O3e oder das enthüllte Rom. Roman für das Volk von Ernſt Reinhold. ZBweiter Band. e e Leipzig, Otto Klemm. 1851. 7 X. Ein Prieſter. Hatte die Bulle gegen die Inden eine lebhafte Ent⸗ rüſtung innerhalb des Ghetto hervorgerufen, ſo tadelte die ganze Stadt dieſe grauſame, von den Ideen duldſamer Liebe, welche das Chriſtenthum vorſchreibt, ſo weit entfernte Maß⸗ regel nicht minder. Die Patrizier und die jüng kratie der Kirche, deren Verſchwendung ſie oft 3 ihre Zuflucht nehmen hieß, fürchteten, ferner nicht mehr ſo leicht bei ihnen gutwillige Darlehen zu erlangen. Neoemi hatte, ohne daß ſie die unſeligen Folgen der Bulle ganz begriff, eine beſtändige Ahnung der Gefahr. Sie fühlte Furcht für ihre eigene Perſon, da ſie überzeugt war, daß gewiſſe Anſchläge ganz beſonders gegen ſie ge⸗ richtet ſeien. Von ſolcher Unruhe gemartert, verbrachte ſie den größten Theil der Nacht damit, einen Brief an ihren Vater zu ſchreiben, den Ben Saul befördern ſollte. Die Juden in Rom vertrauen nämlich der Poſt nur ſolche Briefe, die ihren geheimen Angelegenheiten, ihren Familienwünſchen 1* und Pflichten fremd ſind. Sie ſchrieb auch einige Zeilen an Ben Saul, um ihm die Verſicherung zu geben, daß ſie ſich nur auf eine beſtimmte Zeit entfernen und nach der Wieder⸗ kunft ihres Vaters, gehorſam gegen den Willen deſſelben, zurückkehren werde. Dann vollendete ſie die Vorbereitungen zu ihrer Abreiſe. Einige Kleider, ein Paar Edelſteine von unbedeutendem Werthe und eine geringe Summe Geldes, welches Ben Jakob ihr zurückgelaſſen hatte, war alles, was ſie mit ſich nahm. In dem Angenblicke, wo ſie den gaſtlichen Heerd ver⸗ laſſen wollte, ſprach ſie ein Gebet für ihren Vater, für die⸗ jenigen, von denen ſie ſich trennte und für ſich ſelber. So wie der Tag zu grauen begann, verließ ſie das Haus durch ein Fenſter zu ebener Erde, welches ſie zu dieſem Zwecke alten hatte. Der Pförtner des Ghetto war mit ſtücke von ihr erkauft; er erwartete ſie. Sie durch⸗ ſchritt das Gitterthor, und Rom mit ſeinen öden Straßen, welche der erſte Strahl der Sonne erhellte, lag vor ihren Blicken. Anfänglich fürchtete ſie ſich, allein zu ſein; doch bald flößte ihre Lage ſelbſt ihr Muth ein und ſie ging mit raſchem Schritte vorwärts. Ihr Gang richtete ſich nach dem Pan⸗ theon. An dem Verbindungspunkte der Straßen Serofa und del Governo, in der Nähe der St. Ludovico⸗ oder ſo⸗ genannten franzöſiſchen Kirche, klopfte ſie an ein Haus von beſcheidenem Ausſehen. Nach einigem Harren erſchien am Fenſter eine alte Haushälterin, welche durch die Riegel des 5 dichten Gitters Noemi fragte, was ſie ſo früh am Morgen begehre? — Ich möchte mit Dom Salvi reden, antwortete Noemi. — Mit dem Herrn Pater? Per la ſantiſſima madonna! Ich wenigſtens mag ihn nicht wecken, den armen Mann; er hat dieſe Nacht aufſtehen müſſen, um einen Sterbenden die Beichte abzunehmen. — Ich verlange auch nicht, daß Sie ihn wecken, cara donna! ſondern bitte nur, laſſen Sie mich eintreten. — Aber wer ſind Sie denn? woher kommen Sie mit ihrem Päcklein, das meiner Treu nicht groß iſt? Der Herr Pater erwartet niemand. 5 — Dom Salvi kennt mich und wird nicht wenn er mich ſieht.— — Ei ja, Sie haben allerdings ein n gs nicht übles Geſicht, und wenn ich nicht beſorgte, geſchmält zu werden.. — Dom Salvi wird nicht unwillig ſein, ffnen Sie nur. — So? Nun, ich will es auf Ihr ehrliches Geſicht hin einmal wagen. Die Thüre öffnete ſich und Noemi trat in ein Gemach im unteren Raume, eine Art Sprechzimmer, deſſen ganzes Geräth eine lange mit altem Brokat überzogene Bank bil⸗ dete; einige ſehr alte Heiligenbilder hingen an den Wänden umher. — Warten Sie hier, ſprach die alte Haushälterin, ich 6 will leiſe hinaufgehen und ſehen, ob der Herr Pfarrer ſchon wieder wach iſt. Kaum war eine Viertelſtunde verfloſſen, da hörte Noemi den Geiſtlichen die Stiegen herabkommen. Gleich darauf trat Dom Salvi in das Sprechzimmer ein. Er erſtaunte ſehr, als er Noemi erblickte; jedoch unterdrückte er ſeine Ueberraſchung, ging gütig auf ſie zu und fragte, ob ihr irgend ein Unglück zugeſtoßen ſei, daß er auszugleichen oder zu mildern vermöge. Als er gewahrte, daß die alte Haus⸗ hälterin hörte, was er redete, faßte er Noemi bei der Hand und führte ſie in den oberen Stock in ein Gemach von düſtrem Ausſehen, dem eine Bibliothek das Anſehen eines Kabinets gab, während ein Kniepult es zum Betzimmer machte. Dom Salvi ſetzte ſich in einen Seſſel und ſammelte ſich, als ſolle er eine Beichte vernehmen. Er dachte in dem Augenblicke n nicht daran, daß Noemi eine Jüdin war. — Mein Vater, ſprach die Jungfrau, ich möchte mein Herz vor Ihnen aufſchließen. — Reden Sie mein Kind, doch ehe Sie ſich an den Prieſter wenden, erheben Sie Ihr Herz zu Gott. Die Jüdin ſagte in hebräiſcher Sprache mehrere Verſe der heiligen Schrift her; dies weckte Dom Salvi aus ſeiner Vergeſſenheit und rief ſeine ganze Erinnerung wieder zurück. Noemi erzählte ihm von der Bulle, von ihrer eigenen Beſorgniß und den Schlingen und Fallen, von denen ſie ſich umgeben glaubte. — Ich habe den Ghetto verlaſſen, ſetzte ſie hinzu, weil ich fürchtete, daß man uns darin umbringen werde. — O, mein Kind, welch entſetzlicher Gedanke! Hierauf offenbarte ſie ihm, daß ſeit dem Vorfalle im Garten Pincio ſie ſich des Schreckens nicht erwehren könne, der ſich ihres Herzens bemächtige. — und was war's, das Ihnen im Garten Pincio widerfuhr? In den Mittheilungen, die Sie Jules und mir gemacht, haben Sie dieſen Umſtand ausgelaſſen. Noemi erzählte den wüthenden Angriff Stephans und die edelmüthige Vertheidigung des Unbekannten. Dom Salvi hörte geſpannt ihren Worten zu. Als ſie geendet, rief er aus: — Wiel das waren Sie?. 3 Er vollendete die Worte nicht. In ſein ging eine Umwälzung vor ſich, die Noemi blieb. Der Greis wurde weit herzlicher; ſein Benehmen gegen Noemi bekam auf einmal den Ausdruck einer väter⸗ lichen Zuneigung, deren Annehmlichkeiten das Mädchen ſtets nur geahnet, nie empfunden hatte. Dom Salvi näherte ſich theilnehmend und fragte, ob ſie nach einer ſchlummerloſen Nacht nicht der Ruhe bedürfe; er lud ſie ein, durch irgend eine Nahrung ſich zu ſtärken, und in den Worten, die er an ſie in Betreff ihrer Flucht aus dem Hauſe Ben Sauls richtete, lag ſo viel Güte, daß der Vorwurf und Tadel von liebe⸗ voller Nachſicht umkleidet wurde. Mit einem an Dankbar⸗ keit grenzenden Gefühle ſprach er ſeine Freude darüber aus, 8 daß ſie zu ihm gekommen ſei, und verſprach, ſie nicht zu verlaſſen... In dieſem Augenblicke ſchlug die Wanduhr, welche im Zimmer ſtand und die Stunden nach nördlicher Eintheilung anzeigte, ſieben. — Ich muß Sie verlaſſen, meine Tochter, ſagte Dom Salvi; um ein Viertel nach ſieben Uhr habe ich die erſte Meſſe in St. Ludovico zu leſen... Jaeintha! Die alte Haushälterin erſchien. — Sorgen Sie für dieſe Signorina! Auf Wiederſehen, mein Kind! ich werde für Sie zu Gott beten. — Für eine arme Jüdin? ſagte Noemi. Bei dieſen Worten fuhr die alte Haushälterin, Frau Jaeintha, voll Entſetzen zurück. — Ja, mein Kind! verſetzte Dom Salvi, ich werde für Sie heten; ich hoffe, daß der Himmel die Gnade, um welche ich anflehen will, verleihen werde; Ihr Herz wird gewiß meinen Dank theilen. Er ging. In den letzten Worten Dom Salbis lag eine verbor⸗ gene Beziehung, die Noemi nicht begriff. Etwa eine Stunde blieb der Pfarrer aus. Noemi hatte unterdeſſen die unausgeſetzteſten Fragen Jacinthas auszu⸗ halten, die große Angſt empfand, eine Tochter Iſraels in dem Hauſe eines katholiſchen Geiſtlichen zu ſehen. Noemi, welche von der indiskreten Fragerin ſo arg beſtürmt wurde, rächte ſich an dieſer ungelegenen Neugierde dadurch, daß ſie auf alle Fragen der alten Haushälterin eine ausweichende 1 9 Antwort gab. Jacintha erfuhr alſo von allem, was ſie zu wiſſen begehrte, nichts, und dies vermehrte ihre üble Laune gegen die Jugend und Schönheit Noemis, welche anfänglich Gnade vor ihr gefunden zu haben ſchien. Als Dom Salvi zurückkehrte, gab er Noemi ein Zeichen, ihm zu folgen und führte ſie von Neuem in ſein Kabinet. Hier ſprach er mit ruhiger Würde zu ihr: — Mein Kind! hier können Sie nicht wohl länger bleiben. Hätte ich Ihren Entſchluß vorher gekannt, ſo würde ich Ihnen abgerathen haben und ich hätte Ihnen leicht begreiflich gemacht, daß es für Sie weit vortheilhafter ſei, dort zu bleiben, wohin Ihr Vater Sie gebracht hat. Jetzt, wo dieſe Beſorgniſſe Sie beängſtigen, müſſen wir auf einen ſichern Zufluchtsort ſinnen. Ich habe bereits daran gedacht. Nun will ich Sie noch einige Stunden allein laſſen; benutzen Sie dieſelben zu reiflicher Ueber⸗ legung, und wenn Sie vermögen, ihre Furcht und viel⸗ leicht geheime Abneigungen zu überwinden und nach dem Schutzorte zurückzukehren, wohin Sie derjenige gebracht hat, der nächſt Gott allein über Sie verfügen darf, ſo will ich Sie zu Ben Saul zurückführen. Beharren Sie dagegen bei ihrem Vorhaben, ſo hoffe ich, daß die Stätte, wohin ich Sie verbergen werde, ſicher genug iſt, Sie gegen Ihre Feinde zu beſchützen. — Nun, mein Kind, will ich Sie allein laſſen. Ihr Gott iſt der meinige; es iſt der Schöpfer des Himmels und der Erde. Wir wollen ihn beide anrufen. 10 Noemi wurde von dieſen Worten heftig ergriffen. Sie verſank in ein tiefes, tiefes Sinnen, das ſelbſt Jaeintha ehrte und erſt durch die Rückkehr Dom Salvis unterbro⸗ chen wurde. Doch es iſt Zeit, mit Dom Salvi uns bekannt zu machen. Richten wir unſern Blick auf das milde, liebreiche Antlitz eines Prieſters in wahrhafter Bedeutung dieſes Worts. Dom Salvi war zu Ornaglia, einem Weiler in Sa⸗ binien, geboren. Seine Eltern waren arme Ackerleute. Va⸗ ter und Mutter, deren Ehe lange Zeit ungeſegnet blieb, tha⸗ ten ein Gelübde, die erſte Frucht ihres Ehebetts dem Him⸗ mel zu weihen; würde ihnen ein Sohn geboren, ſo ſollte er Prieſter werden, und wäre es eine Tochter, ſo wollten ſie dieſelbe zur Nonne beſtimmen. Dergleichen Gelübde, die den in der Feenmärchen vorkommenden Gelöbniſſen der Kö⸗ nige und Königinnen ſo ganz ähnlich ſind, gehören unter den römiſchen Landleuten zur Tagesordnung. Die Prieſter erhalten die Bewohner dieſer Gegend in einer Unwiſſenheit, welche dergleichen abergläubiſche Verrichtungen begünſtigt; ſie beuten die Leichtgläubigkeit aus und wiſſen daraus aller⸗ lei Opfergaben zu erzielen, welche die Erträge ihrer Stelle vermehren. Die neuntägigen Gebete, die Pilgerfahrten und alle derartige andächtige Handlungen ſind für ſie eben ſo viele Zweige des Einkommens. 4. Wie nun dem auch ſei, das Gebet der Gatten wurde erhört und ihnen ein Sohn geſchenkt, deſſen glückliche, früh⸗ zeitig ſich entwickelnde Fähigkeiten den Hoffnungen, welche 11 ſeine Geburt dem Hauſe erweckte, entſprachen. Bereits in den erſten Jahren war ſein Geiſt ſo offen und reich, daß der Vater eines ſchönen Tages, als er ſich nach dem Nachbar⸗ dorfe begab, das Bürſchlein mit nahm und dem Erzprieſter vorſtellte. Dieſer kannte Gaetanos Eltern bereits ſeit langer Zeit, er richtete einige Fragen an denſelben, welche der ſechs⸗ jährige Knabe mit liebenswürdiger Natürlichkeit und hervor⸗ ſpringendem Verſtande beantwortete. Der würdige Geiſt⸗ liche war ohne Bedenken zufrieden, die Obhut des Kindes auf ſich zu nehmen, allein er verlangte, daß man ihm die Sorge der Erziehung ganz allein überlaſſe und niemand ge⸗ gen die von ihm verordnete Zucht etwas einwenden dürfe. Der Vater Gactanos verſprach alles, was jener verlangte, ſo glücklich fühlte er ſich, ſeinen Sohn auf der Bah kirchlichen Würden zu erblicken. 8 Am nächſten Tage beſaß der Knabe durch die der Signora Giulia, der Schweſter des Geiſtlichen, eine Sotane(langes, ſchwarzes Prieſterkleid), die er ohne Be⸗ ſchwerde trug. Als er in dieſer Tracht in dem Dorfe erſchien, nannten ihn die Bewohner, welchen die Abſichten der Eltern Gaetanos bekannt war, den Monſignorino. 1 In den erſten Jahren, die der Knabe bei demjenigen, dem ſeine Eltern ihn anvertrauet hatten, verbrachte, lernte er leſen, ſchreiben und rechnen. Er lernte faſt ganz von ſelbſt. Der gute Erzprieſter ging ihm allerdings mit gutem Rathe an die Hand, allein es war ſchon genug, daß er Gaetano die Stelle anwies, wo die Aufgabe zu finden war, ſo ſuchte und lernte der Knabe von ſelbſt. Die Erziehungsweiſe war ungemein milde und fern von allem Verdruß wie von An⸗ ſtrengung, welche das vorgerückte Alter des Lehrers nicht wohl ertragen hätte. Im Gebiete der Religion lernte Gaetano anfänglich aus dem Evangelium und dem Katechismus, dann durch Unterhaltungen mit dem Geiſtlichen und vor Allem von dem Muſter der Frömmigkeit und Liebe, welches ihm ſtets vor Augen ſtand. Sein lateiniſches Leſebuch war das Brevier, welches er im Verſtohlenen während des Mittagſchlafs des Geiſtlichen las; ſpäter trieb er ſich auch wohl in einer großen lateiniſchen Bibel herum, welche zum Glätten der Bruſtkragen des Pfar⸗ e, und ſeine Fortſchritte waren in Folge ſeines ei⸗ ißes ſo bedeutend, daß er bald geläufig leſen und indervollen Geſchichten des Volks Gottes ver⸗ ſtehen konnte. Während dieſes erſten Studiums ſeiner Laufbahn genoß Gaetano alle Ehren, die er nur beanſpruchen konnte. Er diente Meſſe, ſpäter bekam er die Sorge für die Kirche, de⸗ ren Küſteramt Signora Ginlia verſah, er wurde mit dem rothen Chorrock und dem weißen Gewande angethan und trug das Kreuz, ſchwang das Rauchgefäß, ſang zu aller Freude auf dem Chore und wurde endlich Lehrer einer klei⸗ nen vom alten Pfarrer eingerichteten Schule; dieſe Einrich⸗ tung, welche bislang immer unmöglich geweſen war, wurde durch ihn eine ungemeine Wohlthat. * 13 In ſolcher Weiſe verſtrich Gaetanos Jugendzeit voll ruhigen, ſtillen Glücks. Er war unter dem Schutze der lie⸗ bevollſten Sorgfalt herangewachſen, nahm zu an Kraft und an Weisheit und war der Stolz und die Luſt des Erzprie⸗ ſters, der Schweſter deſſelben und des ganzen Dorfes. Man bewunderte die in ihm liegende Gnade und ſeine herrlichen Fähigkeiten, und alle Mütter ſtellten ihn ihren Kindern als Vorbild auf. Viele behaupteten ſogar, daß durch Gaetanos Verweilen im Orte die Erndten geſegneter ſeien; kurz der glückliche Knabe war die Freude jedermanns. Der Erzprie⸗ ſter, der in aufrichtigſter Weiſe den Glauben hegte, daß er dem zum Jünglinge heranreifenden Gaetano dieſe Erziehung gegeben, trug kein Bedenken, auszuſprechen, er werde einſt ein Licht der Kirche werden. 8 In ſeinem Alter von achtzehn Jahren begab ſich nach Rom, um die Prüfung zu beſtehen, welche ihm die Klaſſe der Theologie in dem römiſchen Collegium, das damals, wie jetzt wieder, in den Händen der Jeſuiten war, öffnen ſollte. Außer dem Brevier des Erzprieſters und der dicken la⸗ teiniſchen Bibel hatte Gaetano kein Buch geleſen, als die „Nachfolge Chriſti“; aber er hatte dies göttliche Buch unter dem freien Gewölbe des Himmels geleſen und die Natur hatte ihm die Geheimniſſe der Schöpfung und ſeiner Seele er⸗ ſchloſſen. Mit dieſer zweifachen heiligen Weihe verſehen und mit glühendem Glaubenseifer und allen jungen Regungen eines reinen Herzens that er ſeinen erſten Schritt in die moraliſche Welt. Er fürchtete, daß die Lehrer ihn nicht unter⸗ 14 richtet genug finden würden, um die höheren Studien, welche zu den geiſtigen Weihen führen, zu beginnen. Mit großer Angſt ſah er den Augenblick der gefürchteten Prüfung na— hen. Auf dem Wege nach Rom warf er ſich auf der einſa⸗ men Flur nieder und flehete zu Gott, er möge ihm beiſtehen und ſeinen Geiſt erleuchten; dafür wolle er ihm treu und ergeben in ſeinem Dienſte ſein. Gaetano wurde für den Unterrichtetſten aller Zöglinge erklärt, die ſich zugleich mit ihm zu den Studien gemeldet hatten. 3 Das Gebäude des römiſchen Collegiums, welches von den Jeſuiten in der Nähe des Corſo erbauet worden, iſt un⸗ geheuer groß, und nicht ohne einigen Schrecken ſay Gaetano, der an die Einſamkeit des Landes gewöhnt war, ſich mitten zwiſche fhundert Zöglingen, die hierher gleich ihm gekom⸗ men, um Weisheit zu ſuchen. Faſt der ganze Unterricht des römiſchen Collegs iſt theo⸗ logiſch: denn dies iſt der vorherrſchende und weſentliche Ge⸗ danke des Inſtituts. Die Jeſuiten haben jedoch mit der ih⸗ nen eigenen Geſchicklichkeit für die weltlichen Perſonen zwi⸗ ſchen die theologiſchen Lehrſtühle, die kanoniſchen Inſtitutio⸗ nen und fromme Zeremonien phyſiſche, chemiſche und mathe⸗ matiſche Klaſſen nebſt einigen Griechiſch und Hebräiſch ge⸗ ſteckt. Das römiſche Collegium hat das Privilegium, das Doktorat der Theologie und Philoſophie zu verleihen und folglich auch alle dieſen vorhergehende Grade. Es gibt keinen Ort, an dem die Lehrer auf ihre Zöglinge 15 einen größren moraliſchen Einfluß üben, als die Jeſuiten auf die jungen Leute, welche ſie im römiſchen Collegium unter⸗ weiſen. Während der politiſchen Unruhen, welche, wie ein Widerhall der Bewegungen in Paris von 1830, im Jahre 1831 Italien erſchütterten, ſahen ſich ſämmtliche Univerſitä⸗ ten, ſelbſt die gelehrte Sapienza genöthigt, ihren Curſus aus⸗ zuſetzen. Blos das römiſche Collegium ſetzte ſeine Lehrgänge fort; ſo viel Gewalt übten die Jeſuiten über ihre Schüler. In ihren Händen iſt die Unterweiſung der Jugend beſtändig ein Mittel zur Erwerbung und Unterdrückung geweſen. Der junge Salvi durchſchauete bald den Standpunkt ſeiner Lehrer und wußte ſich vor ihrem Einfluſſe zu bewah⸗ ren. Wie die Superioren(Oberen) durch die unte weiſenden Lehrer von den ausgezeichneten Fähigkeiten die s Zöglings benachrichtigt wurden, verſchwendeten ſie die reichſten Liebko⸗ ſungen und Schmeicheleien an ihn, um ihn zum Eintritte in die Kompagnie ihres Ordens zu vermögen. Sie vertraueten ihm, was ſonſt nur den Ihrigen geſchieht, ein Lehramt an; allein Salvi erkannte ſehr bald die Hinterliſt des gegen ihn gerichteten Wohlwollens. Bevor er ſich von dem natürlichen Hange, der ihn zum Unterrichtsweſen zog, fortreißen ließ, wollte er diejenigen ken nen lernen, mit denen er gemeinſchaft⸗ lich arbeiten ſollte. Sein gerader Sinn, die angeborene Offenheit und die Unſchuld ſeiner Seele, mit einem Worte, alles Reine, Große, Edle, Chriſtliche ſchauderte vor der entſetzlichen Verdrehtheit 16 der Lehren zurück, welche die Gelehrten jener Geſellſchaft vortrugen. Das römiſche Collegium iſt unmittelbar mit keiner Pen⸗ ſionsanſtalt verbunden. Die Empfehlung des Erzprieſters hatte ihm eine Koſtſtelle bei einem Affilirten der Jeſuitenge⸗ ſellſchaft ausgewirkt; in der Bibliothek ſeines Gaſtherrn ent⸗ deckte er hinter anderen Büchern verborgen die Schriften der Jeſuiten, ein Arſenal voll Waffen jeder Gattung, um ein und dieſelbe Lehre anzugreifen und zu vertheidigen, je nachdem der Standpunkt der römiſchen Kirche die Annahme oder Wi⸗ derlegung nothwendig macht. Jeder verkehrte Lehrſatz war hier nach Anwendung, Gelegenheit, Nutzen und Umſtänden gerechtfertig t; er ſah die widerſprechendſten Grundſätze und iften gelehrt, erklärt, verbreitet und mit gleichem Eifer en. Das lange Kapitel der geiſtigen Vorbehalte, wie jenes über die Gewiſſensfälle und die Deutung des Eides la⸗ gen vor ſeinen Blicken aufgeſchlagen und er ſah, wie man mittels gewiſſer leiſe geſprochener Formeln das, was man mit lauter Stimme beſchwor, wieder abſchwören und nichtig ma⸗ chen könne. Die argliſtigen Lehren von Mittel und Zweck, welche ſich in ſo vielen Fällen ergänzen und in einander grei⸗ fen, entſchleierten ſich vor ihm. Er ſah, durch welche So⸗ phismen das Laſter mit dem Stempel der Tugend geprägt wurde, wie man die irdiſchen Intereſſen mit den religiöſen zu verſchmelzen wußte, wie man Himmel und Erde verband, wenn der Erfolg eines Unternehmens es nöthig machte, und wie auf ſolche Weiſe das Heilige zum Dienſte des Irdiſchen 7 17 verwendet werden durfte. Er lernte, wie die Handlungen, welche er für gottlos und frevleriſch gehalten hatte, geheiligt werden konnten, Anfeindungen der weltlichen Macht, wenn ſie ſich der geiſtlichen Macht widerſetzt, Meuchelmord der Fürſten, welche den Beſtrebungen der Kirche zuwider handel⸗ ten, Wucher mit heiligen Sachen; Raub und Vorenthalt fremden Guts, die ganze Rotte von Verbrechen fand er in den Schriften der größten Gelehrten der Geſellſchaft Jeſu als unſchuldig hingeſtellt, empfohlen und angeprieſen und ſelbſt in mancherlei Fällen vorgeſchrieben. Noch eine Menge ande⸗ rer Lehren, welche nicht weniger überraſchen, und auf die wir vielleicht noch zurückkommen, fand der Zögling in dieſen Schriften*). 4 *) Die Auffaſſung der Lehre der Jeſuiten iſt von der wie faſt überall in etwas übertriebenem Gradegenommen Möglichkeit und einzelne Fälle als Richtſchnur des Ge aufgeſtellt ſind. Ich will nicht im Betreff der Folgerungen, welche ſich aus den Lehrſätzen der Caſuiſten ziehn laſſen, übertrieben ſagen, denn die ſind ſo unbeſtimmbar, daß am Ende nichts für ſie unmög⸗ lich wäre, ſondern in Betreff der Auffaſſung der gegebenen Lehrſätze, welche denn doch keineswegs den ihnen gemeinlich beigelegten Stem⸗ pel tragen. Gleichwohl ſcheint eine Nemeſis in jenen Uebertrieben⸗ heiten gegen die von der Geſellſchaft Jeſu vertretene Lehre obzuwal⸗ ten, denn es gibt in der That nichts Unerfreulicheres, als die aufge⸗ ſtellten Lehrſätze in Vergleich gegen einander zu ſtellen und über die Förmlichkeit hinaus auf den Gehalt der Sache einzugehen. Da er⸗ gibt ſich allerdings, daß die unfehlbare Lehre ein künſtlich zuſammen⸗ geſetztes Formelweſen iſt, aus dem die größten Mißſtände ohne böſe Abſicht entſtehen müſſen und noch leichter ſich hineinbringen laſſen, 2 Verfaſſer indem die II. Salvi erſchrak vor dem ehrgeizigen, habſüchtigen Sy— ſteme, welches die Welt mit einem ungeheuren Netze von Verworfenheit überdeckte. Die Geſchichte, deren Studium er nach dem der Theologie betrieb, beſtärkte in ihm die Abnei⸗ gung, die er gegen eine Geſellſchaft empfand, welche aus Habſucht und Verkehrtheit den Samen der Zerſtörung in beide Hemiſphären ausſtreuete, um aus dem Unfrieden der Völker den unerſättlichen Durſt nach Reichthum und Herr⸗ ſchaft zu ſtillen. Die jungen römiſchen Geiſtlichen ſind von gleichem un⸗ mäßigen Ehrgeize beſeelt. Alle erſtrecken ihre Hoffnung auf die päpſtliche Krone. Einer nunter zweien, die die Prieſter⸗ weihe empfangen, ruft ſicher aus:„Seit ich den Prieſterrock angelegt habe, fühle ich mich als einen andern Menſchen. Ich hoffe Alles.“— Unter jenen vorerwähnten Empfindungen vollendete der Jeſuitenzögling ſeine Studien. Sobald er die geiſtlichen Weihen empfangen hatte, trennte er ſich von den Lehrern, gegen die ſein Gefühl ſtrebte. und es wird klar, warum ſolche Verkehrtheiten und Widerſprüche, wie ſie ſich in der Lehre der römiſchen Kirche überhaupt befinden, möglich ſind. Weil in der Form der Geiſt untergegangen iſt und die Behandlung der einzelnen Fälle nicht nach dem Sinne der chriſtli⸗ chen Lehre, ſondern nach der leeren logiſch demonſtrirten Form ge⸗ ſchieht, ſo muß nothwendig ein Spott daraus und das Ganze zu oft in leeres Spielwerk ausarten, zumal wenn es in die Hände von deutelnden Perſonen geräth. 7 —-— f . 19 Der Biſchof, dem die Ertheilung der Prieſterweihe über⸗ tragen war, hatte die Aſpiranten des Prieſterthums über die wichtigſten Glaubenspunkte, die Lehrſätze und ihre ge⸗ ſammte Bildung beſorgt. Der Prälat wurde über die Si⸗ cherheit des Verſtandes und der Lehre Salvis betroffen und von ſeiner fließenden Beredſamkeit entzückt. Der zum Nun⸗ tius Seiner Heiligkeit für den franzöſiſchen Hof um dieſe Zeit ernannte Kardinal begehrte eben von dieſem Biſchofe einen jungen, unterrichteten, thätigen und einſichtsvollen Se⸗ cretair, der ſich beſonders durch Beredſamkeit auszeichne, und der Prälat nannte ihm Salvi. Man legte demſelben eine politiſch⸗religiöſe Frage zu mündlicher und ſchriftlicher Durch⸗ führung vor, und der junge Prieſter entwickelte ſie ve rmöge der ſchlichten Geradheit ſeiner Anſichten mit Gerechtigkeit, Bered⸗ ſamkeit und glänzendem Erfolge. So reiſte er als Gehilfe des Nuntius mit nach Paris; er war Seiner Eminenz in Beſchaffenheit und unter dem Titel eines geheimen Sekretärs beigegeben. Salvi hatte während der unter den Jeſuiten verbrachten Zeit einen ſolchen Abſcheu gegen die Lüge gefaßt, daß er ſich mit innerlichem Gelübde ganz und gar dem Dienſte der Wahrheit widmete und ihr alles Glück zu opfern beſchloß. 3 Mit ſolchen Anſichten konnte er trotz ſeiner ausgezeich⸗ neten Fähigkeiten nur ein mittelmäßiger Diplomat werden; er erkannte auch bald, daß Geſchicklichkeit und guter Wille allein nicht genügten, um den Anforderungen ſeiner Stel⸗ lung Genüge zu leiſten. Gleich in den erſten Anfängen ſeiner neuen Laufbahn ſah er mit Verwunderung, wie viel Opfer ſein reiner Sinn und ſein Gewiſſen bringen müſſe, um die ihm ertheilten Aufträge zu vollziehen. In dieſer Atmoſphäre von Ränken, Intriguen, Falſchheiten, Umwegen, Kunſtgriffen und Lü⸗ gen fühlte ſich ſein gerader Sinn verletzt; er vermochte kaum zu athmen. Die Ziffernſprache und die Schrift der unſicht⸗ baren Tinte widerſtrebten ſeiner Rechtlichkeit; dies beſtändige Heucheln mit Wort und That, die Maske an Geſicht und Haltung verletzten und empörten ſeine Offenheit. Bei einer wichtigen Gelegenheit hatte er den Muth, ſich darüber gegen den Nuntius auszuſprechen. Es handelte ſich um eine lateiniſche Depeſche, von der eine gedeutelte Ueberſetzung gemacht werden mußte, um einen Plan des icht verkauft werden, jedoch in ſolcher Weiſe, getäuſcht würde. Salvi weigerte ſich offen heraus, ſich zur Uebertragung des Textes herzugeben, dem er einen andern Sinn unterlegen ſollte. — Ich hielt Sie für ſtärker... ſagte die Eminenz ver⸗ achtlich; Ihr Protektor hat mir nur von Ihren Talenten erzählt und nichts von Ihren Tugenden geſagt. Gehen Sie, aber bedenken Sie, daß ein einziges Wort über das, was bei mir vorgegangen, Ihnen eine Züchtigung bereiten wird, gegen die Sie in der ganzen Welt keine Rettung finden. Salvi fand ſich von einer erdrückenden Laſt befreit, als er aus dem Hauſe des Nuntius ſchied. Er bereitete ſich —,.,— — 21 zu ſeiner Rückkehr nach Rom vor, um daſelbſt arm und un⸗ bekannt zu leben, mit der Ausſicht auf eine Zukunft ohne Beachtung, als er in dem beſcheidenen Koſthauſe, worin er aß, die Bekanntſchaft eines alten Prieſters machte. Eines Tages gingen die Beiden mit einander ſpazieren, da ſprach der alte Prieſter zu Salvi: — Man hat mir heute Morgen eine Beſchäftigung nach Rom zurückkehren. Sie ſind jung, man kennt Ihre Talente; Sie könnten gefährlich ſcheinen und — O, es wird niemand etwas wagen! — Man wird Alles wagen! Wenn Sie ſie kennten, wie ich ſie kenne... Doch Sie falten die Stirne... Sie hören nicht gern jemand anklagen; gut... So laſſen Sie uns über Ihre eigene Perſon reden. Man hat mir angebo⸗ ten, nach Burgund in ein Benediktinerkloſter zu gehen, um daſelbſt an einem der rieſigen Unternehmen mitzuarbeiten, deren Ausführung dieſem Orden vorbehalten zu ſein ſcheint. Mein Alter ſcheuet die Anſtrengungen eines ſo beſchäftigten Lebens; die Strenge der Lebensweiſe könnte dagegen Ihre Jugend erſchrecken: allein bedenken Sie, daß Sie ſich an ein großes, nützliches Unternehmen anſchließen, deſſen höchſter Dank der Segen eines neuen, ausgedehnteren Unterrichts ſein wird. Einige Wochen nach dieſer Unterredung befand ſich Salvi bei den gelehrten Benediktinern und hieß nach dem bei ihnen geltenden Gebrauche Dom Salpviz dieſen Titel be⸗ hielt er nachdem immer bei. Er verbrachte mehrere Jahre in dieſen gelehrten Arbei⸗ ten und trennte ſich erſt nach gänzlicher Beendigung des Unternehmens von ſeinen Mitarbeitern mit dem aufrichtig⸗ ſten Bedauern von beiden Seiten. Man drang ihm eine beträchtliche Summe als ihm gebührenden Preis für ſeine lange Arbeiten auf; und ſo ſah Dom Salvi ſich auf einmal eines Vermögens, welches ſeine Einfachheit und beſcheidenen Anſprüche überſtieg. Doch waren dieſe äußerlichen Vortheile nicht der ein⸗ zige Gewinn, den er von den Benediktinern mitnahm. Die neuen Forſchungen und die Erleuchtung einer reichen Gelehr⸗ ſamkeit hatten den Kreis ſeiner Gedanken erweitert und ihn weiter abgezogen von der Kirche, wie ſie durch die Leiden⸗ ſchaften und Irrthümer des römiſchen Klerus geworden. Dahingegen war ſein Hang zum Dienſte des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung, wie derſelbe von Chriſtus und ſei⸗ nen Apoſteln gelehrt iſt, weit lebendiger und glühender geworden. Er ſtand in der Blüthe ſeiner Jahre und beſchloß, ſich der Leitung einiger jener Seelen zu widmen, welche die ho— hen Würdenträger der römiſchen Kirche der erkauften, gewinn⸗ — —„—— 23 ſüchtigen Obhut von unwiſſenden, unfähigen Menſchen überlaſſen. Mit dieſem Entſchluſſe begab er ſich zu dem Biſchofe, welcher ihn zu dem Nuntius gebracht hatte, und bat ihn diesmal um eine kleine Pfarre, die geringſte ſämmt⸗ licher Pfründen um Rom.