+ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 8. 3. Ednard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückiabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uyr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret 3 eh wird. 4 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für üöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — e icher: auf 1 Monat: 1 Mt. Pf. 1 Mk. 50 Ff. 2 Mk. pff. n 7„„„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 4 — das enthüllte Rom. Roman für das Volk von 61 Ernſt Reinhold. 4 4 d Erſter Hünd 5 Leipzig, Otto Klemm. 1851. l. Die Papſtwahl. 1. Vor dem Conelave. — Nun, Monſignor, was für Nachrichten bringen Sie aus dem Quirinal? — Vortreffliche, cara mia! — Alſo Seine Heiligkeit befindet ſich beſſer? — Im Gegentheil, il ſants padre liegt in den letzten Zügen. Die beiden redenden Perſonen wechſelten ſchnell einen Blick, in dem ſich geheime Freude ausſprach. Der als Monſignor Angeredete warf ſich in die Polſter eines Lehnſeſſels und ſtreckte die Füße gegen das Feuer, welches in einem franzöſiſchen Kamin hell aufloderte. Die Zeit, von der wir hier reden, fällt in die erſten Tage des Monats November 1830...... Nach kurzem Schweigen fuhr Monſignor fort: In welcher Kirche waren Sie am Allerheiligenfeſte, Griſn: — In der Kirche del Jeſu. 1* 4 — Alſo in der Jeſuitenkirche. — Ja, die Jeſuiten wenden einen Glanz an, der mich hinreißt; bei ihnen ſcheint mir die Religion weniger ſtreng und rauh. Statt mir Furcht einzuflößen, ziehen ſie mich an und entzücken mich. Ich gleiche darin der großen Maſſe, welche die Heiligen der Jeſuiten allen übrigen vorzieht. Ich glaube, wenn es überhaupt möglich wäre, ſo vermöchten die Jeſuiten allein mir zurückzugeben. — Was Sie verloren haben, Ihre vormalige Unſchuld, wie Sie ſich auszudrücken pflegen! Sagen Sie, Gräfin, bedauern Sie ihren Verluſt wirklich aufrichtig? — Vielleicht. — War die Ennzione(Feier) glänzend? — Bewundernswürdig! Ich habe noch nie eine ſolche Schönheit geſehen, wie der junge Prieſter iſt, welcher das Amt hielt. Alle Frauen waren von ihm entzückt. Monſignor lächelte. Es trat wiederum eine kurze Pauſe ein; dann nahm die Gräfin mit erkünſtelter Gleichgültigkeit das Wort: — Im Quirinal alſo, ſagten Sie. — Herrſcht große Unruhe. Seit den letzten Ereigniſſen mit Frankreich hatte die Geſundheit des Papſtes einen hef⸗ tigen Stoß erlitten, und während der letzten drei Monate hat das Uebel ſich ſichtbar verſchlimmert. Sie erinnern ſich vielleicht aller der Muthmaßungen, in welchen man ſich da⸗ mals erſchöpfte— ich habe die W Jahrheit von dem Kin⸗ — merer erfahren; aber es gehört etwas in die Politik, ich weiß nicht, ob Sie... — Theilen Sie es immerhin mit, es erſchreckt mich nicht mehr, im Gegentheil es macht mir Spaß. Alſo ich höre. — Das neue franzöſiſche Gouvernement wollte ſich die Neigung des Klerus erwerben. Man bezeigte ſich auf das Zuvorkommendſte gegen den Erzbiſchof von Paris; aber der Prälat zog ſich zurück und nahm die offiziellen Schmeiche⸗ leien ſehr kalt auf. Er ließ erkennen, daß er entſchloſſen ſei, die kirchlichen Fürbitten, welche man von ihm begehrte, nicht zuzugeſtehen, bevor er nicht dazu die ausdrückliche Be⸗ vollmächtigung des Papſtes erlangt habe. — Ja, ich erinnere mich daran; es war damals bei der franzöſiſchen Geſandtſchaft. Jemand, dem ich mein Er⸗ ſtaunen bezeigte, daß die ſämmtlichen Prälaten ihm den Hof machten, flüſterte mir zu:„er überbringe dem Papſte einen Brief der Königin von Frankreich.“ — Außerdem hatte er auch noch eine Botſchaft des Erzbiſchofs. Nachdem der heilige Vater von den beiden De⸗ peſchen Kenntniß genommen, richtete er an den Geſandten mehrere Fragen. Er begehrte mit einem Zaudern, welches ſeine Beſorgtheit verrieth, zu wiſſen, ob die neue Ordnung der Dinge ſich nicht etwa zur Demokratie hinneige. Der Geſandte verſetzte, er könne verſichern, daß die Beſtrebungen des ftanzöſiſchen Hofes durchaus nicht einer ſolchen Art ſeien. Dieſe Erklärung ſchien den Papſt zu beruhigen; allein gleich darauf ſprach er mit einem Tone, dem er einen feſten Aus⸗ druck zu geben ſich bemühete:„Ich werde den König von Frankreich nur anerkennen, nachdem ich die Anſicht der übri⸗ gen Mächte vernommen.“ Der Geſandte verneigte ſich; allein mit einigen Worten, welche er ehrfurchtsvoll äußerte, gab er zu verſtehen, daß bei ſolchen Weigerungen eine Trennung der gallikaniſchen Kirche von der römiſchen zu beſorgen ſtünde. Darauf verſetzte der Papſt zornig:„Es ſteht geſchrieben, daß es Trennungen und Ketzereien geben werde!“ Der Diplomat ſah ein, daß er über die Hartnäckigkeit des Papſtes nicht triumphiren werde. Er richtete daher ſeinen ganzen Einfluß auf die Perſonen, welche auf den heiligen Vater einwirkten. Die Gräfin machte mit dem Kopfe ein Zeichen des Ein⸗ verſtändniſſes. — Der Papſt, fuhr Monſignor fort, wurde ſo geſchickt herumgebracht, daß er ſich zur Anerkennung des Königs von Frankreich entſchloß. Seit dieſer Zeit iſt der heilige Vater in eine finſtere, ſchwere Melancholie verfallen; ſeine inneren Qualen wurden durch körperliche Schmerzen noch vermehrt. Seine Heilig⸗ keit fühlt in allen Gliedern eine Steifheit, die ihm jede Be⸗ wegung unmöglich macht oder mit den größten Schmerzen verbindet. Dieſer Zuſtand verſchlimmert ſich täglich und geſtern hat die Krankheit einen ſo heftigen Charakter ange⸗ nommen, daß keine Hoffnung zur Geneſung bleibt. 3 7 — Alſo! rief die Gräfin faſt mit heller Freude aus; ſo müſſen wir uns rüſten, einen neuen Papſt zu machen! Monſignor antwortete auf dieſen Ausruf nur durch Schweigen. Dieſe Unterhaltung fand in einem geräumigen Saale im zweiten Stock des Palaſtes al pians nobile, am Platze Navone, ſtatt. Wir wollen jetzt mit den beiden Perſonen dieſer Unterredung näher bekannt machen. Donna Olimpia war trotz ihrer zweideutigen Stellung eine der gefeierteſten Perſonen Roms. Sie war zu Cremona geboren und hatte Venedig lange bewohnt, deſſen Sitten, Sprache und Hinterliſt ſie nicht abgelegt. Olimpia war Wittwe des Grafen Fazio di Serravalle und beſaß in der Lombardei, in der Gegend von Mantua, eines der reichſten Güter mit Reispflanzungen. Als ſie etwas in die Jahre gekommen war, zog ſie den Aufenthalt in Rom jedem an⸗ dern Ort vor. Die heilige Stadt geſiel ihr vorzüglich aus dem Grunde, weil ſie ein Gewebe der heftigſten, unausge⸗ ſetzten Intriguen iſt. Bei Donna Olimpia hatte der Hang nach Intriguen die beiden anderen großen Leidenſchaften ihres jugendlichen und ſpäteren Alters, Liebe und Frömme⸗ lei, überflügelt. Die ſtolze Schönheit ihrer Züge und ihr prächtiger Wuchs gaben ihr noch immer ein Recht, Huldi⸗ gungen anzunehmen; allein nicht dieſen Vorzügen verdankte ſie ihre gebietende Stellung in der römiſchen Geſellſchaft. Niemand fiel es ein nach dem Alter der Gräfin von Serrapalle zu fragen; ſie ſchien etwas weiter von der Jugend 8 entfernt zu ſein, als dem Alter nahe; übrigens hatte für die⸗ jenigen, deren Neigung ſie gewinnen wollte, ihr Geiſt einen ſo mächtigen und raſchen Einfluß, daß neben ihr kein Ge⸗ danke an Andere beſtehen blieb. Der Zauber ihrer Worte war augenblicklich und unwiderſtehlich, zumal wenn ein durchbohrender Blick ſie begleitete, oder ein lebhaftes, aus⸗ drucksvolles Mienenſpiel ihnen Leben verlieh. Als Donna Olimpia nach Rom kam, fiel ſie zuerſt durch eine übermäßige Frömmigkeit auf. Sie beſuchte mit uner⸗ müdlichem Eifer die Kirche, zeigte einen großen Hang für Werke der Liebe und Wohlthätigkeit und machte durch ihre Frömmigkeit bald Aufſehen in den höchſten Kreiſen; man ſprach von ihr in dem Vatican und den päpſtlichen Paläſten. Um jene Zeit hatte Olimpia die Schwelle, welche von der Jugend ab dem Alter zuführt, überſchritten; ſie zählte da⸗ mals dreißig Jahre und jetzt waren es ungefähr zwanzig Jahre, daß ſie Rom bewohnte. In Folge des Rufs ihrer Tugend wurde die ſchöne Gräfin unter die ausgezeichnetſten frommen Perſonen ge⸗ rechnet und lebte im vertrauten Umgange mit den Würden⸗ trägern der Kirche. Ihrer erheuchelten Demuth war es ge⸗ lungen, die geheimen Wünſche ihres Hochmuths und ihrer ſtolzen Begierden zu erfüllen. Dazu beſaß ſie Klugheit ge⸗ nug, um von ihrem Glück keinen Mißbrauch zu machen und in demſelben weder läſtig noch verhaßt zu werden, ſondern bediente ſich deſſelben mit Mäßigung. Bei mehreren geheim⸗ nißvollen Intriguen, in welche ſie mit Behutſämkeit gezogen 9 war, legte ſie ſolche Feinheit an den Tag, daß in der Folge ihr Rath und ihre Mitwirkung zu den ehrgeizigſten Plänen in Anſpruch genommen wurde. Von nun an jedoch kannten ihre Begierden keine Gren⸗ zen mehr; ſie machte aus dem Einfluſſe, der ihr zu Gebote ſtand, einen öffentlichen Handel und erfüllte durch ihre Mit⸗ wiſſenſchaft an entſetzlichen Geheimniſſen diejenigen, welche ihr hätten widerſtreben wollen, mit Schrecken. Donna Olimpia war nicht ehrſüchtig, ſondern geizig; ihr galt die Macht nicht als Ziel, ſondern nur als Mittel zur Bereicherung. Sie ſtellte ſich küͤhn an die Spitze jenes Heeres von römiſchen Frauen, denen man überall bei allen Kabalen, bei allen Gunſtbezeigungen, bei allen Verleihungen und allen politiſchen Plänen begegnet; ihr Palaſt wurde der Mittel⸗ punkt ihrer Operationen; der Schacher mit geweihten Gegen⸗ ſtänden, der ſchändliche Handel der Simonie ſchlug daſelbſt ſeinen Sitz auf. Der gute Ruf der Donna Olinpia verlor durch dieſe Umſtände ein wenig; da ſie nicht allzu zartfühlend und ge— wiſſenhaft bei den Mitteln war, welche ſie zur Erreichung ihrer Abſichten einſchlug, ſo hielt ſie ſich von nun an auch nicht mehr ſo ſtreng an die früher eingeſchlagene ehrſame Lebensweiſe. Dadurch gab ſie denen, welche ſie fürchteten, Gelegenheit, ſie von ihrer Höhe zu ſtürzen, und zu der Zeit, wo die von uns berichteten Ereigniſſe ſpielen, war Donna Dlimpia wenig über die Stufe ausgezeichneter Liebhaberinnen, 10 wohl aber bedeutend unter den Rang ſolcher Frauen geſtellt, denen ihre Geburt und der Name ihres Gemahls früher eine Stellung verliehen hatten. Und dieſe Gräfin von Serravalle war es, mit der ſich Monſignor Panfilio, einer der ſchlaueſten Prälaten des rö⸗ miſchen Klerus, in dem Palaſt am Platze Navone nunterhielt. Panfilio war aus einer edlen Familie entſproſſen und im frühen Alter zu höheren kirchlichen Würden gelangt. Er zog nicht ſo ſehr durch Verdienſte und Fähigkeiten, als durch eine bewunderungswürdige Biegſamkeit des Charakters, eine überraſchende Schlauheit und eine bis zu knechtiſchem Weſen getriebene Frömmelei die Aufmerkſamkeit auf ſich. Er war von den Jeſniten erzogen und hatte frühzeitig ſich das Bei⸗ ſpiel ſeiner Lehrer zu eigen gemacht. Panfilio war, obgleich er ſich Monſignor tituliren ließ, nicht mit den geiſtlichen Weihen verſehen; er war nur ein Affilirter der Kirche und trug beſtändig eine halb bürgerliche, halb geiſtliche Tracht; der Geiſtlichkeit verdankte er ſeine Erhebung, die ihm ſchwer⸗ lich anderswo geglückt wäre; was war alſo natürlicher, als daß er ihr ſeine Neigung und Wünſche zuwendete. Der Titel Monſignor war an mehrere, ihm anvertraute Aufträge geknüpft geweſen, und er hatte ihn nur im Gefühle befrie⸗ digter Eigenliebe beibehalten. Monſignor Panfilio hatte von ſeinen früh verſchiedenen Eltern ein beträchtliches Vermögen überkommen. Dieſer Reichthum war von ihm vermöge der ihm anvertrauten Ge⸗ ſchäfte beinahe verdoppelt. 11 Seine religiöſe, politiſche und bürgerliche Exiſtenz hatte beſtändig eine Amphibiennatur gehabt und er war ſein gan⸗ zes Leben hindurch zwiſchen zwei Strömen geſchwommen. In den erſten Jahren dieſes Jahrhunderts, als Rom unter dem Papſtthume des ſechſten und ſiebenten Pins durch den Fall und die Gefangenſchaft ſeiner Päpſte und durch die Vernichtung des heiligen Stuhls ſo empfindlich gedemüthigt war, hatte Panfilio ſich in die Diplomatie geflüchtet, um mit dem einen Fuße auf römiſchem, mit dem andern auf fremdem Bereiche zu ſtehen. Damals war er für die Herren Roms, die Franzoſen, leidenſchaftlich eingenommen, und gab ihnen unzählige Beweiſe ſeiner Treue und Anhänglichkeit. Er wurde bei allen Unterhandlungen mit Frankreich zur Wiedereinſetzung der katholiſchen Religion gebraucht und zog mehr als einmal ſich die Gewogenheit des Papſtes und Napoleons zu. Als ſpätere Ereigniſſe Pius VII. nach Rom zurückführ⸗ ten, wurde Panfilio, der ſich das Vertrauen dieſes Papſtes erworben hatte, der mittelbare Rathgeber jener Maßregeln, mit denen der Papſt gegen ſeine eigenen Handlungen pro⸗ teſtitte, und die der Welt das Aergerniß gaben, daß der Papſt ſelbſt ſeine Fehlbarkeit an den Tag legte. Er war der Vertraute der beiden Kardinäle, welche jenem Papſte die Desavouirungs⸗Akte des Konkordats diktirten, von dem er in ſeinem Briefe an Napoleon vom 24. März 1813 ſagte: „Der Geiſt der Finſterniß, Satan, hat mir alle Artikel dieſes Konkordats eingeflüſtert...“ Er war desgleichen der heim⸗ 12 liche Agent bei den Verfolgungen geweſen, die nach der Rück⸗ kehr des Papſtes in Rom gegen diejenigen erhoben wurden, welche ſich den Franzoſen geneigt gezeigt hatten und jetzt in Folge der heimlichen Anzeigen gegen ſie theils zum Tode, theils zur Verbannung verurtheilt wurden. Endlich ſchrieb man ihm die Abfaſſung jener Bulle zu, die im folgenden Jahre am Tage der Octave des Feſtes des heiligen Ignaz von Loyola den Jeſuitenorden wieder herſtellte. Die Aus⸗ drücke dieſes Erlaſſes verdienen die höchſte Beachtung der Geſchichte. „Die katholiſche Welt, heißt es darin, verlangt ein⸗ ſtimmig die Wiederherſtellung der Jeſuiten... Die Ver⸗ herrlichung der katholiſchen Kirche legt uns auf, daß wir den Wünſchen aller Völker nachgeben und dieſe heilige Krieger— ſchaar wieder einführen. Wir würden uns eines großen Ver⸗ brechens vor Gott ſchuldig erachten, wenn wir bei den über⸗ großen Gefahren des chriſtlichen Freiſtaates uns nicht der Mittel bedienen wollten, welche die beſondere Vor⸗ ſehung Chriſti uns zugeſtanden hat...“ Und weiter unten die aus demſelben Tone klingenden Worte: „Durch ſo überwiegende Gründe beſtimmt, haben wir in klarſter Erkenntniß und kraft unſerer apoſtoliſchen Voll⸗ macht zu ewiger Geltung beſchloſſen, daß alle Zugeſtändniſſe, Vorrechte, Befugniſſe und Rechte, welche den Jeſuiten des ruſſiſchen Reichs und des Königreichs beider Sieilien ver⸗ e er 13 liehen ſind, ſich in Zukunft auf alle unſere Kirchenſtaaten und gleichermaßen auf alle andere Reiche erſtrecken ſolle.“ Dieſe Bulle ward aus dem Vatican als ein willkom⸗ menes Geſchenk für die Reſtauration in die Tuillerien geſchickt. Bei der Nachricht von Napoleons Rückkehr flüchtete Pius VII. ſich nach Genna, wohin Panfilio ihm folgte. Letzterer wurde unter Leo XII. der Angeber einer bannſtrah⸗ lenden Bulle gegen die Philoſophen, welche zum Geſpött der katholiſchen Welt wurde. Ueberhaupt ſchienen zu jener Zeit alle Pläne Roms ſich ins Groteske zu werfen; man verkün⸗ dete das Ablaßjahr, welches alle Straßen mit Prozeſſionen, dieſen verkommenen Denkmalen einer Zeit der Finſterniß, Unwiſſenheit und Barbarei, anfüllte. In eben dieſen Tagen ſo befremdenden Rückſchritts ſah man auch aus dem Quiri⸗ naliſchen Palaſt für den Prinzen von Angouleme einen Degen, einen ungeheuern, ganz mit Steinen beſetzten Ca⸗ pellone, und für ſeine Gemahlin, die Herzogin, den ſilber⸗ nen Hammer ſenden, mit dem der Papſt die Porta ſanta, das heilige Thor, welches ſich nur für die Ablaßjahre öffnet, ſammt Medaillen, Kameen, Reliquien und Reliquienkäſt⸗ chen ſenden. Dieſe Symbole dienten dem regierenden Hauſe zur Anſpornung im Geiſte des Haſſes und der Verfolgung gegen die Einrichtungen und Fortſchritte unſerer politiſchen Freiheit. Panfilio war auf dieſe Weiſe abwechſelnd der Agent der wunderlichſten und widerſprechendſten Geſchäfte; bei Leo XII. war er in höchſter Gunſt angeſchrieben; er hatte 14 dieſen zweimal nach Paris begleitet, als derſelbe vor ſeiner Erhebung zum Papſte, noch als Kardinal Annibal della Genga, ſich vor dem Kaiſer zu den übertriebenſten Kriechereien verſtand und das andere Mal, wo dieſer Prälat als außer⸗ ordentlicher Nuntius an den Hof Ludwigs XVIII. kam, um ihm Glück zu wünſchen,„daß der Gott der Heerſchaaren ihn gleichſam an der Hand auf den Thron ſeiner Vorfahren ge⸗ führt habe, um den Verfolgungen der katholiſchen Kirche, der heiligen Gemahlin Chriſti, die ohne Unterlaß über das von dem Uſurpator ihr zugefügte Leid gejammert habe, ein Ziel zu ſetzen.“ So war dieſer Mann, der auf den Gräbern dreier Papſtthümer ſtand, eine lebende Chronik dreier unſeliger Herrſchaften. Die öffentliche Meinung rief ihm nicht ſelten die Widerſprüche ins Gedächtniß, in denen er mitgewirkt hatte. Ein Lieblingsgedanke dieſes Monſignor, von deſſen Vergnügungen ganz Rom erzählen konnte, beſtand darin, daß er Leo XII. einredete, daß er ſich das Anſehen eines „gotteseifrigen“ Papſtes gebe, indem er allen Luxus des römiſchen Lebens und ſeiner Vergnügungen einer Reform unterwürfe. Gebräuche, Geräthe, die Bälle und öffentlichen Schauſpiele wurden zuerſt davon betroffen. Selbſt die Tracht der Frauen blieb nicht verſchont. Man verbot den Schneiderin⸗ nen, Hemdennäherinnen und Modehändlerinnen unter Strafe der Excommunication ausgeſchnittene Gewänder zu machen. Freilich wurde die Ausſchweifung Roms nie ſo weit getrie⸗ ben, als gerade unter den Schlägen, welche dieſe Verord⸗ 15 nungen gegen ſie führten; allein der Zorn der Frauen er⸗ zeugte gegen Panfilio nichts deſtoweniger einen unverſöhn⸗ lichen Groll, deſſen Vergeſſenheit und Verzeihung er ſpäter theuer erkaufen mußte. Monſignor wußte recht gut, wie heftig und allgemein der Haß der Einwohnerſchaft Roms gegen ihn warz allein er verſteckte ſeinen Verdruß unter einer erheuchelten Gutmüthig⸗ keit, gleichwie Donna Olimpia ihre Leidenſchaften mit ruhigem Ernſte und Unbefangenheit verſchleierte. So waren ſie, ohne ein Wort geſprochen zu haben, mit einander einverſtanden und ihre Pläne waren, ohne daß ſie dieſelben geäußert, ihnen gegenſeitig kein Geheimniß. Donna Olimpia ſah mit Freude die Kämpfe einer neuen Wahl ſich nahen, wo ſie ihren Einfluß einem jeden verkaufen, von jedem Schritte Vortheil ziehen, mit jedem Plane wuchern konnte; im Conclave ſah ſie eine Erndte von Gold erſprießen. Panfilio war bei allen ſeinen gewiſſenloſen Wetterwen⸗ diſchkeiten in einem Punkte feſtgeblieben. Dieſer Punkt war die Anhänglichkeit an die Jeſuiten und ihre Intereſſen. Noch ein zweites Gefühl beherrſchte ihn nicht minder ſtark und wahr: dies war ſein Haß gegen die Franzoſen, die er als Feinde der Geſellſchaft Jeſu, welcher er ſich ganz ergeben hatte, kannte. Monſignor hatte der Gräfin zu verſtehen gegeben, das Conclave zur Wahl eines neuen Papſtes finde in den erſten Tagen des Monats Dezember ſtatt, und in dieſe Verheißung, die 16 aus dem Quirinal widerhallte, ſetzte ſie weit mehr Vertrauen, als in die Unfehlbarkeit des Papſtes, deſſen irdiſche Laufbahn der Tod zu beenden drohte. Als die Nachricht von der Gefahr, worin das Leben des Papſtes ſchwebe, ſich in dem heiligen Collegium verbrei⸗ tete, war es der Mühe werth, die vielen und plötzlichen Um⸗ wandlungen, welche bei den Kardinälen ſtatt fanden, zu be⸗ obachten. Alle zeigten ſich fromm und ehrſam, gingen fleißig zur Kirche und waren züchtig und liebreich; diejenigen, welche man früher als die Zügelloſeſten genannt hatte, erſchie⸗ nen auf einmal ganz rein und unſchuldig; andere, die man bislang als ungemein roh und gröblich anmaßend gekannt, erſchienen, um die Menge zu beſtechen, auf einmal ganz zu— gänglich, demüthig, ſanft und wohlwollend. Bei Annähe⸗ rung des Conclave beſteht die römiſche Geiſtlichkeit aus lauter kleinen Heiligen. Olimpia pflegte dies la portiera del pon⸗ tificats zu nennen. Noch Andere ſpielten auf eine entgegengeſetzte Weiſe Komödie; ſie verbargen nämlich ihre Kenntniſſe, um welche man ſie beneidete, denn die Wiſſenſchaft hat immer jenes Collegium, welches dem Lichte zu ſehr Feind iſt, als daß es die Wiſſenſchaft ſehr lieben ſollte, von der Wahl zurückge⸗ ſchreckt. Dieſe nun prahlten eben mit ſolchen Kenntniſſen, welche ſie offenbar nicht beſaßen, um dadurch die Stimmen der Unwiſſenden, die ſich gern den Anſchein von Gelehrten geben mochten, zu beſtechen, wie es in einem Sprüchworte heißt: Nella corte di Roma, quello moſtra di ſaper tutto, ſa niente, chi finge di ſaper nulla ſa il tutto.—(Ein leerer Kopf fließt am Leichteſten über.) Daran reihete ſich dann jene lange Reihe von Verſtel⸗ lungen und Liſten, mittels derer man Stimmen für ſich zu gewinnen ſuchte. Jeder kränkelte an irgend einem verſtellten Leiden; die Einen krümmten ſich unter der Laſt vorgeſpiegel⸗ ten Alters; Andere erheuchelten Schmerzen, die ſie nicht fühlten; kurz Alle ahmten den Bettlern nach, welche mit dem Scheine erkünſtelter Uebel das Mitleiden der Vorübergehen⸗ den zu erregen ſuchen. Dieſe Kabalen und Parteiungen weben ſich durch alle Klaſſen der Bevölkerung Roms; die unbedeutendſten Ein⸗ flüſſe, die der niedrigſten Volksklaſſen, werden von den ver⸗ ſchiedenen Parteien, die ſich zum Kampfe um das Papſt⸗ thum rüſten, nicht verſchmäht. Donna Olimpia ſchien für dieſes große Ereigniß den ganzen Eifer, die Kraft und Gluth ihrer Ingend wieder ge⸗ funden zu haben⸗ Sie begehrte einen Papſt, der, treu den überlieferten Vermächtniſſen dreier Vorgänger, am Werke der Wiederaufhilfe des Jeſuitenordens und der Demüthigung des franzöſiſchen Liberalismus fortbaue. Politik und Re⸗ ligion waren ihren Beſtrebungen fremd; ſie wollte nur alles das zurückdrängen, was ſich ihren perſönlichen Wüunſchen entgegenſtellte. Und um darin einen günſtigen Erfolg zu erlangen, verabſäumte ſie nichts. Im Beſitz der verborgen⸗ en cfiden dieſer geheimen Wahl, welche ihn mit ehrgeizigem erlangen ſchmeichelte, ſchürzte ſie die feinſten Knoten, um 2 18 die Wahl ihrem Wunſche gemäß ausfallen zu laſſen. Sie be⸗ rechnete mit der ihr eigenen Verſchmitztheit die Neigungen jedes Kardinals, und eben derjenige, auf den ſich alle ihre Gedanken richteten, wurde von ihr mit dem allergeringſten Lobe erwähnt. Allein ſie wußte vortrefflich, wie ſie reden und auf welche Weiſe ſie diejenigen gewinnen mußte, deren Stimme ſie ſich verſichern wollte. Jeden Tag ſtattete ſie zahlreiche Beſuche ab und allent⸗ halben gelang es ihr ſich neue Hilfstruppen zu gewinnen. Mitten in dieſem Regen und Bewegen wurde Donna Olimpia durch den Klang der großen Glocke des Kapitols überraſcht, deren Geläute Rom den Tod des regierenden Papſtes verkündete.. Am 30. November 1830 verſchied Pius VIII. im Qui⸗ rinaliſchen Palaſt; ſeine ſterblichen Reſte wurden aus dieſem Wohnſitze der Päpſte in der pauliniſchen Kapelle ausgeſtellt, nachdem dem Gebrauche gemäß ſeine Eingeweide in eine Urne gelegt und nach der Kirche der Heiligen Vincentius und Anaſtaſius gebracht waren. Sobald der Papſt den letzten Hauch von ſich gegeben, begab ſich der Kardinal Kämmerling, welcher die Regierung des Kirchenſtaats und die Adminiſtration der Juſtiz in Hän⸗ den hat, in den Vatican und den Quirinal, um im Namen der apoſtoliſchen Kammer Beſitz davon zu nehmen. Er trug als Trauerkleid ein violettes Gewand; die Kammerſchreiber, welche ihn begleiteten, waren ſchwarz gekleidet; außer dem Genannten durfte kein Kardinal dieſer Ceremonie beiwohnen. Ir 4 ** Der Kämmerling nahm ein Geſammtinventar der in beiden Paläſten vorgefundenen Geräthſchaften auf. Alsdann ſchickte er Wachen zur Beſetzung der Stadtthore, der Engelsburg und anderer Orte oder volksreicher Plätze ab. Hierauf entfernte er ſich in einem prächtigen Wagen, vorauf die Kapitäne der päpſtlichen Garde, und von der Schweizergarde, welche Seine Heiligkeit gewöhnlich zu be⸗ gleiten pflegt, gefolgt. Die Camponone des Kapitols verkündete mit ihrer ehernen Stimme Rom nicht blos den Tod des Papſtes, ſon⸗ dern zeigte auch der Stadt an, daß die Sorge für die öffent⸗ liche Ruhe ihr ſelber obliege. 3 Bei dem Eintritt in das päpſtliche Gemach rief der Kardinal Kämmerling den Papſt dreimal, nicht bei ſeinem Papſtnamen, ſondern bei ſeinem Taufnamen; dreimal rief er: —„Franzesco! Franzesco! Franzesco!