maaaarrrann ararararrn RRTarrrararararanhnanarhranhcrrarn Leihbibliothek ligth Eduard Ottmann in Gießen. 39 ar. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. 7,.„„ franz. od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: ..—— auf 6 Monat 2 fl. 30 Kr.. r. 1 fl. 12 Kr, 3 6 1„ 30„ 12—„ 45 7, 36„ Taranaräanhnhnanhnhnht arararaarraraar Arannanhnhnandhp 4 4 1 4 4 4 21 1 17 9 5 2 1 1. 1 7 71 anaaar ETrTannnnhr Geſammelte Schriften von Ludwig Kellstab. Leipzig: F. A. Brockhaus. — 1843. Ein hiſtoriſcher Roman von Ludwig Kellstab. Dritte Auflage. Zweiter Theil. —————— Leipzig: F. A. Brockhaus. 184˙3. —ÿ—⸗:⸗yõicynuyuꝗõᷓſſſſſ Fuͤnftes Buch. II. 1 Erstes Capitel. Seit Ludwigs Abweſenheit ſchwanden ſeiner Mutter und Schweſter die Tage ſtill und traurig dahin; Marie trug ih⸗ ren Schmerz mit ſanftem Dulden. Sie klagte nicht, ſie weinte nicht, nur in verdoppelter liebender Sorge für die Mutter ſuchte ſie Troſt; über ihr ganzes Weſen war eine wehmüthige Freundlichkeit gebreitet, welche ihr einen neuen zarteren Reiz verlieh. Sie wurde, und dies iſt die Natur edler Seelen, durch ihren Kummer beſſer, und jemehr ſie ſelbſt litt, deſto reger wurde ihre Aufmerkſamkeit und ihr Mitgefühl für die Leiden Anderer. So widmete ſie der Mutter, deren Bruſt⸗ übel ſich ſeit der innern Erſchütterung, die Ludwigs Schickſal ihr bereitet hatte, leider bedenklich verſchlimmerte, alle Ge⸗ danken ihrer Seele; vom früheſten Morgen an, wenn ſtie, vor dem Tage erwacht, einſam auf ihrem Lager ſaß, ſann ſie darauf, wie ſie durch kleine Freuden und Annehmlichkeiten der Kränkelnden über die lange, ſtumme Trauer dieſer trüben Tage hinweghelfen, ſie unvermerkt über ihren Schmerz täu⸗ ſchen wollte. Heimlich aber quälte ſie ſich mit der Beſorg⸗ niß, daß die Tage der Mutter ihrem Ziele nahe ſeien. Und nicht ohne Grund; denn ſie kannte jenes ſtille Untergraben 1 /4 der Geſundheit, welches der verſchloſſene, entweder aus Grund⸗ ſatz, oder in Folge einer beſonderen Eigenthümlichkeit des Gemüths ſich wenig äußernde, innerlich aber deſto mächtiger verzehrende Schmerz ausübt. Und die Mutter duldete ſo. Ein Fremder hätte bei dem ſteten Gleichmuthe, welchen ſie zeigte, bei ihrer freundlichen, wiewol nicht lebhaften Theil⸗ nahme an Allem, was um ſie her vorging, ſchwerlich geah⸗ net, daß die Bruſt dieſer ſtill wohlwollenden Frau von einer ſo ſchweren Sorge, einem ſo tiefen Kummer erfüllt war. Marie kannte ſie und fürchtete daher um ſo mehr, je we⸗ niger zu fürchten ſchien. So ſeltſam es ſcheinen mag, ſo war doch dieſe Zeit der Prüfungen eine ungemein wohlthätige für Marien, denn die ſtrengen Forderungen der Pflicht, welche ſie als beſorgte Pfle⸗ gerin der Mutter zu erfüllen hatte, zogen ſie von der ſteten Beſchäftigung mit ihrem eigenen Schmerze ab, der auf dieſe Weiſe unvermerkt von ſeiner herben Schärfe verlor und mild auszuheilen begann, ſodaß ſie nicht mehr die heißen Schmer⸗ zen der Wunde ſelbſt, ſondern nur die ſanfte Ermattung empfand, welche nachzufolgen pflegt, wenn die heftigſte Ver⸗ blutung vorüber iſt. Sie war auch zu einer äußerlichen Thätigkeit gezwungen, und dieſe zog ſie am meiſten von dem Verſinken in ſich ſelbſt ab. Manches trug auch Das dazu bei, daß abwechſelnd Julie oder Emma vom Lande herein⸗ kamen und ihr treulich Geſellſchaft und Beiſtand leiſteten. So verſtrich die Hälfte des Sommers faſt zum Erſtau⸗ nen ſchnell, und die Tage fingen ſchon merklich an wieder abzunehmen, als die Mutter ſich wieder geſtärkt genug glaubte, um ins Bad nach Teplitz gehen zu können, welches ſie in jedem Jahre zu gebrauchen pflegte. Der Julius war noch nicht ganz verfloſſen, als ſie dieſe Reiſe in Begleitung Ma⸗ riens antrat. An einem heitern Morgen, wo der Himmel 4 5 im reinſten Blau über der Erde ſtand, und das Silbernetz des Thaues reich blitzend über die ganze Flur geworfen war, verließen ſie die Stadt. In einem einſamen, an der Straße unweit Peterswalde ſtehenden Gaſthauſe brachten ſie die Mit⸗ tagsſtunden zu. Während deſſen kühlte ein am Himmel her⸗ aufgeſtiegenes Gewitter, welches ſich in einem fruchtbaren Regenſtrom entlud, die glühende Atmoſphäre wohlthätig ab. Sie fuhren weiter, als der Regen noch leiſe herabtröpfelte, obwol das Gewölk ſich ſchon verzog und heitere blaue Strei⸗ fen durch die duftigen Nebelſchleier blickten. Die tiefer ſtehende Sonne warf freundliche Strahlen ſeitwärts herein, daß Laub und Auen im funkelnden Diamantenſchmuck der Tropfen glänzten. So erreichten ſie den nollendorfer Berg, den ſie langſam hinanfuhren. Mit der Nachmittagsſonne langten ſie auf dem Gipfel bei der kleinen Kirche an, und nunmehr lag das ganze Königreich Böhmen zu ihren Füßen ausge⸗ breitet da. So oft Marie auch dieſen großartigen Anblick gehabt hatte, ſo war ſie doch immer neu von demſelben überraſcht und entzückt. Sie ſtieg mit der Mutter aus dem Wagen und ging mit ihr von der Straße ab bis an die Kapelle, wo ſie ſich im Schatten derſelben— denn die Sonne ſtand ſchon weſtlich hin⸗ ter dem Gebirg— auf eine Bank niederſetzten. Das Erzge⸗ birge dehnte ſeine grüne ſchattige Waldmauer majeſtätiſch nach Südoſt hin aus; in den tiefen Schluchten glänzten die rein⸗ lichen Häuſer vieler Ortſchaften, Schlöſſer, Abteien. Die langen Waldungen ſtreckten ſich oft weit in das Land hin⸗ ein, bevor ſie ſich in Kornfelder oder Wieſen verliefen; die Chauſſée zog ihren weißen glänzenden Streifen in ſchlängeln⸗s der Windung den Abhang des Berges hinunter, theilte den Fichtenwald und reihte dann nach und nach die reichen Dörfer der Hügelebene an ihrem Bande a Marie i ———————y mit Wohlgefallen ihre Blicke über die bekannte Landſchaft ſchweifen. Mit träumeriſcher Ahnung heftete ſie das Auge an die hohen blauen Bergkoloſſe der beiden Miliſchauer, welche, ein majeſtätiſches Zwillingspaar, im Herzen Böhmens aufſtiegen und den Haupttheil der öſtlichen Begrenzung des Horizonts einnahmen. Über ſie hinaus, dorthin, wohin der Weſtwind die verziehenden Gewitterwolken trieb, dorthin lag das ungeheure Land, wo jetzt die Theuerſten weilten, welche ſie auf Erden beſaß. Denn in tiefer, verſchleierter Stille ſchlug ihr Herz auch für den Mann, deſſen männlichwür⸗ diges Weſen, deſſen edler Sinn ihre Liebe zugleich mit der wärmſten Achtung gewonnen hatte, und dem ſie gern gefolgt wäre, wenn ſie ſich nicht durch heiligere Bande an das Va⸗ terland gefeſſelt fühlte. Der Wagen mußte des ſteilen Abhanges wegen einhem⸗ men, daher konnten die Frauen einen nähern Fußpfad ein⸗ ſchlagen, der ſich bald wieder mit der Straße vereinigte. Dort ſtiegen ſie ein und erreichten nunmehr nach wenigen Stunden ihren wohlbekannten Aufenthaltsort. Sie wurden daſelbſt von ihren alten Wirthen, dem Tiſchlermeiſter Holder und ſeiner Frau, denen ſie ſchon angemeldet waren, aufs freundlichſte begrüßt, und Marie hatte die Freude, von allen Kindern des Hauſes, ſelbſt von dem kleinen vierjährigen Mädchen, wieder erkannt zu werden. In wenigen Minuten waren ſie in ih⸗ ren beiden ſtillen Gartenſtübchen eingerichtet und fühlten ſich ſo traulich und wohl daſelbſt wie in ihrem eignen Hauſe. Die Thür ihres Wohnzimmers leitete unmittelbar in den ziemlich großen Garten— denn das Haus lag in der Vor⸗ ſtadt— hinaus; zwar war derſelbe größtentheils zu Obſt und Küchengewächſen benutzt, jedoch fanden ſich auch einige Blu⸗ menſtöcke und ſchattige Lauben darin, welche einen ganz an⸗ genehmen Aufenthalt gewährten, zumal da man in der Ferne 4 4 5 4 den Schloßberg mit ſeiner herrlichen Ruine über die Gebüſche hineinragen ſah. Marie hatte einen ganz eigenthümlich weiblichen Sinn des Einniſtens und Einbauens in trauliche Verhältniſſe; es war ihr zur andern Natur geworden, Alles um ſich her freund⸗ lich und heimiſch zu geſtalten. Ein nicht geordnetes Zimmer erregte ihr oft, ohne daß ſie ſich deſſen ſelbſt bewußt war, ein peinliches Unbehagen. Dagegen fand ſie ſich glücklich im Einrichten und Aufſchmücken eines Ortes, den ſie zum Aufent⸗ halt gewählt hatte. Nicht daß ſie die Pracht oder auch nur die modiſche Eleganz geliebt hätte, aber Alles um ſie her mußte einen freundlichen Anſtrich haben. Die Art, wie ſie einen Blumentopf ſetzte, ihre weiblichen Handarbeiten im Zimmer um ſich her ordnete, die Bücher, welche ſie zunächſt las, ihre Noten, kleinen Zeichnungen rings um ſich her ver⸗ breitete, alles Dies gewährte eine Behaglichkeit, von der ſich jeder Eintretende, ſobald er nur einen Blick über das Zimmer geworfen hatte, überraſcht fand. So war es denn auch jetzt ihr erſtes Geſchäft, die Koffer auszupacken und die Räume des Gemachs theils zu füllen, theils zu zieren. Ihr weib⸗ licher Ordnungsſinn war aber nicht auf äußern Schein allein gerichtet, ſondern erſtreckte ſich auch überall dahin, wohin das Auge des fremden Beobachters nicht drang. In ihrem Näh⸗ tiſch, ihrem Kleiderſchrank war dieſelbe zierliche und bequem⸗ nützliche Einrichtung anzutreffen wie in ihrem Zimmer; ja, in ihrer Kleidung, in ihrem Haar erkannte der Beobachter das Walten deſſelben Geſetzes, die Wirkſamkeit derſelben Eigen⸗ ſchaften der Seele. Sollte man ſich verwundern, wenn dieſe trauliche Ordnung und harmoniſche Verbindung der Räume und Dinge auch gewiſſermaßen in ihrem Charakter ſelbſt zu erkennen war? Sie hätte einen düſtern Kerker wohnlich zu machen gewußt durch weibliches Ordnen und Walten— wie hätte ſie nicht durch fromme entſagende Betrachtung, durch ein ſtetes aufmerkſames Zuſammenhalten ihrer Kräfte und Pflichten, durch ein williges Anerkennen alles Deſſen, was ihr Gütiges begegnete, auch der trüben Verwirrung tief ſchmerzlicher Geſchicke eine ſanftere Geſtaltung geben, durch einen gefaßten Willen die Heftigkeit aufgeregter Leidenſchaf⸗ ten auf eine ſchöne, wohlthuende Weiſe zügeln ſollen? Dieſer eigenthümlichen Kraft ihres Gemüths verdankte ſie eine ſanfte Heiterkeit, die ſie ſogar in ſo traurigen Zeiten, wie ſie jetzt durchlebte, nicht verließ und ſich auch auf ihre Umgebungen verbreitete. Und die ſegnende Wirkung dieſer, es iſt ſchwer zu entſcheiden, ob durch übung des Willens oder durch eine glückliche Naturanlage erlangten Kraft ſtrömte auch auf ſie ſelbſt zurück. Denn wie ſie durch dieſelbe ihre Nächſten, Liebſten und vor Allen ihre Mutter erheiterte, ſo wurde ſie ſelbſt in der That glücklicher, froher, hoffnungs⸗ reicher und ſah, wenngleich durch einige trübe Schleier, doch mit freierem, vertrauensvollem Blicke in die Zukunft hinaus. Am erſten Abende verließen beide Frauen das Haus nicht mehr; Marie hatte den Theetiſch in die Gartenlaube tragen laſſen, wo man, von wilden Weinranken und blühendem Je⸗ längerjelieber umſchattet, behaglich im Kühlen ſaß und den Schloßberg mit ſeinen Ruinen, von der Abendſonne glän⸗ zend vergoldet, vor ſich ſah. Hierhin lud ſie die Töchter des Wirthes ein, Anna und Thereſe, die erſte ein zwölfjähriges, kluges, aufgewecktes Kind, das Marien ſchon ſo manche Be⸗ lehrung verdankte und ſie wohl genutzt hatte, die andere ein blondes, vierjähriges Lockenköpfchen, deſſen drollige Munterkeit und liebkoſendes zuthuliches Weſen es Marien ſo lieb wie ein Schweſterchen machten, wenn ſie auch nicht die Pathe der Kleinen geweſen wäre. Anna fand ſich geehrt dadurch, „ * 5 daß ſie mit ihrem Strickzeug, einer kleinen Dame gleich, an dem Theetiſch der fremden Herrſchaften ſitzen konnte; Thereſe ergötzte durch ihr munteres Plaudern und ihre naiven Fragen⸗ Marie ſorgte für Beide mit der Freundlichkeit einer ältern Schweſter und munterte ſie durch ein Eingehen auf ihre kin⸗ diſchen Vorſtellungen zur freieſten Außerung ihres Weſens auf, bis endlich Thereſe, ungeduldig, ſo lange zu ſitzen, mit einem Stückchen Zucker in der Hand munter davonhüpfte und Marien aufforderte, ſie zu haſchen. Einem kleinen Amor gleich ſchlüpfte das Kind durch die Gebüſche, um der mit ſcherzhafter Drohung nacheilenden Marie zu entfliehen; dieſe trieb abſichtlich das muthwillige Spiel eine Zeitlang fort, weil es gar zu reizend ließ, wenn die Kleine ihr Locken⸗ köpfchen hinter den Zweigen eines grünen Buſches hervor⸗ ſteckte und mit ihrem Silberſtimmchen fragte:„Siehſt Du mich, Tante?“ Indeſſen war die Abendröthe faſt verduftet, und bläu⸗ liches Mondlicht miſchte ſich mit der roſigen Dämmerung, die ſich über den Garten ergoß; die Sichel des Neumonds ſchwebte auf dem blauen ruhigen Ocean des Himmels und warf ſilberne Blicke zwiſchen die flüſternden Gebüſche hindurch. Die Kinder mußten nun hinauf, um ſchlafen zu gehen, und Thereſe war auch, nachdem dem aufregenden Spiel der Neckereien die Abſpannung gefolgt war, herzlich müde. Sie folgte daher willig der Dienſtmagd und ließ ſich hinauftra⸗ gen. Die zunehmende Abendkälte nöthigte auch die Mutter, das Gemach zu ſuchen; Marie ging noch eine Zeitlang im Garten auf und nieder, dann folgte auch ſie nach und ge⸗ noß bald einer ſanften, erquickenden Ruhe, die ſelbſt das trauernde Herz nicht flieht, wenn es zugleich ein reines iſt. Mit dem nächſten Tage begannen die Einrichtungen, welche man für den Gebrauch des Bades zu treffen hatte; 1** ein ſehr frühes Aufſtehen wurde nothwendig, die übrigen Beſchäftigungen mußten danach geregelt werden. Dahin ge⸗ hörten auch die Spaziergänge, welche der Arzt verordnete. Marie begleitete ihre Mutter überall; während ſich dieſelbe im Bade befand, pflegte ſie mit einigen Bekanntinnen aus Dresden, die ſich gleichfalls als Badegäſte eingefunden hat⸗ ten, einen Spaziergang, zumeiſt im Schloßgarten, zu machen. Auf dieſem wurde Marie, ſo eingezogen ſie übrigens lebte, doch allmälig mit den verſchiedenen, zum Theil ſeltſamen Figuren, welche ſich in dem Badeort verſammelt hatten, be⸗ kannt. Nach und nach wußte man, mit wem man die Ba⸗ dezeit zubrachte, Abreiſende wurden vermißt, Neuankommende ſogleich bemerkt. Die größere Freiheit des Umgangs, welche in einem Bade herrſcht, brachte es mit ſich, daß man auch mit fremderen Männern leicht in ein Geſpräch gerieth. Dieſe ſchloſſen ſich auch ſehr gern an die Gruppe an, in welcher ſich Marie befand; denn ihr feiner Wuchs erregte ſchon von ferne Aufmerkſamkeit, ihre zierliche, wiewol ſehr be⸗ ſcheidene Tracht reizte näher zu gehen, der ſanfte, weibliche Ausdruck ihrer Züge, der treue Blick des blauen Auges und vor Allem ihr einnehmendes, von ſpröder Zurückgezogenheit wie von anmaßendem Hervortreten gleich entferntes Weſen feſſelten ſo mächtig, daß ſich ältere wie jüngere Männer be⸗ ſtrebten, in ein Geſpräch mit ihr zu kommen. Auch Frauen fühlten ſich durch Mariens Weſen ungemein angezogen, und einſtimmig bedauerte man es, daß dieſe liebenswürdige Er⸗ ſcheinung nur in der einen Morgenſtunde ſichtbar war und für den ganzen übrigen Theil des Tages verſchwand. Zum Theil war dies eine Täuſchung; denn obwol Marie nur die ſchönſten Abende zu Spaziergängen benutzen konnte, weil die Mutter jede Feuchtigkeit und Kühle ſcheuen mußte, ſo war ſie doch nicht ſelten mit dieſer und auch wol im Kreiſe —— — — 1— einiger näheren Bekannten in den ſchönen Umgebungen von Teplitz anzutreffen. Freilich aber wählte ſie nicht jene von der großen Welt beſonders vorgezogenen Orte, wo ſich eine glänzende Menge zu verſammeln pflegte, ſondern ſie ſuchte ſchöne, aber einſame Punkte am liebſten auf, wo ſich kein anderer Genuß darbot als der jener reinen, erquickenden Gaben, welche die Natur uns aus nächſter Hand wohlwollend reicht. Indeſſen hatte Mariens Erſcheinen auf den Morgenſpazier⸗ gängen ſie doch der jüngeren Badewelt nachgerade ſo bekannt gemacht, daß man ihre Gegenwart bei einem ländlichen Feſt, welches man veranſtalten wollte, für unerläßlich hielt, wenn dieſes nicht ſeines ſchönſten Schmuckes entbehren ſollte. Als ſie daher eines Morgens in der Nähe des Brunnens wie gewöhnlich in Begleitung ihrer Freundinnen erſchien, näherte ſich ihr eine Deputation junger Männer, an deren Spitze ein öſtreichiſcher Nittmeiſter, Arnheim, ſtand, welcher das Bad beſuchte, um dadurch einen in Folge einer ſchweren Ver⸗ wundung, die er in der Schlacht bei Wagram erhalten hatte, gelähmten Arm zu heilen. Er redete ſie mit beſcheidenem Weſen folgendermaßen an:„Ich habe Ihnen im Namen der Brunnengeſellſchaft eine große Bitte vorzutragen, mein Fräu⸗ lein; allein ich fürchte faſt, Sie ſchlagen mir ſie ab.“ „Gewiß nicht,“ erwiderte Marie freundlich,„wenn die Erfüllung irgend in meiner Macht ſteht. Doch wüßte ich nicht,“ ſetzte ſie unbefangen laͤchelnd hinzu,„was ich zu thun vermöchte, woran der Geſellſchaft etwas gelegen ſein könnte.“ „Sie ſind bis jetzt nur ein Morgenſtern für uns gewe⸗ ſen, der mit dem wachſenden Tage verſchwand,“ antwortete. der Rittmeiſter, der dem Gleichniß übrigens nur einen ſcherz⸗ haften Ton gabz„wir wollten Sie bitten, uns doch auch einmal als Abendſtern zu glänzen. Auf morgen haben wir ein gemeinſames Feſt veranſtaltet; es würde uns ſehr leid 3 — 12— * thun, wenn es des ſchönen Schmuckes, den Ihre Gegen⸗ wart ihm leihen müßte, entbehren ſollte. Dürfen wir dar⸗ auf hoffen?“ Zugleich waren die übrigen jungen Leute näher getreten und vereinigten ihre Bitten mit denen des Rittmeiſters. „Sehr gern werde ich die Einladung annehmen,“ ſprach Marie freundlich,„wenn meine Mutter es erlaubt.“ „Nehmen Sie unſern aufrichtigſten Dank zuvor,“ ent⸗ gegnete der Nittmeiſter lebhaft, und die übrigen jungen Männer äußerten ſich ebenfalls dankend und freudig. „Doch wo werden Sie Ihr Feſt geben?“ fragte Marie nach einigen Augenblicken. „Wir ſind übereingekommen,“ entgegnete Arnheim,„eine kleine Ausflucht in das Gebirge zu unternehmen und uns dabei durch Scherz und Spiel und, wenn es ſein kann, auch durch Tanz im Freien ſo gut zu unterhalten, als es uns gelingen will. Wir denken nach Auſſig hinüberzufahren und dort die Elbe hinauf nach dem Schreckenſtein zu ſchif⸗ fen. Das übrige wollen wir der Gunſt des Wetters einſt⸗ weilen anheimſtellen“ „Die Wahl der unterhaltung kann meinen Neigungen nicht entſprechender ſein,“ entgegnete Marie. Die jungen Männer drückten nochmals ihren Dank und ihre Freude aus und entfernten ſich dann, um ſich unter die übrigen Spa⸗ ziergänger zu miſchen. Die Familie aus Dresden, der ſich Marie angeſchloſſen hatte, war gleichfalls zu dem Feſt gela⸗ den, und die Töchter boten es ſogleich Marien an, mit ihr gemeinſam hinauszufahren, falls die Mutter die Theilnahme ablehnen ſollte.„Dies iſt leider nur zu gewiß,“ ſprach Ma⸗ rie,„denn der Ungewißheit des Wetters darf ſie ſich durch⸗ aus nicht ausſetzen, ja ſelbſt die Kühle des Stroms und des Abends waͤren, trotz der Warme der Jahreszeit, zu ge⸗ — 8 fährlich für ſie. Wie gern nehme ich es daher an, unter Ihrem Schutze dem Feſte beizuwohnen; nicht, daß ich ſelbſt in einer Stimmung wäre, die mir große Freude verſpräche, aber weil es mir weh thun würde, eine ſo wohlwollende Einladung auszuſchlagen.“ Indem ſie noch ſprach, kam ihre Mutter den Laubgang herauf aus dem ⸗Bade zurück. Marie trug ihr ſogleich die Sache vor und erhielt die bereitwilligſte Zuſtimmung. Zweites Capitel. Der heiterſte Morgen war angebrochen; es ſchlug eben ſechs Uhr, als Marie in einem leichten, weißen Sommerkleide, welches durch nichts als durch einige Lilabandſchleifen verziert war, muntern Schrittes, nachdem ſie die Mutter zum Ab⸗ ſchiede herzlich geküßt hatte, durch den Garten ging, um durch das Hinterpförtchen deſſelben den nächſten Weg zu jener be⸗ freundeten Familie einzuſchlagen, welche ihr zur Beſchützerin dienen ſollte. Es ſtand bereits ein Halbwagen vor der Thüre des Hauſes und die beiden jungen Mädchen flogen Marien ſchon auf der Treppe freudig entgegen.„Wir werden das ſchönſte Wetter haben,“ ſprach dieſe, nachdem die erſten Be⸗ grüßungen vorüber waren;„ich freue mich ſehr auf die ro⸗ mantiſche Landſchaft, die ich ſeit langer Zeit nicht beſucht habe.“ Während dieſes Geſprächs traten ſchon die Altern heraus, hießen Marien willkommen, und insgeſammt ging man nun die Treppe hinunter, um einzuſteigen. Bald hatte der Wagen die Stadt verlaſſen und rollte zwiſchen thauigen — 14— Büſchen und Hecken, Wieſen und Kornfeldern dem Ziel entgegen. Es mußte Wunder nehmen, daß man noch keinen Wagen auf der Landſtraße ſah, da doch eine große Anzahl von Per⸗ ſonen an dem Feſte Theil nahm. Auf einer kleinen Anhöhe, etwa eine Viertelſtunde von der Stadt, wurde man auf das angenehmſte überraſcht. Schon von weitem entdeckte ſich's, daß der Weg durch eine Blumenguirlande geſperrt ſei; höher hinaufgekommen, geſtaltete ſich eine ſehr anmuthige Ehren⸗ pforte. Denn in freien, leicht geſchwungenen Bogen knüpfte ſich die Blumenkette zwiſchen den Gipfeln zweier jungen Buchen, welche am Wege ſtanden, und das Gebüſch, von welchem dieſe umgeben waren, hatte man reich mit Kränzen geſchmückt, die ſich von Zweig zu Zweig zogen und ſo ein zwar wenig geregeltes, doch eben in ſeiner Willkür und phantaſtiſchen Freiheit höchſt überraſchendes Gemälde bildeten. Mit Vergnügen verweilten die Blicke der Mädchen auf die⸗ ſem angenehmen Schauſpiel, welches ein günſtiges Vorzeichen für die Freude des Tages zu ſein ſchien. Plötzlich, als der Wagen ſich eben unter der Ehrenpforte befand, ſprengte von jeder Seite aus dem Gebüſch ein Reiter hervor, deſſen Hut mit grünen Zweigen und Blumen romantiſch geſchmückt warz dieſen folgten mehrere, die ſich von beiden Seiten des Weges aufſtellten und den Frauen einen fröhlichen Morgen⸗ gruß brachten. Die Führer ritten hierauf an den Schlag und überreichten jeder Dame einen duftenden Strauß. Es war der Rittmeiſter, welcher Marien auf dieſe Weiſe bewill⸗ kommnete. Er und noch ein anderer Reiter begleiteten hierauf den Wagen, indem ſie am Schlage deſſelben ritten. Sie baten zugleich, man möge langſam, im Schritt fahren, weil auf dieſe Weiſe ſich nach und nach die übrigen Wagen aus der Stadt anſchließen und ſo einen langen und fröhlichen Zug bilden ſollten.„Wir ſind alſo die Erſten?“ fragte 4 —= 6. — 5— Marie, als der Wagen weiter fuhr und der Rittmeiſter da⸗ neben hinritt.„Allerdings,“ erwiderte dieſer.„Wir hatten alle Damen gebeten, pünktlich um ſechs Uhr auszufahren, und es war ſo unter uns verabredet worden, daß wir, die wir beritten ſind, alsdann hier auf der Höhe die Ankommen⸗ den begrüßen und uns zu Zweien jedem Wagen anſchließen ſollten, wobei wir, da wir uns geordnet aufſtellten, es als⸗ dann ganz der Hand des Zufalls überlaſſen wollten, weſſen Ritter wir auf dieſe Art würden. So ſollte jeder Streit, jeder ſcheinbare Vorzug vermieden werden; der Zufall ordnet die Wagen und paart die Begleiter derſelben, denn wir hat⸗ ten uns gegenſeitig unſer Wort darauf gegeben, keiner Dame die kleine überraſchung hier oben zu verrathen, allen aber die⸗ ſelbe Stunde der Abfahrt zu beſtimmen. So ſind wir auch der läſtigen Maßregel überhoben worden, auf den Rang mancher Perſonen Rückſicht zu nehmen, und wir hoffen, daß, wenn einmal bei unſerm Feſt dieſe ſteifen Geſetze des Her⸗ kommens aufgehoben ſind, ſie uns auch den ganzen Tag über nicht weiter an dem Genuß der Freude ſtören werden. Aber indem wir ſprechen, geſtaltet ſich ja unſere Karavane ſchon recht anſehnlich! Betrachten Sie nur, wie ſich uns ſchon Wagen auf Wagen nähert, um ſich unſerm Zuge an— zuſchließen.“ In der That erblickte man auf der Höhe, die man ſo eben hinuntergefahren war, drei Wagen, welche, von ihren Reitern begleitet, in verſchiedenen Zwiſchenräumen die Straße daherkamen. Bald hatten ſie den erſten erreicht und fuhren nun gleich dieſem im Schritt. Da man fort⸗ während die Straße bis zu dem Punkte im Auge behalten konnte, wo die Blumenpforte errichtet war, ſo gewährte es den heiterſten Anblick, das Ankommen der Wagen zu beobach⸗ ten, welche durch die farbigen Shawls, Kleider und hellen Hüte der Damen, wie durch die Blumenſträuße, mit denen — 16— die Reiter geſchmückt waren, lebhaft gegen die Auen und Felder abſtachen und einen ſchimmernden Glanz der Farben in das ruhige Bild der Landſchaft brachten. Die zerſtreuten Punkte, an denen das Auge haftete, rückten näher und näher zuſammen, und bald geſtalteten ſie ſich zu einer reichen bunt⸗ farbigen Kette, die ſich beweglich durch die Fluren dahinzog. Sie wand ſich mit den ſchlängelnden Krümmungen der Straße, ſtieg mit ihr jede ſanfte Höhe hinan und ſenkte ſich im maleriſchen Abfall wieder ins Thal hinunter. Es war reizend, ſie in den Gebüſchen halb verſchwinden, halb durch das Grün der Zweige ſchimmern zu ſehen, oder ſie an die ſteilere Wand einer felſigen Höhe gelehnt zu betrachten. Der ganze Zug unter dem heitern Himmel dahin, beglänzt von der Morgenſonne, bot einen ſo fröhlichen Anblick dar, daß ſchon dadurch alle Anweſenden zur Freude geſtimmt wurden, und ſich das Feſt auf das Gliücklichſte einleitete. Da jetzt Niemand mehr in der Reihe fehlte, ſo nahm man von Zeit zu Zeit auch raſchere Bewegungen und er⸗ reichte ſo bald eine Anhöhe, ungefähr in der Mitte zwiſchen Teplitz und Auſſig, wo man ein Frühſtück im Freien, für welches die Unternehmer Sorge getragen hatten, einnehmen wollte. Der Hügel gewährte einen angenehmen überblick der Landſchaft: am Fuße deſſelben dehnte ſich ein reich umbüſch⸗ tes Dörfchen aus, durch welches ein Gebirgsbach ſeinen mun⸗ tern Lauf nahm; darüber hinaus erblickte man wogende Saatfelder, die ſich über die Hügel breiteten und nur hie und da von Wieſenſtreifen durchgittert wurden. Um dieſen freundlichen Vordergrund zog das höhere Gebirg ſeine blaue, in duftige Morgennebel verſchleierte Ringmauer. Hinter dem Platz, welchen man zum Ruhepunkte gewählt hatte, ſtieg die Bergwand etwas ſteiler und dicht bewaldet auf; ſie zog ſich links abwärts bis zum Städtchen Auſſig hin, wo ſie ſich 2 * A — 17— gegen den Marienberg verlief. Dort entdeckte man auch an einer Reihe dunkler Waldhöhen das Elbthal, wiewol man den Strom ſelbſt nicht gewahrte. Eine alte Linde bot den ſchattigſten Platz zum Früh⸗ ſtücken dar; einige gefällte Baumſtämme, welche am Boden lagen, wurden ſchnell zu ländlichen Ruheſitzen umgeſchaffen; überdies breitete man die Wagenkiſſen auf dem Naſen aus und erhielt ſo für die Frauen türkiſche Polſterſitze, auf denen ſich's trefflich ruhen ließ. Bald war der ganze fröhliche Kreis gelagert, und man beſchaute einander mit ſelbſtvergnügter Zufriedenheit. Jedermann lobte die Veranſtalter des Feſtes; dieſe gingen eifrig bemüht umher, fragten nach eines Jeden Wünſchen und Bedürfniſſen und ſuchten von den Damen Rath zu erholen, wie Dies und Jenes noch zweckmäßiger ein⸗ zurichten ſei. Indeſſen kreiſten ſchon die Erfriſchungen; in den Händen der Männer ſah man gefüllte Gläſer; der Geiſt des Weines verbreitete ſeinen belebenden Einfluß; Fröhlichkeit, Scherz und Muthwille regten ſich überall; das vertraulichſte Band der Geſelligkeit verknüpfte ſchon jetzt alle Anweſenden ſo, als ob ſie längſt mit einander umgegangen wären, wiewol die Meiſten ſich doch faſt fremd waren. Marie ſelbſt wurde heiter in dieſer heitern Umgebung; doch war ſelbſt in den glücklichſten Zeiten ihre Freude immer ſtillerer Art; ſie genoß mit einem reizenden Lächeln auf den Lippen, was ſich ihr Schönes darbot, gewiſſermaßen nur in einem innern wohl⸗ gefälligen Betrachten der Bilder, welche von außen her in ihre Seele fielen. So ließ ſie auch jetzt die Blicke ruhig über den Kreis der Verſammelten ſchweifen und betrachtete die mancherlei Geſtalten, deren es ernſte und komiſche, reizende und zurückſtoßende im bunten Gemiſch durcheinander gab. Vor Allen fielen ihr aber zwei Frauen auf, welche ihr gegen⸗ über ziemlich entfernt, gegen den Stamm eines Baumes ge⸗ — 18— lehnt, auf Polſtern ſaßen und von einem ältern und einem jüngern Manne lebhaft unterhalten wurden. Sie fragte den Rittmeiſter, der ſich neben ihren Sitz auf den Raſen gelagert hatte, wer die beiden Damen ſeien.„In der That,“ erwi⸗ derte dieſer,„ich weiß es ſelbſt nicht genau anzugeben; nur ſo viel iſt mir bekannt, daß es erſt geſtern eingetroffene Fremde ſind, welche noch nicht auf der Badeliſte ſtehen. Erſt dieſen Morgen ſind ſie zu dem Feſte eingeladen worden, als die vielen an dem Hôtel vorüberfahrenden Wagen ſie aufmerk⸗ ſam auf Das machten, was man vorhabe. Zufällig wohnte einer der Mitveranſtalter, der zurückgeblieben war, um Einiges zu beſorgen, was erſt zu Mittag in Auſiig eintreffen ſoll, auf demſelben Corridor mit ihnen. Er begegnete ihnen, als ſie eben nach dem Brunnen wollten; ſie fragten ihn, was man vorhabe, und ſo konnte er natürlich nicht umhin, ſie zu bitten, eine Einladung zu unſerm Feſt anzunehmen. Da der Wagen, mit dem ſie nach dem Bade fahren wollten, vor der Thür ſtand, ſo durften ſie nur die Richtung ändern, um ſich gleich unſerm Kreiſe anzuſchließen. Und ich denke, wir werden nichts dabei verloren haben, denn die Mutter zeigt noch jetzt die Spuren hoher Schönheit, und die Tochter iſt in der That ein reizendes Weſen. Ich habe noch nicht Ge⸗ legenheit gehabt, mich ihnen vorſtellen zu laſſen, allein ihr ganzes Benehmen zeigt von einer gewandten Bildung. Ich will aber doch ſogleich einmal hinüber und den Baron Erl⸗ hofen ſelbſt nach dem Namen derſelben fragen, damit Sie volle Auskunft haben.“ 1 Noch ehe es Marie hindern konnte, war der Rittmeiſter aufgeſprungen, um die Erkundigung einzuziehen. Während deſſen hatte ſie Muße, die beiden edlen Geſtalten aufmerkſamer zu betrachten. Sie mußte ſich geſtehen, ſelten ſchönere Frauen geſehen zu haben, zumal hatte die ältere eine ſolche Hoheit K in ihrem Weſen, daß ſie, obwol die jüngere mit allen Rei⸗ zen zarter Anmuth geſchmückt war, dieſelbe doch gewiſſer⸗ maßen verdunkelte. Das ſchwarze Haar, welches die weiße Stirn bedeckte, lieh in Verbindung mit dem großen, dun⸗ keln Auge dem Angeſicht eine edle Melancholie, welcher die älteren Züge, insbeſondere die mindere Friſche der Wangen, noch einen erhöhten Grad gaben. Zwar ſaß die Fre de, und ein weiter dunkelrother Shawl verhüllte den Bau 8 Körpers, allein man war gewiß, wenn ſie aufſtand, mußte ſie den Anſtand einer Königin haben. Die Tochter war ge⸗ wiſſermaßen der ſanfte blaß aufſteigende Mond jener präch⸗ tig untergehenden Sonne gegenüber. Man konnte nicht eben von einer Ähnlichkeit zwiſchen Beiden ſprechen, doch war wenigſtens eine nationelle Verwandtſchaft ſo hervorſtechend bemerkbar, daß auch der oberflächlichſte Blick hinreichte, einen nahen Zuſammenhang zwiſchen ihnen zu erkennen. Während Marie ſich dieſen Eindrücken überließ, kehrte der Rittmeiſter zurück und ſprach:„Ich kann Ihnen jetzt genaue Kunde geben: die Damen ſind Polinnen, die ältere eine Gräfin Johanna Micelska, die jüngere ihre Pflege⸗ tochter, Namens Lodoiska.“ Marie ſchreckte freudig zuſammen, denn durch die Briefe ihres Bruders kannte ſie dieſe Namen und wußte, daß Jo⸗ hanna Raſinski's Schweſter war. Alllein ſie befand ſich in einer eignen, ängſtlichen Verlegenheit, da ſie gar nicht wußte, ob Raſinski ihrer jemals erwähnt habe; ihr Verhältniß zu Ludwig konnte er nicht mitgetheilt haben, da dieſer einen andern Namen führte, jedoch war es wol möglich, daß er ſie ſeiner Schweſter genannt hatte, zumal da alle Briefe Mariens unter Raſinski's Adreſſe gingen, und er auch Lud⸗ wigs oder Bernhards Antworten immer mit einem Couvert von ſeiner Hand und mit ſeinem Siegel einſchloß und ſie — 20— ſo an Mariens Mutter beförderte. Sie hatte die größte Sehnſucht, mit der ſchönen Frau zu ſprechen, ſich nach ihrem Bruder, nach Bernhard zu erkundigen. Eine leiſe, aber drin⸗ gende Stimme ihres Herzens, der ſie jedoch kein Gehör ſchen⸗ ken wollte, trieb ſie auch an, nach dem Manne zu fragen, der ihr ſo ſchnell theuer geworden war; welch einen Kampf mußte ſie beſtehen, wenn ſie gezwungen war, alle dieſe hei⸗ ligen, mächtigen Triebe in die ſtummen Banden des Schwei⸗ gens zu legen! Ihre Unbefangenheit für die Freude des Feſtes war dahinz alle ihre Gedanken richteten ſich nur auf den einen Punkt, ſie vermochte faſt die Blicke nicht wieder von der Gräfin abzuwenden. Der Rittmeiſter knüpfte ein Geſpräch mit ihr an, doch ſie mußte ihre ganze Kraft zu⸗ ſammennehmen, um nur die nothwendigſten Antworten geben zu köntien. So lebhaft der gebildete Mann ſprach, mit ſo geläufiger Anmuth er auch die geſellige Bedeutung eines ſol⸗ chen Feſtes zu ſchildern wußte, Marie bemerkte oftmals mit leichtem Erſchrecken, daß ſie ihn zwar aufmerkſam angeſehen, aber kein Wort von Dem, was er ſagte, gehört hatte. Sie ſah nicht, wie anmuthig ſich die Gruppen im Grünen lager⸗ ten, hörte nicht, wie fröhlicher Scherz überall laut wurde, ja ſogar der Muthwille ſchon anfing ſich ein wenig übermüthig zu zeigen. Es war ihr daher ſehr lieb, als man nach einer halben Stunde wieder aufbrach, und der Rittmeiſter ihr den Arm reichte, um ſie wieder an den Wagen zu führen. Hier gab es einige Verwirrung; denn nicht Alle hatten ſich genau die Wagen gemerkt, in denen ſie gekommen waren, und da es meiſtens Miethwagen aus Teplitz waren, ſo wußten die Wenigſten ſie wieder aufzufinden. So geſchah es, daß man in einen freundſchaftlich ſcherzhaften Streit gerieth, den der Muthwille einiger jungen Männer noch mehr verwirrte. Auch Marie kam in eine ähnliche Verlegenheit, da fremde 6 6 — 21— Damen ſchon in den Wagen eingeſtiegen waren, auf welchen ſie mit ihrer Geſellſchaft Anſprüche zu haben glaubte. Die Verwirrung war groß, aber durchaus ſcherzhaft, zumal da die jungen Männer die Kutſcher durch ein Trinkgeld anſtif⸗ teten, zu behaupten, ſie könnten gar kein gültiges Zeugniß der Entſcheidung ablegen, indem ſie ja immer mit dem Rücken gegen die Herrſchaften geſeſſen hätten, folglich nicht wüßten, wer ſich im Wagen befunden habe. Der Streit wurde bald ein großmüthiger; da Jeder nunmehr mit geſellſchaftlicher Höflichkeit Unrecht haben und dem Andern weichen wollte, ſo kam man freilich noch weniger vorwärts. Da rief endlich der Baron Erlhofen, einer der Anordner des Feſtes, der als ein wohlbeleibter Vierziger ſchon einiges Anſehen hatte, mit lauter Stimme um Gehör. Man verlangte allgemeine Stille, um ſeine Rede zu vernehmen. Er ſprang munter auf einen abgeſtumpften Baumſtamm, ſchwenkte ſein Tuch, um die Zu⸗ hörer herbeizuwinken, und als ſich eine anſehnliche co⸗ rona um ihn verſammelt hatte, begann er folgendermaßen: „Höchſt ehrenwerthe Verſammlung! Ich bin weder Cicero noch Demoſthenes, aber beide Redner würden in meinem Falle faſt eben ſo viel Schwierigkeiten haben, als ich; denn das Unüberſteigliche iſt für Alle gleich. Die Weltgeſchichte meldet uns viel von der Verwirrung beim Thurmbau zu Babel, ſie ſpricht von den Irrgängen des Labyrinths, von den unlösbaren Verſchlingungen des gordiſchen Knotens, von den gemiſchten Sämereien, welche Aſchenbrödel auseinander⸗ leſen mußte, von den unauflöslich verwickelten Beinen der Schildbürger— Alles aber verſchwindet gegen die furchtbare Verwirrung und Verblendung, mit welcher ein Gott oder ein Dämon uns in unberechenbares Unheil zu ſtürzen beabſichtigt. Die eiſernen Männer, welche aus den Drachenzähnen empor⸗ wuchſen, die Jaſon auf Medeens Geheiß mit den feuerſprühen⸗ — 22— den Stieren untergepflügt hatte, erſchlugen einander um den Stein, den der Räuber des goldenen Vließes unter ſie warf, nicht mit ſolcher Erbitterung, als wir, edle Freunde, im Kampfe um die teplitzer Miethwagen faſt ſchon gezeigt hät⸗ ten. Trojaner und Griechen fochten nicht ſo entbrannt um die treuloſe Helena, ja ſelbſt Here, Pallas und Aphrodite ſtritten nicht ſo giftig um den Apfel der Eris als unſere Schönen um die Plätze dort in der Reihe der ſtolz aufge⸗ fahrenen Wagenburg. Alle Weisheit des Minos oder des Königs Salomo wäre nicht im Stande, dieſen Streit zu ſchlichten. Ob es daher unbeſcheiden von mir ſei, falls ich mich ein wenig höher anſchlüge, als dieſe Beiden, wenn ich ein Auskunftsmittel gefunden hätte, welches Alles ſchlichtete; ob ich in einem ſolchen Falle nicht eine Lorbeer⸗, Eichen⸗ und Mauerkrone zugleich verdient hätte: darüber mögen die Ge⸗ rechten in dieſer erlauchten Verſammlung entſcheiden. Mein Vorſchlag aber iſt der, da doch einmal eine Revolution in unſerm nomadiſchen Wanderſtaate unvermeidlich iſt, ſogleich ein wahrhaft lykurgiſches Geſetz zu geben, und Freiheit und Gleichheit ungemein vollkommener herzuſtellen als in der fran⸗ zöſiſchen Republik, dadurch, daß wir allen Privatbeſitz auf⸗ heben und jene ſämmtlichen ſtattlichen Wagen und Roſſe für Nationaleigenthum erklären. Doch dies iſt noch nicht genug; mein republikaniſches Gemüth verſtattet nicht einmal, daß man ſich ſelbſt als Privateigenthum beſitze. Es werde daher unſere Geſellſchaft gewiſſermaßen als Schiffsgut gleich⸗ mäßig auf jene unſere zahlreiche Flotte verladen, welche ſich von der engliſchen durch wenig Anderes unterſcheidet, als daß dieſe mit ausgeſpannten Segeln, die unſerige mit angeſpann⸗ ten Pferden vorrückt. Um die gleiche Vertheilung zu be⸗ wirken, ſcheint mir's, verehrteſte Freunde, am angemeſſenſten, daß wir eine Polonaiſe aufführen, und ſo uns tanzend zu 4 H —— zwei und zwei Paaren einſchiffen. Findet dieſer Vorſchlag, der uns aus einer der ſchrecklichſten Calamitäten des Lebens retten ſoll, Ihren Beifall, meine Schönen, ſo bekunden Sie es dadurch, daß Sie Ihre zarte Hand den auffordernden Rit⸗ tern reichen, und mir, der ich als dux gregis, wozu mich die vorwaltende Capacität meines Geiſtes erhoben hat, vor⸗ anzugehen beabſichtige, willig paarweiſe nachfolgen.“ Nach dieſer im ernſteſten Tone von dem Baron gehaltenen Rede erhob ſich ein allgemeiner Beifallsruf, und man nahm ſein Geſetz zuerſt durch Acclamation und dann durch die That an, indem man ihm, als er die Gräfin Micelska auf⸗ forderte, ſogleich folgte. Jeder Herr, der nicht beritten ge⸗ weſen war, reichte einer Dame die Hand, ja ſogar Einige, die ſich ſchon in die Wagen geſetzt hatten, weil ihre Anſprüche nicht beſtritten worden waren, ſtiegen wieder aus und unter⸗ warfen ſich ebenfalls dem neuen Lykurgus. Erlhofen führte den Zug einigemal auf dem Naſen umher, bis ſich Alles geordnet und angeſchloſſen hatte, und alsdann nahm er ſeinen Weg nach dem nächſten Wagen, den er mit dem ihm fol⸗ genden Paare beſtieg. So ordnete ſich Alles auf das Beſte und Schnellſte, und ſelbſt die ſtrengſten Mütter und Auf⸗ ſeherinnen ließen für diesmal die Anordnungen des Zufalls gelten, ſelbſt wo er nur ganz jugendliche Paare zu einander geſellte. Auch die überraſchung that das Ihrige, um die Freude zu erhöhen, denn erſt im Einſteigen erfuhr man, welches Paar das zweite in jedem Wagen wurde. Marie ſah gleich beim Beginn des Tanzes mit klopfendem Herzen, daß ſie mit der Gräfin in einem Wagen fahren werde, indem ſie, von dem Rittmeiſter, welcher ſein Pferd einem Freunde übergeben hatte, aufgefordert, unmittelbar dem Baron folgte. So be⸗ klommen ihre ſeltſamen Verhältniſſe ſie machten, ſo mußte es ſich doch jetzt entſcheiden, ob ſie der Gräfin völlig unbekannt — 24 bleiben, oder in eine nähere Beziehung zu ihr treten würde, ddeenn es konnte nicht fehlen, daß Erlhofen und der Rittmeiſter, zumal da Beide Ordner des Feſtes waren, die Damen ein⸗ ander vorſtellen würden. Dies geſchah auch, ſowie ſie im Wagen ſaßen; kaum hatte Erlhofen Mariens Namen ge⸗ unt, als die Gräfin auch ſogleich angelegentlichſt fragte, ob ſie aus Dresden ſei und den Oberſt Raſinski, ihren Bruder, gekannt habe. Als Marie Beides bejahte, fragte die Gräfin auch nach ihrem Bruder und nach ihrer Mutter, und ob Beide an⸗ weſend ſeien. „Meine Mutter,“ ſprach Marie etwas betreten,„iſt zwar in Teplitz, allein durch Kränklichkeit gehindert, dieſem Feſte beizuwohnen; mein Bruder aber befindet ſich wieder auf Neiſen, ſodaß ich ſelbſt in dieſem Augenblicke ſeinen Aufent⸗ halt nicht anzugeben wüßte.“ Die Gräfin ſprach die Hoffnung aus, wenigſtens die Bekanntſchaft der Mutter zu machen, da ſie ſich vier Wo⸗ chen in⸗Teplitz aufzuhalten gedenke.„Dresden,“ bemerkte ſie nach einigen Augenblicken,„iſt für meinen Bruder über⸗ haupt ein ſehr glücklicher Ort geweſen, ſo kurze Zeit auch ſein Aufenthalt daſelbſt gedauert hat. Denn er hatte auch zwei Freunde dort gewonnen, welche aus Neigung zu ihm in ſeinem Regimente Dienſt genommen haben und einige Zeit zu Warſchau in meinem Hauſe wohnten. Gewiß wer⸗ den Sie ſie kennen; Graf Lomond und Herr von Soren.“ Marie gerieth in eine quälende Unruhe; einmal war jede Verſtellung, jede, ſelbſt die unſchuldigſte Unwahrheit ihrem Herzen ſo fremd, daß ſie ſogar in ſo dringenden Fällen da⸗ vor zurückbebte, und dann wußte ſie ja auch nicht, wie weit Bernhard und Ludwig mit ihr bekannt zu ſein angegeben r 5— 9 3 8 8— 25 7p. 1 haben mochten. Faſt unhörbar, über das ganze Geſicht er⸗ 3 glühend, erwiderte ſie daher:„O ja, ich kenne ſie ſehr ent⸗ fernt.“ Der Gräfin entging ihre Verlegenheit nicht, indef gab ſie derſelben eine andere Deutung; ſie glaubte nämlich aus Mariens auffallender Bewegung die Vermuthung iehen zu dürfen, daß ihr Herz bei dieſer Bekanntſchaft ſtärker be theiligt ſei, als ein junges Mädchen verrathen darf. Mit einem leichten, eben ſo ſchnell, als es entſtand, unterdrückten Lächeln ließ ſie daher das Geſpräch fallen und ging zu an⸗ dern Gegenſtänden über. Mit der Gewandtheit einer Frau von Welt wußte ſie ſich ſogleich, ohne einen auffallenden Sprung zu machen, auf das angenehmſte über das heitere Feſt zu verbreiten, deſſen Theilnehmerin ſie ſo unvermuthet geworden war. Marie fragte dagegen nach der Tochter der Gräfin, für welche ſie die junge Lodoiska hielt.„Ihretwegen,“ erwiderte dieſe,„beſuche ich hauptſächlich das Bad. Weniger weil ihre Geſundheit den Gebrauch deſſelben nothwendig macht, als weil ſie einer Zerſtreuung bedurfte, die ſie jetzt in unſerer, dem Kriegsſchauplatze zu nahe gelegenen Vaterſtadt Warſchau nicht finden kann. Nichts konnte mir daher er⸗ wünſchter ſein, als gleich bei meiner Ankunft auf eine ſo überaus heitere Weiſe begrüßt zu werden. Ich habe auch be⸗ merkt, daß dieſes Vorzeichen, wenn wir es ſo nennen wollen, auf Lodoiska einen ungemein glücklichen Eindruck gemacht hat. Sie gihe viel auf dergleichen, denn ſie iſt überhaupt eine liebe— aumerin. Leider neigt ſie ſeit einigen Monaten ſo ſehr Schwermuth, daß ich faſt daran verzweifelte, ihren 4 Ant für die heiteren Genüſſe des Lebens wieder rege zu 4 n hen. Allein nichts wirkt mehr auf den Menſchen, als 8*s Ungehoffte, Unvermuthete, worin er keine Veranſtaltung, teine Abſichtlichkeit, ſondern eine Fügung, ja gewiſſermaßen eine Wendung ſeines eigenen Geſchickes ſieht und daher mit II. 2 ₰ ——— 1 4 2— — 26— einem ungleich ſtärkern Glauben und Vertrauen daran geh als wenn er mühſelige menſchliche Beſtrebungen darin z erkennen wähnt.“ Drittes Capitel. Unter ſolchen Geſprachen, bei welchen man ſich wenigſtens in den nächſten Beziehungen kennen lernte, war der Zug ſei⸗ nem Ziele näher und näher gekommen. Schon ſah man das Städtchen Auſſig, wie es ſich an dem Ufer der Elbe male⸗ riſch hinzog, ganz nahe vor ſich. Die Reiter, welche bisher die Wagen begleitet hatten, ſprengten nun voran, um die Ankunft der Damen zu melden und Alles auf ihren Empfang vorzubereiten. Der ganze Ort kam in Aufregung, als die ſtattliche Reihe junger Männer zu Pferde ihren Einzug hielt; Alles flog an die Fenſter, vor die Hausthüren. Die nied⸗ lichſten Mädchen in ihren böhmiſchen Häubchen guckten neu⸗ gierig mit den lebhaften ſchwarzen Augen nach den vorneh⸗ men Herren hinaus, und fuhren halb verſchämt, halb ver⸗ gnügt lachend, mit den artigen Köpfchen ſchnell zurück, wenn ihnen ein Kuß zugeworfen, oder ein. Gruß hinaufge⸗ winkt wurde, wozu ſich die jungen Leute in ihrem fröhlichen übermuthe gar zu ſehr aufgelegt fühlten. Der Wirth des Gaſt⸗ hauſes war ſchon benachrichtigt; mit dienſtfertiger Eile ſpran⸗ gen er und ſeine Leute den Ankommenden entgegen und nah⸗ men ihnen die Pferde ab.„Es iſt Alles ſchon aufs beſte in Ordnung, meine Herren,“ rief der Wirth;„das ganze Haus ſteht zu Ihren Dienſten, die Zimmer ſind gereinigt 1 1 * A& — &△ und aufgeſchmückt, für eine gute Tafel habe ich geſorgt, kurz, ich hoffe, die gnädigen Herrſchaften werden mit mir zufrieden ſein.“ „Wir wollen ſehen,“ ſprach der Baron Heilborn, einer der Anordner des Feſtes,„wir wollen Alles in Augenſchein nehmen. Längſtens in zehn Minuten treffen die Wagen mit den Damen ein, und da darf nichts mehr fehlen. Haben Sie auch Blumen genug, um die Treppe zu beſtreuen, und iſt auch der Eingang gehörig bekraͤnzt?“ „Das will ich meinen, Ew. Gnaden,“ erwiderte der Wirth;„und nicht nur die Eingänge, ſondern auch der Speiſeſaal, ſo gut wir's anzuordnen gewußt haben und das freilich nicht ſonderlich ſchöne Local es zulaſſen wollte.“ Unter dieſen Worten ging man die Stiegen hinauf, um den obern Raum des Hauſes, der zum Empfang der Gäſte eingerichtet war, zu beſichtigen. Prachtgemächer durfte man freilich nicht erwarten; denn vier ziemlich grob geweißte Wände, auf denen die niedrige Decke faſt ängſtlich drückte, plumpe, ſchlecht ſchließende Thüren mit rothbrauner Farbe getüncht, kleine, trübe Fenſter, deren Scheiben in Blei gefaßt waren, und ein Fußboden von ſchlechten Dielen, der nirgend wagerecht lag, konnten freilich keinen glänzenden Palaſt bil⸗ den, und außer einiger Stuccaturarbeit an der Decke war nichts zu ſehen, was man eine architektoniſche Verzierung hätte nennen können. Indeſſen hatte der Wirth die Thüren mit dicken Eichenlaubkränzen, zwiſchen denen ſich auch einige Blumengewinde wahrnehmen ließen, behangen; der Geſchmack in der Anordnung war zwar nicht der feinſte, verlieh aber einen ländlich fröhlichen Anſtrich, wie denn Grün und Blu⸗ men uns immer freundlich anſehen, wenn ſie auch noch ſo kunſtlos geordnet ſind. Ähnlich wie die Thüren war der Saal geſchmückt; rings an ſeinen weißen Waͤnden zogen ſich 2* — 28— ir die grünen vollen Eichenkränze in anmuthig geſchwungene Bogen(eine ſchöne Form, welche das Geſetz der Schwere vo ſelbſt erzeugt) etwa einen Fuß unterhalb der Decke dahin Die Eintretenden ſahen ſich rings um und riefen dann den 4⸗ Wirth ein anerkennendes Bravo zu; denn ein frohgeſtimmte Sinn läßt ſich mit Allem genügen, was ſeiner Stimmung entgegenzukommen ſucht. Doch hatte man nicht Zeit, ſich lange im Saale zu verweilen, da die Wagen jeden Augen⸗ blick eintreffen konnten. Die jungen Leute eilten daher hin⸗ unter, ordneten an, daß Treppen und Hausflur mit Laub und Blumen beſtreut wurden, und ſtellten ſich nun müßig in das Thor, um die Ankunft der übrigen zu erwarten. Rings in allen Fenſtern lagen die erwartungsvollen Bewohner des Städtchens; ein Kreis von Kindern hatte ſich um das Haus verſammelt. So ärmlich und halb entblößt die meiſten wa⸗ ren, ſo leuchtete doch die Freude über das ungewohnte Schau⸗„ ſpiel, welches ihrer wartete, aus den muntern beweglichen Augen. Der Wirth wollte ſie verjagen, damit die gnädigen. Herrſchaften, wie er ſich ausdrückte, nicht beläſtigt würden; doch Heilborn wehrte ihm und ſprach:„Laßt den Kindern die Freude; ſie ſtören die unſrige nicht, ſo mögen ſie auch die ihrige haben; ja es macht es noch luſtiger, wenn ein ſo munterer kleiner Schwarm ſeinen Jubel erhebt. Sieht man Andere fröhlich, ſo wird man es ſelber deſto mehr; alſo laßt nur die Kleinen hier herumſpringen und jauchzen und ju⸗ beln und in die Händchen klatſchen, ſo viel ihnen beliebt. Wir wollen wetteifern, wer am luſtigſten iſt, ſie oder wir.“ Jetzt raſſelte der erſte Wagen auf dem holprigen Stein⸗ pflaſter des Städtchens; alle Käpfe drehten ſich nach der Ecke, wo die Gaſſe vom Thor in den Markt einlief. Ein Jubel⸗ geſchrei erhob ſich unter den Kindern, als die Schimmel, welche den horderſten Wagen zogen, aus der Gaſſe zum Vor⸗ * — 29— ſchein kamen.„Laßt uns die Kinder nachahmen,“ rief Heil⸗ born,„und ſalutiren!“ Dabei zog er ſein Schnupftuch aus der Taſche und ſchwang es hoch in die Lüfte. Die übrigen ahmten dieſes Begrüßungszeichen nach, und die Kinder ver⸗ doppelten ihr Jubelgeſchrei. Es waren die Gräfin, Marie, der Rittmeiſter und Erlhofen, welche in dem erſten Wagen, dem der zweite übrigens unmittelbar folgte, ſaßen. Die jun⸗ gen Männer flogen an den Schlag, um den Damen beim Ausſteigen behülflich zu ſein.„Da wäͤren wir,“ rief Erlhofen freudig,„und ſiehe da, eine ganze Volksverſammlung, um uns zu empfangen. Das iſt würdig, das iſt recht, das freut mich, Ihr meine Mitgenoſſen und Mitanordner dieſes olympi⸗ ſchen Feſtes. Bei großen Angelegenheiten muß aber auch Geld unter das Volk vertheilt werden.“ Zugleich zog er eine lange grüne Börſe hervor, nahm eine Handvoll kleiner Sil⸗ bermünzen und großer Kupferkreuzer heraus und warf ſie, im Wagen ſtehend wie ein Triumphator unter die kleine Menge, indem er laut rief:„Panem et circenses!“ Hierauf ſprang er aus dem Wagen und eilte den ſchon vorangegan⸗ genen Damen in die Hausthür und die Treppe hinauf nach. Wagen auf Wagen kamen jetzt an, fuhren raſſelnd vor, und die zierlichſten Geſtalten im ſommerlichen Putz hüpften den Tritt hinnb und in das Thor des Gaſthofes hinein. Die reichlich geſtreuten Blumen entlockten faſt jedem ſchönen Munde ein dankendes Wort. Endlich ſah man das letzte zierliche Füßchen über den Wagentritt hüpfen und im mun⸗ teren Schritt die Treppe hinaufeilen. Oben im Saal und den anſtoßenden Gemächern war Erlhofen, unterſtützt vom Rittmeiſter, Heilborn und den übrigen Dirigenten des Feſtes aufs thätigſte bemüht, Seſſel für die Damen zu ſtellen, ihnen behülflich zu ſein, ihre Shawls, Hüte, Mäntel, Sonnenſchirme, Strickbeutel und alle jene tauſend Kleinigkeiten, welche die artigen Ornamente der Frauenzimmer bilden, unterzubringen. Als einigermaßen die anfangs herrſchende Verwirrung gelöſt und die Ordnung zurückgekehrt war, entſtand die Frage, was man nun beginnen ſolle. Erlhofen zeigte nicht übel Luſt, wiederum die Rednerbühne zu beſteigen und einen Ciceronia⸗ niſchen Vortrag, wenn auch nicht de officiis oder de amicitia, ſo doch wenigſtens de deliciis zu halten. Allein der Ritt⸗ meiſter fiel ihm ins Wort und ſprach:„Ein Staat muß regiert werden und in entſcheidenden Momenten braucht ſelbſt die Republik einen Dictator. Wollen wir über Alles rathſchla⸗ gen und abſtimmen, ſo möchte darüber ſo viel Zeit vergehen, daß, wenn wir von tauſend Entſchlüſſen den beſten gefaßt hätten, es uns an nichts mehr fehlen würde als an der Zeit, ihn auszaführen. Ich ſchlage daher vor, daß wir ei⸗ nen König und eine Königin erwählen, denen wir heut ge⸗ horchen wollen; dieſe mögen dann, wenn es nöthig iſt, ihre Miniſter ernennen„kurz die ganze Verwaltung des Staates auf ſich nehmen.“ Der Vorſchlag ward mit lautem einſtimmigen Beifall angenommen, und man ſchritt ſogleich zur Wahl des Mon⸗ archen, deſſen Ernennung vorzugsweiſe den Damen über⸗ tragen wurde. Erlhofen ward einſtimmig gewählt, und man überließ es ihm, eine Königin an ſeine Seite auf den Thron zu erheben. Der Gekrönte trat mit ſtolzer Miene in den Kreis, er warf gnädige, aber d Lugleich forſchende Blicke ringsumher auf die ſchönere Häͤlfte ſeiner Unterthanen. Dann näherte er ſich mit feierlichen Schritten der Gräfin Micelska, ließ ſich auf ein Knie vor ihr nieder und ſprach:„Die mir das Schickſal zugeführt, ſei meine Beherrſcherin; ſie theile den ſchönſten Thron Europas, denn er iſt der ſorgenfreieſte, mit mir.“ Die Gräfin reichte ihm lächelnd die Hand, ſtand auf, — 4. — 31— hob ihn empor und ſprach mit Anmuth:„Ich werde herr⸗ ſchen, aber wie es der Frau geziemt, durch überredung, und gehorſam den Beſtimmungen meines königlichen Gebieters.“ Ein lauter Beifall begrüßte das neue Königspaar. Dieſes ſchritt ſofort zu ſeinen nächſten Pflichten, indem es ein Mi⸗ niſterium ernannte:„Die Juſtiz,“ ſprach Erlhofen,„behalten wir uns ſelber vor. Einen Kriegsminiſter werden wir hoffent⸗ lich nicht nöthig haben, das Finanzweſen kommt erſt auf den Abend zur Sprache; beim Licht beſehen bedürfen wir nur eines Hausminiſters und eines der öffentlichen Vergnügungen. Da deſſen Functionen aber ſehr verwickelt ſein dürften, und es uns auf Gehalt nicht ankommt, da wir keines zahlen, ſo beſetzen wir dieſe Stelle zwei⸗, drei⸗, vierfach, indem wir alle Feſtordner zugleich dazu ernennen, und es uns vorbehalten, ihnen ihre ſpeciellen Befehle zu ertheilen.“ Man war mit dieſer Anordnung des neuerwählten Mon⸗ archen vollkommen zufrieden und ſchien überhaupt geneigt, ſich dem Herrſcherpaar im Gehorſam zu fügen. Der erſte Befehl lautete, man ſolle einen Spaziergang auf den Marien⸗ berg antreten, welcher, dicht bei der Stadt gelegen, einen reizenden Blick über das Elbthal gewährt und nicht ſchwer zu erſteigen iſt. Dabei wollte man dann das Weitere be⸗ ſprechen. Paarweiſe machte man ſich auf und trat den Weg an. Es war ein heiterer Zug, der ſich leicht und mun⸗ ter, anfangs durch die Gaſſen des Städtchens zwiſchen den gaffenden Einwohnern hindurch und dann über den Naſen unter ſchattigen Bäumen dahinbewegte. Tücher, Bänder und Gewänder flatterten im Luftzuge, die farbigen leichten Sonnenſchirme ſchimmerten durch das Grün der Gebüſche. Den Krümmungen des Bergpfades folgend, fing man ſchon an, zwiſchen den Weinmauern und Gartenhecken, welche den Abhang lebendig durchſchneiden, aufwärts zu ſteigen. Man 2 ſah die Reihen dreifach übereinander, in hin und wieder lau⸗ fender Bewegung, bis ſie höher hinauf in der Biegung des Pfads und dem Dunkel des mit Gebüſchen gekrönten Gipfels verſchwanden. Erlhofen ſchritt, mit der Gräfin am Arm, an der Spitze ſeines Volkes; von Zeit zu Zeit ſtand er ſtill⸗ theils um ausruhen zu laſſen, theils um auf die ſchönen Blicke, welche man in das Thal hatte, aufmerkſam zu machen. Der Gipfel war bald erreicht; er gewährte, wenngleich nicht eine weite Ausſicht, doch einen ungemein reizenden Üüberblick der nächſten Landſchaft. In die Gaſſen des Städtchens ſah man ſo hinein, als ſtände man auf einem Thurme.„Wir können unſere Monarchie von hier oben deutlich überſehen,“ ſprach der Baron und deutete mit dem Finger auf den Gaſt⸗ hof am Markt, in deſſen Fenſter man hineinblicken konnte; nauch unſere Heeresmacht können wir zählen, die ſich dort in Form einer Wagenburg im Schatten des Rathhauſes am Markt aufgeſtellt hat. Ich ſehe aber nicht ein, weshalb ich nur unſere nächſten Beſitzthümer der Monarchie einverleiben will! Was heißt beſitzen? Meiner Meinung nach beſitzt man alles Das, was man genießt, wenigſtens ſo lange man es genießt. Dadurch erweitern ſich die Grenzen unſers Gebiets bis ins Unermeßliche; das Elbthal, deſſen ſchöner Anblick uns heute erfreuen ſoll, gehört uns nun ganz unbeſtreitbar, und was man wider unſere Herrſchaft über die Sonne, die uns heut die Luft milde erwärmen muß, und über den Mond, dem ich's beſonders aufgetragen habe, uns nach Hauſe zu leuchten, einwenden will, kann ich mir kaum vorſtellen.“ „Die ſchönere Hälfte unſeres Beſitzthums,“ erwiderte die Gräfin, indem ſie ſich freundlich umſah,„ſcheint mir der lebendige Theil unſerer Herrſchaft zu ſein; ich werde mich als eine wahre Landesmutter am meiſten in dem Wohlſein meines Volkes glücklich fühlen.“—„Wahrlich!“ rief Erlhofen, „ — 33— 8 „Ihr habt Recht, Majeſtät! Wenn ich hier unſere Unter⸗ thanen betrachte, ſo möchte ich faſt behaupten, kein Mon⸗ arch in Europa beherrſche eine ſo gebildete, reiche und ſo folgſame Bevölkerung. Denn wir haben in unſerem Staate zwar Mangel an den nothwendigſten Einrichtungen, allein aus ſehr guten Gründen. Es fehlt uns eine Policei, weil wir keine Vagabunden haben, oder vielleicht alle zuſammen welche ſind; von einem Gerichtshof wiſſen wir nichts, aus Mangel an Verbrechen, und ein Advocat könnte unter uns nicht leben, weil, ſo lange unſer Thron ſteht, noch kein Proceß geführt iſt. Armenanſtalten fehlen, weil kein Bettler ſich zeigen will als höchſtens einer um einen Kuß; und da, hoffen wir, wird man ſich im Nothfall wohlthätig zeigen.“ „Nicht zu voreilig, lieber Monarch,“ erwiderte die Gräfin lächelnd,„nicht gar zu früh laßt uns über den guten Zuſtand unſeres Reiches frohlocken. Wer weiß, ob nicht bald Zwieſpalt und Aufruhr in demſelben ausbricht; wenigſtens dürfte Ihre letzte Annahme einen Gerichtshof nöthig machen, einen Lie⸗ besgerichtshof, verſteht ſich.“—„Da führen wir ſelbſt den Vorſitz, Königin,“ rief der Baron lebhaft,„und ich wollte nur, daß ſchon ein klagbares Liebespaar vor uns ſtünde.“ Unter dieſen Geſprächen hatte man ſich einen anmuthigen Punkt ausgeſucht, der auf weichem Mooſe unter ſchattiger Umbüſchung einen einladenden Ruheplatz darbot. Der König gab das Geſetz, daß man ſich in bunter Reihe lagern ſolle; die gehorſamen Unterthanen vollzogen den Befehl willig. „Ich denke,“ erhob der Monarch die Stimme,„wir richten uns mit unſeren Vergnügungen theils nach unſeren Kräften, theils nach den Winken, welche die Natur uns ſelbſt gibt. In dieſen ſtillen Vormittagsſtunden, wo die Sonne höher und höher ſteigt, die Wärme mit jedem Augenblick zunimmt, muß man ruhend das Schöne genießen. Erſt der Nachmittag, — 34— wo mit jeder Minute uns ein kühlerer Hauch der Lüfte trifft, eignet ſich zu körperlichen Vergnügungen. Jetzt werden uns Geſpräch und Scherz am beſten thun; denn wir behal⸗ ten dabei Muße, auf das angenehme Summen und Weben der Inſekten zu horchen, den Blick aufwärts in die Laub⸗ wipfel zu richten, wie ſie, kaum bewegt durch die milden Lüfte, anmuthig ſtill unter ſich flüſtern und Sonnenſtrahl und Himmelsblau durch ihr freundliches Gitter äugeln laſſen. Ein ganz leicht bewegliches Spiel ließe ich mir allenfalls ge⸗ fallen, nur keines jener heftigen, wobei man ſich ganz außer Athem laufen muß, welches ſich überhaupt für eine Majeſtät nicht ſonderlich ſchicken würde.“ Man war ſeiner Meinung, und die Gräfin brachte, von den Damen zu einem Vorſchlag aufgefordert, ein Pfänderſpiel in Gang. Dies gab zu al⸗ lerlei Scherzen Anlaß, denn der König geſtattete nicht nur, ſondern gebot ſogar manche kühne Freiheit bei der Auslö⸗ ſung. Nachdem dieſe vollbracht war, wurde ein allgemeiner Aufbruch befohlen, um einen neuen Anſiedelungspunkt auf⸗ zuſuchen, weil die Sonne anfing empfindlich zu ſtechen, indem das zarte Laubgitter ihre Strahlen nicht mehr recht abhalten wollte. Der Monarch ſandte ſeine Miniſter als Boten nach verſchiedenen Gegenden aus, um einen angenehmen Aufent⸗ haltsort zu erkunden. Nach einigen Minuten kehrte der Ritt⸗ meiſter zurück und behauptete, einen Platz ausfindig gemacht zu haben, der alle Eigenſchaften eines angenehmen Ruheſitzes vereinige. Man folgte ihm, und er führte die Geſellſchaft auf dem Kamm des Berges thalabwärts entlang; dann ſchlug er einen Fußſteig ein, der ſich ein wenig gegen den Abhang hinunterzog und bald im dunkleren Wald verlor, wo hohe Buchen den kühlſten Schatten gaben. Hier rieſelte aus einer Felsſpalte ein klarer Quell hervor, der ſich in einem durch ihn ſelbſt gehöhlten Becken ſammelte und dann, ſanft den 3 ——, = Nand deſſelben überfließend, munter ins Thal hinabhüpfte. Der Abhang des Berges bildete die bequemſten Sitze; die moosbedeckten Wurzeln einer alten Buche gewährten einen etwas erhöhten Platz, der ſich trefflich zum Thron für das Königspaar eignete. Zugleich war man, trotz der dunklen Waldkühle, dennoch nicht ohne eine ſchöne Ausſicht, denn eine hohe Bogenöffnung der Baumgewölbe verſtattete einen Blick auf den Elbſpiegel, über den ſich gerade im Mittelpunkte des durch die Zweige begrenzten Raumes, das Schloß Schrecken⸗ ſtein auf ſeinem ſchwarzen Felſen erhob. Außerdem konnte man auch gerade vor ſich hinab ins Thal ſehen, wo die Wellen des Stromes ſilbern zwiſchen dem ſpielenden Laub heraufglänzten. Der Platz überraſchte ſo durch ſeine Schön⸗ heit, daß er mit einem allgemeinen Ausruf der Freude be⸗ grüßt wurde. Der Monarch nahm auf dem weichen Thron⸗ ſitze Platz, die Königin ſetzte ſich an ſeine Seite, die übrigen lagerten ſich im Halbkreiſe amphitheatraliſch den Bergeshang abwärts Paar und Paar auf dem Raſen.„Hier iſt es ſelbſt zum Spiel zu ſchön,“ begann die Königin; der Ort iſt faſt zu heilig, um durch leichten Scherz entweiht zu wer⸗ den. Gar anmuthig aber würde man hier einem Erzähler oder Sänger lauſchen, der uns Kunde von den romantiſchen Wundern dieſes Thales gäbe. Hat Niemand unter unſeren Unterthanen den Alten dieſes Felſens geſprochen? Erſchien keinem der Berggeiſt oder die liebliche Nymphe dieſes Stroms? Hat ſie keinen unſerer Ritter, der ſich auf der Jagd verirrte, im geheimnißvollen Dunkel des Waldes angeredet, dem Dur⸗ ſtenden einen erquickenden Becher gereicht, dem Ermüdeten den Helm gelöſt und ihn eingeladen, das Haupt ſanft in ihrem Schooße zu ruhen? Und hat ſie ihm dann nicht erzählt von ihren Schlöſſern im tiefen Bau der Felſen oder unter der kühlen ſilbernen Hülle der Waſſer? Hat ſie ihm nicht ſüße ————— — 36— Lieder geſungen, vom Rauſchen der Wellen und Bäume be⸗ gleitet, um ihn einzuwiegen in ſanften Schlummer? Führte ſie Keinen in ihre Paläſte ein und ließ ihn dem Tanz der Nymphen, ihrer Geſchwiſter, zuſchauen? Oder iſt vielleicht ein Glücklicher unter uns, den ſie gar ſchmeichelnd nach ſich zog in die geheimnißvolle Grotte, um in trauter Einſamkeit mit ihm zu koſen? Ach ich fürchte, die ſchöne Zeit der Wunder iſt vorbei, und kaum daß uns noch der Dichter Kunde gibt von jenen goldnen Tagen, wo Götter ſich zu den Sterblichen geſellten! Wäre aber Jemand hier, der es ſelbſt erfahren hätte, daß die alten holden Träume nicht verklungen ſind, daß die gütigen Weſen, von denen unſere Urväter wußten, noch um⸗ herwandeln, wenngleich tief in die Einſamkeit geſcheucht durch das unheilige Geräuſch und Getöſe der Welt: er trete auf und erzähle uns, was er erlebte.“ Es blieb Alles ſtill, doch lächelte man vergnügt über die anmuthige Weiſe, mit der die Gräfin zum Erzählen einer Sage oder eines Mär⸗ chens aufgefordert hatte. Endlich erhob ſich ein junger Mann, der kaum zwanzig Jahre zählen mochte, aber durch ſein ſanftes, beſcheidenes, faſt jungfräulich zu nennendes Weſen, ſowie durch ſeinen ſchönen blonden Lockenkopf und die zarte Röthe und Rundung ſeiner Wangen bereits Allen aufge⸗ fallen war, und ſprach:„Ich bin vielleicht der Jüngſte in dieſer Geſellſchaft und darf nicht Anſpruch machen, durch meinen Vortrag etwas zu gelten; doch ich bin in dieſen Bergen auferzogen und kenne ſo manche ſchöne Sage, mit der man ſich hier im Volke trägt. Wenn ich—“ „O erzählen Sie geſchwind, erzählen Sie,“ riefen viele Stimmen und unterbrachen ſo den Eingang, den er blöde und erröthend geſprochen hatte. Die Graͤfin aber ſtand auf und ſprach:„Das iſt ſchön, daß Sie Ihrer Monarchin ſo gehor⸗ ſam ſind; allein der Erzähler muß einen Platz haben, wo — — 37— Alle ihn ſehen und hören können. Setzen Sie ſich daher auf meinen Thron, ſo lange die Erzählung dauert.“ Die Gräfin hatte ihre Worte noch nicht vollenden können, als auch ſchon Erlhofen aufſprang und rief:„Das verhüte der Himmel, daß ich meine Königin ihres Thrones beraubt ſehen ſollte. Aber der Dichter und der Sänger iſt der wahre König, denn er beherrſcht die Herzen, und zumal der Frauen. Er nehme daher meinen Thron ein und ſitze zur Seite der Königin, deren holde Nähe ihn begeiſtern möge.“ Alles rief dieſem Entſchluſſe Beifall, und der Jüngling, Benno war ſein Name, nahm mit einer Befangenheit und Scham, die ſeinem jugendlichen Antlitz ungemein reizend ſtand, an der Seite der Gräfin Platz. Nach einigem Beſin⸗ nen erzählte er ein von ihm ſelbſt auf eine der Gebirgsſagen gedichtetes Märchen. Es enthielt die Geſchichte eines von den Bewohnern der Berge und Ströme begünſtigten Jüng⸗ lings, der die Liebe einer Jungfrau, welche in den Tiefen des Gebirgsſees wohnt, gewinnt und ihr ewige Treue ſchwört. Doch er muß ſtrenge Prüfungen beſtehen; heimliche Kräfte und Mächte umgeben ihn überall. Zwar verwahrt ihn die Geliebte mit geheimnißvollen, wunderkräftigen Geſchenken ge⸗ gen die zauberiſchen Wirkungen; doch er wird verblendet, wird untreu, und plötzlich ſieht er ſich von allen Bildern ſeiner Täuſchung verlaſſen und in tiefſtes Elend geſtürzt. Voll Verzweiflung endet er ſein Leben, indem er ſich in den See ſtürzt, auf deſſen Grunde der kryſtallene Palaſt ſeiner Geliebten verborgen iſt. Seit jener Zeit haben ſich die blauen Wogen deſſelben getrübt und verfinſtert, und ſelbſt der lich⸗ teſte Himmel erblickt ſich in der Tiefe des Gewäſſers nur in einem ſchwarzen Spiegel. 8 — 38— Viertes Capitel. Als Benno dieſe Erzählung beendet, waren alle Gemüther in einer gewiſſen ängſtlichen Spannung, und tiefes Schweigen herrſchte umher. Er hatte ſo lebendig dargeſtellt und ſeine Hörer ſo vollſtändig von der Nähe des Schauplatzes, auf dem ſich dieſe Begebenheiten zugetragen haben ſollten, überzeugt, daß man die Landſchaft umher mit der Empfindung betrach⸗ tete, wie irgend eine geſchichtlich denkwürdige Stätte, wo man gewiſſermaßen noch die Fußtapfen der dort vorüberge⸗ gangenen großen Ereigniſſe auf heiligem Boden zu entdecken glaubt und ſie mit Ehrfurcht und Rührung betrachtet. „Befindet ſich wirklich hier in der Nähe ein ſolcher See?“ Mit dieſer Frage unterbrach die Gräfin zuerſt die allgemeine Stille. „Er iſt wenig bekannt,“ verſetzte Benno,„und, aufrichtig geſtanden, auch eben nicht beſuchenswerth, falls es nicht der Sage halber wäre. Allein wie es bisweilen geht, ſo haben unſere Vorältern, trotz ihrer romantiſchen Anlage zur Poeſie, in Beziehung auf die Landſchaften, an die ſie ihre Sagen knüpften, nicht ſo viel Sinn für Naturſchönheit entwickelt, als man ſo dichteriſchen Gemüthern zutrauen ſollte.“ „Mir ſcheint dieſe Anklage doch nicht ganz gerecht,“ wandte Marie ein;„denn erſtlich finden wir wol viele Spuren, daß unſere Väter das Schöne, Schauerliche und Er⸗ habene in der Natur ſehr beſtimmt gefühlt haben, wie dies ja ſchon die Namen ausgezeichneter Berge, Felſen und Schluch⸗ ten beweiſen; zweitens aber war die Sage doch gewiß nichts rein Willkürliches, und wenn ſie ſich auch zum Theil aus der Ortlichkeit ſelbſt erzeugte, ſo bedurfte ſie doch auch gewiß dr 12 — — 39— einer Begebenheit, einer Handlung, ſodaß man ſie gewiſſer⸗ maßen als eine geheimnißvolle Tochter der That und des Orts betrachten kann. Und wie häufig findet ſich's, daß auch der Schauplatz der Begebenheiten ungemein tief mit dieſen ſelbſt in Verbindung ſteht.“ „Sie haben gewiß recht,“ erwiderte Benno ein wenig er⸗ röthend;„indeſſen kommen auch manche Beiſpiele vor, wo ſich die ſchönſten Märchen an eine wenig hervortretende Ortlichkeit knüpfen, und eines davon iſt meine Erzählung. Doch geſtehe ich gern, daß meine allgemeine Schlußfolge aus dieſen Beiſpielen etwas zu raſch war.“ „Dem ſei wie ihm wolle,“ ſprach die Gräfin,„Ihre Erzählung hat uns eine angenehme Stunde bereitet. Ich als Monarchin habe die Verpflichtung, den Dichter meines Minnehofes zu belohnen, und ich denke, es ſoll in wahrhaft fürſtlicher Weiſe geſchehen. Die Erzählung iſt auf dem reinen Boden der Natur gewachſen; mit ihren reinen ur⸗ ſprünglichen Gaben ſoll ſie auch belohnt werden. Sie empfiehlt auf eine eindringliche Weiſe die Treue als die wahrhafte Seele der Liebe und nimmt ſich ſomit insbeſondere unſeres Geſchlechts an, welches von der Treuloſigkeit der Männer ſo viel zu dulden hat. Es iſt daher billig, daß eine weibliche Hand den ſinnvollen Dichter, für den uns der Erzähler gel⸗ ten muß, belohne. Ich befehle alſo allen Jungfrauen unſeres Hofes, ſich aufzumachen, um die ſchönſten Feldblumen zu ſuchen. Bei der Rückkehr unſerer ſchönen Edelfräulein werde ich ſelbſt Drei von ihnen auswählen, um einen Kranz aus den Blumen zu flechten, und hierauf ſoll das Loos entſchei⸗ den, welche dieſer Drei den Dichter bekrönen und, ſo lange unſer Reich dauert, ſeine Gefährtin ſein wird.“ Ein allgemeiner Beifall erhob ſich, als die Monarchin dieſen Beſchluß bekannt machte. Die Maͤnner klatſchten — 40— freudig in die Hände und prieſen die Fürſtin hoch, welche einen Liebeshof ſo trefflich zu regieren wußte. Erlhofen er⸗ griff mit komiſchem Pathos einen Zweig als Scepter, erhob ihn mit feierlicher Geberde und rief:„Ihr, meine Völker! Vernehmt! Ich ertheile hiermit dem Ausſpruch unſrer könig⸗ lichen Gemahlin meine allerhöchſte Sanction. Gehet alſo hin, Ihr Jungfrauen, und kehrt nicht eher wieder, bis Ihr das Ge⸗ biet unſeres Reichs ſeiner ſchönſten Blumen beraubt habt.“ Auf dieſe Rede erhoben ſich die Mädchen und zogen mit ihren flatternden, ſchimmernden Gewändern in den grünen Wald hinein, um an ſonnigen Stellen die Blumenleſe zu beginnen. Viele der Männer hatten große Luſt, die Frauen zu begleiten, doch die Monarchin verbot es ſtreng, denn auf dieſem Zuge ſollten die Jungfrauen unbegleitet bleiben. Man hatte alſo nur von ferne den Anblick, die anmuthigen Ge⸗ ſtalten auf dem Raſen hin und wieder ſchweben, in den Gebüſchen bald verſchwinden, bald wieder erſcheinen, ſie ſich bücken, die gepflückten Blumen in den Körbchen ſammeln, bei einer gleichzeitig entdeckten ſchönen Bluüthe wetteifernd darauf zueilen, kurz alle jene anmuthigen Bewegungen und Thätigkeiten ausüben zu ſehen, die der weiblichen Jugend ſo wohl ſtehen. „Sieht der Wald nicht aus, als wäre er von Nymphen bevölkert?“ fragte die Gräfin lächelnd, indem ſie auf die blumenpflückenden Mädchen hindeutete. „Es ſind die lieblichſten Oreaden, Dryaden, Hamadrya⸗ den, Sylphiden, Elfen und Waldſchweſtern, die ich jemals geſehen,“ rief Erlhofen aus. Man ſprach ſcherzhaft noch Manches hin und her über das glückliche Loos des Dichters, über den Eifer der Frauen, ihn zu belohnen, über das zweifelhafte Glück, ſeine Gefährtin zu werden; indeſſen hatten die jungen Mädchen ihre Körbchen * 4 5 bald gefüllt und kehrten zur Geſellſchaft zurück. Sie ſchüt⸗ teten ihren Vorrath auf den Raſen, und die Königin be⸗ trachtete ihn mit prüfendem Wohlgefallen. „Sehr ſchön,“ ſprach ſie;„jetzt werde ich meine Kranz⸗ winderinnen ernennen.“ Ihre Wahl fiel auf Marie, Lo⸗ doiska und Louiſe, die ſehr artige Tochter eines wohlhaben⸗ den Mannes aus Teplitz, die von den Brunnengäſten, welche in ihrem Hauſe wohnten, zu der Spazierfahrt eingeladen war. Die Maͤdchen ſetzten ſich ſogleich auf den Raſen und begannen den Kranz zu winden, der ſich unter ihren zier⸗ lichen Händen ſchnell füllte und rundete. Als er vollendet war, wählte die Gräfin drei Blumen aus, eine wilde Roſe, eine Cyane und ein Veilchen, das ſich als ein Spätling noch an einer ſchattigen Stelle vorgefunden hatte. Dem Dichter wurden jetzt die Augen verbunden, die Gräfin gab jedem der jungen Mädchen eine der drei Blumen und gebot nun Benno zu wählen. Dieſer nannte die Roſe, und Lodoiska wurde ſeine Gefährtin. Ihr war es beſtimmt, den vollen friſch⸗ duftenden Kranz auf Benno's blondlockiges Haupt zu ſetzen. Sie nahm ihn weiblich ſchüchtern und leicht erröthend, Benno beugte ein Knie vor ſeiner ſchönen Gebieterin und empfing mit klopfendem Herzen den Lohn für ſeine dichteriſche Gabe. „Möge dieſer Kranz Sie ſo erfreuen,“ ſprach Lodoiska,„wie Ihre ſchöne Erzählung unſer Herz bewegt hat.“ Bei dieſen Worten wich das holde Erröthen wieder von ihrer Wange, und es blieb nur jener leichte Anhauch zurück, der ihren ſchönen Zügen einen ſo ungemein feſſelnden Reiz verlieh. Benno ſtand auf, ergriff ihre Hand, küßte ſie mit Lebhaf⸗ tigkeit und erwiderte mit den leicht geänderten Worten des Dichters: „O, daß mein Lohn nicht Eure Strafe werde!“ Er reichte ihr jetzt den Arm und begleitete ſie zu ihrem -— 42— Raſenſitz, wo er ſich an ihrer Seite niederließ. Indeſſen war die Sonne dem Meridian ſchon näher gerückt, und nur die hohen Wölbungen der Zweige erhielten es angenehm kühl. Doch war es Zeit, in das Städtchen zurückzukehren, wenn man das Mittagsmahl nicht warten laſſen wollte. Erlhofen als König erklärte dies für die wichtigſte Angelegenheit des Reichs und ſchwur Jedem die fürchterlichſten Strafen zu, der hierin Ungehorſam oder Verrath üben würde. Gehorſam nahm daher die Gräfin ſeinen Arm an, und der Zug ſetzte ſich paarweiſe, wie er gekommen war ,wieder in Bewegung und nahm ſeine Richtung hinabwärs. Das Mahl war bereit; in gemiſchter Reihe ſetzte man ſich um die lange Tafel, um es einzunehmen. Erlhofen mit der Gräfin präſidirten natürlich, und der Monarch ließ es nicht an mannichfaltigen Reden fehlen, zu denen die Ta⸗ fel ihm hinlängliche Gelegenheit gab. Auch brachte er ſelbſt viele Trinkſprüche aus, welche allgemeines Ergötzen erregten. Dazu kam, daß der Wein, ſo ſparſam er auch die weib⸗ lichen Lippen benetzte, die Frauen dennoch unvermerkt mit ſeiner Macht überſchlich und ſie zu jener freieren Lebhaftig⸗ keit und Keckheit anregte, die, wenn ein gebildeter ſittlicher Sinn ſie ſtets in den Schranken des Schönen erhält, ihnen ſo ungemein reizend ſteht. Sie verlieren dann unwillkürlich nur das Zuviel der Sorgſamkeit und Selbſtbeherrſchung, gewinnen jenes offene Vertrauen, was ihnen den Muth ein⸗ flößt, auch einmal ihr ganzes fröhliches Herz zu zeigen; und, wie ſie ſelbſt ſo völlig ohne Arg ſind, werden ſie feſter und feſter in dem Glauben, keine Bruſt auf der weiten Erde ſinne und beherberge etwas Unlauteres. Dann tritt die ſchöne weibliche Natur in ihrer heiteren Entfeſſelung von den Banden vor uns, die doch nur die tief in unſere Sitten und Geſinnungen eingedrungene Verderbniß den Frauen auf⸗ „ — 43— gelegt hat, und welchen ſie ſich freilich für die Dauer des Lebens fügen müſſen. Der ängſtlich hemmende Faden, an dem ſie kaum zu flattern wagten, zerreißt, und ſie gaukeln einmal fröhlich, von den Lüften und Wellen der Freude ge⸗ tragen, von freieren Flügeln gewiegt, in dem erweiterten Gebiet umher und wagen ſich zu bisher nicht gekannten Höhen und Räumen. Die Sitte und die Tugend herrſchen alsdann nur als freie ſchöne Gewohnheiten des Lebens und der Seele, nicht mehr als fremde ſtrenge Gebieterinnen über ſie. Mit der höheren Röthe der Wange färbt ſich auch die Luſt ſchimmernder und lockender; friſche Lüfte regen die un⸗ merklich fließenden Wellen der Seele zu höherem Wallen auf, und raſcher eilt der Strom zwiſchen den reizenden Ufern dahin. Die Waärme im Saale, obwol durch offene Fenſter, die ein kühles Fächeln der Lüfte erzeugten, und durch den Duft der Kränze und Blumen gemildert, wurde doch nach einiger Zeit drückend, und bald hielt es zumal die Jugend nicht mehr länger aus, an den beſtimmten Platz gefeſſelt zu ſein, ſo angenehm er durch die Nachbarſchaft wurde. Mit allge⸗ meiner Freude nahm man daher die Nachricht auf, welche Heilborn und Arnheim als Feſtordner und Miniſter brach⸗ ten, daß zwei Gondeln auf der Elbe in Bereitſchaft lägen, um die Geſellſchaft nach dem Schreckenſteine zu führen, wo man den Nachmittag zubringen wollte. Erlhofen hätte zwar noch gern eine Zeitlang bei Tafel geſeſſen, zumal da der anſehnliche Vorrath von Champagner noch lange nicht er⸗ ſchöpft war, doch die Jugend ließ ſich nicht länger feſſeln und ſelbſt ſeine königliche Autorität vermochte nichts über ſie. So brach man denn fröhlich auf, die Paare blieben geord⸗ net wie zuvor, und der Zug trat ſeinen Weg nach dem Ufer des Fluſſes an. Nieeihe reizend wechſelnder Bilder. Bald fuhr man unter — 44— Die mit luſtig flatternden Wimpeln und Kränzen ge⸗ ſchmückten Gondeln gewährten einen ſo heitern Anblick, daß man dadurch ſchon mit der beſten Hoffnung für die ſchöne Fahrt erfüllt wurde. Eine angenehme Muſik von Blas⸗ inſtrumenten— es waren böhmiſche Bergleute— ließ ſich von einem eignen für dieſelben eingerichteten Nachen ver⸗ nehmen. Die feſtlich gekleideten Schiffer, deren Hüte mit Bändern und Sträußen prangten, begrüßten die Geſellſchaft mit einem fröhlichen Lebehoch. Die Stegbreter wurden ausge⸗ legt, die Damen hüpften mit Grazie hinüber, die Paare nahmen, wie ſie einander folgten, auf den Bänken Platz; bald waren die Gondeln gefüllt, die Muſik ſtimmte einen lauten Tuſch an, unter Jubelruf der Schiffer und der ver⸗ ſammelten Zuſchauer ſtieß man vom Lande, und vom mun⸗ tern Ruderſchlage bewegt, ſchwammen die Nachen luſtig auf dem Strome dahin. Jetzt erſt, da man die Mitte deſſelben erreicht hatte, konnte man recht tief in das prachtvolle Wald⸗ thal hinunterblicken, aus dem die Elbe hervorbrauſt. Hin⸗ terwärts ſtieg das Städtchen freundlich am grünen Ufer em⸗ por und ſpiegelte ſich hell in den Wellen ab; vorwärts nur dunkle Waldhöhen, die ſich ſchroff gegen den Strom hinab⸗ ſenkten und ihr düſteres Bild in ſeine Tiefe warfen. Zur Linken wurde der Blick durch den ſchwarzen Felſen des Schreckenſteins begrenzt, der, in ſchräger Richtung aus dem Gebirge hervorragend, den Gipfel weit über die Wellen ſtreckt und ſeine Mauerkrone von verfallenen Thürmen dro⸗ hend über den Abgrund hinaushängt. Ein friſcher Wind, der das Thal hinaufwehte, machte die Ruder unnöthig; man konnte die Segel aufſpannen und ſich von ihnen gegen den rauſchenden Strom hinaufziehen laſſen. Pfeilgeſchwind zogen die Ufer an den Schiffenden vorbei und zeigten eine -— 45— einem hohen Bergkegel, der den breiten Schatten quer über den Strom warf, dahin, bald tanzten die Gondeln auf dem ſilbernen, im Sonnenſcheine blitzenden Wellen, während das Ufer in grüner dämmernder Nacht des Waldes und der Be⸗ ſchattung ruhte und ſich heiter in der Fluth abſpiegelte. Jetzt verengte ſich das Bett des Stromes, und er ſchoß brauſend zwiſchen und über Felſen dahin, jetzt erweiterte er ſich zum ruhigen See, in deſſen Tiefe die Wolken ſtill vorüberzogen. Nach einer Stunde hatte man das Ziel, den Schreckenſtein und ſeine Felſenburg, erreicht. „Ich hätte mir den Fels doch höher vorgeſtellt,“ ſprach Lodoiska zu Benno, indem ſie, am Ufer ſtehend, die Blicke nach den Thurmſpitzen hinaufwarf;„von weitem erſchien er mir weit majeſtätiſcher. Er iſt der erſte ſchroffe Fels, den ich in meinem Leben ſehe, denn bei uns in Polen iſt das Land nur eben und von Wald oder Brüchen durchſchnitten.