— Der Biſchof war Kardinal geworden und erhielt trotz des Vorgefallenen leicht die Bewilligung des Amts, um welches niemand ſich bewerben mochte. 1 Dom. Salvi kam alſo bald in Beſitz der Kirche von Nettuno, einem Dorfe in der Nähe Roms, welches trotz des alten Ruhms ſeines Namens einer der kläglichſten Orte in der Umgebung der Hauptſtadt des heiligen Stuhles iſt. Dom Salvi zog ein, als wäre er mit dem wichtigſten Poſten beauftragt worden. 3 Nettuno liegt ein paar Meilen von Rom am Geſtade des Meeres, nicht weit vom Porto d' Anzio, vor einer Waldung, die nach ihm den Namen führt und im Alter⸗ thume heilig gehalten wurde, wahrſcheinlich wegen der ſelte⸗ nen Vegetation, die daſelbſt herrſcht. Nettuno war von Holzhauern und Fiſchern bewohnt, armen Leuten, denen ihre Arbeit kaum ſo viel abwarf, um die Bedürfniſſe ihrer kinderreichen Familien zu beſtreiten. Dom Salvi, der neue Hirt dieſer unglücklichen Heerde, er⸗ kannte die Pflichten, welche ihm das Elend dieſer ſeiner Liebe anvertraueten Armen auferlegte, ſehr wohl.. Er ließ zuerſt die Kirche, welche in Trümmer fiel, auf ſeine Koſten ausbeſſern, und wie er auf ſolche Weiſe dem Gottesdienſt einen geziemenden Anſtrich gab, der denſelben mit der Würde wieder umkleidete, welche ihm gebührt, ſo nahm er ſich auch der Bewohner des Dorfs in ihren Hütten an. Bei dem nächſten Feſte berief er alle Einwohner zum Gottesdienſte, und als ſie verſammelt waren, ergriff er das Wort. 3 Seine Rede hatte eine ergreifende Salbung; er tröſtete die Unglücklichen, ſtellte ſich als das Werkzeug einer gött⸗ lichen Vorſicht dar und zeigte ihnen, daß Gott ſie nicht ver⸗ laſſen habe. Er verſprach ihnen, ſeine Kraft und ſein Gut zur Abwendung der Uebel, welche auf ihnen lägen, anzu⸗ wenden un verlangte dafür als einzigen Dank, daß ſie Gott liebten und ſich unter einander. ſolche Anrede, die ohne Prunk, aber mit ergreifen⸗ t geſprochen wurde, bewegte und erſchütterte die bisher trotzigen, widerſpennſtigen Gemüther; die ganze Verſammlung antwortete mit Schluchzen auf Dom Salvis Worte und das Feſt wurde mit der größten Andacht gefeiert, die fortan ſtets die Dorfkirche belebte. Dom Salvi erblickte in der Umwandlung dieſer ſtür⸗ miſchen Gemüther und dem Vertrauen, welches ſie zu ihm hegten, eine göttliche Fügung und fühlte ſi ſich zum größten Eifer angeſpornnt, für die Verbeſſerung der Lage und Zu⸗ ſtände des Dorfes zu ſorgen. Er befaßte ſich mit dem Unterrichte der Kinder, weckte und nährte das religiöſe Gefühl der Eltern und förderte die Zucht und gute Sitte, indem er zugleich denen, welche von ihrer unordentlichen Lebensweiſe abließen, thätig unter die Arme griff. Er beſuchte Hütte um Hütte und ſpendete Al⸗ moſen, Hülfe, Worte des Troſtes und der Hoffnung. Er ſorgte für alle Bedürfniſſe und half allen Leiden ab; den Einen verſchaffte er Mittel zur Arbeit, den Anderen ſprang er in Verluſten bei; Allen aber zeigte er ſich ſtets gütig und liebrecch und gewann ſo ſelbſt die hartnäckigſten Ge⸗ müther. Unter Dom Salvis väterlicher Sorge wurde das Dorf Nettuno ein Muſter von Ordnung und Glückſeligkeit. Zwei Jahre langes Wirken eines würdigen Prieſters genügten, um dieſe glücklichen Reſultate zu erzielen. Dabei war Dom Salvi jedoch keineswegs e eh der Freuden ſeiner Pfarrkinder. Im Gegentheil, er miſchte ſich ſelbſt in ihre Luſt und ſeine Anweſenheit hi derte nicht nur die allgemeine Heiterkeit nicht, ſondern diente der friſchen Freudigkeit, die nur durch ihn in den Grenzen des Anſtan⸗ des gehalten wurde, zu neuem Antriebe. Das Einzige war, daß er auf eine ſtrenge Befolgung der ernſten und frommen Pflichten hielt und zu dieſem Ende ſelbſt die Zeit und Stunde beſtimmte, damit Arbeit und Erholung in richtigem Verhältniſſe ſtehe. Er begleitete ſeine Kinder, ſo nannte er die Bewohner von Nettuno, auf die Fluren zum Spiel und wußte durch ſeine Rathſchläge immer etwas Neues in den Gang zu bringen. Dom Salvi beobachtete bei allem dieſen Beginnen zur Förderung des allgemeinen Beſten ſtets eine weiſe Oekonomie. Feind Seine Einkünfte mit dem Gehalte der Pfarre reichten aus, um die Ausgaben für den Kultus, den er durch Pracht einen an⸗ ziehenden Reiz zu geben verſtand und auf den das Dorf ſtolz war, ſo wie die Verabreichungen an Hülfsbedürftige zu decken. Niemals ſprach ein Unglücklicher die Milde Dom Salvis vergeblich an; nur daß dieſer mit Vorſicht gab: er verwaltete das den Armen zugedachte Gut wie ein anvertrauetes. Die Wiſſenſchaft, welche Dom Salvi ſo ſehr liebte und ſuchte, hatte nicht den geringſten Stolz in ihm er⸗ zeugt. Sein Glauben war demüthig und unwandelbar, und er hielt ſich fern von aller Spitzfindigkeit und Auslegerei. Sein Wort war das Wort des Herrn zu ſeinen Jüngern. vonntag, jeden Feſttag erklärte er ſeinen Treuen das ium und zog mit Klarheit und Einfachheit Lehren, ſungen und Nutzanwendungen daraus, die er auf die Lage ſeiner Zuhörer anwendete. Wie ein vorſorglicher Hirt nahm er die Gelegenheiten wahr, um dem Augenblicke und ſeinem Bedürfniſſe einige Lehren anzupaſſen. Stets traf man ihm am Bette der Sterbenden, bei Greiſen und an der Wiege von Kindern. Für die Kranken hatte er aufmerkſame Sorge, Anweiſungen und Heilmittel bereit und ſelbſt der Thieren nahm er ſich an. Mehr aber als mit der Abwendung von Uebeln beſchäftigte er ſich, ihnen durch zeitige Vorſorge zuvorzukommen. Dom Salvi ſprach Recht, und Alle nahmen ſeine Stimme voll Vertrauen auf; das Hauptziel ſeines Strebens war aber immer friedliche Ausgleichung. Nettuno wurde durch ſeine Bemühungen ein muſter⸗ —— 27 haftes Dorf. Die Armuth verſchwand, allenthalben wohin man blickte, herrſchte Wohlſtand und Glück. Das Gerücht von dieſen Fortſchritten und Verbeſſerungen drang bis Rom. Die Einen ſahen darin Lob und Preiswürdigkeit; Andere dagegen, welche das Beiſpiel Dom Salvis ihrer eigenen Auf⸗ führung wegen fürchteten, fanden in dem aufgeſtellten Muſter eher einen Gegenſtand des Aergerniſſes und ſtellten ihn als einen Neuerer dar, als einen jener Prieſter, welche von den modernen, für die Kirche gefährlichen Ideen ergriffen ſind und die Gebräuche und Ueberlieferungen der Kirche bei Seite laſſen. Vorzüglich warf man ihm vor, gewiſſe von der Kirche erlaubte und durch den Gebrauch eingebürgerte Feſte abgeſchafft zu haben. Als ein anderer Eingriff Dom Salvis wurde geſchildert, daß er keinen, ſeinen Anſichten entgegen⸗ ſtehenden Einfluß habe dulden wollen. Er hatte die Bettel⸗ mönche, welche ſeiner Meinung nach die wenige Habe der wahrhaft Armen noch verſchlangen, aus Nettuno weggewieſen, ferner die Predigermönche, welche Predigten voll grober Un⸗ wiſſenheit und Aberglauben hielten, um Almoſen in ihre Taſchen zu bekommen, und alle frömmelnden Charlatane, welche von Rom, dieſem Mittelpunkte der Heuchelei, aus, ſich über das ganze Gebiet des päpſtlichen Staates verbreiten. Die Anklägerei hatte ſo vortrefflichen Erfolg, daß Dom Salvi den Befehl erhielt, Nettuno zu verlaſſen, und nach Rom zu kommen, um ſich zu rechtfertigen. Er verſchwieg dieſe Nachricht den Bewohnern ſeines Dorfs und gehorchte pünktlich dem ihm ertheilten Befehle. 28 Seine Rechtfertigung war höchſt einfach; er zeigte, was Nettuno geweſen und was es gegenwärtig war. Diejenigen, welche ihn verderben wollten, fanden dieſe Antwort hoch⸗ müthig und ſtolz und bedroheten ihn mit Kirchenſtrafen. Dom Salvi blieb ruhig und demüthig. Als er jedoch ſah, daß man ihn von Nettuno fortnehmen wollte, begann ſeine Feſtigkeit etwas zu wanken. Bald aber beruhigte er ſich, als er an die Liebe dachte, welche man für ihn hege. Dieſer Plan würde indeß ausgeführt worden ſein, wenn nicht die Bewohner von Nettuno eine kräftige Demonſtration gegen dieſe Maßregel eingelegt hätten. Bei der erſten Nachricht, welche von dem Vorfalle in dieſe Einſamkeit drang, wo man eine ſolche Maßregel für unheilvoll hielt, wurden alle Ge⸗ müther heftig erregt. Salvi ſelbſt beſchwichtigte die gefährliche Erbitte⸗ rung. Sein Wort allein wurde angehört und ſtellte die Ruhe wieder her. — Bleibt bei uns! riefen alle Angehörige Nettunos; was ſoll ſonſt aus uns werden? Man mußte ihren Anforderungen nachgeben. Alllin der böſe Wille und die hinterliſtige Feindſchaft ruheten nicht. Aus der Wuth, womit viele Gefühle ſich gegen die Tugenden Dom Salvis ausließen, hätte man geſchloſſen, daß er für gegebenes Aergerniß ſtraffällig ſei. Was man durch Gewalt nicht vermocht hatte, verſuchte man durch Liſt. Man ging auf einmal vom Tadel zum Lobe über; die —,— 29 Benehmungsweiſe Dom Salvis wurde öffentlich geprieſen, man redete von gebührender Belohnung. Dem Prieſter, der ſo verdient um die Religion war, gebührte allerdings ein Dank; man ſchlug für Dom Salvi, dieſe Zierde der Kirche, eine Beförderung im Range der Geiſtlichkeit vor. Seine Amtsbrüder ſtellten ſich insbeſondere, als ſeien ſie unerſchöpf⸗ lich in dem Lobe ſeiner Vorzüge, deren Erwägung ſie ſo un⸗ gemein niederdrückte; ſie waren eifrigſt bemüht, ſich mit der geſchminkten Milde zu bekleiden, welche das alte Teſtament den Baalsprieſtern zuſchreibt. Ein Abgeordneter wurde insgeheim nach Nettuno be⸗ ſtellt, um Dom Salvi im Namen des Friedens der Kirche zu beſtimmen, von ſeinem Poſten abzugehen. Die Regeln des kanoniſchen Gehorſams legten ihm die harte Pflicht auf, dieſem Anſinnen nachzukommen. Er ſchied, und an folgen⸗ den Tage nahm ein Jeſuit ſeinen Platz ein. Nettuno verſank ſchnell wieder in den bejammernswerthen Zuſtand voll Elend und Verderbtheit, Gottloſigkeit und Träg⸗ heit, woraus der Eifer und fromme Sinn Dom Salvis es geriſſen hatte. Während dieſer Geiſtliche, dem der Abſchied von dem Dorfe der härteſte Schlag ſeines Lebens war, Nettuno be⸗ 6 wohnte, war ihm ein Abenteuer begegnet, welches ſpäter auf ſein Leben einen großen Einfluß üben ſollte. Eines Nachts, als ihn eben nach wohl vollbrachtem Tagewerke der erſte Schlummer erquickte, weckte ein heftiges Pochen an der Thüre ihn aus ſeinem Schlafe. Er dachte 30 nicht anders, als daß man ihn an's Bette eines Sterbenden holen wolle, und ſtand in aller Eile auf. Halb angekleidet ging er die Stiegen hinab und öffnete die Thüre, ohne ein⸗ mal Licht angezündet zu haben. Da ergriff ihn eine kräftige Hand, hielt ihn feſt, und eine Stimme rief in ſein Ohr: — Fürchten Sie nichts; Ihnen geſchieht kein Leides; laſſen Sie uns ruhig beginnen. Schreien Sie nicht und machen Sie keinen Lärm; vor allen Dingen kein Licht. Ver⸗ halten Sie ſich nicht ruhig und ſchweigſam, ſo tödten wir Sie. Zu gleicher Zeit vernahm er in der Dunkelheit das Knattern mehrerer Piſtolenhähne, welche in Stand geſetzt wurden. Dom Salvis Bemühungen, den gegebenen Vorſchriften zuwider zu handeln, wären vergebens geweſen, denn ſeine Augen waren verbunden, ein Tuch lag feſt auf ſeinen Mund gepreßt und zwei ſtarke Arme hielten die ſeinigen gefeſſelt. Er ergab ſich in geduldige Erwartung. Draußen an der Pforte vernahm er das Geräuſch von Pferden und Kutſchern, woraus er ſchnell ſchloß, daß ein Wagen an der Thüre halte. Es däuchte ihn, als ob die Leute ſich an den Wagen begäben und etwas daraus hervor⸗ holten, denn Einer empfahl einem Andern, er ſolle mit Vor⸗ ſicht tragen. Dieſer Gegenſtand wurde, wie ihm ſchien, in den im Finſtern ertappten Kleiderſchrank gelegt. Hiernach ahnete Dom Salvi, daß man ſich fortbegeben werde. In der That beſtieg man, dem Knarren des Schlags und dem Zuſammenſchlagen des Tritts nach zu urtheilen, den Wagen; —— — 31 eine raſche Bewegung befreiete den Gefangenen von ſeinen Feſſeln und in dem Augenblicke, wo die Arme, welche ihn gehalten hatten, von ihm abließen, ſchlug die Thüre heftig zu und der Wagen ſetzte ſich, von raſchen Pferden fortgezogen, nach dem Walde von Nettuno hin in Bewegung⸗ Dom Salvi zündete Licht an, ohne Nona, ſeine treue, alte Dienerin, zu wecken, und ſuchte augenblicklich nach, was man wohl in den Schrank gelegt haben möge. Als er ſich niederbückte, bemerkte er einen Korb von feinſter Arbeit, in dem auf weichen Kiſſen mit den koſtbarſten Spitzen, eingehüllt in reiche, geſtickte Gewänder, ein Kind lag, ein wunderſchöner Knabe von friſchem, roſigem Ausſehen, der ungefähr ſechs Monate zählen mochte. Das Licht weckte ihn aus ſeinem Schlummer; er lächelte freundlich und ſtreckte ſeine kleinen Arme nach dem Prieſter aus. 84 Dom Salvis Erſtaunen war unbeſchreiblich. Doch kam es ihm nicht einen Augenblick in den Sinn, dies ſchwache Weſen, welches Gott in ſeine Hände gelegt, zurückzuweiſen. Als er die Kiſſen des Kindes zurecht zupfte, verletzte ſich ſein Finger an einer Nadel, mit der ein Papier an das Kopf⸗ kiſſen geheftet war. Auf dieſem Papiere waren einige Zeilen des Inhalts geſchrieben: 1 „Der Ruf Ihres Edelmuths lenkte unſre Wahl auf Sie, um ihnen dieſes Pfand anzuvertrauen. Erziehen Sie das Kind unter dem Ramen Paolo und bereiten Sie es bei Zeiten darauf vor, daß es für die Kirche beſtimmt iſt. Zur 32 Beſtreitung der Koſten ſeiner Erziehung finden Sie unter dem Kopfkiſſen eine Börſe mit tauſend Thalern in Golde; dieſe Summe iſt für die erſten Auslagen. Jedes Jahr wird Ihnen derſelbe Betrag ausgezahlt werden, wozu der Bankier T... Anweiſung bekommen hat. Sobald das Kind, welches gegenwärtig noch kein Jahr zählt, zu einem Alter von acht⸗ zehn Jahren gekommen ſein wird, werden Sie neue Anwei⸗ ſungen für die fernere Bildung deſſelben erhalten.“ Der Zettel war ohne Unterſchrift. Das Kind trug am Halſe einen koſtbaren Roſenkranz von Schmelz, Korallen und Gold, an dem ſich acht geweihete Medaillen befanden. Die Schrift war augenſcheinlich verſtellt; doch konnte man leicht erkennen, daß es die Züge einer Frauenhand waren. Dom Salvi befolgte gewiſſenhaft alle dieſe Anwei⸗ ſungen. Nona nahm das Kind mit der zärtlichſten Liebe an ſich, bedeckte es mit Küſſen und legte es dann wieder behut⸗ ſam in ſeinen Korb, wiegte und ſchläferte es ein. Am an⸗ dern Tage wurde eine Amme ausfindig gemacht, und Paolo wuchs gleich Dom Salvi, als er beim Erzprieſter war, zu den Füßen des Altars auf. Als Paolo achtzehn Jahre alt geworden war, über⸗ brachte ein unbekannter Bote Dom Salvi ein neues Schrei⸗ ben, welches ihm auftrug, den Jüngling in die Kirche San Pietro in Vincoli zu bringen und ihn dort einem namhaft gemachten Prieſter zu übergeben. Dieſer Brief, worin Dom Salvi für die Sorgfalt und die ausgezeichnete Erziehung, welche er ſeinem Pflegbefoh⸗ 33 lenen angedeihen laſſen, Dank geſagt wurde, war von der⸗ ſelben Hand, wie der erſte Brief, und mit derſelben Vor⸗ ſichtsmaßregel geſchrieben, nur konnte man bemerken, daß die Hand gealtert war. Dom Salvi hatte gewiſſenhaft das ihm anempfohlene Geheimniß über dieſe Vorgänge beobachtet. Nona war ge⸗ ſtorben, ohne das Räthſel gelöſet zu ſehen. Paolo ſelbſt wußte nichts. Der neue Führer, welcher den Jüngling in Empfang nahm, that, als wiſſe er von nichts. Allein einige Jahre vor dem Zeitpunkte, wo Paolo von ihm getrennt wurde, war der Schleier des Geheimniſſes vor dem Prieſter gelüftet. Er hatte alles aus dem Munde eines verwundeten Banditen erfahren, der mit anderen Kameraden einen nächt⸗ lichen Ausflug unternommen hatte und von einer tödtlichen Kugel auf der Straße von Rom nach Civita Vecchia ge⸗ troffen war. In der Beichte, die Dom Salvi ihm abnahm, offenbarte er Alles. N. Eine römiſche Donna. Dom Salvi ſchien, trotz ſeiner italieniſchen Abkunft, weit eher der franzöſiſchen Kolonie anzugehören, welche Kunſt und Diplomatie als Staatsunternehmen in Rom einrich⸗ 1l. 3 34 teten. Er war gewöhnlicher Tiſchgaſt bei dem Geſandten von Frankreich, und der Gebrauch, an der Kirche St. Ludovico nur franzöſiſche Geiſtliche anzuſtellen, hatte nicht gehindert, daß er unter die Zahl der Prieſter dieſer Kirche aufgenommen wurde. Freilich verrichtete er ſeine Dienſte unentgeldlich, denn er verlangte von ſeiner Stellung nichts, als neue Gelegenheit zum Wohlthun und zu Werken der Liebe. Donna Olimpia, welche wir durch die Treuloſigkeit ihres Glücks ſo gedemüthigt ſahen, hatte durch geſchickte Ma⸗ növer das Gebäude ihres geſunkenen Einfluſſes faſt gänzlich wiederhergeſtellt: ſich von Rom entfernend, hatte ſie ſchlau das Gerücht ausgeſprengt, ſie begebe ſich zur Erhebung einer bedeutenden Erbſchaft in das venetianiſche Königreich. Die⸗ ſer vorgebliche Zuwachs an Reichthum ſetzte ſie zugleich in Stand, einen geheimnißvoll erworbenen Reichthum, welchen ihre Klugheit zu verbergen gewußt hatte, auf einmal an den Tag zu legen. Sie kannte die Welt und vorzüglich die rb miſche Geſellſchaft, wo ſie ſo lange das Zepter geführt hatte, zu gut, um nicht gewiß zu ſein, daß der Glanz ihres neuen Auftretens das Aergerniß früherer Zeiten mit Vergeſſenheit bedecken werde. Nach einer Abweſenheit von einem Jahre war Donna Olimpia nach Rom zurückgekehrt. Aber von der erſten Stunde ihres neuen Auftretens an zeigte ſie ſich ganz anders, als ſie vor ihrer Abreiſe geweſen war. Sie hütete ſich wohl, aber⸗ mals die erkünſtelte Frömmigkeit und religiöſe Heuchelei zur Schau zu tragen, womit ſie zuerſt ihre Laufbahn begonnen. 35 3 2 Sie zeigte ſich der Welt nur in ruhiger, von dem Eifer, womit ſie früher ſich der Intrigue und Vergnügungsluſt er⸗ geben hatte, weit entfernter Haltung. Die ſchlaue Gräfin wußte ein Benehmen zu beobachten, welches von beiden Ex⸗ tremen gleich fern warz vorzüglich ſtrebte ſie, ſich eine ruhige, ſinnende Würde zu geben, welche einen gewiſſen Hang zu Myſticismus und Schwärmerei, jenem bizarren Gemiſch von falſcher Frömmigkeit und Philoſophiſterei, das weit eher den Sinnen, als dem Geiſte zugeſchrieben werden muß, und deſſen Apoſtel der Jeſuit Molina war, vermuthen ließ. Mit dieſem, dem funfzehnten Jahrhunderten entlehnten Grundſatze hatte ſie jüngere germaniſche Ideen verbunden. Die Zeit, welche ſie außerhalb Rom verbracht, hatte ſie zur Vorbereitung dieſer Komödie angewendet. Sie hatte die ge⸗ heimnißvollen Lehren eines Sigier, Böhm, Wier, Cardano, Swedenburg und anderer„Erleuchteten“ geleſen. Auf den erſten Anblick ſcheint dieſer Plan übermäßig einfältig; nichts deſto weniger war er mit tiefer Kenntniß des Charakters derjenigen abgefaßt, auf welche die Berech— nungen der Donna Olimpia ſich erſtreckten. Zu dem Ziele, das ſie ſich geſteckt, ſchritt ſie auf unbekanntem, verborgenem Pfade, wo nirgends ihrem Schritte ein Hinderniß begegnete. Was Olimpia zu dieſem Vorſatze beſtimmte, war wohl der große Erfolg mehrerer Frauen, die auf ſolche Weiſe eine faſt königliche Gunſt erlangt hatten. War es nicht im letzten Jahrhunderte der Prinzeſſin Guemene gelungen, den franzöſiſchen Hof, damals den . 3* 36 aufgeklärteſten unter allen, glauben zu machen, ſie verkehre mit Geiſtern und ſtehe mit denſelben in der vertraulichſten Verbindung? Sie gründete die Sekte der Illuminaten. Und machte nicht Cazotte den Hof Louis des Funfzehnten glau⸗ ben, er beſitze die Gabe der Wahrſagung? Redete nicht der ſchwediſche Baron Swedenburg den nordiſchen Völkern ein, er habe acht und zwanzig Jahre mit Geiſtern und in beſtändigem Verkehr mit unſichtbaren Ge⸗ walten gelebt? Nach ſeinem Tode behaupteten ſogar meh⸗ rere Perſonen, zu gleicher Zeit ihn in England, Schweden und Frankreich geſehen zu haben. Er beſaß ein unermeßli⸗ ches Vermögen, deſſen Quellen niemand bekannt waren, und ſagte ſelbſt ſeinen Todestag vorher. Man hat behauptet, viele Wahrſagungen Sweden⸗ burgs ſeien vollkommen eingetroffen. Mehrere Monarchen begehrten ihn zu ſehen und ſein Gedächtniß iſt in hohen Ehren geblieben. Die Zahl der Anhänger ſeines phantaſti⸗ ſchen Glaubens ſoll ſehr groß geweſen ſein und wird ſogar auf achttauſend angegeben, die den Namen der„neuen Kirche Jeruſalem“ tragen wollten. Das Ueberſchwängliche und Abſonderliche derartigen Treibens reizte den abenteuerlichen Charakter der Donna Olimpia. Sie nahm indeß nicht alle Lehren und Ideen der Sekte an, ſondern blieb recht fein an der Oberfläche und machte ſich nur ſo viel von der Aeußerlichkeit zu eigen, als nöthig war, um den römiſchen Aberglauben durch Wunder⸗ barkeit zu beſtechen. Sie wußte, daß keine Abgeſchmacktheit 37 groß genug war, die Geiſter, deren Geſchmack und Neigung ſie zu ködern verſtand, zurückzuſchrecken. Wie ſich die Gräfin in einer früheren Periode ihres Le⸗ bens die berühmte Donna Olimpia, die Verwandte Inno⸗ cenz des Zehnten, deren Herrſchſucht ein Aergerniß für die ganze Chriſtenheit war, zum Vorbilde genommen hatte, ſo wählte ſie jetzt andere, den Anſichten der Gegenwart ſich mehr nähernde Perſonen zum Muſter. Es hat eine Baronin Valeria(Juliane) Krüdener ge⸗ geben, eine Tochter des Grafen Wiltenkoff(Barons von Vintinghoff), Gouverneur von Riga, und Enkelin des be⸗ rühmten Marſchalls Münnich, die 1765 geboren wurde. Ein reizender Körperbau, ein gewandter, lebendiger Geiſt zeichneten dieſe Perſon aus, welcher ein aufwallender Hang zu träumeriſcher Melancholie einen eigenthümlichen Reiz verlieh. Die Krüdener übte einen großen Einfluß auf die Di⸗ plomatie und der Kaiſer Alerander hörte ſehr gern ihren Rath, ja man will behaupten, daß der Einfluß ihrer ſchwärmeri⸗ ſchen Ideen ihn nicht unberührt gelaſſen und Baronin Krü⸗ dener nicht wenig zu dem Gedanken der heiligen Allianz bei⸗ getragen habe. Dann die Prinzeſſin Lieven, welche gegenwärtig in Paris den geheimen Gedanken der ruſſiſchen Politik vertritt und auf den moskowitiſchen Zaar wie auf das franzöſiſche Kabinet einen Einfluß übt, der nicht geleugnet werden kann und deſſen Urſache niemand kennt. Die Prinzeſſin Lieven iſt niemals ſchön geweſen; ſie ſelbſt geſteht es offen ein. Sie hat alſo nicht ſo mancherlei Zerſtreuungen gehabt, ſondern alle ihre Fähigkeiten unge⸗ ſtört auf die Intriguen wenden können und ſo ihre Gedan⸗ ken auf die höchſten politiſchen Sphären geworfen. Gegen⸗ wärtig zählt ſie über fünfundvierzig Jahre. Sie bewohnt ein beſcheidenes Hotel in der Rue Saint⸗Florentin, vormals die Wohnung Talleyrands, und empfängt keine diplomati⸗ ſchen Beſuche, dagegen ſieht ſie ſtets einen ausgewählten Kreis von Leuten aus allen politiſchen Parteien um ſich. Man kann ſich die Herrſchaft, welche ſie über den Zaar behauptet, nicht erklären; jedoch hat dieſer Monarch noch nicht einwilligen wollen, direkte Depeſchen von ihr zu bezie⸗ hen. Sie empfängt von ihm einen geheimen Gehalt von vierzigtauſend Franken jährlich. Oeffentlich äußert der Kai⸗ ſer oft, daß Madame Lieven eine Närrin ſei und er ſich we⸗ nig um ſie kümmere, allein die geheime Correſpondenz nach St. Petersburg an den Bruder der Prinzeſſin iſt in voll⸗ ſter Thätigkeit. Die finſteren Gewebe der Politik ſind das Element der Madame Lieven, in dieſen verborgenen Gewe⸗ ben hat ſie lange Zeit in London gelebt. Die Geſellſchaft, welche ſie ſucht, iſt ſehr gemiſcht, aber originell und anzie⸗ hend. Der einzige Luxus ihres Hauſes beſteht in ſchönen Kammermädchen, welche wirklich außerordentlich ſind: der Diplomatie ſind alle Mittel recht. Man wird leicht begreifen, daß die Perſönlichkeit der Madame Lieven dem Alter und den Gewohnheiten der Donna — — 39 Olimpia weit mehr zuſagte, als jene der Baronin Krüde⸗ ner; ſie ließ ſich daher von letzterer inſpiriren und ahmte der Prinzeſſin nach. Ihr Beſtreben war, in Rom einen Gebrauch einzu⸗ führen, den die Franzoſen noch heutigen Tags zu Paris in der heiligen Stille der Abbaye⸗ aux⸗Bois beſitzen, näm⸗ lich ein ſogenanntes„politiſches Kanapee.“ Ohne ſich ein offizielles Gewicht im Vatikan und Quirinal zu verſchaffen, ſuchte Donna Olimpia nur ſich bei dem päpſtlichen Gou⸗ vernement zu inſinuiren und gefiel ſich in dem Gedanken, in Rom das zu werden, was die Franzoſen ſo neckiſch femme c Etat(Staatsfrau) nennen. Sie hatte ihren früheren Namen Olimpia ſammt dem Titel Gräfin von Serravalle aufgegeben und nannte ſich einfach Signora Naldi nach dem Namen der Verwandten, von dem ſie geerbt haben wollte. Sie bewohnte nicht mehr den Palaſt am Platze Navona, ſondern hatte ein beſcheide⸗ nes Haus in der Nähe des Kapitols bezogen. Hier führte ſie mit weniger Dienerſchaft ein Leben voll Pracht, jedoch ohne Prunk. Mit vielem Geſchmacke ſchuf ſie aus dieſem Orte, den ſie ihr Aſil nannte, eine Stätte reicher, geräuſch⸗ loſer Freuden, welche nur wenige Vertraute theilten. Von hier aus reichte ſie mit verſchwenderiſcher Hand Wohlthaten, die ſie geheim hielt, um ſie bekannt werden zu laſſen und einen Reichthum und milden Sinn kund zu thun, der ihren Abſichten förderlich war. Ihre perſönliche Haltung war ſtreng und voll Würde. 