Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ een angenommen. 8 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 1 1 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mtr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 7 3. 3 9 7„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— Ein hiſtoriſcher Roman von Ludwig Kellstab. 1 6 Dritte Auflage. Erster Cheil. Leipzig: F. A. Brockhaus. —* — — ꝗ ͦ— — Vorwort zur erſten Auflage. Uber den Geiſt, in dem dieſes Buch empfangen und geſchrieben, hat ſich die Zueignung verbreitet. Das Vor⸗ wort hat nur weniges Außerliche zu berichten, will dem Leſer nur kleinere Bitten um Gunſt und Nachſicht vor⸗ tragen. Das rieſenhafte Gewebe der Weltgeſchichte, deſ⸗ ſen wunderbare Anlage und geheimnißvolle Verknuͤpfung kein Sterblicher ganz zu ergruͤnden vermag, iſt auch in ſeiner aͤußern Ausdehnung ein unermeßliches fuͤr die ein⸗ zelne Kraft. Der Dichter vermochte deshalb nur wenige Geſtalten aus dem unuͤberſehbaren Gemaͤlde hervorzu⸗ heben; und dieſe mußte er bisweilen, ſo ſehr er ſich der Treue beſtrebte, anders verbinden und zu einander treten laſſen, als ſie in der Wirklichkeit geſtellt waren. Im erſten Entwurf des Buches gedachte er das ganze Europa, ſo weit es damals von Kampf und Krieg bewegt wurde, zu umfaſſen, und den Leſer aus den winterlichen Oden Rußlands in die farbengluͤhenden Gefilde des heißen Spaniens zu fuͤhren, um ſo durch die Kunſt der Con⸗ traſte taͤuſchend zu heben, was er an ſich nicht hoch ge⸗ nug zu ſtellen vermochte. Aber bald ſah er, daß er mit VI A2 der Keule des Herkules ſpielen wollte; er vermochte die gigantiſche Maſſe nicht zu regieren, ſie wuchs ihm uͤber jedes Maß hinaus. Er ſchied alſo die Haͤlfte des Stof⸗ fes ab und beſchraͤnkte ſich auf die andere; aber auch dieſe wuchs ihm unter den Haͤnden, und trotz alles Kaͤmpfens ſah er endlich, daß er auch hier ſeinen erſten Vorſatz, in drei Baͤnden das Ganze zu bezwingen, auf⸗ geben, und vier Baͤnde fuͤllen mußte. Weſentlich aber hat das Buch nur drei Theile; nur daß der letzte, als der umfaffendſte, jetzt in zwei Haͤlften zerfallen iſt. Wie Segurs wunderwuͤrdige, wenngleich geſchichtlich oft nicht getreue Darſtellung des ruſſiſchen Feldzuges dem Verfaſſer oftmals zum Vorbilde gedient hat; wie er der Schilderung dieſes Meiſters mit Abſicht bisweilen faſt woͤrtlich gefolgt iſt, liegt ſo offen da, daß er es kaum zu geſtehen braucht. Sogur aber, Geſchichtſchreiber der Thaten ſeines Volkes, hatte andere Rechte und Pflich⸗ ten als der deutſche Dichter. Dieſer durfte ſich uͤber den Boden ſeines Vaterlandes empor in ein freies unbegrenztes Reich der Unparteilichkeit erheben, von deſſen Hoͤhen herab der Ruhm des Siegers, die unterliegende Groͤße des weltgeſchichtlichen Caͤſars unſrer Tage, der Kampf und das Dulden ſeiner Helden, die ſich maͤchtig uͤber ein zerſchmetterndes Geſchick erhoben, der duͤſtere Untergang einer edlen Nation im Oſten, die goldnen Morgenroͤthen und Hoffnungen des deutſchen Vaterlandes, das ganze erhabene Walten und Weben der Allmacht in den Ge⸗ ſchicken der Voͤlker— gleich nahe und fern vor dem dichteriſchen Auge lag. In dieſem Sinne alſo verſuchte der Verfaſſer, ſein Buch nicht in engerer, vaterlaͤndiſcher VII Bedeutung allein, ſondern in einer kuͤhner umfaſſenden, weltgeſchichtlichen Anſicht zu ſchreiben, obgleich er ſich bewußt iſt, was die innere Welt des Gemuͤths und der Anſchauung betrifft, den theuern Boden der Heimat nic treulos verlaſſen zu haben. Die poetiſchen Geſtalten moͤgen ſich ſelbſt vertheidigen und behaupten; die hiſtoriſchen, ſind ſie getreu, ſind ſie verſtanden, werden es ohne Muͤhe koͤnnen. Kleine Auf⸗ einanderruͤckungen von Ereigniſſen und dadurch veraͤn⸗ dertes Datum derſelben durfte die ſo im Großen arbei⸗ tende Geſchichte wol der Dichtung zugeſtehen, ohne fuͤr ſich befuͤrchten zu muͤſſen. So iſt der Brand Moskau's und die Erſcheinung Napoleons dabei allerdings zuſam⸗ mengezogen. Daß ein Bund vaterlaͤndiſcher Freunde, der zu jener Zeit maͤchtig wirkte, ebenfalls, theils in chronologiſcher Beziehung, theils mit Ruͤckſicht auf ſeine Zwecke, freier behandelt worden iſt, verzeiht man vielleicht deshalb leicht, weil dies Verhaͤltniß ja nur an das Buch hinſtreift, ohne in ſeinen tiefern Kern einzudringen. Endlich vergebe man bei der Entfernung des Druckortes vom Wohnorte des Schriftſtellers, wenn manche der klie⸗ nen Irrthuͤmer und Nachlaͤſſigkeiten unausgeglichen blei⸗ ben, die ſich immer erſt bei der letzten Feile, wenn der Verfaſſer ſeine Arbeit in dem raſchen Fluß des Abdrucks uͤberſehen kann, entdecken und verbeſſern laſſen. Zwar hat der Autor die letzten Correcturen ſelbſt geleſen, allein da der Umfang des Buches es noͤthig machte, an mehren Theilen zugleich zu drucken, und auch eine ſchnelle Ruͤckſprache mit der Druckerei unmoͤglich war, ſo mag ſich doch Manches eingeſchlichen haben, welches VIII ſich nur bei einer zweiten Auflage vertilgen laͤßt. Ob des Verfaſſers Werk dieſe erleben wird, wagt er nicht zu hoffen, indeſſen glaubt er, daß man bei einem Buche, deſſen groͤßere Unvollkommenheiten es von einer literari⸗ ſchen Auferſtehung ausſchließen, wol uͤber die kleinern hinwegſehen wird. Ein aͤrmlicher Vortheil, welchen man dem Dichter, der auf den groͤßern verzichten muß, ge⸗ wiß nicht mißgoͤnnt. So ſei denn das lang in der Bruſt getragene, mit ernſter Anſtrengung gefoͤrderte Werk der Gunſt des Le⸗ ſers empfohlen. Wenigſtens wird die erhebende und er⸗ ſchuͤtternde Groͤße der Zeit ihn fuͤr Das entſchaͤdigen, was er dem Dichter nicht verdanken kann. Berlin, am 15. Januar 1834. Der Verfaſſer. Vorwort zur zweiten Auflage. Eine Hoffnung, welche der Verfaſſer dieſes Werkes kaum ernſtlich ins Auge zu faſſen wagte, hat ſich erfuͤllt. Eine zweite Auflage des Romans iſt ſchneller noͤthig geworden als es irgend zu erwarten war. Das Publicum erhaͤlt die Arbeit in faſt ganz unveraͤnderter Geſtalt. Gewiß waren groͤßere Verbeſſerungen ſehr zu wuͤnſchen, allein dieſelben haͤtten ſo tief in den Organismus des Ganzen eingreifen muͤſſen, daß es dadurch voͤllig umgeſtaltet wor⸗ den waͤre. Dazu aber fehlte dem Verfaſſer, ſo ſehr er viele Maͤngel einſieht, theils die Muße, theils der Muth. Denn aufs Neue haͤtte er den erſchoͤpfenden Kampf mit dem gigantiſchen Stoffe beginnen muͤſſen, eine Arbeit, zu der ihm, bei vielfacher anderer Zeitbedraͤngniß, Jahre er⸗ forderlich geweſen waͤren. Auch war er ja in gewiſſer Beziehung Denen, welche einmal dem gegenwaͤrtigen Buch ihr Wohlwollen geſchenkt hatten und weiter danach verlangten, eben Dieſes ſchuldig, durfte ihnen kein anderes dafuͤr reichen. So hat er es denn vorgezogen, das Werk in ſofern voͤllig in ſeiner Integritaͤt zu laſſen, als er es nur von den mehr zufaͤlligen Fehlern, wie klei⸗ — X⏑l— nern Nachlaͤſſigkeiten im Ausdruck, und die mancherlei Druckfehler, moͤglichſt zu ſaͤubern ſuchte; Unvollkommen⸗ heiten, die, bei aller Sorgfalt, welche man auf eine Ar⸗ beit verwenden mag, doch niemals ganz zu tilgen ſind. und ſo wuͤßten wir denn auch nichts weiter uͤber unſer Werk zu ſagen, als was Zueignung und Vorrede ſchon zur erſten Ausgabe ſo beſtimmt angedeutet haben, als es die Zeitumſtaͤnde in unſerm Vaterlande geſtatten. Nichts bleibt uns uͤbrig, als den Dank auszuſprechen fuͤr— das Wohlwollen in der Anerkennung, fuͤr die Belehrung im Tadel wie wir ſie oͤffentlich und von einzelnen in unſerer Verehrung beſonders hochgeſtellten Maͤnnern em⸗ pfangen haben. Moͤge Ernſt in der Gunſt, Liebe in der Strenge unſerm Thun auch jetzo, wie es ſich erneuert dem Spruch des Leſers unterwirſt, zu Theil werden. Berlin, in den Oſtertagen des Jahres 1836. Der Verfaſſer. ν Vorwort zur dritten Auflage. Die zweite Auflage, zu der der Autor ſich am Schluß des Vorworts zur erſten zwar im Stillen, doch nur eine ungewiſſe Hoffnung gemacht, iſt der erſten bald, voͤllig unveraͤndert gefolgt, und nun erlebt er die Freude, eine dritte erſcheinen zu ſehen, die zugleich eine Aus⸗ gabe ſeiner geſammelten Schriften uͤberhaupt eroͤffnet. Was dieſe letzteren anlangt, ſo behaͤlt er ſich's vor, ſie durch einige Worte, theils im Allgemeinen, theils bei einzelnen Arbeiten, zu begleiten, weil Manches zu er⸗ klaͤren, manche Anordnung, Abaͤnderung zu rechtfertigen ſein wird. Indeß iſt es ihm wuͤnſchenswerther, dieſe Er⸗ laͤuterungen erſt einer ſpaͤtern Lieferung beizufuͤgen. Der Roman 1812 erſcheint ganz unveraͤndert; gering⸗ fuͤgigere Correcturen ſind ſchon bei der zweiten Auflage gemacht worden. Tiefer eingreifende Anderungen wuͤrden eine Umarbeitung des ganzen Werks veranlaßt haben, zu der es einerſeits dem Verfaſſer an Muße gebricht, und die er andererſeits auch nicht unternehmen moͤchte. Es iſt faſt ein Jahrzehend verfloſſen, ſeit er den Roman ſchrieb. In dieſer Zeit haben ſeine Anſichten uͤber Kunſt, —+½— Geſchichte und Politik durch reiferes Alter und innere Fortbildung ſo unabweisbare Änderungen erfahren muͤſ⸗ ſen, daß er ſich in manchen Beziehungen nicht mehr mit ſich ſelbſt zu einigen wiſſen wuͤrde. Verſchiedene Lebensalter muͤßten um ihre gleich begruͤndeten Rechte ſtreiten; beſſer, daß ein jedes die ſeinigen behalte und vertrete. Dieſe Erwaͤgung ſtellte den Beſchluß feſt, das Werk auch jetzt unveraͤndert zu laſſen, wie es zuerſt in die Welt trat, und neu gewonnene Anſchauungen, ent⸗ wickeltere Einſichten und Kraͤfte lieber bei kuͤnftigen Ar⸗ beiten geltend zu machen. Es ſei denn hier nur noch der warme, aufrichtige Dank ausgeſprochen fuͤr die ſeltene Gunſt, welche dem Buche von den Leſern zu Theil geworden,— und der Wunſch, daß der Autor, ſich eine ſo die Thaͤtigkeit auffriſchende Geſinnung auch ferner zu bewahren, die Kraft haben moͤge. Sein Wille ſoll in ſo belohnender Aufgabe nicht zuruͤckbleiben. Berlin, am 15. Dec. 1842. Der Verfaſſer. * Zueignung. An die Fuͤrſten und Voͤlker Europas. Verwegenheit des Verfaſſers waͤre es zu nennen, wenn er es wagte, nur auf ſich ſelbſt geſtuͤtzt, ſeinem Werke eine Zueignung vorangehen zu laſſen, welche ſich faſt an die ganze Mitwelt richtet. Aber nicht er in ſeiner ein⸗ zelnen Kraft iſt es, der ſich eines ſolchen Unterfangens anmaßt,/ ſondern es iſt eine hoͤhere Gewalt, als deren Vertreter er zu gelten verſuchen will. Und auch Das iſt ſchon ein Unternehmen, dem man es vergeben muß, wenn der kuͤhne, gluͤhende Wille dem Vermoͤgen befluͤ⸗ gelt vorauseilt. Die Begebenheiten unſerer Tage waren und ſind ſo groß, daß der Dichter nicht mehr ſie erhoͤht, ſondern von ihnen getragen wird. Die maͤchtig ausgeſpannten Fluͤgel der Weltgeſchichte heben ihn in ein hohes, leuch⸗ eendes Reich empor, wo er, in der Naͤhe ſich verkuͤnden⸗ r Gottheiten, ſelbſt waͤchſt und erſtarkt. Aber er fuͤhlt — xV— die fremde Kraft in ſich; es iſt der rollende Strom, auf dem er treibt, es iſt die brauſende Gewan bes Sturms, die ſein Fahrzeug befluͤgelt, nicht ſein ſchwacher Ruder⸗ ſchlag. Sein Verdienſt iſt nur das, ſich auf dieſes unge⸗ heure Element gewagt zu haben, und er muß ſeinen Vorwitz buͤßen, wenn er zerſchellt wird. Wie das Jahr 1789 alle die großen Gedanken gebar und erzeugte, welche jetzt unſere Welt geſtalten und um⸗ geeſtalten, ſo iſt das Jahr 1812, von dem dieſes Buch den Namen leiht, als das Geburtsjahr, oder beſſer, als das der Empfaͤngniß fuͤr die Bildung der heutigen Staatenverhaͤltniſſe Europa's zu betrachten. Es ſchrieb mit furchtbaren Schriftzuͤgen gigantiſche Lehren in das Buch der Weltgeſchichte ein. Nie hat ſich ein Verhaͤng⸗ niß grauſenvoller geſtaltet, nie wurde Überhebung des Einzelnen gegen die Allmacht der Schickung durch eine aͤhnliche Nemeſis heimgeſucht. Alle Hoͤllen verſchlangen die Heere des Eroberers; aus dem Flammenmeere bren⸗ nender Staͤdte wurden ſie, wie Dante's Verdammte, zu entſetzenvollerer Qual in die Eisſchluͤnde ewiger Erſtar⸗ rung hinabgeſtuͤrzt. Dies iſt das Gemaͤlde der Weltge⸗ ſchichte, welches der Dichter, ſelbſt erbebend vor dem vermeſſenen Unternehmen, vor Euch aufzurollen wagt. Doch uͤber den Wuͤſten von blutgetraͤnkter Aſche, uͤber den Schneefeldern voll erſtarrter Leichen ging eine große, leuchtende Sonne des Segens allen Voͤlkern auf. Wen durchzittert nicht eine heilige Begeiſterung, wenn er an dieſe Tage denkt? Dieſe Tage des Erwachens, des erhebenden Kampfes, der reichſten Verheißungen! Dooch hat ſich erfuͤllt, was verheißen war? Sind die uͤberreich hingeſtreuten Saaten zu geſegneten Fluren auf geſproßt? Hat der Menſch die Verkuͤndigungen des G — XV //— lichen in ihrer Wahrheit gedeutet? Wird nicht gefrevelt im Verkennen heiligſter Winke? Schließen ſich nicht die Augen mit Gewalt vor Dem, was erfuͤllt werden muß, dem nun und nimmer entrathen werden kann?— Das ſind die gewichtig tiefen Fragen, die Fuͤrſten und Voͤl⸗ ker ſich ernſt zu thun haben! Und darum wagt es der Dichter, ſein Werk an Fe zu richten, zumal aber aitt die Fuͤrſten. Denn ſie dd die Vertreter, die Gipfel 4 der Geſchichte, die am weiteſten leuchten und ragen, aber auch am tiefſten ſtuͤrzen, wenn die Fluth der Väölker, welche naͤhrend ihren Fuß umwallt, unnatuͤrlich zurück⸗ gedaͤmmt, anſchwillt, uͤberbrauſt, den Boden unterhoͤhlt daß Alles krachend einbricht, was auf granitnen Veſten zu ruhen ſchien. Erinnert Euch an die verheißende Morgenroͤthe des Jahres achtzehnhundertundzwoͤlf! Gedenkt daran, welche Hoffnungen den beiden naͤchſten Jahren des heiligen Kampfes leuchteten! Erwaͤgt, wie treu, aber auch wie gewaltig damals die Voͤlkerwoge emporbrauſte, durch alle Daͤmme brach und die daͤmoniſche Gewalt fremder Ty⸗ rannei zu Boden ſchlug! Ihr habt erfahren, was ein Volk iſt! Vergeßt es nicht! Mahnend und warnend redet die Zeit, welche der Dichter in wechſelnden Bildern lebendiger wieder vor Eure Seele zu fuͤhren trachtet!— Das Eine darf er von ſich ſagen: von Ehrfurcht und Begeiſterung war er gleich durchſchauert, wenn der maͤchtige Geiſt naͤher und naͤher zu ihm trat und ſich in tauſend Wunderge⸗ ſchichten verkuͤndete. Ob er ihn begriffen, ſeine tiefſten Geheimniſſe erlauſcht?— ob er mit ungeweihter Seele frevelnd nahe zu treten gewagt und nur Mißbildungen der Verzerrung im unlautern Spiegel der Bruſt empfing? ,———ÿyꝛꝛ — LVI daruͤber wird eben jener maͤchtige Geiſt ſtrenges Gericht halten. Denn an ihm vergeht ſich Keiner ungeſtraft, und Sanduhr und Senſe der allſchauenden Zeit meſſen gerechter, richten ſtrenger als ſelbſt Waage und Schwert der blinden Themis! . b Geſammelte Schriften von Ludwig UKellstab. 1 8 1 2. Erster Theil. Leipzig: F. A. Brockhaus. 1884 ‧3. 4 Erstes Capitel. An einem lauen Aprilabende des Jahres 1812 traf Ludwig Roſen, ein junger Deutſcher, eben mit der ſinkenden Sonne vor dem Städtchen Duomo d'Oſſola am Abhang des Sim⸗ plon ein. Er war zu Fuß von Baveno am Lago Maggiore ausgegangen, und daher ziemlich ermüdet, wiewol ſeine Wanderung durch dieſes reizende Gartengelände, das die hohe Mauer der Alpen ſtets vor dem rauhen Nordwinde ſchützt, nichts weniger als beſchwerlich geweſen war, ſondern ihn auf jedem Schritte mit neuen Freuden und Genüſſen überraſcht hatte. Er würde dieſe noch lebhafter empfunden haben, wenn er nicht aus dem ſüdlichern Italien gekommen wäre, nach⸗ dem er den Winter theils in Sicilien und Neapel, theils in Rom zugebracht hatte. Gern hätte er länger in dieſem ſchö⸗ nen Lande der Freude geweilt, das ſelbſt, während das ganze Feſtland von furchtbaren Stürmen des Krieges erſchüttert wurde, ſeinen Charakter einer durch den nächſten Schutz der Götter behüteten, heitern Zufluchtsſtätte der Künſte, wenig⸗ ſtens fuür den Fremden zu bewahren gewußt hatte; allein eben jene gewaltigen Begebenheiten, welche die beiden Hälf⸗ ten des übrigen Europa gegen einander in Waffen riefen 1 forderten auch ihn zu einer beſchleunigten Rückkehr auf. Seine Mutter und Schweſter lebten in Dresden in weib⸗ licher Stille und Zurückgezogenheit; mehr aus Neigung als durch die Umſtände dazu gezwungen, da das Vermögen der Mutter ihr eine unabhängige, wenngleich nicht glänzende Lage gewährte. Den Vater hatte Ludwig ſchon in ſeiner Kindheit verloren. Wie, wußt ſelbſt nicht, denn die Mutter hatte zwar bisweilen einige Andeutungen von dem unglücklichen Schickſale deſſelben gegeben, ſich aber niemals näher darüber erklärt.— Die vier letzten Jahre waren, wie⸗ wool traurig genug, doch wenigſtens ſo ruhig für Nord⸗ deutſchland geweſen, daß zwei einzelne Frauen ſich auch ohne beſondern männlichen Schutz den Ereigniſſen des Lebens ge⸗ wachſen fühlen konnten. Jetzt aber rückten die Colonnen der franzöſiſchen Heere wieder auf allen Landſtraßen vor; Deutſch⸗ land war mit dem beginnenden Frühling aufs Neue in ein Feldlager verwandelt. Deshalb kehrte Ludwig zurück, denn ſein Herz trieb ihn an, in ſo bedenklicher Zeit der Mutter, die überdies, wie ihm die Schweſter ſchrieb, an einem beſorg⸗ lichen Bruſtübel kränkelte, rathend und ſchützend zur Seite zu ſtehen. Er gehorchte dieſer Stimme der Pflicht, obgleich mit ſchwerem Herzen. Nicht daß Italien ihn ſo unwider⸗ ſtehlich gefeſſelt hätte, ſondern weil ihm bangte, ſein unglück⸗ liches, entwürdigtes Vaterland zu betreten, in dem er tiefere und ſchwerer zu heilende Wunden entdeckte, als das Schwert der Franken demſelben geſchlagen hatte. Ludwig befand ſich in dem für Glück und Schmerzen empfänglichſten Alter; er war drei und zwanzig Jahre alt. Seine Seele neigte ſich früh zum Ernſt, denn ſie reifte unter ernſten Geſchicken. Die Jahre der Studien, welche Andere in ſorgloſeſter Heiter⸗ keit zuzubringen, ſich höchſtens bei den Büchern einigerma⸗ ßen zu ſammeln pflegen, waren für ihn eine Zeit ſtrenger — ———— — — 5— Schule geweſen. Denn kaum an dem Troſt der Wiſſen⸗ ſchaften vermochten damals deutſche Jünglinge von ernſterm Gemüthe ſich einigermaßen freudig emporzurichten, ſo nie⸗ derſchlagend war der Blick auf die Gegenwart, war die Aus⸗ ſicht auf die Zukunft. Ein Jahr lang hatte er nun ſein Vaterland nicht betreten, ſeit zwei Jahren Mutter und Schwe⸗ ſter nicht geſehen; denn von Heidelberg aus, wo er das letzte Jahr ſeiner Studien zubrachte, hatte er ſeine Reiſe angetre⸗ ten. Jetzt ſtand er wieder vor der ſchneebedeckten, rieſigen Grenzmauer, welche die ernſte deutſche Erde von den Fluren des heitern Italiens ſcheidet. Ach, wie ſchlug ihm das Herz nach Allem, was er jenſeit der Alpen liebte und verehrte, wie drängte es ihn nach den lieben Armen der Seinigen, nach den Heiligthümern des vaterländiſchen Herdes! Aber was er liebte, war in Trauer eingehüllt, was er verehrte, ſchmach⸗ voll entweiht! Darum ſcheute ſich ſein Fuß vor der Heimat, zu der doch das ganze Herz ihn ſehnend hinzog. Mit dieſen Gefühlen in der Bruſt näherte er ſich dem freundlichen Städtchen, dem letzten Orte Italiens, der ihm ein Obdach gewähren ſollte. Ein Hügel zur Seite des We⸗ ges lockte ihn, denſelben zu beſteigen, um noch einmal, bevor die letzte italieniſche Sonne ihm unterginge, einen Scheideblick auf das ſchöne Land zu werfen, das ihm oft ſo ſchmeichelnden, ſüßen Troſt für die Schmerzen ſeiner Seele geboten hatte. Er ſchritt durch das duftende, friſch auf⸗ geſchoſſene, hohe Gras hindurch, geraden Weges dem Gipfel zu. Von oben ſah er mitten in das Städtchen hinein, das, wie ſtets im Süden, mit der Abendſtunde erſt recht belebt wurde. Auf den Feldern grünte Alles im reichſten, nicht einmal mehr im erſten Schmucke des Lenzes, während jen⸗ ſeit jener hohen Bergkoloſſe, die hinter der Stadt aufſtiegen, vielleicht die Blüthen noch im dumpfen Winterſchlaf lagen. Hier aber prangten die Ulmen, die Kaſtanien in der Fülle des Laubes, ein gewürzig duftender Teppich, mit Tauſenden von wilden Nelken und Aurikeln beſäet, dehnte ſich über die Wieſen hin; das Getreide war bereits hoch aufgeſchoſſen, ja, ſelbſt die Rebe hatte ſich ſchon mit dem vollen Schmucke ihres breiten Laubes bekleidet und zierte die Giebelſeiten der reinlichen Häuſer.— Ludwig konnte zur Rechten weithin die Landſtraße überſehen, zur Linken lagen Markt und Gaſſen von Duomo d'Oſſola faſt zu ſeinen Füßen. Er ſah die fröhlichen, zwangloſen italieniſchen Mädchen mit ihren brei⸗ ten Strohhüten auf dem Markte luſtwandeln, deutlich konnte er den Kram einer Fruchthändlerin, die ihre Körbe mit Orangen und Feigen vor ſich aufgeſtellt hatte, erkennen, Knaben ſchlugen den Ballon gewandt in die Lüfte, franzö⸗ ſiſche Dragoner, von denen ein Piket in der Stadt ſtand, ſaßen auf einer Bank vor dem Wachthauſe und ſchwatzten. Er hörte das fernbrauſende Getöſe der durcheinander ſchwir⸗ renden Stimmen jubelnder Knaben, lachender Mädchen, aus⸗ rufender Verkäufer; ja, ſogar einzelne Töne von den Geſängen eines Zitterſpielers, der einen großen Kreis von Hörern um ſich verſammelt hatte, drangen durch die Stille des Abends zu ihm herüber. Dieſes kleine, bunte, verworrene Treiben menſchlicher Luſt und Betriebſamkeit ſtach wunderbar gegen den majeſtätiſchen Ernſt, die feierliche Stille des Hochgebir⸗ ges ab, das ſich ſteil, mächtig, den Fuß und Gürtel in bläuliche Nebel gehüllt dicht hinter dem Städtchen aufthürmte, und die Schneehäupter in den Wolken verbarg. Ludwig ſtand in Gedanken verloren. Plötzlich weckte ihn der Schall eines Poſthorns, und munterer Peitſchen⸗ knall ſchlug an ſein Ohr. Ein mit vier Pferden beſpannter offener Reiſewagen kam die Landſtraße von Baveno daher und rollte dem Städtchen zu. Es ſaßen zwei Frauen darin. ——yͤͤ — 7— Die eine, ältere, war offenbar eine Dienerin. Die jüngere, deren dunkles Gewand durch ein weißes leichtes Spitzentuch gehoben wurde, trug über dem Strohhut einen grünen Rei⸗ ſeſchleier, den ſie eben zurückſchlug, ſodaß er im Luftzug rückwärts flatterte. Dieſer Anblick weckte eine lebhafte Er⸗ innerung in Ludwig auf. Gerade bei ſeinem Eintritt in Italien, als er über den großen Bernhard in das Thal von Aoſta hinabſtieg, hatte er ein weibliches Weſen getroffen, deſſen Bild ihm nicht verloren gegangen war, und für welches er ein ähnliches Zeichen des äußeren Erkennens in der Vor⸗ ſtellung trug. Damals nämlich ſah er beim Beſteigen des Berges, kurz vor dem Hospitium, vor ſich eine Karavane, wie es ſchien, von reiſenden Engländern, unter denen ihm eine auf dem Maulthiere ſitzende, ſchlanke weibliche Geſtalt auffiel, die ſich das Antlitz, um gegen den blendenden Glanz des Schnees geſchützt zu ſein, durch einen grünen Schleier verhüllt hatte. Obwol die Reiſenden ſich nur wenige hun⸗ dert Schritte vor ihm befanden, und er, von einem ſeltſam lebhaften Gefühl getrieben, ſich beſtrebte, ſie einzuholen, ſo gelang es ihm dennoch nicht, da ſie zwar nur durch einen kurzen Raum, aber durch einen mühſam zurückzulegenden Weg von ihm getrennt waren. So blieb der grüne Schleier ihm ein leuchtender Zielpunkt auf den weißen Schneefeldern, bis er in der Pforte des Hospitiums verſchwand. Er hoffte, Abends an der Tafel den Gegenſtand ſeiner ahnungsvollen Theilnahme kennen zu lernen; doch vergeblich. Nach Dem, was er hörte, vermuthete er, daß die Unpaͤßlichkeit einer älteren Dame, wahrſcheinlich der Mutter des jungen Mäd⸗ chens, die Urſache ſei, weshalb Beide in ihrem Gemache blie⸗ ben. Am andern Morgen hatten die Reiſenden ungewöhn⸗ lich fruͤhzeitig ihren Weg fortgeſetzt Ludwig erfuhr es kaum, als ihn ein Gefühl der Sehnſucht nach der Fremden ergriff, das er ſelbſt belächeln mußte, welches ihn aber dennoch mit einem unwiderſtehlichen Reiz antrieb, ihr ſo raſch als mög⸗ lich zu folgen, obgleich es Anfangs ſeine Abſicht geweſen war, einen Tag im Hospitium zu verweilen. Ein junger, rüſtiger Wanderer, wie er war, mußte er, zumal abwärts, eine Karavane engliſcher, mit vielem Gepäck belaſteter Rei⸗ ſenden bald einholen. In der That entdeckte er auch ſchon nach wenigen Stunden bei einer Wendung des Thales, die einen weiten Blick abwärts geſtattete, den grünen Schleier, dieſes magiſch lockende Zeichen, nach dem ſein Auge ſpähte, tief unter ſich, wie er im Sonnenſchein aus der Ferne her ſchimmerte und leuchtete. Nunmehr blieb derſelbe das Ban⸗ ner der Hoffnung, unter dem er ſeinen Einzug in Italiens Fluren hielt; er folgte ihm mit unabläſſiger Anſtrengung, allein der vielfach gewundene Weg rückte ihm das Ziel ſeines Strebens bei jeder neuen Windung wieder aus dem Auge. Wie glücklich aber war er, wenn er nun die nächſte Bie⸗ gung erreicht hatte, und es dann näher vor ſich erblickte! So dauerte das neckende Spielwerk fort, bis er in die tie⸗ feren Regionen des Berges gelangte, wo der Pfad ebener, und zuletzt für die ſchmalen Gebirgswagen fahrbar wird. Jetzt war er den Wandernden ſo nahe, daß er ſie hätte anrufen können; der Weg ſchlug ſich noch einmal um eine ſcharf vorſpringende Felsecke; er eilte, ſie zu erreichen, und hoffte von nun an der Wandergenoſſe der Reiſenden zu wer⸗ den. Doch als er umbog, ſah er kaum hundert Schritte vor ſich ein mit Reben dicht umſponnenes Häuschen, vor deſſen Thüre zwei Seſſelwagen hielten, wie man ſich deren hier im Gebirge zu bedienen pflegt. Der Führer, welcher das Maul⸗ thier der holden Unbekannten geleitet hatte, half derſelben ſo⸗ eben abſteigen, und ein ältlicher Herr bot ihr ſofort den Arm, um ſie an den char à banc zu führen. So ſollte ſie in — 9— 4 demſelben Augenblicke, wo Ludwig ſie zu erreichen hoffte, ihm ganz entriſſen werden? Zu lange hatte ſeine Phantaſie ſich mit dem reizenden Abenteuer beſchäftigt und ſich romantiſche Zauberſchlöſer gebaut, als daß er dieſen Raub an ſei— nem eingebildeten Glück ſo leicht hätte ertragen können. Faſt beſtürzt, eilte er haſtig vorwärts; nur einmal wollte er das Antlitz des lieblichen Genius ſehen, der ihn an wunderbaren Zauberfäden in das Land der Künſte und der Schönheit ein⸗ geführt hatte. Dennoch wäre ſein Beſtreben vergeblich gewe⸗ ſen, hätte nicht ein Zufall, in dem er einen neuen Wink des Schickſals erkennen wollte, ihm Beiſtand geleiſtet. Plötz⸗ lich ſah er nämlich, trotz ſeiner Eile, etwas Glänzendes im Wege liegen. Es war ein Armband mit einem goldnen Schloß. Entzückt hob er es auf, weil dieſer Fund ihm die Veranlaſſung bot, den Wagen, der ſchon davonzurollen drohte, ein lautes Halt! nachzurufen. Zugleich winkte er mit der Hand zum Zeichen, daß er etwas wolle. Die Führer, welche die Reiſenden begleitet hatten, wandten ſich um und kamen ihm entgegen; er aber eilte haſtig an ihnen vorüber und an den Wagen, wo die verſchleierte Dame ſaß.„Sollte ich ſo glücklich ſein,“ redete er ſie in der Gewohnheit, ſeine Mutterſprache zu gebrauchen, deutſch an, obgleich er ſie fort⸗ dauernd für eine Engländerin gehalten hatte;„ſollte ich ſo glücklich ſein, Ihnen ein verlorenes Gut zurückſtellen zu kön⸗ nen?“ Dabei reichte er ihr das Armband dar. Die junge Dame warf einen überraſchten Blick auf den Finder und dann auf die eigene Hand, wo ſie erſt jetzt die leere Stelle entdeckte.„Es iſt in der That das meinige,“ erwiderte ſie; nich danke Ihnen ſehr.“ Der Klang dieſer Worte über⸗ raſchte Ludwig auf ganz eigene Weiſe, denn ſie wurden zwar geläufig und mit ungemeinem Wohllaut, aber doch mit Bei⸗ miſchung eines fremdartigen Accents, der ſogleich die Aus⸗ 1 1*x** länderin verrieth, geſprochen. Er fühlte, daß er erröthete, und hob daher das Auge nur ſcheu zu der Sprechenden empor, die eben, was ſie ſchon früher, als Ludwig herantrat, thun wollte, den Schleier unbefangen zurückſchlug. Als er das holde Antlitz ſo plötzlich unverhüllt erblickte, brachte der milde Glanz ihrer Schönheit ihn in die äußerſte Verwirrung. Es war ihm, als ſei plötzlich eine Heilige vor ihn getreten, ſo durchdrang ein Gefühl ſüßer Beklemmung und Ehrfurcht ſeine Bruſt. Ihr blaues Augenpaar, von langen Wimpern beſchattet, weilte mit dem Ausdruck der Unſchuld und Güte auf ihm. Ein freundliches Lächeln ſchwebte ihr um die Lip⸗ pen, und ein ſo ſanfter, edler Reiz waltete in ihren Zügen, daß Ludwig von überwältigender Rührung unwiderſtehlich ergriffen wurde. Vergeblich ſuchte er ein Wort der Erwide⸗ rung; zu dem Erröthen der überraſchung geſellte ſich noch das der Verlegenheit. Als berühre der Widerſchein ſeiner Glut das Antlitz der Unbekannten, überflog auch ihre Wangen jetzt ein flüchtiger Roſenſchimmer; ſie verbeugte ſich, freund⸗ lich, aber befangen grüßend. Der Herr neben ihr zog ſeinen Hut ab, und der Wagen raſſelte davon. Beſtürzt folgte ihm Ludwig mit unverwandten Blicken und bemerkte es kaum, daß noch eine zweite, ältere Dame, ebenfalls in männ⸗ licher Begleitung, den andern Wagen beſtieg und an ihm vorüberfuhr. Sein Auge heftete ſich an den grünen Schleier, den er jetzt im Winde flattern und ferner und ferner verſchwin⸗ den ſah. Lange ſtand er ſo, bis die letzte Spur der Wagen verſchwunden, bis die Staubwolke, die ſich hinter ihnen er⸗ hob, wieder gefallen war. Es war ihm, als habe er ge⸗ träumt!—— Das holde Bild verließ ihn nicht mehr. In ganz Italien ſuchte er es auf; doch umſonſt. Trat es auch vor der Fülle der reizenden Gegenſtände, die ſein be⸗ geiſterter Sinn mit allem Feuer der Jugend in ſich auf⸗ — 391— nahm, in den Hintergrund, immer leuchtete es doch wieder von Zeit zu Zeit hell auf, und die leiſeſten Anklänge ähn⸗ licher Erſcheinungen riefen es mit ganzer Lebhaftigkeit in ſeine Seele zurück. Und jetzo, als er auf der Ausgangsſchwelle des romanti⸗ ſchen Landes ſtand, wie damals an deſſen Eingang, jetzo erblickte er plötzlich, unvermuthet, dieſes Wahrzeichen ſeines Glücks, ſeiner Hoffnungen aufs Neue! Kaum war er da⸗ her jener Reiſenden anſichtig geworden, als er mit hochklo⸗ pfendem Herzen den Hügel hinabeilte, um die flüchtige Er⸗ ſcheinung raſch zu ergreifen, ehe ſie ihm wieder entſchwinden wmöchte. Doch der Wagen, der wie ein Pfeil dahinrollte, war vorüber, bevor er die Chauſſée gewonnen hatte. Lud⸗ wigs Spannung wuchs mit der Gefahr, ſeinen Wunſch(es war wol mehr als ein Wunſch) nicht erreicht zu ſehen. Im Städtchen mußten die Pferde gewechſelt werden; dieſer Um⸗ ſtand gab ihm die Hoffnung, daß er den Wagen noch einho⸗ len werde, bevor er wieder abführe. Denn das Glück, mit dem holden Weſen(und wußte er es denn auch, ob ſie es war?) unter einem Dache übernachten zu können, wagte er ſich kaum vorzuſpiegeln. Er beſchleunigte ſeine Schritte mehr und mehr; jetzt hatte er den freien Platz dem Wachthauſe gegenüber, wo der Gaſthof lag, erreicht. Er ſah den Wa⸗ gen vor der Thür ſtehen, aber ſchon führte man neue Pferde herbei, um ſie vorzulegen. Ein großer Kreis von Neugieri⸗ gen hatte ſich um die Reiſenden verſammelt. Ein Ofſi⸗ zier, der von der Wache herkam, theilte die Menge, und ging, ein Papier in der Hand haltend, auf den Wa⸗ gen zu: die junge Dame mit dem grünen Schleier ſtieg bei ſeiner Annäherung aus und trat ihm einige Schritte entgegen. Der Ofſtzier verneigte ſich und ſprach mit ihr, zwar ſehr höflich, doch ſchien ſein Achſelzucken anzudeuten, daß er ihren Wünſchen nicht willfahren könne. Ludwig nä⸗ herte ſich jetzt den Umſtehenden; da jedoch die junge Dame, die dem Bilde ſeiner Erinnerung immer ähnlicher erſchien, ſich der entgegengeſetzten Seite zugekehrt hatte, er aber um Alles einen Augenblick erhaſchen wollte, wo er ihr ins Angeſicht ſehen könnte, ſo umging er den Kreis der Verſammelten und theilte ihn, von derjenigen Seite nach dem Wagen zu tretend, wohin ſie gewendet ſtand. Himmel, ſie war es ſelbſt! Nur bleich und ängſtlich ſchienen ihre Züge, und ſo— gar eine Thräne war in dem ſchönen blauen Auge ſichtbar. Von einem unbezwinglichen Gefühl getrieben, ſchritt Ludwig auf ſie zu; ſo auffallend es ſein mochte, er wollte die holde Geſtalt, die ihn eingeführt hatte in Italiens ſchöne Wunder, beim Ausgange wieder begrüßen, wollte ſie an den raſch vor⸗ übergeflogenen Augenblick jenes erſten Begegnens erinnern. Sein Muth dazu wuchs, da er ſie unbegleitet ſah, denn außer einem alten Diener, der vorn auf dem Bocke ſaß, und jener ältlichen Frau im Wagen, die ebenfalls allem Anſchein nach nur in einem dienenden Verhältniß zur Reiſenden ſtand, war Niemand zu ſehen. Haſtig trat er daher aus dem etwas zurückgezogenen Kreiſe der Menge hervor. Ihr Blick fiel plötzlich auf ihn; da überflog ein ſo ſchneller freudiger Schreck ihre Züge, daß Ludwig keinen Augenblick zweifeln konnte, ſie erkenne ihn wieder. Eben wollte er grüßen, die Lippe zur Anrede öffnen, als ſie mit auffallender Haſt die franzöſiſchen Worte ausrief:„Voilà mon frèrel⸗ und ihm entgegeneilte. Ludwig, höchſt beſtürzt, ahnte ein Mißver⸗ ſtändniß; doch bevor er ſich faßte, ihr nur ein Wort ent⸗ gegnen konnte, rief ſie ihm italieniſch, ſodaß alle Umſte⸗ henden es hörten, zu:„Gott ſei Dank, Bruder, daß Du kommſt,“ und ſetzte leiſe, aber haſtig auf Deutſch hinzu:„Ich bin verloren, wenn Sie mich verleugnen.“ Eben ſo ſchnell wandte ſie ſich zu dem Ofſizier zurück, nahm ihm das Pa⸗ pier aus der Hand und reichte es Ludwig, indem ſie franzö⸗ ſiſch ſagte:„Dieſer Herr will unſern Paß nicht gelten laſſen, weil Du nicht bei uns warſt. Das kommt von Deinen ro⸗ mantiſchen Seitenwegen, lieber Bruder! Sie ſind Graf Wallersheim,“ ſetzte ſie leiſe deutſch hinzu. Wie überraſcht und beſtürzt Ludwig durch das ſeltſame Abenteuer war, ſo begriff er doch ſchnell genug ſo viel da⸗ von, daß er es hier in der Gewalt habe, dem reizenden We⸗ ſen, das ängſtlich, mit Thränen in den Augen vor ihm ſtand, einen wichtigen Dienſt zu leiſten. Er ging daher, ohne ſich zu bedenken, auf die Liſt ein und entgegnete:„Beruhige Dich, liebe Schweſter, ich werde ſchon mit dem Herrn ſprechen.“ Hierauf wandte er ſich zu dem Offizier, und um Zeit zu gewinnen und einigermaßen das Verhältniß kennen zu lernen, ſagte er ihm:„Ich muß Sie ſchon bitten, mein Herr, mir Ihre Bedenklichkeiten gegen unſern Paß zu wiederholen; Sie wiſſen wohl, daß Damen in ſolchen Angelegenheiten zu un⸗ erfahren ſind.“—„Von dieſem Augenblicke an,“ entgegnete der Ofſizier,„habe ich nicht die mindeſten Bedenklichkeiten mehr. Sie waren aber im Paß als der Begleiter Ihrer Grä⸗ fin Schweſter genannt, jedoch nicht zugegen. Er mußte mir daher unrichtig ſcheinen. Zwar ſagte mir die Gräfin ſogleich, daß Sie ſich nur auf kurze Zeit entfernt hätten, um einen romantiſchen Seitenweg zu Fuß zu machen, und daß Sie den Wagen jenſeit der Stadt wieder treffen würden; allein unſere Befehle ſind für die Grenzorte, wie Duomo d'Oſſola, ſo ſtreng, daß ich gezwungen geweſen ſein würde, die junge Dame zu bitten, ſo lange hier zu verweilen, bis Sie, Herr Graf, als der eigentliche Inhaber des Paſſes ſich eingeſtellt hätten. Sein Sie aber verſichert, daß ich es für meine Pflicht gehalten haben wuͤrde, einen meiner Leute auf die Straße 4 nach Sempione zu ſenden, um Sie von dem Hinderniß zu benachrichtigen. Indeſſen muß ich Sie doch warnen, ſich nicht wieder von der Seite der Comteſſe zu entfernen, da die Befehle, ſo weit unſere Bezirke reichen, überall von der Art ſind, daß Sie leicht eine neue, ähnliche Unannehmlichkeit er⸗ fahren würden. Sind Sie erſt über die ſchweizeriſche Grenze, ſo hört unſere Autorität freilich auf, und Sie werden mit freier Bequemlichkeit reiſen können.“ Ludwig ſtand ſtumm vor Erſtaunen, zumal da der alte Diener vom Bock abgeſtiegen war, ihm ohne Umſtände die leichte Reiſetaſche, die ihm über die Schulter hing, abnahm, ſie, in den Wagen legte und ihn fragte, ob es ihm gefällig ſei einzuſteigen. Verwirrt ſagte er dem Offizier einige höf⸗ liche Worte und reichte ihm die Hand zum Abſchiede. Der Diener ſchlug den Tritt des Wagens vollends herunter, der höfliche Franzoſe war der jungen Dame, die ſich jetzt dicht in ihren grünen Schleier gehüllt hatte, beim Einſteigen be⸗ hülflich, der Diener half Ludwig hinein, der Ofſizier ver⸗ neigte ſich tief, wiederholte ſein bon voyage, Ludwig nahm, faſt ohne zu wiſſen, was er that, an der Seite ſeiner räth⸗ ſelhaften Unbekannten Platz— denn die Duenna hatte be⸗ ſcheiden den Rückſitz eingenommen—, und der Wagen raſſelte dahin. Zweites Capitel. So lange man durch die Gaſſen des Städtchens fuhr und belebte Häuſ er am Wege ſtanden, beobachtete die ſchöne Verſchleierte das tiefſte Schweigen, und den Verſuch Lud wige — 15— ſich durch eine Frage den Zuſammenhang des höchſt ſeltſamen Abenteuers erklären zu laſſen, lehnte ſie durch einen ſtum⸗ men, ängſtlichen Wink ab. Er blieb daher einige Minuten lang ganz ſeinen eigenen Vermuthungen überlaſſen. In die⸗ ſer Zeit fand er eine mögliche Auflöſung des Räthſels, wenn auch nicht die wahre. Aller Wahrſcheinlichkeit nach war ſeine Begleiterin eine Engländerin, vielleicht die Tochter eines Mannes von Bedeutung. Der neuausbrechende Krieg hatte Haß und Wachſamkeit der Franzoſen gegen die Einwohner dieſes Landes verdoppelt; ſie war daher muthmaßlich aus po⸗ litiſchen Gründen genöthigt, ſich der Liſt zu bedienen, um ein Land zu verlaſſen, das im Beſitz der Feinde ihres Vater⸗ landes war, in dem man ſie ſelbſt vielleicht als Geiſel betrach— ten und verhaften konnte. Ludwigs Herz ſchlug daher heftig vor Freude, daß die wunderbarſten Fügungen des Zufalls gerade ihn erſehen hatten, um einem Weſen, deſſen ſüßer Reiz ihn ſo mächtig gerührt, ihn ſo lange in zarten, aber unzer⸗ reißbaren Feſſeln gehalten hatte, dieſen rettenden Dienſt zu erweiſen. Er richtete ſeinen Blick auf ſie; ſie ſaß ſichtlich zitternd, beklemmt athmend neben ihm. Endlich verſchwan⸗ den die letzten Häuſer an der Seite des Weges, die Umge⸗ gend wurde einſam. Eine ſteil aufſteigende Strecke des We⸗ ges nöthigte den Poſtillon, der aus dem Sattel fuhr, ſeinen raſchen Trott in Schritt zu verwandeln, ſodaß das betäu⸗ bende Naſſeln des Wagens aufhörte. Da ergriff die ſchöne Verſchleierte mit raſcher Heftigkeit Ludwigs Hand, drückte ſie warm und innig mit ihren beiden und ſprach flüſternd aus beklommener Bruſt:„Sie ſind mein Retter! Der Netter des Theuerſten, was ich auf dieſer Erde beſitze!“ Und wie erſchöpft von der tödtlichen Angſt, von dem langen Zurück⸗ preſſen der heftigſten Empfindungen in ihrer Bruſt, ſtieß ſie ſchwer aufathmend ein gepreßtes Ach! aus, ſank der ihr ge⸗ — 16 genüberſitzenden Begleiterin an die Bruſt, umfaßte ſie mit beiden Armen, verbarg das Haupt an ihrer Schulter und brach in einen unaufhaltſamen Strom von Thränen aus. Die ältere Begleiterin, obgleich ſie in ihrer ganzen Hal⸗ tung etwas Kaltes, Gemeſſenes hatte, ſchien jetzt doch auch bewegt. Sie ſuchte indeſſen die Weinende zu beruhigen, be⸗ diente ſich aber dabei einer fremden Sprache, die Ludwig nicht verſtand und ſie auch nicht für undeutlich ausgeſpro⸗ chenes Engliſch halten konnte. Die Unbekannte richtete ſich wieder auf, ſchlug den Schleier zurück, um freier Luft zu ſchöpfen, richtete ihr blaues Auge gen Himmel und fal⸗ tete die Hände über der Bruſt zu einem ſtummen Dankge⸗ bet. Ludwig, der ſich gleichfalls im Innerſten bewegt fühlte, wollte ihre heilige Rührung nicht unterbrechen und ſah ſie lange und erſtaunt an. Sie erwiderte den Blick mit offe⸗ ner, reiner Geſinnung:„Wie ſoll ich Ihnen je vergelten!“ ſprach ſie.„Vergelten?“ entgegnete Ludwig lebhaft, aber mit inniger Betonung.„Das Schickſal bereitet mir auf die wunderbarſte Weiſe ein Glück, das ich niemals zu träumen gewagt hätte, und Sie ſprechen von Vergeltung? Etwa weil ich von Ihren Lippen den ſüßen Namen Bruder hörte? Was habe ich denn für Sie gethan? Ich weiß nur, daß Sie einem Fremden, Unbekannten plötzlich, wie eine Göttin aus himmliſcher Höhe, das überſchwenglichſte Glück bereitet ha⸗ ben!“—„O Sie wiſſen nicht“, entgegnete ſie,„was Sie für mich gethan durch Ihr ſchnelles und gewagtes Ver⸗ ſtehen!”“— Sie wollte fortfahren, doch wurde ſie durch den alten Diener unterbrochen, der ſich umſah und einige fremd⸗ artige Worte zu ihr ſprach, die ſie ebenfalls in einer Ludwig völlig unbekannten Sprache erwiderte, und über welche er auch, da nur ſo wenige, noch dazu faſt unverſtändlich leiſe Worte gewechſelt wurden, gar keine Muthmaßung gewinnen konnte. Einigemal glaubte er ſpaniſche, dann wieder pol⸗ niſche Wortformen zu hören. Der Wagen rollte jetzt wie⸗ der raſcher dahin, und das Geſpräch war abermals unter⸗ brochen. Indeß mußte bald das fortwährende Anſteigen der auf der italieniſchen Seite ungleich ſteileren Simplonſtraße beginnen; Ludwig ſetzte daher ſeine Wünſche um Enträth⸗ ſelung dieſer Geheimniſſe bis dahin aus. Man erreichte eine freie Höhe, wo der Weg ſich ſo bog, daß man noch einmal den Blick auf Italien zurückwerfen konnte. Das romantiſche Land lag in der Purpurglut der Abendröthe da; die dunkeln, waldigen Vorgebirge der Alpen ſtreckten ſich weit in die blühenden Ebenen hinein; ſchäumende Bäche zogen ſilberne und goldene Straßen durch die Thäler; das weiße, glänzende Städtchen am Fuße des Gebirges leuch⸗ tete hell auf dunkelm Grunde; die Ferne verſchwand in pur⸗ purner Dämmerung und ließ keine deutlichen Umriſſe mehr erkennen.„Leb wohl!“ ſprach Ludwig bewegt. Auch ſeine Gefährtin wandte das ſchöne Antlitz noch einmal dem Eden zu, das ſie verlaſſen mußte, eine ſanfte Rührung verklärte ihre Züge; die Lippen ſchienen über eine Thräne zu lächeln, die den blauen Kryſtall des Auges plötzlich mit feuchtem Schimmer überglänzte.„Leb wohl,“ wiederholte ſie mit ſüßem Wohllaut und winkte leicht mit der Hand hinüber. Es war ein bewegter, aber kein tief ſchmerzender, kein zer⸗ reißender Abſchiedsgruß.— Da die Straße nunmehr ganz ſteil anſtieg, ſodaß der Wagen ſich nur langſam fortbewegte, trat endlich der Augenblick ein, wo ſich Ruhe genug zu einem Geſpräche fand. Ludwig wollte nun ſeine Frage über das ſeltſame Ereigniß wiederholen, als ſeine Gefährtin ſchon unaufgefordert begann: „Sie müſſen ganz erſtaunt ſein über Das, was Ihnen begegnet iſt; doch die jetzt alle Länder und Völker erſchüt⸗ 8 — 18— ternden Verhältniſſe führen auch den Einzelnen oft in ver⸗ hängnißvolle, ſeltſame Lagen. Eine ſolche iſt die meinige. Schon gab ich mich verloren, ach und ich zitterte für ein theureres Gut als mein Leben, als der Himmel Sie zu meinem Retter ſandte. Werden Sie mir aber Ihren Bei⸗ ſtand auch ferner leiſten wollen?“ „Bis zu meinem letzten Athemzuge,“ rief Ludwig faſt heftig.— Verſprechen Sie nichts,“ entgegnete die Unbekannte unterbrechend,„bis Sie wiſſen, was ich von Ihrer großmü⸗ thigen Geſinnung erbitten muß. Sie würden noch länger für meinen Bruder gelten, mich bis nach Deutſchland als ſolcher in unaufhaltſamer Neiſe begleiten müſſen! Und— es iſt nicht ohne Gefahr für Sie!“ Ludwig wies mit einem faſt unwilligen Stolz den Ge⸗ danken zurück, als könne irgend eine Gefahr ihn zurück⸗ ſchrecken. „Das wußte ich wohl und mußte es Ihnen zutrauen,“ entgegnete die Unbekannte;„aber noch ein ſchwereres Geſtänd⸗ niß habe ich Ihnen zu thun. Ich werde undankbar, ich werde niedrig argwöhnend vor Ihnen erſcheinen müſſen; denn ich muß Ihre Hülfe anflehen, ohne Ihnen mein Geheimniß vertrauen zu dürfen, weil es nicht das meinige iſt. Andere haben heiligere Rechte daran, und mich binden die ſtrengſten, unerläßlichſten Pflichten. Kaum mehr, als Sie ſchon errathen haben müſſen, darf ich Ihnen enthüllen denn daß ich nicht die Gräfin Wallersheim, daß ich nicht einmal eine Deutſche bin, kann Ihnen nicht verborgen geblieben ſein.“ „Aber mit welchem Namen darf ich Sie nennen? Wird Ihr Geſchick Sie mir auf ewig verhüllen?“ fragte Ludwig nicht ohne ſchmerzliche Betonung.— „Nein, ich hoffe es nicht,“ entgegnete ſeine Begleiterin ſanft;„und bis dahin nennen Sie mich Schweſter, Wanca, 85 wenn Sie wollen. Dieſer Name muß Ihnen ſchon ge⸗ nügen.“. „Schweſter! Bianca!“ ſprach Ludwig nach, und ein be⸗ bender Schauer des Entzückens durchdrang ſein Herz.„Schwe⸗ ſter! Schweſter!“— die Stimme verſagte ihm. Der heilige Name legte ihm das reizende Weſen ſo nahe an das Herz, raubte es ihm aber zugleich ſo unwiederbringlich, daß er bei dem Klange deſſelben das vollſte Maß der Seligkeit und den tiefſten, bitterſten Kelch der Schmerzen zugleich leerte. Und ſo war ſein ganzes Finden der Geliebten. Die vertraulichſte Nähe war ihm geſtattet, doch zugleich hatte das Schickſal, dies ahnte er ſchon jetzt, eine furchtbare Kluft zwiſchen Bei⸗ den aufgeriſſen, die ſie um ſo weiter trennte, je inniger vereint ſie ſchienen.. Er blickte ſie an, es dauchte ihm, ſie ſei eine holde Traumgeſtalt, die ihm entſchweben werde, wenn er erwache. Sein Herz ſchlug heftig; doch er bezwang ſich, und ſtumm verſchloß er den ahnungsvollen Schmerz in ſeiner Bruſt. Doch Bianca brach das Schweigen.„Sie dürfen mich nicht nur Schweſter nennen,“ ſprach ſie ein wenig er⸗ röthend,„ſondern Sie müſſen es auch, wenn Sie mich nicht verrathen wollen. Sie werden ſich gewiß bald daran gewöhnen, ſowie an das vertraute Du, das ich öffentlich von Ihnen zu fordern gezwungen bin, wenn Sie deutſch ſprechen.“ Die Prüfung für Ludwig wurde immer ſchwerer.— „Wenn ich mich nur nicht vergeſſe,“ ſprach er verlegen. „Sie werden es gewiß nicht,“ entgegnete Bianca;„der Gedanke, daß ein leichtes Verſehen für Sie und mich höchſt gefährlich werden könnte, wird Sie gewiß immer warnen; und überdies ſollen Sie es ſtets in meinen Zügen leſen, daß ich Sie an Ihre brüderlichen Pflichten erinnere. Doch ich — 20— muß Ihnen noch Einiges über meine Lage entdecken. Sie ſehen mich hier von meiner Jugendpflegerin und einem alten getreuen Diener unſers Hauſes begleitet, den Einzigen, die mein Geheimniß zum Theil kennen. Wir würden ohne alle Gefahr reiſen, wenn nur dieſe die Mitwiſſer wären, doch zu unſrem Unglück iſt es leider ſchon verrathen. Wiſſen Sie denn, daß bis Mailand ein Anderer Ihre Stelle einnahm!“ Hier ſtockte die Erzählerin.„Ein empörender Mißbrauch, den er von meiner Lage machen wollte,“ fuhr ſie hocherröthend fort,„zwang mich, den günſtigen Augenblick zu nutzen, der ſich mir zur Flucht aufthat. Ich darf nicht zweifeln, daß er jetzt aus Rache zum Verräther geworden iſt. Darum meine Eile, meine Todesangſt unten im Städtchen; denn jeden Augenblick kann die Botſchaft eintreffen, die unſere Verhaf⸗ tung befiehlt. Zwar habe ich eine andere Straße eingeſchlagen, als ich Anfangs wollte, was die Unbeſtimmtheit des Paſſes, der nur von Rom über Florenz und Mailand nach Deutſchland lautet, möglich machte; denn eigentlich hätte ich den Weg nach Verona nehmen ſollen. Allein wie ſchnell iſt das er⸗ mittelt! Wie leicht kann der Verräͤther ſelbſt dieſee Muth⸗ maßung hegen und uns daher auf zweien Straßen verfolgen laſſen! Denn welche dritte wäre mir übrig geblieben?— Sie wiſſen nun, was Sie wagen! Und ich muß Ihnen auch Das ſagen, man würde das Vergehen, deſſen Sie ſich ſchuldig machen, ſehr ſtreng beſtrafen.“ „Das größeſte aller Vergehen wäre das, hier feig zu⸗ rückzutreten,“ ſprach Ludwig feſt.„Ich weiß nicht,“ ſetzte er bewegter hinzu,„ob es mich nicht noch glücklicher machen würde, für Sie zu leiden, als für Sie zu wagen.“ Bianca ſchwieg. Die Nacht ſenkte ſich tiefer herab und umhüllte die Gegenſtände mit einem grauen dämmernden Schleier. Die Straße wurde ſteiler; ſchon ſtiegen die grotesken, zackigen Felſen von beiden Seiten auf, während in der Tiefe die Veriola ſchäumend und donnernd dahinſchoß. Das großartige Schauſpiel würde einen mächtigeren Eindruck auf die Rei⸗ ſenden gemacht haben, wenn die Stimmung ihrer Gemüther eine ruhigere, dem Genuß empfänglichere geweſen wäre. Bianca ſchien überdies durch die Reiſe und durch die Angſt, die ſie erduldet hatte, erſchöpft. Sie lehnte ſich in die Ecke des Wagens zurück, und ſank in leiſen Schlummer. Ludwigs aufgeſtürmte Seele ließ keinen Schlaf in ſein Auge dringen, wiewol auch er durch die lange Wanderung zu Fuß körperlich ermattet war. Die ſchauerlichen Wunder der Straße, die er zurücklegte, ſteigerten zwar das unruhige Wo⸗ gen in ſeiner Bruſt, doch ſpiegelten ſich Felſen, Abgrund und Waſſerſturz in ſeinem Auge nur wie in einem bewegten See ab: unbeſtimmt, verwiſcht, ſchwankend. Oft nahm er auch faſt ſo wenig von dieſen Bildern in ſein Bewußtſein auf wie ein abſpiegelndes Gewäſſer. Meiſt ſtaunte er ſie träu⸗ meriſch an, und erſt, wenn ſie längſt vorüber waren, tauchten ſie ihm als dunkle, unbeſtimmte Erinnerungen auf, worüber er wieder die Eindrücke der nächſten Gegenwart verlor. Seine Seele ſah ja nur Bianca's Bild; er ſtand entzückt vor der hehren, ſanften Geſtalt einer Madonna; wie mochte er ſeine Augen feſſelnd auf die Landſchaft im Hintergrunde des Hei⸗ ligenbildes heften, ſo wunderreich ſie ſich auch aushreitete! Es war dunkel, als ſie über die erſte ſchaurige, auf thurmhohe Pfeiler geſtützte Brücke rollten, unter welcher der 8 Strom im tiefen Abgrund wie eine weiße Schlange dahin- ziſchte. Bald darnach erreichten ſie eines der Poſthäuſer, wo die Pferde raſch gewechſelt wurden. Bianca war in ſo feſten Schlummer geſunken, daß ſie auch dort nicht erwachte; es war, als ob ihre Seele dem neuen rettenden Freunde ſo feſt vertraue, daß keine Unruhe, keine Sorge mehr ſie quälte. Die Straße wurde immer wilder und ſchauerlicher, die Veriola ſchoß toſend im Abgrunde dahin; himmelhohe Fels⸗ mauern ſtarrten ſchroff empor; nur wenige Sterne blinkten durch die ſchmale Spalte der tief geklüfteten Schlucht. Plötzlich bog ſich der Weg ſcharf um, und Ludwigs erſtaun⸗ tes Auge ſah ein weißes rieſiges Geſpenſt vor ſich, das furcht⸗ bar aufgerichtet an der ſchwarzen Felswand ſtand. Zugleich ſchlug ein dumpfer Donner an ſein Ohr. Bianca erwachte von dem Getöſe und rief erſchreckt: „Gott! was iſt das? Wo ſind wir?“ „Es iſt der Waſſerfall am Eingange der großen Galle⸗ rie,“ ſprach der alte Diener ſich umwendend. Indem hielt der Wagen und ein heller Lichtſtrahl aus erleuchteten Fenſtern ſiel hinein. Der Poſtillon klatſchte mit der Peitſche. „Was bedeutet das,“ fragte Bianca ängſtlich,„ſollten wir hier angehalten werden?“ „Hier iſt, ſo viel ich weiß, die Grenze der Lombardei; jenſeit der kleinen Brücke vor uns befinden wir uns ſchon in der Schweiz,“ entgegnete Ludwig. „Gott ſei gedankt!“ rief Bianca und ſchöpfte tief Athem.„Nur noch bis dorthin verlaß mich nicht, gütiger Himmel!“ ſetzte ſie leiſe hinzu und erhob das ſchöne Auge gegen die Sternennacht über ihr. Indem traten zwei in graue Mäntel gehüllte Geſtalten an den Wagen, deren einer eine Laterne in der Hand trug; die hohen Helme mit Roßſchweifen ließen franzöſiſche Dra⸗ goner erkennen. „Votre passeport, Monsieur,“ lautete die höfliche aber 62 kurze und entſcheidende Frage. „Den Paß, lieber Bruder,“ ſprach Bianca und drückten„. 1 Lichts erhellt wurde. — 23— ihre Hand leiſe gegen ſeinen Arm, um ihm ein Zeichen zu geben, daß er ſich nicht vergeſſen möge. 4 Ludwig zog das Papier aus der Bruſttaſche und reichte es hin. So wenig hier eine Entdeckung zu fürchten war, ſo bewirkte das Bewußtſein ſeiner Lage doch, daß ihm der Puls raſcher ging. Bei Tage würde ein aufmerkſamer Be⸗ obachter die Unruhe in ſeinen Zügen bemerkt haben; er war an Abenteuer dieſer Art noch nicht gewöhnt. Der Ofſizier ging mit dem Paß ins Haus; nach fünf Minuten kehrte er zurück und übergab ihn Ludwig mit den Worten:„Votre serviteur, Monsieur le comte¹“ „Vorwärts!“ rief der alte Diener, rollte fort über die Brücke auf den Waſſerſturz zu. Das Donnern deſſelben betäubte das Ohr, die weißen ſtäubenden Wolken umhüllten den Wagen wie mit dichtem Nebel. Plötzlich waren ſie verſchwunden, und dichte Finſterniß be⸗ deckte die Reiſenden; das Getöſe des Waſſerfalls und des Stroms vernahm man nur noch ganz dumpf. „Wo ſind wir?“ fragte Biancc „Ich glaube im Gewöl welche die Straße führt.“ „Das iſt die Gallerie von Friſſinone,“ ließ ſich die Stimme des Poſtillons vernehmen, der ſich nicht wenig dar⸗ auf einbildete, die Schrecken und Wunder dieſer Straße ge⸗ nau zu kennen und ſie franzöſiſch namhaft zu machen. Weder Bianca noch Ludwig hatten, da ihr Blick an dem Waſſerſturz hing, bemerkt, daß man in ein Felſenthor eingefahren war. Der Wagen rückte langſam in dem Ge⸗ wölbe vor, das auch nicht durch den leiſeſten Schimmer des Plötzlich aber fiel ein dämmernder erſtaunt ſahen die Reiſenden auf⸗ ge ſchimmernde Sterne, die aber und der Wagen be einer der Gallerien, durch Schein von oben herab; wärts und erblickten eini 24— 41. eben ſo raſch wieder verſchwanden. Man hatte ſich unter einer Offnung in der Schlucht befunden, die am Tage eini⸗ ges dämmernde Licht in dieſe düſtere Felſengruft wirft. Nach zehn Minuten erreichte man das Freie wieder. Bianca athmete aus tiefer Bruſt.„Gott ſei Dank!“ ſprach ſie,„mir wurde doch ein wenig bange in der Schlucht. Aber wozu dient dieſe finſtre Wölbung?“ „Hauptſächlich zum Schutz gegen die Lawinen, denn man hatte ſie meiſt an den Stellen angelegt, wo das Hinab⸗ ſtürzen derſelben am häufigſten ſtattfindet; mehrfältig aber hat man auch durch dieſes kühne Durchbrechen des Felſens einen bedeutenden Umweg erſpart. Die ganze Straße iſt ein Rieſenwerk wie alle, die der koloſſale Mann unternimmt, der mit ſo ſcharfem Blick die Wichtigkeit dieſes Baues zur Verknüpfung ſeiner Völker erkannte. Was ſeit einem Jahr⸗ tauſend dringender Wunſch geweſen war, und wovor zwan⸗ zig Geſchlechter zurückbebten, weil die Aufgabe menſchliche Kräfte zu überſteigen ſchien, das richtete dieſer kühne, ſchö⸗ pferiſche Geiſt durch einen Wink ins Werk, nur weil ſein mächtiger Wille es gebot.“ „Ich ſtaune ihn an! Aber ich glaube doch, daß dieſer düſtere Genius furchtbarer im Verheeren als mächtig im Er⸗ ſchaffen iſt,“ entgegnete Bianca mit weiblichem Zurückbeben vor den kriegeriſchen Ereigniſſen, die ſie bei ihren Worten im Sinne zu haben ſchien. „Er zerſtört nur, um zu ſchaffen,“ erwiderte Ludwig mit Feuer;„auf der Lava, die der Vulkan auswirft, blüht die reichſte Flur empor!“ 1 „Und gedenken Sie nicht Derer, die unter dem Aſchen⸗ ſtaub verſchüttet liegen?“ fragte Bianca. Ludwig ſeufzte. Seine Seele war hier im Tiefſten ge⸗ troffen. Wohl gedachte er der Verſchütteten, gedachte er ſei⸗ — — 25— * nes Vaterlandes; aber dennoch vermochte er nicht, ſeiner Bewunderung des Mannes, vor dem Europa bebte, zu entſa⸗ gen. Dieſer Streit in ſeiner Bruſt hatte ihn ſchon oft ſchmerzlich zerriſſen, und jetzt ging er, durch die Rückkehr in ſeine Heimat, durch die Nähe des ungeheuren Krieges, deſſen ſchwarzes Wettergewölk ſich mit jedem Tage düſte⸗ rer zuſammenzog, neuen furchtbaren Kämpfen dieſer Art entgegen. „Wir ſind geboren,“ ſprach er nach einer Pauſe mit leiſer Stimme,„um die Schuld unſerer Väter zu ſühnen. Das eiſerne Rad des Schickſals zermalmt uns; ach, ich weiß es nur zu wohll Aber nicht auf Die wälze ich die Schuld, die den Richterſpruch der unvermeidlichen Nemeſis vollſtrecken. Die Geſchichte hält ein ſtrenges, ſchweres Strafggricht. Sie richtet nur Thaten, nicht Thäter. Darum büßen wir die Schuld der Vorfahren. Aber auch die eigne; denn dürfen wir uns von feiger Verſunkenheit und Entartung freiſprechen? Deutſchland—— o laſſen Sie mich ſchweigen, denn mein Herz blutet, wenn ich daran denke!“ Beide ſchwiegen; da bog ſich der Weg ein wenig nach Oſten, und plötlich glänzte ihnen der ſanfte Mond, der im reinſten Aether zwiſchen zwei zackigen Berggipfeln ſchwebte, entgegen, gleichſam als ein freundliches Pfand der Gottheit, daß nach dem Sturm die Ruhe wiederkehren werde. Zu⸗ gleich ſtiegen über der ſchwarzen, aus dem Schatten der Nacht aufwachſenden Felswand vor ihnen zwei ſilberweiße Schnee⸗ hörner empor, die das Mondlicht glänzend zurückwarfen. „O Gott!“ hauchte Bianca aus tiefgerührter Bruſt, ergriff die Hand ihrer Pflegerin und deutete auf die Schnee⸗ gipfel. Ludwig fühlte, daß warme, milde Thränen über ſeine Wangen pollten. Er drückte ſich das Tuch vor die Augen 2 2 — 26— und ließ nun dem ſüßen Strom, der ihm die beklemmte Bruſt erleichterte, freien Lauf. „Der Gipfel links, das iſt der Sempione,“ erklärte der Poſtillon, indem er ſich zu Bianca's altem Diener wandte. „Werden wir bald oben ſein?“ fragte dieſer. 3 „Im Dorfe ſind wir bald, dann haben wir noch zwei Stunden bis zum höchſten Gipfel, wo das Hospitium ge⸗ baut wird. Allein der Bau liegt ſchon ſeit einem Jahre⸗ ſtill, denn es fehlt am Beſten, am Gelde. Aber vorwärts!“ damit ſchwang er die Peitſche, und in kurzer Zeit hatte man das Dorf Sempione, das dicht unter dem Schneegipfel des Berges zu liegen ſcheint, erreicht. 8 Es war hier ſchon empfindlich kalt. Nur wenige Au⸗ genblicke verweilten die Reiſenden, um ſich durch eine flüchtig genoſſene Mahlzeit und ein Glas warmen Weines zu ſtär⸗ ken, denn Bianca trieb fortwährend zur Eile an. Mit dem Frühling war es nun bald vorüber, denn nach kurzer Zeit befand man ſich mitten im Schnee, der von beiden Seiten hoch aufgeſchüttet war. Da die Straße nicht ga ſteil anſtieg, ſo ging die Reiſe raſch von Statten. Bald er⸗ reichte man den höchſten Gipfel, und nun rollte der Wagen mit Blitzesſchnelle abwärts. Nach einigen Minuten hielt der Poſtillon an.“ „Was gibt's?“ fragte Ludwig. „Hm, Signore,“ lautete die Antwort,„die Jahreszeit iſt nicht die beſte. Man muß vorſichtig ſen. Wir haben warme Tage gehabt, und da ſtürzen die Lawinen herunter 4 wie der Sperber auf die Lerche. Ich muß einen Schuß 4 thun.“ Er holte eine alte, roſtige Muskete hervor und ſchoß im die Luft. Der Schall dröhnte weit durch die öden Berge und donnerte ein tauſendfaches Echo nach; doch alsdann blieb Alles ſtill. — 27— Gird gehen,“ ſprach der Poſtillon und trieb ſeine (pfe. war in aͤngſtlicher Spannung, denn Jeder malte 3 ſich c Stillen die ſchauerlichen Schrecken eines Begräbniſſes ur ürzenden Lawinen aus. In wenigen Augenblicken s g alle die Erzählungen an der Erinnerung vorüber, Fn die jugendliche Phantaſie ſchon in den früheſten Jah⸗ ze irch Berichte von dieſen furchtbaren Naturereigniſſen in ver Schweiz ſüßſchauerlich aufgeregt hatten. Plötlich donnerte und krachte es dumpf in der Höhe. „Dio santo!“ rief der Poſtillon und ſah empor. Zu⸗ gleich aber ſetzte er dem Pferde, auf dem er ritt, die Spornen ein, ſchwang die Peitſche, und in betäubender Schnelligkeit QJWraſſelte der Wagen dahin. Bianca ergriff ängſtlich die Hand der Pflegerin ihr ge⸗ genüher. Ludwig ſuchte Ruhe zu gewinnen und ſprach:„Es wird keine Gefahr haben; dieſe Leute wiſſen ſehr genau Be⸗ ſcheid und ſind ungemein vorſichtig.“ Doch kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als ein furchtbares Krachen dicht über ihren Häuptern erſcholl; es war, als ſtürze der Berg mit ihnen zuſammen. Die Pferde bäumten ſich und prallten ſcheu auf die Seite, ſodaß der Wagen hart an den Rand des Abgrundes geſchleudert wurde. Doch der muthige Reiter verlor die Faſſung nicht, ſondern rieb ſie mit Spornen und Peitſche vorwärts. Die Gefahr, 5 hinabzuſtürzen, dauerte nur eine Secunde; doch der größern war man noch nicht entronnen, denn jetzo krachte es fürch⸗ terlich rings um die Reiſenden her, und ſie ſahen ſich plötzlich 5 in eine weiße Wolke gehüllt. Der Boden bebte, ein gewaltiger Druck der Luft ſchleuderte Ludwig von dem Sitz herab, . 2* — — 28— zen Rauchwirbeln; einen Augenblick darnach hielt der Wa⸗ gen mit einem heftigen Stoß an, als ob ein Schiff af ein Felſenriff geriethe. Die Achſen knarrten, beide Fruen ſchrieen laut auf, ſelbſt Ludwig vermochte einen Ausruf des Schreckens nicht zu unterdrücken. Undurchdringliche Finſer⸗ niß verhüllte jetzt Alles ringsumher. Noch einige Augn⸗„ blicke vernahm man das Getöſe des rollenden Donnes, dann verlor es ſich dumpf, und plötzlich war Alles ſtill un, finſter wie in der Gruft. 3 Drittes Capitel. „Das war Rettung aus dem Rachen des Leen!“ rief jetzt der Poſtillon.„Wir haben noch glücklich die Gal⸗ lerie erreicht.“— Dieſe Worte erfüllten die von Entſetzen Erſtarrten mit neuem Leben.„Wir ſind nicht verſchüttet?“ rief Ludwig freudig. „Die Lawine muß dicht hinter uns heruntergeſchoſſe ſein,“ antwortete der Poſtillon,„denn die Eisſplitter und der Schneeſtaub haben uns ja faſt blind gemacht. Aber eine Achſe, oder gar alle zwei wird es gekoſtet haben, denn ich ſpüre wohl, daß wir etwas hart an die Felswand gera⸗ then ſind. Es war aber auch kein Spaß im vollen Galopp in das enge Loch einzufahren, und noch dazu im Finſtern!’!! Ludwig hörte die letzten Worte des Poſtillons nich mehr, weil er fühlte, daß Bianca an ihm niederſank und er die Ohnmächtige in ſeinen Armen auffing.„Um des Him mels willen, Schweſter,“ rief er, indem er ſie mit beklom — 29— mener Seligkeit ſanft an ſich drückte;„Schweſter, was iſt Dir?“— Sie antwortete nicht; überhaupt ließ ſich kein Laut vernehmen. Ludwig bebte ſchaudernd zuſammen. Hatte der entſetzenvolle Augenblick Allen zugleich das Leben ge⸗ raubt? Indem erhellten Funken das Dunkel. Es war der Po⸗ ſtillon, welcher Feuer anſchlug; bei dem zuckenden Lichtſchim⸗ mer ſah er, daß Bianca bleich, mit geſchloſſenen Augen und Lippen in ſeinen Armen lag, und auch die Pflegerin, wie es ſchien, bewußtlos auf den Sitz des Wagens zurückgeſun⸗ ken war. „Licht, Licht!“ rief er haſtig. „Gleich, Signore!“ Die Laterne war angezündet und erhellte das düſtere Felsgewölbe der Gallerie mit einem trüben Schimmer. Der Poſtemon hob ſie in die Höhe und fragte:„Es hat doch Niemand Schaden genommen? Aber der Teufel, wo iſt denn der Bediente?“ Erſt jetzt bemerkte Ludwig, daß die⸗ ſer fehle; er mußte geſtürzt ſein.„Wir müſſen ihn aufſu⸗ chen,“ rief er, und ließ die theure Laſt, die er in ſeinen Ar⸗ men hielt, ſanft auf den Sitz des Wagens nieder. Dann ſprang er hinaus, um mit dem Poſtillon gemeinſchaftlich den Verunglückten aufzuſuchen. Dies war ſchnell geſchehen, denn ſie fanden ihn dicht am Eingange der Gallerie beſin⸗ nungslos auf dem felſigen Boden liegen. An der Stirne blutete er zwar ein wenig, doch war die Verletzung nicht be⸗ deutend, auch ſchien er ſonſt nicht verwundet zu ſein. Der Poſtillon wuſch ihm mit einer Hand voll Schnee, den der Wind an den Seitenwänden der Gallerie angetrieben hatte, die blutende Stirn, während Ludwig ihn aufzurichten und zu erwecken bemüht war. Der Alte fand die Beſinnung Hnell wieder.„Wo bin ich?“ fragte er mehr erſtaunt als erſchöpft. Ludwig nahm ſich nicht die Zeit, ihm zu ant⸗ worten, ſondern eilte, die Laterne in der Hand, zu Bianca zurück. Sie ſchien, ſanft in den Wagen zurückgelehnt, nur leicht zu ſchlummern, ſo ſtill und lieblich waren ihre Züge. Als ihr der Schimmer des Lichts, das Ludwig auf den Rück⸗ ſitz des Wagens geſtellt hatte, ins Auge fiel, öffnete ſie es, ſchloß es aber, geblendet, eben ſo raſch wieder und athmete tief auf. Ludwig ergriff ihre Hand und nannte leiſe aber mit Innigkeit ihren Namen; ſie ſchlug das Auge groß auf. Dann fragte ſie fremd, noch halb in ihre Träume verſun⸗ ken:„Wer ruft mich denn?“ „Dein Bruder, Bianca,“ ſprach Ludwig tief gerührt. „Bruder! Bruder!“ rief ſie noch bewußtlos angſtlich aus, neigte ſich bebend vorwärts und lehnte ſich ſanft gegen Lud⸗ wigs Bruſt, der ſie in ſeliger überwältigung an ſein Herz und einen leiſen Kuß auf ihre Stirn drückte. Da fuhr ſie, plötzlich erwachend, auf, ſah ihn mit ſcheu ſtaunenden Blicken an, und indem ſie ſich jungfräulich beſchämt ſeinen Armen entwand, ſprach ſie:„Mein Gott! Die Betäubung— Ich weiß nicht, was ich gethan habe!“ Indem fiel ihr Blick auf die Pflegerin, die noch beſinnungslos mit zurückgeſunkenem Haupt in der Ecke des Wagens ſaß. Ein Ausdruck des Schreckens überflog bei dieſem Anblick ihre Züge; ſie öffnete die Lippen zu einem Ausruf, aber er erſtarb in einem ge⸗ preßten Seufzer. Da bewegte ſich die Ohnmächtige und ſprach einige fremdartige Worte aus.„Sie lebt! Sie lebt!“ rief Bianca freudig und umſchlang den Nacken der Zurück⸗ geſunkenen, indem ſie ſie liebend emporrichtete„O meine Margarethe, erkennſt Du mich?“ Ihre Umarmung war ſo innig, daß Ludwig ahnen mußte, es finde hier ein näheres Verhältniß als das zwiſchen Herrin und Dienerin ſtatt. Doch bevor er ſich einer beſtimm⸗ — 31— ten Muthmaßung bewußt wurde, richtete Bianca die ängſt⸗ liche Frage an ihn:„Aber wo iſt— um des Himmels willen—“ Ludwig errieth, was ſie wollte, und unterbrach ſie durch die Nachricht, daß der Diener keinen Schaden genom⸗ men habe. Indem kam dieſer mit dem Poſtillon heran. Bianca machte eine raſche Bewegung ihm entgegen; der Die⸗ ner verbeugte ſich mit Ehrfurcht und ſprach ernſt:„Ich freue mich, daß die gnädigſte Herrſchaft keinen Schaden ge⸗ nommen hat; auch ich bin der Gefahr noch glücklich genug entgangen.“ Man ſah in Bianca's Zügen, daß eine ſeltſame Bewe⸗ gung in ihrem Innern vorging; ſie ſchien auf das Heftigſte mit einem Wunſche zu kämpfen, den ſie ſchwer bezwang. Der alte Diener war jedoch nicht ſonderlich aufmerkſam auf 3 ſie und meinte kurz abbrechend:„Jetzt müſſen wir vor allen Dingen ſehen, was der Wagen für Schaden genommen hat.“ Dabei ergriff er die Laterne und leuchtete damit gegen die Achſen. Bianca ſprach matt:„Ich kann mich noch gar nicht faſſen,— ich weiß ja auch noch nicht, was uns begegnet iſt, und wo wir jetzt ſind.“ Dabei neigte ſie ſich zärtlicher gegen die Bruſt ihrer Begleiterin, die jedoch ungleich kälter und gemeſſener gegen ſie war, als ob ſie ſehr auf ihrer Hut ſei, die Schranken des Standesverhältniſſes vorwitzig zu überſchreiten. Ludwig erklärte in wenigen Worten, was vorgegangen war, und wo man ſich befinde. „Der Wagen iſt nicht viel beſſer als in tauſend Stücke zerſchellt,“ berichtete jetzt der Poſtillon, der gemeinſchaftlich mit Paul, dem Diener, die Räder und Achſen unterſuchte. „Die Herrſchaft wird wol ein wenig ausſteigen müſſen.“ Ludwig half den Frauen aus dem Wagen.„Wir — 2 uns der Unfall lange aufhalten?“ fragte Bianca beſorgt, in⸗ dem ſie zu den beiden Männern trat, die eben die Hinter⸗ achſen und Räder beſahen. „Je nun, Signora,“ antwortete der Poſtillon, indem er die rothe Mütze ehrerbietig abzog,„bis zum nächſten Poſt⸗ hauſe, vielleicht auch bis Brieg ſchleppen wir uns allenfalls hinunter; aber dort wird der Stellmacher wol einen oder — Tage Arbeit haben. Die rechte Vorderachſe iſt mitten von einander geborſten, und das Rad hält mit Noth und Mühe noch die Speichen in der Nabe. Die Deichſel hat der Henker auch geholt; daß der Kaſten ſchmählich zer⸗ fahren iſt, will ich nicht einmal rechnen. Hinten geht's noch ſo leidlich, aber das rechte Rad hat auch gelitten.“ 2 Bianca warf während dieſes Berichts unruhige Blicke auf ihre Begleiterin und auf Paul. Der Letztere fing end⸗ lich an:„Es wird ſich noch machen laſſen, gnädigſte Grä⸗ ſin; ich denke, wenn man Schmied und Rademacher gut be⸗ zahlt, ſo kommen wir mit einigen Stunden Aufenthalt da⸗ von. Freilich aber wäre jetzt keine Zeit zu verlieren.“ „Ja, mein Freund,“ fing der Poſtillon an,„ſo kön⸗ nen wir nicht vorwärts; ein Paar junge Bäume müſſen wir erſt abſchlagen: einen, um ihn unter die Achſe, den andern, um ihn gegen die Deichſel zu binden. Es iſt nur ver⸗ wünſcht, daß wir hier ſchwerlich paſſendes Holz finden, denn wenn ich mich jemals gut hier oben umgeſehen habe, ſo wächſt auf dieſer Höhe noch kein Stamm, wie wir ihn brau⸗ chen; es iſt nichts als krummes, verkrüppeltes Knieholz. Eine halbe Stunde weiter unten möchte es eher angehen.“ „So laß uns dahin,“ erwiderte Paul;„denn vorwärts müſſen wir, die Herrſchaft hat große Eile.“ Der Poſtillon ſtand unſchlüſſig. Ludwig glaubte, er woolle nach Art der Italiener erſt ſehen, wie hoch man ihm —— — 33— den außerordentlichen Dienſt bezahlen werde, und verſprach ihm daher eine anſehnliche Belohnung, wenn er den Wagen bald wieder in Stand ſetze. Doch der kleine Schwarzkopf mit dem Zigeunergeſicht zog eine bedenkliche Miene und ſprach:„Das iſt freilich leicht geſagt, Monſignore, aber nicht leicht ausgeführt. Wenn um die jetzige Zeit erſt die Lawi⸗ nen zu ſtürzen anfangen, ſo iſt man keine Viertelſtunde ſicher. Eine nach der andern ſetzt ſich in Bewegung. Ja, wenn wir harten Froſt hätten! Aber ich ſpüre Thauwetter, und da mag der Teufel trauen. Es könnte leicht ſein, daß Ihr hier lange vergeblich auf unſere Rückkehr wartetet. Bei Tage kann man ſich eher vorſehen, auch hört gegen Morgen die Gefahr auf, denn was die Sonne am Tage locker ge⸗ ſchmolzen hat, iſt bis dahin heruntergeſtürzt, und ſie muß dann erſt neue Maſſen losthauen. Aber jetzo, bei Nacht da iſt das Ding nicht zu wagen!“ Ludwig ahnete, wie peinlich die Verzögerung der L für Bianca ſein müſſe, obwol ſie der dringendſten Ge bereits entronnen war. Er ſprach daher entſchloſſen: begleite Euch, wir wollen die Gefahr theilen.“ „Das wäre ganz gut, Monſignore,“ antwortete der Po⸗ ſtillon, ohne ſeine bedenkliche Miene zu ändern,„wenn wir's mit ein paar Galgenvögeln zu thun hätten, die am Wege hinterm Buſch lauern. Aber die Lawine fragt nichts dar⸗ nach, ob wir zwei, oder drei, oder zwanzig ſind. Sie macht reinen Tiſch mit Allen, die ihr in den Weg kommen!“ „So laßt's uns doch wenigſtens verſuchen, Freund,“ ſprach Ludwig, indem er die Laterne ergriff.„Ich will voran.“ 3 Bianca ſah ihn mit einem dankbaren Blicke an, der 4½ ihn noch mehr in ſeinem Entſchluß beſtärkte.„Habt Ihr in Beil?“ fragte er. 8 2* “ — 34— „Beil und Stricke liegen im Kaſten unterm Bock,“ erwiderte Paul, öffnete denſelben und nahm das Beil heraus. „So komm, mein Freund,“ ſprach Ludwig feſt zu dem Poſtillon;„der Bediente mag bei den Damen bleiben.“ „Nun ſo möge St. Borromäus uns beiſtehen,“ rief der Poſtillon halb ſeufzend, halb verdrießlich. Paul trat vor:„Wenn Jemand gehen ſoll, Herr Graf, ſo bin ich es. Sie ſelbſt bleiben dann zum Schutze der Da⸗ men zurück.“ Bianca war unſchlüſſig, ob ſie Ludwig bitten ſollte, das Wageſtück zu unterlaſſen. Doppelte, gleich mächtige, aber nander widerſtreitende Pflichten und Gefühle kämpften in -rrer Seele. Seine Entſchiedenheit ließ ihr keine Wahl. „Ich gehe ſelbſt,“ rief er mit freudigem Tone,„es bt, wie ich geſagt habe.“ Mit dieſen Worten ergriff er die Laterne und ſchritt s. Der Poſtillon folgte ihm. „Gott möge Dich beſchützen, mein Bruder,“ rief ihm Bianca nach. Der Poſtillion nahm ihm jetzt, als des Weges kundi⸗ ger, die Laterne aus der Hand. Kaum waren ſie funfzig Schritte gegangen, als er rief:„Santo Borromeo! Ich glaube, die Gallerie iſt geſperrt! Seht nur, Signore! der Ausgang iſt ja ganz mit Schnee verrammelt. Die Lawine muß ſich getheilt haben und von beiden Seiten der Gallerie herabge⸗ ſtürzt ſein. So ſitzen wir wie die Maus in der Falle. Denn daß die Thür hinter uns zuſchlug, haben wir, Gott ſei's ge⸗ klagt, nur zu deutlich gemerkt!“ Es war, wie der Poſtillon es ſagte. Wenige Schritte vorwärts reichten hin, um Ludwig zu überzeugen, daß der Ausgang völlig verſchüttet war. — 35— „Was fangen wir jetzt an?“ fragte er, erſchrocken, ſich in der Höhle als Gefangener zu wiſſen. „Was wir anfangen? Wir gehen zurück zu den Damen, denn hier können wir nicht heraus, bis wir herausgeholt wer⸗ den,“ erwiderte der Poſtillon. „Aber wird man uns befreien?“—„Pahl davor iſt mir nicht bange. Sie müßten taub ſein in Sempione und im nächſten Poſthaus, wenn ſie dieſe Lawine nicht gehört hätten. Und wenn ich Morgen früh nicht mit meinen Pferden zu⸗ rück bin, ſo ſuchen ſie ſchon nach, wo ich ſtecke.“ Etwas beruhigt durch dieſe Antwort trat Ludwig den Rückweg zu den Damen an und berichtete ihnen, in welcher Lage man ſich befinde. Bianca hörte ihn mit banger Seele an, doch mit ergebenem Gemüth richtete ſie das Auge em⸗ por und ſprach:„Wir müſſen dulden, was Gott uns ſendet; er ſelbſt will jetzt unſer Geſchick entſcheiden. Es ſei denn— ich bin auf Alles gefaßt!“ Der Poſtillon, der nichts Außerordentliches in dem Falle ſah, wollte ſie beruhigen.„Es hat keing Noth„ S man wird uns ſchon herausholen, morgen Mittag ſind friſch und geſund in Brieg, darauf verlaſſen Sie ſich. Indeſſen wollen wir doch ſuchen, ein Zeichen zu geben. So viel Luft werden wir uns wol durch den Schnee machen können, daß der Knall einer Muskete ins Freie fahren kann. Wenn ſie uns im Poſthauſe hören, das keine halbe Stunde mehr von hier entfernt iſt, ſo läuten ſie die Nothglocken, und mit Tagesanbruch werden Leute genug hier ſein, um uns herauszugraben. Denn höher als funfzehn bis zwanzig Fuß bleibt der Schnee auf der ſchmalen Straße nicht liegen.“ Nach dieſen Worten machte der muntere, gewandte Ita⸗ liener ſich gleich daran„um die Deichſel auszuheben, mit der er ſich ein Luftloch durch den Schnee bohren wollte. Indem er aber damit beſchäftigt war, hörte man einen fernen dum⸗ pfen Knall. Bianca fuhr zuſammen.„Was bedeutet das?“ fragte ſie. „Ihr werdet's gleich hören,“ rief der Poſtillon und nahm die Stellung eines Aufhorchenden an.„Da habt Ihr's! Sagt ich's nicht? Es iſt eine zweite Lawine.“ Der Knall ließ ſich verſtärkt zwei, dreimal raſch hintereinander hören, dann folgte ein lang anhaltendes ſchollerndes Getöſe, wie wenn eine große Laſt von Steinen in den Abgrund rollte. Es kam immer näher; jetzt raſſelte es dicht über den Häuptern der Lauſchen⸗ den, als ſollte die Decke der Gallerie eingeſchmettert werden. Bianca ſchmiegte ſich ängſtlich an Margarethen an; auch die Männer verriethen Schrecken durch ihre erblaſſenden Wangen. Der Poſtillon aber lachte und rief:„Hier regnet's nicht durch!“ — Das Getöſe nahm nach und nach ab und verlor ſich dann in ein dumpfes Sauſen in der Tiefe, als ob ein ferner Strom wild über Felſentrümmer dahinbrauſe. „Hab' ich nicht Recht gehabt?“ fragte der Poſtillon. „Wenn uns nicht zum Glück der Ausweg verſperrt geweſen äre, ſo möchten wir jetzt ſchwerlich den Eingang wieder⸗ finden.“ Bianca dankte Gott durch ein ſtummes Gebet, daß Lud⸗ wigs großmüthiges Wageſtück vereitelt worden war. Indeſſen hatte der Poſtillon die Deichſel ausgehoben und band mit Pauls Hülfe eine Ortſcheide gegen den Bruch der⸗ ſelben. Als ſie auf dieſe Art hinlänglich in Stand geſetzt war, um damit den lockern Schnee zu durchbohren, machten ſich Beide auf, um an dem thalwärts gerichteten Ende der Gallerie eine Offnung ungefähr wie einen Schornſtein, durch⸗ zuarbeiten. Ludwig und die Damen folgten ihnen, denn der Erfolg war zu wichtig für ſie, als daß ſie nicht die Arbeit fortwährend hätten beobachten ſollen. Das Offnen eines Lufft⸗ 8 — 37— loches geſchah mittelſt einer trichterförmigen Bohrung, indem Paul und der Poſtillon die Deichſel fortwährend in kurzen Bogen umdrehten. Nach wenig Minuten ſtürzte aus der erweiterten Offnung eine große Laſt Schnee herab.„Aha!“ rief der Poſtillon,„wir haben genug minirt, die Decke iſt eingeſtürzt.“ Zugleich beugte er ſich unter das Loch und rief:„Wahrlich, der Mond ſcheint gerade zu dem Fenſter her⸗ ein. Wenn ich jetzt ſchießen will, muß ich ihn ordentlich aufs Korn nehmen.“ Ludwig hatte die Büchſe gleich mitge⸗ nommen und einſtweilen geladen. „Wir wollen noch ein paar ſtarke Pfropfen aufſetzen,“ meinte der Poſtillon,„damit es beſſer knallt,“ und holte einige Stücke altes Papier aus der Taſche, die er feſt zu— ſammenkäute und mit dem Ladeſtock einſtampfte.„So; jetzt aber,“ ſprach er,„muß ich ein wenig emporgehoben werden, damit ich mit der Mündung möglichſt ins Freie lange, ſonſt hört man den Schuß nicht weit genug.“ Ohne Umſtände ließ er ſich auf Pauls und Ludwigs Schultern heben und ſchoß nun ſein Feuergewehr ab. Es gab einen im Gewölbe ſtark widerhallenden Knall, und deutlich hörte man wie die Berge ihn fortpflanzten.„Bravo, Braviſſimo!“ rief der Poſtillon, ſich ſelbſt lobend.„Aber jetzt heißt's da capo, ſonſt verſteht man's nicht.“ Er lud und ſchoß aufs Neue, und zum dritten Mal.„So,“ rief er,„nun hat's gute Wege, jetzt werden wir nicht vergeſſen werden. Damit aber die Luft hier etwas beſſer werde, wollen wir an der andern Seite auch ein wenig nachhelfen.“ Er ging mit ſeiner Deichſelſtange nach dem andern Ende der Gallerie und bohrte ein ähnliches Loch in den Schnee. Indeſſen nahmen die Frauen und Ludwig wieder im Wa⸗ .* Platz, um in Geduld den Anbruch des Tages zu erwarten. Schon nach wenigen Minuten hörten ſie den fernen Schall eines Glöckleins. Es war die Glocke, mit der von Poſthaus zu Poſthaus das Zeichen gegeben wird, daß Jemand auf der Straße in Noth iſt. So war denn ihre Rettung geſichert, und ſie hätten ruhig die Stunde derſelben erwarten dürfen, wenn nicht durch die Verzögerung die Gefahren, welche den Reiſenden drohten, gleich der ſteigenden Fluth des Meeres immer mächtiger angewachſen wären. Noch zweimal ließ ſich der Donner ſtürzender Lawinen, doch in größerer Ferne, vernehmen und miſchte ſo die Schauer zerſtörender Natur⸗ ereigniſſe in die bangen Empfindungen, welche Bianca's Bruſt erfüllten. Für Ludwig war jede Minute des längern Ver⸗ weilens an der Seite der Geliebten in dieſem vertraulich dunk⸗ len Zufluchtsort ein köſtlicher Gewinn. So ungleich wägt das Schickſal ſeine Gaben in derſelben Schale zu! viertes Capitel. Gegen Morgen Lattad die überwältigende Müdigkeit jedes Auge geſchloſſen, wie wach auch die Sorgen es lange erhal⸗ ten haben mochten. Ein Schuß, deſſen donnernder Hall die öde Stille unterbrach, erweckte die Reiſenden plötzlich.„Das iſt das Zeichen der Hülfe,“ rief der Poſtillon, der ſeinen Platz neben Paul auf dem breiten Bock eingenommen hatte, und verwandelte durch dieſes Wort Bianca's Erſchrecken in lebhafte Freude.„Wir müſſen nun gleich Antwort geben,“ ſetzte er hinzu und ergriff die Muskete, um ſie zu laden. Er begab ſich hierauf, von Allen begleitet, an den nach Brieg zu gele⸗ genen Ausgang der Gallerie und ſchoß durch die Offnung. Gleich darauf ertönte ein lautes Geſchrei vieler Männer ſtimmen ganz nahe an der Höhle. 4 3 4 — 39— „Die Schneelage kann nicht breit ſein,“ rief der Po⸗ ſtilon munter aus.„In kurzer Zeit ſind wir vielleicht ſchon losgearbeitet.“ Es dauerte nicht zehn Minuten, ſo erſchienen bereits einige Männer auf der Höhe des Schnees vor dem Ausgang der Gallerie, ſo daß man mit ihnen ſprechen konnte. Sie ſchau⸗ felten bald eine Offnung aus, durch die man zu Fuß auf die Straße gelangen konnte, wenngleich der Wagen noch nicht hätte hindurchkommen können. So war denn die Pforte des düſtern Gefängniſſes geöffnet. Ludwig führte die Ge⸗ liebte über den Schneehügel hinaus ins Freie. Mit ſtillem Entzücken begrüßten Beide das holde Licht des Tages wieder. Aus der finſtern Gruft traten ſie in eine romantiſche Ge⸗ gend, die man hätte reizend nennen können, wenn der Win⸗ ter nicht noch hier oben Herr geweſen wäre. Vor ihnen öff⸗ nete ſich zwar ein tiefes, ſteiles Thal; aber die Umgegend war mit ſchlanken Fichten grün bewachſen, und unten ganz in der Ferne und Tiefe ſah man das freundliche Städtchen Brieg, von dem ſilbernen Bande der Rhone umſchlungen, und dort grünte die Flur ſchon im reizenden Schmuck des Frühlings. Die Luft war nicht warm, aber doch milde, und die Sonne glänzte hell an einigen Schneegipfeln. Frei⸗ lich das laue duftige Wehen der italieniſchen Frühlingslüfte, von denen man geſtern geſchieden war, traf man nicht mehr an, ſondern nur ein thauender Februartag herrſchte auf die⸗ ſer Höhe. Daher ſprach Bianca lächelnd: „Wir ſind ſeit geſtern um einige Monate jünger gewor⸗ den; unten athmeten wir Mailuft, hier begrüßen uns höch⸗ ſtens die erſten Tage des März.“ „Sie waren mir von jeher die liebſten,“ antwortete Ludwig lebhaft;„ſtets hat mich der Frühling am tiefſten bewegt, wenn ſein Hauch nur eben die erſten Eisſpitzen des 40— Winters ſchmilzt, wenn wir ihn mehr ahnen als wirklich empfinden. Die Sonne, welche uns die erſten tropfenden Bäume im Garten bringt, die erſten Halme, die aus dem Schnee emporſprießen, galten mir als Knabe ſchon mehr als eine ganze Maienflur.“ Von Bianca's Lippen ertönte, indem ſie das ſchöne Haupt freundlich zuwinkend neigte, ein leiſer Ton, wie das Summen der Bienen.„Es iſt wahr,“ ſprach ſie ſinnend,„es ſind die erſten Tage der Geneſung nach langer düſtrer Krankheit. Die Friſche der Geſundheit iſt noch nicht zurückgekehrt, aber man empfindet die Wohlthat der geringen Gabe ſtärker!“ „Gewiß,“ erwiderte Ludwig,„ſie erfreuen uns, wie den Dürftigen das kleinſte Geſchenk, mehr, als in der Fülle des Glücks ein großer Gewinn.