, 1 8 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 5 von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leiß- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 iör offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 1 8— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Nk. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.= Pf. 1 4 4 „ 2 1„— n. A— 1— I 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 8 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— ⸗ Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 3 ders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen Zücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ en von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— + 4—. 3———— 2. 5 1 . · ] 1 V 1 1 3 — 3 — Ibum. Bibliothek deutſcher Originalromane der beliebteſten Schriftſteller. Dreizehnter Jahrgang. Zehnter Band. Vorwärts! I. Prag und eipzig, 2— Verlag von J. L. Kober. 1858.* — DVormärts! Novelle von Ernſt Fritze. Erſter Band. Prag und Leipzig, Verlag von J. L. Kober. 1858. Erſtes Capitel. Nahe bei Magdeburg, im Hintergrunde eines kahlen trockenen Angers liegt eine Anpflanzung, der Herrnkrug genannt, der jetzt zu einem Vergnügungsorte der lebens⸗ luſtigen Magdeburger erhoben und mit allem nur mög⸗ lichen Glanze ausgeſtattet iſt, während er in der Zeit⸗ periode, wo wir uns an einem ſchönen heitern Maitage dahin verfügen müſſen, nur ein einfach, aber hübſch ge⸗ bautes Pachthaus, einige nette Gartenanlagen, mehrere durch friſches kräftiges Gebüſch gebildete Schlangenwege und die ſchöne, noch jetzt vorhandene Lindenallee aufwies. Der Elbſtrom, welcher von der linken Seite und der Waldrand, der die Flur von der rechten Seite begrenzte, gaben dem Etabliſſement die einzige ſchöne Staffage, und wenn jetzt Alleen und Obſtplantagen die Eintönigkeit des unintereſſanten Vordergrundes in etwas verſchönern, ſo führte zur damaligen Zeit ein ſandiger, holprichter Weg über die vom übergetretenen Waſſer verſchlemmte Einöde 6 hinweg bis dicht vor das Pachthaus, das einladend und freundlich weit hin über die Fläche leuchtete. Der Herrnkrug war ein Beſitzthum der Stadt und wurde von den Herren des Magiſtrates mit ganz beſon⸗ derer Vorliebe betrachtet. Man ſah ſie oft in corpore dahin wandern, oder in einem der ſchmalen Elbkähne auf dem Strome dahin fahren. Es war dem Pächter ſtets eine beſondere Ehre, wenn ſich das wohlbezopfte und ſteif gepuderte Chor der Väter der Stadt bei ihm einfand und er verſäumte nichts, um nach Kräften für Speiſe und Trank für die Stadthäupter zu ſorgen. An dem Tage, mit welchem unſere Geſchichte anhebt, hatte abermals eine Waſſerfahrt in pleno ſtattgefunden, allein dies Mal aus ganz beſondern Gründen. Es galt einen Wettkampf der menſchlichen Kunſt mit den Capricen der Elemente, der, wie alle Wettkämpfe, die ſonſt fried⸗ lichen Herzen in Alarm brachte und Parteien in dem von Bruder, Vetter und Gevatter gebildeten Zirkel der Stadt⸗ berather hervorrief. Schon der frühe Morgen hatte eine Deputation von Bauverſtändigen aus Berlin hergeführt, die den Elbſtrom durchmeſſen, durchfahren und nach allen Seiten hin ſondirt hatte, um zu ergründen, welche Mittel nöthig ſein möchten, den Strom, der ſich mit ſtürmiſcher Gewalt ein neues Bett über die prächtigen Wieſen des gegenſeitigen Ufers zu ſuchen ſchien, wieder in ſeine alten 7 Grenzen zurück zu leiten. Das Dorf Rothenſee war von Jahr zu Jahr, nach jeder Ueberſchwemmung, von den Fluthen beeinträchtigt, ganzer Wieſenflächen beraubt und ſeit dem letzten Sommer hatte ſich der Strom auf eine bedrohliche Weiſe demſelben dergeſtalt genähert, daß ihm Gefahr drohte, bei erſter Gelegenheit vernichtet zu werden. Die Dorfbewohner, von der ſtädtiſchen Behörde mit ihren Klagen und Bitten um Abhülfe nicht beachtet, waren endlich an den König gegangen und darauf traf eine Com⸗ miſſion von Berlin ein, um die Sache zu beſichtigen, zu prüfen und Maßregeln anzuordnen zur allerſchleunigſten Hülfe, bevor das Frühlingshochwaſſer ſeine zerſtörende Macht noch weiter erſtrecken konnte. Im Anfange wollte das wohllöbliche Magiſtrats⸗ collegium es einigermaßen lächerlich finden, daß man Bauverſtändige beordere, um einem Fluſſe Raiſon zu lehren, der links marſchiren wollte, ſtatt rechts und der witzige Aldermann Kaiſerling, ein Beigeordneter des Col⸗ legiums, meinte: man drechsle in Berlin Moſesſtäbe, womit man der Elbe, wie in grauer Alterszeit dem rothen Meere, Stillſtand gebieten werde. Als aber die Deputirten von Berlin eintrafen und gleich von vorn herein Pläne zur Abhülfe vorlegten, bevor ſie die Geſchichte einmal geſehen hatten, da zogen ſie Alle die Spottreden zurück und nahmen mit Amtsmienen die Sache in Angriff. Jetzt kam es aber darauf an: wie am ſicherſten und am ſchleunigſten geholfen werden könne. Der Oberbaurath Schulze ſagte in ſeinem Gutachten: es müſſe die Sandbank, welche ſich an der Herrnkrug⸗Seite emporgethürmt habe, durchſtochen und dadurch ein Waſſer⸗ abfluß vom linken Ufer bewirkt werden. Das ſchien den weiſen Vätern der Stadt bedenklich wegen der Schifffahrt. Der Baurath Silberſchlag behauptete: ſtarke Treib⸗ buhnen wären hinreichend, um ein Abſchwemmen des linken Ufers zu verhindern. Das währte aber länger und nützte namentlich für das bald zu erwartende Johannis⸗ waſſer nichts. Genug, an dem pro und contra erhitzten ſich die Köpfe, man ſtellte Meinungen auf, bekämpfte Vorurtheile, wies Vortheile nach und half dadurch dem Schaden nicht ab. In der Geleitſchaft der Berliner Oberbauräthe be⸗ fand ſich ein junger Mann, Herr Johannes Rentelow, ein Magdeburger Kind und des Regierungsraths Rentelow einziger Sohn, der mit Leib und Seele Mathematiker, Phyſiker und Baubefliſſener war. Er hatte ſeine Studien unlängſt vollendet, hatte dann Reiſen durch Deutſchland und England gemacht und war eben im Begriff, ſeine ge⸗ ſammelten Theorien in's practiſche Leben zu übertragen. 7 — 2 9 Der Oberbaurath Schulze ſchätzte ihn ſehr hoch, prophe⸗ zeite ihm eine glänzende Zukunft und veranlaßte, daß man ihm die Erledigung dieſes Paſſus als eine Probe ſeiner Tüchtigkeit aufgab. Herr Johannes bewies ſogleich ſeine Befähigung durch ein gründlich durchdachtes Project, das er ſeinen Vorgeſetzten vorlegte und wodurch er die Reiſe nach Magdeburg beſchleunigte. Hier an Ort und Stelle mußte der Oberbaurath Schulze zugeben, daß man gar nicht weiſer und ſicherer verfahren könne, als nach dem Vorſchlage des Herrn Johannes und er beſchloß, ſeinen ganzen Einfluß zu verwenden, um ihn zur Ausführung zu bringen. Aber er ſtieß auf harte Köpfe. An dem Tage, den wir ſchon oben bezeichneten, hatte ſich nun die ganze ehren⸗ werthe Corporation, die mit der Entſcheidung der Affaire betraut war, nach dem Herrnkruge, der auf dem rechten Elbufer lag, verfügt, um von hier aus nach dem Ochſen⸗ werder, als der bezeichneten Stelle, wo das Waſſer ſein Bett verlaſſen hatte, zu wandern und dort die Alternative ob„Buhnen oder Durchſtich“ nochmals in's Auge zu faſſen. Es war Nachmittag. Die wohlfriſirten und ſteif⸗ bezopften Herren hatten unter dem Schweiße ihres An⸗ geſichtes Alles erwogen, Alles geprüft und beſichtigt und ſaßen jetzt in dem hübſchen geräumigen Gaſtzimmer des Pachthauſes, um Rath zu halten. Wir wollen ſie bei dieſem ernſten Geſchäfte weder ſtören noch belauſchen, ſondern uns zuvörderſt nach dem Platze vor dem Pachthauſe, der Stadt zu, begeben, wo ſo eben ein großer ſogenannter Stuhlwagen von zwei hand⸗ feſten Gäulen in einem anſtändigen Trabe herangezogen wurde. Auf das majeſtätiſch gebieteriſche Brr des Knechtes, der die Pferde nicht gerade mit der Grazie eines Phöbus lenkte, hielt der Wagen und es entſtiegen mühſam dem ungeheuren Gebäude von Korbwänden, Holzgittern und feſtgeſchnallten Sitzen, mehrere Perſonen, die wir näher betrachten müſſen. Der Erſte, der die Erde nach manchen verunglückten Verſuchen endlich ganzbeinig erreichte, war ein ſtattlicher Herr in mittlern Jahren, in einem Anzuge, den man da⸗ mals als„patent“ bezeichnete. Ein grau und blau melirter Rock, ſammetmancheſterne Kniehoſen, helle Kamaſchen und Schuhe mit großen Schnallen, dazu eine purpurfarbige Weſte mit ungeheuren Poches, zwei mächtige, ſtarkgepuderte Seitenlocken und ein Haarbeutel nach neueſter Form, ſo ſteht der würdige Herr, welcher Niemand anders, als der NRegierungsrath Rentelow, des vielverſprechenden Bau⸗ eleven, Herrn Johannes Rentelow, Vater war, vor unſern Augen da. Ihm folgten, mit gleichen Beſtrebungen, an⸗ ſtändig Gottes Erdboden zu erreichen, zwei ehrbare Damen, deren hübſche Strichmützen und ſteif gefalteten großen 11 Buſentücher ein Zeichen waren, daß ſie der Frivolität des Zeitalters noch nicht huldigten, ſondern mit allen Kräften gegen den Einfluß der überrheiniſchen Moden ankämpften, die thurmhohe Kopfverzierungen, nackte Arme und enthüllte Schultern als ein Mittel, irdiſche Seligkeit zu erlangen, anprieſen. Etwas weniger ſteif bürgerlich, aber dennoch höchſt decent und ſittig, zeigten ſich dann zwei junge reizende Mädchengeſtalten, die lachend und behende alle die Schwie⸗ rigkeiten überwanden, welche das Ausſteigen aus dem Wagen bot, und mit einem zierlichen Sprunge jeder Hülfe⸗ leiſtung des alten Regierungsrathes ein Ende machten. Es waren zwei Roſen verſchiedener Gattung, die beiden Mädchen. Doch ehe wir dazu ſchreiten, ſie dem geneigten Leſer in ihrer ganzen Glorie zu präſentiren, müſſen wir ihm eröffnen, daß die beiden ältern Damen, die galant vom Regierungsrath am rechten und linken Arme geführt, nach einem hübſchen von blühenden Sträu⸗ chern umhegten Platze ſich begaben, die Gattinnen des Aldermann Kaiſerling und des Kauf⸗, Brau⸗ und Raths⸗ herrn Vogler ſind. Ihre nähere Bekanntſchaft ſteht uns noch bevor, alſo laſſen wir ſie ohne weitere Charakteriſtik ziehen und ſehen uns nach den hübſchen Mädchen um, in der feſten Vorausſetzung, daß wir dem Leſer damit den größten Gefallen erweiſen. 1 4 12 Sara, des Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherrn Vogler einziges Kind, war ein hochgewachſenes, ſchönes Mädchen, mit einem feſten, dem materiellen Leben ſtark zugewendeten Sinne. Ihr klaſſiſch geformtes Geſicht zeigte einen ſelt⸗ ſamen Ernſt, der mit ihrer glücklichen Lebensſtellung gar nicht in Einklang zu bringen geweſen ſein würde, wenn man nicht auf den erſten Blick geſehen hätte, daß dieſer Ernſt die Grundlage ihres ganzen Naturells war. Trotz⸗ dem neigte ſie zum Humor, der gerade durch die Gravität der Außenſeite einen gewiſſen Zauber über ſie goß und ſie zu einer intereſſanten Perſönlichkeit erhob. Ganz das Gegentheil von ihr bildete Editha, des Al⸗ dermann Kaiſerling jüngſtes Töchterlein. Wie Sara eine Repräſentantin der Vernunft und der Proſa vorſtellte, ſo konnte Editha als ein Sinnbild der Poeſie gelten. Ein poetiſcher Hauch umflog das, noch an der Grenze der Kind⸗ heit ſtehende, reizende Mädchen und verlieh allen Be⸗ wegungen, allen Worten und allen Handlungen derſelben eine überwältigende Liebenswürdigkeit. Sie hatte freilich etwas von der Natur des gaukelnden Schmetterlinges, der von einer Blume zur andern fliegt, ohne die richtige Be⸗ griffsfähigkeit für die Schönheit derſelben, allein das heitere Vertrauen, womit ſich Editha der Hoffnung hin⸗ gab, allen Leichtſinn von ihrer Umgebung beſchönigt zu ſehen, bildete die beſte Wehr und Waffe des holden Kindes. 13 Editha war der Liebling im elterlichen Hauſe, ſie war der Liebling der Geſpielinnen, der Liebling der Vettern und Baſen und ſie ſelbſt ſah dabei aus, als mache ſie ſich wenig daraus, daß man etwas Abgötterei mit ihr trieb. Arm in Arm ſchlüpften die beiden Mädchen in das Gebüſch hinein, als ihre ehrbaren Mütter an einem natur⸗ wüchſigen Gartentiſch mit ſeinen feſtgerammten Bänken Platz genommen hatten und vom Regierungsrathe artig in eine Unterhaltung verflochten wurden. Sara, die um ſechs Jahre älter und um zwanzig Prozent vernünftiger als Editha war, ließ ſich von dem kindlich heitern Mäd⸗ chen ganz aus der gewöhnlichen Facon bringen und lief ſchäkernd durch die dichten und engen Buſchwege hindurch, bis Editha plötzlich ſtill ſtand, ſich vor ihr aufpflanzte, ihr ſchalkiſch in's Auge ſah und lebhaft geſtikulirend ausrief: „Jetzt beichte!— Mit dem vielbelobten Johannes Rentelow und Dir iſt kein reiner Kram!— Gelt Sara, es iſt Dein Geliebter, Dein Bräutigam, auf den Du ge⸗ wartet haſt und darüber dreiundzwanzig Jahre alt ge⸗ worden biſt ohne zu heirathen— gelt, ich bin hinter Dein Geheimniß gekommen?“ „Nicht ganz, Kleine, nicht ganz,“ entgegnete Sara halb ernſt, halb ſcherzhaft.— Editha ſah aber ſehr zuver⸗ ſichtlich aus, als ſie ſprach:„Geh' nur! Ich habe Recht! Was könnte denn ſonſt der vernünftigen Sara die Wangen 9 14 mit Blut übergoſſen haben, als der Rath Rentelow unter⸗ weges erklärte, wenn die Anſicht des Oberbaurathes durch⸗ ginge, ſo bliebe ſein Sohn hier, um den Durchſtich des Ochſenwerders zu leiten.— Sag' es mir— Sara, iſt er Dein Verlobter?“— Sara antwortete nicht, ſondern blickte über die etwas kleinere Gefährtin hinweg, ſinnend in's Gebüſch hinein. 1 Editha, nach ihrer flatterhaft kindlichen Weiſe nahm dies Schweigen als vollgültige Antwort und examinirte lebhaft weiter. „Haſt Du ihn denn früher gekannt? Haſt Du ihn ſchon geſehen, ſeit er wieder hier iſt? Wie ſieht er aus? Gleicht er ſeinem Vater— ſchminkt er ſich, wie dieſer?— Oder iſt er hübſch und jung?“ Sara lächelte gütig. Ihrem ernſten Geſichte ſtand ſolch' Lächeln reizend.„Kleiner Irrwiſch, was frägſt Du Alles,“ ſprach ſie.„Freilich habe ich ihn gekannt, auch Gabriele, Deine Schweſter, hat ihn gekannt. Wir drei haben zuſammen geſpielt in Großvater Vogler's Garten, der mit dem Hauſe ſeines Vaters in der neuen Kloſter⸗ ſtraße hinten zuſammenſtieß.“ „Gabriele, meine Schweſter Gabriele kennt ihn auch, dieſen Tauſendkünſtler?“ fragte Editha erſtaunt.„Warum habt Ihr mir denn nie etwas von ihm erzählt? Das finde ich ſonderbar!“ 15 „Gar nicht ſonderbar, Kleine. Es gab nichts zu erzählen. Daß der junge Mann jetzt Aufſehen macht, daß er wie ein Weltverbeſſerer auftritt und Sonne, Mond und Sterne regieren will, das hat er erſt in England gelernt.“ „Herr Gott, ein Mann der in England geweſen iſt!“ rief das Mädchen pathetiſch,„wie muß der ausſehen!“ „Freilich etwas anders, wie junge Herren bei uns,“ ſagte Sara lächelnd. „Beſchreib' mir ihn doch,“ bat Editha.„Iſt er ſchön?“ „Das weiß ich ſelbſt nicht,“ geſtand Sara ehrlich. „Ich ſah ihn geſtern flüchtig und war über ſeine Erſchei⸗ nung einigermaßen erſchrocken.“ „Erſchrocken?“— wiederholte Editha und ſah ſie mit großen Kinderaugen neugierig und beklommen an, als fürchte ſie einen Popanz zu ſehen. „Johannes trägt nämlich weder Zopf noch Haar⸗ beutel—“ Editha ſchlug die Hände zuſammen. Nach ihren Anſtandsbegriffen grenzte es an die Unmöglichkeit, ohne Zopf und Haarbeutel zu erſcheinen. „Sein Haar iſt ungepudert— „Du ſcherzeſt, Sara, Du rebſt Scherz mit mir,“ unterbrach das Mädchen ſie. „Bei Gott nicht! Du wirſt ihn ja nachher ſehen. 16 Sein Haar iſt alſo ungepudert und hängt ihm in zottigen Locken um den Kopf herum, dazu hat er einen Bart auf der Oberlippe—“ Editha begann ein helles Gelächter. Sara fuhr mit bewölkter Stirn fort:„Und einen ſchwarzen bis an den Hals zugeknöpften Rock an. Denke Dir wie dies aus⸗ ſieht! Wenn er wirklich Ernſt machen und um mich freien wollte, ſo müßte er vor allen Dingen dieſe malpropre Kleidung ablegen und nach der Mode gehen.“ „Aber Sara, in aller Welt, wie kommt der Herr dazu, ſich ſo abſchreckend zu kleiden?“ fragte Editha ganz betrübt.„Wie kann ſein Vater das zugeben?“— „O, er ſcheint ſein Köpfchen für ſich zu haben,“ meinte Sara.„Er iſt für das Neue—„Vorwärts“ heißt ſein Wahlſpruch. Mit meinem Vater kam er ſchon geſtern nach der erſten Viertelſtunde zuſammen.“ „Ueber ſeinen ſchwarzen Rock?“ examinirte Editha. „Bewahre! An ſolche Dinge denkt er gar nicht. Nein über die vielen neuen Bauten hier, die der Fürſt Leopold von Deſſau hat ausführen laſſen. Er nannte das eine Verbeſſerung und eine Verſchönerung der Stadt, daß die alten wüſten Kloſtermauern abgebrochen und ſchöne Straßen auf den Plätzen entſtanden ſeien. Auch lobte er die Anlage des Fürſtenwalles und hieß ihn eine Zierde Magdeburgs.“— 17 „Freilich, da mag er ſchön angekommen ſein,“ warf Editha ſcherzend ein.„Dein Vater hat ja einen Schwur geleiſtet, nicht auf den Wall zu gehen, wo man fürchten müßte, den drunter wohnenden Leuten in die Suppen⸗ ſchüſſel zu fallen.“— „Und bei den neuen Häuſern in der Regierungsſtraße haben die Leute uns die Sonne vor der Naſe weggebaut.“ „Ach ja!“ Das Mädchen lachte herzhaft.„Alſo zwiſchen Johannes und dem Vetter Vogler iſt Krieg. Aber wie wird es werden, wenn er freiet?“ Sara zuckte die Achſeln.„Wenn Krieg iſt, giebt's Kampf— einer muß nachgeben oder unterliegen. Unſer Verhältniß iſt aber keinesweges ſo feſt, wie Du denkſt.“ Editha ließ ſich jedoch nicht bedeuten. Sie ſprach beſtändig von dem Verlobten und Geliebten ihrer Freundin und brannte vor Begierde, den Mann kennen zu lernen, der nach ihrer Meinung ſehr„rückwärts“ ging, was die Mode mit ihren Capricen und Eleganzen betraf. Ihre Unerfahrenheit verhinderte ſie, eine Entſchuldi⸗ gung dafür in dem phantaſtiſchen Auffluge eines nach Licht ſtrebenden Geiſtes zu finden und wenn auch gerade ihr ganzes Weſen mit der Fähigkeit, ſolche Männer zu begreifen, ausgerüſtet war, ſo fehlte ihr doch bis dahin die Gelegenheit, außergewöhnliches Wiſſen und außer⸗ gewöhnliches Streben zu prüfen. Für jetzt begnügte ſie 1858. X. Vorwärts! I. 8 18 ſich damit, in witzigen Ausfällen die Aeußerlichkeit eines Mannes zu bekritteln, der, man denke ſich,„weder Haar⸗ beutel noch Zopf und Puder trug und einen Bart im Geſichte hatte.“ Aber ſie ſollte beſtraft werden. Zweites Capitel. Während die beiden Mädchen ſich in allerlei Necke⸗ reien vertieften und über die Wieſen nach dem Walde zu gingen, verloren ſich die beiden Mütter in ein ernſteres Geſpräch. Der Rath Rentelow hatte ſie verlaſſen, um „einmal nachzuhorchen“ was der weiſe Rath der Stadt in Bezug auf das Waſſerbauunternehmen beſchloſſen haben möchte. Der weiche duftige Maitag mit ſeinem beleben⸗ den und herzerſchließenden Einfluſſe hatte ſeine Wirkung auf die beiden ſonſt ſehr ruhig und ſicher ſchlagenden Mutterherzen nicht verfehlt und ſie mehr als ſonſt zum Vertrauen geöffnet. Frau Kaiſerling war Geſchwiſterkind mit Frau Suſanne Vogler, aber ein recht trauliches Ver⸗ hältniß fand deſſenungeachtet zwiſchen ihnen nicht ſtatt. Sie handelten bei der Erziehung ihrer Kinder nach ſo ganz verſchiedenen Principien, daß ſchon dies Capitel allein im Stande geweſen wäre, alle Vertraulichkeit zu löſchen, bei 19 dem herben Tadel, den eine jede für die andere in Bereit⸗ ſchaft hielt. Seit ihrer Verheirathung war alſo jedes Geſpräch über die Kinder und über Kinderzucht vermieden, um ſo mehr erſtaunte Frau Kaiſerling, als Frau Suſanne Vogler plötzlich und ohne alle Vorrede begann:„Wenn es Dir doch möglich wäre, liebe Couſine, auf Deine Tochter Ga⸗ briele einzuwirken— ſie wird nach gerade der Stadt zum Spectakel mit ihrer lächerlichen Trauer um ihren verſtor⸗ benen Mann.“ Frau Kaiſerling zog empfindlich die Lippen zuſammen. „Meine Tochter Gabriele iſt für das Aufſehen allein verantwortlich, das ſie mit ihrer Trauer macht,“entgegnete ſie kurz, aber ſehr ſanft. „Ich wußte, daß ich dieſe Antwort erhalten würde, aber ſie ſoll mich nicht abſchrecken, Dir das Lächerliche eines fortgeſetzt zur Schau getragenen Schmerzes zu enthüllen.“ 5 „Spare Deine weiſen Belehrungen, liebe Suſanne,“ fiel Frau Kaiſerling ein.„Sie nutzen hier am Orte nichts— willſt Du predigen, ſo predige vor den rechten Ohren.“ „Du meinſt, ich ſolle Gabrielen es ſelbſt ſagen?“— „Ja, wenn Du Muth dazu haſt.“ Frau Suſanne Vogler wiegte ſinnend den Kopf. 2 „Davor fürchte ich mich.“— „Ich auch, alſo laß ſie gehen und thun, wie ſie will.“ „Gabriele hat eine ſo ſchmerzliche Sanftmuth, eine ſo bittende Trauer im Blick, daß ich zerſchmolzen mit allen Eisworten vor ihr ſtehe, wenn ſie mich anſieht, zudem iſt ſie, trotz aller ihrer unausſtehlichen Empfindſamkeit, immer mein Liebling geweſen.“— Frau Kaiſerling lächelte fein. Ihre Töchter waren überhaupt die Lieblinge aller Ver⸗ wandten und Bekannten, während Sara Vogler oftmals ſcheu von der Seite betrachtet und furchtſam geflohen wurde. „Aber,“ fuhr indeß Frau Suſanne fort,„ſo kann es nicht bleiben. Gabriele muß ſich zu tröſten ſuchen.— Weißt Du, Gretchen,“ fügte ſie nach einer kurzen Pauſe herzlicher als jemals hinzu,„weißt Du, daß es mir bis⸗ weilen ſcheinen will, als walte noch ein ganz beſonderer Grund vor, der Gabrielen tiefſinnig und traurig macht?“ Frau Kaiſerling zeigte durch eine Geberde, daß ſie gleicher Meinung ſei.— „Warum haſt Du ſie denn noch nicht danach ge⸗ fragt?“ rief Frau Suſanne eifrig. „Es fand ſich keine Gelegenheit dazu,“ meinte Frau Kaiſerling. „Keine Gelegenheit— innerhalb vier Jahren keine Ge⸗ legenheit?“ ſpottete Frau Suſanne und ſah ihrer Couſine forſchend in's Geſicht. Dieſe lächelte wieder, wie vorhin. 8 21 „Oder es ging mir, wie Dir, Suschen— ich hatte nicht den Muth!“ „Nein, da ſieht man doch die Folgen Eures ver⸗ kehrten Verhältniſſes,“ eiferte Frau Suſanne.„Die Mutter geht ſo ſubtil mit der Tochter um, als verkehre ſie mit einer Prinzeſſin. Sag' es doch Deinem Manne, daß er danach forſchen ſolle.“ „Mein Mann würde die Sache erſt recht verderben,“ erklärte Frau Kaiſerling.„Du kennſt ſeine Strudel⸗ köpfigkeit— Gabriele würde zuletzt in Thränen aus⸗ brechen und wir würden erleben, daß der Herr Papa die Frau Tochter fußfällig bäte, nur nicht zu weinen, weil er „das Waſſer aus den Augen“ nicht leiden könne.“ Beide Frauen lachten zuſammen herzlich, dann erwiederte Frau Sufanne: „Ja, ja! Ihr ſeid wahre Sclaven Eurer Kinder geworden, durch Eure verdrehte Erziehungsmethode. Da lobe ich mir meine Sara!— Schon aus Reſpect vor dem Vater würde dieſe alle ihre Geheimniſſe auskramen.“— „Meinſt Du?“ fragte Frau Kaiſerling ſchnell. „Nun? Weißt Du etwas, was meine Behauptung in Zweifel zieht?“ „Nein, nein! Aber Sara ſcheint mir den Panzer des Starrſinnes über ihre Geheimniſſe ziehen zu können, wäh⸗ rend Gabriele den Schleier der Sanftmuth wählt.“ 22 Frau Suſanne ärgerte ſich ein wenig über dieſe Kritik und ſchwieg deshalb eine ganze Weile ſtill. Sie hielt ihre Sara für das non plus ultra eines wohlerzoge⸗ nen Kindes und ſie hatte theilweiſe Recht; wenn man die Grundlage ihrer Erziehung als Maßſtab ihrer Eigenthüm⸗ lichkeit reſpectirte. In dem Hauſe des Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherrn Vogler gab es nur einen Herrſcher in der Perſon des Hausherrn. Seine Autokratie erſtreckte ſich bis in die kleinſten Verhältniſſe und machte Miene, zur Despotie überzugehen, wenn er Widerſtand fand. „Der Herr“ hieß er von den Lippen der Gattin, wie des Dienſtperſonales,„der Herr Vater“ war er für Sara, die auch der„Frau Mutter“ den gehörigen Reſpect be⸗ weiſen mußte, wenn ſie es nicht mit dem Herrn Vater verderben wollte. Daß das kindliche Vertrauen dabei nicht recht gedeihen konnte, war erſichtlich, und Frau Kaiſerling mochte mit ihrer Behauptung nicht ganz Un⸗ recht haben. Frau Suſanne ahnte das und fühlte ſich unbehaglich bei dem Gedanken. Sie hatte von jeher die Reſultate der Kaiſerling'ſchen Erziehungsmethode, die ſich in weiteſter Ausdehnung auf dem Felde der gemüthlichſten Vertraulichkeit bewegte, in Zweifel gezogen und war mit ihren Prophezeiungen bis dahin gründlich geſcheitert. Die Söhne waren prächtige Männer und lebten in Danzig als tüchtige Geſchäftsleute. Die beiden Töchter hatten ſich 23 zu liebenswürdigen Weſen ausgebildet. Daß Gabriele, die ältere Tochter, das Mißgeſchick erleben mußte, ihren Gatten, den Herrn von Kotſchinski, nach wenigen Jahren einer glücklichen Ehe zu verlieren und daß ſie ſeit vier Jahren beharrlich um ſeinen Verluſt trauerte, darüber konnte kein Menſch etwas ſagen, was der Gemüthlichkeit der Familie Kaiſerling zum Vorwurf gereicht hätte. Frau Suſanne verlieh aber der allgemeinen Ver⸗ wunderung Worte, als ſie es für angemeſſen fand, die Mutter der jungen Wittwe darauf aufmerkſam zu machen. Nachdem ſie mit aller Sanftmuth von Frau Kaiſerling ab und zur Ruhe verwieſen war, ſchwieg ſie ärgerlich, bis ihre Couſine von Neuem begann: „Man kann es den Leuten ſelten Recht machen, liebes Suschen! Wenn man in der Stadt von Gabrielens Trauer mißbilligend ſpricht, ſo liegt dies darin, daß ſie dem ſtatt⸗ lichen Doctor Weinheim einen Korb gegeben hat. Gabriele will ſich aber ihres Sohnes wegen, den ſie mehr liebt, als ſie zu zeigen für gut findet, gar nicht wieder verheirathen — iſt der Vorſatz zu tadeln?“ Frau Suſanne zuckte, noch immer ärgerlich, nur die Achſeln. „Zu einer Ehe gehört gegenſeitige Liebe“— fuhr Frau Kaiſerling fort. „ Das iſt wieder eine von Deinen empfindſamen 24 Anſichten“— brach die Dame jetzt los.„Zu einer Ehe gehört ein gutes Auskommen— Eſſen und Trinken voll⸗ auf— eine vollſtändige Wirthſchaft—“ „Und ein halb Dutzend Kinderwiegen“— fiel Frau Kaiſerling ſpöttiſch ein. „Ja!“ bekräftigte Frau Suſanne.„Alles Andere findet ſich!“— „Warum hat Deine Sara nur noch nicht geheirathet? Ich dächte, ein Engagement dieſer Art hätte ſich ihr ſchon geboten.“ „Unſer Herr hat ſeine beſondern Abſichten mit ihr, ſonſt wäre ſie längſt verheirathet.“ „Sollte er, wie Sara, auf Johannes Rentelow ge⸗ wartet haben?“ Frau Suſanne fuhr erſtaunt in die Höhe und ſah ihrer Nachbarin ernſtlich erſchrocken in's Geſicht. „Sara ſollte?“ fragte ſie abgebrochen. „Mir ſcheint die Sache der Art“— ergänzte Frau Kaiſerling lakoniſch. „Danach werde ich forſchen.— Sara mag ſich keiner Hoffnung hingeben. Einen Baumeiſter darf ſie nicht hei⸗ rathen. Das ſind in den Augen unſers Herrn die Stören⸗ friede der Welt— die Baumeiſter haben ihm zu viel Herzeleid zugefügt.— Weißt Du etwas von Sara?“ „Nein. Ich vermuthe es nur aus ihrem Betragen.“ 25 „Könnteſt Du nicht durch Editha etwas darüber zu erforſchen ſuchen?“ ſprach Frau Suſanne kleinlaut. „Wozu?“ fragte Frau Kaiſerling mit leiſem Spott. „Sara wird Dir am beſten Auskunft geben können— frage ſie. Hat ſie ein Geheimniß, ſo deckt ſie es gewiß nach der erſten Frage vor Dir auf.— Oder trag' es Deinem Manne auf.“— „Ich bitte Dich“— rief Frau Suſanne.„Der Herr würde mit ſeinem Donnerwetter Alles verderben!“ — Frau Kaiſerling lachte, legte ihren Arm um Frau Suſannens Schultern und rief: „Hier wie dort und dort wie hier! Ich rathe Dir, als kluge Mutter zu ſchweigen und die Geſchichte ſich hiſtoriſch entwickeln zu laſſen!“ „Aber warnen könnteſt Du meine Sara!— Unſer Herr giebt niemals im Leben ſeine Einwilligung zu dieſer Verheirathung,“ betheuerte Frau Suſanne. „Wenn ſich eine günſtige Gelegenheit bietet, ſo werde ich Deine Bitte erfüllen. Dafür nehme ich Dein Ver⸗ ſprechen, gelegentlich mit Gabriele zu reden, in Anſpruch!“ Frau Suſanne verſprach es willfährig. Frau Kaiſer⸗ ling drehte ſich ganz zu ihrer Nachbarin herum, ſah ihr lächelnd eine Zeitlang ſtumm in's Geſicht und ſprach dann mit herzlicher Güte: „Wir ſind Thörinnen geweſen, liebes Suschen, daß 26 wir vom Beginn unſerer Ehe an nicht verſucht haben, uns durch unſere Erfahrungen zu ergänzen. Hätte ich Hülfe bei Euch geſucht, ſo wäre Gabriele nimmermehr des aben⸗ teuerlichen Kotſchinski Gattin geworden. Ich will Dir geſtehen, daß ſich in mir Alles gegen dieſe Verbindung auflehnte und daß ich— ja, daß ich froh bin, durch den Tod mein Kind wieder erlöſt zu ſehen!“ Frau Suſanne wurde ergriffen durch den Accent, womit Frau Kaiſerling dieſe Worte faſt gewaltſam hervorſtieß. „Habt Ihr ſo bittere Erfahrungen gemacht, daß Du ſo ſprechen mußt?“ fragte ſie theilnehmend. „Nein, Suschen, nein, er iſt Gottlob vor den Er⸗ fahrungen geſtorben,“ rief Frau Kaiſerling.„Ich weiß nichts Gewiſſes über ihn, Gabrielen mag ich nicht fragen, es würde mir auch wenig helfen, denn ihre Unſchuld und Axgloſigkeit hat die Gemeinheit ihres Mannes nicht erkannt, aber ſo viel ſteht feſt, daß die koſtſpieligen Reiſen in die Bäder und in die verſchiedenen Reſidenzen nur von ihm unternommen wurden, um ſeine Exiſtenz auf eine abſcheu⸗ liche Art glänzend zu machen.“— „Was— Gretchen!“ rief Frau Suſanne errathend. „Kotſchinski, der vornehme, ſchöne Edelmann— ein Spieler?“ Frau Kaiſerling neigte bejahend den Kopf. Zu ant⸗ 27 worten vermochte ſie nicht, weil die hervorquellenden Thränen ſie hinderten. „Arme Gabriele! Arme kleine Frau!“ flüſterte Frau Suſanne.„Und um dieſen elenden Menſchen trauert ſie noch? Vier Jahre um einen Spieler.— Gottlob, daß ihm unſer Herr Sara nicht gegeben hat!“— „Gabriele weiß nichts von meinen eingeholten Nach⸗ richten,“ warf Frau Kaiſerling ſchnell ein.„Auch bin ich nicht ganz ſicher, ob der Herr von Kotſchinski, der unſer Schwiegerſohn war, derſelbe Mann geweſen iſt, welcher vor ſechs bis acht Jahren den Schwager des Doctor Weinheim gänzlich ruinirt und zum Bettler gemacht hat. Es kann Rancume vom Doctor ſein, daß er es jetzt, nachdem er ſich einen Korb von Gabrielen geholt hat, behauptet.“ „Das iſt nicht edel gehandelt vom Doctor,“ ſprach Frau Vogler entrüſtet. Laßt die Todten ruhen! lehrt unſere chriſtliche Religion.“ „O, der Doctor meint,“ ſagte Frau Kaiſerling zö⸗ gernd und eine leichte Bläſſe überlief ihr blühendes Ge⸗ ſicht—„der Doctor meint, Herr von Kotſchinski ſei nicht todt!“— Frau Vogler ließ im Anfalle übermäßiger Ver⸗ wunderung beide Hände machtlos in den Schooß fallen. 28 „Ich glaube aber, dieſe Behauptung beruht auf einer Verwechslung.“ „Oder iſt in jämmerlichem Aerger vom Doctor er⸗ ſonnen, um Euch zu ärgern. Wenn er das gewußt hat, wie konnte er ſich dann um Gabrielen bewerben?“ „Er will es erſt nachher zufällig erfahren haben. Es ſoll ſich allerdings ein Werbeofficier unter dem Namen „von Kotſchinski“ in der Gegend von Stendal umher⸗ treiben.“— „Pah, der Name iſt ſo ſelten nicht! Es giebt der Kotſchinski mehrere— weshalb ſollte Dein Schwieger⸗ ſohn wohl Gabrielen mit der Nachricht von ſeinem Tode getäuſcht haben?