“ Hierauf begab er ſich in das Kabinet ſeiner Heiligkeit, zerbrach das Kirchenſiegel und den Ring des Fiſchers, damit während der Vacanz des heiligen Stuhls kein Breve ausge⸗ fertiget werden könne. Der Ring des Fiſchers, den der Papſt am Ringfinger der linken Hand trägt, hat als Schild das in Stein ge⸗ grabene Bildniß des heiligen Petrus, der in der Hand den Faden einer im Waſſer hängenden Angel hält. Das Siegel der Kirche trägt die Bildniſſe der Heiligen Peter und Paul nebſt einem Kreuze und dem Bruſtbild des Papſtes. Der Senat überreicht daſſelbe dem Papſte als 2* Geſchenk. Sein Werth iſt ungefähr zweihundert römiſche Thaler. Hierauf vernichtete der Kämmerling im Beiſein des Kanzlers und der vorzüglichſten Beamten der Kanzlei das Siegel für die Bullen in ſofern, daß das Bruſtbild des ver⸗ ſtorbenen Papſtes daraus entfernt wurde. Dieſes Siegel, nebſt dem Privatſiegel des Papſtes, welches gewöhnlich eine Deviſe aus der heiligen Schrift trägt, wurde aufbewahrt. Die Peterskirche iſt zum Begräbnißplatze der Päpſte beſtimmt; hierher wird der Leichnam aus dem Monte Ca⸗ vello, dem Quirinal oder dem ſonſtigen Aufenthaltsorte ge⸗ bracht. Dieſe Ceremonie iſt ſtets von einer großen, feier⸗ lichen Pracht begleitet. Der Zug verläßt den Quirinal Abends unter Fackelſchein. Der mit der Stola und dem Purpurmantel bekleidete Leichnam ruht auf einer offenen Bahre und iſt den Blicken der neugierig herbeidrängenden Volksmenge ausgeſetzt. Vor und hinter der Bahre geht ein unendlicher Zug von Prälaten, Monſignoris, Geiſtlichen und Mönchen auf ſchwarzbedeckten Mauleſeln. Abtheilun⸗ gen leichter Reiter und Küraſſiere folgen dem Zuge, welcher von Kanonen beſchloſſen wird, die das Zeichen der Herrſcher⸗ würde bilden. Der Leichnam des Papſtes wird drei Tage lang in der Peterskirche ausgeſetzt. Ein hoher Katafalk wird in der ſixtiniſchen Kapelle hinter dem Gitter errichtet, ſo daß der⸗ ſelbe ringsum den Blicken des Volkes zugänglich iſt. Der Körper wird in der Weiſe darauf gelegt, daß die mit den 21 päpſtlichen Pantoffeln bekleideten Füße gegen das Gitter ſtehen, damit die Menge ſie küſſen könne. Coulanges, wel⸗ cher uns Memoiren über zwei Conclaves, das Alerander's VIII. und Innocenz's XII., hinterlaſſen hat, erzählt, daß er bei der Todtenausſtellung des letzteren Papſtes, als er im Gefolge des Herzogs und der Herzogin von Nevers durch eine Seitenpforte in die Kapelle gedrungen ſei, hinter dem Gitter weder einen Geiſtlichen noch andere betende Perſonen gefunden habe. Die Ueberreſte des Papſtes ſind von zwölf ſchwarzen Holzleuchtern umgeben und haben als einzige Be⸗ wachung einen Knaben mit einem Fliegenwedel, womit der⸗ ſelbe die Fliegen von dem Angeſichte verſcheucht und durch das Gitter mit dem umgekehrten Ende die Finger derjenigen klopft, welche ſich nicht begnügen, die Pantoffeln zu küſſen, ſondern den Eifer ſo weit treiben, daß ſie dieſelben entwenden wollen. Zeigt ſich nicht in dieſen wenigen Zügen Rom, die römiſche Geiſtlichkeit und das Volk der heiligen Stadt ganz und gare Die römiſchen Prieſter verachten und verabſäumen eben die Verehrung, welche ihre Kirche aufs Eifrigſte em⸗ pfiehlt, und das Volk bekleidet ſeine Andacht ſtets mit Diebes⸗ und Raubgedanken, die ihm zur andern Natur geworden ſind. Das iſt ein durch Thatſachen unwiederſtehlich feſtge⸗ ſtellter Charakter. Die Todtenfeier Pius des Achten währte ſechs Tage. Während dieſer Zeit hielten die Kardinäle mehrere Congre⸗ gationen(ſo nennt man die Rathsſitzungen über Staatsan⸗ 4 22 gelegenheiten), um die Beamten der Polizei und in der Ar⸗ mee zu beſtätigen oder abzuſetzen. In eben dieſen Verſamm⸗ lungen wählt man den Präſidenten des Conclave, ſowie die Aerzte, Wundärzte und alle ſonſtigen Perſonen, welche den Kardinälen während der Wahl beigegeben werden. Das heilige Kollegium gibt zu gleicher Zeit den Ge⸗ ſandten der gekrönten Häupter und Freiſtaaten Audienz; in demſelben pflegt man ſich gegenſeitigen Wohlwollens zu ver⸗ ſichern und Beiſtand zur Aufrechterhaltung der Freiheit anzu⸗ bieten. Die fremden Miniſter machen nach ihrem Eintritt in den Audienzſaal drei Knieverbeugungen, als ob der Papſt gegenwärtig wäre und erheben ſich nur nach erfolgter Auf⸗ forderung des oberſten Kardinals, welcher zu ihnen im Na⸗ men des heiligen Kollegiums redet. Sollte man glauben, daß die Lenker des Schickſals von Nationen in dieſer Beziehung, die Repräſentanten der Völker, ſich ſo erniedrigen laſſen? Iſt es nicht unerhört, Rom, in Europa und im neunzehnten Jahrhunderte, dieſelben knechti⸗ ſchen Ehrenbezeigungen verlangen und erhalten zu ſehen, welche ſelbſt der Deſpotismus des Orients hat abſchaffen müſſen. Die Vertreter des römiſchen Volks, welche über die Freiheiten, Immunitäten, Rechte und Privilegien der rö⸗ miſchen Bürger zu wachen haben, und Geſandte von allen Orten, welche vom heiligen Stuhle abhängen, fanden ſich ein, um die Kardinäle ihrer Unterwürfigkeit zu verſichern. Jene Vertreter der ſtädtiſchen Angelegenheiten ſind dem Se⸗ 23 nator beigeordnete Beamte, dem ſie in der Rangordnung zur Seite ſtehen. Ihr Amtt iſt nichts weiter, als ein leerer, einträglicher Titel! Das Todtenamt des verſtorbenen Papſtes findet erſt am letzten Tage der Exequien ſtatt. Mit dieſer Feierlichkeit ſchließt ſich die Leichenceremonie. Jetzt dachte man an die Eröffnung des Conclave. Während die Förmlichkeiten dazu den Vatican in Be⸗ wegung ſetzten, zeigte ſich die Einwohnerſchaft Roms nicht minder thätig und theilnehmend. Donna Olimpia entwickelte an der Spitze derjenigen Frauen, welche durch ihren vertrauten Verkehr mit den Kar⸗ dinälen und römiſchen Prälaten die Macht in Händen hat⸗ ten, eine bewunderungswürdige Thätigkeit. Panfilio befand ſich ſeinerſeits gleichfalls mitten in allen Intriguen; ſein Beſtreben ging vorzugsweiſe dahin, der jeſuitiſchen Partei der Eiferer den Erfolg zu ſichern. Die Gräfin von Serra⸗ valle und Panfilio waren bereits ſeit langer Zeit durch ge⸗ heimnißvolle Bande an einander geknüpft. Der Haß und der Widerwillen, die ſie gegenſeitig wider einander hegten, trat vor der Nothwendigkeit einer Verbindung zu gegenſeiti⸗ ger Unterſtützung in den Hintergrund. Weil ſie ſich nicht zu trennen wagten, hatten ſie ſich auf das Engſte ver⸗ bunden. Um den Plan und die Maßnahmen der Donna Olimpia recht zu verſtehen, darf man nicht vergeſſen, daß in Rom die Frauen zu allen Zeiten einen großen Einfluß auf die Geiſt⸗ 24 lichkeit geübt haben. Der Einfluß von Geliebten und Lie⸗ besprieſterinnen iſt in dieſen katholiſchen Staaten bedeuten⸗ der als ſelbſt an den zügelloſeſten Höfen geweſen. In allen verſchiedenen Epochen ſieht man die Päpſte und Fürſten der Kirche von den Frauen beherrſcht, welche zu öfteren Malen die Ausſchweifung und den Mißbrauch ſolcher ſchmachvollen Gewalt ins Unbeſchränkte getrieben haben. In Rom richten ſich faſt alle Anſchläge der Frauen gegen Prieſter und ſie ſelber ſagen offen heraus, daß ſie lieber über eine Stadt voll Prieſter als über ein Königreich voll Kavaliere herrſchen wollen. 3 Donna Olimpia bildete ſich nicht wenig auf ihren Namen ein. Sie zitirte voll Stolz eine andere Donna Olimpia, welche unter dem Papſtthum Innocenz des Zehnten elf Jahre hindurch die Staaten des heiligen Stuhls regiert hatte. Die⸗ ſer Frau zu Ehren hatte man eine Medaille geprägt, welche auf der Vorderſeite Donna Olimpia mit der Tiara(päpſt⸗ liche dreifache Krone) auf dem Haupte und in der Hand die Schlüſſel des heiligen Petrus zeigte, und auf der Rückſeite den Papſt, in weiblichem Kopfputze und in den Händen Spindel und Kunkel, darſtellte. Eben dieſelbe Frau ſagte zu dem Papſte, der durch ihren Einfluß gewählt war: — Gebt mir Eure beiden Schlüſſel heraus. — Nein, nicht beide, ſondern nur einen Ich will ſie aber beide. Ihr wäret im Stande, mir den Schlüſſel zur Hölle zu geben und den zum Himmel zu behalten. 2— 25 Die Frauen, welche Donna Olimpia unter dem Ban⸗ ner ihrer Intriguen vereint hatte, zeigten ſich überaus eifrig und errangen die größten Erfolge, weshalb man ſie in Rom die Donne-Prelati, die weiblichen Prälaten nannte, und ihren mit der Mitra geſchmückten weibiſchen Sklaven den Beinamen Prelati-Donne, Prälatenweiber, gab. Alle Par⸗ teien wurden überliſtet; den Spaniern wurde die beſondere Vorliebe des Kandidaten für Spanien gerühmt und die Fran⸗ zoſen mit Sympathien für Frankreich beſtochen: ſelbſt mit der Diplomatie aller Länder gab es zu thunz mit den Be⸗ lanti(Eiferern) aber nahm man geheime Rückſprache. Donna Olimpia und ihre Parteigängerinnen ſprengten überall aus, daß Rom nur unter einem Papſte blühend und groß ſein könne, der den Frauen gut ſei, buon papa per le donne, und deſſen Triebe ſich dem weiblichen Blute zuwen⸗ deten, cinè inchinats ad amare il ſangue danneſra. Waren die oberen Regionen der römiſchen Geſellſchaft in ſolcher Weiſe fortgeriſſen, ſo wurden die übrigen Klaſſen die Beute eines Strudels von Meinungen und Anſichten, welche mit wirbelnder Gewalt die Einwohnerſchaft erſchüt⸗ terte. In den Straßen, auf den öffentlichen Plätzen, in den Kirchen, überall bewegten ſich die Parteien und rieben ſich an einander; Päpſte wurden ein- und abgeſetzt, ſo in den Hütten wie in den Paläſten und Geſandtſchafts⸗ und Gaſt⸗ höfen, welche mit einer Unzahl Fremder, die eben dieſe Ver⸗ anlaſſung nach Rom geführt hatte, angefüllt waren. Es wurden weit mehr Päpſte geſchaffen, als überhaupt Kardi⸗ 26 näle eriſtirten, und man verhandelte nur einzig und allein über den Kauf der Wahlſtimmen, wobei das Volk in ſeiner naiven, derben Sprache ſagte: „Non ſi vendona, nel mercato(dirô caſt) le cipolle à queſto, e à quello con ſt vil prezzo comme ſt fa del ſuffragin, de cardinali durante la ſede vaeante, né coſt manſueti ſtanno gli agnelli eſpaſti alla vendita, conforme ſi fanno vedere, in tal tempo i ſignori cardinali.“—„Die Zwiebeln auf dem Markte verkauft man, ſo zu ſagen, nicht ſo billig, als die Kardinäle während der Vacanz des heiligen Stuhles ihre Stimme; die zum Verkauf ausgeſtellten Lämmer ſind nicht ſo ſanft, als es die Herren Kardinäle während dieſer Zeit ſind.“ In dem einem Theile der Stadt war man bald über die muthmaßliche Wahl dieſes oder jenes Cardinals einver⸗ ſtanden; in einem andern und zwar eben dort, woher am wenigſten ein erfolgreicher Einfluß geübt werden konnte, wählte man dieſen und ſtürzte jenen: jetzt rief das Gerücht einen Spa⸗ nier als Sieger aus und im nächſten Augenblicke war ein Franzoſe der Günſtling des Glücks geweſen. O! wie viel Päpſte ſetzte Spanien und Frankreich in ihren Plänen auf den Thron, ohne daß das Volk eine Ahnung davon gehabt hätte, wie viele ſchuf das Volk, ohne ſich um Spanien und Frankreich zu kümmern. Dergleichen Zuſtände mußten natürlich den Plänen der Donna Olimpia günſtig ſein. Jede Verhandlung, jede Verabredung wurde von ihr belauert, ſie verſchwendete Gold 27 an Spione, ſchärfte den eigenen Späherblick und hatte über⸗ all ihre geheimen Diener. Bald ſah ſie das Glück ihren Beſtrebungen lächeln, dann plötzlich befand ſie ſich wieder ganz allein und verlaſſen. Pasquino*) machte, als er ſie ſo toll in ihren Wahlbeſtre⸗ bungen und ihrer früheren Andächtigkeit ſo ganz vergeſſen ſah, aus ihrem Namen zwei Worte und nannte ſie Olim⸗ pia, eine weiland Fromme. Indeß nahete der Augenblick heran, wo das Conelave eröffnet werden ſollte. Olimpia ſprach, als ſie den von ihr begünſtigten Kardinal verließ: — Ich will Sie nur als Papſt wiederſehen. — Ja, entgegnete derſelbe, wenn Sie nicht Päpſtin ſind, ſo darf ich nicht darauf hoffen. Man kann unmöglich alle Ränke und Schliche auf⸗ zählen, welche Stadt und Hof vor einem Conclave in Be⸗ wegung ſetzen. Ein jeder ſchmeichelte und betrog ſich mit Wünſchen; jeden Schritt umlauerten Liſten und Fallen. Vor Einem hatten ſich geſcheidte Bewerber am Meiſten zu hüten, nämlich vor compromittirenden Stellungen, an deren Spitze diplomatiſche Geſchäfte und das Gouvernement der Legationen(Provinzen des Kirchenſtaats) zu nennen ſind. Die Kardinäle gerathen zu weilen durch die Nation, der ſie *) Eine Bildſäule in Rom, an welche Witzworte und Schmäh⸗ ſchriften geheftet werden, woher auch der Name Pasquill gekommen. angehören, durch ihre Geburt und Familie, oder durch gewiſſen Verdacht und Ungnade in eine Stellung, welche ſie unwähl⸗ bar macht. Die vortheilhafteſte Bedingung, wählbar zu ſein, be— ſteht in der Vorſchätzung herannahender Schwächen und Krankheiten, die nur ein kurzes Papſtthum verheißen. 2. Während des Conclave. Treten wir jetzt ins Conclave ein; wir öffnen damit eine geheime Pforte der römiſchen Kirche. Das Conclave iſt für die römiſche Geiſtlichkeit die beſte Gelegenheit, Ge⸗ wandtheit und Liſt zu zeigen, welche hier ſeit fünfzehn Jahr⸗ hunderten angeſichts der Welt ihr Weſen getrieben haben. Die kanoniſchen Beſtimmungen ſtellen den Cardinälen die Wahl des Orts frei, wo das Conclave abzuhalten iſt; jedoch ſind die Berathungen über dieſen Gegenſtand bloße Förmlichkeit, denn in der Regel wird der vaticaniſche Palaſt dazu genommen, weil die großen Räume deſſelben am Ge⸗ eignetſten für den Zudrang des Volkes ſind, welches ſtets in dichten Haufen dem Orte zuſtrömt, wo die Kardinäle ſich verſammelt befinden. Die letzten drei Conclave's, in denen Leo XII., Pius VIII. und der gegenwärtige Papſt Gregor XVI. erwählt wurden, fanden im Quirinaliſchen Palaſt ſtatt. Die Erwählung Pius des Siebenten war eine improviſirte; der General Bonaparte ließ ſie durch fünfunddreißig in Ve⸗ nedig verſammelte Kardinäle bewerkſtelligen. Der Urſprung des Conclave wird ins Jahr 1268 ge⸗ legt. Nach dem Tode Clemens des Vierten konnten ſich die in Viterbo verſammelten Kardinäle zwei Jahre lang nicht über die Papſtwahl einigen und waren im Begriff aus⸗ einander zu gehen. Bonaventura rieth den Bewohnern der Stadt, das heilige Collegium hinter verſchloſſene Thüren zu ſetzen. Daraus erwuchs das Conclave, welches ſpäter durch eine Bulle Gregors X. in dieſer Form für immer verordnet wurde. Am Tage nach dem Schluſſe der Leichenfeierlichkeit wurde die Heiligengeiſtsmeſſe feierlich abgehalten, eine Rede in lateiniſcher Sprache geſprochen, und die Kardinäle zogen in Prozeſſion unter dem Geſange„Komm heil'ger Geiſt ꝛc.“ in die Kapelle ein. Die Bullen über die Papſtwahl wurden vorgeleſen und der vorſitzende Kardinal hielt eine Anrede, wo⸗ rin er zur genauen Befolgung der in den Bullen gegebenen Vorſchriften ermahnte. Das Conclave befindet ſich in einer geräumigen Galle⸗ rie, wo zwei Reihen von Zellen eingerichtet werden, zwi⸗ ſchen denen ein Gang hinläuft. Jede Zelle wird durch einen Verſchlag von Tannenbrettern gebildet, welche die Kardinäle mit grüner oder violetter Sarſche ausſchlagen und vor die Thüre ihre Wappen aufhängen laſſen. Den päpſtlichen Vorſchriften gemäß ſind alle Zellen gleich und liegen in einer Reihe in einem und demſelben Stockwerke; außerdem gehören mehrere Säle hintereinander dazu, welche nach denſelben Vorſchriften angeordnet ſind. Die Zellen enthalten ein Gemach für den Kardinal und einen Verſchlag für die Conelaviſten. Sie haben keine Kamine, ſondern werden von den angrenzenden leeren Zimmern aus erwärmt. Während des Winters werden ſämmtliche Fenſter bis auf ein einziges Fach verſchloſſen, ſo daß eine dichte, faſt ganz lichtloſe Dunkelheit herrſcht, im Sommer dagegen ge⸗ Dem Kardinal ſind während ſeines Aufenthalts in der Zelle ein Schreiber und ein Edelknabe beigegeben; den Kar⸗ dinälen erſten Ranges dagegen drei Conelaviſten. Die Stelle eines Conclaviſten iſt ſehr geſucht, denn es knüpfen ſich anſehnliche Vortheile daran. Die apoſtoliſche Kammer zahlt denſelben eine gewiſſe Summe vor dem Con⸗ elave, und nach Schluß deſſelben läßt der neue Papſt zehn⸗ tauſend römiſche Thaler an ſie vertheilen. Außerdem ge⸗ nießen ſie gewiſſe Bevorzugungen in ihrer künftigen kirch⸗ lichen Laufbahn. Dieſe Stellen legen die Arbeiten eines Dienſtboten auf, nichts deſto weniger werden ſie auf's Eifrigſte von jungen Prälaten geſucht; ſo ſehr vermengt in Rom ſich der Ehrgeiz mit Niedrigkeit. Die Conclaviſten tragen ſämmtlich eine Haustracht von gleicher Farbe. Ein Sakriſtan, ein Unterſakriſtan, ein Jeſuitenpater als Beichtiger, ein Sakriſtan des Collegiums, ein Zeremo⸗ nieenmeiſter, zwei Aerzte, ein Apotheker, zwei Barbiere mit eben ſo viel Gehilfen, ein Maurer, ein Zimmermann und währen die Fenſter eine Ausſicht auf Hof und Garten. Die einzelnen Zellen haben etwa elf bis vierzehn Fuß ins Gevierte. ———ᷓ— — zwölf Fachini, gewöhnliche Dienſtleute, machen die Diener⸗ ſchaft des Conclave aus. Die Aufwärter ſind in Violett gekleidet. Sobald die Kardinäle ins Conclave getreten ſind, wer⸗ den ſie ermahnt, unverzüglich ſich zurückzuziehen, wenn ſie nicht den Muth fühlten, bis an's Ende der Wahl auszu⸗ harren. Alsdann werden die Thüren verſchloſſen und alle Zugänge innen und außen mit Wachen beſetzt bis zur En⸗ gelsburg hin und die ganze Straße Longara entlang. In dem ganzen Raume ober⸗ und unterhalb der Säle des Con⸗ elave befindet ſich der Marſchall des Conclave mit Wachen, der Gouverneur und bedeutende Soldatenpoſten. Die Spei⸗ ſen werden nur in vorſchriftsmäßiger Weiſe mittelbar zuge⸗ führt, und in gleicher Art findet der Verkehr nach außen, mit den Geſandten und Abgeordneten nur in Gegenwart und unter Genehmigung des Vorſitzenden ſtatt. Der Käm⸗ merling bewohnt während der Dauer des Conelave die Ge— mächer des Papſtes, durchzieht die Stadt mit der Schweizer⸗ garde, läßt Münzen mit ſeinem Wappen ſchlagen und hält das Konſiſtorium ab. Zu beiden Enden der Gänge befinden ſich große Glas— fenſter, durch welche die genehmigten Unterredungen abge⸗ halten werden; man muß laut und italieniſch ſprechen, jede fremde Sprache iſt unterſagt. Vor dem Beginne des Conclave, ehe die Einſchließung der Kardinäle ihren Anfang nimmt, wird noch ein Tag zu Beſuchen und Unterredungen mit den Kardinälen feſtgeſetzt; — nach dieſem Tage werden alle, welche nicht zu dem Collegium gehören, ohne Unterſchied des Standes fortgewieſen. Etwaige Anſprüche nach dieſer Zeit geſchehen nur in der vorgeſchriebenen Weiſe. Die jüngeren Kardinäle klagen in ſolchen Unterredungen über ihre Langeweile und erkundi⸗ gen ſich wenigſtens nach den Stadtneuigkeiten, Feſten, Ge⸗ ſellſchaften, Wettrennen, Gartenvergnügen, der Jagd und allen übrigen Beluſtigungen, die ſie ſo ſehr vermiſſen. Nicht ſelten werden die älteren Kardinäle über ſolches Geſchwätz un⸗ geduldig und fahren die jüngeren Kollegen an, deren eitle Plaudereien ſie in den wichtigen Nachgedanken über den Gang ihrer Intriguen ſtören. Wird ein Kardinal krank, ſo kann er das Conclave verlaſſen, allein dann bleibt ihm der Wiedereintritt unterſagt. Die Zellen werden durchs Loos beſtimmt und nicht ſelten ſind zwei einander entgegenſtrebende Kardinäle Nach⸗ barn. Dann heißt es vorſichtig ſein, um kein Wort in die Nebenzelle dringen zu laſſen. Es werden Krankheiten vor⸗ geſchützt, damit man ſich untereinander berathen könne, wäh⸗ rend die übrigen Kardinäle in der Kapelle ſind, und im Bette liegend wird mit leiſer Stimme geplaudert; auch wählt man häufig die Nacht für dergleichen Zuſammenkünfte. Die Conclave ziehen ſich nicht ſelten in die Länge; gleichwohl würden ſie ſehr bald zum Schluſſe kommen, wenn die von dem allgemeinen Concil zu Lyon feſtgeſtellten Be⸗ ſchlüſſe geltend gemacht würden. Eine Vorſchrift dieſes Con⸗ eils lautet, daß die Kardinäle in enge und unbequeme Ge⸗ 33 mächer geſchloſſen und ihnen vom erſten Tage an nur zwei Schüſſeln täglich, nach drei Tagen nur eine und vom achten Tage an nichts als Brod und Wein verabreicht werden ſollte. Dieſe Vorſchrift iſt aber niemals zur Ausführung ge⸗ kommen. Das Mittagsmahl der Kardinäle bildet ſchon allein eine wichtige Beſchäftigung des Conclave. Die apoſtoliſche Kammer beſtreitet alle Koſten des Con⸗ elave; ſie zahlt die Koſten für Herſtellung der Zellen, die Gehalte, Löhne und Entſchädigungen; eben ſo hat ſie den Tiſch der Kardinäle zu tragen. Mehrere ziehen es indeß vor, ſich aus dem eigenen Hauſe beköſtigen zu laſſen. Wie in Rom eine Prozeſſion zu allen Dingen gehört, ſo wird auch das Mahl der Kardinäle in feierlicher Prozeſ⸗ ſion ins Conclave gebracht, und zwar in folgender Ordnung: Zwei Livreebedienten eröffnen den Zug, welche violette und grüne Holzkeulen für die bei der letzten Papſtwahl be⸗ findlich geweſenen Kardinäle tragen. Ein Kammerdiener mit einem ſilbernen Stabe. Die Edeljunker, zu zwei und zwei, mit entblößtem Haupte. Der Hausmeiſter mit einer Serviette auf der Schulter. Die Mundſchenke und Tafeldiener. Zwei Livreebedienten, welche an einer auf den Schultern ruhenden Tragſtange einen ungemein großen Wärmebehälter tungen, in dem ſich die Schüſſeln und Gerichte befinden. . 32 ₰ 34 Dann Aufwärter, die in Tragkörben Wein, und Obſt in Fruchtkörben herbeibringen. Bei der Ankunft im Vatican nennt die Prozeſſion den Namen ihres Kardinals und erhält Einlaß.. Alle Gerichte werden durchſucht. Man hat ſogar das Recht, das Geflügel, die Paſteten, das Wild und die Fiſche, kurz alle Speiſen zu durchſchneiden, welche irgend eine Ver⸗ ſteckung von Nachrichten möglich erſcheinen laſſen. Gläſer und Flaſchen müſſen durchſichtig ſein und Töpfe und Krüge bis auf den Grund durchblickt werden können. Trotz dieſer Vorkehrungen werden geheime Botſchaften auf dieſem Wege befördert. Man hat es ſogar ſo weit ge⸗ trieben, daß den Speiſen ſelbſt eine geheime Bedeutung bei⸗ gelegt wurde. Vorzüglich auf den Nachtiſch und deſſen Leckereien fand letztere Liſt ihre Anwendung. Die Früchte wurden zur Sprache und, wie man ſich in Rom ausdrückt, vom Baume der Erkenntniß des Guten und Böſen genom⸗ men. Bei einer Wahl zerſtörte ein Billet, welches in einer Trüffel durchgeſchmuggelt wurde, alle Pläne der Nebenbuhler und zerſchlug die auf den nächſten Tag feſtgeſetzte Wahl. Es war dies ein Streich eines franzöſiſchen Geſandten. Die Behauptung, daß eine Frau, die Geliebte eines Kardinals, unter der Tracht eines Conclaviſten ins Conelave gedrungen ſei, entbehrt des hiſtoriſchen Beweiſes. Hieraus geht hervor, daß die vorgeſchriebene Geheim⸗ haltung des Conelave nur eine feierliche Täuſchung iſt. Die ſo geräuſchvoll ausgeſchrieene Beaufſichtigung iſt nur höchſt 35 oberflächlich. Der goldene Schlüſſel öffnet überall einen Weg. Wenn die Heimlichkeiten des Conclave nicht immer laut wer⸗ den, ſo kommt dies nur daher, daß das Privatintereſſe beſ⸗ ſer darüber wacht, als die öffentliche Beaufſichtigung. Das Wahlrecht der Päpſte, welche die römiſche Geiſt⸗ lichkeit beanſprucht, iſt eine wahrhafte Anmaßung, beſonders, wenn man die Ausdehnung dazu rechnet, welche die Päpſte ſelbſt ihrer geiſtlichen und zeitlichen Gewalt gegeben haben. Allerdings ſtand der urſprünglichen Kirche das Recht zu, ihre Hirten zu wählen, allein dieſelben mußten in der von Chri⸗ ſtus gelehrten Niedrigkeit bleiben, nach den Worten ſeiner Lehre: mein Reich iſt nicht von dieſer Welt. Jenes Recht iſt auch häufig beſtritten worden, allein Concilien haben es beſtätigt; aber— die Päpſte machen die Concilien und die Concilien machen Päpſte, und Concilien mit dictatoriſchen Beſchlüſſen ſind weit leichter zu finden, als Gründe und Rechtfertigungen. Ehemals hatte das römiſche Volk ein Wort bei der Papſtwahl mit einzuſprechen; da jedoch die Wünſche des Volkes mit dem Ehrgeize der Geiſtlichkeit zu oft in Wider⸗ ſpruch geriethen, ſo wurde die Wahl, unter Vorſchützung von entſtehenden Unordnungen und Unruhen, dem Klerus allein anvertrauet, wo ſie denn bald in den engen Kreis der Kardinäle gedrängt und ganz unter römiſchen Einfluß ge⸗ bracht wurde. Die eitlen menſchlichen Beweggründe, welche hierbei leiteten, wurden von den Concilien immer recht hübſch mit der„ſichtbaren Leitung Gottes“ umkleidet. 3* Es gibt vier Arten der Wahl, welche den neuen Papſt beſtimmen, die Adoration, das Compromiß, die Abſtim⸗ mung und das Acceſſit(nachträglicher Beitritt). Die Adoration beſteht darin, daß ein Kardinal, wenn er ſeine Stimme zu geben hat, auf denjenigen zugeht, wel⸗ chen er zum Oberhaupte der Kirche erheben will, ihn zum Papſte ausruft und zwei Drittel der übrigen Kardinäle die⸗ ſem ehrenvollen Zeugniſſe beiſtimmen. Dieſe Wahl iſt ſpä⸗ ter noch unter ein nachträgliches geheimes Abſtimmen geſtellt worden, doch kennt man kein Beiſpiel, daß daſſelbe eine ſolche Wahl zerſchlagen habe. Das Compromiß tritt bei der Stimmengleichheit ein, wo dann einzelne Mitglieder des Conclave den Auftrag erhalten, unter den Kardinälen zu wählen. Die Abſtimmung geſchieht durch Zettel. Das Ae⸗ ceſſit iſt nur ein äußerſtes Ausfluchtsmittel. Wenn die Hoff⸗ nung, zwei Drittel der Stimmen auf einen Namen zu brin⸗ gen, aufgegeben werden muß, ſo treten Einzelne mit ihren Stimmen zu der ſtärkeren Partei, wobei es ausdrücklich ver⸗ boten iſt, dem Namen, welchen man ſchriftlich eingereicht hat, noch einmal mündlich beizutreten. Zweimal täglich, morgens um ſechs und abends um zwei Uhr, durchſchreitet ein Zeremonienmeiſter dreimal das Conclave und ruft die Kardinäle in die Kapelle. In der ſirtiniſchen Kapelle des Vatican, oder in der des Quirinal werden die Wahlzettel nach vorgeſchriebener Ord⸗ nung in einen auf dem Altare ſtehenden Kelch geworfen. Dieſe Zettel, welche ſchon vorher fertig gemacht ſind, enthal⸗ ten den Namen des Vorgeſchlagenen, des Abſtimmenden und noch eine beſondere Inſchrift, um die Echtheit derſelben zu beſtätigen. Sie ſind mit einem beſonders dazu gemachten Siegel verſchloſſen, welches niemals das Wappen eines Kar⸗ dinals enthalten darf. Die Stimmzettel der kranken Kardi⸗ näle werden aus deren Zelle von den Krankenwärtern über⸗ bracht; die Kranken ſtecken dieſelben in einen verſchloſſenen Kaſten durch eine obenangebrachte Oeffnung. Alsdann wer⸗ den Reviſoren durchs Loos beſtimmt, dieſe öffnen die Stimm⸗ zettel mit der ängſtlichſten Behutſamkeit, weil ſie überall Liſt und Betrug fürchten müſſen. Vor dem Beginne der Abſtimmung haben die Kardi näle den Eid zu leiſten, daß ſie nur den Würdigſten wäh⸗ len wollen. Jeder trägt ſeinen Stimmzettel auf einem golde⸗ nen Becken. Während der Oeffnung der Zettel notirt jeder Kardinal die Stimmenzahl, welche auf ihn und Andere fällt. Hat ein Kardinal zwei Drittel der Stimmen erhalten, ſo werden die Zettel noch einmal controlirt, indem jeder ſich zu ſeinem Namen und Zettel zu bekennen hat. Geſchieht die Erwählung durch Acceſſit, ſo wird unterſucht, ob die Stimme der nachträglich Beigetretenen auch wirklich zuvor einem An⸗ dern gegeben war. Kommen keine zwei Drittheile zuſammen, ſo werden die Zettel verbrannt und die Wahl beginnt von neuem. Die Menge, welche draußen harrt, nimmt deshalb den 38 Rauchfang der Kapelle als Merkmal an. Wenn Rauch auf⸗ ſteigt, ſo iſt es ein Zeichen zerſchlagener Wahl. Die kleinlichſten Kunſtgriffe gehen bei dieſen Wahlge⸗ ſchichten Hand in Hand mit den heiligſten Eiden. Während der Abſtimmung leſen an ſechs Altären Kar⸗ dinäle Meſſe. Die Zettel ſind auf die künſtlichſte Weiſe acht⸗ mmal gefaltet und die Kardinäle ſuchen mit knabenhafter Aengſtlichkeit und Kleinlichkeit ihre Hand zu verſtellen und das Durchleſen der Stimmabgabe mittels allerlei Schnörkel und Kritzeleien auf der Außenſeite zu verhindern. Die alten Kinder! Die Geſchichte der Conclaves iſt nicht blos mit Intri⸗ guen, Liſten und Niederträchtigkeiten bezeichnet, ſondern auch mit Entſetzlichkeiten und Verbrechen. Dolch und Gift haben bei unendlich vielen Wahlen ihr Beſtes gethan; Rom und die ganze Chriſtenheit ſind durch die Papſtwahlen mit ver⸗ derblichen Zwiſt, Haß und Blutbad zerfleiſcht und die Erle⸗ digung des heiligen Stuhls fachte den Ehrgeiz zum Ver⸗ derben von Thronen und Nationen an, welche in Folge deſſen öfter von ſchrecklichem Bürgerkriege heimgeſucht wurden. In neuerer Zeit ſind jene welterſchütternden Stürme freilich nicht mehr damit verknüpft geweſen, aber darum ſind doch die inneren Verhältniſſe unverändert geblieben. Liſt, Heuchelei, Intrigue, Kunſtgriffe und feiler Wucher begleiten jene Wahlen noch heute; eine Menge Parteien bilden ſich noch immer und mehren ſich ſogar mit j dem neuen Conclave. In den Jahren 1689 u. 1691 ſah man ſechs Hauptpanpien, —— —— 39 von denen eine ſich noch einmal theilte; an der Spitze der mächtigſten Parteien ſtanden Frankreich und Oeſterreich in ſeiner doppelten Eigenſchaft als Stellvertreter des deutſchen Reichs und Spanien; unter drei und ſechszig Kardinälen ge⸗ hörten nur drei keiner dieſer Parteien an. Gegen das Ende des achtzehnten Jahrhunderts, bei der Wahl Pius des Sechsten, gab es nur zwei Parteien, welche die übrigen in ſich aufgenommen hatten: die der weltlichen Fürſten und die der nimmer fehlenden Eiferer, Prälaten, welche ihre Stimme den Jeſuiten verkauft hatten und die ihren heiligen Eifer nur als noch eine neue Maske aus⸗ hängten. Die Wahlen zogen ſich ſo ſehr in die Länge, daß das Conclave ein endloſes geworden wäre, wenn nicht derſpaniſche Miniſter, Florida Blanca, die Geliebten der ſeiner Partei entgegenſtehenden Kardinäle gewonnen und ſo die Eingebun⸗ gen des heiligen Geiſtes von denen eines ſchönen Mundes abhängig gemacht hätte. Frankreich und Spanien über⸗ ſchütteten dieſe Königinnen des Conclave mit Gold und ver⸗ langten dafür, daß die Liebhaber derſelben, durch heimliche Anweiſungen benachrichtigt, zu Gunſten des von ihnen vor⸗ geſchlagenen Kandidaten ſtimmten. Der Kardinal von Bernis, den man gemeinlich den „andern römiſchen Papſt“ hieß, ließ bei der Nachricht von den Vorgängen den Kardinal Johann Braſchi durch den Einfluß der Mätreſſen ernennen, weil er glaubte, daß dieſer Frankreich ergeben ſei; allein er verſah ſich bei dieſem unter dem Namen Pius des Sechsten auftretenden Papſte in dem einzigen Umſtande, daß derſelbe einer der entbrannteſten Eiferer und Parteigänger der Jeſuiten war, welche ſchlau genug geweſen, den Geſandten des allerchriſtlichſten Königs ſol⸗ ches nicht merken zu laſſeu. Das letzte Conelave, daſſelbe, von dem wir oben redeten, hatte nur zwei Parteien, eine incluſive und exeluſive. Die erſte wollte durch Gewinnung einer hinlänglichen Stimmen⸗ zahl eine ungehinderte Wahl bezwecken; die andere bildete eine genügſam ſtarke Minorität, um jede ihr nicht gefällige Wahl zu vereiteln. Der Kampf zwiſchen dieſen beiden Par⸗ teien, innerhalb derer die„Eiferer“ ihr Weſen trieben, war reine Simonie mit der Stimme, ein Wucher mit dem Ge⸗ wiſſen. Die Fürſten, nämlich Frankreich, Oeſterreich und Spanien, haben ein Recht zum Veto gegen die Majorität, allein jeder dieſer Staaten kann daſſelbe nur einmal geltend machen. Es hat Conclaves gegeben, wie z. B. das von Pius dem Sechsten, wo der Skandal und die Uneinigkeit bis zu Stößen und Händgreiflichkeiten ausarteten. Es wurde eine Satire darauf gemacht, ein Bild, auf dem man förmliche Porträts erblickte und welches die Unterſchrift„des Conclave“ trug. Pasquino ſagte: — Ich lerne boxen. — Weshalb fragte Manphorio, der ihm gegenüber ſteht. — Weil ich Papſt werden will und dies nur durch Rippenſtöße zu erlangen ſteht. 