“ „Laſſen Sie uns nur erſt den Gipfel beſteigen,“ erwi⸗ derte Benno,„alsdann werden Sie es wol bald empfinden, daß der Fels nicht unbedeutend iſt. Jetzt verſchwindet er freilich gegen die viel höher hinter ihm aufſteigenden Wald⸗ gebirge.“ Lodoiska heftete noch immer die ſinnenden Blicke auf den verwegen überhangenden Gipfel.„Gebirgsländer ſind doch ſehr ſchön!“ ſprach ſie nach einer kleinen Pauſe.„Polen hat auch Gebirge, aber nur im ſüdlichen Theile, wo ſich einige Zweige der Karpathen erheben. Ich bin niemals dort geweſen.“ Ein Theil der Geſellſchaft hatte, während Beide ſprachen, ſchon den Weg, die Felſenhöhe hinauf, angetreten; Benno reichte daher ſeiner ſchönen Kranzwinderin den Arm und führte ſie gleichfalls den ſteilen Pfad hinan. Als ſie die Höhe bald erreicht hatten, wollte ſich Lodoiska umwenden, —y——— — 46— um des Rückblickes zu genießen, doch Benno bat ſie, es zu laſſen.„Gönnen Sie mir die Freude, Sie oben auf dem ſchönſten Punkte mit dem überblicke des Ganzen zu über⸗ raſchen. Ich würde Sie bitten, die Augen ganz zu ſchlie⸗ ßen, wenn der Weg nicht von der Art wäre, daß ſelbſt der aufmerkſamſte Führer nicht vor kleinen Unfällen ſchützen kann. Der Boden iſt zu rauh, es liegen hier viele Steine im Wege, die Nichtung ändert ſich oft zu ſchnell, um mit geſchloſſenen Augen feſten Fuß zu faſſen. Aber heften Sie nur die Blicke gerade auf den Pfad vor ſich, und gewinnen Sie es über ſich, weder rechts noch links zu blicken, ſo werden Sie einen reichen Lohn für dieſe Enthaltſamkeit empfangen.“ Lodoiska verſprach es gutmüthig und ließ ſich nun ganz durch Benno, der ſie bei der Hand ergriffen hatte, leiten. Die übrigen Mitglieder der Geſellſchaft neckten ſie mit ihrem Gehorſam, doch ließ ſie ſich nicht irre machen, ſondern lä⸗ chelte ſtill vor ſich hin und ſprach:„Ich traue meinem Füh⸗ rer, denn er kennt dieſe Gebirge genau und weiß ihre Schönheiten zu empfinden.“ Vergeblich ſuchten einige junge Leute muthwillig ihre Neugier rege zu machen, und rühmten bald dieſen Blick in die Tiefe, bald jene Ausſicht das Thal herunter; ſie blieb ſtandhaft. Nach kurzer Wanderung ſtand ſie auf dem Gipfel, und Benno führte ſie nun durch das Gemäuer hindurch in einen Eckthurm, wo man einige halb verfallene Stufen hinanzuſteigen hatte, ſich aber alsdann in einem kleinen Naum mit weit ausgebrochenen Fenſterhöhlen befand, der ſo auf der äußerſten Grenze des Felſens liegt, daß man gar keinen Boden unter ſich gewahr wird, ſondern frei über dem Elbſpiegel zu ſchweben ſcheint. Bevor ſie hier eintrat, hatte Lodoiska das Auge auf Benno's Nath ganz geſchloſſen und ließ ſich nun von dieſem an das Haupt⸗ ——— — 47— fenſter ſtellen, von dem ſie zugleich den ſchauerlichſten Blick in die Tiefe und den reizendſten in die Ferne, das Thal hinab, hatte. „Jetzt,“ ſprach Benno,„jetzt öffnen Sie die Augen! Nun iſt es Zeit, ſich umzuſchauen.“ „Heiliger Gott!“ rief Lodoiska und trat erſchreckend einen Schritt zurück, als ſie in den ſchwindelnden Abgrund vor ſich blickte. Doch einen Augenblick darauf hatte ſie ſich ſchnell gefaßt, und obwol ſie noch ein wenig zitterte, trat ſie doch, aber ohne Benno's Hand loszulaſſen, wieder dicht an die niedrige Fenſterbrüſtung und beugte ſich hinab.„Welch ſchauerliche Wonne!“ ſprach ſie beklemmt.„Wie paaren ſich hier Reiz und Schrecken ſo mächtig mit einander!“ „Nun,“ fragte Benno, niſt der Fels hoch? Verdient er ſeinen Namen Schreckenſtein?“ „Gewiß, gewiß! O es iſt überaus herrlich hier!“ rief Lodoiska, deren Bangen jetzt nach und nach in ein Staunen überging.„Wie klein unſere Gondeln dort in der Uferbucht erſcheinen! Schon das Gärtchen des Thürmers hier dicht unter uns liegt tief, und von dort ſenkt ſich doch erſt der Fels hinunter. Sehen Sie nur, wie die Schwalben faſt ſo tief unter uns ſchweben als ſonſt über uns!“ „Die Raubvögel aber bleiben noch immer hoch über unſerem Haupte,“ bemerkte Benno, und deutete auf einen Habicht, der eben quer über das Thal hinſchwebte und ſich auf breiten Fittigen wiegte. Lodoiska hob das Auge aufwärts. Eben ſtand der Raubvogel faſt unbeweglich und ließ ſich nur von den breit ausgedehnten Schwingen tragen. Plötzich ſchoß er pfeil⸗ geſchwind auf einen Flug Bergtauben herab, der tief unter ihm geſellig kreiſte. Die verſcheuchten Thiere flatterten haſtig nach allen Seiten auseinander; eine jagte der Stößer vor ſich her und verfolgte ſie mit mächtig geſchwungenen Fit⸗ tigen. Sie nahm ihren Flug nach dem Thurme zu; doch faſt in dem Augenblick, wo ſie die ſichere Zuflucht erreichte, war auch der Feind ihr nachgekommen und packte das ängſt⸗ lich flatternde Thierchen mit ſeinen grimmigen Fängen dicht vor Lodoiska's Augen. Sie ſah einige durch den krallenden Griff ausgerupfte Federn fliegen und hörte das angſtvolle Kreiſchen des Täubchens. Der Habicht ſtrich im Schuß des Fluges ſo nahe an den Thurm, daß er mit den breiten grauen Flügeln gegen das Geſtein ſchlug, dann aber ſcheu vor den Menſchen, jedoch ohne den Raub fahren zu laſſen, ſich wieder hoch in die Lüfte ſchwang. Die Frauen— denn auch Marie, die Gräfin und einige andere Damen der Geſellſchaft waren nach und nach in den Thurm getreten— hatten mit ängſtlicher Theilnahme dem Schauſpiel zugeſehen. Das Mitleid mit dem gequälten Thier⸗ chen, dem Niemand helfen konnte, und ſelbſt der Schrecken vorr dem wilden, heiſer kreiſchenden Raubvogel, hatte Alle mehr oder weniger ergriffen. Lodoiska aber ſah bleich aus wie der Tod und zitterte heftig. Sie war noch zu aufgeregt von dem ſchauerlichen Gefühl, das der ſchwindelnd hohe Standpunkt, auf dem ſie ſich ſo plötzlich erblickt hatte, in ihr hervorbrachte, um nicht durch eine neue ähnliche Em⸗ pfindung heftig erſchüttert zu werden. Das Geſicht abwen⸗ dend, trat ſie zurück, und als ihr Auge auf die Gräfin traf, warf ſie ſich mit einer Art von Zucken an die Bruſt derſelben und rief einige Worte in polniſcher Sprache. Ihre mütterliche Freundin antwortete eben ſo, aber mit ſanftem tröſtendem Ausdruck. Dann wendete ſie ſich zu den Un ſtehenden und ſprach, um gewiſſermaßen den Gebrauch d fremden Sprache zu entſchuldigen:„Sie hat etwas Ah liches geträumt, darum ergriff der Vorfall ſie ſo heftig.“ 4 — — 49— „Ja es war ein Traum, ein recht böſer Traum,“ ſetzte Lodoiska mit einem mühſamen Lächeln hinzu;„aber ich will nicht weiter daran denken,“ ſprach ſie gefaßter und trat wie⸗ der zu den übrigen. Fünktes Capitel. Um den leichten Schreck zu verwiſchen, ſchlug Benno vor, die alte Burg genauer zu beſichtigen, was, zumal da er ſich zum Führer erbot, dankbar angenommen wurde. Nachher unterhielt man ſich mit allerlei geſelligen Spielen, ſchoß mit der Armbruſt, warf Reifen und ſchlug Federball, in welchem letztern Spiele Lodoiska ſich ganz beſonders ge⸗ ſchickt und anmuthig zeigte. Die Sonne ſenkte ſich ſchon gegen die Berge hin, ihre Strahlen gewannen ſchon die leichtröthliche Färbung, durch welche die Landſchaften in der ſpätern Nachmittagszeit in einer ſo warmen Beleuchtung erſcheinen. Nicht ganz mit Unrecht fürchtete man für die Rückfahrt jene ſchnelle Abkühlung, welche in Gebirgsthälern ſtattfindet, ſobald die Berge ſie erſt ganz mit ihren Schatten bedecken. Der Wunſch, aufzubrechen, wurde daher vielfach ausge⸗ ſprochen, wiewol man ſich ungern gerade in der ſchönſten Zeit von dem romantiſchen Punkte trennte, wo man die Nachmittagsſtunden ſo angenehm zugebracht hatte. Auch wendete Arnheim ein, daß nichts reizender ſein werde, als in der Zeit, wo der Purpur des Abends ſich mit dem Sil⸗ berlichte des Mondes miſche, ohne Ruderſchlag auf den Wellen II. 3 — 50— des Stromes hinunterzutreiben. Es erhoben ſich daher meh⸗ rere Stimmen gegen die beſchleunigte Abfahrt, und endlich kam man dahin überein, daß man ſich theilen wolle. Wer die Abendkühle fürchtete, ſollte auf der erſten Gondel ſogleich zurückfahren, die übrigen wollten eine Stunde ſpäter folgen; Alle jedoch waren der Meinung, daß man zuſammen das Abendeſſen einnehmen müſſe. Nach dieſer gütlichen Aus⸗ gleichung der verſchiedenen Anſichten, wanderte die größere Hälfte der Geſellſchaft den Berg hinunter; die andere, zu welcher das Königspaar, Marie, Lodoiska, der Rittmeiſter, Benno und einige Andere gehörten, entſchloſſen ſich auf des Letztern Vorſchlag, einen Spaziergang höher an die Berge hinauf zu machen, von dem man ſich noch manchen über⸗ raſchenden Blick in das Thal verſprach. Ein Fußpfad, wel⸗ cher kaum für Zwei Raum hatte, führte in ſchlängelnden Windungen berganſteigend durch die Waldung. Der Weg hatte etwas ungemein Neizendes; verſteckt, ſich gleichſam heimlich durch den Wald ſchleichend, zog er ſich unvermerkt höher und höher gegen den Gipfel hinan. Zwi⸗ ſchen dem Gitter des bewegten Laubes hindurch ſah man nach oben den Himmel ſchimmern, unten den blinkenden Strom glänzen. Weitere Offnungen des Gebüſches über⸗ raſchten durch ſchöne Blicke in das Thal, die mit jeder Wendung des Pfades wechſelten. Allmälig wurde es immer einſamer und ſtiller, der Pfad verſchwand faſt in dem hoch emporſchießenden Graſe, die Laubwaldung hörte auf, und die tiefern Schatten eines dunkeln Tannenwaldes nahmen die Wanderer auf. Jetzt hatte man in der That die Wild⸗ niß des Gebirgs erreicht. Einen Pfad gab es nicht mehr, aber man ging weich auf der Moosdecke, welche den Boden überſpann, dahin, und die Luft war erfüllt mit dem balſami⸗ ſchen Geruch kräftiger Kräuter. Die volle Gebirgserdbeere wuchs — 51— hier im reichen Maße und ließ die dunkelrothe Frucht aus der Blätterhülle hervorſchimmern; einzelne hohe Büſche von Farrnkräutern ſchoſſen neben den zerſtreuten Felsblöcken auf, unter denen das Quellwaſſer hervorrieſelte. Ein hohes Wehen und Rauſchen zog durch die Gipfel der Tannen; die ganze Natur blickte den Menſchen hier mit einfach erhabenen Zügen an. Benno, welcher der Gegend aufs genaueſte kundig war, ſchlug mit Sicherheit eine von der bisherigen abwei⸗ chende Richtung ein, um zu einem hohen maleriſchen Fels⸗ block zu gelangen, deſſen gewaltige Maſſe hier oben auf einer freien Grasebene gelagert war. Schon ſah man ihn in der Entfernung von wenigen hundert Schritten liegen; er glich faſt einem ungeheuren Sarkophag, deſſen eine obere Ecke jedoch, weit vorſpringend, ſich kühn über die Grundfläche hinausſtreckte. Auf der Spitze derſelben ſchwankte eine junge Tanne, die ihre zähen Wurzeln um den Stein geklammert hatte. Unſere Wanderer glaubten ſich ganz einſam auf dieſer Höhe, als ihnen zu ihrer Verwunderung ein weißes Wind⸗ ſpiel entgegenſprang, ſie anfangs von weitem anbellte, dann aber ſich zutraulich näherte und Lodoiska's Liebkoſungen durch ein freundliches Anſpringen und ein ſchmeichelndes Hinauf⸗ drücken des Kopfes gegen ihren Schooß erwiederte. Munter vorausſpringend verſchwand das leichtfüßige Thier hinter dem Felsblock. 1 „Vermuthlich raſtet dort ein Jägersmann,“ ſprach Benno, „denn hier oben gibt es für den Jagdluſtigen oft eine reiche Ausbeute.“ 4 Man war indeſſen ganz nahe an den Felſen gekommen und ging, um zu ſehen, ob man wirklich nicht allein ſei, um denſelben herum. Auf der andern Seite fand man, wie Benno richtig vermuthet hatte, zwei Herren in Jagdkleidung, die jedoch, von der Arbeit des Tages ermüdet, im feſten 3* — 52— Schlafe lagen und weder durch das Gebell des Windhun⸗ des, noch durch die Annäherung der Geſellſchaft daraus er⸗ wachten. „Es müſſen Badegäſte ſein,“ ſprach Benno leiſe,„denn ich habe ſie ſchon geſtern in Teplitz geſehen. Sie wohnen vermuthlich im goldnen Löwen, denn dort gingen ſie nach der Morgenpromenade hinein, und ich ſah ſie, obwol ich über eine Stunde in dem Hauſe gegenüber verweilte, nicht wieder herauskommen.“ Indem fiel in der Nähe ein Schuß; das Windſpiel ſchlug laut an, die Jäger fuhren aus dem Schlafe empor. Sie ſchienen ſehr erſtaunt, eine ſo zahlreiche Geſellſchaft von Herren und Damen in ihrer Nähe zu ſehen; raſch ſprangen ſie daher auf und begrüßten die Angekommenen, indem ſie ſich zugleich wegen der Lage, in der man ſie getroffen, ent⸗ ſchuldigten. Es waren Franzoſen. Als große Liebhaber der Jagd hatten ſie die Einladung eines böhmiſchen Edel⸗ mannes, deſſen Bekanntſchaft ſie auf der Reiſe von Prag nach Teplitz gemacht hatten, auf ſeinem Territorium zu ja⸗ gen, mit Freuden angenommen, waren aber von ihm ab⸗ gekommen und ruheten hier oben aus, um Kräfte zur Fort⸗ ſetzung ihres Vergnügens zu ſammeln. Der eben gefallene Schuß mußte von ihrem Freunde herrühren, denn man er⸗ blickte bald darauf ſeinen ſchönen Hühnerhund. Es dauerte auch nicht lange, ſo ſah man ihn unter den Baäumen her⸗ vortreten und gerade auf die Geſellſchaft zuſchreiten. Es war der Baron Sedlazek, ein reicher Gutsbeſitzer der Um⸗ gegend, den Erlhofen, Arnheim und Benno ſehr wohl kann⸗ ten. Man begrüßte einander mit der erhöhten Theilnahme, welche ein Begegnen am ganz unvermutheten Orte erzeugt, und der Baron bat um Erlaubniß, ſich mit ſeinen beiden Freunden, die er als die Herren von St. Luces und Beau⸗ 4 3 caire vorſtellte, der Geſellſchaft anſchließen zu dürfen, was natürlich höflich angenommen wurde. Marie hatte während deſſen zufällig entfernt geſtanden und daher die Namen der Ankömmlinge nicht gehörtz ſonſt würde ſie freilich aufs hef⸗ tigſte erſchrocken ſein, da ſie wußte, wie nahe ſie mit dem Schickſal ihres Bruders zuſammenhingen. Von Anſehen kannte ſie keinen derſelben. Man trat jetzt gemeinſchaftlich den Rückweg nach dem Schloſſe an. Die beiden Fremden wußten ſich mit fran⸗ zöſiſcher Gewandtheit und Galanterie den Damen zu nähern und waren bald ſo bekannt mit ihnen, als wären ſie die älteſten Freunde. Da man ſich im Hinabgehen vereinzeln mußte, hielt der ältere der Fremden, St. Luces, den Ritt⸗ meiſter ein wenig zurück und fragte ihn mit der gewöhn⸗ lichen geſelligen Neugier nach Stand und Namen der An⸗ weſenden. Auch Beaucaire drängte ſich zu hören heran. Die Namen Erlhofen, Benno, ſelbſt die der Gräfin und Lo⸗ doiska's ſchienen ſie ziemlich gleichgültig zu laſſen; als aber Arnheim Marien nannte, fiel der ältere Fremde ihm über⸗ raſcht in die Rede:„Wie? Noſen? Aus Dresden? Haben Sie gehört, Beaucaire?“ „Allerdings,“ erwiderte dieſer mit einer Miene, deren ſeltſamer Ausdruck dem Rittmeiſter auffiel. „Kennen Sie die junge Dame?“ fragte er erſtaunt. „Ein wenig, verehrteſter Freund,“ erwiderte St. Luces, „ein wenig. Ich habe ſie in Dresden, wo ich mich vor einigen Monaten aufhielt, mehrmals im Theater geſehen, und, da mir ihr angenehmes Außere auffiel, ſie mir nennen laſſen. Dies iſt unſere ganze Bekanntſchaft.“ Dabei warf er jedoch ſo ſeltſame Blicke zu Beaucaire hinüber, daß der Rittmeiſter wohl merkte, es müſſe hier eine andere Bezie⸗ hung obwalten, die ſeine Neugier nicht wenig ſpannte. Denn — 54— er mochte ſich's geſtanden haben, oder nicht, er hatte eine lebhafte Neigung für Marien gefaßt, und dieſe unvermuthete Bekanntſchaft, welche St. Luces mit ihrem Namen zeigte, regte allerlei eiferſüchtigen Verdacht in ihm auf. „Sagen Sie mir doch,“ fuhr dieſer indeſſen fort,„iſt dieſe junge Dame allein, oder mit ihren Verwandten hier?“ „So viel ich weiß, nur mit ihrer Mutter,“ entgegnete Arnheim,„welche jedoch ihrer Kränklichkeit wegen zu Hauſe geblieben iſt.“ „Alſo ihr Bruder iſt nicht mit hier?“ „Ihr Bruder? Ich weiß von keinem. Es iſt indeſſen nicht unmöglich, daß er hier geweſen iſt oder erwartet wird; da ich erſt ſeit einigen Tagen die Ehre habe, das Fraulein zu kennen, ſo kann ich über ihre nähern Familienverhältniſſe durchaus keine Auskunft geben.“ „Alſo dürfte man den Bruder noch erwarten?“ fragte St. Luces mit einem Eifer, welcher zeigte, daß ihm daran gelegen war. „Darüber würde die Dame Ihnen wol ſelbſt am beſten Auskunft geben können,“ erwiderte der Rittmeiſter, dem das gegenſeitige Anblicken beider Fremden, ihre bedeutenden Au⸗ genwinke immer auffallender und unangenehmer wurden. Sie fragten indeß nicht weiter, und Arnheim ſuchte ſich von ihnen loszumachen, was ihm um ſo leichter wurde, da Beide ziemlich weit zurückblieben und leiſe, aber emſig mit einander ſprachen. Um ſo angelegentlicher beſtrebte er ſich dagegen, Marien zur Seite zu kommen, um ihr zu ſagen, daß ſie von jenen Fremden gekannt ſei, und wo möglich zu erfahren, wie es mit jener Bekanntſchaft, die von ihrer Seite durchaus nicht geltend gemacht worden war, zuſam⸗ menhängen möge. Bei einer Wendung des Pfades gelang es ihm, durch einen kecken Sprung den Abhangehinunter 12 55— die vor ihm Gehenden abzuſchneiden und Mariens Nachbar zu werden. „Sie ſind die einzige Dame der Geſellſchaft,“ ſprach er, nachdem einige unbedeutende Worte hin und wieder gewech⸗ ſelt waren,„welche den beiden Fremden nicht unbekannt iſt. Sie behaupten ſchon in Dresden das Glück gehabt zu ha⸗ ben—“ „Daß ich nicht wüßte,“ entgegnete Marie ein wenig ſchnell;„ſie ſcheinen mir franzöſiſche Offiziere zu ſein, mit denen ich durchaus nicht in Bekanntſchaft geſtanden habe.“ „Vielleicht in keiner nähern,“ antwortete Arnheim;„doch war dem ältern Herrn Ihr Name bekannt, und er verſichert, Sie öfters im Theater geſehen zu haben.“ „Unmöglich,“ entgegnete Marie,„ich bin ſeit länger als einem Jahre nicht im Theater geweſen, und niemals, wenn franzöſiſche Garniſon in Dresden ſtand.“ Ihre Antwort war ſo lebhaft, daß Arnheim ihr mißfällig geweſen zu ſein fürchtete; und in der That fühlte ſich Marie auch faſt be⸗ leidigt, da ſie bei ihrem tiefgewurzelten Haß gegen die Feinde ihres Vaterlandes es faſt für einen Frevel gehalten haben würde, mit franzöſiſchen Offizieren Umgang gehabt zu haben, ſelbſt wenn ſich in jener Zeit nicht ſo leicht eine üble Nach⸗ rede an Bekanntſchaften dieſer Art geknüpft hätte. „Ich darf betheuern,“ ſprach Arnheim,„daß ich nur wiederhole, was mir die Herren ſelbſt geſagt haben.“ „Ich glaube Ihnen das ſehr gern,“ entgegnete Marie milder, weil ſie glaubte, Arnheim fühle ſich verletzt;„aber Sie wiſſen, es liegt in der Art der Franzoſen, überall ge⸗ wiſſenlos zu verfahren, ſelbſt mit dem Rufe eines Mädchens. Die Bekanntſchaft dieſer Herren mit mir iſt möglich, wenn ſie mich dauf der Straße oder beim Spaziergange geſehen — 56— haben; ſie beſteht aber, ich verſichere es Ihnen nochmals, nur von ihrer Seite.“ Arnheim, dem es lieb war, daß keine ſeiner Vermuthun⸗ gen ſich beſtätigte, brach das Geſpräch ab, welches Marien ſo ſichtlich verletzte. Und ſo war von den beiden Fremden weiter nicht mehr die Rede. Der Weg abwärts ließ ſich raſcher zurücklegen als auf⸗ wärts; man erreichte denn auch bald den Schreckenſtein wie⸗ der, wo man noch eine kurze Zeit verweilte und dann, als die untergehende Sonne eben den hellen Himmel mit roſigem Duft überhauchte, und der bleiche Vollmond gegenüber im lichten Ather ſchwebte, die Gondel wieder beſtieg, um auf den Wellen des ſchönen Stromes bis an das Städtchen hin⸗ unterzutreiben. Die Geſellſchaft überließ ſich dem Genuß der Waſſer⸗ fahrt und des in der That entzückenden Abends. Die ge⸗ fürchtete Kühle war nicht eingetreten, ſondern nur laue Lüfte kräuſelten die Wellen. Die Häupter der Berge waren auf der einen Seite von purpurnem Dämmerſchein umfloſſen, auf der andern zog ſich das flüſſige Nebelſilber des Mond⸗ lichts duftend um die ſchwarzen Gipfel. Die Elbe ſpiegelte Himmel und ufer in ſanft wallenden Linien klar zurück; aus dem Waſſer herauf ſtieg ein kühler, erfriſchender Hauch. Man ſaß ſtill, faſt ohne zu ſprechen, in dem ſelig beruhi⸗ genden, alle wehmüthigen Gefühle des Herzens erweckenden Genud verloren. Da erklangen unvermuthet die leiſe ange⸗ regten Accorde einer Guitarre. Alles horchte auf. Ein eigenthümliches Gefühl ergriff die Bruſt bei dieſen Klängen, die ſo ſehr an italieniſche Sitte mahnten; denn wer hätte nicht, ſei es durch Schil⸗ derungen oder durch eigne Erfahrung, ſchon jene ſüdlichen Empfindungen gekannt, die durch die ſchaukelnde Barke — 57— und das Lied des Gondoliers in uns erweckt werden. Es war, als ziehe der Strom mit ſeinen Ufergebirgen plötzlich unter einem italieniſchen Himmel dahin, als ſei es die Welle der Brenta oder des Po, von der man ſich geſchau⸗ kelt fühle. Der ſchöne, blondgelockte Benno war es, der die Saiten gerührt hatte, um eine Ballade vorzutragen, welche er auf eine Sage von dem Schreckenſteine gedichtet hatte. Die Schiffer ſaßen lauſchend am Steuer und richteten die Blicke auf den Sänger; die übrigen Hörer winkten, erfreut durch die überraſchung, einander mit den Augen Stille zu. Man hörte jetzt nichts als das leiſe Flüſtern der Wellen an dem Kiel des Schiffes. Der Mond warf ſeine Strahlen auf Benno's Angeſicht, der, einem begeiſterten Improviſator glei⸗ chend, das große blaue Auge gegen das Licht aufſchlug und dann mit wohlklingender Stimme die in Verſe gebrachte Sage vortrug, wonach ein tyranniſcher Vater den Geliebten ſeiner Tochter, als dieſer bei Nacht den ſteilen Fels hinaufklimmte, tückiſch lauernd in den Abgrund geſtürzt haben ſoll. Die Geliebte in ihrem Schmerz ſtürzt ſich nach in den Strom, und die ewig fortziehenden Wellen deſſelben bilden die Gruft des liebenden Paares und kühlen die Glut ihrer Schmerzen. Benno ſang mit ſanfter, angenehmer Stimme und tief em⸗ pfundenem Ausdruck. Am Schluß des Liedes ſaß Alles, wie zuvor, in tiefem Schweigen. Wen hätte die traurige Mähr nicht erſchuͤktert? Wer hätte nicht in der eigenen Bruſt Anklänge gefunden für die heiligen Gefühle der Unglücklichen? Selbſt St. Luces und Beaucaire hatten ſo viel geſelligen Takt, die Stille nicht ſogleich zu unterbrechen, obwol ſie neugierig auf den Inhalt des Geſanges, deſſen Worte ſie nicht verſtanden hat⸗ ten, waren.. 3*⁸ε — 8— Indeſſen war man nahe an der Stadt, und das lebhaftere Treiben am Ufer, ſo wie einige kreuzende Nachen mit Luſtfah⸗ renden aus dem Städtchen, unterbrachen die heimliche Ruhe, welche bisher in der Landſchaft geherrſcht hatte. Nach und nach entfeſſelte ſich nun auch die ſo lang verſtummt geblie⸗ bene Rede wieder, und man kam in lebhaftem Geſpräch am Landungsplatze an. Dort hatte ſich der Theil der Geſell⸗ ſchaft, welcher vorangeſchifft war, verſammelt und empfing die Ankommenden mit freudiger Begrüßung. In ungeord⸗ netem, fröhlichem Durcheinanderſchwirren begab man ſich in den Gaſthof, wo der hell mit Kerzen erleuchtete Saal die Geſellſchaft wieder aufnahm und den angenehmen Anblick einer mit Früchten, kalten Speiſen und Wein wohlbeſetzten Tafel darbot, an welcher man ſich vor der Rückfahrt noch einmal geſellig ſammelte und durch Scherz und belebtes Ge⸗ ſpräch den heitern Tag beſchloß. Endlich, als es faſt Mit⸗ ternacht war, mußte man ſich doch trennen und zur Heim⸗ kehr anſchicken. Erlhofen konnte die Gelegenheit zu einer wohlgeſetzten Rede nicht ungenutzt verſtreichen laſſen. Er er⸗ hob ſich auf ſeinem Platze, füllte ſein Glas und ſprach: „Nach einer kurzen, aber, ſo hoffe ich, rühmlichern Regie⸗ rung, als je ein ſceptertragender König geführt— denn während meiner Herrſchaft wurde keine Minute anders als zur Beglückung meiner Unterthanen verwendet—, nach einer ſolchen kurzen Titusthronverwaltung nehme ich die mir an⸗ vertraute Krone wieder vom Haupte und lege das Scepter dabei nieder. Kein Aufruhr hat mich geſtürzt, nicht die Hand des Todes raffte mich hinweg; aber mein Reich ver⸗ ſchwindet noch ſpurloſer von der Erde als das des Königs Priamus; denn meine Unterthanen zerſtreuen ſich, nur einem unwiderrufllichen Spruch des Schickſals gehorchend, weithin in alle Welt. Der mit einem Scepter verlängerte Arm —— — 59— ſtreckt ſich gigantiſch über weite Länderſtrecken und Millionen Bewohner derſelben, ſchützend und ſtrafend aus; man raube ihm die zwei Fuß Herrſcherſtab, und er verkürzt ſich um zwanzigmal ſo viel Meilen, er ſchrumpft ein zu einem lilli⸗ putaniſchen Stumpf, der froh iſt, wenn er ſich eine Fliege von der Naſe jagen kann. Wie ſchmerzlich empfinde ich's daher, theuere Freunde und Unterthanen, daß ich jetzo gleich dieſe entſetzliche Amputation werde erdulden müſſen! Noch bin ich Euer Gebieter, noch halte ich Euch mit dem Bande unſeres Freudengeſetzes zuſammen; wenige Körner Sands ver⸗ rinnen, und das Band iſt geſprengt, und Ihr fahret aus⸗ einander, oder vielmehr zuſammen, nach Hauſe, verſteht ſich. Jetzt erſt beginnen die mühſeligen und gefahrvollen Wege, und jetzt gerade überläßt der Abfall ſeines Herrſchers Euch dem Zufall, der ſo leicht zum Falle werden kann auf der holprigen Straße nach Teplitz. Nun denn, meine Untertha⸗ nen, fahret hin!— aber fahret wohl!“ Damit leerte er ſein Glas, bot der Monarchin den Arm und führte ſie hinab an den Wagen. Wie zuvor ſtieg man nach geordne⸗ ten Paaren ein, und eines nach dem andern rollte in der ſchönen Mondnacht dahin, die ihren ſanft verhüllenden Schleier über Thäler und Gebirge warf. Der Tag der Freude war verrauſcht, die herzliche Luſt verklungen. Nur ein leiſes Echo bebte noch in mancher Bruſt nach und erfüllte ſie mit ſüß wehmüthigen Empfin⸗ dungen. Sechstes Capitel. Der Morgen graute bereits, als Marie leiſe wieder in die kleine Hinterpforte trat, deren Schlüſſel ſie mitgenommen, um, ohne Jemand zu ſtören, ihr Schlafgemach erreichen zu können. Es nahm ſie Wunder, daß in dem Zimmer der Mutter noch Licht brannte. Verſichtig ſchlich ſie näher und blickte durch die mit Weinlaub vergitterten Fenſter hinein. Es brannte eine Nachtlampe; ein Lichtſchein warf einen dunkeln Schatten auf das Bett, und an demſelben ſaß auf einem Lehnſeſſel eine weibliche Geſtalt, deren Zuͤge Marie nicht unterſcheiden konnte. Ein heftiger Schreck durchbebte ſie bei dieſem Anblick; ſie empfand ihn bis in die zitternden Kniee hinein, ſodaß es ihr faſt unmöglich wurde, ſich auf den Füßen zu erhalten und in das Haus zu gehen. War die Mutter plötzlich ſo krank geworden? War ihr irgend ein anderes Unheil zugeſtoßen? Von dieſen Gedanken geängſtigt trat ſie in ihr Gemach ein und öffnete alsdann leiſe die Thür, welche zur Mutter führte. Als ſie eintrat, erwachte die Wirthin, denn ſie war es, welche im Lehnſtuhl ſaß, aus dem leichten Schlummer, in den ſie geſunken war; ſie erkannte Marien ſogleich und winkte ihr mit dem Finger auf dem Munde Ruhe zu, während ſie mit der andern Hand auf die ſchlummernde Kranke deutete. Marie blieb erwartungsvoll in der Thür ſtehen; Frau Holder ging ihr auf den Zehen entgegen und mit ihr in das Nebengemach. „Um Gotteswillen, was fehlt meiner Mutter?“ fragte ſie, als die Thür geſchloſſen war, aus tief beklommener Bruſt. 5 —— „Angſtigen Sie ſich nicht zu ſehr, liebes Fräulein,“ ent⸗ gegnete die Wirthin beruhigend,„der Zufall wird nicht von Bedeutung ſein. Heut früh, als Ihre Frau Mutter ſich, von mir begleitet, nebſt vielen andern Brunnengäſten auf der Promenade befand, erſchallte plötzlich der Ruf: Ein toller Hund, ein toller Hund! Alles ſtürzte erſchreckt auseinander und ſuchte eine Zuflucht in den nächſten Gebäuden. Auch wir flüchteten mit größeſter Eile, um ein Haus zu erreichen. Da hörten wir lautes Geſchrei hinter uns, und als wir uns umſahen, erblickten wir in der That das wüthende Thier im vollen Laufe nach der Richtung, die wir genommen hat⸗ ten. Im Schrecken ſtürzten wir ſeitwärts die kleine Anhöhe hinan zu den großen Kaſtanienbäumen hinauf. Wir erreich⸗ ten ſie glücklichz das tolle Thier nahm ſeinen Lauf an uns vorüber, nach der Stadt zu, wo es auch erſchoſſen worden iſt. Allein die Anſtrengung und der Schreck hatten uns Beide ganz außer Athem gebracht, und beſonders Ihrer Frau Mutter war die Bruſt etwas angegriffen; daher ihre Unpäßlichkeit.“ Marie hatte bebend und mit abwechſelndem Erröthen und Erblaſſen die Erzählung angehört. Sie ſchöpfte erſt Athem, als es vorüber war, dann ſprach ſie gefaßt:„Sagen Sie mir Alles, liebe Frau Holder, ja Alles. Ich muß es ja wiſſen, wenn ich die Pflegerin meiner Mutter ſein ſoll! Iſt der Arzt hier geweſen? Was hat er verordnet?“ Im Spre⸗ chen verlor Marie ihre ſchwer errungene Faſſung wieder; denn immer ängſtigendere Vorſtellungen ſtiegen während die⸗ ſer Fragen in ihr auf. „Gewiß haben wir ſogleich zum Arzt geſchickt,“ ſprach die Wirthin;„er hat der Kranken vor Allem Ruhe empfoh⸗ len, da er hörte, daß ſie etwas Blut ausgeworfen habe.“ — 62— „Ein Blutſturz!“ rief Marie von dem ſchrecklichen Worte mit plötzlicher übermacht getroffen.„Allmächtiger Gott, auch das noch ſendeſt Du mir!“ Es war zu viel für ihre Kräfte; die ganze weiblichſtarke Entſchloſſenheit ihrer Seele war durch dieſen unvermutheten Schlag bis zur Erſtarrung gelähmt. Denn da ſie die Leiden der Mutter kannte, öffnete das Wort alle Thore der düſter⸗ ſten Ahnung in ihrer Bruſt. Sie mußte ſich von der Frau Holder an einen Seſſel leiten laſſen, auf dem ſie ſich ermat⸗ tet niederließ.„Sein Sie nicht zu beſorgt,“ ſprach dieſe tröſtend,„der Arzt hat die beſte Hoffnung gegeben. Nur möglichſte Ruhe hat er uns anempfohlen, damit der Zufall ſich nicht wiederhole. Gehen Sie darum nur ruhig ſchlafen, ich will ſchon weiter am Bette der Kranken wachen. Sie weiß einmal, daß ich bei ihr bin, und würde vielleicht er⸗ ſchrecken, wenn ſie plötzlich ſähe, daß Sie die Pflege über⸗ nommen haben. Denn ſie hat ſtreng geboten, Ihnen bei Ihrer Rückkunft nichts zu ſagen, weil morgen doch Alles wieder gut ſein würde, und Sie dann den Schreck nicht ge— habt hätten. Das wagte ich aber doch nicht, ganz ſo auf mich zu nehmen. Nun müſſen Sie aber auch hübſch ruhig hier auf Ihrem Zimmer bleiben und ſich niederlegen, denn ſonſt werden Sie am Ende auch noch krank. Sie müſſen ja ganz erſchöpft ſein von der langen Spazierfahrt!“ Marie war es freilich, doch würde ſie Kräfte genug in ſich gefunden haben, um auch dieſe neue Anſtrengung zu ertragen, * Aber, ſie durfte ſich's nicht ableugnen, in dem Zuſtande der Aufregung, in welchem ſie ſich jetzt befand, würde ſie zur Krankenpflege völlig untauglich geweſen ſein. Daher mußte ſie das wohlwollende Anerbieten der Wirthin annehmen, die mit ſorglicher Theilnahme entſchieden darauf drang, daß wenn nicht der plötzliche Schreck ſie ſo heftig getroffen hätte. — — 63— Marie ſich niederlegen und wenigſtens einige Stunden der Ruhe pflegen ſolle. Sie that es, obwol ſie überzeugt war, daß kein ſanfter Schlaf ſie erquicken werde; doch verurſachte die große Ermüdung des Körpers, verbunden mit der Er⸗ ſchütterung ihrer Seele, eine ſolche Abſpannung ihrer Kräfte, daß ſie wenigſtens in eine Art von Betäubung verſank, während welcher die Aufregung des Gemüths, überwunden durch die Kraft der Natur, ſchwieg. So gewann der Kör⸗ per die nothwendige Erholung, die ſie ſich freiwillig nicht gewährt haben würde. Nach einigen Stunden trat Frau Holder an ihr Lager und weckte ſie mit ſanfter Anrede. Sie ſtand ſchnell auf, kleidete ſich flüchtig an und ging zur Mutter hinein. Mit Feſtigkeit nahm ſie ſich's vor, ihre Seele zu beherrſchen und ihren bangen Schmerz auch nicht durch die leiſeſten Spuren zu verrathen. „Guten Morgen, meine beſte Mutter,“ ſprach ſie mit leichtem Hauch des Tons,„wie geht es Dir? Iſt Dir et⸗ was beſſer?“ Die Kranke zeigte in den ſanften ſtillen Jügen ihres An⸗ geſichts den ruhigen Ausdruck der Ergebung in ihre Leiden; jene Ergebung, mit der ſie ſeit langen Jahren alle harten Schläge des Geſchicks in chriſtlicher Faſſung trug und ſich der frohen Ereigniſſe niemals überhob. Sie lächelte die Toch⸗ ter mild an, jedoch ohne zu ſprechen, und bot ihr die auf dem Bette ruhende Hand durch ein leichtes Umwenden und Offnen dar, hatte indeß die Macht nicht, ſie zu erheben. Marie durchſchaute mit dem Scharfblick liebender Sorge die leichte Hülle der Ruhe, unter der die Mutter ihren Zuſtand zu verbergen ſuchte. Bei dem erſten Anblick des lieben, dul⸗ denden Angeſichts fühlte ſie die entſetzliche, unausweichbare Wahrheit— ſie iſt für dich verloren! An dem matten Auge, an der blaſſen Lippe erkannte ſie es, noch mehr als an der ſtummen Begrüßung, an jenem Verſagen der Sprache, das der freundlichen Mutter ſo ganz unähnlich ſah. Ihr Herz zuckte unter der Berührung dieſes neuen Jammers, der über ſie kam; doch ſie behielt die Feſtigkeit, und ihr Mund lä⸗ chelte, während ihre Bruſt von namenloſem Schmerz zer⸗ riſſen wurde. „Meine liebe, gute Mutter,“ ſprach ſie,„während ich Leichtſinnige Freude in Fülle und übermaß genoß, mußte ein entſetzliches Unheil Dich treffen, und Dir in der kurzen Zeit, die der Herſtellung Deines ſchwachen Körpers gewidmet war, ein neues Leiden bereiten! Aber gewiß hoffe ich, es werde eben ſo ſchnell vorübergehen, als es plötzlich gekommen iſt. Bleibe nur recht ruhig, antworte mir gar nichts, tröſte mich nicht, heiße mich nichts thun; ich vermag Alles, was Du bedarfſt und wünſcheſt, in Deinen Augen zu leſen, und meine wachſame Aufmerkſamkeit wird errathen, was Du nicht durch Winke ausdrücken kannſt.“ Sogleich legte ſie auch Hand an, um das eingeſunkene Lager der Kranken wieder herzuſtellen und ihrer bedrängten Bruſt eine freiere Lage zu verſchaffen. Dann füllte ſie eine Schaale mit Thee, den der Arzt verordnet hatte, und reichte ihn, vorſichtig gekühlt, in kleinen Pauſen der Mutter dar. Als dieſelbe getrunken hatte, fragte Marie:„Soll ich Dir vorleſen?“ Ein Wink des Auges war ihr genug, um ein Andachtsbuch herbeizuholen, in welchem die Mutter jeden Morgen zu leſen pflegte. Mit ſanfter, aber feſter Stimme begann ſie nun das ernſte Geſchäft. Die ſchlichte Frömmigkeit, die einfache Würde der Geſinnung, welche in dem Buche waltete, ſtärkte auch ihr banges Herz, daß es ſich mit Kraft erhob in den irdiſchen Leiden und Beängſtigungen. Nach wenigen Seiten kam ſie an eine Stelle, welche für ihre Lage — 65— beſonders geſchrieben zu ſein ſchien. Sie las ſie, tief im Innerſten von der größten Wahrheit durchdrungen, mit er⸗ höhterer Stimme, mit wachſender Kraft der Ergebung und des Vertrauens, ſo, daß die Mutter auf ihrem Krankenlager von den freudigen Worten der Tröſtung ſtärkend aufgerichtet wurde, und mit belebterm Auge zuhörte. Marie, welche es nicht unterließ, in kleinen Zeiträumen über das Buch hinweg die Kranke anzublicken, um jedem ihrer Wünſche zuvorzu⸗ kommen, bemerkte den Eindruck, welchen die Stelle gemacht hatte.„Soll ich dies noch einmal leſen, beſte Mutter?“ fragte ſie freudig, denn ſie kannte deren Gewohnheit, Stel⸗ len, die ihr beſonders zuſagten, zu wiederholen. Die Kranke lächelte und winkte mit dem Haupt. Marie las:„Es gibt Zeiten im Leben, wo ſich uns der heitere Himmel ganz zu verbergen ſcheint, und eine graue, trübe Wolke nach der an⸗ dern heraufzieht, und über unſerm Haupte verweilt. Wir meinen dann wol oft, nun ſei das Maß gefüllt und wir wüßten nicht, wie uns noch ein härteres Loos, ein ſchmerz⸗ licheres Leid treffen könnte. Das aber iſt die Geſinnung eines verzagenden Gemüthes, welches die unendlichen Wohlthaten Gottes verkennt. Seine Gnade iſt zu groß, um Euch das Maß des Elends erſchöpfen zu laſſen; Ihr würdet es nicht ertragen; ehe Ihr den Kelch zur Hälfte leert, ſchwinden Eure irdiſchen Kräfte. Aber weshalb glaubt Ihr, daß Ihr die Tiefe des Jammers erſchöpft habt? Weil Ihr nicht mehr mit dankendem Herzen betrachtet, welche reiche Fülle göttlicher Wohlthaten Euch auch dann noch immer umgibt, wenn Ihr nur den Stachel des Schmerzes zu empfinden glaubt. Eine Frucht von dem Baume des Lebens zernagt der Wurm, und ſie fällt verdorrt herabz aber noch prangt die ganze übrige Krone in reicher Fülle der Früchte, des Laubes, der Bluthen und Keime zu tauſend neuen Früchten. Ihr aber beweinet — 66— nur, was Ihr verloren habt und ſchließet Euer undankbares Auge Allem, was Euch bleibt. Einer Mutter ſtirbt ein gelieb⸗ tes Kind; ſie klagt im tiefſten Schmerz und ſieht nicht, wie ein blühender Kreis lieblicher Söhne und Töchter ſie noch umringt, durch deren Liebe der Herr ihr tauſend Wonne⸗ ſtunden der Zukunft zu bereiten trachtet. Und wenn Euch Alles geraubt würde, wenn eine Waiſe allein, troſtlos und jammernd ohne Rath und Hülfe ſtünde, wenn ſie nirgend mehr eine Pforte erblickte, die aus dem öden Abgrunde des Jammers in das heitere Thal der Freude zurückführte— bliebe ihr nicht der allliebende Vater? Ebnet ſeine Hand nicht tauſend Pfade, wo das ſterbliche Auge keinen Ausweg mehr entdeckt? Iſt alles Weh, was Euch trifft, nicht ſchnell vorüberziehendes Weh der Erde? Und wohnet die ewige Freude nicht in den unendlichen Näumen des Himmels? Wenn es hier düſtere Nacht iſt, wenn Nebel und Wolken Euch die Geſtirne verdecken, flammen nicht tauſend blitzende Sonnen im Weltraum über dem niedern Erdengewölbe? Ja, ruht nicht die Häͤlfte dieſer Erde ſelber noch im Glanz des Lichts, während die andere in ſchnellfliehende Nacht ge⸗ hüllt iſt? So gewiß Euch der Anbruch des roſigen Morgens iſt, ſo gewiß iſt dem Glaubenden die Seligkeit nach der kurzen Stunde der Prüfung. Darum, lieben Freunde, ſeid getroſt. Ein Auge gibt es, das dringt durch die tiefſte Nacht der Wolken und zählt die Thränen der Bekümmerten, die zu ſeinem ſanften Strahl hinaufblicken; ein Herz gibt es, das fühlt den Jammer in jeder Bruſt, die ſich nicht treulos von ihm ab⸗ wendet; eine Hand gibt es, die reicht in den dunkelſten Ab⸗ grund und ergreift die Hand des Hülfloſen, die ſich ihr ent⸗ gegenſtreckt. Dies Auge wacht ſtets über Euch, dies Herz ſchlägt mit dem Euren, dieſe Hand leitet Euch auf dunklen Wegen der Drangſal und der Gefahr. Darum ſeid getroſt, „ 7 — 67— denn wo Ihr wandelt, da wandelt der Herr mit Euch, und er verläſſet Keinen, der ihm getreu iſt.“ Im eifrigen Leſen hatte Marie nicht bemerkt, daß der Arzt eingetreten war, und ſchon ſeit einigen Minuten an der Thür ſtand und zuhörte, ohne von ihr oder der Kran⸗ ken geſehen werden zu können. Er näherte ſich jetzt, indem er, um Marien eine leichte Verwirrung zu erſparen, den Schein annahm, als ſei er ſo eben gekommen. Der ſchon alternde Mann bot einen freundlichen guten Morgen, und trat dann zu der Kranken, deren Puls er faßte, und ſie aufmerkſam betrachtete. „Hm, noch immer ein wenig unruhig,“ ſprach er;„wir müſſen noch mit beſänftigenden Mitteln fortfahren.“ Nachdem er einige Fragen über die Kranke gethan, nahm er Papier und Feder und ſchrieb ein Recept auf, deſſen eilige Bereitung er empfahl; dann ſchickte er ſich an, zu gehen. Marie begleitete ihn unter dem Schein der höflichen Formen, in der That aber, um von ihm die Wahrheit über den Zu⸗ ſtand der Mutter zu erfahren, da ſie ſelbſt die härteſte Ge⸗ wißheit mit größerer Faſſung und Standhaftigkeit zu tragen ſicher war, als jenen Zuſtand der unbeſtimmten Angſt, die zu der wirklichen Gefahr tauſend neue ſchafft. Mit bitten⸗ dem Ton, aber doch mit entſchiedener Gemüthsruhe, ſprach ſie daher im Vorzimmer zu ihm:„Sagen Sie mir die Wahrheit, die volle, reine Wahrheit. Halten Sie mich nicht für ein ſchwaches weibliches Geſchöpf, das in müßige, ver⸗ ſchlimmernde Klagen ausbrechen oder gar in ohnmächtiger Muthloſigkeit hinſinken wird, wenn die Gefahr drohend iſt; aber gönnen Sie auch einer bangen Tochter den Troſt der Hoffnung, den Ihr Ausſpruch ihr gewähren kann. Sagen Sie mir die ſtrenge Wahrheit, darum bitte ich Sie noch einmal ſo dringend, als nur je ein Wunſch es vermag!“ — 68— „Mein gutes Kind,“ entgegnete der Arzt freundlich, aber weich,„Sie thun am beſten, ſich an die ſchönen Worte des Troſtes zu halten, die ich Sie bei meinem Eintritt leſen hörte. Ich habe wenig Hoffnung! Kehrt der Blutſturz wie⸗ der, ſo iſt es vorbei. Bis Mittag wird ſich das, denke ich, eantſcheideny⸗ So, gefaßt Marie war, ſo feſt ihr Entſchluß geweſen, jede weiche Regung ſtark zu überwinden; dies nahe Todes⸗ urtheil raubte ihr doch einen Augenblick die Kraft. Sie brach in bitterliche, ſtille Thränen aus und mußte ſich er⸗ ſchöpft an die Schulter des Arztes lehnen, der ihr mit ſanf⸗ ten Worten Muth zuſprach. Nach einigen Minuten richtete ſie ſich wieder auf. „Es iſt nun überwunden,“ ſprach ſie matt; ſich fühle, daß ich die Stärke habe, um am Lager der Mutter mit Faſſung auszudauern. Ich danke Ihnen, daß Sie mir nichts verborgen haben. Ich nehme nun das Härteſte für gewiß an, ich ergebe mich in den Verluſt des Theuerſten, des Einzigen, was ich jetzt auf dieſer Erde beſitze!“ SDenken Sie an das Auge, das die Thränen des Ihri⸗ gen zählt, an das Herz, das mit dem Ihren ſchlägt, an die Hand, die Sie führen wird auf einſamem Wege des Lebens,“ ſprach der Arzt;„das wird Ihnen Muth und Stärke in der letzten Stunde geben. Leben Sie jetzt wohl! In einigen Stunden ſehen Sie mich wieder. Fällt indeſſen das Mindeſte vor, ſo ſenden zu mir und ich werde auf das ſchleunigſte hier ſein.“ Mit dieſen Worten nahm er Mariens Hand, druckte ſie mit freundſchaftlicher Wärme, und verließ dann ſchnell das Gemach, da die Rührung ihn ſelbſt zu überwältigen drohte. Marie aber warf ſich fromm auf die Kniee nieder, und be⸗ tete aus inbrünſtigem Herzen zu Gott, daß er ihr Kraft ver⸗ 4 leihen möge in der Stunde der Prüfung. Noch einmal ver⸗ goß ſie ſanfte erleichternde Thränen, dann durchdrang das freudige Gefühl der kräftigen Entſchließung ihre Seele, und ſie kehrte mit erleichterter Bruſt zu der Mutter zurück. — u.„ ——— 5——— 2 2 ₰ „2 0 A, 4„* . M.„„⸗ Siebentes Capitel. A St. Luces und Beaucaire waren, als ſie in ihre Woh⸗ nung heimkehrten, zu ermüdet, um über die Begegniſſe des Tages noch ausführlich zu ſprochen; am Morgen jedoch, als der Diener Beaucaire den Kaffee brachte, war es ſein erſter Gedanke, die Entdeckung, welche er geſtern gemacht, und die mancherlei Plane, welche er ſogleich entworfen hatte, weiter ) zu verfolgen. Er ging daher zu St. Luces hinüber, den er ſchon am Schreibtiſch ſitzend fand, begrüßte ihn und begann folgendermaßen:„Ich glaube, wir haben geſtern glückliche Jagd gemacht, wenigſtens ſind wir auf der Fährte eines edlen Wildes, welches uns tauſend Napoleonsd'or Schieß⸗ geld eintragen könnte.“ „Freilich, freilich,“ entgegnete St. Luces lächelnd,„aber es iſt nur die Frage, wie wir es vor den Schuß bringen. Ich bin ſo eben ſchon damit beſchäftigt, Schritte in der Sache zu thun, nämlich nach Dresden zu ſchreiben, um 4 mir einige nöthige Vollmachten zu verſchaffen, damit ich die hieſigen Behörden in Requiſition ſetzen kann; denn wie wir hier ſind, vermögen wir gar nichts.“ „Das iſt nicht der Weg, den ich einſchlagen würde,“ entgegnete Beaucaire,„ich fürchte, er führt uns nicht weiter, e— — 70— als wir das erſte Mal kamen. Wir haben es mit Bewohnern verbündeter Länder zu thun, gegen die man ſchonend ver⸗ fahren will, ſonſt würde man längſt durch Mutter und Schweſter den Aufenthalt des Bruders haben ermitteln kön⸗ nen; denn an das Märchen von dem Duell, und an die völlige Unkunde der Mutter von dem Aufenthalte des Soh⸗ nes hat doch wol Niemand geglaubt. Und geſetzt auch, ſie habe ihn damals nicht gekannt, ſo leidet es doch keinen Zweifel, daß ſie ihn fruher oder ſpäter erfahren mußte. Wollte man ihn daher durch das Geſtändniß der Frauen ermitteln, ſo wäre nichts in der Welt leichter geweſen. Ich bezweifle alſo, daß man uns jetzt die nöthigen Vollmachten einräumen wird; und geſchähe es auch, ſo gäbe es jedenfalls eine gehäſſige zffentlihs Stauo fin deren Ausgang ich bei der Erbitterung, die trotz der Verbündung des Kaiſers und ſeiner Verwandtſchaft mit dem Hauſe Oſtreich hier gegen uns herrſcht, nicht ſtehen möchte. Allein mir däucht, wir hätten noch andere Mittel, um hinter das Geheimniß zu kommen.“ „Und die wären?“ fragte St. Luces aufmerkſam. „Wir müſſen nur nicht geizig ſein,“ fuhr Beaucaire mit einem ſchlauen, boshaften Lächeln fort,„und von den tau⸗ ſend Napoleonsd'or funfzig bis hundert zu opfern wiſſen, die der Poſtmeiſter hieſelbſt erhielte, im Fall er uns alle Briefe zu einer kleinen Durchſicht naue die von den beiden Frauen abgeſendet werden, oder an ſie einlaufen. Meinen Sie nicht, daß unſer heißes Meſſer das Siegel von ei⸗ nem Frauenzimmercouvert eben ſo gut löſen würde, als von den ſorgfältigſt verwahrten diplomatiſchen Depeſchen?“ „Ich fürchte nur, man hat uns bereits erkannt, und wird gar ſehr auf der Hut ſein!“ „Wer ſollte uns erkannt haben?“ rief Beaucaire,„das unge Mädchen? Dies hätten wir ſogleich bemerken müſſen; —ö— — 71— aber ich bin überzeugt, ſie hat nicht einmal unſern Namen gehört, denn als wir vorgeſtellt wurden, war ſie zu weit entfernt, und von dem Augenblicke an, wo ich erfuhr, wer ſie ſei, habe ich ſie nicht aus den Augen gelaſſen.“—„Auch ich nicht“, entgegnete St. Luees,„aber gerade an ihrem Benehmen, ihren Blicken glaube ich wahrgenommen zu haben, daß ſie, wenn ſie uns nicht kennt, doch wenigſtens irgend einen Arg⸗ wohn gegen uns hat, oder nach einer Erinnerung ſucht, mit welcher ſie uns in Verbindung bringen will.“ „Und wenn die Frauen uns Beide nvollſtändig kennen ſoll⸗ ten, was thäte dies am letzten Ende 26 rief Beaucaire aus. „Sie würden auf's äußer de vorſictig ſein, ihre Briefe auf Umwegen befördern, vielleicht gar abreiſen!“ „Möchten Sie doch! Ihre Vorſicht könnte ſich aber doch nur auf die abzuſendenden, nicht auf die ankommenden Briefe erſtrecken, und dieſe letztern würden uns am Ende noch mehr Licht geben, als die erſtern, die vielleicht unter einer falſchen Adreſſe abgehen. Denn das wird der flüchtige Ritter um ſeiner eignen Sicherheit willen wol angeordnet haben.“ St. Luces ging nachdenkend auf und ab. „Und werden Sie,“ fragte er plötzlich,„nicht an der plumpen Ehrlichkeit der deutſchen Beamten ſcheitern, und uns vielleicht gar compromittiren?“ „Ich dächte, Herr Baron,“ erwiderte Beaucaire etwas empfindlich,„ich hätte Ihnen einige Beweiſe gegeben, daß ich ſchwierigere Unterhandlungen einzuleiten gewußt habe, wo⸗ bei mehr auf dem Spiel ſtand; wann wäre ich ſo ungeſchickt geweſen, uns früher preiszugeben, als bis ich des Geg⸗ ners gewiß war? Sein Sie außer Sorgen, überlaſſen Sie Sie die Sache mirz ich will ſchon Mittel finden, den Faden fein anzulegen und fortzuſpinnen, aus dem ich die Fang⸗ ſchlinge für unſern Abenteurer zu knüpfen hoffe.“ — 72— St. Luees ging noch einigemal unſchlüſſig im Zimmer auf und nieder; dann reichte er ſeinem Genoſſen entſchieden die Hand, und ſprach:„Nun meinethalben; ich laſſe Sie gewähren, ich will Ihnen auch den größten Antheil des Loh⸗ nes laſſen, nur gefährden Sie den Ruf unſerer Gewandt⸗ heit nicht. Denn eben weil hier alle Spur verloren ſchien, weil man nicht gerade zu auffallende, die Gemüther erbit⸗ ternde Zwangsmaßregeln gebrauchen wollte, käme mir viel darauf an, die Sache mit einer geſchickten Wendung zu beendigen, um mich dadurch zu neuen wichtigen Aufträgen zu empfehlen. Wir ſind eng miteinander verknüpft, Freund, denn Sie folgen miiner Bahn Stufe für Stufe. Rücke ich aufwärts, ſo nehmen Sie die Lücke ein, die ich laſſe, und Sie können darauf zählen, daß ich Ihnen die Hand reichen werde, um Sie nachzuziehen, bevor ein Anderer ſich eindrän⸗ gen kann. Noch einmal: dieſe Sache übergebe ich ganz Ih⸗ nen, ziehe mich aber auch durchaus zurück, wenn ſie eine unangenehme Wendung nehmen ſollte.“ „Verlaſſen Sie ſich blind auf mich,“ rief Beaucaire, indem er ſich mit Unterwürfigkeit verbeugte;„ich eile, das Gewebe anzulegen, denn wir dürfen keinen Augenblick ver⸗ lieren.“ Mit dieſen Worten empfahl er ſich, und eilte hinab in ſein Zimmer, um ſich anzukleiden. Hierauf machte er ſich auf den Weg, um ſein Garn auszuwerfen. Sein Erſtes war, daß er in ein Kaffeehaus ging, um in der Badeliſte die Wohnung der Frauen, die er ſo arg⸗ liſtig zu umſpinnen dachte, aufzuſuchen. Nebenbei knüpfte er daſelbſt ein Geſpräch mit einigen Bürgern an, um über den Charakter des Poſtverwalters einige Aufſchlüſſe zu erhalten; was er erfuhr, ſchien ſeinen Plan zu begünſtigen. Er ging daher getroſt nach der Poſthalterei, um ſeine Unterhandlung zu beginnen. Zu ſeinem Verdruß mußte er erfahren, daß der Poſthalter an demſelben Morgen nach Dresden abgereiſt ſei, und binnen vierzehn Tagen erſt zurück⸗ kommen werde. Dieſe Auskunft gab ihm ein alter Expedient, in deſſen ſcharfgefurchten Zügen und blinzenden grauen Augen Beaucaire etwas zu leſen glaubte, was ſeinen Anſichten gün⸗ ſtig wäre. „Sie beſorgen wol indeß die Geſchäfte, mein Herr?“ fragte er höflich,„und vielleicht kann ich mich an Sie wen⸗ den, um eine Gefälligkeit zu erhalten, für die ich ſehr dank⸗ bar wäre.“ Bei dieſen Worten reichte er dem Alten freund⸗ lich die Hand dar, und wußte mit Geſchicklichkeit einige Goldſtücke in deſſen dargebotene Rechte zu drücken. Dies pflegte Beaucaire's gewöhnlicher Probeſchuß zu ſein, um den Boden, welchen er betreten wollte, zu unterſuchen. Er gab, bevor er ſagte wofür; wer in ſolchen Fällen nimmt, ehe er weiß, ob man wirklich nur ſeine Mühe vergelten, oder ihm eine Lücke im Gewiſſen mit Gold ausfüllen will, der erklärt von vorn herein ſeine Nechtlichkeit für überwindlich. In⸗ deſſen ging Beaucaire doch noch ferner vorſichtig zu Werke; er bat erſt um frühere Auslieferung der eigenen Briefe, und rückte dann, da der Alte ſich immer geldgieriger zeigte, an⸗ deutungsweiſe mit ſeinem Antrage näher. Noch hatte er ihn jedoch nicht ausgeſprochen, als Beide unterbrochen wurden, indem ſoeben die Poſt eintraf. Der alte Poſtbeamte öffnete die Briefliſte, welche die Adreſſen der angekommenen Briefe enthielt. Beaucaire warf einen flüchtigen Blick darüber hin, und las, durch den Zufall geleitet, den Namen Roſen. Wie der Falk auf eine Taube ſtößt, ſo ſchoß ſein raub⸗ gieriger Eifer auf dieſe Beute los. Die Eile, mit welcher er, durch dieſen Umſtand angeregt, des Briefes habhaft zu wer⸗ den wünſchte, war Schuld daran, daß er ſeine Vorſicht einen II. 4 — 444— Augenblick vergaß, und raſch, aber leiſe fragte:„Kann ich dieſen Brief auf eine Viertelſtunde haben, ſo ſind zwanzig Goldſtücke die Ihrigen.“ Zugleich griff er in die Taſche, um das Geld herauszulangen. Der Beamte that, als habe er nichts gehört, ſchob aber leiſe den Brief bei Seite, empfing das Gold mit einem verſtohlenen Griff der Hand, und ſah eiſernen Blicks in ein Actenſtück hinein, welches aufgeſchlagen neben ihm auf dem Tiſche lag. Beaucaire verſtand den Wink; er griff daher ohne Weiteres zu und bemächtigte ſich des Briefes. Erſtaunt ſah er an dem Poſtſtempel, daß der⸗ ſelbe aus dem Hauptquartiere kam. Sogleich eilte er damit nach vuu trat mit triumphirender Miene in St. Luces' Zimmer, und ſprach:„Wie nun, Herr Baron, wenn ich ſchon den Sieg in der Hand hätte, wenn der Schlüſſel des Geheimniſſes ſchon mein wäre?“ „Das wäre!“ rief St. Luces und ſprang freudig auf. Beaucaire reichte ihm den Brief hin, St. Luces las erſtaunt die Aufſchrift. „Nun? Was ſagen Sie? Dieſer Brief wird uns denn doch wol einige Aufſchlüſſe geben?“ „Wie ſo?“ ſagte St. Luces. „Nur Geduld, wir werden ſogleich im Klaren ſein,“ entgegnete Beaucaire, und ſchickte ſich an, den Brief zu öffnen.„Sehen Sie da!“ rief er, mit einem vor boshafter Freude leuchtenden Angeſicht, als er das Blatt aus dem Couvert gezogen und entfaltet hatte:„„Theuerſte Mutter!““ lautet die überſchrift. Und die Unterſchrift:„„Euer getreuer L.““ Sind das Spuren? Haben wir den Faden in der Hand?“* „Sie ſind in der That ſehr glücklich geweſen,“ ſprach St. Luces, doch wird die Entdeckung uns nicht viel helfen, denn der Flüchtige hat ſicher einen falſchen Namen angenom men, die Armee zählt eine halbe Million Köpfe, und unter dieſen gerade den aufzufinden, den wir ſuchen, gegen ihn eine Unterſuchung einzuleiten,— das Alles ſieht ſo unendlich weitläufig aus, daß ich kaum darauf eingehen möchte.“— „Meine Entdeckung iſt ſo glücklich,“ erwiderte Beau⸗ caire,„ich bin ſo zufrieden über die Art, wie ſie mir ein⸗ geſchlagen iſt, daß ich mich vorläufig damit genügen laſſe. Wer weiß aber, ob der Inhalt des Briefes uns nicht noch ausführlicher belehrt.“ Er ſetzte ſich hierauf, und durchlief ihn flüchtig. Seine Mienen wurden immer wohlgefälliger, drückten eine ſtets wachſende boshafte Freude aus. Am Schluß rief er aus: „Es bleibt uns nichts zu wünſchen übrig, denn aus dieſem Schreiben läßt ſich unzweifelhaft erſehen, daß die beiden Flüchtlinge, denen wir nachſpüren, bei der Armee, und zwar höchſt wahrſcheinlich in dem Regimente des Grafen Raſinski ſtehen. Denn obwol kein einziger Name in dieſem Briefe ausgeſchrieben iſt, ſo bleibt es doch für Jeden, der die Dis⸗ location der Regimenter kennt, keinem Zweifel unterworfen. Wir haben daher nichts weiter zu thun, als die Anzeige zu machen, und höchſtens hier noch die Namen auszumitteln, welche die beiden jungen Leute muthmaßlich angenommen haben, um unerkannt zu bleiben. Bei meinem jetzigen Bünd⸗ niß mit dem Poſtſecretair iſt aber nichts leichter als dies, denn wir dürfen nur die Antwort auf dieſes Schreiben ab⸗ warten.“ St. Luces ärgerte ſich innerlich darüber, daß Beaucaire in dieſer Entdeckung ſo viel Glück gehabt hatte, denn den Verdienſten der Geſchicklichkeit deſſelben eine Anerkennung deshalb zukommen zu laſſen, hatte er nicht die geringſte Nei⸗ gung. Er war aber verſchlagen genug, um ſich nicht das Mindeſte äußerlich merken zu laſſen. Mit raſchen Schritten 4* — 76— ging er im Zimmer auf und ab, und ſuchte ſich das An ſehen zu geben, als ſei es der Eifer, dem man jetzo in der Verfolgung dieſer Entdeckung beobachten müſſe, welcher ihn in eine ſo unruhige Bewegung ſetze. Heimlich indeſſen hatte er ganz andere Gedanken, die auf zweierlei Ziele hinauslie⸗ fen. Um jeden Preis wollte er Beaucaire's Entdeckung ver⸗ eiteln, am liebſten aber freilich ſie für ſich nutzen. Mit der freundlichſten Miene von der Welt überhäufte er ihn daher mit Lobſprüchen, um ihm jeden Verdacht zu rauben.„Ich muß Ihrem Talente und Ihrer Geſchicklichkeit die vollſte Anerkennung widmen, mein lieber Beaucaire,“ ſprach er; „Sie haben in dieſer Sache mit einem Scharfblick und einer Gewandtheit gehandelt, die nicht übertroffen werden kann Gern geſtehe ich's, daß ich im erſten Augenblick eine kleine Anwandlung von Verdrießlichkeit hatte, die der Neid auf Ihre meiſterhafte Ausführung des glücklichen Gedankens in mir erregte. Betrachten Sie dieſe Aufwallung, der ich nun⸗ mehr vollkommen Herr geworden bin, als die wahrhaftigſte Huldigung gegen Ihre Verdienſte; ſie iſt vielleicht ſogar die ſchmeichelhafteſte.“ Wie die Schlauheit aller Schurken nur bis zu einem gewiſſen Grade reicht, und das ganze künſtliche Gewebe ihrer Verſtandescombinationen eigentlich nur zu einer verlängerten Dummheit wird, weil es der feſten Grundlage des Vernünf⸗ tigen, und ſomit des Sittlichen entbehrt, ſo fand auch Beau⸗ caire's Scharfſinn hier eine Grenze, indem ſeine Eitelkeit ihm das Auge verblendete, mit welchem er ſonſt die Dinge durch⸗ aus richtig zu ſehen wußte, und ſich nicht leicht durch einen Schein täuſchen ließ. St. Luces beſaß aber auch die Kunſt im höchſten Grade, ſeine Züge in jede Form zu legen, den überzeugenden Ton redlicher Wahrheit anzunehmen, und da⸗ mit oft ſelbſt Diejenigen zu täuſchen, die ſchon Zeuge geweſen — 717ͥ˙— waren, wie er dieſelben Waffen gegen Andere gebraucht hatte. Beaucaire konnte es nicht laſſen, noch einige Zeit ruhmredig, wiewol mit dem Ausdrucke und den Formen der Beſcheiden⸗ heit, auf ſeine Geſchicklichkeit und die ſchnelle Ausführung ſeines glücklichen Gedankens zurückzukommen. St. Luces' ungleich ſchärferer Blick durchſchaute ihn bis auf den Grund; um ſo ſicherer vermochte er ihn in ſeiner Verblendung zu beſtärken und in die ſchmeichelhafteſten Täuſchungen einzuwiegen. Da vorläufig in der Angelegenheit nichts weiter zu un⸗ ternehmen war, vor allen Dingen aber der Brief der Poſt zurückgegeben werden mußte, damit man dieſe Hülfsquelle nicht für die Folge einbüße, ſo übernahm Beaucaire das Letztere, und eilte, nachdem er das Couvert wieder verſiegelt hatte, auf das Bureau zurück, um ihn dem Beamten wieder einzuhändigen. St. Luces ging gedankenvoll in ſeinem Zimmer auf und ab und überlegte, wie er es anzufangen habe, um Beau⸗ caire's eitle Nebenbuhlerſchaft zu vereiteln, und die etwaigen Verdienſte ſeiner Entdeckung ſich ſelbſt zuzueignen. Achtes Capitel. 9 Während Marie ſorgend mit töchterlicher Angſt an dem Bette der erkrankten Mutter ſaß, ahnete ſie nicht, wie Bosheit und Habſucht ſich beriethen, um ihrem Herzen neue Qualen zu bereiten. Ach, und hätte ſie es gewußt, ſie würde über die nächſte Sorge die entferntere vergeſſen haben; denn in tiefen Leiden iſt die Schwäche der menſchlichen Bruſt ihre — 23— einzige Rettung, weil ſie, wie auch die Fluthen des Jammers über ſie herandringen mögen, nur ein beſtimmtes Maß der⸗ ſelben faßt. Das übrige zerrinnt in dem weiten Raume des Weltalls wie Schall und Licht, welche Ohr und Auge nicht in ſich aufnehmen. Mariens inniges, ſtummes Gebet war die Erhaltung der Mutter. Einem behütenden Engel gleich, ſaß ſie an ihrem Lager und wehrte alles Feindſelige, was der Kranken nahen konnte, mit ſanfter Feſtigkeit, mit uner⸗ müdlicher Ausdauer ab. Doch in dem Rathe des Ewigen war es anders beſchloſſen. Ihrer zarten jungen Blüte ſollte die beſchützende ältere Nachbarpflanze, an der ſie ſich empor⸗ geſchmiegt hatte, entriſſen werden. Die Mutter hatte eine lange Zeit ſtill, mit einem ſanft⸗ ſchmerzlichen Lächeln auf den Lippen, in die Kiſſen zurück⸗ gelehnt, gelegen. Mariens beobachtendes Auge bemerkte ſchon längſt einen heimlichen Kampf in den Zügen der Kranken; mehrmals hatte ſie ängſtlich nach der Urſache geforſcht und die Mutter gefragt, ob ſie Schmerzen empfinde. Dieſe hatte es durch ſtumme Winke, wie durch ein leiſes Nein, eben ſo oft verneint. Jetzt ſprach ſie plötzlich:„Meine Tochter, ich fühle,— es wird bald vorüber ſein;— das übel kehrt zu⸗ rück,— ich werde es nicht mehr überwinden. Ein Geheim⸗ niß für Dich und Deinen Bruder,— Euer Vater,— die Papiere in dem geheimen Fach meines Schreibtiſches,— ach, meine Tochter, in Deinen Armen!——“" Mit dieſen, zuletzt faſt ohne Athem ausgeſtoßenen Worten ſtreckte ſie die Arme verlangend nach der Tochter aus. Ein krampfhaftes Übel ſchnürte ihr die Bruſt zuſammen, ſie ſuchte ſich mit Mariens Hülfe, welche ſie weinend umſchlungen hatte, emporzurichten. Dieſe ergriff, waͤhrend ſie mit der Rechten die Mutter unterſtützte, mit der Linken die Klingel, welche am Bett ſtand, und ſchellte heftig.„Der Arzt! der — 79— Arzt!“ rief ſie athemlos, als Frau Holder eintrat, und dieſe eilte raſch wieder zurück, um die Hülfe herbeizurufen. „O, meine Mutter, verlaß Deine Tochter nicht,“ dies waren die einzigen Worte, welche Maria unter Thränen aus⸗ zuſprechen vermochte. Die Kranke war zu beängſtigt von dem Krampf, um zu hören oder vollends zu antworten. So ver⸗ gingen einige Minuten in der entſetzlichſten Pein für Marien, welche allein, faſt ſelbſt der Hulfe bedürftig, alle Anſtrengung ihrer Seele nöthig hatte, um nicht durch den Anblick der Leiden ihrer geliebten Mutter und durch den eigenen zer⸗ reißenden Schmerz unfähig zu dem Beiſtande zu werden, den ſie der Kranken leiſten mußte. Endlich ließ das übel nach, aber nur um in ein anderes, die Auflöſung beſchleunigendes, überzugehen. Ein heftiges Bluterbrechen ſchaffte der Gequäl⸗ ten Luft; zugleich damit aber ſchwanden die letzten ange⸗ ſpannten Kräfte, und ſie ſank bleich und ſprachlos auf die Kiſſen zurück. Zitternd, ein bleiches Bild des Kummers, mit ſtummen, unaufhaltſam fließenden Thränen, ſaß Marie an dem Lager und beobachtete mit ängſtlichen Blicken, wie die theuerſte Seele, welche ſie auf dieſer Erde beſaß, ſich der ſterblichen Hülle entrang. Die Mutter blickte nur noch irr und träu⸗ meriſch, aber doch mit ſeliger Liebe und Freundlichkeit aus ſchon brechenden Augen zu der Tochter hin. Die Bruſt wurde kaum noch rech das leiſe, matte Athmen bewegt; die Lip⸗ pen wollt er Todeskampf ſchmerzlich verziehen, doch er ward beſiegt de ch ein frommes Lächeln, dem Widerſchein des Jenſeits a der ſchon brechenden irdiſchen Bruſt. Denn halb gehört die fliehende Seele ſchon jenen Räumen des ewigen Lichte an, wo ſie ihre urſprüngliche Heimat wiederfindet. och ein matt glänzender Blick der Liebe, und das Auge er ch; Marie ſeufzte bang auf und beugte ſich über das bleiche Antlitz der Mutter, um ihrem Athemzuge zu lauſchen. Vergebens, er war entflohen; es regte ſich kein Hauch des Lebens mehr auf den erbleichenden Lippen. Der ſtrenge Spruch des Schickſals hatte ſich vollendet; Marie ſtand nun einſam auf der Welt. Einige Minuten blieb ſie nur ihrem kalt erſtarrenden Schmerze, deſſen ungeheueres Maß ſie noch nicht zu über⸗ ſehen vermochte, gegenüber. Die Erſten, welche die tiefe Gra⸗ besſtille unterbrachen, waren der Arzt und Frau Holder. Jener hatte kaum einen Blick auf das Lager geworfen, als er ausrief:„Wir kommen zu ſpät; ich ahnete es wohl; hier war keine Hülfe mehr möglich!“ Dieſe Worte riſſen Marien aus ihrer dumpfen, ſtarren Betäubung empor. Sie wandte ſich zu der betrübt daſtehenden, gutmüthigen Frau Holder um, und wollte ihr mit ſanfter Stimme ſagen:„Meine Mutter iſt todt!“ doch mit jeder Sylbe ſchlug der Schmerz heftigere Töne an, und endete faſt in einem Schrei der Angſt, mit dem Marie der raſch Herbeieilenden in die Arme ſank. Doch dauerte dieſer gewaltſame Zuſtand, der nur ein über⸗ brauſen der bis dahin mit Kraft beherrſchten Empfindungen war, welche jetzt die zu ſchwachen Schranken durchbrachen, nicht lange. Bald hörte der Strom der Schmerzen auf, wild zwiſchen den Ufern dahinzurauſchen, und floß wieder beſänftigt im ruhigern Bette.—— Marie ließ ſich die Sorge nicht nehmen, wen zſtens wollte ſie dieſelbe der Frau Holder nicht allein überlaſſen, die Ab⸗ geſchiedene auf eine reinliche Lagerſtatt zu bringen, und ſie einfach, aber vollſtändig zu kleiden. Sie flüchtete nicht vor ihrem Schmerze, wie ſchwächere Seelen pflegen, ſondern erkannte, daß er jetzt ihr Theuerſtes ſei. Denn ſie trauerte ja um den Verluſt eines geliebten Weſens; ſo mußte es ihr einziger wahrer Troſt ſein, ſich —,— — 88— ganz, äußerlich wie innerlich, der Beſchäftigung mit derſelben zu widmen. Jede tiefer empfindende Seele liebt ihren Schmerz und findet ihr trauriges Glück allein darin, ihm nachzuhängen. Sie flieht die Zerſtreuungen des Lebens, denn ſie weiß, daß jene ſcheinbaren Bilder der Heiterkeit und des Glücks, mit denen man ſich zu umgeben vermag, in ſolchen Tagen nur die Freude heucheln, und neben dieſer glänzenden Lüge ſteht die düſtere Geſtalt der Wahrheit deſto unerbittlicher und zer⸗ ſtört die Täuſchung. Denn das Leben gleicht einem Spiegel: wer davor tritt, ſieht nur ſich ſelbſt; alle die reizenden Bilder dahinter ſind nur Schein und liegen Dem ewig ferne, der ſie nicht in der eignen Bruſt trägt. Die beiden Töchter der Wirthin, Anna und Thereſe, das kleine liebliche Weſen, traten ein, als Marie eben die Um⸗ kleidung der Mutter vollendet hatte. In weiße Tücher ge⸗ hüllt, lag ſie auf der Bahre; das Antlitz war ſanft, ohne Ausdruck des Leidens. Ein ſtilles Lächeln umſchwebte die Lippen. Die beiden Kinder trugen ein Körbchen, mit Blumen ge⸗ füllt, welches die Mutter ihnen gegeben hatte, um damit das Lager der Todten auszuſchmücken. Anna, die Ältere, ſollte den Auftrag ausrichten, allein das arme Kind vermochte vor Thränen nicht zu ſprechen; Thereſe aber rief freudig: „Sieh nur die ſchönen Blumen, die ſollſt Du alle haben.“ Marie betrachtete die Kinder mit einem wehmüthigen Lächeln. Sie küßte die Altere und drückte ſie ſanft weinend ans Herz; dann nahm ſie die kleine Thereſe, welche die Händchen ver⸗ langend zu ihr emporhielt, auf den Arm, ließ ſich von dem Kinde liebkoſend umſchlingen und verbarg in der Umarmung deſſelben ihr thränendes Antlitz. Auch das Kind fing jetzt an zu weinen, jedoch nur, weil der Kummer der Andern es 4** ängſtlich machte. Marie tröſtete es liebreich beruhigend und ſprach:„Weine nicht, mein Herzchen, ſieh, auch ich bin ſchon wieder fröhlich! Komm, wir wollen die Blumen nehmen und ſie auf das Bett der Mutter ſtreuen. Siehſt Du wol, wie ſanft ſie ſchläft?“ Das Kind wurde wieder ruhig und ſprach:„Ich will Dir helfen.“ „Ja, das ſollſt Du auch, Thereſe, Du ſollſt mir alle Blu⸗ men zureichen.“ Sie gab hierauf der Kleinen das Körbchen, welches dieſe neben ſich ſtellte und ihr nun einzeln die Blu⸗ men daraus mit den kleinen Armchen entgegenſtreckte. Anna half das Lager der Todten damit ſchmücken; das fromme Geſchäft geſchah faſt ſchweigend, nur daß Thereſe durch ihre unſchuldigen, ahnungsloſen Fragen und durch ihr oft ſogar munteres heeen bisweilen ein freundlich beruhigen⸗ des Wort von Marien nöthig machte. Die Hingeſchiedene lag nun einfach geſchmückt, von Blumen umgeben, auf dem Todtenlager; die letzten frommen Tochter⸗ pflichten hatte Marie an ihr erfüllt. Stumm, mit herabge⸗ ſunkenen, ineinandergefalteten Händen ſtand ſie ernſt betrach⸗ tend an der Bahre und heftete die Blicke auf das Angeſicht der Mutter. Noch ſchwebten die Züge des Lebens darauf, noch war es nicht jene kalte, ſtarre Maske der Todten, noch ſchien ſie nur in einem leichten Schlummer zu ruhen, von dem ſie das Auge bald wieder aufſchlagen könne. Es war Marien einen Augenblick lang zu Muthe, als ſei es un⸗ möglich, daß jedes Band der Vereinigung nunmehr auf im⸗ mer zerriſſen ſei, daß dieſes Auge ſie nie wieder freundlich anblicken, dieſer Mund niemals mehr ſanfte Worte zu ihr reden ſollte. Da trat eine heftige Angſt und Beklemmung ſie anz ſie mußte ins Freie. Naſch nahm ſie die Kinder bei der Hand und ſprach: Laßt uns ein wenig hinaus⸗ gehen in den Garten, die Sonne ſcheint ſo ſchoͤn.”“ Sie gingen. Indem Marie aus der Thüre trat, ſtanden zwei weib⸗ liche Geſtalten vor ihr, die ſie im erſten Augenblicke, weil der Schmerz ſie Allem entfremdet hatte, nicht erkannte, ſon⸗ dern überraſcht und unſicher anblickte. Es waren die Gräfin und Lodoiska, welche, um die geſtern auf der Spazierfahrt gemachte Bekanntſchaft fortzuſetzen, einen erſten Beſuch bei Marien und deren Mutter machen wollten. Noch mehr als Marie über die Kommenden, erſtaunten dieſe über den Anblick der bleichen verweinten Geſtalt; doch das gegenſeitige Befremden dauerte nur wenige Secunden, denn auf die Frage der Gräfin:„Mein Gott, was iſt Ihnen begegnet?“ erwiderte Marie mit ſchwacher Stimme:„Sie treten in ein Haus der Trauer! Eine Waiſe ſteht vor Ihnen!“ überwältigt von der Gewalt des Schmerzes, ſank ſie halb bewußtlos der Gräfin in die Arme, welche dieſe mitleidig öffnend gegen ſie ausbreitete. Mit Wärme druͤckte ſie die im ſtummen Schmerz an ihrer Bruſt Ruhende an ſich und ſprach ſanft:„Sei meine Tochter!“ Und Lodoiska ſetzte weich hinzu, indem ſie Mariens herabgeſunkene Hand ergriff: „Und meine Schweſter!“ 3 O wie wohlthuend, wie ſanft legten ſich dieſe tröſtenden Stimmen mitfühlender Seelen, die der Himmel der Gequäl⸗ ten im Augenblicke ihrer tiefſten Einſamkeit auf der Erde zuſandte, an das bebende, blutende Herz! Wie hatte dieſer eine, warme Augenblick die kalten, ehernen Schranken, welche das Leben ſonſt ſo lange zwiſchen die Menſchen ſtellt und ſie damit fern auseinanderhält, hinweggeſchmolzen! Jahre gemeinſamer, unbedeutender Erlebniſſe verknüpfen nicht ſo feſt, als ein einziges, tief erſchütterndes Ereigniß, wo die menſchliche Seele, in dem erhöhten Gefühle der Nichtigkeit alles Äußerlichen und Zufälligen, nur ihres Gleichen ſucht, nur in der Liebe die Wahrheit erkennt. Auf dem klaren Strome der Freude rinnen die Seelen der Menſchen inein⸗ ander; noch inniger aber auf dem düſtern des Schmerzes. So waren die drei Frauen durch dieſen einen Augenblick für das Leben verbunden, und Marie empfand mit klarer Einſicht die erſte Segnung, die Gott dem Menſchen aus trüben Geſchicken bereitet, die, daß ſeine Seele reicher an empfangender und ſpendender Liebe wird.— Der aufgeregte, beklommene Zuſtand der vom heftigſten Schmerz Zerriſſenen forderte, daß ſie, bevor ſie die neue mütterliche und ſchweſter⸗ liche Freundin an die Bahre führte, einige beruhigende Gänge durch den Garten that. Als auf dieſem Wege der ernſte, Zutrauen einflößende Troſt der Gräfin und Lodoiska's weiche Schweſterliebe ihrer trauernden Bruſt ſo im Innerſten wohlthaten, da ſtieg es in ihrer Seele faſt als der Gedanke eines Verbrechens auf, daß irgend eine Falte ihres Herzens Derjenigen verborgen ſein ſollte, deren Liebe ſich ihr ſo ganz hingab. Der Entſchluß, Beiden mitzutheilen, was Raſinski für ihren Bruder gethan, wurde zur unausweichbaren Nothwendigkeit für ſie.„Ich kann,“ ſprach ſie und wandte ihr offenes blaues Auge zu der Gräfin empor;„ich kann es nicht ertragen, einer ſo edlen Frau halb verſchleiert, mit mißtrauiſchen Rückhalten gegen⸗ überzuſtehen. Sie haben mich nach meinem Bruder gefragt; o, Sie kennen ihn, denn in Ihrem Hauſe fand er als Lud⸗ wig Soren nebſt ſeinem Freunde Bernhard die gaſtlichſte Aufnahme 5 2 „Wie?“ rief die Gräfin erſtaunt; jjener junge Mann, der derch ſein männlichernſtes Weſen uns Allen ſo lieb ge⸗ worden, wäre Ihr Bruder?“ ———— —— — 85 „Er iſt es; doch muß es das tiefſte Geheimniß blei⸗ ben,“ ſprach Marie, und erzählte hierauf den ganzen Zuſam⸗ menhang der Begebenheiten, durch die Ludwig in ſeine wun⸗ derbare Lage verſetzt worden war. Dabei nannte ſie auch die Namen St. Luces und Beaucaire, worauf die Gräfin, die auf alle Verhältniſſe ein ſehr aufmerkſames Auge hatte, ſich ſogleich an das geſtrige Zuſammentreffen mit den beiden Frem⸗ den erinnerte, und die nur zu gegründete Beſorgniß ausſprach, daß eben dieſe die gefährlichen Männer ſeien. Jetzt fiel auch Marien ein, was Arnheim ihr geſtern geſagt hatte, und es konnte faſt kein Zweifel mehr obwalten. Sie blickte, nach⸗ dem ſie der Gräfin dieſe Mittheilung gemacht hatte, dieſelbe fragend und ängſtlich an.„Man muß nur den Muth nicht verlieren,“ ſprach die entſchloſſene Frau,„und ſehr vorſichtig ſein. Obgleich ich als Polin den Kaiſer der Franzoſen be⸗ geiſtert verehre und Frankreich als unſern ſchützenden Bundes⸗ genoſſen betrachte, ſo kenne ich doch alle die Bedrückungen und Greuel jener zur Verwaltung feindlicher Länder einge⸗ ſetzten Beamten, welche, nicht Soldaten, nicht Männer von Muth, auch männlichen Muth nicht ehren und nur über Schwache zu triumphiren wiſſen. Zu dieſen dürften auch Ihre Gegner leicht gehören. Alſo auf der Hut!— Wie befördern Sie Ihre Briefe?“ „Unter der Aufſchrift an den Grafen Raſinski,“ entgeg⸗ nete Marie nicht ohne Erröthen. „Gut,“ ſprach die Gräfin raſch, ohne Mariens Verwir⸗ rung zu bemerken;„allein vielleicht noch nicht hinreichend. Geben Sie mir Ihre Briefe. Ich kenne viele Offiziere des Regiments, welches mein Bruder führt. Ich kann mit den Adreſſen wechſeln und es doch ſo einrichten, daß die Briefe von meinem Bruder geöffnet werden.— Alſo durch mich, Liebe, führen Sie künftig den Briefwechſel mit Ihrem Bruder.“ — 86— Unter dieſem Geſpräche war man bis zu dem Hauſe zu⸗ rückgekehrt, und Marie führte die Beſchützerin und die Freun⸗ din, welche ſie gefunden, zu der entſeelten Hülle Derjenigen, in der ſie Beides verloren. Schweigend ſtanden die drei Frauen an der Bahre. Marie lehnte ſich ſanft gegen die tief gerührte Lodoiska und weinte ſtill an ihrem Herzen. „Wie freundlich dieſes Antlitz iſt!“ ſprach die Gräfin und legte die Hand auf die Stirn der Todten, um ihr das Haar noch ein wenig zurückzuſtreichen.„Wie ſanft muß die Seele aus dieſem Körper geſchieden ſein! Wie gefaßt, wie fromm, wie ruhig!“ „O, ſie war mild wie die Abendſonne,“ ſprach Marie; „gleich ihr ſchied ſie dahin, und in dieſem ſtillen, freundlichen Antlitz ſchimmert die Abendröthe ihrer Seele aus der ſchönern Welt, in die ſie hinübergegangen, noch in dieſe zurück. Bald aber wird die lange, undurchdringliche Nacht eingetreten ſein, die ſie uns für ewig verhüllt.“ Sie meinte die Beſtattung. Thereſe und Anna traten halb hüpfend ein.— Sie hielten einen Brief in der Hand. Er war von Ludwig; derſelbe, den Beaucaire vor einer Stunde mit verbrecheriſchen Händen erbrochen. „Von meinem Bruder an meine Mutter,“ ſprach Marie und brach aufs Neue in Thränen aus.—„O der Arme! Er wußte nicht, daß Diejenige, an die er ſeine Worte rich⸗ tete, ſie nicht mehr vernehmen wird! Für ſein Leben bebten wir, weil es von tauſend Gefahren umringt iſt; und wer weiß, bleibt er der einzige Überlebende von uns Allen. O, dann würde ich ihn tief beklagen!