“ „Vielleicht, weil er fürchtete, durch Gabrielens recht⸗ lichen Sinn in ſeinem ruchloſen Leben geſtört zu werden. Wer weiß denn, aus welcher Quelle die ſtille Trauer fließt, welche das Leben meiner armen Tochter trübt,“ fügte Frau Kaiſerling leiſer hinzu. Frau Suſanne dachte nach. Ehe ſie aber zu einem Reſultate ihres Sinnens kam, wurden die Frauen in ihren Herzensergießungen, die in dem vortrefflichſten Zuge waren, durch die Erſcheinung ihrer Eheherren geſtört, welche eilfertig um das Gebüſch bogen und auf den Platz zuſteuerten, wo die Damen Platz genommen hatten. Mit einem Blicke, der eine Fortſetzung der begonnenen 29 Converſation verhieß, ſchloſſen ſie das Geſpräch und ſahen ihren Eheherren mit Neugier und Spannung entgegen. Schon der Gang charakteriſirte dieſe beiden Ehren⸗ männer, welchen das Wohl der Stadt auf die Seele ge⸗ packt war. Mit dem trippelnden, leichten Weſen, das damals Mode war, unter lebhaften Geſtikulationen und anmuthigen Schwenkungen des zierlich toupirten Hauptes, dem der kleine Dreieck ein höchſt keckes und unternehmendes Anſehen verlieh, kam der Aldermann Kaiſerling des Weges daher, während der Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherr Vogler im kurzen, feſten Trotte, ſteif wie ein Pfropfen und geziert mit dem kräftigſten und längſten Zopfe ſeiner Zeit, ſeine Schritte weiter regierte. „Wie kannſt Du ſo wetterwendiſch ſein, Vetter Vogler,“ parorirte Kaiſerling und ſchlug die wohlge⸗ pflegten, mit Spitzenmanchetten umhangenen Hände in einander... „Was wetterwendiſch?“ brummte Vogler im tiefſten Baſſe.„Ich habe mich überzeugt, daß der Oberbaurath recht hat! Wenn wir Buhnen vorlegen, um den Strom zu hemmen, ſo kann das helfen, wenn wir aber dem Waſſer⸗ ſtrome eine andere und zwar eine richtige Richtung geben, ſo wird das helfen— mir ſcheint es der Klugheit gemäß, das Sichere dem Unſichern vorzuziehen.“ 30 „Vetter Vogler, Deine Weisheit in Ehren! Aber Garantie haſt Du nicht für Deine Anſicht.“— „Das Wort des Oberbaurathes iſt mir Garantie genug. Der Mann verſteht ſeine Sache, ſonſt wäre er nicht Oberbaurath geworden und was uns der Johannes Rentelow mit mathematiſcher Gewißheit von dem Wechſel des Elementes, von ſeinem Zuſtrömen und ſeiner Kraft vordocirte, hat immerhin etwas für ſich, obwohl er es practiſch beweiſen muß, ob ſolche Studien der Natur⸗ wiſſenſchaft nicht Chimären ſind.“ „Buhnen ſind ſeit undenklicher Zeit ein hinreichender Schutz für bedrohtes Land geweſen und haben ſich bei den meiſten Waſſerüberſchwemmungen bewährt.“ „Kann ſein, aber hier in dieſem Falle bezweifeln die Sachverſtändigen ihre Hinlänglichkeit.“ „Der Baurath Silberſchlag hatte im Anfange keinen Zweifel—“ „Sah aber bald ein, daß er Unrecht hatte—“ „Ihr habt Euch Alle von der Suade des jungen Baumeiſters Rentelow unterjochen laſſen“— fiel der Aldermann gereizter ein. „Mag ſein. Es klang aber überzeugend, was der Baumeiſter ſprach,“ entgegnete mit ungeſtörtem Gleich⸗ muthe der Kauf⸗, Brau⸗ und Nathsherr. „Was— was? Ueberzeugend?“ ſprudelte Kaiſerling 31 heftig.„Es klang wie Märchen— wie Zauberſprüche— wie Mirakel!— Nichts haltbares darin, nichts, was Hand und Fuß hat! Schnurren, die man Kindern erzählt, wenn ſie artig ſein ſollen! Was Dampf?— Was Kraft? Was Magnet— was Electricität? Lauter Wiſchewaſchi! Halb habe ich den Verſtand verloren bei dem Unſinn, den er uns vordeclamirte.“— Bogler ſah ihn ſteif von der Seite an.„Ich glaub's beinahe!“ ſagte er trocken. „Oder Ihr habt den Verſtand verloren, daß Ihr Euch auf ſolche Flauſen einlaßt, die Euch ein ſchweres Geld koſten werden, ohne Abhülfe zu bringen.“ Dann ſind wir um eine Erfahrung reicher und neh⸗ men uns künftig in Acht.“— „Wem koſtet es aber Geld?— Der Stadt! Ich begreife nur nicht, daß Du, Vetter Vogler, ſo wetter⸗ wendiſch biſt. Wir ſtimmten alle für Buhnen und ſiehe da! der Herr Vetter ſind der Erſte, der dem Oberbaurath beitritt.“ „Weil ich einſah, daß er Recht hatte. Man muß das Neue probiren.“ „Das Alte ehre ich mir.“— „Ich auch, wenn es beſſer iſt.“— „Und doch biſt Du gegen die neuen, ſchönen Straßen in der Stadt?“ 32 „Die ſind nicht beſſer und machen die Stadt nicht beſſer. Es iſt Unſinn, alle Plätze mit Häuſern zu be⸗ pflanzen und dem armen Menſchen Licht, Luft und Sonnen⸗ ſchein zu verbauen. Magdeburg hat lange beſtanden, ohne die neuen Straßen— je mehr Häuſer, deſto mehr Men⸗ ſchen— je mehr Menſchen auf einem Flecke, deſto mehr Laſter und Unfrieden.“— „Ach was? Menſchen laſſen ſich zügeln— das Waſſer in der Elbe wird aber fließen wohin es will, trotz der Weisheit, die Herr Rentelow von der Zukunft vorausſagt. Laßt noch ſo viel Menſchen in Magdeburg wohnen, wenn ſie nicht ſo klug werden, wie Herr Rentelow, ſo hat's mit dem Laſter und Unfrieden keine Gefahr— dumme Schafe gehen viel in einen Stall.“ „Oder gehorſame Schafe“— meinte Vogler wieder mit einem ſteifen Seitenblicke.„Wenn man die Welt erzieht, daß Jeder nach ſeinem Willen handeln kann, dann iſt's mit dem Frieden vorbei.“ „So— ſo— ſo! Du ſtichelſt wieder auf meine Kindererziehung.“ „Ja wohl, um Dir zu beweiſen, daß Du das Alte nicht ehrſt.“ „Man muß nicht ſtehen bleiben in der Welt.“— „Und doch willſt Du Buhnen bauen, wo ſie nichts helfen.“ — 33 „Schweig' nur, ſchweig' nur. Baut, wie Ihr wollt— für die Koſten habe ich nicht zu haften.“— „Der Anſchlag beſagt, daß Buhnen eben ſo viel koſten würden.“ „Biſt Du ſo thöricht auf einen Anſchlag zu rechnen. Es werden bald die hinkenden Boten nachkommen. Es wird heißen„unvorhergeſehene Umſtände erfordern“—. Grabt nur hinein in die Sandbänke— grabt nur!— das Waſſer wird ſchon thun, wie es ihm gerade einfällt.“ „Nach den Beweiſen des jungen Rentelow wird er dem Waſſer lehren, was es thun ſoll. Warten wir das Ende ab, ehe wir raiſonniren.“ Jetzt hatten die Herren den Platz erreicht, wo die beiden Damen ſaßen.„Serviteur, Frau Suſanne, Servi- teur,“ rief der Aldermann in ganz verändertem Tone und ſchwenkte ſeinen kleinen dreieckigen Hut gegen die Dame, während er ſeiner Frau Kußfinger zuwarf und ſeelen⸗ vergnügt dazu nickte. Das war ſo ſeine Natur. Er konnte im Augenblicke bitterböſe, ſprudelnd vor Eifer und Zorn ſein und im nächſten Momente war keine Spur mehr davon zu ſehen. Gerade das Gegentheil war der Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherr Vogler, der innerlich oft humaner dachte, als ſein ſtörriſch ſteifes Weſen errathen ließ. „Es hat wohl harten Kampf geſetzt?“ fragte Frau 1858. X. Vorwärts! 1. 8 34 Kaiſerling, beſorgt ihres Gatten ſtarkgeröthete Wangen betrachtend. „Harten Kampf, liebe Grete, harten Kampf!“ ent⸗ gegnete lachend ihr Gatte.„Zuletzt wurde der Oberbaurath grob, fürchterlich grob und— da ſagten wir Alle Ja.“— „Vetter Vogler auch?“ fragte mit ſchelmiſchen Lä⸗ cheln Frau Kaiſerling. Vogler machte ihr eine ſteife Reverenz. „Vetter Vogler hatte ſchon vor der Grobheit„Ja“ geſagt, Frau Gevatter,“ ſprach er nach einem kurzen Lachen. „Grobheit würde auf meine Haut ſo viel wirken, wie Peitſchenhiebe auf einen Eichbaum. Der fällt nicht davon und ich kann Gottlob auch ſehr grob werden.“ Sie lachten über dieſen treffenden Vergleich.„Wo habt Ihr den Rath Rentelow und ſeinen Johannes,“ exa⸗ minirte Frau Suſanne, indem ſie einen Korb, den der Kutſcher jetzt vom Wagen herſchleppte, in Empfang nahm. „Ich denke, wir nehmen erſt einen Imbiß, ehe wir heim fahren.“ „Das iſt vortrefflich von Ihnen gedacht, würdige Frau Suſanne,“ rief der Aldermann. „Der Rath iſt mit Johannes hinab gegangen zum Ochſenwerder,“ berichtete während der Zeit Herr Vogler. „Der Sohn will dem Vater erklären, wie er die Gräben anlegen laſſen will, um eine Strömung zu bewirken.“ 35 „Alſo Rentelow's Plan iſt wirklich durchgegangen?“ riefen beide Damen gleichzeitig. „Rentelow's Plan?“ wiederholte der Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherr verblüfft, während der Aldermann ein lautes Gelächter hören ließ. „Vogler hielt den Plan für eine Examenarbeit des Oberbauraths,“ ſpöttelte Kaiſerling und rieb ſich vergnügt die Hände. „So gut und practiſch fand ihn der Vetter?“ fragte Frau Kaiſerling. „Das Practiſche ſoll ſich erſt bewähren,“ ſprach Kaiſerling ſchadenfroh. „Gut iſt der Plan,“ fiel Vogler etwas ärgerlich ein. „Hätte uns der Oberbaurath geſagt, daß der Plan nicht von ihm entworfen ſei, ſo hätte ich allerdings mehr Miß⸗ trauen gehabt. Es iſt geſchehen und nun nicht mehr zu ändern, alſo Punktum und Gedankenſtrich. Das Andere findet ſich.“ Der Aldermann konnte jedoch ſeine Freude über dieſe kleine Lehre nicht ganz verbergen, und wenn er ſich auch bemühte, jedes Wort darüber zu unterdrücken, ſo zeigte doch ſeine wachſende gute Laune den innerlichen Jubel, den er über Vogler's Irrthum empfand, während die mürriſche Kargheit des Vetter Vogler nur allzudeutlich die Beſchaffenheit ſeines Gemüthszuſtandes verrieth. Auf 3* 36 ſeinen Entſchluß hatte indeß dieſe Erfahrung keinen Ein⸗ fluß, denn er war ein Mann von Stein, wenn er einmal „Ja“ oder„Nein“ geſagt hatte. Drittes Capitel. Sehen wir uns nun nach den hübſchen Mädchen um, die wir in Wald und Wieſe gelaſſen haben. Müde des Herumſchweifens kehrten ſie endlich um, als die Sonnen⸗ ſtrahlen ſchräger ſielen und die Vögel ihren Abendgeſang anhuben. Sie ſangen auch. Schelmenliederchen, ſchmach⸗ tende Canzonetten und Volksweiſen wechſelten im bunten Durcheinander. Ihr Geſang war aber ſanft, leiſe und beſcheiden, ganz dem Zwitſchern der Vögel oben in den Zweigen ähnlich. Laut und mit der ganzen Kraft der Lunge zu ſingen, war damals nicht Mode, wenn man nicht Pro⸗ feſſion vom Singen machte und als Bänkelſänger auf dem Markte oder in der Rolle eines Theaterſtückes ſeine Stimme benutzte. Man iſt darin auch in der Kultur vorgeſchritten. „Trarira— der Sommer, der iſt da!“ ſang Editha mit ſilberheller Stimme und hüpfte leichtfüßig über einen Baumſtamm, der an der Beugung des Weges den Platz 37 verengte. Als ſie arglos um das Gebüſch bog und die munter glänzenden Augen erhob, da fand ſie ſich Manne von ſo fremdarti daß ſie jähe verſtummte und ihren an dem wunderlich ausſehender bis der verrätheriſche Ausd Auge mit einem wunderung, womit des nie empfundene Verwirrun verſchämt die Stirn Arme Kleine, ohne Verlegenheit die b bewog, mit ihnen zu dem für ſie bereit ſtehe.“ Sara und Johannes vertraulichen Geplauder Fremden Au g über ſie ergoß ſeitwärts zu neigen es war der ver Zopf und Puder! Sie wuß Rentelow neben ihm ſtand: trachtete. Schnell wich E Auge in ger Erſcheinung, Blick ſo lange erſtaunt Menſchen wurzeln ließ, ruck der leidenſchaftlichen Be⸗ ge auf ihr ruhete, eine und ſie zwang, ſpottete Mann ohne te es ſogleich, und lachend ihr Erſtaunen be⸗ weil der Rath ditha hinter Sara zurück, die ſchlo eiden Herren anredete und ſie Platze zu gehen,„wo ein Imbiß ſſen ſich ſogleich zu einem an einander, der Seite des V Momente des aters ſtumm und ſinn Der junge Mann ſchien nach dem Erblickens keinen Geda haben. Weder Wort noch Blick wen Mal an ſie. Sein ganzes das Unternehmen gerichtet, Beſchluſſe des wohllöblichen Dichten un das nun, Magiſtrat während Editha an end hinterher ging. erſten huldigenden nken an Editha zu dete er ein einziges d Denken war auf nach dem gefaßten es, in ſeine Hände — 38 überging. Er machte Sara damit bekannt. Er legte dem verſtändig zuhörenden Mädchen ſeine Pläne vor, beſchrieb ihr das Terrain, machte ihr die Art und Weiſe deutlich, wie er dem Elemente ſelbſt die Zerſtörung der ange⸗ ſchwemmten Sandflächen am Ochſenwerder zu überlaſſen gedenke, nachdem er dem Waſſer einen kleinen Spielraum verſchafft habe— genug, er war mit Leib und Seele in ſeinem Geſchäfte, ohne zu beachten, daß er mit einem hüb⸗ ſchen Mädchen ſprach und ohne daran zu denken, daß das reizendſte und lieblichſte Geſchöpf auf Gottes Erdboden hinter ihm ging und ihn— bewunderte. In Editha konnte unter dieſen Umſtänden der erſte Eindruck, den dieſe ganz abweichende Männererſcheinung auf ſie gemacht hatte, recht feſte Wurzel faſſen und ihr feiner, poetiſcher Sinn befähigte ſie, in allen den Abwei⸗ chungen von der Mode und von dem Herkömmlichen, mehr, als eine capriciöſe Gleichgültigkeit zu erkennen. Ein ſonderbarer Geiſt umflog die Geſtalt des jungen Mannes und ſtempelte jede Bewegung deſſelben. Wie zwanglos und frei trug er das Haupt, wie edel erſchien ſeine ſchlanke Geſtalt in dem einfachen ſchwarzen Habite, wie feſt und ſicher war ſein Gang und wie lebhaft und ausdrucksvoll die Geberden, womit er ſeine Rede begleitete. Still und freudig ſchritt ſie ihm nach. Es regten ſich weder Wünſche noch Hoffnungen in ihrer reinen Kindesſeele und doch 39 fühlte ſie ſich glücklich, doch lauſchte ſie faſt andächtig dem Klange der ſonoren Stimme, die in einfachen und doch gewählten Worten, von dem redete, was ſeinen Geiſt in Anſpruch nahm. Ihre Schmetterlingsnatur verlor in dieſem Momente etwas von der Sorgloſigkeit ihrer Freu⸗ den, ſie erkannte des Lebens tiefere Bedeutung und ſie ahnte des gebildeten Mannes geiſtige Macht und Höhe. Johannes wurde ganz unbewußt der Gott ihrer Träume und das Ideal ihres Lebens. Der Keim eines ſüßen Ge⸗ fühles ſenkte ſich in ihr Herz, ohne daß ſie es fühlte. Solche Keime werden nie wieder zerſtört, wenn auch des Lehens Wogen darüber hinziehen und ihnen die Kraft zum Emporwachſen nehmen ſollten. Könnten wir in den Herzen mancher einſam gebliebenen Jungfrauen leſen, ſo würden wir dieſe Behauptung bekräftigt finden. Unter Plaudern und Scherzen hatte unterdeſſen Frau Suſanne mit Frau Kaiſerling den Abendtiſch beſchickt und Leckerbiſſen aller Art aufgetiſcht. Mitunter ſchalt die Erſtere auf die ſäumigen Töchter, die es vorgezogen hatten, Luft und Sonnenſchein, Früh⸗ lingshauch und Blüthenduft zu genießen, ſtatt die prächti⸗ gen Leberwürſte, die delikaten Räucherwürſtchen und den duftigen Käſe zu bewundern. Frau Kaiſerling redete ihnen aber immer das Wort und lobte die jungen Seelen, die ſo offen für reine Naturfreuden waren. 40 Der Aldermann ließ es ſich vortrefflich ſchmecken. Er behauptete:„in freier Luft habe man doppelten Genuß vom Eſſen.“ „Gevatter Kaiſerling,“ rief der Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherr in wiedergekehrter guter Laune,„Ihr habt Euch verſprochen. Doppelten Genuß kann man nur haben, wenn man jißt und trinkt zugleich. Hier, probt einmal mein Bier— es iſt Märzbier— delikat— nicht?“ „Proſit Vetter Vogler— Dein Bier iſt unüber⸗ trefflich!“ rief Kaiſerling.„Ha! da kommen unſere Mäd⸗ chen— ſie bringen die Strandläufer mit.“ „Haſt Du noch Vorrath, Mutter Suſanne,“ fragte Vogler.„Wer ſo tüchtig reden kann, wie Herr Johannes, der wird auch wohl tüchtig mangiren können,“ ſetzte er nicht ohne ſpöttiſche Beimiſchung hinzu. Er konnte es nicht verwinden, daß er die Anſchläge des jungen Mannes für das Product der reifern Beurtheilung des Oberbau⸗ rathes gehalten hatte. Man rückte zuſammen und machte Platz. Sara übernahm ſogleich die Pflichten der Wirthin. Editha ſetzte ſich fern, auf die äußerſte Ecke der Bank, worauf Johannes ſaß, damit er ſie nicht ſehen und bemerken ſolle. Sie hätte ja nicht athmen können unter ſeinen Blicken, geſchweige denn eſſen. Vetter Vogler's Bier ſtellte bald ein gutes Vernehmen 41 zwiſchen dem griesgrämlichen Kauf⸗, Brau⸗ und Raths⸗ herrn und dem jungen Baumeiſter her. Johannes fand das Bier über die Maßen gut und ſtellte es weit über alle Biere, die er in fremden Landen getrunken hatte. Das glättete Vogler's Stirn und erhellte die ſteifen Geſichtszüge. Er wurde redſelig und begann die Poten⸗ taten herzuzählen, die ſein Bier getrunken und gelobt hatten. „Nun, die fürſtlichen Herren mögen durſtig geweſen ſein,“ ſchaltete Kaiſerling ſchelmiſch ein,„durſtig, wie einſtmals der alte Fritz bei Pietzpuhl—“ „Darauf kommt nichts an, Vetter Kaiſerling,“ ant⸗ wortete Vogler gravitätiſch.„Sara, mein Mädchen, fülle mir den Krug—“ Sara ſtand auf und reichte ihm den Krug mit den Worten:„Zu Ihrem Befehl Herr Vater!“ „Weißt Du noch mein Mädchen, wie Du dem Preußenkönige den Bierkrug kredenzt haſt?“ fragte er immer gleichmäßig gravitätiſch. „Zu Befehl, Herr Vater. So etwas vergißt man ſo leicht nicht,“ erwiederte Sara mit leichtem Erröthen. „So erzähle dem Vetter Kaiſerling die Geſchichte Wort für Wort—“ „Ich weiß ſie ſchon— ich weiß ſie wahrhaftig ſchon,“ rief Kaiſerling lachend und abwehrend. 42 „Sara, erzähle!“ gebot der Vater. Das Mäd⸗ chen ſchaute etwas verlegen vor ſich hin. Aber ſie durfte nicht zögern, wenn ſie nicht des Vaters Zorn auf ſich laden wollte. Kaiſerling erbarmte ſich ihrer. Er trotzte gleichſam dem Unwillen Vogler's, der ſchon ſprühend aus ſeinen dunkeln Augen brach. „Sara war mit dem Bierwagen nach Pietzpuhl ent⸗ wiſcht,“ ſchrie er, ſcherzhaft ſeine Stimme verſtärkend,„um ſich die Kriegsmanöver und den alten König Friedrich in der Nähe zu beſehen— war es ſo, Sara?“ Das Mädchen nickte ernſthaft mit dem Kopfe und wollte fortfahren. Kaiſerling ließ ſie nicht zu Worte kommen.„Der alte Fritz verlangte einen Trunk Waſſer, denn es war ſchmäh⸗ lich heiß.— Ja, Waſſer!— Wo Waſſer hernehmen! Bier hatte der ehrenwerthe Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherr Vogler wohl hingeſchickt für die durſtigen Seelen, aber Waſſer— ungebrautes Waſſer war nicht da. Iſt's richtig ſo, Sara? Weiter im Text. Sara war immer ein pfiffig Mädel— ſie hört von dem Durſt des Königs und ſieht, daß Niemand im ganzen Heere der Ehren iſt, dem alten Manne einen Trunk Bier anzubieten.— Ja, wer wollte es auch wagen, Bier zu bringen, wenn ein König Waſſer verlangt! Sara alſo ſieht mit Erſtaunen die Unhöflichkeit der Herren Offiziere, die Bier trinken bis ſie nicht mehr durſtig ſind und ihren König und Herrn verdurſten laſſen. Reſolut nimmt ſie einen Krug, läßt ihn voll laufen, daß der Schaum wie eine Nachtmütze darauf ſteht, geht nach dem König, der zu Pferde nahe bei hält, macht einen Knix bis an die Erde und reicht ihm den Bierkrug hinauf. Iſt's recht ſo, Sara?“ „Ganz recht,“ erwiederte ſtatt der Tochter der Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherr.„Haſt die Geſchichte gut behalten, Kaiſerling.“ „Habe ich ſie doch oft genug hören müſſen,“ entgeg⸗ nete er lachend.„Zetzt erzähle weiter, Sara.— Jetzt biſt Du an die Reihe— „Ich reichte dem Könige den Bierkrug, er ſah mich eine volle Minute ſtarr und ernſthaft an, nahm dann den Krug hinauf auf's Pferd und leerte ihn ohne abzuſetzen—“ „Der König war nämlich durſtig,“ ſchaltete Kaiſer⸗ ling wieder ein. „Das war ja ein köſtlicher Trank,“ ſagte der König und nickte mir freundlich zu.„Warum iſt niemand Anders ſo geſcheut geweſen und hat mir einen Trunk Bier ge⸗ boten— Alle, die um ihn herum ſtanden, blickten erſt ſich und dann mich an.„Wie heißt Du denn, Kleine?“ fragte der König weiter.—„Sara Vogler!“—„Wo haſt Du das Bier her?“—„Von meinem Vater, der läßt es brauen!“—„Wer hat Dir geſagt, daß Du mir Bier bringen ſollteſt?“—„Ich hörte ja, daß Sie durſtig 44 wären!“—„Sieh, das iſt geſcheut von Dir geweſen— grüße Deinen Vater und ſage ihm, wenn ich nach Magde⸗ burg käme, ſollteſt Du mir alle Tage einen Krug Bier bringen!“ „Der König iſt damals durſtig geweſen, ſehr dur⸗ ſtig!“— rief Kaiſerling abermals neckiſch dazwiſchen. „Es iſt gut, daß er nicht nach Magdeburg gekommen iſt.“ —„Er iſt leider darüber hingeſtorben“— ſchloß Sara ihre Erzählung. „Aber ich habe dem Könige alle Jahr bis zu ſeinem Tode ein Fäßchen Bier nach Sansſouci geſendet,“ fügte Vogler ſelbſtzufrieden hinzu,„und ich habe jedes Mal ein eigenhändig unterſchriebenes Dankbilletchen von ihm dafür erhalten.“ „Ich wette aber, er hat nicht einen Tropfen von dem ſchönen Getränke zu ſehen bekommen,“ neckte Kaiſerling. „Schade, daß Du es mir nicht geſchickt haſt— ich hätte es bis auf den Grund geleert.“ Vogler machte ein wohlwollendes Geſicht. Er wußte recht gut, daß nur die neckiſche Laune Kaiſerling's ſeinem Bier entgegen arbeitete. „Doch Sara, mein Mädchen, die Geſchichte iſt noch nicht aus,“ begann er dann und fügte zu den beiden Ren⸗ telow's, die ſich augenſcheinlich an dem freundſchaftlichen Zanke ergötzten, gewendet, hinzu: „Die Geſchichte endet mit Liebe und mit Heirath!— Erzähle Sara—“ Gehorſam fing das junge Mädchen wieder an, nach⸗ dem ihr Blick den Aldermann vergebens gebeten, doch jetzt auch wieder das Wort für ſie zu ergreifen. „Der König ſagte noch zu mir:„Wenn Du groß biſt, Kleine— ich war damals zehn Jahr alt— ſo ſollſt Du Dir als Dank für Deine Labung den allerſchönſten Offizier in der ganzen Armee ausſuchen.“ Sara hielt einen Moment inne und ſah ihren Vater fragend an. Dieſer zog ſein ſteifes Geſicht zu einem Lächeln, deutete auf den unruhig hin⸗ und herrückenden Aldermann und ſagte:„Strafe muß ſein— weiter im Texte.“ Alle übrigen ſahen halb verlegen vor ſich nieder, nur der Rath Rentelow und Johannes richteten geſpannt ihre Blicke auf Sara. „Der Herr Vater belieben heute mit mir Scherz zu treiben,“ ſagte ſie mit leichtem Stirnrunzeln.„Es kennt ja Jeder den Schluß der Geſchichte—“ nicht,“ ſprach der Rath,—„wir bitten um 74 7 den un— der König hielt Wort,“ referirte jetzt eilig das Mädchen. EKines Tages kam ein Kavalier, ſchön, ſtattlich und galant, wie ein Sonnengott, in Magdeburg angefahren 46 und präſentirte ſich dem Herrn Vater als den, welchen der König für mich ausgeſucht habe. Der Herr Vater beſah ſich den adligen Herrn von ullen Seiten und ſagte dann: Daraus wird nichts! Der junge Adlige ſchien ſich auch nicht darüber zu grämen. Er hatte ſich in Gabriele Kaiſer⸗ ling verliebt und er iſt ihr Mann geworden.“ „Wie— Kotſchinski war des Königs Auserwählter?“ fragte der Rath Rentelow ganz überraſcht.„Wie iſt der König mit der Wendung der Dinge zufrieden geweſen?“ „Er hat es nicht mehr erfahren, denn er ſtarb an dem Tage, wo ſich Kotſchinski mit Gabriele verheirathete,“ entgegnete der Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherr, mit großer Selbſtzufriedenheit ſeinen Blick auf den ſtumm gewordenen Aldermann richtend. „Alſo Gabrielen, die zweite Geſpielin meiner Ju⸗ gend, finde ich verheirathet,“ ſprach Johannes belebt. „Verheirathet geweſen,“ warf die Frau Aldermann hin.„Unſer Schwiegerſohn iſt todt!“ „Arme Gabriele— ſo früh ſchon Wittwe,“ ent⸗ gegnete der junge Mann.„Die Kotſchinski's ſcheinen übrigens Schönheit und Männlichkeit als Mitga Reiſe nach Frankreich auch einen Herrn von Ko ſchinski kennen lernen, der ein Ideal männlicher Schönheit ge⸗ nannt werden konnte. Seine Gattin, aus dem Geſchlechte 47 derer von Buſſer, war aber das affreuſeſte und ſtolzeſte Geſchöpf, das mir je vorgekommen iſt.“ Frau Kaiſerling hatte ängſtlich aufgehorcht, als der junge Baumeiſter von einem zweiten Kotſchinski zu reden begann. Bei der Erwähnung ſeiner Gattin hob ein erleich⸗ ternder Athemzug ihre Bruſt und ſie ſendete der Frau Suſanne einen Blick des Einverſtändniſſes zu. „Das war jedenfalls der Herr von Kotſchinski, welcher dem Doctor Weinheim zu ſeiner Behauptung Veranlaſſung gegeben hatte!“ „Wo lebt Gabriele als Wittwe?“ forſchte Jo⸗ hannes. „Hier, im Hauſe ihrer Eltern,“ antwortete Sara. „Und dies reizende Kind—“ er deutete verſtohlen auf Editha, die ſtill, wie ein Schmetterling mit zuſammen⸗ gelegten Flügeln, da ſaß—„iſt das Editha, die kleine Libelle?“ Sara bejahte.—„Sie iſt wunderhübſch ge⸗ worden“— flüſterte er weiter—„aber iſt ſie ſo klug und geiſtreich wie Gabriele?“ „Weder ſo hübſch, noch ſo klug und ſo geiſtreich,“ antwortete Sara trocken. Der bewegte Stimmenton des jungen Baumeiſters mißfiel ihr. „Sditha iſt ein gutes Kind, weiter nichts!“ „Ihr Auge verſpricht mehr— es verſpricht den Himmel auf Erden—“ 48 „Ich verſtehe mich auf die Sprache der Augen nicht,“ ſagte Sara aufſtehend.„Solche Künſte lernt man nur in der Fremde.“ Sie entfernte ſich von Johannes und half ihrer Mutter die Ueberreſte der Mahlzeit in den Korb packen. Wort und Accent ihrer Rede war aber ſpurlos an des jungen Mannes Seele vorübergegangen. Sein lebhafter Geiſt irrte ſchon wieder ab von der augenblick⸗ lichen Beſchäftigung mit äußern Dingen und als Sara noch über das warme Lob Editha's grollte, hatte er es längſt vergeſſen, daß Editha auf der Welt exiſtirte.. Die Geſellſchaft beſtieg bald darauf, mit Unter⸗ ſtützung einiger Schemel, den klaſſiſch gebauten Stuhl⸗ wagen und fuhr im Golde der Abendſonne heim. Viertes Capitel. Sobald Editha das Haus erreicht hatte, flog ſie mit Windeseile die Treppe hinauf in das zweite Stockwerk, wo ihre Schweſter wohnte. 4 Gabriele, um acht Jahre älter als Editha, gereift in dem Sonnenglanze einer frühen Liebe, und vernichtet von dem leidenſchaftlichen Schmerze eines herben Verluſtes, hatte die Luſt an Weltfreuden verloren und lebte nur noch 49 den Pflichten, die ihr die Erziehung ihres Sohnes auf⸗ erlegte. Alexander machte ihr dieſe Pflichten leicht, durch eine Liebe ohne Gleichen, aber er zog ſeine jugendliche Mutter dadurch in den engen Kreis ſeiner kindiſchen Ver⸗ gnügungen und machte ſie gleichgültig gegen Alles, was nicht ihn betraf. Nur Editha gehörte zu dieſen Beiden, nur dies kindliche Mädchen mit der fröhlichen Stimme und dem herzinnigen Gelächter, paßte zu dem kleinen Kreiſe von Freude und Luſt, der Mutter und Sohn einengte. Während man allgemein, vom Scheine verleitet, annahm, daß dumpfe Trauer um einen geliebten Todten Veran⸗ laſſung zu dem abgeſchloſſenen Leben Gabrielen's ſei, waltete dort oben in ihrem traulichen Zimmer eine reine, wenn auch ſtille Fröhlichkeit. Allerdings kamen Stunden, wo die Erinnerung an das, was ihr auf ewig verloren gegangen war, mit bitterm Leide an ihr vorüberrauſchte, aber ein Blick auf das, was ihr der Himmel erhalten hatte, ein Blick auf ihren präch⸗ tigen, ſchönen Knaben— das getreue Abbild des ver⸗ blichenen Gatten— goß Troſt in ihr Herz und machte es wieder ruhig. Der Abend war hereingebrochen und Gabriele ſaß einſam am offenen Fenſter, umſpielt vom Hauche des Frühlings und verſunken in Bilder ihrer Ver⸗. gangenheit. Ihr Knabe ſchlief im Nebenzimmer. Sie hatte ihn zu Bette gebracht. Er hatte gebetet, hatte ſein 1858. X. Vorwärts! I. 4 50 Mütterchen geküßt und dann plötzlich ſeltſamerweiſe nach ſeinem Vater gefragt. Durch ſolche Fragen regt ſich das längſt begrabene bittre Gefühl der vergangenen Schmerzen gewöhnlich über⸗ wältigend auf. Gabriele weinte nicht, aber ſie litt in ihrer Einſamkeit herbere Pein, als unter beſchwichtigenden Thränen. Editha erſchien ihr als der Engel des Troſtes. „Biſt Du zurück, Kleine,“ rief ſie freudig, als die Thür ſich öffnete und das junge Mädchen auf ſie zueilte. „War es ſchön im Walde? Sangen die Nachtigallen? Blühen die Bäume ſchon?“ Editha warf ſich, tief aufathmend, auf ein Tabouret, das neben Gabriele ſtand, lehnte die Stirn an die Schulter der Schweſter und antwortete: „Ich weiß es nicht.— Ich weiß es wirklich nicht!— Alle meine Gedanken ſind verſchwunden.“— Frau von Kotſchinski hob beſorgt Editha's Geſicht zu ſich empor und ſchaute in das klare Kinderauge. „Was iſt Dir begegnet, Kleine?“ fragte ſie. Editha bewegte abwehrend den Kopf, aber eine helle Röthe zuckte über Stirn und Wangen, als ſie antwortete: „Nichts— nichts, Gabriele!“ Gabriele, von eignen Erfahrungen gewitzigt, ließ 51 ſich zwar von dieſer Antwort nicht täuſchen, allein ſie ſtellte ſogleich ihre directen Forſchungen ein.. „Was haben die Herren beſchloſſen?“ fragte ſie, Gleichgültigkeit heuchelnd. „Er bleibt hier,“ flüſterte Editha. Frau von Kot⸗ ſchinski ſah ſie verwundert an. „Wer bleibt hier?“ fragte ſie. „Rath Rentelow's Sohn,“ ſprach Editha ſo leiſe, daß es wie ein Hauch von ihren Lippen ging. Gabriele hatte es doch verſtanden und den ganzen Zuſammenhang ſogleich begriffen. „Wie? Höre ich recht, Kleine? Iſt Johannes hier? Iſt er zurück von ſeinen Reiſen— Haſt Du ihn geſehen?“ rief ſie freudig bewegt. Editha bejahte nur pantomimiſch dieſe Fragen. Ihr Auge leuchtete aber und ihre Lippen wurden von einem begeiſterten Lächeln umſpielt. „O, erzähle mir— wie ſieht er aus?— Phanta⸗ ſtiſch, wie ſonſt? Ritterlich, wie ſonſt?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete das Mädchen zagend.„Ganz anders wie andere Leute ſieht er aus— aber ſchön! Locken, wie der Johanneskopf in der Mutter Kabinet trägt er—“ „Das ſieht ihm ähnlich!“ rief die junge Wittwe lachend.„Schon als Knabe ſchüttelte er ſich den Puder 4* 52 vom Kopfe, zum großen Verdruſſe ſeiner ſeligen Mama.— Hat er noch immer das Motto„Vorwärts“ im Munde.“ „Er trägt es mindeſtens in ſeiner ganzen Erſchei⸗ nung zur Schau. O, wie ſchön müſſen die Menſchen ſein, wenn ſie, wie er, allen Firlefanz von ihrem Leibe abwerfen. Er trägt keine Pochenweſten, keine Stelzhacken, keinen Haarbeutel, keinen Zopf— Du ſollſt ſehen, wie ſchön er ausſieht!“ „Kannte er Dich wieder?“— E(Sditha ſchüttelte traurig den Kopf. Er hatte ja kein Wort mit ihr ge⸗ wechſelt.—„Wie?„ſeine kleine Libelle“ kannte er nicht?“ wiederholte Gabriele.„Du warſt ſein Liebling— erin⸗ nerſt Du Dich, wie er Dich nach dem neuen Fürſtenwalle entführt hatte, um Dir dies Wunderwerk zu zeigen.“ Editha erinnerte ſich nicht. Auch, daß der Beiname„kleine Libelle“ von ihm herſtammte, wußte ſie nicht. Die ge⸗ ſteigerte Flatterhaftigkeit ihrer Jugend hatte verhindert, daß irgend ein Eindruck Wurzel in ihr gefaßt hatte. Dazu kam die Verheirathung und Abweſenheit ihrer Schweſter, welche als Theilnehmerin von dergleichen Jugendfreuden ſie hätte auffriſchen können. Gabriele zeigte eine rührende Lebhaftigkeit, indem ſie jetzt einige Vorfälle aus ihrer Jugendzeit recapitulirte, worin Johannes mit Sara und ihr die Hauptrollen geſpielt hatten. „Es war ein excentriſcher, thatkräftiger Knabe,“ 53 ſprach ſie.„Ich war die Aelteſte unſres Kreiſes und bildete eine Art Reſpectsperſon für Johannes— mein Gott, wie bleiben die alten ſchönen Freuden der Kinderjahre doch lebendig im Menſchen!— Ich ſehe uns im Garten des Vetter Vogler— Johannes kletterte über die Trümmer der alten Kloſtermauern, die zwiſchen ſeines Vaters und Vogler's Hauſe lagen.