war, hatte doch die Fremdartigkeit der Tracht ſein ſonſt ſo ſicheres Gedächtniß einen Augenblick ungewiß gelaſ⸗ ſen. Jetzt ergriff ihn eine unüberlegte aber unbezwingliche Wuth.„Das lügſt Du, elender Bube!“ rief er mit furcht⸗ barer Stimme, ſprang einen Schritt zurück und riß den Sä⸗ bel heraus.„Wer mir zu nahe kommt, dem ſpalte ich den Schädel!“ Ludwig, der gleichfalls erkannte, daß hier ein entſchloſſe⸗ nes Handeln allein zu retten vermochte, ſtieß mit angeſtreng⸗ ter Kraft den Gendarmen, der ihn beim Arme ergreifen wollte, zurück, daß er in den Schnee taumelte, und im Au⸗ genblick blitzte auch in ſeiner Hand der Säbel. In der Nähe waren Soldaten.„Kameraden, zu Hülfe, zu Hülfe!“ rief Bernhard laut.„Dieſe Schurken, die uns verhungern laſſen, wollen uns jetzt noch mißhandeln und morden! Herbei zu Hülfe!“ Allein, wie es in der Leidenſchaftlichkeit immer der Fall iſt, rief er dieſe Worte nicht franzöſiſch, ſondern in ſeiner Mutterſprache. Theils wurden ſie daher nicht verſtanden, theils bezeichneten ſie ihn ſogleich als einen Fremden, auf die, ſeit das Heer von ſo furchtbarem Unheil betroffen wurde, ſich der heimliche Haß der Franzoſen ſchon längſt gerichtet hatte. Sie glaubten, und nicht völlig mit Unrecht, ſämmt⸗ liche, aber zumal die deutſchen Bundesgenoſſen freuten ſich im Stillen über das Unglück des Kaiſers und der Armee. St. Luces, gewandt, jeden Umſtand zu benutzen, rief daher 3 — 171— ebenfalls:„Ce sont des traitres allemands, des espions soldés par la Russie!“ Dieſe Worte mußten beſſer wirken. Die in der jetzigen 8⸗ Stimmung leicht zu erbitternden Franzoſen drangen auf die beiden Opfer, die ihnen ſo bezeichnet waren, ein, um ſie nie⸗ derzuſchlagen. Bernhard wollte ſich nicht ergeben, doch Lud⸗ wig hielt ihm ſelbſt den Arm und rief:„Vertheidige Dich 5 nicht! Wir könnten hier ein Unglück anrichten. Man muß uns Urtheil und Recht gewähren. Raſinski wird uns nicht verlaſſen; auf ihn berufen wir uns.“ Bernhard ſtampfte unwillig mit dem Fuße und knirſchte mit den Zähnen. „Wir ſind Ihre Gefangenen, mein Herr,“ wandte ſich Ludwig zu St. Luces;„wir werden um Verhör und Urtheil bitten, damit endlich dieſe grundloſe Anklage ein Ende habe. 4 Wir ſind Soldaten des polniſchen Heeres; Obriſt Naſinski iſt unſer Befehlshaber. Er wird uns zu vertreten wiſſen; ich fordere, daß Sie ihm unſere Verhaftung ſogleich melden!“ Die Gendarmen nahmen Beiden die Säbel ab, und auf St. Luces' Geheiß wurden ſie ſofort in das Gebäude hineingeführt. Der Unteroffizier wollte ſie in die Wacht⸗ ſtube neben dem Thore bringen, wo die Magazinwacht ſich befand, doch Beaucaire rief:„Nein! Dieſe Verbrecher haben das Leben verwirkt. Sie müſſen in ein ſicheres Gefängniß gebracht werden. Sperrt ſie in einen der Keller nach dem Graben hinaus ein!“ „Ludwig, Ludwig,“ ſprach Bernhard im Gehen,„ich fürchte, Du haſt übel gethan, nicht den Waffen und der Flucht zu vertrauen. Wer weiß, ob Raſinski von dieſen— Schurken unterrichtet wird, ehe es zu ſpät iſt!“ Ludwig ſchien von der Wahrheit dieſer Worte getroffen. Im erſten Eifer konnte ſein edelmüthiges Herz ſelbſt einem ſolchen Feinde wie Beaucaire nicht dieſen Grad der Bosheit 8* 3 — 172— zutrauen; er hatte daher gegen ihn gehandelt, wie er gegen einen Mann von Ehre hätte handeln müſſen. Jetzt fiel ihm bei, daß vielleicht Niemand mehr als eben Beaucaire das Tages⸗ licht bei dieſer Angelegenheit zu ſcheuen habe; er dachte an die Zumuthungen, die der Elende ſeiner Schweſter gemacht hatte, und es ward ihm klar, daß dieſer Grad der Unwür⸗ digkeit auch nur in der niedrigſten Rache Genugthuung fin⸗ den könne. Da warf er einen Blick auf den Sergeanten der Gendarmerie, welcher ſie nebſt drei Mann begleitete. Dieſer trug den Orden der Ehrenlegion, hatte zwei Narben auf der Stirn und ein Auge, das eine würdige Geſinnung verſprach. „Ihr ſeid Soldat,“ redete er ihn an;„Ihr werdet einem Kameraden eine Bitte nicht abſchlagen.“ „Außer die, welche mir meine Pflicht verbietet,“ antwor⸗ kete der Sergeant ernſt. H „Wir ſind unſchuldig. Wir fallen als Opfer boshafter Rache. Wenn unſer Obriſt, der Graf Naſinski, unſere Ver⸗ haftung nicht erfährt, ſind wir ohne Rettung verloren. Gebt mir Euer Wort, ihm dieſelbe zu melden.“ „Wenn meine Befehle nicht dawider lauten, ſehr gern.“ „Er wird es Euch reichlich lohnen! Nehmt meinen Dank im Voraus,“ rief Ludwig freudig und wollte dem Sergean⸗ ten ſeine ganze Börſe in die Hand drücken. Doch dieſer trat zurück und entgegnete:„Keine Be⸗ ſtechung! Ich werde meine Pflicht als Soldat und Kame⸗ 4 rad thun. Doch weg mit Eurem Gelde! Was ſollte es uns 8 auch hier helfen? Von dem Zeug haben wir genug.“ „Ihr ſeid ein Ehrenmann; ſo nehmt wenigſtens einen Händedruck für Euren guten Willen.“ Der Sergeant reichte ihm ſchweigend, aber mit einem gutmüthigen Blick die Hand.„Hier ſind wir am Ziel,!”“ 4 ſprach er und öffnete eine mit Eiſen beſchlagene Thür, von 8 — — 8 — 173— der etwa zwanzig Stufen abwärts führten. Dann wandte man ſich in einen Gang zur Rechten, eine zweite Thür wurde aufgeſchloſſen, und Ludwig und Bernhard betraten mit einem innern Schauer ihr Gefängniß, das ſich ſofort hinter ihnen ſchloß. Es war ein feuchtes, kaltes Gewölbe, in das nur eine durch ein Eiſenkreuz geſchloſſene runde Hffnung, kaum von der Größe eines Menſchenkopfes, ſpärliches Licht hineinwarf. „Verfluchtes Loch!“ murmelte Bernhard zwiſchen den Zähnen;„kalt wie ein Eiskeller und doch dabei feucht! Sieh nur, wie alle Wände mit einem fingerhohen Reiftep⸗ pich bedeckt ſind! Ein ſo widriger, dumpfiger Geruch!“ Er ging tappend umher.„Sollte man uns hier wirk⸗ lich auf dem nackten Stein liegen laſſen? Nicht die Spur eines Lagers iſt zu treffen. Ein Glück, daß wir die Män⸗ tel anhaben, ſonſt könnten wir, ehe die Sonne untergeht, hier erfrieren.“ 1 „Ich hoffe, wir werden noch früher unſere Freiheit er⸗ halten,“ ſprach Ludwig in einem Tone, dem er den Aus⸗ druck tröſtenden Zutrauens zu geben ſuchte.„O Bernhard! Dieſer Kerker ſcheint mir nicht fürchterlich! Aber der Ge⸗ danke, daß ich Dich, den ganz Unſchuldigen, in alle dieſe Strudel eines verworrenen Geſchicks mit hineingeriſſen habe, nur weil Du mir eine hülfreiche Hand entgegenſtreckteſt, um mich zu retten—“ „Um Dich mit plumper, eſelhafter Dummheit vollends hineinzuſtoßen, während Du ohne meine unberufene Thor⸗ heit wahrſcheinlich jetzt auf dem Trocknen ſäßeſt,“ unterbrach ihn Bernhard faſt wild.„Sei kein Kind, Ludwig,“ fuhr er ſanfter fort.„Willſt Du Dir am Ende noch Vorwürfe darüber machen, daß Du die Sterne unſeres Schickſals nicht am Draht lenken kannſt? Willſt Du verantwortlich ſein von — 174—* jetzt bis in alle Ewigkeit für Das, was mir begegnet? Und doch knüpft ſich nur eine Urſache an die andere, und wenn ich in funfzig Jahren am Keichhuſten ſterbe, ſo kannſt Du— mir beweiſen, daß Du daran Schuld biſt, weil Du auf 1 dem Simplon im Jahre 1812 Deine Pflicht thateſt gegen eine ſchöne, bittende Unglückliche.“ Ludwig blickte finſter vor ſich hin und ſchwieg.„Schließ doch einmal die verfluchte Rechnung ab!“ fuhr Bernhard fort.„Es könnte mir zu⸗ letzt noch glücklich gehen, und ich wäre Dir dann für ewig zum Dank verpflichtet und dürfte kein Glas Wein mehr trinken, ohne mich gegen Dich zu verbeugen und zu ſagen: Siehſt Du, wäre ich nicht damals mit Dir nach Rußland gegangen, ſo hätte ich nicht mit Dir heimkehren können, und wäre ich nicht heimgekehrt, ſo hätte ich das große Loos nicht gewonnen, und hätte ich das große Loos nicht gewon⸗ 4 nen, ſo hätte mich die ſchöne Prinzeſſin nicht geheirathet, 1 und hätte ich ſie nicht geheirathet, ſo ſäße ich jetzt nicht hier in meinem Prachtſaal, und— kurz ich will Dir eine Kette von Urſachen und Wirkungen ſchmieden, die vom erſten Schö⸗ pfungstage bis zum jüngſten Gerichte reichen ſoll!“ „Deine freundlichen Verhüllungen werden mich an der Wahrheit nicht irre machen,“ antwortete Ludwig bewegt. „Ich ſehe dieſe Kerkerwände an, und meſſe die Weite zwi⸗ ſchen hier und der Heimat— und ich weiß nicht, aber ich fühle es, was und wer Dich hieher gebracht!“ „Ich fühle nicht, aber ich weiß, daß ich Dich her⸗* ſchleppte mit meinen Dummheiten in Dresden! Aber Du verlangſt vielleicht gar, ich ſollte Dich ruhig ſtecken laſſen in der Wolfsgrube und davonſchleichen, nachdem ich Dich hin⸗ eingetölpelt hatte? Donnerwetter! Jetzt ſchießt mir's auf! 4. Wäre ich nicht ein Lamm, ich könnte wild darüber werden! Seh' ich das Ding recht an, ſo willſt Du mir auf eine* — 175— feine, aber deſto boshaftere Weiſe nur Vorwürfe machen. Doch vergeblich, guter Freund! Mein Gewiſſen iſt ein Kro⸗ kodilspanzer, eine Rhinoceroshaut; ich ſage Dir, es iſt mit eich⸗ nen Bohlen verkleidet und ſchuß⸗ und feuerfeſt dazu. Glaubſt Du, ich werde mich für alle Sünder verantwortlich machen, die unvermuthet und ohne Beichte in die Hölle fahren, weil ſie von dem nachſtürzenden Kiesgerülle, auf dem mein Fuß zufällig oder ungeſchickt ausglitt, zerſchmettert werden? So wenig, wie ich den Urerzvater Adam anklage, wenn ich einen dummen Streich begehe, daß ſein Apfelbiß mir den Gewiſ⸗ ſensbiß zugezogen habe, den ich nämlich empfinden ſollte!— Aber ich wünſchte, wir hätten ein gutes Kaminfeuer hier und einen Divan mit Pferdehaaren gepolſtert; denn das Stehen wird mir ſchwer, obgleich ich die Nacht gut geſchla⸗ fen habe. Siehſt Du, das iſt noch ein wahres Glück, daß wir ausgeruht und halb geſättigt in dieſen ruſſiſchen Bürgergehorſam gekommen ſind. Faßte der Spitzbube uns ge⸗ ſtern ab, ſo wäre dies heute unſer anſtändiges Grabgewölbe, ſo raſch würden Hunger und Kälte uns ſtill gemacht haben.“ „Du biſt ſo gut! Von Allem ſiehſt Du die helle Seite!“ antwortete Ludwig gerührt.„Haſt Du denn aber nicht be⸗ dacht, daß wir unſern Feinden eben nur heute kenntlich ſein konnten? Wer hätte uns geſtern in den langen, ſtruppigen Bärten, mit dem verworrenen Haar, der ſchwarzen, rußigen Haut erkannt? So wird, was vor einer Stunde ein Glück für uns ſchien, jetzt unſer Verderben.“ „Und wer ſagt Dir das? Wenn es ſich in dieſer Stunde ſo umkehren kann, warum nicht in der nächſten abermals? Muth, Muth, Ludwig! Der Nachen des Todes ſteht lange offen, ehe er einmal zuſchnappt; er hat oft ge⸗ nug vergebens in dieſem letzten Vierteljahr die Zähne gegen uns gefletſcht; er ſoll uns heute nicht bange machen.“ — 176— „Ich zittere nicht!“ ſprach Ludwig mit Würde,„denn ich darf meinen Richtern, wie ich ſie ungern nenne, mit freier Stirn gegenüber treten. Aber ein tiefer Schmerz muß mich durchdringen, wenn ich ſehe, wie ein unſeliger Fluch auf mir laſtet und Die mit erdrückt, die ſich am treueſten zu mir ge⸗ ſellen möchten! Dich und Marien! Und, wer weiß—“ „Dreſtes!“ unterbrach ihn Bernhard.„So laß mich denn Dein Pilades ſein.“ Er nahm ihn in den Arm und küßte ihn herzlich. Zehntes Capitel. Eine Stunde, eine zweite verging; ſie harrten vergeblich darauf, daß man ſie zum Verhör führen ſolle. Die Kälte in dem dumpfen Gewölbe ſchien mit jedem Augenblicke zuzu⸗ nehmen. Rings waren die Wände mit feinen Eiskryſtallen bedeckt, und der Boden lag ſogar hier und da voll Schnee, wie ihn der Wind in die Fenſteröffnung getrieben hatte. Eben erhob er ſich draußen aufs Neue wieder und heulte ſchauerlich durch das Gewölbe. Die Müdigkeit zwang die Gefangenen, ſich auf dem eiskalten Steinboden zu lagern; doch die Kälte trieb ſie bald wieder auf. Nur in der Ab⸗ wechſelung zwiſchen Gehen und Liegen fanden ſie die Mög⸗ lichkeit, ſich vor dem Erſtarren zu ſchützen. Hände und Füße waren ihnen ſchon verklammt. Es fing an, zu dun⸗ keln; der Tag mußte ſich neigen. Ludwig wurde von Mi⸗ nute zu Minute unruhiger; Bernhard pfiff ſich Grimm und Sorgen weg. 3 „Ich fürchte,“ begann endlich Ludwig,„Raſinski weiß * — 177— nicht, was aus uns geworden iſt. Sonſt müßten wir ſchon Naſh icht von ihm haben.“ ie Zeit wird Einem lang im Vogelbauer! Wir ſi u0 erſt ein paar Stunden hier. Wer weiß, was für lang⸗ weilige Proceduren nöthig ſind, ehe er bis zu uns dringen kann.„Wär' ich ein Vögelein!’“ Ludwig ſchwieg; der Schmerz preßte ihm die Bruſt zu⸗ ſammen. „Mir fällt etwas ein,“ rief Bernhard plötzlich.„Als die von dem Directorium zur Deportation in die Wüſten Guiana's verdammten Terroriſten nach Amerika übergeführt wurden— ich glaube auch Collot d'Herbois, der ſchlechte Schauſpieler, der aber doch die Rolle des Tyrannen leidlich durchgeführt hat—, gab man ihnen, um ſie an die ſchma⸗ len Biſſen in der verpeſteten Wüſte zu gewöhnen, nur ſchmale Schiffskoſt. Da fingen die Kerle an, ſich auf's Brül⸗ len zu legen und ſchrieen, bis ihnen die Kehlen vertrockneten: „Mich hungert!“ Endlich wurde es der Capitain überdrüſſig unnd befahl:„Gebt den Hunden zu freſſen, damit ſie aufhö⸗ ren zu heulen.“ So könnten wir's hier auch machen und an die Thür dort donnern, bis ſich Jemand um uns be⸗ kümmerte.“ Dabei that er einen wilden Fußſtoß gegen die verſchloſſene Pforte, daß der Schall dumpf in dem Gewölbe wiederhallte. Doch er ſank halb taumelnd zurück, ſodaß Ludwig hinzuſpringen mußte, um ihn am Fallen zu hindern. „Verflucht!“ rief er, indem er die Zähne zuſammenbiß. „Ich dachte nicht an den verteufelten Schmerz in den er⸗ ſtarrten Füßen. Das war eine Empfindung, als ob ich zwi⸗ ſchen Hammer und Ambos gerathen wäre. Es geſchieht mir ſchon Recht. Geduld, Geduld! empfiehlt die Lehre der Liebe, und ich wollte ingrimmig toben gegen mein Schickſal. — 178— Du mußt mich ſchon ein wenig ſtützen, Beſter, denn der Schmerz iſt mir bis in das Rückenmark gefahren!“ Er lehnte ſich mit dem Arme auf Ludwigs Schulter und zog den ſchmerzenden Fuß krampfhaft an ſich. Da klirrten die Riegel der äußern Pforte, und man kam die Stufen hinab. „Nun, geholfen hat es wenigſtens!“ rief Bernhard;„ſo ſoll es mich auch nicht gereuen.“ Erwartungsvoll hielten Beide ihre Blicke auf die Thür geſpannt, die, ſo hofften ſie, ſich ihnen zur Freiheit öffnen werde. Der Sergeant trat mit ſeinen Leuten ein. „Ich habe Befehl, Euch zum Verhör abzuführen,“ ſprach er ernſt;„folgt mir.“ Von den Soldaten begleitet, verließen ſie den Kerker. Sie wurden über den Hof geführt. „Habt Ihr meine Bitte erfüllt?“ fragte Ludwig den Sergeanten halb laut. Doch dieſer deutete ihm durch ein ſtummes Zeichen an, daß er ſchweigen müſſe. Jetzt fing Ludwig an, zu fürchten, daß ſeine gerechte Sache doch einen böſen Ausgang nehmen werde. Naſinski konnte nicht benachrichtigt ſein, ſonſt würde er ſchon Schritte zu ihrer Befreiung gethan haben. Der Kaiſer war in der Stadt; ohne allen Zweifel wäre er dieſen ſelbſt angegangen. Mit dieſen Gedanken beſchäftigt, folgte Ludwig mechaniſch ſeinem vorangehenden Führer die Treppe im Vorderhauſe hin⸗ auf, wo man ihn und Bernhard in ein großes, gewölbtes Zimmer führte. Auf einem Tiſch am Ende deſſelben brannte Licht. Im erſten Augenblick verloren die Eintretenden faſt die Beſinnung, denn das Zimmer war ſehr ſtark geheizt, und da ſie ſelbſt dem Erſtarren nahe waren, wirkte die plötzliche Hitze ſo heftig auf ſie. Der Sergeant bemerkte es; er hieß — 179— ſie, ſich auf eine Bank ſetzen, die in der Wand eingelaſſen war, und dort bleiben, bis er zurückkehre. Die drei Mann ließ er zur Wache bei ihnen und trat in ein Nebenzimmer. „Habt Ihr nicht einen Biſſen Brot, Kameraden?“ fragte Bernhard;„wir ſinken faſt um vor Hunger. Ich will es Euch gut bezahlen!“ Nach einigem Zögern langte einer der Leute ein Stück ſchwarzen Brotes aus der Taſche, brach es durch und reichte Bernhard die Hälfte.„Nehmt! Aber mehr kann ich Euch nicht geben. Dies iſt Alles, was ich beſitze, und wer weiß, ob wir morgen noch etwas geliefert erhalten.“ Bernhard wollte ihm ein Goldſtück geben. „Ich bin unterm Gewehr,“ antwortete der Soldat;„ich darf kein Geld nehmen. Behaltet!“ In dieſem Augenblick trat der Sergeant wieder ein. Er ſah Bernhard, der eben das Brot mit Ludwig theilte, an und fragte:„Von wem habt Ihr das Brot?“ „Von mir,“ ſprach der Soldat feſt und trat mit ange⸗ zogenem Gewehr vor. „Du biſt brav, Cottin, aber Du haſt Unrecht gethan. Ich will nichts geſehen haben. Du bleibſt als Schildwacht draußen vor der Thür ſtehen; Ihr Andern tretet ab und geht in die Wachtſtube hinunter.“ Die Soldaten verließen das Zimmer. „Ich habe Euren Auftrag nicht erfüllen können,“ redete der Sergeant jetzt Ludwig an;„denn der Graf Raſinski iſt mit ſeinen porniſchen Lanciers befehligt worden, ſogleich zum Corps des Marſchalls Ney zu ſtoßen. Er war ſchon ſeit zwei Stunden fort, als ich ihn aufſuchte.“ Dieſe Nachricht traf Beide wie ein lähmender Schlag. Ludwig erblaßte und ſah Bernhard anz ſelbſt dieſer hatte die Faſſung verloren. Indem ſchellte es im andern Zimmer. — 180— „Ich muß Euch hineinführen,“ ſprach der Sergeant zu Ludwig;„Ihr ſollt zuerſt vernommen werden.“ „Bernhard!“ wandte ſich dieſer zu dem Freunde;„Du kannſt Dich retten; verſprich mir, daß Du es willſt. Werde ich hier ein Opfer der Nache eines Elenden, ſo bedenke, daß Du der Bruder meiner Schweſter ſein mußt. Ich ſterbe ruhig, wenn ich Dich gerettet weiß.“ „Kopf über Waſſer, Freund!“ entgegnete Bernhard, ohne die von Ludwig dargereichte Rechte zu faſſen. Wer will Dich verurtheilen? Gib ihnen nicht eine Sylbe zu.“ „Ich werde die Wahrheit, die volle Wahrheit ſprechen,“ rief Ludwig feſt;„dieſen Unwürdigen gegenüber bin ich zu ſtolz auch zu der kleinſten Lüge. Aber verſprich mir—“ „So antworte gar nicht; fordere den Beweis ihrer rich⸗ terlichen Gewalt.“ „Verſprich mir,“ unterbrach ihn Ludwig dringend. „Fort, fort,“ rief der Sergeant;„wir dürfen nicht ſäumen.“ „O Bernhard!“ rief Ludwig ſchmerzlich, denn er ver⸗ ſtand ihn wohl.„O Bernhard!— Nun wohl denn! Mein Leiden hat das höchſte Maß erreicht; es iſt nichts mehr zu verlieren als Ehre und Männlichkeit, und die ſoll mir kein Verhängniß rauben.“ Mit dieſen Worten ſchritt er, ſich raſch und entſchloſſen losreißend, mit wiedergewonnener voller Kraft durch den Saal. Bernhard blieb allein. Er hielt das noch unverzehrte Stück Brot in der Hand.„Arger verdirbt den Appetit,“ murmelte er vor ſich hin.„Man kann aber noch durch ſchär⸗ fere Säuren geätzt werden; es gibt Dinge, die den Heiß⸗ hunger verjagen; ſie müſſen aber bitterer ſein als Galle!— Mich hungert jetzo nicht mehr. Aber ich will Dich doch ver⸗ ſchlucken, hartes Brot des Mitleids! Der Magen könnte — — — 181— am Ende unſer Herr werden; aber jetzt müſſen es Kopf und Herz ſein. Ich bin nicht ſchläfrig; aber ich will auch ſchla⸗ fen auf dieſer Bank, daß nicht Todesmattigkeit mir die Glie⸗ der bricht, wo ſie feſt ſein müſſen wie Eiſen.“ So ſtreckte er ſich auf die Bank hin, um zu ſchlafen. Doch hatte er ſeinem Wollen zu viel zugemuthet. Denn ſchwerer als die Laſt der Ermattung lag die der Sorgen auf ſeiner Seele. Zu ſeinem Glück dauerte die Prüfung nicht lange, denn nach kaum einer Viertelſtunde erſchien der Ser⸗ geant, um auch ihn abzuholen. „Was iſt mit meinem Freunde geſchehen?“ fragte er haſtig. „Ich weiß nicht,“ lautete die Antwort, und in der Miene des ſtrengen Soldaten war es zu leſen, daß er nichts geantwortet haben würde, wenn er es auch gewußt hätte. Mit trotzigem Antlitz trat Bernhard ein. An einem langen Tiſche ſaßen St. Luces und Beaucaire; zwei jüngere Leute waren ihnen gegenüber eifrig mit Schreiben beſchäftigt. „Wir ſollten uns kennen?“ fragte St. Luces, indem er Bernhard ſcharf anſah. „Möglich,“ erwiderte dieſer;„ich wüßte aber nicht, wie ich zu der Ehre käme.“ Der verächtliche Ton, mit dem er die Worte ſprach, gab ihnen den umgekehrten Sinn. „Sollte ich vielleicht ſo glücklich ſein?“ fragte Beaucaire mit höhniſchem Lächeln.. „Ja, mein Herr! Ich habe Euch in Pillnitz und in Dresden geſehen; vielleicht auch ſchon früher irgendwo, denn Ihr habt ſo gewiſſe phyſiognomiſche Kennzeichen, die einem lange im Gedächtniß bleiben.“ 2 „So? Sehr erfreulich! Vielleicht iſt Euch auch die⸗ ſes Geſicht nicht ganz unbekannt,“ entgegnete Beaucaire und — 182— drehte ein Blatt, das vor ihm lag, um. Es war Bianca's Bild, das man in Ludwigs Brieftaſche, die ihm abgenom⸗ men worden war, gefunden hatte. „Ich habe es gezeichnet!“ ſprach Bernhard trocken. „Ich glaube mich deſſen recht wohl zu erinnern,“ ent⸗ gegnete Beaucaire;„es wird zu London im Theater gewe⸗ ſen ſein.“ Dieſe Worte fielen wie ein leuchtender Blitzſtrahl in Bernhards Bruſt; er blickte Beaucaire ſcharf an, und plötz⸗ lich hellte ſich das Dunkel ſeiner Erinnerungen auf. Er hatte dieſen widerwärtigen Menſchen in derſelben Loge mit Bianca ſitzen ſehen. Alle Gefühle und dunkeln Ahnungen ſeiner Bruſt wurden plötzlich aufgeſtört durch die nahe Möglichkeit, etwas Näheres von dem Weſen zu erfahren, das eine ſo räthſel⸗ hafte Macht auf ſein und Ludwigs Schickſal ausübte. Er vergaß das Verhältniß, in dem er jetzt vor Beaucaire ſtand, und rief haſtig:„Wer iſt dieſe Dame? Sie müſſen ſie kennen, denn Sie waren in ihrer Nähe!— Ich hätte noch andere Fragen wegen dieſes Abends zu thun, jedoch nicht an Sie,“ fuhr er ſtolzer fort, indem er ſich des verſäumten Duells erinnerte. Beaucaire lächelte teufliſch.„Sie geſtehen, Herr von St. Luces,“ wandte er ſich zu dieſem,„daß wir mit feinen Leuten zu thun haben. Der Herr ſpielt die Rolle des Un⸗ wiſſenden mit großer Wahrheit!“ „Mein Herr!“ fuhr Bernhard auf. „Ihr ſchweigt!“ erwiderte Beaucaire, indem er plötzlich den Ton eines Befehlenden annahm.„Meint Ihr, wenn es uns nicht zu andern Zwecken dienlich erſchienen wäre, wir würden einem Verbrecher wie Ihr dieſen verwegenen Ton nur einen Augenblick geſtatten?“ Bernhards Auge rollte wild; nicht der freche Befehl E r 8 8 — 183— Beaucaire's, ſondern der überwallende Zorn raubte ihm für den Augenblick die Sprache. Er warf den Blick im Zim⸗ mer umher, ob er nirgend eine Waffe entdecken könne; glück⸗ lich für ihn, daß ſein Auge auf keinen Gegenſtand dieſer Art ſtieß, denn er würde ſofort den höhnenden Schurken Beau⸗ caire damit zu Boden geſtreckt und ſein eignes Leben dafür eingebüßt haben. Dieſer nahm ſein Verſtummen für Furcht und fuhr fort: „Jetzt gebt Antwort auf die Fragen, die ich Euch vor⸗ legen werde. Wie ſeid Ihr zum Dienſt bei der Armee gekommen?“ Bernhards erſter Grimm hatte ſich gelegt; er fühlte, daß er ſich verachtend über den Unwürdigen zu erheben habe. Dies vermochte er nicht beſſer, als wenn er jetzt jenes ſtarre Schweigen beobachtete, das ihm zuvor auferlegt werden ſollte. „Hörtet Ihr meine Frage nicht? Wie ſeid Ihr zur Armee gekommen?“ Bernhard nahm einen unweit ſtehenden Seſſel, rückte ihn ſich heran, ſetzte ſich ohne Weiteres darauf und fing an, als ſei er ganz allein im Zimmer, einen Contretanz zu pfeifen. Beaucaire erblaßte vor Grimm.„Sergeant,“ rief er nach einigen Augenblicken,„führt den Verhafteten in ſein Gefängniß zurück.“ Pünktlich im Gehorſam, trat dieſer auf Bernhard zu und ſagte ihm, nicht ohne den Ausdruck einer gewiſſen Ehr⸗ furcht, die deſſen keckes Benehmen ihm abdrang;„Ich er⸗ ſuche Euch, mir zu folgen!“ „Sehr gern, mein braver Kamerad,“ antwortete Bern⸗ hard und ging mit ihm hinaus, ohne durch einen Gruß oder ſonſt irgend ein Zeichen zu verrathen, daß er von der An⸗ ——;— —— — 184— weſenheit der übrigen im Zimmer auch nur die mindeſte Kenntniß nähme. Beaucaire befahl den beiden Schreibern abzutreten; ſie gingen; er blieb mit St. Luces allein. 3 „Ein verwünſchter Proceß!“ rief dieſer, indem er auf⸗ ſtand;„ich ſehe nicht ein, wie wir bei dieſen hartnäckigen Deutſchen auch nur den Schein eines Protokolls zu Stande bringen wollen, worauf ſie verurtheilt werden könnten. Ihre Leidenſchaft, Beaucaire, hat uns in ein Labyrinth der un⸗ angenehmſten Verhaͤltniſſe geſtürzt!“ „Ich getraue mich, den Ausgang daraus zu finden,“ entgegnete dieſer kalt und nicht ohne einen gewiſſen Hohn der überlegenheit ſeines Verſtandes.„Wir haben Zeugen, daß der Gefangene dies Bild als von ſeiner Hand gezeichnet anerkennt. Dieſer Umſtand, der mir ſelbſt die evidenteſte 2 überzeugung gibt, daß beide Angeklagte in einer genauen Verbindung mit Dolgorow geſtanden haben, wird zu einem Berichte hinreichen, der auch den Generalintendanten über⸗ zeugt. Wie? Dem Einen ſollte das abenteuerliche Mär⸗ chen von der Art und Weiſe, wie er den Grafen über die Grenze führte, geglaubt werden? Man ſollte ſeiner Verſicherung trauen, daß er denſelben zuvor durchaus nicht gekannt und ſeitdem nicht wieder geſehen habe, wenn er das Bildniß der Tochter bei ſich trägt? Und der Andere, der mich in Dresden irreleiten wollte, iſt geſtändlich, das Bildniß ge⸗„. zeichnet zu haben? Und dennoch ſollten Beide ſo ganz ohne Verbindungen mit dieſer ruſſiſchen Familie ſein? Wenn der trotzige Burſche ſich nicht ſchuldig fühlte, weshalb entfloh er denn mit jenem zugleich aus Dresden? Weshalb treffen wir ſie Beide hier beiſammen? Wenn ich daraus nicht einen Bericht zuſammenſtellen ſollte, der bis zur Evidenz darthtiut,„ wie eine höchſt vertraute, fortgeſetzte, vielleicht noch in de: — 185— ſem Augenblicke genährte Verbindung Beider mit Dolgorow ſtattfinden muß, ſo will ich mich für zu dumm zum Land⸗ pfarrer erklären laſſen. Sie und ich ſelbſt, die wir in der Stille für uns doch die gegründetſten Urſachen haben müſſen, an die möglichſte Unſchuld Beider zu glauben, müſſen jetzt anderer Meinung werden; welcher Dritte vermöchte es, auch nur mit einigem Schein eine entgegengeſetzte Anſicht zu vertheidigen? Laſſen Sie uns zwei Stunden, und ich bürge Ihnen für die Zuſtimmung des Generalintendanten.“ „Führen Sie die Sache nur nicht zu weit,“ antwor⸗ tete St. Luces ein wenig bitter;„von noch fortdauernden Verbindungen wollen wir wenigſtens nichts erwähnen. Wer zu viel beweiſen will, beweiſ't am Ende nichts.“ „Herr von St. Luces,“ entgegnete Beaucaire empfind⸗ lich,„das laſſen Sie meine Sache ſein. Der Umſtand, daß wir die beiden Leute gerade hier treffen, hier in Smolensk, in deſſen Nähe ein Theil der Güter Dolgorows liegt, darf doch wol nicht unerwähnt bleiben.“ „Sie haben mir ſelbſt geſagt,“ antwortete St. Luces, „daß Sie nie auf dieſen Gütern geweſen ſind, ſogar die Na⸗ men derſelben nicht genau kennen—“ „Es iſt wahr,“ unterbrach ihn Beaucaire kalt;„aber meine Unkenntniß in dieſer Hinſicht wird ſich genügend da⸗ durch rechtfertigen, daß ich erſt in London in die Dienſte Dolgorows trat, alſo ſeine heimatlichen Verhältniſſe, da ich ihn nur auf Reiſen begleitete, am wenigſten kennen lernen konnte. Auch war ich niemals ſein Secretair in Beziehung auf ſeine Familien⸗ und Vermögensangelegenheiten, weil er dieſe ſelbſt beſorgte. Je unbeſtimmter meine Kenntniß in dieſer Hinſicht iſt, je größer wird das Feld der Muthmaßungen. Wüßte ich genau, wo und wie weit von hier Dolgorows Schloß liegt, ſo dürfte ich nicht darauf hindeuten, daß es ganz in — b 1 —— — — 186— der Nähe gelegen ſein kann, daß uns von dort aus mögli⸗ cherweiſe Verrath und überfall durch Einverſtändniß mit Ruſſen in der Stadt bedrohen kann.“ St. Luces ging verdrießlich und unruhig auf und nie⸗ der.„Ich weiß nicht,“ erwiderte er nach einigen Minuten, „was mich in der Sache ſo anwidert. Iſt es eine fatale Anhnlichkeit dieſes Herrn von Roſen mit Jemandem, den ich gekannt habe, und an den ich mich ungern erinnere, oder hält mich ſonſt etwas zurück. Ich fürchte aber einmal einen üblen Ausgang.“ Beaucaire lächelte.„Ich ſtehe für den beſten. Der Graf Naſinski kann uns nicht mehr ſchädlich werden; er iſt fort— und ich glaube, wir werden nicht viel von ihm und ſeinem Regimente wiederſehen.“ „Der Kaiſer ſchätzt ihn! Wenn er klagte—“ „So könnte er dadurch die Gunſt des Kaiſers verlieren. Oder halten Sie es für eine Empfehlung, daß die beiden Verdächtigen in ſeinem Regimente dienen? Und bedenken Sie, wie erzürnt der Kaiſer auf uns und unſere Collegen iſt, weil er die Magazine nicht ſo findet, wie er ſie erwartete. Ich höre, einen Magazinaufſeher in der Oberſtadt hat er ge⸗ ſtern erſchießen laſſen wollen. Findet er Zeit, unſere Rechnun⸗ gen und Beſtände genau zu prüfen, ſo wiſſen Sie, daß—“ St. Luces biß ſich auf die Lippen.— „Was kann uns alſo erwünſchter ſein, als ihn durch einen Beweis unſers Eifers günſtig für uns zu ſtimmen?— Die Gelegenheit dazu iſt gar nicht ſchicklicher zu treffen, denn der Argwohn des Kaiſers gegen die fremden Bundesgenoſſen wächſt mit jedem Tage, und ſeit den letzten Ereigniſſen in Paris iſt er vollends mißtrauiſch geworden. Unſere beiden Gefangenen ſind Freunde, ſind, was noch mehr iſt, Deutſche, und dienen wahrſcheinlich unter fremden Namen und auf alle Weiſe ver⸗ — 182— kappt in einem polniſchen Regimente. Das allein iſt hin⸗ reichend, ſie verdächtig zu machen.“ „Nun denn,“ rief St. Luces,„thun Sie, was Sie wollen; aber ich wälze die Folgen ganz auf Sie.“ „Auch in Betreff der angenehmen Folgen für uns?“ fragte Beaucaire betonend. „Wahrhaftig auch in dieſer Hinſicht, Herr von Beau⸗ caire,“ erwiderte St. Luces ſtolz,„wenn ich in dieſer Sache meinen Namen nicht mit hergeben müßte.“ „Ich war nicht Der, der ſie einleitete,“ ſprach Beau⸗ caire kalt.„Sie genehmigen alſo, daß ich den Bericht für den Generalintendanten aufſetze und ihn ihm zur Vorlegung an den Kaiſer einhändige?“ „Thun Sie, was Sie wollen!“ „Und Sie werden ihn mit unterzeichnen?“ „Da ich's nicht vermeiden kann, ja.“ „Sehr wohl.“ Mit dieſen Worten verbeugte ſich Beaucaire und ging. Bernhard wurde von dem Sergeanten und dem vor der Thür ſtehenden Soldaten, der ihm das Brot gegeben hatte nach dem Gefängniß zurückgeführt. Alle Drei ſchwiegen. Als die Thür des Gewölbes ſich öffnete und der matte Schimmer der Laterne hineinfiel, ſah ſich Bernhard vergeblich nach Lud⸗ wig um. „Wo iſt mein Freund, lieber Kamerad?“ ſprach er zu dem Sergeanten. „Ich habe ihn drüben auf dem andern. Flügel allein einſchließen müſſen.“ „Iſt ſein Gefängniß auch ſo wohl, ſo menſchlich einge⸗ richtet wie dieſes?“ fragte Bernhard weiter mit bitterm Tone, dem ſich jedoch der Ausdruck eines tiefen Schmerzes bei⸗ miſchte. — 188— „Es iſt wahr,“ begann der Soldat, der ſie begleitete, „dies iſt ein Loch für einen Hund zu ſchlimm, geſchweige für einen Menſchen.“ „Du unterfängſt Dich, unter dem Gewehr zu ſprechen, Cottin?“ wandte ſich der Sergeant ſtreng um. „Vergebt, mein Sergeant,“ erwiderte dieſer; ſich weiß, ich thue Unrecht. Aber Gottes Gebot iſt auch ein Geſetz, und das heißt mich reden. Ich bin aus dem Elſaß, ich ſpreche Deutſch; ich habe gehört, daß die beiden armen Teu⸗ fel Deutſche ſind. Einen Landsmann, und wäre es nur ein halber, darf man nicht ganz im Stich laſſen.“ „Ich habe Dir's oft geſagt, Du biſt ein guter Kerl, doch Du haſt keinen Dienſt.“ „Aber ich habe Recht, mein Sergeant.“— „Ich will's nicht leugnen. Allein was ſollen wir machen?“ „Freund,“ begann Bernhard,„thut Eure Pflicht. Es wäre mir Leid, wenn Ihr meinethalben beſtraft werden ſolltet. Zwar werde ich in dieſem Kerker ſchwerlich die Nacht überdauern, und wenn ich morgen freigeſprochen werde, wird es zu ſpät ſein— aber thut nur, was Ihr müßt; doch wenn Ihr könnt, ſo ſeid barmherzig gegen mei⸗ nen Freund, der eben ſo unſchuldig iſt, als ich.“ Der Sergeant ſchien ſich zu bedenken.„Wir müſſen Rath ſchaffen!“ ſprach er plötzlich entſchloſſen.„Ich kann Euch auch nicht in dem Gewölbe hier laſſen, denn die Kälte iſt zu ſtreng und ſteigt mit jeder Minute. Zum Mörder ſollen ſie mich doch nicht machen, zumal dieſe Ritter von der Feder, die niemals Pulver riechen und nicht wiſſen, was der Soldat Alles aushalten muß, während ſie in ihren war⸗ men Pelzen und bei den vollen Magazinen ſitzen!— Mögt Ihr verbrochen haben, was Ihr wollt, Euch ohne Urtheil — 189— und Recht hier erfrieren und verhungern zu laſſen, das habt Ihr nicht verdient. Ihr habt das Anſehen eines braven Kerls, und ich muß Euch ſagen, es hat mich gefreut, daß Ihr Euch oben ſo ſtolz benahmt. Das ziemt dem Soldaten. Drum will ich etwas für Euch wagen. Aber Ihr müßt mir Euer Wort als Kamerad geben, daß Ihr mir gehorcht.“ „Wenn ich's nicht erfüllen kann, ſo ſage ich's Euch zuvor und laſſe mich hieher zurückbringen,“ antwortete Bern⸗ hard feſt. „So kommt mit auf die Wachtſtube. Doch Ihr dürft mit Niemandem auch nur ein einziges Wort ſprechen!“ „Ich werde ſchweigen wie dieſe Mauern. Aber mein Freund?“ „Auch er ſoll, aber unter derſelben Bedingung, die Nacht mit uns zubringen.“ „Meine Hand hierauf in ſeinem Namen.“ „So kommt!“ Bernhard faßte unwillkürlich beide Hände des Sergean⸗ ten, ſchüttelte ſie mit warmer Heftigkeit, ſah ihm ins Ge⸗ ſicht und rief:„Wahrhaftig, ich bin Euch Dank ſchuldig und mehr als mein Leben!— Und Euch auch, wackerer Kamerad und Landsmann,“ ſetzte er hinzu und wandte ſich zu dem redlichen Cottin.„Ja, es iſt ein edler Stand, der des Kriegers. Ich ergriff ihn nur mit innerſtem Widerwil⸗ len; aber ich habe ihn achten, verehren gelernt. Er erhebt über die niederträchtigen Lumpereien des Lebens und adelt ſo die Geſinnungen des Geringſten. Unter großen Geſchicken wird der Menſch ſelbſt groß. O Ihr wißt nicht, wie elend die dort oben ſind, die ſich ſo hoch über Euch zu ſtehen dünken! Wahrlich, es thut mir weh, daß dieſes verächtliche Geſindel ſolchen Männern Befehl geben, ſie zur Verant⸗ wortung ziehen darf.“ — 190— Er konnte ſich nicht bezwingen; er mußte die beiden Wackern an ſein Herz drücken. „Gut, gut, Kamerad,“ rief endlich der Sergeant faſt unwillig, da er merkte, daß er ſeine ganze dienſtliche Haltung verloren hatte;„nun macht nur fort.“ „Erſt ſagt mir, wie Ihr heißt,“ fragte Bernhard drin⸗ gend;„denn ich möchte den Namen eines Ehrenmannes auch gern jenſeit mit hinübernehmen.“ „Ich heiße Ferrand,“ antwortete der Sergeant,„wenn Ihr's durchaus wiſſen wollt. Doch laßt uns jetzo eilen.“ „Ich werde Eurer ohne Schreibtafel gedenken,“ betheuerte Bernhard und nahm nochmals ſeine Hand. Ferrand drängte vorwärts; ſie gingen. In Bernhards Seele kehrte jetzt ein Strahl der Hoff⸗ nung zurück. Er hatte ſie wirklich ſchon aufgegeben und war gefaßt auf das Außerſte. Doch dieſes günſtige Zeichen hielt er für eine gute Vorbedeutung; dem einen, fürchterlichſten Tode war er doch wenigſtens entronnen, und noch konnte er ſich nicht überreden, daß der Himmel ihn nur deshalb ſo vielfach in der dringendſten Gefahr beſchützt habe, um ihn durch übermüthige Willkür zu Grunde gehen zu laſſen. So trat er in die unter dem Thore gelegene, finſtere Wachtſtube; zu andern Zeiten würde ſie ihm als ein düſterer Kerker erſchienen ſein, jetzt gewann ſie die Geſtalt eines freundlichen, behaglichen Aufenthalts für ihn. „Hier, ſetzt oder legt Euch auf die Bank dort in jener Ecke,“ ſprach der Sergeant;„aber haltet Euer Wort, ſprecht mit Niemandem und verlaßt die Stelle nicht.“ „Ihr ſollt mich als einen feigen Schurken mit Füßen zertreten, wenn ich Euch nicht ſo gehorche, als wäre ich mit Ketten angeſchloſſen. Und könnte ich mich mit einem Schritt, — — 191— mit einem Wort retten, ich wollte ſtarr und ſtumm bleiben wie die Gräber draußen im Eis und Schnee.“ Mit dieſen Worten ſetzte er ſich und hüllte ſich, da der Froſt ihn noch durchſchauerte, dicht in den Mantel ein. Ferrand ging und kehrte nach einigen Minuten mit Lud⸗ wig zurück. Dieſer trat mit einem Zug wehmüthiger Freude um die Lippen ein und ſein Auge ſuchte den Freund. Freu⸗ dig winkte Bernhard ihm zu, legte aber den Finger auf den Mund. Ludwig gab ein Zeichen, daß er den Wink ver⸗ ſtehe, und nahm in einer andern, ihm angewieſenen Ecke Platz. Der Sergeant ließ hierauf die Soldaten in einen Kreis zuſammentreten und redete ſie an:„Freunde, ich habe ein Werk der Barmherzigkeit an dieſen Beiden gethan und laſſe ſie die Nacht hier zubringen, doch ohne daß ſie einan⸗ der ſprechen dürfen. Iſt Einer unter Euch, der mir Unrecht gibt, ſo ſage er's, und ſie ſollen ſogleich in ihre Gefängniſſe zurück, wo ſie aber bis morgen vor Hunger und Kälte um⸗ kommen müſſen. Meint Ihr alſo, daß ich Recht gethan, ſo mögen ſie hier bleiben, und wir Alle ſind die Mitſchul⸗ digen.“ „Laßt ſie hier!“ riefen die Leute aus einem Munde; „von uns wird Keiner ein Verräther.