41 Die Einwohner Roms harren mit Un eduld auf die Beendigung des Conclave. Den Großen, die von der neuen Regierung alles hoffen, dauert es für ihren Ehrgeiz zu lang, den Städtern dagegen bereitet dieſe Zeit Sorgen und Angſtz denn da die Polizei ihr Hauptaugenmerk auf die politiſchen Bewegungen richtet, ſo überwacht ſie das in Aufregung be⸗ findliche Rom nicht hinlänglich und Mord und Raub haben freies Gewerbe, da ein großer Theil der Einwohnerſchaft blos von Almoſen und Diebſtahl lebt. Man hat Conclaves geſehen, die nur durch die äußerſten Maßregeln gegen die Wuth des Volkes geſchützt werden konnten.— Bei Annährung des Conclave vom Jahre 1494, be⸗ richtet die Geſchichte, war Rom eine große Räuberhöhle ge⸗ worden, in deren Mitte ſich allein funfzigtauſend Dirnen be⸗ wegten. Die Straßen und Plätze waren mit Spitzbuben und Meuchelmördern angefüllt, die Heerwege wimmelten von Banditen. Als die Kardinäle ſich ins Conclave begeben wollten, mußten ihre Wohnungen im voraus mit Soldaten beſetzt und die Zugänge mit Geſchütz vertheidigt werden; und als das Conelave verſammelt war, überdeckte man die an den Vatican grenzenden Straßen mit Fußvolk und Reiterei und verrammelte die Eingänge des Vaticans mit dicken Balken. Gegenwärtig haben ſich nur die äußeren Umſtände ge⸗ ändert und nur der Unterdrückung der zahlreichen Zufluchts⸗ ſtätten und Schlupfwinkel iſt es zuzuſchreiben, daß man nicht neue Unordnungen ausbrechen ſieht, denn die Sitten, Be⸗ .i 42 gierden und Gewohnheiten des Volkes haben von dem, Jahr⸗ hunderte ong ihnen gegebenen Beiſpiel ihrer Herren nur Schlimmes gelernt. Es hat Conclaves gegeben, wo die zahlreichen Morde, welche offen in den Straßen begangen wurden und die ſich auf hundert zweiundachtzig beliefen, den Gang des Conclave unterbrachen. Ueberhaupt macht die Plünderei einen weſentlichen Theil der Conclave⸗Ceremonien aus. Der Kardinal Ottoboni, ein Kandidat der Papſtwürde, ließ zur Beſchleunigung ſeiner Wahl ſeine Zelle von den Conclaviſten, den Dienern und Fachinis ausplündern, natürlich, nachdem er die erhebliche⸗ ren Werthſachen bei Seite gebracht; die Furcht der übrigen Kardinäle vor gleichem Geſchick brachte den von Ottoboni gewünſchten Eefolg zuwege. Dergleichen Raubgeſchichten findet man bei acht Wahlen. Nach dem Tode eines Papſtes gingen die Verwandten deſſelben im Einverſtändniſſe mit der Dienerſchaft des Vaticans ſo weit, daß ſie ſämmtliche Möbeln und Werthſachen fortſchleppten und dem Kämmerling für ſein Inventar nichts als einigen Plunder hinterließen. Als Donna Olimpia die Nachricht erhielt, daß man die Zelle ihres Kardinals plündere, wollte ſie nichts gerettet wiſſen, ſondern rief aus: — Um ihn als Papſt zu ſehen, würde ich mich ſelber preisgeben. Dem Conclave fehlt jede Würde, mit der man es ver⸗ geblich durch Schein zu umkleiden ſucht. Die niedrigſten und 43 feilſten Mittel werden angewendet. Selbſt die Sprache, welche in den Wahlumtrieben üblich iſt, fällt in den Rang der ge⸗ meinſten Kunſtſprachen. Die gewichtigſten Geſchichtsſchreiber bis zu den unbe— deutendſten Schriftſtellern ſtimmen ſämmtlich darin überein, daß nirgends die heimlichen Umtriebe, Heuchelei, Betrug und Ver⸗ ſtellung mit ſo vielen Kunſtgriffen in Thätigkeit geſetzt wur⸗ den, als bei einem Conclave. Und doch wagt Rom unter feierlicher Anrufung höherer Erleuchtung und der ewigen Wahr⸗ heit,„unter Eingebung des heiligen Geiſtes,“ ſeine Finſter⸗ niß und Lüge für die Welt hinzuſtellen. Ein Scherzwort ſagt in dieſem Betreff, daß der heilige Geiſt ſtets mit der Briefpoſt in Rom eintreffe. Die Geſchichte giebt die klarſten Zeugniſſe, durch welches Gewebe von Intriguen, Verworfenheit, Meineid und Nichts⸗ würdigkeit die Päpſte auf den Thron erhoben ſind. Ein Conclave iſt außer den Verbrechen und den Un⸗ ordnungen, welche es begünſtigt und hervorruft, für Rom ſtets eine unheilvolle Zeit, es iſt der Same neuer Habſucht, die nach einer reichlich vollgeſogenen Regierung ſich aufs neue geltend macht. Das Leben der Stadt geräth unterdeſſen in ein unſeli⸗ ges Stocken und je länger das Conclave ſich hinzieht, mit deſto größerer Beſorgniß ſchließt man auf wüthende Partei⸗ ungen und verderbliche Intrignen, welche für Andere die Hoffnung auf Heil, welches ſie ſich ſelber nicht zu ſchaffen wiſſen, ganz unwahrſcheinlich machen. —— —:— — 44 Rom ſah mit ängſtlicher Spannung nach dem Tode Pius des Achten, nachdem ſchon vorher zwei Monate voll Leiden vorauf gegangen waren, vierundſechszig Tage ent⸗ ſchwinden und man fragte ſich ärgerlich, wann die peinliche Ungewißheit endlich enden ſolle. Während der Dauer des Conclave leſen die Prälaten, Prieſter und Mönche Meſſen und die geiſtlichen Brüderſchaf⸗ ten und Büßer beten und halten Prozeſſionen, damit Gott einen Papſt verleihe, der verdiene, Nachfolger des Apoſtels zu ſein. Wie ſelten iſt dieſes Gebet erhört worden! Am Abende vor dem 2. Februar 1831 verbreitete ſich das Gerücht in Rom, die Papſtwahl ſei von den Kardinälen zu Ende gebracht und morgen würde die endlich glücklich zu Stande gekommene Stimmeneinheit beſtätigt werden. Man bezeichnete Mauro Capellari aus Belluno, der von Leo dem Zwölften 1825 zum Kardinal gemacht worden und fünfund⸗ ſechszig Jahre zählte. Am Morgen ſtrömte die Menge in gleich zahlreichen Maſſen wie am Sterbetage zum quirinaliſchen Palaſte; der Name des neuen Papſtes ſchwebte auf allen Lippen und ein Freudenruf ertönte, als die Botſchaft vom Balkon des Qui⸗ rinal herab öffentlich verkündet wurde. Man ſah, daß bei dieſer Wahl, wie bei denen von Pius dem Sechsten, Sieb⸗ ten, Achten und Leo dem Zwölften, die Hand der Eiferer im Spiele geweſen ſei, dieſer Werkzeuge der Jeſuiten, jenes Or⸗ dens, der wie eine Landplage auf der katholiſchen Welt laſtet. Rom ſah ſich damals ein päpſtliches Joch aufgelegt, welches — 45 jeder ſozialen und politiſchen Beſſerung die Hoffnung ab⸗ ſchnitt.— Kuriere und Boten flogen nach allen Richtungen ab, ein bewegtes Leben erhob ſich in der Stadt. Karoſſen und die ganze Prälatenſchaft ſammt ihrem Anhange ſtrömten, zum Palaſte, Diplomaten trafen ein und die aus allen Punk⸗ ten eintreffende zahlreiche Geiſtlichkeit zeigte an, daß man zur „Anbetung“ ſchreiten werde. Donna Olimpia und Panfilio freueten ſich allein. Der Monſignor, welchen man mit der öffentlichen Meinung zu züchtigen drohete, verſetzte: — Heute haben wir mit Geld Religion fabrizirt; mor⸗ gen fabriziren wir Geld mit der Religion. Dieſer Grundſatz wird Leo dem Zwölften beigelegt. Beiden bereitete die Zukunft eine bittere Enttäuſchung. 3. Nach dem Conclave. Sobald nach beendeter Wahl der Papſt erklärt hat, welchen Namen er annehmen will, läßt man ihn hinter den Altar treten; hier kleiden ihn die Zeremonienmeiſter an. Man legt ihm eine Sotane von weißem Taffet, ein leinenes Chor⸗ hemd und einen Mantel aus rother Seide an und ſetzt ihm eine Mütze aus demſelben Stoffe auf den Kopf. An die Füße thut man ihm rothe ſammtene Pantoffel, mit goldenem Kreuze verziert. Die Kardinäle kommen einer nach dem an⸗ dern und küſſen ihm Hände und Füße; der heilige Vater 46 gibt ihnen den Friedenskuß auf die rechte Wange. Hierauf wird die Antienne„Ecce sacerdos magnus“(ſehet den Hohenprieſter, der Gott angenehm und gerecht befunden iſt) angeſtimmt. 1 Der Zeremonienmeiſter ſpricht dann auf Lateiniſch im Sinne folgender Worte: — Ich zeige Euch voller Freude den hochheiligen Papſt, welcher den Namen(Gregor) angenommen hat. Dieſe erſte Adoration wird von Chören, Sängern und 3 Muſik begleitet. In demſelben Augenblicke gibt eine Kanone vom St. Peter ein Signal, dem die ganze Artillerie der Engelsburg antwortet. Die geſammten Glocken der Stadt ſetzen ſich in volles Geläute. Zimbeln, Trompeten und Trommeln er⸗ heben tönende Fanfaren, der Oberbefehlshaber der Schweizer⸗ garden zieht augenblicklich in das Stadtviertel, wo der Palaſt des neu erwählten Kardinals liegt, um daſſelbe vor Plün⸗ derung zu bewahren. Dann findet die zweite Adoration ſtatt. Der ſanto padre mit dem Schleppmantel und der Mitra angethan, wird auf den Altar der Kapelle geſetzt und von den Zeremonien⸗ meiſtern verehrt. Endlich wird der Papſt in päpſtlichem Gewande auf einen rothen tragbaren Thronhimmel vor den hohen Altar der Peterskirche geſetzt und vom Volke verehrt. Dies war die dritte Adoration. * 47 Nach dieſen Zeremonien nehmen die Zeremonienmeiſter Seiner Heiligkeit die päpſtlichen Gewänder ab. Zwölf Trä⸗ ger, welche mit fleiſchrothen Mänteln angethan ſind, ſetzen den Papſt in einen Tragſeſſel und heben ihn auf ihre Schul⸗ tern. Dieſer Seſſel iſt hoch und ragt weit über die Menge empor. Um den Papſt herum wird mit Fächern aus Pfauen⸗ federn gewedelt und derſelbe ſo in die von ihm erwählte Wohnung geführt. Abends iſt große Erleuchtung. Die Obrigkeit der Stadt läßt Feuer in den Straßen und auf den Plätzen an⸗ zünden, um die allgemeine Fröhlichkeit zu beleben. Acht Tage nach den Adorationen geſchieht die Krö⸗ nung. Der ganze päpſtliche Hof und alle Staatswürdenträger wohnen dieſer Zeremonie bei. Man erblickt daſelbſt die Kar⸗ dinäle, den Kirchenaufſeher, die Infanterie, die Schweizer⸗ garde, die leichten Reiter und deren Hauptleute. Unter der Sänulenhalle der Peterskirche, neben der Porta ſanta, wird ein Thronhimmel aufgeſtellt, der Papſt fetzt ſich auf den⸗ ſelben und wird von dort in die Kirche getragen. Man überreicht ihm die Tiara, die Krone des Souverains von Rom. Dieſelbe beſteht aus drei Kronen, welche mit fun⸗ kelnden Steinen beſetzt ſind, und führt auf der Spitze die Weltkugel mit einem Kranze darüber, als Zeichen der Welt⸗ herrſchaft. Vor ihn ſtellt man das Kreuz des Gerichts mit drei Querbalken, als Zeichen dreifacher Gewalt. 48 Der Zeremonienmeiſter trägt in ein Baſſin Figuren aus brennbarem Stoffe, welche Paläſte und Schlöſſer vor⸗ ſtellen, zündet ſie an, zeigt ihre Aſche und ſpricht: Sancte pater, sic transit gloria mundi. „Heiliger Vater, ſo vergeht die Herrlichkeit der Welt.“ Eine Lehre, welche noch niemals ein folgſames Ohr gefunden hat. Man hat zu beweiſen verſucht, daß jene dreifache Anbetung, von der ſich im Leben Chriſti und ſeiner Apoſtel keine Spur findet und die den von ihnen hinterlaſſenen Vorſchriften der Demuth ſo ſehr zuwider iſt, von aller Abgötterei fern ſei. Wir würden der Meinung jener Geſchichtsſchreiber, welche darin nur eine pomphafte Förmlichkeit ſahen, beiſtimmen, wenn nicht die Umſtände dem zu ſehr widerſprächen. Wollen wir von dem ſtolzen theatraliſchen Prunk dieſer Zeremonien und Adorationen auch ſchweigen, ſo muß man doch die darauf folgenden Vorgänge ins Auge faſſen und wird ſehen, daß in der verſchmitzten Politik der Päpſte nichts ohne Urſache und Zweck geſchieht. Die Sitten des römiſchen Hofes ſind veränderlich und ſchwankend, weil ſie ſtets den tiefſten Eindruck von dem Cha⸗ rakter, dem Geſchmacke, dem Hange, den Leidenſchaften und Fehlern der Päpſte annehmen. Unter einem geizigen Papſte iſt der ganze Hof dem Geize ergeben. Unter einem verſchwenderiſchen Oberhaupte werden alle Güter mit vollen Händen umher geſchleudert. 2 2 49 Iſt der heilige Vater prachtliebend, vergnügungsſüchtig oder ausſchweifend, ſo ſchlägt der ganze Hof dieſelben un⸗ ordentlichen Pfade ein. Iſt er gottesfürchtig oder ein Eiferer, ſo umringt ihn Heuchelei und ſchmeichelt ſeiner Manier. Gefällt er ſich in Liſten, Intriguen, Ränken und den Armſeligkeiten eines argliſtigen, treuloſen, falſchen, heuch⸗ leriſchen Lebens, ſo bequemt ſich der ganze Hof dieſe Nei⸗ gungen an und umwindet ſich mit Schlingen und Liſten. Dieſe Beobachtungen haben dieſelben Hiſtoriker gemacht, welche in der Adoration nichts als eine Huldigungsformel ohne Gehalt und Folgen ſehen wollten; allein man wird leicht begreifen, daß eine ſolche, durch die Zeit geheiligte, von einem Oberhaupte, der nur für die„Ewigkeit“ geltende Vorſchrif⸗ ten geben ſoll und ſich den Stellvertreter Chriſti und den heiligen Vater nennt, angeordnete Zeremonie, ſelbſt wenn ihre Begründer keine tiefere Bedeutung hineingelegt hätten, einen erniedrigenden Einfluß üben muß und ſicher auf das abergläubiſche Volk eine Wirkung äußert, welche rein un⸗ chriſtlicher und ſklaviſcher Natur iſt. Der erſte Gedanke nach der Wahl eines Papſtes iſt in Rom bei allen denen, welche der Erwählung beigewohnt haben, ſich für die Wahl ſeines Nachfolgers vorzubereiten. Nach Beendigung des Conclave erſcheinen dann die Kardinäle, wählbare und unwählbare, wieder in Rom; die letzteren, welche für ſich ſelbſt noch nicht arbeiten können, ſtecken ſich in allerlei Verkleidungen, dringen allenthalben hin, durch⸗ 15 4 50 forſchen und erhorchen alles und beſuchen die verſchiedenſten Klaſſen der römiſchen Bevölkerung, um die allgemeine Stim⸗ mung für den neuen Papſt kennen zu lernen. Die wähl⸗ baren Kardinäle dagegen wickeln ſich in eine moraliſche Maske und beginnen mit heuchleriſchen Liſten und unermüdlicher Ausdauer die lange Komödie ihrer erdichteten Tugenden, welche ſie für die nächſte Wahl empfehlen könnten, von Neuem. Um es mit einem Worte zu bezeichnen: Kabalen, Intri⸗ guen, Schliche, Ränke und Verſtellungen ſind in Rom aller Zeit die ſicherſten Mittel geweſen, um zu kirchlichen Würden zu gelangen und die Stufe der päpſtlichen Würde zu erklimmen. II. Der Ghetto. An einem ſchönen Märzabende fuhr ein ſchlichter zwei⸗ rädriger Karren, deſſen Korb aus Weiden geflochten war, von einem Rößlein gezogen, über den flaminiſchen Weg von Pontemolle her durch die Porta del popols in Rom ein. Die drollige Equipage bewegte ſich langſam voran. Der alte langbärtige Kutſcher, welcher ſie führte, that ſein Mög⸗ lichſtes, um den Schritt des Kleppers zu beſchleunigen, der — unter der doppelten Laſt ſeiner Jahre und der übergroßen Anſtrengung zu erliegen drohete. Thier und Leuten war es anzuſehen, daß ſie von einer langen mühſeligen Fahrt er⸗ ſchöpft waren. Durch eine der ſchmalen Oeffnungen, welche an den Seiten des Fuhrwerks ſich befanden, ſchaueten ein Paar funkelnde, lebhafte Augen, die mit lüſternem Blicke alle Gegenſtände, welche ſich auf dem Wege darboten, mu⸗ ſterten. Nachdem das Fuhrwerk durch die Straße del Corſo eine ziemliche Strecke in die Stadt vorgedrungen war, wen⸗ dete es ſich das Labyrinth der Seitenſtraßen und ſteuerte nach dem Platze Tartarngga zu.. Die Nacht war unterdeſſen hereingebrochen und nach wenigen Minuten ſchwankenden Halbdunkels ſtellte ſich voll⸗ kommene Finſterniß ein. Von dem genannten Platze aus fuhr der Wagen zwiſchen dem Fiſchmarkte und dem Theater des Mareellus durch, rollte durch enge kothige Straßen und hielt vor einem Hauſe von leidlichem Ausſehen, deſſen Vor⸗ derſeite jedoch ganz in Finſterniß gehüllt war, an. Ein Greis und ein junges Mädchen verließen den Wagen, der ſich nach Wechſelung weniger Worte zwiſchen dem Fuhrmanne und den Reiſenden entfernte. Der Greis klopfte vorſichtig und mit kurzen raſchen Schlägen an eine Thüre, die er nur fühlen, nicht aber ſehen konnte. Aus dem Innern hervor rief eine halbunterdrückte Stimme in einer nicht italieniſchen Sprache einige Worte, wenigſtens ließ der 4* 52 näſelnde, ſchnarrende Accent auf eine fremde Sprache ſchließen. Der Greis antwortete darauf gleichfalls in demſelben Idiome und die Pforte öffnete ſich. Die Thür wurde mit Behutſamkeit aufgemacht, drinnen zeigte ſich kein Licht und ſchweigend traten die Angekomme⸗ nen ein. Nachdem ſie einige Schritte in der Dunkelheit vor⸗ wärts gethan, ſtrömte ihnen auf einmal aus einem geräu⸗ migen Gemache, welches ſich vor ihnen öffnete, helles, ſtrah⸗ lendes Licht entgegen. Zwiſchen den Bewohnern des Hauſes und den Ankömm⸗ lingen wurde eine freudige Begrüßung gewechſelt. In dem Empfange der Erſteren lag eine Gezwungenheit und Zurück⸗ haltung, welche die Anderen ſichtlich in Verlegenheit ſetzte; ſie fühlten, daß ſie ihren Gaſtfreunden ungelegen kamen. — Bruder, ſagte der Greis mit einem Accente des nörd⸗ lichen Italiens, entſchuldige uns; ich wußte wohl, daß die⸗ ſer Tag der Tag des Herrn iſt und ich gab mir alle Mühe, vor der Stunde, wo der Sabbath beginnt, einzutreffen. Aber unſer Pferd war ſo ermüdet, daß jede Beſchlennigung unmöglich war. Meine Tochter und ich haben die Vorſchrif⸗ ten, welche das Geſetz auferlegt, erfüllt und Gott angeflehet, die Nothwendigkeit in Betracht zu ziehen, welche uns zwang, während der ſeinem Dienſte vorbehaltenen Stunden zu reiſen. Dieſe Erklärung ſchien alle Wolken zu zerſtreuen. — Bruder, fuhr der Greis fort, fahre weiter im Leſen des heiligen Buches und vollende die Gebete, welche das Geſetz vorſchreibt. Erſt nach vollkommener Erfüllung der 53 Pflichten des ſiebenten Tags werden wir unſre Unterhaltung beginnen. Das Zimmer, worin dieſe Unterredung vor ſich ging, war größer und geräumiger, als das äußere Anſehen des Hauſes vermuthen ließ. Die Wände in ihrer Zedernholzbe⸗ kleidung waren einfach und ernſt, ohne Schnitzereien und Zierrath. Einige Stühle von alter, feſter Bauart und eine lange, breite Tafel, welche mit einem reichen morgenländi⸗ ſchen Teppich bekleidet war, machten das ſämmtliche Geräth aus. Von der Decke herab hing mitten über der Tafel eine ſchwere ſilberne Lampe mit mehreren Armen; der helle Glanz, den dieſelbe verbreitete, zeugte von einer nicht kärglichen Aus⸗ ſtattung. Die darin befindliche Arbeit war ein überaus mei⸗ ſterhaftes Werk. Unter der Lampe, im vollen Glanze ihrer Strahlen, lag ein großes offenes Buch in koſtbarem ſchwar⸗ zen Lederbande mit Arabesken aus erhabenem Golde und einem prächtig gearbeiteten glänzenden Schloſſe. Die Augekommenen ließen ſich an der Tafel nieder. Mit ihnen zählte die Geſellſchaft fünf Perſonen: zwei Greiſe, eine Frau in mittleren Lebensjahren, ein junger Mann und das junge Mädchen. Die unterbrochene Lektüre nahm ihren Fortgang. Mit Andacht wurde ſie vernommen. Ungefähr eine Stunde ſpä⸗ ter machte die Einladung zum Abendeſſen dem Leſen ein Ende. Das Buch war die Bibel, welche das Familienhaupt im hebräiſchen Texte vorlas. 3 Wenige Gerichte machten das Mahl aus, allein es wurde 54 trotz ſeiner Einfachheit mit allem Glanze in einem anſtoßen⸗ den Zimmer aufgetragen. Teller und Gefäße von Gold und Silber bedeckten die Tafel, eine noch prächtigere Lampe, als jene des erſten Zimmers, warf ihre Strahlen auf dieſen Reich⸗ thum. Auf das ernſte Schweigen folgte heitre, ſtille Freude, allein man enthielt ſich von allen Seiten jeder Frage, die einen ernſten Gegenſtand und Geſchäfte oder Intereſſen be⸗ treffen konnte. Dieſes Haus, welches ſo mit koſtbaren Gegenſtänden angefüllt war, die aber nicht zu einander paßten noch gehör⸗ ten und den Anſchein hatten, als wären ſie an verſchiedenen Orten und zu verſchiedenen Zeiten geſammelt, bewohnte der Jude Ben Saul mit ſeiner Frau und Emanuel, dem einzi⸗ gen Sohne des Ehepaars. Die Gäſte, welche ſie eben unter ihrem Dache aufgenommen, waren Ben Jakob und Noemi, deſſen Tochter, welche beide auf eine Aufforderung ihrer Brü⸗ der in Rom aus Mantua herüber gekommen waren. Die Juden bewahrten dieſe bibliſchen Namen nur unter ſich; in ihrem Verkehre mit Chriſten führten ſie andere, die gemein⸗ lich von dem betreffenden Wohnorte entlehnt waren. Als die Zeit gekommen war, wo der Schlaf die Geſell⸗ ſchaft trennen ſollte, erhob ſich Ben Saul und forderte ſeine Gäſte und die Familienglieder auf, die vergoldeten Becher, aus denen ſie getrunken, zu füllen. Nachdem dies geſchehen, rief er ſtehend und bedeckten Hauptes mit lebhafter Be⸗ wegung: — Auf das Wohl unſerer auf der ganzen Erde ver⸗ 5⁵5 breiteten Brüder, welche in dieſer ſelbigen Stunde ihr Herz und Gemüth zum Gotte Iſraels erheben! Möge die Barm⸗ herzigkeit deſſelben allen ſeinen Kindern gnädig ſein! Dieſe Worte wurden mit feierlicher, tief innerlicher Empfindung geſprochen. In der zitternden Stimme und den dürren Zügen des Greiſes ſprach ſich eine wahrhafte Betrübniß aus. Nach dieſer Handlung, welche gleichſam ein Abſchieds— gruß war, begab ſich ein jeder zu ſeinem Lager. Noemi, Ben Jakobs Tochter wurde von Sarah, der Frau Ben Sauls, in ihr Schlafgemach geleitet, indeß der Greis ſelber ſeinen Gaſt in das ſeiner harrende Zimmer führte. Am nächſten Morgen wurde die ganze Zeit vom Mor⸗ gen bis zum Abende mit religiöſen Beſchäftigungen zuge⸗ bracht. Erſt am Samſtagabende fanden die erſten Erörte⸗ rungen zwiſchen den beiden Greiſen ſtatt. Emanuel und Noemi hatten beim erſten Erblicken ſich mit dem Ausdrucke junger Leute angeſehen, welche für ein⸗ ander beſtimmt ſind. Noemi war bei dieſer erſten Begeg⸗ nung kalt und unempfindlich geblieben; die ruhige, regel⸗ mäßige Schönheit der Züge Emanuels hatten keinen Reiz auf ſie geübt. Emanuel dagegen wurde beim erſten An⸗ blicke von der Anmuth der Jungfrau fortgeriſſen; über das ganze Weſen derſelben lag jener reine, kräftige, von regel⸗ mäßiger Schöne begleitete Zauber ausgegoſſen, welcher den ſchönen Jüdinnen von ihrer orientaliſchen Abſtammung her geblieben iſt. So war die edle, einfache, feſſelnde Anmuth 56 der Töchter Labans. Alles Feuer der Liebe funkelte in Emanuels Blicken; vor dem brennenden Blicke erröthete Noemi anfangs, dann aber hielt ſie ſich vor dem Jünglinge in ſo ruhiger Züchtigkeit, daß dieſer fühlen mußte, der Augenblick, wo Noemis Herz ſich an dem Strahle ſeiner Liebe entzünden werde, ſei noch nicht gekommen. Nach dem Schlußeſſen des Sabbaths zogen ſich Ben Saul und Ben Jakob in ein abgeſondertes Zimmer zurück. Ben Saul traf Vorſichtsmaßregeln, daß ihr Geſpräch nicht vernommen oder geſtört werden konnte. Ehe ſie zu reden begonnen, betrachteten ſich beide mit einem Blicke voll Schmerz, Thraͤnen rollten über die gefurchten Wangen. Ueber das Schickſal ihrer Kinder wechſelten ſie nur wenige Worte. Sie waren einverſtanden, den Neigungen ihrer Kinder keinen Zwang anzuthun und riefen den Gott ihrer Väter zum Zeugen dieſes Entſchluſſes an. Aber ſie unterhielten ſich lange von dem Leiden des auserwählten Volks, welche dieſes in den Staaten des Herr⸗ ſchers zu dulden hatten, der der Meſſias zu ſein behauptete, den ſie erwarteten. Es war eine klagenreiche Unterredung. — Während faſt allenthalben die Kinder Iſraels eine Stellung erlangt haben, die dem Lichte und der Bildung der Zeit entſpricht, ſagte Ben Saul, ſind die Juden in Rom allein ein Gegenſtand der Verworfenheit und Zurückſetzung geblieben; das Joch, welches die Jahrhunderte der Barbarei ihnen auferlegt, laſtet hier noch auf ihrem gebeugten Nacken; für ſie ſcheint die Zeit ſtill zu ſtehen, für ſie allein hat der Fortſchritt keine Füße. Und dieſe Preisgebung zu fortwährender Erniedrigung, zu jener Schmach, die wie eine ewige Zuchtruthe die Juden zu treffen ſcheint, war noch das Geringſte. Gegen ſie erneuer⸗ ten ſich die Verfolgungen ohne Unterlaß; ſie waren ſtets ſich wiederholender Erpreſſungen ausgeſetzt, ihre Perſonen der roheſten Mißhandlungen des Adels, der Kirche und der Finanzſpekulationen preisgegeben; ihre Güter fielen den unter tauſend Geſtalten ſich erneuenden Ausſaugungen ſchutz⸗ los anheim. Wenn ſie den Schutz der Geſetze anriefen, ſo geriethen ſie in das Labyrinth der Jurisdiktion und die Irrgärten einer Geſetzgebung, welche ſich nach Gefallen deu⸗ ten läßt, deren Unzuverläſſigkeit vor keiner Liſt und Gefahr ſichert. Zudem ſchienen die Gerechtigkeit, der Schutz der Behörden und Geſetze gar nicht zu beſtehen. Ihre Güter und die Ehre ihrer Familien waren jeg⸗ lichem Angriffe ausgeſetzt und von dem ſchlemmenden Adel und der Geiſtlichkeit ſtets in Anſpruch genommen. Sie durften noch von Glück ſagen, wenn religiöſer Fanatismus ſie nicht von dem natürlichen Heerde ſcheuchte. Nirgends eine Freiſtätte, nirgends eine Zuflucht gegen dieſe Ungerech⸗ tigkeiten. Bei den Großen fanden ſie nur mit Aufopferung alles deſſen, was ſie retten wollten, Protektion; vom Volke erging gegen ſie unerbittlicher Raub, Schmach und Mord. Dieſe täglich ſich ſteigernde