— Es iſt Alles anders geworden, wie wir dachten! Verblüht ſind die Roſen der Jugend— überall ſchreitet die Zeit fort— nur ich, nur ich bleibe bei der Grenze, die ein Todtenkreuz bezeichnet, ſtehen. Wenn ich vorwärts in's Leben ſchauen will, ſo zieht dies Todtenkreuz meinen Blick zurück, wenn ich vergeſſen will, ſo drückt es ſich in mein Herz, bis es wieder wund wird—“ „Gabriele, Deine Trauer iſt aber unnatürlich,“ unterbrach Editha ſie ſanft und ſchlang ihre Arme um ſie. „Sara ſagt: man ſpotte darüber!“ Die junge Wittwe ſah ſchmerzlich lächelnd zum Him⸗ mel hinauf, an welchem die Sterne kaum ſichtbar flim⸗ merten. Es giebt immer Momente im Leben, wo das Geſchick den Schlummer eingelullter Qualen bricht, wo ein Strahl göttlicher Liebe die Pein einer bekümmerten Bruſt löſt. Der Balſam für die neu aufgewühlten Schmerzen liegt in dem Mitgefühle eines Menſchenherzen und in ihm heilt die Wunde am ſicherſten. „Des Herzens Leiden werden ſtets von den Menſchen 54 verſpottet, liebe Kleine,“ entgegnete Frau von Kotſchinski ruhig und ſanft.„Wenn wir dabei eine ungeſtörte Ge⸗ wiſſensruhe aufweiſen können, ſo beirrt uns dieſer Spott nicht, wir belächeln ihn! Aber Du haſt Recht, wenn Du meine Trauer unnatürlich findeſt, ſie ſtammt aus der immer wachen Qual eines begangenen Unrechtes.“— Editha lächelte ungläubig. Gabriele in ſteigender Bewegung fort:„Dieſe Stunde iſt heilig, meine Kleine, ſie hat mich erkennen laſſen, daß das Herz des Kindes dem Lichte der Erkenntniß entgegenſtrebt. Nimm von mir, der ſchwer geprüften Frau, die Lehre an: nie, hörſt Du, Editha, nie⸗ mals Dich aufzulehnen gegen eines Gatten Wunſch— Du weißt nicht, was die Zeit im Schooße trägt und wenn die Minute des Widerſtandes verflogen iſt, ſo ſinken wir armen Weiber doch wieder in die Bande der Liebe zurück, die uns dem Manne unterthan machen.“ Editha verſtand ihre Schweſter nicht ganz, wenigſtens verrieth ihr Blick ganz unzweideutig mehr Erſtaunen, als Ergriffenſein.. „Wirſt Du es beſſer begreifen, wenn ich den Schleier von meinem Trauern ziehe und Dir geſtehe, daß mein Gatte im Zorn von mir geſchieden iſt, im Zorn, weil ich mich weigerte, eigenſinnig und beharrlich weigerte, eine Geſellſchaft zu beſuchen, die in Wiesbaden meinetwegen arrangirt war? Mein Gatte bat— ich ſchlug es ab. Er 5⁵ befahl— ich weigerte mich. Er drohte, er gerieth in den flammendſten Zorn— ſo ſchieden wir und er verließ mich. Am andern Morgen war er allein abgereiſt. Einen Mo⸗ nat ſpäter erhielt ich die Nachricht ſeines Todes! Was half mir alle Reue— was nützte mir mein Vorſatz, ge⸗ horſam ſeinem Willen zu ſein— er war todt, bevor ich ihm meinen Sinneswechſel bethätigen konnte.“ „Und deshalb willſt Du Dein Leben vertrauern?“ fragte Editha mit allen Zeichen einer innern Empörung. „Wie ſchwach biſt Du, Gabriele! Wie ſchwach und em⸗ pfindſam. Hat die Frau nicht das Recht, über ſich zu be⸗ ſtimmen, wenn es außer dem Kreiſe ihrer Pflichten liegt, was der Mann verlangt? Sind wir Sclavinnen? Ver⸗ dient die Herzloſigkeit des Mannes, der uns im kindiſchen Zorn verläßt, eine Trauer, die wie ein Wurm unſer Leben durchnagt?“ „Armes Kind mit Deiner Weisheit!“ entgegnete Frau von Kotſchinski traurig lächelnd.„Dämpfe erſt die Qual des liebenden Herzens, das nach einem verſöhnenden Blicke des geliebten Mannes ſeufzt, dämpfe ſie!“ „Und ſollte der Mann nicht auch nach der Verſöh⸗ nung verlangen?“ „Die Kraft ſeines Gemüthes hilft ihm darüber hin⸗ weg— er kann uns entbehren, wir aber nicht ihn!“ Editha ſprang auf und trat vor ihre Schweſter hin. 56 „Das iſt Schwäche im Weibe,— das iſt Schwäche und nicht Liebe! Verlangt alle Opfer von mir, ich will ſie gewiß dem Manne bringen, den ich liebe, aber wenn er mich entbehren kann, ſo bin ich zu ſtolz, um ſeiner zu bedürfen!“ „Kind! Kind!“ rief Gabriele.„Deine Flügel werden ſchon ſchmelzen, wenn Du einſt der Sonne näher kommſt.“ Sie zog das glühende junge Mädchen an ihre Bruſt und küßte ſie inniger als ſonſt. „Du ſollſt nicht vergeblich geredet und mir das als Schwäche vorgehalten haben, was mir die Liebe als Sühne dictirte. Ich will zu vergeſſen ſuchen.“ „Ja, Gabriele, erhebe Dein Haupt, traure nicht mehr! Hebe Dein Haupt und freue Dich der Güte Gottes!“ rief Editha mit begeiſtertem Tone und zog ihre Schweſter mit ſanfter Gewalt in's Nebenzimmer an das Bett des Knaben Alexander. Gabriele verſtand, was Editha ſagen wollte. Ueber⸗ wältigt von tiefen, heiligen Gefühlen, in denen die Frauen⸗ liebe der Mutterliebe unterlag, warf ſie ſich an dem Bette nieder und küßte unter rinnenden Thränen ihr Kind. Alexander erwachte. Wild und heftig richtete er ſich auf und ſah um ſich. „Mama— war er da?“ fragte er abgeſtoßen, wie man im Traume redet. 57 „Wer, mein Kind? Wer?“ flüſterte Frau von Kot⸗ ſchinski und ſtrich liebkoſend die reichen dunklen Locken von des Knaben Stirn. „Du weinſt doch? Er war da und hat Dich zum Weinen gebracht!“— Der Schlummer legte ſich leiſe wieder über ſeine Seele. Mit den Aermchen ſeine Mutter umſchlingend lehnte er ſich in die Kiſſen zurück und ſchlief weiter. Sditha ſchlich hinaus. Sie hatte eine gute Sat geſäet! Fünftes Capitel. An manchen Tagen keimt, grünt, blüht und trägt Alles Früchte. Als der Rath Rentelow an dem Abende dieſes Tages in ſeinem Studirſtübchen ſaß und den Ereigniſſen der verfloſſenen Stunden nachdachte, da erwachte ein ſtill ge⸗ hegter Wunſch, den er bis dahin verſchwiegen in der Bruſt getragen, mit ganzer Stärke und forderte ihn zum Handeln auf. Von jeher war ihm der Gedanke„ſeinen Sohn mit der jüngſten Tochter des Hauſes Kaiſerling zu verbinden“ ein Lieblingsplan geweſen. So lange Johannes irre in der Welt herumreiſte, um ſeinen Durſt nach Wiſſen und 58 Vervollkommnung zu befriedigen, wäre es unzuläßlich ge⸗ weſen, bei dem Vater Editha's auch nur eine Andeutung zu wagen. Zu der Zeit, wo ſich dieſe Geſchichte zutrug, übernahmen ſehr häufig die Väter die Verheirathung ihrer Kinder als ein Geſchäft, das gegenſeitig erſt zur vollkom⸗ menen Befriedigung applanirt wurde, ehe man die Kinder davon unterrichtete. Man ging dabei vorſichtig zu Werke, ſuchte die Meinung gegenſeitig zu erforſchen, decouvrirte gelegent tlich die pecuniären Vortheile und erſt, wenn man ſich ſicher glaubte, nicht abgewieſen zu werden, trat man mit einem förmlichen Antrage hervor. Der Rath Rentelow beſchloß, jetzt die Realiſirung ſeines Wunſches in Angriff zu nehmen und da er keine Ahnung davon hatte, daß der Sieg ſeines Sohnes in Betreff des Waſſerbaues, dem Aldermann eine Art Nieder⸗ lage bereitet hatte, ſo beſtimmte er ſorglos einen der näch⸗ ſten Tage, um, wie er zu ſagen pflegte,„beim alten Herrn auf den Buſch zu klopfen.“ Wohl friſirt und ausgerüſtet mit allerhand Fineſſen, um das Geſpräch bis zu dem betreffenden Gegenſtande hin zu bugſiren, machte er ſich denn eines Morgens auf und ging in das ſtattliche Haus der Firma„Kaiſerling,“ das, dem Markte nahe, auf dem Breitenwege lag. Mit dem ſtattlichen und wichtigen Weſen eines Mannes, der, dem höhern Beamtenſtande angehörig und einer Familie 59 zuzählend, die ſich durch Jahrhunderte hindurch in den bürgerlichen Verhältniſſen oben auf gehalten hatte, mit Zuverſicht die Schwelle eines jeden Hauſes betreten zu können glaubt, ſchritt der Rath durch den Hausflur und klopfte anſtändig, aber laut genug an die wohlbekannte Thür des Kaiſerling'ſchen Familienzimmers. Das übliche„Herein“ wartete er, in ſeiner Würde als vornehmer Herr, nicht ab, ſondern trat ätni auf die Schwelle, indem er die Thür weit aufſtieß. Eine Wolke von Puder flog ihm durch den verur⸗ ſachten Luftzug entgegen und des Aldermanns Stimme drang lachend durch dieſen Nebel:— „Serviteur, Herr Rath! Serviteur! Der Herr Rath finden mich noch unter den Händen meines ſäumigen Friſeurs.— Wollen Sie nur gütigſt etwas fern von uns am Fenſter Platz nehmen, der Haarkünſtler iſt ſogleich fertig. Er hat mich auf zwei Tage eingemehlt—“ „O, bitte! bitte!“ lispelte der Friſeur und ſchlüpfte wie ein Aal um den im Pudermantel vergrabenen Alder⸗ mann herum.„Meine armen und geringen Hände haben den Herrn Aldermann gepudert!“ „Was iſt Puder, Schwentſer? fragte der Rath gra⸗ vitätiſch ſcherzend. Der Friſeur bückte ſich bis auf die Erde.„Freilich 60 wohl— Mehl, nichts als Mehl, wenn Eure Gnaden es haben wollen!“ antwortete er. „Nun, dann iſt's doch richtig, daß Er den Aldermann eingemehlt hat!“ „Da hört Er es, Schwentſer!“ lachte der Aldermann. „Meine hohen Gönner belieben mit Ihrem geringen Diener Scherz zu treiben,“ flüſterte der Friſeur devot, aber der Schelm blitzte ihm aus den Augen, womit er die Geſtalt des Rathes maß und dann hinzufügte:„Sie haben die Gnade, mir den Kopf zurecht zu ſetzen, nachdem ich ihn Hochdenſelben zurecht geſetzt habe.“— Kaiſerling lachte. Der Friſeur Schwentſer ſtand bei ihm in ganz beſonderer Gunſt und durfte ſich ſchon einen Scherz erlauben. Weniger gnädig nahm der Rath den Witz auf.— „Hüte Er ſeine Zunge, Mosjeh Schwentſer!“ rief er verweiſend.„Es wird die Zeit nicht mehr fern ſein, wo man Seine Dienſte entbehren kann.“ Der Friſeur ſtellte ſich ſehr betroffen, nahm ſubtil den Pudermantel von Kaiſerling's Schultern und ſchritt rücklings unter vielen Reverenzen bis zur Thür. Hier hielt er an und antwortete im Tone der größten Submiſſion: „O, ſollte es wohl, geſtrenger Herr Rath? Man munkelt freilich davon und einige Sonderlinge wollen der⸗ gleichen einzuführen ſuchen, aber es wäre ja ein Rückſchritt der Kultur bis zu Simſon's Zeiten und der hat doch ſchon 61 bewieſen, daß die Klugheit nicht in den langen Haaren ſteckt!“ Flugs war er zur Thür hinaus, allein er hörte noch draußen den Zornesruf des Rathes:„Er iſt ein un⸗ verſchämter Geſell, Mosjeh Schwentſer!“ und er hörte auch noch das ſchallende Beifallsgelächter des Alder⸗ mannes. „Wie können Sie über ſolchen dummen Witz, der meinen Sohn treffen ſoll, ſo lachen,“ ſprach der Rath nicht in der beſten Laune. „Der Herr Rath entſchuldigen“— erwiederte Kaiſer⸗ ling ſpitzig—„ich pflege in meinem Hauſe über das zu lachen, was lächerlich iſt. „Das mögen Sie halten, wie Sie wollen, nur nicht in meiner Gegenwart, wenn mein Sohn compromit⸗ tirt wird.“ „Jeder iſt für den Eindruck verantwortlich, den er macht—“ „Herr— wie ſoll ich das verſtehen,“ ſagte der Rath aufmerkſamer und mit ſteiferer Würde. „So, wie ich es geſagt habe! Der Herr Rath er⸗ lauben, daß ich auch der Meinung bin, die Weisheit ſtecke nicht im Habite.“ „Wollen Sie damit meines Sohnes Fähigkeit in Zweifel ſtellen?“ „Keineswegs. Der Herr Sohn haben uns ſchon 62 bewieſen, daß Hochdieſelben viel mehr gelernt haben, als andere Menſchen begreifen können.“ „Daran zweifle ich nicht und die Zeit wird lehren, daß er das Erlernte anzuwenden weiß.“ „Davor bewahre uns Gott!“ murmelte Kaiſerling. „Wiſſenſchaft iſt für Euch Kaufleute ein böhmiſch Dorf.— Der Herr Aldermann kann ſich darauf verlaſſen, daß mein Sohn mit der Theorie ſeines Faches vertraut iſt, wie nur Einer.“ „Ich zweifle gar nicht. Der Herr Rath erlauben mir aber die Bemerkung, daß Theorieen immer an Hypo⸗ theſen gelitten haben.“ „Er wird es dem Herrn Aldermann practiſch be⸗ weiſen, wie tüchtig er iſt.“ ſcheiden, bis die That uns belehrt—“ Befremden, aber doch mit Rückſicht auf die Eigenthüm⸗ lichkeit Kaiſerling's, immer zu widerſprechen“ dem Geſpräche eine anſtändige und würdige Haltung gegeben. Jetzt aber ſchwoll ihm der Kamm. „Wenn der Herr Aldermann Zweifel in meines Sohnes Geſchicklichkeit hat, ſo konnte er den Mund auf⸗ thun, als er gefragt wurde,“ fuhr er brauſend auf. „Haben der Herr Rath Muth, allein ſehen zu wollen, & „Der Herr Rath meinen es und ich will mich be⸗ Bis dahin hatte der Rath Rentelow zwar mit einigem 4 63 wenn alle Andern blind ſind?“ fragte Kaiſerling.„In der Stadt iſt man erſtaunt, daß man einem jungen Manne, der den Kopf voller Excentricitäten hat, zum Bauführer in dieſer ſchwierigen Sache erwählt hat.“ „Voller Excentricitäten— mein Sohn?“ fragte der Rath erſtaunt. „Ja, ja, ja! Sie ſchütteln die Köpfe über einen Mann, der wie ein Geiſterbeſchwörer einhergeht—“ rief in ſteigendem Eifer der Aldermann. „Der Herr Aldermann meint meinen Sohn?“ „Ja, ja, ja! Ihren Herr Sohn, der mit Rädern am Schiffe auf dem Waſſer kutſchiren will, der die Menſchen⸗ hände in Ruheſtand verſetzen will, der Dampf für etwas anders hält, wie Rauch, der den Stein der Weiſen da ſucht, wo er ihn nicht findet— der Herr Rath erlauben, daß ich den meine!“ „So— ſo! Alſo meinen Sohn meint der Herr Aldermann!“ ſprach der Rath ganz gelaſſen. Er ſtand auf und reckte ſich zu ſeiner ganzen Stattlichkeit empor, er⸗ griff dann ſeinen Bambusſtock mit dem Elfenbeinknopf, nahm ſein dreieckig Hütchen vom Seitentiſche und wendete ſich mit Grandezza zu dem Aldermann. „Somit hätte ich nun hinreichend des Herrn Alder⸗ manns Meinung und Urtheil über meinen Sohn, um zu wiſſen, daß jede Hoffnung auf eine Annäherung vergeblich 4 64 ſein würde. Wir ſind geſchiedene Leute, Herr Aldermann. Mir iſt klar geworden, daß der Herr Aldermann der Mann nicht iſt, welcher die Wiſſenſchaft zu ehren vermag. Und wer die Wiſſenſchaft nicht ehrt, der muß allerdings die Forſcher in der Wiſſenſchaft lächerlich fiden. Mein Sohn ſtrebt vorwärts— der Herr Aldermann geht rückwärts— die Wege paſſen alſo nicht zuſammen und kommen auch niemals zuſammen. Die Anfrage, weshalb ich gekommen bin, iſt erledigt.“— Kaiſerling, von ſeiner Uebereilung geneſend, ſuchte wieder einzulenken. Er fühlte, daß er zu weit gegangen war. Ihm ahnte, was den Rath hergeführt hatte. „Was thut das, wenn wir verſchiedener Meinung ſind,“ ſagte er zögernd.„Wollen der Herr Rath ſich deutlicher auszudrücken belieben—“ „Wünſche wohl zu leben!“— entgegnete der ſtolze Beamte mit ſteifem Kopfnicken und ſchritt der Thür zu. Der Aldermann gerieth etwas in Verlegenheit. Ver⸗ ließ der Rath in dieſer Stimmung ſein Haus, ſo war es mit aller Freundſchaft vorbei. Und dann? Was hatte er bei ihm gewollt? Entſchloſſen ſtellte er ſich ihm in den Weg und er⸗ klärte offen, daß er ſich mit ſeinem Urtheile übereilt habe. „Denkt der Herr Aldermann, daß ich dies nicht weiß?“ fragte der Rath trocken. 4 65 „Der Herr Rath wiſſen ja, daß Meinungen anſteckend ſind, wie das Fieber.“— Rentelow wendete ſich ganz zu ihm herum, ſah ihn eine Weile ſpöttiſch an und entgegnete dann mit Malice: „Geſcheute Leute pflegen ſich ſonſt von Dummheit nicht anſtecken zu laſſen. Wir wollen uns einſt wieder ſprechen! Und wenn der Herr Aldermann dann einſieht, daß Dampf nicht Rauch iſt, daß Schiffe mit Rädern auf dem Waſſer ſpazieren fahren und daß es Einrichtungen geben kann, welche der Hände Werk unterſtützen und ver⸗ vielfältigen, dann wollen wir weiter mit einander reden. Gehaben Sie ſich wohl!“ Er ging unverweilt zur Thür hinaus. Kaiſerling ſtand troſtlos mitten im Zimmer. Es war, als hätte ein Blitzſtrahl alle ſeine Pläne, ſeine Wünſche und ſeine Hoffnungen zertrümmert! Und weſſen Schuld war es? Auf Johannes Rentelow hatte er im Stillen gebaut, wenn er gewahrte, wie ſeine Tochter Editha mit ihrem flammenden Geiſte die gewöhnlichen Grenzen weiblichen Wiſſens und weiblicher Beſchäftigung überſchritt— auf den grundgeſcheuten jungen Mann hatte er gerechnet, wenn er ſah, daß die Söhne ſeiner Mitbürger achſelzuckend das reizende, poetiſch ſinnige Mädchen gering ſchätzten— auf den lebendig ſchwärmeriſchen Jüngling hatte er ſich verlaſſen, als er bemerkte, daß Editha gleich⸗ 1858. X. Vorwärts! I. 53 gültig den Kreiſen ſich entzog, wo die Blüthe der männ⸗ lichen Jugend zuſammen trat. Editha und Johannes! Es war ein Lieblingstraum von ihm, den er nur ſeiner Gattin vertraut hatte! Und nun? Er ſtand noch immer troſtlos mitten im Zimmer, als ſich leiſe die Thür öffnete und Frau Kaiſerling eintrat. Sie ſah voller Erſtaunen, wie er durch Pantomimen an⸗ deutete, daß er mit ſich und mit ſeinem Verſtande keines⸗ wegs zufrieden war. Lächelnd trat ſie näher und ſchaute ihm in's ver⸗ drießliche Geſicht. „Gretchen,“— begann er ſchwer ſeufzend—„ich glaube, heute hat mir mein Eifer zum erſten Male einen dummen Streich geſpielt!“ „Zum erſten Male?“ wiederholte ſie ſcherzend.„Ich dächte, dies wäre ſchon öfter paſſirt.“ „Nun, nun? Weißt Du von mehr dummen Streichen?“ „Neulich in der Rathsverſammlung.“— „Ja, ja! Sei nur ſtilll Weiter wüßte ich aber nicht—“ „Vor Kurzem bei der Taufe des—“ „Ja, ja! Still! Still! Mag nichts mehr hören! Was die Frauen für ein verwünſcht gutes Gedächtniß haben für ſolche Sachen! Gretchen, dies iſt aber von allen der dümmſte Streich!“ — 67 „Beichte nur— wir wollen ſehen, ob es wahr iſt.“ „Der Rath Rentelow war hier. Ganz augenſchein⸗ lich in der Abſicht, mit uns wegen Editha anzuknüpfen—“ „Schwerlich!“ warf Frau Kaiſerling ein, in Erin⸗ nerung an die Vertraulichkeit zwiſchen Sara und Johannes und an des Mädchens ſicheres Benehmen gegen den Rath Rentelow. Nach ihrer Anſicht lag dem Allen ein Einver⸗ ſtändniß zum Grunde. Kaiſerling, ganz beherrſcht von ſeiner Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt, achtete des Einwurfes nicht, ſondern fuhr fort: „Wir kommen auf Johannes.— Nun, Du weißt doch, wie hoch ich den jungen Mann ſchätze, aber, aber—“ „Der Eifer überwältigte Dich,“ ergänzte noch immer ſorglos lächelnd die Dame, indem ſie zum Fenſter ging und ſich an ihr Spinnrad ſetzte.„Du raiſonnirſt über Deine vereitelten Pläne, Buhnen gelegt zu ſehen—“ „Viel ſchlimmer,“ ſtöhnte der Aldermann. „Läſſeſt doch nicht Mißtrauen blicken?“ ſprach die Dame etwas aufmerkſamer. „Mehr noch!— Mehr!“— Jetzt wurde Frau Kaiſerling ängſtlich. Die Familie Rentelow erfreute ſich einer allgemeinen Achtung und es galt für eine Ehre, mit ihr in Freundſchaft zu leben. „Mehr noch? Mein Gott, was haſt Du denn geſagt und gethan?“ 5* 68 „Ich habe gelacht über Johannes— habe geſpottet über ihn— Gretchen, es iſt ſicherlich mein allerdümmſter Streich.— Der Rath ging zornig fort— der Rath betritt mit keinem Fuße unſre Schwelle wieder!“ „Nun— beruhige Dich für jetzt. Es iſt mir ſchon manchmal gelungen, die Leute zu überzeugen, daß Du es nicht böſe meinſt, vielleicht glaubt es der Rath um ſo eher, da er Dich als Strudelkopf längſt kennt. Wie kamſt Du nur dazu, über Johannes zu lachen?“ „Daran iſt Schwentſer, der verwünſchte Perrückenſtock, Schuld!“ fuhr der Aldermann ſchon wieder eifrig auf und rannte in der Stube auf und ab.„Er hatte mir ſchon wieder die Ohren voll geſäuſelt von dem Gerede in der Stadt, über den jungen unerfahrnen Baumeiſter, der wie ein Geiſterbeſchwörer durch die Straßen fliege—“ „Aber, Alterchen, Alterchen! Wie kannſt Du auf Schwentſer's Worte etwas geben!— Daß der Friſeur auf Johannes ſchimpft iſt natürlich—“ „Wie ſo?— Wegen ſeines Lockenkopfes?“ „Freilich. Wenn dieſe Mode Eingang findet, ſo verliert der Friſeur ſeinen Einfluß auf die hohen Häupter der Stadt und damit eine ſehr gute Einnahme!“ „Haſt Recht, ganz Recht! Gretchen, der Schwentſer iſt ein gefährlicher Menſch— er ſoll mir aus dem Hauſe bleiben!“— 69 „Und wer ſoll Dich friſiren?“ „Gar keiner! Ich laſſe mich nicht mehr friſiren— ich—1 „Beruhige Dich erſt, ehe Du Vorſätze faſſeſt,“ unter⸗ brach ihn Frau Kaiſerling lachend.„Du wirſt Dich nach wie vor friſiren laſſen und kannſt Schwentſer deshalb nicht entbehren, aber ich möchte Dich bitten, Mosjeh Schwentſer etwas kürzer zu halten und Dir nicht alle Familienklätſche⸗ reien erzählen zu laſſen. Es iſt nicht gut, immer auf das zu hören, was Schwentſer ſpricht, aber es iſt ſogar ſchlimm, auf ſeine Läſtereien etwas zu geben.“ „Gretchen, Herzensgretchen, es iſt aber amüſant Alles zu erfahren, was geſchieht und was die Leute ſagen!“ unterbrach Kaiſerling ſeine Frau. „Bisweilen erfährt man aber auch etwas, was nicht wahr iſt,“ ſcherzte Frau Kaiſerling.„Und dann— glaubſt Du denn, daß von uns nichts erzählt wird?“ „Von uns? Von uns? Gretchen, von uns läßt ſich doch nichts Böſes erzählen—“ „Aber etwas Lächerliches— zum Beiſpiel von Deiner—“ „Gretelein, ſei ſtill! Um Gotteswillen ſei ſtill. Du machſt mich toll mit Deinem guten Gedächtniſſe! Ich will mich beſſern. Wahrhaftig, Mosjeh Schwentſer ſoll mir nichts wieder vorſäuſeln. Auch verſpreche ich Dir, 70 in meinem ganzen Leben nicht mehr zu ſprudeln und zu eifern!“— Frau Kaiſerling blinzelte ſchelmiſch mit den Augen: „Gott behüt',“ ſagte ſie,„dann müßteſt Du Dir vor⸗ genommen haben, noch vor dem Mittagseſſen zu ſterben.“ Der Aldermann lachte und ging in ſein Comtoir hinüber. Sechſtes Capitel. Frau Suſanne hatte Wort gehalten und ihre Miſſion in Betreff von Gabrielen's ungemeſſener Trauer aus⸗ geführt. Sie fand ein gut vorbereitetes Feld. Es war nach der erſten vertraulichen Unterredung mit ihrer jungen Schweſter ein neuer Geiſt über die junge Wittwe gekom⸗ men, der ſie fähig machte, die Richtigkeit der proſaiſchen Anſchauung über unnütze Trauer zu erkennen. Ausgeſprochenes Leid trocknet die Thränen ſchneller und eingeſtandenes Unrecht macht das Herz leichter. Nach⸗ dem Gabriele erſt einmal die Wunde, die ſie bis dahin zu ihrer Pein verſchwiegen in der Bruſt getragen, berührt hatte, fiel es ihr gar nicht ſchwer, ſich ſelbſt von einer 71 Schuld zu abſolviren, die ſie ſich in wahrer Selbſt⸗ verblendung zu hoch angerechnet hatte. Wir müſſen zugeſtehen, daß die junge Wittwe zu jenen überſpannten weiblichen Naturen gehörte, die am wirklichen Unglück nie genug haben, ſondern ſich darauf capricioniren, ſich unter einem eingebildeten Uebel zu beugen. Sie war, wie Editha, durch und durch poetiſchen Gemüthes, aber es fehlte ihr die kräftige Natürlichkeit dieſes jungen Mädchens. Ihr ganzes Leben und Lieben zeigte eine leidenſchaftliche Schwärmerei, die durch ihres Gatten Perſönlichkeit unterſtützt wurde. Für bürgerlich erzogene Mädchen hat das feine, ſchmeichleriſche Weſen der Hofſitte immer etwas Verführeriſches, weil ſie in der Unwahrheit der ſteten Huldigung nur eine ideale Manier der ſtarken und kräftigen Männlichkeit ſehen. Ihr Gatte zeichnete ſich außerdem aber noch durch eine auffallende Schönheit aus. War es ein Wunder, daß ſie in ihm ein Ideal ver⸗ götterte und ſich, bei ſeinem jähe erfolgten Tode, nach einer Entzweiung, die von ihr herbeigeführt war, mit Bußen aller Art kaſteiete. Vier Jahre ihres jungen Lebens waren ihr im ein⸗ ſamen Stillleben verfloſſen, vier Jahre hatte ſie ſich aus den frohen Kreiſen ihrer Verwandten verbannt, um den Schatten ihres Gatten zu verſöhnen! 72 Als ihr Frau Suſanne dieſe ſchwere Zeit, mit ganz gründlich proſaiſcher Berechnung vor die Seele führte und Verantwortung forderte für die Verwendung der koſtbaren Lebensſtunden, da neigte ſie in Demuth ihr Haupt und geſtand ein, daß ſie gefehlt habe. Frau Suſanne fühlte ihren Muth wachſen und ging weiter, als ſie gewollt und geſollt hatte. Sie legte, im Anfange zögernd, dann aber, im Eifer der Berichterſtat⸗ tung lebhaft werdend, die Möglichkeit vor Gabrielen's Augen bloß, daß Kotſchinsky einer ſolchen Trauer gar nicht würdig geweſen ſei und ſie war im beſten Zuge, das Ideal eines ſchwärmeriſchen Frauenherzens gänzlich zu verun⸗ glimpfen, indem ſie auftauchende Gerüchte von dem ver⸗ hüllenden Schleier zu befreien ſuchte, als der gefürchtete ſanfte Blick der armen Dame ſie zur Beſinnung brachte. „Laß doch die Todten ruhen, meine liebe Tante,“ flüſterte Gabriele.„Ich habe Kotſchinski geliebt— ich bin drei Jahr ſeine glückliche Gattin geweſen und habe nie Urſache gehabt, über ihn zu klagen— warum willſt Du ihn tadeln, wenn ich die Urſache Deines Unwillens bin.“ Frau Suſanne ſtand verwirrt auf.„Haſt Recht, Kind, haſt ganz Recht! Du weißt aber, böſe mein' ich es nicht! Ich bitte Dich um Verzeihung— man muß den Todten nicht eher etwas nachreden, als bis man Ueber⸗ zeugungen hat. Verſprich mir nur, mit Deinem kleinen Alexander nächſten Sonntag zu uns zu kommen, um Sara's vierundzwanzigſten Geburtstag mit zu feiern, dann will ich ganz zufrieden heimtrollen!“— Gabriele verſprach zu kommen und Frau Suſanne, die ſelten viel Zeit zu„vertrödeln“ hatte, wie ſie zu ſagen pflegte, machte ſich eilfertig auf den Heimweg. Wir ſind gezwungen, ſie zu begleiten, um uns näher von den häuslichen und geſchäftlichen Verhältniſſen des würdigen Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherrn zu unterrichten. Herr Vogler war ein Mann voller Kraft und Energie, das haben wir ſchon zu bemerken Gelegenheit gehabt. Er hielt es eines Mannes unwürdig, jemals eine Meinung zu ändern und rechnete es zu den ererbten und von Gott verliehenen Rechten eines Vaters, von ſeinem Kinde Ge⸗ horſam fordern zu können. Nach ſeinem Prinzipe war ein Vater klüger und einſichtsvoller als ſeine Sprößlinge und wehe dem, der anders dachte. Abgeſehen von dieſen ſtarren Maximen, ließ es ſich gut mit Herrn Vogler leben und fertig werden. Seein ausgebreiteter Wirkungskreis beſchäftigte ihn mehr, als ſonſt Kaufleute beſchäftigt zu ſein pflegen. Er hatte nach dem Tode ſeines Vaters die Brauerei deſſelben, die ihn zum wohlhabenden Manne gemacht hatte, nicht verkaufen wollen. Unter der Beihülfe ſeiner Frau Su⸗ ſanne und ſeiner Tochter Sara war es ihm auch beinahe 74 zehn Jahre geglückt, ſein kaufmänniſches Geſchäft am Breitenwege zuſammen mit der Brauerei in der Heiligen⸗ Geiſtſtraße in Schwung zu erhalten. Erſt ſeit Kurzem waren allerhand läſtige Inconvenienzen vorgekommen, die ihm theilweiſe Verdruß, theilweiſe Verlegenheiten gebracht hatten. Die Brauerei hatte, nach alten gutem Gebrauche, die Gerechtſame eines Bierſchanks und wurde namentlich an den Sonn⸗ und Feſttagen von den Bürgern der Stadt Magdeburg zahlreich beſucht. Das Lokal, worin ſich die durſtigen Uhrmacher, Schneider, Handſchuhmacher und dergleichen, zu verſam⸗ meln pflegten, war ein großer mit Eſtrichfußboden ver⸗ ſehener Hausflur, der von einer qualmenden Hängelampe nothdürftig erhellt wurde. Bänke, an den Wänden feſt⸗ gemacht und mit ſchöner brauner Farbe beſtrichen, nebſt ganz gleich decorirten Tiſchen und einigen Schemeln bil⸗ deten das Möblement des Bierlokales. Stellt man dagegen die jetzigen Bierſalons mit ihrer Gasbeleuchtung, ihren Divans, Marmortiſchen und Ma⸗ hagoniſtühlen, ſo muß man billigerweiſe einen Schauer des Entſetzens fühlen bei dem Gedanken, damals gemüth⸗ lich ein Glas Bier in heiterer Geſellſchaft verzehrt zu haben. Vom Polkafräulein war in damaliger Zeit auch keine Rede. Eine derbe, glatt und ordentlich coſtümirte Hausjungfer 75 ſaß in Vogler's Bierſalon hinter einem ſogenannten Schiebe⸗ fenſter, empfing hinter dieſer Glaspalliſade ihre Befehle und das Geld und regierte von dort aus die Verabreichung der vorausbezahlten Flaſchen, die durch einen ſtämmigen Knecht ſervirt wurden. Zwiſchen dieſem Knechte und der Hausjungfer, welche Dorte hieß, herrſchte nun eben eine unvertilgbare Feind⸗ ſchaft, die eine förmliche Kriegserklärung herbeigeführt und damit höchſt fatale Chikanen, Intriguen und Wort⸗ gefechte zur Tagesordnung gemacht hatten. Schon hundert Male war es dem ehrbaren Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherrn durch den Sinn gefahren, dieſe beiden Störenfriede„zum Teufel zu jagen,“ allein geſagt hatte er noch kein derartiges Wort, denn er dachte immer noch zu rechter Zeit daran, daß er Keinen von Beiden ent⸗ behren könne. „Sie ſind ehrlich, Suschen,“ ſprach er bedenklich, wenn Frau Suſanne wieder Frieden hatte ſtiften müſſen, wobei es ohne Aufregung nicht abging. „Aber zänkiſch und anmaßend und grob!“ klagte Frau Suſanne.„Es iſt gar nicht mehr zum Aushalten mit den beiden Leuten und es geht mich ein Grauen an, wenn ich Montags hinauf muß, um zu revidiren.“ „Sei nur geduldig!“ beſchwichtigte der Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherr ſie.„Sieh, ich habe immer gedacht, es 76 ſollte ſich mal von ungefähr ein Freier für Sara einfinden, der ſich gern mit Oekonomie beſchäftigte— dann hätte ich den jungen Eheleuten die Brauerei auf den Hals gepackt und wir Beide wären in Ruhe gekommen—“ Frau Su⸗ ſanne richtete faſt erſchrocken ihren Blick auf den Ehegatten, der unbekümmert fortfuhr:„Da ſich die Sache nicht von ungefähr machen will, ſo werde ich jetzt ernſtlich um mich ſehen, um ein qualificirtes Subject ausfindig zu machen—“ „Alterchen,“ wagte die Frau ſchüchtern einzuwerfen 2„Alterchen, ein qualificirtes Subject für unſre hübſche Sara—“ „Ja,“ antwortete der Hausregent trocken und brach ſofort die vertrauliche Mittheilung ab. Dies Geſpräch war am Morgen geführt, bevor Frau Suſanne bei Gabrielen vorſprach, um ihr Vernunft zu predigen. Jetzt, als ſie ſich auf den Weg zur Brauerei hinauf machte, um zu revidiren, fiel ihr das Geſpräch über das„qualificirte Subject“ wieder ſchwer auf's Herz. Sie verglich zum erſten Male die behagliche Stel⸗ lung der Kaiſerling'ſchen Töchter, ihrem gefälligen und gutmüthigen Vater gegenüber, mit der untergeordneten Rolle ihrer eben ſo reichen und eben ſo ſchönen Tochter, die jetzt mit Sturmſchritten der Gefahr entgegen ging, ein „qualificirtes Subject“ heirathen zu müſſen. „Du mein Gott,“ ſeußzte ſie innerlich, als ſie die ——— 77 Goldſchmiedebrücke hinauf ſchritt und jugendlich eilig um die Ecke und in die Heilige Geiſtſtraße einbog—„Du mein Gott, was mag nun für ein Ehemann für Sara herauskommen— der Herr iſt im Stande und rafft Einen von der Straße auf.“ Ihr Blick fiel in dieſem Momente auf eine ſchöne ſtattliche Männergeſtalt, die von der Regierungsſtraße hinabkam und ebenfalls in die Heilige Geiſtſtraße einbog. Der Mann war groß, größer als man gewöhnlich Männer zu ſehen gewohnt iſt, aber von ſo entſchieden ausgezeich⸗ netem Wuchſe, daß ihm die Höhe deſſelben nicht zum Nach⸗ theile gereichte. Frau Suſanne blieb hinter ihm zurück, da er eilig vorwärts ſchritt und unwillkürlich fiel ihr der Wunſch in's Herz, daß doch dieſer ſchöne, große und ſtattliche Mann ein„qualificirtes Subject“ ſein möchte. „Er könnte mir ſchon gefallen und würde auch Sara nicht unlieb ſein,“ dachte ſie träumend. Allein ein wahrer freudiger Schrecken überlief ſie, als der junge Mann die Thür zur Brauerei aufſtieß und, ſich bückend, in den Flur hineinging. Sie konnte nicht eilig genug das Haus erreichen, um zu erfahren, was der Mann, der einem Oekonomen gar nicht unähnlich ſah, in der Brauerei zu ſuchen habe. Blitzgeſchwind ſchlüpfte ſie ihm nach.— O wehl 1 78 Da ſaß er und trank ein Glas Bier.— Alſo weiter hatte er nichts in der Brauerei geſucht. Sie grüßte ihn trotz ihrer Enttäuſchung freundlich und fragte die Hausjungfer: „ob der Herr ſchon da ſei.