“ . Paul unterbrach das Geſpräch, indem er den Vorſchlag machte, daß die Herrſchaft zu Fuß voran bis zu dem nächſten, nur eine halbe Stunde entfernten Poſthauſe gehen und dort warten möchte, bis der Wagen nachkomme. Ludwig fand dies ſehr zweckmäßig, weil die Frauen der Erfriſchung be⸗ durften; er reichte Bianca den Arm und machte ſich mit ihr und Margarethen auf den Weg. Paul und der Poſtillon wollten, während die Landleute den Schnee vollends weggrüben, den Wagen, ſo gut, als es einſtweilen möglich war, herſtellen. Das Poſthaus war nach einer kleinen halben Stunde erreicht. Es lag ſchon ſo viel tiefer, daß man dort keinen Schnee mehr fand. Auch war der Waldwuchs ſchon hoch, wiewol bis jetzt nichts daſelbſt grünte als Moos und Tannen. Das wohlgebaute, reinlich geordnete Haus, eben hinreichend, um die Wohnung einer Familie zu bilden und ein oder zwei Zimmer für Reiſende zu enthalten, gewährte ein eignes Bild der Befriedigung und Nuhe. Mitten in der Wildniß hin⸗ geſtellt, einſam, hoch über andere Menſchenwohnungen erha⸗ — 41— ben, in der Nachbarſchaft einer oft furchtbaren Natur, war es doch ſo ſichtlich ein heimiſcher, trauter Zufluchtsort für das harmloſe Glück geringer Bedürfniſſe, daß man die Bewohner deſſelben beneiden konnte. Welche Sorgen ſollten ſie hier treffen? Welche quälende Begierde ihr Glück untergraben? Ein geordneter Hausſtand, ein beſtimmtes Geſchäft, kein Ne⸗ benbuhler, kein Feind, kein friedenſtörender Nachbar, genug Verkehr mit Menſchen, um nicht abzuſterben ,nicht ſo viel, um von dem Wechſel der Schickſale in der bewegten Welt mit getroffen zu werden— gewiß, dies ſind die natürlichen, ge⸗ ſunden Verhältniſſe eines wahrhaften Glücks, und nur ein ſelbſtfeindlicher Sinn vermag ſie zu ſtören. Aber leider iſt der Trieb, der ſich blind und wahnſinnig gegen das eigne Wohl richtet, nur zu häufig und zu mächtig in der Bruſt des Menſchen. Daher wird Keiner ſeinem Unſterne entfliehen, der ihn auf dieſe Weiſe ſelbſt mit ſich trägt; aber auch Kei⸗ nen wird ein feindſeliges Geſchick finden, der in ruhiger, zufriedener Bruſt ſich ſelbſt das Glück gründet. „Mamma, Mamma,“ rief, als Ludwig und Bianca ſich näherten, ein kleines Mädchen, das vor der Thür des Hauſes ſaß, und klatſchte vergnügt in die Händchen.„Mam- ma mia! Un signore, una signora!“ Die Mutter, eine ſchwarzlockige Italienerin, eilte herbei, nahm das Kind auf den Arm und ging den Fremden entgegen. „Die Herrſchaften haben ein Unglück gehabt?“ fragte ſie theilnehmend mit dem reizenden Wohllaut italieniſcher Sprache und Stimme.„Es iſt doch Niemand zu Schaden gekommen?“„ „Zum Glück nein,“ erwiderte Ludwig italieniſch.„Kön⸗ nen wir ein Frühſtück haben?“ „Gewiß, Signore. Iſt es gefällig einzutreten?“ Dabei trat ſie auf die Seite und wollte den Fremden den Vortritt laſſen.. Bianca neigte ſich im Vorübergehen zu dem kleinen Mäd⸗ chen, das ſich Anfangs ein wenig blöde zurückbog, als aber Bianca es liebkoſend anredete, mit unſchuldiger Freude zur Mutter ſprach:„Una bellissima signora!“—„Ja wohl, Giannettina,“ erwiderte dieſe,„eine ſchöne, vornehme, liebe Dame! Gib ihr doch ein Händchen.“ Die Kleine reichte die Hand dar; Bianca neigte ſich dem holden, lächelnden Noſenmunde des Kindes entgegen, das ſchnell vertraut beide AÄrmchen um ihren Hals ſchlang und ſie von Herzen küßte. „Giannettina!“ rief die Mutter.„Wer wird ſo un⸗ artig ſein!“ „O laßt ſie doch,“ antwortete Bianca, indem ſie das Kind zu ſich nahm und es liebkoſend hineintrug;„ich ſpiele ſo gern mit Kindern!“ Sie traten in das für die Fremden beſtimmte Gemach, welches mit angenehmen Blumendüften erfüllt war, indem die ſchönſten Töpfe von Hyacinthen, Roſen, Reſeda und an⸗ dern duftenden Gewächſen auf den Fenſtern und auf einer Blumenterraſſe in der Ecke ſtanden.„Ei, wie ſchöne Blu⸗ men gibt's hier oben,“ ſprach Bianca erfreut. „Hier wächſt ſo wenig,“ antwortete die Wirthin,„daß man wol etwas aus dem Thale heraufſchaffen muß. Die Poſtillone und Fuhrleute bringen ſie uns aus Duomo d'Oſſola mit.— Iſt's der Signora gefällig, ſich niederzulaſſen, ich werde ſogleich das Frühſtück bringen.“ Siee ging. Bianea ſetzte ſich auf das Sopha und behielt die kleine Giannettina auf dem Schoos. Margarethe nahm einen Stuhl, Ludwig ſtellte ſich in das Fenſter und blickte in die romantiſche Landſchaft hinaus. Er überdachte ſeine ſeltſamen Schickſale ſeit geſtern Abend. Sie erſchienen ihm noch wie ein Traum, aus dem er zu erwachen fürchtete; er ſah oft nach Bianca hinüber, um ſich in dem Gefühl der Wirk⸗ 2* —x — 43— lichkeit zu ſtärken. Und dieſe Wirklichkeit, konnte ſie ſelbſt ſich nicht in eine noch viel herbere Wahrheit auflöſen, als wenn Alles nur ein Scheinbild der Phantaſie geweſen wäre? Nein! Nein! Und ſollte er auch Alles wieder verlieren, was er jetzt beſaß, dieſe Augenblicke, wie flüchtig ſie verſchwinden möchten, waren doch ein Glück. Er hatte die Geliebte wirk⸗ lich am Herzen gehalten, hatte ſeine Lippen auf ihre reine Stirn gedrückt. Sie wußte es und zürnte ihm nicht. Ihre Seele neigte ſich in liebendem Dankgefühl ihm entgegen, und er empfand es in heiliger ſüßer Ahnung, daß eine Stimme in ihrer Bruſt der ſeinen antworte. Wie auch weibliche Scheu ſie jetzt fern von ihm hielt, in einem ſelig überwältigenden Augenblick hatte ſie ihm ihr Herz hingegeben, und furchtba⸗ rer war ihm nichts als der Gedanke, daß dies eine Täuſchung geweſen ſein könnte. Verlieren konnte er, darauf war er ge⸗ faßt; aber in das Gefühl, nie beſeſſen zu haben, in dieſe öde Leere des Nichts zurückgeſchleudert zu werden, das wäre ihm tauſendfach ſchrecklicher geweſen. Mit gerührtem Dank der Seele betrachtete er daher die Wendung ſeines Geſchicks. Er fühlte es tief, daß ein veredelnder Schmerz uns theuer werden kann, daß man den flüchtigſten, aber wahrhaften Be⸗ ſit ſelbſt durch den herbſten Verluſt nicht zu hoch erkauft. Die Wirthin erſchien mit einem echt ſchweizeriſchen Früh⸗ ſtück. Auf dem Taſſenbret, welches ſie trug, ſtand ein gro⸗ ßes Gefäß mit Kaffee, ein anderes mit Chocolade; friſche Butter, Honig, eingemachte Früchte und Gebäck trug eine Magd ihr nach. Man ſetzte ſich. Bianca nahm die kleine Giannettina auf den Schoos und lud ſie ein, mit zu frühſtücken; es ſchien, als ſei ihr die tändelnde Unterhaltung mit dem Kinde lieb, um eine ängſtlich geſpannte, die ſie unter den vertrau⸗ teſten Formen mit Ludwig hätte führen müſſen, abzuwenden. ℳ — 44— Man hatte noch nicht lange verweilt, als ſchon der Wa⸗ gen herankam, der mit Hülfe der Landleute, die den Weg geräumt hatten, leidlich genug hergeſtellt war. Bianca hielt dringende Eile noch immer für nothwendig; ſie nahm daher einen ſchnellen, freundlichen Abſchied von der Kleinen, die zu weinen anfing, als die ſchöne Signora fortwollte.„Ich komme bald wieder, liebe Kleine,“ ſprach ſie freudig koſend, doch das Kind weinte fort und war nicht zu beruhigen. Bianca küßte es, gab es der Mutter und eilte hinaus. „Wie Alles ſie liebt und lieben muß!“ rief es in Lud⸗ wigs innerſter Seele, als er ſie jetzt an den Wagen be⸗ gleitete und die ſanfte Rührung ihres ſchönen Antlitzes wahrnahm. 3 In raſchem Trabe rollte man die faſt ebene Straße dahin, denn der neue Poſtillon, welcher Zeuge geweſen war, wie reichlich Paul den alten und die helfenden Landleute im Namen ſeiner Herrſchaft beſchenkt hatte, machte ſich gleich⸗ t falls Hoffnung auf ein gutes Trinkgeld. So erreichte man denn Brieg, im Kanton Wallis, in wenigen Stunden, aber doch nur mit genauer Noth, denn der Wagen wollte kaum bis dahin aushalten, ſo daß man zuletzt ſchon aus Furcht vor einem neuten Unglück langſam fahren mußte. Im Wirthshauſe angelangt, war es Ludwigs erſte Sorge, die Herſtellung des Wagens zu betreiben. Ein Schmied und Rademacher wurden gerufen; ſie erklärten, daß mindeſtens vier Stunden darüber vergehen müßten. Bianca hätte gern den Wagen mit einem andern ver⸗ tauſcht; allein in dem ganzen kleinen Städtchen war kein Reiſewagen zu haben, und der Eintauſch eines andern gegen 4 den vortrefflich eingerichteten, deſſen man ſich bediente, würde Argwohn erregt haben, der gefährlicher werden konnte als ſelbſt eine Verzögerung. Man mußte ſich daher pegnügen, — 45— durch Verſprechung einer reichlichen Zahlung die Thätigkeit der Handwerker zu beleben. 4 Bianca bezog mit Margarethen gemeinſchaftlich ein Zim⸗ mer, Ludwig das daranſtoßende. Paul blieb unten in der Gaſtſtube, wo er ſich müde auf einen Lehnſeſſel niederließ. Er hatte einen Arzt holen laſſen, der ihm die blutende, ſchmer⸗ zende Stirn verband. Seine Krafte ſchienen ſehr erſchöpft; in dieſer Beziehung waren daher einige Stunden Nuhe viel⸗ leicht nothwendig, wenn man das Leben des ſchon ziemlich bejahrten Dieners nicht gefährden wollte. 4 Ludwig, der, ſo ſehr auch ſein Hang ihn dazu trieb, es für unſchicklich und zudringlich hielt, zu den Frauen hin⸗ überzugehen, die gewiß der Ruhe bedurften, wollte die Stunde der Muße benutzen, um die Erlebniſſe dieſer letzten Stunden in ſein Tagebuch einzutragen. Da bemerkte er mit Schre⸗ cken, daß er ſeine Brieftaſche, deren Blätter er auf dieſe Weiſe zu füllen pflegte, verloren habe. Er entſann ſich ganz deutlich, noch kurz vor Brieg im Beſitz derſelben geweſen zu ſein, und konnte ſie nur hier im Hauſe oder auf dem kurzen Weg bis dahin verloren haben. Da alles Nachſuchen in ſeinem Zimmer und Nachfragen bei dem Wirth vergeblich war, beſchloß er, den freilich nicht ſehr hoffnungsreichen Ver⸗ ſuch zu machen, ſie auf der Landſtraße aufzuſuchen, indem für ihn wichtige Papiere darin enthalten waren. Er erreichte den Ausgang des Städtchens, ohne ſie zu finden, und ging nun auf der Chauſſée fort. Jetzt bemerkte er erſt, daß die Stelle, die ihm beim Hereinfahren ſo nahe an der Stadt zu lie⸗ gen ſchien, doch eine ganze Strecke entferntewar. Er ging eine volle Stunde im raſcheſten Schritte vorwärts, ohne et⸗ was zu finden. Schon gab er die Hoffnung auf, als ihm inder Ferne etwas Nothes auf dem Raſen entgegenglänzte; er eilte darauf zu und fand in der That das verlorene Gut wie⸗ der. Freudig eilte er nun nach der Stadt zurück. Etwa eine Viertelſtunde mochte er noch von derſelben entfernt ſein, als er hinter ſich den Hufſchlag eines Pferdes hörte. Er wandte ſich um und ſah einen Reiter, welcher in vollem Ga⸗ lopp heranſprengte. Kaum einige hundert Schritte dahinter erblickte er einen von einem andern Reiter begleiteten Wagen, der eben um die Ecke bog, welche durch die Windung der Chauſſée entſtand, und hierauf mit ungewöhnlicher Schnellig⸗ keit die Straße herabkam. Dies fiel ihm auf. Er hatte aber noch nicht ſo viel Zeit gehabt, um ſeine Vermuthungen ſich ſelbſt klar zu machen, als ſchon der erſte Reiter dicht an ihm war und ihn franzöſiſch anrief: „Sind Sie aus Brieg, mein Herr?“ „Das nicht,“ erwiderte Ludwig;„ich bin ein Reiſene der und habe nur ſo eben einen Spaziergang vor die Stadt gemacht.“ „Können Sie uns nicht ſagen, ob ein Wagen, mit vier Pferden beſpannt, in welchem zwei Damen und ein Herr, auf dem Bock aber ein Bedienter ſaß, dort angelangt iſt?? Ludwig wollte eben nein! antworten, als der Reiſewa⸗ gen heranrollte und anhielt. Ein Menſch, der in Beglei⸗ tung eines franzöſiſchen Offiziers in demſelben ſaß, beugte ſich heraus und wiederholte dieſelbe Frage. Dies verſchaffte Lud⸗ wig, der ſogleich den Zuſammeuhang dieſer Nachforſchungen mit dem Schickſal Bianca's ahnete, Zeit, ſich auf eine die Gefahr ableitende Antwort zu beſinnen. Er erinnerte ſich, daß das Poſthaus ganz vorn im Orte lag, und man alſo die Pferde wechſeln konnte, ohne bis an das Wirthshaus zu fahren. Raſch erwiderte er daher:„Allerdings iſt ein ſol⸗ cher Reiſewagen hier eingetroffen, aber ſchon vor mehreren Stunden. Es war, glaube ich, eine Achſe gebrochen, die hier erſt gemacht worden iſt. Doch vor etwa einer guten Viertel⸗ — 47— ſtunde, gerade als ich die Stadt verließ, fuhren auch dieſe Fremden wieder ab!“. 4„Teufel!“ rief der Menſch im Wagen;„welche Straße nahmen ſie?“ Die einzige, die ſie nehmen konnten, über Sion nach Genf,“ erwiderte Ludwig;„Ihr ſeht ſie dort unten an der Rhone hinlaufen.“ „Kann man nicht hier querüber fahren?“ fragte der Reiſende haſtig.„O ja,“ nahm der Poſtillon das Wort für Ludwig;„dort unten kann man gleich links abbiegen, und wenn Euer Gnaden ſich nicht ſcheuen, durch eine Furth der Rhone zu fahren, wo Ihnen das Waſſer jedoch etwas in den Wagen kommen könnte, ſo erſparen wir eine ſtarke halbe Stunde Weges ohne die Stadt zu berühren. Wenn Euer Gnaden mir dieſen Weg erlauben wollen, ſo getraue ich mich die Reiſenden noch einzuholen, denn ſie müſſen jetzt gerade in dem Gebuſch dort unten ſein, weil man ſonſt von hier den Wagen auf der Landſtraße ſehen müßte.“ „Iſt der Seitenweg gefährlich?“ „Ei behüte, nur ein wenig holperig; in einer Stunde ſpã⸗ teſtens haben wir die Reiſenden eingeholt, wenn Euer Gnaden es nur verantworten wollen, daß ich die Station überfahre.“ „Ich ſtehe für Alles,“ rief der Offizier im Wagen, „und überdies bleiben die zwanzig Napoleond'ors, die ich Dir verſprach, wenn wir die Flüchtigen vor Brieg einholen würden, Dein. Nur raſch vorwärts!“ Der Wagen jagte davon die Reiter ſprengten nebenher. Ludwig war faſt erſtarrt vor Schrecken; doch es blieb keine Wahl, was er zu thun hatte. Mit größter Haſt eilte er zurück, um die Frauen zu benachrichtigen. Schnellern Laufs als ſelbſt der Wagen erreichte er das Gaſthaus wieder und ſtand, kaum ſeiner bewußt, in Bianca's Zimmer.„Mein Him⸗ mel, was iſt Ihnen?“ fragte ſie, als ſie ſeine Bewegung und — 48— Erhitzung ſah. Athemlos begann er zu erzählen, was ihm begegnet war. „Barmherziger Himmel,“ rief ſie, ihn unterbrechend, „ſo ſind wir verloren! Wie ſah der Reiſende aus? Hatteſ er nicht ſchwarzes Haar und Augen, ein bleiches Geſicht, ſehr weiße Zähne?“ „Es ſchien mir ſo,“ antwortete Ludwig,„doch war er ſo eingehüllt, daß ich ſein Geſicht nicht deutlich erkennen konnte; auch geſtehe ich, darauf nicht ſonderlich gemerkt zu haben, da die Sache ſelbſt mich ſo in Bewegung brachte; aber hören Sie weiter!“ Er berichtete jetzt, durch welche ſeltſame Verkettung der Umſtände die Verfolger von der Straße abgeleitet worden ſeien. „Gott ſei es gedankt!“ rief Bianca aus und ſchloß ihre Begleiterin bewegt ans Herz.„O, Sie ſind unſer ¹ Schutzengel!“ ſprach ſie mild, indem ſie ſich zu Ludwig wandte und ihm die Hand darreichte.„Doch wir haben keinen Augenblick zu verlieren!“ Hiemit ſtand ſie auf und ſchellte eilig nach Paul. „Zwei Stunden bleiben uns wenigſtens,“ rief Ludwig, „bis ſie ihren Irrthum bemerken, denn in einer Stunde ge⸗ dachte der Poſtillon erſt das Ziel ſeines Beſtrebens zu errei⸗ chen. Er wird ſich von einer Minute zur andern weiter⸗ locken und täuſchen laſſen und vielleicht gar auf die nächſte Station fahren. Alsbann können ſie vor der einbrechenden Nacht nicht zurück ſein, und bis dahin ſchaffe ich mit Got⸗ tes Hülfe Rath.“ Bianca zitterte heftig; ſie wies Ludwigs unterſtützenden Arm, der ſie zu einem Seſſel geleitete, nicht zurück.„Gott hat uns ſo wunderbar beſchirmt,“ ſprach ſie, als ſie ſich er atte, beruhigter,„daß ich auch jetzt feſt auf ihn vertra⸗ den zum zweiten Mal unſer Retter. Ohne den 8 fall, der Sie wieder auf die Landſtraße führte— etwas, das ſonſt die größte Gefahr für uns haben konnte—, wa⸗ ren wir unwiederbringlich verloren. Aber der Allguͤtige iſt ſichtbar mit uns!“ Dabei richtete ſie einen unbeſchreiblichen Blick, in dem die Thräne des gerührten Dankes mit der der Angſt zuſammenſchmolz, gen Himmel. Paul war heraufgekommen. Margarethe zog ihn ſo⸗ gleich auf die Seite und ſprach einige Worte leiſe mit ihm, worauf der alte Diener erſchreckt und erblaſſend zurücktrat. „Wir müſſen auf der Stelle fort,“ rief er aus;„hier gibt es kein anderes Mittel. Die Herſtellung des Wagens kön⸗ nen wir nicht abwarten, auch würde ſie uns nichts nützen, da wir keine andere Straße einſchlagen könnten, als die, auf der wir unſerm Verfolger gerade entgegenfahren. Es bleibt uns nichts übrig, als unbemerkt, einzeln, zu Fuß die Stadt zu verlaſſen und unſern Weg gerade ins Gebirge zu richten. Nehmen Sie alſo das Unentbehrlichſte zu ſich, Frau Grä⸗ fin, und verlaſſen Sie ſofort mit der Frau Margarethe die Stadt. Sie nehmen Ihren Weg dem Thal entlang, die Rhone aufwärts, am linken Ufer derſelben. Im Hereinfah⸗ ren habe ich geſehen, daß ein ſehr betretener Pfad ſich dem Fluß entlang zieht, der ihn ohne Zweifel das Thal hinauf begleitet. Etwa eine halbe Stunde von hier erwarten Sie mich an irgend einer buſchigen, bedeckten Stelle des Ufers, von wo Sie jedoch den Weg nach der Stadt überſehen können, damit wir uns nicht verfehlen. Ich werde das Haus gerade nach einer entgegengeſetzten Seite verlaſſen; der Herr Graf muß ſcheinbar einen dritten Weg einſchlagen, da⸗ mit es möglichſt verborgen bleibt, wohin wir uns gewendet haben. Wenn wir erſt wieder beiſammen ſind, werden wir ool Führer finden, die uns über das Gebirge leiten, und 3 — 50— vielleicht laſſen ſich zur Erleichterung der Reiſe auch Maul⸗ thiere anſchaffen.“. Paul ſprach dieſe Worte ſo entſcheidend, daß ſie faſt Befehlen gleich klangen; indeſſen war ſein Rath ſo gut, daß man ihm ſchon um ſeiner Zweckmäßigkeit willen unbedingt hätte gehorchen müſſen. Ludwig verwunderte ſich über die kalte, gewandte Entſchloſſenheit des alten Mannes und ſei⸗ nen klaren, ſcharfen Ausdruck. Er ſchien dieſe Entſchieden⸗ heit des Geiſtes auch auf ſeine Umgebungen überzutragen; denn ſelbſt Bianca zeigte bei aller ihrer Ängſtlichkeit eine Entſchloſſenheit und Beſtimmtheit, die in Erſtaunen ſetzen mußte. Sie nahm ihre Papiere, ihre Brieftaſche und einige andere Kleinigkeiten zuſammen, während Margarethe die un⸗ entbehrlichſten Kleidungsſtücke hervorſuchte und Einiges in ei⸗ nen leichten Arbeitsbeutel, Anderes in ein Körbchen that und endlich noch Manches in ihrem und der Gräfin hohem Hut verbarg. In weniger als fünf Minuten verließen beide Frauen reiſefertig das Zimmer. Das Stubenmädchen begegnete ih⸗ nen auf dem Gange. Bianca führte ſie an ein Fenſter, das nach der Gegend von Sion, gerade der entgegengeſetzten Rich⸗ tung, in der ſie flüchten wollten, hinausſah, und fragte, in⸗ dem ſie auf einen nahen Hügel deutete:„Wie weit iſt es bis auf die Spitze jenes Hügels? Können wir wol vor Abend noch einen Spaziergang dahin machen?“ „Wenn die gnädigen Damen gut zu Fuß ſind, geht es noch an; aber es iſt eine gute Stunde,“ erwiderte das Mädchen. „So werden wir erſt mit der Dunkelheit, vielleicht auch wol noch ſpäter zurückkehren,“ antwortete Bianca;„ſorge — dann nur, daß unſer Zimmer in Ordnung iſt, mein Kind. „Werden Ihro Gnaden auf dem Zimmer ſpeiſen?⁰ fragte das Mädchen. — 51—„ „Ja wohl; drei Couverts; aber erſt um neun Uhr,“ lautete Bianca's Antwort, und hierauf ſchwebte ſie an der Seite der Begleiterin die Treppe hinab. Ludwig rief ihnen abſichtlich laut nach:„Viel Vergnü⸗ gen, liebe Schweſter, aber ich theile Deine Neigung nicht; wenn ich nicht lieber ganz zu Hauſe bleibe, werde ich mich doch wenigſtens mit einem nähern Spaziergange begnügen.“ Hierauf lehnte er ſich ins Fenſter und ſah, welche Rich⸗ tung ſie einſchlugen. Noch fünf Minuten wartete er, dann nahm auch er zuſammen, was er für das Unentbehrlichſte hielt, und verließ nun, ein Liedchen pfeifend, das Haus nach der andern Seite, als wollte er nur eben müßig einen Weg durch die Gaſſen ſchlendern. Zwar ſah er ſich im Hinunter⸗ gehen nach Paul um, wurde deſſelben jedoch nicht gewahr. Wenige Schritte vom Hauſe begegnete ihm der Hausknecht. Dieſem trug er auf, die Beſtellung an Paul zu machen, daß er noch einmal zum Schmied und Rademacher gehen ſollte, damit der Wagen noch vor Abend fertig werde, denn er wolle jedenfalls gleich nach dem Nachteſſen abreiſen. Der Hausknecht antwortete:„Der Kammerdiener läßt nur hier unten in der Gaſſe das Uhrglas für den Herrn Grafen einſetzen; wenn er von dort zurückkommt, will ich's ihm ſogleich beſtellen.“ Ludwig wußte nun wenigſtens, daß 4 Paul auch unter einem geſchickten Vorwande bereits das Haus verlaſſen habe. Fünktes Capitel. Mit ſchlagendem Herzen gelangte er ins Freie, und ſah ſich nun um, wie er am beſten und unbemerkteſten den 8 3* bezeichneten Weg erreichen könnte. Es war nicht ganz leicht, denn eine Wendung der kleinen Gaſſe, der er gefolgt war, hatte ihn an eine ganz entgegengeſetzte Seite des Ortchens geführt. Der Querweg, den er einſchlug, war von Gärten rings umgeben, er konnte nicht einmal die Rhone ſehen; eine ziemliche Strecke verfolgte er den Pfad, ungeduldig, ſich immer von Hecken oder Zäunen begleitet zu ſehen. Jetzt endlich erreichte er das Freie, befand ſich aber ſo tief in der Ebene, auf Wieſengrunde, daß er ſich durchaus nicht zu orientiren vermochte. Auf gutes Glück ging er quer über die Triften hin nach der Richtung zu, die er nehmen mußte. Es war nun bereits eine halbe Stunde verfloſſen, ſeit Bianca das Haus verlaſſen hatte, deshalb wurde ihm jede Minute koſtbar, weil er die Theure nicht der ängſtlichen Erwartung überlaſſen und durch langes Ausbleiben einer drohenden Ge⸗ fahr preisgeben wollte. Er beſchleunigte daher ſeine Schritte und erreichte endlich faſt athemlos einen Pfad, welcher auf eine kleine Anhöhe zu leitete, von der aus er die Rhone ſehen mußte. Endlich hatte er die Höhe erreicht. Zu ſeinem Schrecken aber ſah er ſich viel weiter von dem Fluſſe ent⸗ fernt, als er beim Ausgehen geweſen war; ja, es ſchien ihm, als thue er jetzt faſt am beſten, den Weg gerade wieder zu⸗ rück zu machen. Denn die Rhone ſchlug gleich oberhalb Brieg einen ſo ſtarken, faſt rückwärtsgekrümmten Bogen, daß Ludwig, der hier ſeiner Richtung den urſprünglichen Lauf des Fluſſes und Thales zum Grunde gelegt hatte, jetzt die Stelle des Ufers, die etwa eine halbe Stunde von der Stadt entfernt liegen konnte, und wo Bianca verabredeter⸗ maßen warten ſollte, weit hinter ſich ſah. Nahm er alſo den Weg in nächſter Richtung nach dem Fluſſe zu, ſo traf er weit über den Ort der Zuſammenkunft hinaus; wählte er —— die Richtung ſo, daß er vor dem Punkte ans Ufer gelangte, —,— wo Bianca muthmaßlich wartete, ſo mußte er faſt eine eben ſo weite Strecke wieder rückwärts machen, als er ſchon von der Stadt entfernt war, und eine volle Stunde Zeit war rein verloren. Es ſchien ihm daher endlich am gerathenſten, gerade auf den Strom zuzugehen und dem Laufe deſſelben abwärts zu folgen, wo er dann von der entgegengeſetzten Seite auf die Wartenden ſtoßen mußte. Er eilte, was ſeine Kräfte vermochten. Doch verging, da häufig Erdſpal⸗ ten, kleine Vertiefungen, auch ſumpfige Stellen ihn zu Um— wegen nöthigten, eine volle halbe Stunde, und er hatte das Ufer noch immer nicht erreicht. Schon war die Sonne hinter die hohe Wand der Alpenkette hinabgeſunken, und das tiefe Thal von Brieg lag bereits in bläulichem Abendſchatten. Jetzt hörte er die Rhone rauſchen; noch eine felſige, mit Brombeerſträuchen überwachſene, ziemlich ſteile Anhöhe, welche den Fluß gleich einem Damm zu begleiten ſchien, mußte er überklimmen, dann hoffte er den Uferpfad erreicht zu haben. Er ſtieg angeſtrengt aufwärts; die Höhe war ſteiler und be⸗ deutender, als er ſie anfangs geſchätzt hatte; die lang ver⸗ ſchlungenen Nankenzweige der Brombeerbüſche legten ſich wie Schlingen über den Boden und zerritzten ihm durch den Stie⸗ fel hindurch den Fuß mit ihren ſcharfen Dornen. Endlich. hatte er das Hinderniß mit blutenden Händen und Füßen überwunden und ſah ſich auf der Höhe. Er ſchritt raſch über den Kamm derſelben hin, um jenſeits hinabzuſteigen. Plötzlich aber mußte er innehalten, denn er ſtand an einem Abſturze, und unter ſich hörte er die Rhone dahin brauſen, doch ſo, daß er ſie nicht einmal ſah, weil der Felſen weit über die Strömung hinüberhing. Es blieb ihm daher nichts übrig, als umzuwenden und die Richtung der Höhe ſtromab⸗ wärts zu verfolgen. Zu ſeiner großen Beunruhigung ent⸗ deckte er keinen betretenen Pfad, befand ſich alſo noch nicht 4— 54— auf der Bahn, wo er der Geliebten begegnen mußte. Indeß blieb ihm nichts Anderes übrig, als auf dem Kamm des ſtei⸗ len Ufers entlang zu gehen. Es bedeckte ſich jetzt mit dich⸗ tem Kieferngebüſch; dies beunruhigte ihn zu Anfang eben⸗ falls, weil ihm der Blick in die Ferne geraubt wurde. Doch zu ſeinem Troſt bemerkte er, daß nach und nach der Boden betretener wurde und unerwartet in einen viel benutzten Pfad überging. Dies mußte durchaus der Weg ſein, den Paul bezeichnet hatte. Ludwig verfolgte ihn daher mit angeſtreng⸗ teſter Eile. Darüber vergaß er, auf das Brauſen des Stroms zu achten, und erſt nachdem er eine ſtarke Viertelſtunde vor⸗ wärtsgegangen war, bemerkte er die tiefe Stille rings um⸗ her, die ihn fürchten ließ, daß er ſich wiederum weiter von dem Ufer entfernt haben müſſe. Zum Glück lichtete ſich je⸗ doch das Gebüſch, deshalb eilte er nur um ſo haſtiger vor⸗ wärts, weil er, ſobald er nur das Freie erreicht hätte, ge⸗ wiß zu ſein glaubte, Bianca ſehr bald aufzufinden. Kaum aber geſtatteten die niedrigen Büſche einen Blick in die Ferne, als er zu ſeinem größten Schrecken ſich wieder weit ab von der Rhone ſah und zwiſchen ſeinem Wege und dem Strom eine breite Strecke ebenen Landes entdeckte. Der täuſchende Fluß wich hier abermals durch eine weite Krümmung von ſder Bahn ab. Ohne Bedenken ſchlug ſich daher Ludwig, faſt außer ſich vor innerm Unmuth und Sorge, zur Rech⸗ ten und eilte querfeldein dem Rhoneufer zu. Athemlos er⸗ reichte er es nach zehn Minuten und ſtieß auch ſogleich auf einen betretenen Pfad, der der Krümmung des Fluſſes von der Stadt her zu folgen und auch weiter hinauf am Rande deſſelben hinzuleiten ſchien. Er ſah nach der Uhr. Volle zwei Stunden war er jetzt auf dem Wege und doch nicht weiter als eine gute halbe Stunde von der Stadt entfernt. Einzelne Gruppen von Brombeer⸗ und Hollundergebüſchen 8 ——— 3 ——— 55— 4 fanden ſich von Zeit zu Zeit am Ufer; ſie waren zweifels⸗ 3 ohne bequeme Punkte für die Frauen geweſen, um die nach⸗ folgenden Männer zu erwarten. Aber ob ſie jetzt, da ſchon die Dämmerung hereinbrach, noch harren würden? Ob ſie den Punkt, um Ludwig zu erwarten, an dem Orte, wo er ſich jetzt befand, oder vielleicht dicht hinter ihm gewählt hat⸗ ten? Das waren zwei Fragen, die ihn mit banger Unge⸗ wißheit quälten. Indeß zauderte er nicht, ſich zu entſchei⸗ den. Er wollte wieder ſo weit zurückeilen, bis er gewiß ſein durfte, daß der Punkt des Zuſammentreffens nicht mehr zwi⸗ ſchen ihm und der Stadt liege. Dann konnte er wenigſtens mit Sicherheit ſeinen Weg vorwärts richten. So ſchnell es ihm daher irgend möglich war, ging er der Stadt zuz in jedem nächſten Buſch hoffte er die Theure zu entdecken; im⸗ mer täuſchte er ſich. Jetzt ſah er etwas Weißes ſchimmern; ſie mußte es ſein! Vergebene Hoffnung, es war ein Stück Linnen, das zum Bleichen am Abhang eines Raſenhügels ausgeſpannt zwiſchen den kaum belaubten Büſchen hindurch⸗ 4 4 ſchimmerte. Nunmehr war er der Stadt ſo nahe, daß Bianca unmöglich ſchon hier angehalten haben konnte. Da beweg⸗ ten ſich, wie er in der grauenden Dämmerung unterſchied, zwei Geſtalten im nächſten, etwa hundert Schritte entfern⸗ ten Gebüſch. Sein Herz ſchlug freudig empor; er eilte nä⸗ her. Es waren Frauen, ſie trugen hohe Reiſehüte, er ſah ein weißes Tuch ſchimmern. O Himmel, ſie iſt es, jauchzte ſein Herz aus tiefſter Hoffnungsloſigkeit wieder in ſeliger Freude auf. Als er ihnen näher gekommen war, ſah er, daß ſie im Geſpräch vertieft, den Blick aufwärts nach den mit Schnee bedeckten Bergſpitzen gerichtet hatten, die, da die Sonne ſchon verſunken war, kalt, leichenähnlich, gleich blaſ⸗ ſen Geſpenſtern in den dunkelnden Horizont emporragten. Paul war nicht bei den Frauen, uͤberdies ihre Haltung durch⸗ 4— 56— aus gleichgiltig und ruhig; das machte Ludwig ſehr zweifel⸗ haft. Jetzt wandten ſie ſich, durch ſein haſtiges Heranſchrei⸗ ten aufmerkſam gemacht, um. O Himmel, er ſah, daß er ſich völlig getäuſcht hatte! Wie niedergeſchmettert ſtand er daz kaum vermochte er ſich ſo weit zu faſſen, daß er ſie anredete und fragte, ob ſie nicht zwei Damen in Begleitung eines Dieners geſehen hät⸗ ten. Die Eine verneinte es, die Andere erinnerte jedoch dar⸗ an, daß ſie vor einer Stunde bei ihrem Spaziergange im Thal weiter aufwärts in der Ferne zwei Damen in Beglei⸗ tung eines Mannes geſehen hätten, die ihren Weg der Rhone entgegen nahmen. Ludwig dankte haſtig für die Nachricht, und glücklich, nun wenigſtens ein Zeichen gefunden zu haben und zu wiſſen, wohin er ſich wenden müſſe, ſtürzte er wie⸗ der zurück, dem Lauf des ſchäumenden Stromes entgegen. Die Angſt der Eile gab ihm Flügel. Bald hatte er die Stelle wieder erreicht, von wo er ausgegangen war; er ver⸗ folgte jetzt den Uferpfad raſtlos weiter. Doch nun war es in dieſem tiefen, von beiden Seiten durch die hohe Alpen⸗ mauer eingeſchloſſenen Thale bereits völlig dunkel und unter einer Stunde keine Hoffnung da, daß das Mondlicht dem Wanderer zu Hülfe kommen werde. Schauerliche Einſam⸗ keit umgab ihn; die Gegend wurde bald rauh und wild. Die Bergmaſſen thürmten ſich immer ſchroffer und koloſſaler empor; die Zinnen der Schneehörner glänzten hoch über den dunkeln Felsmauern. Neißend ſchoß die Rhone neben ihm dahin und krönte ihre ſchwarzen Wellen mit ziſchendem Schaum. Jetzt wurde das Ufer durchaus ſteil und bald dar⸗ auf hing der Fels ſogar drohend weit herüber. Ludwig er⸗ kannte, daß er hier an der Stelle ſei, wo er vor länger als einer Stunde auf der Höhe ſtand; der Pfad ſchmiegte ſich unter dem gewölbten Felſen hindurch. Vielleicht war Bianca — — eben in dem Augenblicke mit bangem, trauerndem Herzen un⸗ ten vorübergeſchritten, während er droben in tödtlicher Angſt ſtand und nichts hörte als den tobenden Strom, der hier wild durch das ſteile Geklüft brach. Der Weg wurde ſehr beſchwerlich, ja, bei der immer tiefer dunkelnden Nacht gefahrvoll. Denn er klimmte bald ſteil an den Felswänden hinauf, bald ſenkte er ſich jäh wieder abwärts. Ludwig freute ſich faſt dieſer Gefahren und Mühſeligkeiten, weil er hoffte, Bianca werde dadurch ſo aufgehalten worden ſein, daß er ſie bald erreichen müſſe. Mit rüſtiger Kraft drang er vorwärts, obwol ſeine Hände bluteten, und auch die von dem haſtigen Lauf glühend brennenden Füße ihn bei jedem Schritte heftig ſchmerzten. Eine volle Stunde dauerte dieſer beſchwerliche Weg; da zog er ſich entſchieden die Höhe hinan, und bald ſah ſich Ludwig auf dem Rücken eines Hügels, wo jedoch die Spur des Pfades ihm theils auf felſigem Gerüll, theils in niedrigem Buſchwerk verſchwand. Jetzt faßte ihn die Angſt der Ungewißheit aufs Neue; denn wie leicht konnte er hier vollends die Richtung verfehlen und bei der Wild⸗ heit des Thales in ganz unwegſame Gegenden gerathen! Zwar tröſtete ihn der Gedanke, daß die Hauptrichtung des Weges keine andere ſein konnte, und er daher vielleicht am nächſten Morgen einzubringen im Stande war, was er heut verſäumte; doch welche Pein der Beſorgniß mußte er bis da⸗ hin erdulden! Etwas war jedenfalls gewonnen, wenn er ſo viel als möglich vorwärts eilte; er behielt daher im Allge⸗ meinen, ſo gut es ſich thun ließ, die Richtung bei und gönnte ſich nicht Raſt noch Ruhe. Abermals verging eine Stunde. Da ſchimmerte ihm ein Licht entgegen; er war einer Hütte nah, der erſten menſchlichen Wohnung, die er bis jetzt auf ſeinem Pfade angetroffen hatte. Ein ſüßes Ge⸗ fühl der Ahnung ſagte ihm, dort werde er die Geliebte tref⸗ 32 9 — 58— fen, denn weiter konnte ihr ſchwacher Fuß ſie unmöglich ge⸗ führt haben. Haſtig ging er dem freundlichen Glanze des Lichtes entgegen; in wenigen Minuten hatte er das Haus erreicht. Er pochte. „Wer iſt da?“ ließ ſich eine rauhe männliche Stimme vernehmen, und zwei ſchwere Holzſchuhe klappten im langſa⸗ men Takt auf dem Boden heran. „Ein verirrter Wanderer,“ entgegnete Ludwig. „Schon gut, Freund, ich werde gleich öffnen,“ antwor⸗ tete es drinnen. Sein Herz ſchlug heftig in der athemloſen Bruſt; jede Secunde, die bis zum Offnen der Thür verging, ſpannte ihn auf eine unbeſchreibliche Folter der Angſt. Der Riegel wurde endlich zurückgeſchoben, und ein Greis mit ſilberweißem Haar und Bart ſtand, von einem flammen⸗ den Holzſpan, den er in der Hand hielt, ſeltſam beleuchtet, vor ihm und hieß ihn freundlich willkommen. „Habt Ihr keine andern Gäſte bei Euch, guter Vater?“ fragte Ludwig. „Keine Seele,“ erwiderte der Greis;„wer ſollte auch hierher in die Wildniß zu mir armem, altem Mann kommen! Ich fürchte nicht einmal böſe Gäſte, denn bei mir iſt nichts zu finden, was einen habſüchtigen Sinn reizen könnte. Aber wer ſeid Ihr, lieber Herr, und wie kommt Ihr ſo ſpät in der Nacht noch hierher?“ Es dauerte einige Augenblicke, bevor Ludwig, von ſeiner nun völlig fehlgeſchlagenen Hoffnung faſt betäubt, zu antwor⸗ ten vermochte. „Ich bin im Gebirge verirrt; ich bin von den Meini⸗ gen, um die ich noch in der größten Sorge ſchwebe, ab⸗ gekommen. Sie wollten von Brieg aus das Thal an der Rhone hinauf, ich folgte ihnen nach und bin, ohne eine — y— — 50— Spur von ihnen zu treffen, hier endlich auf die erſte menſch⸗ liche Wohnung geſtoßen, wo ich ſie durchaus vermuthen mußte, da meines Wiſſens nirgend ein Weg zur Seite möglich war!“ „Doch, doch,“ erwiderte der Greis;„der Hauptweg im Thale führt am andern Ufer der Rhone entlang; aber Ihr habt vermuthlich in der Dunkelheit den Steg, der über das Waſſer leitet, nicht bemerkt. Dieſer Pfad verliert ſich hier in unſrer Wildniß.“ „Könnt Ihr mich auf den rechten Weg führen, guter Vater?“ rief Ludwig lebhaft.„Ich will's Euch reichlich be⸗ lohnen.“ „Morgen früh recht gern, mein lieber Herr,“ entgegnete der Alte;„aber heute Abend vermögen es meine ſchwachen müden Glieder nicht mehr, denn der Weg iſt im Finſtern äußerſt gefährlich, ſelbſt für die beſten Bergſteiger, die ihn genau kennen. Hinanwärts geht es noch, aber hinunter, wo wir ſteil bergab müſſen, iſt es gar nicht zu wagen.“ Ludwig wäre, ſo erſchöpft er ſich fühlte, mit Freuden die ganze Nacht hindurch gewandert; doch ein Blick auf den ſchwachen, zitternden Greis überzeugte ihn, daß er das Un⸗ mögliche von demſelben verlangen würde, wenn er ihn bere⸗ det hätte, ihn gleich zu geleiten. Er nahm daher die gaſt⸗ liche Einladung, die Nacht in der Hütte zuzubringen, an, und folgte dem gutmüthigen Wirthe in die kleine, enge, von dem brennenden Holzſpan düſter erleuchtete Stube. „Es thut mir nur leid, daß mein Sohn nicht daheim iſt,“ ſprach der Alte,„der würde beſſer für Euch ſorgen kön⸗ nen. Aber er kommt erſt morgen Abend von Sion zurück, wo er zur Hochzeit ſeiner Baſe geladen iſt. So müſſen wir uns denn ſchon allein behelfen.“. „Lieber Vater,“ ſprach Ludwig,„ich bedarf nur der — 60— Ruhe, und die würde mich doch fliehen, ſelbſt wenn ich hier das üppigſte Lager fände. Das Einzige, was ich Euch bit⸗ ten will, iſt, daß wir morgen recht zeitig aufbrechen.“ „Das wollen wir,“ ſprach der Greis,„denn von drei Uhr an leuchtet uns der Mond ſchon; aber nehmt jetzt mit 1 einem Stück ſchwarzem Brot und Alpenkäſe vorlieb; auch ei⸗ nen Trunk Milch kann ich Euch geben. Heute früh hatte ich noch einen Reſt Wein, den habe ich aber wahrlich ſchon ſelbſt getrunken.“ Ludwig genoß das ländliche Mahl mit dem Alten. Es würde ihm herrlich gemundet haben, wenn nicht Schmerz und bange Sorgen ſein Herz erfüllt hätten. Indeſſen wider Wil⸗ len gaben ihm Ruhe und Speiſe friſche Kräfte und damit zugleich heitere Hoffnungen zurück. Er empfand bald die große körperliche Ermüdung, die ſein angeſtrengtes raſtloſes Eilen auf beſchwerlichen Pfaden, das über fünf Stunden gedauert hatte, nach einer faſt ſchlafloſen Nacht und der ge⸗ ſtrigen Tageswanderung wohl erzeugen mußte. So erſchien das Lager von duftendem Alpenheu, welches der freundliche Alte bereitet hatte, ihm ſehr willkommen, und er ſank bald in tiefen Schlaf, der, wie unruhige Träume auch durch ſeine Seele zogen, ihn doch zu der neuen mühſeligen Wanderung ſtärkte. Sechstes Capitel. An Bianca'’s Seite hatte ihn der täuſchende Traumgott geführt, und er wähnte, ſich mit ihr in lieblichen Auen zu ergehen, als die Stimme ſeines Wirthes ihn erweckte. 61— „Es wird Zeit, lieber Herr; eben iſt der Mond über die Simplonhörner heraufgekommen und leuchtet ins Thal. Wenn Ihr Eile habt, ſo wollen wir jetzo den Weg an⸗ treten.“ Ludwig hörte die Worte des Alten noch halb in ſeine Träume hinein. Er konnte ſich nicht beſinnen, wo er war, denn aus den blühenden Fluren Italiens, aus dem heiter⸗ ſten Sonnenglanz, der ſein ſchlummerndes Auge umgeben hatte, ſah er ſich jetzt, da er es aufſchlug, in einen düſtern engen Raum verſetzt, wo das Mondlicht ſeltſam mit dem Schimmer des dunkel glimmenden Holzbrandes kämpfte. Erſt als ihm der Greis die Hand reichte, um ihn emporzurichten, und ihm jetzt die volle Mondſcheibe durch das kleine Fenſter der Hütte gerade entgegenglänzte, gewann er ſeine völlige Be⸗ ſinnung wieder und antwortete auf die freundliche Ermunte⸗ rung:„Gleich, guter Vater, ich war noch halb im Traume; gleich.“ Mit dieſen Worten ſprang er auf und war in wenigen Augenblicken zur Reiſe gerüſtet. „Wollt Ihr nicht ein wenig frühſtücken, lieber Herr?“ fragte der Alte,„ich habe etwas Milch gewärmt. Der Mor⸗ gen iſt kühl, es könnte Euch leicht übel zu Muthe werden, wenn Ihr nüchtern ins Freie wolltet. Ein warmes Getränk iſt immer wohlthätig, wenn es auch noch ſo gering ſein mag.“ 3 Ludwig fand ſich durch die treuherzige Fürſorge des Al⸗ ten faſt gerührt; er nahm gern von dem dargebotenen Früh⸗ ſtück an, gönnte ſich jedoch nur wenige Augenblicke dazu, in⸗ dem die geſtrige Unruhe ſich ſchon wieder ſeiner ganzen Seele bemeiſtert hatte. Der Alte ſchloß die Hütte nicht ab, als ſie hinausgin⸗ . gen.„Hier nimmt uns Niemand etwas,“ ſprach er,„wir 5 — 62— ſchieben nur Nachts, wenn wir daheim ſind, den Riegel vor, damit nicht etwa ein wildes Thier eindringe, denn es gibt gar böſe Wölfe hier in den Bergen.“ Der Mond leuchtete ihrem Pfade hell genug; bald fing auch der Tag ſchon an zu grauen. Ludwig mußte geſtehen, daß der Weg abwärts allerdings ſehr gefährlich war, denn ſelbſt jetzt, wo man doch wenigſtens ſehen konnte, wohin man den Fuß ſetzte, war Vorſicht nöthig. Doch ſchien ihm ſein Führer zu behutſam, zu bedenklich; zumal aber an ebenen Stellen des Weges machte ihn der altersmüde, langſame Schritt deſſelben ungeduldig; indeſſen ſah er wohl ein, daß er ſich ihm ſchon bequemen müſſe. Nachdem man faſt zwei Stunden gewandert war, ſprach der Greis:„Seht Ihr, mein Herr? Das iſt dort der Steg über die Rhone.“ Ludwig ſah in einiger Entfernung zwei ſtarke ſehr lange Baumſtämme ohne Geländer quer über den Strom gelegt. Er erkannte jetzt die Stelle an einigen ſeltſam gebildeten Fels⸗ blöcken, die ihm geſtern aufgefallen waren, wieder, hatte aber in der Dunkelheit den Steg nicht bemerkt, ſondern ihn nur für eine halb aus der Wurzel gelöſte Fichte, die ſtark nach dem Waſſer überhänge, gehalten, wie ſich deren mehrere auf dem Wege fanden. Daß der Pfad ſich hier ſcheide, war gar nicht zu bemerken geweſen, denn beim Näherkommen ſah Ludwig, daß man, um nach dem Stege zu gelangen, recht⸗ winkelig ausbiegen und alsdann einige ſteile Felsſtufen ab⸗ wärts ſteigen mußte, die in der Dunkelheit gar nicht als ein ſich abzweigender Weg zu erkennen waren. Ludwig wollte ſeinen Begleiter eben fragen, ob er ſich auch mit Gewißheit zu behaupten getraue, daß der Weg jen⸗ ſeit der Rhone der einzige ſei, den die Reiſenden, die er auf⸗ ſuche, einſchlagen konnten, als ein Gegenſtand, auf den ſeor — — Auge fiel, ihn mit einem freudigen Erſtaunen erfüllte. Er gewahrte nämlich an einem Baumzweige, gerade an der Ecke, wo die Felsſtufen abwärts zur Rhone führten, ein roſenfar⸗ benes Band, das im Morgenwinde hin⸗ und herflatterte. Eine ſelige Ahnung durchbebte ſeine Bruſt; er eilte auf das Gebüſch zu und erkannte mit Entzücken, daß eine Schleife von Bianca's Gewand daran geknüpft war. „d daß die Nacht mir geſtern dieſes holde Zeichen ver⸗ barg!“ rief er aus, und eine Thräne drang ihm ins Auge. „Ja, ſie trennte ſich ungern von mir, ſie wollte meine Schritte leiten, damit ich ſie nicht verfehlen ſollte.“ Er knüpfte das Band von dem Baume los und legte es in ſeine Brieftaſche. Freudigen Muthes ſchritt er nunmehr weiter. Doch jenſeit des Steges, der über die ſchäumenden Wellen der Rhone leitete, fragte ihn der Greis:„Wohin ſoll ich Euch aber jetzo führen, lieber Herr?“ „Je nun, das Thal entlang; ich meine, es gebe nur einen einzigen Weg,“ antwortete Ludwig. „Das wohl!“ entgegnete der Greis,„allein Ihr ſagtet mir geſtern, Euer Freund hätte über das Gebirge tiefer in die Schweiz hinein gewollt. Da haben wir nun freilich eine große Wahl, denn es führen hier viele Steige über die Al⸗ penkette ins Berner Oberland hinein. Es iſt die Frage, welchen Ihr wählen wollt.“. Ludwig ſtand unentſchloſſen ſtill. Plötzlich dachte er, ſie wird mich nicht ohne ein ferneres Leitungszeichen laſſen. „Nur vorwärts,“ ſprach er,„macht mich nur aufmerkſam, ſo⸗ bald ein Pfad ſich abzweigt, ich werde mich dann ſchon ent⸗ ſchließen.“ Sie gingen. Bald befanden ſie ſich auf einer Straße, die ſich für Gebirgswagen und Maulthiere ſehr wohl benutzen ließ. Ludwig war es hauptſächlich um ſchnelles Vorwärts⸗ — 64— kommen zu thun, der Greis aber vermochte nur im lan ſa⸗ zu th. men gewohnten Schritt zu gehen. Nach einiger Zeit, da man ſchon mehreren jungen Landleuten begegnet war, die rüſtigere Führer hätten abgeben können, fing daher der Alte ſelbſt an:„Lieber Herr, ich ſehe wohl, Ihr möchtet gern ra⸗ ſcher fort, als ich vermag. Wollt Ihr Euch nicht lieber ei⸗ nen jüngern Führer nehmen? Wir werden hier gleich an einen Meierhof kommen, wo ich bekannt bin und Euch leicht einen Boten verſchaffen kann, der von hier bis Bern oder Zürich genau Beſcheid weiß.“ Ludwig, der nur aus Gutmüthigkeit gegen ſeinen red⸗ lichen Begleiter den Vorſchlag noch nicht ſelbſt gemacht hatte, nahm das Anerbieten freudig an und ſprach:„Es ſoll drum Euer Schade nicht ſein, guter Vater; aber die Eile iſt mir ſo wichtig, daß ich im Nothfall allein weiter gegangen wäre, um nur ſchneller fortzukommen. Denn ich muß meine Freunde durchaus noch heute einholen.“ „Da kommt der Joſeph wahrhaftig ſelbſt,“ unterbrach der Greis ihn durch eine frohe Ausrufung und deutete auf einen jungen Mann, der, einen Korb auf der Schulter tra⸗ gend, eben des Weges daherkam. „Ei, Seppi,“ rief er ihn von Weitem an,„willſt Du den Herrn geleiten? Er will übers Gebirg.“ „Gar gern,“ erwiderte mit kräftiger Stimme der junge Burſch;„wenn ich nur meine Laſt hier los wäre; aber ich muß damit nach Brieg hinein!“ 1 „Ei was,“ rief der Alte,„her damit, ich trage ſie in die Stadt, und Du führſt den Herrn weiter.“ Joſeph lud dem Alten den Korb auf, den dieſer auf gewohnten Schultern ohne Mühe trug. Ludwig nahm herz⸗ lichen Abſchied von dem biedern Greiſe und beſchenkte ihn ſo reichlich, daß derſelbe in die freudigſten Dankſagungen 8 ausbrach, die er gewiß nicht ſo bald geendet haben würde, wenn Ludwig nicht in ſeiner Eil dieſelben durch die Fort⸗ ſetzung ſeines Weges unterbrochen hätte. Sein Erſtes war jetzt, den neuen Begleiter auszufragen, ob er nicht Spuren von Denen bemerkt habe, die er aufſuche. Joſeph verneinte es. Ludwig hatte jetzt die Aufgabe, ſeinen Begleiter dar⸗ über auszuforſchen, welchen Weg wol Reiſende, die ihre Straße eilig fortzuſetzen und wenig bemerkt zu ſein wünſch⸗ ten, genommen haben könnten, um am leichteſten üͤber das Gebirg und die befahrne Landſtraße, die nach Deutſchland führte, zu gelangen. Es war ſchwer, ohne den Zuſammen⸗ hang der Verhältniſſe zu verrathen; endlich erſann er ſich, um jeden Verdacht von Bianca und den ſie Begleitenden fernzuhalten, folgende Fabel. Er äußerte vertraulich zu Joſeph:„Ich will Dir nur gerade heraus geſtehen, guter Freund, daß eine heftige Neigung zu einer jungen Dame, wahrſcheinlich eine Engländerin, mit der ich von Italien aus zu gleicher Zeit über den Simplon reiſte, mich zu ſolcher Eile antreibt. Ich erfuhr zu Brieg, daß ſie trotz der fru⸗ hen Jahreszeit den Entſchluß gefaßt habe, mitten durch das Gebirge zu reiſen, um deſſen wilde Schönheiten kennen zu lernen. Da jedoch ihre Reiſe anderweitig große Eil erfordert, ſo wollte ſie denjenigen Weg einſchlagen, wo ſie ihren Zweck mit möglichſter Zeiterſparniß ausführen und nachher Deutſch⸗ land auf dem nächſten Wege erreichen könnte. Ich wagte es nicht, mich ihr als Begleiter anzutragen, da ſie nur eine ältere Dienerin und einen Diener bei ſich hatte, übrigens aber von keinem Verwandten begleitet wurde, ſondern, wie die Engländerinnen einmal ſind, abenteuerlich als ihre eigne Führerin und Gebieterin umherſtreift. Indeſſen war mein VWunſch, ihr Gefährte auf der Reiſe zu ſein, ſo groß, daß 5 — 66— ich feſt beſchloſſen hatte, ihr unbemerkt zu folgen und mich dann im Gebirge, wenn die Wege ſich nicht mehr ſo leicht ſcheiden, wie zufällig zu ihr zu geſellen. Ob ſie meine Ab⸗ ſicht errathen hatte und ſie vereiteln wollte, oder ob es ſonſt in ihrer abenteuerlichen Weiſe lag, weiß ich nicht, aber ſie verließ Brieg geſtern Nachmittag während ich einen kleinen Spaziergang machte, obwol ſie gegen mich geäußert hatte, ſie werde erſt am andern Morgen aufbrechen. Ich weiß nun weiter nichts, als daß ſie dieſen Weg an der Rhone einge⸗ ſchlagen hat; davon aber habe ich zuverläſſige Spuren. Nun rathe mir, Freund, was ſoll ich beginnen, um ſie aufzu— finden? Wenn es mir gelänge, würde ich Dich reichlich für Deinen Dienſt beſchenken.“ „Ei, mein lieber Herr, das iſt freilich eine ſchwere Sache, Jemanden aufzuſuchen, von dem man nicht weiß, welchen Weg er genommen hat. Denn wir können hier gar mancherlei Pfade einſchlagen. Wenn wir bei Naters, das dort unten vor uns liegt, über die Berge gehen, ſo könnten wir an der Jungfrau vorbei ins Oberland kommen. Das wäre der nächſte Weg nach Bern, aber er iſt jetzo gar gefahrvoll und beſchwerlich, und ich glaube nicht, daß irgend ein Gemsjäger ihn leicht wagen würde. Drei Stunden weiter aufwärts, von Weſch aus, führt ein ähnlicher Pfad über den Kamm. Da würden wir die Jungfrau zur Linken laſſen und könn⸗ ten, wenn Gott uns behütet, nach Grindelwald gelangen. Aber es iſt auch ein Weg, den man wol im hohen Som⸗ mer macht, zur halben Winterszeit, wie jetzo, aber nicht. Dieſe Straßen alſo, glaube ich, wird die Dame nicht einge⸗ ſchlagen haben, denn dazu findet ſie ſchwerlich einen Führer. Nun gibt's noch einen Weg, die Maienwand herauf nach der Grimſel, oder wenn wir ganz im Rhonethal bleiben woll⸗ ten, ſo müßten wir über die Furka nach Realp, Hospital, — 67— und dann die Gotthardsſtraße hinunter. Das ſind die vier Hauptwege; wer aber klettern will und umherſtreichen und einen Umweg nicht ſcheut, der kann noch gar manchen an⸗ dern einſchlagen. Auf dieſen Schleifwegen wiſſen wir Land⸗ leute aber nicht Beſcheid, ſondern dazu gehört ein guter Ge⸗ birgsjäger, der ſich Tag und Nacht in den Bergen umher⸗ treibt. Jetzo im Frühjahr aber, lieber Herr, wo der Schnee noch gar hoch liegt, und überdies viele Lawinen ſtürzen, jetzo iſt's wahrlich nicht zu wagen. Ich glaube daher immer, die Engländerin wird entweder über die Grimſel oder die Furka ihren Weg genommen haben, und falls ſie Eile hat, iſt der letzte noch der beſte, denn er führt ſie zunächſt auf die große Straße nach Altorf und ſodann über Brunnen und Zug nach Zürich. Einen nähern Weg, um nach Deutſchland zu kommen, gibt es kaum. Die andern nehmen zwar eine ge⸗ rade Richtung, aber ſie ſind drum doch nicht die nächſten, weil ſie ſo gar mühſelig und gefahrvoll ſind. Und wenn uns vollends ein böſes Wetter überraſchte, ſo dürften wir leicht acht Tage im Gebirge liegen, ehe wir einen Fuß wei⸗ ter ſetzen könnten.“ Ludwig hörte dieſen nicht ſehr tröſtlichen Bericht im Gehen an. Er beſchloß bis zur Maienwand im Thale auf⸗ wärts zu wandern, ſich aber auf jeden Seitenpfad aufmerkſam machen zu laſſen, um zu ſehen, ob ihm Bianca nicht irgend ein neues Zeichen gegeben haben möchte. In kurzer Zeit erreichte man das Ortchen Naters, wo Bianca wahrſcheinlich übernachtet haben mußte. Ludwig zog genaue Erkundigungen ein, doch Niemand wußte ihm Be⸗ ſcheid zu geben. Als ſie vor den Ort hinaus an die Stelle kamen, wo der Pfad ins Gebirge links abführte, blickte er veergeblich nach einem flatternden Bande umher— es war keine Spur der Geliebten zu entdecken. So romantiſch das — 68— Thal war, in dem er wanderte, er erblickte die Schönheiten deſſelben nicht. Seine ganze Seele war mit Bianca beſchäf⸗ tigt, die er, ſo ſchien es jetzt faſt, eben ſo ſchnell und un⸗ vermuthet wieder verlieren ſollte, wie er ſie gefunden hatte. Jeden Wanderer, der ihm begegnete, befragte er, in vielen einzelnen Häuſern, die am Wege lagen, erkundigte er ſich— vergeblich. Noch bei guter Vormittagszeit gelangte er über Morill nach Weſch; aber umſonſt forſchte er überall nach einer Spur von Denen, die er ſuchte, umſonſt hoffte er ein Zeichen von Bianca aufzufinden. Er göͤnnte ſich kaum ſo viel Raſt, als ihm und ſeinem Führer zur Erquickung noth⸗ wendig war. Mit ſteigender Angſt und Trauer ſetzte er den Weg fort; der letzte bewohnte Ort, den er traf, war Urlichen. Es war Nachmittags um drei Uhr, als er dort anlangte. Zwölf volle Stunden dauerte jetzt ſeine Wanderung, und der Weg war oft ſehr beſchwerlich. Unbegreiflich ſchien es ihm, daß er auch nicht eine Spur der Geliebten fand. Weiter konnte ſie, ſelbſt bei großer Eile, kaum gelangt ſein; ja, wenn ſie auch die ganze Nacht hindurch ihre Flucht fortgeſetzt hätte, ſo mußte ſie doch den letzten Theil der Straße bei hellem Tage zurückgelegt haben und konnte, da bei ſo früher Jah⸗ reszeit reiſende Damen eine auffallende Erſcheinung ſein muß⸗ ten, gar nicht unbemerkt geblieben ſein. Faſt fing Ludwig daher an zu fürchten, daß ſie, um der Spur des Verfolgers ſo ſchnell als möglich zu entgehen, es gewagt haben möge, einen der gefährlichen Pfade über das Gebirg einzuſchlagen. Und nun hatte er nicht nur den Schmerz der Trennung von ihr zu ertragen, ſondern auch für ihr Leben mußte er fürch⸗ ten. Seine einzige, letzte Hoffnung war noch die, daß er an der Maienwand, wo der ſteile Pfad nach dem Hospitium auf die Grimſel emporſteigt, ein Zeichen vorfinden werde, das ihn einlade, dieſen Weg zu verfolgen, oder den auf den —— — 69— Gotthard fortzuſetzen. Seine erſchöpften Kräfte erlaubten ihm jedoch nicht, weiter zu Fuß zu wandern; er beauftragte da⸗ her Joſeph, zwei Maulthiere zu miethen, da dieſer ihm ſchon früher geſagt hatte, daß dergleichen in dieſem Orte zu haben ſein würden, wo die Reiſenden ſich derſelben häufig bedienen, um ſich das Erſteigen der ſchroffen Maienwand zu erſparen. Nach Verlauf einer halben Stunde, während welcher Ludwig raſch das Mittagsmahl einnahm, erſchien Joſeph mit zwei wohlgeſattelten Maulthieren und einem Führer für dieſelben, denn Ludwig wollte, um ſich nicht abermals einem Andern verrathen zu müſſen, ſeinen muntern Begleiter nicht ent⸗ laſſen. Sie ſetzten ſich auf und traten ihre Reiſe an. Bald erreichten ſie die Maienwand. Ludwig ſpähte nach einem ro⸗ ſenfarbnen Bande wie nach dem ßöſtlichſten Kleinod. Jeden Strauch, jedes Bäumchen betrachtete er mit ängſtlicher Auf— merkſamkeit; doch kein roſiger Schimmer wollte ſich zwiſchen den faſt überall noch geſchloſſenen Knospen des Grüns zeigen! Nun blieb ihm keine Wahl mehr. Die Theure hatte ihm auch hier keinen Wink gegeben, die Straße zu verlaſſen; war ſie daher noch vor ihm, ſo mußte ſie den Weg über den Gotthard gewählt haben. Von jetzt an begann die ein⸗ ſame Wildniß; nur wenige, jetzt verlaſſene, Sennhütten ent⸗ deckte man in dem noch faſt ganz mit Schnee bedeckten Thale. Zur Linken der Wanderer thürmte ſich der Eispalaſt des Rhonegletſchers, im Sonnenſtrahl tauſendfarbig funkelnd, empor; zur Rechten ſtiegen ungeheure Felswände auf, und vor ihnen ragten die beiden Schneepyramiden der Furka, mächtig aufſteigend, hoch in den reinen blauen Äther hinein. Das Thal war dem prachtvollen Eingangsthor in das ewig ſtarre, funkelnde Reich des Winters zu vergleichen, auf deſ⸗ ſen diamantenem Boden kein grüner Halm ſprießt, und der warme Sonnenſtrahl in ſeine ſieben kalten Farben zerſplittert. — 70— Ludwig entdeckte noch ein grünes Reis, das an einer ſonnigen Stelle des Felsabhanges zwiſchen den Steinſpalten wuchs und ſchon die zarten Blätter dem Licht entgegengebrei⸗ tet hatte. Er pflückte es, um noch ein Erinnerungszeichen von den letzten Grenzen des Frühlings mit hinein zu nehmen in die winterliche Wüſte. Das kaum entfaltete Grün war das Bild ſeiner bangen Hoffnung, deren Knospe ſich vor den ſteten, rauhen Berührungen des Fehlſchlagens auch ſchon faſt wieder geſchloſſen hatte. Wer weiß, dachte er, fallen die Blüten meiner Hoffnung nicht noch früher völlig ab, als dieſe kaum geöffneten Knospen welk an dem nahrungsloſen Reis herabhangen. Er ſteckte den Zweig an ſeinen Hut und, ſchweigend dem Führer folgend, ritt er vorwärts. Als ſie den hohen Schneepaß, über den der Weg durch aufge⸗ ſteckte Signalſtangen bezeichnet war, erreicht hatten und ſich nun mitten in der winterlichen Kälte am Fuße der beiden ſtarren Felskegel befanden, zwiſchen denen die berühmte Straße hindurchführt, da wandte ſich Ludwig noch einmal zurück. Die Sonne neigte ſich ſchon tief gegen die Berge und ſchoß ihre Strahlen nur noch eben über die blauen nebligen Höhen hinweg. So weit ſein Auge reichte, ſah er nur Schneefelder und Granitmaſſen. Sein Schmerz überfiel ihn mit gewalt⸗ ſamer Heftigkeit auf dieſem Kirchhofe der Natur. O güti⸗ ger Gott, flehte ſein Herz, laß ſie mich wiederfinden, ſie, die Einzige, die den reinen Hoffnungsſtrahl des Glücks in meine trauernde, tief verwundete Bruſt geworfen hat. Du haſt ſie mir geſendet, ungeahnet, ungehofft, gleich einer himm⸗ liſchen Erſcheinung aus deinem ſeligen Reiche; o laß ſie nicht wie ein Traumbild ſpurlos wieder verſchwinden, nimm ſie mir nicht, wie du ſie mir gegeben! Der rauhe Sturm, der ſich wild auf der nackten Höhe erhob und den Schnee in Wirbeln hoch aufjagte, war die 3 — 71— einzige Antwort, welche er auf die ſtumme Klage ſeiner Bruſt erhielt; denn hier drückt die Natur Niemanden an die warme, liebevolle Bruſt; nur gegen kalte Leichenſteine lehnt ſich der ermüdete Wanderer. Eben verſchwand auch die Sonne hinter einem Felsgipfel, und ein langer, kalt an⸗ hauchender Schatten fiel über das Schneefeld. „Weiter,“ ſprach Ludwig zu dem Führer und wandte das Maulthier um,„weiter!“ „Wir haben auch Eile nöthig,“ antwortete dieſer,„wenn wir An der Matt vor Nacht erreichen wollen. Es könnte leicht ſein, daß wir, wenn der Sturm anhält, beim Ka⸗ puziner in Nealp übernachten müßten.“ Sie ſetzten den Weg fort; Ludwig in ſtummes Brüten verſunken, die Führer, indem ſie ein Geſpräch in ihrem ſchwei⸗ zeriſchen Dialekt führten, von dem ein Fremder wenig zu ver⸗ ſtehen vermögend war, ſelbſt wenn er darauf gehört hätte. Der Sturm legte ſich, als man die Höhe erſt im Rü⸗ cken hatte. Man war bei guter Zeit in Realp, wo man ei⸗ nige Augenblicke bei dem Kapuziner, der dort, in kleiner Hütte wohnend, die Fremden gaſtlich mit Brot, Honig, Milch, Käſe und Wein bewirthet, anhielt. Die Spende wird unent⸗ geldlich gereicht; was der Reiſende dafür zahlen will, iſt ſein freies Geſchenk, und der würdige Vater, der in dieſer ſteten Einſamkeit ſeine Tage zubringt, empfängt es im Namen des Kloſters in einer Armenbüchſe. Auf Ludwigs Nachforſchung nach Bianca erhielt er den Beſcheid, daß am 17. October der letzte Reiſende dieſe Straße gezogen ſei, und zur Beſtã⸗ tigung legte der Mönch ihm das Buch der Fremden des vo⸗ rigen Jahres vor. Damit war ſeine letzte Hoffnung ver⸗ ſchwunden; er ſeufzte tief, bekämpfte mühſam ſeine Thrä⸗ nen und ſtand auf, um zu gehen.„Der himmliſche Vater gebe Euch Troſt und Segen,“ ſprach der Mönch; — 4 68 8 — 72— Ihr ſcheint nicht froh!“ Dabei reichte er ihm die Hand wohlwollend dar. Ludwig drückte ſie ſtumm und verließ die kleine Zelle haſtig. 7 Als er wieder ins Freie trat und der rauhe Wind den Schnee ringsum aufwirbelte, kam es ihm einen Augenblick vor, als würde er beruhigenden Frieden in der tiefen Ein⸗ ſamkeit dieſes traulichen Wohnorts finden, wo er Zeit hätte, nur ſeinen Träumen nachzuhängen, nur in der Welt des Gedankens und des Gefühls zu leben, unbekümmert um das Schickſal der Erdenbewohner, die draußen in ſtetem Sturme der Ereigniſſe unſtät auf und nieder ſchwanken. Doch wie, dachte er, könnteſt du denn hier dem Sturme entfliehen, der ſich in deiner eignen Bruſt erhebt? Wohnen nicht in der Seele auch des Einſamſten alle die gefährlichen Keime, die plötzlich zu Giftpflanzen aufſchießen, wenn der Feind ſie tückiſch heraustreibt? Und wer iſt der Feind des Menſchen, als er ſelbſt?— Nein, auch das wäre eine Täuſchung! Gedankenvoll ritt er vor ſich hin. Man befand ſich jetzt in dem einſamen Urſerenthal auf der Höhe des Gotthard, das im Sommer einem grünen Wieſenſtrome zwiſchen hüge⸗ ligen Schneeufern gleicht, jetzt aber ganz in das Leichen⸗ tuch des Winters gehüllt war. Allgemach fing es an zu dunkeln. Wiederum erhob ſich ein rauher Sturmwind und kräuſelte die Schneeflocken hoch auf. Es wurde kalt. Jetzt begann Ludwig endlich ſeine große Erſchöpfung zu empfinden, und der Körper machte das Bedürfniß nach Ruhe geltend. Mit einer Art von Ver⸗ druß über ſich ſelbſt empfand er, daß das Erreichen einer Herberge, daß ein behagliches Nachtlager unbemerkt zu einem dringenden Wunſche in ihm geworden war, der neben der tiefen Sehnſucht ſeines Gemüthes Raum fand. Die An⸗ zurückgelegt!“ bereit und/ lud ihn ein, in das wohlgeheizte, erwärmte Ge⸗ aus der tiefen Ode und ſchauervollen Wildniß, in der er den ganzen Nag zugebracht hatte, ſich plötzlich in die bequemen — 73— ſtrengungen der letzten Tage waren aber auch faſt unglaublich geeeſen, und ſchwerlich möchte ſonſt jemals ein Reiſender die Wegſtrecke in einem Tage zurückgelegt haben, welche ſich zwiſchen Ludwigs letztem Nachtlager und An der Matt, dem Ziele ſeiner heutigen Wanderung, ausdehnte. Durch den kalten Nebel, der ſich auf das Thal herab⸗ ſenkte, und durch die dichten Schleier, mit denen die Nacht es umgab, ſchimmerte von Zeit zu Zeit, wie der Sturm das Gewölk zerriß, ein Lichtſchimmer von erleuchteten Fen⸗ ſtern hindurch, die dem Wandernden als Leitſtern dienten. Endlich erreichte er Häuſer, und nach wenigen Minuten hielt er vor einem anſehnlichen Gebäude, deſſen unteres Ge⸗ ſchoß von hellen Lichtern glänzte. Siebentes Capitel. „Gott ſei Dank,“ rief Joſeph,„daß wir angelangt ſind! Es war kein kleines Tagewerk. Ich bin ſonſt auch nicht der Schwächſte, aber wir haben heut ein gut Stück Weges Der Maulthierführer half Ludwig vom Sattel ein dienſtfertiger Kellner war ſchon zu derſelben Hülflei mach zu /treten, wo ſchon einige andere, ſo eben erſt ein⸗ getroffen Gäſte beim Nachteſſen verſammelt ſeien. Es machte einen eigenthümlichen Eindruck auf Ludwig, — 4— Geleiſe des geſelligen Lebens, des muntern Verkehrs zurück⸗ geführt zu ſehen. Denn er trat in einen gaſtlichen, geräu⸗ migen Saal, in welchem er eine gedeckte Tafel fand, auf der eine Anzahl von Kerzen hell und einladend ſchimmerte. Am obern Ende, dem Ofen zunächſt, ſaßen drei Reiſende, denen man ſo eben das Abendeſſen aufgetragen hatte. „Die Herren haben ſich bereits zu Tiſch geſetzt,“ ſprach der Kellner;„iſt Ihnen gefällig, mein Herr, ſogleich an der Mahlzeit Theil zu nehmen, oder wünſchen Sie zuerſt auf ein Zimmer geführt zu werden, um ſichis bequem zu machen?“ Ludwig, welcher keine Reiſebequemlichkeiten weiter bei ſich trug, ſondern ſo, wie er ging und ſtand, fertig war, hätte auf dieſe Behaglichkeit verzichten müſſen, wenn es ihm auch nicht angenehm geweſen wäre, ſogleich zu Nacht zu eſſen, um nachher ſchnell zur Ruhe gehen zu können. Er näherte ſich daher den Fremden und begrüßte ſie, indem er Platz nehmen wollte, jedoch ohne ſie anzureden. Sie erwiderten ſeinen Gruß mit einer ſo zuvorkommenden Gefälligkeit, daß er ſich ſchon dadurch wohlthuend berührt fühlte. Er faßte die Gäſte näher ins Auge. Es ſchienen ihrer Tracht und ihrem gebräunten Antlitz nach Offiziere zu ſein. Zwar hatten ſie ihn franzöſiſch angeredet, doch zeigten ſie etwas in ihrem Weſen, das einer andern Nation ähnlich Zwei, von denen der Altere etwa ſechsunddreißig, der re einige zwanzig Jahre zählen mochte, hatten ſchwar⸗ aar und kurze, ſchwarze Knebelbärte; der Dritte war blondlockig und friſch von Farbe. Ludwig ſetzte. ſich und ſuchte, ſeiner Stimmung Gewalt anthuend, die heitere Höflichkeit der Fremden zu erwidern.„Kommen die Herren aus Italien, oder wollen Sie dahin?“ fragte er. „Unſer Weg,“ erwiderte der Ältere, deſſen hohen Wuchs und man hätte ſagen mögen, königliches Anſehen ih m etwe — 75 8 Gebietendes gaben,„unſer Weg führt uns hoffentlich weit nach Norden. Vorläufig wollen wir jedoch nach Deutſch⸗ land, und zwar nach Dresden, wohin der franzöſiſche Kai⸗ ſer ſich in dieſen Tagen begeben wird.“ „Der Krieg ſcheint alſo gewiß?“ fragte Ludwig. „Wir hoffen es,“ ſprach der Fremde mit einem Ton der Stimme, der mehr ausdrückte als die gewöhnliche Freude eines Soldaten, welcher beim Beginn eines Feldzugs eine Reihe glänzender Thaten und Hoffnungen unbeſtimmt in der Zukunft ſchimmern ſieht. Ludwig ſchwieg. Sein deutſches Herz ſah mit unwilli⸗ ger Wehmuth die Scharen fremder Krieger aufs Neue ſein Vaterland überſchwemmen; doch ſagte ihm die unabweisbare Richterſtimme der Wahrheit, daß Deutſchlands Schmach nicht unverdient ſei, und daß, wie ſchwer das fremde Joch ſein mochte, wie hart es war, ſich ohne Wahl und unbedingt dem Sieger anſchließen zu müſſen und ſeinen koloſſalen Zwecken zu dienen, es, wenngleich demüthigender für die Fürſten, doch für die Völker immer noch ehrenvoller blieb, als der feigen, elenden, ſchmachvollen, eigennützigen Politik preisgegeben zu ſein, wodurch ſeit einem Jahrhunderte, vorzüglich aber ſeit dem Tode des großen Friedrichs die deutſche Nation von ih⸗ ren eigenen Fürſten ſo tief herabgewürdigt worden war. Die drei Worte des Fremden:„Wir hoffen es,“ weckten daher ganzen innern Zwiſt ſeiner Bruſt ſo lebhaft wieder auf, daß ſogar die ſchmerzliche Beſorgniß, die ihn ſtern erfüllte, einen Augenblick dadurch verdrängt wurde. Der Fremde ſchien die Bewegung, die in Ludwigs Seele vorging, zu durchſchauen. Nach einigen Augenblicken allge⸗ meiner Stille erwiderte er mit ruhiger Würde, und zwar in deutſcher Sprache:„Es befremdet Sie, mein Herr, daß ich von einem aller Wahrſcheinlichkeit nach furchtbaren Kriege 4 — 76— ſagte: wir hoffen ihn; es befremdet Sie um ſo mehr, da Sie, wie ich höre, ein Deutſcher ſind. Wir ſind es durch langen Aufenthalt halb und halb: erlauben Sie daher, dags wir uns in der Sprache Ihres Landes unterhalten. Es muß Ihnen vielleicht frevelhaft leichtſinnig ſcheinen, daß wir auf eine Wendung der Weltbegebenheiten hoffen, der halb Europa mit Zittern, mit düſtrer Trauer entgegenſieht. Es iſt frei⸗ lich ein hartes Loos, ſich in einer Lage zu befinden, wo man nur aus einem großen, allgemeinen Unheile Hoffnungen für die eignen theuerſten Güter ſchöpfen kann; allein wir ſind in dieſem Fall.“ Hier hielt er einen Augenblick inne, als hindere ihn die Bewegung ſeines Gemüths weiter zu ſprechen. Die edlen Züge ſeines Angeſichts erhielten durch den Ausdruck eines erhabenen Schmerzes eine Art von Weihe; auf der hohen Stirn lagerte ſich eine dunkle Wolke der Schwermuth; das Auge ſtarrte träumeriſch vor ſich hin, ohne daß der Wille den Blick beſtimmte; denn die ernſten, ſchweren Ge⸗ danken, die in ſeiner Bruſt auf und nieder wogten, waren fern von der Außenwelt. Ludwig fühlte ſich wunderbar ergriffen; er wagte es nicht, die tiefe Stille zu unterbrechen. Auch die beiden jün⸗ gern Begleiter des Fremden ſchwiegen und hingen mit weh⸗ müthigen Blicken an ſeinem Angeſicht. „Wir ſind Polen, mein Herr,“ ſprach dieſer nach einer mit männlich gefaßtem Tone.„Wir erwarten von vorſtehenden Kampfe ein Vaterland, während wir jetzt heimatlos in der Verbannung umherſchweifen müſſen. Sie begreifen nun wohl, daß ich ſagen durfte: wir hoffen den Krieg!“ Ludwig war ſo überraſcht, daß er nicht gleich etwas zu erwidern wußte; allein der Fremde überhob ihn der Mühe, indem er das mit Wein gefüllte Glas vor ſeinem Teller er⸗ ———— — K. 77— griff und ſprach:„Dem Vaterlande! Dieſen Toaſt muß jeder Wackere mittrinken, er ſei welches Volkes er wolle.“ Ludwig ſtieß an; auch die übrigen näherten die Gläſer zu dem feierlichen Toaſt, der unter den obwaltenden Verhält⸗ niſſen der Zeit in Jedem einen ſo eruſſen Anklang finden mußte. 8 Es war, als hätte der Fremde rnt dem Glaſe Wein ſeine düſtre Stimmung wie durch ein Zaubermittel verbannt. „Wir ſind Reiſende,“ begann er,„die zu einer ungewöhnli⸗ chen Zeit auf einer ungewöhnlichen Stelle zuſammentreffen. Von den Gebirgen des Gotthard, auf denen wir uns befin⸗ den, ſprudeln die Quellen nach allen vier Gegenden der Welt und gießen ihre Ströme nach Deutſchland, Frankreich und Italien aus. Dagegen führen die Straßen dieſer Länder auf dieſem Punkte zuſammen und verſchlingen ſich in einem be⸗ grüßenden Knoten. Man trifft ſich hier gewiſſermaßen an einem Kreuzwege der Welt. Morgen folgt Der dem Rheine oder der Reuß, Jener dem Teſſino, der Dritte der Rhone. Den Augenblick des Beiſammenſeins ſoll man genießen, ihn als eine frohe und theuere Erinnerung bewahren; denn wer weiß, ob man ſich je noch auf den Straßen dieſer Erde wie⸗ der begegnet? Wir Drei,“ fuhr er gegen Ludwig gewendet fort,„kennen uns, ſind Landsleute, Kriegskameraden. Sie müſſen fremd zu uns ſein, wir zu Ihnen, wenn wir hier nicht eine vertrauliche Offenheit walten laſſen: ſo hune uns eine glückliche Stunde, der wir vielleicht Alle ge a künf⸗ tig einmal gedenken, kalt, ungenoſſen vorübergehen. Ich denke daher, wir tauſchen Namen um Namen. Der meinige iſt Stephan Raſinskiz ich bin Oberſt in des Kaiſers Heer; dieſe, meine jungen Freunde und Kameraden, ſind Offiziere deſſelben Regiments, Graf Boleslaw und Graf Faromir; und Sie, mein Herre⸗ —— „Mein Name iſt Ludwig Roſen, ich bin ein Deut⸗ ſcher,“ entgegnete Ludwig. „Willkommen denn! Roſen iſt ein ſchöner Name. Wohl Dem, welchem noch Roſen blühen, und wären es auch nur Alpenroſen. Dieſe Zeit iſt für mich dahin; denn wer bald ſein vierzigſte Jahr erreicht hat, darf nicht mehr an Bluthen denken und kann höchſtens noch auf einige ſpäte Früchte hoffen. Nun, auch ich ſahe Blüthen— und ſah ſie auch fallen! Auf die Entfaltung jeder ſchönen Blüthe, der Jugend, der Hoffnung, der Liebe! Stoßt an, junge Freunde, dieſer Wunſch geht Euch mehr an als mich!“ Ludwig entſprach der Aufforderung in einer ſeltſamen Bewegung. Der Trinkſpruch Raſinski's traf ſein Herz ſchmerz⸗ lich; aber er erfüllte es auch wieder mit leiſem Schimmer der Hoffnung; denn, wie es in ſolchen Stimmungen zu ſein pflegt, er fand eine Art glücklicher Vorbedeutung in deſſen Trinkgruß. Noch eine zweite Empfindung ſtieg lebhaft und Reue erweckend in ihm auf. Wie glücklich war die Offen⸗ heit des Grafen, welche vier Fremde wie durch das einzige, gewiſſermaßen zauberiſch wirkende Mittel des Austauſches der Namen und nächſten Verhältniſſe ſo raſch zuſammenführte! Wenn ich nicht, dachte er, in ſcheuer Zurückhaltung es ver⸗ ſäumt hätte, dem holden unbekannten Weſen, das mir ſeine nähern Verhältniſſe verhüllen mußte, wenigſtens die meinen zu entdecken, ihr meinen Namen zu nennen, ſo wäre das Band zwiſchen uns doch nicht völlig abgeriſſen, wenn ich ſie auch jetzt nicht wiederfände. Nein, wie zart auch weibliches Handeln ſein muß, gewiß würde Bianca mir ein Zeichen zukommen laſſen, an dem ich ſie dereinſt wieder auffinden könnte. So hat dieſe ängſtliche Verſäumniß mich vielleicht unwiederbringlich um das Glück meines Lebens gebracht! Dieſe Gedanken erfüllten Ludwigs Seele, während das 3 4 4 — 79 Geſpräch ſich über andere Dinge raſch fortbewegte. Graf Ra⸗ ſinski ſchien abſichtlich die Rückkehr zu dem ernſten Anfangs⸗ punkte, den er genommen hatte, zu vermeiden; die jungen Offiziere ehrten darin beſcheiden ſeinen Wunſch. Man ſprach von Italien, von Paris, von den Eigenſchaften des Kaiſers als Feldherr und Staatsmann, von ſeinem Zuge über den großen St. Bernhard, dem man ſo nahe war, von den furchtbaren Rüſtungen zu dem bevorſtehenden Kriege, von den verwegenen Entwürfen ſeines Geiſtes überhaupt, der die Fah⸗ nen Frankreichs raſtlos von den Pyramiden bis zum Tajo, vom Tajo bis in die Schneegefilde Rußlands führe— kurz, man ſprach über Alles, was damals den Geiſt jedes Den⸗ kenden mächtig aufregte, was alle Zungen Europa's in Be⸗ wegung ſetzte. So verſchwand unvermerkt eine Stunde; das Mahl war vorüber; man begab ſich zur Nuhe. Von mannichfaltigen Gedanken und Gefühlen ſo auf⸗ geregt, daß Ludwig ſelbſt nach den großen Anſtrengungen des Tages nicht gleich einſchlafen konnte, überdachte er auf ſei⸗ nem Lager, was er für den nächſten Morgen zu thun habe. Sollte er vorwärts, ſollte er zurück? Machte er den Verſuch, Bianca auf einer andern Straße aufzuſuchen, oder ſollte er nur die nächſte, welche ihn nach Deutſchland führte, unab⸗ läſſig verfolgen? Es war ihm nicht entgangen, daß die Po⸗ len mit ihm ein und daſſelbe Ziel der Reiſe hatten, und im erſten Augenblicke hätte er ſich faſt freudig verrathen; allein es war ihm doch lieb, zur rechten Zeit geſchwiegen und ſich beherrſcht zu haben; denn er würde ſich durch eine ſolche Begleitung der Möglichkeit beraubt haben, ſeine Nachfor⸗ ſchungen fortzuſetzen. Er beſchloß daher endlich, wenn o⸗ angehe, ohne von ſeinem hauptſächlichen Zweck zu⸗ „ 80 aufzugeben, ſich ſobald als möglich wieder von den neuen Bekannten zu trennen. Unter dieſen Gedanken entſchlief er endlich, von der gro⸗ ßen Müdigkeit übermannt. Achtes Capitel. Es war ſchon heller Tag, als er durch ein leiſes Klo⸗ pfen an ſeine Thür erwachte. Auf ſein„Herein!“ trat der jüngſte der drei Offiziere, der blondlockige, blühende Graf Ja⸗ romir ein.„Verzeihen Sie,“ ſprach er,„daß ich Sie ſo früh ſtöre. Allein es würde uns ein ſo großes Vergnügen ſein, die Reiſe mit Ihnen gemeinſchaftlich fortzuſetzen, daß h von meinen Kameraden beauftragt bin, Sie darüber zu efragen; ein Auftrag, den ich ſehr gern vollziehe, ſelbſt auf ſe Gefahr, Sie erzürnt zu haben.“ Ludwig entſchuldigte ſein langes Schlafen und verſprach gleich aufzuſtehen und in den Frühſtücksſaal hinunterzukom⸗ en. In wenigen Minuten fand er ſich daſelbſt ein. Die ffiziere grüßten ihn mit Herzlichkeit. Raſinski, der alle ſelligen Beziehungen gern ſo weit als möglich auszudehnen jien, erklärte, daß er die Veranlaſſung geweſen, auf Lud⸗ g zu warten, weil man ſich unmöglich habe entſchließen den, vor ihm abzureiſen und ihn die berühmte Gott⸗ aße allein paſſiren zu laſſen.„Zwei Menſchen,“ „die zuſammen über die Teufelsbrücke gegangen durch dieſe Erinnerung für das Leben ſo ver⸗ beiden Ufer der Reuß eben durch dieſe Brücke. , — 31— Selbſt der wildeſte Strudel des Lebens wird nicht alle Fät zwiſchen ihnen zerreißen, ſo unzerſtörbar ſind gemeinſan anziehende Erlebniſſe und Erinnerungen.“ Ludwig empfe dieſe Wahrheit, und dankte dem Grafen mit warmer Auf⸗ wallung für ſein freundſchaftliches Benehmen. überdies der friſche, winterliche Morgen, das kräftige Körpergefühl, die wohlthuende Zuvorkommenheit der Gefährten, Alles zuſammen wirkte ſo glücklich auf ihn, daß er ſogar eine Art von Hei⸗ terkeit wieder gewann, obgleich Bianca's Bild nicht aus ſei⸗ ner Seele wich und als eine ſtumme, trauernde Geſtalt mitten in den ſchönen friſchen Gemälden der Gegenwart ſtand, die ihn umgaben. Der Schmerz um ſie drang durch alle die muntern und rauſchenden Lebensmelodien, die er um ſich her vernahm, wie ein lang gehaltener Klageton mit unabläſſiger Beharrlichkeit hindurch. Die Maulthiere waren gezäumt; die Führer ſtanden be⸗ reit. Man verließ das ſtattliche Gaſthaus der drei Könige zu An der Matt und ritt nun das Thal abwärts, dem ſchwarzen Eingangsthor deſſelben entgegen. Wie mußte die Ähnlichkeit der Umgebungen Ludwigs Erinnerungen mächtig erwecken. Wie auf dem Simplon öffnete ſich jetzt die düſtre Höhle, das Urner Loch genannt; wie dort brauſte daneben der Strom, wie dort fiel in der Mitte durch ein großes ver⸗ gittertes Oval augenblicklicher Lichtſchimmer hinein, und man ſah die Neuß, einem weißen Geſpenſt ähnlich, ſchäumend vorüberſchießen. Jetzt betäubte der furchtbare Donner des Stromes das Ohr. Die Kluft öffnete ſich, und man ſtand in dem von thurmhohen Felſen umſtarrten Engpaß, wo die tobende Reuß ſich tief in den Abgrund hinunterſtürzt und in ihrer Wildheit alle Schranken der Ufer zu durchbrechen und zu zertrümmern droht. über dieſen wogenden, ziſchenden Keſſel iſt die ſihnags Brücke mit ſo verwegener Hand gewor⸗ 4** — 82— fen, daß die Sage faſt Recht zu haben ſcheint, wenn ſie behauptet: Sie iſt nicht erbaut von Menſchenhand, Es haͤtte ſich's Keiner verwogen. Als die Wanderer über den Steg ritten, zitterte er unter ihnen. Graf Raſinski hielt einen Augenblick an und ſtarrte in die Felskluft über ſich hinauf und in den ſchaͤu⸗ menden Abgrund unter ſich hinab. Er wollte etwas ſagen; allein das Getöſe des Waſſerſturzes übertäubte jede menſch⸗ liche Stimme. Und dennoch herrſchte hier das ſchauerliche Gefühl einer ewigen Stille und Ode; denn kein Vogel regt ſich, kein Inſect ſummt, kein Halm, kein armes Moosfäd⸗ chen grünt, ſondern nur die ſtarren, unbeweglichen Granit⸗ maſſen ragen zackig in den blauen Äther empor. Man fühlt gewiſſermaßen mitten in dem tobenden Donner der Reuß, daß, ſowie der Strom verſiegte, auch jeder Laut er⸗ ſtorben wäre, und man wie in einer ſteinernen Grabeshöhle der Natur ſtehen würde. Eine Zeitlang verweilten die Reiſenden und ließen den mächtigen Eindruck dieſes wilden Gemäldes ſtill in ſich nach⸗ wirken. Ludwig beobachtete mit einer eignen Bewegung des Gemüths einige ſilberweiße, leichte Wölkchen, die in dem ſchmalen blauen Raum des Athers, den man zwiſchen den Felſenmauern erblickte, über das Thal hinwegzogen. Sie ſchienen wie ſelige, lächelnde Geiſter in jenen glücklichen Räu⸗ men des Lichts hoch über dem ſchauerlichen Abgrunde der Verdammniß dahinzuſchweben. Ludwig verlor ſich, den Blick nach oben gerichtet, in träumendes Sinnen. Naſinski weckte ihn daraus, indem er an ihm vorüberritt, ihn leicht auf die Achſel ſchlug, dann ſeine Hand ergriff, ſie herzlich drückte und ihm durch ein ernſtfreudiges Zuwinken(denn der Don⸗ ner des Waſſerſturzes verſagte die Mittheilung durch Worte) .* ——— — 33— zu ſagen ſchien: Nicht wahr, ein prachtvolles Schauſpiel? Die es gemeinſam genoſſen, verbindet die Erinnerung auf lange Zeit! Naſinski war durch Alter, Entſchiedenheit, übergewicht an Einſicht und Erfahrung der ſtillſchweigend anerkannte Gebieter ſeiner Umgebungen; ſo gehorchte man ihm auch ohne Weiteres bei den Anordnungen der Neiſe; denn er wußte überall das rechte Maß und Das, was ſich für den Augenblick am beſten ſchickte, glücklich zu treffen. Er war es, der den Weg fortſetzte, die Andern folgten ohne Zwang, aber doch unwillkürlich. über eine Stunde lang ritt man in den ſogenannten Schüllenen auf breiten, nackten Granitplatten hin; von bei⸗ den Seiten ſtiegen die nackten Felswände auf, doch zur Rech⸗ ten drängte ſich die Reuß, in einer ununterbrochenen Kette von Waſſerfällen in das Thal hinabbrauſend, zwiſchen dem ſchmalen Pfade und der felſigen Mauer des jenſeitigen Ufers ein. über die nächſten Felsabſtürze ragten hohe, zackige, ganz mit Schnee bedeckte Gipfel der Alpen herein, die bald, in graue Wolkenſchleier gehüllt, das glänzende Haupt ver⸗ bargen, bald, blitzend in dem kalt abprallenden Sonnen⸗ ſtrahl, ſich mit kühnen Umriſſen auf dem tiefblauen Grunde des Himmels abzeichneten. Wäre es nicht zu früh in der Jahreszeit geweſen, ſo würde das Thal von nun an bewachſener und freundlicher geworden ſein. Indeſſen herrſchte hier noch viel mehr als auf der freiern Simplonſtraße der Winter, und der Schnee deckte noch die meiſten Felskuppen, ja oft auch noch die Wipfel der Schwarztannen, die nach und nach häufiger zu werden an⸗ fingen. Allmälig wurden die Höhen jedoch waldig und buſchig, und von Zeit zu Zeit ſah man ſchon einen grünen, hellen Grasſtreifen unter der dünnen Schneedecke hervorſchimmern. — 84— Die Reiſe wäre trotz der zu frühen Jahreszeit noch überreich an ſchönen Eindrücken geweſen, und würde für Lud⸗ wig durch das Intereſſe, welches ihm ſeine Begleiter einflöß⸗ ten, gewiß zu einem der erfreulichſten Erlebniſſe geworden ſein, wenn nicht der Schmerz ſich mit ſteigender Kraft ſei⸗ ner Seele bemächtigt hätte. Eine Zeitlang mochten die neuen Umgebungen, der Antheil an den Begleitern, die wunderbare Natur, ja ſelbſt Sonnenlicht und heiterer Himmel mit ihren vereinten Kräften dem tiefen Gram ſeiner Seele einigermaßen das Gleichgewicht halten. Jetzt aber, da dieſe friſchen Reiz⸗ mittel ſich abgeſtumpft hatten, da die Hoffnung, doch noch das Ziel ſeines Strebens zu erreichen, mehr und mehr ſchwand, die Angſt, es auf immer zu verlieren, höher und höher ſtieg, jetzt ward ſeine ganze Seele wieder der ungeſtill⸗ ten Sehnſucht zum Naube, die unſere Bruſt vielleicht noch heftiger und ſchmerzlicher erregt als ein entſchiedener Verluſt. Denn bei dieſem wirkt jede dahineilende Minute beruhigend, heilend; bei jener aber ſpannt die langſam verrinnende Zeit das Herz auf eine geſteigerte Folter, wenigſtens ſo lange, bis die völlige Betäubung und Ermattung durch den Schmerz und die dumpfe, abgeſtumpfte Ruhe eintritt, die dem hal⸗ ben Tode gleicht. Schon bei guter Zeit erreichte man das Dorf Am Steg, wo das Schächenthal ſich in wilder Zerklüftung von dem der Reuß abzweigt. Hier frühſtückten die Reiſenden und ſetzten dann den Weg nach Altorf fort, der im breite⸗ ren, grünen Thale an friſchen Wieſen entlang führt und nicht mehr von dem donnernden Getöſe der Reuß, ſondern nur von einem muntern, jugendlichen Brauſen und Nau⸗ ſchen derſelben begleitet wird. Die Reiſegefährten Ludwigs wollten den Vierwaldſtätter⸗ ſee beſchiffen und eilten deshalb, Flüelen zu gewinnen, um — 85— wo möglich zum Abend noch Luzern zu erreichen. Ludwig aber hatte jetzt nur noch die einzige Hoffnung, den Gegen⸗ ſtand ſeines Suchens auf der nächſten großen Straße nach Deutſchland zu treffen, und war daher entſchloſſen, zumal da er den See und ſeine Merkwürdigkeiten bereits kannte, ſeine Reiſe ſo raſch als möglich über Zürich nach Schaffhau⸗ ſen fortzuſetzen. Er beſchloß daher, ſich von ſeinen Beglei⸗ tern zu trennen. Raſinski, deſſen aufmerkſamem Blicke ſelten etwas entging, fragte ihn nach ſeinem Gepäck. Lud⸗ wig hatte ſich ſchon auf dieſe Frage gefaßt gemacht und eine Ausflucht vorbereitet. Er erwiderte, daß er, und dies war richtig, ſein größeres Gepäck nach Heidelberg vorausgeſchickt, das geringere aber, und hier berichtete er unwahr, durch die Nachläſſigkeit oder Untreue eines Vetturino auf dem Wege von Mailand nach Duomo d'Oſſola eingebüßt habe. Mit freundſchaftlicher Bereitwilligkeit, aus dem Felde her daran gewöhnt, das Letzte gern und freudig zu theilen, boten ihm ſeine Begleiter einiges Nothwendige aus ihrem Vorrathe an. Dies war ihm in der That willkommen, denn er wäre ſonſt genöthigt geweſen, in Zürich einige An⸗ käufe zu machen, die er ſcheuen mußte, weil ſeine Reiſekaſſe in der That nicht mehr die ſtärkſte war, und er wenigſtens alle ſeine Mittel darauf verwenden wollte, Bianca einzu⸗ holen oder aufzufinden. Man nahm alſo herzlichen Abſchied von einander und verſprach ſich in Dresden ein frohes Wiederſehen, wenn es das Glück nicht fügen ſollte, daß man ſich ſchon früher wie⸗ der auf der Landſtraße begegnete. Nicht ohne Wehmuth ſah Ludwig ſeine raſch gewonnenen Freunde ſcheiden; denn ob er ſie wiederfinden würde, blieb ungewiß, da ihr Aufenthalt in Dresden vielleicht nur kurze Zeit dauerte und nicht mit Ludwigs Eintreffen daſelbſt zuſammenſiel, weil dieſes wegen — 36— der Nachforſchungen, die er anzuſtellen gedachte, unbeſtimmtt war. Der Krieg aber trieb Alles in raſcher Bewegung vorwärts. Im Wirthshauſe zu Altorf befand ſich zufällig ein Hau⸗ derer, der mit einem leeren Wagen nach Zürich wollte. Lud⸗ wig bedingte ſich für ein Billiges einen Platz und ſetzte, nach⸗ dem er ſeinen freundlichen Führer Joſeph und den Maulthier⸗ treiber aus Ulrichen entlaſſen hatte, ſeine Reiſe unverzüglich fort. Ohne weitere Erlebniſſe erreichte er am ſpäten Abend Zug, und am andern Mittag, über den Albis, wo er den letzten reichen Blick über die Berge und Seen der Schweiz und auf die Alpenkette genoß, Zürich. Dies war ein Punkt, den Bianca, wenn ſie einen jener Alpenpäſſe im Kanton Wallis überſchritten hatte, faſt nothwendig berühren mußte. Mit größter Sorgfalt erkundigte ſich Ludwig daher in allen Gaſthäuſern, ob Fremde, denen ähnlich, die er beſchrieb, eingetroffen wären. Er hatte ſeinen Weg ſo ſchnell und glücklich zurückgelegt, daß er faſt nicht zweifeln konnte, er müſſe früher in Zürich eingetroffen ſein. Daher beſchloß er, dieſen und den nächſten Tag zu warten und ſeine Nachfor⸗ ſchungen fortzuſetzen. Er that es, aber vergeblich. Auch den dritten Tag gab ſein ſehnendes Herz noch zu, wiewol er in der tödtlichen Angſt ſchwebte, daß er vielleicht eben dadurch die Möglichkeit verliere, die Geliebte auf einer der Straßen Deutſchlands einzuholen. Als auch dieſe letzte Bemühung ihm keine Spur entdeckte, mußte er ſich endlich mit zerriſſe⸗ nem Herzen entſchließen, den Weg nach der Heimat fort⸗ zuſetzen. über Schaffhauſen und Freiburg traf er nach ei⸗ nigen Tagen in Heidelberg ein. 1 Es war in den erſten ſchönſten Tagen des Mai, als er in den reizenden Ort, wo er ſo manche frohe Stunde zugebracht hatte, einfuhr. Er betrat ihn mit Wehmuth. — 8 — 87— Seine Univerſitätsfreunde hatten mit ihm zugleich die Stadt verlaſſen. Nur ein Jahr war vergangen, und ſchon würde er, einige entferntere Bekannte abgerechnet, ſich ganz fremd unter den Jünglingen, die hier ſtudirten, gefunden haben. Worauf er ſich Anfangs mit treu anhänglichem Sinn gefreut hatte, ſeinen alten redlichen Wirth, einige Familien der Stadt, mit denen er Umgang gehabt hatte, endlich ſeine Lieblingsſpaziergänge wieder zu beſuchen, die jetzt im friſche⸗ ſten Grün prangten und von lauen Blüthendüften umhaucht wurden, Alles dies erregte in ihm nur eine ernſte, ja düſtere Schwermuth. Unmuthig beſchloß er endlich, ſeine Reiſe nach Hauſe zu beſchleunigen, um in den Armen der geliebten Mutter und Schweſter Troſt für ſein von allen Seiten ſchmerzlich verwundetes Herz zu ſuchen; er beſtellte für den nächſten Morgen einen Platz auf der Poſt. Als er am Abend zuvor ſeine Sachen gepackt und Al⸗ les geordnet hatte, ging er, um an der Wirthstafel das Abendeſſen einzunehmen, in den Saal hinab. Die Gäſte, einige Fremde und einige unverheirathete Profeſſoren aus Heidelberg, ſaßen ſchon bei Tiſche. Einer derſelben hielt ein Zeitungsblatt in der Hand, aus dem er der Geſellſchaft die wichtigſten Nachrichten über den bevorſtehenden Krieg mitge⸗ theilt zu haben ſchien. „Was gibt's Neues?