“ Jetzt war das letzte Bedenken gehoben und Beiden die ruhige Nacht geſichert. Eine große Schüſſel mit warmer Abendkoſt für die Sol⸗ daten wurde hereingetragen; denn hier, im Magazine ſelbſt, herrſchte noch kein Mangel. Ferrand dachte ſogleich von ſelbſt daran, den beiden Gefangenen durch den redlichen Cottin einen hinreichenden Antheil von der Speiſe zu ſenden, ehe ſie durch den Gedanken, man werde ſie übergehen, gequält wür⸗ den; denn noch immer folterte der Hunger ihren erſchöpften Körper, zumal da der Duft einer lange entbehrten, wohl⸗ —— *———— ddj — 192— bereiteten Speiſe die ganze heftige Begier deſſelben aufregen mußte; deshalb wurde Beiden dieſe Labung eine unſchätzbare Wohlthat. Denn die allmächtigen Geſetze der Natur überwältigen Jeden; der Edelſte, der Größeſte, den die geläutertſte Kraft des Willens durchdringt, muß zuletzt den Beſtimmungen ge⸗ horchen, von denen ſein irdiſcher Leib abhängt. Es gibt einen Grad, dem Niemand widerſteht. Was zu andern Zeiten eine leichte Selbſtverläugnung, eine geringe Kraft der Entſagung, ein Spiel ſcheint, das wird in ſolchen Au⸗ genblicken zur unermeßlichen Aufgabe. Darum lächle Nie⸗ mand, den die Verhältniſſe noch nie einer ſtrengen Prüfung ſeiner thieriſchen Abhängigkeit unterworfen, darüber, daß ſelbſt in Augenblicken, wo es ſich um das ganze Geſchick des Le⸗ bens handelt, ein Trunk, eine Mahlzeit, ein Nachtlager, die gemeinſten täglichſten Bedürfniſſe des Körpers zu unwider⸗ ſtehlichen Mächten werden, die die freieren Seelenkräfte in ihre unzerreißbaren Feſſeln ſchlagen. Nur die ſtete Erhal⸗ tung des Gleichgewichts dieſer gewaltigen Triebe läßt ſie ſcheinbar verſchwinden. So zermalmt uns ſelbſt die leichte, ätheriſche Luft durch die Rieſenlaſt ihres Druckes, wenn plötzlich das Geſetz, wonach ſie ihrer eignen Kraft den auf Atome ausgeglichenen Widerſtand leiſtet, aufgehoben wird. Nachdem der grimmige Wolf des Hungers verſcheucht war, drang der Alles überdeckende, bleierne Strom des Schla⸗ fes heran und drückte die Erſchöpften in betäubende Erſtar⸗ rung hinab. Selbſt nicht die luftigen Geſpinnſte der Träume ließ er durch ſeine dichte Hülle dringen, ſondern war ſtumm, bewußtlos, wie ſein Bruder, der Tod. Völliges Vergeſſen Schickung den Freunden jetzo darbieten konnte. aber war das beglückendſte Geſchenk, welches eine 23. 4 — 193— Eilktes Capitel. Noch war der Morgen nicht angebrochen, als der Ser⸗ geant Ludwig heftig beim Arm rüttelte und ihn laut anrief. Er fuhr empor; Bernhard, durch den Nuf geweckt, ebenfalls. „Ihr ſollt hinauf in den Verhörſaal! Nur raſch! Hier, nehmt einen warmen Schluck und einen Biſſen, daß Ihr munter werdet und mit Feſtigkeit Euer Urtheil hört.“ Ludwig fand mit Mühe ſeine Sinne wieder; noch halb bewußtlos nahm er das dargebotene Brot und griff nach der Flaſche mit warmem Meth, die ihm der Sergeant reichte. Bernhard trat heran. „Dürfen wir uns jetzt begrüßen?“ fragte er Ferrand. „So viel Ihr mögt, arme Teufel! Jetzt habt Ihr Alles frei!“ erwiderte dieſer. Bernhard fuhr zuſammen. Sollte dennoch— dachte er— aber nein, es iſt unmöglich. So kann ſelbſt ſolch ein Urtheil nicht gefällt werden. Ludwig war ruhig. „Iſt unſer Urtheil geſprochen?“ fragte Bernhard.„Sagt es uns frei heraus, wenn Ihr es wißt. Es ſoll der letzte Dienſt ſein, den Ihr uns leiſtet. Glaubt nicht, daß wir davor zittern werden.“ Doch im Sprechen zitterte er heftig— aber für den Freund, nur für ihn. „Ihr werdet's gleich droben hören,“ lautete die Antwort des Sergeanten. „Sagt es gleich, Lieber, ich bitte Euch darum,“ bat auch Ludwig ſanft, aber ruhig;„wir können es dann dro⸗ I. 9 2 2 — 9—— — 194— ben mit mehr Faſſung anhören, es falle günſtig oder un⸗ günſtig aus. Es läßt männlicher, wenn wir weder ein über⸗ maß der Freude, noch der Niedergeſchlagenheit zeigen.“ „Bei Gott!“ rief Ferrand,„es wird mir ſchwer, es Euch zu ſagen, denn, was Ihr verbrochen haben mögt, Ihr ſeid brave Soldaten und habt Euer Wort gehalten wie Männer. Ich wollte, Ihr wäret vor einer Batterie gefallen. Es iſt uns auch keine Freude, auf einen Kameraden anzulegen.“ „So ſollen wir erſchoſſen werden?“ fragte Bernhard bebend und ſeine Lippen erblaßten. „So lautet das Urtheil!“ „Heiliger Gott!“ rief er aus und warf ſich an Ludwigs Bruſt und preßte ihn heftig in die Arme. Sie hielten ſich lange ſtumm umfaßt. Der Sergeant klopfte Bernhard gutmüthig auf die Schulter und ſprach:„Nehmt Euch zuſammen, Kamerad, der Tod iſt uns Allen nahe; wer weiß, ob ich Euch lang überlebe! Gönnt es Denen da oben nicht, daß Ihr ſo davor zittert!“ „Zittern?“ fragte Bernhard und ſein Auge pollte. „Wenn ich nicht vor Grimm oder Froſt zittern muß, ſo ſoll nicht ein Haar auf meinem Haupte zittern! Fort! Hinauf! Sie mögen uns das Todesurtheil vorleſen. Ihr ſollt Zeuge ſein, ob die Pfeile meiner Blicke nicht ſchärfer in das Herz der Buben dringen ſollen, als Eure Kugeln in meine Bruſt! Aber hier will ich weinen an der Bruſt meines Freundes, und um ihn und um ſeine unglückliche Schweſter,“ rief er und warf ſich von Neuem an Ludwigs Bruſt, und ſeine Thränen ſtrömten. „Bernhard!“ ſprach Ludwig endlich und ſchien die Worte gewaltſam aus ſeiner Bruſt zu reißen;„Bernhard! Alſo mußte ich Dich doch in den Tod reißen! Mein Herz blutet, 4* — 195— es iſt zerriſſen von tauſend Wunden— o Du weißt das Alles ja am beſten! Aber jetzt, mein Geliebter, jetzt muß auch der Schmerz um Dich dem Gebot der Ehre und Männlichkeit weichen. Halte es nicht für einen Verrath an Deiner großmüthig aufopfernden Freundſchaft, wenn Du mich ruhiger, kälter ſiehſt, als ich bin. Dein inneres Auge blickt in die Tiefe meiner Bruſt; aber kein anderes ſoll die Qual errathen, die mich verzehrt. Unſer Tod muß unſer Triumph ſein!“ „Bei Gott! das ſoll er,“ rief Bernhard und erhob die Hand wie zum feierlichen Schwur.„Selbſt Marie, die weinende Heilige, ſoll mein Herz nicht mehr weich machen. — Komm! Wir wollen wie Spartaner den grimmigen Zahn des Raubthiers in unſern Eingeweiden wühlen laſſen und keine Miene verziehen.“ Entſchloſſenen Schrittes folgten ſie ihrem Führer hinauf in den Verhörſal. Sie fanden ihn leer, doch lagen einige Papiere auf dem Tiſch. „‚Der Brief dort enthält das Todesurtheil,“ ſprach der Sergeant und deutete auf ein zuſammengefaltetes, aber auf⸗ gebrochenes Schreiben.„Er iſt vom Generalcommiſſair. Vor einer Viertelſtunde kam er an. Ich trug ihn ſelbſt her⸗ auf und hörte, wie ihn der Baron von St. Luces vorlas.“ „Ich möchte ihn leſen!“ ſprach Ludwig. „Laßt mich erſt zuſehen, ob wir nicht überraſcht werden können; die Thür des Nebenzimmers hören wir aufgehen, wenn ſie kommen.“ Er öffnete die Thür des anſtoßenden Gemachs und blickte hinein. „Sie ſind noch drüben; leſ't, aber ſchnell.“ Ludwig nahm den Brief. Er lautete: 3 „Ich habe dem Kaiſer Ihren Bericht vorgelegt.„Wenn 9* — 196— der Verdacht dringend iſt, ſo ſollen die Delinquenten ohne Weiteres erſchoſſen werden, denn es bedarf eines Beiſpiels,“ war ſeine Antwort. Nach Ihrer, wie ich hoffe, gewiſſenhaf⸗ ten Darſtellung der Verhältniſſe iſt die Schuld keinem Zwei⸗ fel unterworfen. Wir haben hier nicht Zeit noch Raum, uns auf lange Unterſuchungen einzulaſſen, noch Criminalge⸗ fangene mit uns zu führen. Laſſen Sie daher die Execu⸗ tion ſofort, mit Tagesanbruch vor der Mauer vollziehen, da⸗ mit es kein Aufſehen gibt. Der Anblick der Vollſtreckung könnte Aufregungen hervorbringen; nach der That wirkt nur der Schrecken ſtill fort, und das Beiſpiel erhält eine unge⸗ ſtörte Wirkſamkeit, beſonders wenn man es heraushebt, daß deutſche Verräther beſtraft worden ſind. Denn die An⸗ hänglichkeit der deutſchen Truppen iſt nicht zu groß; die Furcht muß ſie treu erhalten. Sein Sie ſelbſt bei der Vollziehung des Urtheils zugegen und ſenden Sie mir augenblicklich das Protokoll darüber, damit ich es dem Kaiſer vorlegen kann.“ „Alſo etwa eine Stunde würden wir noch Athem ho⸗ len,“ ſprach Bernhard, als Ludwig den Brief wieder auf den Tiſch gelegt hatte.„Nun, mir ſoll's nicht allzuſchwer werden, dieſer Sonne zu entſagen. Ja, wenn es noch ein Frühling in Italien wäre— aber ein Winter in Rußland. Die Welt hat mehr Jammer als Freude; wer über Beides quittirt, gewinnt in den meiſten Fällen. Zumal ich!“ Ludwig konnte die Abſicht des Freundes, ihn dadurch, daß er das ſtrenge Schickſal ſo leicht nahm, zu troſten, nicht verkennen. Sie rührte ihn tief, doch blieb er feſt.„Du haſt Recht! Ein Frühling in Italien! Der iſt wol ſchön!“ Er verlor ſich in ein tiefes Sinnen. „Es wundert mich, daß noch Niemand kommt,“ ſprach Bernhard nach einiger Zeit ungeduldig. „Sie ſetzen das Todesurtheil auf, damit Alles in Ord⸗ 3 — 197— nung geſchehe. Es wird Euch verleſen werden,“ bemerkte der Sergeant. „Verſteht ſich! Alles in beſter Form! Es lebe die Ge⸗ rechtigkeit! Wird man uns nicht etwa auch einen Beichtva⸗ ter ſchicken?“ fragte Bernhard bitter. „Wenn ein Geiſtlicher hier wäre, würde er wol mit hinaus gehen,“ antwortete der Sergeant;„aber hängt Ihr an dergleichen?“ „Nein,“ nahm Ludwig das Wort.„Ich bin gefaßt, hinüberzugehen. Doch, wenn Jemand meine letzten Ver⸗ mächtniſſe erfüllen wollte— das würde mir ein unendlicher Troſt ſein. Einen Gruß möchte ich gern nach der Heimat ſenden.“ „Was ich beſorgen kann, will ich thun,“ ſprach der Sergeant. „O ſo geht—“ Hier öffnete ſich die Thür. St. Luces, Beaucaire und zwei Schreiber traten ein und nahmen Platz. St. Luces wollte das Wort nehmenz; er ſchien befangen zu ſein. Ludwig ſah ihm frei, unerſchüttert ins Geſicht; Bernhard hielt flammende Blicke auf ihn geſpannt. „Ein höchſter Richterſpruch,“ begann St. Luces mit unſicherer Stimme, der er jedoch einen feierlichen Ton zu geben ſuchte. „Richterſpruch?“ unterbrach ihn Bernhard;„Macht⸗ ſpruch, werden Sie ſich ausdrücken, mein Herr!“. „Ihr wagt es,“ rief St. Luces mehr verwirrt als zür⸗ nend oder entſchloſſen. „Ich wage jetzt Alles! Es ſcheint mir nicht, daß ich etwas zu verlieren hätte, daher wird es Ihnen eben nicht gelingen, mir eine ſonderliche Furcht einzuflößen. Erſparen Sie ſich die Mühe einer Einleitung und Verleſung eines — 198— Urtheils, das wir bis zum letzten Hauch nur für eine Ge⸗ waltthat erklären werden.“ „Verfahren Sie in der Ordnung, Herr von Beaucaire,“ befahl St. Luces und biß ſich auf die Lippen. Dieſer las jetzt mit unbewegter Stimme und Miene Ludwigs und Bernhards Todesurtheil. Nicht die leiſeſte Veränderung ging in den Zügen der Verurtheilten vor. „Ich bin zum Tode verurtheilt,“ ſprach Ludwig,„ob⸗ gleich ich mich vor Gott für völlig unſchuldig halte und die⸗ ſen meinen Freund nur als einen gewiſſenlos Gemordeten betrachten kann, der nicht einmal nach Eurem Geſetz der Willkür ſchuldig wäre. So wird mir wenigſtens das Recht jedes Verurtheilten zuſtehen, die Vollziehung meines letzten Willens zu fordern. Ich erbitte mir meine Papiere und meine Brieftaſche zurück!“ „Dieſe werden bei den Acten bleiben müſſen!“ entgeg⸗ nete Beaucaire eiskalt;„ſie enthalten die Beweiſe Eurer Schuld.“ „Wohl denn, auch das! So fordre ich Feder und Pa⸗ pier, um meinen letzten Willen außzuſetzen.“ Beaucaire zog die Uhr heraus und ſah dabei St. Luces fragend an. Dieſer verneinte weder, noch bejahete er. „Es iſt zu ſpät zu dieſer Forderung,“ erwiderte Beau⸗ caire nach einigen Aunenbliclen;„Sergeant, ſind Ihre Leute in Bereitſchaft?“ Sie ſind es!“ „So laſſen Sie ſie eintreten. Wir müſſen abmar⸗ ſchiren!“ „Alſo auch das wird mir verſagt? Ein heiliges Recht, das dem niedrigſten Verbrecher zuſteht?“ —— — 199— „Die Umſtände verbieten es!“ antwortete St. Luces, wagte aber nicht den Blick zu Ludwig zu erheben. „Nun denn,“ rief dieſer mit dem Ausdruck des edelſten Zorns,„ſo falle das Verbrechen, was Ihr an uns begeht auf Euer Haupt zurück! Vater im Himmel! Dein ewiger Nath verſagt mir Erbarmen, ich murre nicht; aber Deine Gerechtigkeit wird Vergeltung üben an dieſen Frevlern! Ich bin zu ſtolz, von Euch noch etwas zu erbitten. Der Allgü⸗ tige wird Die ſtärken und erheben, der meine Abſchiedsworte einen letzten matten Strahl des Troſtes in das Dunkel ih⸗ res Schmerzes ſenden ſollten! Fort! Ich habe auf dieſer Erde nichts mehr zu thun, als zu ſterben!“ Bernhard ſtand ſchweigend wie eine finſtere Gewitter⸗ wolke. Eine furchtbare Todtenſtille herrſchte im Saal. Die Soldaten, zwölf Mann, marſchirten herein. „Trennt die Delinquenten,“ befahl St. Luces. Der Sergeant wollte zwiſchen ſie treten, doch ſie reichten einander die Hände; treu und redlich ſahen ſie ſich ins Auge, keine Thräne drang daraus hervor. „Leb' wohl, Bruder!“ rief Bernhard mit männlich kräf⸗ tiger Stimme. „Auf Wiederſehen!“ ſprach Ludwig feſt, ernſt, gläubig, und erhob ſein Auge nach oben. Die Krieger traten zwiſchen ſie; jede Section nahm ei⸗ nen der Verurtheilten in ihre Mitte. „Genwehr auf! Vorwärts, marſch!“ Im gleichförmigen, dumpf durch die Gewölbe hallenden Schritt verließen ſie das Gemach. Im Vorübergehen an Beaucaire warf Bernhard ihm einen furchtbaren Blick zu, ſodaß ſelbſt dieſer abgehärtete Böſewicht erblaßte. St. Luces bemerkte es und ſprach:„Sein wir auf un⸗ ſerer Hut; dieſem verwegenen Burſchen traue ich Alles zu.“ 7 — 200— Beide folgten dem Commando in einiger Entfernung. Der Weg ging über den Hof, zu einer kleinen Seiten⸗ pforte des Gebäudes hinaus. Es dämmerte kaum. Nur die letzten erbleichenden Sterne und der Schimmer des friſch 8 gefallenen, tiefen Schnees gewährten einiges Licht. Durch wüſte, halb verfallene Gaſſen, in denen Bivouacfeuer brann⸗ ten, an welchen ſchwarze Reihen von ſchlummernden, oder vielleicht ſchon erſtarrten Kriegern gelagert waren, erreichte 3 man die Brücke des Dniepr, marſchirte dann durch die Ober: ¹ ſtadt und gelangte ſo endlich an die Stadtmauer. Ein be⸗ ſchneiter Hügelvorſprung, wenige hundert Schritte davon, auf dem ſich eine ſchwarze, von düſtern Tannen gebildete Waldſpitze verlief, war zur Vollſtreckung des Urtheils aus⸗— erſehen. Ein Offizier harrte daſelbſt mit einem Commando von zwanzig Leuten. Der Tag fing bereits an ſo hell zu däm⸗ mern, daß man ſchon ziemlich weit um ſich blicken konnte. „Halt! Gewehr ab! commandirte der Sergeant, als er mit ſeinen Gefangenen die Höhe erreicht hatte. „Alſo hier wäre das Ziel unſerer Laufbahn,“ ſprach Ludwig und deutete auf einen Pfahl im Schnee, an dem er den Tod empfangen ſollte.„Das hat meine Ahnung mir nicht geſagt, als wir vor vier Monaten hier vorüberzogen!“ Bernhard ſchien über irgend etwas zu brüten und zu ſinnen; denn er antwortete nicht, obwol Ludwig jetzt wieder noch entt kommen. Erreichen wir die Waldſpitze hier, ſo ſind wir geborgen, und an jenen drei hohen Fichten auf dem Hügel dort hinten wollen wir uns dann wieder treffen.“ Jetzt zitterte Ludwig. Sein Herz ſchlug heftig; er blickte nach dem Hügel hinüber und ſah in blauer Dämme⸗ rung die drei Fichten ſtehen. Der Punkt war nicht zu ver⸗ — 201— fehlen, in einer halben Stunde konnte er erreicht ſein. Alſo aufs Neue winkte ihm die Rettung. Bernhard zeigte ſie ihm möglich, nahe, wahrſcheinlich. Mit grauſamer Gewalt riß ihn die Hoffnung wieder aus dem Gefängniß des Todes in das helle Licht des Lebens zurück. Gebrochen war jetzt die Kraft ſeiner feſten Entſagung; alle lebendigen Triebe und Pulſe des Lebens wachten wieder auf und ſchlugen mächtig in ſeiner Bruſt. Wenn ihm jetzt die Flucht miß⸗ lang, das fühlte er, dann wurde der Tod ihm ſchwer. Kaum hatten dieſe Gedanken die Wogen ſeiner Bruſt ſtüͤrmiſch aufgejagt, als Bernhard den günſtigen Augenblick erſah und plötzlich mit gewaltiger Kraft die beiden nächſten Soldaten neben ihm, durch einen unvermutheten Stoß ins Genick vorwärts auf den Boden in den Schnee ſtürzte, mit einem Satz aus ihrer Mitte war und unter dem Ruf: „Mir nach, Bruder!“ ſchnell wie ein Reh der Waldecke zu⸗ flüchtete. Er hatte ſo für ſich und Ludwig die Bahn gebrochen; dieſer, auf den Wink geſpannt, ſprang von der andern Seite hinweg und flüchtete ebenfalls über das beſchneite Feld. Die Soldaten ſtanden beſtürzt. „Feuer nach!“ rief der Offizier und Einige ſchoſſen. Aber zugleich waren Andere ſchon im vollen Laufe den Flie⸗ henden nachgeſtürzt und hinderten ſo die übrigen, ihre Ge⸗ wehre abzuſchießen, da ſie eben ſo gut ihre Kameraden als die Entſprungenen treffen konnten. Alle warfen daher die Gewehre in den Schnee, um leichter zu ſein, und liefen den Fliehenden nach. Ludwig ſuchte ſich nahe an Bernhard zu halten, um ſein Geſchick nicht von dem des treuen Freundes zu trennen. Doch der Schwarm der Verfolgenden, der ſich zwiſchen ſie warf, zwang ſie bald, verſchiedene Richtungen zu nehmen. Flucht und Verfolgung wurden gleich beſchwer⸗ 9** — — 202— lich, denn als man von dem ſteilen Gipfel des Hügels, wo der Wind den Schnee verweht hatte, weiter gegen den Wald hin gelangte, wo der Sturm ihn nicht ſo faſſen konnte, ank der Fuß bei jedem Schritt tief ein. Schon ſah Ludwig die ſchwarzen Tannengebüſche dicht vor ſich, die ihm Rettung bringen ſollten, ſchon wähnte er dem ungerechten Schickſal entgangen zu ſein, als er plötzlich bis an den Leib und bei der nächſten Bewegung bis an die Bruſt in den Schnee ſank, der, in einer Erdſpalte zuſammengeweht, dieſelbe mit ſeiner trügeriſchen Hülle nur leicht bedeckte. Er arbeitete mit aller Kraft der Muskeln, ſich zu retten— doch vergeb⸗ lich. In wenigen Secunden hatten ſeine Verfolger ihn er⸗ reicht, packten ihn unbarmherzig mit nervigen Händen an und zerrten ihn an Armen und Haar empor. Ach wie Viele, die in dieſe kalten Gräͤber, in dieſe lauernden Fallgruben des ſchauerlichen Todes ſanken, flehten vergeblich um eine rettende Hand! Ihn riß der Ingrimm wilder Schadenfreude aus dem geöffneten Schlunde des To⸗ des zurück, um ihn dem noch gewiſſern Verderben ſelbſt zu überliefern! Er bebte vor Froſt und innerm Schauer; die Kniee ſanken unter ihm, denn die Kraft des Körpers und der Seele waren gleich erſchöpft. Der jähe Wechſel zwiſchen Rettung und Verderben hatte ihn zerſchmettert. Die ernſte, ruhige Entſcheidung ſeines Verhängniſſes hatte er männlich, gefaßt ertragen; der Hohn des Schickſals, welches ihn dem Glück auf Augenblicke in den Schooß warf, um ihn in der näch⸗ ſten Minute in deſto tiefere Klüfte des Verderbens zu ſtür⸗ zen, ging über ſeine Kräfte hinaus. Er fühlte ſich beſiegt. Unter rohen Mißhandlungen der Soldaten, von Fauſt⸗ und Kolbenſtößen vorwärts getrieben, wurde er mehr an den Ort, wo er ſterben ſollte, geſchleppt, als er ſelbſt dahin zu * — 203— gehen vermochte. Sogar der höhniſche Blick, womit Beau⸗ caire ihn empfing, konnte ihm die Kraft nicht wiedergeben, um durch die letzten Augenblicke ſeines Lebens einen innern Triumph über dieſen Elenden zu feiern. Nur nach Bern⸗ hard ſah er ſich angſtvoll um, ob dieſer auch jetzt wieder der Genoſſe ſeines traurigen Schickſals ſein werde. Er be⸗ merkte ihn nicht; die Verfolger mußten ſeiner noch nicht habhaft geworden ſein. Die Hoffnung, daß der Freund ge⸗ rettet ſein könne, richtete ihn auf, wie tief er es auch em⸗ pfand, daß der Tod ihm jetzt allein, ohne die tröſtende Nähe der innern rüſtigen Kraft Bernhards, viel fürchterlicher ent⸗ gegentrat, als vor wenigen Minuten, wo er mit dem Wackern Arm in Arm den Weg des dunklen Geheimniſſes angetreten hatte. Jetzt ſtand er an dem Pfahl. Zwei Soldaten waren beſchäftigt, ihm mit einem Gewehrriemen die Arme auf dem Nücken zuſammen und an den Pfoſten zu binden, als fürch⸗ teten ſie noch einmal ſeine Gegenwehr. Der Sergeant trat mit einem Tuche in der Hand auf ihn zu und ſprach gerührt: „Ich will Dir die Augen verbinden, Kamernd, es iſt ſo beſſer.“ Zuvor würde Ludwig die Binde verſchmäht haben, jetzt ließ er den mitleidigen Kriegsgenoſſen gewähren. Da fiel ihm plötzlich ein, daß er ihn noch zum überbringer ſeines 1 letzten mündlichen Vermächtniſſes machen könnte.„Mein V Freund,“ ſprach er, während ihm dieſer das Tuch über die Augen legte,„Ihr wolltet mir einen letzten Liebesdienſt er⸗ weiſen. So geht denn, wenn Ihr es möglich machen könnt, zu dem Obriſten Raſinski, der unſer Regiment befehligt, ſagt ihm, wie ich geſtorben ſei, und bittet ihn, meine Schwe⸗ ſter zu tröſten. Und wenn Ihr dieſen Krieg überlebt, und —— — 204— in Warſchau oder Dresden zu ihr gehen und ihr ſagen wollt, daß—“ Plötzlich fielen einige Schüſſe ganz in der Nähe. „Gilt das mir ſchon?“ rief Ludwig, da der hinter ihm ſtehende Sergeant eben das befeſtigte Tuch losgelaſſen hatte, und neben ihn getreten war. Doch dieſer rief: „Teufel, was iſt das?“ und Ludwig hörte ihn hinweg⸗ ſpringen. Zugleich erhob ſich ein verworrenes Geſchrei und Getümmel und abermals fielen Schüſſe ganz in der Nähe, ſodaß eine Kugel dicht an Ludwigs Ohr vorbeiſauſte. Faſt in demſelben Augenblick hörte er Pferde in vollem Galopp hinter ſich wegſprengen, und ein gemiſchtes Getöſe von Commandowörtern, verworrenem Geſchrei, Waffengeklirr und Schüſſen ſchallte um ihn her.„Vorwärts!“ rief die Stimme des Sergeanten.„Schließt Eure Glieder! Feuer!“ Ein Pelotonfeuer von etwa zwanzig Schüſſen tönte ſchmetternd dicht vor Ludwigs Ohr; er wähnte die Mün⸗ dungen ſeien auf ihn gerichtet geweſen, und ein unwillkür⸗ licher Todesſchauer zuckte durch ſeine Glieder. Doch fühlte er ſich lebend und unverſehrt. Die dichte Finſterniß, die ihn umgab, die Bande, die ihn feſſelten, die äußerſte Spannung aller ſeiner Nerven und Sinne jagte eine Fluth verworrener Vorſtellungen in ihm auf. Da er links Angriffsgeſchrei und das Stampfen der Roſſe hörte, glaubte er einen Augenblick, Raſinski komme mit ſeinen Reitern, um ihn zu befreien. Doch bald hörte er den heulenden Schlachtruf der Ruſſen. Ein„Hurrah“ theilte die Lüfte. Die Maſſen tobten an ihm vorbei; Pulverdampf drang ihm ins Geſicht, Geſchrei, Ächzen, Waffengeklirr brauſten um ihn her. Er war mit⸗ ten im Gewühl des Gefechtes; vergeblich ſtrebte er ſeine Bande zu ſprengen, um die Hülle von ſeinen Augen zu rei⸗ ßen; es blieb Nacht um ihn her.„Iſt denn Alles ein wü⸗ — 205— ſter, fürchterlicher Traum,“ rief er endlich aus gepreßter Bruſt und wandte das Antlitz flehend gen Himmel;„erweckt mich denn Niemand und endigt dieſe furchtbaren Qualen?“ Doch keine Hand berührte ihn, und das Getümmel ver⸗ lor ſich nach und nach in die Ferne. So vergingen einige Minuten der unbeſchreiblichſten Er⸗ wartung. Ludwig wand ſich in ſeinen Banden; ein dunkler Trieb ſagte ihm, er könnte ſich retten, wenn er ſie ſprenge, doch er vermochte es nicht. Da hörte er wieder verworrene Stimmen allmälig näher herankommen, raſche Schritte eil⸗ ten auf ihn zu, und plötzlich riß eine rauhe Hand ihm die Binde von den Augen. Staunend ſah er umher; drei Männer mit langen Bärten, die er auf den erſten Blick für ruſſiſche Bauern erkannte, ſtanden vor ihm und blickten ihn mit einem Ge⸗ miſch von Hohn und Verwunderung an. Auf dem Boden lagen die Leichname zweier franzöſiſchen Soldaten und einige. weggeworfene Gewehre. Ludwig ſah ſich in der Gewalt der Feinde, die ein ſeltſames Geſchick zu ſeinen Rettern gemacht zu haben ſchien. Der Sprache faſt ganz unkundig und von den Ereig⸗ niſſen noch faſt betäubt, wollte ihm in dieſem Augenblick kein Wort einfallen, wodurch er ſeine Bitte um Rettung ausdrücken konnte. Doch redeten ſein flehender Blick, ſeine gefeſſelten Hände eine unverkennbare Sprache. Allein der Haß der Feinde wollte ſie nicht hören, ſondern übertobte in ſeinem grimmigen Brauſen die zartere Stimme des Mitleids. Der eine der drei Männer hob ſein Gewehr empor und wollte den Gefangenen mit der Kolbe niederſchlagen; der Gefeſſelte konnte nur das Haupt hinwegkrümmen, ohne die Arme ſchützend vorzuſtrecken. Da hemmte plötzlich eine Hand den zum Streich aufgehobenen Arm; es war die Geſtalt — 206— eines ehrwürdigen Greiſes, der, in einen dunklen, weiten Pelzmantel gehüllt, vom Walde her eben herantrat. Sein Anblick wirkte auf Ludwig, als ob der milde Strahl des Morgens in die düſtere Nacht ſeiner Schreckensträume dringe. Mit ſanfter, ernſter Stimme ſprach der Greis einige Worte der Abmahnung. Die drei Männer zogen ihre Pelzmützen ab und verbeugten ſich, die Arme über der Bruſt kreuzend, mit Ehrfurcht gegen ihn. Jetzt erkannte Ludwig in ihm den Engel der Rettung; ſeine patriarchaliſchen Züge, die milde Hoheit ſeiner Stirn verbürgten es, daß er ihn retten, nicht zu grauſamer Qual aufſparen wollte. Der Bauer, der zuvor mit dem Kolben gedroht hatte, nahte ſich jetzt mit einem Meſſer dem Gebundenen und zerſchnitt den Riemen, der ihn feſſelte. Ludwig war frei, gerettet! Voller Dankbarkeit er⸗ griff er die Hand des Greiſes, doch dieſer machte eine ernſt abwehrende Bewegung, als wolle er ſagen: Ich wollte dich als einen hülflos Gebundenen nicht grauſam morden laſſen; aber du biſt der Feind meines Vaterlandes, meines Gottes, und frevelſt an Allem, was uns heilig iſt, darum habe ich keinen Theil an dir. Die Bauern nahmen ihn als Gefan⸗ genen in ihre Mitte und trieben ihn an, vorwärts gegen den Wald zu zu gehen. Indem Ludwig ihnen folgte, kam er ſo dicht an einem der gebliebenen franzöſiſchen Soldaten vorbei, daß er deſſen Angeſicht erkennen konnte. Es war der redliche Landsmann Cottin, der ihm geſtern das Brot gereicht hatte. Wie ſeltſam iſt das Schickſal, dachte er be⸗ wegt; Du, der Du mich noch vor wenigen Minuten als einen hoffnungslos Verlorenen bedauerteſt, Du liegſt nun entſeelt vor mir! Redliches Herz, mögeſt Du ein Glück finden jenſeit dieſer Todesruhe! Es gibt keine Wahrſcheinlich⸗ keit mehr! Nun ſo will ich denn auch nicht mehr hoffen, — 207— nicht mehr fürchten, mag das Schwert des Todes nahe oder fern über meinem Haupte ſchweben. Durch dieſen Gedanken neu aufgeregt und geſtärkt, ging er feſten Schrittes zwiſchen ſeinen Führern hin. Mit Sorge ſpähte ſein Auge in dem friſchen Schnee nach den Spuren von Bernhards Flucht, doch war das ganze Schneefeld jetzt ſo verworren von menſchlichen Fußtritten und Roſſeshufen gekreuzt, daß ſelbſt das geübte Auge eines nordiſchen No⸗ maden ſchwerlich noch eine beſtimmte Richtung einzelner Spuren unterſchieden hätte. Man erreichte in wenigen Minuten den Wald, der bald ſehr dicht wurde. Nach etwa einer Viertelſtunde machten die Leute auf einem Platze, wo ſchon mehrere der Ihrigen auf ſie harrten, Halt; nach und nach kamen andere Trup⸗ pen des Weges von Smolensk her und mehrere von ihnen brachten einzelne franzöſiſche Soldaten als Gefangene mit. Ludwig ſah mit Antheil umher, ob vielleicht der Sergeant dabei ſein möchte, doch konnte er ihn nicht entdecken. Ein neuer Trupp kam aus dem Gebüſch; inmitten dieſer Leute, welche einige Koſacken zu Pferde begleiteten, mußten ſich eben⸗ falls Gefangene befinden, denn Ludwig hörte ihre kläglichen Bitten um Schonung. Theilnehmend ſuchte er in dem ver⸗ worrenen Haufen ſeine Unglücksgefährten zu erkennen. End⸗ lich öffnete ſich derſelbe, und— ein Grauen durchbebte ſeine Bruſt, er erblickte Beaucaire und St. Luces, die halb nackt, vor Kälte und Angſt zitternd, inmitten der frohlockenden Barbaren geführt wurden.„Allwaltender Gott!“ rief er erſchüttert unwillkürlich aus,„verworfen ſei Der, der an Deiner lenkenden Hand zweifelt!“ In dieſem Augenblick trafen die Blicke der Gefangenen auf Ludwig, den man, ſei es Zufall oder Mitleid, nicht be⸗ raubt hatte. — 208— St. Luces verbarg ſein Angeſicht in beiden Händen und ſtand mit ſchlotternden Knieen da. Doch Beaucaire biß in⸗ grimmig die Zähne zuſammen und murmelte einen nur halb verſtändlichen Fluch, von dem Ludwig nur die Worte Ver⸗ räther und Spion unterſchied. Er blickte den Elenden mit Würde an und rief ihm zu:„Ihr irrt Euch! Ich bin nur ein Gefangener, wie Ihr! Das Walten des Ewigen hat Euch Eure Strafe geſandt! So hoffe ich, wird er mir ſeinen Schutz auch noch ferner angedeihen laſſen.“ Die Ruſſen, wie Ludwig jetzt ſah, faſt nur bewaffnete Landleute, ſchienen nunmehr beiſammen zu ſein. Sie trie⸗ ben ihre Gefangenen auf einen Fleck, nahmen ſie in die Mitte und brachen dann auf, um weiter durch den Wald zu ziehen. Eilftes Buch. ☛ Erstes Capitel. Seitdem das Schloß des Grafen Dolgorow durch Naſinski überfallen und in Brand geſteckt war, hatte der Beſitzer ſich 8 nicht wieder auf ſeinem Gute ſehen laſſen. Nach Abzug der Feinde fielen die eigenen Bauern plündernd über das bren⸗ nende Gebäude her und ſuchten ſich alles Deſſen zu bemäch⸗ tigen, was die Flamme noch nicht verſchlungen hatte. Doch mitten unter ſie trat der Greis Gregor und erhob ſeine Stimme mit Strenge und Würde.„Wehret den Flammen, Freunde,“ rief er ihnen zu,„rettet die Habe Eures Herrn und bergt ſie in Eurer Hütte; doch wagt nicht, ſie Euch fre⸗ ventlich ſelbſt zuzueignen. Der Fluch wird den Sohn Ruß⸗ lands treffen, der die Treue gegen ſeinen Gebieter verletzt.“ „ Durch dieſe Ermahnungen zügelte der hochverehrte Vater die habſüchtige Begierde der Sklaven, die den erſten Au⸗ genblick ihrer Entfeſſelung benutzen wollten, um ſich an den Gutern ihres Herrn zu bereichern. Sein Wort war Geſetz, der Wink ſeines Auges ein heiliges Gebot. Daher leiſteten ſie ihm auch jetzt Folge und ſtrengten zuerſt ihre Kräfte an, . das Schloß von der gänzlichen Zerſtörung durch die Flam⸗ — 212— men zu ſichern. Dann räumten ſie aus, was ſich in den Gemächern noch an koſtbaren Geräthen vorfand und verbar⸗ gen es in ihren tiefen Kellern, die keinem ruſſiſchen Wohn⸗ hauſe, ſelbſt nicht dem der ärmſten Leibeigenen, fehlen. So wurde das Hauptgebäude des Schloſſes vor der Wuth der Flamme gerettet und ſtand noch faſt ganz unverſehrt. Doch in den Gemächern ſah es wüſt und öde aus. In den mei⸗ ſten waren die Fenſter zertrümmert, die Wände durch Rauch geſchwärzt und alles Geräth hatten die Bauern hinwegge⸗ räumt. So hatte das Gebäude zwar von außen ſein ſtatt⸗ liches Anſehen behalten, doch war es im Innern ſo zerſtört, daß kaum einige Zimmer bewohnt werden konnten. Länger als drei Monate waren ſeit jenem Brande ver⸗ floſſen und der Graf ſeitdem nicht zurückgekehrt. Indeſſen hatte der eherne Strom des Krieges ſich ſo breit in das Land hinein ergoſſen, daß er jede Verbindung mit dem In⸗ nern deſſelben hemmte. Gregor, der ſeine Gemeinde durchaus nicht verlaſſen wollte, ſondern als treuer Hüter derſelben zurückgeblieben war, hatte daher ſeit jener Zeit weder von dem Grafen, noch von Feodorowna auch nur das Mindeſte vernommen. Seine Hand hatte die Vermählte am Altare eingeſegnet, ſeine Lippe zu dem Herrn um Segen und Heil für ſie gebetet. Doch traute er ſelbſt der Kraft ſeines Fle⸗ hens zum himmliſchen Vater nicht mit jener freudigen Zu⸗ verſicht, die ihn ſonſt erfüllte; denn er wußte wohl, mit welchem zerriſſenen Herzen er die Tochter ſeines Herzens ſcheiden und ſie den neuen Lebenspfad, der für Andere mit ſo duftenden Blumen geſchmückt zu ſein pflegt, betreten ſah! Die Tage waren gleichförmig verſtrichen; der Herbſt hatte die Blätter der Bäume abgeſtreift. Das Grün der Tannen und Fichten wurde mit jedem Tage dunkler und ſchwärzer; bald krönten ſie ſich mit Reif, und endlich brei⸗ 3 1 — 213— tete der Schnee ſeine ununterbrochene Decke über die Gipfel der Bäume, die Hügel und den erſtarrten Strom aus. So iſt mir denn abermals der Winter genahet, dachte Gregor, wenn er aus der Stille ſeiner einſamen Zelle, über die aufgeſchlagene Bibel hinweg, in die traurige Ode des Dorfes hinausblickte; ſchon oft glaubte ich, es würde der letzte ſein, und bereitete mich, vor den Herrn zu treten. Mein Herz hängt nicht an dieſer Erde, aber doch wünſcht es jetzo ſehnlich, noch einmal den Frühling ſproſſen zu ſehen, ſeinen lieblichen Gruß zu empfangen. Sollte der düſterſte Winter meines Lebens denn auch der letzte ſein? Sollte ich ſcheiden müſſen, ehe ich mein Vaterland wieder frei ſehe von dieſen Horden eingeſtürmter Frevler, die alles Heilige beflecken, ſtuͤrzen und zertrümmern? Allgütiger Vater, du weißt es, wie ruhig ich den Blick auf die Gräber wende, die hier vor meinem Fenſter um das Gotteshaus gereiht ſind. Alle dieſe Todten ſchlummern in deiner Obhut! Sie ruhen gleich ſtill und kühl unter dem grünen Teppich, mit dem der Lenz ihre Wohnung ſchmückt, wie unter der kalten Hülle des Schnees! Wie oft habe ich meine Hand zu dir erhoben, Herr des Himmels, und gebetet: Rufe mich ab, wenn du willſt, ich trete demüthig, aber freudig vor dich hin! Doch jetzo flehe ich, laß mich noch den Tag der Freude ſchauen, wo deine Hand die Frevler an dir zerſchmettert; denn dein Blitz trifft die Heiden und dein Wort zermalmt die Feinde! O, laß mich den Tag noch ſchauen, wo der Lenz wieder anbricht über mein unglückliches Vaterland! Denn retten wirſt du es, das glaubt mein Herz mit unerſchütterlicher Zuverſicht. Mit ſolchen Gedanken ſtand der Greis oftmals, wenn die Abenddämmerung ſich herabſenkte, an dem Fenſter ſeiner Zelle und richtete den Blick in die winterliche Landſchaft — 214— hinaus, auf den Kirchhof vor ihm und auf das heilige Haus des Herrn. Mit jedem Tage, wo das graue Wintergewölk ſich dü⸗ ſterer zuſammenzog, der Schnee dichter herabſtäubte, der Sturm hohler um den Giebel des Hauſes heulte, wuchſen die gläubigen Hoffnungen des frommen Vaters. Er ſah im Geiſte die Racheengel des Allmächtigen durch das dro⸗ hende Gewölk ziehen und die Hand des Verderbens aus⸗ breiten über dem Haupt frevelnder Feinde. Mit weiſſagender Bruſt erblickte er die langen düſtern Züge der Raben in der Dämmerung über die Waldhöhen gebreitet; und Nachts, wenn der Wolf von Hunger getrieben aus dem Walde hervorbrach und vor dem feſtverſchloſſenen Hauſe heulte, dachte er: Wo ſollen die Heere der Frevler Speiſe und Obdach finden, wenn das hungerige Raubthier zu ſeinem grimmigſten Feinde flüchtet! Der Hunger wird Euch mit ſcharfem Zahn verfolgen und an unſern Heerd treiben;z doch Ihr ſollt nicht gaſtlich geladen werden, niederzuſitzen; unſere Hand, mit Keule und Schwert gewaffnet, ſoll Euch verjagen oder zerſchmettern auf unſerer Schwelle. Die Thür des Nuſſen, die ſich Jedem wirthbar öffnet, wird Euch geſchloſſen ſein, wie dem heulen⸗ den Wolf, und Ihr ſollt ſeine Beute werden. Das Feuer, zu dem der Erſtarrte flüchtet vor dem Grimm des Winters, ſoll erlöſchen, wenn Ihr naht, oder die Hütte verzehren, unter der Ihr ein Obdach ſucht. Und eher nicht werden wir raſten, bis die letzte Spur Eures frevelnden Fußes aus unſerer Heimat verſchwunden iſt. In ſolchen Betrachtungen lag der Greis oft noch um Mitternacht auf ſeinem Lager, wenn längſt Alles um ihn her ſtill und todt war. Da pochte mitten in der Nacht eine Hand an ſeine 2. —————————— — 215— Pforte und eine männliche Stimme rief:„Aufgethan! Er⸗ wache, frommer Vater Gregor! Dein gaſtliches Haus ſoll ſpäten Wanderern Obdach geben.“ Der Greis glaubte die Stimme zu kennen. Eilig warf er den Pelz über, öffnete das Fenſter und blickte hinaus. Ein Schlitten hielt vor ſeiner Pforte.„Wer pocht ſo ſpät?“ fragte Gregor.„Täuſcht mich mein Ohr, oder hörte ich eine bekannte Stimme?“ „Ihr ſolltet ſie wohl kennen, frommer Vater,“ antwor⸗ tete der Fremde;„ich bin Dolgorow.“ „Herr des Himmels! Ihr ſelbſt?“ rief Gregor erſtau⸗ nend und eilte mit der Lampe nach der Pforte, um ſie zu öffnen. Der Graf ſtand vor ihm. „Seid mir gegrüßt, Vater, Ihr müßt mir dieſe Nacht Obdach geben und auch jenen Zweien im Schlitten,“ redete er ihn an.„Ich werde Euch wichtige Dinge entdecken.“ Gregor leuchtete gegen den Schlitten. Es ſaßen zwei Frauen darin. Mit ahnender Seele trat er aus der Thür ſeines Hauſes und näherte ſich den Reiſenden. Eine hohe, in dichte Schleier gehüllte Geſtalt trat ihm entgegen.„Va⸗ ter Gregor, ſeid mir gegrüßt!“ redete ſie ihn mit ſanfter Stimme an, und er erkannte ſeine geliebte Tochter Feodo⸗ rowna, und ſie ſank bewegt, ſtumm weinend an ſein Herz. Die Mutter folgte ihr; Gregor geleitete ſie ehrfurchts⸗ voll in ſeine Wohnung. „Was führt Euch unter mein niederes Dach,“ ſprach er, als er das enge Gemach erreicht hatte, mit bewegter Stimme, denn ihn bekümmerte Feodorowna's bleiches Ant⸗ litz, und ſie trug einen Trauerſchleier. „Ich will Euch ſtatt ihrer über Alles Antwort geben,“ entgegnete Dolgorow.„Seid nur für jetzt ſo gut, den ————— 5 —— — 216— Frauen ein Gemach einzuräumen, wo ſie der Ruhe pflegen können, denn wir ſind Tag und Nacht, ohne Raſt noch Aufenthalt gefahren. Aber weckt Niemand von Euren Leu⸗ ten, denn unſer Hierſein muß noch ein Geheimniß bleiben.“ „Ja, weiſ't uns eine Ruheſtelle an, frommer Vater,“ ſprach die Gräfin mit ermatteter Stimme;„ich bin bis zum Tode erſchöpft.