“ Jungfer Dorte war ſehr mißlaunig, in Folge eines Zankes mit Chriſtian dem Knechte. Sie beantwortete mürriſch die Frage und ging an ihr Geſchäft, das in Flaſchenſpülen beſtand, zurück. „Schade,“ bemerkte der junge große Fremde, indem er den Deckel ſeines Bierkruges wohlgefällig niederſchwap⸗ pen ließ.„Schade, daß Herr Vogler nicht hier iſt— ich hätte ein Wörtchen mit ihm zu ſprechen gehabt—“ „O, warten Sie nur, lieber Herr,“ fiel Frau Su⸗ ſanne raſch ein.„Unſer Herr kommt bald— wir wollen Rechnung halten!“ „Sie kennen mich wohl nicht mehr?“— fragte der Fremde lächelnd. „Ich? Sie? In meinem ganzen Leben hab' ich Sie nicht geſehen— nein, ſolche Figur hätte ich nicht vergeſſen—“ „Ja— als Sie mich kannten, Frau Suſanne, da war ich noch nicht ſo groß.— Wäre ich nur klein ge⸗ blieben,“ fügte er ſchwer ſeufzend hinzu. Frau Suſanne dachte nach. Eine Erinnerung tauchte auf— ſie trat näher zu dem Manne, ſah ihm ſchärfer —— 79— in's Geſicht—„Stephan Kühne!“ rief ſie dann freudig —„Ja, ja— Stephan Kühne—o nun erkenne ich Sie! Was ſind Sie aber groß geworden!“ „Leider!“ ſeufzte Stephan Kühne. „Warum leider?— Sie ſehen ganz hübſch aus?“ ſcherzte Frau Suſanne. „Leider!“ antwortete wieder ſchwer ſeufzend der junge Mann. „Die Mädchen machen Ihnen wohl das Leben ſchwer, daß Sie Ihre Schönheit beſeufzen?“ neckte Frau Suſanne. „Die Mädchen?“ wiederholte Stephan mit einem ſchelmiſchen Augenblitzen.„Wären es die Mädchen allein? — Nun mit einigen Dutzenden will ich es ſchon auf⸗ nehmen, wenn ſie nicht Katzentheorien huldigen. Nein, ich habe es mit weniger liebenswürdigen Verfolgern— ich habe es mit den Werbern zu thun.“ „Mit den Werbern?“ fragte Frau Suſanne erſtaunt. „Der alte Deſſauer iſt doch todt, der ſeine Soldaten nicht ſchön und groß genug haben konnte.“ „Es fehlt bisweilen in der Garde an Flügelmän⸗ nern,“ warf Stephan bitter hin,„und dann ſieht man zu, wo man ausheben kann und darf—“ In dieſem Momente raſſelte die Thür, welche mit dem einfachen Mechanismus, den ein ſchwerer Stein und eine feine eiſerne Kette bildet, verſehen, auf⸗ und zuging 4 80 und Herr Vogler erſchien in aller der Gravität, die ihm eigen war. 1 Stephan Kühne kannte ihn ſehr gut. Sofort ſtand er von ſeinem Sitze auf und begrüßte ihn in offener, grader, aber etwas devoter Manier, wie der Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherr es gern ſah. Vogler erkannte ihn ſogleich.„Tauſend— Stephan, wo kommſt Du denn her? Haſt Dich lang in die Höhe gereckt!“— rief er, ordentlich erfreut ihm die Hand bietend. „Willſt wohl probiren, ob mein Bier noch eben ſo gut ſchmeckt, als damals, wo Du noch auf der Schule hier wareſt?“ „Nein, werther Herr, deshalb brauchte ich nicht hierher zu kommen, das konnte ich mir denken ohne es zu probiren—“ „Hm— ſo— ſo! Es hat Dir alſo geſchmeckt? Bringe mal eine Flaſche aus Nummer zwei, Dorte,“ rief Vogler gutgelaunt.„Wollen erſt ein Schlückchen trinken, ehe wir rechnen, Suschen.“ Er ſetzte ſich.„Es freut mich, daß ich Dich treff—8“ „Mich freut es wahrſcheinlich noch mehr, Herr Vog⸗ ler,“ fiel der junge Mann mit entſchloſſener Stimme ein. „Ich ſuchte Sie!“ „Mich? Hier? Ich dächte, Du wüßteſt wo ich wohne—“ 81 „Ja, aber ich wußte auch, daß Sie alle Montage hier Rechnung abnehmen.“ „Haſt ein vortrefflich Gedächtniß!“ „O, empfangene Güte und Wohlthat vergißt man ſo leicht nicht, aber ſie muntern nur leider zu Bitten auf—“ „Haſt Du etwas zu bitten?“ „Ja. Sie können ein Elend von mir abwenden.“ „Und wie?“ „Wenn Sie mich in Ihrem Geſchäft hier beſchäftigen — ſei es als Knecht, ſei es als Aufſeher— ich bleibe um jeden Preis gern und verlange nichts, als ein wenig zu eſſen und zu trinken.“ Herr Vogler bog ſich, jedenfalls ſehr frappirt, bis an die Lehne des Schemels zurück und ſah dem jungen Manne voll und fragend in's Geſicht. Frau Vogler ſuchte dem Blicke ihres Eheherrn zu begegnen, um darin zu leſen, ob er denn nicht dieſen hüb⸗ ſchen jungen Mann für ein„qualificirtes Subject“ halte. „Ehe ich antworte, muß ich das Warum wiſſen,“ begann Herr Vogler mit einer um eine Octave tiefer ge⸗ fallenen Stimme. „Mich verfolgt ein Werbeoffizier mit einer Hart⸗ näckigkeit, die mich nun ſeit vier Wochen umherhetzt. Es iſt der Kotſchinski, der Gabriele Kaiſerling heirathete—“ Ein greller Schrei unterbrach ihn. 1858. X. Vorwärts! I. 6 82²2 „Wer?“ fragten beide Ehegatten wie aus einem Munde. „Kotſchinski!“ erwiederte verwundert, aber ſehr be⸗ ſtimmt und ruhig der junge Mann. „Der iſt todt!“ beſchied ihn der Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherr ſehr kurz.„Du biſt alſo mit dem erſten Worte einer Lüge überführt.“. Stephan richtete ſeine Geſtalt, hob den Kopf ſteif auf und fixirte Vogler mit einem drohenden Blicke:— „Ihr Wort in Ehren, Herr Vogler. Wenn ich einen Buch⸗ ſtaben gebraucht habe, der nicht wahr iſt, ſo mag mich Gottes Blitz treffen!“ Vogler, welcher von all' den Gerüchten und Stadt⸗ geſprächen in Rückſicht auf Kotſchinski nichts erfahren hatte, lächelte geringſchätzig.„Biſt ſehr gewachſen,“ ſpottete er.„Innerlich, wie äußerlich! Kotſchinski iſt ſeit vier Jahren todt, alſo längſt verweſt und wird hoffentlich Deine lange Geſtalt ſo lange reſpectiren, wie Du hier auf Erden wandelſt.“ „Ihr Wort in Ehren, aber ich leiſte einen Eid, daß Kotſchinski ſeit vier Wochen in der Altmark iſt, um Trup⸗ pen auszuheben und daß er ſein Augenmerk auf mich ge⸗ richtet hat. Er bot mir Handgeld über Handgeld— ich lachte ihn aus, erinnerte ihn an unſere alte Bekanntſchaft und bat ihn, mich in Ruhe zu laſſen. Es half mir nichts. 83 Er ließ mich überall verfolgen, ließ mir immer von Neuem Anerbietungen machen und zuletzt erklärte er mich für cantonpflichtig. Natürlich kehrte ich mich nicht daran. Ich bin einziger Sohn und um deshalb frei vom Soldaten⸗ ſtande.“— „Es iſt Alles recht ſchön von Dir ausgedacht und zuſammengeſetzt, mein Sohn,“ entgegnete mit ſpöttiſcher Ueberhebung der Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherr, indem er aufſtand und ſeinen Schemel ärgerlich zurückſtieß,„aher wahrſcheinlich haſt Du einen dummen Streich gemacht und willſt Dich hinter meinen Braubottichen verſtecken. Thut mir leid—“ „Alterchen,“ fiel Frau Suſanne ängſtlich ein, um die abſchlägliche Antwort zu verhindern, denn ſie wußte, daß ſelbſt bei veränderter Meinung dem„Nein“ ihres Herrn niemals ein„Ja“ folgte. Vogler, als wahrer Hausregent, drehte ſich ſtolz und königlich zu Suſanne herum und fragte mit aller Hoheit, die ſein ſteifes Genick anzunehmen vermochte:—„Was beliebt? Haſt Du hier mitzureden?“ „Nein, lieber Herr, nein!“ ſagte ſie eilig,„aber geſtern wurde erzählt, daß der Doctor Weinheim Kot⸗ ſchinski auch in Wiesbaden geſehen haben will!“ „Was?“— Eine augenblickliche Schadenfreude durch⸗ 6* 84 blitzte ſein Erſtaunen ausdrückendes Mienenſpiel.„Weiß Kaiſerling davon?“ „Er? das weiß ich nicht! Aber ſeine Frau weiß davon!“— Weiter entwickelte ſich die Unterhaltung nicht. Ein Krachen, wie von mehreren mit Gewalt zerworfenen Steinflaſchen, dem eine Fluth der aller bezeichnendſten Schimpfwörter folgte, ließ ahnen, daß wieder ein gegen⸗ ſeitiger Angriff zwiſchen Knecht und Magd im Werke ſei. Herr und Frau Vogler machten ſogleich Anſtalt, dem Feld⸗ geſchrei nachzugehen— Stephan aber beeilte ſich, mit um⸗ wölkter Stirn, den Reſt ſeines Bieres zu vertilgen. Es dauerte nicht eine Minute, ſo ſtand Herr Vogler mit ſtark von Zorn gerötheten Wangen wieder vor dem jungen Manne. „Höre— Du kannſt bleiben, Stephan!“ ſtieß er kurz athmend hervor.„Das iſt ja eine wahre Teufelsbrut! — Ich habe ihnen eben Beiden geſagt, ſie möchten zur Hölle fahren, wo ſie hergekommen! Uff— ſo habe ich mich doch mein Lebtage nicht geärgert!“— „Was iſt denn geſchehen?“ fragte Stephan theil⸗ nehmend. Vogler hatte ſchnell ſeine verloren gegangene Haltung wieder gewonnen. Er ſtrich den langen Zopf, der ſich naſeweis über die Schulter hinweggedrängt hatte, bedächtig 8⁵ wieder nach dem Rücken, nahm ſeinen Krug, um den Aerger vollends hinunterzuſpülen und ſagte dann: „Laß gut ſein! Es war ein Bombardement zwiſchen zwei feindlichen Mächten mit meinen Bierflaſchen— das Jüngferchen hat dem Chriſtian eine ganze Tracht Flaſchen wüthend vor die Füße geworfen, weil er nicht raſch genug aus dem Wege gegangen iſt!— Es koſtet freilich mein Geld, aber ich denke, es war eine Kriegserklärung ganz à propos.“ „Für mich wenigſtens, wie es ſcheint,“ meinte lä⸗ chelnd der junge Mann. „Nun wollen wir Beide abſchließen, mein Junge. Vor den Werbern biſt Du in Magdeburgs Mauern ge⸗ ſichert, wir haben Cantonfreiheit! Es iſt freilich kürzlich von einer Immediat⸗Commiſſion die Rede geweſen, die vom Könige zur Regulirung des Cantonweſens im preu⸗ ßiſchen Staate expreß angeordnet ſein ſoll und die auch hier erwartet würde, allein wir haben unſere Privilegien und werden uns gehörig auf die Hinterhacken ſetzen. Jetzt, Suschen,“ rief er ſeiner Frau zu, die etwas zaghaft von dem Hofe hereinkam, um zu ſehen, wie weit„des Herrn“ Zorn verraucht war,„jetzt an die Rechnungen— dann die beiden Lärmpoſaunen abgelohnt und nachher einen neuen Staat hier gegründet.“ Frau Suſanne war ſichtlich froh überraſcht. Sie 86 bot Stephan Kühne die Hand und ſah ihm mütterlich freundlich in's hübſche Geſicht. „Ich denke, wir wollen gut fertig mit einander wer⸗ den,“ ſprach dieſer. „Das hat keine Noth,“ meinte Herr Vogler.„Wenn Jeder weiß, wer zu gehorchen und wer zu befehlen hat, dann geht das Rad immer gehörig bergauf und bergab, wie es gerade ſein muß.“ „Immer hübſch vöorwärts,“ ergänzte Stephan vergnügt. Der Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherr, ſchon mit einem Fuße in der Stubenthür, wendete ſchnell um und ſchaute ihn ſteif an.„Bisweilen auch rückwärts, mein Junge, hörſt Du, bisweilen auch rückwärts!“ „Wie Sie wollen, Herr Vogler— wie Sie wollen!“ — Jetzt ſah Vogler ſeine Frau an und ſie las in dem ſehr zufriedenen Lächeln ſeines Mundes, daß er anfange, dieſen jungen Mann als ein„qualificirtes Subject“ zu betrachten. „Gott ſei Dank!“ jubelte ſie innerlich und eilte ihrem „Herrn“ nach in die Stube. Die ganze Scene hatte ſich ſo ſchnell, wie wir ſie hier niederſchrieben, abgeſpielt und in der Schlag auf Schlag folgenden Handlung verhindert, daß Herr Vogler zur Beſinnung und Ueberlegung kommen konnte. Erſt als der Rechnungsabſchluß fertig und ſeine Frau mit der Regulirung der Dienſtbotenangelegenheit nua 87 beauftragt war, erſt da überdachte mit einigem Erſtaunen über ſich ſelbſt der Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherr die ge⸗ ſchehenen Dinge. Ernſthaft ſtützte er ſein breites Kinn in die Hand und ſchaute überlegend vor ſich hin. „Wenn Du Dich nur nicht übereilt haſt, wie gewiſſe andere Leute immer zu thun pflegen,“ redete er ſich ſelbſt mißvergnügt an.„Wie biſt Du dazu gekommen, alter Abraham Vogler“—(die altteſtamentariſchen Vornamen waren Mode in der Vogler'ſchen Familie—)„wie biſt Du dazu gekommen, gegen Deine beſſere Ueberzeugung den jungen Menſchen zu engagiren— wenn er nun ge⸗ logen hat— wenn er Dummheiten verübte, die ihn zwin⸗ gen, ſich hier zu verſtecken? Hm— meine Alte meinte zwar— hm— es wäre aber zu lächerlich kurios, wenn Kotſchinski nicht todt, ſondern ſeiner„vielgeliebten und ver⸗ götterten Gabriele“ nur überdrüſſig geworden wäre! Nun, das ließe ſich am Ende ermitteln und mein Wille könnte das Geſchehene mit einem Gemaltſtreiche in's Gleiche bringen. Aber dann— Ade, Dorte und Ade, Chriſtian. — Dann heißt's, ſetz' Dich ſelbſt hin, alter Abraham und gieb Acht auf die Brauerei! Und eigentlich, als was haſt Du denn den Stephan Kühne engagirt? Als Knecht? Das würd' er ſich verbitten!— Als Magd? Ha— ha— hal! Als Herr? Abraham, Abraham— Du haſt einen Kaiſer⸗ 88 ling'ſchen Sprudelſtreich gemacht. Als Herr, als Herr! Der Tauſend, dann müßt' ich ihm meine Sara geben— geht das, Abraham? Nein, das geht nicht!—— Wenn er freilich nicht gelogen hätte— ſo ging es wohl!— Nein, es geht aber nicht, denn Stephan hat nichts— iſt ein armer Verwaltersſohn und ein armer Mann kann Sara nicht bekommen, partout nicht! Ein armer Ver⸗ walter und die reiche Sara Vogler! Das reimt ſich mein Lebtag nicht!“ Er erhob ſich ſchwerfällig, ging zum Fenſter, das nach dem Flur führte und rief Stephan herein. „Höre, mein Junge— die Sache iſt nun reiflich überlegt von mir— Du uagſt bleiben, ſo lange Deine Geſchichte mit dem Werbeoffizier, der Kotſchinski heißen ſoll, Dir den Aufenthalt hier angenehm macht. Lohn gebe ich Dir nicht, wir wollen uns Beide nicht binden. Aber Alles, was Du brauchſt zum Leben, wird Dir verabreicht— Du wohnſt hier, ſchläfſt hier, iſſeſt aber bei mir im Hauſe, führſt mir dafür Aufſicht über das ſämmtliche Geſinde, den Braumeiſter ausgenommen. Auch die Rechnungs⸗ bücher ſollen von Dir geführt werden, dadurch erſparſt Du mir und meiner Alten eine Montagsarbeit. Biſt Du zufrieden damit, ſo ſchlage ein—“ Stephan ſchlug herz⸗ haft in die dargebotene Rechte.„Ich bin und bleibe der Herr— Du biſt in meiner Abweſenheit mein Stell⸗ vertreter— Faſſe die neue Magd, die an Dorten's Stelle 89 treten wird, gleich feſt und ſicher, damit ſie nicht wieder ein ſolcher Satan wird, wie Jungfer Dorte. Ich denke, es wird gehen mit uns—“ „Gewiß!“ bekräftigte der junge Mann mit freudi⸗ gem Geſichte. Siebentes Capitel. Johannes Rentelow hatte ſich ſogleich an's Werk gemacht, Arbeiter gedungen, Werkleute aufgeſucht, die ihm die nöthigen Geräthſchaften nach ſeiner Anleitung ver⸗ fertigen ſollten und war dann nach Rothenſee hinaus ge⸗ zogen, um bei allen Vorkommniſſen bei der Hand zu ſein. Wenn er ſeine Idee verwirklichen wollte, noch vor dem Johannis⸗Hochwaſſer die nothwendigen Vorarbeiten ſo weit zu fördern, daß er getroſt dem Strome die Zer⸗ ſtörung der angeſchwemmten Sandbänke am Ochſenwerder anheim geben und ſomit das alte Strombett dem eigenen Wogendrang überlaſſen konnte, ſo war alle Eile nöthig, der Mai war warm wie ſelten. Der Schnee im Gebirge löſte ſich ſonach früher als ſonſt. Aenderte ſich auch viel⸗ leicht das Wetter, ſo war doch anzunehmen, daß eine gelinde Anſchwellung des Stromes erfolgen würde, die 22* 90 dann eher hindernd, als fördernd auf die Arbeit wirken mußte. Genug, Johannes hatte alle Alternativen erwogen und ging ſehr umſichtig zu Werke. Selbſt ſeine Gegner, die der Beluſtigung wegen, die Fortſchritte ſeiner Arbeit bisweilen anzuſehen kamen, mußten zugeſtehen, daß der junge Baumeiſter mit Wort und That bewies, wie redlich ſeine Abſicht war, einem Schaden gründlich abzuhelfen, der den armen Rothenſeern ſchon ſo viel Herzeleid verurſacht hatte. Sie begannen auch nach und nach einzuſehen, daß er jeden Falls nicht ohne Erfahrung ſeine Anleitungen ertheilte, aber die vor⸗ gefaßte Meinung, daß er ſeine Weisheit aus England, einem Lande, welches damals im Geruche der Unzurech⸗ nungsfähigkeit ſtand, obwohl von dort her ſchon das Licht der Erfindungen ſeine Strahlen zu verbreiten begann, geholt habe, hielt ſie noch immer ab, an ein wirkliches Ge⸗ lingen zu glauben.— „Das Werk krönt den Meiſter,“ ſprach der Alder⸗ mann Kaiſerling, als der Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherr ſehr zufriedengeſtellt von Rothenſee zurückkam, wohin er im Intereſſe ſeiner einmal ausgeſprochenen Beiſtimmung faſt täglich ging.„Ich habe mir ſagen laſſen, daß die Schiffer fuchswild ſind und eine Revolte beabſichtigen.“ „Das war geſtern und vorgeſtern,“ antwortete Vogler.„Heute denken ſie anders, Vetter Kaiſerling.“— 91 Der Aldermann reckte neugierig den Kopf in die Höhe. „Wie ſo? Hat der Herr Baumeiſter mit weiſer Rede die Gemüther beruhigt?“ fragte er, indem er ſich dem Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherrn anſchloß und mit in ſein Geſchäftszimmer trat. „Reden würden bei dieſen Leuten nichts gefruchtet haben. Der Zufall trat mit in's Spiel und ließ vom an⸗ ſchwellenden Waſſer, das ſich durch den Kanal, den Ren⸗ telow oberhalb des Ochſenwerders verſuchsweiſe angelegt hat, ſtrudelförmig wieder nach der rechten Seite zieht, die ganze Spitze mit einem Rutſch wegraſiren. Dadurch iſt den Schiffern klar gemacht, daß die lange Sandbank, die ſie immer mühſam umſegeln müſſen, wieder verſchwinden wird, ſowie der Wogendrang von den Rothenſeer Wieſen zurücktritt.“ Der Aldermann horchte aufmerkſam zu. Die ganze Sache intereſſirte ihn überhaupt mehr, als er zu zeigen für gut fand. „So viel ich einſehen kann, Vetter Vogler, iſt das aber kein Kunſtſtück vom Baumeiſter, ſondern vom lieben Herrgott geweſen,“ ſpöttelte er.„Wenn er weiter nichts vom Engländer Wyatt“ gelernt hat, als abwarten bis Schon im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts waren in England Eiſenbahnen angelegt, um den Transport in den engliſchen 92 die Zeit hilft, dann hätte er in Deutſchland bleiben können. Wir Deutſche verſtehen uns auf dies Experiment gründlich.“ Der Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherr beantwortete dieſen Ausfall gar nicht, ſondern machte es ſich in der größt⸗ möglichen Langſamkeit bequem. Erſt hing er ſeinen kleinen, dreieckigen Hut an den Haken, der ihn zu tragen beſtimmt war, dann zog er ſeinen breitſchößigen Rock ab, zupfte die weiten Hemdärmel auf und placirte den Rock neben den Hut. Nachdem dies geſchehen war, wendete er ſich zu dem Aldermann herum, ſtellte ſich ihm gegenüber in Poſitur und ſagte: „Höre, Kaiſerling, wir ſind immer gute Freunde ge⸗ weſen, obgleich kein Tag hingegangen iſt ohne Zank und Neckerei, aber das ſage ich Dir hiermit: Hältſt Du keinen Frieden und wahrſt Du Deine Zunge nicht, bis das Miß⸗ lingen des Werkes Dir Anlaß zum Spotte giebt, ſo— ſo—“ Der Aldermann ſah ihm freimüthig in's Geſicht. „So gehe ich Dir wahrhaftig aus dem Wege!“ ſchloß er pathetiſch. „Dann hätteſt Du ebenfalls einen Sparren zu viel, wie Deine neuen Freunde, die verdrehten Engländer,“ Manufactur⸗ und Fabrikſtädten zu erleichtern. Sie wurden von James Wyatt erfunden, aber noch nicht mit Dampfwagen, ſondern mit Pferdefuhrwerk befahren. 93 rief der Aldermann lachend.„Aber ich will Freundſchaft üben und ſchweigen über den Paſſus, um mir die Mühe zu erſparen, Dir nachlaufen zu müſſen, wenn Du mir ausweichſt.“ Er legte ſeine Hand auf den Mund und machte eine Schwenkung gegen die Thür. Plötzlich ſtand er wieder und ſprach:„Wie iſt es denn mit Deinem Com⸗ pagnon? Ich habe mir ſagen laſſen: Du hätteſt Dir einen ſtummen Compagnon zugelegt.“ Vogler ſah ihn verwundert an:„Wer ſagt das?“ fragte er hoheitsvoll. Kaiſerling wurde ein klein wenig verlegen und wich der Antwort aus. „Wer ſagt das?“ wiederholte Vogler lauter noch. „Etwa Mosjeh Schwentſer, Dein Zeitungskrämer?“ Kaiſerling war zu ehrlich, ſeinen Witz und Spott dem unſchuldigen Friſeur aufbürden zu laſſen.„Nein, Vetter Vogler! Nein!“ rief er haſtig. „Schwentſer erzählte mir nur, daß Du Dir einen Compagnon zugelegt hätteſt, der nicht mitreden dürfte.— Wer nicht reden kann, iſt meines Erachtens ſtumm.“ „Haſt ganz Recht!“ meinte Vogler verſöhnt.„Ich war bei dieſer Geſchichte nahe daran, einen Kaiſerling'ſchen Streich der Uebereilung zu begehen—“ „Wirklich, Vetter Vogler, einen Kaiſerling'ſchen Streich!“— ſchrie der Aldermann entzückt—„Laß Dich 94 umarmen dafür!“— Er breitete ſeine Arme aus, umfing höchſt ſäuberlich den ſteifen Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherrn und drückte ihm feierlich auf jede Wange einen Kuß. „Eine fürſtliche Belohnung, Herr Vetter, für dieſen Kaiſer⸗ ling'ſchen Streich—“ „Die Belohnung iſt unverdient, denn ich beſann mich zur rechten Zeit und machte Kehrt auf halbem Wege. Nun, was beſiehſt Du Deine Finger 8**. „Ich habe meine Lippen unterſucht, ob ſie nicht etwas von der Roſenfarbe Deiner Wangen genaſcht haben.“— Jetzt lachte Vogler herzhaft. 1 „Denkſt Du ich ſchminke mich?“ „Da Du der Fahne des Sohnes huldigſt, ſo könnte es ja ſein, daß Du auch mit dem Vater Rentelow's har⸗ monirteſt und der malt ſich tüchtig!“ „Du kannſt doch keine Ruhe halten, Kaiſerling!“ ſprach Vogler, aber das Zucken ſeiner Mundmuskeln zeigte, daß er nichts weniger als erzürnt über dieſen Ausfall war. „Nun Du den Sohn in Ruhe laſſen ſollſt, raiſonnirſt Du über den Vater. Mach' nur, daß Du fortkommſt—“ „Gleich— gleich!“ rief Kaiſerling und trippelte bis zur Thür. Er blieb jedoch nochmals ſtehen, legte wie nachdenkend den Finger an die Naſe und ſagte: „Eins mußt Du mir noch zu ſagen erlauben, ohne mir aus dem Wege zu gehen und ohne mir die Thür zu 9⁵ weiſen. Ich habe mir ſagen laſſen, daß der Baumeiſter Rentelow einkommen wird, um eine bedeutende Erhöhung der Anſchlagskoſten— wenn er auch Alles richtig zu be⸗ rechnen weiß, ſogar mit dem lieben Herrgott, der ihm die Sandbänke wegſpülen läßt, richtige Berechnungen hält, ſo muß er dennoch, in Rückſicht auf unſere Kämmereikaſſe, ſich ſchmählich verrechnet haben. Ich wollte Dir nur hiermit erklären, daß ich, wenn die Sache zum Vortrag kommt, unbedingt und mit allen Kräften gegen jeden Zuſchuß ſtim⸗ men werde.“ „Erſt muß Rentelow einkommen,“ entgegnete Vogler lakoniſch,„dann findet ſich das Weitere. Haſt Du noch etwas in petto?“— „Ja ja! Ich habe mir ſagen laſſen,“— rief Kaiſer⸗ ling ſehr haſtig und faßte den Griff der Thüre—„ich habe mir ſagen laſſen, daß die Féte, die Du am Sonntag zu geben beabſichtigſt, ein Verlobungsfeſt ſein ſoll?“— Er ſtand ſchon mit dem halben Körper außerhalb. „Verlobungsfeſt?“ wiederholte Vogler. „Ja, ja,— Sara mit Johannes Rentelow.“— Die Thür flog zu und Kaiſerling trippelte lachend zum Hausflur hinaus. Vogler ſah ihm verdrießlich nach.„Gut, daß er ging,“ murmelte er.„Was— Sara den Baumeiſter heirathen? Niemals, ſolange Abraham Vogler's Augen offen ſtehen.— 96 Ein Baumeiſter wird mein Schwiegerſohn nicht, darauf kann ſich Gott und die ganze Welt verlaſſen! Ich haſſe nichts ſo ſehr, als die Herren Bauverſtändigen, ſeitdem ſie mir meines Vaters Garten dergeſtalt verbauet haben, daß weder Sonne noch Mond hinein ſcheinen kann. Nichts da, Vetter Kaiſerling, von dergleichen Verlobungen. Sollte der Herr Baumeiſter Rentelow darauf gerechnet haben, ſo wird er ſich wohl eben ſo ſicher verrechnet haben, wie in dem Anſchlagskoſtenpunkt.“— Achtes Capitel. Gabriele kam mit ihrem Sohne von einem Spazier⸗ gange zurück. Der Knabe trug Peitſche und Kreiſel in der Hand und ſah freudeglänzend zu dem Fenſter des Kaiſer⸗ ling'ſchen Hauſes empor, wo Frau Kaiſerling ſpinnend und leſend zugleich Platz genommen hatte. Es war ein ausge⸗ zeichnet ſchönes Kind, dieſer kleine ſiebenjährige Alexander und die ſtolze, ritterliche Art, womit er ſeine Mama im⸗ mer zu begleiten pflegte, entlockte jedes Mal ſeiner Groß⸗ mutter ein Lächeln. Gabriele ſah heiter und erfriſcht aus. Ihr Auge leuchtete wieder und der dunkle Schatten, der wie 97 eine Wolke die ſchöne Stirn bis dahin getrübt hatte, war gelichtet. Alexander lief zur Großmama hinein, um ihr zu erzählen, daß ſie auf dem Fürſtenwall geweſen ſeien, daß er mit vielen andern Knaben dort geſpielt und Peitſche nebſt Kreiſel geſchenkt erhalten habe. Eine wichtige Bege⸗ benheit im Leben des einſam erzogenen Knaben. Gabriele ging hinauf in ihre Wohnung. Kaum hatte ſie das Zim⸗ mer betreten, ſo klopfte es ſtark an ihre Thüre. Sie öff⸗ nete dieſelbe und wich einen Schritt erſtaunt zurück. Ste⸗ phan Kühne in ſeiner ganzen Stattlichkeit und Größe ſtand vor ihr. „Sie müſſen meine Dreiſtigkeit entſchuldigen,“ be⸗ gann der junge Mann mit offenem, zutraulichem Weſen ſogleich näher tretend.„Ich ſah Sie gehen, gnädige Frau, und folgte Ihnen auf dem Fuße, um mir von Ihnen die Beſtätigung einer Nachricht zu holen, welche einen großen Irrthum von meiner Seite löſen kann.“ Frau von Kotſchinski ſah ihn geſpannt an. Sie be⸗ griff nicht, was ein Mann, der ihr wildfremd war, von ihr zu wiſſen verlangen könnte. „Wiſſen Sie gewiß, daß Ihr Herr Gemahl todt iſt, gnädige Frau?“ fragte Stephan ohne Zaudern. „Jal“ antwortete Gabriele ſchnell, doch plötzlich von einem Gedanken ergriffen, der ihr Blut in Wallung und ihre Nerven in convulſiviſche Bewegung brachte, fügte ſie 7 1858. X. Vorwärts! I. 98 hinzu:„Zweifeln Sie daran? Wer ſind Sie? Was be⸗ wegt Sie zu dieſer Frage? Sprechen Sie ſchnell— ſchnell!“ „Wer ich bin? Kennen Sie den armen Schüler noch, der Jahre lang an dem Tiſche Ihrer Eltern allwöchentlich mehre Male Platz fand?“ Die junge Frau fuhr freudig auf.„Stephan!— O mein Gott, Sie können nichts Böſes im Schilde führen?— Was führt Sie zu der Frage nach Kotſchinski's Tode?“ „Die Ueberzeugung, daß er noch lebt!“ ſprach Ste⸗ phan entſchloſſen. Gabriele ſtarrte in halber Bewußtloſigkeit zu ihm hinauf. Ein Gefühl, das an Entſetzen ſtreifte, raubte ihr jede Beſinnung. Stephan Kühne mißverſtand ſie. Er hielt für freu⸗ dige Beſtürzung, was unſäglicher Schmerz, was Grauen, was Verachtung eines tief betrauerten Mannes war. „Gewiß, zweifeln Sie nicht länger, meine Gnädige,“ fuhr der junge Mann mit freudig bewegtem Tone fort, „gewiß er lebt— er iſt kaum ſechs Meilen von Ihnen entfernt— er kann, von mir benachrichtigt, wo Sie ſich aufhalten, in wenigen Tagen bei Ihnen ſein!“ „Es iſt unmöglich!“— flüſterte Gabriele mit ganz verändertem, accentloſem Tone.— „Es iſt wahr, ich ſchwöre Ihnen, daß Ihr Gemahl 99 lebt!“ betheuerte Stephan, noch immer befangen in ſeiner Meinung ihr Freude zu machen. Die junge Frau ſchwankte nach einem Schreibpulte, zog ein Schubfach heraus und entnahm demſelben einen Brief. Nur einige Zeilen machten ſeinen ganzen Inhalt aus:„Dem Tode nahe, verzehrt vom fürchterlichſten Fie⸗ ber und von der Sehnſucht nach Dir und nach Deinem Sohne, rufe ich Dir das letzte Lebewohl zu. Ich war Dir treu bis zum Tode.— Alexander von Kotſchinski. Drunter ſtand von einer andern Hand: „Der gehorſamſt Unterzeichnete macht der gnädigen Frau von Kotſchinski bekannt, daß Ihr Gatte, Alexander von Kotſchinski, ſanft und ruhig entſchlafen und heute früh beerdigt worden iſt.— Der Feldprediger Joſef Müller. Stephan las das Document mit großer Aufmerkſam⸗ keit. Es war von Mainz datirt. Er beſah das Siegel, er prüfte die Aufſchrift. „Gnädige Frau— das iſt ein ſchändlicher Betrug! Herr Alexander von Kotſchinski lebt! Seit vier Wochen hält er ſich theils in Stendal, theils in Seehauſen, theils in Gardelegen auf. Er lebt und iſt Werbeoffizier in Dien⸗ ſten des Königs von Preußen.“— „Hören Sie auf!“ unterbrach ihn Gabriele mit herz⸗ zerreißendem Ausdrucke.„Fühlen Sie denn nicht, daß Sie ein Heiligenbild meines Herzens beflecken.“ 7* 100 „Wie? Gnädige Frau, Sie glauben, daß ich Kotſchinski verdächtigen will?“— „O, er, er hat die erſten Worte geſchrieben!“ Fie⸗ berhaft zitternd riß ſie Briefe hervor und legte ſie dage⸗ gen. Stephan verglich die Schriftzüge, ein augenblickli⸗ cher Schrecken bleichte ſeine Wangen. „Das iſt freilich dieſelbe Handſchrift,“ murmelte er. Verlegen irrten ſeine Blicke von den Papieren zu der jun⸗ gen Dame, die geiſterbleich vor ihm ſtand. „Und Sie behaupten wirklich noch immer, daß der Kotſchinski, den Sie kürzlich geſehen haben, mein Gatte iſt?“ fragte ſie kaum hörbar. „Ich verpfände meine Ehre, gnädige Frau,“ antwor⸗ tete er feſt. „Es hat Sie vielleicht eine Aehnlichkeit getäuſcht?“ „Vertrauen Sie meiner Verſicherung: es iſt kein Au⸗ derer, wie Ihr Gemahl.“ „Sie ſind entſetzlich mit Ihrem Starrſinn! Mein Gott, mein Gott, was ſoll ich glauben? Was ſoll ich thun?“ „Meine eigene Ehre erfordert es jetzt, gnädige Frau, Ihnen ſowohl, als Herrn Vogler gegenüber, daß ich den Beweis der Wahrheit meiner Behauptung führe und ich will ihn führen. Laſſen Sie mir Zeit— gewähren Sie mir eine kurze Friſt— dann bringe ich Ihnen vollſtän⸗ dige Ueberführungen. Für jetzt erfordert meine eigene — 101 Sicherheit, daß mein Aufenthalt hier etwas verborgen bleibt.“—. Stumm gab Gabriele ihre Zuſtimmung zu erkennen und Stephan entfernte ſich, nachdem er voll Theilnahme und Bekümmerniß ehrerbietig die Hand der Dame geküßt, der er ſo ſchweres Leid aufgebürdet hatte. Wie ſollen wir aber nun Gabrielen's Gemüthszuſtand beſchreiben? Machtlos ſank ſie in ihren Seſſel, die Hände krampf⸗ haft gefaltet, die Augen flehend zum Himmel emporgerich⸗ tet. Wild wogten die Gedanken durch ihre Seele. Bis⸗ weilen ſchien ihr Herz ſtill ſtehen zu wollen. Die Erſchütterung ihres Innern war zu groß, als daß ſie Kraft gewinnen konnte, das ganze Ereigniß klar zu überſchauen. So viel iſt gewiß, daß keine freudige Regung auch nur momentan ſie durchblitzte, wenn der Gedanke ſich an die Möglichkeit wagte, ihren Gatten noch im Leben wie⸗ dergewinnen zu können. Lebte er, ſo hatte er im teufliſchen Egoismus das Glück ihres jungen Lebens mit Grauſam⸗ keit zertreten. Ihre Einbildungskraft erhitzte ſich an den Bildern der Vergangenheit, die ihrem argloſen und reinen Herzen ein Paradies geſchienen hatte. Sie war ihm gefolgt von Ort zu Ort, wie er es heiſchte. Seine ſeltſam geheimen Ge⸗ ſchäfte hatten nie ihren Argwohn erregt, ſeine wüſten Ge⸗ 10² ſellſchaften, bei denen ſie züchtig und ſittſam die Wirthin abgab, bis es der Anſtand nicht mehr erlaubte, den trunke⸗ nen Gäſten gegenüber zu bleiben, waren ihr mit der Zeit fatal geworden, und ſie hatte ihrem Widerwillen dagegen ſanfte Worte gegeben. Wie von Zauberhand entfaltet, rollte ſich Bild an Bild, Scene an Scene vor Gabrielens Geiſte auf. Und noch jetzt fand ſie nichts in Allem, was das Bild des ſchö⸗ nen ritterlichen Gatten hätte entheiligen können. Nur ſein Tod, ſeine gewaltſam herbei geführte Tren⸗ nung von ihr, erſchien ihr entſetzlich— es war eine Sünde gegen ihre Liebe, die ſie ihm nicht verzeihen zu können glaubte. Zuletzt brach ſie in Thränen aus. Ihr Knabe, der ſie ſo heiter und fröhlich verlaſſen hatte, trat in dieſem Momente ein. Mit einem Angſtſchrei flog das Kind auf ſeine Mutter zu und umfaßte mit ſtürmiſcher Zärtlichkeit die Knieen derſelben. Sogleich hemmte ſie ihre Thränen⸗ fluth und lächelte ihn an. Sie kannte die Eigenthümlichkeit des Knaben. Er mochte ſie nicht weinen ſehen. Um ſeinet⸗ willen hatte ſie ſchon oftmals die Thränen zurückgepreßt in's traurige Herz, um ſeinetwillen mit den Thränen im Auge gelächelt. „Wer hat Dich weinen gemacht, Mama?