—————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen, 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabz eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Dit Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.. 1 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 2— für wöchentlich 2 Büchey: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1„/ uI— uI. 2 9 VI.—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Gebeugt unter der Laſt einer Entdeckung, die Ga⸗ brielen eine ſchwere Kränkung bereitete, ſchritt Kaiſerling langſam und ſinnend nach der Landſchaft zu, um über dem Hofraume dieſes alten Gebäudes einen Näherweg einzuſchla⸗ gen. So tief traurig hatte er ſich in ſeinem ganzen Leben nicht gefühlt. Was half ihm jetzt alles Geld und Gut— was nützte ihm ſein Anſehen— wozu hatte ihm der Himmel den Humor gegeben, der ſo weſentlich die Ausbeute ſeines innerlichen Glückes war? Allles ſchlug er gering an. Mit der Lebendigkeit ſeines Naturells brach er den Stab über alle zukünftigen Freuden und ſchloß mit dem Leben ab. Abenteuerliche Pläne durchkreuzten ſein Gehirn. Er ſah ſich in ſeinen Träumen mißachtet in einer Stadt, wo er geehrt geweſen war— Grund genug, um ihn ſofort zu beſtimmen, Magdeburg zu verlaſſen und in ferner Gegend das Mißgeſchick ſeiner Tochter Gabriele zu verbergen. 1858. XI. Vorwärts! II. 1 6 So tief verſenkt war er in ſeinen Grübeleien, daß er den Oberſten von Witzepuhl nicht bemerkte, bis ihn dieſer wackere Krieger in Friedenszeiten derb auf die Achſel ſchlug und ihm in's Ohr ſchrie: „Da haben wir's ja!“ „Leider— leider!“ entgegnete Kaiſerling betrübt. Er glaubte, die Kinder auf der Straße wüßten und erzähl⸗ ten es ſich ſchon, daß Gabriele das Unglück habe, eine zweite Gräfin von Gleichen zu ſein und bezog den Zuruf darauf. „Was nicht niet⸗ und nagelfeſt iſt, das heißt, was nicht zur Firma von Euch gehört oder durch Verheirathung zur Familie gerußfnct werden kann, ſoll ausgehoben wer⸗ den und vom heutigen Tage an dürft Ihr keinen als Bür⸗ ger aufnehmen, der noch irgendwie cantonpflichtig iſt—“ referirte mit ganz ungewöhnlicher Deutlichkeit der alte Offizier. Kaiſerling, von ſeinem Trübſinne geneſend, blickte ihn erſtaunt an. Seine Laune kehrte zurück und ſein Unglück verlor einen Grad von Schwärze. „Was tauſend, Gnaden— das haben Sie wohl aus⸗ wendig gelernt!“ rief er lachend.„Iſt's wahr? der kö⸗ nigliche Beſcheid wäre ſchon da?“ „Iſt da. Steht wörtlich im Reſcript!— Wird morgen an die Stadtbehörde ausgefertigt! Wird Vogler'n 7 choquiren.— Kann aber nichts helfen.— Man ißt vor⸗ trefflich bei dem Manne!— Delikater Karpfen— Möchte wohl bei ihm diniren.“— Er ſtrich ſich verrätheriſch über die Lippen, grüßte und ging. Kaiſerling, einmal abgezogen von ſeinem Meditiren, bedachte, daß eine ſchleunige Benachrichtigung Vogler und auch dem jungen Stephan, der ein Liebling von ihm gewor⸗ den war, nützlich ſein könne. Er ſah nach der Uhr. Es war zwölf. Sollte er zu Stephan gehen und ihn beauftragen, die Nachricht an Vogler kommen zu laſſen? Der junge Mann mußte zu Tiſche hin in's Vogler'ſche Haus. Doch nein! Kaiſerling beſann ſich. Von Stephan durfte dieſe Nachricht nicht überbracht werden, wenn ſich Vogler, der pedantiſche Herrſcher ſeiner Familie, dafür in⸗ tereſſiren ſollte und dann— Vogler mußte geweckt werden! Seine Niedergeſchlagenheit wich wie Nebel vor dem Sonnenſcheine und ſein Hang zum Muthwillen brach ſie⸗ gend hervor. Es klingt fabelhaft, wenn man die Schwere des Miß⸗ geſchickes erwägt, daß ein ſcherzhafter Einfall Verdruß und Sorge ſo blitzſchnell aus einem Gemüthe zu verjagen ver⸗ möchte, und der Leſer, welcher ein Freund idealer Seelen⸗ zuſtände iſt, wird kopfſchüttelnd die Wahrheit unſerer Schil⸗ derung in Zweifel ziehen, allein wir verſichern, nach der Wirklichkeit zu malen und verweiſen auf die ſeltſamen Ausgeburten des ſanguiniſch choleriſchen Temperaments, welches ſtets von einem Extrem in's andere verfällt. Mit der Hurtigkeit und dem leichtſinnigen Eifer eines Jünglings lief Kaiſerling hinab zum Hauſe Vogler's, trat an die Fenſter des Comtoirs und blickte durch die etwas blinden, verſtäubten Scheiben hinein. Das Geſchäftszimmer war leer, die jungen Commis hatten es mit dem Schlage zwölf verlaſſen und nur der würdige Chef ſaß noch auf einem Reitbocke vor ſeinem Pulte und ſchrieb.. Kaiſerling klopfte hart an und winkte dem aufblicken⸗ den Vogler zum Fenſter hin. Verdrießlich folgte dieſer dem Winke und öffnete das Fenſter. „Mach' Dein Teſtament! Mach' Dein Teſtament!“ rief ihm Kaiſerling haſtig und lachend entgegen. „Wie ſo?“ fragte Vogler, kaltblütig ſeine Feder hin⸗ ter das Ohr klemmend. S „Dein Leben iſt in größter Gefahr, Vetter! Du haſt es zum Pfande eingeſetzt, daß es der Immediat⸗Com⸗ miſſion nicht gelingen ſolle, Dir den Stephan Kühne zu entführen— ich habe mir ſagen laſſen, daß morgen nach königlichem Befehle eine ganze Armee vor Dein Haus rücken wird, um Alles, was nicht niet⸗ und nagelfeſt iſt, —— 9 das heißt, nicht zu Deiner Firma und zu Deiner Familie gehört, zu verhaften.“ „Es iſt ein Witz von Dir, nicht wahr?“ fragte Vog⸗ ler mit unerſchütterlicher Ruhe. „Nein! Nein!. Ich bin nur der Courier— morgen kommen die Andern.“ „Nach königlicher Ordre? Die Antwort auf unſere Petition kann noch nicht da ſein.“ „Aber auf den Bericht der Commiſſion iſt decretirt! Verlaß Dich dies Mal auf mich. Laß den Stephan mindeſtens für jetzt eklipſiren.“— „Nein! Er bleibt!“ „Um weggeholt zu werden. Gelangt zu werden, wie der Oberſt ſagt. Witzepuhl ſelbſt hat mir die Hiſtorie brühwarm mitgetheilt.“ „Witzepuhl?“ wiederholte Vogler frappirt. Der Oberſt hatte ihm auf ſein Ehrenwort verſprochen, wenig⸗ ſtens zeitig Benachrichtigung an ihn gelangen zu laſſen, wenn er ihm ſonſt nicht anders helfen könne. „Er ſelbſt. Und der alte Herr hatte die ganze Ordre auswendig gelernt.“— 4 Vogler nickte, als wolle er ſagen: er hat es mir ver⸗ ſprochen. „Das verändert die Sache,“ murmelte er. Ein un⸗ behagliches Nachdenken lagerte nach und nach auf ſeinem Geſichte, während Kaiſerling fortfuhr, allerlei Neckereien auszukramen. „Siehſt Du, Vetter! Man kann Vogler heißen und doch Kaiſerling'ſche Streiche machen,“ lachte er zuletzt, in⸗ dem er Anſtalten traf, fortzugehen.„Ich habe von An⸗ fang an weder zu der Stephan Kühneſchen Angelegenheit Fiducit gehabt, noch zu der Rentelow'ſchen Waſſerbauerei. — Haſt Dein Geld in die Elbe geworfen.“— „Wie ſo?“ fragte Vogler, wieder aus ſeinem Nach⸗ ſinnen emporfahrend. „Nun, ich habe mir ſagen laſſen, die alten Sand⸗ bänke am Ochſenwerder ſteckten ſchon wieder ganz naſeweis die breiten Rücken heraus.“— „Dies Mal fehlgeſchoſſen, Vetter Kaiſerling.“ Er deutete auf das Blatt, worauf er geſchrieben hatte, als er von dem Aldermann geſtört worden war.„Ich bin dabei, nach dem Beſchluſſe des Magiſtratscollegiums, dem Bau⸗ meiſter Rentelow eine ganz beſondere Belobigung nebſt einer Gratification von acht Friedrichsd'or zuzufertigen.“ „Was— und ich weiß nichts davon?“ fuhr Kaiſer⸗ ling au. „Warum haſt Du die heutige Sitzung geſchwänzt,“ entgegnete Vogler. Kaiſerling fuhr ſich ärgerlich mit beiden Händen nach der Stirn. Er hatte es über ſeine häuslichen Ange⸗ 1 11 legenheiten vergeſſen, daß eine Extra⸗Sitzung anberaumt geweſen war. 2 „Wäre ich da geweſen,“ rief er ſchmollend. Vogler fiel ſchnell ein:„So hätteſt Du in den Freu⸗ denthränen der Rothenſeer, die eine Deputation herein ge⸗ ſchickt hatten, um uns zu danken, den ſicherſten Widerſpruch erfahren.“ „Alſo der Schaden iſt wirklich mit einem Schlage geheilt?“ „Gründlich abgeſtellt! Außerdem noch die gegründete Hoffnung, die frühern Wieſen wieder aus dem Fluſſe zu retten.“ „Es iſt nicht möglich!“ ſchrie Kaiſerling.„Märchen — nichts als Märchen!“ „Wenn alle Märchen ſo handgreiflich bewieſen wer⸗ den könnten—“ Kaiſerling unterbrach ihn.„Du willſt alſo Stephan Kühne auf's Riſico hier laſſen?“ fragte er. Vogler zog eine ſehr verdrießliche Miene.„Eine fatale Geſchichte.“ „Heute iſt's noch Zeit. Von morgen an ſoll die Ordre in Kraft treten!“ 3 Vogler's Stirn bekam noch eine Falte mehr. „Geſichter ſchneiden hilft nicht! Mich ſollte der 12 brave Stephan dauern, wenn Dein Eigenſinn Schuld würde, daß—“ „Sorge Dich nicht! Stephan iſt gut bei mir aufge⸗ hoben!“ Er machte ſein Fenſter zu und trat wieder an ſein Schreibepult. Daß er dort wohl eine halbe Stunde tief in Gedanken verſenkt, geſeſſen hat, ehe er mit ſich einig wurde über die Maßregeln, die nun zu nehmen nöthig waren, erfuhr Kaiſerling erſt viel ſpäter. Wir überlaſſen ihn ſeinem inneren Kampfe und fol⸗ gen dem Aldermann Kaiſerling nach ſeiner Behauſung. Dort ſahen die Damen der Ankunft deſſelben mit einer Spannung entgegen, welche bei der Bedeutung des Reſultates wohl natürlich war. Für Gabriele war es eine Lebensfrage. Ihre Zu⸗ kunft, die ſie verſchloſſen geglaubt hatte, konnte mit Zauber⸗ gewalt wieder geöffnet erſcheinen, wenn Kotſchinski ihrem Vater gegenüber als reuiger Sünder, unter triftigen Ent⸗ ſchuldigungsgründen, ihre Güte in Anſpruch nahm und um Vergebung flehete. Ein weibliches Herz hat für den Gegenſtand ihrer Liebe ſtets tauſend Ausgleichungsmittel bereit, wenn es auch bis auf den Tod verletzt geweſen iſt. Die ge ſchwankt beſtändig, ſo lange dieſer Gegenſtand noch erreich⸗ bar iſt. Fällt ſeine Unwerth entſcheidend in's Gewi 13 ſo iſt nur ein flüchtiger Gedanke an die Seligkeit früherer Tage nöthig, um das Gegengewicht wieder herzuſtellen. Gabriele war alſo geneigt, zu vergeben und zu vergeſſen, wenn Kotſchinski nur im Entfernteſten die Treue und Wahrheit ſeiner wiedererwachten Neigung zu bekräftigen wußte. Weniger willfährig ihm zu verzeihen zeigte ſich Frau Kaiſerling, deren Muttergefühl die tiefe Trauer der Tochter innerhalb vier ſchwerer Jahre gewaltig hoch an⸗ ſchlug. Am allerwenigſten bereit zu entſchuldigen war Editha. Das junge, energiſch fühlende Mädchen verwarf ihren Schwager unbedingt. Sie haßte, ſie verachtete ihn! Ihr empörtes Herz verleitete ſie, ohne Rückſicht auf die weichlich ſchwankenden Empfindungen ihrer Schweſter, das Betra⸗ gen Kotſchinski's bis auf die kleinſten Faſern zu analyſiren und das Anathema über ihn auszuſprechen. Von Scho⸗ nung wollte ſie nichts wiſſen, Ausgleichungsgründe verwarf ſie, Entſchuldigungen verſpottete ſie. Die ganze Gluth ihres Naturells brach bei dieſer Gelegenheit hervor und die Kraft ihres Geiſtes entwickelte ſich in der glänzenden Macht eines unberührten, keuſchen Weiberherzens. „Er iſt todt, muß todt für Dich ſein und blei⸗ ben!“ ſchloß ſie eben, als ihr Vater die Straße hinauf kam und Gabriele in der Nähe der Entſcheidung unwillkür⸗ lichzerzitterte.„Wie könnte eine Frau ſolche Schmach je⸗ mals vergeben, wenn ſie dieſelbe auch vergeſſen wollte. Daß Du ihn auch lieb haſt, iſt Schwäche— daß Du ihn nicht verachteſt, iſt aber Sünde gegen Dich ſelbſt. Die Unterwerfung in Zärtlichkeit iſt eine Unwürdigkeit und beugt uns unter die Herrſchaft des Mannes, nur die Opfer⸗ willigkeit der Liebe hebt uns empor und macht uns dem Manne ebenbürtig.“ „Wenn das Schickſal Dich prüft, Editha,“ antwortete Gabriele wehmüthig, dann wollen wir ſehen, ob Du die Kraft haſt, Deine Anſichten zu bewähren.“ „Mich kann das Geſchick nicht prüfen!“ rief Editha mit begeiſterten Blicken,„ich ſtehe über dem Geſchicke, ſo weit die Liebe daſſelbe zu regeln vermag.“ „Und wenn zum Beiſpiel Johannes ohne feſte und beſtimmte Erklärung gegen Dich Magdeburg verläßt?“ fragte Frau Kaiſerling ſanft. „Dann warte ich, bis ich ruhiger geworden bin, ſichte mein Gefühl für Johannes und finde ich es bis auf den Grund meines Herzens feſt und lauter, ſo wird dieſe Rele wohl ausreichen, mich ohne ſeinen Beſitz als Gatten für all andern Lebensfreuden zu entſchädigen!“ antwortete das junge Mädchen ſo entſchieden, daß man unwillkürlich den längſt gefaßten Beſchluß heraushörte. Du wollteſt dieſer erſten Erfahrung wegen nie hei⸗ 7 * * — 15 rathen?“ fragte Frau Kaiſerling etwas erſchreckt von Edi⸗ tha's Entſchloſſenheit. „Nein! Im Geiſte gehöre ich zu Johannes. Was äußerliche Formen hinzu zu fügen vermögen, iſt weniger bindend für mich, als was ich fühle. Kann man eines andern Mannes Gattin werden, wenn man innerlich einem Geliebten mit allen Gedanken angehört?“ „Kleine Schwärmerin!“ flüſterte Frau Kaiſerling. Gabriele aber reichte mit leuchtenden Augen der Schweſter die Hand. Jetzt trat der Aldermann ein. Mit einem ſo harm⸗ los lächelnden Gruße, daß die Frauen einen verwunderten Blick tauſchten, rannte er mehrmals, die Hände reibend, im Zimmer auf und ab, ohne ein Wort zu ſprechen. Sein innerliches Frohlocken war befremdend, wenn man, abgeſehen von den Frevelthaten, die den Damen noch . nicht einmal bekannt waren, die erſchütternden Scenen zwi⸗ ſchen einem vodtgeglaubten Schwiegerſohn und einem Schwiegervater im Auge behielt und ſehr erwartungsvoll horchten ſie auf, als er endlich ſtehen blieb und lachend ausrief: „Ich möchte nur, Ihr hättet ſein Geſicht geſehen— paßt auf, der reitet ſich i immer tiefer hinein!“ „Wer? Kotſchinski?“ fragte Frau Pe ſerlng 16 Schnell verdüſterte ſich das ganze Geſicht des Alder⸗ mannes. „Schweigt mir von dem miſerablen Schurken!“ ſchrie er entflammt bis zur Wildheit.„Das iſt ein erbärmlicher Menſch— aber er hat ſich hier ſchon auf Erden eine Ver⸗ geltung aufgebürdet— ſeine Frau iſt ein Teufel— „Seine Frau—“ unterbracheß ihn alle drei Frauen gleichmäßig erſtaunt. Kaiſerling, aus dem Context gebracht, blieb ſtehen und ſah ſie verwundert an.„Nun— wißt Ihr denn das noch nicht?“ fragte er ärgerlich. Er vergaß, daß er ſelbſt eben erſt die unerfreuliche Entdeckung gemacht hatte. „Haſt Du es denn ſchon früher gewußt?“ meinte Frau Kaiſerling forſchend. Kaiſerling beſann ſich. Die Zwiſchenkomödie mit Vogler hatte ſeine Gedanken ſo vollſtändig in Anſpruch genommen, daß er einiger Minuten bedurfte, um ſich zu⸗ recht zu finden. Dann kam er in Zug und erzählte, theils leidenſchaftlich und zornig, theils aber auch humoriſtiſch, die ganze Geſchichte, welche er im Buſſer'ſchen Hauſe erlebt hatte. Seine tiefe und ſchmerzliche Erſchütterung blickte je⸗ doch aus der ganzen Schilderung hervor und verſöhnte ſelbſt Gabrielen mit den Ausbrüchen, die er ſeiner gründ⸗ lichen Verachtung lieh. 17 „Was ich thun werde, weiß ich noch nicht genau,“ ſchloß er endlich traurig und ſichtlich erſchöpft.„Es iſt mir eine Genugthuung, daß Gabriele die erſte, alſo nach un⸗ ſern Geſetzen die rechtmäßige Frau des Niederträchtigen iſt.“ „Was würde uns das in den Augen des Publikums nützen,“— warf Frau Kaiſerling ein. Gabriele, zuſam⸗ mengeſunken unter der Laſt dieſer neuen Erfahrung, die endlich ihrem Gemüthe was Stahl und Eiſen beimiſchte, hob ſchnell den Kopf empor. „Habe ich nicht einen Sohn, deſſen Recht auf den Namen zu vertreten iſt?“ fragte ſie ernſt.„Ich wünſche, mein Vater, ich verlange ſogar, daß Du gerichtlich entſchei⸗ den läſſeſt, wer von uns beiden Frauen den Namen einer Frau von Kotſchinski zu führen berechtigt iſt. Die Augen des Publikums dringen in alle Geheimniſſe. Wollten wir jetzt den Schleier des Geheimniſſes nicht lüften, ſo würde man an unſerm Rechte zu zweifeln Urſache haben. Ent⸗ larven wir alſo den frechen Heuchler, den abſcheulichen Lüg⸗ ner, der mein Leben vergiftet und meines Sohnes Zukunft gefährdet hat. Sein eigener Sohn hat uns die Beweiſe ſeiner Identität in die Hände geliefert,— ſehen wir da⸗ rin Gottes Gericht!“ Sie erhob ſich, um das Zimmer zu verlaſſen und in der Einſamkeit Alles das nun auf ewig zu begraben, was in ihr gelebt hatte. 1858, XI. Vorwärts! II. 2 18 Editha umſchlang ſie, leidenſchaftlich bewegt, mit bei⸗ den Armen:„Meine Schweſter,“ flüſterte ſie. Der Ac⸗ cent, mit dem ſie ſprach, verrieth Achtung und Würdigung, ſowie das zärtlichſte Bedauern. Zweites Capitel. Wir kehren nun zu dem Kauf⸗, Brau⸗ und Raths⸗ herrn Vogler zurück, deſſen Stimmung beinahe der des Schiller'ſchen Wallenſtein gleich kam, wo er ſich frägt: „Wär's möglich? Könnt' ich nicht mehr, wie ich wollte, ——— ich müßte die That vollbringen ꝛc.“ Ganz ähnlich dachte Vogler, als er mit derben, ſehr hörbaren Schritten ſein Comtoir durchmaß und nach ſtun⸗ denlangem Grübeln immer noch auf derſelben Stelle war. Er ſah nachgerade ein, daß ihm nur die Alternative blieb: entweder Stephan zu ſeinem Schwiegerſohn zu machen, oder ihn, ſeinem gegebenen Schwur zuwider, fallen zu laſ⸗ ſen. Sein Herz drängte ihn zu dem erſten und ſeine be⸗ währte Conſequenz zwang ihn ſogar dazu. Aber die Ar⸗ muth Stephan's, ſeine unbedeutende Stellung der Welt ge⸗ genüber und das Spottlächeln der Bekannten über dieſe 19 Wahl, nachdem er Sara vier und zwanzig Jahre hatte werden laſſen, ſtellten ſich immer wieder mit Geſpenſter⸗ freiheit vor ſeine Seele, wenn er in ſeinem Entſchluſſe feſt geworden war. Er hielt ſich ſehr kernhafte Strafpredigten über ſeinen erſten übereilten Entſchluß: ſich zum Protector dieſes jungen Mannes aufzuwerfen und er bereute zum erſten Mal in ſeinem Leben das, was er gethan hatte. Unter ſolchen Umſtänden erhob ſich ſeine Stimmung ganz natürlich zu dem oben angeführten Pathos. Frau Suſanne und Sara ſaßen unterdeſſen ganz ge⸗ müthlich mit Stephan im Eßzimmer und warteten auf den Eintritt des Hausherrn, um dann ſogleich zu Tiſche zu gehen. Sie plauderten und waren weder ängſtlich noch neugierig, als Minute an Minute ſich reihete, ohne Herrn Vogler zu bringen und zuletzt Viertelſtunde nach Viertel⸗ ſtunde verſtrich. Endlich erſchien er. Stephan ſtand höflich auf, um ihn zu grüßen.— Mutter und Tochter beeilten ſich, ihre gewöhnlichen Funktionen zu übernehmen, um den Sturm, den die bewölkte Stirn des„Herrn“ verkündete, ſchon im Entſtehen zu dämpfen. Stephan öffnete die Thüre, um die andern Commis herbeizurufen. „Bleibt'mal hier, Ihr Frauensleute!“ befahl der Hausherr. Ahnungsſchwer hemmte Sara ihren ſchnellen Schritt und beklommen legte Frau Suſanne die Serviette 2* 20 wieder hin, die ſie über ihre ſeidene Schürze hatte ſtecken wollen. Vogler ſtellte ſich ſteif und ernſt mitten in die Stube, ſo daß er Stephan zur rechten, Sara zur linken und ſeine Frau dicht vor ſich hatte und begann: „ier, Stephan, iſt meine Tochter Sara,— ſie iſt von heute ab, Deine Braut und wird in kürzeſter Friſt Deine Frau. Nun laßt uns eſſen!“ Die Kataſtrophe war jedoch zu raſch und überwälti⸗ gend herein gebrochen, um nicht die gewöhnlichen Schran⸗ ken des hergebrachten Reſpectes durchbrechen zu ſollen. Ehe Vogler es ſich verſah, fühlte er ſich von den ſtar⸗ ken Armen Stephan's umfaßt und Sara's Lippen auf ſeinen Händen. Dieſer kindliche Ausbruch von Entzücken war wortlos und nur die Thränen im Auge verriethen die in⸗ nere Gemüthsbeſchaffenheit. Die Kennzeichen tief empfundenen Glückes verfehlten ihre Wirkung nicht, ſie machten den Haustyrannen plötzlich zum Menſchen. Zuerſt irrte ſein Blick von Stephan zu ſeiner Toch⸗ ter, dann blickte er bewegt ſeine Ehegattin an und ſein Auge feuchtete ſich. „Kinder, wenn Ihr Euch ſo glücklich durch meine Be⸗ ſtimmung fühlt, ſo ſoll es mich wahrhaftig freuen, daß das 21 Geſchick mich dahin geleitet hat. Sara, mein Kind, haſt Du denn den langen Jungen, den Stephan, ſo ſehr lieb?“ Das Mädchen lächelte ſeelenvoll unter ihren rinnen⸗ den Thränen. „Wenn es der Herr Vater erlaubt,“ entgegnete ſie ſchnell.„Ja, ich habe nichts auf der Welt ſo lieb, wie Stephan.“ „Nur mich ausgenommen,“ fügte Vogler mit einem Anfluge von Humor hinzu. „Nein, den Herrn Vater nicht ausgenommen,“ wagte Sara mit demſelben Humor zu erwiedern. Vogler nahm es ſehr gut auf. Er lachte, indem er fragte: „Und das ſcheint Herr Stephan ſchon zu wiſſen.“— Stephan wollte ehrlich mit der Sprache heraus. Ein ſchneller Augenwink der Frau Suſanne, die dem Frieden nicht traute, ließ ihn klüglich zaudern, und ein guter Geiſt gab ihm dann die ausweichende Antwort ein: „Wie lieb ich Ihre Tochter hatte, das wußte ich wohl, aber daß ſie mich mehr lieben ſollte, als den Herrn Vater, das kann ich nicht glauben.“ Vogler war zufrieden mit dieſer Erklärung. Er be⸗ fahl, das lange verzögerte Mittagseſſen anzurichten und nahm ſogleich beim Eintritte der übrigen Tiſchgenoſſen Veranlaſſung, Stephan Kühne als ſeinen nunmehr feſt be⸗ 22 ſtimmten Compagnon und Verlobten ſeiner Tochter zu declariren. Das ſchlecht verhehlte Erſtaunen der jungen Commis war der erſte Nadelſtich, den er vom Urtheile der Welt er⸗ hielt und wir müſſen fürchten, daß ihm nicht allein bei die⸗ ſer Gelegenheit, ſondern noch hundert Male bei andern Veranlaſſungen ſeine erſte Uebereilung gereuet hat. Er bot zwar der Mediſance eine eiſerne Stirn, aber ſeine Freunde wollten finden, daß er den Kopf höher recke und ſeine Augen grimmiger leuchten laſſe, ſo wie er einem un⸗ ſchuldigen Gelächter begegne. Uebrigens focht er, wie Sancho Panſa, gegen Mühlenflügel, denn das ſichtliche Glück der ſo ſonderbar ſchnell Verlobten brachte alle Gut⸗ geſinnten ſchnell auf ihre Seite und es wurde dabei eher mit Lob, als mit Tadel des Vaters gedacht, der nicht nach Geld und Gut geſehen, ſondern dem armen, braven Stephan ſein Kleinod gegeben hatte. Weshalb er das gethan, das wußte Niemand beſſer, als der Aldermann Kaiſerling, der diesmal eine große Dis⸗ cretion bewies und nichts davon ausplauderte. 23 Drittes Capitel. Das Haus des Rathes Rentelow war ein hübſches kleines zweiſtöckiges Gebäude in der neuen Kloſterſtraße, wovon er ſeit dem Tode ſeiner Gattin und den häufigen Abweſenheiten ſeines einzigen Sohnes nur die kleinere Par⸗ terre⸗Wohnung inne hatte. Sein Sohn bewohnte für diesmal ein kleines Garten⸗ haus, das ihm mehr Licht zu ſeinen Arbeiten und mehr Freiheit, ungeſtört zu arbeiten, bot. Er hatte ſeit mehreren Tagen die Dankadreſſe nebſt der Gratificationsbeilage in Händen, konnte alſo mit Stolz und Zufriedenheit auf ſeine Arbeit zurückblicken, aber dennoch lagerte ein entſchiedener Mißmuth auf ſeinen ſonſt ſo lebensfrohen Mienen und dieſer vermehrte ſich auffallend, als er eines Morgens einen Brief erhielt, der ihn aufforderte, ſchleunigſt nach der Re⸗ ſidenz des Herzogs von B. zu kommen, woſelbſt ihm der Bau eines Schloſſes übertragen werden ſolle. Aergerlich warf er den Brief auf den Tiſch und ſtützte ſein verdrießliches Geſicht auf die gefalteten Hände. So traf ihn ſein Vater. Zwiſchen dieſen beiden Leuten herrſchte ein wunderliches Verhältniß, das ein Ge⸗ miſch von gegenſeitiger Gefälligkeit, feiner Lebensart, ge⸗ 24 genſeitigem Reſpecte und wohlwollender Ueberſchätzung war.— Der Vater hielt ſeinen Sohn für ein Licht neuer Weltanſchauungen und der Sohn ſah in ſeinem Vater eine Zierde der Büreaukratie. Man ging ſehr ſubtil mit einander um, nannte ſich zwar nicht„Herr Vater“ und„Herr Sohn“, behandelte ſich aber ganz in dieſem Sinne. Trotz all' der ſteifen Etikette war es dennoch ein ſchö⸗ nes Verhältniß voller Rückſicht und Discretion, das vielen Familienvätern zum Vorbild dienen ſollte, welche ſich nicht entſchließen können, erwachſenen und tüchtigen Söhnen die Berechtigung angedeihen zu laſſen, die ihnen zukommt. Bisweilen artete freilich die Rückſichtsnahme bei Ren⸗ telow's bis zur Pedanterie aus und hierin lag der Grund, weshalb Johannes ſeit einiger Zeit tief verſtimmt war. „Ich werde Magdeburg in den nächſten Tagen ver⸗ laſſen,“ rief der Sohn dem Vater entgegen. „So bald ſchon!“— erwiederte dieſer. Statt jeder Antwort hielt Johannes ihm den Brief hin und ſchien, während der Rath bedächtig las, zu überlegen, ob er nicht befugt ſei, bei ſo bewandten Umſtänden die Erklärung, eventualiter die Entbindung eines Verſprechens von ſeinem Vater zu fordern, welches ihn ſelbſt unglücklich machte und ihm in den Augen Editha's jedenfalls ſchadete. 25 „Du gedenkſt dem Rufe nach B. zu folgen?“ fragte der Rath, langſam den Brief zuſammen faltend. „Ja, lieber Vater, Sie wiſſen, daß ich eifrig danach ſtrebe, mir eine feſte Stellung in der Welt zu gewinnen,“ entgegnete Johannes, ehrerbietig einen Stuhl für den Va⸗ ter zurecht rückend. „Laß gut ſein, mein Sohn, ich habe keine Zeit. Es iſt große Seſſion!“ Wieder keine Zeit— immer keine Zeit! dachte Jo⸗ hannes innerlich ſchmollend, während ſeine Stirn glatt und das Lächeln ſeines Multdes unverändert blieb. „Um ſo ſchneller muß ich Sie bitten, mein beſter Vater, mich von dem Verſprechen zu entbinden, das mich ſeit einigen Wochen von einem Hauſe fern hält—“ Der Rath wehrte haſtig mit der Hand.„Wenn ich wieder komme, mein Sohn! Ich bin wirklich preſſirt—“ „Aber, lieber Vater, dann geſtatten Sie mir wenig⸗ ſtens, Ihnen eiligſt die Gefühle—“ „Lieber Johannes, Du würdeſt mich ſehr verbinden, wollteſt Du mich bis nach der Seſſion mit Deinen Privat⸗ angelegenheiten verſchonen. Wenn ich wieder komme, wollen wir das pro und contra dieſes Vorſchlages erwä⸗ gen und dann auch Rückſprache nehmen, was mit Kaiſer⸗ ling's werden ſoll.“ Er blickte dem jungen Manne, dem eine Zornesröthe 26 heiß in's Geſicht geſtiegen war, wohlwollend in's Auge, wollte hinaus gehen, kehrte aber ſchnell wieder um. „Kannſt Du denn dem alten Vater zu Gefallen nicht 8 ein paar Wochen ſpäter glücklich werden, Johannes?“ feeagte er mild. „Wenme mein Glück an meinem ſeltſamen und belei⸗ digenden Zurückziehen nicht gänzlich ſcheitert,“ meinte der junge Mann etwas bitter. 3 „Ich kenne meinen Kaiſerling!“— rief der Rath lachend. „Aber Sie kennen Editha nicht! Sie kennen dies reine aber ſtahlfeſte Herz nicht! Iſt hier jemals eine Saite in Disharmonie geſprungen, ſo kehrt das Vertrauen zu mir nie wieder zurück!“ Der Rath wehrte wieder mit der Hand ab.„Die Stimmung dieſer Saite übernehme ich, mein lieber Sohn.“ „Können Sie den Schatten der Unmännlichkeit von mir waſchen?“ „Unmännlichkeit?“— wiederholte der Rath kopf⸗ ſchüttelnd. „Es iſt unmännlich, wie ich handle.“— „Deinem alten Vater zu Liebe?“ „Es bleibt unmännlich, Editha gegenüber, die mit kindlichem Vertrauen mein Herz annahm.“— 27 „Das ſind neumodige Anſichten, mein Sohn! Sie mögen mit den Dampfanſichten, die Du hier“— er deu⸗ tete auf ein kleines Manuſcript, das aufgeſchlagen lag „entwickelt haſt, wohl parallel laufen und zugleich zur Gel⸗ tung kommen. Für jetzt hält man es nicht für unmännlich, ſeine Herzensempfindungen dem Willen des Vaters unter⸗ zuordnen. Tröſte Dich noch einige Stunden,— wenn die Seſſion aus iſt, wollen wir ſehen, was ſich thun läßt.“ Johannes blieb allein. Der kühne Reiſende, der ge⸗ lehrte Forſcher, der grübelnde Mathematiker und Phyſiker ſaß eine lange Zeit, ſeinen Herzensangelegenheiten gänzlich hingegeben und mußte ſich ſelbſt rathlos erklären, dem Eigenwillen ſeines Vaters gegenüber. Johannes wußte nichts von der Scene im Kaiſerling⸗ ſchen Hauſe, woran ſein Glück ſchon im Keime geſcheitert war. Sein Vater war zu ſtolz, um dem mißlungenen Ver⸗ ſuche Worte zu leihen. Als er aber bemerkte, wie ſchnell zwei junge Herzen, dem väterlichen Kriegserklärungen gleich⸗ ſam zum Trotze, ſich unauflöslich verbanden, da regte ſich in ihm ein Rachegefühl. Er nahm ſeinem Sohne ein Verſprechen ab, keinen Schritt in Kaiſerling's Haus zu thun, bevor er es ihm nicht geſtatte. Daß er dadurch allein dem Aldermann eine De⸗ müthigung bereiten wollte, iſt bei ſeiner Vorliebe für Edi⸗ tha ganz leicht einzuſehen, er dehnte aber ſeine Macht über 28 Johannes ſo weit aus, daß nicht dieſem allein, ſondern auch dem jungen Mädchen eine Pein daraus erwuchs. Johannes hatte den Einfall ſeines Vaters für eine vorübergehende Laune gehalten, die ſich auf den Vorfall beim Mittagsmahle im Vogler'ſchen Hauſe baſiren konnte und er betrachtete ſein Verſprechen keineswegs in der Art für bindend, wie ſein Vater es heiſchte. Aber nicht gewohnt, die Veranlaſſung irgend eines Zerwürfniſſes zwiſchen ihnen zu ſein, fügte er ſich, bis die Qual der Entbehrung ihn be⸗ ſchlich und die Furcht über ihn kam, ſein Vater gehe darauf aus, eine Verbindung mit Editha zu hintertreiben. Bei dieſer Vorausſetzung war es nothwendig, eine Erklärung von demſelben zu fordern. Der Rath ſtellte ein ſolches Vorhaben gänzlich in Abrede, verſchob jedoch auf dieſelbe Weiſe, wie an dieſem Morgen, jede ſpe⸗ eiellere Auslaſſung, weil er von einem Tage zum andern den Aldermann mit der Anerkennung von ſeines Sohnes Fähigkeiten hervortreten zu ſehen hoffte. Dieſe Demüthi⸗ gung ſollte der Wendepunkt im Geſchicke der Liebenden werden. Er wollte dann ſeinen Antrag in aller Form er⸗ neuern und die Uebereilung des Aldermannes mit allen ihren Beleidigungen chriſtlich vergeben. Johannes wußte nicht, was ſein Vater für Beding⸗ ungen geſtellt hatte, ſonſt würde es ihm leicht geworden ſein, durch eine Andeutung die glückliche Wendung herbei 29 zu führen. Er war getrennt von Editha,— er lud durch die Vernachläſſigung des geliebten Mädchens den Schein launiſcher Kaltherzigkeit auf ſich und er war in Gefahr, durch ſeine Unterwerfung in des Vaters Willen, ſein gan⸗ zes Lebensglück zu untergraben. Solche Grübeleien boten Grund genug, ſein Blut etwas in Wallung und ihn zu beſtimmten Oppoſitions⸗ plänen zu bringen. Er ſetzte ſich den Abend zum letzten Termine ſeiner Geduld und erwartete mit ziemlicher Unge⸗ duld das Ende der Seſſion, um ſeine Willenserklärung dar⸗ über abzugeben. Das Schickſal wollte aber den Rath Rentalow nicht um die Satisfaction betrügen, die er vom Aldermann Kai⸗ ſerling zu fordern berechtigt war. Die Seſſion war geſchloſſen und der Rath ſchritt mit der ganzen graziöſen Gravität, welche die Mode mit ſich führte, ſeiner Behauſung zu. Als er von der Regierungsſtraße in die Kloſterſtraße einbiegen wollte, traf er jählings mit dem Aldermann zu⸗ ſammen, der eilig trippelnd um die Ecke ſchoß. „Ah,— Herr Rath,⸗— rief er, freudig den Hut ſchwenkend, mit ganz extraordinären Verneigungen,„ich bin entzückt, Sie zu treffen. Ich war in Ihrem Hauſe,— habe Sie ſchon ein Weilchen erwartet.“— „So?“ entgegnete der Nath höchſt lakoniſch. 30 „Darf ich mir erlauben, Sie wieder zurück zu be⸗ gleiten?“ „Warum nicht!“— Die Herren gingen mit einan⸗ der und betraten nach gehörigen, ceremoniellen Komplimen⸗ ten das Zimmer des Raths. Kaum hatte Kaiſerling die Thür hinter ſich geſchloſſen, als er ohne Weiteres begann: Ihr Sohn Johannes iſt ein Gott! Ich bin außer mir vor Bewunderung.“— „So!“— warf der Rath ein. „Ich ſage pater peccavi! Mit vollſter Anerkennung erkläre ich mich für überwunden und lege mich Ihnen und Ihrem Herrn Sohne pflichtſchuldigſt mit meinen Sünden zu Füßen.“— „So!“— replicirte der Rath, indem er ſeine Acten auf das Arbeitspult legte. „Von Herzen bitte ich um Verzeihung.— Vergeſſen Sie, was ich ſündigte.— Sie knüpften damals eine be⸗ ſondere Bedeutung an Ihren Beſuch.“— „Daß ich nicht wüßte!“ „Gerade heraus.— Wollen Sie meine Tochter Editha für Ihren Sohn?“ „Hm!“ „Sie wollen nicht! Beſter Rath, wie verſtehe ich das? Gefällt Ihnen meine Kleine nicht?