“ Gregor führte die Frauen in ein ſtilles, nach dem Gar⸗ ten hinaus liegendes, für die Aufnahme von Gäſten einge⸗ richtetes Gemach, welches, wie das ganze Haus, auch wohl erwärmt war. Die Gräfin ſank ſogleich auf ein Ruhebette nieder. Feodorowna reichte ihrem väterlichen Freunde die Hand und ſprach:„Morgen, theurer Vater, morgen will ich Euch recht lange, lange ſprechen.“ „Bedürft Ihr aber jetzt keiner Erquickung, keiner Speiſe, oder eines warmen Getränkes?“ fragte der Greis. „Nichts, beſter Vater,“ entgegnete Feodorowna,„nur der Ruhe, und die finden wir ja hier, wie wir ſie wünſchen.“ Gregor ging zu Dolgorow zurück, den er mit großen Schritten auf⸗ und abgehend antraf. „Vater!“ redete ihn der Graf an, indem er ihm die Hand auf die Schulter legte;„Vater, es begeben ſich große Dinge. Rußland ſieht die Tage ſeines Glanzes anbrechen nach den Tagen der Schmach, die es getragen.“ „Wie? Darf ich Euern Worten trauen? So wäre mein heißes Gebet erfüllt?“ „Du weißt, daß der Feind auf dem Rückzuge iſt.“ „Wohl; doch fürchte ich, nur um dem Winter Ruß⸗ lands zu entgehen, da die heilige Stadt, die er ſelbſt frevel⸗ haft zerſtörte, ihm kein Obdach mehr gewährt.“ „Der Winter Rußlands hat ihn ereilt. Es iſt zu ſpät zur Rückkehr. Er wird die Grenzen des Landes, in das er — 217— übermüthig eingedrungen, nicht wiederſehen. Du meinſt, er habe Moskau verbrannt? Wirft nicht der Schiffer die köſtlichſten Güter, mit denen er den Raum gefüllt hat, ins Meer, um ſein auf der Sandbank geſtrandetes Fahrzeug wieder frei auf den Rücken der Wellen zu erheben? Sprengt ſich der Pirat nicht mit ſeinem Feinde in die Luft? Hältſt Du Rußlands Söhne nicht für Männer, die das Gleiche zu thun vermöchten? Alter! Lerne beſſer von uns denken! Die Flamme Moskau's hat keine feindliche Fackel entzündet! Ihr Glanz wird die furchtbarſte, aber auch die größeſte That in den Jahrbüchern Rußlands beſtrahlen!“ „Wie?“ rief Gregor und erhob die Hände ſtaunend. —— „Wie?“ „Laß das jetzo; es iſt, wie ich ſagte; doch wir haben „ wichtigere Dinge zu beſprechen. Von jener Schreckensnacht an begann die Wetterwolke des Verderbens ihre Blitze rä⸗ chend herabzuſenden auf den Verwegenen, der das ganze be⸗ waffnete Europa in dieſes Reich führte, um unſere Fluren zu verheeren. Er mußte den Tag der Schmach erleben, wo er ſich umwandte zur Flucht; der Stolz des nie Beſiegten iſt gebrochen, das Verderben hat ihn ereilt. Schon hier hofften wir, ihn zu vernichten; es iſt zu ſpät geworden, doch er entgeht ſeinem Schickſal nicht. Hört mir jetzt aufmerkſam zu, würdiger Vater, denn es bedarf auch Eurer Hülfe. Ihr werdet es nicht vergeſſen haben, wie die Hochzeit meiner 3 Tochter unterbrochen wurde. Ihr ſeht ſie jetzt im Trauer⸗ ſchleier der Witwe, denn ihr Gatte iſt nicht mehr. Als wir flüchteten, ereilten uns Feinde hart am Walde hinter dem Garten. Eine Kugel traf den Fürſten; er ſank, doch es gelang uns, ihn im Walde zu verbergen. Auf einer Bahre von Zweigen trugen wir ihn bis ins nächſte Dorf, und dort fan⸗ den wir Mittel, ihn langſam bis nach Moskau zu ſchaffen, III. 10 * ——————— 8 da der immer näher und näher rückende Feind uns bis dorthin zu flüchten zwang; denn er wollte lieber ſterben als in die Hände der Feinde fallen. Von Moskau eilte ich ſelbſt zurück zum Heere. Ich focht bei Borodino, wo wir nichts verloren als einen wüſten, mit Leichen bedeckten Boden. Er ward uns theuer bezahlt. Verwundet, obwol leicht, begab ich mich nach Moskau, wo der Fürſt in ſeinem Schloſſe von meiner und ſeiner Gemahlin gepflegt, ſein ſchweres Kran⸗ kenlager duldete; denn weil wir ihm nicht Ruhe gönnen konnten, hatte ſich die Wunde ſo verſchlimmert, daß ſie we⸗ nig Hoffnung gab. Jetzt rückte der Feind vor die Haupt⸗ ſtadt. Während er einzog, rang Ochalskoi mit dem Tode. Wir hatten ihn in einen abgelegenen Flügel des Schloſſes, in geheime, wohlverwahrte Gemächer bringen laſſen, wo wir in ſicherer Verborgenheit hätten bleiben können, wenn der Brand der Stadt nicht beſchloſſen geweſen wäre. Mit der ſinkenden Sonne ſchloß Ochalskoi das Auge. Wir erwar⸗ teten nur die Nacht, um auf geheimen ſichern Wegen zu flüchten. Aber ſelbſt den Leichnam des Edlen ließen wir dem Feinde nicht, denn ich hatte es ihm im Tode verſpro⸗ chen, das Außerſte daran zu ſetzen, ihn auf unbeflecktem ruſſiſchen Boden zu beſtatten. Es gelang uns, das freie Feld zu gewinnen; die Flam⸗ men Moskau's leuchteten unſerer Flucht. Bald erreichten wir den dichten Wald und hinter demſelben die Straße nach St. Petersburg. Ich begab mich, begleitet von meiner Gemahlin und Tochter, zum Kaiſer. Von dort aus wurden jetzt die unſicht⸗ baren Netze ausgeſpannt, in die wir den Feind des Vater⸗ landes lockten. Mit Friedenshoffnungen hielten wir ihn hin, bis er endlich gewahrte, daß er, der Alle zu täuſchen ge⸗ wohnt war, diesmal ſelbſt der Betrogene ſei. Noch wäre es — 219— Zeit geweſen zur Rückkehr, wiewol er es theuer erkauft ha⸗ ben ſollte, über die Grenzen Rußlands zurückzuſchreiten. Doch ſein Stolz ſträubte ſich gegen dieſe Schmach; im Wahn der Unüberwindlichkeit verſuchte er es, ſich eine neue Bahn zu brechen; es mißlang. Sein Tag war gekommen, er mußte ſich umwenden zur Flucht. Aber es war zu ſpät! Schon ziehen ſich die Garne von allen Seiten zuſammen, mit de⸗ nen wir ihn umſpannen! Der Allmächtige iſt im Bündniß mit der heiligen Sache unſeres Vaterlandes. Er ließ ſeine Sonne täuſchend glänzen und verhüllte mit ihren milden Strahlen die Nähe des lauernden Winters, dieſes grimmigen Würgers, der jetzt plötzlich aus dem Hinterhalt hervorbricht. Keine Flucht darf ſie retten. Alle Wege werden geſperrt. Wohin ſie ſich wenden, ſoll ihnen das Verderben entgegen⸗ treten. Dazu komme ich hieher. Jetzt, Vater, gilt es, die Söhne Rußlands mit heiliger Wuth zu erfüllen gegen dieſe höhnenden Frevler, die ſich an den Thränen unſers Grimms weideten. Du ſollſt mir helfen, das Volk aufzuſtürmen, zu ſammeln, gegen den Feind zu führen. Deshalb komme ich aus der Hauptſtadt hieher; ich eilte, wie der Sturmwind, denn ich hoffte, wir würden Smolensk vor dem franzöſiſchen Kaiſer erreichen, und durch einen raſchen Überfall uns der Feſtung verſichern. Dann wäre er hier im Herzen Rußlands gefallen. Doch das iſt zu ſpät. Ich weiß, daß er ſeit geſtern hier eingetroffen iſt; nur mit Gefahr, auf Umwegen durch die Wälder vermochte ich bis hieher zu dringen. Allein wo ich die große Straße kreuzte, ſah ich ſchon die Spuren des Verderbens, das ihn getroffen. Sie iſt bedeckt mit Lei⸗ chen und Trümmern. Aber es darf Keiner entrinnen, Keiner, der das Unheil in der Heimat verkünde. Nur aus dem todten Verſtummen, aus dem grauſenden Verſchwinden jeder Spur mögen die Seinigen daheim erfahren, welch ein 10* ——. — 220— Schickſal ihn und Die, die er führte, ereilt hat. Wenn der Morgen graut, Gregor, verſammle das Volk durch den Ruf der Glocke in die Kirche. Erfülle ihre Herzen mit der Flamme des Grimms, rufe ſie auf zur Nache gegen die K Feinde ihres Gottes. Nicht Kinder, nicht Weiber dürfen müßig bleiben. Darum führte ich auch Gemahlin und Tochter mit mir, daß ſie das Beiſpiel geben von der Pflicht einer edlen Bewohnerin Rußlands. Dann weerde ich unter ſie treten, ſie ausſenden als Boten rings umher, und ehe der Abend hereinbricht, wollen wir Tauſende bewaffnet haben, um ſie gegen den Feind zu führen. Sie ſollen hervorbre⸗ chen aus dem Dickicht dieſer Wälder, wie der Löwe auf ſeine Beute; ſie ſollen plötzlich hineinſtürmen auf die muth⸗ los Flüchtenden, wie die ſchwarze Wetterwolke den Hagel⸗ ſturm auf die Felder niederſendet! Das iſt jetzt unſere Pflicht, 4 Gregor! Du wirſt mir ſie üben helfen.“ 1 „So wahr des Herrn Angeſicht über meinem grauen Haupte leuchtet,“ rief der Greis mit begeiſtertem Blick und erhob die Rechte zum Schwur. Dann ſank er erſchüttert auf die Knie nieder und betete aus tiefſter Bruſt: „Allmächtiger Vater, allgütiger Lenker der Geſchicke; ſo haſt Du mein Flehen erhört, und läſſeſt dieſen Tag des Heils leuchtend vor meinen alten Augen heraufſteigen. Dank Dir, Allgütiger! Noch dieſes letzte Werk laß mich voll⸗ 1 enden, dann winke mir, und ich lege freudig mein Haupt* in die Gruft!“ 5 . Ohne durch ein einziges Zurückbli ke auch nur einen Augenblick Zeit zu verlieren, hatte Bernhard vollen Laufes die Waldecke erreicht. Seine Verfolger waren nahe an ihm, doch der goldne Preis der Freiheit, der vor ihm winkte, gab ihm Flügel. Gottes Hand beſchützte ihn; denn obwol einige Kugeln dicht an ſeinem Ohr vorbeiſtreiften, verletzte ihn doch keine. Jetzt deckte ihn das dichte Gebüſch; zwar hemmte es die Schnelligkeit ſeiner Flucht, doch verbarg es auch ſo⸗ gleich die Richtung derſelben und ſetzte dieſelben Hinderniſſe ſeinen Verfolgern entgegen. Mit vorgebeugtem Haupt, den 4 linken Arm ſchützend über die Augen haltend, ſtürzte er fort 1 und achtete es nicht, daß die Büſche ihm Hände und An⸗ geſicht blutig riſſen. Endlich fehlte ihm der Athem; er ſtand einen Augenblick ſtill und ſchöpfte Luft. Lauſchend horchte er auf, ob ſich Tritte hinter ihm hören ließen. Es blieb Alles todtenſtill. Vorſichtig eilte er nach der kurzen Raſt weniger Secunden noch eine Strecke tiefer in den Wald hinein, bis er ganz finſteres Buſchwerk erreichte, das ihn ſelbſt den dicht Vorübergehenden verborgen haben würde. Hier erſt gönnte er ſich eine längere Ruhe und überlegte, was nun zu thun ſei. Du ſelbſt biſt für diesmal gerettet, dachte er, indem er einen tiefen Athemzug aus der freien Bruſt that und das Auge freudig dankbar gen Himmel erhob; wenn nur erſt Ludwig mit dir vereint wäre! Und dann? Wir Beide einſam in der Wüſte? Der Kälte, dem Hunger, der Wuth der Einwohner preisgegeben? Schaͤme dich, Bernhard, willſt du verzagen in dem Augenblick, wo du den Beweis —— — 222— erhalten haſt, daß nichts verloren iſt, wo nicht Alles ver⸗ loren iſt? Nur heran mit der Zukunft; man muß ſie ſcharf anſehen, wie ein Fechter ſeinen Gegner, dann deckt man ſich gegen jeden Streich. In dieſen Gedanken ſetzte er ſeinen Weg in der Rich⸗ tung nach dem Hügel mit den drei Fichten fort. Im dichten Walde herrſchte noch eine tiefe Dämme⸗ rung; todesſtill war Alles rings umher. Da ertönten plötz⸗ lich mehrere Schüſſe!„Heiliger Gott! wäre es Ludwig, den man wieder ergriffen hätte,“ rief Bernhard und ſtand, wie an den Boden gefeſſelt, mit halbem Leibe vorwärts, der Richtung des Schalles entgegengebeugt. Es fielen abermals Schüſſe und nochmals und wiederum! Nein, dachte er mit freudig erleichterter Bruſt, das iſt der grauſenvolle Klang nicht, den ich fürchtete. Doch war er völlig ungewiß, wie er dieſes Schießen erklären ſollte, zumal da es ſich mit ver⸗ worrenem, ganz dumpf und ſchwach durch die Morgenſtille bis zu ihm herüber tönendem Geſchrei miſchte.„Wenn ich nur irgend wüßte, wo der Feind aus dem Erdboden ge⸗ wachſen ſein könnte, würde ich glauben, dies ſei ein Gefecht. Ob ſich denn irgend ein Blick auf die Ebene thun läßt?“ Er ging gegen den Saum des Waldes zu, doch noch ehe er ihn erreichte, war das Schießen und der ganze Lärmen vorüber. Um ſo ängſtlicher lauſchte er, ob er nicht in der Nähe Tritte höre, ob nicht das Gebüſch rauſche, weil ein eiliger Wanderer es theile. Vergebens. Bernhard wurde jetzt unſchlüſſig, ob er eilen ſolle, den verabredeten Punkt des Zuſammentreffens zu erreichen, oder ob zurückgehen und zu erforſchen ſuchen, was aus Ludwig geworden ſei. Nach kurzem Beſinnen wählte er das Letz⸗ tere.„Er mag eine Viertelſtunde länger auf mich harren, es iſt beſſer, daß er dieſe ausdaure, als daß ich ihn vielleicht hülflos und ohne Freundestroſt in den Händen ſeiner Feinde laſſe. Wäre er das Opfer geworden! Nein, nein! Es iſt unmöglich. Iſt er es aber, nun ſo will ich es auch ſein!“ Es lag ein gewiſſer, trotziger Stolz in Bernhards Ge⸗ fühl bei dieſem Entſchluß. Man ſollte nicht ſagen dürfen, daß er, um ſich ſelbſt zu retten, den Freund verlaſſen habe. Er fühlte wohl, daß für Ludwig ſein Opfer zu ſpät komme, allein es dünkte ihn ehrlos, ihn zu überleben. „Aber Marie! Wäreſt Du nicht der treuere Freund, wenn du für die einſame, hülfloſe Schweſter ſorgteſt? Fort, fort, dein Herz will dich belügen— traue ihm nicht!“ Bernhards innere Angſt wuchs, je heftiger der Kampf der Gefühle in ihm wurde und je näher er der Stelle kam, wo er Gewißheit über das Schickſal des Freundes zu erhal⸗ ten hoffte. Endlich hatte er die Waldſpitze erreicht und konnte den Hügel überblicken, wo der Tod ihn und Ludwig hatte treffen ſollen. Er war einſam, Niemand in der Nähe; Bernhard wagte ſich vor. Der Schnee war von zahlloſen Spuren durchkreuzt; auch einige Reiter mußten ihren Weg über den Hügel genommen haben. Jetzt ſtieß Bernhard auf einen verlorenen Tſchako, auf Blutſpuren, auf die untrüg⸗ lichſten Zeichen, daß ein Gefecht hier vorgefallen ſein mußte ⸗ Von weitem entdeckte er einige Leichname— wie, ſollte Ludwig darunter ſein? Er eilte in vollem Laufe heran. Gott ſei Dank, nein! Es ſind andere Uniformen! Drei Männer lagen hingeſtreckt auf dem Schnee. Den nächſten erkannte Bernhard; es war der biederherzige Elſaſſer Cottin; die beiden Andern waren ihm fremd. Die Freude, daß Ludwig gerettet ſchien, ließ der warmen Regung der Theilnahme für den wackern Landsmann keinen Raum. Die Flucht muß ihm geglückt ſein. Dort, wo die drei Fichten — 224— ragen, harrt er jetzt meiner vielleicht ſchon. Ich muß eilen, ſeine Ungewißheit abzukürzen. Auch ohne dieſen innern Trieb hätte Bernhard Urſache gehabt, auf's ſchnellſte zu flüchten, denn durch das Getüm⸗ mel des Gefechtes aufmerkſam gemacht, rückten eben einige raſch zuſammengeraffte Compagnien aus den nur wenige hundert Schritte entfernten Thoren von Smolensk aus, um den, wie es ſchien, bedrängten Kameraden, freilich zu ſpät, zu Hülfe zu eilen. Bernhard gewahrte es noch in Zeiten und nahm ſeinen Weg wieder in den Wald nach dem ver⸗ abredeten Ort der Zuſammenkunft mit Ludwig.— Nach einer halben Stunde hatte er ihn erreicht. Die Fichten ſtanden einſam auf einer nur von niedrigem Buſch⸗ werk bedeckten Anhöhe, die ihm einen ziemlich weiten Blick in die Ferne geſtattete. Vor ſich ſah er die Thürme, Gie⸗ bel und Mauern von Smolensk, hinter denen die beſchnei⸗ ten Höhen, welche den Dnieper begleiten, ſich erhoben. In der Ferne lief eine lange, blaue Waldlinie um den Horizont; zur Rechten zog ſich jenſeit eines etwa eine Viertelſtunde breiten Tannengebüſches die große Landſtraße nach Moskau hin; hinter ſich und zur Linken entdeckte das Auge, ſo weit es reichte, nur unermeßliche Wälder, die ſich über Anhöhen und Senkungen des Bodens unabſehbar erſtreckten. Nur wenige freie Stellen waren ſichtbar, aber auch dieſe erſchie⸗ nen nur als von Wald ringsumſchloſſene Räume. Der Höhenzug diesſeit des Stromes beſchränkte den Blick zur Linken; hinter demſelben mußte ſich, ſo war es Bernhard noch von früher her erinnerlich, freies Feld finden. Er warf nur einen flüchtigen Blick über dieſe traurige, öde Landſchaft; ſein Auge ſpähte nach Ludwig umher. Er entdeckte ihn nicht. Anfangs leiſe, dann lauter und lauter — — rief er den Namen des Freundes, doch ſeine Stimme ver⸗ hallte in der tiefen Einſamkeit und Stille ohne Antwort. Jetzt wurde ihm bang. Tauſend Möglichkeiten ſtiegen in ſeiner Seele auf, die nahe an die Wahrheit hinſtreiften, ohne dieſe jedoch zu treffen.— Er kreiſte in der Nähe des Berges umher, durchſuchte alle Büſche, ſpähte nach Fußtritten im Schnee, ob er dar⸗ aus vielleicht die Spur Ludwigs entdecke, falls dieſer ſich verirrt haben ſollte— Alles vergeblich. Immer wieder ſtieß er, ſo ſehr er auch den Ring ſeines Umherſpähens ausdehnte, auf keine andere Linie von Schritten, als die einzige, die ihn auf den Gipfel des Hügels geführt hatte. Dieſe durch⸗ ſchnitt er ein⸗, zwei⸗, dreimal; er gewann endlich die über⸗ zeugung, daß kein menſchlicher Fuß als der ſeinige auch nur in die Nähe des Hügels gekommen war.. Dieſe Gewißheit fiel mit ſchwerem Gewicht auf ſeine Bruſt. Wax Ludwig gerettet, war er es nicht? Hatte er ihn mißverſtanden? Hatte er ſeine Flucht nach einer andern Richtung genommen? Oder hatten ihn Umſtände gezwun⸗ gen, ſeine Rettung auf der entgegengeſetzten Seite des Wal⸗ des zu ſuchen? War er im Gefecht geblieben? Dieſe und tauſend andere Fragen kreuzten ſich in Bern⸗ hards Seele, aber er wußte ihnen keine Antwort. Nur die eine fürchterliche Gewißheit gewann er mehr und mehr, daß er von dem Freunde getrennt ſei, daß nur eine günſtige Wendung des Geſchicks, die außerhalb ſeiner Kraft und Be⸗ rechnung lag, ihn wieder mit ihm zuſammenführen könne. Der Mittag nahte heran. Durch das Waten im Schnee waren Bernhards Füße durchnäßt, die Sennen ſeiner Kniee auf's Außerſte ermattet. Der Hunger ſtellte ſich mit peini⸗ gender Schärfe ein, denn der ſeit zwei Tagen wohlgenährte Körper hatte wieder Kräfte genug gewonnen, um der Ge⸗ — 226— walt dieſes Feindes einige Zeit ohne Ermattung, aber dafür auch mit deſto größerer Qual trotzen zu können. Einen Ent⸗ ſchluß mußte er faſſen. Es blieb ihm nur die Wahl, ent⸗ weder in die Feſtung zurückzukehren und ſich ſo dem gewiſ⸗ ſen, raſchen Tode zu überliefern, oder allein die Flucht durch die Schneewüſte zu wagen, wo tauſend Gefahren und Qualen ſeiner harrten, zu denen die ſchwache Hoffnung der Rettung kaum den Muth und die duldend ausharrende Kraft gewähren konnte. Und wohin ſollte er ſeinen Weg nehmen? Ohne Waffen, um ſich gegen einen hungerigen Wolf zu vertheidigen, oder Holz zum Feuer zu fällen; ohne Lebensmittel, mit äußerſt geringer Baarſchaft, ſchien es unmöglich für ihn, vorwärts nach der Heimat zu dringen. Es blieb ihm nichts übrig, als zurückzuwandern, um das Ney'ſche Corps, das kaum zwei Tagmärſche zurück ſein konnte, und mit dieſem Na⸗ ſinski's Regiment wieder zu erreichen. 4 War Ludwig gerettet, konnte er wie Bernhard frei han⸗ deln, ſo blieb auch ihm kein anderer Entſchluß übrig. Da⸗ her war dieſer Weg auch der einzige, auf dem er hoffen konnte, dem Freunde wieder zu begegnen. Er brach ſich einen ſtarken Fichtenzweig ab, ſchnitzte ihn mit dem Taſchenmeſſer, welches er glücklicherweiſe bei ſich trug, zum Wanderſtab und zur Waffe für den Nothfall zurecht und begann durch den Wald ſeinen Weg nach der Landſtraße zu zu nehmen. In ſeiner Seele ſah es ſo düſter aus, wie rings die Natur um ihn her. Er mußte ſich durch unwegſames Dickicht kämpfen und oft bis an die Knie im Schnee waten. Daher drang er nur langſam vorwärts, und obwol die Straße in der nächſten Richtung nur eine halbe Stunde von dem Hügel entfernt war, hatte er ſie doch nach zwei Stunden noch nicht erreicht, einmal, weil er ſie nicht 1 3 6 8 a ſo dicht bei der Feſtung zu kreuzen wagte, und dann, weil ſein Weg ſich durch die vielen Hinderniſſe und die Umwege, welche er nehmen mußte, überdies um mehr als das Doppelte verlängerte. Dieſe angeſtrengte Arbeit, verbunden mit dem Hunger, der ihn quälte, erſchöpften ſeine Kräfte ſo, daß er ſich endlich niederlegen mußte. Er räumte mit ſeinem Stab und einigen zuſammengebundenen Zweigen den Schnee auf die Seite, machte ſich dann eine Art Lager von abgebroche⸗ nen Tannenzweigen und ſtreckte ſich darauf hin, um auszu⸗ ruhen. Doch war er ſorgfältig bemüht, den Schlaf von ſich abzuwehren, um nicht in demſelben zu erſtarren und ſo eine Beute des Todes zu werden. Er hätte der Vorſicht aber nicht bedurft; denn die Sorgen ſeiner Seele und die Pein des Hungers waren noch zu heftig, um ihn ſchlum⸗ mern zu laſſen, ſein Körper aber noch nicht in dem Grade ermattet, daß er die Müdigkeit als die ſtärkſte aller Qualen empfinden ſollte. Um die Schmerzen, die ihm der Hunger verurſachte, einigermaßen zu ſtillen, ſchnitt er die jungen, harzreichen Schößlinge aus den Zweigen und verſuchte ſie zu eſſen. Dieſe bittere Koſt und einige Hände voll Schnee, den er zur Stillung des eingetretenen Durſtes genommen hatte und ihn langſam auf der Zunge ſchmelzen ließ, war die ein⸗ zige Stärkung, die ſeine verzweifelte Lage ihm geſtattete. Nach einer Stunde der Naſt brach er von Neuem auf und erreichte nun bald die große Landſtraße. Aber welch einen Anblick bot ſie ihm dar! Sie war mit halb nackten, er⸗ ſtarrten Leichnamen bezeichnet, die zur Hälfte aus dem Schnee hervorragten. Kleine, leicht beſchneite Hügel, an die der Fuß der Wandernden jeden Augenblick ſtieß, waren die Gräber eben ſo vieler Unglücklichen. Weggeworfene Waffen, Uni⸗ formſtücke, Gepäck, todte Pferde würden den Weg, den das Heer genommen hatte, bemerklich gemacht haben, auch wenn — 228— keine große, von Kanonen und Wagen tief ausgefahrene Heerſtraße ſichtbar geweſen wäre. Ein ſtilles Grauſen ſchlich durch Bernhards Bruſt, als er ſich jetzt ſo allein mitten in dieſen Spuren befand, welche die ſchauerliche Bahn bezeichneten, die Tod und Verwüſtung durch die ſchneebedeckten Oden genommen hatten. Die Straße glich einem langen, unermeßlichen Kirchhof, wo aber keine Freundeshand die Gebliebenen ſanft beſtattet hatte. Nur das Grabtuch des Schnees hüllte die Gefallenen kalt und ſchauerlich ein. Bernhard mußte jetzt bald ein Dorf erreichen; der Weg machte eine Wendung und es lag vor ihm. Aber kein Haus war mehr zu entdecken; Alles niedergeriſſen und nie⸗ dergebrannt, kaum daß einige einzelne, lange Schornſteine und ſchwarze Feuermauern noch über dem Schnee hervor⸗ ragten. Muthmaßlich hatte ein Bivouac hier ganz in der Nähe ſtattgefunden, ſodaß die Leute alles Gebälk zu ihren Feuern benutzt hatten. Bald entdeckte Bernhard auch die ſchwarzen Brandſtellen am Saume des Waldes entlang. Er ging näher, in der Hoffnung, etwas zu finden, das ſeinen Hunger ſtillen könne. Vergeblich! Hier lagen auch keine Leichen, denn hier hatten ja die Kräftigern Raſt ge⸗ halten, und das Feuer ſie vor Erſtarrung geſchützt. Bernhard ſtieß mit ſeinem Stabe in einen Aſchenhaufen und wühlte ſo einen noch glimmenden Brand heraus. Alſo konnte dieſe Lagerſtätte erſt am Morgen verlaſſen ſein. Im Schnee entdeckte er einen Knopf; er hob ihn auf. Ein freu⸗ diger Schreck durchzuckte ihn; er erblickte das Zeichen ſeines Regiments darauf. Dieſe leichte Spur ſeiner Freunde gab ihm neue Hoffnung. Alſo hatte Raſinski hier Raſt ge⸗ halten. Da er erſt Machmittags aus Smolensk ausgerückt war, 42 -———— ——— mußte er die Nacht hier bivouakirt haben und war vielleicht kaum einen halben Tagemarſch von der Stelle entfernt. Hätte Bernhard jetzt nur einige Biſſen Speiſe gehabt und einige Stunden ruhen können, ſo würde er die Freunde vielleicht noch in der Nacht erreicht haben. Doch ſo war er durch körperliche Anſtrengungen zu erſchöpft, der ſo erſchüt⸗ ternden Gemüthsbewegungen nicht zu gedenken. Jetzt zum erſten Male fühlte er, daß ſein trotziger Muth wanke. Die Abſpannung der körperlichen Kräfte wirkte er⸗ mattend auch auf die Seele, die tiefe Einſamkeit warf ihre düſtern Schatten in ſeine Bruſt; die Anregung, durch ent⸗ ſchloſſenes Beiſpiel das Verzagen Anderer zu hindern, blieb aus, und mit dem fehlenden Sporn ſchwand auch die Kraft. Schweigend, die Arme finſter übereinandergeſchlagen und ſich, weil der Froſt ihn ſchüttelte, in ſich ſelbſt zuſammen⸗ krümmend, ſaß er auf einer halb eingeſtürzten Mauer und blickte finſter vor ſich hin. Ringsum lautloſe Stille; der dunkle Tannenwald ſtand ſchauerlich erſtarrt da und die Zweige ſenkten ſich matt un⸗ ter der Laſt des Schnees; graues Nebelgewölk zog lang⸗ ſam, tief herabgedrückt, über den Waldſpitzen dahin. Der Athem war entflohen aus der Bruſt der Natur; eine Leiche lag ſie da, ſtarr, ohne Wärme, ohne Liebe. „Und was iſt's denn mehr,“ ſprach Bernhard plötzlich aufſtehend und trat entſchloſſen vorwärts;„ſchlummern denn nicht Tauſende hier umher? Was willſt Du Dich ſträuben, in die kalten, ausgebreiteten Arme des Todes zu ſinken? Die Qual wird kurz ſein! Einen Augenblick ruhe entſchloſſen an ſeiner Bruſt und Dein warmes Leben iſt eingeſogen von der ehernen Erſtarrung, und Schmerz und Luſt ſind vor⸗ über.“ — 230— „Du willſt weich werden! Weil hinter dieſen grauen Schleiern noch der blaue, ſonnige Tag ruht, den Du auch einſt geſehen? Weil freundliche Geſtalten an der Grenze dieſer Ode ſtehen? Warſt Du denn glücklich als Du un⸗ ter ihnen im Licht weilteſte Trugſt Du nicht ſtets den Schmerz in verhüllter Bruſt? Tröſtete und erquickte Dich denn der bunte Schimmer des Lebens? Tropfen netzten Deine Zunge, aber der brennende Durſt wurde nicht geſtillt und das Labſal diente nur, die Qual zu ſchärfen. Und doch ſchauderſt Du, da ſich jetzt der Glockenhammer hebt, um die Stunde Deiner Nuhe, Deiner Erlöſung anzuſchlagen? Will denn das Reis der Hoffnung auch in dieſer Eiswüſte nicht erſtarren? Neicht Deine Manneskraft nicht aus, dieſen ſchwachen, verglommenen Funken ganz zu erſticken? Schäme Dich! Blicke das Geſpenſt mit dem Auge des Mannes an und es ſinkt zuſammen in den Staub des Nichts! Nur in Deiner Bruſt lebt es, Du ſiehſt nur das hohle Spiegelbild der ſelbſtgeſchaffenen Schrecken, die Du in Dir trägſt. Zer⸗ ſchmettere mit wilder Fauſt das trügeriſche Glas und die Wahrngeſtalten ſind vernichtet!“ Vergebens kämpfte die Gewalt des Gedankens gegen die Macht der Wirklichkeit. Vergebens verſuchte der Geiſt die Feſſeln zu ſprengen, die ſeinen freien Fittig in das Gefäng⸗ niß des Körpers und der Sinne ſchmieden. Sie ließen ihn nicht los aus ihrer Macht und trotzten auf ihr altes Recht, mit ihm zugleich zu herrſchen, bis der Tod die Siegel des für die Erde geſchloſſenen Bündniſſes gelöſt hat. So blieb denn das Geſpenſt ſchauerlich vor Bernhard ſtehen, und er fühlte, wider Willen, wie das Grauen ſtill durch ſeine Bruſt ſchlich und tiefer und tiefer in das Herz drang. ☛ͥ —— , — noch?“ „So ſei es denn dieſer Baumſtamm!“ ſprach er finſter vor ſich hin, hüllte ſich zuſammenſchauernd dichter in den Mantel und warf ſich wieder auf den Boden hin. Drittes Capitel. Kaum aber lag er, als er das Gebüſch rauſchen hörte und gleich darauf menſchliche Fußtritte vernahm. Er fuhr auf und blickte umher. Da theilten ſich die Tannenbüſche vor ihm, und eine ſeltſam abenteuerliche Geſtalt, in einen grauen Pelz gehüllt, ein rothes Tuch um den Kopf gewun⸗ den, trat, vorſichtig nach allen Seiten umſchauend, heraus. „Ihr da!“ rief er in franzöſiſcher Sprache herüber gegen Bernhard.„Lebt Ihr, oder ſeid Ihr eine Leiche?“ „Ich lebe,“ erwiderte Bernhard und richtete ſich mit Mühe auf. „Es ſieht aber aus, als würde es nicht mehr lange dauern,“ antwortete der Soldat.„Seid Ihr matt vor Hunger?“ Bernhard nickte mit dem Kopfe.„So kann ich Euch helfen,“ ſprach der Andere und trat näher;„aber ſagt mir, wo geht der Weg nach Smolensk?“ „Dort hinunter; zweihundert Schritte von hier iſt die Straße.“ „Gelobt ſei Jeſus und Marie! Und wie weit iſt es „Vier Stunden.“ — 232— „Schwärmen Koſacken auf dem Wege?“ „Nein, nicht daß ich wüßte.“ „Barmherziger Gott! So willſt du mich dennoch ret⸗ ten?“ Mit dieſen Worten ſank der Krieger auf die Kniee und hob den Blick dankbar gen Himmel, und große Thrä⸗ nen rollten über ſeine Wangen.„Hier, Freund, nimm,“ ſprach er einen Augenblick darauf und eilte mit einem Stück Brot in der Hand auf Bernhard zu;„Du haſt mich erquickt, ich will Dich erquicken. Nimm, und hier iſt auch zu trin⸗ ken!“ Zugleich zog er eine Flaſche mit Branntwein aus dem Buſen hervor und reichte Beides Bernhard herüber. „So ſoll es doch nicht hier zu Ende ſein?“ ſprach die⸗ ſer gerührt.„Dank Dir, Freund, Du biſt mein Retter!“ „Und Du der meine.“ „Aber woher kommſt Du dort aus dem Walde?“ fragte Bernhard. „Siebenmal aus dem Nachen der Hölle,“ erwiderte der Gefragte und ſetzte ſich zu Bernhard nieder.„Vorgeſtern trieb mich der Hunger mit vielen andern Kameraden aus den Reihen des Regiments, um in den zur Seite gelegenen Dörfern Speiſe aufzuſuchen. Da fiel plötzlich mitten im Walde eine Horde Bauern über uns her; ſie ſchlugen und metzelten nieder, wen ſie trafen. Wir ſtäubten nach allen Seiten auseinander, da kamen auch Koſacken herbei und hetzten uns mit ihren kleinen raſchen Pferden, wie der Schäferhund die verſprengten Schafe, um uns den wü⸗ thenden Mugiks in die Hände zu treiben. Doch ihre erſte Mordluſt war geſättigt; ſie jagten uns mit Kantſchu⸗ und Knüttelhieben auf einen Haufen zu⸗ ſammen, koppelten uns aneinander wie die Jagdhunde und trieben uns ſo vor ſich her. Wir wähnten, ſie hätten Er⸗ barmen mit uns und wollten uns als Gefangene fortführen. 6 — — F 233— Aber es war ein Irrthum! Nachdem wir in einem zwei Stunden von der Straße entfernten Dorfe angelangt waren, plünderten ſie uns ſo aus, daß wir halb nackt in der grim⸗ migen Kälte ſtanden und die Zähne uns klappernd gegen⸗ einanderflogen. So ſperrten ſie uns Alle zuſammen in die Kirche ein. Wir kauerten uns eng zuſammen und ſuchten einander zu erwärmen. Aber es dauerte nicht lange, ſo wurden zwei von uns herausgeführt. Bald darauf hörten wir ſchießen; doch einzeln in langen Pauſen und nach jedem Schuß theilte ein wildes Geſchrei und Gebrüll die Luft. Anfangs konnten wir nicht begreifen, was dies bedeute; doch da ich mit Hülfe einiger Kameraden zu einem kleinen Fen⸗ ſter hinangeklettert war, ſah ich, daß— beim Teufel, Ka⸗ merad, der Grimm preßt mir noch jetzt die Zähne gegen⸗ einander— ich ſah, daß ſie unſere Kameraden an einen Baum gebunden hatten und wie nach der Scheibe auf ſie ſchoſſen.“ Bernhard erblaßte.. „Ich nahm mich zuſammen und verrieth nichts, denn zu helfen war doch nicht mehr.„Ein Scheibenſchießen, wei⸗ ter nichts,“ warf ich hin, aber es kochte wild in meiner Bruſt. Die Thür ging wieder auf, und die Bluthunde führten abermals zwei Schlachtopfer heraus. Ich ſchwieg, weil es ſchon dunkel wurde, und ich uns in der Nacht zu retten dachte. Wirklich waren dies die Letzten von uns, die da bluten mußten. In der Nacht brachen wir die Thür auf, die uns nach dem Thurm führte, und am Glockenſeil gelang es uns, uns in der Stille herabzulaſſen. Die Schild⸗ wacht vor der Kirche war eingeſchlafen. Ich ſtieß ihr ihr eignes Seitengewehr ins Herz, daß der Kerl auch nicht mehr zuckte. Jetzt warf ich den Pelz des Ruſſen über, nahm ſeine Waffen und ging damit an das Wachthaus am Ende des Dorfes. Meine Kameraden ließ ich ſtill nachfolgen. * — 234— Hier lag Alles ſchnarchend und beſoffen durch einander, Bauern und Koſ⸗ ken. Die Mäͤntel und Pelze hatten ſie auf einen vace geworfen, denn es war eine erſtickende Hitze in der Stube. In der Ecke ſtand ein Korb mit Brot, und Branntweinflaſchen, theils gefüllt, theils leer, lagen überall umher. Ich hatte Anfangs nur gedacht, aus Rache für die Gemordeten das ganze Gebäude in Brand zu ſtecken; da aber jetzt die Gelegenheit günſtig war, holte ich noch drei Kameraden und dann packten wir ſo viele Kleider und Lebensmittel auf, als wir konnten, und trugen ſie hinaus. Eilig flüchteten wir mit unſern Schätzen in einen nahen Buſch, theilten redlich und kleideten uns an. Nun ſuchten wir das Weite. Aber die Bauern mußten unſere Flucht zeitig bemerkt haben, denn plötzlich waren ſie dicht hinter uns. Alles ſtürzte davon, Jeder flüchtete, wohin ihn der Zu⸗ fall führte. Es gelang mir, einen dichten Buſch zu erreichen, wo ich mich verſteckte, bis Alles ſtill war. Dann ſchlich ich vorſichtig weiter, ſo gut ich konnte und wußte, nach der Straße zu. So lange es dunkel war, ging es; aber am Tage ſchien der Wald ordentlich lebendig zu werden von dem ruſ⸗ ſiſchen Raubgeſindel, und ich mußte kreuz und quer, durch Wald und Feld, vor und zurück, um ihnen nur zu entgehen. Noch vor einer Stunde waren ſie mir dicht auf der Ferſe. So war ich ganz irre geworden und verzweifelte, die Land⸗ ſtraße zu erreichen. Nun aber hoffe ich mit Gott in dieſer Nacht noch bis Smolensk zu kommen. Dann will ich mich in Reih' und Glied halten und lieber hinſtürzen vor Qual oder Hunger und ehrlich als Soldat ſterben, als noch ein⸗ mal in die Hände dieſer wilden Beſtien fallen! Ich bin kein feiger Bube; aber geſchlachtet werden, iſt doch ein greuliches Ende, und ein Soldat mag doch nicht gerade ſterben wie ein Mordbrenner. Was meint Ihr?" 4. * — 235— Bernhard, durch die Nahrung geſtärkt, durch die Er⸗ zählung dieſer Wechſelfälle zwiſchen Rettung und Untergang aufgeregt, hatte im Augenblick ſeine friſche Hoffnung wieder. „Wahrlich nicht, Kamerad!“ rief er;„aber es hat auch noch Zeit damit. Ihr werdet Euer Ziel erreichen, und ich das meinige. In jetziger Zeit, wo jede Minute gefährlich iſt, darf man nicht verzagen, wenn einen auch der Tod ſchon am Schopf hat. Man läßt ihm den Mantel und reißt ſich doch wieder los.“ „Freilich! Es lebe der Muth! Aber was ſagtet Ihr va von Eurem Ziel? Wohin wollt Ihr? Nicht vor⸗ wärts?“ „Nein!“ „Zurück? In dieſes Teufelsland wieder hinein? Seid Ihr bei Sinnen?“ „Mir iſt der Tod hier gewiſſer als dort.“ „Wie ſo?“ Bernhard beſann ſich einen Augenblick, dann erzählte er dem Freunde in der Noth, überzeugt, daß dieſes ehrliche Soldatenherz ihn nicht verrathen werde, offen den Zuſam⸗ menhang ſeiner Geſchichte. „Verfluchte Brut! Otterngezücht! Giftſchwaͤmme, dieſes Schreibergeſindel!“ fluchte der derbe, ehrliche Soldat, als Bernhard ſeine Erzählung geendet hatte.„Aber das darf Euch nicht kümmern! Dort hinein droht Gefahr auf jedem Schritt, denn die wüthenden Bauern liegen wie die Buſch⸗ neger hinter den ſchwarzen Tannengebüſchen. Ein Einzelner kommt nicht durch. Darum rathe ich Euch, kommt mit nach Smolensk. Wer kennt Euch? Zieht meinen Pelz an, wenn wir ins Thor marſchiren, und bindet Euch ein Tuch über das Geſicht. Was fragt jetzt Einer nach dem Andern? Jeder hat genug mit ſich ſelbſt zu thun. Haben wir nicht — 236— leider Gottes! Tauſende von Nachzüglern? Friſch, geht mit mir! Ich will Euch ſchon unterbringen, ſo wahr ich Jean Lacoſte heiße und aus der Normandie gebürtig bin! Kommt, laßt uns aufbrechen. Es wird dunkel und wir haben aus⸗ geruht und je näher an Frankreich, je beſſer!“ Bernhard überlegte. Er hatte das niederdrückende Ge⸗ wicht gänzlicher Einſamkeit und Hülfloſigkeit ſo eben zu tief empfunden, um nicht mit einer faſt unwiderſtehlichen Gewalt zu dem Entſchluß beſtimmt zu werden, Noth und Gefahren wieder in kameradſchaftlicher Gemeinſchaft zu tragen. Einen Tag hoffte er doch ſich in Smolensk verbergen zu können, und am nächſten ſchon traf Raſinski wieder ein. Vielleicht erfuhr er auch Ludwigs Schickſal— kurz, er entſchloß ſich, ſein Loos mit dem des neuen Gefährten zu verbinden. Sie brachen auf und wanderten im Geſpräch miteinan⸗ der hin. Plötzlich hörten ſie den Ton einer ſchrillenden Pfeife aus dem Walde. Bernhard horchte erſtaunt auf; Lacoſte aber packte ihn an dem Arm, zog ihn raſch vorwärts und rief:„Lauf, lauf, was die Sennen halten wollen. Sie ſind uns weiß Gott! wieder auf der Ferſe.“ Unwillkürlich folgte Bernhard dem raſchen Schritt ſei⸗ nes Gefährten, obwol er an die nahe Gefahr noch nicht glauben wollte, da er bisher noch auf keine Spur eines feindlichen Überfalls dieſer Art gerathen war. „Wenn wir nur dort erſt um die Ecke ſind,“ meinte Lacoſte im Forteilen,„ſo können wir uns gleich links in den Wald werfen; aber hier iſt zum Unglück auf dreihun⸗ dert Schritt kein Buſch zu erreichen, und auf dem Schnee ſieht man uns zu weit, trotz der anbrechenden Nacht. Das Pfeifen wiederholte ſich jetzt und wurde von der andern Seite der Straße beantwortet. „Wahrhaftig, es iſt, als ob wir in Calabrien wander⸗ — 237— ten und eine Rotte Banditen uns überfallen wollte,“ rief Lacoſte.„Doch dieſe Kerle ſind noch ſchlimmer! Ich ſehe lieber ein Dutzend Wölfe mit aufgeſperrtem Rachen hinter mir her jagen, als ich ein Koſackenpferd hinter meinem Rücken höre. Aber wird der Wald da nicht lebendig drü⸗ ben? Krabbelt's nicht, wie in einem Ameiſenhaufen?“ „Du irrſt, Freund,“ antwortete Bernhard,„es bleibt Alles todtenſtill.“ „Es iſt eine Schande, Furcht zu haben,“ murmelte Lacoſte ingrimmig dumpf vor ſich hin;„aber ich kann's nicht leugnen. Wo gar nichts zu gewinnen iſt, nicht ein⸗ mal Ehre, wol aber Alles zu verlieren, da tritt mir's doch ein bischen kalt an's Herz, und ich fange an zu ſehen, was ich mir einbilde. Das macht, ich habe das verfluchte Ge— ſindel heute ſchon wenigſtens ſechsmal ſo aus dem Buſche herauskriechen ſehen, wie die Regenwürmer nach einem Ge⸗ witter aus der Erde. Ich glaube, in jedem Baumſtamme lauert ein Mugik.