“ forſchte der 103 Knabe lebhaft.„Iſt es der große Mann geweſen, der bei Dir war?“ Die Mutter ſtrich über das heißgeröthete Geſicht ih⸗ res Kindes und küßte ſanft ſeine Stirn.„Der Mann ſoll mir nicht wieder zu Dir!“ fügte Alexander altverſtändig hinzu. Es iſt eine ſo kleine und unerhebliche Scene, die wir dem Leſer hiermit vorgeführt haben, und doch trägt ſie den Keim zu tragiſchen Entwicklungen in ſich. Der Mutter Thränen ſind in das kleine glühende Knabenherz gefallen; ſie brennen darin, ſie wecken Entſchlüſſe, ſie regen ihn ſpä⸗ ter zu energiſchen Thaten an. Die Räder des Geſchickes verfolgen bisweilen kaum unmerklich, bisweilen aber tief⸗ einſchneidend ihre Spur. Wir werden Gelegenheit finden, die Vorſehung zu bewundern, die eine Thräne, den ſalzigen Tropfen eines verletzten Herzens, in der Hand der rächen⸗ den Nemeſis zu dem Quell werden läßt, der das Haupt eines Sünders ſtrafend überfluthet. Doch kehren wir jetzt zu Gabrielen zurück. In der nächtlichen Stille brach ihre milde und edle Geſinnung wieder ſiegend hervor. „Es iſt nicht möglich,“ ſagte ſie unabläſſig zu ſich ſelbſt.„Weshalb ſollte ein Mann ſeine Frau mit einer Todesnachricht täuſchen? Es iſt gar kein Grund dazu vor⸗ handen, da ihm tauſend andere Wege offen ſtehen, ſich der⸗ 104 ſelben, wenn ſie ihm zur Laſt iſt, zu entledigen. Wie ge⸗ wagt wäre auch ein derartiger Betrug— nein, nein! Stephan hat ſich getäuſcht!“ Nach dieſem Selbſtgeſpräche wurde ſie ruhiger und entſchloſſener. Sie griff nach Papier und Tinte, ſchrieb an den ſogenannten Herrn von Kotſchinski, der ihr Gatte ſein ſollte, bat um Aufklärung der Verhältniſſe, indem ſie des Gerüchtes Erwähnung that, das ihn als ihren Gatten be⸗ zeichne und ſendete mit Tagesanbruch einen Courier ab, den ſie mit der Vollmacht verſah, den Herrn von Kotſchinski aufzuſuchen, wo er ſich auch befinden möge, und nicht eher wieder zu kommen, bis er eine Antwort in Händen habe. Von dieſer Maßregel ſetzte ſie Niemand in Kennt⸗ niß. Sie verbarg die Unruhe und Bangigkeit ihres Herzens mit meiſterhafter Selbſtbeherrſchung. Die Erfahrungen der letzten Zeit hatten in etwas die ſchwärmeriſch gepflegte Liebe zu dem Manne, in welchem ſie den Abgott ihrer Träume, das Urbild alles Schönen und Edeln geſehen hatte, erſchüttert. Es war plötzlich eine Kriſis eingetreten, wonach entweder Beruhigung oder Verachtung an die Stelle der unnatürlichen Schwärmerei folgen mußte. War Kotſchinski todt, ſotrat mit der Beruhigung zugleich eine neu geweckte Lebensluſt verſuchend an ihr lange traurig verſchloſſe⸗ nes Herz. Lebte er, ſo half ihr die Verachtung über die neuen Leiden hinweg, die ihr vom Geſchicke geboten wurden. Daß 105⁵ ſie ihn jemals nach ſolchem ſchmählichen Betruge anders, als mit tief grollendem Haſſe betrachten könne, fiel ihr gar nicht ein. Zwei Tage vergingen ſchwer und ahnungsvoll. Am ſpäten Abende des zweiten Tages ſprengte der Courier die Straße hinauf. Sie ſah ihn ſchon, als er eben unter der Wölbung des Krökenthores, das den Breitenweg begrenzte, hervor ritt. Schon von fern hielt der Mann einen Brief ihr entgegen. Zitternd ſchloß ſie das Fenſter. Ihr Schick⸗ ſal wog in dieſer letzten Minute der Ungewißheit zu ſchwer für ein ſchwaches Weiberherz, und ſie wünſchte einen Ver⸗ trauten, eine Stütze zu haben. Der Wunſch war vergeblich. Sie mußte den Kelchallein leeren, weil ſie ihn allein gefüllt hatte. Niemand achtete des Couriers, Niemand kam theilnehmend zufragen, Niemand ſah die Hülfloſigkeit, womit Gabriele den inhaltsſchweren Brief vor ſich hinlegte, ohne den Muth zu haben, ihn zu eröffnen. Endlich richtete ſie ihr Auge auf die Adreſſe. Es war ſichtlich eine andere Handſchrift, als die ihres Gatten — klein, fein und gedrechſelt— wogegen die Schrift ihres Gatten große und ſtark aufgetragene Züge trug. Jetzt erwachte ihr Muth. Sie beſchauete das Siegel, es war nicht das ihres Gatten— ſie ſchnitt haſtig den Brief auf und las: „Madam! Sie unterzeichnen ſich in einem Briefe, 106 den ich ſo eben erhalten habe, Gabriele von Kotſchinski, geborene Kaiſerling. Die Manier, womit Sie dem Leben eines Mannes, der dieſen Namen Ihnen verliehen haben ſoll, nachforſchen, läßt folgern, daß Sie ein Recht zu dem⸗ ſelben zu haben meinen. Nehmen Sie ſich in Acht, Ma⸗ dam, daß Sie nicht eines Tages mit Schande vor der Welt beſtehen, trotzen Sie nicht auf Rechte, die ſehr pro⸗ blematiſch ſind. Sie ſcheinen mir das Opfer eines Betru⸗ ges zu ſein. Einer, der den Namen„von Kotſchinski“ mit vollem Rechte führt, hat nimmermehr eine Bürgerliche zu ſeiner Gemahlin erhoben. Es gab aber einen Baſtard im Geſchlechte derer von Kotſchinski, der ſich den Namen bei⸗ gelegt hat— wenn Sie die Gattin dieſes Mannes gewe⸗ ſen ſind, ſo möchten Sie ſich am Beſten als Wittwe be⸗ trachten, obwohl ich nicht genau von ſeinem Tode unter⸗ richtet bin. Weiter kann ich Ihnen keine Auskunft geben, wünſche auch mit dieſer Angelegenheit nicht weiter behelligt zu werden. Alexander Edler von Kotſchinski. All' das Verletzende in dieſem rückſichtslos ſtolzen Briefe verlor ſeinen Einfluß für Gabriele durch die Ge⸗ wißheit, daß dieſer Alexander von Kotſchinski nicht ihr be⸗ trauerter Gatte war. Mochte er zu dem Geſchlechte dieſer hochmüthigen adligen Familie gehört haben oder nicht, das bekümmerte ſie gar nicht. Sie verlangte nichts von derſel⸗ ben, hoffte, wünſchte und erwartete auch nichts von dem 107 Adel, den ſie ihrem Sohne vererbt ſah, trug alſo im All⸗ gemeinen eine ſehr große Gleichgültigkeit gegen äußern Nang und Stand im Herzen. Aber ihrer Liebe war es eine Genugthuung, daß dieſer von der adelſtolzen Familie ge⸗ ſchmähte Mann an ihrer Seite ein glückliches Leben ge⸗ führt hatte. Sie las den Brief ſo oft, bis ſie ihn auswendig wußte, und ſie brannte vor Verlangen, dem jungen Manne, der als Ankläger Kotſchinski's aufgetreten war, dies Docu⸗ ment ſeiner Entſöhnung vorzulegen, um ihn auch in ſeinen Augen zu reinigen. Sie überlegte vorſichtig, ob es nicht ge⸗ rathen ſei, dieſe Angelegenheit ſo wenig als möglich zur Sprache zu bringen, denn ſie kannte die Sucht des Publi⸗ kums, lieber das Schlimme zu glauben, als das Wahre, trotz aller Beweiſe. Neuntes Capitel. Der Sonntag mit ſeiner Sabbathsſtille war herein gebrochen, der Gottesdienſt zu Ende und die Mittagsſtunde näherte ſich. Pünktlich um zwölf Uhr ſah man, in verſchiedenen 108 Gruppen, bald in Sänften getragen, bald zu Fuß, eine ſtattliche Geſellſchaft zum Hauſe des Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherrn Vogler wallfahrten. In einem großen, reich ausgeſtatteten Saale der Bel⸗etage war eine mit dem feinſten Linnen gedeckte Tafel arrangirt. Koſtbares Silbergeräth blendete die Augen und verrieth hinlänglich den Reichthum des Vogler'ſchen Hau⸗ ſes von Alters her. Schöne Frauen und ſchöne Mädchen im modernſten Putz, trippelten auf ihren Hackenſtiefeln ängſtlich wartend im Nebenzimmer hin und her. Sie mußten ihrer ellen⸗ hohen Haarfriſuren wegen ſorgſam die Mitte der Stube halten, um durch die Fenſterbehänge oder ſonſtige Zierra⸗ then der Wände keine Zerſtörungen in ihrem kunſtvollen Kopfbau anzurichten. Nur Editha, des Aldermannes jüngſte Tochter, hatte ſich nicht um eines Kopfes Länge ver⸗ größern laſſen wollen, ſondern war mit ihrem gewöhnli⸗ chen Chignon, dem ſie einige Löckchen, einige Blumen und Schleifen hatte zufügen laſſen, erſchienen. Daß ſie mit ih⸗ rer ganz widerrechtlich einfachen Friſur einem allgemei⸗ nen Spotte verfallen würde, hatte ihr Mosje Schwentſer voraus verkündigt, deshalb ertrug ſie auch lachenden Mu⸗ thes die kleinen kritiſirenden Seitenbemerkungen, die von allen Ecken auf ſie einregneten. Sara, die Königin des Feſtes, höher und eleganter 109 als jemals coiffirt, hatte mit ſteifer Grazie alle Gäſte em⸗ pfangen. Frau Suſanne hatte Allen herzlich die Hand ge⸗ reicht. Es fehlte nur noch ein Ehrengaſt, der Oberſt von Witzepuhl, allein ehe er nicht erſchienen war, konnte man nicht zu Tiſche gehen. Die vornehmen Herren wiſſen nicht immer, weshalb ſich einer der ehrenfeſten Bürger plötzlich eine Ehre daraus macht, Hochdenſelben bei ſich zu bewirthen. Sie irren ſich oft, wenn ſie denken, mit ihrer huldvollen Herablaſſung denjenigen zu beehren, welcher ſie gebeten hat. Sie bringen die leutſeligſte Miene mit in das Haus, wo ihre Gegen⸗ wart das Feſt verherrlichen ſoll und ahnen gar nicht, daß ſie ein Werkzeug in den Händen bürgerlicher Schlau⸗ heit ſind. Der Herr Oberſt von Witzepuhl, ein hochgeborner Herr, den die Feen bei ſeiner Geburt mit allem andern, nur nicht mit überflüſſigem Geiſte beſchenkt hatten, kam end⸗ lich an und begrüßte die verſammelte Geſellſchaft mit ſo liebenswürdiger Artigkeit, daß er über ſich ſelbſt ganz ent⸗ zückt ſchien. Er verwickelte ſich von vorn herein in ſeltſa⸗ men Redensarten, woraus nicht erſichtlich war, ob die „Gnade, Güte und Ehre“ auf ſeiner oder auf Vogler's Seite zu ſuchen ſein möchte, welche ſeine Anweſenheit hier herbei geführt hatte. Man lächelte und ſetzte ſich, nachdem 110 Herr Vogler mit ehrerbietiger Reverenz den vornehmen Gaſt oben an geführt hatte, in bunter Reihe um die Tafel. Oberhalb ordneten ſich die ältern Herrſchaften, in der Mitte, einander gegenüber, nahmen Herr und Frau Vogler Platz, um von hier aus das Speiſearrangement di⸗ rigiren zu können, und unterhalb ſaß die Jugend. Durch dieſe Anordnung bildete der Oberſt von Witzepuhl den Kopf und Stephan Kühne, des Kauf⸗, Brau⸗ und Raths⸗ herrn neuer Geſchäftsführer den Schwanz der Tafel. Die Suppenterrinen, zwei koloſſale in Silber gear⸗ beitete Kürbisſchaalen wurden aufgeſetzt, die eine vor Frau Suſanne, die andere vor dem Hausherrn. Mit einer Würde, als gälte es eine heilige Handlung zu verrichten, erhoben ſich Beide, legten die Deckel von den dampfenden Terrinen auf nebenbei ſtehende Platten und begannen die Suppe auf Teller zu füllen. Jetzt kam Leben in die Ver⸗ ſammlung. Man überbot ſich in Artigkeiten, wollte nicht der Erſte ſein, der bedient würde, ſchob den Teller von Nachbar zu Nachbar, von einer Dame zur andern, bis end⸗ lich der Hausherr gebot:—„meine Herrſchaften— nach der Reihe!“ Nun fügte man ſich, behielt den Teller und war augenſcheinlich froh, dieſer nothwendigen Ceremonie überhoben zu ſein. Erſſt als die Suppe verzehrt war, bemerkte Kaiſer⸗ ling, deſſen Neugier durch die unerwartete Erſcheinung des 111 Oberſten von Witzepuhl gefeſſelt wurde, daß Johannes Rentelow unter den Gäſten fehlte. Er hatte ſeine eige⸗ nen Gedanken darüber, die jedoch, wie oftmals bei ſeinen voreiligen Schlüſſen, gänzlich irre gingen. Johannes hatte ſich nur wegen des vermehrten Geſchäftsbetriebes ent⸗ ſchuldigen laſſen, mit dem Verſprechen, ſpäter zu erſcheinen. Kaiſerling glaubte dieſer einfachen Wahrheit nicht. Nach ſeiner Meinung ſteckte etwas anderes dahinter, was mit der beabſichtigten Verlobung in Verbindung zu brin⸗ gen war. Er beſchloß aufzupaſſen, damit er, ſchlauer als alle Uebrigen, den Grund dieſer Abweſenheit erwittere. Während ſich um ihn herum die harmloſeſte Heiterkeit ent⸗ faltete, lag er im wahrhaften Spürzuſtande, beſtändig auf der Lauer nach Geheimniſſen. „Es ſteckt etwas beſonderes dahinter,“ flüſterte er ſei⸗ ner Nachbarin zu, indem er kopfſchüttelnd bald den Rath Rentelow, der ſtattlich einen Ehrenplatz in der Nähe des Oberſten einnahm, bald den Hausherrn betrachtete. Dies Wort fing Feuer. Es wurde von der Dame falſch aufgegriffen und falſch angewendet. Sie flüſterte es weiter, indem ihr Blick auch den Rath und den Haus⸗ herrn fixirte. Von Mund zu Munde flog es weiter. Je⸗ der dachte etwas anderes dabei, jeder hatte ſeine Vermu⸗ thungen, jeder ſeine beſondren Anſichten und Intereſſen. „Meine Herrſchaften, wem iſt noch ein Teller Suppe —— — 112 gefällig?“ tönte des Hausherrn Stentorſtimme durch das Chaos der luſtigen und ernſten Plauderei.„Vetter Kai⸗ ſerling, Du Suppenfreund, reiche mir her Deinen Teller — Herr Oberſt— darf ich Ew. Gnaden devoteſt um den Tel⸗ ler bitten?— Wie wäre es mit einem Trunk Bier vorweg, meine Herren? Stephan, lieber Junge, ſorge einmal dafür! Ein'n Krug Bier, den lob' ich mir, vor dem Wein! Nach dem Wein, laß ich's klüglich ſein! beſagt das alte Volkslied.“ Stephan Kühne erhob ſich bei ſeines Principales Aufforderung und ſtand in ſeiner ganzen anſehnlichen Länge vor dem Tiſche. Aller Augen richteten ſich auf ihn. Auch der Oberſt von Witzepuhl ſtreckte verwundert ſeinen Hals aus der ſteifen Kravatte empor und ſtarrte den jun⸗ gen Mann an.„Diable— ein prächtiger Gardiſt“— ſchnarrte er—„wer iſt das? Was ſtellt er hier vor?“ „Gnaden“— lispelte der Aldermann Kaiſerling zu ihm hinüber—„das iſt mit Verlaub des Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherrn Vogler ſtummer Compagnon!“ „Diable!— Stumm? Jammerſchade um dies ſchöne, lange Knochengebäude.“ „Da ſteckt etwas beſonderes dahinter“— flüſterte jetzt wieder einer der Gäſte dem andern zu. Kaiſer⸗ ling horchte hoch auf. Daß dieſe Worte nur das Echo ſeines eigenen Ausſpruches waren, fiel ihm nicht ein. Er muſterte den Hausherrn— er muſterte den jungen Herrn 113 Stephan und die ſchöne, ſtolze Sara mit ihrem ellenhohen Kopfputze. „Sollte wohl Vetter Vogler die Abſicht haben kön⸗ nen, dieſen armen Verwaltersſohn mit ſeiner einzigen Toch⸗ ter zu verloben?“ flüſterte er ſeiner Nachbarin zu. Dieſe lächelte und nickte vielſagend. Es traf mit ihren vorher aufgegriffenen Meinungen zuſammen. „Der Herr Rath Rentelow wird es nicht gern ſehen,“ — meinte ſie und flüſterte das Geheimniß weiter. Während der Zeit hatten die Suppenterrinen weichen müſſen, um den mächtigen Stücken Rindfleiſch in Meer⸗ rettig mit Roſinen Platz zu machen. Der Hausherr ergriff das große Vorlegemeſſer, wetzte es, als wolle er einen Hammel abthun und ſäbelte Schei⸗ ben von der Größe eines mäßigen Tellers mit beiſpiel⸗ loſer Geſchicklichkeit ab. Frau Suſanne legte auf jeden Teller eins, füllte ſäuberlich von der Meerrettigſauce darauf und gab es weiter. Dieſelben ceremoniöſen Wei⸗ gerungen, derſelbe Komplimentenkram, der wiederum durch des Hausherrn Befehl:„nach der Reihe, wenn ich bitten darf!“ geſtillt wurde. Das Rindfleiſch war wunderſchön und die Sauce de⸗ likat. Es hielt Mancher ſeinen Teller hin, als Vogler „noch ein Stückchen“ anbot. 1858. X. Vorwärts! I. 8 114 „Sara, meine Tochter, fülle die Gläſer mit Wein!“ rief Vogler. Die junge Dame unterzog ſich gewandt dem Geſchäfte, wobei Stephan ſie unterſtützte. „Der erſte Tropfen gilt unſerm gnädigen Landes⸗ vater,“ begann der Hausherr.„Er lebe hoch!“ Die Gläſer klangen zu dem Hoch, das hell und freudig den Saal durchdrang. Die Sitte erforderte es, daß die vor⸗ nehmſte Perſon des Kreiſes im Namen des Königs dankte und das Hoch dem Hausherrn zurückgab. Man erwartete vom gnädigen Herrn von Witzepuhl dieſen Schicklichkeitsact und ſah ihn an. Des guten Kriegers Geſicht röthete ſich unter dieſen auffordernden Blicken. Er verlor alle Contenance. Er räusperte ſich. Er huſtete. Die Gabe der Beredt⸗ ſamkeit war ihm auch von der Natur vorenthalten.— „Bitte, Herr Rath—“ ſtotterte er unter immerwährendem Räuſpern und Huſten. „Werde nie die Dehors verletzen, Gnaden,“ entgeg⸗ nete der Rath Rentelow ſchadenfroh.„Wir warten bis Dero Huſten ſich allergnädigſt gelegt hat.“ „O, bitte— fataler Zufall—“ er huſtete ſtärker. Eine heilige Stille durchlief den Saal— der Oberſt ge⸗ rieth in Verzweiflung. Was ſollte er ſagen? Er wußte 115 nichts! Was mußte er ſagen? Er wußte es nicht! Dennoch erhob er ſich, nahm ſeinen Pokal und begann: „Des Königs Majeſtät muß die Gnade ſchätzen—“ Er huſtete.„Er wird die Ehre haben—“ Abermals ein Huſtenanfall.„Herr Abraham Vogler, im Namen des Königs— Hoch!“ „Hoch!“ ſchrie Alles im ausbrechenden Uebermuthe und der gnädige Herr von Witzepuhl blickte mit einer wahren Siegesfreude um ſich. Nach ſeiner unmaßgeblichen Meinung hatte er noch nie eine ſo glänzende Rhetorik be⸗ wieſen, als in dieſem großen und ſchweren Momente. Zwei mächtige Schüſſeln mit Karpfen folgten dem Rindfleiſche. Kaiſerling hob tief athmend die Naſe in die Höhe. „Polniſche Sauce,“ flüſterte er über den Tiſch hinweg— „deliciös!“ „Wer nur ſeinen Magen erweitern könnte,“ erwiederte der Rath lachend. „Der junge, große Menſch dort unten kommt am Beſten zu Wege,“ meinte der Oberſt und nahm mit großer Courage einen ſtark gehäuften Teller in Empfang. „Wollen Gnaden nicht des Hauſes Damen leben laſſen?“ fragte der Rath. Der Krieger fuhr erſchrocken zurück. „Laſſen Sie mich aus, bei ſolchen Geſchichten, beſter ——ÿÿ— 116 Mann—“ rief er.„Bin froh, daß die Königsaffaire ſo gut abſolvirt iſt.“ „Um ſo mehr ſollten Gnaden—“ „Lieber Mann— ich werde den Stickhuſten bekom⸗ men, wenn Sie mich noch ferner moleſtiren.“ „Aber mein Gott, Gnaden— wer ſoll—“ „Wer da will,“ unterbrach er ihn und ſtopfte ſich ein Stück Fiſch in den Mund. Ich ganz gewiß nicht!“ Der Rath zuckte die Achſeln mit leicht begreiflichem Mienenſpiel. Nach einem kurzen Stillſchweigen erhob er ſich mit ſeinem Glaſe und brachte in wohlgeſetzter Proſa, der er nur zum Schluſſe einige neckiſche Verſe anhing, der Frau Suſanne mit ihrem Töchterlein„das einſt an dieſem Tage klein und jetzt ſo groß und ſchön und fein“ ein Lebehoch. „Sie können es ja wie gedruckt,“ ſchrie der Oberſt zwiſchen den Gläſerklang hindurch. „Ja, ja, Gnaden,“ entgegnete der Aldermann Kaiſer⸗ ling,„wie gedruckt! die Juriſten üben ſich mit dem Munde zu fechten— die Krieger mit dem Degen!“ „Recht ſo, guter Mann!“ antwortete der Oberſt— „bitte noch um eine Portion Karpfen, mein beſter Vogler!“ „Gnaden brauchen Dero Mund zu beſſern Dingen,“ fügte der Rath hinzu. „In Kriegs⸗ und Friedenszeiten,“ bekräftigte der 117 Oberſt und machte einen Angriff auf die zweite Portion Karpfen. „Sara, meine Tochter, des Herrn Oberſten Pokal verlangt Deinen Dienſt,“ rief der Hausherr, aber er winkte verſtohlen dem jungen Stephan, das Einſchenken zu über⸗ nehmen. Hurtig entkorkte dieſer eine Rheinweinflaſche und verfügte ſich hinauf zu dem gnädigen Herrn, der mit arbei⸗ tenden Kinnbacken an der hohen Geſtalt hinaufſah. „Ein tüchtiges Gebäude,“ murmelte er, ganz in Be⸗ wunderung verloren. „Befehlen Gnaden?“ fragte Stephan, der ihn nicht verſtand. Der Oberſt fuhr erſchrocken zurück:—„Diable — Er kann ja ſprechen! Ich denke Er iſt ſtumm?“ Ein leiſes Gelächter durchlief den Saal. Man er⸗ rieth ſogleich den Anſtifter dieſes Mißverſtändniſſes. Am lauteſten lachte Vogler, der ſonſt ſo ehrenfeſte und ſteif⸗ nackige Hausherr. „Er muß Soldat werden,“ polterte der Oberſt ab⸗ gebrochen heraus.„Wenn Er ſprechen kann, Kleiner, ſo muß Er Flügelmann werden— eine ſchöne Poſition für Ihn!“— „Können nicht dienen, Gnaden!“ rief Vogler mit ſeiner kräftigen Baßſtimme. „Was?“ fragte der Oberſt frappirt.„Wenn wir wollen, ſo dient der Kleine!“ 118 „Schwerlich! Wir haben Cantonfreiheit—“ „Paperlapap— vorbei, guter Mann!“ fiel der Oberſt ein und folgte dem jungen Manne, der ſich mit unbehag⸗ lichem Gefühle zurückzog und wieder an ſeinen Platz ſetzte, mit ſtrahlenden Blicken.„Ein köſtliches morceau! Schade, daß der alte Generaliſſimus todt iſt!“ „Gnaden ſcherzen!“ antwortete der Hausherr.„Wie kann ein Privilegium, vom Königswort geheiligt„vorbei“ ſein?“ Der Aldermann Kaiſerling, der ſchlaueſte und neu⸗ gierigſte aller Gäſte, ſpitzte ſein Ohr. In ſeinen Geſichts⸗ zügen prägten ſich die Interjectionen„Aha“— und„So, ſo!“— aus. „Haben unſere Meſüres anders genommen, guter Mann!“ entſchied der Oberſt.„Wird hier ausgehoben, wie allenthalben!“ „Nach Königs Befehl?“ fragte Kaiſerling, der ein geſchworner Feind aller Königsbefehle war. „Verſteht ſich! der Kleine da unten wird gelangt!— Iſt Er ein Magdeburger?“ ſchrie der Oberſt hinunter. Vogler antwortete für Stephan: „Er iſt in Abraham Vogler's Geſchäft und wohnt in Abraham Vogler's Hauſe, Gnaden. Das wollte ich hier⸗ mit geſagt haben! Wem beliebt noch ein Stückchen Karpfen? Herr Oberſt— ein kleines Stückchen, Gnaden?“— 119 „ „Partout nicht! Ich reſervire ein Plätzchen für's nächſte Gericht!“— Ein Wink des Hausherrn entfernte die Ueberreſte des Fiſches. Grüne Erbſen mit Mohrrüben, Schinkenſchnitte, Wurſt, Zunge und Coteletts rückten an ſeine Stelle. Wenden wir uns nun von dem obern Ende der Tafel ein⸗ mal zu dem untern, wo weniger ſtark gegeſſen und ge⸗ trunken, aber deſto mehr geplaudert und gelacht wurde. Auf Editha's Stirn lagerte im Anfange ein leichter Schatten, als ſie hörte, Johannes werde erſt gegen Abend erſcheinen. Seinetwegen hatte ſie einen Kampf gegen be⸗ ſtehende Ordnungen und Moden gewagt, ſeinetwegen, ſo viel wie möglich, verſtohlen den Puder von ihrem lockigen Haare geſtäubt. In ihrer Erinnerung lebten die Worte des jungen Baumeiſters, die er bei einem Beſuche im elterlichen Hauſe geäußert. „Es giebt keine entſtellendere, keine abſcheulichere Mode, als das Pudern des Kopfes,“ hatte er geſagt.„Die ſchönſte Zierde des Hauptes ſind die Haare— man mengt dieſe weiche, feine Lockenmaſſe jetzt mit Werg und mit Mehl, um ein ganz naturwidriges Ausſehen herzuſtellen— kann es etwas Unſinnigeres geben?“ Seitdem hatte Editha angefangen, ihre Haarfriſur vernünftig anzuordnen. Die Kämpfe mit Mosjeh Schwent⸗ ſer, dem Friſeur, waren von ihrer Seite Siege geworden. 22 ——————-——— 120 Ihr poetiſcher Enthuſiasmus ſchlug alle Einwendungen des unglücklichen Friſeurs zu Boden. Sie ließ ihr Haar flechten, locken und aufputzen nach ihrer eignen Laune und brachte dadurch Mosjeh Schwentſer zur Verzweiflung. An dieſem Tage hatte ſie im Stillen auf den Lor⸗ beeren ihres Ruhmes geruht und durch eine Anerkennung des jungen Baumeiſters, Balſam für die vielen Spott⸗ wunden, die ſie davon getragen, zu erlangen gehofft. Vergebliche Träume und vergebliches Bemühen. Johannes kam nicht, um ſie zu bewundern. Wie ein Täubchen, das ſich vergeblich geputzt und im Sonnenſchein beſpiegelt hat, ſaß das junge Mädchen da. Gabriele wußte recht gut, weshalb Editha ſchmollend die feinen Lippen zuſammenzog, obwohl ſie nicht mit ihr darüber geſprochen hatte. Es war ihr auch kein Geheim⸗ niß, weshalb Werg und Puder plötzlich verabſcheuete Dinge für ihre Schweſter waren. Ihr Herz jubelte über die kleinen Zeichen unterwürfiger Liebe, denn ſie ſah darin ein Glück keimen. Nach und nach lichtete ſich Editha's Stirn. Der Frohſinn ſcheuchte die Nebel der getäuſchten Erwartung. Des Oberſten gehaltvolle Rede weckte endlich die Heiterkeit ihres Jugendſinnes wieder und ließ das phantaſtiſche Bild des jungen Baumeiſters erbleichend in den Hintergrund treten. 121 In der Sorgloſigkeit des Scherzes achtet man nicht darauf, wie nahe Schmerz bei der Freude ruht. Der Auftritt, den wir zuletzt geſchildert haben, erregte die hei⸗ terſte Fröhlichkeit in Editha's Bruſt und ſie rief lachend dem betrübt zurückſchleichenden Stephan zu: „Hüten Sie ſich vor dem Oberſt— er langt Sie!“ „Sie lachen dazu,“ erwiederte der junge Mann halb verdrießlich.„Mir vergeht das Lachen ſchon. Kaum bin ich den Händen eines Werbeoffiziers, den ich für Ihren Schwager halte, entronnen—“ „Mein Schwager? Für meinen Schwager Kot⸗ ſchinski?“ fragte Editha im Tone der allerhöchſten Ver⸗ wunderung.„Gabriele—“ fügte ſie aufjauchzend hinzu. Gabriele ſchüttelte ſanft ablehnend den Kopf. Es war ihr ſichtlich unangenehm, durch dieſe Wendung des Geſpräches eine Sache lautbar gemacht zu ſehen, die von ihr heimlich mit Stephan beſprochen und erörtert werden ſollte. Als ſie einſah, daß ſie der Veröffentlichung des aufgetauchten Gerüchtes nicht mehr entgehen konnte, erhob ſie muthig die Stimme und ſagte: „Herr Stephan hat ſich geirrt, indem er annahm, in dieſem Offizier Kotſchinski, meinen längſt verſtorbenen Gatten, begrüßen zu können. Er heißt zwar Kotſchinski, hat aber in einem Antwortſchreiben an mich, ganz ent⸗ 12² ſchieden ſeine Identität in Abrede geſtellt und mir den Beweis geliefert, daß er nicht mein Gatte iſt.“ „Gnädige Frau,“ rief Stephan aufgeregt,„dann muß das allermerkwürdigſte Naturſpiel zwei ganz gleiche Menſchen geſchaffen haben.“ „Wohl möglich, lieber Herr, aber viel eher iſt dies denkbar und glaublich, als daß ein Mann ohne alle Ver⸗ anlaſſung ſich einen Todtenſchein ausſtellen läßt,“ entgeg⸗ nete Gabriele ſo entſchieden, daß keine Einwendung mehr möglich war. Es trat eine verlegene Stille ein. Man nahm Partei für Stephan von der einen Seite und fand dies ganz denkbar, und man erklärte es ſtill⸗ ſchweigend für eine Unmöglichkeit, eine ſo reizende Frau, wie Gabriele, jahrelang zu vermeiden, von der andern Seite. In dieſe Spaltung der Gemüther, der ſich eine bedeutende Quantität Neugier zugeſellte, fiel des Oberſten ſchnarrende Stimme ordentlich wohlthuend ein. „Man ſpeiſt deliciös bei Ihnen, guter Mann,“ rief er Vogler'n zu,„was haben Sie noch nach dieſen Erbſen?“ „Einen engliſchen Pudding, Gnaden, und dann Rehbraten—“. „Was? Rehbraten, jetzt Rehbraten? Nein, dann bitte ich nicht mehr um eine Portion Erbſen— refüſire Alles, außer Pudding und Rehbraten!“ „Es iſt ſonderbar,“ bemerkte Editha lachend,„daß 123 der Oberſt über dergleichen Gegenſtände höchſt verſtändlich ſpricht.“ „Das hat er gelernt von Jugend auf,“ meinte Stephan.„Hätte ich übrigens ahnen können, ihn hier zu treffen, ſo wäre ich nicht erſchienen.“ „Mein Herr Vater hat gewiß nicht ohne Abſicht den Offizier in's Haus geladen,“ entgegnete Sara mit ihrem ſtolzen Lächeln. Stephan blickte ſie überraſcht an. Ein Hoffnungs⸗ ſtrahl durchleuchtete ſein gebeugtes Herz.„Meinen Sie?“ fragte er leiſer. „Gewiß! Fürchten Sie nichts,“ flüſterte ſie gütig. Es war, als wenn Sonnenſchein durch Schneewolken bricht, um eine betrübte Menſchenſeele zu erkräftigen. Stephan's Blick wurzelte überraſcht an dem wahrhaft lieblichen Mie⸗ nenſpiel, das dieſen eiſig ernſten Zügen einen wunderbaren Reiz mittheilte. Gabriele ſaß Beiden gegenüber.„Sollte ihr Herz pulſiren können?“ dachte ſie und betrachtete mit Verwun⸗ derung den Abglanz dieſer innern Regung. Wir ſchließen nun den Bericht über das Feſteſſen. Es endete würdig, wie es angefangen hatte. Pudding und Rehbraten fanden Beifall, wie alle Gänge des echt bürger⸗ lichen, reichlich ausgeſtatteten Mahles. Der Oberſt leiſtete Vortreffliches in der Vertilgungskunſt, er wurde ſchweig⸗ 124 ſamer als zuvor, und verlangte ſogleich nach dem Deſert eine Sänfte, um ſich ſanft in die Räume ſeiner Wohnung zurückſpediren zu laſſen. Nach ſeiner Entfernung hob man die Tafel auf. Die Damen verfügten ſich in den kleinen allerliebſt angelegten Hausgarten, um Kaffee zu trinken und die Herren rückten, mit Tabakspfeifen bewaffnet, näher zuſammen, um zu politiſiren. Bleiben wir zuerſt im Kreiſe der Herren und hören ihre Geſpräche. Zehntes Capitel. Es war nur ein kleiner Kreis von ehrſamen Vätern und Gevattern, welche zurückgeblieben waren, um ſich dem Vergnügen des Tabaksrauchens in möglichſter Ausdehnung hinzugeben. In einem monarchiſchen Staate ſind die Steckenpferde des Königs ſtets die Richtſchnur des Zeitgeſchmackes und ſo war denn kaum die Nachricht von dem Rauchcollegium in der Reſidenz durch die Provinzen des Preußenlandes gelaufen, als ſich die ganze männliche Bevölkerung deſſelben beeiferte, die Kunſt des Tabaksrauchens zu cultiviren. Den Damen fiel freilich dies neue Plaiſir beſchwerlich — — 125 und ſie entfernten ſich daher gern aus den Regionen, wo Qualm vorherrſchend war. Auch die jüngern Herren, denen ein freundliches Mädchenwort, ein blitzendes Auge und ein roſiges Lippenpaar noch etwas galt, eklipſirten ſich gern, wenn die kleinen Thonpfeifen ſichtbar wurden. Der Aldermann Kaiſerling hatte den Liebenswürdigen geſpielt, war den Damen in den Garten gefolgt und mit echt zeitgemäßer Courtoiſie befliſſen geweſen, Jeder etwas Süßes und Schmeichelhaftes zuzuflüſtern und nebenbei auf die Neuigkeiten des Tages zu lauſchen. Dann aber kam er eilend zurück und reihte ſich dem Kreiſe der Raucher an, um nichts von den Berathungen und Erörterungen ſeiner Vettern und Freunde zu verlieren. Als er eintrat in das Zimmer, das die Herren ein⸗ genommen hatten, vermochte er nur, wie im Dämmerlichte, die Geſtalten zu unterſcheiden, ſo dicht lag der Rauch auf den Köpfen derſelben. Er blieb lachend in der Thüre ſtehen.„Vortrefflich!“ rief er.„Ich finde Euch ſchon vollſtändig im Nebel der Zeitfortſchritte! Vorwärts! meine Herren, der Tabaks⸗ qualm iſt ſicher die Mutter großer Erfindungen, die noch im Schooße der Zeit liegen.“ Er nahm die Pfeife, die ihm Vetter Vogler nebſt dem ellenlangen, brennenden Papierfidibus reichte und rauchte ſie an. Dabei wendete er ſich, mit vollen Backen paffend, ——— 126 zu dem Rath Rentelow und fragte mit verbindlichem Kopfneigen:„Ihr Herr Sohn rauchen doch auch, Herr Rath?“ „Nein,“ entgegnete dieſer trocken. „Dann iſt er nicht conſequent,“ entſchied der Alder⸗ mann. Gleich darauf ging er auf den Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherrn zu, ſchaute ihm neckiſch ſchlau in's Geſicht und ſagte:„Vetter Vogler, Du biſt ein Vocativus!“ Vogler richtete ſeinen Kopf verwundert etwas höher. —„Was bin ich? Ein Vocativus? Nun, das iſt ein Titel, auf den ich noch nie Anſpruch gemacht habe.“ „Verdienſt ihn aber, Vetter! Willſt Du läugnen, daß Du den Oberſten von Witzepuhl nicht ohne beſondere Gründe zu Dir eingeladen haſt?“ „Allerdings, hatte ich Gründe!“ „Und daß die Gründe Deinen ſtummen Compagnon betreffen?“ „Allerdings!“ „Und daß etwas ganz Beſonderes dahinter ſteckt?“ „Allerdings!“ „Siehſt Du— ich habe Dich durchſchaut!“ „Dann aber verdienſt Du den Titel„Vocativus“ doch eher, als ich!