—— Aber nein! So hart wird uns Gott nicht prüfen,“ fuhr ſie nach einigen Augenblicken mit frommem Ausdruck in den Zügen fort; ——— — 87— „er wird uns nicht trennen. Seine tröſtenden Engel werden mich aufrecht halten und ſeine ſchützenden meinen Bruder umſchweben.“ Die Gräfin machte jetzt Marien den Vorſchlag, das Haus des Todes zu verlaſſen, mit ihr zu kommen und bei ihr zu wohnen, damit ſie nicht ganz einſam in der nunmehr verödeten Wohnung zurückbleibe, ſondern eine vertraute Bruſt habe, an die ſie ihr müdes Haupt lehnen könne. Marie wil⸗ ligte dankbar ein; denn vor der erſten einſamen Nacht ſchauerte ſie zuſammen. Lodoiska, die den Schmerz ganz mit ihr theilte, doch dann am verſchloſſenſten blieb, wenn ihr Herz am vollſten war, weil ſie der leichten Gabe der Mittheilung ermangelte, blieb noch bei Marien zurück, um ihr in einigen nothwendigen Anordnungen zu helfen. Die Gräfin begab ſich nach Hauſe, um die Anſtalten zu Mariens Aufnahme zu treffen. Dieſe ordnete mit Lodoiska ihr kleines Beſitzthum auf das vollſtändigſte, wählte nur Einiges aus ihren Büchern, Papieren, Kleidern und Arbeiten aus, welches ſie mit in die neue Wohnung hinübernehmen wollte, und hüllte ſich dann in Trauerkleider. Als ſie umgekleidet aus dem Seitengemache trat, erſtaunte Lodoiska über die ſanfte Hoheit ihrer edlen Geſtalt; zuvor war ſie immer nur lieblich erſchienen, nur Anmuth hatte ihr die holden Reize verliehen; jetzt aber ſchien ſie eine trauernde Fürſtin zu ſein, ſo wurde ihr Anſtand durch die ernſte Kleidung und Haltung, wie durch den tief ſchmerzlichen Ausdruck ihrer Züge geadelt. Mit herzlichen Küſſen und Thränen nahm Marie von den Kleinen, mit warmer Dankbarkeit von deren Mutter Abſchied, und ging, das Antlitz durch einen ſchwarzen Schleier vor den läſtig neugierigen Blicken der Menge ver⸗ hüllend, an der Seite ihrer jungen ernſten Freundin ihrer — 38— neuen Wohnung zu. Im Gehen war es ihr, als müßten ihre Sinne ſie verlaſſen, da ſie jetzt der vertrauten Stelle den Rücken wandte, wo ſie noch vor wenigen Stunden die Stimme der Mutter gehört, ihr freundliches Winken der Augen geſehen hatte. Und nun Alles ſo ſtumm und ſtarr, ſo ewig verſchloſſen! In der Hausthür ſtand Frau Holder mit ihren beiden Mädchen. Die gute Frau reichte Marien nochmals die Hand dar, während ſie ſich mit der Schürze die Thränen aus den Augen wiſchte. Anna verbarg ſich blöde und trau⸗ rig hinter die Mutter, doch die kleine Thereſe hob ſchmei⸗ chelnd die Armchen an Marien hinauf und rief:„Marie, komm bald wieder zu Haus!“ „Bald, bald, recht oft, mein liebes Kind!“ ſprach Marie mit von Thränen überwältigter Stimme und hob das kleine, holde Weſen zu ſich empor. Dann erſt riß ſie ſich los und ging raſcher, um ihre ermattende Kraft gewaltſam aufzu⸗ richten. Neuntes Capitel. Am ganz frühen Morgen des dritten Tages war die Hingeſchiedene beſtattet worden. Nur Marie, die Grafin, Lodoiska und Frau Holder waren zugegen geweſen, als man ſie einſenkte zu der ewigen Ruheſtätte. Marie zeigte ſich ernſt, gefaßt; ſie rechtfertigte die Furcht der Gräfin, welche ſie dringend gebeten hatte, von der traurigen Feierlichkeit zu⸗ rückzubleiben, nicht. In ihrer eben ſo feſten als zarten Seele 8& — 89— ſchloß ſie ſchnell mit allem Geſchehenen, mit allem Unver⸗ meidlichen ab; nur der Zweifel, die Sorge, die Furcht vor dem Kommenden griffen ſie ſo heftig an. Sie bebte vor der drohend gehobenen Hand des Schickſals; war der zerſchmet⸗ ternde Schlag gefallen, ſo kämpfte ſie mit ſittlicher Stärke, mit feſtem, treuem chriſtlichen Glauben gegen die vernich⸗ tende Gewalt. So ernſt ſie den Tag über blieb, nahm ſie doch mit ſtiller Freundlichkeit an dem Geſpräche Theil. Erſt als die Sonne ſchon röthlich hinter dem blauen Gebirge ſtand, und die Wehmuth der Abendſtille ſich über die Landſchaft ergoß, da erſt wurde auch ſie weich und zerfloß faſt in Thränen. Es trieb ſie an, nach dem Grabe der Mutter hinauszugehen; die tröſtenden Freundinnen wollten ſie begleiten, doch ſie bat, man möge ſie allein gewähren laſſen.„Glaubt nicht, daß dieſer Gang mich tiefer beugen wird; nein, er wird mein Heerz tröſten; meine geängſtete Bruſt durch ſanfte Thränen erleichtern. Meine Wunden müſſen frei ausbluten; vielleicht ſind ſie tödtlich; ſie werden es aber gewiß und ſchneller, wenn Ihr den Schmerz derſelben gewaltſam in mein Inneres zu⸗ rückpreſſen wollt. O, mir wird wohl ſein auf dem Hügel meiner Mutter!“ Sie ging. Das Grab war mit friſchem Raſen bedeckt; noch hatte es keine andere Zierde. Der Kirchhof lag einſam, friedlich, von hohen Bäumen beſchattet. Marie ſetzte ſich auf die Gruft nieder und ſaß in nachdenklicher Stellung, während ihre Thrä⸗ nen ſtill herabfloſſen. Plößlich ſchreckte das Herannahen eines männlichen Trittes ſie auf. Sie blickte zurück und gewahrte St. Luces, der gerade auf ſie zuging. Unangenehm, ja faſt widerwärtig durch ſeine Nähe ge⸗ ſtört, ſtand ſie auf, erwiderte ſeinen ehrerbietigen Gruß mit einer leichten ängſtlichen Verbeugung und wollte den Kirchhof — 90— verlaſſen. Er aber ereilte ſie mit raſchen Schritten und redete ſie an: „Vergeben Sie mir, wenn ich Ihre Trauer geſtört habe;— der Zufall führte mich hieher, ich hatte Sie nicht früher erkannt, ſonſt würde ich mich ehrerbietig zurückgezogen haben.“ St. Luces log mit der Zunge und den Augen gleich fertig; denn eben ſo unwahr als ſeine Worte waren die ſchein⸗ bar verwirrten Blicke, die mit größter Geſchicklichkeit geheu⸗ chelte Trauer auf ſeiner Stirne. Schon ſeit drei Tagen er⸗ ſpähte er nämlich auf jede erſinnliche Weiſe eine Gelegen⸗ heit, Marien zu ſprechen. Die Nachricht von dem plötzlichen Tode der Mutter war ihm im höchſten Grade willkommen, denn ſie begünſtigte ſeine doppelt verbrecheriſchen Plane. Ma⸗ riens holdſelige Anmuth hatte, gleich als er ſie zum erſten Male ſah, ſeine verderbte, niedrige Leidenſchaft entzündet. Mit der allen Elenden ſo geläufigen Berechnung der bedräng⸗ ten Lage Anderer, um ihnen das Außerſte abzupreſſen, ent⸗ warf er ſchnell den teufliſchen Plan, zuerſt die Angſt der Schweſter durch die Bedrohung des Bruders zu erregen und dann durch das Verſprechen der Rettung— auf das Hal⸗ ten kam es ihm freilich nicht an— ihre Gunſt zu erwer⸗ ben. Deshalb war ihm eigentlich Beaucaire's habſüchtige, gerade auf das Ziel losgehende Liſt ſo zuwider. Vollends aber würde er erbittert geweſen ſein, wenn er geahnet hätte, daß dieſer ſein Nebenbuhler ſei und mit größerer Frechheit, daher aber auch mit minder künſtlicher Verfeinerung der Bos⸗ heit demſelben Zwecke nachſtrebte. St. Luces wollte eine Liebesintrigue anſpinnen; er berech⸗ nete, daß das weiche Herz einer Trauernden das empfäͤng⸗ lichſte für den Troſt ſei, den eine geheuchelte innige Theil⸗ nahme gewährt; er wollte, mit einem Worte, Marien ver⸗ * — 91— führen, aber nicht ohne ihr Gelegenheit zu geben, ihre Schwach⸗ heit durch eine Art von Heiligenſchein zu verhüllen, indem er an ihre Gunſt die Rettung des Bruders zu knüpfen dachte. Beaucaire hatte denſelben Plan, doch roher; mit dem Henkerſchwert über dem Haupte des Bruders wollte er die geängſtigte Schweſter in ſeine Arme treiben. Ihm war es nur um den ſinnlichen Genuß zu thun, und er kümmerte ſich nicht um den Abſcheu ſeines Opfers. St. Luces, feiner gebildet und durch viele ähnliche Aben⸗ teuer ſeines Lebens, bei denen ihm eine große Gewandtheit und beſtechendes AÄußere zu Hülfe kam, denn in ſeiner Jugend war er ſogar ein ſchöner Mann geweſen, berechnete, daß der Reiz einer ſolchen Verbindung durch die getäuſchte Neigung des weiblichen Gemüths unendlich erhöht werde. Er wollte nicht eher unter ſeiner Larve erkannt ſein, bis er ſelbſt mit der völligſten Sättigung und Gleichgültigkeit das ange⸗ ſponnene Verhältniß wieder trennte. Dieſe Plane verbargen Beaucaire und St. Luces natürlich einander aufs ſorgfäl⸗ tigſte, und in der That ahnete keiner von Beiden die Abſicht des Gegners, einmal, weil ſie einen ganz verſchiedenen Weg einſchlugen, und zweitens auch, weil Einer den Andern ent⸗ weder nicht für ſchlau oder boshaft genug hielt, um ſo viel Nutzen aus der Lage der Verhältniſſe zu ziehen. Beaucaire ſpürte unabläſſig rings umher, ob er nicht den Aufenthalt Ludwigs bei der Armee, den Namen, den er jetzt führte, mit Beſtimmtheit erfahren könnte. Daher lauerte er wie der Ameiſenlöwe in der verſteckten Finſterniß ſeiner Höhle nur auf einen Brief Mariens an ihren Bruder, um ihn mit ſei⸗ nen Fangzangen hinunterzuziehen. Dann wollte er vor die Unglückliche hintreten, um ſie durch das Meduſenhaupt ſei⸗ ner Entdeckung zu erſtarren und ſo die Willenloſe hinzu⸗ opfern. Der Tod der Mutter war daher auch ihm willkom⸗ men geweſen; denn mit Recht glaubte er, daß Marie ihn dem Bruder ſogleich, oder doch in den nächſten Tagen mel⸗ den werde. Er hatte es deshalb nicht an Geld fehlen laſſen, um den verrätheriſchen Poſtbeamten aufmerkſam zu machen. Diesmal verſchwendete er es jedoch vergeblich, weil Mariens Brief längſt durch die Gräfin abgeſandt war, die ihn einem nach Dresden reiſenden Landsmanne anvertraut hatte, um ihn dort auf die Poſt zu geben. Von St. Luces Abſichten hatte Beaucaire, da dieſer ihn durch Schmeicheleien und Zuvorkommenheit in die größte Sicherheit und ſo leicht getäuſchte eitle Selbſtgefälligkeit einwiegte, keine Ahnung und daher auch kein Arg aus deſſen Spaziergängen, um ſo mehr, da derſelbe ſie höchſt geſchickt einzuleiten und zu ver⸗ bergen wußte. Es war jetzt das erſte Mal, daß St. Luces Marien allein traf. Sie erwiderte ſeine Anrede mit einigen befangenen Worten und wollte ſich entfernen; doch er that, als bemerke er dies nicht, und zwang ſie durch eine raſche Antwort, zu bleiben.„Wie hinterliſtig lauert das Schickſal oft auf uns! Wer hätte ahnen ſollen, daß Sie, von dem heitern Aus⸗ flug froh zurückkehrend, daheim das Unglück ſo finſter vor der Schwelle gelagert finden ſollten! O glauben Sie mir, Ihr Trauerfall war ſo erſchütternd, daß er kein Herz un⸗ gerührt gelaſſen hat; noch jetzt wendet ſich der Gedanke, das Geſpräch immer wieder darauf zurück, und es gibt kaum ein Auge in dieſem, von ſo vielen Fremden überfüllten Orte, das nicht Ihrem Schickſal eine Thräne geweint hätte.“ Marie ſchauderte; denn da ſie wußte, welchen Einfluß St. Luces auf das Schickſal ihres Bruders geübt hatte, er⸗ füllte ſeine Nähe ſie nur mit einem unheimlichen Grauen. Doch ſuchte ſie ſich zu faſſen. „Ich weiß es,“ ſprach ſie nach einigen Augenblicken, — 93— „daß der plötzliche Todesfall meiner Mutter Aufſehen erregt hat, zumal da er mit einem Ereigniß in Verbindung ſtand, das Viele erſchreckte. Doch eben dieſes Aufſehen muß mir ſchmerzlich drückend ſein; denn der Trauernde ſucht die un⸗ geſtörte Einſamkeit am liebſten auf.“ St. Luces verſtand die Beziehung der letzten Worte ſehr wohl; allein er wollte ſie nicht verſtehen und wußte ſeinen Verdruß darüber vollkommen zu beherrſchen.„Gewiß, ge⸗ wiß,“ ſprach er;„allein nicht immer iſt Das, was der Kranke begehrt, ihm das Heilſamſte. Nicht ganz dem Schmerz ſoll⸗ ten Sie ſich überlaſſen; einige Augenblicke ſollten Sie ſich doch abmüßigen für Die, welche wahrhaft Ihre Freunde ſind.“ Er ſchwieg; auch Marie. „Es iſt faſt dunkel geworden!— Mir ſcheint es Pflicht, Sie zu erinnern, daß Sie kaum noch allein den Weg zur Stadt zurückmachen können,“ begann St. Luces nach einigen Augenblicken wieder. „Sie haben Recht, ich hätte ſchon gehen ſollen,“ ſprach Marie höflich, grüßte und ging. Kaum hatte ſie die Thür des Kirchhofs erreicht, als ſie ſeine Schritte abermals dicht hinter ſich hörte. „Ich habe mit mir gekämpft,“ ſprach er haſtig, indem er herantrat,„ob es meine Pflicht ſei, Ihnen unberufen die volle Wahrheit zu ſagen, ob es Gründe gibt, die dringend genug ſind, meine Einmiſchung in die Angelegenheiten ganz fremder Perſonen zu rechtfertigen. Die Entſcheidung lautet: ich müſſe reden. Wiſſen Sie denn, ich kam nicht abſichts⸗ los hieher; ich ſuchte Sie auf. Ich weiß, daß Jemandem, der Ihnen ſehr theuer iſt, Gefahr droht, daß man nahe daran iſt, ſeinen Aufenthaltsort zu entdecken, ihn in dieſem Augenblicke vielleicht ſchon entdeckt hat. Sie könnten durch Unvorſichtigkeit in die traurigſten Schickſale verwickelt wer⸗ — 94— den— ein Gefühl,“ hier heftete er das Auge wie verwirrt auf den Boden,„welches nur Jüngere zu kennen pflegen, das mich aber von dem erſten Augenblicke ergriff, wo ich Sie ſah, deſſen ich nicht Meiſter bin— zwang mich— ich fürchte zu einer Verletzung meiner Pflicht. Mehr darf ich nicht ſagen— ſein Sie auf Ihrer Hut!“ Mit dieſen Worten wandte er ſich um und wollte raſch hinwegeilen. Marie, die ihm mit zitterndem Erſtaunen zu⸗ gehört hatte, rief ihm nach:„Um Gotteswillen, erklären Sie ſicch deutlicher. Ich bitte Sie dringend.“ St. Luces ſtand ſtill; er ſchien mit ſich ſelbſt zu käm⸗ pfen. Endlich kehrte er zurück.„Deutlicher? Iſt es nicht genug, daß Sie mich verſtehen? Ich begehe eine Verletzung an meiner Pflicht— und doch, wenn ich Ihre Thränen ſehe, wie könnte ich widerſtehen!“ Er trat Marien einen Schritt näher und ergriff ihre Hand, die ſie ihm unſchlüſſig weder zu reichen, noch ſie zurückzuziehen wagte. In dieſem Augenblicke rauſchte es im Gebüſch dicht neben ihnen, und Benno trat hervor. Mariens bleiches Angeſicht wurde von einer dunkeln Schamröthe übergoſſen, da ſie an dieſem einſamen Orte allein mit dem Fremden in ſo vertrau⸗ ter Stellung betroffen wurde. Sie ahnete nicht, daß Benno ihr guter Engel ſei, denn in der überraſchung wäre es St. Luces vielleicht gelungen, ihr Vertrauen zu gewinnen und ſie auf dieſe Weiſe völlig zu verderben. Benno war ſelbſt noch zu jung und unſchuldig, um aus einem ſo leichten Anſchein einen kränkenden Verdacht zu ſchöpfen. Seine dichteriſchen Träumereien hatten ihn auf den Friedhof geführt, wo mancher früh entſchlummerte Freund von ihm lag. Als er jetzt Marien erblickte, von deren trau⸗ rigem Schickſal auch er gehört, ging er unbefangen, tief be⸗ wegt auf ſie zu und redete ſie an:„O daß ich Sie hier neben St. Luces' geheucheltem ſtand, da erblickte ſie die hei⸗ — 95— wiederſehen ſollte, nach jenem ſchönen, unvergeßlichen Tage; wer hätte das geahnet!“ Auch er ergriff, von dem Gefühl ſeiner Wahrhaftigkeit und Unſchuld geleitet, Mariens Hand und kuͤßte ſie mit jugendlicher Ehrerbietung. Es war, als ſänke Marien ein Schleier von den Augen und eine ſchwere Laſt vom Herzen. Denn als Benno's natürliches Mitgefühl ligen einfachen Züge der Wahrheit ſiegreich neben der gekün⸗ ſtelten Larve der Verſtellung. Der Unterſchied zwiſchen Bei⸗ den war nicht mehr zu verkennen. Marie ſchauderte zuſam⸗ men, ohne ſich deutlich bewußt zu ſein, weshalb. Ein ſanfter Druck ihrer Hand war die einzige Antwort, die ſie geben konnte; er dankte dem jungen Freunde zugleich fuͤr ſeine Theil⸗ nahme und ſeine Argloſigkeit; denn ein Blick auf ſeine Züge belehrte ſie, daß nicht die leiſeſte Spur des Argwohns in ſeine reine Seele gedrungen ſei. „Es iſt ſpät— ich muß gehen,“ ſprach ſie nach einigen Augenblicken und wollte fort. „Es iſt ſo ſpät, daß ich Sie unmöglich allein gehen laſſen kann,“ rief St. Luces, und Benno, im reinſten Wohlwollen, ſetzte hinzu:„Ja wohl, wir müſſen Sie begleiten.“ Marie athmete leichter, als dieſer reine Schutzengel ſich ihr zugeſellte; in St. Luces⸗ Zügen aber trat der ſchon vor⸗ her ſchlecht verhehlte Verdruß über Benno's Dazwiſchenkunft ſo auffallend hervor, daß er es mit den gewandteſten Worten nicht mehr vermochte, den Argwohn zu beſchwichtigen, der Mariens Seele ergriffen hatte. Wenig ſprechend ging man nebeneinander hin. Marie eilte, nach Hauſe zu kommen. Als man ſich wieder in der erſten Gaſſe der Vorſtadt befand, ſtreifte raſch eine fremde Geſtalt von hinten her an den Dreien vorüber, warf einen flüchtigen Blick ſeitwärts, grüßte und ſprach im Vorüber⸗ — 96— gehen:„Bon soir, Monsieur de St. Luces!“— Dieſer er⸗ widerte den Gruß ein wenig überraſcht, denn es war Beaucaire. Man hatte das Höotel erreicht, wo die Gräfin wohnte; Marie nahm mit einem ſtummen, verlegenen Gruße Abſchied von ihren Begleitern. Oben erzählte ſie ſogleich, was ihr be⸗ gegnet ſei. Die Gräfin hegte denſelben Argwohn gegen St. Luces und erhöhte ihn noch durch mancherlei nicht abzuwei⸗ ſende Bemerkungen, woraus die offenbare Abſichtlichkeit ſei⸗ nes Benehmens hervorging. Die Uhr der Schloßkirche hatte eben zehn geſchlagen, und die Frauen ſchickten ſich nach der Sitte des Badeortes bereits an, zur Ruhe zu gehen, als es ſtark an der Haus⸗ thür ſchellte. Der Diener brachte einen Brief herauf, den ein Unbekannter abgegeben hatte. Die Aufſchrift war an Marien. Sie öffnete und fand nur einen Zettel mit den Worten: „Hüten Sie ſich vor Herrn von St. Luces!“ .„Ihr Freund.“ Wer war dieſer räthſelhafte Warner? Vergeblich beſtreb⸗ ten ſich die Frauen, es zu errathen; der Einzige, auf den ſie vermuthen konnten, war Benno. Und doch, was ſollte er wiſſen oder ahnen? Voll neuer banger Sorgen legte ſich Marie zur Ruhe; doch die ängſtigenden Vorſtellungen verfolgten ſie auch in ihre Träume hinein, und ſie erwachte oft verſtört aus der ſchwe⸗ ren Betäubung des fieberhaften Schlafes. So rang ſie zwi⸗ ſchen Angſt und Thränen. Ach, war es denn nicht genug, eine Mutter zu beweinen, mußte ſie auch noch für das Haupt des Bruders zittern? Zehntes Capitel. Marie hatte nur noch ſo lange in Teplitz verweilen wol⸗ len, bis ihre Mutter beſtattet war, und die mancherlei un⸗ erläßlichen Schritte, welche die geſetzlichen Pflichten bei To⸗ desfällen herbeiführen, geſchehen ſeien. Alsdann war es das Natürlichſte für ſie, zu der Schweſter der Dahingeſchiedenen zu reiſen und ſich dem Schutze dieſer, ihr ſo herzlich wohl⸗ wollenden Verwandten anzuvertrauen. Vorläufig hatte ſie das traurige Ereigniß durch einen Brief berichtet, auf den ſie jedoch bis jetzt noch die Antwort erwartete. Nach der unruhig und kummervoll halb durchwachten Nacht wurde ſie endlich durch einen ſanften Morgenſchlum⸗ mer mit beruhigenden Träumen erquickt, der ſie bis weit über die gewöhnliche Stunde in ſeinen ſüßen Feſſeln hielt. Als ſie die Augen aufſchlug, war es hoher Tag, ſodaß die Sonne ſchon über die Dächer der gegenüberſtehenden Häuſer ins Gemach ſchien. Faſt beſchämt über den langen Schlaf kleidete ſie ſich eilig, doch ſtill an und trat in das gemein⸗ ſchaftliche Frühſtückszimmer. Mit Erſtaunen ſah ſie gleich beim Offnen der Thür einige fremde Damen in Trauerklei⸗ dern ſitzen; doch ehe ſie nur Zeit zu einer Vermuthung hatte, fühlte ſie ſich ſchon von liebenden Armen umfangen. Es war Emma, die ſeitwärts von der Thüre am Fenſter ſitzend, die Eintretende zuerſt geſehen und erkannt hatte. Der freu⸗ dig üͤberraſchte, doch wehmüthige Ausruf beider Mädchen be⸗ wirkte, daß auch die andern Frauen, die Mariens leiſes Offnen der Thür nicht bemerkt hatten, aufſprangen und ihr entgegeneilten. Es waren Julie und ihre Mutter; alle Drei kamen, um Marien in ihrer traurigen Einſamkeit aufzuſu⸗ chen und ſie liebend zurück zu geleiten. II. 5 Liebe und Freundſchaft wetteiferten. Die Gräfin und Lodoiska wollten Marien noch nicht von ſich laſſen, ihre Verwandten ſie ſo ſchnell als möglich zu ſich nehmen. End⸗ lich wurde beſchloſſen, daß die Gräfin und Lodoiska Marien auf einige Tage auf das Gut begleiten ſollten, und man ſetzte die Abreiſe für den nächſten Morgen feſt. Nachdem man eine Zeitlang im vertraulichen Geſpräche zugebracht, äußerten die Angekommenen den Wunſch, das Grab der Hingeſchiedenen zu beſuchen. Marie führte ſie dahin. Als ſie das Thor faſt erreicht hatten, ſahen ſie in einer Seitenſtraße einen Auflauf von Menſchen, der die Gaſſe ſtopfte. Sie wollten ſich eben nach der Urſache erkundigen, als Benno an ſie herantrat und ihnen erzählte, man habe einen Beamten der Poſt wegen eben entdeckter, grober Ver⸗ untreuungen an Geldern und Geldbriefen verhaftet, und ſo eben ſei das Gericht beſchäftigt, die Wohnung des ins Ge⸗ fängniß Abgeführten zu durchſuchen, ſeine Papiere in Be⸗ ſchlag zu nehmen und dann Alles zu verſiegeln. Dieſe Begebenheit an ſich würde nur eine entferntere Theilnahme in Marien erregt haben, wenn ſie nicht fürch⸗ tend geahnet hätte, daß ſie ſelbſt eine ſchwer Betheiligte bei dieſer Treuloſigkeit ſei. Jetzt war es möglich, ja ſogar wahrſcheinlich, daß St. Luces von Allem unterrichtet ſei, daß ſeine Warnung Grund hatte. Aber auch vor ihm war ſie gewarnt worden! Wer half ihr dieſe Räthſel löſen? Wer kannte alle ihre geheimſten Verhältniſſe ſo genau? War ſie rings mit Netzen umſtellt? Bewacht, belauſcht, beobach⸗ tet von allen Seiten? Indem ſie noch dieſen beängſtigenden und verwirrenden Gedanken nachhing, trat ein hübſches Blumenmädchen, deſſen Außeres jedoch einen leichtfertigen Lebenswandel zu verrathen — 99— ſchien, ihr entgegen und bot ihr Sträuße zum Kauf an. Marie wies ſie zerſtreut abz das Mädchen erneuerte jedoch ihre Bitte mit dem freundlichen Talent überredender Ver⸗ käuferinnen. „Dieſen Strauß nehmen Sie mir gewiß ab,“ ſprach ſie; „es ſind drei Roſen darin bei ſo ſpäter Jahreszeit.“ Zu⸗ gleich drückte ſie ihn Marien faſt gewaltſam in die Hand und ſprach dabei leiſe die Worte:„Um Ihres Bruders willen!“ Marie erſchrak, das Mädchen lächelte und fuhr mit verſtellter Unbefangenheit fort zu bitten.„Ja, dieſen behalten Sie, der iſt der ſchönſte von allen und koſtet nur drei Kreuzer!“ Marie wollte das Mädchen befragen, doch dieſe verſchloß ihr die Lippen mit einem Wink des Auges und den leiſe geflüſterten Worten:„Strenges Geheimniß!“ Indeſſen hatte Benno ſich höflich zeigen und dem Mäd— chen Sträuße für die Damen abkaufen wollen. Er that es, die Kleine nahm das Geld mit vergnügter Miene, winkte Marien noch einmal zu, als wolle ſie ſagen: verrathe Dich mit keiner Sylbe— und ſchlüpfte dann leichtfüßig hinweg, um auch andern Vorübergehenden ihre duftende Waare an⸗ zubieten. Marie war ſo betroffen von dem Ereigniß, daß ſie zit⸗ terte; ſelbſt an der Gruft der Mutter, die man bald erreichte, waren ihre Gedanken nicht bei der Todten, ſondern mitten in den Verwirrungen der Welt. Zu ungeubt in den kleinen Kunſtgriffen der Liebensintriguen hatte ſie gar nicht daran gedacht, den Strauß näher zu unterſuchen; ein zufälliger Blick ließ ſie erſt ein Streifchen Papier darin wahrnehmen. Mit geſpannter Erwartung zog ſie es unbemerkt hervor und las darauf die Worte:„Sie können Ihren Bruder retten, wenn Sie dieſen Abend mit dem Schlage der neunten Stunde 5* — 100— allein in den Schloßgarten an die alte Linde kommen. Er iſt verloren, wenn Sie ausbleiben, oder eine Silbe ver⸗ rathen. Zum zweiten Male warnt man Sie vor St. Luces!“ Wie erſtarrt ſtand ſie, nachdem ſie dieſe Zeilen geleſen. Welch ein neues ſchreckenvolles Geheimniß! Alſo dieſe Ein⸗ ladung und die geſtrige Warnung kamen von derſelben Hand? Immer labyrinthiſcher verſchlangen ſich die Pfade ihres Le⸗ bens, immer gefahrvoller liefen ſie am Abgrunde dahin. Ach, ſie fühlte es nur zu tief, ein Sturm hatte ſie weit verſchlagen von der heiligen Inſel der unbefangenen Kind⸗ heit. Den ſanften Wieſenteppich, auf dem ſie bisher zwi⸗ ſchen friedlicher Umbuſchung, unbemerkt, doch glückſelig da⸗ hingewandelt war, hatte ein furchtbares Erdbeben erſchüttert und verſchlungen. An ſeiner Stelle wogte der unbegrenzte, heimatloſe Ocean und trieb ſie auf ſeinen Wellen an ge⸗ fährlichen Klippen dahin.. Sollte ſie das Geheimniß entdecken? Sollte ſie ſich De⸗ nen, die ſie liebten, anvertrauen, ſich in ihren Schutz ſtel⸗ len? Aber vermochten dieſe den Bruder zu relten, wenn boshafte Tücke ihn verderben wollte? Nein, ich will es wagen; es iſt meine heilige Pflicht, es zu wagen, dachte ſie entſchloſſen; endlich müſſen dieſe Räthſel ſich löſen. Und wer ſagt mir denn, daß ich einem neuen Unheil entgegengehe? Könnte es nicht ein großmü⸗ thiger Freund ſein, den ich, wenn ich das Schweigen bräche, ins Verderben ſtürzte? Du, meine Mutter, blickſt aus je⸗ nen ſeligen Höhen in mein angſterfülltes Herz, Dein Schutz⸗ geiſt wird mich ſchirmend umſchweben, ihm will ich mich anvertrauen. Nach dieſem feſten Entſchluß wurde ihre Seele wieder ruhiger. — 101— Der Tag verſtrich, die neunte Stunde nahte heran. Ma⸗ rie ging auf ihr Zimmer, ſiegelte den geheimnißvollen Zettel, den ſie erhalten hatte, ein und legte ein Blatt dazu, auf welches ſie die Worte ſchrieb:„Dies ſoll mich rechtfertigen, wenn ein unwürdiger Verdacht mich trifft, retten, wenn mir Gefahr droht. Es lehrt Euch, wo ich bin.“ Auf das Cou⸗ vert ſchrieb ſie:„An meine Lieben! Doch nur dann zu er⸗ öffnen, wenn ich um Mitternacht nicht zurück bin.“ Dieſen Brief legte ſie auf ihren Tiſch und verließ dann, in einen Mantel gehüllt, tief verſchleiert, leiſe das Gemach und das Haus, um ſich auf der beſtimmten Stelle einzufinden. Es war ſchon ganz dunkel und völlig einſam; ſie bebte, aber ſie blieb entſchloſſen. Schüchtern trat ſie in die dunkeln Laubgänge ein; die bezeichnete Linde ſtand im einſamſten, entfernteſten Theile des Gartens. Dies vermehrte ihre Be⸗ ſorgniſſe. Ein Gartenarbeiter begegnete ihr und ſah ſie ver⸗ wundert an. Plötzlich fiel ihr ein, daß ſie ſich den Beiſtand dieſes Mannes ſichern könne, ohne ihm irgend etwas zu entdecken. Sie wandte ſich um, ging ihm nach und redete ihn an:„Mein Freund, wollt Ihr ein gutes Trinkgeld, vielleicht noch mehr verdienen?“ „Dazu bin ich jetzt und alle Tage bereit.“ „So bleibt eine Stunde auf dieſer Bank ſitzen, oder verweilt doch ganz hier in der Nähe; doch ſorgt, daß man Euch nicht bemerkt. Nehmt dies als Angeld; wenn ich zu⸗ rückkehre, erhaltet Ihr das Dreifache. Hört Ihr mich aber laut um Hülfe rufen, ſo eilt ſchnell nach der großen Linde dort unten an der Gartenmauer.“ „Da, wo der Herr im Mantel ſteht?“ fragte der Ar⸗ beiter. „Ganz recht,“ erwiderte Marie nicht ohne Schreck. „Hm! Hm! Euer Gnaden ſollten lieber gar nicht hin⸗ — 102— untergehen,“ meinte kopfſchüttelnd der Arbeiter.„Dem Herrn ſind fremde Leute gerade ſo läſtig im Garten, als ſie Euer Gnaden nöthig ſein mögen. Er hat mir eben fünf Gulden geſchenkt, damit ich aufhörte zu arbeiten und nach Hauſe ging.“ „Es mag ſchon ſein,“ ſprach Marie bebend,„ich will auch nicht, daß Ihr dorthin kommen ſollt; aber bleibt hier in der Nähe,“ dabei gab ſie ihm noch einige Geldſtücke. Der Arbeiter ſchüttelte bedächtig den Kopf und ſchwieg einige Augenblicke; endlich ſprach er:„Je nun, an mir ſoll's nicht fehlen, ich will ſchon hier bleiben und Euer Gnaden können ſich auf mich verlaſſen. Aber nehmen Sie ſich ja in Acht; der Herr hat ſo ein Anſehen wie ein italieniſcher Spitzbube, die ich kennen gelernt habe, als ich mit dem Herrn Fürſten Clary als Bedienter in Neapel war. Doch vergeben Euer Gnaden nur mein Geſchwätz, Sie werden ja wohl wiſſen, mit wem Sie zu thun haben.“ „Ja wohl, ja wohl!“ ſprach Marie mit einem Tone, der das Gegentheil ausdrückte. Sie wankte in ihrem Ent⸗ ſchluſſe. Doch mit erneuter Kraft ſprach ſie zu ſich ſelbſt: „Du haſt das Theuerſte, deinen Ruf, bereits daran gewagt, und ſollteſt jetzt für dein Leben zittern? Thorheit! Und was könnte dein Tod irgend Jemandem frommen? Es iſt nichts; die Furcht iſt eingebildet, deine Schweſterpflicht fordert die⸗ ſen Gang von dir.“ 3 Naſchen Schrittes ſetzte ſie ihren Weg fort. Als ſie in der Nähe der Linde war, ſah ſie eine dunkle, verhüllte Geſtalt unter derſelben auf⸗ und niedergehen. Zögernd nä⸗ herte ſie ſich. Der Unbekannte hatte ſie jedoch kaum erblickt, als er raſch auf ſie zueilte und ſie mit den Worten anre⸗ dete:„Ich freue mich, daß Sie den Muth haben, meiner Aufforderung zu folgen.“ — .— — 103— Ein eiskalter Schauer überlief Marien, als ſie dieſe Stimme vernahm; es war Beaucaire, vor dem ein unüber⸗ windlicher Widerwille ſie vom erſten Augenblicke an gewarnt hatte. Doch faßte ſie ſich, weil ſie deutlich empfand, s ſei nothwendig, ſich dieſem Manne gegenüber mit aller Feſtig⸗ keit, mit allem Adel zu waffnen, den das Gefühl der Un⸗ ſchuld und des Rechts einem weiblichen Weſen verleihen kann. „Ich mußte in der That wol,“ entgegnete ſie,„da Sie mich durch eine geheimnißvolle Drohung hieher ſchreckten, die mir einen gewagten Schritt zur Pflicht machte, den ich ſonſt um keinen Preis gethan haben würde.“ Beaucaire ſchien mißvergnügt über dieſe Antwort, die ihn durch die Beſtimmtheit, mit der ſie gegeben wurde, ſehr weit von dem Ziele ſeiner Wünſche zurückwarf. Er fühlte, daß er keinen leichten Stand haben werde; deshalb beſchloß er mit der eiſernen Stirn ſchamloſeſter Frechheit vorzudrin⸗ gen.„Sie nehmen,“ ſprach er,„einen ſtolzen Ton an, der Ihnen, wie mich dünkt, nicht wohl geziemt. Wiſſen Sie denn, daß das Schickſal Ihres Bruders in meiner Hand ſteht, daß ich allein es vermag, ihn zu retten und zu ver⸗ derben. Ich kenne ſeinen Aufenthalt; er hat ihn ſchlau ge⸗ nug da gewählt, wo man ihn am wenigſten ſuchen durfte, bei dem Heere. Marie ſtand ſprachlos da; der Schrecken hatte ihr den Athem genommen. „Sie dürften alſo,“ ſetzte Beaucaire mit ironiſcher Be⸗ tonung hinzu,„wol noch etwas mehr thun, als ich Ihnen bis jetzt zugemuthet habe, falls es Ihnen auf den Beiſtand eines Mannes ankommt, auf deſſen Lippen das Leben Ihres Bruders ſchwebt. Doch, iſt Ihnen unwohl geworden?“ Marie war genöthigt geweſen, ſich erſchöpft gegen den Stamm der Linde zu lehnen. Beaucaire führte ſie, indem er ſie mit unzarter Dreiſtigkeit faſt umſchlang, an eine, wenige Schritte entfernte Gartenbank. „Sagen Sie mir,“ ſprach Marie mit Anſtrengung, „was ich für meinen Bruder thun kann. Ich werde das Schwerſte nicht ſcheuen, ich darf es nicht; der volle Dank einer liebenden Schweſter iſt Ihnen gewiß, wenn Sie mir großmüthig die Wege der Rettung zeigen.“ „Vor allen Dingen geben Sie mir,“ fiel Beaucaire raſch ein,„genau an, wie ich Ihrem Bruder Papiere von Wich⸗ tigkeit aufs ſicherſte zuſtellen kann, denn er muß ſchleunig benachrichtigt und mit Mitteln zur Flucht verſehen werden, weil ſeine Entdeckung an Tagen, vielleicht an Stunden hängt.“ Marie hatte wieder ſo viel Beſonnenheit gewonnen, daß ſie ſich durch die hinterliſtige Frage Beaucgire's nicht über⸗ raſchen ließ.„Was Sie meinem Bruder ſenden wollen, über⸗ geben Sie mir,“ ſprach ſie raſch;„ich befördere es ſicher zu ihm. Einen andern Weg kann ich Ihnen nicht angeben.“ Beaucaire biß die Zähne vor Verdruß über dieſe Antwort zuſammen; Marie hatte ſie kaum gegeben, als ſie ſelbſt über den glücklichen Ausweg erſtaunte, den ſie wie durch eine hö⸗ here Eingebung gefunden hatte. Freilich aber waren in dem kurzen Zeitraume von wenigen Secunden ihrer Seele eine Reihe von Gedanken und Verknüpfungen der Umſtände vorüberge⸗ zogen, die ſie nothwendig mit dem äußerſten Verdacht gegen Beaucaire erfüllen mußten. Der Vorfall mit dem Poſtbe⸗ amten ließ ihr jetzt faſt keinen Zweifel mehr, daß das Brief⸗ geheimniß auch in Bezug auf ſie verletzt ſein müßte; ſie rief ſich dabei mit möglichſter Genauigkeit den Inhalt von Lud⸗ wigs letztem Briefe zurück, um zu erwägen, ob etwas darin enthalten ſei, was ſeinen Aufenthalt, ſeinen Namen und ſeine ſonſtigen Verhältniſſe näher bezeichnete. Mit leicht * — 1905— aufathmender Bruſt gewann ſie die überzeugung, daß durch den Brief nichts verrathen ſein konnte, als ſein Aufenthalt bei dem Heere. Mit jenem Scharfblick, jenen erhöhten See⸗ lenkräften überhaupt, die der Himmel im Augenblicke der Bedrängniß unſchuldigen Seelen verleiht, entdeckte die ſonſt ſo Argloſe jetzt das Gewebe der Bosheit, mit dem man ſie umgarnen wollte, ohne jedoch die ſchwärzeſten Tiefen des Ab⸗ grunds zu ahnen, in den Beaucaire ſie hinabreißen wollte. „Sie ſcheinen mir,“ ſprach er endlich mit empfindlichem Tone,„nicht zu trauen, obgleich ich Ihnen durch unſere Zu⸗ ſammenkunft doch wol einige Beweiſe meines guten Willens, Ihnen hülfreich zu ſein, gegeben habe. Bedenken Sie jedoch, daß auch ich Urſache habe, vorſichtig zu ſein; in meiner Stellung ſollte ich durchaus rückſichtslos verfahren, den Weg des ſtrengen Geſetzes gehen. Wage ich aus Mitleid eine Um⸗ gehung, ſo muß ich volle Gewißheit haben, daß mich keine Verantwortlichkeit deshalb treffen kann. Auf ſo gefährlichen Pfaden kann man aber nur ſich ſelbſt vertrauen.“ „Wie?“ rief Marie lebhaft,„fürchten Sie von der Schweſter, der Sie den Bruder retten, verrathen zu werden?“ „Nicht abſichtlich; doch Unvorſichtigkeit, Mangel an Ein⸗ ſicht, an Kenntniß der Verhältniſſe—“ „Dies Alles iſt hier unmöglich,“ fiel Marie ein;„denn der Weg, den ich einzuſchlagen habe, iſt zu einfach, als daß ich ihn verfehlen könnte.“ „Sie mißtrauen mir alſo?“ ſprach Beaucgire ergrimmt. Marie erbebte; es war nicht ihre Abſicht, ihn zu reizen. Sie entgegnete daher mit ſanftem Tone der Stimme:„Ich habe ein fremdes Geheimniß zu bewahren; Sie werden gewiß nicht fordern, daß ich es verletze. Aus der Treue, mit der ich dieſer ältern Pflicht obliege, mögen Sie die überzeugung ſchöpfen, daß ich um ſo vorſichtiger und gewiſſenhafter gegen 5*½ A*— Sie handeln werde, da Sie mir eine Wohlthat erzeigen wollen, welche meine lebenslängliche Dankbarkeit nicht zu vergelten im Stande wäre.“ 7 Beaucaire fühlte ſich verwirrt; das edle, feſte und doch ſo weiblich ſanfte Benehmen Mariens übte ſelbſt auf ſein entartetes Herz eine ſo unwiderſtehliche Macht aus, daß er faſt den Muth verlor, ihr die empörenden Anträge zu ma⸗ chen, um derentwillen er dieſe einſame Zuſammenkunft mit ihr geſucht hatte. Unwillkürlich hatte ſein Geſpräch mit ihr, das er durch den Schreck der erſten Drohungen ſeinem Ziele entgegenzulenken verſuchte, eine völlig andere Richtung ge⸗ nommen, und er ſah ſich jetzt faſt abgeſchnitten von dem Wege, den er zu gehen gedacht hatte. Doch der Verdruß über ſich ſelbſt, daß ſeine feſten Entſchlüſſe durch wenige Worte eines Mädchens wankend gemacht werden ſollten, dieſe falſche 4 Scham verhärteter Unwürdigkeit trieb ihn an, plötzlich ſeine Larve wegzuwerfen. „Auf Dank,“ ſprach er,„hoffe ich allerdings, und darf ihn erwarten, da eine ſchöne Schweſter gerade die beſten Mittel beſitzt, um für einen wichtigen Dienſt, den man dem Bruder leiſtet, die Schuld abzutragen.“ Mit dieſen Worten ergriff er die rechte Hand Mariens mit ſeinen beiden und drückte und küßte ſie auf eine Weiſe, die dem erſchreckten Mädchen plötzlich einen neuen Blick in den ſchwarzen Hintergrund ſeiner Abſichten öffnen mußte. Scheu ſprang ſie auf, und rief:„Mein Gott, was wollen Sie?“ Beaucaire aber hielt ſie feſt, wollte ſie wieder zu ſich herabziehen und ſprach:„Nicht ſo ſchüchtern, Liebe, das Leben eines Bruders iſt doch wol den Kuß einer Schweſter werth!“— „Unwürdiger!“ rief Marie, die jetzt den ganzen Umfang — ¶r — — 107— ſeiner Abſcheulichkeit überſchaute, in überwallender Empörung: „Laſſen Sie mich, oder ich rufe um Hülfe!“ „Gemach, gemach,“ entgegnete Beaucaire, ohne die hef⸗ tig ſich Sträubende loszulaſſen;„hören Sie mich an. Ihr Bruder iſt bei der Armee; morgen gehe ich nach dem Haupt⸗ quartier ab. Dort werden zwei Stunden genügen, den Aufenthalt Deſſen, den ich ſuche, auszukundſchaften, und vier und zwanzig Stunden ſind hinreichend bei dem Kriegs⸗ gericht, um von der Anklage bis zur Vollſtreckung vorzu⸗ rücken. Ihr Bruder hat den Tod verwirkt, ſein Leben iſt in meiner und in Ihrer Hand. Wollen Sie—“ „Nimmermehr!“ rief Marie, und riß ſich gewaltſam von ihm los.„Mein Bruder würde ein Leben verachten, das er ſo erkaufen müßte! Wagen Sie nicht, mir zu nahen, ein einziger Ruf führt mir Hülfe herbei.“ „Fürchten Sie keine Gewaltſamkeit,“ entgegnete Beau⸗ caire mit verbiſſenem Grimm,„ich bin kein Raubthier, das Sie zerreißen will. Doch rathe ich Ihnen jetzt zum letzten Male,“ fuhr er hierauf mit ſchneidender Kälte fort,„ver⸗ ſchmähen Sie mein Anerbieten nicht. Hier hinter dem Schloßgarten hält ein Wagen; er bringt Sie an einen ſiche⸗ ren Ort. Dort treffe ich Sie in zwei Stunden und hän⸗ dige Ihnen dann Papiere ein, mittelſt deren Ihr Bruder ungehindert nach England, wo er in völligſter Sicherheit iſt, gelangen kann. Sie ſelbſt mögen ſie ihm auf Ihrem Wege zuſtellen. Erklären Sie ſich jetzt.“ Marie ſtand im heftigſten Kampfe mit ſich ſelbſt da. Plötzlich warf ſie ſich zu Beaucaire's Füßen nieder, umſchlang ſeine Knie mit angſtvollem Schluchzen und rief:„Nein, es iſt unmöglich! Ich glaube nicht an den Ernſt Ihrer furcht⸗ baren Drohungen. Es iſt nur ein grauſamer Scherz, aber er iſt zu grauſam. Heren Sie auf, ich flehe Sie an, machen — 108— Sie meiner Angſt, meinen Thränen ein Ende. Laſſen Sie mich nicht länger auf dieſer namenloſen Folter. Ich that Ihnen Unrecht, gewiß ſchreiendes Unrecht, und Sie ſtrafen mich jetzt dafür. Aber es iſt genug, ich habe genug gebüßt! Kehren Sie nun zur Wahrheit zurück! Ach, Sie kennen nicht die Angſt einer Schweſter, die für das Leben ihres einzigen Bruders, ach, des Einzigen, was ſie noch auf die⸗ ſer Erde beſitzt, beben muß.“ „Stehen Sie auf, es kommt Jemand,“ ſprach Beau⸗ caire heftig, aber leiſe. Es war der alte Gartenarbeiter, der, durch das lebhafte Geſpräch aufmerkſam gemacht, ſich näherte. „Nein, nein!“ rief Marie,„nicht eher, bis Sie mir ſchwören—“ „Sie ſind wahnſinnig,“ entgegnete Beaucaire wild, und riß ſie gewaltſam empor.„Wollen Sie mir folgen oder nicht? denn die Zeit verſtreicht!“ Nimmermehr!“ rief Marie mit zuückkehrender Kraft und Beſinnung, indem ſie ſich groß emporrichtete.„Mein Bruder müßte mich verfluchen und ich mich verachten. Geh denn hin, blutiges Ungeheuer, und übe Deine Schandthat aus! Füge auch dieſen Greuel zu den namenloſen Verbre⸗ chen, die Euer freches Volk in unſerm Vaterlande begeht. Ich frage nach nichts mehr! Der Tod iſt ein Augenblick, das Jenſeit iſt ewig. Morde mich auch, wenn Du wlllſſt. Wir zittern nicht vor dem Tode! Ich, ein Mädchen, weiß zu ſterben; glaubſt Du, unſere Männer wüßten es nicht? Segnen wird mich mein Bruder, daß ich's ihm erſpare, ſein Leben auf eine ſo ſchimpfliche Weiſe zu retten.“ Beaucaire ſtand, von Grimm und Scham gefoltert, vor der edel zürnenden Geſtalt; er ſcheute ſich zu flüchten, und wagte nicht zu bleiben.„Sie werden Ihre Raſerei be⸗ 5 ℳ ³ — f ſ 6 — 3 — 109— reuen!“ rief er endlich, da der Gartenarbeiter näher und näher herantrat, mit jener klangloſen Stimme unterdrückter Wuth. Hierauf drückte er ſich den Hut in die Augen und verſchwand mit ſchnellen Schritten in den dunkeln Laubgängen. Marie hatte ſich das weinende Antlitz verhüllt; nach einigen Augenblicken erhob ſie es wieder und ſprach, indem ſie gen Himmel blickte:„Du, meine Mutter, die Du dort oben über den Sternen weileſt, Du wirſt mich tröſten und beſchützen, wenn ich nun ganz allein bin auf dieſer Erde.“ Erſchöpft ſchwankte ſie der Bank zu und ſetzte ſich. Da trat der wohlwollende Alte zu ihr hin und fragte: „Habe ich Unrecht gethan, Euer Gnaden zu ſtören? Aber weiß Gott, ich hörte ſo heftig ſprechen, daß mir bange wurde, es geſchehe ein Unheil.“ „Nein, guter Alter,“ erwiderte Marie,„Ihr thatet recht wohl! Aber wolltet Ihr mich jetzt wol nach Hauſe gelei⸗ ten? Ich bin ſo erſchöpft; ich will's Euch gern vergelten.“ „Mit tauſend Freuden,“ ſprach der Greis, und Marie verließ, auf ſeinen Arm geſtützt, mit wankenden Schritten den Garten. u Sechstes Buch. 3. — 8 1 . 3 1— 3 Erstes Capitel. „Zum Teufel, was gibt's ſchon wieder?“ fuhr Bernhard, der, in ſeinen Mantel gehüllt, am Bivouacsfeuer lag, un⸗ willig empor, als eine männliche Hand ihn aus dem Schlafe aufrüttelte, in den er erſt ſeit wenigen Minuten geſunken war.„Ach, biſt Du's, Ludwig?“ ſetzte er gleich darauf ſanf⸗ ter hinzu, indem er den Freund erkannte.„Schon zurück? Nun? Habt Ihr Abenteuer gehabt in Witepsk?“ „Mancherlei Art,“ antwortete Ludwig;„aber biſt Du nicht bös, daß ich Dich ſo ſpät noch ſtöre?“ „Ich bin ſo müde nicht, daß ich nicht noch eine Stunde plaudern könnte. Erzähle denn.“ „Rathe zuerſt, wen ich in Witepsk geſehen habe? „Nun? den großen Mogul, oder den Papſt, oder den König von England?“ „Nein, ſei ernſthaft, Bernhard!“ „Das ſage ich Dirz denn wie ſoll ich von den zehntauſend Möglichkeiten die eine Wirklichkeit treffen, wenn mein Ra⸗ then nicht ein Scherz ſein ſoll. Alſo wen trafſt Du an?“ 5 Sch ging an einem kleinen Häuschen in einer Quer⸗ gaſſe vorüber, da hörte ich plötzlich eine weibliche Stimme angenehm ſingen. Erſtaunt wandte ich mich um, und ſah in —— einem mit Blumen halb verſetzten Fenſter die junge Sän⸗ gerin aus Warſchau.“ „Francoiſe Aliſette?“ rief Bernhard einfallend und im höchſten Grade erſtaunt. 6 „Dieſelbe.“ „Biſt Du deſſen auch gewiß? Haſt Du ſie geſprochen?“ „Das nicht, denn ſie zog ſich ſchnell zurück, da ſie mich erblickte. Doch bin ich meiner Augen ſicher.“ „Hm!“ murmelte Bernhard vor ſich hin,„ſollten ſich meine Vermuthungen ſo vollſtändig beſtätigen? Höre, Ludwig, ich möchte faſt wetten, der Obriſt Regnard ſteht auch in der Stadt mit ſeinem Regiment.“ „Du irrſt; zwar habe ich ihn angetroffen, doch weiß. ich, daß ſein Regiment in Oſtrowno liegt.“ „Pah!“ rief Bernhard,„das ſind fünf Stunden. Die reitet man in zweien mit Bequemlichkeit.“ „Weißt Du noch Etwas?“ fuhr Bernhard fort;„ich glaube, es iſt gut, daß wir Jaromir nichts davon ſagen, wenn er es nicht ſchon weiß.“ „Das glaube ich nicht; aber weshalb?“ fragte Ludwig erſtaunt.. „Aus mancherlei Gründen. Einmal glaube ich, iſt Regnard eiferſüchtig auf ihn, und Das könnte unangenehme Händel geben; dann habe ich ſo eine kleine Vermuthung, als ob der Obriſt auch nicht Unrecht hätte, nämlich ſo weit 1 die ſchöne Aliſette es verantworten müßte. Sie hatte ſchon* zu Warſchau ſo gewiſſe Blicke für Jaromir, die einem jun⸗ gen, unerfahrenen Menſchen, wie er, gefährlich werden könn⸗ ten; daher iſt Schweigen hier gewiß gut..) „Wie Du meinſt,“ gab Ludwig zu. Plötzlich unterbrach ein ziemlich naher Piſtolenſchuß das Geſpräch der Freunde. Die rings umher gelagerten Leute * ſprangen, denn man befand ſich faſt auf den äütßerſten Vor⸗ poſten, raſch auf und ergriffen die Waffen, des Winkes gewärtig, ſich zum Gefecht zu ordnen. Man lauſchte, ob ſich ein neues Geräuſch vernehmen laſſe; aber Alles blieb ſtill, nur daß man in der Ferne nach den Vorpoſten zu einige Leute lebhaft ſprechen hörte. Boleslaw, der die Feld⸗ wache befehligte, ſandte den Unteroffizier Petrowski mit einer Patrouille ab, der Bericht über das Vorgefallene abſtatten ſollte. Dieſer kam nach wenigen Minuten zurück und führte, gewiſſermaßen als Gefangene, einen jungen Mann und ein junges Frauenziumer, der Tracht nach eine Ruſſin, ins La⸗ ger. Das Maäͤdchen ſchloß ſich ängſtlich an ihren Begleiter an; ſie ging zitternd und ſuchte den Blicken der neugierig herantretenden Soldaten beſchämt auszuweichen. „Der Tauſend, ein artiges Kind!“ rief Bernhard gegen Ludwig gewandt, indem ſie vorübergeführt wurden und der Widerſchein des Wachtfeuers die Gruppe beleuchtete; doch kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als der gefangene junge Mann ſtillſtand, und ihn anredete:„O, mein Herr, Sie ſind ein Deutſcher, helfen Sie einem Landsmann, der in großer Verlegenheit iſt, weil er nur Deutſ, und Ruſ⸗ ſiſch ſpricht, welches dieſe Polen nicht verſtehen oder nicht verſtehen wollen.“ „Gern,“ erwiderte Bernhard,„ich werde Euch be⸗ gleiten.“ Indeſſen war auch Boleslaw herangetreten, und fragte den Unteroffizier, wer die Leute ſeien, was ſie wollten. „Sie ſind,“ ſprach der Graubart Petrowski,„ſo eben mit einer Kibitke angehalten worden. Da wir ſie anriefen, gaben ſie keine Antwort, ſondern wollten raſch umwenden; als aber die Schildwache das Piſtol abſchoß, hielten ſie ſtill. Es ſind wahrſcheinlich Spione.“ 1 — Bernhard miſchte ſich ein, und bat Boleslaw um Er⸗ laubniß, die Leute deutſch zu befragen.„Woher kommt Ihr?“ redete er ſie an,„wie iſt Euer Name? was iſt Euer Reiſezweck.“ „O, mein Herr,“ erwiderte der Gefangene,„kein an⸗ derer, als in Frieden nach Deutſchland zu ziehen, woher ich gebürtig bin. Ich heiße Paul, und dies iſt meine junge Frau, Axinia, eine Ruſſin. Ich war bisher als Gärtner in Dienſten bei dem Grafen Dolgorow; allein da der Krieg Alles zerſtört, hat er mich entlaſſen, damit ich in meine Heimat ziehen könnte.“ „Habt Ihr Papiere, guter Freund, welche dieſe Ausſage bekräftigen?“ fragte Bernhard weiter. „O, die allerbeſten, mein Herr,“ entgegnete Paul, und zog eine Brieftaſche hervor, aus welcher er ſeinen Taufſchein, ſein Dienſtzeugniß und einen in Smolensk ausgeſtellten ruſ⸗ ſiſchen Paß nahm, und Bernhard dieſes darreichte. 8 „Die Papiere mögen ganz in der Ordnung ſein, mein Freund,“ entgegnete dieſer;„allein ruſſiſche Päſſe, begreift Ihr wohl, haben keine Gültigkeit durch das franzöſiſche Lager. So leid mir es auch thut, wird man Euch doch zurückweiſen müſſen.“ „O, mein Himmel, dann bin ich verloren,“ rief Paul aus,„denn nur durch ein Wunder iſt es mir gelungen, mit meinen wenigen Habſeligkeiten bisher den Schwärmen um⸗ herſtreifender Koſacken zu entrinnen. Ich bitte Euch, beſter Herr, wenn Ihr es irgend vermögt, helft uns durch, denn wir ſind wahrlich ehrliche Leute, und d bedehren nichts, als ungeſtört reiſen zu können.“ „Warum habt Ihr nicht die Frrabe Straße nach Wi⸗ tepsk genommen? Und weshalb wählt Ihr die Nacht zur Reiſe? Das macht ſogleich verdächtig.“”“ * 2 4— — 117— „Nur um den Koſacken zu entgehen; und überdies ſagte man uns, wir würden hier am Flügel der Armee vorbei⸗ kommen, und dann ohne weitere Hinderniſſe Boiszikowo und ſo die gerade Straße nach Wilna erreichen.“ „Je nun, Marodeurs würdet Ihr dort auch noch genug antreffen,“ warf Bernhard hin, und ſann nach, wie er den Leuten aushelfen könnte.„Sie ſcheinen mir durchaus ehr⸗ lich und unſchuldig,“ ſprach er zu Boleslaw;„allein wenn Du ſie auch ziehen ließeſt, ſo kann ihnen das nicht viel helfen, weil man ſie anderwärts überall anhalten wird. Zu⸗ mal iſt dieſe junge Frau eine Waare, für die ich die Aſſe⸗ curanz nicht übernehmen möchte auf dem verwüſteten Wege von hier nach Wilna, wo ſich noch immer Nachzügler um⸗ hertreiben, und die Juden und Bauern rauben, was dieſe übriglaſſen.“ „Was gibt's hier?“ fragte plötzlich eine Stimme. Es war Raſinski, der mit übergeworfenem Mantel, eine Feld⸗ mütze tief ins Geſicht gedrückt, unvermuthet unter die Spre⸗ chenden trat. Bernhard berichtete den Fall. „Bei wem ſtandet Ihr in Dienſten?“ richtete Raſinski ſeine Frage an Paul. „Beim Grafen Dolgorow,“ antwortete dieſer. „Eure Papiere.“ Paul zeigte ſie. Raſinski durchlief ſie mit ſchnellem Blick.„Es iſt, wie Ihr angebt; das iſt die Unterſchrift des Grafen. Ich werde Euch zu Eurem weitern Fortkommen behülflich ſein. Dieſe Nacht müßt Ihr hier im Lager verweilen; morgen aber geht ein Transport mit Kranken nach Wilna zurück, dem könnt Ihr Euch anſchließen. Ich werde Euch die nöthigen Päſſe dazu beſorgen.“. Paul dankte mit freudigen Worten und noch freudigern — 118— Blicken; in Axiniens ſchüchterne Züge kehrte die Heiterkeit zurück. Erſt jetzt ſchien Raſinski ihrer gewahr zu werden. Freundlich trat er auf ſie zu und fragte ſie ruſſiſch:„Und auch Du willſt nach Deutſchland ziehen, und biſt doch eine Tochter aus Nuriks Neich, wie ich aus Deiner Tracht ſehe?“ Axinia ſchlug erröthend die Augen nieder.„Es war der Wille der jungen Gräfin Feodorowna,“ erwiderte ſie. „Und weshalb ſandte die Gräfin Dich nach Deutſchland?“ fuhr er nach kurzem Beſinnen fort. „Wir würden, meinte ſie, dort glücklicher ſein.“ „Jetzt? Es fragt ſich; das Land iſt auch nicht überreich an Glück. Iſt die Gräfin Feodorowna die Tochter des Grafen Dolgorow?“ „So iſt es, mein gnädigſter Herr!“ entgegnete Axinia, indem ſie das Haupt bejahend und mit dem Ausdruck der Demuth ſenkte.„In meiner Kindheit wurde ich als Ge⸗ ſpielin der Gräfin mit ihr erzogen; ihr verdanke ich Alles;“ hier wurde ihre Miene ſo bewegt, daß ſie nicht weiter zu reden vermochte. „Wenn Du ſo an ihr hängſt, weshalb verließeſt Du ſie, oder weshalb ſandte ſie Dich fort?“ Axinia ſtockte und erröthete. „Ich verſtehe,“ fuhr Raſinski lächelnd fort;„je nun, es iſt die Pflicht des Weibes, dem Manne zu folgen. Du haſt wohlgethan. Weiſet dieſen Leuten eine Stelle unten neben dem Hügel an, wo ſie ſicher übernachten mögen,“ ſprach Raſinski abbrechend, und winkte mit der Hand. „Nun, Freunde,“ begann er, als ſich die Ankömmlinge entfernt hatten,„morgen ſetzen wir uns wieder in Marſch; das hatte ich Euch noch nicht geſagt. Ich erwarte jeden Au⸗ gonblick Jaromir mit Depeſchen aus Witepsk⸗ dann werde — 119— ich Euch ſagen können, wohin wir unſern Weg zu richten haben. Denn ich glaube nicht, daß wir beim Gros der Armee bleiben. Es wird endlich Zeit, daß wir in Thätig⸗ keit kommen.“ „Wahrlich,“ rief Bernhard,„wenn der Feind uns Stand halten will. Bis jetzt haben wir mit einem Schattenbilde gefochten. Wenn wir den Gegner dicht vor Augen hatten und ihm endlich wie Achill dem Hektor zurufen konnten: Steh und kämpfe— dann verſchwand das Phantom wieder in die wüſte Nacht. Ich geſtehe, daß mich dieſe Art des Krieges bisweilen faſt ſchauerlich berührt hat. Der größte Feldherr, das ſieht man wenigſtens, muß einen Feind haben, um ihn beſiegen zu können.“ „Es iſt dies einmal die Form des Vertheidigungskrieges, wenn das Terrain dem Angreifenden durch ſeine Ausdeh⸗ nung ungünſtig iſt; ſchon die alten ſcythiſchen Bewohner dieſes Landes führten ihren Krieg mit den Perſerkönigen auf dieſe Weiſe,“ antwortete Raſinski.„Ich war von An⸗ fang an darauf gefaßt, denn ich kenne den Ruſſen und ſein Land. Aber das eben iſt mein Troſt. Hier iſt noch nicht die Stelle, wo dieſem Reiche das Herz ſchlägt; halb fochten wir noch auf eignem Grund und Boden, auf altpolniſchem; auch Lithauen gehorchte ja den Jagellonen. Dieſer Boden iſt dem Nuſſen kein Heiligthum. Erſt jetzt berühren wir ſeine Grenzen; hier beginnt ſein Vaterland, ſeine Kirche. Gebt Acht, hier werden Ruriks Söhne ihre Schwellen und Altäre beſchützen; und je näher wir dem Sitz des heiligen Iwan, der ehrwürdigen Stadt Moskan rücken, je mächtiger wird ſich das Volk gegen uns waffnen. Nicht alle Bewoh⸗ ner des ruſſiſchen Reichs haben ein Vaterland. Die Grenz⸗ provinzen gleichen den Thorſchwellen und Vorſälen, wo das Heer der heimatloſen Sklaven gelagert iſt. Dieſe gibt man leicht preis, doch im Innern des Hauſes wohnen die Söhne deſſelben und ſie werden den Altar kämpfend beſchützen. Dann wird es an Schlachten, und ich hoffe an Siegen nicht fehlen.“ Man hörte einen Reiter im Galopp heranſprengen. Es war Jaromir. Er überbrachte, raſch abſpringend, Raſinski Depeſchen, die dieſer beim Schein der Flammen eilig durch⸗ lief, während Jaromir die Freunde begrüßte. „Morgen mit der vierten Stunde brechen wir auf. Gute Nacht denn; nutzt die Zeit der Ruhe, die uns bleibt, denn der morgende Tag fordert vielleicht angeſtrengte Kräfte.“ Mit dieſen Worten ging er in ſein Zelt zurück, und die übrigen lagerten ſich wieder an dem Wachtfeuer, wo ſie bald in fe⸗ ſten Schlaf ſanken. Als der Tag anbrach, befand ſich Raſinski mit ſeinem Regimente ſchon auf dem Marſche. Er zog auf einer lang⸗ gedehnten Anhöhe am Saume eines Fichtenwaldes dahin, der ſich zu ſeiner Rechten weit in's Land hinein erſtreckte, wäh⸗ rend ſich zur Linken ein hügliges, von Gebüſch durchſchnit⸗ tenes Terrain ausbreitete. Boleslaw, Jaromir, Ludwig und Bernhard ritten an ſeiner Seite.„Der Kaiſer hat einen kühnen Entwurf gemacht,“ begann Raſinski;„wie Ihr ſeht, nehmen wir eine Richtung, die uns vom Feinde, der weit links bei Rudnia und Inkowo ſein Hauptquartier aufge⸗ ſchlagen hat, entfernt. Wir werden über den DOnieper gehen, dann auf der linken Flanke von dem Fluſſe gedeckt, bis nach Smolensk vordringen, die ruſſiſche Armee umgehen und uns mitten zwiſchen ſie und Moskau hineinwerfen. Eine koloſ⸗ ſale Combination, die, wenn ſie glückt, den ganzen Feldzug in einem Wurfe entſcheiden muß. Was dem Marſchall Davouſt durch Schuld des Königs von Weſtphalen gegen Bagration fehlſchlug, das ſoll hoffentlich jetzt gegen Barclay — 121— und Bagration zugleich gelingen. Unſere Aufgabe dabei iſt die, die vorgeſprengte ſtreifende Cavalerie, die ſich etwa doch noch auf unſerer rechten Flanke befinden könnte, zu werfen, und ſie in ſolcher Entfernung zu halten, daß ſie die Bewegungen der Hauptarmee nicht zu früh erfährt.“ Die Sonne war jetzt aufgegangen und warf ihre Strah⸗ len in die weite Landſchaft, die man von der Höhe überſehen konnte.„Seht Ihr, wie die Colonnen hervorbrechen?“ ſprach Naſinski, und deutete links hinüber.„Hier vorn der ſchwarze Strom iſt uns ganz nahez dort jenſeits hinüber erkennt man es an der Staubwolke, daß Cavalerie marſchirt, und hinten an jenem Hügel, der zu entfernt iſt, um die Truppen ſelbſt wahrzunehmen, ſeht Ihr doch die glänzenden Blitze der Waffen. In dieſen Tagen kann ſich viel entſcheiden.“ Ludwig überſah die Gefilde, in denen ſich die ſchwarzen Ströme der Völker bewegten, mit einem eigenen Gefühl. „Was ſich hier bildet und entſcheidet,“ fragte er ſich ernſt, „wird es der Welt zum Heil oder zum Wehe gereichen? Wenn der gewaltige Geiſt, welcher dieſe Maſſen in Bewe⸗ gung ſetzt, hier, wie Alexander einſt in Indien, das Ziel ſeiner Thaten fände? Wenn er ſcheiterte an dem ungeheuren Unternehmen? Wenn die koloſſale rohe Macht des Nordens ihr übergewicht in Europa geltend machte? Oder wenn umgekehrt der Strom des Sieges fortbrauſte bis in das Herz des alten Rußlands, und Frankreichs Fahnen, auch auf dem Sitz der Zaaren aufgepflanzt, herabwehten von den ſtolzen Zinnen des Kreml? Wäre es dann mit Deutſchlands Selbſtändigkeit nicht am Ende? Müßte nicht Alles dem franzöſiſchen Übermuthe gehorchen? Würde der Name Va⸗ terland nicht ein leerer Klang, ein hohler Schall für uns werden?“. In dieſen Betrachtungen unterbrach ihn Bernhard, der II. 6 — 122— als Maler alle äußern Erſcheinungen unter dem Geſichts⸗ punkte eines Gemäldes auffaßte.„Was doch auch die todten Landſchaften für einen eigenthümlichen Reiz haben können,“ redete er ihn an;„ſieh nur, wie dieſer blauſchwarze Wald⸗ ſaum ſich mit ſeinen zarten Spitzen fein gegen den Himmel abzeichnet; dieſe traurige Einförmigkeit hat etwas eigen Er⸗ greifendes, ſo wie auch die Wüſte einen großartigen Eindruck macht. Und die weiten Waldſtrecken, die ſich dort unten durch das Land ziehen, die nackten Hügel dazwiſchen, auf denen das rothe Haidekraut ſchimmert, der farbloſe Himmel, die langen grauen Wolkenſtreifen,— zu Zeiten möchte ich dergleichen lieber malen als Schweizerlandſchaften. So lag ich auch in Schottland an ſtillen heitern Herbſttagen gern auf den öden Haiden des Hochlandes und ließ die Wolken über mich dahinziehen.“ „So lange der Menſch mit dem Schauerlichen und Dü⸗ ſtern frei ſpielt, es von ſich weiſen kann, wenn er mag,“— entgegnete Ludwig,„ſo lange findet er ein ganz eigenes Behagen darin, die heitern Zuſtände des Lebens zu ver⸗ meiden. Doch wenn die ſtrenge Nothwendigkeit uns ihre ernſten Wege wandeln läßt, dann ſehen wir das finſtere Antlitz des Geſchicks mit andern Augen an. Doch was ich ſagen wollte,“ brach er plötzlich ab.„Ja, was meinſt Du? Boleslaw ſcheint ſehr trübe zu ſein, wie er denn überhaupt, ſeit wir Warſchau verlaſſen haben, täglich ernſter wird.“ 1 „Und täglich ſchöner,“ erwiderte Bernhard.„Sieh nur, wie edel dieſe bleichen Züge ſind; welch eine ſtolze Stirn, auf der die düſtern Schatten ſeiner Trauer ſchweben! Und der Glanz des ſchwarzen Haares, das dunkle Glühen des Au⸗ ges, der feine Mund! Er iſt der Oreſtes zu dem lebens⸗ frohen Pylades Jaromir, das romantiſche Nachtſtück zu ſeinem — — 123— Sonnenaufgang, oder doch die Herbſtlandſchaft zu ſeiner Frühlingslandſchaft.“ Man war im Geſpräch an einen Scheideweg gekommen; links zog ſich die Maſſe den Hügel hinab in das freiere Feld nach Liozna zu, rechts bog ſie in den Wald ein, nach Ba⸗ binowiczi und Orſza. Raſinski ſchlug den letztern Weg ein⸗ fand es aber, da er das Terrain vor ſich nicht mehr über⸗ ſehen konnte, nöthig, eine Vorhut und Seitenpatrouillen einzurichten. Jaromir erhielt den Befehl über die erſte, Bo⸗ leslaw wurde mit der Vertheilung und Beaufſichtigung der letztern beauftragt. Ludwig und Bernhard blieben in Ra⸗ ſinski's Nähe, indem er ſich ihrer als Ordonnanzen bediente, um Befehle an die detachirten Trupps zu ſenden. Man marſchirte indeß bis zum Abend, ohne auf den Feind zu ſtoßen. Die Nacht bivouakirte man theils in, theils neben einem elenden Dorfe, welches von ſeinen Einwohnern ganz verlaſſen war. Mit der Morgendämmerung rückte das Re⸗ giment wieder aus und marſchirte auf Raſasna zu, wo die Armee den übergang über den Dnieper machen wollte. Der Kaiſer war bereits mit dem Davouſtſchen Corps eingetroffen; die Brücken bei Naſasna, welche ſchnell in dauernden Stand geſetzt worden waren, wimmelten ſchon von Truppen, die in langen ſchwarzen Maſſen hinüberzogen. Auch Raſinski ſchloß ſich denſelben an und bezog ſein Lager jenſeit des Fluſſes über Raſasna hinaus, wo auch das Zelt des Kaiſers aufgeſchlagen wurde. Ein lithauiſcher Jude, der für Geld der Spion Raſinski's geworden war, unternahm es gegen eine gute Belohnung, noch einige Stunden weiter vor⸗ wärts zu gehen, um auszukundſchaften, ob der Feind von der Annäherung der Armee unterrichtet ſei, und vielleicht Trup⸗ penmaſſen entgegenſtellte. Gegen drei Uhr Morgens, als es noch völlig duntel war, kehrte der Spion zurück. Bernhard war eben erwacht und hatte das Feuer geſchürt, als die ſeltſame Geſtalt des Iſrae⸗ liten, der ſich leiſe heranſchlich,— denn ſcheue Vorſicht war ihm ſchon zur andern Natur geworden,— im Widerſchein der Flammen ſichtbar wurde. Wie ein hämiſcher Zauberer erſchien er dem betroffenen Bernhard, als er ſo plötzlich aus der dunkeln Nacht in den hellen Umkreis des Feuers trat. Ein ſchwarzer Talar, den in der Mitte ein lederner Gürtel zuſammenhielt, hüllte die Geſtalt ein; der rothe Spitzbart reichte bis über die Bruſt hinab, das ſchmale bleiche Geſicht guckte lauernd aus der Maſſe des verworrenen Haares her⸗ vor, und die grauen Augen blinzelten liſtig, aber auch zu⸗ gleich boshaft, aus ihren Höhlen heraus. Ein widriges Lä⸗ cheln verzog ſeine Lippen, als er Bernhard in ſeiner jüdiſchen Mundart anredete: „Junger Herr! Sagt mir doch geſchwind, wo der Herr Oberſt ſchlaft! Ich hab' ihn nothwendig zu ſprechen, hört Ihr, junger Herr?“ „Der Kerl ſieht aus, als ob ſich der Teufel in einen Fuchs verwandelt hätte, murmelte Bernhard.„Haben ſie Dich nicht gehängt, Iſaak?“ fragte er den Juden. „Vater Abraham, was thut Ihr für Fragen, junger Herr? Wird der alte Iſaak ſo lange gelebt haben, um nicht zu wiſſen, wie man einer Hanfſchlinge ausweicht? Aber führt mich geſchwind zu dem Herrn Oberſten, es hat Eile!“ „Komm, Sohn Abrahams, ſetze Deine Sohlen auf die Spuren meiner Füße, ſo wirſt Du dahin gelangen, wo Du Den findeſt, deſſen Gold Du ſuchſt. Vorwärts.“ Mit die⸗ ſen des Juden Weiſe parodirenden Worten ging Bernhard voran und führte den alten Schlaukopf zwiſchen die Gruppen der an den Feuern gelagerten Krieger hindurch bis an die Stelle, wo Raſinski in den Mantel gehüllt, auf einer Schütte . 125. oceon AMM .* ⸗ ⸗ Stroh ſchlief. Sein leiſes aufmerkſames Ohr bewirkte, daß er bei der Annäherung der Schritte ſich ſogleich aufrichtete und ſcharf umherſah.„Biſt Du's, Freund Iſaak?“ rief e ſchnell ermuntert die Kommenden an.„Nun? Gibt's et⸗ was Neues von Belang?“ Der Jude winkte mit geheimnißvollen Mienen und zog ihn bei Seite. Bernhard wollte ſich entfernen, doch Raſinski hieß ihn bleiben. Indeſſen ſprach er lange heimlich mit dem Juden, und hörte, wie es ſchien, mit ſehr geſpannter Theil⸗ nahme den Bericht deſſelben an. Die Züge des Spions wurden immer bedeutſamer; jenes widerwärtige boshafte Lä⸗ cheln überglänzte ſie von Minute zu Minute ſtrahlender, je in dem Maße, wie Raſinski mit den Nachrichten zufrieden zu ſein ſchien. „Verfluchter Judas!“ brummte Bernhard für ſich.„Ich könnte dieſer Phyſiognomie nicht trauen, und wenn dieſe Fuchsnaſe mir verſpräche, mein Führer gerade ins Paradies zu ſein. Doch Raſinski kennt Leute, das muß man ihm laſſen!“ Iſaaks Bericht war zu Ende; demüthig ſtand er vor Raſinski und ſchien in tiefſter Unterwürfigkeit deſſen Befehle abwarten zu wollen. Dieſer zog die Börſe; des Juden Ge⸗ ſicht glänzte vor Freude; die Begierde nach dem Metall blitzte ihm aus den Augen. Als er aber vollends in der geöffnet dargereichten Hand eine Anzahl von Goldſtücken fühlte, da brach er in die widerwärtigſten Dankbezeigungen aus. „Gott Abrahams!“ rief er) indem er ſich beſtrebte, Ra⸗ ſinski's Hände zu küſſen,„beſchütze meinen Wohlthäter, der mich nicht darben läßt in der Zeit des Elends und des Kriegs! Der Hunger würde meine Eingeweide zerreißen, daß ich heulte wie der heißhungerige Wolf im Winter, wenn Ihr nicht mein großmüthiger Retter wäret, edler Herr!“ Aue — 126— Raſinski machte eine abweichende Bewegung, und gebot ihm zu ſchweigen. Der Jude wollte ſich entfernen und zog im Gehen einen kleinen ledernen Beutel hervor, um die Goldſtücke hineinzuthun. Doch zu gleicher Zeit zog er un⸗ verſehens einen zweiten ungleich ſchwerern Beutel, an dem ſich die Schnur des erſtern angehäkelt haben mußte, mit heraus, und dieſer fiel auf den Boden nieder. Iſaak er⸗ ſchrak ſichtlich und wollte darnach greifen; Bernhard aber, der im Widerſchein der Flamme das Geſicht des Juden be⸗ obachtet hatte, ſchöpfte im Augenblick Verdacht und ſprang gleichfalls herzu, um den Beutel aufzuheben. Da das Gras hoch und die Stelle des Erdbodens gerade nicht vom Feuer beleuchtet war, ſo tappten Beide einige Mal vergeblich dar⸗ nach, endlich hatte Bernhard ihn zuerſt. „Gebt her, mein lieber junger Herr,“ rief Iſaak ſogleich, „es iſt mein ſauer erworbenes Gut. Was man jetzt nicht bei ſich trägt, iſt nicht ſicher! Ich bitte Euch, gebt.“ Der ängſtliche Ton, mit dem er dieſe Worte ſprach, ſeine haſtigen Geberden, verſtärkten nicht nur Bernhards Verdacht, ſondern auch Raſinski wurde aufmerkſam. „Hm! Schwer, ſehr ſchwer,“ ſprach Bernhard abſichtlich laut;„vermuthlich laute Raſinski trat näher. 4 „Ei bewahre!“ rief Iſaak,„ein wenig Silber und Kupfer, ein paar alte Dukaten dabei.“ Zugleich ſtreckte er den Arm haſtig nach dem Beutel aus und wollte ihn ergreifen. Bern⸗ hard aber zog die Hand zurück, hielt die Börſe gegen den Schein der Flammen und ſprach noch lauter:„Silber? Kupfer? Was ich beim Schein des Feuers durch die Ma⸗ ſchen glitzern ſehe, ſcheint mir helles Gold zu ſein!“ „Zeigt doch her!“ ſprach jetzt Raſinski und trat raſch —= — — 127— heran. Lachend übergab er ihm den Beutel; der Jude wagte nichts einzuwenden, doch ſprach er zitternd und mit demüthig bittendem Tone:„Großmuthigſter Herr! Es iſt das Wenige, was ich aus der Kriegsnoth gerettet. Ihr werdet das Eigenthum eines hülfloſen alten Mannes nicht rauben.“ „Rauben?“ ſprach Raſinski verächtlich.„Bin ich ein Marodeur? Doch,“ fuhr er mit drohendem Tone und Blicke fort,„Du ſollſt mir nicht aufbinden, daß dieſes Gold von längerher Dein Beſitzthum geweſen. Meinſt Du, ich wiſſe nicht beſſer, was ein Jude Deines Gleichen in Lithauen er⸗ ſparen kann? Waähnſt Du, ich würde Dir glauben, Du ſchlicheſt als Spion von einem Lager ins andere, und trü⸗ geſt dieſen Schatz ſtets mit Dir herum? Zehn Fuß tief im dichteſten Wald vergraben, würdeſt Du ihn noch nicht ſicher glauben. Und warum verleugneteſt Du, daß es Gold iſt? Wo iſt das Silber und Kupfer unter dieſen neuen Dukaten? Bekenne, Jude, woher haſt Du dieſes Gold?“ Iſaak zitterte an allen Gliedern, endlich ſprach er ſtot⸗ ternd:„Was mögt Ihr denken, gnädigſter Herr Oberſt? Wie ſoll der alte Iſaak anderes Gold beſitzen, als woran er die ſechzig Jahre ſeines Lebens geſpart hat? Wo ſoll er es vergraben? Welcher Boden iſt ſein, daß er den Schatz wieder heben könnte? Und wenn ich's verhehlen wollte, daß ich etliche Dukaten erſpart habe, ſo ſagt mir doch, wann iſt es gerathen, ſeinen Reichthum laut auszurufen?“ „Elende Ausflüchte!“ rief Raſinski.„Hier nimm Dein Gold zu Dir, ich begehre deſſen nicht. Das aber ſage ich Dir! Schmelzen laſſe ich's, und glühend ſollſt Dihs nieder⸗ ſchlucken, wenn Deine Zunge mir Lügen berichtet hat! Dieſe Dukaten ſehen aus wie ein Judaslohn für wichtigere Nach⸗ richten, als Du mir gebracht. Haſt Du dem Feinde etwas — 128— verrathen, mißlingt der Plan, den wir vorhaben, ſo zittere, denn Du ſollſt mich fürchterlich kennen lernen!“ Der Jude ſtand bleich wie der Tod daz ſeine Kniee ſchlot⸗ terten; plötzlich warf er ſich zu Raſinski's Füßen nieder und rief mir verzerrten Geberden:„Gnade, Barmherzigkeit!“ „Gerechtigkeit!“ donnerte Raſinski ihn an.„Unterſucht ihn ſogleich auf das ſtrengſte, ob er Papiere oder ſonſt Etwas bei ſich hat.“ Ein Offizier und zwei Soldaten bemächtigten ſich auf einen Wink Naſinski's ſogleich des Alten, ſchleppten ihn an das nächſte Feuer und hießen ihn, ſich ſofort von Kopf bis zu Fuß entkleiden. In wenigen Augenblicken war es geſchehen. Man durch⸗ ſuchte den Talar, die Beinkleider, die Leibbinde, die Strümpfe und Schuhe, ohne Etwas zu finden, ſelbſt ein Schnitt durch die Schuhſohlen führte zu keiner Entdeckung. Iſaak ſtand indeſſen zitternd im bloßen Hemde, und folgte mit ängſtlichen Blicken den Bewegungen der Soldaten. Seine Züge erhei⸗ terten und beruhigten ſich, je nachdem ein Stück ſeiner Klei⸗ dung nach dem andern als unverdächtig befunden und auf die Seite gelegt war.„So wahr Gott Jehovah über mir lebt,“ rief er aus,„ich bin ein unſchuldiger alter Mann. Gebt mir, ich bitte Euch, das Meinige zurück, und meine Kleidungsſtücke, und laßt mich heimkehren in meine Hütte!“ „Da, ziehe den Plunder wieder an,“ rief ein Unteroffi⸗ zier, und warf ihm die Beinkleider zu. Iſaak fing ſie mit den Händen auf; aber in demſelben Augenblicke ſtellte ihm der Kriegsmann auch ſeinen zuſammengeknäulten Talar auf dieſelbe Weiſe zu. Da der Jude eben nach dem erſten Kleidungsſtücke gegriffen hatte, fiel ihm das zweite, ehe er es abwehren konnte, über den Kopf, ſodaß er ſich im erſten Augenblicke darin verwickelte. Dies gab den übermüthigen à1 8 — — * — 129— Soldaten Anlaß, ihn zu necken, indem ſie ihm das weite Gewand über den Kopf hin und herzerrten, ſodaß er ganz darin verwickelt wurde und wie betäubt, jedoch heftig ſchreiend und abwehrend, hin und her taumelte. Eben wollte Raſinski dieſem Spiele des übermuths Ein⸗ halt thun, als der Jude, ſtark von einem Soldaten gezerrt, ſtolperte und auf den Boden niederfiel, ſodaß der Talar in den Händen des Kriegers blieb. Doch mit dem Gewande zugleich war dem Gefallenen, zu ſeinem äußerſten Schrecken, auch die falſche Atzel, die er trug, entriſſen worden, und er lag barhaupt da. Niemand dachte im erſten Augenblicke etwas Arges, ſondern die Soldaten lachten über das neue Unglück, das dem Juden begegnete, als Bernhards ſcharfes Auge auf dem Boden ein Papier entdeckte, das der Jude zwiſchen Schädel und Perrücke verborgen gehabt und ſo eben verloren haben mußte. Er wollte darnach greifen; doch Iſaak, der ſich nichts Gutes bewußt war, hatte ſelbſt nichts Eili⸗ geres zu thun, als es aufzuraffen und in die Flammen des dicht neben ihm lodernden hohen Wachtfeuers zu ſchleudern, ſodaß es im Augenblicke zu Aſche verbrannte. Dieſer Um⸗ ſtand gab Veranlaſſung zu einer neuen Unterſuchung. Der Jude leugnete Alles ab; er ſchwur bei dem Gott ſeiner Vä⸗ ter, er wiſſe von keinem Briefe und habe nichts in die Flammen geworfen, ſondern nur ſein weißes Tuch vom Bo⸗ den aufgerafft. Doch Raſinski ließ ihm ſofort den Schädel genauer beſichtigen, und man entdeckte, daß das. Haar deſ⸗ ſelben friſch abgeſchoren war, Iſaak alſo eine Merrücke, gar nicht nöthig gehabt hätte. Mit Gewandtheit entgegnete er aber zu ſeiner Vertheidigung:„Gott der Gnade! was ich ge⸗ than habe, um Euch dienen zu können, das ſoll jetzt mein Verderben bei Euch werden? Als ich mich anbot aus Hunger und Noth, das gefährliche Gewerbe für Euch zu treiben, mußte 6**† — 130— ich da nicht darauf denken, wie ich Euch nützlich werden könnte, ohne Euch zu verrathen? Wußte ich, was Ihr mir für Auf⸗ träge geben würdet? Habe ich nicht immer gehört, daß man Briefe, Verzeichniſſe und andere Papiere geſchickt fortſchaffen müßte? Darum habe ich— jetzt trifft mich die Strafe dafür — das heilige Geſetz gebrochen, und ein Scheermeſſer an mein Haupt gebracht! Iſt es aber an Euch Chriſten, mich deshalb zu richten, weil ich geſündigt habe, um Euch zu dienen? Sprecht, nehmt aber Euern Gott zum Zeugen, Herr Obriſt, wenn Ihr mir hättet geheißen: Iſaak, hier iſt ein Brief, geh hin, ſchaffe ihn zum feindlichen General, doch laß ihn nicht fallen in fremde Hände! würdet Ihr Euch dann darum gekümmert haben, wie es der alte Iſaak angefangen hätte, um den Auftrag auszuführen? Hätten ſie mich er⸗ tappt und aufgeknüpft, würdet Ihr nicht gerufen haben: Es geſchieht ihm recht; warum iſt er nicht geweſen vorſichtig und ſchlau, als ein Kundſchafter ſoll? Habe ich Euch ge⸗ fragt um die Mittel? Iſt es meine Schuld, daß Ihr mir keinen andern als mündlichen Auftrag gegeben habt?“ In dieſem Tone fuhr der Jude, von Todesangſt gefol⸗ tert, mit unaufhaltſamem Strom der Rede fort, und in der That waren ſeine Gründe ſchwer abzuweiſen. Dennoch mußte Raſinski den äußerſten Verdacht gegen ihn hegen. Er befahl daher, ihn zu binden und, wenn er ausrücken würde, auf einem Reſervepferd mitzuführen. „Sehe ich an den Bewegungen der Feinde,“ redete er den Juden an, als dieſer abgeführt wurde,„daß er Kund⸗ ſchaft erhalten hat, ſo biſt Du zum Galgen reif und ſollſt ihm nicht entgehen. Haſt Du ihm nichts verrathen oder verrathen können, ſo magſt Du laufen, bis Andere Dich hängen; denn jenſeit Liady ſeid Ihr doch nicht zu gebrauchen, weil der Ruſſe Euer ganzes, Blut. und Mark der Armen ausſau⸗ „ — 131— gendes Geſchlecht in ſeinem Lande nicht duldet; das Einzige, das ich gut an dieſem Volke nennen kann. Nun fort! Bewacht ihn wohl!“ So wurde der Jude jammernd und wehklagend unter dem Hohn und Spott der übermüthigen Soldaten in Ge⸗ wahrſam gebracht; denn zu verachtet iſt das ſchnöde, aber leider unentbehrliche Handwerk des Spions, daß ſelbſt Diejeni⸗ gen, denen er nützt, ihn lieber mißhandelt als belohnt ſehen. Zweites Capitel. Mit Tagesanbruch war das ganze franzöſiſche Heer wie⸗ der in Marſch. Naſinski hatte den Befehl erhalten, ſich der Avantgarde unter dem Könige von Neapel anzuſchließen. Auf einem Seitenwege, den Iſaak angab, gewann er ſo viel Terrain, daß er an den langen Colonnen Infanterie, die unter dem Marſchall Davouſt ſtanden, vorbeikommen und ohne weitere Hinderniſſe an dem Punkt ſeiner Beſtimmung eintreffen konnte. Hier fand man den Prinzen Murat ſchon von ſeinen Gene⸗ ralſtabsoffizieren umgeben, wie er mit raſchen Blicken das Terrain, welches vor ihm ausgebreitet war, muſterte. Ra⸗ ſinski ritt zu ihm heran, um ſich zu melden und dem Kö⸗ nige die Nachricht mitzutheilen, die er der Kundſchaft Iſaaks verdankte, zugleich aber auch die Befürchtungen, welche er hegte, daß der Spion ſich einer doppelten Maske bedient, und vielleicht noch mehr dem Feinde, als dem Heere des Kaiſers genutzt haben — 132— „Wenn nur Das richtig iſt,“ antwortete der Prinz, „welches der Jude Ihnen angegeben hat, ſo kann ſchnelles Handeln noch Alles retten. Wir müſſen das Corps des General Newerowskoi abſchneiden, vernichten und Smolensk auf dieſe Art früher erreichen als er. Das Hauptheer des Feindes kann unmöglich aus ſeinen Standquartieren die Fe⸗ ſtung ſo raſch gewinnen, daß wir ihm nicht zuvorkommen ſollten. Es iſt der Augenblick, wo wir den Feldzug des ganzen Jahres entſcheiden können. Doch Schnelligkeit iſt jetzt unſere nächſte Pflicht; wir wollen ſie erfüllen.“ Dieſe Worte waren auch das Signal zum Aufbruch. Der Marſch der Hauptarmee ging am Dnieper entlang, jedoch ſo, daß zwiſchen dem Fluß und der großen Straße noch ein bedeutender Raum blieb. Raſinski marſchirte mit ſeinem Regimente zunächſt dem Fluſſe; er ſandte Patrouillen voraus, welche Jaromir, und auf die rechte Flanke, die ein jüngerer Offizier befehligte; zur Linken gewährte der Strom hinlängliche Deckung. „Ein verdrießliches Geſchäft,“ ſprach Raſinski im Reiten zu Ludwig,„ſo dem flüchtigen Feinde nachzuziehen und ihn nicht erreichen zu können. Hier müſſen Koſacken dicht vor uns geweſen ſein, denn die Spuren ſind ganz friſch und rühren von unbeſchlagenen Pferden mit kleinen Hufen her. Ihnen verdanken wir vermuthlich, daß alle Stege und Brücken abgebrochen ſind, und wir durch alle dieſe Regenwaſſer hin⸗ durchreiten müſſen. Doch, was gibt's dort! Jaromir ſchickt uns eine Meldung.“ Man ſah einen Uhlanen heranſprengen, dem Raſinski entgegengaloppirte, um die Nachricht früher zu erhalten. Jaromir ließ ſagen, daß er in dem Augenblicke, wo er den Gipfel eines Hügels hinaufgekommen ſei, zwei Koſacken ent⸗ deeckt habe, die aber in einen vorwärtsgelegenen Buſch ver⸗ ½ 1— — — 133— ſchwanden und aller Vermuthung nach zu einem ſtärkern Trupp gehörten. „Hätten wir ſie endlich!“ rief Raſinski mit freudefunkeln⸗ den Augen, und befahl im Trabe vorzurücken. Das Regi⸗ ment raſſelte die Anhöhe hinan, von der man vor ſich ein weites, flaches Terrain überblickte, welches nur durch jenes kleine Gebüſch unterbrochen wurde. Daſſelbe ſchien kaum einige hundert Schritt Tiefe zu haben, und war auch nicht viel breiter; doch verdeckte es die Ausſicht. Die. Patrouillen wurden herangezogen, und man rückte in geſchloſſenen Reihen raſch vorwärts. Dicht an dem Buſche theilte Raſinski das Regiment und ließ eine Schwadron links, die andere rechts um das Gebüſch reiten, während er ſelbſt mit den übrigen den geraden Weg durch die Mitte deſſelben verfolgte, jedoch etwas langſamer, damit man zu gleicher Zeit jenſeits das Freie erreichte. Noch friſch dampfender Roßmiſt, den man im Wege fand, gewährte, nebſt den vielen Spuren von Hu⸗ fen ohne Eiſen, die Gewißheit, daß erſt einige Minuten zu⸗ vor ein ſtarker Trupp Koſacken durch den Wald gekommen ſein mußte. Jetzt öffnete ſich derſelbe, und man ſah durch die lichter werdenden Bäume das freie Feld. „Wahrhaftig da ſind ſie,“ rief Raſinski und deutete mit dem Finger nach vorne, wo man viele Lanzenſpitzen über ein Getreidefeld hervorragen ſah;„nun, jetzt ſollen ſie uns nicht entwiſchen. Blaſt zum Angriff!“ Die Trompete ertönte. Wie die Windsbraut brachen die Streitmaſſen aus dem Walde hervor.„In Zügen rechts und links marſchirt auf!“ commandirte Raſinski, als er das Freie erreicht hatte, und die tiefen Colonnen verwandelten ſich in eine breite Front. Die beiden Schwadronen, welche um den Buſch herumgeritten waren, wurden auch wieder an dem Saume deſſelben ſichtbar und ſchloſſen ſich, frühern — 134— v Befehlen folgend, ſogleich im geſtreckten Galopp der Maſſe an. Das Getöſe, welches ein auf dieſe Weiſe vorrückendes Cavalerieregiment erregt, mußte den Koſacken, die ruhig vorwärts ritten, weil ſie den Feind nicht ſo nahe vermuthe⸗ ten, plößzlich deſſen Gedenidan⸗ verrathen. Ein Gefecht ſchien ſchwanden. 4 Als der Staub, den die Flüchtenden verurſacht hatten, ſich geſenkt hatte, erblickte man eine kleine Stadt, die kaum noch eine Stunde entfernt ſein mochte.