“ fragte Ludwig, ohne Bedeu⸗ tung in die Frage zu legen. „Was den Krieg anlangt, noch nichts Entſcheidendes,“ erwiderte ſein Nachbar;„ Truppenmärſche, Nachrichten vom Ankommen und Abreiſen der Generale, lange Berichte über die furchtbaren Zurüſtungen des franzöſiſchen Kaiſers, kurz alles Das, was wir ſchon ſeit Wochen täglich wiederholt — 88— finden. Aber mitunter werden die Zeitungen auch in ande⸗ rer Beziehung intereſſant. Sie geſtalten ſich in unſerer ro⸗ mantiſchen Zeit ſelbſt zu kleinen Romanen, und wir finden ſogar Briefe darin, die Liebesbriefen nicht unähnlich ſind. Leſen Sie einmal hier dieſe Anzeige, die ſo eben den Gegen⸗ ſtand unſres Geſprächs bildet.“ Ludwig warf einen gleich⸗ gültigen Blick in das Blatt. Doch kaum hatte er die erſten Zeilen geleſen, als er der Herrſchaft über ſich ſelbſt faſt nicht mehr mächtig war. Die Worte, die das neugierige Erſtau⸗ nen der Geſellſchaft erregt hatten und in ihm einen wahr⸗ haften Sturm wechſelnder Empfindungen aufjagten, lauteten folgendermaßen: „An den unbekannten Freund!“ „Dem Retter in der höchſten Noth, der die Fremde als Schweſter begrüßte, ſie treu wie ein Bruder geleitete und beſchirmte, heißen, unvergeßlichen Dank. Zerriß er ſelbſt die Bande eben ſo ſchnell, wie eine höhere Hand ſie wunder⸗ bar knüpfte, ſo erfahre er, daß ſein Wille geehrt wird, daß nur gerührte Dankbarkeit die Scheidende erfüllt. Doch trennte unbegreiflicher Zufall die Schweſter von dem Bruder, o ſo glaube er ihr, daß die tiefſte. Wehmuth und Trauer ſie in die weiteſte Ferne begleiten wird. Führen die verſchlun⸗ genen Pfade menſchlicher Geſchicke ihn jemals wieder mit der jetzt weit von ihm Getrennten zuſammen, o ſo ſoll er eine treue Schweſter wiederfinden, die ihm jedes Opfer freudig bringen wird, weil ſie ihm Alles, Alles dankt.“ 1„Die gerettete B..... 4 „Nun, was ſagen Sie dazu?“ fragte der Nachbar Ludwig, der den Blick nicht von den theuren Zeilen weg⸗ wenden konnte, und dem verdunkelnde Thraͤnen ins Auge gedrungen waren. — — 89— „Seltſam, e That ſeltſam!“ erwiderte er haſtig und ſughte ſeine Bewegung hinter dem raſch hervorgezogenen Tuche zu verbergen.„Ich finde den Brief ſo rührend,“ fuhr er mit einem erzwungenen Lächeln fort,„er erregt ſo tauſend Ahnungen und Vermuthungen, daß er mich faſt mehr be⸗ wegt hat, als er ſollte. Ich bin aber einmal ein roman⸗ tiſcher Träumer!“ „Es iſt uns Allen nicht anders ergangen,“ entgegnete der Nachbar,„denn gerade das Geheimnißvolle dieſer Worte erregt ſo romantiſche Ahnungen, daß man nie jung geweſen ſein, nie dichteriſch gefühlt haben müßte, wenn man nicht⸗ in der Phantaſie das reizendſte weibliche Weſen erblicken, die ſüßeſten Thränen, die je ein holdes Auge getrübt haben, fließen ſehen ſollte. Ja, ich möchte beinahe behaupten, daß Jedermann in ſeinem Leben irgend ein Verhältniß gehabt hat, an das hier mit wunderbarer Macht erinnernder Be⸗ wegungen geſtreift wird.“ „Und gerade in dieſer jetzigen ſo ereignißvollen Zeit,“ bemerkte ein Dritter,„wo die friedlichſten, die ſicherſten Le⸗ bensverhältniſſe häufig durch Geſchicke betroffen worden ſind, die den wunderbarſten Abenteuern nichts nachgeben, gerade jetzt knüpfen ſich die vielfachſten Vorſtellungen an dieſe Zeilen.“ Das Geſpräch über dieſen Gegenſtand wurde aufs Neue ſehr lebhaft und gab Ludwig Zeit, ſich zu faſſen. Doch ſtand er Qualen des Todes aus während der Stunde der Mahl⸗ zeit. Endlich war ſie vorüber; haſtig, aber unvermerkt ſteckte er das theure Blatt in den Buſen, verließ den Saal und eilte faſt betäubt auf ſein Zimmer. Hier ſtürzte ein Strom lang zurückgehaltener, heißer Thränen über ſeine Wangen. Von ſehnſüchtigem Schmerz überwältigt, flehte er aus der — 90—— tiefſten Tiefe ſeiner Seele:„O gütiger Gott, trenne mich nicht auf ewig von ihr, laß das holde 82 noch einmal auf meinem dunkeln Pfade leuchten! Zu grauſam wäͤreſt Du, hätteſt Du mir des Himmels Seligkeit nur darum gezeigt, um mich auf ewig in die Finſterniß der Ausge⸗ ſchloſſenen zurückzuſtoßen!“ 55 — 2 Ao 3 Erstes Capitel. „Nun, liebe Mutter, iſt Alles in Ordnung,“ ſprach Marie mit freudeglänzenden Augen und einem ſtillen Lächeln in dem ſanften Angeſicht, indem ſie ins Zimmer trat und auf den Tiſch, an welchem die Mutter ſaß und nähte, einen Schlüſſel legte.„Jetzt mag er in jeder Minute kommen, er findet uns bereit.“ „Du haſt doch auch die Bücher in den Schrank ein⸗ geräumt?“ fragte die Mutter. „Ich denke, nicht das Kleinſte habe ich vergeſſen,“ ent⸗ gegnete Marie,„und wenn er noch der alte Bruder iſt, wenn ſeine Neigungen ſich nicht ganz geändert haben, ſo wird ſein Zimmer ihm gewiß gefallen. Es hat ſich Alles gar zu glücklich getroffen. Daß wir gleich eine Wohnung fanden, die für uns Alle Naum hat und unſrer gemeinſa⸗ men Neigung ſo ſehr entſpricht! Nun aber kann ich auch die Stunde ſeiner Ankunft kaum noch erwarten, ſo ſehnt ſich mein Herz, wieder an ſeiner treuen redlichen Bruſt zu ſchlagen! Doch Du, liebe Mutter, biſt mir nicht freudig genug! Haſt Du eine Sorge? Ein Bedenken?“ 4 Mit dieſen Worten beugte ſich Marie theilnehmend zu — 94— der Mutter hinab und legte den Arm ſchmeichelnd um ihren Nacken. Dieſe ſah der Tochter gerüh das holde, von der frohen Hoffnung verſchönte Antlitz und drückte ſie dann bewegt ans Herz.„Keine, Marie, keine als die, welche das Mutterherz immer hat. Wir haben Ludwig nun zwei Jahre nicht geſehen. Er iſt weit in der Welt umher geweſen, hat ihre glänzendſten Seiten kennen gelernt. Wird ſeinem ſchon damals ſo ſtolzen, feurigen Herzen unſre häusliche Beſchraͤn⸗ kung genügen? Wird er zufrieden auf die Lebensbahn hin⸗ blicken, die vor ihm liegt? Wenn Du mich nicht ſo rein freudig ſiehſt, als Du ſelbſt Dich fühlſt, ſo ſuche dies nicht in geringerer Liebe, ſondern eben in der größern und darum ſorglichern. Weil Dein junges unerfahrenes Herz keine an⸗ dere Welt kennt als unſere häuslich eng begrenzte und die wenigen näheren Freunde unſers Umgangs; weil der ganze Kreis Deiner Wünſche ſich im nächſten Ninge leicht erreich⸗* barer Gegenſtände bewegt, ohne eine Hemmung zu empfinden, glaubſt Du, daß Ludwig ſich hier eben ſo befriedigt fühlen werde? Es wird vielleicht mit allen Dingen des Lebens ſo gehen wie mit ſeinem Zimmer; weil ſeine Fenſter nach der Elbe hinausliegen und ſein Schlafzimmer in das kleine Gärtchen unſeres Hauſes blickt, ſo meinſt Du es reizend ge⸗ legen. Vergiß aber nicht, daß er in Heidelberg den Neckar unter ſeinen Fenſtern vorbeiſtrömen und das ſtolze Schloß gegenüber ſich darin ſpiegeln ſah, und erinnere Dich, daß er aus der Schweiz, aus Italien zurückkehrt. Wie unſere Ge⸗ 3 gend ihm dürftig, wie die Lage ſeiner Wohnung ihm leicht beengt erſcheinen mag, ſo dürften noch vielmehr unſere bür⸗ gerlichen, häuslichen, ja faſt nur weiblichen Lebensverhältniſſe und Beziehungen ihm nicht genügen. Und wie vollends, wenn nun ein Blick auf ſeine künftige wahrſcheinliche Lauf⸗ —— bahn ihm zeigt, daß er ſich ſtets in dieſen Schranken wird „„ 8* 4 — 95— 4 8A en bewegen et Gaubſ Du, daß er dann glücklich ſem on in a5 eß 4 4 * wird?“ „O gewiß, 1 Mutter,“ erwiderte Marie;„er hatte von jeher ein ſo leicht befriedigtes, wohlwollendes Herz, ſo viel Anhänglichkeit an die ſtillen Freuden unſers kleinen Krei⸗ ſes, daß er ſich auch jetzt gewiß glücklich und heimi uns fühlen wird. Ich denke, gleich der erſte Anblick Zimmers ſoll ihm die alte Behaglichkeit wiedergeben käme er nur jetzt gleich zurück und ſähe, wie die breite präch⸗ tige Elbe zwiſchen die Roſenſtöcke vor dem Fenſter hindurch⸗ ſchimmert, wie die Abendſonne über den blauen Höhen am andern Ufer ſteht und ihr freundliches Gold durch das Blu⸗ menlaub in das Gemach wirft! Wenn er ſeine Bücher ſchon geordnet im neuen Schranke, über dem Sopha das Bild des Vaters erblickt, und gegenüber das ihm ſo liebe kleine Fortepiano mit den alten wohlbekannten Notenheften darauf wiederfindet, chie ſo oft den Kreis unſerer heiterſten Stunden ausfüllen halfen, o gewiß, gute Mutter, dann wird er ſich gleich heimiſch und wohl bei uns fühlen!“ „Du liebe Thörin,“ ſprach die Mutter lächelnd,„Du meinſt, weil Du Deine ganze mädchenhafte Freude an dem zierlich und ordentlich eingerichteten Zimmer haſt, die Wün⸗ ſche eines Mannes würden damit auch befriedigt ſein?— Du kennſt Männer und Welt noch zu wenig, Marie!“ „Aber ich kenne meinen Bruder, ich kenne Ludwig,“ entgegnete ſie, und eine Thräne der ſchweſterlichen Rührung perlte in ihrem blauen Auge;„ich denke nicht, daß er ſich glücklich fühlen wird, weil ſein Zimmer freundlich und wohn⸗ lich iſt, ſondern weil er gleich erkennen wird, daß ihn hier die alte Liebe, die alte Herzlichkeit der Mutter und Schwe⸗ ſter erwartet! 4 Ein Poſthorn ließ ſich hören.„Er iſt es,“ rief Marie — 96 und eilte ans Fenſter. Auch die Mutter: ſchreckte freudig. zuſammen, doch plötzlich beſann ſie ſich und ſprach: „Wie Du Dich verleiten läſſeſt, Marie! Meinſt Du denn, er werde wie ein vornehmer Mann mit Extrapoſt⸗ pferden hier eintreffen? Bedenke doch, daß er nur mit den Mitteln eines Studirenden gereiſt iſt. Vielleicht, ſo pflegt es bisweilen zu gehen,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu,„kommt 3e die Baarſchaft ihm ausgegangen iſt, ganz demü⸗ 3 thig zu Fuße in ſeiner Vaterſtadt wieder an.“ Marie, die indeſſen ihre Täuſchung wahrgenommen hatte, ſprach, ſich zur Mutter umwendend:„Ich denke mir jede Art ſeiner Ankunft als möglich. Wenn er ganz ſchüch⸗ tern und leiſe an die Thüre pochte, ſo würde ich glauben, er verſtellte ſich, um uns deſto mehr zu überraſchen. Wenn eine ſtattliche Caroſſe vorführe— je nun, warum ſollte er nicht drinnen ſitzen, warum nicht in Begleitung eines rei⸗ chen Freundes oder Reiſegefährten eisztreffen? Wenn die Hausthür auf ihren Angeln kreiſcht, wenn ein männlicher Fuß ſich auf der Treppe hören läßt— ich denke immer an Ludwig, hoffe immer, die Thüre ſich öffnen und ihn eintreten zu ſehen. Gott im Himmel, er iſt es!,“ rief ſie plötzlich aus, da in der That die Thüre des Gemachs ſich öffnete; und mit dem Rufe:„Bruder, liebſter Bruder!“ flog ſie dem Eintretenden entgegen und hing in der herzlichſten um⸗ armung an ſeinem Halſe. Sie küßte, weinte, lachte und 1 ließ ſich halb zu der Mutter hintragen, die zitternd vom, Sopha aufzuſtehen verſuchte, aber, von der heftigen Wal⸗ lung der Freude überwältigt, wieder zurückſank, bis Ludwig ihre beiden Hände ergriff, ſie mit heißen Freudenthränen küßte und dann in tiefſter Bewegung ſein Antlitz an der mütterlichen Bruſt verbarg. Dieſe legte die Hände ſegnend auf ſein Haupt, und 6 dennde dem Allmächtigen für das Wiederſehen des e mals. Und wenn ich nichts von Dir geſehen hätte als dieſe, 5 4 einzigen Sohnes. Marie hatte wenigſtens die Hand des Bruders nicht losgelaſſen; ſie hielt dieſe mit ſanftem Druck in ihrer Rechten, während ſie den linken Arm um die Mut⸗ ter legte und ihre Wange leiſe gegen die Schulter derſelben neigte, als wolle ſie ſich doch einen kleinen Theil von dem Strom der mütterlichen Liebe, die ſich in dieſem Augenblicke ganz auf den Bruder ergoß, zuſichern. Es war aber nur, um den Bruder, als er das Antlitz endlich wieder erhob, gleich von Neuem zu herzen und zu küſſen, und ihm durch tauſend ſchweſterliche Liebkoſungen ihre Freude auszudrücken. Nachdem die erſten Augenblicke, die in der Freude wie im Schmerz etwas Betäubendes, überwältigendes haben, vorüber waren, kehrte der unbeſchreiblich liebe Zuſtand in die drei Herzen ein, wo man Ruhe genug hat, ſein Glück— zu faſſen und zu überſchauen, und doch noch die ganze Fri⸗ ſche des erſten Eindrucks empfindet. Dann erſt erfreut man ſich des Beſitzes, genießt die Gaben, mit denen eine gütige Gottheit uns plötzlich reich überſchüttet hat. Nun began⸗ nen auch jene heitern Spiele unbefangener Herzlichkeit, jene tauſend 8 bhuen nach Kleinigkeiten, Erinnerungen; dieſes ſüß te Ergießen der vollen Herzen, dieſes Mittheilen der neueſten lie ſten Eindrücke der Seele, durch deren Austauſch man ſich gewiſſermaßen erſt wieder einlebt und einweiht, und die kleinen Entfremdungen, die Zeit und Ferne in den vertrauteſten Gemüthern erzeugen, ausgleicht. Marie ſtrich ihrem Bruder das Haar aus der Stirn und ſprach lächelnd, indem ſie ihn liebevoll anblickte:„Du biſt ganz unverändert, wenn auch Deine Stirn etwas männ⸗ lich gebräunt iſt; ſie iſt doch noch ſo frei und ſchön wie ehe⸗ 1. — 98— ena über einer Hecke hervorragen, hinter der Du lauſchreſt, ich würde Dich doch augenblicklich erkannt haben!“ Ludwig ſah ihr in das treue freundliche Auge, das ihn mit unausſprechlicher Liebe anblickte. Er erwiderte ihr kind⸗ liches Spiel, indem er ihr die eine Hand auf die Stirn legte, mit der andern leicht das Geſicht bedeckte, ſo daß nur die Augen zwiſchen beiden hindurchblickten.„Und Dich,“ ſprach er jetzt,„hätte ich in dem entfernteſten Sicilien er⸗ kannt, wenn Du ſo, wie jetzt zwiſchen meinen beiden Hän⸗ den, durch die Spalte grüner Jalouſien geſehen hätteſt. Deine lieben blauen Augen würden Dich gleich verrathen haben. Und doch kommen ſie mir noch reiner vor als ſonſt; ja Du biſt überhaupt viel ſchöner geworden!“ „Geh doch,“ ſprach Marie, indem ſie ſich ſeinen Hän⸗ den ſanft entzog, worauf man erſt ſah, daß ein leichtes Er⸗ röthen ihre Wangen höher gefärbt hatte,„geh doch! Wir woollen uns lieber ganz frei und heiter anblicken. Und Du mußt mir tauſend Dinge erzählen. Doch halt: zuvor ſage mir, biſt Du denn in dem Wagen gekommen, der mit vier Poſtpferden beſpannt ſo eben hier vorbeifuhr?“ „Ja wohl, Marie,“ antwortete Ludwig;„aher wollte Euch überraſchen, drum war ich ſchon an ausgeſtiegen und ſchlich, während der Wagen vorüberraſſelte, ins Haus, ſo daß Ihr auch nicht einmal die Thüre gehen hörtet. 4 „Das war herrlich von Dir; und wie iſt Dirs ge⸗ lungen!“ rief Marie.„Aber wie kommſt Du nur in dem ſchönen Wagen mit vier Pferden?“ Die Mutter ſchien eine ähnliche Frage auf der Zunge gehabt zu haben. Ludwig erwiderte raſch:„Seltſam genug, liebe Mutter, aber recht angenehm. Ich machte ſchon in 4 8 1 Schweiz die Bekanntſchaft einiger polniſchen Offiziere. * 1 miſch in dieſer traulichen Umgebung gefühlt haben— und 5 — 99— In Leipzig trafen wir uns wieder. Sie drangen darauf, daß ich mit ihnen fahren ſollte, und ich nahm das herzliche An⸗ erbieten gern an. Doch von Deiner Güte, liebe Mutter, werde ich die Erwiderung dieſer afhtneuna müſſen, denn es möchte ſich faſt nicht vermeiden la en, daß ich ſie einlade, unſer Haus zu beſuchen.“ „Wenn ſie ſich in der beſchränkten Häuslichkeit Wweiet Frauen nicht unangenehm fühlen,“ erwiderte die Mutter,„ſo weißt Du, daß Deine Freunde mir immer willkommen ſind.“ „Aber Du kennſt ja Dein Zimmer noch nicht einmal,“ rief Marie lebhaft dazwiſchen;„o das muß ich Dir gleich zeigen! Und wo iſt denn Dein Gepäck?“ „Das können wir nachher aus dem Hotel de Pologne holen laſſen, liebe Schweſter. Es war mit dem meiner Freunde ſo verpackt, daß ich es hier nicht ſo raſch haͤtte be⸗ kommen können; doch jetzt eilt es ja nicht. Zeige mir nun, wie ich wohne.“ „O gewiß recht traulich, und ich denke, ich habe Alles ſo eingerichtet, daß es Dir gefallen kann,“ ſprach Marie, indem ſie mit dem Schlüſſel in der Hand fröhlich voran⸗ hüpfte. Al⸗ Ludwig in das ſtille freundliche Gemach eintrat, überkam ihn ein unwiderſtehliches Gefühl der tiefſten Weh⸗ muth. Es liegt im Menſchen, ſeinen Schmerz tiefer zu empfinden, wenn er einen Schein des Glücks um ſich her erblickt. Die Liebe der Mutter und der Schweſter hatte ihn * ſo herzlich empfangen, und das Gemach, in welches er trat, wo er Alles beiſammen ſah, worauf er jemals ſeine Neigung ein neuer Beweis für dieſe Liebe. Er würde ſich noch vor wenigen Wochen ſo glücklich in dieſem Bewußtſein, ſo hei⸗ 3 geworfen, was ihm glückliche Stunden verſchafft hatte, war — 100— jetzt empfand er es ſo ſchwer und ſo unleugbar, daß das Alles nur den Schein des Glückes bilde. Was ihm bisher genügte, ihn erfreute, ſein Herz ganz erfüllte, hatte plötzlich alle Kraft verloren und blickte ihn nur um ſo trüber an, je theurer es ihm zuvor geweſen war. Marie bemerkte in ihrer argloſen Freude nicht, welch einen Kampf er mit ſich beſtand; ſie hielt die Thräne, die in ſeinem Auge glänzte, für eine der freundlichen Rührung, oder glaubte ſie lieben alten Erinnerungen gewidmet, die ſie ſelbſt jetzt mit erneuter Kraft ergriffen und auch ihr Thrä⸗ nen ins Auge trieben, aber ſelige, unbeſchreiblich beglückende. „Nicht wahr, Ludwig, wir verſtehen uns wohl?“ fragte ſie ihn und blickte ihn lächelnd an. In ſeinem Innern rief es laut: Nein! Nein! Wir verſtehen uns nicht! Doch er öffnete die Lippe nicht, ſondern zwang ſie nur zu einem ſchmerzlichen Lächeln und ließ der Schweſter die Hand, die ſie freundlich ergriffen hatte. „Die ſchönen Roſenſtöcke!“ ſprach er nach einer Pauſe; „und voller Knospen!“ „Es waren immer Deine liebſten Blumen,“ entgegnete Marie, erfreut, daß er den Blick gegen das Fenſter wandte; „aber hier ſind auch Nelken dazwiſchen. Und bilden ſie nicht einen ſchönen Vordergrund zu der Landſchaft dahinter? Schimmert die Elbe nicht ſilbern zwiſchen den Blättern hindurch, und die Abendſonne golden, und der Himmel blau oder gar purpurn, wenn ihn die untergehende Sonne röthet?“ „Purpur, Silber und Gold, und azurnes Blau, und ſmaragdnes Grün der Blätter— es klingt faſt zauberhaft, wenigſtens recht ſüdlich italieniſch. Aber Du haſt doch Recht, Schweſter, es iſt gar ſchön hier,“ entgegnete Ludwig 4 —,— VVV—— — 101— » in geſuchter Wendung, weil ihm die natürliche Erwiderung verſagte.— Marie oͤffnete noch zwei Fenſterflügel, um die mild⸗ kühle Maienluft das Zimmer recht durchſtrömen zu laſſen. Ludwig trat, indem er den Arm um die Schweſter ſchlang, mit ihr ans Fenſter und blickte über den breiten glänzenden Strom dahin. Er blieb ſtill, Marie gleichfalls; doch war ihr Schweigen das ſelige des vollen Genügens, der ſchön⸗ ſten innern Befriedigung, ſeines aber das der verſtum⸗ menden Qual. Hiäüätte ſie jetzt das Auge zu ihm emporgewandt, ſo würde ſie es in feinen bleichen Zügen, in ſeinen düſtern Blicken geleſen haben, daß ſeine Seele in ſchweren Kämpfen ver⸗ ſchloſſen ringe und dulde. 8 „Sprich mir von der Mutter, Marie,“ begann er nach einigen ſtummen Minuten;„ſie ſieht ein wenig bleich aus, kränkelt ſie bedenklich? Leide wirklich an der Bruſt?“ „Der Arzt gibt uns ja die beſte Hoffnung,“ entgegnete Marie zutrauensvoll.. „Und wie lebt Ihr ſonſt in dieſer unruhigen Zeit? Iſt die Mutter beſorgt, biſt Du es?“ „Nun Du hier biſt, fühle ich mich auch wieder ganz ruhig und geborgen,“ erwiderte Marie und ſchmiegte ſich ſanft an den Bruder.„Bisher hat das rauhe Kriegsgetümmel, hat ſogar die glanzvolle Pracht, die ſich jetzt hier entfaltet, mich faſt beängſtigÄt. Morgen, ſagt man, kommt der Kai⸗ ſer Napoleon. Viele Fürſten ſind ſchon verſammelt, um ihn zu erwarten. Was muß dieſer Mann doch für eine Gewalt über die Menſchen üben! Wie vermag er es nur, ſie zu den furchtbarſten Opfern und Anſtrengungen zu bewegen, da faſt alle ſie doch gewiß mit dem widerſtrebendſten Herzen — 102— bringen. Nur unſer König nicht, der ihm in unſeliger Verblendung anhängt, der—“ „Sprich nicht weiter, Marie,“ unterbrach Ludwig die Schweſter ernſt.„Verurtheile nicht, wo es dem Beſonnen⸗ ſten ſchwer fällt, zu urtheilen. Weißt Du, was ein Fürſt abzuwägen hat? Und begreifſt Du die unwiderſtehliche Kraft, die eine überwiegende Geiſtesgröße ausübt? Hier verwickeln ſich Pflichten und Empfindungen oft ſo, daß es dem ſchärf⸗ ſten Verſtande nicht gelingt, ſie klar zu ſcheiden.“ „Wie,“ ſprach Marie betroffen,„wäreſt auch Du ein Anhänger des Mannes, der unſer Vaterland in ein ſo na⸗ menloſes Elend geſtürzt hat und noch täglich tiefer darein verſenkt?“ „Liebe Schweſter,“ antwortete Ludwig,„Du ſprichſt wie ein Mädchen; aber freilich auch wie viele Männer, die nur das Nächſte ſehen, nicht die Kette der Urſachen und Folgen überſchauen, welche Deutſchlands unſeligen Zuſtand herbeigeführt haben; die mehr urtheilen können, weil ſie Partei in dem Streit genommen haben. Hältſt Du mich für einen Feind des Vaterlandes? Wie aber, wenn ein echtes, aufrichtiges, nicht aber ein geheucheltes Anſchließen an Frankreich allein das Vaterland retten könnte? Doch laß das; das ſind düſtere Fragen, die uns ja jetzo eben nicht kümmern, die der weiblichen Bruſt fern liegen, die uns die erſten Stunden des Wiederſehens nicht verkümmern ſollen.“ Marie ſchwieg und ſenkte den Blick unruhig auf den Boden. „Sieh mir ins Angeſicht,“ fuhr Ludwig fort,„ich bin redlich und treu wie immer, bin Dein Bruder wie ſonſt; Du darfſt mich von Herzen lieben, denn ich habe nichts gethan, was meiner unwürdig wäre. Und ob ich das Beſte meines Vaterlandes will? Marie, dürfteſt Du daran zweifeln, ſelbſt 4 — 103— wenn ich es auf anderm Wege wollte als Du, als ſo Viele, die gleich Dir denken?“ „O, Du biſt gewiß gut von ganzem Herzen!“ rief Marie;„aber darum würde mich's eben tief bekümmern, wenn wir hier verſchieden fühlten und dächten.“ „Wir werden uns ſchon verſtehen und einigen,“ erwi⸗ derte Ludwig;„laß uns aber jetzt zur Mutter hinüber.“ Sie gingen. Da Ludwig mit männlicher Gewalt ſeiner Stimmung Herr wurde und in dem Faden ſeiner Erzählungen, die er abſichtlich ausführlich und ſyſtematiſch einrichtete, einen An⸗ halt fand, der ihn verhinderte, ſich ſeinen trüben, geheimen Empfindungen zu überlaſſen, ſo verfloß der Abend unter traulichen Geſprächen, verſchönt durch die liebevollen häus⸗ lichen und ſchweſterlichen Aufmerkſamkeiten Mariens, die Alles aufbot, damit es dem Bruder recht wohl im mütterlichen Hauſe ſei, damit er nichts vermiſſen, und, ſo dachte ſie nach dem Geſpräch in ſeinem Zimmer i ws ohne ſich's ſelbſt zu geſtehen, damit er ganz der Ihrige werden ſollte. Denn, ohne es zu berechnen, fühlte ſie doch, wie unzerreißbar der Menſch von den kleinen, feinen Fäden des täglichen Lebens 4* der nächſten Verhältniſſe umſponnen wird und wie er, urch dieſe gehalten, oft einer einzelnen mächtigen Gewalt widerſteht, oder leichter eine ſtarke Feſſel ſprengt als ſich jenen tauſend faſt unſichtbaren Geweben entwindet. 4 “ 4 “ — 104— Zweites Capitel. Am folgenden Abend bot Dresden das großartige Schau⸗ ſpiel des Zuſammenſtrömens einer unüberſehlichen Volksmenge und die geordnete Aufſtellung furchtbarer kriegeriſcher Maſſen dar. Der Einzug des Kaiſers war die Veranlaſſung zu dieſem gewaltigen Wogen und Treiben in der Stadt. Man erwartete denſelben in einer feierlichen Spannung, die faſt an ein gewiſſes unheimliches Grauen grenzte. Denn ſeine Erſcheinung ſollte das Signal zu einem Unternehmen ſein, deſſen rieſenhafte Kühnheit auch die verwegenſten Gemüther mit ſchwindelndem Erſtaunen erfüllte. Dieſes Gefühl knüpfte ſich an die Empfindungen des Schreckens, des Haſſes, oder der Bewunderung, welche der außerordentliche Mann ſeinem ganzen Zeitalter einflößte npfindungen, die bei dem Einen oder dem Andern einzeln vorwalteten, vielleicht aber bei den Meiſten zu gleichen Theilen gemiſcht waren. Es war der funfzehnte Mai. 8 Ludwig hatte Schweſter und Mutter bis zu dem Hauſe einer Freundin geleitet, aus deſſen Fenſtern die Frauen den Einzug des Kaiſers gemächlich mit anſehen konnten. Er ſelbſt zog es vor, auf den Gaſſen unter den treibenden und wogenden Maſſen des Välkes zu bleiben, die ſich in erwar⸗ tungsvoller Unruhe auf⸗ und abbewegten. Plötzlich rief ihn eine Stimme unvermuthet an. Es war Naſinski, der auf einem prächtigen polniſchen Schimmel an langen Reihen von Soldaten hinabſprengte. Er hielt das edle Thier, auf dem er ritt, ganz leicht im Zügel; denn mehr bedurfte es nicht, da das Roß, ſo feurig es ſchien, von 4 — 105— dem gewandten, ſichern Reiter ſpielend gebändigt wurde und ihm nach dem Wink und Druck des Fingers gehorchte. „Guten Abend, lieber Freund vom Sanct Gotthard,“ rief er Ludwig an.„Daß wir uns heute ſchon wiederſehen würden, hätte ich nicht geglaubt, denn es iſt ein gar be⸗ ſchäftigter Tag für uns. Ich habe mich ſchon beritten ge⸗ macht, wie Sie ſehen; Boleslaw und Jaromir laufen noch nach Pferden umher. In einer Stunde wird der Kaiſer hier ſein, und ich weiß, ſie zahlen gern den doppelten Preis, um nur noch in ſeinem Gefolge ſein zu können, wenn er her⸗ einreitet.“ Da Ludwig mit einem Offizier ſprach, ließen die bärti⸗ gen Krieger, von denen dieſer umgeben war, ihm unbedenklich, eine Lücke zum Eintreten. Er reichte Raſinski die Hand. Als er den ſchönen Mann in der glänzenden Uniform ſo ſtolz und leicht zu Roß erblickte und aus dem ſchwarzen Auge die kriegeriſche Freude leuchten ſah, die ihn ſelbſt über den tiefen Schmerz um ſein Vaterland erhob, regte ſich in ſeiner Bruſt faſt ein Gefühl des Neides auf den Stand, der das Leben ſo friſch, ſo brauſend und ſchaumend genießt, weil er nur der nächſten Gegenwart gewiß iſt. Es war ihm, als werde ſich jede trübe Zukunft vergeſſen, jeder Schlag leicht vermeiden laſſen, ja, als müſſe das Geſchick da alle Macht auf das menſchliche Herz verlieren, wo es uns nicht mit kommenden Trübſalen bedrohen, nicht durch ferne Hoff⸗ nungen reizen kann, ſondern die Scheere der Parze den Fa⸗ den jeden Augenblick abzuſchneiden bereit iſt, und der Menſch daher nur um Stunden, nicht um Jahre des Glückes buhlt und wirbt. „Sie betrachten mich ja ſo aufmerkſam,“ fragte Ra⸗ ſinski;„fällt Ihnen etwas an mir auf?“ Ludwig wollte entgegnen, als plötzlich der wirbelnde 5** 8 — 106— Schall der Trommeln ertönte und die Krieger ihre Reihen ſchloſſen und ordneten, ſo daß er eiligſt zurücktreten mußte. Ein General kam mit vielem Gefolge vom Schloſſe heran⸗ geſprengt; es war der König von Neapel in ſeiner von Gold ſtrotzenden, phantaſtiſchen Uniform(ſie glich am meiſten der der Huſaren), welcher auf einem andaluſiſchen Goldfuchs in wahrhaft königlicher Haltung durch die Gaſſen ritt, um ſich zum Empfange des Kaiſers vor den freiberger Schlag zu begeben. Sein funkelndes Auge flog raſch über die Scharen dahin; er ſchien zufrieden. Naſinski hatte ſein Roß ſeitwärts etwas zurückgezogen und begrüßte den Ge⸗ neral mit Ehrfurcht; dieſer hielt an, ſprach einige Worte mit ihm und drückte ihm ſogar die Hand. Man ſah, daß dieſe auszeichnende Behandlung dem ganzen Gefolge eine gewiſſe Achtung vor dem polniſchen Offizier einflößte, denn ſelbſt die Generale boten ihm, als derſelbe ſich jetzt in ihre Reihen ſetzte, um ſich dem Gefolge anzuſchließen, einen ehrenvollen Gruß. Die prächtige Schar der Reiter, unter denen ſich Mar⸗ ſchälle, Generale, die angeſehenſten Stabsoffiziere und auch viele deutſche Fürſten befanden, ſprengte raſch dahin, die Schloß⸗ gaſſe hinunter, dem wilsdruffer Thore zu, durch welches der Ludwig ſtand noch in Gedanken verloren und überließ ſich dem Gange ſeiner Gedanken, als der raſſelnde Galopp eini⸗ ger Pferde bewirkte, daß er ſich umwandte. Es waren die beiden jüngern Palem Boleslaw und Jaromir, die auf das Eilfertigſte heranſprengten, um dem Zuge nachzukommen. Auch ſie bemerkten Ludwig und warfen ihm im Vorüber⸗ fliegen einen freundlichen Wink und Gruß mit der Hand zu. 4* Kaiſer einreiten ſollte. Eine freudige Keckheit, man möchte ſagen, ein kühner übermuth, war faſt in Aller Zügen ſichtbar. — — Ihr Glücklichen! dachte erz was vermöchte wol euren — — 107— freudigen Muth zu trüben, die ihr der Zukunft mit keinem andern Begehren entgegengeht, als in jedem Augenblick euer Leben an eure theuerſten Wünſche zu ſetzen! Ihr ge⸗ winnt, wenn ihr ſiegt und euer Ziel erreicht, ihr verliert nicht, wenn ihr ehrenvoll fallt, ehe die Früchte zu brechen ſind! Glücklich jeder Krieger, doppelt aber ihr, die ihr mit dem ganzen vollen Herzen der Sache, für die ihr fechtet, angehören könnt, und zugleich die heiligſte und ſüßeſte Pflicht erfüllt, indem ihr der Stimme der Ehre und des Ruhmes folgt! Mit dieſen Gedanken beſchäftigt, ließ er ſich in dem wogenden Gedränge der Menſchen forttreiben, ohne ſon⸗ derlich viel von Dem wahrzunehmen oder vollends zu beach⸗ ten, was um ihn her vorging. Plötzlich rief Jemand ihn von hinten her laut bei Na⸗ men, und indem er ſich umwandte, fühlte er ſich ſchon von männlichen Armen umfaßt, und ein froher Kuß brüderlicher Freundſchaft brannte auf ſeinen Lippen, noch bevor er Zeit gehabt hatte, zu erkennen, wer ſeiner Jugendfreunde ihn ſo herzlich begrüße.„Ludwig! Erkennſt Du mich denn nicht?“ rief der Freund voller Erſtaunen, weil er die überraſchung und Verwunderung, die ſich in Ludwigs Zügen malte, un⸗ verkennbar wahrnahm.„Hätteſt Du mich ſo ganz vergeſſen, oder ich mich ſo verändert?“ „Bernhard, mein theurer, lieber Bernhard!“ rief Lud⸗ wig jetzt,„wie ſollt ich Dich nicht erkennen? Aber wie konnte ich Dich hier vermuthen?“ 4 „Nun beim Henker! wenigſtens doch ſo gut als ich Dich,“ rief Bernhard, indem er ihm fröhlich ins Geſicht blickte und die Hand, die er nicht losgelaſſen, mit Freun⸗ deswärme drückte. „Meine Schweſter ſagte mir geſtern,“ ſprach Ludwig, 108— „Du ſeieſt ſeit zwei Jahren auf Reiſen in Norwegen und Schottland.“ „Und von Dir wußte ich's, der ich erſt geſtern hier an⸗ gekommen bin, nichts anders, als daß Du auf dem AÄtna oder Veſuv herumkletterſt. Aber ſollte ich Dich deshalb nicht erkennen? Und wäreſt Du mir meinethalben auf dem Hekla begegnet,— um doch gleich den dritten Cyklopenrachen in Europa zu nennen,— glaubſt Du, ich würde Dich für einen Eisbären angeſehen haben?“ „Aber mein Himmel, Du packteſt mich gleich ſo und erſtickteſt mich faſt in Deiner Umarmung, ich hatte ja kaum eine Secunde—“ „Ich kaum eine halbe, denn ich ſchwöre Dir, daß ich nichts von Dir geſehen habe als höchſtens ein Achtelsprofil, indem ich eben aus der wilsdruffer Gaſſe debouchirte, wäh⸗ rend Du vorbeiſchoſſeſt. Aber wenn ich auch nur dieſes Lockenzöpfchen Deines Seitenhaares im Winde hätte flattern ſehen, ſo würde ich Dir über den ganzen Markt hinweg einen Gruß zugerufen haben, weil ich alte Freunde im Ge⸗ dächtniß behalte, Du aber nicht, Du Verräther!“ „Weil Du ein Maler biſt,“ ſprach Ludwig lächelnd und froh, den Freund in ſeiner alten Weiſe wiederzufinden; „ein Maler, der ſich von ſeinen Freunden nur die Umriſſe einprägt, während wir genauer auf ihr Inneres merken und ſie darum deſto lieber haben „Auch gut, aber ich thue Beides und werde ein buntes Schlangenfell nicht ſonderlich ins Herz ſchließen. Wer aber wie Du ſeine paſſable Seele in eine erträgliche Haut ein⸗ genäht hat, der kann auf mein Gedächtniß rechnen. Wäre es aber nicht geſcheidter, daß wir hier zu dem Italiener Longo hineingingen und uns ſetzten, eins tränken und ein⸗ ander die Sünden der vergangenen Jahre beichteten? Ich ,— — 109— bin's überdrüſſig, mich hier von jedem Packknecht, Schneider⸗ geſellen oder Juden angaffen und anrennen zu laſſen. Zu⸗ dem wird man des Getümmels ungewohnt, wenn man ſo lange in den ſchottiſchen Bergen zugebracht hat als ich. Komm, ein Glas italieniſchen Weins ſchmeckt Dem, der aus Neapel kommt, in der Erinnerung, Dem, der von den Hebriden heranſegelt, in der Sehnſucht köſtlich. Komm, komm, denn ich brauche eigentlich eine dunkle Ecke, um Dir meinen Reiſebericht abzuſtatten, und werde bisweilen einen tüchtigen Schluck trinken, damit ich's auf den Wein ſchieben kann, falls mich irgend eine Röthe anfliegen ſollte, die der Pöbel Schamröthe nennt. Komm!“ Bernhard war ein Schulgenoſſe und Jugendfreund Ludwigs; von jeher hatte er ſeine tiefern Empfindungen, wie es willenskräftigen Menſchen bisweilen eigen zu ſein pflegt, unter dem Schleier des Scherzes, der Satire und des Spottes auf ſich ſelbſt gewiſſermaßen zu verlarven ge⸗ ſucht; ſeine nähern Freunde kannten aber das edle Antlitz, welches ſich hinter den verzerrten Zügen verbarg. Ludwig wußte daher wohl, daß Bernhards Freude und Rührung über das unvermuthete Wiederſehen nicht geringer war als ſeine eigene. Gern folgte er der Einladung zum Frühſtücke, weil Bernhard es ſehr liebte, mit der entzündenden Kraft des Weins die dunkle Glut ſeiner Seele zu hochlodernden Flammen aufzujagen. 1 „Gebt uns eine Flaſche Syrakuſer, Signor Longo, oder Lacrymae Chriſti,“ rief er im Eintreten;„aber ſorgt, daß ſie feurig, aromatiſch, lieblich und mächtig, kurz, daß ſie echt ſei. Komm hier ans Fenſter, Ludwig, daß wir den Pöbel vorbeitreiben ſehen und an ſeiner Bewegung wie an einem Barometer abmeſſen, wenn's Zeit iſt, uns unter ihn zu miſchen, damit wir den Kaiſer nicht verſäumen.“ — 110— Der Wein kam, die Freunde ſtießen an; Bernhard leerte das Glas, Ludwig hatte nur leicht gekoſtet. „Ich muß Dir nur,“ begann Bernhard,„vorweg eine Rede halten, damit ich nicht in falſchen Verdacht komme. Du könnteſt glauben, ich ſei ein Säufer geworden, weil ich das Glas mit dieſem edlen Blut ſo hinunterſtürze wie ein Vampyr das Herzblut. Nein, Bruder! Nur an einem ho⸗ hen Feſttage zünde ich ſolche Freüdenfeuer an; dann will ich aber, daß ſie ein wenig raſch auflodern. Monate lang leb' ich ſtreng wie ein Karthäuſer oder Spartaner. Aber von Zeit zu Zeit muß man den Lebensbodenſatz, den der beſte Kerl ſo gut abſcheidet wie das edelſte Metall, in ſolchem Feuer verflüchtigen. Im Grunde genommen iſt es der erdige Leib des Philiſterthums, den man auf dieſem reinflammenden Scheiterhaufen verbrennt, damit die Seele ſich reinige wie Asbeſt und wieder frei werde von ihren Banden und jauch⸗ zend auffliege wie der Phönix aus der Aſche. Ich habe jetzo etliche Monate ſtark angeſetzt, ſo daß Herz und Seele in dem erdigen Gehäuſe, das ſich um ſie herum legt wie die Schale um die Perle, beinahe erſticken mußten, und die armen Dinger ſich die Flügel lahm ſchlugen in dem verfluch⸗ ten Käfig; denn ich begleitete einen engliſchen Lord auf ſei⸗ ner Reiſe nach Deutſchland— warum, ſage ich Dir ein andermal,— deshalb iſt's Zeit, daß ich die Lunte in's Pulverfaß werfe und den Plunder aufſprenge. Stoß an! Was wir lieben! Es iſt und bleibt meine alte Geſundheit.“ b das Glas, ſtieß an und leerte es mit tie⸗ Er machte jetzt die Erfahrung, daß, wenn irgend etwas erfüllt iſt, ſie auch durch alle zufälligen äußees Ereigniſſe und Beziehungen darauf zurück⸗ geführt wird, und nichts ſo fremd iſt, das nicht in irgend eine Bedeutung dazu trete. Freilich, die Erinnerung durch „ 1 1 4 — 111— Bernhards Trinkſpruch lag nahe genug; allein auch jedes andere Verhältniß, jede andere Begebenheit fand ſtets in ihm einen Verknüpfungspunkt mit dem Gegenſtande ſeiner Liebe. In der Einſamkeit beſchäftigte er ſich mit ihr; im tobenden Gewühl bildete ſie den Gegenſatz zu Dem, was ihn umgab, wie der Schiffer mitten im ſtürmenden Meere allein den ſtillen Glanzpunkt des fernen Leuchtthurms im Auge behält. Auch Bernhard wurde, nachdem er getrunken, einen Augenblick ſtill und blickte nachdenklich vor ſich hin; irgend eine milde aber wehmüthige Erinnerung, das bemerkte ſelbſt Ludwig in ſeiner eigenen Bewegung, glitt über die kühne, trotzige Stirn hin, wie wenn zerriſſenes, unruhig treibendes Gewölk ſich einen Augenblick öffnet und uns den ſtillen Mond, in ſanfter Himmelsbläue ſchwimmend, wahrnehmen läßt. Aber er verſcheuchte den Eindruck ſchnell wieder, in⸗ dem er einige übermüthig kecke Blitze durch den gewitter⸗ ſchwülen Horizont kreuzen ließ, als ſei er beſorgt, ſich ver⸗ rathen zu haben. „Was wir lieben,“ rief er:„feurige Küſſe oder feuri⸗ gen Wein! Eine keuſche Muſe, oder eine lockende Aspaſig! Mein Toaſt legt wenigſtens Niemandem Ketten oder Dench ſchuhe an. Wer im Moraſt damit ſtecken bleiben will, mag es haben; wer die Fittige ſpreizt, um zu den Sternen zu fliegen, Glück auf! wer im Stillen ſein eignes Wohl trinkt, — ins Teufels Namen, ich will's ihm auch nicht verbieten, ja ich thue es ſogar ſelber. Denn zuletzt kommt es ja doch immer nur darauf an, worein wir unſer Wohl ſetzen. Der letzte Reflex bleibt doch das Ich. Aber trink aus, Ludwig, und ſei vernünftig und erzähle, wo haſt Du geſteckt die vier Jahre, daß wir uns nicht geſehen?“ Ludwig berichtete in wenig Worten von ſeinen Studien und ſeiner Reiſe; doch er ſchwieg von Bianca. 4 — 112— „Und ich,“ nahm Bernhard das Wort,„kann eben ſo kurz ſein. Ein Jahr, nachdem Du fort warſt, copirte ich immer drei Narren oder Affengeſichter zwiſchen einem Raphael, ungefähr wie die Soldaten nach drei Tagen ſtrengen Arreſts einen mildern haben, mit beſſerer Koſt als Waſſer und Brot. Dann warf ich mich auf die Genremalerei und wußte nicht un⸗ geſchickt Stallbuben, Viehmägde, alte Vetteln beim Spinnrade, Zahnbrecher, beſoffene Bauern, Betteljungen, ja ſogar Schwei⸗ nekoben und deren nächſte Grenzdepartements idealiſirt auf die Leinwand zu zaubern, was etwas Geld abwarf. Denn die Menſchen lieben die Kunſtwerke am meiſten, wo ſie ihre Natur am getreueſten wiederfinden. Was ich in der gebil⸗ deten Welt erworben hatte, beſchloß ich in der Wildniß zu verthun, nämlich in Norwegen und Schottland, weil mir's ſchon lange in den Gliedern lag, an kalten nordiſchen Land⸗ ſchaften mein Herz zu wärmen. Ich kann Dir ſagen, Lud⸗ wig, ich habe etliche Seeſtürme, ein paar Felſen und Waſ⸗ ſerfälle gemalt, die ihren Preis haben und vielleicht dreißig Silberlinge werth ſind und darüber. Doch das beiläufig. Kaum war ich in London angekommen, als mir ein Brief von meinem Oheim nachkam, der mir allerlei wunderliches Zeug über meine Geburt, meine Ältern und dergleichen er⸗ zählte, das mich einen Augenblick in Harniſch brachte. Bald aber warf ich den Plunder, der eigentlich auf nichts hinaus⸗ lief, als daß mein Vater ein Schelm war, der ſich ſein Lebtag nicht um mich bekümmert hat, aus allen Fenſtern meines Herzens heraus. Denn ich hatte damals andere wich⸗ tigere Dinge zu denken als dieſe Gevattergeſchichten. Ich war froh, daß ich meine Exiſtenz eigentlich Niemandem zu danken hatte, und beſchloß mehr als jemals, mir frei von der Welt zu ertrotzen und zu erobern, was ich haben wollte. Das war damals nicht wenig, Lieber, denn—“ 5 * — 113— Hier ſtockte er. Ludwig wiederholte:„Denn?“ „Teufel, hörſt Du den Kanonenſchuß? Der Kaiſer kommt! Sieh wie der Pöbel in Bewegung geräth! Wir gehören auch dazu, laß uns hinaus!“ Mit dieſen Worten ſprang er auf und zog Ludwig nach, auf die Gaſſe hinaus. Die Menge, die bisher ohne beſtimmtes Ziel auf und nieder wogte und ſich auch hie und da mehr in die Ferne verloren hatte, ſtrömte jetzt von allen Seiten zuſammen ge⸗ gen das willsdrufer Thor zu. Es war ſchon faſt ganz dunkel geworden; man zündete bereits die Laternen an, und auch die Feuerkörbe, die zur Er⸗ hellung der Straße beſonders aufgeſtellt waren, wurden in Brand geſetzt.„Wir werden ein Nachtſtück zu ſehen be⸗ kommen,“ ſprach Bernhard,„das liebe ich. Nun der Kai⸗ ſer vis jetzt nicht gekommen iſt, wünſchte ich aber auch, daß er noch eine Zeitlang ausbliebe, ſonſt leuchten weder Tag noch Feuerbecken hinlanglich, um ſein Angeſicht zu ſehen.“ Es war in der That blinder Lärm geweſen; man hatte ei⸗ nen andern Wagen für den des Erwarteten genommen. Die Maſſen zerſtreuten ſich daher wieder.„Ins dumpfe Mauerloch mag ich nicht zurück,“ fuhr Bernhard fort;„laß uns nun auf den Gaſſen wandelnd zubringen.“ Sie gin⸗ gen in dem treibenden, wogenden Volksgedränge auf und nieder, das, von der röthlichen Feuerbeleuchtung halb beſtrahlt, halb in das Dunkel der Nacht gehüllt ,einen eigenthümlichen Eindruck machte.„Ich freue mich nur,“ ſprach Bernhard, „wie ruhig der Maienhimmel mit ſeinen Sternchen ſich über die unruhige Erde ſpannt, deren Getöſe nicht bis zu ihm heraufdringt. Aber horch! das Stimmengebrauſe wälzt ſich näher und näher! Jetzt muß etwas vor ſich gehen.“ Er ſprang auf den unbeachtet gebliebenen Steinvorſprung eines — 114— Hauſes, der für Zwei Raum hatte.„Dort kommt er 1“ rief Bernhard und deutete auf einen Wagen, hinter dem man viele Reiter erblickte, deren Säbel und Lanzenfähnlein im Feuer⸗ ſchein glänzten. Es war die polniſche Nobelgarde, die den Wa⸗ gen begleitete. Der Kaiſer hatte ſich in die Ecke gedrückt, und ſchien ſich nicht zeigen zu wollen. Doch dicht vor dem Standpunkte Ludwigs und Bernhards beugte er ſich, da der Zug durch einen Zufall aufgehalten wurde, vor, und man konnte ſein von dem Flammenſchein hell beleuchtetes Antlitz wahrnehmen.„Das iſt er,“ rief Bernhard leiſe. Ringsher wurde Alles ſtill, als habe das Auge des Mächtigen, der die Welt mit ſeinem Ruhm und Schrecken erfüllte, dieſes ehrfurchtsvolle Schweigen geboten. Bernhard und Ludwig hielten die Blicke unbeweglich auf das Haupt des Kaiſers ge⸗ ſpannt. Erſt als daſſelbe verſchwand und der Zug ſich wie⸗ der vorwärts bewegte, erwachte Ludwig wie aus einer Be⸗ täubung und wandte ſich zu Bernhard um. Noch mehr als über ſich ſelbſt, erſtaunte er über dieſen; denn der ſeltſame Menſch, der faſt niemals den Ernſt Herr über ſich werden ließ, wenigſtens ihn niemals zur Schau trug, ſtand jetzt einem Verſteinerten ähnlich, die feurigen, düſtern Blicke un⸗ beweglich auf die Gegend gerichtet, wo der Kaiſer verſchwun⸗ den war. Ludwig ergriff ihn bei der Hand und rief ihn an:„Bernhard!“ Jetzt erwachte er und erſchreckte faſt.„Ja ſo!“ erwi⸗ derte er.„Hm! Er ſah gut aus! Nicht wahr? Ein Maler darf wol aufmerkſam ſein auf dergleichen. Hm! Ich hätt's nicht gedacht. Kein ſchöner Zug an dem ganzen Geſicht und doch ſo etwas! Zum Teufel, ich weiß noch gar nicht, mit welcher Gattung von Linien und Strichen man Das ausdrückt, was auf der Stirne ſtand, was ich in dem Auge geleſen habe! Aber ich bitte Dich, ſieh nur alle dee —ũ— — —yz:ꝛ — — 115 vertrackten, kahlen, fahlen, nüchternen, verfluchten Phyſio⸗ gnomien hier um uns her. Hab' ich denn noch niemals ein Geſicht geſehen? Sind denn das Geſichter? Ich weiß gar nicht, was ich davon denken ſoll; in meinem Leben habe ich nicht ſo viel ſchäbige, abgenutzte, verbrauchte Philiſter⸗ köpfe beiſammen getroffen. Mir wird zu Muthe, als müſſe ich einen Schluck Seifwaſſer ſaufen hinter einem Becher Johannisberger, wenn ich die Augen im Kreiſe umherſpa⸗ zieren laſſe.“ Ludwig ſuchte vergeblich nach einem Bilde oder nach Worten, um den ähnlichen Eindruck, den er empfand, zu ſchildern. 4 „Mir war es,“ fing er an,„als zöge ein mächtiger Adler mit ausgebreiteten Schwingen vorüber, mitten durch eine Schar niedern Gevögels hindurch.“ „Ja ja, Du haſt Recht,“ antwortete Bernhard,„lau⸗ ter Enten, Gänſe, Staarmätze und Spatzen. Zuverläſſig ein Löwe, der mitten in einer Heerde Eſel vorbeitrottirte. Und zum Teufel, traben wir Beide nicht etwa auch hinter⸗ drein? Oder glaubſt Du, daß unſre zwei Geſichter geleuch⸗ tet hätten wie ſeine Nebenſonnen an dem grauen fahlen Firmament, das ihn umgab?“ Unter dieſen Worten hatte er Ludwig in den Arm ge⸗ faßt und zog ihn aus dem Strome des Gedränges in eine Seitengaſſe fort. Ernſt. ſchweigend, gingen ſie nebeneinan⸗ der hin. Plötzlich ſprach Bernhard kurz:„Gute Nacht, Bru⸗ der! Auf Wiederſehen bis morgen!“ Damit riß er ſich in ſeiner ſeltſamen Weiſe los und verſchwand im Dunkel. Ludwig ging nachdenklich nach Hauſe; ſelbſt das freundliche ngute Nacht!“ welches ihm Marie noch ſagte, konnte ſeine ernſten, ja finſtern Gedanken nicht verſcheuchen. — 116— 3 Drittes Capitel. Am andern Vormittage machte Ludwig einen Spazier⸗ gang auf der Brühlſchen Terraſſe. Plötzlich ſtand Bernhard vor ihm.„Salve!“ rief ihm dieſer zu.„Eben habe ich unſern Zeus oder Pluto, wie Du willſſt, reiten ſehen.“ „Den Kaiſer?“ rief Ludwig lebhaft, indem er den Gruß durch die dargereichte Hand erwiderte;„nun, wie ſieht er bei Tage aus?“ „Ich weiß wahrhaftig nicht, wie ich Dir's beſchreiben ſoll,“ begann Bernhard;„es war viel Lärmen umher, Glo⸗ ckenläuten, Kanonenſchüſſe, Volksgetümmel, Truppen, die zur Parade wollten, kurz aller Teufel; aber ich hörte nichts. Wenn ich mich aber jetzt ſo recht als Zeichner auf den Kaiſer beſinnen ſoll, ſo war es, däucht mir, ein fahlgel⸗ bes Geſicht, eckig, zackig im Profil, wie es ein Hund beſ⸗ ſer in ein Stück Papier freſſen kann. Ein Paar grau⸗ ſchwarze Augen, ein kurzer unterſetzter Kerl— weiß der Teu⸗ fel was für ein lumpiger Kobold. Aber ſieh, das iſt's eben, worüber ich ſogleich, wenn ich nicht etwas Anderes nöthig zu thun hätte, verrückt werden könnte und einigermaßen überſchnappen, weil ich gar nicht begreife, was eigentlich für ein Spuk mich bethört hat. Bald war mir's, als zöge eine ſchwere Gewitterwolke durch einen blaßblauen nüchternen Him⸗ mel und werfe Blitze aus, daß die Sonne wie ein krankes Mädchen dagegen ausſah,— dann kam mir's wieder vor, als ziehe ein düſterroth funkelndes Geſtirn zwiſchen grauen Nebelwolken hindurch, ſo daß Alles blutig erhellt ward rings umher, endlich, und das hielt am längſten an,— Du wirſt mich aber auslachen— erſchien mir's, als werde der Rheinfall plötzich ſtille, oder als bedecke die feierliche Stille ſein Getöſe, was freilich ſehr unvernünftig klingt.“ — — 117— „Wahrlich nicht ſo unvernünftig, als Du glaubſt,“ rief Ludwig.„Denn was iſt Stille? Es gibt eine feierliche, erhabene Stille der Seele, die mitten in dem unruhigſten äußern Treiben ſtattfinden kann. Als der Kaiſer geſtern vor⸗ überfuhr, war mir's, als müſſe Jeder, der ihn anblicke, in dieſer ſchweigenden, geſpannten Ehrfurcht des Gemüthes, ſich ihm innerlich neigen; und ſo würde mich auch jetzt das Gefühl tiefer Stille durchdrungen haben, trotz des Glockenläutens, des Kanonendonners und des Jubelrufes der rohen Maſſen. Und da Du den Rheinfall nannteſt, muß ich Dir ſagen, daß ich dort wie an dem tobenden Sturz der Reuß auf dem St. Gott⸗ hard noch ganz kürzlich eine ähnliche Empfindung gehabt habe. Denn die Erhabenheit in der Umgebung dieſer Naturſchau⸗ ſpiele bewegt die Seele auf ähnliche Art und wirkt noch überdies durch den Gegenſatz der ſtarren, einſamen Felskegel, der Abgeſchiedenheit des ruhigen Himmels, ſo daß das Ge⸗ töſe des Waſſerfalls ſelbſt den Eindruck der Stille, den wir nur in der Ahnung empfinden, erhöhen kann.“ „Du ſprichſt wie ein Buch,“ antwortete Bernhard,„wie Thales, ja wie Solon ſelbſt, den ich höher ſtelle, weil er gute Geſetze für widerſpenſtige Menſchen zu geben wußte, während Jener nur die Geſetze der Natur mit einigem Glück ſtudirte. Indeſſen Du haſt Recht. Ich habe dergleichen in Schottland auch erlebt, zum Beiſpiel in der Fingalshöhle, wo ich ſtets dachte: Würde man nun wol das hohle Brauſen der See und des Windes hier hören, wenn es nicht ſo ſtill wäre wie in einer Herrnhutherkirche? Auch vor einem Waſſerfall, in einer tiefen engen Felsſchlucht, vor deſſen Getöſe man kein Wort verſtehen konnte, mußte ich denken: hier iſt es ſtill wie im Grabe, nur daß der Strudel tobt und ziſcht. Und dies Gefühl ergriff mich beſonders, da ich ein wildes Roſen⸗ gebüſch auf dem Vorſprunge eines Felſen entdeckte; denn es hing die zarten Zweige und Knöspchen über den brauſenden Abgrund hinaus, ohne nur im mindeſten zu ſchwanken oder durch ein Lüftchen gewiegt zu werden, ſo ruhig war Alles umher. Dieſer Gegenſatz des Zarteſten gegen die ungeheuren Naturkräfte erhöhte meine Empfindungen ungemein. Etwas Ahnliches, zugleich aber auch etwas völlig Anderes fühlte ich bei einer Feuersbrunſt in Edinburg, wo ich in einem obern Stockwerk, welches die ſauſende Flamme ganz erfüllte und hoch daraus emporſchlug, einen vergeſſenen Kanarienvogel in ſeinem Gitterkäfig in der Fenſterhöhle hängen ſah. Er glich Dir einer Forelle im ſtürmenden Weltmeer! Aber, God dam, da kommt ein ſchöner Kerl heran! Der ſieht auch aus, als könne er Kaiſer ſein!“ unterbrach er ſich plötzlich und ſtieß Ludwig an, der kaum das Auge nach der Gegend richtete, als ihm Raſinski auch ſchon ſeinen Gruß entgegenrief und winkte. „Sieh da, Freund!“ redete er ihn mit einem freudig ſtrahlenden Geſichte an;„nun kann man ſich doch endlich einmal vernünftig begrüßen. Fünf bis ſechs Tage ſind nun⸗ mehr mein und einige davon hoffe ich, werden wir wenig⸗ ſtens zuſammen verleben. Indeſſen dürfen Sie mir Glück wünſchen. Der Kaiſer hat mir die Bildung eines leichten Regiments aufgetragen, das als Freicorps agiren ſoll und wobei mir die unbeſchränkte Vollmacht in der Wahl meiner Leute und Offtziere gelaſſen iſt. Eine herrlichere Stellung in der Armee konnte ich mir nicht träumen. Dreier Tage bedarf es etwa noch, damit ich alle die nöthigen Ausferti⸗ gungen, Vollmachten und Anweiſungen ſchriftlich erhalte, dann ordne ich das Nöthige an und reiſe hierauf ſofort nach Warſchau ab, wo ich mir unter meinen polniſchen Landsleuten meine Kameraden zu wählen denke.“ Bernhard hatte den ſchönen Polen unverwandt ins Auge gefaßt und ſah ihn mit Blicken an, als wolle er ihn ſogleich — — — 119— 5 für ewig im Gedächtniß behalten. Naſinski ſchien dies ſelt⸗ ſame Anſtarren faſt beleidigend zu finden, Ludwig ſuchte daher einer Reibung zu begegnen, indem er ſie einander vorſtellte.„Mein beſter Jugendfreund, Bernhard, ein Ma⸗ ler— Graf Raſinski, den ich auf der Reiſe über den St. Gotthard kennen gelernt.“ „Ich hoffe die Freunde eines Dritten werden auch ein⸗ ander befreundet werden,“ ſprach Bernhard lebhaft;„ſchon nach mathematiſchen Grundſätzen iſt dies nothwendig.“ „Freilich, freilich,“ erwiderte Raſinski lächelnd und er⸗ griff Bernhards halb dargebotene Hand,„zwei Größen, die einer dritten gleich ſind, ſind einander gleich, indeſſen—“ „Hat der Satz für meinen Fall freilich eben ſo viel ge⸗ gen als für ſich,“ fiel Bernhard raſch ein;„das geſtehe ich Ihnen vorweg zu; aber ich hoffe, doch Recht zu behalten.“ „Nichts ſoll mich mehr freuen,“ erwiderte Naſinski. „Wollen Sie,“ ſprach Ludwig,„um die Wahrheit Ih⸗ res Satzes näher zu prüfen, heute Beide meine Gäſte ſein? Ich habe,“ fuhr er zum Grafen gewendet fort,„meiner Mutter bereits verſprochen, Sie und unſre beiden jüngern Freunde in unſer Haus einzuführen, wenn anders ſie meine Einladung in den ganz beſchränkten Kreis einer bürgerlichen Häuslichkeit nicht verſchmähen.“ „Was für ſeltſame Worte, junger Freund,“ ſprach Ra⸗ ſinski freundlich, indem er den Finger zu einer ſcherzhaften Drohung erhob;„Sie wiſſen, wie wir uns ſchon darauf gefreut haben. Und kann dem Soldaten, deſſen Leben ein ſtetes, wüſtes, herz⸗ und heimatloſes Umhertreiben auf der. großen Landſtraße öffentlicher Ereigniſſe iſt, irgend etwas einladender und reizender ſein als ein vertrauter, herzlicher Familienkreis?“ „Ich hatte geglaubt,“ bemerkte Ludwig,„nur die — 120— drückende Enge ſolcher Verhältniſſe könnte der Krieger em⸗ pfinden.“. „O, lieber Freund, Sie glauben nicht, wie hoch man das Glück eines häuslichen Herdes ſchätzen lernt, wenn man fühlt, daß man überall ein Fremdling iſt. Ein Tag auf dieſe menſchlich ſchöne Weiſe zugebracht, nachdem man Mon⸗ den lang in der Öde umherſtreifte wie ein aufgeſcheuchtes Wild ohne Lager, wird ein unſchätzbares Glück. Freilich werden auch wehmüthige Empfindungen dadurch geweckt, denn man ſieht goldne Früchte, die man nicht brechen darf; aber es thut doch ſo wohl, einmal auch durch unſere Um⸗ gebungen und Verhältniſſe daran erinnert zu werden, daß es eine Zeit gab, wo man ebenfalls Sohn, Bruder, viel⸗ leicht Gatte und Vater ſein durfte!“ „Hm,“ ſprach Bernhard,„es iſt etwas Wahres daran. Halb und halb habe ich ſelbſt ſeit langer Zeit die Rolle des 4 ewigen Juden geſpielt und darum gelüſtet's mich zu Zeiten nach Ruhe; aber auf die Dauer möcht' ich ſie doch nicht mit einer andern vertauſchen. Ich habe einen unüberwindlichen Abſcheu, eine wahre Angſt vor der Schlafmütze und den Pantoffeln; keine Feſtungsmauer, kein Kerkergitter, keine Galeerenketten würden mich ſo beengen.“ „Wer daran gewöhnt iſt,“ meinte Naſinski,„den Him⸗ mel des Lebens täglich zwiſchen Sturm und Sonnenſchein. wechſeln zu ſehen, der fühlt ſich allerdings auch durch das Ermüdende einer ſteten Heiterkeit beengt. Wer ſich aber ſte⸗ tig und treu einer Weiſe gewidmet hat, der ſieht in der ein tönigen Farbe tauſend leiſe Schattirungen, die dem zarter gewöhnten Sinne eben ſo genügen, ihm daſſelbe Wechſelſpiel des Lebens vorzaubern; natürlich muß er alle ſcharfe Tren⸗ nungen, alles Gewaltſame, alle Riſſe, Spalten, Klüfte und Abgründe, die die ſchöne Ebene ſeiner Tage unterbrechen könn⸗ — 121— ten, ſcheuen. Gewinnt man aber wol, wenn man ſich an die ſtärkſten Reizmittel gewöhnt? Werden wir nicht bald ſo abgeſtumpft, daß wir den Wechſel zwiſchen Eis und Glut kaum noch beachten? So führen unſere ſtumpf gewordenen Sinne zuletzt eine ahnliche Monotonie herbei, nur mit dem Unterſchiede, daß in unſerer Lebensweiſe ſtets ein rauher, wilder Ton der vorherrſchende iſt, dort eine ſüßere Melodie die Seele erfüllt und ſanft erfreut.“ „Der Fluß iſt gut für den Nachen, der Ocean für das Kriegsſchiff,“ warf Bernhard leicht hin.„Jener wird von den Wellen des Stroms verſchlungen, dieſes bleibt auf den Sandbänken des ſeichten Fahrwaſſers hängen. Was mich anlangt, ich halte es mit dem hohen Meer; bisweilen muß ich darauf hinaus, und etwas Sturm und Schiffbruch würzt mir die Fahrt. Lege ich auch einmal an einem grünen, ſtil⸗ len Eilande an, ſo treibt mich doch der nächſte günſtige Wind ſchon wieder hinaus in See. Doch auf etwas Anderes zu kommen. Deine Einladung, Ludwig, gefällt mir nicht. Haben wir nicht einen Maitag mit Sonnenſchein und blauem Himmel? Soll man ſich da zwiſchen vier Wände einpferchen? Ich denke, wir machen zuſammen eine Fahrt ins Freie.“ „Gern,“ antwortete Ludwig,„ſo ſchlage ich eine Elb⸗ fahrt vor.“ Herrlich!“ rief Raſinski,„ein Tag im Freien, unmit⸗ telbar unter dem Angeſichte des Himmels zugebracht, ver⸗ knüpft die Menſchen ſchneller und wahrhafter als ein Jahr des Umgangs im Geſellſchaftsſaal.“ „Gewiß,“ ſprach Ludwig bewegt, denn er gedachte deſſen, was ein Tag ihm gebracht und geraubt hatte. „Wann denn alſo?“ fragte Bernhard.„Ich denke drei Uhr iſt die günſtigſte Stunde.“ „Wohl,“ entgegnete Ludwig.„Ich eile, den Nachen I. 6 — 122— zu beſtellen. Doch bitte ich jedenfalls, daß wir uns in der Wohnung meiner Mutter zuſammenfinden, denn falls irgend ein Hinderniß eintreten ſollte, würde wenigſtens mein erſter Vorſchlag ausgeführt.“ Nach dieſen Worten trennten ſich die Freunde, jeder um ſeinen beſonderen Wegen nachzugehen. Ludwig blieb einen Augenblick am Rande der Terraſſe ſtehen, blickte den Strom hinauf und überlegte bei ſich ſelbſt, wohin man wol die Waſſerfahrt am beſten richten möchte. Der Vorſchlag dazu war ihm eigentlich durch überraſchung entlockt worden, indem Bernhard mit ſeinem rauh heftigen Weſen und Ra⸗ ſinski durch die Freude, mit welcher er den Gedanken auf— faßte, den Tag im Freien zuzubringen, ihm keine Wahl ge⸗ laſſen hatten. Doch empfand er wohl, daß es nicht ganz ſchicklich ſei, wenn ſeine Schweſter in der Begleitung ſo vieler fremden Offiziere eine Luſtfahrt dieſer Art unternähme, zumal, falls ſie das einzige junge Mädchen dabei wäre. Ein großer Theil der Bewohner Dresdens war überdies ſtreng deutſch geſinnt und haßte die Fremden als die Feinde und Unterdrücker des Vaterlandes, wenngleich Sachſen ſich ſeit lange ihnen angeſchloſſen hatte und dem Kaiſer ſogar den Schein einer bedeutenden Erhöhung und Vergrößerung dankte. Marie theilte dieſe Geſinnung auf das Lebhafteſte; doch wäre dies auch nicht der Fall geweſen, ſo gab es doch zu viel Ge⸗ achtete in der Gegenpartei, bei welchen ein junges Mädchen durch den öffentlichen Umgang mit den im Allgemeinen nicht im beſten Nufe ſtehenden Offizieren der Armee in ein zwei⸗ deutiges Licht geſtellt wurde. Die ganze Sache war ihm da⸗ her ſehr unangenehm und er überlegte noch, in welcher Weiſe er ſeiner Mutter den Vorſchlag thun ſollte, als er dieſe mit Ma⸗ rien und mehren andern Damen die Terraſſe herabkommen ſah. Noch ehe er ſich entſchloſſen hatte, ob er ihnen entge. — 123— gengehen ſollte oder nicht, hüpfte Marie, die ihn bereits von weitem erkannt hatte, mit leichten Schritten aus der Reihe der Üübrigen hervor, auf ihn zu und rief ihn an:„Da biſt Du ja, Bruder! Sei herzlich gegrüßt.“ Bei dieſen Wor⸗ ten lächelte ſie ihn überaus freundlich an und bot ihm die Hand.„Du biſt mir noch ſo neu,“ fuhr ſie fort,„daß, wenn ich Dich eine Stunde nicht geſehen habe und Dich“ dann wieder treffe, es mir ſcheint, als kommeſt Du eben erſt an und ich müſſe Dich neu begrüßen.“ „Du Gute,“ ſprach Ludwig und liebkoſte ihre Hand, „glaubſt Du aber, daß es mir anders geht?“ Marie lächelte ohne zu antworten. Dann ſprach ſie: „Nun komm einmal raſch mit mir, Du ſollſt alte Bekannte wiederſehen; ich bin neugierig, ob Du ſie erkennen wirſt.“ Mit dieſen Worten zog ſie ihn auf die Damen zu, welche in einiger Entfernung, auf einem Platze, den eine Bank verzierte und wo man einen angenehmen Blick über die Ge⸗ gend hatte, wie es ſchien, abſichtlich ſtehen geblieben waren, um Ludwig zu erwarten. Er trat, von Marie geleitet, etwas verlegen näher. Eine ältere und zwei jüngere Damen befanden ſich in Ge⸗ ſellſchaft ſeiner Mutter. Die jungen Mädchen lächelten an⸗ genehm, als ſein Blick zweifelhaft auf ihnen weilte; die ältere Dame hatte das mit einem großen Hut bedeckte Haupt ein wenig geneigt, ſodaß man ihr Geſicht nicht ſehen konnte. Es ſchien, daß ſie nicht erkannt ſein wollte, um die Töchter nicht zu verrathen, in denen Ludwig mit Recht zwei Kin⸗ der vermuthete, die während ſeiner Abweſenheit zu Jungfrauen herangeblüht waren. Seine Mutter lächelte ihn ſeltſam an. „Er hat ein treuloſes Herz,“ ſprach ſie endlich;„er vergißt ſeine Schwüre, wie die Männer alle.“ Eins der beiden jun⸗ gen Mädchen erglühte bei dieſen Worten wie die lieblichſte 6* — 124— Roſe, die andere verzog den friſchen Mund zu einem an⸗ muthigen Lächeln. Jetzt hob auch die ältere Dame den Kopf in die Höhe und blickte Ludwig an. „Beſte Tante!“ rief dieſer plötzlich,„wäre es möglich! Emma und Julie?“ „Freilich,“ ſprach die ältere Dame,„aber iſt es erlaubt, ſeine nächſten Verwandten zu vergeſſen?“ Ludwig küßte der Tante die Hand; wie er die Töchter begrüßen ſollte, wußte er nicht, denn obgleich er ſeine ganze Jugendzeit mit ihnen verlebt hatte, ſo tritt doch zwiſchen dem gereiften Jüngling und der herangewachſenen Jungfrau, zumal wenn in der Zeit der Entwickelung eine lange Tren⸗ nung ſtattgefunden hat, eine natürliche Entfremdung ein, die ſich den vertrauteſten frühern Verhältniſſen entgegenſtellt. Er blieb alſo bei einem Begrüßen mit freundlichen Worten und einem, wiewol etwas wärmern Kuß und Druck der Hand als bei der Mutter. Emma und Julie waren Ludwig nahe verwandt, denn ihre Mutter Eliſabeth war die Schweſter der ſeinigen, Witwe, wie ſie, und lebte mit ihren Töchtern auf einem kleinen Land⸗ gute einige Meilen von Dresden. In den Knabenjahren hatte er oft Wochen und Monate daſelbſt zugebracht, ſodaß zwiſchen ihm und den blühenden Mädchen die kindlichſten, offenſten Verhältniſſe beſtanden. Sie waren mit ihrer Mutter unvermuthet in die Stadt gekommen, um den Kaiſer zu ſehen, und Dem, was ſich ſonſt von öffentlichen Feſtlichkeiten an ſeine Gegenwart knüpfte, beizuwohnen. Es fand die freudigſte überraſchung von allen Seiten ſtatt und das Wiederſehen wäre gewiß noch herzlicher gewe⸗ ſen, hätte der Ort nicht einige Zurückhaltung geboten. Da⸗ her trieb Marie zum ſchnellen Nachhauſegehen an, damit — 125— man ſich in der freundlichen Wohnung ſo recht in ungeſtörter Vertraulichkeit beiſammen finden möge. Es war nahe an Mittag, und es begann ſehr warm, faſt ſchwül zu werden; am fernen Horizont ſtiegen Dünſte auf, die ſich zu Gewölk zu ſammeln drohten. Ludwig ſah es nicht ungern, daß das Wetter ſich zu ändern ſchien, denn es gab ihm einen ſchicklichen Vorwand, die übereilt angeord⸗ nete Waſſerfahrt rückgängig zu machen. Indeſſen war er zu offen, um der Mutter zu verſchweigen, was geſchehen war; er zog ſie einen Augenblick bei Seite, ſagte ihr gerade heraus, welche Unbeſonnenheit er begangen hatte, und fragte ſie um Rath, wie man am ſchicklichſten ausweichen könne, ohne zu verletzen. Wider ſein Vermuthen entgegnete die Mutter freund⸗ lich:„Es iſt mir gerade nicht angenehm, ſo öffentlich mit fremden Offizieren zu erſcheinen; indeſſen liegt, zumal da es Polen ſind, die wir ja als halbe Landsleute betrachten müſ⸗ ſen, da ihr Herzog unſer König iſt, nach meinem Gefühl durchaus nichts entſchieden Unſchickliches darin. Und nun vollends die Schweſter und die Nichten hereingekommen ſind, ſo darfſt Du ganz ruhig ſein und die Entſcheidung nur der Gunſt oder Ungunſt des Wetters überlaſſen.“ Seltſamerweiſe kann uns eine augenblickliche Sorge oder Widerwärtigkeit oft mehr in Anſpruch nehmen als ein durchgehender tiefer, ſchon lange getragener Schmerz; dies war mit Ludwig der Fall geweſen, und darum fühlte er ſich nach dieſer Erklärung ſehr wohl zu Sinne, ja er wurde faſt heiter. Inmitten ſeiner beiden, hold aufgeblühten Jugend⸗ geſpielinnen, die ſich, ſchnell wieder vertraut, an ſeinen Arm gehängt hatten und mit mädchenhafter Neugier von den Wunderdingen, die er auf ſeiner Reiſe geſehen haben mußte, unterhalten ſein wollten, gewann er eine angenehme Geſprä⸗ chigkeit. Seine Seele öffnete ſich den zauberiſchen Erinne⸗ — 126— rungen an die harmloſen Tage der Jugend; es war ihm, als ſchaue er von dem Gipfel eines durch dunkle, die Ausſicht verſchließende Waldſchluchten mühſam erklommenen Berges in ein ſtilles Thal zurück, das er mit lieben Nachbaren lange gemeinſchaftlich bewohnt habe. Freilich lag es ſchon in ver⸗ dämmernder Tiefe und Ferne hinter ihm, aber das Auge konnte ja alle die gewohnten Pfade und heimiſchen Plätzchen durchſpähen, auf denen es dem Fuß nicht mehr vergönnt war zu wandeln. Fragten daher Julie und Emma nach dem AÄtna und Veſuv, ſo gab er ihnen einen kurzen, muntern Beſcheid, erkundigte ſich aber gleich nach den beiden Weinhü⸗ geln, die auf dem Gütchen der Tante lagen und wo er ſo manchen frohen Tag zugebracht hatte. Forſchten die aufhor⸗ chenden Mühmchen nach dem Coloſſeum, ſo wollte er dage— gen wiſſen, ob das Gartenhäuschen noch ſtehe, das er ſelbſt mit bauen geholfen, und tauſend ähnliche kleine Beziehungen mehr. Marie, die nur ungern den Platz am Arm des Bru⸗ ders abgetreten hatte, ging bald neben ihnen, bald voran und ſah bei jeder Frage und Antwort mit ſtill vergnüg⸗ ten Blicken um, weil ſie ſehen mußte, welchen Eindruck ſie hervorbrachten. Denn es that ihr ebenſo wohl, wenn ſie ſich in dem weit gereiſten Bruder ſtolz fühlen konnte, als wenn ſie ihn lieben mußte, weil er ſo treu noch die kleinſten, unſcheinbarſten Freuden ſeiner Jugend in Erinnerung behal⸗ ten hatte. So erreichte man die Wohnung. Hier machte die Mutter den Plan mit der Waſſerfahrt bekannt, der von den unbefangenen Mädchen mit großer Fröhlichkeit aufgenom⸗ men wurde. Damit man ſchnell bereit ſein möchte, traf Marie ſogleich die Anſtalten zu dem Mittagseſſen und ließ Ludwig mit den beiden Mädchen und den Müttern allein, wobei ſie jedoch die Bedingung machte, daß er nichts erzäh⸗ len dürfe, als was er ſchon früher berührt hatte.„Denn,”„, — 122— ſprach ſie,„die Mutter hört es gern zweimal, und ich darf nichts verlieren.“ 3 Kaum hatte man ſich geſetzt, als es an die Thür pochte. Auf Ludwigs: herein! trat Bernhard ins Gemach. Er wurde als vertrauteſter Jugendfreund Ludwigs mit großer Freundlichkeit von deſſen Mutter empfangen; auch Julie und Emma erinnerten ſich ſeiner noch ſehr wohl, da er ihnen vielfach kleine Zeichnungen geſchenkt, oder auf ihre kindiſchen Beſtellungen ſogar beſonders verfertigt hatte. „Du wirſt erſtaunen, lieber Freund!“ begann Bern⸗ hard,„mich ſo vorzeitig hier zu ſehen. Allein es ſind wich⸗ tige Dinge im Werke, die ich Dir mittheilen mußte. Der ganze Hof will nämlich heute hinaus nach Pillnitz, um den Porsberg zu beſteigen und nachher mit Fackeln herunterzu⸗ fahren. Da glaubte ich denn, daß es den Damen vielleicht angenehm wäre, dieſem Schauſpiel beizuwohnen, was jedoch wol ein früheres Aufbrechen nöthig machen dürfte, zumal wenn es bei einer Waſſerfahrt bliebe, wo wir ſtromaufwärts etwas lange Zeit zubringen würden. Noch weiß außer mir, dem es eben der Hofmarſchall geſagt, kein Menſch in Dres⸗ den von der ganzen Sache, wodurch wir bedeutend in der Concurrenz um Wagen oder Gondeln wie auch um Platz in Pillnitz ſelbſt gewinnen.“ Bernhards Nachricht wurde, von den beiden Landmäd⸗ chen beſonders, mit großer Freude gehört; Ludwigs Neigung wäre zwar die geweſen, in einer einſamern Gegend der Na⸗ tur und des herrlichen Wetters zu genießen, indeſſen war er auch zu Bernhards Vorſchlag freudig bereit. Man be⸗ ſchloß, die Abfahrt zu beſchleunigen, aber nicht mehr eine Gondel, ſondern zwei Wagen zu wählen, deren Beſorgung Bernhard mit Gefälligkeit übernahm, indem er ſich zugleich anheiſchig machte, den Grafen Naſinski und deſſen jüngere — 128— Begleiter aufzuſuchen und ſie von dem geänderten Plane zu benachrichtigen. Er entfernte ſich daher ſehr bald wieder. Während deſſen war Marie mit den Vorbereitungen zu dem ein⸗ fachen, häuslichen Mittagsmahle fertig geworden, man ſetzte ſich und brachte eine ſehr heitere Stunde mit einander zu, wobei ſogar Ludwig faſt vergaß, wie tiefe Wunden in ſeinem Innern bluteten. Es hatte kaum zwei Uhr geſchlagen, als einer der bei⸗ den von Bernhard beſtellten Wagen ſchon vor die Thüre des Hauſes rollte; wenige Minuten ſpäter folgte der zweite, in welchem die drei Offiziere und Bernhard bereits ſaßen. Ludwig eilte hinab, um ſie zu empfangen und heraufzufüh⸗ ren. Als ſich jetzt die Thür des Gemaches öffnete und der hohe, männlichſchöne Raſinski mit dem edelſten Anſtande eintrat, war ein freudiges Erſtaunen in den Zügen der ver⸗ ſammelten Frauen nicht zu verkennen. Die drei Mädchen errötheten gleich darauf in dem allerdings richtigen, wiewol nur dunkeln Gefühl, daß der Eindruck, den die Erſcheinung des Polen auf ſie machte, ſich durch ihre Züge verrathen habe. überdies contraſtirte der natürlich vornehme Anſtand Raſinski's, welcher durch den Glanz ſeiner reichen Uniform noch erhöht wurde, auffallend mit der Einfachheit des bür⸗ gerlich ſchlichten Gemachs und der häuslichen Tracht der Frauen. Sogar Ludwigs Mutter, der die Gewandtheit im Verkehr mit höheren Perſonen durchaus nicht fehlte, war einen Augenblick überraſcht, ja faſt verlegen; doch die wohl⸗ wollende, freundliche Weiſe Raſinski's und ſeine große Leich⸗ tigkeit in geſelligen Formen ließen dieſen Zuſtand nur einen Augenblick dauern. Da Ludwig ihn der Mutter mit der Be⸗ zeichnung vorgeſtellt hatte:„Der Graf Raſinski,“ ſprach er angenehm;„Meine Anrechte an das Herz Ihres Herrn Soh⸗ nes ſind noch zu jung, um mich darüber beſchweren zu dür⸗ fen, daß er mich nicht als ſeinen Freund vorſtellt, ſonſt wür⸗ „—— 3— ſehr erleichtert wurde. Nur Julie und Emma, des ſtädti⸗ zwiſchen ſeinen beiden Mühmchen den Rückſitz einnahm. — 129— den die erſten Worte, die ich mit Ihnen wechsle, in einer Anklage beſtehen müſſen.“ „Doch muß mein Sohn,“ entgegnete die Mutter,„ſehr auf ſeine Freundesrechte zählen, weil er Sie allein im Ver⸗ trauen auf dieſe in einen Kreis einführen durfte, der Ihnen nichts bieten kann als Gaben, die nur in innig befreundeten Beziehungen Werth gewinnen.“ „Es ſind die einzigen, die ich ſchätze, die mir aber auch über Alles theuer ſind,“ entgegnete Raſinski lebhaft. Ludwig machte nun auch die übrigen Perſonen mitein⸗ ander bekannt, ein Geſchäft, welches ihm durch die angeneh⸗ men geſellſchaftlichen Formen, in denen ſich ſeine Freunde mit der größten Natürlichkeit bewegten, und durch Mariens Be⸗ nehmen, das durch Unbefangenheit nichts an Feinheit verlor, ſchen Verkehrs ungewohnter, waren in den erſten Augen⸗ blicken ein wenig befangen.. Da die Männer eine angebotene Erfriſchung ablehnten, ſtand der Abfahrt nichts im Wege. Raſinski führte Lud⸗ wigs Mutter, dieſer ſeine Tante hinab. Unten ordnete man ſich anders. Den erſten Wagen nahmen die Tante, Marie, Bernhard und die beiden jüngern Offiziere ein. Im zwei⸗ ten folgten die Mutter, Naſinski, Julie, Emma und Lud⸗ wig, welcher Letztere, trotz der Einwendungen des Grafen, ——*₰ Viertes Capitel. * Der Entſchluß zu der Fahrt auf den Porsberg war am Hofe ſo plötzlich gefaßt worden, daß wenig davon in der 6**½ 5— 130— Stadt bekannt wurde, und man daher Pillnitz noch faſt ganz leer antraf. Ludwig benutzte dies, um ein eigenes Zimmer im Wirthshauſe in Beſchlag zu nehmen, weil ſpäterhin doch der Zudrang leicht ſo groß ſein durfte, daß es an Platz ge⸗ mangelt haben würde. Nachdem die Damen dort ihren An⸗ zug ein wenig in Ordnung gebracht hatten, ſchritt man zu einem Spaziergange in den Garten, deſſen ſchattige Gänge bei der noch ziemlich drückenden Hitze den angenehmſten Auf⸗ enthalt boten. Erſt ſpäterhin bei der eintretenden Kühle wollte man den Berg beſteigen, da man um dieſe Zeit doch nooch nicht von den vielen Wagen beläſtigt werden konnte, indem der Hof erſt etwa eine halbe Stunde vor Sonnen⸗ untergang oben eintreffen wollte. Die Zeit verging den Spazierengehenden fehr angenehm. Reiſende, zumal Soldaten, die ein langes Wanderleben führen, werden weit ſchneller bekannt in den Kreiſen, die ſie flüchtig berühren, als es Einheimiſchen zu gelingen pflegt. Die raſch bevorſtehende Trennung lehrt dabei den Werth des Augenblicks höher ſchätzen; man beachtet Jeden, den man nur auf kurze Zeit ſehen ſoll, um dann vielleicht auf immer von ihm Abſchied zu nehmen, viel aufmerkſamer, als Den, deſſen Lebensweg den unſrigen länger zu begleiten verſpricht. Auch findet unter ſolchen Verhältniſſen ein eigenthümlicher, gegenſeitiger Reiz ſtatt. Der Heimiſche betrachtet den Frem⸗ den, der weite Länderſtrecken durchmeſſen hat und in noch entferntere Gegenden eilt, vielleicht um die ſeltſamſten Schick⸗ ſale zu erleben, mit erhöhter Theilnahme; der unſtete Fremde dagegen wird durch den Anblick des gleichmäßigen, ſorgloſen Glücks einer trauten Häuslichkeit zu einer wehmüthigen Sehn⸗ ſucht geſtimmt, die ihm gleichfalls alle Gegenſtände in einem reizendern Lichte zeigt. Beide Theile gewinnen durch den ſchroffen Gegenſatz des Lebens. So können Perſönlichkeiten, — hältniſſe die gegenſeitigen Anregungen mächtig verſtärkt, ſchnell die ſich jetzo eben in argloſer Offenheit vor einander frei ent⸗ die uns im gewöhnlichen Verkehr vielleicht gleichgiltig gelaſ⸗ ſen hätten, ungemein anziehend werden; vollends aber, wo ſich ein in der That ſeltener Verein feſſelnder Eigenſchaften findet, da ſchlingt ſich, wenn der Contraſt der Lebensver ein inniges Band von Herz zu Herzen, das ſich, und wäre es auch noch ſo vorübergehend geknüpft, oft nicht mehr zer⸗ reißen läßt, ohne tief ſchmerzende Wunden zurückzulaſſen. Dieſer Fall trat bei den jugendlichen Gemüthern ein, falteten. Es konnte nicht fehlen, daß zwei in der Stille des Landlebens erzogene Mädchen von glücklichen Anlagen, deren Ausbildung jedoch durch die Verhältniſſe oft mangelhaft ge⸗ blieben war, von der Unterhaltung zweier feurigen Jünglinge mächtig angezogen wurden, in denen eine edle Flamme krie⸗ geriſcher und vaterländiſcher Begeiſterung loderte, und deren Leben ſchon in frühen Jahren ſo reich an denkwürdigen Er⸗ eigniſſen, an ehrenwerthen Thaten war. Jaromir beſaß dazu jene volksthümliche, faſt naive Lebhaftigkeit der Polen, die durch die fremdartige Behandlung der deutſchen Sprache und daher häufig durch eine ganz eigene Weiſe der Darſtellung bei ihm noch einen beſondern Reiz gewann; Boleslaw dage⸗ gen war ernſt in ſeinem Weſen, aber der Adel ſeiner Züge, ſeine hohe Marmorſtirn, von dunkellockigem Haar umſchattet, ſein feuriges Auge ſicherten ihm ſogleich einen warmen An⸗ theil. Dagegen mußten zwei junge Helden, die kaum auf Tage das rauhe Feldlager verlaſſen hatten, und denen ein vertraulicher Verkehr mit edlen, gebildeten, weiblichen Weſen faſt nur als eine Erinnerung aus dem Familienleben während ihrer Knabenzeit bekannt war, vielleicht noch ſchneller durch die Bande gefeſſelt werden, die ſich ſo leicht zwiſchen natür⸗ lichen, jugendlichen Herzen knüpfen. Es pflegt unter ſolch — 13³32— Verhältniſſen zwar nicht ſo leicht eine tief eindringende Lei⸗ denſchaft zu entſtehen, weil das Flüchtige, Vorübergehende, Zukunftloſe ſich unabweisbar mit empfindet; doch der Augen⸗ blick macht dafür ſeine Rechte um ſo lebhafter geltend. Dieſe beiden Paare genoſſen daher eines ſchuldloſen Glücks, ohne ſich Rechenſchaft über deſſen Urſache zu geben es erfüllte und bewegte ihnen die Bruſt gleich einem milden Frühlingstage, deſſen beſeligende Huld uns gleichfalls aus verborgenen Quellen in die Seele dringt und nur eine all⸗ gemeine Sehnſucht anregt, ohne unſern Blick auf beſtimmte Hoffnungen zu leiten. Bewußter in ſeinen Empfindungen war Bernhard, der durch gewaltige Flammen der Seele, gleich den Pflanzen des glühenden Südens, früher zu einem ungleich höhern Wuchs, zu reiferer Entfaltung aller ſeiner Kräfte gezeitigt war. In ſeiner Bruſt war es ſelten heiterer, lichter Tag; er kannte faſt nur Nacht und Flammen, und dieſe brannten niemals rein, ſondern warfen, gleich dem Feuerkrater der Sonne, fortwaͤhrend rieſenhafte Schlackenmaſſen, die ſich zu ſchwar⸗ zen Flecken auf der leuchtenden Scheibe geſtalteten, aus. In⸗ deſſen wurde ihm auch die düſterſte Nacht erleuchtet, entwe⸗ der durch Blitze, oder durch fernfunkelnde Geſtirne, an de⸗ nen ſein ſehnſüchtiges Auge hing, die ſein Herz bebend ver⸗ ehrte. Dieſe bildliche Anſchauung ſeines Innern legte er ſelbſt zum Grunde, als er einen Augenblick mit Ludwig zurückge⸗ blieben war und Beide, ſtillſtehend, ſinnend, ihre Blicke den Wellen des Stromes folgen ließen. „Es iſt mir bisweilen,“ begann er,„als dämmere es purpurn am äußerſten Norden des Nachthimmels meiner Seele, und dann kommt es über mich, als wolle mir der Mond ſanft leuch⸗ tend aufgehen. Aber er ſteigt blutig herauf, darauf will ich wetten, und die ganze Mond⸗Aurora war nur der Wider⸗ 2* — 133— ſchein einer Feuersbrunſt, die mir, der Teufel weiß was, niederbrennt.“ „Und mir iſt's,“ antwortete Ludwig, den der Vergleich in ſeiner jetzigen Stimmung tief ergriff,„mir iſt's, als deute die dämmernde Röthe nur den Untergang eines ſchönen Ge⸗ ſtirns an, und bald werde Alles graue Nacht ſein.“ „Du kannſt auch Recht haben,“ entgegnete Bernhard kurz und rauh, wie er pflegte;„aber laß uns zur Geſell⸗ ſchaft. „Ich tröſte mich damit,“ ſprach Ludwig im Gehen, „daß jedes ſinkende Geſtirn in einer andern Welt aufſteigt.“ „Ja, ja, recht hübſch,“ warf Bernhard hin;„das Nad, was mir die Rippen und meinethalben das Herz dazwiſchen zerquetſcht, dreht ſich an der Achſe eines Triumphwagens für einen Andern, der vielleicht ein Eſel iſt; oder mindeſtens fährt doch eine Gans mit einem Affen gemächlich in der Chaiſe ſpazieren, oder in der Hochzeitskutſche zur Kirche, deren Rad mich in den Koth drückt und ſchindet. Das tröſtet un⸗ gemein.“ „Ich meinte es nicht ſo, Bernhard,“ ſprach Ludwig ein wenig empfindlich;„auch haſt Du mich wol abſichtlich mißverſtanden. Nicht eine Welt Anderer, ſondern nur die uns ſelbſt eine andere, beſſere ſein wird, hatte ich im Sinne.“ „Guter Ludwig,“ antwortete Bernhard, indem er aus dem bittern Ton in den ſeines gewöhnlichen Humors fiel, nes iſt freilich eine ſehr angenehme Beruhigung, wenn wir im Arioſt leſen, daß ſich die Dinge, die uns hier verloren gehen, im Monde wiederfinden; ich meinestheils behielte aber doch gern, was ich habe; man ſpart Mühe dabei. Hätte die Sache indeſſen ihre Richtigkeit, ſo kann ich Dir betheuern, daß die meiſten meiner Güter im Monde liegen, und ich im dortigen Hypothekenbuch, falls nur einige Ordnung herrſcht, — 134— mit namhaften, ſicheren Forderungen eingetragen ſein muß. Aber wenn wir ſo fortſchwatzen und die Augen nicht auf⸗ thun, ſo werden wir unſere Geſellſchaft auch bald zu den Dingen zählen können, die wir leichter auf dem Monde wie⸗ derfinden, als hier; denn hätte ich nicht noch ſoeben die bei⸗ den Mütter dort hinter den Fliederbüſchen verſchwinden ſehen, ſo wüßte ich wahrlich nicht, ob ich die Töchter rechts oder Uinks ſuchen ſollte, zumal da ſich an der Ecke dort ſo viele Wege kreuzen, daß man glauben möchte, es wäre in ganz Deutſchland kein beſſerer Platz zu einer Teufelsbeſchwörung zu finden.“ Indem die Freunde den Ihrigen raſch nacheilten und eben in einen dunklern Gang einbogen, den dieſelben einge⸗ ſchlagen hatten, ſtießen ſie auf zwei fremde Herren, deren einer ſehr ſorgfältig gekleidet war und das rothe Band der Ehrenlegion im Knopfloch trug. Der andere hielt ſich ein wenig hinter ihm zurück, ſodaß er etwa das Anſehen eines Kammerdieners, höchſtens eines Secretairs hatte. Noch wei⸗ ter zurück folgten zwei Livreebediente. Mit Höflichkeit grü⸗ ßend ſtreifte der Herr mit dem Orden raſch an ihnen vor⸗ über, der andere ſah ſich nach den Dienern um und ſtand dabei einen Augenblick ſtill. Als er ſich darauf umwandte, waren Ludwig und Bernhard eben dicht an ihm. Beide ſchienen ihm aufzufallen; flüchtig grüßend, doch ſie ſcharf ins Auge faſſend, ging er vorüber. Als Bernhard, dem die Phy⸗ ſiognomie des Fremden noch mehr aufzufallen ſchien als je⸗ nem die ſeinige, ſich zurückwandte, um ihm nachzuſehen, be⸗ merkte er, daß derſelbe eben ein Gleiches that. Darüber wa⸗ ren ſie achtlos an dem Bedienten vorübergegangen. „ Ich ſollte das Geſicht kennen,“ ſprach Bernhard,„mir iſt ganz ſo zu Muthe, als hätte ich es ſchon irgendwo ge⸗ ſehen; doch lügen muͤßte ich, wenn ich behauptete, es gefiele — 135— mir. Verwünſcht, daß ich als Maler die Linien und kel der vertrackteſten Phyſiognomien genau behalte, aber die 4 Päſſe, auf die ſie durch die Welt reiſen, nebſt allen übrigen Acceſſorien des Signalements immer vollſtändigſt vergeſſe; ich meine die Namen und ſonſtigen Umſtände. Meine Ge⸗ ſichtserkenntniß iſt groß, aber ſie hilft mir nicht mehr als eine Sprache, von der ich alle Worte weiß, aber nicht die Dinge kenne, die ſie bezeichnen.“ „Er fiel auch mix auf,“ antwortete Ludwig;„doch habe ich für Phyſiognomien, die mich nicht an ſich oder durch die Umſtände intereſſiren, faſt gar kein Gedächtniß.“ „Wenn er uns nicht geſtern oder heute ſchon aufgeſto⸗ ßen iſt,“ ſprach Bernhard leicht hin,„ſo magſt Du ihn am Südpol, ich am Nordpol geſehen haben, da ich geſtern von Schottland kam, Du von Neapel her in Dresden einrückteſt. Mich quaͤlen dergleichen verlorene Geſichter, zu denen ich ſchlechterdings keine Unterſchrift finden kann, oft; aber ſo hat mich lange keins geplagt.“ „Es ſchien, als kenne er Dich oder mich,“ entgegnete Ludwig;„wenigſtens ſah er uns aufmerkſam an.“ „Mag ſein, daß er ſich unſerer Beider erinnert und ver⸗ wundert iſt, was er diesſeit und jenſeit des Aquators ge⸗ ſehen hat, hier im Garten zu Pillnitz auf einem Breitengrade unnd unter demſelben Meridian anzutreffen. Verdrießlich! Ich weiß, der Kerl verdikbt mir die Laune für den gan⸗ zen Nachmittag, denn ich bin überzeugt, daß ich fortwährend an ihn denken muß, weil ich eben bemüht bin, ihn mir aus dem Sinne zu ſchlagen.“ „Laß es gut ſein, Lieber,“ meinte Ludwig.