40 Wort und Gang athmeten beſtändig Zurückgezogenheit; ſie zeigte ſich wenig, allein ſie verſtand die Kunſt, diejenigen, an deren Gewinn ihr lag, an ſich anzuziehen. Alles ſchien den Plänen der Signora nach Wunſch zu gehen. Nur Eines fehlte ihr; ſie wünſchte nämlich eine junge, reizende Geſellſchafterin zu beſitzen, deren Schönheit angeſehene Perſonen, welche ſie für ſich gewinnen mußte,. anziehen könnte. Die Perſon, welche ſie begehrte, ſollte kei⸗ neswegs den unteren Klaſſen oder der Dienerſchaft angehö⸗ ren, ſondern mußte mit Jugend und Anmuth eine gewiſſe Bildung in Gedanken, Reden und Benehmen verbinden. Dom Salvi hatte Signora Naldi mehrere Male bei der franzöſiſchen Geſandtſchaft getroffen; die gerechte Achtung, welche man ihm zollte, lenkte die Aufmerkſamkeit der Dame auf ihn. Um die Gunſt des alten Prieſters zu gewinnen, bat ſie ihn, den größten Theil ihrer Almoſen zu vertheilen, wobei ſie ſich ſelber geſtehen mußte, daß ſie unter der ge⸗ ſammten römiſchen Geiſtlichkeit kein ſo rechtliches Herz und keine ſo reine Hand finden werde, als bei Dom Salvi. Dieſer wußte in ſeiner Harmloſigkeit nichts von dem Leben der Donna Olimpia und war durch die Wohlthaten der Signora Naldi, die durch ſeine Hand wanderten, aufs günſtigſte eingenommen. Noemi hatte in ihren Mitthei⸗ lungen an Jules und Dom Salvi nur von Monſignor Panfilio geſprochen; von Donna Olimpia, die ſie nicht kannte, wußte ſie nichts zu ſagen. Dom Salvi hielt Signora Naldi für eine durchaus achtbare Perſon, ihrer Güte ver⸗ 41 trauete er Noemi an. Bisweilen freilich hatte er ſich durch die Ueberſchwänglichkeiten, welche Signora Naldi im Geſpräch und in ihren Anſichten verrieth, betroffen gefühlt; allein er hielt es für einen zu großen Einfluß des beſten Herzens auf das Gemüth. Als Dom Salvi der Signora Naldi erzählte, was ihm aus dem Leben Noemis bekannt war, erkannte Donna Olim⸗ pia augenblicklich das Judenmädchen, welches ihren Plänen im Wege geſtanden hatte. Eine wilde Freude war der erſte Eindruck, den der Anblick der Jungfrau auf ſie machte. Der Zufall lieferte ihr die Beute in die Hände, welche ſie ſo lange verfolgt hatte, ohne ſie erreichen zu können, und um welche ihre Haſt tauſend Schlingen gebreitet hatte, die eine unſicht⸗ bare Hand immer wieder zerriß. Noemi täuſchte ſich nicht, als ſie für ſich ſelbſt noch andere Gefahren fürchtete, außer jenen, welche ihren Stamm bedroheten. Die ununterbrochene ſtrenge Bewachung, deren Gegenſtand ſie war, drohete böſe Abſichten und Gefahren. Dennoch war ſie ſtets der Gefahr entſchlüpft, ohne ſie zu kennen; ein wirkſamer Schutz wachte über jedem ihrer Schritte und vereitelte jeden Anſchlag. Wie glücklich wäre nicht die Jungfrau geweſen, wenn das ſie ſchirmende Weſen ſich ihr geoffenbart hätte! Vielleicht hätte ſie den erkannt, welchen . ihr Herz geahnt, der in ihren Gedanken lebte! Oftmals hatte ſie in Dom Salvis Blicken etwas Ge⸗ heimnißvolles zu bemerken geglaubt, wie Anzeichen einer mehr als freundſchaftlichen Liebe; er redete von Gefahren, „ die nur eingebildete zu ſein ſchienen, und wenn ſie ſolchen Andeutungen näher auf den Grund dringen wollte, ſo erhielt ſie ausweichende Worte. Nachdem Signora Naldi von den unheimlichen Auf⸗ wallungen, welche Noemis Anblick in ihr rege gemacht hatte, ein wenig zurückgekommen war, betrachtete ſie voll Bewun⸗ derung die Schönheit der Jüdin. Ein Licht zuckte durch ihre Gedanken, und ſtatt Noemi ihrer Leidenſchaft zu opfern, beſchloß ſie, dieſelbe zu ihren Plänen zu gebrauchen, zu denen ſie ganz ausnehmend zu paſſen ſchien. Eins nur beunruhigte ſie bei dieſem Vorhaben. Wenn Monſignor Panfilio oder deſſen Neffe Stephan kamen und Noemi erkannten, ſo war es um ihren Plan geſchehen. Allein ein derartiges Hinderniß vermag eine Frau, wie die Signora, nicht in Verlegenheit zu ſetzen. Sie beſchloß, dem gefürchteten Schlage geſchickt zuvorzukommen. Panfilio erhielt die falſche Nachricht, daß das Mädchen aus dem Ghetto, in welches Stephan verliebt wäre, vor eini⸗ gen Tagen Rom verlaſſen und ſich zu ihrem Vater nach Mantua begeben habe. Zu gleicher Zeit benachrichtigte ſie ihn, wenn er das ſchönſte Geſicht, das er je im Leben erblickt habe, ſehen wolle, ſo möge er ſich ſogleich zu ihr verfügen; ſeit wenigen Stunden befinde ſich ihre Couſine Anaſtaſia bei ihr, von der ſie ihm ſo oft erzählt und welche von ihren El⸗ tern, die ſie jüngſt verloren, auf einer Inſel des Archipela⸗ gus auferzogen ſei. Monſignor erinnerte ſich dieſer Couſine nicht, indeß ꝛ 43 von lebhafter Neugierde geſtachelt, kam er eiligſt gelaufen und wurde um ſo leichter von der Liſt getäuſcht, da er Noemi niemals geſehen hatte. Er fand ſie wunderbar anmuthig, voll Lieblichkeit und edlen Anſtandes und rief von dem ihn fortwährend plagenden Gedanken hingeriſſen aus: — Ach! wenn mein Neffe doch wenigſtens eine ſolche Wahl getroffen hätte! Bei dieſem Ausrufe wurde die Jüdin von ahnungs⸗ voller Verlegenheit ergriffen und erröthete bis tief auf die Stirn. Ein jäher Schreck überlief ſie dann und ließ ſie wieder erbleichen. Panfilio bemerkte dieſe Verwirrung nicht. Er hatte eilig, denn er meldete der Signora, daß ſein Neffe Stephan mit einem wichtigen Auftrage eben nach Ravenna abgereiſt ſei, ohne ſelbſt die Bedeutſamkeit ſeiner Reiſe zu kennen. Es handelte ſich darum, dem Kardinal⸗Legaten von Ravenna zu verkünden, er werde durch einen von Rom zu ſendenden Nachfolger erſetzt werden. — Dieſe bemäntelte Verbannung, ſchloß Monſignor mit einem Augenblinzeln, wie nur italieniſche Liſtigkeit es zu machen verſteht, ſoll von einer Intrigue im Quirinal her⸗ rühren; der Kardinal, den man nach Ravenna ſchickt, gerieth in den Verdacht, durch ſeine Eiferſucht für eine gewiſſe heilige Liebe ſtörend werden zu können. — Ach, ich weiß! fiel die Signora ein; das iſt ja die Geſchichten von der jungen Amme von Tivoli, die ſo ausge⸗ 44 zeichnet ſchön iſt, und ſich bei dem Kämmerer Sr. Heilig⸗ keit befindet. Man erzählt ſich dieſe Anekdote in allen Salons und neulich, bei der Marcheſa di Torre, ſagte man, daß die Reize der Amme die Aufmerkſamkeit des heiligen Vaters er⸗ weckt hätten. Bei dieſen Worten ſprang Panfilio erſchreckt auf, lachte aber ins Fäuſtchen, um der Signora die Richtigkeit ihrer Worte zu beſtätigen, und ſchien ſogar über gewiſſe beſondere Punkte noch weit unterrichteter, als jene. Von nun an hatte die Signora nur noch einen Gedan⸗ ken, nämlich Noemi ſich zugethan und innig ergeben zu machen. Sie ſelbſt hatte ſich einer Neigung, die ſie zu dem Mädchen hinzog, erwehren können, und wünſchte nur, daß Noemi ihr auf gleiche Weiſe entgegen kommen möge. In der jungen Jüdin unterſchieden ſich zwei Hauptzüge; auf der einen Seite eine natürliche Reinheit, ein gerades, gutes Herz; auf der andern Seite der verborgene Keim hef⸗ tiger Leidenſchaften, eine lebendige Phantaſie bei einem noch zu unerfahrenem Gemüthe, als daß ſie ſich vor verlockenden Illuſionen bewahren konnte. Wir haben bereits geſagt, daß Noemi ihre moraliſchen Begriffe, welche die ſtrenge Zucht der iſraelitiſchen Familie eher unterdrückte, als entwickelte, aus der Bibel geſogen hatte. Die Bibel, dies Buch, ſo reich an Wundern und ſo prächtig an ſeinen Erzählungen, die Schrift, dies Wort, welches vom Glanze der göttlichen Allmacht ſtrahlt oder die Schrecken einer furchtbaren Rache trägt, hatten ihren Gedanken eine überirdiſche Richtung gegeben. Was Andere 45 von der Zeit hofften, erwartete ſie von einem außergewöhn⸗ lichen Exeigniſſe; ſie glaubte, daß Gott, der ſein Volk nicht verlaſſen habe, einige Thaten der Art, womit er ſo oft die Welt in Staunen geſetzt, in Bereitſchaft halte. Mit innerlicher Freude bemerkte die Signora, daß dieſe allen idealen Eindrücken offene Seele ganz und gar für ihre Pläne gebildet war. Sie pflog lange Unterhaltungen mit Noemiz das„Aſil⸗ der Signora bot dazu die herrlichſte Gelegenheit. Fern von dem Geräuſche, in tiefer Einſamkeit ſuchte Olimpia ihre früheren Verführungskünſte wieder hervor, um Herz und Einbildung dieſes Weſens zu bezaubern, deſſen Anlagen ihrem Glücke ſo günſtig werden mußten. In ſolch einſamen Geſprächen ließ ſie einen Theil ihrer Ideen und Pläne hervorblicken. Noemi konnte anfangs nicht begreifen, was man von ihr wolle, und hinterher glaubte ſie eine Schlinge zu bemerken und faßte ein Mißtrauen, welches den Reiz der Schwärmerin bedeutend ſchwächte. Bei Gewahrung ihres ſchlechten Erfolgs wurde die Signora einen Augenblick wieder von der zuerſt gefühlten Wuth ergriffen; allein die ruhige Ueberlegung und inſonder⸗ heit das Intereſſe leiteten die Heftigkeit wieder ab, und ſie verfolgte mit Geduld das begonnene Werk der Verführung. Es iſt nicht gut denkbar, daß eine alte Verworfenheit, wenn ſie es mit unerfahrener Unſchuld zu thun hat, nicht bald den verwundbaren Fleck des Herzens, welches ſie unter⸗ jochen will, herausfühle. Aus dieſem erſten Kampfe wurden der Signora Noemis Schwächen klar. Sie berechnete, daß 46 Noemi einen geheimen Beweggrund haben müſſe, weshalb ſie ſich von ihren Herzensängſten nicht habe zur Flucht oder zu einem Bruche verleiten laſſen, und dieſer Beweggrund war leicht herausgefunden: Noemi liebte. Eine Frau kann ſich nicht gut über die Symptome der Liebe, welche ſich durch ſo viele Zeichen kund giebt, täuſchen. Außerdem hatte die junge Jüdin einen unmäßigen Hang für die Welt. Die Signora entdeckte, daß dieſer Hang, den ſie auf Rechnung der Neugierde geſchrieben hatte, ein glühendes, leidenſchaft⸗ liches Verlangen nach dem Gegenſtande ihrer Liebe war, dem ſie durch jedes Geſchick hindurch zuzuſtreben entſchloſſen ſei. In Folge dieſer Entdeckungen übte die Signora auf Noemi eine Herrſchaft, der ſich dieſe nicht mehr zu entreißen vermochte. Die Jüdin willigte ein, ſich in griechiſche Tracht zu kleiden und ſich der ihr vorzuſchreibenden Benehmensweiſe zu unterwerfen. Auf Dom Salvis Rath hatte die Sig⸗ nora Noemi eingeredet, daß derjenige, welcher ihre Ge⸗ danken belebe, ſie nicht lange werde meiden können, und die Signora ſetzte hinzu, daß er, wenn er ſie von ſo vielen Hul⸗ digungen umſtürmt ſähe, zu ihren Füßen ſinken werde. Der doppelte Angriff auf ihre Liebe und Eitelkeit zu gleicher Zeit mußte Noemi überwinden; ſie gab ſich gefangen. Die ſiegreiche Signora begann nun auf langer Stufenleiter die Ausführung des Werks, welches ſie dem römiſchen Hofe furchtbar machen ſollte, und rüſtete ſich, Altar gegen Altar zu erbauen. 47 Sie ſuchte in dem muthigen Kriege ihre Bundesgenoſſen unter den Weibern, in der Gewißheit, daß eine„natürliche“ 4 Anziehung unwiderſtehlich über alle Hinderniſſe ſiegen müſſe und ihr zuführen werde, was Rom an einflußreichen, hervor⸗ ragenden Leuten zähle. Und ihre Berechnungen täuſchten ſie nicht. In Rom üben die Frauen in allen Klaſſen der Geſell⸗ ſchaft eine Gewalt, deren ſie ſich nicht bewußt zu ſein ſcheinen. Sie gefallen durch Schönheiten und Reize, welche eben nicht die des Herzens und Geiſtes ſind. Die Koketterie, das heißt die Kunſt zu verführen, iſt ihnen unbekannt; bei ihnen be⸗ herrſchen die natürlichen Triebe alle Gefühle, die Sinnlich⸗ keit abſorbirt ſie ganz, und läßt den übrigen Empfindungen, welche ihnen ſtets unangenehm ſcheinen, keinen Raum. Die Liebe, welche die italieniſche Poeſie mit ſo vielem Enthuſiasmus feiert und die ſich ſo zart in dem Gedanken und dem Ausdrucke des Sonnets abſpiegelt, iſt in der Sitte der römiſchen Frauen etwas durchaus Materielles. Von früheſter Kindheit an werden ſie durch ihre Erziehungs⸗ weiſe weit mehr auf eine poſitive Exiſtenz als für ein intelli⸗ gentes Leben gebildet, wobei man geſtehen muß, daß ihre Organiſation ein Boden iſt, auf dem man, wie in dem ge⸗ prieſenen ewigen Frühlinge des goldenen Zeitalters der Poeten, die Blumen ohne Pflege ſprießen findet. f Die jungen Römerinnen genießen ſelbſt in den höheren † b — Ständen keine ſo lange Erziehung wie oberhalb der Alpen. Ihnen ſind die mancherlei angenehmen Talente, welche die 48 Eltern ſo theuer bezahlen müſſen und die von den Kindern auf Koſten nützlicherer Gegenſtände erlernt werden, ohne daß dieſe je im Leben einen erheblichen Vortheil daraus ziehen könnten, ganz fremd. In Rom wächſt und bildet ſich das Kind gleich einer Pflanze. Die Einen bewohnen Paläſte, die Anderen werden im Schooße der Arbeit geboren und wachſen eben ſo auf. Dieſe unter dem freien Himmelsgewölbe, jene auf dem Straßen⸗ pflaſter, ſie alle folgen der Straße, wohin ſie das Schickſal geworfen, ohne das Geringſte zur Aenderung derſelben zu thun. In ihnen beſteht ein Verhängnißglaube, den Trägheit und Sorgloſigkeit, dieſe beiden Elemente des italieniſchen Stammes, unterhalten. Uebrigens iſt die Kindheit von zu kurzer Dauer bei den römiſchen Frauen, um aller jener Sorgfalt unterzogen zu werden, die dieſelbe in unſeren Gegenden erfährt. In den Jahren, wo unſere Töchter noch in die Schulen gehen, treiben ſich die römiſchen Mädchen ſchon frei herum und ihre früh⸗ reife Organiſation verkündet bereits das Weib. Montesquieu hat die Urſache der Sklaverei der Weiber im Oriente in dieſer frühen Jugend zu finden geglaubt, da das ſchnelle Aufblühen ihre Sinnenreize weit ſchneller aus— bildet, als der Verſtand zu einiger Kraft gelangt und ſie ohne Mittel zum Widerſtande den Begierden blos ſtellt, welche ſie erregen. Aehnlichen Urſachen muß man die Zügelloſigkeit, die Laſter, die moraliſchen Ausartungen, die vollkommene Ver⸗ derbtheit, Exzeſſe und unverſchämten Frechheiten der Mehrzahl 49 der römiſchen Weiber, von dem niedrigſten Mädchen bis zu den Höhen der Geſellſchaft, zu meſſen. Nirgends begegnet man in den Beziehungen der beiden Geſchlechter gegen einander jener Schamhaftigkeit oder Sprödig⸗ keit, auf welche die meiſten europäiſchen Nationen Anſpruch machen. Sobald in Rom das Weib aus der Mädchenhülle hervorbricht, ſo zeigt ſich daſſelbe ganz unverholen in ihrem Sinnenhange, dem ſie folgt, wie eine Roſe ſich dem Hauche der Luft, den Sonnenſtrahlen und allen Eindrücken, die ſie erfriſchen und beleben, überläßt. Für ihr junges Herz ſind Wolluſt und Liebe nicht blos Freude, ſondern Wonne⸗ genuß. Die Schönheit übt eine unumſchränkte Herrſchaft über ihre Sinne. In Rom beſteht die Liebe im Kultus der Körper⸗ formen und ſehr ſelten beſtimmt ſich die Wahl nach einem anderen Vorzuge; moraliſche Eigenſchaften haben nur dann einen Werth, wenn ſie mit körperlichen verbunden ſind. Muth und Kühnheit gefallen den römiſchen Frauen, weil dieſe Eigen⸗ ſchaften in geiſtiger Beziehung das ſind, was Stärke und Kraft beim Körper. Eine unſelige falſche Civiliſation haben dieſe edlen Züge verderbt, nur zuweilen noch findet man ihre Spuren in der Entartung. Die derbe Bäuerin vom römi⸗ ſchen Lande ergibt ſich, ſtatt den friedlichen Gefährten ihrer Arbeiten zu heirathen, dem Banditen, deſſen ſchöner, hoher Bau ſie beſticht. Glücklich über ihre Wahl ruft ſie: — Das iſt ein Braver! bei ihm werde ich danaro ericra acconciatura, Geld und reichen Schmuck haben. II. 4 Dieſe Neigungen finden ſich eben ſo in den höheren Ständen, wo dem Gewandteren und dem größeren Verſchwen⸗ der der Vorzug gegeben wird. Aber wenn die böſen Tage kommen, die des Unglücks und der Gefangenſchaft, ſo ſchöpft das arme Mädchen, welches eben ſo ſehr durch ihre Liebe er⸗ niedrigt war, aus derſelben eine Aufopferungskunſt, deren Schwung ihr die verlorene Würde wieder zu verleihen ſcheint, ſo treu und ergeben zeigt ſie ſich; während die Dame oder Courtiſane ſich leichtſinnig von dem Liebhaber abwendet, den des Glückes Mißgunſt traf. Dieſe Kontraſte zeigen ſich in allen Ständen und es gibt wenig römiſche Frauen, welche dieſen Alternativen und ſchroffen Gegenſätzen des Guten und Schlimmen nicht unter⸗ legen wären. Von demjenigen Gefühle, welches am meiſten im Stande iſt, die Leidenſchaften zu zügeln, den Familienbanden und ihren Pflichten haben die meiſten römiſchen Frauen nicht ein⸗ mal einen Begriff. Die natürliche Liebe, dieſer edle Trieb, der das Weib mit ſeinem nengebornen Kinde umſchlingt, iſt faſt allen Müttern fremd, deren Leben in Vergnügen und Ueberfluß vergeht. Nur das Volk hat in dieſer Hinſicht noch Spuren dieſer angebornen Tugenden bewahrt. Wohl trifft man noch hin und wieder in Rom jene jungen, mädchenhaften Mütter an, deren Abbilder Raphael in ſeine unſterblichen Gemälde verſetzte, ſchön und ſtrahlend von Liebe für ihr Kind am Buſen, aber alle gehören der niedrigſten Volksklaſſe an. In den Familien, ſogar bei den — 7 51 Mittelklaſſen, werden die Kinder den Händen von Mieth⸗ lingen übergeben. Es iſt ſeltſam, daß in dieſer Stadt, wo der Nepotismus, das heißt, die zum Uebermaße getriebene Sucht, dem Hauſe zu höchſter Ehre zu verhelfen, in ſeiner vollen Blüthe ſteht, die Mütter keine Sorge um ihre Kinder haben und ſich faſt gar nicht um ſie kümmern. Die Heirath iſt für zwei Drittel der römiſchen Bevöl⸗ kerung nur ein vom Intereſſe geſchloſſenes Band, welches durch Laſter und Uebertretungen ſchnell gelockert wird. Hier treffen wir auf einen der weſenklichſten Mängel in der bürgerlichen Ordnung der Römer; für ſie iſt die Ehe nicht blos ein bürgerliches Band, ſondern von der Kirche zu einem heiligen Sakramente erhoben. Aber es gibt keinen Ort, wo die Ehe und die durch ſie den Gatten auferlegten Pflichten mit mehr Frechheit mit Füßen getreten werden, als in der römiſchen Hauptſtadt. 8 Die große Entartung des römiſchen Klerus, der ſich kau die Mühe nimmt, ſeine Ausſchweifungen zu verheimlichen, erzeugt allenthalben unreinen Sinn und Laſterhaftigkeit. Das Cicisbeat iſt in jedem Hauſe eingeführt und zeigt ſich, in hohen Ehren gehalten, überall mit verderblicher Arroganz. Das Cölibat der Prieſter in einer Stadt, welche von einer Unzahl Geiſtlicher und Mönche überfluthet iſt, war zu allen Zeiten eine Peſt für die römiſchen Sitten, und für die katho⸗ liſche Welt ein beſtändiger Gegenſtand des Tadels und des Aergerniſſes. Dieſer falſchen, gefährlichen Einrichtung muß + man die übermäßigen Unordnungen zuſchreiben, welche der Kirche ſo viel Vorurtheil und heftigen Angriff verurſacht haben. In dieſem Punkte nun ſind die Sitten der päpſtlichen Hauptſtadt gegenwärtig ſo wie ſie in der Vergangenheit waren, nur daß es ſcheint, als ſeien die durch Jahrhunderte über⸗ kommenen Gebrechen jetzt eine vorgeſchriebene Pflicht geworden. Haben aber diejenigen, welche in ſolcher Zügelloſigkeit be⸗ harren, Grund, ſich über die Verachtung zu beklagen, welche die ganze Welt auf ſie wirft? Die Schmach des Ehebruchs, welcher vom Cölibate ge⸗ nährt wird, iſt eine der gehäſſigſten Seuchen in der Papſtſtadt. Nichts kommt der Anmaßung dieſes Laſters gleich, mit ſtolzem Haupte ſchreitet es durch die Stadt, an allen Orten. findet man es ſich blähen und brüſten, auf Straßen, Prome⸗ naden, in Theatern, Salons und an allen öffentlichen Plätzen namentlich gefällt es ſich darin, die Kirchen zum Schauplatz ſeines Treibens zu erwählen.— Man ſollte nun glauben, daß bei ſo zahlreichen und allgemeinen Uebertretungen der ehelichen Vorſchriften Rom nicht von anderm Schmutzedieſer Art bedeckt ſei. Dem iſt aber nicht ſo. Die Stadt der Päpſte, wo der heilige Charakter und das ſociale Prineip der Ehe ohne Unterlaß verhöhnt werden, hegt in ihrem Schooße eine weit größere Anzahl öffentlicher Dirnen, als irgend eine andre Stadt. In Rom hat die Proſtitution Privilegien und ſchamloſe Frechheiten, wie nir⸗ gends ſonſt; man begegnet ihr auf jedem Schritte, ſie lauert 53³ dem Fremden bei ſeiner Ankunft auf und lockt ihn auf un⸗ ſelige Pfade; die Kuppler Roms haben eine Weltberühmtheit. Rechnet man nun zu allen den verderblichen Elementen noch die Einmiſchungen des Klerus in die Familien durch die Beichte, den Mißbrauch der Schwäche und Leichtgläubig⸗ keit der Frauen zur Ausbeutung der häuslichen Geheimniſſe, Erzielung von Erbſchaften und Unfriedenſtiftung in den Häuſern zu Gunſten verbrecheriſcher Pläne, deren Urheber oder Theilnehmer die Prieſter ſind, ſo kann man ſich einen Begriff von der Verderbtheit machen, welche zu Allem fähig iſt und jede Beſchreibung überſteigt. Und noch obendrein bedeckt Schweigen dieſes unſelige Treiben, dem der Beichtſtuhl zur Schutz⸗ und Zufluchts⸗ ſtätte dient und Ungeſtraftheit zuſichert. Der Kirche und ihren Entartungen alſo muß man die Sittenloſigkeit der römiſchen Frauen zuſchreiben, dieſe ver⸗ peſtete Quelle, aus der Abſcheulichkeiten und Aergerniß hervor⸗ gingen, welche ſo oft die heilige Stätte in eine große Höhle verwandelten, wo Sakrileg und Ausſchweifung ſich feil boten. Der römiſchen Geſellſchaft aber ſcheint dieſe peſtartige Atmoſphäre das natürliche Element zu ſein, ſo ſicher trei⸗ ben ſie ſich in dem ruhigen Beſitze jener ſchmachvollen Vor⸗ rechte herum.. Eine römiſche Donna, welche auf ihren hohen Rang und ihre Stellung ſtolz war, ließ denen, welche ſier beſuchen wollten, durch ihre Leute antworten: — La ſignora eſt innamorata. 1 54 Worte, welche man nicht in anſtändiger Sprache wie⸗ dergeben kann, und die eine Sittenloſigkeit beurkunden, in deren entſetzlicher Tiefe das moderne Rom nur in dem alten lateiniſchen unter den Kaiſern ein Ebenbild findet. Dieſer ſo vielen unbändigen Leidenſchaften preisgege⸗ benen Geſellſchaft, wollte Signora Naldi den Schleier einer neuen Lehre bieten, welche durch Dazwiſchentreten verborge⸗ ner Gewalten alles unter ein wohlthätiges Dunkel hüllen konnte und ihren Auserwählten unausſprechliches Entzücken, überirdiſche Wonne und Seligkeit verhieß. Schien dieſe Einführung ungefährlich? oder vielleicht zu gefährlich? Die Zukunft allein vermag dieſe Frage durch den Erfolg zu beantworten. XI. Welt und Kirche. Bald füllte das Gerücht von der neuen Sekte alle Salons; der Klerus war in großer Bewegung; die Beichtväter er⸗ klärten, daß ſie von den Beichten ihrer Bußkinder wegen der exaltirten Sprache derſelben nichts verſtänden. Eine — —— 5⁵ Weile fürchtete man ſogar ein Schisma in der katholiſchen Kirche, mehrere Winke von hohem Einfluß hatten ſogar zu verſtehen gegeben, man ſolle die gefürchteten Heerſchaaren der Sekte bei Zeiten der Inquiſition übergeben, um die aufkei⸗ mende Ketzerei zu unterdrücken. Indeß empfohlen verſtän⸗ digere, einſichtsreichere Rathſchläge Geduld und Mäßigung, das heißt, Liſt, Verſtellung und Verrath. Monſignor Panfilio wurde in den Quirinal gerufen und inſtändig gebeten, ſich zu der Signora Naldi zu bege⸗ ben, deren neue Lehren die Kirche zu bedrohen ſchienen. Trotz des Lärms, den die gefährlichen Lehren verur⸗ ſachten, war nur die höhere Geſellſchaft in dieſe Myſterien eingeweihet, denn wenn dieſelbe bis ins Volk drang, ſo war es unmöglich zu ſagen, wo das Ende dieſer Bewegungen auslaufen werde. Die Urheberin dieſer moraliſchen Wirren hatte die Fol⸗ gen ihres Treibens nicht berechnet; Signora Naldi ſchauderte ſelbſt vor dem Erfolge zurück, der ihr geworden war; ihr Werk füllte ſie mit Staunen und Schrecken. Als der Schwarm von ſinnlichen Weibern von der Signora Munde die Geheimniſſe eines verzückenden Treibens und die verborgenen, übernatürlichen Beziehungen vernahm, deren Ahnung ihren exaltirten Gemüthern bereits als gött⸗ liche vorſichtliche Fügung vorgekommen war, kannten die Thorheit, der Wahn und die Ueberſchwänglichkeit keine Gren⸗ zen mehr, die Maßloſigkeit zerriß die Zügel und die unſin⸗ 56 nigſten Handlungen wurden in den Augen der Anhänger der entſtehenden Sekte göttliche Eingebungen. Zu anderen Zeiten hatte Rom ohne die mindeſte Be⸗ ſorgniß dergleichen religiöſen Wahn angeſehen; in anderen Ländern, namentlich in Frankreich, hatte man ſolche ins Narrenthum ſchlagende Verirrungen der Frömmelei auftau⸗ chen ſehen; Beſeſſene, in Verzückung fallende Perſonen und Wunder auf den Gräbern der Kirchhöfe, hatten den Unwillen der Prieſter nicht erweckt, weil die Kirche bei ihrer Geſchick⸗ lichkeit, Alles auszubeuten, aus dieſem Unweſen guten Vor⸗ theil durch Beſchwörungen, Gelübde, Bußen und Sühnen zu ziehen gewußt hatte. Dieſes Mal war die Beſorgniß nur deshalb ſo groß, weil der Klerus den Bewegungen fremd blieb und ihm kein Gewinn daraus entſproß. So brach denn von allen Seiten ein ſo heftiger Sturm von Drohungen und Ereiferung herein, daß es gerathen war, der ſich unverſöhnlich und ſchrecklich ankündigenden Entrüſtung nachzugeben. Das Ungewitter grollte von hoch oben herab; was hätten zwei ſchwache Weiber, gegen welche Verleumdung, Furcht und Neid ihre Stachel ſchwangen, dawider vermocht? Noemi und ihre Lehrerin hoben die Unterweiſungen und Ver⸗ ſammlungen auf; allein in den treuen, ergebenen Herzen lebte die Lehre derſelben fort. Faſt alle Fremden wunderten ſich daräcer, daß eine Art Verbrüderung in Rom alle Frauen zu einem großen Bunde zu vereinen ſcheint, deſſen Grundſatz Vergnügung 8 — 57 und Zügelloſigkeit iſt. Obgleich die Verkettung der Frauen überall ein angeborner, geheimer Hang iſt, ſo findet ſich doch dieſelbe nirgends ſtärker, thätiger, allgemein verbreiteter und gewaltiger als in Rom. Dies kommt daher, daß von ſolchen myſtiſchen Verſu⸗ chen tiefe Spuren geblieben ſind, welche in dem Quietismus des römiſchen Volks und ſeiner Geneigtheit, Welt und Kirche für einen Begriff zu nehmen, ſich kund geben. In der That aber iſt die Verſchmelzung dieſer beiden ſo ſehr verſchiedenen Begriffe in Rom überraſchend. Wir haben dieſer Epiſode aus dem römiſchen Geſell⸗ ſchaftsleben eine Stelle gegeben, weil ſie eine der bizarrſten Phaſen des Sittenlebens in den Staaten des Papſtes iſt. Später werden wir denſelben Symptomen in dem politiſchen Gebiete wieder begegnen. Wir werden die Unabhängigkeit aus der Knechtſchaft, die Freiheit des Geiſtes aus morali⸗ ſcher Sklaverei entſprießen ſehen. Noch ſind die vorangehenden Zeichen dunkel und ver⸗ borgen, aber ſie exiſtiren, wie das Feuer des Vulkans, deſ⸗ ſen Ausbruch bevorſteht. Vorzüglich iſt die Civiliſation be⸗ rufen, die unheilſchweren Folgen eines übermäßigen Drucks vorher zu verkünden, und dies i*ſt derjenige Theil unſrer Arbeit, der uns am Hauptſächlichſten beſchäftigt. Wie raſch auch der Gang der ungewöhnlichen Ideen, denen wir in dem Laufe unſerer Begebenheiten begegneten, durch die Gemüther der Römer war, ſo dürfen wir doch ein Symptom, welches für die Gegenwart höchſt bedeutend und 58 vielleicht nicht minder folgenreich für die Zukunft iſt, nicht uͤbergehen. Obgleich die Signora Naldi ſich gezwungen ſah, öffent⸗ lich der abenteuerlichen Propaganda, von der ſie die Wieder⸗ kehr ihres Glücksſternes erwartete, zu entſagen, ſo ließ ſie ſich doch durch den neuen Schlag nicht niederſchlagen. Sie verſammelte die Trümmer der Gewalt, welche in ihren Hän⸗ den zerbrach, und