“ Kaiſerling lachte und die Vettern und Freunde 127 murmelten ihren zuſtimmenden Beifall. Vogler ſetzte ſich zurecht und begann ganz ernſthaft: „Jetzt, meine werthen Freunde, ſind wir da, wo ich Euch hin haben wollte, um Euren Rath zu hören. Kaiſer⸗ ling hat mir die Straße gebahnt und ſo können wir gleich den Vortrag beginnen. Ihr wißt, daß unſer Landesherr eine Regulirung des Cantonweſens im ganzen Lande an⸗ geordnet hat und daß wir gleich von vorn herein dagegen remonſtrirt haben. Wir fußen hierbei auf unſern Privi⸗ legien. Die Stadt Magdeburg befindet ſich ſeit der chur⸗ brandenburgiſchen Beſitznahme in dem unangefochtenen Rechte der Cantonfreiheit und die Beſtätigung unſerer Privilegien vom ſechſten October 1786, involvirt auch dieſes Recht, welches unter den frühern Herrſchern ſpeciell beſtätigt iſt. „Unſere Remonſtration hatte den gewünſchten Erfolg. Wir haben die Kabinetsordre in Händen, in welcher aus⸗ drücklich erklärt wird, daß Magdeburg im ungeſtörten Beſitze ſeiner Privilegien verbleiben ſolle. „Deſſenungeachtet ſind in voriger Woche Reclama⸗ tionen der Militair⸗Commiſſion eingelaufen, worin unſere Rechte angefochten und gleichſam beſchnitten werden ſollen. Man will den königlichen Erlaß nur auf die gebornen Magdeburger anwenden und fordert alle eingewanderten, 128 aus andern Bezirken herſtammenden Landeskinder unter vierzig Jahren von uns ausgeliefert.“— „Das geht nicht!“— rief man einſtimmig. „Wenigſtens in ſo weit es Leute in unſern Geſchäften betrifft!“ meinte Kaiſerling. Der Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherr wiegte zufriedengeſtellt ſein Haupt. „Wenn die Militairdeputation, die mit der Reguli⸗ rung dieſer Cantonsangelegenheit betraut iſt,“ fuhr er fort,„uns„von jetzt an“ die Obliegenheit auferlegte, nur ſolche Leute in unſern Geſchäften zu engagiren, die als verabſchiedete Cantoniſten ſich erweiſen könnten, ſo würde von unſerer Seite weniger Grund zur Proteſtation vor⸗ liegen, allein wie die Forderung jetzt lautet, ſo müſſen wir unſers Vortheiles wegen, uns entſchieden dagegen auflehnen.“ „Ich warne die geehrten Herren vor Uebereilung,“ ließ ſich der Rath Rentelow vernehmen. „Eines Königs Befehl kann keine rückwirkende Kraft haben,“ rief Kaiſerling lebhaft. „Der Herr Aldermann verwechſelt Geſetz und Be⸗ fehl,“ entſchied der Rath trocken.„Befehlen kann man rück⸗ und vorwärts, je nachdem die Macht in unſrer Hand liegt. Ein König hat die Macht!“ Vogler hörte achtſam zu.„Wir müßten alſo unſere Be⸗ ſchwerdeſchrift mit Gründen verſehen?“ fragte er bedächtig. 129 „Jedenfalls!“ erklärte der Rath. „Nun, auch darin könnten wir dienen,“ entgegnete Vogler.„Die meiſten unſerer Comtoiriſten ſind von auswärts. Wie viel Magdeburger habt Ihr auf dem Comptoir?“ fragte er zuerſt Kaiſerling, dann die andern Kaufleute. „Wenige,“ hieß es von allen Seiten. „Könnt Ihr Eure Leute entbehren?“ examinirte er weiter. „Für den Augenblick würde die größte Verlegenheit eintreten!“ ſprach Einer. „Könnt Ihr ſie überhaupt durch Eingeborne erſetzen?“ „Schwerlich!“ rief man hier— und:„Wahrhaftig, das geht nicht!“ hieß es dort. Kaiſerling rieb ſich vergnügt die Hände:„Vetter Vogler, Du biſt wahrlich ein Vocativus! Du willſt Deinen ſtummen Compagnon beſchützen—“ „Allerdings!“ „Du haſt ihn heute dem Oberſten als Dein Factotum präſentirt—“ „Allerdings!“ „Mir ſcheint überhaupt die ganze Maßregel der Mi⸗ litaircommiſſion lediglich auf Deinen Stephan gemünzt— „Allerdings, das iſt auch meine Meinung, aber es gilt dabei ein Recht im Allgemeinen zu vertreten, deshalb 1858. X. Vorwärts! I. 9 130 ſetze ich mein Leben daran, um den armen Kerl, der nichts zu verlieren hat, als ſeine Freiheit, frei zu erhalten. Es iſt ihm ein Offizier, ein Herr von Kotſchinski, der Deinem verſtorbenen Herrn Schwiegerſohn ſo ähnlich ſein muß, wie ein Ei dem andern, auf der Fährte, und dieſer Offizier muß gut angeſchrieben ſtehen beim Chef der hieſigen Mi⸗ litair⸗Commiſſion. Aber— ich erkläre es hiermit, meine lieben Vettern und Freunde, ich ſetze mein Leben daran, dem Werbeoffizier das Prävenire zu ſpielen. Er hat ge⸗ meint: er müſſe den Stephan haben und ſollte er ihn ſelbſt eigenhändig aus Magdeburg heraus holen!— Ich dagegen ſage: er ſoll ihn nicht haben und wenn er der Teufel ſelbſt wäre!“ „Ein luſtiger Wettkampf, wenn man nur das Zuſehen hat,“ ſprach Kaiſerling. 3 „Vielleicht kommt für Dich auch noch eine Rolle darin vor,“ antwortete Vogler ſehr ernſthaft. Ein Geräuſch, als ſprenge ein Reiter im ſtärkſten Galopp die Straße hinauf, ſtörte die Aufmerkſamkeit der Herren und lenkte die Blicke der Zunächſtſitzenden nach dem Fenſter. „Es iſt mein Sohn Johannes,“ ſprach der Rath aufſtehend, als der Reiter hielt und ſich gewandt vom dampfenden Pferde warf. „Bevor wir zu etwas Anderm übergehen, meine V 131 werthen Vettern und Freunde,“ fiel Vogler raſch dazwiſchen, als Mehrere Anſtalt trafen die Plätze zu verlaſſen und die Aufmerkſamkeit der Meiſten augenſcheinlich von dem eben beſprochenen Gegenſtande abwich,„muß ich Euch Allen noch die Frage vorlegen, die Ihr als Männer beantworten ſollt. Kann ich auf Eure Unterſchriften rechnen, wenn der Magiſtrat es für nöthig findet, ſeine Eingabe durch Euer Urtheil und Euren Ausſpruch zu unterſtützen?“ „Ja!“ riefen alle Anweſenden, wie aus einem Munde. „Ein Wort— ein Wort, ein Mann— ein Mann!“ ſprach der Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherr nun mit Würde. „Ich weiß, daß ich mich auf Euch verlaſſen kann!“ Johannes trat in dieſem Momente raſch über die Schwelle. Er ſah erhitzt aus und ſein ganzes Weſen ver⸗ rieth eine innere Bewegung. Vogler bot ihm treuherzig die Hand.„Sie kommen ſpät— doch wird Mutter Suſanne wohl noch ein Portiön⸗ chen warm gehalten haben.“ „Danke! Danke!“ entgegnete Johannes haſtig und fuhr mit dem Taſchentuche über die ſchweißbedeckte Stirn. „Ich habe nicht die geringſte Zeit— mich führt eine Bitte in Ihren Kreis, der von den wohlhabendſten Herren der Stadt gebildet iſt,“ ſetzte er lächelnd hinzu. Man ſah ihn geſpannt an. 9* —ÿ 13² „Bewilligen Sie mir hundert Thaler Vorſchuß, meine Herren, es iſt nöthig, wenn mein Werk gelingen ſoll.“ „Vorſchuß?“ fragte Einer.„Wie iſt das zu ver⸗ ſtehen?“ „Ich habe ſchon geſtern meine Erklärung eingereicht, daß durch die Witterungsverhältniſſe Umſtände eingetreten ſeien, die eine Beſchleunigung der Arbeit heiſchten und daß ich deshalb den Magiſtrat der Stadt erſuchen müſſe, die Anſchlagskoſten um hundert Thaler zu erhöhen. Es iſt ganz unzweifelhaft, daß man mir nach der vorliegenden, ſehr vortheilhaft wirkenden Beſchleunigung den Zuſchuß bewilligen wird— „Sie irren ſich, Herr Baumeiſter,“ fiel Kaiſerling ein,„man wird nichts bewilligen!“ Johannes lächelte.„Leſen Sie erſt meinen Bericht, Herr Aldermann,“ ſagte er ruhig. 4 Der Rath Rentelow muſterte mit augenſcheinlichem Zorne den Widerſacher ſeines Sohnes, ſprach jedoch kein Wort. „Der Magiſtrat wird den Zuſchuß bewilligen,“ wiederholte Johannes feſt,„aber ich habe nicht Zeit, darauf zu warten und es gilt jetzt, mit baarem Gelde in der Hand, Arbeiter zu gewinnen, die in achtundvierzig Stunden das zu leiſten vermögen, was ſonſt vierzehn Tage Arbeit braucht. Ich bitte Sie alſo, meine Herren, mir das Geld zu geben—“ 133 „Ich glaube, Sie gingen ſicherer, erſt die nächſte Seſſion abzuwarten,“ unterbrach ihn einer der Gäſte kleinlaut. Die Andern zuckten nur die Achſeln. „Ich fordere es von Ihnen, als eine Wohlthat, die Sie der Stadt und den armen Rothenſeern erweiſen,“ fiel Johannes lebhafter ein. Es antwortete Niemand. Hundert Thaler! Welcher Kaufmann giebt auf's Riſico hundert Thaler her? Auch der Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherr Vogler ſchwieg beharr⸗ lich, dampfte aber in vermehrter Kraft, ſo daß er wie Zeus in Donnerwolken daſaß. „Bedenken Sie den Nutzen, den Sie ſtiften können! Sie verlieren ja nichts! Die Stadtobrigkeit muß ſich über⸗ zeugen, daß der Witterungswechſel von mir nicht dergeſtalt berechnet werden konnte. Das Waſſer wächſt— es iſt unerhört früh— die älteſten Schiffer erinnern ſich eines ſo frühen Johanniswaſſers nicht.— Fördern wir die Arbeit, die ich nach vierzehn Tagen beendet zu haben glaubte, ſo ſpielen wir den Naturkräften in die Hände, was uns oblag und— wir werden die glücklichſten Re⸗ ſultate erzielen.“ Alle ſchwiegen, nur der Aldermann ſagte verdrießlich: „Ich kann mich nicht überzeugen, daß achtundvierzig Stunden einen weſentlichen Einfluß auf dergleichen Arbeiten 134 haben. Uebermorgen iſt Seſſion— warten wir alſo ab, was die Stadtväter beſchließen werden.“ „Uebermorgen iſt zu ſpät,“ rief Johannes ſehr auf⸗ geregt.„Die Arbeiter verlangen einen Thaler— hundert Arbeiter ſind um dieſen Preis bereit— meine Herren, wäre ich im Beſitze des Geldes, ſo würde ich kein Wort der Bitte verloren haben.“ „O, glauben Sie nicht, daß es uns auf hundert Thaler ankommt,“ rief Kaiſerling.„Nein, wir wollen nur die Sache in ihrem Rechte gehen laſſen. Einen Thaler Arbeitslohn— das nenn' ich engliſch bezahlen,“ fügte er murrend hinzu. Die übrigen Herren ſtimmten ihm ſchwei⸗ gend bei. Ihr Mienenſpiel verrieth ein wachſendes Miß⸗ behagen. 5 Johannes richtete ſeinen Blick jetzt bittend auf ſeinen Vater. Dieſer erhob ſich ſtolz und ſtattlich. „Mein Sohn— bettle nicht länger!“ ſprach er mit verachtungsvollem Tone.„Komm— ich habe zwar keine hundert Thaler wegzuwerfen, habe ſie auch nicht zum Ver⸗ ſchenken liegen, allein das Silberzeug der alten Rentelow's wird hinreichen, um der Stadt Magdeburg ein Darlehen von hundert Thalern zu verſchaffen.“ „Nun— nun!“ rief Kaiſerling ſich endlich ſchämend und erhob ſich ſchnell. Ehe er jedoch noch ein Wort hinzu⸗ fügen konnte, trat Vogler, der leiſe aufgeſtanden war und 13⁵ an ſeinem Schreibpulte gekramt hatte, an den Tiſch, ſtellte zwei Beutelchen hart auf denſelben nieder und ſagte: „Hier, Herr Baumeiſter, haben Sie zweihundert Thaler.— Verwenden Sie, was Sie wollen, wenn es Ihrem Werke nützt. Bewilligt der Magiſtrat, von wider⸗ haarigen Rathgebern geleitet, den Zuſchuß nicht, ſo macht ſich Abraham Vogler eine Freude daraus, der Stadt zwei⸗ hundert Thaler zu wohlthätigem Zwecke geſchenkt zu haben.“ Johannes ſchüttelte ihm mit leuchtenden Augen die Hand. Eine verlegene Pauſe trat ein, die Vogler ſogleich damit ausfüllte, daß er rundum eine ſteife Reverenz machte, mit den Worten: „Nichts für ungut, meine geehrten Vettern und Freunde— es wäre das nur ein gerechtes Strafgeld, weil ich der Erſte im Collegium war, der für den Durchſtich des Ochſenhorns ſtimmte.“ Das peinliche Schweigen hob ſich nach dieſer Er⸗ klärung und man verabſchiedete den jungen Baumeiſter, der um Erlaubniß bat, ſich ſogleich entfernen zu dürfen, mit ganz freundlichen Mienen, indem man ihm Glück und Gedeihen im Geſchäfte wünſchte. 136 Elftes Capitel. So eilig es der junge Baumeiſter auch zu haben ſchien, als er die Treppe betrat und durch ein Fenſter hinab in den Garten die ſchönen Geſtalten der jungen Damen ſah und das luſtige Plaudern derſelben hörte, blieb er doch keinen Augenblick zweifelhaft, was ihm zu thun oblag. Ob er ſich erinnerte, daß Sara, die Tochter des Hauſes, ihren Geburtstag feiere? Möglich! Wenigſtens ſchritt er ſogleich mit ernſtem Anſtande auf die hochtoupirte und ſchneeweiß gepuderte Königin des Feſtes zu, neigte, nach einem lächelnden Blicke auf die Ausſtaffirung des Kopfputzes, die ſich in Fahnen und Kreuzen, in Blumen, Vögeln und Früchten präſentirte, ſein Haupt tief nieder und küßte die Hand, welche ihm Sara dargereicht hatte. Er ließ dieſem Acte der Huldigung einige wohlgeſetzte Worte der Gratulation folgen und wendete ſich dann be⸗ grüßend an Frau Suſanne und an diejenigen Damen, die neugierig näher getreten waren. Er verkündete, daß ſeine Zeit es nicht erlaube, hier bleiben zu dürfen und dabei flog ſein Auge ſuchend umher, nach einer Geſtalt, die er vermißte. Editha ſtand fern, fern ab. Aber den Blick ſah ſie dennoch und das ſtrahlende Lächeln der Bewunderung, 137 womit er die reizende Einfachheit ihrer Toilette begrüßte, drang dennoch bis in ihr Herz und trieb das Blut von dort in die Wangen. Johannes nahete ihr nicht. Er ſprach nicht zu ihr. Er grüßte ſie auch nicht. Nur ſein letzter Blick, als er ſchied, wendete ſich nochmals zu ihr hin und in dieſem Blicke lag Huldigung, Gruß und Abſchied. Die Combinationen, Meditationen und Compoſitionen eines jungen Mädchenherzens, wenn es gilt der ſtummen Augenſprache Worte zu leihen, kennt Jeder. Editha machte es accurat, wie es die Mädchen von 1857 machen. Sie träumte und ihr Herz erfand die fröhlichſten Melodien zu den Worten, welche ſie dem verrätheriſchen Blicke unterlegte. Wir überlaſſen ſie ihrem imaginären Glücke und wenden uns zwei Müttern zu, die auch unter dem Einfluſſe dieſer kleinen ſtummen Huldigung ſtanden. Jede Mutter wünſcht und erwartet, hofft und erſehnt! Frau Suſanne fand ſich durch die erfreuliche Veränderung ihres Haus⸗ weſens ſo beglückt, daß ſie nur mit Schrecken daran dachte: Stephan Kühne könne eines Tages wieder verſchwinden und ihr dann die Laſt der doppelten Wirthſchaftsaufſicht abermals aufgebürdet werden. Sie hatte vom erſten Mo⸗ mente an den jungen Mann als das„qualificirte Sub⸗ ject“ für ihre Tochter erkannt und machte auch bald die Erfahrung, daß Sara's Lächeln eine ganz beſondere Weich⸗ heit annahm, wenn Stephan des Abends erſchien, um 138 Rapport zu bringen. Ihr Familienleben gewann augen⸗ ſcheinlich an Bedeutung und Annehmlichkeit durch Ste⸗ phan's Eintreten und das ſanguiniſche Weiberherz ſah in der vertraulichen Behandlung„ihres Herrn“ ſchon die offenbarſte Erklärung ſeines Willens. Einige kleine Winke, die ſie der weit beſonnenern Frau Kaiſerling gab, hatten dieſe aufmerkſam auf die betreffenden Perſonen gemacht und wenn ſie auch zugeben mußte, daß dieſe hinſichtlich des jungen Paares nicht im Irrthume war, ſo ſtellte ſich, nach ihrer Anſicht, in Vogler's Benehmen gegen Stephan nichts heraus, was auf eine ſo große Abſicht hätte ſchließen laſſen können. Als Johannes Rentelow ſich verabſchiedet hatte, lag ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen beider Mütter und ſie traten, faſt mechaniſch dem Bedürfniſſe der Mitthei⸗ lung folgend, ſchnell neben einander. Ihre Augen begegneten ſich lächelnd.„Es war immer mein Wunſch,“ ſagte Frau Kaiſerling. „Du ſcheinſt gar nicht überraſcht zu ſein?“ fragte Frau Suſanne. Frau Kaiſerling wiegte nachdenklich den Kopf. „Wenn ein Mädchen Begeiſterung für Kunſt, Muſik oder Literatur zeigt, ſo pflege ich mich ſchleunig im Kreiſe ihrer Bekannten umzuſehen, wem zu Ehren ſie begeiſtert iſt. Editha hat ſeit Johannes Anweſenheit nur Sinn für 139 Bauen, für mathematiſche Kunſtſtücke, für Electricität und für die Anziehungskraft des Magneten—“ Frau Suſanne lachte.„Bisweilen möchte Deine Erfahrung Dich doch irre führen.“ „Niemals, Suschen! Es kommt im Leben des Weibes nicht vor, daß ſie Kunſt und Wiſſenſchaft ohne perſönliches Intereſſe liebt. Glaubſt Du, mein flatterhaftes Kind würde mit derſelben Aufmerkſamkeit dem alten Rath Rentelow zuhören, wenn er ihr phyſikaliſche Vorträge zu halten geſonnen ſein ſollte?“ . Frau Suſanne mußte ihr Recht geben.„Eben ſo wenig, wie Editha des alten Rathes wegen ſich à l'enfant friſiren ließe.“ „Meine kleine Libelle iſt das Geſchöpf ſeines Wil⸗ lens— Johannes merkt das ſehr wohl und Gottlob, daß ich das Kind ſeinem Herzen anvertrauen kann!“ „Und was meinſt Du zu Sara?“ warf Frau Su⸗ ſanne ungeduldig ein. „Stephan iſt der richtige Mann für Deine Tochter—“ „Nicht wahr?“ unterbrach die Mutter ſie ſehr freudig. „Ob er aber der richtige Schwiegerſohn für Patter Vogler iſt— das iſt doch problematiſch.“ „Nicht doch! Traue meiner Beobachtung!„Der Herr“ hat ihn nicht ohne Grund heute als Hausgenoſſen 140 fungiren laſſen— haſt Du wohl bemerkt, wie er ihn zum Mundſchenken aufrief?“— „Dein Herr mag den Plan haben, den jungen Mann, der ſehr brauchbar, ſehr redlich und ſehr gut ſein ſoll, an ſich zu feſſeln, aber— Suschen— ich warne Dich und Deine Tochter vor zu ſichern Hoffnungen. Vetter Vogler iſt ein Fels, der nur durch ſich ſelbſt zum Wanken gebracht werden kann. Aeußerliche Einwirkungen nutzen nichts! Hüte Dich vor voreiligen Worten gegen ihn.“ „Arme Sara,“ flüſterte Frau Suſanne, traurigen Blickes der Tochter entgegenſehend, die ſoeben an Stephan's Seite den Weg hinab kam und eine Blume ſpielend gegen ihre Wangen bewegte, als wolle ſie die Purpurgluth der⸗ ſelben damit kühlen. „Ein ſchönes Paar!“ entgegnete Frau Kaiſerling eben ſo leiſe.„Wenn die Ehen im Himmel beſtimmt werden, ſo ſind dieſe Beiden für einander geſchaffen!“ Frau Suſanne ſeufzte aus tiefſter Bruſt. Ihr Herz ſagte„Ja“ und Amen“ dazu. 141 Zwölftes Capitel. Nach heitern Sonnentagen pflegen die ſchwülen der Gewitterluft nicht auszubleiben. Das iſt im Leben des Menſchen, wie in der Natur. Die Gemüther der Rathsherren bargen den gähren⸗ den Urſtoff einer Gewitterexploſion in ſich, als ſie zur Seſ⸗ ſion gingen, um die Zuſchußfrage zu erörtern und ſich mit aller Kraft gegen die Uebergriffe der Militair⸗Commiſſion zu ſtemmen. Eine Deputation der Militairbehörde, welche mit der Regulirung des Cantonweſens beauftragt war, hatte ſich Tags zuvor auf dem Rathhauſe eingefunden und mit großer Entſchiedenheit die Aufzeichnung aller der Män⸗ ner unter vierzig Jahren beantragt, welche nicht als ge⸗ borene Magdeburger unter dem Schutze der verliehenen Cantonfreiheit ſtanden. Einer der Offtziere hatte nicht undeutlich zu verſtehen gegeben, daß es ihnen allerdings nur um einige beſonders ausgezeichnete Exemplare zu thun ſei und daß man mit den übrigen ziemlich glimpflich ver⸗ fahren werde. Natürlich bezog dies Jeder ſogleich auf Stephan Kühne, deſſen Flucht aus dem Elternhauſe vor dem Werbeoffizier von Kotſchinski allgemein bekannt ge⸗ worden war, und man beeilte ſich, den Kauf⸗, Brau⸗ und 14⁴² Rathsherrn von der Forderung der Commiſſion, die dar⸗ auf fußte, daß ſie als Immediat⸗Commiſſion mit könig⸗ lichen Vollmachten für ungewiſſe Fälle verſehen ſei, zu un⸗ terrichten. Vogler legte ſeinen Kopf noch feſter hinten auf's Ge⸗ nick und trat noch derber auf ſeine Hacken, als er am Mor⸗ gen der Sitzung nach dem Rathhauſe zumarſchirte. Auch über der Stadt lag der graue, trüb heiße Dunſt eines unentwickelt gebliebenen Gewitters und dieſe Atmo⸗ ſphäre harmonirte ganz prächtig mit der Stimmung der Magdeburger im Allgemeinen. Es mochte fern ab ſchon geſtürmt, gewittert und ge⸗ regnet haben. Die Elbe rollte mächtiger ihre Wogen gegen das Ufer und zeigte in der ſchmutzig rothgelben Färbung, daß die Unſtrut ſtark angeſchwollen und ihre Ufer tüchtig abgeſpült habe. Das Waſſer war auch geſtiegen, nur langſam. Die Winterdecke oberhalb der Gebirge mußte noch nicht gelö⸗ ſet ſein. Die weiſen Uferbewohner ſchüttelten die Köpfe, als ſie von den Prophezeiungen des Baumeiſters Rentelow hör⸗ ten, und ſie hielten ſeine Sorge um eine frühzeitige Ueber⸗ ſchwemmung für eine Ausgeburt ſeiner lebhaften Phantaſie. . Johannes aber wußte beſſer, als Alle, welch' eine Unmaſſe von Schnee dort angehäuft lag, woher die Waſſer⸗ 143 fluth ſich entwickelte und er berechnete genau den Lauf und die Concentration der Gewäſſer, als er ſeine neugewon⸗ nenen Arbeitskräfte vertheilte. In der Sitzung erregte natürlich ſein extraordinäres Verlangen große Debatten. Es befanden ſich unter den Magiſtratsmitgliedern einige Weiſe, die ſeine Berechnun⸗ gen und Vorherſagungen ſcharf bekrittelten und die uner⸗ hebliche Anſchwellung der Elbe einem Regenguſſe, even⸗ tualiter einem Wolkenbruche oberhalb der Unſtrut, zuzu⸗ ſchreiben geneigt waren. Vogler trat für die Behauptung des Baumeiſters kühn in die Schranken und Kaiſerling hielt ihm tapfer das Widerſpiel. Das Ende vom Liede war eine Abſtimmung, woraus ſich denn ergab:„daß man mit Stimmenmehrheit beſchloſſen habe, nur nach dem eclatanteſten Erfolge der angeordneten Maßregeln, die die Grenzen des Anſchlages ſo bedeutend überſchritten, den geforderten Zuſchuß zu be⸗ willigen.“ Einen Moment runzelte Vogler ärgerlich die Stirn, dann aber ſagte er ruhig:„Wir werden ſehen, was die nächſte Zeit bringt. Mir iſt es keinesweges leid, daß ich den Vorſchuß geleiſtet habe.“ „Edel, höchſt edel gedacht,“ flüſterte ihm Kaiſerling neckiſch zu.„Aber Dir geſchieht recht! Wer für Probleme in’s Gefecht geht, muß bluten!“ 144 Dann ſchritt man zu dem Vortrage der Canton⸗ angelegenheit. Hier begegneten ſich allgemein die In⸗ tereſſen, und die Magiſtratsmitglieder ſtanden gleichſam für einen Mann. Es wurde eine Oppoſitionsſchrift an die Immediatcommiſſion entworfen, worin man feſt jeder Maßregel derſelben entgegentrat, und ſich es vorbehielt, wegen der eigenmächtig creirten Ordre Beſchwerde beim Könige zu führen. Die Seſſion wurde geſchloſſen. Die Rathsherren gingen ziemlich ſelbſtzufrieden zu Hauſe. Auf den Stra⸗ ßen zeigte ſich ein lebhafteres Laufen, als ſonſt. Die Her⸗ ren merkten erſt nicht darauf, ihr Geiſt war noch von den wichtigen Tagesverhandlungen erfüllt. Endlich kam der Stadtbaumeiſter Lehmann, auch ein ſtiller Widerſacher des Johannes Rentelow, ihnen entgegen. „Wollen Sie nicht hinaus nach Rothenſee, meine Herren?“ fragte er ſpöttiſch. Als er nur verwunderten Blicken begegnete, fuhr er erläuternd fort:„Nun ja— um zu ſehen, daß Worte keine Thaten ſind. Die Elbe wächſt fürchterlich ſchnell— Herr Rentelow wird ſich, trotz der hundert Arbeiter, wohl begnügen müſſen, ganz ſtill zu⸗ zuſehen, wie Rothenſee ſehr angenehm überſpült wird.“ Vogler nickte majeſtätiſch mit dem Kopfe:„Wollen hinaus, Baumeiſterchen, wollen mit eigenen Augen ſehen und mit eigenen Ohren hören. Nun, meine werthen Vet⸗ 145 tern und Freunde—“ wendete er ſich triumphirend zu ſei⸗ nen Collegen.„Da hätten wir ja die frühzeitige Ueber⸗ ſchwemmung! Wie wär's, wenn wir nach dem Mittags⸗ eſſen in pleno hinauszögen,“ ſetzte er mit wachſender Zu⸗ verſicht hinzu. Der Spaziergang wurde beſchloſſen und nachdem das Mittagsmahl verzehrt und ein kurzes Mittagsſchläfchen gemacht worden war, ſah man die wohllöbliche Magiſtrats⸗ behörde richtig in verſchiedenen Gruppen und theilweiſe mit Weib und Kind zum Krökenthor hinaus und durch die Neuſtadt der ſchönen dicht belaubten Allee zu wandern, die von der Vorſtadt, parallel mit der Elbe nach Rothenſee führte. Auch Editha und Gabriele mit Sara und Stephan Kühne hatten ſich dem Zuge angeſchloſſen. Editha war, von einer quälenden Unruhe gepeinigt, ſchon am ganzen Vormittag in eine ſeltſame Ruheloſigkeit verfallen, die den Zuſtand ihres Herzens unzweifelhaft ließ. Sie er⸗ griff daher den Vorſchlag mit Freuden und eilte, ihren kleinen Neffen an der Hand, den Andern voraus, bald von Hoffnung mit freudigen Bildern umſpielt, bald von der Furcht mit beklemmender Angſt umhüllt. Sie fühlte, daß Rentelow's ganze Zukunft an einem ſeidenen Faden hing und ſie wußte, daß mit dem Mißglücken die ſatyriſche Laune der Magdeburger ſeiner ganzen Perſönlichkeit den 1858. X. Vorwärts! I. 10 146 Stempel der Lächerlichkeit aufdrücken würde. Das war ein Anathema, dem ihre junge keimende Liebe noch nicht gewachſen war. Sie gelobte ſich ſelbſt, ihn dann zu ver⸗ geſſen. Es ſtrömte eine gewaltige Volksmaſſe hinaus nach den Wieſenufern vom Rothenſeer Walde. Die Schadenfreude brachte die Meiſten auf die Beine. Welch' ein Jubel, wenn das Waſſer, unbekümmert um menſchliches Berech⸗ nen, ganz gemüthlich den alten Weg ging und ſich wogend über die Wieſen bis in's Dorf hinein ergoß! Kein Lüftchen regte ſich. Eine drückend warme und ſtaubige Atmoſphäre hemmte den freien Athemzug. Trübe, gelblich grau, wie das emporſchwellende Waſſer lag die Wolkendecke über den friſch grünen Auen, Feldern und Wäldern. Die Schwalben ſchoſſen dicht über den Saat⸗ feldern dahin und die Waldvögel flatterten unbehaglich und träge von einem Zweige zum andern. Es war ſichtlich, daß ſich ein ſchweres Unwetter in der Natur vorbereitete. Das hinderte jedoch die Leute nicht, mit großen, zeltähnli⸗ chen Regenſchirmen bewaffnet, der Ausſicht auf Regen, Donner und Blitz zu trotzen. Im Walde von Rothenſee ſah es ganz luſtig aus. Hier und da loderten kleine Feuer, wobei eine oder die an⸗ dere Familie, welche lecker gewöhnt, den damals noch nicht allgemein eingeführten Kaffee nicht entbehren wollte. Im 147 Allgemeinen aber begnügte man ſich mit Bier und Broihan nebſt diverſen Butterbroden, welches in Körben verpackt mit hinaus geſchleppt war, um ſich im Grünen gütlich zu thun. Ganz nahe bei der zwanglos auf der Erde gruppirten Menſchenmenge, zog mit empörtem Wogenſchwalle der Fluß, ſchon bis zum äußerſten Uferrande gefüllt, dahin. Mit dem geheimnißvoll dumpfen Ziſchen und Rollen, das nur im ſtarken Fluthen der Wellen hörbar wird, warfen ſich die Wogen bisweilen ellenweit hinauf in's graſige Ufer, aber wie von einer magnetiſchen Kraft gehalten, zo⸗ gen ſie ſich immer wieder in ihr Gleis zurück. Die neu⸗ gierigen und ſchadenfrohen Menſchen warteten vergeblich darauf, daß ihnen das Waſſer auf den Leib rücken und ſie Alle mit Lachen und Spott den Platz räumen würden, auf den ſie ſich trotzig poſtirt hatten.. Johannes war nicht zu ſehen. Man forſchte nach ihm. „Er iſt drüben auf dem Ochſenwerder,“ berichtete ein Arbeiter. Das Waſſer ſchwoll ſichtlich. Man konnte vom höch⸗ ſten Standpunkte des Ufers ſehen, daß der Herrnkrug in dem niedrigen Theile ſchon ganz unter Waſſer ſtand. Der Anger, zwiſchen der Stadt und dem Herrnkruge, gleich ei⸗ nem See und die tief hinein laufenden Buſchſpitzen der 10* 148 verſchiedenen kleinen Werder waren ſchon gänzlich ver⸗ ſchwunden. Die Rothenſeer Wieſen blieben, wie lachende Oaſen, im wüſten Wogenſchwalle unverſehrt, während ſich rechts hinüber die ganze Gewalt des Stromes hinwarf. Ein Murmeln des Erſtaunens wurde hörbar. Man ſammelte ſich am Rande des Waldes, man ſchaarte ſich nahe dem drohenden Strome. Jetzt wurde drüben am Ochſenwerder ein Kahn ſicht⸗ bar. Purpurfarbige Wimpeln und Flaggen verkündeten eine beſondere Veranlaſſung ſeines Erſcheinens. Von kundiger Hand geleitet ſchoß das Fahrzeug mit bauchigen Segein ſtromabwärts, wendete dann halb und trieb lang⸗ ſam ſeitwärts wieder hinauf dem Rothenſeer Ufer zu. Man erkannte bald, am Maſt ſtehend, die ſchwarze, ſchlanke Geſtalt des Baumeiſters Rentelow und neben ihm den Schif⸗ fer Müldener, einen allgemein geachteten, kühnen und er⸗ fahrenen Elbfahrer. Lautlos ſtarrte die Menge auf dies Menſchenpaar, das über einem empörtem Elemente mit einer Ruhe daher ſchwebte, als befände es ſich im wohlbefeſtigten Tanzſaale. Der Kahn kam näher. Der Schiffer ſchwenkte ſeine rothe Mütze grüßend und erhob ſeine Stentorſtimme, die bekannt und berühmt im ganzen Lande war. „Johannes Rentelow for ever!“ ſchrie er.„Hur⸗ 149 rah!“ fielen zuerſt die anweſenden Schiffer und dann das ganze Menſchenchor ein. Der Kahn lief auf— die beiden Männer ſprangen heraus. Wie auf Commando ſtürzte Alles vorwärts und ſchloß einen dichten Kreis um Beide. „Die Sache wäre gemacht!“ referirte der Schiffer mit tönender, weithin ſchallender Stimme.„Meine lie⸗ ben Freunde, das Werk iſt vollbracht— der Wogendrang hat die ganze Sandzunge in Grund geriſſen und dadurch iſt die Strömung glücklich wieder in das niedrigere Flußbette geleitet. Durch die richtige Berechnung unſeres Baumei⸗ ſters, der eine Abdachung graben ließ, um eine künſtliche Strömung zu erzeugen, iſt die Fluth von hier abgewendet — den Leuten hier iſt geholfen, ſoweit es in Menſchen⸗ kraft ſtand, und uns Schiffern dient es auch zum Vortheil, wenn wir geraden Weg im Waſſer machen können. Leut⸗ chen, allzuſammen dem Baumeiſter ein„Hurrah“!“ Alles ſchrie und jauchzte, was da Kehle hatte. „Wenn Ihr nur nicht zu früh jubelt,“ flüſterte Kai⸗ ſerling dem Vetter Vogler in's Ohr. Laut wagte er in dieſem Augenblicke allgemeiner Begeiſterung nichts zu äußern. Einige Dorfbewohner traten an Johannes heran, 150 treuherzige Freude im Angeſicht und dankten ihm im Na⸗ men der Gemeinde. „Hört, was ich Euch rathe,“ entgegnete der junge Mann leutſelig ihre Hände faſſend.„Wenn das Waſſer verlaufen iſt, ſo wird ein großer Theil der überſpülten Wieſen wieder frei vom Strome werden, da derſelbe in ſein altes Bette zurückkehrt. Laßt Euch die Mühe und Arbeit nicht verdrießen, legt dann Buhnen vor dieſen Wie⸗ ſen und in wenigen Jahren habt Ihr den ſchönſten Wie⸗ ſenwuchs wieder auf den verſandeten Ländereien.“ Die Leute verſprachen ſeinem Rathe Folge zu leiſten. Johannes drückte ihnen die Hände, die ſie ihm freudig ſchüttelten und ſchritt eilig hinauf, dem Walde zu, wo ſein ſcharfes Auge ſchon eine Geſtalt erblickt hatte, die ihm nicht gleichgültig geblieben war, obwohl ſein Geiſt ganz einge⸗ nommen von andern Dingen ſchien. Editha lächelte ihm liebevoll entgegen.„Wie habe ich mich geängſtigt,“ ſprach ſie zutraulich. „Das iſt mein ſchönſter Lohn!“ entgegnete er bedeu⸗ tungsvoll ſcherzend. 151 Dreizehntes Capitel. Die Gruppen im Walde hatten ſich meiſtentheils ge⸗ löſt, um den oben geſchilderten Vorgängen am Ufer beizu⸗ wohnen. Nachdem die Leute ihre Neugier befriedigt ſahen, fanden ſie es plötzlich gewagt, dem drohenden Regen noch länger Trotz zu bieten. Alles rüſtete ſich zur Heimkehr. Der Kauf⸗, Brau⸗ und Rathsherr Vogler, deſſen ſplendide Biervertheilung bei ſolchen Veranlaſſungen bekannt war, hatte ſich mit einigen Freunden gelagert, Sara, ſeine Tochter, mußte ihm den Krug füllen, und Stephan Kühne ging ihr hülfreich zur Hand, bis Gabrielen's Sohn ihn bat, ihm eine Gerte zu ſchneiden. Tändelnd mit dem ſchönen Knaben, ging er tiefer in den Wald hinein. Gabriele folgte ihnen. Ihr Herz er⸗ freute ſich an der friſchen und kecken Lebendigkeit, womit Alexander ſeine Wißbegierde an den Tag legte und fand ein neues Vergnügen in der Belehrung des jungen Stephan, der mit dem Knaben prächtig umzugehen und ſeine Auf⸗ merkſamkeit zu feſſeln wußte. Sorglos ſchlenderten dieſe Drei dahin. Des Kindes klare Stimme durchdrang weit⸗ hin den Waldraum, wenn es fröhlich jauchzte und lachte. Stephan brach endlich einen ſchönen Haſelſtauden⸗ zweig und machte ſich bereit, ihn ringelförmig abzuſchälen. 152 Gabriele ſtand neben ihm und ſah mit dem Intereſſe des Mutterherzens der künſtlichen Schnitzerei zu. Alexander lief einen Seitenweg hinein. Es war ganz ſtill im Walde. Kein Blatt regte ſich, kein Vogel erhob zwitſchernd ſein Stimmchen. In Gabrielen's Bruſt ſenkte ſich ein ſeltſa⸗ mes Gefühl der Beruhigung unter der Einwirkung dieſer Naturſtille. Sie ſtand unbeweglich, während ſich in ihrer Seele die Bilder einer ungetrübten Zukunft aufrollten, worin ihr Sohn ihr als ein Erſatz aller Leiden erſchien. Stephan ahnte gewiß nicht im Entfernteſten, welche heilig ſchöne Gefühle die junge Wittwe neben ihm hegte. Er dachte auch an die Zukunft. Sara war der Glanz⸗ punkt ſeiner kleinen proſaiſchen Träumerei, und wenn er ſich ihre ſtattliche Grazie mit der Brauerei, die er quasi als ſein Eigenthum zu betrachten ſich erlaubte, auch noch nicht ganz zu reimen vermochte, ſo war er doch keinen Au⸗ genblick mehr zweifelhaft darüber, daß er und Sara ganz gewiß einſtmals ein Paar werden würden. „Im Namen des Königs, Ihr ſeid mein Gefange⸗ ner!