“ „Sie gefällt mir wohl, aber—“ N 31 „Aber der Vater nicht!“ „Kann ſein!“ „Ich will mich beſſern, beſter Rath!“ Der Rath verbarg mühſam ein Lächeln des Wohl⸗ wollens.. „Wird vergebliche Mühe ſein. Schwentſer iſt ein zu angenehmer Rathgeber!“ „Schwentſer?“ wiederholte Kaiſerling ſehr beſtürzt. „Ja,— ja, Sie haben Recht! Schwentſer iſt an Allem Schuld. Meine Frau ſagt es auch. Der Kerl ſoll mir nicht wieder über die Schwelle.“— „Und was wird dann aus Ihrem theuren Haupte?“ „Ich laſſe mich nie wieder friſiren!“ „Laſſen alſo Ihr Haar wild wachſen—“ „Ja! Jal“ „Um wie ein Geiſterbeſchwörer die Straßen Magde⸗ burgs zu durchfliegen?“ „Ja! Ja! Ja!“ „Ziehen auch wohl ein ſchwarzes Habit an?“ „Ja! Jal Jal Ja!“ Der Rath lachte. Er klopfte den Aldermann gütig auf die Schulter. „Sie ſind ein Poltron, mein Lieber! Aber wir wol⸗ len uns die Sache überlegen.“ „O, Verehrter, was iſt da lange zu überlegen. Meine 32 Editha liebt Ihren Johannes mit aller Schwärmerei einer Kinderſeele.“— Der Rath nickte wohlgefällig.„Ihre Tochter zeigt Verſtand, wenn ſie das thut.“ „Und Ihr Sohn Geſchmack, daß er meine Editha ganz begeiſtert wieder liebt!“ „Das wollen wir doch erſt zu erforſchen ſuchen. Ich verhandle meinen Sohn nicht. Wenn ich Zeit habe, will ich noch heute mit ihm ſprechen!“ „Wenn Sie keine Zeit haben ſollten, Verehrter, ſo übertragen Sie mir doch gefälligſt dies Amt. Ich habe für meine Kinder immer Zeit!“ „Haben Sie es ſo ſehr eilig, Ihre Tochter zu verlo⸗ ben?“ fragte der Rath, gutmüthig ſpottend. „Wenn die Verlobung Glück und Ruhe für meine Tochter mit ſich bringt, ja. Es iſt eine verwünſchte Schwachheit von mir, daß ich die Dinger, die man„Thrä⸗ nen“ nennt, nicht ohne Herzeleid ſehen kann.“ „Editha hätte geweint?“ fragte mit warmem In⸗ tereſſe der Rath. „Zwei Thränen, nur zwei große, kalte Tropfen, die ihr ſtill über das liebe Geſicht liefen, als ich ihr heute früh erzählte, Johannes werde Magdeburg verlaſſen.“ Der Rath ſtand, zuerſt ganz aus aller Faſſung ge⸗ bracht, im Nachdenken verſunken. „Ich Barbar,— o,— ich Barbar!“ murmelte er. „Das liebe, ſüße Kind,— mein liebes Töchterchen,— o, — ich Barbar!“ Dann öffnete er ſchnell die Thüre und ſchrie den Namen ſeines Sohnes mit ſolcher Vehemenz, daß der Schall wirklich über Hof und Garten, bis zu dem ſtillen Gartenhauſe drang, wo Johannes arbeitete. Er folgte dem Rufe ſofort. „Johannes, mache Dich eilend auf. Die kleine Edi⸗ tha hat Deinetwegen geweint.— Geh'! Geh' Küſſe ihr die Thränen aus den hübſchen Augen.— Geh'! Geh'!“ Johannes kam natürlich dieſem väterlichen Befehle nicht nach, ſondern verlangte Aufklärung über die Vor⸗ gänge, welche den Aldermann hergeführt hatten. Er er⸗ hielt die getreueſte Schilderung des Vorfalles, der die Saat zur Zwietracht zwiſchen ſeinem Vater und dem Va⸗ ter ſeiner Geliebten ausgeſtreut hatte. „Aber ich bin belehrt, junger Freund, ganz belehrt, daß der Puder und Zopf zur Weisheit nichts fördern,“ ſchloß der Aldermann ſeine heitere Berichterſtattung. „Zur Sühnung Ihres Verbrechens gegen mich,“ ent⸗ gegnete Johannes freundlich,„fordere ich, daß Sie ſich je⸗ der Mittheilung über dieſen Gegenſtand ſowohl, als über Ihren Beſuch hier bei uns, ganz enthalten.“ „Das iſt eine ſchwere Strafe!“ rief Kaiſerling in ko⸗ 1858. XI. Vorwärts! II. 3 3 34 miſcher Verzweiflung.„Wie lange ſoll ich das Schloß vor dem Munde tragen?“ „Bis Editha meine Braut iſt!“— Kaiſerling ath⸗ mete frei auf.— „Nach meinen Begriffen iſt die Liebe das Heiligthum zweier Herzen, das durch die Worte eines Dritten enthei⸗ ligt wird,“ fügte der junge Mann mit feſtem, männlichem Ernſte hinzu. „Das ſind neue Erfindungen in der Naturgeſchichte vom Menſchen,“ ſagte Kaiſerling lachend.„Es wird aber Alles acceptirt, was der Herr Sohn in spe zu beſchließen beliebt. Wir, Freund Rentelow, betrachteten die Heiraths⸗ affaire von einem andern Geſichtspunkte und unſer Weg zum Glücke war ein ſicherer. Ehe die Väter gegenſeitig die Geldſäcke nicht abgewogen und für den eventuellen Fall nicht eine Summe ſicher angelegt hatten, wurden ſonſt die Kinder nicht benachrichtigt, daß ſie ſich lieben durften. Un⸗ ſere Naturgeſchichte lehrte alſo den Alten, ein Neſt zu bauen und gegen etwaige phyſikaliſche Experimente der Handels⸗ welt, die auch bisweilen explodiren, zu ſichern.— Die Na⸗ turgeſchichte der Zukunft wird nach dem Stande der Him⸗ melskörper, mit mathematiſcher Gewißheit, das Glück der Herzen berechnen, die Heirathen mit dem Dampfe der Illu⸗ ſionen betreiben und nach der erſten Erkenntniß trübſeliger Erfahrung mit der Naſe auf die Erde fallen! Adio,— meine Herren. Wünſche wohl zu ſpeiſen,— wenn wir uns wieder ſehen, ſind wir Bräutigam!“ Lachend ent⸗ eilte er. Der Rath ſah ihm faſt gerührt nach.„Es iſt im Grunde ein prächtiger Menſch,“ ſagte er,„aber pater peccavi mußte er erſt ſagen!“ Viertes Capitel. Kaiſerling eilte froh heim. Obwohl er ſein Wort gegeben, über die Vorfälle im Rentelow'ſchen Hauſe zu ſchweigen, ſo hatte er doch den feſten Entſchluß gefaßt, keine Minute zu verlieren, um ſeine Tochter Editha durch ver⸗ ſtändliche Andeutungen zu beruhigen. Ihm ahnte nicht, daß ſich während ſeiner kurzen Ab⸗ weſenheit curioſe Dinge zugetragen hatten. Schon am Morgen war bei der Frau Gabriele ein Lakai erſchienen und hatte dieſe mit unverſchämten Mienen aufgefordert:„Sogleich zu ſeiner gnädigen Frau, oben auf dem Neuen Markte im Buſſer'ſchen Hauſe, zu kommen.“ Gabriele ſah den Burſchen eine kleine Weile höchſt befremdet an und fragte mißbilligenden Tones:„Wer ſeine gnädige Frau ſei und was ſie von ihr wolle.“ 3* 36 Der Lakai, in der Vorausſetzung, das Recht, was ſeine Dame ſich genommen habe, auch ausüben zu dürfen, antwortete kurz und unhöflich. Darauf ſchloß Gabriele ihre Thür und beachtete den unverſchämten Boten mit ſeiner noch unverſchämtern Be⸗ ſtellung gar nicht weiter. Ihm blieb nichts übrig, als unverrichteter Sache nach Hauſe zurück zu kehren und der hochmüthigen Herrin Be⸗ richt zu erſtatten. Nach einer Stunde kam er abermals zu Gabriele, richtete nun eine höfliche Beſtellung und Bitte um den Be⸗ ſuch der Madame bei ſeiner gnädigen Frau aus. Auch dies Mal mußte er mit einer beſtimmt ausge⸗ ſprochenen Weigerung zu kommen, zurückkehren, da Ga⸗ briele nicht die mindeſte Luſt verſpürte, eine Zuſammenkunft mit der Frau zu wünſchen, die ihre Nebenbuhlerin war. Es währte nicht lange, ſo hielt eine pomphaft ausge⸗ ſchmückte Sänfte vor der Thür des Kaiſerling'ſchen Hauſes, der eine prachtvoll in Stoff und Goldbrocat gekleidete Dame entſtieg, deren Geſicht dicht verſchleiert war. Sie trat in's Haus und verlangte mit lauter befehlender Stimme, zu der Frau geführt zu werden, die ſich herausnehme, ſich Frau von Krſchinst zu nennen. Man führte ſie oben hinauf, wo Gabriele wohnte. Dieſe war keine Minute in Zweifel, wen ſie vor ſich 37 hatte, als die Dame, ohne den Schleier zu heben, mit thea⸗ traliſch königlichem Anſtande in ihr Zimmer trat und ſie ſtand auf, um ſie mit würdevoller Artigkeit zu begrüßen. Sie mußte es ſich gefallen laſſen, von der Gnädigen eine volle Minute durch den Schleier hindurch gemuſtert zu werden, bevor ſie es der Mühe werth hielt, ein Wort an ſie zu richten. Endlich begann ſie hochfahrend: „Sie ſind alſo des Kaufmannes Tochter, die Alexan⸗ der von Kotſchinski's Frau geweſen ſein will.“ Gabriele richtete ſich ſtolzer auf. Ihr reizendes Ge⸗ ſicht färbte und belebte ſich und ihre ſchöne ſchlanke Figur trat in der feſten und edlen Haltung überraſchend hervor. „Mit wem habe ich die Ehre zu ſprechen?“ fragte ſie kalt und beſtimmt. Dabei trat ſie mit einer graziöſen Wendung ganz dicht vor die Dame hin, ſah ihr forſchend in das verſchleierte Antlitz und fügte hinzu:„darf ich bit⸗ ten, ſich zu entſchleiern. Sie haben hier weder unberufene noch unbeſcheidene Blicke zu fürchten!“ Mit einem Hyänenblicke warf die Gnädige den Schleier zurück. Gabriele erſchrak vor der Häßlichkeit ihrer großarti⸗ gen Züge, und ihre Mienen mochten etwas von ihren in⸗ nerlichen Gefühlen verrathen, denn die Dame rief im höch⸗ ſten Zorne: „Wenn es mir ſonſt nicht convenirte, meinen Schleier —— ——— 38 abzunehmen, ſo würde eine Perſonnage, wie Sie, mich nicht dazu zwingen. Es iſt ridicule, mir gegenüber ſich derglei⸗ chen zu erlauben. Wer ich bin, fragen Sie? Des Edeln von Kotſchinski rechtmäßige Gemahlin, und außerdem eine geborne Freiin Wildemann von Buſſer. Haben Sie et⸗ was dagegen einzuwenden?“ „Durchaus nicht, was Ihre Geburt und Ihr Verhält⸗ niß zu Kotſchinski betrifft,“ antwortete Gabriele mit ruhi⸗ gem Spotte.„Aber, daß Sie ſeine rechtmäßige Gemahlin ſind, beſtreite ich. Kotſchinski iſt mein rechtmäßiger Gatte.“— „Sie werden ſich ein Dementi mit ſolchen Behaup⸗ tungen geben.“ „Fürchten Sie nichts für mich.“ „Wer will beweiſen, daß der Edle Alexander von Kotſchinski, den ich als Gemahl beſitze, derſelbe iſt, der ſich weggeworfen haben ſoll, eine Kaufmannstochter zu hei⸗ rathen.“ „Das Geſchick ſorgte für den Beweis, als es die Hand meines Kindes zu meiner Rettung bewaffnete.“ „Ah, bah! Das klingt wie Kapriolen Ihrer Phan⸗ taſie und hat kein Gewicht. Was denken Sie für Profit davon zu haben, wenn Sie Ihre Prätentionen geltend machen?“ 39 „Die Makelloſigkeit meines Namens für meinen Sohn.“ „Geld hat Kotſchinski nicht, kann keine Alimente zahlen,“— fuhr die Dame, ohne dieſen Einwurf zu beach⸗ ten, fort.„Was er iſt, dankt er mir,— ich reichte ihm rettend meine Hand, als er ſein ganzes Hab und Gut in Baden verſpielt hatte, ich pouſſirt ihn bei Hofe, verſchaffte ihm die Gunſt unſers gnädigen Monarchen—“ „Sind Sie hergekommen, mir dies zu erzählen,“ fiel Gabriele ſchnell ein.„Bemühen Sie ſich nicht, es intereſ⸗ ſirt mich nicht im Geringſten.“ „Nein, Madame,— ich bin hergekommen,— ich habe mich herabgelaſſen, zu Ihnen zu kommen, um Sie zu avertiren, daß ich niemals dulden werde, Ihr Verhält⸗ niß, wenn es wirklich ſtattgefunden hat, reſtituirt zu ſehen.“ „Das iſt meine Abſicht auch nicht. Ich bin im Be⸗ griffe, meine Ehe mit Kotſchinski gerichtlich löſen zu laſſen.“ „Und doch haben Sie ſeinen Beſuch angenommen?“ Gabriele erröthete glühend. Ihre ſanfte Seele em⸗ pörte ſich bei der beleidigenden Bemerkung. „Um dem ehrloſen Manne das Recht zu ſolchen Be⸗ ſuchen zu nehmen,“ rief ſie heftig,„will ich mich öffentlich von ihm losſagen.“ „Miſerable!“ ſprach die Dame mit Hohn.„Wiſſen Sie, wofür ich Sie halte?“ 40 Gabriele fühlte, daß ſie alle Selbſtbeherrſchung nöthig hatte, um den Anſtand zu bewahren. Sie waffnete ſich mit dem größten Stoicismus, um die Qual einer Conver⸗ ſation, die ihr Herz zerriß, als Siegerin zu beenden. Gleich⸗ gültigkeit heuchelnd, während ſie zitternd erwartete, was für Beleidigungen dieſer Frage im Schooße lagen, fragte ſie:„Ich bin begierig das zu hören!“ „Für jenes Bürgermädchen, das Kotſchinski mit der Simulation: er ſei der von Sr. Majeſtät dem Könige Friedrich beſtellte Freier, ſo allerliebſt myſtificirte.“ „Sie irren,“ erwiederte Gabriele kalt.„Dies Bür⸗ germädchen war ſo klug, den Edelmann unausſtehlich zu finden.“ „O, aber der Vater ging in die Falle.“ „Niemals. Der Vater dieſes Bürgermädchens ver⸗ achtet den Adel und hätte ſeine Tochter niemals an einen Edelmann verheirathet.“ „Davon bin ich beſſer inſtruirt, meine Liebe,“ ſprach die Dame zurechtweiſend.„Ich war damals Hofdame der Königin und habe den ganzen luſtigen Spectakel mitge⸗ macht, den Kotſchinski anrichtete. Er hatte uns als Ver⸗ kündigung ſeines Sieges, einen Brief des Bürgers ver⸗ ſprochen, worin derſelbe die ganze adlige Sippſchaft des Schelmen um den Conſens zu der Verheirathung mit ſei⸗ ner Tochter anbettelte, und ich habe den Brief des demü⸗ * — 41 thigen Schächers ſelbſt geleſen und mit unterzeichnen helfen, natürlich unter dem endloſen Gelächter ſämmtlicher Hof⸗ damen.“ Gabriele hörte athemlos zu. Kotſchinski hatte wirk⸗ lich durch die Vorſpiegelung: der ſpeciellen Genehmigung ſeiner ſämmtlichen Anverwandten zu ſeiner Heirath mit einer Bürgerlichen zu bedürfen, ihren Vater veranlaßt, um die Erlaubniß dazu zu bitten. Er war durch dieſe Faxe alſo zum Gegenſtand des Gelächters derer geworden, die um das frevelhafte Spiel Kotſchinski's gewußt hatten. „Und ſolche ſtrafbare Myſtificationen geſchahen unter den Augen des großen Friedrichs,— vielleicht gar mit ſeiner Genehmigung?“ fragte die junge Frau mit ſo flam⸗ menden Augen und drohender Geberde, daß die Gnädige et⸗ was verlegen zurückwich. „Nun,— der König wußte nichts davon.“— „Und die Königin Eliſabeth lebt Gottlob noch, um ihr Urtheil über ſolche Streiche geltend zu machen,“ fügte Ga⸗ briele bitter hinzu. Die Gnädige ſchaute frappirt auf ihre Nebenbuhle⸗ rin, die den einzigen und richtigen Weg zu ihrer Niederlage ſogleich erkannt hatte. Jetzt galt es, eine dreiſte Stirn zu zeigen. „Bah,“— warf ſie leicht hin.„Ihre Majeſtät ſanc⸗ tioniren gleich der ganzen Nobleſſe des Staates, die nobles —— —— 42 passions des Edelmannes ſowohl, als ſeine menus plai- sirs.““ „Gut, wenn das königliche Haus und die ganze No⸗ bleſſe des preußiſchen Gebietes auch dieſe ſogenannten Schelmereien des Herrn von Kotſchinski zu unterſtützen für gut finden ſollte, ſo hoffe ich doch, daß ſie es eines preußi⸗ ſchen Edelmannes für unwürdig erklären werden, ſich Bi⸗ gamie zu erlauben, und zwar eine Dame von Geburt zu einer ungeſetzmäßigen Gattin zu degradiren,“ ſprach Ga⸗ briele mit merklichem Hohne. Die gnädige Frau ſchrak mächtig zuſammen und maß die dreiſte Bürgerstochter mit rollenden Augen. Dieſe er⸗ wiederte ihren Blick mit Hoheit und Verachtung. Zornig wendete ſich die Erſtere von ihr ab und rauſchte in ihrem ſteifſeidenen Kleide wild im Zimmer auf und nie⸗ der. Sie fühlte ſich von der harten Entſchiedenheit ihrer Nebenbuhlerin in die Enge getrieben. Der Plan, mit dem ſie hergekommen war, ſcheiterte an dieſem ſtolzen Charak⸗ ter. Die Heftigkeit, womit ſie ihren Fächer auf und zu klappte, gab ein deutliches Zeugniß von einer in ihr gäh⸗ renden Gemüthsſtimmung und ließ einen fürchterlichen Zornausbruch erwarten. Um ſo auffallender war die Ruhe ihres Tones, als ſie endlich, ſtehen bleibend, ſagte: „Madame,, ich mache Ihnen eine Propoſition von zwei⸗ hundert Louisd'or, wenn Sie Ihre Prätentionen renonciren.“ 43 Gabriele hob ſtolz den Kopf.„Und ich biete Ihnen tauſend Friedrichsd'or, wenn Sie mir meine Ruhe wieder⸗ geben und Alles ungeſchehen machen können, was mich bei⸗ nahe zu Tode quält.“ „Lächerliche Oſtentation. Sie ſcheinen die mercan- tille Ihres Vaters hoch anzuſchlagen. Tauſend Friedrichs⸗ d'or auf den Lippen wiegen leicht.— Hier!— Sie warf gewaltſam eine Börſe auf den Tiſch;— die Goldſtücke flo⸗ gen aus der Oeffnung derſelben auf den Tiſch und rollten blitzend darüber hin. Gabriele, von einem Gefühle übermannt, das ſie nie im Leben empfunden hatte, trat heftig auf die Gnädige zu, deutete herriſch mit der Hand auf das Geld und rief: „Augenblicklich nehmen Sie das Geld wieder an ſich! Reizen Sie mich nicht, Madame,— bringen Sie mich nicht zum Aeußerſten!— Gehen Sie mit dieſem Lumpen⸗ gelde, womit Sie mein Herzblut bezahlen zu können glau⸗ ben,— fort damit, fort! Gottlob, in den Bürgern des preußiſchen Staates lebt eine Ehre, die ſich gegen die no⸗ bles passions und die menus Dlalsles der Edelleute em⸗ pört und die, mit göttlichen und menſchlichen Geſetzen im Bunde, allen Frevel haßt und verachtet.“ Was war es, was die ſtolze Edeldame, die gefühlloſe Verächterin des Bürgerſtandes, plötzlich machtlos den Be⸗ fehlen der jungen Frau unterwarf? 44 Stumm raffte ſie die Börſe auf, ſtumm ſchritt ſie zur Thür. Dort blieb ſie ſtehen, richtetete ihre geiſterhaft ſtarr⸗ gewordenen großen Augen auf Gabriele und fragte ohne den Stempel des kraſſen Hochmuths, der ſonſt ihren Wor⸗ ten Accent geliehen hatte: „Sie bleiben alſo bei Ihrer Intention, ſich öffentlich Revanche zu verſchaffen?“ „Ja. Ich laſſe mich öffentlich ſcheiden, um dadurch zu beweiſen, daß ich geſetzlich verheirathet geweſen bin.“ „Und Sie werden als Grund Kotſchinski's zweite Ehe prononciren?“ „Ja. Es bleibt mir nichts weiter übrig.“ „Und mich, die Freiin Wildemann von Buſſer, für immer compromittiren?“ „Das kann ich nicht hindern! Meines Sohnes Zu⸗ kunft erfordert dieſe Schritte.“ „Ihr Sohn erbt dadurch einen blamirten Namen.“ „Der Name ſeiner Mutter wird dann um ſo reiner und makelloſer.“ „Sie machen mich unglücklich.“— „Bin ich glücklich?“ fiel Gabriele tief bewegt ein. „Freuen Sie ſich deſſen, wenn Sie reüſſiren.“— Gabriele ſchritt haſtig auf ſie zu.„Nein, bei Gott, ich werde Sie ſtets bedauern!“ „Das iſt leicht geſagt! Beweiſen Sie es! Ich liebe 4⁵ Kotſchinski,— ich verzeihe ihm ſeine Flatterien,— ich würde ihn als Gatten behalten, wenn Sie ihn nicht desho⸗ noriren wollten.“ Gabriele ſtrrrte ſie voll Verwunderung an. Dieſe Liebe überſtieg die ihrige. Oder war es etwas anderes, wie Liebe? War die Triebfeder dieſer Nachſicht Hochmuth oder Eitelkeit? Gabriele ſondirte das Motiv des Entſchluſſes nicht. Ihr Herz wurde erweicht und ſie ſagte uah einigem Nachden⸗ ken gütig und milde: „Gnädige Frau, ich kann meinen Vorſatz nicht än⸗ dern, aber ich will Ihnen verſprechen, die größte Schonung Ihrer perſönlichen Verhältniſſe zu vermitteln.“ Die Dame ſah ſtumm zu ihr hin. Ein Strahl, ein flüchtiger, ſchnell verſchwindender Lichtblicki in den vom Adel⸗ ſtolz verſteinten, häßlichen Zügen ſchien von einer innern Anerkennung erzeugt und vom Wohlwollen belebt zu ſein, aber ſo ſchnell er entſtanden war, ſo ſchnell verſchwand er auch. Stumm neigte ſie ihr vornehmes Haupt und ver⸗ ſchwand. Gabriele ſank ermattet in einen Lehnſtuhl und fragte den Himmel, warum ſie das Alles erleiden müſſe. Sie war jedenfalls unglücklicher, als ihre Nebenbuhlerin. Fünftes Capitel. Dies war der Zeitpunkt, wo Kaiſerling, beflügelt von innerlich freudiger Selbſtzufriedenheit, die Straße hinab eilte.— Mit Befremden gewahrte er die prachtvolle Sänfte vor ſeinem Hauſe, und mit noch größerm Befremden be⸗ merkte er die hohe ſtolze Dame, welche ſoeben die Schwelle ſeines Hauſes überſchritt und mit majeſtätiſcher Langſam⸗ keit die breiten Stufen hinab ſtieg, um zur Sänfte zu ge⸗ langen. Die Etiquette hätte die Geleitſchaft ſeiner Gattin oder Tochter erfordert. Sein Schrecken war nicht gering, als er ſehen mußte, daß man ſich im Hauſe des Aldermann Kaiſerling eines groben Verſtoßes gegen die feine Lebens⸗ art ſchuldig machte, und er beeilte ſeine Schritte, um dies einigermaßen wieder auszugleichen. Sein kleiner Enkel, der auf der Straße geſpielt hatte, kam in dieſem Moment herzugelaufen und hing ſich an ſeine Hand. Er kam gerade zu rechter Zeit, um der Dame, in der er ſogleich, trotz des dichten Schleiers, die unglückſelige 47 Gattin ſeines Schwiegerſohnes erkannt hatte, höflich Bei⸗ ſtand zu leiſten, als ſie Anſtalt traf, in die Sänfte zu ſteigen. Der kleine Knabe ſtellte ſich mit knabenhafter Ver⸗ wunderung dicht vor ihr auf und ſchaute ſie forſchend an. Ihr Blick fiel unverſehens auf dies ſchöne, kecke Geſicht, das ſich zu ihr aufgewendet hielt. Ein greller Schrei verrieth hinlänglich den Eindruck, den es auf ſie gemacht hatte.—„Eine abominable Aehn⸗ lichkeit,“— murmelte ſie und wehrte haſtig und befehlend jede Hülfsleiſtung des galanten Aldermannes ab. Eilig ſchloß ſie die Sänfte, zog die Vorhänge zuſammen und lehnte ſich zurück. Was ſie empfunden hat, wiſſen wir nicht, aber Kai⸗ ſerling behauptete ſtets, der Anblick des kleinen Alexander ſei ihre härteſte Strafe für alle Unbill geweſen, die dieſe herrſchſüchtige, adelſtolze Frau ſeiner Tochter zugefügt habe. Ihr Zittern und ihr ohnmächtiges Zuſammenſinken hätten dafür geſprochen. Eigentlich brannte Kaiſerling nun vor Neugier, die Veranlaſſung und das Reſultat dieſes herablaſſenden Be⸗ ſuches zu erforſchen, aber die Zärtlichkeit des Vaterherzens überwand doch für den Augenblick ſein Verlangen. Er ſuchte Editha auf und fand ſie im Garten. Still, wie ein Vögelchen vor einem drohenden Ge⸗ 48 witter, ſaß ſie unter den abgeblühten Fliederſträuchen und ſtickte an einem ſtehenden Rahmen. Kaiſerling näherte ſich leiſe und ſchnell, bückte ſich zu ihr nieder und hob ihr Geſicht dann zu ſich auf. „Wie ſiehſt Du aus, meine kleine Libelle?— Fröh⸗ lich?— Nein, nicht ſo recht! Hier, zwiſchen den Augen⸗ brauen liegt ein Murrkater und die Aeuglein ziehen Waſſer, wie die Sonne, wenn es am andern Tag regnen will! He, Kleine,— ſei luſtig, ich habe einen Mann für Dich!“ Editha blickte ihren Vater herzlich freundlich an. „Behalte den Mann nur für Dich, mein Väterchen!“ entgegnete ſie. „Für mich?“ rief Kaiſerling laut lachend.„Kleine, ich kann doch keinen Mann gebrauchen?“— „Ich auch nicht!“ entſchied Editha ernſthaft. „Kind,— es hilft Dir kein Widerſtreben, den Mann mußt Du heirathen! Er paßt für Dich! Ihr werdet Beide zuſammen leben und ſtreben, wie die Götter im Olymp, die auch ihren Kopf nicht pudern.“— Editha erglühte. Ihr Auge ſuchte in ſichtlicher Be⸗ ſtürzung des Vaters Auge und ihre Stimme zitterte, als ſie in gezwungener Laune fragte: „Du haſt doch keine Kaiſerling'ſchen Streiche gemacht, Papachen?“ 1 49 „Ei nun?— Vielleicht!“ entgegnete er, mit großer Gemüthsruhe die Aengſtlichkeit ſeiner Tochter beobachtend. Editha ſchlug beide Hände vor das Geſicht. Es ver⸗ flog eine geraume Zeit, ehe ſie ſo weit von ihrem Schrecken geneſen war, um antworten zu können. „Ich ſchwöre Dir, Vater, daß ich lieber den Tod er⸗ leiden werde, als aus Mitleiden—“ „Haſt nichts zu fürchten,“ fiel Kaiſerling freudig ein. „Was haſt Du gethan?“ „Ich bin zum Rath Rentelow gegangen.“ „Was haſt Du zu ihm geſagt?“ „Kleine,— die Frage iſt captieur— und ich habe mein Wort gegeben, zu ſchweigen.“ „Du haſt aber die Pflicht, mir zu antworten.“ „Nun,“— flüſterte er, zu ihr niedergebeugt,— „wenn Du es Niemand verrathen willſt.— Ich habe ihm eingeſtanden, daß ich mich zum erſten Mal in meinem Leben übereilt hätte.“. Editha ſah ihn groß und vorwurfsvoll an. Kaiſer⸗ ling rieb ſich frohlockend die Hände.—„Höre, Kleine! Stelle Dein Inquiriren ein. Mein Wort darauf, daß Du glücklich werden wirſt, ohne mein Zuthun!“ „Du haſt mich alſo nicht wie eine Waare angeboten und angeprieſen? Du haſt mich nicht verhandelt,— nicht verkauft?“ 1858. XI. Vorwärts! II. 4 50 „Nein!“ verſicherte er. Aber er eilte ſogleich fort, um dem weitern Examen zu entrinnen und nun endlich zu erfragen, was die Dame Kotſchinski Alles geſagt und ge⸗ than habe. Editha blieb ſitzen. Ihr Herz und ihre Phantaſie waren um nichts ruhiger geworden. Die Bilder der Zukunft drängten ſich lockend vorwärts, allein die Erfahrung der Vergangenheit, die ihr den unverzeihlichen Kaltſinn des jungen Baumeiſters vorführte, warnte. Daß ſich ihr Va⸗ ter in's Mittel geworfen, that ihr weh, ſie wußte ſelbſt nicht ganz genau warum. Sie war reich,— hatte es erſt eines Anerbietens von Seiten ihres Vaters bedurft, um den Vater des Geliebten zu dieſer Heirath geneigt zu ma⸗ chen? Sie kannte die rückſichtsvolle, etwas ceremoniöſe Lebensweiſe der beiden Rentelow's, aber ſie hatte auch die unzweideutigſten Beweiſe von dem Wohlwollen des Raths. Ihr Herz blieb eigenſinnig dabei ſtehen, daß ſie Liebe, un⸗ bedingte und zärtliche Liebe für die Neigung eintauſchen müſſe, die ſie dem jungen Manne entgegentrug, und ihr Verſtand entwarf die klügſten und weiſeſten Pläne zur Feſtſtellung dieſer fraglichen Angelegenheit.. Da ſtand Johannes plötzlich vor ihr. Sie ſchaute auf und fand ſich Auge in Auge mit ihm. Bebend ver⸗ ſuchte ſie aufzuſtehen,— er reichte ihr, ohne ein Wort zu ſprechen, ſeine Hand. 51 Wenn die Leſerin nun erwartet, daß Editha mit ge⸗ waltiger Eloquenz ihre Zweifel und ihren Kummer dar⸗ ſtellen wird, ſo irrt ſie. Editha ſchwieg und zitterte. Sie fühlte ſich von Johannes Armen umſchlungen,— wortlos tauſchten ſie Herz um Herz.„Eine ganz neue Mode ſich zu verloben,“ würde der Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherr Vog⸗ ler kopfſchüttelnd und mißbilligend geſagt haben. Späterhin wußte Editha allerdings nicht recht zu er⸗ klären, wie die Sache ſich ſo hatte entwickeln können, da doch jedenfalls eine Erklärung des kaltſinnigen Zurückzie⸗ hens von Seiten Johannes nöthig geweſen wäre, allein ſie liebte, ſie glaubte und ſie vertraute. Als der Rath Rentelow ſein neues Töchterchen zu umarmen kam, wurde die Geſchichte breit erzählt und er⸗ klärt. Editha ſchien ſehr zufrieden mit der damaligen Unterbrechung der Heirathspräliminarien. Ihr ſtrahlender Blick ſuchte den Herzenszuſtand des Geliebten zu erforſchen, als ſie flüſterte: „Es iſt eine unerträgliche Sitte, daß ſich die Väter und Mütter in Herzensangelegenheiten miſchen wollen. Sie nehmen dadurch der Liebe alle Poeſie.“ „Mit dem Puder und Zopf wird auch dieſe Sucht verſchwinden,“ antwortete Johannes prophetiſch.„Aber 83 Fiebt auch nur wenig poetiſche Liebe in der weiten 2 e t.“ 4* 52 „Ueberhaupt wenig wahre Liebe!“— warf Editha ein.„Liegt das im Werthe des Mannes?“ Johannes war überraſcht von der Naivetät dieſer Frage. Sie war ihm eine Bürgſchaft von dem reinen und unverdorbenen Herzen des jungen Mädchens. Er zog ſie feſter an ſein Herz, als wolle er ſich dieſe Perle bewahren und entgegnete dann mit dem Tone vollkommener Ueber⸗ zeugung: „Ja, Editha! Wenn des Mannes Herz feſt wie ge⸗ ſtähltes Eiſen, lauter und rein wie Glas und doch dabei weich und nachſichtsvoll wäre, dann würde ſich die ächte Liebe öfter finden. Des Mannes Schwäche raubt ihm die Achtung der Frau und erweckt in ihr die Leichtfertigkeit der Geſinnung.“ „Nicht immer, wenn die Grundlage gut iſt,“ ſagte läch elnd das junge Mädch en.„Sieh' unſere Gabriele.“— „Gabriele wird von der Schwärmerei ihrer Phanta⸗ ſie behütet. Ihre verrathene Liebe hat einen Gegenſtand im Sohne gefunden,— in ihm erwächſt ihr Schutz und Troſt und ſie erzieht ſich in ihm das Ideal ihrer frühern Träume.“ Der tiefe, innige Ernſt, womit Johannes ſprach, feſ⸗ ſelte Editha's ganzes Herz. Sie verlor ſich in jene Träu⸗ merei dabei, welche Gegenwart und Zukunft vermiſcht und in weite Welten ſich verliert. Faſt bewußtlos deſſen, was ſie ſagte und zu wem ſie ſprach, flüſterte ſie: * 53 „Ob ich das je könnte,— ob ich jemals einen Erſatz finden würde, für ſolche Enttäuſchung? Nein,“ fügte ſie auffahrend hinzu.„Nein, ich könnte nach ſolchen Erfah⸗ rungen nur ſterben und es würde auch geſchehen!“ Johannes lächelte mild und mitleidig:„Es ſtirbt ſich ohne organiſch innerliche Zerſtörung ſo leicht nicht und die Natur des Menſchen iſt zähe.“ „Ich fühle es, daß ich eher Deinen Tod ertragen könnte, als—“ „Sei ruhig und unbeſorgt,“ fiel der junge Mann be⸗ ſchwichtigend ein.„Ich trage durch meinen Wiſſensdurſt einen Talisman in mir, der Dir zwar eine Nebenbuhler⸗⸗ ſchaft iſt, aber der mich allem Unedlen abſorbirt. Nur der Mann, der ohne Beruf und ohne anſtrengende Thätigkeit ſein Leben vertändelt, nur der läuft Gefahr, den Leichtſinn der Welt bis auf Herzensverhältniſſe zu erſtrecken. Dem ernſt beſchäftigten Manne ſcheint das Verhältniß zu der Frau, die er liebt, ein Sonnenſtrahl durch Nebel und Wol⸗ ken der Alltäglichkeit, der ihm Licht und Wärme zu ſpenden bereit iſt, wenn er müde vom Denken, erſchlafft vom Schaf⸗ fen und erdrückt von der Tageslaſt, lechzend nach geiſtiger und leiblicher Erquickung, endlich Zeit gewinnt, an ſich ſelbſt zu denken. Und deshalb mußt Du, meine Geliebte, mit mir dahin ziehen, wohin mein Beruf mich führen wird. Ich muß Dich unfern von mir wiſſen, damit ich Dich habe, 54 wenn ich Deiner Liebe bedarf. Wie ſchön ein ſolches Le⸗ ben iſt, habe ich erſt jetzt erprobt.“ „Haſt Du meiner wirklich gedacht?“ fragte Editha halb neckend, halb wehmüthig zweifelnd.„Mir ſchien es, als hätteſt Du nicht Zeit dazu.“ „Nicht Zeit, es Dir zu ſagen,— nicht Zeit, es Dir in Huldigungen zu beweiſen!“ rief Johannes feurig. „Aber tief im Innerſten, tief im Herzen brannte Dein lieb⸗ liches Bild wie ein Stern in ſicherer und tröſtlicher Flamme. Es war mein Ziel nach dem ich ſtrebte,— es war die Hoff⸗ nung die mir leuchtete,— es war der Lohn, der mir winkte. So wird meine Liebe immer ſein, ſo wird ſie bleiben bis an meines Lebens Ende.“ Editha richtete ſich ſtolz in ſeinen Armen auf und ſchaute in ſein leuchtendes Auge:„Ich will ſolcher Liebe würdig ſein!