„Was iſt es am Ende mehr als ein Neiſender, mit dem wir in einem Poſtwagen oder an einer Wirthstafel geſeſſen haben. Verkümmere Dir darum Deine gute Stimmung nicht; bis anf“ — 136— * die wenigen, ſcharf diſſonirenden Accorde, die Du zuvor an⸗ ſchlugeſt, ſchien Deine Seele ja ſo angenehm harmoniſch und melodiſch geſtimmt, daß ich Dich darum beneidete. In mir kann und will ſich der blaue Frühlingshimmel über uns nicht ſo hell abſpiegeln.“ Unter dieſen Worten hatten die Freunde die Ihren eingeholt, worauf ſich Bernhard an Marien anſchloß, der Raſinski bisher viel Aufmerkſamkeit gewidmet hatte. Indeſſen wurde es allgemach Zeit, den Berg zu beſtei⸗ gen. Da dies faſt eine Stunde erfordert, ſo hielt Ludwig es für gut, wenn die Frauen zuvor ein wenig ausruhten und eine Erfriſchung einnähmen. Dies geſchah im Wirths⸗ hauſe. Hierauf trat man die Wanderung an. Schon waren die verſchiedenen Wege, die hinaufführen, ſehr belebt; man ſah Frauen und Männer aus allen Ständen in bunter Mi⸗ ſchung durcheinander der Höhe entgegenklimmen. Als Lud⸗ wig mit den Seinigen die Nuine erreicht hatte, erklärte die Mutter, daß ihr das Steigen ihrer Bruſt halber zu be⸗ ſchwerlich falle, ſie daher auf den Genuß der Ausſicht vom Gipfel her verzichten und hier verweilen wolle, indem ſie be⸗ kannte Familien aus Dresden genug erblicke, denen ſie ſich anſchließen könne. Ihre Schweſter war deſſelben Willens. Die jungen Leute ſetzten alſo ihren Weg allein fort, während die Mütter vor einem in den Gebüſchen, nahe bei der Ruine aufgeſchlagenen Zelt Platz nahmen, in welchem Erfriſchungen feilgeboten wurden. Ludwig und Bernhard, des Weges kundig, machten die Führer. Sie ſuchten, wo es irgend möglich war, von der großen Straße abzuweichen und ſtillere Pfade zu wählen, die ſich durch das Gehölz ſchlängelten. I umgab ſie grüne, wohlthuende Dämmerung; der mit Blumen bedeckte friſche — 137— Naſen hauchte liebliche Düfte aus; der Himmel leuchtete blau zwiſchen dem Laubgitter hindurch; Quellen rieſelten und hüpften in leichten Waſſerfällen über den Pfad hin und ſpannen ihr ſchimmerndes Silberbad den Abhang hinunter; 3 die Vögel ſangen mit hellem Laut; tauſend Inſekten ſumm⸗ ten; der Frühling lebte und webte in Büſchen und Blumen, in Waſſern und Lüften und wiegte die Seele in träume⸗ riſche Wonne. Von Zeit zu Zeit öffnete ſich die Wal⸗ dung und geſtattete einen Blick in die Tiefe und Weite. Jetzt ſah man Pillnitz, wie es ſich in dem breiten Elbſtrome ſpiegelte; jetzt ſchweiffe das Auge über weite blaue Höhen hinaus, der böhmiſchen Grenze zu. Und hielt man an, wo ſich rückwärts ein offener Blick bot, ſo gewahrte man den ganzen grünen Bergabhang, wie er ſich in das Thal hinun⸗ terſenkte, erblickte die Straße von tauſend bunten Geſtalten bedeckt und belebt, und im Hintergrunde die Ruine, die ſich gegen einen düſtern Waldabhang lehnte. So wurde die Wan⸗ derung durch den reizenden Wechſel der Erſcheinungen ver⸗ kürzt, und man hatte den Gipfel erreicht, ohne eine Anſtren⸗ gung oder Ermüdung zu empfinden. Hier waren und wurden noch feſtliche Anſtalten getrof⸗ fen, um die hohen Beſucher zu empfangen. Eine große Zahl von Arbeitern und Gärtnermädchen wurde unter der Anleitung des Hofgärtners beſchäftigt, den Platz mit Blumengewinden „ und Kränzen, die von Baum zu Baum geknüpft wurden, zu umziehen. Ein prachtvolles Gezelt war auf dem Raſen aufgeſchlagen, und ſelbſt der Wartthurm, von deſſen Zinnen man nur über die nächſten Waldgipfel hinwegblicken konnte, wurde mit blumigem Schmucke geziert, der wunderſam ge⸗ nug mit dem alten verwitterten Geſtein contraſtirte. Bern⸗ hard warf einen raſchen Blick über das Ganze und ſprach dann:„Recht artig; nicht eben künſtleriſch, doch feſtlich, — 138— heiter; ungefähr wie Volkstrachten, ſo unſchön ſie auch häu⸗ fig ſind, doch eine nicht abzuleugnende warme Lebendigkeit haben und ſo der Kunſt oft förderlicher werden als edle antike Gewänder. Nur den Thurm hättet Ihr im Stiche laſſen ſollen, Ihr Leute! Es ſieht aus, als ob Ihr einen achtzigjährigen Kahlkopf bekränzen wolltet; Blumen gehören der Jugend, Kränze ins friſche lockige Haar.“ Bei dieſen Worten nahm er einer der Kranzwinderinnen ohne Umſtände einen eben fertiggewordenen Kranz aus Früh⸗ roſen, Veilchen und Reſeda aus der Hand und drückte ihn mit einer zierlich gewandten Bewegung in Mariens hellbraune Locken, ſodaß dieſe ganz erſchrocken emporſah, dann aber mit einem lieblichen Erröthen lächelte und ihn unſchuldig fragte:„Steht er mir gut?“ „Eine Frühlingsgöttin!“ rief Bernhard.„Allerliebſt!“ ſprachen Julie und Emma, indem ſie Marien betrachteten. Bernhards Gedanke hatte ſo viel Beifall gefunden, daß Ra— ſinski der Kranzwinderin einige Geldſtücke in die Hand glei⸗ ten ließ und dafür noch zwei ähnliche Kränze erſtand, die er mma und Julien überreichte und darauf drang, ſie müß⸗ ten ſich ebenfalls damit ſchmücken. Zwar weigerten ſie ſich erröthend und mit mädchenhafter Scheu vor dem Auffallen⸗ den; doch Marie half in ſie dringen und ſo gaben ſie end⸗ lich nach. Vorzüglich beſtimmte ſie der Umſtand, den Alle erſt jetzt mit einigem Erſtaunen wahrnahmen, dazu, daß ſie ſich ganz allein unter den arbeitenden Leuten befanden, in⸗ dem von den vielen Zuſchauern ſich noch Niemand hier oben eingefunden hatte. Ohne es zu wiſſen, verdankten ſie dies den Ofſizieren und namentlich Raſinski; denn es war Befehl 1 gegeben worden, alle diejenigen Perſonen, die nicht zum Hofe gehörten, nur bis zu einer gewiſſen Höhe des Berges zuzu⸗ laſſen, und daher hatte man auf dem großen Wege Poſten 4— 139— ausgeſtellt. Der kleinere Pfad war unbeſetzt geblieben. Auf dem Gipfel befanden ſich nun zwar auch Wachtpoſten; da jedoch Raſinski die reiche Uniform trug und von zwei jünge⸗ eine Uniform überhaupt für einen Freipaß zu gelten pflegt, darin die vollſte Berechtigung für ihn zu ſehen, mit ſeiner Geſellſchaft auf dem Berge zu verweilen, zumal da ſie an— nahmen, man habe ihn bereits unten desfalls durchgelaſſen. überdies hatte ſein Weſen ſtets etwas ſo Gebietendes, Vor⸗ nehmes, daß ſelten untergeordnete Leute ihn dem allgemeinen Geſetz unterworfen glaubten, ſondern gewöhnlich, mit unver⸗ kennbarer Ehrfurcht vor ihm, meinten, er ſei eine vollgiltige Ausnahme. Fünktes Capitel. 0. Man beſtieg jetzt den Thurm; Raſinski bot Marien J. den Arm, um ſie die kleine Treppe hinaufzuleiten. Sie genoß des reichen Blicks von oben nicht zum erſten Male, doch im⸗ mer neu überraſchte er ſie durch ſeine Schönheit. Von der Thurmzinne über die grünen Waldgehege, die bisher rings die Ausſicht vergitterten, hinwegblickend, ſchweifte das Auge über den Vordergrund zarter, ſchlanker, im Luftzuge anmu⸗ thig wehender Wipfel hinaus in eine faſt unbegrenzte Ferne. Der größere Theil des Landes zieht ſich in wellenähnlichen L Korn⸗ und Waldhügeln dahin, zwiſchen denen ſich Dörfer und Städte in unabſehbarer Zahl eingeſtreut finden. Höhere Gebirgsrücken ſteigen ringsum, wie die Ufer dieſes in leicht ren Offizieren begleitet war, ſo glaubten die Wachen, denen 4 — 140— geſchwungenen Linien wallenden Meeres, auf. Die ſilberne breite Bahn des Elbſtromes theilt die Landſchaft in zwei überſichtliche Hälften. Gern verfolgt das Auge die anmuthi⸗ gen Bilder, die der Strom wiederſpiegelt, von den blauen dämmernden Thürmen Dresdens an, den Rebenhügeln von Loſchwitz vorüber, bis zu den ſchroffen Felskegeln des König⸗ ſteins und Lilienſteins, die, gleich halbeingeſtürzten, ägypti⸗ ſchen Pyramiden, koloſſal über ihre Umgebung emporragen. Mitten in dieſem Teppich, der von tauſend bunten, aber durch die Ferne matter ſchimmernden Farben gewebt wird, ſteht der friſche, grüne Berg ſelbſt, mit ſeinen bald ſanfteren, bald ſchrofferen Waldhängen, als das Herz des weiten Pa⸗ noramas. Er fügt zur wunderbar erregenden Ausſicht ro⸗ mantiſche, wahrhaft maleriſche Anſichten, während die Ferne weniger der Malerei als der Poeſie angehört und faſt nur durch den bewußten Gedanken ihre Reize erhält, weil ſie dem Menſchen das Gefühl der Erweiterung und Beſchrän⸗ kung ſeiner Kräfte zugleich gewährt. Denn indem ſein Auge mit unbegreiflicher Schnelle fernſte Punkte verknüpft, weite Näume durchfliegt, meilenlange Strombahnen oder Landſtra⸗ ßen in einem Blicke verfolgt und überſieht, fühlt ſich der Fuß um deſto enger gefeſſelt; aber gerade dieſer Gegenſatz iſt es vielleicht, der weiten Ausſichten einen ſo wunderbaren, ge⸗ heimnißvollen Reiz gibt, da wir jede Größe und Kraft ja nur durch ein vergleichendes Maß empfinden. Während die Männer faſt gleichgiltig über die nahelie⸗ genden Schönheiten hinausblickten und die ihrem raſtlos vor⸗ wärts ſtrebenden Geiſte verwandten Fernen durchflogen, wandte ſich der Blick der Frauen aus gleichen Urſachen auf die vertrautere Nähe. Sie betrachteten die Räume, die ſie eben durchwandelt hatten, ja Marie ſah mit einem beſondern Wohlgefallen auf den grünen, mit Blumenkränzen geſchmück ——— S. 8 — 141— ten Raſenplatz hinunter, auf dem ſie ſoeben noch geweilt hatte, und wo ſich die Kränze windenden Mädchen und Burſche in der That ſehr zierlich ausnahmen. Bernhards Blick ſchweifte über die Erde hinweg in die ſeltſamen Wolkengeſtalten am Horizont hinein, wo er für ſeinen phantaſtiſchen Sinn mehr Nahrung fand, zumal da die heimiſchen Gegenden ihm gegen die grotesken nordiſchen Landſchaften, in denen er zuletzt geweilt und die er vielfach gezeichnet hatte, ein wenig nüchtern erſchienen. Diesmal aber wurde aus dem Träumer, der in Nebelgebilde und flüchtiges Gewölk hineinſchaute, ein ſehr praktiſcher Menſch.„Es gibt noch ein Gewitter,“ ſprach er;„ſeit Mittag hat es gebraut, jetzt aber haben wir die zweite Wetterwendezeit, nämlich ſechs Uhr; das Zünglein der Wetterwaage ſteht zwiſchen Mittag und Mitternacht gerade ein. Nun muß ſich's ſchnell entſchei⸗ den, ob es ſich der Finſterniß oder dem Lichte zuneigt, das heißt, ob wir ein Donnerwetter bekommen oder heitern Him⸗ mel behalten. Ihr müßt wiſſen, ich bin als Seereiſender ein ſtarker Wetterkundiger geworden; daher prophezeie ich nichts Gutes, denn der Wind ſetzt wahrlich um und fängt an auf mächtigen Flügeln zu rauſchen.“ Wirklich trieb von dem Gebirg her ſchwarzgraues Ge⸗ woölk herauf, das nur deshalb die Luft noch nicht verdunkelt 4 hatte, weil die Sonne gerade an der entgegengeſetzten Seite des Horizonts ſtand, wo der Himmel noch im reinſten Blau glänzte. Zugleich erhob ſich ein hohles Brauſen, und man ſah an dem Wogen der niedergebeugten Baumgipfel ſchon von Weitem her den Strom der Lüfte über die dunkeln Waldhöhen heranziehen. Es ſchien, als habe Bernhards pro⸗ phezeiendes Wort die Entſcheidung gegeben, ſo plötzlich brach das Ungewitter herein. Ein ſtarker Windſtoß umſauſte den Thurm und hätte in unvermuthetem überfall faſt die Tü⸗ — 142— cher und Hüte der Frauen entführt. Einzelne ſchwarze, weit vorgetriebene Wolken zogen jetzt vor die Sonne, ſodaß rie⸗ ſenhafte Schatten über die Landſchaft fielen, und die Luft ſich mit jedem Augenblicke mehr und mehr verfinſterte. Die Mädchen ſahen einander ängſtlich verlegen an; das Gewitter ſchien allem Anſchein nach ſehr heftig werden zu wollen und war ſchon ſo nahe herangerückt, daß man ihm nicht mehr entfliehen konnte. Ihre Lage wurde daher in der That bedenklich. Indeſſen geſtaltete ſich das Schauſpiel ſo großartig, daß der Anblick deſſelben einigermaßen die Beſorg⸗ niſſe in den Hintergrund treten ließ. In ſchweren Maſſen zog das wettergraue, ſchweflichte Gewölk von dem öſtlichen Horizont herauf und hüllte allmälig das Gebirge in ſeine düſtern Schleier ein. Mit ihm ſenkte ſich Nacht auf die ganze Landſchaft; nur einige zum Theil mit hellen Gebäuden gekrönte Höhen, auf welche der zwiſchen den Wolkenriſſen durchblitzende Sonnenſtrahl fiel, leuchteten auf dem dunkeln Grunde in deſto klareren Umriſſen und Farben. Der Strom wand ſich finſter gekräuſelt unter dem Bogen des Gewitter⸗ himmels dahin und ſpiegelte ihn aus verdunkelnder Tiefe zu⸗ rück. Im Weſten blickte das klare Auge des reinſten Blaus unter den düſtern Brauen der Gewölke hervor, die, ſchwarz vor die Sonnenſcheibe gelagert, mit feurigen, gezackten Gold⸗ rändern von ihr umſäumt wurden. Mehrere Male ſetzte der Sturm in wirbelnden Stößen an, ſchüttelte die WWipfel der Bäume und kräuſelte den Staub zu hohen Säulen empor; in den Pauſen trat daher eine deſto tiefere Stille ein, und ein ſchwüler Druck beklemmte die Bruſt. Kein Vogel ließ ſich hören, nur hie und da flatterte noch einer ängſtlich dem Neſte zu. Jetzt flammte es roth leuchtend durch den gan⸗ zen weſtlichen Himmel, und der zackige Blitzſtrahl ſchoß in den Strom hinunter. Das Gewitter ſtand indeß noch ziemlich — 143— ferne, denn es verfloß wol eine halbe Minute, bevor das dumpfe Rollen des Donners ſich vernehmen ließ, das an den Häuptern der Berge murmelnd hinlief. „Prächtig!“ rief Bernhard,„Ich gebe ein Dutzend ſchöner Tage mit Freuden für ein Gewitter wie dieſes hin. Was für Lichter auf die Landſchaft fallen! Nacht und Tag in ſcharfen Streifen nebeneinander gelagert! Seht nur, wie der Sonnenſtein drüben bei Pirna noch leuchtet und glänzt gegen die blauſchwarze Wolke, die ſich hinter ihm aufthürmt. Und die weißen Segel dort auf der Elbe, die wie Möven über die graue Fluth hinſchießen; die Schiffe ziehen ordent⸗ lich eine Schaumfurche durch die Wellen!“ Die Mädchen empfanden die wunderbare Schönheit des Schauſpiels ſo lebhaft, daß ſie ſich ſcheuten, ihre kleinen Beſorgniſſe um Kleider und Hüte laut werden zu laſſen. Doch zog das Gewitter mit ſo furchtbarer Majeſtät näher,* daß es ein weibliches Herz doch wol mit einiger Furcht er⸗ füllen konnte. „Dorthin regnet es ſchon ſtark,“ bemerkte Ludwig, in⸗ dem er mit dem Finger nach der Gegend deutete. „Wo?“ fragte Marie. „Dort, rechts vom L„ wo die dichten, grauen und violetten Streifen ſich em Schoos der Wolke gegen die Erde ziehen; man bemerkt deutlich, wie der Regen mehr und mehr nach Weſten vorrückt.“ „Sollte es wol möglich ſein,“ fragte Marie,„daß wir Pillnitz erreichten, ehe das Wetter vollends ausbricht?“ „Kaum,“ entgegnete Ludwig,„und ich möchte nicht an⸗ rathen, den Verſuch zu machen, da wir hier oben in dem kleinen Gewölbe des Thurmes Schut finden können, das man uns gewiß gern öffnen wird. Vielleicht aber zieht das Wetter ganz vorüber; denn der Sturm ſcheint ſo ſtark werden zu wollen, daß er es leicht über uns dahintrei⸗ ben kann.“ In der That zog das Gewölk jetzt ſo zerriſſen über den Berggipfel hinweg und verdichtete ſich dagegen auf der an⸗ dern Seite des Stromes, daß Ludwigs Vermuthung Wahr⸗ ſcheinlichkeit gewann. Während man noch darüber ſprach, kam ein Reiter in vollem Galopp den Berg heraufgeſprengt. Er brachte dem Hofgärtner die Nachricht, daß die Fahrt mit Fackeln plötzlich abgeſagt ſei, er daher ſchleunigſt alle Vor⸗ bereitungen zum Empfange der hohen Herrſchaften einſtellen, aber dieſelben auf morgen in Bereitſchaft halten ſolle. Die Arbeiter, welche, rings von Wald umgeben, die Annäherung des Gewitters erſt ſeit den wenigen Minuten bemerkt hatten, wo die Sonne durch das Gewölk verdeckt wurde und der erſte Donner ſich vernehmen ließ, beeilten ſich auf dieſe Nach⸗ richt, ihre abgelegten Kleidungsſtücke anzulegen und ſo ſchnell als möglich ein Obdach zu gewinnen. Die Mädchen war⸗ fen ihre Tücher über den Kopf und flüchteten haſtig den Berg hinab. Von den Männern blieben jedoch einige auf Befehl des Hofgärtners, um das Zelt abzubrechen, das ſchwer⸗ lich dem Wetter getrotzt haben würde.. Dieſe Anſtalten, beſondergudie Flucht der Arbeiterinnen, brachten natürlich in den jungen Mädchen, die noch auf der Höhe des Thurmes ſtanden und mühſam die im Winde flat⸗ ternden Gewänder zuſammenzuhalten ſuchten, eine erhöhte Be⸗ ſorglichkeit hervor. Marie meinte, ſo gut wie jene könne man wol auch noch ein Obdach gewinnen, und vielleicht ſei ein Gebäude in der Nähe, das ſie aufnehmen könne. Lud⸗ wig ſprang raſch die Treppe hinunter, um ſich bei dem Hof⸗ gärtner zu erkundigen. Dieſer ließ eben die zum Aufſchla gen des Zeltes verwendeten Geräthſchaften ſowie dieſes ſelbſt in den engen Raum, welchen der Thurm gewährte, bringen. ——— —,— ——————-— Auf Ludwigs Frage entgegnete er, man werde gewiß Pill⸗ nitz noch glücklich erreichen, da man abwärts den Weg ſehr ſchnell zurücklegen könne und die Wetter hier oben auf der Höhe, wo man dem Sturme völlig preisgegeben ſei und den ganzen Horizont überblicke, immer näher und drohender aus⸗ ſähen, als ſie in der That ſeien. Es dauere vielleicht noch eine Stunde, bis es zu regnen anfange. Ziehe es die Ge⸗ ſellſchaft indeſſen vor, hier oben zu verweilen, ſo wolle er ihnen gern den Schlüſſel zu dem kleinen, engen Raum im Thurme laſſen, der jedoch, nachdem er jetzt mit Geräthſchaf⸗ ten, Stühlen und Tiſchen angefüllt ſei, kaum einige Per⸗ ſonen faſſen könne. Ludwig nahm das Anerbieten mit Dank an und ver⸗ ſprach, die Thüre ſorgfältig zu ſchließen und den Schlüſſel zuverläſſig in Pillnitz abzugeben. Obwol der Gärtner die Erfahrung für ſich hatte, ſo ſchien es doch, als täuſche er ſich diesmal über die Nähe des Gewitters ſehr. Wenigſtens wollte Ludwig vorher den Frauen die Wahl laſſen, ob ſie den Rückweg dem freilich nicht ſehr angenehmen Aufenthalte vorzögen. Er nahm daher den Schlüſſel an ſich und ſtieg dann eiligſt die Stufen wieder hinan, um Bericht zu er⸗ ſtatten. Die Stimmen waren getheilt. Die Männer, zumal Bernhard, entſchieden ſich unbedingt für das Bleiben, da man augenſcheinlich kein Obdach mehr gewinnen könne, be⸗ vor das Ungewitter in ſeiner ganzen Gewalt losbräche. Die Frauen waren, beſonders mit Rückſicht auf die Beſorgniß, in der die Mütter ſchweben würden, wenn man ausblieb, für das gewagte Unternehmen, ſofort aufzubrechen. Da ihr Wunſch am meiſten in Betracht kam, indem eigentliche Ge⸗ fahr nicht zu fürchten war, beſchloß man denn, zu gehen. Aber indem Marie, von Raſinski geleitet, den Fuß auf die erſte Stufe der ſchmalen, ſteilen Treppe ſetzte, blitzte es, daß J. N“ 7 der ganze Himmel in Flammen ſtand und man das Auge geblendet ſchließen mußte; zugleich ertönte ein furchtbarer Donnerſchlag, von dem der Berg in ſeinen Grundfeſten zu erzittern ſchien. Geblendet und erſchreckt bebte Marie zurück und drängte ſich ſchüchtern gegen ihren Begleiter; dabei glitt ſie mit dem Fuße aus, und hätte Naſinski ſie nicht raſch umfaßt, ſo würde ſie vielleicht einen gefährlichen Sturz hinab gethan haben. Wenigſtens ſchien die Gefahr ſo nahe, daß Emma und Julie, die ſie fallen ſahen, einen lauten Schrei ausſtießen und eilig hinzuſprangen. Doch hatte Marie ſich ſchnell wieder aufgerichtet und erwiderte auf die von allen Seiten zugleich an ſie gerichtete, ängſtliche Frage, ob ſie Scha⸗ den genommeu habe, mit einem holden Lächeln auf dem er⸗ blaßten Geſicht:„O nein, nur ein wenig erſchreckt bin ich.“ Raſinski unterſtützte ſie ſorgfältig und geleitete ſie mit Vorſicht hinab. Erſt als ſie den ebenen Boden erreicht hat⸗ ten, bemerkte er, daß ihr das Gehen ſchwer wurde.„Der Fuß ſchmerzt mich ein wenig,“ erwiderte ſie auf ſeine Frage; „aber es wird ſich wol bald geben.“ Zugleich bemühte ſie ſich, ihres Schmerzes Herr zu werden und feſt aufzutreten. Allein ſie vermochte es nicht, der Fuß brach unter ihr ein und ſie mußte ſich an Raſinski halten, um nicht niederzu⸗ ſinken. „Jetzt werde ich doch wol hier oben das Gewitter ab⸗ warten müſſen,“ ſprach ſie;„denn ſchnell hinabzugehen iſt mir nun unmöglich.“ „Auch nicht, wenn ich Dich von der andern Seite unterſtütze, liebe Marie?“ fragte Ludwig und ergriff ihren rechten Arm. Marie verſuchte einige Schritte, dann antwortete ſie mi einem ſichtlich bekämpften Schmerz in den Zügen:„Ich glaube auch ſo nicht.“ — das, mit übereinandergebauten Tiſchen, Stühlen, e na Eintritt ſo vieler Perſonen, viel weniger irgend eine Bequem⸗ lichkeit geſtattete. Die Männer griffen indeſſen rüſtig zu, — 147— „Wir tragen Sie hinab,“ rief Bernhard raſch. „Nein, nein,“ entgegnete Marie mit einem freundlichen Lächeln, das ſie durch eine abwehrende Bewegung der Hand begleitete,„ich kann ja nun hier oben verweilen; Ludwig bleibt wol bei mir.“ „Nun bleiben wir Alle,“ rief Julie entſchieden, und Emma ſtimmte ſogleich ein. „Es iſt auch wahrlich das Beſte,“ ſprach Ludwig,„denn es fallen ja ſchon Tropfen, und das übermäßige Eilen beim Hinabgehen könnte, wenn wir durch den Regen überraſcht würden, die gefährlichſten Folgen haben. Hoffentlich wird ja das Wetter wol bald genug vorüber ſein, da es ſo hef tig zu werden ſcheint.“ „ Sechstes Capitel. Die bgtm Arbeiter, welche noch einige Geräthſchaften in einen großen Korb zuſammengepackt hatten, verließen eben den Platzz der Hofgärtner war ſchon hinunter. Es nie alſo Ludwig, der die Schlüſſel beſaß, völlig freie Hand in dem Thurme einzurichten. Er öffnete das kleine Gehe und vielem andern Geräth unordentlich angefüllt, kaum den durch ein ſorgfältigeres Ineinanderſchichten und überein⸗ anderpacken einigen Naum zu gewinnen. Dies gelang end⸗ 7* — 148— lich ſo weit, daß man für die acht Anweſenden acht Stühle eben ſetzen konnte; die Thüre mußte natürlich, um Licht und Luft zu behalten, offen bleiben; denn an ein Offnen der La⸗ den war, da die Fenſter hoch verſetzt waren, nicht zu den⸗ ken. Gerade zur rechten Zeit wurde man mit ſeiner Ein⸗ richtung fertig. Schon fielen die großen Tropfen häufiger und der Sturm ließ nach. Ein heftiger Donnerſchlag dicht über den Häuptern der Verſammelten ſchien die Wolken plötzlich zu zerreißen und den Strömen des Himmels die Bahn zu öffnen. Praſſelnder, großkörniger Hagel, mit ſtarken Schloßen untermiſcht, ſtürzte zugleich mit dem hef— tigſten Platzregen herab. Das junge Laub der Bäume wurde mit einer wahrhaft verheerenden Gewalt und Schnelligkeit niedergeſchlagen. Die Geborgenen mußten ſich in der That glücklich preiſen, daß ſie den Weg nicht anzutreten gewagt tten; denn ein Gewitter in dieſer Stärke war allerdings t großen Gefahren verknüpft, und es würde ſie mitten auf dem Wege überraſcht haben, wo nach keiner Seite mmehr ſchnell genug ein Obdach zu erreichen geweſen wäre. Eine der tiefſten Dämmerung ähnliche Finſterniß umgab die Berggipfel. Die Wetterwolken lagerten ſich immer dichter und dichter darauf und Blitz folgte auf Blitz, ſodaß oft die ganze Atmoſphäre flammend erfüllt war, während das Rollen des Donners nicht mehr aufhörte, ſondern nur ein⸗ zelne, betäubend krachende Schläge die Gleichförmigkeit deſ ſelben unterbrachen. Der Anblick dieſes großartigen Naturſchauſpiels ließ die männliche, der Gefahr vertraute Bruſt nicht ganz uner⸗ ſchüttert; wie vielmehr mußte die weibliche dadurch von ei⸗ ner ſtummen Angſtlichkeit erfüllt werden. Still und bleich ſaßen die drei Mädchen neben einander auf derjenigen Seite, wo ſie vor dem einſchlagenden Regen am meiſten geborgen — 149— waren. Marie litt noch überdies heftige Schmerzen; zwi⸗ ſchen Julie und Emma ſitzend, hatte ſie ſich ſanft gegen dieſe angelehnt, während jene theilnehmend eine Hand der Freundin hielt. Die Männer ſuchten durch eine anſchei⸗ nende Ruhe, die Raſinski in gleichgiltig hingeworfenen Ne⸗ benbemerkungen, Bernhard ſogar durch Scherze auszudrücken ſuchte, den Muth der Frauen aufrecht zu erhalten. In⸗ deſſen verrieth ſich das Abſichtliche dabei zu leicht, um nicht eben dadurch eine faſt entgegengeſetzte Wirkung hervorzubringen. Denn in der That wurde diejenige Beſorgniß, welche ſich bei den Frauen durch die ſcheinbaren Gefahren erzeugte, bei den Männern reichlich durch eine größere Kenntniß der wie lichen aufgewogen. Keiner derſelben konnte es ſich verhehle daß das Gewitter zu den ſtärkſten gehörte, die überh vorzukommen pflegen, und daß der einſame Höhenpunkt, um den ſich die elektriſchen Dünſte wie um einen Leiter ſamm ten, der gefährlichſte war, den man zum Aufenthalte wä len konnte. Namentlich beſorgte Ludwig, daß der Blitz i den Thurm einſchlagen könne, da der Wetterleiter ihm dur aus nicht hinlänglichen Schutz zu gewähren ſchien. Ein Glück war es übrigens, daß Niemand die Spitze deſſelben ſehen konnte, ſonſt würde der Anblick des Feuerbüſchels, der an demſelben flammte und der fortwährend an der Stange heruntergleitende elektriſche Strahl die Beſorgniſſe noch be⸗ deutend erhöht haben. Etwa eine halbe Stunde währte das heftige Toben des Gewitters; dann ließ es nach, es donnerte und blitzte ſelte⸗ ner und der Regen ſtrömte, wiewol immer noch reichlich genug, doch gemäßigter herab. Die Mädchen athmeten wieder leichter und genoſſen das freudige Gefühl einer überſtandenen Gefahr, wodurch in der edlern Bruſt nur eine ſanfte, dankbare Rührung geweckt — 150— wird. Marie ſah ihren Bruder mit einem unbeſchreiblich liebevollen Blicke an; Ludwig verſtand ihn. Er reichte ihr die Hand und ſprach:„Marie, Du Gute, leideſt Du noch b Schmerz?“ „Nein,“ erwiderte ſie nicht aufrichtig;„doch gehen würde ich nicht können.“ Bernhard rief:„Mir wird's zu eng hier in dem ſchwü⸗ len Käfig, ich muß mich etwas erfriſchen!“ Mit dieſen Worten ſprang er ins Freie, wo der friſche, duftige, jetzt nur noch wie Silberſtaub herabfallende Regen ihm die glühen⸗ in Wangen kühlte. Ludwig trat ebenfalls hinaus. Beide ngen auf die andere Seite des Thurms, wo man den immel etwas weiter überſehen konnte.„Das regnet noch erundzwanzig Stunden ſo fort,“ ſprach Bernhard.„Aber re, was ich ſagen wollte, Du haſt eine Schweſter, die Gott mehr taugt als Du und ich zuſammengenommen. iß, ſie iſt nicht ganz ſchlecht für ein Frauenzimmer, und glaube, ſie hat Dich lieber, als Du verdienſt. Mir ſind nur Thränen von jeher unausſtehlich geweſen, das heißt in meinen eignen Augenhöhlen, ſonſt wollte ich nicht dafür ſte⸗ hen, daß ich, als ſie Dich ſo freundlich anblickte—“ „Du haſt eine Thräne im Auge,“ ſprach Ludwig und ſah ihn freundlich ernſt an,„Du brauchſt Dich ihrer nicht zu ſchämen.“ „Hol' Dich der Henker!“ rief Bernhard unwillig;„es iſt ein Regentropfen, der mir auf die Wange geſpritzt iſt. Ich ſage Dir, Thränen in Männeraugen ſind mir ſo wi⸗ derwärtig wie ein Kernfluch oder ein Schnurrbart auf Mäd⸗ chenlippen; ſelbſt Frauen ſehe ich nicht gern weinen, weil es anſteckt. In der Wirklichkeit nämlich; denn daß ich gern trauernde weibliche Köpfe male, will ich nicht leugnen und Miarie lächelnd. — 151— kann's gleich beweiſen.“ Indem zog er ein Skizzenbuch von Pergamentblättern hervor, welches er ſtets bei ſich führte. „In dieſem Büchlein,“ ſprach er,„ſteht manches Ge⸗ ſicht, das des Anſehens werth iſt, obwol nicht immer ein blauer Himmel aus den blauen Augen lacht. Wahrlich, Deine Schweſter käme jetzt auch hinein, wenn es nicht ſo verflucht regnete, daß man nichts machen kann. überhaupt wollte ich die ganze Gruppe zeichnen, ſogar den Mars Ra⸗ ſinski, der die drei Tauben wie ein Adler unter ſeine Flügel nimmt, wiewol ich anfange, dem Kerl das Donnerwetter auf den Kopf zu wünſchen.“ „Es iſt mir lieb,“ antwortete Ludwig,„daß Du die Zeichnungen bei Dir haſt, denn ich fürchte, der Regen hält noch lange an, und in der ſteten Erwartung ſcheint die Zeit ſich zu verdoppeln. Wenn wir daher die Frauen über eine Stunde täuſchen können, ſo geſchieht mir wahrlich ein gro⸗ ßer Dienſt damit. Laß uns hinein, und zeige den Mädchen Dein Buch.“ 5 „Ich bin's zufrieden,“ antwortete Bernhard,„obwol es eigentlich eine Schmach iſt, daß uns die Kunſt nicht bei heiterer, freier Muße als göttliche Gefährtin begleiten, ſon⸗ dern nur als Vogelſcheuche gegen ein paar umherflatternde Beſorgniſſe, oder gerade heraus, als der Silberſchaum auf der Pille, die uns das Schickſal eingibt, dienen ſoll.“ Sie gingen hinein. „Wir haben das Wetter auf allen Seiten beobachtet,“ ſprach Ludwig;„es wird ſich, denken wir, allmälig abreg⸗ nen. Indeſſen will unſer Freund Bernhard uns mit ſeinem Skizzenbuche unterhalten, und ſo haben wir am Ende von unſern Unfällen noch den beſten Gewinn.“ „Und ſind dies nicht immer die Wege Gottes?“ ſprach — 152— „Freilich,“ antwortete Bernhard,„und ich will ſie mir beſonders zu Nutze machen. Denn wenn ich hier mein Zeich⸗ nentaſchenbuch zeigen ſoll, ſo kann es unmöglich bei jedem Umwenden des Blattes aus Hand in Hand gehen, ſondern ich muß als Erklärer und Obhut übender Beſitzer immer ſelbſt dabei ſein. Alſo muß ich bitten, mir jetzt einige Au⸗ genblicke zu gehorchen, indem ich Anſtalten treffen will, die mir den beneidenswertheſten Platz ſichern ſollen.“ Man war ſehr gern bereit, Folge zu leiſten. Bernhard ſetzte demnach vier Stühle in eine Reihe, ſodaß der rechte Flügel derſelben ſich gegen die Thüre lehnte. Auf dieſem mußte Marie Platz nehmen, er ſelbſt ſetzte ſich neben ſie und nahm dann Emma und Julie zur Linken. Die übrigen vier Männer mußten ſich hinter die Stühle ſtellen; Ra⸗ ſinski trat hinter Marie, Ludwig hinter Bernhard, die bei⸗ den jungen Offiziere hinter Julie und Emma. „So,“ begann Bernhard;„nun werde ich mit unpar⸗ teiiſcher Gerechtigkeit bald rechts, bald links bei den Damen beginnen und ſtets den Erklärer machen; denn das Beſte dabei muß freilich„da es oft kaum angedeutet iſt, geſagt werden. Doch um Eins bitte ich; fragen Sie mich bei Land⸗ ſchaften, bei Männern, kurz bei Allem nach Paß, Stand und Namenz; aber die weiblichen Köpfe bleiben incognito, denn in das Geheimbuch meines Herzens kann ich wahrlich nicht Jedermann blicken laſſen.“ Man fügte ſich gern dieſem harten Geſetz und ging mit wahrer Friſche und Luſt an das Betrachten der Hand⸗ zeichnungen. Die meiſten waren, wie Bernhards Charakter, keck, lebendig, mit wenigen dreiſten Strichen, mehr ſcharf angedeutet als ausgeführt, ſeltener zierlich, ſauber. Doch mitunter hatte er auch die feine Grazie ſeines Griffels ge⸗ zeigt. Der Inhalt des Buchs waren Landſchaftsſtücke, als: romantiſche Felspartien, Baumgruppen, bisweilen eine gane 4 Landſchaft; daneben und dazwiſchen nationelle Köpfe, nor⸗ wegiſche Fiſcher, ein Eiderfänger, eine Rennthiermelkerei und Ähnliches. Alles aber war eigenthümlich und auch durch die Fremdartigkeit der Gegenſtände feſſelnd. „Sie werden bemerken,“ ſprach Bernhard dazwiſchen, „daß das Buch zugleich einen geographiſchen Zuſammenhang hat, da Sie daraus meine Reiſeroute verfolgen und ſehen können, wo ich mich mehr den Städten und Menſchen ge⸗ nähert habe, wo ich in der Einſamkeit verweilte. Denn ich hatte mir's gleich anfangs zum Geſetz gemacht, nicht bald hier, bald dort aufzuſchlagen und zu zeichnen, ſondern ein Blatt nach dem andern zu benutzen und dabei wo möglich auch Raum zu ſparen, weil ich das Umherſchleppen ſo vieler Dinge haſſe und gern Alles beiſammen habe. Daher ſind mir auch noch, obgleich ich dieſes Skizzenbuch mit dem er⸗ ſten Tage meiner Neiſe begann, einige große Blätter übrig geblieben, worauf ich dieſen Thurm und uns Alle darin zeichnen kann, wenn das Wetter uns nur eine halbe Stunde gönnt. Aber ſehen Sie hier dieſen Bergſchotten mit ſeiner Tochter; hinten die Partie gehört zum Kathrinſee. Wir werden nun mit jedem Blatte civiliſirter, denn es dauert nun nicht lange, ſo befinden wir uns in der beſten londoner Geſellſchaft. Wahrhaftig, da iſt ſchon eine Lady, der ich, ohne daß ſie's wußte, ihr Portrait entwendete, da ich ſie vor ihrem Landhauſe auf der Terraſſe ſitzen ſah, während ich in einem Fliedergebüſch ſteckte.“ „Wie lieb und unſchuldig ſich das Kind an ihre Knie lehnt,“ ſprach Marie.„Der Blumenſtrauß, den es der Mutter bringt, iſt aber wol Ihre eigene Erfindung?“ „Keineswegs,“ erwiderte Bernhard;„das vierjährige 7** Lockenköpfchen hatte eine ganze Hand voll Federnelken, Au⸗ rikel und andere kleine Blumen abgerupft und hielt ſie der Mutter dar, die es meines Erachtens dafür hätte ab⸗ ſtrafen ſollen, da ſchwerlich in einer Woche ſo viel nachwuchs, als der kleine holde Unhold in einer Minute abriß; allein ſie lächelte und ſtreichelte ihm das Köpfchen; auch dazu habe ich nicht für einen Heller erfunden. Überhaupt das ganze Buch iſt nur gewiſſermaßen ein Taſchenſpiegel, indem ich die Bilder der Wirklichkeit auffing.“ Man blätterte weiter. Es folgten einige carikirte Fi⸗ guren, der engliſchen Poſt entlehnt, wie Bernhard erklärte, dann einige hübſche Landmädchen, Pachterstöchter, eine Milch⸗ verkäuferin. Endlich war man in London. Wie er zuvor geſagt, ließ er die Zeichnungen weiblicher Geſtalten und Köpfe ohne Commentar, was Ludwig ſehr lieb war. Er erkannte nämlich, daß Bernhard dieſe Clauſel gemacht hatte, um den Frauen eine Verlegenheit zu erſparen; denn unter den londoner Erinnerungen befanden ſich einige, die dem Männerblick unzweideutig als ſolche erſcheinen mußten, über welche eine nähere Auskunft ſich nicht ziemte. Daß ein Maler ſie als phyſiognomiſche Studien behandelt hatte, konnte man ihm nicht verargen. Zwiſchen den muthwilligen, lü⸗ ſternen Geſichtern war wol hier und da eine ſanfte, geſittete Engländerin anzutreffen. „O wie ſchön!“ rief Marie, als Bernhard eben wieder ein neues Blatt umwandte;„wie außerordentlich ſchön!“ Raſinski beugte ſich, durch dieſen Ausruf geſpannt, näher über Mariens Schulter. Faſt betroffen rief auch er: „Beim Himmel, dieſer Kopf iſt reizend!“ „Unbeſchreiblich!“ ſtimmte Marie ein.„Aber wer iſt ſie? Dieſe Eine müſſen Sie uns nennen,“ ſetzte ſie bittend hinzu. „Wenn ich nun,“ begann Bernhard,„gerade dieſes Ko⸗ pfes wegen meine Bedingung gemacht hätte? Aber es iſt nicht ſo, nur bin ich hier gezwungen, ſie zu halten. Ich ſtahl dieſes Geſicht wie Prometheus den göttlichen Funken aus dem Himmel, nämlich im Kings theatre zu London, als„Romeo und Julie“ gegeben wurde, ich aber die Julie nur in einer Loge entdecken konnte, um die ich die Bühne überſah und überhörte. Da raubte ich dieſen Kopf mit ſeinem ſanft ſchwärmeriſchen Ausdruck.“ „O die rührenden Thränen!“ ſprach Marie. Ludwig, der ſich bis jetzt, um Naſinski nicht zu hin⸗ dern, zurückgehalten hatte, beugte ſich nunmehr nieder, um die Zeichnung zu ſehen. Unbefangen hielt ihm Marie das Buch ganz nahe entgegen. Doch er, als rede ihn plötzlich die Stimme eines ſeligen, verklärten Geiſtes an, bebte im Tiefſten wunderbar erſchüttert zuſammen, da er Bianca's Bildniß erkannte. Ein raſcher Ausruf entfloh ſeinen Lip⸗ pen; mehr durch Hülfe einer unbekannten unwillkürlichen Gewalt als durch eigene Faſſung und überlegung wurde er jedoch noch ſchnell genug ſeiner Herr, um dem„O Him⸗ mel!“ das ihm entflohen war, die kältern Worte:„Welch ein reizendes Weſen!“ anzuhängen. Mehr aber vermochte er nicht. Sein Auge verdunkelte ſich; obwol das holde Ant⸗ litz ſeine Blicke mit unbeſchreiblicher Macht anzog, riß er ſich doch gewaltſam zurück, um ſeine Bewegung nicht zu ver⸗ rathen. Mit angſtvoller Spannung harrte er darauf, ob ſich ihm jetzt durch den wunderbarſten Zufall das Geheimniß, an welchem das Glück ſeines Lebens hing, löſen werde; denn Marie, die ſich gar nicht überreden, noch darüber beruhigen konnte, daß Bernhard nicht wiſſen ſollte, wer dieſes rührend holde Weſen ſei, fragte ihn noch einmal:„Und Sie ver⸗ mochten wirklich gar nichts zu erfahren? Ein ſo reizendes Weſen kann ja doch ſelbſt in dem unermeßlichen London Niemandem unbekannt ſein.“ „Wirklich, ich weiß nichts,“ erwiderte Bernhard.„Zwar bemühte ich mich, etwas zu erfahren, doch es ging mir un⸗ glückſelig genug damit; wie, will ich Ihnen ſogleich er⸗ zählen.“ „Die ſanfte Hoheit dieſes Antlitzes, der unbeſchreiblich rührende Schmerz darin— denn ich habe, aufrichtig geſagt, nur eine Carikatur davon geliefert— machte mich, warum ſollte ich's nicht geſtehen, ein wenig verrückt auf meinem Platz im Parterre. Ich wollte das Geſicht haben, das ſchwur ich mir innerlich; aber wie ſollte ich es zeichnen, ohne aufzufallen? Neben mir ſaß ein Kaufmann, der lange in Konſtantinopel geweſen war und ſich dort ein wenig den orientaliſchen Ausdruck angewöhnt hatte. Ich kannte ihn ſo halb und halb. Dieſer bemerkte es, daß ich nur nach der Loge, nicht nach dem Theater ſah, obwol ſo eben Julie von Romeo Abſchied nahm. Er ſagte zu mir:„Nicht wahr, Sir, ein Geſicht, das ſich malen ließe, wenngleich aus dem blauen Himmel der Augen feuchter Thau auf die Roſen der Wangen perlt.“ Sie weinte nämlich die ſchönſten Thränen, die ich jemals geſehen.„Freilich, bei Gott!“ antwortete ich, „aber wo und wie?“—„Dort oben iſt eine Loge leer,“ flüſterte er mir zu,„die den beſten Auffaſſungspunkt dar⸗ bietet; wenn Sie dort hineingehen und die Thüre nach dem Corridor ein wenig offen laſſen, fällt von dieſem her gerade ſo viel Licht auf Ihr Blatt, als Sie brauchen, und Sie ſelbſt bleiben im Dunkel ſitzen.“ Ich eilte, ſofort dieſen Nath zu befolgen. Mein Standpunkt war vollkommen gün⸗ ſtig; ich ſaß im Hintergrunde der Loge ganz unbemerkt und blickte dem himmliſchen Weſen gerade ins Geſicht, während ſie das fenchte Auge unverwandt auf die Bühne richtete. Der theure Raub gelang mir ſo vollkommen, als es über⸗ haupt möglich war. In meine Arbeit vertieft, hatte ich je⸗ doch nicht bemerkt, daß Jemand in die Loge getreten war. Plötzlich redete mich eine unangenehm rauhe Stimme leiſe an:„Sir!“ Ich fuhr auf.„Ein Wort, Sir,“ ſagte die Stimme, die einem Manne von etwa dreißig Jahren ge⸗ hörte, der mir zur Loge hinaus auf den Corridor winkte. Ich merkte, was die Sache bedeuten wollte und folgte na⸗ türlich. Der mürriſche Unbekannte tritt mit mir hinaus auf die Gaſſe. Hier fängt er an, mich zu fragen, mit welchem Rechte ich mir erlaubte, eine Dame ohne ihren Willen zu zeichnen. Ich antwortete kurz, wir geriethen etwas heftig aneinander. Das Ende war die Verabredung zu einer Zu⸗ ſammenkunft auf den andern Morgen um acht Uhr im Hy⸗ depark. Der Fremde verließ mich darauf, ohne ins Theater zurückzugehen; ich nahm dagegen den Weg nach meiner Loge, um noch ein wenig zu retouchiren. Aber noch heute möchte ich raſend werden vor Grimm: als ich eintrat, war die an⸗ dere Loge völlig leer und das reizende Weſen ſammt ihrer Geſellſchaft verſchwunden. Ich frage den Thürſteher; ſie ſind ſo eben weggefahren, lautete die Antwort, aber er kennt ſie nicht. Ich eile hinab ins Parterre zu meinem Kaufmann. Er iſt nicht mehr dort. Mein einziger Troſt war jetzt die Beſtellung im Hydepark, wo ich wenigſtens zu erfahren hoffte, wer mein Gegner ſei. Um halb acht Uhr fand ich mich pünktlich ein; aber ich glaube, wenn ich noch dort ſtände, ſo wäre bis dieſe Stunde Niemand gekommen. Kurz, ich hatte jede Spur verloren, denn ſogar der Kaufmann war an dem Tage plötzlich wieder zu Schiffe nach der Levante gegangen, ohne daß ich ihn geſprochen hatte. Vertrauten Freunden habe ich nachmals wol das Bildniß gezeigt, aber Niemand kannte es; vergeblich bin ich ein Vierteljahr lang 4 fangen, Bruder? Wir ſind wirklich recht übel daran; ich⸗ — 158 jeden Abend in alle Theater Londons gelaufen, und zumal verſäumte ich keine Vorſtellung von Romeo und Julie; doch niemals iſt es mir gelungen, auch nur die geringſte Spur meiner Unbekannten wieder zu entdecken.“ Siebentes Capitel. Bernhards Erzählung hatte die Aufmerkſamkeit Aller ſo gefeſſelt, daß man nicht bemerkte, wie inzwiſchen der Re⸗ gen wieder ungleich heftiger geworden war und die Dunkel⸗ heit nach und nach hereinzubrechen begann. Erſt jetzt wurde Marie darauf aufmerkſam und nicht wenig mit Sorgen deshalb erfüllt; denn in der That war die Lage für die jungen Mädchen bedenklich zu nennen. Sie verſuchte, ob ſie zu gehen im Stande ſein würde, und wollte dann entſchloſſen dem Wetter trotzen; allein es war ihr nicht möglich; der Fuß war ſtark angeſchwollen; ſie litt empfindliche Schmerzen. Ludwig hatte bei der heftigen Auf⸗ regung ſeines Innern die nächſten Verhältniſſe ganz ver⸗ geſſen und war in tiefe Gedanken verſunken. Marie faßte ſeine Hand und fragte ihn leiſe:„Was ſollen wir jetzt an⸗ 8 fühle, daß ich nicht hinunter kann, wenn ich auch das Wetter nicht ſcheuen wollte.“ Ludwig ſann einen Augenblick nach, dann erwiderte er: „Jetzt, da das üble Wetter anhält, iſt die Sache ganz leicht entſchieden. Ich gehe allein hinab und ſende Euch die Wa⸗ gen herauf.“.. — 159— „Du, Guter! wollteſt Dich dem heftigen Wetter aus⸗ ſetzen?“ ſprach Marie. „Es wird mir wohlthun,“ entgegnete Ludwig,„mir iſt ſo ſchwül, daß ich mich nach der Abkühlung ordentlich ſehne. Aber es iſt die höchſte Zeit, denn ſonſt bricht die Nacht an, ehe die Wagen heraufkommen.“ Es entſtand jetzt ein Wetteifer unter den Männern, wer Ludwig begleiten ſollte. Gern wäre er mit Bernhard gegangen, um von dieſem noch wo möglich etwas zu erfor⸗ ſchen; aber es ſchien ihm ſchicklicher, daß derſelbe als ein äl⸗ terer Freund des Hauſes oben verweile, damit die drei Mäd⸗ chen nicht allein mit den drei Offizieren zurückbleiben möch⸗ ten. Er lehnte daher jede Begleitung ab, wiewol auch Ra⸗ ſinski und die jüngern Offiziere darauf beſtanden, die Un⸗ annehmlichkeit mit ihm zu theilen.„Es iſt völlig unnöthig,“ erwiderte Ludwig, da ſie freundſchaftlichſt in ihn drangen. „Einer reicht ja vollkommen zur Verrichtung des Auftrags hin; warum ſollten alſo Zwei damit beſchwert werden?“ Ohne ſich daher weiter zu beſinnen, trat er ſeinen Weg raſch an und verſprach, längſtens in einer guten Stunde ſollten die Wagen zur Abholung dort ſein. Dieſe Zeit verfloß ein wenig ängſtlich, da die Mädchen, nachdem ihr natürlicher Beſchützer und Verwandter ſich ent⸗ fernt hatte, die Verlegenheit ihrer Lage erſt recht deutlich empfanden. Der Regen rauſchte ſchauerlich herab; grauer Nebel wälzte ſich über den Berg hin; es wurde allgemach dunkel. Jetzt war eine Stunde verſtrichen. Von Minute zu Mi⸗ nute hoffte Marie, daß die Wagen eintreffen würden. Ge⸗ ſpannt lauſchte ſie auf jedes Geräuſch, in der Hoffnung, endlich den Schall einer Peitſche zu vernehmen. Nachgerade fing ſie an, ſich zu beunruhigen, denn es verging eine halbe — 160— Stunde über die feſtgeſetzte Zeit, ohne daß ſich die ſehnlich erwartete Hülfe blicken ließ. Es war völlig Nacht geworden. Durfte man gleich etwas auf den Regen und den düſter bewölkten Himmel rechnen, ſo mußte es dennoch ſchon ſehr ſpät ſein. Narie fragte Bernhard einigemal leiſe nach der Zeit; dieſer gab ihr anfangs täaſchende Antworten, dann erklärte er ihr, er könne es nicht mehr ſehen. Es war nun nicht mehr die Seltſamkeit des Verhält⸗ niſſes allein, was Marien quälte, ſondern ſie fing auch an, Beſorgniſſe anderer Art zu hegen. Sollte Ludwig verunglückt, ſollte der Mutter etwas zugeſtoßen ſein? Dazu geſellte ſich der körperliche Schmerz, der nachgerade ſo heftig geworden war, daß ſie ſich in einem faſt fieberhaften Zuſtande befand. Weder Bernhard, noch die übrigen Männer konnten ſich's jetzo mehr verbergen, daß ein außerordentlicher Vorfall eingetreten ſein müßte, denn es waren weit über zwei Stun⸗ den verfloſſen, ſeit Ludwig ſie verlaſſen hatte. Sie fingen daher an zu berathſchlagen, was man thun ſolle, ob es nicht die Pflicht gegen den Freund erfordere, mit Ernſt nach⸗ zuforſchen, was geſchehen ſeiz denn es konnte ihm ja doch ein Unfall zugeſtoßen ſein. Bernhard hielt es nunmehr fur das Beſte, mit der Sprache herauszurücken, um die ängſtlichen, leingeſchüchterten Mädchen nicht noch mehr durch ein dunkles Verhüllen und Verbergen, das zu⸗ letzt doch nicht durchzuführen wäre, zu beunruhigen. Man ſtimmte ihm bei. Er erklärte daher Marien offen, daß er ſelbſt anfange, beſorgt zu ſein und es daher für Pflicht halte, ſich um Ludwig zu kümmern. Marie erwiderte dieſe Eröffnung durch einen Hände⸗ druck, denn ſchon längſt hatte es auf ihrem gepreßten Her⸗ zen gelegen, die Männer unn Das zu bitten, wozu ſie ſich — 161— jetzt erboten. Nur wagte ſie es nicht, theils weil ſie be⸗ ſorgte, daß man ihre Angſt für ungegründet halten möchte, theils weil ihr das Anſinnen zu viel zu fordern ſchien. Bernhard, als des Wegs am kundigſten, und Jaromir übernahmen es, hinunter zu gehen; Raſinski, als der Alteſte, blieb zum Schutz der Frauen zurück, und behielt auch Bo⸗ leslaw bei ſich, weil man nicht wiſſen konnie, ob Mariens Zuſtand nicht vielleicht die Hülfe zweier Männer nothwen⸗ dig machte, und weil es überhaupt gut ſchien, daß auf je⸗ der Seite Zwei blieben, um einander zu unterſtützen. Bernhard und Jaromir machten ſich auf den Weg. Sie verſprachen, es möge vorgefallen ſein, was da wolle, wenigſtens Botſchaft zu bringen oder zu ſenden. Obgleich der Regen heftig herabſtrömte und man kaum die Hand vor Augen zu ſehen vermochte, ward es den beiden Wanderern doch Anfangs nicht ſchwer, den richtigen Weg zu finden. Sie erreichten ohne Schwierigkeit die Ruine und glaubten ſchon ihrem Ziele ganz nahe zu ſein, als ſie, minder acht⸗ ſam, plötzlich vom Wege abgewichen waren und ſich in ho⸗ hem Graſe befanden. Sie verſuchten, die Straße wieder zu gewinnen, aber vergeblich. Um nicht wieder Zeit zu ver⸗ lieren, beſchloſſen ſie daher auf dem ungebahnten Wege fort durch Geſträuch und hohes Gras oder Getreide nur gerade abwärts zu gehen, da ſie die Hauptrichtung nicht verfehlen konnten. Indeſſen war dies nicht ſo leicht; denn ſie wur⸗ den anfangs durch einen ziemlich tiefen und breiten, mit Re⸗ genwaſſer angefüllten Graben aufgehalten, und als ſie über die⸗ ſen endlich einen übergang gefunden hatten, geriethen ſie an eine undurchdringlich dichte Hecke. Sie mußten an derſelben hintappen, um ihr Ende oder eine Offnung zu ſuchen; doch plötzlich hemmte ſie eine Querverzäunung, die ſie nöthigte, wieder bergauf zu klimmen. Zum Glück entdeckte Bernhard — 162— eine Stelle, wo man leicht überſteigen konnte. Sie thaten es und ſahen nun in einiger Entfernung ein Licht ſchim⸗ mern, das in einem der Hofgebäude, die zu dem Schloſſe gehören, zu brennen ſchien. Hatten ſie dieſes erſt erreicht, ſo war es ein Leichtes, nach dem Wirthshauſe zu gelangen. Bald bemerkten ſie jedoch, daß das Licht wandle und näher komme; es waren Leute mit zwei Laternen. Erfreut, auf Men⸗ ſchen zu ſtoßen, die ihnen Auskunft geben konnten, gingen ſie denſelben entgegen und trafen auch bald den gebahnten Pfad, auf dem dieſelben herankamen. Da Bernhard und Jaromir durch die völligſte Dunkelheit verborgen, jene aber hell beleuchtet wurden, war es nicht ſchwer, ſchon in ziem⸗ lich bedeutender Entfernung zu erkennen, daß es zwei fran⸗ zöſiſche Gensdarmen waren, die muthmaßlich einen Gefan⸗ genen transportirten. Bernhard war durch ſeine mannich⸗ faltigen Reiſeerfahrungen vorſichtig gemacht, und Jaromir war es als leichtem Cavalerieoffizier zur andern Natur geworden, im Dunkeln immer die Taktik der Schleichpatrouillen zu be⸗ obachten. Es bedurfte alſo für Beide nur eines gegenſeitigen Winks, um die Leute mit den Laternen erſt näher heran⸗ kommen zu laſſen und ſie vorläufig aus einer dunkeln Stelle am Wege zu beobachten. Mit Erſtaunen ſahen ſie, als die Gensdarmen ſich näherten, daß Ludwig in ihrer Mitte ging, und mit noch größerm Erſtaunen erkannte Bernhard in ei⸗ nem vierten zur Seite gehenden, tief in einen weiten Regen⸗ mantel eingehüllten Manne, der gleichfalls eine Laterne trug, jenen Menſchen, der ihm den Nachmittag im Garten als ſo bekannt aufgefallen war. Ein Druck mit der Hand reichte als Zeichen hin, daß man ſich vorläufig durchaus ſtill und nur beobachtend zu verhalten habe. Hinter einen Baum⸗ ſtamm gedrückt, den Athem anhaltend, ließen ſie daher den Zug vorbei, und als er etwa funfzig Schritte vorüber war, 9 3 3 — 163— folgten ſie ihm mit möglichſter Behutſamkeit, wobei ihnen der matte Lichtſchein, den die Laternen zurückwarfen, unge⸗ mein zu ſtatten kam. Bernhard hatte zu viel Vertrauen zu Ludwig, kannte ihn zu genau, um nicht zu ahnen, daß hier entweder ein arges Mißverſtändniß, oder, wie es in dieſen Zeiten leider nur zu gewöhnlich war, ein patriotiſcher Anlaß, oder endlich, was ihm beſonders durch die Mitwirkung des widerwärtigen Fremden wahrſcheinlich wurde, ein Bubenſtück zum Grunde liegen mußte. Dieſer Gedanke ſetzte ſich ſo feſt in ihm, daß er beſchloß, Ludwig, es koſte, was es wolle, aus der augenblicklichen Gefangenſchaft, in der er ſich befand, zu befreien; denn oftmals kam es in jener Zeit ja nur darauf an, Jemanden ſeinen heimlichen Richtern oder Gewalthabern im erſten Augenblicke zu entreißen, um ihn nachher durchaus zu retten und zu ſichern. Er ſprach daher leiſe zu Jaromir: „Ich fürchte, hier iſt ein Bubenſtück im Spiele, und ich habe meine ganz beſondern Urſachen zu dieſem Argwohne. Gelänge es uns, unſern Freund nur aus der Gewalt dieſer drei Leute zu befreien, ihm einen einzigen Wink zu geben, ſo wollten wir ſchon Mittel finden, ihn anderweit zu retten. Wollen Sie mir in meinem Wageſtück beiſtehen?“ Jaromir, welcher wußte, was er wage, wenn er als Soldat eine Wache, insbeſondere aber die faſt geheiligten Perſonen zweier franzöſiſcher Gensdarmen verletze, fand das Unternehmen ſehr bedenklich; indeß fühlte er auf der andern Seite ſo viel Freundſchaft für Ludwig, daß er es nicht zu⸗ rückweiſen zu dürfen glaubte. Auch beſaß er jenen Jüng⸗ lingsleichtſinn, der die Folgen einer That nur obenhin be⸗ denkt, oder vielleicht war es ein tieferer Zug des polniſchen Nationalcharakters, der das Verwegenſte keck beginnt und den Ausgang nicht berechnen will und kann. Kurz, er ſagte zu. „Gut denn,“ ſprach Bernhard;„und für uns ſoll gar keine Gefahr dabei ſein, wenn wir geſchickt verfahren. Der Weg, auf dem wir gehen, iſt erhöht; hier rechter Hand an der Hügelwand läuft ein ſchmaler Graben zur Ableitung des Waſſers hin, der aber tief genug iſt, daß Jemand, der hin⸗ einfällt, einige Minuten Zeit braucht, um wieder herauszu⸗ kommen; links ſenkt ſich der Weg nur drei bis vier Fuß ſteil ab. Wenn wir jetzt den Gensdarmen leiſe nacheilen, uns dann plötzlich auf ſie ſtürzen, den einen rechts in den Gra⸗ ben, den andern links die kleine Anhöhe hinunterſtoßen und dann Beide vereint den Mann im Regenmantel niederrennen, ſo haben wir Zeit genug, mit Ludwig zu fliehen.“ Es galt kein längeres Verabreden. Leiſe, auf den Ze⸗ hen, aber doch mit größter Schnelligkeit folgten die gewand⸗ ten Jünglinge dem Zuge, der den gefangenen Freund gelei⸗ tete; unbemerkt waren ſie bis auf zehn Schritte nahe ge⸗ kommen. Ludwig befand ſich noch wie zuvor in der Mitte zwiſchen beiden Gensdarmen, deren einer links nahe am Rande des Weges, der andere rechts neben dem Graben hinſchritt. Einige Schritte voran ging der Fremde im Man⸗ tel mit der Laterne.„Ich nehme den rechts,“ flüſterte Bernhard;„jetzt!“ Wie zwei anſprengende Wettrenner ſtürzten die beiden kecken Angreifer vorwärts, indem ſie zugleich ein lautes Ge⸗ ſchrei erhoben. Noch ehe die Gensdarmen ſich umwenden konnten, rannten beide Läufer ſchon ſo feſt und gewaltſam gegen ſie an, daß der eine links, der andere rechts hinunter⸗ geſchleudert wurde, ohne einmal recht zu wiſſen, was und wie ihnen geſchah. Verabredetermaßen wollten Beide jetzt afff den Fremden los; doch dieſer ſparte ihnen die Mühe; denn ſowie der erſte Ruf der Angreifenden erſchallte, hatte er ſchon, 1 da er nicht das beſte Gewiſſen haben mochte, ſeine Laterne weit von ſich geſchleudert, ſodaß ſie verlöſchte, und lief, was er vermochte, den Weg weiter hinunter. Bernhard fand nicht für gut, ihm nachzuſetzen, ſondern raunte nur dem höchſt betroffenen, unbeweglich daſtehenden Ludwig zu:„Wir ſind gute Freunde; flüchte mit uns!“ Zugleich ergriff er ihn beim Arme und rief:„Mir nach!“ Ludwig erkannte ihn ſo⸗ fort und ſäumte nicht, ihm zu folgen; da dem Gensdarmen im Fallen gleichfalls die Laterne verlöſcht war, ſo begün⸗ ſtigte die tiefſte Finſterniß dieſe ſeltſame Flucht. Alle drei b junge Leute ſchoſſen in der Dunkelheit pfeilſchnell dahin, des Weges, den ſie gekommen waren, zurück. Bernhard rief im Laufen den Andern leiſe zu:„Immer mir gefolgt! Wir müſſen bei einander bleiben, ſo behalten wir im Nothfalle noch die Übermacht.“ Schon ein gutes Stück mochten ſie gelaufen ſein, als ſie hinter ſich zwei Schüſſe fallen hörten. Es waren die Gensdarmen, die ihre Karabiner nach der Richtung abfeuer⸗ ten, in der die drei Freunde entflohen. „Schießt nur!“ rief Bernhard.„Wir hören nicht einmal — eure Kugeln pfeifen, geſchweige daß ſie uns träfen!“ be An der Entfernung des Knalles, ſo wie an dem Zeit⸗ raum, der verfloſſen war, bis die Schüſſe fielen, konnten die Läufer hinlänglich abnehmen, daß ſie ſich in vollkommen⸗ ſter Sicherheit befanden. Doch ſetzten ſie ihren Weg noch n ſo eilig als möglich fort. Jetzt bog ſich ein Seitenweg links dden Berg hinauf. Bernhard ſchlug ihn ein; als man etwa hundert Schritte aufwärts gelangt war, ſprach er:„Nun langſam, ſonſt verlieren wir Kraft und Athem! Vorläufig ſind wir in Sicherheit; nur kein Wort geſprochen!“ Schweigend klimmten ſie aufwärts. Von Zeit zu Zeit lauſchte Bernhard, ob ihnen Jemand folge. Es blieb Alles ſtill. Nach einer Viertelſtunde, wo man eine dichte Stelle — — 166— des Gebüſches erreicht hatte, konnte man endlich annehmen, daß man ſich in völliger Sicherheit befand. „Was nun beginnen?“ fragte er, indem er ſtillſtand. „Vor Allem,“ ſprach Ludwig und ergriff die Hände ſei⸗ ner Begleiter lebhaft,„vor Allem Euch, Ihr treuen Freunde, meinen heißeſten Dank. Aber erklärt mir nur, wie Ihr meine Verhaftung erfuhret, und durch welch ein Wunder Ihr meine Rettung bewirken konntet.“ Bernhard berichtete über die Zufälligkeit der Entdeckung und über die dunkle Triebfeder ſeines Entſchluſſes. „Dich hat eine Stimme Gottes geleitet,“ entgegnete Ludwig bewegt;„denn ich glaube, ich war dem Verderben nahe. Was habt Ihr aber gewagt!“ rief er plötzlich tief ge⸗ rührt und umarmte Beide mit brüderlicher Wärme. „Gewagt?“ entgegnete Bernhard;„nichts das ich wüßte! Aufs höchſte war das Ganze ein Studentenſtreich, für den man uns nicht hängen könnte, wenn man uns auch er⸗ wiſchte. Aber wie ſoll das geſchehen? Wer kennt, wer vermu⸗ thet uns? Wir könnten jetzt dreiſt den beiden Gensdarmen in die Arme rennen, es würde keiner von ihnen ahnen, daß er uns ſein Schlammbad zu verdanken hat. Aber weshalb hatten ſie Dich denn eigentlich beim Schopf genommen? Doch bin ich vielleicht neugieriger als billig.“ „Die Geſchichte iſt wunderbar genug, und mir ſelbſt noch ein tief verborgenes Räthſel,“ begann Ludwig.„Doch iſt ſie ſo verwickelt, daß ich ſie Dir lieber ein anderes Mal bei Muße erzählen möchte.“ „Schon recht,“ antwortete Bernhard;„allein die Haupt⸗ ſachen müſſen wir doch jetzo wiſſen, um darnach handeln zu können, und namentlich zu beſtimmen, wo die beſte Sicher⸗ heit für Dich iſt. Könnteſt Du z. B. nach Dresden zu⸗ rückkehren?“ — — 167— „Ich glaube nicht,“ erwiderte Ludwig.„Doch ich will in der Kürze erzählen. Du entſinnſt Dich des Menſchen, der uns zuvor im Garten als bekannt auffiel?⸗ „Freilich, nur weiter.“ „Als ich vom Berge herabkam und die Ruine erreicht hatte, fand ich dort noch ſehr viele Menſchen verſammelt, die ſich vor dem Regen geflüchtet hatten. Natürlich war es, daß ich mich umſah, ob vielleicht meine Mutter und Tante darunter ſeien. Ich fand ſie nicht; es waren meiſtens Leute, die zur Dienerſchaft des Hoſes gehörten. Als ich darauf meinen Weg fortgeſetzt hatte und kaum hundert Schritte von der Ruine entfernt war, kam mir ein franzöſiſcher Gensdarm nach, der mir ein ziemlich rauhes„Bon soir, Monsieur!“ zurief. Ich grüßte wieder und wollte meinen Weg eilig fort⸗ ſetzen, doch er erklärte mir, daß ich ihm folgen müſſe. Ich fragte, weshalb und wohin? Dies zu beantworten ſei nicht in ſeinem Auftrage, entgegnete er mir. Mir bewußt, nichts verſchuldet zu haben, beſchloß ich, wiewol höchſt ungern, zu gehorchen, denn ich hatte die Hoffnung, daß die ganze Sache ſich als ein Mißverſtändniß im Augenblick löſen müſſe. In⸗ dem ich mich jetzt jedoch umſah, bemerkte ich einen Mann im Regenmantel und einen zweiten Gensdarmen, die uns Beide eiligſt nachfolgten. Als ſie näher kamen, erkannte ich jenen Fremden. Er trat zu mir heran und ſprach mit einem unangenehmen Lächeln:„Sie werden uns zu einem kleinen Verhör folgen müſſen, mein Herr!“„Das habe ich mit Erſtaunen hören müſſen,“ antwortete ich,„und es wäre mir ſehr erwünſcht, zu wiſſen, weshalb.“ Da er ſchwieg, fuhr ich fort:„Ich kann nur ein Mißverſtändniß voraus⸗ ſetzen und hoffe daher auf Genugthuung wegen dieſer krän⸗ kenden Verhaftung.“ — 168— „Das wird ſich finden,“ ſprach er kalt und wir gingen weiter abwärts nach dem Schloſſe zu. „Es war mir ſehr erwünſcht, daß wir, da der Regen noch immer heftig ſtrömte, Niemandem begegneten; denn ich fühlte mich in der That beſchämt, ſo als Verbrecher zwiſchen zweien Schergen gehen zu müſſen. Im Hofthore des Schloſ ſes angelangt, wurde ich in das kleine Portierzimmer auf 3 der Seite geführt, wo ich, von beiden Gensdarmen bewacht, eine gute Stunde warten mußte, während der Fremde ſich entfernte. Dieſe Zeit benutzte ich, um einen Entſchluß über mein Betragen zu faſſen; ich beſchloß bei mir ſelbſt, mich auf nichts einzulaſſen, ſondern nur gegen die Gewaltſamkeit meiner Verhaftung zu proteſtiren. Natürlich dachte ich be⸗ ſonders darauf, wie ich meiner Mutter den Schreck, der ſie auf jede Weiſe treffen mußte, erſparen könnte; indeſſen wurde Alles, was ich in dieſer Hinſicht zu thun vermochte, wie Du gleich hören wirſt, vereitelt. Nach einer guten Stunde er⸗ ſchien der Fremde wieder; es war ſchon ganz finſter, ſodaß ich nicht recht weiß, wohin ich geführt wurde. Ich glaube jedoch, es war eines der Nebengebäude des Schloſſes. Nach⸗ dem ich eine ſchmale Treppe hinaufgeſtiegen, einen ziemlich langen Corridor heruntergegangen war, wurde ich in ein 4 Zimmer geführt, wo ich denſelben Mann mit dem Orden der Ehrenlegion antraf, der uns dieſen Nachmittag im Gar⸗ ten begegnete. Er ſprach nur franzöſiſch. Ich beſchwerte mich über meine Verhaftung. Er lächelte, zuckte die Achſeln und meinte, ich werde den Grund derſelben wol kennen. Hier⸗ auf ſchritt er zu einem förmlichen Verhör und verlangte zu⸗ vörderſt meinen Namen zu wiſſen. Ich erklärte ihm, ich würde mich nicht eher nennen, bis ich den Grund meiner Verhaftung wüßte.“ „Sie ſind des Hochverraths angeklagt,“ rief er c 1 — ·N25 2— — d — 169— „Und durch wen?“ fragte ich kalt.„Durch dieſen Herrn,“ erwiderte er und zeigte auf den Fremden. „Ich kenne dieſen Herrn nicht,“ erwiderte ich unwillig. „Er aber Sie deſto beſſer,“ antwortete mein Inquirent in heftigem Ton. „Nun denn,“ ſprach ich ebenfalls gereizt, wenn die⸗ ſer Herr mich des Hochverraths anklagt, ſo wird er auch im Stande ſein, Ihnen meinen Namen zu ſagen, den ich verweigere, weil ich das Gericht, vor dem ich ſtehe, nicht anerkenne.“ Der Fremde wußte auf dieſe Worte nichts zu antwor⸗ ten, ſondern ſtand mit tückiſcher und verlegener Miene da. Endlich flüſterte er Dem, der ſich zu meinem Richter auf⸗ geworfen hatte, einige Worte ins Ohr. Hierauf ſprach dieſer: „Es verſteht ſich ganz von ſelbſt, daß wir Ihren Namen kennen, mein Herr, aber die Form des Verhörs verlangt, daß Sie ſelbſt ſich nennen.“ „Ja, die Form des geſetzlichen Verhörs,“ erwiderte ich. Mein Inquirent wurde roth vor Verdruß über dieſen Einwurf. Er ging einige Male auf und ab, dann zog er ſich mit meinem Ankläger in ein anſtoßendes Gemach zurück. Nach einek guten Viertelſtunde erſchienen Beide wieder. Der Inquirent ging ſtolz auf mich zu und ſprach:„Man wird Sie jetzt an einen Ort bringen, der vielleicht einigen Einfluß auf Ihre Hartnäckigkeit hat. Sie werden dieſem Herrn folgen.“ Jetzt fielen mir Mutter und Schweſter, ihre Sorge, ihre Angſt ein. „Sie werden mir doch erlauben, daß ich einige Freunde, mit denen ich hier im Orte bin, von meinem Schickſale be⸗ nachrichtige,“ ſprach ich heftig. „Ich kann Ihnen dies nicht geſtatten,“ entgegnete mein Inguirent. 8“ ma 4 „Wie!“ rief ich,„ſcheut Ihre Gerechtigkeitspflege ſo das Tageslichte Dies iſt das Verfahren eines Inquiſitions⸗ gerichts!“ „Ein Verhafteter, der ſich nicht nennen will, kann un⸗ möglich auf Vergünſtigungen dieſer Art Anſprüche machen.“ „Nun wohl denn,“ rief ich,„ich werde mich nennen, ſobald ich die Meinigen benachrichtigt habe und ſomit Je⸗ mand frei weiß, der gegen die willkürliche Gewaltſamkeit meiner Haft proteſtiren kann. Ich ſchreibe zwei Zeilen; in zehn Minuten kann ich ſie unterſchrieben zurückerhalten. Sowie dieſer Beweis, daß die Meinigen unterrichtet ſind, in meinen Händen iſt, werde ich jede billige Frage Ihres Verhörs beantworten.“ Mein Inquirent ſchien unſchlüſſig. Nach einer klei⸗ nen Pauſe erwiderte er jedoch:„Ihr Verlangen iſt durchaus unzuläſſig; ich kann Ihnen gar keine Communication mit den Ihrigen geſtatten. übrigens werden wir wol Mittel finden, Dasjenige von Ihnen zu erfahren, was wir wiſſen müſſen. Auf Wiederſehen.“ Mit dieſen Worten empfahl er ſich. Ich war in hef⸗ tiger Wallung. Die Vorſtellung, die ich mir von der Angſt meiner Mutter machte, wenn ich verſchwunden ſein würde, ohne daß ſie auch nur die leiſeſte Spur von mir haben ſollte, bewog mich, meinen Widerwillen gegen den Fremden ſo weit zu überwinden, daß ich den Trotz gegen ihn aufgab und mich ihm in mildern Formen näherte.„Ich hoffe es von Ihrer Menſchlichkeit, mein Herr,“ ſprach ich, „daß Sie mir geſtatten werden, meine Freunde wenigſtens durch eine mündliche Botſchaft zu benachrichtigen, damit de nicht vergebliche Sorge um mich tragen.“— „Ich kann nur meinen Auftrag vollziehen,“ 9⸗ er mit ſchneidender Kälte. „Und worin beſteht derſelbe? Hoffentlich werde ich doch erfahren dürfen, wohin man mich bringt?“ „Der Augenſchein wird es Sie zeitig genug lehren,“ lautete ſeine Antwort. Ich will es geſtehen, ich hatte vor Zorn über dieſen Elenden und aus Beſorgniß um die Meinigen, Thränen in den Augen. Mit Mühe bezwang ich meinen Unwillen ſo weit, daß ich mich nicht zu Dingen vergaß, die meine Lage nur verſchlimmern konnten. In dieſem Augenblicke trat einer der beiden Gensdarmen ein und meldete halblaut, jedoch ſo, daß ich's hörte:„Der Wagen iſt ſchon auf der Fähre und wird jenſeit der Elbe halten. Auch der Nachen iſt bereit.“ Auf dieſe Meldung gingen wir. Von jetzt an kennſt Du mein Schickſal; denn auf dem Wege, den wir ein⸗ ſchlugen, wurdet Ihr getreuen Freunde meine Retter.“ „Die wenigen Minuten, die wir auf Deine Erzählung gewartet haben, ſind nicht unnütz verfloſſen,“ entgegnete Bern⸗ hard; denn erſt jetzt koͤnnen wir einen Operationsplan ent⸗ werfen. Das größte Glück iſt es, daß Du Dich nicht ge⸗ nannt haſt; ſo ſoll ihnen das Nachforſchen wol vergehen, wiewol es immer bedenklich bleiben wird, Dich nach Dres⸗ den zu ſchaffen. Was in aller Welt aber können ſie wollen?“ „Im erſten Augenblicke war ich durch die Verhaftung ſelbſt zu aufgeregt, um ruhig nach den Gründen derſelben zu forſchen; jetzt aber hege ich allerdings eine Vermuthung, dooch kann ich Dir darüber in dieſem Augenblicke keine Aus⸗ kunft geben. Vielleicht führt das Ganze aber nur zu mei⸗ nem Glück, und auf die ungehoffteſte Weiſe.“ 3 „Nichts ſoll mir lieber ſein als das,“ entgegnete Bern⸗ hard; einſtweilen müſſen wir aber auch Anderer gedenken. Deine Schweſter iſt oben in einer ſehr üblen Lage und Deine Mutter drunten vielleicht in keiner beſſern. Wir gingen hin⸗ — 87 C ab, um Nachricht zu bringen und die Wagen hinaufzuſen⸗ den; dies müſſen wir zuvörderſt thun. Was Dich ſelbſt an⸗ langt, ſo glaube ich, iſt es am beſten, Du gehſt von hier gerade hinauf und warteſt ab, bis wir kommen. Droben magſt Du als Entſchuldigung Deines Ausbleibens angeben, es ſei etwas an dem Wagen zerbrochen geweſen, deſſen Aus⸗ beſſerung ſich von Minute zu Minute verzögert habe. Sprich auch, Du ſeiſt uns begegnet und wir hätten den überreſt der Beſorgung übernommen, während Du Dich beeilt habeſt, die Nachricht davon heraufzubringen. Ich werde indeſſen unten Alles einleiten und ſchlichten; auf keinen Fall aber er⸗ zähle ein Wort von Deinem wirklichen Abenteuer. Und nun geleite Dich Gott, denn wir haben keine Zeit zu ver⸗ lieren.“ „O, meine Freunde!“ rief Ludwig,„wie ſoll ich Euch danken? Wer kann ermeſſen, welchem Unheil Ihr mich entriſſen habt.“ „„Ei was,“ rief Bernhard,„danke dem Zufall, aber nicht uns. Mir ſchießt bisweilen ſo ein Ding, was man im gemeinen Leben Ahnung nennt, durch die Seele und das hat mich heute zu meinem eigentlich verrückten Handeln an⸗ getrieben. Schelten ſollteſt Du uns, wenn Du nach der in⸗ nerſten Bedeutung der Handlung, nicht nach ihrem Erfolg richten wollteſt. Denn falls man nicht wirklich ſo ſchurken⸗ mäßig ſchlecht mit Dir umging, falls Deine Verhaftung nur, wie es uns doch am wahrſcheinlichſten ſein mußte, aus einem Mißverſtändniß, oder doch aus einem ganz geringen An⸗ laß entſtanden war, ſo konnte uns Allen der unnöthige An⸗ griff auf die Gensdarmen und die gewaltſame Rettung und Befreiung verteufelt ſchlecht bekommen, und Dich zehnmal tiefer in den Moraſt führen. Aber hinterdrein iſt man klug. Indeſſen, eins muß ich ſagen: eigentlich bleibt der Kunſt die — 173— Ehre. Schwerlich hätte ich mein tolles Project ausgeführt, wenn ich nicht mit meinem Pinſlerblick in Deiner Phyſio⸗ gnomie etliche Linien erkannt hätte, die uns nicht von einer bloßen Verdrießlichkeit oder vom Unmuth in die Stirn ge⸗ ſchnitten werden. Trotz des unbeſtimmten Laternenſchimmers aber hätte ich die Hoſtie darauf genommen, daß Dir die Horizontal⸗ und Vertikalſtriche an dem Centralpunkt der gan⸗ zen Phyſiognomie, nämlich an der Grenze zwiſchen Stirn und Naſenbein, von der Hand eines ernſtlichen Unfalls ein⸗ gezeichnet waren. Einen tüchtigen Meſſter kennt unſereiner ſogleich an zwei, drei Schwungſtrichen. Dem haſt Du's zu danken. Alſo: es lebe die Kunſt! Und nun fliege frei wie ein Adler nach dem Gipfel dort oben hinauf, wo die Jungen ängſtlich in dem Horſt lauern. Glückliche Reiſe!“ Mit dieſen Worten eilte er, Jaromir am Arm ergrei⸗ fend, abwärts, ohne Ludwigs neu ausbrechenden Dank ab⸗ zuwarten. „Meine beſte Handzeichnung gäbe ich drum,“ ſprach er im Gehen zu Jaromir,„wenn uns die beiden Gensdarmen begegneten und uns nach der Spur der zwei verteufelten Spitzbuben, von denen ſie ſo völlig turnierwidrig aus dem Sattel gehoben worden ſind, und nach ihrem entwiſchten Fang fragten. Ich wollte ſie eher auf den Berg Sinai als auf den Gipfel des Porsberges ſchaffen.“ Ludwig ging indeſſen aufwärts. Als er in die Nähe des Thurmes kam, tönte ihm plötzlich ein„Wer da?“ ent⸗ gegen. Doch er erkannte ſchnell Raſinski's Stimme, der, abwechſelnd mit Boleslaw, einen förmlichen Patrouillendienſt verſah.„Gut Freund!“ rief Ludwig froh.„Endlich!“ ſchallte es ihm entgegen, und Raſinski reichte ihm froh die Hand.„Wie wird Ihre Schweſter ſich freuen, die ſich ſchon ſo um Sie geängſtigt hat!“ Gewiſſermaßen triumphirend führte er den Wiedergekehrten nach dem Thurm zu, wo die Mädchen in banger Schweigſamkeit ſaßen, Marie jedoch halb lag, da der ſchmerzende Fuß ihr dieſe Stellung gebot.„Lud⸗ wig, biſt Du's endlich,“ rief ſie ihm entgegen, als ſie ſeine Stimme hörte und ſtreckte die Hand nach ihm aus;„wie konnteſt Du uns nur ſo lange in der bangen Sorge laſſen!“ Ludwig entſchuldigte ſein Ausbleiben, der Verabredung mit Bernhard gemäß, ſo gut er konnte und verhieß den Madchen eine nahe Erlöſung aus dem ſeltſamen Gefängniß. „O, nun Du bei uns biſt und die Mutter von uns weiß, nun wollen wir gern ausharren,“ antwortete Marie. Sie wollte ihn bitten, ſich zu ihr zu ſetzen, doch er ſchlug es aus unter dem Vorwande, daß er ganz durchnäßt ſei und daher lieber in Bewegung bleiben als ſich ſetzen wolle. Die Haupturſache war aber die innere Unruhe, ob Bernhard ein⸗ treffen werde, oder nicht; dieſe hoffte er beſſer zu verbergen, indem er mit den Männern draußen umherwandelte, denn der Regen hatte längſt aufgehört. Endlich nach einer bangen halben Stunde hörte man Peitſchenknall aus dem Walde und bald unterſchied man auch das Geräuſch der langſam heraufkommenden Wagen. Jetzt blinkte Laternenſchimmer durchs Gebüſch und nach wenigen Minuten konnte man ſich durch das Auge überzeugen, daß man ſich nicht täuſche. Jaromir kam zu Fuß voran und brachte die Nachricht, daß beide Mütter mit heraufkämen, damit man nachher einen bedeutenden Umweg erſparen könne. Gleich darauf rollte einer der Wagen heranz der Kutſcher ſprang gewandt ab, es war Bernhard. „Da ſind wir,“ rief er,„und zwar ich aus guten Gründen als Kutſcher. Denn der eine der beiden Autome⸗ dons hat ſich ſo betrunken, daß er zu nichts zu gebrauchen iſt. Wir haben ihn daher auf der Streu liegen laſſen und — 175— ich war ſo frei, mich für den Erben ſeines Mantels zu er⸗ klären, da mein Wamms bis auf den letzten Faden ſo naß iſt, als wäre ich mit Odyſſeus um die Wette nach der Phäa⸗ keninſel geſchwommen. Jetzt bin ich faſt wieder trocken und nun magſt Du auch trocknen, Ludwig.“ Damit nahm er den Mantel ab und hing ihn dem Freunde um, indem er ihm zugleich ins Ohr raunte:„Das iſt Deine Verkappung, man kann nicht wiſſen, was vorfällt. Du mußt uns auf dem Rückwege fahren; die Kutſcher ſind ſchon beſtochen und wiſſen, was ſie zu thun haben.“ Ludwig dankte durch einen unbemerkten Händedruck für die gewandten vorſorglichen Bemühungen des Freundes. Die⸗ ſer war jedoch nicht dabei ſtehen geblieben, ſondern darauf bedacht geweſen, in ſeinem Wagen einige Flaſchen guten Weins und einen gehörigen Vorrath kalter Küche zu verpacken und mit hinauf zu nehmen, damit man ſich droben vor der Ab⸗ fahrt ein wenig ſtärken könne und nicht nöthig habe, in ſpä⸗ ter Nacht wieder nach dem Wirthshauſe zurückzukehren, was Ludwigs halber gefährlich war. Als nach allen dieſen guten Nachrichten und Anſtalten nun endlich noch beide Mütter auf dem Berge eintrafen, die Bernhard durch das eigentlich falſche Vorgeben, daß man dadurch einen ſehr bedeutenden Umweg erſparen könne, zu der nächtlichen Fahrt, die ihnen freilich ein wenig ängſtlich erſchien, beredet hatte, da war die letzte Sorge aus dem Herzen der drei Mädchen verſchwun⸗ den und ſie überließen ſich nunmehr der heiterſten Freude. Ja ſie wurden ſogar ein wenig ſtolz auf die romantiſchen Abenteuer des Tages und waren auch nicht die Letzten, ſich an den von Bernhard mitgebrachten guten Gaben zu er⸗ quicken. Endlich ſchickte man ſich zur Rückfahrt an. Sowol Mariens Zuſtand, welche ihren Fuß ausſtrecken mußte, als — 176— auch die ſpäte Stunde, ließen es ſchicklich erſcheinen, daß die Frauen und die Männer geſondert fuhren. überdies hatte Bernhard ſehr gute Gründe, dies zu wünſchen, denn im äu⸗ ßerſten Falle war es immer beſſer, wenn alle Männer in einem Wagen beiſammen ſaßen, zumal da auf dieſe Weiſe der Wagen der Frauen ſchwerlich irgend einen Aufenthalt er⸗ fuhr. Dieſer war der erſte bei der Abfahrt und wurde von dem wirklichen Kutſcher geführt, weil er des Weges und des Fahrens am kundigſten war. Als nunmehr die Män⸗ ner unter ſich waren, berichtete Bernhard in möglichſter Kürze das ganze Abenteuer, wenigſtens inſoweit, um die ſeltſame Verkleidung Ludwigs als Kutſcher zu erklären. Man gab ſich das Wort, in der vollſten übereinſtimmung zu handeln, und Naſinski verſicherte überdies, ſeine Uniform werde hin⸗ reichen, um für den Augenblick jede Gefahr abzuwenden. Ludwig drückte ſich eine von Bernhard mitgebrachte Kutſcher⸗ mütze tief in die Stirn, hüllte ſich dicht in den Mantel und ſchwang ſich hinauf auf den Bock. Während des Fahrens ſetzte Bernhard die Verhältniſſe vollends auseinander, ſodaß durch Mißverſtändniſſe oder Unkunde auch nicht das Mindeſte mehr verdorben werden konnte. Die Fahrt ging glücklich von ſtatten. Man kam an die Fähre und ſetzte über die Elbe ohne Hinderniß. Etwa die Hälfte des Weges mochte man zurückgelegt haben, als Bernhard zum Wagen heraus Ludwig anrief und ihn anzuhalten bat. „Es iſt zwar ziemlich wahrſcheinlich,“ ſprach er,„daß man Dich gar nicht kennt; allein es iſt doch nicht ſo ganz gewiß. Wie wenn man Dich im Hauſe Deiner Mutter auf⸗ ſuchte? Vorſichtiger wenigſtens iſt es, wenn Du dieſe Nacht nicht dort zubringſt und Dich morgen noch verſteckt hältſt, bis wir das Terrain ſondirt haben. Einen Borand 4 — — 177— dazu will ich ſchon finden; für den Augenblick rufe nur Deinem Collegen, dem erſten Kutſcher, zu, daß er anhalte, dann wird ſich das übrige leicht machen laſſen.“ Ludwig that, was Bernhard wollte. Jetzt ſtieg dieſer aus dem Wagen, ging zu den Frauen heran und bat ſie, es nicht übel zu nehmen, wenn man ſie allein fahren laſſe. Aber die Pferde des zweiten Wagens ſeien ſo ermüdet, daß ſie nicht mehr von der Stelle wollten, und man daher noth⸗ wendig eine Stunde anhalten und füttern müſſe. Den Kutſcher zog er bei Seite, gab ihm ein Trinkgeld und ſprach: „Sei unbeſorgt, wir fahren in kurzer Entfernung nach, aber wir haben unſere Gründe, weshalb wir nicht mit den Frauen zugleich eintreffen wollen.“ Der Kutſcher murmelte ein„Schon gut“, ſetzte ſich wieder auf den Bock und fuhr weiter. Gleichſam als falle es ihm jetzt erſt ein, lief Bernhard dem Wagen nach und rief in den Schlag hinein:„Noch eins! Da wir muthmaßlich viel ſpäter ankommen als Sie, ſo wird Ludwig Sie nicht erſt ſtören, ſondern den überreſt der Nacht bei mir zubringen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte er zu den Freun⸗ den zurück.„Nun iſt Alles in Ordnung,“ rief er fröhlich, „jetzt haben wir uns vermummt und verlarvt, geharniſcht und verpalliſadirt dazu. Nun ſoll Einer die Feſtung ſtür⸗ men, belagern oder aushungern, ich denke, er wird mit ſei⸗ nem Volk an unſern Mauern verderben.“ Fünf Minuten ſpäter als die Frauen ſetzten auch die Männer ihren Weg fort, ſodaß ſie ſich immer in einiger Entfernung von jenen hielten, die indeſſen doch nicht groß genug war, als daß ſie nicht im Nothfall zu einem ſchleu⸗ gen Beiſtande hätten hinzueilen können. Auf dem ganzen Wege begegnete ihnen nichts Verdäch⸗ 8*△ — 178— tiges; ungehindert erreichten ſie das Thor von Dresden. Als ſie hier einfuhren, die Frauen waren ſchon einige Mi⸗ nuten früher paſſirt, wurden ſie jedoch angehalten. Ein Polizeiofficiant und ein Gensdarm traten an den Wagen und fragten, woher man komme, wer man ſei. Ver⸗ abredetermaßen übernahm es Raſinski, die Antwort auf dieſe von Bernhard ſchon gemuthmaßten Fragen zu ertheilen. Die Uniform, der Stand des Grafen ſchienen den Fragern zu imponiren; ſie traten einige Schritte zurück und ſprachen leiſe mit einander. Bernhard, der ſie nicht aus der Acht ließ, ſah, wie ein Dritter, der tief in einen Mantel gehüllt war, zu ihnen trat. Sein maleriſch geübtes Auge für Faltenwurf wie für Trachten überhaupt erkannte mit ziemlicher Gewiß⸗ heit Ludwigs Hauptfeind in dem Vermummten; man be⸗ fand ſich alſo in der That in einer ſehr gefährlichen Lage. Raſinski beugte ſich endlich ungeduldig zum Wagen heraus und rief:„Worauf haben wir noch zu warten? Es iſt ſpät, man fertige uns raſch ab.“ Man zögerte noch einige Augenblicke, dann trat der Gensdarm mit einer Laterne näher, leuchtete in den Wagen und ſprach höflich:„Verzeihen Sie, mein Herr Obriſt, aber wir ſind beauftragt, einer Perſon, die von Pillnitz kommen muß, wegen einer höchſt wichtigen Angelegenheit gleich hier am Thore eine Nachricht zu geben; ich habe alſo nur den Auftrag, zu ſehen, ob ſie ſich unter den Herren hier befindet.“ „Mag der Teufel!“ rief der Obriſt.„Dieſe Herren ſind meine Regimentskameraden, und Jener dort iſt mein Freund, und Keiner von uns hat ſpät in der Nacht hier am Thore Nachricht zu erwarten. Laſſen Sie uns in Nuhs Vorwärts, Kutſcher!“ Ludwig fuhr raſch davon, und man gelangte nun oh weitere Gefährde bis an das Hotel de Pologne, wo Raſi — 179— mit ſeinen beiden Offizieren wohnte. Dort ſollte Ludwig die Nacht bleiben, während Bernhard es übernahm, den Wagen an Ort und Stelle zurückzubringen. Mit dem Früheſten wollte man dann fernere Verabredungen treffen. Achtes Capitel. Am andern Morgen machte ſich Bernhard zeitig auf, um Ludwig aufzuſuchen. Er nahm ſeinen Weg die Schloß⸗ gaſſe hinunter und überlegte im Gehen bei ſich ſelbſt, was bei dieſer ernſtlich unangenehmen Sache wol das Geſchei⸗ teſte ſei, und ob Ludwig nicht wohlthäte, ſich wenigſtens auf einige Zeit von Dresden zu entfernen; da ſtieß er, weil er, in Gedanken verſunken, nicht auf die Gegenſtände um ſich her merkte, ziemlich unſanft an den Ellenbogen eines eilig Vorübergehenden. Mechaniſch griffen Beide nach ihren Hüten und wollten ſich eben höflichſt gegeneinander entſchul⸗ digen, als Bernhard ſah, daß er den Fremden vor ſich habe, von dem alles Unheil ausging. Nur ein ſo gewandter, nie die Geiſtesgegenwart verlie⸗ render Abenteurer wie Bernhard, vermochte dabei die Faſſung zu erhalten. Mit großer Höflichkeit entſchuldigte er ſeine große Unhöflichkeit; der flüchtige Zug der überraſchung in ſeinen Mienen konnte allerdings der Betroffenheit über das heftige Zuſammenſtoßen ebenſo gut gelten, als der Empfin⸗ dung, die der Anblick der Perſon ihm einflößte. Der Fremde antwortete ebenſo höflich; Bernhard ſpähte mit Falkenblicken in ſeinen Zügen umher, um zu entdecken, ob er erkannt werde oder nicht. Es ſchien ihm, als ſei der 8 4 — 180— Fremde ungewiß. Da ſchoß ihm plötzlich der Gedanke durch den Kopf: wie, wenn es dir gelänge, dieſen Schuft vertrau⸗ lich zu machen und dich ſeiner ſelbſt gegen ihn zu bedienen? Columbus konnte über den plötzlichen Gedanken, der ihm eine neue Welt hinter unbekannten Meeren zeigte, nicht erfreuter ſein als Bernhard über dieſen Einfall.„Sie ſcheinen zwar fremd, mein Herr,“ erwiderte er,„allein ich dächte, wir ſoll⸗ ten uns doch ſchon irgendwo anders begegnet ſein als hier, wo uns der Zufall ein wenig hart aneinander geführt hat.“ „Es will mir gleichfalls ſcheinen,“ entgegnete der Fremde mit derjenigen ſichtlichen Unruhe in den Mienen, die es uns verurſacht, wenn wir einer unabweislichen Perſonalerinnerung keinen rechten Namen oder Platz in unſerm Gedächtniß zu geben wiſſen. „Mein Gott, jetzt fällt mir's ein,“ rief Bernhard; „waren Sie nicht geſtern im Garten zu Pillnitz? Begegneten wir einander nicht bei den ſchönen Fliedergebüſchen?“ „Ganz recht,“ rief der Fremde mit einem von boshaf⸗ ter Freude leuchtenden Geſicht,„ganz recht; aber Sie waren nicht allein.“ „Ich ging mit einem Reiſebekannten, den ich im Wirths⸗ hauſe getroffen,“ warf Bernhard leicht hin.„Nachher beſtie⸗ gen wir den Porsberg, aber das Gewitter brachte uns aus⸗ einander. Sind Sie vielleicht auch davon überraſcht worden? „Ein wenig; indeſſen—“ „Ich ganz ordentlich,“ unterbrach Bernhard mit Ab⸗ ſicht;„ich wurde naß bis auf die Haut. Und dazu hatte ich keine Gelegenheit, zurückzukommen, da der Schuft von Kutſcher, den ich beſtellt hatte, zum Teufel gefahren war, vermuthlich weil man ihm mehr geboten hatte, denn die Preiſe ſtiegen gewaltig. Indeſſen gerieth ich an einige fran⸗ zöͤſiſche Offiziere, prächtige, wohlwollende Leute, die nahmen — 181— mich noch ganz ſpät mit nach Dresden herein, ſonſt ſäße ich vielleicht noch dort. Eben will ich zu ihnen gehen und meinen Dank abſtatten; da dieſe Herren aber früh aus⸗ zugehen pflegen, ſo entſchuldigen Sie wol, wenn ich ein wenig eile.“ Mit dieſen Worten machte er den Scheinverſuch, zu gehen, doch der Fremde ergriff ihn bei der Hand:„Ein Wort, ich bitte. Wer war, wenn ich fragen darf, Ihr Begleiter im Garten?“ „In der That,“ entgegnete Bernhard,„das kann ich Ihnen ebenſo gut ſagen als nicht ſagen. Ich reiſe viel hin und her; ſchon vor längerer Zeit traf ich ihn einmal in Manheim, und vor einigen Tagen fand ich ihn an der Table d'höte in Leipzig wieder. Wir tranken zuſammen Kaffee im Roſenthal, gingen ins Theater und ſpeiſten Abends in einem Auſternkeller. Geſtern geriethen wir zufällig im Gar⸗ ten von Pillnitz zuſammen, und ebenſo zufällig brachte uns das Gewitter wieder auseinander. Das iſt meine ganze⸗ Wiſſenſchaft. Von Stand und Namen weiß ich nicht Be⸗ ſcheid zu geben, denn welcher Reiſende kümmert ſich in die⸗ ſer Beziehung um den andern? Wenn Ihnen aber daran liegt, ſo kann ich Ihnen leicht Beſcheid geben, denn wir ha⸗ ben uns auf heute Nachmittag ein Rendezvous beim Hege⸗ reuter im plauiſchen Grunde gegeben.“ „Wann, wenn ich fragen darf?“ „Um vier Uhr. Wollen Sie vielleicht mit von der Par⸗ tie ſein, ſo hole ich Sie ab und führe Sie, denn ich weiß vollkommen Beſcheid.“ „Sie würden mich unendlich verpflichten; doch erlauben Sie mir, Ihnen dieſe Mühe zu erſparen, mein Herr, und vielmehr Sie abzuholen; darf ich um Ihre Wohnung bitten?“ „Das würde ich um keinen Preis zugeben! Um aber — 182— den Streit zu ſchlichten, wollen wir uns um drei Uhr bei dem Italiener Longo hier gleich auf der Schloßgaſſe treffen. Für jetzt muß ich mich beurlauben. Auf das Vergnügen Sie wiederzuſehen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, empfahl ſich Bernhard mit dem Anſtande eines Erzſauſewinds und eilte die Gaſſe hinunter; aber nur um unvermerkt in eines der nächſten Häuſer zu ſchlüpfen und von dort aus dem verdächtigen Fremden mit Adlerblicken zu folgen. Als er ſich ſicher glaubte, ging er ihm nach, entſchloſſen, die Spur deſſelben nicht zu verlaſſen. Der Beobachter trat in ein anſehnliches Haus der Schloßgaſſe ein; Bernhard wußte, daß daſſelbe einen 3 Portier habe, den er ſogar kannte, und beſchloß, dieſen aus⸗ zuforſchen. Er folgte dem Fremden daher in das Haus und befragte den Portier, ob er ihn kenne. „Nicht von Namen,“ erwiderte dieſer;„aber er wohnt hier im Hauſe und gehört zu den Leuten des Baron St. Luces, ich glaube, er iſt der Secretair deſſelben.