“ „Nun, Gott ſei Dankl jetzt haben wir die Ecke. Laßt uns hier ſeitwärts in den Buſch hinein, wir können ſo im⸗ mer die Richtung neben der Straße halten.“ Als ſie ſich ſicher glaubten, fingen ſie an, langſamer zu gehen. „Kamerad, Du haſt da einen goldnen Ring am Finger ſtecken; hüte Dich, daß er Dir nicht zu eng ſei,“ fing La⸗ coſte nach einigen Minuten an;„ich habe geſehen, wie ſie meinem Capitain, der ſeinen Trauring trug, kaltblütig den Finger herunterſchnitten, da der Ring nicht gleich über's Gelenk wollte. Man kann nicht wiſſen, was kommt, alſo wirf das Ding lieber weg, oder verſtecke es.“ Der Gedanke, daß er dieſen Ring verlieren könne, der — 23³8— eine ſo wunderbare Bedeutſamkeit für ihn hatte, fiel Bern⸗ hard ſchwer auf das Herz. „Wegwerfen,“ ſprach er,„kann ich ihn nicht, denn er iſt mir unendlich theuer; und wo ſollte ich ihn verbergen, daß ihn die Habſucht nicht fände?“ „Das ließe ſich wol machen. Ihr habt ſtarkes, langes Haar, da läßt er ſich vielleicht verſtecken. Zeigt her, ich will ihn Euch einknüpfen; auf eine glatte Friſur kommt jetzt ja nicht ſo viel an.“ Bernhard zog den Ring ab und Lacoſte knüpfte ihn, indem er einen Büſchel Haare durch die Offnung ſteckte und dann einen Knoten um den Reifen ſchlang, in Bern⸗ hards reichem Haupthaar feſt. „Aber iſt er auch ſicher? Wird er nicht verloren gehen?“ fragte dieſer beſorgt. „Wenn Ihr den Haarzopf, an dem er hängt, nicht ausreißt, gewiß nicht; und verſteckt iſt er ſo tief, daß ein Rabe, der Gold ſtehlen wollte, ihn nicht entdecken würde. Freilich die Finger der Koſacken ſind— Teufel! St! Um Gottes willen ſtill! Hört Ihr nichts?“ unterbrach er ſich, plötzlich ſtillſtehend, und den Finger auf den Mund legend, mit faſt unhörbarer Stimme. Bernhard ſchüttelte das Haupt. Doch gleich darauf ver⸗ nahm er ein wirklich dumpfes Murmeln, als ob mehrere Stimmen von fern her im Geſpräch herankämen. „Man kommt,“ flüſterte Lacoſte;„keinen Schritt von der Stelle! Vielleicht gehen ſie an uns vorüber.“ Mit dieſen Worten ſchmiegte er ſich in das dichte Ge⸗ büſch hinein, und Bernhard folgte ſeinem Beiſpiel. Kaum hatten ſie den Verſteck erreicht, als auch ſchon ein Trupp von zehn bis zwölf Bauern, mit Piken bewaff⸗ net, ſichtbar wurde. Das Herz ſchlug den beiden Flücht⸗ x*— 3 5 8 70 — 239— 4 lingen hörbar gegen die Bruſt. Doch hofften ſie, Dämme— rung und Gebüſch würden ſie verhüllen. Da ſchlug plötzlich ein Hund an, kam ſchnuppernd durch den Schnee und blieb bellend vor dem Buſche ſtehen. Die Bauern horchten auf und ſahen ſich um. „Jetzt hilft uns nichts mehr als Flucht; Du links, ich rechts!“ rief Lacoſte,„daß wir ſie theilen;“ und im gleichen Augenblick that er auch ſchon einen Sprung aus dem Ge⸗ büſch und lief, was ſeine Kräfte vermochten, tiefer in den Wald hinein. Der Hund folgte ſeiner Spur mit lautem Gebell; Bernhard, der Weiſung des gewandten Gefährten gehorſam, ſchlug eben ſo raſch eine entgegengeſetzte Richtung ein. Ohne ſich umzuſehen, eilte er durch den tiefen Schnee und die dichten Gebüſche vorwärts, bis ihm der Athem ver⸗ ſagte. Jetzt ſtand er ſtill und blickte lauſchend und horchend rings umher. Alles war todt wie das Grab. Er hörte we⸗ der Hundsgebell, noch Menſchenſtimmen mehr; nur das ſchauerliche Rauſchen des Nachtwindes ſtrich durch die Wipfel der hohen Tannen. Behutſam wagte er ſich wieder in der Richtung nach Smolensk zu, weil er dort auf ſeinen Un⸗ glücksgefährten zu treffen hoffte. Bald ſtieß er auf ſeine eignen Spuren im Schnee. Dieſen folgte er mit Vorſicht, jeden Augenblick lauſchend, ob Feinde in der Nähe ſeien. Doch der Wald war wie erſtorben. Die Spuren leiteten ihn nach einer ſtarken Viertelſtunde auf den Fleck, von dem aus er geflüchtet war. Zu ſeiner Freude entdeckte er auch Lacoſte's Spuren und durfte hoffen, ihn aufzufinden. Er folgte ih⸗ nen; bald ſah er ſie zu ſeinem Leidweſen mit vielen andern gemiſcht: ein Zeichen, daß man den Armen heftig verfolgt hatte. Noch eine ganze Strecke zogen ſie ſich in den Wald hinein, dann hörten ſie auf und wandten ſich ſichtlich zurück. Unſchlüſſig ſtand Bernhard ſtill und überlegte, ob er es 8„. 2 ———— ——— wagen dürfe, ihnen auch aus dem Walde hinaus nach der offnen Straße zu zu folgen. Er unterſuchte, ob nicht vielleicht die Fußtritte Lacoſte's aus dieſem ziemlich durchwühlten Schnee⸗ flecken allein weiter in den Wald führten. Doch er fand kein Zeichen dieſer Art.„So wäre denn der Unglückliche doch in die Hände ſeiner grauſamen Feinde gefallen?“ Eine Stimme im Innern Bernhards ſagte ihm, daß er ihn, der ſein Retter geweſen, nicht verlaſſen dürfe, ſondern ihm we⸗ nigſtens noch ſo weit nachforſchen müſſe, als es, ohne ſich ſelbſt unrettbar preiszugeben, geſchehen könne. Daher folgte er den Fußſtapfen, die nach der Landſtraße zuführten, jedoch mit Vorſicht und jeden Augenblick ſcharf aufhorchend. Da war es ihm, als höre er ein leiſes Seufzen. Er blieb ſtehen und lauſchte. Wahrlich, es wiederholte ſich! Er täuſchte ſich nicht, ein lebendes Weſen mußte in der Nähe ſein. Mit vorgebeugtem Haupte ging er dem Schalle nach; jetzt ver⸗ nahm er das Achzen dicht neben ſich, doch ſah er Niemand auf dem Boden liegen. Der Schnee war aufgewühlt von vielen Tritten; eine mächtige Fichte ſtand wenige Schritte ſeitwärts. Dorther kam das Stöhnen; Bernhard ging um den Baum herum, der von der andern Seite freier ſtand; doch mit einem unwillkürlichen Ruf des Entſetzens bebte er ſchaudernd zurück, als er im halben Licht des Schnees und der Dämmerung einen blutigen, halb nackten, menſchlichen Körper, der an den Baum gebunden zu ſein ſchien, wahr⸗ nahm. Grauſend, doch mit Selbſtüberwindung trat er nä⸗ her. Da ſah er zu ſeinem Entſetzen, daß der Unglückliche an den Stamm gepfählt war, und als er ihm ins Ant⸗ litz blickte, erkannte er ſeinen Retter und Gefährten. „Allmächtiger Gott!“ rief er laut aus, und hatte Mühe, ſich auf den Füßen zu erhalten.„Lebſt Du noch, Freund? Kann ich Dich retten?“ Der Sterbende nickte à — 241— ſchwach mit dem Haupte, zum Zeichen, daß er den Gefähr⸗ ten erkenne; doch vermochte er nicht zu ſprechen. Schau⸗ dernd, doch es mußte ſein, faßte Bernhard den abgebroche⸗ nen Schaft einer Pike, die dem Unglücklichen durch die Schul⸗ ter gebohrt war, und zog ihn heraus. Doch ein zweites Eiſen war durch die Lende geſchlagen und wollte Anfangs der angeſtrengteſten Kraft nicht weichen; endlich gelang es ihm, auch dieſes herauszureißen. Da ſank der Erlöſte matt in die Kniee; Bernhard fing ihn in ſeinen Armen auf und ließ ihn ſanft auf den Boden, mit dem Rücken gegen den Baumſtamm gelehnt, niedergleiten. Noch zweimal ſchöpfte er tief Athem, dann fiel das Haupt ihm lautlos auf die Bruſt herab; er hatte geendet. Bernhard hielt ihn noch lange an ſeiner Bruſt und lauſchte, ob das entflohene Leben nicht zurückkehre; umſonſt. Es war nicht Schmerz, was ihn durchdrang; es war dumpfe Betäubung des Entſetzens. Die Leiche im Schoos, blickte er ſtarr vor ſich hin; keine Thräne drang in ſein Auge, er ließ keinen Seufzer hören. Es war grabesſtill; ſelbſt der Wind ſauſte nicht mehr in den Wipfeln. Finſteres Gewölk lagerte ſchwarz, unbeweglich über dem Himmel. Da flatter⸗ ten zwei Raben heran und umkreiſten den Gipfel der hohen Fichte, als harrten ſie ſchon auf die Beute. „Ihr ſollt dieſe Leiche wenigſtens nicht verſtümmeln!“ rief Bernhard und ſtand auf. Mit ſeinem Stabe und den eignen Händen und Füßen grub er eine breite Furche unter der Fichte in den tiefen Schnee. Dann ordnete er Haar und Kleidung der Leiche. Als er das Hemde zuknöpfen wollte, ritzte er ſich an einer Nadel. Er fühlte näher hin und entdeckte, daß der wackere Krieger ſeinen höchſten Schatz, das Kreuz der Ehrenlegion, inwendig im Hemd mit einer 8 Stecknadel befeſtigt hatte.„Du ſollſt die Gruft des Tapfern III. 11 — 242 ſchmücken,“ ſprach er,„und wenn nie ein Sterblicher mehr vorüberwandern ſollte.“ Jetzt legte er den Leichnam in die kalte Gruft und waͤlzte hohe Schneemaſſen darüber, bis ſie einen weißen, feſtgedrückten Hügel bildeten. Mit demſelben Eiſen der Pike aber, das dem Todten die Schulter durch⸗ bohrt hatte, heftete er das Band und Kreuz an den Stamm der Fichte, ſo daß das Ehrenzeichen über der Grabſtätte ſchimmerte. Mit verſchränkten Armen ſtand Bernhard vor dem Schneehügel.„Ruhe nun unter dieſer kalten Hülle, bis der Frühling ſie ſchmilzt, und Grün und Blumen um Deine Gebeine ſproſſen!— Du hätteſt ein dauernderes Denkmal verdient! Nimm vorlieb! Hier wird es Keinem beſſer geboten! — Leb' wohl!“— Er wandte ſich. Tiefer und tiefer ging er, entſchloſſen, die letzten Kräfte an ſeine Rettung zu ſetzen, aber gefaßt, daß es vergeblich ſein werde, in den Wald hinein. Viertes Capitel. Während Ludwig und ſeine Mitgefangenen durch den Wald geführt wurden, ſpähete dieſer mit ſorgenvollen Blicken umher, ob er Bernhard nicht entdecke. Er wußte kaum, ob er hoffen oder fürchten ſollte, ihn zu ſehen. Es wäre ein unbeſchreiblicher Troſt für ihn geweſen, jedes Leid mit dem Freunde gemeinſchaftlich zu tragen, doch wehrte ſeine edle Seele ſich gegen die leiſeſten Keime dieſer geiſtigen Selbſt⸗ liebe. Er hegte die geheime, wenngleich ſchwache Hoffnung, daß Bernhard glücklicher in ſeinem Unternehmen geweſen ſein und bald Raſinski und die Freunde erreicht haben werde. — 243— Nach einer Wanderung von einer Stunde erreichte man einen freien Platz, der jedoch rings vom Walde umſchloſſen war. Hier loderten hohe Wachtfeuer, an denen Scharen von bewaffneten Landleuten lagen. Mit Erſtaunen ſah Lud⸗ wig auch viele Frauen, die der allgemeine Haß gegen den Feind von ihrer friedlichen Wirkſamkeit abgelenkt und mitten in das kriegeriſche Treiben der Maͤnner hineingeführt hatte. Einige bereiteten Speiſen, Andere putten Gewehre; eine Ältere ſah er einen Verwundeten verbinden. Anfangs ſchien man die Ankommenden nicht beſonders zu beachten. Doch als man der Gefangenen, die ſie mit⸗ brachten, anſichtig wurde, ſtrömten Alle neugierig herbei, dieſe Unglücklichen zu ſehen. Die Hoffnungsloſigkeit in den Zügen derſelben ſtach ſchreckenvoll gegen den Ausdruck des Hohnes und der wilden Freude der Sieger ab. Ludwig be⸗ durfte ſeiner ganzen Kraft, um ſich die männliche Faſſung zu bewahren. Der Umſtand, daß er nicht, wie die übrigen, der Kleider beraubt war, ſondern noch in einen warmen Man⸗ tel gehüllt, wenigſtens nicht vor Froſt zittern durfte, kam ihm dabei ſehr zu ſtatten. Doch erweckte er dadurch auch die Habgier der ſich rings andrängenden Feinde, deren Ge⸗ ſinnungen er aus ihren Geberden und dem laut und lauter werdenden Murmeln errieth. Endlich trat ein bärtiger Ko⸗ loß, der wol glauben mochte, ſich vor den Andern etwas erlauben zu dürfen, auf ihn zu und wollte ihm die Mütze vom Kopf nehmen. Ludwig trat unwillkürlich einen Schritt zurück und wehrte dem Nuſſen mit der Hand. Da erhob dieſer im Zorn ſeinen einer Keule ähnlichen Knittel zu einem furchtbaren Schlage auf. Unfehlbar hätte er Ludwigs Haupt zerſchmettert; doch plötzlich ertönte der laute Schrei einer weiblichen Stimme, und in demſelben Augenblicke brach eine edle Geſtalt, in koſtbare Pelze gehüllt, doch mit verſchleier⸗ 11* —mnmnnenenesssͤͤhöoooöoooooo — 244— tem Angeſicht, durch die Reihen der Umſtehenden und warf ſich dem gehobenen Arme des Ruſſen entgegen. Zornig wandte ſich dieſer um; doch als er ſah, wer ſeine That hinderte, verwandelte ſich ſein Grimm in die tiefſte Unterwürfigkeit, und er trat mit knechtiſch ehrfurchts⸗ vollen Verbeugungen zurück. Ludwig war von dem Wunder dieſer neuen Rettung, die ſich in der Schnelle des Augenblicks vollendete, wie be⸗ täubt; er heftete ſeine Blicke auf die Retterin, vermochte aber kein Wort des Danks hervorzubringen. Sie ſtand, ſelbſt vor Schrecken ganz außer Faſſung, aus tiefſter Bruſt mühſam athmend, kaum vermögend ſich auf den Füßen zu erhalten, vor ihm und hielt die Hände wie zum Dankgebet gefalten. Endlich ſchlug ſie den Schleier zurück, indem ſie mit unnachahmlichem, rührend zitterndem Tone der Stimme 4 ſprach:„Erkennen Sie mich?“ Als trete eine himmliſche Erſcheinung, ein rettender En⸗ gel des Allmächtigen plötzlich ſtrahlend vor ihn hin, ſo ſank Ludwig, ſeiner ſelbſt nicht mehr mächtig, auf die Kniee vor der Entſchleierten nieder. Es war Biancal! Bebend ergriff er ihre Hand mit ſeinen beiden; er neigte ſein Haupt darüber, ſeine Thränen ſtrömten— er wähnte in dieſem Übermaß der Wonne ſein Daſein zu enden. „So konnte ich doch vergelten!“ ſprach ſie und hob 3 das blaue, in Thränen ſchwimmende Auge gen Himmel. 4 „O, allmächtiger Vater, Deine Hand leitete meine Schritte! Wenn ich zu ſpät gekommen wäre!“ Die Umſtehenden betrachteten die Gruppe mit lautloſem Erſtaunen. „Was bedeutet das?“ fragte plötzlich eine rauhe, männ⸗ — 245— liche Stimme. Ludwig erwachte aus ſeiner ſeligen Betäu⸗ bung und ſprang auf. Ein Reiter war in den Kreis geſprengt; das edle Roß, ſeine reiche Kleidung gaben einen Führer zu erkennen. Es war Graf Dolgorow. 3 „OD mein Vater,“ rief Bianca mit leidenſchaftlichem Tone,„ſehen Sie hier unſern Retter!“ 4 „Wie? Wo?“ fragte der Graf und warf forſchende Blicke auf Ludwig. Doch plötzlich unterbrach er ſein Er⸗ ſtaunen durch den Ausruf:„Du hier? Elender Bube!“ Und mit einem Sprunge war er vom Pferde herab und drang in die Reihen der Gefangenen ein, um Beaucaire, dem vor Froſt und Entſetzen die Kniee ſchlotterten, aus ihrer Mitte herauszureißen. Dolgorow, den die Rache ſchneller entflammte als die Dankbarkeit, vergaß dieſe, um jener zu genügen. In Eng⸗ land und Italien, wo er ſich in wichtigen, aber gefährlichen diplomatiſchen Aufträgen befand, war Beaucaire ſein Secre⸗ tair und geheimer Agent geweſen. Als der Krieg des Jah⸗ res 1812 ausbrach und Napoleon die engliſchen und ruſſi⸗ ſchen Agenten in allen Ländern auf das eifrigſte aufſpüren ließ, war auch Dolgorows Verkehren entdeckt worden. Er mußte aus Rom eiligſt und in einer Verkappung flüchten. Beaucaire erhielt einen Paß als deutſcher Graf Wallersheim. Feodorowna galt unter dem Namen Bianca für ſeine Schwe⸗ ſter. Dolgorow ſelbſt wurde für einen alten Diener, ſeine Gemahlin für die Erzieherin der jungen Gräfin ausgegeben. So traten ſie die Reiſe an. In Mailand glaubte Beau⸗ caire, der eine rohe Leidenſchaft für des Grafen Tochter ge⸗ faßt hatte, von den dringenden Umſtänden Alles ertrotzen zu können. Er wagte Anträge, die Feodorowna mit Empörung urückwies und die die Wuth ihres Vaters entflaminten, ob⸗ — 246— gleich die äußerſte Gefahr in ſeinem Zorn lag. Er mißhan⸗ delte den Buben und ſtieß ihn mit Schimpf von ſich; dieſer eilte, ihn zu verrathen. Doch ſchon hatte der Graf es mög⸗ lich gemacht, aufs eiligſte zu fliehen, und änderte ſeine Rei⸗ ſeroute, indem er, ſtatt über Verona nach Inſpruck und München, die Straße über den Simplon einſchlug. Dort traf ihn Ludwig. Netter und Verräther waren nunmehr zugleich in ſeine Hand gefallen, und dieſer ſollte jetzo ſeinen Lohn empfangen. „Heiliger Gott! Welche Schickung!“ rief Feodorowna aus, als ihr Auge auf den Elenden fiel, den Dolgorow trotz ſeines Sträubens aus der zitternden Menge hervorriß. Beaucaire wurde jetzt auch ihrer anſichtig, und mit verzweifelter Anſtrengung riß er ſich los und ſtürzte zu ihren Füßen nieder. Krampfhaft umklammerte er ihre Kniee und rief:„Erbarmen, Gräfin! Bittet um Gnade für mich! Nur meine raſende Liebe zu Euch war mein Verderben!“ Bianca zitterte und erhob angſtvoll flehende Blicke zu ihrem Vater. Doch dieſer rief mit ehernem Grimm: „Ergreiſt ihn und werft ihn dort in die Flammen, da⸗ mit jeder Ruſſe ſehe, wie ein Verräther geſtraft wird.“ Bianca wurde zu einem Marmorbilde. Beaucgire ſchrie laut auf und klammerte ſich in der Angſt der Verzweiflung an ihre Kniee an, indem er ſein Haupt in ihren Schoos zu verbergen ſuchte. Sie wäͤre niedergeſtürzt, wenn nicht Lud⸗ wig, ihr raſch zu Hülfe ſpringend, ſie gehalten haͤtte. „Vollzieht meinen Befehl!“ rief Dolgorow nochmals. „Reißt ihn von der Fürſtin hinweg!“ Auf dieſen Nuf packten zwei aus der Maſſe mit wilder Freude hervorſpringende Männer den Verzweifelnden bei den Haaren; zwei Andere ergriffen ihn in Füßen, ein Ko⸗ ſack riß ſein Meſſer aus dem Gür ſchnitt ihm über * die beiden Hände, mit denen er Bianca's Kniee umſchloſſen hielt. Erſt als die Sehnen zerriſſen waren, ſanken ihm die Arme zurück. Unter gräßlich jubelndem Gebrüll der wuth⸗ entflammten Menge wurde er halb hinweggetragen, halb ge⸗ ſchleift. Sein zerreißendes Jammergeſchrei drang mitten durch das Toben der mordluſtigen Schar hindurch, die, von wilder Begierde auf das gräßliche Schauſpiel geſtachelt, in ſchwarzen Maſſen nachſtürzte. „Bewacht die übrigen Gefangenen!“ rief Dolgorow und ging raſchen Schrittes, die Menge, die ihm ehrfurchtsvoll auswich, theilend, dem Orte zu, wo ſein furchtbarer Befehl vollſtreckt werden ſollte. Bianca hatte ſich gegen Ludwigs Schulter gelehnt. Grauen und Seligkeit erfüllten ſein Herz zugleich. Jetzt theilte verdoppeltes Wuthgebrüll die Lüfte. Wider Willen zog es ſein Auge zu der fürchterlichen Stelle hin. Beau⸗ caire wurde hoch emporgehoben; ſein Antlitz mit dem zerrauf⸗ ten Haar verzerrte ſich wie in den Qualen der Verdammniß. Er zuckte mit den blutigen Stumpfen ſeiner Hände wild um⸗ her. Da ſtürzten ihn die Wüthenden häuptlings in die Gluth hinein; ein gräßliches Geſchrei, das weit im Walde wiederhalte, ſtieg empor. Es drang ſelbſt in Bianca's Be⸗ täubung mit entſetzlicher Gewalt ein; ſie bebte ſchaudernd zu⸗ ſammen und drückte das Angeſicht verbergend gegen Ludwigs Bruſt. Dieſem hielt das Grauſen Sprache und Bewegung gefeſſelt; kaum vermochte er es, den Blick von dem gräßli⸗ chen Schauſpiel ab auf die erblaßten Züge der Geliebten zu wenden, die an ſeinem Herzen ruhte. Als nach dem wilden Getöſe einige Augenblicke ſchauer⸗ licher Stille eintraten, erwachte Feodorowna aus ihrer Be⸗ täubung. Sie bebte ſcheu zurück, als ihr Auge auf den Schauplatz der gräßlichen That fiel. Das Haupt wendend, — 248— traf ſie auf Ludwigs edle, von Schauder und Ruhrung tief bewegte Züge. Hier weilte ihr Blick mit unausſprechlicher Innigkeit. Nicht ihrer Lippe entfloh das Geheimniß ihres Herzens, welches ſich ihr ſelbſt erſt in dieſem Augenblicke wunderbar offenbarte; aber der Strahl ihres Auges verkün⸗ dete es. In Ludwigs Bruſt flammte ein hoher Glaube an die Fügungen des Allmächtigen, ein kühnes Bewußtſein auf. Dieſe und keine Andere war ihm zur Begleiterin des Lebens beſtimmt! Auf den wunderbarſten Pfaden führte die Schickung ſie ihm entgegen. Er wagte, ihre Winke zu deuten. Eben wollte er die Lippe öffnen, da trat Dolgorow, der von ſeinem blutigen Richteramte zurückkehrte, zwiſchen ihn und Feodorowna. Er heftete finſtere, forſchende Blicke auf das Antlitz der Tochter; es ſchien, als argwohne er, daß ihre heftige Erſchütterung durch etwas Anderes als die eben voll⸗ brachte entſetzliche Strafe an dem Elenden bewirkt ſei. „Fürſtin Ochalskoi,“ ſprach er vornehm und kalt,„ich habe nicht vergeſſen, was wir dieſem jungen Manne ſchul⸗ dig geworden. Mir däucht aber, unſere Rechnung ſei zerriſ⸗ ſen, da ich ihn hier als Feind Rußlands unter den Frevlern erblicke, die in das Heiligthum unſrer Heimat eingebrochen ſind. Doch Großmuth iſt die Tugend der Nuſſen. Ich werde Sorge tagen, junger Mann, daß man Sie den Ih⸗ rigen wieder zuſende; doch fallen Sie zum zweiten Male in meine Hand, ſo trifft Sie das Loos aller übrigen, Tod oder ewige Gefangenſchaft in den Bergwerken Sibiriens.“ Ludwigs Stolz erwachte dem Stolze Dolgorows ge⸗ genuͤber; doch er bezwang ihn und erwiderte:„Wenn Sie mich zu dem franzöſiſchen Heere zurückſenden, ſo iſt mein Tod gewiß, und Sie ſelbſt ſind die Veranlaſſung dazu.“ „Wie das?“ fragte Dolgorow erſtaunt. „Was ich an der italieniſchen Grenze fuͤr Sie gethan, 8 — — 249— wurde mir in meiner Heimat von den franzöſiſchen Behör⸗ den zum todeswürdigen Verbrechen gemacht. Jeder Weg 1 der Flucht war mir abgeſchnitten;z nur um der Gewalt mei⸗ 4 2 ner willkürlichen Richter zu entgehen, trat ich, auf das An⸗ 5 erbieten eines edlen Freundes, in das Heer ein. Dieſen Morgen ſollte ich, von eben dem Unglücklichen verfolgt und verrathen, der in dieſem Augenblicke die entſetzliche Strafe ſeines Verbrechens erduldet hat, den Tod empfangen. Der überfall der Ihrigen rettete mich. Doch ein theurer Freund—“ Dolgorow unterbrach ihn:„Wenn Sie Wahrheit ſpre⸗ chen, ſind Sie gerechtfertigt; und ich glaube es Ihnen. In dieſem Falle werden Sie Sorge tragen, Fürſtin, daß unſer Retter auf das Schloß geführt werde. Solanow ſoll Sie geleiten; mich hält mein Beruf hier zurück, doch treffe ich 4 ſobald als möglich ein. Gehen Sie jedoch, zuvor die Grä⸗ fin zu benachrichtigen.“ Bianca gehorchte und nahm, von zwei Dienern beglei⸗ tet, ihren Weg nach einer Art von Hütte, die hinter den Lagerfeuern aufgerichtet war.„Wir werden uns bald wie⸗ derſehen,“ ſprach ſie im Gehen zu Ludwig und neigte ſich grüßend gegen ihn. Ihr Blick drang in ſein tiefſtes Herz; ſie lächelte ſchmerzlich und freundlich zugleich, und eine milde Hoheit, wie von dem Antlitz einer Heiligen, ſtrahlte aus ihren Zügen. Mit bebender Verehrung beugte er das Haupt; als er es erhob, ſah er die edle Geſtalt, wie die Erſcheinung ———— 4 eeiner Himmliſchen im Kreiſe gelagerter Wilden, durch die Reihen der ſich ehrfurchtsvoll neigenden Krieger dahin⸗ N ſchweben. . e. 6 Auch Dolgorow wollte gehen, doch Ludwig hielt ihn zurück.. „Ich muß Sie noch um Ihre Vermittelung für einen Freund anflehen, der vielleicht, wie ich, in die Hände der 8 11** —— — 250— Ihrigen gerieth. Er wollte mein Retter werden und lud ſo den Zorn der franzöſiſchen Machthaber auf ſich; er wollte mein Geſchick überall theilen, und ſo ergriff er denſelben Ausweg der Rettung. Heute ſollte er an meiner Seite ſterben, rettete ſich jedoch durch die Flucht.“ „Wenn er in unſere Hände fällt, ſoll er zu Ihnen ge⸗ bracht werden,“ ſprach Dolgorow;„doch wie nennt er ſich?“ „Graf Lomond iſt der angenommene Name, unter dem er in Dienſte trat, und den er jetzt auch muthmaßlich fortführen wird.“ „Ich werde das Nöthige ſeinethalben anordnen.“ Ein grauköpfiger Soldat von etwa ſechzig Jahren, der Uniform und Bart gleich einem Ruſſen trug, aber in ſeiner Geſichtsbildung einem Deutſchen glich, näherte ſich ehrfurchts⸗ voll dem Grafen und that demſelben, tief gebeugt, eine Frage. „Immerhin,“ erwiderte dieſer;„wenn Du einen Lands⸗ mann gefunden zu haben glaubſt, Solanow, ſo rede ihn an.“ „O mein Herr,“ wandte ſich jetzt der Alte in deutſcher Sprache zu Ludwig,„vergeben Sie mir eine Frage. Ich bin ein Deutſcher, aber ſeit langer Zeit aus meinem Vater⸗ lande. Ich glaube in Ihnen eine ÄAhnlichkeit zu entdecken. Sollten Sie vielleicht Sternfels heißen?“ „Wie?“ rief Ludwig heftig zitternd, mit äußerſtem Er⸗ ſtaunen, da der Alte den Namen ausſprach, den er nur durch Mariens Brief kannte und noch kaum zu führen wagte;„weshalb?“ „Ich diente einem deutſchen Herrn dieſes Namens,“ ſprach der Alte bewegt;„er iſt zwar längſt todt, aber wenn ich ſein Ebenbild ſo vor mir ſehe, wie—“ „Wo ſtarb er?“ rief Ludwig, den Greis haſtig unter⸗ brechend. „Die See hat ihn verſchlungen. Wir ſaßen eines bö⸗ t 3 ———— — 251— ſen Handels wegen in Paris gefangen; doch es gelang uns, nach dem Havre zu flüchten und auf ein holländiſches Schiff zu kommen.“ „Wann?“ fragte Ludwig und hielt kaum noch an ſich. „Vor achtzehn Jahren.“ „Wegen eines Duells?“ „Allerdings.“ „Das war mein Vater!“ rief Ludwig jetzo außer ſich und ergriff die Hände des Greiſes, der zitternd, unſchlüſſig vor ihm ſtand.„Und wer biſt Du?“ „Ein ſchlichter Mann, lieber Herr,“ ſprach der Alte, und Thränen rollten aus ſeinen Augen;„ich war nur ſein Reitknecht, Willhofen heiße ich.“ „Redlicher, treuer Diener,“ rief Ludwig,„und hier finde ich Dich? Und mein Vater iſt wirklich todt?“ „Schon längſt! Wir litten Schiffbruch in der Nordſee; das Meer verſchlang die meiſten. Einige, darunter ich, wur⸗ den gerettet; der Capitain eines ruſſiſchen Schiffes nahm uns auf.“ Hier ſtockte der Alte und deutete mit einem ſcheuen Blicke ſeitwärts an, daß er nicht zu ſprechen wagen dürfe. Ludwig aber ahnete das Loos des Unglücklichen. Dolgorow war indeſſen zu den übrigen Gefangenen ge⸗ treten und hatte ſie gemuſtert. Sie ſtanden zitternd in einer langen Reihe vor ihm; die meiſten waren junge Soldaten. „Sind Deutſche unter Euch?“ fragte er laut. Ludwig hörte es und blickte hin; er harrte auf die Antwort, weil er fühlte, daß es ſeine Pflicht ſei, die Ret⸗ tung ſeiner Landsleute zu verſuchen. Es blieb ſtill.. 4 „Solanow!“ rief der Graf, und dieſer eilte, zu gehor⸗ chen.„Hier die Leute, die ich Dir übergeben werde, ſol⸗ len mit auf das Jagdſchloß geführt und von dort weiter ge⸗ bracht werden. Sie ſind noch zur Arbeit tauglich. Für — 252— die übrigbleibenden hat Rußland keine andere Nahrung, als zwei Loth Blei.“ Es waren einundzwanzig Gefangene. Nur Einer blieb, als zu alt zur Arbeit, zurück, um den Tod zu empfangen. Es war St. Luces. Da er nicht verſtanden hatte, was der Graf ſagte, ſo glaubte er, man habe an ſeiner Haltung, Wäſche und der ihm freilich meiſt geraubten Kleidung erkannt, daß er zu den höhern Ständen gehöre. Das bleiche Entſetzen, welches ſeit Beaucaire's Schickſal ſeine Züge bedeckt hatte, wich einem Anflug der Hoffnung. Er wagte es daher jetzt, den Grafen anzureden und ſprach franzöſiſch: „Ich hoffe, mein Herr, auf die Geſetze, welche alle Völ⸗ ker ſogar im Kriege ehren, Anſpruch machen zu dürfen. Ich bin nicht Soldat, ſondern gehöre zur Civilverwaltung, mein Rang—“ „Ihr ſeid ein Blut und Mark aller Völker ausſaugen⸗ der Franzoſe,“ entgegnete Dolgorow finſter,„werächtlicher und abſcheulicher als der Soldat, denn der kämpft mit offener Waffe, aber die Eurige iſt das Gift!“ „Man würde,“ verſuchte St. Luces noch einmal zit⸗ ternd ſeine Sache geltend zu machen,„mich ſehr bereitwillig gegen gefangene Offiziere auswechſeln!“ „Gefangene? Habt Ihr denn auch Gefangene?“ rief Dolgorow wild und mit Hohn zugleich.„In Euren Bulle⸗ tins ſtehen freilich Tauſende; aber wo könnt Ihr ſie auf⸗ weiſen? Und woran erinnert Ihr mich? Wiſſen wir etwa nicht, wie Eure ruchloſen Mörderbanden mit den Wenigen umgegangen ſind, die in ihre Hände fielen? Wähnt Ihr, wir hätten ſie nicht gefunden, wie ſie mit zerſchmettertem Schädel die Landſtraßen bedeckten? Trafen wir ſie nicht ein⸗ geſperrt in Kirchen, Ställen, Scheunen, wo der Hunger ſie — — 253— zu Tode gefoltert hatte? Fort mit Euch! Wir werden noch genug finden, gegen die wir auswechſeln können, die wir auswechſeln wollen.“ Indeſſen hatte Solanow oder Willhofen den vor Angſt zitternden St. Luces forſchend betrachtet. Er ſprach einige Worte ruſſiſch mit Dolgorow und fragte dann den Gefangenen:„Wie heißt Ihr?“ „Ich bin der Baron Rumigny von St. Luces.“ „Rumigny!“ rief Willhofen aus und ſeine Züge nah⸗ men den Ausdruck des furchtbarſten Grimmes an.„Allmäch⸗ tiger Gott! Deine Nache ſchlummert nicht!“ rief er mit gen Himmel emporgehobenen Händen aus.„Elender, kennſt Du mich? Haſt Du vergeſſen, daß Du— doch halt, hier — blick' her! Kennſt Du dieſen?—“ Dabei eilte er auf Ludwig zu und zog ihn heftig bis dicht vor Rumigny hin. „Sternfels iſt ſein Name! Die Todten ſtehen auf, um ſich zu rächen!— Dieſer iſt der Mörder Ihres Vaters, der Mörder des wackern Waldheim— doch jetzt iſt die Stunde der Vergeltung gekommen.“ St. Luces ſtarrte todtenblaß mit unbeweglichen Blicken auf Ludwig hin; er verſuchte zu reden. Doch die Sprache verſagte ihm. Ludwig war bis ins Innerſte von der Gewalt dieſer Räthſel enthüllenden Stunde erſchüttert. Einen Augenblick wallte auch in ihm der Zorn auf, doch ſein edler Sinn wies dieſe Empfindung ſchnell zurück. Nur Mitleid erfüllte ſeine Bruſt, als er den Elenden von Todesangſt und Gewiſſens⸗ biſſen gefoltert betrachtete, der unter dem Gewicht ſeiner Schuld zuſammenbrach.„Willhofen,“ redete er den alten Diener an,„mein iſt die Rache, ſpricht der Herr! Laß den Allmächtigen ferner walten— wir wollen vergeben!“ Willhofen hatte Thränen in den Augen; er beugte ſich — 254— auf Ludwigs Hand und küßte ſie.„Ein Herz, wie der Va⸗ ter! Er ſtarb für ſeinen Freund— und wäre für ſeinen Feind geſtorben.“ Ludwig wollte ſich Dolgorow nähern, um ein Wort der Gnade für St. Luces zu verſuchen; doch dieſer ſchnitt ihm mit ſtrengem Blick und Wort die Bitte ab.„Hier waltet das Geſetz,“ ſprach er feſt.„Hat der Gefangene Ihnen ein Unrecht gethan, ſo mag Ihre Vergebung ihm jenſeits nützen. Hier ſchützt ihn nichts.“ Er winkte mit der Hand einem Koſacken in ſeiner Nähe und ſprach einige ruſſiſche Worte. Sogleich wurde St. Luces, den die Todesangſt völlig gelähmt zu haben ſchien, abge⸗ führt. Einige Minuten darauf fielen drei Schüſſe; Ludwig durfte nicht zweifeln, wem ſie gegolten. Fünktes Capitel. Dolgorow ſtieg wieder zu Pferde, nahm faſt alle waf⸗ fentragende Männer zuſammen und ſetzte ſich an ihre Spitze gegen die Landſtraße hin in Bewegung. Willhofen und vier Landleute mit Spießen blieben zurück zur Bewachung der Gefangenen, denen man geſtattete, ſich an den großen Feuern zu wärmen; auch wurde etwas Brot und Branntwein unter ſie vertheilt. Ludwigs Herz ſehnte ſich nach Bianca. Er fragte daher Willhofen:„Was werden wir nun beginnen, lieber Freund? Welches wird meine, Deine nächſte Beſtim⸗ mung ſein?“. „Ich muß hier den Befehl der Fürſtin erwarten, die dort drüben bei der kranken Gräfin in der Hütte iſt, ant⸗ — — — 255— wortete er.„Sie werden wol die Rückkehr ihres Schlittens abwarten, der Verwundete nach dem Dorfe gebracht hat.“ Die Bezeichnung Fürſtin war Ludwig ſchon zuvor pein⸗ lich aufgefallen. Er fragte:„Iſt die Fürſtin denn nicht die Tochter des Grafen?“ „Ja wohl,“ erwiderte Willhofen,„aber an den Fürſten Ochalskoi verheirathet.“ „Vermaͤhlt!“ rief Ludwig und erblaßte. „Oder beſſer, verheirathet geweſen,“ fuhr Willhofen fort, „denn der Fürſt iſt todt. Ich glaube, unter uns geſagt, es iſt gar nicht zur Ehe gekommen. Denn am Hochzeitabend wurde das Schloß von den Franzoſen überfallen und geſtürmt, und der Fürſt erhielt eine ſchwere Wunde, an der er end⸗ lich zu Moskau geſtorben iſt.“ 8 Ludwig horchte geſpannt auf. „Hier auf dieſer Stelle im Walde habe ich ihn eine ganze Zeit im Dickicht verſtecken müſſen, bis wir einen Wa⸗ gen herbeiſchafften, um ihn mit der jungen Frau nach dem Jagdſchloß zu bringen.“ „Hier, hier?“ unterbrach Ludwig den Erzählenden, und eine erſchütternde Ahnung bewegte ſeine Bruſt. „Gerade hier; denn das Schloß liegt kaum eine Stunde von hier; man kann es nur vor der hohen Waldung nicht ſehen. Dort drüben—“ „Wann geſchah die Erſtürmung?“ „Am ſiebzehnten Auguſt; ich weiß es noch, wie heute.“ „Allgnadenreicher Gott!“ rief Ludwig außer ſich und warf ſich auf die Kniee.„Allmächtiger Lenker unſerer Tage! Wer will wider Dich murren! An welchen Fäden führſt Du unſer Geſchick! Ewiger! Unendlicher! Nimm meinen heißen, thränenreichen Dank! Prüfe mich nun, ſo hart und ſchwer Du magſt, ich werde nimmer verzagen; kein Zweifel ſoll meine Bruſt bewegen; denn wunderbar haſt Du gewaltet und gewacht! Du wirſt Alles herrlich in Deiner leuchtenden Weisheit vollenden!“* Willhofen betrachtete den Betenden mit Erſtaunen. Er ahnete geheime Beziehungen, doch wagte er nicht, danach zu forſchen. Als Ludwig aufſtand und in heftiger Wallung auf⸗ und niederging, trat er zu ihm und ſprach, indem er ſeine Hand ergriff:„Das iſt wacker, lieber Herr; Frömmigkeit iſt eine hohe Tugend. Auch ich habe oft inbrünſtig zum Herrn ge⸗ betet, und ich hoffe, auch er werde mich erhören. Hat er mich doch jetzt aus dem fernen Aſien, wo ich vergeſſen von der Heimat als des Fürſten Ochalskoi Leibeigner lebte, wie⸗ der bis hierher geführt, zu dem Sohne meines lieben Herrn. O, ich bitte Euch, Ihr ſcheint ſo viel bei dem Grafen Dol⸗ gorow zu gelten, ich bitte Euch dringend verwendet Euch bei ihm um meine Freiheit.“ „Gewiß!“ verſprach Ludwig mit einem Handſchlag. „Aber ſagſt Du nicht, Du ſeieſt Leibeigner des Fürſten?“ „Freilich wol; doch die Güter ſind jetzt durch den Hei⸗ rathsvertrag an den Grafen gefallen. Ach, wenn es von der Fürſtin abhinge, mir die Freiheit zu geben— dann hätte ich ſie längſt. Den Grafen Dolgorow habe ich noch nicht darum zu bitten gewagt.“ Ein Diener kam und redete mit Willhofen. „Die Gräfin Dolgorow läßt Euch herüberrufen, lieber Herr,“ ſprach Willhofen.„Folgt nur dieſem Manne hier, er wird Euch führen.“ Ludwig ging pochenden Herzens. Der Diener führte ihn nach der flüchtig von Tannenzweigen erbauten Hütte hinüber. Bianca kam ihm auf halbem Wege entgegen; ſie war freund⸗ lich, doch eine ſtille Schwermuth ſchwebte auf ihren Zügen. —— — von uns trennten!“ „Ich werde Sie zu meiner Mutter führen,“ ſprach ſie mit gedämpfter Stimme.„Sie haben ſie ſchon auf unſerer Flucht aus Italien kennen gelernt. Fühlen Sie ſich nur nicht verletzt durch den vielleicht zu kalten, förmlichen Em⸗ pfang, den Sie erfahren könnten. In dieſem Lande kennt man die milden Sitten Deutſchlands noch wenig; hier gilt der Rang Alles, und der Nationalſtolz und der Haß gegen Fremde ſind in dieſem Augenblick beide ſo mächtig aufgeregt, daß kaum die Stimme der wärmſten Dankbarkeit ſich dage⸗ gen zu erheben vermag.“ „Dankbarkeit?“ entgegnete Ludwig.„Wer ſoll hier dankbar ſein? Sie, der ich kaum bewußt einen leichten Dienſt leiſtete, welcher das höchſte Glück meines Lebens bil⸗ dete, oder ich, der ich Ihnen Alles, Alles verdanke?“ „Sie wollen die Gegendienſte, die der Zufall herbei⸗ führte, in Anſchlag bringen?“ ſprach Feodorowna.„Viel⸗ leicht gar auch, daß Sie nicht jetzo, da Sie in unſere Hand fielen, barbariſch gemordet wurden wie die andern Unglück⸗ ſeligen?“ „Sollt' ich auch,“ antwortete Ludwig nach einigem Zö⸗ gern,„der Warnung uneingedenk ſein, die ich in Moskau empfing?“ „So haben Sie mich an meinem Zeichen erkannt?“ fragte Feodorowna mit einem unausſprechlich liebevollen Blick. „Was könnte ich je vergeſſen, das ich durch Sie ge⸗ kannt!“ erwiderte er kühn. Ein leichtes Roth überflog die blaſſen Wangen des ſchönen Angeſichts; ſie ſenkte die Wimpern und ſprach leiſe: „Auch mir ſind die wenigen Stunden unvergeßlich geblieben, die wir beiſammen zugebracht. O, daß Sie ſich ſo ſchnell — 258— „Wähnen Sie, es war mein Wille?“ rief Ludwig. „O nein! So kränken Sie mich nicht!— Ein feindſeliger Dämon führte uns auseinander. Er leitete meine Schritte irre; zu ſpät muß ich das Ufer der Rhone erreicht haben.“ „Mein Vater drängte zur Eile,“ unterbrach ihn Feodo⸗ rowna.„Ich verſuchte es, durch ein Zeichen—“ „O, ich habe es gefunden,“ unterbrach Ludwig ſie mit bewegter Stimme, ergriff ihre Hand und drückte ſie an ſeine Lippen.„Doch erſt am nächſten Morgen glänzte es mir, nach vergeblich irr durchwanderter Nacht, als ein Stern der Hoffnung entgegen. Nie vergeſſe ich den Augenblick, wo ich jenes Band roſig durch die Büſche ſchimmern ſah. Noch in dieſer Stunde trage ich es auf dem Herzen. Hier iſt es!“ Thränen drangen in ihr ſchönes Auge, als ſie dies Zeichen der Liebe in der Hand des Geliebten erblickte. „Wir ſchlugen gleich jenſeit des Stromes einen gefähr⸗ lichen Pfad in das hohe Gebirge ein,“ ſprach ſie bebend und ſuchte vergeblich ihrer Bewegung mächtig zu werden. „Und ich wähnte, Ihnen das Thal hinauf, über den Gotthard am ſicherſten zu folgen. Unabläſſig forſchte ich nach Ihren Spuren, bis mir in Deutſchland ein unglückſe⸗ liges Blatt—“ „Hat mein Abſchiedswort Sie alſo doch erreicht?“ fiel Feodorowna freudig bewegt ein. 8 Hand gereicht wurde.“ „Das Geſchick hat ihn gemildert, wir wollen dankbar ſein,“ erwiderte Feodorowna, und eine fromme Rührung be⸗ wegte ihre Stimme.„Ich glaubte nicht, daß es uns wie⸗ der zuſammenführen würde; doch eine höhere Hand leitet die Fäden, an denen unſer Leben ſchwebt.“ 3 „Wahrlich, eine wunderbar waltende Macht!“ rief „Es war der bitterſte Kelch, der mir je aus holdſeliger— — 259— Ludwig in überdrängender Wallung aus.„O wüßten Sie, wie nahe ich Ihnen indeſſen ſchon geweſen!“ Bianca ſah ihn verwundert an.