“ flüſterte ſie. Sechſtes Capitel. Wenden wir uns von dieſem Brautpaare ſogleich zu einem zweiten, das unſere Aufmerkſamkeit gleichfalls in Anſpruch zu nehmen berechtigt iſt. Sara und Stephan waren eben ſo glücklich wie Editha und Johannes, nur be⸗ 55 fanden ſie ſich auf einem andern Standpunkt. Während ſich in den Letztern das innere Weſen der Liebe in aller nur möglichen Idealität geltend machte, beherrſchte der reellſte Materialismus die Herzen der Erſtern und verknüpfte ihre Liebesbande bis zur Fehde gegen die väterlichen Macht⸗ ſprüche. Sara war unter dem Einfluſſe ihrer Liebe aus einer verſteinernden Ernſthaftigkeit herausbugſirt, ohne es ſelbſt zu wiſſen und ihre Laune erſtand mit ihrem Liebesmuthe zugleich. Sie glich einem zu lange verpuppt geweſenen Schmetterlinge, der furchtſam die Flügel hebt und nach je⸗ dem Verſuche kühner wird, bis er mit dem Kopfe muthig gegen die Fenſterſcheiben fährt, die ihn von der Sonne trennen. Ihr Inneres war nach den beſten Regeln des Zopf⸗ regimentes gebildet, und da mit den ſteifen Begriffen von Wohlanſtändigkeit, damals ein ganz beträchtlicher Hang zum Luxus gepflegt wurde, ſo iſt es nicht zu verwundern, daß Sara viel lieber einen Amthof bezogen hätte, als eine Brauerei mit Bier⸗ und Schenkſtube. Sie nannte ihren Verlobten noch immer„Herr Stephan“ und redete ihn mit dem ceremoniöſen„Sie“ an, ohne ſich eine Ausnahme im traulichen Alleinſein zu erlauben, was Herr Stephan ſich ſogleich am erſten Tage geſtattet hatte, aber das verhinderte dennoch eine höchſt lie⸗ 56 benswürdige Hingebung nicht, die ſich bis zur Conſpiration gegen ihren geſtrengen Herrn Vater erſtreckte. Stephan gehörte zu jener Klaſſe von jungen Män⸗ nern, die zwar nicht gerade dem Glücke nachlaufen, aber es doch recht klug an allen vier Zipfeln zu halten verſtehen, wenn es ihnen unverſehens geboten wird. Er wußte recht gut, daß er eine ausgezeichnete Partie machte und im Stillen wunderte er ſich bisweilen über die fabelhaft ſchnelle Entwickelung ſeines Geſchickes, das er, unter der Eingebung gewöhnlicher, menſchlicher Eitelkeit ſeinem perſönlichen Verdienſte zuſchrieb. Von den Impulſen, die ſeinen Herrn Schwiegervater mit aller Macht in das Gleis gedrängt und gezwängt hatten, ahnte er nichts. Er würde erſtaunt geweſen ſein, hätte man ihm gegenüber behauptet: der Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherr Vogler habe ihn aus purem Eigenwillen zu der Stufe ſeines Glückes befördert, die er für den Moment einnahm. Trotz der Anerkennung dieſes Glückes hatte er, wie Sara, nicht die mindeſte Luſt, Bierbrauer in Magdeburg zu bleiben ſein Lebelang, ſo erwünſcht ihm dieſe Stellung auch für den Augenblick ſein mochte. Daß es jedoch klug war zu ſchweigen, bis der Prieſter ſein Amen über ihr Ja geſprochen, das ſah er ohne Sara's Belehrung ein. Sie waren einig geworden, den Pietäts⸗ pflichten gründlich Genüge zu leiſten, bis ſie ihr Schiffchen 57 im Lebensmeere ſo zu ſteuern vermochten, daß ſie ihren eigenen Neigungen ungehindert folgen konnten. Natürlich Alles mit dem gehörigen Reſpecte gegen den Herrn Vater und gegen die Frau Mutter. Der Sonne letzter goldiger Glanz ſpiegelte ſich in den Fenſtern der gegenüberliegenden Häuſer, als Stephan neben Sara's Spinnrade ſaß und tändelnd den fleißigen Händen Feierabend gebot. Er hatte ihr viel vorphanta⸗ ſirt von der Herrlichkeit des Landlebens, von der Herrſcher⸗ würde eines Amtmanns reſpective Gutsbeſitzers und von der Vorliebe, die er für die Zucht junger Thiere habe. Sara hatte gelacht auf ihre hübſche, vorüberfliegende Manier und war gleichfalls entzückt von der Ausſicht auf die galoppirenden Fohlen, ſpringenden Kälber, hüpfenden Lämmer, tanzenden Ziegen und quiekenden Ferkel, die ihr weit, weit äſthetiſcher vorkamen, als ein Braubottich und einige hundert geſpülte Bierflaſchen. Unter dieſen herzlich freundlichen Plaudereien hatte ſich Stephan bald eine zärtliche Liebkoſung, bald eine herz⸗ hafte Umarmung und ſchließlich ſogar einige lang ausge⸗ dehnte Küſſe erlaubt, wobei ein neckiſch gaukelndes Fenſter von drüben her flatternde Lichtſtreifen über das ſchöne ſtattliche Mädchen warf, die ſie in Stephan's Augen or⸗ dentlich verklärten. Das Tageslicht ging eben in eine milde Dämmerung 58 über und die Lichtreflexe hatten aufgehört, das Brautpaar zu äffen und zu necken, als die Thür des Zimmers auf⸗ ging und der Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherr Vogler mit ſo grimmig ernſthaften Mienen eintrat, daß es plötzlich Nacht in Sara und Stephan wurde und alle Liebesfreudigkeit zu Grabe ging. Still machten ſie ihre Reverenz und ſetzten ſich ehrbar neben einander nieder, das Weitere einer väter⸗ lichen Anrede erwartend. Vogler dachte nicht daran ſie anzureden. Hart und kurz auftretend wanderte er in der Stube auf und ab, warf bisweilen einen bitter grollenden Blick auf Stephan und redete nicht. Der Auftritt wurde peinlich. Stephan fühlte ſeinen Stolz erwachen. Was ſollte das bedeuten? War dem Herrn Schwiegervater die Verlobung leid? Stephan ſtand auf und richtete ſich kühn in die Höhe. Er hatte ſich nicht zu der Ehre gedrängt, man hatte ihn verlobt, ohne ihn zu fragen. Aber Sara war ihm ein Kleinod geworden, das er ſich entreißen zu laſſen, nach Willkür und Laune, nicht Willens war. Schon war er im Begriff, das Geſpräch zu eröffnen— ein Beginnen, welches ein ſchweres Unwetter über ſein Haupt heraufbeſchworen haben würde— als Vogler ſtehen blieb, ihn muſterte und haſtig ſagte:„Du mußt unter einem verteufelt guten Stern geboren ſein und zwar meinen Lebensſternen ſehr conträr, Stephan, ſonſt 59 wüßte ich nicht, wie wir uns eigentlich ſo merkwürdig und ſonderbar durchkreuzt haben.“ Stephan blickte ihn ſehr verwundert ob dieſer empha⸗ tiſchen Anrede an. Sara zupfte ihn ängſtlich am Rocke. Er ſetzte ſich ruhig wieder hin, mehr der Geliebten zu Ge⸗ fallen als aus Furcht vor dem Vater. „Es iſt eine ſo verdammt ärgerliche Geſchichte— der Witzepuhl— der Oberſt hat ſie eingerührt—“ fügte Vogler hinzu und marſchirte weiter. Die zwei Leutchen in der Fenſterniſche hielten ſich ſo mäuschenſtill, als hätten ſie gar kein Leben und keinen Athem. Das währte ungefähr eine halbe Stunde, dann löſete der Eintritt der Frau Suſanne den Bann, in wel⸗ chem ſie der Zorn des Vaters hielt. Frau Suſanne eilte haſtig und beſorgt auf ihren Eheherrn zu und blickte ihm treuherzig fragend in's Geſicht. Jetzt fuhr er los.„Denke Dir, Suschen, ich habe mich in's Bockshorn jagen laſſen von dem Oberſt von Witzepuhl!— Nicht ein Jota von königlicher Ordre— ich möchte berſten vor Aerger. Erſt glaubte ich wahrhaf⸗ tig, Kaiſerling habe mir einen Streich geſpielt, aber nein der Quaſelarius, der Witzepuhl hat's angerichtet.“ Frau Suſanne erzitterte und heftete Angſtblicke auf ihre Kinder. 60 „Was iſt's nur? Ich verſtehe Dich nicht?“ ſtam⸗ melte ſie. „Der Oberſt von Witzepuhl hat dem Vetter Kaiſer⸗ ling erzählen wollen, daß die Immediat⸗Commiſſion einen Gegenbericht an den König gemacht habe, worin abſonder⸗ lich ausbenannt worden ſei:„Die Bürger und Kaufleute ſowie anderweit im Handel beſchäftigten Männer, welche ſich jetzt in der Stadt befänden, zwar unbehindert hier zu belaſſen, aber von nun an die Stadtbehörde zu verpflichten, nur ſolche Männer einbürgern zu laſſen, die erweislich ver⸗ abſchiedete Cantoniſten aus andern Diſtricten ſeien.“ Er hat in ſeiner confuſen Manier Alles verdreht, hat von kö⸗ niglicher Ordre geſprochen und mich alten Practikus damit dergeſtalt in Trab gebracht, daß ich mir nichts, Dir nichts dem Herrn Habenichts da meine einzige Tochter an den Hals werfe.“ Stephan erhob ſich langſam und vertrat dem Zürnen⸗ den den Weg. Frau Suſanne und ihre Tochter ließen einen kleinen Schrei des Schreckens hören. Aber den jungen Mann beirrte ihre Zaghaftigkeit wenig. Mit ſtolz empor gehobenem Kopfe ſtand er vor Vogler und ſah mit ruhigem Ernſte zu ihm hinab, während dieſer mit Löwen⸗ blicken zu ihm aufſchaute. So maßen ſie ſich beide eine volle Minute, ehe Stephan ſprach: 61 „Herr Schwiegervater, wenn Ihnen die Verlobung leid iſt, ſo—“ „Herr Schwiegerſohn,“ unterbrach ihn Vogler heftig, „wenn Abraham Vogler einmal„Ja“ geſagt hat, ſo pflegt er zu vergeſſen, daß es ein„Nein“ in der Welt giebt, und ſollte es ihm noch ſo viel Opfer koſten.“ „Ich nehme aber keine Opfer an—“ „Und ich halte den für einen Schuft, der„Nein“ ſagt, wenn er„Ja“ geſagt hat.“ „Der Menſch iſt Menſch und kann als ſolcher ſeine Meinung ändern—“ „Das kann der Menſch, aber er iſt ein Schaf, wenn er es merken läßt, daß er ſie geändert hat.“ „Ich liebe freilich Ihre Tochter Sara—“ „Das iſt mir ſehr egal!“ „Aber ich werde ohne Weigerung zurücktreten—“ „Das ſollſt Du wohl bleiben laſſen—“ fiel Vogler immer heftiger und immer eifriger werdend ein. Es ſchien ihm Hören und Sehen vergehen zu wollen. „Da mir ohnedies das Leben als Brauer hier nicht ganz zuſagt—“ „Meine Ehre und mein Leben habe ich zum Pfande ein⸗ geſetzt, daß ich verhindern wolle, Dich als Soldat zu ſehen.“ „Alſo blos deshalb? Nicht um mich und Sara glücklich zu ſehen?“ 62 „Was geht mich Eure Kinderei an. Narrenspoſſen mit Eurer Liebe!“ „Und ich muß nun durchaus Sara heirathen?“ „Durchaus— auf alle Fälle! So wahr ich Abraham Vogler heiße!“ „Dann mache ich eine Bedingung!“ rief der junge Mann ſchnell entſchloſſen. Die beiden Frauen hatten, zuerſt in ſtiller Verzweif⸗ lung, dann aber mehr und mehr ermuthigt, dem Schlag auf Schlag fallenden Wortwechſel zugehört. Jetzt erfaßte ſie ein paniſcher Schrecken über Stephan's Kühnheit. Sie riefen angſterfüllt ſeinen Namen und ergriffen warnend ſeine Hände. „Was willſt Du beginnen?“ flüſterte Sara, in ihrer Herzensangſt alles Ceremoniell überſchreitend. „Laßt mich reden!“ gebot der junge Mann und machte ſich ſehr haſtig frei von ihnen. Vogler aber blieb kerzengerade vor Verwunderung ſtehen und erwartete was kommen ſollte. „Auf lange Zeit kann ich als Bierbrauer hier nicht leben— „Nicht?“ warf Vogler ſpöttiſch gezogen ein. „Zum Kaufmann bin ich nicht erzogen, tauge auch nicht dazu—“ „So— ſo?“ 63 „Geben Sie mir aber die Mittel, wenn ich nämlich Sara durchaus heirathen ſoll und muß, geben Sie mir die Mittel, die Domaine in Brachleben zu pachten, ſo wer⸗ den Sie Ehre von Ihrem Schwiegerſohn haben und ihm zu dem Platze verhelfen, wo er an ſeiner rechten Stelle iſt.“ „Und meines Vaters Brauerei?“ fragte Vogler in einem Tone, der deutlich eine etwas angenehme Ueber⸗ raſchung verrieth. „Die verpachten Sie an den Braumeiſter. Er über⸗ nimmt ſie für ſein Leben gern und ſie iſt in ſehr guten Händen.“ Vogler ſchaute nachdenklich gerade aus.— Frau Suſanne athmete auf und Sara warf einen Blick ſtolzen Entzückens auf ihren Verlobten, der dreiſt fortfuhr: „Unter den Verhältniſſen, wie ich hier zu Ihnen ſtehen werde, können Sie eben keinen Staat mit mir ma⸗ chen— ich bin und bleibe das Werk Ihrer Gnade! Setzen Sie mich jedoch in den Stand, meine Kenntniſſe zu ver⸗ werthen und meiner Neigung zur Oekonomie nach leben zu können, ſo werden Sie Ehre von mir haben! Für den Erfolg ſtehe ich, wenn ich Mittel weiß, die Pachtung an⸗ zutreten!“— Vogler war kein Barbar. Er verſtopfte ſein Ohr keineswegs den guten Rathſchlägen Anderer. Außerdem hatte Stephan den rechten, ſehr wunden Fleck getroffen, als 64 er ſagte: er könne keinen Staat mit ſeinem Schwiegerſohne machen. Das Richtige des Vorſchlages leuchtete ihm alſo ein, und die Art, wie Stephan ihm gegenüber offen und ehrlich ſein Bekenntniß abgelegt hatte, mißfiel ihm nicht. Nachdem er ſich in dem Verhältniß zu ihm überall übereilt hatte, wiegte er jetzt bedächtig ſein Haupt und entſchied: „Wir wollen uns nicht übereilen, mein Junge! Ueberlegen wir reiflich, bevor wir handeln.“ „Das verſteht ſich,“ entgegnete Stephan mit Sieges⸗ freudigkeit. Er hatte ſein Glück auf's Spiel zu ſetzen ge⸗ wagt und er hatte gewonnen! Frau Suſanna drückte ihm dankbar die Hand und Sara?— Nun, Sara fragte, ſobald ſie heimlich fragen konnte: ob Brachleben ein Schloß habe und ob ſie darin wohnen würden. Nach Stephan's Bejahung möblirte ſie in Ge⸗ danken alle die ſchönen, hohen und prächtigen Zimmer des Schloſſes mit fürſtlicher Freigebigkeit und ſetzte ſich ſelbſt mit freudigem Herzklopfen als Herrſcherin neben ihren ſtattlichen Geliebten hinein. Zur Staffage ihres Glückes gehörte: Damaſt, Stoff, Sammt, Gold und Silber— die Neigungen im Menſchen baſiren ja oft auf Aeußerlich⸗ keiten und führen dennoch zum Guten! 65 Fiebentes Capitel. Der Eheſcheidungsprozeß gegen Kotſchinski wurde begonnen. Gabriele war ruhiger geworden. Ihr edles, mildes Herz konnte ſich nun doch nicht entſchließen, als An⸗ klägerin gegen den leichtſinnigen Edelmann aufzutreten, deshalb ſtellte ſie den ganzen Thatbeſtand mehr als Prä⸗ ſumtion dar und verlangte wegen„böslicher Verlaſſung“ die Trennung eines Bundes, der kein Glück für ſie enthielt. Dem Aldermann war dies rückſichtsvolle Verfahren nicht gelegen. Er heiſchte eine geſetzliche Verfolgung der Verbrechen, die ſich Kotſchinski hatte zu Schulden kommen laſſen. Glücklicherweiſe aber ſtritt es gegen ſeine Grund⸗ ſätze, ſeinen Kindern eine ſtreng gemeinte Oppoſition ent⸗ gegen zu ſtellen und Gabriele drang mit ihrem Willen durch. Bei der wiederholten gerichtlichen Aufforderung an Kotſchinski, ſich in den anberaumten Terminen einzu⸗ finden, erwies es ſich, daß Kotſchinski ſeit jenem Morgen, wo er vor den Enthüllungen ſeines Schwiegervaters die Flucht ergriffen hatte, ſpurlos verſchwunden war. Zuerſt hielt Kaiſerling dieſe Erklärung für ein Auskunftsmittel, dem Prozeß und ſeinen Folgen zu entgehen, nach und nach aber gewann die Sache den Schein der Wahrheit und end⸗ 1858. XI. Vorwärts! II. 5 66 lich ſtellte es ſich durch das Betragen der hochadeligen zweiten Gattin des Flüchtlings heraus, daß der ehrloſe Mann wirklich, nachdem er noch vom Banquier ſeiner Dame eine anſehnliche Summe erhoben, das Weite geſucht hatte. Man ſprach davon, daß er ſich nach Frankreich ge⸗ wendet habe. Leider können wir nicht berichten, wie die Freiin Waldmann von Buſſer ihren doppelten Verluſt ertragen hat. Sie verließ die Stadt ſogleich nach der unglückſeli⸗ gen Kataſtrophe, die ihr Liebes⸗ und Eheglück zerſtört hatte, und ward nie wieder dort geſehen. Gabriele verſchmerzte dieſe letzte Erfahrung viel leich⸗ ter, als man bei ihrem excentriſchen Seelenzuſtande hätte erwarten können. Die heitere Färbung ihrer elterlichen Häuslichkeit bei dem kurzen und ſchönen Brautſtande Edi⸗ tha's mochte viel zu ihrer Zerſtreuung beitragen. Sie widmete ſich mit ernſtem Eifer der Erziehung ihres Sohnes. Dadurch erhielt ihre geiſtige Regſamkeit einen hinreichen⸗ den Wirkungskreis, um die überflüſſige phantaſtiſche Schwärmerei zu ertödten und die Zärtlichkeit ihres Her⸗ zens fand ſich vollkommen in der Liebe ihres Sohnes be⸗ friedigt. Zwiſchen dieſer Mutter und dieſem Sohne bil⸗ dete ſich ein wunderbar ſchönes, ſeltenes Verhältniß immer mehr aus. Zuerſt griff es die Welt mit einem gutmüthi⸗ gen Spotte an, dann aber verwandelte ſich das ſpöttelnde 67 Erſtaunen in Ehrfurcht.— Wir können nicht Stufe für Stufe die Entwickelung unſerer Charaktere bis zu dem Punkte verfolgen, den wir zur Vervollſtändigung des Bil⸗ des, das wir dem Leſer vorzulegen Willens ſind, nothwen⸗ dig erreichen müſſen, ſondern wir werden uns begnügen, in dieſem Abſchnitte nur überſichtlich die Hauptereigniſſe einer Zwiſchenzeit zu berühren, um dann die Helden unſeres kleinen Lebensdramas nach der Veränderung der Zeit noch⸗ mals auftreten zu laſſen. Editha wurde unter dem lieblichſten Glanze ihrer jungen Liebe bald die Gattin des jungen Baumeiſters, der ſie ſogleich dem elterlichen Hauſe und der Heimath ent⸗ führte. Sie kehrte von Zeit zu Zeit in die Mauern ihrer Vaterſtadt zurück, bis endlich Johannes Rentelow mit einem bedeutenden Bau an der Grenze Frankreichs betraut wurde und die weitere Entfernung eine längere Abweſen⸗ heit herbeiführte. Während dieſer letzten Abweſenheit ſtarb der Rath Rentelow, kurz vor der Uebergabe von Magdeburg an die Franzoſen. Sara trat bald nach Editha, mit einer Pracht, die Aufſehen erregte, an Stephan's Seite vor den Altar. Das Glück krönte alle Wünſche dieſes jungen Ehepaares, und wenn man in der Stadt anfangs mit einem gewiſſen Ach⸗ ſelzucken eine Verlobung angeſtaunt hatte, die der Erwar⸗ tung des Publikums und den bekannten Anſprüchen des 5.* 68 Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherrn gar nicht entſprach, ſo ver⸗ rieth jetzt das bedeutſame Lächeln der Magdeburger, daß man Vogler's Wahl gar nicht tadelnswerth finden könne. Man wurde alſo geneigt, das der Klugheit des ſpeculativen Vaters zuzuſchreiben, was lediglich ein Werk des Zufalls war. Daß Stephan's Verfolgung übrigens nur ein In⸗ triguenſpiel des Herrn von Kotſchinski geweſen ſein mußte, ſtellte ſich nach der Flucht dieſes Edelmannes deutlich her⸗ aus. Es behelligte Niemand den großen ſtattlichen Mann mehr und es wurde auch nicht die geringſte Einrede erho⸗ ben, als er ſich als Domänenpächter meldete. Er trat ſeine Pachtung mit dem Titel„Oberamt⸗ mann,“ unter Beihülfe ſeines ſehr zufrieden ſchmunzelnden Schwiegervaters an und der Erfolg bewies, daß er ſeines Glückes würdig war. Sara thronte wie eine Königin in ihrem prächtig ein⸗ gerichteten Amthauſe. Sie hatte das Glück, innerhalb ſechszehn Jahren neun kräftige ſchöne Kinder zu bekommen, die ihr den Kopf mit beſſern Gedanken füllten, als mit dem Wunſche, durch Luxus zu glänzen. Der Aldermann Kaiſerling war zufrieden, wie noch nie, als er eines Tages ſeinem Vetter Vogler mittheilen konnte: die königliche Ordre ſei da und ſie enthalte im aus⸗ gedehnteſten Sinne des Wortes eine Beſtätigung aller ——— — —-— . 69 frühern Privilegien, worunter ganz abſonderlich die Can⸗ tonfreiheit begriffen ſei. Vogler ſah aber nichts weniger als böſe dazu aus, obwohl er ganz ehrlich eingeſtand, daß er ſchwerlich ſeinen Schwiegerſohn erwählt haben würde, wenn dieſe Ordre früher eingetroffen wäre. Wir ſchließen nun unſer Capitel und bitten den Le⸗ ſer, einen Zeitraum von circa zwanzig Jahren an ſeinem Geiſte vorüberfliegen zu laſſen. Zwanzig Jahre! Ein großer Zeitabſchnitt im Leben des Menſchen, wenn er vorwärts blickt, ein winzig kleiner Zeitraum beim Rück⸗ wärtsſchauen. Wie oft verſchwindet eine ſolche Maſſe von Tagen im ruhigen Fluge, ohne Klagen, ohne Schmerzen, ſelbſt ohne hervorragende Frenden und dann kommt eine Zeit, wo jeder Tag, jede Stunde, ja, wir müſſen behaup⸗ ten, jede Minute reich an Ereigniſſen, geſchwellt von bit⸗ tern Erfahrungen und ſüßen Freuden erſcheint. Im raſchen Wechſel trifft Leid und Freud die Menſchenbruſt und Alles, was ſchlummernd lag, tritt jäher an's Ta⸗ geslicht. 70 Achtes Capitel. Zwanzig Jahre waren vorübergerollt. Das alte Jahrhundert war dem neuen gewichen. Zopf und Puder waren geſtürzt— die Reifröcke verſchwunden— das alte ſteife Etiquettenweſen vom Rade der Zeit zermalmt.— War es aber beſſer geworden? Wir finden eine traurige Veränderung in den alten bekannten Mauern Magdeburgs. Wüſtes Leben, wo ſonſt ehrbare Stille herrſchte. Frivole Anſichten an der Stelle des tugendhaften Ernſtes. Frankreich, der Heerd einer der blutigſten und abſcheu⸗ lichſten Revolutionen, hatte ſeit einem Jahrzehnt eine Uebermacht über ganz Europa errungen. Nachdem Napo⸗ leon mit der Hand der Energie den Gräueln dort ein Ende gemacht, war der Geiſt des Uebermuthes über ihn herein⸗ gebrochen und hatte ihn über die Grenzen Frankreichs hin⸗ ausgeführt bis in den Mittelpunkt Deutſchlands hinein. Verheerung und Unheil ſäend— Vortheile für ſich und ſeine Verwandten erntend. Siegreich pflanzte er ſeine Fahnen auf die Thürme der Städte und die Mauern der Feſtungen, die bis dahin noch jeder Unterwerfung getrotzt hatten und als der König von Preußen endlich den Frieden 7 71 zu Tilſit geſchloſſen, da war auch Magdeburg unter den Opfern, die der edle unglückliche Monarch dem Uſurpator zu bringen gezwungen wurde. Durch Proclamationen dem neuen Landesherrn über⸗ wieſen, konnten die Einwohner der Stadt nichts thun, als ſich unterwerfen, aber es gab leider auch Menſchen, die ſich gern dem neuen Sonnenglanze der Macht zuwendeten, die in ihrem ſanguiniſchen Naturell eine neue Aera in der Veränderung der Regierungshäupter erblühen ſahen und dem Sieger mit Hintenanſetzung ihrer Unterthanentreue jauchzend huldigten. Unter den Verirrten dieſes Zeitalters ſehen wir den Aldermann Kaiſerling, der faſt unverändert nach der ver⸗ floſſenen Zeitperiode,— nur unkoſtümirt, der neueſten Mode gemäß, ohne Zopf, das Haar von dem Alter ſchnee⸗ weiß, aber locker und frei ſeine Stirn umwallend— vor. uns daſteht. Seine prahleriſche Preisertheilung des Ruh⸗ mes hatte ihn mit der franzöſiſchen Beamtenwelt befreun⸗ det— er ſchwamm wie ein Fiſch in ſeinem Elemente, wäh⸗ rend Andere ſcheu und mürriſch, mißtrauiſch und verdrieß⸗ lich den Weg beobachteten, den das Regiment der Auslän⸗ der zu nehmen drohete. Frau Kaiſerling war jetzt eine entſchiedene Widerſa⸗ cherin ihres, ſich in Uebereilungen aller Art überſtürzenden Gatten. Sie bildete mit Gabriele und derem Sohne 72 Alexander, der als Referendarius am Gerichte beſchäftigt war, eine ſtill erbitterte Partei. An dem Tage, wo das feierlichſte Glockengeläute des Domes einen feſtlichen Dankgottesdienſt für den Regie⸗ rungsantritt des neuen Königs Jerome verkündigte und Kaiſerling, im feierlichen Zuge der Erſte, mit in die Kirche zog, um dem Bruder ſeines abgöttiſch verehrten Napoleon's mit feurigen Wünſchen dem Himmel zu empfehlen, an die⸗ ſem Tage legten ſich die Hände ſeiner drei Hausgenoſſen zu dem Schwure zuſammen:„treu ihrem angeſtammten Könige zu ſein und zu bleiben!“ Sie ſprachen nicht dar⸗ über, um des Hauſes Frieden nicht zu ſtören, ſie ſuchten auch den Verirrungen Kaiſerlings nicht zu ſteuern, aber die ſchwüle Ruhe der ſtillen Mißbilligung lagerte ſichtlich ſtö⸗ rend auf dem kleinen Kreiſe und machte das Kaiſerling'ſche Haus unbehaglich. Alexander von Kotſchinski war zu einer der edelſten und ſchönſten Männergeſtalten herangebildet. Die Aehn⸗ lichkeit mit ſeinem verſchollenen Vater war zwar noch im⸗ mer unwiderlegbar, allein der Ausdruck, den Intelligenz, geiſtige Kraft und reiner Wille erzeugt, veränderte für den gebildeten Menſchen ſeine Phyſiognomie dergeſtalt, daß dieſe frappante Aehnlichkeit vielfach in Abrede geſtellt wurde. Er war die Freude und der Stolz ſeiner Mutter, welche in merkwürdiger Jugendfriſche ſich erhalten hatte und ſich er haſtig. 73 neben ihrem Sohne mehr wie eine Schweſter ausnahm. Frau Kaiſerling war dieſelbe geblieben. Sanft und klug ging ſie ihren Weg. Was ſie nicht mit mildem Scherze abſtellen konnte, ließ ſie ruhig und unangetaſtet walten. Nach ihren Grundſätzen verrann das unruhigſte Element am leichteſten im Sande der Gleichgültigkeit. Einen hef⸗ tigen, ſtürmiſchen Auftritt erregte die plötzliche Erklärung. des jungen Referendar: ferner nicht mehr als Juriſt arbei⸗ ten zu wollen, weil er ſich nicht entſchließen könne, nach Geſetzen und unter Zuziehung von Leuten, die aller Geſetze unkundig ſeien, verurtheilen zu ſollen. Mit ruhiger Ar⸗ tigkeit fügte er dieſer Erklärung hinzu: „Um übrigens allen Eclat zu vermeiden und Dich, lieber Großpapa nicht in Mißcredit bei Deinen neuen Freunden zu bringen, habe ich nur um eine unbeſtimmte Beurlaubung nachgeſucht und angegeben, daß der Grund meines proviſoriſchen Zurücktritts in der Unkenntniß der franzöſiſchen Sprache zu ſuchen ſei.“ Gabriele und Frau Kaiſerling neigten beifällig das Haupt, der Aldermann aber wurde zornig und blickte ſei⸗ nem Enkel ſtarr in's ernſte Angeſicht. „Und wann gedenkſt Du wieder einzutreten?“ fragte „Niemals, ſo lange Gott dieſe Eindringlinge hier im deutſchen Lande laſſen wird!“ „Und was gedenkſt Du vorzunehmen, während dieſer wahrſcheinlich ſehr, ſehr langen Zeit?“ „Für's Erſte gehe ich nach Brachleben zum Vetter Stephan Kühne und werde ein freier Bauer.“ „Ho hol der Bauer ſteht auch unter franzöſiſcher Herrſchaft.“ „Nur in ſo fern, als er ſeine Abgaben an dieſe Herr⸗ ſchaft zu entrichten hat. Ich bin dort nicht gezwungen, die verhaßte franzöſiſche Sprache zu ſprechen und noch weniger darin deutſche Männer zu verurtheilen.“ „Ohne Zweifel vortrefflich gedacht, aber ſehr unklug gehandelt, mon petit-fils,“ fuhr nun Herr Kaiſerling hef⸗ tig auf.„Ich habe die günſtigſten Verſprechungen für Dich vom Staatsrath Jollivet.“ Alexander erhob ſich ſtolz und ſeine Augen leuchteten im Glanze unverhehlter Verachtung:„Ich würde mich für entwürdigt halten, ſollte ich der Fürſprache eines franzöſi⸗ ſchen Beamten eine Stellung verdanken!“ „Gehe nur hin in Deinem Jugendtrotze!“ ſchrie Kaiſer⸗ ling erboſt,„gehe nur hin in Deiner dummen Verblendung von Deutſchthum und Vaterland! Ich ſehe Euch Alle noch kriechend um die Gnade betteln, dem erhabenen Napoleon und ſeinem liebenswürdigen Bruder, unſerm edlen Könige von Weſtphalen die Hände küſſen zu dürfen.“ 1 V 2 — 75⁵ „Schwerlich, mein guter Großvater,“ wendete Alexan⸗ der ernſt ein. „Sie ehrt dieſer Monarch, dieſer junge Regent das Verdienſt?“ fuhr Kaiſerling etwas weniger zornig fort. „Hat er nicht Johannes Rentelow zum Baron erhoben und ihn nach Kaſſel beſchieden, um brillante neue Paläſte auf⸗ zuführen und den alten Schlöſſern Eleganz und Schmuck zu verleihen.“—* „Es würde mich wundern, wenn Onkel Johannes einem Rufe nach Kaſſel gefolgt wäre,— ich würde ihn deshalb tadeln,“ entgegnete Alexander mit unerſchütterli⸗ chem Gleichmuthe. „So,— ſo! mon petit-flls,“ ſpöttelte Kaiſerling. „Glücklicherweiſe wird ſich Dein Onkel Johannes ſehr we⸗ nig aus Deinem Tadel machen.“ „Die Zukunft wird entſcheiden, ob mein Tadel ge⸗ gründet iſt.“ „Thorheit, der Zukunft zu gedenken, wenn die Gegen⸗ wart blüht,“ rief der alte Herr wieder gereizt. „Ich dächte, die Gegenwart trüge außer der Blüthe auch Dornen,“ ſagte Frau Kaiſerling ruhig. „Gretchen, Herzensgretchen, mit Dir ſtreite ich nicht, das weißt Du, alſo ſchweig und laß die Dornen ruhen.“ „Iſt es aber nicht meine Pflicht, Dich auf das auf⸗ merkſam zu machen, was Du nicht ſiehſt.“ 76 „Gretchen, Du biſt weiſe, wie der ſelige Rath Ren⸗ telow, alſo viel weiſer, als ich, aber ſehen kann ich eben ſo⸗ gut, wie Du und ich ſehe keine—“ „Du wilſſt nicht ſehen,“ unterbrach ihn Gabriele, welche, an ihren Sohn gelehnt, der unruhigen, vom Streit zum Frieden ſchwankenden Converſation lauſchte. 1 „Wenn ich nicht will, ſo hat auch Niemand das Recht, mich dazu zu zwingen. Baſta, Ihr Frarzoſenfeinde! Ich verlange Achtung vor Denen, die ich ehre und liebe!“ ſchloß er haſtig, griff nach ſeinem Hute und ſchlüpfte eilig hinaus, um jeder Gegenrede auszuweichen. Wir ſehen, er iſt der Alte geblieben. Alexander ſchüttelte mißbilligend den Kopf. Gabriele ſah ernſt aus, allein Frau Kaiſerling lächelte. Sie kannte ihren Alten. Eine einzige unangenehme Erfahrung curirte ihn gründlich von der leidenſchaftlichen Vorliebe für die charakterverwandten Fremdlinge, das wußte ſie, und ſie hoffte, daß dergleichen Erfahrungen nicht ausbleiben würden. Gabriele ſetzte ſich an ihren Stickrahmen, der die Mode des Spinnrades verdrängt hatte. Man ſtickte, ſtatt zu ſpinnen, ſeit die Söhne des Südens das Land mit ihrem Kunſtſinne cultivirten. Auf ſeidenen Stoffen, mit Gold⸗ und Silberfäden, mit Seide, Wolle und Menſchenhaaren ſchuf man die reizendſten Tabletten. Freilich im damali⸗ gen Zeitgeſchmack. Adam und Eva unter dem Apfelbaume, 77 oder eine Myrthenlaube, worin ein Turteltaubenpaar, auch Altäre mit brennenden Herzen, von Vergißmeinnichtgewin⸗ den umgeben. Gabriele ſtickte jedoch einen einfachen Blu⸗ menzweig für ihren Sohn zum Portefeuille. Alexander ſtand ſtumm neben ihr, bis Frau Kaiſerling das Zimmer verlaſſen hatte und ſah auf die Arbeit hinab. Sowie die Thüre hinter der alten Dame zugefallen war, richtete Gabriele ihren Blick aufwärts zu ihrem Sohne und dieſer blickte mit einer unbegrenzten Verehrung in ihr treues Mutterauge. Sie erhob ſich und faßte die beiden Hände des Sohnes. „Mutter,“— begann dieſer mit tiefbewegter Stimme, —„Mutter, gieb mir Deinen Segen und laß mich ziehen!“ „Wohin willſt Du gehen, mein Alexander?“ „Fort,— nur fort! Nein, Du ſollſt es wiſſen, meine Mutter, Du allein,— ich will zum Major Schill!“ „Mir ahnte es!“ flüſterte ſie und eine Leichenbläſſe überflog momentan ihre Wangen.„Haſt Du daran ge⸗ dacht, was aus Deiner Mutter werden würde, wenn das Geſchick Euch Tollkühne erreichte?“ „Es wäre ein ehrenvoller Tod, Mutter! Und Gott, der da weiß, daß meine Mutter nach meinem Sterben keine Verpflichtung zum Leben mehr hätte, der würde ſei⸗ nen Todesengel bald zu Dir ſenden.“— Sie ſahen ſich bedeutungsvoll an, ein Lächeln der 78 Verheißung trat auf Gabrielens marmorbleiches Geſicht. Alexander fuhr fort: „Ich kann hier nicht bleiben. In mir gährt es,— jeder Augenblick bringt mich in die Gefahr, Worte auszu⸗ ſtoßen, die mich ebenfalls dem Tnde, aber einem ſchmach⸗ vollen Tode, überliefern können. Ich kann nicht aushal⸗ ten in der deuſchen Luft, die vom franzöſiſchen Hauche ver⸗ giftet wird.“— Gabriele legte ihren Arm um des Sohnes Hals. „Geh' mit Gott! Ich will nicht klagen,— ich will nur Gott bitten, mich mit Dir ſterben zu laſſen! Geh', mein Alexander aber gelobe mir, wenn Dein letzter Athemzug entweicht, mich zu rufen, damit ich Dir folgen kann!“ Der Sohn preßte gelobend ſeine Lippen auf den Mund der Mutter. „Ich rufe Dich! Selbſt in jenem himmlichen Leben dort, mag ich nicht ohne Dich ſein,— ich rufe Dich! Ich hole Dich mir nach!“ Vollkommen befriedigt und nun ruhig allen Begegniſſen entgegenſehend, richtete ſich Gabriele auf. Solche Ge⸗ müthsrichtungen waren damals zeitgemäß. Man glaubte an Ahnungen. „Wann willſt Du fort?“ fragte ſie. „Vielleicht in acht Tagen. Ein Univerſitätsfreund hat mir gemeldet, daß Schill in kurzer Zeit uns nahe kom⸗ 79 men wird. Dieſen Zeitpunkt werde ich abwarten, unter⸗ deſſen ab und zu nach Brachleben gehen, um keinen Ver⸗ dacht rege zu machen.“ „Wir wollen das Geheimniß zwiſchen uns Beiden bewahren, um meiner alten Mutter die Qual der Sorge zu erſparen,“ ſagte Gabriele. „Das war auch meine Meinung,“ entgegnete Alexan⸗ der.—„Iſt es wirklich wahr,“ ſetzte er, plötzlich von einer Erinnerung erfaßt, hinzu,„daß der Onkel Johannes nach Kaſſel gegangen iſt? Woher weiß der Großvater das? Hat Rentelow geſchrieben?“ „Nein, ein Beamter, der direct von Kaſſel hier ange⸗ kommen iſt, hat die Nachricht mitgebracht. Der König Jerome ſoll entzückt von Rentelow's Plänen, von ſeinen neuen Erfindungen, von ſeinen geiſtreichen Anſichten ſein, — er hat ihn geadelt und zieht ihn täglich zu ſeiner Tafel.“— „Pfuil über Rentelow, wenn er ſeiner himmelanſtre⸗ benden Projecte wegen ein Schmarotzer der Uſurpatoren werden ſollte.“ „Der König Jerome wird ſeinem Bruder Napoleon Nachrichten von Rentelow's Ideen zur Anlegung von Bah⸗ nen, die den Transport ungeheuer erleichtern ſollen, zukom⸗ men laſſen und dann hat vielleicht Rentelow Ausſicht, ſeine ſehnlichſten Wünſche endlich zur Ausführung zu bringen. 80 Er benutzt die Macht der neuen Gewalt nur zu ſeinem Zwecke.“ „Er huldigt alſo dem feilen Zeitgeiſte und ſetzt ſich der Gefahr aus, durch Dienſtleiſtungen, die er dem Feinde weiht, dem Vaterlande Schaden zuzufügen. Man ſieht, wie leicht ſelbſt der edle und feſte Mann vom Strome der Frivolität fortgeriſſen wird.“ „Wir wollen Johannes entſchuldigen,“ warf Gabriele beſonnen ein.„Sein König iſt in der Lage, von ſeinen Dienſten keinen Gebrauch machen zu können, die Strebſam⸗ keit ſeines Geiſtes reißt ihn fort und der Drang zur Thä⸗ tigkeit hebt ihn über kleine Gewiſſensſerupel hinweg.“ „Das muß nicht ſein!“ rief Alexander flammend. „Treu meinem Könige,— treu meiner Pflicht gegen das Vaterland,— treu meiner Ehre, die mir verbietet, dem unrechtmäßigen Herrſcher, dem Parvenu, dem leichtſinnigen Weiberfreunde, nur einen Federſtrich zu weihen! O, Ihr Männer, wie wollt Ihr die Schmach wieder löſchen, die Ihr Euch anthut, wenn Ihr dem Fremdlinge dient?“ „Ob jemals eine Zeit kommen wird, wo dieſe Frage zur Geltung kommt?“ fragte Gabriele wehmüthig. „Sie wird kommen! Es iſt eine Heimſuchung Got⸗ tes, um das deutſche Phlegma aus ſeiner ſterilen Dumpf⸗ heit aufzurütteln, aber wenn des Volkes Sinn erwacht iſt, ſo wird es das Joch abzuſchütteln ſuchen. Dazu bedarf 81 es jedoch einer Kraft und Stärke, die vom Grimme genährt iſt. Wir wollen ſehen, was ſich jetzt ſchon thun läßt!“ „Es iſt zu früh, mein Sohn,“ warnte Gabriele. „Noch liegt die Verblendung über dem Volke, die dem Neuen huldigt. Es iſt zu früh!