Schrecken ſchienen einen fürchterlichen Ausbruch erfahren zu ſollen, ſo ſehr war der ungerechte Haß gegen ſie angewachſen. Man legte ihnen die Bekümmerniſſe und den Verdruß zur Laſt, welche die Franzoſen Rom verurſachten, unter dem Vorwande, daß Frankreich dasjenige Land ſei, wo die Juden mit der höch⸗ ſten Toleranz und Gleichberechtigung behandelt würden. Während die ganze übrige Welt einen geſegneten Fort⸗ ſchritt zur ſocialen Emancipation der jüdiſchen Nation ein⸗ ſchlug, hatte Rom im Gegentheil die bürgerliche Ausſchließung, unter der ſie ſeufzten, immer drückender gemacht. Bedarf es größerer Beweiſe, als des Orts, wo ſie in dieſem Augenblicke ſich befinden— die fürchterliche Judengaſſe? Ben Saul unterdrückte die ihn erſtickenden Seufzer. — Ach! rief er mit herzzerreißendem Tone aus, nicht um meinetwillen, deſſen Fuß bereits auf dem Rande der Gruft ſteht, klage ich ſo, ich klage um unſerer Kinder willen. Welches Schickſal wird ihnen von der Habſucht dieſer Rotte, die uns verfolgt, bereitet werden?... Ben Jakob vernahm den Ausruf ſolchen Schmerzes, ohne von demſelben ergriffen und fortgeriſſen zu werden. Er ließ den Klagen freien Lauf und als die Heftigkeit der erſten Aufregung nachgelaſſen, ſuchte er nicht ſeinen Bruder zu tröſten, ſondern nur das erſchlaffende Herz deſſelben zu er⸗ ſtarken. — Weshalb, ſprach er, ſollen wir nicht die Lage der Juden in den römiſchen Staaten als einen nothwendigen, langen, unerläßlichen und unvermeidlichen Kampf betrachten? Warum ſollen wir nicht von den Chriſten das mit Liſt er— „ „ 59 ringen, was ſie uns entreißen wollen? Weshalb ſollen wir nicht die Ausſchweifungen und Laſter, welche ihre nimmer⸗ ſatte Habſucht gegen uns aufſtacheln, zu unſerm Gunſten benutzen? Liefern uns nicht eben die Leidenſchaften, deren Wuth uns erdrückt, unſere Feinde in aller Schwäche thö⸗ richter Verſchwendung in die Hände? Unſere Weiber und Töchter, die ſie zu beſchimpfen trachten, unſere Söhne, die ſie unſerm Glauben zu entreißen ſtreben, geben ſie unſrer Ge⸗ walt anheim, denn der Brand ihrer Lüſte blendet ſie. Viel⸗ leicht iſt die Zeit nicht fern, wo die ſo vom Stolze des rö⸗ miſchen Klerus verachteten, getretenen und verfolgten Inden die ſtolzen Unterdrücker kommen und die Hilfe und den Bei⸗ ſtand derer anflehen ſehen, die ſie heutzutage verſchmähen und haſſen. — Bruder, fuhr er mit liebevollem Tone fort, über⸗ laß das Wimmern ſchwachen Herzen; ſtrebe lieber ſammt allen Deinen Brüdern, Deinen Kredit zu vermehren, be⸗ mächtige Dich aller Unternehmungen. Suche alle jene Unterneh⸗ mungen, welche Rom von ſich weiſ't, die Eiſenbahnen, die Erfindungen, die bewundernswerthen Entdeckungen, welche es verſchmähet, in Deine Hände zu bekommen. Bei An⸗ leihen menge Dich geſchickt ins Werk und Du wirſt Herr derjenigen werden, deren Sklav Du zu ſein ſcheinſt. Vor allem aber bleibe treu dem Glauben unſerer Väter, der uns in den härteſten Zeiten nicht verlaſſen hat. — Und dann ſpricht man noch von neuen Maßregeln, die man gegen uns ergreifen will, man will uns mit den 60 ſchwerſten Abgaben und Erniedrigungen, wogegen die gegen⸗ wärtigen nichts ſind, bedrücken! Ben Saul, entgegnete mit Ernſt der andre Greis, ich habe dem Rufe meiner Brüder, nach Rom zu kommen, Ge⸗ horſam geleiſtet. Um bei Euch zu ſein, habe ich alles ver⸗ laſſen; ich habe das Theuerſte, was ich beſitze, meine Tochter, mein einziges Kind, zu Euch hergebracht und Euch anver⸗ trauet. Du kennſt die Gewalt, mit der ich bekleidet bin. Laß mich handeln. Wenn ich Italien und Deutſchland durchzogen und nach Frankfurt mich begebe, wo eine Rab⸗ binen⸗Verſammlung ſtattfinden ſoll, werde ich vielleicht etwas zu Eurem Troſte vermögen. Ben Saul machte eine Gebehrde der Ungläubigkeit. Er ſchied von Ben Jakob, ohne die Bitterkeit ſeiner Em⸗ pfindungen zu verheimlichen. Die Juden von Mantua behaupten, in gerader Linie von den Juden abzuſtammen, welche durch die Soldaten des Titus und Veſpaſian, der Beſieger Judäa's, nach Ita⸗ lien als Gefangene geführt wurden. Auf dieſen Grund hin beanſpruchen ſie eine Oberhoheit über ihre Glaubensgenoſſen. Zu Mantua war Ben Jakob unter den Juden der Einfluß⸗ reichſte durch ſein Vermögen, ſeinen Verſtand und ſeine Frömmigkeit. Der Stadttheil, wo das Haus des Ben Saul lag, war der Ghetto, die Judengaſſe, ein Ort der Verachtung und des Abſcheus. Und doch war dieſer von den Bewohnern Roms für verworfen erachtete Ort der Platz, von wo aus — eine furchtbare Allianz der Juden Deutſchlands und Nord⸗ und Süditaliens ausgehen konnte; ein großer Plan, den Ben Iakob gefaßt und der in die Hände der begüterten Iſrae⸗ liten eine Macht gelegt haben würde, an der das Widerſtreben des Katholieismus, die moraliſche Freigebung der Juden in den römiſchen Staaten zu vereitlen, ſcheitern mußte. Die Judengaſſe liegt in der Nähe einer ſumpfigen Ge⸗ gend auf feuchtem Erdreiche in dem ungeſundeſten Theile Roms, iſt jedoch vor dem Einfluſſe der Aria cattiva, jener böſen Luft, welche die Stadt vom Monat Juni bis zu den erſten Herbſttagen heimſucht, bewahrt, gleich als ob die Vor⸗ ſehung damit die Leiden, welche die päpſtliche Regierung die⸗ ſem Theile Roms auferlegte, mildern wollte. Die Iudengaſſe wird während der Nacht mit Gittern verſchloſſen; dadurch erhält der düſtre, unfreundliche Ort das Anſehen eines Gefängniſſes. Viertauſend fünfhundert Juden ſind in dieſem Raume eingeſperrt und die Muthloſigkeit der Bewohner läßt denſelben in einer entſetzlichen Unſauberkeit verkommen. Indeß exiſtirt das Elend, welches hier zu herrſchen ſcheint, nur auf der Außenſeite. Unter den Lumpen, hinter den Trüm⸗ mern und dem Schmutze bergen ſich Schätze und ein bedeu⸗ tender Reichthum an Edelgeſtein und koſtbaren Metallen. Aus dem Ghetto kommen die prachtvollen Geräthe, welche für die Fremden in die Paläſte der verarmten Ariſtokratie kommen, welche dieſelbe jenen leer und zerfallen vermiethet. 62 Der Sonntag der Chriſten iſt für den Ghetto ein Tag des Verdienſtes, der Arbeit und Thätigkeit. Mit leichtſin⸗ nigem Trotze machen die Juden ihre Arbeit geräuſchvoll, um die Feier der Chriſten zu verhöhnen. Große Weiberhaufen welche für's meiſte mit alten Kleidern Trödel treiben, bieten abgelegte Gewänder auf's Neue aus und verſpotten auf offe⸗ ner Straße diejenigen, an welche ſie dieſelben wieder verkaufen. Noemi war zum erſten Male aus dem Hauſe des Vaters gekommen. Am Tage nach dem Sabbath verließ ſie die Woh⸗ nung in der Judengaſſe und wurde durch das ſich darbietende Schauſpiel, von dem Mantua ihr nicht die kleinſte Vorſtellung gegeben hatte, überraſcht. Ihr Erſtaunen war ohne Grenzen, ſie konnte des lebhaften, bunten, bewegten Anblicks nicht müde werden; aber bald bemerkte ſie auch, daß ſie ſelbſt der Gegenſtand einer allgemeinen Aufmerkſamkeit geworden war und daß die hübſchen Glaubensgenoſſinnen, welche ſie mit angeſtammter Anhänglichkeit betrachtete, die Blicke von ihr nicht abwendeten. Sie lächelte ihnen zu; da bemerkte ſie an der Ecke der Straße einen Mann, welcher ſein Geſicht mit dem Mantel verhüllte und Noemi mit eben nicht heilbringen⸗ den Abſichten zu beobachten ſchien. Sie enteilte voll Ent⸗ ſetzen und flüchtete ſich ſcheu in ihre Wohnung. Gleich nach ihr betrat die Perſon, welche ihr dieſen Schrecken verurſacht hatte, ebenfalls das Haus Ben Sauls und hän⸗ digte dieſem einen groß gefalteten Brief ein, deſſen Siegel ohne Wappen oder anderes Zeichen war. 63 Es war ein nicht unterzeichnetes Schreiben, welches den Juden aufforderte, ſich an einem bezeichneten Orte einzufinden. S 1 3 I 2 4 Nach kurzem Ueberlegen antwortete Ben Saul entſchloſſen: — Ich werde kommen! III. Der Garten Pincio. Eine bunte, fröhliche Menge drängte ſich in der ganzen Linie, welche Rom von Oſten nach Weſten durchſchneidet. Das Auge wird auf dieſer Verbindungslinie der alten und der neuen Stadt, von denen erſtere ſtill und öde, die letzte dagegen lebhaft und geräuſchvoll iſt, durch den Anblick präch⸗ tiger Paläſte und ſchlechter Hütten überraſcht, welche in Rom abwechſeln. Beim Erblicken der armſeligen Hütten, dem bettelhaften Ausſehen der Läden, angeſichts ſo zahlloſen wirk⸗ lichen Elends neben dem falſchen Glanze von Pracht, fragt man ſich unwillkürlich, wo die Größe Roms ſei, und wird von all' der Gemeinheit und Niedrigkeit, welche in der geſun⸗ kenen Stadt angetroffen wird, ſchmerzlich berührt: Rom iſt nicht mehr die Hauptſtadt der katholiſchen Welt, es iſt eine große Provinzialſtadt geworden. Die Menge floß von allen Seiten auf die erwähnte Hauptſtraße und in dichtem Schwalle ſtrömte das Volk zum Garten Pineio, welcher am weſtlichen Ende Romss liegt. 64 Hier gewährte das Schauſpiel einen großartigeren An⸗ blick und man konnte faſt die alte Majeſtät, deren Spuren man eben noch umſonſt aufgeſucht, wiederfinden. Die Men⸗ ge füllte in langen Reihen die Aufgänge, welche zu dem Garten Pincio führen und von dieſem Orte aus zeigt ſich Rom in ſeiner ganzen Ausdehnung und mit aller Pracht ſeiner Baudenkmale; ein Spiegelbild ſeines dahingeſchwun⸗ denen Ruhms ſcheint über ihm zu ruhen. Alles vereinte ſich eben jetzt um dem glänzenden Schauſpiele die höchſte Zauberpracht zu verleihen. Die untergehende Herbſtſonne übergoß das Weichbild des Auges mit ihrem wundervollen Scheine wie mit goldenem Nimbus, deſſen Farben mit durch⸗ ſichtigem Glanze hier in violett dort in lichtgelb hinüberſpielten. Dazu lebte der dem Auge zunächſt liegende Plan von feſt⸗ lich gekleideten Mengen, in die ſich der brauſende Prunk der römiſchen Ariſtokratie und der reichen Fremden miſchte. Sobald die Nacht mit ihrem Schleier die Stadt und ihre Gebände umhüllte, entbrannte der Garten Pineio auf einmal wie ein Leuchtthurm und ſcheuchte die Finſterniß aus dem eben eingenommenen Gebiete wieder zurück. Es war der Glanz einer großartigen Illumination, mit welcher ſich die ſtrahlende Pracht von Feuerwerken verband, deren Ra⸗ keten hoch ins tiefe Blau des Sternenhimmels ſich verſtie⸗ gen. Von allen Terraſſen ſtürzten breitwogende Feuer⸗Kas⸗ kaden und die Tiefe des Hügels wurde von einem Feuerregen beſchüttet. 1 Rom feierte in dieſer Oktobernacht die Rückkehr des Papſtes, der eine längere Unterſuchungsreiſe in die Staaten des heiligen Stuhles unternommen hatte. Die Völkerſchaft Roms iſt dem alten Geſchmacke treu ge⸗ blieben. Der feurige Hang zu den Cireusſpielen erſcheint bei ihm in ſeiner gegenwärtigen Vorliebe für glänzende Feſte, Schauſpiele und alle mögliche Beluſtigungen, wie für reli⸗ giöſe Feierlichkeiten. Im Rauſche ſeines Vergnügens ver⸗ gißt Rom ſich ſelbſt und gedenkt ſeines Elends und ſeiner Erniedrigung nicht. Aber das eben ſind die gewiſſeſten Zei⸗ chen der Geſunkenheit und des Verfalls. Zur Zeit der franzöſiſchen Occupation fehlte der Haupt⸗ ſtadt des Tiber-Departements ein Ort für ſeine öffentlichen Feſte, oder richtiger, ſie zerſtreueten ſich in dem ganzen Um⸗ fange Roms. Der Genußſucht des Volkes ſtand kein ſchat⸗ tiges Plätzchen zu Gebote, um während der heißen Sommer⸗ tage bequem der Luſt nachgehen zu können. Die franzöſiſche Adminiſtration überwies zu dieſem Zwecke den prächtig ge⸗ legenen Pincio und ſchuf hier einen öffentlichen Garten, der den Blick über die ganze Stadt darbietet und deſſen Ausſicht das ganze Tiberthal und in der Ferne die Gebirgsketten von Latium, Sabinien und Etrurien umfaßt. Zweitauſend Ar⸗ beiter hatten drei Jahre zu ſchaffen, um den Plan auszufüh⸗ ren, und die Koſten beliefen ſich auf mehrere Millionen. Rom gewann während dieſer Zeit ſehr. Die Päpſte laſſen die Be⸗ düirernn ohne Arbeit: die Franzoſen dagegen begriffen rich⸗ 5 66 tig, daß nur Beſchäftigung dieſelbe dem Diebſtahl und der Bettelei entreißen könne. Der Garten Pincio iſt der Stolz aller Römer. In der hier wogenden Menge läßt ſich jeder Stand, welcher die päpſtliche Hauptſtadt bewohnt, unterſcheiden. Die Ariſto⸗ kratie hat jeden eigenthümlichen Typus durch die häufige Vermiſchung mit fremden Blute verloren: ſie nimmt das linke Ufer des Tiber ein; der auf dem linken Ufer befindli⸗ chen transtiberiſchen Race aber muß man die römiſche Ab⸗ kunft zuerkennen. Die derben Züge und die kräftige Phy⸗ ſiognomie beurkunden ein ſtarkes, unbändiges Weſen: die breite Stirne, geſchweifte Augenbraunen, große ſchön geſchnit⸗ tene Augen, und die grade oder Adlernaſe geben dem Geſichte des Transteveriners einen männlichen Ausdruck. Die trans⸗ teveriniſchen Frauen ſind braun oder röthlich, haben ein fun⸗ kelndes, dunkles Auge, edle, regelmäßige Züge und einen Hals, der mit der größten Zierlichkeit auf den ſchönen, kräf⸗ tigen Schultern ruht. Das ſind die Kennzeichen der Ein⸗ geborenen. Unter den Transteverinern wählen die Maler ihr Modelle, aus ihrer Mitte kommen die für die Mühen der Arbeit berufenen Leute hervor, als Schlächter, Laſtträger, Schiffer, die Fachini und— um Alles zu ſagen— die Ban⸗ diten. Neben dieſen beiden vorherrſchenden Racen vegetirt der Judenſtamm, von dem Stolze der einen und der Rohheit der andern elend unterdrückt; nur die Schönheit der Jüdinnen hebt ſich allein über dieſe Unterwürfigkeit empor. — Die Menge von Fremden, vorzüglich Engländern, die ſich hier in zahlreichen Familien aufhalten, geben Rom das Anſehen einer großen Herberge, welche für alle Nationen ge⸗ öffnet iſt. Die römiſche Nationalität verſchwindet unter der ausländiſchen Menge. Im Pincio pflegte jede Race ihrer Gebräuche und Be⸗ luſtigungen. Die Ariſtokratie, der Adel und der Klerus brüſteten ſich in ſtolzer Haltung oder affektirten eine künſtliche Beſcheiden⸗ heit, wobei die geſenkten Blicke ſeitwärts auf die Frauen ſtreiften, welche hier der Koketterie, der Toilette und der leb⸗ hafteſten Bewegungen freien Gang ließen. Was Rom an Schönheit, Glanz und Berühmtheit zählte, befand ſich im Pincio. Die jungen Monſignoris und die Fantinis, welche Rom's Sportmen ſind, waren ungemein lärmend, und die Geiſtlichkeit wurde hier ſo laut, daß die Beamten eine zurück⸗ haltende Miene annahmen. Die Transteveriner aber überließen ſich ganz und gar ihrer Laune. Nach dem Feuerwerke begaben ſie ſich auf den Monte Teſtaccio; in künſtlich geformten Gruppen und bun⸗ ter Tracht ſtrömten ſie unter Fackelglanz von allen Seiten hier zuſammen. Hierher begiebt ſich die Griſette von Rom, angethan mit dem reichſten Glanze ihrer bunten Flitter und das Haupt mit Blumen geſchmückt, durch die Anmuth ihres Weſens an Griechenlands ſchöne Töchter erinnernd. Oft kränzt ſich dieſe fröhliche Schaar ſtatt der Blumen mit dem 5* 68 Laube der Nußſtaude, deſſen weiche matte Farben mit dem ſtrahlenden Schwarz der Haare lieblich harmoniren; lange goldene oder ſilberne Nadeln halten die aufgewundenen Flech⸗ ten und Locken am Kopfe feſt. Luſtbegierige, ſchlanke, kräf⸗ tige Tänzerinnen improviſiren ſie den Takt ihrer Bewegun⸗ gen, denn der römiſche Tanz hängt faſt immer von der Ein⸗ gebung des Augenblicks ab. Jetzt, wie der Rhythmus es fordert, wird er langſam, träumeriſch, faſt ſchmachtend, jetzt raſ't er in wilder, lebendiger, leidenſchaftlicher Gluth. An den Tagen der Luſt fließt der Wein in Strömen und die trunkene, aufgeregte Menge zieht mit Fackelglanz in Rom wieder ein, läßt ihren Geſang durch alle Straßen der Stadt wogen und ſchweift faſt die ganze Nacht umher. Den Be⸗ luſtigungen des Volkes iſt der Stempel einer reizenden Ori⸗ ginalität aufgedrückt. Nicht ſo bei den Vergnügungen der Ariſtokratie. Eine Geſellſchaft junger römiſcher Kavaliere, welche von einem Gelage kamen, brach in den Garten Pincio ein. Der Lärm und die Verwirrung, welche ſie verurſachten, iſt unbe⸗ ſchreiblich. Zuerſt ließen ſie erſchreckliches Geſchrei erſchallen, dann unſittliche Lieder und endlich wurden ſie beleidigend, herausfordernd, wobei die abſcheulichſten Reden und die gehäſſigſten Drohungen laut wurden. Der Ausbruch ihrer Wuth ließ ſich gegen alles, was ihnen in den Weg kam, aus. Sie zerbrachen und zertrümmerten, was ihnen Schran⸗ ken anlegte, vor ihrem Brauſen entfloh alles, wie vor einem wüthenden Orkane. —— —— Unter dieſen Wüthenden machte ſich ein junger Mann von hohem Wuchs und ſchönem Ausſehen durch ſeine Lei⸗ denſchaftlichkeit bemerklich. Er ging an der Spitze des Hau⸗ fens und ſpielte den Anführer der Unſinnigen, führte ſie mit entſetzlichem Toben an und gab das Zeichen zu den Ausge⸗ laſſenheiten, an denen er ſelbſt den heftigſten Antheil nahm. Er war bis zum Uebermaße berauſcht. Sein Gang war taumelnd, Kleider und Wäſche in Unordnung, Haupthaar, Züge und Blicke trugen ekelhafte Spuren der Schwelgerei; nur in ſtammelnder Haſt vermochte er ſeiner rauhen, unſichern Stimme Worte zu geben, auf den bleichen Lippen ſtand wider⸗ licher Schaum: es war ein Bild des Ekels und der Ge— meinheit.— Während der heftigſten Ausbrüche der Trunkenheit trat ein Mann zu dem jungen Herrn, ſchlug ihm auf die Schul⸗ ter und lenkte ſeine Aufmerkſamkeit auf eine nahe Gruppe ſchreckenerfüllter Perſonen. Es waren zwei Greiſe, zwiſchen denen ſich in zagender Angſt ein junges Mädchen befand; eine Frau und ein junger Mann neben ihnen boten einen ſchwachen und ungenügenden Schutz. Was ging zwiſchen dem trunkenen jungen Manne und jenem, der ihm auf die Schulter geklopft, vor? Wir wiſſen es nicht; aber das junge Mädchen hatte in dem Manne, welcher mit dem Kavalier ſprach, jene Perſon erkannt, welche im Ghetto ihr nachgegangen war und den anonymen Brief zu Ben Saul gebracht hatte. Sie ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus. 70 Bei dieſem Ausrufe ſchien die Trunkenheit des jungen Herrn ſich zu zerſtreuen. Sein Blick haftete feſt und wild auf Noemi— denn ſie war das junge Mädchen— und ihrer Umgebung; eine heftige Bewegung ſchien in ihm vor⸗ zugehen. Plötzlich rief er aus:. — Wie ſchön iſt ſie! Damit ſtürzte er unter widrigem Gebrüll auf Noemi zu. Er ſchlenderte die beiden Greiſe, welche ſich dieſer Wuth entgegenſetzten, auf die Seite; ſchon hatte er die zitternde Noemi bei der Hand erfaßt, ſchon rüſtete ſich jener, der ſie ihm gezeigt hatte, zur Erhaſchung der ſchönen Beute: da mit einem Male ſtürzte aus der Menge ein junger Mann hervor, warf den zweifachen Angriff zurück und fing die ohnmächtig hinſinkende Jungfrau, der niemand zu Hilfe kam, in ſeinen Armen auf. Alle Zeugen dieſes furchtloſen Benehmens, welche im Augenblicke der Gefahr, die Noemi bedrohete, unthätig dageſtanden hatten, klatſchten mit den Händen, jagten die Friedenſtörer in die Flucht und drängten ſich theilnehmend um die Angehörigen des Opfers. Später erfuhr man, daß jener Kavalier, welcher ſich zu ſo unwürdigen Beleidigungen vergeſſen hatte, Stephan d'Arlotti hieß und der Neffe eines Prälaten, des Monſignor Panfilio, war. Als Noemi die Augen wieder aufſchlug, begegneten ihre Blicke denen ihres Retters; an dem Ausdrucke derſelben entzündete ſich in der Bruſt der Jungfrau jene zarte Leiden⸗ ſchaft, die Emanuel nicht zu erwecken vermocht hatte. 7 —.:— — ——— — — IV. Der Aepotiamns. Die Schriftſteller aller verſchiedenen Zeiten, welche über das Papſtthum geſchrieben haben, ſind, wenn ſie auch in manchen anderen Punkten verſchiedener Anſicht waren, über die traurigen Folgen des Nepotismus doch ſtets gleicher Meinung gewefen. Sie betrachteten denſelben als das un⸗ heilvolle Reſultat der weltlichen Gewalt und des perſönlichen Ehrgeizes der Päpſte, dieſer beiden Quellen großer Uebel und der Haupturſachen des Verfalls des heiligen Stuhls. Sirtus dem Vierten, der 1741 erwählt wurde, iſt das Ueberhandgreifen des Nepotismus am römiſchen Hofe zuzu⸗ ſchreiben. Ein Zeitgenoſſe ſagt:„Es gab ſo viele Päpſte, als der Papſt Neffen hatte.“ Vor dieſem Papſte zogen ſich die Neffen, Enkel, Ange⸗ hörigen und Verwandten zurück, ſobald der ihnen zugehörige Kardinal Papſt geworden war, denn das Papſtthum hob jede Verwandtſchaft auf und die Oberhäupter der Kirche mußten jede Bande des Bluts ihrer Würde wegen ver⸗ leugnen. Später dagegen überzogen Unmaſſen von Leuten, die weder durch Tugend noch Verdienſt ausgezeichnet waren, die päpſtliche Reſidenz und riſſen die Würden der Kirche, 7² —— Gold und Macht an ſich und eahendh. einer angenom⸗ menen Maxime der Geiſtlichkeit zufolge, auf ſolche Art die Familie des Würdenträgers, der ſelbſt vermöge ſeines Stan⸗ des nichts für die Angehörigen thun durfte. Stolz und Uebermuth ſolcher Perſonen war die Folge davon und die Päpſte begünſtigten dieſes Syſtem in der Ausdehnung, daß mit den Biſchofs- und Kardinalskragen, welche dem langen Anhange von Begünſtigten verliehen wurden, eine Maſſe armer Geiſtlicher hätten bekleidet werden können, die der Kirche dienten, aber ihr Brod bei den Laien betteln mußten. Als Sixtus IV., der an das einfache Kloſterleben ge⸗ wohnt war und ſich wenig aus Pracht machte, den Thron beſtieg, befahl er auf Eingebung ſeiner Neffen die Diaman⸗ ten der Kirche zur Bezahlung dringender Schulden zu ver⸗ kaufen. Die Edelſteine wurden freilich verkauft, aber der Erlös wanderte in die Hände der päpſtlichen Neffen und die Schulden blieben unbezahlt. Alexander VI., der berüchtigte Borgia, von deſſen Geiz, Grauſamkeit und Ausſchweifung ein Arges zu berichten ſteht, füllte Rom mit Baſtarden und Spanien mit Dirnen durch ſeine Liederlichkeit. Unter ihm herrſchte eine unbeſchreibliche Sittenloſigkeit und die Scham hatte aufgehört zu exiſtiren. Neffen, Söhne, Baſtarde und Angehörige beuteten den Schatz des heiligen Stuhles aus. Gregor XIV. ſagte ſeinem Neffen:— Mein Neffe, fülle Deine Börſe, ſo lang ich am Leben bin.“ Und gehorſam dieſem Rathe nahm der Neffe achtzig Prozent für ſich und ließ den Reſt der Kirche. Der Neffe Leo des Elften antwortete ſeinem Onkel, da derſelbe ihn um die Staatsangelegenheiten befragte: — Was kümmert Ihr Euch darum? Eſſet und trinket, und laſſet es Euch wohl gefallen, daß Euch nichts abgeht. Alexander VII. ſandte, nach dem Berichte eines Augen⸗ zeugen, ſeinen Neffen Pantoffeln und Kragen, die dem An⸗ ſcheine nach Wachs waren, in der That aber aus reinem, mit etwas Wachs überzogenem Golde beſtanden. Ein andres Mal fand man bei Zuſendung von Zeugen und Vaſen auf dem Boden der Kiſten vier große Börſen mit Dublonen. Der Skandal des Nepotismus wurde endlich ſo groß, daß man den Papſt auf's Kruzifix ſchwören ließ, niemand ſeiner Angehörigen in Rom aufzunehmen. Indeß, ſchreibt ein gleichzeitiger Geſchichtsſchreiber, fan⸗ den die Patres Jeſuiten, welche die Beichtväter der Päpſte ſind und die Gewiſſensräthe und Philoſophen der Kirche abgeben, eine erſprießliche Deutungsweiſe, welche den gehei⸗ men Wünſchen des Papſtes ein Hinterpförtchen öffnete. Sie erklärten, daß der Papſt allerdings ohne Verle⸗ tzung ſeines Eides keine Angehörige aufnehmen dürfe, daß er dagegen den halben Tag über Rom verlaſſen könne, um ſie nach Gefallen zu beſuchen. Zum großen Nachtheile für Volk und Kirche ſchuf darauf der Papſt für ſeinen Neffen den Titel Cardinal- pa- drone. Es iſt gar merkwürdig, wie nach dem Berichte da⸗ 74 maliger Chroniken der Vatican von den Redensarten widerhallte: — Rufet den Kardinal⸗padrone.+ Wo iſt der Kardinal⸗padrone?— bSeaa e an den Kardinal⸗ padrone.— Wir kommen vom Kardinal⸗padrone.— Wir werden mit dem Kardinal⸗padrone ſprechen. Ein armer Beamte, der eines Tags eine Gnade vom Papſt erflehete und den man ebenfalls an den Kardinal⸗ padrone wies, verſetzte: — Aber, heiliger Vater, ich glaubte, Ihre Heiligkeit wären hier einzig und allein(Padrone) Herr. Unter dem Papſtthum Innocenz des Zehnten blühete der Cognatismus(Begünſtigung von Verwandten weiblichen Geſchlechts) ganz beſonders. Derſelbe verlieh einer Schwã⸗ gerin einen ſolchen Einfluß, daß dieſe Frau nach dem Aus⸗ drucke der Bewohner Roms Papſt zu ſein ſchien, während der heilige Vater weder Papſt noch Mann war. Dieſer Papſt erfand für dieſelbe die goldene Roſe(ein Ehrengeſchenk, wel⸗ ches der Papſt anerkannten katholiſchen Fürſten überſendet); die goldene Roſe wurde am Sonntag Lätare geweihet und durch mehrere Kirchenfürſten der Schwägerin des heiligen Vaters überreicht, um ihr für die Sorge zu danken, womit ſie für die Vergnügen derſelben bedacht war. Die zuletzt von Seiner Heilichkeit, Gregor XVI. geweihete goldene Roſe ließ derſelbe galant Ihrer Majeſtät der Königin von Belgien einhändigen. 75 In Rom hießen die Neffen lange Zeit der Schlepp des Papſtes. Monſignor Panfilio ließ alle dieſe leuchtenden Muſter des Nepotismus vor biuan aaſe vorüber ziehen. Er wan⸗ derte mit großen Schritten in ſeinem Zimmer auf und nie⸗ der. Zu der Ungeduld, die er empfand, ſchien ſich Mißbe⸗ hagen über den angeſtrengten Gang zu geſellen; er verſuchte mehrere Male, ſich zu ſetzen, allein die Ruhe war von ihm gewichen. Menſignor war von einer glückſeligen Wohlbe⸗ leibtheit; ſeine Körperſtärke, das breite, aufgedunſene Antlitz und die kurze Dicke vertrugen ſich mit der ungewohnten An⸗ ſtrengung übel. Heftige, raſche Bewegungen verkündeten, daß er jemand erwarte. Während des Hin⸗ und Hergehens ſprach er unaufhörlich, als wollte er ſich ſelbſt tröſten und der Bruſt durch Worte Luft machen. Sein Angeſicht war von Zorn geröthet; es ſchien ihm das Blut die Adern ſpren⸗ gen und die Bruſt erſticken zu wollen. Es war offenbar, daß ein ſolcher aufgeregter Zuſtand für ihn gefährlich war. Endlich ließ ſich das Geräuſch von Schritten an der Thüre vernehmen; dieſelbe wurde geöffnet und herein trat ein junger Mann in elegantem nachläſſigem Anzuge und mit einer Reit⸗ peitſche in der Hand. Es war Stephan d' Arlotti, der bejammernswerthe Held der Vorfälle im Garten Pincio. — Endlich... rief Panfilio ihm entgegen... dann blickte er mit Wohlgefallen auf das hübſche Geſicht des jungen Mannes und all' die ſtrengen Worte, welche er für ihn 76 ausgeſonnen hatte, waren entſchwunden; er redete mit vä⸗ terlichem Wohlgefallen zu ihm. — Höre, Stephan! aeße alles, was ich über Dich vernehme, erfüllt mich mit Betrübniß, dein Deine Auffüh⸗ rung ſtrebt den Abſichten, welche bauseede Deine Mutter, und ich für Deine Buſun ft au geſonnen haben. Im Namen dieſer Deiner Mutter, welche Du ſe ehr geliebt haſt, rede ich jetzt zu Dir.— 1 Monſignor war, um pathetiſch zu werden, in einen ſo empfindſam weichen Ton verfallen, daß Stephan ein ſpöt⸗ tiſches Lächeln nicht unterdrücken konnte, vor dem Panfilio verſtummte. Doch nahm er ſeine Anrede, jedoch in verän⸗ dertem Tone, wieder auf. Seine Stimme wurde feſt und gemeſſen, und er ſprach mit ſolchem Ernſte, daß Stephan jetzt ſeinerſeits in Verlegenheit gerieth.. 