begann mit den Uebrigbleibenden den Kampf mit neuer Energie. Um ihre Pläne zu verbergen, erfand ihr gewandter Geiſt ungewöhnliche Mittel. Sie warf ſich in die frivolſten Vergnügungen und Lebensweiſen, als hätte ſie jedes ernſtere Beginnen aufgegeben. Durch die offenherzigen Mittheilungen Dom Salvis und die Eröffnungen, welche ſie Panfilio zu entlocken wußte, war der Signora Naldi nichts fremd geblieben, was einen Bezug auf Noemi hatte. Sie kannte ſogar das Geheimniß ihres Herzens, obgleich die Jungfrau es niemand geoffen⸗ bart hatte. Die Signora wußte, daß das Streben der römiſchen Politik war, die Juden durch Verfolgungen oder durch Ver⸗ ſprechungen, welche man nicht zu halten geſonnen war, zu bewegen, dem päpſtlichen Schatze die Summen, deren der⸗ ſelbe nothwendig bedurfte, zu liefern. Auch war es ihr nicht unbekannt, daß die iſraelitiſchen Banquiers ihr Geld nur gegen die Gewährung von bürgerlichen Freiheiten, die ſie 59 bereits ſeit langer Zeit und mit vollſtem Rechte beanſpruch⸗ ten, hergeben wollten. Der perſönliche Haß, den Panfilio gegen die Jüdin, die er nicht kannte, wegen der Liebe ſeines Neffen zu ihr hegte, einige allgemeine Andeutungen, als ſei ſie die reichſte unter den Töchtern der Juden, die häufigen Beſuche in der franzöſiſchen Akademie, die Liebe Dom Salvis für Noemi deſſen Frömmigkeit ſehr ungern geſehen war, ſo wie Carlos Berichte hatten Noemi dem Eifer der Polizei empfohlen. Man hatte einen Plan entworfen, ſich ihrer Perſon zu bemächti⸗ gen und ſie als eine Art Geißel oder Erpreſſungsmittel zu gebrauchen, oder ſie auf irgend eine auffällige Weiſe zu ver⸗ derben. Gegen ein Mädchen jüdiſcher Nation war dieſe Ge⸗ waltmaßregel nichts Außerordentliches und niemand hätte an Ahndung der Ungerechtigkeit gedacht. Der Plan ſollte eben ins Werk geſetzt werden, als Noemi durch ihre Flucht aus dem Ghetto und ihr ſpurloſes Verſchwinden ihn vereitelte. Die ſchöne Griechin, welche die Signora Naldi in der römiſchen Welt einführte, machte allgemeines Aufſehen. Zu⸗ weilen nahm ſie, wenn die Anhänger der myſteriöſen Ideen der Signora verſammelt waren, ihre Leier und ſang einige Hymnen in hebräiſcher Sprache. Der Ausdruck, den ſie ihrem Geſange gab, war ſo voll und tönend, die Akkorde ſo mächtig und ſüß, rein und erhaben, daß die Seele der Zuhörer mit dem Geſange entſchwebte und von der Erde in höhere Regionen entrückt wurde. Zuweilen gerieth Noemi über die lebhafte Erregung, angefeuert durch Blick und Ge⸗ 60 behrde der Signora, in eine Art Entzückung: alsdann klangen ihre Weiſen glühend, einfach und mit überirdiſcher Gewalt, wie die der Propheten; ſie verkündete die Größe Gottes und die Erniedrigung derer, die ſein Geſetz verach⸗ ten. Faſt ſtets löſete dieſer aufgeregte Zuſtand ſich in Thrä⸗ nen und weiche Klagen auf, in denen ihr Herz eine Glück⸗ ſeligkeit ahnete, welche vor ihr floh. Das empfängliche Gemüth der Jungfrau gab ſich mit Wolluſt dieſen Einge⸗ bungen hin und ließ ſich ganz davon fortreißen, ſie ſchien einen höchſten Sinnengenuß darin zu finden, deſſen höchſter Ausdruck eben Thränen waren. Die Wiſſenſchaft hat für alle dergleichen Erſcheinungen natürliche Erklärungen zur Hand; allein die Leichtgläubig⸗ keit und Unwiſſenheit ſieht Wunder darin und wird von den befremdenden Eigenſchaften, welche ſie über die Menſchlich⸗ keit hinaus verſetzt, mit Staunen erfüllt. In Noemi vereinte ſich Alles, um durch den größten Zauber anzuziehen; die Schönheit, das ſchmachtende Weſen ihrer ganzen Perſönlichkeit ſteigerten die Gewalt des ausge⸗ übten Zaubers auf's Höchſte. Derartige Illuſionen ſind juſt nicht neu; vielmehr ſind ſie alt wie die Welt. Das Heidenthum pflog ihrer in ſeinen Sibyllen und Orakeln, die Propheten jeglichen Glaubens tragen ihr Gepräge und die römiſche Kirche hat ſehr häufig dergleichen Liſt und Trug nicht verſchmäht. Bald ſprachen alle Kreiſe der römiſchen Geſellſchaft von — — — — N 61 der Griechin Anaſtaſia und ihr Ruf zog die geſammte ele⸗ gante Welt zur Signora. Ein hölliſcher Gedanke, wie er nur in der Seele einer Donna Olimpia entſpringen konnte, kettete ſich an das Schick⸗ ſal Noemis. Sie, der die unvorſichtige Redlichkeit Dom Salvis dieſen Schatz anvertrauet hatte, wollte ſich nicht mehr von ihm trennen. Sie allein wollte das koſtbare Weſen be⸗ ſitzen und erwartete nur eine Gelegenheit, um es glänzend zu erheben und mit allem Schimmer zu umkleiden. Wäre Noemi zum Katholicismus bekehrt, ſo hätte ſie damit zugleich die Vorzüge ihrer angebornen Originalität verloren; ſie mußte Jüdin bleiben. Das war freilich nicht der Wille derer, welche geheime Pläne über ſie hegten, die der ränkevollen Beſchützerin des Mädchens nicht unbekannt waren. Dieſe beſchloß in ihrer ewigen Schlauheit ſcheinbar den Gedanken der Bekehrung Noemis zu theilen und ſich das Anſehn zu geben, als ginge ihr Streben auf dieſen Punkt hinaus. Sie begehrte ſogar von den Perſonen, deren Willen ſie ſich hierin fügen mußte, daß ſie ſelbſt Noemi dem katholiſchen Glauben zuführen möchten; dadurch erlangte ſie, daß man von jeder Verfolgung und Nachſtellung ab⸗ ſtand, wobei ſie verſprach, die Jüdin wie ein anvertrauetes Gut im Auge zu halten. Nach dieſen Anſtalten ſuchte ſie Noemi alle Dinge in ihrem wahren Lichte zu zeigen, in der Ueberzeugung, daß der gerade Sinn, ſtatt ſich gewinnen zu laſſen, einen unbe⸗ 62 ſieglichen Widerwillen gegen Rom und ſeinen Glaubeu em⸗ pfinden werde. Zuerſt zeigte ſie ihr die Welt in ihrem geräuſchvollſten Taumel. Der Zeitpunkt war günſtig, es war eben Karne⸗ val in Rom. Sie begab ſich auf den Corſo. Die Signora trug die reiche, jedoch ernſte, dunkle Vermummung einer Venetianerin; für Noemi dagegen hatte ſie ſelbſt eine ent⸗ ſprechende Tracht beſorgt. Unter ihren Augen war für die⸗ ſelbe ein griechiſches Koſtüm von höchſter Pracht angefertigt wor⸗ den. Der gefällige Schnitt dieſer Kleidung ſtand vortrefflich zu den Zügen der jungen Jüdin und verlieh ihrer Schönheit einen hervorſtechenden Reiz. Die Kopfbedeckung ſaß kokett auf dem Haupte, deſſen langes Haar in Locken herabwallte, das ausgeſchnittene Bruſtkleid ließ die Umriſſe der ſchönen Formen hervorſpringen, in eleganten, wohlgelegten Falten hing das Gewand herab, und unter der feinen Ebenmäßigkeit der Beine fielen koſtbare Spitzen auf den Fuß und vermin⸗ derten die reizende Kleinheit deſſelben noch, indem ſie die feine Zierlichkeit hervor hoben. Die Wahl der Stoffe, der Kontraſt der nichts deſto weniger harmoniſchen Farben, die orientaliſche Pracht, welche von Edelſteinen ſtrahlte, der Glanz des Goldes und das Funkeln des herrlichen Schmucks entzückten und blendeten die Blicke Aller. Beim Eintref⸗ fen auf dem Corſo gab die Signora Naldi ihrem Kutſcher den Befehl, die ganze Linie zu durchziehen und dann ſogleich wieder zu einem von ihr bezeichneten Palaſte zurückzukehren. Ein Hinderniß hielt die Karoſſe nebſt anderen Maskenwagen auf; es war ein Auflauf, der durch die Abführung eines zum Tode verurtheilten Verbrechers nach der Richtſtatt ver⸗ urſacht war. Eine ſonderbare Sitte, deren Grund ſchwer zu ermitteln iſt, läßt in der Regel den Karneval in Rom durch eine Hinrichtung oder die Umherführung eines zum Cavaletto(Eſelsritt) oder zur Geißelung Verurtheilten oder durch die Fortführung einer Kette Galeerenſklaven eröffnen. Will man damit vielleicht dem Volke ein warnendes Beiſpiel für die beginnenden Tage der Luſt geben? Die ganze lange Straße del Corſs hin waren Schau⸗ bänke und Amphitheater errichtet. Die Sitze vor dem Kaffee⸗ hauſe im Palaſt Ruſpoli wurden zu einem unſinnigen Preiſe bezahlt, auf den reich behangenen Balkons befand ſich eine große, faſt durchgängig maskirte Menge: Karoſſen und Equipagen waren in Galla und unter den vielen glänzenden Reitern ſteckten junge Kardinäle und Monſignoris in Mas⸗ ken. In der Mitte wie an den Seiten wogte ein buntes Gewühl, deſſen wunderliche Aufzüge alle Vorſtellung über⸗ ſtieg. Die buntſcheckigen, maleriſchen Trachten der römiſchen Landleute erſchienen hier in reichſter Mannigfaltigkeit; die Pagliacette ſchimmerten mit ihrem herausfordernden Reize; ſchwerfällige Puleinellas ließen ihre Schellen ertönen, welche der Größe derjenigen, die den Maulthieren an den Hals ge⸗ hängt werden, nicht nachſtanden, während flinke Indenmäd⸗ chen, mit Nadel und Zwirn bewaffnet, den Masken Zeichen anhefteten, woran ſie des Nachts beim Maskenball zu erkennen wären. 64 Auf all das luſtige Treiben ſtrömte dichter Confettiregen ſeine Hagel aus und vermehrte den Lärm des allgemeinen Tumults. In dem Gewühle hatte Noemi, als der Wagen der Signora den Corſo durchflog, einen Kavalier in reichem arabi⸗ ſchem Koſtüm bemerkt, der nicht von der Seite der Karoſſe wich, und in dem Augenblicke, wo ſie auf den Balkon des Palaſtes trat, von wo aus ſie der Maskerade zuſehen ſollte, fiel ihr erſter Blick auf dieſelbe Maske, welche keinen Blick von ihr verwandte. Noemi bekam kleine Blumengeſchenke und Zuckerwerk, wie's die Damen in ihren Körbchen tragen und unter ſich austauſchen, als ſie auf einmal die Gabel des Sealetto, welche einer hölzernen, ſich verlängernden Scheere glich, worauf Kinder ihre Soldaten pflanzen und die Reihen derſelben ausdehnen, zu ſich heraufſteigen ſah; ein großer Blumenſtrauß war daran befeſtigt, der ſich jeder andern Hand, als der Noemis, entzog. Der Scaletto ſtahl mit raſcher Gewandtheit, ehe er wieder zurückgezogen wurde, eine Blume, welche Noemi an ſich trug, und ſie mußte bemerken, mit welcher Leidenſchaft die raſch niedergezogene Beute unten auf⸗ gefangen, mit Küſſen bedeckt und in den Falten des wehen⸗ den Gewandes verborgen wurde. Sicher bemerkte ſie es, denn eine tiefe Röthe überflog ihre Wangen. In dem Strauße, welchen Noemi empfangen, lag unter Roſenblättern verſteckt ein Billet; das Mädchen zog es ver⸗ ſtohlen hervor, und ſobald ſich eine Gelegenheit zum Leſen darbot, entfaltete und durchflog ſie es mit ungeduldiger Neugierde. Nur wenige Zeilen faßte der Inhalt; aber ſie übten einen großen Eindruck auf Noemi aus. In ihren Mienen war Schmerz und Verachtung zu leſen und doch ſtrahlte zu⸗ gleich ein Schimmer befriedigter Erwartung darin. Man benachrichtigte ſie von neuen Gefahren und warnte ſie, den Perſonen, welche die meiſte Theilnahme für ſie zu zeigen ſchienen, nicht zu trauen; ſie ſei in den Händen der⸗ ſelben nur ein Werkzeug des Eigennutzes. Laſter und Ver⸗ worfenheit umgäben ſie mit Schlingen und vielleicht könne der Beſchützer, welcher ſie„ſeit dem Garten Pincio“ bewache, nicht alle drohende Gefahren abwenden. Uebrigens trug das Billet keine Unterſchrift. Immer dieſelbe räthſelhafte Sprache, nichts Beſtimmtes, eine Un⸗ gewißheit, welche grauſamer als das Unglück ſelbſt. Ein Wort indeß warf einiges Licht in dieſe Finſterniß. Die Er⸗ innerung an den Garten Pincio that Noemis Herzen ſo wohl! Schnell eilte ſie auf den Balkon zurück, ihre Blicke ſuchten den Araber, und ob wohl deſſen Angeſicht vermummt war, ſo hoffte ſie doch, das anmuthige Weſen ſeiner Perſon, welches einen ſo tiefen Eindruck auf ſie gemacht hatte, wieder zu er⸗ kennen. Er war in der Menge verſchwunden. Dreiundzwanzig Stunden verkündeten die Glocken Roms. Ein Kanonenſchlag auf dem Platze von Venedig und ein andrer auf dem Platze del popolo verkündeten den Anfang II. 5 des Wettrennens und gaben das Zeichen, keinen Wagen mehr in den Corſo zu laſſen. Ein Offizier traf mit Dragonern vom Palaſte des Gouverneurs ein, hemmte die ankommen⸗ den Wagen und ließ die Mengen des Corſo, der mit einer Doppelreihe Soldaten beſetzt wurde, in die anſtoßenden Straßen zurückdrängen. Dieſe Anſtalten zeigten den beginnenden Wettlauf an. Balkone, Fenſter und Schaubühnen waren mit einer zahlloſen, tauſendfarbigen Menge angefüllt, welche im ſchönſten Schmucke glänzte und ein entzückendes Schauſpiel dem Blicke darbot. Die Pferde, deren Köpfe mit Blumen und Federn ge⸗ ſchmückt waren und welche mit Lederriemen, an deren Enden Bleikugeln ſaßen, ſo wie mit Flittergold behängt waren, um ſie in ihrem Laufe anzuſtacheln, wurden durch ein vorgezoge⸗ nes Seil in Schranken gehalten. Neben den Rennern ſtanden phantaſtiſch gekleidete Reitknechte, welche die Thiere koſeten und ihnen ſchmeichelten, um ſie in Eifer zu erhalten. Die Ungeduld der Roſſe war ſehr groß und wuchs mit jeder Vermehrung, welche das ſie umringende Gewühl erfuhr⸗ Auf ein neues Zeichen ſtürzten die Renner auf ihr Ziel los, welches ſich am venetianiſchen Palaſte befand, wo der Gouverneur von Rom von einem Balkone herab als Preis⸗ richter entſcheidet. Noemis Aufmerkſamkeit wurde leidenſchaftlich von dieſem Schauſpiele gefeſſelt. Mit geſpannter Neugierde harrte ſie, wer die Preiſe gewinne, die in Fähnlein und Stoffen be⸗ ſtanden, welche am vorhergegangenen Tage in den venetiani⸗ 67 ſchen Palaſt geſchafft waren, als ein Geſpräch zwiſchen einem alten Offizier und einem jungen Geiſtlichen ihr Ohr in An⸗ ſpruch nahm. — Die Juden, ſagte Erſterer, müſſen die acht Preiſe liefern. Es iſt ein ihnen auferlegter Tribut. — Ja, verſetzte der Abbé, ſie müſſen dieſelben zahlen, um nicht mehr wie früher ſelbſt wettlaufen zu müſſen. Zur Beluſtigung der Zuſchauer wurden ſie mit Steinen beladen oder man ſteckte ſie wohl bis an den Hals in einen Sack. — Da ziehe ich doch die Barberi vor! rief der Offizier; — Meiner Treu, nein! entgegnete der Abbé; Die Iuden müſſen weit luſtiger anzuſehen geweſen ſein, beſonders, ſetzte er hinzu, wenn man, wie behauptet wird, einige von den hübſchen Mädchen aus dem Ghetto dazwiſchen miſchte. Bei dieſer entſetzlichen Aeußerung konnte Noemi einen ſchmerzlichen Ausruf nicht unterdrücken. In demſelben Augenblicke fühlte der Abbé ſeine Hand von einer rauhen Fauſt gepreßt und eine drohende Stimme flüſterte ihm ins Ohr: — Tazzi! zitto!. Der Ton mit dem dies Gebot des Schweigens erging, war ſo beſtimmt, daß der Abbé keine Entgegnung wagte, ſondern ſtumm und regungslos daſtand. Die Pferderennen ſind dasjenige Schauſpiel, für welches die Einwohner Roms die größte Vorliebe hegen. Die Sitte ſelbſt iſt ſehr alt. Verſchiedene Pferdearten werden zum Kampfe zugelaſſen, unter denen die Barbexi(Barberpferde) die vor⸗ * 68 züglichſten ſind. Am Ziele werden die Thiere, deren Muth noch nicht erſchöpft iſt, von Knechten aufgefangen; in dieſem Augenblicke, die man Ripreſa de Jarberi(Wiedereinfang) nennt, werden die Beifallbezeugungen des Volks für die Sieger laut. Zum Anhalten dieſer Pferde im heftigſten Laufe ge⸗ nügt es, daß ein Stück Leinwand vor ihnen ausgeſpannt wird, an dem ſich ihr Eifer entladet und bricht. Die Pferde laufen frei, ſie ſind eben ſo wild aufgewachſen; bis zu dem Augenblicke, wo ihnen der Zügel angelegt wird, lebten ſie in ungebändigtem Zuſtande in wüſten Feldern. Die Racen werden durch die ſchwierige Arbeit, zu der ſie ver⸗ wendet werden, ſehr verſchlechtert. In früheren Zeiten rech⸗ neten es ſich die römiſchen Fürſten und Herren zur Ehre an, in ihren Ställen verſchiedene Racen zu haben: die Chigi, Ro⸗ ſpiglioſi, Braſchi, Sforza, Ceſarini Giorgi, Colonna ſtanden damals in beſonderm Rufe. Die Bronzepferde, welche Guido Reni dem Wagen der Aurora gab, hatten ihre Vorbilder in den großen Domainen der Borgheſe. Jetzt ſind es nur Aus⸗ länder, welche in Rom prächtige Geſpanne halten. Andere Rennen, wie die del Fantino, finden noch bei feierlichen Angelegenheiten ſtatt, beſonders bei dem Beſuche von regierenden Häuptern oder glücklichen Ereigniſſen. Auf dem Platze Navone wird alsdann ein großer, prächtiger Circus errichtet, in dem drei Abtheilungen Reiter auf ſattelloſen Pferden mehrere Male mit äußerſter Geſchwindigkeit herum⸗ jagenz dann wird der Wettlauf angeſtellt und die drei Sieger rennen danach noch einmal um den Preis. Bei dieſen Feſtlich⸗ keiten iſt der Zudrang des Volks ſtets ungeheuer, die Pferde⸗ ſpiele ſind die Liebhaberei aller Klaſſen Roms. Zuweilen laufen dieſe edlen Thiere aus eigenem Antriebe in die Wette und ſcheinen dabei von demſelben Ehrgeize beſeelt zu ſein, als ihre Herren bei angeordneten Spielen. Die Gioſtra, eine Art Gefecht zwiſchen Ochſen und Büffeln, iſt in Rom nur eine jämmerliche Nachäffung der vielbekannten ſpaniſchen Stiergefechte. Auf die Confetti und den Wettlauf der Barberi folgen die Mucaletti, eine wahre Karnevalstollheit, welche darin beſteht, daß man kleine Lichtenden in der Hand ſich gegen⸗ ſeitig auszulöſchen und wieder anzuzünden ſtrebt. Der Wahn, die Narrenthei und Abenteuerlichkeit dieſes Kerzenſpiels wech⸗ ſeln ohne Ende und erzeugen eine ins Uebermaß ſtreifende Heiterkeit. Die Focchetti des Coliſeums ſind blos eine Abend⸗ beluſtigung, wo Kunſtfeuer die alte Majeſtät dieſer Ruinen erhellen. Die Nächte zwiſchen den Karnevalstagen werden ge⸗ meinlich durch Maskenbälle ausgefüllt. 4 Auch Noemi wurde hierher geführt; die Pläne, welche über ſie ſchalteten, erforderten, daß ſie ſich allenthalben zeige, wo reiche, glänzende Geſellſchaft ſich beiſammen fand. Sie hatte das Koſtüm, welches ſie am Tage getragen, nach der Sitte der römiſchen Damen gewechſelt. Wie groß aber war ihr Erſtaunen, als ſie ins Theater Alberti, wo dieſe nächtlichen Feſte ſtattfinden, eintrat, und an ihrer Seite das reiche, ſchöne Koſtüm des Arabers gewahrte, der den ganzen Tag über nicht von ihrer Spur gewichen war. Er näherte ſich dhr und mit ſonderbar geheimnißvollem Tone flüſterte er ihr die Worte zu: — Erſchrecken Sie nicht— Sie ſind in Gefahr— ich wache. Nach dieſen Worten ſchien er ſich zu entfernen; ſein aus der Maske hervorſtechender Blick aber wich nicht von dem Mädchen. Ohne Zweifel zerſchlug ſeine ihälige Wachſamkeit auch noch dieſes Mal die unheilvollen, gegen die junge Jüdin ge⸗ ſchmiedeten Pläne. Noemi hatte neben ihrer Signora Naldi ſich nur gegen alltägliche Intriguen zu vertheilen, mit denen dieſe der Zerſtreuung gewidmeten Stunden ausgefüllt werden. Ein junger Kavalier im galanteſten ſpaniſchen Koſtüm, deſſen Benehmen, Sprache und Manieren den vollkommnen Weltmann verkündeten, näherte ſich Noemi. Um die Auf⸗ merkſamkeit der Signorina zu feſſeln, begann er ſogleich ein vertrautes Geſpräch; er wußte über ihre Perſon und Familie, ihren Aufenthalt in Mantua und Rom und die jüngſten Be⸗ gehenheiten ſo viele genaue Mittheilungen zu geben, daß Noemi anfänglich darüber erſchrack. Die Signora Naldi bemerkte Noemis Staunen und be⸗ gehrte deterſeie davon zu wiſſen. Der Kavalier aber warf ihr durch die Maske hindurch einen ſo furchtbaren Blick zu, daß man das Angeſicht der d Dame hinter dem ſchwarzen Spitzen⸗ ſchleier abwechſelnd erbleichen und erröthen ſah. Der Spanier —,,—— 3—— 71 ſprach kein Wort, und die auf's höchſte verwirrte Signora Naldi nahm wieder die Rolle einer ſchweigſamen Hofmeiſterin an. Die Unterredung, wenn man anders den Monolog der Kavaliers, deſſen Worte keine Erwiderung fanden, ſo nennen darf, nahm ihren Fortgang. Noemi fürchtete dieſen Menſchen, von dem ſie ſich nicht erklären konnte, wie er eine ſo vertraute Bekanntſchaft mit ihrer Lage, ihren Verhältniſſen und Gefühlen beſitzen konnte. Kein Umſtand gab Veranlaſſung, den Schleier dieſes Geheim⸗ niſſes zu lüften. Sie empfand eine peinliche Verſtimmung, die ſo heftig wurde, daß ſie einer Ohnmacht nahe ſchien. Der Kavalier, welcher auch nicht einen Augenblick die Höflig⸗ keit außer Augen geſetzt hatte, fühlte, daß es Zeit ſei, dieſer Marter ein Ende zu machen. Er machte Anſtalt, ſich zu entfernen: bevor er indeß ging, ſprach er mit leiſer, feierlich bewegter Stimme: — Hören Sie, Noemi, ich liebe Sie mehr als mein Leben. Ich hätte ihre Liebe verdienen können und hätte dieſem Glücke gern alles geopfert. Ein einziger Fehltritt hat mich verderbt; dieſen Fehltritt werde ich im Unglücke büßen. Ich habe ihre geheimſten Gefühle erforſchen wollen, und keine Mühe war mir dafür zu groß; allein Anderen lag daran zu wiſſen, was ich weiß. Meine Liebe könnte Ihnen ungelegen und gefahrbringend ſein. Ich ziehe mich zurück, leben Sie wohl, Noemi! Doch mit großem Schmerze nur ſcheide ich von Ihnen, denn ich laſſe Sie zwiſchen unperſöhn⸗ lichen, erbitterten Feinden. 72 Noemi fühlte ſich zu überraſcht, um eine Antwort zu finden; als ſie ſich von ihrem Erſtaunen erholte, war der Kavalier bereits fort und in dem Gewühle der Masken ver⸗ ſchwunden. Sie erſchöpfte ſich in Muthmaßungen über dieſe Perſon, welche ſo genau über alle Einzelheiten ihres Lebens unter⸗ richtet war. Eine ſchmerzliche Empfindung bemächtigte ſich ihres Herzens. — Ach!l ſprach ſie zu ſich ſelbſt, bei jedem Schritte, den ich thue, ſehe ich die mich umringende Finſterniß ſich ver⸗ dichten. Ich höre ſtets von Gefahren reden, die ich nicht ſehe, vielmehr habe ich bis hierher nur Liebe und Wohlwollen er⸗ fahren. Mein Vater, die Familie Ben Sauls, Dom Salvi, Jules, die Signora, Alle überſchütteten mich mit herzlichem Wohlwollen, und jener unbekannte Beſchirmer, der Schutz⸗ engel, die ſichtbare Vorſehung, welche der Himmel mir an die Seite gegeben hat, das ſind doch keine Feinde; ich habe nichts als Ergebenheit von ihnen erfahren.... Noemi verſuchte ſich ſelber zu täuſchen; allein es gelang ihr nicht, die entflohene Heiterkeit wieder zu gewinnen. Nur verwirrende Anzeigen hatten ſie wiederholt auf eine bevor⸗ ſtehende Gefahr hingewieſen; dies aber hatte ſie beſtimmt dar⸗ aus entnommen, daß ihre gegenwärtige Lage unheildrohend für ſie ſei. Sie hatte mehrere Male in den Blicken der Sig⸗ nora geheimen, wilden Zorn aufflammen ſehen, und dieſe ſehen, unheimlichen Blitze ſchienen ihr zu ſagen, daß dies Weib einen tiefen Haß gegen ſie hege. 73 Solche Gedanken vereinſamten die junge Jüdin mitten in dem ſie umwogenden Gewühle, die Luſtbarkeiten des Balls vermochten ihr keine Theilnahme mehr abzugewinnen. Der Signora war die plötzliche Traurigkeit nicht entgangen; jedoch ihr Bemühen, die Wolken zu zerſtreuen, blieb vergebens. In der Hoffnung daß die Pracht und Heiterkeit der Soupers eine beſſere Wirkung hervorbringen würden, begab ſie ſich nach dem Speiſeſaale. Noemi ließ ſich willenlos fortziehen, als ein plötzlicher Lärm in einem Theile des Saals entſtand. 1 Man hatte eine Maske im Koſtüm eines Banditen feſt⸗ genommen: er war in der That, was er ſchien, nämlich der berüchtigſte Bandit um Rom herum. Als er auf den Kar⸗ neval ging, wettete er, er wolle ſogar auf den Ball im Theater Alberti gehen und die ganze Nacht durchtanzen, ohne erkannt zu werden. Schon war die Wette beinahe gewonnen, da ging einer ſeiner Kameraden hin und verrieth ihn. Während der Aufregung, welche dieſer Vorfall hervorbrachte, bemerkte Noemi, daß einige Perſonen ſich an ſie herandrängten und eifrig mit einander flüſterten; da trat eine Maske in weitem braunen Mantel heran, bot ihr ungeſtüm den Arm und ent⸗ zog ſie dieſer Gegend. Ein ſanfter Händedruck beruhigte ſie baldz die Maske führte ſie zur Tafel, wo ſie neben der Sig⸗ nora Platz nahm. Allein von allem Dargebotenen nahm ſie nichts, ſondern blieb düſter und ſchweigend. Das Geſpräch drehete ſich anfangs um den verhafteten Ban⸗ diten. Ein junger Abbé, welcher unter der Maske des Figaro den Ball mit ſeinen Scherzen verſehen hatte, erzählte, daß der Bandit am nächſten Tage werde gehängt werden. Dieſe Mittheilung wurde mit lautem Gelächter auf⸗ genommen. Jeder malte irgend einen Zug, ein Zucken oder ſonſt etwas Ergötzliches aus dem letzten Stündlein des armen Kerls, der ſechs Fuß über'm Boden zu tanzen hatte. Die Damen hielten es für angemeſſen, dieſen liebenswürdigen Späßen ihre Theilnahme nicht zu verſagen, und ſo verſtrich das Souper unter ausgelaſſenen Scherzen und den Genüſ⸗ ſen raffinirter Leckereien, wie ſie den Römern eigen ſind. Noemi ſtrebte vergebens, die Schwermuth, welche ſie überkommen war, zu bemeiſtern; eine Niedergeſchlagenheit hatte ſich ihrer bemächtigt, welche das Bedürfniß nach Ein⸗ ſamkeit unwiderſtehlich in ihr geltend machte. Und ſo mit ihren Gedanken allein, überſchauete ſie noch einmal die letz⸗ ten Ereigniſſe ihres Lebens. Sie hatte ſich von ihrer Familie ohne irgend einen an⸗ dern Grund als den ſtürmiſchen Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit getrennt, und ſich dadurch jedes Führers, jeder Stütze beraubt, deren ſie in der unbekannten Welt ſo ſehr bedurfte. Die Begierde, der Durſt, zu ſehen und hö⸗ ren, war allzu glühend in ihr geweſen, als daß ſie zu wi⸗ derſtehen vermocht. Und jetzt? wohin ſollte ſie der Wirbel des Lebens, der ſie erfaßt hatte, führen, ſie, die ohne Schutz⸗ wehr einem Weibe in die Hände gegeben war, deren argli⸗ ſtigen Charakter ſie mehr als einmal kennen gelernt? Wie den Schlingen, Netzen und Gefahren entſchlüpfen, die um —, W 75 ihre Schritte lauerten und durch ſo viele Warnungen und Zeichen ſich ihr verkündeten? Das Gewicht dieſer Gedanken beugte ſie nieder. Doch raſch erhob ſie das edle Haupt wieder, eine himmliſche Klar⸗ heit ſtrahlte aus ihren Mienen und die Augen funkelten Erhabenheit und wunderbares Vertrauen. Ihre Blicke ſchie⸗ nen die Zukunft zu durchdringen; in dem Lächeln der Lip⸗ pen lag kräftiger Stolz und das ganze Weſen athmete Ruhe und Entſchloſſenheit. Es war, als ob eine innere Stimme zu ihr geſprochen und ſie geſtärkt hätte. Entſchloſſenheit ſprach aus ihrer gan⸗ zen Haltung und in dem ruhigen, beſtimmten Zuge ſpiegelte ſich ein unwandelbarer Wille. Das hebräiſche Dogma hatte Noemi einen Schickſals⸗ glauben, ein Vertrauen auf das vorherbeſtimmte Verhängniß, wie es ſich in dem Verhältniſſe Iſraels zu ſeinem Gotte ausſpricht, eingeflößt; die ganze Kraft ihrer Seele verließ ſich auf ein göttliches Einſchreiten zu Gunſten des jüdiſchen Volks. Als Tochter Ben Jakobs hatte ſie frühzeitig von ihrem Vater die Hoffnungen ihrer Nation, welche zwiſchen den übrigen Völkern umhergeſtreuet iſt, ohne doch getrennt zu ſein, eingeſogen und betrachtete den Greis als ein Werk⸗ zeug Gottes, beſtimmt, die Wiedererhebung Iſraels zu voll⸗ ziehen, zu der ſie ſelbſt mitzuwirken ſich berufen fühlte. Sie glaubte eine innere Stimme zu vernehmen, die ſie voran trieb, und indem ſie ſich unter eine Macht, die ſtärker als alle menſchliche, geſtellt glaubte, verſchwand jede Furcht vor 76 Gefahren aus ihren Gedanken. In der Reinheit ihres Her⸗ zens war ſie ſicher, ſich vor einer Verderbtheit zu bewahren, der ſie dreiſt ins Auge ſchauete, eben um ihr Trotz zu bieten. Noemi nahm ſich vor, ihre einmal angetretene Laufbahn in der römiſchen Geſellſchaft bis zu Ende zu durchlaufen; ſie verlangte darnach, den Feind kennen zu lernen, gegen den ihr Glaube und Gefühl ſie in den Kampf rief. Ohne vollkommen zu wiſſen, was in Noemis Buſen vorging, erkannte die Signora Naldi leicht, daß die Jung⸗ frau ein Spiel heftiger Gemüthsbewegungen ſei. Alles was ihren Plänen zuwider laufen konnte, ſetzte ſie in große Be⸗ ſorgniß; daher beobachtete ſie Noemi und ſah endlich mit nicht geringer Beruhigung, denn ſie hatte gefürchtet, daß die Jüdin ihr vielleicht entſchlüpfe, ſie in träumeriſchem Sinnen und folgſam zu ſich zurückkommen. Trotz der Verworfenheit, welche den Charakter der weiland Donna Olimpia bezeichnete, hatte dieſelbe ſich einer gewiſſen Neigung für Noemi nicht erwehren können. Sie empfing die Zurückkehrende, ohne ihre Beſorgniß merken zu laſſen, und benachrichtigte ſie, daß neue Beluſtigungen ihrer harrten. Noemi empfing dieſe Mittheilung mit einer Ruhe, die faſt an Reſignation ſtreifte. Die Signora führte die Jungfrau, welche ſie den rö⸗ miſchen Sitten ganz zuführen wollte, zu den Theatern, die⸗ ſen Sammelplätzen der ganzen eleganten Welt. Im Theater Valle ſpielt die komiſche Oper und das 77 Luſtſpiel; die Argentina gibt große Opern und Ballet. Der Saal Alberti iſt den Maskenbällen gewidmet und die nea⸗ politaniſchen Poſſenreißer zeigen ſich im Tordinone. Capra⸗ nica gibi Oper, Tragödie, Komödie und Poſſe, und Volks⸗ ſeenen ſtellt der Puleinella in der Pace mit großen, in Graneri mit kleinen Marionetten dar. Das Lieblingskind Roms aber ſind die unvergleichlichen Burattini. Die feine Welt beſitzt in dieſen Theatern Logen, welche feſt gemiethet ſind und zu denen der Beſitzer den Schlüſ⸗ ſel führt. In den Sälen, wo Erfriſchung gereicht wird, trifft man ſich, und man kömmt mehr um zu ſchwatzen als zu hören. Die eigentlichen Zuſchauer, das Volk, ſchaart ſich in der Platea, dem Parterre. Von hier aus werden, beſonders in den Volkstheatern, die Stimmen über das Stück laut und der Gang des Dramas ſchreitet unter fortwährenden Zurufen weiter, wie: — Traditore!