“ Neuntes Capitel. Herr Abraham Vogler, ſchon längſt nicht mehr Raths⸗ herr, war ganz und gar der Alte. Er trug ſeinen Zopf ſteif im Nacken, hatte weder die Pochenweſten noch die Kniehoſen mit Schnallenſchuhen abgelegt, noch dem Puder Valet geſagt. Aber er ſtützte ſich etwas feſter auf ſeinen dicken Bambusſtock, aus Altersſchwäche und legte das Kinn etwas trotziger auf, aus Aerger über die Franzoſen und die franzöſirten Deutſchen. Seine Stimmung glich der eines treuen und gehor⸗ ſamen Hundes, der Befehl erhalten hat, ruhig zu bleiben, der jedoch am liebſten die unberufenen Gäſte zum Hauſe hinaus biſſe. Er hielt ſich fern von Allen, was zur Hul⸗ digung und Verherrlichung der Reichsgründung geſchah und grübelte ſich ſchweigſam immer tiefer in ſeinen In⸗ grimm über das Franzoſenthum hinein. Man ahnte ſeinen 1858. XI. Vorwärts! II. 6 82 Seelenzuſtand, da er ihm aber niemals Worte lieh, ſo kam man über die Tiefe ſeines Haſſes nicht in's Klare. Frau Suſanne, ſeit ihrer Jugend gewohnt, nach ihres Eheherrn Willen zu handeln, hatte es jetzt nachgerade ſo weit gebracht, auch ſo zu denken. Ihr war die Verwand⸗ lung in Magdeburg in tiefſter Seele widerwärtig. Der Flitter der äußern Geſtaltung erſchien ihr verabſcheuungs⸗ würdig und die Leichtfertigkeit der Geſinnung haſſenswerth. Wenn ihr Eheherr behauptete: die Menſchen aus Frank⸗ reich hätten vom lieben Herrgott ganz andere Zungen be⸗ ſchert erhalten, als die ehrlichen Deutſchen, ſo ſetzte ſie jedes Mal hinzu: auch andere Herzen. Ein einfaches ruhiges Greiſenpaar, wie Abraham Vogler und Frau Suſanne, entgeht ſchon der allgemeinen Beachtung und ſo liefen ſie Beide keine Gefahr, wegen ihrer fortgeſetzt ſpecifiſch preußiſchen Geſinnung, zur Rechenſchaft gezogen zu werden. Aber Vogler hatte auch den Muth, dieſe Anſichten frei zu zeigen, als die Aufmerkſamkeit auf ihn gelenkt wurde. In der Conſtitution, welche für das Königreich Weſt⸗ phalen entworfen wurde, hob man alle Privilegien auf, die den Städten ſonſt zugeſtanden waren. Magdeburg er⸗ freute ſich ganz beſonders in dieſer Hinſicht einer Bevor⸗ zugung, es war alſo natürlich, daß die Einwohner der Stadt mit großer Beſorgniß einer Entſcheidung darüber 83 entgegenſahen und einſtimmig den Beſchluß faßten, durch eine Bevorwortung ihre Gerechtſame zu wahren. Es ſollte ein Schreiben darüber entworfen werden, das kräftig und durchgreifend die Nothwendigkeit der Aufrechterhaltung die⸗ ſer Privilegien darthat. Wer wollte, wer konnte ein ſolches Schreiben ver⸗ faſſen, das gründlich auseinander ſetzen und muthig for⸗ dern mußte. Abraham Vogler, der frühere Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherr! Man ſendete eine Deputation zu ihm, den Aldermann Kaiſerling an der Spitze. Herr Abraham hörte ruhig an, was man ihm vor⸗ trug. Es war viel verlangt, einer neuen Regierung gegen⸗ über mit Forderungen aufzutreten, die nicht im Tone der Bitte vorgetragen werden ſollten. Als er vollſtändig begriffen hatte, warum es ſich handle, wiegte er bedenklich ſein bezopftes Haupt und ſagte endlich:„Meine lieben Herren und Freunde, es iſt alſo Ihr Wille, daß ich Ihren Befürchtungen Worte geben ſoll? Wer wird aber das Memoire unterſchreiben?“ „Ja, natürlich Du, lieber Vetter Vogler,“— rief Kaiſerling, der ihn mißverſtand. Die Uebrigen zuckten verlegen die Schultern. „So?— Hat Einer von Euch Muth, ſeinen Namen 6* 84 unter eine Schrift zu ſetzen, die von vorn herein ein Miß⸗ trauen gegen die unbedingt gute Geſinnung einer neuen Regierung und zugleich eine Oppoſition gegen höhere Be⸗ ſchlüſſe enthält?“ fuhr Vogler fort. Kaiſerling zog ſich etwas beſchämt zurück. Es ant⸗ wortete Niemand, ſie hatten früher als Kaiſerling begriffen, daß es ein Wagſtück ſei, zu remonſtriren. Eine Weile wartete Vogler auf eine Antwort, dann lachte er verach⸗ tungsvoll und ſprach: „Ihr ſeid alleſammt viel zu gute Freunde von den Franzoſen und möchtet es um Alles in der Welt nicht mit ihnen verderben, deshalb ſuchtet Ihr nach einem Schafe, das ſeine eigene Wolle zu Markte tragen ſollte. Ich werde das Schreiben machen, ich werde es unterzeichnen im Na⸗ men der Kaufmannſchaft und ich verlange dafür nur, daß Ihr meiner Leiche folgt, wenn ſie mich dafür hängen laſſen ſollten. Das iſt doch wenig verlangt, meine lieben Herren und Freunde, einem Märtyrer für's allgemeine Beſte eine letzte Ehre zu erweiſen.“ Kaiſerling wendete das unbe⸗ hagliche Schweigen zur Fröhlichkeit. „Alter Iſegrimm, kennſt Du Deine Freunde ſo ſchlecht,“ rief er lachend.„Wenn Dir das Memoire Scha⸗ den bringt, werden wir einſtehen für Dich, wirft es aber den Glanz der Ehre auf Dich, ſo poſaunen wir Dich als unſern Erlöſer aus.“ 8⁵ „Wollen abwarten, wie es kommt,“ meinte Vogler trocken.„Man iſt der leeren Worte ſchon recht geläufig geworden.“ Die Deputation entfernte ſich und Vogler unternahm wirklich den Bericht. Gleichzeitig aber ordnete er ſein Geſchäft, zog die dispo⸗ niblen Gelder zuſammen, kündigte dem Brauereipächter den Pacht und traf alle Anſtalten, als wolle er ſterben, obwohl er daran nicht im Mindeſten dachte. Er hatte längſt eingeſehen, daß die Zeit heranrücken werde, wo die veränderten Regierungsverhältniſſe dem Bürger und namentlich dem Kaufmanne viel Miſere brin⸗ gen mußten und er hatte nur einen günſtigen Zeitpunkt ab⸗ gewartet, um ſein Hab und Gut ohne Aufſehen in Sicher⸗ heit zu bringen. Mit kaufmänniſcher Schlauheit benutzte er jetzt die Veranlaſſung, wo ſein Leben in Unſicherheit zu kommen ſchien, da der Franzoſe nicht anſtand, Leute, die ihm abhold waren, ohne Weiteres aus dieſer Welt in die Räume des Himmels zu verſetzen. Er hätte bei ſeiner Geſchäftsauflöſung mehr die Verwunderung ſeiner Freunde, als die Aufmerkſamkeit der Fremden zu fürchten gehabt und dieſe wurden durch die vorgeſpiegelte Furcht,„den Zorn der weſtphäliſchen Regierung zu erregen,“ hinlänglich geblendet, um auf den wahren Grund ſeiner Geſchäftsauf⸗ gabe zu kommen. 86 Ehe drei Wochen in's Land gingen, hatte Herr Abra⸗ ham Vogler ſeine Firma gelöſcht, ſeine Gelder in Verwah⸗ rung gebracht, ſeines Vaters Brauerei, die bei der Auflö⸗ ſung des Innungsweſens bedeutend verloren hätte, geſchloſ⸗ ſen und ſaß nun, in's Fäuſtchen lachend, ruhig neben ſeiner alten treuen Frau Suſanne, das Ende vom Liede abwar⸗ tend. Er wollte, ſo bald es thunlich war, zu ſeinem Schwiegerſohne nach Brachleben ziehen und ſein Reichthum lag dort ſchon längſt aufgeſpeichert und gegen Feindeshand ſicher verwahrt, ehe er von Magdeburg aufbrach. Es verging aber Tag an Tag, ohne die gefürchtete Mißbilligung zu bringen, welche Vogler's Oppoſitions⸗ Schreiben zu erwecken im Stande war und es iſt anzuneh⸗ men, daß die weſtphäliſche Regierung ſich nicht die Mühe genommen hat, dies letzte Document von Vogler's deutſch⸗ kräftigem Sinne, der Aufmerkſamkeit zu würdigen. Ge⸗ nützt hatte es nicht. Die Conſtitution trat in Kraft, ohne Rückſicht auf Magdeburgs Privilegien zu nehmen und der würdige Vertreter ſeiner vaterſtädtiſchen Rechte iſt un⸗ angefochten geblieben. 87 Zehntes Capitel. Alexander war abgereiſt. Seine Mutter ging ſeit⸗ dem in einem traumhaft exaltirten Zuſtande umher, der Blick des Auges zeigte ſich geſpannt und die Seele fieber⸗ haft aufmerkſam. „Wird Dein Geiſt Kraft haben, mich von der Erde zu erloͤſen, wenn Du von ihr ſcheiden mußt?“ hatte ſie unter dem letzten Mutterkuſſe den Sohn gefragt. „Sei ruhig,— ich komme,— ich erſcheine Dir und rufe Dich zu mir!“ war ſeine ſchwärmeriſche Antwort. Er hing mit der ganzen Gluth der Jugend an dem Glauben, daß dies möglich ſei. Wer dies mit dem nüchternen Ver⸗ ſtande des Unglaubens lieſt, wird es ſpöttiſch belächeln, aber zur Zeit, wo Alexander die Möglichkeit gar nicht in Zweifel zog, erzählte man ſich wunderbare Geſchichten und ſelbſt aufgeklärte und geſcheute Männer ergaben ſich dem Spiele ihrer allzulebhaften Phantaſie, die ihnen Erſchei⸗ nungen vorſpiegelten, welche das Daſein einer Kraft vor⸗ ausſetzten, ſich im Bewußtſein der Auflöſung durch wahr⸗ nehmbare Zeichen zu verabſchieden. Gabriele hoffte auf ſolche Zeichen,— ſie erwartete dieſelben, weil ſie in der feſten Ueberzeugung lebte, das 88 Schickſal werde ihr den Sohn nehmen und ihn im Kampfe für das bedrückte Vaterland untergehen laſſen. Die Organiſation der Frauen neigt überhaupt zu ſol⸗ chen nervöſen Selbſtquälereien, ſie dünken ſich erhaben in der martervollen Furcht der Erwartung und ſie rechnen darauf, als Opfer ihrer geſteigerten Geiſtes⸗ und Seelen⸗ thätigkeit zu fallen. Der Tag war regneriſch und trübe, obwohl es Mai war und die Bäume in vollſter Blüthenpracht ſtanden. Gabriele ſaß allein in ihrem Zimmer. Ihr Blick ruhte mit wehmüthig freudiger Erinnerung auf der Guitarre ihres Sohnes, die er, wie damals alle jungen Damen und Herren, mit großer Virtuoſität hand⸗ habte. Der Regen ſchlug an die Fenſter und rauſchte in eintöniger Melodie von der Rinne des Daches auf das Pflaſter nieder. Gabriele ſaß und träumte. Jugendbilder ſtanden in ihr auf,— der Gedanke an ihren längſtvergeſſenen Gatten regte ſich.— Ob ein leichter Schlummer ihre Augen be⸗ ſchlich? Plötzlich ſchreckte ſie auf und ihr Blick wurde ſtarrer. Ein leiſer harmoniſcher Klang durchdrang das Zimmer,— die Saiten der Guitarre tönten,— ſie hörte es, wie aus weiter Ferne, geiſterhaft:—„Alexander, mein Kind, mein Sohn!“ ſchrie die aufgeregte, auf den Gipfel 89 der höchſten Exaltation getriebene Frau. Alles wurde ſtill, — es regte ſich nichts,— es erſchien nichts! Gabriele erhob ſich ſchwankend, nahm die Guitarre von der Wand und betrachtete ſie mit einer ſo glühenden Neugier, als wolle ſie Auskunft über die leiſe, melodiſche Sprache verlangen, die ihr als eine Ahnung geſchehenen Unglücks erſchien. Das Inſtrument ſah aus wie immer. Ein Thränenſtrom entſtürzte den Augen Gabrielen's und hob den fürchterlichen Druck der Angſt von ihrem Her⸗ zen. Mit der Guitarre im Arm eilte ſie hinab zu ihrer Mutter und trug ihr leidenſchaftlich bewegt das Ereigniß vor. Frau Kaiſerling lächelte gütig und milde bei dieſer Erzählung. „Beruhige erſt Deine Phantaſie,“ ſprach ſie,„dann wirſt Du einſehen, daß das Schwirren und Tönen der Guitarre geſchehen kann, ohne daß der Geiſteswille Deines Sohnes ſie berührt hat.“ Gabriele wollte ſich aber nicht beruhigen, ſie wollte fort, um den Sohn zu ſuchen, der nach ihr gerufen hatte, ſie wollte ſeinen letzten Athemzug belauſchen, ſie wollte ihn in ihren Mutterarmen, an ihrem Mutterherzen ſterben ſehen und dann— wollte ſie auch ſterben. Was halfen alle vernünftigen Rathſchläge der beſon⸗ nenen Frau Kaiſerling! Daß der Major Schill mit ſeiner verwegenen Schaar 90 nahe bei Magdeburg umherſchweife und die Beſatzung Magdeburgs beunruhige, war factiſch und ſtand den Ver⸗ muthungen der Frau von Kotſchinski zur Seite. Als alle Reden gegen einen von ihr beabſichtigten Streifzug unnütz waren, ſuchte Frau Kaiſerling ſie wenigſtens zu beſtimmen, zuerſt nur nach Brachleben zu Stephan Kühne hinaus zu fahren, um von dort, unter der Leitung des beſonnenen Mannes, Nachforſchungen anzuſtellen. Mitten in dem Discours, der von Seiten Gabrielen's immer lebhafter und bewegter wurde, fuhr ein Wagen vor das Haus des Aldermanns. Beſorgt trat Frau Kaiſerling an's Fenſter und ſchrie gleich darauf vor Freude laut auf. „Editha,— ach, mein Kind, meine ſo lang entbehrte Tochter!“ Sie eilte hinaus, um die Dame, die ſo eben dem Wagen entſtieg, mit der ganzen Freude des Mutterherzens zu umfangen und zu herzen und zu küſſen. Gabriele, höchſt wohlthätig von ihren excentriſchen Gefühlen abgezo⸗ gen, trat herzu und ſchloß ein reizendes junges Mädchen, das mit dem Freudenrufe:„Tante, liebe Tante Gabriele!“ in ihre Arme flog, an ihre Bruſt. Unter Jubel und Jauchzen wurden die unerwarteten Gäſte in's Haus geführt und der Tumult des Begrüßens erneuete ſich, als in dieſem Augenblicke Kaiſerling zu Hauſe kam. 91 „Wo kommſt Du nur her, wie vom Himmel geſchneit oder geregnet!“ rief der alte Mann vergnügt und ſtolz ſein ſchönes Enkelkind betrachtend. Editha, von der jugendlichen zarten Jungfrau zu einer recht tüchtigen Frauengeſtalt entwickelt, winkte beſchwichti⸗ gend mit den Augen und bat ihre junge Tochter Eliſe, nach dem Gepäcke zu ſehen und es oben hinauf tragen zu laſſen, wo ſie es gleich ordnen könne. Eliſe entfernte ſich gehorſam, obgleich ein tiefes Er⸗ röthen verrieth, daß ſie recht gut wiſſe, weshalb ſie entfernt werde. So wie ſich die Thür hinter ihr geſchloſſen hatte, begann Editha lebhaft zu erzählen, daß ſie ſich mit Eliſe auf der Flucht befinde und ihr Gatte Johannes mit ſeinen zwei Söhnen ebenfalls auf der Flucht nach Danzig ſei. Kaiſerling ſah ſie ſprachlos vor Erſtaunen an. Wie ſollte er eine Flucht mit den glänzenden Nachrichten rei⸗ men, die er über des Schwiegerſohnes Carriere eingezo⸗ gen hatte. „O, es iſt entſetzlich, mein Vater,“ entgegnete Frau Rentelow auf dieſen fragenden Blick.„Dieſer Jerome, — aber nein, nein, er iſt weniger Schuld, die feilen Freunde des Kaiſerhauſes, die ſich pouſſiren wollen—“ ſie athmete tief und gewaltſam, wie in einer ſchmerzlichen Aufregung und erzählte, daß die Reize ihrer jungen Toch⸗ ter die Aufmerkſamkeit erregt und daß man den leichtſinni⸗ 92 gen jungen König von Weſtphalen darauf aufmerkſam ge⸗ macht habe. „Nun iſt mir die Freundſchaft des Königs für Ren⸗ telow erklärlich,“ ſprach Frau Kaiſerling entrüſtet, während Gabriele athemlos horchte und eine Bewegung machte, als wolle ſie das ſchöne Kind ihrer Schweſter beſchützen. Indeß der Aldermann zog eine ſaure Miene.„Und deswegen ſeid Ihr Alle geflohen, habt die brillante Stel⸗ lung verlaſſen, die Protection des hohen Gönners ver⸗ ſcherzt?“— „Vater,— ich kenne Dich nicht wieder!“ entgegnete Frau Rentelow mit flammenden Blicken.„Steht die Ehre meines Kindes nicht höher, als aller Glanz der Welt?“ „Ereifere Dich nicht, Frau Tochter,“ ſprach Kaiſer⸗ ling mißvergnügt.„Es iſt jetzt Alles möglich,— warum ſollte es nicht möglich geworden ſein, ſo Ihr klug und ge⸗ ſcheut genug geweſen wäret, eine Enkelin des Aldermann Kaiſerling auf den Königsthron von Weſtphalen zu ſetzen, wo ein Regent ſitzt, der auch nicht beſſer, ſondern ſchlechter in der Welt ſituirt geweſen iſt, als der Aldermann Kaiſerling.“ Editha warf ihre Blicke prüfend von ihrem Vater auf ihre Mutter und Schweſter. „Steht es ſo hier mit Euch?“ fragte ſie augenſchein⸗ lich empört und beſtürzt.„Dann iſt hier keine Sicherheit für mich und mein Kind.“ 93 Frau Kaiſerling faßte mit feſtem Drucke ihre zittern⸗ den Hände, womit ſie ihren Reiſemantel ergriffen hatte, um ihn ſogleich wieder umzuhängen. „Keine Uebereilungen, die an den Namen Kaiſerling erinnern,“ ſagte ſie verweiſend.„Wir ſind des Königs von Preußen Unterthanen und nur nach ſeinem Befehle weſtphäliſch.“ Editha fuhr heftig und zürnend fort: „Und wenn dieſer König Jerome mein Kind zur Ehe verlangt hätte, ich würde es ihm verweigert haben, aus Haß und aus Verachtung gegen ein Volk, das unſer Vater⸗ land elend macht. Aber zu ſo ehrenhaften Anträgen braucht ein König von Weſtphalen nicht zu ſchreiten, er hat ſeine Freunde, die Verhältniſſe zu ſtützen und herbeiznſühren, wie es ſein Gelüſt heiſcht.“ Der Aldermann trat mürriſch zur Seite und hörte ſcheinbar nicht zu, als die junge Frau von den Schritten berichtete, die man zur Bethörung der Eltern und des Mäd⸗ chens angewendet habe, und deren günſtiger Erfolg nur an ihrer fortgeſetzt geſpannten Aufmerkſamkeit geſcheitert ſei. „Als ich jedoch bemerken mußte,“ ſchloß ſie leiden⸗ ſchaftlich bewegt,„daß Eliſe nicht gleichgültig gegen die öffentlichen Huldigungen blieb, daß ſich Eitelkeit in ihrem unſchuldigen Herzen regte und die Vorläuferin zu andern Verirrungen ihrer lebhaften Phantaſie zu werden drohte, da flehte ich meinen Johannes um Mittel zur Rettung an. 94 Johannes war keinen Augenblick ungewiß, was zu thun war. Er gab ſeine Pläne auf, leitete insgeheim eine Flucht ein, ſchickte mich heimlich in der Nacht mit Eliſe fort und reiſte am nächſten Tage öffentlich mit unſern beiden Söh⸗ nen ab. Ich habe Nachricht von ihm, daß Alles geglückt iſt, daß man mich und Eliſe ebenfalls nach Danzig gegan⸗ gen glaubt und ich hoffe, hier im Elternhauſe einen ge⸗ ſchützten Aufenthalt zu finden, wenn ich verborgen in ſeinen Räumen bleibe.“ Gabriele und Frau Kaiſerling blickten bedenklich vor ſich hin. Der Aldermann aber fuhr auf:„Darin irrſt Du! Man kennt mich, man weiß, daß des Baron von Rentelow Frau in Kaſſel meine Tochter iſt.“ „So wird es gut ſein, mich nicht als Baronin Ren⸗ telow“— ſie betonte dies ſehr ſcharf und ſchneidend— „zu präſentiren, ſondern mich ganz incognito oben im Gie⸗ belſtübchen zu placiren.“ „Warum nicht gar!“ polterte der alte Mann, ganz ſeiner Jugendmanier gemäß, heraus.„Ich denke, der Aldermann Kaiſerling wird die Macht haben, ſeine eigene Tochter und Enkelin ſelbſt Angeſichts des Königs von Weſt⸗ phalen zu ſchützen. Uebrigens erwartet man ihn hier.“ Editha fuhr erſchrocken zurück.„Hier?— Man re⸗ dete früher davon— dann hat man ihm aber eingeflüſtert, 95 nicht nach Magdeburg zu gehen, weil ſein Leben durch den Major von Schill bedroht ſei.“ „Er kommt aber dennoch— verlaß Dich darauf. Mir hat es der General Michaud ganz conſidentiell mitge⸗ theilt. Es werden Bälle vorbereitet im Logenhauſe und Gaſtmähler— Illuminationen und Aufzüge— Alles aber ganz insgeheim! Es wird prachtvoll werden!“ Frau Rentelow ſah rathlos zu ihrer Mutter auf. Dieſe hatte längſt einen Entſchluß gefaßt, aber ſie ſchwieg klüglich in ihres Gatten Gegenwart. Als die Frauen dann hinaufgingen in das Gaſtzim⸗ mer des Hauſes, wo Eliſe die Koffer auspackte und ſich auf einen längern Aufenthalt einrichtete, flüſterte Frau Kai⸗ ſerling ihrer Tochter Gabriele zu: „Beſtelle Dir einen Wagen, laß ihn mit dem Dunkel des Abends vorfahren und nimm Eliſe mit nach Brachle⸗ ben. Unſer Großpapa darf aber nichts davon ahnen!“ Gabriele, die Weisheit ihrer Mutter, die zugleich ihre Herzenswünſche mit berückſichtigt hatte, preiſend, that, wie ihr geheißen war. Eliſe befand ſich auf dem Wege nach Brachleben, als der Aldermann noch immer von der Möglichkeit träumte, ſeine Enkelin, die wirklich wunderſchön war, als Königin von Weſtphalen zu ſehen. Auf dem einſamen, von keinem Unfalle geſtörten 96 Wege hatte Frau von Kotſchinski Gelegenheit, eine Sonde an Eliſen's Herz zu legen, um zu ergründen, wie tief das Gift der Verführung hineingedrungen war. Sie fand keine Veranlaſſung zur Furcht und zum Tadel. Ihre Mutter Editha, vom Haſſe des Franzoſenthums geleitet, mochte kleine Aufwallungen des Augenblickes zu ſcharf beurtheilt haben. Weder die Perſönlichkeit des verführeriſchen Je⸗ rome's, noch der Flitterſtaat ſeiner Huldigungen konnten auf dies reine und frohſinnige Mädchen, das klarer und weit weniger zur Schwärmerei geneigt, als ihre Tante, alle Verhältniſſe des Lebens betrachtete, Eindruck machen. Sie enthüllte vor der Tante ihre Grundſätze offener, als vor der Mutter, und wenn auch anzunehmen war, daß eine acht⸗ zehnjährige Weisheit auf ſehr wankenden Füßen ſtehen mußte, ſo fühlte ſich doch Gabriele von der Wahrheit die⸗ ſes innern Lebens beruhigend angeſprochen. Je näher Frau von Kotſchinski endlich dem Dorfe Brachleben kam, deſto ſchärfer und beunruhigender tauchten die Ahnungen des Tages wieder in ihr auf. Gerüchte von kleinen Attaquen waren ihnen ſchon in Magdeburg zu Ohren gekommen und unweit Brachleben begegnete ihnen ein Reiter, der, im Dunkel der Nacht zwei Damen ohne männliche Begleitung reiſen zu ſehen, vor Erſtaunen ſtill hielt und ſie anredete. Er warnte ſie und trieb ſie zur Eile, weil ungefähr eine Meile ſeitwärts von 97 4 Brachleben am Morgen ein ſcharfes Gefecht vorgekommen ſei und die franzöſiſchen Marodeure plänkelnd umher zögen. Gabriele dachte an nichts, als an ihren Sohn. Es war nun in ihr zur Gewißheit geworden, daß er bei dem vorgefallenen Gefechte betheiligt und entweder todt oder doch ſchwer verwundet ſei. Die Guitarre konnte nimmermehr ohne Urſache ge⸗ klungen haben! Es war ſchon tief in der Nacht und Alles ſchlief in Frieden, als der Wagen endlich am Amthofe zu Brachleben ſtill hielt und der Kutſcher, ungeduldig mit der Peitſche knallend, am Thorwege Einlaß begehrte. Schlaftrunken kam der Stallknecht, der eigentlich wa⸗ chen ſollte, herbei und oben im Hauſe klirrte ein Fenſter. „Qui vive!“ ſchrie des Oberamtmanns Stimme herab, aber der Accent derſelben verrieth, daß er keineswegs fremde Gäſte erwartete. Kaum hörte er Gabrielen's Antwort, als er verwun⸗ dert hinabrief: „Was führt denn die Tante Gabriele her? Ich dachte, es wäre mein Schwiegerpère!“— Eilig warf er ſich in die Kleider, aber ſchneller, als er, war ein anderer Gaſt des Hauſes, auch vom Tumult erwacht, ſchon beim Wagen und bedeckte die Hände Gabrie⸗ len's mit Küſſen. 1858. XI. Vorwärts! II. 8 7 98 „Alexander,“— flüſterte die Mutter entzückt,„Du lebſt, Du biſt geſund?— O weh, die Guitarre hatte alſo gelogen!— Du lebſt!“ „Hat man Dich mit falſchen Nachrichten getäuſcht, Mutter?“ fragte der Sohn beſorgt. Sie ſchwieg, um mit ihrem falſchen Ahnungsvermögen von Stephan Kühne, der jetzt herbei kam, nicht verlacht zu werden. Sehen wir uns den guten Mann ſchnell etwas näher an. Die verfloſſenen zwanzig Jahre hatten ſeiner athleti⸗ ſchen Geſtalt etwas mehr Würde und ein ganz kleidſames Embonpoint zugefügt, ſonſt aber ſchien er ganz derſelbe und ſah in ſeinem hübſchen Krauskopf faſt jünger aus, als damals mit dem ſteifen Zopf und den breiten Vergetten. Er hob mit der Kraft eines Simſon's die Damen vom Wagen und betrachtete ſich beim Scheine der Stalllaterne verwundert die ſchöne Eliſe, die er ſeit mehrern Jahren nicht geſehen hatte. „Tauſend, Frau Tante,— wen haben Sie denn da?“ fragte er neugierig. „Eine Dame aus der Nachbarſchaft, die ich aus Ge⸗ fälligkeit mitgenommen,“ antwortete Frau von Kotſchinski gefliſſentlich ſehr laut und ſehr beſtimmt. Herr Stephan ſchüttelte mißtrauiſch den Kopf, reſpectirte jedoch das Vor⸗ geben und führte die Damen in's Wohnzimmer. Hier ſah es ſeltſam aus, gerade, als hätte der Feind 99 gehauſt. Alle Zierrathen abgebrochen. Kahle Wände und ausgeräumte Schränke. Die einfachſten Möbel, zer⸗ brochene Stühle.— „Wir haben„plündern“ geſpielt, Frau Tante,“ flü⸗ ſterte Stephan lachend.—„Mutter Sara wird außer ſich ſein, daß Sie in dieſe mal propre Wirthſchaft hineinfallen, wie ein Meteor.“— „Wir kommen halb als Flüchtlinge,“ erklärte Gabriele ihm, ebenfalls flüſternd.„Es iſt Eliſe, meiner Schweſter Tochter, die ich Ihrer Obhut übergebe, weil ſie franzöſi⸗ ſchen Augen wohl gefallen hat.“ Alexander hatte ſie längſt erkannt und traulich mit der jungen Verwandten geplaudert. Bei der Berichterſtat⸗ tung der Mutter flog eine helle Röthe des Zornes über ſein edles Geſicht und ſein Auge heftete ſich angſtvoll auf Eliſe, die ihm mit lächelndem Vertrauen in's Geſicht ſah. „Komm Du nur, kleine Eliſe,“— ſprach unterdeſſen der Oberamtmann.„Hier ſoll Dich Keiner finden,— iſt's nicht anders, ſo ſtecken wir Dich in eine Kinderuniform von Kühnen's Nachkommenſchaft und ſchicken einen der Herren Jungen ſo lange fort, damit es nicht plötzlich zehne ſind, ſtatt neune.“ Jetzt kam Sara, die ſtattlichſte aller Oberamtmän⸗ ninnen der damaligen Zeit, herbei und auch ſie wurde ſchleunig mit dem Grunde dieſer Reiſe bekannt gemacht. 7* 100 „Es iſt am Allerbeſten, wir kleiden ſie als Knabe ein,“ entſchied dieſe ebenfalls.„Wenn wir vorgeben, daß Kränklichkeit unſern Fritz an's Zimmer feſſelt und dieſer morgen mit der Tante Gabriele zum Großvater Vogler fährt, ſo ahnt Niemand im Hauſe die Wahrheit. Wir haben große Vorſicht nöthig,— man iſt im eigenen Hauſe vor Verräthern nicht ſicher und die franzöſiſchen Detaſche⸗ ments vigiliren hier herum nicht allein nach Schill'ſchen Soldaten.“ Sara ſetzte mit gewohnter Ruhe die Sache ſogleich feſt, ging noch in der Nacht an's Werk, ſchnitt den Titus⸗Lockenkopf des jungen Mädchens kürzer und legte ihr einen Knabenanzug zurecht. Während dieſer Beſchäftigung fragte Gabriele nach Alepander's Entſchlüſſen in Bezug auf ſeine kriegeriſche Car⸗ riere. Sie hörte mit wahrer Befriedigung, daß ihres Sohnes flammender Enthuſiasmus von der Einſicht des ruhiger denkenden Oberamtmanns bedeutend gedämpft worden war, als dieſer die Schill'ſchen Operationen einen temporären Wahnſinn genannt und ganz entſchieden als unnütz und ſogar ſchädlich aufgeſtellt hatte.. Nachdem das Gaſtzimmer in aller Eile noch in Stand geſetzt und Eliſe zu Bett gegangen war, blieb Ga⸗ briele mit ihrem Sohne allein im Wohnzimmer. Aller Augen ſchloſſen ſich, nur dieſe Beiden fühlten die Macht des Schlummers noch nicht. Gabriele hatte 101 unmittelbar nach den erſten ſtürmiſchen Begrüßungen einen ernſtwehmüthigen Zug in ihres Sohnes Geſicht bemerkt, der ihm ſonſt nicht eigen geweſen. Sie mußte wiſſen, was ſein Gemüth bewegte, bevor ſie dem Schlafe ruhig in die Arme ſinken konnte. Sie hatte nicht lange auf ſein Ver⸗ trauen zu warten. Der junge Mann ſah einige Minuten ſchmerzlich lächelnd auf die milde Ruhe, die aus dem mütterlichen Mienenſpiele herausleuchtete und ſagte dann: „Ich muß Deine Seelenruhe durch eine traurige Mittheilung ſtören, meine liebe Mutter. Das Schickſal ſcheint Deine Reiſe hierher beſtimmt zu haben, um den Mann, der Deiner und meiner unwerth gehandelt hat, noch auf dieſer Welt wieder zu ſehen.“ Gabriele fuhr erſchrocken empor: „Kotſchinski?— Dein Vater? Wo? O, mein Gott, wenn es ſein kann, ſo erſpare mir dies Zuſammentreffen. Iſt er hier im Hauſe?“ fragte ſie bewegt. „Ruhig, beſte Mutter!“ bat Alexander.„Wünſcheſt Du das Wiederſehen nicht, ſo iſt keine Veranlaſſung dazu da, es zu ſuchen. Auch fehlt mir die Gewißheit, ob es mein Vater iſt. Höre, was ſich heute zugetragen hat. Es iſt früh am Morgen ein Gefecht zwiſchen dem Schill'ſchen Corps und einem Detaſchement Franzoſen vorgefallen. Wir hörten deutlich das heftige Gewehrfeuer und kurz 102 nach Tiſche kamen einzelne franzöſiſche Trupps, die er⸗ müdet und verwundet hier in der Gegend Hülfe und Nah⸗ rung ſuchten. Wir verſagten unſern Beiſtand nicht. End⸗ lich näherte ſich eine größere Abtheilung dem Amthofe und wir erkannten ſogleich darin einen Transport Verwundeter, die jedenfalls von Bedeutung waren. „Man hatte Tragbahren gemacht, die Offiziere, vier an der Zahl, ſo gut wie möglich darauf placirt und die⸗ ſelben unter einer hinreichenden Bedeckung von Bewaffne⸗ ten hierher gebracht. „Sie hielten auf Befehl eines jungen Offiziers drau⸗ ßen an und dieſer kam mit zwei Soldaten herein, um Auf⸗ nahme der Verwundeten bittend. „Ich ſtand mitten im Zimmer, ihnen gerade gegen⸗ über, als ſie die Thür öffneten. Mit einem Ausruf des Erſtaunens blieben ſie ſtehen und ſtarrten mir in's Geſicht. Der Offizier, ein Baier von Geburt, näherte ſich mir und fragte: ob ich einen Bruder in der Armee habe,— er ſei verwundet und liege draußen auf der Tragbahre. „Als ich ſeine erſte Frage verwundert verneinte, er⸗ klärte er mir, daß meine Aehnlichkeit mit dem Oberſt de Cotula frappant, zum Erſchrecken frappant ſei. Eine Ah⸗ nung fuhr durch meine Seele.“ „Iſt's möglich,— noch immer ähnlich und das In⸗ nere ſo verſchieden,“ unterbrach ihn ſeine Mutter,„ſollte 103 denn wirklich Geiſt, Herz und Seele keinen Stempel für das äußere Antlitz haben? Wie hat er ſich genannt, „Cotula?“ „Ja. Ich wollte hinaus, um den Mann zu ſehen, der Dich elend gemacht hatte, und den ich Vater nennen mußte. Der Oberamtmann war mir zuvor gekommen. Er hatte mit den beiden Soldaten den Thorweg geöffnet, um die verwundeten Offiziere bis vor das Portal tragen laſſen zu können. So wie Vetter Stephan's athletiſche Geſtalt ſichtbar geworden war, hatte ſich der Oberſt jähe aufgerichtet von ſeinem improviſirten Lager und ihm fran⸗ zöſiſch fluchend entgegen geſchrieen. Stephan verſteht wenig franzöſiſch, ihm entging alſo der Sinn der Worte. Beſſer verſtand es die Umgebung des Oberſten, obwohl es auch meiſtentheils Deutſche waren, die aus Habſucht den Fahnen Napoleon's folgten. Sie ſtellten ſich trotzig dem Oberamtmann gegenüber und warteten, was ihr Befehls⸗ haber auf der Bahre weiter verfügen würde, der mit ſeinen Worten einen entſetzlichen Ingrimm gegen den Oberamt⸗ mann ausgedrückt haben ſoll. Glücklicherweiſe merkte der gutmüthige Mann etwas und ſah ſich ſeinen franzöſiſchen Widerſacher etwas näher an. In dieſem Moment kam ich hinzu und Vetter Stephan packte mich erſchrocken bei beiden Schultern.—„Herr Gott im Himmel,— Kotſchinski!“ ſchrie er mir zu. 104 „Ich wollte mich, im Impulſe des erſten überwälti⸗ genden Gefühles, meinem Vater nähern. Er zankte jedoch auf eine ſo leidenſchaftliche Art, wies ſo voller Abſcheu und Zorn ſeine Untergebenen an:„ihn fort zu bringen aus den Augen der Verräther, der Schurken, der niederträchtigen Hallunken,“ daß ich, um die gräuliche Scene nicht zu ver⸗ ſchlimmern, zurück blieb und es ruhig geſchehen ließ, als der unglückſelige Mann befahl, ihn in ein Bauernhaus zu tragen. Es geſchah. Er liegt in der Wohnung des Schul⸗ lehrers, iſt jedoch in der größten Lebensgefahr. Seine Wunden am Kopf ſind bedeutend und der rechte Fuß am Knie von einer Kugel vollſtändig zerſchmettert.“ Gabriele hielt krampfhaft ihre Hände gefaltet, wäh⸗ rend dieſer Erzählung und blickte zum Himmel auf, als erwarte ſie von dort eine Eingebung. Alexander ſchwieg. Er ahnte den Kampf ſeiner Mutter. Eine lange, länge Zeit verſtrich. Bittere Erinnerun⸗ gen wechſelten mit milden erbarmenden Gefühlen in der Bruſt Gabrielen's. Bald war ſie geneigt, dem unglücklich Verirrten noch ein Mal im Leben verſöhnend zu begegnen, bald empörte ſich ihre Seele gegen den Gedanken, weil er ihrer Verzeihung unwürdig ſchien. In den Reihen der Vaterlandsunterdrücker ihn zu finden!— „Nein,“ rief ſie plötzlich, wie aus einem Traume auf⸗ fahrend.„Nein, mein Sohn, ich kann ihm nicht vergeben, 10⁵ was nützte alſo wohl ein Wiederſehen, das für ihn gewiß eben ſo peinigend wäre, als der Anblick Stephan's. Laß ihn in Frieden ſterben, wenn Gott das Ende ſeiner Tage beſtimmt haben ſollte. Beſſer, ihn todt wiſſen, als verrä⸗ theriſch handelnd. Wie konnte er ſich ſo weit verirren, dem Lande als Feind zu nahen, das ſeine Heimath iſt!“ „Ich danke Gott, daß ich ihm nicht heute im Schlacht⸗ gewühl begegnet bin,“— entgegnete Alexander bewegt. „Wie leicht hätte ſich Vater und Sohn mörderiſch vernich⸗ ten können.“ Gabriele umfing mit beiden Armen ihren Sohn. „Du armes Kind, einen ſolchen Vater zu haben,“— flüſterte ſie mit erſtickter Stimme. „Stelle das Glück dagegen, eine ſolche Mutter zu be⸗ ſitzen,“ entgegnete er feurig. Die Nacht verging nach dieſen Eröffnungen ſehr un⸗ ruhig. Mit dem erſten Morgengrauen floh der Schlaf wieder von Gabrielen's Augen. Sie erhob ſich von ihrem Lager, auf das ſie ſich an— gekleidet geworfen hatte, um nochmals mit ihren Hausge⸗ noſſen zu überlegen, was ihr in Bezug auf ihren ehemali⸗ gen Gatten zu thun obliege. Der Oberamtmann war entſchieden gegen jede Begeg⸗ nung,— Alexander trat ihm bei. Sara ſchwankte noch und Gabriele neigte ſchon wieder ſtark zu milden Geſinnungen. 106 Dieſem Wirrwarr von Gefühlen wurde ein Ende ge⸗ macht durch die Nachricht, daß der Oberſt de Cotula in der Nacht ruhig geſtorben ſei. Zwei große kriſtallhelle Tropfen, die ganz unbewußt Gabrielen's Augen füllten, bewieſen, daß ihres Herzens frühe Liebe, trotz aller Kämpfe, nicht ganz ausgerottet war. Als ihr Sohn ſich anſchickte, hinüber zu gehen nach des Schullehrers Hauſe, um wenigſtens im Tode den zu betrachten, dem er ſein Daſein verdankte, da flüſterte ſie ihm zu:„Bringe ihm einen letzten Kuß von mir,— ver⸗ gieb ihm und lege verſöhnt Deine Hand auf das Herz, das nur im Leichtſinn gefehlt und geirrt hat. Er war mir, ſo lange ich bei ihm weilte, ſtets ein freundlicher und gütiger Gatte geweſen! Gott ſei ihm gnädig!