„In Moskau mei⸗ nen Sie?“ „Nein, unfern von hier— ich war bei dem Erſtürmen jenes Schloſſes dort.“ „Sie ſelbſt?“ rief ſie und ſah ihn mit zweifelnden Blicken an; dann hob ſie Auge und Hände gen Himmel und ſprach aus innerſter Seele:„O allgütiger Vater im Himmel, wie durfte ich nur einen Augenblick an Deiner Huld verzagen! O, Sie wiſſen nicht,“ wandte ſie ſich ge⸗ rührt wieder zu Ludwig,„Sie ahnen nicht, von welchem un⸗ ſeligen Geſchick Sie mich erlöſten! Doch,“ fuhr ſie eilig und leiſe fort,„verſchweigen Sie um des Himmels willen, daß Sie Antheil an dem Kampf in jener Nacht hatten; denn man würde es Ihnen nimmer vergeben!“ Unter dieſem Geſpräch waren ſie an die Hütte kommen. Feodorowna trat zuerſt ein; Ludwig folgte. Auf einem Ruhebett erblickte er, in Pelze gehüllt, die Gräfin Dolgo⸗ row, deren Züge, obwol ein Ausdruck der Krankheit und der Leiden ſie entſtellte, er ſogleich wiedererkannte. Sie ſah ihn nicht mit Freundlichkeit, ſondern mit Her⸗ ablaſſung an.„Es freut mich,“ ſprach ſie gemeſſen,„daß wir Ihnen den Dienſt, den ſie uns in Italien geleiſtet, zu vergelten Gelegenheit finden, wiewol es mich betrübt, Sie unter Denen zu treffen, die den Krieg in unſer Vaterland trugen.“. „Ich glaube mich darüber ſchon gerechtfertigt zu haben, gnädigſte Gräfin,“ erwiderte Ludwig mit einigem Stolz. „Sie könnten jetzt Gelegenheit finden, die Schuld des Schickſals auszugleichen. Gott hat die Heere der Feinde ge⸗ — 260— ſchlagen; das Verderben bricht über ſie herein; die gerechte Sache ſiegt. Es ſteht jetzt nur bei Ihnen, Theil an dem Kampfe zu nehmen.“ Ludwig ſchwieg einige Augenblicke, dann antwortete er ruhig und entſchloſſen:„Sie werden mir geſtatten, Ihnen auf dieſes Anſinnen eine meine Entſchlüſſe rechtfertigende Antwort zu ertheilen. Ich ſelbſt halte Rußlands Sache für eine gerechte; nur mit innerm Widerſtreben habe ich an dem Kampfe dagegen Theil genommen. Ich that nicht mehr als die Ehre des Mannes, des Soldaten, der ſich einmal zu einer Fahne geſtellt hat, von mir forderte. Ein Einzelner, vermochte ich dem Strome der Weltereigniſſe nicht zu gebie⸗ ten, noch ihm zu widerſtehen; dies ſpricht mich von perſön⸗ licher Verantwortung gegen dieſes Land frei. Vielleicht wünſchte Keiner in dem ganzen Heere den Krieg; darum oll auch der Einzelne das allgemeine Unrecht weder vertre⸗ noch entgelten, noch kann er es verhüten. Dem edlen rer, unter deſſen Schutz ich mich begeben, meinen näch⸗ ſten theuren Waffengenoſſen, war meine Geſinnung nicht fremd. Aber ſie ehrten ſie und übten eine ſo zarte Scho⸗ nung, daß ſie mich jeder Pflicht zu entheben ſuchten, die meinem Herzen ſchwer werden konnte. Ich ſelbſt mußte da⸗ gegen ankämpfen, um nicht einen ſchimpflichen Verdacht auf meine Ehre, meinen männlichen Muth zu laden. Was Freundſchaft, was brüderliche Liebe Wohlwollendes erſinnen kann, ward mir von meinen Waffengefährten. Jetzo werden Sie, ich bin es überzeugt, nicht mehr verlangen, daß ich ſie treulos verrathe und ſelbſt die Waffen zu ihrer Bekämpfung ergreife. Zwänge eine heilige Pflicht für mein eignes Va⸗ terland mich dazu, ſo müßte ich ihr freilich gehorchen; und dennoch würde ich mit noch ſchwererm Herzen in einen ſolchen Kampf ziehen als in den gegen Rußland. Denn — 1— wie die großen Maſſen des Ganzen einander gegenuͤberſtehen mögen, der Einzelne trifft doch nur auf den Einzelnen, und ich würde lieber das Schwert auf mich ſelbſt zücken als ge⸗ gen die edlen, theuren Freunde, mit denen ich bisher Gefah⸗ ren und Drangſal getheilt habe.“ Die Gräfin ſchien empfindlich über Ludwigs freie, feſte Entgegnung, doch in Feodorowna's Auge glänzte eine heilige Freude und Rührung über die adelnde Geſinnung Deſſen, zu dem ihr Herz ſie mit ſüß überwältigender Macht hinzog. „Die Sache Rußlands iſt auch die Ihres Vaterlandes, ſie iſt die ganz Europas,“ erwiderte die Gräfin nach eini⸗ gem Beſinnen;„doch ich fühle mich zu ſchwach, Ihnen das jetzt unwiderleglich darzuthun. Sie werden uns auf ein Jagdſchloß, zwei Stunden von hier, begleiten; es liegt ſo tief im Walde, daß es vor jedem feindlichen überfalle geſichert iſt. Doch können wir erſt gegen Abend aufbrechen, weil unſer Schlitten einige Schwerverwundete nach einem ziemlich weit von hier entfernten Dorfe bringt. Indeſſen ſollen un⸗ ſere Leute Sorge tragen, daß es Ihnen an nichts mangele.“ Bei dieſen Worten winkte ſie mit der Hand, als be⸗ deute ſie Ludwig, daß er abtreten könne. Doch Feodorowna fiel, ſichtlich erſchreckt über den kalten, vornehmen Ton der Gräfin, ein:„Dieſe Sorge werde ich ſelbſt übernehmen, theuerſte Mutter; der Retter unſeres Lebens darf uns nicht undankbar finden.“ „Ich hoffe, er werde ruſſiſche Großmuth kennen und ſchätzen lernen,“ antwortete die Gräfin ſtolz und verdrießlich. „Doch würde ich Dich bitten, meine Tochter, mich nicht zu viel zu verlaſſen, da Du weißt, daß ich Deines Beiſtandes in meinem Zuſtande hier, wo wir jeder Bequemlichkeit des Lebens entſagen mußten, nothwendig bedarf.“ ſͤſͤſͤſſ““ Ludwig verbeugte ſich und ging; doch Feodorowna folgte ihm ſogleich. „Ich beſchwöre Sie, thun Sie nichts, was Ihnen Mißgunſt zuziehen würde,“ ſprach Ludwig dringend zu ihr, als ſie im Freien waren.„Das ſchönſte Glück iſt mir ja geworden; was kann ich Höheres wünſchen?“ „O, Sie entſchuldigen ſo gutig,“ erwiderte Feodorowna; „doch auch ich muß meine Mutter vertheidigen. Sie iſt mit ganzer Seele ihrem Vaterlande ergeben, und dies iſt auch die Urſache, weshalb Sie uns hier in dieſer ſeltſamen Lage an⸗ treffen. Sie wollte durchaus— und fügte ſich darin nicht bloß dem Willen meines Vaters— durch ihre Gegenwart, durch Zuſpruch, Hülfe für Verunglückte und durch jenen an⸗ regenden Einfluß, der höher Stehenden ſo leicht wird, wenn ſie ihn auf die in Demuth Untergebenen üben wollen, den Muth und Eifer der verſammelten Volksmenge anſpornen. Ddiieſe Pflicht hat ſie mit ſolcher, die weiblichen Kräfte über⸗ ſteigenden Anſtrengung geübt, daß ſie jetzo krank und erſchöpft darniederliegt und gezwungen iſt, ſich auf jenes Schloß zu begeben, wohin wir hoffentlich bald abreiſen werden.“ Ihr Geſpräch wurde dadurch unterbrochen, daß der Greis, welcher Ludwigs Retter aus den Händen erbitterter Feinde geweſen war, als er vor zwei Stunden, an den To⸗ despfahl gebunden, ein Opfer der Volksrache fallen ſollte, aus dem Gebüſch trat. Es war Gregor. „Sei gegrüßt, meine Tochter,“ redete er Feodorowna in ruſſiſcher Sprache an;„erbarmſt Du Dich dieſes Unglück⸗ lichen?“ Dieſem ehrwürdigen Greiſe,“ rief Ludwig, als er ihn gewahr wurde, und ergriff mit warmem Dankgefühl ſeine Hand,„verdanke ich zuerſt das Leben und jetzt das ſchönſte Glück deſſelben!“ 8 — — — 263— „Alſo Ihr, Vater Gregor,“ ſprach Feodorowna gerührt, „habt mir dieſen theuren Freund, der einſt der Retter mei⸗ nes Vaters, meiner Mutter und meiner ſelbſt war— ach er iſt es zweimal geworden— Ihr habt ihn mir erhalten? Dieſe neue Schuld muß mein Herz gegen Euch übernehmen?“ „Liebe Tochter,“ entgegnete Gregor freundlich,„das Gebot des Herrn forderte ſeine Rettung. Er war hülflos, ohnmächtig, gebunden; unſere Feinde waren auch ſeine Feinde, und ſo gehörte er uns an. Möchte er jetzo ganz einer der Unſern werden und das Schwert gegen die Frevler wenden, die von Gottes Racheblitzen furchtbar getroffen werden.“ Ludwig ſchwieg, denn er verſtand die ruſſiſch geſproche⸗ nen Worte nicht;, doch Feodorowna erwiderte ſchnell: „Nein, mein Vater, dies laß uns nicht flehen und nicht von ihm fordern. Wie ſchwer ſich die Seinigen an ihm vergangen haben mögen, er ſoll nicht Rache an ihnen üben, darf nicht Verräther an Denen werden, die eine Sprache mit ihm reden, in einer Heimat mit ihm wohnen. Rußlands heilige Sache bleibe ſeinen eignen Söhnen überlaſſen! Sie ſind ſtark genug, ſich ſelbſt Rache und Sühne zu ſchaffen. Es muß ihr Nuhm, ihr eiferſüchtiger Stolz ſein, keinen Fremden an dem Werk Theil nehmen zu laſſen, das ſie ſelbſt zu vollenden vermögen. Darum, mein Vater, laß uns die Geſinnungen dieſes Gaſtes gegen die Seinigen ehren. Dich führt ein willkommenes Geſchick mir entgegen. Dir ſei der Fremde zur Pflege empfohlen, Du wirſt väterliche Sorge für ihn tragen, bis ich zu Dir ſende. Theile Dein Mahl, Dein Lager mit ihm, denn Du ſiehſt, er iſt erſchöpft von harten Bedrängniſſen. Dir übergebe ich ihn, und wiſſe, Deine Toch⸗ ter hält ihn ſo theuer wie einen Bruder— darum gelte er Dir gleich einem Sohn.“ Feodorowna ſprach mit warmem Eifer. Gregor reichte — 264— dem Gaſt die Rechte zum Zeichen, daß er ihn gern aufnehme und redete ihn lateiniſch an: „Salve! Sis felix quomodo mihi es exoptatus!“ Ludwig erkannte jetzt erſt, daß er einen Diener des Herrn vor ſich habe; erfreut, ein Mittel zu ſehen, ſich mit ihm zu verſtändigen, entgegnete er ihm: „Salve, mi Pater! Gratias tibi ago ex intimo pectore salvatori vitae meae! Sis felix quomodo benignus es.“ Feodorowna nahm Abſchied von Ludwig und ging zur Mutter zurück. Er ſelbſt folgte dem ehrwürdigen Gregor, der ihn zu einer zweiten Hütte führte, vor welcher ein gro⸗ ßes Feuer loderte. Mit Dank nahm er das Mahl an, wel⸗ ches der Greis ihm bot. Während er die ſchlichte, aber ſtär⸗ kende Koſt verzehrte, trat auch Willhofen heran und ſetzte ſich auf Gregors wohlwollende Aufforderung zu ihnen. Jetzt fand Ludwig erſt Muße, ſich nach ſeinem Vater, der Diener ſich nach der Mutter Ludwigs und ihren Schickſalen zu er⸗ kundigen. Ach, ſie konnten Beide nur von Dahingegange⸗ nen ſprechen, aber dennoch bewegten dieſe Erinnerungen ihre Seelen ſüß ſchmerzlich. 3 Nur eine Sorge, nur ein Kummer lag auf Ludwigs Herzen: Bernhards Geſchick. Zwar waren alle ſtarken Kräfte ſeiner Hoffnungen wach geworden, doch bedurfte es auch wie⸗ der nur eines Blickes auf ſeine Umgebung, um ſeine Be⸗ fürchtungen eben ſo mächtig anzuregen. 8 21 f — 265— Sechstes Capitel. — Es wurde faſt völlig Nacht, bevor Ludwig wieder etwas von Feodorownen vernahm. So gern er ſich in der Geſell⸗ ſchaft des würdigen Geiſtlichen, der ihn noch überdies mit einem warmen Pelz beſchenkt hatte, befand, und ſo Manches er durch Willhofens Geſpräche erfuhr, was ſeine Seele tief bewegte, ſo ſchlug ſein Herz doch mit unruhiger Sehnſucht nach der Geliebten, und er fürchtete jeden Augenblick, die Hoffnung, ſie wiederzuſehen, könne ihn täuſchen. Jetzt end⸗ lich kam eine Botſchaft von ihr; die, ſich zur Abfahrt an⸗ zuſchicken. Gregor und Willhofen begleiteten ihn in die Hütte, wo der angeſpannte Schlitten mit den ausgeruhten und abgefütterten Pferden ſtand. Bald traten die beiden Frauen heraus, dicht in Pelze und Schleier gehüllt. Die Gräfin wurde geführt; ſie war ſichtlich ſehr ermattet. Im Vorübergehen an Ludwig grüßte ſie durch eine leichte Bewe⸗ gung des Haupts; Feodorowna dagegen reichte dem Freunde. die Hand dar und ſprach:„In wenigen Stunden werden wir den Ort der Ruhe erreicht haben; Sie werden ſich deſ⸗ ſen, hoffe ich, erfreuen. Vergeben Sie nur, daß unſer Schlitten nicht auch Naum für Sie hat.“ Ludwig errieth, was das Zartgefühl Feodorowna's beun⸗ ruhigte, nämlich der Umſtand, daß er auf einem Dienerplatz ſitzen mußte. Zuvorkommend unterbrach er ſie daher, indem er ihr beim Einſteigen behülflich war:„Mein Auge wird für Sie ſehen und wachen in dieſer dunklen Nacht; es iſt . ein Auftrag, der mich glücklich macht.“ Mit dieſen Worten ſchwang er ſich auf den Vorderſitz, wo Willhofen an ſeiner Seite Platz nahm. Der Kutſcher ſetzte ſich auf die Pritſche III. 12 — 266— und übergab Willhofen die Zügel; zwei Diener zu Pferde ritten voran. Gregor reichte, nachdem er von den Frauen Abſchied genommen, auch ſeinem jungen Gaſte, den er ſchnell lieb⸗ gewonnen hatte, die Hand zum Lebewohl dar. Ludwig drückte ſie mit dem Gefühl warmer Dankbarkeit. Jetzt fuhr der Schlitten windſchnell davon. Man mußte mitten durch den Wald. Es war zwar ſehr dunkel und der Himmel finſter bezogen, doch leuchtete der Schnee hinlänglich, um den Weg zu erkennen. Indeſſen hörte die feſte Bahn bald auf, und man mußte in dem tiefen, lockern Schnee langſamer fahren. Rings umher war Alles ſtill. Nur ein hohles Sauſen, welches durch die ſchwarzen Wipfel der Tannen zog, und das Schnauben der Pferde waren die einzigen Laute, die man in dieſer erſtarrten Wüſte vernahm. Ludwig hatte jetzt Muße, einen Blick auf die jüngſt er⸗ lebten Schickſale zurückzuwerfen. Eine Welt von Ereigniſſen lag in dem kurzen Raum von geſtern zu heut. Sie hatten ſich ſo ſchnell aufeinander gedraͤngt, daß eins vor dem an⸗ dern verſchwand. Die von allen Seiten beſtürmte, erſchüt⸗ terte Seele erhielt ſich feſter und klarer durch das Gleich⸗ gewicht der auf ſie eindringenden Gewalten; einer einzelnen hätte ſie vielleicht unterliegen müſſen, oder wäre ihr doch ganz anheimgefallen. Jetzt traten die erſten Augenblicke der Ruhe ein, wo er die verworrenen Bilder ordnen und nacheinander an ſich vorübergehen laſſen konnte. Gegenwart und Vergangenheit, Ferne und Nähe lag vor ſeiner Seele; Schmerz und Freude, Sorgen und Hoffnung traten dicht zueinander. Sein Schickſal bot ihm das Bild einer herbſt⸗ lichen Landſchaft, wo düſtere Wolkenſchatten neben hellem —— — — 267— Sonnenglanz ruhen, wo das grüne und welk fallende Laub ſich wunderbar miſchen. Die Geliebte, die Verlorene iſt Dir nah; der Hauch ihrer Lippe ſtreift Dich, Deine Hand kann ſie berühren! Darfſt Du ſie aber jemals an Dein Herz ſchließen? Wird ſich die eherne Pforte des Geſchicks nicht abermals mit dum⸗ pfem Donner vor dem geöffneten Paradieſe zuſchlagen, daß Du draußen in dem kalten„öden Dunkel verzweifelſt? Und der Freund! Der treue, theure, unerſetzliche Freund! Hat ihn das düſtere Schickſal ereilt, das ein Gott von Deinem Haupt wandte? Oder trifft ihn der furchtbarere Tod in die⸗ ſer Winteröde? Muß er einſam, ſchauernd Abſchied nehmen von den goldnen Tagen des Lebens? Reicht ſich ihm keine tröſtende Hand in den letzten, bangen Minuten, um ihm den herben Kelch durch ſüße Tropfen der Liebe zu mildern? O Allmächtiger, zerreiße das Herz nicht, das du beſeligen willſt! Dieſe Todeswunde heilt auch nicht an der Bruſt der Geliebten! Nein, nein! Soll es um dieſen Preis ſein, ſo ſinkt mir die ſchmerzermattete Hand herab, und ich vermag die Schale der Wonne, die du mir reicheſt, nicht an die Lippe zu führen! „Es wird recht finſter,“ ſprach Willhofen.„Dieſe Wäl⸗ der ſind doch ſchauerlich. Horch! Hört Ihr den Wolf? Er heult vor Hunger. Wenn ihm der Wind unſere Witterung bringt, wird er bald auf unſerer Spur ſein. Holla, Burſche, Ihr dort vorne! Reitet dicht an uns! Habt Ihr die Büch⸗ ſen geladen? Wir könnten ſie gebrauchen.“ 3 Ludwig blickte mit Beſorglichkeit nach der rück. Doch die Nacht und die dichten Se trugen, machten es unmöglich, ihre Züge zu bemerken, ob ſie die Beſorgniß theilten. „Hat es Gefahr?“ fragte er Willhofen leiſe. 12* Frauen zu⸗ welche ſie erkennen und — — 268— „Selten, lieber Herr. Seid nicht bang.“ „Ich bin nicht um meinetwillen beſorgt,“ antwortete Ludwig;„aber wir haben Frauen bei uns.“ „Es hat nichts auf ſich. Wir haben drei Büchſen, und Euch gebe ich meinen Hirſchfänger. Hm! Es muß doch ein ganzes Rudel beiſammen ſein; hört nur, wie ſie heulen.“ Man fuhr eben durch tiefen, ungebahnten Schnee ſehr„ langſam dahin; der Wind ſchwieg, daher konnte man in der lautloſen Stille das Geheul der hungrigen Raubthiere deutlich vernehmen. „Die Pferde wittern ihren Feind wahrhaftig auch ſchon,“ ſprach Willhofen leiſe,„ſeht nur, wie ſcheu ſie die Köpfe herumdrehen und durch die Nüſtern ſchnaufen. Paulowitſch und Stephanos,“ rief er den Reitern zu,„braucht Eure Spornen, daß wir raſch die Ecke bei der großen Fichte er⸗ reichen. Dort zieht der Weg ſich ſo weit rechts, daß wir* den Beſtien vielleicht aus der Witterung kommen.“ Er ſchwang die Peitſche und trieb die Pferde an. Bald darauf bog der Weg ſich um eine hohe, alte Fichte, deren Stamm die Ecke bildete, ſcharf rechts ein. Indem die Reiter den Winkel machen wollten, ſtutzten ſie und hielten ihre Pferde zurück. „Was gibt's?“ fragte Willhofen. 3 „Hier liegt ein Menſch im Wege!“ erwiderte der Reiter. „Wahrhaftig!“ rief Willhofen, der eben bis an die Ecke gelangt war.„Todt oder lebendig? He da! Antwort!“ 1 „Er rührt ſich nicht; es muß ein Leichnam ſein. Wir wollen ihn aus dem Wege räumen, ſonſt kommen wir mit dem Schlitten nicht durch.“ Er hielt an und wollte Ludwig die Zügel geben; doch dieſer ſprach:„Ich helfe Euch. Man muß doch ſehen, ob er wirklich todt iſt.. — — 269— Der Kutſcher nahm die Zügel, Ludwig und Willhofen ſtiegen ab, um den Körper aus dem Wege zu tragen. „Allmächtiger Himmel, es iſt Bernhard!“ rief Ludwig aus, als er ſich gegen das Haupt des Todten herabgebeugt hatte, um ihn emporzuheben.„Bernhard, lebſt Du? Wenn noch ein Athemzug in Dir iſt, beſchwöre ich Dich, gib mir Antwort.“ 8 Er kniete weinend bei dem Erſtarrten nieder, hob ihm das Haupt empor, lehnte es gegen ſeine Bruſt und drückte heiße Küſſe auf das kalte bleiche Antlitz. „Was gibt's?“ fragte die Gräfin ungeduldig. Feodorowna aber hatte den Ruf des Freundes gehört und eilte, vom niedrigen Schlitten herabſpringend, ſelbſt hinzu.„Finden Sie einen Freund hier?“ fragte ſie mit bebender Stimme, als ſie Ludwigs ſchmerzliche Angſt ſah. „Einen Freund! O den einzigſten, theuerſten meines Lebens! Und erſtarrt— todt! O mein Bernhard! Das überlebt mein Herz nicht!“ „Vielleicht iſt noch Hülfe,“ ſprach Feodorowna gerührt; „wir wollen verſuchen, was möglich iſt!“ Mit dieſen Worten näherte ſie ſich und legte die Hand auf das Herz des Erſtarrten.„Mir daucht, er athmet noch,“ ſprach ſie freudig. „Nein, nein! Er iſt todt, er iſt dahin!“ rief Ludwig faſt beſinnungslos.„Dieſer Schlag zermalmt meine Bruſt! Nimm mich mit hinüber, mein Bernhard, ich verlaſſe Dich nicht im Tode!“ Mit krampfhafter Angſt drückte er den Freund an ſein Herz und preßte ſeine Lippen auf die kalten, bleichen des Erſtarrten. „Wir wollen den Unglücklichen aufnehmen,“ ſprach Feo⸗ dorowna mit dem Laut des weichſten Erbarmens;„vielleicht 2 — 270— i kehrt das Leben ihm zurück, wenn wir ihn mit warmen Hüllen bedecken. In einer Stunde können wir das Schloß erreicht haben, und dann ſoll kein Mittel unverſucht bleiben, ihn zum Leben zu erwecken.“ 4 8 Ludwig war ſprachlos vor Schmerz; er vermochte nichts als Feodorowna's Hand zu ergreifen und ſie gegen ſeine Lip⸗ pen zu preſſen. Sie zog ſie ſanft zurück; ihr Herz betete zu dem gütigen Vater im Himmel, daß er den unnennbaren Schmerz von ihrem Freunde abwenden möge. Willhofen und Ludwig hoben den Erſtarrten empor. Als ſie ihn an den Schlitten brachten, fragte die Graͤfin Dolgorow:. „Mein Gott, was ſoll das? Was ſoll mit dieſem Leich⸗ nam werden?“ „O meine Mutter,“ bat Feodorowna,„es iſt ein Un⸗ glücklicher, in deſſen Bruſt ſich noch Leben regt. Vielleicht 1 vermögen wir ihn zu retten.“ 1 „Es iſt unmöglich!“ antwortete die Gräfin heftig; „hörſt Du die Wölfe nicht? Wir ſind in Gefahr, wir kön⸗ nen den Schlitten nicht mehr Pelaſten, und ich ſehe auch keinen Raum— mit einem Wort, es kann nicht ſein, es 3 ſoll nicht ſein! Eilt, daß Ihr vorwärts kommt; ich be⸗ fehle es.“ Willhofen ſtand unſchlüſſig. Ludwig aber warf ſich zu Feodorowna's Füßen nieder und rief:„Bei Allem, was Ih⸗ 1 nen heilig iſt, beſchwöre ich Sie, retten Sie mir den Freund, 4 nehmen Sie mein Leben dafür hin!“ „Meine Mutter!“. rief Feodorowna dringend,„die Menſchlichkeit, das Gebot der Liebe—“ „Thörin! Um einen Leichnam mitzuſchleppen, ſollen wir Lebende eine Beute der Wölfe werden? Nein, ſage — 271— ich, nein; ich befehle Euch zu eilen. Auf der Stelle vorwärts!“ „So bleibe ich hier,“ rief Ludwig außer ſich,„bis der Tod auch meinem jammervollen Leben ein Ende macht.“ Er zog den Erſtarrten an ſeine Bruſt, umhüllte ihn mit ſeinem Pelz und drückte ihn liebkoſend an ſich.„Mein Bernhard, Du treueſtes Herz auf der weiten Erde!“ ſprach er, und ſeine Thränen floſſen unaufhaltſam.„Jetzt kommt der Tag der Vergeltung; ich verlaſſe Dich nicht. An meiner Bruſt ſollſt du— Du mußt wieder erwachen.“ „Solanow! Setze Dich auf,“ befahl die Gräfin mit krankhafter Heftigkeit.„Es koſtet Dir das Leben, wenn Du noch ſäumſt! Bleibe hier zurück, wer mag!“ „Mutter, Mutter!“ rief Feodorowna und ergriff die Hand derſelben,„es gilt ein Menſchenleben— es gilt das unſers Retters!“ 8 „Der jetzt unſer Verderber werden will,“ unterbrach die Gräfin;„komm zu mir, oder ich laſſe auch Dich zurück!“ Man hörte in der That das Heulen der Wölfe näher und näher. Die Diener wagten nicht zu gehorchen, noch zu widerſprechen. Feodorowna ſtand in einem heftigen Kampfe mit ſich ſelbſt.„Nun denn,“ begann ſie nach gewaltiger Anſtrengung mit Hoheit,„ſo muß ich entſcheiden. Muß ich zu meinem unermeßlichen Elend den Namen der Fürſtin Ochalskoi führen, ſo ſoll er mir einmal wenigſtens zum Heil gereichen. Mein ſind dieſe Noſſe, dieſe Leibeigenen; Ihr kennt Eure Fürſtin, Eure Gebieterin! Bei Eurem Leben be⸗ fehle ich Euch jetzo, dieſen Hülfloſen nicht zurückzulaſſen!“ Sie ſtand aufgerichtet in gebietender Majeſtät vor den Leuten; der Gräfin verſchloſſen Zorn und Erſtaunen die Lippe. „Eilen Sie, retten Sie ſich mit uns und Ihrem R* — 272— Freunde,“ ſprach Feodorowna jetzt ſanft zu dem halb be⸗ täubten Ludwig.„Eilen Sie!“ Willhofen ſprang hinzu und half Bernhard vorn auf den Sitz bringen, wo Ludwig ihn mit ſeinem eignen Pelz bedeckte und ihn mit ſeinen Armen feſt umſchlang. „Ich trete hier vorn auf die Deichſel,“ rief der wackere Diener raſch,„ſo iſt Raum für uns alle Drei.“ Auf den Sattel der Deichſel ſpringend, ergriff er ſchnell die Zügel und rief:„Jetzt vorwärts, Burſche!“ Die Pferde, welche, die Nähe der ergrimmten Wölfe witternd, ſchon ängſtlich und ſcheu geſtanden und mit den Hufen in dem Schnee gewühlt hatten, ſchoſſen jetzt, als fühlten ſie, daß es ihre eigne Rettung gelte, brauſend dahin. Die Fahrt ging pfeilſchnell durch das duſtere Gebüſch; den⸗ noch vernahm man das Geheul der nachfolgenden Raubthiere näher und näher. Jetzt knickte und kniſterte es in den Zweigen, und plötz⸗ lich ſprang ein mächtiger Wolf mit kühnen Bogenſätzen aus dem Dickicht hervor, um ſich den Pferden entgegenzuwerfen und ſie an der Kehle zu packen. Doch der gewandte Will⸗ hofen hatte alsbald die Büchſe zur Hand und ſtreckte das Thier in den Augenblick zu Boden, wo es das ſcheu auf die Seite ſetzende Handpferd anfallen wollte. „Der wäre bezahlt! Er ſoll uns den Pelz nicht ſchuldig bleiben,“ rief der Schütze luſtig, ohne auf das laute Auf⸗ kreiſchen der Gräfin ſonderlich Rückſicht zu nehmen. MPau⸗ lowitſch, haſt Du geladen? Sei auf der Hut!“ Es vergingen einige Minuten, ohne daß ein neuer Feind ſich zeigte. Der grauſe Ton des Geheuls ſchien ſchwächer zu werden. „Sie ſind ſcheu geworden,“ wandte ſich Willhofen zu Ludwig, der jedoch, den Freund am Herzen haltend, kaum — — 273— bemerkt hatte, was vorgegangen war.„Sein Sie unbe⸗ ſorgt, gnädigſte Frau Fürſtin und Gräfin,“ ſprach er zu dieſen,„nun können uns die Beſtien nichts mehr anhaben. In fünf Minuten ſind wir aus dem dichten Walde und dann iſt die Bahn ſpiegelglatt. Da ſoll uns eine ſchießende Schwalbe nicht einholen.“ Jetzt lichtete ſich der Wald; man gelangte auf einen nur mit niederem Gehölz bedeckten Platz von der Breite ei⸗ ner Viertelſtunde. Der Schlitten flog pfeilgeſchwind über die hier feſtgefahrene Bahn hinweg. Jenſeits bog man in einen geraden, durchgehauenen Baumgang ein, und nach wenigen Minuten lag das Jagdſchloß vor den Augen der Reiſenden. „Das war gefahren!“ rief Willhofen, als er vor dem Thor anhielt, aus welchem durch das Knallen der Peitſche von ferne her aufmerkſam gemacht, ſchon zwei alte Diener mit Laternen herausgeeilt waren.„Seht nur, wie die Pferde dampfen! Von der großen Fichte bis hieher keine zwanzig Minuten und das halb in dem tiefen Schnee! Und es ſind doch gute zehn Werſt!“ Unter dieſen Worten war er abgeſprungen und hatte dem Kutſcher die Zügel übergeben. Die Diener halfen den Damen aus dem Wagen. Schweigend, ohne zu grüßen, ging die Gräfin, auf den Arm eines der Diener mit der Laterne geſtützt, ins Schloß. Bianca befahl ſogleich für Ludwig und den Verunglück⸗ ten die ſchleunigſte Sorge zu tragen. Dann wandte ſie ſich zu dieſem mit den Worten:„Hier ſind Sie mein Gaſt, dieſes Schloß gehört mir; führt der Himmel den großen Schmerz an Ihnen vorüber, ſo hoffe ich, daß Sie hier un⸗ getrübte Stunden zubringen ſollen.“. Ludwig, der noch ſitzen geblieben war, weil er Bern⸗ hard im Arm hielt, wandte ſich zu der Sprechenden. Ihre 123864 — 274— ſanfte Stimme fand ſelbſt jetzt den Weg zu ſeiner Seele. „Engelgütiges Weſen,“ begann er,— da regte ſich Bern⸗ hard an ſeiner Bruſt und that einen tiefen Athemzug.„Er lebt!“ rief Ludwig außer ſich, Alles vergeſſend;„allgütiger Himmel! Er lebt, er lebt!“ In Hoffnungsangſt und Freude umſchlang er den Ge⸗ liebten und zitterte heftig. „Wo bin ich?“ fragte Bernhard und ſchlug das Auge auf. „In meinen Armen!“ rief Ludwig und ſeine Bruſt wallte athemlos und wollte ſpringen im Üübermaß ſeiner Freude. Feodorowna hob das Auge gerührt gen Himmel. Auch ihr glänzte ein Schimmer der Hoffnung. Zum erſten Male ſeit langen Monden ſenkte ſich das Gefühl eines ſanften⸗ Friedens in ihre trauernde Seele ein. Willhofen half den noch halb Gelähmten und Betäubten herabheben und leitete ihn mit Ludwig gemeinſchaftlich in das für dieſen beſtimmte Gemach, wo ſie ihn in einen Seſſel niederließen. Dann eilte der treue Diener, um ſchnell wirkſame Rettungs⸗ und Stärkungsmittel herbeizuſchaffen. Hier kehrte dem Geretteten die völlige Beſinnung zurück. „Ludwig,“ rief er,„ſeh' ich Dich wieder? Lebſt Du? Oder weilen wir Jenſeits, oder war Alles ein Traum?“ Und in heißer Umarmung hielt er den Freund am Herzen. „Wir leben! Ein gnädig waltender Gott hat uns be⸗ hütet— o Du ſollſt noch andere Wunder ſehen!“ Willhofen trat mit einem von Feodorowna raſch berei⸗ teten, erwärmenden Getränk ein; ein Diener brachte wollene Decken, um den Erſtarrten einzuhüllen.„Das iſt, dem Himmel ſei Dank, nicht mehr nöthig,“ rief Willhofen freu⸗ dig aus, als er ſah, daß Bernhard völlig zum Leben und — ₰— — — 275— Bewußtſein zurückgekehrt war.„Aber hier, mein Herr, trinkt ein wenig! Das wird Euch Kräfte geben.“— Bernhard brachte das Gefäß an die Lippen. Wenige Tropfen gaben ihm ein neues Gefühl des Lebens; die Macht der Freude vollendete das Werk der Geneſung ſchnell. „Komm, Oſſip,“ ſprach Willhofen zu dem Diener,„wir ſind hier nicht mehr nöthig, und es gibt noch anderwaͤrts viel zu thun.“ Beide gingen. „Bruder,“ begann Bernhard gerührt, als ſie allein waren,„an Deiner Bruſt haſt Du mich wieder zum Leben erwärmt! Hier beſchwöre ich Dir's, bei den wunderbaren Wegen der Schickung, es iſt kein Blutstropfen in meinen Adern, der nicht Dir gehört! Beim Allmächtigen!“ Er hob die Hand; in ſeine ermatteten Züge kehrte die edle, trotzige Kraft zurück, die mit der Federkraft des Stahls um ſo mächtiger aufſtrebte, je härter der Druck des Ge⸗ ſchicks ſie zuſammenzupreſſen drohte.„Nun erzähle aber,“ ſprach er, wo ſind wir, wie biſt Du entkommen? Was mich anlangt, mir iſt außer einer grauſenvollen Geſchichte, durch die mir eigentlich das Leben von inwendig her er⸗ ſtarrte, denn ſonſt, jetzt fühle ich's erſt, hätte mich die Kälte noch nicht überwunden, nichts begegnet, als daß ich im Walde umherirrte. Aber Dir?“ Eben wollte Ludwig ſprechen, als die Thür ſich öffnete und Feodorowna, mit zurückgeſchlagenem Schleier, in Trauer⸗ kleidung, eintrat. Ein Armleuchter, der auf einem Tiſch neben der Thür ſtand, warf helles Licht auf ihre edlen, von der Freude ſanft belebten Züge.„Sieh dort unſere Rette⸗ rin,“ ſprach Ludwig und deutete auf die Eintretende. „Ihr Freund lebt? Dank ſei dem gütigen Himmel ſprach ſie näher kommend, mit einer Stimme, in der die heilige Rührung ihrer Bruſt bebend vorklang. — 276— Bernhard hob das erſtaunte Auge zu ihr empor.„Dieſe Züge kenne ich,“ rief er plötzlich von unerklärlichen Gefühlen der Ahnung und Erinnerung durchſchauert,„und ich weiß woher. Aber auch dieſe Stimme habe ich ſchon vernommen!“ Ein ähnliches Staunen hielt Feodorowna's Blicke auf Bernhards edles Antlitz gefeſſelt. Sein Anblick weckte wun⸗ derbare, ſchauernde, aber unerklärte Erinnerungen in ihr. Sie reichte ihm, von einem leiſen Zuge des Herzens getrie⸗ ben, die Hand dar. Bernhard beugte ſich herab, um ſie zu küſſen, doch in dem Augenblick, wo er das Auge darauf heftete, fuhr er zurück, als erblicke er eine Geiſtergeſtalt, und ſtand mit bebenden Lippen, ſprachlos, die Blicke un⸗ verwandt auf Feodorowna's Antlitz geheftet, da. Heftig ſtreiffe er mit der Hand über die Stirne und in's Haar, als fühle er dort einen laſtenden Druck und Schmerz. „Was iſt Dir?“ fragte Ludwig und trat theilnehmend näher. „Nichts, gar nichts!“ rief Bernhard wild und zitterte heftig am ganzen Körper.„Ein wahnwitziger Traum— doch ich raſe um mich, wenn ich daraus erwache. Um's Himmels willen knüpfe mir doch hier dieſen Knoten aus der Locke— ich kann ſie ja nicht ausreißen!“ Dabei riß er mit krampfhaftem Zucken in ſeinem Haar. Ludwig fühlte den Knoten im Haar und löſte ihn leicht. Bernhards Ring fiel auf die Erde nieder; er griff haſtig danach, nahm ihn auf, reichte ihn Feodorownen und ſprach mit fliegendem Athem: „Mir däucht, dieſer Ring ſieht dem Ihrigen ähnlich,— ich vertauſchte ihn einmal— in Warſchau— er trägt die Buchſtaben— Unſinniger!“ rief er plötzlich und verzog in⸗ grimmig die Stirn zu finſtern Falten,„mache Dich nicht ſelbſt wahnſinnig durch ſolche Träume. Ludwig! Faſſe mich an, damit ich weiß, ob ich wache!“ Feodorowna hatte den Ring aus ſeiner Hand genom⸗ men, ſie wollte ihn mit dem ihrigen vergleichend betrachten, doch ihr Auge verdunkelte ſich. Zitternd ſank ſie auf die Kniee nieder, faltete die Hände zum Gebet und flehte ſanft mit gen Himmel gewandtem Blick:„Allgütiger! Prüfe mich nicht zu hart— wenn dies Herz ſich täuſcht, ſo bricht es — ſo viel vermag es nicht zu tragen— nimm mich in Deine Huld!“ Sie hielt die Ringe abgewendet vor ſich hin und floh mit den Blicken ſeitwärts, als bebe ſie vor dem grauenvol⸗ len Orakel, das ſie verkünden ſollten; dann preßte ſie beide heftig an ihre Bruſt, als ſeien ſie das Köſtlichſte, was ſie auf Erden beſitze, und als müſſe ſie ſich jetzt auf ewig da⸗ von trennen. Plötlich entſchloſſen heftete ſie unverwandte Blicke darauf. Sie bebte, ihr Buſen flog, die Roſengluth des Morgens hauchte ihre Wangen an— dann erblaßte ſie zum Schnee der Lilie— die Ringe entſanken ihrer Hand— ſie ſtreckte die Arme verlangend gegen Bernhard aus,— ihre Lippen bewegten ſich, doch die Wallung der Bruſt er⸗ ſtickte jeden Laut— endlich rief ſie mit angſtvoller Gewalt: „Bruder, Bruder!“ und ſank lautlos, leblos, mit dem ſchö⸗ nen Haupt an die Bruſt des vor ihr knieenden Bernhard. Dieſer hielt ſie ſtumm, zitternd an ſich gedrückt; ſeine eherne Kraft war weich aufgelöſt; unaufhaltſame Thränen entfloſſen ſeinen Augen und netzten die Wangen der ſchönen Schwe⸗ ſter, die in ſüßer Bewußtloſigkeit an ſeinem Herzen ruhte. „Ludwig, Ludwig,“ bat er dieſen endlich mit weicher Stimme,„Du biſt beſſer, reiner als ich— bete Du zu dem ewigen Vater, daß ſie mir nicht ſtirbt— er wird Dein Flehen hören! Holde, ſüße Roſe, richte Dein Haupt em⸗ — 278— por! Nicht jetzt brich, Du heiliges Herz, noch einmal ſchlage lebend, liebend an der Bruſt des Bruders!“ In ſeinen Armen hob er die Schweſter empor und ließ ſie ſanft auf die Ruheſtätte nieder, wo er ſelbſt vor wenigen Minuten zu einem neuen Leben erwacht war. Da ſchlug ſie das tiefe blaue Auge wieder auf und erhob den matten herabgeſunkenen Arm, um ihn liebend um den Nacken des Bruders zu legen. Jetzt brach der milde Quell der Thränen hervor und erlöſte die Bruſt von der überdrängenden Gewalt der Freude. Frei athmete ſie auf und ein tiefer, unendli⸗ cher Himmel der Seligkeit ſchimmerte aus dem feuchten Glanz ihres Auges. „Iſt es denn wahr? Ziehen nicht die Zauberbilder eines Traumes vor mir vorüber? Weile ich nicht jenſeits in den Gefilden der Seligen? Ja, ja, Du biſt mein Bruder! Die Stimme meiner Bruſt täuſcht mich nicht. Sie iſt wahrhaftiger als die tauſend Zeichen meiner Sinne, woran ich Dich erkenne. Ich habe nun ein Herz, das mein iſt auf dieſer Welt; eine Bruſt, die mich nicht rauh zurück⸗ ſtößt, wenn ich zu ihr flüchten will! Nicht wahr, mein Bruder? Du wirſt mich nicht mehr verlaſſen?“ 3 „Verlaſſen?“ fragte Bernhard und druückte ſie ſelig be⸗ bend, inniger an die Bruſt.„Wie die Pflanze im dunklen Felſengrunde das Licht ſucht, ſo ſehnte ich mich nach einer Schweſterbruſt! Und Du wähnſt, ich könnte dem warmen goldnen Strahl, der endlich in mein erſtorbenes Herz dringt, den Kelch verſchließen? Zum erſten Male in dieſer heiligen Minute bricht das Licht durch die düſtere Wolkenhülle mei⸗ nes Lebens! Zum erſten Mal erblicke ich dieſe ſchöne Welt verklärt in ſeinem roſigen goldnen Schimmer! Grau, öde, ſchauerlich, in dunklen Nebeln lag ſie vor mir— jetzt glüht ſie in tauſend warmen Farben! Nein, nun ſoll uns nichts — 279— mehr trennen! Selbſt nicht der Tod, denn ich vernichte mich ſelbſt in dem Augenblick, wo er Dich grauſam aus meinen Armen reißt!“ Siebentes Capitel. Man hörte Fußtritte und Stimmen auf dem Corridor. Die in ihre Seligkeit Verſunkenen hätten ſie nicht vernom⸗ men; doch Ludwig, dem Schmerz und Liebe jetzt die Bruſt beklemmten, dem düſtere Ahnungen näher waren als frohe, er hörte ſie. Von dem dunklen Gefühl getrieben, daß das höchſte Glück ſich immer in den Schooß des Geheimniſſes am ſicherſten birgt, trat er ſchnell zu Bernhard heran, er⸗ griff ihn beim Arm und rief:„Freund! Man kommt!“ „Wer?“ fuhr dieſer heftig auf;„wer, den ich zu fürch⸗ ten oder zu ſcheuen hätte?“ „Hier Jeden,“ rief Feodorowna und riß ſich erſchreckt aus ſeinen Armen,„hier iſt Jeder dem reinen Glück der Seele ein argliſtig verſchworener Feind! Kein Laut Deiner Lippe, mein Bruder, verrathe uns; es iſt die erſte Bitte Deiner Schweſter, o weiſe ſie nicht zurück!“ „An einem Haar ſollſt Du meine ungebändigtſte Kraft zügeln, Du Holdſeligſte,“ ſprach er weich.„Gebiete mir mit dem Wink Deines Auges, und ich will ihn verſtehen und Dir gehorchen wie der Schatten Deines Körpers, der der leiſeſten Bewegung Deines Fingers gehorſam folgt.“ Willhofen, zwei Diener und Feodorowna's Mäͤdchen Jeannette traten ein. Die Letzte redete ihre Herrin an: — 280— „Durchlauchtigſte Fürſtin, die Gräfin Dolgorow ſendet mich mit dem Auftrage, Sie zu ihr zu rufen.“ „Ich wollte ſo eben kommen,“ erwiderte Feodorowna. „Leben Sie indeſſen wohl,“ fuhr ſie, gegen Bernhard und Ludwig gewendet, fort;„in einer halben Stunde ſpäteſtens ſehen wir Sie wieder, denn ich hoffe doch, daß Sie zur Abendtafel in den Saal kommen werden?“ Ihre Blicke forderten ein Ja; Bernhard und Ludwig verbeugten ſich ſtumm; ſie ſchwebte aus dem Zimmer. „Wir kommen mit einer ganzen Laſt Kleidungsſtücke, 2* meine gnädigen Herren,“ ſprach Willhofen.„Die Fürſtin hat befohlen, die Garderobe ihres verſtorbenen Gemahls hier herüber zu bringen, damit Sie ſich umkleiden können. Sie müſſen nur entſchuldigen, daß Ihnen in der Noth dies An⸗ erbieten gemacht wird; aber was läßt ſich für den Augen⸗ blick anders thun? Wenn wir in Petersburg wären, würden wir in vierundzwanzig Stunden ſchon andere Anſtalten ge⸗ troffen haben. Hier aber iſt die Noth der Meiſter.“ „Nur her, Freund!“ ſprach Bernhard.„Du ſiehſt, wir haben eben keine Prachtgewänder an, und zerriſſene Mäntel und Stiefel halten die Kälte nicht ſo gut ab, als ganze. Zeig her Deine Waare! Hm, es wird Alles ſo ziemlich paſſen! Wenn wir nur nicht eitel werden, Ludwig; wir ſind nicht gewohnt, uns ſo ſtattlich zu ſehen! Sieh' nur, ich ſehe faſt wie ein ruſſiſcher Fürſt aus in dieſem Pelz⸗ überrock.“-⸗ Bernhard ſprach abſichtlich viel und ſcherzhaft, weil Ludwig ſtill und in ſich gekehrt war. Er wollte dadurch den Verdacht der Leute, welche dieſe Gäſte ſchon mit ſeltſamen Augen betrachteten, ableiten, damit ſie nicht auf den Gedan⸗ ken kämen, es ſei hier etwas Ungewöhnliches vorgefallen. Gewohnt, ſelbſt ſeine tiefſten Empfindungen mit dieſer Kraft zu beherrſchen und geübt, mit der Larve des Humors ſein natürliches Angeſicht zu decken, zumal aber wenn es vor Freude oder Schmerz weinte, gelang ihm dies faſt leicht. Willhofen erfreute ſich des muntern, kräftigen Jüng⸗ lings.