„Das muß Krasnoi ſein,“ ſprach Raſinski.„Wo iſt der Jude Iſaak, er ſoll uns Auskunft geben.“ Iſaak hatte bis dahin, mit gebunde⸗ nen Händen auf einem Troßpferde ſitzend, dem Regimente mit den Troßknechten und Dienern folgen müſſen. Bei die⸗ ſen ſuchte man ihn auch jetzt, doch vergeblich; es war ihm geglückt, in dem Getümmel des Verfolgens zu entwiſchen. „So haben uns die Koſacken doch einen Schaden zuge⸗ fügt,“ ſprach Raſinski verdrießlich;„dem Juden hätte ich den Galgen gern gegönnt.“ Indeſſen hatte ſich doch ein Gefecht eines Theils der Infanterie und einiger leichten Cavalerie mit dem Corps des General Newerowskoi entſponnen, der nach tapferer Ge⸗ genwehr geworfen wurde. Mit der ſinkenden Sonne rückte Raſinski's Regiment ins Lager ein. Eben hatte man ſich's an einem großen Feuer behaglich gemacht, als unvermuthet der Donner der Kanonen ertönte. Alles gerieth in Bewegung, doch erfuhr man bald, daß es nur Freudenſchüſſe waren, die man hörte. 8 — *— ☚‿ — 135— Sie galten dem ſiegreichen Gefecht mit den Ruſſen und dem Geburtstage des Kaiſers. „Wahrlich!“ rief Raſinski aus,„faſt hätte ich's ver⸗ geſſen, daß wir heute den funfzehnten Auguſt ſchreiben. Dieſe Ehrenſalve iſt etwas werth, denn ſie wird mit ruſſi⸗ ſchem, heut erbeutetem Pulver gebracht. Laßt uns denn auch den Tag nicht vergeſſen, Freunde, ſondern im fröhlichen Kreiſe auf das Wohl des Kaiſers trinken.“ Die Einladung wurde mit Freuden angenommen. Ein großes Feuer loderte empor; ringsum lagerten ſich die Offi⸗ ziere des Regiments und Ludwig und Bernhard, die ſtets als zu ihm gehörig von Raſinski betrachtet wurden. 1 „Unſere Trinkgeſchirre ſind freilich nicht die glänzendſten,“ ſprach Naſinski, als Jedem das Glas, der Becher, oder was er ſonſt zur Hand hatte, gefüllt war;„die Tafel iſt auch nicht überreich beſetzt, allein die Gäſte, denke ich, ſind ſo ſtattlich, als ſie jemals in einem Prunkſaale beiſammen geſeſſen haben. So heiße ich Euch denn willkommen, meine Kameraden!“ 3 Plötzlich wurden ſeine Züge ernſt; mit Hoheit trat er vor den Kreis der gelagerten Brüder, ſtützte ſich mit der Linken auf den Säbel und hielt in der Rechten den gefüllten Becher empor. Dann begann er mit feierlicher Stimme:„Freunde! Seit langen Jahren betreten wir heut, geführt durch den großen Kaiſer der Franzoſen, zum erſten Male wieder das Gebiet des alten Rußlands mit den Waffen in der Hand! Wir ſtehen auf dem Boden, wo unſere Väter vordem ſo manche ruhmreiche Schlacht mit dem verhaßten Nachbar fochten. Erinnert Euch, Brüder, daß es eine Zeit gab, wo Polens Fahnen in Moskau auf dem Kreml wehten, wo unſere Woiwoden den Ruſſen ihren Zaar gaben. Der Zaar Boris Godunow, der die alte Stadt Smolensk, welche dort — 136— hinter jenen Hügeln von dem Dunkel der Nacht bedeckt wird, gründete, und die Mauer mit ihren Thürmen erbaute, welche wir morgen vielleicht im Sturm erſteigen— jener Zaar Boris Godunow, verlor den Thron durch die Tapferkeit un⸗ ſerer Väter. Das waren Polens glänzende Tage! Aber ſie kehren wieder! Wie ein Phönix aus der Aſche wird der weiße Adler ſich aus dem rauchenden Schutt erheben, unter dem unſer Vaterland begraben liegt, ſeit Verrath und überfallende Gewalt den Feuerbrand in unſere Städte und Gefilde trugen. Denn in der Tiefe glühten die Brände fort; in der Bruſt jedes polniſchen Sohnes lodert noch die mächtige Flamme des alte Heldenmuths, der alten Vaterlandsliebe. Der Tag der Vergeltung, der Sühne, der Gerechtigkeit iſt da! Die Welt⸗ geſchichte hat den großen Mann geboren, der ihn heraufführt. Seinen Bannern folgend, ſtürmen wir zum Siege über unſere Feinde! Auf denn, leert ihm dieſen Becher. Es lebe der Kaiſer, es lebe Polen, es lebe die Freiheit!“ Wie wenn der Sturmwind praſſelnde Flammen aufjagt, drangen die begeiſterten Worte Raſinski's in das Herz der von Vaterlandsliebe und Thatendurſt glühenden Genoſſen ein. Zu Bildſäulen erſtarrt hatten ſie jedem Worte ſeiner Lippen gelauſcht; nur das funkelnde Auge verrieth das Leben in ihrer Bruſt. Jetzt ſprangen ſie auf. Unter Thränen und Jauchzen wiederholten ſie den Ruf:„Es lebe der Kai⸗ ſer, Polen, die Freiheit!“ und ſtürzten den Wein hinab. Mit tauſendfachem Echo brauſte der Jubel weiter, denn der Kreis hatte ſich durch die rings herandringende Maſſe der Krieger bis ins Unüberſehbare vermehrt. Als Naſinski ſeinen Becher geleert hatte, warf er ihn hoch empor; dann breitete er die Arme aus und Thloß den nächſten Kameraden an die Bruſt. Die Freunde umringten ihn, warfen ſich ihm zu Füßen, ergriffen ſeine Hände, bedeckten ſie mit Küſſen und 7 — 137— Thränen. Ein begeiſternder Wahnſinn ſtürmte in der auf⸗ geregten Bruſt; laut weinend hielten Jünglinge und Män⸗ ner einander in den Armen. Tiefſter Schmerz und namen⸗ loſes Entzücken loderten zugleich mit hohen Flammen in der Seele auf; ringsumher in jedes Herz hatte der Blitz mäch⸗ tig zündend eingeſchlagen. Greiſe wurden zu Jünglingen, und über die roſige Wange Jaromirs wie in den grauen Bart des alten Petrowski rollten gleich helle Thränen. Lange dauerte es, bis die heftig überwallende Fluth wie⸗ der in das ruhigere Bett zurückkehrte. Dann erfüllte ein milder, ſanfter Ernſt die Gemüther. Traulich blieb man an der Flamme gelagert und überließ ſich dem ſüßen Gefühl herzlicher, brüderlicher Gemeinſchaft. Nach und nach brann⸗ ten die Flammen der Lagerfeuer düſterer; die ermüdete Natur ſank nach der doppelten Anſpannung in doppelte Ermattung. Ringsum löſte der Schlaf die Glieder. Jaromir lehnte ſich mit ſeinem blühenden Lockenhaupt an Bernhards Schulter, der ihn freudig ertrug und dann endlich müde mit ihm zu⸗ rückſank auf den Naſen. Ludwig blieb noch lange wach. Alles war tief ſtill umher; die Holzſcheite brachen zuſammen; die Flamme erſtarb, der Nachthimmel wölbte ſich dunkel über das Lager. Durch den in langſamen Wirbeln wolkig aufſteigenden, vom Widerſchein gerötheten Dampf ſchimmer⸗ ten die Geſtirne. Ein ernſtes, düſteres Bild! Und düſter wurde es in Ludwigs Seele. Das hoffnungs⸗ los traͤuernde Vaterland, die fernen Geliebten, das theure Bild eines unbekannten, ewig verſchwundenen Weſens, von dem ſein ganzes Herz ſich noch immer erfüllte— das waren die ſchmerzlichen Geſtalten, die ſich ihum auf dem ſinſtern Hintergrunde der Nacht abzeichneten Eine tiefe, unausſprechliche Angſt erfüllte ihm die Bruſt; es war ihm plöblich, als könne er dem Schmerze nicht län⸗ — 138— ger Widerſtand leiſten, müſſe überwältigt erliegen. Mit aller Kraft innerlicher Faſſung mußte er ſich waffnen, um nicht weich zuſammenzuſinken unter der Laſt, die auf ſeinem Herzen lag. Sein Blick fiel auf Bernhard, der, vom mat⸗ ten Glanz des Feuers beſtrahlt, neben ihm ſchlummerte. Als er in das treue, edle Angeſicht blickte, wo die trotzige Kraft ſich mit wohlwollender Milde innig paarte, wo die Liebe ihn aus ſo brüderlich herzlichen Zügen anſprach, da kehrte ihm der Troſt in die verödete Bruſt zurück, und er dachte: Nein, Der darf ſich nicht ganz unglücklich nennen, der an der Seite eines ſolchen Freundes entſchlummert! Und beruhigter ſenkte auch er das Haupt nahe gegen die Bruſt des Freundes hinab, hüllte ſich in den Mantel und entſchlief. Drittes Capitel. „Das ſind die Thürme von Smolensk,“ rief Raſinski, als er an der Spitze ſeines Regiments die waldige Anhöhe erreicht hatte, von der aus man die alte Feſte kaum eine Stunde weit entfernt liegen ſahe.„Wir werden uns jetzt am Saume dieſer Höhe, vom Gebüſch verdeckt, hinunterziehen; ſo kommen wir bis auf Kanonenſchußweite unbemerkt vor die Stadt. Ich fürchte, ich fürchte,“ ſetzte er mit beſorg⸗ licher Stimme hinzu,„wir werden hier einen harten Kampf zu beſtehen haben. Seht Ihr dort die Staubwolken auf den Hügeln jenſeit des Dnieper? Das können keine Truppen un⸗ —————' —— — 139— ſers Heeres ſein! Ich wollte, der Jude ſäße im Schwefel⸗ pfuhl der Hölle, denn ich kann nicht anders glauben, als er hat die Abſicht des Kaiſers zu erlauſchen oder zu erra⸗ then gewußt und Barelay benachrichtigt. Meinen Kopf will ich verwetten, es ſind die Colonnen der ruſſiſchen Haupt⸗ armee, die dort heranrücken!“ „Nun, dann wäre ja die erwünſchte Schlacht da!“ ent⸗ gegnete Bernhard mit fragender Miene, um ſich näher über Raſinski's Beſorgniſſe belehren zu laſſen. „Vielleicht, aber noch nicht gewiß. Jedenfalls aber un⸗ ter viel ungünſtigern Umſtänden, als wenn wir Smolensk frü⸗ her erreicht, es beſetzt und ſo dem Feinde die Straße nach Moskau abgeſchnitten hätten. Dann müßte er uns die Fe⸗ ſtung entreißen, jetzt werden wir Tauſende von Menſchen davor opfern müſſen. Wenn es nur gelungen wäre, Ne⸗ werowskoi abzuſchneiden; ſo hätten wir doch noch den Vor⸗ ſprung gewonnen!“ Unruhig ſprengte Raſinski allein vor, auf einen nahe liegenden Hügel, der eine freiere Ausſicht gewährte. Wäh⸗ rend deſſen zog das Regiment auf dem angedeuteten Wege, der ſich in weiten Krümmungen der Stadt näherte, vorwärts. „Die Gegend iſt doch nicht ganz unſchön,“ ſprach Lud⸗ wig zu Bernhard, als eben eine Lücke in der Waldung ei⸗ nen weiten Blick in das Thal des Dniepers geſtattete. „Siehſt Du dort das Schloß jenſeit des Fluſſes am Hügel?“ „Allerdings,“ entgegnete Bernhard;„ein ſtattliches Ge⸗ bäude. Es ſcheint von ſeltſamer, alterthümlicher Bauart, ſo viel man von hier ſehen kann. Vielleicht werden wir nächſtens darin übernachten, denn es wird, ſammt dem an⸗ ſehnlichen Dorf, welches ſich dort zur Seite ausdehnt, wahr⸗ ſcheinlich eben ſo verlaſſen ſein, wie alle die Orte, durch die wir bisher zogen!“ — 140— „Freilich eine traurige Wüſte, durch die wir wandern!“ entgegnete Ludwig.„Doch jenes Schloß übt einen höchſt beſondern Eindruck auf mich aus. Ich finde hier zum erſten Male, daß die Ferne, die Fremdartigkeit ihren Einfluß mächtig geltend machen. Die Bauart, die Lage, Alles ſpricht mich ganz eigenthümlich und ſeltſam an.“ „Auch in mir ſprühen einige Funken abenteuerlich ro⸗ mantiſcher Anwandlungen auf,“ warf Bernhard hin.„Wie, wenn dort eine reizende Fürſtin wohnte, oder wenn das Schloß geſtürmt würde, in Flammen aufginge, und wir ein liebliches Weſen von unbegreiflicher Schönheit aus den rauchenden Trümmern retteten? Mir daͤucht, ich ſehe or⸗ dentlich ſchon die rothe Gluth um die ſeltſamen Thurm⸗ ſpitzen lecken.“ „Scherze nicht frevelhaft,“ ſprach Ludwig ernſt.„Deine Prophezeiung könnte wenigſtens in ſo weit wahr werden, als das furchtbare Unheil über die unglücklichen Bewohner wirklich hereinbräche.“ 1 „Leicht möglich, daß ſie ſelbſt die Brandfackel unter ihren Dachſtuhl ſtecken;z denn das Schloß liegt, wie es mir von hier ſcheint, nicht fern von der Landſtraße, die ſich am andern Ufer des Dnieper hinabzieht, und bisher haben wir an der Straße nicht viel unverwüſtete Dörfer und Schlöſſer getroffen. Es ſcheint, daß uns die Ruſſen leichter eine verödete Pro⸗ vinz als eine unzerſtörte Stadt einräumen. Doch da kommt ja Raſinski mit verhängtem Zügel wieder zurückgeſprengt.“ In der That ritt er heran, daß das Pferd wild aus den Nüſtern ſchnaubte, und der Staub ſich hoch hinter ihm aufwirbelte. Er winkte von ferne mit dem Säbel. Sein nächſter Stellvertreter, Major Negolinski, verſtand das Zeichen und ließ das Regiment im Galopp vorrücken. Man mußte eine Thalſenkung hinunter und dann gegenüber die leichte 8 ——,— 141— Anhöhe hinauf. In wenigen Minuten war ſie erreicht. Jetzt hatte man Smolensk ganz nahe vor ſich;z zugleich aber überſah man die Landſchaft weithin und entdeckte die ver⸗ ſchiedenen Corps der großen Armee, die bereits an mehrern Punkten bis auf Kanonenſchußweite vor die Stadt gerückt waren. Jenſeit des Fluſſes aber erblickte man zahlloſe ruſ⸗ ſiſche Colonnen, die im höchſten Eilmarſch gegen Smolensk heranrückten, um es zu beſetzen, ehe das franzöſiſche Heer ſich der Stadt bemächtigt hatte.. „Vorwärts! vorwärts!“ ſchrie Raſinski.„Ins Thal hinunter, am Fluß hinauf, vielleicht gelingt es uns, den Feind zu überraſchen.“ Er ſprengte ſelbſt wiederum weit voraus, als ob er den Augenblick, ſich mit dem Gegner zu meſſen, nicht erwarten könnte. Als man den Fluß erreicht hatte, lag Smolensk auf ſeinen beiden ſteilen Hügeln diesſeit und jenſeit des Dnieper, dicht vor den Angreifenden, ja faſt über ihnen. Schon hörte man Kanonendonner und Kleingewehrfeuer. Wirbelnder Staub und Nauch verhüllte das Thal und den Fluß; nur die Zin⸗ nen der alten Stadtmauer und die hohen Thürme ragten über das Gewölk hervor. Die Reiter folgten ihrem Führer, ohne zu wiſſen, ob ſie Feind oder Freund vor ſich hätten, denn in dem dichten Staube, den der Wind ihnen! noch dazu entgegentrieb, war nichts zu erkennen. Plötzlich ſprengte Raſinski ihnen wieder entgegen.„Halt!“ war ſein Commandowort. Das Regiment ſtand wie ange⸗ wurzelt; die Reiter, durch den raſchen Ritt auf beſchwerli⸗ chem Boden zum Theil aus ihren Reihen gedrängt, ordneten ſich in der Stille wieder.„Erſte Schwadron links ſchwenkt! Regiment Marſch!“ Langſam führte Raſinski die Seinigen an der Thalwand wieder hinauf und oben über das hügelige Feld zurück gegen — 142— eine mit Wald bedeckte Anhöhe, die außerhalb des Bereichs der Feſtung lag. „Es war zu ſpät,“ äußerte er im Zurückreiten.„Der König von Neapel wollte die Stadt auf dieſer Seite mit der Cavalerie, der Marſchall Ney jenſeits mit der Infanterie im überfall zu nehmen ſuchen. Doch die Nuſſen ſind zu feſt verſchanzt und haben zu viel Artillerie. In einer hal⸗ ben Stunde muß überdies die Hauptarmee heran ſein, und dann wäre es eine Raſerei, gerade hier den Kampf zu be⸗ ginnen. Doch läßt ſich noch hoffen, daß man uns morgen durch eine Schlacht die Feſtung ſtreitig zu machen ſucht; denn hier gilt es freilich, die Hauptpforte zu vertheidigen, die nach Rußland führt.“ Das Regiment bezog den Bivouac.. Gegen Abend ſprengte ein Adjutant des Generalſtabes ins Lager und fragte nach Raſinski. Er wurde zum Kaiſer befohlen, bei dem ſich nebſt den Marſchällen alle der Gegend und Landesſprache kundigen Offiziere verſammelten, weil der Kaiſer in Betreff des Angriffs, den er auf die Stadt ma⸗ chen wollte, genauere Auskunft von ihnen begehrte. Um et⸗ waige Befehle ſchnell abſenden zu können, ließ ſich Naſinski von Bernhard und Ludwig begleiten. Sie hatten Mühe, das Zelt des Kaiſers zu erreichen, weil die nahe gegen die⸗ Stadt vorgerückten Truppen ſämmtlich auf Befehl Napo⸗ leons ihre Bivouacs weiter zurückverlegten. „Was bedeutet das Manoeuvre?“ fragte Raſinski einen Adjutanten, der mit ihm einen gleichen Weg nahm. „Der Kaiſer will dem Feinde ein Schlachtfeld frei laſ⸗ ſen; er hofft, daß morgen die ruſſiſchen Linien endlich geord⸗ net vor uns ſtehen und den Kampf annehmen ſollen.“ „Und unſere Stellung?“ fragte Raſinski weiter. „Dort auf jenem ganzen Amphitheater von Hügeln, wl-ꝛ —— 143— ches ſich im Halbkreiſe um die Stadt zieht. Es ſind freilich nur Schluchten und Defiléen, an die wir uns lehnen; bei einem Rückzug eine bedenkliche Stellung!“ „Das Wort Rückzug hat der Kaiſer aus ſeinem Wör⸗ terbuche geſtrichen,“ entgegnete Raſinski;„für jeden andern Feldherrn wäre der Fehler groß. Er aber hat die Gewißheit des Sieges; bisher fehlte ihm nichts dazu als der Feind. Wollte der Himmel, daß er morgen endlich Stand hielte.“ „Hm! Ich glaube kaum. Wozu ſoll er ſich vor der Feſtung ſchlagen, wenn er es hinter derſelben kann?“ „Bagration hat, wie man vernimmt, die größte Luſt zur Schlacht.“— „Barclay deſto weniger.“ „Er iſt nicht beliebt; der Ruſſe haßt ihn; nur der Kaiſer i*ſt ſeine Stütze. In ſeinem eigentlichen Vaterlande angegrif⸗ 9 fen, muß es die Ehre des Ruſſen auf das tiefſte kränken, daß er, ohne Widerſtand zu leiſten, weichen ſoll. Barclay wird ſchlagen müſſen, weil ihm ſonſt die Armee nicht mehr ge⸗ horcht. In gewiſſer Hinſicht ſteht der Feldherr trotz ſeiner 8 unbeſchränkten Macht doch unter dem Befehl des Heeres. Und das Schwerſte von Allem iſt, den kampfluſtigen Soldaten von der Schlacht abzuhalten; zugleich auch das Gefährlichſte, denn er zeigt nachher gerade im entſcheidenden Augenblick Unluſt, wenn man ſeiner Tapferkeit zuvor gewaltſame Feſſeln angelegt hat. Ein Feldherr muß nicht nur das Terrain, er muß auch ꝙ den innerſten Menſchen zu beurtheilen wiſſen; verrechnet er ſich da, ſo wird er mit aller Taktik nicht weit reichen.“ „Hoffen Sie Gutes von der Schlacht?“ fragte nach ei⸗ ner kurzen Pauſe der Offizier. „Ohne Zweifel den vollſtändigſten Sieg, doch wird er Blut koſten.“. 3 — — 144— „Gewiß, viel. Schon bei dem heutigen Augriff auf die Feſtung haben wir furchtbaren Verluſt gehabt. Von dem Bataillon, mit dem der Marſchall Ney angreifen ließ, ſind zwei Drittheile geblieben. Sie geriethen ins Flankenfeuer der ruſſiſchen Batterie; eine einzige Kugel traf ſo furchtbar, daß ſie zweiundzwanzig Mann niederſchmetterte. Wir konn⸗ ten es von der Höhe nur zu deutlich mit anſehen.“ „Zu fallen iſt die ernſte Beſtimmung des Soldaten,“ erwiderte Raſinski.„Aber hören Sie! Tirailleurfeuer!“ „Der Kaiſer hat befohlen, daß das erſte Corps den Feind necken ſoll, um ihn vielleicht auf das dieſſeitige Ufer des Fluſſes zu locken.“ 8 Während dieſes Geſprächs war man theils zwiſchen Bi⸗ vouacsfeuern und gelagerten Truppen hindurch, theils hinter marſchirenden Colonnen herumreitend, bis zu dem Lager der Garden gelangt, wo ſich das Zelt des Kaiſers auf einer wal⸗ digen Anhöhe befand. Man ſah ihn eben mit einer bedeu⸗ tenden Escorte abreiten, muthmaßlich um die Umgegend zu recognosciren. Raſinski ſprengte im geſtreckten Galopp nach; Ludwig und Bernhard folgten in einer angemeſſenen Entfer⸗ nung. Etwa eine halbe Stunde ritt der Kaiſer mit ſeinem Gefolge von einem Hügelgipfel zum andern. Von Dem, das verhandelt wurde, konnten Ludwig und Bernhard indeſſen nichts vernehmen, da ſie nebſt mehrern andern Ordonnan⸗ zen und jüngern Offizieren wenigſtens dreißig bis vierzig Schritte hinter den Marſchällen ritten. Jetzt hielt der Kaiſer und ſprach mit dem Marſchall Ney und dem Könige von Neapel; dann winkte er Raſinski zu ſich hervor, dem er einen ausführlichen Auftrag zu geben ſchien, denn er redete lange und mit lebhafter Bewegung zu ihm. Gleich darauf ritt dieſer zurück, rief Ludwig zu ſeiner Begleitung ab und hieß Bernhard dem Kaiſer und ſeiner Umgebung ferner folgen, und dann vor dem kaiſerlichen Zelte halten, bis er ſchriftlichen oder mündlichen Befehl zur über⸗ bringung an Raſinski empfangen würde. Mit der ſinkenden Nacht kehrte der Kaiſer in ſein Zelt zurück. Es folgten ihm nur die Marſchälle Berthier, Ney, Murat, Davouſt und der Vicekönig von Italien. Zwei Mann von der alten Garde ſtanden Schildwacht vor dem Zelte; Bernhard und drei Ordonnanzoffiziere hielten dicht aum Eingang, um Befehl zu erwarten. Im Lauf einer Viertel⸗ ſtunde wurden die drei abgefertigt; Bernhard blieb allein ohne fernere Beſtimmung und mußte in Geduld abwarten, was geſchehen werde. Es war ſtill geworden; die ermüdeten Trup⸗ pen lagen in ihre Mäntel gehüllt und ſchliefen. Man fing* an, leiſes Geräuſch bis auf große Ferne zu hören. So konnte Bernhard jetzt unterſcheiden, daß lebhaft im Gezelt geſprochen wurde, doch war es ihm unmöglich, den Gang des Ge⸗ ſprächs zu verfolgen. Nur einzelne Worte unterſchied er, am häufigſten aber die Namen Smolensk und Moskau. Gern wäre er einige Schritte näher geritten, doch die beiden bär⸗ tigen Grenadiere mit ihren hohen Bärenmützen, welche mit gemeſſenen Schritten, nit edlem, kriegeriſchem Anſtande, vor dem Zelte auf und ab gingen, hielten ihn durch einen ernſten Blick ihrer ſchwarzen Augen in ehrerbietiger Ferne zurück. „Man ſoricht von der Schlacht, die wir vielleicht morgen liefern,“ aung endlich Bernhard an;z„könnt Ihr dem Ge⸗ präch folgen, Freunde?“ „Die Schildwacht des Kaiſers hört nichts, Kamerad,“ er⸗ widerte der eine der beiden Grenadiere mit einem ſtrengen Blick. „Sie ſpricht auch nicht,“ ſetzte der andere mit dem Tone des Verweiſes hinzu. Kaum waren dieſe Worte gewechſelt, als die Marſchälle Ney und Davouſt, Beide anſcheinend ſehr in Wallung, mit II. 7 — 146— raſchen Schritten das Zelt verließen und eine verſchiedene Rich⸗ tung des Weges einſchlugen, ohne von einander Abſchied zu neh⸗ men. Es war augenfällig, daß ſie ſich in äußerſt gereizter Stimmung gegeneinander befanden. Indeſſen wurde das Ge⸗ ſpräch im Zelte noch lebhafter. Bernhard unterſchied deutlich die Stimme des Kaiſers, der laut und mit Heftigkeit ſprach. Der Vicekönig von Italien verließ einige Minuten ſpäter das Zelt. Die Wachen ſtanden ſtarr mit angezogenem Gewehr, als er vorüberging. Doch der ſonſt ſo freundliche, wohlwollende Mann verſäumte es, den Ehrengruß zu erwidern; er ſchien im Innern ſo bewegt, ſo ganz erfüllt und beſchäftigt, daß die äußerlichen Gegenſtände ihm durchaus verſchwanden. Bern⸗ hard konnte bei dem Schein eines nicht entfernt vom Gezelt brennenden Feuers, an dem die kaiſerliche Küche beſorgt wurde, die edlen ausdrucksvollen Züge des Fürſten, auf deſſen Stirne ſich finſtere Wolken der Sorge zuſammengezogen hatten, be⸗ trachten. Es lag ſo viel Mildes in dieſem Antlitz, und ſo viel männliche Entſchloſſenheit, gepaart mit ſanfter Hoheit, daß der Eindruck ein unvergeßlicher ſein mußte. Noch folgte Bernhard mit unverwandtem Auge der edlen Geſtalt, als das Klirren eines Säbels aufs Neue ſeine Blicke vach dem Eingang des kaiſerlichen Zeltes zog. Es war der Könlg von Neapel, der in ſeiner abenteuerlich kriegeriſchen Tracht, eine Neiherfeder auf der mit Pelz verbrämten Mütze, mit haſtigen Schritten aus dem Zelte trat, indem er einige unverſtändliche Jorte vor ſich hin murmelte, die aber wie ein Nachhall des Zornes und des Eifers klangen. Ohne Bernhard zu bemerken, ging er dicht an deſſen Pferd vorüber, da unterſchied dieſer deutlich, daß der König, im Gehen mit dem Fuße ſtampfend, mit halbunterdrückter Stimme ausrief:„Moscou! Moscou! Cette ville nous perdra!“ Kaum war er indeſſen einige Schritte weiter, als er plötz⸗ N lich, wie ſich beſinnend, ſtill ſtand, ſich umwandte und rief: „Wo iſt die Ordonnanz des Obriſten Raſinski?“ Bernhard wollte vom Pferde ſpringend ſich melden, doch der Kö⸗ nig rief ihm zu:„Bleibt ſitzen! Dieſe Ordre für den Obriſt! Eilt!“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich, und Bernhard ſprengte ſofort dem Bivouac ſeines Regimentes zu. Mit einem glücklichen Ortſinn begabt, gelang es ihm trotz der Finſterniß und den von allen Seiten verwirrend flackernden Wachtfeuern, die, weil ihre Ferne und Nähe ſo ſchwer zu ſchätzen iſt, oft wie Irrlichter vom rechten Wege ableiten, dennoch in kurzer Zeit die Lagerſtelle ſeiner Kame⸗ raden aufzufinden. Raſinski erbrach die Depeſche mit haſtiger Ungeduld und durchflog ſie beim Glanz des Feuers. „Gut, gut,“ murmelte er für ſich;„ich fürchte aber, es wird nicht nöthig ſein.“ Die Nacht verſtrich ohne ein merkwürdiges Ereigniß; man hatte die Wachen verdoppelt, und ein Theil der Leute blieb unter Waffen, indeſſen wurde die Ruhe der Andern durch nichts geſtört. Mit Anbruch des Tages erwartete man den Feind in Schlachtordnung aufgeſtellt zu ſehen. Doch es war eine Täuſchung. Der weite Raum, den man ihm zum Schlacht⸗ felde gelaſſen, war leer. Die Stadt mit ihren alten, dicken, von achtzehn Thürmen gekrönten Mauern lag ſchauerlich ſtill in der Morgendämmerung da; kein Laut ſchien ſich in der⸗ ſelben zu regen. Das ganze franzöſiſche Heer war unter Waf⸗ fen, jeden Augenblick konnten die Truppen in die Schlacht⸗ ordnung einrücken. Man ſah den Kaiſer, von Marſchällen und Adjutanten begleitet, mehrmals über das Feld reiten; er jagte eine Anhöhe nach der andern hinauf und ſah um⸗ her, theils um im Fall der Schlacht ſeine Anordnung zu treffen, theils in der ſteten Hoffnung, endlich den Feind ir⸗ gendwo debouchiren und ſich zum Kamy vf ufſtelle zu ſehen Ein Marſchall, es war Belliard, kam auf Raſinski zu⸗ geſprengt, rief ihn heran und ſprach einige Worte mit ihm. Sogleich befahl dieſer der erſten Escadron, welche Boleslaw führte, ihm zu folgen. Sie ritten eine Strecke am Dnieper hinauf; bei einer Krümmung des Weges ſtießen ſie auf etwa zwanzig bis drei⸗ ßig Koſacken, die, ſobald ſie des Feindes anſichtig wurden, 8 wie ein Schwarm aufgeſcheuchter Vögel eiligſt über das Blach⸗ feld ſprengten. Im Augenblicke waren ſie verſchwunden; doch erblickte man ſie einige Minuten darauf wieder an der Spitze eines Hügels, wie ſie eben an einer Stelle des Fluſſes, welche durch die Biegung deſſelben bisher verdeckt war, mit ihren Pferden nach dem jenſeitigen Ufer hinüberſchwammen. „Teufel!“ rief Raſinski plötzlich aus und wandte ſich zu dem Marſchall, während er mit der Säbelſpitze in die Ferne deutete:„Sehen Sie dort die Colonnen! Das iſt die ruſſiſche Armee im vollen Rückzuge auf der Straße nach Moskau!“ Der Marſchall warf einen unmuthigen Blick hinüber. „Der Kaiſer wird außer ſich ſein; bis jetzt hatte er noch im⸗ mer gehofft, das Heer zur Schlacht ausrücken zu ſehen, und Davouſt beſtätigte ihn in dieſem Wahne. Nun muß jede Täuſchung ſchwinden, denn das ſind zu unermeßliche Züge von Artillerie, Infanterie und Cavalerie, welche die Straße be⸗ decken. Doch will ich es ihm ſogleich melden.“ Im geſtreck⸗ ten Galopp jagte der Marſchall jetzt über das Feld zurück, dem Gezellt des Kaiſers zu. Raſinski beauftragte Boleslaw mit der Schwadron den Fluß hinauf zu recognosciren, ob er eine Fuhrt finden könnte, durch die man mit Cavaleriſten und im Nothfall auch mit Artillerie und Infanterie das andere Ufer erreichen könne; denn er dachte ſogleich mit Recht, daß der Kaiſer dem Be⸗ 1 —.— — 149— fehl geben werde, der Armee in die Flanken zu fallen und ihren Rückzug zu ſtören. Boleslaw ritt mit ſeinen Leuten den Fluß über eine Stunde weit entlang. überall, wo ſich nur der Anſchein einer Fuhrt bot, war er der Erſte, welcher den Verſuch machte, hindurch zu reiten. Doch fand er nicht, was er ſuchte, und hätte faſt einige Leute dabei eingebüßt. Verdrießlich, daß es ihm nicht gelingen wollte, den Auftrag zu vollführen, wollte er eben umwenden, als er hinter ſich den Donner einer Batterie ver⸗ nahm. Er ſchaute rückwärts und erblickte das Ufer mit ge⸗ waltigen Maſſen von Artillerie beſetzt, welche auf die jenſeit des Stromes langſam ſich fortbewegende ruſſiſche Armee feuerte. Jetzt ſtellte auch dieſe einige Batterien auf, um das feind⸗ liche Feuer zum Schweigen zu bringen, und bald gewahrte man die furchtbaren Wirkungen deſſelben. Eine ſchwarze Wolke lagerte ſich gleich einem Ungeheuer über das Gefilde; nur einzelne rothe Blitze züngelten daraus hervor, denen der to⸗ bende Donner ſogleich folgte. Boleslaw, der die Hoffnung, eine Fuhrt zu finden, aufgegeben hatte, beſchloß nunmehr mit ſeinen Leuten zurück zu reiten. So hatte er denn das Feld der Verwüſtung und des Todes vor ſich; denn nicht allein daß jene Batterien ununterbrochen auf einander feuerten, ſon⸗ dern auch das ganze Gefilde vor Smolensk wogte vom erbit⸗ terten Gefecht. Der Kaiſer hatte den Angriff auf die Stadt befohlen, der er ſich jetzt auf das ſchnellſte bemächtigen wollte. Darum rückten die ſchwarzen Maſſen der Infanterie von allen Seiten heran, um den Feind, nachdem er durch das Feuer der Ar⸗ tillerie geſchwächt war, zu vertreiben. Die Erde ſchien unter dem dumpfen Getöſe angſtvoll zu beben; graue Rauchwolken zo⸗ gen langſam, dicht überhin und beſchatteten das Feld des Todes. Wie ein blutiges Auge blickte die umduſterte Sonne herab. — 150— Die Vögel flatterten ängſtlich und erſchreckt hinweg und flüch⸗ teten von dem Schauplatz der Verheerung. Außer dem dum⸗ pfen Donner der Schlacht, den Boleslaw nur in der Ferne vernahm, war kein Laut hörbar. In tiefer Stille lag die Natur regungslos; kein Lüftchen bewegte die Zweige. Sie ſchien erſtarrt vor dem unheilvollen Treiben der Menſchen, ihr Todesloos zu erwarten. Schweigend und ernſt ritt Bo⸗ leslaw an der Spitze der Seinigen auf dem Rücken des Hü⸗ gels entlang, dem Schlachtfelde näher. Der Kampf, der die Krieger mit flammendem Muthe erfüllt, wenn ſie ſich mit⸗ ten in deſſen Wogen geſtürzt ſehen, erzeugte jetzt, da ſie ihn aus der Ferne betrachten mußten und keinen Antheil an der Entſcheidung hatten, eine ſpannende Beklemmung in ihrer Bruſt. Außerhalb des Ereigniſſes geſtellt, empfanden ſie deſſen furchtbare Bedeutung tiefer, weil ſie es weiter überſchauten. „Dort in dem Loche tobt der leibhaftige Satan, glaube ich,“ ſprach der alte Petrowski und zeigte nach einer Stelle hin, wo die franzöſiſche Artillerie im dichteſten Dampfe ver⸗ hüllt ſtand. „Sie ſcheinen im dreifachen Kreuzfeuer zu ſtehen,“ erwi⸗ derte Boleslaw. „Freilich, die drei ſchwarzen Wolken da drüben blitzen ja darauf los! Und ſie treffen. Die Protzkaſten fliegen in die Luft, als ſtänden ſie auf Contreminen. Da trabt eine Re⸗ ſervebatterie heran; ſie müſſen ſchon verdammt zuſammenge⸗ ſchoſſen ſein. Die Moskowiter fangen an Ernſt zu machen. Hätten wir ſie nur auf dem Blachfelde, wo die Cavalerie ihnen auch beikommen kann! Der Säbel iſt mir heut ſo leicht in der Fauſt wie ein Spazierſtock! Wetter, ich wollte— Peſt und Hölle! Wieder ein Protzkaſten zum Teufel!“ In der That glich die Stelle, auf welche Petrowski gedeutet 4 7* 7* — 151— hatte, zumal jetzt, wo man näher kam, einem feuerſpeienden Vulkan. Der Rauch wirbelte in ſchwarzen, gethürmten Wol⸗ ken darüber empor, und zog langſam, ſich tief und ſchwer wäl⸗ zend, hinter der Batterie ins Feld hinein. Darum wurde eben das Feuer des Feindes ſo verderblich, weil er den Vor⸗ theil hatte, den Gegner deutlich zu ſehen, während er ſelbſt durch den vorwärts ziehenden Rauch dicht verhüllt war. So ſchlugen denn die Kugeln und Granaten unaufhörlich mit verheerender Gewalt in die Batterien ein. Räder und Achſen ſplitterten, die Pferde bäumten ſich und zerriſſen das Geſchirr, Granaten platzten, Pulverkaſten wurden geſprengt, die Trüm⸗ mer flogen weit durch die Lüfte. Und zu dem Allen krachte das eigene Lagerfeuer der Batterien, daß der Grund, auf dem ſie ſtanden, zitterte. „Wir müſſen, glaube ich, noch weiter links reiten,“ ſprach Boleslaw zu Petrowski,„ſonſt kommen wir in die Schußlinie.“ „Ich denke auch,“ erwiderte der Alte;„wir könnten ganz ohne Noth ein paar Pferde laſſen, und ich verliere nicht gern etwas, wo ich nichts wieder gewinnen kann.“ „Du haſt Recht, Alter! Es wird uns ſogar nichts übrig bleiben, als hinter dem Hügel dort herumzureiten,“ antwor⸗ tete Boleslaw, nachdem er einen Blick über die Gegend ge⸗ worfen hatte. Er bog in eine Thalſenkung ein und war ſo bald außer dem Bereiche des feindlichen Feuers, konnte aber auch nichts mehr von dem Schlachtfelde überſehen. In Kurzem erreichte er den Bivouac wieder, wo er Raſinski von ſeinem vergebli⸗ chen Bemühen benachrichtigte. „Ich wußte es ſchon,“ antwortete dieſer,„denn wir haben indeß einige Leute aufgetrieben, die der Gegend kundig ſind. Allein es gibt weiter aufwärts doch einen übergang, nur „ 3 können wir ihn nicht eher als gegen Abend mit Vortheil be⸗ nutzen; denn er iſt nur für wenige Leute einzeln zu paſſiren, und man kann keine Artillerie hinüberſchaffen, weil die Ufer ſehr ſteil und verwachſen ſind. Der Angriff eines ganzen Corps auf die Arriergarde der Ruſſen iſt alſo nicht denkbar, doch können wir vielleicht einen blinden Schrecken unter ſie bringen, einen Trupp Nachzügler gefangen nehmen und et⸗ was Beute machen. Der Auftrag iſt uns gegeben. Ich freue mich, daß wir denn doch einigen Antheil an dem heutigen Tage haben werden, wo freilich die Cavalerie nur den Zu⸗ ſchauer machen kann.“ Indeſſen dauerte die Schlacht unter den Mauern der Stadt mit Erbitterung fort. Raſinski war mit ſeinen Offi⸗ zieren auf einen Punkt geritten, von dem aus ſich das ganze Gefecht verfolgen ließ. Auch jetzt noch war die Stellung der Batterien am Fluſſe diejenige, wo Tod und Verheerung am fürchterlichſten wütheten. Mit Beſorgniß richteten ſich die Blicke der Zuſchauenden dahin, wo ſo viele Kameraden dem Erfolge des Tages geopfert werden mußten. Eine Anzahl von Reitern kam aus den dichten Rauchwirbeln hervorgeritten und nahm ihren Weg über das Blachfeld gegen das Zelt des Kaiſers zu. Mit Erſtaunen erkannte man, als ſie näher kamen, den König von Neapel. Er ritt langſam, den ehr⸗ furchtsvollen Gruß der Offiziere erwidernd, ohne ſich weiter nach ihnen umzuſehen, vorüber. Ein Offizier aus ſeinem Gefolge ſprengte jedoch gegen Raſinski heran. Es war der Obriſt Regnard. „Um des Himmels willen,“ fragte Raſinski ihn,„was hattet Ihr da drüben in dem ſiedenden Keſſel zu thun, und vollends was wollte der König dort?“ „Was er wollte? Schwerlich, was er jetzt thut, wieder zurückreiten. Es müſſen geſtern ſeltſame Dinge zwiſchen ihm — 153— und dem Kaiſer vorgefallen ſein, denn er i*ſt ganz verwandelt. Er beharrte darauf, ſich in jenem Höllenſchlunde niederſchießen zu laſſen. Als wir ihn beſchworen, zurück zu reiten, rief er: „Ich will Niemanden mit mir verderben,“ und wollte ſeine Adjutanten zurückſchicken. Einſtimmig betheuerten ſie, keinen Schritt von ihm zu weichen. In dieſem Augenblicke ſchlug eine Granate ein und ſchmetterte das Pferd ſeines Lieblings Duteuil zu Boden, ſodaß er dieſen getödtet glaubte. Be⸗ ſtürzt ſprang er vom Pferde und zog ihn ſelbſt unter dem ſich wälzenden Roſſe hervor. Da er ihn noch am Leben und unverſehrt ſah, küßte er ihn und ſprach:„Laßt uns denn zurück reiten.“ Bernhard hörte dieſer Erzählung mit geſpannter Theil⸗ nahme zu, denn er brachte ſie in Zuſammenhang mit Dem, was er geſtern vor dem Zelte des Kaiſers beobachtet, aber Niemandem mitgetheilt hatte. „Und vermuthet man, was zwiſchen dem Kaiſer und ſei⸗ nem Schwager vorgegangen ſein kann?“ fragte Raſinski. „Ganz allgemein,“ erwiderte Regnard und zuckte die Ach⸗ ſeln;„er wird ſo wenig wie Duroc, Daru, Lobau und am Ende wir Alle mit dem Feldzuge zufrieden und darüber mit ihm in Streit gerathen ſein. Das alte Lied mit dem alten Refrain. Nun, wenn wir heute ein zwanzigtauſend Mann laſſen, um den Steinhaufen dort zu erobern, ſo wird es wol überlaut im ganzen Lager geſungen werden. Wenigſtens wird's Jeder ſtill für ſich trällern oder in den Ohren haben. Guten Morgen!“ Mit dieſen Worten ritt er weiter, nicht ohne ein ernſtes Bedenken in Raſinski rege gemacht zu haben. 7* 7 Viertes Capitel. Die Angriffe auf Smolensk wurden den ganzen Tag über unabläſſig erneuert. Die Ruſſen vertheidigten ſich kaltblütig, aber furchtbar. Tauſende von Kriegern ſanken auf dem Felde des Todes, und noch immer war der Preis dieſer Opfer nicht gewonnen, als ſchon die Sonne ſich zu neigen begann und hinter grauen Gewölken verſchwand. Jetzt war die günſtige Zeit für Naſinski's Plane gekom⸗ men. Er ließ aufſitzen und zog mit dem Regimente dem Dnieper entlang, jedoch ſo weit von dem Ufer deſſelben ent⸗ fernt, daß man ihn von jenſeits nicht entdecken konnte. Nach⸗ dem man eine Stunde geritten war, wurde dieſe Vorſicht unnöthig, denn es war völlig dunkel geworden. „Jeder beobachte die tiefſte Stille! Keiner darf rauchen oder Feuer ſchlagen!“ lautete der Befehl, den Raſinski von FGlied zu Glied laufen ließ. Er hatte einen jungen Menſchen aus der Gegend bei ſich, der ihm als Führer diente; mit deieſem unterhielt er ſich in ruſſiſcher Sprache, ſo, daß von ſeiner übrigen Umgebung Niemand verſtehen konnte, was er mit ihm ſprach. Der ganze Zug wurde als ein Geheimniß behandelt. Man befand ſich in einem ziemlich dichten Gehölz, als Naſinski Halt machen ließ. Er ſelbſt ritt, nur von ſei⸗ nem Boten begleitet, weiter vorwärts, und hieß das Regi⸗ ment ſeine Rückkehr abwarten. Es herrſchte eine erwartungsvolle Spannung. Ringsum leiſes Schweigen; der Donner der Schlacht, den man noch lange in der Ferne gehört hatte, war verſtummt. Die herein⸗ brechende Nacht hatte dem blutigen Spiel ein Ende gemacht. Nur der Wind rauſchte in den Wipfeln der Birken und — — Tannen, und von Zeit zu Zeit hörte man den Ruf des Auerhahns. Eine halbe Stunde brachte man auf dieſe Weiſe zu. Da kam Raſinski zurück und gebot vorzurücken. Es geſchah im Schritt. Man mußte einige abſchüſſige Hügel, die mit Gebüſch und Farrnkräutern bedeckt waren, hinauf und hinab; dann ſtand man unvermuthet an einem ſteilen Ab⸗ hange, unter dem der Dnieper rauſchte, in deſſen Wellen ſich der ſchwarze Nachthimmel düſter abſpiegelte.„Zu Zweien ab⸗ gebrochen und mir gefolgt!“ ſprach Naſinski leiſe, doch ſo, daß er von den Nächſten gehört werden konnte; murmelnd lief der Befehl weiter. Er ließ hierauf ſein Pferd vorſichtig den Abhang hinabklettern, und ritt dann durch den hier kaum drei Fuß tiefen Fluß; ihm folgten zunächſt Boleslaw mit ſei⸗ ner Schwadron. Die Andern mußten, da der übergang nur langſam zu bewerkſtelligen war, eine ganze Zeit auf der Höhe halten. Bernhard, der ſich immer aufs Genaueſte zu orientiren ſuchte, ſtieß Ludwig leiſe an und ſprach, indem er mit dem Finger nach der Gegend jenſeit des Fluſſes deutete:„Sind das da drüben nicht matt erleuchtete Fenſter? Mir däucht, ich müßte mich ſehr irren, wenn wir uns nicht ganz in der Nähe des Schloſſes befänden, das uns heute früh ſchon auffiel.“ „Möglich!“ entgegnete Ludwig.„Aber ſieh nur den hellen Schein dort hinter uns. Was mag das bedeuten? über der Waldſpitze iſt der Himmel ganz geröthet.“ „Es wird der aufgehende Mond ſein,“ ſprach Jaromir, der herzugekommen war. „Das kann nicht ſein,“ entgegnete Bernhard,„denn der kommt erſt um Mitternacht.“ 8 Da zuckte plötzlich ein rother Blitz durch den Nachthim⸗ — 156— mel, und ein blutiger Widerſchein wurde in den Wellen des Stromes ſichtbar. „Das iſt Feuer,“ rief Jaromir.„Seht, ſeht! Jetzt bricht es aus, die Flammen ſchlagen mächtig empor. Es iſt Smolensk, das in Brand ſteht.“ Man konnte nicht mehr daran zweifeln, denn die düſtere Gluth, von helleren Feuerſtreifen durchzuckt, wuchs jetzt mit jedem Augenblick gewaltiger am Horizont empor und fing an, ihren leuchtenden Glanz bis auf den Ort zu verbreiten, wo die Reiter hielten. Jetzt wurden auch die ſchwarzen Thurm⸗ zinnen der Stadtmauer auf dem goldglühenden Hintergrunde ſichtbar, und die Waldſpitzen in der Nähe erſchienen wie von der ſpäten Abenddämmerung röthlich beleuchtet. Das ſchöne aber furchtbare Schauſpiel erfüllte jede Bruſt mit einem ſelt⸗ ſamen Schauer. „Siehſt Du, daß ich Recht hatte,“ fing Bernhard jetzt wieder zu Ludwig an, indem er nach dem jenſeitigen Ufer zeigte;„erkennſt Du nun das Schloß in dem rothen Wider⸗ ſcheine der Flammen? Horch! die Glocke aus dem Dorfe. Ich glaube man läutet Sturm!“ In der That lag das alterthümliche Gebäude ganz deut⸗ lich und kaum eine Viertelſtunde entfernt, vor ihren Augen da. Eine wunderbare Empfindung regte ſich in Ludwigs Bruſt. Sollte die halb im Scherz geſprochene Prophezeiung wahr werden? Sollten Mord und Brand auch hier wü⸗ then?— Doch es blieb ihm keine Zeit zu dieſen Betrachtungen, denn eben ſetzte ſich auch der Zug, zu dem er gehörte, in Bewegung, um durch den Fluß zu reiten. Bernhard ſchloß ſich dicht an ihn an; als ihre Pferde den Fuß in die Wel⸗ len ſetzten, ſprach er halb im Scherz, halb ſchauernd:„Reiten wir durch den Phlegethon, durch den Styr oder Kokytus? m Man weiß wahrlich nicht, ob es ein ſchwarzer oder ein feu⸗ riger Höllenſtrom iſt!“ Der blutige Widerſchein der Flammen, der ſich brechend weit über die Wellen hinſtreckte, veranlaßte ihn zu dieſem Gleichniß.„Mindeſtens,“ fuhr er fort,„iſt es für uns der Rubicon, den wir paſſiren. Jacta est alea! Wir wiſſen kaum, ob wir hinüberkommen, geſchweige, ob wir dieſen Weg zurückreiten werden. Ich mache hiermit jedenfalls mein Teſtament, Bruder, hörſt Du? Sollten mich die Fiſche im Dnieper, oder die Raben von Altrußland freſſen, Du biſt mein Univerſalerbe. Aber mein Herz— ich verlange nicht, daß Du mir den fühlloſen Fleiſchballen aus der Bruſt ſchnei⸗ deſt— bringe Deiner Schweſter Marie mit zurück und theilt Euch darein.“ „Wie kommſt Du jetzt auf die Schweſter?“ fragte Lud⸗ wig bewegt. „Sie iſt ein Goldmädchen, ein prächtiges, braves Kind, und verdiente einen beſſern Bruder, als Du biſt! Warum ſie aber eben in dieſer Minute vor meiner Seele ſteht, als hätte ich ſie ſo treu wie ihr Spiegelbild portraitirt, weiß ich nicht; denn wir ſehen wol die Gedanken blühen, wiſſen aber nicht, wo ſie geſäet ſind. Genug, obwol meine Gedanken täglich ein zwanzig bis dreißig Mal nach Dresden und Teplitz reiſen, ſo haben ſie doch in dieſer Minute einen ganz eigenen, mächtigen Flug dahin genommen, ſie ziehen wie Schwalben nach der Heimat. Es muß ſeine Urſache haben, denn Alles in der Schöpfung hat ſeine guten Gründe; ich will mir's aber merken, daß ich am 17. Auguſt genau Abends zehn Uhr an Marien gedacht habe, und daß ſie mir gerade in dieſer Minute noch zehnmal lieber geworden iſt als ſonſt.“ Ludwig drückte dem Freunde warm die Hand. Schon oft hatte er zu entdecken geglaubt und ſich im Stillen dar⸗ über gefreut, daß in Bernhards Bruſt eine leiſe, warme Liebe für die Schweſter wohne, doch der eigenthümliche Menſch ließ ſelbſt den Freund faſt niemals anders als durch die ver⸗ zerrenden, gefärbten Gläſer ſcherzenden Humors in das In⸗ nere ſeiner Bruſt ſchauen. Und überdies hatte Ludwig ſtets das Gefühl, als wenn Bernhards Seele von ſo vielfachen, größern Empfindungen und wildern, tiefern Leidenſchaften, ſelbſt ſolchen, unter denen ſich eine weibliche Geſtalt ver⸗ ſchleierte, bewegt würde, daß die ſtille Blume einer Liebe zu der ſanften, freundlichen Marie in dieſem ſtüͤrmenden Chaos unmöglich Wurzel ſchlagen konnte. Es lag etwas in ſeiner Natur, das zu ſagen ſchien: ich möchte wol unter dem Schatten dieſer Bäume weilen, dieſe Frucht brechen, in dieſer Hütte traulich wohnen; aber ich kann nicht, ich darf nicht, denn eine unbekannte, übermächtige Gewalt treibt mich wider meinen Willen vorwärts. Gleich dem Strom muß ich an den freundlichen Ufern vorüber, und ſpiegele ich auch biswei⸗ len den blauen, lächelnden Himmel ab, raſch brauſen die wil⸗ den, ſchäumenden Wogen nach und verzerren das ſanfte Bild wieder. So ſehr ſich dieſe Bruſt nach einem fremden Her⸗ zen ſehnt, ich darf keins zu mir heranziehen, denn ich müßte es in den tobenden Strudel meines Geſchicks hinabreißen. Eine zarte Blüthe würde ich, wenn ich ſie an dieſe glühende Bruſt riſſe, nur verſengen, daß ſie ſchnell verdorrt herabſänke — ich würde ſie vernichten, und wäre ſie mir theurer als mein Leben. Semele ſtirbt an der Bruſt des Zeus, ſelbſt der Vater der Götter vermag ihr Geſchick nicht zu wenden, ſo tief die Wunde in ſein eigenes unſterbliches Herz dringt. — Doch dieſe eine warme Außerung, welche Bernhard ſo eben gethan, verſcheuchte plötzlich alle dieſe Empfindungen — 159— bis auf die Erinnerung daran; mit herzlichem Tone erwi⸗ derte Ludwig daher:„Es iſt wol natürlich, daß Du an ſie denkſt. In ernſten, tief aufregenden Augenblicken unſers Lebens treten die Geſtalten unſerer Lieben um ſo lichter her⸗ vor, je düſterer der Grund iſt, auf den ſie ſich abmalen. Auch ich—“ 2 77 „Ja, ja, Du haſt Recht,“ ſprach Bernhard halb ab⸗ lenkend, halb ſcherzend,„das Bild hier iſt verteufelt ſchwarz grundirt; aber es kommt ſchon Licht hinein, denn die Pech⸗ fackeln da unten am Himmel brennen immer loher auf. Man wird bald die Mäuſe auf dem Felde laufen ſehen. Aber ich finde, der Dnieper iſt verwünſcht kalt, und Dein Gaul hat mir noch dazu ein ganzes Maul voll Waſſer über die Lende geſpieen. Wenn Du ein guter Kamerad ſein willſt, ſo mußt Du beſſer auf Dein Pferd aufpaſſen. Gott ſei Dank! Land! Ich habe nie viel von den Seereiſen gehalten.“ Unter dieſen Worten ritten ſie das jenſeitige, faſt noch ſteilere Ufer hinauf. Als das Regiment verſammelt war, rückte Naſinski, dem der Bote fortwährend zur Seite blieb, in möglichſter Stille gegen das gerade vor ihnen liegende Schloß heran. Sie waren jetzt nur noch einige Hundert Schritte davon entfernt. Raſinski ließ halten.„Freunde,“ ſprach er,„wir ſind am Ziele. Dort im Schloſſe ſind, wie ich mit Sicher⸗ heit weiß, viele ruſſiſche Generale und Vornehme zu einem Hochzeitsfeſt beiſammen. Sie aufzuheben iſt die Abſicht un⸗ ſerer gewagten Unternehmung. Jetzt laßt uns leiſe heran, bis wir den Boden eben vor uns ſehen, daß kein Hinderniß mehr uns aufhalten kann. Dann aber wie die Windsbraut — 160— drüber hin! Nun vorwärts, Freunde, haltet Euch wacker, ſeid ſchnell, kühn, doch behutſam! Vorwärts!“ Sie rückten vor bis an einen ſanften Abhang. Jetzt ließ Raſinski zum Angriffe blaſen und im vollen Laufe der ſchnaubenden Roſſe ſprengte die Schar den Weg zu Schloß und Dorf hinan. Siebentes Buch. Erstes Capitel. Die gewaltigen Erſchütterungen, welche ſich in einem ſo kurzen Zeitraume zuſammengedrängt und Feodorowna’s Herz be⸗ ſtürmt hatten, mußten ſie endlich, trotz der frommen Er⸗ gebung und ſittlichen Faſſung, womit ſie ihrem Schickſale entgegentrat, überwältigen. Sie war aufs Krankenlager ge⸗ ſunken, ein heftiges Fieber glühte in den aufs äußerſte ge⸗ reizten Nerven; der Arzt hielt ihre Lage für gefährlich. Axi⸗ nia wollte daher jetzt durchaus nicht von der Seite der theu⸗ ren Gebieterin weichen, ſo bange Befürchtungen auch Paul und ſie ſelbſt über ihr eignes Geſchick hegten, wenn Feodo⸗ rowna ſterben ſollte, ehe ſie das Land verlaſſen hätten. Und um ſo weniger konnte Arinia ſich von dieſer Pflicht entbinden, da die Kranke ſichtlich nur ihre Nähe und Wartung ertrug und ſogleich in einen gereiztern und ſomit gefährlichern Zu⸗ ſtand gerieth, wenn eine andere Hülfe ſich ihr zu nahen ſuchte. Am meiſten war dies mit ihrer Mutter der Fall, da ihre Gegenwart Feodorowna mit einer Art von Schauder be⸗ rührte, ſodaß ſie in die heftigſte Angſt verworrener Fieber⸗ träume gerieth, ſobald dieſelbe ihrem Lager nahte. In ruhige⸗ ren Zeiträumen durfte Jeannette die erſchöpfte Axinia ablöſen; — 164— ſowie aber der fieberhafte Zuſtand ſich verſchlimmerte, ver⸗ langte Feodorowna mit krankhafter Sehnſucht wieder nach Arinia's Pflege. Faſt ein Monat verſtrich in dieſer trau⸗ rigen Weiſe. Da fing Feodorowna an ſich langſam zu er⸗ holen, doch war ſie ſo erſchöpft von der Krankheit, daß ihrem Leben noch immer Gefahr drohte. Denn waren gleich nicht ſtürmiſche Anfälle des Fiebers mehr zu fürchten, ſo ſſcchien es doch zweifelhaft, ob der Körper noch Macht genug habe, ſich von der zehrenden Ermattung zu erholen. Die milde Jahreszeit aber wirkte ſegensreich ein; der Juli mit ſeiner warmen Sonne, die ſelbſt der nördlichen Erde einen reich grünenden Teppich entlockt, pflegte die geknickten Keime des Lebens zu einer neuen Blüthe heran. Feodorowna ge⸗ nas, faſt wider ihren Willen; und hätte nicht der tiefe, verſchloſſene Schmerz, der an ihrem Herzen nagte, ſeine Spu⸗ ren leiſe um Wange und Lippe gezogen und den reinen Schimmer ihres blauen Auges leicht verſchleiert, ſo würde die holde Geſtalt wieder ſo lieblich aufgeblüht ſein wie eine Roſe, in der noch die Tropfen des vorübergezogenen Gewitters glän⸗ zen. Aber ſie war nicht erfriſcht durch die Ströme des Him⸗ mels, ſie war nur geknickt durch ſeine Stürme. Wer ſelbſt duldet, hat ein zartfühlendes Herz für Wünſche und Leiden Andrer. So erkannte Feodorowna, daß es jetzt ihre erſte Pflicht ſei, das letzte drohende Gewölk von dem Himmel Arinia's zu verſcheuchen und ihre Verbindung und Abreiſe zu beſchleunigen. Gregor gab dem jungen Paare die kirchliche Weihe; an demſelben Tage noch verließ es, reich⸗ lich beſchenkt, das Schloß, um ſich mitten durch das Getüm⸗ mel des Kriegs hindurch eine Bahn zu friedlichem Glücke auf andern Fluren zu ſuchen. Feodorowna ſtand nun ganz einſam; denn trotz ihres unermeßlichen Opfers, trotz der willigen Demuth, mit der ſie ſich in das Gebot der Altern gefügt hatte, blieb die Mutter doch völlig kalt gegen ſie. Nicht einmal Mitleid ſchien ſie für die Qual zu haben, welche Feodorowna um ihretwillen duldend trug. Es iſt wahr, ſie hatte ſich niemals anders gezeigt und die innigſte Liebe der Tochter auch in frühern Jahren höchſtens mit einer vornehmen Freundlichkeit erwidert. Indeſſen war Feodorowna daran gewöhnt geweſen und hatte in dieſen kalten Formen nur das übergewicht des mütterlichen Anſehens erkannt und geehrt; jetzt aber fühlte ſie, daß ein liebendes, aufopferndes Kind eines andern Mutterherzens be⸗ durfe. So verwandelte ſich auch ihre Liebe in eine bange Scheu der Ehrfurcht, und was in der Krankheit ſo ſtark hervorgetreten war, ließ jetzt wenigſtens noch deutliche Spuren zurück; es ergriff ſie faſt ein unheimlicher Schauer, wenn ſie ſich in der Gegenwart Derjenigen befand, bei der ihre wunde Bruſt Troſt und Linderung hätte ſuchen ſollen. Ochalskoi und Dolgorow waren bei der Armee; doch in den erſten Tagen des Auguſts ſchrieb dieſer, er werde binnen Kurzem auf das Gut kommen, um die Vermählung Feodo⸗ rowna's mit dem Fürſten zu begehen, zu der nunmehr alles Nothwendige vorbereitet war. Die Hinderniſſe, die bis dahin obwalteten, hatten beſonders in den Familienverhältniſſen Ochalskoi's gelegen, der einem alten Familienvertrage zufolge der Bewilligung einiger Verwandten bedurfte, bevor er ſich verheirathen konnte. Da das Intereſſe derſelben zum Theil im Spiele war, indem ſie aus eigennützigen Abſichten eine Verbindung des Fürſten mit einer nähern Verwandtin ge⸗ wünſcht hätten, ſo hatte es einige Mühe gekoſtet, ihre Ein⸗ ſprüche zu beſeitigen, und war nicht ohne Aufopferungen von Seiten Ochalskoi's möglich geweſen. Jetzt war ihm ein dreitägiger Urlaub bewilligt, um ſeine Verbindung zu ſchließen, worauf ſeine junge Gattin ſogleich mit ihrer Mutter über — 466— Kaluga nach ſeinen Gütern in Aſien abreiſen ſollte, damit ſie ganz aus den unruhigen Gegenden des Kriegsſchauplatzes entfernt würde. Es war dies grade der Augenblick, in dem die große ruſſiſche Armee ſich aufs ſchleunigſte nach Smo⸗ lensk geworfen hatte, um nicht von dem franzöſiſchen Kaiſer umgangen zu werden. In der Nacht nach dem ſchon zum Theil angetretenen Rückzug derſelben aus der Feſtung nach Moskau trafen Dolgorow und Ochalskoi auf dem Schloſſe ein. Auf den folgenden Mittag war die Trauung durch Gre⸗ gor angeſetzt; die Feier der Brautnacht ſollte nach Dolgorows Willen noch im Schloſſe begangen werden. Am nächſten Morgen aber wollten alsdann die Männer wieder auf ihren Poſten zum Heere abgehen, während die Frauen über Jelnia und Kaluga ihre Reiſe nach Ochalskoi's Gütern antreten ſollten.. So war denn alſo der ſchreckensvolle Augenblick gekom⸗ men, wo Feodorowna den finſtern Kerker ſich öffnen ſah, in dem ſie ihr Leben verſeufzen ſollte. Selbſt der ſchöne Troſt, daß ſie mit dieſem Opfer ein fremdes Glück gegrundet habe, wurde machtlos bei der nahenden Wirklichkeit. Thraä⸗ cht mehr zu vergießen; nur mit einem — ——— die letzten Theile der Felder neben der eine halbe Stunde von d überführenden breiten Landſtraße nach em Schloſſe vor⸗ Moskau verbreitet, Baſch kiren und Koſacken, di tur entlegenen Landſchaften ſtammten, 4 Wohnſitz aufſchlagen ſollte, erfüllte ſie mit einem düſtern Grauen.„O warum habe ich ſchönere Länder, ſanftere Sit⸗ ten, edler gebildete Menſchen kennen gelernt!“ ſeufzte ſie bang auf.„Glücklich war ich auch dort nicht; nur kurze ſchöne Träume webten ſich gleich einem ſchnell verſchwindenden Far⸗ benbogen auf den dunklen Hintergrund meines Lebens! Aber ich träumte einſt holdſelig, Und nun! Du ſanft ſchimmern⸗ der Leitſtern auf meinem dunklen Pfade, der du ſo ſchnell wieder in der tiefen Finſterniß verſchwandeſt, du freundlich edle Geſtalt, die mir einſt eine ſo treue Hand gereicht, du Freund in bitterer Noth, dem mein Herz ewig gehören wird— o zürne nicht über den Verrath, den ich jetzt an dir übe!— Du biſt der Lenker meines Lebens, ſprach eine mächtige Ahnung, ein Gebot heiliger Dankbarkeit und Liebe in mei⸗ nem Herzen; dir, rief ein hehres Wort göttlicher Beſtim⸗ mung mir zu, die iſt mein Daſein geweiht!— Und doch war es eine Täuſchung. Die Hand der Vorſehung, der ich. vertraute, zerriß das Bande ir nner Sturm verwehte die Bilder des ſchönen Traums, die Decke ſpurloſer Nacht und Vergeſſenheit hüllt Alles ein!“ Jetzt floſſen wieder ſanfte Thränen aus Feodorowna's Auge, weil ſie der Tage gedachte, wo die holde Blume erſter, einziger Liebe ſchüchtern die Knospe in ihrem jung⸗ fräulichen Herzen entfaltete. Ach, ſie wurde grauſam ge⸗ brochen, ehe ſie erblühen konnte! In gramvolles Sinnen verloren, ſtand die unglückſelige Braut am Fenſter und blickte auf die öde Landſchaft, welche von dem Getümmel des Kriegs durchzogen wurde, in den blaßgrauen Himmel, durch den ſich die dampfenden Wolken der Schlacht wälzten, hinaus. Plötzlich wurde ſie leiſe von einer Hand berührt. Es war Jeannette mit dem Braut⸗ kleide über dem Arm; Feodorowna ſchauderte zuſammen und 2 — 168— ſeufzte aus erſchöpfter Bruſt tief auf. Doch ſprach ſie kei⸗ nen Laut der Klage aus; geduldig ließ ſie ſich ſchmücken wie ein Opfer, das zum Altar geführt wird. Eben hatte Jeannette ihr den Kranz in die Locken ge⸗ drückt, als Ochalskoi eintrat, um ſie zu begrüßen und hin⸗ überzugeleiten in die Kirche, wo Gregor ihrer harrte. Wo die Nothwendigkeit eintrat, fand Feodorowna Heldenſtärke in ihrer großen Seele. Ernſt, ſchweigend, doch ohne zu wan⸗ ken, ſchritt ſie an Ochalskoi's Arme die breiten Stufen hin⸗ ab. Im Saal empfingen ſie ihre Ältern und die verſam⸗ melten Gäſte. Es waren nur einige männliche Verwandten beider Familien, meiſt ältere Männer von höherm Range, und mehrere Generale, die als die Vorgeſetzten Ochalskoi's geladen waren. Der Zug, das Brautpaar an der Spitze, be⸗ wegte ſich nach der Kirche. Die Dorfbewohner waren zuſam⸗ mengeſtrömt und bildeten eine Gaſſe, durch die Feodorowna, mit wehmüthiger Freundlichkeit ringsben grüßend, dahinſchritt. Man hatte Blumen auf ven Vfald geſtreut; ſie konnten den dunkeln Abgrund nicht verhüllen, den die Braut unter ihnen ſich öffnen ſah. Ernſt waren ſelbſt die Gäſte und das Volk, denn ein Hochzeitfeſt, wo ſich in den frommen Klang der Kirchenglocken der nahe Donner der Schlacht miſcht, wo tau— ſend blutende Opfer im Hintergrunde fallen, während die Worte des Friedens und des Segens ertönen, iſt kein freu⸗ diges zu nennen! Gregor ſprach tief bewegt, ernſt, tröſtend; Alles horchte in feierlicher Stille. In wenigen Minuten waren die kirchlichen Gebräuche vollendet, und der Zug nahm ſeinen Weg nach dem Schloſſe zurück, wo ein Mittagsmahl die Gäſte verſammelte. Während des Mahles dauerte der Kanonendonner fort, ja er wuchs noch. Die Gräfin Dolgorow wurde ängſtlich und meinte, ob es nicht beſſer ſei, bald aufzubrechen. „Wir ſind hier in völliger Sicherheit,“ begann einer der Generale, die ſich bei der Tafel befanden;„Smolensk iſt der Schlüſſel dieſer Straße. So lange dieſes Thor nicht ge⸗ ſprengt iſt, kann der Feind nicht weiter vordringen. Und überdies decken uns gegen kleine Neckereien noch immer ſtarke Schwärme von Koſacken, die das Ufer des Fluſſes aufe und abſchwärmend bewachen. „Ich wünſchte doch,“ ſprach Dolgorow mit finſterm Blicke,„daß man ernſtere Anſtalten zum Widerſtande hier getroffen hätte, wiewol es mit meinen Familienplanen ſehr übereinſtimmt, daß es nicht geſchehen iſt. Denn ich hätte ſonſt ſchwerlich einen Tag gefunden, wo die Verheirathung meiner Tochter möglich geweſen wäre. Doch das Wohl des Vaterlandes ſteht mir höher, und dieſem glaube ich, wäre es angemeſſener geweſen, unter den vortheilhaften Umſtänden, die ſich uns darboten, hier eine Schlacht anzunehmen. Ich keann mich, das geſteh' ich ganz offen, nicht mit den An⸗ ſichten des Feldmarſchalls vereinigen, der immer nur im Rückzug ſein Heil ſucht.“ „Gewiß Keiner von uns,“ erwiderte der General ent⸗ ſchieden.„Wäre Graf Barclay de Tolly ein geborener Nuſſe, ſo würde er die Schmach unſers Vaterlandes auch nicht ſo geduldig ertragen. Doch hier, wo ich nur ächte Nuſſen beiſammen ſehe, kann ich wol im Vertrauen ein Wort ſprechen. Ich glaube, es wird die längſte Zeit ſo ge⸗ währt haben; man ſpricht davon, daß der Kaiſer den drin⸗ genden Vorſtellungen aller Stände und der höchſten Staats⸗ würdenträger endlich nachgegeben und ſich entſchloſſen habe, einem Andern den Oberbefehl zu übergeben.“ „Dem Fürſten Bagration?“ fragte Dolgorow raſch. „Ich ſollte ihn noch nicht nennen,“ entgegnete der Graf; „doch iſt es ein edler, würdiger Ruſſe. Man iſt bereits in Heeiligthum weiblicher Unverletzbarkeit zu erhalten, — 170— Unterhandlung mit ihm getreten. Einem Waffengefährten Suwarow's wird es aufbehalten ſein, Rußlands alten Ruhm zu erneuern.“ „So iſt es Fürſt Kutuſow und kein Anderer,“ ſprach Ochalskoi feurig.„Dem würdigen Greiſe, er werde unſer Feldherr oder nicht, ſei dieſes Glas dargebracht. Zugleich ſtand er auf und erhob das vor ihm ſtehende angefüllte Kelchglas; alle Männer folgten ſeinem Beiſpiele und ſtießen an.“ „Möge unſer Führer ſein, wer er wolle,“ ſprach Dolgo⸗ row mit lauter Stimme,„wir wollen unſern Trinkſpruch ſo faſſen, daß er immer einem Würdigen gelte: Dem Sohne Rußlands, der die Schmach des Vaterlandes blutig rächt!“ „Er lebe!“ riefen die Männer und klangen mit den Gläſern an. Die Gräfin Dolgorow ſtand auf; in ihrem Auge glänzte ein ungewohntes Feuer, die ſonſt ſo kalten Züge belebten ſich.„So will auch ich alter vaterländiſcher Sitte gedenken,“ ſprach ſie;„und Du, Feodorowna, folge meinem Beiſpiele.“ Bei dieſen Worten nahm ſie den Schleier von ihrem Haupte, zerriß ihn und vertheilte ihn an die ihr zunächſt ſitzenden Männer. Auch die Braut nahm den Schleier, unter dem ſie bisher ihr duldendes Antlitz zu verhüllen geſucht hatte, vom Haupte. Ein jungfräuliches Erröthen überflog ihre Wange, als ſie ihn zerriß und vertheilte.„Nehmen Sie, mein Gemahl,“ ſprach ſie mit verſagender Stimme,„dies Andenken Ihrer zurückbleibenden Gattin mit in den Kampf; nehmen auch Sie es, würdige Helden meines Vaterlandes! Möge es Sie in ernſter Stunde daran erinnern, daß Ihre Tapferkeit den edlen Beruf hat, Rußlands Töchtern das und — 171— beeren geſchmückt, uns dereinſt dieſes Zeichen der Weihe zum Kampf, das Frauenhände Ihnen reichten, von edlen Tropfen vaterländiſchen Blutes verſchönert zurückbringen.“ Feodorowna ſenkte das ſchöne Auge auf den Boden, als ſie die Worte zu dem alten Krieger ſprach, der den Ehren⸗ platz zu ihrer Rechten eingenommen hatte. Dieſer aber er⸗ griff ihre Hand, küßte ſie feurig und erwiderte:„Mit einem Angedenken aus ſolcher Hand geht man der Schlacht ſo freudig entgegen, wie dem Hochzeitfeſt. Bald hoffe ich, ſchöne Fürſtin, dieſes Zeichen, mit ächt ruſſiſchem Blute ge⸗ ſchmückt— denn darauf würde ich ſtolz ſein— zurückbrin⸗ gen zu können, damit Ihr es, wie es die Sitte unſers Va⸗ terlandes will, einlöſet.“ Ein höheres Roth färbte Feodorowna's Wange, denn die Erlaubniß, dreimal die friſchen Lippen der Frau oder Jung⸗ frau zu küſſen, deren Weihezeichen man ſo gefärbt zurück⸗ brachte, durfte dem tapfern Sohne des Vaterlandes, nach altem Herkommen, von keiner Tochter aus Ruriks Stamme verweigert werden. Ein Gebrauch, der, längſt aus der Ta⸗ gesſitte verſchwunden, doch noch in geſchichtlicher überliefe⸗ rung aufbewahrt wurde, und den man jetzt wieder ins Leben rief. Denn bei großen Wendepunkten ihres Schickſals pflegen die Völker ſich ihrer alten Gebräuche, ihrer väterlichen Sit⸗ ten, ihrer Helden, ihrer Geſchichte lebendiger und dankbarer wieder zu erinnern; oft nicht ohne innern Vorwurf, daß ſie ſo lange, gewiſſermaßen treulos gegen würdige Vorfahren, des heilig Überlieferten vergeſſen haben. Der Abend brach an, als die Tafel aufgehoben wurde, und die Gäſte ſich in die anſtoßenden Zimmer vertheilten. Mit qualvoller Beängſtigung ſah Feodorowna die Stunde näher und näher rücken, in der ſie, ihrem Gatten allein gegenüber, den letzten ſchauerlichen Kampf mit ihrem Herzen 8* — * zu beſtehen haben würde. Da nahte ſich ihr Jeannette, in einem Augenblicke, wo ſie, getrennt von der Geſellſchaft, im Nebenzimmer etwas an ihrer Kleidung ordnete, und berich⸗ tete ihr, Gregor ſei auf ihrem Gemach und verlange drin⸗ gend, ſie zu ſprechen. Wie gern eilte Feodorowna, den Wunſch des ſo geliebten, würdigen Greiſes zu erfüllen! Ach, ihr ganzes Herz drängte ſie zu ihm hin, denn von ihm allein hoffte ſie Troſt und Stärkung für die ſchwere Prü⸗ fung, der ſie entgegenging. Sie fand ihn auf ihrem Zim⸗ mer; ernſter als gewöhnlich war der Ausdruck ſeiner Züge. „Meine Tochter,“ redete er ſie an,„die Stunde iſt ge⸗ kommen, wo ich von wichtigen Dingen zu Dir zu reden habe. Du biſt nun unwiderruflich die Gattin des Fürſten Ochalskoi, denn der ſegnende Spruch der Weihe hat Euch vereint. Der Tod allein kann dies Bündniß trennen.“ „O mein theurer Vater,“ unterbrach ihn Feodorowna, „ich weiß es; aber ich werde in meiner Pflicht nicht wanken. Ihm, dem mein Wort, wiewol mit widerſtrebendem Herzen, mich zugeſagt, werde ich treu und ergeben ſein bis an das Ende meiner Tage. Ach, ich hoffe, es wird ſo ferne nicht ſein!“ überwältigt vom Schmerz lehnte ſie das müde Haupt gegen die Bruſt des greiſen Mannes. „Es iſt nicht Das, wovon ich ſprechen will, liebe Tochter,“ entgegnete Gregor ſanft,„denn der Kraft Deiner Tugend bin ich ſicher. Ich kam, Dir ein Geheimniß zu offenbaren, das Deine Pflegerin Ruſchka, ſterbend, in der letzten Beichte in mein Ohr niedergelegt, und das ſie, ſollte der Tod auch mich abrufen, dieſen Papieren anvertraut hat. Ich hatte ihr bei meinem prieſterlichen Eide gelobt, es Dir erſt dann zu entdecken, wenn Deine Vermählung vollzogen ſei. Es iſt geſchehen, jetzt darf ich meine Lippen öffnen. Du biſt nicht die Tochter Dolgorows, keine Eingeborene dieſes Landes. — 173— Deutſchland iſt Dein Geburtsland, aber Deine Altern ſind längſt dahingegangen. Graf Dolgorow nahm Dich an Kin⸗ desſtatt an, weil ſeine Gemahlin ihm keine Hoffnung gab, *Vuater zu werden. Dies ſind die Bildniſſe Deiner Ältern, die mir Ruſchka übergeben.“ Mit dieſen Worten übergab⸗ er Feodorowna einen Brief und ein geöffnetes Taſchenbuch mit zwei Bildniſſen, eine junge Frau und einen Offizier darſtellend. Mit ſtarren, ſtaunenden Blicken, bebend, faſt regungs⸗ los ſtand Feodorowna vor Gregor und verſuchte vergeblich zu ſprechen;z halb bewußtlos nahm ſie, was ihr Gregor dar⸗ reichte, und legte es auf den Tiſch vor ihrem Seſſel. Endlich brachte ſie, indem ſie die gefalteten Hände krampfhaft gegen die Bruſt drückte, wie mit einem Schrei der Angſt die Worte hervor:„Nicht ihre Tochter! Und dennoch— O allmächtiger Gott!“ „Faſſe Dich,“ meine Tochter,“ erwiderte Gregor ſanft, „wende Dein Herz fromm zu Gott, der die Geſchicke der Menſchen wunderbar leitet. Ich habe Dir das Wichtigſte, das Nothwendigſte entdeckt. Lies dieſe Papiere durch, und Du wirſt das übrige erfahren. Ich verlaſſe Dich jetzo! Laß erſt den gewaltigen Sturm ſich beruhigen, der jetzt alle Wogen in Deiner Bruſt emporſchwellt. Wenn Du allein biſt, wirſt Du Dich 4 ſelbſt wiederfinden. Bedarfſt Du dann meiner, ſo ſende zu mir.“ Mit dieſen Worten verließ der Greis das Gemach; Feo⸗ e⸗ dorowna vermochte ihm nichts zu erwidern, mühſam ſchwankte ſie einem Seſſel zu und ſtützte das ſchwere, von dem unerwar⸗ teten Schlag betäubte Haupt in beide Hände. Es dauerte lange, ehe ſie die Papiere, die ihr das Geheimniß ihres Lebens enthül⸗ len ſollten, zu entfalten vermochte. Die Bildniſſe ihrer Ältern la⸗ . gen vor ihr; ſie ſah mit unverwandten Blicken darauf hin, doch ddie ſtrömenden Thränen verdunkelten ihr Auge. Endlich löſte ſie — 174— die fünf Siegel des an ſie gerichteten Briefes und las, was Ruſchka mit eigener, vor Alter zitternder Hand geſchrieben. „Mein theuerſtes Kind!“ „So lange ich lebe, band ein ſtrenger, fürchterlich erpreßter Eid meine Zunge; bin ich dahin, ſo ſoll noch aus meinem Grabe meine Stimme erſchallen, um Dir die Geheimniſſe zu entdecken, die Deine Jugend umſchwebt haben. Du biſt nicht die Tochter Dolgorows, noch der Gräfin. Wenige Tage warſt Du alt, als ſie Dich in Deutſchland nach dem Tode Deiner Mutter an Kindesſtatt annahmen. Der Graf war damals ſchon vier Jahre vermählt; er hatte die Hoff⸗ nung, Vater zu werden, aufgegeben. Die Leere einer kinder⸗ loſen Ehe hatte ihn, noch mehr aber die Luſt fremde Län⸗ der kennen zu lernen, bewogen, große Reiſen zu unterneh⸗ men. Im Mai des Jahres 1793 befand er ſich zu Pyr⸗ mont; hier lernte er Deine Mutter kennen, die als Witwe mit ihrem fünfjährigen braunlockigen Knaben, Namens Benno, — Du warſt noch nicht geboren— dahin gekommen war, um ihre zerrüttete Geſundheit herzuſtellen. Sie hieß Louiſe Wald⸗ heim; ihr Gatte war Offizier geweſen und in einem Duell— erſchoſſen worden. Dadurch plötzlich in eine mehr als beſchränkte Lage gerathen, kränkelnd der Geburt eines zweiten Kindes entgegenſehend, ſchön, ſanft, erregte ſie trotz ihrer tiefen Zurückgezogenheit doch bald die Aufmerkſamkeit einiger rei⸗ chern Badegäſte. Die Gräfin Dolgorow, welche das mittlere Stockwerk des Hauſes gemiethet hatte, in dem Deine Mut⸗ ter ein kleines Zimmerchen bewohnte, machte ihr den Antrag, als Geſellſchafterin zu ihr zu ziehen und dabei zugleich die Pflicht zu übernehmen, den Grafen und ſie ſelbſt in der deutſchen Sprache zu unterrichten, welche Beide damals aufs gründlichſte zu lernen ſich bemühten. Deine Mutter nahm den Antrag, der ſie ihrer dringenden Noth entriß, anz drei — 175 Monate ſpäter, als wir Pyrmont ſchon verlaſſen hatten und auf einer Reiſe nach der Schweiz und Italien begriffen wa⸗ ren, wurdeſt Du geboren. In einem einzelnſtehenden Wirths⸗ hauſe unweit Freiburg, mitten im Schwarzwalde, haſt Du das Licht des Tages erblickt. Der Graf wollte anfangs, als die Niederkunft Deiner Mutter herannahte, ſie den redlichen Leuten daſelbſt übergeben, mich zurücklaſſen und die Reiſe mit der Gräfin allein fortſetzen, bis wir ihm nachfolgen könnten. Doch ein leichtes Unwohlſein der Gräfin ſelbſt be⸗ ſtimmte ihn, unſere Einſamkeit zu theilen, bis Deine Mutter völlig geneſen ſei. Allein es geſchah nicht; am elften Tgae nach Deiner Geburt ſtarb ſie. Ich war ihre Pflegerin in den letzten Stunden ihres Lebens; ſterbend empfahl ſie mir die Sorge für ihre Kinder und übergab mir ihr ganzes klei⸗ nes Vermächtniß für Euch. Darunter war ihr eigener und ihres Gatten Trauring. Gleich nach der Beſtattung bemerkte ich, daß der Graf mit einem wichtigen Plane umgehen mußte. Er ſchloß ſich mehrmals mit der Gräfin ein und hatte lange, oft ſehr heftige Unterredungen mit ihr, und häufig ſprach er, wenn ich zugegen war, Engliſch, welches ich nicht verſtand; nur bemerkte ich, daß Du der Gegenſtand des Geſprächs ſein mußteſt, weil Beide Dich oft mit ſeltſamer Aufmerkſamkeit betrachteten. Einige Tage darauf verabſchiedete der Graf die beiden deutſchen Bedienten, die er bei ſich hatte, unter dem Vorwande, daß er in Italien ſich Eingeborene zu Dienern wählen wollte, gab ihnen Reiſegeld und ließ ſie in ihre Heimat zurückkehren. Endlich rief er mich eines Morgens zu ſich und erklärte mir, er habe die Abſicht, Dich als ſeine Tochter anzunehmen. Natürlich war ich ſehr erfreut darüber, denn das Schickſal der beiden Kinder hatte mich ſehr be⸗ unruhigt; allein meine Freude wurde zur tiefſten Betrübniß, als er mir erklärte, für den Bruder werde er auf andere — 176— Weiſe ſorgen, da es durchaus verſchwiegen bleiben müßte, daß die Gräfin nicht die rechte Mutter des Kindes ſei.„So ſollen die Geſchwiſter getrennt werden?“ rief ich erſchrocken und erſtaunt aus.„Es wird kein Unglück für Diejenigen ſein, die ſich einander niemals gekannt haben,“ entgegnete der Graf ſtreng. Ich ſchwieg beſtürzt. Er aber fuhr fort: „Du biſt die Einzige, die um das Geheimniß weiß; aber ich fordere von Dir, daß Du einen Eid auf die geweihte Hoſtie ſchwöreſt, es niemals zu entdecken. Weigerſt Du Dich, ſo erinnere Dich, daß Du und Deine Brüder Leibeigene ſind, und daß ich mit einem Worte Euch wieder in den tiefſten Stand der Unterwürfigkeit zurückſchleudern kann.“ Dieſe Drohung war fürchterlich. Meine Brüder waren durch die Gunſt des alten Grafen, des Vaters Deines Pflegevaters, zu wohlhabenden Kaufleuten in Moskau geworden. Aber der Stolz der ruſſiſchen Großen, reiche Leibeigene zu beſitzen, war Urſache, daß er ihnen, ſo wohl er ihnen ſonſt wollte, dennoch ihre Freibriefe nicht gegeben hatte. Ich wußte, welch ein ſchreckliches Loos ihrer und meiner harrte, wenn ich den Eid verweigerte. Da überdies des Grafen Entſchluß Dein Glück entſchied, da ich bedachte, daß Du an einem Bruder, den Du niemals gekannt, nichts verlieren könnteſt, endlich da er mir auf mein Bitten verſprach, für den Knaben großmüthige Sorge zu tragen, ſo entſchloß ich mich, ſeinem Willen nachzugeben. Doch jetzt in der Stunde meines herannahenden Todes, wo ich Dich, mein liebſtes Kind, fern von mir weiß, jetzt erſt befällt es mich mit ſchwerer Gewiſſensangſt, daß ich Dein treuliebendes Herz mit einer ewigen Lüge verwirren ſoll. Ich weiß, welche Urſachen den Grafen beſtimmten, Dich für ſeine Tochter zu erklären. Die Gräfin konnte einen bedeu⸗ tenden Theil ihrer Güter nur dann erben, wenn ſie Mutter war. Es war nicht Liebe, es war Eigennutz, der Beide eee ¼44 3— —— — 177 ₰ dieſen Plan entwerfen ließ. Erſt vor zwei Jahren, kurz vor ſeiner Abreiſe nach England, iſt ihr dieſe Erbſchaft zuge⸗ fallen, die nur eben hinreichte, des Grafen, durch Hang zu einem ſeine Kräfte überſteigenden Aufwand zerrüttetes Ver⸗ mögen herzuſtellen. Jetzt denkt er, durch Dich, deren Schön⸗ heit und Engelgüte jedes Herz gewinnen müßte, einen rei⸗ chen Eidam zu gewinnen. Du biſt in dem Stande der Vornehmen, der Reichen erzogen, Du haſt die Vortheile einer freien Geburt gewonnen! O Liebe, ſie ſind uner— meßlich! Erfährſt Du das Geheimniß Deiner Geburt zu früh, ſo kannſt Du ſie verlieren. Darum ſoll es Dir erſt ertheilt werden, wenn Dir, als Gattin eines freien Ruſſen, für ewig die Rechte Deines Standes geſichert ſind. Dem frommen Vater Gregor habe ich gebeichtet, was meine Seele drückte; ich vertraue es dieſem Papier an, damit er es in der Sakriſtei aufbewahre, es vernichte, wenn Du unvermählt dahinſtirbſt, und es Dir übergebe, wenn Niemand Dir Das, was Du mit dem Verluſte eines Bruders gewonnen, entreißen kann.“ Feodorowna mußte das Blatt aus der Hand legen, da ihre Thränen ſie hinderten, weiter zu leſen. Doch trieb eine haſtige Ungeduld, mehr, und vor Allem das Schickſal ihres Bruders zu erfahren, ſie bald wieder aus ihrer Ermattung auf. „Nachdem ich den Eid geleiſtet den Dolgorow von mir gefordert, verließ ich ſein Gemach. Der kleine fünfjährige Knabe, Dein Bruder, ſprang mir fröhlich, aber leiſe entge⸗ gen und zeigte mit ſeinem Fingerchen auf die Wiege, um mir bemerklich zu machen, wie Du ſo ruhig ſchlummerteſt. Jetzt gedachte ich der beiden Ringe. Eine dunkle Ahnung, von der ich mir ſelbſt nicht Rechenſchaft zu geben wußte, trieb mich an, dem Knaben wenigſtens dies eine Andenken zu ſichern. Ich nahm ſchnell ſein Sonntagskleidchen und nähte den 8** — 178— einen Ring im Gürtel deſſelben feſt. Wohl mir, daß ich es gethan; denn wenige Minuten nachher trat der Graf ein und hieß mich den Knaben ankleiden, weil er mit ihm aus⸗ fahren wolle. Ein bedeutſamer Blick ſagte mir, was er vor⸗ habe. Ich vollzog den Befehl unter Thränen. Der Knabe begriff nicht, weshalb ich weinte, ſondern freute ſich nur auf die Spazierfahrt. Seine Ungeduld, ja ſein Ungeſtüm— denn er war eben ſo wild und heftig als gutherzig— konnte den Augenblick, wo er mit dem Grafen einſteigen ſollte, gar nicht erwarten.„Mich drückt hier etwas,“ rief er unwillig, als ich ihm das Kleidchen zuknöpfte, und griff nach dem einge⸗ nähten Ringe. Beſorgt, daß er ſelbſt auf dieſe Art verrathen könne, was ich gethan, ſchnitt ich ſchnell mit der Scheere eine eingenähte Falte in dem Röckchen auf, damit die Span⸗ nung nachließe. Hätte der Graf mein Geheimniß entdeckt, es würde mir übel gegangen ſein. Doch ich konnte es nicht unterlaſſen. Zu meinem Erſtaunen ſah ich, daß der Reiſe⸗ wagen des Grafen mit Poſtpferden beſpannt wurde. Einige Minuten ſpäter ſtieg er mit dem Kinde ein, und ich habe es ſeitdem niemals wieder geſehen. Was aus ihm geworden iſt, weiß ich nicht, denn am nächſten Morgen fuhr ich, mit der Gräfin und Dir, dem, wie es hieß, vorangereiſten Grafen nach. Nach drei Tagen trafen wir ihn erſt in Köln wieder. Er ſchwieg, ich wagte nicht, zu fragen. Von dort gingen wir nach Holland und dann nach England, weil die Zeitereigniſſe es gefährlich machten, nach Italien zu reiſen. Nach drei Jahren erſt kehrten wir nach Rußland zurück, und Du galteſt nun für die Gräfin Feodorowna Dolgorow und wur⸗ deſt als ſolche erzogen. Der Ring, den ich Dir, theuerſtes Kind, bei meiner Abreiſe gab und Dich ſo dringend bat, ihn ja nicht zu verlieren, ſondern ſtets zu meinem Andenken zu tragen, iſt der Trauring Deiner Mutter. Durch ihn kannſt —— 8, Ihr würdet Eure Tochter wärmer geliebt haben!“ ſeufzte ſie bebend;„jetzt weiß ich, warum ich geopfert wurde!“ — 179— Du dereinſt vielleicht Deinen Bruder wiederfinden. Mehr weiß ich Dir nicht zu entdecken. Ich beſchwöre Dich aber, bewahre dieſe Geheimniſſe treu und entdecke ſie auch nicht Deinen Pflegeältern, denn ich fürchte, ſie nehmen Rache an meinen noch lebenden Brüdern. Niemand als Du und der fromme Vater Gregor wiſſen darum, und ihm bindet das heilige Geheimniß der Beichte auf ewig die Lippen.“ „Nun lebe wohl, mein holdes Kind. Vergib mir, was ich an Dir verbrochen, um der Liebe willen, die ich für Dich gehabt. Möge es Dir ſo glücklich auf dieſer Erde ergehen, wie Du gut und ſchön biſt, dann wirſt Du nicht ſo viel Thränen vergießen, wirſt nicht ſo viel angſt⸗ und kummer⸗ volle Nächte zubringen, als ich in meinem Leben verſeufzt habe. Deine alte, treue, ſiebenzigjährige Pflegerin Ruſchka.“ Zweites Capitel. Feodorowna war in der äußerſten Wallung. Sie wußte in ihrer Beängſtigung keinen Entſchluß zu faſſen. Bald wollte ſie Gregor rufen, bald zu ihren Pflegeältern hinabſtürzen, bald ihrem Gatten Alles entdecken. Mit thränendunklen Augen betrachtete ſie die Bildniſſe ihrer Ältern.„O wie hold ſind die Züge meiner Mutter, wie edel, feurig, männ⸗ lich die meines Vaters!“ Der Anblick der geliebten, unge⸗ kannten Todten drang mit ſanfter Rührung in ihre Seele. Lange ſtand ſie unſchlüſſig, von Schmerz und Bangigkeit der — 180— Seele bewegt. Endlich ſchellte ſie Jeannetten und hieß ſie Gregor rufen. Er hatte im Vorſaal gewartet.„O mein Vater, mein Retter, was hab' ich zu thun?“ rief ſie ihm entgegen und rang die Hände;„was ſoll ich Unglückſelige nun beginnen?“ Da fühlte ſie Ruſchka's Ring an ihrem Finger.„Dies iſt das einzige Zeichen,“ ſprach ſie,„an dem ich meinen Bruder wieder erkennen kann. Ach, und ich war jüngſt nahe daran, es unwiederbringlich zu verlieren! Doch Gott wachte über mir! Es geſchah— o vergebt, ich wollte bei einer müßigen Erzählung verweilen, jetzt, wo die Secunden unſchätzbar ſind. Was rathet Ihr mir, mein Vater? Was ſoll ich thun? Ich bin nicht mehr des Grafen Dolgorow Tochter, ich bin ihm nicht mehr das Opfer meines Lebens ſchuldig.