“— ſagte da plötzlich eine Stimme hinter ihm und eine Hand legte ſich hart auf ſeine Schulter. Frappirt wendete ſich Stephan Kühne um— er⸗ ſchrocken fuhr Gabriele aus ihren Träumereien empor. Als ſie blitzſchnell ihren Blick auf die Geſtalt richtete, die dieſe Worte geſprochen hatte, da fand ſie ſich Auge in Auge 153 mit ihrem Gatten. Die Leichenbläſſe des Schreckens er⸗ ſtarrte ſein Geſicht, ſeine Hand ſank willenlos von der Schulter des jungen Mannes herab und ſein Körper ſchwankte von der gewaltigen Bewegung ſeiner Seele. Kein Laut kam über ſeine Lippen und er ſchien nicht im Stande zu ſein, ſeine Augen vor dem ſtarren, furchtbar anklagenden Blick Gabrielen's zu ſenken. Wie zwei Bildſäulen ſtanden ſie eine Minute einan⸗ der gegenüber. Stephan, unbekümmert um die Seelen⸗ pein ſeiner Begleiterin, benutzte wohlweislich dieſe Zeit, ſprang eilig in das Gebüſch zurück und lief ſpornſtreichs zu der Gruppe, wo Vogler's Bier getrunken wurde. Er berichtete ſein Abenteuer mit fliegendem Athem. Vetter Vogler ſtand ſchnell von der Erde auf und ſetzte ſich in Poſitur. „Laß ihn herankommen, mein Junge,“ rief er mit herausforderndem Tone,„laß ihn Dich aus unſerer Mitte „im Namen des Königs“ holen! Wir wollen ſehen, ob er Courage dazu hat. Das wäre der Erſte aus Magde⸗ burgs Mauern, den die Gewalt und Willkür uns ent⸗ öge!“ Aller Blicke wendeten ſich erwartungsvoll nach der Gegend, wo Stephan hergekommen war. Koetſchinski er⸗ ſchien jedoch nicht. Die Gemüther beruhigten ſich wieder und der Spott 154 trat auf die Lippen der Vogler'ſchen Vettern und Freunde. Man machte ſich luſtig über den Häſcher, der im Namen des Königs ſeinem Gefangenen erlaubt habe fortzulaufen. Erſt nach längerer Zeit erinnerte ſich Stephan Ga⸗ brielen's und daß er ſie im Walde allein gelaſſen hatte. Er wollte mit Sara hin, um ſie zu ſuchen. Das verbat ſich jedoch Vogler, der das Rencontre mit dem Werbeofftzier doch nicht ſo leicht zu nehmen ſchien, als er vorzugeben für gut fand. Eben als Sara Anſtalt machte, allein den Schatten des Waldes zu durchſuchen, trat Gabriele, ihren Knaben an der Hand, aus dem Gebüſche hervor. Ihr Geſicht war ernſter, als ſonſt, aber weiter ver⸗ rieth nichts die innere Qual, welche ihr Herz krampfhaft durchwühlte. Man beſtürmte ſie mit Fragen nach dem Offizier. Wo er geblieben ſei? Was er geſagt habe, als ſich Stephan ohne Weiteres aus dem Staube gemacht? Kein Menſch aber dachte daran, daß dieſer Kotſchinski wirklich ihr Gatte geweſen ſein könne, ſelbſt Stephan hielt die Aehnlichkeit nach der officiellen Erklärung Gabrielen's für ein Zu⸗ fallsſpiel. Gabriele entgegnete ruhig:„Der Kavalier habe ſich nach Stephan's Verſchwinden vor ihr verneigt und ſei ſogleich zurück in das Dickicht getreten. 15⁵. Und ſo war es wirklich geſchehen! Kein Wort der Erklärung war geſprochen, kein Zeichen der Erkennung hatte die dumpfe, bange Stimmung gelöſt, mit der ſich dieſe zwei Menſchen einander gegenüber geſtanden! Endlich hatte es der Offizier bis zu einem ſteifen Gruße gebracht und war verſchwunden, bevor Gabriele von ihrer unſäglich ſchmerzlichen Beſtürzung geneſen war. Zweifelte ſie jetzt noch an der Identität des Werbe⸗ offiziers? Nein! Ihr Herz wallte in bitterer Empörung auf und nannte den Mann einen herzloſen Betrüger. Ihr Knabe kam auf ſie zugelaufen. Er berichtete nach Knaben⸗ art die große Entdeckung, daß der Wald ganz weit fort⸗ gehe und daß er ſich nicht gefürchtet habe. Gabriele nahm ihn zitternd in ihre Arme und ſchaute ihm in das ſchöne kecke Geſicht. Ihre Bruſt wollte ſpringen unter dem Ge⸗ danken, daß der Vater dieſes Kindes noch auf der Welt, hier im Umkreiſe von wenigen Schritten weile, während es als Waiſe, verlaſſen und verſtoßen von ihm, daſtehe. Welche Schmach für ſie— welche Schande für das Kind! Sie beſchloß zu ſchweigen! Ihr Geheimniß hinter dem Schleier äußerer Ruhe zu bergen, konnte ihr nach den Jahren ſtillen Kummers nicht ſchwer werden. Die Ehre ihres Sohnes erforderte ihr Schweigen und ihr Herz 156 verlangte nicht mehr nach der anerkennenden Liebe eines Gatten, der ſie leichtſinnig verrathen hatte. Als ſie heim kam, als ſie allein in ihrem Zimmer weilte, als ihr Knabe, ermüdet von dem Spaziergange und von den vielen neuen Eindrücken, die ſeine junge Seele erhalten hatte, eingeſchlafen war, da nahm ſie den Brief hervor, den dieſer Werbeoffizier als Antwort geſendet hatte. Sie verglich jetzt mit andern Ueberzeugungen die Hand⸗ ſchriften und mußte ſich nun eingeſtehen, daß Kotſchinski nur die Vorſicht gebraucht hatte, mit einer ſcharf geſpitzten Feder zu ſchreiben, während er ſonſt breitſpaltig und mit großen, geſpreizten Buchſtaben ſchrieb. Die Vergleichung der einzelnen Buchſtaben ergab ein unzweifelhaftes Reſultat. In der Stille der Nacht floſſen Gabrielen's Thränen. Die Bitterkeit der Erfahrung brannte zu ſchmerzlich, ihre Verlaſſenheit trat zu grell vor ihre einſame Seele. Ob ſie Kotſchinski noch liebte? Nein, antwortete ihr Verſtand. Wie jämmerlich erſchien ihr der Abgott ihrer Seele in dem ſtummen Schrecken, der den gewandten Weltmann und den redefertigen Liebeshelden ganz überwältigt hatte. Wie ab⸗ ſcheulich war ſein Zurücktreten, dem die ausgeprägte Be⸗ ſtürzung den Charakter der Feigheit verlieh. Dies Zu⸗ ſammentreffen war im Stande, alle die verlockenden Bilder der Vergangenheit mit einem Schlage zu verlöſchen. Die Nacht verging dem armen, gedemüthigten Weibe 157 unter dem Schmerze der Verzweiflung, womit man Illu⸗ ſionen zu begraben pflegt. Ihre Entſchlüſſe reiften jedoch in dieſem Schmerze. Sie wollte ſchweigen! Niemand ſollte um das verletzende Geheimniß wiſſen. Ihr Gatte war todt— der, welcher da lebte, der war nur das Schatten⸗ bild eines Selbſt, welches ſie abgöttiſch auf Altäre geſetzt hatte, die er nie, nie verdiente. Ihr Herz leiſtete einen Schwur, den das Gemüth erfunden, die Seele geheiligt und der Verſtand unterzeichnet hatte. Die Schwüre des Menſchenherzens ſind aber vom Beginne der Welt Mein⸗ eide geweſen und wenn es dieſem flatternd hin⸗ und her⸗ bewegtem Herrſcher des Menſchendaſeins gelingt, einen Moment das bewegende Princip menſchlichen Wollens zu werden, ſo wird das ganze Räderwerk des Geiſtes in Ruheſtand verſetzt. Vierzehntes Capitel. Es dämmerte ein neuer Morgen herauf. Dieſelbe dumpfe, drückende Luft, dieſelbe ſchwüle Stille der Erwar⸗ tung, wie am Tage zuvor. Die Elbe ſchwoll noch immer. Sie hatte nach gerade den Standpunkt erreicht, der ſeit einer Reihe von Jahren 158 der gefürchtetſte für Rothenſee war und noch immer blieben die grenzenloſen Ueberfluthungen aus, die das Eigenthum und ſelbſt das Leben der Dorfbewohner in Gefahr gebracht hatten. Der Fluß trat höher auf's Land. Das war natürlich. Aber er ergoß ſich nicht, wie in der letzten Zeit, über die Feldmarken. Jetzt begannen ſelbſt die Großprahler kleinlaut zu werden. Kaiſerling ging, wie ein ſchnurrender Kater, mit leiſen Tatzen umher und contrecarrirte einige ſeiner frü⸗ hern Behauptungen. Editha hingegen ſtrahlte im Glanze eines innern Entzückens. Sie gehörte, ihrer Innerlichkeit zufolge, ſo ganz zu Johannes, daß es zwiſchen dieſen beiden jungen Menſchen gar nicht einmal der Erklärung bedurft hatte, um gegenſeitig ſich gebunden zu fühlen. Wenige Worte genügten, das Intereſſe an einander aufzuhellen und dieſe kurzen Geſpräche bildeten die Feſſel ihrer Herzen. Daß der ſtrahlende Nimbus, den die dankbare An⸗ erkennung des Volkes um den erſt verachteten Architekten warf, ihre Neigung höher entflammt und ihr eine Nahrung gewährt hatte, welche ſie dauernd zu machen verſprach, das fühlte Editha dunkel, ohne ſich dabei eingeſtehen zu wollen, wie ſchwer die Wirkung der Aeußerlichkeit auf ihre Liebe war. Es lag in der Erziehung der Kaiſerling'ſchen Töchter, 159 daß bürgerliche Lebensſtellungen überwiegend bei der Ent⸗ wicklung ihrer Herzensregungen in die Wagſchaale fielen. Frau Kaiſerling erkannte als Grund hierzu die idealere Geiſtesrichtung ihrer Töchter, welche ſie der weiter ge⸗ diehenen Bildung der Mutter verdankten, ihr ſanguiniſch lebhafter Gatte nahm jedoch als factiſch und gewiß an, daß ſie es von ihm geerbt hätten, weil er viel lieber Mi⸗ niſter, als Aldermann geſpielt habe ſein Lebelang. Als Johannes Rentelow nicht fiasco machte, ſondern als ein wirklicher„Fluthenbeſchwörer“ ſtolzmüthig die Straßen Magdeburgs durchwanderte, da kam er mehr als jemals auf den frühern Wunſch zurück, ſeine Tochter Editha mit dieſem letzten Sprößlinge einer geiſtesariſto⸗ kratiſchen Familie zu verheirathen. Aber wie das anfangen, da alle Brücken abgebrochen waren, welche eine Verbindung möglich machten? Er ärgerte ſich gründlich über ſeine vor⸗ eilige Spottſucht, ſchwieg aber wohlweislich gegen Jeder⸗ mann von den Wünſchen ſeines Vaterherzens, die er ſelbſt vernichtet hatte. Gabriele kam an dieſem Tage nicht zum Vorſchein. Man kannte ihre Eigenthümlichkeit im Hauſe und reſpec⸗ tirte in ſolchen Fällen ihre Hinneigung zur Einſamkeit. Sie entging ſomit allen Fragen und hatte Zeit, den Sturm in ſich dermaßen austoben zu laſſen, daß er ſchmerzhafte Erinnerungen mit Stumpf und Stiel ausrotten konnte. 160 Der Abend brachte die erſten dumpf rollenden Töne des Gewitters, daß ſich ſchon ſo lange erwarten ließ. Ein⸗ zelne Windſtöße wirbelten die Staublagen von den trockenen Straßen auf und verdichteten die ohnehin drückende Luft zu einer unerträglichen Atmoſphäre. Man ſchloß die Fenſter und zog ſich in die Häuſer zurück. Alles erwartete einen furchtbaren Ausbruch des Unwetters. Es wurde ſo dunkel, daß man gezwungen war, noch vor der Zeit des Sonnenunterganges Licht anzuzünden. Nur wenige Men⸗ ſchen, die eilig ihrem Berufe nachgingen, waren auf der Straße ſichtbar. Es ſchlug neun Uhr, als Editha hinauf zu Gabrielen's Wohnung ging, um nach ihr zu ſehen. Sie fand ſie ſchlummernd im Sopha. Ermattet von den innerlichen Kämpfen, war ſie endlich, nachdem ſie ihren unruhigen Knaben zu Bett gebracht hatte, vom Schlafe überwältigt worden. Still ging das junge Mäd⸗ chen zurück. Kaum hatte ſie das Wohnzimmer ihrer Eltern wieder erreicht, ſo ſchlich abermals eine dunkle Geſtalt ge⸗ ſpenſtiſch leiſe die Treppe hinauf und betrat die Zimmer der jungen Frau. Dort warf der Lichtſchein einen un⸗ ſichern Schimmer über alle Gegenſtände— die Geſtalt ſchien jedoch wohl vertraut mit der Localität zu ſein. Sicher ſchritt ſie bis zu der einſam brennenden Kerze vor, nahm dieſe vom Tiſche und leuchtete vorſichtig damit umher. Als Alles unterſucht und nichts aufgefunden war, was 161 ſtörend eingreifen konnte, enthüllte ſich zuerſt das verſteckt gehaltene Geſicht und dann die ganze Figur. Es war Kotſchinski! Gabriele hatte beim erſten Geräuſch der Thüre, jähe vom Schlummer auffahrend, die Augen geöffnet, war jedoch, beſonnen ſelbſt im furchtbaren Schrecken über die myſteriöſe Erſcheinung, ſtill und unbeweglich liegen ge⸗ blieben, nur verſtohlen ihren Blicken geſtattend, die Hand⸗ lungen des ſeltſamen Gaſtes zu beobachten. So wie ſie ihn aber erkannte, ſprang ſie heftig auf und trat ihm flammenden Blickes entgegen. „Was willſt Du?“ fragte ſie feſt und kalt.„Du haſt das Recht verwirkt, dieſe Räume aufzuſuchen— was willſt Du?“ Kotſchinski warf ſich, ſtatt jeder Antwort, auf ſein rechtes Knie und hob flehend, mit leidenſchaftlich verfüh⸗ reriſchen Blicken ſeine ſchönen Augen zu der Gattin empor. „Steh' auf, Alexander!“ herrſchte dieſe ihn an.„Ich will Dich nicht in einer Stellung ſehen, die mich an die Stunden erinnert, wo ich leichtgläubig Deinen Schwüren traute. Steh' auf und lege mir ruhig die Gründe Deines unverantwortlichen Betragens vor.“ „So empfängt meine Gabriele den reuigen, den zer⸗ knirſchten Gatten?“ flüſterte der Edelmann mit weichem Tone. O, dieſe Stimme, dieſe ſchmeichelnde, bebende 11 1858. X. Vorwärts! I. 162 Stimme— Gabriele fuhr unwillkürlich nach ihrem Herzen, vo dieſer Stimmenton ein Echo fand. Sie wendete ſich ab, damit er die Gluth ihrer Wangen nicht ſehe, welche von ſeinen Worten hervorgezaubert war. „Du wirſt mich nicht ſchwach finden, Alexander,“ entgegnete ſie mit gewaltſamer Faſſung.„Vier Jahre des Kummers haben mich belehrt und geſtählt.“ „Und Du hätteſt die Liebe zu mir begraben?— Es iſt nicht möglich! Belüge Dich und belüge mich nicht. Du biſt mein Weib, wie früher— Du wirſt in meinen Armen die Sünde vergeſſen, zu der mich der herriſche Wille eines Oheims zwang.“ Gabriele ſah ihm voll in's Auge.„Eines Oheims?“ fragte ſie kalt.„Du haſt wohl vergeſſen, daß mein Vater die Einwilligung Deiner ſämmtlichen Anverwandten ein⸗ geholt hat, bevor er ſeine Tochter dem Edelmanne an⸗ trauen ließ.“ Kotſchinski ſenkte einen Moment die Stirn in ſeine gefalteten Hände, während dieſer Zeit hatte Gabriele den Brief, der ſie täuſchen ſollte, hervorgenommen und hielt ihm denſelben hin.„Dieſe Antwort konnteſt Du mir, Deiner Gattin, geben, als ſie in der Angſt ihres Herzens eine Erklärung forderte?“ Kotſchinski, ſchnell begreifend, daß er eine andere Frau wiederfand, als er verlaſſen hatte, daß der Schleier 163 argloſer Liebe gefallen und die Demuth der zärtlichen Hingebung verſchwunden war, ſprang haſtig auf. Er ſchritt mehrmals im Zimmer auf und nieder, die Arme über der Bruſt gekreuzt, den Kopf leicht geſenkt. Was er dachte? Wer kann das wiſſen! Wer vermag eines Mannes Herz zu ergründen, deſſen Leichtſinn ihn bis zur Unthat ſchon getrieben hatte? Die Triebfedern ſeiner Handlungen waren ſicherlich nur Eitelkeit und Leichtſinn, aber die Ver⸗ hältniſſe, unter denen er ſie zu verüben ausging, erhoben ſie bis zum Verbrechen. Vielleicht durchzuckte ein Strahl beſſerer Erkenntniß in den Minuten, wo er ſchweigend das Zimmer durchmaß, ſein Herz— vielleicht glühte momentan die Reue in ihm auf— vielleicht war es aber auch nur ein Komödienſpiel, wie Vieles in ſeinem Leben, das ſeiner Erſcheinung ein Relief geben ſollte. Wir wiſſen es nicht. Wir können überhaupt das plötzliche, faſt freche Erſcheinen dieſes Edelmannes in Magdeburgs Mauern nicht erklären. Es giebt ein Verhängniß, dem der Sünder nie entgeht, dem er im Uebermuthe bisweilen ſelbſt entgegen ſchreitet, ohne zu bedenken, daß die Strafe des Himmels ihn auf dieſe Weiſe ereilen könne. Kotſchinski war mit unerhörter Dreiſtigkeit dem Terrain, wo ſeine verlaſſene Gattin weilte, immer näher gerückt und er hatte gewiß geglaubt, das wagen zu dürfen, ohne fürchten zu müſſen, Gabrielen perſönlich zu begegnen. 11* 164 Als dies dennoch geſchehen war, bemächtigte ſich ſeiner ein Gefühl, das ihn aufforderte, dem Schickſal Trotz zu bieten. Ob ſeine Leidenſchaft für die reizende Frau wieder erwacht war? Die Folge wird zeigen, daß nur der verruchteſte Leichtſinn ſo handeln konnte, wie Kotſchinski es that. Plötzlich ſtand er ſtill. Dicht vor Gabriele ſtellte er ſich und richtete die wild flammenden, leidenſchaftlichen Blicke auf das zitternde Weib. „Denkſt Du, daß ich glauben ſoll, Deine Liebe zu mir ſei erloſchen?“ fragte er zärtlich. „Meine Liebe iſt todt— ſie folgte einem Todten!“ entgegnete ſie leiſe. „Der Todte lebt aber— der Todte verlangt wieder nach der Glückſeligkeit der Erde—“ „Hörſt Du den Donner rollen, Alexander,“ fiel ſie raſch ein.„Gott mahnt die Sünder, ſich zu beſſern. Ich will Dich nicht verrathen, ich will ſtill und geduldig die Schmach tragen, von Dir betrogen und verlaſſen zu ſein, gehe eilig fort aus dem Hauſe, damit Dich mein Vater nicht ſieht, der Rechenſchaft fordern und Dich zur Rechen⸗ ſchaft ziehen laſſen würde, um ſeiner Ehre willen— eile, verlaß mich, verlaß Magdeburg, ich werde ewig ſchweigen über Deine That!“ „Ich werde Dich nicht verlaſſen! Hier iſt mein Platz!“ Er warf ſich wieder auf die Erde nieder, umſchlang mit 165 ſeinen Armen die bebende Frau und legte ſeine Stirn auf ihr Herz. Gabriele hatte dieſen Mann heiß und zärtlich geliebt — ihr Blut begann ſtürmiſch zu wallen, ihr Athem flog— aber ſie verſuchte dennoch, ſich gewaltſam aus ſeinen ſie umſtrickenden Armen zu erlöſen. „Ich beſchwöre Dich,“ rief ſie angſtbeklommen,„ich beſchwöre Dich, mich jetzt zu verlaſſen. Gewähre mir Zeit zur Ueberlegung.— Iſt es Dein Ernſt, zu mir zurück⸗ zukehren, ſo muß ich mich prüfen, ob ich zu vergeſſen ver⸗ mag, was Du mir Böſes gethan. Verlaß mich!“— „Nicht eher, mein Weib, mein ſchwergekränktes und doch von mir noch immer heißgeliebtes Weib, als bis Du mir verziehen haſt!“ bat ſchmeichelnd der Mann und preßte ſie feſter an ſich. Gabriele erlag beinahe in dem Kampfe mit ihren widerſtreitenden Gefühlen. Willenlos legte ſie die Hände auf das Haupt des Sünders, willenlos neigte ſie ihr ſchönes Geſicht zu ihm nieder, das von der Purpurgluth der innern Aufregung überzogen war. Kotſchinski trium⸗ phirte. „O, ich wußte es, daß Gabriele nur Liebe in ihrem weichen Herzen hegen kann,“ flüſterte er, zu ihr aufſehend. Gabriele ſchreckte auf aus ihrem traumähnlichen Zuſtande, als ſie ihre Hände von ſeinen Küſſen bedeckt fühlte, als er 166 verlangend ihren Kopf umſchlang und ihren Lippen zu be⸗ gegnen ſuchte. Sie fühlte die Gefahr, in die ſie ſich geſtürzt hatte. Konnte ſie unbedingt einem Manne die Rechte ge⸗ ſtatten, die er vor der Welt gelöſt hatte. Ihre Weiblichkeit erlaubte es nicht. Es bedurfte einer öffentlichen Sanction, bevor ſie die Bande als gültig betrachten konnte, die ſie an dieſen Mann knüpften. Muthig entriß ſie ihm die Hände, muthig und ſtolz hob ſie den Kopf. „Gabriele, meine Gabriele!“ bat Kotſchinski. Ihr Herz empörte ſich abermals gegen ihre Vernunft. „Alexander, verlaß mich jetzt,“ entgegnete ſie weich. „Morgen—“ „Mir iſt keine Trennung wieder möglich.“ Seine Blicke ergänzten die Worte. Gabriele bat ängſtlicher— er verlangte kecker ihre Verzeihung. Seine Arme um⸗ ſchloſſen ſie dabei dicht und immer dichter. Gabriele rief ſeine Barmherzigkeit, ſeine Schonung an— Kotſchinski ſchien nicht Luſt zu haben den Platz zu räumen, den er nach und nach ganz zu erobern hoffen konnte. Die geängſtigte Frau brach in Thränen aus. Ihre Stimme hallte flehend wieder— ihr Herz gewann die Oberhand.— Da rettete ſie ihr eigenes Kind. Der kleine Alexander, inſtinetmäßig von dem Angſt⸗ ſchrei des mütterlichen Herzens erwachend und von ſeiner — 167 Liebe getrieben, hatte ſein Lager verlaſſen und war un⸗ hörbar in die leicht angelehnte Thür getreten. Er ſah die Thränen ſeiner Mutter, er ſah einen Mann, der die Ur⸗ ſache dieſer Thränen zu ſein ſchien und er ſtürzte mit einer drohenden Geberde zu der Gruppe hin. Bevor ſeine Mutter, die angſtbeklommen ihre Augen mit den Händen verhüllte, ſeiner gewahr werden konnte, war er hinter Kotſchinski getreten, hatte ihn mit ſeiner kleinen Kinderfauſt gepackt und gewaltſam zurückgeriſſen. „Was willſt Du von meiner Mutter?“ fragte er mit gellendem Tone.„Du biſt Schuld, daß meine Mutter weint— wirſt Du gleich den Augenblick gehen, ſonſt rufe ich den Großvater!“ Kotſchinski, bei der erſten Berührung einer fremden Hand, hatte ſich mit dem Ausdrucke des tödtlichſten Schreckens umgeſehen und das kleine lebendige Abbild ſeiner Selbſt mit wahrhaftem Entſetzen angeſtarrt. Er ſchien jede Erinnerung an ſein eigenes Kind verloren zu haben, denn er begriff durchaus nicht, wer das ſein könne und die Furcht, noch mehr Zeugen ſeiner Anweſenheit herbeieilen zu ſehen, unterſtützte jedenfalls das Verlangen des Kindes und beſchleunigte ſeine Entfernung. Haſtig erhob er ſich, griff nach ſeinem Mantel, ſchlug die Kapuze über den Kopf und entfernte ſich mit einer Eile, 168 die wenig Zeugniß von dem wahrhaft reuigen Gefühle ablegte, das er ſo eben erheuchelt hatte. „Er iſt fort!“ ſagte der Knabe frohlockend, indem er die Kniee ſeiner beſtürzten Mutter umſchlang.„Und ſieh — den Knopf habe ich ihm von ſeinem Rocke abgeriſſen, den werde ich aufheben!“— Gabriele umfing ihren Sohn mit einer Miſchung ſeltſamer Gefühle. Sie war ihm Dank ſchuldig! Aber der Knabe hatte ſeinen eigenen Vater zum Hauſe hinaus⸗ getrieben, bevor ſie nur ſo viel Faſſung gewonnen hatte, um das Kleinod ihrer Ehe in den heiligen Kreis ihrer neu⸗ erwachten Liebe zu ziehen. Weshalb aber war Kotſchinski beim Erblicken des Kindes ſo jähe entflohen? Wirr und traumhaft umirrten die eben erlebten Sce⸗ nen ihre Seele, als die Thüre ihres Zimmers wiederum ſchnell aufgeſtoßen wurde und ihr Vater mit zorngeröthetem Geſichte erſchien. „Wer verließ Dich eben, Gabriele?“ fragte er heftig. „Willſt Du Schande auf das alte Haupt Deines Vaters bringen, daß Du Männerbeſuche zur Nachtzeit annimmſt?“ Gabriele lächelte wehmüthig:„Haſt Du ihn nicht erkannt?“ erwiederte ſie. „Wenn man ſich, wie zur Maskerade, in einen Do⸗ mino hüllt, ſo kann man wohl nicht erkennen, wer darunter ſteckt. Ueberdieß ſtieß er mir, mit dem Anſcheine des 169 Ungeſchickes den Leuchter aus der Hand, daß das Licht verlöſchend zur Erde fiel und rannte mich, ziemlich hand⸗ greiflich, aus abſonderlichen Gründen, über den Haufen, indem er die Treppe hinabſprang.“ Jetzt fiel ein Strahl der Erkenntniß in das Chaos der verworrenen Gefühle, die Gabrielen's klaren Geiſt ſeit der unerwarteten Ankunft Kotſchinski's ganz umnebelt hatten. Sie erkannte die frevelhafte Abſicht ihres Gatten, ſie in heimliche Liebesbande zu verſtricken. Aber wozu das? Weshalb? „Es war Kotſchinski— mein Mann!“— erklärte ſie entſchloſſen, lieber dem Urtheile der Welt die unerhörte Frevelthat des Mannes, der ſich einen Todtenſchein aus⸗ ſtellen ließ, um ihrer los und ledig zu werden, darzulegen, als im rückſichtsvollen Schweigen ihre Ehre Preis zu geben. Kaiſerling fuhr erſchrocken zurück.„Dein Mann iſt alſo nicht geſtorben? So wäre die Mittheilung wahr, mit der man mich ſchon einige Tage gefoppt hat? Dein Mann lebt und das erfahre ich erſt heute?“ rief er mit ſteigendem Zorne. Gabriele legte ihren Knaben, der ſchlaftrunken in ihren Armen hing, ſanft auf das Kanapee und trat ihrem Vater mit beſchwichtigenden Blicken näher. „Ich ſelbſt habe es erſt heute mit Gewißheit erfah⸗ ren, daß es wirklich mein Mann iſt, der mir geſtern im Walde, als ich mit Stephan Kühne ging, eben ſo ſchnell 170 wieder aus den Augen verſchwand, wie er gekommen war. Kannſt Du mir deshalb zürnen, mein Vater?“ Kaiſerling, eben ſo ſchnell verſöhnt, wie zornig, nahm Gabrielen in den Arm und ſtreichelte ihr die Wangen. „Kind, Herzenskind— das iſt aber eine abſcheuliche Ge⸗ ſchichte“— flüſterte er.„Haſt Du ihm verziehen— wirſt Du uns verlaſſen?“— „Nein! Ich verachte ihn mehr, als ich ihn liebe, mein Vater! Gehe Du zu ihm, wenn er hier ſein ſollte, oder ſchreibe Du ihm, daß er meine Seelenruhe nicht ſtören möge. Ich will ferner nicht ſeine Gattin ſein! Aber ich möchte das Aufſehen meiden, das gerichtliche Scheidungen machen.“ „Haſt Recht! Wirſt Du aber feſt bleiben, Herzens⸗ kind?“— Er machte ein ſehr bedenkliches Geſicht. Ga⸗ briele erröthete heiß in der Erinnerung an die eben durch⸗ lebten Auftritte, aber ſie deutete auf ihren Knaben und entgegnete mit tiefer Bedeutung:„Seine Ehre wird mein Schutz ſein! Aus welchem Grunde Kotſchinski mich ver⸗ ſtoßen und betrogen hat, mag der allmächtige Gott wiſſen. Ich fühle mich ſtark genug, ohne ihn zu leben, aber”“— ihre Stimme hob ſich und wurde feſter, als ſie den omi⸗ nöſen Brief, den ſie zuletzt von ihm erhalten hatte, ergriff und ihn ihrem Vater überantwortete,—„aber er ſoll und muß dieſe Niederträchtigkeit widerrufen, er ſoll und 171 muß meinem Kinde das Recht laſſen, den Namen ſeiner Familie unbefleckt zu ererben. So lange ich für ihn dieſe Beſchimpfung duldete, ſo lange konnte ich ſie ertragen, von ihm ertrage ich ſie nicht! Er ſoll und muß mir eine Ehrenerklärung geben! Du, mein Vater, wirſt der Anwalt Deiner Tochter ſein!“ Kaiſerling hatte während dieſer Worte den Brief durchflogen— er ſtampfte ärgerlich mit dem Fuße auf den Boden. „ Kotſchinski iſt ein Schurke!“ ſchrie er.„Hat er das wirklich geſchrieben?“ „Er hat dies eben ſo gut geſchrieben, wie ſeinen Ab⸗ ſchied auf dem Todtenbette—“ Kaiſerling unterbrach ſie. „Das iſt ja unerhört! Das iſt ja nie dageweſen! Der ſoll mir an den Galgen, ſo wahr ich Kaiſerling heiße!“— „Würde uns das Nutzen bringen oder Schaden?“ warf Gabriele ſanft ein. „Uns?— Kind, rede mir nichts darein— mache mich nicht wild.— Er muß an den Galgen! Iſt das nicht ehrlos gehandelt?— Nimm es nicht übel, Kotſchinski kommt binnen hier und vier Wochen an den Galgen!“ Gabriele kannte ihren Vater ſo genau, wie Frau Kaiſerling. Sie ſchwieg, nachdem ſie mit ergebungsvollem 17² Tone geſagt hatte:„Mir wäre es lieber, wir überließen ihn dem Arme einer höhern Gerechtigkeit!“ Kaiſerling las immer wieder und wieder den abſcheu⸗ lichen Brief, rannte gelegentlich in der Stube auf und ab und wiederholte noch hundert Male die inhaltſchweren Worte:„Ich bringe ihn an den Galgen, ſo wahr ich Kaiſerling heiße.“ Dann ſtillte ſich ſein Aerger und er faßte den Gemüthszuſtand ſeiner Tochter ſchärfer in's Auge. „Freilich, ich ſehe ſchon, daß Dein Herz wahrſchein⸗ lich wieder wachsweich werden wird. Ich werde erleben müſſen, daß Du ihm zum zweiten Male in die weite Welt folgſt.—— „Nimmermehr, mein Vater,“ unterbrach ihn Gabriele mit erhobener, feierlicher Stimme,„niemals verlaſſe ich die Eltern wieder, die mit ſo zärtlicher Güte die gebeugte Tochter wieder aufnahmen!“ Ein greller Blitz, dem faſt unmittelbar ein Donner⸗ ſchlag folgte, führte den Aldermann jetzt auf die Gegen⸗ wart zurücck. Er erinnerte ſich, daß er hinauf gekommen war, um die großen Luken des Giebels zu revidiren. Schleunig ſteckte er ſein Licht wieder an und lief ohne Weiteres hinaus.. Das Gewitter war nach und nach immer näher gerückt. Grelle Blitze hatten längſt die Luft durchkreuzt, jetzt zogen die Wolkenmaſſen ſich über der Stadt zuſammen —— 173 und der Donner begann krachend, Schlag auf Schlag, die feurigen Blitze zu begleiten. Gabriele, eine feſte und geſunde Frauennatur, kannte keine Furcht vor Gewittern. Sie brachte ihren ſanft ſchlummernden Knaben wieder in ſein Bett, ſetzte ſich dann ſtill und ergeben neben daſſelbe nieder und ſchaute unverwandt in das kleine, ſchöne Geſicht des Kindes. Was ſie dabei empfand, iſt leicht zu errathen. Alle die ſchönen, farbigen Träume ihres Liebelebens zogen mahnend an ihrem Geiſte vorüber und höhnend reckte da⸗ gegen die Wirklichkeit ihr Schlangenhaupt empor. Was ſie ſeit Kurzem erlebt hatte, war im Stande, alle Nebel der Herzenstäuſchungen zu durchbrechen und ſie zur richtigen Erkenntniß zu leiten. Wenn ſie die weiten Reiſen ihres Gatten, vom Be⸗ ginne ihrer Ehe an, mit ihrem myſteriöſen Anſtriche und die jetzige Sonderbarkeit ſeines Betragens zuſammenreimte, ſo mußte ſie zu der Reflexion kommen, daß ſie das Spiel⸗ werk von Leidenſchaft und Eigennutz eines Mannes ab⸗ gegeben habe, der ſich ihrer zu entledigen das Recht zu haben glaubte, als ſie ihm mehr hinderlich, als förderlich zu ſeinem Lebensglücke geworden war. Das Gewitter tobte draußen— in Gabriele wurde es immer ruhiger. Der Unwerth des Mannes, dem ſie die ſchönſten Gefühle ihres Herzens geweiht hatte, trat ihr 174 immer näher und ſie legte ſegnend die Hand auf das Haupt ihres Sohnes, der ſie aus den Fallſtricken errettete, welche die Argliſt Kotſchinski's um ihr Herz von Neuem zu legen verſuchte. Sie fand eine wunderbare Fügung Gottes in dem Erwachen ihres Kindes, eine ſchaurige Verkettung der Verhältniſſe, daß der Knabe, im ritterlichen Kindesmuth, ſeine Mutter zu beſchützen, den eignen Vater von der Schwelle vertreibt, die er zu entweihen gekommen war. Der Sohn hatte Hand an ſeinen Vater gelegt, er hatte ihn gewaltſam von der Mutter geriſſen— Gabriele be⸗ trachtete die kleine entſchloſſene Hand, die er noch jetzt wie zornmüthig geballt hielt. Der Knopf, den er abgeriſſen zu haben ſich gerühmt hatte, blitzte ihr aus der geſchloſſe⸗ nen Hand entgegen. Vorſichtig löſte ſie die Finger, um ihn wegzunehmen und dadurch jede Erinnerung in dem Kinde zu verlöſchen. Es war ein kleiner, goldner Knopf, wie er zur Verzierung der Achſelklappen auf Uniformen benutzt wurde. Ein Emblem, fein und ſchön ausgeprägt, zierte die Oberfläche, der Henkel des Knopfes fehlte. Wahrſcheinlich war dieſer auf der Stelle ſitzen geblieben, wo er angenäht geweſen und nur die obere Kapſel hatte ſich bei der gewaltſamen Berührung des Kindes abgeſtreift. Gahbriele übergab dies Corpus delicti ihrem Vater. Nicht in einer beſtimmten Abſicht, aber doch in dem dunkeln 175 Bewußtſein, dies einzige Zeugniß eines Beſuches, den Kotſchinski mit dem Schleier des Geheimniſſes verhüllt hatte, in ſicheren Händen wiſſen zu wollen. Funfzehntes Capitel. Nach einem ſchweren Gewitter verſucht oft die Sonne mehrere Tage vergeblich einen Kampf gegen das ſtrömende Element, das den Wolken unaufhörlich enteilt, wenn die Schleuſen einmal geöffnet ſind. Es regnete nach dieſem Gewitter dann auch,„was,“ wie man zu ſagen pflegt„vom Himmel runter wollte,“ und es war, nach der Ausſicht zu urtheilen, auch gar keine Hoffnung vorhanden, daß die Azurbläue des Himmels bald wieder die Erde heiter über⸗ ſpannen werde. Im Menſchen ſieht es nach einem tüchtigen Herzens⸗ oder Gemüthsgewitter ziemlich eben ſo graufarbig und thränenreich aus, wie in der Natur, deswegen haben wir nicht nöthig, Gabrielen's Stimmung nach den ſchweren Tagen der Erfahrung beſonders zu zergliedern. Wir ziehen es vor, den Schritten des Kauf⸗, Brau⸗ und Raths⸗ herrn Vogler zu folgen, der, geſchützt von einem mächtigen 176 Regenſchirme, trotz des ſtürzenden Regens, eilfertig über die Straße dahin ſchritt.. Als er ſein Haus erreicht und ſeinen rieſigen Schirm zugemacht hatte, zeigten ſich ebenfalls in ſeinem Angeſichte bedeutende Gewitterſpuren und er trat ſo umdüſtert und verdrießlich, wie der Himmel draußen, zu ſeiner Frau in's Wohnzimmer. Frau Suſanne war allein. Sie bemerkte ſofort das drohende Unwetter auf der faltenreichen Stirn, wagte jedoch nicht, den Ausbruch durch irgend eine Frage zu be⸗ ſchleunigen. Aergerlich zog Vogler ſeinen Staatsrock ab, ſtülpte den Hut auf ſein Geſtell und wechſelte die tüchtig durch⸗ näßten Schnallenſchuhe, bevor er ein Wort von ſeinen Lippen ſchlüpfen ließ, dann aber brach er los: „Das iſt eine verdrießliche Geſchichte mit dem Stephan!