“ Elftes Capitel. Der Plan mit Eliſe war durchgeführt. Sie war ſtatt des Oberamtmanns Fritz eingekleidet und dieſer fuhr wohlgemuth, ohne unterrichtet zu ſein, weshalb, mit nach Magdeburg zu den Großeltern. L 107 Kaiſerling hatte erſt ſpät am Abend erfahren, daß ſein ſchönes Enkelkind nach Brachleben entführt worden war. Seine Unzufriedenheit über ſolche unnütze Maßregeln, die wenig Vertrauen zu ſeiner, des Hausherrn und Alder⸗ manns der Kaufmannſchaft, Macht verrieth, ſollte bald geſtraft werden. Schon am nächſten Tage, unmittelbar nach der An⸗ kunft Gabrielen's von Brachleben, erſchien ein Trupp fran⸗ zöſiſcher Soldaten, von einem Sergeanten geführt, vor der Hausthür Kaiſerling's und ſtellte ſich, die Thür verbarri⸗ kadirend dort martialiſch ernſt auf. Verwundert trat Kaiſerling dem Sergeanten entge⸗ gen, der, ſein Gewehr heftig aufſtoßend, im Namen des Kaiſers die Auslieferung einer Dame Editha Rentelow und ihrer Tochter Eliſe verlangte. Kaiſerling warf ſich ſtolz in die Bruſt. Der Ser⸗ geant, auch ein Deutſcher, wie leider ſo Viele in der Armee des Uſurpators, machte aber keine Umſtände und rief bru⸗ tal:„Wird's bald! Wo iſt die Perſon?“ „Herr Sergeant, ich bitte um Achtung,“ entgegnete der Aldermann.„Dieſe Dame iſt meine Tochter, die Ba⸗ ronin Editha von Rentelow und ich muß erſuchen, mir ſchriftlich zu beweiſen, daß hier kein Irrthum obwaltet, wenn Sie, eine Dame abzuholen, wirklich abgeſchickt ſein ſollen.“ 108 „Was,— Sie wagen ſich zu widerſetzen!“ ſchrie der Sergeant.„Herein, vier Mann!“ commandirte er, ſich umwendend. Die Soldaten, Stockfranzoſen, verſtanden den Wink, ohne die Zahl zu begreifen. Sie drangen allzu⸗ ſammen in's Haus und veränderten dies Aſyl des Friedens plötzlich zu einem Kriegsſchauplatze. Kaiſerling retirirte erſchrocken in's Comtoir, aus welchem er gekommen war, zurück. Es entſtand eine wahr⸗ haft lächerliche Verwirrung. Man hatte wahrſcheinlich einen deutſchen Korporal beauftragt, um eine Verſtändigung mit dem Hausperſonale des Aldermanns möglich zu machen, hatte aber dabei keine Rückſicht auf den militäriſchen Secours genommen, der nur als Schreckmittel mitgeſendet war. Als der Anführer des Trupps, in ſeinem übereilten Berufseifer, die Soldaten zur Thätigkeit aufforderte, fielen dieſe, wie ein wildes Heer, kampffertig in's Haus und es fehlte nun dem Ser⸗ geanten die hinreichende Sprache, um ſich verſtändlich zu machen. Mit Tigerblicken ſtellten ſie ſich in Anſchlag und muſterten beuteluſtig die Räume, die ſie überſehen konnten. Das Wohnzimmer lag dem Comtoir gegenüber, nur durch den breiten Hausflur getrennt. Es konnte alſo der ganze Auftritt von den Damen des Hauſes, die dort ver⸗ ſammelt waren und die Ereigniſſe der kleinen Reiſe durch⸗ ſprachen, beobachtet werden. Fritz, Gabrielen's kleiner 109 Reiſegefährte, befand ſich bei ihnen und ließ ſich einige Taſſen Kaffee, nebſt einem halben Dutzend Magdeburger Kaffeebrötchen vortrefflich ſchmecken. Editha, viel mehr gewitzigt durch Erfahrungen in der Fremde und ſchnell begreifend, daß Ruhe und Ergebung hier am Beſten ſei, trat in die offene Stubenthür und prä⸗ ſentirte ſich mit ernſter Würde als diejenige Dame, die der verblüfft gewordene Sergeant ſuche. „Laſſen Sie Ihre Soldaten hinaustreten,“ ſprach ſie befehlend,„und dann ſagen Sie mir, was Sie von mir wollen.“ Der Sergeant commandirte mit wiedergewonnener Faſſung, in franzöſiſchen Ausdrücken, zum Abmarſch, ließ draußen Front machen und wiederholte dann, zurückkehrend, ſein Anliegen. „Meine Tochter Eliſe?“— fragte Editha mit ſehr gut erkünſteltem Erſtaunen.„Ich habe die Reiſe nur mit dieſem Knaben gemacht.“ Sie zog dreiſt den zwölfjährigen, hochaufgeſchoſſenen Fritz an ſich. „Wollen Sie das erſt melden, oder ſoll ich Ihnen ſo⸗ gleich folgen?“ Der Sergeant, ſehr leicht die Contenance verlierend und wieder gewinnend, und noch ein Neuling im Dienſte der Gewalt, ſtand einen Moment rathlos, dann aber ver⸗ 110 neigte er ſich und bat die Dame, ihm zu folgen, da ſeine mündlich ertheilte Ordre wörtlich laute: Editha Rentelow und ihre Tochter todt oder lebendig zu Platze zu bringen. Editha lächelte, ruhig bleibend, während ihre Mutter und Schweſter erſchrocken zurückfuhren und Kaiſerling, der vom Comtoir aus die ſchöne Haltung und Entſchloſſenheit ſeiner jüngſten Tochter bewunderte, die Hände über dem Kopf zuſammenſchlug. „Fritz, mache Dich fertig,“ rief Editha dem Knaben zu. Ein Augenwink an Gabriele gerichtet belehrte dieſe, daß ſie den Knaben inſtruiren ſolle. Das intelligente Ausſehen deſſelben, ſowie die ſchon hinlänglich verrathene Freude über des Vaters Einfall,„Plündern“ zu ſpielen, d. h. Alles zu zerbrechen und zu verſtecken, um die Feinde des Vaterlandes anzuführen, ließen hoffen, daß er klug ge⸗ nug zu einem kurzen Maskenſpiele ſein werde. Die ganze Operation galt Eliſen. Editha calculirte richtig, wenn ſie annahm, daß man ſie höflich entlaſſen werde, ſowie man dieſen Zweck nicht erreichen könne. Fritz wurde eingeübt. Heimlich im Winkel lernte er von Gabrielen, daß er Fritz Rentelow heiße,— der zweite Sohn Editha's hieß glücklicherweiſe eben ſo,— daß er mit ſeiner Mama zum Großvater gereiſt und ſein älterer Bru⸗ der Hans und ſeine Schweſter Eliſe beim Vater ſeien. 111 Der Knabe nickte ſeelenvergnügt und verſprach„ſchon ſchlau zu ſein.“ „Sie werden doch erlauben, daß mich mein Vater zur Präfectur,— oder wohin Sie mich abliefern wollen, be⸗ gleitet?“ fragte während deſſen Frau Rentelow ſehr artig den Sergeanten. Er zuckte zuerſt abkehrend die Achſeln, gab aber dann nach und erklärte, ſie ſtricte nach der Woh⸗ nung des Prévôt militaire führen zu müſſen. „Aha, eine Privatſache des Königs Jerome alſo,“ — entgegnete Frau Rentelow lächelnd.„Dann brauche ich meine Päſſe und Legitimationen nicht mitzunehmen. Ich glaube, dieſem Chef von Kaſſel her bekannt zu ſein.“ Der Sergeant ſtutzte und wurde immer artiger. Er ließ ſeine Soldaten abmarſchiren und geſtattete ſich ſelbſt nur eine ſehr beſcheiden entfernte Begleitung, als Editha, mit der imponirenden Haltung einer Dame comme il faut am Arme ihres innerlich vor Grimm ſich verzehrenden Vaters und begleitet von dem liſtig lächelnden Fritz, den Weg zum Prévoôt militaire antrat. Der Prévôt militaire, ein Edelmann aus Kaſſel, empfing die Dame mit ernſter Höflichkeit in ſeinem Privat⸗ zimmer. Er erlaubte dem Aldermann nicht, mit einzutre⸗ ten, obwohl er ihn ſonſt recht gut kannte. Mit welchen Gefühlen ſich dieſer ſtolze Kaufherr in's Vorzimmer verwieſen ſah, läßt ſich eigentlich gar nicht be⸗ 112 ſchreiben. Er betrachtete es als eine himmelſchreiende Un⸗ dankbarkeit ſeiner neuen Freunde, als ein reſpectwidriges Verfahren gegen einen angeſehenen Bürger der Stadt, und als eine Beleidigung, ganz ſpeciell ſeine Familie betreffend. Unter der Benennung Prèvôté militaire hatte ſich die franzöſiſche Regierung ein Forum gebildet, das, unabhän⸗ gig von den feſtgeſetzten Regierungsabtheilungen, Sachen entſchied, die es entſcheiden wollte. Es war mit der ge⸗ heimen Polizei verbunden und ſtand unmittelbar unter Königs Befehl. Daß in dieſem Rechtsgebiete nicht nach Geſetzen ge⸗ wöhnlicher Art gerichtet wurde, läßt ſich denken. Sditha fürchtete ſich dennoch nicht. Ihr war es ein Troſt, daß das Verhängniß ihrer Tochter Unſchuld geſichert hatte, bevor es zu ſpät geworden wäre, denn daß Eliſe auf alle Fälle jetzt von ihr getrennt und durch Vorſpieglungen aller Art entweder nach Kaſſel zurück, in die Arme des ver⸗ liebten Königs Jerome geführt, oder in Magdeburg bis zu ſeiner projectirten Ankunft feſtgehalten werden würde, da⸗ für ſtand ihr die allbekannte Feilheit ſämmtlicher Beamten, die des Königs Perſon umgaben. Muerſchrocken und furchtlos hob ſie ihr Auge zu dem Prévôt auf, der mit ſichtlicher Ueberraſchung den Knaben Fritz muſterte und von dem verwegenen knabenhaften We⸗ 113 ſen deſſelben ſein Mißtrauen wegen einer Verkleidung ſo⸗ gleich gedämpft fühlte. „Wo haben Sie Ihre Tochter gelaſſen, Madame?“ fragte er heftig. „Bei ihrem Vater, mein Herr.— Bin ich dieſer Frage wegen hierher beſchieden?“ fügte ſie malitiös lä⸗ chelnd hinzu. Der Prevot, ſeiner Dummheit ſich ſchämend, ſchlug ſogleich einen andern Weg ein.„Nicht deswegen,— aber in der Depeſche, die der geflüchteten Frau Editha Rentelow—“ „Baronin von Rentelow, wenn ich bitten dürfte,“ fiel die Dame feſt und würdig ein.„Der König Jerome hat die Gnade gehabt, unſere Familie zu adeln und ich dächte, in dem Bezirke ſeiner Herrſchaft wenigſtens müßte dieſe Standeserhöhung reſpectirt werden.“ ℳ Der Prevot biß ſich in die Lippen.„Viel Courage, Ma⸗ dame, einen Beamten in ſeiner Amtsfunction zu rectiſiciren.“ „Das würde ich mir niemals erlauben, mein Herr. Ich wünſchte nur meinem Stande gemäß behandelt und nicht mit einem Detachement Soldaten aus der Wohnung meines Vaters abgeholt zu werden. Was ſollen meine lieben Jugendbekannten davon denken und was würden meine Standesgenoſſen und Freunde, wozu auch der König ſelbſt zählt, dazu ſagen.“ 3 „Sie ſelbſt haben die Freundſchaft des Königs ſchlecht reſpectirt. Sie ſind aus Kaſſel entflohen.“— 1858. XI. Vorwärts! II. 8 114 „Abgereiſt, mein Herr.“ „Heimlich.“ „Nicht doch. Der Wagen hat vor meiner Thür ge⸗ halten und ich bin mit Fritz eingeſtiegen.“ „Ohne den König benachrichtigt zu haben.“— „Wiſſen Sie das gewiß, mein Herr,“ unterbrach ihn Frau Editha beſonnen. Der Beamte ſah auf und prüfte einige Augenblicke die ſichere Haltung der Dame. Es entſtand eine Pauſe, in der er zu überlegen ſchien, was nun zu thun ſein möge. Daß der Frau Rentelow die Verfolgung von Kaſſel her nicht galt, obwohl ſie noch immer eine hübſche Frau zu nennen war, das konnte er ſich denken. Ueberdies impo⸗ nirte ihm die Dame durch ihre Entſchloſſenheit und er glaubte, die Sache nicht auf die Spitze treiben zu dürfen, weil es wirklich möglich war, daß voreilige Maßregeln von den allzudienſtbefliſſenen Söldlingen in Kaſſel angeordnet ſein konnten. „Madame,“ begann er im ganz veränderten Tone, „ich werde Ihre Freiheit nicht beſchränken, aber meine In⸗ ſtruction beſagt,„Sie nebſt Ihrer Tochter Eliſe nicht aus den Mauern Magdeburgs entſchlüpfen zu laſſen.“ Dieſer Befehl zwingt mich, Ihnen einen Wächter vor die Thür Ihres Zimmers zu ſtellen, bis Contreordre kommt. Ich will ſogleich berichten, daß Sie nicht mit Ihrer Tochter, ſondern mit einem Sohne,— wie heißt Du, kleiner Herr?“ 115 wendete er ſich fragend an den Knaben, der mit geſpannter Aufmerkſamkeit der ganzen Verhandlung gefolgt war. „Fritz Rentelow,“ erwiederte er keck. „Daß Sie alſo in Begleitung Ihres Sohnes Fritz hier angekommen ſeien.“ „Wahrſcheinlich wird dann ſogleich meine Bewachung unnütz befunden werden,“ unterbrach ihn Frau Editha mit ſpöttiſcher Artigkeit.„Der König Jerome wird ſeinen Freunden dieſe Dienſtleiſtung nicht belohnen, dafür ſtehe ich! Sie iſt nicht in Einklang mit der Aufmerkſamkeit zu bringen, welche er uns in Kaſſel die Güte hatte zu widmen.“ Der Beamte verbeugte ſich verlegen und entließ die Dame weit höflicher, als er ſie empfangen hatte. Er be⸗ gleitete ſie in's Vorzimmer und ſchien bereit, dem Alder⸗ mann einige entſchuldigende Worte über die Rückſichtslo⸗ ſigkeit ſeines Verfahrens ſagen zu wollen. Dieſer zeigte ſich jedoch nicht geneigt, ſie in Geduld anzuhören. Er bot ſeiner Tochter den Arm und machte dem Prevot eine ſtumme Verbeugung.. Editha theilte ihm unterwegs mit, daß ſie bewacht werden würde. Er wendete nichts dagegen ein. Sein ganzes Benehmen war wie umgewandelt. Es währte auch keine Viertelſtunde, ſo trat ein Wacht⸗ poſten in das Kaiſerling'ſche Haus und ſtellte ſich im Haus⸗ flur auf. Er hatte den Befehl, keine Dame aus dem Hauſe gehen zu laſſen. Die Geſchichte wurde läſtig und lächerlich. 4 8* 116 Der Aldermann verlor kein Wort darüber. Das währte volle acht Tage, dann kam keine Wache mehr und Editha beſchloß abzureiſen. Sie ließ ihren Paß in Ordnung bringen, natürlich auf ſich und ihren Sohn Fritz lautend und dann beim Pré- voôt militaire anfragen, ob ihrer Abreiſe nichts im Wege ſtehe. Die Antwort lautete günſtig, aber dennoch war man ſo vorſichtig, Eliſe in ihrer Knabenverkleidung nicht nach Magdeburg kommen zu laſſen, ſondern ſie in Beglei⸗ tung ihres Conſins Alexander nach einer meilenweit ent⸗ fernten Station zu befördern. Dort ſollte der Umtauſch der beiden Knabengeſtalten gewagt werden. Dieſe Vorſichtsmaßregel war ſehr gut. Als Frau Editha den Wagen beſtieg, ſah man Leute mit verdächtiger Neugier der Abreiſe zuſchauen. „Gott behüte ſie und ihr Kind,“ ſagte Frau Kaiſer⸗ ling ſeufzend, als der Wagen fort und ſein Rollen verhallt war. Der Aldermann ſeufzte nicht, aber legte ſeine Hand auf den Arm ſeiner Gattin und ſprach:„Ich bin radical curirt von meinem Franzoſenfieber, Gretchen, und ſo Gott will, iſt dies der letzte Kaiſerling'ſche Streich geweſen,— es iſt der ſchlechteſte, den ich mein Lebtage gemacht habe.“ Gabriele und ihre Mutter wurden betroffen von dem Ernſte, mit dem er ſprach. Sie verſuchten ſeine Laune um⸗ zuwandeln,— vergebens! Er blieb ſtill und in ſich gekehrt. Erſt als Editha ihre glückliche Ankunft in Danzig meldete 117 und Alexander von ſeiner Reiſe mit Eliſe heim kehrte und den glücklichen Erfolg berichtete, erſt da blitzte wieder etwas von ſeinem Humor auf. Aber er hatte Recht gehabt,„es war ſeine letzte Ueber⸗ eilung.“ Wenige Wochen darauf ruhte er im Grabe. Kurz vor ſeinem Tode flackerte ſein Lebensmuth noch ein Mal auf.„Wißt Ihr, was die Urſache meiner Krankheit iſt?“ fragte er lachend.„Ich habe mich über mich ſelbſt zu Tode geärgert.“ Vielleicht lag etwas Wahres in ſeinem Scherze. Vetter Vogler ordnete die Geſchäfte der Kaiſerling⸗ ſchen Firma und dann zogen ſie Alle zuſammen hinaus nach Brachleben, um dort beſſere Zeiten zu erwarten. Johannes Rentelow, wirklich von ſeinem Geſchäfts⸗ eifer etwas auf Irrwege geleitet und zu einem gewiſſen Abfalle vom Vaterlande geführt, hatte ſich ſogleich bei Edi⸗ tha's ernſter Mahnung wieder gefunden und die glänzenden Ausſichten auf die kaiſerlichen Unterſtützungen bei ſeinen Ideen, ohne Murren aufgegeben. Er machte nie von dem Adel Gebrauch, der ihm verliehen worden war. Seinen ſpätern Beſtrebungen gelang es, eine ausge⸗ zeichnete Stellung im Vaterlande zu erringen, als der Kö⸗ nig von Preußen wieder in ſeinem Reiche herrſchte. Sein Leben war glücklich ohne Unterbrechung und er genoß bald genug die Freude, Dampfſchiffe und Dampfwagen an der 118 8 Tagesordnung zu ſehen. Editha nannte ſich ſtets die glück⸗ lichſte Frau. Gabriele hatte noch einige ſchwere Jahre der Angſt zu beſtehen. Als der König von Preußen zu den Fahnen rief, war ihr Sohn Alexander der Erſte, der ſich meldete. Mit Wunden und Narben bedeckt, kehrte er nach beendigtem Kriege heim und von da an blieb der Himmel ſeiner Mut⸗ ter ungetrübt. Ihre Hinneigung zur Schwärmerei hatte übrigens durch die vergeblich tönende Guitarre einen gewaltigen Stoß erlitten. Stephan Kühne und Sara ſind beneidenswerthe Menſchen geblieben. Ihre Kinder gediehen und ihr Reich⸗ thum mehrte ſich. Herr Abraham Vogler hat noch erlebt, daß der franzöſiſche Kaiſer aus Deutſchland vertrieben und Magdeburg wieder preußiſch geworden iſt, er hat das den glücklichſten Tag ſeines Lebens genannt, iſt bald darauf ſelig entſchlafen und ſammt ſeinem langen Zopfe zu Grabe getragen. Mit ihm ſtarb des Friſeur Schwentſer letzter Troſt. Dieſer arme Haarkünſtler hat es wirklich erleben müſſen, daß ſein Einfluß auf die hohen Häupter der Stadt ganz verloren gegangen war und daß die Welt ohne Zopf beſtehen konnte. Gemwagt— Gewoöonnen. Novelle. Erſtes Capitel. Mit dem Beginne des Herbſtes im Jahre 184 ſtellte ſich ein abſcheuliches Wetter ein. Feine Sprühregen wech⸗ ſelten mit trüben Nebeln.— Mißmuth lagerte auf den Geſichtern der Erdbewohner und die Zugvögel rüſteten ſich, wie es ſchien, ganz erſtaunt über die contractwidrige Kälte und Näſſe des Septembers zur Winterreiſe. Alles, was lebte, gab die Hoffnung auf ſonnige, helle Herbſttage auf und traf Anſtalt, dem feindſeligen Wetter mit würdi⸗ ger Reſignation zu begegnen. Aber es geſchah, daß eines Morgens die Sonne mit Kraft am Horizonte auftauchte, daß ſie ſiegreich durch Wol⸗ ken und Nebel hindurch lugte und mit mitleidigen Strah⸗ len das raſchelnde Laub und die zerquetſchten Blumen des Herbſtes überglühte. Sie kam noch zur rechten Zeit, um die Träume der Vernichtung zu verjagen, welche ſich über die Fluren hin⸗ 122 weg zu ſpinnen Miene machten. Neues Leben, neue Luſt und neue Kraft erſtand in den vergehenden Blumen, in den falbwerdenden Bäumen und in den ſtumm trauernden Thieren. Zwar droheten die Herbſtnebel ihrem Siege Gefahr, aber ſie unterjochte alle Wolken mit ihren warmen Strahlen und ſchlich leiſe über die Höhen hinweg in die Thäler hinein, wo die armen Menſchen ſchon von Eis und Schnee träumten und drang ſicher in die wüſte Waldes⸗ nacht, die den verſcheuchten Vögeln Obdach geboten hatte. Bald wogte wieder friſcher Lebensathem durch die Natur und die Menſchenherzen feierten ein Auferſtehungsfeſt. Unberührt von ſolchen Naturverbeſſerungen, die nicht in ſein Fach ſchlugen, ſaß der Kreisſecretär Golterebe im landrathsamtlichen Büreau und ſpitzte, in Ermangelung anderweitiger Beſchäftigung, ein ganzes Viertelhundert Fe⸗ dern zu. Schon dieſe Arbeit allein bekundet, daß dies be⸗ ſagte Landrathsamt ziemlich am Ende der Welt liegt, wo alle Cultur aufhört und mithin der Gebrauch der längſt erfundenen Stahlfedern nicht zu erwarten iſt. Herr Secretär Golterebe kannte übrigens die Vorzüge der Stahlfedern ſchon, allein der Witz des Volkes, der ſeine pflichtgetreuen Maßregeln beſpöttelte und ſie„Verfügungen mit eiſerner Feder geſchrieben“ nannte, nahm ihm alle Luſt, die Vorzüge wirklich eiſerner Federn zu erproben. Ein Kreisſecretär iſt faſt immer die rechte Hand des Landrathes 123 und wenn der Fall eintritt, daß der Landrath jung und arbeitsſcheu iſt, ſo breitet ſich ſeine Macht noch größer und glänzender aus. Herr Golterebe führte, ſeit dem Eintritt des Regierungsaſſeſſors Beringer als Landrath des Kreiſes, den Scepter ungehinderter als je und die wiederholten Uebergriffe ſeiner Macht zeigten, daß er ſich als Chef des Büreaus zu betrachten geneigt war. Häufige Beſchwerden der Kreiseingeſeſſenen ſowohl, als„ſogenannte Naſen“ von oben her, öffneten endlich dem Landrath Beringer die Augen über den Unfug ſeines Un⸗ terbeamten und bewirkten, wie immer bei ſolchen Gelegen⸗ heiten, nun eine etwas unkluge Oppoſition gegen Alles, was der Secretär anzuordnen für gut fand! Herr Golte⸗ rebe fügte ſich willig den Beſchlüſſen ſeines Vorgeſetzten, aber er machte ſich klüglich frei von aller Verantwortlichkeit und vertraute feſt darauf, daß der Herr Landrath eines Tages dahin kommen werde, ihn in ſeiner alten Macht wieder zu beſtätigen. An dem von uns ſchon beſchriebenen Herbſt⸗ tage, wo die Sonne nach langem Schmollen endlich wieder arme, alte und warme, junge Herzen zu erfreuen kam, hatte der Herr Secretär wieder eine derbe Zurechtweiſung einer obern Gerichtsbehörde hinnehmen müſſen, deshalb blitzte und glühte und ſtrahlte das Himmelslicht auch ganz verge⸗ bens in ſein altes verſchrumpftes Büreaugeſicht hinein. Er ſpitzte ruhig ſeine Gänſefedern und ärgerte ſich 124 gründlich, als jetzt ein Reiter in ganz polizeiwidrigem Ga⸗ lopp die ſchlechtgeflaſterte Straße der kleinen Stadt hinab⸗ jagte.„Mag er reiten, wie Beelzebub,“ murrte er,„ich höre nicht danach. Mag er ein Dutzend Kinder zu Tode reiten, ich ſehe nicht danach.“ Aber er blickte doch von ſeiner Arbeit auf, als der geſetzwidrige Reiter näher kam und er ſtellte ſich ſogar kerzengerade am Fenſter auf, als dieſer vor dem Amthofe hielt und mit ſichtlicher Eile ſein Pferd verließ. „Nun,— was mag es denn geben?“ brummte der alte Herr.„Da bin ich doch neugierig!“ Die Thür öffnete ſich. Der Reiter, ein junger, hüb⸗ ſcher, ſehr modern gekleideter Mann, erſchien auf der Schwelle und fragte mit einer artigen Verbeugung: „Habe ich die Ehre, den Herrn Landrath Beringer zu ſehen?“ 1 Geſchmeichelt trat der Secretär einen Schritt vor und erklärte ſeine Stellung. „Das wird wohl gleich ſein, mein beſter Herr Kreis⸗ ſecretär,“ fiel der Fremde eilig ein,„ob Sie oder der Herr Landrath ſelbſt, meinen Unfall zu Protocoll nehmen. Ich bin in der größten Verlegenheit,— ja in Verzweiflung, mein beſter Herr!— Vor einer Stunde habe ich entdeckt, daß mir mein Portefeuille abhanden gekommen iſt,— ich 125 muß Sie dringend um Beiſtand erſuchen, wieder zum Be⸗ ſitz deſſelben zu gelangen!“— 4 Herr Golterebe ſah den jungen Mann mit ſeinen miß⸗ trauiſchen Inquirentenaugen durchdringend an.„In dem Portefeuille befanden ſich wahrſcheinlich Ihre Legitimations⸗ papiere?“ fragte er lauernd. „Allerdings,“ rief der Fremde haſtig.„Meine Paß⸗ karte, einige Wechſel, Briefe an Perſonen, die mir auf meiner Reiſe von Nutzen ſein können.— Es iſt zum Ver⸗ zweifeln!“ „Und wie iſt Ihnen dies Portefeuille abhanden ge⸗ kommen?“ „Was, weiß ich's! Ich hab's verloren, oder es iſt mir geſtohlen!— Thun Sie mir den einzigen Gefallen, lieber Herr Kreisſecretär, und bieten Sie Alles auf, mir dieſe werthvolle Brieftaſche wieder zu verſchaffen. Sagen Sie mir die Mittel und Wege, wie es zu bewerkſtelligen iſt.— Ich will gern erkenntlich ſein.— Iſt ein Bürger⸗ meiſter in dieſer kleinen Stadt? Kann der mir behülflich ſein?— Was ſoll ich anfangen, wenn ich mein Portefeuille nicht wieder bekomme!“— Der Fremde lief wie ein Verzweifelnder in der Amts⸗ ſtube rundum. „Um Vergebung,“ entgegnete der Kreisſecretär, bedächtig eine Priſe nehmend,„mit wem habe ich die 126 Ehre zu ſprechen? Das muß ich vor allen Dingen wiſſen!“ Der Fremde ſtand ſtill.„Mein Name iſt Schildt, — Goorg Heinrich Karl Friedrich Wilhelm Maximilian Schildt, Sohn des Rittergutsbeſitzers Samuel Karl Peter Chriſtian Wilhelm Schildt in Schwabedahl. Ich habe ebenfalls die Oekonomie erlernt, weil ich als einziger Sohn das Gut übernehmen ſoll, wozu ich für's Erſte noch keine Luſt verſpüre. Mein Vater hat mich auf Reiſen geſchickt.“ — Der Kreisſecretär war um eine Linie freundlicher ge⸗ worden, bei dieſer Auseinanderſetzung. „Sie wollten alſo hierher nach Burgdorf?“ fragte er. „Der Oberamtmann Schildt gehört zu Ihren Verwand⸗ ten?“ Herr Maximilian Schildt ſah den alten Herrn ver⸗ wundert an. „Oberamtmann Schildt?“ forſchte er.„Lebt hier ein Oberamtmann Schildt? Mein Gott, das iſt ja ein wunderbarer Zufall! Wo wohnt der Herr? Sollte das meines Vaters Vetter, Georg Heinrich Karl Friedrich Wilhelm, ſein, nach welchem ich getauft worden bin? Wir haben lange keine Nachricht von demſelben und glaubten ihn todt.“ „Der alte Herr lebt noch und iſt kreuzfidel,“ berich⸗ tete der Kreisſecretär.„Er wohnt ſeit fünf Jahren hier, mit ſeiner jüngſten Tochter Elfride.“ 127 „Aber mein Gott, der Vetter Georg Heinrich Karl Friedrich Wilhelm müßte ja ſteinalt ſein und ſeine jüngſte Tochter auch?“ „Behüte. Der Oberamtmann iſt freilich ein Sieb⸗ ziger, allein ſeine Tochter kaum zwanzig Jahre. Sie iſt, ſo viel ich weiß, das einzige Kind dritter Ehe.“ „Wie?“ rief Herr Max Schildt, laut lachend.„Wie, der alte Knabe hat drei Frauen gehabt?“ Der Kreisſecre⸗ tär unterbrach ihn ſchnell. ‚Nein, vier Frauen, mein Herr! Vier Frauen und i*ſt jetzt dennoch Wittwer. Seine letzte Frau hatte eine Tochter erſter Ehe, Roſalie genannt.“ Was wird mein Papa ſtaunen, wenn ich ihm dies Mi⸗ rakel berichte,“ ſprach der junge Mann, mit allen Zeichen großer Verwunderung und bedeutendem Intereſſe.„Ich will zu dem Oberamtmann gehen, um zu erforſchen, ob er wirklich mein Pathe iſt. Aber ich wiederhole meine Bitte um Ihre Hülfleiſtung, beim Aufſuchen meines Portefeuille, auf das Inſtändigſte.“ Willfähriger als vorhin, verſprach der Kreisſecretär „ſein Möglichſtes zu thun“ und der junge Herr ſchlug ſo⸗ gleich den Weg nach der Wohnung ſeines Namensvetters ein, nachdem er ſich die Oertlichkeit ungefähr hatte bezeich⸗ nen laſſen. 128 Zweites Capitel. Der Oberamtmann Schildt hatte ſein Mittagsſchläf⸗ chen beendet und ſaß, des Kaffee's harrend, in ſeinem Sor⸗ genſtuhle am Fenſter. Es war ein freundliches, ſonnig durchſtrahltes Zimmer mit eleganter Ausſtattung und jener Behaglichkeit, die von der Wirkſamkeit eines ächt weiblichen Sinnes Zeugniß giebt. Der alte Herr zeigte in ſeinem wohlbeſorgten Aeußern auch die Spuren fleißiger Frauen⸗ hände und die Würde, mit der er das goldgeſtickte Sam⸗ metkäppchen trug, bewies noch jetzt einen Reſt von Eitelkeit. Er ſprach gern von ſeinen Jugendfreuden und machte gern Parade mit ſeinen Eroberungen bei den Damen. Sonſt aber war er ein ernſter, ehrenwerther Mann, der ſeiner Stieftochter Roſalie ein eben ſo guter Vater war, als ſeiner eigenen Tochter Elfride, obwohl er im Grunde des Herzens letztere mehr liebte. Seit fünf Jahren hatte er ſich mit einem hübſchen Kapitale in den Ruheſtand verſetzt und war von ſeiner nahebei gelegenen Pachtung in die kleine Landſtadt Burgdorf gezogen. Außer ihm befand ſich Fräulein Elfride im Zimmer. Sie war beſchäftigt, dem Vater den Kaffee zu ſerviren. El⸗ fride war zart und bleich, aber deſſenungeachtet ſehr hübſch. 129 Ihre feine ſchlanke Geſtalt zeigte die edelſten Formen, und ihr ganzes Weſen ließ errathen, daß ſie zu den weiblichen Erſcheinungen zu rechnen war, die regelrecht ihren Lebens⸗ weg verfolgen, ſtill und ohne Klage Schickſalsſchläge hin⸗ nehmen, dem Leichtſinne der Welt jedoch einen feſten Stolz entgegen zu ſetzen vermögen. Eine leichte Trauer ſchattete für einen Augenblick ihre weiße Stirn, als der alte Herr fragte: wo Roſalie ſei. „Sie iſt mit Klaus ſpazieren gegangen,“ entgegnete ſie leiſe. „Mit Klaus?“ wiederholte der Oberamtmann ver⸗ wundert.„Allein mit Klaus?“ Elfride bejahte und ſetzte ſich abgewendet vom Vater nieder, um ihr Geſicht mit ſeinen wechſelnden Bewegungen nicht von demſelben betrachten zu laſſen. „Iſt das in der Ordnung, mein Kind?“ fragte der Oberamtmann weiter. Als er keine Antwort erhielt, fügte er hinzu:„So lange Klaus von Angern noch nicht Dein erklärter Bräutigam iſt, darf weder Roſalie mit dem jun⸗ gen Mann allein ſpazieren gehen, noch würde ich es gut⸗ heißen, wenn Du es thun wollteſt.“ „Es würde mir nie einfallen, mein Vater,“ flüſterte Elfride.„Aber,— mir ſcheint es, als könne kaum mehr die Rede von einer Verlobung zwiſchen mir und Klaus 1858. XI. Vorwärts! II.— 9 130 ſein,“ ſetzte ſie zögernd hinzu. Der alte Herr fuhr er⸗ ſchrocken von ſeinem Stuhle in die Höhe. „Ich will nicht hoffen—“ „Sei ruhig, lieber Vater,“ bat Elfride ihn unterbre⸗ chend und legte ihre Hand feſt auf ſeine runzelvolle Rechte. „Es ſind nur Vermuthungen, die mich foltern. Noch heute werde ich Roſalie von meinen frühern Rechten, wenn ich es ſo nennen darf, in Kenntniß ſetzen und werde es ihrer Entſcheidung anheim geben—“ „Ob Du glücklich werden ſollſt,“ fiel der Oberamtmann ein.„Das ſollte mir gefallen! Ich werde mit Klaus ſprechen. An ihm liegt die Schuld, wenn Roſalie ſich einer thörichten Liebe hingegeben haben ſollte. Ich kann den Mann nicht achten, der in ſeinen Gefühlen hin und her ſchwankt. Ich habe vier Frauen gehabt, aber ich bin mir bewußt, feſt und redlich gelebt zu haben, trotzdem manches Mädchenauge dem ſtattlichen Oberamtmann Schildt freund⸗ lich lächelte.“ „Willſt Du gütig verfahren, ſo überlaß mir die Ent⸗ wirrung der kleinen Herzensconflicte, die ſeit Roſalien's Rückkehr begonnen haben,“ ſprach Elfride. Der Vater gab ihren Bitten nach. Aber er war nicht ſo unerfahren in den Bewegungen des Herzens, daß er nicht mit einiger Furcht an die Möglichkeit denken ſollte, Roſalie an Elfriden's Stelle zu ſehen. Die Verbindung 131 des jungen Edelmannes, der ſein Mündel war, mit ſeiner Tochter, gehörte ſeit Jahren zu ſeinen liebſten Plänen. Er hatte ſich jedoch klüglich jedes Wortes und Winkes darüber enthalten und ſah in der letzten Zeit ſeine Träume wirklich ohne ſein Zuthun ſich realiſiren. Daß unter dieſen Um⸗ ſtänden Elfriden's Erklärung wie ein Donnerſchlag in ſein Inneres fiel, iſt erklärlich. Das junge Mädchen litt mehr, als es eingeſtehen wollte. Vor ihrer Seele rollte ſich die vergangene Zeit auf, wo ſie mit heißen Wünſchen in der ſtillen Bruſt neben dem Manne gelebt hatte, der ſtets das Ideal ihrer Her⸗ zensträume geweſen war. Sie kannten ſich von Jugend auf. Das Verhältniß zwiſchen ihnen hatte ſich aber unter der Einwirkung der fröhlichen Laune des jungen Edelman⸗ nes ſehr geſchwiſterlich geſtaltet und wenn auch Elfride bei ſeinen brüderlichen Aufmerkſamkeiten oftmals eine Anwand⸗ lung von Verlegenheit zeigte, ſo glich die Unbefangenheit ſeines Benehmens dieſe kleine Entfremdung bald wieder aus. Elfride fühlte mit der Sicherheit des feinen Weiber⸗ herzens, daß ſein Bild glänzender, idealer und überwälti⸗ gender in ihr herrſchte, als er verlangte und ſie verſchloß ihr Herz mit der ganzen Kraft ihres Willens, um ihn das nicht merken zu laſſen. Ein Zeitraum von zwei Jahren hatte ſie dann getrennt. Bei ihrem Wiederſehen blitzte etwas von Ahnung durch die Bruſt des Herrn Klaus von 3 9- 132— Angern, das vermögend war, ſeine Augen für das reizende Mädchen zu öffnen, welches auf ſeine Liebe zu warten ſchien. Von dieſem Moment an begann Elfrieden's Glück. Bei der Lebhaftigkeit ſeines Naturells, konnte Klaus die erwachende Leidenſchaft für ſie nicht lange verbergen, ſie brach in jedem Blicke und in jedem Worte hervor und der Tag der Verlobung wurde mit Sicherheit von dem alten Oberamtmann erwartet. Das Geſchick hatte es anders im Sinne. Roſalie, welche bei einer Schweſter ihrer verſtorbenen Mutter ge⸗ weilt hatte, kam in den Tagen des unaufhörlichen Regens zurück. Mit ihr kehrte Heiterkeit und Leben in die ſtillen, wohlgeordneten Räume der väterlichen Wohnung ein. Zwar ein etwas wildes Leben, eine etwas lärmende und rohe Heiterkeit, aber für die lebhafte Natur des Herrn Klaus ſehr anziehend. Roſalie war ein keckes, dreiſtes Na⸗ turkind. Sie trug ihre Liebenswürdigkeit gern zur Schau und ſuchte ihren wenigen Reizen durch merkwürdig geniale Ausſtaffirungen ein Relief zu geben. Zu vergleichen wa⸗ ren die beiden Mädchen gar nicht und wenn man auch Ro⸗ ſalien eine gewiſſe Herzensgüte nicht abzuſprechen vermochte, ſo verſchwand doch die Anmuth dieſer weiblichen Tugend ſtets bald unter einem ungezügelten Uebermuth und Trotz. Sie ſelbſt zählte ſich gern zu den Emancipirten ihres Ge⸗ ſchlechts und vermaß ſich oft,„die geiſtige Ueberhebung der 133 Männer zu brechen.