“ Bernhard wußte genug. Wie ein Pfeil eilte er jetzt zu Raſinski. Er fand ihn mit Ludwig und den jungen Offi⸗ zieren beim Frühſtück. Seine Nachricht wurde mit Begierde gehört. Bei dem Namen St. Luces zog Raſinski die Stirn in finſtre Falten.„Das iſt kein guter Name für Sie, lie⸗ ber Freund! Der Mann iſt halb Legationsrath, halb Poli⸗ zeibeamter, halb Spion; ſehr gewandt, aber ſehr ränkevoll und habſüchtig; unentbehrlich, aber verächtlich. Eigentlich heißt er Rumigny, iſt aber wegen ſeiner ſchurkiſchen Dienſte viel⸗ fach empfohlen und auf dieſe Weiſe in den ſogenannten Adel⸗ ſtand erhoben worden, der ſeit dem Kaiſerthum in Frankreich ſo reichlich aufſprießt. Ich kenne ihn nur zu gut. Was in der Welt aber kann er von Ihnen wollen?“ Ludwig hatte ſein italieniſches Abenteuer, dem er aller⸗ Erkundigungen eingezogen habe. Dies will ich ſogleich thun.. — — 183— dings den Grund ſeiner Verhaftung zuſchrieb, noch Nie⸗ mandem entdeckt; jetzt erzählte er es in ſeiner ganzen Aus⸗ führlichkeit, verſchwieg jedoch Alles, was ſein Herz dabei be⸗ rührte. Bernhard hörte mit gefeſſeltem Erſtaunen zu. Alſo aauch Ludwig kannte dies geheimnißvolle Weſen? Er war zu demſelben in ſo nahe Beziehungen gerathen. O, wie tief, dachte Bernhard ahnungsvoll, muß ſich unter ſo wunderba⸗ ren Verhältniſſen das ſüße Bild in das Herz des Freundes geprägt haben! Ihm war dieſe holde Geſtalt wie ein Traum⸗ bild erſchienen und verſchwunden; jetzt aber, da er den Freund in ſo innigen Verbindungen der Wirklichkeit zu dem Ideal erblickte, das ihm bisher nur gleich einem Raphael'ſchen Bilde vor der Seele ſchwebte, jetzt wurde ſein Herz auf das tiefſte bbewegt, und er fühlte, wie alte, nur leicht bedeckte Wunden wieder bluteten. In ſeiner gewöhnlichen Weiſe ſetzte her aber dem Ernſt, den er nicht mehr frei beherrſchte, die Schellen⸗ kappe auf.„Ein unvergleichliches Abenteuer! Beim Him⸗ mel!“ rief er.„Sollte man ſich aber jetzt noch Deinetwe⸗ gen kümmern? Für eine Spazierfahrt über den Simplon, in lauer italieniſcher Nachtluft, an der Seite eines ſo holden Weſens, das mich als Bruder adoptirte, ließe ich mich zehn⸗ mal aufhängen. Sollte man alſo viel daraus machen, wenn’s Dir geſchähe?“ 1 „Scherz bei Seite,“ entgegnete Naſinski und wandte ſich zu Ludwig;„ich fürchte aber, die Sache nimmt eine ſehr ſchlimme Wendung, denn ich glaube, Sie haben, ohne es zu ahnen, eine That begangen, die man Ihnen ſchwerlich ver⸗ zeiht. Auf jeden Fall müſſen Sie ſich jetzt noch verborgen halten, bis wir genauer unterrichtet ſind. Hier ſieht Sie Niemand; auch Ihrem Freunde möchte ich rathen, ſich einſt⸗ weilen nicht zu dem Rendezvous einzufinden, bis ich nähere — 184— „Für mich fürchte ich nichts,“ erwiderte Ludwig ernſt; nallein was ſoll ich meiner Mutter, meiner Schweſter ſagen?“ „Die volle Wahrheit, lieber Freund,“ entgegnete Ra⸗ ſinski;„denn ſind die Ihrigen gar nicht oder falſch unter⸗ richtet, ſo könnten ſie leicht wider Willen Ihre Verräther werden. Zwar ſcheint man bis jetzt nur Ihre Perſon, nicht Ihren Namen zu kennen, allein wie leicht kann dieſer ent⸗ deckt werden! Ich ſelbſt will es übernehmen, Ihre wür⸗ dige Mutter auf das ſchonendſte von Allem in Kenntniß zu ſetzen, und dann den Stand Ihrer Angelegenheiten unterſu⸗ chen, wozu ich die beſten Mittel in Händen habe.“ Ludwig reichte dem entſchloſſenen, vorſichtigen Freunde dankend, aber ſchweigend die Hand. Bernhard ſtampfte un⸗ willig mit dem Fuße, Jaromir und Boleslaw zeigten brü⸗ derliche Theilnahme. „Wir dürfen keine Zeit verlieren,“ ſprach Raſinski und ſtand auf.„Ich will ſogleich fort. Sie thun indeſſen wol am beſten, hier ins Nebengemach zu treten und ſich von Niemand erblicken zu laſſen. Zuerſt, lieber Freund, gehe ich zu Ihrer Mutter; die Umſtände werden meinen frühen Be⸗ ſuch entſchuldigen. Dann beginne ich meine Nachforſchun⸗ gen; Sie ſollen bal'igſt von mir hören.“ Er wollte gehen, doch blieb er an der Thüre ſtehen, als habe er einen plötz⸗ lichen Einfall gehabt.„Ja, ſo geht es am beſten,“ ſprach er.„Ich muß Sie um etwas bitten,“ wandte er ſich zu Ludwig,„ohne das ich nichts vermag, nämlich um zwei Zeilen von Ihrer Hand, die meine Vollmacht bei Ihrer Mutter bilden ſollen.“ 4„Sie wird Ihnen unbedingtes Vertrauen ſchenken,“ entgegnete Ludwig. „Schenken Sie es mir zuerſt“ ſprach Naſinski;„die ““ Winde unter Segel. Schlägt das gebrechliche Ding einmal um, ſo rufen im äußerſten Fall ein paar mitleidige Seelen: — 185— Zeilen, die ich verlange, ſind mir für einen gewiſſen Fall nothwendig.“ „Gern,“ antwortete Ludwig. „Nun wohl, ſo ſetzen Sie ſich und ſchreiben: Theure Mutter! Dringend bitte ich Dich, ſchenke dem überbrin⸗ ger dieſer Zeilen unbedingtes Vertrauen und folge ſeinen Anordnungen.“ Ludwig ſtutzte, aber ſchrieb, was Raſinski verlangte; dieſer ging. Bald nach ihm auch Jaromir und Boleslaw, welche in Dienſtangelegenheiten Geſchäfte hatten, da ſie Ra⸗ ſinski behülflich ſein mußten, die nöthigen Beſorgungen für ſein neu zu errichtendes Freibataillon zu machen. Bernhard blieb bei Ludwig zurück. Beide gingen eine Zeitlang ſchweigend im Zimmer auf und ab, Ludwig mit ſeiner Lage ſorglich beſchäftigt, Bernhard, weil die ganze Macht jenes, in der Tiefe ſeines Herzens ſchlummernden Gefühls in ihm erwacht war. Faſt eine Stunde berührten ſie nur ganz unbedeutende Zufälligkeiten in dem ſtets wieder abreißenden Geſpräch. Endlich begann Bernhard: „Deine Lage iſt eine ſehr verwünſchte; für Dich näm⸗ lich, denn mir wäre ſie vollkommen gleichgiltig, da ich auf einem Iſolirſtuhl in der Welt ſtehe und die Leitkette, die mich mit den Menſchen zuſammenhält, jeden Augenblick weg⸗ werfen kann. Du aber ſitzeſt nicht auf einem ſolchen glas⸗ füßigen Schemel, ſondern haſt Wurzeln in die heimatliche Erde getrieben, die ſich nicht ſo leicht ausreißen laſſen, ohne ein Stückchen Land umher zu verwüſten, wo manche liebe Blume zu blühen dachte, und zuletzt vertrocknet man ſelbſt. Mein Nachen hat keine andere Fracht als mich ſelbſt; ich knüpfe ihn auf jeder Rhede an und gehe mit jedem friſchen — 186— „O weh!“ aber Niemand macht ſich die Finger naß, um mich zu retten. Und mit dem Schrei iſt das Gefühl aus der Bruſt heraus und verhallt faſt ſo ſchnell wie er; tauche ich nicht wieder empor, ſo iſt mein Gedächtniß ſo raſch verwiſcht als eine Grabſchrift, die mir Jemand mit einem Stab auf die Wellen gezeichnet hätte. Du haſt aber einige Güter, nicht ganz ohne Werth, geladen und ſteuerſt einem erwünſch⸗ ten Ziele entgegen; Du ſiehſt mit Freuden den günſtigen Wind der Hoffnung Deine Segel ſchwellen, Du— nun zum Henker, was ſchwatze ich, Du mußt freilich einige Scheu vor Wetterwolken, Felſenriffen, Sandbänken und dergleichen haben. Aber dennoch— ich glaube, Ludwig, die That, die Dich und die Deinigen jetzt etwas auf ein Sept⸗le⸗va ſetzt, gereut Dich doch nicht. Sieh mir ins Geſicht! ich glaube, ſollteſt Du heut dafür an den Galgen und würdeſt nur be⸗ gnadigt, weil der Strick riſſe, Du führteſt ſie morgen zum zweiten Male aus, und wollte man Dich wie den Simſon in ſieben neuen Baſtſeilen aufhängen, die ſchwerlich reißen. Nun rede doch, Galgenvogel!“ „Die Pflicht der Ehre—“ entgegnete Ludwig. „Hol' der Teufeg die Pflicht! Wenn es ein dicker, eng⸗ liſcher Pair geweſent wäre, den Du hätteſt über die Grenze ſchmuggeln ſollen, Du würdeſt geſagt haben, belieben Ew. Herrlichkeit Agren Hals nur allein zu wagen, ich bin nicht Ihr Whiſt bei dieſer Partie, wir könnten ſlam werden und jedenfalls eher einen Strick als einen Trick dabei er⸗ ſchnappen. Und Du hätteſt vielleicht Recht. Aber der Bru⸗ der einer ſo ſchönen Schweſter zu ſein— gerade heraus, Ludwig, Du zögeſt nicht zurück!“ „Ich glaube nicht!“ „Und wenn Du den Helleſpont unter dem Kreuzfeuer 8 der Dardanellenſchlöſſer paſſiren müßteſt, wenn die Fahrt — 187— zwiſchen Scylla und Charybdis hindurch, wenn ſie über den Acheron, den Phlegethon und Styr ginge, wenn zehn Vier⸗ waldſtätterſeen die Wellenrachen nach ihrem Johannisopfer aufſperrten und der Föhn vom Gotthard wie raſend herunter⸗ brauſte, Du ſprängeſt doch in den Kahn und ſagteſt: ich bin dein Tell, Bianca, ich ſteure hinüber— Du thäteſt es, wenngleich Deine Mutter und Marie händeringend am Ufer ſtänden— Sag' an, Du thäteſt es?“ Ludwig erſtaunte über die ſeltſame Wendung und das Feuer in Bernhards Worten.„Sag mir, thäteſt Du es?“ wiederholte dieſer. „Ich glaube, ich müßte es thun,“ antwortete Ludwig. „Das glaub' ich auch, upon honour!“ warf Bernhard plötzlich im Tone des trockenſten Scherzes hin, obwol er vorher die Klimax ſeiner Wenns im heftigſten Creſcendo hin⸗ aufgetrieben hatte. Dann drehte er ſich gegen das Fenſter, trommelte mit den Fingern an die Scheiben und ſah nach den Dächern der gegenüberſtehenden hohen Häuſer hinauf. Eine einzige Thräne drang ihm ins Auge. Er wiſchte ſie unwillig weg und murmelte, wie er in Momenten heftiger Leidenſchaft pflegte, halb vor ſich hin, halb dachte er nur: „Er liebt ſie! Das weiß ich, und ſie ihn, das weiß ich auch, denn mir ſagt's eine Stimme in der Bruſt, der ich mehr traue als meinen eignen Augen. Thörichter Träͤumer dul! Wie, und ſollteſt du nicht einmal die Kraft haben, deine Luftſchlöſſer einzureißen? Lumperei!“ Ludwig hatte indeſſen ſeine Brieftaſche geöffnet, zog ein Blatt hervor, berührte Bernhard leiſe an der Schulter und gab es ihm, als er ſich umdrehte, mit den Worten:„Lies das, Lieber!“ Es war das Zeitungsblatt, in welchem Bianca Abſchied von Ludwig nahm. — 188— Bernhard las; das Blatt machte ihm ſeine Ahnung zur Gewißheit. Sein feſtes, ſtarkes Herz wollte in heißen, glühenden Thränen ſchmelzen, doch er bezwang ſich mit eher⸗ ner Kraft.„Schön, innig und rührend,“ ſprach er kurz, das Blatt zurückgebend; doch mußte er ſich wieder gegen das Fenſter umwenden.„Sagt ich's nicht,“ dachte und mur⸗ melte er wie zuvor;„o, dieſe Stimme hat nie gelogen! Wohlan denn, ich will die Keime mit allen Wurzeln aus meiner Bruſt reißen, und bliebe mein Herz daran hängen!“ Er zog ſchnell ſein Zeichnenbuch hervor, griff nach einer Scheere, die auf dem Tiſche lag, und ſchnitt das Blatt mit Bianca's Bildniß heraus.„Da,“ rief er und legte es vor Ludwig hin.„Du hatteſt bisher nur die Noten, dies iſt der Text; Du mußt mich aber philologiſch verſtehen, ſonſt gilts umgekehrt, Du hatteſt den Text, die dürren Worte, hier aber ſind die Noten, d. h. die Melodie, die Himmels⸗ muſik dazu. Denn wer verſteht den gedruckten Quark dort, wenn er nicht weiß, aus welcher Bruſt ſolche Worte tönten, welchen Lippen ſie entflohen, in welchem Auge die Abſchieds⸗ thräne zitterte! Da, ich ſchenke Dir das Portrait!“ „Bernhard!“ rief Ludwig gerührt und betroffen,„theu⸗ rer Freund! welches Kleinod ſchenkeſt Du mir—“ „Kleinod? Ich wüßte nicht. Wenn ich's recht von oben betrachte, denke ich ganz anders und muß Dir ſagen, daß Du ein Philiſter biſt. Glaubſt Du, ich gebe das Bild weg? Kein Zug wird mir davon entſchwinden, denn Maler haben ein gutes Phyſiognomiengedächtniß, obwol ich glauben ſollte, Andere könnten ſolche Geſichter auch behalten;z man ſieht ſie nicht täglich. Ich kann mir's den Tag zwanzigmal zeichnen, wenn ich will. Du bekommſt alſo nur etwa 21 Quadratzoll verarbeiteter Lumpen, oder Eſelshaut, denn es iſt Pergament, item ein wenig Abſchwärzung von Sil⸗ — 189— 6 berſtift. Ich gebe nicht mehr weg, als ob ich Dir die auf⸗ geſchriebenen Noten einer Melodie ſchenkte, die ich in Him— melstönen ſingen gehört, und die mir nie aus Ohr und Bruſt entſchwinden kann— nun Du höreeſt ſie ja ſelbſt—; aber freilich, Du verſtehſt das Alles nicht, denn ich rede hier natürlich nur als Maler. Indeſſen darin biſt Du ein Lump, daß Du das ſchmuzige Zeitungsblatt aufhebſt, als würdeſt Du ſonſt die Worte vergeſſen, die dort ſo ſchön mit Kien⸗ ruß und Ol auf Lumpen gedruckt ſind. Haſt Du keinen Platz, wo ſie ewiger eingegraben ſind als auf dem Wiſch, den Du nicht dreimal mehr auseinanderfalten kannſt, ohne daß er zerreißt wie ein alter Guldenſchein? Nicht anſehen könnte ich das Blatt ohne Wuth, wenn ich bedenke, wo die ganze übrige Auflage ein Ende genommen hat, in welchen Krämerbuden oder Victualienkellern Pfeffer, engliſch Gewürz, oder gar alte Heringe dareingewickelt werden! Ich rathe Dir, den Wiſch zu verbrennen und Dir die Aſche auf die Herz⸗ grube zu reiben, Ludwig—, im Grunde aber plappere ich viel abgeſchmacktes Zeug, und wir haben ernſtere Dinge zu thun. Das Bildniß iſt Dein, verſteht ſich, und ich zeichne mir's wol gelegentlich einmal ab. Was ich ſagen wollte— mir däucht, der Graf bleibt lange aus?“ Ludwig hatte Bernhards unaufhaltſaft fließendem, be⸗ täubendem Redeſtrom mit Verwunderung zugehört. Das Weſen des Freundes war ihm noch zu fremd, als daß er in die innerſten Geheimniſſe der Bruſt deſſelben hätte blicken können. Nur ſeltſam, unheimlich war ihm dabei zu Muthe. Es war ihm daher lieb, daß Bernhard ſelbſt dem Geſpräche wieder eine andere Wendung gab. wcr iſt längſt über anderthalb Stunden fort,“ entgeg⸗ nete er auf deſſen letzte Frage.„Ich weiß nicht, ſoll ich mir das zum Guten oder zum Schlimmen deuten?“ — 190— „Wahrlich, ich auch nicht!“ rief Bernhard.„Aber die Ungeduld ſitzt mir ſchon in Händen und Füßen. Ich bin hier gewiſſermaßen mit Dir eingeſperrt, da unſere Nachbar⸗ ſchaft im pillnitzer Garten mich zum Verräther an Dir macht. Vielleicht heißt es: mit gefangen, mit gehangen. Nun Du ſollſt einen getreuen Pylades an mir haben, wiewol ich mir ſonſt wenig von dieſem Charakter zuſprechen darf. Aber ich höre Schritte auf der Treppe, die mir faſt wie die des Grafen klingen. Wahrhaftig, er iſt es!“ Ueuntes Capitel. Naſinski trat ein. Sein Auge war düſter, ſeine Stirn gefurcht. „Freunde, ich denke, Ihr ſeid Männer,“ fing er an, „und werdet eine Widerwärtigkeit des Geſchicks zu ertragen wiſſen. Aber Eure Sache ſteht ſchlimm, und zwar durch Sie ſelbſt, liebſter Freund,“ hierbei wandte er ſich zu Bern⸗ hard;„denn der Portier des Hauſes, wo St. Luces ein⸗ quartiert iſt, hat Sie verrathen!“ „Teufel! Und wie wäre das möglich!“ rief Bernhard. „Auf die leichteſte Weiſe von der Welt. Denn nach⸗ dem Sie ſich nach dem Fremden, den ich Ihnen jetzt als St. Luces Secretair, Beaucaire, bezeichnen kann, erkundigt hatten und das Haus wieder verließen, ſtand er oben im Er⸗ ker. Natürlich mußte es ihm auffallen, daß Sie ihm nach 5 b gegangen waren; er erkundigte ſich daher ſeinerſeits ebenfalls nach Ihnen und erfuhr, da der Portier Sie kennt, was er nur wünſchte. Der unglaublichſte Zufall von der Welt hat — 191— es überdies gefügt, daß derſelbe Portier geſtern mit in Pill⸗ nitz geweſen iſt und Sie dort mit unſerm Freunde Ludwig, den er leider ſo gut kennt als Sie, Arm in Arm geſehen hatte, als Sie daſelbſt St. Luces und Beaucaire begegneten. Jener iſt der gewandteſte Spitzbube von der Welt, und die⸗ ſer ſcheint es zu ſein. Es konnte alſo nicht fehlen, daß ihnen bald nichts mehr zu entdecken blieb als das ausge⸗ dehnte Complot, welches ſie muthmaßen, weil Ludwig auf ſo kühne Weiſe befreit worden iſt. „Eine Kugel möchte ich mir durch den Kopf jagen!“ rief Bernhard. „Und meine Mutter?“ fragte Ludwig. „Iſt bereits von Allem unterrichtet.“ „Hat man ſie ſchon beunruhigt?“ „Noch nicht, denn glücklicherweiſe kennt der Portier nur — 4—— Ighren Namen, aber weiß nicht, wo Sie wohnen. Das iſt mman ſo eben auszuforſchen bemüht. Darüber werden indeſſen leeinige Stunden vergehen, und dieſe müſſen wir benutzen. Ich heaabe bereits einen Plan gemacht, und werde meine Anſtalten noocch zeitig genug vollendet haben. Für jetzt nur dieſe Be⸗ nachrichtigung, denn ich muß Augenblicks wieder fort.“ „Nur eine Minute!“ rief Ludwig.„Wenn ich mich nun, um Alle, die in meine Sache verwickelt ſind, mit einem Schritte von jeder Verantwortung zu befreien, freiwillig zur Unterſuchung ſtellte?“ 8I„So könnte ich nicht für Ihr Leben bürgen, junger Freund,“ erwiderte Raſinski ernſt.„Denn Sie haben, wie man mir geſagt hat, einen der gefährlichſten geheimen Agen⸗ teen unſerer Feinde in Italien, dem man jedoch ſchon auf der Spur war, und bei welchem man die wichtigſten Papiere u entdecken gewiß ſein durfte, zur Flucht verholfen.“ „Nannte man Ihnen denſelben?“ fiel Ludwig lebhaft ein, denn er hoffte, ſo eine Spur von der Verſchwundenen, der er ſein Herz geweiht, zu erhalten. „Nein,“ erwiderte Raſinski;„ich fragte ſelbſt darnach, doch die Antwort war, dies ſei ein diplomatiſches Geheim⸗ niß, was vermuthlich nur St. Luces kenne und, weil die Verhältniſſe noch nicht gelöſt ſeien, wol noch lange ein Geheimniß bleiben werde. Wiſſen Sie wirklich gar nichts darüber?“ „Nicht das Mindeſte,“ erwiderte Ludwig;„in dieſem Punkte bin ich alſo wenigſtens völlig ohne Schuld!“ „Ihr Wiſſen oder Nichtwiſſen, wenn man Ihnen auch glauben wollte,“ antwortete Naſinski,„kommt dabei leider durchaus nicht in Betracht. Unſer Kriegsgeſetz beſtimmt Ihnen den Tod. Faſſen Sie indeſſen Muth! Sie werden vielleicht ein Opfer bringen müſſen, aber ich denke, es wird mir gelingen, Sie zu retten. Für jetzt leben Sie wohl, Sie ſollen bald von mir hören. Noch Eins, meinen beiden jungen Kameraden dürfen Sie in Allem blind vertrauen, ſie ſind mir treu wie Söhne ergeben.“ Er ging. Ludwig und Bernhard blieben in ſorgenvoller Unruhe zurück; Beide jedoch am wenigſten um ihrer ſelbſt willen. Bernhard machte ſich die bitterſten Vorwürfe. „Daß ich Alles ſo leichtſinnig nehme!“ rief er aus. „Meine Thorheit ſtürzt Dich ins Verderben und mich dazu, denn ich kann Alles ertragen, nur nicht ein mit Vorwürfen belaſtetes Herz und Gewiſſen.“ „Deine Abſicht war die beſte, lieber Bernhard,“ ent⸗ gegnete Ludwig ſanft;„und kannſt Du es vergeſſen, daß ich die Hoffnung, die mir noch bleibt, allein Dir verdanke? Wäre ich nicht vielleicht ſchon jetzt verurtheilt, wenn Du mich nicht aus den Händen meiner Feinde befreit hätteſt?“ —,——— ———— — 193— „Gäbe mir das etwa ein Recht,“ fiel Bernhard heftig 4 ein,„Dich jetzt ans Meſſer zu liefern? Und bei Lichte be⸗ ſehen war meine Handlungsweiſe in Pillnitz auch eine ver⸗ 1 rückte! Standen die Sachen nicht ſchlimm, ſo hätte ich ſie ſchlimm gemacht!“ „Es war doch gut,“ antwortete Ludwig, indem er ſich bemühte zu lächeln,„daß Du dort nicht ſo vernünftig warſt als jetzt. Ich ſäße ſonſt vielleicht auf dem Königſtein oder hier in irgend einem Gefängniß und wartete auf den Geiſt⸗ lichen, der mich bis an den Sandhügel begleiten ſollte.“ Bernhard ſah ihm mit ſeinem dunkeln wilden Auge treu und wehmüthig ins Geſicht; plötzlich breitete er die Arme aus, drückte den Freund heftig ans Herz, küßte ihn und rief: „Bruder! Mich abſolvirt Niemand, wenn ich's nicht ſelbſt kann! Und glaube mir, ich bin ein ſtrenger Beichtvater ge⸗ gen mich! Hier hilft nichts als gut machen. Ich habe den Karren in den Moraſt geſchoben, ſo will ich wenigſtens treu h daran helfen, ihn herauszuziehen. Und geht's nicht, ſo ſollen mich alte Weiber verſpotten, wenn ich nicht Alles mit Dir aausharre und dulde, was Dir die Haut naß macht. Ja, hich ſchwöre es Dir, hängen ſie Dich auf und laſſen mich frei, ſo hänge ich mich ſelbſt daneben.“ „Guter! Lieber!“ ſprach Ludwig bewegt und hielt ihn feſt umſchloſſen.„Du rauher Diamant! Aber Dein Inne⸗ ees iſt lauterer als Kryſtall.“ Die Freunde wurden durch ein Geräuſch an der Thüre unterbrochen; es war der rückkehrende Raſinski. Ludwig und Bernhard blickten ihm geſpannt ins Geſicht. „Ich will Euch,“ begann er ohne Umſchweife,„mit einem Worte Euer Schickſal verkünden, Freunde, denn Ihr ſeeid Männer. Ich kann Euch retten, wenn Ihr in mein Frreibataillon treten wollt; die Uniform bahnt Euch den Weg J. 9 ————— hard! daß ich Dich in dieſen Abgrund ziehe——“u Hie — 194— aus Dresden, ſonſt weiß ich keinen, den die Ränke Eurer Feinde Euch nicht verlegt hätten. überdies ſeid Ihr alsdann vor jeder fernern Nachforſchung ſicher; denn einmal bei der Armee angekommen, ſteht Ihr unter meinem Schutz, unter meiner Aufſicht. Ich weiß, die Wahl, die Ihr zu treffen habt, iſt hart, allein ſie iſt die einzige.“ „Und könnten wir nicht unter dem Schutz der Uniform die Stadt verlaſſen und nachher einen andern Weg einſchla⸗ gen?“ fragte Bernhard, in deſſen Seele ein mißtrauiſcher Gedanke gegen Raſinski aufſtieg. „Ich kann Euch nur Päſſe nach Warſchau ausfertigen, dazu habe ich Erlaubniß und die nöthigen Mittel. Dort müßt Ihr Euch bei dem Diviſionscommando, dem ich zugehöre, melden. Nähmet Ihr einen andern Weg als den, welchen meine Päſſe Euch vorſchreiben, ſo würdet Ihr als Deſer⸗ teure behandelt werden, und ich ſelbſt vermöchte nicht mehr Euch zu ſchützen. Und auf welche andere Weiſe wolltet Ihr aus Dresden entkommen? Wohin wolltet Ihr Euch wenden? Bei der Polizei ſeid Ihr bereits ſignaliſirt und als Flüchtige oder irgendwo Verborgene angegeben. Alle Behöorden erhalten die Weiſung, Euch aufzugreifen; auf dem ganzen Continent befindet ſich kein einziger Punkt, wohin die Macht der franzöſiſchen Polizei— denn dieſe iſt es, die Euch verfolgt— nicht reichte; ausgenommen die Armee, wo man Euch erſtlich nicht ſucht, und wo ſich zweitens durch die unmittelbare Einwirkung des Chefs alle Nachfor⸗ ſchungen der Art vereiteln laſſen, wenn er ſie vereiteln will.“ „Ich werde mich in Das, was unvermeidlich iſt, zu fü⸗ gen wiſſen,“ ſprach Ludwig mit Faſſung.„Doch— meine Mutter, meine Schweſter werden untröſtlich ſein! In ihrer Seele leide ich unausſprechlich! Und in Deiner, mein Bern D 195 wandte er das Haupt und legte die Hand ſchwermüthig ge⸗ gen die Stirn.. Bernhard hielt das Auge finſter, ſchweigend auf den Boden geheftet; nach einigen Augenblicken begann er:„Sol⸗ dat oder Galeerenſklave zu ſein, iſt nach meinem Gefühl Daſſelbe. deſſen hängen. jetzt mit Dir zuſammenkuppelte, wenn ich frei wie gel von hier nach England zurückfliegen könnte meine Hand darauf, ich zöge doch die Uniform würde Dein Kamerad. Ich verlange nichts weiter, Ich meinestheils ließe mich mit Vergnügen ſtatt Doch wenn mich auch das Schickſal nicht ein Vo⸗ — hier an und als daß Du mir dies glaubſt.“ Ludwig reichte ihm ſtumm die Hand, wendet in tiefſter Erſchütterung ſtehen. „Ihr werdet Euer Loos liebgewinnen lernen, meine Freunde,“ ſprach Raſinski;„denn ich hoffe, Ihr ſollt nur die ſchöne, die rühmliche Seite unſeres Standes kennen ler⸗ nen. Ihr tretet als Volontairs ein; ich werde Euch durch irgend ein Dienſtverhältniß zunächſt an meine Perſon knü⸗ pfen. Wir wollen dann als Freunde und Zeltkameraden leben. Es ſtünde in meiner Gewalt, Euch ſogleich zu Offi⸗ zieren zu ernennen; aber es wäre wider mein Gewiſſen und wider Euer eigenes Wohl. Denn als Befehlshaber, wenn gleich einer geringen Mannſchaft, würdet Ihr eine Verant⸗ wortlichkeit haben, von der Euch ſelbſt der Kaiſer nicht ent⸗ binden könnte. Um aber dabei nicht Gefahr zu laufen, müß⸗ tet Ihr den Dienſt verſtehen, den Krieg kennen. Der Ehr⸗ geiz des Soldaten kann Euch nicht treiben; daher iſt das Verhältniß, das ich Euch beſtimmt, ein ungleich beſſeres für Euch. Eure Bildung ſichert Euch die Gemeinſchaft mit den Offizieren; meine Freundſchaft für Euch wird Euch die an⸗ dern Vortheile ſchaffen, die dem Gebildeten werth ſcheinen. * 9* blieb aber abge⸗ — 196— Wenn nur wenige Monden vergangen ſind, ſo läßt ſich in⸗ deſſen vielleicht ein Ausweg finden, der Alles ins Gleiche bringt. Betrachtet Euren neuen Stand als eine Ver⸗ kleidung, die Ihr einſtweilen gewählt habt; in irgend einer Verkappung müßtet Ihr dennoch das ſpähende Auge Eurer Feinde zu täuſchen ſuchen. Diejenige, welche ich Euch vor⸗ ſchlage, ſcheint mir wenigſtens die ehrenvollſte, die am leich⸗ teſten zu ertragende und, was am meiſten in Betracht konimt, die einzig ſichere.“ Naſinski's vernünftige, wohlwollende Rede flößte ſelbſt dem ſtarrſinnigen Bernhard Vertrauen ein und brach ſeinen heftigen Widerwillen in etwas. Ludwig erkannte, daß ihm keine Wahl bliebz mit geläuterter Kraft ſeines Willens wußte er das Nothwendige frei zu tragen. Doch Freund, Schweſter und Mutter in dieſes Unglück zu verflechten, das ſchmerzte ihn in tiefſter Bruſt. „Weiß meine Mutter ſchon,“ fragte er mit zitternder Stimme,„um das Geſchehene?“ „Sie iſt hinlänglich vorbereitet,“ antwortete Naſinski, „und hat ſich mit einer Feſtigkeit dem Nothwendigen unter⸗ worfen, die ich bewundern muß. Ihre Schweſter iſt un⸗ gleich tiefer erſchüttert.“ „Marie!“ rief Ludwig ſchmerzvoll aus.„O, ich weiß 3 auch, was ſie dabei am bitterſten kränkt! Das deutſche treue Herz!“ über Bernhards Stirn flogen finſtere Wolkenſchatten. „Wird man aber,“ fragte Ludwig,„meine Flucht nicht meiner Mutter zur Schuld anrechnen? Wird ſie nicht die Rache der Gewalthaber zu fürchten haben? Erfahre ich, daß man ihr nur die leiſeſte Kränkung zufügt, ſo kehre ich zurück!“ 1 „Beruhigen Sie ſich,“ antwortete Raſinski;„bereits — zu erklären, er werde nicht gehorchen, werde nicht Soldat der Unbeſonnenheit, die er zu begehen im Begriff war, zu⸗ — 19— 4 habe ich Alles ſo eingeleitet, daß die Ihrigen nichts zu fürch ten haben. Sie ſind in dieſem Augenblicke ſchon nicht mehr in Dresden, ſondern auf dem Gute Ihrer Tante.“ „Wie?“ rief Ludwig;„ſo ſollte ich ſie vielleicht nicht wiederſehen?“ „Ich denke doch,“ antwortete Raſinski,„obwol ich's Ihnen nicht gewiß verſprechen kann.“ „Das wäre das Härteſte von Allem,“ ſeufzte Ludwig. „Sollte aber der Aufenthalt auf dem Gute hinreichend ſicher ſein?“ „Er iſt es vorläufig für einige Tage, alsdann wird ſich Manches anders geſtalten, denn aus ſicherer Quelle weiß ich, daß St. Luces nicht länger als höchſtens noch zwei Tage hier bleiben kann. Iſt er, den ich allein für fähig halte, ränkeſüchtig zu verfahren, erſt fort, ſo geht die Sache ihren gewöhnlichen Gang, und alsdann wird, nach den Ein⸗ leitungen, die ich getroffen, nichts mehr zu beſorgen ſein. Nur müſſen Sie Beide mir Ihr feſtes Verſprechen geben, ganz nach meiner Vorſchrift zu handeln; ſonſt kann ich für nichts bürgen.“ „Unbedingt,“ rief Ludwig.* Bernhard ſchwieg; in ſeiner, alle Verhältniſſe ſpaͤhend überſchauenden Seele keimte der furchtbare Argwohn auf, daß Raſinski es nicht redlich meine. Faſt war er entſchloſſen, ſich mit einem kühnen Schritte Gewißheit zu verſchaffen und werden, ſondern allein für ſeine Rettung ſorgen. Nur der feſt gefaßte Vorſatz, daß er Ludwigs Schickſale theilen wolle, mochten ſie ſich auch noch ſo rauh geſtalten, hielt ihn von rück.„Ich theile in Allem, was da kommen mag, Schick⸗ ſal und Entſchluß meines Freundes; mehr kann ich nicht verſprechen,“ ſprach er nach einigen Secunden und reichte dem Grafen die Hand dar. Raſinski ahnete etwas von Dem, das in ſeiner Seele vorgegangen ſein mochte; es machte ihn einen Augenblick unwillig, doch ſein großmüthiger Sinn verzieh das Unrecht, welches ihm durch den Verdacht angethan wurde, faſt ſo ſchnell, als er es entdeckt hatte. „Nun denn,“ antwortete Raſinski,„ſo hören Sie, was geſchehen iſt, und was noch geſchehen ſoll. Ich kenne die Frauen; ihre Gewiſſenhaftigkeit iſt oft ſo groß, daß ſie ſich ſelbſt gegen die teufliſchſte Argliſt nicht durch irgend eine Un⸗ wahrheit zu waffnen vermögen. Mein ganzer Verſuch, Sie zu retten, konnte an dem Unvermögen Ihrer Mutter oder Schweſter ſcheitern, bei einer richterlichen Frage irgend einen Umſtand nur zu verſchweigen, vollends aber ihn anders an⸗ zugeben. Dieſe ſchöne Reinheit weiblicher Geſinnungen, die ſie in der Zurückgezogenheit von dem uns Männer ſo viel⸗ fach befleckenden Verkehr des Lebens bewahren, konnte hier unſer Aller Verderben werden. Darum wählte ich den ſicher⸗ ſten Weg, nämlich den, die Ihrigen nur ſo weit zu unter⸗ richten, wie ſie ausſagen dürfen, ohne uns ſchaden zu kön⸗ nen. Mit dem Zettel von Ihrer Hand, der mir als Voll⸗ macht dienen ſollte, ſandte ich einen mir durchaus ergebenen Kriegsgefährten, den ich geſtern Vormittag hier traf und auf deſſen Treue ich Felſen bauen kann, zu Ihrer Mutter. Er mußte darauf dringen, daß ſie ſofort mit Ihrer Tante nach dem Gute abreiſen ſolle, indem Sie geſtern in Pillnitz in ei⸗ nen Ehrenhandel mit einem franzöſiſchen Offizier gerathen ſeien, der heute in aller Frühe entſchieden würde und Sie nebſt Ihrem Freunde und Secundanten Bernhard vielleicht zwänge, Dresden auf das ſchleunigſte zu verlaſſen. Als⸗ dann bliebe Ihnen kein anderes Mittel, ſie noch zu ſprechen, .— 199— als auf dem Gute der Tante. Dieſe Nachrichten, beglaubigt durch die Zeilen Ihrer Hand, reichten hin, die Ihrigen zu beſtimmen. Und wenn man ſie jetzt auf der Folter befragte, ſo würden ſie nichts Anderes auszuſagen wiſſen, als was ich Ihnen ſo eben erzählt habe. Sie ſelbſt werden nun dafür zu ſorgen haben, Ihre Mutter zu einem Aufenthalte von einigen Tagen auf dem Gute zu beſtimmen, unter dem Vorwande, daß alsdann die erſten unangenehmen Folgen, denen ſie mit ausgeſetzt wäre, vorüber ſein würden.“ Bernhard erkannte jetzt ſeinen Irrthum mit froher Reue. „Vortrefflich, ſchlauer Odyſſeus,“ rief er aus,„Ihr ſchafft uns wahrlich aus der Höhle des Cyklopen heraus. Nehmt dafür hier meine Hand zum Pfande, daß Euch mein Kopf jederzeit zu Dienſten ſtehen ſoll.“ „Ihr ſeht wohl ein, lieben Freunde,“ begann Naſinski freudig,„daß ich Eurer beiderſeitigen Zuſtimmung gewiß ſein mußte; denn wolltet Ihr nicht durchaus nach meiner Vor⸗ ſchrift handeln, ſo könnte unſer ganzes Spiel aus Mangel an übereinſtimmung der Mapregeln verloren gehen. Falls das Gut nicht ſo weit von der Straße nach Poſen, die Ihr noch heute einſchlagen müßt, entfernt liegt, ſo iſt bei dem Abſchiede nichts zu beſorgen. Einen großen Umweg aber dürfen wir wegen des Zeitverluſtes nicht wagen.“ „Gott ſei Dank,“ rief Ludwig und drückte dem Grafen froh bewegt die Hand;„das Gut liegt nicht eine Viertel⸗ ſtunde abſeit der Straße.“ „Jaromire und Boleslaw,“ fuhr Naſinski fort,„ſind ſchon von Allem unterrichtet. Für Jaromir habe ich einen Courierpaß ausgewirkt, unter dem Vorwande, daß ich ihn der Organiſation meines Regiments wegen aufs ſchleunigſte vorausſenden müſſe. Ihr Beide erhaltet Päſſe von mir, als Eurem Chef, und begleitet ihn; dieſe Legitimationen genügen — 200—. vollkommen. Boleslaw hat auf ſeine Figur, die der Eurigen gleicht, bei einem franzöſiſchen Regimentsſchneider ſchon zwei Uniformen anmeſſen laſſen, die noch dieſen Nachmittag ab⸗ geliefert werden, ſodaß Ihr am hellen Tage unerkannt zur Stadt hinausfahren könnt. Für Geld und ſonſtige Bedürf⸗ niſſe werde ich ſchon ſorgen, wenn Ihr nur erſt in Sicher⸗ heit ſeid, und vorläufig iſt Jaromir mit Allem verſehen.“ Dieſer trat eben ein. Er war nach Jugendart voller Freude, daß ihm der abenteuerliche Auftrag geworden war. Aufs herzlichſte begrüßte er die beiden Kameraden und ver⸗ ſprach ihnen die fröhlichſten Tage.„Ihr wißt noch nicht,“ wie prächtig der Krieg iſt,“ rief er aus.„Es iſt ganz gut hier in Dresden, es iſt ſogar wunderſchön,“ dabei erröthete er ein wenig, weil er vermuthlich an eines der ſchönen Mäd⸗ chen dachte, die er geſtern kennen gelernt;„aber doch möchte ich den ſorgloſeſten Aufenthalt hier nicht mit Pferd und Sä⸗ bel vertauſchen. Das reizendſte Glück würde mich unglück⸗ lich machen, wenn ich niemals wieder zu Roß ſteigen und mitfechten ſollte! Und dann ſollt Ihr Warſchau ſehen, meine Vaterſtadt! O, ſie wird Euch gefallen!“ Die Liebenswür⸗ digkeit des offenen Jünglings verfehlte ſelbſt in dieſen erſten Minuten ihres Eindrucks nicht. Bald kehrte auch Boleslaw zurück, der die Nachricht mitbrachte, daß die Uniformen auf den Schlag ſechs Uhr eintreffen würden. Dieſer ernſte Jüngling empfand, ſo ſehr er dem Kriegsſtande anhing, doch die Lage Bernhards und Ludwigs in ihrer Wahrheit und ſchenkte ih⸗ nen die herzlichſte Theilnahme.* So verſtrich die Zeit in kameradſchaftlich herzlicher Vertraulichkeit. Endlich ſchlug die Stunde des Aufbruchs. Die Uniformen waren gekommen; Bernhard und Ludwig wurden eingekleidet; Jaromir machte ſich reiſefertig; der Poſtillon ſtieß ins Horn, ſie ſtiegen ein und rollten in ““— 20— der glänzenden Verkleidung mitten durch die Stadt und durch die zahlreiche Menge der Spaziergänger vor dem Thor da⸗ hin, ohne daß einer derſelben ahnete, ein wie ernſtes, ſelt⸗ ſames Geſchick unter dieſer heitern Außerlichkeit verborgen ſei. Bald hinter der erſten Station, die ſie gegen Abend erreichten, lag das Haus, wo Ludwig die Seinigen zum letzten Male umarmen ſollte. Raſinski hatte ihnen wohl ein⸗ geſchärft, ſich daſelbſt nicht in der Uniform blicken zu laſſen, auch war es Jaromir zur beſondern Bedingung gemacht wor⸗ den, die Freunde nicht zu begleiten, ſo gern dieſer auch noch von Marien, Emma und Julien Abſchied genommen hätte. Gleichſam als rüſteten ſie ſich auf die Nacht, legten daher Ludwig und Bernhard die Uniformen ab, zogen ihre über⸗ röcke an und entfernten ſich. Während Jaromir zum Schein beim Abendeſſen verweilte, gingen ſie unvermerkt aus dem 5 Poſthauſe, um das ſchmerzlich⸗ſüße Lebewohl zu ſagen. Ludwig, dem alle Pfade der Gegend wohl erinnerlich waren, führte Bernhard ſo, daß man an die Hinterthür des Gartens gelangte, welche für einen Kundigen leicht zu öffnen war. So erreichten die Freunde in tiefer Dämmerung das Haus; vorſichtig blickten ſie erſt zwiſchen die Spalten der Fenſterladen in das Wohnzimmer, in welchem ſchon Licht brannte, hinein, ob nicht ein Fremder anweſend ſei. Nur die Frauen ſaßen, mit weiblichen Arbeiten beſchäftigt, beiſam⸗ men. Zitternd pochte Ludwig an die Thür; als er ſie öffnete, 3 flog ihm zuerſt Marie entgegen und hing weinend an ſei⸗ nem Halſe. Die Mutter verſuchte aufzuſtehen, doch ſie ver⸗ mochte es nicht; Ludwig hatte ſich tauſend Mal die männ⸗ lichſte Faſſung vorgeſetzt, aber jetzo fühlte er, wie ſeine Kraft dem Schmerz zu erliegen drohte. Er ging auf die Mutter zu, beugte ſich über ihre Hand und küßte ſie mit ehrfurchts⸗ voller Innigkeit. Tief erſchüttert legte ſie die Nechus auf des 9* 5 Sohnes Haupt und ſprach:„O Ludwig, wüßteſt Du, wie viel Jammer ſchon ein Zweikampf über mein Leben gebracht hat, Du hätteſt mir dieſe Sorge vielleicht erſpart. Doch ielleicht mußte es ſein! Ich will nicht richten; aber darf ich dieſes Haupt auch ſegnen? Gehört es nicht einem un⸗ glücklichen Schuldigen?“ „Wahrlich, Du darfſt es,“ ſprach Ludwig faſt mit dem Ausdruck der Freude.„Es haftet keine Schuld an mir!“ „So wäre,“ rief die Mutter freudig,„Alles glücklich beendet, und Du dürfteſt nicht flüchtig werden?“ Ludwig erſchrak über den eitlen Wahn der Freude, den ſeine unvorſichtig raſch ausgeſprochenen Worte bei der Mut⸗ ter erzeugt hatten; er gerieth in Verwirrung, denn er wußte nicht, wie er ſich helfen und der Flucht jetzt noch einen ge⸗ ſchickten Vorwand leihen ſollte. Bernhard, der indeſſen gleich⸗ falls näher getreten war, rettete ihn durch ſeine Geiſtesgegen⸗ wart.„Ludwig iſt völlig ſchuldlos,“ ſprach er;„er dürfte den heiligſten Eid der Reinigung ſchwören. Aber nicht Jeder, den der unparteiiſche göttliche Richter freiſprechen muß, wird von dem weltlichen für unſchuldig erklärt, zumal wenn der⸗ ſelbe, wie es hier der Fall ſein würde, ſein Richteramt in eins der Nache verwandeln will. Unſere Flucht iſt für jetzt unvermeidlich, es ſind uns nur wenige Augenblicke des Abſchieds geſtattet. Mehr darf ich Ihnen nicht ſagen, denn nur das möglichſte Nichtwiſſen bewirkt es, daß Sie und vielleicht Alle, die hier verſammelt ſind, möglichſt gering in unſer Verhältniß verwickelt werden.“ Marie, in deren Auge bei Ludwigs Worten ſelige Strah⸗ len der Hoffnung geglänzt hatten, wurde jetzt wieder bleich und neigte ſich weinend und bebend gegen die Schulter dees Bruders. Wir haben Dich Jahre lang entbehrt,“ rief ſie, von 8 erhalten.“ — 203— ihren Thränen unterbrochen, mit ſchmerzlicher Heftigkeit aus; „endlich umarmen wir Dich wieder, und ſchon nach wenigen Stunden wirſt Du uns aufs Neue entriſſen, und wer weiß, für wie lange Zeit! O das iſt grauſam!“ „Faſſe Dich, liebe Schweſter,“ ſprach Ludwig, der iimn dem Schmerz Mariens die verdoppelte Aufforderung fand, ſich männlich zuſammenzuraffen;„Du biſt ſo ſanft, ſo gut, Du kannſt Niemandem zürnen, der Dich gekränkt h rage auch dieſen Schmerz ſanft, den der Geber alles Guten uns ſendet. Seine dunkeln Wege werden endlich doch zum Heile führen!“. „Ach, Ludwig!“ Mehr vermochte die ganz überwältigte nicht hervorzubringen. Der Bruder hielt ſie in ſanfter, lie⸗ bender Umarmung, bis er fühlte, daß ihre bebende Bruſt ſich erleichterte. Dann ſprach er:„Lebe nun wohl! Meine Mutter, lebe wohl; Ihr alle, alle Ihr Lieben— Ihr ſollt von mir hören!“ Jetzt won er, weil er fühlte, daß er ſeinem Schmerz nicht mehr gebieten könne, ſich losreißen und ſchnell hinaus. Doch Marie ließ ihn noch nicht; ſie umſchlang ihn noch ein⸗ mal und bedeckte ihm das Antlitz mit Küſſen und Thränen. Plötzlich faßte ſie ſich. Sie trocknete das Auge und ſprach: „Nun geh', Lieber! Du wirſt uns Alle in treuem Angeden⸗ ken behalten, das weiß ich! Doch, wohin flüchteſt Du?“ Jetzt hatte Ludwig die Kraft verloren; Bernhard, der bisher ein ſtummer, aber im Innerſten bewegter Zeuge von der rührenden Liebe Mariens zu ihrem Bruder geweſen war, antwortete ſtatt ſeiner:„Noch muß auch Das ein Geheimniß bleiben; aber ſorgen Sie nicht, Sie werden bald Nachricht Marie ſah Bernhard mit ſanften, thränenfeuchten Bli⸗ cken an:„Sie ſind ſein Freund, Sie ſind ſo utsiß werf ſen Sie ihn nicht, bleiben Sie ſein treuer Begleiter, ſein Bruder, denn die Schweſter muß er ja entbehren— ich will dann auch Ihre Schweſter ſein, und er ſelbſt ſoll meiner Sorge künftig nicht näher ſtehen als Sie.“ Dabei reichte ſie ihm die Hand dar, um ſein Verſprechen zu empfangen. Als Bernhard ihr in das holde, traurig⸗bittende Auge ſah, aus dem die treueſte Seele ſo rein erglänzte, verlor er bein die entſchloſſene Haltung. Ihre Blicke fielen wie Mondlicht in die dunklen, unruhigen Wogen ſeiner Bruſt. Es war ihm plötzlich, als könnten alle Stürme des Ge⸗ ſchicks durch ein ſo ſanftes Wort beſchwichtigt werden, als müſſe ſelbſt ſein brauſender Lebensſtrom plötzlich mild und klar zwiſchen heiteren Ufern dahinwallen, wenn ſie es ge⸗ böte. Eine Wehmuth überkam ihn, die ſein trotziges, eher⸗ nes Herz weich auflöſen wollte. Schien es ihm doch, als tönten ſüße, längſt verhallte Klänge aus der Kindheit her⸗ über, als ſähe er weitverwehte Traumbilder alter ſchöner Zeiten wieder aufſteigen— ſein dunkelbrennendes Auge wurde durch eine Thräne hauut verſchleiert. „Das Schweſterherz darf ruhig ſein,“ ſprach er bewegt, „ein Bruderherz ſoll es vertreten. Aber jetzt müſſen wir fort!“ Er faßte Ludwigs Arm und riß ihn eilig mit ſich hinweg. Als ſie einige Minuten ſtumm durch die Nacht gegan⸗ gen waren, begann Bernhard:„Es gäbe gar kein Unglück ohne die Weiber, freilich auch kein ſonderliches Glück; aber ihre Thränen verſalzen und verbittern Alles, was ſonſt im ſchlimmſten Falle nach nichts ſchmeckt. Keine Priſe Schnupftaback fragte ich darnach, ob wir Beide in Rußland von den Wölfen gefreſſen würden oder nicht, wenn Du nicht Mutter und Schweſter heätteſt. Aber Deine Schweſter iſt brav geworden; ſie war ſchon immer ein gutes Kind, und ich entſinne mich jetzt, 8 205— daß ſie mich einmal recht ſanft und liebreich verbunden hat, als ich mir hier auf dem Gute die Stirn blutig gefallen hatte von dem großen Birnbaume herunter. Sie hat Dich lieber, als Du es verdienſt, denn wir Männer taugen ins⸗ geſammt nicht genug, um recht geliebt zu werden. Es muß aber wohl thun. Ich hab's noch nicht erfahren, am wenig⸗ ſten von Ältern oder Geſchwiſtern. Mich hat das Schickſal ſpartaniſch behandelt; denn— zwar weiß ich nicht) ob ich bei der Geburt kränklich war—, aber es ſetzte mich gleich darnach einigermaßen aus in die Wildniß. Nun, dem Kö⸗ nig Ageſilaos ging's auch nicht beſſer! Wer weiß, für wel⸗ chen Thron ich beſtimmt bin; in unſern Tagen fällt ſo et⸗ was ja kaum auf. Nun, Du biſt ja ſo ſtill? Schäme Dich! Der Abſchied ändert doch nichts in der Sache? War⸗ um ſollten wir jetzt bewegter ſein als vor einer Minute?“ „Und Du biſt es ſelbſt, Bernhard,“ entgegnete Ludwig ſanft.„Schäme Dich nicht Deiner Rührung, ſie zeugt von Deiner Menſchlichkeit! Weil wir menſchlich fühlen, gehor⸗ chen wir den Sinnen und der Macht der Gegenwart!“ „Amen, Du haſt Recht, Bruder,“ rief Bernhard, und reichte dem Freunde die Hand. Beide ſtanden ſtill. Feierliches Dunkel umhüllte ſie; das Gebirge lagerte ſich ſchwarz am klaren Horizont, die Sterne leuchteten ſanft; ein heiliges Schweigen, wie im Tempel des Gottes, herrſchte ringsum. Da ſanken die Freunde einander in die Arme, hielten ſich feſt umſchlungen und thaten ein ſtummes Gelübde unverbrüchlicher Treue. „Das ſoll die letzte weichherzige Minute geweſen ſein,“ ſprach Bernhard, nachdem er einen ſanften Bruderkuß auf Ludwigs Lippen gedrückt hatte,„von nun an laß uns wie alte Steuermänner kalt und beſonnen im Sturm des Schick⸗ ſals bleiben. Wir ſind Soldaten geworden und müſſen — 206— wenigſtens für die deutſche Männerehre fechten, da es keinen Kampf fürs deutſche Vaterland gilt. Wenn mir die rothe Morgenſonne in die Augen ſcheint, ſoll ſie zittern und er⸗ blaſſen vor dem Eiſenfreſſergeſichte, das ich mir dieſe Nacht anzulegen denke. Nun vorwärts, Kamerad, wir kommen ſonſt zu ſpät in Dienſt!“ Sie beſchleunigten ihre Schritte und erreichten nach wenigen Minuten die Station, von der ſie raſch weiter ihrer abenteuerlichen Zukunft entgegeneilten. Zehntes Capitel. Raſinski war nicht ohne Grund beſorgt geweſen, daß die Nachforſchungen, die Ludwig und Bernhard veranlaßt hatten, ſich auf die Familie des Erſtern en Wenige Stunden, nachdem dieſe auf das Land hinausge⸗ fahren war, fanden ſich auch ſchon zwei franzöſiſche Gens⸗ darmen ein, um in der Wohnung nach Ludwig zu forſchen. Sie fanden Niemand in derſelben, denn Raſinski hatte durch ſeinen vertrauten Abgeordneten weislich darauf dringen laſſen, daß man die Magd mit auf das Gut hinausnehme, damit Niemand zurückbliebe, deſſen Ausſagen ſeine Plane etwa kreuzen könnten. Kraft ihrer Willkür geboten daher die Gensdarmen dem Hauswirth, die Zimmer zu öffnen, durchſuchten ſie auf das genaueſte, und da ſie nichts vor⸗ fanden, verſiegelten ſie nicht nur die Schränke, ſondern auch die Außenthüren und ſtatteten nunmehr Bericht ab. Ra⸗ ſinski wurde durch ſeinen Reitknecht, Namens Andreas, einen höchſt gewandten und treuen Menſchen, von Allem ten würden. — 207— unterrichtet, was äußerlich beobachtet werden konnte; ſein Unterhändler, der mit St. Luces' Bureau in Verbindung ſtand, hielt ihn in Kenntniß über Alles, was dort geſchah. So erfuhr er, daß dieſer durchaus nicht wußte, wo er Lud⸗ wigs Famülie aufſuchen ſollte, da Niemand ihm Beſcheid zu geben vermochte, wohin die Frauen gefahren waren. Denn zufällig hatte die Tante ihrer Schweſter, ſeit dieſe ſich in der neuen Wohnung, die ſie für ihren durch Ludwigs Ankunft vergrößerten Hausſtand gemiethet hatte, befand, noch keinen Beſuch gemacht, ſodaß Niemand im Hauſe dieſe Verwand⸗ ten kannte. So leicht konnten daher die Späher den Auf⸗ enthalt derſelben nicht erforſchen, und es war Alles darauf zu wetten, daß St. Luces abreiſen müſſe, bevor er ſie ent⸗ deckte. So geſchah es wirklich, denn am dritten Tage, früh Morgens, ſah Raſinski ihn ſelbſt mit ſeinem Secretair zum Thore hinaus nach Wien fahren, für welchen Ort ihm ein dauernder Aufenthalt mit wichtigen Geſchäften angewieſen war. 44 Am Abend darauf kehrte Marie mit der Mutter zurück. Mit Erſtaunen fanden ſie ihre Wohnung verſiegelt und er⸗ fuhren durch den Wirth, was geſchehen war. Das mütter⸗ liche Herz begann etwas Schlimmeres zu ahnen, was noch in dunkler Verborgenheit ruhe. Die Frauen bedurften des Nathes, der Unterſtützung; aber an wen ſollten ſie ſich ſofort wenden? Da trat, wie zufällig, Raſinski, der ihre Ankunft ſchon durch Andreas wußte, welcher mit unermüdlicher Wach⸗ ſamkeit Alles beobachtet hatte, ins Haus. Er war nicht nur durch ſeine Verhältniſſe, ſondern auch durch ſeine männliche Feſtigkeit und Beſtimmtheit der geeignetſte Helfer in dieſer Noth, und durch ſein freundliches, theilnehmendes Weſen erſchien er den Frauen als ein Engel der Rettung und des Troſtes. Obgleich er ſich, um ſeiner Rolle getreu zu blei⸗ — 208— ben, völlig unwiſſend ſtellte und dem mütterlichen Herzen die Qual einer Erzählung der Begebenheiten auflegen mußte, ſo verſtand er es doch, ſogar dieſe peinlichen Augenblicke zu erleichternden des mittheilenden Vertrauens zu machen, ver⸗ ſprach ſeine volle Mitwirkung, um die ganze Angelegenheit beizulegen, und erbot ſich, ſogleich zum Commandanten zu gehen. Er that es. Die Frauen traten indeß bei dem Wirth ein, wo ſie eine ängſtliche Viertelſtunde zubrachten. Beſon⸗ ders war Marie voller Schmerz und Sorge. Ach, wie war ſo Alles, was ſie von glücklichen Tagen gehofft hatte, plötz⸗ lich vereitelt! Die Zeit, auf die ſie ſich Jahre lang gefreut, war nun gekommen; doch wie bitter wurde das ſchweſterliche Herz aus ſeinen ſchönen Träumen geweckt! Wie Manches hatte ſie freudig entbehrt, um die Zukunft des Bruders feſter gründen und bauen zu helfen! Wie gern hatte ſie mit der Mutter in der engſten häuslichen Beſchränkung gelebt, da⸗ mit er, den ſie ſo über Alles liebte, ſeinen reichen, edeln Geiſt in freiern Verhältniſſen ausbilden, alles Gute und Schöne kennen lernen und genießen ſollte. Ihr beſcheidenes Herz wollte nichts als ſich dereinſt an dem Glück des Bruders freuen; es wollte auf ſein edles Wiſſen, ſeine mannichfaltigen Erfahrungen ein wenig ſtolz ſein und be⸗ gnügte ſich gern damit, einen freundlichen Widerſchein des Glanzes zu gewinnen, der ſein Leben reich umſtrahlen ſollte. Die ſorglich gepflegten Keime waren zur ſchön entfalteten Krone gediehen; ſchon öffneten ſich die vollen Knospen und verhießen den endlichen Lohn aller Mühen, alles Entbehrens — da ſchüttelt ein rauher Sturm den jungen Wipfel, und plötzlich ſteht er entblättert, herbſtlich wieder da, ein Anblick ſtummer Trauer! Aus dieſen wehmuthigen Betrachtungen weckte Naſinski's — — — 209 Rückkunft Mariens Herz. Ihn begleiteten zwei Gensdar⸗ men, welche die Siegel abnahmen und den Frauen die Wohnung öffneten. Naſinski hatte dies erlangt, indem er Bürge geworden war, daß beide Frauen ſich einer gerichtlichen Vernehmung nicht entziehen würden; auch mußten die Schränke und ſon⸗ ſtigen Behältniſſe einſtweilen verſiegelt bleiben. Einige Zeit darauf erſchien ein höherer Beamter der franzöſiſchen Polizei, der, vermuthlich durch Raſinski's Gegenwart beſtimmt, höf⸗ lich, aber entſchieden, die Auslieferung aller Papiere forderte. Dieſe wurden ihm mit dem ruhigſten Gewiſſen eingehändigt, worauf er alle Siegel abnahm und ſich, mit einer Ent⸗ ſchuldigung über die Beläſtigungen, die ſeine Amtspflicht ihm gebiete, empfahl. 3 ¹ Jetzt machte die geängſtigte Mutter ihrem Herzen end⸗ ¹ lcch Luft:„Um Gottes willen, was bedeutet das?“ fragte ſie Raſinski.„So verfährt man nicht in Folge eines Duells! Ich beſchwöre Sie, entdecken Sie mir, was iſt vorgefallen? Was hat Ludwig gethan?“ „Darüber bin ich,“ entgegnete Raſinski,„faſt ſo in Ungewißheit als Sie ſelbſt, würdige Frau. Das Duell aber, 3 ſo viel weiß ich jetzt, war nur Vorwand ſeiner Flucht; er iſt irgend einer Handlung angeklagt, die gefährliche Folgen haben kann. Vermuthlich hat er ſich in eine Verbindung eingelaſſen, die—“ „O,“ rief Marie nicht ohne ein Gefühl des Stolzes auf den Bruder aus,„gewiß hat ſein edles, vaterländiſches Herz—“ hier brach ſie ab, hielt einige Augenblicke inne, ſeufzte aus tiefſter Bruſt und ſprach dann feſt, aber mit dem Ausdruck des bitterſten Schmerzes:„Wir leben in einer Zeit, wo oft die edelſte Geſinnung für verbrecheriſch gilt!“ Raſinski war erſchüttert; er, deſſen ganze Seele für — — 210— das eigne Vaterland glühte, mußte Mariens Schmerz in ſeiner vollen Größe empfinden. In ihren ſonſt ſo holden, nur ſanfte Weiblichkeit athmenden Zügen wurde ein edles Zürnen ſichtbar, das eine fliegende Glut auf die bleiche, mit Thränen benetzte Wange trieb und ihrem Schmerz den Adel einer ſtolzen Aufrichtung innerer Würde gegen die Ungerechtigkeit des äußerlichen Geſchicks verlieh. „Mäßige die Heftigkeit Deines Gefühls, liebe Marie,“ ſprach die Mutter ſanft, da ſie ſah, wie aufgeregt die Toch⸗ ter war;„bedenke, daß Du Deines Bruders Loos ver⸗ ſchlimmern könnteſt.“ „Nicht, wenn ich der Zeuge dieſer Aufwallung bin, wahrlich nicht!“ rief Raſinski mit Feuer.„Was iſt heiliger als das vaterländiſche Gefühl? Ich ſelbſt glühe für mein Volk, für das Land meiner Geburt; wie ſollte ich daſſelbe edle Gefühl in einer andern Bruſt verdammen? Nein, Ihr Zürnen im Schmerz iſt ſchön, es iſt edel!“ Mit dieſen Worten reichte er Marien die Hand gleich⸗ ſam zu einem Bunde mit ihren Geſinnungen dar. Ein ſanfteres Erröthen verſchönte jetzt ihre Wange, und eine holde Verwirrung miſchte ſich mit dem ſchmerzlichen Ausdruck ihrer Züge. Doch legte ſie nach leiſem Zögern ihre Hand in die dargebotene Raſinski's und ſprach dann:„O, Sie werden uns helfen; zu Ihnen habe ich Vertrauen!“ Gern hätte er jetzt den Schleier von allen Verhältniſſen und Begebenheiten dieſer letzten Tage geriſſen, wenn er nicht als erfahrener Kenner der edlern weiblichen Herzen eine zu gegründete Beſorgniß vor der unbeſiegbaren Aufrichtigkeit ge⸗ habt hätte, mit der ſie dann ihre ganze Blöße den Feinden preisgegeben haben würden. Er wußte gewiß, daß ſie we⸗ der den Bruder noch ihn ſelbſt verrathen würden; aber als⸗ dann waren ſie auch die Opfer, denn ihr Bekenntniß hätte — 211— gelautet: ich weiß, aber ich ſchweige. Zu ihrer eignen Ret⸗ tung ließ er ſie alſo in dieſer wohlthätigen Unkunde. Die Frauen baten ihn, ſie dieſen Abend nicht mehr zu verlaſſen; er verſprach es und brachte die wenigen Stunden bis zum Einbruch der Nacht bei ihnen zu. Der Schmerz öffnete ihm das ganze ſchöne Herz Mariens, denn nichts bewegt die weibliche Seele zu größerm Vertrauen als ein Ereigniß tiefer Trauer, bei welchem ein Mann ihr mit Fe⸗ ſtigkeit zur Seite tritt; nichts aber zieht auch das männliche Herz mit ſtärkern Banden zu dem weiblichen hinüber als das Dulden eines zarten, holden Weſens. So würde Ra⸗ ſinski dieſen Abend für den glücklichſten ſeines Lebens gehal⸗ ten haben, wenn nicht ein ſo trauriges Ereigniß ihn herbei⸗ geführt hätte. Von früheſter Jugend an war er durch Begebenheiten, die nicht nur ſein Vaterland, ſondern ganz Europa erſchüttert hatten, auf das offene Meer des Lebens getrieben worden. Selten hatte das Schickſal ihm vergönnt, in einem ruhigen Hafen Anker zu werfen; um ſo tiefer mußte es ihn daher ergreifen, wenn dieſe Augenblicke einer heitern Windſtille des Lebens eintraten, wo es auch ihm einmal 1 vergönnt war, von den Früchten zu genießen, die er ſonſt nur von fern an den Küſten gedeihen ſah, vor denen er oorüberſegelte. Er hatte jetzt das Mannesalter erreicht, wo das Herz aufhört ſtürmiſch in die Weite zu treiben; in Au⸗ genblicken, wo ihm das unruhige Wogen ſeiner Tage Muße ließ, war die Sehnſucht, endlich einmal zu raſten, oft mächtig in ſeiner Bruſt erwacht. Sollte es uns Wunder nehmen, daß jetzt, wo eine ſo holde Geſtalt ihm zu winken ſchien, dieſer Stimme in ſeiner Bruſt Gehör zu geben, der Wunſch faſt zum Entſchluß reifte? Ein kühner Sinn faßt das Ziel ſcharf ins Auge, auch wenn er es jenſeit tiefer Klüfte und Abgründe ſchimmern ſieht; es kann daher nicht befremden, daß Raſinski in einem Zeitpunkte, wo ein gan⸗ zer Welttheil in Waffen ſtand, wo der Boden noch unter ganzen Nationen bebte, und Niemand wußte, ob der nächſte Tag ihm Heil oder Vernichtung bringen werde, dennoch dem Gedanken Raum gab, den Grundſtein einer friedlichen Zu⸗ kunft zu legen. Ein kühner Entſchluß war jedoch bei ihm kein unbeſonnener; er hatte männliche Feſtigkeit genug, ihn in ſich reifen zu laſſen und nicht eher ein fremdes Schickſal mit ſeinen Hoffnungen zu verflechten, bevor er die Wege überſah, auf denen er ihre Erfüllung zu erreichen vermochte. Deshalb verbarg er jetzt die in ihm erwachte tiefere Liebe zu Marien und widmete ihr dafür eine deſto wärmere Freun⸗ destheilnahme, doch mit dem feſten Vorſatze, ſich ihr zu ent⸗ decken, noch bevor er ſcheiden würde. Der Abend verſtrich in jener wehmüthigen Innigkeit, welche vertrautes Beiſammenſein in Zeiten der Trübſal er⸗ zeugt. Raſinski ging ſpäter, als er faſt geſollt hätte. Am andern Morgen begab er ſich früh auf die Commandantur, um ſich nach dem Stande der Angelegenheiten bei einem ihm bekannten Offizier des Bureaus zu erkundigen. Zu ſeiner Freude erfuhr er, daß der Commandant ſich mit wohlwol⸗ lender Schonung über die Lage, in der ſich Ludwigs Mutter und Schweſter befanden, geäußert und die Entſcheidung aus⸗ geſprochen habe, daß, wenn nicht die dringendſten Verdachts⸗ gründe gegen die beiden Frauen vorhanden ſeien, man von allem weitern Verfolg der Unterſuchung gegen dieſelben, welche einen ſo ungroßmüthigen Charakter an ſich trage, ab⸗ ſtehen ſolle. Mit dieſer frohen Nachricht eilte er, die beſorg⸗ ten Frauen zu überraſchen. Als er ins Haus trat, begegnete ihm bereits ein Beamter, der von ihnen kam. Er hatte auf Befehl des Commandanten ſchon in aller Frühe, ſowol Marien als ihre Mutter verhört; Beide konnten natürlich 4 1 3 — 213— nichts ansſagen, als was ſie wußten, und dies war ſo we⸗ nig, daß unmöglich ein weiteres Verfahren deshalb gegen ſie eingeleitet werden konnte. Glücklicherweiſe befanden ſich. unter den in Beſchlag genommenen Papieren auch Briefe Ludwigs aus Italien und der Schweiz, kurz vor und bald nach ſeinem Abenteuer in Duomo d'Oſſola geſchrieben, die deſſen nicht im mindeſten Erwähnung thaten. Dieſer Um⸗ ſtand mußte dazu beitragen, es aufs höchſte wahrſcheinlich zu machen, daß beide Frauen nicht den geringſten Antheil noch Kunde von Dem hatten, deſſen Ludwig angeklagt war. Nach einigen Stunden wurden ihnen daher ſämmtliche Papiere auch wirklich mit der Erklärung zurückgegeben, daß ſie auf keine Weiſe ferner beunruhigt werden ſollten. Dieſe Bedrängniß war alſo vorüber; indeſſen hatte Ra⸗ ſinski jetzt freilich die ſchwere Aufgabe zu löſen, die beſorgte Mutter und Schweſter mit Ludwigs und Bernhards Schick⸗ ſal bekannt zu machen. Er ſchob dies abſichtlich noch hin⸗ aus; inzwiſchen konnte er den Frauen einen Zettel von Lud⸗ wig, welcher ihm in einem Briefe Jaromirs geſchickt war, auf einem Umwege zukommen laſſen. Derſelbe enthielt nur einige Zeilen, abſichtlich ohne Ortsangabe, wodurch Ludwig der Mutter das glückliche Gelingen ſeiner Flucht und ſein und Bernhards Wohl meldete. Raſinski wollte nicht eher von den Frauen als Mitwiſſer gekannt ſein, bis er Dresden verlaſſen konnte; dies war die Urſache, weshalb er alle nã⸗ hern Erklärungen bis wenige Stunden vor ſeiner Abreiſe verſparte. Eilktes Capitel. Mit ſchwerem Herzen ging er, nachdem er Alles geord⸗ net hatte, gegen Abend, als die Dämmerung einbrach, zu ihnen, um Abſchied zu nehmen; daß er kommen werde, hatte er ſchon zuvor gemeldet. Marie öffnete ihm; ſie befand ſich allein. Die Mutter war einer häuslichen Angelegenheit wegen auf einige Minu⸗ ten zu dem Wirth hinuntergegangen. „So kommt wirklich der letzte Freund, um Abſchied von uns zu nehmen?“ ſprach Marie bewegt, als ſie Ra⸗ ſinski im Reiſeüberrocke vor ſich ſah. „In wenigen Stunden habe ich dieſe Mauern hinter mir,“ antwortete er. Beide ſchwiegen jetzt einige Augenblicke, theils aus Bewegung, theils aus Verlegenheit.„Werde ich den Troſt mitnehmen,“ fragte der Graf mit dem Tone ſanf⸗ ter Bitte,„daß Sie meiner nicht ſo raſch vergeſſen wollen, als die Zeit unſerer Bekanntſchaft kurz war?“ „Dürfen Sie fragen?“ entgegnete Marie gerührt;„Sie, der Sie uns in den ſchreckenvollſten Tagen unſers Lebens Alles waren, und von dem wir noch jetzt Alles hoffen, was unſern Schmerz lindern kann!“ „O, wenn ich Das könnte, wenn ich ihn nicht ſogar vermehren müßte!“ „Wie?“ fragte Marie erwartungsvoll und blickte ihn betroffen an. „Laſſen wir das,“ erwiderte Raſinski,„bis Ihre Mut⸗ ter kommt, jetzt—“ „Ich eile, ſie zu rufen,“ rief ſie ängſtlich und wollte gehen. — 215— „Nein, nein, bleiben Sie,“ bat Naſinski und nahm ihre Hand,„in dieſer Minute habe ich ein Wort zu Ihnen allein zu ſprechen.“ Der Ton, mit dem er dieſe Worte ſprach, ſein hefti⸗ ger, warmer Händedruck, mehr aber noch ihr eignes geheim wünſchendes Herz hatte Marien Alles enthüllt, was er ihr bekennen wollte, noch bevor ein Wort ſeinen Lippen entflohen war. Es fiel wie ein Blitzſtrahl leuchtend in ihre Seele, daß ſie liebe und geliebt werde. Von einem ſüßen Erſchrecken wie betäubt, ſtand ſie zitternd, unvermögend ein Wort zu erwidern, mit geſenktem Auge da. „Könnten Sie das Schickſal Ihres Lebens mit mir theilen, Marie,“ ſprach Raſinski, dem die Secunden koſt⸗ bar wurden, mit ernſter, ſanft bewegter Stimme.„Ich dringe Ihnen kein entſcheidendes Ja ab, nur ob Sie ein entſchei⸗ dendes Nein ſprechen müſſen, nur Das beantworten Sie mir. Wir ſtehen vor einer Zukunft, wo Keiner ſein nächſtes Schick⸗ ſal ahnen oder weiſſagen kann; fern ſei es von mir, Sie jetzt mit in den Strudel zu reißen, deſſen Wirbel mich bald ergreifen werden. Nichts ſoll Sie binden, ja ich würde das unwiderrufliche Ja zurückweiſen, weil mein Gewiſſen mir verbietet, es hinzunehmen. Das aber dürfen Sie mir ſagen, und das durfte ich Sie fragen, ob ich, wenn der Sturm ausgetobt und die Welle mich nicht begraben hat, einen Blick wieder auf dieſes holde, wirthliche Ufer richten darf?“ Mariens Seele wurde während dieſer Worte von einem unnennbaren Schmerz zerriſſen. Die erſte Betäubung war vorüber, ſie hatte das Auge geöffnet und ſah, vor welchem Abgrund des Jammers ſie ſtand. Die Schuld der Dankbar⸗ keit, welche ſie gegen Naſinski fühlte, ſeine höhere Lebensſtel⸗ lung, ſein mehr Ehrfurcht als vertraute Neigung erweckendes Weſen, ja ſogar ſeine nahe Abreiſe hatten ihr bisher das wahre Gefühl ihres Herzens für den edlen Mann verſchleiert und ihr in ähnlichen der Liebe verſchwiſterten Geſtalten vor⸗ geſpiegelt. Plötzlich war ſie aus dem Traume zum vollſten Bewußtſein erwacht und ſah nun auch, durch welch eine Kluft das Geſchick ſie von Dem trennte, der ihr Herz ge⸗ wonnen hatte und begehrte. Er war im Bündniß mit De⸗ nen, die ſie nur als die Feinde ihres Vaterlandes betrachtete; ſie konnte ihn als einen edlen Mann ehren, als einen groß⸗ müthigen Freund lieben, niemals aber ihm angehören, ihr ganzes Weſen mit dem ſeinigen verſchmelzen, ohne Pflichten zu verletzen, von deren Heiligkeit ihre Seele aufs tiefſte durch⸗ drungen war. Darum ſtand ſie ſprachlos, vor dem Medu⸗ ſenhaupte ihres Schickſals erſtarrend, da, und vermochte nicht den unnennbaren Schmerz durch ein ſanftes Wort, durch eine milde Thräne zu löſen. Naſinski fühlte ihre zitternde Hand in der ſeinigen; eine ahnende Stimme verrieth ihm, was in Mariens Bruſt vorging; er deutete ihr Schweigen richtig. Doch fragte er noch einmal:„Marie, ſoll ich keine Antwort haben?“ „O Gott!“ rief ſie mit einem Tone des Schmerzes, der ihr das Herz zu zerreißen ſchien,„nie, nie!“ Sie riß ſich gewaltſam los, ſchwankte einige Schritte und ſank dann ermattet auf einen Seſſel nieder. „Ich verſtehe Sie,“ ſprach Raſinski mit leiſer Stimme; „ich verſtehe Sie und achte Ihre Geſinnung. Wir können darum aber doch—“ hier verſagte ihm die Stimme, er mußte innehalten.„Das Loos der Völker,“ fuhr er nach einigen Augenblicken feſter fort,„geht dem Loos der Ein⸗ zelnen vor. Ich beklage mich nicht. Von Jugend auf war ich's gewohnt, mein eignes Geſchick durch das der Welt zer⸗ trümmert zu ſehen. Dieſer harten Nothwendigkeit können wir nicht entweichen; es iſt der Beruf des Mannes, ſich dar⸗ * — 217— 4 über zu erheben; ich glaube, ich weiß ihn zu erfüllen! Aber nicht immer widerſtreben die Weltgeſchicke denen der Einzel⸗ nen, oft gehen ſie Hand in Hand; der Irrthum fordert ſo viele Opfer als die Wahrheit; iſt es nicht genug an denen, die wir dieſer bringen?“ Dieſe letzten Worte ſprach er ſanf⸗ ter, indem er ſich Marien wieder näherte. Sie ſah ihn wehmüthig an und erwiderte:„O, ich weiß, was Sie ſagen wollen! Sie geben mir Unrecht. Viel⸗ leicht irrt mein Verſtand, vielleicht täuſcht ſich mein Urtheil. Welche die rechte Wahrheit iſt, weiß ich nicht; die hei⸗ lige aber iſt die, welche unſer Herz uns vorſchreibt— ach, zu ſeiner eignen Qual!“ 3 Man hörte die Mutter heraufkommen.„Laſſen wir das Geſchehene verſchwiegen bleiben,“ ſprach Marie,„es würde meine Mutter vielleicht noch tiefer betrüben— und bleiben Sie mein Freund.“ Naſinski drückte die dargereichte Hand heftig, aber ſtumm gegen ſeine Lippen. Nicht nur der Schmerz zerriß ſeine Bruſt, ſondern auch die Sorge belaſtete ſie ſchwer. Denn mit weichen Gefühlen mußte Marie jetzt das Schick⸗ ſal Ludwigs, welches er ihr enthüllen ſollte, vernehmen? Wie ſollte ſie es ertragen, daß der eigne Bruder der Sache diente, für welche ſie ihre Liebe aufzuopfern den Muth und die Pflicht fühlte? Der gefährlichſten Schlacht war er mit leichterm Herzen entgegengegangen als dieſer ſchweren Stunde. Ddie Mutter trat ein; Marie ging ihr entgegen.„Un⸗ fer Freund kommt ſchon, um Abſchied zu nehmen, liebe Mutter,“ ſprach ſie mit kaum vernehmbarer Stimme. „Ja,“ fiel Raſinski ein, indem er der Mutter entge⸗ ggenging,„in wenigen Stunden werden wir uns vielleicht auf mmer trennen müſſen.“ I. 10 „Das wolle Gott nicht,“ antwortete die Mutter;„ſeine Rathſchlüſſe ſind oft milder, als unſere Beſorgniß ſie ſchei⸗ nen läßt, darauf wollen wir auch diesmal hoffen.“ Raſinski erwiderte auf dieſe letzten Worte nichts; er bot der Mutter den Arm, um ſie in das Nebenzimmer zu führen, wo man Abends gewöhnlich verſammelt war. Marie ging, um ihre Bewegung zu verbergen, hinaus, um Licht und den Thee zu beſorgen, welchen Raſinski dieſe letzten Abende her ſtets mit ihnen eingenommen hatte. Dieſe häus⸗ lichen Geſchäfte nahmen einige Minuten weg; erſt nachdem Alles angeordnet war und Marie bereits mit ſtiller Freund⸗ lichkeit die Pflichten der Wirthin geübt hatte, begann Ra⸗ ſinski, da jetzt keine Störung mehr zu befürchten war, fol⸗ gendermaßen:„Ich muß dieſe letzte Stunde zu Mittheilun⸗ gen benutzen, die ich Ihnen, ſo traurig ſie auch ſein mö⸗ gen, nicht erſparen kann. Ludwig hat ſich bei ſeiner Rück⸗ kehr aus Italien einer Handlung ſchuldig gemacht, welche unſer ſtrenges Kriegsgeſetz, das ich durch nichts entſchuldigen will als durch ſeine Nothwendigkeit, unwiderruflich mit dem Tode beſtraft. Er iſt einer Perſon, die ich ſelbſt nicht näher kenne, an deren Habhaftwerdung aber dem Kaiſer Alles ge⸗ legen war, weil ſich höchſt wichtige Documente in ihrer Hand befanden, zur Flucht behülflich geweſen, und zwar in einem Augenblicke, wo man ſie ſchon zu erreichen hoffte. Deshalb wurde er, da man ihn zufällig in Pillnitz entdeckte und als Thäter erkannte, verhaftet; mit Bernhards Hülfe gelang es ihm, ſich der Haft wieder zu entziehen, worauf ſo ſtrenge Befehle zur Verfolgung Beider gegeben wurden, daß ſie ſchleunigſt fliehen mußten. Dazu gab es nur ein Mit⸗ tel, es gab nur eines, ihr Leben zu retten; das ſtand glück⸗ licherweiſe in meiner Gewalt. Der Ausweg war rauh, aber unvermeidlich.“ Hier zögerte er einen Augenblick; die Frauen ——— — 219— ſahen ihn ängſtlich geſpannt an.„Unſere Freunde,“ fuhr er mit einem weichen Ausdruck der Stimme fort, die die Härte 8 der Mittheilung zu mildern verſuchen ſollte,„unſere Freunde konnten ſich vor ihren Feinden am ſicherſten nur dadurch ret⸗ ten, daß ſie ſich ihnen am nächſten anſchloſſen und ſich da⸗ hin begaben, wo man ſie am wenigſten vermuthen kann— ſie tragen jetzt die Kleidung, die ich ſelbſt trage.“ „Allmächtiger Gott!“ rief Marie aus,„ſie dienen in dem franzöſiſchen Heer?“ „Ich weiß, was Sie ſagen wollen,“ entgegnete Ra⸗ ſinski;„ſie führen die Waffen gegen ihr Vaterland!“ Die Mutter hatte dieſe Nachricht mit einem ſprachloſen Schrecken vernommen. Sie ſchien Raſinski's Worte noch nicht ganz gefaßt zu haben, ſo ängſtlich fragend hefteten ſich ihre Blicke an deſſen Lippen. Marie vermochte ihrem Schmerz nicht zu gebieten; ſie warf ſich weinend an die Bruſt der Mutter und rief aus: „O Mutter, Mutter! Nun ſind wir ganz unglücklich! Was kann nun noch geſchehen?“ Die Mutter war unfähig, ihr zu antworten; ſie preßte die Tochter in die Armez; ein hef⸗ tiges, faſt krampfhaftes Schluchzen drohte ihrer kranken Bruſt den Athem zu rauben. Naſinski wurde durch dieſen Anblick mehr als ſchmerzlich verwundet; er wurde aufs tiefſte gekränkt, ja faſt beleidigt. Denn nach Dem, was zwiſchen ihm und Marien vorgefallen war, mußte er ſich und die Sache, der er * mit ganzer Seele diente und anhing, für wahrhaft verabſcheut halten. Sein männlicher Stolz lehnte ſich unwillig gegen 1b dieſe Anſicht auf. Aber er bedachte den Schmerz der Mut⸗ 4 ter, er ſah Mariens Thränen, und ſeine Seele war verſöhnt. „Weinen Sie Ihren Schmerz aus,“ ſprach er theilnehmend; 'ich begreife, daß er groß iſt; verſagen Sie aber darum dem Freunde, der es wohlwollend und redlich meinte, nicht Ge⸗ 8 10* hör. Was er zu ſeiner Rechtfertigung zu ſagen hat, wird auch zu Ihrem Troſte dienen.“ Die Mutter ſuchte ſich zu faſſen; ſie winkte ihm mit dem Haupte zu, daß er ſpre⸗ chen möge; ſie ſelbſt war noch unfähig dazu. Auch Marie, die es bereuete, in ihrer Heftigkeit dem edlen Manne ſo weh gethan zu haben, ſuchte ihn freundlich anzublicken und wie⸗ derholte den Wink der Mutter. „Sie betrachten gewiß,“ begann Raſinski,„die Verhält⸗ niſſe zu ſchroff. Ich will es glauben, daß der Deutſche Ur⸗ ſache hat, den Franzoſen zu haſſen; ich finde es natürlich, daß er ihn haßt. Aber iſt darum Alles, was Frankreich thut, gegen Deutſchlands Wohl gerichtet? Theilen nicht viele der geachtetſten Männer die Anſicht, daß ein freies, aufrich⸗ tiges Bündniß beider Völker beiden zum Heil gereichen würde? Und iſt nicht in dieſem Augenblicke ein ſolcher Bund geſchloſſen? Fechten nicht die Heere des Rheinbundes, Oſt⸗ reichs, Preußens, ja ſelbſt Sachſens, welches Ihr nächſtes Vaterland iſt, für die Sache des franzöſiſchen Kaiſers? Dür⸗ fen Sie nun wol mit Recht behaupten, daß der Einzelne, welcher dem Völkerſtrome des ganzen Vaterlandes folgt, als Verräther an demſelben handle? Sie werden mir vielleicht erwidern wollen, daß die Völker durch eine politiſche oder geſchichtliche Nothwendigkeit getrieben werden, die Einzelnen aber Herren ihres Schickſals ſind. Sie ſind es jedoch nicht mehr als jene. Ein Volk, ein Staat will ſein Daſein durch Gehorſam gegen eine übermacht der Umſtände retten; und was will der Einzelne anders? Warum ſollte dieſem als Verbrechen angerechnet werden, was jenem geſtattet iſt? Und beſtehen Preußens, beſtehen Oſtreichs Heere nicht aus Ein⸗ zelnen? Hätten alle dieſe nicht, ein Jeder für ſich, die Ver⸗ pflichtung, der allgemeinen Nothwendigkeit zu widerſtreben? und gäbe es alsdann noch eine allgemeine? Nein, meine — 221— Freundinnen; ein Unglück haben Sie vielleicht zu beweinen, aber kein Verbrechen der Ihrigen zu betrauern oder zu ver⸗ geben. Ich fordere Denjenigen auf, der zu behaupten wagt, 4 daß er an der Stelle dieſer beiden Jünglinge anders gehan⸗ delt hätte. Weshalb ſollten ſie als nutzloſe Opfer fallen, wenn es noch Mittel gab, Leben und Kräfte für eine beſſere Zeit zu ſparen? Wenn dereinſt Deutſchland ſo ganz und tief von dem Gefuhle der Entwürdigung ſeiner heiligſten Rechte durchdrungen iſt, daß es ſich mächtig aufrafft und in voller, einiger Maſſe gegen Frankreich andringt, dann mag es auch für jeden Einzelnen Pflicht ſein, zu den Fahnen des Vaterlandes zu eilen und jede Gemeinſchaft mit dem alten Feinde deſſelben aufzuheben; alsdann werden aber auch unſere Freunde nicht fehlen. Und wahrlich, nicht ich will Derjenige ſein, der ſie verurtheilt, wenn ſie dann einen Bund brechen, den nur die eiſerne Hand der Nothwendigkeit zuſammenſchmie⸗ dete, ſo wenig wie ich ſie jetzt deshalb verurtheilen kann, daß ſie ſich unter dieſe ſchwere Hand beugen.“ Marie ſaß, ein ſtummes Bild des Schmerzes, da;z ihr Ohr vernahm zwar Raſinski's Worte, doch von ihrem Her⸗ 8 zen glitten ſie wie matte Pfeile ab. Alllein ſie ſchwieg, theils weil ſie wenig zu entgegnen wußte und ſich gegen Raſinski's Verſtandesgründe nur durch widerſtrebende Gefühle gewaffnet fand, theils weil ſie ihn zu kränken beſorgte, endlich aus Erſchöpfung. Denn zu deutlich fühlte ſie, daß hier kein Piddeſſtreben fruchten könne und nichts übrig bleibe, als das zermalmende Rad des Schickſals über ſich weggehen zu laſ⸗ 3 ſen. Die Mutter, nicht ſo heftig in ihren Gefühlen, nicht ſo entſchieden einer entgegengeſetzten Anſicht, war für Ra⸗ ſinski's Troſt zugänglicher.„Es iſt ſchön von Ihnen,“ ſprach ſie,„daß Sie uns durch Hoffnungen aufrichten wollen, wenn⸗ gleich dieſelben noch fern in verhüllter Zukunft ſchlummern. Aber, mein großmüthiger Freund, bedenken Sie, wie ſchwer es iſt, ein Mutterherz zu beruhigen, und vergeben Sie mir alſo, wenn Ihr mildes Beſtreben durch die Gefühle meiner Bruſt vereitelt wird. Welche Sorgen umſchweben das Haupt einer Mutter ſchon, wenn ſie den Sohn hinſendet in einen Kampf, den ſie ſelbſt für einen heiligen hält, für welchen jeder Sohn des Vaterlandes freudig Blut und Leben opfern muß! Wie ängſtlich wägt ſie die Gefahren, die ihn bedro⸗ hen, wie zählt ſie die Minuten, in denen ſie keine Kunde von ihm erhält! Und nun vollends, wenn ſie weiß, daß ſein Herz nicht für die Sache ſchlägt, der er zu dienen ge⸗ zwungen iſt; daß er die Waffen trägt wie eine Kette, das Lager ihm ein Gefängniß, der Tag der Schlacht ein Tag des Blutgerichts iſt! O gütiger Himmel, wie ſoll da Troſt und Hoffnung Eingang in das gequälte Herz einer Mutter finden?“ Nach dieſen Worten, mit äußerſter Anſtrengung geſpro⸗ chen, lehnte ſie das Haupt müde gegen die Wange der Toch⸗ ter und vergoß bittere Thränen. Raſinski, ſo feſt er allen Stürmen des Lebens von jeher zu trotzen gewußt hatte, fühlte ſich doch durch ſolche Angriffe auf ſein Herz faſt bezwungen. Sanft ergriff er die Hand der Mutter und ſprach:„Wer wollte Ihnen die Gerechtigkeit Ihrer Schmerzen ſtreitig ma⸗ chen? Sie ſind das einzige Heiligthum des Duldenden, und glauben Sie mir, auch ich fühle dies in dieſem Augenblicke tiefer, als Sie vermuthen.“ Dabei warf er einen ſchwermü⸗ thigen Blick auf Marien, welche, gleich einem weinenden Heiligenbilde, blaß, ſchweigend ihm gegenüber ſaß. Ein lei⸗ ſer Seufzer entſtieg ihrer Bruſt, als Raſinski's Auge dem ihrigen begegnete; doch wandte ſie es nicht ab, ſondern blickte ihn ſanft und wehmüthig an.„Es gibt indeſſen etwas in der Seele des Mannes,“ fuhr er fort,„wodurch ihm das — 223— Schickſal, von welchem unſere Freunde getroffen ſind, erleich⸗ tert wird, was eine Frau jedoch nicht in Anſchlag zu brin⸗ gen weiß. Ich meine jenes, allen Männern eigene Ehrge⸗ fühl des Muthes, der in der Gefahr ſchon einen Adel der That erblickt, der ſich für jedes kühne Unternehmen, eben weil es kühn iſt, begeiſtern kann, ohne ſich um den Zweck deſ⸗ ſelben zu kümmern. Nicht allein dem Stande des Solda⸗ ten gehört dieſe Geſinnung an, ſondern ſie iſt ein Eigenthum des Mannes überhaupt. Und wäre dies auch nicht, ſo ge⸗ ſellt ſich doch ſelbſt der nothgedrungenen Wahl eines Stan⸗ des ſogleich das Pflichtgefühl des Berufs zu. Die Würfel des Schickſals, welche unſer Loos zu entſcheiden hatten, ſind einmal gefallen; Ereigniſſe kennen ſo wenig ein Umwenden auf der Bahn des Vorwärts als der fliegende Pfeil der Zeit ſelbſt; und haben uns Wahl, Zufall, Glück oder Noth⸗ wendigkeit einmal auf einen Standpunkt geſtellt, ſo wollen wir ihn auch würdig in freier Kraft des Willens behaupten. Die Vergangenheit iſt abgeſchloſſen, ihre Thore ſchlagen hin⸗ ter uns zu; nur vorwärts ſteht die Bahn noch offen; wie unfreiwillig wir auch hineingeſchleudert wurden, jetzt iſt unſre Aufgabe die, uns würdig zu behaupten. Darin finden wir Troſt, Stärkung, ja Erhebung, und nimmermehr wird uns die Kraft verſiegen, das Nothwendige mit Freiheit zu erfüllen.“ Raſinski hatte, indem er auf dieſe Weiſe ſeine Geſinnungen in einer feſten Form ausſprach, ſich dieſelben klarer zum eignen Bewußtſein gebracht und ſo in dieſem Augenblicke, wo er ihrer bedurfte, die Kraft ſelbſt gefunden, voon der er ſprach. Wie vergeblich alle Scheingründe des Troſtes ſein mögen, die wahrhaften richten auch das ge⸗ beugteſte Herz auf. So auch hier; was Raſinski aus tief⸗ ſtem Bewußtſein ſeiner männlichen Seele geſprochen hatte, war auch in die weibliche eingedrungen. Er hatte den ein⸗ zigen feſten Boden, auf dem Troſt und Hoffnung ſichere Anker werfen konnten, aufgefunden; der Nachen ſchwankte nicht mehr ſo unſtät auf den ſturmbewegten Wellen. Doch in Mariens Herz drückte ſich ein neuer verwundender Sta⸗ chel; denn wie viel ſchwerer mußte es ihr jetzt werden, einem Manne zu entſagen, bei dem die zarte, ſchwankende Blüte der Liebe ſich an eine ſo feſte Stütze der Achtung emporran⸗ ken konnte. Die düſtere Beklemmung, welche bisher ſo ſchwer auf Allen gelaſtet hatte, war verſchwunden; die Betäubung des Schmerzes hatte aufgehört, das Herz begann auch ſeine Segnungen und Heiligungen, die er ſtets mit ſich führt, zu empfinden. „Sie ſind ein treuer, redlicher Freund,“ ſprach die Mutter und drückte Raſinski die Hand;„wie erkenne ich es als eine unausſprechliche Wohlthat Gottes, daß gerade Sie in dieſen verhängnißvollen Tagen der Führer und Beſchützer meines Sohnes ſein werden! Ich ſehe darin ein Pfand ſei⸗ ner Huld, das uns eine glückliche Löſung dieſer verworrenen Fäden des Schickſals verſpricht. In dieſem Vertrauen un⸗ terwerfe ich mich beruhigt ſeinen Fügungen.“ „So werden wir denn nicht in Zwieſpalt, ſondern als liebende Freunde ſcheiden,“ antwortete Raſinski. „Und Sie können fragen?“ rief die Mutter lebhaft. „Welchen Grund könnten wir wol zu einer mißwollenden Empfindung auffinden gegen Den, der uns das Liebſte geret⸗ tet hat und es noch jetzt in ſeine treue Obhut nehmen will?“ Naſinski küßte die mütterliche Hand mit Ehrfurcht und In⸗ nigkeit; er war ſehr bewegt. Es ward ihm zu Muthe, als kehrten Tage ſeiner Jugend zurück, aus denen das Bild ſei⸗ ner eignen ehrwürdigen Mutter, die freilich ſchon längſt da⸗ hingegangen war, ihm mit treuer Lebendigkeit der Erinne⸗ — 225— rung vor die Seele trat. Das Gefühl, Sohn zu ſein, wel⸗ ches die Jahre ſchon längſt aus ſeinem Herzen verwiſcht hat⸗ ten, durchdrang ihn plötzlich mit der alten Wärme und Ehr⸗ furcht. O wie gern hätte er Die, gegen welche ſein Herz die Gefühle des Sohnes empfand, auch mit dem Namen der Mutter gegrüßt! Eine heilige Stille des Schmerzes herrſchte in dem Gemach; eine ſpäte Nachtigall, deren Töne man durch das offene Fenſter in der lauen Mainacht ver⸗ nahm, warf auch die ſüß beklemmenden Anregungen der Frühlingswehmuth in die Bruſt. Marie ſtand auf, trat ans Fenſter und neigte ihr von Thränen überſtrömtes Antlitz in die kühlenden Blätter und Blüten eines reich belaubten No⸗ ſenſtockk. Das Mondlicht berührte ſie mit ſeinem milden Strahl; ſie hob das ſchöne Haupt aus der Blumenhülle em⸗ por und blickte fromm gegen den Himmel auf, als wolle ſie 5 ſagen:„Dir, du allliebender Vater, vertraue ich die Heilung dieſes blutenden Herzens, dem du in derſelben Stunde den Bruder und den Geliebten zugleich raubſt.“ Naſinski be⸗ trachtete ſie, ſeitwärts ſtehend, unbemerkt; er fühlte, daß ihn 1 dieſes Bild für ewig durch's Leben begleiten werde. Ein Poſthorn ließ ſich auf der Gaſſe hören. Marie wandte ſich erſchrocken um:„Müſſen Sie fort?“ fragte ſie ängſtlich leiſe. „Es gilt nicht mir,“ antwortete Raſinski. Dieſer Zu⸗ fall bildete den übergang aus jenem Augenblick der Stille zu abreden, welche Grüße hatten Mutter und Schweſter an Lud⸗ wig zu ſenden! So verfloß eine Stunde; da war der Augenblick der Trennung gekommen. Marie verſchwand in einem Nebenzimmer; nach eini⸗ gen Minuten kehrte ſie zurück mit einem kleinen Taſchenbuche in der Hand. Sie i hichee es RNaſinski und ſprach faſt un⸗ 10* „.. einem neuen Geſpräch. Denn wie Vieles war noch zu vere — 226— hörbar:„Wollen Sie der überbringer dieſes Andenkens für meinen Bruder ſein?“ Er bejahte es ſtumm. „Doch die Mutter muß mir erſt etwas dazugeben,“ ſetzte ſie erröthend hinzu und näherte ſich derſelben.„Eine † Locke,“ ſprach ſie und ſchickte ſich mit einer anmuthigen Be⸗ wegung an, ſie der Mutter abzuſchneiden, die es willig ge⸗ ſchehen ließ. Marie band das Haar mit einer ſeidenen Schleife, welche ſie ſchon in der Hand hielt, dann legte ſie der Mutter ein Blatt hin, indem ſie ſagte:„Ein Wort, liebe Mutter; ich will die Locke darin einſchlagen.“ Die Mutter nahm die eingetauchte Feder, die Marie ihr brachte, und ſchrieb mit von Thränen verdunkelten Au⸗ gen:„Die Hand Gottes walte über Dir! Deine Mutter!“ ——„Mehr vermag ich jetzt nicht,“ ſprach ſie erſchöpft. Marie legte die Locke in das ſorgſam gefaltete Papier, nahm 4 die Brieftaſche noch einmal aus Raſinski's Hand, öffnete ſie und legte das Haar ein. Indem ſie dieſelbe zurückgab, ſprach ſie leiſe:„Offnen Sie, wenn Sie allein ſind.“ Es mußte geſchieden ſein. Naſinski drückte noch einen 3 ehrfurchtsvollen Kuß auf die Hand der Mutter, einen heißen auf Mariens zitternd dargebotene Rechte und ging dann ſtumm und ſchnell hinaus, denn er fühlte, daß ſeine männ⸗ liche Kraft den Schmerz nicht länger zu beherrſchen vermochte. Auf ſeinem Zimmer erwartete ihn nur ſein Reitknecht Andreas; Boleslaw war noch mit Einpacken beſchäftigt. 4 Eben kündigte der blaſende Poſtillon den vorfahrenden Reiſewagen an. Andreas eilte hinunter. Naſinski benutzte haſtig den Augenblick, wo er allein war, und öffnete M⸗ riens Geſchenk. Er fand ein Blatt, überſchrieben:„Dem Freunde.“* Er entfaltete es; es lag eine zarte Locke von Ma⸗ 4 .—— 3 — 227— riens Haar darin. Sie hatte die Worte darunter geſchrie⸗ ben:„Dem unvergeßlichen Freunde die treue, liebende, doch auf ewig von Ihm getrennte Freundin. Marie.“ Raſinski betrachtete das Geſchenk lange mit ſtummem Schmerz; er drückte es an die Lippen, an die Bruſt. An⸗ dreas trat ein:„Es iſt Alles zur Abreiſe fertig, Herr Graf!“ Er ſchauerte wie vom Fieber geſchüttelt zuſammen.„So gib mir den Mantel,“ rief er raſch und kurz, ͤhüllte ſich ein, drückte ſich die Reiſemütze tief in die Stirn, ging hinab, ſtieg mit Boleslaw in den Wagen und rollte in die Nacht hinaus, welche ſich, ein Bild ſeiner Zukunft, düſter, ohne freundliche Sterne über die Erde lagerte. Erstes Capitel. Es war an einem Sonntage in den ſpätern Nachmit⸗ tagsſtunden, als Jaromir, Ludwig und Bernhard zuerſt von einer Anhöhe die Thürme von Warſchau erblickten. Der Weg hatte ſich lange in einem dunkeln Fichtenwalde, der keine Ausſicht geſtattete, hingezogen. Jetzt ſchlug er eine Ecke und klimmte einen mit Haidekraut und Brombeerge⸗ büſch überwachſenen Hügel hinan. Von dem GiWpfel deſſel⸗ ben überſah man die Ebene weithin; an ihren fernen Gren⸗ zen ſtiegen Warſchau's ſtolze Paläſte und Thürme empor. Der feurige Jaromir rief dem Poſtillon ein„Halt“ zu und ſprang mit freudig glänzenden Augen aus dem Wagen. „Das iſt meine Vaterſtadt!“ rief er aus.„Acht Jahre habe ichaſie nicht geſehen; aber ich kenne noch jedes Haus, jeden Giebel, jede Thurmſpitze hier im ganzen Umkreis. Kommt, meine Freunde, ſteigt ein wenig aus und laßt uns zu Fuß den Hügel hinabgehen. Hier durch das Brombeergebüſch zieht ſich ein Pfad, der nachher über die Wieſen wieder auf die große Straße führt. Im Gehen zeige ich En die merk⸗ würdigen Orte hier ringsumher; denn ſo weit Euer Auge reicht, entdeckt Ihr keinen Kirchthurm, an dem nicht polni⸗ ſche Helden begraben lägen, die für das Vaterland gefochten haben. Ach, wann wird dieſe Erde endlich die Saat der Freiheit blühen ſehen, welche unſere Väter hier mit ihrem Blute düngten! Seht Ihr das Dorf hier gerade vor uns? Das iſt Wielka Wola, wo Kosciuszko im Jahre 1794 focht; hier links hinüber, hinter dem Fichtenwalde, ſeht Ihr den ſpitzen Thurm von Opalin und weiter unten den von Wawryscew. An beiden Orten floß polniſches Blut in dem⸗ ſelben Jahre, und bei Opalin blieb mein Oheim, Kaſimir Graf Brescinsky! O Freunde, hier liegt Mancher begraben, der blutiger Thränen werth iſt! Ich wollte aber, wir wären mit Sonnenaufgang hierher gekommen; denn es will mir nichts Gutes bedeuten, daß ich die Thürme meiner Vater⸗ ſtadt im Golde der Abendſonne leuchten ſehe!