“ „Du haſt es gebracht,“ unterbrach ſie Gregor ſanft, aber mit heiligem Ernſt,„Du biſt die Gattin des Fürſten Ochalskoi, das unauflösliche Sacrament der Kirche hat Euch vereinigt, denn dieſes Band vermag nichts zu trennen als der Tod.“ „ himmliſche Barmherzigkeit!“ rief Feodorowna aus, „auch dann nicht, wenn es durch Trug und Lüge geſchloſſen iſt?“ „Auch dann nicht, meine Tochter!“ „So mag ich ſeine Gattin heißen; aber niemals will ich es ſein, bis mir der Bruder, den ſie mir geraubt, zurück⸗ gegeben iſt. O warum leuchtete das Licht der Wahrheit nicht einen einzigen Tag früher in das ſchwarze Gewebe des Truges, ehe es die unauflöslichen Ketten um mich ſchlang! Gregor, Ihr konntet mich retten aus dieſem Ab⸗ grunde des Jammers, aber Eure eherne Lippe ſchwieg!“ Erſchöpft ſank ſie auf einen Seſſel und ließ die Arme ermattet niederſinken. Gregor trat zu ihr und ergriff mit der Rechten ſanft ihre Hand, während er mit der Linken —— — —— — 181— zum Himmel deutete.„Gelübde ſind heilig, ſind unverbrüch⸗ lich, meine Tochter. Der Herr ſegnet Die, die ihm ihr Wort mit Treue halten. Deſſen gedenke auch Du, die Du heute an heiliger Stätte ewige Treue, Liebe und Gehorſam gelobt haſt. Und bedenke die Bitten der Sterbenden, bedenke, daß das Schickſal—“ „Wie?“ rief Feodorowna heftig,„ſoll mich die Furcht von einer neuen Frevelthat Deſſen, der mir den Bruder raubte, zurückſchrecken, meine heiligſten Rechte geltend zu machen? Nuſchka fürchtet das Schickſal ihrer Brüderz ſoll ich darum dem meinigen auf ewig entſagen? Nein, hintreten werde ich vor den Grafen Dolgorow und ihn fragen: Wo iſt mein Bruder? Nur ſeine Lippe vermag ihn mir zurückzugeben—“ „Theure Tochter, Du biſt außer Dir, Du weiißt nicht, was Du thun willſt,“ entgegnete Gregor beſänftigend;„aber Du mußt ruhiger werden und anders handeln. Wie, wenn Graf Dolgorow Ruſchka's Bekenntniſſe verleugnete? Und muß er es nicht, wenn er nicht die verderblichen Folgen auf ſein Haupt laden will? Oder wähnſt Du, der Muth zur Lüge werde Dem fehlen, der den Muth zur That beſaß? Welche Beweiſe haſt Du wider ihn? Wird ſein Zeugniß nicht ſo viel gelten, als das der Leibeigenen Ruſchka? Haſt Du die heilige Taufe nicht als ſeine Tochter empfangen? Habe ich ſelbſt Dir nicht in dieſer Kirche die Schläfe genetzt mit dem geweihten Waſſer des Herrn? O meine Tochter, bezwinge jetzt Dein überwallendes Herz, denn nur Leid auf Leid würdeſt Du häufen! Den Haß des Vaters, der Mutter, des Gatten würdeſt Du auf Dich laden, Zwietracht und Verwirrung ausſäen und durch ſie doch ſelbſt nicht Rath, nicht Troſt gewinnen. Und könnteſt Du der heiligen Ge⸗ lübde vergeſſen, die Du vor wenigen Stunden gethan? Iſt es Dein Gatte, der Dich getänſcht hat? Darfſt Du ihm — 182— Treue und Gehorſam verſagen, weil Andere gegen Dich ein Unrecht übten? Und war dieſes Unrecht nicht mit tauſend Wohlthaten gegen Dich verknüpft? Biſt Du nicht mit Sorgfalt und Liebe gepflegt worden? Waren Deine Pfleger nicht gleich Deinen Erzeugern? Nein, meine Tochter, weiche nicht ab von dem Pfade der Sanftmuth und Duldung, den der Herr Dich gehen heißt. Bleibt Dir noch eine Hoffnung, den Bruder wieder zu finden, ſo bleibt ſie Dir nur, wenn Du jetzo ſchweigend das Geheimniß in der Tiefe Deiner Bruſt begräbſt. Und weißt Du denn, ob Du nicht das Verderben über ſein eigenes Haupt heraufführſt, wenn Du forderſt, daß er Dir zurückgegeben wird? Ahneſt Du, wie fern oder wie nahe er Dir iſt? Höre die Worte Deines alten treuen Vaters, gelobe es in ſeine väͤterliche Hand, daß Du ſeinem Nath folgen willſt, dann wird er Dir, ſo lange er noch auf Erden wandelt, mit getreuer Liebe zur Seite ſtehen. Und ruft ihn der Herr hinüber, ſo ſoll ſein Gebet Dir noch jenſeits den Segen des Himmels erflehen.“ Der Greis hielt Feodorowna's Hand in ſeiner Rechten. Ein krampfhaftes Zucken bebte durch ihre im heftigſten Kampfe ſtreitende Bruſt.„Nun wohl denn, es ſei,“ ſprach ſie end⸗ lich.„Auch das iſt überwunden! Ich gelobe Dir zu ſchwei⸗ gen, Gregor. Aber,“ fuhr ſie aufſtehend, ſich groß empor⸗ richtend mit gen Himmel erhobener Rechten fort,„ich gelobe auch— und hier mögeder Allmächtige meinen Eid vernehmen!— ich gelobe auch, von dieſer Stunde an unabläſſig nach mei⸗ nem Bruder zu forſchen, und wenn ich ihn finde, ſo ſoll keine Macht auf Erden mich zurückhalten, ihn an das Herz zu ſchließen und zu rufen: Ich bin Deine Schweſter!— Ich muß jetzt wieder hinabgehen; ich kann es, ich bin ge⸗ faßt. Verlaßt mich, mein Vater; aber ſeht mich morgen noch einmal, bevor ich dieſes Schloß vielleicht auf ewig verlaſſe.“ 5 ** 8 —— Sie reichte ihm die Hand. Gregor legte ſegnend die Rechte auf ihr gebeugtes Haupt und ſchied dann in ſchwei⸗ gender Rührung. Feodorowna bedurfte noch einiger Augenblicke, um ſich ſo weit zu ſammeln, daß ſie wieder in der Geſellſchaft er⸗ ſcheinen könne; eben wollte ſie das Gemach verlaſſen, als die Thür deſſelben ſich öffnete und Ochalskoi eintrat. Erſchreckt wich ſie unwillkürlich einen Schritt zurück. Doch mit zu⸗ vorkommender Gewandtheit trat Ochalskoi ihr entgegen, küßte ihre Hand und ſprach:„Habe ich Sie erſchreckt, Liebe? Doch Sie werden es mir gewiß verzeihen, wenn meine Sehnſucht mich trieb, Sie aufzuſuchen. Faſt ſeit einer Stunde vermißt man ſie. Ich kann es nicht tadeln, daß Sie die Geſellſchaft fliehen; aber Sie werden begreifen, daß mich dieſelbe Neigung treibt. Feodorowna! Die glückſeligſte Stunde meines Lebens hat geſchlagen! Ich ſchließe die ſchönſte, die beſte, die liebenswürdigſte ihres Geſchlechts in meine Arme. Die Scheidewand der äußern Verhältniſſe, die uns trennte, iſt nun gefallen; werden auch Sie nun ganz mit Liebe die Meinige ſein?“ Er hatte ſie bei dieſen Worten vertraut umfaßt und küßte ihr die bleichen Lippen und Wangen. Zitternd ver⸗ mochte ſie weder zu widerſtreben noch auf ſeine zärtlichen Worte zu antworten; verſtummend duldete ſie die Liebko⸗ ſungen, zu denen er berechtigt war. „Wenn Du willſt, Feodorowna,“ fuhr er vertrauter fort, „ſo iſt der Augenblick unſrer Vereinigung da. Wir müſſen die raſchen Minuten unſers Glücks einer eiſernen Zeit ſo flüchtig entreißen, daß es grauſam waͤre, ſie nur um einen einzigen Augenblick zu verkürzen. Holde, Geliebte, vermöch⸗ teſt Du das? Wir ſind in dem vertrauten Heiligthum der — 184— Liebe, Niemand wird uns mehr unterbrechen. Die Mutter ſelbſt hieß mich Dich aufſuchen. Die Gäſte haben ſo eben das Schloß verlaſſen. Nur die Landleute und die Diener⸗ ſchaft feiern jetzt noch auf ihre Weiſe bei Tanz und Spiel den Tag unſers Glücks— bereits habe ich auch Jeannetten hinabgeſandt; oder bedürfteſt Du noch etwas? Du Süßeſte, es iſt nur eine kurze Nacht, die wir dem ſtrengen Schick⸗ ſal rauben, das uns morgen ſchon wieder trennt! Nicht wahr, Du heißeſt mich nicht wieder gehen?“ Die Beklemmung raubte der Unglücklichen die Sprache. Ochalskoi hielt ihr Schweigen für bräutliches Verſchämen, ihr ſtummes Dulden für liebendes, nicht mehr widerſtreben⸗ des Hingeben, das krampfhafte Pochen ihrer Bruſt für die Wallung ſelig überdrängender Liebe. Heftig preßte er ſeine brennenden Lippen auf ihre er⸗ bleichenden und ſchloß ſie mit der Rechten feſt an ſeine Bruſt, während er mit der Linken, wie im ſüßen Spiel und Dienſt der Liebe, ihre reichen Flechten löſte. Mit ſchon weichenden Kräften ſuchte ſich Feodorowna in betäubter Angſt ſeiner Umarmung zu entwinden. Er hielt dies für ein Widerſtreben der jungfräulichen Scheu, da die Kerzen noch auf ihrem Tiſche brannten. „Ich verſtehe Dich, holdſeliges Mädchen,“ flüſterte er, „und Deine ſtumme Lippe iſt ſüß beredt! Nur im heiligen Dunkel duftet die zarte Nachtblume der Liebe.“ Mitt einer raſchen Bewegung löſchte er die Kerzen und og die halb Ohnmächtige zu ſich in den Schooß, indem er ſich auf ihrem Ruhebette niederſetzte. „Das Brautgemach iſt bereit, Feodorowna; umſonſt iſt Dein ſcheues Widerſtreben. Jetzt darf mir kein Sterblicher, kein Gott mehr das ſüße, heilige Recht rauben, dieſe holde 1— 185— Roſe zu brechen, für mich zu brechen! Fliehe, Du ſchüch⸗ ternes Reh, verbirg Dich in die weiche ſeidene Hülle des Lagers, das uns Beide umfangen ſoll, fliehe, aber ich folge Dir; zwei Minuten und wir ſind auf ewig vereint.“ Hier ließ er die angſtvoll ſich Sträubende aus ſeinen umſchlingenden Armen los. Sie wollte ihm entfliehen, aber ſie wußte nicht mehr, was ſie that; bebend ſchwankte ſie der Thür des Brautgemaches zu, öffnete ſie, aber mit ei⸗ nem lauten Schrei fuhr ſie zurück und ſank bewußtlos auf den Boden nieder. Ochalskoi ſprang, ſelbſt erſchreckt, hinzu, denn indem Feodorowna die Thür geöffnet hatte, ſah er ihre Geſtalt von dunkelrother Gluth beleuchtet, und ein breiter blutiger Feuerſchein fiel in das Zimmer. „Tod und Hölle, was iſt das?“ rief er, als ihm der glühende Widerſchein aus dem Nebengemach entgegendrang. Es war das brennende Smolensk, deſſen Flammen eben gewaltig durch die ſchwarze Decke des Rauches brachen, die 1 ſie ſo lange verhüllt hatte. Die Feſtung lag grade den Fenſtern des Brautgemachs gegenüber; die Vorhänge waren noch nicht herabgelaſſen. — Ochalskoi hob die ohnmächtige Fezoroumn empor, hielt ſie in ſeinen Armen und ſuchte ſie zu beruhigen.„Faſſe Dich, Theure! Es iſt eine furchtbare Brautfackel, die uns leuchtet, aber doch ſoll ſie unſern holden Bund nicht ſtören! Die Zeit wird kommen, wo wir die Fackeln der Rache ſchwingen!“ Feodorowna's Auge blieb geſchloſſen. Ochalskoi wußte nicht, ob er Hülfe rufen oder allein den Verſuch machen ſolle, ſie zu wecken. Der dunkelrothe Widerſchein der Feuers⸗ brunſt verhüllte die Todesbläſſe der Ohnmächtigen. Sie ſchien wie vom Roſenſchimmer des Abends beſtrahlt. Ochals⸗ koi's Gluth entzündete ſich mächtiger an dem reizenden An⸗ blick.„Du wirſt an meiner Bruſt erwachen, Süße,“ ſprach er, halb zu ihr flüſternd, halb zu ſich ſelbſt, und verlor ſich in dem Anblick ihrer Schönheit.„Ich thue, was ich darf,“ rief er ſtammelnd, faßte ſie in ſeine Arme und trug ſie auf das bräutliche Lager. Mit bebender Hand löſte er den Gürtel ihres Gewandes und öffnete die Buſenſchleifen, damit ſie frei athmen ſollte. „Feodorowna, erwache,“ rief er, indem er glühende Küſſe auf die hervorwallende Bruſt drückte;„oder nein, bleib in dieſer reizenden Ohnmacht, bis Du in meiner Umarmung zu einem neuen Leben erwärmt biſt!“ In dieſem Augen⸗ blick fielen drei Schüſſe ganz in der Nähe. „Was war das?“ rief Ochalskoi und ſprang auf, indem er die Geliebte losließ. Er riß haſtig das Fenſter auf und blickte hinaus. Der Ruf verworrener Stimmen und gleich darauf eine unregelmäßige Salve von Gewehr⸗ und Piſtolen⸗ ſchüſſen, die aber von einer bedeutenden Anzahl unfern Kämpfender herrühren mußte, drang durch die Stille der Nacht in ſein Ohr.„überfall! Verrath!“ rief er wild. „Tod und Verderben, und in dieſer Stunde!“ Mit dieſen Worten ſprang er heftig nach der Thür und ſtürzte hinaus. Im Schloſſe herrſchte ſchon ein unbeſchreibliches Getüm⸗ mel. Dienerſchaft und Landleute waren zuerſt durch den Ton der Sturmglocke, die die Feuersbrunſt anzeigte, im Tanz geſtört worden. Jetzt hatte man die krachenden Schüſſe gehört und wähnte den Feind ſchon in den Mauern des Schloſſes. Auf den Gängen und Treppen, in der Haus⸗ flur, in den Gemächern rannten Knechte und Mägde, Spielleute, Bauern und Landmädchen im verworrenſten Getümmel durcheinander. —87— „Verrammelt die Thür,“ rief Dolgorow.„Die Brucke her⸗ auf! Sammelt Euch auf dem Schloßhof. Unverzagt! Es kann nur ein blinder Lärmen ſein!“ Aber noch indem er durch dieſe Befehle vergeblich einige Beſonnenheit und Ord⸗ nung herzuſtellen ſuchte, ſtürzte ein Landmann athemlos ins Schloßthor und rief:„Der Feind, der Feind! Sie über⸗ fallen uns! Flüchtet Alle in den Wald!“ Das erſchreckte Geſinde, die Landleute und alle Mäd⸗ chen ſtürzten mit lautem Angſtgeſchrei und Wehklagen in den Hof und Garten, theils um ſich zu verbergen, theils um zu flüchten. Andere drängten ſich durch das Schloßthor, um ihre Häuſer im Dorf zu erreichen. Das Aufziehen der Brücke wie das Sperren des Thores war dadurch gleich unmöglich. 3 Dolgorow hieb im heftigſten Zorn mit dem Säbel auf die Flüchtenden, die ihm nicht gehorchten, ein, und erhöhte dadurch Schrecken und Verwirrung. Jetzt ſprengte ein Trupp flüchtender Koſacken am Thor vorüber und ſchrie:„Der Feind! Der Feind! Flüchtet, zün⸗ det an!“ Getümmel und Verwirrung waren unbeſchreiblich; Kei⸗ ner hörte den Andern mehr. „Es iſt vergeblich, Widerſtand zu leiſten,“ rief Ochalskoi, der ſich indeß mit Säbel und Piſtolen bewaffnet hatte; nlaſſen Sie uns nur die Frauen retten. Wir flüchten durch den Garten und erreichen ſo den Wald, der uns vollſtän⸗ dige Sicherheit gewährt!“ „Wenigſtens das Thor muß geſperrt werden,“ ſchrie Dolgorow außer ſich,„ſonſt hilft uns die ſchimpfliche Flucht nichts mehr.“ Jetzt fand ſein Befehl Gehör, da eben der Eingang einen Augenblick frei wurde. Er ſelbſt, Ochalskoi und drei be⸗ — 188— herzte Diener riſſen ſchnell die Ketten, mit denen die Thor⸗ flügel gegen die Mauer der Hausflur geſchloſſen waren, zurück, warfen die Pforte zu und ſchoben die eiſernen Rie⸗ gel vor. Es war die höchſte Zeit, denn in dieſem Augenblicke ſprengte Raſinski an der Spitze ſeiner Uhlanen den Hügel heran, und kaum war das Thor geſchloſſen, ſo hörte man die donnernden Hufe ihrer Roſſe auf der Zugbrücke. Dolgorow und Ochalskoi flogen die Treppe hinan in das Brautgemach, um Feodorowna zu retten, während die Gräfin eiligſt ihren Schmuck und das Nothwendigſte zuſammenraffte, deſſen ſie auf der Flucht bedurfte. Das Getümmel hatte die Ohnmächtige aus ihrer Betäubung erweckt. Mit Faſſung— denn äußerer Schrecken übte wenig Gewalt über ſie, die jetzt nichts mehr fürchtete— hatte ſie bereits ihre Kleidung geordnet, ihre wichtigſten Beſitzthümer— es waren nur Papiere und die Bildniſſe der Ältern— zu ſich genommen. Raſch warf ſie den Mantel über und eilte feſten Schrittes an der Seite des Vaters und des Gemahls in den Saal hinab, wo man die Gräfin antraf. Als man die Hausflur erreichte, tobten die Anſtürmenden ſo gewaltig gegen das Thor, daß man in jedem Augenblicke ihres Eindringens gewärtig ſein mußte. Doch konnten die Flüchtenden nicht ſogleich den Hofraum erreichen, denn eine große Anzahl von Dienern und Knechten, die ihre Beſonnenheit wieder gewonnen hatten, ſchleppten eben Heu, Stroh und Reiſig in großen Bündeln heran, um den Thorweg zu ſtopfen.„Wir wollen ſie durch einen Feuerwall von uns trennen,“ rief Dolgorow und ſchoß ein Piſtol in das trockne Stroh ab, daß es ſogleich Feuer fing.„Nur mehr Stroh, Holz und Heu heran, daß der Rauch und Qualm die Hunde erſticke, wenn ſie in das Schloß eindringen wollen!“ rief der erbitterte Ruſſe, und die Diener tödteten im Eifer faſt — 189— die Flamme durch das raſchaufgeworfene Brennmaterial.„So, recht, Ihr Burſche,“ rief der Graf,„zündet das ganze Schloß an; da wir es verlaſſen müſſen, wollen wir es we⸗ nigſtens dem Feinde nicht gönnen.“ Da er ſah, daß ſein Befehl erfüllt wurde, eilte er nun dem Garten zu, durch den Ochalskoi und die Frauen bereits flüchteten, um durch deſſen Hinterpforte den Wald zu ge⸗ winnen. In wenigen Minuten hatten auch die zurückgeblie⸗ benen Diener die Herrſchaft wieder erreicht, und als man ſich umſah, ſtieg bereits eine ſchwarze, dichte Rauchſäule im Schloßhofe empor. „Sie werden nicht lange im Schloſſe hauſen,“ rief höh⸗ niſch jubelnd einer der Knechte,„denn in jedem Stalle brennt ein Bund Stroh. In zehn Minuten muß die Flamme hoch über die Schloßthürme zuſammenſchlagen. Sie ſoll uns, denke ich, auch ein Weilchen im Walde leuchten. Schade nur, daß wir die Pferde nicht mitnehmen konnten, aber dazu war nicht Zeit, vollends zum Satteln und Zäumen!“ „Schweigt jetzt,“ gebot Dolgorow;„unſere Flucht ſei ſo ſtill als möglich.“ Leiſe, aber mit ſchnallen Schritten eilten die Fliehenden vorwärts. Noch hatten ſie nicht die Grenzmauer des Parks erreicht, als ſchon die rothe Flamme hell durch die Bäume des Gar⸗ tens blitzte. Durch die kleine Hinterpforte gewann man das Feld und eilte auf einem ſchmalen Pfade dem nahen Walde zu. Eben hatte man den Saum deſſelben erreicht, als eine Reiterſchar im geſtreckten Galopp um die Gartenmauer ſprengte, um den Flüchtigen nachzuſetzen. Vollen Laufes eilten dieſe dem Walde zu, doch die Reiter ſprengten ihnen mit verhäng⸗ ten Zügeln nach, und noch ehe der ſicher liegende Zufluchts⸗ ort erreicht war, pfiffen Piſtolenkugeln durch die Lüfte, und — 190— gleich darauf ſchwirrten ſchon die blinkenden Säbel über den Häuptern der Fliehenden. Indeſſen hatte Raſinski mittelſt zweier raſch herbeige⸗ ſchaffter Baumſtämme das Thor des Schloſſes geſprengt. So wie es ſich öffnete, drang ihm ein erſtickender, funkenſprü⸗ hender Qualm entgegen. Doch plötzlich fuhr der Sturmwind durch die ihm geöffnete Bahn und jagte die Flamme hin⸗ einwärts gegen Hof und Garten zu, und das glimmende Heu, Stroh und Reiſig wurde von dem heftigen Luftſtrome mit fortgetrieben; ſo bedurfte es keines künſtlichen Mittels, um die Bahn zu brechen. In zwei Minuten hatte der Sturm es ſchon gethan, ſodaß nur noch etwas Rauch und Aſche in dem Vordergebäude des Schloſſes die Spuren des angelegten Feuers verrieth. Unverzüglich drang daher Naſinski mit ſei⸗ nen Scharen ein und rief:„Beſetzt alle Eingänge! Laßt Niemanden hinaus. Boleslaw, Du reiteſt links mit Deiner Schwadron um die Schloßmauer, Jaromir rechts. Alle Ge⸗ fangene werden hierher gebracht. Niemand reite ins Dorf! Das Schloß iſt der Sammelplatz für uns.“ Somit ſprang er vom Pferde und ſchritt haſtig von dem Boten, von Ludwig, Bernhard und mehrern Offizieren und Reitern begleitet die Stiegen hinan, um das Innere des Schloſſes zu durchſuchen. Leicht drang er durch die Reihe der Gemächer, in denen alle Thüren offen ſtanden, Alles die ſchleunigſte Flucht der Bewohner verrieth. Unzufrieden ver⸗ weilte er endlich in dem großen Saal, indem er verdrießlich rief:„Sollte es doch fehlgeſchlagen ſein? Ich fürchte, das brennende Smolensk hat uns um die Beute betrogen und die Hochzeitgäſte zu früh auseinandergejagt!“ Der Bote zuckte die Achſeln und erwiderte:„Meine Schuld iſt es nicht, Herr Obriſt; ich hatte gut berichtet. Wäre die Feſtung nicht in Brand gerathen, ſo würden wir — B—O.Oꝭ—O ⅓iQ—Q—Q—Q——Q———̃ͥ—ꝑ—C—O—B—ñ—COCQ—O———— — 191— im Schloß geweſen ſein, ehe ein Menſch unſere Gegenwart geahnet hätte, und die Generale ſowie ſämmtliche andere hohe Perſonen wären unſere Gefangnen geweſen.“ „Ihr habt Euern Lohn verdient,“ erwiderte Raſinski, „nehmt.“ Er warf ihm eine Börſe mit Gold hin, die der Bote begierig einſteckte. „Wenn wir jetzt nur etwas Infanterie und ein paar Kano⸗ nen hätten,“ ſprach Raſinski gegen die Offiziere gewendet, „ſo würde ich mich keinen Augenblick beſinnen, damit der Armee auf die Arriergarde zu fallen und ihr durch einen unver⸗ mutheten Angriff wenigſtens einen Schrecken einzujagen. Doch ſo iſt es nicht gerathen, etwas weiter hinein ins Land zu unter⸗ nehmen. Die Infanteriepatrouillen und der Pulk Koſacken, auf den wir an dem Dorfe ſtießen, muß doch Lärmen gemacht haben, und leicht dürfte eine überlegene Maſſe gegen uns anrücken, die uns bei dem einzigen ſchmalen Pfade des Rückzu⸗ ges, den wir haben, höchſt verderblich werden könnte. Ich bin alſo der Meinung, wir laſſen zur Verſammlung blaſen, ziehen unſere detachirten Trupps wieder ein und gehen ſo ſtill wieder über den Fluß, als wir gekommen ſind.“ Die Offiziere ſtimmten ein. In kurzer Zeit kehrte Boleslaw, oͤhne auf etwas Merk⸗ würdiges geſtoßen zu ſein, mit ſeinen Reitern zurück, bald darauf auch Jaromir. Der Letztere brachte einige Gefangene von der Dienerſchaft des Grafen mit.„Ich ſtieß,“ berichtete er,„hart am Wald auf Fliehende. Es waren die Bewoh⸗ ner und Diener des Schloſſes und einige Frauen dabei. Wir ſprengten ſchnell auf ſie ein; ein Theil flüchtete, der andere leiſtete Widerſtand. Beim Glanz der Flammen, die von dem Schloßhofe herüberſchlugen, bemerkte ich einen Offizier, der ein junges Frauenzimmer auf ſeinen Armen in das dichte Gebüſch, wohin unſere Pferde nicht vordringen konnten, zu tragen — 192— ſuchte. Raſch ſprang ich ab, um ihn zu erreichen; als ich mich durch das Gehölz arbeitete und ihm nahe kam, ſetzte er die Dame auf den Boden und wandte ſich mir entgegen. Ich rief ihm zu, ſich zu ergeben, doch er ſchoß nach mir, fehlte aber. Sogleich erwiderte ich den Schuß; er ſtürzte nieder. Eben wollte ich zuſpringen, als einige Nuſſen ſich zwiſchen ihn und mich warfen und mich zurückdrängten, ſo⸗ daß ich faſt von ihnen überwältigt worden wäre. Zum Glück erreichte ich noch eine freie Stelle, wo meine Leute mir raſch beiſpringen konnten. Sie arbeiteten mich los, und wir machten drei Gefangene. Ihrer Ausſage nach war der Ge⸗ troffene der Fürſt Ochalskoi, der ſich heute mit der Tochter des Grafen Dolgorow, dem dieſes Schloß gehört, vermählt haben ſoll.“ „Wäre uns wenigſtens der eine Fang geglückt,“ rief Ra⸗ ſinski unmuthig aus;„doch ſchelte ich Dich nicht deshalb, Jaromir, denn Du haſt mehr als Deine Pflicht gethan,“ ſetzte er wohlwollend hinzu.„Aber das Gl ck hat uns nicht genug begünſtigt! Laßt uns jetzt wieder au hen, damit uns das Schickſal nicht gar noch einen ärgern Streich ſpielt!“ Nachdem man ſich überzeugt hatte, daß unter den Ge⸗ fangenen kein einziger von Bedeutung war, entließ man ſie unter der Drohung, ſie niederzuſchießen, wenn ſie ſich wieder ergreifen ließen. So ſuchte Raſinski es zu verhüten, daß man ſeinen Rückweg ausſpürte, weil er in dem Augenblick, wo er über den Dnieper zurückging, durch einen Angriff in die mißlichſte Lage kommen konnte. Auch wollte er die Leute bei der abſichtlich ausgeſprengten Vermuthung laſſen, daß er einen Rückhalt an einem ſtarken Corps habe, welches in Dnieper gegangen ſei. ſich denn wieder in Marſch, indem man die kamed Ställe und Scheunen den Flammen überließ — 193— Erſt als ſie wieder über die Fuhrt des Dnieper ſetzten und am Ufer deſſelben dahinzogen, bemerkte Raſinski, daß der alte Petrowski und Bliski, ein gewandter, tapferer Reiter, fehlten. Voll Beſorgniß um ſie ſandte er Boleslaw mit einer kleinen Mannſchaft zurück, um ſie aufzuſuchen. Zwei Stun⸗ den harrte er der Rückkehr deſſelben; endlich kam er, aber ſeine Bemühungen waren vergeblich geweſen. Die beiden wackern Kameraden ſchienen verloren. „Sollten wir dieſe beiden Tapfern zum Opfer bringen müſſen?“ rief Naſinski, und düſtere Falten zogen ſich um ſeine Stirn.„Freunde, laßt uns noch hoffen! Vielleicht ſind ſie nur verſprengt und finden ſich wieder zu uns. Wir müſſen nun die Nacht ſchon vollends darangeben und wollen daher ganz langſam weiter ziehen und von Zeit zu Zeit Zeichen geben. Hier ſind wir ja in Sicherheit.“ So geſchah es; die treuen Kriegsgenoſſen gehorchten gern, denn das wahrſcheinliche Loos ihrer Kameraden erfüllte ſie mit ſtummer Trauer. Schmerz und Ingrimm miſchten ſich in ihrer Bruſt; ſtill bewegte ſich der Zug weiter am Ufer des Fluſſes dahin. „Horch! Was war das?“ fragte Raſinski den neben ihm reitenden Boleslaw.„Rauſcht es nicht im Fluß? Es war, als ob am andern Ufer Jemand hineinſpränge.— Halt!“ Sie lauſchten mit ſcharfem Ohr. „Wahrhaftig, es ſchwimmt Jemand herüber,“ ſprach Boleslaw leiſe;„ſollen wir anrufen?“ „Wart noch ein wenig, bis wir genauer ſehen; man kann nicht wiſſen, was es iſt, denn wir ſind jetzt ſchon dicht an der Feſtung.— Es ſind zwei Schwimmer!“ „Wer da? Halt! Antwort!“ „Gut Freund,“ antwortete Petrowski, und Alles ul. 3 9 jauchzte auf vor Freude. Zwei Minuten ſpäter erreichten ſie das Land. „Nur keine Umarmung!“ rief Bliski, einige Kameraden drollig abwehrend; wir ſind von oben bis unten voll Schlamm und Entengrütze. Brr! das Bad war friſch.“ „Woher kommt Ihr zu Fuß? Redet, erzählt!“ fragte Raſinski, der ihnen entgegengeſprengt war. „Bliski war mein Retter!“ fing Petrowski an. „Pah, laß mich erzählen,“ unterbrach ihn der muntere Schwarzkopf Bliski.„Er ſtürzte, als wir nach dem Schloß zurückreiten wollten; drei ruſſiſche Spitzbuben, die ſich im Buſch verkrochen hatten, ſprangen daraus hervor, und fielen über ihn her, um ihn zu plündern. Zum Glück ſah ich's und fuhr unter ſie. Doch einer ſchlug meinen Gaul mit einem Knittel über die Naſe, daß er ſcheu auffuhr und mich in den Sand ſetzte. Deſto beſſer, dachte ich, und war ſchnell auf den Füßen. Gegen Zwei hielten die Schufte nicht aus; aber die Pferde waren ins Feld gelaufen. Wir wußten nicht, ob das Krüppelholz nicht noch voll ähnlicher Früchte ſtecke, und ſuchten daher das Schloß zu Fuß zu erreichen, in der Hoffnung, unſere Thiere würden wol den andern nachgelaufen ſein. Doch da ſchnitt uns flüchtendes Geſindel aus dem Dorfe den Weg ab. Wir mußten in den Wald und kreuzten im Dunkeln lange hin und her; die brennenden Dächer von Smolensk dienten uns jedoch zum Führer. Plötzlich ſtießen wir auf einen großen Weg, den ich gleich für die Straße nach Moskau erkannte, denn ich bin lange in Nußland geweſen und weiß hier Beſcheid. Indem wir nun aus dem Gebüſch treten wollen, ſieht Un⸗ teroffizier Petrowski zum Glück einen Trupp Reiter heran⸗ kommen. Wir ſchnell unter das Birkengeſträuch geduckt und keinen Laut von uns gegeben. Kaum waren die Reiter vorbei, ſo hörten wir das Raſſeln von Kanonen, und gleich 4 darauf ſahen wir Artillerie anrücken. Es waren gegen hun⸗ dert Geſchütze und Pulverwagen, auch anderes Fuhrwerk in Menge; dann kam Infanterie, in langen dichten Colonnen, dann wieder Cavalerie, kurz ein ganzes Armeecorps, das über eine Stunde lang an uns vorüberzog. Endlich wurde das Terrain frei, wir brachen hervor und ſahen uns um; eine Zeit lang folgten wir der Straße, dann ſchlugen wir uns links und erreichten den Dnieper in fünf Minuten.“ So voller Freude Raſinski auch war, ſeine Leute gerettet zu ſehen, ſo erregte doch Bliski's Erzählung ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit noch in einer andern Weiſe. Er ſchöpfte nämlich die faſt zur Gewißheit gewordene Vermuthung, daß wenigſtens ein Theil der Garniſon, vielleicht aber ſogar die ganze, aus der Feſtung abgezogen ſei. Deshalb beſchloß er, den Ver⸗ ſuch zu machen, durch die Waſſervorſtadt, die der Cavalerie zugänglich war, in die Stadt einzudringen, um der Erſte zu ſein, der den offenen, wenn gleich jetzt gefahrloſen Vortheil benutzte. Er befahl daher, in größter Stille vorzurücken, und hielt ſich fortwährend dicht am Fluſſe. So erreichte er die erſten Häuſer, ohne nur auf eine Schildwache zu ſtoßen. Eben begann der Tag zu grauen, als er in die Gaſſen ein⸗ ritt. Kein Laut, keine Spur verrieth, daß noch Bewohner in dem halb zerſchoſſenen, halb brennenden Steinhaufen ver⸗ weilten. Man erreichte eine Quergaſſe; voll Erſtaunen ſah Raſinski auch durch dieſe Reiter hereinkommen. Sie waren von dem Corps des Fürſten Poniatowski; man begrüßte einander in froher überraſchung und ſetzte den Weg auf ver⸗ ſchiedenen Wegen fort. Raſinski ritt dicht an dem Haupt⸗ walle hin. Da ſah er im Halbdunkel einen Menſchen be⸗ hutſam umherſchleichen. Er hielt ihn für einen Ruſſen, und rief ihn in dieſer Sprache an; doch derſelbe antwortete nicht, ſondern ſuchte zu entſpringen. In der Hoffnung, daß der „ 9* 4 — 196— Menſch Auskunft geben könne, ob die Feſtung noch beſetzt ſei, ſprengte Raſinski ihm nach, und mit Hülfe einiger Uhlanen hatte er ihn bald ſo erreicht und umringt, daß er nicht weiter flüchten konnte.„Vive Pempereur!’ rief der entſchloßne Soldat und legte ſein Gewehr auf Naſinski an. Jetzt erſt erkannte dieſer die franzöſiſche Uniform und verſtän⸗ digte ſich mit Dem, den er für einen Feind gehalten hatte. Es war ein Unteroffizier vom Davouſt'ſchen Corps, der den verwegenen Verſuch gewagt hatte, allein über die Mauer in die Feſtung einzudringen. So wurde denn der Ruhm, den feindlichen Platz zuerſt betreten zu haben, zum dritten Mal zweifelhaft. Indeſſen die Hauptſache war erlangt, man befand ſich darin; ſehr bald überzeugte man ſich auch, daß die Ruſſen die Feſtung verlaſſen und ſich nach Abbrechung der Brücken auf das andere Ufer gezogen hatten, wo ſie wahrſcheinlich den daſelbſt gelegenen Theil der Stadt noch beſetzt hielten. Der Tag begann zu leuchten; ſeine Strahlen fielen auf ein duſteres Schauſpiel. Ringsum rauchende Trümmer, Haufen voon Leichen, die halb blutend, halb verbrannt, meiſt ent⸗ kleidet auf dem Boden lagen. Andere ſah man ausgedörrt, ſchwarz vom Rauche und Brande, auf dem dampfenden Schutt; Theile des Körpers waren ganz von Fleiſch entblößt, weil die Flammen es weggezehrt hatten. Nur das nackte, verbrannte Gebein ragte noch hervor. Naſinski hatte das Regiment zurückgeführt, um die engen, durch eingeſtürztes Gebälk und Stein⸗ und Aſchenhaufen geſperrten Straßen nicht unnütz zu ſtopfen. Doch er ſelbſt ritt, von Jaromir begleitet, wieder in die Feſtung zurück, um den Schauplatz der Verwüſtung näher zu betrachten.„Ein trauriger Sieg,“ ſprach er zu Jaromir;„es ſcheint nicht der Mühe zu lohnen, ſo ungeheure Kräfte an die Eroberung der ruſſiſchen Steppen zu ſetzen, in denen man ſtatt der Dörfer und Städte bald nichts mehr finden wird als die Aſchenhügel, unter denen ſie begraben ſind.“ 2 Selbſt der fröhliche, lebensfriſche, an die Gemälde des Kriegs gewöhnte Jüngling Jaromir war von einem ſtillen Grauſen befallen, als er unter dieſem dampfenden Chaos von Schutt und Leichen umherritt.„Freilich wol,“ entgegnete er auf Raſinski's Bemerkung;„und noch unbegreiflicher iſt es mir, wie dieſes verheerte Land die ungeheuren Maſſen der Völker nähren ſoll, die es überſtrömen. Ehe hier nicht aufs Neue geſäet und geerntet iſt, ſollte man glauben, daß kein lebendes Weſen ſein Daſein nur einige Tage friſten könnte.“ „Der Wolf wird nach Polen und Preußen auswandern müſſen,“ warf Raſinski, innerlich grauend über den halb ſcherzhaften Klang ſeiner Rede, hin,„weil er hier Hungers ſterben müßte.— Horch! Muſik!“ Es waren die franzöſiſchen Garden, welche ſo eben mit klingendem Spiele in die Stadt einrückten. Der fröhliche Schall in dieſer Stunde, in dieſer Umgebung, glich dem furchtbarſten Hohne. Naſinski zog ſein Pferd in eine Sei⸗ tengaſſe zurück, und ließ die Truppen an ſich vorüberziehen. Die Spielleute blieſen die marſeiller Hymne, deren feurige Klänge ſonſt in jedem franzöſiſchen Herzen die glühendſte Begeiſterung, in jedem Auge die Flammen des Muths ent⸗ zündeten. Doch diesmal redete ſie eine unverſtändliche Sprache zu den kampfgewohnten Scharen. Tiefer Ernſt blickte aus ihren Zügen; ſtarr hefteten ſie das Auge auf die Verwüſtung um ſie her und zogen die ſchwarzen Brauen düſter zuſam⸗ men. Man entdeckte zwar keine Spur des Verzagens auf dem rauhen, ſonnverbrannten, mit breiten Narben gezeichne⸗ ten Antlitz dieſer Krieger, doch auch kein Schimmer der Freude 4 — 19s— leuchtete in ihren Blicken. Mit ſtolz gehobener, aber finſter gefaltener Stirn ſchritten ſie über Leichen, Gebeine und glü⸗ hende Aſche dahin; ſie glichen einem heraufziehenden Gewitter in ihrer ſtummen eiſernen Haltung. Jetzt kam der Kaiſer auf ſeinem arabiſchen Schimmel heran. Er warf die ſcharfen Blicke überall aufmerkſam um⸗ her, ließ ſich jedoch dadurch in ſeinem lebhaften Geſpräch mit dem Grafen Lobau, der ihm zur Seite ritt, nicht ſtören. „Der Kaiſer ſieht aus wie bei der Parade in Dresden,“ bemerkte Jaromir leiſe, doch mit dem Ausdruck des Er⸗ ſtaunens. „Es iſt in ſeiner Art,“ erwiderte Raſinski,„ſich im Sturme und Sonnenſcheine ſtets gleich zu bleiben. Doch wir wollen folgen; ich bin geſpannt, ſeine nächſten Anord⸗ nungen zu vernehmen. Sie könnten uns vielleicht recht leb⸗ haft in Thätigkeit ſetzen.“ Mit dieſen Worten ſprengte er, von Jaromir begleitet, über die rauchenden Trümmer und neben dem Gedränge der einrückenden Colonnen dahin, um ſich dem Generalſtabe an⸗ zuſchließen, mit dem der Kaiſer die Feſtung näher beſichtigte. Drittes Capitel. * „Ich bin dieſes Lebens doch faſt überdrüſſig,“ ſprach Bernhard, indem er einen ſchweren Sack von der Schulter auf die Erde herabſenkte, wobei ihm Ludwig behülflich war. „Für mich hätte ich den weiten, gefahrvollen Weg in die Naubhöhle der Mugiks nicht unternommen; aber mein armer „— — 199— abgemagerter Brauner mußte einmal etwas Anderes freſſen als unreifen Hafer und Gras. „Du biſt glücklich geweſen,“ entgegnete Ludwig,„wir haben ſo viel nicht gefunden. Alles rings umher wüſt und öde; die Dörfer verlaſſen, verbrannt. Ich ſehe nicht, wie das enden ſoll!“ „Laß gut ſein; es iſt wahr, wir ſchiffen in das wuͤſte Weltmeer hinaus, aber wir haben einen Columbus am Bord, deſſen Compaß ihn noch lange leiten wird, wenn unſer Auge ſchon längſt keinen Stern am Himmel mehr ſieht, dem wir folgen könnten. Aber hilf mir die Pferde füttern, ich mag die Thiere nicht warten laſſen, bis Raſinski's Reitknecht kommt; ſie werden Augen machen über das Gaſtmahl, das wir ihnen auftiſchen.“ „Gern,“ entgegnete Ludwig.„Es iſt gut,“ ſſprach Bernhard, indem er Hafer in die Futterbeutel ſchüttete und ſie den hungrigen Thieren vorhing,„daß wir hier etwas ab⸗ geſondert liegen und doch wenigſtens eine alte Scheuer zum Stall haben bei dieſem rauhen, regnichten Herbſtwetter. Stünden wir auf freiem Felde, daß man meilenweit ſehen könnte, was wir an Fourage erbeutet haben, ſo würden wir mehr ungebetene Gäſte bekommen, als Fliegen zu einem Napf ſüßer Milch heranſchwärmen. Sieh, ſieh, wie es den alten Burſchen ſchmeckt! Ja, mein Braunerchen, ſolcher Hafer iſt für Dich ein Auſternſchmaus.“ Indem Beide das vergnügliche Geſchäft, ihre Roſſe zu pflegen, mit Eifer betrieben, trat unbemerkt Raſinski ein, der von einem Gange aus dem Hauptquartiere, wohin er zur Parade geweſen war, zurückkehrte.„Was Tauſend,“ ſprach er,„Ihr füttert ja ſo reich und prächtig wie im Marſtall von St. Cloud. Wo habt Ihr denn dieſen Schatz gefunden?“ — 200— „Ei, guten Abend,“ wandten ſich die Angeredeten zu Raſinski um. „Nicht wahr,“ fragte Bernhard,„das wird den Kleppern wohl behagen nach der langen Faſtenzeit und Kräutercur? Ich hatte die Dragoner belauſcht; ſie ſchleppten einige Säcke Hafer dort drüben aus dem Walde heraus. Hm, dachte ich, da iſt vielleicht noch mehr zu haben, ſchlich hin, folgte wie Däumling der Spur der verlorenen Körner und der breiten Stiefeln und kam bald an einen Flecken, der vor acht Tagen vielleicht ein Dutzend Häuſer gehabt haben mag, jetzt aber nur noch ein Dutzend Feuerſtellen aufweiſen kann. Auf dem einen Herd waren aber die Flammen zu früh ausgegangen; das halbe Wrack ſtand noch da. Ich kletterte über Aſche und Kohlen hinein und fand in einer finſtern Ecke gerade noch dieſen Sack mit Hafer, den die Dragoner entweder nicht geſehen, oder, weil ſie ihn nicht fortbringen konnten, dort verſteckt haben mußten.“ „Du biſt immer geſchickt, Bernhard,“ ſprach Raſinski freundlich, aber doch mit einem Ausdruck von Wehmuth im Geſicht, der Beiden auffiel. „Glücklich, nur leidlich glücklich,“ erwiderte Bernhard. „Glück iſt ein Geſchick,“ fiel Ludwig ein. „Ja, ein Geſchick, das heißt ein Schickſal, aber keine Geſchicklichkeit. Studire Deine Mutterſprache beſſer, Ludwig, das rathe ich Dir an, denn Du drückſt Dich ſonſt zu un⸗ beſtimmt aus. Aber Du haſt ja Briefe,“ wendete er ſich ablenkend zu Raſinski. „Für Ludwig; und wichtige Nachrichten für uns Alle. Morgen endlich wird es zur Schlacht kommen.“ „Wirklich?“ rief Bernhard lebhaft. „Endlich!“ ſprach Ludwig, meinte aber damit die An⸗ kunft der ſeit vielen Wochen vergeblich erwarteten Briefe von —-— — 201— den Seinigen. Indem er ſie öffnete, berührte Raſinski Bernhards Schulter leiſe und gab ihm einen Wink mit den Augen in Beziehung auf Ludwig. Bernhard verſtand nicht, was dies bedeuten ſolle, ſchwieg aber und heftete nur aufmerkſame Blicke auf Ludwig. Dieſer las mit heftiger Beſtürzung; er erblaßte, große Thrä⸗ nen rollten über ſeine Wangen; plötzlich ließ er die Linke mit dem Briefe ſinken, bedeckte ſich mit der Rechten die Augen und reichte ſie dann, indem er einen ſchmerzlichen Seufzer ausſtieß, als wolle er Troſt und Stütze ſuchen, verlangend gegen Bernhard hinüber. Dieſer ergriff ſie mit Wärme, während zugleich Raſinski dem Erſchütterten weh⸗ müthig die Hand auf die Schulter legte und ihn gerührt anblickte. „Meine Mutter— meine Mutter—, lies ſelbſt—“ mehr vermochte Ludwig nicht hervorzubringen und reichte Bernhard den Brief hinüber. „Ich wußte das bereits,“ ſprach Naſinski, indem er den Freund mit Wärme an ſeine Bruſt drückte;„wußte es durch meine Schweſter, die mir den Brief im Einſchluſſe ſendete. Aber Du ſollteſt es nicht von mir erfahren. Denn wer mag einen bittern Kelch mit ſanfterer Hand reichen als eine Schweſter?“. Bernhard las indeſſen mit einer Rührung, deren ſelbſt ſeine ſtarke Seele nicht Herr werden konnte: „Mein geliebteſter Bruder!“ „Wie ſoll ich es beginnen, um mit der herben Trauer⸗ kunde, die ich Dir nicht erſparen kann, auch den Troſt der Liebe in Dein Herz zu flößen? Der Liebe, die Dich in wei⸗ ter Ferne kaum noch zu erreichen vermag! Ach Ludwig, unſere Mutter iſt nicht mehr! Dieſen Morgen entſchlummerte ſie in meinen Armen! Das alte übel ihrer kranken Bruſt, das ich 9**ℳ 1 —— — — — 202— lange ſchon ſorgend beobachtet, wuchs durch unſelige Zufälle plötzlich ſo übermächtig heran, daß es die Keime des Lebens mit furchtbarer Schnelligkeit zerſtörte. Doch waren die letzten Stun⸗ den ſanft, und die Seele der treueſten Mutter weilte nur bei ihren Kindern. O, mein Bruder! In dieſem tiefen Schmerze fühle ich noch den tiefern, dich ſo fern und einſam zu wiſſen, hinausgetrieben in eine öde Weite, wo die Stimme Deiner Klage unter rauhem Kriegsgetöſe verhallt. Sanft iſt meine Trauer um die Dahingeſchiedene; aber bang und ſchwer bedrängt fühlt ſich mein Herz, wenn ich Deiner gedenke. O könnte ich zu Dir, könnte meine ſchweſterliche Hand Deine Wange liebkoſen, wenn ſie ſich mit Thränen netzt! Du biſt hinweggeriſſen von allen Gütern des Lebens, deren holdes Antlitz uns in dunkeln Tagen Troſt zulächelt. Ausgetrieben aus der Heimat, ge⸗ ſchleudert in eine öde Fremde, iſt Deine Thätigkeit mehr eine Geißel als ein Stab für Dich. Du kannſt Dich nicht freudig aufrichten in Deinem Berufe! O ich fühle, Ludwig, wie viel zermalmender der Schlag Dich treffen muß als mich. Mir entführte ein ſanfter Genius die Dahingeſchiedene aus meinen Armen; Dir reißt ſie ein fürchterlicher Dämon von der blutenden Bruſt. Laß ja keine Sorge, keinen Kummer um meinetwillen Deinen Schmerz mehren. Daß ich um die Mutter weine, kannſt Du Dir freilich nicht verhehlen; aber ich traure nicht einſam; mütterliche Freundſchaft und ſchwe⸗ ſterliche Liebe weilen mir zur Seite. Fürchte ja nicht, daß ich verlaſſen und allein ſtehe; denn eben weil die verlaſſene Jung⸗ frau ganz hülflos iſt, darum bietet ihr Jeder die Hand, Jeden rührt ihr Geſchick, und ſie ſieht ſich— ſo erging es mir— mit freiwillig dargebotenen Gaben der ſchönſten Liebe über⸗ ſchüttet. Aber von dem Manne fordert man ſtreng, er ſoll durch eigne Kraft beſtehen; weil er ſelbſt Rath und Hülfe kennt, geht Jeder fremd an ihm vorüber, und ſo iſt er oft * 4 — 203— verlaſſener als wir ſelbſt. Denn wer vermag ſich allein zu erhal⸗ ten in dieſer Welt voller Stürme?— Ach, warum kann ich nicht nur die eine erſte, bittere Stunde an Deiner Bruſt ruhen 4 und Deine Thränen liebkoſend trocknen? Gewiß, Du ſollteſt minder leiden! Die warme Hand der Liebe würde die kalte des Schmerzes von Deiner Bruſt entfernen. Nur von Män⸗ nern weiß ich Dich umgeben. Wird ihre rauhe Seele Deinen Schmerz ſo tief mitfühlen? Können ſie Dich ſo ſanft lieben wie mein Schweſterherz? Kannſt Du Dich je zu ihnen ſo wen⸗ den wie zu mir? Doch, ſie werden Dir ja theilnehmend und tröſtend ſein und Dich nicht verlaſſen in Deinem Schmerz, wie ſie in andern rauhen Schickſalen Dir treulich zur Seite ſtanden. Das hoffe ich zu Gott, der ſo gnädig iſt, ſelbſt in ſeiner Strenge — ach, und mein ganzes Herz ſoll es ihnen ewig danken.“ „Lebe wohl, mein Bruder! Du, das Einzige, was mir auf dieſer Erde noch bleibt! O mögen tauſend gute Engel Dich auf Deinem gefahrvollen Pfade umſchweben! Wie ich es über⸗ ſtehen ſollte, wenn auch Du— nein, nein, dahin läßt es der gütige Vater im Himmel nicht kommen, denn er weiß, wie viel wir zu tragen vermögen. Lebe wohl! Sein Segen, ſein Troſt iſt mit Dir.“ „Deine Marie.“ „Du haſt einen mächtigen Schild vor Dir, der Dich decken wird morgen in der Schlacht,“ ſprach Bernhard, nach⸗ dem er geleſen, mit ſo feſter Stimme, als er vermochte; „umſchwebten mich ſolche Schutgeiſter, ich wollte in dem 4 Krater des Hekla ruhig ſchlummern. Bruder Ludwig, wir ſollen Dich tröſten? Tröſte Du uns, denen Niemand ein ſolches Wort der Liebe ſpricht. Lies, lies,“ wandte er ſich & zu Raſinski und reichte ihm den Brief hinüber;„es iſt das Evangelium unſers heutigen Tages.“ 8„Ich ſollte ſie alſo nicht wiederſehen!“ ſprach Ludwig 1 8 —. ziges Jahr des ruhig fortlaufenden Zeitſtroms. Was ſage — 204— mit unterdrückter Stimme und lehnte ſein Haupt an Bern⸗ hards Bruſt. „Daß der Teufel uns auch noch bis Morgen hinzerren will auf der Folterbank,“ rief Bernhard unwillig;„jetzt könnte ich die Schlacht brauchen, gleich! Tapfer? Tapfer werde ich nicht ſein; ob mir aber jemals in meinem Leben etwas Gleichgültigeres begegnen kann als eine Batterie, die einen Niagaraſtrom von Kartätſchen über mich ausſpeit, das möchte ich ſchwerlich glauben. Kommt, laßt uns nach den Hütten hinübergehen, wo Jaromir und Boleslaw liegen; am Abend vor der Schlacht muß man ſich doch auch einmal ausſprechen. — Aber iſt's denn Ernſt?“ Bernhard hatte, ſo lange er ſprach, Ludwigs Hand nicht aus der ſeinigen gelaſſen und ſie faſt krampfhaft gedrückt. Die letzten Worte richtete er an Raſinski, der aus düſterm Sinnen auffuhr. „Ernſt? So gewiß, als das herbe Schickſal, das unſern Freund getroffen.“ Er fuhr mit der Hand zweimal über die Stirn, als werde es ihm ſchwer, ſich zu ſammeln und zu beſinnen.„Was wollte ich doch ſagen?— Ja— Ku⸗ tuſow will morgen ſchlagen— es iſt unbezweifelt. Der Kaiſer hat ſchon das Schlachtfeld recognoscirt. Der Tag von geſtern war nur das Vorſpiel. Der ſiebente September iſt beſtimmt, um in die Jahrbücher der Geſchichte eingeſchrie⸗ ben zu werden.“ „Man wird ihn alſo roth im Kalender anſtreichen; und blutigroth, denke ich,“ entgegnete Bernhard.„Mir gleich. Je mehr der Tod in Maſſe erntet, je kühler ſehe ich zu. Was gibt es Gleichgültigeres als die ſummariſchen Sterbeliſten eines großen Reichs am Schluſſe des Jahres? Und keine Schlacht, die erbittertſte ſelbſt, iſt ſo mörderiſch als ein ein⸗ —— 4 — — 47 205— ich? Ein Jahr? Ein Tag, eine Stunde, ein Augenblick, wenn wir den Blick über die nächſte Scholle, auf der wir ſtehen, hinwegſchweifen laſſen! Ich weiß überhaupt nichts Alberneres, als auf den Tod oder auf Todesgefahr Gewicht zu legen; das Gefährlichſte iſt: geboren werden, denn damit fängt nicht nur die Lumperei des Sterbens, ſondern ſogar auch die des Lebens mit ſeinem Füllhorn von Drangſalen, Jammer, Elend, Schurkereien und Abgeſchmacktheiten an. Aber kommt, Freunde! Die Pferde freſſen, daß es eine Luſt iſt. Was ſollen wir länger hier?“ Anders als ſeine Worte waren Bernhards Handlungen. Denn mit Wärme ſchlang er den Arm um Ludwig und leitete ihn hinaus ins Freie. „Ich folge Euch ſogleich,“ rief Raſinski den Gehen⸗ den nach. „Nun, ein Eisbär bin ich gerade auch nicht,“ murmelte Bernhard, als ſie allein waren;„aber meine Thränen habe ich nur für mich und für Die, die ganz ich ſelbſt ſind.“ Hier preßte er den Freund rauh an ſeine Bruſt und drückte einen langen Kuß auf ſeine Lippen. Ludwig fühlte Bernhards warme Thränen und mit ihnen ſeine ganze Liebe, den vollen Troſt ſeiner ausharrenden Treue. Sie gingen zuſammen eine kleine Anhöhe hinan, von der ſie das mit Roß und Mann bedeckte Feld weit überſchauen konnten. Schon hatte der Herbſt das Laub gefärbt; die Birken ſtreuten welke Blätter auf den Raſen, alles Grün war todt, fiel ins Graue; der Himmel hing farblos, bleiern über dem Gefilde, rauhe Windſtöße fuhren von Zeit zu Zeit durch die feuchte, nebelige Luft. „So ſieht es jetzt in meiner Seele aus, lieber Bern⸗ hard,“ ſprach Ludwig mit weichem Tone der Stimme,„ſo öde und freudlos, und doch ſo ungeſtüm bewegt wie in die⸗ — 206— ſer todten, aber dennoch von wildem Verkehre erfüllten Landſchaft.“ „In der meinigen iſt das eigentlich die Alltagsfarbe,“ erwiderte Bernhard;„nur ſelten blickt die Sonne, wie zu 6 hohen Feſttagen, ein wenig durch den grauen Dunſthimmel. 1 Und ſelbſt dann iſt ihr Erſcheinen, wie jedes zu flüchtige Glück, eher ein Schmerz als eine Freude. Es weckt nur die Sehnſucht unſers Herzens aus ihrem dumpfen Schlum⸗ mer. Traumgeſtalten nahen uns ſo; wir ſind voller Liebe, wenn wir aber die Arme ausbreiten, ſie zu umfangen, ſind 4 ſie zerronnen. Ich meinestheils pflege alsdann noch gewöhn⸗ lich das Glück zu haben, mit den Knöcheln gegen die Wand zu ſtoßen, oder mir die Bettdecke ins Geſicht zu preſſen ſtatt der Geliebten. Du wirſt vielleicht böſe, Ludwig; aber es verdrießt mich etwas und ich muß es Dir ſagen. Es hätte mir was bedeutet, wenn das Datum und die Stunde geſtimmt hätten; indeſſen es iſt nichts.“ „Wie ſo, Lieber?“ „Als wir durch den Dnieper ritten, mußte ich, Du weißt's ja, ſo lebhaft an Deine Schweſter denken, als ob ſie neben uns hinſchwebte. Wenn es die Todesſtunde der Mutter geweſen wäre— ich bin ein Mann, ich weiß es, doch ich hänge einmal an dergleichen. Aber ſie iſt ja Mor⸗ gens und drei Tage früher hinübergegangen.“ Ludwig lächelte wehmüthig, Bernhard neigte das Haupt; Beide ſchwiegen einige Minuten und blickten in die Land⸗ ſchaft hinaus. Die gute Marie!“ begann Ludwig wieder,„ſie kümmert ſich um meine Einſamkeit und ſteht doch ſelbſt ſo ganz ver⸗ laſſen!“ „So muß es Jedem ſcheinen, der nicht immer zunächſt an ſich denkt. Auch kommt eine ſehr allgemeine Täuſchung dazu. ——— . Der Menſch kann niemals ganz aus ſeinen Empfindungen und in fremde hinein. Weil Marie Dich ſo weit getrennt von ihr fühlen muß, ſo fühlt ſie Dich getrennt von Allem; und Du umgekehrt eben ſo. Nichts iſt uns natürlicher, als uns einen Bewohner Sibiriens oder des Feuerlandes als ganz verſtoßen vom Erdkreiſe zu denken; denn nichts fällt uns weni⸗ ger ein, als daß dem Kamtſchadalen ein Einwohner von Paris eben ſo entfernt, ſo an der äußerſten Grenze der bewohnten Erde erſcheinen muß, ja eben ſo enterbt und verlaſſen von allen Wohlthaten der Natur, weil alles Dortige ganz außer dem Kreiſe ſeiner Vorſtellungen und Wünſche liegt. Doch ſieh, wie der Wind den Rauch der Wachtfeuer durch die Ebene weht; er drückt ihn ordentlich auf den Boden nieder. Die Luft athmet ſich ſchwer. Denkſt Du mit Beſorgniß an die Schlacht?“ „Nein, Bernhard,“ ſprach Ludwig offen;„meine Seele iſt ſo ganz anders beſchäftigt. Vielleicht wenn wir mitten im Getümmel ſind, daß mich's mit fortreißt. Ich habe mir's vormals als das größte Erlebniß gedacht, einer Schlacht bei⸗ zuwohnen: hat mich das gefahrvolle unſtete Treiben des Kriegs überhaupt, dieſe häufige Wiederholung des Vorſpiels zu dem Hauptdrama, daran gewöhnt, oder iſt es, weil meine Gedan⸗ ken ganz verſchieden beſchäftigt ſind; allein ich empfinde es jetzt faſt nur als ein gleichgültiges Ereigniß, daß morgen ſich das Geſchick zweier Völker entſcheiden ſoll, wiewol meine Vernunft mir das Gegentheil ſagt.“ „Lieber,“ begann Bernhard,„ich fragte nicht ohne Ab⸗ ſicht darnach, ſonſt hätte ich jetzt wol von andern Dingen mit Dir geſprochen. Aber vergib mir, ich denke mit an Marien; der Schluß ihres Briefes— ich glaube zwar, daß ihre Bitten im Grunde ſo viel gelten als zehn Schutzhei⸗ lige— dennoch— Deinetwegen fürchte ich die Schlacht, und es wäre mir, gerade heraus, lieb, wenn Du nicht darein verwickelt würdeſt. Laß mich mit Raſinski ſprechen.“ „Nein!“ entgegnete Ludwig ſanft, aber feſt.„Du weißt, daß kein innerer Beweggrund mich zum Kampfe treibt, daß meine Wünſche ſich ſogar mehr für die Sache des Gegners entſcheiden, weil ihr Sieg unſer Vaterland wenigſtens von der Unterdrückung, die es in dieſem Augenblicke duldet, be⸗ freien würde; allein dennoch widerſtrebt etwas in mir Deinem Vorſchlage ſo entſchieden, daß ich keinen Augenblick wanken kann. Zuerſt bin ich ein Mann; ich müßte mich als ſolcher herabgeſetzt fühlen, wenn ich in der Stunde der Gefahr mich ſelbſt bedächte.“ „Wahrlich, ich denke nur an Marien,“ rief Bernhard, „und weiß, daß Du ein Opfer bringen würdeſt; aber ich weiß nicht, ob Du es nicht ſollteſt!“ „Nur für ſie wünſche ich zu leben,“ entgegnete Ludwig, „und der Himmel iſt mein Zeuge, daß ich, ſoll ich fallen, nur der einſam Zurückgebliebenen gedenke. Doch— nein — nein; der Scharfſinn meiner Gründe möchte beſiegt wer⸗ den können durch ſcharfſinnigere, aber nimmermehr das Ge⸗ fühl in meiner Bruſt. Marie ſelbſt würde ſich meiner ſchä⸗ men; ſo wenig wie ſie mir das Leben durch etwas Unwür⸗ diges zu erhalten vermöchte, ſo wenig kann ſie erwarten, daß ich es für ſie thue. Nein, Bernhard, Deine Liebe führt Dich zu weit!“ „Du biſt mit Deinem wahren Muthe über dieſen Schein des Verdachtes erhaben; ich bin es auch und würde mich, falls ich eine Urſache in mir fände, von der Schlacht zurück⸗ zubleiben, keinen Augenblick bedenken.“ „Auch ich nicht, wenn das Zurückbleiben ſelbſt der Zweck meines Handelns wäre; nicht aber, wenn es das Mittel ſein ſoll. überdies vergiß nicht, daß der Stand, den wir wähl⸗ 4 nnnn — 209— ten, eigentlich unſer Leben beſchützt; ſo wird es für uns eine verdoppelte Pflicht, das Heiligthum ſeiner Ehre unverletzt zu erhalten. Und dann, Bernhard, dieſen einen Weg des Todes willſt Du verſperren; was aber thuſt Du mit den tauſend andern, auf denen er zu uns dringen kann? Erfülle Dich mit dem gläubigen Vertrauen, das Marie ſelbſt empfindet! Sie fordert nicht, daß ich die Gefahr meiden ſoll, doch ihre heldengläubige Seele vertraut darauf, daß eine höhere Macht mich beſchirmen werde. Und würdeſt Du denn mich und Raſinski und Jaromir und Boleslaw in die Schlacht ziehen ſehen können und wohlgeſichert aus der Ferne zuſchauen, wie das Schwert des Todes über den Häuptern der Freunde ſchwebte? Bernhard, frage Deine eigne Seele und gib Dir ſelbſt die Antwort.“ „Recht haſt Du freilich; aber könnte ich das Unrechte für Dich thun, ich thäte es dennoch. Wäre ich an Ra⸗ ſinski's Stelle, ich ließe Dich heut unter einem Vorwande in Ketten und Banden zehn Tagemärſche zurück ins Ge⸗ fängniß ſchicken.“ „Du thäteſt es gewiß nicht,“ ſprach Ludwig und lächelte gerührt. „So laufe denn das Rad des Schickſals!“ rief Bernhard und ſtampfte unwillig mit dem Fuße.„Es zermalme, wen es mag! Das aber ſage ich Dir, es ſoll nicht Raum finden zwiſchen mir und Dir hindurchzurollen!—— Kommen dort nicht Jaromir und Boleslaw herauf?“ Sie waren es. Raſinski hatte ihnen Ludwigs trübes Geſchick erzählt; mitleidig kamen ſie, um dem Freunde ihre Liebe zu zeigen. Der jugendliche, leicht bewegte Jaro⸗ mir bezwang eine Thräne nicht; Boleslaw, durch eignes ſtummes Dulden gehärteter, vermochte nur ſanften Ernſt zu zeigen. — 210— Sie gingen zuſammen den Hügel hinab, um ſich an dem Wachtfeuer vor Raſinski's Hütte zu lagern, wohin die⸗ ſer alle Offiziere des Regiments beſchieden hatte, weil es ſeine Gewohnheit war, den Abend vor der Schlacht ſo viel als möglich in der nächſten Vertraulichkeit mit allen ſeinen Kameraden zu leben. Die Sonne mußte hinab ſein; ſeit Mittag ſchon war ſie hinter dem grauen Gewölk verborgen. Die Nacht kam empfindlich kalt herauf, ſodaß ſelbſt das Feuer und die dichten Mäntel der Gelagerten die Schauer des Froſtes nicht ganz abzuhalten vermochten. Der ganze Tag war in dum⸗ pfer Todesſtille vergangen, gewiſſermaßen nach einer ſchwei⸗ genden übereinkunft zwiſchen den beiden furchtbaren, einander gegenüber gelagerten Heeren. Es ſchien, man wolle ſich die kurze Ruhe gönnen, um am nächſten Morgen mit deſto ge⸗ ſtärktern Kräften den erbitterten Vertilgungskampf beginnen zu können. Dieſe ſchwer auf der Bruſt laſtende, alle fri⸗ ſchern Lebensregungen lähmende Lautloſigkeit wurde durch die Stimmung jedes Einzelnen noch vermehrt; denn Jeder ging natürlich dem gewaltigen Ereigniß mit ernſter Bruſt entge⸗ gen. So wollte auch das Geſpräch der im Kreiſe gelagerten Kameraden nicht lebhaft werden. Selbſt wenn Ludwig und Diejenigen, die ihm zunächſt ſtanden, nicht beſondere Urſachen zu jenen ſchweigend in ſich zurückkehrenden Betrachtungen gehabt hätten, ſo würde dennoch keine freie, kriegeriſch ſorg⸗ loſe Heiterkeit geherrſcht haben. Die Zukunft rückte zu be⸗ deutungsvoll heran; der Himmel war zu düſter verhangen, ſeine Donner grollten zu unheimlich in der Ferne, um einen freien Schlag des Herzens zu geſtatten. Vergeblich verſuchte es Naſinski, bald durch einen Toaſt, bald durch die Erin⸗ nerung an ein früheres bedeutendes Erlebniß, bald durch Anregung ſchöner Hoffnungen, eine lebhaftere Bewegung in . — —— — 211— die Freunde zu bringen; einen Augenblick entzuͤndete ſich der Antheil, aber nach wenigen Minuten war Jeder wieder zu den Gedanken und Beſorgniſſen in ſeiner Bruſt zurückgekehrt. Die Daͤmmerung graute ſchon, als ein plötzlicher Kano⸗ nenſchuß aus dem feindlichen Lager her die äußere und innere Stille unterbrach. Man ſprang auf, man forſchte, fragte. In ſolchen Stunden, unter ſolchen Umſtänden iſt ein Schuß faſt immer das Zeichen eines wichtigen Ereigniſſes; Jeder hielt ihn für eine Warnung, auf Alles gefaßt zu ſein. Allein diesmal war die Spannung auf etwas Wichtiges ver⸗ geblich geweſen; doch ſchon nach wenigen Minuten erfuhr man, daß dieſer einzige Schuß verhängnißvoll und entſchei⸗ dend für den ganzen Krieg hätte werden können. Denn er war auf eine Gruppe von Reitern geſchehen, unter denen ſich der Kaiſer befand, welcher, von der Unruhe gefoltert, das ruſſiſche Heer könne abermals durch ſtillen, nächtlichen Abzug ſeine Hoffnung auf eine Schlacht täuſchen, ſich aufs Pferd geworfen und die Dämmerung benutzt hatte, um die Stel⸗ lung des Feindes noch einmal zu recognosciren. Zu ſeiner Freude hatte er aus den in ſchwarzen Zügen heranrückenden Reſervecolonnen, die ſich in der Ebene verbreiteten, aus den langen, von Moskau heranziehenden Reihen der Munitions⸗ und Proviantwagen, aus der furchtbaren, noch immer mehr und mehr befeſtigten Verſchanzungslinie auf den Anhöhen, die Gewißheit geſchöpft, daß der Tag der Schlacht gekommen ſei. Er trug nun kein Bedenken mehr, ſie ſeinen Truppen zu verkünden. Eine halbe Stunde nach jenem einzelnen Schuſſe wurde die Proclamation an das Heer ertheilt; Ra⸗ ſinski erhielt ſie durch einen Adjutanten. Er ſammelte ſo⸗ gleich die Seinigen um ſich her und las ſie ihnen bei dem Glanz des roth aufflackernden Feuers mit ernſter Stimme vor. — 212— „Soldaten! Der Tag der Schlacht, den Ihr ſo lange herbeigewünſcht, iſt da. Der Sieg ſteht bei Euch; er iſt uns nothwendig, er wird Euch überfluß, ein ſicheres Winter⸗ lager, eine ſchnelle Rückkehr in die Heimat gewinnen. Zeigt Euch wie zu Auſterlitz, Friedland, Witepsk und Smolensk, daß Eure ſpäten Enkel noch mit Stolz von ihren Ahnen ſagen können: Er focht in der gewaltigen Schlacht unter den Mauern von Moskau!“ Die kurzen, ernſten, gewichtigen Worte fielen mächtig in die Bruſt der Krieger. Ein edles Feuer flammte aus ihren Blicken, und als Raſinski den Säbel zog, ihn mit der Rechten hoch emporhob und laut ausrief:„Es lebe der Kaiſer!“ da donnerte der tauſendfache Ruf der Be⸗ geiſterung mächtig in die Luft, daß er weit durch die Nacht erſcholl, und der Wind ihn hinübertrug in das Lager des Feindes. Der kommende Tag forderte große Anſtrengungen; Ra⸗ ſinski gebot daher ſeinen Kriegern, jetzt der Ruhe zu pflegen, damit der Morgen ſie bei den friſcheſten Kräften fände. Den Führern ſchlug er jedoch, um die freiere Stimmung zu unterhalten, hauptſächlich aber um Ludwig zu zerſtreuen, einen Gang durch das Lager der Garden nach dem kaiſerlichen Gezelt vor, welches nicht fern von dem Bivouac der Cava⸗ lerie aufgeſchlagen war. Man nahm den Vorſchlag gern an. Bald hatte man das große Viereck erreicht, welches die Garden beſchützend um das Gezelt des Kaiſers geſchloſſen hatten. Der Anblick dieſer auserleſenen Krieger, wo man keine Stirn ohne Narbe, keine Bruſt ohne Orden ſah, mußte eine männliche Seele mit kraftvollem Selbſtgefühl durchdrin⸗ gen; ſogar der wehmüthig geſtimmte Ludwig richtete ſich freier auf, als er durch die Reihen dieſer Helden ſchritt. Noch lebendiger wurde Bernhard aufgeregt. ‿ 2* „Wahrlich, eine ganze Galerie von Genrebildern!“ rief er aus, indem er ſich zu den Freunden wandte.„Zehn Jahre wollte ich hier ſitzen und zeichnen. Und welch ein Studium von Köpfen und Trachten! Bemerkt einmal den Grenadier dort, der eben ſein Gewehr putzt. Mit welchem Ernſt er die Waffe prüft und betrachtet; in jedem Zuge ſieht man es, daß er ſie wie ein Heiligthum in Ehren hält. Wie er den Schein der Flamme darauf ſpielen läßt und ſich ſelbſt in dem blanken Lauf ſpiegelt! Hm, der alte Knabe darf ſich wol anſehen, und mir däucht, die breite Narbe, die ihm die Brauen üͤber dem linken Auge ſpaltet, kann ihm gefallen. Jetzt iſt er fertig; er thut einige Griffe, ſchlägt an. Sicher denkt er ſchon daran, wie er morgen mitten im dichteſten Pulver⸗ dampf ſeinen Feind aufs Korn nehmen und mit Augen be⸗ trachten wird, die noch durchbohrender ſcheinen als die Kugel im Lauf.“ Im Fortwandeln ſchweifte Bernhards geübtes Ma⸗ lerauge über alle Gruppen zur Rechten und zur Linken hin, und wo er einen charakteriſtiſchen Kopf ſah, machte er die ruhiger hinwandelnden Freunde in ſeiner ſcherzenden lebendigen Darſtellungsweiſe darauf aufmerkſam. Zugleich lag ihm da⸗ bei der dunkle Trieb in der Seele, die tief bekümmerte Bruſt Ludwigs aufzuheitern.„Seht dort drüben den bärtigen Sergeanten, der ſich die blutende Stirn verbindet,“ rief er. „Wie gleichgültig er dazu ſieht! Freilich, ſie iſt der Narben gewohnt! Ich ſehe da ſo einige breite, zackige Hieroglyphen, die vermuthlich ein Mameluckenſäbel an den Pyramiden hin⸗ ein gezeichnet hat. Deine Stirn iſt ein verteufeltes Stamm⸗ buch! Wer ſich eingeſchrieben hat, bleibt Dir gewiß im Ge⸗ dächtniß, ſchwerlich aber im freundſchaftlichen. Der Kerl dort gefällt mir! Wahrhaftig er raſirt ſich; glatt geſchabt, wie zum Sonntagstanz vor der Barriere von Neuilly, oder in die luſtigen Weinhäuſer von St. Denis, wo es ſo viel ſchwarzaͤugige Griſetten gibt, will er morgen in die Schlacht gehen. Es iſt ein Spartaner, die ſich auch putzten und be⸗ kränzten für den Kampf. Ich glaube, dieſer Grenadier ſieht keinen großen Unterſchied dazwiſchen, ob er mit ſeinem Mädchen eine Francaiſe aufführt, oder am Flügel des Regi⸗ ments gegen eine Batterie marſchirt. Muſik gibt es bei beiden Feſtlichkeiten. Ich möchte wetten, er denkt morgen Abend in Moskau einzumarſchiren, und pußtt ſich heute ſchon dazu auf, weil es morgen an Zeit fehlen möchte. Sein ganzes Geſicht ruft:„Vive la bagatelle!“ und eine Schlacht, ein ganzer Feldzug zählt mit in der Reihe der Bagatellen. Trotz dem iſt er nicht mehr jung; er ſieht aus, als würde er von Marengo und Arcole zu erzählen wiſſen. Glück zu, guter Freund, ich wünſche Dir, Du mögeſt morgen noch ſo fröhlich ſein wie heut, und bei Deinem Abendeſſen die Carmagnole ſo gedankenlos trällern wie jetzt eben.“ „Ich habe doch dieſe Krieger ſchon in einer ganz andern Stimmung geſehen,“ entgegnete Raſinski;„ſo bewegt das Lager Dem erſcheinen mag, der es in dieſem Feldzug zuerſt kennen lernt, ſo ganz anders ſieht es Der, welcher es ſeit langen Jahren kennt. Es iſt Entſchloſſenheit, Faſſung auf das Schlimmſte, in den Geſichtern dieſer Leute zu leſen; aber nicht jenes freudige Vertrauen, jene brennende Begierde nach Kampf und Sieg, die man ſonſt an Tagen vor der Schlacht aus ihrem Auge leuchten ſah. Seht dort das Zelt des Kaiſers. Was mag das Gedränge dahin für Ur⸗ ſache haben?“ Man ſahe die Krieger in großen Scharen zu dem Ge⸗ zelt eilen und ſich in einer ſchwarzen Maſſe um daſſelbe ver⸗ ſammeln. Die Zurückkehrenden ſahen fröhlich aus und ſprachen lebhaft mit einander. Ausrufungen des Erſtau⸗ nens, der Freude drangen aus dem dichten Gewimmel hervor. —j.— — — 215— „Was giebt es dort?“ fragte Naſinski einen Grenadier, der aus dem dichteſten Haufen kam. „Was es gibt, mein Colonel? Ah, etwas ſehr Schönes und Erfreuliches! Ein Kind, ein prächtiges Kind! Der Sohn 6 des Kaiſers! Ja, mein Obriſt, es iſt ein Bildchen wie von 1 Schnee und Roſen! O, man iſt auch Vater! Ich habe einen Sohn, der nur um acht Tage älter iſt. Sein Bild kann ich freilich nicht nachkommen laſſen, allein ich hab' es im Gedächtniß. Der Schelm ſitzt mir hier(dabei deutete er auf die mit dem Orden der Ehrenlegion geſchmückte Bruſt) ſo deutlich abgemalt, daß ich keines Bildes bedarf! Aber es iſt doch ſchön, eins zu haben! Gehen Sie nur, mein Obriſt, und ſehen Sie ſelbſt“ 4 Der vor Freude in Redſe überfließende Soldat wurde durch den Strom fortgedrängt. Raſinski und ſeine 1 Begleiter kämpften ſich hinan. Das Gedränge war zu groß; ſie konnten nur aus der Ferne, ohne die Züge zu unterſcheiden, wahrnehmen, daß dicht an dem Zelt des Kaiſers, unter der Obhut zweier bärtigen Grenadiere ein Gemälde— es war das des Königs von Rom— aufge⸗ ſtellt war, welches die Soldaten mit theilnehmender Neugier betrachteten. „Es hat etwas ſehr Rührendes für mich,“ ſprach Lud⸗ wig zu Bernhard,„daß mitten in dieſer kriegeriſchen Zu⸗ rüſtung ſich nicht nur der Feldherr, ſondern auch der liebende . Vater zeigt, und daß er ſeine Tapfern ſo an ſeiner Freude * Theil nehmen laſſen will.“ „Ja, ja,“ ſprach Raſinski lächelnd,„er iſt ein großer Kenner der Menſchen. Durch nichts kann er ſeine ſchwarz⸗ bärtigen Helden mächtiger an das Glück der Heimat erin⸗ nern als durch eine ſolche Mahnung. Nun ſchlägt Jedem das Herz nach dem Vaterlande, dem ſchönen Frankreich, wo 216— Der ſeine Kind„Der ſeine junge Frau, die indeſſen vielleicht Mutter geworden dalr Mans Es gibt keinen andern Weg nach Paris als über ki;„nur nicht am Tage vor der Schlacht. Muhſeligkeiten erträgt der Soldat ſchwer, Gefahren leicht; er als er duldet. Die Zeit der Mühe iſt jetzt vorüber, es kommt ein kurzer Augenblick der Gefahr; dieſem geht er freudig entgegen; denn es iſt mehr Hoffnung des Gewinnes als Furcht des Verluſtes dabei. Zeigt ihm nur einen ſichern Preis des Sieges; wahrlich! ihn kümmert's nicht viel, ob er die Hölle ſtürmen muß, um ins Paradies zu kommen. Das aber muß ihm ſicher ſein. Seine Glaubensworte lauten: Sieg, Frieden, Heimkehr. Negt ihm daher nur die Sehnſucht zu der letzten mächtig an, ſo darf Euch um den erſten nicht bange ſein.“ „Guten Abend, Graf,“ redete eine bekannte Stimme Naſinski an; es war Negnard.„Gut, daß wir uns heut noch ſprechen,“ fuhr er fort,„morgen wird man nach Man⸗ chem vergeblich fragen. Ich denke, die Schlacht wird den Anſtalten dazu Ehre machen. Man marſchirt nicht achthun⸗ dert Lieues, um ein Vorpoſtengefecht zu liefern.“ „Nun, bis jetzt iſt's uns doch nicht viel anders ergan⸗ gen“ erwiderte Naſinski. „Jede Frucht will reif werden, Graf. In Rußland erntet man ſpäter als bei uns. Gebt Acht, morgen haben die * —,— — 217— Senſen etwas zu thun. Die Ruſſen meinen es diesmal ſehr ernſtlich!“ „Weiß man das ſchon gewiß?“ „Es läßt ſich nicht mehr daran zweifeln. Eben war ich dabei, als ein überläufer ſeinen Bericht abſtattete. Der alte Kutuſow iſt gewiß, daß wir morgen angreifen, und hat be— ſchloſſen, Stand zu halten wie eine Feſtung. Aber ernſtlich, der Ruſſe iſt auf einen entſcheidenden Kampf gefaßt, iſt förmlich zum Tode geweiht. Ihr hörtet doch gegen den Nachmittag die ſeltſame Muſik herüberſchallen, und habt die Bewegung im Lager beobachtet, als die Leute unter Waffen traten?“ „Freilich! Und was bedeutete ſie?“ „Es war die Traurede zu der Hochzeit, die wir feiern ſollen. Der alte Fürſt hatte ſich mit allen ſeinen Prieſtern und Archimandriten umgeben, die in ihren Prachtgewändern das Lager durchzogen. Sie trugen ein heiliges Bild, das ſie aus Smolensk gerettet, durch die Reihen der Krieger. Der Nuſſe betet es als wunderthätig und beſchirmend an. Seine Kirche erfüllt ihn mit fanatiſchem Muth. Seine Prie⸗ ſter haben ihn nun zum Kampfe geweiht; wer fällt, dem iſt die Seligkeit des Jenſeits gewiß. Ihr kämpft morgen für den Altar Eures Gottes, hat man ihnen zugerufen; Ihr müßt Eure heilige Stadt Moskau, die der Feind verheeren will, beſchirmen, Eure Weiber und Töchter vor Schmach und Sklaverei beſchützen. So etwas wirkt; der gemeine Nuſſe dürſtet jetzt ordentlich nach dem Märtyrthum, von unſern Kugeln zu fallen. Ich habe auch die Proclamation geleſen; man ſchmeichelt uns darin eben nicht, und ich verſichere Euch, es würde ſchwer halten, den Grimm eines Ketten⸗ hundes ſo giftig gegen uns zu reizen, als der alte Cyklop da drüben ſeine Eisbären gegen uns heranhetzt. Mir ſieht II. 1 10 — 218— die Sache verteufelt ernſthaft aus, denn zum Scherz, das wißt Ihr wohl, ſtöret man den Soldaten nicht ſo auf, da der⸗ gleichen Stimmungen nicht ſechs Wochen vorhalten, und man ſich hüͤten muß, ſie vergeblich zu erregen, weil dann die Wiederholung ſchlecht ausfällt. Darum ſage ich Euch, wir finden morgen den Feind noch auf dem alten Fleck; vielleicht noch. übermorgen. Denn eine eherne Mauer rennt ſich ſo leicht nicht um, und Fanatiker ſind noch zäher als Eiſen.“ „Wie! Ihr zweifelt am Siege, Regnard?“ rief Ra⸗ ſinski faſt unwillig. 3 „Keineswegs! Aber er wird blutig werden. Ein zwanzig, dreißigtauſend Mann duͤrften wol morgen Abend die Erde hier düngen und ſo friedlich nebeneinander liegen, wie ſie ſich am Tage grimmig gepackt haben. Sollten wir darunter ſein, Obriſt, ſo laßt uns jetzt Abſchied nehmen, denn ich muß zu meinem Corps zurück.“ Er reichte Raſinski die Hand dar, die dieſer kameradſchaftlich ſchüttelte.„Leben Sie wohl, meine Herren!“ wandte er ſich zu den übrigen,„Auf Wiederſehen; morgen Abend oder in Moskau; wir neh⸗ men's indeſſen nicht übel, wenn auch Einer oder der Andere von uns gehindert wäre, Wort zu halten.“ Mit dieſen Worten verſchwand er in der Menge. Kaum war er fort, als Petrowski ſich eilig durchdrängte und Ra⸗ ſinski eine verſiegelte Depeſche übergab. „Wir müſſen zurück,“ ſprach dieſer, als er geleſen hatte. „Es werden noch in dieſer Nacht veränderte Stellungen der Truppen genommen werden. Kommt denn, Freunde, es iſt keine Zeit zu verlieren.“ Sie erreichten ihr Lager wieder. Raſinski befahl die Feuer zu löſchen, die Leute mußten unter die Waffen treten. Bald darauf brachte ein Adjutant, ſo ſchien es, den Befehl zum Aufſitzen, und das Regiment ſetze ſich in Marſch. Im — 219— Reiten bemerkte man, die Feuer erloſchen waren, oder doch nur ſpärlich und düſter brannten. In dem ruſſiſchen Lager dagegen flammten ſie hoch auf und beſchrieben einen weiten, düſter Kühenden Sternenkreis um den dunklen Horizont. 3 Der Marſch war nur kurz; man hatte ſich näher gegen das Centrum der Armee gezogen. Am Abhange einer Anhöhe, die hier breiter emporſtitge machte man Halt; rechts war das Terrain mit Gebüſch be⸗ deckt, das den übergang zu höherer Waldung bildete. Große Maſſen Cavalerie ſchienen hier verſammelt zu werden. Ge⸗ gen elf Uhr hatte man feſte Stellung genommen. Raſinski ließ abſitzen, doch blieben die Pferde geſattelt. Die Leute lagerten ſich auf dem Boden. Stumme, geſpannte Erwar⸗ tung trieb das Herz in jeder Bruſt zu ſchnellern Schlägen an. Der Schlaf nahte ſich nur ſcheu, doch endlich bezwang die körperliche Ermüdung die geiſtige Aufregung, und trotz der rauhen, kalten Herbſtnacht ſanken alle Krieger in tiefe Ruhe. Sogar Ludwig; doch bange, wehmüthige Träume ſchreck⸗ ten ihn oft wieder wach, und er ſah dann die Wirklichkeit noch düſtrer um ſich her geſt ätcet als ſelbſt ſeine Träume. Viertes Capitel. Der große, furchtbare Morgen des Schlachttages brach an. Der Himmel war heiter; nur wenige Nebelſtreifen lagen über den tiefgehöhlten Betten der Kalotſcha und einiger andern Bäche, die das Schlachtfeld durchſtrömen. Ein friſcher Mor⸗ genwind zertheilte dieſe Dunſtgebilde in wenigen Minuten, 10*† daß im ganzen Lager der Franzoſen — 220— Jetzt hob die Sonne ſich hinter den düſtern, dunkelglühenden Gipfeln des Fichtenwaldes bei Utiza herauf und warf ihre Strahlen blendend über das Gefilde, wo die Maſſen des franzöſiſchen Heeres, ſchon zur Schlacht geordnet, aufgeſtellt waren. Die langen Reihen der Bayonnette funkelten roth⸗ blitzend, die Adler ſtrahlten, und in dem Harniſch der Kü⸗ raſſiere glühte das volle Bild der Sonne, ſodaß es ſich, zahllos aneinandergereiht, einer blutigen Schlange gleich, durch die Flur ringelte. „Das iſt die Sonne von Auſterlitz,“ rief der Kaiſer, der auf einer Anhöhe zur Linken der aufgeſtellten Cavalerie, neben einer vorgeſtern erſtürmten Redoute hielt, und deutete mit dem Finger auf das glänzende Geſtirn. Raſinski war nebſt mehreren andern Commandeuren den Hügel hinangeſprengt, um das Schlachtfeld beſſer überblicken zu können; er hielt ſo nahe, daß er die Worte des Kaiſers hören konnte. Die Generale, an welche ſie gerichtet waren, erwiderten nichts. Ludwig und Bernhard hielten, da ſie Raſinski beglei⸗ teten, dicht hinter den Commandeuren. Auch ſie hatten den lauten Ausruf des Kaiſers gehört. „Die Strahlen fallen uns zu blendend ins Auge,“ ſprach Bernhard leiſe zu Ludwig;„wir können den Feind nicht ſehen, doch muß er uns deſto deutlicher unterſcheiden. Dieſe Sonne iſt uns alſo wenigſtens jetzt noch nicht günſtig.“ Ludwig erwiderte nichts. Ringsher herrſchte das tiefſte Schweigen. Jetzt ſahe man die Batterien, welche in der Nacht ihre Stellung zu entfernt von der befeſtigten Linie der Ruſſen genommen hatten, vorruͤcken, um nähergelegene Höhen zu beſetzen. Der Feind benutzte dieſen günſtigen Augenblick nicht. Es ſchien, als wolle er in dieſem Kampfe, wo er — 221— ſich ſtets nur vertheidigt hatte, ſelbſt auf dem erwählten Schlachtfelde nicht das erſte Blut vergießen, ſondern dem Angreifer auch jetzt noch Wahl und Muße laſſen, von ſei⸗ nem Unternehmen abzuſtehen. 4 Da ertönt plötzlich von dem linken Flügel her der dumpfe Donner des Geſchützes; man ſieht Rauch und Staub bei dem Dorfe Borodino aufſteigen. Die heilige Stille iſt ge⸗ brochen, der ſchwarze Wolkenſchleier des Verhängniſſes der⸗ riſſen, der Blitz flammt verheerend herab. 8 Mit zermalmender Wucht entrollt das eherne Rad den Händen des Geſchickes; zertrümmere, wen es mag, keine Gewalt greift jetzo mehr hemmend in ſeine Speichen. Die Befehle des Kaiſers fliegen durch das Gefilde. Im Augenblick donnert es von allen Höhen, die eben noch gleich ſchlummernden Ungeheuern in dumpfer Schreckensſtille ruh⸗ 2 ten. Rauch und Flammen brechen aus ihren Gipfeln her⸗ vor, die Erde bebt, die Lüfte zittern in dem furchtbaren Getöſe. Ein hereinbrechender Höllenſtrom waͤlzt ſich, eine breite, ſchwarze Fluth des Dampfes, wirbelnd über das Ge⸗ V filde; kaum das Blutauge der Sonne dringt durch die wo⸗ genden Finſterniſſe hindurch. Mit bang gepreßter Bruſt betrachteten Bernhard und Lud⸗ wig dieſe Entwickelung des den Gewohnteſten erſchütternden Schauſpiels, welches für ſie noch alle Schrecken der Neuheit und des Unbekannten mit ſich führte. Doch fanden ſie, wie jeder Bewußte und Gebildete, Faſſung und Ruhe in dem Gefühle der Pflicht, der Männerwürde. Naſinski mochte ahnen, was in ihnen vorging. Er ritt zu ihnen heran und ſprach:„Ihr habt Euch mit mir eingeſchifft, Freunde; jetzt ſtürmt und brandet die See. Ich wollte, ich wüßte ein ſicheres Eiland, wo ich Euch ausſetzen könnte.“ „Es wäre nur ein Zufluchtsort der Schande,“ entgeg⸗ — — 222— nete Ludwig feſt:„wir wollen froh ſein, daß unſre männ⸗ liche Geſinnung eine ernſte Probe zu beſtehen hat. Sie darf es nun, und dieſer Gewinn iſt nicht klein, um ſo leichter verſchmähen, die Gefahr aufzuſuchen, um ſich vor ſich ſelbſt zu bewähren.“ über die ganze Hügelebene verbreitete ſich jetzo der Kampf. Unweit zur Rechten vor der Stelle, wo Raſinski hielt, doch außerhalb der Schußweite, lagen drei feindliche Redouten, welche den eiſernen Tod aus unzähligen Schlün⸗ den auf die anrückenden Truppen entſendeten. „Marſchall Davouſt wird viel Leute verlieren,“ ſprach Raſinski, als die Colonnen deſſelben ſich in der Ebene ent⸗ wickelten, um die furchtbaren Redouten zu ſtürmen. Feſt geſchloſſen, doch mit reißender Schnelligkeit drangen dieſe, durch die ſtrenge Kriegszucht zu einem Körper, in dem nur eine Seele lebte, zuſammengeſchmiedeten Maſſen gegen den verſchanzten Feind vor. Dreißig Geſchütze beglei⸗ teten ſie. Bald waren ſie ſo in Staub und Dampf gehüllt, daß man nichts mehr von ihnen ſah. Mit Adlerblicken überflog Raſinski das Schlachtfeld. Auf dem rechten Flügel hatte auch Fürſt Poniatowski be⸗ reits den Angriff begonnen; er debouchirte aus dem Walde, welcher ſeine Stellung gedeckt hatte, und drängte, ſo ſchien es, den linken Flügel des Feindes mit entſchiedenem über⸗ gewicht, doch nur langſam zurück. Aus dem feuerſpeienden Vulkane, durch welchen Davouſt und ſeine Scharen verſchlungen zu ſein ſchienen, ſprengte jetzt ein Adjutant mit verhängtem Zügel heran. Er jagte grade auf die Stelle zu, wo der Kaiſer ſich befand, der ſeinen Standpunkt um einige hundert Schritte weiter vorwärts genom⸗ men hatte, um einen deutlichern Überblick des Gefechts zu haben. —y— — — —— Man konnte nichts von der Meldung des Adjutanten vernehmen. Doch ſah man ihn gleich darauf in Begleitung des General Rapp mit ſtürmender Eile wieder in das Schlachtgetümmel ſprengen. Um zu erfahren, wie der Kampf ſich wende, ritt Ra⸗ ſinski an einen Transport verwundeter Offiziere heran, der ſo eben in der Nähe vorbeigebracht wurde. „Nun, Kameraden? Wie ſteht's? Ihr ſeid die effe Opfer?“ fragte er. „Wir werden aber nicht die letzten ſein,“ antwortete ein Capitain, der den Arm in der Binde trug;„die Batterien dort oben ſpeien einen Hagel von Kartätſchen aus. General Compans iſt gefallen, der Marſchall verwundet!“ „Marſchall Davouſt?“ „Freilich, wer ſonſt?“ „Das Gefecht iſt alſo blutig?“ „Es wird leichter ſein, die übrigbleibenden zu zählen, als die Todten!