“ Für jetzt hatte ſie es freilich nur darauf angelegt, den fröhlichen und liebenswürdigen Klaus in ihre Feſſeln zu locken und es war ihr anſcheinend gelungen. Der junge Herr ließ ſich zu allerlei Nachläſſigkeiten gegen Elfride verleiten, die eines Theiles die Befürchtung rege machen mußten, daß ein tieferes Intereſſe für Roſalie da⸗ bei im Spiele ſein möchte, aber die auch im günſtigen Falle Elfride ſchmerzlich verletzten. So, wie ſich die Sachen in der letzten Woche geſtaltet hatten, konnte es nicht bleiben. Elfride hatte beſchloſſen, nach ſtiller ernſter Prüfung, worin die Wagſchäale zu Gunſten des Herrn Klaus ſich ſenkte, mit Roſalien offen zu reden und ihr anheim zu geben, das Gleichgewicht in Klaus dadurch wieder herzuſtellen, daß ſie ihre koketten Bemühungen um ſeine Aufmerkſamkeiten un⸗ terließ. Drittes Capitel. Während Elfride mit den traurigen Bildern der Zu⸗ kunft kämpfte, die ſie einſam und verlaſſen in der Welt darſtellten, hatte ihr Vater ſeinen Kaffee behaglich geſchlürft und ſich eine Cigarre angezündet. Ein Klopfen an der Thür ſtörte das Gedankenſpiel des jungen Mädchens. Sie 134 ſtand auf, um zu ſehen, wer Einlaß begehre und fand ſich beim Oeffnen der Thür Auge in Auge mit einem eleganten Fremden. Artig bat ſie ihn einzutreten. Etwas befangen folgte er der Einladung, ließ erſt forſchend ſeine Blicke rundum laufen im Zimmer und trat dann entſchloſſen und mit einer gewinnenden Freundlichkeit vor den Oberamtmann hin, der ſich ein ganz klein wenig aus ſeinem Sorgenſtuhl erho⸗ ben hatte. „Sie müſſen meine Dreiſtigkeit entſchuldigen, mein Herr,“ begann er, ſich ehrfurchtsvoll verneigend,„aber der Herr Kreisſecretär Golterebe hat die Vermuthung in mir rege gemacht, in Ihnen einen Vetter meines Vaters begrü⸗ ßen zu können. Mein Name iſt Max Schildt— und wenn Sie die Namen: Georg Heinrich Karl Friedrich Wil⸗ helm führen, ſo habe ich allerdings wahrſcheinlich die Ehre, meinen Herrn Pathen, nach dem ich getauft bin, in Ihnen begrüßen zu können.“ Der Oberamtmann ſah ſich den Fremden ſehr genau an, bevor er erwiederte: „Das war mein Vater, der die von Ihnen genannten Namen führte, aber Gevatter kann der nicht bei Ihnen ge⸗ ſtanden haben, denn er iſt ſchon Anno 1807 verſtorben. Sie heißen Schildt? Woher, wenn ich fragen darf?“ „Aus Schwabedahl,“ entgegnete Herr Max, indem 13⁵ er mit der Tournüre eines Weltmannes den Stuhl, den ihm Elfride bot, ergriff und ſich leicht auf die Lehne ſtützend, ehrerbietig vor dem alten Herrn ſtehen blieb. „Wo liegt Schwabedahl?“ examinirte der Ober⸗ amtmann. „An der Grenze von Pommern. Es iſt ein kleines Dorf. Mein Vater iſt der Eigenthümer des daſelbſt lie⸗ genden Rittergutes.“ „So,— ſo! Eine Verwandtſchaft iſt doch möglich, obwohl mein Vater nicht Ihr Herr Pathe ſein kann,“ meinte der Oberamtmann ſinnend.„Ein Bruder meines Groß⸗ vaters iſt verſchollen,— er ſoll ſich nach Sachſen gewendet haben,— möglich, daß Sie davon abſtammen.— Die Namen, die Sie führen, laſſen beinahe darauf ſchließen. Nun, wie es auch ſei,— ich heiße Sie willkommen,— machen Sie es ſich bequem und laſſen Sie uns plaudern, als wä⸗ ren wir Vettern.“ Elfride trat nun auch näher und fragte, was für Gründe ihn in dieſe öde, ganz reizloſe Gegend von Burg⸗ dorf geführt hätten. „Man kann ſich doch nichts Traurigers denken, als dieſe weiten Flächen, ohne Berg und Thal, nur ſelten von kleinen Waldfleckchen unterbrochen,“— fügte ſie lä⸗ chelnd hinzu. *„Mich hat der Zufall hierher verſchlagen, mein gnä⸗ 136 diges Fräulein,“ berichtete Herr Max mit ehrlicher Miene. „Ich ſchloß mich einem Manne an auf der Reiſe, der nach Amerika wandern wollte und hier in der Gegend Bekannte aufzuſuchen ging, die mit ihm auszuwandern beſchloſſen hatten. Geſtern trennten wir uns in Wegeſtedt,— ich fuhr mit der Poſt weiter, um die Eiſenbahn bei Reinſtedt wieder zu gewinnen und als ich heute früh meine Brieftaſche hervornehmen will, um einige Briefe nachzuſehen, da iſt die Brieftaſche verſchwunden. Ich nahm ſofort ein Pferd und ritt den Weg zurück. Hier in Burgdorf fiel mir ein, die Hülfe des Landrathamtes zu requiriren, um wieder zum Beſitze des Brieftaſche zu gelangen.“ „Da ſind Sie alſo in Geldverlegenheit, Herr Vetter,“ warf der Oberamtmann mit ſardoniſchem Lächeln ein. „Nein, Herr Vetter! Mein baares Geld trage ich in einem andern Buche.“ Er nahm ein Notizbuch hervor, ſchlug es auf und zeigte einige Taſchen in dem Deckel, die bauſchig von Papierſcheinen waren. Der Oberamtmann machte große Augen und zog ſeinen aufſteigenden Verdacht „als Vetter gebrandſchatzt werden zu ſollen“ augenblicklich zurück. „Die Papiere in der Brieftaſche haben anderweiten Werth für mich,“ fuhr Max fort.„Es ſind theilweiſe Empfehlungsſchreiben an Perſonen, die mir auf meinem Cours, der von meinem Vater auf ein volles Jahr beſtimmt 137 iſt, nützlich ſein können und außerdem befindet ſich meine Paßkarte darin. Die Wechſel, welche das Portefeuille ent⸗ hält, können nur für mich Werth haben, da ſie an meine eigene Ordre ausgeſtellt ſind. Aber meine Verlegenheit iſt dennoch ſehr groß. Wie ſoll ich vorwärts kommen ohne Paß? Ich muß hier ſtill liegen, bis ich in meine Heimath geſchrieben habe. Eine traurige Ausſicht! Es kann eine ganze Woche dauern, bevor meine Papiere ergänzt werden.“ „Nun,— wenn Sie weiter nichts quält,“ begütigte der alte Herr,„ſo tröſten Sie ſich. Wir wollen Ihnen helfen die Zeit vertreiben.“ Herr Max verbeugte ſich verbindlich.„ch habe den Kreisſecretär inſtändigſt gebeten, Alles in Alarm zu brin⸗ gen, um die Brieftaſche wieder zu erhalten.“ „Danken Sie Gott, Herr Vetter, daß Sie mit dieſem Herrn gut auseinander gekommen ſind,“ rief der Oberamt⸗ mann lachend.„Der Kreisſecretär pflegt mit eiſerner Fe⸗ der zu verfügen und jeden Menſchen für einen Vagabonden zu erklären, der ſich nicht geſetzlich auszuweiſen vermag.“ „Ich hatte ſchon etwas davon vernommen,“ entgeg⸗ nete Max treuherzig,„und ging mit einigem Bangen an's Werk. Aber ich hätte mich mit ihm nicht eingelaſſen, wenn er ſich mißliebig gegen mich gezeigt haben würde. Der 138 Landrath mußte mir Schutz gewähren, wenn ſein Unterge⸗ bener ihn mir verweigerte.“ „Seine Erfahrungen werden den Kreisſecretär genü⸗ gend belehrt haben,“ ſprach der alte Herr.„Es ſind hier Dinge paſſirt, die Stoff zu Luſtſpielen geben könnten. Neulich erſt lieferte das Landrathsamt einen armen Mül⸗ lerknappen als Räuber an das Kriminalgericht ab, weil der Burſche eine Mütze auf dem Kopfe trug, die ein betrunke⸗ ner Fleiſchergeſelle auf dem Wege nach Burgdorf verlo⸗ ren hatte.“ Herr Max lachte.„Ich würde es dem Herrn Kreis⸗ ſecretär verzeihen, wenn er mir den Finder meiner Brief⸗ taſche als Mörder vorführte,“ rief er fröhlich. „Dann kam es kürzlich vor, daß der Nachtwächter von Burgdorf als Brandſtifter denuncirt wurde, weil er ſein Feuerhorn nicht bei ſich gehabt hatte, um die üblichen Signale zu geben. In Ermangelung deſſen hatte ſich der arme Kerl ſeiner Lunge bedient und fürchterlich„Feuer“ geſchrieen. Deshalb nannte ihn der Herr Secretär„einen Brandſtifter.“ Die Heiterkeit des jungen Reiſenden ſteigerte ſich bei dieſer Erzählung und er pries ſich glücklich, bis jetzt den Klauen des fürchterlichen Rechtsvertreters entgangen zu ſein. „Danach bin ich jedoch keinen Augenblick vor An⸗ griffen ſicher,“ meinte er luſtig. 139 „Wir wollen Sie als ehrenwerther Herr Vetter ſcho in Schutz nehmen,“ erklärte der Oberamtmann mohlwol⸗ lend.„Der Landrath iſt mein guter Freund. Er iſt jetzt verreiſt. Wenn er wieder zurück iſt und Sie haben die Brieftaſche noch nicht wieder, ſo ſoll er Ihnen eine neue Paßkarte ausſtellen.“ „Das wird nicht gehen, beſter Herr Vetter,“ unter⸗ brach ihn Herr Max. „Bei uns geht Alles,“— behauptete der Oberamt⸗ mann mit ſchlauem Läch eln.„Vor allen Dingen müſſen wir den Ausrufer beſtellen. Sie beſtimmen dem ehrlichen Finder eine Belohnung— „Von zehn Thalern,“— fiel Herr Max ſchnell ein. „Zwei Thaler ſind auch genug,“ entgegnete der alte Herr trocken. Viertes Capitel. Der Abend begann zu dämmern. Klaus und Roſa⸗ lie waren noch immer nicht zurück. Die Mienen Effriden s zeigten eine herbe Entſchloſſen⸗ heit. Sie lehnte ruhig und regungslos im Fenſter, wäh⸗ rend ihr Vater ſich in allerhand amüſante Plaudereien mit 140 dem jungen Fremden vertiefte. Warum ſollte ſie die fried⸗ liche Ruhe ihres Lebens auf ungewiſſe Zeit trüben laſſen? Der Stachel der Sorge, welcher ſeit den wenigen Tagen ihrer neuen Erfahrung, ihr Gemüth zur Beobachtung reizte, machte ihr ein ſolches Daſein ſo unerträglich, daß ſie ſich lieber der bitterſten Entſagung unterwerfen wollte. Lärmende Stimmen im Vorſaale verkündeten endlich die Ankunft ihrer Schweſter und des Herrn Klaus. El⸗ fride waffnete ſich. Der Oberamtmann brach ſein Ge⸗ ſpräch ab und runzelte die Stirn. Die Thür flog auf und Roſalie war mit einer an's Unweibliche grenzenden Wild⸗ heit mitten in der Stube, ehe ſich irgend Jemand deſſen verſah. Sie lachte überlaut— Herr Klaus ebenfalls. Der Oberamtmann warf einen tadelnden Blick auf Beide.— Herr Max ſtarrte ganz erſchrocken zu ihnen hin und El⸗ fride neigte ſchamerfüllt ihren Kopf gegen die Fenſter⸗ ſcheiben. Fräulein Roſalie kümmerte ſich nicht darum, aber Klaus kam plöͤtzlich zu ſich und fühlte mit Unbehagen die Nachläſſigkeit gegen die Formen der guten Lebensart. Er faßte ſich ſchnell, ging auf Elfride zu, führte mit einem reuigen Blick ihre Hand an ſeine Lippen und als ſein Blick ihr Auge traf, da ſah er eine klare Thräne lang⸗ ſam auf ihre farbloſe Wange tropfen. 141 Indeß dieſe kleine Scene am Fenſter ſpielte, ent⸗ wickelte ſich im Innern des Zimmers eine andere. Roſalie nannte den Spaziergang„ſüperb,“ das Wetter„ſüperb,“ den Abend„ſüperb.“ Der Oberamtmann zeigte verwei⸗ ſend auf die ungebührlichen Schmutzflecke, die das junge Mädchen mit ihrer Fußbekleidung verurſacht hatte und ſagte: „Der Weg iſt jedoch nach meiner Meinung nicht ſüperb genug geweſen, um Dir einen ſo lang ausgedehnten Spa⸗ ziergang zu erlauben, Roſalie.“ „Papachen,“ erwiederte das junge Mädchen lachend, „ich wäre gar nicht wieder gekommen, wenn Klaus mehr Muth gehabt hätte. Ich wollte immer weiter,— Herr Klaus von Angern fürchtete ſich aber vor den Fledermäu⸗ ſen, die des Nachts fliegen!“ Ehe ihr Stiefvater etwas erwiedern konnte, wendete ſie ſich haſtig zu dem Fremden und fragte:„Wer iſt denn das? Wen haſt Du da, Papa?“ „Ein Vetter von Alters her,“ entgegnete der Ober⸗ amtmann.„Herr Max Schildt.“— „Ein hübſcher Vetter,“— rief Roſalie, keck zu ihm herantretend.„Der Vetter könnte mir ſchon gefallen, wenn er ſich ſonſt nicht vor Fledermäuſen fürchten wollte.“ „Sie laufen keine Gefahr, Ihr Wohlwollen an einen haſenherzigen Mann zu verſchwenden, mein Fräulein. Ich 142 kenne das Gefühl nicht, das die Leute Furcht nennen!“ ant⸗ wortete Max, eben ſo keck in ihr Geſicht ſchauend. „So heiße ich Sie willkommen in dieſen Mauern und biete Ihnen meine Freundſchaft an,“ fuhr Roſalie, unbekümmert um die tadelnden Blicke ihres Stiefvaters, fort. Sie warf den Hut vom Kopfe und ſchüttelte die ver⸗ worren und lang gewordenen Locken aus der Stirn. Hübſch war ſie keineswegs, aber doch verführeriſch und reizend genug, um ein unverſuchtes Männerherz in Bewe⸗ gung zu verſetzen. Blühend bis zur Ueppigkeit, mit ſtrah⸗ lend ſchwarzen Augen voll Gluth und Leben, gelang es ihr oft, weit ſchönere Mädchen in den Hintergrund zu drän⸗ gen. Wenn freilich Momente der Selbſtprüfung eintra⸗ ten, wie bei Herrn Klaus, ſo verflog der Zauber, den ſie flüchtig über alle Männer warf, allein es lag in dem Willen des übermüthigen Mädchens, die Feſſeln wieder zu knüpfen, die man zu zerreißen wünſchte. Indem Roſalie das Zimmer verlaſſen wollte, fiel ihr Auge auf die Gruppe am Fenſter. Elfride ſah ſehr ſchön aus. Ein heiliger Ernſt lag auf dem zarten Antlitze, das von der letzten Abendgluth überhaucht wurde und ihre Augen drückten all' den trauri⸗ gen Zweifel aus, der ihre Seele durchbebte. Roſalie wußte, was ihrer Schweſter fehlte. „Ich könnte ihr den ſammetweichen Klaus laſſen,“ 143 dachte ſie.„Aber wie langweilig wär's hier im Orte, wo er der einzige Mann iſt, zu dem eine Dame ſich hingezogen fühlen kann. Ob Elfride ihn liebt? Es grenzte an Thor⸗ heit, fühlte ſie Liebe für ihn. Liebe iſt überhaupt nur Ein⸗ bildung.— Ja, wenn der Vetter hier bliebe.— Der ſcheint die Fledermäuſe der Nacht und die Vorurtheile der Welt weniger zu fürchten.“ Sie warf den Kopf auf und ſchritt mit der Ueberzeugung ihrer Unwiderſtehlichkeit über die Schwelle. Fünftes Capitel. Die Schweſtern wohnten nicht zuſammen. Elfride hatte ein Schlafkabinet dicht neben dem Zimmer ihres alten Vaters, während Roſalie als zeitweiliger Beſuch betrachtet wurde und in eins der Fremdenzimmer logirt war. Es herrſchte zwiſchen ihnen ein gutes Verhältniß. Roſalie konnte ſich nicht abläugnen, daß Elfride geiſtig ſie weit überragte und körperlich mit ihr in die Schranken zu treten vermochte. Freilich erklärte ſie ſich, mit großer Genug⸗ thuung, für ſiegesfähig in jeder Hinſicht, und nannte das Zartgefühl und die feinere Sitte Elfriden's„Altjüngfer⸗ lichkeit,“ aber ſie ließ ihr doch auch nebenbei die Gerechtig⸗ keit widerfahren, ſie liebenswürdiger, als alle die ſteifen Weltdamen zu finden, mit denen ſie im Hauſe ihrer Tante zu verkehren gezwungen war. In der Stille der Nacht, als Alles ſchlief, als alle Ohren und Augen geſchloſſen waren, ſuchte Elfride ihre Sühmeſte in ihrem Zimmer auf. Sie fand ſie ſchon zu ette. „Wer kommt?“ ſchrie ſie ihr mit dem Pathos einer aufmerkſamen Schildwache entgegen, indem ſie ſich aufrich⸗ tete und in dem ungewiſſen Lichte einer Stearinkerze den ſpäten Beſuch zu erkennen ſuchte.„Ei, Schweſter Elfride! Was führt Dich denn zu mir? Haſt Du im Sinne, mit mir wegen des kleinen Klaus zu verhandeln?“ Elfride mußte trotz ihrer ernſten Stimmung lächeln, denn Klaus war nichts weniger als klein, ſondern eine hohe, ſtarke Männergeſtalt von imponirendem Weſen. „Gewiß kommſt Du deswegen,“ fuhr Roſalie fort. „Aber da ſpare Dir nur jede Mühe!— Ich kann Klaus von Angern nicht entbehren, er iſt mir zu meinem Amüſe⸗ ment nothwendig.“— Elfride ſtarrte ſie mit unausſprech⸗ licher Verwunderung an. Zu Deinem Amüſement, Roſalie? Du liebſt ihn alſo nicht?“ fragte ſie dann neubelebt. „Lieben? Thorheit, ſo weit vergißt ſich Roſalie, die Amazone, wie ſie bei der Tante mich nennen, nicht. Nein, 145 Elfridchen, Du kannſt mir ihn ſicher überlaſſen,— wenn ich einen Andern finden ſollte, der mir zu meinen Lebens⸗ freuden paßt, ſo ſollſt Du ihn unverſehrt wieder haben, im Falle er wirklich ſchwachſinnig genug ſein ſollte, Dich mit Deiner ſuperfeinen Altjüngferlichkeit liebenswerth zu finden.“ Sie legte ſich in die Kiſſen zurück und ſchien die Sache als abgemacht zu betrachten. Nicht ſo Elfride. Dieſe ſetzte ſich entſchloſſen nieder, rückte das Licht, damit der volle Strahl das Geſicht Roſalien's traf, welches in der Umgebung einer abſcheulich häßlichen Nachtdormeuſe und zahlloſen Papierpapilotten affenmäßig ſich ausnahm, und heftete ihre geiſtſtrahlenden Augen feſt auf ihre geniale Schweſter. „Deine Erklärung, Roſalie, beruhigt mich und giebt mir den Muth, von Dir etwas zu verlangen, was Dir nicht einmal ein Opfer iſt. Hätteſt Du mir eingeſtanden, Klaus von Angern zu lieben, ſo mußte ich mit Dir in die Schranken treten und einen Kampf beginnen. Da Du aber nur aus koketter Spielerei die Seele eines Mannes zu beſchäftigen ſuchſt, deſſen Herz jedenfalls mehr für mich ſchlägt, als für Dich, ſo will ich Dir mein Inneres auf⸗ ſchließen, in der feſten Ueberzeugung, daß Du edelmüthig genug biſt, den Frieden Deiner Schweſter nicht in Gefahr zu bringen.“ 1858. XI. Vorwärts! II. 10 146 Roſalie gähnte ziemlich vernehmlich, kreuzte die Arme über den Kopf und entgegnete: „Nun, ſo ſprich! Aber nur nicht langweilig, Fridchen, — ſonſt ſchlafe ich ein dabei.“ „Es werden wenige Worte hinreichen,“ ſprach Elfride leiſer. Ein ſchönes Roth der Scham überflog ihr Geſicht, als ſie ihren innern Empfindungen Worte geben ſollte, doch die Pflicht gegen ſich ſelbſt überwog jedes jungfräuliche Bedenken.—„Ich liebe Klaus von Angern ſeit meinen Kinderjahren,— er zollte mir immer eine Anfmerkſamkeit, die brüderliche Liebe übertraf, aber von leidenſchaftlichen Wünſchen fern blieb. Als er vor zwei Jahren von mir ſchied, gelobte ich ihm ſtillſchweigend Treue—“ „Ohne ein Liebesgeſtändniß von dem jungen Herrn empfangen zu haben?“ fiel Roſalie lachend ein.„Das war eine Dummheit von Dir, Fridchen. Weiter!“ „Meine Meinungen weichen von Deinen Anſichten ſo weit ab, daß wir uns über dieſen Punkt nie verſtändigen werden. Genug, ich ſtellte Angern's Bild als Hort vor meinem Herzen auf und bewahrte friſch und freudig meine Liebe für ihn. Ich wurde belohnt, Roſalie. Unſer uner⸗ wartetes Wiederſehen brach alle Schranken. Er hatte mich noch bei Deiner Tante vermuthet, als er hier ankam. Ich war jedoch ſeinetwegen früher abgereiſt.— Das Leuch⸗ 147 ten ſeiner Augen, die fieberhafte Freude bei unſerer Be⸗ grüßung—“ „Das waren die Lärmſignale ſeines Herzens,“— ergänzte Roſalie ſchnell.„Elfride, Du wandelſt auf den Irrwegen der Phantaſie, wenn Du das als Liebesboten anſiehſt, was eine kleine erbärmliche Blutwallung geweſen ſein wird. Du ſollſt einmal die Augen des Herrn Klaus leuchten ſehen, wenn er über eine Regenpfütze geſprungen iſt und ſollſt einmal ſeine fieberhafte Freude belauſchen, wenn es ihm gelingt, über einen breiten Chauſſeegraben zu ſetzen! Pah.“— Elfride ſchüttelte lächelnd den Kopf.„Wenn Dein Herz endlich einmal aus dem wüſten und wilden Treiben zu beſſern Regungen ſich verſteigt, dann wirſt Du mich be⸗ greifen, meine gute Schweſter. Klaus zeigte in ſeinem Benehmen, daß er mich als den Preis ſeines Lebens betrach⸗ tete und ich mußte mit jeder Minute der beſeligenden Er⸗ klärungen ſeiner Liebe gewärtig ſein. Da trafſt Du ein. Seitdem—“ „Seitdem findet er ſich von den Naturfreuden eines anregenden geſelligen Verkehrs mit mir mehr angezogen,“ rief Roſalie laut lachend.„Ja, Kind, dafür kann ich nichts! Du weißt, Sentimentalität iſt mir verhaßt, Liebesklagen finde ich lächerlich und Herzenswallungen abſurd. Ich gebe mich in vollſter Natürlichkeit den Freuden der Natur⸗ 10* 4 148 wüchſigkeit hin und leider liegt es im Menſchen, die Ge⸗ meinſchaft mit dem andern Geſchlechte intereſſanter zu fin⸗ den, als einen Verband mit Seinesgleichen. Klaus iſt ganz entzückt von meinen Lebensanſichten,— er bekommt nur noch bisweilen einen kleinen Rückfall in die ſteifen Formen des Zeitgeiſtes, der die Ungebundenheit eines Ver⸗ gnügens nicht anſtändig findet. Aber ſage aufrichtig, El⸗ fridchen, iſt es nicht ſchauderhaft langweilig in der Welt, wenn man immer nach der Schablone ſprechen, gehen und lachenmuß? Und dann ſage mir auch aufrichtig, kannſt Du es mir verdenken, wenn ich den Mann, den ich zu meinen Anſichten bekehrt habe, durchaus ſo lange feſſeln will, wie ich ihn zu meinem Amüſement nöthig finde?“ Elfride erhob ſich. Unwille brach aus ihren Augen und ihre Lippen zuckten verächtlich. „Dein Irrthum iſt böswilliger, als ich erwartet hatte,“ ſprach ſie, ohne auf die Fragen einzugehen, die ihr von Ro⸗ ſalie vorgelegt waren.„Worin es liegt, daß Du Dich der Seele eines Mannes bemächtigen konnteſt, deſſen Geiſt und Verſtand geläutert und klar aus dem Wirrwarr der Jugend⸗ anſichten hervorgegangen war, das begreife ich nicht. Aber ich fürchte, es liegt in Mitteln, die freilich einer züchtigen Jungfrau zuwider ſind. Deine Hingebung an die Freuden der geſelligen Gemeinſchaft mag naturwüchſig genug ſein, um die Sinne des Mannes in Aufruhr zu bringen. Ich A 8 149 habe den einzigen Weg zur Abhülfe meines Unglücks ver⸗ geblich verſucht.— Du weißt jetzt leider ein Geheimniß, das ich feſt in meiner Bruſt verſchloſſen zu halten genöthigt geweſen wäre und ich muß fürchten, bei dem erſten Spa⸗ ziergange mit Klaus Deiner Indiscretion zum Opfer zu fallen. Allein ich bereue meinen Schritt nicht. Ich er⸗ kläre Dir nochmals unumwunden, daß ich Klaus von An⸗ gern ſeit Jahren als den Abgott meines Herzens betrachtet habe, und daß ich mit tiefem Schmerze mein Lebensglück unter den Machinationen einer gewöhnlichen Coquetterie erliegen ſehe.“ „Mein Gott,— verſuche doch einen Kampf mit mir!“— rief Roſalie.„Mache mir den kleinen Klaus abwendig, wenn Du es kannſt,— grämen werde ich mich nicht darüber.“ „Wir würden mit ungleichen Waffen kämpfen,“ ent⸗ gegnete Elfride traurig.„Das Herz, von weicher, warmer Liebe erfüllt, vergreift ſich leichter in den Mitteln, die zum Siege führen können, als die kühle Beſonnenheit der Co⸗ quetterie. Ich räume das Feld und reſignire!“ Sie er⸗ griff ihr Licht und ſchritt der Thür zu. Als der letzte Licht⸗ ſchimmer hinter derſelben verſchwunden war, murmelte Ro⸗ ſalie:„Sie reſignirt! Es thut mir leid, aber ich kann ihr nicht helfen!“ darauf wendete ſie ſich um und ſchlief ein. Sechſtes Capitel. Herr Max Schildt betrieb die Nachforſchungen nach ſeinem Portefeuille mit einem wahren Feuereifer. Mit dem grauenden Tage war er ſchon nach dem Landrathsamte gelaufen, um ſich von den Reſultaten der eingeſchlagenen Schritte zu unterrichten. Er fand natürlich den Herrn Kreisſecretär noch nicht auf dem Büreau und begab ſich deshalb nnwerpügle nach ſeiner Privatwohnung. Herr Golterebe empfing den jungen Mann ſehr zu⸗ vorkommend. Er hatte nach kleinſtädtiſcher Manier ſchon erforſcht, daß Herr Max Schildt wirklich als Vetter im Oberamtmannſchen Hauſe aufgenommen war und glaubte nun, bei ſeinem Reſpecte vor deſſen Anſehen und Reich⸗ thum, nichts unterlaſſen zu dürfen, was ein Vetter dieſes Mannes beanſpruchen konnte. Es dauerte auch nicht lange, ſo ducchſchrit der Aus⸗ rufer der Stadt gravitätiſch die Straßen Burgdorfs und verkündete, nach vorhergehendem Klingeln, ndaß dem Fin⸗ der einer roben rothen Saffianbrieftaſche eine Belohnung von zehn Thalern im Gaſthauſe zum ſchwarzen Adler aus⸗ gezahlt werden würde.“ Die Leute öffneten neugierig ihre Fenſter, um ſie ſeuf⸗ 151 zend nach vernommenen Aufrufe wieder zu ſchließen. Ja, wer immer das finden könnte, worauf eine ſo große Beloh⸗ nung feſtgeſetzt iſt! Dabei ließ es aber Herr Golterebe nicht bewenden. Er beauftragte ſämmtliche Gensd'armen, Nachfragen in den Dorfſchaften zu halten, die zu ſeinem Reſſort gehörten und erließ auch dort öffentliche Bekanntmachungen. Am erſten Tage war alles Lärmſchlagen vergeblich. Die Brief⸗ taſche fand ſich nicht, obwohl die ganze Burgdorfer Gaſſen⸗ jugend auf den Beinen war und alle Wege und Stege im Umkreis von einer halben Meile durchſtöberte. Niederge⸗ ſchlagen machte ſich Herr Max Schildt gegen Abend auf den Weg zu dem Oberamtmann, um zu rapportiren. Dicht am Hauſe ſtieß er auf Fräulein Roſalie, die in fliegender Eile aus dem Hauſe kam und zuerſt die Abſicht zu haben ſchien, mit einem kurzen Gruße an ihm vorüber zu gehen. Allein ſie beſann ſich und blieb ſtehen. „Wohin wollen Sie, Herr Vetter?“ fragte ſie.„Zu meinem Papa? Das laſſen Sie für jetzt bleiben. Es hat eben ein Gewitter gegeben und danach pflegt anhaltend ſchlechtes Wetter zu ſein. Kommen Sie mit mir! Ich will hinaus nach Angern,— es iſt nur ein Stündchen von hier.— Herr Klaus hat für gut befunden, ſein Wort nicht zu halten und ich habe die Abſicht, ihn nach dem Grunde ſeines Ausbleibens zu befragen. Ich vermuthe, der Herr 1⁵² Papa hat hier die Hand im Spiele. Er ſcheint ſeinem frühern Mündel die Landſtreicherei, wie er es eben nannte, mit mir verboten zu haben und der kleine Klaus iſt wahr⸗ ſcheinlich zu Kreuze gekrochen. Kommen Sie mit nach An⸗ gern. Wir wollen ſehen, weshalb Herr Klaus nicht gekom⸗ men iſt, um mich nach Wüſtenfeld, wo es herrliche Pflau⸗ men geben ſoll, abzuholen.“ Der junge Mann hatte ſtill der Aufforderung des jungen Mädchens gelauſcht, ohne ſie zu unterbrechen. Auch als ſie geendet hatte ſchwieg er noch und ſchien unſchlüſſig zu ſein. Roſalie wendete ſich kurz ab.„Sie gehören alſo auch zu den Männern, welche darüber nachdenken, was ſich ſchickt,“ rief ſie unwillig.„Gut, ſo gehe ich allein!“ „Nicht deswegen zögerte ich,“ beeilte ſich jetzt Max zu ſagen.„Angern,— Angern! Der Name kam mir ſehr bekannt vor und ich wußte nicht, wo ich ihn gehört hatte.“ „Das iſt erklärlich. Wahrſcheinlich von Ihrem Vater, wenn er ſonſt zu dem Stamme der hieſigen Schildt's ge⸗ hört. Ihre Urahnen ſind von dort gebürtig. Ein ganzer Stammbaum iſt auf dem Angernſchen Kirchhofe zu finden. Klaus' Vorfahren hatten ſich immer dem Staatsdienſte ge⸗ widmet und die Pachtung des Gutes war ſtets von Schildt dem Vater auf Schildt den Sohn übergegangen.“ 153 „Und der junge Herr, der geſtern mit Ihnen kam, iſt ein Herr von Angern?“ „Ja. Der letzte ſeines Stammes. Er bewirth⸗ ſchaftet ſein Gut, unter Anleitung unſers alten Papa ſelbſt, weil auch die Familie der Schildt in dem Oberamtmann, der neben Angern noch eine Domäne in Pacht hatte, den letzten Sprößling aufzeigt.“ „Und dieſer Herr iſt wohl Ihr Verlobter?“ fragte Herr Max im Fortſchreiten. Roſalie wehrte lachend ab.„Mein Verlobter müßte mehr Courage haben!“ meinte ſie verächtlich.„Die Mei⸗ nung der Welt müßte gar keine Wirkung auf ihn zeigen.“ „Sie paßten vortrefflich zu einer Räuberbraut,“ brach Max lachend aus. Roſalie blieb ſtehen und ſah ihn frappirt an.„Al⸗ lerdings, Herr Vetter. Sie zeigen mit dieſer Bemerkung eine Charakterkenntniß, die Ihnen alle Ehre macht. Lei⸗ der giebt es keine Räuber mehr,“— ſchloß ſie ſeufzend. „Hier iſt dies Handwerk freilich verpönt und der Hetz⸗ jagd der Gensd'armerie Preis gegeben,“ fuhr Max ſcherz⸗ haft neckend fort.„Aber warum wandern Sie nicht nach Amerika aus. Dort wären Sie ganz an Ihrem Platze.“ „Es wird vielleicht noch dahin kommen, wenn ich es hier gar nicht erträglich mehr finde.“ „Denken Sie ſich, Fräulein,“ fiel der Herr mit muth⸗ 154 williger Exaltation ein,„denken Sie ſich ein Blockhaus im Walde— Rothhäute rundum hauſend—. Die Indianer immer in Anſchlag auf Ihren Scalp—“ Roſalie ſah ihn mißtrauiſch von der Seite an. Spot⸗ tete der Mann über ſie? „Warte,“ dachte ſie,„Du ſollſt meine Feſſeln füh⸗ len. Herr Klaus ſcheint überhaupt Luſt zu haben, wieder ſittſam werden zu wollen— dieſer Vetter iſt auch nicht übel!“ Sie wendete ſofort das Geſpräch und legte jene ver⸗ führeriſche Hingebung hinein, welche ihr trotziges Weſen ſo überaus gut kleidete. Herr Max zeigte ſich als ein be⸗ deutender Stoiker. Ihn erwärmte die reizende Koquetterie nicht im Geringſten. Selbſt die Gluth ihrer ſchwarzen Augen zündete nicht. Er verblieb in jenem ſcherzenden Ton, der nahe an Vertranlichkeit grenzt, aber von einer großen Vorſicht Zeugniß giebt. Das war Fräulein Roſalie in ihrer Praxis noch nicht vorgekommen und ſie fühlte ſich ſeltſam davon berührt und aufgeregt. Sollte an dieſem Manne ihre Kunſt zu gefal⸗ len ſcheitern? Es war nicht denkbar! Bis jetzt war Alles ihrem Angriffe erlegen, ſelbſt Männer, die ſich erſt tadelnd über ſie geäußert, die ſie häßlich und abſcheulich genannt hatten. Herr Max jedoch blieb beſonnen und kühl, Herr Max ſcherzte in aller nur möglichen Zwangsloſigkeit mit 15⁵ ihr, Herr Max erwiederte ihre Scherze ſtets mit gleicher Münze, Herr Max ſprang mit ihr burſchikos über die Grä⸗ ben, aber er benahm ſich nicht wie ein Mann, der hinter den Schranken geſelliger Formen, von den naturwüchſigen Freuden eines ungehinderten Beiſammenlebens entfernt gehalten wurde, und bei der plötzlichen Gemeinſchaft mit einer Dame gelinde Flammen in ſeinem Blute aufzucken fühlt. Sie kamen in Angern an. Roſalie ſchritt voraus, Herr Max hielt ſich etwas ſeitwärts und ſchien nicht Luſt zu haben, dem Rendezvous der jungen Dame und des Herrn Klaus beizuwohnen. Er beobachtete ſcharf die Vorüber⸗ gehenden und begab ſich zuletzt in den tiefen Schatten eini⸗ ger großen Lindenbäume, die unweit des Edelhofes ſtanden. Roſalie ſchritt kühn die Haustreppe hinauf. Ein ge⸗ ſatteltes Pferd, von einem Stallknecht gehalten, bewies ihr, daß der Herr zu Hauſe, aber im Begriffe ſei, daſſelbe zu verlaſſen. Sie fragte nach ihm und befahl, ihr das Zim⸗ mer deſſelben zu zeigen. Verwunderte Blicke beachtete ſie niemals und auch das unverſchämte Lächeln des Bedien⸗ ten glitt ſpurlos an ihr vorüber. Klaus zündete ſich eben eine Cigarre an, als ſie zu ihm eintrat. Die Mütze auf dem Kopfe und die Reitgerte in der Hand, zeigten ihn gerüſtet zum Ausreiten. Sein Blick hing ſich mit ſtarrem Erſtaunen an die Erſcheinung des Fräuleins und er war im erſten Augen⸗ blicke unfähig, ein Wort hervorzubringen. Fräulein Roſalie warf ſich ohne Weiteres in die So⸗ phaecke. „Da Sie mich nicht abgeholt haben, um in Wüſten⸗ feld Pflaumen zu eſſen,“ begann ſie mit ſpöttiſchem Ernſte, „ſo komme ich her Sie abzuholen.“ „Aber Fräulein—“ ſtammelte der junge Mann in wahrem Entſetzen.„Weiß Ihr Herr Vater, weiß Elfride um dieſe Betiſe?“ Das Fräulein lachte hell auf. „Betiſe?“ wiederholte ſie.„Sie nennen meine Aufopferung eine Betiſe?“ „Was ſollen die Leute davon denken, Fräulein,“ ſprach geſammelter und ſehr ernſthaft Klaus, indem er hef⸗ tig das Zimmer durchmaß.„Es dunkelt bereits— wie wollen Sie—“ „Beruhigen Sie ſich, Freund Klaus. Was ſchadet mir das Dunkel der Nacht, wenn ich unter ſolchem Ob⸗ dache bin—“ Sie zeigte mit der Hand rundum und rückte ſich behaglich in ihrer Ecke zurecht. „Mein Gott, wie ſoll ich dies verſtehen?“ „Wie anders, als daß ich den Ritterſitz derer von An⸗ gern nicht eher verlaſſen werde, bis Sie für gut finden, mich zum Pflaumeneſſen nach Wüſtenfeld zu bringen. 157 Ob das heute oder morgen geſchieht, kann mir ganz gleich ſeinle Klaus von Angern fuhr ſich mit der Hand über die Stirn und richtete ſeine Augen nach oben, als wolle er ſagen: wo hatte ich denn meine Sinne, wo meinen Ver⸗ ſtand, daß ich nur einen Augenblick unter der Herrſchaft dieſes Weibes mich wohl fühlen konnte. Sein Stolz kehrte nach dieſer kurzen, ſtummen Betrachtung in erhöhtem Grade in ihn zurück. Je weniger er begriff, wie es mög⸗ lich geworden war, in unweiblicher Sitte ſich wohl zu fin⸗ den, deſto nothwendiger erſchien es ihm, ſich durch einen eclatanten Bruch mit Fräulein Roſalie, eine Art Selbſt⸗ genugthuung zu verſchaffen. Er ſchlug den richtigſten Weg dazu ein, indem er mit feinen Lächeln erwiederte: „Sie befinden ſich in Ihrem Rechte, mein Fräulein, wenn Sie verlangen, von mir nach Wüſtenfeld gebracht zu werden. Es iſt unverantwortlich, daß ich unſere Verab⸗ redung vergeſſen konnte. Allein der Schaden iſt noch zu ändern. Gedulden Sie ſich nur wenige Minuten—“ „Recht gern,“ fiel Roſalie lachend ein.„Aber dann bitte ich doch, meinen Ritter, der mich hierher begleitet hat, in's Schloß zu invitiren. Vetter Schildt iſt unter den Linden geblieben.“ Herr Klaus athmete froh auf. „Sie ſind nicht allein gekommen? Schön!“ Er öffnete das Fenſter und rief:„Johann— anſpannen! 158 Den Jagdwagen! Ich laſſe Herrn Schildt gehorſamſt er⸗ ſuchen näher zu treten!