“ Hier ſchüttelte er ſchwermüthig das Haupt, und ein Zug edlen Grams umwölkte ſeine ſo offene heitere Stirn. „Du biſt ein ſchlechter Wahrſager„ rief Bernhard friſch aus;„ich will Dir unſere Ankunft anders deuten. Siehſt Du nicht Dein Vaterland im Frühling wieder, wo Alles keimt und ſproßt und blüht? Dringen nicht ſelbſt aus den Gräbern Blumen herauf, und wogten nicht alle Fruchtgär⸗ ten, an denen wir heute vorüberfuhren, wie ein Meer von Blüten, wenn der leiſe Frühlingswind durch die Wipfel wehte? Wahrlich, ſie ſtanden geſchmückt wie Bräute, mit zartem grünen Blätterkranz unter leichtem Blütenſchleier verhüllt. Für den Herbſt weiſſage ich Euch reife Früchte; dann werdet Ihr eine Ernte halten und ein Erntefeſt be⸗ ggeehen, daß Freude und Jubel durch das ganze Land er⸗ ſchallen ſoll!”“ „Du biſt ein Prophet,“ rief Jaromir feurig aus und 1 1 — 233— ſchloß Bernhard mit einem brennenden Kuß auf ſeine Stirne heftig in die Arme;„wenn Dein Wort in Erfüllung geht, ſo mag immerhin die fröhliche Luſt über meinem Grabe er⸗ ſchallen, wenn ich nur weiß, daß ich in freier, glücklicher, polniſcher Erde ruhe!“ Unter dieſem Geſpräch waren die Jünglinge den Hügel hinabgegangen und ſchritten jetzt auf einem anmuthigen Pfade zwiſchen reichen Wieſen dahin, während Jaromir fortfuhr, auf geſchichtlich merkwürdige Orte in der nächſten Umgebung aufmerkſam zu machen und zugleich die Ereigniſſe zu berich⸗ ten, durch welche der polniſche Name ſich dort verewigt hatte. Ludwig hörte dieſem Geſpräche nur zu, nahm aber den wärm⸗ ſten Antheil daran, während er im Stillen dieſelben Wünſche für ſein deutſches Vaterland hegte, welche Jaromir ſo laut und feurig für Polen ausgeſprochen hatte. Nach einer guten halben Stunde erreichten ſie die große Straße wieder, ſtiegen ein und fuhren nunmehr raſch auf die Thore der Haupt⸗ ſtadt zu. Hinter Wielka Wola wurde die Landſchaft durch Spa⸗ ziergänger, Reiter und Wagen aus der Stadt lebendig. Ja⸗ romir ſah mit ſeinen blitzenden ſchwarzen Augen ſcharf um⸗ her, ob er nicht Bekannte oder Freunde entdecken könne. In⸗ deſſen ſchien ihm das Glück in dieſer Hinſicht nicht wohlzu⸗ wollen. Etwas verdrießlich rief er aus:„Es iſt wahr, in acht Jahren wird man fremd in ſeinem eignen Vaterlande; es ſcheint, ich kenne hier Niemand mehr und werde noch weni⸗ ger gekannt!“ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als eine weibliche Stimme aus einem ihnen nach und dicht vorbeifahren⸗ den Wagen die Worte rief:„Graf Jaromir! iſt's möglich? Sind Sie es, oder täuſche ich mich?“ Jaromir hatte ſich 1 ſchon auf den Klang der Stimme lebhaft umgewendet und rief jetzt, faſt vergeſſend, daß er ſich auf öͤffentlicher Landſtraße —— yy— — 234— und in fremder Begleitung befand, feurig aus:„Gräfin Micielska! O Gott im Himmel, Sie erkenuen mich noch?“ Die Kutſcher hielten beide ohne weitern Befehl an, da ſie ſahen, daß ein Geſpräch zwiſchen Jaromir und der Dame angeknüpft wurde. Die Gräfin war eine Frau von hohem, majeſtätiſchem Wuchs; ſie mochte über dreißig Jahre alt ſeinz aber ihr ſchwarzes Auge glänzte noch jugendlich un⸗ ter der blendendweißen hohen Stirn, die von reichem, dun⸗ kelm Haar umwallt wurde. In ihrer Jugend mußte ſie hiinnreißend ſchön geweſen ſein. Bernhard mit ſeinem geübten Malerauge hatte ſie ſogleich für die Schweſter Raſinski's erkannt, noch bevo Jaromir ſie als ſolche mit ſeinen Be⸗ gleitern bekannt„ acht hatte. Er übergab ihr einen offe⸗ nen Brief Raſin 3, welcher in wenigen Worten ſein Ver⸗ hältniß zu den Hreunden angab und ſie der Schweſter zur gaſtlichen Aufnahme empfahl.„Wie erfreut bin ich,“ ſprach die Gräfin, als ſie haſtig geleſen, mit Wärme,„daß ich Sie hier gleich bei Ihrer Ankunft treffe! Es verſteht ſich, daß Sie bei mir wohnen; Ihre Zeit wird, fürchte ich, nur zu gemeſſen ſein; Sie können mir es daher nicht verargen, wenn ich jeden Augenblick der Muße benutzen will, um Nach⸗ richten von meinem Bruder und Erzählungen von den Er⸗ lebniſſen und Schickſalen ſo vieler theuern Landsleute zu vernehmen. Deshalb müſſen Sie mir den Eigennutz ver⸗ zeihen, mit dem ich Sie zu meinen Hausgenoſſen, oder, wenn Sie wollen, zu Gefangenen in meinem Hauſe mache.“ Sie ſprach dieſe verbindlichen Worte, durch welche ſie ihrer Gaſtfreiheit eine ſo beſcheidene Einkleidung gab, faſt noch mit mehr Innigkeit als Freundlichkeit, ſodaß man fühlte, es ſei ihr ein wahrhaft freudiges Ereigniß, den jungen Lands⸗ mann wiederzuͤſehen und ihn und ſeine Begleiter in ihrem Hauſe aufzunehmen. Jaromir's lebhaften Dank erwiderte ſie — 235— mit der Bemerkung, ſie wolle raſch vorausfahren, um An⸗ ſtalt zum Empfange ihrer Gäſte zu treffen, da man ja über⸗ dies von einem Wagen in den andern das Geſpräch nicht frei führen könne. Ihr Kutſcher trieb die raſchen Schimmel an, ſie verneigte ſich freundlich grüßend und rollte vorüber. „Ein herrliches Omen,“ rief Bernhard aus,„das mir mehr gilt als die zwölf Geier, welche Romulus auf dem Aventinus ſah, wiewol ſchwerlich jemals ein Vogelflug grö⸗ ßere Dinge geweiſſagt hat. In einer Stadt, wo eine ſo majeſtätiſche Juno uns willkommen heißt, muß uns der Olymp geöffnet werden.“. Jaromir lächelte und wiegte ſein ſchönes jugendliches Haupt. Unſere Freunde erreichten das Thor, ſie als Fremde einigen Aufenthalt erfuhren; ſo kamen ſie eoſt mit einbrechen⸗ der Nacht vor dem Palaſte der Gräfin an. Es war ein großes Gebäude in edlem, doch etwas alterthümlichem Style; zwei Bedienten ſprangen, ſobald der Wagen hielt, an den Schlag, ein dritter empfing die Ausſteigenden und führte ſie, den ſilbernen Armleuchter vortragend, in die zu ihrer Auf⸗ nahme bereits angewieſenen Zimmer.„Die Gräfin,“ begann der Kammerdiener,„läßt die Herren erſuchen, ſich zuvörderſt ganz bequem einzurichten und dann, ſobald es Ihnen mög⸗ lich und gefällig iſt, herüber in den Geſellſchaftsſaal zu kommen, wo ſie dieſelben auf ein Glas Thee erwartet.“ Die Reiſenden waren ſchnell eingerichtet und umgekleidet, d. h. ſie hatten die Uniform des neu zu errichtenden Regi⸗ ments angelegt. Es war ſchon zwiſchen ihnen verabredet, daß Ludwig und Bernhard ihre wahre Namen ablegen und fremde annehmen ſollten. Der Erſtere hatte ſich durch eine leichte Umſtellung der Buchſtaben ſeines wahren Namens Soren genannt; Bernhard gab ſich, nach Erinnerung an ein ſchottiſches Abenteuer am Loch Lomond, weil er das Seltſame liebte, für einen Grafen Lomond aus. Sie gingen jetzt hinüber in den Geſellſchaftsſaal der Gräfin In der Thür trat ſie ihnen ſchon entgegen und hieß ſie nochmals willkommen. Jetzt ſah man erſt, wie hoch und edel ihr Wuchs war, und wie ſie auch in dieſer Bezie⸗ hung ganz ihrem Bruder glich.„Laſſen Sie uns ſitzen,“ ſprach ſie zu Allen gewandt;„zuerſt muß ich, Sie verzeihen dies ſchon der weiblichen Neugier, ein wenig wiſſen, wen ich als Gaſt beherberge; denn mein Bruder hat mir nur geſchrieben, daß Graf Jaromir von zwei Freunden begleitet ſein werde. Nachher werde ich Sie ausforſchen und ausfra⸗ gen, ſelbſt über die kleinſten Umſtände; denn nichts iſt mir gleichgiltig, was meinen Bruder und dieſen Krieg betrifft.“ Sie hatte ſich bei dieſen Worten auf das Sopha geſetzt; die Herren nahmen ihr halb zur Seite und gegenüber auf Seſ⸗ ſeln Platz. „Nun ſagen Sie mir, Jaromir,“ begann die Gräfin, „wer ſind Ihre lieben Begleiter und was bewegt ſie als Fremde, die polniſche Uniform anzulegen?“ „Wir geben wol am beſten ſelbſt Auskunft über uns,“ antwortete Bernhard.„In mir ſehen Sie einen halb ſchot⸗ tiſchen Grafen, jedoch in Deutſchland geboren; aber ich glaube in der That, mein Grafentitel iſt nicht mehr werth als meine Grafſchaft, die ich gewiß nicht zu wohlfeil für das Spiegel⸗ bild eines Schattens verkaufte. Indeſſen wem ein berühmter Name etwas gilt, der darf mit dem eines Grafen Lomond wol zufrieden ſein. Ich meines Theils geſtehe, daß ich auf meinen Stand ſtolzer bin als auf meinen Rang, und daher meinen Pinſel höher ſchätze als mein Wappen. Sie ſehen hieraus, gnädigſte Frau, daß Sie einen Maler vor ſich ha⸗ ben, der, ſo lange er lebt, die Pflicht gehabt hat, einen — 237— Grafen zu ernähren, wofür dieſer, und das iſt vielleicht ſein einziges Gute, ihm herzlich dankbar iſt.“ „So könnte alſo,“ erwiderte die Gräfin lächelnd,„Ihr Pinſel Ihr Wappen auffriſchen.“ 4 „Vielleicht,“ entgegnete Bernhard;„es wird aber zuver⸗ läſſig die letzte Arbeit ſein, die er unternimmt.“ Ohne eine Frage weiter abzuwarten, nannte ſich Ludwig und gab als Urſache ſeines Kriegsſtandes die Neigung für denſelben überhaupt an, die ſein Freund mit ihm theile; als Grund, weshalb er gerade die polniſche Uniform trage, nannte er ſeine Bekanntſchaft mit Raſinski. „Wie dankbar bin ich Ihnen,“ ſprach die Gräfin,„daß die Freundſchaft für meinen Bruder Sie zum Freunde der Sache unſeres Vaterlandes gemacht hat. Ja, wir erwarten und hoffen viel von dem Kriege, der ſich jetzt entſpinnt; er wird für uns ein heiliger ſein.“ „Es iſt dies eine Urſache mit,“ entgegnete Ludwig, „weshalb ich in einer polniſchen Heeresabtheilung zu dienen wünſchte, obwol ich ein Deutſcher bin; denn die Sache Polens in dieſem Kampfe iſt eine unbeſtreitbar gerechte und ſchöne. Als Deutſcher habe ich nicht den Beruf, für den Ruhm des franzöſiſchen Kaiſers zu fechten; in der Lage, wo mein Vaterland, welches faſt eben ſo un⸗ glücklich iſt als Polen, ſich befindet, kann ich den Kampf nicht für daſſelbe führen. Den deutſchen Heeren wird nur die halb ehrenvolle Aufgabe dabei zu Theil, den Ruf deutſcher Tapferkeit zu erhalten; ein größeres Ziel, für welches das Blut unſerer Landsleute fließen könnte, gibt es dabei nicht.“ „SIch glaube ſogar,“ erwiderte die Gräfin,„daß die Mei⸗ ſten lieber beſiegt zu werden als zu ſiegen wünſchen.“ „Gewiß,“ entgegnete Ludwig;„indeſſen würde ich mich zu dieſen nicht unbedingt zählen. Deutſchland bedarf einer andern Freundſchaft als derjenigen, welche Rußland uns bie⸗ ten würde. Die rohe Gewalt dieſes Koloſſes mag meinem Vaterlande allenfalls frommen, um es den fremden Ein⸗ flüſſen, unter denen es jetzo ſeufzt, zu entreißen; aber ich fürchte faſt, dieſer Dienſt würde uns theuer zu ſtehen kom⸗ men, und vielleicht hätten wir am Ende nur den Herrn gewechſelt. Soll ich mich aber Einem von Beiden unter⸗ werfen, ſo wird es mir Niemand verargen, daß ich lieber einer mächtigen Geiſteskraft als einer rohen äußerlichen Ge⸗ walt gehorchen will.“ „Keine Frage,“ rief Bernhard lebhaft dazwiſchen;„ein Mann von Ehre, der die Wahl hat zwiſchen dem Schwert und der Knute, wählt das erſte. Wir können keine beſſere Stätte finden, um uns vor Rußland warnen zu laſſen, als Polens Hauptſtadt, wo der Wind noch die Aſche von den Feuerbränden aufſtäuben kann, welche der barbariſche Feind in dieſe Mauern ſchleuderte.“— „O“ rief die Gräfin ſchmerzlich bewegt aus,„wir kön⸗ nen noch die Brandwunden aufzeigen, und der Nuf des Jam⸗ mers, der damals erſcholl, iſt noch nicht verklungen. Ich war eine junge Zeugin jenes ſchaudervollen Ereigniſſes; aber dieſe Bilder des Schreckens haben ſich für ewig in meine Seele geprägt. Leichter wollte ich meinen Namen vergeſſen als jenes Gefühl ohnmächtiger Verzweiflung, welches damals mein und jedes Herz zerriß!“ Nach dieſen Worten ſtand ſie in lebhafter Bewegung auf und ging raſch einigemal im Saale auf und ab. Die Männer ſchwiegen; endlich begann Jaromir:„Es wird nun anders werden; die Buße, welche durch die Hand der rä⸗ chenden Geſchichte unſerm Vaterlande auferlegt iſt, geht zu Ende. Ich glaube, Gräfin, die Zeit iſt nahe, wo wir aus — — 239— unſrer babyloniſchen Verbannung wieder an den Herd unſrer Väter zurückkehren.“ Die Gräfin, welche noch immer auf und nieder ging, ſchien nur die erſten Worte Jaromirs gehört zu haben.„Es wird anders werden?“ fragte ſie, indem ſie in edler Hal⸗ tung vor Jaromir hintrat.„Es muß anders werden. Und wenn es noch tauſend Jahre ſo fortdauerte, ſo würde es doch laut in meiner Bruſt rufen: es muß anders werden. Oder wähnt Ihr, daß die Mutter, welche gebunden am Boden liegt, während Räuber ihren Säugling ermorden, an einen vergeltenden Gott nur glaubt? Sie ſieht ihn; die unge⸗ heuere That muß ſein rächender Arm beſtrafen. Er muß, oder das Gewölbe des Himmels iſt taub und leer, und Nie⸗ mand waltet in dem öden Nichts.“ Bei dieſen letzten Wor⸗ ten hatte ſie die Hand halb drohend, halb betheuernd erho⸗ ben; ihr Auge rollte, ein edler Unwille röthete ihre Wange. Nur an dem feuchten Glanze einer Thräne, die noch in ihren Wimpern hing, bemerkte man eine Spur der weichern Stimmung, aus welcher ſie in dieſe heftige Leidenſchaft ge⸗ rathen war. „So oft ich's mir vorgenommen,“ ſprach ſie nach einer Pauſe, indem ſie das Haupt ſchmerzlich mißbilligend bewegte und die gehobene Hand wieder herabſinken ließ,„meiner Ge⸗ fühle Herrin zu werden— es überwältigt mich doch immer wieder! Ach, dieſer Schmerz wird nicht alt und ſtumpf in unſerer Bruſt! Mit jeder Sonne geht er neu auf, und mit keiner geht er unter.“ In dieſem Augenblicke tönte durch die offenen Fenſter Saales, von der lauen Luft der Mainacht getragen, der llaut einer Silberſtimme, zwar aus einiger Entfernung, doch ganz vernehmlich herüber; Harfenklang miſchte ſich ie ſüße Melodie. Alle lauſchten geſpannt. „Die liebliche Sirene, Francoiſe Aliſette,“ ſprach die Gräfin lächelnd;„o dieſe Zauberin hat ſchon manches Mal die düſtern Träume, welche ſich mir ſo ſchwer um Bruſt und Haupt lagerten, verſcheucht. Es iſt eine junge Sängerin, eine Franzöſin, welche zu dem Theater hier in Warſchau ge⸗ hört.“ Man horchte aufmerkſam dem lieblichen Geſange; als er verſtummt war, zog die Gräfin eine Klingelſchnur und ſagte dem eintretenden Kammerdiener einige Worte. Dieſer ging.„Ich erwarte den Beſuch einiger Freundinnen für die⸗ ſen Abend,“ wandte ſie ſich zu den Gäſten;„es wird Ihnen doch nicht unangenehm ſein?“ Sie wurde unterbrochen, in⸗ dem die Thüre eines anſtoßenden Gemaches ſich öffnete und eine junge Dame in leichter weißer Frühlingskleidung ein⸗ trat. Die Männer ſprangen mit eiliger Höflichkeit von ih⸗ ren Sitzen auf, die Gräfin aber ging der Ankommenden ent⸗ gegen, nahm ſie bei der Hand und ſtellte ſie mit den Wor⸗ ten vor:„Meine Hausgenoſſin; den Namen verſchweige ich, weil Graf Jaromir zeigen ſoll, ob er ein treues Gedächtniß hat.“ Jaromir betrachtete die ſchöne Geſtalt mit dem Aus⸗ druck verwirrten Befremdens, welches eine ſolche Aufgabe des Wiedererkennens ſtets hervorbringt, wenn man ſeiner Erinne⸗ rungen nicht ganz ſicher iſt. Die edlen Züge der Unbekann⸗ ten wurden durch ein angenehmes Erröthen verſchönert. Sie gewährte in ihrer jungfräulichen Schüchternheit faſt einen klö⸗ ſterlichen Anblick, welchen zum Theil auch ein faltiger, wei⸗ ßer Schleier, den ſie trug, hervorbrachte; er war mit golde⸗ nen Nadeln in dem dunkeln Haar befeſtigt und wallte, leicht hinter die Locken zurückgeſchlagen, an der Wange hernieder über die Schulter bis faſt auf das Knie hinab. Auf der andern Seite verhüllte er eine friſche Roſe im Haar, ſodaß dieſelbe nur mit mattern Farben durch das Gewebe ſchim⸗ merte. Der zarte Wuchs, den die Sommerkleidung mehr — 241— wahrnehmen ließ als verbarg, das Schüchterne, Ungewiſſe in der Haltung der Geſtalt, das verſchämte Lächeln, der ſcheue und doch zutrauliche Blick des Auges vollendeten die zaube⸗ riſche Anmuth, welche in der ganzen Erſcheinung lag. „Wahrlich,“ rief endlich Jaromir,„ich ſtehe ganz be⸗ ſchämt; wenn Sie Töchter hätten, Gräfin—“ „So würden Sie dennoch falſch rathen,“ unterbrach ihn dieſe. „Ich war wol zu ſehr Kind,“ begann die Eingetretene mit wohllautender Stimme,„als daß ich Anſprüche darauf machen ſollte, ſelbſt einem ſo nahen Verwandten im Ge⸗ dächtniß geblieben zu ſein.“ Nach dieſem Wink heftete Jaromir ſchärfer forſchende Blicke auf das reizende Weſen; ſie lächelte mit holder An⸗ muth, als wolle ſie ſagen:„Nun, erkennſt Du mich noch nicht? Da rief er plötzlich aus;„Lodoiska, wäreſt Du es?“„Endlich gefunden,“ ſprach die Gräfin; doch Ja⸗ romir hatte Lodoiska's Hand ergriffen, küßte ſie feurig, zog dann das ſchöne erröthende Mädchen ſanft an ſich, umarmte ſie und drückte ihr den nach polniſcher Sitte geſtatteten Kuß aauf die Stirn. Sie erwiderte dieſe Vertraulichkeiten zwar 3 ein wenig befangen, doch mit Herzlichkeit. „Die ſeit lange geſtorbenen Väter dieſer Beiden waren Brüder,“ begann die Gräfin erklärend zu Ludwig und Bern⸗ hard.„Die ſterbende Mutter hat mir dieſes holde Vermächt⸗ niß hinterlaſſen. Sie war meine innigſte Freundin,“ ſetzte ſie nach einigen Augenblicken mit Wehmuth hinzu, während ſie die Blicke wohlwollend auf Lodoiska geheftet hielt. „Meine Pflegetochter und ihr Vetter Jaromir ſind zuſam⸗ men erzogen und haben ſich ihre ganze Jugend hindurch als Geſchwiſter betrachtet.“ In der That hatte ſich die Wier aulichas uisen Bei⸗ — 242— den ſehr raſch hergeſtellt; Jaromir ſetzte ſich zu Lodoiska, ließ ihre Hand nicht mehr los und that ihr tauſend Fragen, welche ſie theils erwiderte, theils mit dem innigſten Antheil beantwortete. Indeſſen verſtanden Bernhard und Ludwig von den Einzelheiten des Geſprächs nichts, weil jene Beide ſich ihren Jugenderinnerungen wie natürlich in ihrer Mutterſprache überließen. Es dauerte nicht lange, ſo hörte man das Rol⸗ len eines Wagens, und bald darauf traten zwei ältere Da⸗ men ein, welche die Gräfin als Freundinnen vorſtellte. Die Unterhaltung wurde nun allgemein; man führte ſie faſt aus⸗ ſchließlich franzöſiſch; doch wandte ſich die Gräfin, die ge⸗ läufig deutſch. ſprach, auch oft in dieſer Sprache zu Ludwig und Bernhard, weil ſie dieſelbe liebte, und die edle Weiſe, in der beſonders Ludwig ſich darin auszudrücken wußte, ihr ungemein wohlgefiel. Zweites Capitel. Man war auf dieſe Art in ein ſehr lebhaftes Geſpräch gerathen, dem es keinen Eintrag that, daß es ſich oft in drei verſchiedenen Zungen kreuzte. „Es ſollte mich wundern, ſprach die Gräfin, als eine augenblickliche Pauſe eingetreten war,„wenn der Oberſt aus⸗ bliebe, da er ſonſt nicht leicht einen Abend bei mir zu ver⸗ ſäumen pflegt. Zwar weiß ich ſehr wohl, daß hier im Hauſe ihn Niemand feſſelt; allein er trifft nicht ſelten einen Lieb⸗ ling hier, und auch heute wird es der Fall ſein, wiewol ihm anfangs dieſe überraſchung nicht zugedacht war. 8 — 243— „Und wen meinen Sie,“ fragte Bernhard mit einer ge⸗ wandten Wendung;„wen könnten Sie noch erwarten, der geeigneter wäre, einen Mann an dieſes Haus zu feſſeln, als dieſe bereits verſammelten Damen?“ „Das bleibt, hoffentlich aber nur noch ganz kurze Zeit, mmein Geheimniß, bis ich durch die That antworten kann. Aber wahrlich, ich kann es ſchon,“ rief die Gräfin, nach der Thür blickend, und eilte der jungen Dame, welche eben eintrat, entgegen.„O wie gütig,“ redete ſie die Kommende an,„daß Sie meiner ſpäten Einladung ein ſo freundliches Ja geſagt haben. Aber Ihre Töne lockten mich ſo ſüß, un⸗ widerſtehlich, daß ich nicht umhin konnte, die unbeſcheidene Bitte zu wagen.“ „Müſſen Sie mich denn immer beſchämen?“ entgegnete Francoiſe Aliſette, denn ſie war die eben Eingetretene, mit dem anmuthigſten Klang der Stimme, indem ſie ſich neigte, und wie mit kindlicher Aufmerkſamkeit, zugleich aber auch mmit Ehrfurcht vor dem hohen Rang der reichen Gräfin, die Hand derſelben zu küſſen. Die Gräfin hinderte es jedoch und küßte das anmuthige Mädchen recht herzlich auf die friſchen Lippen.„Sie wiſſen es nur gar zu gut,“ ſprach dieſe,„daß es mich über Alles glücklich macht, wenn eicj einen Abend bei Ihnen zubringen kann.“ In dem Weſen dieſes Mädchens lag eine ganz eigne Miſchung von Zärtlichkeit und Schalkhaftigkeit; man wußte kaum, ob ſie es ernſtlich meinte, oder ob ſie Spott mit der Gräfin trieb. Indeſſen, mochte auch das Letztere der Fall ſein, man hätte es ihr doch vergeben müſſen, weil es mit einer ſo liebenswürdigen Anmuth geſchah, daß an ein Er⸗ Zürnen gar nicht zu denken war. An der Hand der Gräfin — 244 lichkeit, als ob ſie mit Allen bekannt wäre, rings im Kreiſe herum und nahm dann zwiſchen Jaromir und Bernhard Platz. Sie begann ſogleich ein munteres Geſpräch, auf wel⸗ ches Bernhard mit Leichtigkeit einging; Jaromir ſchien ſich weniger um die anmuthige Nachbarin zu kümmern, ſondern ſetzte ſeine vertraute Unterhaltung mit Lodoiska fort. Aliſette war bald munter, bald weich; mit einer unglaublichen Schnelligkeit ging ſie aus einer Stimmung in die entfernteſte, entgegengeſetzte über, ohne daß dabei irgend eine Abſichtlich⸗ keit oder Gewaltſamkeit zu bemerken geweſen wäre. Ihre Züge bildeten, ſei es nun aus Gewohnheit der Schauſpiel⸗ kunſt, oder aus natürlicher Anlage, ſtets den getreueſten Spiegel ihrer Empfindungen oder vielmehr ihrer Außerungen. Dadurch gewann ſie einen ganz eignen, ſchwer beſchreib⸗ lichen Reiz; ihr Geſicht glich in gewiſſer Hinſicht dem eines Kindes im zarteſten Alter, wo ſich auch die leiſeſten Regun⸗ gen der Freude und der Schmerzen ſogleich auf das beſtimm⸗ teſte ausprägen. Nichts aber kam ihrem Entzücken gleich, als ſie hörte, daß Bernhard in England und Schottland geweſen ſei.„Ach,“ rief ſie aus,„ſo finde ich doch endlich Jemand, mit dem ich von dem Lande reden kann, wo ich meine ſchönſten Tage verlebte; freilich aber auch meine trau⸗ rigſten,“ ſetzte ſie plötzlich betrübt hinzu. Bei den erſten Worten glänzte ihr Angeſicht ſo heiter wie der Frühlings⸗ himmel, und ihre lächelnden Lippen zeigten die blendendſte Perlenſchnur kleiner Zähne; mit dem Zuſatz aber ſchien es, als falle ein Wolkenſchatten auf die freie, heitere Stirn, und faſt glaubte man den Blick durch eine Thräne getrübt zu ſehen. „Ihre freudigſten und Ihre betrübteſten Tagen zugleich verlebten Sie dort?“ fragte Bernhard.„Ich könnte von mir faſt Daſſelbe ſagen. Aber darf ich Sie um Das fragen, was — — 245— Ihr Gluck ſtörte?“ ſetzte er hinzu.„Denn nach Dem, was es begründete, zu forſchen, würde etwas verwegen ſein.“ „Wie muthwillig und eitel zugleich zeigen Sie ſich,“ rief Aliſette mit komiſchem Zorn aus, und ſogleich legte ſich ihre Stirn in krauſe Falten;„recht wie ein Mann; denn wahrlich, Ihr Alle bildet Euch ein, man könne nur durch Euch gluͤcklich werden.“ „Und iſt es nicht ſchon beſcheiden genug,“ entgegnete Bernhard auf den Scherz eingehend,„daß ich wenigſtens auch andere Urſachen zum Unglück annehme?“ „Nein, darüber müſſen Sie nicht ſcherzen,“ ſprach Francoiſe wehmüthig, aber leiſe, ſodaß ſie ihre Worte nur an Bernhard richtete;„ich verlor meine einzige, über Alles geliebte Schweſter dort, die kurz zuvor Witwe geworden war und mir kein anderes Andenken hinterließ als ihr verwaiſtes kleines Töchterchen Nadine, die mir dereinſt die Mutter erſetzen ſoll. Ach, mein Herr, Sie glauben nicht, wie viel Jammer ſich im Leben zuſammenhäufen kann! Ihr Rei⸗ chen und Vornehmen wißt nicht, in wie viele Bedrängniſſe der Arme und beſonders ein hülfloſes Mädchen nur zu leicht kommt! Wir müſſen davon abbrechen, es taugt nicht füͤr ſo Viele; erzählen Sie mir lieber, wie es Ihnen in Eng⸗ land gefallen hat.“ „Nicht ſo gut als in Schottland,“ antwortete Bern⸗ hard;„denn dort zog mich die wunderbare Natur des Lan⸗ des und der Menſchen an, während mich in London die wunderliche Unnatur der letztern zurückſtieß. In Schottland fand ich auch tauſendmal mehr Gegenſtände für meinen Pinſel— denn ich bin Maler— als in England.“ „Sie ſind Maler!“ rief Aliſette freudig aus.„O das iſt herrlich! Da haben Sie gewiß viele Zeichnungen mitgebracht, die Sie mir zeigen müſſen, denn auch ich bin das Land vielfältig durchreiſt.“ „Sehr gern,“ entgegnete Bernhard;„doch für jedes Blatt, welches ich Ihnen zeige, müſſen Sie mir ein Lied ſingen!“ „Tauſend, mit Freuden,“ ſprach Aliſette munter, und jede Spur des Ernſtes oder Schmerzes war aus ihren Zügen verſchwunden.„Oder glauben Sie wol, ich ſänge ungern? Ach, meine ganze Seele iſt glücklich, wenn ich nur ſingen kann.“ Bernhard wollte ihr eben ſagen: nun, ſo machen Sie doch ſich und uns zugleich glücklich, als ihr Geſpräch durch das Eintreten eines Fremden, des Obriſten Regnard, unterbrochen wurde. Dieſer war ein ſtattlicher Mann, viel⸗ leicht vierzig Jahre alt; doch ſchienen ſeine Züge anzudeuten, daß er das Leben raſcher genoſſen habe, als heilſam zu ſein pflegt. Seine Stirn wurde durch eine breite Narbe, die ſich am Auge nahe den Schläfen herunterzog, nicht entſtellt; der Blick hatte nur noch ein abnehmendes Feuer; ſeine Züge waren beſtimmt, bedeutend, Geiſt verrathend, doch ohne Le⸗ bendigkeit. Im übrigen beſaß er eine große Gewandtheit des Benehmens und jene beſonnene Haltung, welche der Franzoſe ſelten eher als in den Jahren des Obriſten erwirbt. Der Deutſche erlangt ſie zehn Jahre früher. Regnard ging auf die Wirthin zu und begrüßte ſie mit dem feinen Anſtande des Weltmannes; gegen die übrigen Perſonen verbeugte er ſich im Allgemeinen, ohne irgend Je⸗ mand beſonders auszuzeichnen; nur Aliſetten warf er einen bekannten, freundlichen Blick zu.„Ich ſehe hier,“ begann er nach einigen Augenblicken,„etwas doppelt Auffallendes für mich; drei mir ganz fremde Herren in einer mir eben ſo un⸗ bekannten Uniform. Darf ich Sie bitten,“ wandte er ſich p— — 247— zur Gräfin,„mich mit meinen Kameraden bekannt zu ma⸗ chen?“ Sie ſtellte ihm die neuen Ankömmlinge vor. „Alſo Graf Raſinski wird bald hier eintreffen?“ fragte der Oberſt, als ihm das Verhältniß der jungen Männer zu dieſem bekannt gemacht wurde.„Dies freut mich ungemein, denn wir haben in Spanien und Italien manchen heißen Tag miteinander zugebracht. Ein trefflicher Soldat,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich halb zur Gräfin, halb zu den jungen Männern wandte;„der Kaiſer konnte den Führer eines Frei⸗ corps nicht beſſer wählen. Der Graf hat militairiſchen Blick, er überſieht den Zuſammenhang großer Operationen und be⸗ urtheilt mit Scharfblick, an welchem Punkte die ſcheinbar kleine Hilfe zu einer unberechenbar großen wird. Die mei⸗ ſten Führer ſolcher Corps verſehen es darin, daß ſie ihre Unternehmungen nur für ſich betrachten und ausführen. Es iſt ganz gut, wenn man dem Feinde einen Transport Le⸗ bensmittel abnehmen kann, wenn man ein Detachement ab⸗ ſchneidet oder aufhebt, ihn auch allenfalls einmal nur be— unruhigt und dadurch ermüdet; im Großen aber wird da⸗ mit wenig gefördert. Der wahre Parteigänger muß entweder die Rolle der Biene ſpielen, welche den Jäger in die Hand ſticht in dem Augenblicke, wo er abdrücken will; oder er muß im andern Falle die der Maus übernehmen, welche das Netz zernagt, in dem ſich der Löwe gefangen hat.“ Der Obriſt ſprach über militairiſche Gegenſtände mit einer großen Klarheit und ſehr entſchieden, ohne jedoch in jenen unangenehmen Ton zu verfallen, welcher ſtets vor⸗ auszuſetzen ſcheint, daß man völlig Unkundige zu unter⸗ richten und ihnen ganz beſondere Schätze des Wiſſens mit⸗ zutheilen habe. Er warf ſeine einſichtigen Bemerkungen wie beiläufig, als Dinge, die ſich eigentlich von ſelbſt verſtehen, hin, und in ſeiner ſich überhaupt wenig ändernden Miene — 248— zeigte ſich nichts, was eine prunkende Anerkennung des Werths einer ausgeſprochenen Meinung zu erwarten ſchien. So auch jetzt, wo Alles, was er ſagte, eigentlich nur den Charakter eines Lobſpruches für Raſinski trug. Jaromir be⸗ antwortete die Bemerkungen des Obriſten beiſtimmend, wo⸗ durch ſich ein Geſpräch über militairiſche Gegenſtände ent⸗ ſpann, dem Bernhard und Ludwig mit Antheil folgten. Dies zog ſie ein wenig von der Unterhaltung mit den Da⸗ men ab, und ſie wurden daher um ſo angenehmer überraſcht, als plötzlich einige Accorde auf dem geöffneten Flügel ertön⸗ ten. Es war Francoiſe Aliſette, die, zum Singen aufge⸗ fordert, ſich mit heiterer Anmuth an das Inſtrument geſetzt hatte und, indem ſie wie unwillkürlich einige Griffe that, ſinnend aufwärts blickte, als ſuche ſie etwas, das ſie vor⸗ tragen möchte. „St!“ ſprach der Obriſt.„Nun laßt uns zuhören, meine Freunde! Ewig ſchade iſt es um jeden Laut dieſer Silberſtimme, der ungehört verloren geht.“ Alle wandten die Blicke auf Aliſetten, welche jetzt mit leichtem Wiegen des holden Köpfchens eine franzöſiſche Ro⸗ manze ſang, deren ſanfte, wellenförmig auf⸗ und niederſchwe⸗ bende Melodie von ihr mit zarteſter Innigkeit vorgetragen wurde. Es war ein in der That reizendes Schauſpiel, ſie dabei anzuſehen; denn ohne irgend eine Abſichtlichkeit, ohne irgend gemachtes Mienenſpiel anzuwenden, folgte doch der Ausdruck ihrer Züge dem der Worte und Töne bis in die feinſten Beziehungen nach. Die ſchönen Wellenlinien ihres Antlitzes ſchienen durch den zarteſten Hauch der Klänge be⸗ wegt zu werden, wie der klare Spiegel eines Weihers ſich leiſe wehenden Lüften mit ſanftem Wiegen anſchmiegt. Und welch ein namenloſer Reiz lag in dieſen ſilberhellen Tönen, die ſich ſo ſchmeichelnd an das Ohr legten, mit ſo rühren⸗ — — — der Bitte an das Herz zu dringen ſchienen! Alles lauſchte mit zurückgehaltenem Athemzuge. Bernhard ließ ſeine forſchen⸗ den Blicke ringsumherſchweifen; er hätte gern Alles portrai⸗ tirt, was im Zimmer Auge und Ohr hatte; denn der An⸗ theil, welcher ſich auf jedem Angeſicht ausdrückte, verlieh auch jedem einen beſondern maleriſchen Charakter. Von jeher ge⸗ wohnt, den Ausdruck der Züge aus den verborgenen Tiefen der Seele zu erklären, weil er überzeugt war, daß alle For⸗ men einem geiſtigen Geſetz gehorchten, welches uns nur nicht immer gleich verſtändlich iſt, beſchäftigte er ſich auch jetzt da⸗ mit, dieſe ſchönſte Hieroglyphenſchrift zu enträthſeln, wobei man freilich oft noch in viel dunklere Irrwege geräth, als wenn man die Geheimniſſe ägyptiſcher Katakomben aus der magiſchen Schrift der Prieſter zu enthüllen ſucht. Indeſſen entgingen ihm doch zwei Bemerkungen nicht. Lodoiska ſchien weniger durch den Geſang ergriffen zu werden, als mit ge⸗ ſpannter, faſt unruhiger Aufmerkſamkeit die Wirkung deſſel⸗ ben auf Jaromir zu beobachten; dieſer dagegen war ſo ver⸗ ſunken in den Anblick der Sängerin, daß er es nicht be⸗ merkte, wie dieſelbe in faſt auffallender Weiſe Blicke und Worte nur an ihn richtete. Noch ein Drittes entdeckte Bern⸗ hard kurz vor dem Schluß des Liedes; nämlich daß der Obriſt den letzten Theil ſeiner Wahrnehmung ebenfalls ge⸗ macht zu haben ſchien und darüber die Stirn in finſtre Fal⸗ ten zog. Bernhard war zu geübt in der Schule der Erfah⸗ rung, um aus Dem, was er ſah, nicht mancherlei Muth⸗ maßungen zu ſchöpfen. Einige Äußerungen der Gräfin hat⸗ ten es deutlich zu verſtehen gegeben, daß der Obriſt ſich ſehr angelegentlich um die Gunſt der reizenden Aliſette bewerbe; wenn dieſe daher dem ſchönen, jugendlichen Jaromir den Vor⸗ zug gab, ſo konnte dies zu verwickelten Unannehmlichkeiten führen, da der Obriſt nicht ausſah wie ein Mann, der 11**† einen Nebenbuhler geduldet hätte. Bei allem Schein jung⸗ fräulicher Schuldloſigkeit in Francoiſens Benehmen und We⸗ ſen wollte es Bernhard aber doch bedünken, als könne die⸗ ſer Schein täuſchen. Zu häufig hatte er im Leben ſchon Gelegenheit gehabt, die Erfahrung zu machen, in welchem Grade die Frauen durch ihr äußeres Weſen ihr Inneres zu verhüllen wiſſen, und wie ſchwer es hält, zu unterſcheiden, ob ein unſchuldiger Blick aus einer unſchuldigen Seele kommt. Er hatte wenig Grund zum Verdacht gegen Aliſetten, und was er ſo eben bemerkte, konnte eben ſo leicht Zufall als Abſicht ſein, da Jaromir ihr gerade gegenüber ſtand; indeſſen war es ihm, als rufe eine innere Stimme ihm zu: der blaue, klare Spiegel dieſes Gewäſſers, welches Sonnenlicht und Himmel in ſo ſchöner Verklärung zurückwirft, bedeckt eine gefährliche Tiefe! Dagegen ſprachen Lodoiska's edle, ſanfte Züge unfehlbar das tiefſte Innere ihrer Seele aus, und ohne durch den Reiz dieſer Geſtalt mehr als ganz all⸗ gemein angeregt zu werden, ſchien ihr Bild ihm doch unab⸗ weislich zuzurufen: dieſer darfſt du trauen; ihr Auge iſt auch ihr Herz. Aber ſchien nicht eben dieſes Auge, wie es ſich ſo unruhig auf Jaromir heftete, zu ſagen: Du trauter Jugendfreund, Dich liebe ich aus tiefſter treueſter Bruſt! Muß ich ſehen, daß dieſe lockende Sirene Dich mit den ſilbernen Zauberfäden ihrer Töne umſpinnt, um Dich mir zu entführen? — — 251— Drittes Capitel. Der Geſang war zu Ende. Die Gräfin trat auf Ali⸗ ſetten, die unbefangen ſitzen geblieben war, zu, ergriff ihre Hand, ſtreichelte ihr freundlich das Kinn und ſprach:„Wie rührend, wie ſanft bewegend; o, ich glaube, dieſe milden Töne müßten den heftigſten Sturm in der Bruſt zum Schweigen bringen. Sie ſind das lindernde Ol, welches der Schiffer in die Brandung gießt, um das empörte Meer zu beſänftigen. Welch ein Glück, wenn man einen ſolchen Troſt des Himmels bei ſich führt!“ „Ach,“ antwortete Aliſette mit einem leiſen Seufzer, „wenn ſie auch vielleicht eine fremde Wunde kühlen, den brennenden Schmerz der eignen lindern ſie nicht!“ „Wie?“ ſprach Ludwig,„ſollte eine ſolche Göttergabe den umgekehrten Fluch der Kaſſandra mit ſich führen?“ „Wie ſo?“ fragte die Gräfin. „Jene,“ erwiderte Ludwig,„verkündete die Wahrheit und Niemand glaubte ihr; dieſer ſchönen Prophetin glauben Alle; nur ihr ſelbſt ſollte die ſüße Wahrheit ewig unver⸗ ſtanden bleiben?“ Aliſette ſchien betroffen über Ludwigs Bemerkung; Bern⸗ hard, der ſie gehört hatte, trat näher und fiel ein:„Unſere Kaſſandra hat Recht. In vielen Fällen gleicht die Kunſt der Sonne, die Alles wärmt und belebt, aber ſelbſt entwe⸗ der ein kalter Körper iſt, oder ein Feuerkoloß, der in ſich zu Aſche brennt. Das Letztere iſt häufiger. Die Welt nennt die Künſtler glücklich, weil ſie Glück verbreiten; Wenige aber wiſſen, wie theuer oft das Kunſtwerk von dem Künſtler er⸗ kauft wird. Wenn ich ſanfter vergleichen will, ſo möchte ich — 252— ſagen, die Gaben der Kunſt gleichen einer thauenden Wolke, welche, indem ſie die Flur mit erquickenden Perlen über⸗ ſchüttet, ſich ſelbſt verzehrt und dahinſchwindet.“ „O, das iſt ſo wahr,“ rief Aliſette mit wehmüthigem Blick;„wie oft war mir's, als ſolle ich an meinen Tönen ſterben, und welch einen bitterſüßen Tod!“ „Ich kann mir nicht denken,“ entgegnete Ludwig,„daß die wahre Kunſt nicht eine tröſtende, erhebende Gefährtin durch das Leben ſein ſollte, deren Fittig uns trüge und küh⸗ lend bedecke, wo der Pfad durch brennende Wüſten führt.“ „Das thut er freilich,“ rief Bernhard,„wenn Du Dich erſt in einer ſolchen Wüſte befindeſt; dafür aber treibt dieſer ſcheinbar ſo ſanft leitende und tröſtende Genius Dich auch mit dämoniſcher Gewalt aus allen ebenen und betretenen Bahnen des Lebens heraus in die Wildniß hinein; er reißt Dich an Abgründen dahin, ſtürmt Dich jähe Felshöhen hin⸗ auf, ſchleudert Dich in ſchäumende Wirbel eines empörten Oceans, um Dich von der kalten Woge an irgend ein ödes Eiland werfen zu laſſen.“ Ludwig ſchüttelte ernſt das Haupt.„Einiges iſt wahr von Dem, was Du ſagſt,“ erwiderte er,„doch Du ſchilderſt nur die Hälfte, ſprichſt nur von den rauhen Nächten des künſtleriſchen Lebens, von den Ungewittern ſeines milden Frühlings, aber nicht von dem göttlichen Tag, den es Euch leuchten, nicht von den tauſend Blüten, die es auf Euren Pfaden ſprießen, nicht von dem ſanften Mondglanz, den es in die dunkeln Tiefen einer trauernden Bruſt ſo tröſtend hinabſchimmern läßt.* „Tiefere Wunden, ſüßerer Troſt; das iſt Alles mit einem Wort geſagt,“ antwortete Bernhard kurz, beſtimmt, aber nicht ohne eine leiſe Schattirung wehmüthigen Aus⸗ drucks. —— —— — 253— Die Gräfin und Francoiſe hatten mit Antheil zugehört. „Wie ſeltſam iſt es doch,“ ſprach die Letztere,„daß man oft Etwas ganz genau gekannt und empfunden hat, ohne es ei⸗ gentlich zu wiſſen; wie oft habe ich das Alles gefühlt, und doch wird es mir erſt jetzt ſo klar! Wie beneide ich die Männer, welche ihre Gedanken und Gefühle ſo auszuſpre⸗ chen wiſſen! Und Sie haben Beide Recht,“ wandte ſie ſich zu Bernhard und Ludwig,„obgleich Sie verſchiedener Mei⸗ nung zu ſein ſcheinen.“ Das ernſte Geſpräch hätte ſich wol noch eine Zeitlang fortgeſetzt, wenn nicht der Obriſt dazwiſchengetreten wäre, um ſich mit Artigkeit zu Aliſetten zu wenden und ihr nach geſelligem Gebrauch einiges Verbindliche über ihren Geſang zu ſagen. „Sie haben uns gerührt, ich möchte faſt behaupten, zu ſehr erweicht,“ ſprach er;„allein ich weiß, daß Sie inner⸗ lich über uns lächeln, weil Sie ſich der Zaubermacht wol bewußt ſind, mit der Sie eben ſo leicht die Heiterkeit zurück⸗ führen und aufs Neue flattern laſſen, als Sie ihr jetzt die muthwilligen Flügel gebunden haben. Wir wiſſen Alle, daß Sie nicht nur ein Proteus ſind, der ſich ſelbſt, ſondern auch eine Circe, die Andere nach Belieben verwandelt. Allein was hälfe es, gegen die Macht der holden Zauberin unwillig zu murren? Sie würde nur deſto loſer ihre Willkür üben; es bleibt uns daher nichts übrig, als daß wir uns aufs Bitten legen. Das thue ich denn, ſchöne übermüthige Gebieterin! Wie wäre es, wenn Sie die dunkelfarbigen Nachtvögel, welche Ihr Klagelied herbeigelockt hat, verſcheuchten und ei⸗ nige bunte Tagſchmetterlinge flattern ließen, die ſich mit ihren farbigen Flügeln ſo reizend im Sonnenſtrahl wiegen?“ Aliſette ſah ihn mit einem anmuthigen, faſt ſchalkhaf⸗ ten Lächeln an und ſprach ein ungemein wohllautendes„Gern, ſehr gern!“ Faſt in demſelben Augenblicke begann ſie auch ſchon das Vorſpiel zu einem fröhlichen Liedchen, welches ſie mit ſo hellen, friſchen Tönen anſtimmte, daß man eine wir⸗ belnde Lerche zu hören glaubte, die ſich am ſchönſten Früh⸗ lingsmorgen über die bethaute Saat in den blauen Ather aufſchwingt; und dieſe Morgenfriſche verbreitete ſich in jeder Bruſt, ſelbſt die ernſte Lodoiska ließ iri.. Lächeln um ihre Lippen ſpielen. So wie Francoiſe geſchloſſen hatte, ſprang ſie munter auf und eilte auf Lodoiska zu, welcher in der Ecke des So⸗ pha's ſaß.„Nun, liebe Gräfin,“ bat ſie,„müſſen Sie uns ein Lied ſingen; Ihre kleinen, polniſchen Nationallieder ſind gar zu reizend, ſo wenig ich auch von den Worten verſtehe.“ „O nein, nein,“ entgegnete Lodoiska ſanft abwehrend, „wie ſollte ich meine traurigen Geſänge, meine bebende Stimme nach dieſen lieblichen Tönen vernehmen laſſen!“ „O, ſie lautet ſo ſüß, ſo rührend! Oder glauben Sie, ich hätte Sie nicht belauſcht, wenn Sie bisweilen ſpät in der Nacht in Ihrem Zimmer dieſe eigenthümlichen Lieder unbefangen für ſich geſungen haben?“ Lodoiska erröthete mit Lieblichkeit.„Ja,“ fuhr Aliſette fort, indem ſie Lodoiska's Hand mit einer bittenden Bewegung ergriff,„die Nacht und offene Fenſter ſind oft Verrätherinnen der ſüßeſten Ge⸗ heimniſſe. Das kleine Lied,“ hier ſummte ſie die Melodie, welche den Anfang deſſelben bildete,„möchte ich Sie auch einmal ſingen ſehen, da ich es nun ſchon zwei Nächte hin⸗ tereinander gehört habe.“ Lodoiska glühte wie eine dunkle Roſe, denn, ohne es zu wiſſen, hatte Francoiſe ſie ſehr in Verlegenheit geſetzt, da die Worte des Liedes Denjenigen, die des Polniſchen kundig waren, in der That Herzensgeheimniſſe zu verrathen ſcheinen mußten. 1 8½ — 335—— 5 „Das Lied,“ ſprach ſie,„iſt eine Erinnerung aus frü⸗ her Kindheit, wo ich es oft von meiner Mutter hörte; ganz zufällig habe ich es zwei Abende hintereinander, wo mich die Nachtigall hier gegenüber wach erhielt, geſungen.“ „So ſingen Sie es auch den dritten,“ erwiderte Fran⸗ coiſe;„bitte, bitte“ Dabei ſchmeichelte ſie ſo anmuthig, daß Lodoiska ſehr dungende Gründe hätte haben müſſen, um ihr eine abſchlägige Antwort zu ertheilen. Sie würde die⸗ ſelbe freilich gern gegeben haben, doch fühlte ſie jetzt, daß es beſſer ſei, ſich willig zu zeigen, als den Worten des Liedes durch Weigern ſtatt der zufälligen Beziehung eine wirkliche zu geben, zumal da ſie annehmen durfte, daß Jaromir und die Gräfin es wahrſcheinlich ſchon an der Melodie erkannt hatten. Sie gab daher den Bitten Aliſettens nach, ließ ſich von dieſer, wiewol ein wenig befangen, an das Inſtrument führen, ſetzte ſich und begann: Einſam wandle ich ſo gerne, Suche mir den ſtillſten Weg; Von den Frohen bleib' ich ferne, Liebe Waldes dunklen Steg; An der Felſenwand, An des Baͤchleins Rand Setze ich mich ſinnend nieder:— Wann, ach wann kehrſt Du mir wieder! Auf der Luͤfte linden Schwingen Kehrt der holde Lenz zuruͤck; Alles wird er wieder bringen, Alle Luſt und alles Gluͤck. In dem dunkeln Hain, Selig, traut allein, Toͤnen neu die alten Lieder— Wann, ach wann kehrſt Du mir wieder! — 256— Wenn die kleinen Schwalben fliehen Unſer traulich ſtilles Dach, Mochte ich befluͤgelt ziehen In die fernſten Lande nach. Ob die Lippe bleicht, Bis ich Dich erreicht, Senk' ich nimmer mein Gefieder— Wann, o wann kehrſt Du mir wieder! Wie des Baͤchleins Wellen fließen Fort und fort bis an das Meer, Werde Thraͤnen ich vergießen, und ſie trocknen nimmermehr. Saͤumeſt Du noch lang, Bricht mein Herze bang, Legt das muͤde Haupt ſich nieder— Wann, ach wann kehrſt Du mir wieder! Lodoiska hatte eine ſanfte, ungemein rührende Stimme, der ſie aus Schüchternheit nur ganz leiſe Töne entlockte, welche aber in ihrem reinen Anſprechen den bebenden, ver⸗ wehenden Klängen der Polsharfe glichen. Verbunden mit dem leichten Erröthen des edlen Angeſichts, weil die Worte ge⸗ heime Regungen ihres Herzens auszuſprechen ſchienen, brachte ihr Geſang eine ganz eigenthümliche Wirkung hervor. Es war die Jungfräulichkeit ſelbſt, die ſich hier gewiſſermaßen in Tönen darſtellte; nicht ein Kunſtwerk, ſondern ein holdes Bild der Natur, welches dieſe in heiligen Momenten ſchuf und mit allen rührenden Reizen des Lebens ausſtattete. Es ließ ſich leicht erklären, weshalb Lodoiska das Lied, welches ſie geſtern noch ganz unbefangen geſungen haben würde, heute mit einiger Schüchternheit vortrug. Denn da ſeit wenigen Stunden in ihrem Herzen die erſten Keime zu einer beſon⸗ dern Beziehung der Worte auf ihr eignes Leben zu ſproſſen begannen, ſo brachte dies dunkle Ahnen jene Scheu hervor, e — 257— welche ſie ſonſt nicht gekannt haben würde. Der Mann iſt leichter geneigt als die Jungfrau, in Zufälligkeiten Abſichten zu ſuchen, wenn dieſe ſeinen Wünſchen entſprechen; deshalb wagte Jaromir, und ſein Herz ſchlug dabei in überſchweng⸗ licher Freude, dieſe Worte für ſich zu deuten. Er bedachte, daß ſie, wie Francoiſe erwähnt hatte, dieſes Lied in einſamen Stunden der Nacht geſungen; hatte ſie dabei an ihn gedacht? Ja, jal ſagte er ſich und glaubte, was ſeine heißeſten Wünſche waren. Dieſes vermeinte Entgegenkommen ihrer Liebe ent⸗ flammte die ſeinige daher ſchnell zur mächtigen Glut; ihm ward das ſeltene Glück, nicht zu zweifeln, ob die Geliebte auch ihm hold geſinnt ſei, ſondern er glaubte ihr Herz ſchon enthüllt zu ſehen. Freilich nicht durch die That, denn ſie trug es wie die Roſe in der innerſten Blüte verborgen, ſon⸗ dern die Hand eines lenkenden Geſchicks ſtreifte die zarten Blätter des Kelches auseinander und zeigte das Kleinod, wel⸗ ches er verſchloß; dem diamantenen Thautropfen gleich glänzt es im tiefen Blüthenſchoos und ſtrahlte alle ſchönſten Farbe des Weltalls verklärt wieder; und mitten in ihrer ſchimmern⸗ den Külle glaubte Jaromir ſein Bild ſchweben zu ſehen. 8s war nicht gedankenloſe, gemüthsarme Eitelkeit, die ihn zu dieſem Errathen führte, ſondern der ſtarke Glaube des liebenden Herzens, die kühne Hoffnung der Jugend, wel⸗ che heiße Wünſche und ſüße Erfüllungen in glücklicher Täu⸗ ſchung zu verwechſeln vermag. Hier aber täuſchte er ſich nicht, wenn er auch vielleicht mehr errathen hatte, als ver⸗ reachen wurde, ja, als Lodoiska zu verrathen vermochte, da für ſie ſelbſt ihr Herz noch klöſterlich verſchleiert war. Der Wunſch des Obriſten, den die Muſik mehr unter⸗ hielt als bewegte, trug auf ein Duett an; doch Lodoiska ſprach ein ſanftes, aber entſcheidendes Nein. Es blieb dem DObriſten, der ſich nicht ſogleich ergeben wollte, keine Zeit zu 84 leuchteten Speiſeſaals öffneten ſich, man gina hinoin. ſter gingen nach dem Garten hinaus. Bei dieſer Anordnung — 258— einer Beſtuͤrmung, nachdem ſein erſter Verſuch zurückgeſchla⸗ gen war; denn die Gräfin unterbrach ihn mit der Auffor⸗ derung, ſie zu Tiſch zu führen. Er reichte ihr höflich den Arm; Jaromir bot den ſeinigen Lodoiska dar, Ludwig, der einer der ältern Damen nahe ſtand, führte dieſe, und Bern⸗ hard nahm Aliſetten an den linken, die andere, noch allein übrige Freundin der Gräfin an den rechten Arm.„Sie führe ich auf der Seite, wo mein Herz ſchlägt,“ ſprach er halblaut zu Aliſetten, welche ihm durch einen munter zu⸗ traulichen Blick antwortete. Die Thüren des glänzend er⸗ Viertes Capitel. Gegen Mitternacht zogen ſich die jugendlichen Krieasge⸗ noſſen erſt auf die ihnen angewieſenen Zimmer zurück. Es waren deren Drei, welche auf einem Corridor lagen; die Fen⸗ waren die Freunde beiſammen und getrennt, je nachdem es ihnen behagte; Jeder bewohnte ein eigenes Gemach, doch ein Schritt führte ihn in das des Nachbars. Jaromir wünſchte ³½ den andern Beiden eine gute Nacht; er ſchien müde zu ſeln. Bernhard und Ludwig blieben in des Erſtern Zimmer, wo ſie durch das Ludwigs von dem, in welchem Jaromir ſchlief, ge⸗ trennt waren, noch eine Zeitlang beiſammen, und ſprachen über die wunderbare Geſtaltung ihrer Lebensverhältniſſe, die plötzlich eine ſo völlig andere Wendung genommen hatten⸗ —— Es war dies eigentlich die erſte vertraute Stunde, welche ſie ſeit ihrer Abreiſe von Dresden mit einander zubrachten; denn ſie hatten den Weg aus vielen Gründen ſo eilig zu⸗ rücklegen müſſen, daß, zumal in der Gegenwart des noch we⸗ niger von ihnen gekannten Jaromir, zu einem ruhigen, Mit⸗ theilung geſtattenden Verweilen keine Zeit geblieben war. „Es ſoll mich wundern,“ ſprach Bernhard,„was For⸗ tung uns noch für Glückszüge mit ihrem Netze thun laſſen wird. Ich meinestheils habe ihr als ſtattlicher Graf Lomond die Thore möglichſt weit aufgeſperrt, während Du als Lud⸗ wig Soren nur auf ein paar Angelfiſchchen an Deinem kläg⸗ lichen Hamen zu hoffen haſt. Ich dagegen fiſche mit dem breiten Netz der Grafenkrone und darf erwarten, daß an ih⸗ ren neun Spitzen etwas von Belang hängen bleiben werde. Ja, hier in Polen fange ich ſchon an, es zu bereuen, daß ich mir nicht einen Fürſtenhut aufgeſtülpt habe, denn in der langen echten Perlenſchnur polniſcher Magnaten hätte ſich eine unechte, ſchottiſche Perle wol verloren. Nun, wer weiß, was geſchieht!“ „Ich beneide Dich um Deine glückliche Laune,“ erwi⸗ derte Ludwig;„allein ſo viel Mühe ich mir gebe, mein Schickſal von einer guten Seite zu betrachten, es will mir nicht gelingen. Ich denke, ich werde demſelben mit Ernſt und mit Faſſung entgegentreten; aber es liegt vor mir wie ein dürrer, ſchroffer Fels, auf dem ich nicht Raum zu ſo viel fruchtbarer Erde erblicke, um eine einzige arme Bluüte darauf zu ziehen. 9 1 „Es wird eine Hand kommen,“ antwortete Bernharr, „die wie Moſes gegen den Stein ſchlägt, daß ein reicher, friſcher Quell daraus hervorſprudelt. Bisweilen habe ich meine Stunden, wo mir ein unſichtbarer Dreifuß der Pythia untergeſchoben wird, und die Weisheit des delphiſchen Gottes — 260— aus mir redet. Jetzt eben glaube ich auf dem begeiſternden Seſſel recht behaglich zu ſitzen, und es zieht eine ganze La⸗ terna⸗Magica der roſenfarbenſten Bilder unſerer Zukunft vor mir vorüber. Ich ſehe gar nicht ein, weshalb wir nicht im erſten Gefechte den Offiziershut verdienen, im zweiten uns auf den Rittmeiſterſattel ſchwingen, im dritten ein paar Ma⸗ jorsepaulets erbeuten ſollten. Hat der ruſſiſche Kaiſer nur zwei oder drei tapfere Generale, ſo weiß ich nicht, weshalb der Krieg nicht mindeſtens ſieben Jahre dauern ſollte, und das iſt eine hinlängliche Zeit, um einen Marſchallſtab, mit einer Fürſtenkrone darauf, reif werden zu laſſen, gegen die ich meinen unechten ſchottiſchen Adelsbrief nicht unvortheil⸗ haft austauſchen würde. Und ſollte der Name Fürſt von Petersburg, oder Herzog von Archangel, oder gar, falls ich den rechten Flügel der Armee commandirte, Prinz von Aſtra⸗ chan nicht ſo gut klingen als Prinz von Pontecorvo, Her⸗ zog von Albufera oder Dalmatien? Mir daucht, ſtattlich genug würde es laſſen, wenn ich mich nur Herzog von Kamtſchatka, oder Fürſt von der Lena titulirte und einen Mammuthsknochen in mein Wappen aufnähme.“ „Du willſt den Feldzug etwas weit ausdehnen,“ erwi⸗ derte Ludwig lächelnd,„indeſſen bleibe ich dabei, Du biſt zu beneiden, daß Dir auf einem ſo ſchwarzen Hintergrunde der Zukunft ſo heitere Bilder erſcheinen.“ „Das iſt ein Malertalent,“ rief Bernhard,„und ich habe es viel geübt; ſtelle ich mich vor einen recht ſchwarzen Gewitterhimmel, ſo ſehe ich in den drohend gethürmten Wolken, in ihren kühnen Bogen und ſchweflichen Aus⸗ zackungen die wunderbarſten Zauberpaläſte und Gebirge. Aber Du ſcheinſt mir müde; laß uns daher verſuchen, ob ——.— /ↄ/—Xÿ nooch zu feurig in ſeinen Adern, um ſich dem trägen Schlaf hatte:„Hier ſitzen wir gerade meinen Fenſtern gegenüber, in welche die ganze Nacht der Mond freundlich hineinſcheint.“ den Flügeln warf, zu. Ohne irgend Jemand zu begegnen, — 261— . Ludwig nahm Bernhards Hand, wünſchte ihm eine gute Nacht und ging in ſein Zimmer. Bernhard fühlte den Geiſt des edlen Tokaier, den er nicht ſparſam getrunken hatte, überlaſſen zu können. Er trat ans Fenſter, öffnete es und blickte nach dem Garten hinaus, an dem der eine Seiten⸗ flügel des Palaſtes ſich hinunterzog. Ein kühler Abendwind rauſchte in den Bäumen und wiegte die Büſche leicht hin und her; der Mond ſtand tief und warf daher den finſtern Schatten des Gebäudes weit über den grünen Gartenteppich hin. Da aber, wo ſein Strahl durch nichts verhüllt wurde, beleuchtete er die Wege und Raſenplätze faſt mit Tageshelle. Bernhard erinnerte ſich, daß Aliſette ihm bei Tiſche geſagt Es fiel ihm ein, ob er wol den Verſuch machen ſolle, ſich in den Speiſeſaal, der auf dem entgegengeſetzten Flügel des Palaſtes lag, zu ſchleichen, und die Fenſter des ſchönen Mäd⸗ chens ein wenig zu belauſchen. Von ſeinen Entſchlüſſen bis zur Ausführung pflegte nicht weit zu ſein; er warf ſich da⸗ her in den überrock und verließ leiſe das Gemach. Nur eine einzige matte Lampe flimmerte am Ende des Corridors. Er horchte vorſichtig auf, ob auch Alles ſtille ſeiz es ließ ſich in dem ganzen weiten Gebäude kein Laut vernehmen. Mit leiſen Schritten ging er auf die Lampe, die im Haupttrep⸗ pengewölbe brannte und auf dieſe Weiſe ihr Licht nach bei⸗ gelangte er an der ganzen Hauptfronte hinunter bis zu dem andern Seitenflügel; an der Stelle, wo der Corridor die Ecke ſchlug, brannte eine zweite, dem Verlöſchen jedoch nahe Lampe. 4 Sie leuchtete indeſſen noch ſo viel, um die einzelnen Thüren, welche aus dem Gange in die Gemächer führten, zu erken⸗ 8 262— nen. Die dritte war die des Speiſeſaals; dies hatte ſich Bernhard, der ſehr viel Aufmerkſamkeit und Gedächtniß, beſonders für architektoniſche Ortsverhältniſſe beſaß, genau gemerkt. Leiſe klinkte er an, um zu verſuchen, ob die Thüre verſchloſſen ſei;z ſie war es nicht, er trat ein und ſtand nun in dem großen, dunklen Saale, deſſen weiße, zugezogene Fen⸗ ſtervorhänge bleichen Geſpenſtern glichen, ganz allein. So leiſe er ging, verurſachte ſein Schritt in dem weiten Raume doch einen flüſternden, ſchauerlichen Widerhall. Behutſoem näherte er ſich einem Fenſter, theilte die Vorhänge ein wenig und blickte hinüber. Gerade vor ihm lag in der nicht brei⸗ ten Straße, deren gegenüberſtehende Häuſerreihe vom Monde beleuchtet wurde, ein kleines Haus, in welchem die Fenſter des zweiten Stockwerks durch Jalouſien verſchloſſen waren. Der Schatten des Palaſtes fiel ſo weit hinüber, daß der untere Theil des Hauſes noch ganz damit bedeckt wurde. So wenig man daher Jemand im Erdgeſchoß oder in der Haus⸗ thüre erkennen konnte, um ſo deutlicher unterſchied man die Gegenſtände da, wo das helle Mondlicht ſie beſtrahlte. Der Beſchreibung nach war Aliſettens Wohnung in dieſem Hauſe, und ihre Fenſter waren die des mittlern Stockwerks. Bernhards ſcharfes Auge ſah zwiſchen den Jalouſien Licht hindurchſchimmern, und ein ſich bewegender Schatten gab ihm die Gewißheit, daß noch Jemand auf ſein müſſe. Plötzlich hörte er das Geräuſch eines, obwol mit Vor⸗ ſicht im Schloß umgedrehten Schlüſſels; die Hausthüre ge⸗ . genüber öffnete ſich leiſe, und eine lange Geſtalt, die ſich dicht in den Mantel verhüllt hatte, trat eilig heraus und ver⸗ ſchwand ſogleich in dem Schatten des Palaſtes. Sie ſchritt quer über die Gaſſe und ſchlich ſich hierauf unter den Fen⸗ ſtern des Saales fort, ſodaß Bernhard die Richtung, welche ſie nahm, nicht mit dem Auge verfolgen und auch nicht ein⸗ — 263— mal aus dem Schalle der Schritte errathen konnte, indem der Unbekannte mit äußerſter Behutſamkeit ſo leiſe auftrat, daß man trotz der Stille der Nacht ihn nicht gehen hörte. Bernhard war faſt betroffen über ſeine Entdeckung, die, in Verbindung mit manchen andern Bemerkungen und Ver⸗ muthungen, zu denen Francoiſe ihm Gelegenheit gegeben hatte, ihm den Gedanken aufdrang, jener Unbekannte ſei Niemand anders als der Obriſt, der einen ſpäten Beſuch bei der leicht⸗ fertigen Schönen gemacht hatte. Mit Adlerblicken hielt er jetzt die Fenſter Aliſettens bewacht, ob ſie ſich vielleicht noch zeigen und dadurch ſeinen Verdacht beſtärken ſollte. Indeſ⸗ ſen blieb Alles ſtill; der trübe Lichtglanz ſchimmerte noch immer zwiſchen den Jalouſien hindurch und wurde von Zeit zu Zeit durch einen vorüberſchwebenden Schatten bedeckt; wei⸗ ter aber ließ ſich nichts hören noch ſehen. Wol eine halbe Stunde mochte Bernhard in ausharrender Spannung am Fenſter zugebracht haben; da ſich aber auch nicht das Ge⸗ ringſte entdecken ließ, beſchloß er, jetzt in ſein Zimmer zurück⸗ zugehen. Er wandte ſich um und wollte auf die Thüre zu⸗ ſchreiten; da blieb er plötzlich, von Erſtaunen gefeſſelt, ſtehen, denn ſie öffnete ſich, und eine weiße, in einem Schleier ge⸗ hüllte, geiſterartige Geſtalt, welche der durch das Fenſter des Corridors einfallende Mondſtrahl hell beleuchtete, ſchwebte herein. Bernhard ſchrak zuſammen; ſo ungewöhnlich die Erſcheinung war, ſo waren es doch nicht die Schauer der Geiſterfurcht, die ihn ergriffen, ſondern vielmehr die Beſorg⸗ niß, auf ſeiner ſehr ſeltſamen, ja faſt unerklärlichen Nacht⸗ wanderung betroffen zu werden. Mit angehaltenem Athem lehnte er ſich, froh, nicht mehr die weißen, durchſchimmernden Vorhänge zum Hintergrunde zu haben, gegen einen Pfeiler. Die Thür ſchloß ſich hinter der eintretenden Geſtalt, die mit kaum hörbaren Schritten ihren Weg die ganze Länge des Saales hinunternahm. In dem tiefen Dunkel, welches den großen Raum erfuͤllte, wurde ſie dem Auge nur wie ein vorüberziehendes weißes Nebelbild, das mehr und mehr in Nacht und Ferne zerfloß, ſichtbar. So ſcharf Bernhards Auge die Erſcheinung verfolgte, ſo konnte er doch nicht ent⸗ decken, wohin ſie ihren Weg nahm. Sie verlor ſich an dem entfernten Ende des Saales; man hörte nicht, daß eine Thür geöffnet oder geſchloſſen wurde, doch kehrte Niemand zurück, und auch nicht der leiſeſte Laut ließ ſich vernehmen. Bernhard war anfangs ungewiß, ob die Geſtalt nicht nvcch im Saale verweile. Er blieb daher, um ſich nicht ſelbſt zu verrathen, noch eine gute Weile regungslos ſtehen, dann näherte er ſich behutſam der Thüre, erreichte den Corridor und, obwol alle Lampen erloſchen waren, auch ohne weitern Unfall die Thüre ſeines Gemachs. Auffallend war es ihm, als er an Jaromirs Thüre vorüberging, daß dieſer noch wachte; er hörte ihn im Zimmer auf⸗ und abgehen. Um ſo leiſer ſchlich er daher, damit er ſich nicht noch im letzten Augenblicke verrathen möchte, vorüber. Unbemerkt hatte er glücklich ſein Zimmer gewonnen. Zwar begab er ſich jetzt zur Ruhe, doch dauerte es lange, bis die vielfachen Empfin⸗ dungen und Muthmaßungen, welche die abenteuerlichen Er⸗ lebniſſe in ihm aufgeregt hatten, ihn einſchlummern ließen. Fünktes Capitel. Am andern Morgen war Jaromir zuerſt wach, ſprang ſchnell von dem Lager auf und weckte die Freunde; denn jetzt ſollten die ernſten Stunden der dienſtlichen Thätigkeit beginnen. t Bernhard und Ludwig waren raſch in Uniform; man ſchickte ſich an, auszugehen. Im Palaſte war noch Alles ſtill; auch auf den Straßen regte ſich kein Laut. Der Weg führte die drei Freunde durch die Seitenſtraße, in welcher Aliſette wohnte. Bernhard warf in der Erinnerung an den geſtrigen Abend ſpähende Blicke hinauf. Die Fenſter waren noch durch die Jalouſien geſchloſſen. Jaromir blickte dage⸗ gen nach den Fenſtern des Palaſtes gegenüber, die durch weiße Vorhänge verhüllt waren. „Was ſucht denn Dein Auge dort oben?“ fragte Bern⸗ hard ahnend;„hier hinüber wende es, denn in einem dieſer Häuſer muß, wie ſie mir geſtern ſagte, die liebliche Fran⸗ coiſe Aliſette wohnen.“ „Und dort wohnt—“ rief Jaromir lebhaft, ſtockte aber pplötzich, denn einer der Fenſtervorhänge, nach denen er eben blickte, fing an ſich zu bewegen, rollte auf, das Fenſter öffnete ſich, und Lodoiska beugte ſich heraus. Sie erröthete im dunkelſten Purpur, als ſie die drei jungen Männer erblickte; aber auch Jaromirs Wangen wur⸗ den von einer dunkeln Glut überflogen, und er gerieth in eine ſolche Verwirrung, daß er faſt zu grüßen verſäumte, als Bernhard und Ludwig ſich ſchon hinaufblickend verbeugt hatten. „i, Gräfin,“ ſprach Bernhard mit Freiheit,„fürchten Sie die Morgenluft nicht? Kenner behaupten, ſie ſei der Schönheit nicht günſtig!“ 3„Ich bin faſt immer ſo früh im Garten,“ ſprach Lo⸗ doiska etwas befangen. „So müſſen die Kenner im größten Irrthum ſein,“ fiel Bernhard mit raſcher Galanterie ein. Loodoiska ſenkte das ſchöne Auge mit Anmuth und lä⸗ oeelte, aber erwiderte nichts. — 265— 4 — 266— Die Freunde grüßten nochmals hinauf und erhielten ei⸗ nen freundlichen Dank; dann verſchwand Lodoiska vom Fenſter und ſie ſetzten ihren Weg fort. Ein Blick in Jaromirs Auge mußte einem ſo ſcharfen Kenner menſchlicher Züge wie Bernhard ſein ganzes Herz verrathen. Er liebte, er wurde geliebt, das las ſich in ſeiner und ihrer holden Freude, obwol Beide jetzo eben kein Wort miteinander gewechſelt hatten. Aus der Lage der Gemächer errieth Bernhard auch ſogleich, daß es Niemand anders als Lodoiska geweſen ſein konnte, die er geſtern Abend im Speiſeſaal geſehen.„Hm!“ ſprach er und blickte Jaromir im Scherz, aber prüfend an,„die junge Gräfin ſcheint am ſpäteſten und am früheſten hier zu wachen im Hauſe. Wenn mich nicht Alles täuſcht, ſo habe ich ſie geſtern als eine Geiſtergeſtalt geſehen.“ „Was ſahſt Du?“ fiel Jaromir raſch ein;„was, ich bitte Dich?“. „Wie, hätteſt Du Geſpenſterfurcht?“ fragte Bernhard ein wenig ſpöttiſch. „O laß den Scherz,“ unterbrach ihn Jaromir halb un- willig, halb bittend z„ſage mir, was Du geſehen, es liege mir etwas daran!“ „Ich ſah lange nach Mitternacht,“ ſprach Bernhard bedeutſam betonend,„die Zimmerthüre eines jungen Offiziers offen ſtehen, und er ſelbſt, ſo müde er von der Reiſe ſein konnte, wachte noch.“ 3 „Haſt Du gelauſcht, Bernhard, ich bitte Dich,“ rief Jaromir. „Ei, was ein böſes Gewiſſen nicht thut!“ lautete die ſcherzende Antwort.„Gelauſcht? Nein! Aber ich ſah Ge⸗ ſpenſter, weiße Frauen, verſchleierte, geheimnißvolle Gi⸗. 5 71 8 ſtalten.„ L a e der Krieg verwehen viel! Wenn ich an die Hei⸗ E — — 267— „Ich werde ganz neugierig,“ ſprach Ludwig.„Geſpen⸗ ſter? Abenteuer? Laß doch hören!“ „Lieben Freunde!“ rief Jaromir, ohne Bernhards Ant⸗ wort abzuwarten und faßte Beider Hände,„ich will ganz aufrichtig gegen Euch ſein, denn ich ſehe, ich bin halb ver⸗ rathen. Aber ſchwört mir Stillſchweigen, wenn Euch mein Glück lieb iſt.“ „Herzlich gern,“ antwortete Ludwig und gab ihm die Hand. „Beim Styy,“ ſchwur Bernhard und that desgleichen. „Obwol ich's kaum nöthig hätte, da ich ſchon Alles zuvor weiß und errathe. Aber erzähle!“. Jaromir begann:„Lodoiska war die Geſpielin meiner Jugend; ſie iſt meine nächſte Verwandte. Wir haben un⸗ endlich glückliche Tage auf dem Landſitze ihres Vaters am Narew zugebracht. Soll ich es Euch geſtehen, daß ich, faſt noch ein Knabe, die Holde ſchon liebte? Sie war erſt drei⸗ zehn Jahre alt, als ich ſiebzehn zählte; aber ſie blühte wie die lieblichſte Roſenknospe und war ſchon damals ſo gut, ſo verſtändig, ach, tauſendmal beſſer als ich! In dieſer Zeit mußte ich mich von ihr trennen, ich wurde Soldat; das ſind nun ſechs Jahre her! Ich bin ſeitdem durch die halbe Welt verſchlagen worden und habe nur im wilden Getüm⸗ mel und Gebrauſe des Kriegs gelebt; aber glaubt Ihr wol, lieben Freunde, daß das Bild dieſes zarten Kindes mich überall hin begleitet hat, daß, ſo mancher ſchönen Spanierin und reizenden Franzöſin ich begegnete, doch Keine einen tie⸗ fe Eindruck auf mein Herz machte als ſie? Doch die mat dachte, freilich, dann ſtand auch Lodoiska vor mirz aber ſeltner und ſeltner kam mir dieſer Gedanke, und nach⸗ gerade verlor ich in dem ewigen Wechſel das Gefächl des Heimwehs. Wer nirgend zu Hauſe iſt, wird gar bald über⸗ all zu Hauſe! Erſt als wir die Thürme von Warſchau wiederſahen, erwachte die ganze alte Sehnſucht in mir, und auch Lodoiska's Bild ſchwebte lieblich und ſanft wieder an meiner Seele vorüber. Aber ich konnte ſie mir nur als das Kind von damals denken; zwar ſagte ich es mir ſelbſt tau⸗ ſendmal, daß ſie eine Jungfrau geworden ſein müſſe, doch mein Herz ſah ſie nur wie ſonſt.“ „Und mir daucht, es ſah ſie richtig,“ unterbrach Bern⸗ hard,„denn ihre Seele iſt noch die eines Kindes und leuch⸗ tet durch ihre Schönheit hindurch wie durch eine durchſich⸗ tige Hülle. So lag das unſchuldige Herz nie hinter dem klaren Kryſtall des Auges wie bei ihr; ich verſtehe das, Beſter, denn ich portraitirte manchen Engel, aber leider auch manchen Satan!“ „Du ſprichſt, als nähmeſt Du die Worte aus meiner Seele,“ rief Jaromir mit lebhaftem Ausdruck der Freude und hörte nicht auf den Zuſatz, womit Bernhard die mun⸗ tere Caricaturlarve auf die entgegengeſetzte Seite des ernſten Poofils zeichnete.„Deshalb waren wir auch gleich wieder ſo vertraut wie an dem Tage, wo wir uns trennten. Als wir geſtern auseinander gingen, war ich daher ganz mißmuthig, es quälten mich beunruhigende Gedanken, ich wußte nicht, was mir fehlte. Der Mond ſchien hell, die Nacht war ſo lau, ich lehnte mich eins Fenſter; da ſah ich eine weiße Ge⸗ ſtalt durch die dunkeln Gebüſche des Gartens ſchweben. Wenn ſie es wäre, dachte ich, und du könnteſt ſie noch ein wenig ſprechen! Ich flog hinab, ſuchte ſie in allen ſchatti⸗ gen Wegen, doch vergeblich. Da hörte ich plötzlich ganz leiſe in der Ferne die Töne des Liedchens, das ſie uns Abends geſungen; ich ging den Klängen nach und entde das holde Weſen in einer Laube bei dem Springbrunn — 269— Anfangs wollte ich lauſchen; doch ſchnell wurde ich unwillig auf mich ſelbſt, ging näher, trat plötzlich vor ſie hin und redete ſie an.“ „Du warſt ſehr kühn, lieber Freund,“ unterbrach Lud⸗ wig mit dem ſanften Ton theilnehmender Bedenklichkeit; „Du hätteſt damit viel verſcherzen können!“ „Jetzt weiß ich's auch, wahrlich; aber geſtern mußte ich, ich konnte nicht anders, wahrhaftig nicht!“ erwiderte Jaro⸗ mir und ſah überaus redlich und glücklich aus. „Habeas absolutionem, sed confiteri pergas,“ ſprach Bernhard gravitätiſch;„ich glaube, ich hätte es eben ſo ge⸗ macht. Aber die Gräfin, was that ſie?“ „Sie war erſchrocken, ſie zürnte, bat—“ „Ich kenne das,“ unterbrach Bernhard;„iſt man nicht ſchon vollends des Teufels vor Liebe, ſo wird man's danach. Weiter!“ 1 „Aber ſie reichte mir die Hand und war ſo himmelgü⸗ tig— und—“ Das jugendliche Herz Jaromirs wallte über, die vollſte Seligkeit leuchtete ihm aus den Augen, zu ſprechen vermochte er nicht weiter, aber er fiel Bernhard, er fiel Ludwig um den Hals und drückte heiße Küſſe auf ihre Lip⸗ pen.„Ludwig,“ rief er aus,„ſie will die Meine ſein; ſüß widerſtrebend gab ſie mir das holde Wort, aber vertrieb mich gleich danach mit ängſtlicher Haſt. Jetzt vielleicht ſchon öffnet ſie ihr reines Herz der Mutter; o Freunde, kann man denn glückſeliger ſein?“ Jaromir, der ſich ganz den brauſenden Wellen der Ju⸗ gend und Liebe hingab, bemerkte nicht, wie ernſt und tief bewegt Ludwig war, ja, wie ſelbſt über Bernhards Stirn ſich dunkle Falten zogen. Jener dachte an ſeine Liebe, die wie ein zerrinnendes Traumbild aus der Wirklichkeit ſeines Daſeins verſchwunden warz er hielt die Schattengeſtalt ſeines — 270— ſchmerzlichen Glücks gegen die lebendige, blütengekränzte, welche dem Jüngling an ſeiner Seite entgegentrat. Bernhard empfand vielleicht noch einen herbern Schmerz, weil die Liebe in ſeiner Bruſt dunkler und tiefer vergraben war. Für Lud⸗ wig glich ſie einer unter dem Horizont verſenkten Sonne, deren Abendröthe die ganze Nacht hindurch nachſchimmert, bis ein heller Morgen anbricht und das liebliche Geſtirn wie⸗ der heraufführt; fuür Bernhard war ſie nur ein ſchöner, un⸗ erreichbarer Stern, der die Strahlen in den tiefſten Schacht der einſamen Bruſt hinabſendet, ohne ſie zu erleuchten. Hätte Jaromir ihn beſſer gekannt, ihn überhaupt in ſeiner tiefſten Tiefe zu verſtehen vermocht, ſo würde er aus ſeiner Antwort ſein Inneres begriffen haben. „Glück zu!“ ſprach er und ſchüttelte ihm die Hand; „Du darfſt ſelig ſein, wenigſtens glücklich oder vergnügt, oder doch leidlich gelaunt. Weiche Arme ſind eine ſanfte Feſſel, aber ſie bleiben eine. Ein Käfig iſt ein Käfig, ſei er ſo eng wie der Vogelbauer, in dem Johann von Leyden am Thurm zu Münſter hing, oder ſo finſter wie die ſchwarze Höhle in Indien, oder Beides zugleich, wie das Loch, in dem wir Alle ſtecken. Ich meine die Erde, nämlich die, auf der wir ſchein⸗ lebendig umherwandeln, nicht das unermeßlich weite Grab— kurz, wie geſagk, Feſſeln ſind Feſſeln, und man ſollte froher ſein, daß man noch ein Paar ungelähmte Flügel hat zum Aufflattern. Was wollt' ich aber ſagen? Ja, nun verſtehe ich auch meine Geiſtererſcheinung, die ich hatte, als ich ſelbſt umging und im Ahnenſaal ſpukte.“ Jaromir horchte geſpannt auf; Bernhard erzählte ſein Abenteuer im Saale, ſtellte ſich aber dabei nur als einen Sonderling dar, der gern Nachts in fremden Gebäuden um⸗ herſchleiche, und that weder der Urſache, die ihn getrieben, Erwähnung, noch des Verdachtes, den er über Aliſetten gefaßt. — 271— Unter dieſen Geſprächen hatten die Freunde das Ziel ihres Weges erreicht, nämlich den Exercierplatz, wo Bernhard und Ludwig für jetzt den wirklichen Dienſt beginnen, ihn in ſeinen kleinſten Anfängen erlernen ſollten. Man fand bereits Reiter und Unteroffiziere zweier unvollſtändigen Schwadronen polniſcher Lanciers, die den Stamm des neuen Regiments zu bilden beſtimmt waren, verſammelt. Jaromirs vorläufige Aufgabe beſtand darin, aus dieſen Trümmern ein Ganzes zu bilden. Während deſſen übergab er ſeine Freunde einem al⸗ ten tüchtigen Graubart, damit er ſie in den erſten Waffen⸗ übungen unterrichte. Johann Petrowski, ein Unterof⸗ fizier, der noch unter Kosciuszko gefochten, wurde ihr Lehr⸗ meiſter. Er begann das Geſchäft mit einer Art von Ehr⸗ furcht, die ihm jedoch nicht der vornehme Stand ſeiner Re⸗ kruten, ſondern nur der Ernſt der Sache ſelbſt einflößte. Denn es galt ja die Ausbildung zweier Krieger, die für das Voterland fechten ſollten; für das theuere, heilige Vaterland, dem Johann Petrowski in rüſtigen Mannesjahren, als ſein alter Feldherr Kosciuszko die Söhne Polens zu den Waffen rief, ſo freudig Blut und Leben zum Opfer dargebracht hatte. Jetzt war er der Schwelle des Greiſenalters nahe, denn mit dem nächſten Frühling mußte er ſich zu den Sechzigern zäh⸗ len. Aber ſein grauer Kopf, den mancher Säbelhieb getrof⸗ fen, bot ſich noch mit Freuden dem Dienſte des Vaterlandes dar, und in dem alten Herzen glühte noch, wie Wein, durch das Alter nur veredelt, die alte heilige Flamme der Vater⸗ landsliebe, des Heldenmuthes. Unter der halb kahlen, halb mit grauen Locken umkränzten Stirn leuchteten, von buſchi⸗ gen Brauen überſchattet, zwei feurige Augen; die Adlernaſe bog ſich würdig gegen die ernſten Lippen herab; die ſich un⸗ ter einem grauen Knebelbart, auf welchen Johann Petrowski ein wenig ſtolz war, faſt verbargen. Er ſtand vor den bei⸗ — 272— den friſchen Jünglingen wie ein alter, halb gehöhlter Eichen⸗ ſtamm vor zwei jungen kräftigen Bäumen einer neuen Pflan⸗ zung. Sein Antlitz ſchien zu ſagen: Blickt mich nur an, ſo morſch und verwittert ich ausſehe, vielleicht trotze ich, ob⸗ wol der Frühling mir keinen andern Schmuck mehr leiht als das kärgliche Moos, das meine rauhe Rinde ein wenig ſanfter macht, doch den Ungewittern und Stürmen noch rü⸗ ſtiger als eure jugendliche Kraft. Denn ich habe weithin Wurzeln durch den felſigen Boden getrieben, und wer mich ſtürzen will, muß den halben Hügel mit hinabreißen; ihr aber ſcheint mir nur in lockere Erde gepflanzt, und eure Krone iſt größer als eure Wurzel. Seine Commandoworte, Ge⸗ wehr auf, Gewehr ab, Rechts um, Marſch und Halt! ſprach er mit einem ſo feierlichen Ernſt wie der Prieſter in der Meſſe das Dominus vobiscum. Seine Lehrlinge gehorchten ihm mit eben ſo viel Liebe als Eifer; daher ſchritten ſie raſch vorwärts, und Meiſter wie Zöglinge erfreuten ſich an⸗ einander. So verſtrich den drei Freunden der ganze Tag in Dienſtgeſchäften, und erſt Abends gewannen ſie Muße, ihre liebenswürdigen Hausgenoſſinnen zu ſehen. Aus Lodoiska's Augen glänzte das reinſte Glück; die Gräfin hieß Jaromir ſo freundlich willkommen, daß dieſer über ihre Geſinnung keinen Zweifel hegen durfte. Bernhard und Ludwig fühlten, daß einige ungeſtörte Augenblicke für Jaromir von höchſtem Werth ſein mußten; ſie bereiteten ſie ihm daher, indem ſie ſich auf ihr Zimmer zurückzogen, noch ehe er ſie darum gebeten hatte. Faſt zur Tafelzeit rief Ja⸗ romir ſelbſt ſie wieder hinunter und erzählte ihnen voller Freude:„Auch die Gräfin iſt mir günſtig, iſt ſo mütterlich gütig; aber ſie iſt auch ſtreng, denn ſie hat mir geboten, bis Naſinski kommt, meinem Herzen zu gebieten, weil ſie ihm die Entſcheidung übergeben will. Darum jetzt kein Wort — —— — 273— keinen Blick, lieben Freunde, wodurch unſere Liebe verrathen würde; ich habe es Lodoiska verſprochen, folgſam zu ſein, und ich will es männlich halten.“ „Brav, wacker!“ ſprach Bernhard kurz und rauh wie er pflegte;„und wir wollen Deinem Beiſpiel folgen. Biſt Du feſt, ſo will ich Dir dafür auch zur Belohnung Deine Braut malen, oder wenigſtens zeichnen, wenn wir nicht mehr Zeit haben.“ So traten ſie ein in den Geſellſchaftsſaal; kein Wort verrieth das Glück, aber es weilte in ſtiller, ſegnender Ge⸗ genwart und lächelte aus Aller Blicken. Denn auch die Freunde theilten, was den Freund beſeligte. Sechstes Capitel. So verſtrichen mehre Tage ziemlich gleichförmig hinter⸗ einander. Aliſette und Regnard, ſelten Andere, waren die Gäſte, welche den Kreis der Familie, zu der ſich Ludwig und Bernhard jetzt ganz mitzuzählen gewöhnten, vergrößer⸗ ten. Regnard brachte ſtets Nachrichten über die Kriegsereig⸗ niſſe, die Truppenmärſche und ähnliche Dinge mit und führte überhaupt die Welt und ihren Verkehr in den trauli⸗ chen Zirkel ein, der ſich ſonſt dem äußern Treiben ziemlich entfremdete. Mit ſcharfem Beobachterblick bemerkte er, wie ſehr Jaromir ſich auch zu beherrſchen ſuchte, deſſen Neigung zu Lodoiska und ihre Erwiderung derſelben. Daher ver⸗ ſchwand der Anflug von Eiferſucht wieder, den er in Bezie⸗ hung auf Aliſetten gehabt, und nichts trübte die heitere Ge⸗ ſelligkeit mehr. Aliſette war ſeit zwei Tagen ausgeblieben, 12 — 274— weil die Proben zu einer Oper, die man am folgenden Abend geben ſollte, ſie beſchäftigten; der Obriſt, der eine halbe Probe davon angehört hatte, erzählte viel Gutes, hatte aber den Titel vergeſſen.„Es verdroß mich ſehr,“ ſprach er, „daß ich nicht bis zu Ende bleiben konnte, aber ich wurde durch einen verdrießlichen Vorfall geſtört. Mein Adjutant meldete mir, daß man in Erfahrung gebracht habe, ein ruſ⸗ ſiſcher General, der mit geheimen diplomatiſchen Aufträgen in Frankreich geweſen ſei und von dort hat flüchten müſſen, halte ſich in der Stadt verborgen und gedenke in dieſer Nacht zu fliehen. Da mein Regiment gerade die Thorwache hat, ſo mußte ich fort, um für die Verdoppelung der Po⸗ ſtenkette zu ſorgen.“ „Und wer ſoll der Flüchtling ſein?“ fragte die Gräfin aufmerkſam. „Das wiſſen wir nicht,“ erwiderte Regnard;„Einigen behaupten der General Cz*****, der allerdings in Paris geweſen iſt, eine Menge Einverſtändniſſe und Verbindungen gehabt hat und auf Napoleons Befehl verhaftet werden ſollte. Er war aber zeitig gewarnt worden und ſchon über Straß⸗ burg hinaus, bevor der Telegraph den Verhaftsbefehl nach⸗ bringen konnte. Es iſt faſt unmöglich, daß er ſich ſo lange in feindlichen Ländern verborgen aufgehalten hätte. Andere wollen wiſſen, es ſei der Graf Winzingerode, ein Deutſcher in ruſſiſchen Dienſten; dies hat etwas für ſich. Doch nennt man noch andere Namen, und das Reſultat iſt, daß Nie⸗ mand etwas Gewiſſes weiß. Herr von Pradt hat nur ein ganz unbeſtimmtes Aviſo erhalten.“ Der Obriſt ſprach noch, als eine Ordonnanz militairiſch ungemeldet eintrat und Jaromir ein verſiegeltes Schreiben überbrachte.„Wahrhaftig, in derſelben Sache,“ rief dieſer, als er geleſen;„ich erhalte Befehl, mit meinen Leuten das — — 275— Viertel, in dem unſere Ställe liegen, und beſonders alle Ausgänge nach der Weichſel hinab wohl zu beſetzen.“ „Ja, ja, die Sache ſcheint ernſtlich betrieben zu wer⸗ den,“ bemerkte der Oberſt.„Ich kam um den Geſang der liebenswürdigen Francoiſe, Sie werden um das Souper mit uns gebracht! Das ſind Soldatenſchickſale!“ „Sie laſſen ſich noch ertragen,“ antwortete Jaromir lä⸗ chelnd;„es iſt mir nur verdrießlich, daß ich auch unſere Freunde hier um Abend und vielleicht Nacht bringen muß, denn es fehlt mir noch gar zu ſehr an gewandten Leuten, und ich muß doch, da die Anſtrengungen am Tage groß ſind, auf drei Ablöſungen rechnen. So kann ich Euch denn nicht helfen, Freunde, Ihr werdet heute Euren erſten Wacht⸗ dienſt als Poſten thun müſſen!“ „Auf den Anſtand commandirt?“ ſprach Bernhard hei⸗ ter;„in Gottes Namen. Wenn das Wild nur bei mir wechſeln will, es ſoll nicht ohne Schuß wegkommen.“ Es war Eile nöthig; man empfahl ſich daher bei den Damen, ſchnallte den Säbel um, warf den Mantel über und ging. Regnard blieb zum Schutz und zur Unterhaltung bei den Frauen zurück. Jaromir ließ durch Trompetenſignale die Mannſchaften zuſammenrufen, beſtimmte die zu beſetzenden Poſten, theilte die Leute ab, unterrichtete ſie wohl, und befahl abzumar⸗ ſchiren. Bernhard erhielt ſeinen Poſten am entlegenſten Ende des Quartiers. Der Weg dahin führte durch eine einſame Gaſſe zwiſchen zwei hohen Mauern entlang, deren eine den Garten eines Kloſters begrenzte. Ein Quergäßchen ſchnitt hindurch; es führte nach der Weichſel hinab. Zweihundert Schritte von dieſem Punkte ſtand die nächſte Schildwache, weiter hinaus keine mehr, weil ſich dort keine Ausgänge — 276— weiter nach dem Strom befanden. Jaromir ſelbſt hatte die Poſten aufgeführt. „Du ſtehſt hier ziemlich entlegen,“ ſprach er, als Bern⸗ hard den Säbel gezogen und die Haltung einer Schildwache angenommen hatte;„ich würde den Poſten verdoppeln, wenn ich mehr Leute hätte. Aber gerade deshalb wählte ich Dich dafür, weil es der Umſicht bedarf; auch iſt es gut, daß Du Fran⸗ zöſiſch ſprichſt, weil ſo viele franzöſiſche Soldaten hier ſind, mit denen ſich der Pole ſchwer verſtändigt. Gehab Dich wohl. Binnen zwei Stunden wird Dich Ludwig ablöſen.“ „Meinethalben laß mich die ganze Nacht hier,“ erwi⸗ derte Bernhard;„ſie iſt lau und mild, es freut mich ſogar, daß wir vermuthlich etwas Regen bekommen. Und was die Einſamkeit anlangt, ſo ſei ohne Sorgen; ich weiß mir die Zeit zu vertreiben und brauche Niemand, der mich wach erhält.“ „Wenn etwas vorfallen ſollte, ſo ſchieße Dein Piſtol ab; für dieſen Fall wird Dir ſogleich Hilfe von dem näch⸗ ſten Poſten.“ „Sei unbeſorgt; die Schildwacht braucht keine zweite für ſich ſelber, ich ſtehe fuͤr mich.“ Jaromir ging, Bernhard blieb allein. Der Himmel bezog ſich mit Gewölk; Mitternacht war nicht mehr fern, es wurde ſehr finſter, zumal da ein feiner warmer Staub⸗ regen begann. Die Giebelſpitzen und Thürmchen des alten Kloſters ge⸗ genüber, deſſen Umriſſe Bernhard bisher ſich als ſchwarze Schattenbilder auf dem Nachthimmel abzeichnen ſah, ver⸗ wiſchten ſich jetzt in unbeſtimmte Formen. Nur ein mattes Lampenlicht ſchimmerte aus einigen kleinen Fenſtern. Es war todtenſtill. Man hörte nur hie und da eine Nachtigal — 4 — — — 272— in der Ferne ſchlagen und das leiſe Nanzſchen des vorüber⸗ ziehenden Stromes. „Es iſt gut, daß ich ein paar ſcharfe Augen habe,“ murmelte Bernhard vor ſich hin,„denn hier muß man ſie wahrhaftig aufthun, wenn man Einen ſehen will, der ſich vor⸗ überſchleicht. Ich thue wol gut, meinen Säbel von Zeit zu Zeit wie ein Fühlhorn auszuſtrecken und wie beim Blinde⸗ kuhſpiel mit ausgebreiteten Armen ein wenig umherzugreifen. Aha,- jetzt wird's ein wenig hell; ſie hängen ja eine Lampe aus dort oben im Kloſter; die kommt mir gut zu ſtatten.“ In der That wurde in einem der obern Giebelfenſter eine Lampe ſichtbar, mit der Jemand hinauszuleuchten ſchien; das Licht bewegte ſich einige Male raſch hin und her, dann verſchwand es wieder. „Nun iſt's erſt recht dunkel geworden; es kann in dem unterſten Loch der Baumannshöhle nicht finſterer ſein. Das verdammte Licht hat mich ganz geblendet. Wollte Einer hier entwiſchen, er könnte nichts Klügeres thun, als eine londoner Straßenlaterne mitnehmen, der Wache erſt damit in die Augen leuchten, ſie ihr hernach an den Kopf werfen und dann zum Teufel laufen! Aber halt! Was war das? Hat es geblitzt? Schon wieder!“ Ein ganz matter, flackernder Schein wie von einem entfernten Blitze erhellte von dem Strom her das dichte Dunkel. Die kleine Gaſſe verſtattete keinen freien überblick deſſelben; doch plötzlich ſah Bernhard deutlich Funken fliegen und entdeckte, daß Jemand auf dem Strome, wie es ſchien, nahe am Ufer Feuer ſchlage. Sein raſch combinirender Verſtand brachte dieſe Erſchei⸗ nung mit dem auffallenden Lichtſchimmer im Kloſter zuſam⸗ men. Sollte man ſich hier Zeichen geben? dachte er. Holla, Freund! Aufgeſchaut! Es wäre nicht übel, wenn dir das — 278— Wild ins Netz liefe. Hm! dachte er weiter— ich will's nicht wünſchen; meine Pflicht erfordert, daß ich den Flie⸗ henden anhalte; und ich liefere vielleicht den Franzoſen einen eben ſo ſchuldloſen Mann aus als Ludwig oder ich. Ich wollte doch, er ſuchte ſich einen andern Ausweg aus dem Fuchsbau! Plötzlich ſtand er ſtill und lauſchte! Er hörte leiſe Schritte; es war keine Täuſchung. Scharf aufhorchend, das Haupt vorwärts gebeugt, ſtand er und gab keinen Laut von ſich. Man kam raſch aber behutſam näher; es ließen ſich flüſternde und murmelnde Laute unterſcheiden. Jetzt waren die Kommenden heran, Bernhard ſtreckte das Gewehr vor und rief in polniſcher Sprache:„Wer da!“ Einen Augenblick blieb es ſtill; dann trat eine dunkle Geſtalt mit feſtem Schritte näher und erwiderte mit tiefer männlicher Stimme einige Worte, die Bernhard jedoch nicht verſtand. Sie klangen faſt wie ein frommer Gruß. „Ich ſpreche nicht Polniſch,“ ſagte er in dieſer Sprache, deutete jedoch durch den vorgehaltenen Säbel an, daß er Niemand hindurchlaſſen dürfe. „Alſo Franzöſiſch?“ fragte jetzt eine weibliche Stimme von ungemeinem Wohllaut. „Allenfalls; doch am liebſten Deutſch,“ erwiderte Bern⸗ hard franzöſiſch. „Ein deutſcher Soldat,“ rief dieſelbe Stimme faſt un⸗ willkürlich aus, doch hörte man dem Klange die freudige überraſchung an. „Ja ein Deutſcher,“ entgegnete Bernhard;„und da Ihr dieſe Sprache verſteht, ſo ſage ich Euch hiermit, daß ich Niemand durchlaſſen darf, der nicht einen Schein führt, daß er ſich auf der Hauptwache gemeldet hat und dort als unverdächtig befunden iſt.“ B— — ,— ——— — ——— „O mein Gott,“ erwiderte das weibliche Weſen mit ſchüchterner, bebender Stimme;„wir haben Eile. Dieſer fromme Mann ſoll einer Sterbenden den letzten Troſt brin⸗ gen, die drüben jenſeit des Stromes liegt; deshalb haben wir ihn aus dem Kloſter hier herbeigeholt. Ihr werdet das heilige Werk doch nicht hindern?“ Erſt jetzt ſah Bernhard, daß der Fremde in Mönchs⸗ tracht gehüllt zu ſein ſchien; hinter ihm ſtand noch eine an⸗ dere weibliche Geſtalt. Deutlich ließ ſich in dem tiefen Dunkel nichts erkennen. „Ich darf nicht von meinen Befehlen abweichen. Doch iſt dem ſo, wie Ihr ſagt, ſo geht hier zwiſchen den Mauern hinunter; nach zweihundert Schritten trefft Ihr den nächſten Poſten; dieſen fragt nach dem Offizier. Er iſt im Wacht⸗ hauſe unfern von dort und wird Euch gewiß durch einige Mann, die ſich von der Wahrheit überzeugen können, ge⸗ leiten laſſen, damit Euer frommes Werk weniger Aufſchub erleide.