— Sia ammazzato il cellerats!— Po- verina!— Quanto è cara!— Fa compaſſione!— Dio, azutate la! (Verräther!— Nieder mit dem Schurken!— O die Arme!— Wie lieb ſie iſt!— Sie iſt zu bedauern!— Him⸗ mel, ſteh' ihr bei!) Dergleichen Antheilbezeugungen durchblitzen jeden Abend die Theater Roms. Wilde, unbändige Demonſtrationen, überſchwängliche Aeußerungen, unſinnige Leidenſchaftlichkeit des Volks dage⸗ gen finden wir in den Kirchen. Hier ſind wir noch nicht am Orte, tiefer in den Prunk der religiöſen Zeremonien, die Rom mit unbegrenztem Stolze zur Schau trägt, einzudringen; ſoll uns unſer Faden auch dahin leiten ſo werden wir die Eitelkeit derſelben dar⸗ legen. Unter ihrem Gepränge hervor werden wir die Lüge aufdecken und ihren wahren Charakter im Sinne der Reli⸗ gion und ächt chriſtlicher Anſchauungsweiſe würdigen. Folgen wir jetzt der Menge, die ſich zu den Kirchen drängt. Die funzioni della chieſa(Kirchenfeierlichkeiten) er⸗ regen nicht mindern Eifer als die ſerate del teatro(Theater⸗ abende). Zwiſchen Kirche und Theater theilt ſich der ganze Hang und alle Theilnahme der Bevölkerung. Blos für die Kunſt, insbeſondere die Muſik, äußern die italieniſchen Stämme einen glühenden Eifer und dieſem Hange nach Schaugepränge und Augenweide muß man das Drängen, die Begeiſterung, die furia ihrer Andacht zuſchreiben, welche ſo unendlich fern von wahrer Frömmigkeit iſt. Die Gewandtheit des römiſchen Klerus hat zu allen Zeiten dieſe Neigung zu ihrem Vortheile benutzt, und mit⸗ tels des zweifachen Schauſpiels in Theater und Kirche wuß⸗ ten die Prieſter diejenigen zu beſtechen, zu entzücken und hinzureißen, deren ſie ſich bemeiſtern wollten. Durch die zahlreichen dem Gottesdienſt geweiheten Orte und das Intereſſe, welches die Kirche aus ihren Feſten zu ziehen verſteht, iſt die Zahl ſolcher Feierlichkeiten ungemein „ 79 groß; ja, jeden Tag kann man eine ſolche rechnen und wenn das römiſche Volk nicht in erſchlaffendem Müſſiggange ver⸗ kommen wäre, ſo müßte es mit dem Schuhflicker in der Fabel ſagen: — Die Feſte, Herr! richten uns zu Grunde! Aber ſtatt ſich über die Fülle zu beklagen, läuft alle Welt begierig zu den religiöſen Feſtlichkeiten. Aus dieſem Grunde werden die insgemein ſchönen, reich verzierten Kirchen neben der glänzenden Baupracht mit aller⸗ lei Behängen und Ausſtaffirung von rothem Sammet ge⸗ ſchmückt, welche mit Gold geſtickt und ſo angeordnet ſind, daß ſie keine Schönheit des Baues verdecken. Die Altäre und Säulenkränze ſind mit Silberwerk verziert und die Chöre wetteifern mit einander, die beſte Muſik und den vortrefflich⸗ ſten Geſang zu geben. Man tritt unter dem Schalle von Pauken und Trompeten in die Kirche, denn dieſelben ma⸗ chen an den Thüren des Tempels einen Lärm gleich den Gauklern, welche die Vorüberziehenden anlocken wollen. Außerdem hängt draußen an jeder Kirche das Wappen eines Kardinals mit den Worten:„Indulgenze plenaria“(voll⸗ ſtändiger Ablaß). Der Boden der Kirche iſt mit Blumen beſtreuet. Nicht ſelten befinden ſich an den Eingängen Diener in Livreen, welche den Damen, den Kardinälen und angeſe⸗ henen Perſonen Blumenſträuße reichen. In dem Falle ſind die Feſte von reichen Perſonen beſtritten, welche die Schirm⸗ herrſchaft über die kirchlichen Gebäude haben; oft werden —„ d 80 ſolche Feſte auch zu Ehren der Namenfeier einer Dame ge⸗ geben, der man gefallen will. Der Grundzug aller Andachtsbezeugungen dieſes Volks iſt Sinnlichkeit; man prüfe das Gebet, das gen Himmel zu ſteigen ſcheint, und man findet alsbald ein Intereſſe, welches daſſelbe von der Erde emporſchickt. In früheren Zeiten wurde die Schicklichkeit ſogar ſo weit außer Auge geſetzt, daß man mitten im Schiff der Kirche Eiswaſſer, Erfriſchungen und Chocolate nahm. Dieſer Ge⸗ brauch taucht indeß noch zuweilen auf, zumal in den Haus⸗ kapellen einiger Klöſter. Vor den Orten, wo die unzione ſtattfindet, und in der Nähe derſelben trifft man von Strecke zu Strecke verſchie⸗ dene Schauſpiele; es ſind Komödien, welche von Kindern dargeſtellt werden, kleine umherziehende Muſikbanden oder Marionetten, denn dieſen Burattini begegnet man auf jedem Schritt im römiſchen Leben. Findet die Feierlichkeit am Abend ſtatt, ſo wird ſie durch Erleuchtung der Vorderſeite und Kunſtfeuer angekündigt. Zur größeren Ehre des Heiligen, dem die Feier gilt, nehmen Kaufleute ihren Vortheil wahr, vor den Thüren allerlei Schönes und Herrliches zu Kauf zu bieten und es verſteht ſich von ſelbſt, daß hierbei ganz beſonders mit auf die Frömmigkeit der Käufer ſpekulirt wird. Es werden kleine Altäre geformt und die Bildniſſe der Heiligen mit den Sinnbildern ihres Standes und dergleichen darauf geſetzt. Auch noch andere Ehren werden den Heiligen und 4 5 — 81 Heiliginnen erwieſen: an gewiſſen Feſten zum Beiſpiel läßt man Luftballone ſteigen, auf die das Bild des Heiligen und die Hauptereigniſſe ſeines Lebens gemalt ſind. Ein dichter Schwarm hinderte den Wagen der Signora Naldi; Noemi warf einen Blick auf das Getümmel und er⸗ blickte die Bude eines Metzgers, der zu Ehren des heiligen Antonius von Padua das Bildniß des Heiligen in eine Niſche geſtellt hatte, welche aus Würſten und Schinken ge⸗ macht war. Ueber den Anblick klatſchten die Zuſchauer ju⸗ belnd in die Hände. Dicht neben der Karoſſe befand ſich ein junger Mann, welcher ſein Mißfallen über den Spektakel kund gab, ſo daß der Jüdin die Aeußerung nicht entging. Eine ſtürmiſche Bewegung entzog das Antlitz des Mannes, von dem der Entrüſtungslaut ausgegangen war, ihren Blicken, aber die⸗ ſer anſcheinend ſo unbedeutende und gleichgültige Umſtand veerrſetzte die Jungfrau aufs Neue in verſtimmende Träume und Angſt, und gab ſie der Marter einer peinigenden Unge⸗ wißheit wieder preis. Die Menge der Wagen war ſo groß, daß die an die Hauptkirchen ſtoßenden Plätze den glänzendſten Fahrten im Corſo an Zahl und Pracht nichts nachgaben. Die Frauen erſchienen im beſten Schmucke, und die Kavaliere und vor Allen die Abbés verdoppelten um dieſel⸗ ben ihre Aufmerkſamkeit und Galanterie. Am Meiſten ſpringt dergleichen weltliche Zuthat in den Zeremonien der heiligen Woche hervor. Dieſe Zeit i*ſt zugleich dadurch merkwürdig, n. 6 daß an vielen Orten der Stadt Schaubühnen errichtet wer den, um religiöſe Vorſtellungen zu geben, die mit den Er⸗ eigniſſen, deren Gedächtniß die heilige Woche feiert, glei⸗ chen Schritt gehen. Meiſtens werden Wachsfiguren, oft in Lebensgröße und prächtig ausſtaffirt, zu ſolchen Vorſtel⸗ lungen genommen, nicht ſelten bedient man ſich aber auch ſchau⸗ riger, entſetzlicher Wirklichkeiten. Die Art des Henkers, mit friſchem Blute beſtrichen, kann man da ſehen und die Flam⸗ men der Verdammten; den Erzengel, welcher an Meſſing⸗ drähten ſchwebend gehalten wird und die Poſaune bläſ't, worauf wirkliche Leichname, welche aus dem Heiligengeiſts⸗ ſpitale entlehnt ſind, die Auferſtehung des Fleiſches ver⸗ ſinnlichen. Eine ganz vorzügliche Verehrung erfährt die heilige 2 Jungfrau, die bei allen Feſten eine Hauptrolle ſpielt. Ihr Dienſt wird als der ſegenreichſte an himmliſchen Gnaden angeſehen. Eben ſo ſtehen die Heiligen der Jeſuiten in beſonderm Anſehen; die Kompagnie des Ordens hat dieſelben in guten Geruch und hoch in der öffentlichen Meinung zu bringen verſtanden. Die Jeſuiten beſitzen elf Kirchen in Rom, un⸗ ter denen ſich durch ihre Pracht die del Geſu, des römiſchen Collegiums und des Novizenhauſes auszeichnen. In der Kirche del Geſu allein(welche zum Profeßhauſe des Ordens 1 gehört) befindet ſich eine unſchätzbare Menge Silber. Uum Andächtige zu den Füßen ihrer Altäre zu ziehen, haben die Ordensgeiſtlichen eine phantasmagoriſche Perſpektive an⸗ 83 bringen laſſen. Das Altarsſakrament nämlich iſt in einer Niſche ausgeſtellt, deſſen durchſcheinender, von Lichtglanz erhellter Hintergrund irgend eine Scene des alten oder neuen Teſtaments darſtellt. Alle zwei Jahr werden große Koſten verwendet, um eine neue Aenderung daran anzubringen, und nichts geſpart, um es den übrigen Kirchen zuvor zu thun. Wird aber durch ſolche Mittel, deren Eindrücke das römiſche Volk zwar in die Kirchen rufen, jedoch mehr aus Schauluſt, da ihnen die Augentäuſchungen und der Glanz der Theater vorgeführt werden, als aus Andacht, wird da⸗ durch nicht das Heiligſte ins Profane gezogen und mit dem⸗ ſelben verſchmolzen? Sieht man ſich die römiſchen Kirchen an, ſo wird man durch den prunkvollen Glanz überraſcht, der an den Gräbern der Heiligen ſtrahlt, vorzüglich wenn ein ſolcher bei der abergläubiſchen Menge in hohem Anſehen ſteht. Dieſe Grab⸗ mäler ſind von ſilbernen Lampen in ſolcher Menge beleuch⸗ tet, daß die Augen davon erblinden und kaum den dahin⸗ ter befindlichen Altar, auf dem die heilige Hoſtie ausgeſtellt iſt, ohne mit mehr als zwei Kerzen beehrt zu ſein, gewah⸗ ren können. In der Peterskirche brennen Nacht und Tag zweihundert ſilberne Lampen vor dem Apoſtelgrabe, welches ſich unter dem Hauptaltare der Kirche befindet. Eine ſolche Strahlenpracht zieht die Menge an, welche ſich beſtändig ſo zahlreich aufdrängt, daß es ſchwer wird, der Stätte zu nahen; dagegen weilt kaum jemand einen Augenblick vor dem Altarsſakrament, welches in einem prachtvollen Taber⸗ 6* 84 nakel, jedoch an einem minder augenfälligen Orte, rechts, einer Kapelle gegenüber, ausgeſtellt iſt und neben dem nur drei Lichter brennen. Die Beweggründe zu einer derartigen Verherrlichung, die der katholiſchen Lehre ſo ſehr zuwider ſtrebt, ſind ſehr niedrige. Für die ſinnliche Kirche ſind die Heiligen, deren Bei⸗ ſtand die abergläubiſche Menge anruft, von weit größerer Bedeutung, als die Gottheit ſelbſt, an die ſie ihre gering— fügigen Bitten und eigennützigen Begehrungen nicht zu rich⸗ ten wagen; dafür eben hielt der Klerus die Heiligen in Be⸗ reitſchaft. Ein jeder dieſer Freunde Gottes, wie die Kirche ſie nennt, hat ſeine beſonderen Attribute, wie es bei dem Göt⸗ terſchwarme des Heidenthums der Fall war, ſo daß man ſich veranlaßt ſieht, die römiſche Kirche habe im Intereſſe eines ſchmählichen Wuchers die Ueberlieferungen jener Zeit des Aberglaubens beibehalten. Es gibt faſt nichts, das nicht ſernen Heiligen hätte, jede Krankheit, jedes Uebel, von den Hühneraugen bis zur Epilepſie, ſo daß man ohne große Mühe eine Medieina ſancta herſtellen könnte, welche alle irdiſche Arzenei überflüſſig macht. Die religiöſen Schaugepränge werden auch in Rom nur als eine Art von Erheiterungen angeſehen, und die Weiſe, wie man dieſelben begeht, flößt den Fremden, welche Augenzeugen davon ſind, ſtets ein entgegengeſetztes Gefühl ein, als derartige Handlungen erzeugen ſollten. Denen alſo, welche mit den religiöſen Dingen ſo leichtſinnig umgehen, 8⁵ muß man den Mißkredit beimeſſen, in den früher hochheilig geachtete Dinge heutzutage gefallen ſind. Und auf jedem Schritt, den man in dem päpſtlichen Bereiche thut, ſtößt man auf dieſe, dem Blicke ſich aufdrängende Geringſchätzung. Das Innere der Kirchen, die Haltung der verſammelten Menge, welche durch den Lärm von draußen ſich ſo wenig zur Andacht ſammeln kann, entſpricht ganz dem Bilde, wel⸗ ches man ſich nach Wahrnehmungen der eben geſchilderten Art machen muß. Die Frauen, welche eine bedeutende Rolle ſpielen, der junge Adel, kokette Abbés und geputzte Offiziere treten ge⸗ räuſchvoll ein und ſuchen auf alle Weiſe die Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. Angeſehene Perſonen haben einen Schwarm von Kammerdienern, Bedienten und dergleichen vor oder hinter ſich, welche weiche Polſter und reiche Gebetbücher mit prächtigen Wappen tragen. Voll Anmaßung tritt der ſtolze Luxus an die Stätte chriſtlicher Demuth, wo die Lehren brüderlicher Liebe und jener erhabenen Gleichheit, welche das Evangelium den Mächtigen wie den Schwachen predigt, An⸗ wendung finden ſollten. In den hohen Tribünen, wohin ſich die Frauen ſetzen, welche durch Geburt, Vermögen, Rang, Schönheit oder auch Galanterie hervorragen, fallen nicht ſelten Streitigkei⸗ ten über die Plätze vor. Alle wollen die erſten Reihen inne haben, um den Blicken beſſer aufzufallen. Dann hört man mit der den italieniſchen Frauen eigenen tiefen Stimme laute, 86 derbe Beleidigungen erſchallen, wie etwa auf einem Markte oder ähnlichem öffentlichem Platze. Dergleichen gemeine Sitten der höheren römiſchen Welt zeigen ſich im Allgemeinen nie ſtärker und auffallender, als gerade an Orten und bei Gelegenheiten, wo Zurückhaltung am Nothwendigſten wäre. Dazu kommt dann noch, daß die großen Würdenträger der Kirche ſolche Skandäle billigen, indem ſie ſich durch beifälliges Gelächter hineinmiſchen, ſtatt dieſelben kraft ihres Anſehens zu unterdrücken. Dieſe allgemeine Gleichgültigkeit bekommt indeß hin und wieder einen andern Beiſatz. Man hört Ausrufe, Seufzer, abgeriſſene Worte aus dem Geziſche der vielen leiſen Ge⸗ ſpräche hervorklingen: das ſind Ergießungen von Andäch⸗ tigen aus der niedern Klaſſe, kräftige Ausſtöße einiger Wei⸗ ber, Entzückensrufe glückſeliger Frommen und Frömmler, flehende Bitten von Kranken, und Gelübde, die aus keuchen⸗ der Bruſt ſich hervorringen. Unter allen Geſtalten findet man dieſelben Erſcheinungen, wie das Theater ſie darbot, wieder. In Kirche und Theater herrſcht in gleichem Maße das Be⸗ dürfniß von Geräuſch und lärmender Demonſtration vor, dieſelben Aeußerungen unruhiger, convulſiviſcher Heuchelei, welche nach Kundgebung und Schautragen haſcht. Nicht mindern Antheil hat dabei oft die Gewinnſucht, welche auf ſolche Weiſe das Mitleid erregen und die Freigebigkeit brand⸗ ſchatzen will. Hinterher wird die„Funzione“ in allen ihren Theilen — —e 87 beſprochen und bekrittelt, als wäre es eine Theaterunterhaltung geweſen. In den Tribünen unterhält man ſich über die Bered⸗ ſamkeit eines Predigers, wie man in den Logen über einen Sänger oder eine Primadonna ſpricht. Eben ſo wie im Theater werden die erſten Augenblicke vor dem Beginn der Feierlichkeit mit geräuſchvollen Begrü⸗ ßungen und lanten Höflichkeiten ausgefüllt, welche zwiſchen Tribüne und Schiff gewechſelt werden. Die Rückſichtsloſig⸗ keit der Frauen iſt hierbei unbegrenzt; ſie rufen den Namen des Prälaten, dem ihr Gruß gilt, mit lauter Stimme hinab. Im Schiffe der Kirche i*ſt die Sceue nicht minder belebt; man zeigt ſich Frauen und betrachtet ſie durchs Glas, man erzählt Abenteuer von ihnen und trägt die Chronik der Salons und Boudoirs vor.— Mitten unter dieſem Geräuſch ſteigt der Prieſter zum Altare empor und der Geſang des Chors beginnt die Ein⸗ ladungsgeſänge zur Meſſe. Die Frauen fahren fort, die Zeremonie ohne alle Beachtung zu laſſen; ganz in iyrem Weſen ſuchen ſie heransfordernd die Blicke der Prälaten, der reichgeſtickten Offiziere und der friſirten und parfümirten Abbes, welche in ihrer muthwilligen Ausgelaſſenheit das Pagenthum zu repräſentiren ſcheinen. In den Kirchen, in dem Augenblicke wo die Religion ihre Gläubigen ſammelt, um Herz und Seele zu Gott zu erheben, gefällt ſich dies 88 ärgerliche Treiben in den ungeziemendſten Gebehrden; eben in den Momenten der höchſten Feierlichkeit werden durch Blicke, Zeichen, Lächeln und geheimnißvolle Andeutungen die galanten Intriguen und Liebesabenteuer der römiſchen Welt verabredet und geſchloſſen. Die Erzählung kann, ohne Anſtand und Sitte zu verletzen, die Schamloſigkeit, welche hier ſtattfindet, nicht berichten. Beim Hinblicke auf das Treiben und Sichgehenlaſſen in dem ganzen Gotteshauſe würde man weit eher glauben, in einer Allee des Pincio, einem Kaffeehauſe des Corſo oder einem Opernſaale zu ſein, denn nichts zeigt, nichts erinnert an die Heiligkeit des Orts. Nur in dem Augenblicke, wo der Prieſter die geweihete Hoſtie zeigt, tritt eine allgemeine Stille ein. Die Stirnen neigen ſich, die Kniee ſinken zur Erde und über die andächtig nieder geworfene Menge hin erſchallen die Modulationen der Hymne:„O ſalutaris hoſtia.“ Ein inſtinktmäßiger Trieb ließ Noemi unter alle den ge⸗ beugten Häuptern aufrecht ſtehen bleiben; ſtolz wie ein Baum, den der Sturm nicht zu beugen vermag, ſtand ſie da. Mit blitzſchnellem Blicke durchflog ſie den ganzen Raum des Tempels. Sie ſah noch eine andre Perſon aufrecht wie ſie daſtehen. Beider Blicke begegneten ſich: ſie erkannten ſich. Endlich er⸗ blickte Noemi ihren Erretter vom Garten Pineio. Paolo ſendete ihr einen Blick zu, in dem er ihr ſeine ganze Liebe verkündete. e 89 Dieſer Blick knüpfte zwiſchen ihnen ein unauflösliches Band und trotz des Widerſpruchs ihres Glaubens fühlte Noemi, daß in dieſer Vereinigung zweier Herzen vor einem Altar und einem Opfer etwas Heiliges liege. XII. Volksglauben und Aberglauben. In ganz Italien iſt der Mariendienſt in größter Blüthe. Mit Inbrunſt und ſchmachtender Liebe ruft das italieniſche Volk Maria, die Mutter Chriſti, an. Den unausgeſetzteſten, am Eifrigſten betriebenen Dienſt aber erfährt dieſelbe in Rom und den päpſtlichen Staaten.) Die Jungfrau iſt in allen katholiſchen Gegenden ſehr hoch und ſtark verehrt, allein Italien ſcheint ſich vorzugs⸗ weiſe unter den unmittelbaren, beſondern Schutz Maria's zu ſtellen, und trotz der„amtlich“ als Patrone aufgeſtellten Bildniſſe Petri und Pauli hat die römiſche Einwohnerſchaft die Madonna zu ihrer Schirmherrin erwählt. Der Vorzug, welcher dieſem Dienſte zugetheilt wird, offenbart ſich vorzüglich in der kindiſchen, ſinnlichen, pomp⸗ haften, äußerlichen Weiſe, worin er begangen wird. 90 Die Jungfräulichkeit iſt nur in der Idee des Katholieis⸗ mus ein Gegenſtand der Verehrung, welche nirgendwo durch eine Glaubensvorſchrift oder ein Dogma geboten iſt. Die Kirche in Erwägung des göttlichen Geheimniſſes, zu welchem Maria erkoren wurde, ehrte in ihr die göttliche Fleiſchwerdung, durch die ſie geheiligt wurde. Aber die Kirche hat ihr keines⸗ wegs eine Göttlichkeit beigelegt; ſie läßt dieſelbe gen Himmel ſteigen, wohin Engelschöre ſie tragen, und ſetzt ſie zur Seite ihres Sohns, den ſie mit aller Kraft ihres Herzens und von ganzer Seele liebt; die Kirche erhob die Mutter Chriſti zu einer Fürſprecherin, deren Vermittlung vieles zu erreichen ver⸗ mag. Die Tugenden des Weibes, die Schmerzen der Mutter, die unausſprechliche Reinheit ihrer jungfräulichen Seele umgab Maria mit hellem Strahlenſcheine und ſtellte ſie dem Gebete der Menſchen vorzugsweiſe vor, daß ſie von ihrem Sohne terflehe, was ſie ſelbſt nicht zu verleihen vermöge. In ſolcher Weiſe in vernünftige Grenzen beſchränkt war der Mariendienſt ein ſüßer, angenehmer, der nur in ihr die Reinheit und Keuſchheit ihres Herzens feierte. Aber dieſe urſprüngliche Natürlichkeit, wir möchten ſagen Kindlichkeit einer ſolchen Auffaſſung iſt durch einen falſchen Myſticismus und weiß der Himmel welche linkiſche Ueberſpannung verdreht und daraus ein prunkvoller, theatraliſcher Dienſt gemacht, der in den Kirchen der katholi⸗ ſchen Länder alles ſo ſehr auf die Spitze treibt, daß die ur⸗ ſprüngliche Bedentung nicht mehr herauszufinden iſt. Der Maimond, Marienmonat, wie er in katholiſchen Gegenden heißt, iſt, wie er in unzähligen Kirchen begangen wird, nichts als eine kokette, elegante Andächtelei, welche durch ihre Pracht und Sinnlichkeit ein wollüſtiger Kitzel für die weltliche Zer⸗ ſtreuung iſt. Wenn, wie es in Rom und an tauſend anderen Orten geſchieht, das Gebet, das zu Marien geſchickt wird, nur eine Eingabe menſchlicher Leidenſchaften und ſinnlicher Begierden iſt, wenn das fromme Flehen, ſtatt Seelenheil zu begehren, der himmliſchen Vorſehung nur irdiſche Intereſſen vorbringt, dann iſt der Kultus ſeiner Heiligkeit und Ehrwürdigkeit baar und iſt nur ein ſinnlicher Ausdruck, dem Herz und Seele gleich fremd ſind. Es i*ſt eine in den Scheine der Andacht verkleidete Gemeinheit und Niedrigkeit. f Wenn nun ſolche Weiſen, welche aus einem, der von dem Evangelium gelehrten Liebe entgegenſtrebenden Egoismus entſpringen, durch ihre Form ſelbſt, durch die ſinnlichen Ele⸗ mente, aus denen ſie hauptſächlich beſtehen, die Andacht der Seele ſtören und zerſtreuen, muß man dann nicht behaupten, daß die Huldigung eine Läſterung werde und die Verehrung nur ein Götzendienſt, den man ſeinen eigenen niederen Leiden⸗ ſchaften und Begierden zolle? 4 Und ſo iſt in der That der Hauptcharakter des Marien⸗ . dienſtes in Rom. Die Zahl der Bildniſſe der Mutter Chriſti geht ins Unendliche; wem wäre es unbekannt, mit welchen Reizen und Schönheiten unſterbliche Pinſel ſie malten! Die Phantaſie der berühmteſten Künſtler idealiſirte die vollkom⸗ menſten Vorbilder der Schöpfung, um das göttliche Gebilde 92 zu erreichen, welches in ihren Träumen lebte. Ihre Schöpfun⸗ gen ragen an das Himmliſche, allein der gemeine Blick ſieht in dieſen Werken nur hinreißende ſinnliche Schönheit, der profane Gedanke reißt die Empfindung aus ihrer Heilig⸗ keit herab und die Wolluſt thront über eine allzu ſchwache Frömmigkeit. Ein Dichter, welcher den Lebenslauf eines Mönchs be⸗ ſchrieben, läßt, wie er den Mann Gottes verderben will, in die Zelle deſſelben den Geiſt der Unreinheit treten, der ſeine häßlichen Züge unter dem reizenden Antlitze einer Madonna verſteckt hat. Dieſer Zug verdeutlicht unſern Gedanken und enthebt uns einer weitern Ausführung deſſelben. In Rom iſt die Madonna allenthalben, in und außer den Kirchen; ſie wohnt im Pallaſte des Reichen wie unter dem ſchlechten Dache des Armen. Ihr Bild, vor dem Lampen und Kerzen brannten, war früher die einzige Beleuchtung der Städte; jetzt trifft man's an allen Straßenecken, an den ärmſten Hütten wie an den prächtigſten Gebäuden. In den Höfen und Gängen, in Herbergen und Kneipen, in Ställen, auf Wegen und Straßen, am Eingange der Dörfer, allent⸗ halben findet man die Madonna. Dreimal alle vierund⸗ zwanzig Stunden werden die Gläubigen durch das Zeichen der Glocke an den engliſchen Gruß erinnert. Alles ſtellt ſich unter den Schirm der Maria, keine Arbeit, kein Unternehmen, kein Beginnen, das nicht den Auſpicien Mariens be⸗ fohlen würde. Die Benennungen, unter denen ſie angerufen 93 wird, ſind unendlich; die Eigenſchaften, welche ihr beigelegt werden, ſind ohne Zahl und umfaſſen alle Ereigniſſe des Lebens. Man weiht der Maria das unſchuldige Kindlein, und die Jugend hat eine beſondere Vorliebe für Maria. Ihr vertrauet ſie als eine Mutter ihre Nöthen und iſt überzeugt, daß dies Herz, welches ſo viel gelitten, ſie verſteht. Zu ihr wendet ſich das reifere Alter in ſeinen Enttäuſchungen, an an ihren Altären erfleht das Alter Stärke für Seele und Leib, die Wankenden aufrecht zu erhalten; jeden Tag betet jung und alt um ihren Beiſtand in der Stunde des Todes. Maria wird die Zuflucht der Sünder und die Tröſterin der Betrübten geheißen und in der That bezogen ſich die Worte: „Sei gegrüßt, Maria, voller Gnaden,“ die der Abgeſandte des Herrn zu ihr ſprach, nicht blos auf ihre Schönheit, ſon⸗ dern auch auf ihre unermeßliche Herzensgüte.* So iſt Maria der urſprünglichen Bedeutung nach als eine Vermittlerin zwiſchen Himmel und Erde, zwiſchen die Sünde und ihre Strafe geſtellt, in himmliſcher Milde, mit erquickendem Troſte.— Aber in Rom und ſonſt ſo vielen Orten fleht man zur Maria, daß ſie die Habſucht, den Ehrgeiz, Neid, Haß, Rache und alle ſchlimmen Leidenſchaften und Thorheiten begünſtige. Empfiehlt nicht der Bravo Italiens und Spaniens ſein Mord⸗ und Räuberhandwerk dem Schutze der Madonna? Glaubt nicht die ſchamloſe Dirne Roms ein Uebriges gethan zu haben, wenn ſie das Bild der Jungfrau in ihrem Wolluſtzimmer ſchmückt. Hängt nicht an demſelben Gürtel, wo des Meuchel⸗ mörders Dolch und Stilett ſteckt, der Roſenkranz? Und ſind nicht an ſeinen Hut geweihete Medaillen geheftet? Ruht nicht das Skapulier auf der Bruſt, in der das Verbrechen lodert? Der Mariendienſt wird in Rom von einem unwiſſenden, blinden Aberglauben im Sinne Ludwigs des Elften ge⸗ nommen, deſſen finſtre Grauſamkeit ſeine Meineide und blu⸗ tigen Frevel unter den Schutz aller bekannten und unbekannten Jungfrauen ſtellte.. Durch ſolche Läſterung wird die zarteſte Andacht von der unwiſſenden Frömmelei des römiſchen Volks ins Gemeine hinabgezogen. Von der Madonna verlangt es glücklichen Erfolg aller boshaften Wünſche, die Geiz, Leidenſchaft und ſinnliche Luſt ihm einflößen; in ſein Gebet mengt ſich die üppigſte Phantaſie und alle launiſchen Begierden eines entarteten, eigennützigen Gemüths. Man würde kaum einem vertrauten Menſchen alle die Anforderungen offenbaren, welche hier Unverſchämt⸗ heit und gemeiner Sinn der Fürſprache der Mutter Chriſti vortragen. Waäre es unſre Abſicht, dieſe beklagenswerthen Zuſtände des katholiſchen Klerus bis auf die Tiefe zu entſchleiern, wahrlich, es fehlte uns nicht an ſkandalöſen Aktenſtücken. Wir wollen ſogar einmal annehmen, daß die Kirche an der⸗ gleichen Verirrungen keinen ſchuldigen Antheil hat; es bleibt doch immer die Frage: was thut ſie denn, um denſelben ab⸗ Zuhelfen? Hat ſie nicht im Gegentheile durch ihr Benehmen den Aberglauben ermuthigt, welcher die Gemüther einer durch 95 ſolche Gebräuche entkräfteten, verkommenen Menge, unter ihre Herrſchaft ſtellt? War etwa durch genaue Erwägung der Keim dieſes Aberglaubens nicht zu entdeckene Und wenn wir den Einfluß, die Gewalt und den Gewinn betrachten, welche dem Klerus durch Zeremonien und Feierlichkeiten, welche den Mariendienſt ſo ſehr entarten ließen, zufloſſen, ſollte man da nicht glauben, daß Intereſſe dieſe Begünſtigung hervorgerufen habe? Wir haben ſchon erwähnt, daß die Madonnenfeſte in Rom ſehr zahlreich ſind: mit beſonderm Glanze aber werden Mariä Verkündigung und Geburt, ſo wie die Auguſt⸗ und September⸗Marientage gefeiert. An dieſen Tagen werden reichgeſchmückte Marienbilder mit aller Pracht aufgeſtellt und die Kirchen haben eigens für die Marienfeſte gewählte Orche⸗ ſter und— fortwährende Kollekten. 