“ Mit gefliſſentlicher Artigkeit empfing er den bald darauf eintretenden Herrn Max, und ehe ſich Fräulein Roſalie recht beſinnen konnte, wurde gemeldet, daß der Wagen bereit ſei. Lachend führte Herr Klaus ſeine Gäſte hinab. Des Tages letzter Glanz färbte den Himmel und lagerte auf der ſtillen Flur.„Bevor das Dunkel der Nacht ſich über uns breitet, ſind wir in Wüſtenfeld und eſſen Pflaumen, Fräu⸗ lein Roſalie,“ rief er heiter. Er hob die Dame, welche ziemlich ungnädig darein ſchaute, in das Wägelchen, bat Max, neben derſelben Platz zu nehmen, und ſchwang ſich, die Zügel ergreifend, auf den Bock. In raſendem Galopp flogen die Pferde den ebenen Weg hinab. Gab es einmal eine Pfütze von den letzten Regentagen— was that es. Durch— daß das Waſſer hoch auf ſprühte und in unangenehmer Weiſe Geſicht und Kleidung zeichnete. Fräulein Roſalie ärgerte ſich, ſo gründlich abgeführt zu ſein, aber ſie beſaß Selbſtbeherrſchung genug, ihren Verdruß unter witzigen Scherzen zu verbergen. Man kam mit dem letzten Tagesſchimmer in Wüſten⸗ feld an— man ſpeiſte unter großer Heiterkeit Pflaumen und ſetzte ſich wieder in den Wagen, um nun nach Burgdorf zurückzukehren. 159 „Wohin wollten Sie reiten, als ich zu Ihnen kam?“ fragte Roſalie, als ſie fortfuhren. „Nach Burgdorf—“ antwortete Klaus. „Zum Papa? Ich rathe Ihnen, dergleichen Beſuche zu unterlaſſen. Man erwartet Sie dort nicht mehr!“ Klaus ſah ſich erſchrocken zu ihr um. „Wie verſtehe ich das?“ „Man hat Sie aufgegeben und wünſcht keine Ver⸗ bindung mehr mit Ihnen. Iſt das ſo ſchwer zu verſtehen,“ rief das Fräulein malitiös lachend. Klaus ſchwieg eine ganze Weile und ſagte dann ruhig:„Es geſchieht mir Recht!“ Als der Wagen vor dem Hauſe des Oberamtmannes hielt, ſprang er ab, half Roſalie aus demſelben, verneigte ſich gegen den jungen Herrn Schildt und ſchwang ſich be⸗ hende wieder auf den Vorderſitz. Kein Blick nach den Fenſtern hinauf, wo Elfride in athemloſer Angſt die Scene beobachtete und kein Wort des Grußes von ſeinen Lippen, der einen Antheil verrathen hätte. Die Pferde ſetzten ſich wieder in Trab und verſchwan⸗ den mit dem Wagen, ehe Fräulein Roſalie die Schwelle der Hausthür zu überſchreiten vermochte. „Fahre hin in Gottes Namen,“ ſagte ſie lachend hin⸗ ter ihm her.„Solchen Schwächlingen folgt mein Be⸗ dauern nicht!“ Siebentes Capitel. In dem Hauſe des Oberamtmannes herrſchte eine ſchwüle Stille nach dieſem Abende. Elfride ertrug die Wendung ihres Geſchickes mit der ſanften Geduld, die das Grundelement ihres Naturells war. Fräulein Roſalie ſchmollte. Sie kam nur zum Vorſchein, wenn der Herr Better Max im Hauſe war. Es wurde immer ſichtlicher, daß ihre Kunſt, hinreißend und feſſelnd auf dieſen jungen Mann zu wirken, gänzlich zu ſcheitern drohte. War es das verwandte Element in ihm, welches ihm mit den Ex⸗ travaganzen eines ſonſt gut gebildeten Geiſtes harmoniſcher machte und ſich nicht von denſelben frappiren und blenden ließ, oder war es affectirte Gleichgültigkeit? Roſalie ſchien die Löſung dieſes Problems ſehr inte⸗ reſſant zu finden. Sie wendete eine geſteigerte Aufmerk⸗ ſamkeit auf Herrn Max, ſie verſuchte Funken aus dieſem kühlen Geiſte zu ſchlagen und Feuer in ſeine Seele zu gie⸗ ßen. Vergebliche Mühe! Herr Max lachte, lärmte, witzelte und extravagirte mit ihr, allein ſein Blut blieb Eis und ſeine Lebendigkeit durchbrach niemals die Schranken der kühlen Beſonnenheit. Dabei entwickelte er eine ſterile Gleichmäßigkeit in ſeinem Weſen, die auf eine vernach⸗ 161 läſſigte Geiſtesbildung hätte ſchließen laſſen können, wenn nicht die Kundgebungen ſeines Wiſſens dem widerſprochen hätten. Roſalie fand in ihm einen Mann, wie er ihr auf ihren Lebenswegen noch nicht begegnet war, und es geſchah ihr zum erſten Male, daß ſie ſich Mühe geben mußte, ein Männergemüth zu begreifen. Es lag hier etwas vor, was eine unſichtbare Scheidewand zog, dies Etwas zu ergrün⸗ den, dies Etwas zu beſeitigen, um endlich doch eine ſofeſt ver⸗ panzerte Natur geiſtig zu unterjochen, das machte ſich das Fräulein für jetzt zur Aufgabe ihres Lebens. Die Ver⸗ hältniſſe unterſtützten ſie in ihren Entſchlüſſen. Klaus von Angern kam nicht wieder. Er hatte ſonſt alltäglich ſeinen Beſuch gemacht, und nun waren ſchon vier Tage vergan⸗ gen ohne ein Lebenszeichen von ihm. Dazu kam, daß die Bemühungen der Behörden die verlorene Brieftaſche des Herrn Map nicht wieder zu ſchaffen vermochten, und dieſer Umſtand ſeine Abreiſe von Tage zu Tage verzögerte. Er hatte endlich in ſeine Heimath ſchreiben und ſich neue Legi⸗ timationen, nebſt neuen Empfehlungsbriefen erbitten müſ⸗ ſen, da der Herr Kreisſecretär Golterebe ſich auf das Be⸗ ſtimmteſte geweigert hatte, ohne die ſpecielle Erklärung des Landrathes, eine neue Paßkarte auszuſtellen. Der Land⸗ rath war aber noch immer verreiſt und ſeine Zurückkunft erſt in einigen Wochen zu erwarten. Während deß ſaß Herr Max in Bursdorf, wie in 1 1858. XI. Vorwärts! II. 1 162 Abraham's Schooße. Er wurde vom Oberamtmann gern geſehen und ſeine Verwandtſchaft mit dieſem alten Herrn von allen Seiten reſpectirt. An Geld fehlte es ihm nicht. Zeit hatte er. In einer kleinen Landſtadt ſind junge Män⸗ ner ſelten und deshalb in allen Kreiſen gern geſehen— es konnte alſo gar nicht fehlen, daß Herr Max ſehr be⸗ achtet und geehrt, ja ſogar fétirt wurde. Man arrangirte kleine ländliche Vergnügungen, wozu das neu eingetretene prachtvolle Herbſtwetter aufforderte, man ſtellte Tanzverſammlungen an, weil ſich der junge Herr als einen flotten und ſehr gewandten Tänzer erwies, und dies die einzige Leidenſchaft ſchien, der er ſich mit gan⸗ zer Seele hingab. Fräulein Roſalie folgte ihm eiferſüchtig zu allen dieſen kleinen Geſellſchaften, obwohl ſie ſonſt ent⸗ ſetzlich darüber geeifert und geſpottet hatte. Elfride war des Anſtandes wegen gezwungen, ihre Schweſter zu be⸗ gleiten, aber ſie nahm nie Theil am Tanze und verwei⸗ gerte ſelbſt dem Herrn Vetter hartnäckig jeden Tanz. Außer dieſen geſetzlich anſtändigen Zuſammenkünften hatte jedoch Roſalie noch ihr Vergnügen für ſich, das ſie der Rederei im Städtchen Preis gab. Sie unternahm mit Herrn Max Streifereien durch's Land, welches, wie ſchon geſagt iſt, nicht die geringſte Aufmunterung dazu bot. Meilenweite Flächen, kaum durch eine Gruppe Bäume unterbrochen, dazu die abgeernteten Felder, welche die Land⸗ 163 ſchaft einer Wüſte gleich machten, luden eben nicht gerade zu Excurſionen ein, wie Roſalie ſie liebte. Aber ſie ging dennoch mit Max hinaus in die Weite und trieb ſich, aller Convenienz zum Trotze, den Tag über mit ihm umher. Oft lag ſchon der undurchdringliche Schleier der Nacht auf der Flur, wenn ſie heimkehrten. An Klaus von Angern dachte das wilde und ungezügelte Mädchen nicht mehr. Er war richtig gerettet durch ſeine ſchnell ergriffene Maßregel, ſie ſteif und ehrbar zu Hauſe zu fahren, als ſie aller Sitte zum Aergerniß ſich bei ihm einquartieren zu wollen ſchien. Acht Tage waren auf dieſe Weiſe verſtrichen, als eines Morgens Roſalie am Tollettentiſch, deſſen Künſte ſie keineswegs verſchmähete, ſaß und ihr wirklich ſchön ge⸗ locktes Haar zu ordnen ſich bemühte. Elfride hatte ihre einfach elegante Toilette ſchon vollendet und ſaß, mit einer weiblichen Arbeit beſchäftigt, unweit von ihr am Fenſter. „Sage mir doch einmal, Elfridchen—“ begann Ro⸗ ſalie, plötzlich ſich zu ihr wendend,„wie gefällt Dir denn eigentlich unſer Vetter Max?“ „Er gefällt mir gar nicht,“ entgegnete Elfride ſehr entſchieden. Roſalie lachte fröhlich. „Das freut mich! Es iſt der ſicherſte Beweis dafür, daß er alle Eigenſchaften beſitzt, die ich für einen Mann nothwendig erachte! Was haſt Du denn gegen ihn einzu⸗ wenden?“ 4 3 11* 164 „Vor allen Dingen iſt mir das Grundelement ſeines Weſens zu gemein,“ ſprach Elfride ruhig. „Ein altes Lied von Dir, mein Püppchen! Ich bin Dir auch zu gemein—“ „Nein, Roſalie! Gemein würde ich Dich nie nennen. In allen Deinen Handlungen liegt trotz Deines Ueber⸗ muthes der Zauber einer gewiſſen Genialität, der verſöh⸗ nend wirkt, aber Vetter Max ſieht gerade aus, als wäre es ſeiner Natur angemeſſen, als ſchwämme er wie ein Fiſch in ſeinem Elemente, wenn der Firniß der Convenienz vom Uebermuthe abgeſtreift wird. Er bewegt ſich kühl und ſicher darin, während Dich die Exaltation des Augenblickes in den Strudel und Wirbel der Extravaganzen hinein wirft.“ Roſalie drehte ſich mit ihrem Stuhle ganz zu Elfride herum und ſah ihr feſt in's Geſicht. Ein Schatten lagerte auf ihrer Stirn und ein ungewohnter Zug nachdenklichen Ernſtes zeichnete ſich auf ihrem Mienenſpiele. „Sieh— Ihr feinen Frauenzimmer habt doch eine feine Gabe der Beobachtung,“ ſagte ſie nach einer ziemlich langen Pauſe.„Ich bin bis jetzt nicht im Stande geweſen, den Grund ſeiner Beſonnenheit, wie ich es nannte, zu er⸗ mitteln, aber ich muß Dir beipflichten, daß vielleicht ſeine frühere Lebensſtellung ihn heimiſch in einer Lebensart ge⸗ macht hat, die allerdings nur einen überwältigenden Reiz 165 für den haben kann, dem ſie ungewohnt erſcheint. Aber er iſt liebenswürdig in Allem, was er thut.“ „Auch das kann ich Dir nicht zugeben,“ entſchied El⸗ fride.„Seine ganze Manier ſtreift immer nahe an der Grenze vorüber, wo man eine Platitüde zu erwarten ge⸗ faßt ſein muß.“ Roſalie verlor ihren Ernſt wieder und lachte ſpöttiſch. „Das urtheilt eine Dame, welche in Flor gehüllt und mit Glacshandſchuhen durch die Welt zu gehen für ein Glück hält. Dir, mein Elfridchen, iſt das feine Phraſen⸗ thum ein Lebensbedürfniß und die Maske der Selbſtbe⸗ herrſchung ein nothwendiges Uebel. Ueber Alles, was nur im Geringſten davon abweicht, geſtehe ich Dir kein Urtheil zu. Was ſagt der Papa zu Max. Iſt er dem auch nicht fein genug?“ Ihr Ton verrieth, daß ſie ihrem Stiefvater wenig Urtheilsfähigkeit über feine Tournüre zutraute. Elfride dachte nach.„Der Vater hat ſich noch nie über den Vetter ausgeſprochen,“ meinte ſie dann.„Nur einmal erinnere ich mich, daß er ſagte:„Vetter Max kommt mir vor wie ein Kieſelſtein, der ſich etwas blank gerieben hat und ſich nun für einen Diamanten zu halten Luſt be⸗ zeigt.“ „Ein vortrefflicher Witz vom Papa,“ lachte Roſalie ausgelaſſen.„Das Reſumé meiner Erkundigungen nach Euren Urtheilen über Max ergiebt alſo ungefähr: Der 166 Grundtext in ihm iſt Euch nicht vornehm genug. Ihr ſon⸗ derbaren Menſchen, die Ihr in abgeſchliffenen und glän⸗ zenden Feſſeln mehr Glück zu finden meint, als in der un⸗ gebundenen Freiheit des Geiſtes—“ Elfride ſchnitt ihr das Wort ab. „O bitte, Roſalie. Die Freiheit des Geiſtes ſchlie⸗ ßen wir nicht ein in die Schranken der regelrechten Wohl⸗ anſtändigkeit, die unſere Stellung in der Welt von uns fordert. Ja, ich behaupte, Dir gegenüber, die Freiheit unſers Geiſtes wächſt unter dieſen Feſſeln, ſie ſtrahlt heller und glänzender unter dem Drucke, den die Sitte ihr auf⸗ erlegt, ſie tritt geläutert auf, weil ihre rohe Kraft von den Verhältniſſen bezwungen wird. Durch Bildung befreit ſich der Geiſt von den Giftſtofſen, die ihn zu erniedrigen vermögen— wird er nicht elaſtiſcher, wenn die Politur der Welt alle Schlacken von ihm entfernt?“ „Ganz unrecht haſt Du nicht,“ entgegnete Roſalie. „Ich bin auch keinesweges eine Feindin der Geiſtesbildung bis zur höchſten Potenz, allein haltet doch die Steifheit der Formen von Euch fern, wenn Ihr fühlt, Ihr habt die richtige Geiſtigkeit erlangt, die Euch vor Uebertretungen der Sittlichkeit ſchützen kann. Lebt fröhlich und naturgemäß zuſammen, rührt nicht ſtundenlang mit ſilbernen Löffelchen das Zuckerwaſſer um, ehe Ihr zu nippen wagt, ſondern ſetzt das kalte und unvermiſchte Lebenselement haſtig an 167 Eure Lippen und leert den Kelch bis auf den Grund. Welche Labung liegt in einem naturgemäßen Handeln—“ „Wenn es unter dem Banner der Geiſtesherrſchaft bleibt—“ fiel Elfride mit Beſtimmtheit ein. „Pah— die Zügel müßten dann ſehr locker gehalten werden—“ „Nein— ſehr ſtraff! Ein Moment iſt hinreichend durch einen Tropfen von Gemeinheit ein ganzes Lebens⸗ glück zu zerſtören—“ „Das ſind überſpannte Begriffe von Ehre. Verliert ein Mann ſeine Ehre, wenn er im Rauſche des Vergnü⸗ gens ſich vergißt—“ „Ja. Man vernichtet ihn vielleicht deshalb nicht, aber man bedauert ihn.— Und ich halte dies Bedauern für ein Surrogat der ſtillen innerlichen Verachtung.“ „Sonderbare Anſichten. Du würdeſt Dich alſo nicht gern bedauern laſſen?“ „Bei einem Unglücke von Schickſalshand geſchlagen— o ja. Bei einem Mißgeſchicke von meinem eigenen Willen herbeigezogen— nein!“ „So fein unterſcheide ich nicht. Wie kann das feſt⸗ geſtellt werden, was eigene Schuld und was Verhängniß iſt!“ „Ich für meinen Theil vermag das feſtzuſtellen,“ er⸗ klärte Elfride.“ Und mein Gewiſſen würde mir die eigene 168 innere Verachtung ſchon nicht erſparen, wenn auch die Menſchen nichts von meiner Schuld an meinem Unglücke wüßten. Ihr Bedauern dabei wäre alſo für mich eine ver⸗ diente Strafe.“. „Bei einem ſo feinen Zartgefühle müßte ja der Menſch zu Grunde gehen, wenn er einmal einen gründlich dummen Streich gemacht hat,“ rief Roſalie laut lachend. „Eben deshalb bewahre ich mich vor jedem dummen Streich und wenn er noch ſo unſchuldig ausſieht,“ be⸗ merkte Elfride.„Eben deshalb vermeide ich jede Berüh⸗ rung mit Menſchen, deren Anlecedentien mir unbekannt ſind, eben deshalb iſt mir Deine mehr als freundliche Ge⸗ meinſchaft mit dem ſogenannten Vetter Max, der hier in Burgdorf hineingeregnet iſt, im höchſten Grade peinlich. Was wiſſen wir von ihm? Nur, daß er Schildt heißt und, vielleicht zu unſerer Familie ſich zu zählen, berechtigt iſt. Iſt das aber genug, um ihm Verwandtſchaftsrechte zu er⸗ lauben? Er kommt auf des Vaters Erlaubniß hierher in's Haus. Gut. Was hier geſchieht, ſteht unter der väter⸗ lichen Aegyde— wie aber willſt Du Deine Landſtreife⸗ reien vertreten, wenn Herr Max ſich eines Tages unſerer Güte unwürdig beweiſen ſollte?“ „Dir kann ich es aber auch wahrhaftig nie Recht machen,“ rief Roſalie mit ärgerlichem aber humoriſtiſchem Tone. „Ich denke eine Belobigung zu erhalten, daß ich Herrn 169 Klaus frei gegeben habe, und nun iſt wieder etwas an mei⸗ nem Thun auszuſetzen.“ Elfride erröthete und ihre Züge verriethen eine große Spannung. Sie hätte ſchon längſt gar zu gern den Zu⸗ ſammenhang von Roſalien's Spazierfahrt nach Wüſtenfeld und Klaus Ausſcheiden aus ihrem Familienzirkel erfahren mögen, aber aus triftigen Gründen keine Frage danach ge⸗ wagt. Jetzt bot ſich ihr eine Veranlaſſung und ſie beſchloß ſie zu benutzen: „Du haſt Klaus meinetwillen frei gegeben?“ fragte ſie ſchüchtern und mit weicher Stimme.„Ich habe eigent⸗ lich die Hoffnung gehegt, daß er, mit männlicher Kraft, ſich ſelbſt aus Deinen Feſſeln befreit hat.“ 8„Es würde Dir wohl recht weh thun, wenn mein Edelmuth größer geweſen wäre, als ſeine männliche Kraft?“ fragte Roſalie neckiſch dagegen. Als Elfride nicht ant⸗ wortete, fuhr ſie fort:„Tröſte Dich nur, Du ſuperfeines, alabaſterreines, wachsweiches Herz, tröſte Dich nur— Dein Anbeter hat mich ſchmählich abfallen und fühlen laſ⸗ ſen, daß er die Grenze der Wohlanſtändigkeit nicht über⸗ treten wiſſen wollte.“ Sie lachte herzhaft, während Elfride unter mächtigem Herzklopfen ihre Augen bittend zu ihr auf⸗ hob und um nähere Erklärung bat. Roſalie erzählte mit liebenswürdiger Offenherzigkeit das ganze Luſtſpiel nebſt 170 dem tragiſchen Schluſſe, den Elfride vom Fenſter herab mit anzuſehen Gelegenheit gehabt hatte. „Ich wurde vom Wagen gehoben,“ ſchloß Roſalie fröhlich,„oder beſſer geſagt, ich wurde abgeſetzt! Damit hatte die Geſchichte ein Ende. Aber ich bin Dir auch ſchul⸗ dig noch einzugeſtehen, daß ich ihm Deinen Abſcheu vor ſei⸗ nen fernern Bewerbungen, unter den obwaltenden Umſtän⸗ den, verrathen habe, indem ich ihm ſagte: er möge nur ſeine Beſuche hier einſtellen, man hätte ihn aufgegeben!“ „Alſo deshalb meidet er unſer Haus—“ flüſterte Elfride zitternd vor freudiger Bewegung. Sie wollte ſich bezwingen— ſie kämpfte mit ihren Thränen, die jetzt wohl Freudenthränen ſein mochten— ſie ſtrebte danach, gelaſſen ihr Glück wieder keimen zu ſehen— vergebens! Es giebt Momente, wo man überwältigt wird. Betend ſchlug ſie ihre Hände zuſammen, hob ſie hoch empor zu Gott, deſſen Gnade ſie zu preiſen Urſache fand, und verhüllte dann ihre überſtrömenden Augen. Es trat eine heilige Stille ein. Roſalie, zuerſt nur betroffen, fühlte nach und nach Regungen in ſich erwachen, die nur ſchlummernd in ihr lagen.„Wenn das Liebe iſt“— dachte ſie—„ſo iſt es doch eine Freude eigener Art, Jemand herzlich und hinge⸗ bend zu lieben!“ Elfride faßte ſich bald. Sie trocknete ihre Augen und ſah ihre Schweſter innig an. 171 „Roſalie— Deine Bizarrerie verbirgt ein gutes, ſchönes Herz— gehe in Dich und verlaß den Weg, den Dir eine unreife Genialität vorgeſchrieben hat. Vielleicht iſt es noch Zeit, alles vergeſſen zu machen, was verhindert, daß Dir die ungetheilte Achtung der Welt zu Theil werden kann. Vor allen Dingen— laß den Vetter fallen— verſchwende an ihn Deine Aufmerkſamkeit und Hingebung nicht.“— „Das wird mir nicht ſchwer werden, Fridchen,“ warf Roſalie ein. „Wenn er nur reiſen wollte—“ „Das würde er ſehr gern thun, wenn er könnte.— Die Zeit währt ihm lang. Er erwartet alle Tage ſeine Legitimationen vergeblich. Hätte er einen Paß— er wäre längſt fort!“ „Der ſoll ihm geſchafft werden!“ rief Elfride ent⸗ ſchloſſen. Achtes Capitel. Elfride benntzte die erſte Gelegenheit, die ſich im Laufe des Tages darbot, um Herrn Max zu veranlaſſen, ſeinen Wunſch, die Beſchleunigung ſeiner Abreiſe betreffend, ſellſt auszuſprechen und ſie wußte mit Feinheit ihrem Vater das Verſprechen abzugewinnen, dafür Sorge zu tragen. Ro⸗ ſalie war nicht gegenwärtig, alſo ahnte Niemand im Zim⸗ mer, daß bei der Wendung dieſer Angelegenheit nicht Zu⸗ fall, ſondern Abſicht vorherrſchte. Kaum hatte Max mit Beſtimmtheit erklärt, daß ihm viel daran liege, fortkommen zu können, ſo ſchlug Elfriede den beiden Herren vor, doch im Landrathsamte zu verſu⸗ chen, ob gegen des Oberamtmannes Bürgſchaft der Kreis⸗ ſecretär nicht geneigt ſein möchte, jetzt, nachdem der junge Fremdling mehrere Wochen hier verweilt habe, einen neuen Paß auszufertigen. Max erklärte ſich beſtimmt gegen die⸗ ſen erneuten Verſuch von ſeiner Seite, da auf ſeine frühere Anfrage deshalb, der Secretär die Abweſenheit des Land⸗ raths als triftigen Grund ſeiner abſchläglichen Antwort angegeben hatte und dieſer Grund noch nicht gehoben ſei. „Gut,“ entſchied der Oberamtmann.„Wenn Sie, Herr Vetter, denn wirklich gern weiter wollen, ſo werde ich mein Heil beim Freund Golterebe einmal verſuchen. Vielleicht genügt ihm meine Bürgſchaft.“ „Bieten Sie ihm in meinen Namen eine Caution,“ ſetzte Max eilfertig hinzu und griff nach ſeinem Taſchen⸗ buche.„Hundert Thaler gebe ich darum, endlich weiter zu kommen und zwar vor's Erſte nur nach einem Orte, wo der Verkehr durch Eiſenbahnen erleichtert wird. Er mag 173 mir den Paß nur nach irgend einer größern Stadt aus⸗ fertigen, ſo bin ich gern zufrieden. Kommen meine Legi⸗ timationen aus der Heimath dann an, ſo ſenden Sie mir dieſelben nach und legen meine Cautionsſumme dabei.“ Der Oberamtmann lächelte.„Ich würde mir nicht erlauben, dieſe Caution aus Ihren Mitteln beſtreiten zu laſſen. Iſt das Geld ein Beförderungsmittel Ihres Wun⸗ ſches, ſo werde ich es aus meiner Taſche nehmen, ſchon der unnützen Nachſchickerei wegen.“ Er machte ſich ſofort bereit zu dem Gange nach dem Landrathsamte. Herr Max entwickelte bei der Hoffnung, weiter reiſen zu können, eine ſo ausgelaſſene Freude, daß Roſalie ſtutzig wurde. Ihrer Eitelkeit war noch nie ein herberer Stoß beigebracht. Selbſt Klaus' Abfall erſchien modiſicirt durch die frühere Neigung zu Elfriede und bot Entſchuldigungen, aber hier? „Man ſollte meinen, Sie hofften auf eine Braut⸗ fahrt,“ ſpöttelte ſie. „Darüber ſind wir hinaus,“ entgegnete Max prompt. „In die weite Welt,— fort,— wohin iſt mir gleich!“— „Wenn Ihnen Europa noch nicht weit genug iſt, ſo gehen Sie wohl nach Amerika?“ neckte ſie. „Nach Amerika?“ wiederholte er ſtutzend.„Wie kommen Sie darauf?“ Roſalie drehte ſich lachend auf dem Fuße rund um 174 und antwortete nicht. Herr Max ſchien von dieſer Minute an nicht mehr vergnügt. „Es lag doch keine Beleidigung in Roſalien's Ein⸗ fall,“ dachte Elfride, welche eine ſtille Zuhörerin abgegeben hatte.„Was mag ſeiner ſichtlichen Verſtimmung zu Grunde liegen?“ Während dieſes kleinen Auftrittes war der Oberamt⸗ mann im Landrathsamte angelangt und hatte dem Kreis⸗ ſecretär ſein Anliegen vorgebracht. Der pflichtgetreue Beamte verneigte ſich ſehr tief, blieb jedoch bei ſeiner frühern Weigerung„einen neuen Paß für den Herrn Georg Heinrich Karl Friedrich Wilhelm Maximilian Schildt auszuſtellen.“ „Hegen Sie Mißtrauen gegen den jungen Mann, mein lieber Herr Kreisſecretär?“ fragte der Oberamtmann gemüthlich. „Durchaus nicht, mein hochverehrter Herr Oberamt⸗ mann,“ replicirte in gebührender Devotion der Beamte, —„obgleich ich nicht verhehlen kann und will, daß ich mei⸗ nen abſonderlichen Grund habe, dieſe Paßangelegenheit nicht auf meine Hörner zu nehmen.“ „Könnten Sie mir dieſen Grund vielleicht mitthei⸗ len, mein beſter Herr Kreisſecretär?“ „Ich könnte es wohl,— Sie würden ihn aber nicht 175 gelten laſſen, mein hochverehrter Herr Oberamtmann. Ja, ich müßte fürchten, daß Sie mich damit verlachten!“ „Nun, mein beſter Herr, ich verſpreche Ihnen, nicht zu lachen und verſpreche Ihnen, den Grund zu reſpectiren, im Falle er nur irgend einen Halt hat.“ Trotz dieſes ernſthaft gemachten und ernſthaft gemein⸗ ten Verſprechens zögerte der Beamte doch, mit der Sprache heraus zu gehen. Er kannte die Witzeleien des Publikums zu gut und hatte vielleicht, durch ſeine letzten Erfahrungen gewitzigt, eingeſehen, daß man als Beamter ſeine Maßre⸗ geln geſetzlich motiviren müſſe. Als er verlegen zögerte, fügte der Oberamtmann gutmüthig hinzu. „Der junge Mann hat Sie doch nicht beleidigt?“ „O bewahre! Er iſt als ein höchſt gentiler Mann bei mir aufgetreten und ſo viel ich weiß, hat er ſich auch hier in Burgdorf viele Freunde erworben. Nein, nein, mein hochverehrteſter Herr Oberamtmann, es ſind durch⸗ aus keine Perſönlichkeiten bei meiner Weigerung im Spiele. — Laſſen Sie doch den jungen Herrn Vetter noch ein paar Wochen hier bleiben,— in der nächſten Woche kommt der Herr Landrath zurück. Oder— ich will Ihnen zu Ge⸗ fallen den Fall an den Herrn Landrath rapportiren. Ich ſende ihm mehrere Male die Woche die wichtigſten Sachen hinüber zu ſeinem Schwiegervater, wo er jetzt iſt.“ Der Oberamtmann horchte. 176 „Wie? Bei ſeinem Schwiegervater iſt der Landrath jetzt. Nun, da iſt er ja zu erreichen. Ich werde ſelbſt an ihn ſchreiben, um alle Verantwortung von Ihnen zu wälzen.“ „Ganz nach Ihrem Belieben, hochverehrter Herr,“ erwiederte der Beamte.„Aber ich müßte dann gehorſamſt bitten, daß die Antwort meines Herrn Vorgeſetzten direct an mich gerichtet würde und zwar mit ganz ausdrücklichen Beſtätigungen und Beſtimmungen, ſonſt könnte ich mich dennoch auf nichts einlaſſen.“ Der Oberamtmann lachte und klopfte ihn herablaſſend auf die Schulter. „Sie gehen Nummer ſicher. Recht ſo. Wenn ich nur erſt den Grund erfahren könnte, der Sie ſo abſonder⸗ lich ängſtlich macht. Sie ſehen den jungen Fremden in meinem Hauſe als Vetter aufgenommen,— Sie haben gar keine Urſache zum Argwohn,— Sie finden nichts Ta⸗ delnswerthes in ſeiner Aufführung hier,— was in aller Welt hält Sie ab, dem jungen Manne einen Paß auszu⸗ ſtellen, wenn ich, ein eingeſeſſener Bürger des Ortes, mich für ihn verbürge und der Fremde ſelbſt erbötig iſt, ſo lange eine Caution einzulaſſen, bis ſeine Papiere, aus der Hei⸗ math ergänzt, anlangen.“ „Ich will Ihnen meinen Grund entdecken, mein hoch⸗ verehrter Herr Oberamtmann, obgleich ich weiß, daß Sie 1 mich auslachen, wie damals, als ich den Müllerburſchen wegen Straßenraubes inhaftiren ließ. Eben ſo gut, wie es ſich nachher auswies, daß dieſe Mütze von dem Fleiſcher⸗ geſellen, der nach dem Ausſchlafen ſeines Rauſches wieder zum Vorſchein kam, verloren worden war, eben ſo gut konnte es doch ſein, daß der Müllerburſche den Fleiſcher⸗ geſellen todtgeſchlagen und beraubt hatte. Mir iſt dieſer Fall als ein arger Mißgriff angerechnet worden, vom Pu⸗ blikum ſowohl, als vom Kriminalgerichte, allein ich be⸗ haupte noch heute, recht gehandelt zu haben.“ Der Oberamtmann nickte wohlwollend, allein das Lächeln unterdrückte er doch nur mühſam.„Und Ihr jetzi⸗ ger Grund?“ forſchte er weiter.„Weshalb wollen Sie meinen Vetter hier zurück halten?“ „Weil er an dem Morgen ſeiner Ankunft auf dem Pferde die Straße hinab„gezockelt“ kam, wie ein Oeko⸗ nom nicht„zockeln“ muß,“ erwiederte der Kreisſecretär in einem Anfluge von Trotz gegen das Urtheil des Publikums. Der Oberamtmann brach in ein ſchallendes Gelächter aus. Der Beamte ertrug es ſtoiſch. „Nein,— nehmen Sie mir es nicht übel, beſter Herr Kreisſecretär,“ begann nach einer Weile, während er ſich die Lachthränen von den Augen getrocknet hatte, der alte Herr wieder.„Nehmen Sie es mir ja nicht übel, aber der Grund iſt zu klaſſiſch!“ 1858. XI. Vorwärts! II. 12 178 Er lachte von Neuem, daß die Wände dröhnten. Der Beamte blieb ehrerbietig ernſt und ließ ſich auslachen. „Das iſt ja beinahe noch ärger, beſter Herr Kreis⸗ ſecretär, als die Geſchichte mit dem Nachtwächter von Burg⸗ dorf, der in Ihren Augen ein Brandſtifter war, weil er nicht die üblichen Hornſignale gegeben hatte.“ „Entſchuldigen Sie, mein hochverehrter Herr Ober⸗ amtmann,„dieſe Sache muß auch von zwei Seiten betrach⸗ tet werden. Ein Nachtwächter beginnt ſeinen Dienſt nie eher, bis er das Horn an einem Bande um den Hals ge⸗ hängt hat. Da unſer Nachtwächter nun ſein Horn nicht bei ſich hatte, als er Feuerlärm blaſen wollte, ſo war der Argwohn doch gewiß zu rechtfertigen, daß er ſelbſt das Feuer angelegt und ſein Horn gefliſſentlich vergeſſen hatte.“— „Aber er hatte ja geſchrieen, als müſſe er Todte auf⸗ erwecken,“— warf der alte Herr ein. „Haben Sie noch nie gehört, daß einem Verbrecher ſein Bubenſtück leid geworden iſt und er dann einer guten Regung folgt, um es ſo viel wie möglich zu contrecarriren.“ .„Gut herausgeklaubt, mein beſter Herr Kreisſecre⸗ tär. Alſo, um wieder auf mein Anliegen zurück zu kom⸗ men, Sie ſtellen meinem jungen Vetter auf keinen Fall einen Paß aus, bloß weil er nicht ſchulgerecht vorgeritten, ſondern etwas„zockelig“ daher geſprengt iſt. Sie ſind ein kurioſer Kauz, beſter Herr. Ich will Sie jedoch nicht 179 überreden und werde an den Landrath ſchreiben. Berichten Sie auch und beſchleunigen Sie die Sache.“ Er ſchüttelte dem Beamten die Hand und ging, innerlich ſich kitzelnd über den neuen Beleg der unvernünftigen Juſtizanſichten des Kreisſecretärs, zu Hauſe. Herr Max hatte auf ihn gewartet und war begierig darauf, was er ausgerichtet hatte. Mit Jubel vernahm er die Erklärung des Kreisſecretärs und ſelbſt Elfride konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren, als ſie vernahm, daß ein Fehler gegen die edle Reitkunſt einen Beamten ſo ſtörriſch machen konnte. Sie trat ihrem Vater ſogleich bei, als er ſich vermaß: dem Kreisſecretär zum Trotze, binnen acht und vierzig Stunden einen Paß für den Vetter herbei zu ſchaffen. Ihr lag daran, Roſalien's wegen, den jungen Mann je eher, deſto lieber, aus dem Orte ſcheiden zu ſehen. Der Oberamtmann ſetzte ſich an ſeinen Schreibtiſch und entwarf einen genauen Bericht des ganzen Vorfalls mit allen Nebenumſtänden und bat ſeinen Freund Land⸗ rath, zu ſeinen Gunſten mit ſeinem Machtworte dazwiſchen zu treten, damit ſie nicht länger als der Spielball Kreis⸗ ſecretärlicher Laune, um Erledigung ihrer Wünſche zu bit⸗ ten hätten. Während des Schreibens hatte Elfride einen Boten beſtellen müſſen und ehe der Abend hereinbrach, wanderte dieſer, mit der wichtigen Eingabe betraut, wohlgemuth 12* 180 dem Orte ſeiner Beſtimmung, der drei Meilen entfernt war, zu. Der günſtige Erfolg dieſes Schrittes war voraus zu ſehen und Herr Max erklärte wiederholt, daß es ihm un⸗ begreiflich ſei, weshalb man nicht früher zu dieſen Maßre⸗ geln geſchritten wäre, die ſeinen ganz unnöthigen Aufent⸗ halt hier verkürzt haben würden. Es klang weder dankbar noch fein, was Herr Max in ſeinem Eifer hervorſprudelte und wie er es ſagte. Selbſt Fräulein Roſalie, die ſich mit den Naturlauten im Men⸗ ſchen vertrauter fühlte, als mit den Phraſen der Conve⸗ nienz und Sitte, mußte bekennen, daß eine gewiſſe Rohheit in dem brüsken Tone lag, womit Herr Max alle Bande der Verpflichtungen gegen ſeine gütigen Verwandten ab⸗ ſtreifte, indem er ihnen gleichſam die Schuld ſeines verzö⸗ gerten Aufenthaltes aufbürdete. Sie begleitete an dieſem Abende ihre Schweſter El⸗ fride in ihr Schlafkabinet und geſtand ihr dort, nach man⸗ chen traulichen und herzlichen Eröffnungen, die von einem veränderten Gemüthszuſtande Zeugniß gaben,„daß ſie plötzlich eine ſeltſame, unbezwingliche Abneigung, die ſich bis zum Grauen zu ſteigern Miene mache, vor dem Vetter Max empfände.“ „Wenn Du prophetiſch geſprochen hätteſt,— Frid⸗ chen,“ flüſterte ſie, ernſt die Worte recitirend:„ein Mo⸗ 181 ment iſt hinreichend, durch einen Tropfen von Gemeinheit ein ganzes Lebensglück zu zerſtöͤren! Sagteſt Du nicht ſo, heute früh?“ „Aengſtige Dich nicht grundlos,“ beſchwichtigte El⸗ fride ſie.„Er geht morgen oder ſpäteſtens übermorgen fort und daß er es nicht wagen ſoll, unſere Gaſtfreundſchaft fer⸗ nerhin zu beanſpruchen, dafür werde ich ſorgen.“ Roſalie warf nur allzugern die Unruhe aus ihrem Herzen, wo ſie ein gar zu ungewohnter Gaſt war, aber ſie ſchlief dennoch in dieſer Nacht nicht ſo gut, wie ſonſt. Neuntes Capitel. Der nächſte Tag war reich an Spannung, an Un⸗ ruhe und Erwartung. Es iſt niemals dort angenehm, wo ſolche Gäſte eingekehrt ſind, allein unter den Umſtänden, wie ſie ſich dies Mal in dem friedlichen Hauſe des Ober⸗ amtmannes eingeniſtet hatten, da gereichten ſie zur Qual. Wie von Ahnungen gejagt, irrte Roſalie von einem Zimmer zum andern, immer heftiger und ſehnlicher wün⸗ ſchend, daß doch nur Herr Max, der ſonſt ſo liebenswerth befundene Herr Vetter, fort ſein möge. Der Bote, der 182 vor der Nachmittagsſtunde nicht zurück ſein konnte, blieb ihr ungebührlich lange aus. Sie ſtellte die Mög⸗ lichkeit auf, daß der Landrath den Paß auch verweigern und auf die erwarteten Legitimationen verweiſen werde. „Aber fort muß er!“ rief ſie energiſch.„Ich kann ihn nicht mehr leiden, ich mag ihn nicht ſehen, nicht ſeinen Namen hören.“ „Du biſt, wie immer, exaltirt!“ behauptete Elfride, als ſie ihrer leidenſchaftlichen Abneigung noch kraſſere Worte gab. 6 „Sag' das nicht, Elfride! Nenne es eher„Eingebung eines höhern Geiſtes,“ die mir immerfort zuflüſtert: fort, fort, ehe es zu ſpät wird.“ Elfride lächelte mitleidig, aber im Grunde gönnte ſie der Schweſter die kleine Strafe. Der Nachmittag kam endlich. Mit dem Schlage vier Uhr trat der Bote in's Haus des Oberamtmannes, wo man ſehnſüchtig ſeiner harrte. Der Brief des Landrathes wurde erbrochen.