„Wahrlich,“ rief er,„es war gut, mein Herr, daß wir Euch auf den Schlitten luden, denn zur Beute für die Wölfe in ſo jungen Jahren zu werden, das wäre doch zu hart geweſen. Wollt Ihr aber nicht hier dieſe Pelzſtiefeln anziehen? Ihr ſeid es vielleicht nicht gewohnt, aber bei uns iſt es gut. Der Wind pfeift hier etwas ſchärfer als in 3 Deutſchland.“. „Du warſt in Deutſchland, alter Kamerad?“ fragte Bernhard. 8 Erſt jetzt erzählten Ludwig und Willhofen während des Umkleidens abwechſelnd die Geſchichte ihres Wiederfindens. „Hm!“ ſprach Bernhard, indem er ſinnend ſtill ſtand, „verwunderſam genug. Und Beaucaire und St. Luces haben auch ihren Lohn? Es kommen ſo Zeiten, Ludwig, wo ich ein Pietiſt werden und glauben könnte, es bekümmere ſich Jemand dort oben ganz ſpeciell um unſere lumpigen Ange⸗ legenheiten und gehe hier unſichtbar neben uns her, um uns durch alle die kreuzenden Irrwege hindurch zu führen, bis an den Punkt, wo die Fäden, an denen wir tanzen,“ zuſammenlaufen. Alsdann erfährt man erſt, wer mit uns nach derſelben Melodie ſpringen mußte, an demſelben Draht regiert wurde. Hm! Wahrhaftig, es ereignet ſich allerlei curioſes Zeug in der Welt! Nun, Alter!“ wandte er ſich zu Ludwig,„weshalb denn ſo ſtumm und kopfhängend? Iſt Dein Glaube noch nicht feſt genug? Merkſt Du noch nicht, daß Dein grüner Schleier aus dem Thal von Aoſta hier ſo gut auf dem Schnee leuchten wird, w am Hospi⸗ — 282— tium des heiligen Bernhard? Es freut mich beiläufig, daß ich ſein Namensvetter bin.“ Er faßte bei dieſen Worten Ludwigs Hand und drückte ſie warm. Sein ſcharfes, geiſtiges Auge blickte tief in das Herz des Freundes und erkannte den Grund ſeines ſchwer⸗ müthigen Schweigens. Aber mit eben ſo hellem Auge ſah er auch, daß die verſchwiegenen Knospen der Liebe jetzt zu duftenden Blüten aufbrechen mußten, und daß der Bruder die Hand der Schweſter in die des Freundes legen könne. Beide waren angekleidet; ſie gingen in den Saal hin⸗ über, den Willhofen ihnen als Speiſeſaal bezeichnete. Er war bis jetzt nur durch ein mächtiges Kaminfeuer erhellt, das zur raſchern Erwärmung angezündet war. Der für vier Perſonen gedeckte Tiſch, ſtand nahe bei der Flamme. Willhofen ſetzte den Armleuchter, den er in der Hand trug, um den Gäſten vorzuleuchten, auf den Tiſch.„Sein Sie übrigens unbeſorgt,“ ſprach er,„der Saal wird ſchon warm werden, denn die Ofen ſind gleichfalls geheizt, nur dauert es damit etwas länger. Ich werde jetzt der Frau Fürſtin melden, daß Sie hier verweilen.“ Er ging. Jetzt waren Bernhard und Ludwig allein. Sie blickten ſich lange an; dann ſanken ſie einander in die Arme und hielten ſich ſtumm umfaßt. „Ludwig,“ rief Bernhard endlich.*,„Wenn wir uns er⸗ innern, wo wir dieſen Morgen erwachten, und wo wir die⸗ ſen Abend entſchlummern werden— Ludwig, dann fange ich wahrlich an, wie ein ſunes Kind an Wunder und Engel zu glauben!“. „Ein holder Engel iſt es, der dieſe Wunder wirkt,“ entgegnete Ludwig bewegt;„ſein ſchützender Flügel war über uns gebreitet, ſeine ſorgende Hand führte uns zurück aus — 283— dem finſtern Reich des Todes. Das höchſte Wunder bleibt dieſes wunderthätige Heiligenbild ſelbſt!“ Die Thür nach den innern Gemächern öffnete ſich und Feodorowna trat ein. „Siehſt Du? Schon wieder ſchwebt es ſegensreich heran— o mich blendet der Glanz, ich muß mein Auge abwenden.“ Und er wandte das Angeſicht, um ſeine Thrä⸗ nen zu verbergen.. „Schweſter!“ ſprach Bernhard behutſam leiſe, als er ſah, daß ſie allein kam.„Schweſter! Noch einmal muß ich Dich mit dem ſüßen Namen begrüßen!“ „Bruder,“ entgegnete ſie und trat ihm mit dem Lächeln eines Engels auf den Lippen vertraut entgegen und lehnte ſich an ſeine Bruſt, als er den Arm um ſie ſchlang und ihr die Stirn küßte;—„Bruder, Schweſter! Was lautet ſüßer?— Der eine Name ſchmeichelt meinem Ohr, wie der andere meiner Lippe! Bruder, Schweſter!“ 4 „Und Freund!“ ſetzte Bernhard aus tiefſter Seele hinzu, indem er den abgewendeten Ludwig bei der Hand ergriff, um ihn näͤher zu ziehen.„Sieh, meine Schweſter, er war der klare Stern meiner Lebensnacht, bis Dein heiteres Sonnen⸗ licht mir aufging; aber er wird nicht erlöſchen und erblaſſen wie die treuloſen Geſtirne des Firmaments; denn ihn hat auch niemals eine Wolke verhüllt, und je ſchauerlicher die Nacht, je heller, je freundlicher leuchtete er mir. O ich wünſchte, er wäre Dein Bruder, ſo hätteſt Du einen beſ⸗ ſern als mich aufgefunden.“ „Bernhard!“ ſprach Ludwig gerührt aber ſanft verweiſend. „O ich kannte unſern Freund früher als Dich,“ ent⸗ gegnete Feodorowna.„Mein Herz iſt in alter Dankbarkeit gegen ihn tief verſchuldet, und ſeit wenigen Minuten wuchs die Schuld ins Unermeßliche!“. — 284— „Wie das, Liebe?“ fragte Bernhard. „Darf ich Dir's geſtehen, mein Bruder,“ fragte ſie und blickte ihn liebend an,„wirſt Du mir nicht zürnen?“ „Dir zürnen? Dir?“ „Sieh,“ fuhr ſie hold verwirrt fort,„der Werth des Freundes bürgt mir für den des Bruders! Wahrlich, ich hätte an Dich geglaubt,“ ſetzte ſie ſchneller hinzu;„ihm aber danke ich die ſelige überzeugung, weil nur der Edle den Edlen ſucht und liebt.“ Sie verbarg das holde Angeſicht verſchämt an Bern⸗ hards Bruſt nach dieſen Worten. „Denſelben Dank bin ich ihm ſchuldig, Schweſter,“ erwiderte Bernhard mit Innigkeit betonend. „Wie Du?“ fragte ſie verwundert. „Bürgt er mir denn nicht für die Schweſter?“ Sie ſenkte das Auge zur Erde; die lieblichſte Röthe malte ihre Wangez leiſe zitternd ſchwieg ſie. Eine ſüße Beklommenheit erfüllte die Herzen der drei innig verbündeten Weſen; einige Augenblicke herrſchte tiefe, heilige Stille. Bernhard nahm zuerſt wieder das Wort.„Ich habe an das Wunder geglaubt, ehe es erklärt war,“ begann er; naber ſprich, meine Schweſter, an welchen Zeichen erkann⸗ teſt Du mich ſo beſtimmt als Deinen Bruder? Ich ſelbſt hatte ja nur dunkle, ferne Ahnungen und Muthmaßungen.“ „Ich kam hieher,“ erwiderte ſie,„um Dir Alles zu er⸗ klären. Siehe hier, weshalb Deine Züge mich gleich im erſten Augenblick mit ſo wunderbarer Ahnung erfüllten.“ Sie reichte ihm die beiden Bildniſſe, welche ſie von Ruſchka durch Gregor erhalten hatte. Bernhard, der ſie mit dem Auge des Malers betrachtete, erkannte augenblick⸗ 8 * — 285 lich die unläugbaren Züge der Ahnlichkeit des männlichen Bildniſſes mit ihm und des weiblichen mit Feodorowna. Es drang dadurch die ſüße Gewißheit in ſein Herz, daß ſein neues Glück kein Traum ſei, daß es feſt auf dem Grunde der Wirklichkeit ruhe. Plötzlich fragte er:„Und kennſt Du auch den Namen unſerer Eltern, Schweſter? Denn ich bin wild unter Fremden aufgewachſen und habe kaum gelernt, einen Werth an Namen und Daſein Derer, die mich umbarmherzig von ſich ſtießen, zu knüpfen.“ „O frevle nicht,“ erwiderte Feodorowna mit einem frommen Schauer;„das Andenken Deiner Eltern darf Dir theuer ſein. Zwar vermag ich nicht Dir eine ausführliche Auskunft über ſie zu geben; doch werden dieſe Blätter Dich genug lehren, um künftig nur mit Wehmuth und Liebe an Diejenigen zurückzudenken, die Dir das Leben gaben.“ „O Du haſt recht, Du Holde; denn ich mußte ihnen ja ſchon deshalb ewig dankbar ſein, weil ſie mir Dich zur Schweſter gegeben.“ Er nahm bei dieſen Worten den Brief, worin Nuſchka Feodorownen die Verhältniſſe ihrer Geburt entdeckt hatte und las ihn haſtig mit ſteigendem Antheil. Indeſſen ſprachen Ludwig und Feodorowna miteinander, und dieſer fing an, ihr ſein wunderbares Auffinden Willho⸗ fens und den Zuſammenhang, in welchem dieſer Wackere mit ſeinem Schickſale ſtand, zu erzählen. Bernhard, der unter dem Leſen halb hörte, rief plötzlich aus:„Ludwig, wie hieß der Freund Deines Vaters, um deſſentwillen er flüchtig werden mußte?“ „Waldheim,“ erwiderte dieſer. „Waldheim!“ rief Feodorowna überraſcht und blickte Ludwig und Bernhard fragend an. „So entdecken ſie hier noch neue Fäden des wunder⸗ — 286— barſten Zuſammenhangs, doch weiß ich noch kein Mittel, um Gewißheit zu erlangen,“ erwiderte dieſer ſchnell. Indem trat Willhofen ein. „O ich Thor,“ ſprach Bernhard und ſchlug ſich unwil⸗ lig an die Stirn;„mußte ich das noch abwarten? Mein Scharfſinn muß in dieſer Kälte erſtarrt ſein, ſonſt hätte ich wol von ſelbſt darauf kommen können, daß hier ein voll⸗ gültiger Augenzeuge lebt.“ Er nahm die beiden Bildniſſe, welche er von der Schweſter erhalten und wandte ſich zu „Wilhofen.„Tritt heran, Freund,“ redete er ihn an,„nur näher, ganz nahe zu uns hier an das Licht.“ Willhofen näherte ſich mit Beſcheidenheit. „Sollteſt Du wol dieſe Bildniſſe kennen?“ Eine freudige überraſchung glänzte in den Augen des alten Dieners; er zitterte und vermochte kaum zu ſprechen. „Ob ich ſie kenne?“ fragte er.„Ach wie liegt die ganze alte Zeit plötzlich vor mir! Habe ich ſie denn nicht hundert Mal in dem Zimmer des Herrn Rittmeiſter von Waldheim zu Straßburg über dem Sopha hängen ſehen? Das iſt er ja, wie er leibt und lebt, und die gnädige Frau ebenfalls!“ Kaum hatte Willhofen dieſe Worte geſprochen, als Lud⸗ wig ausrief:„Wie? Alſo mein Vater—“ „Opferte ſich“ fiel Bernhard ein,„für den meinigen. Siehſt Du, Freund,“ fuhr er bewegt fort,„ſo habe ich Dir noch manche alte Schulden abzutragen, der neuen nicht zu gedenken, die ſich dazu gehäuft haben!“ „Welch eine Verkettung!“ rief Ludwig aus.„Welch ein Tag des Gerichts und des Lohns!“ Er dachte an St. Luces und Beaucaire, die in derſelben Stunde von der Nemeſis ereilt waren, wo das Schickſal ihm und dem Freunde die ſchönſten Kränze reichte, die aus der langſam gereiften Saat längſt vergangener Jahre emporgeblüht waren. . ——— — 287— Feodorowna hatte bisher mit ſtummem Erſtaunen zuge⸗ hört; jetzt that ſie in der überraſchung die lebhafte Frage: „Alſo haſt Du meine Mutter gekannt, Solanow?“ Der Diener ſtand erſtaunt.„Die Gräfin Dolgorow,“ begann er und ſtockte und ſah Feodorownen mit ſeltſamen, ſtaunenden Blicken an, als ſuche er in ihren Geſichtszügen eine Erklärung ihrer überraſchenden Frage. Feodorowna war erſchreckt ihr Geheimniß verrathen zu haben; Bernhard, der es bemerkte, ſprach beruhigend:„Fürchte nichts, Beſte, dieſes Herz iſt treu; ich verbürge mich dafür, doch darf nun nichts mehr Geheimniß für ihn bleiben.“ Er ſetzte darauf Willhofen von Allem in Kenntniß und em⸗ pfahl ihm Verſchwiegenheit und Vorſicht. Der alte Diener gelobte Beides mit bewegter Stimme und reichte Bernhard ſeine Hand mit deutſcher Treuherzigkeit zum Pfande.„Nun begreife ich erſt,“ ſprach er,„warum mir die Züge der Frau Fürſtin gleich das erſte Mal, da ich ſie ſah, ſo be⸗ kannt vorkamen. Ja, und wahrhaftig, mein junger Herr, die Eurigen auch. Doch, vergeben Ihro Gnaden mein Ge⸗ ſchwätz; ich kam eigentlich, um zu fragen, ob Ew. Fürſtl. Gnaden befehlen, daß angerichtet werden ſolle.“ „Die Gräfin Dolgorow muß zuvor befragt werden, ob ſie zur Tafel kommen wird,“ erwiderte Feodorowna, und Willhofen verließ, ſich ſtumm verbeugend, ganz in der Weiſe ſeiner alten Dienſtunterwürfigkeit, das Gemach. Er kehrte nach wenigen Minuten mit der Antwort zu⸗ rück: die Gräfin ſei ſo angegriffen und müde, daß ſie ſich bereits zu Bette gelegt habe. Es wurde angerichtet. Die Anweſenheit mehrerer Die⸗ ner zwängte jetzt die warmen Regungen der Liebe unter den drei ſo eng verbündeten Seelen in das ſtarre Geſetz äußerli⸗ cher Förmlichkeiten ein. Doch wußte Feodorowna auch ſelbſt „* — 288— dieſem Verhältniß eine ſolche Anmuth und Freundlichkeit de⸗ Herzens beizumiſchen, daß ſogar der Bruder mit williger Un⸗ terwerfung den Zwang ertrug, dem ſein ſtolzer Sinn und das lebendige Gefühl ſeiner Rechte ſich unterwerfen mußten. So entfloh auch dieſe Stunde auf pfeilſchnellen Flügeln. Feodorowna ſtand auf; die Diener räumten ab und ver⸗ ließen den Saal. Feodorowna befahl, daß Willhofen in der Nähe bleiben und ſich bereit halten ſolle. Die vertrauliche Einſamkeit vereinte die Herzen wieder enger.„Nun bin ich wieder Deine Schweſter,“ begann Feodorowna, indem ſie ſich mit liebenswürdiger Vertraulich⸗ keit an Bernhard ſchmiegte,„nun gehöre ich wieder ganz Dir.“ „Du Gute,“ erwiderte er und blickte ihr in das un⸗ ſchuldige, treue Auge.„O mein Gott, ſo tief haſt Du mich noch nie in Deinen Himmel blicken laſſen!“ Ludwig ſtand im heftigen Kampfe mit ſich ſelbſt; ſein Herz ertrug die bang ſchwebende Qual zwiſchen dem höch⸗ ſten Glück und dem tiefſten Schmerz nicht länger. Doch er fühlte, daß nicht die Hand des Bruders, der ſeine Liebe kannte, ihm die Schweſter zuführen dürfe, ſondern daß er ſelbſt mit freier Männlichkeit wagen und handeln müſſe. Wer nicht ſelbſt auf die Gefahr des Verluſtes um das Höchſte zu werben wagt, iſt deſſen nicht werth; dies rief ihm ſein Herz zu, und er gehorchte, wiewol bebend, dem Gebot der Ehre und Liebe. „Bianca,“ ſprach er mit bewegter Stimme,„denn die Schweſter meines Freundes geſtattet mir gewiß den Na⸗ men, der mir unvergeßlich ſüß von dem ſchönen Frühlings⸗ tage unſeres erſten Begegnens herüberklingt— Bianca— auf meiner Lippe ſchwebt der höchſte Wunſch meiner Bruſt, ahneſt Du ihn nicht, ehe ich ihn ausſpreche— ſo bleibt er 38 —— — 289— ewig in die Bande des Schweigens gehüllt. Doch ſpricht Dein Herz— dann— laß es jetzt entſcheiden.“ Sie erröthete, eine ſüße Verwirrung malte ſich auf ih⸗ rem Antlitz, zitternd erwiderte ſie mit geſenktem Auge: „Mein Herz?— Ich weiß nicht— ob ich ihm gehorchen darf— entſchieden hat es längſt!“ Hier barg ſie das Haupt und das in ſüße Thränen überfließende Auge an der Bruſt des Bruders. Bernhard ſchloß ſie ſanft in die Arme. Ludwig ergriff bebend ihre Hand, doch wagte er es nicht, die holde Geſtalt an ſeine Bruſt zu ziehen. Sein Ohr vernahm das Wort, das ihm den tiefſten Himmel der Se⸗ ligkeit öffnete, doch ſein Herz wurde von den Schauern ban⸗ ger Zweifel berührt, denn zu plötzlich, zu mächtig ſtand das Wunder der Erfüllung vor ihm. Er zitterte, daß die Ge⸗ bilde des ſeligen Traums zerrinnen möchten; die Unendlich⸗ keit ſeines Glücks raubte ihm die Kraft des Glaubens daran. Sie ließ ihre Hand in der ſeinen ruhen und zog ſie nicht zurück, da er ſie mit heißen Küſſen und Thränen be⸗ deckte; doch hielt ſie das holde Antlitz noch immer ſanft weinend an der Bruſt des Bruders verborgen. „Erröthe nicht, meine Schweſter,“ ſprach Bernhard mit bewegter Stimme,„wenn Du das ſchönſte Geſtändniß thun darfſt; holder ſchmückt keine Roſe die weibliche Bruſt als die Liebe. Dein reines Herz konnte nicht irren, es hat das Edelſte erkannt und gewählt.“ Jetzt erhob ſie das Haupt und das in Thränen glän⸗ zende Auge zu dem Bruder; dann wandte ſie ſich jungfräu⸗ lich ſchüchtern zu dem Geliebten, der ſie mit bebendem Ver⸗ langen näher zog.„O mein Gott,“ hauchte ſie und rich⸗ tete das Auge dankbar gen Himmel,„womit habe ich denn dieſes übermaß Deiner Huld verdient?“ Wort und Blick III. 13 — 290—„ erſtarben in heiligen Thränen; hold neigte ſie ſich dem Freunde entgegen und ſank ſtumm, ſelig betäubt, an ſeine Bruſt. Achtes Capitel. Jetzt erſt vereinigte das innigſte Band die drei liebenden Seelen. Ihr Glück war ſo überſchwenglich, daß es ſie ganz erfüllte und jede Sorge, jeden Schrecken der Zukunft fern hielt. Doch in der Vergangenheit weilten ſie und richteten die ſüße Betrachtung auf die erſten Augenblicke des Begeg⸗ nens, wo der Keim zu dem holden Blütenbaum eingeſenkt 8 wurde, deſſen Krone ſie jetzt überſchattete. Ludwig erzählte von jenem Tage, wo er zuerſt den grünen Schleier auf ei⸗ ner weiten Schneefläche erblickte und, durch eine unwider⸗ ſtehliche, ahnungsvolle Gewalt getrieben, dem ſchimmernden Ziele nacheilte.„O Bianca,“ ſprach er gerührt,„glaube mir, ſchon damals baute ich in ſchwärmeriſchen Träumen Zauberſchlöſer des Lebens auf, an die ich ſelbſt nicht zu glauben wagte. Und jetzo hat eine Wunderhand uns mitten hineingeführt in die ſeligen Gefilde! Aber auch jetzt wage ich nicht zu glauben, daß Alles wirklich iſt, was ich um mich her ſehe. Sprich, Geliebte, werden dieſe holden Ge⸗ 3 ſtalten nicht verſinken? Reiche mir die Hand zum Pfande, daß Du lebſt, daß Du mir wirklich nahe biſt und nicht entſchweben willſt, wenn ich Dich berühre.“ Sie gab ihm die Hand ſanft lächelnd herüber. „Ja, ja, Du biſt es,“ begann er wieder;„ſo lächelteſt 4 Du, als ich Dir zum erſten Mal ins Antlitz blickte. Weißt — 291— Du noch? Im Thal von Aoſta, an jener Hütte, die die Reben traulich umrankten, wo die Kaſtanie ihre Zweige ſchattend über den Raſen breitete. O dies Bild wird nie aus meiner Seele ſchwinden!“ Sie blickte ihn mit dem Ausdruck innigſter Liebe an; der Silberblick einer Thräne überglänzte ihr blaues Auge. „O es war ſchön dort!“ ſprach ſie bewegt. „Und weißt Du, Schweſter,“ begann Bernhard,„wo ich Dich zuerſt geſehen?“ „Dein erſtes Begegnen war ſegensreich,“ erwiderte ſie, „Du retteteſt die Schweſter aus dringenden Gefahren, die ſie mit Denjenigen beſtand, denen ſie das kindliche Herz ganz geweiht hatte.“ „Nein! Ich kannte Dich ſchon viel früher,“ ſprach er lächelnd, nicht in romantiſch ländlicher Hütte, ſondern mit⸗ ten in dem Glanz der reichen, verderbten Welt habe ich Dich zuerſt geſehen. Aber ich erkannte den reinen Diamant Deiner Seele mitten in der Fülle falſcher blitzender Steine, weil ich ſie an einem andern Diamanten prüfen ſah. Es war zu London in Romeo und Julie, wo ich die ächten Per⸗ len Deiner Thränen ſchnell unterſchied. Ich wollte die ſchöne Muſchel rauben— erinnerſt Du Dich nicht, Schweſter?“ „Wie?“ fragte ſie ſtaunend und ſuchte aus dem leben⸗ den Bilde des Bruders das ihrer Erinnerung zu verjün⸗ gen.„Wie? Wäreſt Du jener junge Maler geweſen?“ „Kein Anderer als ich,“ unterbrach Bernhard.„Und noch geſtern hätte ich Dir den Beweis liefern können, denn Ludwig beſaß das Bild längſt. Der Bube Beaucaire raubte es uns. Doch wer war jener ſtolze, engliſche Narr, der mich forderte und nachher nicht auf den Platz kam?“ „O mein Bruder,“ entgegnete Bianca lebhaft,„ſo danke ich Dir ſchon eine unermeßliche Wohlthat. Der Eng⸗ 13* — 292— länder, Lord Glower, war der mir beſtimmte Bräutigam. Jener Vorſall erzeugte einen Zwiſt zwiſchen ihm und mei⸗ nem Vater, weil dieſer es mißbilligte, daß der Lord ſich dem Zweikampf entzogen hatte. So wurde durch den be⸗ leidigten Stolz des Engländers ein Verhältniß gelöſt, das meine Bitten und Thränen vergeblich abzuwenden verſucht hatten.“ „Alſo Zwang wollte man Dir anthun?“ rief Bernhard finſter. „Die Tochter,“ antwortete Bianca ſanft und feſt,„glaubte gehorchen zu müſſen; ihr Herz kannte damals die Liebe noch nicht. Aber ſie allein wirft reines Licht auf die verworrenen Wege der Pflichten und leitet, wie der Morgenſtern der Verkündung, den irren Fuß zum Ziel.“ „Doch Du wurdeſt vermählt, Schweſter,“ fragte Bern⸗ hard; Ludwig ſchreckte zuſammen bei der Frage. Bianca erröthete hoch und ſenkte ſchamhaft den Blick. „Es geſchah durch Zwang, daß ich jetzt den Namen einer 6 Fürſtin Ochalskoi trage,“ ſprach ſie leiſe;„doch Du wirſt die Schweſter gewiß freiſprechen.“ Sie erzählte jetzt in wenigen Worten die Geſchichte ih⸗ rer Vermählung. Ludwig wurde im Innerſten gerührt da⸗ bei, doch Bernhards ſtolzes Herz richtete ſich ingrimmig auf. — Er ſtand auf und ging unruhig im Gemach umher. „Liebe Schweſter,“ begann er nach einigen Minuten, 1 z aus Allem, was Du erzählſt, ſehe ich, daß unſer Heil hier 4 an einem Haar über dem Abgrund hängt. Wir haben eine Stunde in ſüßer Muße des Glücks genoſſen; doch die Noth⸗ wendigkeit drängt zu handeln. Antworte mir, Schweſter, weiß Graf Dolgorow, daß Dir das Geheimniß Deiner Ge⸗— burt bekannt iſt?”“ „Er weiß es nicht; ich ſchwieg, um Nuſchka's Brüder — 293— nicht ins Unglück zu ſtürzen, und um ungehindert nach Dir forſchen zu können.“ „Und hegſt Du noch jetzo Beſorgniß, Dich ihm zu ent⸗ decken?“ „Die äußerſte,“ rief ſie ſchnell. „So würdeſt Du fürchten müſſen—“ „Alles, mein Bruder, für Dich, für mich— für Dei⸗ nen Freund,“ ſetzte ſie leiſe hinzu. „So müſſen wir uns eigne Wege bahnen. Strenge Verſchleierung des Geheimniſſes iſt vor Allem nöthig. Schweſter, ich habe nur eine Frage zu thun. Willſt Du mit uns nach Deutſchland ziehen? Kannſt Du Rang, Macht und Reichthum wegwerfen, um dem Bruder und dem Freunde zu folgen, die Dir nichts bieten als ihr Herz, ihren Kopf und im äußerſten Fall auch ihre thätigen Arme?“ „O mein Bruder!“ rief Bianca und ſchlang die Arme um ihn,„fragſt Du wirklich, ob ich die heißeſten Wünſche meiner Bruſt erfüllen will?“ Und ſie verſchloß ſeine Lippen mit liebevollen Küſſen und hing lange ſtumm in den brü⸗ derlichen Armen. „Gut denn,“ ſprach Bernhard entſchloſſen,„ſo iſt der Weg, den wir einzuſchlagen haben, der, zu ſchweigen und zu flüchten, wenn ſich eine günſtige Gelegenheit darbietet; jetzt aber vor allen Dingen uns zu trennen, damit unſer ſpätes Verweilen beieinander nicht Verdacht erwecke. Mor⸗ gen wird uns ja wol die Sonne weiter leuchten.“ In Bernhards Beſtimmtheit lag etwas Gebietendes, das faſt unwillkürlichen Gehorſam fand. So gehorchte ihm denn auch Bianca und ſchied nach inniger Umarmung mit hold⸗ ſeligem Liebesblick, indem ſie durch die Thür nach den Ge⸗ mächern der Gräfin verſchwand. Bernhard und Ludwig be⸗ gaben ſich nach ihrem Schlafzimmer. — 294— Im Vorſaal wartete Willhofen, der ihnen zum beſon⸗ dern Dienſt beigegeben war, und leuchtete ihnen durch den Corridor nach ihrem Gemach. Als ſie eingetreten waren, redete ihn Ludwig an: „Freund, treuer, redlicher Diener meines Vaters wirſt Du ſeinem Sohne eben ſo anhängen, wie ihm?“ 4 „Ach Herr,“ rief Willhofen freudig,„ſchon weil Ihr ein Deutſcher ſeid, weil Ihr meine Sprache redet, würde ich Alles für Euch thun. Aber darf ich offen ein Wort wagen? Liebe Herren, Eure Sachen ſtehen gefährlich hier — der Graf und die Gräfin denken anders als die Fürſtin; ſie iſt eine engelgütige Frau.“ „Willhofen,“ ſprach Ludwig,„wir verbergen uns unſere Gefahr nicht, und eben Du ſollſt uns Nath geben, wie wir ihr entgehen. Du weißt zu viel, um nicht Alles zu wiſſen; die Fürſtin iſt die Schweſter meines Freundes und meine Verlobte. Sie iſt entſchloſſen, uns nach Deutſchland zu folgen. Iſt das jetzt oder bald möglich zu machen?“ „Möglich iſt es freilich,“ antwortete Willhofen;„aber ſehr ſchwer. Meint Ihr denn, wenn es ſo leicht waͤre, ich wurde nicht längſt geflüchtet ſein? Nur deshalb nahm ich ja in meinen alten Tagen die Waffen wieder, um der deut⸗ ſchen Grenze nahe zu kommen; denn ich hoffte, Gelegenheit zur Flucht zu finden. Bis jetzt aber iſt es durchaus un⸗ möglich geweſen, und vollends nun, da der Landſturm der Bauern, die Koſacken und die franzöſiſchen Heere rings Al⸗ les bedecken. Wem wir auch in die Hände fallen, wir ſind verloren! Ich ſage wir, liebe Herren, denn Ihr duldet dooch, daß ich mit Euch flüchte?“ „Wir hoffen es, Lieber,“ entgegnete Ludwig. „Machſt Du unſere Flucht möglich, Freund,“ ſprach — — 295— Bernhard,„ſo ſollſt Du ein ſorgenfreies Alter in Deutſch⸗ land zubringen.“ „O Gott,“ rief der Alte,„wenn die Abendſonne mei⸗ nes Lebens doch noch heiter unterginge! Ich werde verſu⸗ chen, was möglich iſt. Bei der Gräfin gelte ich etwas; ich will ſehen, ob ſie mir ihr Vertrauen ſchenkt, denn vor allen Dingen müſſen wir erfahren, ob ſie Böſes vermuthet. Iſt ihr Argwohn ſchon erwacht, dann haben wir keine Zeit zu verlieren; ſo können wir nur mit jedem Tage der Zöge⸗ rung gewinnen.“ „Thue, was Du vermagſt, Lieber,“ ſprach Ludwig,„und bringe uns Nachricht, ſo bald es möglich iſt.“ Willhofen ging. „Wird unſere Nacht ſüß oder unruhig bewegt ſein?“ fragte Ludwig, als er ſich mit Bernhard allein ſah.„Freund, welch ein Tag war dies!“ „Auf der Erde bin ich wenig geweſen, aber zwei, drei Mal in der Hölle und im Himmel,“ erwiderte Bernhard. „Jetzt aber, ich muß Dir's geſtehen, ſind alle Nerven mei⸗ ner Seele ſo abgeſpannt und abgeſtumpft, wie mein Körper, in den ich nach gerade die Müdigkeit des Todes einſchleichen fühle. Das Schickſal mit ſeinen Donnern und Blitzen hat mich jede Viertelſtunde aus dem Schlaf geſchreckt. Aber Du weißt, es kommt eine Stunde, wo der Ermattete von dem betäubenden Krachen einer neben ihm herabſtürzenden Lawine weder geſchreckt noch geweckt wird. Jetzt bin ich ſo weit; ich könnte wie einige Leute, die in Todesmüdigkeit auf dem Marſch hingeſunken waren, die Räder eines Zwölfpfün⸗ ders gegen meine Füße anfahren ſehen und es doch nicht der Mühe werth halten, ſie auf die Seite zu ziehen.. Ludwig, der nur von gewaltigen Erſchütterungen des Gemüths bewegt worden war, aber körperlich faſt gar keine Se — 296— 88 Anſtrengungen gehabt hatte, fühlte ſich nicht ſo erſchöpft. Erſchreckend ſah er daher Bernhard unter dem Sprechen bleich und bleicher werden, und gewahrte an ſeiner abſter⸗ benden Stimme, daß die Beſinnung ihn verlaſſe. Raſch ſprang er daher auf ihn zu, faßte ihn in ſeine Arme und rief:„Bernhard, was iſt Dir? Du biſt krank?“ „Nein— Lieber— aber ganz— zerſchmettert—“ antwortete er mühſam in abgebrochenen Worten und ſank in den Armen des Freundes zuſammen. So war denn endlich auch die erſchöpfte Kraft dieſes Starken, der bis jetzt durch die äußerſte Anſpannung ſeines Geiſtes der Natur ge⸗ trott hatte, gebrochen. Sanft trug ihn Ludwig auf die Ruheſtatt und überließ es dem Schlummer, ihn mit ſeiner ſtärkenden Kraft neu zu beleben. Bald ſank auch er in ſüße Ermattung und Betäubung, die kaum von dämmern⸗ den Traumbildern unterbrochen wurde. Als er erwachte, war es heller Tag, und ein blenden⸗ der Strom des Lichts drang in ſein Auge. Willhofen ſtand vor ihm und ſprach lächelnd:„Ihr habt einen geſunden Schlaf, Herr, das muß ich ſagen. Vergeblich habe ich ſchon zu drei verſchiedenen Malen an die Thür gepocht, ich mußte endlich eintreten. Aber der Herr dort ſchläft noch feſter.“ Ludwig bedurfte einige Augenblicke, um die Erſcheinun⸗ gen um ſich her in Zuſammenhang mit ſeinen Morgentraum⸗ bildern, die ihn, wie ſo oft, in die Heimat geführt hatten, zu bringen. Er richtete ſich auf; wie ein Wunder kam ihm die friſche Kräftigkeit ſeiner Glieder vor; er fühlte die ganze Luſt, den jugendlichen Muth des Lebens, wie jemals in ſei⸗ nen freudigſten Tagen.„Ja, es iſt Alles wirklich,“ ſprach er und blickte dem Alten froh in das redliche Angeſicht. „O, welch ein Glück iſt es, zu erwachen!“ Er ſprang auf und betrachtete Bernhard; auch in ſeine — ——.— — 292— Züge war die Lebensfriſche zurückgekehrt, er athmete voll, aber leicht, ein Bild männlicher Geſundheit. „Bernhard!“ ſprach er und nahm ſeine Hand;„Bern⸗ hard!“ Er erwachte nicht, bis ihm der Freund einen Kuß auf die Stirn drückte. Da ſchlug er das Auge auf, ſah ihn groß an und ſprach:„Ludwig, Du biſt es, der mich ſo freundlich weckt? Du haſt einen ſchönen Traum verſcheucht, aber er entflieht nur vor einer ſchönern Wirklichkeit.“ „Die Fürſtin iſt längſt aufgeſtanden,“ ſprach Willho⸗ fen;„aber ſie hat ausdrücklich befohlen, daß ich Sie nicht wecken ſollte. Endlich ſchien es mir aber doch Zeit, da es nahe an Mittag iſt.“ „Mittag?“ fragte Bernhard, und er empfand eine Art von Beſchämung,„Pfui, daß wir uns gleich als Lang⸗ ſchläfer hier einführen müſſen.“ „O die Gräfin liegt auch noch im Bett,“ antwortete Willhofen,„und ſogar die Gefangenen ſind noch nicht ab⸗ marſchirt; der geſtrige Tag war für uns Alle hart.“ „Welche Gefangenen?“ fragte Bernhard. „Die Franzoſen, die wir geſtern in unſere Gewalt be⸗ kamen,“ entgegnete der Alte.„Seht dort; eben werden ſie aufgeſtellt, um weiter ins Innere des Landes transportirt zu werden.“ Bernhard trat ans Fenſter. Der Anblick der zwanzig Unglücklichen, die mit bleichen Geſichtern, ſchlecht gekleidet, halb verhungert da ſtanden und vor Froſt oder Schauder über ihr Schickſal zitterten, ſchnitt ihm ins Herz.„Wohin bringt man ſie?“ fragte er. 1 „Vermuthlich dahin,“ vnereneeiſheß mit düſterm Blick,„wo ich ſo lange Jahre ſchmachtete, nach Sibirien; der Weg dahin iſt leicht efunden ,aber zurück wird er ſchwer.“ 13**† — 298— „Und weshalb kamſt Du dorthin?“ rief Ludwig.„Wer hatte das Recht, einen Unglücklichen, Geſtrandeten in die Verbannung zu ſchicken?“ „Es geſchah ganz nach dem Geſetz,“ ſprach Willhofen bitter;„ich war nackt und bloß an die Küſte geworfen. Ein ruſſiſcher Schenkwirth borgte mir fünf Nubel; zurückzahlen konnte ich ſie nicht. Da verfiel ich ihm mit den Kräften meines Dienſtes, und er verkaufte mich an den alten Für⸗ ſten Ochalskoi, der eben eine Colonie auf ſeinen Gütern bei Perm ſtiftete. „Alſo um fünf Rubel!“ „Schmachtete ich achtzehn Jahre vergeblich nach der Heimat und allen den Meinigen.“ „Getroſt, Alter,“ klopfte ihm Bernhard auf die Schul⸗ ter,„von nun an wird es beſſer gehen. Der Tag iſt ſchön geweſen, wenn der Abend heiter iſt. Doch was bedeutet das? Die Gefangenen ſcheinen ja wieder auseinander zu gehen?“ Willhofen blickte hin. Ein Koſack war in den Hof ge⸗ ritten und ſprach mit den Banern ,die den Transport führ⸗ ten.„Ich will gleich ſehen, was es gibt,“ antwortete er und eilte hinaus. Nach wenigen Minuten kehrte er mit der Nachricht wie⸗ der, Dolgorow habe befohlen, die Leute hier noch in Ge⸗ wahrſam zu halten, weil er morgen oder übermorgen durch glückliche Anfälle auf die franzöſiſche Arridregarde die Zahl der Gefangenen zu vermehren hoffe. Dann könnten ſie alle zugleich transportirt werden. 2 „So thue mir die Liebe, Freund,“ ſprach Bernhard, „und ſorge, daß dieſe Unglücklichen, die ſchon halb dem Tode nahe ſind, ſo gut gepflegt werden als möglich.“ Willhofen verſprach es und ging. — — 299— Beide Freunde hatten ſich indeſſen angekleidet und bega⸗ ben ſich nach dem Saal, wo, wie ihnen angezeigt war, Bianca mit dem Frühſtück ihrer wartete. Doch als ſie ein⸗ traten, fanden ſie das Gemach leer, obwol der Tiſch zum Frühſtück bereitet war. Ein Diener, der bald darauf ein⸗ trat, meldete ihnen von Seiten der Gräfin Dolgorow, daß die Fürſtin nicht erſcheinen werde. Ludwig war betroffen, doch Bernhard ging leicht dar⸗ über hinweg und ſetzte ſich zum Frühſtück. Als der Diener ſich entfernt hatte, fragte Ludwig:„Was mag vorgefallen ſein? Sollte die Krankheit der Gräfin eine gefährliche Wen⸗ dung genommen haben? Ich hatte mich unbeſchreiblich auf den freundlichen Morgengruß gefreut; denn mir daucht, erſt der helle, wirkliche Tag könne uns die klare Gewißheit un⸗ ſeres Glücks geben. Und nun—“ „Wenn nur nichts Schlimmeres hier im Hinterhalte lauert,“ unterbrach ihn Bernhard und ſtand auf.„Aber mir ahnet nichts Gutes. Die Schweſter hätte es ohne die dringendſte Urſache nicht über ſich vermocht, den Bruder, den ſie erſt geſtern aufgefunden, heute aufs Neue zu be⸗ grüßen. Laß uns nur vorſichtig ſein und uns ja nicht durch zu eifriges Nachfragen verrathen.“ „So glaubſt Du, es habe ſich etwas Gefährliches für uns ereignet?“ fragte Ludwig erſtaunt. „Ich glaube eben ſo gut nichts als Alles; denn Beides iſt gleich möglich,“ erwiderte Bernhard raſch.„Hm! Viel⸗ leicht iſt es aber auch nur Vorſicht der Schweſter; ſie hält ſich abſichtlich entfernt, um ſich nicht zu verrathen. Ich kenne die ruſſiſche Sitte nicht genug, um zu wiſſen, was für eine Wirthin auffallend wäre oder nicht! Man muß ihr vertrauen, denn ſie hat eben ſo viel Kühnheit als Liebe gezeigt. Nur Geduld, es wird ſich Alles löſen.“ — 300— Ludwig ging beunruhigt auf und ab, ohne zu ſprechen. Bald darauf kam Willhofen zurück und berichtete, daß auf Befehl der Fürſtin die Gefangenen gut verpflegt wür⸗ den, und mehr ihre Beſorgniſſe wegen des Schickſals ihrer Zukunft als gegenwärtige übel ſie quälten. Indeſſen vergingen ein, zwei, drei Stunden; Bianca ließ ſich nicht ſehen. Neuntes Capitel. Bernhard ſchlug Ludwig einen Spaziergang ins Freie vor; er nahm ihn an. Sie gingen vor das Schloßthor hin⸗ aus und beſahen die Lage des Gebäudes genauer. Es war rings von dichtem, hohem Fichtenwalde umge⸗ ben, durch den jedoch vier breite Wege ausgehauen waren, die einander rechtwinkelig kreuzten. Dieſe waren ziemlich ge⸗ bahnt, doch im übrigen lag rings umher der Schnee locker und hoch, ſodaß es zu Fuß wie zu Schlitten gleich mühſam ſchien, die großen Wege verlaſſend, durch den Wald zu dringen. „Das Gebäude ſcheint alt,“ meinte Bernhard.„Go⸗ thiſcher, neugriechiſcher, barbariſcher Stil, Alles durcheinan⸗ der. Dieſe beiden runden Eckthürme mit ihren langen dün⸗ nen Spitzen müſſen aus fernen Jahrhunderten herrühren. Wie weit mögen wir hier von der großen Straße abliegen?“ „Vier bis fünf Stunden hörte ich Willhofen ſagen,“ antwortete Ludwig;„und Smolensk liegt ſieben Stunden von hier.“ „So ſchätzte ich's auch,“ ſtimmte Bernhard ein;„dort —y ——— — 301— hinüber muß es liegen. Wir würden den Weg dahin durch jene breite Allee nehmen müſſen.“ „Es iſt dieſelbe, durch die wir geſtern hierher gekommen ſind,“ meinte Ludwig. „Hörſt Du nicht?“ fragte Bernhard plötzlich und lauſchte, indem er den Kopf ſeitwärts neigte und die Hand zum Auffangen des Schalls gegen das Ohr hielt.„Das iſt Ka⸗ nonendonner, in der Richtung von der Straße her; doch ſehr fern.“ „Die Wälder hemmen den Schall,“ ſprach Ludwig und horchte gleichfalls auf die einzelnen dumpfen Schüſſe, die man vernahm. „Es könnte wol das Ney'ſche Corps ſein, was ſich dort ſchlägt, und vielleicht iſt Raſinski bei dem Gefecht,“ be⸗ merkte Bernhard. „MRaſinski,“ rief Ludwig aus;„wie mag der redliche Freund in Sorge um uns ſein! O wenn wir ühm eine Nachricht zukommen laſſen könnten!“ „Freilich wäre es gut,“ ſprach Bernhard und bewegte nachdenklich, aber zuſtimmend das Haupt.„überhaupt muß ich Dir ſagen, ſo bequem wir es hier im Schloſſe haben, ſo möchte ich mich doch lieber mit der Schweſter unter ſei⸗ nem Schutze befinden als hier. Endlich einmal müßten doch die furchtbaren Strapazen ein Ende haben. Mit jedem Tage kämen wir der Heimat und den Verpflegungsanſtalten für das Heer näher. Der Weg würde feſt, eben— ich glaube das Schwerſte haben wir überſtanden.“ „Ach,“ ſeufzte Ludwig,„wenn wir erſt den Fuß auf vaterländiſchen Boden ſetzen könnten!“ Dem fernen Gefecht zuhorchend, gingen die Freunde noch eine Zeit lang auf und ab. Indeſſen war es ſchon ſpät am Nachmittag geworden, und es fing an zu dammern. 7 t — 302— Sie kehrten ins Schloß zurück, weil ihnen dieſe Stunde als die des Mittagsmahls angegeben war. Der Tiſch war be⸗ reits gedeckt, aber für ſie Beide allein; ſelbſt Willhofen wußte nichts Näheres über das Ausbleiben der Fürſtin an⸗ zugeben, als daß ſie muthmaßlich der kranken Gräfin Ge⸗ ſellſchaft leiſten müſſe. „Zeige nur guten Muth vor den Dienern,“ flüſterte Bernhard dem aufs äußerſte betroffenen Ludwig zu;„es darf hier keine Seele ahnen, daß wir uns beunruhigen.“ Mit dieſen Worten ſchenkte er ſich ein Glas Wein ein und ſtieß mit Ludwig auf die Bewohnerinnen des Hauſes an. Während der ganzen Tafelzeit war er heiter und ſcherzte viel, ſogar mit den Dienern, denen er einige ruſſiſche Worte abfragte und ſich dann in ihrer Mundart mit ihnen zu ver⸗ ſtändigen ſuchte. 4 Es war dunkel geworden und man brachte Licht. Bern⸗ hard fing, um das Geſpräch nicht ſtocken zu laſſen, von 6 Schottland zu erzählen an. Ludwig hörte zerſtreut zuz ſeine 4 Beſorgniſſe wuchſen mit jedem Augenblick. Es war jetzt ſieben Uhr; die gewöhnliche Höflichkeit gegen Gäſte hätte es 3 gefordert, daß die Wirthin des Hauſes ſie begrüßt hätte. Bianca mußte durch die dringendſten Gründe abgehalten ſein. Theils um ſich zu zerſtreuen, theils um ihre Unruhe zu verbergen, hatte ſich Jeder aus einem Schrank mit franzö⸗ ſiſchen Büchern einen Band des Voltaire genommen; ſie. ſetzten ſich an einen andern Tiſch und laſen. Die Diener 5* räumten indeſſen die Tafel ab und verließen das Zimmer. Doch kaum waren ſie einige Augenblicke allein geweſen, als Willhofen eintrat, ſich vorſichtig umſah, ob Jemand in der Nähe ſei, und dann Bernhard einen Zettel zuſteckte. Auf dieſem las er mit Bleiſtift in engliſcher Sprache — ir die Worte:„Bruder, wenn Alles ſchläft, komm unter das Fenſter meines Schlafzimmers.“ „Weißt Du, was der Zettel enthält?“ fragte er Will⸗ hofen, nachdem er geleſen. „Ich vermuthe ungefähr; die Jungfer der Fürſtin, Jean⸗ nette, hat ihn mir gegeben.