“ „Ich danke Ihnen, Kamerad, und wünſche Ihnen gute Beſſerung;“ mit dieſen Worten ritt Raſinski zurück. Die Schlacht hatte ſich jetzt ſchon allgemeiner entſponnen. Eben rückte Marſchall Ney mit ſeinen drei Diviſionen vor. Ein verwundeter General wurde aus dem Getümmel ge⸗ bracht. Es war Rapp, den, als er kaum in das Gefecht gekommen war, eine Kartätſchenkugel vom Pferde ſchmetterte. Die zweiundzwanzigſte Wunde erhielt dieſer unerſchrockene Krieger an dieſem Tage. Langſam trug man ihn gegen die Anhöhe hinauf, wo der Kaiſer ſtand. Ney's Diviſionen ent⸗ wickelten ſich jetzt im freien Gefilde; unter dem verheerenden Feuer des Feindes drangen ſie kampfluſtig gegen die Höhe an. Es ſchien, als dürfte dadurch bald eine Entſcheidung ein⸗ creten, der zufolge auch die Cavalerie in Thätigkeit kommen — 224— würde; deshalb hielt ſich Raſinski dicht am Regiment, um jeden Augenblick bereit zu ſein. Der König von Neapel ſprengte heran. Seine Adju⸗ tanten flogen nach allen Seiten. Er nahm die leichte Ca⸗ valerie zuſammen, um den Feind auf der Höhe anzugrei⸗ fen. Raſinski erhielt Befehl, ſich anzuſchließen. Im lang⸗ ſamen Trabe ſetzte ſich die Maſſe in Bewegung, um für den entſcheidenden Augenblick näher zur Hand zu ſein. Jetzt wirbelten die Trommeln der Infanterie zum Sturmſchritt. Mit Blitzesſchnelle ſah man dieſe die Höhen hinanfliegen. Der Donner der Kanonen verdoppelte ſich; die ganze Ebene war ein Meer von Rauch, Staub und Feuer. Man ſah nicht, wer fiel, nicht, wer vordrang. Da verſtummte plötzlich der Kanonendonner; ein lautes Jubelgeſchrei theilte die Lüfte, die Redouten waren durch Ney's und Davouſt's tapfere Scharen genommen. Mit ſtürmender Gewalt raſſelten jetzt die von dem rit⸗ terlichen Könige von Neapel geführten Reiterſcharen durch das Schlachtfeld. Staub und Kies wurden hoch empor ge⸗ ſchleudert, der Boden dröhnte unter dem ſtampfenden Huf⸗ ſchlage, die Roſſe ſchnaubten; das verworrene Getöſe be⸗ täubte das Ohr. Bernhard warf einen Blick auf Ludwig, der ihm zur Seite ritt; dieſer erwiderte ihn. So verſtän⸗ digten ſich die Freunde im ernſten Augenblick; denn das gegenſeitige Wort war nicht mehr zu vernehmen. In wenigen Minuten war die Höhe erreicht. Die ruſſi⸗ ſchen Truppen, aus den Batterien verjagt, waren größten⸗ theils auf dem Gefilde zerſtreut und wurden leicht von der Cavalerie noch ferner geworfen. Da aber vernahm man plötzlich den erneuten Donner des Geſchützes, und im Au⸗ genblick darauf brach ein Strom von Kugeln und Kar⸗ tätſchen in die Reihen der Krieger ein. Zugleich ſah man neue Corps in ſchwarzen Maſſen ſich auf den Höhen des gerade vorgelegenen zerſtörten Dorfes Semenowskoi entwickeln. Es war der Fürſt Bagration, der, auf Kutuſows Befehl, mit dieſen friſchen Scharen heranrückte, um dem geworfenen Corps zu Hülfe zu eilen. Rings auf allen Höhen war Artillerie aufgefahren, und faſt von allen Seiten zugleich ſchleuderte ſie ihre verwüſtenden Geſchoſſe auf die Andrin⸗ genden. Naſinski's Regiment ſchien der Zielpunkt geweſen zu ſein, den ſich unverabredetermaßen alle Batterien zugleich genommen hatten; denn es ſchlug eine ſolche Maſſe Ku⸗ geln und Kartätſchen von der Fronte und halb von der Seite her hinein, daß in wenigen Augenblicken die entſetz⸗ lichſte Verheerung und Verwirrung angerichtet war. Weite Lücken hatte das mörderiſche Geſchoß geriſſen; Pferde und Menſchen ſtürzten übereinander hin; lautes Wehgeſchrei der Verwundeten, halb Zerſchmetterten theilte die Lüfte und zerriß das Ohr. Es war, als ſei man in die Wirbel einer tobenden Windsbraut gerathen, ſo raſte der Tod in den Reihen. Naſinski hielt den Säbel hoch empor und rief mit der Macht ſeiner Löwenſtimme den Seinigen ein„Vorwärts!“ zu. Durch die Unerſchrockenheit des Führers ermuthigt drangen die ſchon ſtutzenden Reihen mit einem neuen, gewal⸗ tigen Anlauf vor. Doch in dieſem Augenblick praſſelte ihnen ein Kartätſchenhagel entgegen, deſſen Dichtigkeit faſt die Luft verdüſterte. Ludwigs Pferd wurde getroffen, es bäumte ſich hoch auf, that einen Bogenſatz und ſchleuderte den Reiter weit von ſich. Bernhard ſahe es, ein entſetzlicher Schmerz riß ihm in die Bruſt; doch es war an keine Hülfsleiſtung zu denken, denn der nachdrängende Strom trieb ihn mit unwiderſtehlicher Macht vorwärts über die Gefallenen dahin. Aber ſchon hatte die verſprengte ruſſiſche Infanterie ſich wie⸗ 10** 2 der geſammelt und rückte in geſchloſſenen Gliedern heran. Von allen Seiten ſtürmte der Tod in die Reihen; bald zerriſſen alle Bande des Geſetzes, der Ordnung. Die Führer ver⸗ ſchwanden in Staub und Rauch, oder weil ſie ſelbſt geſtürzt waren; kein Befehl wurde mehr gehört, der Schrecken gewann die Überhand. Zwei Escadrons Dragoner, die weiter vorge⸗ drungen waren, warfen ſich, einem furchtbaren Kartätſchen⸗ feuer weichend, in der Flucht auf Raſinski's noch Stand haltende Leute. Durch dieſen Stoß wurden auch ſie theils in den zurückfluthenden Strom mit hineingeriſſen, theils ein⸗ zeln flüchtig auseinandergeſprengt. In wenigen Minuten war die ganze Linie der Cavalerie aufgelöſt und auf der Flucht. Bernhard war durch einige wilde Sprünge ſeines ver⸗ wundeten Pferdes aus den Reihen geriſſen worden. Betäubt durch das entſetzliche Getümmel, in dem ſein ungewohnter Blick kaum noch etwas unterſchied, ſpähte er nur nach Ra⸗ ſinski, um deſſen Loos zu dem ſeinigen zu machen. Indem erblickte er heranſprengende Koſacken, die ihn faſt ſchon um⸗ ringt hatten. Schnell will er ſein Roß wenden; da ſieht er den König von Neapel in Gefahr, umringt zu werden. Er ſprengt ihm zu Hülfe; mit ihm zugleich dringen auch ſchon die Seinigen von allen Seiten heran, um den Feld⸗ herrn zu retten. Es gelingt! Murat ſchwingt ſeinen wehen⸗ den Reiherbuſch als Signal der Verſammlung. Sein Pferd wird durch eine Kugel zu Boden geſtreckt. Er ſelbſt aber iſt unverletzt; entſchloſſen, rühmlich zu fallen oder zu ſiegen, wirft er ſich in die Redoute; die Wenigen, die noch um ihn verſammelt ſind, folgen ihm. Auch Bernhard, dem nach Ludwigs Fall nur noch der Tod willkommen iſt, ſchwingt ſich von ſeinem durch die Wunde unbrauchbaren Pferde, um das Loos dieſer Tapfern zu theilen. Jetzt brauſen zwei feind⸗ licche, dicht geſchloſſene Kürraſſierregimenter gleich einer eher⸗ — 224— nen Meeresbrandung über das Blachfeld gegen die Schanze heran. Schon glaubten die Bedrängten ſich verloren, da er⸗ ſcheint der Marſchall Ney an der Spitze der wieder geſam⸗ melten Infanterie zum zweiten Male auf dem Nande der Anhöhe. Die ſeitwärts auffahrende Artillerie öffnet mit ih⸗ ren Feuerſchlünden eine Bahn in der wandelnden Mauer der feſt geſchloſſen anrückenden ruſſiſchen Küraſſiere; die Infan⸗ terie gibt eine Salve und dringt im ſtürmenden Anlauf mit gefälltem Bayonnett nach. Der Feind ſtutzt, wankt; ſeine Reihen ſind gebrochen, durch furchtbares Feuer ſchwerer Ar⸗ tillerie gelichtet; Einzelne weichen der übermacht des Schre⸗ ckens, der Strom reißt auch die Kühnern mit fort, und bald bedeckt ſich das ganze Gefilde mit Flüchtigen. Jubelnd dringen die Sieger von allen Seiten nach; jetzt erſt, da ſie den Sieg, die Ehre, den Feldherrn gerettet ſehen, halten ſie, athemlos, erſchöpft von der ungeheuren Arbeit, ein, um Kräfte zu neuen Thaten zu ſammeln. Bernhard benutzte den erſten Moment, wo es möglich war, nach den Verwundeten auf der Anhoͤhe zu ſehen, um Ludwig aufzuſuchen. Man war ſchon damit beſchäftigt, einige Generale und höhere Offiziere zurückzubringen, die auf dem blutig gedüngten Felde gefallen waren. Um die Maſſe der übrigen konnte ſich noch Niemand kümmern. Obgleich die äußerſte Gefahr damit verknüpft war, wagte ſich Bernhäed doch auf das freigebliebene Terrain zwiſchen beiden Heeren hinein, wo die Leichen des Regiments liegen mußten. Ein entſetzlicher Anblick bot ſich ihm dar, als er über das Fel der Verwuͤſtung ſchritt. Nicht die Todten erfüllten ihn mit Grauſen, die hülflos Verwundeten waren es, die jammernd um Rettung flehten, deren Elend er nicht zu mildern ver⸗ mochte. Schauernd, mit weggewendetem Geſichte floh er an ihnen vorüber. Sie ſtreckten ihm die verſtümmelten bluten⸗ —— . — 228— den Arme nach, ſie riefen nach ihm mit herzzerſchneidendem Laut. Unmöglich! Er mußte fort. Dieſer entſetzensvolle An⸗ blick mahnt ihn doppelt daran, daß Der, welcher ihm der Theuerſte auf Erden war, ſich in gleicher hülfloſer Lage des Jammers befinde. Leichen von Menſchen und Pferden hemmten jeden ſeiner Schritte. Ein Unglücklicher, der in krampfhaften Zuckungen ſich auf dem Boden wälzte, packte den Vorüberſchreitenden und ſchlang die Arme wie eine ge⸗ waltige Feſſel um ſeine Füße.„Helft mir! Rettet mich, daß ich nicht hier verſchmachte!“ rief er ſtöhnend. Es war ein Deutſcher! Bernhard vernahm vaterländiſche Laute! Sollte er den Landsmann, den Kameraden, der ihn flehend umſchlang, der mit fürchterlich zerriſſenem Leibe, dem die Eingeweide entſtürzten, vor ihm winſelte, zurückſtoßen? Sollte er mit einem Fußtritt den überreſt des heiligen Lebens zer⸗ malmen? Und anders konnte er ſich nicht aus den krampf⸗ haft verſchlungenen Armen befreien! Da rief er aus:„Ludwig Dir muß Gott helfen! Ich darf nicht!“ Und mit ſtürzen⸗ den Thränen beugte er ſich nieder zu dem Unglücklichen, um ihn auf ſeine Schultern zu nehmen und an den Ort der Rettung zu tragen. Doch ſchon löſte ſich der feſte Knoten, mit dem der Verwundete ihn gefeſſelt hielt; kraftlos fielen ihm die Arme zurück, das mit brechenden Augen emporge⸗ hobene Antlitz ſank auf den Boden nieder, der gewaltſam ver⸗ zerrende Todeskrampf war vorüber, das Leben entflohen. Ein kalter Schauder rieſelte über Bernhards Nacken, er trat bebend zurück und drückte beide Hände vor die Augen. Da ruft ihn plötzlich von weitem eine Stiname an; ſie trifft wie ein Laut des Himmels ſein Ohr. Er blickt auf, es iſt Ludwig zu Pferd, der heranſprengt, um den Freund, den er verloren glaubte, aufzuſuchen. Mit beflügeltem Lauf eilt er ihm ent⸗ gegen, ſie umſchließen ſich in heißer Umarmung, Thränen der —— Freude entſtrömen ihren Augen! Doch gilt es kein Säumen. Der brauſende Strom der Schlacht duldet nicht, daß man auf ſeinen Wogen müßig treibe und weile; er reißt Alles mit ſich fort.„Schwing Dich auf!“ ruft ihm Ludwig zu, „daß wir ſchnell die Unſerigen erreichen.“ Im Augenblick ſitzt Bernhard zu Pferde hinter Ludwig, und dieſer jagt mit der theuren Beute zurück, wo Raſinski ſchon die Seinigen aufs Neue ſammelt und ordnet. Mit Jubel eilen Jaromir und Boleslaw den Kommen⸗ den entgegen.„Ihr lebt? Ihr ſeid unverſehrt?“ tönt die gegenſeitige Begrüßung. Auch Raſinski ſprengt voller Freude heran und empfängt die Geretteten, die man ſchon verloren glaubte.„Ein Pferd hierher!“ ruft er, und ſchnell iſt eins von denen, die, ohne Reiter, aus natürlichem Inſtinct mit⸗ ten aus dem Schlachtgetümmel ihre alten Reihen wieder geſucht haben, für Bernhard in Bereitſchaft. Einige Augenblicke der Ruhe ſind den Erſchöpften ver⸗ ſtattet. Bernhard erzählt, wie es ihm ergangen; Ludwig, daß er, als ſein Pferd geſtürzt war, ſich, obwol von dem Schlage etwas betäubt, doch wohlbehalten wieder unter dem Noß hervorgewunden, ſchnell ein lediges Pferd aufgefangen und ſich dann dem Regimente wieder angeſchloſſen habe, bis die plötzlich rückwärtsfluthenden Wogen auch ihn mit fortriſſen. Als die Freunde ſich ſammeln, wiederfinden, fehlt Bernhard. Ohne ihn kein Leben..Mit verhängtem Zügel ſprengt er auf das Schlachtfeld zurück, doch, noch ehe er die Stelle erreicht hat, wo die gefallenen Kameraden liegen müſſen, ſieht er Bernhard von weitem, erkennt ihn an der Uniform, ruft ihm zu und rettet Den, der ihn retten wollte. So mit neuen Banden der Liebe aneinandergeflochten, wächſt ihre Freundſchaft mit den größern Schickungen mäch⸗ der Prüfung. Dooch aufs Neue reißt der Wirbel der Schlacht ſie fort. Auf das Geheiß des Königs von Neapel ſammeln ſich die Cavalerieregimenter wieder, um den durch gewaltiges Artilleriefeuer erſchütterten Feind vollends in die Flucht zu werfen. Naſinski ſtößt zu den tapfern Brigaden, welche Bruydres und Nanſouty befehligen. Dieſe Maſſen brechen in den Feind ein und werfen ihn auf ſein Centrum zurück; doch zahlloſe Todte, die Opfer des Sieges, bedecken das Schlachtfeld. Der Saum der Höhen hinter dem Dorfe Semenowskoi ſiſt noch immer mit furchtbaren Batterien bedeckt, die unauf⸗ hörlich ihren ſchwarzen Hagelſchauer von Kartätſchen in die Ebene hinabſenden. Der Sieg ſchwankt hin und her wie die Woge des gehobenen Meeres. Mit Leichen erkauft man jeden Schritt vorwärts, mit Leichen zeichnet ſich die Bahn des Rückzuges. Endlich ſtürmt die Infanterie mit dem Auf⸗ wmand der letzten Kräfte die ſteilen Höhen hinan, das Feuer des Feindes ſchweigt, es tritt ein neuer Augenblick der Ruhe ein. Raſinski hielt mit ſeinem Regimente in der Vertiefung einer Schlucht, wo er, während die Infanterie das Gefecht auf ein der Cavalerie ungünſtiges Terrain verſetzt hatte, vor den Kugeln des Feindes gedeckt war. Ernſt ritt er an den gelichteten Reihen hinunter und überſchlug die Zahl Derer, die er vermißte. Eine düſtere Wolke trübte ſeine Stirn, als er nicht völlig mehr die Hälfte der Seinigen unverſehrt von dem Geſchoſſe des Todes ſah. Ein volles Drittheil war unter den Todten, die Übrigen verwundet. Und doch ſtand die Sonne erſt im Mittag, und vielleicht war die blutigſte Arbeit noch zu thun. Ein pfeilſchnell heranſprengender Ad⸗ jutant Murats brachte ihm den Befehl, ſich gegen den linken Flügel der Armee zu ziehen und mit ſeinem Regimente die tig empor und läutert ſich wie edles Gold in der Flamme — 2 — 231— in Maſſen vorrückende Arkillerie zu decken. Zugleich ritt der Offizier mit ihm auf die nächſte Höhe und bezeichnete ihm den Punkt genauer, wohin ihn der Befehl ſandte. Die Schlacht war nun ſchon um ein Bedeutendes weiter gegen die Stellung des Feindes vorgerückt. Dieſer zog ſeine Re⸗ ſerven heran, um mit ausdauernder Tapferkeit einen zweiten Act des furchtbaren Schauſpiels zu beginnen. Zur Ver⸗ eitelung ſeiner Abſichten ließ der Kaiſer jetzt die ganze unge⸗ heure Linie ſeiner Artillerie ſich vorbewegen, um mit dieſer furchtbaren Waffe ſchon von ferne her die andringenden Co⸗ lonnen zu erſchüttern. Raſinski folgte drei ſchweren Batte⸗ rien, die einen etwas vorgeſchobenen Punkt einnahmen, wo ſie leicht durch feindliche leichte Cavalerie überraſcht werden konnten; er war beſtimmt, ſie für dieſen Fall zu decken. Das Schlachtgetöſe, welches man bisher vernommen, glich nur einem fern heranziehenden Gewitter gegen die krachenden Donnerſchläge, die jetzt aus dieſer ehernen Wetter⸗ wolke hervorbrachen. Auf den jenſeitigen Höhen waren die Ruſſen in langen Colonnen aufgeſtellt. Die Kugeln ſchlugen mit fürchterlicher Sicherheit in die ſchwarzen Maſſen ein. Man ſah, wie der Feind in ganzen Reihen ſtürzte; doch ord⸗ nete er ſich mit kaltblütiger Ausdauer immer von Neuem. „Sie leiſten einen zähen Widerſtand,“ ſprach Raſinski, der von der Stelle, wo er hielt, das ganze Schlachtfeld überſah.„Aber ſie opfern ſich vergeblich. Nicht dort ſollten ſie ſich ſammeln, ſondern entweder weiter zurück, oder ſie müßten raſch vorgehen. Dieſen Fehler werden ſie theuer bezahlen müſſen.“ Da für den Augenblick der Antheil des Regiments am Kampfe nur der eines Zuſchauers war, geſellten ſich Bern⸗ hard und Ludwig und die andern Freunde zu ihrem Führer. „Sieh, ſieh,“ rief Jaromir,„wie immer der blaue — 232— Himmel hinter der ſchwarzen Mauer ſichtbar wird, wenn die Kugeln eine Breſche legen. Sie ſind wahrhaft unſinnig, ihre beſten Leute ſo zu opfern!“ „Aber wir verſäumen auch die Zeit, fürcht' ich,“ ent⸗ 8 gegnete Naſinski.„Wenn jetzt die Garden vorgingen und 2 die Vortheile, die wir mit dem Blute unſerer Kameraden erkauft haben, wahrnähmen, ſo müßten wir das ganze Heer der Ruſſen gegen ſeinen rechten Flügel werfen und zwiſchen der Moskwa und der Kalotſcha einkeilen können. Ich ſehe gar nicht, wie ſie entrinnen wollten.“ „Der König von Neapel, davon war ich Zeuge oben in der Redoute,“ entgegnete Bernhard,„hat ſchon zuvor zum Kaiſer geſandt und um das Vorrücken der Garden ge⸗ beten.“ „Auch Marſchall Ney,“ ſprach Boleslaw. „Und er verweigerte ſie?“ fragte Naſinski. „Muthmaßlich!“ „Unbegreiflich! Unbegreiflich Er iſt zu weit vom Schlachtfelde entfernt; er ſollte hier ſtehen, wo wir halten, ſo würde er den Angriff im Sturmſchritt befehlen.“ „Ich kann mir nicht denken,“ ſprach Ludwig,„daß ein ſolcher Feldherr, wie der Kaiſer, nicht wichtigere Gründe haben müßte, dieſer Forderung nicht zu genügen, als Die ihm angeben, welche das Begehr an ihn ſtellen.“ „Was er einwenden mag, glaube ich zu ſehen,“ antwor⸗ tete Naſinski;„freilich iſt man auf den beiden Flügeln noch nicht ſo weit, wie im Centrum. Doch ſieht man, daß auch Fürſt Poniatowski vordringt, und der Vicekönig von Italien hat wenigſtens noch nicht unglücklich gefochten. Aber iſt das nicht Regnard, der dort herankommt?“ Er war es in der That. Mit verbundenem gopf und — 3 — 233 Arm ritt er langſam, von zweien ſeiner Leute begleitet, aus dem Gefecht zurück. Raſinski ſprengte zu ihm heran. „Nun, wie ſteht's, Freund!“ rief er ihm zu. „Wie es ſteht? Mit mir verteufelt ſchlecht, wie Ihr ſeht. Doch habe ich meinen Sicherheitspaß, daß ich in die. ſer Schlacht nicht das Leben laſſe. Ich bin unbedeutend verwundet, aber die Höllenarbeit und der Blutverluſt haben mich ſo matt gemacht, daß ich mich nicht mehr zu Pferd halten kann. Und das Unglück, der Verdruß, dieſe Argliſt des Teufels möchten mich raſend machen!“ „Was denn?“ fragte Raſinski erſtaunt. „Ihr fragt noch? Seht Ihr denn nicht, wie die Schlacht ſteht? Berſten möchte ich vor Grimm, daß der Kaiſer nicht mehr der Kaiſer, oder vielmehr, daß er nur der Kaiſer und nicht mehr der Feldherr iſt. Er ſoll krank ſein, das Fieber ſchüttelt ihn, kein Menſch kann ihn begreifen. Der Sieg liegt vor ihm, und er, der ſonſt in eine Charybdis ſtürzte, um ihn beim Schopf zu faſſen, trägt jetzt Bedenken, nur den Arm darnach auszuſtrecken. Murat, Davouſt und Ney haben ihn beſchworen, ihnen die Garden zur Verſtärkung zu ſchicken. Er hat es abgeſchlagen. Nur auf der Höhe ſollten ſie ſich zeigen, daß der Feind vor unſerer Reſerve beſorgt ſein müſſe. Es iſt, als ob ein Dämon der Hölle ſeine Geſtalt angenommen hätte, um uns zu verderben!“ „Wir werden dennoch ſiegen!“ „Freilich! Aber iſt es anders möglich mit ſolchen Trup⸗ pen? Gehen ſie nicht auf den Feind wie Wölfe in die Heerde? Meine Leute haben ſich beim Angriff auf die Schanze in den Tod geſtürzt, als gälte es einen Wettlauf nach den Preiſen auf dem Cocagnemaſt in den elyſeiſchen Feldern. Mich wundert nur, daß ſie nicht die Kugeln mit dem Bayonnett aus den Kanonen herauszuſpießen verſuchen, 234— während der Artilleriſt die Lunte aufs Zündloch hält. Beim Teufel, ich weiß, was fechten heißt, aber ſo wie heute habe ich die Franzoſen noch nicht gekannt.“ „Der Feind thut auch das Seinige!“ „Freilich! Er wehrt ſich wie ein angeſchoſſener Eber; doch grade an ſolchem eiſenſtarren Gegner wird der Soldat zum Löwen. Lebt wohl, Freund! Ich muß mich ordentlich verbinden laſſen, denn ich kann mich kaum noch im Sattel halten.“ Er reichte ihm die Hand hinüber und ritt weiter. Indeſſen hatte ſich die Schlacht auf eine entſetzliche Weiſe erneuert. Jetzt war es der heldenmüthige Eugen, der die gewaltigſte Arbeit vor ſich hatte. Auf einer Anhöhe inmitten zwiſchen Borodino und Semenowskoi hatte der Feind ſeine Stellung durch eine furchtbare Redoute gedeckt, aus der vierundzwanzig Feuerſchlünde unaufhörlich ihre Ei⸗ ſenmaſſen in die andringenden Regimenter ſchleuderten. „Dort iſt der Sieg!“ rief Raſinski aus, als er den Punkt ins Auge faßte, gegen welchen jetzt beide Mächte alle ihre Maſſen heranführten. „Dieſe Redoute iſt das Palladium des ruſſiſchen Reichs,“ rief er nochmals mit funkelndem Blicke.„Aber es muß das unſere werden. Jetzo wird der Kaiſer zeigen, daß er noch der Feldherr von Marengo und Auſterlitz iſt.“ Er hatte kaum dieſe Worte geſprochen, als er ſchon Be⸗ fehl erhielt, wieder mit ſeinem Regimente zu der Maſſe der Cavalerie zu ſtoßen, die ſich dem zum dritten Male neu hergeſtellten linken Centrum des Feindes entgegenwerfen ſollte. In einer Thalvertiefung, wo ein kleiner Bach floß, wurden die Truppen unter dem Schutze des Terrains geſammelt. Zugleich ſah man ungeheure Colonnen Infanterie ſich ent⸗ — *— 4 3 1 235— wickeln, die zum Sturm gegen die Redoute herangeführt werden ſollten. „Ich glaube, es iſt leichter, den Sitz des Donnergottes zu ſtürmen, als dieſe Höllenwerkſtatt der Cyklopen,“ ſprach Bernhard zu Ludwig und deutete hinüber. Doch ſchon rückten die Colonnen in raſchem Schritt mit gefälltem Ge⸗ wehr heran. Da erſcholl ein furchtbarer Donner. Es war eine Lage aus allen Geſchützen der Redoute zugleich. Ein Hagel von Kartätſchen praſſelte den Truppen entgegen, als ſollten ſie mit einem ſchmetternden Schlage vernichtet wer⸗ den. Der hoch aufgewirbelte Staub ließ nicht unterſcheiden, was fiel und ſtand. Doch bald ſah man die Adler wieder ſtrahlend leuchten, und in neu geſchloſſenen Gliedern rückten die Stürmenden heran. Das eiſerne Ungeheuer auf dem Hügel ſchien verſtummt zu ſein. Doch hatte es nur gelauert, um den Raub deſto ſicherer zu haben; denn als jetzt die Colonnen wieder zu einer dichtern Maſſe geſchloſſen waren, reckte es die blitzenden Zungen aus allen ſeinen vierundzwanzig Höllenrachen zugleich hervor, und das Erde und Himmel erſchütternde Gebrüll krachte durch die Lüfte. Wie wenn der Sturmwind über ein Kornfeld raſt und die Halme in breiter Fläche zu Boden drückt, ſo mähte jetzt die Sichel des Todes über die Stürmenden hin. Es ſchien, als ſei die Hälfte mit einem Streich vernichtet. Der eiſerne Strom, welcher über ſie hinbrauſte, gönnte ihnen kaum einen freien Athemzug. Mit unerſättlichem Grimm ſandte die Furie des Verderbens, in den düſtern Mantel der dampfenden Gewölke gehüllt, ihre Blitze nieder und betäubte das Ohr mit ſchmetterndem Ge⸗ töſe. Das Entſetzen gewann die übermacht; die Reihen wankten, wichen, zerſprengten ſich in eiliger Flucht. Neue Heere wurden herangeführt und erſetzten die Zerſchmetterten und Geflüchteten; aber eben ſo unerſchöpft ergoß ſich die Alles *. niederreißende Fluth der Kartätſchen über das Feld. Leichen ſendet zw 87 N— ſtürzten über Leichen, als wolle man einen Wall von Ge⸗ fallenen um dieſen Tod ausſpeienden Krater thürmen. An beide Seiten der Redoute, die wie ein uneinnehm⸗ 1 bares Gibraltar allen Anſtrengungen des verwegenſten Muths trotzte, lehnten ſich die Flügel des ruſſiſchen Heeres. Auch ſie ſandeend en Tod in die Reihen der Angreifenden. Murat ei Cavalerieregimenter gegen dieſe Colonnen, um den Verſuch zu machen, ſie zhewerßu und dann die Redoute in der Kehle anzugreifen, und ſie ſo zu nehmen. Allein kaum gelangen ſie ud den Bereich dis feindlich Feners, ſo bricht der Tod ver⸗ heerend in ihre Reihen vin; eine Kugel rejßt ihren Führer, den tapfern Montbrun, nieder. Da ſieihn ſehen, ſtutzten ſie, beginnen zu weichpf Das ſchnell ſprengt der General Caulain⸗ court heran, um Montbruns Stelle zu erſetzen.„Freunde,“ ruft er,„nicht beweinen, rächen wollen wir den Gefallenen.“ Auf Befehl des Königs von Neapel ſetzt ſich nunmehr die ganze verſammelte Maſſe der Cavalerie in Bewegung. Zwei ſächſiſche Küraſſierregimenter bilden den linken Flü⸗ gel; ein polniſches ſchließt ſich ihnen an. Dann folgt Ra⸗ ſinski mit ſeinen Scharen, dann die übrige leichte Cavalerie. Langſam rücken ſie vor, bis ſie in gleicher Höhe ſind. Jetzt tönt das Commandowort, die Trompete ſchmettert, die eiſerne Brandung wogt pfeilſchnell über das Gefilde. Der Donner der Kanonen wird übertäubt von dem tobenden Stam⸗ pfen und Brauſen der Roſſe, dem furchtbaren Schlachtruf der Krieger. Ein Staubwolke hüllte ſie in Nacht, nur die Blitze der feindlichen Geſchütze zeigen ihnen noch den Weg. Mann an Mann geſchloſſen, raſſeln ſie dahin. Dieſer ungeheuren Gewalt vermag nichts zu widerſtehen. Jetzt fällt der Wurf, auf den zwei Kaiſerkronen ſtehen; er entſcheidet die Schlacht, die Herrſchaft der Welt. Furchtbar brechen die anſtürmen⸗ den Reiterſcharen in die Linien des Feindes ein und werfen — 237— ihn mit ſiegender Gewalt zurück in die Ebene. Dieſer An⸗ blick entflammt den Muth der ſchon verzagenden Infanterie, welche gegen die Schanze hingeführt wird, aufs Neue. Wie? Jenen ſollte der Ruhm des Sieges allein bleiben? Und bräche der glühende Phlegethon d ius den donnernden Schlünden hervor, kein Tapfrey zagt, ihm die Männerbruſt vor. Die Eiſenmaſſen ſti Tauſende hinweg. Vorwä Die Adler fallen. Vorwz Vorwärts, daß ſie ſeelen aushauchen! in wift düſtere, donnernde Wqlke des Todes! Die h ein/ ſtr⸗ mendes Meer, rings/ umher brüllt die Sec, de Albgrund des Verderbens gähſit tief auf. Noch einmal krachen die ehernen Sul naſ en und ſchleudern Flammen und Erz gegen die Anſtülmenden. Ihre Reihen liegen gefällt! Doch „Sieg!“ rufen die Unverſehrten und dringen vor. Da wird es plößlich ſtill; der Donner verſtummt. Der ſchwarze Vorhang des Rauches zerreißt und ein ſtrahlender Glanz dringt den Tapfern blendend ins Auge. Wie? Iſt das die Göttin des Sieges? Thürmt ſich uns eine neue eherne Mauer entgegen! Nein, wir vernehmen Freundesruf, Siegesjubel! Es ſind die kühnen deutſchen Scharen hoch zu Roß, die die Schanze genommen, den Sieg errungen haben, und ſtolz ſpiegelt ſich die Sonne dieſes Tages in dem Stahl ½ ihrer funkelnden Harniſche, die ein Herz von noch undurch⸗ 8 dringlicherm Metall bedecken. Fünktes Capitel. 3 Die feindlichen Geſchütze ſind erbeutet, der Gegner ge⸗ rfe Doch bald nehmen ihn geordnete Scharen auf, und er ſch nt den Kampf nochmals erneuern zu wollen. Allein er erkennt, daß er weichen muß, aber er will nicht fliehen. Das grimmige Antlitz gegen ie Schlacht gewendet, zieht er ſich langſam zurick in⸗ neueſ ſichere Stellungen. Seine Hü⸗ gel, ſeine üſſe werden zu mächtigen Vertheidigern des Va⸗ terlandes. Kein Regenbach, der nicht die ſteil ausgeſpülten Ufer den heimatlichen Söhnen zur Bruſtwehr darbietet, um ſie gegen den na dringenden Feind zu ſchirmen; kein Hügel, der ſich nicht zur Veſte geſtaltet, um dem Verfolger aufs Neue einen Damm entgegenzuſtellen, an dem er ſeine er⸗ ſchöpfte Kraft vollends zerſchellen mag. So wurde es denn nicht die Aufgabe der leichten Reiterei, in die flachtenden Scharen vollends Verwirrung Eerderben zu tragen, es r folgte nach dem ernſten Spiel chlacht nicht das leich⸗ tere, dem Feinde reiche Beute abzunehmen, oder Scharen von Gefangenen im Triumphe einzuführen. Nur die ehernen Geſchoſſe der Artillerie hefteten ſich grimmig an die Ferſen der langſam Weichenden und ſandten ihnen den Tod nach, — bis die heilige ſtille Nacht den Jammer und das Entſetzen dieſes Tages ſchauerlich in ihren dunklen Mantel verhüllte. Um die nachrückenden Batterien gegen die feindliche Ca⸗ galeris zu decken, war Raſinski mit ſeinem Regimente bis zum Abend fortwährend im Gefecht geweſen. Jetzt, da die Nacht ſich herabſenkte, und auch dieſer letzte Kampf ein Ende hatte, ritt er mit den Seinigen langſam über das Schlacht⸗ 239— feld zurück, um ſich die Bivouacsſtaͤtte aufzuſuchen. Die tiefe Daͤmmerung ließ nichts mehr deutlich unterſcheiden; Himmel war mit dichten Wolken be Regen, vom rauhen Herbſtwinde NKrriegern ins Geſicht. Nach Tages war eine tiefe, ſchauerli den bewegten Kronen der W und Nauſchen, und flatternde der zogen, ein kalter, feiner gejagt, ſchlug den ermüdeten dem furchtbaren Getöſe des che Stille eingetreten. Nur in älder tönte ein hohles uſen“ Naben, die ſchon ihre Bente witterten, krächzten über den Häuptern der Reiter. Wie die 8 Natur ringsumher, ſo ſah es in jeder Bruſt aus. Ein tie⸗ fes, düſteres Schweigen hielt die Lippe gefeſſelt.„Iſt das das Gefühl eines Sieges?“ dachte Ludwig und bebte inner⸗ lich zuſammen. Sein Loos erſchien ihm in dieſem Augen⸗ blicke wie ein ſchwerer düſterer Traum, aus dem er erwachen 1 müſſe. Staunend und bebend warf er einen Blick rückwarts auf die Bahn ſeines Lebens, die ſo plötzlich aus ſanfter Ebene die ſteilſten Höhen hinangeklimmt war und an den dunkelſten Tiefen dahinleitete. Vor wenigen Monden, als der 1 Lenz eben die Knospen der Baume auf den italiſchen Fluren öffnete, wehte noch ſanfte Ruhe, ſtille Heiterkeit in ſeiner 1 Bruſt. Er ſah das Leben ernſt an, manche trübe Wolke og an ſeinem Himmel vorüber; doch fühlte er ſich in den nächſten beſchränkten Verhältniſſen glücklich und befriedigt. G Damals baute er ſchöne Luftſchlöſſer, von einer friedlichen, vom Geräuſch der Welt abgeſonderten Zukunft. Er dachte * an Marien, an die Mutte an ihre traute Haͤuslichkeit, an 1 den Ernſt der Wiſſenſchaft und des Geſchäftes, das ſeiner 3 harrte; er fühlte ſich glücklich als Sohn und Bruder. Selbſt 8 die wunderbaren Regungen ſeiner Bruſt, welche die holde, füßlockende Geſtalt, der er am Fuße des St. Bernhard begegnet war, erweckt hatte, wehmüthiger Sehnſucht auf ſeine führte nur ein Laͤcheln Lippen. Was er ſtets — 240— als einen Traum, als eine flüchtig zerrinnende Erſcheinung betrachtet hatte, das konnte keine tiefen Wurzeln des Grams in ſeine Seele treiben. Er kannte nur den Kummer um das Loos ſeines Va⸗ terlandes„ der freilich dunkle Schatten auf den Hintergrund ſeiner ſonnigen Lebensflur warf, und jenen Schmerz, man möchte ihn oft auch ein Glück nennen, den das unbefrie⸗ digte, unbeſtimmte Drängen und Treiben erzeugt, welches in jeder jugendlichen Bruſt ſtürmt. Mit dieſen Gefühlen ſtieg er den Hügel vor Duomo d'Oſſola hinan; da erblickte er das geheimnißvolle Zeichen des grünen Schleiers— und von jenem Augenblicke an wurde die leiſe bewegte Fluth ſeines Lebens in ſtürmiſchen Wellen gehoben, und die Woge ver⸗ ſchlug ihn wild in die weiteſte Ferne und Ode. Wenn er ſich jetzt in der Tiefe des ruſſiſchen Neiches, auf einem mit Leichen bedeckten, blutgedüngten Schlachtfelde erblickte, wenn er gedachte, daß die Mutter fern von ihm in der ſtillen Gruft ſchlummerte, die Schweſter einſam und verlaſſen ſtehe, das Bild der Geliebten in das Meer einer ewigen Nacht verſunken war, dann gab es Augenblicke, wo er mit krampf⸗ haftem Schmerz ausrufen wollte: Erweckt mich, erweckt mich aus dieſem fürchterlichen Traume! Da fühlte er, daß Bern⸗ hard, der ſtill an ſeiner Seite ritt und den wie das Grab ſchweigenden Freund mitleidig betrachtete, ſeine läſſig herab⸗ hängende Rechte mit warmer Liebe ergriff und drückte; und die verwirrenden, betäubenden Bilder des Schmerzes verließen ſein Haupt, und eine ſanftere Rührung ſenkte ſich in ſeine Bruſt, wie wenn giftige Nebel bei dem Strahl einer mil⸗ den Sonne als Thränentropfen des Thaues niederſinken. „Du biſt ſo ernſt und verſchloſſen Ludwig,“ redete der Freund ihn an;„Du ſollteſt das Auge heiterer zum Himmel aufſchlagen, da wir uns nach dieſem blutigen Tage noch — 241— lebend beieinander finden. Es darf uns ein Unterpfand ſein, daß unſer ſeltſames Geſchick zu einem glücklichen, entſcheiden⸗ den Ausgange führen wird. Ich bin nicht ſonderlich fromm, wie man es gemeinhin zu verſtehen pflegt, aber nach einem ſolchen Tage, wo die Donner Gottes ringsumher rollten und ſeine Blitze einſchlugen, ſehe ich doch etwas bewegter als gewöhnlich zu den kleinen Sternen da oben hinauf, wenn gleich ſie nur verſtohlen durch das treibende Herbſt⸗ gewölk blitzen.“ *8 Bernhard,“ erwiderte Ludwig,„wie haſt Du Recht! Wenn ich Dich neben mir ſehe, lebend, friſch wie an die⸗ ſem Morgen, dann wendet ſich meine Seele wahrlich dank⸗ bar zu dem ewigen Vater. Doch ich fühle auch zugleich, wie namenlos tief der Abgrund der Schmerzen ſein kann. Freund, ich fühle, was ich verlor, und bebe vor Dem, was ich noch verlieren kann! Wenn nun der mörderiſche Tod, der nur ſo wenig von unſern Getreuen verſchonte, auch Dich hinweggerafft hätte! O dann wäre mir beſſer, ich läge auch auf dieſem dunklen Felde!“ „Und Marie?“ fiel Bernhard ein. „Ihr müdes Haupt würde ſich bald zu mir ſenken.“ „Wohl, zu Dir,“ betonte Bernhard mit einer ſchmerz⸗ lichen Heftigkeit, welche der Freund, durch die eignen Be⸗ kümmerniſſe zu mächtig ergriffen, nicht bemerkte. Mir freilich, wollte er bitter hinzuſetzen, würde kein Gedanke kein Wunſch nachfolgen, wenn ich als eine gute Mahlzeit der Raben, die hier über uns ſchwirren und krächzen, auf die⸗ ſem wüſten Schlachtfelde vermoderte. Doch er bannte, ge⸗ wohnt, ſich ſtreng zu beherrſchen, die Gedanken von ſeinen Lippen in die Bruſt zurück und ſagte mit faſt gleichgültigem Tone:„Sprich nicht ſo frevelhaft, Ludwig. Freilich ſoll ſie ihr Haupt bald zu Dir neigen, aber eine von Freude ge⸗ II. 1 11„ — 242— röthete, von ſüßen Thränen genetzte, liebliche Wange gegen Deine warme, lebensvolle Bruſt.“ „Hoffſt Du das?“ „Gewiß, und grade heut nach der Schlacht am meiſten. Denn der Sieg iſt auch der Friede, der Friede die Heim⸗ kehr, dieſe die Verſöhnung mit allen noch grollenden Schick⸗ ſalsmächten, wenn ich den franzöſiſchen Schuften nicht zu viel Ehre anthue, ihre hämiſchen Kreuzſpinnengewebe mit dem Geſpinnſt der Parzen zu vergleichen.“ Hier wurde ihr Geſpräch dadurch unterbrochen, daß Bernhards Pferd ſtolperte und auf die Kniee niederfiel, ſo⸗ daß er faſt über den Kopf deſſelben hinabgeſtürzt wäre. „Was iſt das?“ rief er, es emporreißend.„Der Teufel, ich glaube, es war ein Leichnam, über den ich geſtürzt bin.“ Bernhard hatte Recht; denn eben waren die Zurückblei⸗ benden auf den Theil des Schlachtfeldes gekommen, wo das ruſſiſche Geſchütz mächtig gewüthet hatte; bisher hatten ſie nur die Stellen durchritten, wo die franzöſiſche Artillerie den Feind Schritt vor Schritt verfolgte und ihm ſchwere Ver⸗ luſte beibrachte, während man ſelbſt nur einzelne Opfer zu beklagen hatte. „Wir ſind jetzt auf der Höhe hinter Semenowskoi,“ ſprach Raſinski;„hier müſſen ſchon viele Todte liegen, ge⸗ wiß auch noch viele ſchwer Verwundete. Neitet daher vor⸗ ſichtig, damit wir die Qual der Hülfloſen nicht vermehren.“ Der menſchliche Befehl war vergeblich. Denn bald wurde die Zahl der Leichname von Menſchen und Pferden, die den Boden deckten, ſo groß, daß man faſt auf jedem Schritt daran ſtieß. „Wir wollen links hinab in die Schlucht hineinreiten,“ befahl Raſinski.„Dort hat der Tod nicht ſo wüthen können; wir erreichen unſer Ziel zwar auf einem Umwege, aber doch noch ſchneller als hier, wo wir auf jedem Schritte gehemmt ſind.“ So lange ſie noch auf der Höhe hinritten, blieb der Boden mit Leichnamen bedeckt. „Es iſt mir lieb, daß die Nacht den Anblick des Grauens verhüllt,“ ſprach Ludwig;„wenngleich die Phan⸗ taſie mächtiger iſt als die Wirklichkeit, ſo werden ihre Bil⸗ der doch nicht ſo gräßlich ſein als die, welche der Tag hier enthüllen wird.“ Stumm ritt die kleine Schar durch das Leichenfeld hin. Oft glaubte man ein Achzen, ein ſchweres Stöhnen zu ver⸗ nehmen, doch der in den Bäumen des nahen Waldes rau⸗ ſchende Wind, das dumpfe Geräuſch des Hufſchlags, das Raſſeln der Säbel, das Schnauben der ſchwer athmenden Pferde übertäubte dieſe einzelnen Laute des Jammers ſchnell wieder. Dennoch ſchnitten ſie tief ins Herz. Jeder athmete freier auf, als man die Schlucht erreichte, wo der Tod ſeine Opfer nicht ſo bloßgeſtellt gefunden hatte. Dem Lauf der Regenbäche folgend, die ſich hier ihr tiefes Bett gewühlt hatten, kam man an dem Fuße des Hügels vorbei, auf dem die drei Redouten lagen, wo Naſinski mit ſeinem Regiment zuerſt in den Kampf verwickelt worden war. „Halt Front!“ commandirte er. Das Regiment, wenn man die wenigen Leute, die noch übrig waren, ſo nennen darf, ſtand jetzt mit der Fronte gegen die Anhöhe, wo es ſeine Tapferſten gelaſſen hatte.* „Dort oben,“ ſprach Raſinski mit bewegter, aber männ⸗ lich kräftiger Stimme zu den Kriegern,„dort auf dem Hü⸗ gel liegen unſere getreuen, tapfern Kameraden. Laßt uns ein ſtilles Gebet für ſie ſprechen.“ Mit dieſen Worten nahm er ſeine polniſchen Czapka mit dem hohen wehenden Buſch herab und neigte das entblößet 11* 6 — 244— Haupt. Alle Krieger folgten ernſt ſeinem Beiſpiel. Einige Minuten herrſchte eine leiſe, heilige Stille. Dann richtete ſich der Führer wieder empor, bedeckte ſein Haupt und ritt im kurzen Galopp die Fronte hinunter; in der Mitte, auf einem kleinen Hügel hielt er.„Rechts und links ſchwenkt zum Kreiſe!“ gebot er. Es geſchah. Als man etwa einen Halbkreis gebildet hatte, denn mehr ließ das Terrain nicht zu, gebot er Halt und begann:„Kameraden! Der heutige Tag war blutig, aber ruhmvoll. Mehr als zwei Drittheile unſerer Brüder fehlen in Euren Reihen. Die Hälfte hat den Sieg mit dem Tode erkauft, die Andern liegen an ſchweren Wunden darnieder. Wir bejammern die Tapfern, die gefallen ſind, aber ihr Loos iſt ſchön; ihr Verluſt darf uns nicht entmuthigen, ſondern wir müſſen ſtolz darauf ſein. Ver⸗ bannt daher die düſtere Stimmung aus Eurer Bruſt. Wir haben geſiegt, und nach einem Siege muß das Antlitz des Kriegers freudig glänzen. Der Kampf iſt geendet; noch we⸗ nige Tage, und Euch wird der Lohn für die ſchweren Mühen und Gefahren, welche Ihr rühmlich heſtanden habt. Ja, meine Brüder, rühmlich; denn ob uns auch in einzelnen Augenblicken der Schlacht das Geſchick entgegen war, Ihr habt gefochten wie wahre Söhne Polens; es iſt mein Stolz, Euer Führer zu ſein. Nehmt. meinen Dank, Kameraden, für dieſen ernſten, aber ſchönen Tag!“ Wie eine Flamme durch das ſchwere Gewölk des Rau⸗ ches, das ſie lange herabgedrückt hat, plötzlich leuchtend em⸗ porſchlägt, ſo flammte nach der düſtern Stimmung der Trauer jetzt die Begeiſterung der Krieger hell auf.„Es lebe unſer Führer, der tapfre Raſinski!“ rief Jaromir zuerſt, und die ganze Schar der Krieger ſtimmte ein. Raſinski dankte be⸗ wegt durch Handedruck und kameradſchaftlichen Gruß, doch beherrſchte er ſeine Rührung, um die kräftigende Stimmung ——— 3 3 ——— — 245 der Krieger, die ihm ſo wichtig und nothwendig ſchien, nicht zu unterbrechen. Er ließ die Trompeter ein Fanfare blaſen, die Glieder ordnen und ſchließen und ritt ſo an der Spitze des Zuges weiter dem Bivouac zu. In kurzer Zeit hatte man ihn erreicht, und nun füͤhlte Jeder das Bedürfniß der Raſt und Erquickung zu mächtig, um noch an etwas Anderes zu denken. Raſinski nahm ſeine Lagerſtelle unter drei hohen Tannen des Waldes, an deſſen Rande er den Bivouac bezog, ein. Das Feuer loderte ſchnell empor; ſein Widerſchein be⸗ leuchtete die weit hinübergeſtrcketen Zweige der alten, rieſen⸗ haften Bäume und das niedrige Gebüſch ringsumher. Bern⸗ hard, Ludwig, Jaromir, Boleslaw und die Offiziere, welche die Schlacht verſchont hatte, waren an dieſer Stätte gela⸗ gert; Raſinski wünſchte ſie um ſich zu haben. „Nun, Freunde,“ begann er,„laßt uns noch eine kurze Minute des traulichen Geſpräches genießen und dann der Ruhe pflegen, die uns Allen nothwendig ſein wird. Es war ein harter Tag! Wißt Ihr, wie viel wir unſer noch ſind? Nicht mehr als hundertundfünfundzwanzig Mann, uns Alle mit eingerechnet. Dreihundertundſiebenzig hat die Schlacht uns gekoſtet!“— Die Offiziere ſahen einander mit ernſten Blicken an. Sie waren nur ihrer fünf. Sieben hatte man ſchwer ver⸗ wundet vom Schlachtfelde tragen müſſen, elf der Tod hin⸗ weggerafft; und von Denen, die hier am Feuer ſaßen, hatte Boleslaw einen Hieb in der Stirn, den er jedoch ſelbſt verband, weil er nicht bedeutend war, und Lichnowski, ein ſehr junger Menſch, war durch einen Piſtolenſchuß am linken Arme geſtreift. Ganz unverletzt waren von den Offizieren nur Naſinski, Ja⸗ romir und die beiden Rittmeiſter Bernecki und Jelski; Bern⸗ hard war gleichfalls unverſehrt geblieben, doch Ludwig hatte einige Quetſchungen von ſeinem Sturz mit dem Pferde. — — 246— um Viele, um Alle, die ich vermiſſen muß, thut es mir weh,“ ſprach Raſinski;„doch ich darf wohl ſagen, ein Verluſt geht mir beſonders nahe. Es iſt unſer alter Pe⸗ trowski, dieſer tapfere Greis, der mehr Narben als Haar auf ſeinem Schädel hatte, in deſſen Bruſt aber das Jugend⸗ feuer des Muthes und der Vaterlandsliebe glühte, wenn gleich auf ſeinem Haupte der Schnee des Alters lag.“ „Alſo Petrowski todt! Und wo fiel er?“ fragte Bern⸗ hard. „Dort oben an den Redouten, wo wir geworfen wur⸗ den, wo die meiſten der Unſrigen den Tod fanden. Er wollte nicht weichen, er ſuchte ſeine Section zum Stehen zu bringen, da ſchlug eine Kanonenkugel mitten durch ihn und ſein Pferd hindurch, daß Beide übereinanderſtürzten. Der Säbel entfiel ſeiner Hand, und das Auge ſtarrte todt gen Himmel; ſo ſah ich ihn auf der Stelle liegen. Es war unmöglich, ihn wegzutragen, denn der Strom riß uns Alle fort.“ „Sollte er nicht vielleicht unter den Verwundeten ſein?“ ſagte Ludwig. „Nein, lieber Freund, ich habe ſchon Bericht. Auch ſah ich den Tod zu deutlich auf ſeinem Antlitz. Er liegt dort oben. Wenn uns morgen Zeit gegönnt iſt, will ich ſehen, daß ich den greiſen Helden ruhmvoll beſtatten kann, damit wenigſtens ſeine Kameraden daheim erzählen können, wo die Gebeine dieſes tapfern Polen ruhen!“ Raſinski ſchüttelte ſich wie von einem Froſtſchauer durchbebt.„Wir werden zu weich, Freunde! Wer weiß, welch ein Ereigniß uns in dieſer Nacht aufſtürmt; laßt uns der Ruhe pflegen.“ Err hüllte ſich in ſeinen Mantel und lehnte ſich zurück, mehr um ſeinen Schmerz zu verbergen, als um zu ſchlum⸗ mern. Doch hatte die ungeheure Arbeit, und noch mehr die lange Spannung der Seele, den Körper bis zur Erſchlaffung — 247— ermüdet, und ſo ſanken bald Alle, die ihn umgaben, in feſten Schlaf. Doch mitten in der Nacht trieben Unruhe und Sorge Naſinski auf. Er durchſchritt, in ſeinen Mantel gehüllt, die Reihen der Krieger, die im ſchweren Schlaf um die Feuer ausgeſtreckt lagen. Nur die Feuerwachen ſaßen aufrecht⸗ und ſchürten, indem ſie ſtarr in die Flammen blickten, ge⸗ dankenlos oder gedankenvoll die Gluth. „Was iſt die Uhr, Freund?“ fragte Raſinski. „Mitternacht.“ „Habt Ihr nichts vernommen? Keinen Kanonenſchuß in der Ferne, keinen Trommelſchlag?“ „Alles todtenſtill!“ „Seltſam,“ murmelte Naſinski für ſich;„man ſollte verfolgen, dem Feinde keine Ruhe gönnen. Aber die Sieger ſind vielleicht noch ermatteter als die Beſiegten!“ Er ging eine Anhöhe hinauf, die ihm einen weiten überblick geſtattete. Das Schlachtfeld lag ſchwarz und ſchweigend vor ihm. Die Feuer glänzten düſter im weiten Halbkreiſe wie am Abend zuvor im ruſſiſchen Lager; nur vereinzelt und ſpärlich brannten dieſelben auf dem Boden, wo das ſiegende Heer gelagert war. „Alſo das iſt die Frucht eines ſo entſetzenvollen Kam⸗ pfes? Der Feind unerſchüttert in ſeiner Stellung? Morgen geht vielleicht die Sonne zum zweiten Male ſo blutig auf? Noch ein ſolcher Sieg, und wir ſind verloren!“ Er ging heftig auf und ab. Ein verworrenes Geräuſch von Stimmen drang aus der Ferne in ſein Ohr. Es war der wohlbekannte ruſſiſche Schlachtruf, der aus dem Lager her⸗ überdrang.„Sollten ſie mitten in der Nacht einen Angriff wagen?“ 3 Indem rauſchte es dicht hinter ihm im Gebüſch. ——jjy — 248— „Wer da?“ „Ich bin's,“ antwortete Ludwigs Stimme.„Mich laſſen die ſchweren Träume keine Ruhe finden, drum folgte ich Dir, als ich Dich hier hinaufgehen ſah.“ Raſinski legte ſeine Hand auf Ludwigs Schulter und ſeufzte.„O mein Freund! Meine Träume ſind vielleicht noch ſchwerer! Wäreſt Du ſo ein erfahrener Soldat als ich, Du würdeſt mich begreifen. Dieſer Sieg iſt unſer Verder⸗ ben! Dieſer Krieg kann nicht glücklich enden. Der Kaiſer i*ſt verblendet! Er kennt das alte Rußland nicht. Er hofft nach Moskau zu dringen und dort den Frieden vorzuſchrei⸗ ben. Und wenn es ihm gelingt, in die alte Hauptſtadt der Zaaren, die nur noch zwei Märſche vor uns liegt, einzu⸗ ziehen, bedenkt er nicht, daß er dann erſt an der Schwelle dieſes rieſigen Reiches ſteht, daß jenſeits erſt die blühendſten Provinzen liegen, die Raum und Kräfte genug haben, die Bewohner dieſſeit der Moskwa aufzunehmen und zu nähren, während uns der Winter hier verſchlingt! Und noch ſind wir nicht in Moskau! Siehſt Du dort drüben die glänzen⸗ den Lagerfeuer der Ruſſen, hörſt Du ihr Kriegsgeſchrei? Wenn ſie entſchloſſen ſind, wenn ihr Führer Einſicht und Muth hat, ſo werden ſie uns noch drei Schlachten liefern, bevor wir Moskau's goldene Kuppeln glänzen ſehen. Und dann? Wenn Tauſende und aber Tauſende dahingerafft ſind, wie wollen wir die unermeßlichen Räume behaupten, die wir erobert haben? Jeder menſchlichen Kraft iſt eine Grenze geſetzt! Gewohnt das Ungeheure zu vollbringen, das Unmöglichſte wirklich zu machen, hat unſer großer Führer ſeine Kraft überſchätzt, ſein Maß verkannt. Er muß erlie⸗ gen unter der Rieſenwucht ſeines Unternehmens, das, rück⸗ wärts rollend, auf ihn ſelbſt herabſtürzt!“ Ludwig ſchwieg; er überließ ſich ſeinen düſtern Sorgen und Gedanken. Auch Raſinski ſtand ſchweigend vor ihm und ſtarrte in die Finſterniß hinaus. „O Freund,“ begann er plötzlich wieder, und ſo weich, wie Ludwig ihn nie geſehen hatte,„wenn man auf ein ſol⸗ ches Gefilde der Verheerung blickt, dann will man auch wiſſen, weshalb dieſe Tauſende von Opfern bluten mußten! O, Du ahneſt nicht, welch ein entſetzliches Bild menſchlichen Elends hinter dieſen Finſterniſſen lauert. Nicht die Todten beklage ich; ſie haben ihr edles Ziel erreicht. In der Schlacht zu fallen iſt das Loos, iſt der Ruhm des Kriegers. Aber wie viel Tauſende liegen hier auf der Folterbank namenloſer Qualen! Dieſe rauhe, regnichte Nacht durchſchüttelt uns mit Froſt, die wir in unſern Mänteln unverſehrt, wohlerquickt am Feuer ruhten. Und Jene dort? Mit zerſchmetterten Ge⸗ beinen, mit zerriſſenen Leibern liegen ſie dem rauhen Nacht⸗ ſturme preisgegeben; ihre Wunden bluten, Froſt und Fieber ſchüttelt ihre Glieder; angſtvoll zählen ſie die trägen Se⸗ cunden der Nacht, bis ihrem Elende Hülfe wird. Sie ge⸗ denken der Heimat, der Altern, deren zärtlicher Sorge ſie, kaum den Knabenjahren entwachſen, durch die eiſerne Hand des Krieges entriſſen wurden; dem Vater ſchwebt das Bild ſeiner zarten Kinder, dem Gatten die Geſtalt des liebenden Weibes, dem Jüngling ſeine weinende Braut vor Augen! Doch aus allen den Gedanken der Liebe, die ihnen in die Ferne auf das Schlachtfeld folgen, bildet ſich keine ſchützende, helfende Engelsgeſtalt, um den Verzweifelnden zu tröſten! Unter ſtarren Leichen gebettet, umgeben von Denen, die in dem Kampfe des Todes ſich und ihren Schöpfer verfluchen, liegen ſie in gräßlicher Einſamkeit oder in furchtbarer Ge⸗ mmeinſchaft, und jede kommende Minute ſchüttet einen Strom des Grauſens und des Jammers über ſie aus. Ludwig! Wer die Schlacht geſehen hat, kennt nur das lächelnde 11**† — — 250— Antlitz des Krieges. Sieh morgen das Schlachtfeld, und Du wirſt vor der grinſenden Larve des ſcheußlichen Ge⸗ ſpenſtes beben!“ Aufgeregt durch ſeine Worte und Vorſtellungen, hatte Raſinski die Hand des im Innerſten grauenden Ludwigs hef⸗ tig gefaßt.„Aber ſehen ſollſt Du es, mußt Du es! Du mußt wiſſen, was der Mann für den Ruhm, für das Va⸗ terland wagt. Der Anblick muß Deine männliche Erziehung vollenden. Aber wenn der Preis verfehlt wird! Wenn in unſerer Bruſt der ſchreckenvolle Gedanke keimt, es iſt ver⸗ gebens! Alles, Alles umſonſt! Alle die blutigen Thränen, die krampfhaften Seufzer des Elendes, die grauſenden Schauer einer Todesqual, die das Mitleid ſelbſt dem ver⸗ ruchteſten Verbrecher ſpart— Alles umſonſt! Freund, dann gibt es Augenblicke, wo ſonſt die eiſerne Kraft des Mannes morſch zuſammenbricht unter der Rieſenlaſt, die das Schick⸗ ſal auf ſeine Schultern wälzt.“ Ermattet ſchlug er die Arme um Ludwigs Nacken und ſenkte das Haupt gegen ſeine Bruſt; er vergoß keine Thräne, aber ſein Herz ſchlug ſtürmiſch, und ſeine Wange brannte wie in Fiebergluth. Ludwig hatte nicht Worte des Troſtes, er hatte nur den Druck der Liebe für den Mann, an deſſen männlicher Kraft er ſich ſo oft aufgerichtet hatte, und den er jetzt ſo überwältigt ſoah. Aber es waren nur Minuten. Bald richtete ſich Raſinski gefaßt wieder empor und ſprach wehmüthig⸗freundlich:„Meine Bruſt wird ganz ruhig, Lud⸗ wig, wie die, in der kein Herz mehr ſchlägt; doch nun iſt's vorüber, ich habe der erſtickenden Beklemmung Luft ge⸗ macht, der Traum iſt verweht, ich bin wieder Herr meiner ſelbſt. Du wirſt mich nicht ſchwach ſehen, wo es gilt, mich männlich zu faſſen, wo der Augenblick die That fordert. Ich wollte meine Qualen allein der Nacht vertrauen: jetzt — — 251— hat ſie die Bruſt des Freundes getheilt, und Du hilfſt ſie mir tragen, nicht wahr Ludwig? Ich habe ja Deinen Schmerz auch getheilt, und ſo tragen wir Beide leichter.“ Arm in Arm gingen ſie hinab und ruhten bis der grauende Morgen ſie weckte. Sechstes Capitel. Eine Ordonnanz hatte die Nachricht gebracht, daß der Kaiſer Heerſchau über die Truppen halten wolle. Mit dem Frühſten ſaß daher das Regiment auf und rückte in die Linie vor. Erſt jetzt erfuhr man von den hin und wieder reitenden Adjutanten, daß das ruſſiſche Heer in der Nacht ſeinen Rückzug begonnen habe. Der König von Neapel mit einem Theil der Cavalerie war ausgerückt, um zu erforſchen, ob es ſich nach Moskau oder Kaluga ziehe. Eine nachdrückliche Verfolgung mit dem ganzen Heere glaubte der Kaiſer den ganz ermatteten, faſt gänzlich aufge⸗ löſten Truppen nicht zumuthen zu können. In einer langen Linie aufgeſtellt, krönten die Regimenter den Saum der Hü⸗ gel, die das vor ihnen ausgebreitete Schlachtfeld begrenzten. Es lag, eine traurige Wüſte, vor ihnen da, doch war man zu fern, um das tauſendfache einzelne Elend darauf zu er⸗ kennen. Das Heer ſelbſt gewährte nur einen düſtern Anblick. Die Truppen hatten ſich um ihre Adler geſammelt; doch ſahen ſie nicht ſiegesſtolz, nicht freudig aus. Ihre Uniformen waren ſchwarz von Pulverdampf und Staub, zerriſſen von Kugeln und Säbelhieben. Hunger, Froſt, übermäßige Anſtrengung hatten die Kräfte der Tapferſten erſchöpft. Die ſonſt ſo feu⸗ 252— rigen Augen blickten matt unter den buſchigen Brauen her⸗ vor. Eine erhabene Trauer lag auf den tief gefurchten Stirnen; ſie ſchien zu wachſen mit jedem Blick auf das blutige Feld, wo ſo viel tauſend Waffenbrüder ſchlummerten, oder unter grauenvollen Martern den Tod als Erlöſer er⸗ warteten. Und dieſes Feld voller Leichen und Blut war die einzige Siegestrophäe, die man errungen hatte! Viele Re⸗ gimenter waren auf ein Drittheil geſchmolzen; ein kleines Häuflein ſtanden ſie um ihre Adler, kaum mehr zahlreich genug, ſie zu beſchützen. So harrten ſie des Kaiſers. Ernſt ritt er an den Reihen hinunter. Er grüßte die Soldaten, lobte ihre Tapferkeit in kurzen, gemeſſenen Wor⸗ ten, verhieß Belohnungen, Beförderungen, Ehrenzeichen. Wohl erhoben die Offiziere den Ruf:„Es lebe der Kaiſer!“ und die Krieger ſtimmten ein. Doch war es nur eine alte Gewohnheit, eine Pflicht des Herzens, kein freier Drang deſſelben, der muthig und freudig ausbrach. Und wo ſonſt der Donner von tauſend Stimmen erſchallte, da hörte man jetzt nur hunderte, denn Vielen war die Lippe auf ewig geſchloſſen. Nach der Beſichtigung der Truppen wandte der Kaiſer ſein Roß, um über das Schlachtfeld zu reiten. Viele Ge⸗ nerale und höhere Offtziere folgten ihm. Raſinski, und auf deſſen Aufforderung auch Ludwig und Bernhard ſchloſſen ſich in angemeſſener Ferne dem Zuge an. „Sieh nur, wie grau der Himmel ſich verhängt,“ ſprach Bernhard zu Ludwig, als ſie langſam an einander hinritten; nes iſt, als ſcheue er ſich, dieſem grauſenhaften Anblick ein heiteres Antlitz zu zeigen. Was muß das für eine Seele voll kühner, über das einzelne niedere Menſchenrecht und Menſchenglück hoch wie die Alpen hinausragender Entwürfe ſein, ——— 8 — —,— — 253— die ein ſolches Maß des Jammers verſchulden kann, ohne davon zerriſſen zu werden! In welcher Höhe muß der Geiſt über der Erde wohnen, dem ſo die kleinen Saaten, Früchte, Hütten, Freuden und Wünſche der Menſchheit entſchwinden, daß er nichts mehr entdeckt als die Maſſen der Länder und Völker, als die Oceane und die Veſte des Erdreichs. Wie weit muß er mit ſeinen Gedanken über die Zeit, über die Gegenwart hinausragen, der, mitten in der verworrenen tauſendfältigen Schrift der Tagesgeſchichte ſo kühn den un⸗ heuren Griffel der Weltgeſchichte führt!“ „In ſeiner Nähe,“ entgegnete Ludwig,„will mir's ſchei⸗ nen, als könnte ich mich zu dieſem Gefühl erheben. Wie ich mich ſelbſt verliere und mich nur als eine einzelne Kraft betrachten kann, welcher er mit tauſend andern zugleich die Richtung gibt; wie ich Alle, die ich ſonſt als die Beſten, Größten, Selbſtändigſten ehrte, Daſſelbe thun ſehe; wie ſie gegen ſein großes Eins verſchwinden, gleich den zahlloſen Tropfen eines Gewitterregens, wenn ſie den Ocean berüh⸗ ren— ſo wird mir begreiflich, wie ihm ſich alle die einzel⸗ nen Kräfte nur in dem einen Schwerpunkt ſeines weltge⸗ ſchichtlichen Willens zuſammendrängen. Er empfindet nur die Aufgabe, dieſe nach innern nothwendigen Geſetzen ſeiner Seele zu verwenden; er ſieht im Menſchen nur das Atom der einzelnen Kraft, das er zur Geſtaltung des Ganzen ſammeln muß. Ob darüber die Atome der einzelnen Rechte zerſtäuben, das erwägt er nicht, das darf er nicht erwägen, und wer ſich ihm anſchließt, verliert dieſes Recht nach noth⸗ wendigem Urgeſetz. Wer nicht, der muß es einem andern Allgemeinwillen opfern; das iſt das Loos der Erdgeborenen. Wer in ſich die Kraft fühlt, die Fäden des Wollens ſo vieler Tauſende in ſich zu vereinen, der hat auch das Recht dazu; wer ſich eitel darüber täuſcht, der wird bald zerſchmettert ſein —— — 254— von der Keule des Geſchicks, die er nicht zu führen wußte. Die aber, welche dem mächtigen Gebot eines Bildners der Weltgeſchichte gehorchen, dürfen nicht klagen, daß ſie ihre Freiheit einbüßen. Sie folgen hier wie ſonſt einem Natur⸗ geſetz, nur daß das höhere des Geiſtes weniger erkannt wird als das niedere der körperlichen Stoffe. Darfſt Du Dich empören, daß Du ſterblich biſt? Soll den Gott, der Dich dieſem Geſetze unterwarf, ein Vorwurf treffen? Nimmermehr. Darum iſt ein großer Mann ſo fern von der Verantwort⸗ lichkeit für die Leiden der Einzelnen, wie dieſe von dem Rechte des Vorwurfs. Und darum fühlt er Beruf und Geſetz in ſich vereint und findet ſeine Seele nicht belaſtet durch ihren Jammer, und ſie wenden ihren Fluch nicht gegen ihn. Jeder erträgt und vertritt in ſeinem Geleiſe, was eine ewige Schickung der Wahrheit und der Gerechtigkeit ihm auferlegt. Nur ſo geſtaltet ſich der Gedanke Gottes; wer daran nicht feſt hält, der darf über das ſummende Inſect, das ihm den Schlaf raubt, eine Beſchwerde gegen die Allmacht führen.“ „Blick auf! Sieh hier zur Rechten!“ ſprach Bernhard unterbrechend. Eben kam ein Transport Wagen heran, auf die man Verwundete geladen hatte. Der Ausdruck der bleichen, blut⸗ bedeckten Züge war meiſt der eines ſtillen, ergebenen Leidens. Einige ſahen trotzig, wild aus, als erhöben ſie ſich über ihr Schickſal. Nur Wenige ſtießen Jammerlaute des Schmerzes aus. Noch Andere empfanden nur die Freude der Hülfe, die ihnen wurde, und blickten heiter umher, als wollten ſie ſagen:„Diesmal ſind wir noch aus dem offenen Rachen des Todes entſprungen.“ Man erreichte jetzt die erſten Punkte, wo der Tod heftig gewüthet hatte, indem man durch den Hohlweg ritt, den Naſinski geſtern wählte, um das mit Leichen bedeckte Feld 8 — 255— zu vermeiden. Doch jetzt war es anders. Viele der Ver⸗ wundeten hatten ſich hierher geſchleppt, um Schutz gegen den Sturm zu ſuchen. Sie lagen, in die Erdlöcher ge⸗ kauert, und bebten vor Froſt und Fieberſchauer. Einem al⸗ ten Grenadier klapperten die Zähne heftig gegeneinander; doch gab er keinen Laut des Schmerzes von ſich, ſondern ſtarrte aus hohlen erlöſchenden Augen die Vorüberreitenden gräßlich an. Ludwig wurde von dem Anblicke ſo entſetzt, daß er vom Pferde ſpringen und dem Unglücklichen Hülfe leiſten wollte; doch kamen zum Glück eben zwei ſeiner Kameraden heran und legten ihn auf eine Bahre, um ihn fortzutragen. Einige Schritte weiter ſtieß Bernhard Ludwig an:„Sieh! es iſt zum Erbarmen!“ Ein junger Menſch mit blondem Haar, in deſſen wei⸗ chen, faſt mädchenhaften Zügen dem Jammer zum Trotz ſich noch jugendliche Lieblichkeit malte, lag am Wege und hob die gebrochenen Augen zu den Vorüberreitenden empor. Den halbgeöffneten Lippen ſchienen leiſe Worte der Klage zu ent⸗ fliehen; flehend wandte er ſeine Blicke zu einigen Kriegern, die in ſeiner Nähe Verwundete aufnahmen und ſie zu einem in einer Ausbiegung der Schlucht haltenden Wagen trugen. Er ſchien zu wimmern:„O! helft doch endlich auch mir!“ Ludwig konnte es nicht ertragen, er ſprang vom Pferde, näherte ſich dem Unglücklichen und wollte ihm Hülfe leiſten. Ein graubärtiger Grenadier ſprach rauh, aber doch gerührt: „Laßt ihn liegen, Kamerad, ihm iſt nicht mehr zu helfen, wir verlängern nur ſeine Qual. Wie ſoll Einer mit einem Bein und einer zerſchoſſenen Bruſt aus dieſem wüſten Lande wieder nach Frankreich hinken? Laßt ihn und helft lieber Denen, die noch zu retten ſind. Wünſcht ihm wohl zu ſchlafen, und damit gut.“ 4 Der Unglückliche hörte die Worte, die den letzten Faden — 256— ſeiner Hoffnung erbarmungslos zerriſſen, und ſah tief auf⸗ ſeufzend zu Ludwig empor. Dieſem verdunkelte ſich der Blick; er mußte alle Gewalt männlicher Entſchloſſenheit zu⸗ ſammennehmen, um feſt zu bleiben. Mit erbarmender Seele beugte er ſich über ihn und ſprach:„Es iſt ſo ſchlimm noch nicht, Freund, ich werde Dich dort hinauftragen; faſſe Muth!“ Der Verwundete ſah ihn dankbar an; zu lächeln vermochte er nicht mit den vom Schmerz zuſammengezogenen Muskeln, doch glänzte ein gerührter Aufblick der Freude in ſeinem ſterbenden Auge. Ludwig umfaßte ihn und wollte ihn emporheben; doch da der Unglückliche noch das ganze Gepäck auf dem Rücken trug, war die Laſt zu ſchwer, und er mußte ihn zurückſinken laſſen. Bernhard war gleichfalls vom Pferde geſprungen, um Ludwig Hülfe zu leiſten. Allein als beide Freunde den Sterbenden ſanft aufnehmen wollten, fiel ſein Haupt zurück.„Ah! ma mere!“ hauchte er mit verklingender Stimme und war dahin. „Wohl ihm!“ ſprach Ludwig gerührt, als er jetzt das ſtille Lächeln des Todes auf das ermüdete Antlitz treten ſah; „wohl ihm, nun iſt die Qual geendet.“ „Komm denn vorwärts,“ dräͤngte Bernhard, beſorgt, daß Naſinski ihres Zurückbleibens wegen zürnen möchte. Sie ſchwangen ſich wieder zu Pferde und ritten eilig nach. Eben als ſie den Zug wieder erreichten, war man auf die Höhe vor den Redouten gekommen, wo geſtern der Kampf ſo fürchterlich getobt hatte. Hier lag das ganze Feld voller Leichen; doch ſah man nicht mehr ſo viele Verwundete, denn ſchon ſeit dem dämmernden Morgen waren Hunderte von Soldaten beſchäftigt, ſie auf die herbeigeführten Wagen zu laden. Deſto ſchauderhafter aber war die Werkſtätte des Todes, die man hier betrat. Ruſſen und Franzoſen bedeck⸗ ten in zahlloſer Menge das Gefilde; denn hier hatte der — — — 257— Kampf lange unentſchieden hin und wieder getobt. Man ſah entſetzliche Verſtümmelungen; die abgeriſſenen Glieder lagen einzeln umher, oder waren achtlos in Haufen zuſam⸗ mengeworfen. Die Körper halb zerriſſener Pferde hatten ſich in den wilden Zuckungen des Todes über die Todten und Verwundeten gewälzt, ſodaß man in den erſtarrten Zügen Derer, die unter dem thieriſchen Leichnam lagen, noch die krampfhafte Angſt erkennen konnte, in der ſie unter der ſchauderhaften Bürde den Geiſt aufgegeben hatten. Zer⸗ trümmerte Helme, Harniſche, Gewehre, Säbel ſchimmerten zwiſchen den blutigen Leichen; Theile zerſchmetterter Geſchütze lagen umher. Es war ſchwer, die Pferde zwiſchen dieſes grauſe Gemiſch hindurch zu leiten, ohne durch ihren Huf menſchliche Körper, in denen ſich immer noch Spuren des Lebens vermuthen ließen, zu verletzen. Der Kaiſer hielt. Er ſah mit ſcharfem Blick rings umher; über den Anblick des Entſetzens zu ſeinen Füßen eilte ſein Auge hinweg. Er betrachtete nicht das Feld des Todes, ſondern das des Kampfes mit dem prüfenden Blick des Feldherrn. Er ſchien allein ſein zu wollen, denn ſo viel man ſehen konnte, deutete er Denjenigen, die in ſeiner nächſten Umgebung hielten, durch einen Wink an, ſich zu entfernen. Sie zerſtreuten ſich nach verſchiedenen Gegenden des Schlachtfeldes. Nur der Marſchall Berthier blieb in ſeiner Nähe und begleitete ihn auf ſeinem fernern Ritt. Raſinski nahm mit ſeinen Begleitern den Weg nach der Gegend zu, wo er geſtern mit ſeinem Regiment zuerſt ins Gefecht gekommen war. Bald ſah man die polniſchen Uniformen von weitem ſchimmern, die an ihrer leuchtend blauen Farbe weither zu erkennen waren. „Hier ſucht' ich Dich geſtern,“ ſprach Bernhard zu Lud⸗ wig;„beim Teufel, es iſt mir lieb, daß ich Dich jetzt neben mir reiten ſehe!“ Dieſe Worte ſtieß er faſt wild heraus; Ludwig erkannte indeſſen wohl, daß er nur die ihn über⸗ wältigende Rührung und Erſchütterung, die der Anblick des Schlachtfeldes in ihm erregt hatte, hinter dieſer rauhen Larve verbarg. „Nun wird man's bald gewohnt werden, und dabei ein⸗ ſchlafen können, wie Miſſethäter auf der Tortur, wenn ſie lange gemartert worden,“ fuhr Bernhard fort.„Der Menſch iſt fürchterlich gelehrig in der Kunſt der Erbarmungsloſigkeit. Ich fange ſchon an, mir Alles abzuſchütteln wie Schnee von einem Mantel.“ In der That machte er dabei eine Be⸗ wegung des Körpers, die dieſen Worten entſprach; ſeine Züge aber verriethen, daß er die Schauer, die ihn heftig erfaßten, auf dieſe Weiſe verbergen wollte. „O, wenn es uns gelänge, die Leiche des alten braven Graubart Petrowski aufzufinden,“ ſprach Raſinski, indem er den Blick aufmerkſam über das Feld warf und die Todten ſeines Regiments einzeln ſcharf betrachtete.„In dieſer Ge⸗ gend ſah ich ihn fallen. Verwundete ſehe ich zum Glück nicht mehr hier; es war freilich der Theil des Schlacht⸗ feldes, den wir am früheſten behaupteten, und hier konnte ſchon zeitig Hülfe geleiſtet werden. Aber iſt das nicht Ja⸗ romir, der dort ſo haſtig heranſprengt?“ Man erkannte ihn an einem weit leuchtenden Falben, den er ſeit geſtern ritt, wo er zwei Pferde verloren hatte. Als er näher gekommen war, ſodaß er bemerkt wurde, winkte er mit dem Säbel zu ſich heran. Im Felde iſt man immer auf wichtige Botſchaft gefaßt, deshalb eilte Na⸗ ſinski, ihm entgegen zu kommen; Ludwig und Bernhard blieben natürlich nicht zurück. „Wir marſchiren, Raſinski,“ rief Jaromir.„So eben iſt der Befehl gekommen,“ fuhr er fort, indem ſie langſam † — 259— zuſammen weiter ritten, da die vielen Leichen und Trümmer noch keine ſchnellere Bewegung erlaubten.„Boleslaw iſt ſchon fort mit dem überreſte des Regiments. Ich blieb, um Dich aufzuſuchen; ſie nehmen die Straße über Utiza. Wir ſollen die Seitenwege der alten Straße nach Moskau re⸗ cognosciren, weil man glaubt, daß ſich die Ruſſen dorthin gezogen haben und auf Kaluga und Tula marſchiren.“ „Wer hat den Befehl gebracht?“ „Ein Adjutant des Königs von Neapel.“ „Habt Ihr Fourage gefunden?“ Jaromir ſchüttelte den Kopf. „Alſo die Pferde hungern?“ „Etwas Heu und halbgewelktes Gras war Alles, was wir auftreiben konnten, doch hoffen wir in den Dörfern rechts der Straße noch Vorrath zu finden.“ „Und wie ſind die Leute?“ „Ausgeruht, doch nicht genug; unternehmend, aber nicht fröhlich. Der Sieg iſt zu unvollſtändig. Sie wiſſen, daß man nur achthundert Gefangene hat, und man ſollte nach einer ſolchen Schlacht doch doppelt ſo viel Tauſende erwarten. Die vierundzwanzig ſchweren Kanonen und etliche Feldſtücke ſind die einzige Beute, die man gemacht hat.“ „Und dafür ſiebzigtauſend Todte und Verwundete!“ ſprach Raſinski düſter. „Doch auf beiden Seiten,“ entgegnete Jaromir. „O, wir haben an der Hälfte, die auf uns fällt, auch doppelt genug. Ein fürchterlicher Sieg! Zweiundvierzig Generale ſind geblieben, unter ihnen Caulaincourt und Montbrun. Auch Marſchall Davouſt iſt verwundet.“ „Aber nicht gefährlich!“ Raſinski entgegnete nichts weiter, denn man hatte jetzt ein freies Terrain erreicht und ſprengte raſch darüber hin, — 260— um ſich dem Regiment wieder anzuſchließen und aufs Neue in das brauſende Meer kriegeriſcher Thätigkeit zu ſtürzen. So ſind die wilden Schrecken des Krieges der Arzt ihrer eigenen Zerſtörung; denn in dem ſtets fortbrauſenden Ge⸗ tümmel wird die klagende Stimme der Bruſt ſo übertäubt, daß ſie ſich ſelbſt nicht mehr vernimmt. Wer kann, ſo lange der Sturm ſich mit unaufhörlich erneutem Grimm auf das ſchwankende Fahrzeug ſtürzt, Die betrauern, welche er hinabgeriſſen hat in die Wirbel des Meeres? Die Seele ſelbſt brauſt ja in ſtürmenden Wogen aufV; erſt wenn dieſe beruhigter wallen, vermag ſie die Bilder des Lebens wieder klar in ſich abzuſpiegeln. Dann aber ruht auch ſchon, ſo hat es die ewige Güte geordnet, in ihrer Tiefe wieder das reine, treue Blau des Himmels, wo das glaubende Herz jeden Troſt findet, den es ſucht. Achtes Buch. Erstes Capitel. Am 14. September erreichten die erſten Reiterſcharen des Heeres, zu denen auch Raſinski mit dem kleinen Überreſte ſeiner Freunde gehörte, den Berg des Heils, von dem ſie das prächtige Moskau, den alten geheiligten Sitz der Zaaren, vor ſich in der Thalſenkung ausgebreitet ſahen. Es war zwei Uhr Mittags. Eine glänzende Herbſtſonne brach eben durch leichtes Gewölk, welches in dem lichtblauen Raum des Himmels ſchwebte. In tauſendfältigem Farbenſpiel fun⸗ kelten die zahlloſen Kuppeln der Kirchen und Paläſte, die, in Gold und ſchimmerndem Grün ſtrahlend, die Stadt hoch überragen. Aus dem Wald der Thürme ſtieg der Kreml wie ein gekröntes Haupt empor; die Moskwa ſchlang das ſilberne Band durch die Gefilde. Scharen flatternder Tau⸗ ben wiegten ſich mit leuchtenden Flügeln im Sonnenſtrahl hoch über den Dächern und umkreiſten die Thurmſpitzen. Ein unwillkürlicher Ausruf der Freude und der Ehrfurcht zugleich entſtieg der Bruſt bei dieſem überraſchenden Anblick. „Moskau, Moskau!“ ertönte der Nuf der Krieger, die ſich kaum überreden konnten, daß das unendlich ferne, wunderbar in das Geheimniß der Sagen und Märchen gehüllte, mit — 264— zahlloſen Mühen und Gefahren erſtrebte Ziel nun wirklich erreicht ſein ſollte. Ein goldener Preis des Siegers, eine ſtrahlende Krone des Ruhms, lag die Hauptſtadt vor den Augen der Kühnen, die es gewagt hatten, von den ſchönen, wirthbaren Ufern der Ströme Frankreichs und Deutſchlands mitten durch die Wüſteneien vorzudringen, hinter denen ſich dieſe Reichthümer verſchanzen, die an die Märchen des Morgenlandes erinnern. Freudenruf und Siegesjubel erfüllen die Luft. Die Vor⸗ dern rufen und winken ihren Kameraden. Der unter den Mühſeligkeiten des Marſches faſt erliegende Krieger fühlt ſich plötzlich mit neuer Kraft durchdrungen, jede Erinnerung an ſeine Leiden, Sorgen, Gefahren iſt verſchwunden. Einem Strome gleich, der ſich plötzlich eine neue Bahn gebrochen, und nun im raſchern Laufe dahinſchießt, fluthet die Menge in ſtets wachſender Beſchleunigung die Höhe hinan, daß die mächtig vordringende Woge den Gipfel überſchwillt. Je dichter die ſchwarzen Heeresmaſſen ſich auf der Anhöhe ſam⸗ meln, je lauter tönt der jubelnde Ruf und dringt durch die ſtillen Lüfte gen Himmel. „Alſo das iſt die berühmte, an Sagen und Wundern reiche Stadt der Zaaren,“ rief Bernhard, als er oben ſein Roß anhielt.„So haben wir ſie denn endlich doch aufge⸗ funden hinter den endloſen Wäldern und Steppen, die ſie beſchützend umgürten!“ „Es war Zeit,“ ſprach Raſinski, und that einen Blick rückwärts auf das Heer;„hohe Zeit!“ Ludwig betrachtete die reiche, unermeßlich ausgedehnte Stadt gleichfalls mit jenein ehrfurchtsvollen, die Bruſt er⸗ weiternden und hebenden Staunen, womit uns der Anblick eines Ortes oder eines Menſchen erfüllt, deſſen Ruhm lange von Ferne her zu uns gedrungen iſt, den wir ſchon in den 3 4 — — 265— Tagen unſerer Kindheit als ein Wunderbild in der Seele trugen, das aus unerreichbar weiten Näumen und Zeiten zu uns herüberſchimmerte. „Ein koloſſales Gemälde,“ rief Bernhard lebhaft;„daß man ſo etwas nicht malen kann! Seht nur die Maſſen von Licht und Glanz auf den Kuppeln dort; dann das verwor⸗ rene Gemiſch der Dächer und niedern Häuſer, der gränen Streifen und Flecken der Gärten, die ſich als Geäder und eingeſprengte Maſſen durch das Geſtein ziehen; die Silber⸗ blicke, mit denen der Strom durch die Landſchaft blitzt; und wenn wir uns umſehen, dieſes ungeheure Heer, das, einer ſchwarzen Fluth gleich, durch die Felder wogt. Seht nur, wie die Bayonnette im Sonnenlicht blitzen, die Federbüſche leuchten und das Erz der Kanonen ſchimmert, die drüben in der langen Colonne am Walde herunterziehen. Hier und dort verliert ſich der Blick ins Unendliche; denn die letzten Thurme der Stadt verſchwinden ſchon im blauen Duft und Nebel, und der lang nachgeſchleppte Schweif von Wagen und Nachzüglern des Heeres verliert ſich in unabſehbaren Räumen.“ Während dieſes Geſprächs war man langſam die Höhe hinuntergeritten. Einige Zeit hatte eine bunte Verwirrung geherrſcht, wie ſie ſtets bei außerordentlichen Ereigniſſen auf dem Marſche zu entſtehen pflegt; doch jetzt wurden die Leute wieder geordnet, mußten in ihre Züge eintreten und ſich dem ſtrengen Geſetz des Marſches vor dem Feinde unterwerfen. Denn man durfte allerdings auf einen ernſten Widerſtand gefaßt ſein, bevor man das Kleinod des Neiches, das Pal⸗ ladium der ruſſiſchen Krone, in ſeine Gewalt bekam, das wie ein glänzender Diamant vor den Augen des Heeres leuchtete.— II. 12 — 266— So rückte man der Stadt näher und näher, jeden Augen⸗ blick gefaßt darauf, einem entſchloſſenen Feinde zu begegnen. Plötzlich hielt man an; das Gerücht lief von Reihe zu Reihe, der König von Neapel ſei im freundlichen Geſpräch mit den Führern der Koſacken begriffen. Schon überließ man ſich der Hoffnung, daß der Kampf hier ein Ende habe, der Friede nahe, der Lohn für alle beſtandene Mühen und Ge⸗ fahren gewiß und unermeßlich ſei. Naſinski ſuchte, indem er etwas voranritt, die Wahrheit zu erfahren. Sie be⸗ ſchränkte ſich darauf, daß der König allerdings mit einigen Koſacken geſprochen und ſie beſchenkt habe. Sie hatten in⸗ deſſen nur einen Offtzier begleitet, der freien Abzug für die Nachhut Kutuſows forderte; im Verweigerungsfalle drohten ſie, die Stadt hinter ſich in Flammen aufgehen zu laſſen. Der Kaiſer, aufs ſchleunigſte benachrichtigt, willigte ein; man rückte demnach vor und in die Stadt ein. Während Prinz Eugen und Fürſt Poniatowski mit ihren Corps ſich zur rechten und linken Seite der Hauptſtraße ausbreiteten und die Stadt gewiſſermaßen umzingelten, folgte Raſinski mit den Seinigen dem Könige von Neapel, der mit Vorſicht einrückte. Es ſchien unmöglich, daß der Feind gar keinen Widerſtand leiſten ſollte; man mußte im Gegentheil auf heftige Gefechte in den Straßen gefaßt ſein. Jetzt zog man durch die Gaſſen der Vorſtadt. Sie waren leer und öde, gleich den verlaſſenen Dörfern, deren man ſo unzählige auf dem Wege bis an dieſes erſehnte Ziel getroffen hatte. „Sollten ſich die Einwohner ſo vor uns fürchten,“ be⸗ merkte Bernhard gegen Jaromir, der dicht neben ihm ritt, „daß ſie auch keine Naſenſpitze, nicht einen Zoll ihrer langen Bärte blicken laſſen? Sollte denn nicht ein einziges hübſches Kind neugierig genug ſein, um die fremden Ankömmlinge — 1 — — 267— aus einem jener kleinen Fenſter wenigſtens einmal zu be⸗ gucken? Es iſt uns ganz recht, wenn der Feind ſich vor uns fürchtet, doch die Mädchen müſſen nicht gar zu ſcheu ſein. Sind wir denn Menſchenfreſſer, zum Teufel, oder hält man uns dafür?“ „Ich vermuthe,“ antwortete Ludwig,„daß ſich die Be⸗ wohner dieſer Vorſtädte in die Stadt geflüchtet haben. Sie fürchteten vielleicht den erſten Anlauf; es war auch nicht un⸗ wahrſcheinlich, daß ſich hier ein Gefecht entſpinnen könnte. Da iſt freilich Der am ſchlimmſten daran, der keine Waffen führt.“ „Und zumal hier,“ wandte ſich Raſinski, der ihr Ge⸗ ſpräch gehört hatte, um,„wo die hölzernen Häuſer bei der erſten Granate, die man hineinwürfe, wie dürres Stroh hell aufflackern würden.“ „Es waͤre ein verwünſchter Streich,“ warf Jaromir hin, „wenn uns die Winterquartiere abbrennen ſollten. Mir däucht, wir könnten die Ruhe von ſechs bis ſieben Monaten, auf die ich hier hoffe, gebrauchen.“ Raſinski ſchwieg, doch las man auf ſeiner Stirn, daß er in Jaromirs Hoffnungen nicht einſtimmte.„Das Er⸗ wünſchteſte wäre wol,“ ſprach er nach einer Pauſe,„wenn der Friede ſo bald als möglich einträte. In dieſem Falle, vermuthe ich, würden wir den Winter nicht hier zubringen, da die Gegenwart des Kaiſers und ſeiner Heere im Mittel⸗ punkte Europa's nothwendiger iſt, als hier faſt an den Grenzens Aſiens.“ Boleslaw ritt ernſt und ſtill, wie er pflegte, vor ſich hin, ohne ſich in das Geſpräch zu miſchen. Plötzlich ſtockte der Zug wieder. Da Raſinski ſich nicht an der Spitze deſſelben befand, konnte er nicht ſehen, ob irgend ein äußeres Hinderniß daran Schuld war. Indem 12* — 268— er noch ſeine Blicke nach vorn richtete, kam Obriſt Regnard die Gaſſe herab. Er trug den Arm noch in der Binde und ein breites, ſchwarzes Pflaſter über der Stirn. Seit der Unterredung während der Schlacht hatte ihn Raſinski nicht mehr geſehen. „Guten Abend, Obriſt,“ rief er ihn an,„Sie kommen von der Spitze der Colonne her; was hält uns denn wieder auf?“ 8* „Ah, Freund Naſinski, wie geht's?“ erwiderte Regnard. „Ich freue mich, Euch wohl zu ſehen, obwol ich's ſchon aus dem Napport wußte, daß Ihr aus dem Schiffbruch zu Moſaisk gerettet ſeid.— Was uns aufhält? Nichts als ane abgebrochene Brücke über die Moskwa, die ſogleich hergeſtellt ſein wird. Aber—“ hier winkte er ihm zu und ſprach leiſe mit ihm. Bernhard, der mit ſeinem ſcharfen Auge immer durch das Antlitz eines Andern bis tief in die Bruſt deſſelben hinabſah, bemerkte eine auffallende Bewegung in Naſinski's Zügen. Auch Regnards kaltes, ſcharf gezeichnetes Geſicht, ſonſt weniger Veränderungen fähig, weil alle Linien deſſelben wie in feſten Stein geſchnitten waren, drückte ein ſchauer⸗ liches Befremden aus. Es mußte irgend etwas von der äußer⸗ ſten Wichtigkeit oder Gefahr ſein, was er Raſinski mitzuthei⸗ len hatte. Ihr Geſpräch dauerte jedoch nur drei Minuten, worauf Regnard ſeinen Weg fortſetzte. Mit gefurchter Stirn kehrte Raſinski zu den Seinigen zurück; er ſchien eben mit⸗ theilen zu wollen, was ihm der Obriſt vertraut hatte, als die Colonne ſich wieder in Bewegung ſetzte und, wie es immer nach einer Stockung geſchieht, deſto eiliger nachrücken mußte. Bald erreichte man die Moskwa; die Brücke war ſo ſchlecht hergeſtellt, daß man es vorzog, durch den ſehr ſeichten Fluß zu reiten. Bernhard bemerkte, daß Raſinski mit immer geſpannterer Aufmerkſamkeit die Häuſer und —269— Gaſſen betrachtete, je näher man der eigentlichen Stadt rückte. Endlich kam man an die Ringmauer, welche dieſelbe um⸗ ſchließt. „Hier werden die Gaſſen doch breiter und die Häuſer anſehnlicher,“ ſprach Bernhard,„in der Perſpective hat man ſogar mehrere Gebäude, die Paläſten gleichen. Nun werden wir doch auch wol die Bewohner derſelben kennen lernen.“ „Das eben, fürchte ich,“ ſpra Naſinski, ſich umwen⸗ dend, leiſe, aber mit ſehr beſorglicher Betonung,„werden wir nicht. Nach Regnards Berichten ſoll die ganze Stadt verlaſſen und ſo öde wie der große Kirchhof ſein, an dem wir beim Einmarſch vorbeikamen.“ Dieſe Worte, nur zu den Nächſten ſeiner Umgebung ge⸗ ſprochen, erfüllte dieſelben mit einem kalten Schrecken.„Wie? Unmöglich!“ rief Jaromir;„das deutete alſo auf erneuten Krieg, auf den entſchloſſenſten Widerſtand, ſelbſt nachdem wir in das Herz des Reiches eingedrungen ſind?