1 — Neffe, ſprach der Oheim, ich habe ein offenes Won mit Dir zu reden. Bei dieſen Worten machte Stephan eine Gebehrde der Ungläubigkeit, welche Monſignor jedoch überſah und fortfuhr: — Du machſt mir bittern Kummer auf meine alten Tage. Ein Mann, der ſo geſtellt iſt, wie ich es bin, und dem es nicht gelingt, ſeinen Neffen anſtändig zu verſorgen, wird entehrt. In der Kirche gelten die Neffen etwas mehr als Kinder: das iſt ein alter Grundſatz des Papſtthumsz nach dem Vorbilde der Päpſte hat auch die Geiſtlichkeit den⸗ ſelben angenommen. Als ich Deiner Mutter verſprach, in 77 Dich zu ſorgen, ſtellte ich die Bedingung, daß Du die Weihen empfingeſt.. —36.S 4— Ich weiß, s Sn mir antworten willſt: Du fühlteſt keinen Beruf dazu! Allenthalben außer Rom könnte ich dieſen Grendigalm laſſen, weil es ſtrenger genommen würde, hier aber iſt es nicht in dem gewöhnlichen Sinne zu nehmen. In Rom kann man nichts werden, weder Eh⸗ ren, noch Glücksgüter, noch Würden oder Macht erlangen, als wenn man der Kirche angehört. Nur Thorheit kann ſich davon zurückziehen. Für mich haben die hohen Stellungen immer etwas Abſchreckendes gehabt; aber für Dich, Ste⸗ phan, habe ich ſtets die höchſten Ehrenämter begehrt. Meiner Ruhe und Behaglichkeit willen iſt mein Begehren immer im mittleren Range ſtehen geblieben; Dich dagegen möchte 3 ich zu den erſten Stufen erhoben ſehen. Nach einer Pauſe, worin Monſignor ſich zu bedenken ſchien, fuhr er mit dem Ausdrucke feſter Ueberzeugung fort: — Obgleich ich in der Gunſt des heiligen Vaters wohl geſtellt bin, ſo gelang es mir doch nicht, das Alles zu eerreichen, was ich zu wünſchen berechtigt war, nachdem ich für die Erwählung des Papſtes ſo viel gethan... Mein Vermögen hat ſich durch Verhältniſſe, die Du ſpäter erfah⸗ 4 ren ſollſt, ſehr vermindert... In dieſem Augenblicke ließ ſich hinter den dichten Vor⸗ hängen des Alkovens eine Bewegung vernehmen, als ob 78 jemand dahinter verſteckt ſei. Monſignor überzeugte ſich, daß niemand lauſche, dann fuhr er mit lauter Stimme fort: — Die Urſachen davon kann ich Dir gegenwärtig nicht ſagen; aber benutze die Gelegenheit, Dein Vermögen zu mehren, Stephan! Allen Einduß, der mir ſelber nur zu Gebote ſteht und den ich von Andern Iu Deinem Gunſten erlangen kann... N» Abermals eine Bewegung hinter hen Vorhängen; dies Mal ſprach Panfilio leiſer und faſt mit zagendem Tone: — Eile, lieber Neffe! die Augenblicke ſind koſtbar; noch vermag ich viel für Dich zu thun und wenn mir der Himmel noch einige Jahre ſchenkt, wäre es mir leicht, Dich zu den erſten Würden der Kirche zu erheben... — Geſtern, verſetzte Stephan ruhig, hätte ich dieſe Vorſchläge noch annehmen können; heute bin ich dazu nicht mehr fähig.. Jetzt bewegte ſich der Vorhang des Alkovens ſehr heftig. — Armer Stephan! rief Monſignor, Du ſcheinſt när⸗ riſch zu werden. Was gibt es denn? etwa eine kleine Lieb⸗ ſchaft? Ha, ha! Wenn es weiter nichts iſt, dabei ſehen wir durch die Finger. Du ſollſt ja kein Kloſterleben führen, nur Auffallen mußt Du vermeiden. Nur der Schein, das 3 Gerede bringt in böſen Ruf; Skandal allein macht die Sünde, der im Verborgenen geſchehene Fehltritt hört auf,* Sünde zu ſein. Du ſollſt das Alles ſchon lernen. Unſere Meiſter in allen Stücken, die Jeſuiten, haben viel herrliche 5b 79 Sachen über dieſen Gegenſtand geſchrieben. Und glaubſt Du etwa nicht, daß wir nicht auch die Gewiſſensſkrupel zu vertreiben wüßten. Vertraue uns, wie dem Himmel ſelber, ſo ſoll Dir ſchon in Allem gut gerathen werden. — Nein, das iſt nicht möglich; denn Ihre Gelübde ſind ein unüberſteigliches Hinderniß. — Ich habe nie ein ſolches gekannt. — Die Dame, welche ich liebe... — Nun? — Iſt eine Jüdin! Rathen Sie mir noch, die geiſt⸗ lichen Weihen zu nehmen? Der Lärm eines umſtürzenden Möbels und das Geräuſch von Füßen drang in dieſem Momente hinter den Vorhängen⸗ hervor.. Monſignor ſchien vernichtet dazuſtehen; er überwand jedoch ſich ſelber und ſagte mit Würde zu Stephan: — Bedenke Dich wohl. Du haſt die Wahl zwiſchen Armuth und Reichthum zu treffen. Zeigſt Du Dich meinem Willen nicht gehorſam, ſo ziehe ich von heute an meine Hand von Dir zurück; folgſt Du dagegen willig, ſo führe ich Dich eben ſo raſch zum Glücke. Fürchteſt Du vielleicht das Seminar? Gut, Du ſollſt nicht hinein müſſen. Du biſt jetzt zweiundzwanzig Jahre alt, wenn Du fünfund⸗ zwanzig biſt, ſo laß ich Dich zum Prieſter weihen und öffne Dir durch meinen Einfluß den Weg zu glänzender Größe... Ach, Stephan! Du weißt nicht, zu welch glänzender Zu⸗ kunft Du berufen biſt!... 80 — Sparen Sie dieſe verlockenden Worte, Oheim! Die⸗ ſelben vermögen nichts über mich. — Aber dieſes Weib, dieſer unſelige Dämon, dieſe Moabiterin, die Dir den Kopf verrückt hat, liebt ſie Dich denn? — Ich weiß es nicht, ich habe mit ihr noch kein Wort gewechſelt. — Und wenn ſie nun einen Andern liebte? — So würde ich ihre Liebe achten und die meinige treu bewahren. — Aber wer iſt ſie denn? — Ich habe ſie geſtern zum erſten Male im Garten Pincio geſehen. Man bezeichnete ſie mir als ein junges Mädchen, das einer Familie aus dem Ghetto angehört. — O Schmach! Beim Ausruf dieſes Wortes drückten ſich Panfilios Lippen krampfhaft zuſammen, ſein Geſicht wurde bleich vor Zorn. Stephan blieb bei dieſem Ausdrucke der Wuth und der ſtummen drin liegenden Rachedrohung ruhig. Er verließ das Zimmer. Monſignor Panfilio hob die Vorhänge des Alkovens in die Höhe. Donna Olimpia, welche hinter den Falten deſſelben verborgen war, trat ins Zimmer und ſtellte ſich mit gekreuzten Armen Monſignor gegenüber. Ihr Angeſicht ſpiegelte die Leidenſchaft einer Hyäne. Was wollen Sie thun? ſprach ſie mit einer vor Wuth erſtickten Stimme. nn— nn—— — 81 Panfilio antwortete nicht. — Man muß die Jüdin tödten! rief Donna Olimpia im heftigſten Wuthausbruche aus. Nein, der Tod wäre zu füß für ſie... ſie muß in eine Falle gelockt werden, die entſetzlichſte Anklage— Gottesläſterung muß gegen ſie erho⸗ ben und ſie den Kerkern der Inquiſition überliefert werden. Die Engelsburg hat tiefe Kerker und die Apenninen uner⸗ gründliche Schlünde! — Aber wozu ſollen uns dergleichen Grauſamkeiten nutzen? Werden ſie uns unſre verlorene Gunſt wiederſchaffen? Donna Olimpia redete mit ſich ſelbſt. — Welch Mißgeſchick! heute eben bezieht die Cajetanina, die mir ganz ergeben iſt, die Zimmer, welche man ihr im Quirinal eingeräumt hat, dicht neben denen des heiligen Vaters. Cajetanino, den ich aus dem Barbier eines Kar⸗ dinals zum Kämmerer des Papſtes gemacht habe, verſprach mir, alles für den jungen Menſchen, den ich ihm vorſtellen ſollte, zu thun... ich konnte auf dieſe Weiſe unſrem Glücks⸗ ſterne wieder aufhelfen... eine knabenhafte Laune verdirbt den ganzen Plan. Haben Sie denn nur den einen Neffen, Monſignor Panfilio?. — Nur einen, Gräfin... Hätte man meinem Rathe in einer gewiſſen Angelegenheit gefolgt... — Stephan, ſprach die Gräfin weiter, ohne auf Pan⸗ filios Worte zu hören, würde von morgen an dem Papſte zur Seite geſtanden und uns Alles wieder zu erringen ver⸗ mocht haben... und jetzt... niemand! I. 6 — Gräfin, wir hätten wohl jemand, wenn... — Schweigen Sie, Monſignor... o verfluchte Juden! — Still, Donna Olimpia! Bedenken Sie, was Sie morgen zu thun haben. Doch es iſt bereits Zeit, daß ich mich zum Schatzmeiſter begeben muß. Als Panfilio fortgegangen, ſchellte Donna Olimpia. Ein Kammermädchen erſchien; die Gräfin ertheilte ihr Befehle. Nach einer Viertelſtunde beſtieg eine Frau in ſchwarzen Gewändern, das Geſicht hinter einen langen Schleier ver⸗ ſteckt, einen Wagen am Thore des Palaſts von Monſignor Panfilio. Der Diener, welcher den Schlag verſchloß, rief dem Kutſcher zu: — Nach dem Profeßhauſe der Jeſuiten. J. Der Morgen eines römiſchen Dandy. Stephan befand ſich, als ex den Onkel verlaſſen, in einer außerordentlichen Verwirrung. Er durchirrte die Stra⸗ ßen Roms, ohne zu wiſſen, was er eigentlich ſuche. Alle 4 Vergnügen, welche bisher den höchſten Reiz für ihn gehabt, alle Lieblingszerſtreuungen ſchienen ihm fade und genußlos. Und doch empfand er eben keine Langeweile; im Gegentheile, —— 83 Geiſt und Einbildungskraft befanden ſich in unausgeſetzter, lebhafter Spannung; ſein Blut jagte raſch durch die Adern, der Kopf brannte ihm und in der Bruſt klopfte das Herz mit ſolcher Gewalt, als wollte es die umgebende Hülle zerſprengen. 4 Sein ſchöner Engländer, der die Bewunderung des Corſo(Rennbahn) erregte, und den er geſtern noch ſo ſtolz geritten hatte, ſeine Geliebte, welche er geſtern noch anbetete, und das Spiel, die wilde Leidenſchaft ſeiner Nächte, miß⸗ fielen ihm. Vorzüglich haftete ſein Gedanke auf der geſtrigen Schwelgerei und deren tollen Folgen; die Erinnerung an die Vorfälle im Pincio demüthigten und peinigten ihn, ihn, der vor kurzem noch damit geprahlt, ein unbeſieglicher Trinker zu ſein. Er beſuchte alle Gaſthäuſer; im griechiſchen Kaffeehauſe war ihm die Unterhaltung zu pedantiſch; in dem Palaſt Ruſpoli war es ihm zu geräuſchvoll; die Burattini, jene Marionnetten, welche ihm ſo oft Zerſtreuung gewährt, Polieinello und Caſſandrino, kamen ihm langweilig vor. Der Lärm der Straßen war ihm unerträglich; um ihm zu entgehen, trat er in eine Kirche, allein er konnte nicht beten. Außer einigen Madonnenbildern, welche ſüße Träume in ihm erweckten, ſah er nichts von den Meiſterwerken, welche die Kunſt zum Schmuck des Heiligthums geſchaffen. Als es Abend wurde und die Stadt ſich mit Lampen⸗ ſchimmer erhellte, glaubte Stephan endlich ſeine verlorene Ruhe wiederzufinden. Er durchlief alle Theater, trat in zwanzig Logen und in zwanzig Salons; Alle, die ihn ſo 6* aufgeregt und außer ſich ſahen, konnten ſeine Verſtörtheit nicht begreifen und er ſelbſt vermochte den Ausdruck des Stau⸗ nens nicht zu faſſen, der ihm von allen Angeſichtern entge⸗ genſtarrte; er floh die Geſellſchaft, die ihm heute aus lauter Dummen oder Einfältigen zu beſtehen ſchien. Und wieder begann er ſeinen wilden Lauf durch die Straßen. Nachdem er alle Stadtviertel durchſtrichen, langte er an den Gittern des Ghetto an, eben als man dieſelben ſchloß. Unwillig über dieſes ſchlechte Zuſammentreffen, eilte er ſeiner Wohnung zu und warf ſich nieder, ohne ein Wort zu ſeinen Dienern zu reden, die über das niedergeſchlagene, finſtere Weſen ihres Herrn, der gemeinlich luſtig und geſprä⸗ chig heimkehrte, ſehr beſtürzt waren. Stephan ſchlief nicht; ein Gedanke, ein einziger Ge⸗ danke, der Gedanke an Noemi hielt ihn wach. Die Nacht war drückend und peinvoll für ihn. Morgens beim erſten Strahle der Sonne rief er ſeine Leute, denen der heftige Lärm der Glocke die heute noch nicht verſchwundene üble Laune ihres Herrn bereits im voraus verkündete. Der Kammerdiener erſchien und überreichte dem Herrn auf eiſelirtem ſilbernem Teller die eingelaufenen Zeitungen und Briefe. Stephan warf ſie zu Füßen des Betts, ohne ſie zu öffnen. Und doch waren ſie faſt alle ſo fein, ſo an— muthig, kokett gefaltet und hauchten einen ſo ſüßen Duft aus, daß die Neugierde wohl erregt werden konnte, ob denn der Inhalt dem lockenden Scheine entſpreche. Obgleich die Dandy's von Rom die Gewohnheiten, —— Lebensweiſe und Haltung der pariſer Lions nachahmen, ſo hat ihre Wohnung doch lange den feinen, reichen Geſchmack der pariſer Faſhion nicht. Das Gemach, worin Stephan ſchlief, machte beinahe ganz allein ſeine Wohnung aus. In einem weitläufigen Palaſte wohnend, nahm er für ſich nur ein Zimmer ein und überließ den ganzen übrigen Raum ſeinen Leuten. Sein Zimmer war hoch, geräumig und von ſchönem, edlem Verhältniß. Die Wände waren mit ſieniſchen, dem Auge wohlthuenden Marmor bedeckt, vier hohe Säulen von dunkelroth geadertem Marmor, mit vergoldeten Baſen und Kapitalen, trugen die Decke, welche mit Blumen, Vögeln, Vaſen und Gruppen verziert war. Die Moſaik des Fuß⸗ bodens ſtellte den Fall Phaetons dar. Ein großes Kruzifix von düſterem, ſchwarzem Ausſehen, welches Monſignor Pan⸗ filio ſeinem Neffen geſchenkt hatte; eine üppige Bacchantin, eine reizende Statue von Canovaz ein Bett von antiker Bau⸗ art und ohne Vorhänge, einige Stühle in Geſtalt der alten Senatorenſeſſel machten das Geräth und den Schmuck des Zimmers aus; von den hohen Fenſtern herab hingen lange, ſchwere Purpurvorhänge. Stephan genoß mit Haſt eine Taſſe dampfender Choko⸗ late; dann warf er das lange weißleinene Gewand, mit dem er bekleidet war, ab und begann ſeine Toilette mit genaueſter Sorgfalt. An dieſem erſten Beginnen erkannte der Kam⸗ merdiener endlich ſeinen alten Herrn wieder. Schon war er im Begriffe auszugehen, da erſchien ein 86 Diener und überreichte ihm, in derſelben Weiſe wie jener erſte, eine Medaille. Beim Erblicken dieſes Zeichens befahl Stephan, die Perſon, von der die Medaille herrühre, ein⸗ treten zu laſſen; er entledigte ſich ſeiner Handſchuhe wieder, ſetzte ſich und gab ſeinen Dienern die Anweiſung, daß er für niemand zu Hauſe ſei. Die eintretende Perſon gewährte einen furchterregenden Anblickz ſie war ganz und gar in einen weiten Mantel ge⸗ hüllt, ſchauete finſter und ſchrecklich darein und als ſie den Tabarro zurückwarf, erſchien ſie in einer Kleidung, welche zwar den Anſchein eines Tiberſchiffers haben ſollte, allein auf's Haar der Tracht eines Banditen vom flachen Lande um Rom glich. Mitl letzterer paßten auch Figur und ganzes Weſen vollkommen zuſammen. — Nun, Carlo, rief Stephan ihm entgegen, das ſind ſchöne Dinge, die wir geſtern gemacht! — Per Bacco! wenn ich, mögen Eure Herrlichkeit mir verzeihen, die Lage bemerkt hätte, worin Eure Exeellenz ſich befand, ſo hätte ich die Mittheilung auf den andern Tag verſchoben. Aber als ich im Ghetto, wohin ein geringfügiger Auftrag mich führte, die Schönheit dieſes Mädchens gewahrte, dachte ich augenblicklich an Eure Herrlichkeit. Stephan machte ein Zeichen der Unzufriedenheit. — Verzeihen Sie, Excellenz, ich glaubte... ma baſta! So gewiß, als bei meinem Spaziergange vom Pontomolle nach dem Pincio der erſte Gegenſtand, welchen ich erblickte, das junge Mädchen war und der zweite Sie, ſo ſchien mir —— —— - 87 das ſo ganz natürlich zuſammen zu paſſen, und ich benutzte den Augenblick, um ein etwaiges Zuſammenfinden einzu⸗ leiten. Das iſt nun freilich nicht geglückt... doch hat viel⸗ leicht deshalb irgend jemand Verdruß gemacht: Sie wiſſen, Monſignorio, ich ſtehe zu Ihren Dienſten. Bei den Worten zog er die Klinge eines langen Meſſers zur Hälfte aus dem Gürtel. — Das iſt nicht nothwendig, entgegnete Stephan; aber Du kannſt zehn Zechinen verdienen, wenn Du mir bis morgen zu ſagen weißt, wer das Mädchen iſt, ihren Namen, Alter und Familie. Nun magſt Du gehen. Carlo ging, ohne ſich umzuſehen und ohne den zu grüßen zu wagen, der ihn ſo unwirrſch entließ. Stephan bediente ſich nur mit Widerwillen der Ein⸗ miſchung Carlos. Dieſer Menſch galt in Rom für einen ſabiniſchen Räuber, der von der römiſchen Regierung für den Verrath ſeiner Kameraden an die päpſtliche Polizei einen Jahrgehalt bezog. Dergleichen Gehalte ſind in Rom nicht ungewöhnlich; ihre Inhaber leben ohne die geringſte Behelli⸗ gung und ziehen regelmäßig ihre ausgeſetzte Summe, vor⸗ ausgeſetzt, daß die Macht der Gewohnheit ſie nicht wieder zu den alten Fehlern verleitet. Carlo trieb faſt alle verrufenen Beſchäftigungen. Er war geboren zu Monteroſi, einer Stadt in der Nähe Roms, deren Beſuch durch den Aufenthalt zahl⸗ loſer Banditen ſehr gefährlich war. Er war einer jener Leute, deren ſich die römiſche Geiſtlichkeit zu ihren Vergnügungen ſo häufig bedient. Wie alle ſeines Gleichen bot er ſeine Dienſte 88 öffentlich an und ſtellte den Wüſtlingen aller Stände und allen Alters Anträge. In ſeinen müßigen Stunden beſchäf⸗ tigte er ſich mit Ausſpioniren, Beſorgung anonymer Briefe, galanter Morde, kleine Plündereien und Lauerpoſten. Er ſchwankte zwiſchen dem alten Bravo und dem modernen Banditen in der Mitte. Er glich einem Raufbolde, der in den Straßen der noch nicht erleuchteten Stadt nach Licht ruft und von hinten den ſorglos Vorüberſchreitenden eine Cotellata in die Rippen ſtößt. Als Stephan den Beſuch, welchen er nie ohne Wieder⸗ willen bei ſich geſehen hatte, los war, ſank er wieder in Träumerei zurück. Der Neffe des Monſignor Panfilio war ein hochgewach⸗ ſener, angenehmer und durchaus wohlgebildeter Kavalier. Er trug den Keim der vorzüglichſten Eigenſchaften in ſich und ſpiegelte dieſe Anlagen in ſeinen Mienen wieder; allein die Erziehung hatte alles zum ſchlimmern Ende gelenkt. Stephans Kindheit war bei ſeiner Mutter verfloſſen, einer leichtſinnigen Frau, welche frühzeitig durch das nicht verhehlte Beiſpiel ihrer Ausſchweifungen den Sohn verführte. In ſeinem zwölften Jahre trat er in das Jeſuiten⸗Kollegium zu Viterbo, welche die Stadt der ſchönen Mädchen zu Rom genannt wird. Die Jeſuiten ſind gar kluge Lehrmeiſter, Stephan ſchien ihnen trotz ſeiner geiſtlichen Verwandſchaft weit eher für die Welt, als die Kirche beſtimmt; ſie ſorgten daher nur ſehr mittelmäßig für ſeine Ausbildung, dagegen wuß⸗ ten ſie ſeine Leidenſchaften zu nähren und ſelbſt ſeine Laſter, indem ſie ihm in ſeiner Trägheit und ſeinen Gelüſten nie entgegenſtanden, damit er ſeinen ehemaligen Lehrern, die ſtatt ſeine Jugendzeit zu plagen, dieſelbe nur erheitert hatten, recht ergeben und anhänglich ſei. Hinſichtlich ſeiner religiöſen An⸗ ſichten befand ſich Stephan ganz auf dem Standpunkte Vol⸗ taires, dieſem irreligiöſen Zöglinge der Jeſuitenz wie denn überhaupt die Jeſuiten das achtzehnte Jahrhundert, deſſen Philoſophie ſie geſtürzt hat, für Frankreich heraufgezogen haben. Nach dem Austritte aus dem Kolleg bewohnte Stephan den Palaſt ſeines Oheims, der nach dem Tode ſeiner Mutter des Neffen willen einen der vielen Paläſtlein, die er in Rom beſaß, bezogen hatte. Das Beiſpiel des Monſignor Panfilio wirkte ſo vortrefflich auf Stephan, daß er in weniger als zwei Jahren die beträchtlichen Güter ſeines mütterlichen Erb⸗ theils verzehrt hatte. Anfangs hatte der Prälat nichts gegen dieſe Verſchwendung, welche ihn im Angeſichte der Welt mit Glanz umkleidete, einzuwenden gehabt. Sein Neffe genoß eine Achtung, die ſeiner Eigenliebe ſchmeichelte; er gefiel ſich darin, ihn als Muſter im Luxus anführen zu hören, und ſah ihn voll Freude an der Spitze des römiſchen Faſhion ein⸗ herſchreiten. Es läßt ſich leicht errathen, daß Stephan in dem Glanze dieſer Höhe mit den koſtbarſten Gunſtbezeigungen überhäuft wurde. Alle Frauen Roms, denen ihre Galanterie einen Ruf gemacht hatte, ſuchten die Neigung des jungen Mannes, welchen die Mode auf den Thron geſtellt: er wurde das 90 Idol der Boudoirs. Ohne Rückhalt gab er ſich den ihm ſo leicht gebotenen Vergnügen hin; allein inmitten dieſer Verlockungen und des ihn erfaſſenden Sinnenrauſches kannte er die Liebe nicht und oft verließ er den Gegenſtand, welcher den Reiz der Einbildung für ihn nicht mehr hatte, um ſich durch die Unzucht einer Dirne eine Zerſtreuung ſeiner Ueber⸗ ſättigung zu verſchaffen. Monſignor glaubte, daß dieſe Zügelloſigkeit einſt den Plänen, welche er in Betreff ſeines Neffens hegte, förderlich ſein würde. Stephan hatte freilich keinen ſo großen Schwarm von Dienern um ſich; allein er hatte ſo viele Leidenſchaften zu befriedigen, daß die Ausgaben für ſeine Launen unge⸗ mein auffielen und Panfilio mit Recht dachte, es ſei Zeit, ſeinem Neffen in den kirchlichen Würden neue Mittel zu ver⸗ ſchaffen, um ſeiner Verſchwendung und Freigebigkeit genügen zu können. Einige jüngſt angeknüpfte Beziehungen, deren Ur⸗ ſprung wir ſpäter berichten werden, hatten Monſignor mit den dem heiligen Vater zunächſt ſtehenden Perſonen in nahe Berührung gebracht und er konnte auf ihre ganze Verwen⸗ dung, zwar nicht für ſich, jedoch für ſeinen Neffen, deſſen Mutter der Papſt gekannt hatte, zählen. Ohne es zu wiſſen, hatte Stephan alle dieſe Berech⸗ nungen zerſchlagen. Dies kam daher, daß ſeine Gedanken nur mit dreierlei Gegenſtänden beſchäftigt waren; mit ſeiner Liebe, der Furcht, von der jungen Jüdin nicht geliebt zu —-— — 91 werden, und der Gefahr, welcher ſie durch Panfilio ausgeſetzt werden könnte, der in ihr die Urſache einer Neigung, welche ſeinen am heißeſten genährten Wünſchen widerſtrebte, er⸗ blicken mußte. V. Der Schatzmeiſter. Dergleichen Betrachtungen beſtimmten den Neffen, eine letzte Unterredung mit Monſignor zu haben. Er begab ſich alſo in den Palaſt Panfilio. Allein ſchon bei den erſten Schritten fand er ein Hinderniß, die Schweizerwache ver⸗ weigerte ihm den Eintritt. Stephan erkannte ſogleich, daß dieſe ſtrenge Maßregel nicht gegen ihn allein gerichtet, ſon⸗ dern im Allgemeinen gegeben war. Während er ſich bemühete, weiter vorzudringen, ſah er nach und nach drei Karoſſen in den Hof fahren. Auf dem Schlage des einen Wagens glänzte das Wappen eines Prä⸗ laten; eine andere war von dunkler Farbe, ohne Wappen⸗ ſchild und ohne Livree. Aus letzterer ſtieg ein Mann in langer ſchwarzer Sotane, ohne irgend einen Schmuck. Sein Geſicht war unter einem breitkrempigen Hute verſteckt. Wenn Stephans Augen ſich nicht täuſchten, ſo ſtieg eine Frau aus dem dritten Wagen, der dicht an die Thürſchwelle fuhr. —M Seit einigen Tagen ſchien die ganze Stadt einer allge⸗ meinen Unruhe und Beſorgniß zur Beute geworden zu ſein. Im Quirinal, bei allen Würdenträgern der Kirche und den höheren Beamten, in den Salons, überall fragte und ant⸗ wortete man mit leiſem Geflüſter. Die Unterhaltungen auf öffentlichen Plätzen und unter dem Volke ſelbſt theilten dieſe Beklommenheit. Kein äußeres Anzeichen erklärte dieſen Zu⸗ ſtand, der gewöhnliche Lauf der Dinge ſchien durch nichts unterbrochen zu ſein und doch täuſchte die allgemeine Ahnung und Beſorgniß nicht, denn die Muthmaßungen des Volks haben immer eine bewundernswerthe Schärfe. Ehe wir in unſerer Erzählung fortfahren, müſſen wir die Urſachen dieſer geheimen Aufregung der römiſchen Haupt⸗ ſtadt erklären, zumal die Gegenſtände, woran ſich dieſelbe knüpft, genau mit unſerer Erzählung zuſammenhängen, ſo daß wir, ohne von dem Gange abzuweichen, eines der ge⸗ heimnißvollſten Kapitel der Annalen Roms im neunzehnten Jahrhunderte antreffen. Vor einigen Jahren war ein junger Abbé von dem beſcheidenen Range eines Kaplans zu dem hohen Amte eines Schatzmeiſters, mit dem Titel Monſignor, erhoben worden. Seine Talente und vorzüglich die von ihm geleiſteten Dianne rechtfertigten dieſe raſche Erhebung; niemals hatte ein päpſt⸗ licher Schatzmeiſter die öffentlichen Abgaben beſſer einzu⸗ treiben gewußt und die Schlüſſel des Schatzes vortrefflicher geführt. Der heilige Vater machte ihn, um einen ſolchen Diener würdig zu belohnen und ſich ſeiner Ergebenheit beſſer 1 8 4 93 zu verſichern, zum Kardinal. Doch gab es dabei eine Schwierigkeit; die Regeln des römiſchen Hofs erachten die Verrichtungen eines Oberſchatzmeiſters für unvereinbar mit der Kardinalswürde. Aber in Rom geht es mit dem Geſetze wie mit dem Gewiſſen, man weiß beides zu umgehen. Der neue Kardinal bekam den Titel Vieeſchatzmeiſter und folgte Monſignor dem Ex⸗Oberſchatzmeiſter im Amte. Die Adminiſtration der Finanzen in den römiſchen Staaten iſt keiner Controle unterworfen; der Schatzmeiſter legt keine amtliche Rechenſchaft ab. Wenn ſeine Kaſſe leer iſt, ſo ſtrebt er ſie wieder zu füllen; der Prälat, dem die Sorge des Schatzmeiſterthums anvertrauet iſt, kann nicht ab⸗ geſetzt werden, welcher Grund auch dazu vorgeſchützt werde, ohne daß er nicht das Kollegium der Kardinäle, das heißt, in den Schooß der Unverletzbarkeit, aufgenommen werde; denn dieſe Herren der Kirche wollen ſich keinem Geſetze unter⸗ werfen, außer denen, die ſie ſelbſt auslegen. Man begreift, daß ein ſolcher Platz ſehr geſucht ſein muß und das Ziel alles ehrgeizigen Strebens iſt. Die römiſche Macht trägt im eigenen Buſen den ver⸗ zehrenden Wurm, die Selbſtſucht; Greiſen von einem Tage in die Hände gegeben, wird ſie von den Päpſten in Anſpruch genommen, welche an keine Zukunft denken, im Augenblicke alles nehmen, was ſich erreichen läßt, die Hilfsquellen er⸗ ſchöpfen und nach ihrem Scheiden nur einen ausgeſogenen, verarmten Staat hinterlaſſen. Als noch die ganze Chriſten⸗ heit Rom zinsbar war, als die Königreiche, die Könige und —;—ꝛx—————— —— 94 Völker mit ihrer Perſon und ihren Gütern unter der päpſt⸗ lichen Obermacht ſtanden; als das Fiskalat des heiligen Stuhles und der Handel mit Ablaß und geiſtlichen Gnaden noch blühte: da vermochte Rom genügende Mittel für jede Verſchwendung ſeiner Päpſte, deren Habſucht den Himmel verkaufte, um die Erde damit zu erwerben, darzubieten. Das Gold der ganzen Erde und ſpäter die Schätze beider Welten ſtrömten nach Rom. Der ärgerliche Handel mit geiſtlichem Kram trennte einen Theil Europas vom heiligen Stuhle und von da zer⸗ trümmerte Roms Macht durch die ungeheure Größe und das Uebermaß des Mißbrauchs von Jahrhundert zu Jahrhun⸗ dert immer mehr, und mit der Macht verſchwand auch ſein unermeßlicher Reichthum. Seit der Thronbeſteigung Pius des Sechſten, 1775, bis zur Gegenwart iſt dieſe Lage immer ärmlicher und pein⸗ licher geworden. Unter dem genannten Papſte zahlte man an die Unterbeamten nur mäßige Gehalte, die Staatsbe⸗ amten dagegen mäſteten ſich wohl davon; die höheren durch die geiſtlichen Pfründen, die niederen durch Erpreſſungen. Zu dieſer Zeit zahlte man noch an den von Sirtus dem Fünften hinterlaſſenen Schulden, der die öffentlichen Ein⸗ künfte verpfändet hatte, um eine Armee zur Zähmung der ungeſtümen Barone zu errichten. Pius der Sechſte ſchuf Staatsſchuldenſcheine und ſagte fröhlich: Ich habe Millionen in meinem Tintenfaß. Als die nachfolgenden böſen Zeiten hereinbrachen, fand ſich der römiſche Staat baar und ohne —yy—— 95 Mittel, und der Papſt mußte, ſeiner Tiara und Wiaiht ent⸗ kleidet, in der Verbannung ſterben. Pius der Siebente verſuchte den Staatsbedarf durch Einrichtung einer Grundſteuer herbeizuſchaffen, mit der alle Eigenthümer ohne Ausnahme belegt werden ſollten. Die Geiſtlichkeit widerſetzte ſich dieſer Maßregel mit aller Kraft und verlangte, daß die Kirchengüter nicht mit Abgaben be— ſchwert werden ſollten. Von dem Kardinal Severoli ſtand nie zu erreichen, daß er die auferlegte Steuer für die an ſei⸗ nem Bisthume Viterbo hangenden Ländereien zahlte; er weigerte ſich bis zu ſeinem Tode. Nur mit der Zeit ver⸗ mochte man dieſe Weigerungen zu überwinden. Die franzöſiſche Adminiſtration brachte die Finanzange⸗ legenheiten des römiſchen Staats in gute Ordnung, ſo daß man beim Tode des wieder in Beſitz des Landes gekommenen Pius des Siebenten alle Schulden des heiligen Stuhls ge⸗ tilgt und noch über eine Millionen Thaler diſponibel fand. Leo der Zwölfte befleißigte ſich des Staatshaushalts durch verändertes Verfahren in den Abgaben; dies gelang ihm ſo vortrefflich, daß er die Manufakturen, den Handel und die Gewerbe des Landes ohne Schutz und Hilfe verkommen ließ und der Bau einer Straße in die Apenninen zur Aus⸗ beutung der dortigen Waldungen unterbleiben mußte. Das Geſammtreſultat war, daß bei dem Tode dieſes Papſtes eine Anleihe gemacht werden mußte, um die Koſten des Conclave zu decken. Pius der Achte änderte an dieſen Zuſtänden nichts. Die ganze Geſchichte ſeines Papſtthums ward von Pasquino in einem Verſe folgenden Sinnes zuſammengefaßt: „Gott fragte den Papſt Pius, was er gethan habe? Pius verſetzte: ich habe nichts gethan.