— Ein Specialbefehl an den Kreisſecretär Golterebe fiel heraus. Der Paß ſollte dem jungen Herrn Georg Heinrich Karl Friedrich Wilhelm Maximilian Schildt, unter der Bürgſchaft des Herrn Oberamtmannes Schildt in Burgdorf unverzüg⸗ lich ausgefertigt werden. Ein Freudenſchrei hallte durch das Familienzimmer. ———— 183 Alle hatten ſie gejauchzt,— Jeder aus verſchiedenen Gründen. Der Oberamtmann im Triumph des Sieges, den er über den Kreisſecretär gewonnen. Herr Max aus Freude über ſeine Befreiung„aus der Mauſefalle,“ wie er es laut lachend nannte. Fräulein Roſalie im Entzücken, daß ihr qualvolles Fürchten nun zu Ende ſei und Fräulein Elfride in der Ueberzeugung beſſerer Zeiten, wenn dieſer Stein des Anſtoßes erſt aus dem Wege ſein würde. Herr Max machte ſich mit dem Specialbefehl des Land⸗ rathes auf den Weg zum Secretär. Er fand ihn beſchäftigt, einen Bericht über die frag⸗ liche Sache an ſeinen Vorgeſetzten zu machen und er wurde von ihm mit den freundlichen Worten empfangen, daß er dabei ſei, zu ſeinen Gunſten zu referiren. „Iſt nicht nöthig, alter Herr,“ entgegnete der junge Mann mit unangemeſſener Vertraulichkeit.„Hier haben Sie die Geſchichte,— iſt ſchon erledigt!“ Kopfſchüttelnd empfing der Kreisſecretär den Befehl, — zweifelnd betrachtete er ihn von allen Seiten, verglich Siegel und Handſchrift und ſchaute dann fragend zu dem Ueberbringer auf. „Iſt richtig?“ fragte dieſer neckend. Der Secretär ſah nochmals nach. „Ja. Wo haben Sie das her?“ 184 „Durch einen expreſſen Boten beſorgen laſſen.“— „Eilt denn Ihre Abreiſe ſo ſehr?“ examinirte der Beamte. Herr Max rief keck:— „Nichts weniger, als das! Allein ich bin es müde, abhängig von Ihren Urtheilen über meine Reitkunſt hier feſt gehalten zu werden. Nun allons.— Ich muß ohne Verzug, wie hier wörtlich ſteht und ſehr gut zu leſen iſt, meinen Paß haben.“ Der Ton, worin Herr Marx ſprach, mißfiel dem alten Beamten im höchſten Grade. Allein die Protection der Herren, die er zu reſpectiren gezwungen war, beſtimmte ihn, das auffallend unbeſcheidene Benehmen deſſelben zu igno⸗ riren und ſeinen Wünſchen, die an Befehle ſtreiften, Ge⸗ horſam zu leiſten. Der Paß wurde in Ordnung gebracht. Als Herr Max von dem Kreisſecretär ſchied, ſagte er lachend:„Wenn die Brieftaſche, die ich habe ausrufen laſſen, noch gefunden werden ſollte, ſo vermache ich ſie Ihnen feierlichſt! Leben Sie wohl, auf ewig!“ 185 Zehntes Capitel. Während in dem Familienleben des Oberamtmannes Schildt ſo mannichfacher Gefühlswechſel vorgekommen war, hatte ſich in Klaus von Angern ein ernſtes Nachdenken über die momentan getrübten Verhältniſſe zu dieſer Fami⸗ lie Bahn gebrochen. Die kleine und ſehr natürliche Em⸗ pfindlichkeit, von Roſalien's ungenirter Mittheilung ange⸗ regt, war nach und nach verſchwunden, und er würde längſt das Haus ſchon wieder aufgeſucht haben, wohin ihn eine brennende Sehnſucht zog, wenn er nicht eingeſehen hätte, daß es beſſer ſei, auf einen Zufall zu warten, der, ohne große Scenen, eine Annäherung wieder möglich machte. Nachdem er zur Beſinnung gekommen war, fand er ſich ſelbſt in dem knabenhaften Verhältniß zu der genialen und koketten Stieftochter des Oberamtmannes wahrhaft lächerlich und er würde in ſeiner offenen und ehrlichen Weiſe nicht angeſtanden haben, dies dem Oberamtmann ſowohl, als Elfriden einzuräumen. Aber er hätte es thö⸗ richt gefunden, an ſolche ſpurlos vorübergeflogene Sinnen⸗ verirrung ſein ganzes Lebensglück ſcheitern zu laſſen. Voller Hoffnung auf ein baldiges Glück durchmuſterte 186 er die Räume ſeines hübſchen Hauſes, das eher einer Villa, als einem Schloſſe glich. Er durchſchritt die Reihen der eleganten Zimmer, die jetzt in der Oede, wie ſie lange unbewohnt gebliebene Räume immer zeigen, vor ihm lagen. Dicker Staub ver⸗ unſtaltete die Möbel und eine dumpfe Luft erfüllte die hüb⸗ ſchen Salons. Freude an dem gediegenen Glanze, den ſeine Eltern und Voreltern hier zuſammengehäuft hatten, wallte in ſeinen Gedanken auf, die Hoffnung durchglühte ſeine Adern und ſeine Phantaſie zeigte ihm in jedem Pracht⸗ ſeſſel eine zierliche Geſtalt, mit dem Lächeln des Glückes in den feinen Zügen. Warum ſollte er auch nicht ſo träumen? Die Sonne an ſeinem Lebenshimmel war ja nicht verſchwunden, nur leichte Wolken deckten ſie für den Augenblick und das feſte gutgeſinnte und ehrliche Wort ſeines Mundes vermochte ja dieſe trüben Schatten zu verſcheuchen. Die Tage ſchwanden darüber hin. Es wollte ſich kein Zufall finden, der ihn ohne Aufſehen zu der Schwelle ſeines frühern Vormundes geführt hätte und er dachte ſchon, etwas peinlicher von ſeiner Sehnſucht nach Elfride bewegt, daran, einen Zufall oder Vorwand zu ſuchen. Da geſchah es, daß er eines Ackerſtückes wegen mit dem Schulzen des Ortes Rückſprache nehmen mußte. Der Mann hieß Schulze und war auch Schulze. Er kam an ————— . 187 dem Tage, den wir eben als einen Tag der Spannung, der Unruhe und Erwartung bezeichnet haben, auf's Gut und ließ ſich bei dem jungen Gutsherrn melden. Herr Klaus machte das Geſchäft mit ihm ab. Herr Schulze ſchien ſehr befriedigt von der humanen Behand⸗ lung ſeines jungen Herrn, aber er hatte dennoch nicht den Muth, mit einer Angelegenheit heraus zu rücken, die aller⸗ dings nur dem allerhumanſten Manne ohne Gefahr mitge⸗ theilt werden konnte. Herr Klaus merkte endlich, daß Herr Schulze nicht ohne Grund zögerte, ihn zu verlaſſen und er ermuthigte ihn mit einer directen Frage. „Ja, gnädiger Herr,“ ſtammelte der Bauersmann ſehr verlegen—„ich wollte freilich noch etwas von Ihnen, nämlich einen guten Rath. Aber ich getraue mich nicht mit der Sprache heraus, weil ich mich irren könnte und dann in des Teufels Küche käme.“ Herr von Angern lachte.„Habt nur keine Furcht. Redet. Ich will Euch nicht in des Teufels Küche bringen.“ „Gut, gnädiger Herr— ſo erlauben Sie mir, daß ich Ihnen erzähle, was mir vor ungefähr vier Wochen, zur Zeit, wo ſo ſchrecklich ſchlechtes Wetter war, paſſirt iſt. Es war einſtmals ſpät Abends. Der Regen fiel immer ſteif und gerade herunter, und es war eine Kälte zum Er⸗ frieren. Wir hatten tüchtig eingeheizt und ſaßen gemüth⸗ 188 lich in der Stube, als es plötzlich hart an's Fenſter klopfte und ein todtenblaſſes, ſehr weißes Geſicht ſich dicht an die Fenſterſcheiben legte.„Wohnt hier der Herr Schulze?“ fragte der Mann mit dem blaſſen Geſichte. Ich ſtand auf, gab mich als den Schulzen zu erkennen und da ich ſah, daß der Menſch ganz gut angezogen war, auch ſogar etwas Nobles in ſeinem Weſen hatte, ſo ließ ich die Hausthüre öffnen und bat ihn einzutreten. Er kam ganz ungenirt, ſetzte ſich am Ofen nieder und erzählte, daß er von ſeinen Kameraden abgekommen ſei, weil er, von einer Kolik be⸗ fallen, mehrere Tage in Langenfeld habe liegen bleiben müſ⸗ ſen. Meine Frau, die Wohlgefallen an dem hübſchen, net⸗ ten Menſchen fand, bot ihm ein Schälchen Kaffee an, der auf der Röhre wärmte. Er nahm den Kaffee mit Dank an und lobte das ſchöne Butterbrot, das ihm meine Alte dazu gab. Dann gab ein Wort das andere, und ehe wir uns verſahen, zeigte es ſich, daß der junge Wanderburſche, da⸗ für hielten wir ihn, mit meiner Alten noch etwas verwandt war. Na— genug, gnädiger Herr— wir behielten den blaſſen Menſchen, der gerade ausſah, als ſei er Jahr und Tag nicht an die Luft gekommen, bei uns, und meine Frau that Alles Mögliche, um ihn zu pflegen. „Er ſchien wirklich kränklich zu ſein, denn er brachte die erſten zwei Tage im Bette zu, aber er ſchlief ſeine Krank⸗ heit richtig aus. Am dritten Tage war er von früh an 189 auf den Beinen und machte ſich ſehr nützlich in der Wirth⸗ ſchaft. Da es noch immerfort regnete und ſogar die gräulich⸗ ſten Stürme jeden Marſch unſicher machten, ſo behielten wir unſern Gaſt, der ſich Johann Müller nannte, obwohl er alle Tage davon ſprach, weiter zu wandern. Seine Ka⸗ meraden ſchienen ihn wirklich in Stich gelaſſen zu haben. Er war ein Maurer ſeines Handwerkes und hatte in die Hei⸗ math zurück gewollt, weil von dem früh hereinbrechenden Winter plötzlich alle Bauten unterbrocheu worden waren. „Es war ein amüſantes Kerlchen, dieſer Johann, das können Sie glauben. Er erzählte köſtliche Schnurren, eine immer beſſer als die andere. Aber er hatte Manier. Wenn er erzählt hatte, ließ er uns auch zu Worte kommen und er hörte dann aufmerkſam und artig zu, obgleich ihn doch unſere kleinen Geſchichten von unſerm Amtmann und ſeiner Familie, von der Gutsherrſchaft von Angern, von Küſter, Kantor und Paſtor gar nicht intereſſiren konnten. Eines Tages ging er ſogar mit mir in's Erbbegräbniß und ſah ſich Alles an, was da Sehenswerthes war. Dabei kamen wir denn auf Sie und auf Oberamtmann Schildt's zu ſprechen, und ich meinte— Sie nehmen es nicht für ungut, gnädiger Herr,— daß ſich die Familie Schildt, die oben begraben liege, jetzt in den letzten Sprößlingen von beiden Seiten wohl zuſammen finden werde, denn man ſpräche davon, daß Fräulein Elfride die gnädige Frau von 190 Angern würde. Damals ſagte er aber nicht ein Wort, daß er den Oberamtmann Schildt ſo genau kenne. Er ging zwar auf den Kirchhof und las alle Leichenſteine, hatte auch ſeinen Witz darüber, daß die alten Herren ein halb Dutzend Namen geführt, aber weiter verrieth er gar nichts, was auf eine nähere Bekanntſchaft hätte ſchließen laſſen können. Und das iſt es, gnädiger Herr, was mir die Augen geöffnet und mich beſorgt gemacht hat, es wäre mit dem Mosje am Ende nicht richtig!“ „Wie ſo denn, lieber Schulze?“ fragte Klaus ganz verwundert.„Ich verſtehe noch nicht—“ „Hören Sie nur weiter. Meine Alte hatte, ſo zu ſagen, ihren Narren an den Menſchen gefreſſen. Sie hätſchelte ihn, ſie kochte und buk für ihn— es war gerade wie Feſttag im Hauſe. Mosje Johann Müller zeigte ſich aber auch nicht undankbar. Eines Tages, als es ein klein bischen weniger regnete, ritt er nach Wegeſtädt, und da brachte er eine Menge niedlicher Sachen mit, Tücher und Schürzen und Bänder. Gerade ſo etwas, woran der Sinn der Frauen hängt und wenn ſie auch ſchon alt und ſchrump⸗ lich werden. Mir brachte er eine prächtige Tabakspfeife. Er erzählte, daß er zwei ſeiner Kameraden in Wegeſtädt getroffen habe, und daß ſein Ränzel mit den beſſern Klei⸗ dern auch dort liege. Sie hätten in Wegeſtädt auf ihn warten wollen. Es vergingen noch zwei bis drei Tage. 191 Plötzlich ſchlug das Wetter um und es wurde wieder Som⸗ mer. Nun hatte unſer Gaſt keine Ruhe mehr. Er wollte fort, weil er meinte, nun wieder Arbeit zu finden. An dieſem Tage brachten ſie mir einige arme Burſchen in's Verhör, die keine Päſſe und keine Wanderbücher hatten. Ich konnte ihnen nicht helfen und mußte ſie ohne Erbar⸗ men an das Landrathsamt liefern, wo ſie bei Waſſer und Brot ſo lange eingeſteckt werden, bis ſie ſich ausweiſen woher und wohin! Mitten in dieſer Unruhe nahm mein Gaſt von mir Abſchied, nachdem er mich noch gebeten, ihm bis Wegeſtädt ein Pferd zu leihen, da der Weg dorthin furchtbar ſchmutzig durch den anhaltenden Regen geworden ſei. Wir ſagten ihm freundlich Lebewohl und baten ihn, bald einmal wieder zu kommen.“ „Und um Euer Pferd ſeid ihr nun betrogen—“ fiel Herr Klaus ein.„Ja, lieber Schulze, das hättet Ihr Euch aber an den Fingern abzählen können.“ „Nein, gnädiger Herr. Ich bin um Nichts betrogen. Mein Pferd war am Abend wieder im Stalle, zwar furcht⸗ bar abgetrieben, als hätte es wenigſtens einen Trab von zehn Meilen gemacht und nicht einen von vieren. Aber das iſt mir jetzt erklärlich. Mein Gaſt iſt nach Wegeſtädt geritten und von da zurück nach Burgdorf. Das iſt ein hübſches Ende, gnädiger Herr, ein Kreis von ſieben bis acht Meilen und bei ſo ſchlechtem, aufgeweichtem Wege. Das iſt kein Spaß! Der Burſche, der das Pferd zurück brachte, ſagte mir das damals nicht, aber geſtern, als ich in Burgdorf war, bin ich dahinter gekommen.“ Herr Klaus von Angern fühlte ſich nachgerade ge⸗ langweilt von der Geſchichte des Herrn Schulze, weil er noch immer die Pointe derſelben nicht abſah. Er ſollte aber mit einem einzigen Worte, das wie ein zündender Blitz ſeine Seele traf, Intereſſe dafür gewinnen. „Geſtern fuhr ich Weizen in die Stadt, gnädiger Herr, und der Erſte, der mir auf der Gaſſe begegnet, iſt mein Herr Johann Müller, aufgeputzt, wie ein feiner Herr und mit Sporen an den Stiefeln. Ich bleibe ſtehen und ſehe ihn an. Er ſieht mich auch an und geht ganz commode und ohne eine Miene zu verziehen, an mir vorüber. Sollte ich mich denn geirrt haben, dachte ich, ihn nachſehend. Nein, er war es. Er hatte ſich zwar ein Bärtchen wachſen laſſen und war dick und roth geworden, aber er war es. Ich ging ihm nach. Er ſpazierte ganz gemüthlich die Stra⸗ ßen hinab und verſchwand in einem ſehr großen, hübſchen Hauſe. Ehe er aber darin verſchwand, hatte ihn ein jun⸗ ger Burſche ſehr artig gegrüßt. Ich nahm mir das ad notam und trat an den Burſchen heran, als er mir nahe kam.„Wer war denn das?“ fragte ich ihn, auf die Haus⸗ thür zeigend, worin der junge Herr eingetreten war.„Das war Herr Schildt!“ antwortete der Burſche— 193 Klaus fuhr wild in die Höhe.„Herr Schulze— wer? Und Ihr irrtet Euch nicht?“ rief er, plötzlich warm werdend.„Und das Haus—“ „Das Haus bewohnt der Herr Oberamtmann Schildt, mein gnädiger Herr. Nun machen Sie mir gefälligſt einen Vers daraus, weshalb der junge Herr Schildt hier als der Maurer Johann Müller aufgetreten iſt!“ „Das iſt ein Betrüger—“ ſchrie Herr Klaus au⸗ ßer ſich. „Sachte, gnädiger Herr— betrogen hat er mich nicht um eine Stecknadel.“ „ Aber wozu ſonſt dieſe Komödie?“ fragte der junge Gutsherr gefaßter. „Wenn es nur nicht dem jungen wilden Fräulein, der Stieftochter des Herrn Oberamtmannes gilt,“ meinte der Schulze bedenklich.„Ich habe mir ſagen laſſen, daß dieſe Beiden ſehr vertraut mit einander leben ſollen. Maurer iſt er von Profeſſion, das können Sie mir auf's Wort glauben, denn ich habe Beweiſe dafür. Er hat mir aller⸗ hand kleine Abänderungen im Hauſe gemacht, die ganz vor⸗ trefflich ſind und die nur ein Mann von Fach ſo zweck⸗ mäßig einrichten konnte. Dann aber hat er mir auch einen Bauriß zu einem neuen Hauſe gemacht, im Falle mein Bruder wirklich ſein Haus noch niederreißen und neu bauen laſſen will. Das Ding hat Hand und Fuß! Ich hatte 13 1858. XI. Vorwärts! II. 194 mein Bedenken, dieſe Entdeckung zu verſchweigen, gnädiger Herr, deshalb habe ich ſie Ihunen vertraut. Machen Sie nun, was Sie wollen. Vielleicht iſt es die Liebe, die ihn hierher geführt hat. Das junge Fräulein hat etwas Apar⸗ tes, was die Vornehmen freilich nicht leiden können, was aber einem jungen Handwerker ſchon den Kopf verdrehen kann.“ „Nein— nein! Die Sache hängt anders zuſam⸗ men,“ murmelte Herr von Angern, der nachdenklich vor ſich niederblickend, nur mit halbem Ohre noch den Vermu⸗ thungen des ehrlichen Schulzen lauſchte.„Ich muß hinein nach Burgdorf— ich muß den Menſchen prüfen, ich muß den alten, redlichen Oberamtmann warnen!“ „Gerade deswegen habe ich es Ihnen geſagt,“ meinte der Schulze ganz vergnügt.„Nehmen Sie den Mosje Johann Müller vor's Meſſer und ſagen Sie ihm getroſt in's Geſicht, was ich von ihm erzählt habe.“ Er verab⸗ ſchiedete ſich nun von ſeinem gnädigen Herrn. Herr Klaus befahl zu ſatteln und nach wenigen Mi⸗ nuten ſprengte er dem Ziele zu, wohin ihn ſein Herz zog. Elftes Capitel. Elfride ſah Klaus kommen. Sie war allein im Zim⸗ mer und ſie pries dies als ein Glück. Dieſe erſte Begegnung mußte ihre Zukunft entſcheiden. In tiefer, innerer Bewegung und dennoch mit äußerer Ruhe trat ſie ihm entgegen, als er über die Schwelle ſchritt, die er ſo lange gemieden hatte. Der junge Mann faßte beide Hände des Mädchens und ſprach: „Elfride, wenn der Menſch ſeine Sünde einſieht, wenn er ſich Buße und eine harte Strafe auferlegt hat, ſo iſt er doch ſicher der Abſolution würdig.“ Ihr Blick antwortete ihm und er zog ſie freudebebend an ſeine Bruſt. Ihr Bund war geſchloſſen und in dem Momente des überwältigenden Glückes vergaß Klaus die Veranlaſſung zu dem Beſuche. Erſt der Eintritt des Ober⸗ amtmannes riß ſie aus der ſüßen und anmuthigen Plau⸗ derei der Liebe empor. Sie ſtellten ſich ihm als Braut⸗ paar vor und empfingen ſeinen freudigſten Segen. Dann aber wachte die Sorge um den ſogenannten „Vetter Max“ in Klaus Bruſt wieder auf, und er fragte haſtig und beklommen nach ihm. 13* 196 „Er iſt fort!“ ſagte der Oberamtmann und Elfride fügte ein„Gott ſei Dank“ hinzu. „So wißt Ihr ſchon?“ fragte Klaus, begierig nach der Aufklärung. „Daß er fort iſt?“ wiederholte der Oberamtmann etwas verwundert über dieſe Frage,„ja, das wiſſen wir ganz gewiß. Wir empfingen ſeinen frivolen Abſchiedsgruß, als er heute in der Frühe in der Poſt vorüber fuhr. Sonſt aber hat er es nicht der Mühe werth gehalten uns zu ſagen, wann er reiſen würde. „Wir glaubten morgen,“ fügte Elfride hinzu.„Seine Reden ließen es vermuthen.“ „Dankt Gott, daß Ihr ihn los ſeid!“ rief Klaus mit befreiter Bruſt und begann nun eine Erzählung ſeines erſten Auftretens in Angern mit allen ſpeciellen Nebenum⸗ ſtänden. Fräulein Roſalie kam eben zur rechten Zeit, um dieſe Berichterſtattung, die ſie mehr als alle Andern be⸗ rühren mußte, mit anzuhören. Mit einer Aufmerkſamkeit und Ruhe, die man nicht ſonſt an ihr gewohnt war, horchte ſie den Verdachtsgründen, die Klaus zuſammenſtellte, um dadurch den Beweis zu liefern, daß hier mehr als bloßer knabenhafter Leichtſinn im Spiele ſei, und mit einer Sanft⸗ muth, die Allen unerhört ſchien, erklärte ſie ſich zum er⸗ ſten Male in ihrem Leben, ganz einverſtanden mit dieſer Anſicht. — 197 „Gebe Gott,“ ſchloß Klaus,„daß wir dieſer Erfah⸗ rung nicht eine bittere Lehre verdanken. Sind Sie ganz ſicher,“ wendete er ſich zu dem Oberamtmann, der einiger⸗ maßen verdutzt und in tiefem Nachdenken über dies ganz nutzloſe Komödienſpiel daſtand,„ſind Sie ſicher, daß Sie nicht als Beute eines Betruges Verluſte zu tragen haben werden? Hat der Herr Vetter nichts von Ihnen ge⸗ borgt?“ „Nicht einen Heller, Herr Schwiegerſohn,“ entgegnete der Oberamtmann.„Er hat ſich nobel aus jeder Affaire gezogen, hat meine Gaſtfreiheit ſtets anſtändig benutzt— das begreife ein Klügerer, als ich.“ „Nun, warten wir erſt ab, was die Zeit bringt!“ meinte Roſalie. „Sehr richtig bemerkt,“ fiel Klaus ein.„Er kann von der ſtillſchweigend anerkannten Vetterſchaft mit dem all⸗ bekannten Oberamtmann Schildt noch bedeutende Vortheile gezogen haben, deren Ausgleichung Ihnen anheim fällt.“ „Möchte es,“ rief der Oberamtmann ärgerlich.„Ich gäbe gern einige tauſend Thaler daran, wenn ich dadurch dieſe Epiſode aus meinem Familienleben zu löſchen ver⸗ möchte. Alſo Johann Müller, der Maurer, hat die Ehre gehabt, bei mir zu diniren und zu ſoupiren. Mögen meine feinen Rhein⸗ und Bordeaux⸗Weine ihm gut bekommen.“ „Hauptſächlich aber,“ begann Elfride, nach einem 198 kurzen, heitern Gelächter über den Stoßſeufzer des alten Herrn, den er ſeinen delikaten Weinen nachſendete,„haupt⸗ ſächlich liegt es uns ob, durch kluges Benehmen und feſtes Schweigen dem vielleicht auftauchenden Geklätſch unſerer lieben Mitbürger würdig zu begegnen und es dadurch im Keime zu erſticken. Klaus wird ſchon Mittel und Wege finden, ſeinen plauderluſtigen Schulzen zur Discretion zu bringen—“ Klaus fiel eilig ein: „Ganz einfach dadurch, daß ich ſage: er iſt fort und wenn ihn nicht eine frappante Aehnlichkeit getäuſcht habe, ſo müſſe der junge Mann, von Uebermuth geplagt, ſich bei ihm einquartiert haben. Setze ich dann hinzu, daß ich bäte, nicht davon zu reden, bis wir Nachricht von dem Vet⸗ ter hätten, ſo ſchweigt der Schulze und wartet geduldig, wie alle Bauern, auf dieſe Nachricht.“ „Und wenn ſich eines Tages Leute melden ſollten, die Credit auf meinen Namen gegeben haben,“ erklärte der Oberamtmann,„ſo bezahle ich auf der Stelle, um keine Rederei aufkommen zu laſſen. Auf dieſe Weiſe erreiche ich wenigſtens, daß Niemand mit ſchadenfrohem Bedauern da⸗ von ſpricht, daß der alte Oberamtmann Schildt noch im ſechsundſiebenzigſten Lebensjahre hat Lehrgeld zahlen müſſen.“ 199 Zwölftes Capitel. Acht Wochen waren vergangen, das Weihnachtsfeſt nicht mehr fern und mit demſelben auch der Tag nahe, wo der Bund zwiſchen Elfride und Klaus vom prieſterlichen Segen geweiht werden ſollte. Von dem Glücke dieſes Brautpaares zu ſprechen, würde unnütz ſein, denn Liebende ſehen die Gegenwart und Zukunft dicht vor der Hochzeit im⸗ mer mit gleichen, wonneberauſchten Blicken an. Roſalie war ſeit der Erfahrung mit dem„Herrn Vet⸗ ter Max,“ wie verwandelt, obwohl keine feindlich einwir⸗ kenden Nachwehen dieſes ſeltſamen Beſuches eingetreten waren. Sie hatte trotzdem erkannt, daß ſie in ihrer Ver⸗ achtung aller beſtehenden Geſellſchaftsformen, nahe an einen Abgrund geſtreift war, und ſie hatte offen und ehrlich ihrer Schweſter eingeſtanden, daß ſie die Veränderung ihrer Maximen den klugen Beurtheilungen derſelben untergeord⸗ net habe. Ihre burſchikoſe Heiterkeit war verſchwunden, die allzufreiſinnige Anſicht vom Umgange mit Männern hatte bedeutende Einſchränkungen erlitten und wenn ſie auch mehr noch, als ſich mit Elfriden's Meinungen ver⸗ trug, nach dem eclatanten Beifall der Männer geizte, ſo 200 ſchloß ſie doch, behutſamer gemacht, alle Unbekannte von ihrer Koketterie aus. Der Oberamtmann hatte vollſtändig darauf gewartet, nachträglich doch noch Brandſchatzungen, in Form von be⸗ trüglichen Geldaufnahmen, zu begegnen, allein vergeblich. Nicht ein Wort, nicht einmal der Anſchein eines unredlichen Wortes drang zu ihm. Herr Max Schildt war fort, blieb fort und Alles, was ſich Verdächtiges um ſeine Perſon ge⸗ häuft hatte, zerfiel, bis auf die feſte Behauptung des Schul⸗ zen von Angern,„daß er ſich keineswegs geirrt habe, als er in dem elegant gekleideten Herrn den Maurer Johanu Müller zu ſehen geglaubt.“ Bei dieſen unvollſtändigen Ermittelungen, die eher dazu dienen konnten, die Neugier zu ſpannen, als zu be⸗ friedigen, war es natürlich, daß der Oberamtmann täglich den Refrain wiederholte:„Wenn ich nur dahinter kom⸗ men könnte, was dieſe Geſchichte für einen Zuſammen⸗ hang hat!“ Wenn Menſchen ſo recht ſehnlich wünſchen, ſo pflegt der Himmel ſich zu erbarmen und ihrer regen Wißbegierde Vorſchub zu leiſten. Nur nimmt er leider ſelten darauf Rückſicht, welche Mittel verletzend oder ſubtil dazu ſind. Für dies Mal hatte das Geſchick den würdigen Be⸗ amten des Landrathamtes, Herrn Golterebe, dazu erſehen, um der läſtigen Spannung des Oberamtmannes ein Ende 201 zu machen und wir ſehen ihn am Tage vor Elfriden's Hoch⸗ zeit ehrbar und devot in das Zimmer des Oberamtmannes treten, der ihn mit einiger Ueberraſchung begrüßte. Seine Ueberraſchung ſollte ſich bis zu einem höchſt unangenehmen Erſtaunen ſteigern, als der Kreisſecretär ein mehrere Bo⸗ gen langes, dickes Reſcript aufſchlug und ihn um Erlaubniß bat, ihm daſſelbe inſinuiren zu dürfen, da er, der Herr Oberamtmann nänlich, dabei betheiligt ſein dürfte. Der Oberamtmann runzelte ahnungsvoll die Stirn und rückte ſich in eine aufmerkſam horchende Stellung. „Dieſe Verfügung,“ begann der alte Beamte ernſt⸗ haft einleitend,„erhielten die ſämmtlichen Landrathsämter und ich glaube, daß es Ihnen, mein hochverehrter Herr Oberamtmann von Intereſſe ſein wird, ſie wörtlich zu ver⸗ nehmen. Hören Sie alſo gefälligſt:„„Es iſt der außer⸗ ordentlichen Vigilance der hieſigen Polizei gelungen, einen Brief aus Amerika an die Ehefrau des vor einigen Mona⸗ ten glücklich entſprungenen Zuchthausſträflings, Eduard Habermann, aufzufangen, woraus denn klar erhellet, daß der ꝛc. Habermann, mit Beihülfe angeſehener Perſonen des Staates, zu richtigen und ächten Legitimationspapieren ge⸗ langt und im Beſitze dieſer Hülfsmittel leicht und glücklich aus Europa entkommen iſt, nachdem er erſt den wohlver⸗ wahrten, ſehr bedeutenden Raub, der ihm von einem Ein⸗ bruche der Depoſitalkaſſe im Gerichte zu.... als Antheil 202 zugefallen war, glücklich gehoben hatte. Der Verbrecher iſt ſo discret in ſeinem Briefe, weder die Gegend zu be⸗ zeichnen, noch die Namen der Leute zu nennen, welche ihm zur Erlangung eines Paſſes behülflich geweſen ſind, des⸗ halb ſind wir genöthigt, hiermit alle Landrathsämter in specie, ſo wie alle Polizeibehörden kleiner Städte auf⸗ merkſam zu machen, ſich künftighin weder auf Bürgſchaft, noch Verwandtſchaft einzulaſſen, ſondern nur auf dem lega⸗ len Wege, durch Berichte in die Heimath eines Fremden, verloren gegangene Wanderbücher und Paßkarten zu er⸗ ſetzen. Der Fremde iſt ſo lange ſtreng in Verwahrſam zu halten und dabei weder auf Rang noch Stand Rückſicht zu nehmen, da dies einer Vorſpiegelung unterliegen kann, bis—%¼ 74 Bis dahin hatte der Oberamtmann faſt athemlos zu⸗ gehört. Seine Bruſt hob ſich beklommen, als er jetzt einwarf:„Um Gottes Willen, Herr— Sie denken doch nicht?“ „Daß Herr Max Schildt dieſer glücklich entſprungene Sträfling, mit einem Raube von viertanſend Thalern in Gold und Staatsſchuldſcheinen iſt?“ fuhr der Kreisſecre⸗ tär langſam und deutlich ergänzend fort.—„Ja, das denke ich ſtark, und Sie werden auch nicht daran zwei⸗ feln.“ „Allmächtiger Gott! Und ich werde dafür verant⸗ 203 wortlich gemacht werden?“ rief der alte Herr in vollkom⸗ mener Verzweiflung. „Nein. Darüber beruhigen Sie ſich, denn der Bur⸗ ſche hat wenigſtens ſo viel Dankbarkeit im Herzen gehabt, den Schleier gänzlicher Ungewißheit über eine That zu werfen, die ihm das Lebensglück gerettet hat, während das ſeines Wohlthäters darüber zu Grunde gehen würde. Er hat ſehr klug und umſichtig Alles vermieden, was nur irgend wie den Verdacht hierher zu lenken vermöchte und die Regierung iſt dadurch gezwungen, eine allgemeine, durch's ganze Land gehende Verfügung zu erlaſſen, damit es zur Kenntniß des dabei betheiligten Amtes kommt.“ „Aber Sie werden Bericht erſtatten müſſen?“ forſchte der alte Herr ängſtlich. „Der Bericht würde einen Poſttag zu ſpät kommen,“ erwiederte der Beamte lächelnd. Der Oberamtmann ſtrich ſich, tief Athem ſchöpfend, das ſpärliche, graue Haar weit aus der Stirn. „Ich komme alſo dies Mal mit einem bloßen Schrecken davon,“ ſagte er gefaßter.„Weshalb aber pu⸗ blicirten Sie mir dieſe Verfügung der Regierung?“ Der Kreisſecretär, der noch lange nicht zu Ende mit ſeinem Vortrage geweſen war, merkte, daß der Oberamt⸗ mann für jetzt genug gehört hatte und nicht geneigt ſein 204 würde, den weitſchweifigen weitern Auseinanderſetzungen ein Ohr zu leihen.. Er ſtand auf, klappte ſein inhaltſchweres Actenſtück zuſammen und band es mit dem Bindfaden wieder zu, wobei er mit bedeutſamer Bedächtigkeit ſprach: „Warum ich Ihnen dieſe Verfügung mitgetheilt? Aus zweierlei Gründen, mein hochverehrter Herr Oberamt⸗ mann. Erſtens glaubte ich Ihnen einen Gefallen zu thun, wenn ich Ihnen Aufklärung über Ihren ſogenannten Herrn Vetter verſchaffte und Zweitens hielt ich es für eine Pflicht gegen mich ſelbſt, Sie zu überzeugen, daß ich alter Prakti⸗ kus ganz Recht hatte, als ich mich weigerte, dem jungen Fremden einen Paß auf meine Gefahr zu ertheilen, aus dem einfachen Grunde, weil er die Straße auf ſeinem Pferde herab„gezockelt“ gekommen war, wie ein ordentlicher Herr nicht„zockeln“ darf. Sie haben mich damals ausge⸗ lacht, mein hochverehrter Herr Oberamtmann—“ „Ich bitte tauſend Mal um Entſchuldigung deswe⸗ gen,“ unterbrach ihn der Oberamtmann, indem er herzlich die Hand des alten Beamten ergriff, der ſich für dies Aus⸗ lachen hinlänglich gerächt hatte. „Es thut nichts,— mein hochverehrter Herr,“— lächelte dieſer.„Ich bin gewohnt, ausgelacht und ausge⸗ ſchimpft zu werden, aber ich habe doch oft Recht, wenn ich auch bisweilen„mit eiſerner Feder“ ſchreibe. Nur wollte 205 ich Ihnen noch geſagt haben, daß es am Beſten iſt, wir machen keinen Lärm weiter über eine Sache, die nicht zu contrecarriren iſt. Der Landrath ſelbſt ahnet nichts von dem Zuſammenhange und glaubt ſich von dieſer Verfügung nicht betroffen. Er iſt der Meinung, einem anerkannten, echten Verwandten von Ihnen damals mit der ausgeſtellten Paßkarte einen Dienſt geleiſtet zu haben und er hat ja den jungen Herrn nicht reiten ſehen. Am Beſten alſo, wir behalten die Sache für uns, dann fällt jede Ver⸗ antwortung weg.“ Dankbar ſchüttelte der Oberamtmann die Hand, welche ihm der Kreisſecretär jetzt freundlich zum Abſchiede bot. Sie gelobten ſich Schweigen und ſie haben es gehal⸗ ten bis kurz vor ihrem Tode, der erſt jetzt vor einiger Zeit erfolgte. Als der Beamte geſchieden war, überdachte der Ober⸗ amtmann mit wiedergewonnener Beſonnenheit die ganze Geſchichte und er mußte ſich eingeſtehen, daß ſie nun einen Zuſammenhang habe. Zuerſt das todtblaſſe Geſicht des Fremden am Fenſter des Schulzen von Angern. Dann des jungen Mannes Beſtreben, gerade bei dieſem Schulzen, als der ſtrengen Ortsbehörde, Aufnahme zu ſinden. Dann ſeine Erſchöpfung, die ihn krankheitsähnlich am Bette feſſelte,— dann der Plan, dem 206 Argwohn des pflichtgetreuen Landrathsbeamten klug zu be⸗ gegnen,— ſein Reiten nach Wegeſtädt, wo er paſſend ele⸗ gante Kleidung zu kaufen hatte,— ſein Studium der Schildt'ſchen Leichenſteine,— ſeine Klugheit, durch die ſeltſam vielen Namen eine Verwandtſchaft zu ſupponiren, — ſein ruhiges Ausharren am Orte, unter dem Schutze des Oberamtmannes— und dann ſein Abſchied, bei wel⸗ chem endlich ſein tüchtig im Zaume gehaltenes Naturell hervorſprang und in ſeinen ſelbſtſüchtigen Freudeänßerun⸗ gen kältend und verletzend wirkte. Es paßte Alles vortreff⸗ lich und der Oberamtmann überzeugte ſich, daß der Kreis⸗ ſecretär Golterebe dies Mal ganz gewiß Recht habe. Die Ueberzeugung davon verwandelte ihn von einem eifrigen Spötter über den Beamten„mit der eiſernen Feder“ in einen warmen Vertheidiger deſſelben und das Publikum von Burgdorf mußte zu ſeinem Erſtaunen erleben, daß der Oberamtmann Schildt der allerbeſte Freund des Kreisſe⸗ cretärs Golterebe wurde und daß er ihn bis an ſein Lebens⸗ ende mit Geſchenken aller Art gleichſam überſchüttete, um ihm ſeine Freundſchaft thätlich zu beweiſen. Als der alte Herr endlich nach Jahren ſeinen Kindern den Schluß dieſer Erfahrung wahrheitsgemäß erklärte, fügte er hinzu:„Es iſt mir aber bis heute noch nicht leid, dem Menſchen geholfen zu haben, obgleich es ein Verbre⸗ chen gegen die beſtehenden Geſetze zu nennen wäre. Ich — 207 habe vielleicht dadurch einen Menſchen vom ewigen und zeitlichen Verderben errettet, denn, nach meinen vorſichtig angeſtellten Nachforſchungen lebt der ſogenannte Vetter Max, dem ſeine Frau mit ihren beiden Kindern heimlich gefolgt iſt, als ein redlicher und tüchtiger Mann in Detroit, wo er ſich als Maurermeiſter niedergelaſſen hat.“ Ende des zmeiten und letzten Cheils. Leipzig,⸗ Druck von Gieſecke& Devrient. “ 4 fſnffffff 5 16 17 18 19 ſſiſſſſ ffef TIrannn 8 1 10 11 12 t 14 * 1 1 4 1