“ Bernhard ging unruhig auf und ab.„Kennſt Du die Lage des Schlafgemachs der Fürſtin, Willhofen?“ fragte er dieſen. Er bejahte es. „Wenn Alles im Schloſſe ſchläft, ſoll ich mich unter ihrem Fenſter einfinden; kannſt Du mich mit Sicherheit da⸗ hin führen?“ 8 „Eine Kleinigkeit; ich will ſchon ſorgen, daß es dem Thorwächter ſchwerer werden ſoll, die Augen aufzuriegeln, als das alte verroſtete Thor.“ „Wann geht man hier ſchlafen?“ „Vor Mitternacht; um zwölf Uhr ſind wir ſicher, außer den Mäuſen auf dem Kornboden, kein lebendiges Weſen mehr im Schloß zu treffen.“ „So komm um dieſe Stunde zu uns auf unſer Schlaf⸗ zimmer, Freund; Du mußt mir den wichtigen Dienſt ſchon leiſten.“ Willhofen ging. Bernhard und Ludwig begaben ſich auf ihr Gemach und harrten in unruhiger Spannung der Mitternacht ent⸗ gegen. Die Stunden ſchlichen ihnen träge dahin. ÄAngſtlich lauſchten ſie auf jeden Laut im Schloſſe, ob das Geräuſch geöffneter oder zugeworfener Thüren, der Schritt der Diener auf den Gängen, das einzelne Zurufen und Antworten nicht endlich ein Ende nehmen werde. Oft war es minutenlang ganz ruhig; dann unterbrach plötzlich wieder der Klang eines — 304— einſpringenden Schloſſes, oder der ſchwere, ungeſchickte, weit durch die langen Corridors hallende Schritt eines Dieners die tiefe Stille wieder. Endlich, nach elf Uhr, ſchien Alles in Schlaf verſenkt zu ſein. „Eine Grabesſtille im Schloß,“ ſprach Bernhard, in⸗ dem er leiſe die Thür öffnete und auf den Gang hinaus horchte.„Mitternacht iſt nahe! Ich wollte, Willhofen käme, damit die Ungewißheit ein Ende nähme.“ Ludwig war von düſtern Ahnungen und Beſorgniſſen gequält; doch äußerte er nichts, um Bernhards ſichtliche Unruhe nicht zu erhöhen. „Wie der Wind durch den Schlott pfeift! Es mag wieder eine herrliche Nacht draußen ſein! Mir däucht auch, es ſei kälter geworden. Unſere Fenſter gefrieren wieder trotz des glühenden Ofens. Aber horch, rauſcht da nicht etwas auf dem Gange? Wahrhaftig, es ſchleicht kniſternd näher. Vermuthlich wird es Willhofen ſein; der Alte iſt ein Fuchs; er kommt leiſe auf den Zehen, und ich glaube ohne Schuhe.“ Er lauſchte; es kam behutſam näher und näher. Bernhard öffnete die Thür ein wenig und fragte durch die Spalte hinaus:„Biſt Du's, Freund?“ „Ich bin es,“ antwortete flüſternd eine weibliche Stimme; zugleich öffnete die Kommende die Thür, und das Kammer⸗ mädchen der Fürſtin trat in ihrer zierlichen Dienſttracht, ein kleines Häubchen auf, aber die Wangen mit einem Tuch verbunden, ein. Beide Freunde erſtaunten. Bernhard vermuthete ein Liebesmißverſtändniß und ſprach ziemlich unwillig:„Du biñ irre gegangen, mein Kind.“ „Nein, ich verfehlte die richtige Thür nicht,“ antwortete das Mädchen mit bekannter Stimme, indem ſie zugleich das * Tuch herunternahm, welches ihr das Geſicht halb bedeckte. Es war Bianca. „Schweſter, Du ſelbſt, in dieſer Verkleidung?“ rief Bernhard leiſe, indem er einen Schritt zurücktrat.„Um des Himmels willen, was bedeutet das?“ „Die Nothwendigkeit drang mir dieſe Maske auf,“ ent⸗ gegnete Bianca,„ich bin eine Gefangene und konnte nur in dieſer Kleidung zu Dir ſchleichen.“ „Du eine Gefangene?“ rief Bernhard erſtaunt; Ludwig trat beſorgt näher. „Laßt mich ſchnell ſein, Ihr Lieben,“ erwiderte Bianca, „denn die Augenblicke drängen. Ich fürchte, unſer Geheim⸗ niß iſt halb oder ganz verrathen. Wir müſſen geſtern be⸗ horcht worden ſein. Als ich Dich verließ und zur Gräfin hinüberging, fand ich ſie in großer Aufregung; ſie ſaß faſt ganz angekleidet auf dem Sopha und ſchrieb. Bei meinem Eintritt raffte ſie die Papiere haſtig zuſammen und ſprach von gleichgültigen Dingen; doch war in ihren Zügen die äußerſte Unruhe nicht zu verkennen. Zwar argwohnte ich, was geſchehen ſein könnte, doch um ihren Verdacht nicht mehr zu reizen, fragte ich nichts, ſondern begab mich ſo⸗ gleich durch mein Arbeitszimmer, welches an das Wohnge⸗ mach der Gräfin ſtößt, in mein Schlafzimmer, wo mich Jeannette, mein Mädchen, erwartete. Ich ließ mich ſchnell entkleiden und ſchickte ſie weg. Voller Unruhe blieb ich auf. * Ich öffnete die Thür meines Arbeitszimmers ein wenig und hörte, daß die Gräfin noch wach war, und daß ſie ſogar mit Jemandem ſprach. Ich konnte nicht unterſcheiden was, doch glaubte ich an der Stimme den Kammerdiener des Grafen zu erkennen. Endlich wurde es ſtill; ich begab mich „— zur Nul e. In der Nacht aber hörte ich deutlich die Thore öffnen und einen Schlitten wegfahren. Dieſen Morgen begab — 306— ich mich früh zu meiner Pflegemutter; ſie hatte ſo etwas Argwöhniſches in ihren Blicken, daß ich nicht zweifeln konnte, ſie habe unſer Geheimniß zum Theil entdeckt; doch ließ ſie ſich nicht das Mindeſte merken. Schon von ſelbſt hatte ich mir vorgenommen, das Frühſtück auf meinem Zimmer ein⸗ zunehmen, um keinen Verdacht zu erwecken, doch würde ich zur Mittagstafel gekommen ſein. Allein die Gräfin äußerte, ich werde hoffentlich den Tag über bei ihr zubringen, da es ſich nicht wohl zieme, daß ich, wäͤhrend ſie ſelbſt krank ſei, mit den beiden Fremden allein ſpeiſe; ſie ſetzte hinzu, ſie würde es ungehörig finden, wenn ich Euch vor des Grafen Ankunft wieder ſpräche. Ich bequemte mich ihrem Willen, doch ich wurde meiner Sache immer gewiſſer, daß etwas vorgefallen ſein müſſe. Im Laufe des Vormittags ging ich auf mein Zimmer und entdeckte zufällig, daß die Thür nach dem Corridor verſchloſſen und der Schlüſſel abgezogen ſei. Jetzt durchſchaute ich Alles; ich war eine Gefangene der Gräfin; ſie mußte unſer Geheimniß kennen. Der Kammer⸗ diener hat ſich den ganzen Tag nicht gezeigt; ich vermuthe, er iſt zum Grafen geſchickt worden. Daher beſchloß ich, Dich, mein Bruder, von Allem zu unterrichten, und ſandte Dir durch Jeannetten den Zettel. Allein das Geſpräch mit Dir durch das Fenſter konnte gefährlich werden; ich ließ da⸗ her Jeannetten ſpät auf mein Zimmer kommen, unter dem Vorwande, daß ich wünſchte, ſie möge in demſelben ſchla⸗ fen, weil mir nicht ganz wohl ſei. Als ſie entſchlummert war, legte ich leiſe ihre Kleidungsſtücke an und ging ſo un⸗ erkannt durch das Zimmer der Gräfin. Jetzt aber frage ich Dich, mein Bruder, was ſollen wir thun?“ „Schnelle Flucht ſcheint mir das einzige Rettungsmittel,“ erwiderte er raſch.„Wenn es möglich wäre, Smdſenst in dieſer Nacht zu erreichen.“ — ———:————— —,— —.— — 307— 4„Möglich iſt das. Aber ſollen wir das Außerſte wagen, bevor das Außerſte uns drängt? O mein Bruder, wenn⸗ gleich das heiligſte Band der frommen, kindlichen Liebe und des Vertrauens zu Denen, die ich als meine Ältern ehrte, ſchmerzlich zerriſſen iſt; doch fühle ich mich noch von tauſend Fäden der Gewohnheit und des Dankes gefeſſelt. Müßte ich mich heimlich, flüchtig, in der Nacht von ihnen trennen, ſo würde doch ein tiefer Schmerz in meine Seele ſchneiden und meine Bruſt ſich von dem Vorwurf des Undankes be⸗ laſtet fühlen.“ „Liebe, aber was willſt Du thun,“ antwortete Bern⸗ hard,„wenn Du ſelbſt eingeſtehſt, daß Du Deinen Bruder nicht anzuerkennen wagen darfſt vor Deinen Ältern? Hat denn die Liebe ihr Thun gegen Dich beſtimmt? Oder zogen ſie Dich herauf, nur um Dich zu opfern, mit Deinem ſü⸗ ßen Reiz unwürdig zu markten?“ „Du ſprichſt wahr— doch die Blüten der Liebe und Ehrfurcht, die achtzehn Jahre lang in meinem Herzen keim⸗ ten, hängen feſt an dem mütterlichen Boden. Ich liebte einſt meine Ältern unbeſchreiblich, denn ich hatte nur Wohl⸗ thaten, wenngleich, jetzt fühle ich es, kalt und ſtreng zuge⸗ meſſen, von ihnen erfahren. Doch, hat das Herz auch die freie, ſe öne, heilige Liebe verloren, von den Pflichten des Dankes kann es ſich nicht freiſprechen. Das Gute, was uns geſchehen, feſſelt uns, auch wenn es nicht allein aus 4 dem lautern Quell der Liebe floß. Bruder, rathe meiner ſchwankenden Bruſt, leihe mir Deinen feſten, männlichen Arm in dieſem Sturm widerſtreitender Gefühle, der mich niederzuwerfen droht.“ Mit dieſen Worten nahm ſie wie bittend ſeine Hand und richtete das feuchte Auge zu ſeinem finſter rollenden 4 empor. ,— — 308— „Du haſt Recht, Schweſter,“ antwortete er,„Recht mit Deinem weiblichen, duldenden, Alles vergebenden Her⸗ zen; ich, mit meiner trotzigen Männerbruſt, denke anders und habe auch Recht.“„Wir müſſen fort,“ ſprach er hef⸗ tiger,„ich zwinge Dich dazu und nehme die innere Schuld ganz auf mich. Du mußt mir folgen, Schweſter, und ſo⸗ gleich; bei Gott, Du mußt!“ „Ja, ich glaube, er hat Recht,“ ſprach Ludwig ſanft aber dringend, und trat der Geliebten näher.„Die Rechte des Bruders ſind die heiligeren.“ „Und die Deinen ſeit geſtern die heiligſten!“ rief Bern⸗ hard unterbrechend.„Erröthe nicht, Schweſter, und miß⸗ traue dieſer Wahrheit nicht deshalb, weil ſie zugleich das höchſte Glück Deiner Bruſt bildet. Ich weiß es wohl, edle Weſen zagen ſelbſt, das Rechte zu thun, wenn es Eins mit ihren Wünſchen wird; aber nicht immer iſt nur das opfernde Herz das tugendhafte. Vertraue mir; ich entſcheide, aber ohne Leidenſchaft. Brich die Feſſel, die, halb von der Liebe, . halb von der Gewalt geſchmiedet, die freie Entſcheidung Deines Willens hemmt.“ „Nun, ſo ſei es denn,“ ſprach ſie mach einigen Augen⸗ blicken des innern, ſtummen Kampfes;„ich 1 Dir, mein Bruder.“ „Und ſogleich,“ fiel Bernhard ein,„denn jede Minute des Verzugs bringt Gefahr.“ „Und wohin willſt Du flüchten?“ fragte Bianca. „Nach Smolensk.“ „Wie,“ rief ſie erſchreckt,„und ſchwebt dort nicht das Schwert des Todes über Eurem Haupte?“ „Seit unſere erbitterten Ankläger durch ihr furchtbar waltendes Schickſal gerichtet ſind,“ antwortete Ludwig, „fürchte ich von dieſer Seite her nichts mehr für uns. Nicht — 309— unſere Schuld, ſondern der Wille, uns ſchuldig zu ſehen, brachte uns Gefahr.“ „So folge ich denn auch dorthin. Willhofen wird uns Pferde und einen Schlitten ſchaffen.“ „Wir erwarten ihn hier jeden Augenblick, weil er mich um Mitternacht zu Dir führen ſollte,“ antwortete Bernhard. „Aber hörſt Du nichts? Das iſt Peitſchenknall und Schel⸗ lenklingen! Ganz vernehmlich!“ Bianca erblaßte.„Ein Schlitten, der ſich dem Schloß⸗ thore nähert! Das iſt mein Vater!“ „Er ſei es, oder ſei es nicht,“ rief Bernhard;„jetzt iſt nicht der Augenblick zur Flucht. Eile auf Dein Zimmer zurück, Schweſter, bevor die Ankunft des Schlittens die Leute im Hauſe weckt. Sobald es ruhig iſt, bin ich unter Deinem Fenſter.“ Er trieb ſie fort; ſie ſchwebte mit flüchtigen Schritten, kaum Athem holend, den langen Gang hinunter. Kaum war ſie in den innern Gemächern verſchwunden, als der herannahende Schlitten vor dem Thore des Schloſſes hielt und ein ſo lautes, heftiges Pochen an demſelben erſchallte, daß man keinen Zweifel darein ſetzen durfte, es ſei der Be⸗ ſitzer ſelbſt, der Einlaß begehre. Das Thor wurde geöffnet; Bernhard lauſchte durh die Spalte der halb geöffneten Thür. Zwei Männer kamen die Treppe herauf, doch ließ ein verworrenes Geräuſch von Stimmen muthmaßen, daß noch andere Ankömmlinge unten geblieben waren. Jetzt erkannte Bernhard den Kammerdiener, der, mit einem Armleuchter in der Hand, einem dicht in den Pelz gehüllten Herrn vorleuchtete. Ludwig erklärte, es ſei der Graf; auch nahm er ſeinen Weg nach den Gemächern der Gräfin. Jetzt wurde es ſtill, man hörte nichts mehr. Eine Viertelſtunde brachten Bernhard und Ludwig in — 310— geſpannter Erwartung hin. Da pochte es leiſe an ihre Thür; es war Willhofen. Der wohlwollende, gewandte Alte hatte ſchon faſt den ganzen Zuſammenhang der Begebenheiten er⸗ rathen. Er war der Meinung, daß für dieſe Nacht nichts mehr zu wagen ſei, ohne die Lage der Dinge gefährlicher zu machen. Deshalb übernahm er es, der Fürſtin einen Zettel von Bernhard, der ſie mit dem gefaßten Entſchluſſe bekannt machte, ins Fenſter zu werfen. Dies führte er glücklich aus, erſtattete Bericht darüber und verſprach, wach⸗ ſam zu ſein, um, ſobald ſich das Mindeſte ereignete, Nach⸗ richt zu geben. Allen verging die Nacht in unruhiger Spannung, die kaum einen oft unterbrochenen Halbſchlummer zuließ. Zehntes Capitel. Die Gräfin Dolgorow hatte die Verhältniſſe Bianca's zu den Gäſten des Hauſes vielmehr gemuthmaßt als ge⸗ kannt. Durch einen Zufall war Jeannette die Verräthe⸗ rin geweſen; denn dieſe war es, welche ſich, gleich nach dem Augenblick, wo Bianca ihren Bruder zuerſt erkannte, dem Gaſtzimmer näherte. Sie hörte laut und heftig ſprechen, und vernahm die Worte: Bruder, Schweſter; erſtaunt ſtand ſie ſtill und lauſchte unwillkürlich, wenigſtens arglos. Da näherten ſich Willhofen und einige Diener, und der Schall ihrer Schritte auf dem Corridor wurde von Ludwig vernom⸗ men, der die leiſeren des Mädchens überhört hatte. Die An⸗ näherung derſelben unterbrach die erſten ſüßen Vertraulich⸗ keiten der Geſchwiſter; doch mußte Jeannette beim Eintreten — 311— bemerken, daß etwas Ungewöhnliches vorgefallen ſei. Der Kammerdiener des Grafen, Jacques, war ihr Liebhaber; ſie hatte alſo nichts Eiligeres zu thun, als dieſem gewandten Menſchen ihre Vermuthung mitzutheilen, wobei ſie freilich nicht ahnete, daß ſie das Glück ihrer geliebten Gebieterin ſo gefährdete. Doch Jacques hatte einen ſcharfen Blick für dergleichen Verhältniſſe.„Höre, Jeannette,“ ſprach er zu die⸗ ſer,„wenn die Fürſtin davon nichts äußert, ſo thue ja, als ahneteſt oder wüßteſt Du nichts. Für Diener iſt nichts ge⸗ fährlicher, als die Geheimniſſe der Herrſchaften wider den Willen derſelben zu erfahren. Wenn es auch Anfangs vor⸗ theilhaft zu ſein ſcheint, ſpäterhin bekommt es uns immer ſehr übel. Man wird bisweilen auf ganz eigne Art zum Schweigen gebracht.“ Das eingeſchüchterte Mädchen erſchrak vor dieſer Warnung ſo, daß ſie in der That nicht das Min⸗ deſte gegen ihre Gebieterin äußerte; aber, ſo ehrlich war ſie, auch gegen Niemand ſonſt. Jacques dagegen legte ſich aufs Lauſchen und ſtellte dies ſo geſchickt an, daß er, bevor eine Stunde verging, wenigſtens ſo viel wußte, daß Bianca ihr Geheimniß vor der Gräfin verberge. Jetzt hielt er die Ver⸗ hältniſſe für geeignet, ſie zu ſeinem Vortheil benutzen zu können. Er ging zur Gräfin und entdeckte dieſer, Anfangs nur andeutend, doch da der hingeworfene Funke mit einer über alle Erwartung gehenden Schnelligkeit zur Flamme aufſchlug, im ganzen Umfange Alles, was er wußte. Sie verſprach ihm eine reiche Belohnung, wenn er gegen Jeden ſchweigen und nur ihre Befehle in dieſer Sache erfüllen wolle. Jacques, habſüchtig, ſchlau, unternehmend, ging auf Alles ein, ohne jedoch Jeannetten, deren Ergebenheit gegen ihre Gebieterin er kannte, ein Wort davon zu ſagen. So reiſte er denn noch in derſelben Nacht mit Briefen der Gräfin zu dem Gemahl derſelben ab und war auch jetzt mit — 312— ihm zurückgekehrt. Die Nachricht mußte dem Grafen von der beunruhigendſten Wichtigkeit ſein, und er hatte daher. ſogar den Eifer gegen die Feinde ſeines Vaterlandes für den Augenblick hintenangeſetzt, um ſeine eignen Angelegen⸗ heiten wahrzunehmen. Er fand die Gräfin, deren ganze Krankheit wol nur in zu großen körperlichen Anſtrengungen beſtanden hatte, noch in den Kleidern; die geiſtige Aufregung, in der ſie ſich ſeit geſtern befand, hatte ihr ihre vollen Kräfte wiedergegeben. „Nun, was ſagen Sie zu meiner Entdeckung?“ redete ſie ihn an, als ſie ſich mit ihm allein befand;„was be⸗ ſchließen Sie zu thun?“ „Vor allen Dingen,“ erwiderte Dolgorow,„muß ich wiſſen, wie weit Sie deren gewiß ſind, und wie weit Feo⸗ dorowna um Ihr Wiſſen weiß.“ Die Gräfin erzählte und vergaß auch die Vorſichtsmaß⸗ regeln nicht, die ſie den Tag über getroffen hatte, um eine Zuſammenkunft der Geſchwiſter zu hindern. Dolgorow ging während der ganzen Erzählung mit untergeſchlagenen Armen, finſter vor ſich hinblickend, auf und nieder und ſchüttelte mehrmals mißbilligend das Haupt. „Und wer von beiden Fremden ſoll denn nun der Bru⸗ der ſein?“ fragte er, als die Gräfin geendet hatte. Mit einer Art von Beſchämung geſtand die Gräfin, daß ſie dies nicht wiſſe. Sie hatte ohne Weiteres angenom⸗ men, es ſei Ludwig, etwas, wozu die ſo mißfällig von ihr bemerkte Hinneigung Bianca's zu ihm ſie ziemlich natürlich verleitet hatte. Erſt jetzt, da der Graf ihr die Frage auch mit Beziehung auf Bernhard vorlegte, ſah ſie ein, daß ſie gar keinen beſtimmten Grund für ihre Vermuthung habe. „Wenn Sie nur die unglückſelige Maßregel mit der halben Gefangenhaltung nicht getroffen hätten!“ ſprach Dol⸗ 4 — 313— gorow mit kaum unterdrücktem Unwillen.„Ich begreife nicht, was ſie Ihnen helfen konnte. Es war nichts als ein überreſt von den Gewohnheiten Ihrer mütterlichen Strenge und Willkür, die jedoch ſeit Feodorowna's Vermählung in keinem Fall mehr an ihrem Platz ſind. Wie nahm ſie den Schritt auf?“ „Sie äußerte ſich gar nicht darüber,“ erwiderte die Gräfin betreten. 1 „So haben wir vielleicht die Hoffnung, daß ſie denſel⸗ ben nicht gewahr geworden iſt!“ fiel der Graf raſch und freudig ein. Die Gräfin wußte das Gegentheil zwar ſehr gut, da ſie es aus dem Umſtande entnehmen konnte, daß ihr Zim⸗ mer der Durchgang für Jeannetten geworden warz doch be⸗ ſtätigte ſie Dolgorows Vermuthung, um ſeinen ferneren, nicht eben fein gemachten Verweiſen zu entgehen. „Das rettet uns,“ ſprach er beruhigter;„und ſollte die Fürſtin ja etwas bemerkt haben, ſo muß das Ganze als ein Verſehen dargeſtellt werden, welches man dem Kam⸗ merdiener zuſchreiben kann. Für heute werden wir alſo nichts mehr unternehmen, morgen will ich ſelbſt ſehen und beobachten. Um des Himmels willen keinen auffallenden Schritt in dieſer Sache, bis wir ihn gar nicht mehr ver⸗ meiden können, oder wenigſtens genau wiſſen, wie weit un⸗ ſer Geheimniß verrathen iſt. Auch daß dieſer Jacques etwas davon erfahren mußte, iſt höchſt verdrießlich. Zwar iſt ihm die Wahrheit völlig unbekannt und, ſo weit ich bemerken kann, zweifelt er nicht daran, daß Feodorowna unſere Toch⸗ ter ſei, hält aber den unvermuthet zurückgekehrten Bruder für einen Sohn, den wir, wer weiß, aus welchen guten Gründen, entfernt haben mögen. Ja, ich glaube, er hatte es eigentlich im Sinne, Ihre Eiferſucht durch die Ent⸗ III. 14 — 314— deckung rege zu machen. Indeſſen gleichviel; ſehr unangenehm bleibt es für uns, daß ein ſo fremder, unzuverläſſiger Menſch überhaupt nur von einem Verhältniß der Art eine Ahnung hat. Vielleicht,“ begann Dolgorow nach einigen Augen⸗ blicken, während welcher er ſchweigend und nachſinnend auf⸗ und abgegangen war;„vielleicht war das Ganze nur ein blinder Lärm. Wer ſagt uns denn, daß Jacques recht gehört hat? Jedoch um ſo vorſichtiger müſſen wir verfah⸗ ren; denn man kann ja auch nicht wiſſen, ob Feodorowna und ihr muthmaßlicher Bruder ſich nicht ſchon ſeit längerer Zeit verſtehen und Sorge getragen haben, ihre Beweiſe an Orten niederzulegen, die uns unzugänglich ſind. Wir könn⸗ ten in dieſem Falle in die bedenklichſte Lage gerathen. 7 ½, ich bin entſchloſſen! Ich werde das ganze Verhältniß morgen nicht kennen. Zwar kam ich mit dem Entſchluß, hier ſogleich die entſchiedenſten und unwiderruflichſten Schritte einzuleiten, und ich denke, Gräfin! Sie kennen mich genug, um zu wiſſen, daß ich vor der Nothwendigkeit nicht wie ein Knabe bebe. Noch ſind wir nicht ſo ängſtlich und weichher⸗ zig in Rußland; ich weiß ſo gut wie Andere in dieſem Reiche, daß man einen Felsblock, der uns auf unſerer Straße im Wege liegt, ſprengen muß. Doch ohne übereilung! Viel⸗ leicht gelingt es mir, einen beſſern und ſicherern Weg, der daran vorüberführt, zu nehmen. Gute Nacht! Ich werde ruhiger ſchlafen, als ich glaubte. Noch eins, damit wir uns nicht widerſprechen. Meine Ankunft hier war zufällig, hören Sie, Gräfin, zufällig! Übrigens werde ich morgen der Erſte ſein, der Feodorownen begrüßt und ſich über die verſchloſſene Thür wundert.“. Mit dieſen Worten nahm er Abſchied und ging mit Jacques, der ihn im Vorſaal erwartete, auf ſein Zimmer. Doch ließ ihn die Unruhe ſeines Gemüthes nicht ſchla⸗ * 3 fen; das lang ſchlummernde Bewußtſein war mächtig er⸗ wacht. Mochte jetzt Täuſchung oder Wahrheit im Spiele ſein, er lernte, daß der Same der Schuld, möge er noch ſo tief vergraben, noch ſo weit vom Sturm der Zeit verweht ſein, doch fort und fort keimt, bis ſeine bittern Früchte reifen. „Thor,“ redete er ſich ſelbſt an,„was machſt du dir für Sorgen? Deine Zwecke ſind erreicht, du biſt im Beſitz, wer will dich vertreiben?— Hm! Wenn aber die Ochalskoi's erführen, daß eine Täuſchung obgewaltet habe? Nur als Vater Feodorownens ſind deine Rechte gültig!— Doch wer will ſie dir beſtreiten? Der Einzigen, die reden könnte, iſt die Lippe verſiegelt. Ruſchka ſchläft. Schreckbilder des leeren Wahns! Hirngeſpinſte!“ 9— Dennoch foltertem ſſie ihn bis der Morgen anbrach. W Indeſſen waren ſeine Plane gereift, und er beſaß Ge⸗ wandtheit und Krafk, ſie auszuführen. Sein erſter Gang war zu Bernhard und Ludwig herüber, die er als Gäſte des Hauſes willkommen hieß. Mit der übung des Hofmanns ſpielte er den zuvorkommenden Wirth, fragte nach ihrem Be⸗ finden, nach der Art ihrer Aufnahme, ohne auch nur mit einem Wort etwas Böſes anzudeuten. Ludwig, der die Welt weniger kannte, und deſſen gerades Herz auch den Arg⸗ wohn nicht ſo leicht einließ, oder ihn, wenn er auftauchte, mit ſittlichem Unwillen verwarf, hätte ſich durch dieſes Be⸗ nehmen täuſchen laſſen. Bernhard dagegen wurde um ſo be⸗ ſorgter, je argloſer der Graf ſich ſtellte; er verlarvte ſich da⸗ her mit derſelben Maske gegen ihn, und nahm den Schein eines ſorgloſen, ja faſt leichtſinnigen Zutrauens an, während er ſein Innerſtes aufs vorſichtigſte verbarg. Seiner Ge⸗ wandtheit gelang es vollkommen, den Unbefangenen zu ſpie⸗ len; er ging ſogar ſo weit darin, daß er dem Grafen ſein londoner Abenteuer mit Bianca offen geſtand.„Ich bin Ma⸗ * 14* ———— 74 ———õõuumumumsmss 8 — 316— ler,“ ſprach er, mit der Leichtigkeit des lebensfrohen Künſt⸗ lers,„und wir betrachten ein ſchönes Angeſicht in einem ge⸗ wiſſen Grade als ein Eigenthum, das uns Niemand verſa⸗ gen darf. Damit müſſen Sie, Herr Graf, jene Handlung, die freilich die gewöhnlichen Geſetze der Schicklichkeit nicht zum Richter haben darf, entſchuldigen.“ „Wir ſind nicht ſolche Barbaren hier in Rußland,“ ent⸗ gegnete Dolgorow lächelnd,„um dem Künſtler dergleichen Freiheiten nicht willig zuzugeſtehen. Aber beſitzen Sie das Portrait?“ „Ich beſaß es bis vor zwei Tagen; oder vielmehr mein Freund, dem ich es, da es ſo angenehme und zugleich räth⸗ ſelhafte Erinnerungen in ihm erweckte, zum Geſchenk machte. Sein Portefeuille, in dem es ſich befand, wurde ihm durch jene Elenden, denen, wie ich höre, furchtbare Vergeltung ge⸗ worden, abgenommen. In weſſen Hände es gerathen iſt, weiß ich nicht.“ 3 „Mir ſind,“ erwiderte Dolgorow,„geſtern zwei Porte⸗ feuille's, die man bei den Gefangenen gefunden hat, über⸗ liefert worden; doch ich geſtehe, daß ich noch nicht Muße ge⸗ habt, ſie zu öffnen. Ich bin doch in der That begierig, zu ſehen, ob das Ihrige dabei iſt.“ Mit dieſen Worten eilte er hinüber nach ſeinem Zim⸗ mer und kehrte bald darauf mit zwei Brieftaſchen zurück, de⸗ ren eine er geöffnet in der Hand hielt. Es war Ludwigs. Der Graf hielt Bernhard das Bild entgegen und fragte: „Erkennen Sie das für Ihr Werk?“ „Wie ſollte ich nicht?“ „So iſt es billig, daß Sie Ihr Eigenthum zurücknehmen.“ „Es iſt, wie geſagt, nicht mehr das meinige, ſondern das meines Freundes.“ Der Graf händigte Ludwig die Brieftaſche ein, aus .————— 317— welcher jedoch alle Papiere verſchwunden waren. Dolgorow hatte ſie erſt eben jetzt herausgenommen, weil er Aufſchlüſſe in denſelben zu finden hoffte; er entſchuldigte ſich damit, daß 2 ihm das Portefeuille in dieſem Zuſtande zugekommen ſei, alſo wahrſcheinlich Beaucaire es ſchon geleert habe. Das zweite Portefeuille war weder Bernhards noch Ludwigs Eigenthum; der Graf behielt es alſo und entfernte ſich damit, um Feo⸗ dorownen den Morgenbeſuch zu machen. „Es iſt mir unendlich viel werth, daß dieſes Bild wie⸗ der in meinen Beſitz gekommen iſt,“ ſprach Ludwig.„über⸗ haupt wird mir ſo wohl und leicht; alle Gefahr ſcheint vor⸗ über, und der Graf iſt ein Mann, der doch wol Zutrauen verdient.“ „Wahrhaftig, man möchte lachen,“ rief Bernhard,„wenn 8 die Zeit nicht beſſer zum Fluchen oder Beten taugte; man 3 möchte luſtig aufjubeln darüber, daß ein ſo geſcheuter Menſch, wie Du, ſo ein blinder Thor ſein kann. O Ludwig, Lud⸗ wig! Du biſt zu gut für dieſe Welt— und ich fürchte, die Schweſter iſt es auch und läßt ſich täuſchen. Werdet Ihr denn ewig ſolche Kinder im Leben bleiben, daß Ihr Euch die Schlange an den Buſen legen wollt, weil ſie eine glän⸗ zende bunte Haut hat? Wollt Ihr denn niemals lernen, daß der buntgefleckte Tiger ſich ſchlafend ſtellt, wenn er am tückiſchſten lauert? Wer deckt denn eine Fallgrube mit Ot⸗ tern zu? Roſen ſtreut man darüber! Arſenik muß ausſehen wie Zucker, ſonſt frißt ihn keine Ratte. Ludwig, Ludwig! Dieſe lächelnde Höflichkeit Dolgorows iſt mir bedenklicher, als wenn er mit gezogenem Schwert vor mir ſtände!“ „Du ſiehſt Alles zu finſter, Beſter,“ entgegnete Ludwig. „Meinſt Du?“ fragte Bernhard faſt ſpöttiſch.„Es bedeutet wol nichts, daß Bianca eine Gefangene iſt? Und dieſe nächtliche, übereilte Ankunft? Ludwig, ſtände mir 8* — 318— das Thor offen, ich ginge lieber hinaus, wie ich hier vor Dir ſtehe, ehe ich noch eine Stunde länger hier verweilte. Ja, wäre nur die Schweſter nicht, Du müßteſt auf der Stelle mit mir fort!“ Willhofen trat ein und unterbrach ihr Geſpräch mit der Frage, ob ſie zum Frühſtück kommen wollten. Sie gingen. Einige Minuten blieben ſie allein im Saal; hierauf trat Dolgorow ein. Er war ſo höflich wie zuvor, lud ein, Platz zu nehmen und ſervirte ſelbſt die Chocolade. „Unſere Damen,“ ſprach er,„ſtehen etwas ſpät auf. Wir werden ſie wol vor Tiſch nicht zu ſehen bekommen. Die Gräfin war geſtern unwohl, das hat auch die Fürſtin um das Vergnügen gebracht, die Pflichten der Wirthin ge⸗ gegen Sie zu üben. Ich denke, die Frauen werden heute das Verſäumte nachholen.“ Bernhard fragte nach dem Stande der politiſchen An⸗ gelegenheiten. „Darüber ſprechen wir am beſten gar nicht,“ entgeg⸗ nete der Graf höflich;„ich als Ruſſe würde vielleicht ganz anders denken müſſen als Sie, die Sie wenigſtens Ihre alten Waffengenoſſen beim Heere haben. Es hat ein be⸗ ſonderes Intereſſe für mich,“ fuhr er nach einigen Augen⸗ blicken fort,„daß ich Ihnen Beiden ſchon anderwärts begeg⸗ net bin. Als wir am Fuß des Simplon, über den wir,“ hier wandte er ſich zu Ludwig,„durch Ihre Hülfe ſo glück⸗ lich gelangten, durch den Zufall getrennt wurden, wandte ich mich durch das Gebirge nach Bern, ging von dort aus nach Tirol und gewann die große Straße nach München. In Deutſchland erlebten wir kein Abenteuer weiter, wol aber in Warſchau, wo wir faſt verrathen worden wäͤren und es uns nur nach einem mehrtägigen Verſteck bei verſchiedenen Freunden gelang, in der Nacht zu entfliehen.“ — ——έ½——— — 319— „Auch wir waren in Warſchau,“ ſprach Ludwig. Bernhard gab ihm einen verſtohlenen Wink, vorſichtig zu ſein, und nahm raſch ſelbſt das Wort, um ganz allgemein und unbeſtimmt über ihren Aufenthalt dort zu ſprechen. Der Graf fragte nach Dieſem und Jenem; er ſprach von England, erkundigte ſich nach Bernhards Reiſen, nach ſeinem frühern Wohnort, kurz, ſuchte auf geſchickte Weiſe die Lebensverhält⸗ niſſe Beider ſo genau als möglich zu erforſchen. Zwar ant⸗ wortete Bernhard mit größeſter Vorſicht, doch ließ ſich nicht Alles verſchweigen, und namentlich waren Ludwigs Verhält⸗ niſſe ſehr bald ſo weit klar für Dolgorow, daß er nicht mehr zweifeln konnte, Bernhard ſei der Bruder Feodorowna's, wenn es Einer dieſer Beiden war. Mit Aufmerkſamkeit beobach⸗ tete er die Geſichtszüge deſſelben, um aus der Ahnlichkeit ſeine Vermuthungen zu beſtätigen; allein hier war ihm der Zufall entgegen, da Bernhard faſt durchaus ſeinem Vater, Bianca ihrer Mutter glich, zwiſchen Beiden aber eher eine auffallende Verſchiedenheit der Phyſiognomie, als eine Ähn⸗ lichkeit ſtattfand, wenngleich ſich einige übereinſtimmende Züge allenfalls auffinden ließen. Wollte man aber danach ſuchen, ſo bot Ludwigs Angeſicht ungleich mehr Wahrſcheinlichkeit für die Verwandtſchaft dar. Bernhard hatte überdies mit Geſchicklichkeit hinzuwerfen gewußt, daß er aus Dresden ge⸗ bürtig und der Sohn eines armen Cantors an der Kreus⸗ kirche ſei, der ihm, drückte er ſich ſcherzend aus, als er vor drei Jahren verſtarb, durch ſeinen letzten Willen nichts hin⸗ terlaſſen habe, als den freien, zu gehen, wohin er möge. So blieb Dolgorow allerdings in peinlicher Ungewißheit, ob ſein Geheimniß in der That entdeckt ſei, oder ob nur zufällige Umſtände, halb verſtandene Worte oder Außerungen den Schein einer Entdeckung gegeben hätten. Um nicht durch allzu vielfältiges, ängſtliches Fragen ——————ÿ—ꝛ—x—xxx::—:——C—⸗—⸗———— ——ᷓ⏑——RU— — 20o— 1 Verdacht zu erregen, ſchlug er den Gäſten eine Partie Schach vor. Ludwig, der das Spiel nur ſehr wenig kannte, ent⸗ ſchuldigte ſich; Bernhard nahm den Vorſchlag anſcheinend ſehr gern an. Der Kammerdiener brachte ein Schachbret, ſie ſetzten ſich zum Spiel; Ludwig blieb im Zimmer und machte den Zuſchauer. „Ich habe einen gefährlichen Gegner,“ bemerkte der Graf nach den erſten Zügen;„es wird mir Mühe machen, mich zu vertheidigen.“ „Ihr Urtheil nach ſo wenigen Zügen, Herr Graf, be⸗ weiſt Ihre überlegenheit antwortete Bernhard höflich. Sie ſpielten indeſſen fort und ſchienen, obwol Beide ihre Gedanken innerlich auf etwas ganz Anderes gerichtet hat⸗ ten, doch mit dem größten Antheil bei dem Spiel zu ſein. Bernhard beſaß Kraft des Geiſtes genug, um ſich zur Auf⸗ 4 merkſamkeit zu zwingen und nicht durch Zerſtreutheit zu ver⸗ rathen, daß ihm der Sieg im Spiel in dieſem Augenblick das Gleichgültigſte auf der Erde ſei. So vergingen die Vormittagsſtunden, die Tafelzeit kam heran. Die Gräfin ſowie Bianca ſollten bei Tiſch erſchei⸗ nen. Als der Graf am Morgen bei der Tochter geweſen war, hatte er davon als von einer nicht abzuweiſenden häus⸗ lichen Pflicht geſprochen, die geſtern nur durch die Unpäße lichkeit der Gräfin unterbrochen werden durfte. Bianca, welche jedoch die Gewandtheit Dolgorows, ſich zu beherr⸗ ſchen und die verſchiedenſten Formen ſeines Weſens anzuneh⸗ men, ſchon aus ſeiner frühern diplomatiſchen Laufbahn kannte, ließ ſich durch ſein argloſes Benehmen nicht täuſchen. Vollends aber als er den Verſuch machte, durch die Thür, welche den eignen Ausgang für ihr Zimmer bildete, zu gehen und ſich erſtaunt ſtellte, daß ſie verſchloſſen ſei, erhielt ſie die völligſte Gewißheit, daß er ſich verſtelle, zumal da er ſogleich und* 1 — — ———— ———õõ—————————— — 321— mit einem gewiſſen Eifer, den ein gleichgültiger Umſtand nicht hätte erregen können, Jeannetten befahl, den Kammer⸗ diener zu fragen, ob er den Schlüſſel habe, und Sorge zu tragen, daß geöffnet würde. Indeſſen ging er und bald dar⸗ auf wurde die Thür in der That geöffnet. Bianca aber wußte nur zu gut, daß ſie dadurch nicht ihre wirkliche Frei⸗ heit, ſondern nur den Schein derſelben zurückerhalten habe, und daß man jetzt ihre Schritte um deſto ſorgfältiger beob⸗ achten werde. Dennoch erſchien ihr die Flucht nicht unmög⸗ lich, und überdies war es das einzige Mittel, welches ihr übrig blieb. Ihr Herz ſuchte daher mehr einen Rath als ihr Verſtand. Sie mußte alte, heilige Pflichten brechen, neue, unendlich theure übernehmen; Altern, Vaterland, ſelbſt den Namen ſollte ſie plötzlich laſſen und in eine ganz andere Welt treten. So mächtig ihr Herz ſie dorthin zog, jetzt im Augenblick der Entſcheidung empfand ihre edle Seele erſt, mit wie unzähligen, unſichtbaren Fäden das Leben uns umſpinnt, die erſt dann uns halten und feſſeln, wenn wir ſie für im⸗ mer zerreißen ſollen. In dieſer Bedrängniß ſchrieb ſie an Gregor, ihren väterlichen Freund und Nathgeber, den Mit⸗ kundigen des Geheimniſſes, und bat ihn dringend, ſobald es ihm irgend möglich ſei, nach dem Jagdſchloß zu kommen. Doch war ſie ſo vorſichtig, ihm den Grund ihrer Bitte nicht zu melden. Sie wußte, einer ſo dringenden Aufforderung folge er doch. Willhofen verſprach den Brief durch einen ſichern Boten zu beſorgen und meldete eine Stunde darnach, daß es ihm gelungen ſei. Jetzt fühlte ſich ihr Herz nunderbar erleichtert; ihr Ver⸗ trauen zu dem theuren Lehrer war unbegrenzt; ſie empfand, daß ſeine Gegenwart ihr Schutz und Rettung gewähren würde. denn es war ſeine Pflicht, ihr Beides zu bieten, und wo dieſe ihn aufforderten, wußte ſie, war ſein Muth unerſchütterlich. 142† Sie ging mit ihrer Mutter ins Tafelzimmer. Hier ſah ſie Ludwig und Bernhard nach der jetzt für ihr Herz ſo lan⸗ gen Trennung wieder. Es pochte in heftiger Wallung, doch gebot ſie ihren Gefühlen mit angeſtrengter Kraft, um ſich nicht zu verrathen. Freundlich, wohlwollend durfte ſie ja ſein, denn ſie war es ja immer, und jetzt konnten dankbare Regungen ihr überdies den gültigſten Vorwand dazu leihen. Die übung der vornehmen Sitte half ihr die Stunden des Mittageſſens überwinden, ohne durch irgend etwas ihre Stimmung zu verrathen. Die Gewandtheit des Bruders, der ſich des Geſpräches bemächtigte, es auf Schottland und England, auf ſeine Reiſen daſelbſt, auf die Kunſt im All⸗ gemeinen leitete und ſo auch Ludwig, der über ernſte, Nach⸗ denken erfordernde Gegenſtände immer mit Einſicht zu ſpre⸗ chen wußte, hineinzog, kam ihr trefflich zu Hülfe. Dolgo⸗ row ſelbſt verlor einen Theil ſeines Argwohns und überließ ſich der Hoffnung, daß alle angeregten Beſorgniſſe auf zu⸗ fälligen Umſtänden beruhten. Man ſtand endlich von der Tafel auf, und die Frauen waren im Begriff, ſich zurückzu⸗ ziehen. Da erhaſchte Bianca einen, wie ſie glaubte unbe⸗ wachten Augenblick und flüſterte Bernhard die Worte zu: „Sei getroſt, ich habe Hoffnung zu einer glücklichen Wen⸗ dung unſers Schickſals.“ Doch Dolgorow, der eben von Jacques gebrachte Briefe geöffnet hatte und las, warf zufällig einen Blick über das Papier auf einen Spiegel, in dem er Bernhards und Bian⸗ ca's Geſtalten gang erblickte. Er ſah ihre vertraute An⸗ näherung, bemerkte ihr Flüſtern und die Bewegung, welche die Worte auf Bernhards Angeſicht erzeugten. Zwar hatte er keine Sylbe vernommen, aber in der Miene Beider ge⸗ wahrte er den Ausdruck einer Vertraulichkeit, welche nur durch das innigſte Verhältniß erzeugt werden konnte und um ſo ———ÿ—.— — 323— mehr auffiel, als Beide, da ſich die Thuͤr unvermuthet öff⸗ nete, plötzlich den Ausdruck ihrer Züge änderten und die förmliche Haltung der Höflichkeit wieder annahmen. Was hier vorgegangen war, war zwiſchen der Fürſtin Ochalskoi und einem Fremden ohne Rang und Namen unmöglich. Daher hatte Dolgorow plötzlich den unwider⸗ ſprechlichſten Beweis für den Grund ſeines Argwohns in der Hand. Er überraſchte ihn, da er faſt ſchon davon zurück⸗ gekommen war, ſo mächtig, daß er, der unter den ſchwie⸗ rigſten und gefährlichſten Umſtänden beſonnen und kalt blieb, auf einen Augenblick die Faſſung verlor und ſich eine heftige Bewegung und einen halb erſtickten Laut des Erſtaunens entſchlüpfen ließ. Doch eben ſo ſchnell wie er die Ruhe ver⸗ loren hatte, gewann er ſie auch wieder, indem er zum Schein den Ausruf wiederholte und heftig auf den Boden ſtampfte, aber die Miene annahm, als ſeien es die Nachrichten, die er durch die Briefe empfing, welche ihn bewegten.„Es iſt unerhört! unverzeihlich!“ rief er aus und drückte den Brief ingrimmig zuſammen;„man möchte raſend werden über ſolch ein Verfahren!“ Sogar Bernhard ließ ſich durch dieſe Maske täuſchen und ahnete nicht, daß das Geheimniß in dieſem Augenblick enthüllt und verrathen war. Geſchickt auf die Stimmung des Grafen eingehend, ſprach er halb fragend halb theilneh⸗ mend:„Sie erhalten ſo unangenehme Nachrichten, Herr Graf?“ Dieſelbe Frage that die Gräfin, wiewol mit größerer Beſtimmtheit. 1„Was kann es ſein,“ erwiderte Dolgorow,„als neue Urſachen zu den alten Klagen. Durchaus verkehrtes Verfah⸗ 4 ren, unſinnige Anderungen, widerſprechende Beſtimmungen, 4 die Alles kreuzen und lähmen, was man mit eigner Kraft * 2 —— — 324— aus Liebe zum Vaterlande unternimmt!— Verzeihen Sie, aber ich muß einige Zeit allein ſein, um den Unwillen in mir austoben zu laſſen.