“ „Zweihundert Schritte von hier ſteht der nächſte Po⸗ ſten?“ fragte der verhüllte Mann jetzt mit einer Stimme, die nicht mehr den frommen Klang von zuvor hatte. „Zweihundert.“ „Das iſt ziemlich weit.“ „Ich kann's nicht ändern.“ Der Fremde ſchien unſchlüſſig; es herrſchte ein geſpann⸗ tes Schweigen. In dieſem Augenblicke glänzte wieder jener helle Flackerſchein vom Fluſſe her, diesmal aber ganz nahe, und zugleich hörte man deutlich das Rauſchen eines Ruder⸗ ſchlages. Bernhard ſtutzte und wandte ſich gegen den Strom um; eine Ahnung, als ſei dieſe Erſcheinung mit der vor ihm nicht ohne Zuſammenhang, blitzte in ihm auf. Doch der Gedanke war nicht ſo ſchnell in ſeiner Seele aufgeſtiegen, — 280— als er ſich plötzlich von ſtarker Fauſt im Nacken gepackt fühlte und eine Dolchſpitze gegen ſeine Bruſt blitzen ſah. Der Stoß traf, glitt aber an dem breiten Riemen ſeines Wehrgehenkes ab und ſtreifte nur die Haut. Durch einen gewandten Schwung riß er ſich los, packte die Hand, in der der Angreifer den Dolch hielt, kräftig mit der Linken im Gelenk an und führte mit der Rechten einen Säbelhieb gegen das Haupt ſeines unbekannten Feindes. Dieſer beugte ſich zurück, entging ſo dem Schlage, glitt aber aus und lag am Boden; jetzt riß Bernhard das Piſtol heraus, hielt es dem Liegenden auf die Bruſt und rief:„Du biſt des Todes, wenn Du Dich regſt.“ Doch in demſelben Augenblicke warf ſich die weibliche Geſtalt zu ſeinen Füßen nieder, hob die abwehrenden Arme flehend gegen ihn empor, und rief mit dem Ausdruck der höchſten Angſt: „Erbarmen! Erbarmen! Tödtet ihn nicht!“ Bernhard ſtand erſtaunt; die Stimme drang in das Innerſte ſeines Herzens ein. Er war im Begriff geweſen, laut um Hülfe zu rufen, doch der Anblick der Flehenden, die ſeine Knie umfaßte, zeigte ihm, daß er Gefahr hier nicht zu fürchten habe. „Ich will keine Rache nehmen,“ ſprach er entſchieden, „aber meine Pflicht fordert Strenge. Ich muß Verdacht ſchöpfen; Ihr ſeid mein Gefangener.“ „Schießt mir nur durch die Bruſt, junger Menſch,“ ſprach der noch am Boden Liegende finſter;„denn Euer Ge⸗ fangener zu ſein iſt mir verabſcheuungswerther als der Tod!“ „O mein Vater!“ rief jetzt das junge Mädchen außer ſich und ergriff ſeine Hand.„Nein, nein, nicht ſo. Er wird mitleidig ſein! Ach, ich will für Sie flehen!“ Sie ſprang auf und wandte ſich zu Bernhard. 4 „——— — 281— „O, Ihre Sprache verrieth, daß Sie den Gebildeten angehören! Ihr Herz wird den Schmerz einer Tochter be⸗ greifen. Wir ſind verloren, wenn Sie uns nicht die Flucht geſtatten. Sein Sie großmüthig; laſſen Sie uns entfliehen. Ich wollte Ihnen Gold bieten, aber ich wage es nicht, einen Mann zu beleidigen, von dem ich eine edle That fordere!“ Bernhard ſtand im Kampfe mit ſich ſelbſt.„Ich darf nicht— hören Sie auf! Jedes Ihrer Worte erhöht die Strenge meiner Pflicht. Ich glaube, ich weiß, wen ich vor mir ſehe!“ * Der Unbekannte hatte ſich indeſſen emporgerichtet.„Sie ſind ein Deutſcher, was Sie auch hieherführen mag, Ihre erſten Pflichten ſind vaterländiſche. Ich betheuere Ihnen, Sie verletzen dieſe nicht, wenn Sie meine Flucht geſtatten!“ †„Nein, beim ewigen Himmel, das thun Sie nicht,“ rief das junge Mädchen und erhob die Hand zum Schwur; „es iſt kein Verbrechen, zu dem mein Flehen Sie verleiten ſoll. Nie, nie wird Ihr Herz einen Vorwurf zu tragen haben.“ In der Ferne ließ ſich Waffengeklirr hören; man ſchien zu kommen. Bernhard horchte erſchreckt auf. „O Himmel,“ rief die Bittende,„wenn Sie noch eine Minute zaudern, iſt es zu ſpät! Hören Sie das Flehen der Bedrängten!“ 8 Bernhard ſtand im heftigſten Kampf mit ſich felbſt. Sollte er die erſte Pflicht der Ehre, die ſein Stand ihm auferlegte, brechen? Sollte er vielleicht den Freund, der ihn retten half, ins Verderben ſtürzen? Und doch, ſein eigenes Schickſal, mehr als Alles aber die mit unbeſchreiblicher Ge⸗ walt rührend in ſein Herz dringende Stimme der Flehenden bezwang ihn.„Flüchtet denn,“ ſprach er haſtig und ließ —— — — 282— die bewaffnete Hand ſinken;„doch ich darf, ich will nicht ſehen wohin! Fort! Fort!“ „Dank, Dank,“ hauchte die ſchöne Geſtalt ihm mit in Thränen und Freude brechender Stimme zu und ergriff ſeine Hand und wollte ihr weinendes Antlitz dankbar darauf drücken. Bernhard hinderte es ſanft abwehrend und flüſtert ha⸗ ſtig:„Eilen Sie, um Gotteswillen, man kommt näher!“ Wie er den warmen Händedruck der Dankbarkeit em⸗ pfing, ſtürmte ein ſchmerzlich ſeliges Gefühl durch ſeine Bruſt, daß das Herz glühend und ungeſtüm ſchlug. Finden und Scheiden fiel in einem Augenblicke zuſammen. Sollte dieſe wunderbare, große Minute, die zwei Seelen mit hei⸗ ligſter Empfindung vereinigte, ſpurlos verrinnen wie ein Tropfen, der in das ewige Meer fällt? Nimmermehr! Ein Angedenken wollte Bernhard wenigſtens behalten, ein Zeichen für künftige Tage. Drum ſtreifte er raſch den loſen Hand⸗ ſchuh von der Hand des holden Weſens, um dieſen zu be⸗ halten. Doch indem er über ihre zarte, zitternde Hand glitt, fühlte er einen Ring an ihrem Finger. Es zuckte kalt durch ſeine Bruſt, als ihm der Gedanke kam, es könne dies ein Zeichen ſein, wodurch ſie ſich einem Andern ewig verknüpft habe; als vermöchte er ſie dieſem zu entreißen, wenn er das Pfand der Treue raubte, griff er mit Haſt nach dem Ringe und forderte ihn.„Ich weiß nicht, wem ich hier begegnete, ich darf es nicht wiſſen,“ rief er heftig, indem er die Zit⸗ ternde, welche ſich eben losreißen wollte, um dem ſchon zum Rande hinabeilenden Vater zu folgen, halb hielt, halb ſie begleitete;„darum laſſen Sie mir dies Angedenken, dieſen Ring, an dem wir uns in glüüichern Beiten wiederfinden wollen!“ Indem er ſprach, ſuchte er ihn ſchon en ihrem Finger 5 — 283— 5 zu ziehen. Sie widerſtrebte einen Augenblick.„Gerade die⸗ ſer Ring, o eben dieſer,“ begann ſie; doch Bernhard, der fürchtete, ſie werde ausſprechen, was ihn mit dunkler Ah⸗ nung ängſtigte, unterbrach ſie faſt wild: „Gerade dieſen will ich; vollenden Sie nicht; gerade dieſen oder nichts!“ Aber er hatte ihn ſchon abgeſtreift und zugleich den ſeinigen, den er ihr ungeſtüm auf die Finger drückte.„Der Ihrige kann Ihnen nicht theurer ſein als mir der meinige,“ fuhr er fort;„ich gebe Ihnen viel, viel⸗ leicht Alles damit, was ich zu hoffen habe. Aber es iſt mein feſter Glaube, daß ich ihn einlöſen werde.“ Seinem Ungeſtüm wäre nicht zu widerſtehen geweſen, ſelbſt wenn die Pflicht der Dankbarkeit es der Unbekann⸗ ten nicht unmöglich gemacht hätte, ihrem Retter jetzo ir⸗ gend eine Bitte, und wäre ſie um ihr Liebſtes geweſen, zu e verweigern. „So nehmen Sie ihn denn hin,“ ſprach ſie leiſe im eiligen Gehen;„aber ich muß ihn zurückhaben, wenn der Krieg nicht mehr jede ſanftere Verbindung der Menſchen wild zerreißt. Leben Sie denn wohl, und der Allgütige ſei ſtets mit meinem Retter!“ Bei den letzten Worten brach ihre Stimme; ſie wollte ihre Hand ſanft aus der ſeinigen löſen, doch er hielt ſie feſt und drückte einen glühenden Kuß darauf. Dann riß er ſ 9 ſtumm los, und eilte zurück. 4 Kaum hatte er den Poſten wieder erreicht, als er hörte, wie ein Nachen vom Ufer ſtieß und mit raſchen Ruderſchlä⸗ gen die Wellen theilte. Er athmete leicht auf.„Jetzt ſind 4 ſie gerettet; es war die höchſte Zeit!“ Denn ſchon nahten die Schritte der ablöſenden Kameraden; er konnte noch das Nauſchen der Ruder vernehmen, als ſie ſchon vor ihn traten 1 und der kriegeriſche Gebrauch begann. — — 284— „Nichts Neues auf dem Poſten?“ fragte der Unteroffi⸗ zier; es war Petrowski. „Nichts,“ ſprach Bernhard feſt. „Abgelöſt!“ Ludwig nahm jetzt die Stelle des Freundes ein; für Bernhard war der Dienſt dieſer Nacht vorüber. Naſch eilte er nach Hauſe; auf dem Wege befeſtigte er ſich in dem Entſchluß, den ganzen Vorfall ſtumm in ſeiner Bruſt zu bewahren, und ſelbſt Ludwig und Jaromir nichts davon mitzutheilen, damit im äußerſten Fall auch das Vergehen allein das ſeinige bliebe. 2 Er erreichte ſein Zimmer. Mit größter Eile zündete er V Licht an, um den Ring näͤher zu beleuchten.„Teufel!“ V fuhr er auf, als er ihn jetzt gegen die Kerze hielt;„Teufel! Iſt das ein Blendwerk des Satans, oder bin ich verrückt 4 geworden!“ Er hatte ſeinen eigenen Ring in der Hand!* „O ich Thor,“ rief er aus und drückte ſich die Fauſt in- grimmig gegen die Stirn;„dieſe plumpen, ungeſchickten Finger haben die Ringe verwechſelt! Den Schädel möchte ich mir einſchlagen und wie Franz Moor rufen: Das war dumm! dumm!“ Er ging wild auf und nieder.„Ha! ha! ha! Nun muß ich wahrhaftig der ganzen Welt die Geſchichte erzählen; denn ſie iſt zu lächerlich ſchön, wenn ſie nicht zu boshaft tig wäre! Und wenn ſie den Irrthum bemerkt! In wie herrlichem Glanze alberner Lächerlichkeit muß der Retter vor ihr ſtehen! Bernhard! Bernhard! Das war ein Meiſter⸗ ſtreich! Wie der Thor von Zauberlehrling ſtehſt Du jetzo vor der verſchloſſenen Pforte und haſt das Wort vergeſſen, worauf ſie ſich öffnet.“ Er wurde weich; Thränen traten in ſeine Augen. Nie⸗ der ſetzte er ſich und ſtützte das Haupt in die Hann(. — 285— „Ja ja, ich kenne Das,“ ſprach er vor ſich hin;„ich kenne ja das Alles ſchon; ich habe es ja oft erfahren. Es iſt die Nemeſis des Schickſals, das mir, weil ich ihm im Grimme ſtets eine verzerrt lachende Larve zeige ſtatt einer weibiſch greinenden, ſtets mit gleicher Münze vergilt. Ich ſollte ſeine Tücken endlich auslernen! Wie oft, wenn ich einen Freund, eine Geliebte ans Herz zu drücken dachte, ſchob es mir eine Strohpuppe zur lächerlichen Umarmung hin! Es thut aber doch weh! Ein Angedenken der ſelten⸗ ſten ſchönen Minute hätte ich doch gern gehabt. Es iſt mir nicht um das Wiederfinden; denn am beſten iſt's gewiß, ich finde ſie nicht wieder. Was die Nacht in ihrer Verhül⸗ lung ſo zauberiſch reizend ſcheinen ließ, iſt vielleicht alltäg⸗ lich, wenn die Sonne ihre gemeinen Strahlen darauf wirft! und will ich ſie finden, ſo finde ich ſie doch, ohne Ring oder andere Lumpereien— aber— ein Andenken hätte doch gern behalten!“ Halb trauernd, halb unmuthig warf er ſich aufs Lager, 4 allein es dauerte lange, bis der Schlaf ihn fand. 2 Siebentes Capitel. Die Oper, von der Regnard geſprochen hatte, ſollte bend gegeben werden. Weder aus dem Titel des Stücks, aus den Perſonen, welche der Zettel benannte, vermochte ig zu erkennen, von wem es ſei, und den Componiſten man gar nicht gekannt. Er war daher ſehr begierig, duſik zu hören, um ſo mehr, als Francoiſe der Gräfin alt hatte, ſie ſei unbeſchreiblich reizend und faſt noch — 286— nie habe eine Rolle ihr ſo zugeſagt. Um ſieben Uhr fuhr man ins Theater; die Gräfin, Lodoiska, Regnard und un⸗ ſere drei jungen Freunde befanden ſich in einer Loge. Mit Wohlbehagen ließ Bernhard ſeine Blicke über die Reihe der ſchönen Frauen und Mädchen hinſchweifen, welche den erſten Nang der Logen zierten.„Wahrlich,“ rief er und ſtieß Ludwig an,„niemals ſah ich ein Theater mit einer ſo rei⸗ zenden Blumenguirlande verziert als dieſes. In Drury⸗ Lane, im Kingstheater, im Vauxhall fand ich die Logen anmuthig genug beſetzt; die Engländerinnen ſind unwider⸗ ſtehlich in ihrer feinen Haltung, in der Eleganz ihrer ge⸗ ſchmackvollen Kleidung, in dem ſanften jungfraͤulichen Aus⸗ druck des blauen Auges; aber bei Sanct Lukas, dem Schutz⸗ patron aller Maler, ich betheuere Dir, ſie ſind nur unechte böhmiſche Steine gegen die Diamanten vom reinſten Waſſer, die man hier glänzen ſieht.“ „ odoiska iſt dennoch bei Weitem die ſchönſte,“ antwortete Ludwig leiſe,„obwol ich Dir Recht geben muß, daß ich niemals einen ſo reichen Kreis ſchöner weiblicher Geſtalten ſah.“ „Die ſchönſte iſt ſie nicht, das darf Du einem Pro⸗ feſſioniſten, wie ich bin, ſchon glauben,“ bemerkte Bernhard entgegen;„aber ſie iſt die reizendſte, die holdeſte, die lieb⸗ lichſte von Allen. Wenn ſich alle die ſchönen Büſten, die hier über den Logenrand ſehen, in marmorne verwandelten, ſtz würde manche edler in den Formen erſcheinen, ja ich ſtehe nicht dafür, daß die Gräfin ſelbſt ſie nicht verdunkelte. Ein Anderes wäre es freilich, wenn wir dieſe ſämmtlichen Bild⸗ niſſe auf der Leinwand hätten, wo das zauberiſche Spiel der Farhen und des Blicks eine Art Regenbogenſchimmer über s zu, daß Lodoiska die Fruhlingsroſe, die ſchlanke, zarte Himmel des Angeſichts wirft. Dann gäbe ich Lilie, das beſcheidene Veilchen, kurz jedes Reizende zugleich — — — 2872— und die lieblichſte Blüte auf dieſem ganzen vollen Blu⸗ menbeet ſei.“ 1 Die beginnende Ouverture unterbrach das Geſpräch; Ludwig erkannte am erſten Ton, daß es keine andere Oper als die Schweizerfamilie ſei, die man hören werde. Er lä⸗ chelte ein wenig über den großen Enthuſiasmus, mit dem der Obriſt von dem Werke geſprochen hatte; doch begriff er, daß Aliſette als Emmeline, welche auf dem Zettel den Schä⸗ fernamen Dorina bekommen hatte, eine ſehr liebliche Erſchei⸗ nung ſein müſſe. Und ſo war es auch. Die einleitenden Scenen gingen, noch dazu mittelmäßig dargeſtellt, ohne be⸗ 4 1 ſondern Eindruck vorüber. Allein ſchon das erſte Auftreten Aliſettens nahm das Intereſſe im höchſten Grade in An⸗ ſſpruch. Sie hatte den Charakter ganz eigenthümlich aufge⸗ faßt, nämlich ihn aus den beſtimmten Formen und Farben ſchweizeriſcher Volksthümlichkeit in ein halb ideales Gebiet übertragen, ohne jedoch die charakteriſtiſche Beſonderheit ganz daraus zu verbannen. In ihrer Kleidung hatte ſie zwar einige Andeutungen der Schweizertracht beibehalten, allein dieſelbe auf eigenthümliche Weiſe hie und da geändert. Das Haar trug ſie in freien Locken, nur mit wenigen Bändern loſe geknüpft, deren eines, von dunkler Farbe, die freie weiße Sdtirn begrenzte; Hals, Bruſt und Nacken waren nicht ſo tief verhüllt wie in der wirklichen Volkstracht, obwol ſie 6 das zierliche ſchwarze Mieder beibehalten hatte. Das Ge⸗ 7 wand dagegen fiel ihr, ſittſamer als gewöhnlich, bis tief auf die Knöchel herunter, auch war es nicht ſo gebauſcht, ſon⸗ ded in zeigte die Geſtalt ungleich vortheilhafter. Mit großem Leſchick wußte ſie dennoch den zierlichen Fuß, den ſie in ſau⸗ “ ere Zwickeltrümpfe gekleidet und in einen eng anſchließenden 2 chuh geleg hatte, immer aufs vortheilhafteſte zu zeigen, wodurch ihr Gang, ihr Stehen und Bewegen erwas ſoßt I 4 — 288— Anmuthiges erhicit. Sie glich halb einer Schweizerin, halb einer Schäferin, wie die Idylle ſie uns zeigt, und hatte auf dieſe Weiſe ſehr glücklich die Forderungen volksthümlicher Charakteriſtik mit denen der idealiſirenden Kunſt ausgeglichen. Als ſie die erſten Klänge ihrer lieblichen Stimme vernehmen ließ, erſtaunte Ludwig, wie dies ſcheinbar ſo zarte Organ die Räume des ganzen, nicht kleinen Hauſes ſo mit Wohllaut zu erfüllen vermochte. Von dem leiſeſten Anhauchen der Töne bis zum ſüßen, vollen Anſchwellen derſelben war der Klang in ſeiner ſilbernen Klarheit überall zu vernehmen; man fühlte niemals einen Mangel, ſondern für das Zarteſte wie für den heftigſten Ausdruck der Leidenſchaft fand die bezaubernde Darſtellerin immer das richtige Maß. Und da ſie überdies den ganzen Körper in allen Bewegungen, bis zu dem leiſeſten Spiel der Mienen und Blicke, ganz mit der Seele des Tones erfüllte, ſo mußte das holdſelige Bild, welches ſie hinſtellte, jedes Herz mächtig feſſeln. Lodoiska zerfloß ſchon im erſten Act faſt in Thränen. Bei den Worten:„Wer hörte wol jemals mich klagen!“ in welchen Aliſette gewiſſermaßen die Todesangſt gewaltſamer Freude ausdrückte, während ihr Auge doch einen ſo unnennbar ſchmerzlichen Blick gen Himmel warf, daß man fühlte, wie ihr Herz brechen wolle in der Qual dieſer Luſt— bei dieſen Worten, wo der Widerſpruch des Wortſinnes mit der Em⸗ pfindung einen ſo zerreißenden Eindruck hervorbringt, griff das eerſchutterte Mädchen unwillkürlich mit der Hand nach dem 4 Herzen, als wolle ſie deſſen Beklemmung lindern. Während zwei große Thränen wie Sterne an dem dunklen Himm ihres Auges aufgingen, zitterte ihre Bruſt unter emänr-lee, 4 ſen, verhaltenen Seufzer; ſie war ſo von Mitgefühl bewegt, 3 daß ſie den Schmerz, welchen Aliſette ſo täuſchend darſtellte, faſt ſelbſt empfand. Oder war es eine weiſſagende Stimme, — 289— die ſich dunkel in ihrer Bruſt vernehmen ließ? War es eine wunderbare Ahnung, durch die Nähe Derjenigen hervorgeru⸗ fen, welche einen feindſeligen Einfluß auf die Geſtirne ihres Lebens zu üben drohte? Sah ſie ſchon das ſchwarze Haupt der Natter, die ſich noch unter duftenden Roſen verbarg? Jaromir, deſſen friſch lebendiges Gemüth durch jeden Eindruck raſch gefeſſelt wurde, war ganz Auge und Ohr. Gleich einer bezaubernden Armide wußte Aliſette ſein Herz zu leiten; Bernhard glaubte in der That zu bemerken, daß ſie Spiel und Blicke häufig, wie ſchon am erſten Abende, gegen den ſchönen Jüngling richte. Doch war er ſelbſt durch die holde Kunſt des Mädchens ſo ſüß umſponnen, daß ſo⸗ gar er, deſſen freier Blick ſelten beſchränkt wurde, nicht Ruhe genug zur ſcharfen kalten Beobachtung behielt. Ging es doch allen verſammelten Hörern und Zuſchauern nicht beſſer; Ali⸗ ſette ſchien durch den Wink ihres Auges jede Bruſt zu be⸗ herrſchen; unwiderſtehlich hob ſie das Herz aus der Tiefe der Schmerzen auf den Wellengipfel der Freude und ließ es eben ſo ſchnell ſinken als ſteigen. Nach dem Schluſſe des Acts verließ Regnard die Loge; Bernhard, der ihn mit Argusaugen verfolgte, ſah, daß er auf die Bühne ging. Es wurde ihm immer unzweifelhafter, daß zwiſchen Aliſetten und dem Obriſten eine ſehr nahe Verbin⸗ dung beſtand, doch war es ihm faſt gewiß, daß Aliſettens Herz wenig Antheil daran hatte. 4 Jaromir wandte ſich zu Lodoiska und fragte ſie:„Iſt as nicht unbeſchreiblich ſchön?“ d„Aber auch urnbeſchreiblich beängſtigend,“ antwortete dieſe „ med ſchöpfte tief Athem. Ludwig, der Einzige, der die Oper kannte und Kunſtbil⸗ 2. 4 dung genug beſaß, um die hinreißende Darſtellung nicht mit 3’ demn Werthe des Werkes zu verwechſeln, ſprach ſich mehr be⸗ J. 13 4 urtheilend als bewundernd gegen die Gräfin aus. Dieſe, durch ihre Jahre ſchon über die Macht unmittelbarer Ge⸗ fühlseindrücke hinaus, hörte ihm gern zu, wie ſie denn über⸗ haupt ſeinem verſtändig ernſten Weſen einen großen Antheil ſchenkte. Auch Lodoiska ließ ſich gern aus ihrer gereizten, S faſt beklemmenden Stimmung in die des ruhigern Genießens hinüberleiten und war nicht erzürnt, als Ludwig ihr durch ſein beſonnenes Urtheil manche Täuſchung über die Schön⸗ heit des Kunſtwerks nahm. Nur Jaromir zeigte ſich faſt unwillig, daß an Dem, was ſeine junge Bruſt ſo mächtig ergriffen hatte, irgend etwas Mangelhaftes oder gar Unſchö⸗ nes haften ſollte. Er hatte bis jetzt der Kunſt ſo entfernt geſtanden, ſich ſo vielfach mit den rauhen Stoffen des äußer⸗ lichſten Lebens umhergeſchlagen, daß dieſe erſten Strahlen und Klänge aus einer ihm noch unbekannten ſchönern Welt ihm natürlich als etwas erſcheinen mußten, das durch nichts über⸗ troffen werden könne. Der zweite Act begann, und ſchon dieſer zeigte dem Unerfahrenen, daß er noch lange nicht an der Grenze des Erreichbaren geſtanden hatte, denn der Antheil ſteigerte ſich bedeutend. Vollends aber der Schluß des Werkes, mit ſei⸗ ner tiefen Wehmuth der Freude, ſeinem weinenden Jubel, drohte die jungen liebenden Herzen faſt zu überfluthen durch die wogende Aufregung aller Gefühle. Aliſette war aber auch ſo ſchön, ſo rührend, ſo verklärt in der Freude, daß ſie ſelbſt für den bewußt genießenden Ludwig das Kunſtwerk aus den niedern Regionen, in welchen es mit ſeinen weich⸗ lich matten Flügeln ſchwebt, in eine reine Höhe friſcher, göttlich erquickender Lüfte hob, wo es freie Fittige im Son⸗ nenglanz entfaltete. Lodoiska war bis in die tiefſte Seele bewegt, aber nichtt beſeligend; unklar, aber eben deshalb durch unheimliche, ge⸗ — 291— ſtaltloſe Gegenwart ängſtigend, regte ſich das bange Gefühl in ihr, als vermöge ſie nicht mit dieſer mächtigen Zauberin, welche ſie ſelbſt ſo wider Willen hinriß, in den Kampf zu treten. Wie ſollte ſie den Geliebten feſſeln, wenn jene ihre lockenden Netze ausbreitete, ihre ſüß verführende Stimme er⸗ tönen ließ, die weichen, zarten Arme öffnete? Sie dachte dies zwar nicht beſtimmt, allein das demüthigende Gefühl der Armuth und Schwäche, welches edlere Seelen ſo leicht bei großen Bewegungen des Lebens oder der Kunſt ergreift, weil ſie ihren eigenen hohen Werth verkennen, drang in ihre Bruſt. Wer bin ich, dachte ſie, um mit meiner Liebe das Daſein des Freundes zu erfüllen in einer Welt, die ſo un⸗ endlich Schöneres bietet? O du Holde, verkannteſt du es denn, daß ein lauteres Herz der reinſte Demant iſt, um das eigene und das fremde Leben zu ſchmücken? Nur der Ver⸗ blendete geht achtlos an dieſem Kleinod vorüber, nur der Be⸗ thörte wirft es von ſich. Doch wie Vielen legt ein zürnen⸗ der Gott die düſtere Binde über das Auge, daß ſie im ewi⸗ gen Dunkel durch das Leben irren und das Heil nicht fin⸗ den, wenn es die offenen Arme vor ihnen ausbreitet! Achtes Capitel. Die Gräfin und Lodoiska fuhren, von Regnard beglei⸗ tet, nach Hauſe, die drei jungen Männer gingen und trafen demnach etwas ſpäter ein. Als ſie die große Treppe hinauf⸗ ſtiegen, kam ihnen die Gräfin mit einem ſeltſamen, aber ſehr 1 freudigen Laᷣcheln entgegen.„Nicht in den Speiſeſaal,“ ſprach 13* — 292— ſie,„folgen Sie mir zuvar noch ins Geſellſchaftszimmer, denn die Tafel iſt noch nicht vollſtändig gedeckt.“ Unbefangen ge⸗ horchten die Freunde dem Gebote der Gräfin. Es war Nie⸗ mand im Zimmer als der Obriſt.„Lodoiska,“ ſprach die Gräfin,“ kleidet ſich um, und wir werden auch noch et⸗ was warten müſſen, weil die liebenswürdige Aliſette ver⸗ ſprochen hat, mit uns zu ſpeiſen.“ Die Freunde ſaßen in un⸗ befangenem Geſpräch mit dem Rücken gegen die Thüre, als plötzlich Jaromir zwei Hände fühlte, die ſich von hintenher über ſeine Augen legten, um ihn rathen zu laſſen, wer der Unbekannte ſei; allein es blieb ihm nicht Zeit dazu, denn ſchon waren Bernhard und Ludwig mit dem lauten Ruf der Freude aufgeſprungen:„Graf Raſinski!“ Boleslaw aber war es, der Jaromirs Augen bedeckt hielt. Er umarmte den Freund und Kriegskameraden mit ſtürmender Herzlichkeit, und eben ſo feurig begrüßte er auch Raſinski.„Wie iſt's Euch ergangen! Wie habt Ihr gelebt?“ ſchallten die Fragen durch einander, ohne daß die Antwort abgewartet wurde, weil Je⸗ der ſie ja lebendig vor ſich ſah.„Tauſend herzliche Grüße von den Ihrigen,“ waren die erſten Worte, welche Raſinski, nachdem die ſtürmiſch freudige Begrüßung vorüber war, an Ludwig richtete;„zwar kam meine Abreiſe ſo überraſchend, daß nicht Zeit vorhanden war, mir ausführlichere Briefe mitzu⸗ geben, indeſſen erhalten Sie doch einige Zeilen und mit dem nächſten Poſttage mehr.“ Der Gruß von den Seinigen, dieſer erſte Anknüpfungs⸗ punkt an eine glücklichere Vergangenheit, mußte eine weh⸗ müthige Stimmung in Ludwig erzeugen. Aber mit der Wehmuth zugleich erfüllte ihn ein ſanftes Gefühl der Freude, daß es noch in einem fernen Hintergrunde liebe Weſen gab, die den dunklen Pfad ſeines Lebens mit Sorgen der Theil⸗ nahme verfolgen, deren treue Wünſche und Gebete ihn ale 3 293— Schutzengel umſchwebten. Er dankte daher dem überbringer ſo lieber Botſchaft auf das innigſte und bat um die Aus⸗ händigung Deſſen, was ihm beſtimmt war. Bernhard, welcher ſtets der Umſichtigſte war und ſich nicht leicht von einem Gefühl ſo hinreißen ließ, daß er die ſcharf umblickende Beſonnenheit außer Acht gelaſſen hätte, wurde plötzlich durch den Gedanken beunruhigt, daß Naſinski ihren angenommenen Namen noch nicht kenne, und daher leicht eine verrathende Unvorſichtigkeit begehen könne. Schnell beſonnen ging er daher hinaus und ſandte einen Bedienten hinein, durch welchen er Raſinski ins Vorzimmer rufen ließ. Dieſer war erſtaunt, denn er wußte nicht, wer ihn an einem Orte, wo er erſt ſeit einer Viertelſtunde angekommen war, in dienſtlichen Angelegenheiten zu ſprechen verlangen könne. Er ſandte daher Boleslaw; dieſem ſagte Bernhard, um was es ſich handele. Als wäre die Sache dringend dienſtlich, be⸗ richtete Boleslaw an Naſinski, Beide gingen mit einander hinaus, und Bernhard ſetzte ihnen nun das ganze Verhält⸗ niß deutlicher auseinander. „Vortrefflich, mein junger Freund,“ ſprach NRaſinski, „Ihr habt Anlage zum Parteigänger, denn Ihr haltet Auge und Ohr offen. Das ſoll mir ein gutes Zeichen ſein, Graf Lomond, Ihr könnt auf Beförderung Anſpruch machen. überdies lobe ich’s, daß Ihr Euch den Grafentitel beigelegt habt, denn wie ſehr auch das rauhe Würfelſpiel der Zeit Altes und Neues im Becher durcheinander geſchüttelt hat, Blei ſenkt ſich doch immer in die Tiefe, und Ol ſchwimmt oben auf. So werden Rang und Reichthum ſelbſt dann noch gelten, wenn auch das ruſſiſche Reich zu einer athenien⸗ ſiſchen Republik, und Madrid oder Neapel zu einem zwei⸗ ten Sparta geworden ſind. Aus Euch, Freund, kann et⸗ was werden und Ludwig mag wollen oder nicht, er muß — 294— einem Soren einen Grafen oder Freiherrn vorhängen, wenn es auch nur der bequemern Anrede wegen geſchähe.“ Sie gingen hierauf wieder hinein. „Nun, das muß wahr ſein,“ redete die Gräfin die Ein⸗ tretenden an,„Eure Dienſtgeſchaͤfte ſcheinen dringend, da Ihr ſie gleich im erſten Augenblicke der Ankunft vornehmt.“ „Du weißt,“ antwortete Raſinski,„der Soldat iſt nur ein Nad in der Maſchine, das ſich nach dem Geſetz des Ganzen drehen muß, wenn dieſes nicht ſtocken oder der wi⸗ derſpenſtige Theil zerſchmettert werden ſoll. Indeſſen iſt nun hoffentlich für heute Alles abgethan, und wir gehören ganz Dir an.“ Er ſetzte ſich mit dieſen Worten zwanglos zu der Schweſter nieder und nahm freundlich koſend ihre Hand. Sie betrachtete ihn mit einer gewiſſen liebenden Sorglichkeit, als wolle ſie unterſuchen, ob es auch noch der alte geliebte Bruder ſei.„Ich weiß nicht,“ ſprach ſie nach einigen Au⸗ genblicken,„aber Du ſcheinſt mir ein wenig verändert, Ste⸗ phan; hier auf der Stirn nehme ich einen Zug wahr, der faſt wie eine düſtere Falte des Trübſinns ausſieht. Wahr⸗ lich, Bruder, Deine Stirn iſt nicht mehr der freie, heitere Himmel, deſſen Anblick ſonſt ſo ſtärkend war.“ „Das Alter, Johanna, übt ſeine Rechte an mir,“ er⸗ widerte er lächelnd; doch ließ ſich der tiefe Ernſt ſeiner Züge durch eine ſo leichte Hülle der Heiterkeit nicht verſchleiern. „Es iſt kein Zug des Alters, es iſt einer der Sorge oder des Kummers. Theile der Schweſter die Hälfte Deiner Bürde mit, ſonſt trägt ſie die doppelte, ohne daß Du es zu hindern vermagſt, denn Du weißt, jede Ungewißheit vergrößert Gefahren und Sorgen.“ Das Geſpräch wurde zwiſchen Beiden geführt, ohne daß die Geſellſchaft darauf aufmerkſam war; deshalb wieder⸗ holte die Gräfin ihre Bitte um Mittheilung dringender, da der Bruder auf die erſte nur durch ein ernſtes Schweigen, wobei er ſinnend vor ſich hinblickte und langſam das Haupt ſchüttelte, geantwortet hatte. „Das Vaterland,“ erwiderte er jetzt,„fordert außer der ganzen Kraft unſers Lebens auch manche andere Opfer deſ⸗ ſelben; wir bringen ſie willig, allein verargen wird man es uns doch nicht, wenn wir nicht unempfindlich gegen den Schmerz ſind, den uns der Verluſt oder das Aufgeben ſol⸗ cher Güter verurſacht, welche von den Meiſten als die höch⸗ ſten geſchätzt werden, ja nicht ſelten für das Ziel des Da⸗ ſeins ſelber gelten.“ Die Schweſter ſah ihn mitleidig an und reichte ihm die Hand; er drückte ſie ſtumm und blickte ihr wohlwollend, dankbar in das treue Auge. Die Aufmerkſamkeit der übrigen wurde jetzt durch einen andern Gegenſtand in Anſpruch genommen. Aliſette trat ein. Gleich einer Frühlingsgöttin ſchwebte ſie über die Schwelle des Gemaches, denn ſie trug einen ganzen Buſch junger Roſen in der Hand, deren ſie eine vorgeſteckt hatte. Freundlich grüßend ſtreifte ſie an den Männern vorüber und ging mit leichten Schritten auf die Gräfin zu, welche, ernſt ſinnend in Gedanken verloren, die Annäherung dieſer liebli⸗ chen Flora nicht bemerkt hatte. Auch Raſinski erblickte ſie erſt, als ſie ſchon dicht vor ihm ſtand, und ſprang höflich und ein wenig betroffen auf, um ſie als eine Fremde zu begrüßen. „Da bin ich,“ ſprach ſie wohllautend und verneigte ſich mit Grazie;„darf aber das Schweizermädchen auch in ſo vornehmem Kreiſe erſcheinen?“ „Willkommen, willkommen,“ erwiderte die überraſchte Frau des Hauſes;„und welch eine Fülle der Gaben bringt meine holde Sirene mit!“ rief ſie, als ſie den vollen Strauß — duftender Roſen erblickte;„mein ganzer Garten hat noch keine Knospe aufzuweiſen, aber in Ihrer Hand blüht ſchon der ganze Roſenmonat!“ „Es iſt eine Galanterie, welche ich, ich weiß nicht wem zu danken habe,“ entgegnete Aliſette.„Ich befand mich noch in der Garderobe und war eben mit dem Umkleiden beſchäf⸗ tigt, als es anpochte. Conſtanze, meine Jungfer, öffnete die Thür zu einer kleinen Spalte und fragte, wer da ſei. Statt der Antwort reichte eine unbekannte Hand mir dieſen herrli⸗ chen Strauß hinein. Es iſt eigentlich grauſam, nicht wahr, ſo viele ſchöne Roſen einem ſo ſchnellen Tode zu weihen? Alle Blumenſtöcke in Warſchau muß der unbekannte, freige⸗ bige Freund geplündert haben, denn ſie ſind noch ſelten, und im Freien blüht gewiß noch keine einzige.“ „Glücklich diejenigen, welchen eine ſo holde Beſtimmung ward,“ ſprach Raſinski artig. Erſt jetzt blickte Frangoiſe ihn an und war überraſcht, einen Fremden zu ſehen.„Mein Bruder,“ ſtellte die Gräfin ihn vor und machte ihn mit ihr dadurch bekannt, daß ſie gleich von dem unbeſchreiblichen Genuß erzählte, welchen Aliſettens Kunſt dieſen Abend Allen bereitet habe. Dieſe ſchien ſehr glücklich zu ſein, daß ſie eine ſolche Anerkennung fand, wehrte aber mit beſcheidenen Worten und Mienen alle Lobſprüche ab. Dann nahm ſie muthwillig die Roſen und rief:„Ich muß dankbar ſein für ſo viel Güte. So viele Huldigungen, ſo viel Noſen! Hier, hier.“ Und damit überreichte ſie Jedem mit ſcherzender Freund⸗ lichkeit eine Roſe; Regnard aber erhielt keine.„Sie haben mich nicht gelobt, Ihnen gebe ich auch keine Blume. Dafür ſollen Sie zwei haben,“ wandte ſie ſich zu Jaromir und gab ihm die beiden ſchönſten des ganzen Straußes. Ohne ſeinen betroffenen Dank abzuwarten, kehrte ſie mit leeren Händen zur Grafin zurück, welche ſie ſcherzhaft drohend mit — 297— den Worten empfing:„Verſchwenderin! ſo gehen Sie mit den Gaben Ihres Verehrers um? Wenn er nun hier wäre?“ Dabei warf ſie einen Blick auf Regnard. „Möchte er doch, ſo würde er ſehen, daß ſein Geſchenk mir die größte Freude gemacht hat. Tauſendmal mehr, als wenn ich es in einem Glaſe auf meiner Toilette traurig ver⸗ welken ſähe. Und um mir eine Freude zu machen, hat er es mir doch hoffentlich geſchenkt.“ Lodoiska war ſtill, gleich einer Erſcheinung in den Saal getreten und ſtand unvermuthet neben der Gräfin. „Ach, da ſind Sie ja,“ rief Aliſette aus und näherte ſich ihr begrüßend;„wie, und Sie ſollten keine Roſe haben, und haben mich doch am allerſchönſten gelobt? Oder glau⸗ ben Sie, ich hätte Ihre Thränen nicht geſehen? Wenn ich Sie anblickte, war es mir, als ſähe ich in einen Spiegel, deſſen reiner Kryſtall mir die unverhüllte Wahrheit zeigte. Wenn meine Töne Sie zu Thränen oder zum Lächeln be⸗ wegten, dann wußte ich, daß ſie wahrhaft zum Herzen dran⸗ gen. Und Ihnen ſollte ich nicht einmal eine Roſe zum Dank geben können! Aber hier iſt ja noch eine,“ ſprach ſie freudig und blickte auf die herab, welche in dem Gürtel ih⸗ res Kleides, an ihrer Bruſt blühte. Sie nahm ſie und wollte ſie an Lodoiska's Buſen befeſtigen; doch dieſe wider⸗ ſtrebte, freundlich aber dringend ablehnend. Es war in der That ein anmuthiges Schauſpiel, die⸗ ſen kleinen Kampf der beiden ſchönen Mädchen zu ſehen. Aliſette, in ihrem weißen, ſchleierartigen Gewande ein Bild des Frühlings, der jugendlichen Hebe; Lodoiska, im dunklen ſeidenen Kleide ernſt und doch freundlich. Auf Aliſettens Wangen und Lippen das blühendſte Roth, in dem blauen Auge die Freude ſelbſt; flatterndes, leicht gelocktes braunes Haar. Jene der Lilie gleich, nur einen zarten, roſigen Hauch 13** — 298— auf der Wange, das Auge ernſt, ſanft, groß, die Marmor⸗ ſtirn und der edle, blendendweiße Nacken von reicher Fülle des ſchwarzen Haares umſchattet; weiblich, edel in der Hal⸗ tung; lieblich, ſchüchtern in den zurückweiſenden Bewegun⸗ gen; Aliſette ſtets in reizender Beweglichkeit, ſie leicht um⸗ ſchwebend, ſchmeichelnd, anſchmiegend, bittend. Endlich gelang es ihr, die Noſe in dem goldnen Gür⸗ telbande zu befeſtigen, welches das Kleid umſchloß, und die zarte Blüte ſchimmerte reizend auf dem dunkelgrauen Grunde des Gewandes. „Nun bin ich zufrieden, nun bin ich glücklich,“ rief Francoiſe aus, als ſie geſiegt hatte.„Nun erſt ſcheint mir die Roſe ſchön; ich verdiene ſie gar nicht.“ Bei dieſen letzten Worten bemerkte Bernhard einen An⸗ flug von Schwermuth in den heitern Zügen des Mädchens; es ſchien, als fühle ſie reuig, daß in ihren letzten Worten eine bittere Wahrheit für ſie enthalten ſei. Sollte ſie wirklich eine ſchöne Magdalena ſein, für welche die Zeit der Buße noch nicht gekommen iſt? dachte er bei ſich und beſchloß ſeine prüfenden Beobachtungen fortzu⸗ ſetzen. Als daher jetzt die Flügelthüren des Speiſeſaals ge⸗ öffnet wurden, trat er zu ihr heran und bot ihr wie vor drei Tagen den Arm. Sie nahm ihn mit einem freundli⸗ chen Blick an und ſprach:„Sie haben nicht Wort gehalten, in vielen Dingen nicht. Sie wollten mir für jedes Lied eine Zeichnung ſchenken, mir Ihr Reiſezeichnenbuch ſehen laſſen, mich ſogar ſelbſt malen! Aber alles Das haben Sie vergeſſen, ja mich nicht einmal beſucht, da wir doch Nachbarn ſind. Nun, es iſt wenigſtens etwas, daß Sie doch jetzt an mich denken und bei Tiſche neben mir ſitzen wollen.“ Bernhard erwiderte dieſe ſcherzhaften Vorwürfe durch eine Erneuerung ſeiner Verſprechungen; man ging zu Tiſche — 299— und er nahm mit Vergnügen an der Seite der liebenswür⸗ digen Nachbarin Platz. 3 Boleslaw ſaß auf der einen Seite neben Lodoiska, Ja⸗ romir auf der andern. Theils aus wohlwollender Höflichkeit, aber auch weil die Gräfin ihr einen Wink gegeben, ſich nicht zu verrathen und dem ſpähenden Auge Regnards oder der feinen Beobachtungsgabe Aliſettens eine Blöße zu bieten, wandte ſich Lodoiska viel zu Boleslaw, mit dem ſie als ihrem Landsmanne und, wenngleich entferntern, Jugendbekannten, gleichfalls viele Berührungspunkte hatte. Ludwig bemerkte, wie warm der ernſte Jüngling wurde, welch ein mildes Feuer in ſeinem Auge glühte. Sollte ihm, dachte er, die ſchöne Nachbarin gefährlich werden? Er ſah es mit Beſorgniß, denn ſein richtiges Urtheil ſagte ihm, daß eine Flamme in Boleslaws Bruſt nicht flüchtig auflodern und erlöſchen könne. Zündete der Funke, ſo brannte die Glut im tiefſten Innern und dauernd fort. Gern hätte er ihn gewarnt; allein es war nicht möglich, und er hatte überdies Jaromir ſein Verſprechen des Schweigens gegeben. Und würde es gefruchtet haben? Wenn Boleslaw in dieſem ſchönen Weſen Das fand, was ſeine ernſte Seele ganz erfüllen konnte, wenn die Macht der Liebe ſich ſchnell und göttlich in ihm entzünden ſollte, hätte es das Wiſſen von den ſanf⸗ ten Feſſeln, die ſchon den Freund umfangen hielten, geän⸗ dert? Nein, nur mit tiefern Schmerzen ware der glühende Pfeil in die Seele des Unglücklichen gedrungen. So blieb ihm mindeſtens die flüchtig verrauſchende Minute eines ſchö⸗ nen Traums, das Glück einer ſüßen Ahnung. Was hier nach ewigen, geheimen Geſetzen erfolgt, hindert Niemand; drum bleibe es dem Allmächtigen und Allgütigen anheimgeſtellt. F 300— Neuntes Capitel. Den Tagen der Freude und des geſelligen Verkehrs folgten jetzt Tage des Ernſtes, der ſtrengen Dienſtbeſchäfti⸗ gung. Denn Raſinski wurde durch höhere Befehle gedrängt, die Bildung ſeines Corps zu beſchleunigen; täglich fanden daher anſtrengende Dienſtübungen ſtatt; man exercirte zu Fuß und zu Pferde; es gab Wachtdienſte auszuführen, der Felddienſt mußte geübt werden, kurz weder Offiziere noch Soldaten behielten Zeit übrig, ſich den Zerſtreuungen des Lebens zu widmen. Der Kaiſer wurde von einem Tage zum andern erwartet, und Naſinski wollte demſelben wenigſtens ein einigermaßen organiſirtes Corps vorführen können. Die mancherlei zarten und anziehenden Verhältniſſe wurden daher durch die ſtrenge Hand des Lebens faſt zerriſſen. In Betreff der heißen Wünſche Jaromirs hatte Raſinski dieſem zwar ſein vorläufiges Verſprechen gegeben, und die Liebenden wa⸗ ren überglücklich;z doch hielt er es für unumgänglich, zuvor einem ältern Oheim Lodoiska's zu ſchreiben und deſſen Ein⸗ willigung nachzuſuchen. So lange mußten die Liebenden ihr Glück wiederum als ein Geheimniß bewahren und ſich ſo entfernt von einander halten, als die Sitte es gebot. Bern⸗ hard und Ludwig waren faſt ſtets im Dienſt; kaum daß dieſer Zeit genug übrig behielt, in einigen einſam gewonne⸗ nen Viertelſtunden einen Brief an die Seinigen zu ſchreiben, wodurch er auf die mündliche Mittheilung und die Gabe, welche ihm Naſinski mitgebracht hatte, antwortete. Daß unter dieſen Umſtänden auch für Bernhard nicht daran zu denken war, ſeine Beobachtungen der verführeriſchen Aliſette fortzuſetzen, oder Lodoiska's Bild zu malen, iſt von ſelbſt einleuchtend. — 301— Eines Abends kam Raſinski ungewöhnlich aufgeregt nach Hauſe und trat mit den Worten in den Saal, wo Jaromir, die Grafin und Lodoiska beiſammen ſaßen:„Unſer Schickſal iſt entſchieden. Der Kaiſer iſt am 29. Mai von Dresden abgereiſt, wird ſich einige Tage in Poſen aufhalten und geht dann muthmaßlich, ohne Warſchau zu berühren, nach Thorn. Wir haben Befehl erhalten, morgen auszurücken und die Straße nach Kowno einzuſchlagen. Ein Tag iſt alſo nur noch der unſrige, den wollen wir hier im häuslichen Kreiſe zubringen. Heut kann ich noch Bruder und Freund ſein; morgen bin ich nichts mehr als Soldat.“ Sein Auge leuch⸗ kete feurig bei dieſen Worten und erhöhte den Adel des mil⸗ den Ernſtes in ſeinen Zügen. Doch auf die Frauen machte die Botſchaft, welche das Herz der Männer, die der Unent⸗ ſchiedenheit bereits müde zu werden anfingen, mit Freude er⸗ füllte, einen betrübenden Eindruck. Lodoiska erbleichte und zitterte wie ein geſcheuchtes Reh; in den Zügen der Gräfin drückte ſich wenigſtens eine ſorgliche Bewegung aus.„Alſo wirklich ſchon ſo bald?“ fragte ſie, indem ſie aufſtand und dem Bruder entgegentrat. „Der Krieg,“ fuhr Raſinski fort,„ſcheint nunmehr un⸗ widerruflich erklärt. Alle Unterhandlungen, welche zuletzt von Narbonne gepflogen wurden, ſind geſcheitert. Man ſagt, es ſei insbeſondere das Schickſal unſers Vaterlandes, welches den hartnäckigen Apfel des Zwiſtes zwiſchen die beiden Welt⸗ beherrſcher wirft. Napoleon will uns als freie, ſelbſtändige Nation anerkannt wiſſen; doch Rußland iſt nicht gewohnt, den Naub, den es in den blutigen Tatzen hält, loszulaſſen. Es zeigt die grimmigen Zähne. Laßt ſehen, ob der Herkules, vor deſſen gehobener Keule Europa bebt, den Kampf mit dieſem Ungeheuer ſiegreich beenden wird!“ Eine edle Röthe des Unwillens färbte ſeine Wangen in⸗ 8* —— — 302— dem er dieſe Worte ſprach. Die Schweſter ſtand mit trau⸗ rigen Blicken vor ihm, ſtrich ihm ſanft das Haar aus der Stirn und ſprach, indem ſie die Hand auf ſeinen Arm legte:„Du hatteſt ſonſt ein freudigeres Vertrauen, als we⸗ niger Sterne der Hoffnung am Horizont glänzten. Faſſe Muth, Stephan! Wenn wir uns nicht an Deiner freudi⸗ gen Kraft aufrichten können, was ſoll uns halten und ſtützen?“ Naſinski lächelte.„Ich habe jetzt bisweilen Stunden, wo ich Alles trüb ſehe, Schweſter; es hält aber nicht lange an, und wo ich der Kraft, der Friſche zum Handeln bedarf, fehlt ſie mir nicht. Doch laß das jetzt; heut und mor⸗ gen gehöre ich Dir, gehöre ich der lieben Beſchränkung des häuslichen Kreiſes an und will mich wohl darin fühlen. Selbſt meine Blicke ſollen über die heilige Grenze nicht hin⸗ ausſchweifen, welche die finſtern Geiſter des Lebens wie eine geweihte Zauberlinie von uns zurückſcheucht. Denn trete ich heraus aus dem Zauberkreiſe, ſo empfängt mich das offene Meer, und die losgelaſſenen Stürme mögen mit meinem Nachen nach Willkür ſpielen. Und wir haben auch noch häusliche Geſchäfte abzuthun,“ fuhr er fort und warf einen Blick auf Lodoiska;„wir wollen Deinen holden Pflegling nicht verſäumen.“ Lodoiska ſenkte das ſchöne Auge zur Erde nieder und ein leiſes Roth hauchte die zarten Wangen an. „Ja, meine Kinder,“ fuhr Raſinski fort, indem er zwiſchen Jaromir und Lodoiska trat,„habt Ihr auch bedacht, was Ihr thun wollt? Wer möchte Eure Liebe nicht gern ſehen? Ihr ſeid einander werth; Jaromir iſt wacker, er wird ein Herz wie Deines, Lodoiska, als das köſtlichſte Kleinod zu ſchätzen und zu ſchirmen wiſſen. Aber ſind das die Zeiten, um den Bund der Liebe zu knüpfen? Darf man auf eine Saat hoffen, die man im Sturmwind ſtreut? Wer ſchifft —— — 303— ſich ein, wenn die See tobt und brandet; wer mag ein Freu⸗ denfeſt begehen in einem Hauſe, das auf ſchwankem Boden über dem Abgrunde hängt? Habt Ihr ein Maß, die Er⸗ füllung Eurer Hoffnung zu meſſen? Ihr werft Euch in den reißenden Strom, ohne zu wiſſen, ob die nächſte Welle Euch trennen, oder an ein glücklicheres Ufer werfen wird.“ Lodoiska blickte ſanft zu Naſinski hinauf und ſprach: „Sind es denn nicht eben die Zeiten der Gefahr und der Sorge, die man gemeinſam leichter trägt? Das Glück, den Sonnenſchein des Lebens genießt auch der Einzelne für ſich.“ „Aber der Mann ſoll kein Weſen an ſein Geſchick knü⸗ pfen, wenn dieſes ſelbſt unſicherer iſt als die ſchwankende Welle.“ „Wahrlich!“ rief Jaromir lebhaft,„ich darf jetzt nicht um Dich werben, denn Alles ſteht auf zu unſicherm Wurf! Und doch ein Band der Hoffnung möchte ich knüpfen!“ Er ſprach dieſe letzten Worte mit ſo unſchuldig bitten⸗ dem Ausdruck des Geſichts, daß Raſinski ſich eines gerühr⸗ ten Lächelns nicht erwehren konnte. Er erwiderte, indem er Beide an der Hand faßte:„Wenn Ihr ernſt bedacht und erwogen habt, was Ihr thun wollt; wenn es nicht blos der Rauſch eines flüchtigen Augenblicks iſt; wenn Du, Jaromir, Deinen leichten jugendlichen Sinn ſo weit beherrſchen kannſt, um die Prüfung langer ernſter Jahre zu beſtehen, dann mögt Ihr Recht haben, den Bund der Treue zu ſchließen, und nicht die Gefahr, welche ihm von außen her droht, darf Euch zurückſchrecken. Denn auch ich weiß die würdige Ge⸗ ſinnung im Menſchen zu ſchätzen, welche in ernſter Stunde des Lebens, mehr für die Mühen als für die Freuden deſſel⸗ ben, liebende Herzen verbindet. Dein Oheim, Lodoiska, hat mir väterliche Vollmacht geſandt, Dich Jaromir zu verloben. Wenn Du nicht ſelbſt zagſt, den Schritt in das ernſte Neich — 304— der Pflichten zu wagen, ſo darf ich Eure Hände ineinander⸗ legen und die Ringe Eures Gelübdes wechſeln.“ Die ſchöne Geſtalt ſtand ſüß bebend und mit dunkler Roſenglut auf den Wangen vor dem ernſten, väterlichen Freunde. Dieſer hob ihr das ſchamhaft geſenkte Antlitz ſanft empor und fragte:„Du willſt?“ Sie ſank ſtatt der Ant⸗ wort ſtumm an die Bruſt der Gräfin, welche neben ſie ge— treten war, doch ließ ſie die Rechte in Raſinski's Hand, der ſie in die dargebotene des von Entzücken trunkenen Jaromir legte. „O wie unausſprechlich glücklich bin ich!“ rief er aus, indem er die Hand des bebenden Mädchens an ſeine Lippen preßte. „Sie iſt nun Deine Braut,“ ſprach Naſinski,„und jede heiligſte Pflicht bindet Dich an ſie. Wirſt Du den— Muth haben, ſie zu erfüllen?“ „Bis an meinen Tod!“ rief Jaromir heftig und zog das reizende Weſen, welches ſich ihm mit der ganzen Hin⸗ gebung des weiblichen Herzens weihte, an ſeine Bruſt. In dieſem Augenblick trat Boleslaw ein, der bleich wie der Tod wurde, als er die Umarmung der Glücklichen ſah; denn ſein Herz hatte eine tiefe, ernſte Liebe zu der ſchönen Lodoiska gefaßt, und er ahnete nicht, daß ſie die Braut des Freundes ſei. Doch mit einer Faſſung, die ſeinem ſtrengen, zwar leidenſchaftlichen, aber doch feſten Charakter allein mög⸗ lich war, bezwang er Schreck und Schmerz zugleich und zeigte ein ruhiges Antlitz, während der Todesſtoß ihm die Bruſt zerriß. Feſten Schrittes ging er auf die Anweſenden, deren Keiner ihn beim Eintreten bemerkt hatte, zu.„Ich darf Dir Glück wünſchen?“ fragte er und trat zu Jaromir. „Nein,“ rief dieſer lebhaft,„denn ich bin im Beſitz des ſeligſten Glücks, welches dieſe Erde uns bietet!“ * —— —— 305 Die Freunde umarmten einander herzlich, gegen Lodoiska verbeugte ſich Boleslaw ernſt, ergriff ihre Hand und ſprach: „Sein Sie glücklich, ganz glücklich.“ Da zitterte und er⸗ blaßte er doch; es wurde ſelbſt ſeiner jugendlichen Heldenkraft zu viel.„Weißt Du ſchon, Raſinski, daß wir übermorgen ausrücken?“ wandte er ſich zu dieſem, um dem ſchnell eine andere Wendung zu geben. „Allerdings,“ erwiderte dieſer. „Auch daß Obriſt Regnard mit ſeinem Regiment mar⸗ ſchirt, und die Dragoner, und die drei Compagnien reitender Artillerie gleichfalls?“ Geſpräche „Mir war nur,“ erwiderte Raſinski,„der Befehl be⸗ kannt, ſo weit er mich ſelbſt betrifft. übrigens muß ich ſa⸗ gen, daß mich dieſe Begleitung nicht ſonderlich erfreut, denn wir werden, je mehr wir ſind, nur um ſo ſchlechtere Nacht⸗ quartiere haben. Ich liebe unſer Vaterland, allein was ſeine gaſtlichen Städte und Dorfer anlangt, ſo taugen ſie beſſer, ein feindliches Heer verhungern zu laſſen, als ein befreundetes zu ernähren.“ Bernhard und Ludwig, welche mit Boleslaw zugleich nach Hauſe gekommen, aber erſt auf ihr Zimmer gegangen waren, traten jetzo ein und vervollſtändigten den häuslichen Kreis. Auch ihnen wurde das Brautpaar vorgeſtellt, anch ſie wid⸗ meten ihm die aufrichtigſten Segenswünſche. Raſinski zeigte im Laufe des Abends eine ſanfte Hei⸗ terkeit, die ihn ungemein liebenswerth machte.„Wie Schade,“ rief er im Verfolg des Geſprächs aus,„daß unſer Freund Bernhard den Säbel und die Lanze ſo viel zu führen hat! Es iſt ihm wahrlich keine Zeit geblieben, Pinſel und Griffel zu handhaben. Sonſt hätte er mir ein Bildniß unſerer lie⸗ ben Braut zeichnen müſſen.“ — 306— Jaromir rief aus:„Und er hatte es mir ſogar verſpro⸗ chen! Ihr ganzes Bild wollte er malen.“ „Wenn ich auch nicht die Zeit zu einem Gemälde be⸗ halten habe, warum ſollte ich nicht wenigſtens noch eine Zeichnung verſuchen?“ fiel Bernhard ein.„Der Abend iſt unſer; eine, wenn gleich flüchtige Skizze, iſt doch mehr als nichts, und einige Stunden reichen noch vollkommen dazu aus. Es iſt eine angenehme Eigenſchaft unſerer Thätigkeit, daß ſie in ſolchen Fällen nur einen Theil unſerer Kräfte in Anſpruch nimmt und ſo wenig uns als Andere in der ge⸗ ſelligen Unterhaltung ſtört; wenigſtens verlangen wir nur ſehr geringe Opfer. Hand und Auge arbeiten, aber das Ohr behält Muße, dem Gange der Unterhaltung zu folgen, und die Seele theilt ſich mit Leichtigkeit in beide Beſchäftigungen. Erlauben Sie mir daher, hier mein kleines flüchtiges Attelier aufzuſchlagen, die Lichter nach meinem Bedürfniß zu ſtellen, gönnen Sie meinen Augen die ſonſt nicht ganz artige Frei⸗ heit, ſich ſcharf auf den Gegenſtand meiner Thätigkeit zu richten, und ich hoffe, noch etwas zu Stande zu bringen, das wenigſtens einen kleinen Erſatz für die größere Ausfüh⸗ rung, zu der uns keine Zeit bleibt, gewähren mag. über⸗ laſſen Sie ſich Alle frei dem geſelligen Verkehr; oft hat ein Bildniß viel mehr Wahrheit und Lebendigkeit, wenn wir es einem unbefangenen Augenblicke ablauſchen, als wenn der Gegenſtand ſich gewiſſermaßen feierlich dazu anſchickt, auf die Leinwand übertragen zu werden. Und am unglücklichſten pflegt es herauszukommen, wenn gar Jemand mit der ängſtlichen Mühe verſucht, alle Falten und Fältchen ſeines Geſichts mühſeligſt zurecht zu legen, um den Ausdruck der Unbefangenheit recht methodiſch hineinzuarbeiten, und zur Zugabe noch gar ein unbewußtes Lächeln um die Lippen — 4 ————,—DbJͤ. — — 307— herum zu meißeln, etwa wie man ein Kleid mit Blonden garnirt.“ 1 Freudig ſtimmten die Anweſenden in Bernhards Vor⸗ ſchlag ein, und es wurde ihm völlig freie Hand gelaſſen, alle Anordnungen nach ſeinem Wunſche zu treffen. Er machte nur noch die Bedingung, daß ihm Niemand vorzeitig ins Blatt ſehen dürfe, weil kein Künſtler ſich gern bei der Ope⸗ ration des Schaffens belauſchen laſſe, indem dabei ſeine Irr⸗ thümer und Fehler am deutlichſten ans Licht träten. Hierauf holte er ſein Zeichnengeräth, ſetzte ſich die Lichter in Ordnung, änderte noch Einiges in der Art und Weiſe, wie er zu den übrigen ſaß und ging ſodann friſch ans Werk. Die Unterhaltung der übrigen ging ungeſtört fort; Bernhard nahm ſogar den ungezwungenſten Antheil daran, wiewol er im Ganzen mehr hörte und nur einzelne Worte dazwiſchenwarf, um dieſer oder jener Anſicht beizupflichten, ſie durch eine Bemerkung zu unterſtützen, oder einen ſcharfen Pfeil des Widerſpruchs darauf abzuſchnellen. Indeſſen drehte ſich das Geſpräch nur um allgemeinere Gegenſtände, welche zwar eine gewiſſe Lebhaftigkeit der Theil⸗ nahme erweckten, aber doch keine leidenſchaftliche Aufregung der Seele verurſachten. Darum hatte Bernhard gleich an⸗ fangs gebeten, weil er bei eintretenden heftigen Bewegungen des Gemüths unmöglich in der ruhig begonnenen Weiſe hätte fortzeichnen können; mit großer Geſchicklichkeit wußte er die⸗ ſen Zuſtand zu erhalten und immer zur rechten Zeit dem Geſpräch Zügel anzulegen, oder den Sporn zu geben, je nachdem es zu ſtocken, oder in zu leohaften Fluß zu kom⸗ men drohte. 4 „Ich bin fertig,“ rief er, nachdem etwa zwei Stun⸗ den vergangen waren, und ſprang mit dem Blatt in der Hand auf. Neugierig drängten ſich Alle hinzu, um ſeine 4 — 308— Arbeit zu betrachten. Er trat einige Schritte zurück, und hielt das Blatt, neckend, mit der Rückſeite der Geſellſchaft entgegen. „ Nur keine Spannung, nur keine Erwartung,“ rief er; „es iſt ein halb mißlungener Scherz, nichts weiter. Hätte ich Zeit, ihn morgen zu wiederholen, ſo würde ich das Blatt verbrennen, bevor irgend Jemand es geſehen hätte; das be⸗ theuere ich hier bei meiner Künſtlerehre, die ich ſoeben ein wenig an den Pranger zu ſtellen im Begriff bin.“ Jetzt drehte er das Blatt umz man ſah zwei Zeichnun⸗ gen darauf. Die erſte ſtellte Lodoiska dar, die zweite Jaro⸗ mir, Beide im Bruſtbilde, nur leicht, aber geiſtvoll ausge⸗ führt und ſprechend ähnlich. Alles erfreute ſich des gelunge⸗ nen Werks und bewunderte die geniale Ausführung. Ins⸗ beſondere war Jaromir vor Freude außer ſich und rief be⸗ glückt aus:„Welch ein herrliches Geſchenk, welche doppelte überraſchung! Wie ſoll ich Dir dieſe Freude jemals danken! Nun kann ich das Bildniß der Geliebten mit mir nehmen und ihr das meinige laſſen.“ Ludwig war der Einzige, der die Zeichnungen mit ſorg⸗ fältigerer Aufmerkſamkeit betrachtete; nach einigen Augen⸗ blicken ſprach er lächelnd:„Ich wußte in der That anfangs nicht, weshalb Du die gothiſchen Rahmen um die Köpfe ge⸗ zogen hatteſt; da ich Dich aber kenne, ſo vermuthete ich gleich eine Urſache und glaube, nunmehr ſie gefunden zu ha⸗ ben. Der Einfall iſt ſehr gut, und ich glaube noch beſſer ausgeführt.“ „Ja, ja, Du kennſt meine Schliche,“ entgegnete Bern⸗ hard,„und weißt, daß ich ſelten hundert Schritte geradeaus gehe. Irgend ein Quer⸗oder Bockſprung aus dem geraden Wege iſt mir einmal zum Bedürfniß geworden, denn der — 309— Eulenſpiegen ee mir unabänderlich, ſeit meiner Geburt, im Nacken.“ Nach dieſem Geſpräch wurden die übrigen ungemein be⸗ gierig, das Geheimniß zu entdecken. Sobald man einmal darauf aufmerkſam wurde, war es ſehr leicht. Bernhard hatte nämlich um jeden Kopf einen viereckigen, ſcheinbar altmodiſch⸗ geſchnörkelten Rahmen gezeichnet; jede Ecke deſſelben zeigt ein Geſicht, und zwar die äußerſt wohlgetroffenen Bildniſſe der Anweſenden. An den beiden oberen Seiten waren Naſinski und ſeine Schweſter, unten Ludwig und Boleslaw abgebildet. Überdies hatte er jedem Rahmen einen Knopf gegeben, in wel⸗ chen ſein eignes Geſicht mit ſatyriſchem Ausdruck hineinge⸗ zeichnet war, als ob es ſpöttiſch auf ſein Werk drunten her⸗ abſähe. Dieſe ſcherzhafte, aber doch ſehr angenehme Zugabe zu dem Geſchenk wurde mit dem lebhafteſten Beifall aufgenom⸗ men. Bernhard erhielt Lobſprüche von allen Seiten, und namentlich Jaromir äußerte ſeine Freude mit liebender Zu⸗ thätigkeit.„Ein ſolches Bild,“ rief er aus,„macht mich wahrhaft glücklich, ja es macht mir jetzt mehr Freude, als ob ich das ſchönſte Gemälde von meiner Lodoiska beſäße. Denn dieſes kann ich ja immer bei mir tragen und mich an ſeinem Anblick erquicken. So treu ihr liebes Bild mich überall begleiten wird, es iſt doch etwas Anderes, wenn man es ſo wirklich mit den Augen ſehen kann.“ „Ebenſo gewiß,“ erwiderte Bernhard,„als es noch etwas Anderes und tauſendmal Schöneres iſt, wenn man die Geliebte ſelbſt vor ſich ſieht. Nicht wahr?“ Lodoiska ſenkte das ſchöne Auge ein wenig, da Bern⸗ 3 hard ſie bei dieſen Worten anblickte; doch ſie erhob es als⸗ bald wieder und ſah mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck d— — 310— der Liebe zu Jaromir hinauf, als wolle ſie damit Bernhards Worte beſtätigen. So viel Grund jeder Einzelne in der Geſellſchaft zur ernſten Stimmung hatte, ſo war doch durch dieſes kleine Ereigniß ein ſo angenehmes, heiteres Licht in die dunklere Färbung der Gemüther gefallen, daß man, wenn nicht fröh⸗ lich, doch ſehr traulich und ſanftheiter geſtimmt war. So bewährte die Kunſt alſo auch hier ihren ſchönen Beruf, in den rauhen Ernſt des Lebens vermittelnd einzu⸗ ſchreiten und ſeine dunklen, mühſamen Pfade zu erhellen und zu ebnen. O nicht genug können wir es der Milde des Schöpfers danken, daß er eine ſchöne Geſtalt aus ſeinem Himmel berabſendete, deren Beruf es iſt, die ſcharfen Um⸗ riſſe der Wirklichkeit durch eine ſanfte Farbengebung zu ver⸗ ſchmelzen und über den tobend herabſtürzenden Gießbach der Leidenſchaften den ſchimmernden Staubregenbogen zu breiten, der uns beweiſet, daß die Strahlen der göttlichen Sonne rein bis in die tiefſte, ſchauerlichſte Kluft der Erde hinabdringen. Zehntes Capitel. Schon mit dem früheſten Morgen dröhnte das Wir⸗ beln der Trommeln und das Schmettern der Trompeten durch die Straßen Warſchau's und rief die Truppen zum Abmarſch zuſammen. Mit banger Seele vernahm es Lodoiska, welche den Geliebten ihrer Seele jetzt tauſend drohenden Gefahren entgegenſenden ſollte. Nicht in ſo ängſtlicher Beſorgniß, ſondern die Bruſt mit vaterländiſchen Hoffnungen erfüllt, ſah die Gräfin das —+——,——„=)„» — 31u— Ereigniß an; ſie fühlte zu ſehr als Polin, um nicht mit einer Einmiſchung freudigen Stolzes jedes kriegeriſche Bild, deren die bewegten Tage dieſer Zeit ſo viele aufſtellten, zu bbetrachten. Auch ihren Bruder, der ihr das Liebſte auf der Erde, ja der ihr Alles war, da ſie ſonſt ganz allein ſtand, ſah ſie mit Hochgefühl an der Spitze ſeiner Schar aus⸗ rücken. Ein Klirren von Säbeln auf dem Corridor kündigte das Herannahen Raſinski's und ſeiner Kameraden an, welche in das Gemach der Frauen traten, um Abſchied zu nehmen. Sie waren in voller Uniform; die Schärpe, der Säbel ſchmückte ſie, und von der Czapka wehten leuchtende Federbüſche. Der kriegeriſche Anzug verleiht kriegeriſche Haltung des Körpers und der Seele. Es iſt, als ob der Beruf des Standes mit den äußerlichen Zeichen deſſelben beſtimmter zum Bewußtſein käme. Daher waren die Männer weniger bewegt in der Mi⸗ nute des wirklichen Abſchiedes, als ihre frühere weiche Stim⸗ mung vermuthen laſſen durfte. Naſinski drückte die Schwe⸗ V ſter mit brüderlicher Wärme an die Bruſt und ſprach männ lichfeſt:„Wir ziehen aus zu einem freudigen Beruf; kein Schmerz komme in unſere Seele. Nur heilige Begeiſterung für das Vaterland durchglühe ſie mit mächtigen Flammen. Wir werden unſere entweihten Altäre reinigen, den vertriebe⸗ nen vaterländiſchen Göttern einen neuen Herd gründen, an uunſern alten Grenzen das Wappen der Jagellonen wieder 1 aufpflanzen, ihr heiliges Banner wieder leuchten laſſen zum MNuhme unſers Volkes! Lebe wohl, Schweſter, nicht mich, 1 nicht uns, nur unſre Waffen begleite Dein Segen, nur für den Sieg ſende Dein Gebet zu dem Allmächtigen! Ob wir fallen, ob wir Weederkehren, das iſt eins; wenn nur Polens 1 weißen Aar ſich mit ſtolzen Schwingen aus der Donnerwolke der Schlachten in den reinen Himmel der Freiheit erhebt. Leb wohl! Gott erhalte Dich zu freudigen Tagen.“ Er ließ den Arm, den er prophetiſch betheuernd erhoben hatte, ſinken, küßte die Schweſter noch einmal, drückte auch auf Lodoiska's bleiche Wange einen Kuß und verließ dann mit raſchen Schritten das Gemach und eilte hinab, um ſich zu Roß zu ſchwingen.. Jaromir ſchloß ſeine Braut mit heißen Jünglingsthrä⸗ nen an die Bruſt; jubelnd ſchlug ſein Herz dem Kampf fürs Vaterland entgegen, doch blutete es, indem er ſich von der Geliebten trennte. Sie weinte kaum, denn ein kaltes Grauen, furchtbarer als der tiefſte Schmerz, ließ ihre Thränen erſtar⸗ ren. Nur an ihren bleichen Lippen und Wangen, an ihrem fieberhaften Beben ließ ſich die Qual ermeſſen, welche ſie in dieſem Augenblicke erduldete. Jaromir legte das zitternde Marmorbild an die Bruſt ihrer mütterlichen Pflegerin.. Dieſe weinte ihre heiße Angſt in Thränen, denen ſi bis jetzt noch mächtig geboten hatte, über das geliebte Weſel aus. Für den Abſchied der drei Jünglinge, welche ihren Herzen nicht ſo nahe ſtanden, wiewol es, zumal in de Stunde des Scheidens, mit warmer Freundſchaft für ſie ſchlug für dieſes Lebewohl blieben ihr nur verſchleierte Blicke und eine ſtumm dargereichte Hand.. Boleslaw war der Letzte im Zimmer. In ſeiner ernſten düſtern Bruſt brauſte der Sturm der Leidenſchaft mit furcht⸗ barer Macht auf. Er ſah Die, welche ewig die Seine, und ewig ihm entriſſen war, als ein Bild des Todes vor ſich, wie ſie mit matt geſchloſſenen Augen in den Armen der Mut⸗ ter hing; er bebte, er vermochte ſich kaum auf den Füßen zu erhalten, ſo krampfhaft zerriß ihn der Schmerz, der ver⸗ geblich nach dem milden Thau einer Thräne rang. 8 Lodoiska hing noch immer bewußtlos in der — 313— Der Sturm ſeiner Leidenſchaft drohte ihn zu überwälti⸗ gen; es war ihm einen Augenblick, als dürfe, als müſſe er die Geliebte ans Herz reißen und ihre Liebe fordern, weil die ſeine größer, wahrer, heiliger ſei als Jaromirs. Es rief dumpf in ihm: trinke einmal wenigſtens den Becher der Se⸗ ligkeit von ihren Lippen, und wenn er Dir zu glühendem Gift würde. Der innere Kampf ſchüttelte ihn wie im Fie⸗ berfroſt. Doch ſein beſſerer Genius ſiegte.„Nein,“ rief er ſchauernd,„es wäre mehr als Brudermord! Fort, fort!“ Und mit dieſen Worten ſtürzte er hinaus. Eigner Schmerz und Betäubung hatten den Blick der Frauen ſo verſchleiert, daß ſie ſeinen Kampf i ſahen. ten der Mutter; endlich ſchlug ſie das Auge auf, und jetzt brach ein Strom von Thränen hervor; doch mit ihm zugleich ſchwan⸗ den ihr die Kräfte, und ſie ſank ermattet, ſanft von den Armen der Gräfin gehalten, auf ein Ruhebett nieder. Draußen ſchmetterte ein lauter Trompetenſtoß. Man hörte vielfachen Hufſchlag heranſprengender Reiter. Die Gräfin eilte ans Fenſter. Es war Raſinki's neues Regiment, wel⸗ ches vor den Palaſt rückte, um dort ſeinen Führer zu em⸗ pfangen. Kriegeriſche Muſik bildete die Spitze des Zuges; einige Offiziere, die vorangeritten waren, kamen im kurzen Galopp heran, um Raſinski zu begrüßen. Dieſer ſprengte auf ſeinem arabiſchen Schimmel, männlich ſchön, mit dem Anſtande eines Helden aus dem Schloßthor. Jaromir folgte ihm auf einem ſchlanken Goldfuchs, der mit der Zierlichkeit eines Rehes über den Boden dahinflog; einige Augenblicke ſpäter ſtürmte Boleslaw auf einem Rappen, dem die Mäh⸗ nen wild um den ſtolzen Nacken flatterten, mit einigen ver⸗ wegenen Bogenſätzen aus dem Thor. Er ſah bleich aus wie der Tod, und ſein Auge rollte düſter unter den finſtern Brauen, 1. 14 4 — 314— als er ſich halb zurückwandte und zur Gräfin hinaufblickte, die arglos, mit einem wohlwollenden Lächeln herabgrüßte; denn ſie hatte ſich gefaßt und den weiblichen Schmerz beſiegt. Jetzt erſcholl der laute Ruf der Krieger, welche ihren Führer begrüßten; der Klang der Feldmuſik ertönte, die Ban⸗ ner wehten in den Morgenlüften, die Waffen glänzten im Sonnenſtrahl, Roſſe ſtampften und, ſchnaubten, Federbüſche wogten, immer bewegter wurde das bunte Getümmel. Die Erhebung, welche die Bruſt der Gräfin beim Anblick dieſer muthigen Scharen durchdrang, gab ihr die überzeugung, daß auch Lodoiskas Schmerz dadurch beſänftigt und ſie zu einer edlern Kraft begeiſtert werden müſſe. Sie ging daher zu der kraftlos Hingeſunkenen und forderte ſie liebreich auf, mit ihr auf den Balkon hinauszutreten und den Abmarſch der Krie⸗ ger zu ſehen.„Ermuthige Dich, gewinne Faſſung,“ ſprach ſie ſanft, aber eindringend;„jedes ſtrenge Wollen und Müſ⸗ ſen wird dem Schmerz, unter dem wir zu erliegen drohen, eine aufrechthaltende Stütze. Es wird Dich tröſten und ſtärkend erfreuen, den Geliebten als Mann und Held zu ſehen, wie er, von kriegeriſchem Glanze umgeben, muthig aus⸗ zieht, um für das Vaterland zu fechten. Aus der Achtung wächſt unſere Liebe und mit ihr die Kraft, zu tragen und zu dulden. Komm, richte Dich auf, zeige dem ſcheidenden Freunde eine ermuthigte Seele; er geht ernſten Prüfungen und Gefahren entgegen, die er leichter überwinden wird, wenn ihn das Bild einer ſtarken, gläubig hoffenden Gelieb⸗ ten begleitet, als wenn er ſie, in Gram und Hoffnungslo⸗ ſigkeit erliegend, einſam zurückgeblieben weiß.“ Lodoiska fühlte ſich durch dieſen ſanften, feſten Zuſpruch wunderbar geſtärkt; ihr liebendes Herz empfand es ſogleich — — als eine Pflicht, dem Freunde die Stunde des Abſchieds zu — 315— erleichtern. Sie raffte daher ihre Kraft entſchloſſen zuſam⸗ men und folgte der Gräfin, die ſie in den anſtoßenden Saal und auf den Balkon hinausführte. Schon der Anblick der bewegten, leuchtenden Maſſe der Krieger erfriſchte die tief verwundete Bruſt; denn an der Kraft entzündet ſich die Kraft. Eben fingen die Glocken der Kathedrale an, die Frühmeſſe einzuläuten, ſodaß ſich dieſer ernſte feierliche Klang in das brauſende Kriegsgetöſe miſchte. Der Himmel wölbte ſich lichtblau; die Vögel zwitſcherten munter im flüſternden Laub, der ſchönſte, ſonnenhellſte Mor⸗ gen wehte die Bruſt mit erquickenden Lüften an. Es ſchien, als ob die Gnade Gottes ſich recht lebendig naigeaenede gen und durch tauſend Zeichen den Menſchen derkündigen wolle: Ich bin Euch ewig nahe mit meiner unerſchöpflichen Güte und Milde. Welche Schmerzen und Schrecken das Thun Eures Wahnes Euch auch auf Erden bereite, ich bin immer gegenwärtig, um mit verſöhnender Hand die Wunden zu heilen, die Ihr ſelbſt Euch in Eurer Verblendung ſchlagt. Raſinski erblickte die Frauen auf dem Balkon; er grüßte freundlich nickend hinauf. Sein Antlitz zeigte eine edle Be⸗ geiſterung, alle Spuren des Schmerzes waren verſchwunden, denn mit männlicher Selbſtbeherrſchung gebot dieſer feſte Geiſt ſeinen tiefſten Gefühlen und fand ſtets die Kraft zur freu⸗ digen Pflichterfülung in ſeiner Bruſt. Mit freier Stirn wollte er vor ſeinen Kriegern erſcheinen, damit des Führers heitere Zuverſicht auch in ihnen Muth und Vertrauen erwecken möge; er wollte es, wollte es feſt, und deshalb war es ihm möglich. Das Erſcheinen der Frauen ſtörte ihn daher nicht im Mirndeſten in ſeinen kriegeriſchen Anordnungen; ohne einen Blick von ſeinen Leuten zu verwenden, ohne die mindeſte Kleinigkeit außer Acht zu laſſen, wußte er doch der Schwe⸗ 4 ſter wiederholt bemerkbar zu machen, daß ihre Anweſenheit 14* — 316— und ihre ermuthigte Theilnahme ihn erfreue. Anders war es mit Jaromir; dieſer ließ ſich durch den Anblick der Ge⸗ liebten zerſtreuen und gab darüber ſeinen Kameraden einen Anlaß zum muthwilligen Spott und Lachen, denn indem er die Augen nach dem Balkon richtete, ritt er unachtſam mit⸗ ten in ſeine eigenen Leute hinein und brachte dieſe und die Pferde völlig in Verwirrung. Boleslaw dagegen raffte ſich mit Gewalt zuſammen und heftete die geſpannteſte Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſeinen Dienſt. Mit ſcharfem Auge muſterte er Leute, Pferde, Zäumung, Gepäck; nur einmal warf er, gleichſam wie zu einem flüchtigen, verſtohlenen Raub, einen den weiblichen Geſtalten droben hinauf. kegiment ſtand jetzt dem Palaſte gegenüber in dem anſehnlich breiten Raume der Straße in Front aufmar⸗ ſchirt. Alle Fenſter der gegenüberſtehenden Häuſer waren mit Zuſchauern und Zuſchauerinnen erfüllt. Manche Thräne glänzte in ſchönem Auge, oder barg ſich hinter dem Schleier, der nach alter Sitte die polniſchen Mädchen beim öffentli⸗ chen Erſcheinen von den verheiratheten Frauen unterſcheidet. „Richtet Euch!“ erſcholl Raſinski's Commandowort, und wie ein Pfeil ſprengte er auf den rechten Flügel hinab, um mit ſeinem Falkenblick die Linie einzurichten. Jetzt herrſchte die lautloſe Stille des Dienſtes; jedes Auge war auf den Führer geſpannt, jedes Ohr lauſchte auf ſeine Worte.„Ge⸗ wehr auf!“ Die Säbel blinkten.„Erſter Zug, grad' aus! In Zügen rechts ſchwenkt! Marſch!“ Die Front brach ſich; der fröhliche Kriegsmarſch der Trompeten erſchallte, Naſinski ſprengte an die Spitze des Regiments und führte daſſelbe im feierlichen Zuge unter den Fenſtern des Palaſtes vorüber. Als er an den Balkon kam, ſalutirte er auf mi⸗ litairiſche Weiſe und grüßte zugleich mit leuchtenden Augen hinauf. Die Gräfin ſchwang zur Erwiderung ein weißes 8 881 184 — 317— ſeidenes Tuch, das ſie leicht um den Hals geknüpft hatte. Nach der ſchönen, alt⸗polniſchen Sitte, welche den Frauen geſtattete, ausziehenden Kriegern öffentlich ein Andenken von ihrer Hand mitzugeben und ſo durch den zarten aber mächti⸗ gen Anhauch aus weiblicher Bruſt den Muth höher zu ent⸗ flammen; nach dieſer Sitte, der in ältern Zeiten die Für⸗ ſtinnen beſonders huldigten, ließ ſie das Tuch hinabflattern. Naſinski fing es mit der Säbelſpitze auf und ſchlang es um den Arm. Ein lauter, jubelnder Beifallsruf der ganzen Schar ertönte bei dieſem Anblick. Sogleich flatterten aus allen Fenſtern Tücher, Bänder, Schleier herab. Nicht die Schweſter ſchenkte dem Bruder, nicht die Braut dem Ver⸗ lobten, nicht die Gattin dem Gatten ein Angedenken; nein, die Polin gab es dem Polen. Mit den Lanzen, mit den Säbeln fingen es die Krieger auf. Eine ſchöne Frau, mit reichem, dunklem Lockenhaar, die dem Palaſte gegenüber an einem Fenſter ſtand, zerriß ihren Schleier und ließ beide Hälften herniederwehen. Zufällig waren es gerade Ludwig und Bernhard, die ſie mit den Lanzenſpitzen auffingen. Der feurige Bernhard warf flammende, begeiſterte Blicke und in übermüthiger Keckheit ſogar einen Kuß hinauf; die Schöne lächelte holdſelig. Ludwig grüßte in ernſterer Bewegung; er dachte an eine andere Geſtalt, die für ihn in dem weiten öden Reiche alles Verlorenen ſchwebte. Doch trafen auch ihn die Strahlen der freundlichen Blicke mit ſanfter Wärme. Bernhard rief franzöſiſch hinauf:„Ich bin kein Pole, aber ich fechte freudig für Polen.“ Sein Lohn war eine Roſe, welche die Schöne von einem neben ihr im Fenſter ſtehenden Stocke brach und hinabwarf. Er ergriff ſie im Fallen mit Gewandtheit, ſteckte ſie an die Bruſt, grüßte dankend noch einmal zu der Geberin hinauf und ſprengte dann wieder in die Reihen. — 318— Lodoiska war unſchlüſſig, was ſie thun ſollte. Den Schleier mochte ſie nicht hinabwerfen, weil er ihre tiefe Trauer vor den Augen der Welt verhüllte. Doch löſte ſie raſch eine Buſenſchleife und ließ ſie zu Jaromir niederflat⸗ tern. Allein der neidiſche Wind entführte ſie, und Boleslaw war der Glückliche, in deſſen Hand ſie gerieth. Er drückte ſie gegen die Lippen und warf einen flammenden Blick zu Lodoiska hinauf. Jaromir bemerkte es und faßte den Ver⸗ dacht, das Band ſei nicht ihm zugedacht geweſen, obgleich Lodoiska eben ein zweites herabflattern ließ, das ſich, von gü⸗ tigen Lüften getragen, von ſelbſt auf Jaromirs Schulter ſenkte. Raſch auflodernd in Zorn wie in Liebe, hatte er ſo ſchnell vergeben wie gezürnt, nahm das Band, blickte mit liebendem Auge zu der Theuren hinauf und befeſtigte es dann, ſtolz auf dieſe Zierde, an der Bruſt. Der Zug wandte ſich in die ſchmalere Straße hinein, wo Aliſette wohnte. Sie ſtand am Fenſter und ſah die Rei⸗ ter vorüberziehen. Alle Offiziere, die ſie kannte, grüßte ſiez ſie ſelbſt wurde aber, als die liebreizende Sängerin, faſt von Allen gekannt und begrüßt. Mit franzöſiſcher Leichtigkeit und Lebhaftigkeit winkte ſie bald heiter, bald wehmüthig lä⸗ chelnd und blickend, den Einzelnen ihren Abſchiedsgruß zu, und wo ihr Jemand nahe unter das nicht hohe Fenſter vor⸗ beiritt, rief ſie ihm auch ein ſüß lautendes Lebewohl zu. Be⸗ ſonders erhielt Bernhard einen ungemein freundlichen Gruß dieſer Art, den er eben ſo erwiderte, wiewol nicht ohne ein leiſes Gefühl der Wehmuth, daß er von dieſem reizenden, verführeriſchen Weſen jetzt vielleicht für immer ſcheiden mußte. Sein alter Argwohn gegen ſie wäre jetzt faſt geſchwunden, wenn er nicht, indem er noch einmal nach ihr hinüberſah, bemerkt hätte, wie ſich der Ausdruck ihrer Züge veränderte, als Jaromir, der um einen Zug hinter Bernhard ritt, ſich — 319— dem Fenſter näherte. Sie zog einen Strauß von Roſen und Vergißmeinnicht, den ſie bisher verborgen gehalten hatte, her⸗ vor, warf ihn dem jugendlichſchönen Reiter zu und ſagte ihm mit Worten und Blicken das bewegteſte Lebewohl. Ja⸗ romir, dem halb Beſchämung, halb Freude die Wangen rö⸗ thete, hielt an, ſprach einige Augenblicke mit dem reizenden Mädchen und dankte ihr mit faſt zärtlichen Worten. Hm, dachte Bernhard und ſchüttelte das Haupt, zumal da er bemerkte, daß Lodoiska, um den Truppen noch weiter nachblicken zu können, in ein Fenſter des Saales im Pa⸗ laſt getreten war und den Vorfall mit anſah, ohne daß Ja⸗ romir ſie bemerkte. Bald danach ſuchte er einen Augenblick zu erhaſchen, wo er, da das Gedränge in den ſchmalen Gaſſen, in welchen man ſich eben befand, die Ordnung des Zuges geſtört hatte, an Jaromir heranritt und ihm halb ſcherzhaft drohend ſagte:„Treuloſer! Was haſt Du began⸗ gen? Alſo jener ſchönen verführeriſchen Phryne haſt Du den letzten Abſchiedsgruß geſandt? Sie iſt die Letzte, an die 2 hieher zurückdenkſt!“ „Nein, wahrlich nicht,“ rief Jaromir;„nach wie vor gehört mein Herz nur Lodoiska allein. Doch Aliſette war immer ſo freundlich zu mir!“ „Faſt zu freundlich! Nimm Dich in Acht!“ entgegnete Bernhard. Jaromir lächelte:„Es hat keine Gefahr! Doch reite jetzt zu Deinem Zuge, denn wir kommen gleich an die Brücke von Praga, über die wir mit Ordnung defiliren müſſen.“ Der Zug ſtockte jetzt, weil an den zuſammenſtoßenden Straßen mehre Truppenabtheilungen aufeinandertrafen. Auch Obriſt Regnard war an der Spitze ſeines ausmarſchirenden Regiments zu ſehen. Die Marſchordnung wurde indeß raſch beſtimmt, Raſinski mit ſeiner leichten Cavalerie rückte voran, „ 4 ——]— eine Abtheilung Dragoner folgte ihm, dann ſchloß Regnard ſich mit der Infanterie an, und zuletzt rückte die Artillerie nach. Es war ein großartiger Anblick, als der Zug jetzt die Brücke bedeckte und der prächtige Strom der Weichſel die glänzenden Geſtalten ſpiegelnd zurückwarf, die ſich in wech⸗ ſelnden Bildern über ihm dahinbewegten. Beide Ufer kränz⸗ ten ſich mit zahlloſem Volk; weithin erſchallte das ſtürmi⸗ ſche Jubeln und Jauchzen; die wehenden Tücher leuchteten im Sonnenſtrahl; das Klirren der Waffen, der Hufſchlag der Roſſe, das tobende Raſſeln der Kanonen vollendeten das kriegeriſch glänzende Bild. In der großartigen Bedeutung dieſer Maſſen wuchs auch der Einzelne ſtolzer, kühner em⸗ por; ſelbſt den Schmerz, der ihm hier nur allein gehörte, verſenkte er in die brauſende Welle, die das Ganze hob und trug, und, nur von muthigem Kampfgefühl beſeelt, ſchlug die Männerbruſt freudig der Zukunft entgegen. Erstes Capitel. — Auf den Gütern des Grafen Dolgorow, welche un⸗ weit Smolensk am Dniepr lagen, war Alles in der größten Bewegung. Zwei Nachrichten, welche die Bewohner des 4 Schloſſes ſowie der zur Herrſchaft gehörenden Dörfer vor einigen Stunden erhalten hatten, brachten eine allgemeine, obwol ſehr entgegengeſetzte Aufregung hervor. Die eine war erfreulich, denn ein vorausgeſandter Jäger meldete die An⸗ kunft des Grafen aus Petersburg. hatte ſich nebſt ſeiner Familie über zwei Jahre im Sanaas, uugach während V ddeſſen hatten ſeine Leibeigenen die zwar ſtrenge, aber, nach den Begriffen dieſer Leute, gerechte Verwaltung oft vermißt. Eine allgemeine Freude herrſchte daher u nahe Rück⸗ kehr. Indeſſen ſie wurde ſehr geſtört durch andere Nach⸗ richt, welche der Gutsverwalter, der zum rkte in Smo⸗ lensk geweſen war, von dort mitgebracht hatte. Der Feind, hieß es, war wirklich in das Neich eingefallen, der Krieg hatte begonnen, und ſchon zogen ſich die ruſſiſchen Heere vor der unwiderſtehlichen Siegesgewalt des franzöſiſchen Kai⸗ ſers auf allen Punkten zurück. Wie gewöhnlich waren die Gerüchte weit übertrieben worden. Man wollte ſchon wiſſen, daß der Fürſt Bagration völlig aufs Haupt geſchlagen ſei; „ 2— ⏓n⸗— „,— — 324— andern Gerüchten zufolge ſollte der General Barclay de Tolly mit dem Marſchal Davouſt bei Grodno zuſammengetroffen ſein und nach einer blutigen Schlacht den Rückzug angetre⸗ ten haben. Die größte Beſtürzung hatte ſich daher der Ein⸗ wohner bemächtigt, denn, der Entfernungen unkundig, glaub⸗ ten ſie das Verderben ſchon ganz nahe. Die Landleute ver⸗ ſammelten ſich vor den Thoren des Schloſſes und verlangten Nath und Auskunft; der Verwalter hatte Mühe, ſie zu be⸗ ruhigen; es gelang ihm nur dadurch, daß er ihnen vorſtellte, die Ankunft des Herrn habe gewiß keinen andern Zweck, als den, unter dieſen gefährlichen Umſtänden für die Seinigen zu ſorgen. Indeſſen herrſchte doch ein banger Schrecken unter den Gemüthern, und der hochbetagte Geiſtliche des Dorfes, Gregorius, mußte die ganze Würde ſeines Amtes aufbie⸗ ten, um die Muthloſen aufzurichten.„Fürchtet Euch nicht, meine Freunde,“ ſprach dieſer würdige Prieſter und trat mitten unter ſie;„das Volk Ruriks ſteht unter dem Schutze des himmliſchen Vaters, der Mutter Maria und aller Hei⸗ ligen. Waͤhnet Ihr, würden uns verlaſſen? Wähnet Ihr, ſie würden die heiligen Altäre einem ruchloſen Feinde preis⸗ geben? Nimmermehr, ſage ich Euch, werden dieſe Fremden den alten Stamm der Ruſſen unterjochen! Der heilige Jwan, deſſen goldenes Kreuz zu Moskau auf der Kuppel der Ka⸗ thedrale leuchtet, iſt mächtiger als alle die Tauſende, welche der fremde Eroberer heranführt. Ich ſage Euch, der Stern des Verderbens iſt es, dem ſie folgen; er flammt blutig vor ihnen her und lockt ſie zum ſichern Untergange! Wie die Scharen Pharaonis in den Wellen des Meeres umkamen, ſo werden dieſe Frevler verſchmachten in unſern tauſendjäh⸗ rigen heiligen Wäldern, an die noch keine Art gerührt hat. Der heulende Wolf wird an ihren Gebeinen nagen, der krächzende Rabe ſich an ihren Leichnamen ſättigen; denn mit — ——yy — — 325 uns ſind die Scharen der Engel, und uns ſchirmet die hei⸗ lige Mutter Gottes. Darum dürft Ihr nicht verzagen, ſon⸗ dern ſollt Euch waffnen als die Streiter des heiligen Iwan. Von dem Niemen, der das Reich Ruriks im Weſten be⸗ grenzt, bis zu der prächtig ſtrömenden Wolga, bis zu dem Uralgebirge, das am äußerſten Rande Europas aufſteigt, ſoll der Feind keine ſichere Ruheſtätte finden. Gaſtlich iſt die Hütte des Ruſſen; aber anzünden ſoll er ſie mit der Flamme des eignen Herdes, ehe ſie dem Feinde ein Obdach bietet, der gekommen iſt, die Gräber unſerer Zaaren in der heiligen Stadt aufzuwühlen und die Altäre unſers Gottes zu ſtür⸗ zen. Darum ſollt Ihr nicht flüchten, meine Freunde, ſon⸗ dern kämpfen. Wen die Art des Mannes nicht nieder⸗ ſchlägt, dem möge die vergiftete Mahlzeit, welche die Haus⸗ frau ihm aufträgt, den Tod bringen. Zittert nicht, weh⸗ klagt nicht, rauft nicht das greiſe Haar und den Bart. Ihr werdet leben, um glückliche Tage zu ſehen!“ So ſprach der begeiſterte Prieſter zu der verſammelten Schar der Mugiks, die ihn mit Staunen und Ehrfurcht anhörten; denn ſchon funfzig Jahre weilte er unter ihnen als Sorger ihrer Seele, und bereits vierundſiebenzig Mal hatte er die Frühlingsſonne das Eis der Ströme aufthauen ſehen. Das Schloß lag auf einer Anhöhe, von der man die Krümmungen des Dniepr weithin überſehen konnte. Er ſchlang ſich zwiſchen grünen, ſteilen Hügeln hindurch, an welchen die Landſtraße nach Smolensk hinablief; am Hori⸗ zont ſtiegen die Thürme dieſer Stadt, von der Abendſonne geröthet, empor. Einer der Landleute, der ſein ſcharfes Auge nach der Gegend gerichtet hielt, rief plötzlich:„Dort kommt der Herr!“ Alle wandten die Blicke dahin und brachen in einen lauten Freudenruf aus, als ſie drei Wagen auf der Land⸗ 7 — 326— ſtraße herankommen ſahen. Mit lautem Jubel eilten ſie den Hügel hinab, um die Ankommenden zu begrüßen. Es war in der That der Graf Dolgorow mit ſeiner Gattin und ſei⸗ ner Tochter Feodorowna; die beiden Frauen ſaßen im erſten Wagen; im zweiten befand ſich der Graf und neben ihm ein Fremder von kriegeriſchem Anſehen; im dritten einige Diener. Als die Ankommenden der verſammelten Landleute anſichtig wurden, ließ der Graf die Wagen halten und ſtieg aus. Mit Demuth, die Hände über die Bruſt gekreuzt, grüßten die Vaſallen ihren Gebieter und bemühten ſich, den Saum ſeines Kleides zu küſſen. Die Weiber drängten ſich mit gleicher Demuth und Unterwürfigkeit um die Gräfin her. Feodorowna, eine hohe Geſtalt, war die Einzige, welche dieſe knechtiſchen Ehrfurchtsbezeigungen nicht duldete, ſondern den Frauen und Mädchen, die ſich ihr näherten, freundlich die Hand bot. Der Graf wies nach einigen Minuten die lie⸗ bende Zudringlichkeit ſeiner Vaſallen nur inſofern vornehm zurück, als ſie ihm läſtig wurde. Indeſſen ſprach er und ſeine Gemahlin wohlwollend mit den Leuten und gingen in⸗ mitten derſelben den Hügel hinan. Auch der Geſſtliche, deſ⸗ ſen Alter ſeine Schritte verzögerte, hatte ſich jetzt genähert, drängte ſich durch die Menge und begrüßte den Grafen mit Ehrfurcht, jedoch ohne Unterwürfigkeit.„Siehe da, Vater Gregor, ſeid mir willkommen,“ ſprach Dolgorow.„Um Euch war mir zumeiſt bange, daß ich Euch nicht wiederſehen würde, denn Ihr ſtandet bei meiner letzten Anweſenheit ſchon nahe an der Grenze des Lebens. Ich freue mich, daß die Sonne dieſes Frühjahrs Euch noch geleuchtet hat.“ „‚Meine Kraft iſt noch ungeſchwächt,“ entgegnete der Geiſtliche;„zwar bin ich jeden Tag des Rufes gewärtig, der mich vor den Thron des Allmächtigen fordert; doch Dank ſei es ſeiner Gnade, noch vermag ich auf Erden die 1 4 — 327— Pflichten zu erfüllen, die der Herr auf meine Schultern gelegt hat.“— Indem trat Feodorowna heran:„Heil und Segen auf Euer Haupt, mein Vater! Welch eine Freude für mich, daß ich Euch in ſo heiterer Kraft wiederſehe.“ „Die Mutter Gottes ſei mit Dir und nehme Dich in ihren heiligen Schutz,“ ſprach der Geiſtliche und ergriff mit der Linken Feodorownas Hand, während er die Nechte ſeg⸗ nend auf ihr ſanft gebeugtes Haupt legte.„Du biſt wohl behütet geweſen von den Engeln des Herrn, meine Tochter, und ſchöner erblüht heimgekehrt, als Du, noch eine zarte Knospe, von uns ſchiedeſt. Die Heiligen haben mein Ge⸗ bet geſegnet, denn täglich flehte ich ſie an, Dir ihren Bei⸗ ſtand zu leihen.“ So ſprach der Greis und blickte die ſchöne Jungfrau, deren Jugend er geleitet, mit milden, freund⸗ lichen Augen an. „O, gewiß hat es uns ſchützend begleitet,“ erwiderte Feodorowna mit dem Ausdruck frommer Rührung;„denn Gott war uns ſtets nahe in Drangſal und Gefahr.“ Sie ſchien mehr ſagen zu wollen, doch ein ernſter Blick des Va⸗ ters, dem die nahe Vertraulichkeit der Tochter zu dem Geiſt⸗ lichen überhaupt unangenehm war, bewirkte, daß ſie abbrach und ſchwieg. Gleich darauf trat der Fremde, ein großer, ſchöngewachſener Mann in ſeinen beſten Jahren, zu ihr, und bot ihr den Arm, um ſie den etwas ſteiler werdenden Weg vollends hinaufzuführen. Der Graf ging inmitten ſeiner Vaſallen und ſprach mit den Einzelnen, indem er ſich nach den häuslichen Umſtänden derſelben ſo wie nach den Ereigniſſen erkundigte, welche ſich wäͤhrend ſeiner Abweſenheit zugetragen haben mochten.„Du haſt Dein Weib verloren, Iſaak,“ redete er einen ſchon bejahrten Landmann an. — 328— „Ja, gnadigſter Herr,“ erwiderte der Alte,„ſie ſtarb im vergangenen Herbſt, und mir fehlt ſeitdem eine Wirthin im Hauſe.“ „Dein älteſter Sohn ſoll heirathen,“ erwiderte der Graf;. „Waſiliews Tochter iſt ein Weib für ihn. Ich werde ihnen in dieſen Tagen die Hochzeit ausrichten.“ Der Alte dankte mit unterwürfiger Freude für dieſen Befehl; denn ein ſolcher. war das ausgeſprochene Wort des Grafen. 