“ „So iſt allerdings zu fürchten! Jetzt treffen Ahnungen ein, die mir ſchon beim Betreten Altrußlands düſter vor⸗ ſchwebten. Nicht den Kaiſer Alexander und ſeine Heere wer⸗ den wir mehr zu fürchten haben, nicht mit ihnen werden wir kämpfen, ſondern ein ganzes, unermeßliches Volk iſt es, das gegen uns mit der glühenden Wuth aufſteht, die der Fanarismus in der Bruſt des Menſchen entzündet. Tief verſunken in myſtiſchen Aberglauben, in unterwürfige De⸗ muth. gegen ihre Götter wie gegen ihre Herrſcher, wird es unmöglich werden, ſie irgend einer überredung, einer ver⸗ nünftigen überzeugung zugänglich zu machen, die ſie belehren kann, daß wir nicht gekommen ſind, um ihre Altäre zu ver⸗ nichten, ihre Kirchen zu plündern, ihre Städte zu verbren⸗ nen. Hier wird kein Krieg mehr zwiſchen zweien Mächten geführt werden, wo die Entſcheidung auf dem Wahlplatze — 270— oder im Nathe der Miniſter fällt; ſondern ein ganzes Ge⸗ ſchlecht waffnet ſich gegen uns, das uns verflucht, wie den Abſchaum der Hölle. Der Einzelne iſt der Feind des Ein⸗ zelnen; der Haß entflammt ſich in der Bruſt des Knaben und des Weibes. Da gibt es keinen edeln, großmüthigen Kampf der Gedanken, der Ehre, des Ruhmes mehr, ſondern Alles artet aus in ein gräßliches Morden, Schlachten und Würgen, wo Sieg den heeene gleich entſetzlich ſind.“ Ein düſteres Feuer leuchtete aus ſeinen Augen, wahrend er ſprach; er hatte die hohe Stirn in finſtere Falten gerun⸗ zelt und ein tiefer Schmerz umzog ſeine Lippen. Bernhard betrachtete ihn mit unverwandten Augen. Über die Schön⸗ 3 heit, die erhabene Würde ſeines männlichen Antlitzes vergaß er einen Augenblick, weshalb dieſe Gewitterwolken in ſo ern⸗. ſter Majeſtät darüber hinzogen. Wahrlich, dachte er bei ſich ſelbſt, der Menſch iſt am ſchönſten, wenn ein edler Gram aus der Tiefe des Herzens herauf durch die leichten Hüllen des Auges und des Angeſichts ſchimmert. Darum bildeten die Alten ihre Heroen ſo tief ernſt; darum ſelbſt in ihren Götterbildern der erhabene Anflug eines leiſen Grams, der die Züge ſo veredelt und verklärt. Doch der ſchnelle Wechſel der Gegenſtände und der Be⸗ trachtungen, die ſie erzeugten, duldete kein langes Verweilen der Gedanken auf einer Stelle; zumal da, wo ſie ſo fern aus dem Kreiſe der nächſten, mächtigen Wirklichkeit lagen. Die Straßen, durch welche man zog, machten einen ſelt⸗ ſamen Eindruck; ſie waren belebt durch das Getümmel des Kriegs, und doch zugleich todtenſtill, weil die Häuſer an beiden Seiten wie ſtumme Gräber ſtanden, aus denen keine Spur, kein Hauch des Lebens heraufwehte. Nicht einmal der Rauch eines Schornſteins war zu entdecken. Die Kup⸗ — 271— peln der Kathedralen glänzten in ſtrahlendem Gold, von grü⸗ nen Kränzen umzogen; die Säulen der Paläſte ſtiegen pracht⸗ voll empor. Doch ſchien der Schmuck dieſer edeln Architek⸗ tur der einer ſtattlich herausgekleideten, zur letzten öffentlichen Schau ausgeſtellten Leiche zu ſein, ſo ſtarr, ſo ſtumm blieb Alles. Dieſe Miſchung der üppigſten Pracht des Lebens mit der ſtillen, tiefen Einöde des Todes war ſo peinlich, daß ſie ſelbſt in die Bruſt des roheſten Kriegers eindrang, der noch keine Ahnung von der furchtbaren Wahrheit hatte. Schon zwei Stunden zog man dunrch dieſe ſteinerne Wüſte und ſchien ſich immer tiefer und tiefer in den laby⸗ rinthiſchen Irrgängen derſelben zu verwickeln. Denn nur langſam rückte man vor, da der König, der noch immer nicht an die Wahrheit glauben wollte, jeden Augenblick eines überfalls gewärtig war und die Beſorgniß noch nicht ver⸗ bannen konnte, daß man ihn liſtig in dieſes trügeriſche Netz verworren ſich kreuzender Gaſſen locken wolle, um plötzlich von allen Seiten überfallend hereinzubrechen. Darum ſandte er in jede Seitenſtraße ſtarke Trupps hinein, die erkunden mußten, ob der Feind nicht irgendwo lauere. Aber man fand Niemand. Eine grauſe Stille herrſchte in der unge⸗ heuren Stadt, wo ſonſt das Gewühl des Verkehrs das Ohr betäuben mußte. Nur den dumpfen Hufſchlag der Pferde, das Klirren der Waffen vernahm man, wie es die ſtummen, . hohen Mauern ſchauerlich zurückwarfen. So wie der Zug einen Augenblick ſtockte und hielt, breitete ſich die Stille wie ein Leichentuch über die Scharen aus; Denn auch der Soldat war von dem unheimlichen Gefühl tief durchdrnagen, und obwol er in die Hauptſtadt des Feindes einrückte, ertönte doch kein Ruf des Sieges, kein Laut der Freude oder des Jubels; ſondern ernſt, ſchweigend, indem er nur das er⸗ ſtaunte Auge an den hohen Gebäuden auf⸗ und abwärts — 272— ſchweifen ließ, um eine Spur des Lebens darinnen zu ent⸗ decken, zog er in die Herrſcherſtadt der alten Zaaren ein. Jetzt ſtiegen die Mauern und Zinnen des Kremls düſter über den Häuptern der Krieger empor. Da zum erſten Mal vernahm man, als ſei es ein erquickender Laut, ein ver⸗ worrenes Gemiſch von Stimmen und kriegeriſches Getümmel. Es war ein Trupp zuſammengelaufenen Volkes, das ſich im ſchwarzen Gewimmel um einen Zug Wagen drängte, auf denen Lebensmittel und einige Verwundete lagen, die man nicht eilig genug hatte aus der Stadt ſchaffen können. Etliche Koſacken, zu ihrer Deckung zurückgelaſſen, flüchteten auf ihren kleinen behenden Roſſen und waren bald in den ihnen wohlbekannten Gaſſen verſchwunden, ohne von den nachgeſandten Kugeln verletzt zu ſein. Doch vom Kreml her, an deſſen Thoren man in dieſem Augenblicke ankam, tönte urplötzlich ein gräßliches Gebrüll heulender Stimmen. Naſinski war, nur von Bernhard begleitet, bei dem Schall der erſten Schüſſe vorwärts geſprengt, um zu ſehen, was es gabz ſelbſt ſeine männliche Bruſt, der Drohungen jeder Ge⸗ fahr längſt gewohnt, erbebte bei dieſem grauenvollen Laut. Sein Auge folgt der Nichtung, die ſein Ohr ihm angibt. Da ſieht er auf den Mauern des Kreml eine Anzahl ent⸗ ſetlicher Geſtalten, Männer und Weiber, mit wüthenden Geberden, die den Eingang in die heilige Burg der Zaaren vertheidigen wollen. Das verworrene, zerraufte Haar der Weiber, der wilde, ſtruppige Bart der Männer, Schmuz, Lumpen, Geheul, gräßliche Verzerrung des Geſichts, plumpe barbariſche Waffen alles Dies vollendet das Grauenhafte des Anblicks.„Was? Sendet uns die Hölle ihre ſcheußlichſten Dämonen entgegen, um uns zu ſchrecken,“ ruft Raſinski aus und ſtutzt.„Sind das Menſchen oder Wehrwölfe?“ fragt Bernhard, gleichfalls ſchaudernd. Die entſetzliche Schar er⸗ — 273— hebt aufs Neue ihr wildes Geſchrei und Flintenſchüſſe fallen von der Mauer in den dichten Haufen. Der König von Naapel ſchwingt ein weißes Tuch als Zeichen der friedlichen — Unterhandlung, und ruft Naſinski heran, um ihnen zu ſagen, daß ſie den raſenden, vergeblichen Kampf aufgeben ſollen, daß man ihnen kein übel zufügen will. Raſinski reitet vor; in ihrer Landesſprache ruft er ihnen zu:„Hört, vernehmt Worte des Friedens!“ Doch ein gräßliches Geheul, V wobei die Weiber ihre Brüſte ſchlagen und das Haar raufen, theilt ſtatt der Antwort die Lüfte. Raſinski ruft ihnen noch einmal zu, ſich zu ergeben. Da ſpringt ein Weib, koloſſal von Geſtalt, der das wilde Haar weit über die Schultern herabfällt, auf die Zinne der Mauer.„Hund! Zerfleiſchen will ich Dich mit meinen Zähnen, wie eine hungrige Wöl⸗ fin! Räuber, Du ſollſt zerriſſen werden, wie der Jäger, der der Bärin das Junge aus der Höhle trägt! Fluch euch Mör⸗ dern unſerer Kinder und Gatten! Fluch euch Verwüſtern unſerer Städte! Und dreimal Fluch euch ruchloſer Brut, die ihr die heiligen Altäre ſchändet und den Allmächtigen mit ver⸗ fluchter Zunge läſtert. Wehe ſoll über euch kommen, mehr als über die Verdammten im Schwefelpfuhl! Fluch, Fluch, ewiger Fluch!“ Raſinski ſchauderte. Dieſe drohende Geſtalt war furcht⸗ bar, aber ſie erregte keinen Abſcheu! Weite, ſchwarz und graue Gewänder umhüllten ſie, ein blutigrothes Tuch, halb einer Mütze, halb einem Turban ähnlich, war um das Haupt gewunden. Das ergraute Haar flatterte im Wind um ihre Schultern, ihr Auge blitzte und rollte wild in ſeinen Kreiſen, der Mund hatte ſich zum lauten Fluch geöffnet, ſie erhob die Hände beſchwörend zum Himmel. Alle männliche Kraft zuſammenraffend, rief Naſinsk noch 12 AA 2a einmal mit ſeiner Löwenſtimme:„Wollt Ihr Gnade ver⸗ ſchmähen, Raſende?“ 3 Ein wildes Gebrüll, mit drohenden Geberden begleitet, übertönte ſeine Worte, noch bevor er geendet hatte. Durch einen Wink bedeutete er dem König, daß Alles vergeblich ſei; dieſer gab ein Zeichen, das Thor zu ſprengen. Die bereits aufgefahrene Artillerie gab Feuer. Drei Schüſſe, deren Don⸗ ner furchtbar in der öden Stadt widerdröhnte, krachten ge⸗ gen das Thor. Es ſtürzte zerſplittert zuſammen. So wie es ſich öffnete, drang der verworrene Knäuel jener Wüthen⸗ den aus der Pforte hervor und ſtürmte in die Reihen der Krieger ein. Man hatte ihrer ſchonen wollen, da es zu Wenige waren, um einen überlegenen Feind zu nutzloſem Blutvergießen zu veranlaſſen; der fanatiſche Patriotismus der Unglücklichen aber machte es unmöglich. Gleich wilden Thieren brachen ſie grimmig in die dichte Schar der Gegner ein, um wenigſtens deren ſo viele zu vertilgen, als ſie ver⸗ mochten. Ein Wüthender ſchlug mit einem Baumaſt, der einer Keule glich, zwei Franzoſen zu Boden und hatte in eini⸗ gen gewaltigen Sprüngen ſchon den König, der, wie immer, einer der Vordern bei der Gefahr, erreicht, als Raſinski noch eilig herbeiſprengte und einen Säbelhieb gegen den Raſenden führte. Doch er fiel flach, und mit der Wuth eines gehetz⸗ ten Hundes packte ihn jetzt der halb Getroffene an, riß ihn mit überlegenen Kräften vom Pferde herab, ſchleuderte ihn zu Boden und warf ſich über ihn her. Bernhard war ſchnell wie eine heranſchießende Schlange vom Pferde und riß den Wüthenden, der Naſinski zu erdroſſeln verſuchte, zurück. Ein franzöſiſcher Offizier ſprang ihm bei. Mit Mühe bra⸗ chen ſie die Arme des Ruſſen aus einander, mit denen er Raſinski gepackt hatte; als er dieſer nicht mehr mächtig war, fletſchte er die Zähne ergrimmt und drohte den Unterliegenden —x— ——2— . 2 — 2475— damit zu packen. Doch jetzt hatte auch Naſinski wieder einen freien Arm gewonnen, und indem der Wüthende nach ihm biß, ſchlug er ihn, eine andere Abwehr war unmöglich, mit der geballten Fauſt ſo gewaltig in den Mund, daß ein dicker Strom ſchwarzen Blutes daraus hervor und ihm über Bruſt und Antlitz ſtürzte. Dennoch ließ der Barbar nicht ab, ſondern trotzte den drei Männern, mit der ungeheuren Kraft ſeines muskulöſen Körpers, bis ihn die Kugel aus der Piſtole eines Chaſſeurs, der ihn kalt mit auf die Bruſt ge⸗ ſetztem Feuerrohr mitten durchs Herz ſchoß, leblos zu Bo⸗ den ſtreckte. Raſinski und Bernhard ſchauderten über dieſen Kampf; er glich zu ſehr dem Mord, dem wahren Abſchlachten der Barbaren, um ein edles männliches Herz nicht mit dem tief⸗ ſten Abſcheu zu erfüllen. Indeſſen waren die übrigen, welche noch Widerſtand leiſteten, theils niedergehauen worden, theils hatten ſie mit verzweiflungsvollem Geheul die Flucht er⸗ griffen. Es ſchien nicht der Mühe werth, ſie zu verfolgen; man ließ ſie daher ſich in den öden Gaſſen der Stadt zer⸗ ſtreuen, und der König von Neapel ſetzte den Marſch mit den Seinigen weiter fort. Doch mehr als jemals wurde es jetzt nothwendig, ſich nicht ohne die größte Vorſicht in das labyrinthiſche Gewinde der Gaſſen zu vertiefen. Der Soldat, der alle dieſe reichen Häuſer und Paläſte von den Einwohnern verlaſſen ſah, rich⸗ tete ſeine Gedanken auf die Beute, die er an dem zurückge⸗ laſſenen Gut zu machen hoffte. Einzelne verſuchten hie und da ſich von dem Zuge zu entfernen, um ſich plündernd in den Häuſern zu zerſtreuen; doch der ſtrengſte Befehl unter⸗ ſagte es ihnen, und als Beweis, daß er befolgt werden würde, ſchoß ein General mit eigner Hand einen Dragoner nieder, der ſich in eine Seitengaſſe ſtehlen wollte. Dies wirkte; — 276— die Menge gehorchte dem Gebot pünktlich. Doch hielten die Führer Vorſicht für nöthig, und ſandten daher, wo ſie an ein bedeutendes Gebäude, das öffentlichen Zwecken gewidmet ſchien, oder an eine Gruppe anſehnlicher Häuſer kamen, im⸗ mer ſtarke Abtheilungen ſeitwärts, um dieſelben unter deren Schutz zu ſtellen. So erhielt auch Raſinski den Auftrag, einen großen, vom Reichthum des Beſitzers zeugenden Palaſt, der in einer breiten Querſtraße, wo ſonſt nur kleine Hauſer befindlich wa⸗ ren, lag, zu beſetzen. Mit ſeinen wenigen noch übrigen Leu⸗ ten, und einem Bataillon leichter Infanterie, das ihm beigege⸗ ben wurde, trennte er ſich von dem Corps des Königs von Neapel und bezog mitten in der Stadt ein eignes Feldlager. Er nahm von dem Palaſt und den umliegenden Häuſern förmlich Beſitz. Keine lebende Seele machte ihm denſelben ſtreitig. Boleslaw beauftragte er, mit einer Anzahl von Leu⸗ ten diejenigen Gegenſtände, welche zur Kleidung und Nah⸗ rung der Soldaten dienen und ſich etwa vorfinden ſollten, aus den Gebäuden zu entnehmen, um eine billige Verthei⸗ lung derſelben nach Bedürfniß vorzunehmen. Bis er ſelbſt ſich von der Sicherheit der Häuſer überzeugt habe, verbot er aufs ſtrengſte ſich darin einzuquartieren; vor ein jedes derſel⸗ ben ließ er eine Schildwache ſtellen, die mit ihrem Leben verant⸗ wortlich für Plünderung oder muthwillige Zerſtörungen wurde. So ſchlugen denn die Truppen einſtweilen einen geordneten Bivouac in der breiten, einem Platze ähnlichen Straße, auf, die dem Palaſte gegenüber lag. In dieſem nahm Raſinski ſein Hauptquartier und richtete ſogleich ein Bureau ein, das ihm für die genauere Ordnung des Dienſtes und mancher übrigen Geſchäfte nothwendig war. Wie bisher erhielten Ludwig und Bernhard den Auftrag, die Arbeiten in demſelben zu übernehmen. - 247— Zweites Capitel. Es dunkelte ſchon, als dieſe vorläufigen Anordnungen ge⸗ troffen waren. Man befand ſich denn nun in der Haupt⸗ ſtadt des Feindes, man hatte ſie förmlich in Beſitz genom⸗ men; ja mehr als man glaubte, da Alles darin, was nicht fortzuſchaffen war, den Einrückenden gewiſſermaßen als Erbe überlaſſen blieb. Das Schloß, welches Naſinski mit ſeinen beiden jungen Freunden bezogen hatte, war von alterthümli⸗ cher, würdiger Bauart. Das Thor, hoch, gewölbt, mit Eiſen ſtark beſchlagen, hatte man erſt ſprengen müſſen; man fand es von Innen verriegelt, ein Beweis, daß entweder noch Leute im Schloſſe befindlich, oder durch den Garten geflüchtet ſein mußten. Das Letztere ſchien am wahrſcheinlichſten. Als man die beiden ſymmetriſchen Wendeltreppen, welche von jeder Seite der Hausflur in das mittlere Stockwerk führten, hinanſtieg, gelangte man in weite Corridors, an denen eine lange Reihe von Gemächern und Sälen hinunterlief. Sie zeugten von großer Pracht, von ſelbſt in Rußland nicht gewöhnlichem Reichthum; doch war, wie Meubles, Form der Spiegel, Tapeten und Vergoldungen bewieſen, die Aus⸗ ſchmückung mindeſtens ſchon durch die Väter der jetzigen Beſitzer geſchehen. In dem Zimmer zunächſt der Treppe richteten Ludwig und Bernhard das Bureau ein. Aus demſelben trat man rechts in einen geräumigen Saal, und neben dieſem hatte Raſinski ſich in einem kleinern Gemach, das eine Art Bou⸗ doir geweſen zu ſein ſchien ſeingerichtet; zur Linken des Bu⸗ reauzimmers hatten Ludwig und Bernhard in zwei großen Gemächern ihre Schlafſtätten aufgeſchlagen. redete er ihn an. Es fing an zu dunkeln; draußen auf der Straße flacker⸗ ten die hellen Wachtfeuer, an denen die Leute bivouakirten. Der Widerſchein der Flammen ſpielte gegen die Decke der nooch unbeleuchteten Gemächer und brachte, gemiſcht mit der tiefen Dämmerung, ein ſeltſames Licht hervor. Raſinski war hinuntergegangen, um die Truppen zu beſichtigen und für ihre Bedürfniſſe zu ſorgen. Ludwig ſaß in dem geräu⸗ migen Gemach, welches er zur Wohnung gewählt hatte, allein auf einem alten Lehnſeſſel, denn Bernhard, von einer ihm eignen Luſt, fremde große Gebäude gleich nach allen Richtungen hin zu durchkreuzen, hatte, wie er ſich ausdrückte, eine Entdeckungsreiſe in die weitläufigen Seitenflügel des Palaſtes unternommen. In dem Halbdunkel des herbſtlichen Abends, bei dem Spiel des Feuerſcheins vor den Fenſtern, bei dem gedämpften Schall verworrener Stimmen und Waffengeräuſches von drau⸗ ßen her, hing Ludwig ſeinen Träumen nach. Die ſchönen Bilder der Vergangenheit ſchwebten als glänzende Geſtalten auf dem dunkeln Grunde der Gegenwart vorüber. Es war die erſte einſame ruhige Stunde, ſeit er die Nachricht von dem Tode der Mutter erhalten, die das Getümmel des Krie⸗ ges ihm gönnte. Eine düſtere Schwermuth bemächtigte ſich ſeiner Seele; das Haupt auf der Seitenlehne des Seſſels in die Hand geſtützt, ſaß er, in Erinnerungen verſunken, und ſein Auge irrte bewußtlos in den hohen dunklen Räumen des Gemaches umher. So bemerkte er es nicht, daß Bernhard eingetreten war und, in der halb offenen Thüre ſtehen blei⸗ bend, ihn beobachtete. Dieſer aber ſah durch die tiefe Däm⸗ merung die Thränen in Ludwigs Auge glänzen, in denen ſſicc der flackernde Feuerſchein ſpiegelte. „So in düſtere Gedanken verſunken, Kriegskamerad?“ — 279— „Ach, Bernhard,“ ſprach Ludwig,„Du biſt es? Ja wohl, in düſtere Gedanken verſenkt! Wie könnte man es an⸗ ders an dieſem ſchauerlichen Ort, und mit einer Bruſt voll Erinnerungen und Schmerzen, wie die meinige!“ „Hm,“ warf Bernhard hin,„mein Herz iſt auch grade kein Füllhorn der Wonne und des Glücks, und wenn ich mit meinen Erinnerungen laterna magica ſpiele, ſo zieht der Teufel und ſeine Großmutter an der Wand vorüber. Aber was den ſchauerlichen Ort anlangt, ſo muß ich Dir ſagen, daß er mir noch eher unheimlich vorkommt.“ „Wie ſo?“ „Wir wohnen nicht allein im Hauſe, darauf möchte ich ſchwören.“ „Was haſt Du für Gründe zu dieſer Vermuthung?“ „Mancherlei. Ich ging durch die langen Corridors nach dem Querflügel, der auf den Garten ſtößt. Wie ich ſo eine Thür nach der andern anklinke, die alle verſchloſſen oder ver⸗ riegelt waren, komme ich auch an eine, die ſich ſogleich öffnet. Ich trete ein und fühle mich durch eine behagliche Wärme überraſcht; das fällt mir auf, ich ſchaue umher und finde, daß ich in einer Art von Küche ſtehe, wo auf dem Herde noch Aſche liegt. Ich trete hinzu; die Aſche iſt warm, ja ich entdecke, als ich mit meinem Säbel darin ſchüre, noch einige ſchwach glimmende Kohlen.“ „Die Bewohner werden dieſen Morgen noch hier gewe⸗ ſen ſein.“ „So dachte ich auch; da aber höre ich plötzlich unter mir ein dumpfes Geräuſch, wie wenn etwas Schweres fiele. Das macht mich ſtutzig. Ich eile wieder auf den Corridor, entdecke eine kleine Treppe, die ins untere Geſchoß hinabführt, und finde dort ebenfalls einen Corridor, an welchen ſich eine Reihe Gemächer mit verſchloſſenen Thüren anſchließt. Ich verſuche ſie zu öffnen, zu ſprengen; ſie ſind, ſcheint es, feſt verrammelt. Ich poche, rufe, lärme, keine Antwort. End⸗ lich bin ich des Dinges überdrüſſig und gehe. Als ich die kleine Treppe wieder hinaufſteige, höre ich aber etwas rauſchen und zugleich Schritte wie von einem weiblichen Fuß. Schnell eile ich hinauf, entdecke aber nichts. überzeugt, daß mein leiſes Ohr mich nicht getäuſcht hat, ſpähe ich überall umher. Da ſehe ich am Boden, dicht vor der Thür der Küche, wo ich zuvor geweſen war, etwas Weißes ſchimmernz ich helle es auf, und ſiehe, es iſt dieſe Bandſchleife, die zuvor, darauf wollte ich einen Eid ſchwören, nicht dort gelegen hat. Ich forſche und ſpähe darauf rings umher, um die Schöne zu entdecken, die das Band verloren haben müßte, doch ver⸗ geblich. Alles blieb ſtumm, Alles verſchloſſen. Ob es nun ein guter oder böſer Geiſt, eine Ahnfrau, oder gar die be⸗ rüchtigte weiße Frau geweſen ſein mag, die in den öden Gängen umhergewandelt iſt, das will ich unentſchieden laſſen.“ „Hm, ſonderbar!“ ſprach Ludwig ſinnend.„Sollten ſich vielleicht die unglücklichen Einwohner verſteckt halten aus Furcht vor Mißhandlungen?“ „Möglich! Doch halte ich's lieber mit Geſpenſtern, ver⸗ wünſchten Fräuleins, die auf Erlöſung harren, eingemauerten Nonnen, deren Seele keine Ruhe finden kann, und die in den öden Gängen umherkreuzen. Um Mitternacht müſſen wir eine zweite Recognoscirung vornehmen; biſt Du dabei?“ „Wenn Deine eigne Müdigkeit Dich nicht eines Beſſern überredet,“ erwiderte Ludwig lächelnd,„herzlich gern.“ „Wie? Ihr ſitzt ſo im Dunkeln, Freunde,“ tönte plötz⸗ lich des eben eingetretenen Raſinski's Stimme.„Es wird Zeit ſein, daß wir Licht anzünden laſſen; aber auch Feuer, denn die Herbſtabende ſind kalt in dieſen Gemäuern.“ — 281— Er befahl ſeinem Reitknecht Licht zu bringen und in dem kleinen Gemach, welches er bewohnte, Feuer anzuzünden. Es war dies das einzige Zimmer des Hauſes, wo ſich ein Kamin befand, der für den Herbſtabend eine zweckgemäßere Erwärmung gewähren konnte, als die ungeheuren Ofen in den andern Gemächern. „Ich habe eben Briefe für mich und Euch erhalten,“ fuhr Raſinski fort;„laßt uns hinübergehen und ſie zuſam⸗ men leſen und einander erzählen, was die Lieben von der Heimat her uns ſchreiben. Es iſt mir ein erfreuliches Zei⸗ chen, daß uns gleich am erſten Tage in dieſer Hauptſtadt eine ſo willkommene Begrüßung wird.“ Sie gingen. Raſinski's Reitknecht hatte eine Lampe angezündet, die in dem Gemache hing; bald flackerte auch das Feuer im Ka⸗ min. Er reichte jetzt Ludwig zwei Briefe von verſchiedenem Datum hin, die jedoch, wie dies bei Feldpoſten zu geſchehen pflegt, zu gleicher Zeit eingetroffen waren. Bernhard pfiff ein Soldatenlied und ſtörte mit der Zange in dem Kamin umher, während Ludwig und Raſinski laſen. „Man iſt ſehr glücklich, wenn man keinen Correſpondenten hat,“ warf er hin;„man braucht kein Porto zu zahlen, nicht zu antworten, ja nicht einmal zu leſen. Das Letztere iſt beſonders für einen Maler, der gern ſeine Augen ſchont, ein höchſt erfreulicher Umſtand.“ Er pfiff weiter, da ihm Niemand antwortete.„Ich hab' mein' Sach' auf Nichts geſtellt— und mein gehört die ganze Welt,“ ſummte er und heftete ſein Auge ſtarr in die Gluth. „Ja, ja, Du biſt glücklicher als wir,“ rief Ludwig plötz⸗ lich und heftig aus, indem er die Hand ſinken ließ, in wel⸗ cher er den Brief, den er ſo eben geleſen, hielt,„denn ſolche Briefe zu empfangen, das hat der Himmel Dir erſpart!“ — 282— „Was iſt Dir? Was haſt Du?“ fragte Bernhard von ſeinem Sitze aufſpringend. „Ich kann's vermuthen, nach Dem, was mir meine Schweſter meldet,“ ſprach Naſinski;„es iſt ein nanneuloſeß Bubenſtück, aber es ſoll nicht gelingen.“ „Schwarz wie die Nacht, und giftig wie die Brut der Natter,“ rief Ludwig, außer ſich.„Und um meinetwillen muß die Hülfloſe das leiden!“ „Was denn, was? So redet doch in des Satans Na⸗ men,“ rief Bernhard mit rollenden Augen, denn er ahnete etwas von der Wahrheit. „Lies, lies,“ ſprach Ludwig und reichte ihm den Brief hin. Bernhard ergriff ihn haſtig und wollte ihn raſch über⸗ fliegen, doch warf er ihn eben ſo haſtig wieder weg und rief: „Es ſind mir zu viel Buchſtaben, ſie kreuzen durcheinander wie ein ganzer Haufen giftiger Spinnen. Sagt mir's mit zwei Worten, denn ich habe die Ruhe nicht, das Gift da langſam herauszuſaugen.“ „Es empört Jeden, dem jemals ein männliches Herz in der Bruſt ſchlug,“ ſprach Raſinski und ging in Wallung mit großen Schritten auf und nieder;„die Buben, die Euch verfolgen, ſind auf ſeine unglückliche Schweſter geſtoßen, der Zufall oder ihre argliſtigen Höllenkunſtgriffe brachten das Ge⸗ heimniß an den Tag, und—“ „Sie iſt im Gefängniß?“ rief Bernhard haſtig unter⸗ brechend, und ſein Auge flammte ergrimmt auf. „Nein, das zum Glück nicht,“ fuhr Raſinski fort;„aber empörende Anträge hat ihr der Bube gemacht, und des Bru⸗ ders Haupt zum Preiſe—“ „‚Rede nicht weiter, Raſinski!“ rief Bernhard halb be⸗ fehlend, halb flehend.„Soll es der Bruder zweimal hören?“ — — 283— Zugleich faßte er Ludwig und drückte ihn mit krampfhafter Heftigkeit an die Bruſt.„O die holde Roſe! Welche Qua⸗ len des Schauders mußten ihr liebendes Herz erfüllen, als die ſtachlige Giftraupe ſich ſcheußlich heranringelte!— Aber wir wollen Gott danken, daß ſie gerettet iſt, denn ich ſehe es an Euren Blicken, ſie muß es ſein, ſonſt könntet Ihr ſo nicht hier ſtehen. Doch noch ſchauert mich in innerſter Seele! Mein Ludwig!“ Sie hielten ſich aufs Neue umfaßt. Raſinski legte die „Hände auf ihre Schultern und ſprach gerührt:„Wir haben wol Gott zu danken!“ „Laß mich nun leſen, was die gemarterte Heilige Dir ſchreibt,“ unterbrach Bernhard mit bewegter Stimme die Umarmung. Er nahm den Brief und e ſich damit gegen das Feuer. „Hm!“ ſprach er ruhiger, doch noch von Ingrimm er⸗ füllt, als er geleſen;„der eine Todesſtreich wäre zwar ab⸗ gewendet, aber noch droht ja das Schwert über ihrem Haupte. Auch über dem unſrigen— doch dieſe Lumperei iſt nicht der Rede werth. Ich ſollte den Buben nur hier haben,— er müßte ein anderes Lied hören!“ Nach dieſen Worten ging er unruhig auf und nieder. „Ich habe den zweiten Brief noch nicht geöffnet“ ſprach Ludwig,„der erſte hatte mich zu gewaltig erſchüttert. Er gibt uns vielleicht Auskunft. 4 „Laß hören!“ „Dresden am 19. Auguſt.“ „Theurer Bruder!“ 3„Welch eine Zeit iſt das? In Stunden geſchieht mehr als vormals in Jahren. Die wichtigſten Ereigniſſe meines Lebens drängen ſich alle in einen Punkt zuſammen. Wir verließen Teplitz gleich am andern Morgen nach dem entſetz⸗ — 294— lichen Vorfall, den ich Dir noch Abends flüchtig meldete. (Sei nur auf Deiner Hut, Theuerſter!) Dieſe Nacht brach⸗ ten wir auf dem Gute der Tante zu; heut fuhren wir Alle in der Stille hierher. Auf dem Todtenbette ſprach mir die Mutter von einem Geheimniß; doch der Schmerz hatte mich damals ſo überwältigt, daß ich kaum darauf achtete; denn was ſollte mir noch wichtig ſein in der Welt! Und doch— aber höre. Die Mutter hatte mir die geheime Lade ihres Schreibtiſches als wichtige Papiere enthaltend bezeichnet. O Ludwig, mit welcher Bewegung habe ich ſie geleſen! Sobald es auf ſichern Wegen möglich iſt, ſollſt Du das ganze Do⸗ cument der rührenden Erzählung erhalten; jetzt gebe ich Dir nur den Auszug, den die flüchtigen Minuten mir geſtatten. Unſer wahrer Name iſt nicht Roſen; ſondern der Vater hieß Sternfels, und war Gutsbeſitzer in Franken. Die treuſte Freundſchaft war ſein Unglück. Im März des Jahres 1793 beſuchte er einen Jugendfreund, Namens Waldheim, der Offizier geweſen, aber von den Franzoſen gefangen genommen war und ſich zu Straßburg aufhielt, wohin ihm ſeine Gat⸗ tin, eine holdſelige Frau ſonder Gleichen, wie die Mutter ſie ſchildert, nachgefolgt war. Ein Franzoſe, Rumigny, belei⸗ digte die junge, reizende Frau durch ehrloſe Anträge.“ Hier hielt Ludwig einen Augenblick inne, weil Raſinski eben durch eine eintretende Ordonnanz, die ihre Meldungen machte, un⸗ terbrochen worden war. Auf einen Wink fuhr er jedoch ſo⸗ gleich fort:„Da ſie zurückgewieſen wurden, rächte er ſich durch die ſchwärzeſten Verläumdungen. Dies erfuhr der be⸗ leidigte Gatten der ſein getreues Weib kannte. Er forderte den Verläumder, zwang ihn zum Duell; unſer Vater war Secundant. Doch der Elende, der ſich mit mehreren Beglei⸗ tern verſehen hatte, that einen Schuß gegen die Geſetze des Duells, der den unglücklichen Waldheim zu Boden ſtreckte. * — 285— Unſer Vater war außer ſich; da in dem Augenblicke jedoch die Sorge, das Leben des Getroffenen vielleicht noch zu ret⸗ ten, dringender war, als das ſchwer überwundene Gefühl der Rache, konnte er den Thäter nicht ſogleich züchtigen. Der Freund ſtarb nach wenigen Minuten. Unſer Vater forderte den Mörder; dieſer verhöhnte ihn. Da überwältigt ihn ein menſchliches Gefühl— Ludwig! wer wollte ihn verdammen — er ſucht den Elenden auf, um Rache an ihm zu nehmen, oder ihn zum Zweikampf zu zwingen. Sein treuer Diener Willhofen begleitet ihn; doch der Verbrecher iſt gewarnt und lockt den Gegner ins Netz. Durch Hohn weiß er ihn zu reizen, der Vater vergißt ſich, dringt mit dem Degen auf ihn ein, wird entwaffnet und mit dem treuen Willhofen ge⸗ fangen. Um ſein Opfer gewiß zu verderben, ſucht der Verbrecher den Vater als Späher und fremdbeſoldeten Ver⸗ räther gegen Frankreich verdächtig zu machen. Er wird nach Paris geſandt. Die Gulllotine bedroht ihn. Doch Willho⸗ fen, der alle ſeine Schickſale theilt, findet in dem Kerker⸗ meiſter einen Landsmann aus dem Elſaß. Dieſer begünſtigt ihre Flucht, und Beide gelangen glücklich nach dem Havre auf ein holländiſches Schiff. Von dort ſchreibt der Vater erſt der Mutter, was Alles geſchehen iſt, und beſchwört ſie, ſofort mit uns nach Hamburg zu gehen, wo er ſie treffen will. Sie kommt dahin und erwartet vergeblich die An⸗ kunft des Vaters. Tage und Wochen verſtreichen, endlich iſt ein Monat vorüber, ohne daß ihre tödtliche Ungewißheit ſich endet. Indeſſen erfährt ſie, daß durch die ſchon damals überall hin ſich erſtreckende Gewalt der franzöſiſchen Macht⸗ haber der Proceß gegen den Vater als Mörder auch ſchon in ſeiner Heimat anhängig gemacht iſt, daß man ihn auf⸗ fordert, ſich dem Gerichte zu ſtellen. Was ſoll ich Dir noch Alles ſagen? Der Vater iſt niemals mehr wiedergekehrt; ſeing — 286— Güter wurden eingezogen, und als die Franzoſen Franken beſetzten, ſein Name geächtet, weil er ſich in den Polizei⸗ liſten von Paris unter der Zahl der Hochverräther fand. Dies bewog die Mutter, den Namen Roſen anzunehmen und ſich mit uns nach Dresden zurückzuziehen, wo unſere Tante, ihre Schweſter, bereits als Witwe wohnte. Noch tauſend Umſtände hätte ich Dir zu melden, theurer Bruder, wenn es in dieſem dringenden Augenblicke möglich wäre. Vor Allem die unendlich rührenden Gründe der Liebe und Beſorgniß, welche nebſt manchen andern wichtigen Bedenken unſere Mut⸗ ter beſtimmten, ihre Kinder nicht zu Mitwiſſern des Geheim⸗ niſſes zu machen, das um das Haupt des Vaters ſchwebte. Doch es wird ja ein Tag kommen, wo die Schweſterbruſt ſich einmal wieder ganz frei und ungehindert gegen Dich er⸗ gießen kann. Jetzt ſtürmt und dringt freilich Alles auf uns ein! In der nächſten Viertelſtunde ſchon reiſe ich mit der Gräfin Micielska nach Warſchau ab, wo ich ganz ſicher ge⸗ gegen jede Verfolgung ſein werde. O wäreſt auch Du es nur! Aber Dich bedroht das Unheil des Krieges im Antlitz, und ſchwarzer Verrath im Rücken! O Ludwig, und Du führſt die Waffen für Die, welche ſo namenloſes Elend über Deinen Vater und über Dein Vaterland gebracht haben! Ich mache Dir keine Vorwürfe, Du Lieber; aber kann das Unglück höher ſteigen, können wir tiefer ſinken in der Schmach? Meine heißen Gebete für Dich ſende ich täglich gen Him⸗ mel! Aus tiefſter Seele aber bete ich auch für die Erlöſung unſers Bat erlandes von dem ehernen Joche, unter das es ſich beugen muß. Ich muß ſchließen,— grüße Deine Freunde von mir, den treuen Bernhard, den edeln Naſinsi — o daß es erſt anders würde in der Welt!“ 6„Deine Marie.“ Ludwig hatte vor Erſtaunen und lüberraſchung kaum den 287— Brief zu Ende leſen können. Erſt jetzt erinnerte er ſich leb⸗ haft und deutlich wieder einiger Begebenheiten aus ſeinen früh⸗ ſten Knabenjahren— denn er zählte fünf Jahre zur Zeit des unglücklichen Ereigniſſes—; jetzt erſt, wie ſie erklärt wur⸗ den, traten die mancherlei kleinen Beziehungen, Winke und Worte, die er von der Mutter über das Schickſal des Va⸗ ters gehört, gleich hellen Sternen auf dem dunkeln Nacht⸗ himmel der Vergangenheit hervor. Aber wie Vieles blieb in ſeinen düſtern Wolken verſchleiert! Raſinski wurde vorzüglich durch die letzten Worte des Brriefes erſchüttert, die eine Wunde ſeines Herzens trafen, von der ſelbſt Ludwig keine Ahnung hatte, da er mit männ⸗ licher Feſtigkeit ſeinen Schmerz in verſchloſſener Bruſt trug. Er ſtand mit verſchränkten Armen gegen den Pfeiler des Kamins gelehnt, und blickte düſter vor ſich hin. Auf Bernhard ſchien dieſer Brief den ſchwächſten Ein⸗ druck zu machen, da ſeine Seele ſich nur noch mit dem Er⸗ eigniß des erſten beſchäftigte. Er ſaß auf der andern Seite am Feuer und ſpielte mit ſeinem Ringe, indem er ihn am Finger hin und her drehte.„Im erſten Augenblicke, mein guter Ludwig,“ fing er nach einer Pauſe an,„regen uns ſolche Nachrichten heftig auf. Aber auf die Dauer ändern ſie wenig in unſerm Leben. An Wunder glaube ich in der Bruſt, im Gemüth, wo man will; aber im Leben ſind ſie ſelten. Ein Vater, der zwanzig Jahre lang verſchollen iſt, muß zu den Todten gezählt werden; um einen, den wir ſo lange entbehrten, kann auch der Schmerz nicht groß ſein. Aber Marie in ihrer Lage, in der Entwürdigung, die ſie er⸗ fahren, in der Angſt, die ſie dulden mußte, iſt ein armes, blutendes Opferlamm!“ „Du biſt ſo gut und treu, Bernhard“ entgegnete Lud⸗ wig,„Du verſtehſt das Herz Deines Freundes ſo tief: ſoll⸗ teſt Du nicht begreifen, daß es ihn im Innerſten bewegen und ergreifen muß, daß er vielleicht noch einen Vater beſitzt, der unendliches Unglück, unendlichen Jammer erduldet haben kann und noch erduldet? Wäreſt Du in dieſem Falle— „Und bin ich's etwa nicht?“ fuhr Bernhard faſt wild auf.„Wenigſtens in einem ähnlichen, und darum weiß ich, was davon zu halten iſt. Ich könnte vielleicht noch eine ganze Sippſchaft, Vater und Mutter, Baſen und Vettern in der Welt haben und auffinden, aber ich betheure Dir, daß ich mich jetzt auch nicht einen Pfifferling um Die küm⸗ mern werde, die ſich zwanzig Jahre nicht um mich beküm⸗ merten. Es iſt freilich anders mit Dir— denn Du weißt wenigſtens, daß Dein Vater Dich nicht verſtoßen hat, Du haſt ihn früh verloren, und Alles bürgt Dir dafür, daß er ein edler Mann war. Nun, Du weißt, ich fühle auch— aber Marie geht mir jetzt näher ans Herz.“ „Du haſt mir nie geſagt, daß Du noch lebende Altern habeſt,“ ſprach Ludwig erſtaunt. „Ich erfuhr es ſelbſt erſt vor zwei Jahren in London, als mein Pflegevater geſtorben war; aber damals hatte ich Kopf und Herz voll anderer Dinge— Du weißt ja—, und ſeitdem hat die Zeit mich gleichgültig gemacht. Da, an dieſem Ringe(er warf ihn über den Tiſch zu Ludwig hin,) ſollte ich vielleicht meine wahren Ältern erkennen; und doch hätte ich ihn vor drei Monaten unbedenklich um etwas Ge⸗ wiſſeren willen, was mir lieber war, weggegeben, wenn ich nicht ein dummer Tölpel geweſen wäre.“ Da Naſinski und Ludwig ihn fragend und befremdet anblickten, fuhr er, während Ludwig den Ring betrachtete, fort:„Mein Pflegevater, den ich für meinen wirklichen hielt, weißt Du, war ein armer Landprediger bei Würzburg. Als ich im zehnten Jahre anfing gut zu zeichnen, ſchickte er mich — 289— nach Dresden zu ſeinem Bruder, den Du ja gekannt haſt. Daß es mir ſchlecht genug hier erging bei dem alten, ſtren⸗ gen, philiſterhaften Kauz, brauche ich Dir auch nicht zu wie⸗ derholen. Ich zerriß endlich alle Ketten und ging auf Reiſen. In dieſer Zeit ſtarb mein Pflegevater der Pfarrer, und ſein Bruder beerbte ihn, das heißt, er bekam die nachgelaſſenen Papiere. Unter ihnen war eins, das er mir nach London ſchickte. Auf dieſem ſtand ungefähr Folgendes, von ſeiner eigenen Hand geſchrieben:„Eines Abends, als ich ſchon zu Bett war, klingelte es heftig mehrmals an der Hausthür. Die Haushälterin öffnete; ein fünfjähriger Knabe, der die Glocke gar nicht hätte erreichen können,— das war ich nämlich,— ſtand davor. Er hatte einen Brief an mich in der Hand. Ich öffnete ihn und fand eine Anweiſung von zweitauſend Gulden, auf einen frankfurter Banquier darin, die man mir unter der Bedingung gab, daß ich das Kind, welches ſie überbrächte, erziehen ſollte. Man kenne mich als einen redlichen Mann, der ein ſolches Zutrauen rechtfertigen werde, und wolle nach einiger Zeit ſich wieder nach dem Kinde erkundigen. Ich habe meine Pflicht nach beſten Kräf⸗ ten gethan, obwol mich bald darauf der Krieg um Das brachte, was ich für den Knaben in Beſitz genommen hatte. Sein Talent zur Malerei beſtimmte mich, ihn zu meinem Bruder nach Dresden zu ſenden. Seine Wäſche war mit einem B. gezeichnet, darnach nannte ich ihn Bernhard. Dies und ein goldener Trauring, den wir erſt ſpäter zufällig in ſeinem Kleidchen eingenäht fanden, und in welchem die Buchſtaben B. W. ſtehen, ſind die einzigen Zeichen, an denen man ſeine wahre Altern wieder erkennen kann.“ Dieſes Document nebſt dem Ringe, ſchickte mir mein Oheim, wo⸗ für ich ihn wenigſtens ſtets gehalten, nach London, mit dem Nuftrage, ich möge nun, dort oder in der Heimat, ſelbſt l. 13 — 290— nach meinen Ältern forſchen. Weiter blieb mir auch nichts uͤbrig, denn wie Du weißt, ſtarb mein Oheim vor zwei Jahren ſo plötzlich, daß ihn meine Antwort nicht einmal mehr am Leben traf, und daher an mich zurückging. So ſind wir in demſelben Fall. Aber ich betheure Dir, Ludwig, ich habe auch noch nicht den Finger gerührt, um eine Ent⸗ deckung zu machen. Was will ich mit Altern, die in meinem ganzen Leben nichts von mir gewollt haben? Reich oder arm, vornehm oder gering, mir iſt Alles eins; Liebe können ſie nicht zu mir gehabt haben. Mit Dir iſt's freilich anders, aber auch weit unwahrſcheinlicher— denn welcher Vernünftige zählt auf das große Loos im Glücksrade? Ich würde nur dem Schuft Romanay, oder wie er hieß, auf die Spur zu kommen ſuchen, um ihm etwa den Hals umzudrehen. Aber der Vater;— zwanzig Jahre verſchollen, iſt todt,—“ „Nein, Bernhard!“ rief Ludwig,„ich kann ſo nicht fühlen. Mächtig ſtürmt die Hoffnung in meiner Bruſt, ich werde einen Vater finden, und ihm vielleicht ein heiteres Ziel des Lebens bereiten können. Und dieſe Liebe ſteht mir näher als die Rache an Einem, den vielleicht das Maß ſeiner Schuld ſchon längſt ereilt hat. Nein, ich hoffe noch!“ „Das wird acht Tage dauern, die nächſten Monate hin⸗ durch taucht es noch einige Male auf; aber wenn dann Jahre verfloſſen ſind, und Alles bleibt wie es iſt, ſo wirſt Du ſehen, daß ſo ſchwache Hoffnungen verglimmen wie eine Flamme ohne Nahrung.“ „Freilich,“ entgegnete Ludwig,„bin ich, ſo ſcheint es, darauf angewieſen, meine theuerſten Hoffnungen an faſt un⸗ ſichtbare Fäden ſich knüpfen zu ſehen, und man könnte mir's verzeihen, wenn ich daran verzweifelte, durch ſie den Aus⸗ weg aus dem Labyrinth meines Schickſals zu finden.“ Naſinski hatte indeſſen den Ring genommen und be⸗ — 291— trachtete ihn aufmerkſam.„Hm!“ Welche Buchſtaben nann⸗ teſt Du, die in dem Ringe ſtänden,“ wandte er ſich fra⸗ gend an Bernhard. „B. W.“ erwiderte dieſer. „Wenn man freilich,“ bemerkte Raſinski nicht ohne eine etwas verweiſende Betonung,„ſo zarte Fäden nur obenhin betrachtet, dann wird es allerdings unmöglich, ſie zu verfol⸗ gen, und, durch ſie geleitet, den Ausgang des Labyrinths, wie Ludwig ſagte, zu finden. Ich leſe nicht B. W., ſondern ganz deutlich L. W. in dieſem Ringe.“ „Unmöglich!“ antwortete Bernhard, griff haſtig nach dem Ringe, und hielt ihn gegen das Licht.„Das iſt ein Blendwerk der Hölle!“ rief er plötzlich erblaſſend aus.„In meinem Ringe ſtand B. W., oder ich will ewig verdammt ſein. Treibſt Du Dein Spiel mit mir?“ fuhr er heftig gegen Raſinski auf. „Wie kannſt Du nur glauben’ ſprach dieſer und ſtand erſtaunt und bewegt auf; auch Ludwig betrachtete den Freund mit äußerſter Spannung. In ſeinen Zügen war eine Be⸗ wegung zu leſen, wie er ſie nie geſehen, ſeine Faſſung war verloren, er ſchien ganz überwältigt durch die ie aufregenden Gefühle ſeiner Bruſt. Plötzlich lachte er wild und ingrimmig guf.„Es iſt nichts, ſage ich, nichts. Eine der rieſenhafteſten Albernheiten des Zufalls, über die man aber freilich verrückt werden könnte! Ich glaube, das Schickſal will ſich an mir rächen. Ich war ungläubig gegen ſeine Wunder in dieſem nüchternen Leben, nun verhähnt es mich damit— aber doch faſt zu grauſam! O,“ er drückte ſich die Fauſt vor die Stirn,„wer mir nur dies eine Mal ſagen könnte, ob mich die grinſenden Larven eines Traumes quälen, oder ob die Wirklichkeit mir dieſe höhni ſhen Geſichter ſchneidet. Packt mich doch an, ins Teu⸗ 13* — fels Namen, und ſchüttelt mich wach, wenn mir der Alp das Herz zerdrücken will!“ „Bernhard, lieber Bernhard,“ drang Ludwig in ihn, indem er ſeine Hand ergriff,„was haſt Du? Faſſe Dich, komm zu Dir ſelbſt, o ſprich, was Dich ſo grauenhaft er⸗ ſchüttert!“ Wie Jemand, der aus den bewußtloſen Zuckungen eines Krampfes ins Leben zurückkehrt, und nun todesmatt, kaum noch die Augenlider offen halten kann, ſank Bernhard jetzt an der Bruſt des Freundes zuſammen, ſodaß Raſinski ihn unterſtützen mußte.„Laßt mir's allein Freunde!“ ſprach er matt.„Ihr liebt mich, es muß Euch eben ſo treffen. Warum ſoll es mehr als eine Bruſt zermalmen? Und wenn Alles nur ein leeres Spiel wäre! Ein Nichts, ein weniger als Nichts, was dieſe Qualen in mein Herz geworfen hat! Jetzt weiß ich, daß es auch unwirkliche Dinge gibt, vor de⸗ nen eine Männerbruſt zuſammenbrechen muß, daß man an entſetzlichen Träumen ſterben kann.“ Drittes Capitel. Jaromir und Boleslaw waren für dieſen erſten Abend in Moskau von ihren Freunden getrennt, da ihre Aufſicht bei den Truppen unerläßlich ſchien. Als jedoch die Bivouacs⸗ feuer loderten, der Soldat ſich leidlich eingerichtet hatte, und durch Raſinski's Fürſorge auch mit Speiſe und Trank hin⸗ länglich verſehen war, mochte es den einzelnen Führern wol geſtattet ſein, ſich auf kurze Zeit von ihren Poſten zu ent⸗ fernen, und ſich durch Kameraden vertreten zu laſſen, Dies „ — 293— that auch Jaromir. Denn bei ſeinem friſchen, lebensluſtigen Sinne, bei ſeiner noch jugendlichen Regſamkeit, war, ſo manches er auch erlebt und erfahren hatte, der Einzug in eine neue, berühmte Hauptſtadt doch ein Ereigniß für ihn, das ihn nach vielerlei Richtungen reizte und bewegte. Mit Staunen hatte er die Paläſte, die langen unendlichen Gaſſen, die wei⸗ ten Plätze betrachtet; der Kreml mit ſeinen Thürmen und Zinnen machte faſt den Eindruck eines Zauberſchloſſes auf ihn. Er hatte Luſt, durch die Gaſſen zu ſtreifen, die Bi⸗ vouacs der Kameraden zu beſuchen, mit ihnen zu ſchwatzen und zu plaudern, kurz, nach langen Anſtrengungen einmal die Freude des kriegeriſchen Müßigganges zu genießen. Bo⸗ leslaw ſah es ihm an, und wohlwollend wie er war, erbot er ſich, ohne erſt Jaromirs Bitte zu erwarten, den Dienſt für ihn zu übernehmen. Mit zwei Offizieren von dem leich⸗ ten Infanterie⸗Bataillon, das Raſinski für den Augenblick beigegeben war, ging er, als es ſchon ein wenig zu dämmern begann, Arm in Arm vergnügt die Gaſſen hinunter, um einen Spaziergang durch die wunderbare Stadt zu machen. „Hier dieſe beiden Thrme mit ihren goldenen Kuppeln müſſen wir im Auge behalten,“ ſprach er zu ſeinen Beglei⸗ tern; nach ihnen finden wir uns ſchon wieder zurecht, ſelbſt wenn es völlig dunkel würde, denn an dem ausgeſchweiften Knopf ſpiegeln ſich die Feuer von unten herauf hell genug, um ſie ziemlich weit durch die Nacht zu ſehen.“ Lebrun und Lacoſte, ſo hießen ſeine beiden Begleiter, waren gleich Jaromir, froh und guter Dinge.„Marlborough s'en va en guerre“ ſang Lebrun mit angenehmer Stimme und leicht graziöſem Vortrag vor ſich hin, und die beiden Andern ſtimmten mit ein. Sie gelangten durch einige Gaſſen, in denen ihnen ein ſchwerer Artillerietroß begegnete, an den Kreml. Hier waren 5 — 294— große Bivouacs aufgeſchlagen. Die junge Garde hatte ſich dieſen Platz zur Lagerſtätte erwählt. Lange Reihen zuſammengeſetzter Gewehrpyramiden leuch⸗ teten prächtig im Widerſchein der Feuer, die man entlängs der Gaſſen angezündet hatte. Wie der Soldat ſein Lager immer kriegeriſch ſchmückt, ſo hatte man auch hier vor jedem Bataillon eine Trophäe von Trommeln und Adlern auf⸗ gerichtet. An den Stellen, wo lange Straßen ſich öffneten, ſtanden Kanonen; ſie waren abgeprotzt, die brennenden Lun⸗ ten dahinter in den Boden gepflanzt. Um die Leute zu er⸗ heitern, hörte man von verſchiedenen Seiten her kriegeriſche Muſik. Doch nur Wenige waren noch ſo bei Kräften und glücklicher Laune, daß ſie einen fröhlichen Tanz nach einer beliebten Francaiſe oder Gavotte, der Ruhe auf dem mit Stroh bedeckten Steinpflaſter vorgezogen hätten. überhaupt gewährte das Lager zwar einen bewegten, aber nicht jenen heitern Anblick, den ſonſt eine ſolche kriegeriſche Nomadenſtadt, zumal nach Tagen des Sieges und Triumphes, darzubieten pflegt. Die Kleider der meiſten Soldaten waren zerriſſen und vom Pulver geſchwärzt; ſelbſt die Garde machte davon keine Ausnahme, obgleich ſie bei Borodino nicht zum Gefecht gekommen war. Denn ſpäter, als Kutuſow nochmals eine verſchanzte Stellung bei Krymskoie, drei Stunden vor Mos⸗ kau nahm, hatten auch ſie einen ehrenvollen Antheil am Kampfe gehabt. Hier und da hörte man ein fröhliches Lied. Doch zumeiſt lagen die bärtigen Krieger in ihre Mäntel ge⸗ hüllt an den Feuern, und ſchliefen oder blickten müßig in die Flammen, an denen ihre dampfenden Kochgeſchirre ſtanden. „Laßt uns einmal dort am Quai hinaufgehen, wo die prächtigen Häuſer ſtehen,“ ſprach Jaromir. 3 Auch hier lagen Soldaten; es war die alte Garde. Bei dieſen ſonſt ſo ſtreng disciplinirten Truppen herrſchte jedoch —— Euren Veranſtaltungen.“ wenig Ordnung. Man hatte die Thore der Häuſer aufge⸗ brochen und ſich's in den weiten Vorhallen bequem gemacht; die Offiziere lagen in den obern Stockwerken in den Fen⸗ ſtern. Die Soldaten ſchleppten Holz und Stroh heran; An⸗ dere trugen Bettſtücke, Teppiche, Kiſſen und Polſter, die ſie in den verlaſſenen Häuſern gefunden, herab, um ſich ein bequemes Lager zu ſchaffen, denn der Soldat war der fröh⸗ liche Erbe der Ausgewanderten. Der Bivouac erhielt durch dieſe Staffage ein buntes, faſt morgenländiſches Anſehen, zumal da gerade einige der Leibmamelucken des Kaiſers mit langen Pfeifen im Munde bequem auf einem prächtig ge⸗ ſtickten, rothen Teppich und himmelblauen Polſtern lagen, die ſie in dem nächſten Palaſt aufgefunden hatten. „Hm, Ihr habt Euch hier gut eingerichtet,“ ſprach La⸗ coſte;„freilich, die Garde muß immer etwas voraus haben. Man weiß aber nicht, habt Ihr den Bivouac ins Haus oder das Haus in den Bivouac getragen. Warum ſtrecktet Ihr Euch nicht lieber drinnen auf die Kiſſen?“ „Es iſt Befehl zu bivouaquiren, mein Capitain,“ erwiderte ein Sergeant mit glänzend ſchwarzem Knebelbart;„doch wird es hoffentlich nicht lange dauern. In ſo ſchöner Nacht läßt man ſich's aber gefallen.“ „Schöne Nacht? Mir däucht, der Wind wird rauh ge⸗ nug pfeifen,“ antwortete Jaromir. „Wenn er nur nicht die Feuer ausbläſt,“ rief lachend der Sergeant,„dann hat es keine Noth.“ „Sprecht lieber,“ bemerkte Lebrun, wenn er ſie nur nicht anbläſt. Euer Bivouac, Freund, iſt nicht der ordent⸗ lichſte den ich vom Ebro bis zur Moskwa geſehen. Nachts, wenn Alles ſchläft und die Feuerwachen einnicken, könnte Euch das Stroh unter dem Leibe zu brennen anfangen, bei — 296— „Wahrhaftig!“ lachte Jaromir,„es ware nicht übel, wenn Ihr Euch die Winterquartiere über dem Kopf abbrenn⸗ tet. Aber Ihr habt ordentlich einen Plan dazu gemacht. Stroh und Heu ſind ja von hier bis in die Hausflur hinein wie Zündpulver geſtreut, und bilden eine Schlange, als ob man einen Artilleriepark von weitem aufſprengen wollte.“ „Pah! Stroh iſt kein Pulver. Was leicht brennt, löſcht ſich auch leicht!“ rief der Sergeant. „Nicht immer,“ entgegnete Lacoſte;„Euren Bivouac will ich mit einer Cigarre in Brand ſetzen, aber es würde Euch ſchwer werden, aus der ſeichten Moskwa ſo viel Waſſer zu ſchöpfen, als Ihr zum Löſchen nöthig hättet.“ „Wir werden ſchon noch ein wenig Ordnung machen, mein Capitain,“ antwortete der Sergeant ſich verneigend, da die Offiziere ihren Weg fortſetzten.„Es wundert mich doch,“ meinte Jaromir,„daß das gelitten wird; es iſt in der That Gefahr vorhanden.“ „Freilich wohl!“ zuckte Lacoſte die Achſeln,„aber mit der Garde iſt der Kaiſer nun einmal ſo ſtreng nicht. Er vertraut zu ſehr darauf, daß es lauter Veteranen ſind, die mit Krieg und Kriegszucht Beſcheid wiſſen, und ihre Noth⸗ wendigkeit ſo eingeſehen haben, daß ſie von ſelbſt thun, was recht iſt. Es geſchieht auch ſo, auf dem Marſche, im La⸗ ger und der Schlacht; doch Ihr wißt wohl, wenn einmal der Tag des Ausruhens für den Soldaten gekommen iſt, dann hält es gar zu ſchwer, ihn zur Arbeit zu bringen. So lange er im Zuge iſt, geht's, man kann ihm aufhäufen, was die Schultern nur tragen wollen; ſtreckt er ſich aber erſt müde im Bivouac aus, zumal in einer eroberten Haupt⸗ ſtadt, dann mag der Teufel ihn mit Nebendingen ſcheeren und placken. Man verläßt ſich auch etwas auf Glück und den Himmel; wenn alles Gefährliche in der Welt ſchlecht * ⁴ — — 297— ausſchlüge, da möchte der Henker Soldat ſein. Unſer gan zer Troſt ſind ja die Kugeln, die nicht treffen.“ In dieſem Geſpräch war man weiter geſchlendert. Kein Schritt, der nicht ein Bild für die Hand eines geſchickten Malers dargeboten hätte. Hier ein alter Krieger, der da ſchlief, als wollte er erſt bei der Poſaune des Gerichts wieder erwachen, und es nicht bemerkte, daß ſeine Stiefelſohlen ſich ſchon am Feuer ſengten, ſodaß Jaromir ihn gutmüthig auf die Seite ſchob, damit der arme Teufel nicht am Ende bar⸗ fuß laufen müßte. Dort eine Marketenderin, die, von einem Schwarm luſtiger Soldaten umringt, Frauengewandtheit mit dem Stolz auf die Redlichkeit ihres Handels verbindend, Unzähligen zud zu genügen wußte. Weiterhin fröhliche Spiele, Lieder, Tanz. Dicht daneben eine Gruppe behaglich ſchwatzender Graubärte, die mehr Narben als Haare auf dem Scheitel hatten. Ein Kranker, der mißmuthig, mit verbun⸗ denem Haupt, in den Mantel gewickelt auf dem Stroh lag. Ein Pfeifer, der ſich maleriſch als Sansculotte auf eine Trommel geſetzt hatte, weil er als ſein eigener Schneider ſein einziges Paar Hoſen flickte. Sogar eine Mutter mit ei⸗ nem zweijährigen Knaben ſah man, am Feuer ſitzend, mit dem Kinde ſchäkern. Es war der einzige ſüße Lohn für eine Treue und Liebe, die ihr den Muth gegeben hatte, dieſe un⸗ ermeßliche Weite blutgedüngter Steppen zu durchwandern. Indem Jaromir ſich durch einen dichtern Haufen Sol⸗ daten Bahn zu machen ſuchte, die einen mit Reis beladenen Wagen, wo ſie ihre Nation empfangen ſollten, gedrängt umſtanden, zupfte ihn Jemand am Kleide. Er ſah ſich um; es war ein zierlich gekleideter Jokei, ein Knabe, wie es ſchien, von etwa funfzehn Jahren, deſſen Anweſenheit im Lager auffallen mußte. Ein engliſcher Hut mit breit überſtehender Krämpe 132* — 298— und mit einer ſchwarzen Feder, ſchmückte das Haupt, ver⸗ deckte aber das Antlitz zur Hälfte. „Was willſt Du, Knabe?“ fragte Jaromir verwundert. Der Kleine bückte ſich ein wenig, wie verſchämt, und ſprach:„Ich ſoll Euch bitten, mir zu folgen!“ Jaromirs Verwunderung nahm zu, als er den ſchönen Knaben aufmerkſamer betrachtete; die Dämmerung, der rothe Schimmer der Wachtfeuer und der tiefe Schlagſchatten des Hutes gaben dem Geſicht einen ganz eigenthümlichen, ro⸗ mantiſchen Reiz. Die Züge erregten lebhafte Erinnerungen in Jaromir auf, denen er jedoch keinen beſtimmten Gegen⸗ ſtand anzupaſſen wußte; allein er mußte den Knaben irgend⸗ wo ſchon geſehen haben.„Folgen?“ fragte er,„gern; aber wohin?“ „Nur mir nach,“ ſprach der Kleine ſchon halb umge⸗ wendet, und ſuchte dem Gedränge zu entkommen. Jaromir, höchſt geſpannt und gereizt, eilte ihm nach, beſorgt, ihn in dem Getümmel aus den Augen zu verlieren. Raſch wandte ſich der behende Führer in eine dunkle, ſchmale Seitengaſſe, durch die ſie bald einen freiern Platz erreichten. Da ſtand plötzlich der Kreml mit ſeinen, in der tiefen Dämmerung ſchwarz und rieſenhaft emporſteigenden Thürmen und Mauern vor ihnen; im letzten Abendſchimmer leuchtend, glühte das goldene Kreuz des heiligen Iwan auf der Spitze der Metropolitankirche, hoch in den blauen Räu⸗ men des Himmels. Obgleich Jaromir durch das ſeltſame Abenteuer, was eben für ihn zu beginnen ſchien, ſehr ge⸗ ſpannt war, und ſeine Seele ſich ganz mit Gedanken und Vermuthungen erfüllte, die ihn von den außern Erſchei⸗ nungen völlig abzogen, ſo machte doch dieſer unvermuthete, großartige Anblick einen mächtigen Eindruck auf ihn. Unwill⸗ kürlich ſtand er einen Augenblick ſtill, und ſtaunte gegen die „ 5 — — 299— Höhe hinan. Sein Führer jedoch, der ihm ſtets einige Schritte voraus geblieben war, ſah ſich wie antreibend nach ihm um, und winkte ihm mit der Hand, nicht zu zögern⸗ Sie kamen an das Portal eines prächtigen Palaſtes; der Knabe trat in die Pforte und wartete, bis Jaromir ihm folgte. Dann ergriff er deſſen Hand, und ſprach:„Hier muß ich Euch aufmerkſamer führen, denn Ihr würdet Euch nicht zurecht finden.“ In der That war die weite Vorhalle des Hauſes durch eine Lampe, die in einer Ecke auf einem Tiſche ſtand, faſt ſo gut als gar nicht beleuchtet. Kaum, daß man die brei⸗ ten Treppen, die zu dem obern Stockwerke führten, erken⸗ nen konnte. Jaromir ſtutzte; ſollte er weiter folgen, in der fremden Stadt, in dem öden Hauſe? Er war nicht furchtſam, doch er trug Bedenken, ſich dem Führer ferner anzuvertrauen. „Halt, Knabe,“ ſprach er, nnicht weiter, bevor Du mir ſagſt, wohin!“ „Ein Pole, ein Soldat, und Furcht?“ ſprach der Kleine mit faſt ſpöttiſchem Ton. Die Antwort verdroß den muthigen Jüngling.„Furcht?“ rief er;„ich glaube faſt, Du ſelbſt bildeſt Dir ein, mich zu ſchrecken. Weiter denn, ins Teufels Namen, aber Du biſt mir Bürge für Alles, was mir begegnet.“ Der Knabe antwortete nicht, bot jedoch Jaromir ſeine Hand dar, der ſie ſo feſt ergriff, daß ihm der kleine Führer nicht entrinnen konnte; hierauf zog er mit der Rechten ſei⸗ nen Säbel und ſprach:„Jetzt vorwärts, wohin Du willſt!“ Der ſchweigende Kleine leitete ihn die Stufen der Treppe hinan, öffnete oben die Thüre eines Gemachs, und führte ihn dann durch eine lange Reihe, wie es ſchien, leerſtehender Gemächer, in denen die tiefe Dämmerung, welche draußen — 300— auf der Straße herrſchte, ſchon faſt als völliges Dunkel er⸗ ſchien. Jaromirs Herz klopfte; ein eignes Gefühl beſchlich ihn, als gehe er einer Gefahr ganz beſonderer Art entgegen, und doch trieb ihn die aufs höchſte geſpannte Erwartung, der Löſung des Geheimniſſes entſchloſſen entgegen zu ſchreiten. Sie hatten jetzt ein völlig dunkles Gemach erreicht. Der Knabe warf die Thüre hinter ihnen ins Schloß, entſchlüpfte mit einer unvermutheten Wendung aus der Hand Jaromirs, und rief ihm aus dem Dunkel, in dem man noch ſtand, mit anmuthiger Stimme nur die Worte zu:„Hier wartet einen Augenblick.“ Jaromir wollte den Knaben haſchen, allein er war ſchon entſprungen, und eine zweite Thüre, die ſich ſchloß, ließ er⸗ rathen, daß er das Gemach verlaſſen habe. In dem völlig dunklen Zimmer ganz allein, wurde Ja⸗ romir doch unſchlüſſig, was er thun ſollte; er verſuchte die Thür zu öffnen, durch die er eingetreten war, allein ſie mußte ein Springſchloß haben, denn ſie widerſtand dem Verſuch. „Sollte irgend ein Hinterhalt des Feindes Dich hier be⸗ drohen?“ fragte er ſich ſelbſt.„Doch was könnte dazu ver⸗ anlaſſen, gerade Dich unter ſo vielen Tauſenden zu ver⸗ locken? Und wie zufällig ſtieß man auf Dich! Es gäbe wol wichtigere Köpfe im Heere, wenn der Feind darnach trach⸗ ttete. Aber was in aller Welt kann man wollen? Warum dieſe geheimnißvolle Weiſe!“ Von dieſen Gedanken beunruhigt, trat er ans Fenſter, welches durch dichte, ſeidne Vorhänge geſchloſſen, ſich durch eine ſchmale Lichtſpalte bemerkbar machte. Er ſchob den Vor⸗ hang zurück; das Gemach ſah nach einem Garten; jenſeit deſſelben erblickte man durch das Halbdunkel die von den Flam⸗ men der Bivouacsfeuer angeſtrahlten beiden Thurmſpitzen, welche dicht an Jaromirs Bivouac ſtanden und ihm zum Leitpunkte — 301— dienten. Täuſchte er ſich nicht ganz, ſo mußte er durch den Garten auf dem nächſten Wege zu den Seinigen gelangen können. Er erinnerte ſich zugleich einer ziemich langen Gar⸗ tenmauer, welche an der Straße, wo ſein Bivouac lag, ent⸗ lang führte, und einer kleinen Pforte in derſelben. Mit militairiſchem Geſchick wußte er dieſe Umſtände der Ortlichkeit ſogleich in Beziehung zu bringen, und zweifelte nicht, daß er, im äußerſten Falle, wenn er nur den Garten gewänne, auch die Mauer erreichen und von dort die Hülfe ſeiner Kame⸗ raden herbeirufen könne. In Gedanken entwarf er bereits den Plan eines Rückzuges für den Fall, wo er angegriffen würde. Nur in den Garten hinabzukommen, war die Schwie⸗ rigkeit, denn der Sprung aus dem Fenſter war hoch. Da half ihm der Zufall; er hörte plötzlich das Knarren einer Thüre auf der Angel dicht neben ſich. Dem Geräuſch nach⸗ gehend entdeckte er eine Tapetenthür, die, ſchlecht zugemacht, vom Winde bewegt worden war; er öffnete ſie und ſtand in einem Corridor, deſſen Fenſter auf den Garten ging. Da es durch keinen Vorhang verſchloſſen war, fiel Licht ge⸗ nug hinein, um den Raum weiter zu unterſuchen. Doch ſchon nach den erſten Schritten fand er einz kleine Treppe, die, zu ſeiner Freude und Beruhigung, gerade in den Garten hinunterführte, deſſen Eingang nicht einmal verſchloſſen war. Er ſtand nun unten, Herr ſeiner Freiheit; doch ein Gefühl der Scham und der Ehre trieb ihn wieder hinauf; zufrien den, ſich einen Rückzug geſichert zu haben, war er entſchloſſen, das Abenteuer zu beſtehen. Eben hatte er das dunkle Ge⸗ mach wieder erreicht, als die Thür, durch welche ſein Führer verſchwunden war, ſich öffnete und ein matter Lichtſchim⸗ mer ins Gemach fiel. Eine weibliche Geſtalt, in weiße Schleier und Gewänder gehüllt, trat mit leichter, anmuthiger Bewegung ein; ſie hielt eine durch ein matt geſchliffenes Glas — 302— gedämpfte Lampe in antiker Form in der Hand. Jaromir, der ſich auf einen Feind, oder wenigſtens auf einen diplo⸗ matiſch oder militairiſch gefährlichen Auftrag gefaßt gemacht hatte, war höchſt erſtaunt. Mit einiger Verwirrung ver⸗ beugte er ſich; doch die Fremde ſetzte die Lampe aus der Hand auf einen Marmortiſch, ſchritt auf ihn zu und fragte, jedoch ohne den Schleier zu lüften, mit lieblicher, ihm äu⸗ ßerſt bekannt klingender Stimme:„Errathen Sie nicht, wer vor Ihnen ſteht?“ „Beim Himmel, nein!“ rief Jaromir,„aber kennen muß ich Sie!“ „Sie haben kein treues Gedächtniß,“ entgegnete die Un⸗ bekannte;„und ich erkannte Sie doch mitten im Getümmel der Menge, und mein Herz ſchlug ereichtert, weil ich einen Freund und Beſchützer zu finden hoffte. Aber ich muß Sie doch darum bitten, es mir zu ſein!—“ Mit dieſen Worten ſchlug ſie den Schleier zurück und blickte beſchämt zu Boden. Die Dämmerung, die im Gemach herrſchte, verbarg ihre vom Lichte abgewendeten Züge. Jaromir, aufs Außerſte geſpannt, ergriff ihre Hand und zog ſie haſtig gegen die Lampez ſie widerſtrebte nur leiſe, ſenkte aber mit weiblicher Scheu das Haupt. „Aliſette! Sie ſelbſt?“ rief er außer ſich vor Erſtaunen, da er ſie jetzt erkannte.„Wie iſt es möglich, daß Sie hie⸗ her kommen!“ Sie ſchlug ihr ſchönes blaues Auge, das im feuchten Glanze ſchimmerte, gleichſam bittend zu ihm auf und ſprach mit bewegter Stimme:„Freilich iſt es mir ſelbſt faſt unbe⸗ greiflich, doch es gibt Zeiten und Verhältniſſe, welche auch uns Frauen in die ſeltſamſten und außerordentlichſten Lagen bringen. O, ich fühle es tief,“ fuhr ſie mit geſenkten Augen — 303— fort,„wie feindlich der Schein iſt, der auf mich fällt, da Sie mich hier ſehen! Doch wüßten Sie—“ „Ich ſchwöre Ihnen,“ rief Jaromir feurig,„daß mein Herz keinen unwürdigen Verdacht aufzunehmen vermag!“ „O Sie wohlwollender Freund,“ ſprach Aliſette gerührt, ergriff ſeine Hand und drückte ſie mit Wärme. Dann ſank ſie müde und erſchöpft auf das Sopha nieder, welches die Rückwand des Gemaches einnahm, und drückte ihr lockiges Haupt in das ſeidene Kiſſen. Sie ſchien ſtill zu weinen. Jaromir ſtand vor ihr und betrachtete das ſchöne Mädchen mit klopfendem Herzen. Das Haupt ruhte auf dem weichen, leicht verhüllten Arme; die Locken fielen beſchattend über Wangen und Nacken; die rechte Hand hing läſſig herab. Leiſe ſetzte er ſich zu ihr, nahm ihre Hand und ſprach mit wahrhafter Rührung:„Faſſen Sie ſich, armes Mädchen!“ Sie richtete ſich langſam auf.„Ach,“ ſeufzte ſie,„wenn ſich das Gemälde meines Lebens einmal mit recht lebendigen Farben wieder vor meine Seele ſtellt, dann unterliegt meine Kraft. Vergeben Sie mir nur!—— Aber hören müſſen Sie, welche Schickſale mich hieher führten. Vor Allem jedoch beantworten Sie mir die Frage: Erkannten Sie mich zuvor nicht?“ „Sie? Wann?“ fragte Jaromir verwundert. „Sie hätten mich nicht in der männlichen Kleidung ge⸗ kannt?“ „Unmöglich! Sie ſelbſt waren der zierliche, ſchelmiſche Bote? Nun begreife ich die dunklen Anklänge der Erin⸗ nerung— „Der weumſe Bote!“ ätrebrach Aliſette mit einer bittern Betonung.„O, wenn Sie wüßten, was es mich gekoſtet hat, dieſe Maske durchzuführen! Aber ich ſtand auf dem Theater, wo ich ja oft mit zerriſſenem, blutendem Herzen — 304— ein heiteres Angeſicht zeigen mußte! Doch, wollen Sie mich anhören? Wird meine Erzählung Sie nicht ermüden? Werden Sie mir Nath und Beiſtand nicht verſagen?“ „Ein Elender wäre ich, wenn ich nicht Alles für Sie zu thun bereit wäre!“ rief Jaromir und drückte ihre zarte Hand, die noch immer in der ſeinigen ruhte, an die Lippen und bedeckte ſie mit feurigen Küſſen. Aliſette ließ ſie ihm und hielt ſich mit der andern ihr Tuch vor die weinenden, ſchönen Augen. „Nun erzählen Sie, erzählen Sie mir Alles,“ bat Ja⸗ romir; trocknen Sie dieſe bittern Thränen, denn Sie haben einen Freund, einen Bruder gefunden.“ „Und ich will ihm vertrauen, wie einem Bruder,“ ent⸗ gegnete das ſchöne Mädchen und druckte leiſe ſeine Hand. „Sie wiſſen vielleicht nicht,“ begann ſie,„daß mein Stand mir verhaßt iſt. Warum— darf eine Frau, ein Mädchen Ihnen das erſt erklären? Aber die dringendſte Noth, die Sorge für das einzige, zurückgebliebene Kind einer theuren Schweſter, die ich in England verlor, zwang mich in dieſes unſelige Verhältniß hinein. Mein Talent, was ich nur zur freien Verſchönerung des Lebens für mich und Andere beſtimmt glaubte, mußte ſich unter die drückende ſklaviſche Pflicht der Erhaltung des äußerlichen Daſeins beugen. Die traurigen Schickſale, welche mich zuerſt auf dieſe rauhe Bahn führten, laſſen Sie mich verſchweigen. In Warſchau fanden Sie mich auf derſelben; die Stunden im Hauſe der Gräfin, die flüchtigen Tage, wo ich Sie dort ſah, waren die ſchön⸗ ſten meines Lebens. Gern wäre ich dort geblieben, allein der empörende Antrag eines Mannes, in deſſen Händen dort alle meine Verhältniſſe ſtanden, zwang mich, bald nach Ihnen, wenige Tage nachdem die Gräfin abgereiſt war, die Stadt zu verlaſſen, wo es mir ſo wohl ergangen war, wo 5 aber, wie durch einen rauhen Sturm vertrieben, plötzlich alle Diejenigen, die mir Freundſchaft zeigten, denen ich Zutrauen ſchenkte, nach allen Weltgegenden zerſtreut wurden. Ohne Nath und Hülfe, blieb mir nichts übrig, als den nächſten Zweig zu erhaſchen, der ſich mir in dem Schiffbruch darbot. Ein Theaterunternehmer, der auf die Macht und die Siege des Kaiſers das unbedingteſte Vertrauen ſetzte, beſchäftigte ſich damit, Theilnehmer für eine franzöſiſche Bühne zu wer⸗ ben, durch welche er dem Heere den Winteraufenthalt in Ruß⸗ land zu erheitern dachte. Anfangs hieß es, der Kaiſer werde zu Witepsk bleiben; dahin folgte ich dem neuen Führer mei⸗ nes ſchwankenden Geſchicks. Ich wagte mich mitten in das Getümmel des Kriegs hinein; ohne Furcht, darf ich ſagen, denn ich bin der Stürme des Lebens gewohnt worden, lieber Freund, und äußere Gefahr ſchreckte mich nicht mehr. Doch kaum waren wir zu Witepsk angelangt, als das Heer auf⸗ brach, und jene Stadt ſo öde und wüſt wurde wie zuvor. Um nicht die großen Koſten, die er bereits aufgewendet, zu verlieren, entſchloß ſich der Unternehmer, der Armee zu folgen. Er hatte das ſicherſte Vertrauen, daß der Kaiſer bald in Moskau ſein werde; dadurch ſuchte er uns zu beſtimmen, uns nicht von ihm zu trennen. Dennoch wäre ich gewiß nach Polen oder Deutſchland zurückgekehrt, aber“, ſie ſtockte hier einen Augenblick.„Doch warum ſollte ich mich deſſen ſchämen,“ fuhr ſie ein wenig erröthend fort,„es fehlte mir an dem Gelde dazu!“ „O, warum ſuchten Sie mich, warum den Grafen Ra⸗ ſinski nicht auf!“ fiel Jaromir ein.„Wir ſtanden ja dicht bei der Stadt, und ich ſelbſt war täglich dort.“ „,SO, hätte ich Sie geſehen,“ entgegnete Aliſette,„zu Ih⸗ nen hätte ich vielleicht den Muth gefaßt, den eine ſolche Bitte fordert. Doch den Andern gegenüber hätte mich eine unbe⸗ — 306— ſiegbare Scheu zurückgehalten. Auch ſah ich den Grafen nur einmal auf ſeinem prächtigen Schimmel ſtolz und ernſt vor⸗ überreiten; ich ſtand am Fenſter, doch er bemerkte mich nicht.“ „Die Unmöglichkeit der Rückkehr,“ fuhr Aliſette nach ei⸗ ner Pauſe fort,„trieb mich immer weiter in den fortwirbeln⸗ den Strom hinein. Nur für die nächſten dringendſten Be⸗ dürfniſſe ſorgte der Unternehmer; in allem übrigen vertröſtete er uns auf Moskau, vielleicht nur, um uns jeden andern Ausweg zu verſperren. Die Nähe der Armee, die oft ſelt⸗ ſamſten Nachtlager, die Nothwendigkeit, ſtets mitten unter Männern zu verkehren, beſtimmten mich, männliche Tracht an⸗ zulegen. Als ein großes Glück darf ich es betrachten, daß es mir gelang, einen Platz auf dem Bagagewagen eines Gene⸗ rals zu erlangen, denn ich galt nun für einen ſeiner Dienſt⸗ leute, und die Reiſe wurde mir ungleich weniger beſchwerlich. Wir kamen wenige Tage nach der Schlacht durch das noch rauchende Smolensk. Hier hatte ich den erſten Anblick aller Schauder des Krieges. Vor Grauſen faſt erſtarrt, fuhr ich bebend auf der entſetzlichen Straße hin, die man mühſam durch Schutt und Trümmer gebahnt hatte, der zur Seite halb verbrannte Leichname und menſchliche Gebeine aufgehäuft lagen. Ich mußte endlich das Auge ſchließen vor dieſen gräß⸗ lichen Bildern. Aber von nun an erneuerten ſie ſich täglich. Vielleicht ſah ich Schrecklicheres als Sie ſelbſt, denn Sie eilen auf der Bahn des Sieges vorwärts und wenden das Auge nicht zurück auf die entſetzlichen, blutigen Spuren, die das langſam weichende Ungeheuer des Kriegs zurückläßt. Ich aber habe ſie geſehen, dieſe Jammergeſtalten am Wege, dieſe hohläugigen, bleichen Geſpenſter, die uns ihre dumpfen Kla⸗ gen entgegenwimmerten! Ich habe ſie geſehen, und mußte vorüber, ohne ihnen helfen zu können. Und in dieſe Wüſte⸗ neien voller Elend und Entſetzen trieb mich mein Schickſal — 307— hinein! Mit jedem Schritte unſerer ermatteten Pferde ver⸗ ſchloß ſich die Rückkehr unwiderruflicher. Der Strom drängte langſam vorwärts; ich ſah, daß er mich dem Unheil entge⸗ gentrieb. Aber vermochte ich es, allein umzuwenden, und auf der Straße zurück zu irren, wo jeder Tritt meines Fu⸗ ßes an eine Leiche, an einen Sterbenden rühren mußte? Wie hätte da, wo Tauſende von kriegsgewohnten Männern ver⸗ ſchmachteten, weil ihnen die Kräfte verſagten, ein ſchwaches Mädchen einen Rückweg gefunden! Faſt wahnſinnig von dem unausgeſetzten Grauen, das meine Seele erfüllte, ließ ich mich forttreiben von der Woge meines Schickſals, und gedachte in dumpfer Betäubung keines Widerſtandes mehr. So hörte ich den Donner der entſetzlichen Schlacht, ſo fuhr ich mit verhülltem Angeſicht über das Leichenfeld, von dem ſchon ein giftiger Peſthauch emporſtieg, ſo endlich, theurer Freund, erreichte ich heute dieſe Stadt. Wie hier ein Jeder mit dith überfülle verlaſſener Näume ſchaltet, gerieth auch ich in die⸗ ſen Palaſt, deſſen vordern Flügel einige Frauen bewohnen, die ein gleiches Schickſal mit mir theilen, aber es mit leicht⸗ fertigem Sinn, ich ſollte vielleicht ſagen, mit frevelhafter Sorg⸗ loſigkeit betprachten. Sie haben überdies ſo ſchnelle Verbindun⸗ gen angeknüpft, daß die meinige mit ihnen ſchon ſo gut wie zerriſſen iſt. So war ich denn gleich in den erſten Minu⸗ ten das verlaſſenſte Weſen in dieſer ungeheuren Stadt, in dieſem unermeßlichen Reiche. Vor einer Stunde wagte ich mich aus meiner Zurückgezogenheit hervor, halb in der Hoff⸗ nung, einen Anker in dieſer Noth zu entdecken. Da führte ein guter Stern mir Sie entgegen, und— das übrige darf ich Ihnen ja nicht erſt erzählen,“ ſetzte ſie leiſe hinzn, und beugte das anmuthige Haupt verlegen nieder. Das Wunderbare und überraſchende des Abenteuers, der einſame, traulich geheime Aufenthalt, die Anmuth, welche 4 — 398— Francoiſe Aliſette ſelbſt in die leiſeſten Bewegungen und Sprachtöne zu ergießen wußte, das Rührende und Ergrei⸗ fende ihrer Erzählung und lebendigen Schilderung, der Ge⸗ danke an ihre weibliche Hülfloſigkeit in dem koloſſalen Trei⸗ ben des Kriegs, wo ſelbſt der einzelne Mann ſich gegen das unermeßliche Ganze verliert— vor Allem aber der unwider⸗ ſtehliche Reiz der Thränen eines ſchönen Auges: dies Alles drang ſo mächtig auf Jaromirs jugendliches, volles Herz ein, daß es gefangen war in dem purpurnen Netz, mit dem das liebliche Mädchen ihn umſpann, noch ehe er es ahnete. Aus dem Zutrauen, welches ſie ihm ſchenkte, ſchöpfte er eine ihm ſonſt unbegreifliche Kühnheit; es war ihm, als habe ſie ihr ganzes Geſchick in ſeine Hand gelegt, als ſei er der Herr ihres Thuns und Wollens. Mit raſch aufflammender Gluth preßte er ſeine Lippen auf ihre Hand und zog die ſcheu Widerſtrebende näher zu ſich heran. Seine glühende Wange berührte die geſenkte Aliſettens. Er zitterte in ſüßer Luſt der Liebe; auch ſie bebte in ſeinem Arme, den er kühn um die zarte Geſtalt ſchlang. „Süßes, holdes Weſen,“ ſprach er zärtlich leiſe,„ſei meine Schweſter, ich will Dein Bruder ſein. Trockne Deine Thränen, lebe nicht mehr im bangen Schauer vor Deinem Geſchick, nun ſoll Alles, Alles vorüber ſein.“ „O Himmel, wie überſchütteſt Du mich mit ungehofftem Glück,“ rief Aliſette und neigte ſich wie überwältigt von der Macht ihrer Gefühle gegen den Freund, und verbarg ihr holdes Antlitz an ſeiner Bruſt. Wie eine flüchtende, ſchüchterne Taube ſchmiegte ſie ſich an, und er hielt ſie um⸗ faßt, ſeiner Kraft, ſeines männlichen Schutzes ſtolz bewußt. „Du haſt meine Braut ſpäter geſehen als ich,“ ſprach er nach einigen Minuten.„O, erzähle mir von ihr! War ſie ſo traurig, wie ihre Briefe?“ — 309— Bei dem Worte Braut zuckte Aliſette krampfhaft zu⸗ ſammen; ein kurzes, beklemmtes„Ach!“ drängte ſich aus ihrer Bruſt.„Die ſchöne Gräfin Lodoiska habe ich wenig mehr geſehen,“ ſprach ſie mit mühevoll errungener Ruhe; „am Tage nach dem Abmarſch war ſie auf dem Ball im ſächſiſchen Palaſt, wo ich erſcheinen mußte, um in dem Con⸗ cert zu ſingen.“ „Auf dem Ball?“ fragte Jaromir mit einer Betonung, die es deutlich ausdrückte, daß dieſe Nachricht ihm eben ſo unerwartet als unangenehm war. „Der Fürſt Lichnowski führte ſie.“ „Sie tanzte mit ihm?“ fuhr Jaromir raſch auf. „Mit ihm allein, aber wenig. Zumeiſt ſaßen ſie in der Fenſterniſche beiſammen und ſprachen. Sie fuhren auch früh nach Hauſe, denn der Fürſt ſpeiſte den Abend noch bei der Gräfin.“ Jaromir ſchwieg; eine dunkle Röthe des Zorns überflog ſeine Wangen, doch unterdrückte er die finſtere Wallung der Eiferſucht, die in ihm erwachte. Nein, dachte er einige Minuten ſpäter, ſie liebt Dich gewiß und ihre Trauer war ſo wahrhaft, als ihre Briefe ſie ſchilderten. Sollte ſie aber deshalb die Begleitung eines genauern Bekannten des Hau⸗ ſes nicht mehr annehmen? Sollte ſie ſich von einem öffent⸗ lichen Feſt, das vielleicht ſogar einen vaterländiſchen Charak⸗ ter trug, ausſchließen? Du thuſt ihr Unrecht! Frangoiſe las in ſeinen offenen Zügen, was in ſeiner Bruſt vorging.„Sie ſind plötlich zerſtreut, lieber Freund,“ ſprach ſie mit dem Ausdruck der Theilnahme;„die Erinne⸗ rung an eine ſo ſchöne Braut muß freilich ſehr bewegend ſein. Schreibt ſie Ihnen oft?“ „Ich habe ſeit dem Tage vor der Schlacht keine Nach⸗ richt gehabt. Der letzte Brief war aus Teplitz. Aber ſie 2 — 310— ſchreibt oft, und mit zaͤrtlichſter Innigkeit.“ Die letzten Worte ſprach er gerührt; es war gewiſſermaßen eine Abbitte ſeines Verdachts. Doch plötzlich fiel es ihm ein: Warum aber hat ſie Dir nicht geſchrieben, daß ſie auf dem Ball war? Sie hat ſonſt Alles, was ihr begegnete, aufs genaueſte berichtet, Tag für Tag ihre Beſchäftigung angegeben— warum— Aliſette unterbrach ihn in dieſen Gedanken.„Wie gern hätte ich von der Gräfin und Ihrer Braut Abſchied genom⸗ men! Allein es war mir unmöglich. Dreimal ließ ich mich melden, fand aber Niemand im Hauſe. Der Portier ſagte mir, ſie ſeien aufs Land gefahren. Von dort kamen ſie ſpät zurück, und am andern Morgen weckte mich der davonrol⸗ lende Reiſewagen.“ „Aufs Land?“ fragte Jaromir erſtaunt, denn auch Das hatte man ihm nicht gemeldet.„Wohin? Kannten Sie den Ort?“ „Nein,“ erwiderte Aliſette ſichtlich verlegen und ſtockend; „die polniſchen Namen ſind mir ſo ſchwer zu behalten.“ „Vielleicht Wikzolky, das Gut ihres Oheims? Oder Pulawy, wo die Fürſtin Czartoryski wohnt?“ Aliſette verneinte durch eine Bewegung des Hauptes. „Aber zu wem? Den Namen des Beſitzers werden Sie doch kennen?“ „Der Portier wußte nicht,“ erwiderte Aliſette furcht⸗ ſam. „Das iſt unmöglich, Liebe! Wenn er den Ort kennt, ſo kennt er auch den Beſitzer. Ich beſchwöre Dich, Mäd⸗ chen, ſprich die Wahrheit!“ rief er plötzlich mit aufflammen⸗ der Heftigkeit; Aliſette bebte erſchreckt zurück. „Mein Gott!“ „Die Wahrheit! War es Czarnowicki?“ — 31— „Ich glaube, jalll „Dort wohnt Lichnowski!“ rief Jaromir wild und ſprang auf.„Sie iſt treulos, iſt ſo falſch wie je ein Weib! Denn ſie verhehlte mir dieſen Beſuch! Das hätte ſie nicht gethan, wäre er unſchuldig geweſen! Ein Tagebuch ſandte ſie mir! Von jeder Stunde, jeder Minute gab ſie Rechenſchaft! Eine Heilige konnte nicht reiner, ſtiller, jungfräulicher leben⸗ O der Heuchlerin!“ Thränen brachen aus dem Auge des Jünglings hervor; er wiſchte ſie unwillig ab und ſtampfte mit dem Fuße auf den Boden.„Es wäre auch noch der Mühe werth, daß ein Mann wie ein Knabe um ſie weinte!“ Doch ſeine Thränen floſſen nur um ſo ſtärker. Aliſette war zitternd, ohne einen Laut zu wagen, ſitzen geblieben; ſie glich einem Kinde, das unvermuthet ein großes Unglück angerichtet hat, und, vor Schreck erblaßt, ohne ein Einſchreiten zu wagen, dem wachſenden Verderben bebend zuſchaut.„O, ſein Sie ruhig,“ bat ſie endlich ſanft;„ſetzen Sie ſich wieder zu mir. Sie thun der Armen wol hartes Unrecht!“ „Nein!“ rief er heftig,„ich thue ihr nicht Unrecht! Willenlos haſt Du Gute mehr verrathen, als Du ahneſt! Sage mir jetzt die volle Wahrheit. Was weißt Du weiter?“ „Wirklich nichts,“ erwiderte ſie, durch den Ton der Bitte ablehnend. „Aliſette!“ bat Jaromir ſtürmend, indem er ihre beiden Hände ergriff und ſich wieder zu ihr ſetzte,„Aliſette! Du hatteſt Schutz und Hülfe von mir erbeten! Jetzt bedarf ich Deiner mehr als Du meiner, beſtes Mädchen! O Du biſt gut, ſage mir Alles, ich bitte Dich, Alles, was Du weißt und denkſt.“ „Gewiß, ich weiß nichts, und was ich denke— das — 3142— darf ich nicht denken. O, daß ich ein ſo unglückſeliges Wort ſprechen mußte!“ „Nur eins ſag' mir,“ ſprach er mit verhaltenem Zorn und Schmerz,—„iſt Fürſt Lichnowski der Gräfin nach Teplitz gefolgt?“ „Er reiſte denſelben Tag,“ antwortete Aliſette kaum hörbar. „O, Du biſt gut— Du hiätteſt mich nicht ſo verra⸗ then,“ rief er weich, und zog mit der Linken die ſanft Wi⸗ derſtrebende an ſein Herz, und ſenkte das ſchwere, müde Haupt gegen ihre lockige Stirn.