3 Noemi war bei ihrem empfänglichen, ſinnigen Gemüthe anfangs ganz hingeriſſen von dem Mariendienſte, der dem geheimen myſtiſchen Hange der Frauen ſo wohl zuſagt und der Eitelkeit ihres Geſchlechts ſchmeichelt. Allein der An⸗ blick dieſes gemeinſinnlichen, unwürdigen Kultus, dieſer plum⸗ pen Verehrung ſchreckte ſie davon zurück. Eines Tags bemerkte ſie bei einem Ausfluge außerhalb der Mauern Roms, daß der Kutſcher alle Madonnenbilder, an denen der Wagen vorüber kam, grüßte, während er den Kreuzen und anderen Bildniſſen, und wäre es das des Herr⸗ gotts ſelbſt geweſen, gar keine Aufmerkſamkeit ſchenkte. 96 — Gactano, fragte ſie ihn, weshalb grüßeſt Du nur die Madonnen? — Weil die ein Weib iſt, verſetzte er, die Anderen aber und Gott ſelbſt ſind nur Männer. Dieſer Zug charakteriſirt mit ſchlagender Wahrheit die Armſeligkeit der römiſchen Frömmigkeit. Die junge Jüdin wäre vielleicht mit dem Mariendienſte zerfallen, wenn nicht ein unvorhergeſehener Umſtand ihre Neigung für dieſes ihr zuſagende Dogma, wobei jedoch ihrem Glauben nichts mit ihrem Hange gemein war, ent⸗ flammt hätte. Man kehrte nach Rom zurück; die letzten Strahlen der Abendſonne waren eben verglommen und die Dunkelheit be⸗ gann ihren Gang über die Gefilde. Beim Eingange eines 4 Dorfes, dem die Kaleſche ſich nahete, ertönte ein Geſang, deſſen Weiſen von einer reinen, kräftigen Harmonie, den Tönen einer Aeolsharfe vergleichbar, emporgetragen wurden⸗ Die Stimmen ſangen allein ohne Begleitung eines Inſtru⸗ ments. Zwei Chöre ſangen abwechſelnd, deren einer mit ſeinen hellen, feinen Stimmen aus Kindern, Mädchen und Frauen zu beſtehen ſchien, wogegen der andere, tiefere aus Männerſtimmen zuſammengeſetzt war. Je näher ſie kamen, deſto deutlicher konnten ſie die Töne unterſcheiden, doch blieb in denſelben der unverminderte Zauber reizender Milde und ſüßer Sehnſucht. Bei einer Biegung der Straße gewahrte Noemi eine ☛4 Menge Landleute, welche andächtig zu den Füßen einer be⸗ . h 5 97 wachſenen Anhöhe hingekniet lagen; in dem Laubwerke war eine Niſche angebracht worin ſich eine Madonna befand. Es war Maimonat, wo ſich alle Abende die italieniſchen Land⸗ leute um das Bildniß der Maria ſchaaren, um die Litaneien derſelben abzuſingen. Der Geſang hat etwas unbeſchreiblich Ergreifendes und Angenehmes, ſein zarter Ausdruck ergreift das Herz mit wunderbarer Regung. Noemi konnte ſich eines unerklärlichen Gefühls nicht er— wehren; ſie ſprang aus dem Wagen, warf ſich in den Staub nieder und vereinte ihre Stimme mit den Chören der Kinder, Mädchen und Frauen. 3 Noch keine prachtvolle Feierlichkeit Roms hatte in ihr eine ſolche Hingeriſſenheit erzeugt. Das erſte chriſtliche Ge⸗ fühl drang in ihr Herz, der Keim des Katholizismus war in den Buſen der Jüdin gelegt; vielleicht wird die Zukunft ihn ent⸗ wickeln. 8 Ein einziges Körnlein, das auf gute Erde fällt, kann reiche Frucht bringen. Bei jedem Schritte in Rom bot ſich Noemi's Blicken neuer Aberglauben dar. Sie konnte ſich den wunderlichen Abſtand zwiſchen einer urſprünglich ſo großen, erhabenen Religion und einem Glauben, der ſo unendlich tief ſank, je mehr die Zeit ihn von ſeinem Urbeginne entfernte, nicht er⸗ klären. Es ſchien ihr, als exiſtirten zwei Religionen, die Chriſti und die der Päpſte. Dieſe Wahrnehmung fand täglich eine neue Veranlaſ⸗ ſung zu befremdendem Verwundern. II. 7 98 Zu den Füßen der Stufen des Kapitols ſah ſie an dem Eingange einer Kirche, welche auf dem Bereiche des Tempels des Jupiter Capitolinus erbauet iſt, eine ungemeine Volksmenge ſich unter widerlichen Andachtsgebehrden drän⸗ gen, um den Segen eines Idols zu empfangen, welches ein Prieſter darzeigte. Die ganze Menge lag vor einer Puppe niedergeſtreckt, welche der römiſche Klerus zum Heiligthume erhoben hatte. Es war der ſantiſſim bambino! Die Kirche Ara-Coeli liegt auf dem nördlichen Hügel, ſie iſt 1348 von Lorenzo Simone Andreozzi erbauet und 1564 wiederhergeſtellt. Viele Kunſtgegenſtände befinden ſich in ihr; hundert und vierundzwanzig antike Marmorſtufen führen hinauf. Von dieſer Höhe herab zeigt ein Prieſter in Chorman⸗ tel, unter einem Himmel und umgeben von vielen Prieſtern, dem anweſenden Volke den ſantiſſims bambino mit hochaus⸗ geſtreckten Armen, indeß die Menge auf den Treppenſtufen und dem Platze anbetend ausgeſtreckt liegt. Am Feſte der heiligen drei Könige geſchieht dieſe Ausſtellung. Der ſan- tiſſim bambina iſt eine Puppe, die das heilige Kind vor⸗ ſtellen ſoll. Das heidniſche Spielzeug iſt von einem mit Edelſteinen bedeckten Mantel umgeben und trägt eine goldene Krone auf dem Haupte. Beim Anblicke des Bildniſſes küſ⸗ ſen die Römer die Erde, ſchlagen an die Bruſt, heben Seuf⸗ zerrufe und vergießen Thränen. Der ſantiſſimo bambino iſt von Weihnachten an in ei⸗ — 99 ner Krippe ausgeſtellt, welche die Bildniſſe des Kaiſers Au⸗ guſtus und der eumäiſchen Sibylle trägt. Dieſes ſonderbare, auffällige Zuſammenſtellen iſt wohl ſchwerlich zu erklären. Man hat behauptet, daß die Sibylle in einer Zeit der Unwiſſenheit wegen ihrer Prophezeiung über den Meſſias hier einen Platz bekam. Heutzutage aber iſt es eine ausge⸗ machte Sache, daß die fragliche Prophezeiung in den ſibylli⸗ niſchen Verſen untergeſchoben iſt und zwar zu Ende des er⸗ ſten und zu Anfang des zweiten Jahrhunderts der chriſtli⸗ chen Zeitrechnung⸗ Dann die Anweſenheit des Kaiſers⸗Auguſtus, iſt dieſe nicht vollkommen widerſinnig? Der ſantiſſimo bambino hat ſehr einträgliche Eigen⸗ ſchaften. Außer den Almoſen, die er aufbringt, werden reiche Kranke in Wagen zu ihm hergeſchafft, die den Beſuch ſehr theuer bezahlen müſſen. Es iſt alſo eins der koſtbarſten Spiel⸗ zeuge des römiſchen Klerus. Nächſt dem bambins i*ſt die ſcala ſanta nicht minder lä— cherlich und ſonderbar. Die ſrala ſanta ſteht bei den Römern in höchſter Ver⸗ ehrung, denn es knüpft ſich der Glaube daran, daß dies die Stufen der Treppe ſeien, welche ehemals zu dem Prätorium (Gerichtshofe) führten, und Jeſus auf ihnen zu Pilatus hin⸗ aufgeſtiegen ſei. Helene, die Mutter Conſtantins, ſoll ſie von Jeruſalem nach Rom haben bringen laſſen. Obgleich die Kirche wußte, daß dies ein falſcher Wahn, ſo ließ ſie den⸗ 7* ſelben doch gewähren, denn er zog Pilger heran, deren Be⸗ ſuche immer reich an frommen Gaben waren. Die Stufen der ſcala ſanta werden nur auf den Knieen erklommen. Das fortwährende Rutſchen auf denſelben hat ſie ſo abgenutzt, daß ſie mit neuen Brettern bedeckt ſind, um eine gänzliche Ab⸗ nutzung zu verhüten. Die ſcala ſanta läuft in eine Kapelle aus, wo ſich ein Jeſusbild von byzantiniſcher Arbeit befindet, welches der Wuth des Bilderſturmes entgangen ſein ſoll. Das ſehr hohe Alter deſſelben iſt unbezweifelt, denn ſchon Innocenz III. ließ im zwölften Jahrhunderte einen ſilbernen Schrank für daſſelbe machen, welcher ſich für gewöhnlich nur den Blicken des Papſtes, der Kardinäle und der hohen Geiſtlichkeit öffnet. Hinter der Kapelle befindet ſich eine Thüre in der Mauer, welche zu einem kleinen Gemache führt, das ſanctus ſancto⸗ tum heißt und Niemandem zugänglich iſt. Ueber demſelben liegt ein tiefes Geheimniß, welches zu allen Zeiten der Einbildungskraft der Römer den reichſten Stoff geliefert hat. Die fabelhafteſten Gerüchte und wunder⸗ lichſten Erzählungen exiſtirten über dies Geheimniß, um welches ſich heutzutage niemand mehr kümmert. Die Wahr⸗ ſcheinlichkeit iſt, daß der Ort nur eine Schatzkammer war, deſſen Inhalt Rom in Zeiten des Mangels verbraucht hat. Mehrere Male ſind Engländer zum großen Aergerniß der Römer die ſrala ſanta hinangeſtiegen, ja man ſagt, daß einer dieſer ketzeriſchen Gentlemen zu Pferde habe die Stufen hinaufdringen wollen, woran jedoch die Drohungen des laut ausbrechenden Volkswillens ihn gehindert. Noemi konnte es nicht dahin bringen, bei dergleichen abergläubiſchem Treiben ernſthaft zu bleiben und das in ihr aufbrechende Gelächter gänzlich zu unterdrücken. Eines Tags, als ſie in das Zimmer trat, welches ſie bei der Signora Naldi bewohnte, fand die Jüdin in dem Gemache einen katholiſchen Prieſter im Chorrocke und neben ihm einen Chorknaben, welcher Weihwaſſer trug. Der Geiſt⸗ liche benetzte alle Möbeln mit ſeinem Weihwedel. Noemi wurde beſtürzt, ſie dachte nicht anders, als daß die Inquiſi⸗ tion ihr einen Beſuch abſtatten wolle, und ſah ſich im Geiſte angeſichts der ſo oft angedrohten Gefahren. Zu ihrer großen Beruhigung hörte ſie indeß, daß es ſich nur um eine allgemeine, jährlich ſtattfindende Hausweihe handelt, womit man das ganze Haus vom Keller bis zum Dache reinige. Jedes, ſelbſt die geheimſten Gemächer wur⸗ den durchwandert und für jeden Ort eine beſondere, der Be⸗ ſtimmung deſſelben angemeſſene Formel abgeleiert. Auch die Möbeln und alle Haushaltsgeräthe wurden eben ſo geweiht. Der mit dieſen Verrichtungen beauftragte Prieſter macht da⸗ mit zugleich ein Almoſenſammeln ab und empfängt Geld oder andere Gaben. Nicht weit von der größeren Marienkirche entfernt iſt die St. Antoniuskirche. Dieſelbe wurde 1095 bei Gelegen⸗ heit der Befreiung Heinrichs IV. vom Banne erbauet. Ein⸗ mal jährlich, am Feſttage des Heiligen, ſchicken Papſt, Kar⸗ 102 dinäle, Fürſten und Prälaten ihre Pferde, Maulthiere und Mauleſel hierher, um ſie einweihen zu laſſen. Auch Privat⸗ perſonen und Landleute bringen zu demſelben Zwecke ihre Pferde her, welche mit Blumen und Bändern geſchmückt werden. Ein Prieſter im Ornat ſteht in einer Niſche, wohin er durch eine Seitenthür gelangt, und beſprengt die Thiere, Knechte, Sattelzeuge und Geſchirre mit Weihwaſſer. Auf einem Tiſche ſteht die Büſte des Heiligen in buntem Schmuck, auf der Schulter ein rothes Kreuz, welches man den Gläu⸗ bigen küſſen läßt. Ein Chorknabe hält ein Becken für ein⸗ zureichende Gaben vor. Auf dem Lande begeht man dieſelben Förmlichkeiten für die Pferde, Maulthiere, Heerden, Hühnerhöfe, Taubenſtälle und alle Oertlichkeiten des Landwirthſchaftsweſens. Die Ein⸗ ſammlung von Gaben bildet beſtändig den Schluß der Ze⸗ remonie. Die vorzüglichſten Namen, unter denen Segnungen ſolcher Art vorgenommen werden, ſind die heilige Cäeilia, der heil. Antonius von Padua, welcher verlorene Gegen⸗ ſtände wiederfinden laſſen ſoll, der heil. Antonius der Ere⸗ mit, der heil. Nikolas von Tolentino, der heil. Philippus von Neri und der heil. Carolus Boromäus. In der katholiſchen Legende hat jeder und jede Heilige ſeine Attribute, die meiſtens ſehr gewöhnlich und oft ſogar ſehr gemein ſind; gleichwie im Heidenthume jeder Gott, jede Göttin und jegliche Halbgottheit irgend einem irdiſchem Dinge, ſelbſt menſchlichen Leidenſchaften und Laſtern vorſtand. 103³ Ein nicht geringer Uebelſtand dieſes lächerlichen Aber⸗ glaubens, mit denen, wie wir geſehen haben, das Ober⸗ haupt der Kirche und der hohe Klerus ſich verbunden und die das Volk in Dummheit und Leichtgläubigkeit erhalten, iſt, daß die Sorge für die Zukunft und die Bekümmerung um die Folgen durch die Sorgloſigkeit eines blinden Schick⸗ ſalsglaubens erſtickt wird, der einer übernatürlichen Fürſorge das überläßt, was die menſchliche Klugheit zu übernehmen verpflichtet iſt. Daraus entſpringt die dem römiſchen Volke eigene Stumpfheit, da man überzeugt iſt, daß alle Heiligen des Paradieſes beſchäftigt ſind, über die geringſten Einzel⸗ heiten des Lebens zu wachen. Wo einmal ein ſo verderblicher Aberglauben ſich Bahn gebrochen, rollt er unaufhaltſam bis zur äußerſten Tiefe der Finſterniß. Nirgends ſind die Gelübde ſo häufig, wie in Rom. Die Frauen niedern Standes ſetzen ſogar eine gewiſſe Koketterie darein, ſich mit den Zeichen einer derartigen geiſtigen Er⸗ niedrigung zu ſchmücken. Sie tragen an ihren Gürteln Bänder, deren Farbe das Gelübde anzeigt, deſſen Erfüllung ſie eben vorhaben. Weiß bedeutet, daß ſie ſich dem heiligen Vineenz gewidmet haben; roth weiht ſie Jeſus von Naza⸗ reth; blau iſt die Farbe der Jungfrau Maria; violett gehört der„ſchmerzensreichen Mutter“ anz ſchwarz iſt der heiligen Anna zu eigen, welche den Niederkünften vorſteht. Wenn reiche Perſonen ein Gelübde gethan haben, das ſie ſelbſt nicht zu erfüllen Luſt haben, ſo bezahlen ſie 104 irgend eine arme Frau, die dann für ſie die Farbe des Ge⸗ löbniſſes trägt. Die Gelübde ſind am allermeiſten rein weltlichen In⸗ tereſſes und perſönlichen Eigennutzes; ungemein ſelten gehen ſie aus wahrhaft religiöſem Beweggrunde hervor. Gemein⸗ lich handelt es ſich um Heilung von einer Krankheit, Erlan⸗ gung eines Begehrens, Beſeitigung von Hinderniſſen, die einem Vorhaben entgegenſtehen, oder einen leidenſchaftlichen Wunſch, als: ein Kind zu bekommen, glückliche Entbindung zu haben oder das große Loos in der Lotterie zu gewinnen. Um die Erfüllung zu erlangen, macht man das Gelübde, eine beſtimmte Zeit nicht ins Schauſpiel zu gehen, ſich von fleiſchlichen Werken zu enthalten, zu faſten und dreißig oder vierzig Male die ſcala ſanta auf den Knieen zu erklimmen. Die Er-voto, das heißt, die Denktäfelchen und Sinn⸗ zeichen, welche in den Kapellen der Maria und der Heiligen aufgehängt werden, ſind eine nothwendige Folge ſolchen groben Aberglaubens. Zur Weihnachtszeit kommen die Beichtenden und werfen ſich vor dem Beichtſtuhle zur Erde nieder. Der beichtige Prieſter berührt alsdann ihre Stirn mit einer langen Gerte; dieſer Schlag hat wunderbare Künſte. Er verleiht den Beichtenden einen vierzigtägigen Ablaß und Befreiung von allen Tod⸗ ſünden. Wenn der Groß⸗Pönitentarius die Gerte ſchwingt, ſo erſtreckt ſich der verliehene Ablaß auf hundert Tage. Noemi ſah alle dieſe Unwürdigkeiten von dem römiſchen Klerus gefördert, gehandhabt und genährt und die Schwäche 105 dabei ausgebeutet. Denn indem dieſelben den Geiſt beherr⸗ ſchen und umdunkeln, liefern ſie den habſüchtigen Prieſtern den Heller des Armen und den Schatz des Reichen in die Hände; ſie unterhalten die Furcht, welche zu Opfergaben be⸗ ſtimmt, gleichwie der Bandit durch Schrecken und Drohung die Börſe des Wandrers gewinnt. XIII. Eine Sendung. Eines Morgens empfing Noemi einen Brief, worin Ben Saul ihr anzeigte, daß er ſie zu ſehen wünſche, da er ihr wichtige Nachrichten mitzutheilen habe. 8 Das Mädchen folgte der Aufforderung und begab ſich allein nach dem Ghetto. Sie ging zu Fuß, eingehüllt in den langen Schleier, den die römiſchen Damen tragen. Der Greis war noch immer von ſeiner Traurigkeit befangen, die in ihm düſtere Ahnungen erzeugte. Er empfing Noemi gü⸗ tig, ohne ein Wort des Vorwurfs laut werden zu laſſen. — Ich habe, ſprach er, nicht das Recht, ein Benehmen zu tadeln, das Ihr Vater gut heißt. Trotz der Beſorgniß, welche mir Ihr Aufenthalt unter den Chriſten einflößt, achte ich die Meinung Ben Jakobs und vereine meine Bitten mit 106 den ſeinigen, der Gott Iſraels möge endlich ſeines Volks er⸗ barmend gedenken. Nach dieſer Einleitung— Ben Saul ſchien ſich den fle⸗ henden Anruf zur Eröffnung ſeiner Unterhaltung für alle Fälle zu eigen gemacht zu haben— ging man zu dem ernſten Gegenſtande der Unterredung über. Ein treuer Bote war von Ben Jakob angekommen und hatte den Juden Roms Troſt und Muth eingeflößt. Die ganze iſraelitiſche Nation in allen Staaten Europas ſchien es auf das Ernſtlichſte zu ihrer Aufgabe zu machen, die Lage der Glaubensgenoſſen in dem römiſchen Gebiete zu verbeſſern. Eine getroffene Maßregel ſollte den Beſtrebungen Nachdruck verſchaffen. Zu dem Einfluſſe, den die Juden durch ihr Ver⸗ mögen beſaßen, wollte man eine andere Macht geſellen, die der Intelligenz. Mehrere Iſraeliten hatten bereits in den Wiſſenſchaften und Künſten einen bedeutenden Ruf in En⸗ ropa erhalten, ihre Leiſtungen wieſen ihnen eine hohe Stelle in der öffentlichen Meinung an, und mit dieſem Ruhme hatte die moraliſche Wiedererhebung des jüdiſchen Volks be⸗ gonnen. Der Fortſchrittsverſuch ſollte in allen nützlichen und bedeutenden Gebieten weitergeführt werden, damit die Juden auch in allen übrigen Staaten die politiſchen und bürgerlichen Vortheile, welche Frankreich ihnen ertheilt, gewinnen möchten. Um in der angegebenen Bewegung zu erfreulichem Ziele zu gelangen, ſtellte ſich die Nothwendigkeit heraus, alle Ele⸗ mente einer genügenden, umfaſſenden Wiſſenſchaft ſich zu eigen zu machen. — —,j 107 Vorzugsweiſe war daran gelegen, über Rom und ſeine moraliſche, politiſche und religiöſe Organiſation ausreichende und zuverläſſige Nachrichten zu haben. Ben Jakob war ſo glücklich geweſen, dieſen Auftrag ſeiner vielgeliebten Tochter überweiſen zu dürfen. Sie mußte ihr Auftreten mit tiefem, unverbrüchlichem Geheimniß umſchleiern, damit niemand das Ziel gewahre, auf welches ſie zuſchreite. Indem Noemi zur Befreiung des Volks Gottes vom Joche der Chriſten arbeitete, konnte ſie ihren Handlungen eine weitere Ausdehnung geben, da die Vorſchriften des Geſetzes in den Fällen, wo es ſich um das Intereſſe der iſraelitiſchen Gemeinde handelt, außer Kraft treten. Dieſe Lehre, welche der Talmud aufſtellte, haben ſich die Jeſuiten gleichfalls angeeignet. Die zu ihrem Beginnen nothwendigen Summen wur⸗ den ihr zur Verfügung geſtellt, wo ſie immer Gebrauch da⸗ von machen wolle. Mit einem Worte, um eine allgemeine, genaue Beob⸗ achtung alles deſſen, was ſich der Mühe verlohnte zu er⸗ fahren, anſtellen zu können, wurde ihr unbeſchränkte Voll⸗ macht ertheilt. Ben Saul händigte ihr die Anweiſungen, welche Ben Jakob für ſie überſandt hatte, ſo wie alle hierauf Bezug ha⸗ benden Papiere ein; ſämmtliche waren in hebräiſcher Sprache abgefaßt und mit den Schriften derſelben geſchrieben. 108 . Ihre Obliegenheit war, auf jede Art und Weiſe in das Herz der römiſchen Welt einzudringen und ſich mit den Ge⸗ wohnheiten des Volkslebens, dem Treiben des Vaticans und den Geheimniſſen der Kirche, des Klerus und der Heerſchaa⸗ ren der geiſtlichen Orden bekannt zu machen. Durch einen eigenthümlichen Trieb war Noemi bereits in dieſer jetzt ihr zugewieſenen Bahn begriffen und ſie hegte die feſteſte eberzeugung, daß ſie für die Zukunft ihres Stamms arbeite, ohne jedoch den Glauben zu theilen, daß dieſe gehoffte Zukunft ſo nahe ſei. Wir haben geſehen, auf welche Weiſe ihre eigenen Anſichten ſie in die eingeſchlagene Richtung geführt. Ben Jakob befahl durch Ben Sauls Mund ſeiner Toch⸗ ter an, ſich gänzlich der Angelegenheit ihres Volks zu wid⸗ menz er forderte von ihr eine unbegrenzte Aufopferung und ſtellte für dieſelbe nur eine doppelte Grenze feſt, die Bewah⸗ rung der Familienehre und des Glaubens ihrer Väter. Dieſe letztre Bedingung erzeugten in Noemis Bruſt eine Verwirrung, von der ſie ſich keine Rechenſchaft zu geben vermochte; ſie fragte ſich, ob nicht dieſe beiden Vorſchriften ihren Neigungen entgegentreten könnten, ohne daß ſie eine beſtimmte Erklärung für ſich ſelbſt gefunden hätte. Die angeborene Hinneigung zur Liſt, welche allen Wei⸗ bern eigen iſt, ſelbſt denen, die ſich durchaus von Schlauheit und Kunſtgriffen entfernt glauben, gab der Jüdin ein, ſich der Signora Naldi wieder zu nähern. Die letzten Vorfälle hatten ſie freilich von ihr abgeſtoßen, allein jetzt that ſie, als 109 ſuche ſie dieſelbe mit dem größten Eifer; denn auf ſolche Weiſe nur konnte ſie den Argwohn und die ſie umlauernden Späherblicke täuſchen. Bevor Noemi indeſſen Ihre Wanderung in das ſich vor ihr eröffnende Feld antrat, berichtete ſie in einem Briefe an Ben Jakob das Reſultat ihrer erſten Beobachtungen. XIV. Der Zericht. Schreiben Noemi's an Ben Jabob. Rom.... Mein Vater! Der Segen des Gottes Abrahams, Iſaaks und Jakobs ſei mit Dir! Ich habe Deine Abſichten vernommen und es mir augenblicklich als Pflicht auferlegt, denſelben nach mei⸗ nen Kräften beizuſtehen und Deinem Willen zu gehorchen. Gott hatte mich belehrt, ehe Ben Saul noch mir Deine Befehle mittheilte. Ich wußte, was Du eines Tages von mir verlangen würdeſt, und weihe mich von der Stunde Dei⸗ ner Abreiſe an, Dir in Treue zu dienen. Du weißt, wie feſt mich die weiſen Lehren, die ich von Dir empfangen, an die göttlichen Gebete und den Glauben unſrer Väter gekettet haben. Mein Leben iſt nicht mein Eigenthum; wie das des Sohnes, der ſeinem Vater auf's Gebirge folgte, gehört es Gott an und Dir. Verfüge über das Daſein, welches Du mir gegeben haſt. Ben Saul hat mir angerathen, Dir zu ſchreiben. Die Beobachtungen, welche ich aus eigenem Antriebe und für mich ſelber geſammelt hatte, ſchienen ihm bedeutend genug, ſie Dir mitzutheilen. Ich wäre nie ſo ſtolz geweſen, ihnen dieſen Werth beizumeſſen; allein indem ich Ben Saul gehorchte, glaubte ich Dir ſelber zu gehorchen. Jeden Abend, nachdem ich die vorgeſchriebene Hände⸗ waſchung vorgenommen, reinigte ich, ehe ich meine Seele zum Ewigen erhob, auch meine Seele, wie ich den Leib ge⸗ reinigt hatte. Ich wies jegliche Erinnerung an die Augen⸗ blicke, welche ich inmitten der Feinde unſers Geſetzes ver⸗ bracht, von mir, ohne aber mit derſelben die erworbene Kenntniß zu verſcheuchen. Als Ben Saul mir Deine Ah⸗ ſicht mittheilte, fühlte ich mich glücklich, daß mein Gehorſam Deinen Wünſchen zuvorgeeilt war. Die Bemerkungen jeden Tags habe ich geprüft und für Dich aufgezeichnet, was mir der Beobachtung würdig er⸗ ſchien. Lies dieſe Bläter mit Nachſicht, Vater! ſie ſind nicht von Stolz und Eitelkeit eingegeben, ſondern von frommer, kindlicher Demuth. Und nun möge der Gott des Moſes ſeine Hände aus⸗ breiten über Dich, um Dir den Sieg zu verleihen, und ſich 111 des Volks erinnern, daß er ſich als das geliebteſte vor allen auserwählt! 1. Der Bericht Noemi’s“). ) Die Italiener Rom's. Als ich in Rom eintraf, war ich von dem Gedanken der alten Größe ganz ergriffen und ſuchte die Spuren jener ſtolzen Römer, deren ſiegreiche Waffen Judäa unterworfen, in ihren Abkömmlingen zu entdecken. Dieſe Hoffnung wurde bald zur Enttäuſchung; und als ich darüber eine ſchmerz⸗ liche Verwunderung äußerte, machte man mir bemerklich, daß es keine Römer, deren Spuren und Züge ſich von Geſchlecht zu Geſchlecht verloren, ſondern nur Italiener in Rom gäbe. Ich kann nicht ſagen, wie ſehr dieſer bekannte Ausdruck dazu beitrug, meine Wahrnehmung zu erleichtern, zu berichti⸗ gen und mir augenblicklich den rechten Standpunkt anzu⸗ deuten, auf den ich mich zu ſtellen hatte. Dies iſt auch der Grund, weshalb ich dieſen Theil meiner Aufzeichnungen ſo überſchrieben habe. Es gibt Italiener in Rom wie in Venedig und ande⸗ ren Städten Italiens, doch ſind ſie mir weniger rachſüchtig *) Dieſe Zeilen ſind in Wirklichkeit das Ergebniß der Beobach⸗ tung einer jungen Jüdin während ihres Aufenthalts in Rom, und wir haben ſo viel als möglich die Eigenthümlichkeit dieſer Eindrücke zu bewahren geſucht. vorgekommen und weit weniger zu Mord und Meuchelei ge⸗ neigt, als anderswo. Am meiſten wurde ich von den unaus⸗ geſetzten Gaukel⸗ und Zerrbildern betroffen, welche unter der Völkerſchaft herrſchen. Es gibt keinen Ort, wo nicht der⸗ gleichen ſtattfänden. Die religiöſen Zeremonien nehmen kein Ende und ſehr viele Zeichen gaben mir zu erkennen, daß Be⸗ trügerei und ſchmähliche Widerrechtlichkeiten bei den Schau⸗ geprängen im Spiele ſind. Die Trägheit und Erſtarrung des Volks nahmen mich nicht minder Wunder. Die Mehrzahl weiß nicht, was es bedeutet, ſich mit irgend etwas Nützlichem beſchäftigen. Sie ſtehen vor Tage auf und gehen bis zum Morgen ſpazieren, worauf ſie das Bett wieder aufſuchen. Nach Tiſch ſchlafen ſie, bis die Sonnenhitze vorüber iſt. Spaziergang und Nacht⸗ eſſen füllen den Abend aus und nehmen den Reſt des Tags bis zur Nacht vollends hinweg. Ich kenne keinen Ort, wo ſo zahlloſe Neuigkeiten im Gange wären, als Rom. Die Urſache mag in den Fremden liegen, welche hier zuſammenſtrömen. Die Gerüchte unter⸗ halten die träge Muße der neugierigen, geſchwätzigen Menge. Bei meiner Annäherung an Rom bemerkte ich vor dem⸗ ſelben prächtige Paläſte, reiche Villen und ſtattliche Häuſer, welche ſich inmitten großer Gärten befanden, von denen ich mehrere beſuchte und ſehr ſchön fand. Die Gebäude alle aber beurkundeten einen verſchwundenen Glanz und verfallene Macht, und trugen die Anzeichen gegenwärtiger Schwäche zur Schau. 113 Dies war für mich das erſte Merkmal einer Geſunken⸗ heit, deren ganzen Umfang ich jetzt kennen gelernt. Rom iſt die Stadt ſchreiender Gegenſätze. Ich habe auf dem Corſo Prozeſſionen von Büßenden mit dem Gewoge von Masken zuſammen geſehen; es hat Päpſte gegeben, welche jedes Vergnügen verbieten wollten, und wieder an— dere, die zu kurze Carnevale durch erlaſſene Bullen verlän⸗ gerten. Hat doch der heil. Ambroſius, der fromme Erzbi⸗ ſchof von Mailand, ſeiner Metropolitanſtadt den Carnavnlone gegeben, deſſen wildes Treiben die drei erſten Tage der Fa⸗ ſtenzeit tobt. Während die Maskeraden im Corſo und Coliſeum ſich bewegen, ertönt die Via Cruce von Gebeten und Seufzern. Man hatte mir viel Rühmens von den Sammlungen in den Villen und Luſtſchlöſern um Rom gemacht; ich fand in faſt allen dieſen Sammlungen wirre Aufgehäuftheit und eine Ueberladenheit, deren Anblick ermüdet und mehr den Stolz als Geſchmack an den Tag legt. Das römiſche Volk hat übrigens nichts mehr von dem Blute ſeiner Vorfahren. Als das Papſtthum nach ſeiner Ueberſiedelung nach Frankreich den Vatican wieder in Beſitz nahm, ſtrömte mit den Päpſten eine Unzahl von Leuten aus allen Gegenden Europas in die ſogenannte heilige Stadt, daß die römiſche Nationalität unter der fremden Maſſe ſchnell erſtickte, und man faſt ſagen könnte, die Fremden bildeten die Regel in Rom und die Eingebornen die Ausnahme. 