“— „Haſt Du den Oberſt Witzepuhl getroffen?“ fragte Frau Suſanne. „Freilich! Der lacht und meint: mit dem Kotſchinski finge ſelbſt der Teufel nichts an.“ „Mit dem Kotſchinski?“ wiederholte Frau Suſanne ganz erſtaunt.„Ich denke, es handelt ſich um eine könig⸗ liche Ordre?“ „Freilich! Aber der Urheber des ganzen Spectakels 177 iſt der Herr von Kotſchinski, der ſich mit dem Herrn von Alendorf in eine Wette eingelaſſen hat. Es ſoll ſich um fünfhundert Thaler handeln—“ „Stephan's wegen?“ forſchte Frau Suſanne klein⸗ laut. Sie verſtand die ganze Geſchichte nicht recht. „Freilich! Er hat behauptet, den Stephan binnen acht Wochen eingekleidet nach Potsdam ſchicken zu wollen. Herr von Alendorf hat dies beſtritten und das Gelingen ſeines Vorſatzes in Zweifel geſtellt. Zuletzt haben ſie gewettet.“ „Daß dann der Herr von Kotſchinski alles aufbieten wird, um Stephan's habhaft zu werden, iſt einzuſehen,“ klagte Frau Suſanne.. „Er wird ihn aber nicht einkleiden laſſen, ſo lange Abraham Vogler lebt,“ entgegnete Vogler barſch.„Es iſt eine dunme Geſchichte, Mutter Suschen— eine ſehr dumme Geſchichte und das Aergerlichſte an der Sache iſt, daß ſich ein alter Practicus, wie ich, endlich auch ein Mal gründlich übereilt hat. Aber ſei ganz ruhig, wenn alle Saiten reißen, ſo weiß ich ein ſicheres Mittel.“— Frau Suſanne vergaß ihre ſonſtige Vorſicht. Ihr Auge blitzte freudig auf und ein ſeliges Lächeln verklärte ihr Geſicht, als ſie im Verſtändniß dieſes Mittels ihn freudig unterbrach:„Nicht wahr, unſere Sara?“ 1858. X. Vorwärts! I. 12 178 Vogler ſtand auf und ſtellte ſich gerade vor ſie hin. Sein Ton klang zornig, als er ſagte:„Ich will nicht hoffen, daß Ihr Frauensvolk hinter meinem Rücken Ge⸗ ſchichten einrührt?“ „Wie kann der Herr das denken,“ lenkte Frau Su⸗ ſanne erſchrocken ein.„Ich erinnerte mich nur eben unſers Geſpräches über Deine Wahl eines Schwiegerſohnes.“ „So weit ſind wir noch nicht,“ brummte Vogler und begann einen Spaziergang durch's Zimmer, immer ein Zeichen von ſeiner beſondern Unruhe. „Stephan paßt gut für unſer Geſchäft,“ meinte Frau Suſanne im allergleichgültigſten Tone.„Er iſt brav-—— er iſt redlich— er hat ein dankbares Gemüth—“ „Aber er iſt blutarm,“ fuhr Vogler dazwiſchen. „Wir haben ja nur das eine Kind. Gott vergilt es, wenn Du einem guten Menſchen aufhilfſt.“— „Recht ſchön, recht ſchön. Aber unſere Sara braucht er deshalb nicht zu heirathen.“ „Gott bewahre, lieber Herr!“ „Und das ärgert mich eben,“ brach er ganz unwill⸗ kürlich heraus,„daß ich am letzten Ende gezwungen ſein werde, Sara als Schlußſtein der Geſchichte zu benutzen.“ Frau Suſanne hätte laut aufjauchzen mögen vor Freude, aber ſie bezähmte ſich diesmal und ſchaute ganz verwundert darein. 179 „Wer könnte wohl unſern Herrn zwingen wollen!“ rief ſie heuchleriſch. „Wer? Wer? Suschen, was? mußt Du fragen. Was?“ Er ſtand vor dem Tiſche ſtill und trommelte regellos mit den Fingern auf demſelben. „Es iſt dumm von mir angefangen!“ referirte er dann.„Der Oberſt von Witzepuhl hat mir zwar in die Hand verſprochen, mir zu bezeugen, daß Stephan ſchon an dem Tage, wo die Commiſſion ihn requirirt hat, als regelrechter Hausgenoſſe und Geſchäftstheilnehmer bei mir eingetreten geweſen iſt, allein er verrieth mir auch, daß man wiſſe, Stephan ſei nur zu mir hereingeflüchtet, könne alſo keinen Falls auf die Wohlthat einer königlichen Ent⸗ ſcheidung zu Magdeburgs Gunſten Anſpruch machen. Er müſſe als Ueberläufer aus andern Canton's betrachtet wer⸗ den, aber freilich, wenn er ſeine Anſäſſigkeit hier beweiſen und frühere Beziehungen zum Vogler'ſchen Hauſe docu⸗ mentiren könne, dann möchte ein günſtiger Beſcheid auch auf ihn ausgedehnt werden müſſen. Nun bitte ich Dich, Suschen, was bleibt mir bei ſo beſagten Umſtänden zuletzt anderes übrig, als ihn, um nicht ſelbſt als Lügner dazu⸗ ſtehen, zum Schwiegerſohne zu nehmen.“ Er begann ſei⸗ nen Spaziergang von Neuem und das harte Auftreten verrieth hinlänglich die Unzufriedenheit ſeines Gemüthes. 12* 480 Frau Suſanne flüſterte leiſe, indem ihr Mutterherz innerlich das Gegentheil ſagte:„Das iſt ſehr unange⸗ nehm!“ „Wäre nur die vertracte Wette zwiſchen Kotſchinski und Alendorf nicht, ſo könnte Freund Witzepuhl vielleicht noch günſtige Reſultate erzielen. Ich hatte ſtark auf ihn gerechnet. Jetzt thut er keinen Schritt für mich, um den Ausgang der Wette nicht zu benachtheiligen.“ „Könnte Stephan Magdeburg nicht verlaſſen?“ fragte Frau Suſanne. Ihr kluger, forſchender Blick würde Vogler verrathen haben, daß ſie einen Zweck mit dieſer Frage verband, wenn er ſie angeſehen hätte. „Ich kann Stephan nicht entbehren,“ erklärte Vog⸗ ler.„Er iſt mir von ſo weſentlichem Nutzen in der kur⸗ zen Zeit geworden, daß es mehr als thöricht zu nennen wäre, wollte ich ſolch' einen Mann nicht zu feſſeln ſuchen.“ „Wenn das jedoch mit ſo großen Opfern von Dei⸗ ner Seite verknüpft iſt—“ warf Frau Suſanne ein. „Ich hoffe, Ihr werdet nichts dagegen haben, wenn ich eines Tages beſchließen ſollte, meine Tochter meinem Willen zu opfern,“ entgegnete Vogler auffahrend.„Es läßt ſich nicht ändern! Abraham Vogler hat in ſeinem Leben noch keine Sache fallen laſſen, wenn er ſie einmal mit Ernſt aufgenommen hatte. Ueberdies iſt Stephan ein hübſcher Kerl—“ 181 „Wer möchte das abläugnen!“ rief Frau Suſanne ſelbſtvergeſſen. „Alſo könnte Sara mit ihrem Schickſale zufrieden ſein,“ ſchloß er milder.„Noch iſt's aber ſo weit nicht und ich bitte mir aus, daß nichts darüber geplandert wird.“ Er ging grollend hinaus. Frau Suſanne blieb allein. Sie lachte ſchadenfroh hinter dem Haustyrannen her, der ſich endlich in ſeine eigene Starrköpfigkeit gefangen hatte. Sie war auf dem Punkte angelangt, nicht allein ohne Gewiſſensbiſſe, ſon⸗ dern ſogar mit einem gewiſſen Behagen den Reſpect, den ſie ſeit fünfundzwanzig Jahren in ſich gehegt hatte, ganz aus den Augen zu ſetzen und mit Freude an die Fatalitä⸗ ten zu denken, die ihren Eheherrn zu dem letzten Mittel greifen laſſen würden. Frau Suſanne's Principien hat⸗ ten ſeit ganz kurzer Zeit eine bedeutende Umwälzung er⸗ litten. Sie gab ein lebendiges Beiſpiel ab, daß perſön⸗ liche Intereſſen die ſicherſten Zerſtörer der Unterwerfung ſind. Offenbaren Widerſtand hätte ſie freilich noch nicht gewagt, aber zu kleinen Intriguen fühlte ſie ſich ſehr ge⸗ neigt, wenn es Noth thun ſollte. Ihrer Ueberzeugung nach war Stephan Kühne der paſſendſte Mann für ihr Kind, der paſſendſte Gehülfe ihres Mannes und der paſſendſte Genoſſe ihres ſtreng geregelten Hausſtandes und ſie hielt ſich an der Hoffnung, ihn als Schwiegerſohn * 182 in ihre Familie eintreten zu ſehen, mit Aberglauben feſt, weil er ihr an jenem ominöſen Montagsmorgen wie ein Bote des Himmels erſchienen war. Daß ſich ihr ſtrenger Ehegemahl damals von der erſten Zornhitze hatte verlei⸗ ten laſſen, den jungen Mann zu engagiren, mußte ſie zu⸗ geben, aber ſie ſah eine ſo erſprießliche Ernte aus jener Uebereilung emporſchießen, daß ſie dieſelbe ſegnete. Bei Sara war die Veränderung der Gemüthsſtim⸗ mung eben ſo auffallend, wie bei Frau Suſanne, nur daß ſie ſich auch verſchönernd im Aeußern geltend machte. Die ſteife kalte Grazie ihres Weſens hatte einer frohſinnigen Lebendigkeit Platz gemacht und das kurze, flüchtige Lächeln, das ſonſt nur ausnahmsweiſe den ernſten klaſſiſchen Zü⸗ gen ihres Geſichtes Leben verlieh, lag jetzt wie der Ab⸗ glanz eines Sonnenlichtes feſt auf ihren Mienen. Frau Suſanne's Blick hing mit dem Ausdruck ächter, liebevoll mütterlicher Bewunderung an ihrer Tochter, als dieſe bald, nachdem Herr Vogler unwirſch und im eigenen Widerſpruche das Zimmer verlaſſen hatte, zu ihr eintrat. Das Mädchen ſah glücklich aus. Wie bald konnte ein Herrſcherwort des Vaters dies Glück tödten! Man ſah deutlich, daß ihr des Lebens Bedeutung und Seligkeit näher getreten, daß ihr Sinn für andere Freuden, als Convenienz und Sitte ſie aufbewahrt, auf⸗ gegangen war. Sie hatte kennen gelernt, wie ein Herz 183 pochen, eine Seele begeiſtert ſein und ein Gemüth glühen könne— was wurde aber aus dieſem feſten, charaktervol⸗ len Mädchen, wenn ihr ein Widerſtand das vorenthalten wollte, was ihr als des Lebens Preis und Ziel erſchienen war. Frau Suſanne erbebte bei ſolchen Reflexionen. Ihr Auge folgte allen Bewegungen der Tochter— jede der⸗ ſelben war ja ein Verräther ihrer innerlichen Regung.— Man mußte erkennen, daß ſie Jemand erwartete— Ste⸗ phan aß Mittags mit der Familie,— daß ſie ihm zu Liebe ſich geſchmückt hatte, daß ſie ſeinetwegen Behaglich⸗ keit, Frohſinn und Gaſtlichkeit in dem Zimmer vorberei⸗ tete, welches ſonſt den ſteifjungfräulichen Charakter trug, als wolle es nur ſeiner Sauberkeit und Eleganz wegen be⸗ wundert ſein. Frau Suſanne Fpölte ihr Herz zwiſchen Pflicht gegen den Eheherrn und Liebe gegen die Tochter getheilt— die Wage ſchwankte eine kleine Weile, dann aber ſenkte ſie ſich zu Gunſten Sara's. Sie rief ſie zu ſich heran, er⸗ griff ihre beiden Hände, ſah ihr bedeutungsvoll in's hoch⸗ erröthende Geſicht und flüſterte:„Seid klug, wie die Schlan⸗ gen, und ohne Falſch, wie die Tauben,“ heißt's in der hei⸗ ligen Schrift, mein Kind. Bewahre Deine Augen und Deinen Mund! Dein Vater wird Dich wahrſcheinlich ſcharf beobachten— verſtehſt Du mich, Sara? Das 184 junge Mädchen neigte erſchrocken ihr Haupt.„Fürchte nichts— die Sachen ſtehen ſonſt gut— Gott gebe nur, daß es denen hier gelingt, den König zu veranlaſſen, alle die Männer, welche nicht feſt im Geſchäſt angekauft oder ſich hinein geheirathet haben, zur Cantonpflichtigkeit zu verdammen—“ „Aber, Mutter, dann iſt ja Stephan verloren—“ rief das junge Mädchen erſtaunt. „Oder auch nicht!“ erwiederte Frau Suſanne lako⸗ niſch.„Verſtehſt Du, Sara?“ Sara verſtand und ſchwieg. Sie war klug genug, ihre Augen zu beherrſchen und ihren Mund zu unterjochen, ſo lange ihr„Herr Vater“ mit ſeinen Argusblicken ſie be⸗ wachte. Wir bezweifeln aber keinesweges, daß ſie deſto eiliger war, Verſäumtes nachzuholen, je ſtoiſcher ſie ſich im Beiſein des Herrn Vaters bewieſen hatte. Mindeſtens verließ Stephan das Haus mit freudeleuchtenden Blicken und ſeine Haltung verrieth etwas vom Stolze ſeines Herzens. Hingegen der„Herr Vater“ war auch ſehr zufrieden. Sara's Betragen hatte ſeinem Mißtrauen Einhalt gethan und ſeiner Vaterwürde Genüge geleiſtet. Die froſtige Einſilbigkeit ſeiner Tochter war nie größer geweſen, als an dieſem Mittage, und die Mienen Frau Suſannen’'s ſprachen eine Zufriedenheit damit aus, die ihm ſchmeichelte. 185 Es war vielleicht die einzige kleine Rache in Frau Suſan⸗ nen's ehelichem Leben, das den Zwang des Gehorſams über ſie geworfen gehalten hatte bis zu dieſer Stunde, daß ſie nach des ſtrengen Hausherrn Entfernung mit lächeln⸗ dem Geſichte die beiden jungen Menſchen allein ließ, um eine Erklärung und Verſtändigung der eben geſpielten Ko⸗ mödie zwiſchen denſelben möglich zu machen. Sechszehntes Capitel. Im Kaiſerling'ſchen Hauſe war es ſehr ſtill. Gabriele trug unausgeſprochen ihr Leid. Editha ſah nicht fröhlich in die Zukunft, weil das Gerücht von einer baldigen Ab⸗ reiſe des jungen Baumeiſters ſprach und er ſich ihr durch eine conſequente Ruhe entfremdete. Das junge Mädchen war durch die letzten Erfahrungen ihrer Schweſter tief er⸗ ſchüttert und ſie hatte ſich darauf ein Syſtem von Hinge⸗ bung und Liebe erbauet, dem allerdings ein beſchäftigter Mann nicht nachkommen konnte. Johannes that nichts, um ihr ſeine Neigung zu beweiſen, obwohl er nicht ange⸗ ſtanden hatte, ſie ihr gelegentlich zu verrathen. Mußte Editha nicht zweifeln an der Aechtheit derſelben? Ihre ſtille Trauer rechtfertigte ſich in den Augen ihrer etwas 186 poetiſch geſinnten Eltern und bedrückte namentlich das Herz ihrer Mutter. Man wußte, daß der Aufenthalt des jungen Rentelow nicht länger dauern werde, als ſeine Be⸗ ſchäftigung draußen am Waſſerbau erforderte und die Be⸗ endigung dieſer Arbeitsthätigkeit ſtand nahe bevor. Die Elbe war während der Regentage geſtiegen, hatte ihren höchſten Höhepunkt erreicht, ohne Verwüſtungen am Rothen⸗ ſeer Ufer mit ſich zu bringen, und begann jetzt ruhiger in ihr Gleis zurückzukehren. Die angeſchwemmten Sandbänke am rechten Ufer hatte ſie richtig mit fortgeriſſen und da⸗ durch ihr Terrain von früher wieder eingenommen. Es kam nun nur noch darauf an nachzuhelfen, wenn das Waſ⸗ ſer ganz gefallen war.— Der Aldermann ſpionirte im Stillen ſeinem Schwie⸗ gerſohne nach, welcher von der Erde verſchwunden ſchien. Seine Nachforſchungen blieben mehrere Tage vergeblich, bis endlich der Friſeur Schwentſer, ſein Factotum, ihm beim Friſiren zuflüſterte: er habe in dem Hauſe des Domherrn von Buſſer am Neuen Markte einen Herrn friſirt, der dem verſtorbenen Schwiegerſohne des Herrn Aldermann ganz frappant ähnlich ſehe. Der Lakai, den er über den Na⸗ men dieſes Herrn gefragt, habe geheimnißvoll gethan und von ganz beſondern Verhältniſſen geſprochen, die den Auf⸗ enthalt des Herrn hier nöthig machten, aber er habe zu⸗ gleich eingeſtanden: er wiſſe den Namen ſelbſt nicht. 187 Sein Herr, der Domherr von Buſſer, nenne ihn „Vetter“. Kaiſerling verzog keine Miene bei dieſer Berichter⸗ ſtattung. Sein gleichgültiges Lächeln bei der Erwähnung der frappanten Aehnlichkeit ſollte jeden Verdacht des Aller⸗ welterzählers im Keime erſticken, und es gelang ihm auch. Der Bedeutung des geheimnißvollen Aufenthaltes in Magdeburg glaubte er auf der Spur zu ſein, da ihm von Vogler die Wette in Betreff Stephan's mitgetheilt worden war, aber er beſchloß, keine Zeit zu verlieren, um ſeine Geſchichte mit dem Herrn Schwiegerſohne auf's Reine zu bringen. „Den Vogel wollen wir fangen,“ murmelte er in⸗ grimmig, als er ſeine Staatsgarderobe muſterte, um ſich ſtandesgemäß in Staat zu werfen. Er kleidete ſich an und marſchirte ſogleich nach der Wohnung des Domherrn hinauf, den er wenig kannte, aber ſeinem Rufe nach hochſchätzte. Von einer Vetter⸗ ſchaft mit ſeinem Schwiegerſohne Kotſchinski war früher⸗ hin nie die Rede geweſen und er verlor ſich in Betrach⸗ tungen darüber, daß ſich ein ſo ehrenhafter Herr, wie der Domherr, in Connex mit dieſem Schurken ſetzen könne, ohne zu bedenken, daß er ſelbſt der Täuſchungsfähigkeit Kotſchinski's ſchmählich erlogen war. 188 Ein Lakai empfing ihn im Portale des Buſſer'ſchen Hauſes. Der Domherr war nicht zu Hauſe. „So führe Er mich zu dem gnädigen Herrn, der hier im Hauſe logirt, mit ihm habe ich eigentlich nur zu ſpre⸗ chen,“ ſagte der Aldermann in ſehr beſtimmten Tone. Der Lakai rieb ſich verlegen die Ohren. Er mochte Inſtructionen erhalten haben, die dieſem Verlangen ent⸗ gegen liefen. Er kannte den Aldermann nicht. „Habe Er keine Furcht, guter Freund,“ beſchwichtigte ihn dieſer.„Der gnädige Herr iſt ein alter Bekannter von mir— und ich weiß ſeinen Namen!“ Der Lakai horchte hoch auf. Das veränderte die Sache. Er hatte kein Bedenken weiter, ſondern öffnete die Flügelthür eines Seitenzimmers, wo Kaiſerling ſo⸗ gleich den beſagten alten Bekannten vor einem Tiſche ſchreibend erblickte. Der Tiſch ſtand vor einem Spiegel, in welchem ſich das Geſicht des von ihm abgewendeten Schreibers getreu abſpiegelte. Allein durch denſelben Spiegel wurde es auch Kotſchinski möglich, den eingetretenen Alddermann, der in der geſchloſſenen Thüre feſt ſtehen blieb und Kotſchinski im Spiegel recogniscirte, zu beobachten. Es war eine tragikomiſche Situation. Kotſchinski's Ge⸗ ſicht ſchien erſtarrt im unzweifelhaften Schrecken über Kai⸗ ſerling's Erſcheinen, und Kaiſerling's Züge nahmen ſofort den Ausdruck ſpöttiſcher und muthwilliger Malice an. Er 189 ſchwieg wohlweislich und erwartete den Empfang ſeines Schwiegerſohnes. Die Pauſe war lang und wurde pein⸗ lich, das gleichſeitige Anſchauen lächerlich— endlich ſprang der Offizier auf, wendete ſich um und fragte in dem hoch⸗ fahrenden Tone, den ſich der Edelmann zu jener Zeit oft gegen den Bürger erlaubte: „Was will man von mir?“ Kaiſerling, mit dem ſtereotypen Spottlächeln auf den Lippen, ſchritt langſam und unter wiederholten lächerlichen Reverenzen bis zu Kotſchinski heran und erwiederte: „Ich wollte mir nur in aller Devotion erlauben, dem wiederauferſtandenen Herrn Sohn mein Compliment zu machen. Serviteur, Herr Sohn! das iſt ja ein Mirakel, wie es ſelbſt unſere heilige Schrift nicht aufweiſet!“ Der Edelmann waffnete ſich, dieſem ihm ſehr wohl bekanntem Spotte gegenüber, mit der ganzen Dreiſtigkeit ſeines Naturells, um den Aldermann irre zu führen. „Man führt eine ſonderbare Sprache—“ fuhr er brüsk auf.„Was ſoll das heißen?“ „Excusez! Der Herr Sohn haben alſo Hochdero Mutterſprache in den Himmelsräumen verlernt, wo Hoch⸗ dieſelben geweilt haben— das thut mir leid. Unſere Verſtändigung wird dann ſchwierig werden und ich bin wahrſcheinlich genöthigt, die Hülfe von Sachverſtändigen in Anſpruch zu nehmen.“ 190 „Vor allen Dingen wünſchte ich von meinem Herrn Sohn das Recept zu haben,“ ſetzte er ſogleich hinzu, als ſich Kotſchinski mit einer ſprechend verächtlichen Geberde abwendete und ſeine Aufmerkſamkeit auf ſeine verlaſſene Schreiberei richten zu wollen ſchien,„wie man wieder lebendig werden kann, wenn man doch todt geweſen und— wie hier in dieſem Blatte bezeugt wird— begraben iſt!“ — Er holte das fragliche Blatt hervor und deutete mit dem Finger darauf. Kotſchinski ſah geringſchätzend dar⸗ auf nieder.. „Man irrt ſich wohl in meiner Perſon,“ ſprach er ſehr ruhig. „In der Perſon?“— wiederholte Kaiſerling— „Nein, ich habe mich nur in Hochdero Charakter geirrt, als ich Hochdenſelben das Kleinod meines Hauſes, meine Tochter Gabriele anvertraute.“ „Man irrt ſich! Ich habe Gottlob nicht das Ver⸗ gnügen, Sohn von Jemand zu ſein, dem man den Handels⸗ mann auf der Stelle anſieht!“ verſetzte Kotſchinski mit noch feſterer Ruhe und frecherem Weſen. „Nicht?“ rief Kaiſerling mit verſtelltem Erſtaunen noch näher tretend.„O, das wäre! Ich ſollte mich irren? Nein! Der Herr Sohn haben ſich in Ihrem Grabe ſo merkwürdig gut conſervirt, daß ein Irrthum meinerſeits gar nicht möglich iſt. Es iſt ein Troſt für Alle, die a 191 ſterben müſſen.— Nur das Gedächtniß des Herrn Sohnes ſcheint gelitten zu haben, daß Sie mich, den gütigen Vater Ihrer armen Frau, ganz vergeſſen haben.“— „Hört man nun endlich auf mit dem Unſinn,“ brauſte der Edelmann auf,„oder ſoll ich mir Ruhe ſchaffen. Für wen hält man mich? Man ſpreche gerade heraus und laſſe die albernen Witze. Ich will wiſſen, für wen man mich hält?“ 8 Kaiſerling fühlte ſeine Galle ſteigen. Er hatte es ſich aber ſelbſt heilig gelobt, mit Ruhe und Beſonnenheit zu handeln, deshalb zügelte er ſeine Wallung und entgegnete mit unverändertem Tone: „Wofür ich den gnädigen Herrn halte? Für den Gatten meiner Tochter Gabriele— für den Vater meines Enkels Alexander von Kotſchinski— wagt der gnädige Herr das abzuläugnen?“ Kotſchinski lachte laut auf und ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch. „Man muß aus dem Irrenhauſe entſprungen ſein, um ſolche Behauptungen aufzuſtellen! Ich kenne keine Gabriele— ich kenne keinen Sohn, der Alexander von Kotſchinski zu heißen berechtigt wäre—“ „Nicht?“ fragte Kaiſerling ihn unterbrechend. Sein Auge flammte, während ſeine Stimme ganz ruhig blieb. „Wär's möglich, daß ich irrte? Und Hochdero Name?“ „Kotſchinski, Alexander von Kotſchinski, ein Edel⸗ mann aus der Elite des Reichsadels, der ſein Wappen nicht mit Schacher beflecken würde—“—. „Und der Herr wäre nicht der Alexander von Kot⸗ ſchinski,“ fiel Kaiſerling ein,„welcher am Gewitterabende die Verzeihung meiner Tochter erfleht und mich beinah die Treppe hinuntergeworfen hat?“ „Ich? Ich ſollte—“ „Ja, Sie in eigner hoher Perſon!“ „Lächerlich abſcheuliche Behauptung! Wer weiß, wer das geweſen iſt!“ „Aber die Aehnlichkeit—“ „Kommt öfter vor— mag ein Baſtard unſers Hauſes ſein!“ „Ja, das haben der gnädige Herr meiner Tochter auch geantwortet.“— Kotſchinski verlor die Geduld. Er ſtampfte heftig mit dem Fuße auf und ſchrie zornig:„Herr— ich bin der Komödie ſatt. Man gehe ſeiner Wege und laſſe Edelleute ungeſchoren.“— Jetzt verlor auch Kaiſerling die Geduld, ſtampfte eben ſo tüchtig auf, hob ſich unbemerkt etwas in die Höhe an dem ſtattlich großen Offizier, um deutlich zu ſehen, was er gelegentlich längſt entdeckt hatte und ſchrie mit dem ganzen Kraftaufwande ſeiner ganz gut conſtruirten Lunge: 193 „Herr— Sie ſind ein Schurke! Ich rathe Ihnen, andere Saiten aufzuſpannen, ſonſt werden Sie das Ver⸗ gnügen haben, Ihr Bild an unſerm höchſten Galgen* präſidiren zu ſehen. Heda, Georg, Chriſtian, Peter, Friedrich, oder wie Ihr Burſchen da draußen auf dem Flure heißen möget, herein'mal— herein mit Euch Allen.“— Er ſprang zur Thüre und riß ſie weit auf, immerfort rufend und ſchreiend, bis die Bedienten des Hauſes aus allen Winkeln zuſammen kamen und neugierig näher traten. „Hier— kommt heran— ſeht den Henkel des Knopfes auf der Schulter des gnädigen Herrn— ſeht hier den Kopf des Knopfes.— Paßt genau auf— Ihr müßt die Sache beſchwören— Nun, was meint Ihr— wo der Kopf des Knopfes abgeriſſen iſt, da muß der gnädige Herr doch geweſen ſein— nicht wahr?“ Die erſtaunten Bedienten bejahten die Antwort. „Nun könnt Ihr wieder gehen,“ befahl der Al ldermann. „Behaltet aber, was Ihr geſehen habt!“ Flüſternd und lachend entfernten ſich die Leute and Kaiſerling wendete ſich mit tierd Selbſtzufriedenheit zu * Die entehrende Strafe, welche man über Militairperſonen verhängte, beſtand in dem Anſchlagen eines fratzenhaften Bildes an einen Galgen, mit dem Namen verſehen. 1858. X. Vorwärts! I. 13 — 194 dem Edelmanne, der regungslos, blaß vor Wuth und Schrecken, über die improviſirte Beweisaufnahme daſtand und ſprach höhnend:„Haben der Herr Sohn noch Luſt zu läugnen?“— Die Antwort wurde Kotſchinski erſpart, denn eine Dame, herbeigelockt von dem ungebührlichen Spectakel, trat raſch in's Zimmer und rief herriſch:„Mon dieu— was hat der Lärm zu bedeuten?“ r. Kaiſerling, durch ihren Anblick ſchnell beſänftigt und in die Schranken der Courtoiſie zurückgeleitet, ſchritt ihr mit großer Artigkeit entgegen und entſchuldigte ſich wegen des Lärmes, den er verurſacht hatte. Die Dame ſah auffordernd zu dem Herrn von Kot⸗ ſchinski hin, ohne den Redensarten des Aldermannes die geringſte Aufmerkſamkeit zu widmen. Es war eine impoſante Erſcheinung, eine junoniſche Geſtalt, mit einem wahren Herrſcheranſtande, aber von ſo entſchieden häßlichem Geſichte, daß Kaiſerling ganz be⸗ troffen zurückfuhr. Ein reicher Anzug hob die Geſtalt— dem Geſichte jedoch half ſelbſt die dick aufgetragene Schminke nichts. Die Naſe, von mehr als gewöhnlicher Größe, ſenkte ſich in höchſt unangenehmer Beugung auf einen koloſſal breiten und großen Mund, den vier mächtige Vorderzähne zierten. Die Stirn war männlich breit und die Augen lagen wie zwei rollende Kugeln in ihren Höhlen. Ihre ——— 195 Manieren verriethen die höchſte Potenz ariſtokratiſcher Arroganz und die Art, wie ſie den Kopf zu tragen pflegte, machten es ihr unmöglich, anders, als über die Naſe weg auf die armen Sterblichen zu ſchauen, die es wagten, neben ihr zu erſcheinen. „Nun, mon cher Klexandre“— wiederholte ſie mit ſcharfem Accente und heftete die großen rollenden Augen ſtechend auf ihn. Kotſchinski wand ſich unter dieſem Blicke, wie ein getretener Wurm. Er ſenkte zuerſt die Augen, dann ſogar den Kopf demüthig nieder. „Ich bin verloren,“ murmelte er. Ein Entſchluß ſchien in ihm aufzuflammen— ſchnell griff er nach dem Papiere, worauf er geſchrieben hatte und eilte zur Thür hinaus, ehe einmal die Dame Zeit gewann, ihr liebevolles „cher Alexandre“ nochmals zu wiederholen. 1 „Was fällt Dir ein?“ rief ſie ihm nach, als er kra⸗ chend die Thür in's Schloß warf. Eine drückende Stille trat ein. Kaiſerling überdachte während dieſer Zeit, in welchem Verhältniſſe die beiden Perſonen wohl ſtehen möchten. Seine Mutter hätte ſie ſein können, ihrem Betragen nach, allein dazu war ſie nicht alt genug. Seine Schweſter? Dazu war ſie zu abnorm häßlich. Und dann ihr befehls⸗ haberiſches Weſen! 3 135 196 Die Dame blieb ſo lange ſtill, wie ſie die hallenden Schritte auf dem Vorflur hörte, als dieſe mehr und mehr verſchwanden, wendete ſie ſich mit unverkennbarer Neugier zu Kaiſerling und ſagte: „Ich würde Ihnen obligirt ſein, Monſieur, wenn Sie mich von dem informiren wollten, was eigentlich hier paſſirt iſt und weshalb er retirirt?“ „Es möchte die gnädige Frau langweilen,“ entgegnete Kaiſerling ausweichend., „Sie haben meine Permiſſion ennuyant zu ſein,“ meinte die Dame hochfahrend. Kaiſerling ſah furchtlos zu ihr auf. Sie war aller⸗ dings größer, als er, aber er war dennoch nicht der Mann danach, dem Weibe, und wäre es eine Rieſin geweſen, mehr zu gehorchen, als die Courtoiſie vorſchrieb. Sein ſpöttiſches Lächeln ſchien der Dame zu impo⸗ niren. Ihr, im Weltleben geübter Blick überflog die Ge⸗ ſtalt des vor ihr ſtehenden Mannes prüfend. „Wer ſind Sie?“ fragte ſie anſtändig gemäßigten Tones, denn ſein chevalereskes Weſen, die Feinheit und Eleganz ſeiner Toilette, verbunden mit den reichen Gold⸗ ſchnallen am Knie und auf den Schuhen, hatte ſie auf die Vermuthung geführt, einen Standesgenoſſen vor ſich zu ſehen. 5 197 „Ich bin der Aldermann Kaiſerling hier aus dem Orte,“ erklärte er ſich verbeugend. „Was? Aldermann? Das iſt Kaufmann?“ exami⸗ nirte ſie verächtlicher.„Was hat der Aldermann Kaiſer⸗ ling hier im Hauſe meines Vetters, des Domherrn von Buſſer, zu ſuchen?“ „Seinen Schwiegerſohn“— erwiederte Kaiſerling lakoniſch. „Und was hat der Aldermann mit meinem Gemahle zu thun?“ „Mit dem Gemahle der gnädigen Frau?“ wieder⸗ holte Kaiſerling ſehr verwundert und lächelnd. „Nun?— Ich hörte doch einen ſehr lebhaften Discours?“ „Ja, mit Kotſchinski“— „Meinem Gemahl!“— ergänzte die Dame. Kaiſerling fühlte einen Schauer des Entſetzens durch ſeine Seele rieſeln. Seine Faſſung verließ ihn gänzlich und er ſtarrte mit wahrer Geiſtesabweſenheit die Gnädige an. Wie aus einem Traume erwachend ſtrich er ſich mit der Hand über die Augen. Es wurde ihm Alles klar, ſo meinte er. Dieſe Frau— ſie war älter als Kotſchinski, ganz augenſcheinlich— Gabrielen's wegen mochte er ſie verlaſſen haben,— natürlich Gabriele war ſchön, wie ein Engel, im Verhältniß zu ihr— dieſe Frau war die Ver⸗ 198 laſſene und Gabriele die Betrogene! Umgekehrt konnte es ja nicht ſein! Wie hätte ein Mann die reizende Gabriele verlaſſen und dieſes Monſtrum heirathen können!„Arme, arme Gabriele,“ ſeufzte der Aldermann. „ Sie ſind alſo wirklich die Gemahlin des Herrn Alexander von Kotſchinski?“ fragte er ganz kleinlaut. „Zweifelt der Aldermann an dem Worte einer Edel⸗ dame?“ verſetzte ſie ſtolz. „Ich habe ein Recht, zu zweifeln,“ entgegnete Kaiſer⸗ ling mit wiedergewonnener Faſſung, jedoch mit der inner⸗ lichen Pein einer ſchwer bekämpften Wehmuth.„Meine Tochter Gabriele iſt auch die Gattin dieſes Mannes.“— Die Dame lachte höhniſch.„Eine Tochter des Alder⸗ mannes? Die Gattin Kotſchinski's? Seine Geliebte— ſeine Maitreſſe mag ſie geweſen ſein.“— „Seine Gattin, meine gnädige Frau,“ fiel Kaiſer⸗ ling ſcharf betonend ein.„Seine Gattin, vor mehr als hundert Zeugen ihm angetrauet als Gattin.— Verſtehen Sie? begreifen Sie? Kotſchinski iſt ein Schurke! Er hat Sie, er hat meine Tochter betrogen— er hat zwei Frauen, das heißt,“ fügte er malitiös ein,„das heißt, wenn Sie wirklich mit ihm getrauet ſind.“— „Fort! Marchez!“— ſchrie die Dame empört.„Der Aldermann iſt delirant.— In's Irrenhaus mit Ihm!“ „Lieber dort, als hier,“ ſprach Kaiſerling unerſchüt⸗ 199 tert.„Aber ehe ich gehe, wollte ich der gnädigen Frau nur verkünden, daß morgen ſchon ein Bericht an Se. Majeſtät gehen wird, der den Unf iſchinski klar ausei ſetzen ſoll.“— „Pah! Se. Majeſtä ich ſeit die Gattin ſeines Lieblings Kotſchinski.“— „Seit drei Jahren,“ forſchte Kaiſerling aufmerkſam. „Sind gnädige Frau nicht länger verheirathet?“ „Unverſchämte Frage!— Vier Jahr.“— Kaiſerling athmete froh auf. Mit dieſer Erklärung ſiel eine Laſt von ſeiner Bruſt. Dann war alſo Gabriele die rechtmäßige Gattin. Sein Humor erwachte wieder. „Vier Jahr?“ meinte er, bedächtig den Kopf wiegend. „Gerade ſo lange, wie er todt iſt!— Sie ſind reich und unabhängig geweſen?“ fragte er kühn. „Jeder, der die Freiherren Wildemann von Buſſer kennt, weiß das,“ antwortete die Dame, ihm den Rücken zuwendend. „Es wird mir leid thun mit meiner Anklage, zugleich eine ſo ehrenwerthe Familie zu compromittiren.“ „Pah! Der Aldermann denkt zu reüſſiren mit ſeiner Klage?“ 3 „Ohne Zweifel! Im preußiſchen Lande iſt es nicht Sitte, zwei Frauen haben zu dürfen,“ warf Kaiſerling ein. 200 „Man wird ſeine Klage höhern Orts gar nicht eſtimiren.“ „Dafür giebt es Geſetze! Ich habe die Ehre, mich der gnädigen Frau nun in gebührender Achtung zu em⸗ pfehlen!“ Er verbeugte ſich und ging, ohne daß die Dame ſich herabgelaſſen hätte, den Gruß nur mit einem Zucken der Wimper zu erwiedern. Erſt draußen in der freien Luft empfand Kaiſerling die Macht des empfangenen Eindruckes. Er ſchwankte und mußte ſich wirklich einige Minuten an die Säulen des Portales lehnen. Dieſer kleinen Zögerung verdankte er einen Einblick in den Wuthausbruch der ſtolzen gnädigen Frau. Mit einer Stimme, welche Todte hätte auferwecken können, ſchrie ſie nach ihrem Gemahle und erlaubte ſich die bezeichnendſten Namen auszuſprechen. Kaiſerling dachte mit einiger Schadenfreude an die Demüthigung des frechen Mannes. Er ſah es als eine Strafe des Himmels an, daß Kotſchinski hier auf Erden eine Hölle gefunden hatte. Uebrigens erſchien er, trotz aller Befehle ſeiner zornigen Gemahlin, nicht und einer der Bedienten meldete endlich:„Der gnädige Herr ſei fortgeritten!“ Ende des ersten Cheils. Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient. 1 DieenmauuununNRERRVMrEMRRMRRNRVNVux 1 5 16 17 18 8 9 10 11 2 13 14 1