“ Die Regierung des gegenwärtigen Papſtes Gregor des Sechzehnten iſt eine ununterbrochene Folge von Rückſchritten. 1831, gleich nach der Thronbeſteigung des neuen Pap⸗ ſtes brach ein Aufſtand in der Romagna aus, die Bewaff⸗ nung des Militärs wurde den ungeſchickteſten Händen an⸗ vertrauet; die bedeutenden Lohnzahlungen an die Schwei⸗ zertruppen und die von den Inſurgenten errungene Abſchaf⸗ fung von mehreren Abgaben ließen den Antritt dieſer Regie⸗ rung unter den unheilvollſten Umſtänden geſchehen. Drü⸗ ckende Anleihen laſten auf Gegenwart und kommender Zeit; dieſes unglücklichſte Syſtem, Geld herbeizuſchaffen, wurde über alle Maßen wiederholt und der Verfall des Staats wurde ſo arg, daß der der Geiſtlichkeit und einem großen Theile der apoſtoliſchen Kammer zuſtehende Zehnt verkauft werden mußte. In Folge dieſer Operationen laſtete ein jährlicher Zins von einer Million Thaler auf dem römiſchen Schatze. Andere Ereigniſſe, die Anweſenheit öſterreichiſcher Trup⸗ pen, die Erhöhung des Militär⸗Budgets und die Anwer⸗ bung von 2aizorregimentein vervollſtändigten dieſe ohne⸗ hin ſchon ſo drückende Lage. Um die öffentliche Unzufriedenheit etwas zu beſänftigen, wiederholte man mehrere Male mit beſonderer Hervorhebung, “ 97 daß die Koſten für Erhaltung des päpſtlichen Hauſes und alles Aufwandes, welchen die päpſtliche Macht und die Kar⸗ dinäle erheiſchen, nicht über 391,551 Thaler betrügen. Aber man hütete ſich wohl zu ſagen, daß die Glieder des heiligen Collegiums mit beträchtlichen Gütern und fetten Pfründen bedacht ſind. Was den heiligen Vater aber anbetrifft, ſo zieht er von den Einkünften der Kanzlei und des Sekreta⸗ riats der Breves des Löwen Antheil. Außerdem verfügt er nach ſeinem Gefallen über die anzuordnenden Kirchenfeier⸗ lichkeiten und deren Beträge. Auf dieſen Punkt werden wir noch zurückkommen. Zu dieſem Aeußerſten war es gekommen, als auf einmal der Abgang des Kardinals⸗Vizeſchatzmeiſter Hof, Geiſtlich⸗ keit und Volk in Erſtaunen ſetzte. Jeder mußte glauben, daß die Zurückziehung dieſes Mannes von den Geſchäften, der in ſo beklemmenden Verhältniſſen durch ſo viele Klippen zu kommen verſtanden hatte, eine neue Vermehrung der be⸗ denklichen Lage abgebe. Der Schreck machte dem Erſtaunen Platz, allein bald gewann die Sorgloſigkeit und der Leicht⸗ ſinn der Römer wieder den gewöhnlichen Gang des Witzes und Spottes. Eine Entlaſſung iſt ſchon eine große Seltenheit in Rom; und nun vollends die Dienſtaufgabe des Schatzmeiſters, die freiwillige Ablegung eines ſo beneideten Poſtens, das war ein nicht zu begreifender Vorfall. Daher machte die Muth⸗ maßung ſich angenblicklich darüber her und ein jeder bemühete 1. 7 b 98 ſich die Urſachen eines ſo außerordentlichen Ereigniſſes zu ergründen.. Man erſchöpfte ſich in Vermuthungen. Der heilige Va⸗ ter bezeigte dem Schatzmeiſter das größte Wohlwollen; er nannte ihn„den Unentbehrlichen.“ Er hatte ihn, wie wir be⸗ reits wiſſen, gegen allen Gebrauch am Hofe ſeine Stelle bei⸗ behalten laſſen, da er ihn zum Kardinal erhob. Wie war es möglich geworden, das derſelbe jetzt abtrat? Die nachſtehende Erklärung der unbegreiflichen Zurück⸗ ziehung traf am Sicherſten den wahren Grund. Eine franzöſiſche Dame, welche im beſten Anſehen ſtand und deren Einfluß die Macht der Donna Olimpia ſo bedeu⸗ tend geſchwächt hatte, beſaß an den Ufern des Tiber einen Wohnſitz, in dem ſie ſich oftmals aufhielt. In der Nähe 1 ließ der Kardinal⸗Schatzmeiſter ein fürſtliches Gebände auf⸗ führen, welches die ſämmtlichen anſtoßenden Wohnungen in ſich hineinzog. Die Dame beſchwerte ſich bei dem Papſte über dieſe eigenmächtige Gewaltthätigkeit ſeines Miniſters. Seine Heiligkeit wollte wiſſen, wie der Schatzmeiſter bei ſeinem Gehalte einen derartigen Palaſt erbauen könne. Der Miniſter antwortete mit verletzter Eitelkeit und da er ſich unentbehrlich an ſeinem Platze glaubte, vergaß er thörichter Weiſe die ſchuldige Mäßigung. Einige weitere Fragen, welche den erſteren folgten, erfuhren dieſelben unbeſtimmten, leiden⸗ ſchaftlichen, hochfahrenden Antworten.... Kurz, der Schatz⸗ meiſter bot, wie er ſchon mehrfach gethan, ſeine Entlaſſung an. Man faßte ihn diesmal beim Worte. — 99 Augenblicklich ſtellten ſich die Feinde des Schatzmeiſters, und ein Mann von ſolcher Stellung hat deren immer die Menge, mit tauſend Anklagen gegen das Vermögen des Kardinals und die reichen Erſparniſſe, welche er außer ſei⸗ nem Gehalte aus dem Schatze genommen habe, ein. Von allen Seiten ſchrie man über Eingriffe in die Kaſſe. Man erinnerte ſich, daß bei ſeiner Ernennung zum Kardinal der vormalige arme Kaplan einen außerordentlichen Luxus entwickelt habe. Bei Beſitznahme der ihm zugewie⸗ ſenen Kirche hatte er ſich, wie ganz Rom wußte, einer Ka⸗ roſſe bedient, die 14000 Thaler koſtete und überall mit Gold verziert war. Augenblicklich hatte der Witz ein ſpöttiſches Programm der Feierlichkeit gemacht. In der Beſchreibung der Karoſſe der neuen Eminenz lag die Gerechtigkeit zu den Füßen des Kutſchers, während die Klugheit recht ſanft hin⸗ ten auf dem Bocke eingeſchlafen war;z und man verſicherte, daß im Augenblicke, wo der Kardinal in die Kirche trat, das Orcheſter auf die harmloſeſte Weiſe die Symphonie aus der diebiſchen Elſter geſpielt habe. Die Verwaltung der Finanzen iſt der dunkelſte Theil von Rom. Alles iſt der freien Willkür anheim geſtellt, Alles iſt verborgen und geheimnißvoll. Die Gelder werden ohne Controle eingezogen und ausgegeben, und die den Prälaten und Kardinälen ertheilten Aufträge zur Beaufſichtigung ſind nichts als eine Förmlichkeit. Dazu kommt eine unverhältnißmäßige Vertheilung der Abgaben; die Provinz der Apenninen zum Beiſpiel zahlt 7* 100 ſeit zwanzig Jahren eine Mehrabgabe von 25000 Thalern jährlich zum Straßenbau, und iſt bis zur Stunde von un⸗ wegſamen Pfaden durchſchnitten. Dergleichen Unordnungen erzeugen Unzufriedenheit und er⸗ heiſchen ſtets neue Mittel zur Unterdrückung derſelben. Dar⸗ aus erwächſt beſtändig eine Steigerung der Ausgaben; ſchon genügen die viertauſend Mann Schweizer, welche in den Le⸗ gationen umher liegen, nicht mehr zur Unterdrückung der Auf⸗ ſtände, deren wiederholte Verſuche die Gefängniſſe des Forts St. Leo und andere Staatsgefängniſſe angefüllt haben. Die Päpſte haben keine ihnen angehörende Nachfolger. Daher fehlt ihnen ein Landes⸗ und Regierungsintereſſe; jeder ſucht für ſich den Genuß, ohne an den Nachfolger und deſſen Geſchick zu denken, vielmehr fürchtet er, bereits zu ſpät ge— kommen zu ſein und zu früh wieder ſcheiden zu müſſen, und beutet daher den Augenblick aus. Der Kardinal⸗Schatzmeiſter hatte denn auch in dieſem Sinne das Mögliche geleiſtet. Bei ſeinem Abgange hatte er nichts als ein verwüſtetes Feld hinterlaſſen. Die geringſte Gerechtigkeit, die ſchlechteſte Befugniß war vergeben und ihr Monopol um eine unbedeutende Summe verkauft; man kann in Rom mit einer an den Schatz zahlbaren Summe ſogar ſich von den Grundſteuern wieder frei kaufen. Nicht ſelten läuft die Regierung bei dieſer Habſucht zu kurz. 1841 bot ein Spekulant, der durch mehrere ähnliche Händel ſehr bekannt in Rom iſt, dem Schatzmeiſter an, er wolle 75,000 Thaler baar und eine Jahresabgabe von 6500 —,— 101 Thalern geben, wenn man ihm den ausſchließlichen Vertrieb des Pulvers überlaſſe. Das Anerbieten ſchien ſehr vortheil⸗ haft für den Staat zu ſein und wurde kontraktlich ange⸗ nommen. Man ſetzte den Preis von drei Viertel Thalern für zwei Pfund feſt. Der Proviant der Arſenale war mittler⸗ weile erſchöpft und man mußte ſie aufs neue füllen. Dabei war man genöthigt, ſich dem neuen Monopole zu unterwerfen und den genannten Aufſchlag zu bezahlen, wodurch der Preis gegen die früheren Zahlungen um faſt das Vierfache erhöhet wurde. Der Pächter der Gerechtigkeit war ein zu vermögender Mann, als daß man ihm hätte Widerwärtig⸗ keiten machen können, alſo mußte man mit ihm unterhandeln. Das Reſultat war, daß der Staat für die ihm einmal ge⸗ zahlten 75,000 Thaler und die bedungene Jahreszahlung von 6500 Thalern jetzt dem Pächter eine jährliche Rente von 65000 Thalern herauszahlen mußte. Verſchwender in an⸗ deren Ländern, welche ihre Güter ſo verwalten wie die Päpſte das Beſitzthum St. Petri, werden in die Kirchenacht gethan. Die Sachen ſind ſo weit gediehen, daß die Hilfsquellen des Kirchenſtaats bereits im voraus veräußert und an Unter⸗ händler für die kommenden Jahre 1846, 47 und 48 ab⸗ getreten ſind. 3 3 Der Wahlſpruch jenes Schatzmeiſters war einfach dieſer: den Provinzen ſo viel als möglich und in der kürzeſten Zeit abpreſſen und ihnen nichts zugeſtehen, als was gar nicht mehr verweigert werden kann. Dieſer Würdenträger machte nach den Ueberſchwemmun⸗ 102 gen des Po und Remo eine Reiſe in die Provinzen Ravenna, Bologna und Ferrara, um den Verzweiflungsruf in den verheerten Ländern zu vernehmen. Um ſich des Enthuſiasmus der Einwohner zu verſichern, hatte er ſelbſt das Programm und Zeremonial der Feſtlichkeiten, welche ihm auf ſeiner Reiſe dargebracht werden ſollten, angefertigt. Nichts fehlte daran: prachtvolle Empfänge, Triumphbogen, demüthige Suppliken, Illuminationen und die ganze Nacht über Muſikchöre unter: den Fenſtern des eminenten Reiſenden waren in jedem Orte, wo er beſtimmt, untadelhaft. Bei ſeiner Abreiſe nahm er die Bittſchriften der Ein⸗ wohner mit fort und ließ ihnen ſeine Verſprechungen dafür. In Bologna, dem Hauptpunkte der Verheerung, gab der Kardinal vier Tage lang Audienz; man gelangte in ſein Gemach durch vier mit ſtattlichen Offizieren beſetzte Zimmer. Beim Anblicke dieſes militäriſchen Pompes, der Karten, Pa⸗ piere und Aktenhaufen um ihn herum hätte man glauben ſollen, es ſei ein Genie, welches die Welt umgeſtaltet. Und was war es? Ein vor den Jahren gealterter, ermatteter, zerſtreueter Mann, der auf alle dringende Bitten die aus— weichende Antwort gab:„ich habe hier keine Zeit, die Ange⸗ legenheit zu beendigen, ich werde in Rom daran denken.“ Wir haben von den Fehlern und Verkehrtheiten dieſer Verwaltung, die ſich in ihren eigenen Fallen fing, geſprochen; jetzt mögen einige Züge über die Gerechtigkeit und Zuver läſſigkeit derſelben reden. Der Schatzmeiſter betrachtete nach überkommenem Brauche 4 103 die Staatsſchulden als ſeine eigenen und kümmerte ſich um die Tilgung derſelben nicht. Alle Diejenigen, welche mit irgend einer Forderung ſich bei der Schatzkammer einfanden, wurden gleich Dieben zurückgeworfen. Er hatte gegen alle Gläubiger des Staats eine Taktik, die er von dem Papſtthume Sirtus des Vierten gelernt hatte. Zu jedermann, der Geld zu holen kam, ſagte er: — Es iſt zu ſpät, ich habe bereits Anderen zahlen müſſen, ſo daß mir ſelber nichts geblieben iſt.— Und er zahlte niemand. 3 Der Graf B. von Perugia hatte bereits ſeit langen Jahren eine ſolche Forderung. Es war nämlich zwiſchen ihm und dem Staate unter einem Vorgänger des gegen⸗ wärtigen Regenten ein Tauſchkontrakt über Beſitzthümer ab⸗ geſchloſſen. Das Gouvernement war bereits im Genuß des Eintauſches getreten, allein da es einſah, daß der Vortheil nicht auf ſeiner Seite war, ſo zögerte es von Tag zu Tage mit Erfüllung der übernommenen Gegenpflichten. Beim Regierungsantritte Gregors des Sechszehnten ſtellte ſich der bereits unter zwei vorhergegangenen Päpſten vergeb⸗ lich auf Erfüllung der Verpflichtungen dringende Graf von Neuem ein. Mehrere Finanzbeamte hatten unterdeſſen die Stelle gewechſelt und er wurde immer weiter vertröſtet. Das Rühmliche, welches alle Beamte von dem neuen Kardinal⸗Schatzmeiſter ſprachen, ermuthigte endlich den Gläubiger, ſich an den heiligen Vater ſelbſt zu wenden. 104 Der Graf B. und ſeine zahlreiche Familie war faſt im Elende verkommen. Der Papſt ſtutzte bei den klaren Beweiſen der Forderung und gab dem Schatzmeiſter den Befehl, die Sache zu erledigen. Jeden Morgen ſtellte ſich Graf B. zur Audienz bei dem Finanzminiſter ein, ohne jemals zum Ziele zu ge⸗ langen. Endlich des langen Harrens müde, erwartete er an einem Hoftage den Kardinal an der Pforte ſeines Pala⸗ ſtes. Der Miniſter kam mit großem Gefolge heraus und— vielleicht kannte er den ärullich gekleideten Grafen nicht, der ſich mit einer Bittſchrift nahete. — Man gebe dem Menſchen einen Bajoeco! ſagte der Schatzmeiſter, indem er ſich an einen Diener wendete. Und damit ging er an ihm vorüber. Der Unwillen raubte den Grafen B. die Beſinnung. Seine Worte wurden heftig. Unmittelbar darauf ward er verhaftet und auf die Engelsburg geſchleppt. Die öffentliche Stimme ſchrie um Gerechtigkeit; Pasquino ſchleuderte bli⸗ tende Satiren: man ließ die Leute ruhig reden und Schmäh⸗ ſchriften anheften. Die Sache war— abgethan. Ein bologneſiſcher Edelmannn hatte der vorigen Re⸗ gierung bedeutende Summen vorgeſchoſſen. Entrüſtet über die Langweiligkeit, welche gegen die Wiederzahlung gerichtet wurde, entſchloß er ſich endlich, eine ſtarke Ermäßigung an der Summe zu geben, um wenigſtens das Uebrige zu er⸗ 20 halten. Nachdem er es mit einem hochgeſtellten Freunde 4 wohl überlegt hatte, ſchlug er endlich dem Schatzmeiſter vor er wolle 25,000 Thaler ſchwinden laſſen und ihm über den Empfang des Ganzen quittiren. Der Kardinal bedachte ſich einen Augenblick. Dann entgegnete er: — Ich ziehe vor, das Ganze zu behalten. Der Gläubiger ruhete jetzt nicht, bis er eine Audienz beim heiligen Vater erlangt hatte. Der Papſt ließ ſeinen Finanzminiſter kommen und ſagte ihm mit unzufriedenem Tone: 5 — So zahlen ſie doch dieſem wackren Manne. — Heiliger Vater, die Kaſſe iſt leer. — Sie haben es gehört, verſetzte der Papſt mit Bedauern; es iſt nicht unſre Schuld, wir haben kein Geld. Eine Familie aus der Romagna, die gleichfalls nicht zur Zahlung eines Guthabens an den Staat gelangen konnte, nahm ihre Zuflucht zu dem äußerſten Schritte und wendete ſich an die Gerichte. Der Anwalt der Gläubiger begab ſich in das Amtzimmer der Schatzkammer, um die zur Begrün⸗ dung der Schuld kürzlich daſelbſt niedergelegten Papiere abzu⸗ holen. Wie groß war ſein Erſtaunen, als er die Aktenſtücke, welche die Anſprüche ſeines Klienten darthaten, nicht mehr vorfand! Er erhob gegen die Fiskalbeamten Verdacht und hatte den Muth den Generalſchatzmeiſter öffentlich und ſchrift⸗ lich einer Unterſchlagung zu ſeinem eigenen Vortheile anzu⸗ klagen. Man wunderte ſich weniger über die Sache als über ddie Keckheit des Klägers. Dieſer mußte ſein Verfahren ſchwer büßen. Die Papiere fanden ſich nicht wieder und die Sache 106 blieb liegen, weil ein zweiter Advoeat ſich nicht der Gefahr ausſetzen wollte, welche den erſten ins Verderben gebracht hatte. Trotz aller ſolcher Winkelzüge muß man doch fortwäh⸗ rend wieder die Zuflucht zu Anleihen nehmen. Natürlich, daß von ſolchen Verhältniſſen der Wucher begünſtigt wird; er blüht vortrefflich in den römiſchen Staaten... In Ankona leiht man nur gegen zehn Prozent, und Grundbeſitzer kön⸗ nen gegen erſte Hypothek nicht anders als gegen ſieben Pro⸗ zent geliehen bekommen. Die Anforderungen der Darleiher ſteigern ſich von Tage zu Tage. Dem Volke iſt das nicht unbekannt. Ueber die letzte Staatsanleihe machte ſich ſein Witz in Vekſen, welche im transteveriniſchen Patois abge⸗ faßt waren, Luft. Dieſelben waren des Sinnes: Haſt Du's gehört? Der große Inde„Ronſchilli“ hat vernommen, daß die Heuſchrecken in der Staatskaſſe tanzen, und dem heiligen Vater eine Million vorgeliehen. Jetzt braucht keiner mehr über Hunger zu ſchreien, jeder wird ſein Stücklein vom Kuchen bekommen, denn hier zu Lande beſteht die einzige Kunſt darin, daß man richtig aus des Nachbars Schüſſel ſpeiſet und hinterher ein andächtig Dankgebet ſpricht. Aber iſt's nicht ein wahres Wunder Gottes, daß er das Herz eines Inden bewegt hat, um das Schifflein St. Petri in den Hafen zu bringen? Und der Papſt hat ein Hochamt halten laſſen, um Herrn Jeſu zu danken, daß er ihn mit einer Zahlung von 61 ſtatt 100 gerettet hat. Damit iſt wirklich der faule Fleck richtig getroffen. Die Widerſetzlichkeit der Legationen, der eiferſüchtige Einfluß 107 Oeſterreichs und Frankreichs Liberalismus ſind bei weitem nicht ſo gefährliche Feinde für Rom, als die ſelbſtſüchtige Gier. Die thörichten Pfaffen begreifen nicht, daß Mangel an Umſicht und Vorſorge Throne erſchüttert, ſelbſt wenn dieſelben auf ewigen Säulen zu ruhen vermeinen. Es handelte ſich wiederum um eine neue Anleihe; man kannte den Einfluß Ben Sauls auf die Iſraeliten Roms und ganz Italiens. Man ſuchte ihn zu gewinnen. Der General einer mächtigen Geſellſchaft, der zum Schatzmeiſter ernannte Prälat, die Schlauheit Panfilio's und die Schliche der Donna Olimpia verbanden ſich, um hier zum Zwecke zu gelangen. Aber Drohungen und Verſprechungen, Worte der Verfolgung und Anregung von Hoffnungen, das Ver⸗ heißen der ungehenerſten Vortheile, einer Zukunft von Rech⸗ ten, Freiheiten und bürgerlichen wie politiſchen Zugeſtänd⸗ niſſen ſcheiterten an der wortkargen, leidenſchaftsloſen Ruhe Ben Sauls. Umſonſt ließ man die beiden Orden Chriſti und St. Gregors, welche das katholiſche Rom jüngſt als Dank für die Anleihe auf die Bruſt eines jüdiſchen Bankiers, der ſeinen Geldbeutel über die Throne erhoben hat, heftete, vor ſeinen Augen ſpielen. Ben Saul begriff beim Anblicke dieſer Perſonen, die ſich ſo unendlich erhaben über ihn dünkten und ſo tief zu ſeinen Füßen lagen, die Worte Ben Jakobs; den Rath⸗ ſchlägen deſſelben verdankte er ſeine entſchiedene Weigerung; er ſchlug Alles beſtimmt ab. An der Wuth, die aus den Blicken derer, welchen er 108 dieſe Weigerung ertheilte, mit unheilkündendem Blitze leuch⸗ tete, erkannte der Jude, daß er ſammt den Seinigen aber auch in dieſem Angenblicke unverſöhnliche Feinde erhalten habe. 8 VII. Noemiſi. Die Empfindungen, welche Monſignor Panfilio gegen die Juden hegte, waren alt hergebrachte und tief eingewur⸗ zelte. Der Haß, den er gegen ihren Stamm im Buſen trug, bedurfte dieſer neuen Anregung nicht, um unverſöhnlich zu werden. Durch ein eigenes Mißgeſchick waren ihm ſtets auf ſeiner Laufbahn Juden in die Quere gekommen; überall waren ſie ſeinen Plänen und Entwürfen hinderlich geweſen. Aber jedes Mal, wenn er den Fuß erhoben hatte, um ſie zu zerſchmettern, war er ausgeglitten. Acht Tage waren ſeit dem Tage, wo man den Verſuch zur Anleihe gemacht hatte, verfloſſen und mit Bitterkeit dachte 1 mädchen ſich zwiſchen ihn und ſeinen Neffen ſtellte. Die Ju⸗ 8 der Prälat daran, daß nur deshalb ſein Ehrgeiz den verlore⸗ / 8*ʃ nen Einfluß nicht wieder gewinnen konnte, weil ein Juden⸗ den hatten Stephans Ruin durch die unſelige Bereitwilligkeit 109 zu wucheriſchen Darlehen beſchleunigt, und jetzt, wo das ſo freventlich erworbene Geld alles wieder gut machen ſollte, boten die verfluchten Menſchen nichts als Hanäckigkeit und abſchlägige Antwort aus. Monſignor kam, von dieſen peinlichen C Gedeuken höchſt aufgeregt, nach Hauſe; er zog ſich, ohne ein Wort zu reden und mit allen Anzeichen lebhafter Erbitterung in ſeine Zimmer zurück. Der lange Schwarm in Uniform, Sotane und Rock, welcher ſeinen Palaſt umlagerte, machte ein beſtürztes Geſicht und Aller Blicke begegneten ſich mit fragender Unruhe. Der Prälat befahl mit lauter Stimme, indem er die Thüre zuwarf, ſeinem Kammerdiener, daß er allein blei⸗ ben wolle. 3 Als Fran Thereſe, eine gute Alte, die das ausſchließ⸗ liche Vorrecht hatte, Monſignor eigenhändig bei Tafel zu bedienen und ihm die Lieblingsgerichte und Wein darzurei⸗ chen, das Mahl vor ihm anrichtete, welches ſie mit der ſorgſamſten Obhut bereitet hatte, ſah ſie mit Schmerz, daß ihr lieber Herr ihre Dienſte zurückwies. Thereſe hatte an der Gleichgültigkeit, womit Monſignor den Vorbereitungen zur Tafel zugeſchauet hatte, eine ſolche Erfahrung geahnet, doch hatte ſie gehofft, die Auswahl, der Anblick, der würzige Duft und die ausgeſuchte Vortrefflichkeit der Gerichte würde die flüchtige Laune vertreiben; denn ſie kannte die Schwächen deſſen, den ſie verſuchen wollte, vortrefflich. Aber Alles war vergeblich. Die Vermieelliſuppe mit leichtem Anfluge von Parmigiano; ein herrlicher, einladender, goldfarbiger Bra⸗ 110 ten, die lockere Mortadella; die auf Rosmarin gelagerten Wachteln, die gefrornen Geſälze und all die vortrefflichen Süßigkeiten wurden verſchmähet, und als Thereſe Monſignor das Glas Zalſamo di Jernſalemo, womit er täglich das Mahl eröffnete, darbot, wies Panfilio es mit beſtimmter Weige⸗ rung zurück und befahl barſch, ſie ſollte fortgehen und die „Freſſerei“, deren Geruch ihn anekele, fortſchaffen. Solche kleine Vorfälle des Haushalts gewannen eine hohe Wichtigkeit, denn man muß wiſſen, daß Signora The⸗ reſe dem ganzen Hauſe ſagte: — Monſignor muß ungemein verdrießlich ſein, er hat keinen Biſſen angerührt, obgleich ich ihm ſeine Lieblings⸗ ſchüſſeln bereitet hatte.. Indeß der Prälat ſtatt des zurückgewieſenen Mahls ſeinen Aerger verzehrt, wollen wir unſere Blicke einer andern Gegend zuwenden. Im Ghetto neben der Wohnung Ben Sauls befand ſich ein kleiner, ſchattiger Garten, zu dem Luft und Licht nur durch tauſend Hinderniſſe dringen konnten. Das wenige empfindliche Grün dieſes traurigen, kümmerlichen, reizloſen Ortes gewann nur ein kaltes, kränkelndes Leben. Freilich ward dem abgeſchiedenen Orte, der ſich zwiſchen hohen um⸗ ringenden Mauern verlor, keine Pflege geboten. In Ita⸗ lien und vorzüglich in Rom halten die Inden ihre Woh⸗ nungen ängſtlich verſchloſſen, öffnen nur die nicht auf die Straße gehenden Fenſter und vermeiden jedes Auge aus der 111 Nachbarſchaft; es iſt dies noch ein Ueberbleibſel orientali⸗ ſcher Sitte. 