1l. 8 Und dieſe Italiener in Rom habe ich nie Energie ent⸗ falten ſehen, als in der Hitze ihres abergläubiſchen oder from⸗ men Eifers. Unfähig, ſich für eine edle Sache zu erheben, haben ſie ſtets den ſtärkſten, beſtändig wachen Hang für ſinn⸗ lichen Genuß. Um ihre Weichlichkeit und Verdorbenheit recht zu würdigen, muß man ſie, wie ich es gethan, an alle der Menge zugänglichen Orte verfolgen. Da ſieht man deut⸗ lich, wie niedrig der Hang des Volks iſt und wie Gemein⸗ heit ſo häufig den Kunſtſinn, welcher in dem italieniſchen Charakter vorherrſcht, erſtickt. Zu Teſtaccio und in den Oſterien von Transtevere, wo der Italiener von Rom ſich in ungemeſſenem Grade dem Weine hingibt, und der Trunkenheit, dem Spiele und Tanze huldigt, vergißt er alles; ſelbſt die Madonna, für die er am Morgen nöoch eine ſo überſchwängliche Verehrung bezeigte, gilt ihm am Abend bei ſeiner hübſchen Geliebten und der üppi⸗ gen leichten Tänzerin nichts. In der Villa Pamphili, welche ihre Fluren und Wäl⸗ der dem Volke zu den Herbſtfeſten öffnen, in der Ville Bor⸗ gheſe, deren reizende Luſtgänge eine reiche, fröhliche Menge heranziehn, zeigt ſich bei allen Klaſſen, in den prächtigen Equipagen, bei den Kavalieren und unter den Fußgängern die Heftigkeit, der Stolz und die Anmaßung des Charakters der Italiener von Rom. Auf der Villa Borgheſe, an den Oktober⸗ und Novem⸗ berabenden, wird der Saltarello getanzt, deſſen Weiſen über⸗ 3 115 lieferte ſcheinen, die in gerader Linie von Etrurien und Kam⸗ panien herſtammen. Der Saltarello iſt weniger Tanz als gemeſſene Bewe⸗ gung; er wird zum Schalle des Tamburins ausgeführt. Im Kreiſe umringender Zuſchauer ſtellen ſich zwei Tän⸗ zerpaare auf. Sie ſpringen und ſchwingen ſich ohne regel⸗ mäßige Schritte auszuführen oder ſich an eine Ordnung und Figur zu halten. Sie ſchreiten vor und treten zurück, bald ſich neigend, bald ſich windend, und machen Bewegungen, welche an den ſpaniſchen Fandango erinnern und nicht ohne Aumuth ſind, dann drehen ſie in raſchem Schwunge mit großer Schnelligkeit ſich um einander bis zu ſchwindelndem Wirbel. Sie bleiben ſtehen, die Tänzerin ſtellt ſich mit plötz⸗ lichem Halt auf den linken Fuß, die Füße in ſchwebender Stellung, die Arme ausgebreitet, doch ſo, daß die entſpre⸗ chende Hand tiefer liegt als der dem Tänzer zugekehrte Eln⸗ bogen; eine Stellung, wie ich ſie in antiken Gemälden und auf etruriſchen Vaſen bemerkt habe. Der Saltarello iſt nicht blos eine Leidenſchaft der Ju⸗ gend; manche reifere Frau beluſtigt ſich an dieſem, den Ita⸗ lienern in Rom ſo lieben Nationaltanze. An dieſe Luſt grenzen die Burattini; hier zeigt ſich der Italiener in Rom in der ganzen Tiefe ſeiner Erniedrigung⸗ Der entartete Sprößling jenes alten Stamms, welchem die blutigen Schauſpiele des Cireus und die Gladiatorenkämpfe auf Leben und Tod zur Erheiterung dienten, kennt nicht mehr ſolche ſchreckliche Regungen; er vergnügt ſich an den 8* Poſſen der Patrinella und Caſſandrino: einen ſtärkern Reiz können ſeine verweichlichten Nerven nicht ertragen, er iſt nur ein Kind, das Erheiterung bedarf. 5 Im Erdgeſchoß des Palaſtes Fiano ſammelt ſich die ſchauluſtige Menge zu den Spielen dieſer Marionetten, die übrigens ganz luſtig ſind. Der Charakter dieſer kleinen Bühne iſt durchaus im Geſchmacke der Luſtſpiele eines griechiſchen Dichters, den mein gelehrter Freund, Dom Salvi, Ariſto⸗ phanes nennt. Man ſpottet über die Bürger, den niedern Adel und die Schlauheit der Landleute mit dem Anſtriche gutmüthiger Laune. Caſſandrino, die Hauptperſon, trägt alle Eigenheiten eines Italieners von Rom zur Schau; bald iſt er auf die Muſik vernarrt, er verlangt, daß man ſein mit⸗ telmäßiges Talent und ſeine ſchlechte Stimme bewundere; bald bläht er ſich als reichgewordener Bürger grob und un⸗ verſchämt, und zeigt ſtatt des Geiſtes nur eine gewiſſe Abge⸗ feimtheit; wo es ſich um ſeine Intereſſen handelt, ſieht man ihn von Verwandten und Geliebten hinter's Licht geführt. Verheirathet er ſich, freiet er irgend eine hübſche Bäuerin oder eine liebenswürdige Jungfer, die mit ſeinem Alter gar übel zuſammenpaßt, ſo umgarnen ihn unabläſſige Haus⸗ plackereien. Die Burattini geben jeden Abend mehrere Vorſtellun⸗ gen, welche ſtark beſucht werden. Sie ſind beißend, ihr Witz oft ſehr glücklich, dazu verleiht die Volksſprache mit ihren Eigenthümlichkeiten und Sprichwörtern ihnen einen beſondern Reiz, wodurch die Zuſchauer am meiſten angezogen werden. — 117 Die Italiener haben es in der Herſtellung ſolcher Marionetten am weiteſten gebracht, ſie ſind dort vollkommner, als ſonſt wo. Die freie Zunge der Burattini und ihr Spott dürfen ſelbſt Hof und Kirche mitnehmen. Pasquino und Marphorio, dieſe beiden alten Wort⸗ führer des römiſchen Spottes, ſind zum Stillſchweigen ver⸗ dammt. Der dreieckige kleine Platz hinter dem Palaſt Braſchi, welcher den Namen piazza Pasguing trägt, iſt miteiner antiken Statue geziert, von der nur noch der Rumpf und ein Theil der Schenkel zu ſehen iſt; aus den Ueberbleibſeln läßt ſich die vollendete Arbeit noch erkennen. Sie erhielt den Namen Pasquino nach einem Schneider, welcher in der Nachbarſchaft wohnte und mit ſeinem witzigen Scherze alle Lächerlichkeiten geißelte. Das Publikum machte aus der Statue ein Orakel, welches die Spottreden der öffentlichen Meinung verkündete. Marphorio, der ſich auf dem Capitolium befindet, ſtellte die Fragen aus, auf die Pasquino ſeine Antworten ertheilte. Der beißende Spott fand bald keine Schranken mehr, und man wußte es ihm übel Dank, daß er die Machthaber, den Papſt und ſeine Verwandten, ſeine Günſtlinge und Geliebten angriff. Was man Jahrhunderte geduldig ertragen hatte, das flößte dem neunzehnten Jahrhunderte Furcht ein. Seit ſie zum Schweigen gezwungen wurden, ſagt der Italiener von Rom, reden Pasquino und Marphorio nicht mehr, aber ſie denken darum nicht weniger. 118 Ernſt fehlt dem Leben der Römer gänzlich. Recht augenfällig wird dies in der Zeit der Faſten. Sie beobachten nicht im mindeſten Enthaltſamkeit, im Gegentheile ſchien es mir, als ſei dies eben die Zeit der ausgeſuchteſten Schwel⸗ gerei für ſie. Niemand enthält ſich der verbotenen Speiſen; nach dem Mahle gehen ſie dann in die Kirche, und dieſelben Menſchen, welche eben von der Uebertretung der Kirchen⸗ gebote herkommen, ſchlagen ſich im nächſten Augenblicke auf die Bruſt und rufen aus voller Kehle: Miſericordia! miſe⸗ ricordia! Die Leckerei iſt eine Hauptleidenſchaft des römiſchen Italieners; am weiteſten wird die Feinſchmeckerei von der Geiſtlichkeit getrieben. In manchen Kaffeehäuſern werden für die jungen Abbés eigens feine, ſüße Backwerke bereit gehalten. Die Kaffeehäuſer ſind in Rom für den Tag, was die Theater für den Abend ſind. Das Kaffeehaus, welches ſich im Erdgeſchoß des Palaſts Ruſpoli befindet und die Ausſicht auf den Corſo hat, iſt das ſchönſte und beſuchteſte Roms. Tag für Tag ſtrömt eine wogende Menge hierher, um Eis, Sorbet, Acque und erfriſchende Liqueure zu einer Art trock⸗ nen, ſüßen Backwerks, welches in ganz Italien unter dem Namen roba dolce bekannt iſt, zu nehmen. Ich bemerkte, daß die Frauen und Geiſtlichen hierin am genußſüchtigſten ſind und daran mit leidenſchaftlichem Eifer hängen. Doch gibt es in dieſen Häuſern auch eine Zahl feſter, weilender Beſucher, die ſich nicht zwiſchen die ein⸗ und aus⸗ fluthenden Perſonen mengen. Dieſe Stammgäſte, welche da⸗ ſelbſt zu Hauſe zu ſein ſcheinen, ſitzen, jeder an einem feſten Platze, in den Fenſterniſchen zurückgezogen. Die Unterhaltung derſelben dreht ſich in der Regel um Alterthümer, deren Werth und Echtheit ſie prüfen; eben ſo verbreiten ſie ſich über Litteratur und Wiſſenſchaft mit Gelehrſamkeit und nicht ſelten auch mit Geſchmack. Solcher Gegenſatz erfüllt in der römiſchen Welt mit Staunen. An der Seite der Unwiſſen⸗ heit erblickt man Gelehrſamkeit; durch Studium ſieht man den italieniſchen Geiſt ſich mit Geſchmack entwickeln, und muß bedauern, daß die glücklichſten Anlagen deſſelben durch ſo unnatürliche Entnervungen unterdrückt, verweichlicht und vernichtet werden. Dergleichen Unterhaltungen ſind häufig ſehr lehrreich und gern von den Fremden geſucht. An Schrift⸗ ſtellern und Politikern fehlt es in den Kaffeehäuſern nicht. Ihre Anſichten über die Perſonen und Handlungen der Regierung ſollen ſehr rückhaltslos und ſcharf geäußert wer⸗ den, ohne daß die Polizei wage, ſie zu unterdrücken. Einige. behaupten ſogar, daß nirgends eine freiere Sprache geführt werde, als eben in Rom; doch weiß ich, daß dieſer Aus⸗ ſpruch viele Beſchränkungen verdient. Die Italiener in Rom begnügen ſich, die Handlungen der Staatsverweſung zu beſprechen und zu bekritteln; jedoch verſtummt ihr Mund, ſobald die Rede auf die politiſche Dreieinigkeit, Hof, Gou⸗ vernement, Kirche, kommt. Man kann ſich ſchwerlich einen Begriff von dem Lärme machen, der in dem Kaffeehanſe des Palaſts Ruſpoli herrſcht. 120 Um ihren Dienſteifer kund zu geben, antworteten die Auf⸗ wärter mit lautem Geſchrei auf die Anrufe und poſaunen mit lauter Stimme aus, was verlangt worden iſt. Die Abbés vertreten in Rom allenorts die Offiziere anderer Länder, und geben die Lärmmacher ab. Das Geſchirr wird ſtolz und lärmend von ihnen auf die Tiſche geworfen. Die Gaſthalter befleißigen ſich des Anſtandes, der in anderen Ländern in der Haltung derartiger Leute beobachtet wird, nicht; je nach der Jahreszeit tragen ſie eine weiße Jacke oder gehen in Hemdsärmeln. Oberhalb des Zahlbureaus hängt ein Ma⸗ donnenbild, vor dem fortwährend eine Lampe brennt. Eine weite Thür führt in einen Garten voll hoher Lorbeer⸗ und Zitronenbäume, wohin man ſich in den heißen Souimertagen flüchtet. Die Stammgäſte vereinigen ſich da⸗ ſelbſt an den Abenden. Die Fenſterniſchen werden verlaſſen und beim Sternenglanze entſpinnt die Unterhaltung jene italieniſche Koſerei, welche durch ihre Laune und Phantaſie den märchenhaften Anſtrich des Orients gewinnt. Nach dem Theater begab ich mich in das genannte Kaffeehaus. Die tumultuariſche Scene, in die ich gerieth, iſt mir unmöglich zu beſchreiben. Zwei berühmte Sängerin⸗ nen, die ich Georgine und Fauſtine nennen will, theilten ſich in die Gunſt des Publikums. Die Eine kam vom Theater zu Madrid, die Andre vom San Carlo in Neapel und eine jede war bekanntermaßen von dem Geſandten ihres Landes in Gunſt genommen. Man ſtritt mit heftigem Eifer über ihre Talente und die ganzen Dilettanti Roms theilten ſich „— 121 in zwei Parteien, in Spanier und Neapolitaner. Jede dieſer Parteien zählte enthuſiaſtiſch, wie vielmal ihre diva Beifall geerndtet hatte und von dem Geſchrei der fuoͤra herausge⸗ rufen war. Die Gegner ſprachen mit nicht weniger Begei⸗ ſterung, wie oft dieſelbe Huld ihrem Idole zu Theil geworden, wie anmuthig ſie ſich verneigt, mit welchem Reize ſie die Hand aufs Herz gelegt und den Logen und der Platea Küſſe zugeworfen. Die Schauſpieler in Italien und namentlich in Rom haben nämlich die Gewohnheit, auf ſolche Weiſe ihren Dank zu äußern. Werden ſie beklaſcht, ſo unterbrechen ſie ihre Rolle, um ſich dankend zu verneigen, und nehmen hinter⸗ her auf die unbefangenſte Weiſe von der Welt den fallenge⸗ laſſenen Charakter des Stücks wieder auf. — In dem Feuer dieſer Abendberichte wurden die dichten Regen von Sonnetten und Blumen, die auf die Bühne fielen, nicht vergeſſen. Dann zog man aus, um den beiden Künſtlerinnen einen Abendgeſang unter Muſikbegleitung zu bringen. Am nächſten Tage vernahm man, daß bei jeder dieſer Ehrenbezeugungen die entſprechenden Gegner nicht gefehlt hatten und während die Einen riefen: Viva Italia! ertönte von den Anderen: Viva Spagna! In allen Stadt⸗ theilen widerhallte der Ruf und dieſe Meſcolanza der Ita⸗ liſchen und Spaniſchen ſchien einen Augenblick die Ruhe der Stadt zu gefährden. Das Volk nahm natürlich an den Serenaden, die ihm allzu ſchnell endeten, ſeinen Antheil. Nebenbuhlerſchaften, ſo der Kunſt wie der Künſtler, ſind überhaupt in allen Städten Italiens an der Tagesordnung. 122 Der römiſche Adel allein hat das Vorrecht, ſich zu ver— ſammeln und geſellige Kreiſe zu bilden; der Trieb der ge⸗ ſammten übrigen Bevölkerung drängt daher zu den Theatern, wo es wenigſtens in etwas den Kaſtenſchranken entflieht, welche den geſelligen Verkehr in Rom kalt und ſelten machen. Das römiſche Phlegma, von dem man ſo viel redet, iſt nur eine oberflächliche Außenſeite, eine übel angelegte Maske, die jeden Augenblick zu fallen droht. Auch die römiſche Ruhe iſt nur ſcheinbar; im Theater verſchwindet ſie raſch und weicht den heftigſten Wallungen. Befremdet hat es mich, daß ich ſtets am Abende an die Virtuoſen der Oper dieſelben Ausrufe richten hörte, welche dieſelben Perſonen morgens zur Madonna ſandten. Die Benefizvorſtellungen für auserleſene Künſtler, na⸗ mentlich Sängerinnen, ſind jedesmal ein Anlaß zur Frei⸗ gebigkeit und Verſchwendung. Dergleichen Vorſtellungen werden mit der Bezeichnung Serate belegt. Die Donna, welcher dieſelben gelten, befindet ſich gemeinlich unter den Säulenhallen des Eingangs in dem Koſtüm der Rolle, welche ſie zu ſpielen hat. Die Cavalieri legen ihre Geſchenke auf eine Silberſchüſſel, welche auf einem mit rothem Sammet 4 bedeckten Tiſche ruht, und nicht ſelten ſind es koſtbare Schmuckſachen, welche ſie als Opfergabe bringen. Bei ſol⸗. chen Gelegenheiten iſt das Theater à giorns(Tagshelle) erleuchtet; vor jeder Loge ſtrahlen zwei Armleuchter Kerzen⸗ licht in den Saal aus und gewähren einen feenartigen Anblick. 4 * 4 — Steigen wir von den ariſtokratiſchen Vergnügungen zu den Beluſtigungen der niederen Volksklaſſen, ſo begegnen wir demſelben Grade von Aufwand, Prunkſucht und ver⸗ ſchwenderiſchem Wahne. Manche Oſterie(Schenken, Herbergen) haben das An⸗ ſehn antiker Tempel und ſind über berühmten Ruinen er⸗ richtet. Reſte alter Denkmale und Säulenſchaften dienen zu Sitzen und Tafeln. Der Lärm dieſer Orte ähnelt ganz dem Treiben in den großen Kaffeehäuſern. Die Liſten weiſen lange Reihen von Weinen nach, allein ihre Verſchiedenheit beſteht einzig und allein in den Benennungen; der wirkliche Unterſchied iſt ſehr einfach weißer oder rother Wein und ſüße oder herbe Sorte: Das Murraſpiel ruft Uneinigkeit, Zank und Streit hervor, wobei die Coltellata ſich oft genug mit Blut färben. In den Oſterien wird getanzt; die Frauen ſind in denſelben in großer Zahl und die Banditen beſuchen ſie gleichfalls. Dieſe Orte geben am meiſten Stoff zu den ſchönſten Späßen, von denen der nachſtehende noch nicht aus der Erinnerung verwiſcht iſt. Innocenz der Zwölfte hegte die Abſicht, die Sitten Roms zu verbeſſern. In allen Oſterien wunderten ſich die Trinker, daß ein Papſt, der von einem Töpfchen und einer Flaſche abſtammte, ihnen das Trinken verwehren wolle. Innorenz der Zwölfte hieß nämlich Pignatelli, Töpfchen, und trug dergleichen Geſchirr als Sinnbild in ſeinem Wap⸗ pen; ſeine Mutter aber war eine Caraffa(Carafa, Carafine). Nirgends hat wohl das Volk weniger das Gefühl ſei⸗ ner Würde, als die Italiener Roms. Keine Verrichtung iſt ſo niedrig und entwürdigend, daß es nicht Perſonen gäbe, die ſich darum beworben hätten. Daher durchlaufen gemeine ſchmach⸗ volle Gewerbe mit ekelhafter Scheußlichkeit die Straßen Roms; daher die ehrloſen Anträge, welche Fremden gemacht werden. Ein andres Zeichen der Erniedrigung gibt ſich in dem knechtiſchen Sinne der niederen Klaſſen kund, die ſtets in kriechender Höflichkeit gebeugt zu jedem entehrenden Dienſte bereit ſind, um Geld zu gewinnen. Ihre Schmach flößt dem Fremden tiefen Abſcheu ein. Freilich auch erhebt zuweilen der Mann, der ſich eben erniedrigte, plötzlich ſtolz das Haupt und rächt die eigene Schmach dadurch, daß er giftige Spott⸗ reden gegen den führt, welchen er eben bediente. Was die Italiener Roms am meiſten ſcheuen, iſt die Mühe der Arbeit. Den ſtarken, arbeitſamen, rührigen Schlag, den man unter den Transteverinern antrifft, abgerechnet, kann nichts die Uebrigen bewegen, eine leichte Arbeit ohne Mühe und Anſtrengung zu übernehmen. Dies iſt die Urſache der vielen kleinen Werkſtätten, worin Heiligenbilder angefertigt oder verkauft werden. Die Steindruckerei dagegen beſchäftigt hier eine Menge von Zeichnern, welche nicht ohne Verdienſt ſind und die ein. 3 Kunſtgefühl, wie man es ſelten anderswo antrifft, verrathen. Das Ausmalen von Zeichnungen in bunten Farben iſt ein Haupterwerbszweig Roms. Man ſchätzt den Ertrag dieſes Betriebes auf mehr als eine Million Franken jährlich. Der 125 Italiener Roms befaßt ſich mit allen Theilen der Anferti⸗ gung dieſes kleinlichen Handels, welcher faſt überall ſonſt den Weibern überlaſſen iſt. Die Anfertigung von Kameen auf Steinen oder Muſcheln beſchäftigt gleichfalls viele Künſt⸗ ler von Verdienſt. Die Zimmerwände in Rom ſind nirgends mit Tapeten beklebt. Man malt mittels flüchtiger Pauſe eine Art Fres⸗ ken auf die Wand ſelbſt, deren Grund zuvor übermalt iſt. Desgleichen ſind die Geräthe in den Zimmern polirt oder bemalt. Dieſer Induſtrie, die eine Menge Arbeiter beſchäf⸗ tigt, muß man in Bezug auf Geſchmack und Eleganz Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen, zumal dieſelbe nicht allein fürs Inland von Nutzen iſt, ſondern auch weil dadurch vielen Malern der Weg ins Ausland geöffnet wird. Die Bildner und die Perſonen, welche farbige Steine, als den Jaſpis, Porphyr, Lapislazuli, Malachit und die ſchönen Granite aus Korſika und dem Orient in Marmor einlegen, bilden gleichfalls eine beträchtliche Menge, die in Ausſchmückung von Möbeln und Wohnungen ihren Er⸗ werb findet. Die Goldſchmiede und Juweliere erhalten noch in Rom das Gedächtniß der italieniſchen Kunſt, die einſt in dieſem Zweige ſo viel geleiſtet; die Erzeugniſſe der römiſchen Werk⸗ ſtätten ſind ſehr geſucht. Eben ſo unterhält die römiſche Induſtrie die Eitelkeit der Landleute, welchen ſie die Kleinode liefert, aus denen der Schmuck der Landbewohnerinnen beſteht, als lange gol⸗ 126 dene oder ſilberne Haarnadeln, breite Halsketten, Gürtel⸗ ſchnallen und ungeheure Ohrgehänge. Die Anfertigung von Roſenkränzen, Korallen, Glas⸗ und Lavawaaren bilden einen Hauptgegenſtand der römiſchen Gewerbsthätigkeit und des Handels. Die katholiſchen Länder, an ihrer Spitze Italien, Spanien, Portugal und die ſüd⸗ amerikaniſchen Staaten liefern jedes Jahr an 1,070,000 Franken nach Rom, wofür derartige Gegenſtände geliefert werden, die aus der Papſtſtadt in die ganze Welt ziehen. Durch die Nachbildung von alten und die Anfertigung von neuen Denkmalen, Statuen, Vaſen, Büſten und ſon⸗ ſtigen Kunſtgegenſtänden, die beſonders durch neue Ausgra⸗ bungen und Auffindungen friſche Anregung erhält, ſo wie 1 durch Ausbeſſerung derſelben, wird vielen Arbeitern von den Bildhauern Verdienſt gereicht. Ein andrer nicht unwichtiger Zweig der römiſchen In⸗ duſtrie iſt die Moſaik und die Schmelzbereitung. Hieraus ſieht man, der ganze Betrieb wirft ſich auf Gegenſtände der Kunſt, Weiberſchmuck, Verzierung der Ge⸗ bäude und Spielwerkzeuge der Frömmigkeit. Vor allen Dingen aber iſt Gewinnſucht die oberſte Triebfeder der Italiener Roms. Wie wäre es anders zu er⸗ klären, daß bei dem Abſcheu gegen die Engländer, der den Haß der Franzoſen noch weit überſteigt, die Erſteren, ob⸗ gleich„Ketzer,“ mit der größten Zuvorkommenheit behandelt werden, während die Anderen trotz ihrer katholiſchen Brüder⸗ lichkeit der ärgſten Bosheit ausgeſetzt ſind? Die„ketzeriſchen“ Engländer ſind reich, verthun viel und laſſen ſich leicht be⸗ 12 trügen, während die„rechtgläubigen“ Franzoſen in der Regel als arme Teufel hinkommen und keinen gemachten oder nachgemachten Kram kaufen. Kriegeriſcher Sinn zeigt ſich bei dem Italiener Roms gar nicht. Es exiſtirt zwar vorſchriftsmäßig in den römiſchen Staaten und der päpſtlichen Hauptſtaͤdt eine Bürgergarde, allein die Exiſtenz derſelben liegt außerhalb der Wirklichkeit, wenigſtens iſt ſie nur durch einige Offiziere ohne Soldaten repräſentirt. Als nach der Wiederherſtellung der päpſtlichen Herr⸗ ſchaft dieſer Dienſt 1817 zur Pflicht gemacht wurde, beſtand die Bürgergarde Roms aus viertauſend Mann, welche unter den Grundeigenthümern ausgewählt waren und vier Regi⸗ menter bildeten, deren oberſter Führer der Senator war. Bür⸗ gerliche konnten nur bis zu den Graden eines Lieutenants oder höchſtens eines Hauptmanns zugelaſſen werden; die höheren Stellen gehörten dem Adel an und wurden durch päpſtliche Ernennung beſetzt. Leo der Zwölfte erklärte die Bürgergarde zu einer frei⸗ willigen, und verſetzte ihr damit den Todesſtreich. Heutzu⸗ tage zählt ſie in ihrem wirklichen Beſtande nicht mehr als 250 Mann, die nur durch die Vorrechte, welche ſie genießen, unter den Fahnen gehalten werden. Sie ſind nämlich von mehreren Abgaben frei und werden mit mancherlei Unterſtellen in der Verwaltung belehnt; überdies kann gegen ſie ohne die Erlaubniß ihres Oberſten keine Schuldklage eingeleitet werden. Allerdings Begünſtigungen, die der Würde ent⸗ behren; allein der Geiſt der heutigen Römer iſt ſo weit von dem Adel ihrer Vorfahren entfernt, daß ſelbſt bei Begünſtigungen die Bürgergarde Roms ſich ſtets mehr verringert als vermehrt. Ein letzter Zug diene zur Vollendung des gegebenen Bildes der Italiener Roms. Lange liebe Zeit befand ſich i der Kirche der heil. Barbara das Grabmal der berühmten Courtiſane Imperia, die zur Zeit Leo's des Zehnten in großem Rufe ſtand, und zu Ehren der Schönheit dieſes Weibes waren auf eine Marmortafel Worte gegraben, welche die Erinnerung ihrer Reize enthielten. Und niemand fand in der ſo angebrachten Huldigung einer öffentlichen Dirne etwas Anſtößiges. Um es in der Kürze zuſammen zu faſſen, ſo iſt der Italiener Roms nicht im mindeſten zu fürchten. Kommt'’s einmal, daß eine Verblendung ihn zum Dolche, zum Stilett, Meſſer oder Piſtol greifen läßt, daß er zum Banditen oder Meuchelmörder wird, ſo iſt es nur eine flüchtige Hitze, die er ſchnell wieder bereuet. Er hat zu viele ſchmachvolle Laſter, als daß er einen einzigen zu fürchtenden Hang hegen könnte. Er iſt ein begabtes Kind, deſſen Fähigkeiten eine gute f Erziehung hätte günſtig entwickeln können; aber die Prieſter haben ihn durch ihr Erziehungsſyſtem„luſtverderbt““, wie ein Schriftſteller des Papſtthums ganz treuherzig ſich aus⸗ drückt. —————— 129 Wenn das Gewicht der Thatſachen dieſem erſten Theile der Mittheilungen Noemi's nicht ſchon eine hinlängliche Kraft verliehe, ſo könnten wir die Donnerworte des heiligen Bernard anführen, welche dieſer fromme Prieſter voll Ent⸗ rüſtung in ſeiner erſten Predigt über die Bekehrung Pauli den römiſchen Prälaten zurief: „Herr, mein Gott! die ſind die Erſten, die dich ver⸗ folgen, welche nach hohen Stellen ſtreben und den Vorſitz in der Kirche führen. Die Ungerechtigkeit iſt ausgegangen von den alten Richtern, deinen Stellvertretern, ſie haben die Veſte Sion genommen und ihre Waffen ergxiffen und haben ſo die Macht in Händen, die ganze Stadt in Feuer und Blut zu ſetzen. Wehe, ſie verderben das Volk durch ihr läſterli⸗ ches Leben, ſtatt es zu regieren und zu leiten durch gutes Beiſpiel. Da ſie wachen ſollten für unſre Erhaltung, arbei⸗ ten ſie an unſerm Sturze, um uns zu verderben.“ Der heil. Bernard lebte im zwölften Jahrhunderte und übte durch ſeine Predigten und Werke einen großen Einfluß auf ſeine Zeit. Er gründete in Frankreich, Italien und Deutſchland hundert und ſechszig Häuſer ſeines Ordens und es möchte ſchwer werden in ihm einen Feind ſeines Glaubens zu erkennen, vielmehr darf man es nur ſeinem Eifer für das Chriſtenthum zuſchreiben, daß ihn eine ſo gewaltige Entrü⸗ ſtung über die Verworfenheit des römiſchen Klerus beſeelte. Fernere Beobachtungen Noemi's. Dieſelben Empfindungen, welche die Umgebungen Roms, der Anblick der Villen, welche von ſo großer ein⸗ ſtiger Pracht und ſoviel gegenwärtigen Elend Zeugniß ab⸗ legten, in mir hervorgerufen hatten, bemächtigten ſich meiner beim Eintritt in Rom. 1 Ich nahm mir ſogleich vor, einige der ſchönſten unter den Gebäuden, deren Bauart mich zur Bewunderung hinriß, zu beſuchen und ließ mich gleich am nächſten Tage von meinem Führer zu den vorzüglichſten Paläſten leiten. Da ſah ich denn, daß die Paläſte, welche mit den ungeheuerſten Aufwänden von ihren Erbauern hergeſtellt worden, für die gegenwärtigen Beſitzer eine Laſt waren. Fremde bewohnen oder durchlaufen ſie, während der Eigen⸗ thümer nur einen Winkel des oberen Stockes bewohnt. Ich fand in ihnen dieſelbe ordnungsloſe Aufhäufung von Kunſtgegenſtänden und Seltenheiten, welche ich in den Pallazine auf dem römiſchen Lande getroffen; durchaus daſſelbe Chaos. Der Anblick des Innern dieſer Paläſte ſchwächte die Bewunderung, welche mir die Außenſeite ein⸗ geflößt, bedeutend. Die dem Beſuch geöffneten Zimmer waren ſchlecht geordnet, eher weit als groß und eher reich als ſchön zu nennen, trotz der Meiſterwerke, welche mehrere zierten. Dergleichen Umſtände legen denn die Verfallenheit Roms offen an den Tag, und aus der Zerrüttung der Ver⸗ mögensverhältniſſe des höheren Klerus und Adels entſpringt ein neuer Zuwachs für den ſchlechten Zuſtand der Staats⸗ kaſſe. Kaum zählt man heutzutage in den Staaten des heiligen Vaters drei oder vier vornehme Häuſer, welche einen Theil des alten Glanzes ihrer Familie behalten hatten. Die Colonna, Doria und andere Patriziernamen haben ſich faſt allein aus dem allgemeinen Schiffbruch gerettet. Die übrigen römiſchen fürſtlichen Häuſer, welche faſt ſämmtlich von Brüdern, Schweſtern oder Verwandten der Päpſte ab⸗ ſtammen, haben von den Schätzen die ihnen der Nepotismus zuwendete, wenig gerettet und ſind größtentheils zu arm, als daß ſie die ihnen zugefallenen Paläſte auch gehörig aus⸗ ſtatten könnten. Selbſt die bloße Unterhaltung der Gebäude iſt eine zu große Laſt für die Beſitzer und ſo verfallen die⸗ ſelben von Tage zu Tage. Mit jeder Generation verſchlim⸗ mert ſich der Uebelſtand; die Beſitzer ſcheuen die Koſten der Ausbeſſerungen, welche ihre Kräfte überſteigen, flüchten ſich in die kleinſten Winkel zurück und geben die zerfallende Pracht den neugierigen Tonriſten preis, deren Geſchenke, oder wie die Leute ſagen buona mancia, meiſt die einzige Löhnung der Thürhüter der glänzenden Trümmer ſind. Verſchwendung und Mangel! Hat man ſo den Grund der römiſchen Geſunkenheit kennen gelernt, ſo wundert man ſich nicht mehr über den Pomp der dreihundert ſiebenundneunzig Kirchen und Bet⸗ . 