8 Der Verwalter fragte behutſam nach den Kriegsbege⸗ benheiten. Der Feind rückt gegen unſere Grenze heran,“ entgegnete der Graf;„er dringt mit großer Heeresmacht vor; ich bin hauptſächlich deshalb hierhergekommen, um die Anordnungen zu treffen, welche der Krieg nöthig macht.“ „Ich hörte heut' in Smolensk—“ fing der Verwalter 4 mit wichtiger und zugleich beſorgter Miene an. „Vermuthlich dieſelben albernen Gerüchte, die auch mich verfolgt haben,“ unterbrach der Graf ihn ſtreng, ohne jedoch ſich näher auszulaſſen. Der neugierige Verwalter verſuchte ſein Heil noch ein⸗ mal und bemerkte mit ängſtlichem Ausdruck:„Man war hier bereits ſehr beſtürzt—“ 3 3 Doch der Graf, der es nicht liebte, mit ſeinen Dienern zu ſchwatzen, wandte ſich ohne Antwort ab und zu dem Geiſtlichen:„Ich werde Eures Beiſtandes bedürfen, Gregor, um meine Unterthanen muthig und vertrauensvoll zu erhal⸗ 4 ten, zumal wenn man ihnen durch die Verbreitung thörich⸗ b ter Gerüchte unnütze Beſorgniſſe einflößt.“ Der Verwalter zog ſich ſcheu auf die Seite, froh, ſeinen Vorwitz nicht ſtrenger beſtraft zu ſehen. Gregor erwiderte auf die Worte des Grafen:„Ich werde die Herzen des Volkes entflammen für den Glauben 1 die Männer zu ermorden.“ — 329— ihrer Väter, für den alten Thron ihrer Zaaren, für das Heiligthum des Vaterlandes.“ „Ihr werdet wohlthun,“ erwiderte der Graf;„doch mehr als die Liebe vermag der Haß, darum ſähe ich es lieber, wenn Ihr ihre Seele mit unverſöhnlichem Grimm gegen die Feinde erfüllen wolltet. Schildert ſie ihnen als Räuber, die nur heranziehen, um unſere Felder zu zerſtören, unſere Dörfer und Städte mit Feuer zu verwüſten, die Heer⸗ den wegzuführen, Weiber und Töchter zu mißhandeln und „Möchten ſie dies Alles, möchten ſie noch gräßlichere Verbrechen verüben wollen,“ erwiderte Gregor;„es wäre darum doch meine Prieſterpflicht, Verſöhnung und Milde gegen ſie zu lehren; aber ſie kommen als Feinde Gottes, als Zerſtörer unſerer Tempel, und dieſen Frevel müſſen wir rächen; die andern Güter, dieſe vergänglichen Zierden des Lebens, dürfen wir nur vertheidigen.“ Eine Falte auf des Grafen Stirn zeigte, daß er mit der Antwort des Geiſtlichen unzufrieden war. Doch er ſchwieg, denn er wußte, daß er leichter einen Felſen als Gregors gläubige Feſtigkeit und Strenge erſchüttert haben würde. Indeſſen hatte man das Schloßthor erreicht, und der Graf trat in ſeine Beſitzung ein, während die Landleute draußen zurückblieben. Nur Gregor begleitete ihn auf einen Wink die Stiege hinauf.„Erwartet uns im Speiſeſaal, frommer Vater,“ ſprach er zu ihm;„ſobald wir die Reiſe⸗ kleider abgelegt haben, werden wir Euch dort aufſuchen⸗ Ich ſelbſt werde in wenigen Minuten wieder bei Euch ſein, um eine Angelegenheit, die mir wichtig iſt, mit Euch zu beſprechen.“ Mit dieſen Worten verſchwand er in der Thüre, welche zu ſeinen Wohnzimmern führte; die Frauen begaben 5 A„ 8—4j— — 330— ſich gleichfalls auf ihre Gemächer, um ſich umzukleiden; der Fremde wurde in die zur Aufnahme der Gäſte beſtimmten Zimmer geführt. Gregor trat in den Saal ein, woſelbſt der Graf ihn geheißen hatte ſeiner zu warten. Länger als zwei Jahre war es her, daß er dieſe Räume des Schloſſes nicht betreten hatte. Der Saal, in welchem er ſich befand, war in einem alterthümlichen, ſeltſam gemiſchten Stile erbaut. Vier hohe gothiſche Bogenfenſter ſahen auf die Landſchaft nach dem Strome zu hinaus, ſodaß der glühend gefärbte Abendhim⸗ mel ſeinen goldenen Widerſchein in die gewölbte Halle warf. Die Wände waren mit Säulen von ſchwarzem Marmor geziert; zwiſchen dieſen hingen lebensgroße, in alterthümliche Rahmen gefaßte Bilder der Vorfahren der gräflichen Fami⸗ lie. Die Täfelung des Fußbodens war von Holz; eben ſo die Pannelwerke, nach dem Geſchmack aus den Zeiten Lud⸗ wigs XIV., mit goldenen Leiſten geziert. Zwei alterthüm⸗ liche Kronleuchter hingen von der Wölbung der Decke herab; rings an den Wänden ſtanden große, doppelarmige Cande⸗ laber. Das Ganze zeugte von Pracht und Reichthum, hatte aber doch einen düſtern, faſt ſchauerlichen Anſtrich, der es bewirkte, daß ſogar die Landſchaft und der Himmel, wie beide in den gothiſchen Rahmen der Bogenfenſter ſich dar⸗ ſtellten, einen herbſtlich traurigen Charakter gewannen, ob⸗ wol man ſich im Juni, dem eigentlichen Frühlingsmonat dieſer Gegenden, befand. Gregor nahm auf einem der alterthümlichen Lehnſeſſel, welche im Saale ſtanden, Platz; er überließ ſich ſeinen ern⸗ ſten, trüben Gedanken. Vierundſiebenzig Jahre habe ich gelebt, dachte er, und mein Wirken war fromm und fried⸗ lich; denn keine bösartige Gewalt bedrohte die Heiligthümer, die meiner Obhut anvertraut waren. Und jetzt, in den ſpi⸗ — 2 — 2 — — 331— ten Herbſttagen des Lebens, wo mein Pfad ſchon dicht am Rande der Gruft hinführt, jetzt muß ich noch die Palme des Friedens, die der Hand des greiſen Mannes ſo viel ſchöner ſteht, mit dem Schwerte der Rache vertauſchen! Allein wie der Allmächtige will. Sein iſt der ſegnende Thau, der milde Regen, der goldene Strahl der Sonne; ſein ſind die Blitze und Donner des verfinſterten Himmels. Er ſende ſeinen Diener aus, zu ſegnen oder zu rächen, die Frommen zu belehren und ſanft zu ihm zu führen, oder die Frevler in den finſtern Abgrund der Hölle, aus dem ſie aufgeſtiegen ſind, zurückzuſchleudern: Gregor wird ſein greiſes Haupt gehorſam dem Willen des Vaters beugen. Während er, in dieſe Betrachtungen verſenkt, das Ant⸗ litz der ſinkenden Sonne, dieſem ſchönen Bilde ſeines Lebens, zuwandte, hatten ſich die Flügelthüren des Saales geöffnet, und Graf Dolgorow war eingetreten. Trotz ſeines ſtolzen Ganges, trotz des Herrſcherblickes, der unter ſeiner hohen Stirn flammte, erſchien er doch in ſeinem ganzen Weſen wie von Gram und Unmuth gebeugt.„Ich habe wichtige Dinge mit Euch zu beſprechen, Vater Gregor,“ begann er, indem er raſch auf den Greis zuſchritt und dieſen hinderte, von dem Seſſel aufzuſtehen;„wir müſſen die Augenblicke ergreifen, in denen wir allein ſind.“ Mit dieſen Worten zog er einen Seſſel heran und nahm dem Geiſtlichen gegen⸗ über Platz. „Es iſt eine ernſte Zeit,“ erwiderte Gregor und ſchüt⸗ telte langſam das ehrwürdige Haupt. „Bevor wir von den Dingen reden, die das Land und uns Alle betreffen, habe ich von etwas zu ſprechen, was mich allein angeht. Der fremde Herr, welcher mich begleitet, iſt der Fürſt Ochalskoi, Obriſt im Heere des Kaiſers. Ich will meine Tochter Feodorowna mit ihm vermählen; — 332— allein ſie widerſtrebt mir und ſucht ſich durch den thörichten Entſchluß, das Kloſter zu wählen, meinem väterlichen Be⸗ fehle zu entziehen. Ihr, Gregor, habt den meiſten Einfluß auf ihr Herz; von Euch erwarte ich es, daß Ihr ſie zum Gehorſam zurückführt.“ Der Prieſter wollte antworten, doch Dolgorow unter⸗ brach ihn:„Laßt mich endigen, Vater. Ihr wißt vielleicht nicht, was ich in dieſen verhängnißvollen Zeiten dem Dienſte des Vaterlandes geopfert habe. Der dringende Trieb, an wichtigen Standpunkten zu ſtehen, Ehrenſtellen und Amter zu erlangen, durch die ich Theil hatte an der Leitung der Weltgeſchicke, ließ mich Alles daran ſetzen. Mein anſehn⸗ liches Vermögen iſt zerrüttet, und noch bin ich nicht an dem Ziele, wo ſich dieſe Aufopferungen vergelten. Die Vermäh⸗ lung meiner Tochter mit dem Fürſten würde mich dahin führen; nicht nur ſein unermeßlicher Reichthum, ſondern auch ſeine mächtigen Verbindungen gewähren mir die Mittel dazu. Ja, ich bin ihm ſchon ſo verpflichtet, daß ich mich nur durch ihn in der Stellung erhalten kann, die ich jetzt behaupte. Es gilt das Glück, die Ehre ihres Vaters; Ihr werdet Feodorownas Pflichten jetzt richtig zu erkennen wiſſen. Euch vertraut ſie; von Euch, frommer Vater, erwarte ich Hülfe. Ich könnte ſie zwingen; doch ich möchte gern das Außerſte vermeiden. Auch fürchte ich, der Stolz des Für⸗ ſten würde ſich weigern, eine Gattin aufzunehmen, die nicht Bitte, ſondern Befehl in ſeine Arme führt. Denn er liebt Feodorowna!“ Gregor ſchwieg einige Augenblicke, dann antwortete er ſanft, doch feſt:„Es thut mir wehe, wenn Vater und Tochter in Zwieſpalt leben; allein ich kenne das Herz Feo⸗ dorownas, es iſt edel, groß, ſanft und gut. Hat ſie es heiligen Dingen zugewendet, will ſie wirklich abſcheiden aus — 333— dieſer glänzenden Welt, um ſich der klöſterlichen Stille zu widmen, ſo darf der Diener des Herrn ſie von dieſen näch⸗ ſten und reinſten Wegen zur ewigen Gliückſeligkeit nicht ab⸗ wendig machen.“ Der Graf ſtand heftig auf und blickte den Prieſter mit rollenden Augen an:„Wie, auch von Euch erfahre ich Wi⸗ derſtand? Iſt etwa das der fromme Beruf des Geiſtlichen, ungehorſame Kinder in Schutz zu nehmen wider ihre Väter? Aber wißt, wollt Ihr es aufs Außerſte treiben, ſo thue ich es auch, und der Erfolg wird lehren, ob der Eigenſinn eines Mädchens, beſchützt von einem Prieſter, den eiſernen Willen eines Vaters zu brechen vermag.“ Gregor blickte den Grafen ernſt, aber ohne zu zürnen, an.„Ihr mißverſteht mich ſehr, Herr Graf,“ antwortete er,„wenn Ihr glaubt, daß ich den Ungehorſam einer Toch⸗ ter gegen ihren Vater in Schutz nehmen wolle; vielmehr das Gegentheil. Denn ich will ſie prüfen, ob ſie wirklich einem Gebot ihres Vaters im Himmel gehorcht; und das werdet Ihr doch nicht leugnen, daß ſeine Rechte den Eurigen vor⸗ gehen.“ Der Graf drückte vor Zorn die Lippen zuſammen und ſchwieg; heftig ging er einige Male in dem Saale auf und nieder, während Gregor ruhig auf ſeinem Seſſel blieb und in ſeiner ernſten, frommen Haltung, wie der Schimmer des Abendroths ſeine ſilbernen Locken umfloß, einem Heiligen ähnlich ſah. Dolgorow trat vor ihn hin und ſprach mit erzwungener Ruhe:„Seid vernünftig, Gregor, fügt Euch meinen Wünſchen. Erinnert Euch, daß Ihr noch Manches von mir zu bitten habt. Euer Wunſch, die Kirche neu auszuſchmücken, ſoll nicht nur gewährt, er ſoll weit über⸗ troffen werden. Ich will ſie von Grund aus prächtig neu aufbauen, das Muttergottesbild—“ „Wollt Ihr den Herrn des Himmels beſtechen?“ ent⸗ ——,.— — 334— gegnete Gregor lächelnd.„O Herr Graf, ſchon dreißig Jahre wohne ich unter Eurer Herrſchaft auf dieſem Gute, und noch kennt Ihr mich ſo wenig. Euer Vater—“ „Es iſt genug,“ unterbrach ihn Dolgorow finſter.„Ich hoffte mit Güte zum Ziele zu kommen, Euer Eigenſinn treibt mich zur Gewalt. Wohl denn, Ihr mögt Euern Willen haben, und Feodorowna mag verſuchen, ob ſie die Macht hat, dem Vater zu widerſtreben, der ihre Vermäh⸗ lung unwiderruflich beſchloſſen hat.“ „Die Wahl ihres Gatten hängt von Euch ab,“ er⸗ widerte Gregor;„doch frei iſt ihr Wille, wenn ſie Jung⸗ frau bleiben und den klöſterlichen Schleier nehmen will, denn ſie iſt eine Freigeborne, nicht Eure Leibeigene.“ „Sie iſt—“ fuhr der Graf, durch Gregors unerſchüt⸗ terliche Ruhe noch mehr erbittert, wild auf, hielt aber plötz⸗ lich wieder inne, da eben die Thüre ſich öffnete und die Gräfin eintrat.„Wir reden morgen weiter davon,“ ſprach er ſchnell, doch leiſe, und ging ſeiner Gemahlin entgegen. Mit der Gewandtheit des Hofmannes wußte er jede Leiden⸗ ſchaft ſeiner Bruſt durch ein heiteres, wohlwollendes Ange⸗ ſicht zu verhüllen. Auf die ungezwungenſte Weiſe redete er die Gräfin an:„Nun, Liebe, ſein Sie willkommen in die⸗ ſen wohlbekannten Hallen. Ich denke, die mancherlei Sor⸗ gen, welche uns auch jetzt bewegen, ſollen es doch nicht hin⸗ dern, daß wir auf einige Tage recht heimiſch hier werden, denn länger wird mich und unſern Gaſt die Pflicht hier nicht verweilen laſſen.“ „Ich hoffe es gleichfalls,“ entgegnete die Gräfin,„ob⸗ wol mein Herz der Zukunft nicht fröhlich entgegenſchlägt. Denn was werden die nächſten Monden, die ſonſt nur das Schöne bringen, Furchtbares für unſer Vaterland gebären!“ „Dafür, hoffe ich, wird der Winter, der ſonſt ſo rauh * — 335— und ſtreng in dieſem Lande erſcheint, diesmal ein gütiger Beſchirmer deſſelben werden. Die Schrecken, welche über Nußland hereinzubrechen drohen, ſehen furchtbarer aus, als ſie ſind; der Feind weiß nicht, hinter welchen Wällen und Mauern dieſes Reich ſieben Monate lang jedem Angriffe zu trotzen vermag. Wir werden vielleicht die Ernte eines Jah⸗ res und einen zehnjährigen Nachwuchs unſerer unermeßlichen Wälder aufzuopfern haben; mehr befürchte ich nicht. Laſſen wir dem Feinde dieſen Boden auf einen Sommer, er wird ihn uns dafür im nächſten, mit ſeinem Blute gedüngt, deſto fruchtbarer zurückgeben. In Schlachten mag der große Welt⸗ eroberer unbeſiegbar ſein; laßt ſehen, ob er auch auf Feldern von Sand und Aſche Ernten halten, ob er ſeine Krieger unter freiem Himmel gegen den nordiſchen Herbſt, des Win⸗ ters nicht zu gedenken, beſchützen kann. Er muß, während 4. wir ſprechen, über den Niemen gegangen ſein; es iſt ſein 4 Nubicon; Cäſars Scheinglück nahm ein trauriges Ende. Nicht wahr, würdiger Vater,“ wandte er ſich zu Gregor, „auch Ihr habt Hoffnung, daß Rußland ſiegreich aus dieſem b Kampfe hervorgehen wird?“ „Die Kraft ſeines Volks und die Gnade ſeines Gottes werden es erhalten,“ erwiderte der Geiſtliche.„Wenn alle Gemeinden ſo handeln gegen dieſe blutigen Zerſtörer unſerer Heiligthümer, wie ich es von der mir anvertrauten Schar erwarten darf, ſo würden die Heerſcharen des Kerxes nicht hinreichen, unſer Vaterland zu unterjochen.“ Fürſt Ochalskoi trat, in die Uniform ſeines Regiments gekleidet, in den Saal. Dolgorow begrüßte ihn, ging ihm entgegen und zog ihn ſogleich ins Geſpräch.„Es iſt mir lieb,“ fuhr er ſodann fort,„daß Ihr ſchon ſelbſtthaͤtig zu wirken geſucht habt, Vater Gregor; denn eine Haupturſache, weshalb ich auf die Güter komme, iſt die, desfalls Rück⸗ — 336— ſprache mit Euch zu nehmen und Euch den Willen des Kaiſers in dieſer Beziehung zu verkünden. Es iſt zu Pe⸗ tersburg im großen Kriegsrathe beſchloſſen worden, daß wir dem Feinde den Schein des Sieges lange laſſen werden, um die Gewißheit deſſelben um ſo zuverläſſiger für uns zu gewinnen. Unſre Heere werden ihm nur da Widerſtand leiſten, wo er jeden Vortheil mit ungeheuren Aufopferungen erkaufen muß; vergeblich wird er auf eine Schlacht hoffen, vergeblich in raſtloſen Märſchen Tag und Nacht die Kräfte ſeines Heeres erſchöpfen, um das ewig vor ihm ſchwebende Scheinbild des Sieges zu erhaſchen. Nirgend ſoll er eine Ruheſtätte für die Ermatteten finden, überall muß ihn die öde, ſchauerliche Wüſte empfangen, ſodaß Muthloſigkeit und endlich Empörung die Bande zwiſchen Heer und Feld⸗ herrn löſen.“ „Gebe der Himmel,“ ſprach die Gräfin halb ſeufzend, „daß der Plan gelinge, daß ſo viele Opfer nicht vergebens ſein mögen!“ „Was wird geopfert werden,“ entgegnete Ochalskoi,„als einige wenige Dörfer und Städte, die gegen den ungeheuren Raum unſres Reiches verſchwinden! Und denen, welche verlieren müſſen, wird es die Gnade des Kaiſers reichlich erſetzen.“ „Doch wo bleibt Feodorowna?“ fragte Dolgorow, wel⸗ cher ſchon mehrere Male unruhig nach der Thüre geblickt hatte.„Geht hinüber,“ gebot er einem Diener, welcher an der Thüre ſtand, um jedes Winkes gewärtig zu ſein,„und meldet der Gräfin Feodorowna, daß uns ihre Gegenwart im Saale ſehr erwünſcht ſein werde.“ Der Diener ging, kam jedoch nach einigen Minuten zurück und berichtete, es ſeien Mädchen aus dem Dorfe auf dem Zimmer der Grafin. — 337— „Gewiß ihre Ingendgeſpielnanen bemerkte die Mutter, „welche ſie gleich hat zu ſich laden laſſen.“ „So werden wir wol noch eine Stunde warten müſ⸗ ſen,“ ſprach Dolgorow verdrießlich.„Jedenfalls ſagt der Gräfin, daß wir ſie zum Abendeſſen erwarten, und tragt Sorge, daß bald angerichtet werde. Denn ich denke,“ wandte er ſich zu den übrigen,„Sie werden Alle ſo hungrig und müde ſein wie ich, der ich mich in der That durch die Reiſe etwas angeſtrengt fühle.“ Zweites Capitel. Feodorowna war kaum in ihrem Gemach angelangt, als ſie ihr Kammermädchen hinabſchickte, um einige junge Maädchen zu rufen, welche mit ihr im Schloß als Geſpie⸗ linnen erzogen worden waren. Das Loos dieſer Armen er⸗ ſchien ihr äußerſt traurig; denn nachdem ſie das Glück beſ⸗ ſerer Verhältniſſe und höherer Ausbildung halb gekoſtet hat⸗ ten, mußten ſie in den nun erſt recht drückenden Stand dienſtbarer Leibeigenſchaft zurückkehren, und die düſtern Woh⸗ nunggen und Beſchäftigungen ihrer Altern theilen. Darum gedachte ſie dieſer Genoſſinnen ihrer Kindheit, mit denen ſie ſo manche Stunde der unbefangenſten Freude durchlebt hatte, ſtets mit ganz beſonderer Liebe. Es waren drei Töchter der Landleute, mit denen ſie aufgewachſen war: Kathinka, Olga und Arxinia. Alle drei waren in Feodorownas Alter; Ka⸗ thinka und Olga, gute Geſchöpfe, doch in jener beſchränk⸗ ten, demüthigen Anſicht, welche dem Leibeigenen durch alle Verhältniſſe des ebens aufgedrungen wird, faſt unter⸗ I. — 338— gegangen. Sie empfingen daher die Zeichen der Liebe und die Geſchenke, welche Feodorowna ihnen mitgebracht hatte, nur mit einer unterwürfigen Dankbarkeit, ohne den Muth zur Außerung der Freude zu haben. Arinia dagegen zeigte eine tiefe, zitternde Rührung; ſie war dankbarer für die Liebe, als für die Gaben derſelben; doch ſagten die Thränen, welche ihre Wange benetzten noch etwas Anderes. Es ſchien ein geheimer Kummer auf ihrer Seele zu laſten. Feodorowna, welche theilnehmend nach Allem fragte, was die Lebensum⸗ ſtände ihrer Jugendgeſpielinnen anging, ſuchte auch Axiniens Kummer zu erforſchen. Doch das ſchüchterne Mädchen blickte ſcheu zur Erde; ihre Thränen floſſen reichlicher, aber ſie ſchwieg und ſeufzte nur aus tiefer Bruſt. In dieſem Augenblicke trat gerade der Diener ein, der ihr die Aufforderung des Vaters, beim Abendeſſen zu er⸗ ſcheinen, überbrachte. „Man erwartet mich wol ſchon?“ fragte Feodorowna⸗ „Se. Excellenz,“ erwiderte der Diener ſich tief verneigend, „haben wenigſtens befohlen, daß ſchleunigſt aufgetragen werde.“ „Meldet meinem Vater, ich würde ſogleich kommen,“ erwiderte Feodorowna und winkte dem Diener, ſich zu ent⸗ fernen.„Ich muß Euch jetzt entlaſſen,“ ſprach ſie zu den Mädchen,„allein morgen in der Frühe beſucht mich wieder. Und ſo hoffe ich Euch die Zeit hindurch, die ich hier ver⸗ weilen kann, wenigſtens jeden Tag zu ſehen.“ Die Mädchen gingen; nur Arinia zögerte, als habe ſie noch etwas auf dem Herzen.„Wünſcheſt Du noch etwas, Liebe?“ ſagte Feodorowna, als ſie das Zögern des Mädchens bemerkte, und nahm ſie freundlich bei der Hand. Arxinia, in Thränen, vermochte nicht zu antworten; ſie zitterte.„Willſt Du mir's allein anvertrauen?“—„Ja, ja!“ rief die Weinende heftig.—„Nun ſo komm' morgen 3— — 339— ganz früh, oder wenn Du magſt, erwarte mich hier auf meinem Zimmer bis nach dem Abendeſſen. Es bleibt ſo jetzt die ganze Nacht hindurch hell, und Kathinka beſtellt wol bei Deinem Vater, daß Du ſpäter kommſt.“ Dankbar ergriff Axinia die Hand ihrer milden Wohl⸗ thäterin, küßte ſie mit innigſter Liebe und bat mit kaum hörbaren Worten, bleiben zu dürfen. Feodorowna eilte in⸗ deſſen hinab, um den Vater nicht warten zu laſſen. Sie trat in den Saal, wo ſchon die Abendtafel gedeckt wurde; der Vater hörte ihre Entſchuldigung wegen des längern Ver⸗ weilens finſter aber ſchweigend an. Ochalskoi ſagte ihr einige höfliche Worte, jedoch in jenem kalten Tone, welcher ſtets einen richtigern Maßſtab für das Geſagte ergibt, als die Worte ſelbſt. Man ging zur Tafel; die Unterhaltung war einſylbig und froſtig. Das unbehagliche Gefühl des innern gwieſpalts unter den Anweſenden lähmte jede freiere und wär⸗ mere Ergießung der Bruſt. Selbſt Gregor vermochte nicht das liebevolle Entgegenkommen ſeiner Schülerin ſo herzlich zu erwidern, als nach langer Abweſenheit zu geſchehen pflegte; denn auch ihn drückte der niederſchlagende Gedanke an die Mittheilungen, welche der Vater ihm gemacht hatte. So wurde die Tafel bald aufgehoben, und man begrüßte ſich ſo kalt, als man beiſammengeſeſſen hatte. Gregor ging; der Greis nahm einen herzlich wehmüthigen Abſchied von Feodo⸗ rowna. Seine mitleidigen Blicke bewegten ſie, denn ſie ver⸗ ſtand ſie richtig. O Gott, alle Qualen ihrer Seele ſtamm⸗ ten von den Altern, denen ſie ihr ganzes Leben hindurch nur die heißeſte Liebe gezeigt, ihnen tauſend Opfer gebracht hatte! Um ihre Thränen zu verbergen, trat ſie in eines der Fenſter und blickte auf die Landſchaft hinaus, welche noch immer in dem röthlichen Dämmerſcheine des Abendhimmels glühte, da die Sonne in dieſen nördlichen Gegenden kaum ein we⸗ 15* 8 — 340— nig unter den Horizont taucht, ſodaß Abend⸗ und Mor⸗ genröthe ineinanderſchmelzen und mit ihrem Roſenſchimmer die ganze laue Juniusnacht erhellen. Der Strom zog in gol⸗ den fluthender Bahn zwiſchen ſeinen Hügelufern dahin; zwei Fiſchernachen wiegten ſich leicht auf der Welle; ein Geier mit breiten ausgeſpannten Flügeln ſchwebte majeſtätiſch, hoch über den Waldgipfeln des jenſeitigen Ufers; die Thürme der Feſtung Smolensk ragten wie ſchwarze Baſaltfelſen aus dem goldenen See des Abendhimmels empor. Eine feierliche Stille waltete über der ganzen Landſchaft. Feodorowna blickte wehmüthig über die Fluren hin, wo ſie die Tage der Kindheit verlebt hatte.„Ach,“ ſeufzte ſie ſtill,„iſt denn mein Herz eine fremde Pflanze auf dieſem Boden? Hat er es nicht genährt? Oder haben mich ſanftere Sitten und ein ⸗ milderer Himmel ſo entartet, daß ich nicht mehr tauge in den rauhen Norden? Die Wiege meiner Tage ſieht mie nicht lächelnd an wie ſonſt, ſondern düſter, als ſolle ſie meinem Grabe werden. Iſt denn nichts wahr und ewig in der Natur? Trügen ſelbſt die heiligſten Bande? Gütiger Gott, vergib mir, aber wie der Boden der Heimat mir fremd geworden, ſo ſcheint mir's auch, als ob der heilige Quell meines Lebens ſich trübe, als ob das Herz des Kin⸗ des den Ältern nicht mehr warm und frei entgegenzuſchlagen vermöge! Kalt wie eine Schlange umſchlingt diss Gefühl meine Bruſt! Wäre es denn wahr, daß es nur noch eine Pflicht der Liebe für mich gäbe, aber daß ihre lebendigen Wurzeln ſelbſt erſtorben ſind? Nein, nein! Es kann, es darf nicht ſein, es iſt nur der ewige Feind, der mich täu⸗ ſchen will. Die Natur iſt heilig, wahr, redlichz nur unſer Herz entartet. Himmliſche Mutter Gottes, läuters das meine, flöße ihm die alte heilige Liebe wieder ein, in der. das ſchuldloſe Kind ſo glücklich war.“ 7 —— — 5 — ͦ— — 341— Ein großer, liebender Entſchluß war in dieſem Augen⸗ blicke in ihrer Seele gereift; ſie wollte ſich bittend, reuig, weinend zu den Füßen des Vaters und der Mutter werfen und von ihrer Liebe erflehen, was ſie bereits durch Feſtig⸗ keit zu erringen ſich vorgenommen hatte. Schnell wandte ſie ſich umz da ſah ſie den Saal leer, nur die Diener wa⸗ ren noch beſchäftigt, die Tafel abzuräumen. Ihre Ältern, Graf Ochalskoi hatten ſich bereits gleichgiltig, ohne Nacht⸗ gruß entfernt; der Letztere wol nur, weil Dolgorow ihn zu einem vertrauten Geſpräch an den Arm genommen und mit in ſein Gemach geführt hatte. Von dem Schauer des Unbehagens berührt, den plötzlichen, vollen Erguß ihrer Seele ſo ſtörend gehemmt zu ſehen, koſtete es Feodorowna Muͤhe, die außere Faſſung zu behalten. Da drang plötzlich der Gedanke ſanft tröſtend in ihr Herz: es wartet ja ſelbſt eine Unglück⸗ liche auf Milderung ihrer Leiden durch mich; ich will ſie freundlich an dieſes Herz nehmen; was ſie auch quäle und bedränge, von mir ſoll ſie die Liebe erfahren, nach der ich mich ſo vergeblich ſehne. Mit dieſen Gedanken ging ſie hin⸗ über auf ihr Gemach, um Axiniens Klagen zu hören. Als ſie, denn ihr ſchwebender Schritt war kaum zu hören, unvermuthet die Thür ihres Zimmers öffnete, ſah ſie das Mädchen im inbrünſtigen Gebet vor einem Marien⸗ bilde knien, welch einer Niſche an der gegenüberſtehenden Wand aufgeſtellt war. Um ſie nicht zu ſtören, blieb Feodo⸗ rowna an der Schwelle ſtehen. Axinia kniete ſo, daß nur ihr Halbprofil zu ſehen war. Dieſes wurde aber durch das Roſenlicht, welches durch die Fenſter zur Seite fiel, zaube⸗ riſch beleuchtet. Sie hatte die weißen Arme ſanft gehoben und hielt die Hände gefaltet; das Haupt war zu der himm⸗ liſchen Helferin emporgewandt. In zwei zierlich geflochtenen Zöpfen hing das reiche braune Haar ihr über den Nacken herunter. Leiſe zog Feodorowna die Thür nach ſich und ſchwebte einige Schritte vorwärts, ſodaß ſie nun das Ge⸗ ſicht des Mädchens faſt ganz von der Seite ſehen konnte. Da erſt bemerkte ſie die kalten, ſtarren Thränen, die der Ar⸗ men auf der bleichen Wange hingen, die ſelbſt das roſige Licht des Abends, das ſie umfloß, nicht fröhlich röthen wollte. Ihr Buſen hob ſich von leiſen, tiefen Seufzern, die Lippen bewegten ſich wie flüſternd im Gebet; das Auge hing ſo unverwandt an dem Antlitz der himmliſchen Mutter, ihre Seele war ſo ganz in dem heißen Flehen aufgegangen, daß ſie die Kommende noch nicht bemerkte, als dieſe ſchon ganz nahe ſtand. Erſt als ſie ſanft zu ihr ſprach:„Arinia, Du beteſt?“ fuhr ſie erſchreckt empor, ſtand zitternd vor der gütigen Gebieterin und wollte ſich demüthig niederbeugen, um ihre Hand zu küſſen. „Nein, nein, nicht ſo,“ ſprach Feodorowna, nahm ſie liebevoll in die Arme und blickte ſie mit unbeſchreiblicher Güte an;„ſei wieder die alte, vertraute Geſpielin. Schütte mir Dein ganzes Herz aus, Du Arme, denn ich ſehe, Du haſt tiefen Kummer!“ „Ach, Ihr werdet mich verſtoßen, werdet mich verach⸗ ten,“ rief das Mädchen, wand ſich los und rang verzweif⸗ lungsvoll die Hände. „Arinia, was iſt Dir, ſprich, entdecke Dich,“ fragte Feodorowna ahnungsvoll ſchauernd. „Nein, nein, ich vermag es nicht,“ rief die Unglück⸗ liche, und bedeckte ihr glühendes Antlitz mit beiden Händen; die Beklemmung drohte ihr den Athem zu rauben. Was bedurfte es noch der Worte! Jeder Zug des in Angſt, Schaam und Jammer vergehenden Mädchens ſprach zu deutlich.„Axinia, Du biſt gefallen? Du?“ ſprach Feo⸗ —-— —— — 343— dorowna mit tiefſtem Ausdruck des Schmerzes, aber ohne Vorwurf. Das Mädchen ſank, wie zuſammenbrechend, ihr zu Fü⸗ ßen nieder.„Tretet die Verworfene in den Staub,“ rief ſie wild;„ach, ſeid barmherzig, und laßt mich nicht länger bitten!“ Feodorowna beugte ſich mitleidsvoll zu ihr nieder und verſuchte ſie emporzuheben.„O, Du Unglückſelige! Richte Dich auf, faſſe Dich; Du haſt Troſt bei mir geſucht, ich werde Dich nicht von mir ſtoßen.“ „Nein! Laßt mich zu Euren Füßen liegen,“ rief Axi⸗ nia und drückte das Haupt verbergend in Feodorownas Ge⸗ wänder, indem ſie ihre Knie feſt umſchlang. Feodorowna legte ihr beide Hände wie ſegnend auf das Haupt und ſprach erſchüttert:„Deine Schuld richtet Gott! Mein Herz, das ſelber menſchlich fehlt, ſoll Dich nicht ver⸗ dammen; ich will mit Dir weinen, will Deine Qualen lin⸗ dern, wenn ich's vermag. O, Du warſt gut, Arinia, Du warſt gut auch gegen mich. Du hatteſt ein weiches, lieben⸗ des Herz; es kann kein böſes geworden ſein. Ich will Dich nicht von mir ſtoßen, da ich weiß, was das Herz der Un⸗ glücklichen ſucht. Vertraue mir, richte Dich auf, ſei ganz offen gegen mich; dies iſt der erſte Schritt der Rückkehr von der Verirrung!“ Arinia hob das Antlitz langſam empor und blickte zu Feodorowna auf.„O, Ihr ſeid mild wie eine Heilige,“ rief ſie, und ſanfte Thränen entſtrömten ihren Augen. Sie be⸗ deckte die hülfreich dargebotene Hand mit Küſſen und ließ ſich von der gütigen Gebieterin emporheben, denn ihre bebenden Kniee verſagten ihr faſt den Dienſt. Feodorowna leitete ſie an ihr Ruhebett, und ſetzte ſich zu ihr nieder.. Lange dauerte es, bis die Wallung in Axriniens Bruſt es ihr geſtattete, das Bekenntniß ihrer Verirrung abzulegen. Der Graf hatte einen jungen Deutſchen, Namens Paul, als Gärtner in ſeinen Dienſten, den er ſehr begünſtigte. Dieſer hegte ſchon längſt eine Neigung zu der anmuthigen Arinia, der ſich jedoch ihr Vater Waſiliew widerſetzte, weil der Graf abweſend und deſſen Erlaubniß unumgänglich noth⸗ wendig war. Sein Aufenthalt war aber damals den Be⸗ wohnern ſeiner Güter unbekannt, indem er ſchon ſeit Jahren durch die entfernteſten Länder Europas reiſte. Zugleich trug der Alte Bedenken, weil Paul ſich zur proteſtantiſchen Neligion bekannte. Indeſſen hatte Axinia ihm ihre innigſte Liebe zu⸗ gewendet, und Beide unterhielten lange ein geheimes, ſüßes Verſtändniß. Als nun der keimende Frühling alle Triebe mit ſüßen Kräften ſchwellte, wurde auch in den jugendlichen Herzen die Leidenſchaft mächtiger als das ſtrenge Gebot der Pflicht. Paul, der ſeinem deutſchen Herzen die knechtiſchen Geſinnungen der Leibeigenen nicht einzupflanzen vermochte, glaubte überdies ein Recht des freien Menſchen üben zu dür⸗ fen und wähnte, wenn Arinia erſt durch die Bande der Liebe ſein Weib ſei, ſo müſſe ſich auch das Geſetz ſeinem Willen fügen. Mit kühnem Ungeſtüm bedrängte er das weiche, hingebende Mädchen; ihr widerſtehender Wille ermat⸗ tete und löſte ſich kraftlos auf in dem ſüßen Rauſche des Herzens. Sein glühendes Bitten, ſeine brennenden Küſſe ſiegten über ihre Thränen, über ihre bangen Seufzer. Zu ſpät erwachte ſie aus der qualvoll ſeligen Betäubung, und mit Entſetzen ſah ſie nun das wahre Antlitz der That, er⸗ kannte die Natter, die ſich unter den Roſen ringelte, auf denen ſie entſchlummert war. 2 Die ſtumme Todesangſt in der Bruſt, barg ſie ſich ſcheu im Hauſe des Vaters und ſah ſelbſt den Geliebten nicht mehr. Angſtvolle Nächte folgten den Tagen der Qual. 4 — 345— So verſtrich ein voller Monat. Paul ging indeſſen ſtumm, verſtört umher. Die Nachricht, daß der Graf komme, gab ihm das Leben wieder. Dem Herrn, der ihn liebte, wollte er Alles geſtehen, von ſeiner Gunſt die Geliebte erbitten. Unter die Landleute gemiſcht, eilte er ihm voller banger Hoff⸗ nungen entgegen. Da war das erſte Wort, welches er hörte, das Verſprechen Dolgorows, ſeine Geliebte, Waſiliews Toch⸗ ter, mit dem Sohne des alten Iwan zu vermählen. Er wußte, daß der Graf ſolche Entſchlüſſe, ſolche Verſprechun⸗ gen nicht zurücknahm. In Todesangſt eilte er zu Axinien, die ſtill und traurig daheim geblieben war, während die übrigen die ankommende Herrſchaft begrüßten; denn ſie wagte es nicht, ihrer ſonſt ſo geliebten Gebieterin vor die Augen zu treten. Während Paul in ſtummer Verzweiflung noch bei Axinien verweilte und Beide ihres Jammers keinen Rath wußten, traf ſchon Feodorownas Botſchaft ein, welche die Geſpielin aufs Schloß berief. Von der Kraft der Liebe er⸗ muthigt, von dem immer näher herandringenden Unglück zur Nothwendigkeit des Handelns getrieben, beſchloß Arinia, der Gebieterin Alles zu entdecken, und durch den ſchwachen Schimmer der Hoffnung, der ſich an dieſen Entſchluß knüpfte, aufgerichtet, ging ſie aufs Schloß. Sie hatte ihn nun vollführt, und ihrem Unglück eine tröſtende Theilnahme, ih⸗ rem Fehltritt eine milde Vergebung gefunden. Nachdem Feodorowna die Bekenntniſſe Axiniens ange⸗ hört hatte, richtete ſie die Verzagende durch ſanften Zuſpruch auf.„Es kann noch Alles gut werden, Arinia; ich werde meinen Vater morgen mit dem Früheſten bitten, daß er ſeine Einwilligung zu Deiner Verbindung mit Paul gebe; für das Verſprechen, welches er dem alten Iwan gegeben, wird ſich wol eine Entſchädigung finden laſſen. Denkt mein Vater wie ich, ſo wird er Deine Verbindung mit Paul für eine 15** — Pflicht halten, von der er ſelbſt ſich nicht loszuſagen ver⸗ mag. Du, gehe nun nach Hauſe, und lege Dich getröſtet zur Ruhe; für heute iſt es zu ſpät, doch morgen mit dem Früheſten will ich Paul zu mir rufen laſſen und ſelbſt mit ihm ſprechen. Nun gute Nacht; ſtille Deine Thränen, Axri⸗ nia, Gott hat Deine Reue, Deinen Schmerz geſehen; er wird Dir vergeben. Und haſt Du bittere Tage, troſtloſe Nächte erdulden müſſen, ſo glaube nur, Du biſt nicht die einzige Unglückliche auf dieſer Erde.“ Schnell wandte ſich Feodorowna nach dieſen Worten ab, verhüllte das ſchöne Antlitz in ihr Tuch, ſank müde in die Kiſſen ihres Lagers und ſtützte das gramgebeugte Haupt trauernd in die Hand. Axinia ergriff in gerührter Dankbarkeit die matt herabgeſun⸗ kene Rechte ihrer Gebieterin, bedeckte ſie ſtumm mit Küſſen und Thränen und verließ dann leiſe das Gemach. Es war ſchon Alles ſtill im Hauſe, das Kammermädchen, Jean⸗ nette, eine deutſch und franzöſiſch ſprechende Elſaſſerin, wel⸗ che Feodorowna erſt vor wenigen Wochen zu St. Petersburg in ihre Dienſte genommen hatte, harrte noch im Vorſaale auf die Befehle ihrer Gebieterin. Sie geleitete Axinia bis an die Pforte hinab, die der alte Schließer mürriſch öffnete. Der Ordnung des Hauſes gemäß, die um ſo ſtrenger beob⸗ achtet wurde, da der Herr eben wiedergekehrt war, befanden ſich alle Diener und Beamte ſchon in ihren Wohnungen. So gern daher Axrinia ihren Freund von der glücklichen Wendung ihres Geſchicks unterrichtet hätte, ſo beſtimmt ſie wußte, daß er bange darauf geharrt hatte, ſo war es doch heute nicht mehr möglich für ſie; haſtig, durch die ſpäte Stunde ein wenig ängſtlich, ſchlüpfte ſie daher der Hütte ihres Vaters zu, in der ſie ſeit einem Monat die erſte Nacht zubrachte, ohne wachend in hoffnungsloſem Jammer auf ihrem Lager zu ſitzen. — — Drittes Capitel. Feodorowna war ſpät entſchlummert; ſie erwachte daher erſt, als die Sonne ſchon hoch am Himmel ſtand. Da ſie ihrem Mädchen klingelte, trat dieſe ängſtlich mit Thränen in den Augen ein.„Was haſt Du, Jeannette?“ fragte ſie erſtaunt. „Ach, gnädigſte Gräfin, wie ſchrecklich wird man in dieſem Lande gemißhandelt! Der unglückliche Menſch wird die gräßliche Strafe nicht überleben!“ „Wer?“ fragte Feodorowna erſtaunt;„was iſt geſche⸗ hon? Wer wird mißhandelt?“ Unter Zittern und Schluchzen ſtotterte Jeannette die Worte heraus:„Der Herr Graf iſt gar zu aufgebracht! O Himmel, wenn es mir einmal ſo ergehen ſollte! Das junge Blut— und vierzig Knutenhiebe! Er ſtürzte ja ſchon lei⸗ chenblaß zu Boden, als der Herr Graf den Befehl gab.“ Feodorowna war mehr todt als lebendig.„Wer? wer?“ rief ſie außer ſich und trat erblaſſend zurück, als Jeannette den Namen des Gärtners Paul nannte. Das Mädchen ſprang der Gebieterin, die in Ohnmacht zu ſinken drohte, zu Hülfe. Doch nur wenige Augenblicke dauerte Feodorow⸗ nas halbe Betäubung; dann ermannte ſie ſich mit gewalt⸗ ſamer Anſtrengung und rief:„Gib ſogleich Befehl, die Leute ſollen einhalten, ich verantworte es! Eile, eile hinab, ehe es zu ſpät wird.“ Jeannette flog wie ein Reh durch den Vorſaal, die Stufen hinunter, in den Hof, wo drei Knechte eben beſchäf⸗ tigt waren, den Unglücklichen an den Marterpfahl zu binden. Indeß kleidete ſich Feodorowna in der höchſten Eile an, — 348— warf einen Shwal über und eilte mit ſchwankenden Schrit⸗ ten, denn ſie ahnete die Veranlaſſung dieſes Unfalls nur zu richtig, zu dem Vater hinüber. Sie fand ihn in der hef⸗ tigſten Aufregung in ſeinem Zimmer auf und nieder gehend. Er empfing die Eintretende mit finſtern Blicken und dem rauhen Wort:„Was willſt Du?“ „Gnade für einen Unglücklichen, mein Vater! O, neh⸗ men Sie Ihr raſches Wort zurück; es war nicht Ihr menſch⸗ liches Herz, welches dieſes grauſenvolle Urtheil ausſprach.“ „Kennſt Du ſein Verbrechen?“ rief der Graf und rollte zornig die Augen.„Alle dieſe Fremden ſind Heuchler und Verräther; die Stunde iſt gekommen, wo die Nache ſie ereilt. Sie trotzen darauf, daß unſer Geſetz ſie nicht trifft; ſie ſollen wenigſtens erfahren, daß unſere Macht ſie ſtrafen kann, und daß Diejenigen, welche keinem Geſetz gehorchen wollen, auch von keinem beſchützt werden. Ließe ich einen ſooelchen Frevel an der geheiligten Perſon des Herrn unbe⸗ ſtraft, ich wäre werth, daß meine Vaſallen mich verachteten. Die Hand gegen ſeinen Gebieter aufzuheben! Es fehlte nur, daß eine Tochter, die den kindlichen Gehorſam verleug⸗ net, ſich noch verbrecheriſcher und nſeüirerſcher Knechte annähme!“ Feodorowna, ſo ſehr ſie durch dieſe rauhe Entgegnung zurückgeſchreckt war, verlor doch den Muth nicht, ſondern nahte ſich dem Vater noch einmal mit rührender Bitte: „Ich kenne das Vergehen des Unglücklichen nicht, ich weiß nur, daß ſeine Strafe grauſenvoll, daß ſie entſetzlich iſt. Ha⸗ ben die ſanftern Sitten fremder Länder Sie nicht entwöhnt, mein Vater, von dem blutig ſtrengen Geſetz, das über den Bewohnern dieſes Landes waltet? Ich hatte es ohnehin heute im Sinne, Ihr Herz zu einer milden Handlung der — — 349— Gnade für dieſen Unglücklichen zu bewegen. Sein Loos knüpft ſich an das—“ „Ich glaube, Du biſt im Einverſtändniß mit meinen zuchtloſen Dienern,“ rief der Graf entrüſtet.„Alſo kennſt Du ſchon früher als ich die Verbrechen, welche hier verübt wurden? Wer hat es gewagt, meine Tochter zu Vertrauten von Vergehen zu machen, die das jungfräuliche Ohr nicht nennen hören ſollte?“ Feodorowna erröthete vor Unwillen und Beſchämung zugleich; ſie wollte im Gefühl ihrer Würde erwidern, doch bezwang ſie die Aufwallung und ſprach mit ſanftem Tone: „Meine Jugendgeſpielin, theuerſter Vater, die unglückliche Arinia, vertraute mir unter Thränen der Angſt und Ver⸗ zweiflung geſtern am ſpäten Abend ihr Vergehen. War es nicht natürlich, daß ſie ihr Herz einer ſchweſterlich empfin⸗ denden Bruſt öffnete? Nein, mein Vater, ſo werden Sie Ihre Tochter nicht verkennen, daß Sie einen kränkenden Verdacht auf ſie werfen ſollten!“ Feodorowna blickte den Vater bei dieſen Worten ſo ſchmerzlich mit ihren feucht glän⸗ zenden blauen Augen an, daß ſelbſt ſeine zürnende Strenge ſich einer mildern Regung nicht erwehren konnte. Ernſt nahm er das Wort:„Ich hätte dem Unbeſonnenen, der, ein Fremder, die Ehre einer Tochter Rußlands ſo gering ſchätzte, daß er ſie mit Füßen trat, vielleicht vergeben, wenn er in Demuth und zur rechten Zeit ſein Verbrechen geſtan⸗ den hätte. Warum ließ er mich geſtern mein Wort geben? Habe ich es jemals meinem geringſten Vaſallen gebrochen? Darf ich es jemals, ohne vor mir ſelbſt zu erröthen? Der Burſche aber, im feigen Bewußtſein ſeiner Schuld, wagte nicht, den Mund zu öffnen, wagte nicht, was er doch konnte, mir ſchriftlich ſchon nach Petersburg ſein Vergehen zu melden! Und heute in aller Frühe kommt er zu mir wie ein Raſender, begehrt ungeſtüm, was er in tiefſter Demuth erflehen ſollte, und da ich es ihm ſtreng verweigere, ſtürzt er wüthend auf mich ein und bedroht mein Leben mit je⸗ nem Meſſer dort!“ Dolgorow deutete hier auf den Tiſch, wo ein Gartenmeſſer lag. „O, vergeben Sie dem Wahnſinn eines Verzweifeln⸗ den,“ bat Feodorowna,„und krönen Sie das Werk Ihrer Gnade durch eine noch ſchönere Handlung menſchlichen Mit⸗ gefühls?“ „Genug,“ entgegnete der Graf ſtreng,„das Geſchehene habe ſeinen Lauf! In der That, eine liebevolle Tochter, die den Mörder ihres Vaters belohnt wiſſen will!“ „O, allmächtiger Gott der Gnade!“ rief Feodorowna aus und rang verzweiflungsvoll die Hände;„ſo ſoll denn das gräßlich Unmenſchliche geſchehen, und mein Flehen kann den Unglücklichen nicht retten! Vater! Vater! Es gibt einen Gott im Himmel; er wird Euch richten, wie Ihr ge⸗ richtet habt! Auf welche Gnade habt Ihr zu hoffen, wenn Euer Herz ſich dem Mitleid ehern verſchließt? O, Land des Entſetzens, wo die Willkür ohne Schranken gebietet! Va⸗ ter, hören Sie die Bitte Ihrer Tochter, üben Sie das gött⸗ liche Recht der Gnade!“ Feodorowna ſtand bleich und zit⸗ ternd mit flehend emporgehobenen Armen vor dem Vater und war im Begriff, zu ſeinen Füßen niederzuſinken, als der angſtvolle Ruf einer weiblichen Stimme draußen erſchallte, und gleich darauf Axinia mit fliegendem Haar hereinſtürzte. „Laßt mich, laßt mich! Ich muß!“ So rief ſie wild, ent⸗ rang ſich den Dienern, welche ſie zurückhalten wollten, und warf ſich außer ſich vor Dolgorow nieder, indem ſie mit bei⸗ den Armen ſeine Kniee umklammerte.„Gnade! Gnade!“ wimmerte ſie. Ihre Stimme erſtickte in athemloſer Angſt; heftig preßte ſie das Antlitz gegen die Füße des Gebieters, — — 351— der ſie, im Gefühle ſeines Unrechts, aber zu ſtolz, um der Stimme der Menſchlichkeit Gehör zu geben, nur deſto er⸗ grimmter anblickte.„Laß mich, ſchamloſe Dirne!“ rief er. „Danke es meiner Gnade, daß ich Deine Schande durch eine ehrenvolle Ehe verbergen will!“ Axinia ließ die Arme ermattend los und richtete ihr bleiches, verzweifelndes Ange⸗ ſicht empor; jetzt erſt gewahrte ſie Feodorowna.„O, bittet, bittet für mich,“ ſprach ſie matt und verſuchte, ſich auf den Knieen zu ihr hinzuſchleifen, ſank aber kraftlos mit dem Ant⸗ litz gegen den Boden. Feodorowna kämpfte mit einem furchtbaren Entſchluß; ihr Buſen flog, ſie zitterte heftig. Endlich ſchwankte ſie mit bebenden Schritten auf den Vater zu:„Vater!“ rief ſie, „Gnade, Gnade!— Ich will, ich muß— o, auf dieſer Folterbank wird mir das Ja erpreßt!— Nun wohl denn, es ſei! Es gilt die Rettung zweier unſchuldiger Opfer! Ich kann ſie nicht bluten laſſen— ich darf es nicht. Gnade für ſie— und ich bin Ochalskois Gattin!“ Mehr vermochte ſie in dieſer gewaltſamen Anſtrengung ihrer Kräfte nicht; ein Marmorbild, ſank ſie bewußtlos in Dolgorows Arme. Dieſer ließ ſie auf einen Seſſel niedergleiten und zog dann die Schelle:„Geht in den Hof hinunter und laßt den Gärtner Paul losbinden, ſeine Strafe iſt vorläufig aufge⸗ ſchoben,“ rief er dem Diener zu.„Ruft auch das Kam⸗ mermädchen der Gräfin, ihr iſt unwohl geworden!“ Feodorowna ſaß bleich, mit zurückgelehntem Haupt in dem Seſſel; die weißen Arme waren matt herabgeſunken, der tiefblaue Himmel ihres Auges durch das geſchloſſene Au⸗ genlid bedeckt. Arinia lag noch immer betäubt am Boden. Einen Tiger hätte dieſer Anblick des zerreißendſten Jammers, ieſes rührende Bild der aufopfernden Duldung gerührt. An — 332— der kalten, durch das Verderben der Liebloſigkeit, welches in den höhern Ständen herrſcht, von Jugend auf verhärteten und vergifteten Bruſt Dolgorows, gleitete der Pfeil ab, als ob ein eherner Harniſch ſie bedeckte. Es wird vorüber gehen, dachte er kalt; denn der Schmerz Feodorownas erſchien ihm nur wie die Thorheit einer Schwärmerin und Axinias Jam⸗ mer berührte ihn gar nicht, da ſie zu einer Gattung Weſen gehörte, die er von Jugend auf nur als Dinge betrachtet hatte. Er war nur voller Freude, daß dieſes zufällige Er⸗ eigniß die Hinderniſſe aus dem Wege räumte, welche ſich noch geſtern ſeinen Planen unbeſiegbar entgegenzuſtellen ſchienen. Schnell eilte er daher zu Ochalskoi herüber, um dieſen von dem Vorgefallenen zu unterrichten, und überließ es der eintretenden Jeannette, für ihre Gebieterin zu ſorgen. Dieſe ſchlug bald das Auge wieder auf und war nun der Dienerin behülflich, Axinien ins Leben zurückzurufen. Als auch ſie endlich aus ihrer Betäubung erwachte, blickte ſie irr umher und ſchien mit den Augen einen Gegenſtand zu ſu⸗ chen, den ſie nicht zu nennen vermochte. Anfangs traf der tröſtende Zuſpruch Feodorownas nur ein taubes Ohr, ſie wußte nicht, was der leere Schall der Worte bedeutete, die ſie vernahm. Endlich faßte ſie es, als Feodorowna zu ihr ſprach: „Beruhige Dich, Arinia, der ſchreckliche Traum iſt vorüber; Du wirſt glücklich ſein!“ Da ſank die Gequälte, wie im Rauſche des Entzückens, mit heißen Freudenthränen an die Bruſt der Wohlthäterin, die ihr beide Arme öffnete und ſie liebend an das Herz drückte:„Du wirſt glücklich ſein, Axi⸗ nia,“ rief ſie noch einmal mit unausſprechlichem Schmerz. Aber Du weißt nicht, um welchen Preis! tönte es heim⸗ lich in ihrer Bruſt nach. Lange hielten ſich Beide umfaßt; die mächtigen, betäubenden Wellen der Schmerzen und der Wonne, auf denen ihr Herz gehoben wurde, hatten jeden — 353— Damm, der ſonſt das Bett ihres Lebens ſchied, überfluthet, und wie gerettete Schiffbrüchige umarmten ſie ſich an dem Strande, wohin die Lebenswelle ſie geworfen hatte, kaum wiſſend, ob in. Jammer oder in Seligkeit. Endlich verlie⸗ ßen Feodorowna die Kräfte, und ſie bat:„O, leitet mich auf mein Zimmer! Ich bin ſehr erſchöpft!“ Gütiger Him⸗ mel! dachte ſie, habe ich denn nicht auf der Folterbank ge⸗ legen, bis die Qual mir mein eignes Todesurtheil aus⸗ preßte? Aber ſie ſchwieg, und kein Laut verrieth das un⸗ ermeßliche Opfer, welches ſie der Menſchlichkeit gebracht hatte. Langſam geleiteten Jeannette und Arinia ſie auf ihr Ge⸗ mach; hier fand ſie Einſamkeit und Ruhe, um einen kla⸗ rern Blick auf die Löſung der verworrenen Fäden ihres Ge⸗ ſchicks zu werfen. Viertes Capitel. Die feierliche Verlobung ſollte ſogleich vollzogen werden; die Vermählung ſelbſt forderte der unerläßlichen Ceremonien we⸗ gen einen längern Aufſchub, und man mußte es einſtweilen der Wendung der Zeitereigniſſe überlaſſen, wann dieſes Feſt am ſchicklichſten anzuſetzen ſei. Daß Feodorowna zurücktreten werde, befürchtete der Vater nicht, denn er wußte, daß ſie bei der Strenge ihrer Grundſätze ein gegebenes Verſprechen zu heilig halte, um es unter irgend einem Vorwande zu⸗ rückzunehmen.. Dolgorow und Ochalskoi gingen, um ſie zu benachrich⸗ tigen, zur Gräfin hinüber, die, gewohnt, ſpät aufzuſtehen, von —„——— — 354— dem Vorgefallenen noch nicht das Mindeſte erfahren hatte, aber begreiflicherweiſe ſehr erfreut darüber war. Während deſſen hatte Feodorowna mit Arinien auf ih⸗ rem Gemach eine traurige Stunde hingebracht, in welcher ſie erſt den ganzen Zuſammenhang der Begebenheiten erfuhr, die Axinias Hinzukommen zu ihrer Unterredung mit dem Vater verurſacht hatten. Um Paul von Dem, welches Feodorowna für Beide thun wollte, zu unterrichten, hatte ſie von dem frühe⸗ ſten Morgen an eine Gelegenheit geſucht, ihn zu ſprechen; indeſſen war es ihr mißlungen. Eben wollte ſie zum drit⸗ ten Male nach dem Schloſſe gehen, als ihr der Verwalter, der ein erbitterter Feind Pauls war, im Schloßthore die Nachricht von ſeiner Beſtrafung mit höhniſchen Worten mittheilte. Kaum hatte ſie die entſetzliche Nachricht vernommen, de⸗ ren Zuſammenhang mit ihrem eignen Geſchick ſie ſogleich dunkel ahnete, als ſie auch im Hofe den an den Pfahl ge⸗ bundenen Paul erblickte. Dies ſehen, die Stufen der Marmortreppe hinanfliegen, durch die Schar der Diener unaufhaltſam bis zum Zimmer des Grafen vordringen und hineinſtürzen, war das Werk we⸗ niger Augenblicke geweſen. Glücklicherweiſe war Jeannette noch zur rechten Zeit mit Feodorownas Befehl, Pauls Strafe aufzuſchieben, eingetroffen. Jetzt hatte man ihn losgebun⸗ den und in ein kleines Zimmer geführt, wo er als Gefan⸗ gener bewacht wurde. Arxinia hegte anfangs noch einige Be⸗ ſorgniſſe um ihn, indeſſen gab Feodorowna ihr die heilige Verſicherung, daß ſie nun nichts mehr zu fürchten habe; zu⸗ gleich ſandte ſie, da ſie ſich der Vollmacht ihres Handelns gewiß fühlte, durch Jeannette den Befehl hinüber, Paul ſo⸗ fort frei zu laſſen und ihn zu ihr zu ſenden. Dolgorow ließ ſeine Tochter zu ſich bitten. Sie ging — erſchüttert, aber gefaßt, bleich, aber ohne Thränen. Die Ältern waren allein. Sie fand den Vater freundlicher als jemals, auch die Mutter zeigte ſich gütig.„Du willſt nun gehorſam ſein, willſt unſere Wünſche erfüllen, Feodorowna?“ ſprach ſie ſanft. Es war ſeit Monden der erſte Laut der Liebe aus dem mütterlichen, ſonſt ſo heiß von der Tochter geliebten und verehrten Herzen. „Ja, meine Mutter,“ entgegnete ſie,„ich will jetzt das Glück meines Lebens einer Pflicht opfern, von der mich nichts loszuſprechen vermochte. Allein ich mache es mir zur uner⸗ läßlichen Bedingung, daß ich über das Schickſal der Unglück⸗ lichen jetzt völlig frei beſtimmen darf.“ „Es ſei Dir gewährt,“ ſprach Dolgorow faſt mit dem Ausdruck der Güte. „Noch eine zweite Bedingung muß ich mir machen,“ fuhr Feodorowna fort.„Den Schritt, welchen ich zu thun im Begriff bin, muß ich mit Faſſung, mit weiblicher Würde vollführen; ich darf auch nicht mit dem zerſtörten Antlitz des Schmerzes zu meinem Bräutigam treten, denn meine Züge würden dem Ja meiner Lippen zu ſchroff widerſprechen. Es müßte ihn beleidigen, und das will ich nicht; denn von dem Augenblicke an, wo ich ihn zum Gatten wähle, bin ich ihm Achtung ſchuldig; mein zu heftiger Schmerz würde dieſe ver⸗ letzen. Darum verlange ich drei Tage, um mein Herz zu faſſen, meine Seele ernſt zu ſammeln; der fromme Zuſpruch des Vater Gregor wird mir in dieſem ſchweren Kampfe hülf⸗ reich zur Seite ſtehen. Mit der Sonne des vierten Tages bin ich bereit, den Verlobungsring mit dem Grafen zu wech⸗ ſeln; bis dahin laſſe man mich meiner Einſamkeit.“ „Auch dies ſei Dir gewährt,“ ſprach der Vater;„Du weißt, Deine Altern haben Dich ſtets geliebt, und nur Dein — 356— ſtarrer, unbegreiflicher Ungehorſam konnte ihr Herz von Dir abwenden.“ Feodorowna richtete ihr Auge gen Himmel und ſeufzte leiſe. O wie gern hätte ſie dieſen Worten Glauben ge⸗ ſchenkt; allein ſie fühlte, es war unmöglich, denn die That widerſprach ihnen zu hart. Wie hätten liebende Ältern ihr Kind der jahrelangen, ſtummen Qual übergeben können? Auch war kein Blick der Liebe in ihren Augen zu leſen, ſon⸗ dern nur das Wort ahmte todte Formen der Neigung nach. Sie ging zurück auf ihr Gemach. Im Vorzimmer traf ſie Paul bleich, mit kummervollen Zügen an, denn er war zu furchtbar von dem Sturm ge⸗ waltiger Leidenſchaften auf⸗ und niedergeſchleudert worden, um aus einem leichten Schimmer der Hoffnung Muth ſchö⸗ pfen zu können. Erſt jetzt gab ihm Feodorowna durch die Verſicherung das Leben wieder, daß ſein Schickſal ganz in ihrer Hand liege. Sie hieß ihn ihr folgen; im Gemach führte ſie ihn ſelbſt zu der ſelig erröthenden Axinia, legte ihre Hände ineinander und ſprach:„Seid glücklich! Ihr waret nicht ohne Schuld, doch Ihr habt ſie ſchwer gebüßt. Weihet nun Eure Liebe durch den geheiligten Bund der Ehe. Dann aber, Paul, verlaſſe dieſes Land und kehre zurück in Deine Heimat. Wehe Dem, der es Vaterland nennen muß; wohl Dem, der eine andere Heimat kennt! Beſchützen kann ich Euch nur, ſo lange ich hier bei Euch verweile; es wer⸗ den vielleicht nur wenige Wochen ſein. Drum ſobald der Pfad Euch offen ſteht, ziehet hin in Länder, wo ein mil⸗ des Geſetz über Allen gleich waltet. Jetzt laßt mich; geht, ſeid glücklich.“. Sie wandte ſich ab, um den Schmerz zu verbergen, der ſie überwältigte. Arinia ſprach, indem ſie ihre Hand ergriff, ſchüchtern, 2— —— 2— — 357— doch mit dem Ausdruck der innigſten Liebe:„Habt Ihr mir auch ganz vergeben? Ach, verdiene ich es denn auch? O, ſeht mich noch einmal gütig an!“ Feodorowna wandte ſich um; ſie blickte ſie, durch ihre Thränen, freundlich an.„Dein Herz iſt lauter! Du liebſt! Um der Liebe willen wird uns viel vergeben. Ich vergebe Dir Alles. Und könnte die Blüte Deines Glückes nur aus meinem Grabe aufſprießen— ich würde Dich ſegnen aus der ſtillen, kühlen Gruft herauf. Doch— geht, geht!“ Sie verließen ſtill das Gemach. „Himmliſche Beſchützerin! Gnädig waltende Mutter Gottes!“ rief Feodorowna jetzt und beugte ihre Kniee vor dem Marienbilde,„gib Du mir Troſt und Kraft. Ich ver⸗ traue mich Deiner ſegnenden Milde! Du wirſt mich nicht verlaſſen in der kalten, ſchauerlichen Nacht des Lebens. Dein ſanftes Geſtirn wird mir leuchten, auch wenn der ganze Him⸗ mel ſich düſter verhüllt!“ Nach dieſem Gebet kam eine tröſtende Ruhe über ihr Herz. Segnend empfand ſie es, daß es eine Hand gibt, die unſere brennendſten Wunden zu heilen vermag, ein Auge, das uns nicht verliert in der dunkelſten Tiefe des Abgrun⸗ des. Durch das graue, finſter wogende Nebelgewölk ihrer Zukunft brach ein Lichtſtrahl und weckte einen zarten Keim der Hoffnung in ihrer Seele. Verzage nicht, rief es ihr zu; wenn auch Dein ſterbliches Auge keinen Pfad mehr ſieht, der Dich zu einem glücklichen Ziele führen könnte; hinter dieſen düſtern Nebelſchleiern ruht ja der Himmel in ſeiner ewigen Klarheit. Ein Hauch des Allmächtigen und das Gewölk zer⸗ fließt, und über Dir ſteht das reine, blaue Gewölbe des Athers mit ſeinem ſeligen Sonnenlicht. Feodorowna trat ans Fenſter. Der Frühling ſchmückte die Erde; er lieh ihr, ſelbſt in dieſer nordiſchen Ode, den Reiz der Jugend. Der Strom ließ ſein dunkelblaues Band durch die grünen Gefilde flattern; die Wipfel der Tannen wurden von milden Lüften gewiegt; aus den Gebüſchen er⸗ tönte der Geſang der Droſſel; über den Feldern wirbelte die Lerche; Schwalben kreuzten über dem Spiegel des Waſſers; an den ſteilen, grünen Hügelwanden, die ſich in den Strom hinabſenkten, hingen die Heerden; wohin das Auge blickte, Leben, Freude, Gnade! Eben rief der feierliche Ton der Glocke zum Frühgottesdienſt, denn es war Feſttag! Da kam eine ſüße Wehmuth über die Duldende. Die Bilder und Träume der Jugend drangen mit alter, heiliger Kraft in ihr Herz; ihre Thränen floſſen ſanft. Mit jedem Tro⸗ pfen, der ihren Augen entrann, hob ihre Bruſt ſich freier, füllte ſich mehr und mehr mit gläubigem Vertrauen.„Gott iſt mir nahe,“ rief ſie ſtark und freudig aus,„ſich fühle ſeine ſegnende Kraft. Muth denn, Feodorowna; Du haſt nach ſeinem Gebot gehandelt, er wird Dich nicht verlaſſen.“ So geſtärkt und im Innerſten gekräftigt, beſchloß ſie zur Kirche zu gehen und die Andacht der Landleute zu theilen. Als ſie zurückkehrte, fand ſie das Schloß in lebhafter Bewegung. Das im Thor angebundene Pferd eines Koſacken unterrichtete ſie ſchon von weitem von der Ankunft eines Bo⸗ ten. Es dauerte auch nicht lange, ſo kam der Vater zu ihr aufs Gemach und redete ſie folgendermaßen an:„Du weißt, meine Tochter, daß ich meine gegebenen Verſprechungen ſtreng halte; aber ich komme, mich zum Theil durch Dich davon entbinden zu laſſen. Du wollteſt drei Tage zu Deiner Samm⸗ lung haben. Gern hätte ich ſie gewahrt. Doch vor weni⸗ gen Minuten traf ein Bote, den mir der General ſendet, mit Briefen für mich und den Fürſten Ochalskoi hier ein. Der Feind iſt wirklich über den Niemen gegangen und rückt 3 — 359— mit reißender Schnelligkeit vor. Dies zwingt uns, noch heute zur Armee abzugehen; meine Abreiſe iſt dringend, die des Fürſten unerläßlich. Unter ſolchen Umſtänden wirſt Du gewiß einwilligen, dem Aufſchub zu entſagen, da es mir wich⸗ tig ſein muß, eine Familienangelegenheit wenigſtens ſo weit, als dies möglich war, geordnet zu haben, bevor ich mein Leben und das Deines künftigen Gemahls dem ungewiſſen Schickſal einer Schlacht preisgebe.“ Nur durch die fromme Faſſung, die ſie errungen, war es Feodorowna möglich, dem Wunſche ihres Vaters zu ent⸗ ſprechen. Dennoch faßte ein innerer Schauer ſie an und be⸗ rührte ihr Herz mit einem kalten Entſetzen.„Wenn es denn ſein muß,“ ſprach ſie mühſam,„ſo bin ich bereit, zu gehor⸗ chen. Nur eine Stunde der Sammlung gönnen Sie mir, mein Vater!“ „Wir werden indeſſen unſere Anſtalten zur Abreiſe tref⸗ fen,“ erwiderte dieſer;„denn jede Minute iſt jetzo wichtig. In einer Stunde werde ich zu Dir ſenden.“ Mit dieſen Worten verließ er das Gemach. Erſchöpft ſank Feodorowna auf einen Seſſel. Sie hatte Muth zur Entſagung gehabt, doch der Augenblick der Ent⸗ ſcheidung erneuerte alle Kämpfe ihrer zerriſſenen Bruſt.„Noch iſt die Rückkehr möglich— noch darf dieſes Herz wählen—“ rief ſie und rang die Hände;„eine Stunde verrinnt und Alles iſt vorbei! Nein es iſt ſchon jetzt vorbei, denn Du gabſt ein unwiderrufliches Verſprechen. So übe denn mit Ergebung die Pflicht, die der ſtrenge Arm des Allmächtigen Dir auferlegt. Er allein, der Dein Herz zermalmt, vermag es aufzurichten, ihm vertraue Dich!“ Sie ſchellte. Jeannette erſchien. „Du mußt mich zur Verlobung ſchmücken, Liebe,“ ſprach A — — ſie weich;„in einer Stunde ſchon ſpreche ich das entſchei⸗ dende Wort aus.“ Sie zitterte; das Mädchen ahnete, was ihre Gebieterin empfinde. Sie weinte ſtill und übte ſchweigend ihre kleinen Pflichten. „Welches Kleid?“ fragte ſie, als Feodorowna nur noch des letzten Gewandes bedurfte. „Das ſchwarze— nein, das weiße; ich traure ja um Niemand, ich bin ja ſelbſt die Blutende. O, wäre ich eine Braut, die man für die Gruft ſchmückt!“ Es war ein Ausruf des tiefſten, die Seele zerreißenden Schmerzes, der ſich der Duldenden entrang. Ermattet ſank ſie in Jeannettens Arme und weinte überwältigt an ihrer Bruſt. Nach einigen Minuten richtete ſie ſich ſanft empor; ſie wandte einen frommen Blick auf das Muttergottesbild, an welchem eben einige Sonnenſtrahlen ſpielten.„Ein Troſt, eine Hoffnung bleibt ja doch unzerſtörbar in unſerer Bruſt,“ ſprach ſie mit mildem Laut;„warum will ich denn verza⸗ gen? Nach allen Erdenmühen muß ja die Stunde kommen, wo Du Dein Kind mit unvergänglichem Heil beſeligſt.“ Von jetzt an blieb ſie ruhig. Schön wie eine Lilie mit ſanft gebeugtem Kelch war ſie in der weißen Seiden⸗ hülle. Sie ſchwebte an Jeannettens Arm hinab in den Saal. Dort harrten ſchon die Altern, Ochalskoi, Gregor. Eine ſtumme Begrüßung fand ſtatt. „Ich wünſche, daß der Vater Gregor meine Verlobung einſegne, wenn es auch ſonſt nicht gebräuchlich iſt,“ bat Feodorowna ſanft, aber in einem Tone, der keine Abweiſung zuließ. Gregor ſprach einige Worte. Dann wurden die Ver⸗ lobungsringe gewechſelt, und die Braut duldete ſtumm die Umarmung und den Kuß Deſſen, dem ſie ſich jetzo feierlich — 361— gegeben hatte. Aber in ſeinen Armen erblaßte ſie, ſeufzte leiſe auf, ſank zuſammen, und leblos mußte man ſie auf ihr Gemach tragen. Sie blieb der Sorge der Mutter überlaſſen, denn ſchon ſtampften die Roſſe vor dem Wagen, in welchem Dolgorow und Ochalsköi ſogleich zum Heere abreiſten. Fünktes Capitel. Es war am 22. Junius, als Naſinski mit ſeiner Rei⸗ terſchaar zu der Hauptcolonne der Armee, welche der Kaiſer Flbſt führte, ſtieß. Ein Befehr⸗ den er unterwegs erhalten, hatte ſeinen Marſch beſchleunigt. Die übrigen Truppentheile, Regnards Negiment, die Artillerie und zwei Escadrons ſchne⸗ rer Cavalerie, welche bei Lomza zu ihnen geſtoßen waren konnten nicht ſo eilig folgen. Die Sonne ſenkte ſich eber hinter die blauen Waͤlder, welche den weſtlichen Horizon uxäſchloſſen, als man von einer Anhöhe die franzöſiſche Ar mee zuerſt gewahr wurde. In unabſehbarer Weite bedeckten die ſchwarzen Truppenmaſſen die ſanfte Einſenkung, welche ſich dieſſeit der Hügelreihen, die das Ufer des Niemen be⸗ gleiten, und an dem Saume des großen Waldes von Pil⸗ wiski hinzieht. Naſinski war mit Bernhard und Ludwig, die er gewiſſermaßen als ſeine Ordonnanzen gebrauchte, etwa tauſend Schritte dem Regiment vorausgeritten.„Heiliger Gott!“ rief er aus,„welch' eine Welt in Waffen. Seht Freunde, ſeht dort hin! über eine Meile dehnt ſich die Linie dieſer eng aufeinandergerückten Colonnen aus. Und von dort herüber ſind noch unzählbare Maſſen im Anmarſch. Welch 1. 16 — 362— ein ungeheurer Geiſt, der ſo viele tauſend Kräfte der Einzel⸗ nen alle in dem Mittelpunkte ſeines Willens vereinigt! Alle Zungen Europa's vernehmt Ihr in dieſem Feldlager. Von den Nachbarn des Ebro und des Veſuvs, von den Söhnen der Alpen und Pyrenäen bis zu den ſlaviſchen Stämmen, die unſre rauhen Steppen bewohnen, hat jede Stadt, jedes Dörfchen einen Sohn hieher geſandt, und Alle folgen ſie in glühender Begeiſterung und im ſtummen Gehorſam dem Wink des Führers. Sie gehorchen ihm und glauben an ihn wie an einen Gott, dem der Menſch ſich beugt, auch ohne ihn zu begreifen! Seht die herrlichen Artillerieparks, welche dort am Abhange aufgefahren ſind; ich ſchätze die Stärke derſel⸗ ben auf vier⸗ bis fünfhundert Feuerröhre, und doch iſt es kaum die Hälfte von denen, welche Napoleon heranführt, um das Verderben in die⸗feindlichen Reihen zu ſchleudern.“ Raſinski Fielt und ſah ſich aufmerkſam rings um.„Hier, über jene drei Bäume hinweg, liegt Kowno; es wird muth⸗ maßlich hartnäckig von den Ruſſen vertheidigt werden. Dort⸗ her kommt die Straße von Königsberg, die ſich in dem Ge⸗ büſch vor uns mit der unſrigen vereinigt. Das Ortchen hier unten am Walde heißt Pilwiski; dort weiter links jener ſpitze Thurm gehört dem Städtchen Schirwindt an. Seht, Euch die Lage der Orte genau an, Freunde; denn ich könnte Euch noch in dieſer Nacht nach beiden zu verſchicken haben, da ich vermuthe, daß der Stab in denſelben liegt.“ Während Raſinski ſeine beiden Begleiter auf dieſe Weiſe mit der Gegend bekannt machte, war ſein Regiment heran⸗ gekommen. Er ſetzte ſich jetzo an die Spitze deſſelben und ließ es im geordneten Zuge gegen das Lager vorrücken. 6 Noch bevor er die erſten Poſten erreicht hatte, ſprengte ihm ein Generalſtabsoffizier entgegen:„Ich bin beaufttagt, Herr Obriſt,“ redete derſelbe ihn an,„Ihnen die Stelle an⸗ W —— 4 16 ſ 1 — 363— zuweiſen, wo Sie mit Ihrem Regimente den Bivouac zu be⸗ ziehen haben. Ihre Ankunft war bereits gemeldet. Sie wer⸗ den Ihr Lager dort drüben auf jenem Hügel zunächſt der kaiſerlichen Garde einnehmen.“ Raſinski erkannte ſogleich die Auszeichnung, welche in dieſer Beſtimmung lag und ſprach, indem er für die Mel⸗ dung dankte, ſeine Freude darüber lebhaft aus. Von dem Generalſtabsoffizier geführt, rückte das Regi⸗ ment jetzt mitten durch das Lager ſeinem Bivouacsplatze zu. Das mannichfaltigſte Schauſpiel bot ſich auf dieſem Zuge dar. Zuerſt kam man an langen Reihen ſchwerer Geſchütze, an dicht aufgefahrenen Parks von Munitionswagen vorbei. „Das ſind die ehernen Knochen des Kriegsungeheuers,“ ſprach Ludwig zu Bernhard im Vorüberreiten. „Oder vielmehr ſeine feuerſpeienden Rachen,“ erwiderte Bernhard.„Mir iſt ſeltſam zu Muthe,“ fuhr er nach einigen Augenblicken fort;„indem ich in dieſe Thore des Krieges einziehe, erſcheine ich mir gegen die ungeheuern Maſſen der Kräfte plötzlich ſo ganz unbedeutend, ich verliere ſo vollſtän⸗ dig das Gefühl eigner Thatkräftigkeit, daß ich mir vor⸗ komme wie eine Nußſchale, die auf dem brandenden Ocean ſchwimmt. Aber etwas zu thun werde ich hier bekommen für mein Skizzenbuch, denn alle zehn Schritte ſehe ich ein köſtliches Genrebild vor mir, und ich merke, daß man nur einmal durch ein Feldlager geritten zu ſein braucht, um ein Philipp Wouvermann zu werden, wenn man ſonſt den Pin⸗ ſel, dazu hat und keiner iſt.“ Man war jetzt an die erſten Bivouacs der Infanterie gekommen und konnte mit Muße die Gruppen betrachten, welche ſich um die Feuer gelagert hatten. In der Ferne hörte man die halbverwehten Töne der Feldmuſik, welche die marſeiller Hymne ſpielte. Gleich im Vordergrunde la⸗ 16* — 364— gen ein Dutzend Grenadiere um ein ſtattliches Feuer. Ein bärtiger Sapeur rührte eifrigſt die Nachtkoſt im Feldkeſſel um. Er war jeden Augenblick genöthigt, ſeinen langen Bart vor der aufflackernden Flamme zu ſichern; einige junge Leute, die ſeine Noth anſahen, trieben ihren Spott mit ihm. Ei⸗ ner lag mit verbundenem Kopf und ſchlief; ſeine Kameraden hatten ihm mit Kohle einen ungeheuern Schnurbart gemalt. Zwei ſtanden und fochten ſcherzhaft mit den Händen. Die übrigen ſaßen oder lagen im Kreiſe umher und betrachteten müßig das vorbeiziehende Regiment, ſchienen jedoch keine ſon⸗ derliche Aufmerkſamkeit auf die für ſie ſo alltägliche Bege⸗ benheit zu wenden. Ohne Umſtände deuteten ſie mit Fin⸗ gern auf Das, was ihnen auffiel, und Einer drehte ſogar dem ihn ſcharf anblickenden Bernhard muthwillig eine Naſe, wor⸗ über die Andern ein helles Gelächter aufſchlugen. Einige Schritte weiter war eine andere Gruppe gelagert, welche aufmerkſam einem muſikaliſchen Genie zuhörte, das auf einer kleinen Querflöte die Romanze:„II pleut, il pleut bergère;“ blies. Dieſes Lieblingsliedchen ſchien die Zärtlich⸗ keit eines Sergeanten zu entflammen, der hinter dem Kreiſe ſeiner gelagerten Kameraden einer niedlichen Marketenderin die feinſten Galanterien zu ſagen ſuchte und ihr das Kinn mit einem gewiſſen väterlichen Wohlwollen ſtreichelte, obgleich ſeine lebhaften Augen eine viel feurigere Zuneigung zu dem muntern Mädchen verriethen. Sie nickte wohlgefällig mit dem Köpfchen zu dem Takte der Melodie und achtete nicht ſonderlich auf den Liebhaber, dem ſie nur dann und wann die Hand abwehrend zurückſchlug. „Die Liebe iſt uberall zu Hauſe,“ ſprach Bernhard la⸗ chend;„auch im Bivouac treibt ſie ihre Blüthen. Der ewig dürre Boden, wo ſie gar nicht fort will, glaube ich, iſt mein 4⁴ — . — . — 365 Herz. Denn wenigſtens von den Blüthen glücklicher Liebe kann ich noch kein ſonderliches Herbarium aufweiſen.“ Ludwig ſchwieg; er hing ſeinen ernſten Gedanken nach, die durch Bernhards Worte lebhaft aufgeregt waren. „Nun Tölpel,“ rief Bernhard etwas verdrießlich, denn ein mächtiger Dragoner, dem ein dichter ſchwarzer Buſch von Pferdehaaren vom Helme herabhing, ritt auf einem wahren Brauerpferde dicht an ihm vorbei und rannte ihn faſt vom Sattel. Der Kerl ſteckte jedoch den Tölpel ein, ohne ſich umzuſehen und ritt ſeiner Wege. „Ein unverſchämter ſchnauzbärtiger Eſel, der dort ſeine langen Beine über den plumpen normänniſchen Gaul ge⸗ hängt hat,“ polterte Bernhard;„Der Kerl machte einen förm⸗ lichen Choc gegen mich mit ſeinem Elephanten.“ „Das ſind die Höflichkeiten des Lagers,“ rief Jaromir lachend, der Bernhards Unfall geſehen hatte.„Du wirſt ſo lange welche einſtecken müſſen, bis Du ſie wieder austheilen lernſt!“ „Pah!“ erwiderte Bernhard,„in dieſem Punkte bin ich als Meiſter geboren; bei Grobheiten gleiche ich gewiſſen Echos, welche den Schall nicht nur vervielfältigen, ſondern auch verſtärkt zurückgeben. Bei mir wäre das Sprichwort: wie man in den Wald hineinſchreit, ſo ſchallt es wieder her⸗ aus, nicht ganz richtig angewendet, denn ein grober Flegel bekommt mich in einem Hohlſpiegel zu ſehen, wo ich ihm ein grimmiges Geſicht ſchneide.“ Man kam jetzt an einen Cavaleriebivouac, wo die Pferde in langen Reihen an ausgeſpannten Leinen ſtanden. Das muthige Stampfen und Wiehern der Roſſe machte das Schau⸗ ſpiel lebendiger. Eines derſelben riß ſich los, als das Ca⸗ valerieregiment anrückte, und wollte den brüderlichen Reihen zueilen; ſogleich waren eintge Dragoner hinterdrein, um es — 366— zu greifen, doch es ſchlug unbändig aus, warf einige Feld⸗ keſſel um, daß die eben fertige Abendkoſt in die Kohlen ge⸗ ſchüttet wurde, und entſprang dann in wilden Bogenſätzen. Die Infanteriebataillone, welche in der Nähe lagen, erho⸗ ben ein jubelndes Gelächter über dieſe Jagd und ſuchten das Thier durch Geſchrei zurückzujagen. Die polniſchen Reiter drehten gleichfalls lachend die Köpfe nach dem Schauſpiel um, als plötzlich Raſinski's Commandowort:„Richtet Euch! Au⸗ gen rechts!“ ſie in die ſtrengen Feſſeln des Dienſtes legte. Es war ein franzöſiſcher General, welchem Raſinski auf dieſe Art den Zoll des militairiſchen Ehrengrußes abtrug. Er ritt einen prächtigen Grauſchimmel, deſſen Zaͤumung und Scha⸗ beracke reich mit goldenen Verzierungen und Stickereien bedeckt war. Grüßend faßte er an den Hut und betrachtete im Vor⸗ überreiten die Leute mit einem großen, aufmerkſamen Auge. Die athletiſche Geſtalt, das ernſte Feuer im Blicke, die ſtren⸗ gen Züge auf der hohen Stirn, alles Dies zuſammen ver⸗ lieh ihm jene Gewalt der Perſönlichkeit, wodurch der Sol⸗ dat ein ſo unbedingtes Vertrauen zu ſeinem Führer gewinnt. Auch ſtanden von beiden Seiten die Leute im Lager ehrfurchts⸗ voll ſtill und hielten ſich in ſtrenger dienſtlicher Haltung, bis er vorüber war. Ludwig, auf den die Erſcheinung einen ganz beſondern Eindruck gemacht hatte, fragte leiſe den ihm zur Seite rei⸗ tenden Boleslaw:„Wer iſt dieſer General?“ „Der Marſchall Davouſt, Fürſt von Eckmühl,“ erwi⸗ derte dieſer mit ernſter, gewichtiger Miene, welche die Be⸗ deutung wahrnehmen ließ, die der berühmte Feldherr auch für ihn hatte. „Der Marſchall Davouſt,“ ſprach Ludwig weiter zu Bernhard, und Beide ſahen ihm mit geſpanntem Auge nach, bis er ſich in das Getümmel des Lagers verlor. — ———— — 367— Es fing ſchon an zu dunkeln, als das Regiment den Platz, der zu ſeiner Lagerſtätte beſtimmt war, erreichte. Der Raum, welchen es einnehmen durfte, war durch die Ort⸗ lichkeit genau abgeſteckt. Man befand ſich nämlich auf einem Hügel, der, auf der Oberfläche kahl, rings umher von Buſchwerk begrenzt wurde. Einige Hundert Schritte ſeitwärts hatte man auf der Spitze eines andern, etwas höhern Hü⸗ gels das Zelt des Kaiſers aufgeſchlagen. Die dreifarbige Fahne wehte von demſelben herab. Zwei Mann der alten Garde ſtanden Wache davor. Generaloffiziere, Adjutanten, Ordonnanzen kamen und gingen ununterbrochen. Bernhard ſchaute unverwandt nach dem Gezelt hinüber, wo ſich in die⸗ ſem Augenblicke das Geſchick Europa's entſchied. Indeſſen blieb ihm nicht lange Zeit zu müßigen Betrachtungen; die angenehmſte Arbeit des Soldaten, ſich in ſeinem Bivouac einzurichten, begann. Die Ställe für die Pferde wurden durch Piketpfähle mit umgeſchlungenen Fouragierleinen abge⸗ theilt. Man beſtimmte die Feuerſtellen; Einige holten Holz und Stroh, Andere Waſſer herbei. In kurzer Zeit loderten die Bivouacfeuer luſtig auf; die Kameraden lagerten ſich um⸗ her, trauliche Geſpräche knüpften ſich an, man wurde heiter und heiterer. Ein guter Trunk, den Raſinski ſpendete, er⸗ höhte die ſorglos frohe Stimmung; ja ſogar fröhliche Kriegs⸗ lieder erſchallten laut, bis die ſinkende Nacht und die Ermü⸗ dung des Tages den Schlaf herbeiriefen, der das bewegte Treiben des Lagers in eine feierliche Ruhe verwandelte. — 368— Sechstes Capitel. Mitternacht war vorüber. An einem größern Feuer, unter einer breitäſtigen Eiche, in den Reitermantel gehüllt, lag Naſinski und ſchlief auf dem ſchlichten Lagerſtroh, ohne das Obdach einer Hütte oder eines Zeltes über ſich zu ha⸗ ben; Boleslaw, Jaromir, Bernhard und mehre jüngere Offi⸗ ziere waren um ihn gelagert. Eine Ordonnanz trat in den Kreis und fragte Ludwig, der eben die Feuerwache hatte, nach Raſinski. Noch ehe er antworten konnte, fuhr dieſer, deſſen leiſer Schlummer ſeine Wachſamkeit kaum unterbrach, bei dem Klange ſeines Na⸗ mens auf. „Was gibt's?“ fragte er, ſich aufrichtend. Die Ordonanz überreichte ihm einen verſiegelten Zettel, den Raſinski bei dem Schimmer des Bivouacfeuers las. „Sehr wohl, Kamerad! Ich werde pünktlich ſein,“ ſprach er, nachdem er den Inhalt geleſen hatte. Die Ordonnanz entfernte ſich wieder. Raſinski rief nach ſeinem Reitknecht.„Sattle ſogleich meinen Rappen,“ gebot er dieſem;„und auch Ihr, Freunde,“ wandte er ſich zu Ludwig und dem gleichfalls erwachten Bernhard,„ſattelt Eure Pferde, denn wir müſſen ſogleich fort.“ Schnell ſprangen Beide auf und eilten nach ihren Pfer⸗ den; denn ſie hatten ſich's zum Geſetz gemacht, alle Arbeiten des Soldaten ſelbſt zu verrichten, um weder weichlich zu er⸗ ſcheinen, noch Neid zu erregen. In wenigen Minuten kehrten ſie zu Pferde zurück. Raſinski war ſchon aufgeſeſ⸗ ſen. Die übrigen Offiziere, welche am Feuer gelegen hatten, waren erwacht und aufgeſtanden.„Ich bin wahrſcheinlich vor Tagesanbruch zurück,“ ſprach Raſinski;„ſollte indeſſen — 369— während meiner Abweſenheit etwas vorfallen, ſo haben Sie ſich an den Rittmeiſter Negolinski, als den älteſten des Regiments, zu wenden. Er iſt bereits benachrichtigt. Auf Wiederſehen!“ 1 Sie ritten im Schritt hinweg, den Hügel herab durch das Gebüſch grade auf das Zelt des Kaiſers zu. „Wie ſpät iſt's?“ fragte Naſinski. „Halb zwei Uhr,“ erwiderte Bernhard. „So kommen wir noch faſt zu früh. Um zwei Uhr, im erſten Dämmerſchein will der Kaiſer den Niemen recognosci⸗ ren; ich bin befehligt, mich ſeinem Gefolge anzuſchließen, weil ich die Gegend genau kenne. Ich empfehle Euch mög⸗ lichſte Stille, lieben Freunde, denn in ſo wichtigen Zeit⸗ punkten, wo der Kaiſer ſeine ungeheuren Entwürfe abwägt, haßt er jedes müßige Geräuſch.“ Beide junge Männer wurden durch dieſe Worte in eine feierliche Spannung verſetzt. Zum erſten Male ſollten ſie jetzt Zeugen eines jener großen Augenblicke ſein, wo der Beherr⸗ ſcher Europa's die erſten Fäden zu einem kühnen, rieſenhaf⸗ ten Gewebe aufſpannte. Sie wurden gewiſſermaßen in die Werkſtätte der Weltgeſchichte geführt, ſollten dem unſcheinba⸗ ren Quell der Ereigniſſe nahen, der, zum Strom, zum Ocean anwachſend, die Geſchicke ganzer Nationen auf ſeinen brau⸗ ſenden Fluthen zu wiegen beſtimmt war. Stumm ritten ſie, dem gleichfalls ernſt ſchweigenden Führer folgend, durch Nacht und Wald dahin, zwiſchen den rechts und links düſter glimmenden Feuern des Lagers hin⸗ durch, auf das Zelt des Kaiſers zu. Sie fanden dort ſchon mehrere Generale und Offiziere verſammelt. Einige Minuten ſpäter trat der Kaiſer aus dem Zelt und ſchwang ſich aufs Pferd. Es begann ſchon zu dämmern; doch war die ganze TLandſchaft noch in einen grauen Schleier, welchen hie und J. 17 — 370— da die Morgennebel verdichteten, gehüllt. In weniger als einer Viertelſtunde hatte man die Waldhöhen, welche den Lauf des Niemen begleiten, erreicht. Der ſchöne Strom ſchim⸗ merte blaß glänzend, halb erlöſchende Sterne wiederſpiegelnd, zwiſchen den dunkeln Ufern. Ienſeit beginnt das ruſſiſche Gebiet. Der Kaiſer hielt auf der Anhöhe ſtill und ſah ſich einige Zeit aufmerkſam nach allen Seiten um. Dann ſprengte er im kurzen Galopp die Höhe hinunter nach dem Fluſſe zu. Als ſein Pferd die feuchte Sandfläche des Ufers erreichte, ſank es plötzlich mit den Vorderfüßen ein, ſtürzte und ſchleuderte den Reiter über ſich hinweg auf den Boden. Einen Augenblick fühlte ſich Jeder durch dieſes Ereigniß, welches einem unheilvollen Vorzeichen zu ähnlich ſah, betrof⸗ fen; Raſinski war ſo überraſcht, daß er unwillkürlich halb laut ausrief:„Ein Römer würde umkehren.“ Das rings herrſchende tiefe Schweigen und die Morgenſtille, welche den Schall ſo weit fortpflanzt, bewirkte, daß die Worte von Allen gehört wurden. Selbſt der Kaiſer, der raſch aufge⸗ ſprungen war, mußte ſie vernommen haben, denn er ſah ſich aufhorchend um, ſagte jedoch nichts. NRuhig beſtieg er ſein Pferd wieder und ſetzte die Recognoscirung fort. Er rief Raſinski in ſeine Nähe und ſprach öfters lebhaft mit ihm. Eine gute Stunde lang ritt er am Ufer entlang, dann wandte er um, ſprengte einen Hügel hinab, winkte den Marſchall Berthier zu ſich und befahl, indem er mit der Hand auf den Strom deutete, daß mit der einbrechenden Abenddämmerung an drei Punkten des Ufers, die er beſtimmt angab, Brücken geſchlagen werden ſollten. Hierauf kehrte er nach ſeinem Zelte zurück, und Raſinski ritt mit ſeinen beiden Begleitern der Stelle ſeines Bivouacs wieder zu. Der Tag verging in einer erwartungsvollen Unruhe — — 371— Das Zelt Napoleons wurde abgebrochen. Er begab ſich in ein unfern gelegenes Bauerhaus, das er von Zeit zu Zeit verließ, um einen Ritt durch das Lager zu machen und den Muth der Truppen durch ſeine Gegenwart zu beleben. Mit der ſteigenden Sonne wurde es ſchwül und ſchwüler. Die drückende Hitze der langen Sommertage des Nordens drohte Alles zu erſticken; die Sonne ſchoß glühende Pfeile herab. Die Truppen hielten ſich ſtill im Lager; die Sorge für die Pferde und Waffen war die einzige Beſchäftigung, welche man vornahmz; doch ſelbſt dieſe ermüdete in der durchglühten Luft. Jedes ſchattige Fleckchen wurde aufgeſucht und be⸗ nutzt; ein friſcher Trunk war das einzige Labſal, wornach man ſtrebte. In Agypten ,in Syrien, nicht in dem nordi⸗ ſchen Rußland glaubte man Krieg zu führen. Endlich wuchſen die Schatten wieder, die Sonne neigte ſich. Gegen acht Uhr Abends brachen einige Pionierabthei⸗ lungen nach dem Strome auf, um die Brücken zu ſchlagen. Mit der naͤher und näher rückenden Minute der Entſcheidung ſtieg die Spannung. Schon deswegen würde der Schlaf die erwartungsvollen Krieger geflohen haben, wenn ſie auch nicht in der ermattenden Hitze des Tages der Ruhe gepflegt hät⸗ ten. Endlich um Mitternacht kam der Befehl zum Aufbruch. In größter Stille ſollte man ausrücken; kein Laut durfte gehört, kein Funke geſehen werden. Raſinski ließ aufſitzen und rückte in dicht geſchloſſenen Colonnen auf einem breiten Wege vor, der nach dem Strome führte. Nach einer halben Stunde machte man Halt auf einem mit thauigem Getreide bewachſenen Hügel. Die hun⸗ grigen Pferde rupften das junge Korn abz die Leute lager⸗ ten ſich auf dem feuchten Boden. Mit Ungeduld erwartete man den Anbruch des Tages. Düſtere Nachtnebelwolken ver⸗ zögerten ihn. Endlich erhob ſich ein friſcher Wind, zerſtreute 17* — 372— die Dünſte und enthüllte das erſte, zarte Morgenroth, wel⸗ ches aus dem tiefen Rußland herüberglänzte. Jetzt vermochte der Blick über die jenſeitigen Ufer hinzuſchweifen, denn man überblickte ſie weit hin von den Hügeln, auf denen man ſtand. Welch ein düſtere Ahnungen weckender Anblick! Nur über unermeßliche Wälder und wüſte Sandſteppen ſchweifte das Auge hin. Wie? Zog man deshalb aus, um mit ſo vie⸗ len tauſend Opfern, mit Strömen Blutes ein ſo ödes, un⸗ wirthbares Land, das nur einem unermeßlichen Gefängniß glich, erobern zu wollen? Eine trübe Niedergeſchlagenheit bemächtigte ſich der Seele des Kriegers. Da tönte ein ſchmet⸗ terndes Trompetenſignal; die Sonne ſtieg blutig, aber glän⸗ zend über dem ſchwarzen Fichtenwalde empor, und ein fri⸗ ſches Wehen der Morgenlüfte erfüllte die Bruſt wieder mit Freude und Kraft. Aller Augen wandten ſich zurück nach— der Gegend, woher das kriegeriſche Zeichen des Aufbruchs er⸗ klang. Es war am Gezelt des Kaiſers, welches man in der Nacht auf der höchſten Uferhöhe aufgeſchlagen hatte. Die Sonne beleuchtete es ſtrahlend; prächtig ſchimmerten die wei⸗ ßen, blauen und rothen Felder der dreifarbigen Fahnen, die es ſchmückten. Ein glänzendes Gefolge von Marſchällen und 4 Generalen hielt vor dem Zelt. Der Kaiſer trat heraus, grüßte militairiſch und ſchwang ſich auf ſeinen arabiſchen Schimmel. Jetzt brachen wie auf einen Wink die Colon⸗ nen aus dem Saume des Waldes hervor. In wenigen Mi⸗ nuten bedeckten ſich alle Hügel mit den ſchwarzen ſtrömenden Maſſen, aus deren hellen Waffen die glühende Morgenſonne zurückblitzte. Das ganze Gefilde wogte und leuchtete; das. Herz wuchs bei dem Anblick dieſer ungeheuern Kräfte. In drei breiten Strömen ergoß ſich die ſchwarze Flut ſchlängelnd 3 durch die Strandebenen gegen die drei Brücken zu, welche 4* die Ufer des Stroms verbanden, deſſen Spiegel bald die 373— Schaaren verdoppelte. Jetzt brach auch der Kaiſer auf und ritt mit ſeinem Gefolge an den Colonnen hinunter, der mittlern Brücke zu und hinüber. Nicht zagend, nicht bedenklich, betrat er das feindliche Ufer; ungeſtüm, feurig ſprengte er hinüber. Jenſeit hielt er an und ließ die Schaaren an ſich vorüberziehen; der Blick ſeines dunklen Auges entzündete ein unerlöſchliches Feuer des Muthes in der Bruſt der Krieger. Sie begrüßten ihn mit lau⸗ tem Jubel, daß das ganze Gefilde erdröhnte und die ſtum⸗ men Waldwüſten das brauſende Getöſe ſtaunend zu ver⸗ nehmen ſchienen. Erſt gegen die zehnte Vormittagsſtunde rückte Naſinski mit ſeinem Regiment über die Brücke; der Kaiſer ſah ihn wohlwollend an und grüßte freundlich, als die Polen in ihrer Sprache den Jubelruf:„Es lebe der Kaiſer!“ erhoben. Dann wandte er plötzlich ſein Roß und jagte pfeilſchnell die ſandige Landſtraße hinunter, tief in den Wald hinein, ſodaß er den Blicken ſeiner Krieger völlig verſchwand. Ein Gefühl ſeltſamer Unruhe bemächtigte ſich ſogleich ihrer Bruſt, als ſie Den, der ſie in dieſe Oden des Nordens geführt hatte, plötz⸗ lich allein in denſelben verſchwinden ſahen, als würde er von der Wüſte verſchlungen. Doch bald kehrte er mit verhäng⸗ tem Zügel zurück. Er ſah unruhig, mißmuthig aus; es ſchien ihn zu verdrießen, daß er den Feind, den ſein kampf⸗ begieriges, ſieggewiſſes Herz herbeigewünſcht, nicht antraf. Langſam zogen die Heermaſſen den Strom aufwärts. Jetzt hörte man in der Ferne Kanonendonner. Man lauſchte; es dröhnte abermals dumpf, wie fernes Krachen des Geſchützes. In Aller Zügen las man die unruhige, erwartungsvolle Spannung; die Reihen ſchloſſen ſich dichter, ordneten ſich ſtrenger. Adjutanten ſprengten hin und wieder; Generale jagten die Uferhöhen hinauf. Man durfte vermuthen, daß — 374— eines der Seitencorps unter dem Koönige von Weſtphalen oder dem Vicekönige von Italien den Kampf angenommen habe. Da tönte das dumpfe Rollen ſtärker, aber es war nicht das einer fernen Schlacht, ſondern der Donner eines ſchwer heraufziehenden Gewitters. Schon wuchs das ſchwarze, mit ſchweflichen Wetterſtrei⸗ fen durchzogene Gewölk über die niedern Waldhügel herauf; der Strom ſchoß in finſtern Wellen dahin; die Sonne ver⸗ ſchwand. Von allen Seiten zog ſich die düſtere Hülle über das reine Blau des Himmels; ringsumher rollte der Don⸗ ner; eine erſtickende Schwüle beklemmte den Athem. Schwei⸗ gend, langſam rückte das Heer vorwärts; man vernahm nichts als das geheimnißvolle, hoch über den Haͤuptern und rings in den Tiefen der Wälder murmelnde Getöſe des Donners. Jetzt erhob ſich auch der Sturm, zog ſauſend heran und jagte die Wellen mit ſchäumenden Häuptern zwiſchen den Ufern dahin. Plötzlich zuckte ein furchtbarer Blitz durch den Himmel, daß der ganze Horizont in Feuer ſtand und der Niemen die flammende Helle röthlich zurückſpiegelte. Mit bleichem Antlitz ſahen die Krieger einander an. Da krachte der Donner betäubend über ihren Häuptern, der Himmel zer⸗ riß und in ziſchenden Strömen praſſelte der Regen herab. Das war der Empfang auf Rußlands Boden! Oruck von F. A. Brockhaus in Leipzig. “ 3— ſſIſſiſſſſſnnſrſiiſſſſſſſſſ 3 ſſſſſſſſſiſſüſſniſfüünin 6 7 8 9 10 11 15 16 17