“ Mit dieſen Worten verbeugte er ſich und ging auf ſein Zimmer, während zugleich die Damen die ihrigen aufſuchten. Bianca nahm indeß mit den tröſtenden, freundlich geſproche⸗ nen Worten Abſchied:„Ich hoffe, wir ſehen uns beim Thee wieder.“ Kaum war Dolgorow auf ſeinm Zimmer angelangt, als er dem Kammerdiener ſchellte, um ihn nochmals über alles Das genau zu befragen, worauf er ſeine Vermuthungen ge⸗ gründet habe. Jacques, der längſt merkte, wie wichtig die Angelegen⸗ heit dem Grafen ſei, verſchwieg, theils um das Verdienſt der Entdeckung mit Niemandem zu theilen, theils um ſich 4 Jeannettens Gunſt zu erhalten, nicht nur, was dieſe ihm geſagt, ſondern daß ſie ihm überhaupt das Wichtigſte vertraut hatte. Daher waren dem Grafen ſeine Ausſagen völlig un⸗ 1 genügend. Er hieß ihn gehen und blieb ſinnend in ſeinem Zimmer, indem er ſich quälte, ein Mittel ausfindig zu ma⸗ chen, um die Wahrheit zu entdecken. Plötzlich leuchtete es ihm hell auf.„Thor!“ rief er,„wie kannſt Du ſo ſtumpf⸗ ſinnig ſein und nicht gleich darauf verfallen! Entweder er oder ſie müſſen irgend Briefe, Documente, oder ſonſt Er⸗ kennungszeichen hier haben, weil es ſonſt unmöglich geweſen wäre, daß ſie einander aufgefunden hätten! Das muß mir Licht geben. Zuerſt wollen wir das Leichtere verſuchen und Feodorowna's Zimmer in der Stille unterſuchen.“ Er ſchellte. Jacques trat ein. „Iſt die Fürſtin auf ihrem Zimmer?“ „Nein, Ihre Durchlaucht arbeiten bei der gnädigen 4 Grafin.“ 1 L — * — ʃ — 325 „Es iſt gut!— Ihr könnt gehen.“ So wie der Kammerdiener fort war, zündete Dolgo⸗ row eine kleine Blendlaterne an, nahm ſie unter den Man⸗ tel und eilte auf Bianca's Zimmer. Es gelang ihm, unbe⸗ merkt einzutreten. Sogleich ſchloß er die Thüren nach beiden Seiten ab und begann die Unterſuchung. Er hatte einige Hauptſchlüſſel zu ſich geſteckt, denen ſo leicht kein Schloß widerſtand, und die er von ſeinem gefährlichen, diplomati⸗ ſchen Verhältniß her beſaß, wo er die Papiere ſeiner Unter⸗ gebenen ſtets insgeheim aufs ſorgfältigſte bewachte, um ſich ihrer Treue zu verſichern. Mit Hülfe dieſer Werkzeuge ge⸗ lang es ihm bald, Bianca's verſchloſſenen Schreibtiſch zu öff⸗ nen. Nach kurzem Suchen fand er unter ihren Briefen den von Nuſchka an ſie obenauf liegen, da ſie ihn erſt vorge⸗ ſtern wieder zurückgelegt hatte. Dieſer hob alle Zweifel; und da er vollends das Portefeuille entdeckte und öffnete, in dem die Portraits beider Ältern ſich befanden, deren Ähnlichkeit mit den Kindern nicht zu verkennen war, ſo bedurfte es wei⸗ ter nicht der mindeſten Erklärung oder Nachforſchung, um zu wiſſen, daß Bernhard der aufgefundene Bruder ſei. Sorgfältig legte er Alles an ſeinen Ort, ſchloß die Thüre wieder auf und eilte auf ſein Zimmer zurück. Jetzt beſchäftigten ihn die Entwürfe, wie er das kei⸗ mende Unheil am beſten zu erſticken vermöge. Sein Plan war bald gefaßt. Er mußte Feodorowna's Lippe eben ſo verſiegeln wie Ruſchka's durch Drohungen gegen Das, was ihr das Theuerſte auf der Erde war. Die Aufgabe war für den Gewiſſenloſen leicht, nur hatte er die Mittel nicht ſo⸗ gleich in Händen. Bernhard und Ludwig mußten das Loos der im Schloß befindlichen gefangenen Franzoſen theilen. Dann ſollte ihr Schickſal davon abhängig gemacht werden, ob Feodorowna auf die Hoſtie ſchwören wolle, das Geheim⸗ — 326— niß ihrer Geburt niemals zu verrathen. Doch dazu bedurfte es einer ſtärkern Mannſchaft, als man im Schloß hatte. Außer den Dienern, unter denen die meiſten Leibeigene Feo⸗ dorowna's waren, auf die ſich Dolgorow in einem entſchei⸗ denden Falle nicht unbedingt verlaſſen konnte, war keine Mannſchaft im Schloß. Bernhard und Ludwig allein ver⸗ mochten einen ſo entſchloſſenen Widerſtand zu leiſten, daß man wenigſtens gezwungen werden konnte, ſie zu tödten, und alsdann war die Bürgſchaft für das Geheimniß verloren. Feodorowna's Leben ſelbſt aber durfte Dolgorow nicht gefähr⸗ den, theils weil ihre Leibeigenen in ſolcher That einen furcht⸗ baren, nicht zu verſöhnenden Frevel geſehen hätten, theils weil er vorausſah, daß die Gräfin ihre Zuſtimmung verſagen werde, endlich aber auch, weil er ſelbſt hier das innere Maß ſeines frevelhaften Wollens erſchöpft fühlte. Denn Jeder, auch der Verderbteſte, trägt eine Grenze ſeines frevelnden Wollens in ſich, die er nicht zu überſchreiten wagt. Selbſt der tiefſte Abgrund der Verbrechen erſchöpft ſich und erreicht einen Punkt, wo das heilige Gebot der Sittlichkeit ſich ſo unbeſiegbar gel⸗ tend macht, daß der Entartetſte, und ſollte er darüber die Frucht aller ſeiner frühern Frevel verlieren, ſollte er ſelbſt der irdiſchen Vergeltung anheimfallen, dennoch die Wil⸗ lenskraft zum Böſen gelähmt fühlt und den letzten Streich,. der ihn ans Ziel bringen ſoll, nicht zu führen wagt. So greift der unſichtbare Arm des Allmächtigen ſelbſt in das Ge⸗ 5 triebe verbrecheriſchen Thuns und gebietet einen unwiderruf⸗ A lichen Stillſtand. Dolgorows Plan war gefaßt. Er beſchloß, eine hin⸗ längliche Mannſchaft in die Nähe des Schloſſes kommen zu laſſen, um jeden Widerſtand zu beſeitigen. Dann ſollten Ludwig und Bernhard ins Freie gelockt, unvermuthet über⸗ 5 fallen, ergriffen, geknebelt und in möglichſter Stille abge⸗ 4 2 —— — 327— führt werden, ſodaß Niemand im Schloſſe deſſen gewahr würde. Wenn man ſo den tiefern Wald erreicht hätte, wollte ihnen Dolgorow erklären, daß ihr und Feodorowna’s Schickſal von der Bewahrung ſeines Geheimniſſes abhange, 4 und ſie dann mit den übrigen Gefangenen in das Innere des Landes abführen laſſen. Erſt nachdem Alles abgethan ſei, ſolle Feodorowna den Hergang der Dinge erfahren, und alsdann würde es ein Leichtes ſein, ihr das Gelöbniß des un⸗ verbrüchlichen Geheimniſſes durch Bedrohung der Gefange⸗ nen abzudringen. Willhofen war ein verdächtiger Zeuge für Dolgorow. Er beſchloß daher, ſich deſſelben zu entledigen und zugleich durch ihn ſeinen Zweck zu fördern, indem er eben ihn zum Boten wählte, um den Befehl zu überbringen, daß die Mann⸗ ſchaften aufs Schloß kommen ſollten, zugleich aber dem För⸗ ſter, der dieſen Theil der zum Landſturm verſammelten Bauern befehligte, den Auftrag gab, Willhofen nicht mit zurückzuſenden, ſondern ihn bis auf weitere Beſtimmung anderweitig zu beſchäftigen. Dem wohlüberlegten Entſchluß folgte die raſche That. Er ſchrieb den Befehl, verſiegelte ihn, ſchellte und ließ, da Jacques eintrat, Willhofen rufen. „Hier iſt ein dringender Brief zu beſtellen, Solanow,“ redete er ihn an.„Du mußt ſofort ſatteln und reiten. Ich mache Dich verantwortlich dafür, daß der Befehl binnen drei E Stunden ſpäteſtens eingehändigt iſt.“ Der Alte verbeugte ſich ſtumm, nahm den Brief und ging. 1 Jetzt ſchöpfte Dolgorow Athem. Die Gefahr ſchien ab⸗ geleitet, die drohende Wolke getheilt. Er ahnete nicht, daß ſein Plan geſcheitert war, noch ehe er zur Ausführuͤng kam. — 328— Eilktes Capitel. Denn Bianca wußte ſchon, daß und wie ſie verrathen war. Jeannette nämlich hatte in dem Zimmer der Fürſtin geſeſſen und gearbeitet; als das Licht ihr zu fehlen anfing, ſetzte ſie ſich auf einen Lehnſeſſel in der bei den ſtarken Mauern des Schloſſes ſehr geräumigen Fenſtervertiefung, und arbeitete, ſo lange ſie ſehen konnte. In der Dämmerung hörte ſie auf und ſank, da ſie einige Zeit müßig ſitzen blieb, in Schlummer. Plötzlich wird ſie durch ein Geräuſch geweckt, richtet ſich auf, ſieht ein ſeltſam flackerndes Licht im Zim⸗ mer und bemerkt mit Erſtaunen den Grafen, der vor dem geöffneten Schreibtiſch der Fürſtin ſteht. Unwillkürlich die Zeugin dieſer Handlung, fürchtet ſie ſich zu verrathen; die großen ſeidenen Vorhänge bedecken die Fenſter ſo, daß ſie gar nicht bemerkt werden kann. Sie beſchließt daher, ſich nicht zu regen und ſich ſchlafend zu ſtellen. Doch beobachtet ſie Alles, was Dolgorow vornimmt. Endlich geht er, nachdem er zuvor beide abgeſchloſſen geweſenen Thüren leiſe wieder ge⸗ öffnet hat. Dieſer Umſtand muß das Mädchen davon über⸗ zeugen, daß hier etwas Geheimnißvolles gegen die Fürſtin, deren traurig geſpanntes Verhältniß zu den Ältern ſie ja längſt kennt, unternommen worden iſt. Sie verbindet die Umſtände mit Dem, was ſie belauſcht, was ſie Jacques vertraut hat; ſie beſorgt durch ihre Unvorſichtigkeit, die ſo aufrichtig von ihr geliebte Gebieterin gefährdet zu haben, ihr Gewiſſen läßt ihr keine Ruhe, ſie muß derſelben geſtehen, was ſie zu wiſſen glaubt, und was ſie geſehen hat. Mit dieſem Vorſatz, durch die treueſte Aufrichtigkeit wo möglich ihren Fehler gut zu machen, will ſie zu der Fürſtin eilen, als dieſe elbſt unver — 329— muthet eintritt. Jeannette erzählt, was geſchehen iſt. Bianca ahnet den Zuſammenhang, ſie ſieht ein, daß ſie völlig verra⸗ then iſt, daß ſie keine Zeit verlieren darf. Sogleich beſchließt 4 ſie, mit ihrem Bruder zu ſprechen. Jeannette muß das Zim⸗ mer ſchließen und erhält den Auftrag, ſobald ſich Jemand an der Thür vernehmen laſſe, zu antworten, die Fürſtin ſei im Umkleiden begriffen, es könne jetzt Niemand eintreten. Während deſſen eilt Bianca, durch dieſelbe Kopfbedeckung Jeannettens, die ſie ihr geſtern während des Schlummers heimlich entwendet hatte, vor dem Erkennen geſchützt, durch das Halbdunkel des Corridors begünſtigt, auf Bernhards und Ludwigs Zimmer und erzählt dieſen, was geſchehen iſt. Flucht noch in derſelben Nacht wird beſchloſſen; Gregor wird die Hülfloſen aufnehmen, wenn es gelingt, ſeine Woh⸗ nung zu erreichen, bevor er den Weg zu dem Schloſſe an⸗ getreten hat, oder wenn der Zufall es ſo glücklich fügt, daß man ihm begegnet. Schlägt dieſe Hoffnung fehl, ſo bleibt Smolensk, das noch von den Franzoſen beſetzt iſt, als Zu⸗ fluchtsort übrig. Willhofen ſoll der Begleiter auf der Flucht ſein. Er wird von Allem unterrichtet und verſpricht Pferde und einen Schlitten bereit zu halten. Um das Nöthige dazu vorzube⸗ reiten, hat er eben das Zimmer verlaſſen, als ihm Jacques begegnet und ihn zum Grafen ruft. Mit einer Ahnung Deſſen, was geſchehen ſoll, tritt er zu dieſem ein, doch be⸗ wahrt er ſeine völlige Ruhe und gewohnte Haltung. Ohne Verdacht übergibt ihm Dolgorow den Brief, den Willhofen aber ſogleich in Bernhards Zimmer hinüberträgt, wo Bianca noch verweilt. Man öffnet ihn; Bianca lieſt den ruſſiſch geſchriebenen Befehl; Dolgorows Abſicht iſt unzweifelhaft. Beernhard ahnet ſeinen Plan, wenngleich nicht in ſeiner vol⸗ *enn Abſcheulichkeit, da der Edle nie ſo tief in die Seele des —— — 330— Frevlers eindringt, um ſeine Entwürfe in ihrem ganzen Um⸗ fange zu überſehen. Jetzt drängt der Augenblick, es iſt keine Zeit mehr zu verlieren; die Flucht muß noch in dieſer Stunde geſchehen. Während Willhofen hinuntereilt, um unter dem Vorwande, ſein Pferd zu ſatteln, die Roſſe an den Schlitten zu ſpan⸗ nen, verſieht ſich Bianca auf ihrem Zimmer mit dem Noth⸗ wendigſten. Sie kann jetzt nicht umhin, Jeannetten zur Mitwiſſerin zu machen; dieſe will nicht von der Gebieterin weichen, ſondern fleht mit Thränen, ihr Schickſal theilen zu dürfen. Bianca muß einwilligen, ſie mitzunehmen, um ſo mehr als von Dolgorows Zorn Alles für das Maͤdchen zu fürchten iſt, wenn er nur eine Ahnung hat, daß ſie ſein Geheimniß verrathen haben könnte. Dieſe packt daher in größ⸗ ter Eile Kleidungsſtücke und was ſonſt unentbehrlich ſcheint, zuſammen, während die Gebieterin ſich mit Geld verſieht und ihre Juwelen, Papiere, Briefe und Andenken in ein Käſtchen ſammelt. Bernhard und Ludwig haben ſich indeſſen auf Willhofens Anweiſung mit Piſtolen, die den bewaffneten Bedienten zugehören, verſehen. Ludwig geht hinunter in den Hof, um, ſobald Willhofen ſich zu Pferde ſetzt, dieſem mit dem Schlitten zu folgen. Bernhard eilt zu der Schweſter hinüber, um ſie hinabzuführen. Ein Zeichen, welches er von ihrem Fenſter aus gibt, zeigt Denen im Hofe an, daß die Frauen bereit ſind. In angſtvoller Spannung ſtand Ludwig im Hof und hielt die Blicke unverwandt auf Bianca's Fenſter gerichtet. Die dringende Gefahr des Verzugs, die an einem Haar hängende Möglichkeit, verrathen zu werden, der Sturz in das tiefſte Elend, der dann auf die ſchönen Träume einer na⸗ menloſen Seligkeit folgen mußte, Alles dies verwandelte der auf die Folter geſpannten Erwartung die Secunden in Ewig —— — 331— keiten. Endlich trat Bernhard mit einem Licht an das Fen⸗ ſter und verlöſchte es an demſelben. Das war das verab⸗ redete Zeichen. Willhofen ſchwang ſich zu Pferde und ritt gegen das Thor zu, das er zu öffnen befahl. Ludwig folgte ihm mit dem Schlitten; unter dem Thorweg, an der Treppe, ſo lautete die Verabredung, ſollte er halten und Bianca und Bernhard aufnehmen und dann, ſo raſch die Roſſe es ver⸗ möchten, dem voranſprengenden Willhofen folgen. Daß ſie nicht ſogleich verfolgt werden konnten, dafür hatte der vor⸗ ſichtige Willhofen dadurch geſorgt, daß er das Geſpann und Zaumzeug aller übrigen Pferde, die im Schloß ſtanden, zu⸗ ſammengerafft und über eine eingeſtürzte Stelle der Mauer in den Schloßgraben geworfen hatte, der zwar zugefroren war, wo aber Niemand dieſe Geräthſchaften ſuchen konnte. Es war daher zu erwarten, daß ſie vor Tagesanbruch ſchwer⸗ lich gefunden würden. Die Dunkelheit begünſtigte das Un⸗ ternehmen; leiſe, da man den Tritt der Roſſe auf dem Schnee kaum hörte, gelangte Ludwig bis an den Thorweg. Will⸗ hofen war ſchon außerhalb deſſelben und hielt an der Brücke. Beim halbdüſtern Schein der Lampe, die das Flurgewölbe erhellte, ſoah Ludwig mit pochendem Herzen drei Geſtalten auf den Stufen der Treppe ſtehen. Er hielt an.„Biſt Du's, Bernhard?“ flüſterte er.„Wir ſind's,“ war die Antwort und zugleich näherte ſich Bianca, um einzuſteigen. Da ertönte plötzlich Dolgorows furchtbare Stimme: „Verrätherei! Auf! herbei! Sperrt das Thor, ergreift die Verräther!“ In demſelben Augenblick blitzte ein gezückter Säbel über Bernhards Haupt, und von dem Hiebe getrof⸗ fen, ſtürzte dieſer zu Boden. Bianca that einen lauten Schrei, warf ſich über den Niedergeſunkenen hin und dem zum zweiten Streich ausholenden Arm Dolgorows entgegen. „um des erbarmenden Gottes willen, haltet ein— er — 332— iſt mein Bruder!“ rief ſie mit einem Tone, der die Seele zerriß. Ludwig erſtarrte. Doch ſchnell faßte er ſich, ſprang vom Schlitten, riß das Piſtol aus dem Gürtel und ſchoß nach Dolgorow. Er traf ihn leicht an der Schulter, ſodaß dieſer einen Augenblick wankte und zurücktrat.„Flüchte, Un⸗ glückſelige,“ rief Ludwig jetzt und wollte Bianca umfaſſen, doch ſchon waren drei Diener, die in der Geſindeſtube nächſt dem Thor geſeſſen hatten, herbeigeeilt und riſſen ihn von hinten zu Boden.„Packt die Frevler! Bindet ſie!“ rief Dolgorow wüthend, und die Diener, die ſich ſchnell durch einige vom Hofe Herbeieilende vermehrten, warfen ſich über die Unglücklichen her. Er ſelbſt ergriff Bianca, riß ſie empor und trug ſie, da ſie ſich ſträuben wollte, mit Gewalt die Stufen herauf. Ihre Kraft brach in ihrem Schmerz; ſie vermochte keinen Widerſtand zu leiſten. Jeannette folgte der Gebieterin. Die Diener, ohne weitern Befehl abzuwarten, riſſen den bewußtloſen Bernhard und den betäubten Ludwig mit ſich fort und ſchleppten ſie dem Grafen nach. Auf dem obern Corridor begegnete ihnen die Gräfin, die den Schuß und das Getöſe gehört hatte, ohne die Urſache zu wiſſen, und jetzt aus ihrem Zimmer eilte, um ſie zu er⸗ fahren. „Nehmen Sie Ihre Tochter zu ſich, Gräfin,“ rief Dolgorow,„die Ehre unſers Hauſes ſteht auf dem gefähr⸗ lichſten Spiel.“ „Nicht Eure Tochter!“ rief Feodorowna, der die Be⸗ ſinnung zurückkehrte, außer ſich vor Schmerz;„ich erkenne Eure Rechte nicht mehr an! Ihr habt meinen Bruder ge⸗ mordet!“ Heftig entrang ſie ſich jetzt den Armen des Gra⸗ fen und eilte zurück, den Dienern entgegen, welche Bern⸗ hard und Ludwig herbeiſchleppten.„Ihr ſeid meine Vaſal⸗ —————õyõ— — 333— len,“ rief ſie dieſe mit einer Kraft, die ihr die Verzweiflung lieh, an;„ich gebiete Euch, dieſe Unglücklichen frei zu laſſen und dem Blutenden Hülfe zu leiſten!“ „ Dolgorow war ihr nachgeſtürzt.„Wer meinem Befehl nicht gehorcht,“ drohte er mit hoch emporgehobenem Säbel, indem er die Stimme furchtbar erhob,„dem ſpalte ich das Haupt! Wer wagt es, mir zu trotzen?“ Die Leibeigenen der Fürſtin ſtanden unſchlüſſig, da ſie zwiſchen Furcht und Pflichtgefühl ſchwankten. Zwei von Dolgorows eignen Leuten jedoch beugten ſich ſklaviſch demü⸗ thig und ſprachen:„Unſer Gebieter ſoll uns nur befehlen, was wir zu thun haben.“ „Ich that es ſchon,“ herrſchte Dolgorow ſie ergrimmt an:„bindet dieſe Hunde und werft ſie in das tiefſte Ge⸗ wölbe des Schloſſes hinunter!“ „Nein, es iſt unmöglich,“ rief Bianca aus und um⸗ ſchlang den Bruder mit beiden Armen und drückte ſein blu⸗ tendes Haupt an ihre Bruſt; ‚ich laſſe Dich nicht, mein Bruder, Du ſollſt in meinen Armen ſterben.“ Von einer ſcheuen Ehrfurcht ergriffen, traten jetzo ſelbſt die rohen Leibeigenen zurück und ſchienen eine höhere Pflicht als die des ſklaviſchen Gehorſams zu empfinden. Dolgorow ſtampfte erbittert mit dem Fuß.„Werft ſie mit hinab, wenn ſie ihn nicht laſſen will!“ rief er ingrim⸗ mig und ſchritt ſelbſt auf die Unglückliche zu, um ſie von dem Herzen des Bruders zu reißen. Ludwigs Bruſt wurde bei dieſem Anblick von unnenn⸗ baren Qualen durchſchnitten. Da durchdrang ihn plötzlich das Gefühl von der Allgegenwart des höchſten Richters, und in der ſittlichen Kraft ſeiner überzeugung richtete er ſich ſtolz 1 zwiſchen den Sklaven, die ihm die Arme gefeſſelt hielten, auf, 4 und rief dem Grafen mit der überlegenheit der Tugend zu: 4 — — 334— „Halten Sie ein! Fürchten Sie eine Vergeltung! Der All⸗ mäͤchtige iſt Zeuge jeder That; ſeiner Gerechtigkeit entflieht Niemand!“ Dolgorow wandte ſich ſtolz um. Er fühlte ſeine Bruſt getroffen, ja er empfand zum erſten Mal in ſeinem Leben jenes ſtill geheime Grauen des frevelhaften Bewußtſeins. Aber eben darum ſträubte ſich ſein verhärteter Sinn dagegen wie gegen eine ſchimpfliche Furcht, und er ſuchte ſeine Bewegung hinter dem verdoppelten übermuth zu verbergen. Mit höh⸗ niſchem Auflachen erwiderte er daher:„Meint Ihr? Ich denke Euch aber zu zeigen, daß man meinem Zorn und meiner Gerechtigkeit noch weniger entflieht!“ In dieſem Augenblick ließ ſich plötzlich von unten her ein dumpfes Getöſe und ein lautes Brauſen verworrener Stimmen vernehmen. Alle ſtutten überraſcht und lauſchten; der Lärmen nä⸗ herte ſich. „Was gibt's da?“ rief Dolgorow.„Gehe Einer von Euch hinab und ſehe zu, was der Lärmen bedeutet!“ Eben wollte einer der Leute dem Befehl gehorchen, als man die Schar ſchon die Treppe mit Geſchrei heranſtürmen hörte. Ein zuckender, flammender Feuerſchein in den Ge⸗ wölben verrieth, daß ſie mit Licht oder Fackeln kämen. Dolgorow, beunruhigt, eilte jetzt ſelbſt der Treppe zu. Das Geſchrei und Getümmel der Heraufſtürmenden wuchs mit jedem Augenblick. 13 „Hier, hier!“ rief eine ſtarke Stimme;„mir nach!“ Ludwig erkannte Willhofens Stimme. Eine Ahnung, daß er Rettung bringe, durchzuckte ſeine Bruſt. Doch kaum hatte der Gedanke gekeimt, als ein Schuß und gleich dar⸗ auf ein zweiter und nach dieſem ein furchtbares Wuthgeſchrei ertönte. . Dolgorow, auf den die Schüſſe gefallen waren, kehrte vollen Laufs zurück; er hielt ſich die getroffene Seite, doch ſchwang er noch muthig den Säbel und rief die Bedienten zur Hülfe auf. Dieſe waren unbewaffnet und zauderten. „Fechtet, oder ich ſelbſt ſtoße Euch nieder,“ tobte Dol⸗ gorow und ſtampfte mit dem Fuß, daß das Gewölbe dröhnte. Die erſchrockenen Sklaven ließen Ludwig und Bernhard los und eilten zu ihrem Herrn heran. Da erfüllte plötzlich heller, rothleuchtender Fackelſchein das ganze Gewölbe und Ludwig erkannte den getreuen Willhofen, der, in der Rechten den Säbel, in der Linken einen hellen Brand ſchwingend, eben auf der Höhe der Treppe ſichtbar wurde. Raſchen Laufs drang er vorwärts, eine Menge Leute mit Knitteln und Stangen hinter ihm her. Sie ſtürmten wild auf Dolgorow und die Seinigen ein; dieſe ergriffen die Flucht und ſtürzten den Corridor hinunter. Dolgorow wollte Stand halten; doch er wurde überwältigt, zu Boden geworfen, die Schar drang vor, und bevor Ludwig ſich beſinnen konnte, ergriff Willho⸗ fen ſeine Hand, ſchüttelte ſie fröhlich und rief jubelnd:„Wir ſind gerettet, Herr!“ Ludwig ſank dem Getreuen an die Bruſt und hielt ihn in trunkener Beklemmung der Freude umfaßt. Bianca kniete auf dem Boden; das Haupt des nie⸗ dergeſunkenen Bruders lag in ihrem Schooß, ſie faltete die Hände über ſeinem blaſſen, blutigen Antlitz, ihre bebenden Lippen vermochten kein Wort hervorzubringen, doch in ih⸗ rem emporgerichteten Auge glühte der reinſte Dank gegen den Allgütigen.„Bruder, nur Du öffne das Auge wieder!“ ſtammelte ſie nach einigen Augenblicken und ſuchte ihm das geſunkene Haupt emporzurichten. Da kehrte ihm die Be⸗ ſinnung zurück, er ſchlug das Auge auf und fragte:„Wo bin ich?“ — 336— „Am Herzen Deiner Schweſter,“ rief Bianca mit dem Jauchzen der Freude und ihre wallende Bruſt vermochte kaum zu athmen. Ludwig hatte ſich zu ihr niedergebeugt und half ihr den Ermatteten emporrichten. Er wiſchte ihm mit ſeinem Tuch das Blut von der Stirn und fragte:„Schmerzt Dich die Wunde? Iſt ſie tief?“ „Nein, Beſter,“ ſprach Bernhard,„mir iſt recht leicht und wohl. Aber was iſt geſchehen?“ „Noch weiß ich es ſelbſt kaum,“ erwiderte Ludwig. „Aber zuerſt muß Dir Hülfe werden.“ Der Freund und die Schweſter leiteten ihn auf ſein Gemach. Hier wuſch ihm Bianca ſelbſt die Wunde und verband ſie mit ihrem Tuch. Während deſſen trat Willho⸗ fen ein. Ludwig deutete auf ihn und ſprach:„Dieſer iſt unſer Retter: aber wie er es wurde, hat er uns noch nicht erklärt.“ „Wahrhaftig, ich weiß es ſelbſt kaum,“ entgegnete Will⸗ hofen.„Ich hielt draußen auf der Brücke und wartete auf Euch, lieber Herr, als ich plötzlich ein lautes Schreien und gleich darauf einen Schuß hörte. Da wandte ich mein Pferd um und ſah die Leute aus der Thorwärterſtube nach dem Schlitten ſtürzen. Nun wußte ich, was es gab. Unſchlüſ⸗ ſig, ob ich fliehen oder bleiben ſollte, ſah ich von draußen den Lärm mit an. Als aber alle die Kerle die Treppen herauf⸗ ſtürzten und der Thorweg leer ward, kam mir der Gedanke: Die gefangenen Franzoſen müſſen uns helfen! Wie der Sturm⸗ wind ſprenge ich in den Hof; der Kerl mit ſeiner alten Muskete, der vor der Thür des Gewölbes, wo ſie eingeſperrt ſind, Schildwache ſtand, war ſich keines Angriffs gewärtig; denn vom Pferde ſpringen, ihn zu Boden werfen, ihm das Ge⸗ wehr entreißen und ihm mit einem Kolbenſchlag das Hülfe⸗ “ ſchreien verbieten, war eins. Das Thor iſt nur von außen verriegelt; ich reiße die Riegel zurück, ſpringe hinein, in der zweiten Thür ſteckt der Schlüſſel, ich öffne und die Gefan⸗ genen ſind frei. Schnell raffe ich das bischen Franzöſiſch, das ich von meiner Jugend her weiß, zuſammen und frage, ob ſie Muth hätten, ſich frei zu machen? Ich brauchte beim Henker nicht zwei Mal zu fragen.„So kommt,“ rief ich, und ſie folgten mir in den Hof. Als ich ſie im Freien hatte, führte ich ſie an einen Haufen Knüppelholz, der gleich rechts in der Ecke liegt, und hieß ſie ſich raſch tüchtige Knüttel neh⸗ men und dann mir nach dem Thore folgen. Indeſſen laufe ich voraus, ſchließe das Außenthor ab, damit mir die Bur⸗ ſche nicht etwa vor der Naſe alle zum Teufel in den Wald hinaus liefen und uns im Stich ließen, reiße aus dem Ofen der Wächterſtube ein paar Brände heraus und trommle und winke ſie nun herbei. Sie ſtürzen pfeilgeſchwind heran, mir nach, die Treppen mit wildem Geſchrei herauf und— das übrige wißt Ihr ja. Jetzt ſind wir des Schloſſes Meiſter. Aber wir thun doch wohl, noch in dieſer Stunde abzuziehen, denn man kann nicht wiſſen, was die nächſte bringt.“ „Braver Burſche,“ rief Bernhard,„Du biſt ein Deutſcher geblieben, mitten in Rußlands Steppen. Ich fühle mich kräftig genug, Freunde, laßt uns eilen, das Freie zu gewinnen.“ „Der Schlitten iſt noch angeſpannt,“ antwortete Willhofen, „wir können Augenblicks fort. Aber horch, was iſt das?“ Man hörte am Thore pochen und draußen Peitſchen⸗ knall und das Schellengeläute eines Schlittens. Alle erſchraken. „Nur ruhig! Wir wollen ſehen, wer es iſt,“ ſprach Willhofen;„ſind es ihrer Viele, ſo laſſen wir ſie nicht ein. Gegen Wenige behalten wir die übermacht, denn unſere Feinde hier ſind ſchon unſchädlich gemacht.“ Damit ging er III. 135 — e — 338— hinaus, um aus einem der vordern Fenſter zu ſehen, wer ſich nahe. Nach drei Minuten kehrte er wieder und berichtete: „Gefahr hat es nicht, gnädigſte Fürſtin, es iſt der Vater Gregorius!“ „Den ſendet mir der Himmel ſelbſt!“ rief Bianca.„O des gütigen Greiſes, der die Nacht und den Winter nicht ſcheut, um meiner Bitte, ſo ſchnell er es vermag, zu willfah⸗ ren. Offne, öffne— nein, ich ſelbſt will ihm entgegen.“ Sie eilte ſo raſch hinab, daß Willhofen ihr kaum zu folgen vermochte. Nach wenigen Minuten kehrte ſie an der Seite des Greiſes, dem ſie ſich wie eine liebende, vertrauende Tochter anſchmiegte, zurück.„Seht, mein Vater,— hier iſt er— er iſt wahrlich mein Bruder!“ Bernhard ſtand ehrfurchtsvoll auf, denn das Antlitz Gregors glich dem eines Heiligen; eine ſanfte Freude mil⸗ derte den Ernſt ſeiner Züge, ſein Auge glänzte, eine ſtau⸗ nende Verehrung der göttlichen Fügungen leuchtete aus dem frommen emgorgehobenen Blick.„So wunderbar leitet der unerforſchliche unſere Schritte,“ ſprach er unwillkürlich ſtill ſtehend,„ſo führt er die Geſchicke an unſichtbaren Fäden. die er allein zu knüpfen und zu löſen vermag! Sei mir ge⸗ grüßt, mein Sohn,“ fuhr er näher tretend fort und legte die Hand auf Bernhards gebeugtes Haupt,„der Segen des Himmels ruhe auf Dir. Siehe, der Allgütige will Dir wohl; hier, wo ſeine Schreckensengel den übermuth der Frev⸗ ler ſtrafen, hier in den öden Wäldern und Schneewüſten des Nordens, wo das ſchwarz geflügelte Verderben allen den Tauſenden naht, die das Heiligthum unſeres Herdes, unſerer Heimat, unſeres Gottes antaſteten— hier läßt er für Dich die lieblichſte Blume erblühen und gibt ſie Deiner War⸗ tung, Deinem Schutz, Deiner Ditae hin. Du kamſt mit dem Schwert, aber der Engel des Herrn entwindet es Dir und bietet Dir die Palme.“ „Ich empfange ſie mit Rührung und Dankbarkeit,“ ant⸗ wortete Bernhard und beugte ſich bewegt auf Gregors Hand. „O mein Vater,“ redete ihn Bianca bittend an,„Du ſollſt der Verſöhner ſein, Deine fromme Hand ſoll den Blü⸗ thenzweig des Glücks von Haß und Blut reinigen, die ihn beflecken. Der heiligſten Pflicht, der mächtigſten Stimme des Herzens folgend, mußte ich andere ältere Bande brechen; gern hätte ich ſie ſanft gelöſt, aber jetzo hat das Schwert der Zwietracht ſie getrennt. Sei Du der Mittler zwiſchen mir und meinen Pflegeältern; ich verdiene ihren Haß nicht, aber ſelbſt der ungerechte Fluch würde Unheil bringend an meinem Glücke haften. Wo iſt mein Vater? Wo meine Mutter? Ich will zu ihnen.“ „Ich laſſe ſie drüben im Saale bewachen, antwortete Willhofen. „So wollen wir zu ihnen,“ bat Bianca eindringend. „Mein Bruder, wirſt Du mich begleiten können? Ludwig willſt auch Du mir folgen? Erweicht Eure harten Männer⸗ herzen zu dem Werke der Verſöhnung und Liebe.“ „Welches Herz ſoll dieſer holden Bitte widerſtehen?“ ſprach Ludwig.„Der kälteſte, eherne Grimm, wenn meine Bruſt ihn hegte, würde ſchmelzen wie der Schnee vor dem ſanften Auge des Frühlings.“ Bernhard hatte ſie bei der Hand ergriffen und ſagte, indem er ſie ſanft drückte:„Ich bin ſtürmiſch, unbändig, ach ich weiß es, es iſt wenig Gutes in mir wildem Unhold. Doch Schweſter, Du— an einem Haar Deiner ſeidnen Locken kannſt Du mich leiten und feſſelſt mich unzerreißbarer als die Gewalt mit zehnfältigen Ketten. Durch Dich werde ich vielleicht noch gut, Du Beſte;— Laß uns aber hinüber.“ 15* — 340— Sie gingen. Im Saale fanden ſie Dolgorow finſtern Blickes, bleich von der innerlichen Wuth, auf⸗ und abgehend. Die Grä⸗ fin ſaß in einem Lehnſeſſel, erſchöpft und weinend. „Was wollt Ihr? Seid Ihr auch in der Verſchwörung und Eurem Vaterlande und Eurem Gott abtrünnig, Gregor?“ grollte Dolgorow den ſich ihm nähernden Greis finſter an. Dieſer erwiderte ihm mit ſanfter Stimme:„Sprecht nicht Worte des Haſſes in dieſer Stunde, wo der ewige Len⸗ ker der Dinge Euch ſein ernſtes Angeſicht gezeigt hat. Sprecht nicht Worte des Haſſes, jetzt, da wir Euch mit Liebe na⸗ hen! Ihr habt heilige Bande der Natur getrennt, aber das Auge Gottes wachte und führte Die zuſammen, die ſich ge⸗ hören ſollten. Zürnet nicht Denen, die keine Schuld tragen, verſöhnt die ſtrenge That durch milde Liebe. Die Euch ſo lange Vater nannte, ſie geht von Euch, denn eine neue Pflicht ruft ſie; laßt ſie in Liebe und Verſöhnung ſcheiden.“ Dolgorow ſchwieg und wandte ſich ab. „Mein Vater, meine Mutter!“ ſprach Bianca mit be⸗ bender Stimme und trat furchtſam näher;„ich möchte dieſe heiligen Namen, die ich durch Sie kennen lernte, nicht gern vergeſſen. Ich duldete viel, aber ich genoß auch viel des Guten; dafür bewahrt mein Herz unvergeßlichen Dank. Schei⸗ den muß ich, denn ich würde ewig eine Fremde hier geblie⸗ ben ſein. Keine Gewohnheit, keine übung des Lebens hat die Triebe und Keime andern können, die die Natur in meine Seele legte. Mir ſind andere Empfindungen und Nei⸗ gungen als Erbtheil überkommen, ich muß zurücktreten aus dieſen Kreiſen, in denen ich mich niemals heimiſch fühlte. Und mich ziehen heilige, theure Pflichten. Nicht nur das Band, was die Schweſter an den Bruder knüpft, auch ein anderes, eben ſo heiliges, umwindet mich mit unzerreißbarer 1 Feſſel. Mein Herz hat gewählt. Ich fühle, daß meine Liebe einem göttlichen Gebot gehorchte, darum bekenne ich ſie frei und offen. So müſſen ſich die alten Bande löſen. O meine 4 Ältern, laſſet es nicht gewaltſam geſchehen! Erſpart mir und Euch ſelbſt einen Schmerz, dem wir nur durch freien Entſchluß entgehen können! Scheiden wir in Liebe!“ Bittend war Bianca der Gräfin genaht und ergriff ihre herabhängende Hand.„Habe ich jemals meine Kindespflicht gegen Sie verſäumt, meine Mutter? Selbſt das ſchmerzlichſte Opfer brachte ich ja blutend und ſtumm; ein Opfer, das, ich fühle es, ſelbſt über die Macht der Altern ging. Ein waltender Gott hat meine Feſſeln gelöſt, noch ehe mich ihre Schmach berührte. Erkennen Sie den Wink des Allmächti⸗ gen! Beugen Sie ſich ſeinem Willen und ſegnen Sie mit Liebe, was Sie nicht mehr ändern können. Das ſei mein Lohn für die Stunde der unvergeßlichen Qual, wo ich mich Ihrem Willen beugte und alle Hoffnungen des Lebens be⸗ grub. Sie ſind erſtanden, mächtig erſtanden durch den wun⸗ derbaren Rath des Ewigen. O gießen Sie den milden Thau des Segens über die jungen Blüthen, vergiften Sie ſie nicht mit den kalten Tropfen des Haſſes!“ Die Gräfin wandte ſich zwar weinend, aber ungerührt ab. Ihre Thränen waren nur die der Erbitterung. Dol⸗ gorow ſtand ſtumm, unbeweglich. „Frommer Vater Gregor!“ bat Bianca mit faſt erſtick⸗ 6 ter Stimmer,„o laßt Ihr noch einmal Euer mildes Wort 4 ertönen. Eure geheiligte Stimme wird tiefer eindringen, als 5 die Bitte der Tochter.“ 1 Der Greis trat näher zu der Gräfin, redete aber zu Beiden gewandt:„Liebet Eure Feinde und thut wohl Denen, die Euch haſſen, fordert das Gebot des Herrn von uns. 1 Ihr ſollt nur die geringere Pflicht erfüllen, Liebe mit Liebe — 342— zu vergelten, da nicht zu zürnen, wo keine Schuld waltet. Das übt der Wilde gegen den Wilden! Ihr werdet Euch deß nicht weigern. Bei der Gnade des Erbarmers, deren Ihr bedürft in Eurer letzten Stunde— und wißt Ihr denn, ob die nächſte nicht die letzte iſt?— bei der ſühnenden Liebe des Heilandes, ermahne ich Euch, thut nach dem göttlichen und menſchlichen Gebot und verhärtet Euch nicht im Zorn!“ „Es iſt genug!“ fuhr Dolgorow erbittert auf.„Ihr ſeid der abtrünnige Prieſter der Feinde geworden! Was wollt Ihr jetzt von mir? Ich bin Euer Gefangener. Die Fürſtin Ochalskoi, die Tochter Rußlands, läßt den Grafen Dolgorow, ihren Vater, den Vertheidiger der Heimat durch Verräther feſſeln! Es iſt ihr geglückt, ſie mag nun weiter beſtimmen!“ „ Himmel, das iſt zu viel!“ rief Bianca und verbarg ihr Haupt an Gregors Bruſt, der den Arm ſanft um ſie legte. „Schweſter, komm, ſonſt breche ich, was ich Dir gelobt,“ ſprach Bernhard dringend, vor Zorn bebend. Ludwig trat in edler Haltung vor und wandte ſich zu Dolgorow.„Können Sie es ertragen, ſo vor dem eignen Richter Ihrer Bruſt zu ſtehen? Hören Sie auf, das ſchönſte Herz mit unwürdiger Läſterung zu kränken! Hier finden Sie kein Ohr, das durch ſolche Worte getäuſcht wird.“ Dolgorow antwortete nicht. Da erhob Gregor ſeine Hände zum Himmel und betete feierlich:„Himmliſcher Vater! Schenke du dieſer Reinen deine Gnade. Sie iſt ſchuldlos vor dir!“ Hierauf legte er die Hände ſegnend auf Bianca's Haupt.„Hier empfange den Segen des Herrn! Sein ſanfter Fittig ſoll ſich über Dich breiten und Dich ſchützen vor dem Grimm des Böſen! Und folgte ſelbſt der Fluch eines wahren Vaters Dir nach, er ſollte machtlos abgleiten von dem Schild, den der Herr durch mich über Dich breitet. Ziehe nun in Frieden, wo⸗ —— hin die heilige Stimme des Herzens Dich ruft. Rein biſt Du von jeder Schuld, ſo wird auch das heitere Loos der Guten Dir werden!!?! 1 Und mit dieſen Worten wandte er ſich ab und ging der Thür des Saales zu. Wankend folgte Bianca; Bern. hard und Ludwig ſtützten und geleiteten ſie. „Setzt Euch nur raſch in den Schlitten, lieber Herr, bat Willhofen, der ſie draußen erwartete, mit dringender Eile, „wir müſſen wahrlich fort. Aber verwahrt Euch wohl, denn die Nacht iſt kalt. Ich bin gleich hier fertig und ſetze mich dann zu Pferde, um mich warm zu reiten.“ Ludwig folgte dem Rath des redlichen Freundes. Er half Bernhard mit der Schweſter einſteigen, ſetzte ſich als Führer auf den Schlitten und nahm zum zweiten Mal die Zügel. Bianca hielt den Bruder, der ſich doch von dem Blut⸗ verluſt ſehr ermattet fühlte und in der ſchneidenden Kälte auch die Schmerzen der Wunde empfand, ſanft in ihren Armen. Jeannette ſetzte ſich, da jetzt mehr Raum zur be⸗ 8 1 quemern Lage Bernhards wünſchenswerth war, zu Gregor in den Schlitten. Willhofen hatte indeſſen die gefangenen Franzoſen ver⸗ ſammelt, die ſich nach dem Kriegsrecht in der Schnelligkeit mit allen Kleidern, Lebensmitteln und Waffen verſehen hat⸗ ten, die im Schloſſe zu finden waren. Er nahm den Füh⸗ rer derſelben, einen jungen Offizier, bei Seite und bedeutete 8 ihn, was er zu thun habe. „Folgt nur der Spur der Schlitten, ſprach er,„ſo gelangt Ihr bis an drei große Tannen, neben denen ein 4 Wegweiſer ſteht. Dort geht Ihr rechts, wenn die Spuren unſerer Schlitten ſich links wenden. Alsdann erreicht Ih⸗ Smolensk in zwei Stunden. Die Nacht iſt ſternenklar und ſchneehell, Ihr werdet genug ſehen. Die Grafin laßt Ihr — 344— am beſten hier auf dem Schloß, den Grafen nehmt in Eure Mitte als Geiſel mit, wenn Euch ja unterweges ein Trupp Nuſſen begegnen ſollte. Ich ſtehe Euch dafür, ſie krümmen Euch kein Haar, wenn ſein Leben daran hängt. Und folgt Ihr meinem Nath, ſo laßt ihn am Thor der Feſtung frei, denn es iſt nicht gut, die Rache ſeiner Feinde zu arg zu reizen, und laßt Ihr ihn mit guter Art zurückkehren, ſo kann’s Euch noch einmal zu ſtatten kommen. Auf jeden Fall aber beeilt Euch, das Schloß zu verlaſſen, denn hier ſeid Ihr keine Stunde ſicher vor ungebetenen Gäſten. Wollt Ihr aber reiten, ſo ſtehen im Stall noch etliche Pferde, aber das Zaumzeug liegt im Schnee des Schloßgrabens hinter Der al⸗ ten Mauer. Nun gehabt Euch wohl!“ Jetzt ſchwang ſich der Alte zu Pferde und ſprengte zum Schloßthor hinaus. Die beiden Schlitten folgten ihm in voller Eile. Bald nach ihnen verließen auch die befreiten Gefangenen, ihre Geiſel, Dolgorow, in die Mitte nehmend, im kleinen geordneten Trupp, das Schloß. Roch einmal wandte Bianca das Haupt zurück. Wie die Thürme des Schloſſes hinter ihr ſchwanden, athmete ſie freier und freier auf. Jetzt, da der düſtere Wald ſie in ſein ſauerliches Dunkel hüllte, lehnte ſie das Haupt ſanft ge⸗ die Bruſt des Bruders und vergoß wehmüthig ſüße Thrä⸗ nen unausſprechlicher Rührung. 8 ſnſennſfiſſinſſfiſinnſſſinſſſnſſnſſinffſſſſſſſinſſnſf 5 9 12 1 14 6 7 8 10 11 3 15 16 17 —