4 Noemi hatte das einſame Plätzchen aufgeſucht, nicht blos um eine ungelegene Geſellſchaft zu fliehen, ſondern auch um ſich zu ſammeln und die unruhigen Gedanken, welche ſeit einigen Tagen in ihr wogten, zu verſcheuchen. Die Tochter Ben Jakobs gehörte jenem Schlage an, den wir wohl mit der Bezeichnung„bibliſch“ belegen; ſie hing feſt an den Vorſchriften des moſaiſchen Geſetzes. Noemi hatte ihre Mutter nicht gekannt, dieſelbe war bei ihrer Geburt geſtorben. Der Vater hatte ſie unterwieſen und ihr eine ſtrenge, ernſte, ausſchließlich religiöſe Erziehung ertheilt. Früh⸗ zeitig war ſie zu ſtrengſter Beobachtung der Vorſchriften ihrer Lehrer angehalten. Ihre Kindheit und die erſten Jahre ihrer Jugend waren in Erlernung der Gebräuche verfloſſen, Ver⸗ gangenheit und Zukunft waren ihr ein Fremdes geblieben. Ein blinder Gehorſam gegen den Vater, buchſtäbliche Erler⸗ nung und Befolgung aller Vorſchriften der heiligen Bücher waren die einzigen Grundſätze, welche Ben Jakob ſeiner Toch⸗ ter eingeſchärft hatte. Der Vater Noemis war ein Mann von ſtrengem Anſehen. Sie war ein Kind ſeines ſpätern Alters und hatte ihn ſtets nur in würdiger, ernſter Haltung geſehen; daher warihre Ehrfurcht gegen ihn beinahe in Scheu umgewandelt. Das junge Mädchen hatte in dem väterlichen Hauſe in einſamer Zurückgezogenheit und faſt ohne daſſelbe zu verlaſſen gelebt. Erſt als ſie mehr in das Alter der Jung⸗ frau trat, war ihr der Verkehr mit einigen Verwandten und 112 Altersgenoſſinnen geſtattet. Da ihr jedoch der geſellſchaftliche Ton fehlte, ſo beobachtete ſie ſtets eine große Zurückgezogen⸗ heit. Herz und Geiſt, Vorſtellung und Gedanken waren in ihr ſtumm, wie Lippen, die noch nie zum Reden geöffnet worden. Ben Jakob hatte eine patriarchaliſche Gemüthsart; ihm war die ganze menſchliche Geſellſchaft mit den Rechten und Pflichten des Einzelnen in den Obliegenheiten und Wohl⸗ thaten des Familienkreiſes repräſentirt. Indem Ben Jakob ſich auf das Eifrigſte mit den Intereſſen der großen iſraeli⸗ tiſchen Familie beſchäftigte, hatte er oftmals ihretwegen die Sorge für ſeinen eigenen Vortheil hinten angeſetzt. Feſt an dem Buchſtaben des Geſetzes haltend, ſah er über den Bereich deſſelben nicht hinaus und glaubte für ſeine Tochter ein Uebri⸗ ges gethan zu haben, indem er ihr Unterweiſung in der gött⸗ lichen Weisheit ertheilte. Der Verluſt einer heißgeliebten Gattin und faſt aller ſeiner Kinder hatte auf Ben Jakobs Gemüth einen Schatten lagern laſſen, den ſeit einer Reihe von Jahren nichts zu verſcheuchen vermocht hatte. Er hatte alle Liebe, die ihm ſeine Anhänglichkeit für die Glaubensbrüder ließ, auf Noemi übertragen. Uebrigens war ſeine Oberhoheit leicht, ſanft und milde zu tragen; denn er ließ eine moraliſche Freiheit gelten, welche er nicht antaſtete. Noemi liebte den Vater mit aller töchterlicher Herzlich⸗ keit, allein die Gefühle der Zärtlichkeit, die doch den Kindern ſo gewöhnlich ſind, hatte ſie bei ihm nicht kennen lernen. — Bis die Tochter Ben Jakobs nach Rom kam, hatte ſie kein Buch weiter als die Bibel geſehen. Sie konnte wie Joas vom Heiligthume ſagen: — Dieſer Tempel allein iſt die Heimath, welche ich kenne. Nichtsdeſtoweniger lagen in dem herrlichen, hohen Ge⸗ müthe Noemis die glücklichſten Keime verborgen; bei ihr war die Unthätigkeit nur ein Schein; die Gluth ihres Blicks, der edle Ausdruck ihrer Mienen, die Ironie ihres Lächelns und das ganze Weſen ihrer Perſönlichkeit kündigten mächtige Fähigkeiten an, welche nur eines Hauches bedurften, um zu lebendiger Flamme angeblaſen zu werden. Die verfloſſene Woche war mit mancherlei unglücklichen Vorzeichen angefüllt geweſen. Noemi hatte mehrere Male die Anzeichen einer geheimen Beklommenheit wahrgenommen. Aus der Bemühung, welche man ſich gab, die Angſt zu ver⸗ bergen, hatte ſie auf verborgenes Leiden geſchloſſen. Sie war einige Male auf vertrauliche Unterredungen gekommen und hatte wohl ſo viel erhaſcht, daß ihr Stamm neuen Ver⸗ folgungen ausgeſetzt ſei. Die Thränen ihres Vaters erfüll⸗ ten ſie mit Schrecken; der unbeugſame Charakter des Greiſes wich nur einer wirklichen, unvermeidlichen Gefahr. In das ängſtliche Gefühl Noemis miſchte ſich eine un⸗ begrenzte, peinliche Empfindung. Ohne daß ſie ſich von den Gefühlen, die ſie quälten, Rechenſchaft zu geben vermochte, war es ihr klar, daß ſie dieſer Trauer und dem von ihr an⸗ gekündigten Unglück nicht fremd ſei. Die Scene im Garten l.. 8 114 Pincio und was ſie von ihrem Beleidiger gehört, der Brief, welchen Ben Saul an dem Tage jenes Ereigniſſes empfan⸗ gen hatte, die Abweſenheit des Vaters von Emanuel, den ſie mit Niedergeſchlagenheit gehen und muthlos und traurig hatte zurückkommen ſehen, ſo wie einige Bezeugungen des Unwillens, welche Ben Jakob entfallen, waren erſchreckende Symptome genug für das arme Mädchen. Hätte ihr noch ein Zweifel bleiben können, ſo wäre der⸗ ſelbe von einem letzten Vorfalle ſicher zerſtört. Am geſtrigen Tage war Noemis Vater am frühen Mor⸗ gen ausgegangen und in großer Haſt wieder heimgekehrt. Nach Auswechſelung einiger flüchtiger Worte mit Ben Saul hatte er mit angelegener Beſchäftigung Vorkehrungen ge⸗ troffen, Abends mit einer Herzlichkeit, welche Noemi nie an ihm gefunden, ſeine Tochter umarmt, und am heutigen Mor⸗ gen hatte ſie vernommen, daß ihr Vater im Geleit Ema-⸗ nuels, den derſelbe bereits ſeinen Sohn nannte, die Straße gen Mantua gezogen ſei. Dieſe Nachricht hatte ſie von Ben Sauls Munde empfan⸗ gen; denn die Juden haben die Vorſicht, ſo wenig als mög⸗ lich zu ſchreiben, insbeſondere, wenn ſie ſich in einer bedenk⸗ lichen Lage befinden. Als der Vater Emanuels Noemi die Abreiſe Ben Jakobs und ſeines Sohnes mittheilte, ver⸗ ſicherte er ſie ſeiner Liebe und bat ſie, ihm zu erlauben, daß er ſie ſeine Tochter nenne. Die junge Jüdin erröthete, als ſie dieſe Worte vernahm, und eben als Ben Saul aus ihrer jungfräulichen Verlegenheit ein günſtiges Urtheil ziehen wollte, 115 nahm Noemi eineſo ruhige Gleichgültigkeit an, daß der Greis ſeinen Irrthum bemerken mußte. Die Benennung Tochter und Sohn, deren Emanuels Vater und der ihrige im Geſpräch von ihren Kindern ſich bedienten, hatten Noemis Gefühlen fortwährend widerſtrebt, ohne daß ſie ſich erklären mochte, was die unfreiwillige Empfin⸗ dung ſagen wolle. In Noemis Buſen war eine raſche Um⸗ wälzung vor ſich gegangen;z Sinn und Phantaſie gewahrten voll Erſtaunen die neuen Regionen, welche ihrem Geiſte ſich darboten. Die Natur hatte durch die Berührung eines geiſti⸗ gen Feuers Leben gewonnen: und eine ſolche Umwandlung iſt bei lange unterdrückten kräftigen Naturen ein gewaltiges Schauſpiel. Noemi dachte darüber nach, was ihr ſeit der Ankunft in Rom begegnet ſei, und über dieſem Forſchen zerflogen die Nebel, reine helle Klarheit durchdrang die Finſterniß vor ihren Blicken. Die Erinnerung an den Angriff im Pincio und der Schutz, den ſie dabei erfahren, gaben ihrem Geiſte eine neue, bisher noch nicht genommene Richtung. Sie fühlte ſich von unbekannten Empfindungen die Schamröthe in die Wangen getrieben und in ihr begann der Kampf zwiſchen der Züchtichkeit ihrer Erziehung und der weiblichen Eitelkeit. Noemi wagte kaum ſich zu geſtehen, was ſie empfand. Erſt fühlte ſie ſich ſtark und erhoben, warf das Haupt muthig in die Höhe und ſchien die Welt, welche ſie vor ihren Gedanken und Empfindungen erſchloß, herauszufordern. Aber bald unterlag ſie peinlichen Gefühlen, deren Laſt durch ihre Unge⸗ 8* 116 wißheit noch wuchs. In ihrer dumpfen Beklommenheit fürch⸗ tete ſie, wo ſie eben Trotz geboten; Angeſichts der Gefahr, deren Nahen ſie vernommen hatte, fragte ſich Noemi, wo ſie fern von den fortgezogenen Vater einen Schutz finden ſolle? Dann fing ſie an zu weinen, wie das wohl bei den ſtärkeren Naturen der Fall iſt; und wieder der Schwäche ſich ſchämend, trocknete ſie die Thränen und überblickte mit feier⸗ lichem Ernſte die Lage, in der ſie ſich befand. Ben Jakob hatte dieſes Mal ſeine religiöſe Pflicht über die Familienliebe geſtellt. Ohne Zweifel fürchtete er in dieſer Probe zu unterliegen, er hatte den Abſchied vermieden und ſeine Tochter verlaſſen, ohne ſie durch den Troſt einer letzten Umarmung zu ſtärken. Noemi war zu ſehr an eine unbe⸗ dingte Verehrung des väterlichen Willens gewöhnt, als daß ſie das Benehmen Ben Jakobs bei dieſer Gelegenheit einer Prüfung unterworfen hätte. Der Schutz aber, den ſie von Ben Saul und deſſen Frau erwarten konnte, war in ihren Augen ſehr nichtig. Der Greis war von Natur furchtſam und es mit der Schwächung ſeiner phyſiſchen Kraft durch das Alter noch mehr geworden. Frau Sarah aber war ſo ſehr an demüthige Unterwürfigkeit gewöhnt, daß ſie ſelbſt weit eher des Schutzes bedurfte, als ſolchen gewähren konnte. Zwar hätte Emanuel ſie gegen Gefahren vertheidigen können, allein Noemis Herz empfand eine zu große Gleichgültigkeit gegen den jungen Mann, um im Geringſten auf ihn zu rechnen. Dagegen ſtellte ſich ihr in ihrer Verlaſſenheit ein andres Weſen dar; dies war der junge Mann, der ihr im Garten 117 Pincio gegen die muthigen Angriffe Stephans beigeſprungen war. Ihre Erinnerung bewahrte mit ſchmeichelnder Vor⸗ liebe den Eindruck, welchen die edle Erſcheinung auf Noemi gemacht hatte; ſie ſah ihren Erretter jung, ſchön, mu⸗ thig und aufopfernd vor ſich ſtehen. Die Dankbarkeit, welche ſeine That in ihr erregte, überſchritt ſchnell die Gren⸗ zen einer gewöhnlichen Dankbarkeit und verwandelte ſich in begeiſterte Bewunderung. Mit der erfinderiſchen Kunſt, welche dem weiblichen Herzen ſo ſehr eigen iſt, malte ſie ſich die Gefahr, aus der er ſie errettet, weit größer und ſchrecklicher, um Grund für die überſchwängliche Dankbarkeit, die ihr Herz empfand, zu beſitzen. Indem ſie ſich einredete, nur ein Gefühl ſchuldigen Dankes zu hegen, ſang ihr Herz eine be⸗ geiſterte Liebeshymne. Auf ſolche ſelige Träume folgten hoffnungsloſe Gedan⸗ ken. Wo weilte der unbekannte Befreier, von dem ſie nichts wußte, nicht einmal den Namen? Ach, wenn er ihren Blicken begegnet wäre, ſie hätte ihn aus der dichteſten Menge herausgefunden, ſie hätte ſicher die ſo tief in ihr Gedächtniß eingeprägten Züge wieder erkannt. Einen Augenblick hegte ſie den thörichten Entſchluß, ihn aufzuſuchen, ihn anzure⸗ den und ihre Angſt ihm mitzutheilen: ihr Vertrauen zu ihm war von vorn herein ein unbegrenztes, ſie zweifelte nicht im Geringſten, daß er ihr den nothwendigen Schutz werde angedeihen laſſen, und mit unſäglicher Freude hätte ſie ſich unter ſeinen Schutz geſtellt. Sein Antlitz war ja ſo ſchön, mußte nicht ſein Herz eben ſo vortrefflich ſein... Noe⸗ 118 mis Empfindungen ſteigerten ſich zu immer größerer Gluth und fachten das Feuer, welches ihr tief im Buſen brannte, immer heller an, ſo daß ihre leidenſchaftlichen Träume in Bälde fieberhafte Gewalt erreichten. Sie gehörte zu den Naturen, welche einer äußeren Forterregung nicht bedürfen, weil in ihnen ſelbſt hinlängliche Elemente zur Nährung der Leidenſchaft vorhanden ſind. Noemi hegte für den abweſenden, faſt vergötterten Ge⸗ liebten eine leidenſchaftliche Gluth, welche ihre Scham in Anweſenheit des geliebten Gegenſtandes ſicher erſtickt hätte. Der Zufall, in deſſen Fügungen man oft eine vernunft⸗ mäßige Anordnung bewundern muß, gab ihr Freunde, auf die ſie ſich mit Vertrauen ſtützen konnte. Um der peinigenden Langeweile zu entfliehen, nahm ſie ſich vor, alle Theile der Stadt Rom zu beſuchen und trotz ihres Judenthums die katholiſche, Religion kennen zu lernen, deren einſt ſo ausgebreitete Gewalt jetzt von allen Seiten zuſammenbrach. Zu Mantua hatte ſie in dem herzoglichen Palaſte die Freskogemälde von Mantegna und den Rieſenſaal, das ge⸗ waltige Werk des Giulio Romano, geſehen und ſeit dem An⸗ blicke dieſer Meiſterwerke fühlte ſie ſich ſehr zu der Kunſt hingezogen. Die Freiheit der italieniſchen Sitten, welche den Frauen, beſonders in Rom, erlauben allein auszugehen, kam ihr ſehr zu ſtatten. Eines Tages befand ſie ſich im Vatikan und zwar in — 5 119 jenem Theile, der vom St. Petersplatze aus rechts von der großen Treppe zu den päpſtlichen Gemächern führt und mit einem breiten Gange auf den Hof Santo Damaſo läuft, wo vormals die zur Bildung der Facade des Vatikans be⸗ ſtimmten Säulenhallen ſich be anden. Noemi verweilte in der linken Halle, die Raphael durch ſeine unſterblichen Mei⸗ ſterwerke mit ewigem Ruhme gekrönt hat. Das Entzücken, welches ihr der wundervolle Anblick gewährte, raubte ihr den Sinn für alles Andre. Ganz in Anſchauen verſunken, wurde ſie auf einmal durch das nahe Gemurmel einer tiefen Stimme geweckt; ihr Blick wandte ſich dem Orte zu, wo⸗ her das Geräuſch kam und ſie bemerkte eine lebhafte Gruppe, die ein reizendes Bild abgab. Ein Greis und ein junger Mann war es; letzterer copirte einige der wundervollen Geſtalten, welche vor ſeinen Blicken ſchwebten; ſeine Haltung war höchſt ehrerbietig, er ſchwamm vor ſeinem Modell, wie vor einem Himmelswerke,— in Entzücken. Der Andre war ein Greis, deſſen edel ge⸗ formtes Haupt von langem weißem Haar umfloſſen war. Die Züge ſeines Antlitzes waren von dem Zahne der Zeit nicht angegriffen, in ihnen lag eine ruhige, überirdiſche Hei⸗ terkeit gleich einem klaren Sonnentage. In dem Ausdrucke dieſer Figur war etwas Heiliges, ein Schimmer höherer Glückſeligkeit. Dem Kleide nach zu urtheilen, gehörte der Greis der Kirche an. Die Züge des jungen Mannes kündeten Offenheit und friſchen Sinn. In der Tracht ſeines Bartes und Haares 120 fand man weder Sonderlichkeiten noch abgeſchmacktes Weſen; jede Uebertreibung lag fern von ihm; aber der Ausdruck ſei⸗ nes Geſichts beurkundete Geiſt und glühende Liebe zur Kunſt. Milde und Güte vereinte ſich mit den Anzeichen von kräfti⸗ ger Stärke. Das geiſtreich blitzende Auge und die Anmuth ſeines Lächelns gab ihm ein durchaus franzöſiſches Anſehen. Vor ſeiner Arbeit hatte er ſich, wie vor ſeinem Gott, auf die Knie niedergelaſſen; das Haupt ſeitwärts neigend betrachtete er jeden Pinſelſtrich, den er that, mit dem Ge⸗ fühle zufriedengeſtellten Enthuſiasmus. Der Begleiter dage⸗ gen mäßigte dieſen Enthuſtasmus durch fortgeſetzten Rath, welchen er dem Zeichner ertheilte, ſo daß er die Hand des Künſtlers zu führen ſchien. Das Herantreten von Perſonen ſtörte die Harmonie dieſer Gruppe. Noemi, von dem ihren Blicken ſich bietenden Schauſpiele angezogen und entzückt, befand ſich neben den beiden Perſonen, ohne zu wiſſen, wie ſie dahin gekommen; eine verwirrende Furcht hielt ſie be⸗ fangen, daß ihr Auftreten hier ſtörend einwirken könne. Bei der Annäherung des Mädchens hatte der Künſt⸗ ler das Haupt zur Seite gewendet; ein Ausruf ſeiner Lip⸗ pen gab die Verwirrung kund, welche er über den Anblick ſolcher Schönheit empfand. Er erhob ſich, ſchloß ſein Album und in galanter Ergriffenheit ſagte er, zu dem Meiſterwerke Sanzio's gewendet: — Verzeih', Meiſter, daß ich gleich dir die Schönhei⸗ ten der Natur denen der vollkommenſten Kunſt vorziehe. Einen Augenblick ſtanden die beiden jungen Leute ſich —, 121 in gegenſeitiger Betrachtung und zaudernd gegenüber; dann näherten ſie ſich einander und es begann eine lebhafte Unter⸗ haltung, während derer der Greis den reizenden Anblick der beiden herrlichen Geſichter genießen konnte, welche, zwar von verſchiedenem Charakter, doch beide mit dem Reize einer ſchö⸗ nen, ſtrahlenden Jugend umkleidet waren. Die Unterredung hatte anfangs keinen weitern Gegen⸗ ſtand als die Kunſt und ihre Wunder; dies war jedoch eben ein Stoff, bei dem ſich die Seelenbeſchaffenheiten, die Ge⸗ fühle des Herzens, die Güte des Geiſtes und der Reichthum der Phantaſie in natürlichen und unvorbedachten Ergie⸗ ßungen offenbaren konnten. Noemi war erſtaunt über die weiten, vielen Kenntniſſe und das richtige Urtheil, welches der Künſtler mit friſch ſprudelndem Geiſte und poetiſcher Anſchauung verband. Die hinreißende Rede, welche ſich über die Kunſt verbreitete und alle großen, erhabenen Ideen in das Geſpräch verwebte, erregte in ihr eine lebhafte Sym⸗ pathie und ſie begriff in dieſem Augenblicke, wie viel Ver⸗ ſtand und Einſicht beim Austauſche der Ideen acininn können. Von dieſer erſten Unterredung an fand ſie einen großen Hang für den franzöſiſchen Künſtler, der mit ſo liebenswür⸗ digen Eigenſchaften beſchenkt war; ſie fühlte, daß ſie ſeine Freundſchaft nicht würde ausſchlagen, aber daß ſie ihm nim⸗ mer Liebe werde ſchenken können; ein Gefühl des Ver⸗ trauens veranlaßte ſie, ſich dem beide umfaſſenden Hange gegenſeitiger Annäherung hinzugeben. 122 Als die Nacht Noemi und den Künſtler trennte, war das Mädchen über die Fortſchritte, welche ſie in dem ſeit einigen Tagen betretenen Pfade gemacht, ganz erſtaunt. Ohne vorgängige Verabredung traf man ſich am näch⸗ ſten Tage im Vatikan an demſelben Orte, bei den prächtigen Frescomalereien, wieder; die Begegnungen wiederholten ſich öfterer und wurden länger ausgedehnt, und einen Monat ſpäter hatte ſich zwiſchen den beiden jungen Leuten das engſte Freundſchaftsband geknüpft. Das Entzücken, welches Noemi in dieſem Verkehre fand, hatte ihr die Erinnerung der peinlichen Eindrücke, welche leider bald unbarmherzig als Handlungen auf ſie los⸗ brechen ſollten, in Vergeſſenheit gebracht. Ueber den freien Erguß ihrer Gedanken gegen den franzöſiſchen Künſtler hatte ſie allen Zwang abgelegt, der ſo lange die anmuthige Ge⸗ ſchmeidigkeit ihrer Bewegungen gefeſſelt hatte, und indem ſie der hemmenden Feſſel entledigt war, wuchſen Würde und Schönheit der Jungfrau wunderbar. Noemis Haltung, ihre Bewegungen, ihre Rede hatten einen natürlichen Reiz, der ſich ungezwungen und ungekünſtelt durch einfache Offen⸗ barung ihrer glücklichen Naturanlagen kund gab. Bald wußten, ohne irgend eine unbeſcheidene Frage, die beiden neuen Freunde Alles, was jeden Theil betraf. Noemi erzählte offenherzig, was ſie über ſich ſelbſt wußte; ſie vernahm, daß der Künſtler Franzoſe ſei, ſich Jules Bonneville nenne und in Rom das vierte Jahr ſeiner italieniſchen Studien verbringe. — — Der Greis war ein Prieſter und hieß Dom Salvi. Er hatte, ohne dem Orden anzugehören, ſich an die gelehrten und nutzreichen Arbeiten der Benediktiner angeſchloſſen und daher die Bezeichnung„Dom“ bekommen. Dom Salvi trat mit in den Kreis dieſer Freundſchaft; er empfand ein lebhaftes Intereſſe für Noemi und eine Sym⸗ pathie, die ihm ſelber nicht erklärlich war.— Er hatte lange in Frankreich gelebt und ſich die Gewohnheiten dieſer Nation zu eigen gemacht. Seine Verbindungen mit einigen Zög⸗ lingen der franzöſiſchen Akademie in Rom hatten ihn bald mit allen bekannt gemacht, und dieſe Bekanntſchaften wurden durch ſeine Stellung als Pfarrer an der St. Ludwigskirche, welche die Kirche der Franzoſen in Rom iſt, immer mehr ausgebreitet. Dom Salvi hegte, außer der allgemeinen zu⸗ gänglichen Milde ſeines Charakters, eine beſondere Vorliebe für junge Maler. Er war mit der Kunſt aller Jahrhun⸗ derte, aller Länder und mit den Meiſtern aller Schulen ver⸗ traut; ſeine Erfahrung war für Studium und Arbeit, in Rath und Ausführung ein ſicherer Führer, den man ſeiner Gefälligkeit und wohlwollenden Liebenswürdigkeit willen ſuchte. Mit Jules Bonneville, deſſen gerader Charakter und offenes Weſen ſo gut mit ſeiner eigenen Aufrichtigkeit zu⸗ ſammen paßten, hatte er ſich auf den vertrauteſten Fuß ge⸗ ſtellt; und ſeit Noemi mit in ihren Kreis gehörte, hatten ſich beide einander geſchworen, die Jungfrau gegen jede Gefahr zu ſchützen und ohne ihr Vorwiſſen über ſie zu wachen. 124 Der Zeitpunkt, wo die Gemälde der Akademie von Rom nach Paris geſendet wurden, nahete heran; Jules wurde von dem Namen und den Zügen der ſchönen Jüdin zu einer Idee begeiſtert; er bat ſie, ihm zu einem Gemälde„Ruth und Noemi“ zu ſitzen, welches er ihr widmen wollte. Es wurde beſtimmt, daß Dom Salvi allen Sitzungen beiwoh⸗ nen ſolle. VIII. Die Villa Medieci. Das Gemälde von Jules Bonneville war vollendet; am nächſten Tage ſollte daſſelbe nach Paris abgehen. Ehe ſich die drei Freunde von ihm trennten, wollten ſie es noch ein letztes Mal ſehen. Noemi erſchien darauf in ganzer Geſtalt. An ihrem Bilde hatte der Künſtler alle ſeine Kräfte aufgeboten und ſie mit engliſcher Reinheit und Anmuth bekleidet. Er hatte den Formen die ſchöne Fülle gelaſſen und ſie nur in idealer Auf⸗ faſſung wiedergegeben, indem er die jungfräuliche Züchtigkeit, die wie ein himmliſcher Schleier über ſie ausgegoſſen lag, mit ſeinem Pinſel erfaßte. Dom Salvi umarmte Jules und verhieß ihm einen ungeheuren Erfolg. Noemi hatte des Künſtlers Hand er⸗ — — 125 faßt und drückte ſie zärtlich. Die Blicke des Malers wand⸗ ten ſich von der Copie zu dem Vorbilde; er ſchwamm in Entzücken und Verzweiflung über den Unterſchied, der zwiſchen beiden herrſchte. Als man die Leinwand zuſammenrollen wollte, bemerkte man, daß die kurze Erklärung, welche das Werk begleiten muß, verabſäumt war. Dom Salvi begehrte ein Viertel⸗ ſtündchen, um ſie abzufaſſen, als Noemi ein Blättchen Papier aus dem Buſen zog und ſchüchtern ſagte: — Ich habe daran gedacht. Sie diktirte Jules folgende Stelle aus dem Buche Ruth:. „Orpha umarmte weinend ihre Schwiegermutter und kehrte zurück; Ruth aber hing ſich feſt an Noemi.“ „Und dieſe ſprach zu Ruth: du ſiehſt, daß deine Schwiegermutter zu ihrem Volke und ihren Göttern heim⸗ geht; geh, kehre mit jener zurück.“ „Aber Ruth verſetzte: allenthalben, wohin du gehen wirſt, werde auch ich hingehen, und wo du deine Woh⸗ nung aufſchlageſt, da werde ich bleiben. Dein Volk ſoll mein Volk ſein und dein Gott iſt mein Gott...“ „Und ſie kehrten nach Bethlehem um die Zeit der erſten Erndte.“ Als man den Kaſten, worein das Gemälde gelegt wor⸗ den, forttrug, hingen Aller Blicke mit dem ſchmerzlichen Ausdrucke daran, als wäre es ein Sarg, der theure Reſte einſchlöſſe. Sie begannen danach zu ihrer Erheiterung ſich 126 die Arbeit angefertigt war; es waren dies gleichſam Erin⸗ nerungen, welche eine Familie an das Kind knüpft, welches aus dem Hauſe ſcheidet. Die Villa Medici, wo dieſe Seene vorfiel, liegt ſeit⸗ wärts vom Garten Pincio. Sie wurde 1540 von dem Kardinal Ricci nach dem Plane Annibal Lippi's erbauet; ſpäter wurde ſie Eigenthum der Großherzöge von Toscana, von denen ſie bis heute den Namen führt. In den erſten Jahren des jetzigen Jahrhunderts erwarb ſie die franzöſiſche Regierung durch Austauſch und beſtimmte ſie für das In⸗ ſtitut der Akademie, welches Frankreich ſeit dem ſiebenzehnten Jahrhunderte in Rom unterhielt. Bis hierher hatte das von Ludwig XIV. gegründete Inſtitut ſich im Palaſt Man⸗ eini am Corſo befunden. Die Villa iſt durchaus der Beſtimmung angemeſſen, ſie hat die prächtigſte Lage von der ganzen Stadt; ihre Bauart trägt ganz den Charakter des Stils und der bis ins Kleinſte gehenden Pracht des Jahrhunderts Leo's X. Die Vorderſeite gewährt einen edlen, würdevollen Anblick; ſie iſt florentiniſchen und römiſchen Geſchmacks, florentiniſch in der ganzen Auffaſſung, römiſch in den einzelnen Theilen. Den zur Villa gehörenden Garten beherrſcht ein gewölbter Säulengang, unter dem ein hochliegender Spazierweg mit doppeltem Aufgange hinläuft: dieſer Theil des Gebäudes wird Michael Angelo zugeſchrieben. Oberhalb der Wände laufen antike Basreliefs hin. Das iſt aber auch alles, was die Annehmlichkeiten der Tage zurückzurufen, während welcher 127 von den reichen Sammlungen, welche die Medieäer hier an⸗ gehäuft hatten, übrig geblieben iſt. Die Venus, die Apollo⸗ ſtatue, Niobe, der bronzene Merkur ſind nach Florenz ge⸗ wandert; ihr Andenken iſt nur durch Gipsabgüſſe erhalten, welche in einer Gallerie für die Zöglinge der Akademie Nach⸗ bilder der berühmteſten Statuen abgeben. Schwerlich hätten ſich mehr Elemente für die Förderung und das Gedeihen der Studien vereinen laſſen. Dennoch hat ſeit der Gründung der Akademie bis zum heutigen Tage der Erfolg die Hoffnung getäuſcht und der Eifer des pariſer Strebens und Gegeneinanderaufringens ſcheint in Rom von tödtender Ermattung befallen zu werden. Jedes Jahr wird im Staatsbudget die ſtereotype Re⸗ densart wiederholt: „Die Adminiſtration beſchäftigt ſich mit einem neuen Reglement, um die Arbeiten der gekrönten Zöglinge der franzöſiſchen Akademie zu Rom erſprießlicher zu machen. Dieſe neue Maßregel und der Eifer des gegenwärtigen Direktors geben die Gewißheit, daß dieſes in fremdem Lande unterhaltene Inſtitut Frankreich Ehre machen wird.“ Der Geſammtbetrag der Unterhaltungskoſten für die franzöſiſche Akademie in Rom beläuft ſich auf 32,000 Thaler jährlich. Die Zöglinge derſelben beſtehen aus jungen Künſtlern, welche den erſten Preis in der Malerei, Bildhauerei, Bau⸗ kunſt und Muſik erhalten haben, und werden jedes Jahr nach Reſultat der Preisaufgaben für ſchöne Kunſt nach Rom 128 geſchickt. Der Kupferſtich gelangt nur alle zwei Jahre zur Preisbewerbung, die hiſtoriſche Landſchaftsmalerei und Gra⸗ virkunſt in Medaillen nur alle vier Jahre. Die gekrönten Zöglinge bleiben fünf Jahre in Rom„ wo ſie vom Staate in Wohnung und Koſt erhalten werden und einen gewiſſen Gehalt zu Privatausgaben und für Bezahlung ihrer Modelle empfangen. Außer der Pflicht des Copirens haben ſie die Obliegenheit, jährlich ein Werk eigener Compoſition nach Paris zu ſenden. Dieſe Einſendungen werden im Palais des Beaux⸗Arts ausgeſtellt, und in der Jahresſitzung des Inſtituts darüber Rechenſchaft abgelegt. Klagen über die Nachläſſigkeit, womit der Obliegenheit nachgekommen wird, und Bedauern über die geringen Fortſchritte der Zöglinge bilden gemeinlich den Grundzug dieſes feierlichen Berichts. Die franzöſiſche Akademie in Rom ſteht unter der Di⸗ rektion eines Mitglieds der Akademie der ſchönen Künſte; daſſelbe wird von letzterer Akademie auf ſechs Jahre erwählt. Stirbt ſolches vor der Zeit, ſo wird es proviſoriſch von dem Direktor der römiſchen Akademie St. Lukas erſetzt. Unter den letztern Direktoren, welche faſt ſtets Maler waren, zählt man die Namen Guérin, d'Ingres und Horace Vernet. Durchläuft man die Liſten der Preisvertheilungen ſeit zwanzig Jahren, ſo fühlt man ſich überraſcht, wie doch ſo wenige der gekrönten Namen berühmt geworden ſind. Einige haben einen mittelmäßigen Ruf erhalten, die Meiſten ſind vergeſſen. 129 Dieſe betrübenden Annalen der franzöſiſchen Akademie, welche Jules Noemi nicht verheimlichte, ſind für jeder⸗ mann ein Gegenſtand der Verwunderung geweſen: die Rei⸗ ſenden, das Gouvernement, die Künſtler und die ſich in alles mengenden Diplomaten, Zöglinge wie Direktoren haben die Urſache dieſes Uebelſtandes nicht begriffen, und alle Jahre zeigt man den Thatbeſtand bei Kammer und Inſtitut an, ohne je ein Heilmittel zu entdecken. Jules erklärte die Gründe dieſes Mißverhältniſſes höchſt einfach.. — Die mit dem erſten Preiſe Gekrönten, ſagte er, ziehen von Paris nach Rom mit einer von Dünkel und Stolz auf⸗ gebläheten Meinung von ſich ſelber. Der Erfolg, den ſie in der Schule errungen, ſcheint ihnen das Ziel ihrer Studien zu ſein; ſie begreifen nicht, daß ſie eben erſt zum Beginn derſelben abgeſchickt werden. Die Lehrer ſind ihren Theils nicht geſcheidter als die Zöglinge; faſt hat es den Anſchein, daß, wo dier Erfahrung bei dem einen Theile nicht vorhanden iſt, ſie auch dem anderen verloren iſt. Statt die Zöglinge in Rom einer geordneten Zucht zu unterwerfen, ohne deshalb gerade ſtreng und ſchul⸗ meiſterlich zu werden, überläßt man ſie mit einem Male einem regelloſen, ungezügelten Leben. Um die Verkehrtheit dieſes Verfahrens zu begreifen, muß man die Verhältniſſe von der Mehrzahl der Zöglinge, welche ſich der Ausübung der Kunſt hingeben, kennen. Faſt Alle ſind aus der ärmern Klaſſe hervorgegangen, Viele von ihnen haben dem Berufe zu der oft ſo undankbaren Kunſt nur J. 9 wider den Willen ihrer Eltern, welche ein einträgliches Hand⸗ werk vorzogen, folgen können. Von Paris bis Rom iſt weit, und der Weg iſt be⸗ ſchwerlich für den Künſtler, der nach den erſten Verſuchen in die beſchwerliche Laufbahn zum großen Preiſe eintritt. Dazu kommt, daß die Studien deſto länger ausgedehnt werden, je mehr Vortheil der Lehrer dabei ſieht. Iſt der Zögling mit der Reihe der Jahre zu einer Selbſtſtändigkeit gekommen, ſo tritt er in ein Atelier und wird hier einer mit⸗ leidloſen Menge zur Beute, die ihn mit allerlei Aufträgen ohne Werth und Bedeutung, nicht ſelten mit den gemeinſten Kleckſereien beauftragt. Der ſtolze Nacken beugt ſich unter den Schlägen des Lebens und der Name geht verloren, um den Künſtler iſt's geſchehn. 