„Aber ich will ſie vergeſſen! Sie ſoll den Triumph nicht haben, daß ein Mann um ſie weint. — Ich dachte nur an ſie in der Schlacht! Nur ihr wei⸗ nendes Bild ſtand vor meiner Seele; ich ſah nicht Schre⸗ cken, nicht Gefahr. Es ſchien mir ſüß, zu ſterben, wenn man ſo betrauert würde— noch ſüßer ſchien es mir, zu leben! O, wie thöricht war dieſer Wunſch. Warum liege ich nicht bei den Freunden auf der Wahlſtatt, da wäre mir beſſer!“ „Und uns bräche das Herz!“ rief Aliſette ſchmerzlich aus, und ſchrak heftig und ſcheu zuſammen, als das Wort ihren Lippen entflohen war. Der Ausruf, den die übermacht ihrer vergeblich bekämpften Gefühle ihr entriſſen, leuchtete wie ein Blitzſtrahl in die verborgenſte Tiefe ihres Herzens hinab. Sie liebt Dich, dachte Jaromir gerührt, und der Ge⸗ danke fing an, ihn mit glühendem Leben zu durchdringen; ſie liebt Dich wahrhaft, und hat es bekämpft und getragen in jungfräulicher, ſcheuer Bruſt. Wie konnte Dein Auge über dies holde Weſen unbeachtend, verkennend hinweggleiten! O, es iſt eine wunderbare, gnädige Schickung des Himmels, welche Dir im Augenblick des tiefſten Schmerzes dieſen En⸗ gel des Troſtes ſendet! 1 Nach dem unwillkürlichen Geſtändniß hatte Aliſette ſcheu, 2 —— —— —— 313— beſchämt den vergeblichen Verſuch gemacht, ſich der Umar⸗ mung Jaromirs zu entwinden, um ihm zu entfliehen; er drückte ſie mit wachſender Liebe an ſich, doch ſie verbarg ihre ſchamglühende Wange an ſeinem Buſen. „Nein, richte Dich auf, blick mir ins Angeſicht, Du liebreizendes Weſen; laß die jungfräuliche Scheu nicht das ſchönere Gefühl Deines Herzens beſiegen. Du liebſt mich? Darf ich es hoffen, darf ich es ausſprechen?—— O, jetzt erſt, erſt in dieſem Augenblicke weiß ich, was Liebe iſt. Wie kalt war Lodoiska's Umarmung!“ Er preßte ſeine brennenden Küſſe auf die Lippen der er⸗ ſchöpft Hingegebenen; ihr Widerſtand erſtarb in ſeiner Gluth. Die finſtere Geſtalt ſeines böſen Dämons trat ungeſehen hinter ihn; ſie erhob die drohende Hand und hielt ſie ſchwe⸗ bend über ſeinem Haupt. Noch einen Schritt und die kalte, grauende Berührung trifft Deine Scheitel, und der Hauch der Vergiftung dringt tödtlich in Deine Bruſt. Iſt kein gütiger Genius Dir nahe? Tritt die reine Geſtalt der Ge⸗ liebten nicht rettend zwiſchen Dich und das Trugbild, das Dich umfängt? Die Himmliſchen wachen nicht über Dir— Du ſinkſt in das Netz der verderbenden Mächte! „Willſt Du mein ſein? Ewig mein?“ bat Jaromir ſtürmiſch zärtlich.„Kannſt Du Dem vergeben, der Dich ver⸗ kannte, der an dem Demant Deines Herzens blind vorüber⸗ ging? Aliſette, ich habe ſchweres Unrecht gegen Dich gut zu machen! Aber vergib mir— vergib dem Verblendeten!“ „O, unausſprechliche Gnade des Himmels,“ rief Aliſette aus tiefſter Bruſt und umſchlang ihn mit ihren weichen Armen. Ihr Buſen flog, ihre Lippen glühten an den ſei⸗ nigen, ihr Athem erſtarb in ſeinen Küſſen! Jaromir zitterte in ſchauerlicher Wonne! Die brauſende Kraft der Jugend ſtürmte in allen ſeinen Sinnen. Bis dahin hatte er nur II.. 3 14 X88 — 314— die reine Opferflamme der Liebe gekannt, fern ſtehend ihre ſanfte veredelnde Wärme empfunden, ihren heiligen Glanz verehrt. Verwegen trat er dem Heiligthum zu nahe. Gleich glühendem Metall rollte jetzt das Feuer durch ſeine Adern, die Flamme ergriff den Saum ſeines Gewandes, ſie ſchlug im mächtigen Wogenſturm betäubend über ihm zuſammen. Wie wenn an der Stelle gotterfüllter, leuchtender Klarheit heiliger Wahnſinn aufflammt und die verheerende Fackel ſchwingt, ſodaß das ewig Göttliche ſelbſt ſich zum ewig fluchwürdigen Verderben verkehrt, ſo erbleichte der reine Mondenglanz ſeiner geläuterten Liebe vor dem tobend aus⸗ brechenden Vulkan ſeiner Leidenſchaft. „um aller Heiligen willen, Du ſtürzeſt mich ins Ver⸗ derben,“ rief Aliſette und ſank, vor der ſtürmenden Gluth des Jünglings erbebend, auf die Kniee vor ihm nieder. Doch mit kräftigem Arm umſchlang er ſie, hob ſie zu ſich empor und erſtickte ihr Flehen in ſeinen Küſſen.„Mein ſollſt Du ſein in dieſer Minute, ganz mein, und für ewig!“ So rief er aus und hielt die machtlos Widerſtrebende in unauflös⸗ licher Umarmung. Die Hände, die ſie mit ſchwacher Kraft abwehrend gegen ſeine Bruſt drückte, ſanken ihr matt herab; üͤberwältigt war jetzt das willenloſe Opfer ſeiner ſiegenden Jugend und Liebesgewalt. Dämmerndes Dunkel umhüllte die Liebenden. Der reine Lichtſtrahl webt den Gürtel der Keuſchheit mit unſichtbaren Fäden dichter; die buhleriſche Nacht iſt hülfreich geſchäftig, die heilige Hülle des jungfräu⸗ lichen Schleiers zu heben. Jaromir zog das bebende Mäd⸗ chen an ſeine Seite auf die Kiſſen nieder; ihr Haupt ru⸗ hete in ſeiner Linken, er umſchlang ſie kühn mit der Rech⸗ ten. Heftig preßte er das gluͤhende Angeſicht gegen die wallende, laut klopfende Bruſt. Seufzer, Thränen, Küſſe, miſchten ſich zum berauſchenden Trank der Liebe; im ſelig 4 315 betäubenden Wahn leerken ſie den Legfiaen deh bis auf die letzten Tropfen. Mit fliegendem Schauder erwachte Alſſete und wollte ſich den Armen des Geliebten entreißen. Doch er ließ ſie nicht!„Mein biſt Du für ewig,“ rief er und hob die Rechte betheuernd gen Himmel,„ſo hab' ich's geſchworen! So halte ich den Schwur. Du, die Treue, die Liebende, nimm hin den Ring der Verrätherin. Dieſer goldene Reifen ſei der Zeuge unſeres Bundes. Er iſt heilig geſchloſſen, er iſt un⸗ verletzlich.“ Er zog Lodoiska's Ring ab und ſteckte ihn an Aliſettens Finger. Sie hing ſprachlos an ſeiner Bruſt.„O, ich bin eine Verbrecherin,“ rief ſie endlich aus,„eine ſchwere 1 Verbrecherin! Aber Du, Du haſt es verſchuldet, für Dich habe ich den Frevel auf meine Seele geladen. Du darfſt mich nicht verwerfen.“ Und mit neuen Küſſen und Thränen ——— hing ſie an ſeinen Lippen.——„Daß ich Dir's nur ge⸗ ſtehe! Was mich von außen auch mit harter Nothwendigkeit hieher trieb, ein mächtigerer Zug des Herzens hätte mich doch auf dieſe verwegene Bahn geführt. Eine geheimnißvolle Stimme in meiner Bruſt weiſſagte mir, Du ziehſt dem Stern Deines Glückes nach. Mein Auge hing mit Thrän an ſeinem tröſtenden Schimmer, doch mein ſchwaches Glan ben und Hoffen wähnte ihn unerreichbar hoch. Und nun, nun die Erfüllung mit überdrängender Gewalt vor mir ſteht — nun—“, „ Sie barg das Haupt weinend in ihr Gewand, hielt aber mit der Linken den geliebten Jüngling umfaßt. „Du Süßer, Holder! Iſt es denn wahr, daß Du mich liebſt?“ ſprach ſie ſchmeichelnd und koſend, da er ſtumm vor ihr ſtand. 1 Die hoch aufpraſſelnde Flamme war geſunken. Jaromir ſah jetzt, was ihre Wuth ringsumher zerſtört hatte. Ein 14* . — 316— kalter, ſchauerlicher Windſtoß der Reue fuhr durch ſeine dü⸗ ſter nachglühende Bruſt.„Ob ich Dich liebe?“ ſpach er in brechender Wehmuth.„Außer Dir hat jetzt die Erde nichts mehr für mich! Du biſt das einzige Geſtirn, das mir leuch⸗ tet— ſollteſt Du!— nein, nein!— Du wirſt mir ewig glänzen. Du ſüße Geliebte! Deine zärtliche Hand heilte ja die glühende Wunde, mit der eine giftige Verrätherin mein— Herz grauſam zerriß! O, Du warſt mein guter Engel in ſchrecklicher Stunde!“ Er lehnte ſeine Stirn gegen die ihrige; ſeine Thränen floſſen unaufhaltſam. Wie er ſich auch dagegen wehrte, jetzt erſt fühlte er es,— er war doch nicht glücklich! Ein Wir⸗ belſturm hatte ihn hoch auf den Gipfel des Lebens getragen, aber unter ſeinen Füßen fand er keinen Boden; der Sturm ſenkte die Fittige, und mit ihm ſank er tiefer und tiefer hinab. Nur nach den leuchtenden Sternen über ihm hob er das Auge bang empor. Der ſchauerliche Schlag einer Thurmuhr, der die neunte Stunde verkündete, weckte beide Liebende aus ihrer Be⸗ täubung. „Du mußt fort,“ rief Aliſette aufſpringend;„wenn man Dich hier fände— ich wäre verloren!“ „Verloren! Wer dürfte nach dem Bund, den wir ge⸗ ſchloſſen—“ 3 „ um des Allmächtigen willen, ich höre Geräuſch,“ un⸗ terbrach ſie ihn;„die Thür öffnet ſich, der Schall dringt durch die leeren Gänge bis hieher. Wir hier im Dunkel— wenn man käme! Liebſter, wenn Dir mein Leben, meine Ehre theuer iſt, ſo verlaß mich jetzt! Du weißt nicht, wie ein weibliches Herz empfindet. Mich würde die Scham vernichten, wenn die Frauen— o, ich bitte Dich, ich flehe — — 31,— Dich, entfliehe! Noch iſt es Zeit! Hier durch dieſe Thür in den Garten hinab!“ Selbſt gab ſie ihm den Säbel, den er abgelegt hatte, in die Hand, und drängte ihn mit beklommenem Schmei⸗ cheln, zu gehen. „Schüchternes Reh!“ ſprach er wehmüthig lächelnd. „Wie hold iſt dieſe Scheu! Sei ruhig, Du darfſt das Auge aufſchlagen gegen Viele, die ſich fleckenlos bedünken! Denn rein iſt Deine Seele; Dein Herz bleibt ein jungfräuliches Heiligthum!“ „O, ſo ſchone meines Herzens!“ flehte ſie.„Wenn Du mich liebſt, ſo geh! Es ſei der erſte Beweis, den Du mir gibſt!“ Er umſchloß ſie noch einmal, küßte ſie mit wehmüthiger Zärtlichkeit und verließ dann haſtig leiſe das Gemach durch die Tapetenthür. „Leb wohl! Morgen! Morgen!“ flüſterte Aliſette ihm zärtlich nach und verſchwand. Ungeſehen erreichte er den Garten. Er wollte jetzt den Verſuch machen, ob derſelbe wirklich bis an die Straße ſtoße, wo ſein Bivouac lag, und nahm daher dieſe Richtung durch die dunklen Laubgänge. In wenigen Minuten ſtieß er auf die Mauer und fand nach kurzem Suchen eine Pforte, die nur von innen verriegelt war. Mit rüſtiger Kraft ſchob er die eingeroſteten Riegel zurück, und ſtand in der That an der Stelle, wo er ver⸗ muthete, kaum hundert Schritte von den Wachtfeuern ſeiner Leute. Dieſer heimliche Pfad, der ihn zur Geliebten führen konnte, war ihm ein neues Pfand des Himmels, ein neuer Wink des Geſchicks. Und blutete ſein Herz gleich noch friſch an der Stelle, wo er die ſanften Bande, die es bisher feſ⸗ ſelten, gewaltſam zerriſſen hatte, ſo fühlte er doch auch den lindernden Balſam, den die Hand des Schickſals ihm reichte. — 318— Viertes Capitel. Als Bernhard ruhiger geworden war, und Raſinski und Ludwig mit Wärme in ihn drangen, erzählte er ihnen end⸗ lich, faſt mit dem alten rauhen Humor, ſein Abenteuer zu Warſchau, ſeine ſeltſame Scheinverwechſelung des Ringes. „So wäre ich denn mit einem neuen Titel beſchenkt,“ ſchloß er gezwungen ſcherzend;„ich könnte mich Bruder einer Un⸗ bekannten nennen, denn ſie war jung und ſchön, das betheure ich trotz dem Schleier, der ſie einhüllte; ſonſt hätte es frei⸗ lich auch meine Mutter ſein können. Das Abenteuer wäre aber nicht halb ſo romantiſch.“ Noch niemals hatte Ludwig einen ſo tiefen Blick in das Herz des Freundes gethan als jetzt. Bernhard, der mit ſelbſtgenügender Kraft ſich von allen Feſſeln des Lebens und der Verhältniſſe loszureißen wußte, deſſen ſtolzes, kühnes Herz, ſeine Freiheit höher zu ſchätzen ſchien, als ſelbſt die ſüßeſten Bande der Liebe; er, der oft ſo rauh gegen die zarteren Beziehungen des Daſeins auftrat, und ihnen mit einer Kraft, die Ludwig anſtaunen mußte, ſtolz zurief: Geht, Ihr habt mich nicht aufgeſucht, geht, denn ich bedarf Eurer nicht; die Gewohnheit, allein zu ſtehen, hat mir die Kraft dazu gegeben. Ich bin mir ſelbſt genug! Dieſe ſchroffe, gehärtete Felſenbruſt brach und ſchmolz weich, ja vernichtet zuſammen, nur bei der Vorſtellung, daß ein holdes Weſen, mit den ſanften Banden der Verſchwiſterung an ihn gefeſſelt, dicht bei ihm vorübergeſtreift ſei, ohne daß er es erkannt und an die unter der rauhen Hülle ſo warm glühende Bruſt gezogen hätte. Mit welcher Rührung betrach⸗ tete Ludwig in dieſem Augenblicke den Freund, der das weichſte, liebevollſte Herz mit einem ehernen Harniſch entſagender — 3199— Willenskraft umpanzerte! Freilich wußte er es längſt, daß unter dem harten Mar⸗ mor ſeiner Bruſt nicht ein hohles Grab, ein erkalteter Aſchenkrug ruhe; allein dieſe Macht der innern, tief verbor⸗ genen Gluth des Liebens hatte er weder gekannt noch geahnet. „Seht Ihr! Ein ſolcher Thor, ein ſolcher Träumer bin ich,“ ſprach Bernhard nach einer ernſten Pauſe;„auf ſolche Zeichen im Flugſande baue ich den babyloniſchen Thurm meiner Luftſchlöſſer! Lacht mich nur aus darüber, ich bitte Euch; denn wenn man die Trauringe unſers Erdballs, was will ich, wenn man nur die einer einzigen Stadt, wie Mos⸗ kau, oder meinethalben Dresden, auf einen Haufen ſchüttete, ſo würden ſich die Zwillingsbrüder dutzendweiſe finden, und ich könnte mir wenigſtens ſo viel Mütter, Väter oder Ge⸗ ſchwiſter vindiciren, als jener böhmiſche Graf, den man zu Dur abgebildet ſieht, Söhne hatte, vierundzwanzig nämlich. Wenn ich's jetzt ruhiger anſehe, ſo muß ich betheuren, wäre nicht die Nacht und ein romantiſches Abenteuer dabei gewe⸗ ſen, ich hätte nicht länger daran gedacht, als ich brauche, um den Ring außzuſtecken und abzuziehen. Wir Künſtler, ich zähle mich nun einmal dazu, und halte Palette und Pinſel für mein rechtsgültiges Diplom, ſind aber häufig romantiſch verrückte und entzückte Narren, und ich bin faſt nicht der kleinſte. Alſo, lacht mich aus, das iſt die ganze Summe der Geſchichte!“ Aber es lachte Niemand, und ſelbſt Bernhard vermochte es nur mühſam mit den Lippen. „Ich bin entſchloſſen, zu handeln wie bisher,“ ſprach er nach einigen Minuten einſter Stille.„Will das Schickſal mir etwas von meinen geheimen Verhältniſſen enthüllen, nun denn, ſo mag es ſeinz; ich aber rühre nicht an den — 320— Schleier. Die verhüllten Geſtalten kann ich mir ſo reizend und holdſelig träumen, als ich will; wer weiß, was die ent⸗ hüllten mir für widerwärtige Geſichter zeigten! Jung und lieblich war das Weſen, was mir begegnete, das weiß ich gewiß; ſo will ich es denn als eine Schweſter oder Halb⸗ ſchweſter betrachten, denn ſie könnte ja eine ſpätere Tochter und Erbin meiner Mutter ſein. Unſere ganze Begegnung war die von Bruder und Schweſter; ſind wir es nicht, nun ſo will ich wenigſtens den Traum feſthalten, und keine platte Wirklichkeit ſoll mich unangenehm ſtörend daraus wecken. Ich habe den Hahnenſchrei niemals leiden können; vollends aber wenn er gellend in die Sphärenmuſik eines Traumes einkreiſcht und uns aus den ätheriſchen Räumen, in denen wir zu ſchweben wähnten, auf eine derbe Matratze hinabwirft, wo wir faul und gähnend die müden Glieder ſtrecken. Aber wahrlich, Freunde, es iſt Zeit dazu; ich muß mich ſchlafen legen. Gute Nacht!“ Er ſtand auf und ging hinaus. Ludwig folgte ihm; er mußte ihn einſam, warm ans Herz drücken. Da fühlte er, daß Bernhards Wange naß war; doch kein Wort der Klage kam über ſeine Lippen, ſondern er riß ſich trotzig los und ſprach nur:„Gute Nacht!“ Ludwig kehrte zu Raſinski zurück. Erſt jetzt traten ſeine eigenen überraſchend umgeſtalteten Lebensverhältniſſe ſtärker in ſeiner Empfindung hervor.„Es iſt eigen,“ ſprach er zu dem ältern Freunde,„ich gewinne nichts, ich verliere nichts bei dem Umtauſch des Namens, bei der Nachricht von mei⸗ nem Vater, den ich ſchon ſeit zwanzig Jahren unter die Todten zu zählen gewohnt bin; und doch iſt mir, als hätte ich großen Gewinn und Verluſt zugleich erlitten.“ „Die Möglichkeit Beider tritt uns im erſten Augenblick zu nahe,“ erwiderte Raſinski;„doch glaube ich, Bernhard hat Recht, wenn er behauptet, dieſe Eindrücke verliere ſich am Ende ganz. Wir haben ja ſo eben geſehen, wie ihn ſelbſt die überraſchung plötzlich, gewaltſam mit ſich fortriß; die Wogen ſeiner Seele ſtürzten ſich brauſend übereinander wie ein Waſſerfall; jetzt ſehen wir den Strom höchſtens noch mit bewegt wallender Fluth zwiſchen ſeinen Ufern dahinziehen.“ „Er iſt vielleicht deſto tiefer!“ bemerkte Ludwig. „Möglich! doch am Ende verläuft ſelbſt der Rhein im Sande. Werden Schmerz, Erwartung, Hoffnung nicht aus neuen Quellen genährt, ſo glaube mir, als Deinem ältern Freunde, ſie verſiegen zuletzt alle, und wenn ſie An⸗ fangs in noch ſo wilder Fluth alle Uferdämme durchbrechen.“ Ludwig las Mariens Brief noch einmal durch und ver⸗ lor ſich in ein vertieftes Sinnen über dieſe neuen unvermu⸗ theten Wendungen, die der Strom ſeines Lebens nahm. Raſinski, von ſchweren Gedanken erfüllt, ging auf und nieder im Gemach. Es ſchlug jetzt neun Uhr. „Bernhard hat Recht,“ nahm Raſinski das Wort,„die ermüdete Natur läßt ſich nicht abweiſen. Wir müſſen uns zur Ruhe legen. Wer weiß, was die nächtlichen Stunden uns für eine Störung bringen; denn mir iſt, aufrichtig ge⸗ ſtanden, noch immer nicht ganz wohl zu Muthe in dieſer verlaſſenen Stadt. Es ſieht mir faſt aus, wie die abgeſegelte Flotte der Griechen vor Troja, die in der Nacht zurückkehrte.“ Dieſe Worte erinnerten Ludwig erſt wieder an die Beob⸗ achtungen, welche Bernhard gemacht hatte, und die Beiden über die unerwarteten Nachrichten der Briefe aus Deutſch⸗ land ganz aus dem Sinne gekommen waren. Er erzählte Naſinski, was Bernhard geſehen haben wollte. „Hm! In ſolcher Art kann uns unmöglich etwas Feind⸗ ſeliges drohen!“ erwiderte dieſer.„Wahrſcheinlich ſind es 14** ſcheue Diener oder alte kranke Leute, die nicht mehr zu fliehen vermochten und ſich hier verſteckt halten, weil ſie uns fürchten. Roſtoptſchin ſchildert uns ja in allen ſeinen Proclamationen als Mörder und Tempelräuber; wie ſoll man es dem armen Volke übel deuten, wenn es ſich vor ſolchen Ungeheuern fürchtet und verkriecht! Laſſen wir die Leute we⸗ nigſtens für dieſe Nacht in Ruhe. Morgen will ich das ganze Schloß durchſuchen laſſen. Die Wache im Thore, meine Bedienten, die auf dem Vorſaal ſchlafen, und am Ende wir ſelbſt, ſind uns Sicherheit genug. Auch ſteht es ja bei uns, uns ſchlagfertig zu halten. Ich meinestheils wenigſtens hätte ſo ſchon wie im Bivouac geſchlafen, in meinen Man⸗ tel gewickelt, völlig angekleidet, die Piſtolen zur Seite. Das iſt aber auch der äußerſte Grad von Vorſicht, und ich würde ihn auch nicht Deiner Nachricht wegen anwenden, ſondern weil ich überhaupt darauf gefaßt bin, daß wir dieſe Nacht allarmirt werden. Alſo das laßt Euch nicht beunruhigen; im übrigen aber wißt, daß wir nur im Bivouac liegen. Gute Nacht, lieber Freund! Ich denke, der morgende Tag wird ſehr entſcheidend ausfallen.“. Ludwig ging. Als er durch den langen Saal ſchritt, der ſein Schlaf⸗ zimmer von Naſinski's Wohnung trennte, wurde es ihm faſt ſchauerlich zu Muthe in dem weiten, einſamen Gemach, wo die leiſeſte Bewegung flüſternd an den Wänden wiederhallte. Die Thüre von ſeinem Zimmer zu dem, welches Bernhard bewohnte, ſtand offen; er blickte hinein. Bernhard war nicht dort. „Ich glaubte gleich, daß er nicht ſchlafen gehen würde,“ dachte Ludwig für ſich.„Gewiß trägt er ſein volles Herz in Nacht und Einſamkeit hinaus! Wenn er ſich nur nicht unvorſichtig mitten in die fremde Stadt wagt!“ Bewegt trat Ludwig ans Fenſter, wo er unten die Ka⸗ — —.— meraden am Feuer im tiefen Schlaf liegen ſah. Nur ein — 323— Offizier wachte noch, und ging mit raſchen unruhigen Schrit⸗ ten auf und ab; beim Schein der Flammen erkannte Ludwig, daß es Jaromir war. Um ſich zu erkundigen, ob er nicht vielleicht von Bernhard wiſſe, ging er hinunter. „Guten Abend, Freund, haſt Du Bernhard nicht ge⸗ ſehen?“ fragte er Jaromir, der, ohne ihn zu erkennen, mit haſtigen Schritten an ihm vorüber wollte. „Was wollt Ihr? Wer ſeid Ihr?“ Mit dieſen Worten fuhr er befremdet, faſt verſtört bei der Anrede, herum.„Ach Ludwig! Du biſt es,“ ſprach er langſam im traurig ge⸗ dämpften Ton, als er den Freund erkannte.„Du kommſt mir grade gelegen. Haſt Du Luſt, einen Brief von Lodoiska zu leſen? Vor einer halben Stunde gab ihn mir Boleslaw, als ich von einem Spaziergange durch die Stadt zurück⸗ kehrte. Habt Ihr auch Briefe gehabt?“ „Ja wohl! wichtige, von der ſeltſamſten Art!“ „Von der ſeltſamſten Art iſt dieſer auch! Da lies ihn!“ „Du vergißt, daß ich nicht Polniſch genug verſtehe, Lie⸗ ber; aber lies ihn mir vor.“ „Vorleſen! Ach!“ Er ſeufzte ſchwer auf und bedeckte ſich Augen und Stirn mit der Hand, und ſtrich mehrmals über⸗ hin, wie wenn er einen drückenden Kopfſchmerz zu entfer⸗ nen ſuchte. „Biſt Du krank, Lieber?“ „Wüſt! Das wüſte Soldatenleben betäubt mich biswei⸗ len! Vorleſen kann ich Dir den Brief wahrlich nicht! Das Feuer blendet zu ſehr, meine Augen ſchmerzen mich. Mor⸗ gen früh vielleicht!“ „Du biſt in ſehr trauriger Stimmung, wie es ſcheint, Lieber,“ ſprach Ludwig ſanft.„Haſt Du betrübende Nach⸗ —— S——— 3 erhalten? Raſinski hat uns noch nicht das Mindeſte geſagt, obgleich er Briefe von ſeiner Schweſter hat!“ „Von ſeiner Schweſter! Was wird die ihm auch ſchreiben! Ach Ludwig! Ich wünſchte, ich läge an der Re⸗ doute, wo unſere Kameraden ruhen!“. „Mein Gott,“ rief Ludwig erſchreckt,„was fehlt Dir denn? Was ſchreibt Dir Lodoiska? Erzühle mir wenigſtens, wenn Du nicht leſen kannſt!“ „Nein, ich will leſen, und ollten mir die Augen dar⸗ über brechen!“ So rief er heftig, zog einen Brief aus der Bruſt hervor, entfaltete ihn und zog Ludwig gegen das große Wachtfeuer hin, wo ſich Beide auf das Strohlager niederwarfen. Jaromir las: „Mein einzig geliebter Freund!“ „Endlich kehren wir in die Vaterſtadt zurück! Noch we⸗ nige Minuten, und wir ſind auf dem Wege nach Warſchau; dann bin ich Dir, der Du ſtets ferner und ferner hinweg⸗ zieheſt, auch wieder um einige Tage näher! O mein Ge⸗ liebteſter, wann wird dieſer ſchreckenvolle Krieg enden? Wann kehrſt Du aus den entlegenen Oden, wohin Euch ſeine Stürme warfen, zu mir zurück? Wie liebevoll ſollen dieſe Arme Dich empfangen! Ach, Jaromir, ich habe oft trübe, bange Stunden, wo ich wähne, daß ein düſteres Schickſal zwiſchen unſer Glück tritt. Inbrünſtiges Gebet zur heiligen Jungfrau iſt dann mein einziger Troſt. Alles, was die Gü⸗ tigen, die mich umgeben, zu meiner Erheiterung thun, glei⸗ tet ab von meiner Bruſt; aber das Gebet dringt tief in das innerſte Herz. Sei auch Du fromm ,mein Theurer; vergiß nicht im wilden Getümmel des Kampfes, in dem rohen Treiben des Krieges die heilige Stimme in der Bruſt, die uns demüthig zu den Füßen des Allmächtigen, des Allgna⸗ denreichen treibt. Denn wer ſoll Dich beſchirmen in dem —— q-W-— — — Ungewitter der Schlacht, wenn ſich ſein Antlitz von Dir wendet? Aber er verläßt Keinen, der ihm ſein kindliches Herz offen entgegenträgt. Lieber Jaromir! Deine reine, ſchöne, heitere Seele voller Jugend und Hoffnung, lege ſie, ſo offen wie Du ſie mir entfaltet haſt, auch täglich dem himmliſchen Vater dar. Spotte nicht der Schwachheit des Mädchens, welches Dich zu frommen Gebräuchen auffordert, weil es darin ſeinen einzigen Troſt findet. Ich weiß wohl, daß der Mann ſich ſtark dünkt, ohne göttlichen Beiſtand. Aber es iſt eine Täuſchung, Lieber! Vor ihm ſind die Schwachen mächtig, denn ſie ſtehen in ſeinem Schutz, und die Starken ſinken hin, wenn ſein Odem ſie anhaucht. Stark, unüber⸗ windlich fühle ich mich, wenn mich nach einem brünſtigen Gebet die Hand des Allmächtigen durchdringt. Dann weichen b meine düſtern Träume und Ahnungen; dann ſehe ich den — Engel des Herrn Dich geleiten und ſchützen mit ſeinem Schild und Schwert; dann leuchtet mir die Sonne einer ſeligen Zukunft entgegen. Freilich, mein Theurer, kehren die düſtern Stunden zurück, wie die Nacht nach jedem Tage wiederkehrt; aber es ſchimmern doch leuchtende Sternenbilder durch das Dunkel, und der äußerſte Himmelsrand bleibt mit goldenem Morgenroth geſäumt. Bald, Theurer, bin ich Dir näher, in der Vaterſtadt, wo Alles, bis auf den Klang der Sprache, mich an Dich erinnert. Ich werde . mich dort viel glücklicher fühlen als hier! Eben rollt der 4 Wagen durch das Thor! Mein Herz klopft vor Freude und Sehnſucht. Lebe wohl! Lebe wohl! Tauſend Engel mögen Dich beſchirmen, und glücklich zu mir heimführen! Wann aber leuchtet der Tag, wo ich wieder in Deinen Armen ruhe!“ —„Deine Lodoiska.“ „Das edle, treffliche Mädchen! Ganz Liebe, ganz Fröm⸗ keit, Unſchuld, Wahrheit!“ rief Ludwig aus, als Ja⸗ romir geendet hatte. Dieſer warf ſich ihm ungeſtüm an das Herz und drückte ſein glühendes Antlitz gegen die Freundes⸗ bruſt. Ludwig ahnete nicht, was in ihm ſo furchtbar tobe. Er wähnte, es ſei das Übermaß der Sehnſucht nach der fernen Geliebten.„Faſſe Dich, Beſter,“ ſprach er mild. „Der Tag des Wiederſehens wird kommen; er iſt vielleicht nicht mehr fern!“ Jaromir blieb in feiner Stellung, ohne ein Wort zu er⸗ widern. Furchtbare Gedanken wogten in ſeiner Bruſt auf und nieder. Unglückſelig biſt Du, rief es ihm ſchauerlich zu, wenn dies nicht die Sprache der Wahrheit iſt! Dop⸗ pelt elend, wenn ſie es iſt! Da er einſam ſchwieg und den Freund nur heftiger und heftiger umklammerte, fragte Ludwig endlich, um ſeine Ge⸗ danken abzuwenden, abermals nach Bernhard. „Ich habe ihn nicht geſehen,“ antwortete Jaromir, ſich aufrichtend und das Haupt ſchüttelnd;„ich habe Niemand, ich habe nichts geſehen! Ludwig! Ich muß Dich verlaſſen! Ich muß allein ſein! Ich bitte Dich, laß mich allein!“ So rief er heftig und ſprang auf. Ludwig ſah ihm bewegt nach, wie er mit ſchnellen Schrit⸗ ten die Straße hinabeilte und in der Dunkelheit verſchwand. Sollen denn alle meine Freunde heut in ſo aufgeregter Stimmung ſein, dachte er bei ſich ſelbſt, daß ſie mir die Sorge einflößen, ſie werden über ihre innern Kämpfe und Bewegungen die äußere Welt und ihre Gefahren vergeſſen? Und habe ich nicht vielleicht die ſtärkſten Urſachen zu einer gleichen Stimmung? Wie kommt es denn, daß mein Herz ſo viel ruhiger ſchlägt? Ach— weil ich mich ſchon unter das eiſerne Joch des Geſchicks gebeugt habe, weil meine Le⸗ benshoffnungen nicht mehr ſo friſch blühen, die warme, wal⸗ — 327 hard war auch ich nicht ſo ruhig! Und bin ich es denn jetzt wirklich? Oder bin ich nur müde? Langſam ging er zurück in ſein Gemach⸗ Er lepnee ſich ins Fenſter und blickte hinaus, ob Jaromir oder Bernhard nicht zurückkehren würde. Eine volle Stunde verging; es blieb Alles ſtill. Die Feuer waren faſt zuſammengebrannt; nur noch eine düſtere, rauchende Gluth glimmte inmitten der ſchwarzen, auf den Boden gelagerten Geſtalten. Man hörte jetzt ihre tiefen, ſchweren Athemzüge bis hier herauf; ſelbſt die Feuerwachen nickten müde ein. Todtenſtille lag über der ganzen ungeheuren Stadt. Fünktes Capitel. Endlich wurde auch Ludwig von der Müdigkeit übermannt; er ſchloß das Fenſter, hüllte ſich dicht in den Mantel und warf ſich auf das in der Ecke ſtehende Ruhebett nieder. Die Sorge um Bernhard und Jaromir hielt ihn noch eine Zeit⸗ lang wach. Doch mehr⸗ und mehr verlor ſie ſich in dem Nebel des Schlumers, der ihn überſchlich; bald klangen ihm die unruhigen Gedanken nur noch wie ein fernes Brau⸗ ſen des Meeres, wie dumpfer, ſich verlierender Donner in die Seele; ſie verſchleierten ſich immer tiefer, verloren ſich immer mehr in die Leere des weiten dunklen Raumes. Endlich ſanken ihm die Augenlider matt herab, und er lag im tiefen Schlafe. Doch die Seele arbeitete unruhig fort in dem ermatteten Körper und führte die bunten, gaukelnden Traumbilder auf dem ſchwarz aufgeſpannten Hintergrunde der Nacht vorüber lende Ader der Frende längſt verblutet iſt! Auf dem Gott⸗ —————— . ———— ſein Herz; er empfand im Traum die Freude des Wieder⸗ ſehens, welche die Wirklichkeit ihm grauſam geraubt hatte. Er ſah ſich auf dem Spaziergange in Pillnitz; ſeine freund⸗ lichen Jugendgeſpielinnen begleiteten ihn. Plötzlich ſchreckte er freudig zuſammen, denn Marie kam ihm aus einem Laub⸗ gang entgegen und ging Arm in Arm mit Bianca, vertraut an ihre Seite gelehnt, als wenn Beide Schweſtern wären. „So, ſo liebt Euch, Ihr Geliebteſten, die ich auf der Erde habe,“ ſprach er im Traume, und ein Lächeln ſchwebte um ſeine Lippen. Er wollte ihnen näher treten, ihnen die Hand reichen; doch ein Fremder hielt ihn zurück. Es war Naſinski, der ihn aufforderte, raſch zu Pferde zu ſteigen. Die lieben Geſtalten verſchwanden, er ſah ſich wieder mitten in dem unruhigen Verkehr des Feldzuges; lange, unendliche Reihen von Kriegern zogen an ihm vorüber; er ſchloß ſich den Scharen an, aber doch quollen unaufhörlich neue Geſtalten neben ihm hervor und ſchwebten an ihm hin. Verweilen und Vorwärtsdringen geſchah zugleich, wie ſo oft das Dop⸗ pelte und Widerſprechende im Traume. Jetzt glaubte er in Moskau einzuziehen; er ritt mit Bernhard und Raſinski durch die Straßen, die ſich in unabſehbarer Ferne vor ihm hin⸗ zogen. Die Häuſer und Paläſte ringsumher verwirrten ſich vor ſeinen Blicken; er ſah ſtets den vor ſich, den er bewohnte, doch drängten ſich immer neue Gaſſen dazwiſchen, ehe er ihn erreichen konnte. Mit jedem Schritt ſchien der Weg ſich zu verlängern. Endlich hielt er mit Raſinski und Bernhard ſah ſi 5 Ludwig im Getümmel der Schlacht, rings von Feinden bedrängt, zu Boden ſtürzend. Dann ſchwebtre eine freundliche Geſtalt aus der Heimat heran, ſeine Mut: ter trat vor ihn, und bat ihn, ihr zu folgen. Sie führte ihn in ihr trauliches Wohnzimmer und fragte: Wo biſt Du nur ſo lange geweſen? Eine milde Rührung drang in —— — 329— vor dem Thor; ſie ſaßen ab und gingen die Stiegen hin⸗ auf. Erſchöpft legte er ſich im Traum in demſelben Zim⸗ mer, auf demſelben Bett zur Nuhe nieder, wo er eben wirklich ſchlieff. Traum und Wirklichkeit begannen ſich ver⸗ worren zu miſchen. Er hörte den Anruf einer Schildwacht von der Straße herauf und erwachte dadurch. Da aber ſein geöffnetes Auge dieſelben Bilder ſah, wie das ſchlummernde, nämlich das vom düſtern Glanz der Wachtfeuer matt beleuch⸗ tete Gemach; da ſein wachendes Ohr dieſelben Töne ver⸗ nahm, wie ſein ſchlummerndes, ſo floß ihm in der Betäubung, die noch auf ſeinen Gliedern laſtete, Wahrheit und Schein untrennbar durcheinander. So ſah er, halb träumend, halb wachend, die Thür des Gemachs ſich langſam öffnen und eine ſchwarz gekleidete, verſchleierte Geſtalt, die eine düſter brennende Ampel in der Hand trug, eintreten. Sie ſchwankte geiſterhaft, langſam näher; jetzt ſtand ſie dicht an Ludwigs 1 Lager ſtill und ſchlug mit der Rechten die Hülle zurück, welche das Antlitz verbarg; der Schimmer ihrer Leuchte fiel 1 1 8 darauf. Es war Bianca, aber bleich und mit gramvollen Zügen.„Wo iſt Marie?“ fragte Ludwig das Traumbild; „und weshalb kommſt Du in Trauerkleidern, Geliebte? Ach, Du beweinſt wol auch meine Mutter!“ Mit ſchmerzlichem Verlangen ſtreckte er der Geliebten die Hand entgegen; ſtumm, bebend ſtand ſie vor ihm. Es ſchien, als wolle ſie ſich über ihn neigen; doch plötzlich bebte ſie zurück, hielt die 2 Hand abwehrend, wie zum Zeichen, daß er ſie nicht berühe ren dürfe, vor ſich hin und bewegte langſam verneinend das E edle Haupt. 1 „Du flieheſt ſchon wieder? Warum höhnt Ihr mich ſo, Ihr holden Traumbilder!“ ſprach Ludwig in dämmernder — G Verworrenheit des Traumes.„Zeigt Euch nicht, wenn Ihr f ſtets vor mir entfliehen wollt.“ Er ſchauerte, wie durch nen Nachtfroſt beruhrt, zuhammnmn und bulle ſich uaße in den Mantel. Das Geſicht war verſchuuunden⸗ Doch aus der Dunkel⸗ heit der Nacht hörte der Träumende die Worte:„Fliehe, fliehe! Deinem Leben droht Gefahr unter dieſem Dache! Nimm dies zum Angedenken!“ Wie leiſe Geiſterberührung ſtreifte es über ſeine Wangen. Er erwachte; mühſam hob er die zurückgeſunkenen Augenlider empor. Doch alle Bilder ſeines Traumes lagen wie in Nebeldämmerung um ihn her. Bianca's Geſtalt verſchwand wie ein Schatten; der Feuerglanz an der Decke war trüb umnachtet; alle Gegenſtände, ſelbſt die beleuchteten Fenſter, ſchienen ihm von einem ſchwarzen Geſpinnſte bedeckt. Müh⸗ ſam ſuchte er die noch ganz verſtörten Sinne zu ſammeln; da ſchallte ein Schuß aus dem Nebengemache in ſein Ohr⸗ Dieſer kriegeriſche Ton riß ihn gewaltſam aus den Banden des Schlafes auf; er war munter, raffte ſich empor. Doch blieben ihm die Gegenſtände wie vom Rauche umnebelt, und jetzt war es nicht mehr Täuſchung des Traumes, ſondern ſein Auge mußte auf unbegreifliche Weiſe geblendet ſein. Da fühlte er wieder, wie zuvor im Halbſchlummer, ein ähnliches geiſter⸗ haftes Berühren auf Stirn und Angeſicht, als ob ein zarter Flügel darüber hinſtreife. Wie durch Zauberkraft war plötzlich das düſtere Geſpinnſt verſchwunden, welches ihm Alles ein⸗ zuhüllen ſchien, und er erblickte die Gegenſtände umher wieder in ihrer vollen Schärfe. Noch hatte er ſich von ſeinem Staunen nicht erholt, als er Raſinski's laute Stimme im Nebengemach vernahm, die ihn und Bernhard aufrief; er eilte daher in den Saal, der außer dem Feuerſchimmer von der Straße herauf durch eine Nachtlampe matt erhellt war. Raſinski trat ihm ſchon mit haſtigen Schritten entgegen, und faſt zu gleicher Zeit ſtürzten die durch den Schuß geweckten — Leute vom Vorſaale Prrin.„Licht! Mehr Licht!“ befge Naſinski. Sie eilten, den Befehl zu erfüllen. „Was gibt'’s? Was iſt geſchehen?“ fragte Ludwig. „Wir ſind in umheimlicher Uindehung; haſt Du nichts geſehen?“ „Nicht das Mindeſte, jedoch— „Durch mein Zimmer ging ſo eben eine ſchwarze Geſtalt, allem Anſcheine nach ein Frauenzimmer,“ unterbrach ihn Raſinski. „Wie?“ rief Ludwig außer ſich, als ob ein Blitzſtrahl ihn heiß und kalt zugleich durchzuckte,„eine ſchwarze, ver⸗ ſchleierte Geſtalt—“ „Ganz recht!“ „Und dieſe ſahſt Du wirklich? Es war kein Traumbild?“ rief Ludwig und ſtand wie verſteinert vor dem Freunde. „Nein, beim Himmel, denn ich war ſo wach, wie in dieſem Augenblicke,“ entgegnete Naſinski, der noch zu ſehr mit ſeinem eigenen Erlebniß beſchäftigt war, als daß der Ein⸗ druck, den es auf Ludwig machte, ihm hätte auffallen können. „Vor fünf Minuten wußte ich freilich ſelbſt nicht, ob ich geträumt hatte, oder wirkliche Dinge ſah. Ich glaubte, ein leiſes Vorüberrauſchen an meinem Lager zu hören und er⸗ wachte, denn Du weißt, wie leicht mein Schlaf iſt. Da ſah ich es, wie einen Schatten über die Wand gleiten, und ein trüber Lichtſchimmer ſchien mir aus der offnen Saalthüre ins Gemach zu fallen. Doch glaubte ich, es ſei der Schein der Feuer von der Straße herauf, die mich täuſchten. Indeſſen war ich wach geworden und lag, noch über die Erſcheinung nachſinnend, auf meinem Lager. Eben hatte ich mich wieder eingehüllt und die Augen geſchloſſen, als ich daſſelbe leiſe Rauſchen wie zuvor höre. Ich fahre auf; da ſchwebt eine ſchwarze verſchleierte Geſtalt dicht an meinem Lager vorüber. „Wer da!“ ruf' ich ſie anz ſie ſchreckt ſichtlich zuſammen, — 332— Schri ten durch's Gemach. rufe ich, und greife nach meinen Piſtolen— „Allmächtiger Gott!“ rief Ludwig, und fiel Raſinski unwillkürlich, als ob er den Schuß verhindern wollte, in den Arm, den dieſer in der Lebhaftigkeit der Erzählung ausge⸗ ſtreckt hatte.„Du haſt alſo auf ſie geſchoſſen?“ „Allerdings; und gleich darauf hörte ich den Ausruf einer weiblichen Stimme.“ „Sie iſt getroffen? Wo?“ Mit dieſen Worten wollte Ludwig in das Gemach Ra⸗ ſinski's eilenz doch dieſer, der erſt jetzt die ganz außerordent⸗ liche Bewegung des Freundes wahrnahm, hielt ihn zurück und fuhr raſch fort:„Es war nur ein Ausruf des Schreckens. Gleich darnach klang es wie eine ſchnell geöffnete und ins Schloß geworfene Thür; ich hatte mich raſch emporgerafft und war auf die geheimnißvolle Erſcheinung zugeeilt. Doch, ſei es nun, daß mich der Blitz und Rauch des Schuſſes geblendet hatte, oder daß das Halbdunkel des Gemachs die Flucht des unbekannten Weſens begünſtigte, ſie war ver⸗ ſchwunden, als ob ſie in den Boden verſunken wäre. So⸗ gleich ſprang ich daher in den Saal und rief Dich und die Leute auf. Hier hindurch kann ſie nicht geflüchtet ſein, denn ſie hätte die Thür noch nicht erreichen können, ſo ſchnell war ich ihr gefolgt.“ Während dieſer Erzählung waren die Diener mit Licht eingetreten, und Raſinski eilte in ſein Schlafzimmer, um daſſelbe genau zu durchforſchen. Ludwig begleitete ihn mit einem unausſprechlichen Gefühle. Doch das Zimmer war leer. Nur zwei Thüren befanden ſich in demſelben: die eine, welche nach dem Saale führte, die andere, durch welche man in die weiter fortlaufende Reihe der Gemächer gelangte. Dieſe 2* „Antwort, wer io ſciczen — 333— letztere aber war durch zwei Seſſel, die noch ganz ſo ſtanden 5 wie am Abend zuvor, geſperrt; unmöglich konnte Jemand dort hinausgegangen ſein, ohne die Seſſel umzuſtürzen oder auf die Seite zu ſchieben. Die Diener betheuerten dagegen, daß Niemand durch die Saalthür in den Vorſaal gekommen ſei, indem ſie quer vor derſelben ihre Lagerſtätte aufgeſchlagen hatten, ſodaß man nur über ſie hinweg hinaus und hinein konnte. An der Stelle, wo Raſinski auf die Geſtalt ge⸗ ſchoſſen hatte, befand ſich keine Thür; es war diejenige Ecke der Rück⸗ und Seitenwand des Cabinets, welche nicht an die Seite des Saals, ſondern an die der übrigen Gemächer ſtieß. Aufmerkſam beleuchtete Naſinski die Tapeten.„Da ſitzt mein Schuß!“ rief er und zeigte auf eine verletzte Stelle, wo die Kugel eingedrungen war und noch in der Mauer ſteckte.„Alſo habe ich mich nicht getäuſcht! Hier muß eine geheime Thür befindlich ſein.“ Neugierig traten die Leute umher; Ludwigs Herz ſchlug in ſehnſuchtsvoller Erwartung. Da fiel es ihm plötzlich wieder ein, daß nun Alles Wahrheit ſein konnte, was er zu träumen geglaubt hatte.„Nimm dies zum Andenken!“ waren die Worte der Erſcheinung geweſen. Schnell ergriff er ein Licht und eilte in ſein Gemach zurück. Sein erſter Blick fiel auf das Ruhebett; er entdeckte nichts; doch als er ſich jetzt auch in den übrigen Theilen des Zimmers umſah, erblickte er am Boden in der Nähe des Fenſters ein weißes Tuch. Er hob es empor; es war ein Schleier. Wie das Gewebe leicht über ſeine Hand hinſtreifte, erkannte er plötzlich dieſelbe Empfindung wieder, die ihn zuvor ſo ſeltſam getroffen hatte; der Schleier mußte ſein Antlitz bedeckt haben. Er entfaltete ihn; das Ende war durch eine Art von Ring geſchlungen; haſtig ſtreifte er das Gewebe los, glänzendes Gold wurde ſichtbar, ein grüner Stein ſchimmerte ihm entgegen⸗„Gna⸗ 8 nneicher Got⸗, f es möglichl rief er aus, und heiße Thrä⸗ nen ſturzten ihm über das Antlitz. Er hielt daſſelbe Arm band in den Händen, welches die Geliebte am Fuße der St. Bernhard verloren hatte; daſſelbe theure Kleinod, dem er es zuerſt verdankte ihr in das holdſelige Antlitz zu blicken. Außer ſich wollte er eben zu Raſinski hinüberſtürzen, als er ein in den Falten des Schleiers feſtgeſtecktes Blatt bemerkte. Mit zitternder Haſt zog er die goldne Nadel, die es befeſtigte, heraus und entfaltete es. Unter gewaltſam hervordringenden Thränen las er die Worte:„Sie waren einſt mein Retter aus dringender Gefahr! Sie beſchirmten mich mit brüderlicher Treue. Wer vermag die wunderbaren Fügungen der Vor⸗ ſehung zu bezeichnen, die uns damals zuſammenführten und trennten, und jetzt wieder nahe bringen und für ewig ſchei⸗ den!— Doch die Minuten drängen. Verlaſſen Sie dieſes Haus, ſchnell, augenblicklich! Es droht Ihnen die äußerſte Gefahr! Der Schlund des Verderbens gähnt unter Ihren Füßen auf; der Boden, auf den Sie treten, iſt nur die leichte Decke eines furchtbaren Abgrundes. Ein Augenblick zu ſpät, und ſie bricht ein!— Moehr darf ich nicht enthüͤllen.— Ach, ſchon das gilt für ein ſchweres Verbrechen! Doch ein höheres Geſetz der Dankbarkeit gebot mir, es zu begehen. Die Zu⸗ kunft iſt düſter verhüllt, die Wogen meines Lebens in Sturm gehoben. Welches auch mein Schickſal ſei, mit ſchweſter⸗ licher Treue wird mein Herz das Andenken des edeln Freun⸗ des bewahren! Pe „Bianca.“ Ludwig ſtand, ſeiner Sinne kaum noch mächtig, und heftete das Auge auf das Blatt, als Raſinski eintrat.„Wo bleibſt Du?“ fragte er.„Wir haben eine Thür entdeckt, eben laſſe ich eine Axt holen, ſie zu öffnen, denn wir müſſen nthmendig Licht in der Sache caßen. Si aber Bern hard noch nicht zuruckgekehrte——„Was haſt Du? Was iſt Dir?“ fragte er erſtaunt, als Ludwig bewegungs⸗ los vor ihm ſtand und ihm nur das Blatt hinreichte. Naſinski durchflog es mit raſchen Blicken.„Ich glaube, hier ſind höhere Mächte im Spiele,“ rief er aus, als er geleſen;„nie iſt mir ein wunderbareres Ereigniß begegnet. Aber Gefahr? Welche Gefahr droht uns? Wörtlich iſt doch die Stelle nicht zu verſtehen? Wir müſſen der Geheim⸗ nißvollen nachdringen. Komm und laß uns das Abenteuer gemeinſam wagen!“ Ludwig ließ ſich von Naſinski fortreißen. In ſeinem Zimmer fanden ſie ſchon die Reitknechte mit einer Axt be⸗ ſchäftigt, die entdeckte Thür zu öffnen. Nach wenigen Schlä⸗ gen war es geſchehen.„ZJetzt entſchloſſen, doch vorſichtig,“ ſprach Raſinski; er ergriff mit der Linken ein Licht, mit der Rechten ein Piſtol und ſchritt voran. Man befand ſich in einem ſchmalen, niedrigen Corridor, der nur eben Breite und Höhe für einen einzigen Mann hatte. Es ſchien, als ſei derſelbe in der Mauer ſelbſt ange⸗ bracht und laufe parallel mit dem breiten äußern Corridor; doch ſenkte er ſich merklich, ja an einigen Stellen faſt ſteil. —„Mir deucht, es riecht hier ſo brandig und nach Schwefel,“ ſprach Raſinski, nachdem ſie etwa dreißig Schritte vorwärts ggethan hatten.„Bemerkt Ihr nichts?“ „Freilich!“ erwiderte der Reitknecht.„Es muß hier nothwendig in der Nähe etwas glimmen.“ Sie gingen noch etwa zehn Schritte vor. Da drang ihnen ein dichter, ſchweflichter Dampf entgegen, ſodaß das Licht plötzlich ganz blauroth brannte. „Sollte die Warnung doch vielleicht wörtlich gemeint ſein?“ fragte Naſinski leiſe, indem er ſich zu Ludwig umwandte. „Ich halte es für bedenklich, hier weiter vorzudringen!“ Ludwig, deſſen Herz in der Saffaung angſtvoll ſchlug, die Spuren der Geliebten aufzufinden, erwiderte:„Noch dürfen wir uns gewiß weiter wagen, denn die Rückkehr i 3 uns ja nicht verſchloſſen. Ich will voran.“ „Nein, es iſt beſſer, daß ich der Vordere bin,“ erwiderte Raſinski;„Dich könnte der Eifer verleiten, die nothwendige Vorſicht zu verſäumen.“ Sie ſchritten abermals etwa zwanzig Schritte vorwärts; der ſchweflichte Dampf wurde dichter und ließ ſich kaum noch einathmen. Da fuhr ihnen plötzlich ein Windſtoß entgegen, als ob eine Thür irgendwo geöffnet worden wäre, und im gleichen Augenblick erloſchen die drei Lichte, die ſie bei ſich trugen. Unmittelbar darauf vernahmen ſie einen dumpfen Knall, und das ganze Gebäude bebte erſchüttert. „Das war eine Mine!“ rief Raſinski;„wir müſſen zurück!“ Selbſt Ludwig ſah ein, daß ein weiteres Vordringen un⸗ möglich ſei. Man wandte daher um und ſuchte ſich im Finſtern zurückzutappen. Aber ſchon nach wenigen Augen⸗ blicken verhüllte ein entſetzlicher Qualm und eine erſtickende Hitze den Raum um ſie her, ſodaß ſie faſt die Beſinnung verloren.„Raſch vorwärts,“ rief Raſinski und trieb Ludwig an, während dieſer auch die Begleiter drängte. Haſtig ſtür⸗ zend, mit beklemmtem Athem, Tücher vor dem Mund hal⸗ tend, ſuchten ſie Raſinski's Zimmer zu gewinnen. Athemlos erreichten ſie es endlich; doch war auch dieſes ſchon ganz mit Rauch erfüllt. Raſinski ſprang gegen das Fenſter an und ſchlug mit dem umgekehrten Piſtol die Scheiben ein, daß ſie klirrend in die Straße ſtürzten. Durch dieſes Mittel erhielt man Luft, und konnte einige friſche Athemzüge thun. andwig war Vün die Saalthure geeiltz allein kaum hute ee dieſelbe geöffnet, als ihm auch ſchon von dort Nauch und Dampf eutgegenſchlug, der aus dem. Boden zu quellen ſchien. Doch brannte die Lampe noch, und er⸗ konnte ſein Zimmer erreichen, um in aller Eile Waffen, Mantel und. Mantelſack zu ergreifen. Bianca's Schleier, Armband und Tuch trug er ſchon auf der Bruſt. So eilte er wieder zu Raſinski zurück, der ihm aber ſchon auf dem Saale entgegen⸗ trat. Jetzt erſcholl durch die Stille der Nacht plötzlich von außen her der Ruf:„Feuer, Feuer!“ und faſt zu gleicher Zeit dröhnten die Trommelwirbel aus dem Bivouac unten herauf, und gellende Trompetenſtöße ſchmetterten darein. Haſtig ſtürzten Raſinski, Ludwig und die Neitknechte die großen Treppen hinunter auf die Gaſſe hinaus. In der Hausflur kam ihnen Bernhard in vollem Laufe von der Hin⸗ terſeite her entgegen. „Gott ſei Dank, daß Ihr gerettet ſeid,“ rief dieſer,„ich fürchtete ſchon, zu ſpät zu kommen. Aber macht, daß Ihr das Freie erreicht, denn die Flammen ſchlagen ſchon von allen Seiten aus dem Erdgeſchoß und durch das Dach hinaus. Hier treibt der Teufel ſein Spiel!“ Schmerz und Seligkeit der Liebe, Beſtürzung, Staunen, Schrecken, dankbare Freude brachen in vollen Strömen zu⸗ gleich in Ludwigs Herz ein; doch die mächtige Fluth der Ereigniſſe riß Alles in ihre fortbrauſenden Wogen hinein und gönnte der Bruſt nicht die Ruhe, ſich ſelbſt zu beſchauen und zu empfinden. Der Augenblick forderte die That; die betäubte Betrachtung wurde gewaltſam von den Gegenſtänden hinweggeriſſen, an die ſie ſich heften wollte. Jetzt erſt konnte man die Gefahr überſehen. Eine ſchwarze undurchdringliche Wolke lag über dem Palaſt; nur einzelne roth züngelnde Blitze zuckten hindurch. Der Qualm drang II. 15 aus dem Erdgeſchoß herauf, er quoll in dichten Strömen aus dem Dachſtuhle. Ein einziger Blick reichte hin, um die überzeugung zu ſchöpfen, daß das Feuer angelegt, daß der Brandſtoff in allen Theilen des Gebäudes ausgebreitet und durch ein plötzliches Mittel überall zugleich in Flammen ge⸗ ſetzt ſein mußte. Welcher Art daſſelbe geweſen, darüber konnte Raſinski keinen Zweifel mehr hegen. Mit grauſendem Erſtaunen erwartete man, wie das ma⸗ jeſtätiſche Schauſpiel ſich entwickerln werde. An Rettung war bei dem gänzlichen Mangel an Hülfsmitteln nicht zu denken. Man hatte genug zu thun gehabt, um ſo ſchleunig als mög⸗ lich einige Vorräthe und die Pferde, welche in dem Hofe des Schloſſes untergebracht waren, zu retten. Raſinski ließ ſeine Leute unter Waffen treten und über⸗ zählte, ob Jemand fehle. Sie waren alle zugegen. „Noch iſt es faſt windſtill,“ ſprach er;„der Nauch zieht ein wenig abwärts; wenn die Flammen eben ſo gejagt wer⸗ den, dürfen wir ohne Gefahr hier verweilen. Wo nicht, ſo ziehen wir uns nach der Gegend des Kremls. Einſtweilen wollen wir das Ereigniß dorthin melden.“ Er rief Jaromir hervor und gab ihm den⸗Auftrag, ſofort nach dem Kreml zu reiten und die Meldung bei dem Gene⸗ raladjutanten des Kaiſers zu machen. Jaromir ſprengte wie ein Pfeil davon. Mit geſpannter Erwartung betrachteten die verſammelten Leute jetzt das in Dampf gehüllte Gebäude vor ihnen, jeden Augenblick gewärtig, daß die Flammen durch das Dach brechen ſollten. Da fiel unvermuthet ein heller Schein über den ganzen Palaſt, als wenn derſelbe durch eine plötzlich aufgehende Sonne beleuchtet würde. Verwundert ſah man ſich um; da ſtand der ganze Himmel in dunkelrothem Glanz, ſchon faſt aus allen Fenſtern des Hauſes herdor; er witbelte als ob er über ein Feuermeer gewölbt ſeit Naſinski ddie Gaſſe entlang bis zu der Gartenmauer, wo er. freien Blick über den Horizont hatte.„Heiliger Gott!“ rief er entſetzt aus, als er hier ein zweites, großes Gebäude, das 8 a3o ſprengt einen in der Nähe des Kremls liegen mußte, wahrnahm, aus deſſen hohem, unförmlichem Dache eben die Flammen mit voller Gewalt herausſchlugen, während eine ſchwarze Rauch⸗ wolke ſich düſter über die Sterne, die noch im Zenith glänz⸗ ten, hinwegwälzte.„Das iſt kein Zufall!“ rief er unwill⸗ kürlich aus;„hier werden furchtbare Rathſchläge ausgeführt.“ Er wollte eben zurückſprengen, als ihm Bernhard mit der Nachricht entgegenkam, am Ende der Gaſſe brenne ein Magazin. Jetzt ſah Raſinski deutlich, worauf es abgeſehen ſei; nun⸗ mehr galt es, entſchloſſen zu handeln.„Woher kommt der Wind?“ fragte er und ſah ſich rings um.—„Ich glaube aus Südweſt!“ erwiderte Bernhard.„Richtig! Doch er ſcheint unſtät! Indeſſen wollen wir uns einſtweilen zurück⸗ ziehen, es könnte uns ſonſt der Weg abgeſchnitten werden.“ Von der Flucht Raſinski's aus dem geheimen Gange bis zu dieſem Augenblicke waren kaum zehn Minuten ver⸗ floſſen. Bis dahin hatte man in der Stadt auch noch kei⸗ nen Lärmen gehört, ſondern die Ausbrüche des Feuers ſchie⸗ nen von den übrigen Bivouacs noch nicht bemerkt worden zu ſein, und es herrſchte während des furchtbar⸗ſchönen Schau⸗ ſpiels die ſchauerliche Stille der Nacht. Jetzt aber hörte man aus der Ferne von allen Seiten die Trommeln rühren, und Signalhörner und Trompeten ſchmettern. Es entſtand ein Getuͤmmel, als ob ein großes Lager überfallen werde. Die Cavalerie ſaß auf, die Infanterie griff zu den Waffen und trat an. Noch wußte man nicht, ob man nur ein entſetz⸗ liches Element, oder vielleicht auch einen verborgenen Feind,— 4 15r 5 — 340— erſten Schrecken. Indeſſen gingen von allen Seiten die hohen Gebäude in Flammen auf; der Wind wurde ſtärker und jagte das Feuer wie ein fluthendes Meer über die Stadt hin. Bald war man in ein düſteres Dunkel undurchdringlichen Rauchs gehüllt, der, in die engen Gaſſen zuſammengepreßt, nicht ſogleich einen Ausweg fand; bald leuchtete es ringsum⸗ her wie am hellen Tage, und in allen Waffen glänzte der Widerſchein der Flammen, als wären ſie in friſches Feindes⸗ blut getaucht. Raſinski gewann mit den Seinigen eine Straße, wo noch keine Feuersbrunſt ausgebrochen war. Die Höhe der Häuſer von beiden Seiten hinderte auch den Widerſchein der entfernter brennenden Gebäude ſo blendend einzufallen, wie zuvor bisweilen; man befand ſich in einem dämmernden Halbdunkel, doch war der Himmel durch ziehende Rauch⸗ wolken und Funkenſtröme bedeckt. Das Ende der Gaſſe ſtieß auf eine Brücke, welche jedoch für den Augenblick durch die Artillerie geſperrt war, die ihren eiligen Rückzug nahm, um die Munitionswagen und Protzaſten, die man unvor⸗ ſichtigerweiſe in der Stadt aufgefahren hatte, zu retten. Ra⸗ ſinski mußte daher mit den Seinigen hier halten, bis die Bahn frei wurde. „Seht Ihr, Freunde,“ ſprach Raſinski zu Bernhard und Ludwig,„meine Ahnungen werden wahr! Jetzt ſehe ich dem Unheil kein Ende. Ich wünſchte, Jaromir ſtieße wie⸗ der zu uns,“ ſprach er nach einiger Zeit;„am Ende findet er uns nicht auf.“ „Ich will ihn aufſuchen,“ rief Bernhard lebhaft, und Ludwig war ebenfalls ſogleich dazu bereit. „Das würde ihm nichts helfen und ich wäre nur auch 3 unker dem Schuße deſſelben ſeinen Angiff machen wole 1 lekämpfen habe. Die Ungewißheit vermehrte daher den —,— 4 Gnretwwegen in Preranſß. Du haf uns ſo oeften Abend Sorge genug durch Dein Berſthwinden gennach⸗ Dhanhand Wo fernteeß Du denn?“ „Im Garten ging ich auf und ab! Es waͤre mir un⸗ möglich geweſen zu ſchlafen. Überdies habe ich daſelbſt eine Entdeckung gemacht, die uns zwar jetzt ſchwerlich noch etwas helfen kann, aber doch wol mit den Beersürünſen im Zu⸗ ſammenhange ſteht.“ Man horchte auf, vorzüglich war Ludwig geſpannt. „Ich wollte eben ins Schloß zurückkehren,“ fuhr Bern⸗ hard fort,„denn es hatte bereits Mitternacht geſchlagen; als ich aber den großen Laubgang hinuntergehe, der auf das Portal zuführt, ſehe ich plötzlich aus dem Seitengebüſch einen Lichtſchimmer durch das Laub fallen. Es war eine Geſtalt im Mantel mit einer Laterne. Im erſten Augenblicke glaubte ich, man ſuche mich auf, doch hielt ich es für gut, mich hinter einer dicken Kaſtanie zu verbergen, bis ich wußte, wer mir nahe komme; denn ich hatte im Schloſſe ſchon am Tage gewiſſe Entdeckungen gemacht. „Ich weiß das,“ unterbrach Raſinski. „So lauerte ich denn auf dem Anſtande und ſahe, daß der Geſtalt mit der Laterne einige andere folgten. Sie bogen aus dem Seitenpfad in den Hauptgang ein und kamen ge⸗ rade auf mich zu. Es waren ihrer zehn. Ein Kerl mit der Blendlaterne ging voran; dann folgte ein Mann, dicht in einen Mantel gewickelt, der eine ſchwarz verſchleierte Dame führte.“ Ludwig ſeufzte aus tiefer Bruſt auf, ſprach aber kein Wort. „Die übrigen ſchienen Diener zu ſein; es waren auch zwei Weibsbilder dabei, die Eine jung und zierlich, die Andere aber, groß, abenteuerlich gekleidet, glich in Tracht und Hal⸗ ——— der wüthenden Frau, die wir wahrnehmen ließ. Die letzten vier Kerle trugen etwas auf den Schultern, das ich nicht zu erkennen vermochte; ich würde es für einen eingewickelten Leichnam gehalten haben. Ich ſtand unſchlüſſig, ob ich dem verdächtigen Zug in den Weg treten ſollte; indeſſen muß ich geſtehen, es waren mir doch zu Viele, zumal da ich keine Piſtolen bei mir hatte; auch dachte ich, es ſind am Ende doch wol friedliche Leute, die ſich bei Nacht vor uns flüchten und froh ſind, wenn wir ſie nicht aufhalten. So ließ ich ſie denn ziehen, und als ſie vorbei waren, nahm ich meinen Weg nach dem Schloſſe zurück. Auf halbem Wege roch es mir ſchon ſo nach Pech und Schwefel. Hml!l dachte ich, ſollte dies ſchwarze Geſin⸗ del zu Satans Bande gehört haben? Die Witterung wurde immer ärger. Plötzlich ſchütterte die Erde unter mir, und es ſcholl wie ein dumpfer, ferner Fall durch die ſtille Nacht. Jetzt ſchoß mir's auf! Ich eile wie der Wind durch den Park nach dem Schloſſe. Endlich bin ich aus dem Buſch⸗ werke heraus und ſehe die Gebäude vor mir, zugleich aber auch den Rauch, der von allen Seiten herausquillt, und rothe Flammen, die aus den Kellerlöchern hervorlecken wie Drachen⸗ zungen. Ich will hinauf, Euch zu wecken, da kommt Ihr mir die Treppe herab entgegen. Euch muß der Rauch geweckt haben.“ „O Bernhard,“ begann Ludwig,„uns war eine wun⸗ derbare Hülfe nahe. Ich—“ „Vorwärts!“ rief Raſinski und unterbrach Ludwigs Er⸗ zählung, denn eben wurde die Paſſage frei, und man mußte eilen, daß ſie nicht zum zweiten Male abgeſchnitten wurde. uf der Mauer des Kreml geſehen hatten; ich möchte ſchwören, ſie wäre es ſelbſt geweſen, wenn ich mehr von ihr geſehen hätte, als ein flüch⸗ tiger Schimmer der Blendlaterne, der über ſie hinſtreifte, wäh⸗ rend der Führer ſich einmal nach ſeiner Geſellſchaft umſah, — Anuf der Brücke angelangt, ſah man wieder freier ſer und Boden glühten, wie von Fackeln der Furien beleuch⸗ Das Feuer brannte von der Weſtſeite herauf. De ſchein ſpiegelte ſich prächtig in dem düſtern Fluß. Der Wind dreht ſi ch!“ ſprach Raſinski und ſah nach dem Zuge des Rauchs und der Flammen.„Seht, wie die Funkengarben nach dem Kreml hinüberſprühen!— Wir wer⸗ den unſere Richtung ändern müſſen!“ Ein Adjutant ſprengte in Galopp heran und rief mit lauter Stimme:„Die Cavalerie und Artileerie ſoll ſich vor das Thor auf die Straße nach Petersbung ziehen.“ Hierauf wandte er ſein Pferd, vermuthlich um den Befehl irgend einer andern Truppenabtheilung, die er in den Gaſſen der Stadt umherirrend antreffen würde, zu überbringen. „Gut, ſo kennen wir wenigſtens unſere Beſtimmung,“ ſprach Raſinski;„ich geſtehe, ich wußte nicht, wie ich in dieſem außerordentlichen Falle handeln ſollte.“ Sie ſchlugen eine Straße ein, welche nach der angege⸗ benen Richtung führte. Bald aber ſahen ſie ſich in einem dichten Gedränge und Getümmel, denn Infanteriecolonnen, mit den bärtigen Sappeurs an der Spitze, kamen ihnen im Sturmſchritt entgegen, weil ſie befehligt waren, dem Brande Einhalt zu thun.„Platz! Platz!“ ſchrie der Führer und drängte mit den Leuten vorwärts. So konnte die Cavalerie, auf die rechte Seite der Straße gedrängt, nur Schritt vor Schritt vorrücken. Indeſſen wuchſen in ihrem Rücken die Flammen; der Rauch wälzte ſich, ein Gemiſch glühender und ſchwarzer Wolken, hoch über die Thürme und Paläſte hin und verbarg den Himmel und ſeine Geſtirne. Doch waren die Straßen nicht verdunkelt, ſondern Häèu-= tet, im blutrothen Widerſchein. Der Sturm, durch das Flammenmeer geust, wharf ſich ſeſtät vor den Menſchen in ſeiner Ohnmacht hin. IJedes vereinzelte Leiden, Sehnen, Hoffen und Fühlen der Bruſt ging unter in dem eiskalten Anhauch eines ſtar⸗ ren Grauſens, das mitten aus dem Gluthmeer hervorbrach und ſich in das Herz, auch des Kühnſten, ergoß. Die Stunde des Weltgerichts ſchien angebrochen, das flammende Verhäng⸗ niß ereilte Völker und Throne; nicht Wälle, nicht Mauern von Erz hätten dem Verderben mehr gewehrt. Wem jetzt das Loos gefallen war, den packten die Arme des glühenden Stroms und riſſen ihn brauſend fort in das Meer der Vernichtung, und begruben ihn in Nacht, Staub und Aſche! Sechstes Capitel. Jaromir war mit verhängtem Zügel durch die noch fin⸗ ſtern Gaſſen dem Thore des Kremls zugeſprengt. Ein eig⸗ nes Grauen beſchlich ſeine Bruſt, als er allein durch die öde Stadt jagte. Noch hatte er keine zweite Feuersbrunſt ent⸗ deckt, noch ſchlug keine Flamme aus dem Giebel fernerer Dächer empor, um die Nacht zu erleuchten. Dennoch hatte er eine dunkle Ahnung der Wahrheit, und die ſchwarzen Steinmaſſen der Stadt erſchienen ihm wie ein erſtarrtes, ausgebranntes, ſchroff geborſtenes Lavameer, das plötzlich Da unhehent Eraign fele 5 ch n mit eeerhafter Ma. 8 g ſeine unterirdiſchen Schlünde aufreie, um den ungeba gten Feuerſtrömen die Bahn zu öffnen. Er mußte durch eine enge, gewundene Gaſſe reiten, deren hohe Haäuſer ihm die Ausſicht in die Ferne eine Zeit lang verſperrten. Als er wie⸗ der einen freien Naum erreichte, ſah er bereits an drei Stel⸗ len zugleich röthlichen Nauch aufſteigen, und plößlich zucte eine flackernde Helle durch die Nacht. Es waren die erſten Flammen, welche die Dächer des Bazars durchbrachen. Bald röthete ſich der Himmel an mehrern Orten, und noch bevor er den Kreml erreicht hatte, hörte er ſchon die Trommeln der Wachen daſelbſt. Adjutanten ſprengten ihm entgegen; er rief ſie an, um zu fragen, wohin er ſeine Meldung machen könne.„Es iſt ſchon Alles in Ordnung,“ lautete die Ant⸗ wort.„Der Kaiſer iſt benachrichtigt, der Marſchall Mor⸗ tier ſchon in voller Thätigkeit. Wir haben allen berittenen Truppentheilen und der Artillerie den Befehl zu bringen, ſchnell die Stadt zu verlaſſen. Dagegen ſollen Sappeurs, Mineurs und Infanterie ſich ſammeln, um löſchen zu helfen. Alle Meldungen gehen an den Marſchall Mortier.“ Jaromir ſah ein, daß er jetzt nichts Beſſeres thun könne als zurückreiten, um Raſinski dieſe Beſtimmungen mitzu⸗ theilen. Er that es im geſtreckten Galopp; doch theils weil er nicht genau Beſcheid wußte, theils weil die ſeltſame Be⸗ leuchtung ihn täuſchte, und endlich weil eine ausrückende Colonne Artillerie, die eine Querſtraße ſperrte und ihn ſo zu einem andern Wege zwang, als der, den er gekommen war, verirrte er ſich und konnte ſich aus einem Gewinde kleiner, ſich kreuzender Gaſſen gar nicht zurechtfinden, weil ſie immer an andern Punkten ausliefen, als wohin ihn die Nichtung, nach der er ſie wählte, zu leiten ſchien. Endlich erreichte er einen freien Raum, der ſchon faſt tageshell von Flammen 15 E 8* ——‧8öͤͤͤſͤſͤſͤſͤ — 3 beleuchtet war, und glaubte nun ſich links wenden zu müſſen. Da erſt erkannte er, daß er ſich dicht bei ſeinem Bivouacs⸗ platz befand, aber von einer andern Seite auf denſelben zu⸗ rückgekehrt war, wodurch die Gegenſtände ihm im erſten Augenblicke halb bekannt und doch fremd erſchienen. Das brennende Gebäude zu ſeiner Rechten war eben das, in wel⸗ chem Naſinski gewohnt hatte; die Flammen ſchlugen ſchon über den Giebel hinaus, und der Rauch wirbelte in einem breiten Strom über die gegenüberſtehenden Giebel und Häu⸗ ſer hin, ſodaß er die Ausſicht nach der Seite faſt ganz verdeckte. Von Truppen war nichts mehr zu bemerken, doch ſah Jaromir aus den noch brennenden Bivouacsfeuern, daß der Abmarſch ſehr eilig geweſen ſein mußte. Sie werden den Befehl, den du bringen ſollteſt, bereits anderweitig erhalten haben, dachte Jaromir, war aber unſchlüſſig, wohin er ſelbſt ſich nunmehr wenden ſollte, um die Freunde raſch aufzufinden. Die düſtere Stimmung, in der er ſich befand, war durch das wichtige Ereigniß für den Augenblick einigermaßen ab⸗ geleitet worden; jetzt aber, die da Feuersbrünſte ſich vervielfäl⸗ tigten, und die Flammen vielleicht ſchon von zwanzig ver⸗ ſchiedenen Orten her leuchteten, überkam ihn plötzlich eine dunkle Unruhe um Aliſetten. Wird ſie gewarnt, geweckt ſein? Wird ſie wiſſen, wohin ſie ſich wenden ſoll in einer ſo rauhen Nacht des Schreckens? Und wenn ſie aufgeſtört wird von dem tobenden Lärm, wohin wird die Einſame, Ver⸗ laſſene flüchten? In vielen Stadttheilen, wo keine Truppen la⸗ gen, oder wo das übermaß der Müdigkeit Alles in feſten Schlaf geſtreckt hatte, war es noch nicht einmal unruhig geworden, ſondern das Verderben brach während der Ruhe des Schlum⸗ mers herein. Wie, wenn ſie in ihrem nach dem Gartenhaus abgelegenen Gemach den Trommelſchlag nicht hörte, wenn das Feuer auch dieſen Palaſt ergriff, wenn ſie entſetzlich aufgeſtört— — 1— ——— 344— Er durfte nicht weiter denken; ſein Entſchluß war gefaßt, zu der Geliebten zu eilen, ſie zu wecken, zu warnen, zu be⸗ ſchützen. Indem theilte der Sturm die breiten Wolkenzüge des Dampfes, die ſich bis jetzt nach der Gegend, wo Aliſette wohnte, gewälzt und ſie dem Auge entzogen hatten. Da ſah er rothe Flammenſpitzen über die Bäume des Gartens emporzucken; der Palaſt mußte ſchon brennen, wo ſie wohnte. Eine ungeheure Angſt überfiel ihn. Er ſprengte nach der Gartenpforte; ſie war zu eng, um hindurchzureiten. Naſch warf er ſich vom Pferd und öffnete das Pförtchen. Jetzt ſah er es deutlich, daß der Palaſt ſchon in Flammen ſtand, obwol dieſelben noch nicht ganz ausgebrochen waren. Ohne ſich um ſein Roß zu kümmern, eilte er im vollen Lauf durch die Gebüſche, um die große Allee zu gewinnen, welche mitten durch den Park führte.„Welch eine Fügung des Himmels, die Dir dieſen geheimen Pfad gezeigt hat, auf dem Du jetzt das theure, holde Weſen retten kannſt!“ — Athemlos erreichte er das Ende des Gartens. Der Palaſt ſtand ſtill, einſam vor ihm; Niemand in ſeinen weit⸗ läufigen Räumen ſchien erwacht zu ſein, Niemand die Nähe der Gefahr zu ahnen. Entweder die Bewohner waren ſchon geflüchtet und gerettet, oder der Schlaf hielt ſie noch in dichten Banden und überlieferte die gefeſſelten, betäubten Opfer ſtumm dem Verderben. Noch ſtand das Gebäude nicht in hellen Flammen; aber ſie leckten doch ſchon mit züngeln⸗ den Spitzen aus den Offnungen des Daches und des Erd⸗ geſchoſſes und blitzten durch die ſchweren, langſam wogenden Dampfmaſſen, welche ſich auf den Zinnen lagerten und das Gemäuer wie ein düſterer Trauerſchleier umwallten. Der ganze innere Raum des Gebäudes ſchien mit Gluth und Nauch ſo gefüllt, als bedürfe es nur noch eines Hauchs, um die Flammen übermächtig nach allen Seiten hinaus⸗ überfluthen. Ohne ſi i6 i bedenken; duch mit angſtvoll um die Ge⸗ 3 liebte pochendem Herzen drang Jaromir in dieſen Krater des Todes ein, ſtürzte die Treppe hinan und ſtand jetzt vor der Thür ihres Gemachs. Sie war verſchloſſen. Er pochte, man antwortete nicht. Aliſette konnte in einem Nebenge⸗ mach ſchlafen und ihn nicht hören; mit einem ſtarken Fußſtoß ſprengte er daher die Thür auf und ſtand im Gemach. „Aliſette!“ rief er,„Aliſette! Wo biſt Du?“ Alles blieb ſtill. War ſie ſchon geflüchtet, oder mußte er ſie in einem andern Gemach aufſuchen?— Beim Schein des Feuers, der, durch die hohen Bäume vor den Fenſtern verdunkelt, nur matt hereinfiel, ſuchte und fand er die Thür des Nebenzimmers. Er ging hinein; auch hier war Alles ſtill, doch brannte eine Lampe auf einem Tiſche in der Ecke. Dieſe ergriff er und ſchritt weiter. Es war hier we⸗ der von Rauch etwas zu ſpüren, noch fiel der Schein der Flammen hell genug herein, um Jemand zu erwecken; auch war Alles todtenſtill, und von dem mehr und mehr wachſen⸗ den Lärmen auf der Straße vernahm man hier nichts. Ja⸗ romirs Vermuthung, daß Aliſette noch ſchlummern möge, wurde ihm faſt zur Gewißheit; haſtig warf er daher ſeine Blicke durch das Gemach, und ſchritt, da er keine Spur, daß daſſelbe bewohnt ſein möchte, erblickte, hindurch. Er öffnete die Thür des zweiten Zimmers und lauſchte hinein. Hier ſah er ein Bett mit zugezogenen ſeidnen Vorhängen ſtehen. Ein heiliger Schauer durchzuckte ihn.„Aliſette! Aliſette!“ rief er. „Wer iſt da?“ antwortete ihre Stimme mit ängſtlichem Ton. „Aliſette, ich komme, Dich zu retten, das Schloß ſteht au ppeien und das hund. mit ihren keuufaten Wogen zu— 4 8 in Flammen!“ Mit dieſen Worten eilte er auf de das Bett zu, woher ihre Stimme tönte, um die Geliebte in ſeinen Armen aus dem Palaſt zu tragen.„Zurück, zurück rief 2 ſie ihm zu, indem ſie die Vorhänge mit der einen Hand zuſammenhielt, und ihm mit der andern winkte, ſich zu ent⸗ fernen.„Um des Himmels willen zurück!“ Jaromir glaubte, ein Gefühl der Verſchämung gebe ihr dieſe Angſt. Doch es blieb ihm nicht Zeit, daſſelbe zu bekämpfen, denn eine männliche Stimme rief:„Zum Teufel, was gibt's denn?“ Jaromir erſtarrte. Aliſette ſtieß einen lauten Schrei aus. Im gleichen Augenblicke ſprang ein Mann von dem La⸗ ger auf. „Wer bricht hier herein?“ fragte er mit entſchloſſener Stimmez doch ehe Jaromir antworten konnte, war auch Ali⸗ 8 ſette aufgeſprungen, hatte ſich ihm zu Füßen geworfen, um⸗ f klammerte ſeine Kniee und rief:„Verdamme mich nicht, ich bin ſchuldlos!“ Jaromir ſtand betäubt, entſetzt, vernichtet. Er ſah ſo viele Schreckensgeſtalten des Unheils zugleich auf ſich ein⸗ ſtürzen, daß ſein Blick ſie nicht mehr unterſchied. Er warf die Lampe von ſich, und indem er ſich die Hände verhül⸗ B lend vor die Stirn legte, rief er aus:„O, ich Elender!“ Aliſette hatte ſeine Kniee mit beiden Armen krampfhaft umſchlungen. Das aufgelöſte Haar wallte ihr über die ent⸗ blößten Schultern und den hervorquellenden Buſen.„Ich ſtehe nicht eher auf, bis Du mir vergeben haſt!“ rief ſie, und drückte das Angeſicht gegen den Boden.„Und willſt Du nicht, ſo zertritt mich; ich will zu Deinen Füßen ſterben.“ IJaromir höͤrte und ſah nicht. Eine rauhe Hand faßte ihn jetzt beim Arm und rüttelte ihn heftig. 3 8 Reihte Sie ſich unterfangen, hier einzudringen. 9„ Jaromir ſah ſich halb bewußtlos um. Eben brach drau⸗ ßen eine rothe Flammenwoge durch das Dach eines unfern ſtehenden Gebäudes, ſodaß das Gemach röthlich beleuchtet wurde. Bei dieſem Schimmer erkannte er den Obriſt Reg⸗ nard, der im raſch übergeworfenen Mantel vor ihm ſtand. Erſtaunt fuhr dieſer zurück; Aliſette, die ſich eben auf⸗ richten wollte, ſchrie laut auf und ſank halb ohnmächtig wieder auf den Boden. Jaromir war ſo betäubt, daß er die Frage des Obriſten nicht ſogleich faſſen konnte. In die⸗ ſem hatte der unvermuthete Schreck mit dem Zorn zu käm⸗ pfen; ſo blieb es einige Secunden todesſtill. „Teufel! Ich frage, was Ihr Eindringen hier bedeuten ſoll!“ rief der Obriſt, jetzt wüthend ausbrechend;„antwor⸗ ten Sie, wenn Sie ein Mann von Ehre ſind.“ Regnard glaubte die Gefahr nicht nahe, und über die benachbarte Feuersbrunſt hatte er ſich mit dem Muth eines alten Soldaten ſogleich wieder gefaßt. Aliſette war jetzt angſtvoll aufgeſprungen. Sie warf ſich zwiſchen Jaromir und den Obriſten und rief, indem ſie die Hände rang:„Um des Himmels willen, laßt uns flüchten, flüchten! Ich will ja Alles bekennen und geſtehen!“ Doch mit entſetzlich ausbrechendem Zorn faßte Jaromir den nackten Arm der Flehenden, ſchüttelte ſie, wie der Löwe ein Reh packt, und rief:„Bekenne, Elende! Haſt Du Lo⸗ doiska verläumdet?“ „Vergebung! Gnade!“ wimmerte die Entſetzte und wollte voor ihm auf die Kniee ſinken. Doch Jaromir ſchleuderte ſie grimmig hinweg, daß ſie auf das Lager niederſtürzte und rief:„Lügenzüngige Natter! Fliehe, damit ich nicht an Dir zum Mörder werde!“ 1„3) fordere eine Erkrung, Herr Graf, mit welchem 1 — 351 Negnard ſir ihm in den Arm, doch die älenegene Ju⸗ gendkraft Jaromirs ſtieß auch ihn zurück:„Wir treffen uns noch; jetzt retten Sie ſich, denn der Palaſt brennt.“ Ein dumpfer Donnerſchlag, der aus der Tiefe des Bo⸗ dens heraufklang, verſchlang die letzten Worte. Der Palaſt bebte, die Fenſter ſprangen klirrend entzwei, Steine ſtuͤrzten von der erſchütterten, geborſtenen Decke herab. „Hölle und Teufel! Was iſt das?“ fuhr Regnard anf „Allbarmherziger Gott,“ ſchrie Aliſette und rang die Hände. „Von Dir weiß die Barmherzigkeit nichts,“ rief I Jaromir ihr mit dumpfer Stimme und drohend gehobener Hand zu. „Dieſe Gewölbe ſtürzen ein über Deinen Freveln, und Dich 4 verſchlingen die Flammen der Hölle.“ „Gnade! Erbarmen! Rettet mich!“ jammerte die Un⸗ * glückſelige und ſchwankte auf Jaromir zu; aber ſie vermochte ſſcch nicht mehr auf den Füßen zu erhalten, ſondern fiel be⸗ täubt, regungslos auf den Boden nieder. „Wir dürfen ſie nicht umkommen laſſen,“ ſprach Reg⸗ nard entſchloſſen;„helfen Sie mir ſie hinabtragen.“ Er ſuchte ſie emporzuheben; Jaromir ſtand wie eine eherne Bildſäule und ſtarrte das reizende Bild der Ohnmächtigen an. Indem öffnete ſich die angelehnte Thür des Nebenge⸗ machs, und das Pflegekind Aliſettens, die kleine dreijährige Tochter ihrer Schweſter, kam herein und ſtammelte weinend: „Ich fürchte mich ſo!“ Beim Anblick dieſes hülfloſen Weſens kehrte das Be⸗ wußtſein in Jaromirs Bruſt zurück, und mit ihm ſein wei⸗ ches Mitgefühl. Eine tiefe Scham befiel ihn.„Nein! Du ſollſt nicht 4* umkommen, kleines, holdes Weſen,“ ſprach er ſanft,„Du nicht und auch nicht dieſe Verbrecherin.“ Er nahm das hdhoöoobbo 1 Kind in feine. Annt und hälte es in einen Shawt Aliſettenz ein. Dieſer hatte Regnard bereits einen Mantel übergewor⸗ fen, doch vermochte er nicht ſie emporzuheben, weil ſeine Wunde ihn noch hinderte. Jaromir reichte ihm das Kind und ſprach:„Nehmen Sie die Kleine!“ Dann ergriff er Aliſetten, hob ſie mit rüſtiger Jugendkraft empor und ſchritt nach der Thür zu.„Mir nach! den Garten können wir noch erreichen,“ ſprach er. Regnard folgte ihm. Schon drang dichter Dampf und Schwefelgeruch in die Gemächer ein; doch leuchtete die Flamme von Außen her ſo hell, daß man den Weg nicht verfehlen konnte. Die kleine Treppe, die zum Garten führte, war ganz in Rauch gehüllt, und die Flammen ſchlugen ſchon hell von unten herauf. Ohne Zaudern warf ſich Jaromir hinein; in drei Sprüngen war er unten, und erreichte mitten durch die Flamme das Freie. Regnard war ihm eben ſo entſchloſſen gefolgt. Athemlos, mit verſengtem Haar, gewannen ſie einen ſichern Platz im Garten. Dort ſetzten ſie die Bürden nieder und ſchöpften Athem. „Wir ſind in Sicherheit,“ ſprach Jaromir mit ſtumpfem Ton erſtarrter Gleichgültigkeit;„durch die Gartenmauer führt eine Pforte, wenn das Thor des Palaſtes ſchon in Flammen ſtehen ſollte. Was uns anbelangt, Herr Obriſt, ſo werden wir uns wol wiederſehen!“ Regnard erwiderte nichts. Er ahnete jetzt den Zuſammenhang und fühlte, daß er von dem Unglücklichen keine Erklärungen zu fordern hatte. Dieſer aber ſchritt haſtig durch den Garten, um ſich zu Pferd zu werfen und die Seinigen aufzuſuchen. Der treue Rappe ſtand, obwol er nicht angebunden war, geduldig an der Pforte des Gartens und ſchien ſeinen Herrn zu erwarten. Jaromir ſchwang ſich hinauf und ſprengte mit verhängtem Zügel durch die Gaſſen. menz die Nacht war heller als der Tag. Nur wo Von allen Seiten ſtanden fhon d die Gebäude in fangene RNauch und Qualm, oder der dichte Aſchen Luft verdunkelten, war es finſter. Die brennenden ſchienen ausgeſtorben; Alles war geflüchtet. Die Rettungs⸗ mittel wandte man nur an, um die noch unverſehrten Theile zu ſchützen, denn wo einmal das Feuer loderte, war jeder Kampf mit dem übermächtigen Element vergeblich. Die Flamme kniſterte ringsumher; es ſchien Jaromir, als ſeien es die Furien der Hölle, die ihn verfolgten. Sein Roß wurde durch den Sporn und die Angſt zugleich getrieben; es flog wie ein Pfeil mit ihm dahin. Doch der Betäubte ſuchte keinen Ausweg, er führte die Zügel nicht, er achtete auf kein Zeichen, nicht auf die Nichtung des Windes; dem Pferde bewußtlos die freie Wahl laſſend, gerieth er immer tiefer in das labyrinthiſche Gewinde der brennenden Gaſſen hinein. Erſt als das ſcheue Thier ſich plötzlich wie in einer Flammen⸗ höhle ſah, und ſtutzte und umwenden wollte, und wieder ſtutzte, indem es ſich ſcheu aufbäumte und geängſtigt die Funken und Feuerflocken aus den Mähnen zu ſchütteln ſuchte, da ſahe er, wohin er gerathen war. Die durch⸗ glühte Luft war kaum noch zu athmen; das Auge brannte und ſchloß ſich geblendet, ein durchbohrender Schmerz zuckte durch das Gehirn.„Alſo hier ſoll ich enden?— Sind es die Flammen der Hölle, die meinen Frevel ſo ſchnell beſtrafen?“ Das Leben war ihm verhaßt; doch die Natur wehrte ſich gegen dieſe qualvolle Vernichtung. Gewaltſam riß er die geblendeten Augen auf und ſtarrte in das praſſelnde Feuermeer, ob ſich nirgend ein Ausweg aufthue. Ein Wind⸗ ſtoß fuhr brauſend durch die Flammen, drückte ſie mächtig herab und ſpaltete ſie dann, die glühende Mauer gewaltſam . — 354— mit feur Strom ucbrechend. Jaromir ſyrengte in die offensKluft hinein;; einen Augenblick lang theilten ſich die Feuerwogen weit hin, ſodaß der Blick bis zu dem Punkte, wo die Rertung winkte, hindurchdringen konnte. Doch ſchon ſchlugen die Wellen wieder über ſeinem Haupte zuſammen; plötzlich donnerte und krachte. es furchthar über ihm; ein Dachſtuhl ſtürzte ein, glühende Balken und Steine praſ⸗ ſelten herab, Jaromirs Pferd, von einem mächtigen Qua⸗ der im Kreuz getroffen„brach unter ihm zuſammen. Be⸗ täubt lag er am Boden; doch raffte er ſich wieder auf und drang zu Fuß vorwärts. Schon gab er ſich verloren; faſt mit geſchloſſenen Augen, weil ſie die Gluth nicht mehr ertragen konnten, drang er vorwärts, der Gegend zu, wo er einen Augenblick lang freie Räume geſehen hatte. Da traf plötzlich in dieſer Flammenöde eine ernſte männliche Stimme ſein Ohr:„Wißt Ihr uns den Ausweg aus den brennenden Gaſſen zu zeigen?“ rief es ihn von den Seite her an. Freudig durchſchauert, nur einen Todesgefährten aufge⸗ funden zu haben, wandte er ſich nach der Seite, woher der Ruf kam. Doch von Ehrfurcht und Schrecken gefeſſelt, blieb er erſtarrt ſtehen, als er den Kaiſer, der mit einigen Begleitern aus einer engen, gewundenen Seitengaſſe kam, vor ſich ſah.„Wie? Er ſelbſt? Er, an deſſen Haupt das Verhängniß Aller hängt, hier in dieſem brandenden Feuer⸗ meer, wo nirgend mehr ein ungsweg zu entdecken iſt? Nein, er kann ſo nicht verloren ſein!“ Dieſes lebendig pro⸗ phetiſche Bewußtſein gab ihm Kraft und Beſinnung wieder. An der ruhigen Entſchloſſenheit des unerſchütterlichen Man⸗ nes, der ihn mit denſelben unveränderten Zügen, wie er im Sturm der Schlacht das Steuer lenkte, anblickte, richtete ſich ſein eigner Muth empor. Er wuchs ihm durch einen Blick auf die verſtörten Begleiter und Führer des Feldherrn, ſein dieſem vren großen gegenüber ni darum betäubte es ihn nicht mehr, daß es nd Schmerzen zerriſſen und jetzt von unrettbarem Verderbe bedroht war. Ehre und Maͤnnerpflicht richteten ſich edel in. ihm auf. „Wißt Ihr keinen Ausweg?“ erneuerte der Kaiſer die Frage.„Ja, ich hoffe es,“ antwortete Jaromir feſt;„doch der Weg geht durch die lodernden Flammen dort.“ „Gut denn! Wir haben nicht Zeit uns zu beſinnen,“ erwiderte der Kaiſer und ſchritt dahin, wo Jaromirs Hand deutete. Dieſer eilte voran, ſtolz entſchloſſen, ſich mitten in die Gluth zu werfen. Doch als trügen die empörten Ele⸗ 83 mente eine heilige Scheu, den Gewaltigen anzutaſten, ſo erhob ſich jetzo der Sturmwind ſtärker als zuvor und brach eine Gaſſe durch die Flammen. Jaromir ſtürzte voran; der Weg ging durch Aſchen⸗ und Feuerregen über qualmende Trümmer hinweg. Man athmete Gluth; das Auge brannte bis ins Gehirn, Lippe und Zunge verdorrten. Da wehte ein friſcherer Lufthauch kühlend über Jaromirs glühendes Ange⸗ ſicht. Das Freie war erreicht; die Rettung gewonnen! 4 Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. — 8— , 8 1 1 6 4 4 ſſſſſiſſiiſiſinſiſſſiinſſtiſſſnnſſiſſſſiſſſinſſnnſſſſſ 5 6 7 8 9 10 11 IrrexxN 14 ſiſ 12 1 15 16 1 3 4 8 7— 5 3 * 3 4* . “ 2 4 1 2 5 4. 1 3 8 3 1*— —— 8 ‿ 8— 8 8„ * 4— 8 2 „