132 häuſer, der hundert und funfzig Springbrunnen, der drei⸗ hundert und dreißig Paläſte, der elf Theater und fünfund⸗ dreißig Villen, die im Umfange der alten Weltſtadt liegen und mit ihrem ſtolzen Prunke den allmäligen Verfall nicht verbergen können. Und dazu wird die Stadt der Päpſte noch von einem andern verheerenden Uebel heimgeſucht. Mehr als irgend⸗ wo bedürfen die niedern Klaſſen Roms des Wohlſtandes, den Arbeit erzeugt; allein die Trägheit wird durch die Kirche mittels der Unzahl von Feſten befördert. Durch die chimä⸗ riſchen Hoffnungen, mit welchen ſie für jeden Fall an den Himmel weißt, nährt ſie den Ekel und die Unbekümmertheit gegen reelle Intereſſen, und der größte Theil der Bevölkerung ſinkt dadurch in das allgemeine Uebel des Jammers und der Entbehrung. Die Mittel, welche die armen Leute zu Klei⸗ dung, geſunder Wohnung und guter Nahrung verwenden könnten, verſchlingen Almoſenſammler, Opferſpender und die endloſe Reihe der Feſttage. Was noch übrig bleibt, ver⸗ ſchlemmt das ausſchweifende, zügelloſe Leben und eitle Schmuckſucht. Darum begegnet man faſt allenthalben Schwachen und Kranken; jährlich werden zwölf bis funfzehn Tauſend durch die Schwindſucht oder das Fieber in die Hoſpitäler geworfen. Und dann fehlt es in der„heiligen,“ von Dienern einer Religion der Liebe überfüllten Stadt an ausreichender Hülfe für dieſe Unglücklichen! Der Aria cattiva, der böſen Luft, welche von den Sümpfen herweht und Rom nebſt ſeiner Umgegend über⸗ —-—— — zieht, ſchreibt man die eben geſchilderten Seuchen zu. Alle Unterſuchungen, den Grund des Uebels zu entdecken, ſind jedoch bislang ohne Erfolg geblieben. Die verſchiedenſten Anſichten ſind geltend gemacht, ohne die Frage zu erledigen. Zwar erkannten die gelehrteſten Aerzte der warmen Jahres⸗ zeit und dem plötzlichen Wechſel der wandelbaren Witterung die Urſache zu, allein ſie verheimlichen auch nicht, daß die wenigen Vorſichtsmaßregeln dagegen den unbeſchützten Ar⸗ men in die Hände der Seuche liefern, während die Reicheren ſich davor zu bewahren oder fortzuziehen vermögen. Ein zuverläſſiger Beweis für den wichtigen Einfluß dieſes Uebelſtandes iſt die ſchon gemachte Erwähnung, daß die Peſtluft ſich nicht gleichmäßig über die ganze Stadt ver⸗ breitet und namentlich der Ghetto, dieſer elende Ort, wohin der liebloſe Stolz der Chriſten unſer Volk verwieſen hat, ganz davon frei bleibt. Auch hat man mir geſagt, daß die Aria cattiva früher nicht ſo bösartig war, hingegen jetzt ihre Fortſchritte reißend ſeien. Nicht blos, daß ſie vom Platze del Popolo ſich bis zum ſpaniſchen Platze und von dem Springbrunnen von Trevi und dem Palaſt Colomna bis in die Mitte der Stadt erſtreckt, ſondern ſie ſchreitet ſogar hoch auf die Hügel hinauf. Die Austrocknung der pontiniſchen Sümpfe ſoll das Uebel heben können; allein der traurige Zuſtand der Finanzen geſtattet die Ausführung der mehrfach ſchon angefangenen Arbeit nicht. Und ſo ſcheint es, als ſolle das Uebel eine 134 Zuchtruthe für die ſtolze Stadt ſein, die ihrer Lage wegen zu der Zahl der verfluchten Städte gerechnet werden muß. Wie ſehr Rom auf ſeine alten Denkmale ſtolz iſt, ſo ſorgt es doch für die alten Reſte einer großen Zeit nicht, ſondern läßt ſie verfallen oder entweihet ſie ſchmählich. Aus dem Forum, dieſer ehrwürdigen Stätte der römiſchen Re⸗ publik, hat das päpſtliche Rom den Campo Vaccino, einen Ochſenmarkt gemacht. Und die Oerter, welche ſie ſelbſt nicht ehren, wagen die Baſtardſöhne der Helden des Alterthums den Fremden als Gegenſtände der Bewunderung zu zeigen. 1810 konnte die damals in Rom gebietende franzöſiſche Regierung ſich nicht mit der Sorgloſigkeit einverſtanden er⸗ klären, welche die hiſtoriſchen Ueberreſte, an die ſich die Geſchichte eines mächtig in den Gang der Weltereigniſſe greifenden Volks knüpft, gänzlich zerfallen ließ. Beſonders erregte der jämmerliche Zuſtand des Forums ihren Unwillen und ſie widmete demſelben die eifrigſte Sorge bis 1813. Schutt von vierzehn Jahrhunderten hatte den Boden an vielen Punkten bis vierundzwanzig Fuß über ſeine urſprüng⸗ liche Fläche erhöht. Ungeheure Summen waren erforderlich ihn fortzuräumen; dabei wurden die verſchütteten Untertheile des Triumphbogens des Severus und des antoniniſchen und fauſtiniſchen Tempels wieder freigeſtellt und mit Schutz⸗ mauern an den Fundamenten verſehen. In gleicher Weiſe wurde das Coliſeum, in dem jetzt religiöſe Zeremonien mit dem ausgelaſſenſten Feſttreiben abwechſeln von dem aufgehäuften Schutt befreiet, und die Säulen des Tempels der Fortuna, des Jupiter tonans und die des Phokus, welche zwiſchen Gebäude eingepfercht waren, wurden wieder ganz dem Auge des Beſchauers zugänglich gemacht. Die Baſilika Conſtantins wurde von den um⸗ gebenden baufälligen Häuſern, unter denen man das antike Pflaſter wieder auffand, befreit und zeigte ihre gigantiſchen Wölbungen. Häuſerreihen mußten niedergebrochen werden, um die Verbindung zwiſchen dem Coliſeum und Forum wie ſie früher geweſen, wieder herzuſtellen. Der Bogen des Titus erhielt ſeine freien Seiten zurück und beim Ab⸗ tragen des Schutts um den Venustempel herum entdeckte man eine Menge koſtbarer Ueberreſte alter Baukunſt. Nur ungeheuern Anſtrengungen gelang es, die Bäder des Titus herzuſtellen. Das Coliſeum ſelbſt war gleichſam ein Steinbruch geworden, der das Material zum Baue von Paläſten lieferte, unter denen der Palaſt der Kanzlei, der Bamberini, Chigi, Farneſe und anderer von dem Nepotismus errichteter Ge⸗ bäude genannt werden können. Es wurde nur noch durch den Bau von vierzehn Kapellen gerettet, welche unter Cle⸗ mens dem Zehnten in das antike Monument verlegt wurden und es ſo unter den Schirm der Andacht ſtellten. Ich habe bereits geſagt, welche Mühen der franzöſiſchen Regierung durch Herſtellung der Außenſeiten des Coliſeum erwachſen. Nicht mindere Schwierigkeiten boten die inneren Räume deſſelben dar. Die Säulengänge wurden gereinigt, die Quader des Fußbodens ans Tageslicht gebracht und in den dreifachen Bogenreihen konnte man ungehindert umher⸗ wandeln. Darnach erſtreckten ſich die Arbeiten auch auf die Arena und wurden ſelbſt nach dazwiſchengekommenen Unter⸗ brechungen weiter fortgeſetzt. Weiſe Ausbeſſerungen ſicherten dem Amphitheater Veſpaſians, welches mit dem aller Ver⸗ wüſtung trotzenden römiſchen Ziegelſteinen erbaut iſt, eine noch lange Dauer. Rom, deſſen Sinn ſich eine unverzeihliche Nachläſſig⸗ keit und Vandalismus hatte zu Schulden kommen laſſen, wußte wenig Dank für dieſe Bemühungen. Es zeigt den Fremden dieſen Glanz und nimmt den Dank heuchleriſch für ſich hin. Die Ciceroni, deren Geſchwätzigkeit ſprichwörtlich ge⸗ worden iſt, erwähnen niemals, daß Fremde für die alten Bauwerke ſich verwendeten, vielmehr wird der römiſchen Regierung alles beigemeſſen und ihr Verdienſt den Tugenden der Vorfahren an die Seite geſtellt. Die Ciceroni ſind ein läſtiges widerwärtiges Geſchmeiß für den Reiſenden. Bei unwiſſender Lügenhaftigkeit wollen ſie ſich gelehrt und unterrichtet zeigen, obſchon ihr Wort⸗ ſchwall in Betreff der Erklärungen, welche ſie geben, kein Titelchen über die Buchſtaben des„Handführers durch Rom“ hinausgeht. Leichtgläubigkeit und Unerfahrenheit werden von ihnen auf das Unverſchämteſte ausgebeutet. In neuerer Zeit wird ihr Gewerbe durch beſſere Handbücher ſehr beſchränkt, vorzüglich fallen die Engländer ihnen nicht mehr ſo rettungslos in die Hände. Uebrigens verſchmähen 137 die Ciceroni nicht, allerlei anderen Gewerben die Hand zu bieten, ſo daß man ſie mit vollſten Rechte unter die Schand⸗ flecke Roms zählen darf. Bettelei und Faullenzerei ſtehen in Rom und dem ganzen Umfange des päpſtlichen Gebiets in vollſter Blüthe. Erheuchelte Krankheiten, Wunden und Gebrechen und das ſcheußliche Krückenhandwerk ſpeculiren auf das Mitleid und den Beutel des Fremden. Die Unverſchämtheit der Bettler iſt ohne Gleichen. Alle Zugänge zu Kirchen, Mo⸗ numenten, Promenaden und Paläſten ſind von ihnen belagert und kein Schritt iſt möglich, daß man nicht dieſer Straßenplage begegnet. Sie ſchnarren lange Litaneien ab, und murmeln oder ſingen mit ſeufzenden Stimmen Gebete; um die Vorübergehenden zu rühren, erniedrigen ſie ſich ſo tief, als ein Menſch nur vermag. Die ewige Umla⸗ gerung iſt dem Fremden peinlich und entſetzlich für Gefühl und Blick. In Rom fällt es der Polizei nicht ein, ſich um die Bettler oder die Armen zu kümmernz dieſe theilen daher die Stadt in abſcheulicher Induſtrie in mehrere Abtheilungen und Unterabtheilungen nach ihrer Zahl. Sie gehen Banden⸗ weiſe; jede Rotte hat ihre beſondere Organiſation und bildet einen Theil der allgemeinen Verkörperung des Bettlerthums. Die Kirchen, Paläſte und öffentlichen Plätze ſind ihr Eigen⸗ thum; ſie begeben ſich, wie zu ihrem Eigenthum, an die Plätze, die ſie in dieſen Orten einzunehmen pflegen. Die nothwendigen Lebensmittel ziehen ſie aus der Vertheilung, — 138 welche mehrere Klöſter mit den Ueberbleibſeln ihrer Tafeln und geringeren Nahrungsmitteln vornehmen; mit heiß⸗ hungeriger Haſt verſchlingen ſie die gereichten Biſſen, um ihren Hunger recht augenſcheinlich zu machen. Den Tag über warfen ſie ſich mit heuchleriſcher Gierde auf alles, was man ihnen darreicht; dagegen abends feiern ſie ihre Mahle voll Schlemmerei und Ueppigkeit. Dieſe verworfenen Geſchöpfe geſellen zu der Bettelei die Intrigne, Spionerei und Raubſucht. Die bettelnden Mönche, welche Bettelorden angehören, halten ſich für berechtigt, gewaltſam allenthalben hinzu⸗ dringen, wo ſie ihren Bettelſack zu füllen glauben. Sie bilden den für die Häuſer ergänzenden Anhang der Stra⸗ ßenbettelei. Nach ihnen kommen die Pilgrimme. Hauptfeſte, vor⸗ züglich die heilige Woche, führen eine zahlloſe Menge der⸗ ſelben nach Rom. Sie tragen ein eigenes Koſtüm, langes Gewand, großen Hut, Pilgerſtab und Muſcheln. Nach den Ciceroni ſind die Pilgrimme, welche ihre Reiſen erzählen, um dafür Geſchenke und Almoſen einzuerndten, die unver⸗ ſchämteſten Bettler, die man ſich denken kann. Drei Tage werden ſie verpflegt; während dieſer Zeit ſind ſie in dem Dreieinigkeitshoſpitale. Dann aber ver⸗ breiten ſie ſich in die Stadt, beſuchen die ſieben Baſiliken, küſſen die Heiligenſtatuen und Heiligenbilder und rutſchen auf den Knieen die Stufen der Altäre und die Stiegen der ſcala ſanta hinan. Obgleich in dieſer Mummerei eine Ent⸗ —— 139 rüſtung erregende Erniedrigung der Menſchlichkeit liegt, ſo ſtehen doch die Pilgrimme bei dem römiſchen Volke in größter Verehrung. Die päpſtliche Hauptſtadt iſt nicht mehr, wie einſt, die ſtolze Stadt, wohin die Päpſte die Fürſten luden, um ſie vor der päpſtlichen Macht ſich beugen zu laſſen; heutzutage iſt Rom nur eine Stätte gefallener Größen. Die Ruinen geſtürzter Throne und die Splitter zerbrochener Kronen liegen umher zwiſchen den Haufen von Schutt und Trüm⸗ mern. Man könnte wohl ſagen, daß ein ſchickſalſchwerer Hang die fallende Macht zu dem Grabe hinziehe, wo ſo viel Glanz, ſo viel zerſchmetterte Größe im Staube liegt. Wir wollen nur von den jüngſten Zeiten reden: nach Rom zog ſich der Oheim, die Mutter und der ältere Bruder Napoleons zurück; die Stätten, welche ſie bewohnten, zeigt man noch fortwährend den Fremden. Dom Miguel, dies von dem angemaßten Throne geſtürzte Ungeheuer erkor Rom aus zur Zufluchtsſtätte, wo er ſeinen Ingrimm und ſeine Demüthigung verbergen könne. Er hat ſich daſelbſt durch entſetzliche Ausſchweifungen, Liederlichkeit, die Leidenſchaft⸗ lichkeit ſeiner Liebſchaften und das dadurch gegebene Aerger⸗ niß berüchtigt gemacht. Durch ihn kam das zügelloſe, aus⸗ ſchweifende Leben, welches an dem Hofe der Borgia getrieben wurde, wieder zur Blüthe. Ich weiß nicht, ob es wahr, daß Dom Miguel, wie Einige behaupten, der Augapfel Roms iſt; dies aber iſt gewiß und läßt ſich behaupten, daß er der Abſcheu von ganz Europa iſt. 140 Wird ſich nicht auch Don Carlos nach Rom wenden, nachdem er ſeinen Anſprüchen auf die Krone Spaniens entſagt? Voltaire, jener franzöſiſche Schriftſteller, deſſen Namen man in Rom nur ganz leiſe erwähnen darf, ſoll in einer Erzählung zu Venedig ein Abendeſſen von entthronten Kö⸗ nigen ſtattfinden laſſen; im gegenwärtigen Jahrhunderte wäre dieſelbe Geſellſchaft zu Rom möglich. So miſchen und geſellen ſich die lebenden Ruinen mit den lebloſen Trümmern in der großen Stätte zahlloſer Ver⸗ nichtung. Die Lotterie beſteht noch immer zu Rom. Was auch im Namen der Moral gegen dies Inſtitut geſagt worden iſt, alles hat kein Gewicht gehabt gegen die dringende Noth des römiſchen Schatzes. Dieſe Einrichtung redet und nährt in Hang, Gefühl und Sitte der Einwohnerſchaft der Stadt, welche ſich vor allen anderen Städten die heilige nennt, den Keim der Habſucht, die von der Kirche unter die Zahl der ſieben Todſünden gerechnet wird. In der Curia innocentia, dem Adminiſtrationspalaſte, neben der Kanzlei, den Gerichtshöfen, den Zimmern des Kar⸗ dinal⸗Kämmerlings, des Generalſchatzmeiſters und ihrer Sekretäre befindet ſich die Lotterie. Hier kann man zweimal monatlich wenige Schritte von den oberſten Verwaltungsbehörden entfernt und faſt unter ihren Augen das römiſche Volk beobachten, wie es der krampfhafteſten Aufregung zur Beute wird, deren Heftigkeit — 141 und Wuth in gleichem Grade ſelbſt nicht in den Kirchen und Theatern anzutreffen iſt. Und dies kommt daher, daß in der verderbten Nation ein alles überwiegender Trieb iſt— die Habſucht. Die Freuden⸗ wie Schmerzensäußerungen ſind überall gewaltig. Die Wuthausbrüche der fehlgeſchlagenen Hoffnung kennen nichts Heiliges mehr. Gott, die Madonna, die Hei⸗ ligen werden laut geſchmähet und angeklagt; man wirft ihnen Undank vor und verlangt Rechenſchaft über alles, was man gethan hat, um ſie den Nummern, welche ſie dennoch treulos haben verlieren laſſen, gewogen zu machen. Dergleichen unſelige Erbitterungen äußern ſich am mei⸗ ſten bei den ärmeren Volksklaſſen. Die Lotterie mit ihrer unrechtlichen, verführeriſchen Lockung fördern die Bettelei und und den Diebſtahl, die Sittenloſigkeit und alle üblen Triebe. Das Beiſpiel, welches Fran kreich der Welt gegeben, iſt lei⸗ der noch gar vielen Orts unbeachtet gelaſſen; und doch wurde dieſe Quelle von unſäglichem Unheil in den franzöſiſchen Sitten ohne irgend eine Unordnung verſtopft. Aber alles, was dazu dient, ein Volk herunterzubrin⸗ gen, hat denen, die es zu unterjochen ſtreben, immer zu wohl gefallen, als daß Rom auf die Unterdrückung der Lotterien hätte denken können. Was für den einen Theil ein Elend mehr iſt, das iſt dem andern Theile ein Mittel mehr zur Unterdrückung. Ich hatte ſehr viel von den Banditen in den Umge⸗ bungen Roms ſprechen gehört und verſäumte nichts, um ſie —= 142 kennen zu lernen. Faſt alle Mittheilungen, die man mir über ihre Anfälle und Unternehmungen machte, hatten für mich einen allzu großen Anſtrich von Unwahrſcheinlichkeit, als daß ich ſie für zuverläſſig annehmen konnte. Vielmehr ſprang die Erdichtung in allen Erzählungen über dieſe ge⸗ fürchteten Menſchen deutlich hervor. Der Zufall war mir endlich günſtiger, als die eifrigſten Nachforſchungen. Die Landbewohner um Rom haben in ihren Lebens⸗ gewohnheiten, ihren Zügen und ihrer Bildung mehrere Ver⸗ ſchiedenheiten, die ſie von der römiſchen Geſunkenheit zu ihrem Vortheile abſcheiden. Ohne den wahren Muth zu kennen und ohne wirkliche Tapferkeit zu beſitzen, haben ſie eine gewiſſe Kühnheit, eine Verwegenheit, die unter guter Anführung wohl zu einem günſtigen Reſultate gedeihen könnte. Da ſie aber ganz und gar ſich ſelber überlaſſen ſind, ſo wendet ſich dieſe Kraft und Energie zum Ueblen. Eine aufgeklärte, verſtändige Regierung wuürde aus dieſen Leuten gute Soldaten machen; unter den urc. 8 ſchlimmen Einflüſſen, welche auf ſie einwirken, werden Räu⸗ ber aus ihnen. Es gibt Orte, wo dieſe verbrecheriſche Nei⸗ gung alle Anzeichen einer moraliſchen Epidemie trägt. Die öffentliche Meinung und das Vorurtheil ſind übri⸗ gens derartigen Leuten nicht ſo abgewandt, als man wohl glauben könnte. Die gewaltſamen Angriffe, Ueberfälle auf Heerſtraßen, Gemaetzel und ſelbſt der Mord erregen bei manchen Perſonen Bewunderdng und erfahren nirgends Entrüſtung „ ———— —COC——— , 143 oder Abſcheu; ja, man verbindet mit einem ſolchen Banditen⸗ leben einen Begriff von Unerſchrockenheit und Tapferkeit. Die Weiber namentlich intereſſiren ſich leidenſchaftlich für die Perſonen, welche dem Streite die Stirne bieten und die Gefahr herausfordern. Alle Welt, mit Ausnahme der geſetzlichen Feinde und pflichtſchuldigen Verfolger, zeigen ſich dem Banditen gewo⸗ gen. Man beſchützt ihn gegen den Gendarmen und bedauert ihn, wenn er unterlag. Er gilt nicht wie anderwärts für einen Feind der Geſellſchaft, ſondern iſt ein kühner Wagling, der Beiſtand und Theilnahme findet. Daher trifft die rö⸗ miſche Polizei bei der Verfolgung des Banditenweſens zahl⸗ reiche Hinderniſſe. Dieſe Schwierigkeiten ſollen die Urſache der ohnmächtigen Verhandlungen der päpſtlichen Regierung mit den Banditen ſein, um mit denſelben eine Art Landfrieden abzuſchließen, den ſie nie halten, oder einen Waffenſtillſtand, der ihren Lei⸗ denſchaften zu fremd iſt, als daß er lange währen könnte. Unter den neueren Banditen hat der berühmte oder be⸗ rüchtigte Gaſparone den Rang eines Helden gewonnen und in ſeiner Perſon vereint ſich der ſchlagendſte, wahrſte und le⸗ bendigſte Typus eines römiſchen Banditen. Nachſtehende Notizen über ihn hat mir ein Kamerad Gaſparones mitgetheilt, der ſelber Bandit war, aber ſich von ſeinen„Geſchäften zurückzog“ und einen Jahrgehalt vom Staate annahm. 144 In einem Alter von ſechszehn Jahren legte Gaſparone die erſte Probe in ſeiner Mörderlaufbahn ab, indem er ſeinen Beichtvater ermordete, der ihn von einem Diebſtahle wegen obwaltender Umſtände nicht losgeſprochen hatte. Wohl ver⸗ ſtanden aber, als Bandit war er fromm, beichtete gehörig und glaubte feſt, daß die Abſolution des Prieſters und eine Bußverrichtung ihm Verzeihung ſeiner Sünden gewähren würde. Er betete den Roſenkranz, trug ein Skapulier auf der Bruſt, bezeigte der Madonna die lebhafteſte Ergebenheit und beging nie ein Verbrechen als mit den feſten Vorſatze, dafür eine Buße zu thun. Nachdem ihn jener erſte Schritt auf die Bahn des La⸗ ſters geworfen hatte, wurde er eines Tags auf friſcher That betroffen. Gaſparone tödtete mit zwei Stilettſtößen zwei Soldaten, die ihn verhaften wollten. Sechs Karabiniers verfolgten ihn, er flüchtete ſich in die Gebüſche und vertheidigte ſich wacker; ſeine ſechs Feinde fielen unter ſeinen Streichen. Von dieſem Tage an wurde Gaſparone berühmt. Er ggeelangte an die Spitze einer Bande und ſammelte vierhundert Mann unter ſeinen Befehl. An der Spitze dieſer Schaar durchzog der furchtbare Hauptmann um's Jahr 1825 die päpſtlichen Staaten und p päpſtlich die ganze neapolitaniſche Küſte, die ganze Gegend durch Raub, Plünderung und Mord mit einer bis dahin uner⸗ hörten Grauſamkeit verwüſtend. Der Schrecken war allgemein. Oft hielt die Furcht Reiſende ganze Monate lang in Dörfern feſt, ohne daß — úᷣ —-—— 145 dieſelben weiterzureiſen wagten. Rom und Neapel ſetzten einen Preis auf den Kopf des Banditen. Die römiſche Re⸗ gierung ſchickte eine Abtheilung Dragoner gegen ihn; aber alle Anſtrengungen waren vergebens und dienten nur, den Ruhm. Gaſparones noch mehr zu verherrlichen. In den Unternehmungen dieſes Hauptmanns und ſeiner Bande war etwas Phantaſtiſches. Sie waren in allen Höh⸗ len Unteritaliens und allen Schluchten der Apenninen zu Hauſe. Suchte man ſie auf den Gebirgen, ſo befanden ſie ſich in den pontiniſchen Sümpfen; durchſtöberte man die Sümpfe, ſo zeigte Gaſparone ſich mit den Seinigen auf den Gebirgen. Der Bandit war ein Abgott des Volks; daſſelbe ſagte von ihm, es würde ihn für einen Teufel halten, wenn es nicht ſeine Ergebenheit gegen den heiligen Antonius kenne und die große Gewiſſenhaftigkeit, daß er an Sonn⸗ und Feiertagen keinen Mord begehe. Die Ohnmacht der römiſchen Polizei war um ſo mehr beklagenswerth, als die Bande Gaſparones von Tag zu Tag neuen Zuwachs durch Ankömmlinge erhielt, welche der Ruf des furchtbaren Hauptmanns herbeilockte. Mit der Zahl der Banditen wuchs die Zahl ihrer Thaten und deren Grauſamkeit. Endlich wurde Gaſparone mit ſeiner Bande von allen Seiten eingeſchloſſen und ergab ſich unter der Bedingung, daß keinem das Leben gefährdet werde. Gegenwärtig lebt der Bandit ſammt ſeinen Genoſſen, Il. 10 fern von der Welt gemächlich von den Reichthümern, welche jeder zuſammen geſtohlen hat. Gaſparone bewohnt den Bagno von Civita Veecchia wie ein Luſthaus. Dieſer Bagno nämlich iſt von den Verord⸗ nungen, welche den übrigen Detentionsorten vorgeſchrieben ſind, ausgeſchloſſen. Er ſoll Briefe mit der Aufſchrift bekommen: lilluſtriſſims ſignare Gaſparone, ai bagni di Civita Vecchia. Sein Ruf hat die Namen aller ſeiner Vorgänger bei weitem überflügelt. Spartakus, Marco Sciara, Zampa, Dieci Nove, Fra Diavolo, Barboza, Giuſeppe Maſtrilli, Pietro Mancino, Gobertino, der mit eigener Hand neunhundert vierundſechszig Perſonen und ſechs Kinder tödtete und ſterbend nur über Eins Bedauern fühlte, nämlich daß er die Zahl ſeiner Morde nicht bis zu tauſend gebracht, wie er gelobt hatte; alle dieſe Namen erbleichten vor Gaſperone. Aronzo Albagna, der ſeine ganze Familie, Vater, Mutter, zwei Brüder und eine Schweſter umbrachte; Ban⸗ dino, Maino, Funcatripa, Perella, Coramprano, Calabreſe und Mezzapinta ſind trotz ihrer neueren Unternehmungen und des Ruhms, den ihnen die Plauderſucht und Uebertrei⸗ bung der Bewohner Roms und ſeiner Umgebungen verliehen haben, nichts gegen Gaſparone. 4 Jemand, der dieſen Menſchen in ſeinen jetzigen Aufent⸗ haltsorte geſehen hatte, verſicherte mich, daß er der Vorſtel⸗ 147 lung, welche man ſich gewöhnlich nach den Umſtänden ſeines Lebens von ihm mache, nicht im mindeſten entſpräche. Er ſoll ein Greis mit ſanften Augen, edlen, geſetzten Zügen ſein, ruhige, leutſelige Freundlichkeit ruht in ſeinen Mienen und nichts deutet die blutdürſtige, wilde Leidenſchaft in ihm an. Sein Geſichtsausdruck zeigt eine heitre, behagliche Lu⸗ ſtigkeit, die ſich mit ehrwürdiger Würde vereint und es un⸗ möglich macht, den Banditen oder Räuber zu erkennen, der Stilett und Feuerwaffe ſo vortrefflich zu führen verſtand und jeden ſiebenten Tag ſein Gebet um Vergebung der ſchreck⸗ lichen, im Laufe der Woche ausgeübten Verbrechen gewiſſen⸗ haft verrichtete. Wenige alte Banditen wandeln ſich ſo ganz um wie Gaſparone. Die Beiſpiele einer wirklichen Beſſerung ſind in Rom eben ſo ſelten, wie ſie häufig bei den engliſchen Depor⸗ tirten ſind. Die römiſchen Banditen machen ſich heutzutage weit mehr über die Perſonen der Reiſenden her, als über ihr Geld, Koſtbarkeiten und Gepäck. Sie ſchleppen ſie als Ge⸗ fangene mit ſich in die Gebirge, beſtimmen einen Preis für die Loskaufung und ſchicken Boten nach Rom ab, welche die von den Gefangenen ſelbſt bei Wechslern oder Bekannten zur Erhebung anzuweiſenden Summen in Empfang nehmen. Sie ſelber müſſen in den Händen der Banditen als Geißeln bleiben, um denſelben als Bürgſchaft zu dienen, daß ihre Sicherheit nicht durch Böswilligkeit oder Betrug gefährdet werde. 10* 148 Bis zu den Thoren Roms erſtrecken ſich die Anfälle der Banditen. Der ältere Bruder Napoleons, Fürſt Ca⸗ nino Lucian, wurde vor einigen Jahren wenige Schritte vor der Stadt gefangen und nur gegen ein ſtarkes Lüſezelh wieder freigegeben. — Die Banditen, welche draußen auf freier Straße ihr Gewerbe treiben, empfangen aus der Stadt die Nachrichten, welche ihnen beſonders die reichen Fremden bezeichnen. Dieſe Nachrichten ſind ſtets von einer unbegreiflichen Genauig⸗ keit. Die einzuſchlagende Straße, der Werth der Effekten, die Beſchreibung der Perſonen, ihr Vermögen, ihre Ver⸗— hältniſſe und die ihrer Familie, alles trifft auf das Genaue⸗ ſte in den Anweiſungen, welche alle Leute derjenigen Be⸗ völkerung ertheilen, die auf Koſten der Fremden lebt und dieſelben hinterher noch der Mißhandlung und Beraubung in die Hände liefert. Zwiſchen den Italienern Roms, ihrer niedrigen Treu⸗ loſigkeit und der Kühnheit der Banditen vom Lande iſt er Unterſchied etwa, welcher zwiſchen einem Gauner und einem Straßenräuber herrſcht. Aus dieſen Umſtänden, welche ich Dir, mein Vater, mit aller Mäßigkeit und Parteiloſigkeit mittheilen konnte, 1 geht hervor, daß unter den beiden am meiſten katholiſchen* Ländern Europa's, Italien und Spanien, das erſtere am 8— längſten das Räuberthum beibehält und daß von allen italie⸗. niſchen Gegenden die römiſchen Staaten die ſind, wo die* 149 Banditen ſich am längſten erhalten, ohne daß man ſie gänzlich auszurotten vermag. Eine beſſere Erziehung, mehr Aufklärung, weniger Aberglauben, gute Beiſpiele und vor allem Arbeit würden dem römiſchen Volke all jenes Elends entheben, welches von der Dummheit und dem Aberglauben erzeugt und von dem katholiſchen Klerus in allen Herzen und Geiſtern mit arger Vorſätzlichkeit gepflegt wird. 3 Mein Vater! mein Auge und mein Gefühl haben mir gezeigt, daß die Füße des achtzehnhundertjährigen Rieſen von Thon ſind; man behauptet, ſein Haupt ſei golden, wohlan, dies will ich jetzt erfahren. Der Gott Iſraels möge mir friſchen Muth auf dieſer neuen Bahn erhalten und über Deine Tage gnädig wachen. Hier endet Noemi's Bericht. Noch anderes Elend, als jenes, das dem Blicke der jungen Jüdin auffiel, liegt unter dem glänzenden Schimmer verborgen. Wir werden auf dem Wege, der uns noch zu durchlaufen übrig bleibt, ihm begegnen und die Aufmerk⸗ ſamkeit auf Alles das lenken, was zur Hervorhebung der Schwäche jener vorgeblichen römiſchen Gewalt dient, die nur noch ein Schatten von ihrer früheren Zeit geblieben iſt. 150 Noemi händigte den obigen Bericht Ben Saul ein, damit er ihn an Ben Jakob befördere. Als ſie den Ghetto wieder verlaſſen wollte, kam ein Menſch haſtig auf ſie zugerannt und ſtieß mit ihr wie von ungefähr zuſammen. Sobald Noemi ſich von dem Schrecken, den dies zähe Aneinanderrennen auf ſie übte, ſich etwas er⸗ holt hatte, und die Hand an das heftig klopfende Herz be⸗ wegte, bemerkte ſie mit nicht geringem Erſtaunen, daß das Ueberlaufen ſeitens jenes Menſchen kein blinder Zufall ge⸗ weſen ſei, denn er hatte über dieſe Begegnung ihr ein Billet in den Gürtel zu ſtecken gewußt. Ein geheimer Drang trieb ſie an, den Zettel ſogleich zu öffnen. Sie entfaltete das Papier. Es war nur eine einzige Zeile darin geſchrieben: „Ich reiſe in die Legation. Paolo.“ Dieſe Worte waren für Noemi unverſtändlich und dun⸗ kel. Allein eine innere Empfindung zeigte ihr, daß der Name Paolo einen Widerhall in ihrem Herzen gefunden; ſie glaubte die in ihr hervorgerufene Bewegung recht zu verſtehen, wenn ſie annahm, daß die eben ihr zugekommene Nachricht in ge⸗ heimem Zuſammenhange mit ihrer Liebe und den Intereſſen ihres Volks ſtehe. Ende des zweiten Bandes. Fſſſſſinſnſnſſſſfſſſſſſſntffnfſſinſiſſiſfſffff 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19