1— Wie? rief Noemi, ſolche Erniedrigung bei einer ſo hohen Beſtimmung! — Die Gegenſätze grenzen an einander, verſetzte Jules und fuhr fort. — Oder wenn dies nicht der Fall iſt, ſo kommt auf der andern Seite der Stolz und Dünkel hinzu und vernichtet, was etwa aus dem Talente hätte werden können. Oder gar das Schlimmſte harrt des wirklich höher begabten Künſtler, die Tyrannei der öffentlichen Meinung, die Manie und Mode, welche der Arbeit deſſelben unſinnige Geſetze vorſchreiben, oder ſeinen Namen ausſtreicht und ächtet. Die ſinnloſeſte Kritik fehlt niemals, um das Ihrige zur Verzweiflung des Armen beizutragen. Rechnen Sie nun zu dem Allen noch ein Leben voll Entbehrung und Elend, deſſen Laſten häufig größer ſind, als daß der Leichtſinn und frohe Muth der Jugend ſie überwinden könnte, ſo werden Sie es ſehr begreiflich finden, wenn ſo oft unter der Reue über die Vergangenheit, dem Elend der Ge⸗ genwart und der trüben Ausſicht in die Zukunft das Talent unterlegen iſt. — Sie übertreiben! rief Noemi voll Entſetzen aus. — Wiel verſetzte Jules, wenn ich Ihnen nun ſchlicht⸗ weg meine eigene Geſchichte, die Leiden meiner Jugend er⸗ zählt hätte? — O mein Gott! — Und wenn nun nach ſolchen Prüfungen der Rauſch des Sieges und des Triumphes ankommt, ſo findet er den Beglückten verwirrt und ohne Verſtand: der große Preis die goldene Medaille, die Ehre öffentlichen Ruhms, die Krone des Inſtituts, Rom und fünf Jahre einer ehrenvollen, ge⸗ müthlichen Exiſtenz... Das iſt ein ungeheures Glück. Mit welchem Entzücken ergreift man den Beſitz deſſelben, die Freude über den großen Erfolg treibt die Gedanken in ſchwindelnde Regionen und läßt von Glück und Ruhm träumen!. Und dann liegt für die Künſtler in dem Namen Rom etwas Magiſches, es verſetzt uns angeſichts der Kunſt der größten Epochen und des Glanzes aller Zeiten. — Achl rief Noemi, welche von demſelben Enthuſiasmus er⸗ griffen wurde, wie entzückt es mich, Sie ſo reden zu hören. Daran 9* 132 erkennt man den Künſtler, der nicht mehr das leidende, entwür⸗ digte, beklagenswerthe Geſchöpf iſt, welches Sie eben ſchilderten. — Hören Siel antwortete Jules, aus ſeiner eben ſo begeiſterten Stimmung plötzlich in düſtern, traurigen Ton verfallend. Es iſt allerdings ein ſchöner Tag, wenn man durch das Thor del popols in Rom einzieht. Wenn man den Platz überſchritten hat, der nach den in ſeiner Mitte ge⸗ pflanzten Pappeln eben denſelben Namen führt, ſo erblickt man die Villa Mediei, dieſen königlichen Aufenthaltsort, den Frankreich für uns bereitet hält; man fühlt ſich von großen edlen Eingebungen beſeelt. Ach! welch grauſame Enttäuſchungen folgen auf dieſe Hoffnungen, welch traurige Wirklichkeit tritt an die Stelle der ſchimmernden Träume. Alle, welche der Ruf in dieſe Mauern führte, wiſſen, wie wenig Rom die Verheißungen, welche ſein Name giebt, zu halten vermag. Noch einige Tage dauert das Entzücken, dann aber fühlt man bald eine unbeſchreibliche Schlaffheit und Ermattung, welche Körper und Geiſt ohne Kraft und Willen läßt. Der Einfluß einer veränderlichen Witterung, die Nordwinde, welche ſo raſch mit den Südwinden wechſeln und ſo häufig Schwind⸗ ſucht und fieberhafte Anfälle verurſachen, ſind zuerſt als Ur⸗ ſachen dieſer Ermattung anzugeben. Auch die Hitze, welche in dieſem Lande nie unter drei Grade fällt und bis zu drei und dreißig ſich erhebt, übt ebenfalls eine zerſtörende Gewalt auf die moraliſche Energie und die phyſiſche Kraft aus; man ver⸗ 133 fällt einer ſchlaftrunkenen Schlaffheit, man ringt vergeblich gegen die Starrſucht und Unthätigkeit. In der Villa Medieci iſt es eine Redensart geworden, daß der Franzoſe nach ſeiner Ankunft in Rom zwei Jahre ſchlafe, ohne zu erwachen. Doch iſt das Klima nicht die einzige Urſache dieſer Er— ſchöpfung. Die römiſche Lebensweiſe iſt durchaus für wollüſti⸗ ges Träumen geſchaffen; haben ſie doch ſelbſt als höchſtes Gut jenes dolce far niente ausgerufen, das ſie wie eine Tugend achten. Nur in einem Punkte zeigt Rom eine erſtaunliche Thätig⸗ keit; jede unbedentende wie großartige Zerſtreuung, von den Feierlichkeiten der Kirche bis zum Schauſpiele der Zurrattini, jener einzigen Maniotten, von der Puleinella bis zum ſantiſſimo Zambino, machen die Lieblingsvergnügen der Römer des neunzehnten Jahrhunderts aus. Sie, Noemi! werden auf Ihren Wanderungen durch Rom mehr als ein Mal Gelegenheit gefunden haben, die Rich⸗ tigkeit dieſer Angabe wahrzunehmen. Man läß ſich von dem Strome fortreißen, man folgt der Menge, und die verlorene Zeit iſt für immer dahin, wie der lateiniſche Dichter ſagt. Nicht wahr, Dom Salvi? Was ſoll ich Ihnen andere Arten von Verlockungen be⸗ zeichnen, welche den Ankömmling von ſeiner Thätigkeit ab⸗ wenden und in Unordentlichkeiten ſtürzen; dieſe Plagen, theure Noemi, werden ſich auch noch an Ihre Schritte hef⸗ ten: ich will wenigſtens nicht im voraus Ihre Gedanken damit trüben. Nur ein Wort noch zum Schluſſe. Man 134 ſpricht ſo viel von der Aria rattiva, die ſem Peſthauche, der aus den pontiniſchen Sümpfen zieht und die Gefilde und mehrere Stadttheile Roms vergiftet; allein man redet nie von einer weit entſetzlicheren Seuche. Wie die Bruſt nur böſe, ungeſunde Luft in Rom einathmet, ſo gewahren Herz und Geiſt nur Laſter und Ausſchweifung. Wenn nun auch die Müſſigkeit der neu angekommenen franzöſiſchen Zöglinge von langer Dauer iſt, ſo wiſſen ſie doch trotz ihrer Trägheit mit vieler Schlauheit allerhand Vor⸗ wände zu finden, unter denen in der Regel der Beſuch der Alterthümer obenan ſteht. Wenn dann ſpäter die Stunden der Arbeit, die zur Thätigkeit feſtgeſetzte Zeit ankommt, ſo ſind Talent, Hand und Augen angegriffen, guter Wille und Eifer durch Unfähigkeit gelähmt. Die Arbeiten werden ent⸗ weder gar nicht ausgeführt oder eiligſt von der Hand geſchla⸗ gen. Die meiſten Zöglinge verbringen ihre Tage in den Kaffeehäuſern und verlieren die Zeit, welche ihnen nicht von anderen Vergnügen geraubt wird, mit Spiel und Trunk. In der Villa Mediei ſelbſt iſt alles an der Tagesordnung, nur nicht die Arbeit. Und daran ſind blos die Aufſeher ſchuld, nicht die Zöglinge. Für die Kunſt ſelbſt iſt die Ungleichheit der Anſichten, welche die verſchiedenen Directoren gegen die Zöglinge vor⸗ ſchreiben, von dem nachtheiligſten Einfluſſe. Während der Eine die Farben nicht grell genug bekommen konnte, ſchreit der Nächſte von Vermeidung aller Farbenpracht, Dem war faſt nur der ſteife Winkel regelmäßig genug, Jenem kann die „ — 135 unbändigſte Willkür und Geſetzloſigkeit nicht genügen, dem Einen ſoll alles Schritt vor Schritt gehen, der Andre will durchaus im Sturme die Meiſterſchaft erjagen laſſen. Un⸗ frieden, Haß und Ungerechtigkeit ſind die natürlichen Folgen eines ſolchen Benehmens. Nach dem Geſagten fehlt es unſerm Leben hier nicht an mancherlei Reizen. Wir ſind unſres guten Humors wegen ſehr beliebt, und wenn auch nicht in den höhern Kreiſen und von der Geiſtlichkeit, welche unſern Liberalismus und unſre Philoſophie fürchten, ſo doch von den mittleren Ständen. Das Leben geſtaltet ſich anmuthig und leicht für uns und wenn wir ernſthafte und Aufſehen erregende Auftritte in unſeren Abenteuern vermeiden, ſo können wir die Zeit, welche uns das Vaterland in der Fremde erhält, in Luſt und Freude verbringen. Aber ich muß es wiederholen, Rom iſt ein bösartiger Ort, wo die beſten Temperamente und die redlichſten Herzen verderben und verkommen. Unſere Geſänge, unſere Fröhlichkeit, unſere Karrikaturen und Spott⸗Bilder gefallen der römiſchen Schmähſucht. Wir haben die Stelle von Pasquino und Marphorio einge⸗ nommen, denn dieſe ſonſt ſo geſchwätzigen Orakel ſind heut⸗ zutage faſt ſtumm geworden. Wir beluſtigen den Hof, der uns haßt, die Geiſtlichkeit, die uns verdammt, und die Stadt, welche uns Beifall klatſcht. Zuweilen führen wir auch kleine Revolutionen in Mode und Sitte auf. Wir haben den brittiſchen Gentlemans ge⸗ 136 holfen, die Jockeis bei den Pferderennen einzuführen, wir haben die neuern Blasinſtrumente bei den Ballorcheſtern aufgebracht und ſtatt des römiſchen Tanzes unſre Maskenball⸗ tänze eingeführt. Die Fuchsjagd, zu der England Leute, Hunde und Wild nach Rom ſandte, war zur großen Ver⸗ wunderung der ganzen päpſtlichen Faſhion mit unſerm Schutze bedacht. So verdankt man auch uns, daß in den Kaffee⸗ häuſern franzöſiſche gebrannte Getränke zu haben ſind. Einer der beſten Kritiker der pariſer Preſſe, G. P., zwang zuerſt das griechiſche Kaffeehaus unter unſerm Beiſtand, dieſelben ſtatt des entſetzlichen acquavita, welches man daſelbſt ver⸗ kauft, anzuſchaffen. Ja, er trieb ſeine Beharrlichkeit ſo weit, daß er acht Tage lang ein Fläſchchen mit Branntwein bei ſich herumſchleppte, um es an die Stelle eines andern zu ſetzen. Die glorreichſte unſrer Unternehmungen, welche uns die meiſte Popularität erwarb, war unſre Einmengung in den Karneval von 18... Aus der Villa Medici ergoß ſich ein großartiger Mas⸗ kenzug und ſtrömte in den Corſo, wo die geſammte Völker⸗ ſchaft Roms ohne Unterſchied der Stände in Equipagen und Feſtkleidern zuſammen gefloſſen war. Die Masken der italieniſchen Komödie, Brighella, Pantalon, Arlequin, Caſ⸗ ſandro, il dottere und Polieinello wichen vor unſeren Ti⸗ tis, unſern Debardeuren, Robert Macaire, dem Poſtillon von Longjumeau, den Huſaren beiderlei Geſchlechts, vor Jean⸗Jean und unſern Loretten. — 137 Die Menge umringte uns ſtaunend, alle Blicke hafte⸗ ten mit Entzücken auf uns.... Jules war über ſeine Erzählung ſo in Feuer gerathen, daß Noemi die Augen niederſchlug und Dom Salvi mehr⸗ fach vergebens ſeine Gluth zu unterdrücken ſtrebie, als die Unterredung plötzlich abgebrochen wurde. Es kam ein Bote von Ben Saul, der die Jüdin nach dem Ghetto zurückrief. Aus der düſtern Miene des Boten, der ein Anver⸗ wandter des alten Iſraeliten war, glaubte Noemi auf irgend ein bevorſtehendes Unglück ſchließen zu müſſen; ſie fragte denſelben ängſtlich, allein der Abgeſandte Ben Sauls blieb ſchweigſam und es war nichts aus ihm herauszubringen. Das Einzige war, daß er Noemi bat, ihre Rückkehr zu beſchleunigen. Jules und Dom Salvi wollten Noemi bis an das Thor des Ghetto begleiten. Ob es ein Vorurtheil war, oder täuſchten ihre Augen ſich wirklich nicht: ſie glaubten in den Straßen, durch welche ſie gingen, geheime Agenten zu ſehen, welche ihnen von Strecke zu Strecke nachfolgten, als ob ſie ſich einander ablö⸗ ſeten und eine Poſtenreihe von Spähern und Lauſchern bildeten. Noemi und ihre Freunde hatten ſich nicht getäuſcht: das junge Mädchen war der Gegenſtand einer regen Beauf⸗ ſichtigung, alle ihre Schritte wurden umſpähet. Stephan hatte noch nicht auf Noemi verzichtet: er 138 wußte nichts weiter von ihr, als was Carlo ihm von ihr gemeldet hatte, nämlich, daß ſie im Ghetto wohne. Es lag ihm ſehr daran, mehr zu erfahren. Er wollte ihre Familie kennen und nach ihren Eltern die Erziehung beur⸗ theilen, welche ſie genoſen. Der Neffe des Monſignor Panfilio war nicht gewohnt, auf unbeſiegliche Hinderniſſe zu ſtoßen, und als er ein wenig aus ſeiner erſten Verwir⸗ rung herausgekommen war, verſprach er ſich einen gewiſſen Triumph über die ſchöne Jüdin, wie er über ſo viele andere Frauen geſiegt hatte, insbeſondere wenn ſeine Freigebigkeit zu ihrer Beſtechung angewendet werden konnte. Zu dieſem Zwecke aber war es nothwendig, daß er aufs Genaueſte über alle Verhältniſſe Noemis unterrichtet wurde. Eines Morgens, nach einer ſchlafloſen Nacht, begab er ſich jenſeits des Tiber an einen ihm wohl bekannten Ort, in das Haus Carlo's. Daſſelbe lag am Ende einer engen, krummen Gaſſe. Die Wohnung des niedrigen, nur ein Stock hohen Gebäudes beſtand aus zwei Gemächern mit einem einzigen Fenſter; das eine lag zu ebener Erde und das andere darüber. Unten ein irdener Topf, um Polenta drin zu kochen, und ein Steinkrug voll friſchen Waſſers, oben in einer Zimmerecke eine Schilfmatte auf dem Fußboden und an den Mauern herum reiche, koſtbare Wappen in allen Formen und Gattungen, das war das Geräth der Wohnung, 8 welche ſich in dieſem Augenblicke leer befand. Stephan klopfte bereits ſeit einer Stunde an der Pforte, ohne eine Antwort zu erhalten. 139 — Verdammter Trunkenbold rief er; der Orvitowein, den er geſtern getrunken, läßt ihn heute ſchlafen wie ein Murmel⸗ thier!... Carlo l... Carlo!... Die Schläge, welche die Pforte erſchütterten, die fern⸗ hin tönenden Anrufe blieben ohne Erwiderung. Das Haus des Carlo befand ſich in ſeiner Ablegenheit am äußerſten Stadtende eine Strecke von den angrenzenden Wohnungen getrennt. Stephan begab ſich unter Verwünſchungen gegen Carlo und Seinesgleichen auf dem Rückweg. Er kam an einer kleinen Oſteria von üblem Ausſehen vorbei und vernahm aus dem Innern die leidenſchaftlichen Ausrufungen der AMurra, dieſes Spiels, welches das geſammte italieniſche Volk von den Alpen bis Kalabrien mit Worten und Gebehrden ſpielt und zwar mit einem Eifer, der der Heftigkeit und den Aufwallungen eines Streits gleicht. Unter den erſchallenden Stimmen glaubte Stephan die Carlo's zu erkennen. Er klopfte leiſe, um den Wirth und ſeine Trinker nicht in Unruhe zu bringen, und die niedrige Thüre, welche in das Gaſtzimmer führte, öffnete ſich vorſichtig und ſchloß ſich ſo⸗ fort wieder. Stephan vernahm, daß man leiſe redete, und hörte ſo viel, daß es ſich um ihn handele. — s iſt ein Siar, ſagte eine Stimme im transteverini⸗ ſchen Patois. — Macht ihm auf! verſetzte eine andre Stimme; er bringt uns Arbcit. Dieſe Worte ließen Stephan nicht mehr zweifeln; Carlo war's, der ſie geſprochen. Er ſtieß gegen die Thüre, welche ohne Widerſtand nach⸗ gab. Stephan fuhr einige Schritte zurück, ſchwere Wein⸗ dünſte ſchlugen ihm bei ſeinem Eintritte entgegen. Eine Lampe, in der ein ſtinkendes Oel brannte, hatte den engen, licht⸗ und luftloſen Raum mit einem dichten, ſchwarzen Qualme erfüllt, der Kehle und Naſe zuſammenzog. Der Dunſt von Wein und Branntwein hatte, mit anderen Ausdünſtungen vermiſcht, eine dicke, verpeſtete Atmoſphäre gebildet, in wel⸗ cher ein Dutzend wackrer Zecher die Nacht verbrachte. Carlo’'s Kameraden ſahen um kein Haar beſſer aus, als dieſer. Ihre Mienen, ihre Tracht, ihr Geſpräch und die ganze Haltung und Benehmungsweiſe beurkundeten ſie als wahre Banditen; ihre langen Meſſer lagen ohne Scheide auf dem Tiſche und waren ohne Zweifel bereit, ſich in die Un⸗ terhaltung zu miſchen und die Streitigkeiten des Spiels zu entſcheiden. Geſichte und Blicke der Spieler waren glühend entflammt und ſtark geröthet, die Stimmen klangen rauh und weinſchwer: es war ein Bild der Trunkenheit in ihrer ganzen Häßlichkeit. Stephan wollte ſich zurückziehen, denn er bedachte ſehr richtig, daß in dem Zuſtande, worin Carlo ſich befand, nichts mit dem Manne anzufangen ſei. Dieſer aber erhob ſich und näherte ſich ſchwankend dem jungen Herrn. Er erfaßte einen Knopf ſeines Gewandes und hielt ſich daran feſt, um nicht zu fallenz mit einer von Schlucken unterbrochenen Stimme redete er ihn an: — Caro Signorino! ſprach er; Sie trinken ein Glas Muskat von Montefiascone mit uns; danch ſtehe ich zu Ihren Dienſten. Stephan fühlte, daß eine Ablehnung ihn vielen Wider⸗ wärtigkeiten ausſetzen werde. Zudem hatte der Wirth auf das erſte Wort Carlo's eine Flaſche und ein Glas herbei gebracht; er ſchüttete mit einem geſchickten Guſſe das Oel, welches ſtatt Kork diente, aus dem Halſe in die Höhe, füllte das Glas und Uhunn⸗ indem er es Stephan darbot, mit Stolz: — Trinken Sie, Signor! es iſt ein vins da vescovo (ein Wein für einen Biſchof). Der junge Kavalier machte gute Miene zum böſen Spiel; er trank, ſchwang dann wie zum Gruße das Glas und ſagte zu Carlo: — Morgen! Carlo war in der beſten Laune, augenblicklich das Ge⸗ ſchäft zu beginnen. Allein ehe er nur ein Wort finden konnte, war Stephan ſchon verſchwunden. Abends machte Carlo dem Trinken und Spielen ein Ende und derſelbe, der den ganzen Tag unter Bocali, Murra und Salterello verbracht, erinnerte ſich unter Zitterklang bei den ſchönen Mädchen von Transtevere, daß er am andern Mor⸗ gen zu Stephan gehen müſſe. Er begab ſich in ſeine Woh⸗ n—qq— 142 nung und legte ſich nieder; das Fenſter ließ er offen, damit der erſte Sonnenſtrahl und die Morgenluft ihn wecke. Frühzeitig ſtellte Carlo ſich ein. Er fand Stephan bereits auf. — Der vorgeſtrige Tag muß gut geweſen ſein, redete der Neffe Panfilios ihn an; habt Ihr ihn fröhlich gefeiert? — O ja! Eure Exeellenza! verſetzte Carlo mit zufrie⸗ denem Lächeln. Er war gut, ſehr gut! — Nunl! ich will, daß es der heutige ebenfalls ſei. — Wollen, bedeutete Carlo mit einer Handgebehrde nach ſeinem Gürtel, Eure Excellenza... — Nein! rief Stephan entſetzt aus, denn der Gedanke, welchen jene Bewegung in ihm erweckte, faßte ihn mit all ſeiner Entſetzlichkeit. — Che perdonna ella! entgegnete Carlo ein wenig beſtürzt. Er nahm, ohne die Aufforderung zu erwarten, einen Stuhl, hüllte ſich in ſeinen Mantel und ſprach mit der Stimme eines Menſchen, welcher weiß, daß man ſeiner bedarf, in A vertraulich pathetiſchem Tone zu Stephan: — Edler Herr! ich höre. Wir haben bereits bei der erſten Zuſammenkunft unter dieſen beiden Perſonen geſehen, wie tief und lebendig der Abſchen war, den Carlo Stephan einflößte. Dieſer eilte auch heute, dem Geſpräche ein Ende zu machen. Er be⸗f auftragte Carlo, alle Wege und Stege des jungen Mädchens aus dem Ghetto zu beobachten und alle möglichen Nach⸗ richten über ſie einzuziehen, ihr aber durchaus kein Leid zu⸗ 143 zufügen und ſie ſelbſt, wenn ihr Gefahr drohe, nach Kräften zu beſchützen. Carlo verneigte ſich, ging raſch und begab ſich— zu Monſignor Panfilio, dem Oheim Stephans, um ihm einem Vertrage zufolge die Geheimniſſe ſeines Neffen zu verkaufen. Auf dieſe Weiſe war der Ghetto und ſeine Umgebungen von drei verſchiedenen Parteien aus beobachtet und durch⸗ ſpähet; von Stephan und Panfilio, unter Leitung des Er⸗ ſteren, und vom Gouvernement, welches durch Monſignor insgeheim benachrichtigt war, es gingen heimliche Umtriebe im Indenviertel vor. Dies erſte Ergebniß dieſer dreifachen Beobachtung war die Wahrnehmung der häufigen Beſuche Noemis in der Villa Medici. Bedurfte es mehr, um den Beweis zu geben, daß zwiſchen den Inden und den Franzoſen, welche gemeinſamer Haß vereine, ein Komplott ſtattfinde? Keine Anſchuldigung iſt in Rom ſo albern, daß ſie nicht Glauben fände, wenn ſie die Furcht, welche in den Räthen der Kirche den Vorſitz führt, rege gemacht. Der italieniſche Völkerſtamm iſt von Natur argwöh⸗ niſch und ahnet gern überall geheime Anſpinnungen. Man weiß, wie weit Venedig die Kunſt des Spionirens und der Angeberei getrieben. Die Annalen dieſer Republik ſind mit geheimnißvollem Schauder angefüllt. Die übrigen italieni⸗ ſchen Staaten ahmten aus angeborenem Hange die Gebräuche und Verſchleierungen der venetianiſchen Polizei nach. Rom ging in dieſem Wege der Finſterniß allen übrigen Staaten vorauf; bei ihm ſind dieſe finſteren, widerrechtlichen Angebe⸗ reien ein weſentlicher Theil des geheimen Staatsgewebes. Die römiſche Polizei beſchränkte ſich nicht auf die„heilige Stadt;“ durch die geiſtlichen Orden, welche ſeinem Willen und Befehle unterworfen ſind, ſtrebte der heilige Stuhl die Geheimniſſe der Könige und Völker zu durchdringen. Die Beichtſtühle aller katholiſchen Fürſten hatten in den Hallen des Vaticans ein Echo. In Rom miſchen ſich faſt Alle, welche mit Staatsange⸗ legenheiten zu thun haben, in die Polizei, nicht etwa aus Pflicht ſondern aus Eifer, um ſich nützlich zu zeigen und in unbeſchäftigten Augenblicken etwas zu verdienen und ſo ihre Mußeſtunden erſprießlich anzubringen. Die ganze Kirche vom niedrigſten Küſter bis zu den Gliedern des heiligen Collegiums iſt in dieſer Miliz einregiſtirt. Die Angeberei und Ausſpähung machen einen Theil der Pflichten aus, welche den Weltgeiſtlichen auferlegt ſind. An die Seite dieſer ungeheuren Schaar geſellen ſich die geiſtlichen Orden, die Anhänger der Geiſtlichkeit und das devote Volk. Den Staats⸗ beamten wäre übel gerathen, wenn ſie ſich nicht mit allen Kräften an dieſe Verbrüderung anſchließen wollten; ſelbſt die Armee ſchließt ſich nicht aus. Noch ein andrer Theil der römiſchen Bevölkerung nimmt an dieſen Machinationen Theil; dies iſt der in Rom ſo zahlloſe Schwarm von Bettlern, Ban⸗ diten und öffentlichen Dirnen, die Dienerſchaften, die Cicero⸗ nis und die ganze Menge, welche ihr abenteuerliches Zufalls⸗ leben mit den Fremden in Berührung bringt; kurz Alles, 145 was Rom an Macht und Schande enthält, iſt der Polizei verbündet. Gllücklicherweiſe geht es hier wie bei allen An⸗ gelegenheiten dieſes Landes, die Trägheit bildet einen Ge⸗ genhebel. In dem Augenblicke, wo die Ereigniſſe ſpielen, von denen wir berichten, war die ganze Polizei der päpſtlichen Staaten, nicht blos in Rom, ſondern in den geſammten Ländern des heiligen Stuhls in Bewegung. In den Le⸗ gationen gährte es und die Mißvergnügten hielten überall Verſammlungen und heimliche Zuſammenkünfte. Wir wollen gern eingeſtehen, daß die Inquiſition aus dem römiſchen Staate faſt verſchwunden iſt. Sie iſt heutzutage nur noch ein Schreckmittel gegen das Judenthum und die Philoſophie, welche ſich vor ihr nicht fürchten. Aber die Inquiſition hat vor ihrem Ende ihr Gift in den Adern der römiſchen Po⸗ lizei zurückgelaſſen. Wir ſind, das unterliegt keinem Zweifel, weit, ſehr weit von den blutigen Verfolgungen abgekommen, welche in verfloſſenen Zeiten ſo oft die Geſchichte des Papſt⸗ thums beſudelt haben; allein Rom hat mit dem Verluſte ſeiner Macht auch nicht den unerläßlichen Haß und die glühende Hinterliſt verloren. Unter ſeiner Schwäche und Ohnmacht knirſcht ſein Zorn, ſeine Drohungen. Seiner Hand iſt der erloſchene Bannſtrahl entfallen, aber ſein entwaffneter Arm droht noch immer der Welt. In ſeiner Verfallenheit enteifert ſich der Zorn des römi⸗ ſchen Klerus gegen die jüdiſche Nation, welche ihre Schätze nicht hergeben will, um die feindſelige Geſinnung zu beſchwich⸗ J. 10 146 tigen; doch die Iuden bleiben unter den auf ſie geführten Schlägen ruhig auf den verſchloſſenen Kiſten ſitzen, und das i*ſt für Rom ein fortwährend ſich verjüngendes Aergerniß. Die liberalen Ideen und die Bewegungen, welche ſie den Gemüthern eingeben, der fortſchreitende Verfall fröm⸗ melnder Anſichten in den aufgeklärten Klaſſen, der Geiſt der Prüfung und des Forſchens, welcher allenthalben hindringt, bekümmert Rom nicht ſo ſehr, als die Unerſchütterlichkeit der Juden und die Unmöglichkeit, ihnen ihre Schätze abzuzwacken. Ein jeder Papſt bezeichnet den Gang ſeiner Herrſchaft durch irgend einen Angriff gegen die Stellung der Juden. Am 24. Juni 1843 erließ der Papſt eine Bulle gegen die Inden, die man von den gehäſſigſten Tagen der Barbarei und des Fanatismus diktirt glauben ſollte. Dieſes Akten⸗ ſtück, welches wir der Geſchichte der Päpſte entlehnen, iſt unterzeichnet: Fra Vincenzo Salma, General⸗Inquiſitor. „Alle Juden, welche Ankona und Sinigaglia bewohnen, dürfen ferner keine chriſtliche Ammen mehr haben noch Chriſten in Dienſt nehmen, unter der von den päpſtlichen Dekreten angedroheten Strafe. Alle Iſraeliten müſſen mit Ablauf von drei Monaten ihre beweglichen und unbeweglichen Güter verkauft haben, wo nicht, ſo werden ſie öffentlich verſteigert werden. Keiner von ihnen darf ohne Genehmigung des Gouvernements in einer Stadt wohnen; im Uebertretungs⸗ falle werden ſie in ihr Ghetto zurückgebracht. Kein Iſraelit darf eine Nacht außerhalb des Ghetto zubringen noch einen Chriſten auffordern, in dieſem verworfenen Aufenthalte zu 147 ſchlafen, noch mit Gläubigen freundſchaftliche Verbindungen haben, noch mit geiſtigen Büchern oder Schmuck irgend einer Art handeln unter Strafe einer Geldbuße von hundert Thalern und ſiebenjähriger Haft. Wenn die Iſraeliten ihre Todten beiſcharren, ſo muß dies ohne Feierlichkeit geſchehen, auch dürfen ſie unter Strafe augenblicklicher Wegnahme keine Fackeln dabei tragen. Die Uebertreter dieſes Edikts ver⸗ fallen der Strafe der heiligen Inquiſition. Die gegenwärtige Maßregel ſoll im Ghetto durch Anſchlag in der Synagoge veröffentlicht werden.“ Als der letzten Beſtimmung gemäß dieſe Bulle im Ghetto bekannt wurde, empfing man ſie mit Wehrufen und Jammer⸗ geſchrei. Eine Zeitlang fürchteten die unglücklichen Juden, daß man ihnen auch das gelbe Abzeichen, welches ſie vordem auf der Schulter tragen mußten, wieder anheften werde. Ein allgemeines ſchmerzliches Klagen wurde laut. — So, ſagten Einige, wurde das Syſtem der Unge⸗ rechtigkeit, welches die Juden außerhalb des Rechtes ſtellt, vollkommen gemacht, dieſe neue Maßregel war die ſtrenge Folge jener früheren, welche ihnen den Erwerb von Grundbeſitz unterſagte. — Welch neues Wehe, riefen ſie aus, drohet ihnen noch ferner; war es nicht genug, daß ſie in den Ghetto eingeſperrt waren, wohin ſie vier Stunden nach Sonnenuntergang nur mit Erkaufung des guten Willens des beſtellten Wärters zurückkehren konnten! Hat der römiſche Stolz, ſagten Andere, noch nicht 10* 148 genug an der demüthigenden Erniedrigung, welche ihnen jährlich auferlegt wird, indem ihre Syndiken und Rabbiner im Namen Aller kommen und vom Senator die Erlaubniß erflehen müſſen, ferner in der päpſtlichen Stadt zu wohnen? Andere fürchteten gar, daß man dem Ghetto ſein letztes Privilegium, welches von den Vorfahren mit Golde erkauft war, die Gazzaga, welche mit unglaublichen Summen er⸗ rungen war, rauben würde. Die Häuſer nämlich, welche die Juden, die nichts be⸗ ſitzen dürfen, in Rom bewohnen, gehören ſämmtlich Chriſten an; aber vermöge einer Art Erbzins können die Eigen hHümer weder den Miethbetrag ſteigern noch die Miether vertreiben. Die Bedingungen ſind ſeit langen Jahren unveränderlich. Drohet das Haus dem Einſturz, ſo iſt der Eigenthümer ver⸗ pflichtet, es ausbeſſern und wieder herſtellen zu laſſen, ſelbſt wenn die Koſten in keinem Verhältniſſe zu dem Ertrage ſtehen. Das Syndikat leiſtet allein Bürgſchaft für die ſämmtlichen Miethen. Das Wohnrecht iſt ſo geordnet, daß die Iuden unter ſich nach Vermögen und Uebereinkunft die Geſammt⸗ beträge aufbringen. — Achl ſprachen Greiſe, man nannte lange Zeit Rom das Paradies der Juden, als das Gold unſerer Väter ſeiner Verſchwendung noch floß. — Jetzt, erwiderten die jüngeren Perſonen, will Rom Alles haben und Nichts zugeſtehen. Vergleicht man unſer Schickſal mit dem unſerer Brüder in den übrigen Staaten, ſo iſt Rom die Hölle für die Iuden. 149 In der That, ſelbſt die Schriftſteller, welche das neuere Rom und den heiligen Stuhl zu erheben ſtrebten, mußten ein⸗ geſtehen, daß die Erniedrigung, in der die päpſtlichen Geſetze die Juden halten, wahrhaft beweinenswerth iſt. Um dieſe trüben Nachrichten ihr mitzutheilen, hatte Ben Saul Noemi kommen laſſen. Der Greis wollte Rom ver⸗ laſſen, dieſe Stadt, wo er nichts als Troſtloſigkeit für ſich und die Seinen gefunden; aber Noemi hielt ſeinen Muth aufrecht. Sie erinnerte ihn an die langen Prüfungen des auserwählten Volks und den Lohn, welcher Iſrael erwartete; ſie ſprach zu ihm von Ben Jakob und ſeinen Hoffnungen. Noemis Worte tröſteten den Greis und brachten in das Herz Ben Sauls eine Ruhe zurück, die in dem ihrigen nicht wohnte. Die Jungfrau erlangte die Gewißheit, daß um das Haus herum Schlingen und Liſten gegen ſie ausgeſpannt würden. Um ſich zu beruhigen, begann ſie einen Plan auszu⸗ führen, den ſie am erſten Tage, wo ſie Dom Salvi erblickt, gefaßt hatte. Ende des erſten Bandes. Im Verlage von Wolfgang Gerhard in Leizig erſchien ſoeben und iſt durch alle Buchhandlungen zu be⸗ ziehen: Pieeiola oder die Blume des Gefangenen. Von X. B. Saintine. Nach der ſiebzehnten, um ein Kapitel vermehrten Original⸗ ausgabe von H. Bode. Mit einer Abhandlung über die Beſchäftigungen verſchie⸗ ½ dener Staatsgefangener vom Bibliophilen Jacob(Paul Cacroir). 1 Bändchen in 16mo. in elegantem Umſchlag geheftet. Preis: 1 Thlr. 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